“ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Nu.. 6 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 3 d 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſp —-- ntgegennahme Verth e rchende Summe J hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet l. wird.— 8 — 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=—„ 3„— 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 1 I beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ſe p 9 3 4 neueſten Engliſchen Romane und enai Bildee aus dem Leben. Eine Auswahl—— der beſonders für Frauenzimmer. Sechster Theil. Warbeck von Wolfſtein n ach Miß Holford. Jena, bei Friedrich Frommann, 2 2. Warbeck von Wolſfſtein ein Roman aus den Zeiten des dreißigjaͤhrigen Krieges. Nach dem Engliſchen der Miß Holford. Erſter Theil. Jena, bei Friedrich Frommann, 1 8 2 2.* ——— * 1. An einem ſchoͤnen, warmen Abende des Mo⸗ nats Julius ergoͤtzten ſich die Landleute von Marchfeldt, bei froͤhlichem Tanz und Mahl auf dem großen, gruͤnen Platze vor dem Schloſſe ihres Lehnsherrn, des jungen Freiherrn Wilhelm von Marchfeldt. Es war das Feſt ihres hei⸗ ligen Schutzpatrons; Alt und Jung hatten die beſten Feierkleider angelegt, und ſich mit Blu⸗ mengewinden geſchmuͤckt. Die Juͤngeren huͤpften nach den Toͤnen der Floͤte und Mandoline, wah⸗ rend die Aelteren, gemaͤchlich im Schatten des, den Platz umgebenden, Schlehdorns gelagert, friedlich mit einander plauderten, der Zeit ihrer eigenen Jugend gedenkend, und wiederholt erwahn⸗ ten, wie es damals doch noch viel ruͤſtigere Taͤn⸗ B. v. W. I zer, und anmuthigere Taͤnzerinnen gegeben habe. Schwerlich aber ſollte irgend ein perſoͤnlicher Vor⸗ wurf in dieſer Vergleichung liegen, da die, an denen die Reihe des Tanzes jetzt war, alle von ihnen ſelbſt abſtammten; es waren Kinder und Kindeskinder, in denen ſie das Bild ihrer Jugend noch einmal vor ſich erneut ſahen, denn die wohner dieſes Bezirks beſtanden aus einem geſuͤn⸗ den, gluͤcklichen Voͤlkchen, und erreichten gewoͤhn⸗ lich ein hohes Alter. Weit entfernt von einem despotiſchen Herrn hart und ſtrenge regiert zu werden, erfreuten ſie ſich vielmehr ſeiner Guͤte, Milde und Großmuth, und da ſchon eine lange Reihe aͤhnlicher Herrn ſich in der Regierung uͤber ſie gefolgt waren, wuͤrde es ſchwer geweſen ſeyn, dieſen gluͤcklichen Unterthanen nur die Worte Des⸗ potismus und Unterdruͤckung begreiflich zu machen. Doch laſtete jetzt ein ſchwerer Kummer auf ihren Herzen. Ihr junger Freiherr hatte ſich ſchon ſeit zwei Jahren von ſeinem Schloſſe ent⸗ fernt, um Wallenſteins Heere zu folgen; er befand ſich in einem Alter von fuͤnf und zwanzig Jahren, noch unverheirathet, beſaß keine Bruͤ und außer ihm ſelbſt waren keine Zweige . 8 edlen, alten Stammh⸗ mehr vorhanden, als eine einzige Schweſter, die ſchoͤne, liebenswuͤrdige Luiſe. Kein Wunder alſo, daß die, welche ſich unter der gegenwaͤrtigen Herrſchaft ſo begluͤckt fuͤhlten, bei dem bloßen Gedanken zitterten, viel⸗ leicht in die Haͤnde einer andern uͤberzugehen. Luiſe war wahrhaft ſchoͤn, denn die reinſte Seele leuchtete aus den edelſten Zuͤgen hervor. Der Schnitt ihres Geſichts haͤtte einem griechiſchen Kuͤnſtler zum Vorbilde dienen koͤnnen, waͤhrend die zarten Farben der Lilie und Roſe in ihrer Haut wetteiferten, und dem Ganzen einen unendlichen Reiz verliehen. Eben ſaß ſie heute, am Feſte des heiligen Alexis, auf den Waͤllen ihres Schloſſes, und vergoldet vom Strahl der untergehenden Sonne, flatterte das hell kaſtanienfarbne Haar, in natuͤrlichen Locken um Stirn und Schultern. Niemand war bei ihr als die treue Kammerfrau, die Gefaͤhrtin ihrer Kindheit und Jugend; ihre uͤbrige Dienerſchaft hatte ſich auf ihren Befehl unter die bunte Schaar auf der Wieſe gemiſcht. Waͤhrend ſie nun in ſanfter Behaglichkeit auf die Froͤhlichen ſchauete, denen die Guͤte ihres abwe⸗ ſenden Bruders dies Feſt bereitet hatte, ſtieg ein 1 X leiſes Gebet aus ihrer fuͤr den Bruder zum Himmel empor. S te, daß auch ſein Herz im Einklange mit der unſchuldigen Freude dieſer heiteren Menge ſeyn moͤge, die ihr Blick hier uͤberſchauete, und ſehnlich wuͤnſchte ſie ihn bald wieder froh unter den Seinen zu ſehen. „Doch,“ ſagte ſie leiſe zu ſich, indem dieſer Gedanke ſie bewegte,„warum bin ich denn ſo ungeduldig?— Pater Feligx verſichert es mir jeden Tag, und mein Herz ſtimmt in dieſe Ueber⸗ zeugung ein, daß je laͤnger Wilhelm abweſend iſt, um ſo mehr darf ich hoffen ihn geheilt zu mir zuruͤckkehren zu ſehen.— Aber, horch, Barbaral— Hoͤrſt du nicht ein Horn?— Ach, das ſind die Toͤne von Wilhelm's Horn! — Und doch kann er es nicht ſeyn; er wuͤrde einen Boten vorausgeſandt haben. Ein Horn aber hoͤre ich; komm, laß uns zu jenem Eck⸗ Thurme gehen!“ Von dieſem Thurme hernieder uͤberſah man die Ufer der Raab, die tief unter ihm, zwiſchen ſteilen Klippen dahinſloß, und von dieſer Seite war der Eingang zur Burg nur durch eine Zug⸗ 3. bruͤcke moͤglich. Als Luiſe den Thurm erreicht hatte, waren der alte Burgwart Siegmund, und die wenigen Diener, welche ſich nicht auf der Wieſe befanden, ſchon in Bewegung; auch ſie erkannten die Toͤne des Horns, und der ſilber⸗ haarige Alte nebſt ſeinen Begleitern, beeiferten ſich die Zugbruͤcke niederzulaſſen, um den geliebten Herrn zu empfangen. Schnell wie ein Gedanke eilte Luiſe die ſchmalen Stiegen des Thurms wieder hinunter, lag in den Armen ihres ein⸗ zigen Bruders, des einzigen Freundes den die Natur ihr gelaſſen hatte, und ſuͤße Thraͤnen hie⸗ ßen ihn willkommen. Bewegt wie Beide ſich fuͤhlten, ſuchte dennoch Luiſe ſich zuerſt wieder zu ſammeln, und ſagte ihm auch mit Worten ein freundliches Willkommen. Aber Wilhelm ant⸗ wortete nicht; ſtumm faßte er ihre Hand, und fuͤhrte ſie weiter vorwaͤrts, indem er dem alten Burgwart und den andern Dienern durch Aus⸗ druck und Zeichen zu verſtehen gab, daß er ihre Freundlichkeit tief empfinde, nur ſeinen Dank noch nicht auszudruͤcken vermoͤge. Der treue Conrad aber, der ſeinem Herrn in den Krieg gefolgt war, warf einen bedeutenden Blick auf 6. den alten Siegmund, und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf. Der Freiherr fuͤhrte ſeine Schweſter in ein kleines, einſames Gemach, das die Ausſicht auf den Schloßgarten hatte. Er ging an die Fenſter⸗ fluͤgel, lehnte ſeinen Kopf gegen die Staͤbe, und ſchien in einem ſchweren, innern Kampfe begrif⸗ fen, der die, welche ihn als ihren einzigen Freund und Beſchuͤtzer anſah, in nicht geringen Kummer verſetzte. Endlich brach er das Stillſchweigen. „Meine Schwaͤche faͤllt dir auf, Luiſe!“ ſagte er mit ſcheuem Blick,„und wahrlich es iſt kein Wunder. Beſſer waͤre es geweſen nie zuruͤck⸗ zukehren, als auf dieſe Weiſe.“ „Nein, theurer Wilhelm!— Du biſt angegriffen, ermuͤdet, biſt weit gereiſt. Koͤrper und Geiſt erliegen faſt immer dem Uebermaaß der Anſtrengung, daher kannſt du den erſten Augen⸗ lick deiner Ruͤckkehr in die Heimath nicht genie⸗ ßen. Gieb deinem Gefuͤhle nach; Morgen zeige ich dir was hier in deinem Namen waͤhrend dei⸗ ner Abweſenheit geſchehen iſt, und ich hoffe unſere Verbeſſerungen werden ſich deines Beifalls er⸗ freuen.“— 5 2 Er wandte ſich vom Fenſter ab, ergriff ihre Hand und blickte ſie laͤchelnd an; aber dies Laͤcheln drang bis ins Innerſte ihrer Seele; es zeugte von einem tiefen, unheilbaren Schmerz. „Ja, Morgen,“ erwiederte er ſeufzend, „Morgen werden wir vielleicht froͤhlich ſeyn!— Ich bin ſcharf geritten,— und ich bin ein Thor!— Ein Schwindel uͤberfiel mich, als ich die Stiegen zum Portal hinanging; aber nun iſt er voruͤber. Komm, Schweſter, laß uns zum weſtlichen Walle gehen; Siegmund ſagt, es ſey das Feſt des heiligen Alexis. Ich will meine Unterthanen ſehen.“ „Gerne, lieber Wilhelm! Wie werden ſie ſich freuen dich zu begruͤßen.“ 3 „Sonderbar,“ murmelte der Freiherr,„daß ein ſo freudenleeres Weſen als ich, noch andern Freude geben kann.“ Als ſie mit einander nach dem Walle gingen, drang ein Funken von Hoffnung in Luiſens Bruſt, daß vielleicht doch nur uͤbermaͤßige An⸗ ſtrengung, vereint mit einer natuͤrlichen Ruͤhrung bei der Heimkehr in die vaͤterlichen Hallen, aus denen ein bitterer Kummer ihn vertrieben hatte, 8 Urſache ſeiner gegenwaͤrtigen Schwaͤche ſeyn moͤch⸗ ten. So wie ſie auf dem Walle erſchienen, toͤnte ein lautes, lange lebe unſer edler Freiherr! an den alten, mit Epheu bewachſenen Mauern wieder. Ein ſchwacher Strahl von Freude verbreitete ſich aber die bleichen Wangen des jungen Kriegers, indem er die ſchwere Zobel⸗Muͤtze vom Haupte nahm, ſie in den Luͤften ſchwang, und geruͤhrt erwiederte: Gott ſegne meine Freunde!— Mit wohlwollender Theilnahme weilte ſein Blick einige Minuten auf den wohlbekannten, zu ihm emporgerichteten Geſichtern, und noch einmal rief er aus voller Seele: Gott ſegne euch Alle!— Reiner noch wuͤrde Luiſe ſich an dem Ge⸗ fuͤhl geweidet haben, welches der Anblick ge⸗ treuer Unterthanen in ihm zu erwecken ſchien, waͤre ſie nicht jetzt erſt, indem Wilhelm die Huſaren⸗Muͤtze abzog, durch welche ſein Geſicht zum Theil verhuͤllt wurde, die hohle, bleiche Wange, das erloſchene Auge des geliebten Bru⸗ ders gewahr geworden; zugleich bemerkte ſie daß ein breiter Streif ſchwarzen Flors uͤber den Zo⸗ 9 bel⸗Rand, und ein anderer um den linken Arm gebunden ſey. „Drei Jahre!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„ſchon drei Jahre, und die aͤußern Zeichen der Trauer dauern noch immer!“ Die Richtung ihres Auges bemerkend, und die innern Gedanken ihrer Seele ahnend, warf er noch einmal den Blick auf die unten ſtehende Menge, und fragte dann ſchnell:„Wie geht es dem Albert Feltheim und ſeinem jungen Weibe?— Sind ſie gluͤcklich, haben ſie Kin⸗ der?“— „Lieber Bruder, Bertha lebt nicht mehr; wenige Monden nach ihrer Verbindung ſchied ſie von hinnen.“ „Sie iſt todt?— Und was iſt aus Albert geworden?— Wie man ſich doch taͤuſchen kann! Ich hielt den froͤhlich ausſehenden Burſchen dort⸗ mit dem Hute voller Roſen und Baͤnder, fuͤr Al⸗ bert.“— „Und warum denn nicht?— Er iſt es wirk⸗ lich, und das huͤbſche Maͤdchen, mit dem er ſich im Reigen herumſchwingt, wird bald wieder ſei⸗ ne Frau werden.“ 19 Mit merklichem Widerwillen wandte Wil⸗ helm ſich von dieſem Anblicke, und heftete nun das Auge feſt auf den Gegenſtand, der ihm un⸗ ter den Lebenden am naͤchſten und theuerſten war, den er aber bisher vermieden hatte, genau zu be⸗ trachten. 4 „Luiſe, wie du gewachſen biſt! du biſt um vieles groͤßer, und in der That ein ſchoͤnes Maͤd⸗ chen geworden! Gott mache dich gluͤcklich!“— Hier wurden ſie durch Barbara's An⸗ kunft unterbrochen, die einen Tiſch mit Erfri⸗ ſchungen beſetzte. Die junge Freiherrin gab ſich alle nur erſinnliche Muͤhe, den theuern, ſchwer⸗ muͤthigen Bruder zu erheitern, und ihn mit al⸗ lem zu bedienen. „Ich bin im Kriege geweſen,“ ſagte er end⸗ lich,„und du fragſt nicht einmal nach meinen Abentheuern, Luiſe!— Da,“ rief er, indem er ſeinen Saͤbel abſchnallte, und ihn von ſich warf, „deiner bedarf ich nicht mehr.— Du brauchſt mich nicht ſo genau zu betrachten, Schweſter; Narben habe ich nicht heimgetragen; aber die Wunde welche ich mit in den Krieg nahm, iſt noch offen.— Doch bald wird auch dieſe heilen. 1 I1 — Einzige, liebe Schweſter, achte nicht ſo ſorg⸗ ſam auf mich; ich bin krank und wunderlich, mir fehlt nichts als Ruhe. Morgen wollen wir wei⸗ ter mit einander plaudern; aber noch eins, Lui⸗ ſe; ſollten meine Sonderbarkeiten den Schlaf von dir ſcheuchen, ſollten dieſe lieben Augen durch Sorge und Wachen hohl werden, ſo ziehe ich wieder von dannen.“ Sie erwiederte nichts, nahm freundlich ſei⸗ nen Arm, geleitete ihn nach ſeinem Gemache, und erſt nach tauſend wiederholten guten Wuͤn⸗ ſchen fuͤr eine ruhige, ſanfte Nacht, begab ſie ſich wieder ins Gartenzimmer, um Tonrad da⸗ hin holen zu laſſen. „Ach, Ihr Gnaden,“ erwiederte dieſer treue Diener, der Wilhelm's Milchbruder war, auf ihre wiederholten Fragen,„wir haben manches Gehaue und Gemetzle um uns herum geſehen, ſeit wir dieſen alten Thuͤrmen den Ruͤcken wand⸗ ten, deshalb ſtehen ſie aber noch grade ſo wie vorher; mein Herr aber geht auch noch immer ſeinen eigenen Weg. Nie focht er mit den Uebri⸗ gen, ſondern nur dann wenn es ihm in den Sinn kam, und die vornehmen Herrn und 12 Hauptleute ließen ihn auch ſeinen Willen ausfuͤh⸗ ren, denn ſie wußten gar wohl daß Feigheit ihn nie von einer Schlacht zuruͤckhielt.“ „Aber Conrad, er iſt recht, recht krank! Seine armen, magern Haͤnde brannten, als ich ihm eine gute Nacht wuͤnſchte; und er iſt ſo bleich.— War es immer ſo mit ihm?“— „Leider ja! Ich habe ihn nie einen froͤhli⸗ chen Antheil an irgend etwas nehmen ſehen; aber er klagt nicht, ſondern geht, wie geſagt, nur immer ſo ſeinen Weg. Doch moͤchte ich Eure Gnaden haͤtten ihn in der Schlacht bei Deſſau geſehen. Er ritt ſeinen ſchoͤnen perſiſchen Schwarzen, den Mirza, und als wir nun einem Standpunkt zu galloppirten, wohin uns Prinz Schaumburg beordert hatte, wurden wir ein armes Weib todt auf der Erde liegend gewahr, wohin ſie wahr⸗ ſcheinlich der Saͤbelhieb irgend eines Unmenſchen gebracht hatte Ein kleines, noch lebendes Kind hing an ihrem Halſe. Schnell wie der Blitz war mein Herr von ſeinem Mirza herunter, und ich will kein ehrlicher Kerl ſeyn, wenn er ſich nicht auf die Erde niederſetzte, und die kleine Krabbe, welche noch immer die todte Mutter lieb⸗ 13 koſete, auf ſeinen Arm nahm, in ſeinen Mantel wickelte, und damit herum haͤtſchelte, als wenn er nichts beſſeres zu thun gehabt haͤtte. Ich haͤtte raſend werden moͤgen, und Mirza wieherte und ſchnaufte, daß man haͤtte taub werden moͤ⸗ gen, und baͤumte ſich und ſprang, daß mir beina⸗ he der Arm am Zuͤgel zerbrach.— Und wahr⸗ haftig, es war kein Wunder, denn kein Edelmann oder Diviſions⸗Obriſt, hatte wohl je vorher dar⸗ an gedacht etwas Aehnliches zu thun; deshalb gaffte denn auch ein jeder hin. Nun kam Haupt⸗ mann Zollendorf, mit dem Nachtrab der Di⸗ viſion;„zum Henker, Baron“ rief er,„iſt es jetzt Zeit ein Kind zu warten? Legt es nieder, und reitet vor die Fronte.“—„Ja, ja, gnaͤdi⸗ ger Herr, thut es,“ ſagte ich,„was ſollen die Andern ſonſt von uns denken.“—„Zollen⸗ dorf,“ rief mein Herr,„uͤbernehmt das Com⸗ mando ein viertel Stuͤndchen, denn bei Gott, es koſte was es wolle, ich will dies unſchuldige Le⸗ ben in Sicherheit bringen!“— Zollendorf zuckte die Achſeln; aber was war zu thun? Zeit hatte niemand zu verlieren; er ritt alſo davon. Was nun in ſolchen Fallen meinen Herrn betrifft, 14 ſo wuͤrde es eben ſo leicht ſeyn, die große Ca⸗ thedral⸗Kirche in Wien rund um zu drehen, als ihn von einem einmal gefaßten Vorſatz abzubrin⸗ gen. Nichts fuͤr ungut, Ihr Gnaden; aber es war wirklich hoͤchſt aͤrgerlich, mir war zu Muthe als haͤtte ich ihn in dem Augenblicke tödten koͤn⸗ nen, und ich konnte nicht umhin einige garſtige Worte in den Bart zu murmeln. Er aber nahm den kleinen Wicht ſorgfaͤltig auf, ſprang mit ihm auf ſeinen Mirza, und indem er mir gebot ihm zu folgen, ritt er in vollem Gallopp in unſer Standquartier zuruͤck. Seit dem Tode des Fraͤuleins Blanca, habe ich ihn nicht ſo laͤcheln geſehen, als er jetzt laͤchelte, indem er ſeinen koſtbaren Schatz in die Haͤnde eines unſerer Sol⸗ daten⸗Weiber niederlegte. Es war Kenred's Frau, Ihr Gnaden, ihr kennet ſie ja, und er uͤbergab ihr einen ſchweren Beutel mit Gold zu gleicher Zeit. Mich aber erblickte er, wie er mich noch nie im Leben geſehen hatte; ich ſchnitt ein Geſicht wie ein Baͤr.“„Friſch auf, Con⸗ rad,“ rief er„wir werden noch zeitig genug dort ſeyn!“— Und Dank ſey es unſern Heng⸗ ſten, wir waren es auch.— Aber der ſchwarz 15 braunige Zollendorf hatte indeſſen wohl ſeine Spaͤße uͤber den Vorfall angebracht; denn als mein Herr nun vor die Fronte ritt, ſah ich ſo viel Achſelzucken, und ſchiefe Blicke und Grin⸗ ſen, daß es wahrhaftig hingereicht haben wuͤrde, den ehrwuͤrdigen Pater Felix gegen die unver⸗ ſchaͤmten Beſtien in Harniſch zu jagen.“ „Ach mein Bruder,“ rief Luiſe aus,„welch ein Herz beſitzeſt du!— Aber Euch, Conrad, muß der Krieg haͤrter gemacht haben, denn vor⸗ mals haͤttet ihr auch nicht ſolch ein huͤlſloſes Wuͤrmchen auf der Erde koͤnnen liegen laſfen.“ Was das nnn anbetrifft, ſo ſind das alles gar ſchoͤne Redensarten; aber mit Euer Gnaden Vergunſt, von ſolchen Dingen verſteht eine Da⸗ me nichts. Ich hatte die ganze Zeit hindurch keinen andern Gedanken, als wie meines Herrn Ehre und die meinige dabei unbefleckt erhalten werden koͤnnten. Doch der Himmel ſtand uns bei, denn noch ehe der Tag ſich zum Ende neigte, hatten wir das Gluͤck, dem Prinzen Schaum⸗ burg das Leben zu retten, indem wir ihn aus den Haͤnden eines Trupps diebiſch ausſehender, ſchnurbaͤrtiger Spanier befreiren, die zum Mans⸗ 16 3 feldſchen Corps gehoͤrten, und der Herzog von Friedland ſagte, dieſe That wuͤrde er meinem Herrn im Leben nicht vergeſſen. Wie es zuging, weiß der Henker; aber ſo milde und truͤbſelig mein Herr auch ausſah, ſo war doch kein Officier in der ganzen Armee mehr gefuͤrchtet als er. Man⸗ che unter unſern Anfuͤhrern waren gar aufgeblaſe⸗ ne, polternde Heldenſoͤhne, aber kein Menſchenkind ließ es ſich einfallen meinem Herrn auch nur ein bar⸗ ſches Wort ins Angeſicht zu ſagen, wenn ſie ihn gleich zum erſten Male im Leben erblickten. Unſer Generaliſſimus, und ſein tapfrer Sohn, Prinz Schaumburg und noch zwei oder drei andere, wuͤrden auch jedes unſaubere Wort auf ihn, ſelbſt wenn er ſo ſeine abſonderlichen, zerſtreuten Anfaͤlle hatte, eben ſo wenig gelitten haben, als Pater Felix mir erlauben wuͤrde, die Kerze auszublaſen, welche vor dem Schrein unſerer heiligen Jungfrau brennt.“ „Es wundert mich nicht, daß er ſo geliebt war,“ ſagte Luiſe mit Thraͤnen in den Augen. „Wer koͤnnte ihn wohl kennen und nicht lieben!“ „Ja freilich, Ihr Gnaden; und doch gäb es im Hauptquartier einen jungen Mann, mit dem 1 17 mein Herr nie in gutem Vernehmen ſtand. Der hatte auch ſo ſeine Sonderbarkeiten; aber ich zweifle, daß ſein Fehler in uͤbertriebner Guͤte lag; er hatte einen gar zu glupiſchen, zankſuͤchtigen Blick!“— „Nun, gute Nacht, Conrad! Ihr habt eine ſtarke Tagereiſe gemacht, und es iſt unrecht, euch laͤnger von der Ruhe abzuhalten.“ II. Fruͤh am Morgen ſchon hatte ſich Luiſe in ihre Schloßcapelle zum Beten begeben; aus in⸗ bruͤnſtigem Herzen dankte ſie dem Himmel fuͤr die gluͤckliche Heimkehr des geliebten Bruders, und flehete um Heilung der ſchwarzen Schwermuth, die ſeine Seele danieder beugte. Nachdem ſie den gewoͤhnlichen Morgenſegen von ihrem Lehrer und Beichtiger, dem Pater Felix empfangen hatte, kehrte ſie mit dieſem in die Halle des Schloſſes zuruͤck, wo der junge Freiherr ſich auch bald zu ihnen geſellte. Mit ehrfurchtsvoller Unterwerfung beugte er ſein Knie vor dem geiſtlichen Vater, von W. v. W. 2 18 deſſen Lippen ihm von der zarteſten Kindheit an, reine Lehren der Religion und Weisheit geſloſſen waren. Ungluͤcklicher Weiſe nur hatte der gute Moͤnch nie geahnet, daß religiöſe Kraft die erſte chriſtliche Tugend ſeyn ſollte, welche ſein Zoͤgling Gelegenheit haben wuͤrde in Ausuͤbung zu bringen, und jetzt gewahrte er ſchmerzlich, daß es dem, der alle andern chriſtlichen Tugenden uͤbte, der milde, freundlich, wohlwollend, gottesfuͤrchtig war, an Kraft der Seele fehlte, und daß dieſer einzige Mangel, bei ſo vielen vorzuͤglichen Eigen⸗ ſchaften, ihm hoͤchſt gefaͤhrlich wurde. Schon in der fruͤheſten Jugend der Eltern beraubt, waren Wilhelm und ſeine Schweſter in allen irdiſchen Angelegenheiten der Vormund⸗ ſchaft eines Oheims von muͤtterlicher Seite anver⸗ trauet geweſen, der bis zur Muͤndigkeit des jungen Freiherrn, treu und freundlich dieſem ſchweren Amte vorſtand; die Pflege des Geiſtes, die Sorge fuͤr die Seele, aber war dem frommen Pater Felix uͤbergeben, der ſich noch beſtaͤndig im Schloſſe aufhielt, und den jeder Bewohner deſ⸗ ſelben ſtets als Freund und Rathgeber liebte und ehrte. 1425 19 Als Felix ſeinen Zoͤgling in den Krieg zie⸗ hen ſah, hoffte er, daß Neuheit der Scene, Waf⸗ fengeraͤuſch und Verlangen nach Ruhm, wodurch ſo leicht das Herz eines jungen, edlen Mannes angefeuert wird, die tiefe Trauer von ihm ver⸗ ſcheuchen werde, welche die irdiſche Trennung von einer angebeteten, verlobten Braut uͤber ihn ge⸗ bracht hatte. Bereits ein Jahr war nach dem Tode des Fraͤuleins Blanca verfloſſen, als der Freiherr auf einmal, wie aus einem betaͤubenden Traume erwachend, ſeinen Endſchluß kund that, die Banner des Hauſes Marchfeldt zu den Fahnen des tapfern Abentheurers Wallenſtein, Herzogs von Friedland, ſtoßen zu laſſen. Da der verſtorbene Freiherr dem Waffendienſte ſehr er den geweſen war, hoffte Felix um ſo mehr ve dieſer Aufwallung, weil er ſie fur einen an⸗ gnten Trieb hielt; zugleich rechnete er auf die 2 derkraft, welche die Zeit uͤber den traurenden Whelm ausuͤben werde, und hielt ſich üͤber⸗ zem dieſer wuͤrde nicht allein mit voͤllig geheiltem G uthe, ſondern ſtolz auf die Auszeichnungen, ukkehren, die er ſich unter den Edlen ſeines klandes erworben haben werde. 2 ½ 20 Schmerzvoll mußten ihm nun Luiſens Mit⸗ cheilungen uͤber den noch immer vorherrſchenden Kummer ihres Bruders ſeyn, um ſo ſchmerzvoller noch, da er dieſe Krankheit, welche die traurig⸗ ſten Folgen drohete, dem eignen Mangel an Feſtig⸗ keit in der Erziehung zuſchrieb. Es war nur zu ſichtlich, daß der Freiherr auch in der letzten Nacht, anſtatt die ihm ſo heilſame Ruhe zu ſuchen, mehrere Stunden in der Capelle zugebracht hatte, gelehnt uͤber den kalten Marmor, welcher die Ueberreſte der geliebten Blanca von Frei⸗ burg deckte. Hier hatte er friſche Blumen ge⸗ ſtreut, und hier mit unvermindertem Schmerz Thraͤnen vergoſſen, obgleich ſchon drei Jahre ver⸗ gangen waren, ſeit ihre Huͤlle der Erde wieder⸗ gegeben war. „Moͤge die heilige Jungfrau ihm Troſt und Kraft verleihen,“ rief der fromme Moͤnch,„und unſere Seelen mit den beſten Mitteln erleuchten, ihn vom irdiſchen Schmerze abzuziehen!“— Auf die oft erprobte Folgſamkeit ſeines Zoͤg⸗ üngs bauend, beſchloß er eine mehr als gewohn⸗ lich ſtrenge Miene anzunehmen, und ſo den Ein⸗ fluß zu benutzen, deſſen Erfolg er ſich bei fruͤheren — 21 Vorfaͤllen bewußt war. Er zog den vor ihm knieenden Pflegeſohn zaͤrtlich an ſeine Bruſt, und ſagte in einem abgemeſſenen Tone, aus dem er ſich beſtrebte alle Ruͤhrung zu verbannen:„Ich heiße euch willkommen in der Heimath, Wil⸗ helm, Freiherr von Marchfeldt, willkom⸗ men vom Felde der Ehre, wo ihr einem Namen, der laͤngſt durch ritterliche Thaten ausgezeichnet war, neuen Glanz erworben habt!— Wir er⸗ freuen uns eurer errungenen Lorbeeren, ja, ſogar ich, ein Mann des Friedens, kann nicht umhin Theil am Ruhme eures Geſchlechts zu nehmen. Euer Feldzug iſt ehrenvoll geweſen, und eure Heimkehr erfolgt zur rechten Zeit, denn obgleich wir geſtrebt haben eure Angelegenheiten waͤhrend eurer Abweſenheit nicht zu vernachlaͤſſigen, wirkt dennoch des Herrn Auge gleich Sonnenſchein auf ſeine Beſitzungen, und nichts gewaͤhrt einen groͤ⸗ ßern Reiz als ſeine perſoͤnliche Gegenwart. Ueber⸗ dies iſt es jetzt Zeit daß die junge Freiherrinn mehr aus der Verborgenheit, in welcher es ihr bisher gefallen hat zu leben, herausgezogen werde, um unter der Obhut eines Bruders, der als ihr natuͤrlicher Beſchuͤtzer da ſteht, in den geſelligen 22 Kreis einzutreten, deſſen Schmuck und Zierde ſie ſeyn wird.“ 3 „Ja,“ erwiederte Wilhelm, als wolle er der Antwort ausweichen,„Luiſe iſt voͤllig ge⸗ ſchaffen die Perle des edelſten Kreiſes zu ſeyn.“— Bei dieſen Worten blickte der junge Mann mit Liebe und Stolz auf die ſo ſchoͤne Schweſter. „Ihr, mein Sohn,“ fuhr Felix fort, „habet jetzt nur euer Auge auf die zufaͤlligen, ver⸗ gaͤnglichen, oberflaͤchlichen Reize dieſer Schweſter geheftet. Mein Blick dringt tiefer, er geht zur Seele, die dieſe ſchoͤnen Formen belebt, zu dem reinen, erhabenen Gemuͤth. Mit Zuverſicht und Vertrauen werde ich ſie ihren ferneren Pfad ver⸗ folgen ſehen, denn ich weiß, ſo weich und zart dieſe Seele auch iſt, ſo ſtark iſt ſie dennoch.“— Selten oder nie war es des Schloß⸗Caplans Gewohnheit, ſich irgend einer Rede zu bedienen, ddie doppelſinnig genommen werden konnte; er ſprach gewoͤhnlich grade zu den Menſchen, nicht von ihnen. Jedoch beruͤhrte diesmal etwas, das am Schluſſe zu Luiſens Lobe geſagt war, das Herz des Freiherrn unſanft, und roͤthete augen⸗ blicklich die ſo bleiche Wange, als habe ihn ein 23 Vorwurf getroffen; nennen wir es Gewiſſen, das dieſen Pfeil auf ihn lenkte. 4 Felix bemuͤhete ſich jetzt den jungen Krie⸗ ger in ein Geſpraͤch uͤber die genaueren Umſtaͤnde der Welt⸗Begebenheiten zu verwickeln; er ſuchte ihn dahin zu bringen die Perſon ſo wie die Ge⸗ wohnheiten des außerordentlichen Mannes, unter deſſem Oberbefehl er gedient hatte, zu beſchreiben er ſchlug jede Saite an, aber nichts fand An⸗ klang. Wilhelms Antworten waren kurz und zerſtreut; weder Geiſt noch Koͤrper hatte die Ru⸗ he der letzten Nacht genoſſen, die Augen waren noch hohler und ſchwerer, als am vergangenen Abend, die Wangen blaͤſſer. Luiſe wagte es kaum einen Blick auf ihn zu werfen, indem ſie ihm das Fruͤhſtuͤck bereitete, Pater Felix ſeufzte innerlich. Zuletzt doch, um den von ihm ent⸗ worfenen Plan zu verfolgen, heftete er das Auge feſt auf Wilhelm, der heute nicht mehr in der Uniform, ſondern in einem tiefen Trauer⸗ Anz zuge erſchien, und fragte mit feierlichem Ernſt: „Fuͤr wen tragt ihr dieſe Trauerkleider, mein Sohn? Meines Wiſſens hat kein Glied eurer erlauchten Familie die Zeitlichkeit geſegnet, ſeit 24 wir von einander ſchieden; jedoch verkuͤndet euer Anzug einen neuen Verluſt.“ Saie Dieſe Worte beruͤhrten die empfindlichſte Sai⸗ te, und zeigten ihre Wirkung durch ein Zittern am ganzen Koͤrper. Ein tiefes Schweigen er⸗ folgte, und ſchon war der Alte im Begriff die Frage zu wiederholen, als Wilhelm haſtig aus⸗ rief: „Still hiervon, mein Vater! Schont meiner noch eine kleine Weile!— Jede Sache kommt am Ende zu einer Criſis, und die meinige iſt nahe! Dieſer Ueberzeugung zu Folge ſeht ihr mich jetzt in den Mauern meiner vaͤterlichen Burg. Es bleibt mir binnen vielleicht nur kurzer Zeit, noch viel zu thun uͤbrig, und ich fuͤhle die Wich⸗ tigkeit deſſen was mir obliegt. Laßt mich nur zu Athem kommen, und wir wollen das Geſchaͤft beginnen.“— Er ſprang von ſeinem Sitze auf, ergriff die Hand des Möonchs, und druͤckte ſie an ſeine Bruſt.„Vater, ich beſchwoͤre euch,“ rief er, „bei der Liebe die ihr immer gegen mich gehegt habt, gonnt mir Zeit!— Wartet nur einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, bis ich die mir noch 23 aͤbrige Kraft ſammle, und ich will euch mein Herz oͤffnen. Ihr koͤnnt es nicht inniger wuͤn⸗ ſchen die Geſtaͤndniſſe meines Herzens zu verneh⸗ men, als es mir Noth thut ſie gegen euch abzu⸗ legen; nur fangt nicht von dem Gegenſtande an. Ich zoͤgere wahrlich ungern.“* Luiſens Bewegung iſt nicht zu beſchreiben, indem ſie die dunkeln Reden ihres Bruders hoͤr⸗ te, und die Todtenblaͤſſe, welche ſich uͤber ſein Geſicht verbreitete, das Zittern, welches ſich ſei⸗ ner Glieder bemaͤchtigte, bemerkte. Doch ſchien es augenblicklich darauf wieder, als wenn die Eisrinde, die ihn bis jetzt umgeben hatte, nun gebrochen ſey, weil er mit mehr Kraft als fruͤ⸗ her, ſich ploͤtzlich nach den Verbeſſerungen des Schloſſes und der Laͤndereien erkundigte, und angeblich ſogar einen Antheil uͤber verſchiedene Verleihungen, Ankaͤufe, u. ſ. w. zeigte, welche man waͤhrend ſeiner Abweſenheit vorgenommen hatte.. „Ich muß mich von dem allen etwas ge⸗ nauer unterrichten,“ ſagte er,„und ſo wollen wir uns gleich auf den Weg begeben. Phili⸗ 26 bert, der Schloßvoigt, ſoll uns begleiten; wir koͤnnen wenigſtens das Dorf recognoſciren, denn ich fuͤrchte mir heute keinen weitern Weg zumuthen zu duͤrfen.“ 3 Man ging nach dem Dorfe, und da Phi⸗ libert ſie begleitete, wurde nur von Geſchaͤfts⸗ Sachen geredt, doch hatte Feliy hierbei Gele⸗ genheit, ſowohl das geſunde Urtheil, als das wohlwollende Herz des jungen Freiherrn zu be⸗ wundern. Albert Feldtheim, deſſem froͤhli⸗ chen Erſcheinen beim Feſte ſchon gedacht iſt, na⸗ hete ſich ehrerbiethig dem Gutsherrn, hieß ihn treuherzig willkommen und ſetzte, nachdem dieſes beſeitigt war, hinzu:„Gewiß, gnaͤdiger Herr, wir alle freuen uns ſehr, und ich ſagte noch zu Una, Harold des Muͤllers Tochter, Eure Gna⸗ den kennen ja Unga?— Nun ich ſagte zu ihr ——“ hier drehete er den Hut etwas verle⸗ gen zwiſchen den Fingern herum—„das ſey ggrade zur rechten Zeit, denn ob wir gleich die Einwilligung der gnaͤdigen Freiherrinn haͤt⸗ ten, ſo koͤnne der gnaͤdige Herr, nun er zu Hauſe ſey, uns doch auch die ſeinige ertheilen.“ „Wenn du die Einwilligung deines eigenen Herzens haſt, Albert, ſo iſt das üͤbrige ſehr geringfuͤgig,“ erwiederte der Baron kalt. „ Ach, gnaͤdiger Herr,“ rief der ehrliche Bauer, dem Weinen nahe,„ich weiß gar wohl worauf Eure Gnaden zielen; ihr denket an Bertha! Und was das nun anbetrifft, ſo wollte ich auch gerne viel an ſie denken, wenn es nur zu etwas huͤlfe; aber durch alles das Denken und Denken wurde ich ſo traurig und einſam, und wenn's Eure Gnaden nicht fuͤr ungut nehmen wollen, und noch wie vormals einem Menſchen vergoͤn⸗ nen grade heraus mit euch zu ſprechen, ſo koͤnn⸗ te Albert Feldtheim, ſo einfaͤltig er auch iſt, Eure Gnaden wohl einen guten Rath geben, der wieder etwas Farbe in eure blaſſe Wange braͤchte.“— Unwille faͤrbte ſie ſchon bei dieſen Worten; der Freiherr griff ſchnell an ſeinen Hut, wandte 8 ſich ſtolz ab, und ließ den armen Albert er⸗ ſchrocken ſtehen. Doch war er noch nicht weit gegangen, als er wieder ſtille ſtand, und ſich zum Caplan wandte.„Ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte er,„wolltet ihr wohl mein Almoſenier ſeyn, . 28 und dieſe Boͤrſe dem Albert hintragen?— Sagt ihm, ich ſey nicht boͤſe, und wuͤnſche ihm von ganzem Herzen alles Gute. Ich warte eurer hier, um dann den Heimweg mit euch an⸗ zutreten.“ Willig richtete der Moͤnch ſeinen Auftrag aus, und nachdem nun Philibert fortge⸗ ſandt war, lenkten ſie ihre Schritte an dem Ufer des Fluſſes wieder heimwaͤrts. Mit unbeſchreib⸗ lichem Kummer bemerkte Felix jetzt die koͤrper⸗ liche Schwaͤche ſeines jungen Gefaͤhrten, der ſich auf ſeinen Arm gelehnt hatte, weil er einer Stuͤ⸗ tze bedurfte. Auf dem halben Wege zwiſchen dem Dorf und dem Schloſſe, ſtand eine kleine Fi⸗ ſcherhuͤtte;„laßt uns hier ausruhen,“ ſagte der Freiherr,„denn ich will keine Zeit mehr verlie⸗ ren; ich muß mit vuch ſprechen, und ich will es jetzt thun.“ „Nicht jetzt, lieber Sohn,“ erwiederte der Caplan freundlich, n‚nicht jetzt; es hat ja keine Eile, und ihr ſcheint krank und augegriffen. Euer Koͤrper bedarf meiner Meinung nach, fuͤr den Augenblick eben ſo ſehr meines Raths, als eure Seele; aber ich kenne gewiſſe heilbringende Kraͤu⸗ — 29 Ner, aus denen ich euch einen wohlthaͤtigen Trank bereiten werde. Erſt ſollt ihr meine Arzenei eine Zeitlang gebrauchen, und dann wollen wir mit einander reden.“ „Nein, Vater, wir muͤſſen jetzt reden! Es iſt ſonſt eure Sache nicht Zeit verſtreichen zu zaſſen, und ich habe keine zu verlieren.“ Es iſt ſchwer zu beſtimmen wer von beiden, der Sprecher oder der Hoͤrer ſich mit mehrerer Beſtuͤrzung auf dies Geſpraͤch vorbereitete. Sie waren jetzt in die Huͤtte getreten, und der Moͤnch ſetzte ſich auf des Freiherrn Bitte, ſtillſchweigend nieder, waͤhrend dieſer, mit uͤbereinander geſchlage⸗ nen Armen an die Wand gelehnt, ſtehen blieb. „Ehrwuͤrdiger Vater,“ hub er endlich mit ei⸗ ner tiefen, gehaltenen Stimme an,„ich moͤchte damit beginnen euch die gerechten Vorwuͤrfe abzue bitten, welche ihr mir gemacht habt, denn ich ha⸗ be eure muſterhafte, vaͤterliche Sorgfalt ſchlecht be⸗ lohnt. Ihr habt eure Muͤhe und Sorge an einen undankbaren Elenden verſchwendet, der auf dem Punkte ſteht alle eure Hoffnungen und Bemuͤhun⸗ gen zu taͤuſchen Ich bin dem Tode nahe, mein Vater!— Unterbrecht mich nicht, hoͤrt mich ge⸗ 30 duldig an, weil ich noch im Stande bin zu ſpre⸗ chen, und antwortet mir offen auf meine Fragen, ſo gewiß ihr auf eure Seligkeit im Himmel hofft! — Werft einen Blick auf dieſe ſchwache, fieberhaf⸗ te, ausgemergelte Geſtalt; bald wird ſie kalt und gehaltlos zu Staub werden, indem ſie ſich ſelbſt zer⸗ ſtoͤrt hat.“ „Um aller Heiligen Willen Nein!“ rief der vor Schreck faſt erſtarrte Moͤnch, den Sinn dies fer Rede woͤrtlich nehmend. „Ja, ich bin der Zerſtoͤrer meines Selbſtes! Zwar nicht durch irgend eine gewaltthaͤtige Hand⸗ lung; aber indem ich der innern Zerſtörung Raum geſtattete. Nie hat eine Mutter ihr neugebornes Kind mehr gehegt und gepflegt, als ich den innern Kummer hegte, der mich aufzehren mußte. Ich geſtattete ihm allgemach Raum uͤber mich, naͤhrte ihn mit dem Blute meines Herzens, bis alles, al⸗ les aufgezehrt war. In dem Augenblicke als ſie ſtarb, fuͤhlte ich meinen Geiſt in mir erſterben; es ſchien mir als ſey das Band welches mich mit ihr vereinte, mit dem Gewebe meines eigenen Lebens auf das innigſte verknuͤpft; es lag eine Wonne fuͤr mnich in dieſem Glauben, und ich freute mich durch 31 ihn mit jedem Tage naͤher zu Blanca's Grabe hingezogen zu werden.— Weiß ich doch kaum ob ich haͤtte leben koͤnnen, wenn ich auch gekaͤmpft und gerungen haͤtte!— Vater, ſagt mir, bei dem Heil eurer Seele, ob nun ein zweiter Tod meiner wartet, weil ich mir den erſten freiwillig zugezogen habe?“— 3. „Mein Sohn,“ erwiederte der Moͤnch, „du zerreißeſt mir das Herz.— Aber nein, du biſt noch nicht ſterbend,“ ſetzte er hinzu, indem ſein Blick forſchend auf des jungen Freiherrn An⸗ geſicht weilte.„Es iſt wahr, du biſt etwas ſchwach, * und vielleicht in gewiſſer Hinſicht auf ſchlimmem Wege, und dein Puls geht ſieberhaft; aber den⸗ noch iſt noch keine Gefahr, lieber Sohn!— Und waͤhrend der gute Alte auf dieſe Weiſe ſich und ſeinen Zoͤgling zu taͤuſchen verſuchte, rannen Thraͤ⸗ nen uͤber ſeine ehrwuͤrdige Wange. „Waͤre es nicht unumgaͤnglich nothwendig, mein Vater, ſo wuͤrde ich nicht noch neuen Schmierz auf euch haͤufen; aber meine Stunden ſind ge⸗ zaͤhlt. Der Tod iſt ſo leiſe uͤber mich hereinge⸗ ſchlichen, daß ich ſeine Annaͤherung nicht bemerkte, bis einige Zeichen der Schwaͤche an mir meinen * 8 32 Cameraden ſichtlich wurden. Der junge Wallen⸗ ſtein drang in mich, den Arzt ſeines Vaters, den beruͤhmten Muͤller, Zutritt zu mir zu geſtatten; dieſer verordnete mir nichts, ſondern rieth mir ein⸗ zig keine Zeit zu verlieren, und in die Heimath zuruͤckzukehren. Seine ganze Handlungsweiſe oͤff⸗ nete mir die Augen, und ſo verlangte ich einen entſcheidenden Ausſpruch von ihm; er gab ihn zoͤ⸗ gernd, aber beſtimmt.“ „Muͤller verzweifelte alſo an eurer Gene⸗ ſung?“— fragte Felix mit einem tiefen Seufzer. „In dem Augenblick da mir mein Schickſal angekuͤndigt war, ſiel das Bewußtſeyn meiner Schuld auf mein Herz; ich nahm es mir vor in der Zeit die mir noch bliebe, die Pflichten, welche noch in meiner Macht ſtaͤnden, gegen Lui ſe, Euch und meine Unterthanen zu erfuͤllen. Seit meiner Ankunft habe ich es kaum gewagt die Schweſter anzuſehen; zu ihrem Beſchuͤtzer geboren, verließ ich niedrig, ſeige, meinen Poſten.— Ach, mein Va⸗ ter, mein ehrwuͤrdiger Freund! Darf ich Verge⸗ bung im Himmel hoffen, oder habe ich mich ſelbſt auf ewig von der getrennt, gegen deren irdiſchen Verluſt ich mich ſo unchriſtlich empoͤrte?“— Fr 8 3 33 „Du biſt leider! nicht ſchuldlos zu nennen, mein Sohn, und alle meine Zaͤrtlichkeit fuͤr dich darf mich nicht verleiten meine Ueberzeugung zu verleugnen. Du haſt geſuͤndigt; aber der Him⸗ mel iſt barmherzig!— Wollte Gott daß ich mich nicht theilweiſe deiner Schuld mit anklagen muͤßte; aber ich fuͤrchte, dein Charakter haͤtte eines weiſe⸗ ren, feſteren Leiters bedurft, als ich dir geweſen bin, eines Fuͤhrers, der die Faͤhigkeiten deiner Seele angeſpannt, und nicht die Schwaͤchen deines Gemuͤths noch genaͤhrt haͤtte.“ Dieſe Selbſt⸗Anklage des Pater Felix war nichts weniger als grundlos, obgleich das Geſche⸗ hene dadurch nicht wieder gut zu machen war. Mit ſchwerem, tief traurigem Herzen, willigte er darein, das junge Fraͤulein mit dem wahrſchein⸗ lich nahe bevorſtehenden Verluſt bekannt zu ma⸗ chen, denn von dem Augenblicke an, da Wilhelm ihm den Ausſpruch des weiſen, erfahrenen Mul⸗ lers wiederholt hatte, gab er jeden ſchwachen Fun⸗ ken Hoffnung auf, und hielt die Gefahr fuͤr un⸗ vermeidlich.“ „Scheint es mir doch, Bater, ſagtt, der Freiherr, indem ſie langſam den Pfad zum Schloſſe W. v. W. 3 34 hinwandelten,„als haͤtte ich eine ſchwere Buͤrde von meiner Bruſt genommen, um ſie auf die eu⸗ rige zu waͤlzen; ſeit dem Tage wo ſie von uns ſchied, habe ich mich nicht ſo leicht gefuͤhtt. Sucht Luiſe mit dem Gedanken meines Todes auszu⸗ ſoͤhnen; ſie beſitzt ein ſtarkes Gemuͤth, iſt ein edles Maͤdchen, und wird mir den Komtner erſparen ſie leiden zu ſehen.“ Feliyx fand einigen droſ indem er bemerkte, daß ſein Gefaͤhrte jetzt ein ganz verſchiedenes We⸗ ſen ſey von dem, was er vor dem Bekenntniß ge⸗ ſchienen hatte. Seine Wange faͤrbte ſich wieder mit einem leichten Roth, ſein Auge war weniger truͤbe, ja ſein Schritt ſogar nicht mehr ſo wan⸗ kend. Gern haͤtte der gute Vater ſeinen Auf⸗ trag noch verſchoben, indeß Wilhelm, im In⸗ nerſten uͤberzeugt, wie koſtbar jedes Sandkorn des ablauſenden Stundenglaſes ſey, ihn dringend bat nicht zu zoͤgern, und die Ruhe in ſeinem Ge⸗ mache ſachte, waͤhrend Felix ſich zu Luiſen begab.. Es wuͤrde fruchtlos ſeyn den tiefen Schmerz zu beſchreiben, welchen die zaͤrtliche Schweſter bei dieſer Nachricht empfand.— Sie liebte in Wil⸗ 35 helm nicht allein den Bruder, den theuerſten Freund; ſie war auch gewohnt in ihm den Beſchuͤ⸗ tzer ihrer Jugend, das einzige noch uͤbrig bleiben⸗ de Haupt eines edlen, alten Hauſes zu ſehen. Doch mitten im herbſten Schmerz der ihrer wartete, ſuch⸗ te ſie die Allgewalt deſſelben zu beſtegen, und noch ehe der fromme Moͤnch die Bitte ihres Bruders wiederholen konnte, ſagte ſie:„Der Schlag iſt hart; aber eher will ich ſterben, als ein Wort, ein Blick meinem armen Wilhelm neue Qual verurſa⸗ chen ſoll. Laßt uns von dieſem Augenblicke an un⸗ ſere Kraͤfte vereinen, theurer Vater! An euch iſt es meinen Entſchluß zu ſtaͤhlen!“ Der Greis war wenig im Stande dieſer Auf⸗ forderung zu gegnuͤgen. Er hatte ſeit vielen Jah⸗ ren im Schooß dieſer Familie gelebt; ihre d Freuden waren die ſeinigen geweſen, und ihre Leiden druͤck⸗ ten ihn tief zu Boden. „Gott ſegne dich, meine Tochter,“ rief er. „Ich will vom Himmel Kraft fuͤr meine Seele er⸗ ſtehen, und waͤhrend der Zeit mich wenigſtens bee ſtreben, da nachzuahmen, wo ich eigentlich mit Beiſpiel vorangehen ſollte.— Aber ach! Ich bin alt und ſchwach!“— 3 80 III. Nicht ohne innre Beklommenheit naheten Bruder und Schweſter einander zur gewoͤhnlichen Zeit des Mittagseſſens; verſtohlen nur wagten ſie ſich in den erſten Momenten anzublicken. Aus Luiſens Auge leuchtete Mitleid, Liebe und Schonung; dadurch war Wilhelms ſtumme Frage beantwortet, und er ſah ſich wenigſtens vor jedem Vorwurf ſicher, ja, er hegte ſogar die Hoffs nung, als ſey der ihr durch ihn bereitete Kum⸗ mer, vielleicht weniger empfindlich in ſeinen Fol⸗ gen geweſen, als er es gefuͤrchtet hatte. Mit zits ternder Stimme verrichtete Pater Felix das Tiſch⸗ Gebet, doch auch er fuͤhlte ſich bei der Bemerkung belebt, daß das junge Fraͤulein wenigſtens aͤußer⸗ lich alle Spuren des Schmerzes verbannt habe. Plötzlich eine erzwungene Heiterkeit annehmend, fuͤllte Wilhelm den Becher, indem er zum Alten ſagte: „Kommt, Vater, ihr muͤßt mit mir auf das Gluͤck der Wallenſteinſch en Waffen anſtoßen; 37 moͤge er bald uiſerm Kaiſer alle ſeine Beßizungen wieder erobern helfen!“— „Als du, mein Sohn, unter dieſem Feldherrn dienteſt, folgte mein iſglts Gebet ihm; aber nun“—-—— „Aber nun?— Sind denn Zollendorf und fuͤnf hundert tapfre Marchfelder keines Wunſches werth?— Nein, Vater, ihr muͤßt mit mir anſtoßen.— Ueberdies iſt Wallen⸗ ſtein mir, ſo lange ich unter ihm diente, ein Vater geweſen, und ſein Sohn, der tapfre, edle, hoch⸗ herzige Caſimir, war mein Waffenbruder. Ach! moͤchte ich ihn in jeder Beziehung meinen Bruder nennen koͤnnnen!— Luiſe, fuͤhlſt du keine Neugierde einige meiner Kriegs⸗Abentheuer zu vernehmen?— Glaubſt du, ich haͤtte nichts zu erzaͤhlen, was dir der Muͤhe werth zu hoͤren ſeyn koͤnnte?— Belagerungen und Sſhlachten paſ⸗ ſen freilich wohl nicht fuͤr den Geſchmack eines Maͤdchens; aber ein Lager iſt oft reichhaltig an anderm ſonderbaren Stoff, der den Menſchen cha⸗ rakteriſirt; zum wenigſten fand ich hinlaͤngliche Be⸗ weiſe davon, ohne grade aͤngſtlich darnach zu ſu⸗ chen.“ 38 „Nun Wilhelm, du ſollſt deine Erfahrun⸗ gen keiner Unwuͤrdigen mittheilen. Ich will meine Stickerei nehmen, und wir wollen mit einander auf den weſtlichen Wall gehen, um uns dort in den Strahlen der Sonne zu laben.“ Der junge Freiherr fuͤhlte ſich durch die Er⸗ klaͤrung am Morgen. ungewoͤhnlich erleichtert, im Vergleich mit der Centnerlaſt, die er am vergange⸗ nen Abend, bei ſeiner Heimkehr, in der Bruſt gefuͤhlt hatte, und dies ſtimmte ihn ſo heiter, als er es lange nicht geweſen war. Luiſe, ohne ſich falſchen Hoffnungen hinzugeben, freute ſich der ge⸗ genwaͤrtigen Stimmung. Pater Felix ſchlug es ab das Geſchwiſterpaar auf den Wall zu begleiten, unter dem Vorwande auf einer benachbarten Haide heilfame Kraͤuter zu einem Trank zu ſuchen, von dem er ſich eine guͤnſtige Wirkung fuͤr den Kran⸗ ken verſprach; ſo ſetzte ſich alſo Luiſe an einen ſchoͤnen Platz, unter dem Schutze der Schloß⸗ Mauer, an den Stickrahmen, und Wilhelm, der ſich in den Strahlen der Sonne zu ihren Fuͤ⸗ ßen gelagert hatte, hub ſeine Erzaͤhlung an: „Du erinnerſt dich gewiß noch, liebe Schwe⸗ ſter, wie ſchnell der Entſchluß zum Heere zu ge⸗ . 39 hen, mich damals ergriff; er koſtete mich Anſtren⸗ gung, aber ich fuͤhlte wie unnuͤtz meine Zeit hier dahin ſchlich, und wie ich, der der Stolz der Mei⸗ nen haͤtte werden koͤnnen, ſie nur mit Kummer und Sorge um mich erfuͤllte. Sieh, Schweſter, dieſer Gedanke war es, der innerlich an mir nagte, auch glaubte ich manchmal, es wuͤrde mir ſelbſt beſ⸗ ſer unter Fremden zu Muthe werden, und um ſo rauher und ſorgloſer ich meine neuen Gefaͤhrten mir dachte, um ſo mehr Gewinn hoffte ich fuͤr meine Stimmung von ihnen zu ziehen. Um dir die Wahrheit zu geſtehen, Luiſe, wobei ich dir aber nicht als undankbar erſcheinen moͤchte, deine zaͤrtliche Wachſamkeit, aus ſo reiner Quelle ſie auch entſprang, die milden, vorſichtig gewaͤhlten Ermahnungen des guten Felix, qauaͤlten mich, gleich unaufhoͤrlich reibenden Feſſeln, und ich brannte vor Begierde, ſie mit der Geſellſchaft ro⸗ her, ſorgloſer Menſchen zu vertauſchen, von deren Mitgefuͤhl ich nichts zu fuͤrchten hatte. Einem Ge⸗ fangenen gleich, der ſeinem Kerker entſpringt, ver⸗ ließ ich die Burg meiner Vaͤter, und geuoß augen⸗ blicklich das Gefuͤhl wieder erlangter Freiheit; aber ach, nur zu bald ſollte ich entdecken, daß mein 40 eigentlicher Kerker von mir unzertrennlich waͤ⸗ re!— „Doch dies alles fuͤhrt eigentlich nicht zum Zweck meiner Erzaͤhlung.— Ich fand den Her⸗ zog in Halberſtadt, in voller Verfolgung ſei⸗ ner Siege. Die kleine Truppenverſtaͤrkung welche ich ihm zufuͤhrte, war um ſo willkommner, weil ſie gaͤnzlich unerwartet kam, und nichts konnte ver⸗ bindlicher ſeyn, als die Art wie er mich aufnahm. Der Heerfuͤhrer befand ſich, umgeben von dem Glanze und der Pracht eines Herrſchers, in der Mitte ſeiner Officiere, unter denen ſogar regieren⸗ de Fuͤrſten mit ſtummer Unterwuͤrfigkeit auf ſeine Befehle horchten. Ganz in Gedanken verloren, gleichguͤltig uͤber Gewinn oder Verluſt, ſchauete ich als kalter Beobachter dem glaͤnzenden Schauſpiele zu, woran ich nicht im Stande war ein perſoͤnli⸗ ches Intereſſe zu nehmen.“ „Baron,“ redete der Herzog mich endlich an,„wir ſind uns jetzt kaum mehr fremd, und werden bald Freunde ſeyn. Der Name eures edlen Vaters, des Freiherrn Uirich von Marchfeldt, macht dem Ritterthum Ehre, 41 und kein wuͤrdigerer iſt je in den Annalen der Kriegs⸗Geſchichte aufgezeichnet. Nur einmal ſah ich ihn, und ſelten erblickt man in unſern Tagen eine ſo wahrhaft ſchoͤne, kriegeriſche Geſtalt.— Um eures Vaters Andenken alſo, ſeyd mir will⸗ kommen; bald werdet ihr uns lehren, euch um euer ſelbſt willen willkommen zu heißen. Waͤret ihr nicht ſo unerwarteter Weiſe zu uns geſtoßen, wuͤrden wir auf eure ſtandesmaͤßige Aufnahme beſſer bedacht geweſen ſeyn; fuͤr eure Officiere ſoll anſtaͤndig geſorgt werden, und ich werde, ſo lange wir in Halberſtadt verweilen, meine Wohnung mit euch theiten.“— Ich verbeugte mich ſtill⸗ ſchweigend und wollte mich zuruͤckziehen, als er noch einmal anhub:„Einen Augenblick noch, Freiherr von Marchfeldt, ich muß euch mit euren Kriegs⸗Cameraden bekannt machen. Mein Sohn, Graf Caſimir von Wallenſtein, Prinz Schaumburg, Ritter Warbeck von Wolfſtein.— Aber warum ſoll ich weiter eine Liſte von Namen durchgehen, die ihr doch nur dem Schalle nach kennt; die von mir ge⸗ nannten ſind hinreichend.„Und,“ ſetzte er hinzu, „ jetzt erwarte ich euch zum Abendeſſen wieder.“ „— 4² Schon hatte ich mir geſchmeichelt, nach dieſer Audienz mir ſelbſt anzugehoͤren, und un⸗ geſtoͤrt meine Mondſchein⸗Wallfahrt um das La⸗ ger herum, antreten zu koͤnnen. Nun fuͤhlte ich die Feſſeln, welche ich mir ſelbſt geſchmiedet hatte; aber wenig gewohnt irgend einem Manne zu ge⸗ horchen, ein Neuling in aller militaͤriſchen Foͤrm⸗ lichkeit, ahnete ich nicht daß dieſe Bitte des Her⸗ zogs Befehl war. Ehrfurchtsvoll fuͤr ſeine Hoͤf⸗ lichkeit dankend, lehnte ich die Einladung von mir ab, und zog mich zuruͤck ohne das Erſtaunen der⸗ jenigen zu bemerken, die ſich vielleicht hauptſaͤch⸗ lich aus Neid, uͤber die wenige Subordination wunderten, mit der ich die große Gnade ſtolz ablehnte. Keine zweite Aufforderung hielt mich zuruͤck, und nachdem ich die noͤthigen Einrichtun⸗ gen mit Zollendorf getroffen hatte, auf deſſen militaͤriſche Einſicht ich mich verlaſſen konnte, uͤberließ ich ihm den Befehl meines Corps, und ſchlenderte fort, gluͤcklich mich endlich allein zu finden. Halberſtadt ſelbſt war ſo geraͤuſchvoll durch die Zahl der darin haufenden Krieger, daß ich eilte wenigſtens an die Außenwerke zu kommen; aber auch hier hielt es ſchwer die Einſamkeit zu 5 43 finden, nach der ich ſchmachtete. Sogar der um die Waͤlle herumlaufende Stadtgraben war mit Boͤten bedeckt, welche Lebensmittel fuͤr das Heer in die Stadt brachten, und ſo weit das Auge reichte ſah man Zelte, vor denen Menſchen hin und her wogten. Ich ging grade durch's Lager, in der Abſicht einen Wald zu erreichen, der ſich zur Rechten erhob, und in deſſem Abend⸗Schat⸗ ten ich den noch uͤbrigen Theil des Tages zuzu⸗ bringen hoffte, als ich an einen ausgeſtellten Poſten kam, der mich anrief.—„Ich bin ein Fremder,“ gab ich zur Antwort,„der Freiherr von Marchfeldt, erſt dieſen Morgen mit einer Verſtaͤrkung Ungariſcher Truppen angelangt, und mit der Parole noch unbekannt. 27 „Es thut mir leid,“ erwiederte die Schild⸗ wache,„aber dies iſt der einzige Schluͤſſel, wel⸗ cher außerhalb der Feſtungswerke fuͤhrt.“— Nach dieſen Worten ſetzte er kaltbluͤtig ſeine ihm zuge⸗ zaͤhlten Schritte vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts fort.— Waͤhrend ich aͤrgerlich das Gitter betrachtete, das meinen Willen im Zaum halten ſollte, nahete ſich mir einer der Maͤnner, die ich beim Herzoge geſe⸗ hen hatte.—„Gut Freund,“ rief er,„laßt 44 den Baron von Marchfeldt paſſteren; ich ſtehe fuͤr ihn.“—„Aber verſeht euch mit der Parole, Freiherr, denn ihr möchtet noch auf viele eben ſo hartnaͤckige Schildwachen ſtoßen, als dieſe hier iſt.. Ich wandte mich mit dankbarem Blick zu meinem Befreier, deſſen Stimme nicht weniger Wohllaut fuͤr mein Ohr hatte, als die Wirkung derſelben befriedigend fuͤr mich war. Er laͤchelte uͤber die Waͤrme, mit welcher ich ihm meinen Dank zollte, und rief:„Vielleicht giebt es keinen Mann in ganz Deutſchland der die kleine Gefaͤlligkeit beſſer zu berechnen weiß.— Ihr wollt jenen Wald dort in Augenſchein nehmen, und ihr thut wohl daran.—„Haltet euch von der Menge ent⸗ fernt, bewahrt eure Selbſtheit, und Warbeck v. Wolfſtein wird ſtolz ſeyn, euch, wenn auch nicht fuͤr ſeinen Freund, doch zum wenigſten fuͤr ſeines Gleichen anzuerkennen.“ Erſtaunt, daß irgend ein Weſen außer mir meine innerſten Gedanken erkathen koͤnne, ſchien mir uͤberdem noch etwas Unbegreifliches in dieſem Wolfſtein zu liegen. Seine Geſtalt hatte nichts auffallendes, ſeine Zuͤge konnte man regelmaͤßig 4 43. nennen, obgleich die Geſichtsfarbe etwas gelblich war. Seine von Natur glatte, gewoͤlbte Stirne, um welche eine Menge rabenſchwarzes Haar flat⸗ terte, wurde bald von finſtern Gedanken zuſam⸗ mengezogen, bald klaͤrte ſie ſich im heiteren Lichte wieder auf; indeß war es unmoͤglich, ungeachtet aller Regelmaͤßigkeit der Zuͤge, auf dieſem Geſichte, ohne Zweifel an dem Gemuͤth dieſes Menſchen, zu weilen. Ich bin nicht im Stande dir einen Be⸗ griff von dem Laͤcheln dieſes Mannes zu geben; nie wurde es durch Beifall, Guͤte, oder Freude erregt; aber Hohn, Geringſchaͤtzung, Haß und Spott, druͤckten ſich als ſtets bereitwillige Doll⸗ metſcher der innerſten Gedanken ſeiner Seele, leicht in den Winkeln ſeines Mundes aus. Er trug keine Uniform, doch erſchien er gewiſſermaßen nicht ohne aͤußere Anmaßung; es war ſeine Ge⸗ wohnheit den Hals ſtets unbedeckt zu tragen, und wenn er ſich bei feſtlichen Gelegenheiten zeigte, und ſeiner Gewohnheit nach den Böhmiſchen Hut und Mantel abwarf, glich er auffallend den Bu⸗ ſten der alten Römer. Hier habe ich dir einen Umriß von Wolfſteins Gemaͤlde gegeben, in ſofern es jeder Maler auch im Stande ſeyn wuͤrde; 46 das Uebrige muß ſich dir, ſo weit ich es ſelbſt kenne, durch die Folge genauer entwickeln.— Gebe Gott,„rief er heſtig vor ſeine Stirn ſchla⸗ gend,“„daß du nimmer Gelegenheit bekommen moͤgeſt, daß von mir entworfene Bild mit dem Originale zu vergleichen!“ „Warum, lieber Bruder, fuͤrchteſt du irgend ein Ungluͤck fuͤr mich, bei einem ſolchen Zuſam⸗ mentreffen?“— „Kann ich mir doch dies ſchwarze Vorgefühl ſelbſt nicht erklaͤren; aber ſo viel iſt gewiß: ein ſchmerzhafter Schauder bemaͤchtigt ſich meiner bei dem bloßen Gedanken an dieſen Mann; eine dunkle Ahnung ſagt mir, daß er in dem Geſchick deſſen, was mir am theuerſten, in dem Deinigen, Luiſe, verwebt iſt!— Und worin er verwebt iſt, da kann nichts als Ungluͤck erfolgen.“— „Wahrſcheinlich aber ſehen wir uns nie, und ſollte der Zufall ihn mir in den Weg fuͤhren, ſo iſt es leicht ihm auszuweichen.“ „Wenigſtens ſcheint das ſo, indem wir hier ruhig in der Entfernung daruͤber reden;— und warum ſollten wir uns auch nicht auf dieſe Weiſe taͤuſchen, da unſere Kenntniß zukuͤnftiger Dinge 47 doch in jedem Falle mangelhaft iſt.— Alſo wei⸗ ter in meiner Erzaͤhlung. Der augenbliekliche Zwang den ich erduldet hatte, diente nur dazu mir meine Freiheit entzuͤckender zu machen. Ich wan⸗ derte ſorglos meinen Weg durch die Schatten und Labyrinthe des weiten Waldes fort. Das entfernte Getoͤſe aus dem Lager, das Wiehern der Hengſte, der dumpfe Schall der Trommel, das Schmet⸗ tern der Trompeten, und das Donnern der Signal⸗Kanone, erhoͤheten den Reiz meiner Ein⸗ ſamkeit, anſtatt ihn zu ſtoͤren. Ich ſtreifte abſicht⸗ los umher, ohne zu wiſſen wohin. In voller, majeſtaͤtiſcher Schoͤnheit erhob ſich jetzt der Mond, und es war mir lieber hier Zuſchauer ſeines Lau⸗ 2 fes durch das Welt⸗All zu ſeyn, als ſchlaflos auf meinem Lager die Stunden bis zum Morgen zu zaͤhlen. Indem ich ſo im Nachdenken verloren, uͤber niegeſehene Welten und ihre Bewohner, da⸗ ſtand, brachte der Abendwind den Schall der Mitternachtsſtunde vom fernen Dom zu mir her⸗ ⸗ uͤber, und in demſelben Augenblicke verkuͤndete ein heftiges Schmettern der Trommeln das Ablö⸗ ſen der Wachen, oder einen aͤhnlichen Wechſel der Dinge.— Inſtinktmaͤßig ſuchte ich nun meine 48 Schritte heimwaͤrts zu lenken; aber aus den Maſ⸗ ſen der Baͤume ſich heraus zu finden, war keine leichte Aufgabe, und ein neuer Morgen fing be⸗ reits an zu daͤmmern, bevor ich den erſten Außen⸗ poſten des Lagers erreichte, wo ich unbekuͤmmert die Parole wiederholte. .„Ei, ei,“ rief die Schildwache,„das genuͤgt nicht, Freund! ihr muͤßt euch ſchon eine andere Liſt erſinnen. Was zum Teufel denkt ihr mit der alten Parole durchzuſchleichen?— Das geht nun einmal nicht.— Aber da ihr mir als eine ver⸗ daͤchtig herumſpionirende Perſon erſcheint, werdet ihr wohl ſo gefaͤllig ſeyn euch hier einſtweilen in dies Schilderhaus zu begeben, denn ich zweifle keineswegs, daß mein Hauptmann erfreut ſeyn wird, einige hoͤfliche Fragen an euch zu richten.“ Jede Vorſtellung war vergeblich; der Soldat that ſeine Pflicht, ich wanderte geduldig in das Schilderhaͤuschen, wickelte mich in meinen Man⸗ tel, und erwartete gleichguͤltig das Abloͤſen der Wache, welches das Signal meiner Befreiung ſeyn wuͤrde. Doch hatte ich hier noch nicht lange ge⸗ ſtanden, als ich die Parole rufen, und ein lebhaf⸗ tes Geſpraͤch zwiſchen dem neu Angekommenen und 49 der Schildwache entſtehen hoͤrte. Es war Con⸗ rad⸗ s Stimme, und alſobald ward mein enges Gekfaͤngniß mir geoͤffnet.„Gnaͤdiger Herr, 4¹ rief der treue Diener, als er mich herausſchluͤpfen ſah, „ich bin faſt vor Schrecken vergangen, und habe mich in den Quartieren jedes Officiers in den In⸗ und Außen⸗Werken, nach euch erkundigt.— Hauptmann Zollendorf iſt, weiß Gott, ſo le⸗ dern als eine alte, vertrocknete Brod⸗Rinde!— Er wollte mich nicht einmal euch aufſuchen laſſen. Da der Baron aufs Sterngucken ausgegangen waͤre, ſagte er, thaͤte es wohl doppelt Noth, daß er ſeiner Pflicht getreu bliebe; ſo drohete er mir ſogar mit Arreſt, als ich gegen 9n an raiſon⸗ nirte. Der alte Bramarbas, mit ſeinem großen, ſchwarzen Knebelbart, uͤber das gelb pergamentne Angeſicht!— Aber, Euer Gnaden, ich glaube der General iſt auch nicht allzuſchoͤn mit dieſem mit⸗ ternaͤchtlichen Spatziergange zufrieden; ich begeg⸗ nete ihm grade als ich Jedermann nach euch frag⸗ te, und ſo richtete ich mein Wort auch an ihn.— „Was,“ erwiederte er,„befindet der Freiherr ſich nicht in ſeinen Zimmern? Das iſt ein ſonderbarer W. v. W. 4 4 30 Anfang, und fuͤhrt zu nichts.— Ich uuns mit eurem Herrn reden.“ „Behuͤte der Himmel, gnaͤdigſter Herr,“ rief ich,„ihr thut wahrlich beſſer ihn zufrieden zu laſ⸗ ſen. Er meint es eben ſo wenig boͤſe, als ein Kind an der Mutter⸗Bruſt; aber wenn es euch gelingen ſollte ihn zu hindern ſeinen eigenen Weg zu gehen, iſt das mehr als ich derſtehe Ich hab's 3 lange aufgegeben.“ „Ei ſeht doch,“ erwiederte er,„iſt euer Herr ſo eigenwillig?— Wenn das der Fall iſt, haͤtte eer beſſer gethan ſich nicht unter mein Commando zu begeben, denn ich habe auch meinen eigenen Weg, und dem muß unabanderlich gefolgt wer⸗ den.“ Es fuhr mir bei dem Blick den er auf mich warf, kalt an den Armen hinunter, und ſo ſagte ich mit ſo demuͤthiger Stimme als moͤglich:„Wenn Euer Gnaden geruhen wollten, ſo eine Art Rath von einem armen Teufel als ich bin, anzunehmen, ſo moͤchte ich unmaßgeblich bitten ihn ſeinen Weg gehen zu laſſen; ihr wuͤrdet leichter Spiel mit ihm haben, und anders wird er nun doch einmal nicht. 51 — Gewiß, Euer Ganden⸗ ich habe es ſchon ge⸗ aug verſucht.“ Das muß waßrſcheinlche ein guter Gedanke geweſen ſeyn, den ich da zu Markte gebracht hatte. Der Herzog wurde auf einmal freundlich, fing ſo⸗ gar an zu lachen, und indem er mir einen harten Thaler gab, ſagte er:„Du biſt ein guter Kerl! Geh, ſuche deinen Herrn.— Aber hoͤre,“ ſetzte er hinzu, ſich noch einmal zu mir wendend:„Iſt der Zweite nach ihm auf ſeinem Poſten? Sind die Marchfeldter, außer ihrem Herrn, alle da, wo ſie zu ſeyn gehoͤren?“ Hier dachte ich, waͤre es Zeit dem alten Zol⸗ lendorf eins anzuhaͤngen, und daher erzaͤhlte ich, wie rauh und wunderlich der geweſen ſey.— Aber alles was ich fuͤr meine Bemuͤhung erhielt, waren die Worte:„Ja, ja, Zollend orf kennt den Dienſt; d ein Herr iſt gluͤcklich eine ſolche Stuͤtze zu haben“— Und weg war er!— Die zweite Perſon nun auf welche ich bei mei⸗ nen Nachforſchungen ſtieß, war der junge Graf Caſimir. Ich glaubte, der ſollte mir Nach⸗ richt von Euer Gnaden geben; aber als ich ſagte, daß ihr nirgend zu ſinden waͤret, ſtutzte er und 4* rief:„Es iſt mir ſehr unangenehm euch nicht in euren Nachforſchungen helfen zu koͤnnen; aber ich habe ein beſtimmtes Geſchaͤft fuͤr dieſe Nacht, das keinen Aufſchub geſtattet; ſeyd indeß vorſichtig mit wem ihr uͤber die Sache redet, denn ich habe Ur⸗ ſache zu wuͤnſchen, mein Vater moͤge nicht von des Freiherrn Abweſenheit unterrichtet werden. Mor⸗ gen werde ich mir das Vergnuͤgen machen eurem Herrn, der ein Neuling im Lager iſt, einige Winke uͤber unſere militaͤriſche Lebensart zu geben.“— Ei gnaͤdiger Herr Graf,“ erwiederte ich,„der General weiß bereits, daß mein Herr vermißt wird; aber ich bat ihn nichts Anſtoͤßiges in ſeinen einſa⸗ men Wanderungen zu finden, ſo glaube ich nicht daß er daruͤber aufgebracht iſt.—„Ich glaube, Kerl, du biſt ein Pinſel!“ war ſeine hoͤfliche Antwort; ich moͤchte funfzig Thaler darum geben, daß du nichts uͤber deinen Herrn zu meinem Vater geſagt haͤtteſt!— Du haſt ihm da ean einen Streich geſpielt, den ich mit aller Muͤhe nicht wieder gut machen kann.“ „Mit Euer Gnaden Vergunſt iſt das nur ſo 4 den Wind hinein geredet, ſagte ich.— Der beſte Freund den mein Herr auf Gottes Erdboden hat, iſt Conrad Muͤnſter; den alten Pater Felix hoͤchſtens ausgenommen, denn das iſt, mein Seel, ein vortrefflicher alter Mann, nur ſin ſeine beſten Tage leider voruͤber.“— „ Schon gut, Freund, ich habe keine Zeit mit dir daruͤber zu ſtreiten, denn mich ruft der Dienſt. Wenn es moͤglich iſt, mache deinen Herrn ausfindig; ſage ihm, er moͤge Morgen um 10 Uhr bei dem Lever des Generals nicht fehlen, und wenn er ſich eine halbe Stunde fruͤher im Chor⸗ gang des Doms einfinden wolle, werde er mich wahrſcheinlich daſelbſt treffen. Sollte ich aber nicht dort ſeyn, ſo iſt es irgend ein nothwen⸗ diges Geſchaͤft, nicht Nachlaͤſſigkeit, welches mich abhaͤlt. Auf keinen Fall aber laß ihn verfehlen ſich beim Lever zu zeigen.“ Und damit hatte es mit ſeinen Redensarten ein Ende.— Als ich nun aber vor Verdruß faſt innerlich weinend, ſo quer durch das Lager lief, begegnete mir ein feiner Herr in einem Pelz⸗ Mantel gewickelt. „Guten Abend, Freund,“ ſagte er; nicht wahr, ihr gehoͤrt zu Baron Marchfeldt's Leu⸗ ten?“— 54 Der Entſchluß ihm nichts von eurem Ver⸗ ſchwinden merken zu laſſen, war gleich bei mir ge⸗ faßt; aber er kam mir mit der Frage entgegen, um welche Zeit mein Herr zuruͤckgekehrt ſey?— „Zuruͤckgekehrt?“— fagte ich ſchlau.— „Von wannen ſollte er zuruͤckkehren 24— „Ich begegnete ihm geſtern Nachmittag, als er in den Wald ging.“ 3 „In den Wald?— Ei du mein Himmel, wie ich doch auf den Kopf gefallen bin, daran nicht zu denken!— Ja, ja, das ſind ſo ſeine alten Streiche; wenn ich kein Eſel geweſen waͤre, haͤtte ich wohl darauf verfallen, und ihn ohne weitern Rumor und Getraͤtſche auffinden koͤn⸗ nen.“ 5 „Wem haſt du denn davon erzaͤhlt?— Weiß der Herzog darum?“— Ach, ja wohl weiß er es; aber nun iſt keine Zeit mehr zu verlieren.— Und damit lief ich fort; er ſagte noch gute Nacht, und ſah mich dabei an, als habe er noch etwas im Sinne, ich kehrte mich aber nicht daran, und da bin ich nun.“ Nachdem die Schildwache meinen Nang er⸗ fahren hatte, verſuchte ſie ſich hoͤſlichſt mit dem 55 ſtrengen Befehl des Hauptmanns, Niemand oh⸗ ne Parole durchzulaſſen, zu entſchuldigen;— ich aber machte nicht viele Worte, ſondern eilte in mein Quartier zuruͤck zukommen, das ich gleich einem Schulbuben heimlicher Weiſe verlaſſen hatte. IV. „Aus Conrads Erzaͤhlung leuchtete deutlich hervor, daß ich gegen die Regeln des Standes, in welchem ich mich gegenwaͤrtig befand, gefuͤndiget und ſchon den Tadel desjenigen auf mich gezogen hatte, in deſſen Haͤnden nicht allein das Recht des Vorwurfs, ſondern auch die Macht zu ſtrafen lag. Indem ich ein Weilchen verwirrt daruͤber nach⸗ dachte, rieth mir zwar meine angenommene Gleich⸗ gältigkeit, mich nicht weiter darum zu bekuͤmmern, ſondern den Dingen ihren Lauf zu laſſen, und mei⸗ nen eignen Weg zu verfolgen, ohne irgend ein an⸗ deres Weſen als mich ſelbſt im Auge zu behalten, waͤhrend jedoch eine geheime Stimme im Zwieſpalt mit dieſem Grundſatze mir zufliſterte, daß, da ich 7 56 aus eigner Wahl das Joch uͤber meinen Nacken geworfen habe, es albern, kindiſch und wunder⸗ lich ſeyn wuͤrde, es ſogleich wieder abzuſchuͤtteln. Ich, der Abkoͤmmling einer Reihe glorreicher Vorfahren, ſprach es in mir, das letzte Glied ei⸗ ner glaͤnzenden Kette von Ahnen, deren Name bisher nur ruͤhmlichſt genannt worden iſt, ſoll nun am Ziele meiner Laufbahn ſtraucheln?“— Waͤhrend dieſer Betrachtung kleidete ich mich zum Lever an, und ging, noch ehe ich mich zur be⸗ ſtimmten Stunde im Dom einfand, in Zollen⸗ dorfs Quartier. So ſehr der alte Krieger ſich auch Muͤhe gab, die ſchuldige Achtung gegen mich zu bpeobachten, zeugte dennoch ſeine verdrießliche Mie⸗ ne von dem Mißvergnuͤgen das er uͤber mein Be⸗ nehmen empfand. Freund, redete ich ihn an, ich bin ein junger, unerfahrner Soldat, ihr muͤßt mir als Vormund zur Seite ſtehen; ſaſt fuͤrchte ich ſchon den Anſtand verletzt zu haben. 3 „Guaͤdiger Herr,“ entgegnete Zollendorf, „ich zweiſte ſehr daß eure Aufnahme am heutigen Morgen dem Empfange des geſtrigen Abends gleich ſeyn wird.— Der General iſt ein ſtrenger —— 57 Befehlshaber; er verſteht es, Ordnung und Manns⸗ zucht aufrecht zu erhalten.“ „Nun wohl, Zollendorf, ich geſtehe mich diesmal als ein Neuling betragen zu haben, werde aber in der Folge meine Unwiſſenheit durch eure Erfahrung leiten laſſen.“ Indem ich mich zu einem der Officiere wand⸗ te, um mit ihm zu reden, hoͤrte ich den alten Graubart murmeln. „Hab wenig Hoffnung dazu!— Das will ein Marchfeldt ſeyn!— Sein Vater, der ed⸗ le Ulrich wuͤrde, anſtatt eine ganze Nacht im Walde zu ſitzen, dem Geſchrei der Eulen zuzuhoͤren, und in den Mond zu gucken, mit der Lerche im Freien geweſen ſeyn, jeden Poſten beſucht, ſich mit ſeinen Kriegern in ein Geſpraͤch eingelaſſen, und ſie zu ihrer Pflicht ermuntert haben. Der Knabe muß ſchon in den Windeln vertauſcht wor⸗ den ſeyn, denn in ſeinen Adern rinnt kein Tro⸗ pfen Bluts ſeiner Ahnen!— Wer weiß ob ich den Tag nicht noch erleben muß, ihn davon laufen, und uns alle in Schimpf und Schande ſtuͤrzen zu ſehen.“— 5⁸ Es ſchien mir als ſey der Alte in ſeiner Ver⸗ achtung meiner voͤllig gleichguͤltig, ob ich dies Ge⸗ murmel vernehme oder nicht; die letzte Bemerkung reizte meine Galle, jedoch ſtellte ich mich, als ob ich ſie nicht gehoͤrt haͤtte. Ich fuͤhlte den Sporn der mich aus meiner Traͤgheit erweckte.— Nein, rief ich in meinem Innern, ſie ſogar, deren Ver⸗ luſt mich ſo verwandelt hat, wuͤrde erroͤthen auf dieſe Weiſe einen Zweifel in ihren Wilhelm ſe⸗ tzen zu ſehen. Soll ich mich ihrer unwerth be⸗ weiſen?— Nein, alter Zollendorf, ich will dich dahin bringen deinen Jrrthum zu geſtehen; du ſollſt mich als Ulrichs Sohn anerkennen ler⸗ nen!— Es bedurfte in Wahrxheie dieſer chirpfichen Worte des alten Kriegers, um mich aus meinem Seelenſchlafe zu ziehen; ich fuͤhlte dies, und an⸗ ſtatt den alten treuen Diener meines Vaters in der erſten Aufwallung zur Rede zu ſtellen, beſchloß ich ihn durch Thaten von ſeinem Unrecht zu uͤber⸗ zeugen. 48 Jetzt ſchlug die Srunde, in n welce mich der junge Wallenſtein in den Dom beſtellt hatte. Ich fand ihn nicht daſelbſt, und brachte meine noch 59 uͤbrige Zeit damit zu, die Nichtigkeit aller irdi⸗ ſchen Groͤße an den Grabmaͤhlern, zwiſchen den hohen, ehrwuͤrdigen Pfeilern des Gebaͤudes, 39 betrachten. Als ich mich endlich in den Audienz:e Saal begab, ſah ich mich kalt von verſchiedenen der Of⸗ ficiere begruͤßt, die mich am pergangenen Abend mit Hoͤflichkeiten uͤberſchuͤttet hatten. Wahrſcheinlich wuͤrde ich dieſen Wechſel der Dinge nicht bemerkt haben, haͤtte nicht Wolfſtein, der an einer der Balluſtraden gelehnt ſtand, und mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit auf die Voruͤbergehenden ſah, ſeine Augen zu mir aufgehoben und mir zugerufen: „Das ſind unſere Schwalben, Freund, lauter Schwalben!— Habt ein wachſames Auge auf ſie, und ihr koͤnnt gleich bemerken, ob der Wind aus Nord⸗Oſt blaͤſt. Glaubt mir, kein Wetter⸗ hahn kann getreuer ſeyn!“— In dieſem Augenblicke fuͤhlte ich einen leich⸗ ten Schlag auf die Schulter; es war Graf Caſi⸗ mir, der hinter mir die Treppe heraufkommend, mich mit ſchnellen Schritten zu ereilen ſtrebte. „Freiherr,“ rief er,„wenn mein Auf⸗ trag ausgerichtet iſt, werdet ihr mein Außenblei⸗ ————— ben entſchuldigt haben. Ein Soldat iſt nicht im⸗ mer Herr ſeiner Zeit. Ich haͤtte es ſehr ge⸗ wuͤnſcht noch mit euch allein zu ſprechen, ehe ihr zu meinem Vater kaͤmet; aber alles wird ſchon gut gehen. Jedoch muͤßt ihr mir einen Rath erlauben. Sollte mein Pater vielleicht in etwas haͤrterem Tone, als ihr zu hoͤren gewohnt ſeyd, gewiſſe Dinge beruͤhren, ſo beſchwoͤre ich euch eure Em⸗ pfindlichkeit zu maͤßigen. Reizt ihn nicht, und glaubt mir auf mein Wort, es giebt keinen bra⸗ ven Mann im Heere des Herzogs, der nicht ſol⸗ cher Maͤßigung von Zeit zu Zeit beduͤrfte. Ich ſe⸗ tze meine Ehre zum Pfande, daß ihr durch eure Geduld keinen Flecken davon tragen ſollt.“ „Man ſollte faſt denken, Wallenſtein, ſagte Wolfſtein hoͤhniſch,„die Liſte eurer Freunde ſtei⸗ gere ſich nach der Muſterrolle eures Vaters. Hier freilich koͤnnt ihr wohl ſicher ſeyn; aber geſteht mir „ob ihr immer eure Ehre mackellos erhalten habt, wenn ihr ſie ſo freigebig an Freunden von geſtern verpfaͤndetet?“ „Ihr werdet wenigſtens eingeſtehen muͤſſen, daß wir nicht alle zum Schwalben⸗Geſchlecht ge⸗ hoͤren,“ erwiederte Wallenſtein.„Shinn ruch, Ritter, und lernt beſſer vom Menſchen den⸗ ken. Es giebt Voͤgel aller Gattungen unter uns; Tauben, Falken, Adler, und ich hoffe ihr haltet mich nicht fuͤr eine ſolche Memme, um mich durch euren Spott irre machen zu laſſen.— Freiherr von Marchfeldt, wollt ihr meine Ehre zum Un⸗ terpfand annehmen, und meinem Rathe trauen?"— Bei dieſen Worten bot er mir ſeine Hand mit einer offenen Freimuͤthigkeit dar, der ich nicht zu widerſtehen vermochte. In der Stimme ſowohl wie im Betragen Wallenſteins, lag ein ge⸗ wiſſes Etwas, das mein Vertrauen erweckte, ohne daß ich mir ſelbſt Rechenſchaft davon zu geben ver⸗ mochte, waͤhrend Wolfſteins Anblick mich mit unuͤberwindlichem Verdacht erfuͤllte. Der Erſtere nahm meinen Arm, und wir gingen mit einander zum Herzoge. Ich bemerkte wie mein Fuͤhrer kei⸗ neswegs die naͤheren Bande welche ihn an den Ge⸗ neral knuͤpften, geltend machte. Die naͤmliche ſteife, militaͤriſche Begruͤßung, welche bei den andern Of⸗ fieieren ſtatt fand, ward zwiſchen Vater und Sohn gewechſelt Er uͤbergab ein Packet verſiegelter Pa⸗ piere, und dann ſich zu mir wendend, deſſen An⸗ 62 näͤherung, wie es mir ſchien abſichtlich von dem General uͤberſehen wurde, ſagte er: „Baron Marchfeldt, gnaͤdigſter Herr, er⸗ wartet eure Befehle, und macht mich zu ſeinem Fuͤrſprecher wegen einiger kleinen Vernachlaſſigun⸗ gen, deren er ſich durch Unerfahrenheit im Dienſt hat zu Schulden kommen laſſen, die aber ein kur⸗ zer Feldzug unter euren Fahnen ſodn wieder gut machen wird.„ 3 Geruͤhrt und uͤberraſcht von der großmuͤthigen Art, mit der mein junger Fuͤrſprecher ſich fuͤr mich verwandte, und dem bittenden Blicke, mit welchem er die Antwort erwartete, blieb mir den⸗ noch die Neugierde, mit manchem andern Gefuͤhle vermiſcht, nicht verborgen, die ſich auf den Ge⸗ ſichtern der Umſtehenden zeigte, waͤhrend ich, der dieſe verſchiedenen Empfindungen erregte, vielleicht der Unbefangenſte von allen war, den Ausfhruch des Richters zu vernehmen. „Es thut mir leid,“ ſagte der Herzog, in⸗ dem er ſich kalt gegen mich verbeugte,„daß der Freiherr ſchon ſo bald Urſache zu einer Entſchuldi⸗ gung giebt.— Wollt ihr mir die Gefaͤlligkeit er⸗ weiſen, Baron, hier zu lleihen, bis meine Freun⸗ 63 de ſich entfernt haben werden?— Es ſcheint mir nothwendig mit euch eine kleine beſondere Un⸗ terhaltung zu pflegen.“ Ich gab meine Einwilligung durch eine ſtumme Verbeugung zu erkennen, und es ſchien faſt als waͤren die Zuſchauer eines kleinen Triumphs be⸗ raubt worden. Sie erwarteten den Neuling ge⸗ kraͤnkt, beſchaͤmt zu ſehen, und ahneten wenig welch eine eherne Ruͤſtung meinen Buſen gegen die Pfeile der Demuͤthigung umgab, durch welche ge⸗ woͤhnlich Maͤnner⸗Stolz ſo leicht verletzbar iſt. Mein einziger, mir noch uͤbrig gebliebener Ehr⸗ geiz beſchraͤnkte ſich darauf tadellos meine Pflicht zu erfuͤllen, und da ich keine perſoͤnliche Furcht kannte, fuͤhlte ich die ruhige Sicherheit in mir, das Andenken meiner Vaͤter nie ſchaͤnden zu koͤnnen. „Alles geht gluͤcklich,“ fliſterte Graf Caſi⸗ mir mir mit vor Freude funkelnden Augen ins Ohr.„Ich leſe im Blicke des Generals, daß er guͤnſtig fuͤr euch geſtimmt iſt; noch nie ſah ich Je⸗ mand ſo leicht davon kommen. Ihr aber habt euch wie ein Held benommen und es verſtanden das Eingeſtaͤndniß eines kleinen Irrthums durch die, dem Manne und dem Krieger gebuͤhrende 64 2 Wuͤrde zu mildern; dies iſt der Weg zur Achtung meines Vaters, ſo wie es gleichfalls der richtige Weg iſt die Anſchlaͤge der Neider zu vereiteln, denn ungeachtet meines Streites mit Wolf ſtein, muß ich der Wahrheit gemaͤß bekennen, daß wir leider manche Voͤgel unter uns haben, die euch ger⸗ ne eurer Federn beraubt ſehen moͤchten, um ſich ſelbſt damit zu ſchmuͤcken. In der Welt giebt es immer Menſchen von verſchiedenen Geſinnungen, ſo auch unter uns, und der groͤßere Theil iſt weder ganz Teufel, noch erhebt er ſich voͤllig zum En⸗ gel.“ Als der Graf mich bei dieſen Worten verließ, trat Wolfſtein zu mir. „Es ſcheint mir,“ ſagte er,„als ob dieſe Mummerei, dieſe ſtreife Repreſentation, dies feier⸗ liche Gaukelſpiel, keinen Eindruck auf euch mache? Wenn die Natur nur nicht alle Menſchen ſo gleich geformt haͤtte, um wie vieles ertraͤglicher koͤnnte das Spiel des Lebens ſeyn; doch ſo wie es iſt, iſt es ein gar langweiliges Ding. Einen Tag wie den andern lauft die Maſchine im gewohnten Gleiſe ab, und mein Leben auf dieſem ſchwerfaͤlli⸗ gen, neblichten Planeten hat nun ſchon volle acht und zwanzig Jahre gedauert;— ich habe mit al⸗ len Arten von Maͤnnern gelebt, und mich von Frauen aller Art anlaͤcheln laſſen, von Blondinen und Bruͤnetten, blau und braunaͤugigen Schoͤnen. Merkt euch das, Freiherr, denn darin liegt eigent⸗ lich doch die einzige Verſchiedenheit, das Uebrige iſt bei allen gleich, nur kleiden ſie ſich zuweilen nach einer andern Mode; im Weſentlichen aber ſind ſie einander alle aͤhnlich. Da habe ich mich nun bis jetzt meiſterhaft durch dies alles durchge⸗ ſchlagen, denn in der Regel ſehen die Menſchen doch mit gehoͤriger Scheu auf den ſie verachtenden, uͤberlegenen Geiſt. So wie ihr haͤtte ich aber um keinen Preis vor dem Herzog ſtehen, und das Zu⸗ ſammenziehen ſeiner Augenbraunen ertragen koͤn⸗ nen, wozu euch der Irrwiſch von Menſch, ſein Sohn verleitete.— Ihr muüßt wiſſen, Freiherr, daß der Brauch keinen Einfluß auf mich hat; ich verachte ihn, und ſpreche ganz meiner eigenthuͤmli⸗ chen Natur gemaͤß mit euch. Auch ihr habt, wenn ich nicht ſehr irre, etwas Eigenthuͤmliches in eu⸗ rem Charakter, etwas, das der Muͤhe werth iſt es in ſeiner Reinheit zu bewahren, und was den Ge⸗— ſchoͤpfen, die keinen Sinn fuͤr dergleichen habey⸗ W. v. W. 8— N 66 Trotz biethen muß. Solltet ihr euch wirklich als den bewaͤhren, fuͤr welchen ich euch halte, ſo wol⸗ len wir ein Buͤndniß mit einander ſchließen; das Wort Freundſchaft ſteht mir nicht an, es iſt ein abgedroſchenes, oft verunglimpftes Wort.“ „Ich fuͤrchte, Herr Ritter,“ erwiederte ich, „daß euer Scharfſinn bei mir fehl geht; der Un⸗ terſchied zwiſchen mir und der uͤbrigen Menſchen⸗ Maſſe, iſt nicht in meiner Natur begruͤndet, ſon⸗ dern entſpringt einzig aus Umſtaͤnden. Neigung und Vernunft wuͤrden mich zu demſelben Beneh⸗ men, welches ihr mißbilliget, am heutigen Morgen beſtimmt haben, wenn auch der Graf weiter durch⸗ aus nicht im Spiele geweſen waͤre. In einer Sache aber will ich euch nachahmen, und ganz meiner Natur gemäß reden, und ſo geſtehe ich durchaus nicht zu begreifen, welch ein Vortheil fuͤr einen von uns aus einem Buͤndniſſe entſpringen könnte, da es ſicher unter dem ganzen Heere des Herzogs keine lebloſere Maſchine giebt, als der iſt, deſſen Eigenthuͤmlichkeit ihr der Muͤhe werth ach⸗ tetet, bewahrt zu werden. Nun wohl, ſo ſolgt dann dem büinden Ge⸗ 3 üwce, entgegnete er.„Der Sadßere Haufe der 67 Menſchen iſt doch nur einzig dazu geſchaffen; we⸗ nige gehen ihren eigenen Weg.— Indeſſen ſo lan⸗ ge ihr mir raͤthſelhaft erſcheint, werde ich euer Be⸗ nehmen beobachten, pruͤfen und zergliedern.— Es iſt eben ſo gut als jeder andere Zeitvertreib.“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatte ſich die Men⸗ ge entfernt, und der Herzog ließ mich in ſein Ca⸗ binett rufen. Indem ich mich naͤherte, ſagte Graf Caſimir laͤchelnd: „Nur diesmal, Freiherr, geſtattet mir den Vortritt,“ darauf ſich zu ſeinem Vater wendend, fuhr er fort:„Gnaͤdigſter Herr, meine Zeit iſt ge⸗ wiſſermaßen beſchraͤnkt; geruhet mir eine geheime Audienz von wenigen Minuten zu gewaͤhren.“ Nachdem der Herzog foͤrmlich bei mir um Entſchuldigung gebeten hatte, ging er mit ſeinem Sohne ins Cabinett, wo ſie einige Zeit mit einan⸗ der verweilten, waͤhrend ich im Saale wartete. End⸗ lich rief der Graf mich hinein, worauf der Ge⸗ neral mit heiterer Miene meine Hand ſaßte und ſagte: 8 „Mein Wunſch, Freiherr, iſt, euch ſobald als moͤglich auf einen Platz zu ſtellen, der eurer wuͤr⸗ dig iſt, daher ernenne ich euch zum Diviſions⸗Obri⸗ 5* 68 ſten im linken Fluͤgel des Heeres, der vom Prinzen Schaumburg commandirt wird. Auch meines Sohnes Regiment befindet ſich unter dieſer Abthei⸗ Aung, und da Caſimir, obgleich erſt in cinem Alter von fuͤnf und zwanzig Jahren, ſchon ein er⸗ fahrner Soldat iſt, wird er euch, wenn ihr es verlangt, mit ſeinem Rathe zur Seite ſtehen. Morgen, auf der Parade, werde ich eure Befoͤr⸗ derung bekannt machen. Es wird euch uͤbrigens nicht an Beſchaͤftigung fehlen, und Zollendorf mag euch als rechte Hand dienen. Ihr habt eure Sporen noch zu verdienen, die Ehre glorreicher Ahnen aufrecht zu erhalten, und obgleich euer Ein⸗ tritt in die militaͤriſche Laufbahn etwas ungewoͤhn⸗ ich ausgefallen iſt, hege ich dennoch die innere Ueberzeugung, daß die erſte Schlacht den Ruhm enres Hauſes nicht verdunkeln wird.“ „Mein General,“ erwiederte ich,„die groß⸗ muͤthige Weiſe mit welcher ihr meinen geſtrigen Irrthum uͤberſeht, wird nie von mir vergeſſen wer⸗ den, und mein hoͤchſtes Beſtreben ſoll dahin gehen, euch dies durch die That zu beweiſen.“— 4 Wer den Herzog nur im oͤffentlichen Leben als einen ſtrengen, deſpotiſchen Heerfuͤhrer geſehen hat, 1 69 vermag ſich keinen Begriff von dem wohlwollenden Blick zu machen, mit dem er mich entließ. „Jetzt,“ ſagte Caſimir, indem wir mit einander fortgingen,„bleibt mir in der That nichts fuͤr die naͤchſte Stunde zu thun uͤbrig, als allen⸗ falls eure Equipage fuͤr den kuͤnftigen Poſten nach⸗ zuſehen, um gleich mein Amt mit euch zu beginnen. Gefaͤllt es euch, ſo fuͤhrt mich in eure Staͤlle; ich wette der alte Zollendorf hat ſchon Sorge ge⸗ tragen, euer Regiment gut beritten zu machen.“ Denke dir jetzt, Luiſe, wie ich eigentlich gezwungen wurde, meine alten Gewohnheiten ab⸗ zulegen, und dennoch konnte ich mich nicht entſchlie⸗ ßen, dem Zwange durch einen freiwilligen Ent⸗ ſchluſſe zu Huͤlfe zu kommen. Caſimir bewun⸗ derte meine ſchoͤne Stuterei, und verſicherte daß im ganzen Heere, den Herzog ausgenommen, kein Of⸗ ſicier beſſer verſehen ſey.— Meine ganze Equipage wurde beſichtiget, alles auf das Vollſtaͤndigſte be⸗ funden, und eine Stunde war ſchnell mit dieſen Unterſuchungen dahin gefloſſen. 4 .„Jetzt,“ rief der Graf,„muß ich fort; aber verſaͤumt die Zeit des Mittags⸗Eſſens nicht bei mir.— Ihr werdet den Prinzen Schaum⸗ 1 70 burg und mehrere unſerer vorzuͤglichen Maͤnner treffen. Um zwei Uhr wird zur Tafel gegangen, vergeßt nicht daß wir puͤnktlich ſind, und begebt euch um des Himmels willen nicht wieder in den bezauberten Wald. Ich ſpreche im Ernſt; Puͤnkt⸗ üichkeit iſt durchaus Geſetz bei uns, und ſogar bei unſern Feſten duͤrfen wir uns nicht erwarten laſſen. Ihr ſeyd noch Neuling unter uns, und habt noch die gute Meinung anderer zu erwerben; wenige Zeit wird hinreichend ſeyn euch zum freien, ſelbſtſtaͤn⸗ digen Mann zu machen.“ „Graf,“ rief ich,„wenn kein geheimes Ge⸗ ſchaͤft euch ruft, ſo nehmt mich mit euch, damit ich von euch lerne. Zum wenigſten wird es mich vor der Gefahr ſchuͤtzen, mich in meinen Traͤume⸗ reien zu verlieren.“ Es koſtete mich in der That nicht wenig die mir tr ſo liebe Einſamkeit aufzugeben; aber diesmal gelang die Ueberwindung, und ich begleitete den Grafen geduldig durch eine Menge milltaͤriſcher An⸗ ordnungen. So nahete die Stunde des Mittags⸗ eſſens heran, wo ich ihm in ſeine Wohnung folgte. „Ich erwarte meine Gaͤſte mit Ungeduld,“ ſagte er,„obwohl meine Gefuͤhle gegen einige Uu⸗ * — 71 ter ihnen eben nicht von der wohlwollendſten Art ſind. Mehrere von denen, die Wolfſtein mit dem Namen Schwalben betitelt, werden ſich heute bei mir einfinden; ſie ergoͤtzen ſich heimlich an dem Gedanken, daß ihr euch in Arreſt beſindet, denn dieſe Folgerung glaubten ſie aus der gerun⸗ zelten Stirne meines Vaters ziehen zu koͤnnen. Vermuthlich wird ihr Mitleid uͤber die vermeinte ungnade, in welche ihr gefallen ſeyd, mit der Freude uͤber eure Befoͤrderung zu einem Poſten Schritt halten, nach welchem mancher vergebens ſtrebte. Es liegt doch etwas ſo Niedriges und Veraͤchtli⸗ ches im Neide, daß ich mich in der innerſten See⸗ le freue, dieſe Menſchen in ihren Erwartungen ge⸗ taͤuſcht zu ſehen.“ „Erſt geſtern,“ erwiederte ich,„kam ich allen fremd nach Halberſtadt, wie iſt es nur moͤglich, daß ich in einem ſo kurzen Zeitraume, der Gegenſtand ſo vieler guten und boͤſen Wuͤnſche in den Herzen meiner Cameraden geworden ſeyn koͤnne? Doch da dem ſo iſt, will ich wenigſtens meiner Seits nichts beitragen die Bosheit der Schlimmeren zu vermehren; es liegt ohnehin in 72 eurem edelmuͤthigen Da aen hinlaͤnglicher Troſt fuͤr mich.“ „Nennt mein Gefüht gegen euch immerhin Freundſchaft,“ entgegnete der Graf,“ und beur⸗ theilt mich nicht nach den Eingebungen des men⸗ ſchenfeindlichen Wolfſtein s. Ich bin nicht al⸗ lein in dem Punkt von ihm verſchieden, daß ich ein allgemeines Wohlwollen gegen meine Neben⸗ menſchen fuͤhle,(vielleicht die Schwalben ausge⸗ men,) ſondern auch darin, daß ich wenige, zwar nur ſehr wenige, ſo recht vom Grunde mei⸗ nes Herzens liebe, waͤhrend es kein Weſen giebt, dem Wolfſtein mit voller Seele zugethan waͤ⸗ re.— Mein Vater,“ ſetzte er mit begeiſtertem Blick hinzu,„iſt eigentlich ein edler Menſch! Er beſitzt einen erhabenen, wuͤrdevollen, großmuͤ⸗ thigen Charakter! Bis jetzt kennt ihr ihn nur noch in der Strenge, die ſein Standpunkt von ihm heiſcht; bald werdet ihr in ihm auch den ge⸗ ſelligen, heitern Menſchen erblicken. Schaum⸗ burg, unſer Anfuͤhrer, iſt ein gebildeter Mann, und ein tapfrer Soldat.— Wie ich euch aber den Wolſſtein ſchildern ſoll, weiß ich in der That nicht; der ſteht mir unbegreiflich das Ich — 23 kann mir weder ſeine Gemuͤthsart erklaͤren, noch vermag ich die Regelloſigkeit ſeiner Handlungen zu faſſen. Doch wir werden unterbrochen, und es iſt gewiſſermaßen gut, weil ich wuͤnſche ihr moͤget ſelbſt uͤber dieſen unerklaͤrlichen Mann ur⸗ theilen, ehe ich euch alles ſage was ich von ihm weiß. Hier trat der Herzog herein, begleitet von einem zahlreichen Gefolge oͤſterreichiſcher, boͤhmi⸗ ſcher, und hungariſcher Officiere. Schon ſeine ganze Haltung und Geſtalt deutete ihn als den Heerfuͤhrer an, ſeine Erſcheinung floͤßte Ehrfurcht ein. Freundlich erwiederte er meinen Gruß.„Du haſt, wie es ſcheint, einen gelehrigen Schuͤler ge⸗ funden,“ ſagte er, ſich zu ſeinem Sohne wen⸗ dend,„und ihr, Baron, habt einen Freund ge⸗ ſunden, der es werth iſt von euch erkannt zu werden. Schaumburg, ich muß euch euren neuen Officier, den Freiherrn v. Marchfeldt vorſtellen; er hat uns einen Haufen ruͤſtiger Krie⸗ ger vom Ufer der Raab zugefuͤhrt.“ Fuͤrſt Schaumburg reichte mir die Hand und ſagte mir etwas Verbindliches, mich unker ſeine Fahnen nehmen zu ſollen; doch lag einige . 74 Verlegenheit in der Art wie er mir zu meinem Poſten Gluͤck wuͤnſchte, welches mich gewiſſerma⸗ ßen befremdete. Bei Tafel wurde der Rang bei den Plaͤtzen genau beobachtet; ich wollte mich ans untere Ende begeben, doch ſobald der Herzog ſeinen Sohn darauf aufmerkſam machte, rief dieſer: „Baron Marchfeldt, erzeiget mir die Gefälligkeit euch neben den Furſien Schaum⸗ burg zu fetzen.“ Indem ich der Aufforderung folgte, konnte ich nicht umhin zu bemerken, weiches Erſtaunen ſich in den Geſichtern des groͤßten Theils der Gaͤſte ausdruͤckte. Waͤhrend des Mahls wurde mir ſe⸗ wohl vom Herzoge als ſeinem Sohne, mit aus⸗ gezeichneter Achtung begegnet; auch der Prinz gab ſich Muͤhe mich in die Unterhaltung zu zie⸗ hen. Von ihm höoͤrte ich, daß wir naͤchſter Tags die Annaͤherung des Feindes zu erwarten haͤtten, das Heer immer ſchlagfertig gehalten wuͤrde, und daß alſo ſowohl im Lager als in der Stadt die ſtrengſte Kriegszucht herrſchen muͤſſe. Ich geſtand meine gaͤnzliche Unwiſſenheit im Dienſte, fuͤgte aber hinzu, daß ich mich voͤllig der Leitung des jungen Wallenſteins uͤberlaſſen habe. 75 „Ihr thut wohl daran,“ erwiederte der Prinz. Es iſt ein edler Menſch, der euch den groͤßten Beweis ſeiner uneigennuͤtzigen Freund⸗ ſchaft gegeben hat.“ Ich verſtand ihn nicht voͤllig, und glaubte anfangs, er deute einzig auf ſeine Fuͤrſprache bei dem Vater hin; doch bald zeigte es ſich, daß noch ein anderer Sinn in den Worten verborgen lie⸗ ge, und auf meine wiederholte Bitte um eine Erklaͤrung, rief der Prinz: „So wißt ihr alſo wirklich nicht daß der Poſten den ihr erhalten habt, lange dem Grafen Wallenſtein verſprochen war, daß er dieſen Morgen nicht allein freiwillig darauf Verzicht leiſtete, ſondern ſogar darauf beſtand, daß er euch uͤbergeben, und ihr auf der naͤchſten Parade dazu ernannt werden ſolltet?— Nehmt's mir nicht uͤbel, junger Mann, Poeten und Moraliſten moͤ⸗ gen euch wohl in Buͤchern viel von ſolchen Hand⸗ lungen vorgeſchwatzt haben; dies aber iſt eine wahrhaft uneigennuͤtzige That, und des edelſten Mannes werth, der jemals ein Schwerdt fuͤhrte.“ 76 Mein Herz war zum Zerſpringen voll.— „Und dies haͤtte Wallenſtein faͤr einen ihm ganz fremden Menſchen gethan?“— fragte ich. „Eure Verwunderung daruͤber iſt ſehr na⸗ tuͤrlich,“ entgegnete der alte Krieger;„indeß muß ich geſtehen daß unſer junger Graf ſich etwas zum Ro⸗ mantiſchen neigt. Sein Vater hatte auch einſt einen Schwung davon, doch hat er die Menſchen beſſer rennen gelernt. Sein Kopf hat manchen harten Kampf mit dem Herzen beſtanden, aber endlich 2 den fuͤr ihn ſo nothwendigen Sieg errungen.“ Jetzt wurde das Geſpraͤch allgeinein, und ich verſank in jenes tiefe Stillſchweigen, welches immer verdrießlich fuͤr mich zu brechen iſt. Die neue, ſchoͤne Seite welche in der Geſchichte des menſchlichen Charakters aufgeſchlagen vor mir da lag, milderte zwar in etwas das dumpfe Hin⸗ bruͤten, in welchem ich mich gewoͤhnlich verlor; ich vergaß die Gegenwart, und wußte zuletzt nicht mehr daß ich mich an der Tafel, umgeben von manchem beobachtenden Auge befand. Die Ein⸗ bildungskraft fuͤhrte mich zuruͤck an die Ufer der Raab, und weißt du, Luiſe, mit welchen ſcho⸗ nen Phantomen ſie mich umgantelte— Es war mir als fuͤhre ich Caſimir zu meiner ge⸗ liebten Schweſter, als lege ich ihre Haͤnde in einander, und ſpraͤche die heißeſten Wuͤnſche uͤber ihr beiderſeitiges Wohl aus.— Weiß ich doch ſelbſt nicht wie lange ich in dieſen ſuͤßen Traͤu⸗ mereien weilte, in welche das Geraͤuſch der mich umgebenden Stimmen, mich immer noch tiefer zu verſenken ſchien. Endlich wurde ich durch den Ton meines eigenen Namens aufgeſchreckt; Graf Blumenberg, der mir gegenuͤber ſaß, for⸗ derte mich auf einen Becher Wein mit ihm zu leeren; gluͤcklicher Weiſe war er ſelbſt ſo ſehr mit Einſchenken beſchaͤftigt, daß er die Abweſenheit meiner Gedanken nicht bemerkte; Wolfſtein aber der ihm zur Seite, mit dem Ellenbogen auf den Tiſch geſtuͤtzt ſaß, heftete ſein Luchs⸗Auge ſo forſchend auf mich, als wolle er das Innerſte meiner Seele durchſchauen. Meine Verwirrung ward nicht geringer als ich bemerkte daß das mei⸗ nige ſich unwillkuͤhrlich mit Thraͤnen gefuͤllt hatte; ſchnell beeiferte ich mich ſie zuruͤckzudraͤngen, und goß einige Tropfen Weins in meinen Becher. „So war es nicht gemeint,“ rief Blumen⸗ berg;: meine Ausforderung galt einem vollen 78 Humpen, und da findet kein anderer Vergleich ſtatt. 24 „Gewaͤhrt mir die Bitte,“ hoͤrte ich mir ſchnell einfallen,„den Freiherrn furs mal zu entſchuldigen; er muß ſich erſt an unſere Weiſe gewoͤhnen, daher geſtattet mir die Ausfor⸗ derung fuͤr ihn zu üͤbernehmen, wo ich euch red⸗ lich Beſcheid thun werde, der Becher moͤge noch ſo tief ſeyn.“ 8 Bald darauf ſtand man von der Tafel auf, um auf die Parade zu gehen. Im Forteilen rief der Herzog mir noch zu: „Ihr werdet mich heut Abend zu einem Maskenball begleiten, den die Graͤfin Waren⸗ ka giebt.— Ich will euch dort ſelbſt einfuͤhren, um euch Zutritt in dieſem Hauſe zu verſchaffen.“ Das war zu viel; ſchon ſchwebte eine Ent⸗ ſchuldigung auf meinen Lippen, als Caſimir, meine Abſicht ahnend, mich beim Arme ergriff, den er kraͤftig druͤckte.— Ich verſtand den Wink, und, obgleich ungern, verbeugte ich mich, zum Zeichen der ſtillſchweigenden Einwilligung. 8 ———— ——— — 79 V. „Freiherr,“ rief der Graf, indem wir zur Parade wanderten,„welch ein ungelehriger Menſch ſeyd ihr! Wenn ich nicht auf der Huth gewe⸗ ſen waͤre, wuͤrdet ihr es rein abgeſchlagen haben, mit auf den Ball zu gehen.— Solche Dinge ſind unerlaͤßlich; habt Geduld, und die Ketten welche euch jetzt ſo ſchwer zu tragen ſcheinen, werden ſchon mit der Zeit leichter werden. Fuͤr den gegenwaͤrtigen Moment ſind viele Augen auf euch gerichtet, und es ziemt euch vorſichtig zu ſeyn.“— „Graf, warum habt ihr mich zu dem Po⸗ ſten erhoben, den ihr bekleiden ſolltet, einem Po⸗ ſten, dem ihr durch euren maͤnnlichen Geiſt, eu⸗ ren kriegeriſchen Eifer, Ehre gemacht haben wuͤr⸗ det!— Ich werde eine armſelige Figur darauf ſpielen, denn, um die Wahrheit zu geſtehen, geht mein Ehrgeiz ncht weiter, als nur mein Tage⸗ 5* werk unbeſcholten zu verrichten. Wie koͤnnte ich auch mit Erfolg einen hohen Preis zu erringen ſtreben, da eine Stimme, die nur allein von mir gehoͤrt wird, und die mir unendlich ſuͤßer iſt, als alle andern irdiſchen Toͤne, mich unauß hoͤrlich zu ſich hinuͤber ruft?— „Armer Marchfeldt, ich ahnete ſo et⸗ was, denn von dem erſten Augenblicke an, da ich euch ſah, hielt ich euch ungluͤcklich, ja ich war uͤberzeugt, daß der Schritt den ihr gethan hattet, aus Verzweiflung entſprungen ſey, und daß ihr euch nur in das Getoͤſe der Waffen ge⸗ ſtuͤrzt haͤttet, um die Erinnerung zu betaͤuben. Obgleich noch jung, bin ich doch ſchon geraume Zeit Soldat geweſen, ich habe nie geliebt, aus diefer Bruſt ſind noch nie Seußzer fuͤr mein ei⸗ genes Gluͤck geſtiegen. So laßt mich denn fuͤr das eurige Sorge tragen, und mein Gluͤck mit. euch theilen. Zu große Gunſt des Geſchicks iſt faſt immer dem Sterblichen nachtheilig; laßt es meine Sorge ſeyn, euch von mancher Buͤrde zu befreien, welche der Stand der Dinge euch auf⸗ erlegte, und zum Dank, behaudelr mich als eie nen Bruder!— 81 Dies letzte Wort hallte in meinem Herzen wieder. „Wollte Gott, Wallenſtein,“ rief ich, „daß ihr wirklich mein Bruder waͤret!“— „Es macht ja wenig aus,“ erwiederte er,„ob wir in derſelben Wiege geſchlummert haben. Dieſe freiwillige Bruͤderſchaft thut gerade meinem Her⸗ zen wohl, und ſchon Salomo ſagt: ein treuer Freund ſey ein großer Schatz, der feſter halte als ein Bruder.“ „Aber da ihr nie geliebt habt, zweifle ich faſt ob wir uns je ganz verſtehen werden. Wie koͤnnt ihr die Gefuͤhle mit Jemand austau⸗ ſchen, deſſen ganze Seele Liebe iſt, der nur in dieſer lebt, fuͤr ſie ſterben muß, ja, der ſchon todt iſt fuͤr alles Uebrige auf der Welt.“ „Verſteht mich wohl, Freund!— Ich ſagte zwar daß ich nie geliebt haͤtte; aber es iſt kei⸗ neswegs mein Wille dieſen Planeten, den Wolf⸗ ſtein mit ſo vielen ſchmaͤhlichen Beinamen be⸗ legt, zu verlaſſen, ohne das ſuͤßeſte aller Gefuͤhle gekoſtet, ohne eine Leidenſchaft empfunden zu haben, die zu gleicher Zeit rein und heftig iſt. — Eine innere Stimme ſagt es mir oſt, daß W. v. W⸗ 6 8² es noch fuͤr mich eine nie empfundene Gluͤckſe⸗ ligkeit giebt, und meine Einbildungskraft verliert ſich dann in fuͤßen Traͤumen. Schlimm genug freilich, daß bis jetzt noch keins der weiblichen Weſen, die mancher mit dem Namen Engel be⸗ zeichnet, in mir mehr als voruͤbergehende Be⸗ wunderung erregt hat; aber ich denke meine Zeit ſey noch nicht gekommen. Zum Beiſpiel werdet ihr dieſen Abend ein ſchoͤnes Weib ſehen, in welches wir alle ſo zu ſagen verliebt ſind, und die ihrer Seits manchen wieder liebt, ſich ſelbſt aber von allen am meiſten.“ Nach der Parade begaben wir uns bald ins Hotel der Graͤfin Warentza, welches in einem praͤchtig ausgeſchmuͤckten Gebaͤude, mit langen Rei⸗ hen von Zimmern beſtand; die innern Verzierun⸗ gen der Gemaͤcher aber zeugten weit mehr von morgenlaͤndiſcher Ueppigkeit, als ſie dem wahren, weiblichen Sinne Ehre machten. An dem einen Ende des Ballſaals war ein Orcheſter errichtet, von dem uns die Toͤne aller Inſtrumente entge⸗ genſchallten; am andern ſah man den Ausgang in geraͤumige, auf mauriſche Weiſe angelegte Gar⸗ ten, mit ſchattigen Lauben, marmornen Spring⸗ 83 brunnen, und Gruppen von Orangen⸗Baͤumen, hinter denen verſteckt die kriegeriſche Muſik der Hoͤrner erſchallte. So wie Caſimir und ich eintraten, fuͤhrte der, unſer am Eingange harren⸗ de, Herzog mich zur Graͤfin, welcher er mich mit den ſchmeichelhafteſten Worten vorſtellte, die von ihr mit einer lieblich toͤnenden Stimme, auf das freundlichſte erwiedert wurden; doch bemerkte ich in Worten und Stimme etwas das dem All⸗ taͤglichen gleich ſah, und meinen Blick unverzuͤg⸗ lich wieder von ihr abwendete, indeß glaubſt du kaum, Luiſe, wie forſchend der ihrige auf dem Angeſicht eines ihr voͤllig fremden Mannes weil⸗ te. Fuͤr mich, der ich nur an wahrhaft beſchei⸗ dene, zarte Weiblichkeit im Betragen der Frauen gewoͤhnt bin, lag in dieſem feurigen, faſt moͤchte ich ſagen, gierigen Blicke der Graͤfin, etwas un⸗ beſchreiblich Widriges, ſo daß ich den meinigen zu Boden ſchlug, und doch habe ich nie eine blendendere Schoͤnheit geſehen. Sie war mit mauriſcher Pracht gekleidet, und obgleich noch viele andere Frauen in morgenlaͤndiſcher Tracht ihr zur Seite ſtanden, erſchien ſie unter ihnen als eine Armida, als eine alles verdunkelnde 6⸗ 84 Sonne. Indem ich noch ſo in Betrachtungen über die Verſchiedenheit des Ausdrucks in einem und demſelben Geſchlechte, vertieft da ſtand, wurde ich durch Wolfſtein aus meinen Traͤu⸗ mereien geriſſen. „Muth gefaßt!“ rief er.„Ihr ſcheint durch einen Sonnenſtich etwas in Vewirrung gerathen zu ſeyn. Dergleichen erlebt man oft in dieſem Himmelsſtriche; aber es iſt eben nicht ſehr ge⸗ faͤhrlich.” Ich hatte immer etwas Spoͤttelndes in Wolfſteins Reden gefunden; aber ſeine Stim⸗ me ſchien mir in dieſem Augenblicke von Galle auͤberzufließen, und auch das Erroͤthen der Graͤ⸗ ſin, ſelbſt durch die kuͤnſtliche Schminke, zeigte daß ſie es bemerkte. 1 „Ach,“ Üspelte ſie,„ich ſehe ſchon, ihr ſeyd am heutigen Abend in einer von euren un⸗ erklaͤrbaren Launen; aber erinnert euch, Herr Ritter, daß ich die Cyniker im Grunde meiner Seele haſſe.“ „Doch wohl nicht mehr, gnaͤdige Frau, als mie die Narren, ſie moͤgen maͤnnlichen oder 85 weihlichen Geſchlechts ſeyn, zuwider ſind.— Ihr werdet dieſen Abend unfehlbar tanzen?“— „s iſt unvermeidlich, weil ich dem Her⸗ zoge einen Walzer verſprochen habe.“ „Verſteht ſich!— Aber was hilft euch das Watzen, da ihr doch mit aller eurer Kunſt nicht dahin gelangt es der Fanfarina gleich zu thun. Zwar ſind eure Beinchen faſt eben ſo zierlich ge⸗ formt als die ihrigen, die Bewegungen eures Halſes ſind grazienartig; ich weiß alſo nicht wo es ſtecken mag; indeß vom Geſchmack laͤßt ſich nicht urtheilen! Fanfarina, bezaubernde Fanfarina! Nun, ich werde mit kritiſchem Auge auf jede eurer Bewegungen Acht geben; vielleicht gelingt es mir zu bemerken, worin ſich der Unterſchied befindet.“ Es lag etwas einzig Sonderbares in der Unverſchaͤmtheit des Tons, mit welchem alles dies geſagt wurde. Fanfarina iſt naͤmlich eine beruͤhmte Ballet⸗Taͤnzerin in Wien, die uͤbrigens in einem Rufe ſteht, daß jede Verglei⸗ chung zwiſchen ihr und ei ap ehrbaren Frau, hoͤchſt eleidigend ſeyn muß. Mich machte dieſer Ver⸗ leich ſo verlegen, daß es mir ſchon Pflicht ſchien 8⁰— fuͤr die Dame aufzutreten; aber das Betragen der Graͤfin ſetzte mich faſt eben ſo ſehr in Er⸗ ſtaunen, als das des Ritters. Ihr Buſen ſchwoll vor Zorn, Thraͤnen drangen in ihre Augen, und eine hohe Roͤthe uͤberzog die Wangen. Doch, ungeachtet dieſes nicht zu unterdruͤckenden Unwil⸗ lens, ſagte ſie mit halb flehendem Blicke: „Wunderliche Behauptung!— Ihr ſollt es bereuen, Herr Ritter!— Man beleidigt mich nicht ungeſtraft!“— „Doch wohl nicht gar verdrießlich, ſchoͤne Graͤfin,“ fiel er ein.„Ihr wißt wohl, ſo et⸗ was ruͤhrt mich nicht; ihr kennt meine Sonder⸗ barkeiten. Die, welche mich anlaͤcheln, duͤrfen nun einmal keinen andern anlaͤcheln. Aber ſetzt euch in Bewegung, der Herzog ſucht euch, und ihr muͤßt unfehlbar walzen!“— 3 „Wolfſtein, wie kann ich es vermei⸗ den?. „Nein, gewiß, auf keine Weiſe!— Warum auch nicht walzen?— Es iſt ein allerliebſter, einzig belebender Tan der das Blut in friſchen Umlauf bringt, daher thut ihr ſehr wohl zu walzen. Ich walze zwar nie, auch ſoll das Weib * 87 welches ich liebe, nie walzen; aber warum ſolltet ihr es nicht?— das waͤre ja in der Dhat hoͤchſt laͤcherlich!“ In dieſem Augenblicke nahete ſic der ers zog, und indem er die Hand der Graͤfin nahm, fuͤhrte er ſie in die Mitte des Saals. Ich fuͤhlte an ihrer Stelle Herzklopfen, denn es war mir klar welche Gewalt der hohnlachende, meuſchen⸗ feindliche Wolfſtein uͤber ſie zu erringen ver⸗ ſtanden hatte, und in der Bewegung worin ſie ihn verlaſſen, ſchien es mir unmoͤglich daß ſie den Preis des oͤffentlichen Beifalls davon tragen koͤn⸗ ne. Bald aber fand ich nur zu deutlich daß ich, ſo wie im Lager, auch im Ballſaal noch ein Neuling ſey. Zu meinem groͤßten Erſtaunen tanzte die Graͤfin nicht allein mit aller nur erdenklichen 3 Kunſt einer Opern⸗Taͤnzerin, ſondern noch mit einer nur ihr eigenthuͤmlichen Anmuth; und den⸗ noch dachte ich mit Wolfſt ein, daß ich nie das ⸗Weib welches ich liebte, auf dieſe Weiſe zur Schau geſtellt ſehen moͤchte. Ein lautes Bei⸗ fallrufen toͤnte jetzt durch alle Zimmer, und die Wange der Graͤfin, auf der ſich eben noch Ver⸗ druß und Bitterkeit gemalt hatten, roͤthete ſich 88 in dieſem Augenblick noch hoͤher im ſtolzen Be⸗ wußtſeyn ihres Triumphs. Als ihr erhabener Taͤn⸗ zer ſie zu einem Sitze fuͤhrte, dankte ein entzuͤckter Blick ſeinen ſchmeichelhaften Lobpreiſungen. Ich wußte nicht was ich von dem allen denken ſollte, und da Caſimir einzig mir Cour machen, Schwa⸗ tzen und Tanzen beſchaͤftigt ſchien, konnte ich ihn nicht um ſeine Meinung fragen, ſondern ſtand an einem mit Roſen und Immergruͤn umwunde⸗ nen Pfeiler, gaͤnzlich im Anſchauen der Dinge um mich herum, verloren. Der leiſe Druck ei⸗ ner ſammetweichen Hand auf meinen Arm, und der ſuͤße, melodiſche Ton der Graftn⸗ riſſen mich aus meinen Traͤumereien. „Gewiß tanzt ihr auch, Baron,“ fliſterte ſie.„Moͤchtet ihr nicht einen Gang mit mir ver⸗ ſuchen?“— Noch ehe ich antwortete trieb es mich mit dem Auge nach Wolfſtein im Saale herum zu ſchauen; aber er war nirgends zu ſehen. „Gnaͤdige Frau,“ entgegnete ich,„nehmt es nicht uͤbel wenn ich eure ſchmeichelhafte Aufforde⸗ rung ausſchlage, da ich unter allen dieſen froͤh⸗ ö —— 39 lich Tanzenden mir nur wie eine lebloſe Ma⸗ ſchine vopkomme.“ „ „Wenn das der Fall iſt,“ erwiederte ſie laͤ⸗ chelnd,„muͤſſen wir uns nach einem Prometheus umſehen, der das ſchoͤne Gefaͤß belebe, und ihm die Seele einhauche. Aber,“ ſetzte ſie faſt unwi⸗ derſtehlich reizend hinzu,„ſeyd ihr in der That unerbittlich, wollt ihr nicht tanzen?“— „Es liegt nicht in meiner Gewalt,“ ſagte ich kalt,„es iſt mir unmoͤglich!“ „Ich ſehe ſchon, Baron,“ erwiederte die Graͤfin ſtolz,„daß wir euch etwas laͤndliche Grob⸗ heit zu Gute halten muͤſſen; unter einer aͤußern harten Rinde iſt oft ein koſtbarer Edelſtein verbor⸗ gen, und ich hoffe wir erleben den Tag noch, da ihr ganz unſer ſeyn werdet.“ „Nie, gnaͤdige Frau!“— „Mir auch recht,“ rief ſie, indem ſie ſich ſchnell von mir wandte, und mich wieder meinen Traͤumereien uͤberließ.— Gleich darauf trat Wolſ⸗ ſtein hinter der andern Seite des Pfeilers her⸗ vor, faßte meinen Arm, und zog mich in den Garten. 90 „Aus welchem Stoffe ſeyd ihr bereitet, Frei⸗ herr,“ frug er, beſteht ihr aus Asbeſt, oder ſeyd ihr gar ein Salamander, der der Sage nach, im Feuer leben kann?— Welcher Zauber umgiebt euch, daß ihr im Stande ſeyd dem zaͤrtlich ſchmach⸗ tenden Auge der Weiber zu widerſtehen?— Nicht daß ich dieſen Zauber von euch borgen moͤchte, nein, einzig das Verlangen meine Wiſſenſchaft zu berei⸗ chern, treibt mich zu dieſer Frage.“ 3„Ich verſtehe euch nicht, Ritter.“ „Und ich euch nicht, Freiherr; aber, beim Himmel, ich will dazu gelangen, noch ehe wir ſcheiden, wiewohl manchmal der Zweifel in mir aufſteigt, ob es ſich auch wohl mit euch der Muͤhe verlohne, ob mehr oder weniger in euch enthalten ſey, als in der uͤbrigen Menſchenrace. Denn wißt, es gehoͤrt nun auch einmal zu meinem Glauben, daß der Witz der Wenigen, oder die Leichtglaͤubigkeit der Menge, ſeit Vater Noah's Arche, auch mit zur Sache der Mode gehoͤre. Einſt glaubte man an die Seelenwanderung, und wahrlich, indem ich euch vorhin einige Minuten hinter dem Pfeiler beobachtete, kam es mir vor, als waͤret ihr nichts mehr und nichts weniger denn die Erſcheinung des ——y—— 4 V V 91 4 wuͤrdigen, leidenſchaftloſen Ritters, der wohl vor einem Jahrhundert an dieſen Pfeiler gelehnt, ge⸗ ſtanden haben mag. Eins aber koͤnnt ihr mir ſa⸗ gen, da es Thatſache iſt. Widerſtandet ihr nicht ſo eben mit barbariſcher Grauſamkeit den Lockun⸗ gen einer Schoͤnen? Forderte die Warentza euch nicht zum Walzer auf, und ſtießet ihr, aller unmanierlichſter der Nitter, die Bittende nicht zu⸗ ruͤck?“— „Das iſt zu viel!“ rief ch zornig.„Meine Geduld hat ihre Grenzen, und ihr erprobt ſie zu arg. 1 Ich werde keine Frage beantworten, die ihr nicht das Recht habt an mich zu richten!“ „Bravo, bravo, Baron!— Ich merke nun daß ihr nicht einzig aus Erde und Waſſer ge⸗ knetet ſeyd, ſondern auch ein Theil Feuer in euch enthalten iſt! Nur das iſt der rechte Menſch, in dem ſich alle Elemente vereint beſinden, wenn die Miſchung auch oft etwas ſonderbar iſt.— Abe er, nicht wahr, ihr wurdet aufgefordert, denn eure Weigerung mir zu antworten beweiſt das ſchon deutlich genng.— Dies Weib, dieſe Waren⸗ b a! Die Natur hat ein bezauberndes Geſchoͤpf aus ihr gemacht; warum ſoll ich ſie ſchmaͤhen daß 4 92 ſie keine Seele beſitzt, da die Weiber uͤberall keine haben; haͤtten ſie eine, ſo wuͤrden ſie gar unertraͤg⸗ lich ſeyn!“— 4 „Keine Seele, Ritter! Frauen beſaͤßen keine Seele?— Um aller Welt Schaͤtze willen, moͤchte ich dieſen Gedanken nicht faſſen!“— „Ich verſtehe euch, Baron, ihr waͤhnt ein: mal eine mit einer Seele gefunden zu haben; mag 3 dies Naturſpiel meinethalben da geweſen ſeyn. Was mich betrifft, ſo glaube ich nichts— und al⸗ les. Ich habe noch nie einen Phoͤnir geſehen; aber was will das ſagen?— Ein ſolcher Vogel mag meinethalben exiſtiren, ja, ich habe Rei⸗ ſende ſehr ernſthaft von ſeinem Daſeyn uͤberzeugt getroffen, und bin weit entfernt ihnen zu wider⸗ ſrechen. Dieſen Mittag, als ich recht genan auf euch Acht gab, glaubte ich etwas an euch zu bemer⸗ 3 ken, das ſich mir dieſen Abend beſtaͤtigt, naͤmlich, wenn ihr eine Seele beſitzt, ſo hat ſie auf einige Zeit Urlaub erhalten, und iſt auf der Wanderſchaft, denn ſie iſt dieſen Tag ſo vielfaͤltig angeſprochen, daß ſie ſonſt wohl zum Handeln gezwungen ſeyn wuͤrde. Ehrgeiz und Eitelkeit muͤſſen entweder voͤllis 3im euch erloſchen ſeyn, oder ſie ſchlummern zum we⸗ —— —— 93 nigſten ſehr tief. Bei meiner Ehre, March⸗ feldt, ihr ſeyd ein gluͤcklicher Menſch! Ihr ſcheint mit aller entzuͤckenden Blindheit der Liebe umſponnen geweſen zu ſeyn, und ſie, der ihr dieſe himmliſche Taͤuſchung verdankt, verſchwand, ehe eure Augen geoͤffnet wurden; auf dieſe Weiſe bleibt ihr immer im ſuͤßen Traume der Liebe befangen, und die Geſchiedene hat ihre Apotheoſe erlangt. Nun ich das Knaͤuel zu dem Labyrinthe eures Selbſtes gefunden habe, will ich euch ein Raͤthſel aufgeben, das ihr errathen moͤgt, wenn ihr dazu im Stande ſeyd. Wie geht es wohl zu, denkt ihr, daß ich, der Ritter Wolfſtein, als ein ausgezeichnetes und vöͤllig von den andern verſchie⸗ denes Weſen, ſcheinbar wehrlos unter Maͤnnern einhergehe? Ihr ſeht mich hier, mitten im La⸗ ger als einen unabhaͤngigen Zuſchauer, und dies iſt die naͤmliche Rolle die ich an den Hoͤfen ſpiele. Unbekuͤmmert um die mich umgebenden Gewalten, beuge ich mich weder, noch ſchmeichle ich ihnen. Ein jeder unter ihnen fuͤhlt daß er in Wolſſtein nicht ſeines Gleichen findet; der groͤßere Theil der Menſchen⸗Maſſe zittert vor meinem Blick, denn ich haſſe die Narren, und die groͤßere Anzahl des 94 Menſchen⸗Geſchlechts beſteht aus Narren!— Seht, hier kommt zum Beiſpiel gleich eine Probe von dieſer unverfaͤlſchten Narrheit.“ Ein huͤbſcher, von ſich eingenommener jun⸗ ger Mann, nahete ſich uns mit der Miene der groͤßten Wichtigkeit. „Gefunden,“ rief er, ſo wie er den Ritter erblickte,„endlich gefunden! Bis zur Verzweif⸗ lung lange habe ich ſchon hinter euch hergeſucht. Warum verbergt ihr euch doch ſo abſichtlich? Die ſchoͤne Warentza ſchmachtet dahin; eine dunkle Wolke verſchleiert ihr himmliſches Angeſicht. Ich hoͤrte ſie fragen, ob Jemand euch geſehen habe, und gab mich freiwillig ſogleich zum Goͤtter⸗Bo⸗ ten her.“ 4 „Wahrhaftig, Markgraf,“ erwiederte Wolf⸗ ſtein, indem er auf den ungluͤcklichen Boten ei⸗ nen Blick der tiefſten Verachtung warf,„die Sendung iſt voͤllig eines ſolchen Abgeſandten werth. Euch alſo, wie billig eurer Buͤrde entladend, zwingt mich Gerechtigkeit, euch leer, wie ihr kamt, wie⸗ der heim zu ſchicken.“—— Sich nach dieſen Worten abwendend, ſetzte er laut genug um gehoͤrt werden zu koͤnnen, hinzu: 95 „Beim Jovis, ich moͤchte tauſendmal lieber der Blitz ſeyn, welcher ſolche Inſecten vernichter⸗ als die Sonne, die ſie ernaͤhrt!“ Jetzt ſah man die, mit Taͤnzern netülten Garten, glaͤnzend erleuchtet. Caſimir nahete ſich uns; ich hoͤrte wie Wolfſtein ihm otwas zufliſterte, worauf jener laut antwortete: „Nein, Ritter! Ein jeder von uns Beiden geht ſeinen verſchiedenen Weg; wir befinden uns nicht auf derſelben Faͤhrte. Ich bin kein Spieß⸗ geſelle fuͤr euch, da ich durchaus keinen Geſchmack beſitze Verſuche anzuſtellen.“ „Wie ſolltet wohl ihr, ein Weſen aus der großen Kette, weniger geſchickt ſeyn zu ſpielen, als mit euch ſpielen zu laſſen?“— „Ich glaube bewieſen zu haben, Herr Ritter, daß ich hinlaͤngliche Klugheit beſitze, um mich en⸗ ren Plaͤnen zu widerſetzen; was nun den Willen betrifft, ſo kommt es auf den Verſuch an, welcher von uns den kraͤftigſten hat. 4 „Wenigſtens,„¹ erwiederte Wolfſtein mit ſchneidendem T Ton,„ſtellt ihr euch durch dieſe Aeu⸗ erung auf einen Standpunkt, den ihr wuͤrdet vermieden haben, koͤnntet ihr die Geſahr deſſelben 96 uͤberſehen. Ich bin ſehr ſreigebig mit meiner Ver⸗ achtung, aber der kann ſtolz ſeyn, den ich mit meinem Haſſe beehre. Vermuthlich, Graf, ver⸗ ſteht ihr nicht den ganzen Umfang dieſes Wortes, welches euch vielleicht nur als eine gewoͤhnliche Re⸗ densart erſcheint, da nur ausgezeichnete Geiſter wahrhaft haſſen koͤnnen; ich aber will euch den Sinn dieſes Wortes in ſeiner vollen Dedentung lehren!“ Sowohl im Ausdruck mit dem Wolfſtein dieſes ſagte, als in ſeiner Miene, lag etwas Grau⸗ ſen erregendes; ſeine Wangen waren weiß wie Marmor geworden, und ſelbſt die Lippen wurden bleich; doch blieb ſein Ton kalt, ruhig und bedacht. Ich ſchauderte, und fuͤrchtend Wallenſtein moͤge heftig werden, wollte ich erſtchen den Ver⸗ mittler zu machen. „Beruhigt euer zartes Herz,“ rief Wolf⸗ ſtein mit hoͤhniſchem Laͤcheln,“ es ſoll kein Blut vergoſſen werden. Wallenſtein weiß ſchon daß ich mich nicht ſchlage.— Dies iſt ein unter Thie⸗ ren und Menſchen zu gewoͤhnlicher Brauch, als daß Wolfſtein zu ſolchen Waſſen griffe.“ V . 97 „Teufel bedienen ſich ſchnellerer, und verfei⸗ neterer Mittel zur Nache,“ verſetzte Wallen⸗ ſtein ſtolz. „Richtig,“ erwiederte Wolfſtein;„und nun gute Nacht, ihr Herren!— Ich habe oh⸗ nedem ſeit einiger Zeit ein zu ruhiges Leben ge⸗ fuͤhrt, ich ſehnte mich nach irgend einer Anregung, und ich danke euch daß ihr ſie mir verſchafft habt.“ „Beim Himmel,“ rief Caſimir, nachdem der Andere ſich entfernt hatte;„ich habe ihn nicht falſch benannt!— Er iſt wahrlich ein Teufel, * zu deſſem hoͤchſten Entzuͤcken es gehoͤrt ein menſch⸗ liches Herz recht zu zerfetzen. Euch hatte er ſich zur Beute auserſehen, da aber bin ich ihm zuvor⸗ gekommen. Welch einen uͤberwiegenden Einfluß er beſitzt, begreife ich nicht; doch hat er ſchon man⸗ chen jungen Mann zu Geunde gerichtet. An nichts glaubend, auf nichts vertrauend, beſteht das Haupt Geſchaͤft ſeines Lebens darin, Andere ins Verderben zu ſtuͤrzen. Die Natur ſcheint ihn nur einzig deshalb mit einem ſo uͤberwiegenden, glaͤn⸗ zenden Verſtande begabt zu haben, um ihm deſto ſicherere, unwiderſtehlichere Waffen zur Zerſtoͤrung Anderer zu verleihen; aber das aller Unbegreif⸗ W. v. W. 9 98 lichſte in dieſem ganzen Geheimniſſe liegt fuͤr mich in dem Freiheits⸗Briefe, den er ſich bei den groͤß⸗ ten Maͤnnern unſerer Zeit, wie z. B. auch bei meinem Vater zu verſchaffen gewußt hat. Dieſer Wolfſtein ſteht in einem Anſehen bei ihm, deſ ſen ſich wenige der Fuͤrſten und Edlen im Heere ruͤhmen koͤnnen.— Ich begreife das nicht; aber es iſt ſo— die Weiber vergoͤttern ihn; er iſt zu gleicher Zeit ihr Entzuͤcken und ihr Schrecken. Vom Kaiſer redet er in den allerbeleidigendſten, er⸗ niedri gendſten Ausdruͤcken:; dies hoͤrt und weiß ein jeder, und dennoch ſteht er in der Mitte der Hofleute voͤllig unangetaſtet uͤber ſein geſetzwis driges Betragen, da.— Wie koͤnnte aber auch wohl ſeine Geringſchaͤtzung eines irdiſchen Ober⸗ haupts jemand befremden, da er den Gott der al⸗ les hervorgebracht hat, laͤugnet, ja, ſeine Laͤſte⸗ rung noch weiter treibt, indem er ihn als einen boͤſen Geiſt darſtellt, der in den finſtern Tiefen der Erde hauſt, und deſſen ganze Gewalt einzig auf Zerſtoͤrung gerichtet iſt. Seine Eigenliebe iſt von der empoͤrendſten Art; hoͤrt ihn ſeine Behaup⸗ tungen vorbringen, ſo findet ihr ſie ſtets ſo geſtellt, als wenn das ganze Univerſum nur durch eine 99 Seele geleitet wuͤrde, und zwar einzig nur durch die, durch welche er ſeine Aufklaͤrung erhalten zu haben waͤhnt. Aber laßt mich ſchweigen, ihr koͤnntet mich ſonſt leicht der Rachſucht zeihen; zwar leugne ich nicht daß Leidenſchaft mich zu Be⸗ merkungen getrieben hat, welche ich eigentlich eu⸗ rem eigenen Kopf und Herzen uͤberlaſſen wollte. Uebertrieben aber habe ich dennoch wahrlich nicht.” „Ich wünſchte, Graf, ihr haͤttet die Bos⸗ heit eines ſolchen Weſens nicht heraus gefordert; wie viel Uebel kann nicht aus dieſem naͤchtlichen Streite entſtehen!“— „Daruͤber ſeyd ruhig; fruͤher oder ſpaͤter mußte das, wovon ihr eben Zeuge geweſen ſeyd, zum Ausbruch kommen. Die Gefuͤhle welche er in die⸗ ſer Nacht laut gegen mich ausgeſprochen hat, ſind ſchon lange heimlich in ſeinem Innern genaͤhrt; das Ungewitter hat ſich laͤngſt geſammelt. Auf dieſe Weiſe vorbereitet, und meinen Feind ken⸗ nend, muͤßte ich ſehr ſchwach ſeyn, wenn es mich nur im mindeſten in Erſtaunen ſetzte.— Jetzt nur noch ein Wort uͤber dies widrige Thema.— Ihr habt die kalte, verachtungsvolle, beleidigende Art bemerkt, mit der er ſich uͤber das ſchwaͤchere 2 Geſchlecht ausläßt, das von Natur durch den ſtaͤr⸗ keren Mann beſchuͤtzt und vertheidigt werden ſoll⸗ te; und dennoch ſind die Ausd uͤcke in ſeinen Ma⸗ drigalen und Liedern, mit denen er die Schoͤnen beſingt, ſo ungemein zart, ſo wohlklingend, daß unſere jungen Krieger ſie im Mondſchein nachlallen, und alle gefuͤhlvollen Frauen die Ueberzeugung he⸗ gen, der Dichter muͤſſe wenigſtens ein Goͤtterglei⸗ ches Weſen ſeyn.“ „Ich wuͤnſchte ihn nie geſehen zu haben,“ erwiederte ich,„denn aus ihm ſcheint mir eine Ungluͤck ſchwangere Wolke aufzugehen.— Kommt, laßt uns uns von dannen begeben; ich fuͤhle mich verſtimmt und ermuͤdet, und auch ihr muͤßt ein Gleiches ſeyn.“ „Durchaus nicht,“ antwortete er heiter. „Krieger duͤrfen keine Ermuͤdung kennen; wenig⸗ ſtens muͤſſen wir erſt auf den Willen unſeres Ge⸗ nerals warten. Doch ſeht, er bricht auf; jetzt ſteht es uns an ſeinem Beiſpiele zu folgen.“ * VI. 8 12 3824 „Jeder Tag brachte mir einen neuen Be⸗ weis von Caſimirs Freundſchaft; jede Stunde uͤberzeugte mich inniger von ſeinem Werthen Die Reinheit ſeines Gemuͤths iſt einem klaren, wol⸗ kenloſen Himmel zu vergleichen, und wahrlich dies Gemuͤth darf es nicht ſcheuen alle ſeine Ge⸗ danken ruchtbar werden zu laſſen. Frei, jugend⸗ lich, froͤhlich und unternehmend, geſteht er offen ſeine Verachtung aller erniedrigenden Zerſtreuun⸗ gen, ſo wie alles deſſen, was den Mann herab⸗ wuͤrdigt. Von ſeinem Vater auf das zaͤrtlichſte geliebt, verehrt er in dieſem faſt ein hoͤheres We⸗ ſen, und doch bekleidet er in der Armee keinen ausgezeichneten Rang, iſt nichts als Obriſter ei⸗ nes Regiments, und ſtrebt auch keineswegs nach beſonderen Beguͤnſtigungen. Daß ſein geheimer Einfluß indeß nicht geringe iſt, hatte ich vielfaͤl⸗ tig Gelegenheit zu bemerken, denn ſobald er mich überall als ſeinen Freund auszeichnete, ward ich 1 1 34 102 der Gegenſtand allgemeiner Nachſicht. Er und Zollendorf lenkten meine militaͤriſchen Schrit⸗ te, und es ward nicht laͤnger von mir gefordert mich in Gelagen herum zu treiben, die meinem kranken Gemuͤthe widerſtanden. Caſimir wachte uͤber meine Abgeſchiedenheit, und huͤtete meiner mit einer bruͤderlichen, mir ewig unvergeßlichen Zaͤrtlichkeit, deren auch du, Luiſe, dich dankbar erinnern mußt.“ „Fuͤrchte nicht, lieber Bruder,“ fiel Luiſe ein,„daß ich je den Freund meines wiuhelm 8 vergeſſen koͤnnte.“ „Eine Woche nach dem Balle bei der Wa⸗ rentza,“ fuhr der Freiherr fort,„begegnete mir ein hoͤchſt widriger Vorfall.— Du kannſt es dir leicht denken, daß ich keinen weitern Verkehr mit dem erklaͤrten Feinde meines Caſimirs hielt. Ein leichter Gruß, wenn wir an einander vor⸗ uͤbergingen, war das einzige, was unter uns ſtatt fand, und ich glaube wahrlich, haͤtte der boͤſe Feind leibhaftig vor mir geſtanden, ſo wuͤrde ich ihn nicht mit groͤßerem Abſcheu betrachtet haben koͤnnen. Meine Beſuche nach dem Walde wie⸗ derholte ich zuweilen in Caſimirs Geſellſchaft, — — 103 ofterer aber noch trieb ich mich allein in dieſem dunkeln Haine umher. Eines Abends als ich un⸗ ter einer hohen Eiche ſo da ſaß, und abwechſelnd bei den Strahlen des Mondes, bald das kleine Gemaͤlde meiner Blanka, bald das deinige, liebe Schweſter, betrachtete, wurde ich aus mei⸗ nen ſuͤßen Phantaſien durch das Ziſchen einer Ku⸗ gel geriſſen, die ſo nahe an mir vorbei flog, daß ſie mir faſt den Arm ſtreifte, und der ein dum⸗ pfes, ſcheußliches Geheul folgte. Schnell raffte ich mich empor, und mich nach der Seite wen⸗ dend, woher der Schall kam, erblickte ich einen Wolf, der nur wenige Schritte von mir im Di⸗ ckigt lauernd, jetzt durch die Kugel getroffen war. Wolfſtein nahete ſich mir mit der eben abge⸗ ſchoſſenen Piſtole, griff an ſeine Muͤtze, und bot mir kalt einen guten Abend. 2 In dem Augenblick da ich gewahrte, wem ich mein Leben ſchuldig ſey, verwuͤnſchte ich faſt die Verbindlichkeit, und nicht ohne Anſtrengung murmelte ich einige Worte des Dankes. „Erſpart euch die Muͤhe, Freiherr,“ ſagie er;„es ſcheint mir doch als hieltet ihr ohnehin die Gabe nicht des Dankes werth. Weit eher 104 moͤchte ich euch fuͤr mein ſtoͤrendes Dazwiſchen⸗ treten um Verzeihung bitten, indem ich euch ge⸗ wiſſermaßen ein Daſeyn verlaͤngerte, das euch zur Laſt iſt.“ „Ihr ſeyd ein guter Schuͤtze, Herr Ritter,“ verſetzte ich. „Ja,“ erwiederte er mit dem gewoͤhnlich ſcharf bezeichneten Tone,„ich ziele ſelten ohne zu treffen.“ Bei dieſen Worten heftete er das Auge auf Blanca's Bild, welches ich noch in mei⸗ ner Hand hielt; deines war ins Gras gefallen. „Erlaubt mir einen Blick auf den ſchoͤnen Ge⸗ genſtand eurer Betrachtung,“ ſetzte er hinzu. 4 „Ritter, ihr habt mein Leben gerettet, und es ſcheint faſt undankbar, euch eine an und fuͤr . ſich unbedeutende Bitte zu verweigern; aber fuͤr mich liegt etwas heiliges in dem Bilde, das eu⸗ rem Blicke nicht ausgeſetzt werden darf.“ Waͤhrend ich dieſe Worte ſagte, bemuͤhete ich mich angelegentlich, das andere Bild zwiſchen dem Hohen Graſe und Geſtraͤuche wieder heraus zu finden. Wolfſtein bemerkend, daß ich etwas ſuche, ließ es ſich, ungeachtet meiner abſtoßenden 1 Auffuͤhrung, angelegen ſeyn, mir in meinem Ge⸗ 103 ſchäft beizuſtehen. Dies war mir in der Seele zuwider; eine dunkle, nicht zu erklaͤrende, un⸗ gluͤckliche Ahnung bemaͤchtigte ſich meiner, und meine ganze Kraft war dahin gerichtet, ihm zu⸗ vorzukommen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß er dein Bild in die Haͤnde bekaͤme. Warum, Luiſe, ergreift mich wohl jedesmal ein Schauder, wenn der Gedanke an dich und ihn, ſich in meiner Seele begegnet?“ „Lieber Bruder, hat dein unguͤnſtiges Vor⸗ urtheil nicht auch Wolfſteins Charakter zu ſchwarze Schatten untergelegt? Rettete er nicht dein Leben, obgleich er wohl wußte, daß du ihn verabſcheuteſt? Gehoͤrt nicht Tugend zu einer ſol⸗ chen Handlung?— Sey gerecht, Wilhelm!“ Der Freiherr ward todtenbleich, ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus, und ſchien einer Ohn⸗ macht nahe. Als er ſich einigermaßen erholt hatte, ſagte er im Tone der tiefſten Bedeutung:„Luiſe, wenn du deinen Bruder liebſt, ſo rede nie von Wolfſtein mit Nachſicht oder Schonung!— Nur zu gewiß bin ich, daß dieſes Menſchen Ein⸗ fluß auf dein Geſchick noch den letzten Hauch mei⸗ nes Lebens truͤben wird!— Nein, widerſprich 1 — 106* mir nicht; die Ahnung iſt zu ſtark, und alles was du dagegen einwendeſt, wird ſie nur ver⸗ mehren. Laſſen wir die Sache fuͤr dieſen Au⸗ geublick ruhen; ich will mich bemuͤhen, meine Erzaͤhlung wieder aufzunehmen. 4 „Ungeachtet alles meines Beſtrebens, ent⸗ deckte das Luchsauge Wolfſteins doch den Schatz zuerſt, den ich ihm ſo gerne verbergen wollte. Er griff darnach mit empoͤrender Unver⸗ ſchaͤmtheit, hielt das Bild mehrere Augenblicke in der Hand, ohne ein Auge davon zu wenden, und ſagte dann ſich zu mir beugend:„Dies iſt ver⸗ muthlich das Gemaͤlde eurer Schweſter, der lie⸗ benswuͤrdigen Luiſe von Marchfeldt?“ „Wen es auch vorſtellen mag,“ erwiederte ich,„ſ erſuche ich euch nun, da ihr eurer Neu⸗ gierde Genuͤge geleiſtet habr, es mir ſogleich zu⸗ ruͤck zu geben.“ 2 „Wenn ich nun aber meiner Neugierde noch nicht Genüge geleiſtet haͤtte, Freiherr!— Ihr ſcheint nicht zu wiſſen, welch ein Kenner weibli⸗ cher Schoͤnheit ich bin; ich muß ſchauen, und abermals ſchauen. Glaubt ihr, daß ich bei den Strahlen eures falben Mondlichts, ſolche bezau⸗ 107 bernde Reize hinlaͤnglich betrachten koͤnne?— Nein, dies iſt kein richtiges Licht fuͤr ein ſolches Gemaͤlde!“— Und nun ſteckte er, zu meinem unbeſchreiblichen Erſtaunen und Berdruß, das Bild ruhig in ſeinen Buſen. Außer mir vor Wuth fragte ich, was dies bedeuten folle?— „Ereifert euch nicht, Freiherr,“ erwiederte er;„euer Bild iſt voͤllig ſicher bei mir! Ich wuͤn⸗ ſche nur es zu ſtudieren. Daß es vortrefflich auf Elfenbein gemalt ſey, erkannte ich ſchon beim Mondenlicht; nun muß ich es noch bei der Lampe ſehen, und bei den Strahlen der Sonne. Doch gebe ich euch mein Ehrenwort, daß ich es Mor⸗ gen euren Haͤnden treulich wieder uͤberliefere; bis dahin aber ſoll keine I Macht der Erde es mir ent⸗ reißen!“ Ich wußte mir nicht zu helfen; zwar fuͤhrte ich einen Saͤbel an der Seite und einen Dolch im Guͤrtel, doch, ſo aufgebracht ich auch war, fuͤhlte ich mich nicht im Stande, die Hand feindlich ge⸗ gen den zu erheben, der noch vor wenig Augen⸗ blicken mich aus den Klauen einer Beſtie befreit hatte, der er freilich an Wildheit wenig machgas Mir ſiel ein anderer Verſuch ein. „Ritter,“ ſagte ich,„ich uͤberlaſſe die Sache eurer Großmuth, und beſchwoͤre euch, mir das Gemaͤlde wieder zu geben.“ „Hat der junge Wallenſtein es geſehen?“ „Nein.“ „Wirklich nicht?— Und fuͤhlt ihr eine eben ſo große Abneigung es durch die Strahlen ſeiner Augen verletzen zu laſſen, als bodch die meini⸗ gen? 27— „Gebt mir mein Bild zuruͤck.“ „Ja gewiß, Freiherr, ihr ſollt es wieder be⸗ kommen;— aber nicht vor Morgen.“ „Gute Nacht dann, Ritter!“ rief ich, und warf mich wieder unter den Baum nieder. „Nein, Baron, wenn ihr mich auch als ei⸗ nen Ueberlaͤſtigen verwuͤnſchet, ſo gebe ich doch nicht zu, daß ihr in dieſem Walde uͤbernachtet. Das edle Thier, welches ſich euch ſchon zum⸗ Abendeſſen erkohren hatte, hat noch viele Spieß⸗ geſellen in der Naͤhe, die eben ſo heißhungrig ſeyn moͤchten, und nicht immer allein kommen. Ihr ſeht wie finſter es wird! Wenn es euch ir⸗ gend darum zu thun iſt, einen ehrlichen Begraͤb⸗ nißplatz zu erlangen, kann ich euch nicht rathen, 109 noch eine halbe Stunde hier zu liegen, die Woͤlfe moͤchten ſonſt dem Todtengraͤber ins Amt fallen. Ich wenigſtens begebe mich nie ohne geladene Pi⸗ ſtolen in dieſen Wald.“ Was blieb mir uͤbrig, Luiſe?— Aergerlich ein Spiel dieſes Menſchen zu ſeyn, und doch zum Tode abgemattet, gleichguͤltig wohin ich kam, nur einzig ungeduldig, mich aus dieſer verhaßten Ge⸗ ſellſchaft loszumachen, ſtand ich auf, und wir gin⸗ gen ſchweigend neben einander her, bis ich an mein Quartier gelangte.„Nun, gute Nacht, Freiherr,“ rief Wolfſtein.„Ich werde nicht unterlaſſen, Morgen gleich nach der Parade mich bei euch einzufinden.“— Nach dieſen Worten verſchwand er. In einem unbeſchreiblich quaͤlenden Gemuͤths⸗ zuſtand durchſchritt ich mein Gemach.— Manch⸗ mal war es mir, als muͤſſe ich noch zu Caſimir gehen, um ihm Wolfſteins unverſchaͤmtes Be⸗ tragen mitzutheilen; aber die Aufwallung ſeines Zornes fuͤrchtend, verbannte ich den Gedanken. Auch wußte ich nicht, wo er ſich zu dieſer Zeit im Lager befinden moͤge, und ſo haͤtte die halbe Nacht mit Aufſuchen verloren gehen koͤnnen. Schon ö — —————— lange hatte ich gefuͤhlt, daß ſolche Bewegungen der Seele auch körperlich ſehr nachtheilig auf mich wirkten; vorzuglich ſpuͤrte ich dann ein ſo hefeiges Herzklopfen, das nicht wenig dazu beitrug, die Unruhe in mir zu vermehren. Von dieſem ward ich jetzt auf das fuͤrchterlichſte ergriffen, und um mir nur auf irgend eine Weiſe Ruhe zu verſchaf⸗ fen, nahm ich eine ſtarke Doſis Opium zu mir, wickelte mich in meinen Mantel, warf mich auf mein Bett, und erlangte endlich Vergeſſenheit mei⸗ ner Sorgen. Ein ungewoͤhnliches Geraͤuſch in meinem Zimmer riß mich aus dem dumpfen Schlummer, und als ich meiner Sinne in ſo weit maͤchtig war, um um mich zu ſchauen, erblickte ich bei dem Schein mehrerer Lampen, zwei Maͤn⸗ ner in meiner Stube. Mit Erſtaunen folgte ich einige Augenblicke ſtillſchweigend ihren Bewegun⸗ gen, da ſie ſo beſchaͤftigt mit Auspacken meiner Coffer waren, daß ſie auf mein Schlafen oder Wachen wenig Achtung zu geben ſchienen. Mit dieſem Getoͤſe in meinem Zimmer vereinigte ſich noch ein Laͤrmen auſſerhalb deſſelben; genug, alles ſchien in Tumult und Aufruhr zu ſeyn. Mein Saͤbel lag vor meinem Bette; ich ergriff ihn end⸗ 111 lich, raffte mich empor, und wollte verſuchen, mich von den ungebetenen Gaͤſten zu befreien. Das Geraͤuſch ſtoͤrte die vermeintlichen Naͤuber, ſie wandten ſich zu mir, und ich erkannte zu mei⸗ nem großen Erſtaunen Wallenſteins und Con⸗ rads Geſichter, denn ihre Geſtalten waren in ſol⸗ chem Grade durch ihre ſchweren Kleidungsſtuͤcke verhuͤllt, daß nur die Geſichtszuͤge noch kanͤauſch blieben. „Guten Morgen, Freund!“ rief erſterer. „Ohne Zweifel haben wir euch in Erſtaunen ge⸗ ſetzt; aber ich wollte euch nicht wecken, bis es durchaus nothwendig war. Ein ſtarkes Tagewerk iſt vor der Hand, und Gott allein weiß, wo ihr die folgende Nacht ſchlafen werdet. Conrad und ich haben gleich treuen Kampfgeſaͤhrten euer Zeug in Ordnung gebracht; alles iſt fertig, vom Helme an bis zu den Sporen! euer edles Roß Mirza wiehert und ſtampft vor der Thuͤr, Zollendorf haͤlt mit der ihm ſo eigenen Ruhe und Entſchloſ⸗ ſenheit, an der Spitze eurer tapfern Marchfeldter, um ſie in den Kampf zu fuͤhren. Ihr muͤßt den Schlaf eines Todten gehabt haben, um nicht vom wiederholten Schlagen der Reveille, dem Loͤſen 1 112 der Kanonen, Schmettern der Trommeten und Verſammeln des Kriegsvolks erweckt worden zu ſeyn.“ „Der Feind iſt alſo im Anmarſch?“ ſagte ich ruhig, indem ich mich in die Kleider warſ. „Wenn das auch nicht grade der Fall iſt, ſo ſetzen wir uns in Marſch, um ihn anzugreifen.“ Auf des jungen Wallenſteins Geſicht befand ſich ein Gemiſch von Nachdenken und Feuer, wel⸗ ches ich fruͤher in dem Grade nie in ihm bemerkt hatte. Als ich angekleidet war, ſagte er: „Nun, lieber Marchfeldt, iſt alles be⸗ reit! Der Vortrab iſt ſchon ſeit einer Stunde auf⸗ gebrochen, der linke Fluͤgel ſetzt ſich in Marſch; mein Regiment und das eure ſind gewiß jetzt eine Viertelſtunde voraus, aber wenige Minuten brin⸗ gen uns ihnen nach. Marchfeldt, ihr ſeyd noch nicht ans Schlachtgetuͤmmel gewoͤhnt; ich bitte euch nicht, die Geiſtesgegenwart nicht zu ver⸗ lieren, da mir dies bei euch uͤberfluͤſſig erſcheint. Nur haltet euch immer feſt in dem Sattel! Ver⸗ ſaͤumt dieſe Vorſichtsmaßregel nicht, lieber Wil⸗ helm, und wir werden einander nach vollendeter Arbeit froͤhlich wieder die Haͤnde reichen!“ 4113 „Herr,“ rief Conrad,“ ſollte aber der Mirza eine Wunde bekommen, wird er ſo viele Capriolen machen, daß ihr meiner Seel' feſt ſchlie⸗ ßen muͤßt, oder er hebt euch doch aus dem Sat⸗ tel! Und thut dies, lieber Herr, denkt was auf'm Spiel ſteht, und habt den Kopf nicht von un⸗ nuͤtzen Gedanken voll!— Verzeiht mir die Be⸗ merkung, Herr; aber ſollte Fraͤulein Blanca, der Gott eine ſanfte Ruhe verleihen moͤge, wiſſen, was hienieden vorgeht, ſo wacht ſie gewiß uͤber Eure Gnaden Ehre und Sicherheit.“— In dem gemiſchten Gefuͤhl der Angſt, durch die Nennung eines ſo heiligen Namens ſeinem Herrn zu mißfallen, und der Beſorgniß fuͤr deſſen Ehre und Leben, konnte der ehrliche Diener kaum die Thraͤnen zuruͤck halten. Mir aber machte die Uebertretung des Gebots, dieſen Namen nicht zu nennen, den treuen Menſchen nur noch lieber, ſo daß ich ihn feſt an mein Herz druͤckte. „Kommt, laßt uns eilen!“ rief Wallen⸗ ſtein.„Keine finſtre Ahnung beengt mir die Seele; aber es iſt meine Gewohnheit dennoch in ſolchen Augenblicken Abſchied zu nehmen. Moͤgen W. v. W. 3 der Himmel und ſeine guten Engel dir zur Seite ſtehen, Wilhelm!“— 1 „Herr, Herr!“ hoͤrte ich Conrad hinter mir her rufen, indem er ſich ein kleines Amulet vom Halſe losknuͤpfte,„ſteckt dies an eure Bruſt.“ Wir beſtiegen unſere wiehernden Hengſte und ritten ſo ſcharf, daß wir bald unſer Kriegsvolk eingeholt hatten. Langſamer reitend wandte ich mich hierauf mit der Bitte an Wallenſtein, daß, wenn ich bleiben, und er mich uͤberleben ſollte, er mir das Verſprechen gebe, Wolf⸗ ſteins Haͤnden das Bild meiner Schweſter wie⸗ der zu entreißen, welches dieſer mir hinterliſtiger Weiſe entwandt habe. Ich erzaͤhlte ihm den Vor⸗ fall in aller Kuͤrze, und bat ihn, in dem doch moͤglichen Falle, dies Bild deinen eignen Haͤnden wieder zu uͤberliefern. Er ſchwur bei der heili⸗ gen Jungfrau meinen Willen zu vollziehen, wenn er mich uͤberleben ſollte, befahl dann noch dem Conrad, mich nicht aus den Augen zu laſſen, und galloppirte, freundlich mit der Hand gruͤ⸗ ßend, an die Spitze ſeines Regiments. Es liegt ein unbeſchreiblich erſchuͤtterndes und dennoch belebendes Gefuͤhl in dem raſchen Fort⸗ . X 115 ſchreiten eines gut organiſirten Heeres, das ſich auf den Feind in Bewegung ſetzt. Der Eindruck, den es auf mich machte, als ich mich vor den Reihen deſſelben befand, war ſo maͤchtig, daß unwillkuͤhrlich einige vormalige Gedanken vergan⸗ gener, gluͤcklicher Tage, von Heldenruhm und Hel⸗ dengroͤße wieder in mir erwachten. Auch konnte ich mich eines gewiſſen Stolzes uͤber die Schoͤn⸗ heit meiner Leute nicht erwehren, die Zollen⸗ dorf's militaͤriſche Einſicht zu den beſten Trup⸗ pen des Heeres umgeſchaffen hatte. Im Vor⸗ ruͤcken verkuͤndete uns der Kanonendonner vom Ufer der Saale, daß unſer Vortrab ſchon mit dem Feinde handgemein geworden ſey. Der Her⸗ zog hatte einen Herold mit dem Befehl an den Fuͤrſten Schaumburg abgeſandt, einige auser⸗ leſene Regimenter ſchnell zur Huͤlfe zu ſenden, weil ſein linker Fluͤgel von den Boͤhmen umzin⸗ gelt waͤre, die ſich eines Waldes bemaͤchtigt haͤt⸗ ten, und ihn hart draͤngten. Caſimir war auf ſeine Bitte ſchon dahin beordert; aber auch meine Diviſion, die aus drei Regimentern beſtand, er⸗ hielt auf ſeine Verwendung Befehl, unverzuͤglich dahin aufzubrechen. So groß aber war des jun⸗ 4 8* 116 gen Wallenſteins Eifer, dem edlen Vater zu Huͤlfe zu eilen, daß ich dieſe Auszeichnung wohl mehr der Ueberzeugung, daß unſere Regimenter votzuͤglich gut beritten waren, als ſeiner Freund⸗ ſchaft verdankte. In vollem Gallop ging es auf den Wald zu. Meine Marchfeldter hielten ſich brav; die Feinde, unſere Ankunft durchaus nicht ahnend, wurden uͤberrumpelt, und in weni⸗ ger als einer halben Stunde ſah man im Walde nur Todte oder Fliehende. Es kann nicht meine Abſicht ſeyn, Luiſe, dir eine genaue Schilderung unſeres Sieges zu machen; moͤge es dir genuͤgen zu hoͤren, daß der Graf von Mansfeldt, mit dem Ueberreſte ſeiner Truppen, einen ſchnellen Ruͤckzug veranſtal⸗ ten mußte, und wir als Sieger die Nacht inner⸗ halb der Waͤlle von Halle ruheten, von welcher Stadt uns die Schluͤſſel mit aller Unterwuͤrfigkeit entgegen gebracht wurden. Ais wir unſern Ein⸗ zug in die Stadt hielten, draͤngte ſich ein Officier durch die Menge an mich heran. „Herr Obriſt,“ redete er mich an,„ ich bin vom General beauſtragt, euch zu melden, daß er den vornehmſten Magiſtrats⸗Perſonen und ſeinen 117 Stabsofficleren heute ein glaͤnzendes Abendeſſen giebt, wobei er ſich ausdruͤcklich eure Gegenwart erbittet.“ Nur das Zentrum und ein Theil des linken Fluͤgels unſeres Heeres, waren im Feuer geweſen, und auch nur dieſe zogen in die Stadt. Men⸗ ſchen und Pferde befanden ſich auf das Aeußerſte ermuͤdet, doch ſollte noch foͤrmliche Muſterung ge⸗ halten werden, um den Verluſt der Mannſchaft jedes Regiments genauer beſtimmen zu koͤnnen. Mir, als Neuling im blutigen Kriegshandwerk, erſchien der Vertuſt bedeutend, obgleich man ihn im Ganzen fuͤr unbetraͤchtlich erklaͤrte, und ich es deutlich bemerkte, wie dies die Freude des Sie⸗ gers noch um ein Großes erhoͤhete. Der Herzog ritt im Viereck herum, um den Braven Dank und Lob zu ertheilen. 4 „Graf Wallenſtein,“ ſagte er, indem er ſich ſeinem Sohne naͤherte, und ſelne Stimme vor Bewegung zitterte:„ich bin mit euch zufrie⸗ den; Soldaten und Unfuͤhrer ſind vollkommen einander wuͤrdig.“ Was mich ſelbſt betraf, wußte ich nur,„ daß ich meine Pflicht gethan, und den mir gegebenen 118 Befehlen gehorcht hatte; ſo war ich voͤllig unvor⸗ bereitet, mich als Gegenſtand eines beſonderen Beifalls ausgezeichnet zu ſehen. Ich geſtehe alſo, daß meine Gefuͤhle mich faſt uͤberwaͤltigten, als unſer großer Heerfuͤhrey laut ausrief: „Durch euch, Freiherr von Marchfeldt, durch den muthigen, unwiderſtehlichen Angriff eu⸗ rer Heeresabtheilung, im entſcheidenden Augenblicke, ward der Ruhm dieſes Tages errungen!— Ich danke euch hier oͤffentlich und erſuche euch, mei⸗ nen Gluͤckwunſch zu dieſem glorreichen Beginnen eurer militaͤriſchen Laufbahn anzunehmen. Folgt meinem Rathe, ruhet eine Stunde von den Be⸗ ſchwerden aus; ich erwarte euch zum Abendeſſen, bis dahin wird unſer alter, tapferer Zolten dorf euren Platz vertreten.“ Er verließ mich und ich begab mich zu Zol⸗ lendorf, der außer ſich vor Freude, meine Leute zur lauten Begruͤßung meiner aufrief. Als dieſer tumultuariſche Empfang voruͤber war, ſagte 5 zum alten Kriegsmanne: „Nun, Alter, habe ich mich gleich einem Baſtarde benommen, oder erkennt ihr mich jetzt als Sohn des Freiherrn Ulrich an?“— 119 „Jeder Andere als euch, der dieſe Frage an mich wagte, wuͤrde von mir in die Luft geprellt werden.“— Hinlaͤnglich befriedigt durch dieſe herzlich gemeinte Antwort ſah ich mich nun, be⸗ gleitet von meinem Conrad, der auf dem Gi⸗ pfel der Freude, ſeines Verſtandes kaum maͤchtig war, nach einem ſo leidlichen Quartiere um, als in der Verwirrung des Augenblicks zu erlangen ſtand. Dort warf ich mich unausgekleidet aufs Lager, und war nach einer Stunde der Ruhe ſchon erfriſcht aufgeſtanden, als Caſimir mit trium⸗ phirendem Blick zu mir eintrat. 3 „Marchfeldt,“ ſagte er, mich in die Ar⸗ me ſchließond„ nich bin wahrhaft ſtolz auf euch. Zwar in jedem Falle eures ruͤhmlichen Betragens gewiß, traͤumte ich doch nie daß ihr euch auf ſolche Weiſe auszeichnen wuͤrdet.“ „Ich glaube wahrlich,“ enpsederte ich,„daß ich dem Einfluß deſſelben Mannes, dem ich meinen Poſten im Heere verdanke, auch dieſe Auszeichnung ſchuldig bin.“ „In ſo fern moͤget ihr Recht haben daß ich ſo⸗ wohl fuͤr mich als euch einen Poſten ſuchte, auf dem die Ehre unſer Standpunkt war; in wiefern 120 ein jeder aber hier ſeine Aufgabe loͤſte, kam einzig auf ihn ſelbſt an. Doch, was ſchwatzen wir hier; man erwartet uns beim Schmauſe!“— Das Einzige nun aber was dich, Luiſe, in Hinſicht dieſes Schmauſes intereſſiren kann, begab ſich gleich, nachdem wir uns zur Tafel geſetzt hat⸗ ten. Eine verdeckte goldne Schuͤſſel ward dem Herzoge durch einen ſeiner Edelknaben uͤberreicht, dem er laͤchelnd auftrug, ſie mir zu bringen. Ich hob den Deckel auf, und fand ein Paar Sodie Sporen darin liegen. „Freiherr,“ ſagte er, meinem dartanden Blicke begegnend,„ihr habt eure Ritterwuͤrde glorreich behauptet; tragt dieſe Sporen zum An⸗ denken des ruhmvolle Tuges.— 3 VII. Der Herzog beſchloß einige Raſttage in Halle zu machen, um ſeinen Truppen die noͤthige Ruhe zu goͤnnen. Am folgenden Morgen ſchlug der junge Wallenſtein mir einen Gang nach dem Schlachtfelde vor, wohin ich ihm auch folgte. Ein Schauder uͤberlief mich beim erſten Anblicke dieſes Schrecken erregenden Schauplatzes, je laͤnger aber mein Auge darauf weilte, um ſo ruhiger ward es nach und nach in meinem Innern, und das Ge⸗ fuͤhl welches ſich meiner allmaͤhlich bemaͤchtigte, war, obgleich ernſt, doch keineswegs widrig. Die feierliche Todtenſtille, die jetzt hier herrſchte, der Contraſt mit dem wilden, leidenſchaftlichen Tu⸗ mult des geſtrigen Tages, dem Donner des Ge⸗ ſchuͤtzes, dem Geklirre der Schwerdter, dem Stam⸗ pfen der wiehernden Roſſe, ergriff mich auf eine wunderbare Weiſe; jeder Aufruhr war nun geſtillt, Grabesruhe waltete. Nahe an der Stelle wo ich 122 ſtand lag ein junger Reutersknecht auf dem Boden hingeſtreckt; es war eine jugendlich kraͤftige Geſtalt, von kaum zwanzig Jahren. Der Todtesſtreich mußte ihn wahrſcheinlich ſo ſchnell getroffen haben, daß der Schmerz ſich kaum ſeiner Zuͤge harte be⸗ maͤchtigen koͤnnen, wenigſtens war jetzt keine S pur mehr davon ſichtbar. Eine unbeſchreibliche Ruhe herrſchte im Ausdruck des Geſichts, eine Ruhe, die nuwillkuͤhrlich von ihm auf mich uͤberging, und ſich, indem ich ihn nachdenkond anſchauete, meiner Seele bemaͤchtigte. Wallenſtein ſeufzte tief. „Armer Junge,“ ſagte er,„wie unbarmher⸗ zig hat das Schickſal dich getroffen!— Wahr⸗ ſcheinlich warſt du der Stotz einer zaͤrtlichen Mut⸗ ter, die nun bald deinen Tod beweinen muß.— Vergebens betet die Braut vielleicht ihren Roſen⸗ kranz fuͤr die Erhaltung deines Lebens, und traͤumt im ſuͤßen Wahn von deiner Ruͤckkehr, die nie er⸗ folgen wird!— Nun, dergleichen Dinge haben ſich freilich oft zugetragen, und werden ſich wie⸗ derholen, bis das Menſchengeſchlecht zu Engeln verwandelt wird.— Schlachten⸗ und Freuden⸗ Gelage ſind wohl oft angenehm genug im Vor⸗ gefuͤhl und in der Gegenwart; aber widrig am —— 123 folgenden Morgen.— Wie kannſt du denn auf dem lebloſen Geſicht des ſchoͤnen Juͤnglings ſo un⸗ verwandt weilen? Es thut mir in der Seele weh ihn anzublicken.“ „Mein Herz erfuͤllt es auf eine wunderbare Weiſe mit Troſt und Beruhigung.— Du, Ca⸗ ſimir, in jugendlicher Lebenskraft, voll lachender Hoffnungen und glaͤnzender Ahnungen, kaum die Sorge und den Schmerz kennend, magſt freilich wohl uͤber ſein Schiekſal ſeufßen.— Ich be⸗ neide es.“ Nicht weit von dem jungen Reutersmanne lag ein grauer Krieger; ſeine eiskalte Hand hielt noch feſt am Schwerdt, und ſeine Zuͤge, erſtarrt in dem Schlaf, aus dem er hienieden nicht wieder erwachen ſollte, behaupteten noch den naͤmlichen Ausdruck unerſchuͤtterlichen Muthes, den ſie wahr⸗ ſcheinlich im Leben getragen hatten. Er hatte viele Wunden„ und das Silberhaar war in Blut getaucht. „Warum fiel es mir doch ein,“ ſagte Caſi⸗ mir,„hier auf dieſem Flecke der Verheerung, gleich einem Daͤmon herumzugehen, als wolle ich uͤber die Zerſtoͤrung bruͤten, die theils mein eige⸗ 124 nes Werk iſt!— Aber es iſt die Gewohnheit des Kriegers, und ich bin auch nicht gewiß, ob die Gedanken, welche ſolche Scenen in ihm erregen, ihm nicht heilſam ſind.— Doch, laß uns jetzt hinweg eilen, Marchfeldt; es wird mir zu arg, es iſt Grauſen erregend!“ Indem wir uns umwandten, wurden wir Wolfſtein neben uns gewahr, der vielleicht in aͤhnlichen Betrachtungen vertieft ſeyn mochte. „Ja,“ rief er, im Nachhalle von Caſi⸗ mir's letzten Worten,„es iſt Grauſen erregend! Hier,“ fuhr er fort, indem er ſeine Uhr heraus⸗ zog,„hier iſt, oder war ein eben ſo ſchoͤnes, kuͤnſt⸗ liches Werk des Mechanismus, wie es nur immer Beins in der Welt geben konnte. Es war ein treuer, nuͤtzlicher Gefaͤhrte, ein nie irrender Mahner und Warner.— Indeß ſein Lebenspuls ſteht ſtill, die Feder iſt gebrochen. So werden alle Pulſe ſtill ſtehen, alle Federn brechen! Und alle Ma⸗ ſchinen, ſey es durch Gewalt oder Zeit, moͤgen ſie auch noch ſo kuͤnſtlich bereitet ſeyn, werden aufhoͤ⸗ ren ſich zu bewegen; gleich jenen die da am Boden vor uns liegen, gleich dieſer in meiner Hand.— Es freut mich, Freiherr, daß eure 125 Naͤder noch in Thaͤtigkeit ſind, und mein Gluͤck⸗ wunſch daruͤber iſt wahrlich uneigennuͤtzig. Waͤret ihr geſtern gefallen, wuͤrdet ihr nun dort bei den Tapfern ſchlafen, und ich befaͤnde mich nicht in der ſchmerzlichen Nothwendigkeit meine Ehre zu loͤſen, indem ich in eure Haͤnde dieſe Copie von dem lieb⸗ lichſten Original, das jemals von den Haͤnden der Natur geſchaffen wurde, wenn anders der Maler kein Schmeichler war, zuruͤckgebe.“ „Eure Zuruͤckbehaltung des Gemaͤldes,“ erwie⸗ derte ich,„wuͤrde ſelbſt dann, wenn ich nicht ge⸗ lebt haͤtte es zu fordern, ehrlos geweſen ſeyn. Auch ging ich nicht in die Schlacht, ohne mich auf dieſen Fall vorzuſehen; es war dem Grafen Wallenſtein foͤrmlich von mir uͤbergeben, die Auslieferung deſſelben an meiner Stelle zu verlan⸗ gen, und ihm uͤbertrug ich die Freundespflicht, es meiner Schweſter, nebſt meinem letzten Lebewohl zu uͤberbringen.“ „Das war nicht weiſe von euch gehandelt, Freiherr!— Des Grafen Handwerk iſt der Krieg, und dies ſind Tage wo der Kriegsgott ſei⸗ nen Soͤhnen Arbeit genug auferlegt. Ich bin ein⸗ mal ſo ein muͤſſiger Herumtreiber, und finde ſel⸗ 125 ten Beſchaͤftigung, die meinem eigenfinnigen Ge⸗ ſchmacke zuſagt. Solch ein Auftrag waͤre grade recht fuͤr mich geweſen, denn mein einmal erregter Eifer fuͤr eine Sache ſteht im Verhaͤltniß mit meiner Gleichguͤltigkeit fuͤr die Dinge im Allgemeinen. Ueberdies verſprach ich euch das Gemaͤlde wieder zu uͤberliefern; aber haͤttet ihr aufgehoͤrt zu ath⸗ men, wuͤrde ich es keinem andern lebenden Manne zuruͤckgegeben haben. Runzelt nicht die Stirn, ihr Herren; ich ſetze ja nur einen Fall, der nicht eingetreten iſt, und euch iſt noch nicht die Haͤlfte meiner Kuͤhnheit bekannt. Hoͤrt nur, mir traͤumte in der vergangenen Nacht, daß ich daſſelbe Mi⸗ niatur⸗Gemaͤlde, oder eins dem voͤllig aͤhnlich, aus der Alabaſter⸗Hand des ſchoͤnen Originals empfinge.“ „Ein ligenhaſter Traum, glaubt es mir!“ rief ich.„Eine bloße Grille eures eiteln Duͤn⸗ kels.“ „Es mag leicht moͤglich ſeyn,“ erwiederte er kangſam, mit dem Blicke der tiefſten Bosheit, daß ihr die Stunde, wo dieſer Orakel⸗ Spruch in Er⸗ fuͤllung geht, nimmer erlebt.“ 127 „Herr Ritter,“ fiel Wallenſtein ein, „ von dieſem Augenblicke an iſt alle geſellige Ge⸗ meinſchaft unter uns aufgehoben. Oeffentlich muß ich eure Gegenwart ertragen, wo wir uns aber ſonſt begegnen, ſind wir einander vollkommen fremd. Nicht das geringſte Wort, nicht die un⸗ bedeutendſte Hoͤflichkeit werde zwiſchen uns aus⸗ getauſcht. Die Welt hat Raum genug fuͤr einen jeden von uns, ohne daß wir an einander zu ren⸗ nen noͤthig haͤtten.“ „Hierin habt ihr vollkommen recht; wir brau⸗ chen nicht an einander zu rennen. Schon man⸗ chem Menſchen wurde ich ohne ſichtbare Beruͤh⸗ rung fuͤhlbar, und denke dies noch eine Weile ſo fortzuſetzen.“— Nach dieſen Worten griff er an die Muͤtze, machte eine leiſe Verbeugung, und ging fort. „Marchfeldt,“ ſagte Caſimir auf un⸗ ſerm Heimwege,„laßt mich doch auch einmal einen Blick auf das bewußte Gemaͤlde werfen.“ „Nein,“ erwiederte ich, etwas beleidigt uͤber die kalte Art mit der er es fasdette es lohnt der Muͤhe nicht.“ 128 „Du biſt ein ſeltſamer Menſch,“ rief er, die aufſteigende Roͤthe meiner Wange mißdeutend. Ich glaubte nur dem verhaßten Wolfſtein gaͤlte deine hartnaͤckige Weigerung; er aber hat meine Neugierde erregt, und ich wuͤnſche zu wiſſen ob ſein Entzuͤcken nur vorgeblich iſt, um dich zu quaͤ⸗ len, oder ob wirklich in dieſer kleinen Kapſel hin⸗ laͤngliche Urſache dazu verborgen liegt. Iſt dies der Fall, ſo mag Luiſe v. Marchfeldt ſich vorſehen.— Verſolgung wartet ihrer in einer Geſtalt oder der andern.“ Bei dieſen Worten oͤffnete er die Kapſel. Wenigſtens fuͤnf Minuten ſtand er den Blick feſt auf das Bild geheftet, dann ſchloß er ſie wieder und gab ſie mir ſtillſchweigend zuruͤck. Bis wir ans Thor kamen ſchien er in tiefen Traͤumereien verloren, waͤhrend ich verdrießlich harrend irgend einen Ausſpruch von ihm erwartete. Endlich ſagte ich: „Die Geſichtszuͤge meiner Schweſter ſind ſel⸗ ten, weder im Original noch in der Copie, mit Gleichguͤltigkeit betrachtet worden.“ „Beim Himmel!“ rief Caſimir, indem er mich heftig an ſich zog,“ es iſt ein ſehr ungluͤckli⸗ —.— — 129 cher Zufal!!— Niee haͤtten die Augen dieſes Baſilisken auf dieſen Zuͤgen ruhen ſollen! Ohne irgend ein edles, wahres Gefuͤhl im Buſen zu tragen, jagt Wolfſtein jeder weiblichen Schoͤn⸗ heit begierig nach. Wie konnteſt du dich ſo ver⸗ geſſen dies Bild nur einen Augenblick in ſeinen Haͤnden zu laſſen?— Aber der Zorn iſt ver⸗ geblich, nun das Unheil geſchehen iſt!— Wil⸗ helm, welch eine Art Weſen iſt deine Schwe⸗ ſter? Iſt ſie weich, und gleich den meiſten ihres Geſchlechts, leicht zu ruͤhren?“— „Wenn Religion, Grundſaͤtze, Vernunft mit ihrer Nachgiebigkeit im Einklange ſind, kenne ich keinen Widerſtand an ihr; aber keine irdiſche Ge⸗ walt wuͤrde vermoͤgen ſie vom Wege des Rechten abzuleiten.“ „Wohl ihr und uns, wenn dem ſo iſt!“— rief Caſimir.„Wahrlich der Hauptausdruck ihres Geſichts zeigt eine gluͤckliche Miſchung von edlem Stolz und ſanfter Weiblichkeit.— Doch geſtehe mir, alle bruͤderlichen Vorurtheile bei Seite geſetzt, hat der Maler ihr nicht wirklich geſchmei⸗ chelt?“ Z. v. W. 130 „Ich wuͤnſchte deine Zweifel durch den An⸗ blick des Originals heben zu koͤnnen.“— Unter dieſen und aͤhnlichen Geſpraͤchen kehr⸗ ten wir endlich in unſere Quartiere zuruͤck; doch iſt es nun uͤberhaupt wohl Zeit, daß ich meine Erzaͤhlung zu Ende bringe. Was den Theil mei⸗ ner militaͤriſchen Begebenheiten betrifft, ſo möͤge es dir genuͤgen zu hoͤren, daß ich meine Sporen unbefleckt heimbrachte.— Eine Schlacht gleicht gewiſſermaßen der andern, und die Darſtellung, welche ich dir im Ganzen davon gegeben habe, wird ohne Zweifel deine Neugierde in dieſer Hin⸗ ſicht befriedigen. Nach und nach machte die Schwaͤche meines koͤrperlichen Zuſtandes mir die Erfuͤllung meiner Pflichten ſchwer, ja zuweilen unmoͤglich, ſo ſehr man ſich auch beeiferte, ſie mir durch freundliche Nachſicht zu erleichtern. Oft glaubte ich den nothwendigen Strapatzen des Krie⸗ gers erliegen zu muͤſſen, ſuchte es aber ſo viel als moͤglich zu verbergen, und vielleicht entdeckte nur das wachſame Auge des Freundes und das des treuen Dieners, den wahren Zuſtand der Dinge. Caſimir theilte dem Herzoge ſeine Beſorgniſſe mit, welcher mir ſeinen Leibarzt Muͤller ſandte, 13E deſſen Ausſpruch entſcheidend war. Dankbar nahm ich die Erlaubniß des großen Heerfuͤhrers an, in den Schooß meiner Familie zuruͤck zu keh⸗ ren. Bald war meine Einrichtung getroffen; den treuen Mirza ließ ich dem Freunde, und dieſer begleitete mich noch eine Tagereiſe weit vom Lager. Unſer Abſchied war ſchwer, denn wir waren Beide uͤberzeugt, uns zum letzten Male zu ſehen. Nach Caſimir's Ruͤckkehr begegnete mir auf meinem Heimwege nur ein Umſtand, der der Erwaͤhnung werth iſt. Als wir naͤmlich am zwei⸗ ten Abende durch einen Wald mußten, bemerkten wir, daß wir einen falſchen Weg genommen hat⸗ ten; vergebens liefen Caspar und Rudolph nach allen Seiten umher, wir konnten nicht wie⸗ der auf die rechte Straße gelangen. Froͤſtelnd vor Fieber, und auf das Aeußerſte ermuͤdet, beſchloß ich, jeden weiteren Verſuch einzuſtellen, mich in meinen Pelz zu wickeln, und die Nacht im Walde zuzubringen. Schon waren wir alle abgeſtiegen, hatten die Pferde an die Baͤume gebunden, beei⸗ ferten uns duͤrres Reiſig zuſammen zu bringen, um ein Feuer anzuzuͤnden, welches die Woͤlfe von uns entfernt hielte, als einer meiner Leute eine 9* Rauchwolke bemerkte, die in geringer Entfernung aus einem Dickigt aufſtieg. Er nahete ſich vor⸗ ſichtig dem Orte, und entdeckte einen Haufen Zi⸗ geuner, die in einer Hoͤhle ſaßen, ſchloß aber aus dem tiefen Stillſchweigen, das unter ihnen herrſch⸗ te, wie ſie uns wahrſcheinlich ſchon gewahr gewor⸗ den waͤren, und uns zu uͤberfallen dachten. Wir berathſchlagten mit einander, was zu thun ſey, und auf Caſpars Verſicherung, daß die Bande, die Weiber mit eingeſchloſſen, welche aber nicht weniger furchtbar ſchienen als die Maͤnner, gewiß an Zwanzig ſtark ſey, wir hingegen nur vier be⸗ waffnete Kriegsleute waren, ſchien uns die An⸗ zahl zu uͤberlegen, und ich beſchloß, nach kurzem Nachdenken, ſie freundlich zu begruͤßen, ſie um einen Trunk Waſſer zu bitten, nach dem mir ſehr verlangte, und ſie zu erſuchen, uns wieder auf den rechten Weg zu fuͤhren.— Ich geſtehe, daß mir nicht ganz ſorglos bei dieſem Auftritte zu Muthe war; auch legte ich meine rechte Hand an den Saͤbel, zog mit der Linken ein Piſtol aus meinem Guͤrtel, waͤhrend Conrad und ſeine Gefaͤhrten, zur Vertheidigung bereit, ſich eiwas im Hintergrunde halten mußten, 133. um nicht ſogleich unſere Anzahl zu verrathen. Als alles auf dieſe Weiſe vorbereitet war, ſtand ich einen Augenblick ſtill, um die Gruppe naͤher zu betrachten, die einen wahrhaft maleriſchen Anblick gewaͤhrte. Denke dir im Dickigt des Waldes die wilde Horde um ein helles Feuer gelagert, uͤber dem ein großer Keſſel hing, und das einen roͤth⸗ lichen Schein auf alle warf, ſo daß man deutlich die von der Sonne verbrannten Geſichter, das ſchwarze, unter einer Kappe zuſammengeflochtene Haar, erkennen konnte. Die zum Theil nur um ſie hangenden, zerlumpten Gewaͤnder, der ver⸗ ſchloſſene, boshafte Ausdruck ihrer Mienen, wel⸗ che ein Gemiſch von Schlauheit und Wildheit ver⸗ riethen, die kauernd zu ihren Fuͤßen ſitzenden, na⸗ ckenden Kinder, einen Finger auf den Lippen hal⸗ tend, vermuthlich als Zeichen des Gehorſams, weil ihnen eben das tiefſte Stillſchweigen auferlegt war, die hohe, gigantiſche Eiche, unter deren weit vor⸗ haͤngenden Aeſten das grobe Zelt ausgeſpannt war, — dies alles ſchien mir in der That des Pinſels eines Salvator Rofa wuͤrdig.— Indem ich die mich vor ihnen verhuͤllenden Zweige auf einmal aus einander bog, ſtand ich ploͤtzlich nahe vor ih⸗ 134 nen. Inſtinktmaͤßig griffen einige der Maͤnner zu den vor ihnen auf der Erde liegenden, ungeheuer großen Meſſern; doch auf ein Zeichen, das ihnen von einem, der wahrſcheinlich ihr Anfuͤhrer war, gegeben wurde, zogen ſie die Hand wieder zuruͤck und blieben in ihrer vorigen Stellung. Keiner ſprach, aber die wilden, ſchwarzen Augen des An⸗ fuͤhrers fragten nach meinem Begehren. „Freunde,“ hub ich an,„ich bin ein Frem⸗ der, der zufaͤllig durch dieſen Wald reiſet, und ſich mit ſeinen Gefaͤhrten ungluͤcklicher Weiſe darin verirrt hat. Gebt mir einen Fuͤhrer, und ihr ſollt eure Gefaͤlligkeit nicht bereuen. Zugleich er⸗ ſuche ich euch um einen Trunk Waſſer, denn mich quaͤlt ein brennender Durſt.“ Der Zigeuner Hauptmann gab einem der Wei⸗ ber ein Zeichen; ſie ging ins Zelt, und brachte eine große, lederne Flaſche heraus. Ich ſetzte ſie an meinen Mund, und that einige haſtige Zuͤge, fand aber, daß es kein Waſſer, ſondern ziemlich wohl⸗ ſchmeckender Wein ſey. „Dies wird euch beſſer thun,“ ſagte die Zi⸗ geunerin, zuerſt das Stillſchweigen des ſtummen 135 Haufens brechend,„ihr ſeyd erhitzt, und Waſſer kuͤhlt zu ſehr.“ 1 Der tiefe, maͤnnliche Ton mit dem dieſe Worte geſagt wurden, machte, daß ich die alte Hexe, die mir dieſen Labetrunk reichte, genauer betrachtete, und wahrlich die Wildheit, welche in allen ihren Zuͤgen lag, ſchien der, an mir ausge⸗ uͤbten Menſchlichkeit, Luͤgen zu ſtrafen. Sie hatte, gleich den Uebrigen, ſchwarze Augen, die aber ein, um dieſe herumlaufender, rother Rand noch feu⸗ riger ausſehen machte. Der obere Theil ihrer Ge⸗ ſichts farbe war ein gelbliches, ſchmutziges Weiß, bei weitem heller als die dunkle Oliven⸗Farbe ihrer Gefaͤhrten; Kinn und Unterlippe wurden durch einen dunkeln Bart beſchattet, und wenn ſie ſprach oder grinſte, zeigten ſich einige lange, gelbe Hauer, mit welchen ihr Mund ſpaͤrlich verſehen war. Ihr Kopf war in ein rothes Tuch gewickelt, das aber das grauſchwarze Haar, welches ſich hervorſtraͤubte, nicht gaͤnzlich verbarg. Ihre Geſtalt war lang und hager, und ſchien von ſehr ſtarkem Knochen⸗ bau zu ſeyn. „Ich will dein Fuͤhrer ſeyn,“ ſchnarrte ſie. „Aber deine Leute moͤchten ohne Zweifel auch erſt —— — 136 ihre Lippen aus der Flaſche netzen.— C onrad, Caſper, Rudolph, kommt!— Was fuͤrch⸗ tet ihr?“—— Dieſe, ſobald ſie die mir erzeigte freundliche Aufnahme bemerkt hatten, waren ſchon aus ihrem Hinterhalte getreten; doch nie werde ich ihre Be⸗ ſtuͤrzung vergeſſen, als ſie ſich von dieſem Weibe ſo treuherzig beim Namen rufen hoͤrten; auch ge⸗ ſtehe ich, daß mein Erſtaunen nicht geringer war. Keiner von ihnen fand es indeß raͤthlich, den an⸗ gebotenen Trunk zu verweigern. Mir ſchien es zwar etwas gewagt dieſem furchtbaren Haufen meine Boͤrſe zu zeigen, indeß konnte ich ihre Gaſt⸗ lichkeit nicht umſonſt annehmen, und eben ſo we⸗ nig ein entſchiedenes Mißtrauen in Menſchen ſetzen, die uns bisher ſo friedlich begegneten. Ueberdies mochte die alte Sibylle, die uns durch ihren Fa⸗ den aus dem Labyrinthe fuͤhren ſollte, vielleicht keiner weiteren Nachweiſung uͤber die Lage der . Dinge beduͤrfen. Außer dem Wein, verſahen uns die Zigeuner noch mit Eiern und Brodt, und jeder 1 von uns fuͤhlte ſich nach dieſer Bewirthung mit friſchem Muth und neuer Kraft ausgeruͤſtet. Ich naͤherte mich dem Anfuͤhrer und nahm mit ſchein⸗ 137 barem Zutrauen einige Thaler aus meiner Boͤrſe, die ich ihm dankend uͤberreichte. Augenblicklich ſprang er von ſeinem Sitze empor, begruͤßte mich ehrerbiethig, indem er meinen Fuß mit ſeiner Stirn beruͤhrte; hierauf folgten wir unſerer geheimniß⸗ vollen Fuͤhrerin aus dem Dickigt. Es dauerte lange ehe wir auf einen betretenen Pfad gelang⸗ ten, aber ſie, die uns voranging, trug Sorge alle Zweige, die ſich unſern Fortſchritten entgegen ſetzten, mit ihrem langen, nervigten Arm an die Seite zu beugen, und triumphirte grinſend uͤber jede Schwierigkeit. Zuletzt, da wir an ein ver⸗ wachſenes Dickigt kamen, welches voͤllig undurch⸗ dringlich ſchien, wandte ſich unſere Sibylle um, rief den Conrad bei Namen, und gebot ihm ihr ſeinen Saͤbel zu geben. „Mit nichten,“ erwiederte dieſer,„ſolch ein Narr bin ich nicht!— Ihr ſeyd hinlaͤnglich im Stande das Buſchwerk mit euren ehernen Armen wegzubrechen.— Eine Hand will ich euch zur Noth bei dieſem Geſchaͤft leihen; aber meinen Saͤ⸗ bel bekommt ihr nicht in die Klauen.“ Die Zigeunerin grinſte auf eine ſcheußliche Weiſe, da ſie wahrſcheinlich die Forderung nur 138 gemacht hatte, um Conrads Weigerung zu ver⸗ nehmen. Die Saͤbel meiner Leute, und die na⸗ tuͤrliche Staͤrke unſerer Fuͤhrerin, wußten indeß das Hinderniß bald aus dem Wege zu raͤumen, und noch hatte die Sonne ihren taͤglichen Lauf am Ho⸗ rizonte nicht voͤllig vollendet, als wir uns am Aus⸗ gange des Waldes, und nur eine Stunde von der Herberge entfernt befanden, wo wir raſten wollten. Ich bot der Zigeunerin nun gute Nacht, und gab ihr die Belohnung welche ſie reichlich durch ihren Beiſtand an uns verdient hatte. „Du biſt ein großmuͤthiger Mann,“ ſagte ſte,„und da ich dich bis hieher treulich geleitet habe, moͤchte ich dir gern noch einen Leitfaden fuͤr die Zukunft geben. Laß mich in deine Hand ſehen.“ „Ach,“ erwiederte ich laͤchelnd,„ich glaube auch ohne deine Huͤlfe bis auf die letzte Seite meines Lebens ſchauen zu koͤnnen.— Was noch fuͤr mich davon uͤbrig iſt, liegt klar und einfach vor mir. „Freilich,“ erwiederte ſie,„deine Sonne be⸗ ruͤhrt ſchon den Saum des weſtlichen Horizontes; ſieh hier dein Sinnbild!“— Bei dieſen Worten zeigte ſie auf einen jungen Maulbeerbaum, der 139 durch einen Blitzſtrahl von der Krone bis zur Wur⸗ zel verſengt war.„Sieh hierher! dieſer Baum hat weder Mark, noch Saft, noch Blaͤtter; und den⸗ noch wird er von den naͤhrenden Strahlen der Sonne und dem erfriſchenden Abendthau begruͤßt, gleich ſeinen Nachbaren.— Aber der Gruß iſt fuͤr ihn ein leeres Spiel, das auf ihn weiter kei⸗ nen Einfluß hat. Ich ſah ihn noch vor nicht gar langer Zeit gruͤnend und kraͤftig, vom friſchen Safte angeſchwellt, die dickbelaubten Zweige mun⸗ ter im Winde bewegen. Ein Blitzſtrahl hat ihn in dieſen Zuſtand verſetzt!— Morgen wird er gefaͤllt werden, denn ſolch duͤrres, verwelktes Holz dient uns zum Feuer.“— „Dein Sinnbild iſt richtig, Alte,“ erwiederte ich;„indeß wir muͤſſen uns trennen, weil ich noch gerne bis zum naͤchſten Orte reiten moͤchte.“ „Doch,“ ſagte ſie, mich zuruͤckhaltend,„ob⸗ gleich dein Faden bald abgelaufen iſt, giebt es denn nichts worauf du hienieden noch neugierig waͤreſt?— Vielleicht mißtrauſt du meiner Wiſ⸗ ſenſchaft; wenn das der Fall iſt, ſo geleite dich Gott, edler Obriſt!— Damit du aber die Zi⸗ geuner im Walde zu Mornau nicht vergeſſen 140 moͤgeſt, will ich dir ein paar Worte ins Ohr ſa⸗ gen: dein Lamm wird von einem Wolfe bedroht!“ — Und mit ſcheußlichem Gelaͤchter ſetzte ſie hin⸗ zu:„Moͤge es entflichen, wenn es moͤglich iſt!“— Nach dieſen Worten kehrte ſie ſchnell nach dem Walde zuruͤck, und verſchwand bald vor unſern Bli⸗ cken. Der Spruch den ſie ſcheidend ertheilte, toͤnte unaufhoͤrlich in meinen Ohren.„Dein Lamm wird von einem Wolfe bedroht!“— Nur zu klar enthuͤllte ich mir die dunkle Bedeutung dieſer ge⸗ heimnißvollen Warnung, die noch immer in mei⸗ nem Herzen wiederhallt!“ „Wilhelm! theuerſter Bruder! Laß dich erbitten dieſe beaͤngſtigenden Ahnungen aus deinem Herzen zu ſcheuchen! Es ſind fieberhafte Anfaͤlle einer kranken Einbildungskraft, und ſonſt nichts.“ „Umſonſt, Luiſe, redeſt du mir dies ein; theilte nicht ſogar der geſunde, heitere, offene Caſimir meine Beſorgniſſe? Und er kannte den Nann!— Luiſe, ſo ſonderbar es dir auch vor⸗ kommen mag, ſo iſt es deshalb doch nicht weniger wahr: Zwei Maͤnner die dich jemals ſo wenig von Angeſicht zu Angeſicht ſahen, als du ſie geſehen haſt, brennen beide dich zu beſitzen; der eine iſt ein 141 Sötter gleiches Weſen, der andere ein Teufel. Willſt du mir folgen, Schweſter, willſt du jetzt zwiſchen ihnen waͤhlen?— Gieb mir dein Wort drei Monate nach meinem Tode Wallenſteins verlobte Braut zu werden! Thue es, Luiſe!— Ein einziges Wort von dir kann die Stuͤrme in meinem Innern auf einmal beſchwoͤren.“ Aufs Heſtigſte bewegt, vermochte Luiſe nicht mehr ihre Gefuͤhle zuruͤckzuhalten, und brach in Thraͤnen aus, obgleich ſie durch das Vorhergehende einigermaßen auf Wilhelms Bitte vorbereitet war. 12 „Bruder,“ rief ſie endlich,„fern ſey alle Heuchelei gegen dich!— Meine Freundſchaft, meine Dankbarkeit, meine ſchweſterliche Achtung, gehoͤren Wallenſtein; aber zwinge mich um aller Heiligen willen nicht, mich einem Manne zu verſprechen, deſſen Angeſicht ich nie geſehen, deſ⸗ ſen Stimme ich nie gehoͤrt habe!— Doch giebt es noch ein Mittel, wodurch ich vielleicht deine Beſorgniſſe ſtillen kann; ich will mich durch einen feierlichen Schwur verbinden, nie Wolfſteins Weib zu werden.— Sage, Wilhelm, wird dich das beruhigen?“— 14² „Nein, nein,“ erwiederte er,„das iſt nicht hinreichend!— Ich will keine Gelubde hoͤren; was gelten ſie auch gegen die Schluͤſſe des Schick⸗ fals!“— Sie ſtiegen jetzt vom Walle herunter, da die Schatten des Abends anfingen ſich tief zu neigen. Der junge Freiherr war ſowohl durch ſeine lange Erzaͤhlung, als durch die quaͤlenden Empfindun⸗ gen, welche der Name Wolfſtein immer in ſeinem Innern erregte, ſehr angegriffen. Luiſe fuͤhlte zu dem Schmerz, worin ſie durch den kranken, huͤlfloſen Zuſtand ihres Bruders verſetzt war, ſich noch in ein neues Gewebe verwirrender Gedanken verwickelt. Der Mann, welcher einen ſo ſonderbar abſtoßenden Eindruck auf Wilhelms Gemuͤth gemacht hatte, reizte ihre Einbildungs⸗ kraft auf eine wunderbare Weiſe. Seine Drohun⸗ gen in Hinſicht ihrer, erregten viel eher Neugierde als Schrecken in ihr, und in bunten, unerklaͤrli⸗ chen Bildern fuͤhlte ſich ihre Dhautae von ihm beſchaͤftigt. Der gute alte Felix hatte nun ſeine Kraͤuter nicht allein ſorgfäͤltig geſammelt, ſondern auch ei⸗ nen Trank daraus bereitet, an deſſen Wirkſamkeit 143 er nicht zweifelte, und den der Kranke mit vieler Nachgiebigkeit zu ſich nahm. VIIII. Einige Tage vergingen dem Freiherrn in leidlicher Ruhe; ein heitrer Ernſt, dann und wann nur durch hektiſche Aufwallungen unterbrochen, machte der ſonſt herrſchenden, tiefen Schwermuth Platz. Die ihm noch hienieden obliegenden Pflich⸗ ten, erfuͤllte er mit ruhiger Beharrlichkeit; ein Notarius wurde aus Wien beſchieden, um ſeinen letzten Willen zu entwerfen, und als dies geſche⸗ hen war, ließ er ſeine Schweſter zu ſich kommen, die er, indem er ihr ein verſiegeltes Packet Pa⸗ piere reichte, mit folgenden Worten anredete: „Nimm dies, Luiſe, und verſchließe es fuͤrs erſte in deinem Cabinett. Du biſt in deinem zwanzigſten Jahre mit einer Reife des Geiſtes, ei⸗ ner Feſtigkeit des Charakters, und einer ſo richti⸗ gen Beurtheilungskraft begabt, als die meiſten Menſchen gewoͤhnlich nur durch die Erfahrung ei⸗ 144 nes laugen Lebens ſammeln. Einzig alſo deinem eignen, reinen Willen, und der Vormundſchaft des Himmels, vertraue ich dich an. Du ſollſt dem Andenken deines Bruders nie vorwerfen koͤn⸗ nen, dich durch Bedingungen in Verlegenheit ge⸗ ſetzt, oder verwirrt zu haben; dein Wille bleibe frei, und moͤge dein guter Engel dich auf den Weg zum wahren Gluͤcke fuͤhren!— Eins aber, geliebte Schweſter, moͤchte ich dir im Beiſeyn des ehrwuͤrdigen Vaters, nicht als meinen Willen, ſondern nur als meinen Wunſch aͤußern; naͤmlich, daß nicht mehr als drei Monate verfließen, nach⸗ dem dir die Lehnsherrſchaft uͤber meine Guͤter uͤbertragen iſt, bis du dem Kaiſer deine perſoͤn⸗ liche Ehrfurcht bezeigſt. Es iſt meine Sorge ge⸗ weſen, daß du waͤhrend dieſer Zeit nicht geſtoͤrt wirſt, und daß du die gehoͤrigen Vollmachten, ohne öͤffentliches Anſuchen, oder ſonſt herkoͤmm⸗ liche Ceremonien, empfaͤngſt. Durch mein eige⸗ nes Schickſal gewarnt, wuͤnſchte ich, daß der Schmerz nicht durch zu lange Muße in deinem Buſen die Obergewalt gewoͤnne, und ſpaͤterhin nicht mehr zu erſticken ſey. Pater Felix billigt mei⸗ nen Wunſch, und will dich nach Wien begleiten.“ * 145 Ein ſtilles Neigen des Hauptes verkuͤndigte des guten Caplans Einwilligung. „Nun,“ fuhr Wilhelm heiter fort,„habe ich Zeit muͤßig zu ſeyn, und bin wahrlich froh daruͤber!“— „Nach meinem Beduͤnken, lieber Bruder,“ ſagte Luiſe, um dem Geſpraͤch eine andere Wen⸗ dung zu geben,„ſollten wir die Treppen im Thurme nicht eher wieder erſteigen, bis du kraͤftiger biſt. Sie ſind zu ſteil fuͤr dich, und ich habe daruͤber nachgeſonnen, welche Unterhaltung dich wohl we⸗ niger angreifen koͤnnte. Was ſagſt du zu einer Fahrt auf dem Waſſer?“— „Das iſt ein gluͤcklicher Gedanke! Nimm deine Laute zur Hand, Luiſe; der Abend iſt himmliſch ſchoͤn!“ Dem Caplan ſchien dieſer Einfall keineswegs zu behagen, er machte ſogar verſchiedene Verſuche Luiſen, waͤhrend ihres Vorſchlags einen Wink zu geben, um die Ausfuͤhrung zu hintertreiben; ſie aber, gluͤcklich des Bruders Einwilligung er⸗ . langt zu haben, eilte die noͤthigen Befehle zu er⸗ theilen, und alles ins Werk zu richten. Felix W. v. W. 10 wollte ihr folgen, doch Wilhelm legte matt laͤchelnd die Hand auf ſeinen Arm, und ſagte: „Seyd ruhig, ehrwuͤrdiger Vater, ich ſehe was ihr fuͤrchtet!— Doch iſt mein ganzer Sinn nun einmal auf eine Waſſerfahrt gerichtet; mein Gemuͤth iſt ruhig, wie der heitere Abend, und ihr habt nichts zu beſorgen. Als Luiſe den Vor⸗ ſchlag machte, ſchien es mir, als willige ſie nur in die in meinem Innern gethane Bitte, und 25 ſoll alſo ſo ſeyn.“ „Ach,“ dachte der Caplan,„wie wunderbar hat meine Arzenei ſchon geholfen! Warum hat er ſie nicht fruͤher genommen; aber mit Huͤlfe der heiligen Jungfrau iſt es vielleicht doch noch nicht zu ſpaͤt!“— Das Waſſer war ſpiegelhell und ruhig, die Luft warm und mild. Eine feierliche Stille⸗ herrſchte in der ganzen Natur, waͤhrend die kleine Barke den Fluß hinab ſchwamm, und kaum ein leiſer Weſt das Segel hinlaͤnglich ſchwellte, ſo daß noch ein paar Ruderer angeſtellt werden muß⸗ ten, um dem Fahrzeug die nothige Bewegung zu geben. Wilhelm, unter einem kleinen Zelte hin⸗ geſtreckt, horchte ſchweigend auf den gleichmaͤßigen — 147 Takt des Ruderſchlags, auf das heitere Gemurmel, das von den Huͤtten am Ufer heruͤberſchallte, oder. auf die froͤhlichen Lieder die aus einem fernen Fiſcherkahne zu ihm hertoͤnten. Endlich brach er felbſt zuerſt das lange Schweigen durch die Bitte, an der Weiden⸗Inſel zu landen, und dort die mitgenommenen Erfriſchungen zu verzehren.* So wie er den Namen der Weiden⸗Inſel ausſprach, ward Luiſe blaß; augenblicklich kam der Gedanke in ihre Seele, daß es heute, am vierten Auguſt, grade drei Jahre her ſey, als Blanca von Freiburg, in aller Fuͤlle der Jugend und Geſundheit, voll der ſeligſten Aus⸗ ſichten fuͤr die Zukunft, mit ihnen dieſen Strom hinabgefahren ſey, und das der jetzt ſo bleiche, ſchwermuͤthige Wilhelm, damals bluͤhend, kraͤf⸗ tig, gluͤcklich in der Gegenwart, und voll fuͤßer Ausſichten fuͤr eine lange Reihe kommender Jahre, geweſen waͤre. Auch jenen Abend waren ſie an der kleinen, maleriſch gelegenen, Inſel gelandet; es war Blanca's Lieblingsplatz. Hier brachten ſte eine Stunde im reinſten, hoͤchſten Austauſch liebender Seelen zu, eine Stunde, wie ſie nie wiederkehren ſollte. Schon auf der Heimfahrt, * 10* 5 148 klagte Blanca uͤber ſieberhaftes Froͤſteln, und eine Woͤche darauf war ihr engelgleicher Geiſt be⸗ reits von der Erde entflohen. Der Freiherr bemerkend wie Luiſe die Farbe wechſelte, ſagte ruhig:„Sey unbeſorgt, Schwe⸗ ſter! Ich weiß es iſt der vierte Auguſt! Aber gieb heute meinen Bitten nach; laß uns an der Weiden⸗Inſel landen!— Vor drei Jahren hoͤrte ich dort die Toͤne eines Liedes, das ich heute wie⸗ der hoͤren mochte, und deshalb bat ich dich deine Laute mitzunehmen.“ Die kleine Barke trug ſie an den dielgellebten Ork; ſie weilten dort einige Zeit, und Luiſe ſang, auf ihres Bruders Begehren, Blanca's Lied. Sie hatte ſich uͤber ihre Kraͤfte angeſtrengt die Toͤne uͤber die Lippen zu bringen, und als es zu Ende war, warf ſie ſich weinend an ſeine Bruſt und bat ihn ihre Kraft nicht wieder auf eine ſo ſchwere Probe zu ſetzen. Er druͤckte ſie zaͤrtlich an ſich, leiſe ſagens: „Vergieb mir Schweſter, es iſt das letzte Mal.“ . Waͤhrend der nämlichen Nacht, als die Be⸗ wohner des Schloſſes, welche nicht durch Kummer und Sorge wach erhalten wurden, in tiefem Schlum⸗ 149 mer lagen, vernahm man einen aͤngſtlichen Schrei, der ſelbſt manchen Schlaͤfer weckte. Conrad, der ſeine Ruheſtaͤtte nahe bei des Freiherrn Ge⸗ mache hatte, hoͤrte ſeinen Namen ſchwach rufen, flog zu ſeinem Herrn, der nur noch hinlaͤngliche Kraft* beſaß den Namen des Pater Felix unverſtaͤndlich zu murmeln, als er von heftigen Zuckungen er⸗ griffen wurde. Nicht im Stande den theuren Herrn in dieſem Zuſtande zu verlaſſen, und doch nach geiſtiger und koͤrperlicher Huͤlfe verlangend, rannte er nur bis an die Thuͤr des Zimmers, und rief mit aͤngſtlichem, durchdringenden Ton den Caplan, der auf der naͤmlichen Gallerie wohnte. Der alte Prieſter war gewohnt, lange, ſtrenge Vigilien zu halten, und opferte ſtets einen groͤße⸗ ren Theil der Nacht dem Gebet und den Fuͤrbitten, als er der Ruhe weihete. Jetzt vorzuͤglich, da ſein Gemüth durch ſchwere Sorgen niedergebeugt war, ſuchte er mit verdoppeltem Eifer die Troͤ⸗ ſtungen der Religion; gluͤcklicher Weiſe verrichtete er ſeine Andacht aber dieſe Nacht nicht in der Ca⸗ pelle, wie es oft der Fall war, Conrad's durch⸗ dringender Ruf ſchallte alſo ſogleich zu ſeinem Ohr, und eine ungluͤckliche Ahnung ergriff ſeine Seele. 150 Augenblicklich befand er ſich am Bette ſeines theuren Zoͤglings, der zwar wieder ruhig da lag, doch ſich nicht mehr im Stande befand, einen Laut uͤber die faſt ſchon erſtorbenen Lippen zu bringen. Matt druͤckte er die Hand des Caplans, und hob die Augen zu dem Crueciſixe, welches dieſer ihm vorhielt; die Seele ſchien ſich noch im andaͤch⸗ tigen Gebet mit dem Beichtiger zu vereinen, der an ſeiner Seite kniete, und entfloh dann von der irdiſchen Welt, in die hoͤheren Raͤume des Lichts. Das ſo ſchnelle Herandringen des Todes hatte 1 Conrad überraſcht, und auch dem Caplan fiel der Gedanke, daß es außer dieſem theuren Dahin⸗ geſchiedenen, noch andere lebende Weſen gaͤbe, erſt nach dem vollbrachten Kampfe, ſchwer aufs Herz.„Ach„“ ſagte er dann tiefſeufzend,„eine nicht minder ſchwere Pflicht bleibt mir noch zu er⸗ fuͤllen uͤbrig!“— Leiſe lehnte er die Thuͤr an, und ſchlich lang⸗ ſam nach dem Theile des Schloſſes, in dem ſich Luiſens Zimmer befanden. Schon indem er durch die langen Gaͤnge wanderte, toͤnte der dum⸗ pfe, feierliche Schall der Todten⸗Glocke zu ſeinem Ohr, und mit lautpochendem Herzen, hielt er ei⸗ 151 nen Augenblick ſeine Schritte an, als verkuͤnde ſich ihm nun erſt die fuͤrchterliche Nachricht. Die von der Glocke aufgeſchreckten Bewohner liefen aͤngſt⸗ lich forſchend herbei, und auch Luiſe ſtand ſchon bleich und ſprachlos, mit ſtarren Augen und auf⸗ geloͤſtem Haar, in der Thuͤr ihres Gemaches. Mit ſanften Bitten verſuchte der Moͤnch ſie zuruͤckzu⸗ fuͤhren; aber umſonſt! der bisher ſo gewaltſam zuruͤckgehaltene, und doch ſo gerechte, natuͤrliche Schmerz, wollte ſich Luft machen an der Leiche des theuren Bruders, und Felix, ſelbſt ſo tief leidend, war unfaͤhig den Ausbruch mit Gewalt zu hintertreiben. 1 Truͤbe und ſchwermuͤthig verſtrichen die naͤchſt⸗ folgenden Tage. Ueber die Banner. und Standarten, welche von den Thuͤrmen des Schloſſes der edlen Herrn v. Marchfeldt herunterweheten, war die ſchwarze Trauer⸗Fahne aufgezogen. In der Mitte der großen, mit Schwarz behangenen Halle, lag der entſeelte Koͤrper des letzten der maͤnnlichen Erben dieſes Hauſes und ſeiner ausgebreiteten Be⸗ ſitzthuͤmer, auf einer praͤchtigen Bahre, die unter einem, mit einem Reiherbuſche geſchmuͤckten Thron⸗ himmel ſtand; zu beiden Seiten derſelben befan⸗ 15² den ſich Tag und Nacht brennende, geweihte Kerzen. Die Halle wimmelte von ſtummen, ſchwarzverhuͤllten Leidtragenden, und von Zeit zu Zeit erſchienen die Moͤnche eines benachbarten Kloſters, im langen, feierlichen Zuge, um See⸗ len⸗Metten fuͤr den Todten zu ſingen, und die Bahre mit heiligem Weih⸗Waſſer zu beſprengen. An dem naͤmlichen Tage, an welchem drei Jahre zuvor, die Gebeine der, in jugendlicher Fuͤlle verblichenen Blanca v. Freiburg, in das Gewöoͤlbe der Schloß⸗Capelle von Marchfeldt verſenkt worden waren, trug man auch den Leichnam des Freiherrn zu ſeiner Ruheſtaͤtte an ihrer Seite. Von dem Augenblicke an da das letzte Requiem verhallt war, brachte Felix die Nacht allein am Begraͤbnißplatze zu. Nicht ein einziger Gedanke, der vormals die Bruſt des geliebten Zoͤglings erfuͤllt hatte, war dem Auge des ehrwuͤrdigen Beichtigers verborgen geblieben, und nur zu gut wußte er, daß zu leidenſchaftliche Anhaͤnglichkeit an ein irdiſches Weſen, die einzige Schattenſeite in dieſem ſonſt ſo reinen Gemuͤth geweſen ſey. Im inbruͤnſtigen Gebet fuͤr die geſchiedene Seele begrif⸗ fen, und es ſich innerlich bewußt, daß Vollkom⸗ „——— „—— menheit nicht das Erbtheil des fuͤndhaften Ge⸗ ſchlechts ſey, hoffte er die hoͤhere Guͤte und Weis⸗ heit des himmliſchen Vaters werde dieſen Flecken in der Bruſt ſeines Zöglings, als eine Schwaͤche anerkennen, aber nicht als Verbrechen verdam⸗ men. In voeler Kraft des Gebets, glaubte er ſich in ſeinem Flehen ſchon erhoͤrt, und legte dem Himmel das Geluͤbde ab, daß von nun an keine bittere Thraͤne mehr ſeinem Auge entrinnen ſolle, uͤber das Geſchick eines von der Erde Geſchiede⸗ nen, der von der harten Pilgrimſchaft des ſor⸗ genvollen, irdiſchen Lebens, in die Wohnungen des Friedens uͤbergegangen ſey. Viele edle Verwandte und Freunde des Hau⸗ ſes Marchfeldt hatten ihr Beileid uͤber das Ab⸗ ſterben des jungen Freiherrn bezeugt, indem ſie perſoͤnlich bei der Leichen⸗Proceſſion im Schloſſe gegenwaͤrtig geweſen; als aber dieſe Feierlichkeit voruͤber, und der Staub dem Staube beigefuͤgt war, die Requiem in der Schloß⸗Capelle ver⸗ hallten, zogen ſich die Gaͤſte zuruͤck, ohne die junge Freiherrin geſehen zu haben, die ihre Zimmer nicht denheim, als ihr Bevollmaͤchtigter in einigen verließ. Nur ihr Oheim, Graf Ernſt v. Er⸗ nothwendigen Geſchaͤfts⸗Angelegenheiten, weilte noch eine Zeitlang dort. Es wurden Couriere nach Wien, mit der Meldung des eingetrerenen Todesſalles, abgefertigt, und Kaiſer Ferdinand trug dem Grafen auf, die junge Erbin in aller Form mit ihres Bruders Titeln, Guͤtern und Vor⸗ rechten, in ſeinem Namen zu belehnen. Nachdem dies geſchehen war, nahm auch Graf Erden⸗ heim Abſchied, und kehrte nach Wien zuruͤck. Nur einmal, ſeit Wilhelms Tode, hatte Luiſe der Nothwendigkeit nachgegeben, aus ihren Ge⸗ maͤchern hervorzukommen, wo ſie niemand als den Pater Felix und ihre vertraute Kammerfrau vor ſich ließ, um bei der Verleſung des Teſtaments gegenwaͤrtig zu ſeyn, und in den Beſitz ihrer Rechte und Wuͤrden zu treten, Dieſe Gelegen⸗ heit ergriff auch der Oheim, ihr einige wohlge⸗ meinte, vaͤterliche Worte ins Ohr zu fluͤſtern, und ſie ſeines ferneren Beiſtands und Schutzes, bei allen vorkommenden Gelegenheiten, zu verſichern. MNoch manche Woche wehete die Trauer⸗Fahne von Marchfeldts Thuͤrmen, und die Halle behielt ihre ſchwarzen Umhüllungen. Ein Monat verging, bevor die junge Freiherrin ſich auch nur ————— —— ͦ—— entſchließen konnte, eine friſchere Luft auf den Schloß⸗Waͤllen einzuathmen. Waͤhrend dieſer Zeit war Pater Felir ernſt⸗ lich beſchaͤftiget ein Vorhaben auszufuͤhren, das ſie ſeiner Sorgfalt anvertraut hatte. Es ſollte nämlich, ihrem Verlangen gemaͤß, eine Einſiedelei und Capelle auf der Weiden⸗Inſel erbauet, und zwei Moͤnche darin erhalten werden, um taͤglich zwei Seelen⸗Metten fuͤr die Ruhe und den Frie⸗ den der beiden engverbundenen, abgeſchiedenen Seelen, zu leſen. Dem Caplan haͤtte unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden kein willkommenerer Auf⸗ trag gegeben werden koͤnnen; der Biſchoff von Raab verſprach den Grund einzuweihen, und die Arbeiter hatten ſchon ihr Werk zur Errichtung beider Gebaͤude begonnen. Zwei heilige Maͤnner, ausgezeichnet durch die Einfachheit und Froͤmmigkeit ihres Wandels, wollten mit Einwilligung des Abtes, das Kloſter mit der Einſiedelei vertauſchen. An dem zur Einweihung des Grundes bezeichneten Ta⸗ ge, ward die Freiherrin, in tiefem Trauer⸗Ge⸗ wande, und in einem dichten Schleier gehuͤllt, begleitet von ihren ſchwarz gekleideten Frauen, vom Biſchoff von Raab, in ihre Staats⸗Barke gefuͤhrt; das Gefolge des ehrwuͤrdigen Praͤlaten, der Seneſchal, Haushofmeiſter, und andere zum Haushalt gehoͤrige Perſonen, ſchloſſen ſich in einer langen Reihe von Boͤten, dem Zuge an. Es war Nacht, und der Trauerzug glitt beim Fackelſchein, in ſo tiefer Stille uͤber die Wellen der Raab, daß außer dem gleichmaͤßigen Schlage der Ruder, kein anderer Laut vernehmbar war. Auf der Weiden⸗Inſel wurde der Zug vom Abte und ſeiner Begleitung, nebſt dem Pater Felix durch den tief toͤnenden Chorgeſang eines Grabliedes empfangen; kein Wort, kein Laut ſtoͤrte die Andacht der Verſammlung. Nachdem der Biſchoff mit allen dabei gebraͤuchlichen Feier⸗ lichkeiten den Grund der Capelle geweiht hatte, die kuͤnftig unter dem beſonderen Schutze ſeines Klo⸗ ſters ſtehen ſollte, legte Luiſe unter Thraͤnen mit eigner Hand den erſten Stein zu dem Gebaͤude, welches zur Ruheſtaͤtte des geliebten Bruders die⸗ nen ſollte, und da nun auf dieſe Weiſe das Werk vollendet war, begab ſich der ganze Zug, im Glanze der Fackeln uͤber den Fluß zuruͤck, und man zog wieder ein in die Thore des Schloſſes. Der Biſchoff verweilte die Nacht im Marchfeldt; ſo 157 gern aber auch die ſchoͤne Herrin durch ihre Ge⸗ genwart beim Abendeſſen, die Anweſenheit des hohen Gaſtes noch mehr verherrlichen wollte, ſo fuͤhlte ſie ihre Kraͤfte doch zu erſchoͤpft. In der großen Halle kniete ſie ſchweigend vor ihm nieder, und empfing ſeinen Seegen. „Es iſt genug, meine Tochter,“ ſagte der ehrwuͤrdige Mann!„Gehe jetzt auf dein Zimmer; dein bewegtes Gemuͤth verlangt Ruhe und Einſam⸗ keit, und der würdige Beichtiger wird die Sorge meiner Unterhaltung uͤber ſich nehmen. Morgen muß ich in aller Fruͤhe mein Saum⸗Thier beſteigen. Gute Nacht! Der Himmel ſeegne dich!“— IX. Luiſens Herz war tief und ſchmerzlich verwundet durch den Verluſt ihres einzigen, ge⸗ liebten Bruders; aber indem ſie ſich dem Grame an ſeinem Grabe uͤberließ, ſchien eine warnende Stimme von dort unten herauf zu ihr zu toͤnen, und ſie zu mahnen, daß eben ein gaͤnzliches Ver⸗ 158 ſinken im Schmerz den, welchen ſie betraure, ſo fruͤh ins Grab gebracht habe. 8en „ Ach,“ ſagte ſie im leiſen Selbſtgeſpräch, „bei mir wuͤrde dieſe Schwaͤche ein noch weit groͤßeres Unrecht ſeyn, als bei meinem armen Wilhelm; mir verlieh die Natur einen feſteren Charakter, mein Wille hatte ſtets mehr Gewalt uͤber meine Neigungen; er war leider geſchaffen beim erſten Streiche zu fallen, ich bin vielleicht noch zu mehreren Pruͤfungen von der Vorſehung aufbewahrt!— Wilhelm! Blanca! Ihr himmliſchen Geiſter, dieſe Welt konnte keine Hei⸗ math fuͤr euch ſeyn!“. Es koſtete wohl manchen Kampf, ehe Luiſe es uͤber ſich erringen konnte, dem Schmerze nicht ferner in der Einſamkeit nachzuhaͤngen, doch war es ihr ſeſter Wille ſich wieder einer ins Leben ein⸗ greifenden Thaͤtigkeit zu weihen, und dankbar faßte ſie jede ſich ihr dazu darbietende Gelegenheit auf. Zwar waren die Bewohner von March⸗⸗ feldt ſchon ſeit Blanca's Tode gewoͤhnt, Luiſe als ihre Beſchuͤtzerin anzuſehen, doch der Tod des eigentlichen Lehnsherrn, ihr foͤrmlicher Eintritt in ſeine Rechte, legte ihr in dieſer Hin⸗ ſicht doppelte Pflichten auf, und in der Aufmerk⸗ ſamkeit auf das Wohl dieſer guten Unterthanen ſuchte und fand ſie ihre erſte Zerſtreuung. Der Herbſt nahete ſich; das falbe Laub der Waͤlder, die grauen Morgen⸗Nebel, das, durch die duͤrren Bläͤtter, hohle Sauſen des Windes, alles kuͤndete die nicht mehr ferne Annaͤherung des Winters an. Bald zu Pferde, bald zu Fuße beſuchte das Fraͤulein jeden Morgen die benach⸗ barten Ortſchaften, unterhielt ſich mit ihren Paͤch⸗ tern und Lehusleuten, und verrieth in der Art wie ſie ihnen ihr Leben zu erleichtern ſuchte, eine weit uͤber ihre Jahre gehende Reife des Verſtan⸗ des, eine engelreine Guͤte des Herzens. Sie ſah nun dem Augenblick entgegen, wo ſie zum erſtenmale genoͤthigt ſeyn wuͤrde auf einige Zeit von ihren treuen Unterthanen Abſchied zu nehmen, und wellte vorher noch alles ordnen, nichts unvollendet laſſen, wobei ihre Gegenwart erforderlich ſeyn konnte. Auch auf der Weiden⸗ Inſel weilte ſie oft, hier wuͤnſchte ſie noch die erſte Meſſe ſingen zu hoͤren, bevor ſie March⸗ feldt verlaſſen mußte, und eifrig trieb ſie die 3 Arbeiter zur Vollendung des Baues an. 160 Als ſie eines Tages auch dort in Beglei⸗ tung des guten Pater Felir geweſen war, ſchlug ſie vor, an dem entgegengeſetzten Ufer des Flußes zu landen, um dort eine kranke Frau zu beſu⸗ chen, und dann am Strande wieder heimzukehren. Nach wiederholtem Anklopfen an eine kleine Huͤtte, wurde ihnen die Thuͤr durch eine Fremde geöffnet, bei deren Anblick Luiſe unwillkuͤhrlich 1 zuruͤckfuhr und heimlich das Zeichen des Kreuzes ſchlug, denn lebhaft kam ihr die Beſchreibung ihres Bruders von der Zigeunerin im Walde zu Mornau, wieder vor die Erinnerung.— Sie fuͤhlte ſich unwohl in der Naͤhe dieſes We⸗ ſens, ward bleich, und ihre Angſt ſtieg, als ſie gewahrte, daß die Alte dies mit einem hoͤhniſchen Laͤcheln zu bemerken ſchien, und waͤhrend der Mund ſich grinſend verzog, die gelben, langen Zaͤhne zeigte, welche das Gemaͤlde vollendeten, und ſie uͤberzeugten, die naͤmliche Zigeunerin ſtehe vor ihr, die ihren Bruder einſt aus dem Walde geleitet habe.„Der Baum iſt gefallen!“ murmelte die Alte, nur ihr verſtaͤndlich; jetzt war kein Zweifel mehr uͤbrig. r 161 Schnell aber raffte die geaͤngſtete Luiſe alle ihre Geiſtesgegenwart zuſammen, naͤherte ſich dem Bett der Kranken und nachdem ſie die uͤber ihren Geſundheitszuſtand nothigen Erkundigungen eingezogen, und ihre ſernere Huͤlfe angeboten hatte, fragte ſie leiſe: wer dieſe Frau ſey, und wann ſie zu ihr gekommen waͤre? 85 „Eine Frau?“— Antwortete Alice; „der Stimme nach habe ich die Perſon fuͤr ei⸗ nen Mann gehalten.— Sie iſt noch nicht zehn Minuten hier; es pochte jemand an die Thuͤr, und in der Meinung es ſey Urban, der Muͤllers Burſche, rief ich herein.— Da hoͤrte ich etwas in einem heiſern Tone um die Erlaubniß bitten, ſich hier einige Minuten ausruhen zu duͤrfen; das gab ich zu, und ſagte, Steffen wuͤrde bald heimkehren und ihr ein kleines Abenbrodt rei⸗ chen.“ 1 4 Bei der Ankunft des Fraͤuleins und des Caplans, waren zwei rothbaͤckige Kinder wieder unter dem Bett ihrer Mutter hervorgekrochen, wohin ſie ſich beim Eintreten der furchtbaren Geſtalt verbor⸗ gen hatten, als fuͤhlten ſie ſich nun durch die Ge⸗ genwart dieſer Beiden vollkommen geſichert. Der W. v. W. 11 162 Caplan ſaß in ſeiner gewoͤhnlichen, nachdenkenden Stellung auf einer niedern Bank, und die Zigen⸗ nerin, ihre lange, hagere Figur auf einem Stabe ſtuͤtzend, ſtand krumm gebuͤckt, hart an ſeinem Ellen⸗ bogen. Bei Steffens Eintritte wandte Luiſe ſich vom Bette ab; dieſer begann nun ſeine Guts⸗ herrſchaft mit vielen wohlgemeinten, laͤndlichen Complimenten zu begruͤßen, waͤhrend er den Blick von der Seite nengierig, und doch halb furcht⸗ ſam, auf den geheimnißvollen Gaſt warf, den er aus Achtung fuͤr das Fraͤulein, nicht anzureden wagte.— Endlich rief Alice ihrem Manne zu: „Steffen, die alte Frau will ſich hier ein wenig ausruhen; vermuthlich iſt ſie auch hungrig, Laß ſie mit dir und den Kleinen eſſen.“ „Thut nicht noͤthig,“ rief die Zigeunerin, indem ſie ſich an ihrem Stabe empor raffte. „Nach eurem Brodte verlangt mich nicht, und wonach mich verlangte, das habe ich gefunden“ Bei dieſen Worten ſchritt ſie, ohne weitere Um⸗ ſtaͤnde zur Thuͤr hinaus; jetzt aber machte Stef⸗ fen ſeinem Erſtaunen Luft. „Wenn das ein Weib iſt,“ fuhr er auf, „habe ich noch nirgend auf der Welt ihres Gleichen — geſehen!— Wahrhaftig, ein paar Zigeuner ſind ſchon hinreichend den Teufel ſelbſt in die Flucht zu jagen; aber die, welche eben davon trabt, iſt die Krone von allen!— Gottlob! daß ſie fort iſt.“ „Guter Steffen,“ ſagte das Fraͤulein,„ich bin ſonſt nicht leicht in Schrecken zu ſetzen; aber in den Zuͤgen dieſer Zigeunerin liegt ein boshafter Ausdruck, der mich beunruhiget. Ich will mit dem Pater Felix hier warten, bis ihr den Klei⸗ nen das Abendbrodt gegeben habt, dann bitte ich euch uns ins Schloß zu begleiten, wo ihr eſſen, und den Korb mit Arzenei und Erfriſchungen fuͤr Alice zuruͤck nehmen koͤnnt.“ Einer der kleinen Jungen lief geſchwinde zu einer Nachbarin, um ſie zu bitten mit ihrer Spin⸗ del waͤhrend der Zeit bei der Mutter zu ſitzen, worauf das Fraͤulein, der Kaplan und ihr Be⸗ gleiter ungeſtoͤrt den Weg nach dem Schloſſe zuruͤcklegten. Das gefuͤrchtete Weib ließ ſich nicht weiter blicken. Es begreift ſich leicht, daß Luiſens Phan⸗ taſie durch die ploͤtzliche Erſcheinung der widrigen Geſtalt, durch die bedeutungsvollen Worte:„Der 11* 164 Baum iſt gefallen!“ nicht wenig aufgeregt war.— Die truͤbe Jahrszeit, der dicke Herbſtnebel, das hohle Sauſen des Abendwindes, das Getoſe der Raab, und die im Nebel untergehende, bleiche Sonne, vermehrten noch den in ihr erregten Schauer, und weckten kaum eingelullte Schmer⸗ zen und Sorgen, in ihrem Buſen wieder auf. „Ehrwuͤrdiger Vater,“ ſprach ſie zum Cap⸗ lan,„Alaßt uns noch ein wenig auf die Zinnen des Schloſſes gehen; ich glaube es wird mich er⸗ heitern von dort hinab in das Dorf zu ſchauen, den aus den Feuereſſen der Haͤnſer aufſteigenden Rauch zu ſehen, und die fernen Toͤne der Abend⸗ lieder zu vernehmen. Ueberdies iſt es mir Be⸗ duͤrfniß ench mitzutheilen, weshalb ich ſo unge⸗ wöhnlich erſchreckt wurde, durch den Anblick der fremden Frau in Steffens Huͤtte, und euch die naͤhern Umſtaͤnde zu erzaͤhlen, mit welchen dieſe Alte im Zuſammenhange ſteht.“ Der gute Felix, wie wir ſchon fruͤher be⸗ merkt haben, ſchweifte mit ſeinen Betrachtungen gerne in dunkler Ferne, und hatte alſo fuͤr die Ge⸗ genwart nicht immer einen klaren Blick. Wohl hatte er Stuͤckweiſe Wilhelms Geſchichte ver⸗ . 163 nommen; aber ſeiner Natur gemaͤß war er begie⸗ riger die geiſtigen Urſachen, die Entſtehung und Berbindung der Gedanken im Herzen feines Zög⸗ lings auszuforſchen, als den wirklich erlebten That⸗ ſachen ein geneigtes Ohr zu leihen. So wie in⸗ deß das Fraͤulein die Begebenheit mit den Zigeu⸗ nern, und das bedentungsvolle Sinnbild des Maulbeerbaums in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckrief, geſtand er, daß das Zuſammentreffen mit dem ſonderbaren Weibe, ihr boshaftes Laͤcheln, und der darauf folgende Ausruf, allerdings als ſinſterer Zufammenhang erſcheine. Das hin und her Spre⸗ chen uͤber dieſe Gegenſtaͤnde, fuͤhrte, wie es gewoͤhn⸗ lich der Fall wird, eine lange Reihe von Folge⸗ rungen und Muthmaßungen herbei, die aber hier vielleicht noch laͤnger gedauert haben wuͤrhen, wenn die Unterredung nicht durch einen Eintreten⸗ den geſtoͤrt worden waͤre, der den Moͤnch bat ſich zu einem Kranken zu verfuͤgen. Guͤtig und ſtets bereitwillig, ſobald Andere ſeiner bedurften, ver⸗ ſtoſſen wenig Stunden des Tages, in denen man nicht ſeinen geiſtlichen Troſt, oder ſeine leib⸗ liche Huͤlfe ſuchte; er ſah dies fuͤr ſeinen ſchoͤnſten Beruf an und folgte gerne. Indem er ſich aber 166 ſchnell umwandte um die Stiegen hinunter zu ge⸗ hen, ſiel etwas aus ſeinem Aermel, und da Bar⸗ bara, Luiſens liebſte Geſellſchafterin unter den dienenden Frauen im Schloſſe, grade hereintrat, nahm ſie es auf, und es ihrer Herrin zeigend, rief ſie: „Was iſt das? Eine Kapſel!— Wahr⸗ ſcheinlich enthaͤlt ſie ein Miniatur Gemaͤlde. Alle Heiligen verleihen mir ihren Beiſtand! Der ehr⸗ wuͤrdige Herr wird doch nicht das Bild einer Dame in ſeinem Buſen verwahren!“ Im Augen⸗ blick druͤckte ſie an eine Feder, es ſprang auf, und ihr lauter Ausruf:„ein wunderſchoͤner Juͤngling! Wer kann das ſeyn?“— zog die Auſmerkſumkeit der Gebieterin an. „Was haſt du da? Laß es mich ſehen!“ ſagte Lui ſe gleichguͤltig. „Wer es nur ſeyn mag!“ rief Barbara, indem ſie das Gemaͤlde hinreichte.„Als Pater Felir die Stiegen hinuntereilte, fiel es aus ſei⸗ nem Aermel. Niee haͤtte ich gedacht, daß er ſo etwas bei ſich truͤge!— Und ſehen Euer Gnaden nur die koͤſtliche Einfaſſung, die herrlichen Diaman⸗ ten!— Sonderbar! Nie ſah ich den ehrwuͤr⸗ 167 digen Herrn etwas tragen, das werth geweſen waͤre von der Erde aufgenommen zu werden: ſogar ſeine Tabacksdoſe iſt nur aus einem Stuͤck Wallnuß⸗Holz gedrechſelt. Ais der ſelige Herr Baron ihm einſt den goldnen Roſenkranz verehrte, hatte er nichts angelegentlicheres zu thun, als die heilige Jungfrau damit zu ſchmuͤcken, und um ſei⸗ nen eigenen Hals hing er eine Schnur gemeiner Glasperlen.“ Waͤhrend dieſer Rede der Kammerfran wa⸗ ren Luiſens Augen zwar nicht auf die Einfaſſung der koͤſtlichen Diamanten, ſondern auf die Zuͤge des Bildes, mit ſtummem Erſtaunen geheftet. Verworrene, beunruhigende Gedanken ergriffen ihre Seele, und indem ihre Lippen Barbara's Ausruf;„wer es nur feyn mag!“— wiederholten, ſchien eine Stimme in ihrem Innern die Frage zu beantworten. Aber woher kam es?— Durch welchen Zufall gelangte der Moͤnch zum Beſitz, und was vermochte ihn es auf dieſe Weiſe zu be⸗ wahren?— Alle dieſe Sinn verwirrenden Fra⸗ gen beſtuͤrmten ſie auf einmal, und vergebens be⸗ muͤhete ſie ſich im Reich der Wahrſcheinlichkeit Aufſchluß zu finden. Ein leiſer Seufzer, daß dies 168 Bild Wallenſtein gleichen moͤchte, ſchwellte ihren Buſen; doch die Tracht war nicht die eines Kriegers. Nie hatte ihr Bruder ihr die Geſtalt oder Zuͤge ſeines Freundes beſchrieben; aber oft und mit den lebhafteſten Farben ſchilderte er ihr jeden Zug desjenigen, den ſie unter allen Men⸗ ſchen am meiſten fliehen ſollte, und ſie ſchau⸗ derte bei dem Gedanken, daß dieſes Mannes Bild nun vielleicht durch ſo ſonderbare Umſtaͤnde in ihre Haͤnde gerathen ſeyn könne. Nachdem Barbara ihrer Bewunderung uͤber die ſchoͤnen Diamanten ein wenig Luft gemacht hatte, trug ſe ſie auf das Gemaͤlde uͤber. „Welch eine ſchoͤne Stirn!“ rief ſie;„und wie ſie durch das glaͤnzend dunkle Haar gehoben wird!— Welche Augen!— Die Wangen ſind freilich etwas bleich; doch das kleidet einen Mann nicht uͤbel.— Der Mund aber iſt vollkommen ſchoͤn; was moͤchte ich nicht barnm geben ihn laͤcheln zu ſehen!“— „Barbara,“ ſprach das Fraͤulein,„das Bild ſcheint deine Sinne ſchon ganz bethoͤrt zu ha⸗ ben! Wer weiß ob das Laͤcheln nicht dem Ans⸗ drucke unguͤnſtig ſeyn koͤnnte.“ 169 Bei dieſen Worten ward ihr Gemuͤth durch die Erinnerung an die Beſchreibung, welche Wil⸗ helm von Wolfſteins Laͤcheln deiniiht hatte, beunruhiget. „Es iſt Zeit,“ rief ſie,„daß wir dem Vater Felix ſein Eigenthum zuruͤckgeben; vielleicht ent⸗ huͤllt er uns das Geheimniß.“ „Oh, Euer Enaden, es ſchickt ſich gar F nichr fuͤr einen alten geiſtlichen Herrn, ſolche Dinge bei ſich zu tragen; das ſteht einer jungen Dame weit beſſer an. Wahrhaftig, wenn er es wieder nimmt, muß ich glauben er ſey auf einmal kindiſch gewor⸗ den; aber ich moͤchte eine Wette darauf eingehen, daß ich den ganzen Zuſammenhang heraus habe!— Vielleicht ließ der ſchlaue alte Herr es mit Fleiß fallen. Gewiß, gnaͤdiges Fraͤulein, iſt es das Bild eures Vetters, des jungen Grafen v. Er⸗ denheim. Euer Oheim gab es ſicher dem Pater waͤhrend ſeiner Anweſenheit auf dem Schloſſe, um es euch gelegentlich in die Haͤnde zu ſpielen. Ja, da haben wir's! Die Herrſchaft von March⸗ feldt, mit ihren ſchoͤnen Forſten und Holzun⸗ gen, ihrem Fluß, Muͤhlen und Doͤrfern, verdient wahrhaftig wohl, daß man ſich darnach umſieht.— 170 Aber ich hoffe, Euer Gnaden, die nur mit der Hand zu winken braucht, um ſich unter Tauſen⸗ den den rechten zu erkieſen, wird ſich nicht auf dieſe Weiſe einen Mann in den Weg werfen laſſen.“ „Schweig, Barbaral dein unſinniges Geſchwaͤtz aͤrgert mich. Du thuſt meinem Oheim großes Unrecht, wenn du ihn eines ſolchen Man⸗ gels an Zartgefuͤhl faͤhig haͤltſt. Ueberdies, ob⸗ gleich ich nun meinen Vetter ſeit fuͤnf Jahren nicht geſehen habe, weiß ich doch noch ſehr wohl, daß er rothes Haar hatte, und ſehr gewöhnlich ausſah, da hingegen dies Bild—— Nein, nein, es hat nicht die mindeſte Aehnlichkeit!“— „Ja, Maͤnner veraͤndern ſich aber gewal⸗ tig,“ erwiederte die auf ihren Ausſpruch behar⸗ rende Barbara, ohne in ihrer Weisheit weiter daruͤber nachzudenken, ob, dem natuͤrlichen Laufe der Dinge gemaͤß, rothes Haar ſich in ſchwarzes verwandeln koͤnne. Sie ſtiegen jetzt mit einander vom Thurme hinunter, und das Fraͤulein verlangte den Caplan zu ſprechen; man berichtete ihr aber, daß er ſein Maulthier beſtiegen habe, um einem, einige Mei⸗ 1 ———ÿ; ,— — ——— — len entfernten, todtkranken Manne die Beichte zu ertheilen, und vielleicht vor Tages⸗Anbruch nicht 171 wieder zum Schloſſe zuruͤckkehren werde. Das Fraͤulein fuͤhlte ſich unangenehm in der Erwartung getaͤuſcht, durch ihn bald aus der Ungewißheit, in Hinſicht des Gemaͤldes, geriſſen zu werden. Je laͤnger ſie daſſelbe betrachtete, je mehr ward ſie uͤberzeugt es trage Wolfſteins Zuͤge, und um ſo mehr ſuchte ſie ſich zu uͤberreden, daß es dennoch Wolfſtein nicht ſeyn koͤnne; ihr Gemuͤth wurde ein Naub der ſonderbarſten, widerſprechendſten Gefuͤhle. Waͤre Conrad da geweſen, ſo haͤtte er ihrer Verlegenheit auf einmal ein Ende machen koͤnnen; der arme Conrad aber, der es nicht ertragen konnte ſeinen Herrn nicht mehr im Schloſſe zu ſehen, war nach Wien geſchickt, um alles zum Empfang des Fraͤuleins ein⸗ zurichten, da das dortige Schloß der Familie Marchfeldt, welches ſeit dem Tode des Frei⸗ herrn Utrich nicht bewohnt geweſen, einiger Verſchoͤnerungen bedurfte.— „Ach!“ ſagte Luiſe zu ſich ſelbſt,„mir fehlt jeder Schluͤſſel zu dieſem wunderbaren Geheim⸗ niſſe!— Was ſagt mir dies ſchoͤne Geſicht?— 122. Ein hoher, kraͤftiger Geiſt ſpricht aus ſeinen Zuͤgen; aber nur aus dem Oeffnen der zgden kann mir Offenbarung aufgehen!“ Von Traͤumen gequaͤlt, brachte ſie eine unruhige, ſchlaſtoſe Nacht zu, und als der Cap⸗ lan am fruͤhen Morgen von ſeinem heiligen Ge⸗ ſchaͤfte zuruͤckkehrte, verlangte ſie ſogleich ihn zu ſehen. Nach dem erſten, eiligen Gruße, fragte ſie ihn, wer das Original dieſes Gemäldes ſey. „Ich weiß es nicht, meine Tochter,“ ant⸗ wortete er, es oberflaͤchlich betrachtend.„Wahr⸗ ſcheinlich kenne ich den Mann nicht, denn ein ſolches Geſicht, einmal geſehen, wuͤrde mir ſchwer⸗ lich gaͤnzlich aus der Erinnerung ſchwinden.“ „Was aber kann euch vermoͤgen, ehrwuͤrdi⸗ ger Vater, das Bild eines Unbekannten zu tra⸗ gen; 24— „Sch es getragen, mein Kind?— Nein, gewiß nicht!— Dies,“ ſagte er, ein unge⸗ ſchmuͤcktes Heiligenbild aus dem Buſen ziehend, „dies, und nichts anderes, habe ich ſeit vielen Jahren getragen. Tochter,“ ſetzte er milde hin⸗ zu,„ich habe ein ernſtes Werk in der vergangenen Nacht zu vollbringen gehabt, und bin wenig auf⸗ —— gelegt, die weltlichen Raͤthſel, welche du mir bei meiner Ruͤckkehr aufgiebſt, zu loͤſen. Ich verlaſſe dich, um mich eine Stunde auszuruhen, und eile dann in die Capelle.“ „Verzieht einen Augenblick,“ rief ſie haſtig. „Dies Gemaͤlde fiel geſtern, als ihr ſchnell vom Thurme hinunterginget, aus eurem Buſen oder aus eurem Aermel. Iſt es alſo nicht natuͤrlich, daß ich von euch die Aufloͤſung des Raͤthſels ver⸗ lange?“ „Das iſt in der That befremdend! Sey ver⸗ ſichert, Tochter, daß ich dieſes Gemaͤlde heute zuerſt ſehe, und das Orndenal gewiß nie geſehen habe. Aber,“ ſetzte er einen Augenblick uͤberlegend hinzu,„das Geheimniß iſt dennoch nicht ſchwer zu ergruͤnden; gewiß iſt es unſeres, in Gott ent⸗ ſchlafenen Wilhelm's Waffengefaͤhrte, der wuͤr⸗ dige Sohn des glorreichen Herzogs von Fried⸗ land.“ „Wirklich Vater, iſt er es wirklich?— Iſt dies wirklich ein Abbild Wallenſteins?“ „Ich weiß es nicht, meine Tochter; aber wir moͤgen es immer vorausſetzen. Dein Bru⸗ der hat es wahrſcheinlich hieher gebracht, und 174 verloren; es ſah ihm nicht aͤhnlich ein anderes Gemaͤlde als das ſeines Freundes mit ſich herum⸗ zutragen, und wie koͤnnte es wohl auf eine andere Weiſe im Schloſſe gefunden ſeyn?— So bleibt mir kein Zweifel daß wir hier des jungen Wal⸗ lenſteins Zuͤge vor uns haben.“ Wie leicht ergreifen wir das Zeugniß, und faſſen den Glauben derjenigen begierig auf, die, waͤre es auch ſelbſt durch einen offenbaren Irrthum, unſerm Gefuͤhle ſchmeicheln!— „Es iſt nicht mehr zu bezweifeln,“ rief Lui⸗ ſe.„Wie konnt' ich auch nur einen Augenblick anſtehen es zu glauben!— Niemand als unſer theurer Wilhelm kann es hieher gebracht ha⸗ ben, und ſicher wuͤrde er kein anderes Gemaͤlde, als das ſeines Freundes, tragen. Deshalb hat er mir auch nie eine Beſchreibung von Caſimirs Zuͤgen gemacht; dieſe hier follten fuͤr ihn ſpre⸗ chen! Wie konnte ich nur ſo verblendet ſeyn!“— Der gute Moͤnch war voͤllig befriedigt hier⸗ mit; in ſeine Seele kam keine Vermuthung, daß das vor ihm liegende Gemaͤlde irgend ein anderes ſeyn koͤnne, als das Bild des jungen Grafen Wal⸗ lenſtein. Auch war er ſehr wohl mit dem 175 Wunſche ſeines verſtorbenen Zoͤglings bekannt, die Schweſter mit jenem zu verbinden, und ſo freuete er ſich innig, Luiſen dies Bild mit Antheil be⸗ trachten zu fehen. Er gehoͤrte zu der Claſſe ſchlich⸗ ter, einfacher Menſchen⸗Naturen, die nie weiter als grade vor ſich hinſehen, in ihrer frommen Einfalt einen Gedanken wohl auffaſſen, ſo wie er ſich ihnen zuerſt in den Weg ſtellt, ihn aber ſelten nach verſchiedenen Seiten erwaͤgen, noch weniger ihr zur Ruhe und zum Frieden geneigtes Gemuͤth mit Streitfragen um das fuͤr und wider einer Sache belaͤſtigen.— Was ihm einmal als wahr erſchien, hielt er fuͤr wahr; weiter bekuͤmmerte er ſich nicht darum. In zeitlichen Angelegenheiten konnte man alſo nicht allzu gut von ihm berathen ſeyn, denn die Klugheit dieſer Welt wohnte nicht in ihm..5 Ueberzeugt, das Bild welches Lui ſe jetzt in der Hand hielt, ſey das Bild des Mannes mit dem er hoffte einſt ihre Hand zu vereinigen, ſchie⸗ nen ihm auch die Zuͤge deſſelben lauter vortreffliche Eigenſchaften auszuſprechen; die gehaltene Ruhe im Ausdruck des Geſichts, welche den erfahrenſten Phyſiognom woyl etwas irre haͤtte machen koͤnnen, ſtoͤrte Pater Felix weiter gar nicht; er ſah darin nur heilige Gelaſſenheit, durch religioͤſe Ueberwin⸗ dung hervorgebracht, da dies eine der chriſtlichen Tugenden war, die der gute Moͤnch am meiſten ſchaͤtzte. Daß die Augen einen ungewoͤhnlichen Geiſt verriethen, konnte niemand bezweifeln. „Und was denkt ihr vom Munde, lieber Vater?“— fragte Luiſe das Bild noch einmal Zug fuͤr Zug durchgehend. Nachdem Felix einen Augenblick darauf ge⸗ weilt, erwiederte er mit den naͤmlichen Worten, deren Barbara ſich am vorigen Abende bedient hatte:„Ich wollte wir koͤnnten ihn laͤcheln ſe⸗ hen!“ Darauf empfahl er ſeine Pflegetochter dem Schutze des Hoͤchſten, um ſich auf kurze Zeit zur Nuhe zu begeben. „So nehmt das Bild wenigſtens mit, Va⸗ ter,“ rief ſie,„denn auf jede Weiſe iſt es euer Eigenthum, da ihr es verloren habt.“ „Wenn es dann mein Eigenthum ſeyn ſoll, Tochter, ſo üͤbergebe ich es dir, mit dem Wunſche das Original eines Tages gleichfalls mit dir zu vereinigen.“ 177 Luiſe erroͤthete, doch ruͤgte ſie den Wunſch nicht. Freilich fuͤhlte ſich ihr Geiſt nicht ſo ruhig uͤber den Gegenſtand des Gemaͤldes, als der des guten Pater Felix war; eine leiſe, innre Stimme fluͤtterte ihr wiederholt manche kleine Warnung zu, vergebens ſuchte ſie die Stimme zu betaͤuben; dieſe wollte ſich nicht unterdruͤcken laſſen, obgleich Luiſe ſich zuletzt den Schein gab, als hoͤre ſie ſie nicht mehr. 4. Das Gemaͤlde, welches ſo geheimnißvoller Weiſe ſeine Erſcheinung im Schloſſe machte, hatte, ſo unſchuldig es ſelbſt daran war, einen bedeuten⸗ den Einfluß auf die vorzüglichſten Bewohner deſ⸗ ſelben. Die junge Freiherrin war nachdenkend, zerſtreut und gereizt; jedes, an den hohen Fen⸗ ſtern des Gebaͤudes herabrauſchende, Blatt ſetzte ſie in Schrecken; zwar ließ ſie ſich nicht abhalten, taͤglich das Dorf und die Weiden⸗ Inſel zu beſu⸗ chen, aber es ward ihr ſchwer ihre Pflichten zu erfuͤllen. Kopf und Herz ſchienen anderweitig be⸗ a3. v, W. 1 12 178 ſchaͤftigt zu ſeyn, und ſo verloren die Befehle und Anordnungen, auch an der fruͤher gewohnten Be⸗ ſtimmtheit und Genauigkeit.— Barbara faſelte unaufhoͤrlich von dem ſchoͤnen Unbekannten, ſchwatzte voon ſeinen Augen, ſeiner Stirn, ſeinem dunklen Haare, und war taͤglich darauf begierig, wann er ſeinem Bilde folgen, und ſelbſt erſcheinen wuͤrde. Was bei der Gebieterin und der Zofe Stoff zum Nachdenken, und zu unbefriedigter Neugierde gab, diente dem guten Moͤnch zu einer Quelle groͤßerer Heiterkeit, als er ſeit ſeines Zoͤglings Tode empfunden hatte. Er hegte fuͤr dieſe Welt nur noch einen Wunſch, und dies Gluͤck weiſſagende Gemaͤlde ſchien ihm ein Vorbote der Erfuͤllung deſſelben.„Läͤßt mich der Himmel nur noch die Hand meines geliebten Kindes mit der Hand des Freundes ihres Bruders vereinen,“ ſagte er im leiſen Selbſtgeſpraͤch,„ſo iſt mein Tagewerk hie⸗ nieden im Seegen vollendet.“ Was aber jetzt Luiſens Herz auf eine un⸗ gewohnte Weiſe beſchaͤftigte, ſchien keineswegs zu ihrem Frieden zu dienen. Ihr Gemuͤth, ſonſt immer gleich und freundlich geſtimmt, ward nun haͤufig heftig und unruhig bewegt. Bei denen die 179 dies nie vorher an ihr bemerkt hatten, erregte es Erſtaunen, und die geringſte unfreundlichkeit im Tone der Gebieterin, ward wie ein Wunder be⸗ trachtet, das alle in Schrecken ſetzte. Beim erſten Ausbruch dieſer Laune, theilte ſie das Erſtaunen mit den Uebrigen, und begeiff nicht welcher boͤſe Geiſt ſich ihrer bemaͤchtiget habe; ſo wie ſie aber fuͤhlte daß das, was erſt zufaͤllig ſchien, ſich oͤfte⸗ rer wiederholte, und zur Gewohnheit zu werden drohete, konnte ſie ſich mit dem kalten Erſtaunen nicht laͤnger begnuͤgen, ſondern ſuchte im ſtillen Nachdenken die eigentliche Urſache davon zu er⸗ forſchen. ‚Ach,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„ich bin im uinern Zwieſpalte befangen! Mit offnen Augen herberge ich einen Betruͤger in meinem Herzen, der meine Gedanken in Verwirrung und Unruhe ſetzt.— Ich ſehe dies ein, und die Folgen haͤn⸗ gen von mir ab!— Bisher habe ich mich klein⸗ lich zu täuſchen geſucht, dies Bild iſt nicht Wal⸗ lenſtein, eine geheime Stimme ruft es mir Tag und Nacht zu. Wer es denn auch ſeyn mag, ſein Einfluß auf mich iſt ſchaͤdlich und ungluͤckſelig, denn von der Stunde an wo ich das Bild zuerſt 12 180 ſah, habe ich aufgehoͤrt mir ſelbſt getreu zu bleiben.— Von dieſer Stunde an liege alſo dort.“ Bei die⸗ ſen Worten verſchloß ſie das Gemaͤlde in einem Schrank, und nun begann ſie mit kraͤftiger An⸗ ſtrengung jeden Gedanken daran zu verbannen, folgte treu ihren taͤglichen Pflichten, und wenn ſie ſich im Schloſſe befand, ſtudierte ſie raſtlos und — anhaltend, unter der Leitung des Pater Felix, um ihrem Geiſte ſtete Beſchaͤftigung zu geben. Das mit Ernſt begonnene Werk gelang ihr in ſol⸗ chem Grade, daß der boͤſe Feind in ihrem Innern nahe daran war gaͤnzlich uͤberwunden zu werden, und ſie ſchon das Entzuͤcken eines uͤber ſich ſelbſt errungenen Sieges empfand, indeß der Stolz, den ſie uͤber dieſen Sieg fuͤhlte, ein ſtillſchweigen⸗ des Eingeſtaͤndniß der Schwierigkeit war, die ſie zu bekaͤmpfen gehabt hatte. Schon war man nahe am Ende des Monats October; die Einſiedelei ſowohl wie die kleine Ca⸗ pelle ſtanden vollendet da. Der Herbſt hatte einen duͤſtern Charakter angenommen, ein rauher Wind ſtreifte an den Bergen entlang, das Waſſer der Raab verwandelte ſich in ein truͤbes, gelbliches * 181 7 Roth, und ſchlug ſchaͤumend an die Uſer; die aldende waren dunkel und regnigt. 3 An einem ſolchen Abend, als das Früulei noch ſpaͤt in ihrem Cabinette allein ſaß, emſig mit einem Buche beſchaͤftigt, auf welches der Caplan ſie gebeten hatte ihre ganze Aufmerkſamkeit zu rich⸗ ten, und ſich dennoch von Zeit zu Zeit das Ohr horchend zum Sauſen des Windes neigte, der maͤchtig gegen ihre hohen Fenſter tobte, ward ſie ploͤtzlich aus ihren Betrachtungen durch ein hefti⸗ ges Laͤuten an der Glocke des Schloßthors geriſſen, dem ſo verworrene Toͤne in der großen Halle folg⸗ ten, daß ſie nicht allein dadurch erſtaunt, ſondern auch gewiſſermaßen in Schrecken geſetzt wurde. Pater Felix, deſſen Pflichterfuͤllung kein Ungewitter Einhalt that, war auf ſeinem Maulo⸗ thiere von dannen gezogen, um ein Werk chriſtli⸗ cher Barmherzigkeit auszuuͤben, und Luiſe ſeiner Ruͤckkehr harrend, glaubte in der erſten Furcht, irgend ein unfall habe in der finſtern, ſchauerlichen Nacht, den heiligen Mann betroſfen. Eilig er⸗ griff ſie die vor ihr ſtehende, brennende Wachs⸗ kerze, um auf den Corridor zu gehen, der um die Halle herumfuͤhrte, von wo aus man wahrnehmen 182 konnte, was ſich unten zutrug. Grade indem ſie ihren Standpunkt erreicht hatte, ſah ſie eine Bahre niederſetzen, auf welcher eine, dem Anſehen nach, ſehr leidende Geſtalt lag. Die Bahre wurde von dreien ihrer Unterthanen getragen; der vierte Traͤ⸗ ger, welcher in großer Bekuͤmmerniß zu ſeyn ſchien, war ein Fremder. Pater Felix befand ſich unter den Umſtehenden, eifrig beſchaͤftigt der alten Haͤushaͤlterin Juſtine und andern Bedien⸗ ten, ſeine Befehle zur Pflege des verwundeten Mannes zu ertheilen, welcher Spuren von Blut an ſich trug, und keinen Ton von ſich hoͤren ließ⸗ Glaubend die Vorſehung habe ihr ein leiden⸗ des Weſen in den Weg gefuͤhrt, ſtieg ſie in die Halle hinab, und ließ ſich vom Moͤnch berichten, wie er, indem er vor dem herunterſtroͤmenden Regen, Schutz im Walde geſucht, dort durch einen Mann angeredet worden ſey, der ihn um die Barmherzigkeit angefleht habe, ſeinen Herrn von einem Flecke forttragen zu helfen, wo ſie von Raͤubern angefallen worden waͤren. In der er⸗ ſten Beſtuͤrzung ſey er mit den uͤbrigen Leuten ſei⸗ nes Herrn davon geflohen, bald aber zuruͤckgekehrt, doch leider zu ſpaͤt, weil er ſeinen Herrn dem An⸗ ſcheine nach todt gefunden habe.„Doch lebt er noch,“ ſetzte der Moͤnch hinzu,„und kann durch chriſtliche Huͤlfe wahrſcheinlich wieder hergeſtellt werden. Du kannſt dir meinen erſten Schrecken denken, liebes Kind; als ich aber ſeinen Puls fuͤhlte, faßte ich Muth.— Da holte ich mir den Steffen, und den Muͤller nebſt deſſen Sohne, und mit Huͤlfe des Dieners haben wir ihn gluͤck⸗ lich hieher gebracht, denn ihn auf mein Maulthier zu ſetzen, daran war nicht zu denken. Ich danke der Vorſehung, die dieſen Regenguß ſandte, denn haͤtte ich meine Zuflucht nicht im Walde nehmen muͤſſen, moͤchte der Leidende vielleicht dort ſeinen Geiſt aufgegeben haben. Nun hoffe ich mit Huͤlfe der heiligen Jungfrau, ihn in wenig Tagen um vieles beſſer zu ſehen.“ „Mein Freund,“ ſagte das Fraͤulein ſich zum Diener wendend,„jammert doch nicht ſo ſehr. Ihr hoͤrt das Verſprechen dieſes heiligen Mannes, daß euer Herr bald hergeſtellt ſeyn wird. „Ja gewiß,“ fuhr der Moͤnch fort,„ſo hoffe ich naͤchſt Gott; aber ehe wir einen entſcheidenden Ausſpruch thun, muͤſſen wir ſeine Wunden unter⸗ 184 ſuchen. Begieb dich alſo hinweg, meine Tochter, bald werde ich dir Nachricht bringen.“ Als man das, um die Seite des Fremden gelegte Tuch wegnahm, und das Blut ab⸗ wuſch, gewahrte man eine ziemlich bedeutende Wunde; aber des Moͤnchs chirurgiſche Einſicht uͤberzeugte ihn bald, daß ſie nicht tief und gefaͤhrlich ſey. Um ſich indeß vollkommene Gewißheit hiervon zu verſchaffen, mußte er ſeinem Patienten unver⸗ meidlichen Schmerz verurſachen, wodurch dieſer wieder zur Beſinnung kam. „ Wo bin ich?“ rief er ſich in die Hoͤhe rich⸗ tend, und ungewiß um ſich ſchauend,„und was geht mit mir vor?“— „Beruhigt euch,“ erwiederte der Moͤnch, „ihr ſeyd jetzt unter ehrlichen Leuten, obgleich dies kurz vorher nicht der Fall mit euch war. Gelobt ſey die Gebenedeite daß ihr der Gefahr ohne wei⸗ teres Uebel entronnen ſeyd!— Ich fuͤrchte euch beim Unterſuchen der Wunde Schmerz verurſacht zu haben; doch ging ich dabei ſo behutſam als moͤglich zu Werke. Ihr waret eine Zeitlang ohne Bewußtſeyn, welches aber eine natuͤrliche Folge des Blut⸗Verluſtes iſt.“* „Verraͤther! Ausreißer!“ rief der Fremde, als ſein Auge auf den weinenden Diener fiel.„Dein Anblick bringt alles Vergangene in mein Gedaͤchtniß zuruͤck!“ „Herr,“ fiel der Moͤnch beſaͤnftigend ein, „ſein Muth verließ ihn in einem Augenblick der Schwaͤche; aber ſein Fehler wurde augenblicklich und tief von ihm bereut; er war Urſache daß ihr nicht im Walde umkamt. Doch, um euer ſelbſt willen legt alles bei Seite, was euer Blut in Wal⸗ lung bringt; ſeyd ruhig und folgſam, ſonſt bekom⸗ men wir Fieber.“ Der Moͤnch ließ nun den Kranken in das für ihn bereitete Zimmer bringen, und nachdem er Sorge getragen, daß der weinende, vor Naͤſſe und Kaͤlte ſchaudernde Diener, mit trockenen Klei⸗ dern verſehen wurde, uͤberließ er den Verwunde⸗ ten ſeiner Sorgfalt, und begab ſich einſtweilen zum Fraͤulein, um mit ihr uͤber den Vorfall zu bera⸗ then, der ſo unerwarteter Weiſe einen fremden Gaſt unter ihr Dach gebracht habe. „Was den jungen Mann anbelangt,“ ſagte er,„ſo bin ich ſeinethalben unbeſorgt, denn alles geht einen gluͤcklichen Gang; aber es ſchmerzt mich 186 innig von ſo ſchlechten Nachbarn umgeben zu ſeyn. Es wird nun am naͤchſten heiligen Abend vor dem Feſte der heiligen Agathe, fuͤnf und vierzig Jahre, ſeit ich im Schloſſe zu Marchfeldt be⸗ kannt bin, und ſo viel ich mich erinnere, iſt nie ſolche Schmach in deſſen Naͤhe begangen. Leider wird die Welt mit jedem Tage ſchlimmer!“ „Ich fuͤrchte,“ erwiederte Luiſe,„daß eine Bande Zigeuner ſich im Walde gelagert hat; das Weib welches wir neulich bei Steffen ſahen, ſchien nicht unbekannt in der Gegend zu ſeyn, und aus dem was ſie ſagte erhellte, daß ihre Dazwi⸗ ſchenkunft keineswegs zufaͤllig war. Ungluͤcklicher Weiſe kam es wohl zu der Kundſchaft dieſes Volks, daß dieſe Beſitzungen ſich jetzt herrenlos befinden, und ſo waͤhlte es ſie zum Sitze ſeiner Greuelthaten, in der Hoffnung hier ungeſtraft ſuͤn⸗ digen zu koͤnnen. Doch, ehrwuͤrdiger Vater, wir duͤrfen, in einem Falle wie der gegenwaͤrtige iſt, uns nicht der Ruhe uͤberlaſſen; es iſt zwar ſpaͤt, aber es iſt keine Zeit zu verlieren. Laßt zehn der ſtaͤrkſten unſerer Lehnsleute den Wald mit Fackeln durchſuchen, und was auch der Erfolg ſeyn mag, —— — 187 es ſollen Poſten ausgeſtellt werden, damit die ar⸗ men Landleute nicht in beſtaͤndiger Furcht leben.“ Ihre ſchnellen und richtigen Maßregeln hoͤch⸗ lich billigend, entſernte ſich der Caplan um auf der Stelle alles anzuordnen; darauf begab er ſich zu dem Verwundeten, der, ſeine Hand dankbar druͤckend, verſicherte den guͤnſtigen Erfolg ſeiner heilſamen Arzenei⸗Mittel bereits zu ſpuͤren, da die Wunde weniger ſchmerze, und er ſich ruhiger fuͤhle.„Kurz, ehrwuͤrdiger Herr,“ ſetzte er hinzu, „wenn ihr mir nicht das Reden aufs Strengſte unterſagt haͤttet, wuͤrde ich eure Geduld ſchon jetzt durch Dankfagungen und Fragen, auf eine noch groͤßere Probe ſtellen.“ .„Damit dies nicht der Fall werde,“ erwie⸗ derte der Moͤnch,„will ich euch fuͤr heute eine gute Nacht wuͤnſchen.“ Im Fortgehen warf er einen forſchenden Blick auf den noch kurz zuvor ſo betruͤbten Diener, der nun wieder ganz heiter ſchien. „Dem Ruprecht iſt verziehen,“ fiel der Fremde, den Blick bemerkend, ein.„Er iſt im Grunde ein guter Menſch; es war die erſte Probe 188. welche ſein Muth zu beſtehen hatte, bei der zwei⸗ ten wird er ſich beſſer zeigen.“ Am Morgen ſtattete die Feldwache von der Durchſuchung des Waldes Bericht ab, doch war weder von den Raͤubern, noch von des Fremden Gefolge irgend etwas geſehen; nur ein aufgezaͤum⸗ tes Pferd hatte man geſunden, welches Ruprecht fuͤr das ſeines Herrn erkannte. Man traf es ganz ruhig weidend unter einem Baume an, und ge⸗ duldig ließ es ſich hinwegfuͤhren. Ruprechts Pferd war, als dieſer ſeinem Herrn zu Huͤlfe kommen wollte, davon gelaufen, wurde aber jetzt auch von den Landleuten aufgegriffen, und ins Schloß ge⸗ bracht. Eine dunkle Ahnung bemaͤchtigte ſich des Ca⸗ plans, als habe er, wachend oder traͤumend, den Fremden ſchon fruͤher irgendwo geſehen, und des⸗ halb weilte er mit forſchendem Blick auf den Ge⸗ ſichtszuͤgen deſſelben; aber vergebens. Obgleich er den Gedanken nicht los werden konnte, vermochte er ſich dennoch keine klare Rechenſchaft daruͤber zu geben. Als er am Morgen wieder an ſeinem Bette ſaß, und ihm uͤber die bald zu hoffende Ge⸗ neſung Gluͤck wuͤnſchte, rief der Fremde aus: . 189 „Wie viel bin ich nicht eurer Menſchenliebe ſchuldig; aber verzeiht mir„ und nennt mich nicht unverſchaͤmt, wenn ich frage wo der Beſitzer dieſes Schloſſes ſich aufhaͤlt, denn gewiß iſt er abweſend, ſonſt wuͤrde er ſich getrieben fuͤhlen, einen Gaſt zu beſuchen, den die Vorſehung ihm in die Arme geworfen hat.“ „Ach,“ erwiederte der Moͤnch,„leider hat dies Schloß keinen Beſitzer mehr; faſt drei Mo⸗ nate ſind verfloſſen ſeit der letzte maͤnnliche Erbe des edlen Stammes von Marchfeldt, in ge⸗ weihter Erde begraben liegt. Ich hoffte immer ſeine treue Hand ſollte meine alten Augen ſchließen; aber wer kann die Wege der Vorſehung berechnen! — um aller Heiligen willen, was fehlt euch, Herr?“— Der Fremde war mit einem tiefen Seufzer ohnmaͤchtig auf ſeine Kiſſen zuruͤckgeſunken, und waͤhrend der Abt ſich alle Muͤhe gab ihn wieder ins Leben zu rufen, jammerte der neben ihm ſtehende Diener: „Nun iſt es vorbei! mein Herr, mein armer Herr!— Dieſe Nachricht iſt ſchlimmer als alle Niaͤuber!— Sich in dem Schloſſe von March⸗ 190 feldt, und den theuren Beſitzer deſſelben todt zu wiſſen, das iſt weit ſchlimmer als ein raͤuberiſcher Anfall; denn aus einigen Goldſtuͤcken, und dem Verluſt von ein paar Tropfen Blut, macht mein Herr ſich nicht viel; aber ſeinen beſten Freund verloren zu haben, das iſt etwas anders! Ach, was will aus uns werden!“— Der Fremde hatte ſich indeſſen einigermaßen erholt, und ſagte mit ſchmerzlicher, ſchwacher Stimme: „Ehrwuͤrdiger Vater, ich beſchwoͤre euch, ver⸗ laßt mich eine kleine Weile, um meine, durch dieſe ungluͤckliche Nachricht, voͤllig zerruͤtteten Gedanken wieder zu ſammeln. Verlaßt mich, die Vernunft muß erſt wieder Raum uͤber das Gefuͤhl erringen; bald werde ich durch Ruprecht eure Ruͤckkehr erbitten laſſen.— Aber nein, verzieht noch einen Augenblick;— ſagt mir, befindet ſich Wilhelms Schweſter, Fraͤulein Luiſe, im Schloſſe?“ „Ja, mein Sohn.“ „Dann erzeigt mir eine Wohlthat; ſagt ihr nicht, wenigſtens nicht bevor wir mehr mit einan⸗ der geſprochen haben, daß ihres Bruders Buſen⸗ freund ſich unter ihrem Dache befindet.“ . 191 Ein freundliches Zeichen mit der Hand, machte daß der gute Moͤnch ſich voll freudigem Erſtaunens, jedoch nicht ohne Beſorgniß um den nun noch viel theureren Kranken, entfernte. Wilhelms Tod hatte eine Leere in dem wohlwollenden Herzen des Alten zurückgelaſſen, wie gluͤcklich fuͤhlte er ſich nun ſeine Liebe auf dieſen Gegenſtand uͤbertragen zu koͤnnen. Betend faltete er ſeine Haͤnde um Gott zu danken, der ihm den Freund des geliebten Ver⸗ ſtorbenen auf eine ſo wunderbare Weiſe in den Weg gefuͤhrt, ja ihn zum Werkzeug ſeiner Ret⸗ tung erkohren habe. Nachdem er aber der Vorſe⸗ hung dieſen Dank gezollt hatte, fiel ihm Wal⸗ lenſteins Verbot ſeinen Namen zu nennen, ſchwer aufs Herz; ihm verlangte nach Mitthei⸗ lung. Unruhig ging er in ſeinem Zimmer, das nicht weit von dem des Kranken entfernt war, auf und nieder, und ein Gluͤck war es, daß Ruprecht bald mit der Bitte erſchien, ſich wieder zu ſeinem Herrn zu bemuͤhen. Bei ſeinem Eintritte fand er den jungen Grafen, auf ſeine Kiſſen geſtuͤtzt, aufrecht ſitzend⸗ Seine Augen waren roth vom Weinen, und der Ausdruck des Schmerzes lag in allen ſeinen Zuͤgen. 3 192 „Ehrwuͤrdiger Vater,“ hub er an, ihm die Hand entgegen reichend,„ich brauche euch wohl nicht erſt zu ſagen, daß ihr in mir Caſimir Wallenſtein, den Herzens⸗Bruder des ver⸗ ewigten Wilhelms v. Marchfeldt ſeht.“— Noch einmal ſchien ihm die Kraft bei Nennung dieſes Namens zu verlaſſen.. „Faſſe dich, mein Sohn,“ ſagte der Moͤnch; „Wilhelm ſieht von jenen hoͤheren Regionen laͤchelnd auf unſere Thraͤnen herab.“ Aber auch die ſeinigen floſſen aufs Neue im innigen Mitge⸗ fuüͤhl mit dem Schmerze des jungen Kriegers, der in wenigen Augenblicken ſich ſchon im Herzen des alten Mannes einen warmen Antheil erworben hatte. „Ich ſchaͤme mich faſt vor euch,“ fuhr der Graf fort, ſein Geſicht mit den Haͤnden bedeckend, „als Krieger, der den Tod in ſo vielfachen Geſtal⸗ ten geſehen hat, einen ſolchen Grad der Schwaͤche blicken zu laſſen; aber Wilhelm war mir unbe⸗ ſchreiblich theuer! Der Schlag war zu hart!— Mein nun verklaͤrter Freund bat mich beim Ab⸗ ſchiede ihn in ſeinem Schloſſe zu beſuchen, ein Plan nahm ſeine ganze Seele ein, uͤber den wir 193 vielleicht bei gelegenerer Zeit weitlaͤuftiger reden wollen. Gerne waͤre ich ſchon fruͤher gekommen, doch der Dienſt band mich; endlich erhielt ich Ur⸗ laub von meinem Vater. Am vergangenen Abend glaubten wir uns vom rechten Wege verirrt zu ha⸗ ben, obgleich es mir jetzt klar iſt, daß wir unſerm Ziele naͤher waren, als wir waͤhnten. Wir ritten uͤber eine Haide, als Sturm und Ungewitter uns uͤbereilten, und nirgend die Spur von einer menſch⸗ lichen Wohnung ſehend, beſchloſſen wir im Diekigt des Waldes Schutz zu ſuchen, wo eure Barmher⸗ zigkeit mir das Leben rettete; wodurch dies gefaͤhr⸗ det wurde, wißt ihr bereits.— Und iſt es denn wahr, daß der den ich ſuchte, ſich nicht mehr im Reiche der Lebendigen befindet, und iſt es moͤg⸗ lich daß Zufall, oder Geſchick mich wirklich nach Marchfeldt gefuͤhrt haben?“— „Mein Sohn,“ unterbrach ihn der Moͤnch, „dies Schloß erfreut ſich der Herrſchaft einer ed⸗ len, liebenswuͤrdigen Beſitzerin; darf ich ihr nicht ſagen welchen Gaſt es in ſeinen Mauern birgt?— Darf ich ſie nicht durch die Nachricht erheitern daß die Vorſehung die Mitiel in ihre Haͤnde gelegt W. v. W. 13 19u9— hat, dem Buſenfreunde ihres einzigen Bruders, Huͤlfe und Beiſtand zu verleihen?“— Ein verlegener, ſcheuer Blick diente anfangs ſtatt aller Antwort; endlich erwiederte er: „Mann Gottes, was werdet ihr von mir denken, und wie ſoll ich euch dieſe unbeſtimmten, unerklaͤrlichen Gefuͤhle deutlich machen, die mir zum Theil ſelbſt dunkel ſind? Was ſoll ich thun?“ fuhr er fort, indem er alle ſeine Gedanken auf einen Punkt zu heften ſchien;„es ſcheint mir un⸗ zart von dieſer Sache zu reden, doch Stillſchwei⸗ gen koͤnnte mich in eine nimmer zu entwirrende Verlegenheit bringen.“ „Rede frei heraus, mein Sohn; oͤffne mir dein Herz!— Was du mir vertrauſt, werde ich als Geheimniß bewahren, und wenn du Rath oder Beiſtand bedarfſt, ihn dir nach meinen be⸗ ſten Kraͤften ertheilen.“ „Vater, eure milde Liebe verleiht mir Kraft:; offen liege mein Innerſtes vor eurem Blick.— Begieb dich hinaus, Ruprecht.— Jetzt ſagt mir, ehrwuͤrdiger Greis, vertraute Wilhelm euch je den heißen Wunſch ſeines Herzens, ſagte 1 195 er euch daß er wuͤnſche in mir auch durch die Bande des Bluts einen Bruder zu erlangen?“. „Unzäaͤhlige Male aͤuſſerte er dieſen, ſeinen then⸗ erſten Wunſch auf Erden, gegen mich.“ „Und Luiſe, ſeine Schweſter— waren auch ihr ſeine Abſichten bekannt?“— „Sie waren es, mein Sohn.“ „Und ſie?— Doch verzeiht, ich gehe zu weit, ich uͤbertrete die Grenzen der Beſcheidenheit.“ „Fahret fort; ich ſetze das billige Vertrauen in euch, daß ihr nichts fragen werdet, was ic nicht beantworten kann.“ 4 „Tadelt mich frei heraus, wenn ich zu un⸗ beſcheiden bin. Bezeigte das Fraͤulein ein Miß⸗ fallen,— oder willigis ſie in die Wuͤnſche ihras Bruders?“— „Sie willigte weder ein, noch verwarf ſe den Vorſchlag, nur ſchien ſie nicht geneigt ſich an je⸗ mand zu binden, den ſie nicht kannte. Indeß darf euch dies nicht zuruͤckſchrecken. Haͤtte ſie euer Miniatur⸗Gemaͤlde ſchon gehabt, als ſie dem Bru⸗ der ihre voͤllige Einwilligung verſagte, ſo wuͤrde ihre Weigerung weniger beſtimmt geweſen, und Wilhelm mit leichterem Herzen geſtorben ſeyn. 13* 196 Aber ach! dies kam erſt nach ſeinem Tode in ihre Haͤnde.“ 4 „Von welchem Miniatur Gemaͤlde redet ihr, ehrwuͤrdiger Herr?— Verzeiht, ihr ſprecht in Raͤthſeln, die ich nicht zu loͤſen vermag.“ „Nun, das Gemaͤlde, mein Sohn, welches ihr ohne Zweifel dem verſtorbenen Freiherrn, waͤh⸗ rend eures gemeinſchaftlichen Feldzuges gabt.“ „Seyd verſichert daß ich ihm nie ein Gemaͤlde gab, noch jemals einem Maler ſaß; des Kriegers Zeit iſt auf andere Weiſe in Anſpruch genommen.— Doch eure einfache Offenherzigkeit giebt mir Muth euch das Innerſte meines Herzens ohne Ruͤckhalt zu zeigen. Ich habe nie geliebt; es iſt moͤglich daß mein ungewandtes, vielleicht etwas rauhes Be⸗ tragen, die Frucht eines kriegeriſchen Lebens, mehr geeignet iſt Furcht einzufloͤßen, als ſanftere Gefuͤhle zu erregen, und ſich wenig eignet die Gunſt einer Dame zu gewinnen. Dennoch halte ich Wilhelms Willen ſo heilig, daß ich mich verpflichtet fuͤhle, mich um dieſe Gunſt zu bewerben, waͤhrend mein Herz vor einer abſchlaͤgigen Antwort zittert.“ „Faſſet immerhin Muth,“ erwiederte der Moͤnch laͤchelnd;„der kleine Vorlaͤufer, welcher „ 197 euch in einem ſehr vortheilhaften Lichte darſtellt, er moͤge nun gekommen ſeyn, woher er wolle, hat, wenn ich mich nicht ſehr irre, ſchon zu Gunſten eurer Sache bei der Beſitzerin von Marchfeldt ge⸗ ſprochen.v.“. A „Ihr deutet abermals auf das geheimnißvolle Gemaͤlde hin;— aber ich habe jetzt noch mehr von meinem Herzen zu waͤlzen, um euch voͤllig in mein Innerſtes ſchauen zu laſſen. Bedenkt, helm's Wunſch, eigene natuͤrliche Nachgiebig⸗ keie, vielleicht ein guͤnſtiges Vorurtheil fuͤr den der ihren Bruder liebte, alles dies vereint, koͤnnte vielleicht vortheilhaft fuͤr mich in Luiſen's Her⸗ zen geredet haben;— aber, Vater, bedenkt, daß ich nie geliebt, nie noch die geſehen habe, die ich lieben ſoll.—— Kurz, will mein Geſchick, daß ich bei den Vorzuͤgen des Fraͤuleins v. March⸗ feldt ſo kalt bleibe, als mich die Reize der Uebrigen ihres Geſchlechtes bisher gelaſſen haben, ſo halte ich es meiner Ehre zuwider ſie zu taͤu⸗ ſchen, ſo wuͤrde es Schande ſeyn, ſie durch das 198 Anerbieten eines kalten, gefuͤloſen Herzens zu betriegen.“ Felir war beſtuͤrzt; dieſen letzten Einwurf hatte er am wenigſten erwartet. „Wohlan dann, mein Sohn,“ ſagte er nach einer Weile;„obgleich ich zwar eure Furcht nicht theile, ſo iſt es dennoch weiſe, alle Faͤlle vorher zu erwaͤgen. Ihr ſeyd ein Mann von Ehre und Redlichkeit, und muͤßt am beſten wiſſen wie es mit eurem Herzen ſteht, ob es liebt oder nicht; jedoch in ſo fern ich von ſolchen Dingen zu urthei⸗ len im Stande bin, ſollt' ich meinen, es wuͤrde Liebe genug fuͤr Luiſe v. Marchfeldt empfin⸗ den, um euch beide dadurch zu begluͤcken. Die Sache eilt indeß nicht; ihr ſollt das Fraͤulein ſe⸗ hen, und ſelbſt urtheilen.“ Wallenſtein wiederholte noch ſeine Bitte, nicht zu raſch mit der Enthuͤllung ſeines Geheim⸗ niſſes gegen Luiſe zu verfahren, jedoch ohne, wie das erſte Mal, ein foͤrmliches Gebot des Schweigens hinzuzufuͤgen, und beide fehieden auf die leaundſhaſäuchſe Weiſe. 4 — 2 199 XI. 1 Als der Moͤnch ſich an der Mittags⸗Tafet einfand, lag ſo viel Heiterkeit in ſeinen Mienen, und eine ſo ſonderbare Zerſtreutheit in ſeinem gan⸗ zen Weſen, daß Luiſe ſich einiger ſcherzhaften Anſpielungen daruͤber nicht enthalten konnte. Die Fragen uͤber das Befinden ihres Gaſtes wurden mit doppelſinnigen, unbeſtimmten Ausdruͤcken beant⸗ wortet, und mehr als einmal ertappte ſie den gu⸗ ten Alten, auf einen, ihm ſonſt ganz fremden, triumphirenden Blick, der mit vorzuͤglichem Wohl⸗ gefallen auf ihr weilte. Er ſchien bis zur hoͤchſten Unruhe von einem beſondern Gedanken ergriffen, und uͤberwaͤltigt zu werden. Luiſe hielt mit Maähe ihre Fragen uͤber dies geheimnißvolle Be⸗ tragen zurück, bis die Diener ſich entfernt hatten, und kaum war dies geſchehen, ſo ſetzte eine Be⸗ merkung des ehrwuͤrdigen Vaters ſie in noch groͤ⸗ ßeres Erſtaunen.. „Meine Tochter,“ hub er an,„der Schinuck von Achat mit dem du dein Haar heute umwunden 200 haſt, kleidet dir wohl, 3 obgleich die Krone von Perlen dir beſſer ſteht; ſie erſcheint edler, koͤnig⸗ licher.“ „Lieber Vater,“ erwiederte das Fraͤulein laͤ⸗ chelnd,„wie kange mag es her ſeyn, ſeitdem ihr meinen Schmuck eurer Bemerkung werth achtet, oder uͤberhaupt den Unterſchied zwiſchen Achat und Perlen kennt?— Der Moͤnch hatte eigentlich wohl nur laut gedacht, und einige Verlegenheit verrathend, ant⸗ wortete er: 1 „Weiß ich doch kaum ſelbſt wie es kommt, Kind; Gedanken verbinden ſich manchmal auf eine gar ſonderbare Weiſe. Was aber wöͤrdeſt du das gegen einwenden, wenn ich dich baͤte, deine Laute auf die Gallerie zu bringen, und dort den Abend⸗ Hymnus zu ſingen. Es wuͤrde deinen verwunde⸗ ten Gaſt erquicken und beruhigen.“ „Oder vielmehr ſtoͤrend fuͤr ihn ſeyn. So wie ich hoͤre macht er ſchnelle Fortſchritte in der Beſſerung, kann vielleicht Morgen ſchon ſein Zimmer verlaſſen„ und ſo wenig ich es meinem Gaſte an irgend einer ſchuldigen Hoͤflichkeit moͤchte 201 fehlen laſſen, ſo moͤchte ich doch um keinen Preis zudringlich erſcheinen.“. 1 „Du haſt vollkommen recht, Kind; aber es kann doch Umſtaͤnde geben, die ein ſonſt nicht uͤbliches Zuvorkommen, ſogar von Seiten einer Jungfrau rechtfertigen koͤnnten. Wenn du wuͤß⸗ teſt, Luiſe, welches Ohr deinen Abendgeſang belauſchen wuͤrde, ſo moͤchte deine Abneigung wohl ſchwinden.⸗ „Wer iſt denn dieſer Fremde?“ „Es iſt,“ fuhr der gute Moͤnch ploͤtzlich heraus, weil es ihm wahrſcheinlich unmoͤglich war das Geheimniß laͤnger in ſeiner Bruſt verſchloſſen zu halten,„es iſt der tapfre, edle Caſimir, unſeres verſtorbenen Wilhelm's Buſenfreund.“ „Caſimir! Heilige Mutter Gottes! Iſt es moͤglich?“— rief das Fraͤulein, haſtig von ihrem Sitze aufſpringend, und ſichtlich die Farbe wechſelnd.—„Ach, haͤtte ich gewußt, welch einen Gaſt dies Schloß baͤrge!— Aber warum hat man mich ſo lange in Unwiſſenheit daruͤber gehalten?— Iſt ihm auch alle moͤliche Aufmerkſamkeit geworden, hat man ihn ſeiner an⸗ ſtaͤndig gepflegt?— Ehrwuͤrdiger Vater, es iſt 202 aſe faſt unmoͤglich meinem Erſaunen Gkerien zu ſetzen!“ 5 r⸗ „Gieb dich zufrieden, mein Kind; alles nur moͤgliche iſt geſchehen. Setze dich ruhig wieder nieder, und ich will dir die ganze Begebenheit er⸗ zaͤhlen. Als nun der Alte ihr die wenlug beſchrieb, in welche Wallenſtein durch die ploͤtzliche Nach⸗ richt von Wilhelm's Tode verſetzt worden war, fuͤhlte ſich ihr Herz auf das innigſte zu ihm hingezogen, und jedes Wort erhoͤhete ihre Bewun⸗ derung und ihr Mitgefuͤhl. Auf einmal aber unterbrach ſie durch die ſchnelle, obgleich etwas furchtſam ausgeſprochene Frage den Erzaͤhlenden: oh er in dem Grafen das Original des im Schloſſe gefundenen Gemaͤldes erkannt habe? „Gewiß, mein Kind, und ſo ſehr gleicht er dem Bilde, daß ich glaubte ihn ſchon fruͤher irgend wo geſehen zu haben; aber ſeine Blaͤſſe taͤuſchte meine Erinnerung.“ „Und iſt er noch ſo blaß? Iſt alle Gefahr auch gewiß uͤberſtanden, ſeyd ihr ſeiner Geneſung ſicher?“ „So ſicher, als man es von der Geneſung 203 eines Sterblichen ſeyn kann; wenn er ſtirbt iſt ſeine Wunde zum wenigſten nicht Schuld daran.“ Nun fuhr der Moͤnch fort, ihr den Theil ſeiner Unterredung mit dem Grafen mitzutheilen, der ſie perſoͤnliich betraf. Obgleich er ſich nun zwar ſeit geraumer Zeit, als alleiniger Aufſeher und Pfleger dieſes weiblichen Herzens angeſehen hatte, kannte er es doch nicht genau, wie wir deutlich ſehen werden, und erzaͤhlte mit der naͤmlichen Ein⸗ falt, mit der er Wallenſteins Mittheilungen aufgenommen hatte, die ganze Unterredung Wort fuͤr Wort her. Da nun ſeiner Anſicht nach, des Grafen aufrichtige Redlichkeit, ſeine zarte Achtung fuͤr Luiſens wahres Gluͤck, ſehr loͤblich war, bemerkte er auch nicht einmal die ſteigende Roͤthe auf der Wange ſeiner Hoͤrerin. „Ich ſehe wohl,“ ſagte ſie endlich ſtolz am Schluſſe ſeiner Rede,„daß Graf Wallenſtein ſich einen ſehr unrichtigen Begriff von Luiſens v. Marchfeldt's Charakter entworfen hat; da er aber der Freund meines Bruders iſt, werde ich mich herablaſſen, ihn beſſer damit bekannt zu machen. Wie iſt es aber nur moͤglich, daß ihr den Wunſch hegen konntet, ich moͤchte dem Manne 204 eine Abend⸗Muſik bringen, der ſich ſo uͤber mich ausgedruͤckt hat! Wie unvorſichtig, da dies leicht dem uͤbervorſichtigen Herrn ein Fieber haͤtte zuzie⸗ hen koͤnnen!— Nein! ich will den Grafen leh⸗ ren, die Wuͤrde eines weiblichen Herzens beſſer achten zu lernen!“ „Was meinſt du damit, Kind?“— ſagte der Moͤnch ganz erſtaunt.„Sicher kannſt du dich doch uͤber die Wahrheit und Offenheit ſeines Ge⸗ ſtaͤndnißes nicht beleidigt fuͤhlen? Der arme junge Mann ſagt ja frei heraus, daß er nie geliebt habe, wie kann er denn wiſſen ob er dich lieben kann, bis er dich geſehen hat?— Ich hoffte du ſollteſt ſeine zartfuͤhlende Beſorgniß deine Neigung auf ſich zu ziehen, hoͤchlich billigen.“ „Theurer Vater, ſo ehrwuͤrdig mir auch euer Alter iſt, ſo ſeyd ihr in ſolchen Dingen doch nur ein Neuling; was ihr mir da erzaͤhlt habt, belei⸗ digt mein Gefuͤhl; ja, waͤre der Mann nicht Wilhelm's Freund, ſo wuͤrde ich keinen An⸗ ſtand tragen, ſeine zartgefuͤhlte Bedenklichkeit, geckenhaften Duͤnkel zu nennen, und mich vor der Gefahr huͤten, die er fuͤr mich fuͤrchtet, indem ich ihn, waͤhrend ſeines Aunfenthaltes im Schloſſe nicht 205 vor mich ließe. Aber ſo wie die Sachen einmal ſtehen, bin ich zu andern Maßregeln genoͤthigt.“ Ganz verlegen begab der Moͤnch ſich wieder zu ſeinem Kranken, der, vermoͤge ſeiner Schlau⸗ heit gleich bemerkte wie der heilige Mann etwas ſchwer auf dem Herzen trage, und ungeachtet ſeines Scharfſinns, ſich den Grund davon doch nicht ganz erklaͤren konnte; indeß ward es ihm, bei einem ſo argloſen Weſen, als er vor ſich hatte, nicht ſchwer, Vermuthung bald in Gewißheit zu wandeln. „Ehrwuͤrdiger Vater,“ begann er,„ich fuͤhle mich wunderbar geſtaͤrkt; euer Heilmittel hat eine magiſche Wirkung gehabt. Nun müͤßt ihr mich frei ſprechen, und ſogleich der Abgeſandte von mir an die ſchoͤne Dame des Schloſſes werden. Bringt ihr meinen achtungsvollen Gruß und erſucht ſie in meinem Namen, Morgen einem Manne den Zutritt zu ihr zu geſtatten, der aus tauſend Grün⸗ den vor Ungeduld brennt, f ich zu ihren Fuͤßen zu werfen.“ „Damit hat es ja noch Zeit, mein Sohn,“ erwiederte der Moͤnch verlegen;„laßt uns jetzt von andern Dingen reden. Gebt mir eure Hand, 200 wir muͤſſen nicht zu raſch ſeyn; vielleicht iſt doch noch ein kleiner Anfall von ſchleichendem Fieber da.“ „Nein, nein, das Fieber iſt voruͤber! Eilt meine Bitte beim Fraͤulein auszurichten!“ „Morgen, mein Sohn.“ „Ach, waͤhrend alle meine Gedanken nur auf dieſen Punkt geheftet ſind! Ich werde die Nacht kein Auge ſchließen, wenn ihr mich in der ſchrecklichen Ungewißheit laßt; geht, theurer Vater, und bringt mir die Erlaubniß des Fraͤuleins ihr Morgen aufwarten zu duͤrfen.“ „Wie ungeſtuͤm und wankelmuͤthig doch die Jugend iſt!— Vor ein paar Stunden ſollte ich ihn dem Fraͤulein kaum nennen; nun kann er den Augenblick nicht erwarten ſich ihr zu Fuͤßen zu wer⸗ fen, und ich bin jetzt in eben ſo großer Verlegen⸗ heit der Vermittler zu ſeyn, als ich damals be⸗ gierig war dies Amt uͤber mich zu nehmen!“— Des guten Mannes Verlegenheit war aller⸗ dings ſehr ſichtbar. „Welch ein neues Hinderniß kann denn jetzt eingetreten ſeyn?— fragte der Kranke verdrieß⸗ lich, indem er des Moͤnchs Hand mit Heftigkeit ergriff.—„Spottet nicht eines Herzens, fuͤr wel⸗ . 207 ches jede Ungewißheit unendliche Qual iſt!— Redet!— Ich will die Urſache dieſes grauſa⸗ men Zoͤgerns wiſſen!“— „Lieber Sohn, du machſt mich wahrlich ganz verwirrt! Wenn du einen Augenblick ruhig ſeyn willſt, damit ich zu Athem kommen kann, will ich ja reden. Aber wenn ich dir nun werde die Wahrheit geſagt haben, ſo wirſt du einen neuen Anfall von Leidenſchaft bekommen, der dein Fieber wieder herbei fuͤhrt.“ „Alles andere, nur keine Ungewißheit! „Nun, mein Sohn, ſo hoͤre dann die ein⸗ fache Wahrheit.— Ich ſagte dem Fraͤulein wer ihr Gaſt ſey.“ „Oh Himmel, und ſie hoͤrte es mit Nlißver⸗ gnuͤgen? „Nein, keineswegs; ſie Porte es mit Ent⸗ zuͤcken; aber mein Unſtern wollte, daß ich ihr, durchaus nicht ahnend dadurch etwas zu verderben, erzaͤhlte, wie ihr nie geliebt haͤttet, auch ohne ſie geſehen zu haben, nicht fuͤr eure Neigung zu ihr einſtehen koͤnntet, und alſo fuͤrchtetet, ſie moͤge ench fruͤher ihr Herz ſchenken, als ihr es durch —x— 208 das eure auf eine rechtmaͤßige Weiſe austauſchen koͤnntet.“ 1 1 6 Der junge Graf verhuͤllte ſein Geſicht in die Kiſſen, um das Gelaͤchter zu verbergen, von dem ſein Ruhebette faſt erſchuͤttert ward, und des armen Moͤnchs Angſt ſtieg immer hoͤher, weil er glaubte ſein Patient werde von einem krampf⸗ haften Anfalle des Lachens ergriffen. Die muth⸗ maßlichen Folgen ſchreckten ihn, und immer bitterer beklagte er ſeine gaͤnzliche Unkunde in Miſſions Angelegenheiten dieſer Art. Endlich ſagte er mit einer aͤngſtlichen Stimme: 2 „ Beruhigt euch, mein Sohn; ich habe wohl Uebels gethan, wo ich Gutes thun wollte, und muß mich beſtreben meinen Fehler zu verbeſſern. Ich will Luiſen aufſuchen; noch nie hat ſie mir eine Bitte abgeſchlagen, alſo wird dies heute auch nicht der Fall ſeyn. Gebt euch nur zufrieden!“ Mit dieſen Worten begab er ſich hinweg zum Fraͤulein, die nicht wenig beſtuͤrzt uͤber ſein kummervolles Geſicht wurde.. „Was giebt es,“ rief ſie;„der Graf iſt doch nicht ſchlimmer?“ * 209 „Ja wohl iſt er ſchlimmer; da habe ich dem armen Mann einen ſehr ſchlechten Streich geſpielt! — Er hat einen Fieber⸗Anfall, und redet irre, und bloß einzig und allein deswegen, weil ich es ihm abſchlug dich zu erſuchen, dir Morgen auf⸗ warten zu duͤrfen. Doch war es nur meine Ab⸗ ſicht die Zuſammenkunft aufzuſchieben, bis ich dich in einer beſſern Laune fand, als worin ich dich eben verließ. Nun aber komme ich nicht als ein Bit⸗ tender, ſondern wende mich an deine chriſtliche Liebe, feſt uͤberzeugt, du wirſt den Tod des jun⸗ gen Mannes auf deine Seele laden, wenn du die Zuſammenkunft verweigerſt.“ „ Alles dies ſcheint mir hoͤchſt unpaſſend, und macht mich verlegen; doch Wilhelm's Freund ſoll nicht Urſache haben, ſich uͤber deſſen Schwe⸗ ſter zu beklagen. Sagt dem Grafen, ſobald er ohne Schaden ſein Zimmer verlaſſen koͤnne, wuͤrde ich den Freund meines Bruders mit Achtung zu em⸗ pfangen wiſſen. Graf Wallenſtein braucht ſich nicht vor einer unfreundlichen Aufnahme zu fuͤrchten; entweder hat er noch wenige meines Geſchlechts geſehen, oder es iſt ſein Loos geweſen nur auf Weſen ſehr zweideutiger Art zu ſtoßen. W. v. W. 14 210 Aber eilt, Vater, eurem Kranken meine Einwil⸗ ligung zu bringen, wenn dieſe Arzenei ihm wirk⸗ lich von dem Nutzen ſeyn kann, den ihr:euch davon verſprecht.“ Der gute Moͤnch ließ ſich dies nicht zwei⸗ mal gebieten, ſondern fand ſich bald an der Seite des ungeduldig harrenden Gaſtes ein, der ſo ent⸗ zuͤckt uͤber die Botſchaft ſchien, daß Pater Felir nun faſt eben ſo ſehr die Wirkungen uͤbertriebener Freude fuͤrchtete, als er fruͤher vor den Folgen der Verzweiflung gezittert hatte. 1 „Wahrlich,“ ſagte er,„in ſofern ich von der menſchlichen Natur zu urtheilen vermag, moͤchte ich faſt behaupten, daß das zartere Geſchlecht, wel⸗ ches man gewoͤhnlich auch das Schwaͤchere nennt, reichlich ſo viel Wuͤrde, Feſtigkeit und Kraft beſitze, als das unſrige. Man kann gewiß Lui ſen keines Mangels an Gefuͤhl zeihen, doch wird ſie ſich nie, in irgend einem Mißgeſchick, ſo ſchwaͤrmeriſch faſelnd betragen, als ich es von euch, mein Sohn, wegen einer unbedeutenden Kleinigkeit, erblicken mußte, noch ſich, gleich meinem ungluͤck⸗ lichen Wilhelm, dem Schmerz zum voͤlligen Raube hingeben.“.... 211 „Ha, Vater,“ rief Caſimir, indem er ganz aus der Rolle der gehaltenen Wuͤrde des Charakters ſiel,„das auch ſind grade die Weiber, um derentwillen es ſich der Muͤhe lohnt zu ſter⸗ ben, eben weil ſie gewiß nicht um unſerntwil⸗ len ſterben. Moͤgen andere die ſchmachtende Sproͤde verfolgen, die nur vor ihnen flieht, um ſich haſchen zu laſſen, ich kann nur durch jene erha⸗ bene Liebenswuͤrdigkeit, die tyranniſche Gewalt der Schoͤnheit, unterjocht werden! Was giebt es auf dem ganzen Erdenrund wohl fuͤr ein hoͤheres Ziel, als die Verachtung eines ſchoͤnen Weibes zu beſte⸗ gen?— „Denn d der Fall iſt,“ dachte der Maͤnch, „iſt fernere Unruhe meinerſeits unnuͤtz, denn wahr⸗ ſcheinlich wirſt du gefunden haben, was du ſuchſt. — Aber der arme junge Mann ſpricht ſicherlich in Fieber⸗ Phantaſien, und es iſt unrecht ſein Fa⸗ ſeln durch Anhoͤren, oder Beantworten noch zu vermehren.“ Und mit dieſer Betrachtung, nebſt einigen heilſamen Verordnungen an Ruprecht, im Falle das Fieber ſeines Herrn ahnahmnen ſollte, verließ er das Zimmer. 14* 21² Die Freude welche Luiſe uͤber die Nachricht, daß Wallenſtein in ihrem Schloſſe ſey, ge⸗ fuͤhlt haben wuͤrde, war um vieles durch den Be⸗ richt des Moͤnchs geſtoͤrt und niedergeſchlagen. Noch einmal erwaͤgte ſie ſtillſinnend alles, und fand nach genauer Ueberlegung, wie ſehr ſie ſich Glück wuͤnſchen muͤſſe, damals nicht Wil⸗ helm's Bitten unbedingt gefolgt zu haben, ſon⸗ dern ihrem eigenen, geſunden Urtheile erſt Ge⸗ hoͤr zu geſtatten. Schon der Gedanke an die Art, wie der Graf auf den Wunſch des Bru⸗ ders, in Hinſicht ihrer Verbindung hingedeu⸗ tet, ließ ſie wenigſtens Mangel an Zartgefuͤhl in dem Manne ahnen, und gab ihr die Ueber⸗ zeugung, daß, ſo tapfer im Streit, und treu in der Freundſchaft er auch ſeyn moͤge, ſie doch an ſeiner Seite ungluͤcklich werden koͤnne, wenn er nicht zugleich das feine Gefuͤhl, den richtigen Taet beſaͤße, der, ihrer Anſicht nach, dem ehelichen Le⸗ ben die hoͤchſte Weihe gebe.„Ach,“ ſagte ſie tief ſeufzend,„ſo kann alſo der letzte, heißeſte Wunſch des theuern Bruders nie erfuͤllt werden!“ Als das Fraͤulein am folgenden Morgen beim Fruͤhſtuͤcke ſaß, trat Pater Felix herein. 4 , „Vebe Tochter,“ ſprach er,„ſchon manchem eranken Leibe, und mancher kranken Seele, habe ich als Arzt gedient, doch nie noch iſt mir ein ſo halsſtarriger, ſeltſamer Kranke, als dieſer Krieger, vorgekommen. Geſtern Abend ertheilte ich ihm die Erlaubniß am heutigen Morgen außuſtehen, weil man Menſchen ſeiner Art ein wenig nachge⸗ ben muß. Doch nun wartet er weder auf mich, um ſeinen Puls zu fuͤhlen, noch ihm einen Mor⸗ gen⸗Trank zu verordnen, ſondern erhebt ſich ſchon bei Anbruch des Tages von ſeinem Lager, und als ich ihn in ſeinem Zimmer ſuche, iſt der Vogel bereits davon geflogen; kurz, ich fand ihn auf der Gallerie auf und nieder ſpatzieren, und in⸗ dem ich mich ihm nahe, um ihm mein Erſtaunen uͤber ſeinen Ungehorſam auszudruͤcken, fuͤhrt er mich vor das Gemaͤlde des ſo liſtig ausſehenden Cardinals Zoraschi, und fragt mich, wer dies ſey?— Ich nannte ihm den Namen, und be⸗ merkte zugleich, daß er der Groß⸗Oheim der Dame dieſes Schloſſes waͤre.“ „So ſind wir verwandt,“ rief er,„denn er war auch mein Groß⸗Oheim.“ 4 214 „ch wuͤnſchte Graf,“ erwiederte ich,„daß ihr die Verwandtſchaft aus einer reineren Quelle leiten koͤnntet, denn Verwandtſchaft mit einem Manne, der zu ſeiner Zeit das Werkzeug der fin⸗ ſterſten Intrigue war, und deſſen ſchwarzen An⸗ ſchlaͤgen weder Gewiſſen, Ehre, noch Menſchlich⸗ keit, Zwang anlegen konnten, iſt fuͤr keinen ſei⸗ ner Abkoͤmmlinge ruͤhmlich.“) „Er war bei alledem doch ein entſchloſſener Menſch,“ verſetzte er,„begabt mit einem hellen, aufgeklaͤrten Verſtande!“ „Du weißt nun, Tochter, daß der Name dieſes Cardinals meinem Ohre zuwider iſt, weil er unſern heiligen Orden ſchaͤndete. Krieger und Prieſter betrachten freilich wohl einen und den⸗ ſelben Gegenſtand mit ſehr verſchiedenen Augen; dennoch aber muß eine ſonderbare Verblendung den Mann beherrſchen, der den Handlungen des Zo⸗ raschi ſeinen Beifall giebt. Wie ganz verſchie⸗ dener Meinung wuͤrde Wilhelm, in dieſem Punkte, mit ſeinem Freunde geweſen ſeyn; er ſchauderte ſchon bei dem bloßen Namen des Car⸗ dinals!— Indeß, meine Tochter, darf ich nicht vergeſſen, daß der junge Graf fehnlich meiner 215 Ruͤckkehr harrt, weil er mich zu dir geſandt hat, dich aufs Neue um eine Unterredung mit ihm zu erſuchen ee Je t. 0, 13 iahs de Dieſe Unterredung haͤtte nun zwar zu keinem ungünſtigeren Zeitpunkte erbeten werden koͤnnen. Das ganze ſonderbare Betragen des Grafen, ſeit er ſich im Schloſſe befunden, das blinde Lob, wel⸗ ches er noch ſo eben einem boshaften, grauſamen Heuchler ertheilt hatte, wirkten ſo widrig auf Luiſens Gemuͤth, daß ſie genoͤthigt war ſich alle ſeine Guͤte fuͤr Wilhelm, und des Bruders Liebe fuͤr ihn, ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, um ihn nur einigermaßen gefaßt zu empfangen⸗ Aber anſtatt der Anmaßung, die ſie in dem Manne erwartet hatte, wurde ſie gleich bei ſeinem Eintritte durch ſein einnehmendes, beſcheidenes Weſen, auf das hoͤchſte uͤberraſcht; der herrſchende Ausdruck ſeines Geſichts war tiefe Schwermuth, und die bleiche Wange faͤrbte ſich nur dann mit einem hoͤhern Roth, als er ſich ihr nahete. Kaum wagte er es die Augen zu Wilhelm's Schwe⸗ ſter zu erheben, deren dargebotene Hand er kuͤß⸗ te, indem er ſich auf ein Knie vor ihr zur Erde niederließ, und ſichtlich vom innern Gefuͤhl uͤber⸗ 1 216 waͤltigt, den ihm angewieſenen Sitz einnahm. Luiſe war geruͤhrt und erſtaunt, als ſie ihn mit Gefuͤhlen kaͤmpfen ſah, die ſeinem Herzen Ehre machten, denn ſie zweifelte nicht, daß alle ſeine Gedanken nur auf Wilhelm gerichtet waͤren. Sie hatte jedoch uͤber das Betragen nachgedacht, welches ihr anſtaͤndig ſeyn wuͤrde zu beobachten, und je mehr ihr Herz ſich geneigt fuͤhlte, in die Empfindungen des Gaſtes einzuſtimmen, um ſo ſtrenger gebot ihr ihre Vernunft, die ihr zukom⸗ mende Rolle mit Wüͤrd⸗ und Feſtigket auszu⸗ fuͤhren. „Herr Graf,“ hub ſie an, indem ſich doch unwillkuͤhrlich Thraͤnen in ihre Augen ſtahlen, „er, der euch hier eigentlich bewillkommen ſollte, iſt nicht mehr; aber Wilhelm's Schweſter kann nicht anders als freundlich gegen den Grafen Wallenſtein geſinnt ſeyn. Hoffentlich werden des guten Caplans Geſchicklichkeit und zaͤrtliche Fuͤrſorge, die Schmerzen eurer Wunden gelindert haben; zur voͤlligen Herſtellung bedarf es indeß noch der Zeit. Laßt mich alſo hoffen, daß die Trauer welche gegenwaͤrtig im Schloſſe verbreitet iſt, euch nicht zu fruͤh aus ſeinen Mauern verſcheucht.“ 217 „Fraͤulein,“ erwiederte Wallenſtein, mit dem ſchoͤnſten Ton der Stimme welcher jemals zu Luiſens Ohre gedrungen war,„die Trauer in dieſem Schloſſe ſtimmt nur zu ſehr mit dem In⸗ nerſten meines Gemuͤths uͤberein, und iſt es mir wirklich vergoͤnnt, ſo nehme ich eure Gaſtfreiheit noch auf wenige Tage in Anſpruch.“— Ein beſcheiden fragender Blick ſchien noch einmal um ihre Zuſicherung zu bitten; Luiſe be⸗ merkte es, und glaubend, ſie ſey ihm bei dem et⸗ was kalten Empfang noch eine Antwort auf dieſe Frage ſchuldig, wiederholte, daß der Freund ihres Bruders nie unter dieſem Dache ein uͤberlaͤſtiger 3 Gaſt ſeyn koͤnne. Nach dem Fruͤhſtuͤcke, bei dem der Moͤnch gegenwaͤrtig war, ging man durch's Schloß auf die Waͤlle, hielt ſich bei verſchiedenen Arbeiten der Maler und Bildhauer auf, und beſah die Sammlungen Naturhiſtoriſcher Merkwuͤrdigkeiten, welche durch die Ahnherrn des Hauſes, Maͤnner, die ſich nicht allein im Felde, ſondern auch in der Wiſſenſchaft, ruͤhmlichſt ausgezeichnet hatten, zu ſammengebracht worden waren. Bei dieſen Un⸗ 3 terhaltungen entwickelte der Graf auf die beſchei⸗ 4 218 denſte Weiſe, einen ſo gruͤndlichen Schatz von Kenntniſſen, der ſeine ſchoͤne Wirthin nicht wenig in Erſtaunen ſetzte. Baukunſt, Malerei, Natur⸗ philoſophie, kurz jeder Gegenſtand der den Geiſt anſpricht, ſchien ſeinem Forſchen nicht entgangen zu ſeyn. Aber ungeachtet der Eroͤrterungen, in welche ſein Verſtand einging, wich die tiefe Schwer⸗ muth nicht aus ſeinem Geſichte, noch entfernte er ſich auch nur im geringſten aus den Grenzen der ehrerbietigen, ja faſt ſchuͤchternen Achtung, mit welcher er ſich vom erſten Augenblicke an dem Fraͤulein genaht hatte. Der Abend brach abermals teübe und füͤr⸗ miſch herein; der Regen goß in Stroͤmen hernie⸗ der, der Wind heulte durch die faſt entlaubten Waͤlder. Luiſe aber ſaß ruhig im Gemache an ihrem Stickrahmen, und horchte auf die erhabe⸗ nen Geſaͤnge des Taſſo, welche Wallenſtein ihr mit ſchoͤn melodiſcher Stimme vorlas. Ver⸗ gebens rauſchte der Sturm den Abend an die ho⸗ hen Fenſter des Schloſſes von Marchfeldt; ſein 6 Sauſen wurde kaum vernommen. 219 XII. Am folgenden Tage fuͤhrte das Fraͤulein ihren Gaſt auf die Weiden⸗ Inſel, und uͤberzeugte ſich von ſeinem ſeltnen Geſchmack, indem er einige, noch nicht vollendete Verzierungen der Capelle an⸗ ordnete. Jede Aenderung die er auch nur leiſe andeutete, war entweder von weſentlichem Nutzen, oder diente zur Verſchoͤnerung des Ganzen. Luiſe war entzuͤckt uͤber den Vortheil der ihrem Lieb⸗ lings⸗Plan, aus der Anleitung⸗ des Grafen er⸗ wuchs. Beim nach Hauſe Fahren, ſagte ſie: „Ich fuͤrchte, Graf, daß ihr bald der Ein⸗ foͤrmigkeit eures Aufenthaltes muͤde werdet, und moͤchte gern euch einige Veraͤnderung ſchaffen. Ohne Zweiſel liebt ihr die Jagd. In den Staͤllen des Schloſſes befinden ſich ſchnelle Renner, eine Kup⸗ pel wohlabgerichteter Jagdhunde ſteht zu eurem Befehl, ſo wie auch kraͤftig beſchwingte Falken zu eurem Gebote ſind; und die benachbarten Waͤl⸗ der bieten Wild im Ueberfluſſe dar.“ 220 „Ich danke euch, mein Fraͤulein,“ erwiederte der Graf mit einem Ausdruck von Kraͤnkung. „Wollt ihr mir erlauben zu geſtehen, daß ich die Einfoͤrmigkeit eurer Geſellſchaft, allen moͤglichen Veraͤnderungen, die euer Wildmeiſter mir ver⸗ ſchaffen koͤnnte, vorziehe?“ Hier ſchwieg er einen Augenblick, und ſetzte dann, als wolle er ſich ſeiner Unverſchaͤmtheit wegen ſtrafen, hinzu: „Doch darf ich freilich nicht eure Zeit ſo ſehr in Anſpruch nehmen. Wenn ich bedenke wie der geſtrige Tag und der heutige Morgen vergangen ſind, muß ich uͤber meine Vermeſſenheit erſchre⸗ cken; ich habe wahrlich eure ganze Muße allein an mich geriſſen. Nun ja, dann, Fraͤulein, ich liebe die Jagd, und werde mit eurer Erlaubniß, Morgen dieſe Zerſtreuung verſuchen.“ „Da ich aber euer Arzt bin,“ fiel der Moͤnch ein,„moͤchtet ihr doch wohi gleichfalls um meine Erlaubniß nachſuchen; und dieſe wird euch ſo leicht nicht ertheilt, da die Wunde in eurer Seite kaum geheilt iſt.“ „Ja freilich,“ rief Luiſe;„wie konnte ich auch nur ſo gedankenlos ſeyn. Es iſt alſo gerathe⸗ 221 ner, Herr Graf, daß ihr die Freuden der Jagd fuͤr die Zukunft verſpart.“ Er verbeugte ſich ſtillſchweigend, huͤtete ſich aber wohl irgend ein gewoͤhnliches Compliment zu erwiedern. Jemehr Luiſe das beſcheidene, ehrerbietige Betragen, welches er gegen ſie be⸗ obachtete, die ſtille Trauer mit der er an ihrem Bruder hing, die zarte Lauterkeit der Gedanken und Gefuͤhle, welche ſich in jedem Worte aus⸗ ſprachen, und aus dem Auge wiederſtralten, mit Felix Berichten verglich, um ſo weniger ver⸗ mochte ſie dieſen grellen Widerſpruch zu reimen. Endlich troͤſtete ſie ſich damit, daß die Einfalt des guten Moͤnchs wohl zu mancherlei Mißdeu⸗ tungen Anlaß gegeben haben moͤge. Ein Tag nach dem andern verfloß, und jeder entwickelte irgend ein neues Talent, irgend eine geiſtige Vollkommenheit mehr an dem Freunde Wilhelm's. Er ordnete und belebte die Stu⸗ dien des Fraͤuleins; ſie malten, ſangen, ritten miteinander, und gingen zuſammen ſpatzieren, und am Abend horchte Luiſe, mit immer ſteigendem Intereſſe, auf ſeine weichen Toͤne, ſeinen reinen Vortrag, wenn er ihr aus ihren Lieblings⸗Dich⸗ 222 tern vorlas, oder ſie mit den Weiſen der alten Barden bekannt machte. Ihr eigner Geiſt ver⸗ mochte ſich in dieſe Regionen zu ſchwingen; ihr Verſtand faßte ſchnell und richtig, und war reich begabt, ohne dadurch auch nur das Geringſte an weiblicher Anmuth verloren zu haben. Durch dieſe hoͤhere Ausbildung waren ihr ſchon vormals die Stunden der Einſamkeit ſchnell dahin geflogen; aber noch nie glaubte ſie ſie in ihrem ganzen Werthe geſchaͤtzt zu haben. DSo ſchwand allmaͤhlich jeder fruͤher gehegte Verdacht gegen den Grafen in Luiſens Bruſt; ſein Betragen gegen ſie blieb ſich immer gleich, ja zer vermied ſogar jeden Ausdruck des Lobes oder der Bewunderung, der dem Welt⸗Manne wohl an der Seite eines ſchoͤnen, liebenswuͤrdigen Maͤd⸗ chens, billig vergeben werden mag. Es hatte den Anſchein als halte er alle Schmeichelei fuͤr eine Beleidigung, gegen ein ſo reines, hohes Weſen. Auf dieſem Fuße befand man ſich miteinander, jedoch reichte Luiſens ganze Scharfſicht nicht aus zu ergruͤnden, ob in Caſimir's Bruſt ir⸗ gend ein anderes Gefuͤhl verſchloſſen laͤge, als das kalte, entfernte, einer faſt uͤbermaͤßigen Vereh⸗ 223 eung. Kaum bedarf es wohl der Erwaͤhnung, daß dies nach und nach der Gegenſtand einer peinli⸗ chen Forſchung ihrerſeits wurde, denn ſie fand nur zu bald daß die uͤbermaͤßige Vorſicht, welche ſie ſo unnuͤtz, ja, ſo ungereimt, gefunden, weit noth⸗ wendiger ſey, als ſie es je geahnt hatte; aber ſie beſchloß daß keine Schwaͤche von ihrer Seite, je⸗ mals Wallenſtein den Triumph goͤnnen ſolle, den neuen, ruheſtoͤrenden Gaſt zu entdecken, der ſich in ihren Buſen eingeſchlichen hatte. An dem naͤmlichen Tage da der Graf ſein Zimmer verlaſſen hatte, war Ruprecht in ge⸗ heimen Geſchaͤften fortgeſandt, und gleich nach ſeiner Ruͤckkehr erſchienen ſowohl der Herr als der Diener, gleich den uͤbrigen Bewohnern des Schloſ⸗ ſes, in tiefer Trauer. Als Wallenſtein zu⸗ erſt in dieſem Anzuge vor Luiſen ſtand, fuͤhlte ſie ſich zur zaͤrtlichſten Dankbarkeit hingeriſſen; einem ſo feinfuͤhlenden, energiſchen Gemuͤth wie das ihre, war es unmoͤglich immer auf ſeiner Huth, und gegen Angriſſe jeder Arr geruͤſtet zu ſeyn. Von einer Sache hielt ſie ſich indeß bald uͤberzeugt, naͤmlich: daß, wenn Wallenſtein noch nie ge⸗ liebt habe, und auch jetzt nicht liebe, gewiß die 224 — Urſache nicht darin laͤge, daß er der Liebe nicht 6 hig ſey. „Nein,“ dachte ſie ſeufzend,„ſein Herz ze nur noch nicht den rechten Gegenſtand gefunden!— Wenn dies einmal der Fall iſt, wie rein, wie zart, wie himmliſch ſchoͤn, wird das Feuer dieſer göttlichſten aller Leidenſchaften in ſeinem Buſen lodern!“ 3 — Oft quaͤlte ſie ſich ſelbſt mit Prurgmaßangen, warum ſie wohl nicht dieſer Gegenſtand waͤre? Mit unermuͤdeter Sorgfalt ſuchte ſie ihre Maͤn⸗ gel auf, und kam am Ende immer wieder auf den Schluß zuruͤck, daß Liebe nicht das Werk der Ver⸗ nunft oder des Willens, ſondern das Kind eigen⸗. ſinniger Laune ſey. „Wer weiß ob nicht meines Bruders oft wie⸗ derholter Wunſch fuͤr unſere Verbindung, ſein Herz mit einer ihm widrigen Feſſel belaſtet hat!— Vielleicht beſitzt er den Fehler zu weit getriebener Selbſtſtaͤndigkeit, die frei waͤhlen will, aber nicht fuͤr ſich waͤhlen laſſen.— Nun, wenn er mich auch nicht liebt, ſoll er mich doch achten; ſelbſt ein Wallenſtein darf nie ahnen Luiſe v. Ma rchfeldt verwerfen zu koͤnnen!“ Wallenſtein ſelbſt war indeß keineswegs unwiſſend uͤber die Fortſchritte welche er machte; er ſah, und frohlockte, und waͤhrend er jede Be⸗ wegung in Luiſens Herzen wahrnahm, wußte er daß ihr das ſeine unerklaͤrbar bleibe. Er war ſtolz in dem Bewußtſeyn, ihr ganzes Forſchen auf die Ergruͤndung ſeines Betragens gerichtet, und ihren Frieden von ſeiner Erklaͤrung abhaͤngen zu ſehen. Dies alles hielt er fuͤr ausgemacht, und hatte nur zu recht. Jetzt war es alſo Zeit ſeinen Plan zu aͤndern, und auch dazu bereitete er ſich gehoͤrig vor. b Der Bau der Einſiedelei und Capelle war in ſo weit beendet, daß der feierliche Gottesdienſt, zu welchem die Letzte vorzuͤglich beſtimmt war, darin gehalten werden konnte, und der Tag, an dem Wilhelm vor zwoͤlf Monden von der Erde ſchied, ſollte zur erſten Einweihung derſelben die⸗ nen. Luiſe, in tiefe Trauer gehuͤllt, richtete an dem Tage einzig ihre Gedanken zu denen, fuͤr de⸗ ren abgeſchiedene Seelen ſie Verzeihung und See⸗ gen vom Himmel erflehen wollte. Ihr Auge war dem Irdiſchen nicht zugewandt, nur Wilhelm und Blanca ſchwebten vor ihrer Seele. Aus⸗ W. v. W. 15 226 druck und Geſtalt hatten bei ihr den Charakter der innern Trauer angenommen, von der ſie erfuͤllt war, und als Wallenſtein ſie betrachtete, fuͤhlte er ſich ſo uͤberwaͤltigt, von der uͤberirdiſchen Glorie die ſie zu umgeben ſchien, daß wenn ſie zetzt auf ihn geachtet haͤtte, der Gedanke, ſeine Neigung erſt gewinnen zu muͤſſen, aus ihrem Her⸗ zen geſchwunden ſeyn wuͤrde. Ernſt und ſtill kehrte ſie von der heiligen Feier zuruͤck, und als man im Schloſſe angelangt war, reichte ſie Walen. ſtein die Hand, indem ſie ſagte: 8 „Theurer Freund meines Wi lhelms, heute vergoͤnnt mir allein zu bleiben; morgen ſind wir auf die ſchon gewohnte Weiſe beiſammen.“ Er zog die ihm dargebotene Hand an die Lippen, druͤckte ſie dann mit einer Innigkeit an ſeine Bruſt, die ſie in Erſtaunen geſetzt haben wuͤrde, wenn ſie nicht, durch die Blaͤſſe ſeiner Wange, und das truͤbe Auge verleitet, dieſe un⸗ gewoͤhnliche Bewegung auf den Eindruck geſchoben haͤtte, den die Todtenfelet in ihm zuruͤckgelaſſen hatte. Der forſt nie geaͤhmte Geiſt dieſes Mannes war nun voͤllig, unauſloͤslich geſeſſelt. Im hoͤhe⸗ 227 ren Sinne des Worts hatte er nie geliebr; jetzt aber waren Herz, Seele, ja ſogar ſeine Vernunft gefangen, und von einem Gefuͤhl durchdrungen, an deſſem Daſeyn er bisher nicht geglaubt hatte. Taͤglich, ja ſtuͤndlich hatte ſich die ſuͤße, alles be⸗ zwingende Gewalt ſeiner immer mehr, zwar unbe⸗ merkt, aber ſchnell bemeiſtert, bis ſie ihn ganz aͤberwaͤltigte. Er konnte es nicht ertragen Luiſe auch nur einen Augenblick aus dem Geſicht zu ver⸗ lieren, und als er ſich nun aus dem Zimmer ent⸗ fernte, warf er ſich heftig auf ein Nuhebette und ſeutzte, als ob ein fuͤrchterliches Ungluck uͤber ihn eingebrochen ſey. „Nein!“ rief er,„jetzt iſt es unwiderruflich entſchieden; keine Macht der Erde ſoll mir dieſes Weib entreißen! Tiefer, nie zu vertilgender Haß! Machtige, allgewaltige Liebe! Ihr ſtarken, all⸗ maͤchtigen Leidenſchaften, heift mir als Sieger hervor gehen 14 Sein Herz, das bisher nur der Leitung eines kalten, alles erwaͤgenden Verſtandes gefolgt war, befand ſich jetzt in dem Zuſtande eines voͤlltg auf⸗ geloͤſten Chaos, und der nie gewohnte Aufruhr in ſeinem Innern ſchien ihm unertraglich. um 15* 228 „Nein,“ rief er,„dies dulde ich nicht laͤn⸗ ger; es iſt Zeit daß ich ihr von Liebe rede, und das ſtolze Herz, die ſchoͤnen Lippen Luiſens, ſollen mir meinen Triumph verkuͤnden!“ Mit dieſem Gedanken beſchaͤftigt durchſtrich er die Zimmer, die Gallerie, die Waͤlle, gleich einem aus dem Grabe aufgeſtoͤrten Geiſt, und ſei⸗ nen Unmuth in Selbſtgeſpraͤchen auslaſſend, ver⸗ floß ihm ein Tag, den er laͤnger wie alle vorigen ſeines Lebens fand. Es war Mitternacht als das Fraͤulein, in ei⸗ nem langwallenden Schleier gehuͤllt, mit einer Wachskerze in der Hand, leiſe eine Neben⸗Treppe hinunter ging, die aus ihrem Gemache, durch ei⸗ nen ſchmalen, gewoͤlbten Gang, in die Schloß⸗ Capelle fuͤhrte. Ihre Augen waren ſinnend zur Erde gerichtet. Sie nahete ſich dem Grabe, wel⸗ ches Wilhelm's und Blanca's Aſche ver⸗ einte; aber indem ſie es erreichte, ſtand ſie ſtau⸗ nend ſtill, ein anderes Weſen hier, in dieſen hei⸗ ligen Mauern, zu finden. Wallenſtein hatte ſich weinend uͤber den Leichenſtein ſeines Freundes gebeugt; der rechte Arm umſchlang das Monu⸗ ment, und das im Mantel gehuͤllte Geſicht war 229 an den kalten Marmor gelehnt. Eine große Au⸗ zahl Kerzen brannten in dieſer Nacht in der Ca⸗ pelle, ſo daß Luiſe bei dem hellen Scheine der⸗ ſelben, gleich unterſcheiden konnte, wer ihr hier, in heiliger Trauer um die Verſtorbenen, ſchon zus vorgekommen ſey. Tief geruͤhrt durch dieſen neuen Beweis ſeines Gefuͤhls, wollte ſie ſich unbemerkt wieder hinwegbegeben, er aber hatte ihren leiſen Fußtritt vernommen, und richtete ſich vom Grabe in die Hoͤhe. „Verzeiht, mein Fraͤulein,“ ſprach er.„Dies iſt bei Gott keine willkuͤhrliche Ueberraſchung.“ „Graf,“ erwiederte Luiſe ſanft,„erſchreckt nicht. Wie koͤnnte wohl Wilhelm's Schwe⸗ ſter mit Unwillen einen ſo zaͤrtlichen Beweis treuer Freundſchaft aufnehmen. Nein, es adelt euch in ihren Augen, Caſimir.“ „Thut es das, Luiſe?— Warum ſollten auch nicht unſere Thraͤnen vereint fließen, da wir uͤber den naͤmlichen Gegenſtand trauern. Laßt uns mit einander weinen.“— Es war das erſte Mal daß die traulichen Be⸗ nennungen: Caſimir, Luiſe, unter ihnen ge⸗ ☛ 230 wechſelt worden waren.— Das Fraͤulein ſchwieg einen Augenblick, dann aber antwortete ſie: „ Nein, Graf, jetzt nicht. Meine Seele iſt durch die Feier des Tages fromm und erhaben ge⸗ ſtimmt, und ich moͤchte mir dieſe ruhig ergebene Stimmung gerne heute erhalten. WVerzeiht es mir, ich muß allein bleiben.“. „uUnd doch, Luiſe, koͤnnte der, deſſem An⸗ denken dieſe koſtbaren einſamen Stunden geweiht werden ſollen, koͤnnte er von den Raͤumen des Lichts zu uns hernieder ſchauen, welcher Anblick wuͤrde ihn wohl mehr begluͤcken. Sprich, Luiſe, was war ſein letzter, heißeſter Wunſch?“ „Ach, Caſimir,“ ſagte Luiſe, unter Thraͤnen, nich verſtehe worauf ihr hindeutet; ich kann es nicht leugnen. Aber dies iſt weder die Stunde noch der Ort, um uͤber einen ſolchen Ge⸗ genſtand zu ſprechen; ich bitte euch, verlaßt mich.“ „Meiner Meinung nach,“ erwiederte er feier⸗ lich, indem er auf das Grab deutete,„meiner Meinung nach iſt es der paßlichſte Ort. Hier, unter der Weihe von dem uns umſchwebenden Geiſte des Bruders, des Freundes, hier iſt der * 231 Ort, und dies iſt die Stunde, in der Luiſe v. Marchf eldt ihr reines Geluͤbde ablegen ſollte.“ „Ihr habt geſiegt, Wallenſtein,“ ſagte ſie mit kaum verſtaͤndlicher Stimme,„verlaßt mich jetzt!“— Caſimir, der ſich zu ihren Fuͤßen gewor⸗ ſen harte, ſtand auf, druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen, und verließ die Capelle, ohne ein Wort weiter zu ſagen. Luiſe befand ſich nun allein, aber es war keine leichte Aufgabe, den Geiſt ſanf⸗ ter Schwermuth wieder in ſich zuruͤckzurufen, mit welchem ſie ſich dem Grabe ihres Bruders genaht hatte. Ihre Gedanken ſchweiften raſtlos umher, ihr Buſen pochte ungeſtuͤm, und die ganze eben vergangene Scene, kam ihr als ein Trugbild auf⸗ geregter Phantaſie vor. Ihr Herz gehoͤrte zwar Wallenſtein, ehe ſie es noch ſelbſt wußte, oder glauben durfte ſeines dafuͤr wieder zu beſitzen; aber nun, da das Wort geſprochen war, da er ſie um ihre Erklaͤrung im Namen des Theuerſten beſchwor, das ſie fruͤher auf Erden gehabt hatte, nun da ihr Schickſal entſchieden werden ſollte, bemaͤchtigte ſich eine ſo bange Verwirrung ihrer Sinne, daß 232 ſie in dem Augenblick nicht vermochte zu beſtim⸗ men, ob ſie ſich gluͤcklich preiſen ſolle. Auch nicht ohne ſichtliche Verwirrung konnte Luiſe ſich am andern Morgen dem Grafen na⸗ hen; in ſeinem Betragen war keine weitere Ver⸗ aͤnderung ſichtbar, als daß die ſonſt ſo ehrfurchts⸗ volle Scheu, einem zaͤrtlicheren Ton der Stimme, einem Blicke der Bewunderung Platz machte. Der Moͤnch nahm an ihrem Fruͤhſtuͤcke Theil, und des Vorfalls in der Capelle ward mit keinem Worte gedacht, bis dies voruͤber war. Dann ſtand Ca⸗ fimir von ſeinem Sitze auf, ergriff die Hand des Fraͤuleins, und vor dem heiligen Manne nie⸗ derknieend, ſagte er: „Vater, Wilhelm's letzter Wunſch iſt erfuͤllt; Freund und Schweſter haben ein heiliges Band geknuͤpft. Gebt ihnen euren Seegen!“. Erſtaunt und hoch erfreut, legte der gute alte Mann ihnen die Hand auf's Haupt, und ſeg⸗ nete ſie feierlich. Nachdem ſich die erſte Beſtuͤr⸗ zung verloren hatte, in welche Luiſe durch die raſche Entſcheidung eines ſo wichtigen Schritts verſetzt worden war, waͤhnte ſie ſich begluͤckt, und auch aus ihren Zuͤgen ſprach dies Gefuͤhl deutlich 8 238 hervor. Zwar vermochte ſie einen gewiſſen, edlen Stolz, der einen Hauptzug ihres Charakters aus⸗ machte, und ſich in jeder ihrer Bewegungen und Mienen aͤuſſerte, nicht gaͤnzlich zu unterdruͤcken, doch ſuchte ſie ihn, ſeit ſie ſich als Wallen⸗ ſtein' s Verlobte dachte, durch ein unbeſchreiblich fuͤßes Laͤcheln zu mildern, ſich nicht verhehlend daß der von ihr erwaͤhlte Mann nun bald Herr ihres Schickſals werden, und es heilige Pflicht fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, ihn zu lieben, und ihm zu ge⸗ horchen. 1 Einnige Tage darauf ſagte der Graf zu ihr: „Dein Bruder, Lu iſe, beſaß ein Gemaͤlde, das mein Herz zuerſt lehrte was Liebe ſey, und obgleich dies kleine Bild jetzt eine ſiegreiche Nebenbuhlerin hat, fuͤhle ich doch noch immer ein ſuͤßes Ver⸗ langen darnach. Gieb es mir alſo.“ Luiſe oͤffnete ein Kaͤſtchen, welches mehrere Papiere ihres Bruders enthielt, und z8 das Ee⸗ maͤlde hervor. „Du giebſt es mir alſo, Luiſe? Und iſt es mein auf ewig?“— 5 „Wie koͤnnt ihr es bezweifeln? Gebe ich mich ſelbſt doch euch auf ewig hin; welcher Grund 8K 334 koͤnnte mich denn wohl vermoͤgen dies lebloſe Ab⸗ bild euren Wuͤnſchen zu verſagen?“ „So iſt dies denn wenigſtens erfuͤllt!“ mur⸗ melte er leiſe, und indem er nun ſich des Gemaͤl⸗ des bemaͤchtigte, und es in ſeinen Buſen ſteckte, laͤchelte er. Das Fraͤulein ſtutzte und ſchauderte; es war eine Art von Laͤcheln wie ſie es nie vorher geſehen hatte, obgleich es ihr ſchien, als habe ſſe einſt ein dem aͤhnliches beſchreiben hoͤren. Es dauerte zwar nur einen Augenblick; aber die Sou⸗ ren davon verloren ſich nicht ſo ſchnell. Luiſe glaubte zu bemerken daß irgend eine innre Ge⸗ muͤths⸗Bewegung, dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung in den ſonſt ſo ſchoͤnen Zuͤgen ihres Verlobten, unwillkuͤhrlich hervorgebracht haben muͤſſe; auch er beſorgt, die Erſcheinung moͤge nicht unbemerkt voruͤber gegangen ſeyn, ſah ſie auf einmal ſtarr an, und fragte in einem ſchleppenden, kalten Tone:„Was es denn gebe?“ Es gab freilich nichts, das ſich geradezu er⸗ klaͤren ließ, und um ſeine Gedanken und die ih⸗ rigen anderweitig zu beſchaͤftigen, nahm ſie ein kleines, ganz unſcheinbares Kaͤſtchen, welches in ——— — 235— einer Ecke des Zimmers ſtand, in die Hand, druͤckte an eine Feder, und ſagte: „Ihr ſchmeichelt euch vielleicht nie einen Nebenbuhler gehabt zu haben; aber ſeht hier!“ Bei dieſen Worten legte ſie das im Schloſſe gefun⸗ dene Gemaͤlde, in ſeine Haͤnde.. 1 „Das iſt ein Meiſterſtuͤck!“ rief er.„Kein gewoͤhnlicher Kuͤnſtler malte dies Bild; aber wann es gemalt ward, und auf welche Weiſe es in eure Haͤnde gerieth, iſt ein Geheimniß, das ich nicht zu ergruͤnden verſtehe. Jedoch,“ ſetzte er in einem etwas bittern Tone hinzu, indem er auf das Kaͤſt⸗ chen blickte,„habe ich wohl nicht Urſache eiferſuͤch⸗ tig auf meinen Nebenbuhler zu ſeyn, in ſo fern ich uͤber die Behandlung urtheilen kann, die man ihm hat angedeihen laſſen; er ſcheint nur eines ſehr kalten Aufenthaltes genoſſen zu haben.“ „Caſimir,“ erwiederte das Fraͤulein,„ich kam, wie ihr wißt, auf eine durchaus geheimniß⸗ volle Weiſe, zu dieſem Gemaͤlde; nur ahnen konnte ich, wen es vorſtellen ſollte. Meines Bruders oft geaͤußertes Verlangen unſerer Verbindung, gab mir den Wunſch ein, es moͤge euch gleichen, und die einzig moͤgliche Art wie ich mir das Auffinden die⸗ 236 ſes Bildes im Schloſſe erklaͤren konnte, war der Gedanke, Wilhelm koͤnne es mit dahin gebracht haben.— Und, warum ſollte ich es leugnen? So lange ich glaubte eure Geſichtszuͤge darin zu ſehen, war dies Stuͤckchen Elfenbein mein unzer⸗ trennlicher Gefaͤhrte.“ „Welcher Zufall aͤnderte denn eure Mei⸗ nung? Welchem andern Original legte eure Muthmaßung ſpaͤter dieſe Zuͤge unter?“ Luiſe hatte bisher einen innern Widerwil⸗ len geſpuͤrt den Namen Wolfſtein, in Wal⸗ lenſtein's Gegenwart zu nennen; er war, ſeit ſie ſich kannten noch nicht zwiſchen ihnen ausge⸗ ſprochen. Nun aber blieb keine Wahl. „Es ergriff mich ein unbeſtimmter Verdacht,“ erwiederte ſie endlich,„als koͤnne dieſes Bild vielleicht den Ritter Warbeck v. Wolfſtein vorſtellen, gegen den mein Bruder eine ſo unuͤber⸗ windliche Abneigung hegte.“ „In Wahrheit, gnaͤdiges Fraulein,“ rief der Graf, indem Todtenblaͤſſe ſeine Wangen uͤber⸗ zog, und ſelbſt die Lippen bleichte,„ich bin euch im Innerſten meiner Seele fuͤr die Schmeicheler verbunden, die ihr meinem Bilde erzeigtet. Sagte —— — 237 euer Bruder euch nicht, Wolfſtein ſey ein Teu⸗ fel?— Der boͤſe Feind leuchte aus ſeinen Bli⸗ cken, und laͤchele auf ſeinen Lippen? Ich weiß, er ſagte dies!“—. Und mit einem Blick unbeſchreiblicher Wuth, warf er das Gemaͤlde zur Erde, und zertrat es mit dem Fuße. „Graf Wallenſtein,“ ſagte das Fraͤulein, „nie habe ich ein ſolches Benehmen ertragen, ja, mir nicht einmal eingebildet daß es in meiner Gegenwart ſtatt haben koͤnne; doch will ich euch die gehoͤrige Muße goͤnnen, euch wieder zu ſam⸗ meln.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Gemach. XIII. „Stolze Naͤrrin!“ rief der Graf, indem er die Zaͤhne zuſammen biß und ſich vor die Stirne ſchlug, ſo wie ſich die Thuͤr hinter dem Fraͤulein ſchloß.„Doch was ſchadet es?— Es wird voruͤber gehen!— Ja, wenn ich nur nichts als ein Verliebter waͤre, nur ſo ein gewoͤhnlicher 238 Schlag von Liebhaber, dann wuͤrde ich ſolche kleine Zaͤnkereten aufſuchen, ſie hegen und naͤhren, we⸗ gen des unterhaltenden Wechſels, den ſie den ſonſt eintoͤnigen Liebeleien gewaͤhren; aber die Zeit draͤngt, wir haben keine Muße zu dieſem kindiſchen Spiel gegenſeitiger Quaͤlereien und ſuͤßer Verſoͤhnung. Ich muß einen ſchnellen Frieden herbeifuͤhren, ſelbſt wenn ich mich ein wenig ſchmiegen ſoll.“ Er ſchrieb folgende Zeilen: „Ich habe mich geſammelt, und der Erfolg davon iſt Reue. Kehre zuruͤck, Luiſe, und ma⸗ che mir durch deine fuͤße Nachſicht, meine Aufwal⸗ lung nur um ſo ſchmerzlicher.“ Als Luiſe in ihr Cabinett kam, war es ihr zu Muthe als ſey ſie durch einen heftigen Schlag betaͤubt; ihre Gedanken waren verwirrt, und nur die Erinnerung, wer ihr dieſen Schmerz verurſachte, ſtand klar vor ihr. 3 „Wallenſtein, du, den ich vollkommen glaubte!“ rief ſie, indem ſie alle ihre Kraft zu⸗ ſammen raffte um ſich zu ſammeln, und kalt uͤber den Vorfall nachzudenken.„Wilhelms Freund, mein Verlobter!— Wie haſt du dich ſo ernie⸗ drigen koͤnnen. Heute biſt du nicht mehr derſelbe, 239 fuͤr den ich dich noch geſtern hielt.— Gott, welch einen ſchrecklichen Wechſel hat eine halbe Stunde hervorgebracht!“— 3 Keine Thraͤne erleichterte bei dieſen Betrach⸗ tungen Luiſens Buſen; ihr Schmerz war tief, herzzerreißend, und jemehr ſie uͤber das Vorgefal⸗ lene nachdachte, um ſo beklagenswerther fand ſie ſich. Unterdeß trat Barbara mit dem Billet herein; ſie befahl ihr es hinzulegen und ſich wieder zu entfernen. Lange noch zoͤgerte ſie, ehe ſie wagte es zu oͤffnen; als ſie es aber entfaltere, war ihre erſte Empfindung Freude, die zweite Erſtaunen, daß ein ſo heftiger, gewaltiger Sturm ſo ſchnell ſich legen koͤnne. „SJa,“ rief ſte,„auch der Sturm in der Na⸗ tur iſt freilich weit fruͤher voruͤber, als die Ver⸗ wuͤſtung, die er angerichtet hat, erſetzt werden kann; doch gehandelt muß hier, wie dort werden! Ich will Wallenſtein ſehen, und ihm offen die Gefuͤhle meines Herzens mittheilen.“ Er, ſeinerſeits, wohl erfahren wie man ge⸗ woͤhnlich in ſolchen Liebesſtreitigkeiten ſich zu be⸗ tragen pflegt, und ſich ſchon auf einen zahlreichen Wechſel ſchriftlicher Vorwuͤrfe und Ausgleichun⸗ 240 gen, gefaßt machend, war ſehr erſtaunt ſie ſelbſt, ohne alle Vorlaͤufer, eintreten zu ſehen. „Graf,“ ſagte ſie, ſich ihm mit Wuͤrde na⸗ hend,„ich will euch nicht durch die Worte taͤu⸗ ſchen, daß ich im Augenblicke das Vorgefallene ver⸗ geſſen koͤnne; aber ich vergebe euch von ganzem Herzen. Heute duͤrft ihr nicht auf meine Geſell⸗ ſchaft rechnen; Morgen ſoll jede ſichtliche Spur, von dem was nun einmal nicht ungeſchehen zu ma⸗ chen iſt, verwiſcht ſeyn, und ſo viel moͤglich, wol⸗ len wir zu unſerm vorigen Verhaͤltniß zuruͤck⸗ kehren.“ 33 18818 Dieſe Worte waren ein Stachel im kalten, hochmuͤthigen Gemuͤth des Grafen; er fuͤhlte ſich gedemuͤthigt durch das beſonnene, ruhige Betra⸗ gen des Fraͤuleins; ſein Stolz war verwundet, ſeine gewohnte Ueberlegenheit gebeugt. Vergebens hob er das Auge zu ihr empor, um zu ſehen, ob nicht eine Spur weiblicher Schwaͤche, den gehaltenen Worten Luͤgen ſtrafen wuͤrde; keine Thraͤne war zu bemerken. Er begriff nun wohl, daß nicht davon die Rede ſeyn koͤnne, mit einem ſolchen Weibe ein gewoͤhnliches Spiel zu treiben, noch weniger wagte er es einer milderen Aufwallung, die in ſeiner . 241 Bruſt aufſtieg, Raum zu geſtatten. Endlich huͤllte er ſein Geſicht in ſeinen Mantel, und rief: „Luiſel Luiſe! Du kannſt mich nicht lieben, oder ein augenblicklich von mir begangener, auf der Stelle bereuter Fehler, koͤnnte nicht von dir ſo hart beſtraft werden. Verlaß mich heute nicht, oder du bringſt mich zur Verzweiflung.“ „Verſteht mich nicht falſch, Graf! Ich ſaͤhle keinen Groll mehr in meinem Herzen; aber ich muß mich erſt von dem heftigen Schlage erholen, den ich erlitten habe. Wenn ich heute in eurer Geſellſchaft weilte, moͤchte vielleicht noch eine Spur von dem erlittenen Sehmerz hervorleuchten, und euch zum unwillkuͤhrlichen Vorwurf gereichen. Seyd ruhig, Freund; fuͤr heute muͤſſen wir getrennt ſeyn.“ Jetzt, zum erſten Male in ſeinem Leben, fuͤhlte er ſich als den Schwaͤcheren, und die Wuth welche dieſe innre Ueberzeugung begleitete, trieb ihn auf das Aeußerſte. Bewegungslos, das Ge⸗ ſicht im Mantel verhuͤllt, blieb er gleich einem Verzweifelten ſtehen. Luiſe, welche ihn reuig und zerknirſcht waͤhnte, wurde erweicht; ſie nahm ſeine Hand, die ſie leiſe drückte und ſagte: W. v. W. 16 242 ueberlaßt euch nicht ſo dem Schmerz, Ca⸗ ſimir! Geht mit eurem beſſern Selbſt zu Na⸗ the, bis wir uns wiederſehen, dann werden wir gluͤcklicher wieder zuſammen treffen. Lebt umoß bis Morgen!“ „Gut, Fraͤulein„„ rief er, ſobald ſi ie ſich ent⸗ fernt hatte,„dies iſt eure Stunde, und um die meinige um ſo ſchneller herbei zu fuͤhren, moͤgt ihr eurer kurzen Herrſchaft genießen. Welch ein Triumph, den Stolz eines ſolchen Weibes in den Staub zu treten! Bei Gott, ein ſtattliches, ſtar⸗ kes Weſen! Ich habe ihr Herz aufs Aeußerſte verwundet, dennoch faͤllt keine Thraͤne aus ihrem Auge. Aber es ſoll mein Werk ſeyn dieſe Feſtig⸗ keit zu beugen, und an Thraͤnen ſoll es uns dann auch nicht ſehlen, wenn ſie zu weinen ver⸗ ſteht! 7 Er liebte eigentlich bis zum Wahuſnn, wenn ein Gefuͤhl von der Art, wie er es empfand, mit dem Worte Liebe bezeichnet zu werden verdient. Nur ein ſo wahrhaft hoher Charakter, als Luiſe beſaß, konnte in ſeiner Bruſt ein ſo ungeſtuͤmes, vorherrſchendes Gefuͤhl entzuͤnden, al- ſein Stolz nun zu bekaͤmpfen ſtrebte; doch lag etwas neues, 243 entzůͤckendes fuͤr ihn in dieſem Kampfe. Fuͤr ihn war nicht das ruhige Gluͤck, gegenſeitiger, ſich gleichbleibender Neigung geſchaffen, und ſelbſt an Luiſens Seite wuͤrde er dies hoͤchſt langweilig gefunden haben.— Jedoch daß ihmn waͤhrend ei⸗ nes ganzen Tages ihr Anblick verſagt blieb, daß ſie Entſchloſſenheit genug beſaß ihn aus ihrer Ge⸗ genwart zu verbannen, ſo milde ſie dieſen Aus⸗ ſpruch auch einzurichten wußte, dies ſchien ihm un⸗ erhoͤrt, es aberſtieg alle ſeine Erfahrung, und for⸗ derte Nache⸗ 5. „Uebrigens iſt es mir doch lieb,“ ſagte er, „auch dieſe Sorte von Weibern kennen zu lernen⸗ Bißher theilte ich das Geſchlecht immer nur in zwei Claſſen, in ſogenannte ſanſte Geſchoͤpfe, und in ſtark auftretende Heidinnen; dieſe aber gehoͤrt zu keiner von beiden Claſſen.— Sie hat, was man eine Seele nennt, in ſich.“ Am folgenden Morgen kamen Beide, wie ge⸗ woͤhnlich zuſammen; Wallenſtein hatte auf der Gallerie den Augenblick erwartet, da das Fraͤulein ihr Zimmer verließ, und flog ihr jetzt entgegen.„Biſt du beſaͤnftigt, Luiſe,“ ſragte er mit dem unwiderſtehlichen Wohllaut ſeiner Stime 16*† 244 me;„hat ein Tag der Verbannung mein Verbre⸗ chen ausgeloͤſcht?“ „Laßt nie wieder davon unter uns die Rede ſeyn, Caſimir. Es iſt alles voruͤber.“ Der Tag verging ſcheinbar in Uebereinſtim⸗ mung und Ruhe; manche andere folgten auf aͤhn⸗ liche Weiſe, und da Luiſe den Gedanken an den ungluͤcklichen Zwiſt in ſich zu naͤhren vermied, ſchwand er endlich vor ihrer Erinnerung, gleich ei⸗ nem Traum, den man ſich nicht klar zuruͤckrufen kann... Eines Tages, als ſie ihre gemeinſchaftlichen Studien mit einander fortſetzten, langte ein Cou⸗ rier von Wien, mit einem Briefe von dem Gra⸗ fen Erdenheim, an, deſſen Inhalt hauptſaͤch⸗ lich darauf hinaus ging, das Fraͤulein zu erinnern, daß der Zeitpunkt auf den ſie ihre Ankunft in Wien verſprochen habe, laͤngſt verfloſſen, ihr Haus fertig, und das ihres Oheims in jedem Au⸗ genblicke zu ihrer Aufnahme bereit ſey. Ueber⸗ dies habe der Kaiſer ſich verſchiedentlich erkundigt, wann das Fraͤulein am Hofe wuͤrde vorgeſtellt werden, und noch hinzugeſetzt: es ſey Zeit daßß ſi ſich zeige, und gebeten ihr dies zu melden.„ 245 Weiſung,“ fuͤgte der Graf hinzu,„welche wohl als Befehl gelten moͤchte.“* „Aeuſſerſt dienſtfertig, vom Grafen!“ mur⸗ melte Wallenſtein.„Was iſt aber der Wille meiner ſuͤßen Luiſe?“ 1 „Es ſcheint mir im gegenwaͤrtigen Falle als ob mein Wille aͤberfluͤßig waͤre; ich muß dem Kai⸗ ſer gehorchen. Aber,“ ſetzte ſie hinzu, die finſtre Wolke bemerkend, welche Wallenſtein's Stirn uͤberzog,„warum ſollte dies euch beun⸗ ruhigen? Freilich wohl wird der ruhig, unun⸗ terbrochene Umgang, deſſen wir eine Zeitlang ge⸗ noſſen haben, auf eine Weile geſtoͤrt; aber ihr werdet mir nach Wien folgen, und der Kaiſer wird gerne ſeine Einwilligung zu meiner Verbin⸗ dung mit dem Sohne ſeines zuverlaͤßigſten Freun⸗ des geben. Erheitert euch, Wallenſtein! Wir vergaßen in unſerer Einſamkeit daß die Welt auſſer uns auch noch bewohnt ſey; glaubt mir, es iſt Zeit daß wir daran gemahnt werden. Meine Erſchei⸗ nung in Wien iſt nothwendig, und daher will ich meine Abneigung gegen dieſen Schritt, auf alle nur moͤgliche Weiſe uͤberwinden. Laßt euch hen, Caſimir, und folgt meinem Beiſpiele.“ 246 „Ich wuͤnſchte, mein Fraͤulein, eben ſo viel Philoſophie als ihr, zu beſitzen; vielleicht aber 4 findet ihr auch Geſchmack am aͤußern Glanze, viel⸗ leicht behagt euch das einfache Leben im Schloſſe von Marchfeldt, nicht mehr, Tadeln kann ich euch deshalb nicht, Luiſe; ich finde es ſogar ganz gerecht, daß ſolch eine Blume von den ein⸗ ſamen Ufern der Raab, in die Kanſilihen Gar⸗ ten verſetzt werde.“ „Iſt es moͤglich, Waufenſtgina Nein, dies iſt eure wahre Meinung nicht; ihr ſeyd auf⸗ geregt durch die Stoͤrung die in euer gluͤckliches Leben kommt; aber laßt uns wenigſtens die gegen⸗ waͤrtige Stunde noch genießen! Es muͤſſen noch diele Vorbereitungen zur Reiſe gemacht werden, und mehrere Tage werden verfließen, ehe ich mich von hier trennen kann.“ 2 Wallenſtein bemuͤhete ſich ſeine gute Laune wieder herbei zu rufen; aber es war verge⸗ bens die Wolke zu verſcheuchen, die von dem Au⸗ genblicke an, ſeine Stirn verdunkelte. Durch tanſenderlei zarte Beweiſe ihrer Liebe, ſuchte Luiſe ihn zwar zu erheitern, doch ſchwer ſchien etwas auf ſeiner Seele zu laſten; er blieb unruhig und 247 gereizt, und bemerkte kaum Luiſens vermehrte Aufmerkſamkeitt..— 138 4 Es war des Fraͤuleins Wille, ehe ſie March⸗ feldt verließ, noch einmal die Meſſe in der Ca⸗ pelle auf der Inſel zu hoͤren, wohin auch die Moͤn⸗ che des benachbarten Kloſters verſprochen hatten ſich zu begeben. Natuͤrlich mußte Wallenſtein ſeine Verlobte begleiten. Auſſer den Moͤnchen befand ſich an dem Abende auch noch ein Fremder in der Capelle, der, gleich den Uebrigen, in Trauerkleidern erſchien. Luiſe bemerkte ſeine Anweſenheit kaum, doch als das Requiem begann, zogen ſeine, zwar etwas zittern⸗ den, aber vollen, wohlklingenden Toͤne, unter den ſchwaͤchern Stimmen der ſchon bejahrten Moͤnche, ihre Aufmerkſamkeit an, und ſie hob den Blick zu ihm empor. Sie gewahrte einen wohl gewachſe⸗ nen, jungen Mann, von einem edlen, kriegeri⸗ ſchen Anſtande. Auf ſeinen Geſichtszuͤgen war ein nicht zu unterdruͤckender Ausdruck von Schmerz und Unwillen ſichtbar, und ſein auf das Fraͤulein gewandtes Auge, ſchien ihr einen bittern Vorwurfzu machen. Geaͤngſtigt und verwirrt richtete ſie ihren Blick auf Wallenſtein, in der Hoffnung daß 248 der Fremde ſeiner Bemerkung entgangen ſey; doch zu ihrem Erſtaunen ſah ſie, daß er ihr Miniatur⸗ Gemäͤlde, mit der geoͤffneten Kapſel in der Hand hielt, und von Zeit zu Zeit Blicke voll Frohlocken, bald auf das Bild, bald auf den Fremden warf, bis er, als er ihr Auge auf ihn gerichtet fand, ſie zaͤrtlich anlaͤchelte, und das Gemaͤlde wieder in ſeinem Buſen verbarg. Sobald der Gottesdienſt beendigt war, fuͤhrte er ſie mit ſichtlicher Haſt zu ihrer Barke, und verſank aufs Neue in das fin⸗ ſtre Hinbruͤten, in welchem er ſich ſchon ſeit meh⸗ reren Tagen befunden hatte. Endlich ſagte das Fraͤulein: „Saht ihr den Fremden, der der Abend⸗Meſſe beiwohnte?“— „Ja wohl ſah ich ihn.“ „Wer mochte er nur ſeyn, und woher imochte er kommen?“— „Ich kann beide Fragen hinlaͤnglich beant⸗ worten. Sein Name iſt Wolfſtein, und er kam um das Andenken deines Bruders zu be⸗ ſchimpfen.“ „Dies ſollte Wolfſtein geweſen ſeyn!“— rief Luiſe. 8* 249 „Ja freilich!— Und du ſchauderſt nicht einmal dieſelbe Luft mit ihm geathmet, den naͤm⸗ lichen Boden mit ihm betreten zu haben? So⸗ bald haſt du die ungluͤckliche Ahnung deines Bru⸗ ders, in Hinſicht dieſes Mannes vergeſſen? Was glaubſt du wohl daß ihn hieher gebracht haben koͤnne?“— „Was auch ſeine Gegenwart bedeuten moͤge, wovor ſollte ich mich an eurer Seite fuͤrchten? Mein Herz gehoͤrt euch; dies kann er nicht mehr hindern, und es war ja grade ſeine Bezaube⸗ rung meiner, welche Wilhelm am meiſten fuͤrchtete.“ 3 „Er ſelbſt ſcheint ſich nicht ſo unſchaͤdlich zu waͤhnen, warum ſchliche er ſonſt wohl hier umher. Wenn dieſer ungluͤcksſchwangere Abend uns kein Unheil bringt, ſo lege ich allen Glauben an Ah⸗ nungen ab, ſo moͤgen Sterne vom Himmel fallen, und Eulen am hellen Tage ſchreien; ich glaube dann an keine Vorbedeutungen mehr.“ „Ihr aͤngſtigt mich, Wallenſtein! Was koͤnnten wir zu fuͤrchten haben?“ 230 „Der morgende Tag mag uns vielleicht mehr daruͤber verkuͤnden; heute kann ich es noch nicht ſagen.“— Der Graf hatte Luiſe ſchon gelehrt, wohl zu uͤberlegen, ehe ſie ſprach; um keinen Preis der Welt aber haͤtte ſie zur Unwaheheit ihre Zuflucht genommen. Dies Stillſchweigen, dieſe Zuruͤck⸗ haltung, die ſie oft beobachten mußte, waren oh⸗ nehin ſchon ungewohnte, peinliche Aufgaben fuͤr ſie. Waͤre es jetzt nicht darauf angekommen, eine neue Aufwallung Wallenſteins zu vermeiden, ſo wuͤrde ſie ſicher aufrichtig ihr Erſtaunen uͤber die wenige Aehnlichkeit zwiſchen dem in der Capelle gefehenen Fremden, und dem ihr ſo oft von ih⸗ rem Bruder beſchriebenen Wolfſtein, geaͤußert haben. Zwar hatte ſie ihn nur bei Kerzenſchein geſehen; aber entweder mußte ſie ſich auf eine un⸗ begreifliche Art getaͤuſcht haben, oder das Haar, was um ſeine Stirne wehete, war nicht ſchwarz, ſondern lichtbraun. Auch ſeine Augen, obgleich vorwuyfsvoll auf ſie gerichtet, verriethen, ihrer Meinung nach, keineswegs einen Ausdruck der Bosheit. 251 „Doch,“ dachte ſie wieder,„muß der Mann wohl etwas teufliſches in ſeinem Weſen haben, der einen ſolchen Abſcheu im ſanften Herzen meines Wilhelm's, und ſolches Mißtrauen in Wal⸗ lenſtein's Bruſt, erregt hat. Es moͤchte doch wohl Vermeſſenheit ſeyn, wenn ich daruͤber beim fluͤchtigen Anblick anders entſcheiden wollte. Ue⸗ berdieß beweiſt der frevelnde Spott, ſich zu dieſer hei⸗ ligen Todtenfeier zuzudraͤngen, ſchon einen Grad hoher Verderbtheit; Wallenſtein eoͤnnte ſich mit Recht uͤber mich beſchweren, wenn ich auch nur die geringſte Nachſicht gegen ein ſolches Unge⸗ heuer aͤußerte.“. Daß ihr aber Gefahr drohe durch dieſe Er⸗ ſcheinung in der Capelle, davon konnte ſie ſich auf keine Weiſe auͤberreden; weil ſie indeß bemerkte, wie Wallenſtein durchaus ſchlimme Vorbedeu⸗ tungen daraus ziehen wollte, unterließ ſie allen Widerſpruch. Am naͤchſten Morgen erſchien der Graf mit ungewoͤhnlich heitrer Stirn. Ein Vorſchlag des Fraͤuleins, mit einander einen kleinen Spatzierritt zu machen, wurde freundlich angenommen; jedoch ſchien er ſich ſchnell auf eine ſchwierige Stelle im 252 Dante zu beſinnen, die ihnen bisher dunkel geblieben war, und deren Sinn ſiie ſich vorge⸗ nommen hatten, gemeinſchaftlich zu enthuͤllen. „Waͤre es nicht vielleicht beſſer, Liebe,“ ſiel er ein,„wir begnuͤgten uns am heutigen Morgen, mit der milden Luft und ſchoͤnen Ausſicht von den Schloßwaͤllen. Ich bin grade in der rechten Laune den alten Florentiniſchen Dichter anzugreifen, und zu beſiegen.“ Luiſe willigte freundlich ein, und kaum hatte man ſich dort oben gemuͤthlich eingerichtet, als der alte Marcus, der den Dienſt hatte, und ſo wie faſt alle uͤbrigen Diener des Schloſſes, ſei⸗ nem Poſten ſchon feit des Freiherrn Ulrichs Zei⸗ ten, vorſtand, zum Fraͤulein ſagte: „Wen denken Ew. Gnaden wohl, daß Fried⸗ rich dieſen Morgen geſehen hat?— Wahr⸗ haftig, Ew. Gnaden errathen es nie. Nun er ſah unſers ſeligen, jungen Herrn, ſchoͤnen, Perſiſchen Renner, den armen Mirza, mit einem ſchmucken Reuter auf ſeinem Nuͤcken.“ „Du luͤgſt, alter Kerl!“ rief Wallenſtein, indem ſeine Augen Feuer zu ſpruͤhen ſchienen. 253 „Das nicht, Graf,“ ſagte das Fraͤulein ernſt; „vermuthlich wolltet ihr nur ſagen, Friedrich habe ſich geirrt. Begieb dich fort, ehrlicher Marcus.“ „Ich kann es nicht leugnen,“ hub der Graf jetzt an, als wolle er Lurſens ernſt auf ihn ge⸗ hefteten Blick beantworten,„es verdrießt mich auf die einfaͤltigen Maͤhrchen dieſer alten Narren zu horchen. Ich weiß, und habe es euch auch geſagt, daß Mirza ſich in Prag, in den Staͤllen meines Vaters befindet, um von einer im Schenkel erhal⸗ tenen Wunde, geheilt zu werden.“ „Doch nimmt es mich Wunder,“ erwiederte das Fraͤulein,„wie Friedrich, der den Mirza mit aufgezogen hat, in ſolchen Irrthum fallen ſollte.“— „Wie dem auch ſeyn mag, mein Fraͤulein, ich ſage euch, Mirza befindet ſich in Prag, und ich ſollte doch wohl Glauben verdienen. Vielleicht aber haltet ihr Friedrich fuͤr einen glaubwuͤrdigeren Zeugen, und in dieſem Falle muß ich meine Verſis⸗ cherung dem Zeugniß eures Stallknechts freilich wohl unterordnen.“ 254 „Caſimir! Wie oft ſollen ſolche Scenen unter uns wiederkehren?— Kann ich ſie als Verkuͤndiger kuͤnftigen Gluͤcks anſehen? Leider, wohl nicht!— Ihr wißt nicht, wie vft ich mich, ſeit dem Tage, an welchem ich euch meine Ein⸗ willigung gab, gefragt habe, ob dies der naͤmliche Caſimir ſey, dem ich ſo harmlos den Frieden meines Lebens anvertraute?“ „Lieber Engel, du biſt ganzlich Anerfahren mit der rauhen, launiſchen Natur des Mannes, und deshalb beurtheilſt du mich zu ſtrenge. Dei⸗ nes Bruders Charakter war faſt noch ſanfter als der deine, und Pater Felix hat das biegſame, ſchwache Weſen eines kleinen Kindes. Nun vergleichſt du mich mit dieſen Beiden, und wohl moͤgen dir dann die kleinen Anfälle einer etwas heftigen Gemuͤthsart, mit der ich zu kaͤmpfen ha⸗ be, als ganz abſcheulich, vorkommen.“ „Nein, ich vergleiche dich mit dir ſelbſt, mit dem was du warſt, ehe ich verſprach die Deine zu werden. Kannſt du mich tadeln, Caſimir, wenn ich mir die Frage auſwerfe, ob nicht viel⸗ leicht eine noch groͤßere Sicherheit des Beſitzes, 255 noch ſchlimmere Berluderungen vnch ſich ziehen wird?“ „Maͤchte des Hunels welch eine bittere Folgerung!— Und was ſoll ich denn von deiner Liebe, deinem Vertrauen denken, Luiſe? Bei meiner armen Seele, Fraͤnlein, ihr liebt mich nicht! Ihr habt nur meinen Charakter mit dem forſchenden Auge der kalten Vernunft, ausgeſpaͤht, ihr habt mein Herz als Studium genommen, um die menſchlichen Fehler daran zu ergruͤnden, und gewoͤhnliche Schwaͤchen mit dem Namen des Ver⸗ brechens belaſtet.— Luiſe, liebteſt du mich wahrhaft, ſo wuͤrdeſt du, anſtatt meine Fehler zu vergroͤßern, edelmuͤthig uͤber die Quellen nachge⸗ dacht haben, aus denen ſie wahrſcheinlich floſſen; du wuͤrdeſt bemerkt haben, daß dein Freund in Sorgen iſt, daß er ſich ungluͤcklich fuͤhlt, und daß daher ſeine große Reizbarkeit kommt.“ „Ihr ungluͤcklich, Caſimir?“ „Ja, Luiſe. Ich wollte dies in mir ver⸗ ſchließen, bis alle Ungewißheit voruͤber wäre, wollte dir die Kunde davon erſparen, bis es dein Ohr durchaus erreichen müͤßte; aber da ich nicht laͤnger auf deine Nachſicht rechnen darf, will ich 256 dir entwickeln, was wenigſtens meine Verbrechen in deinen Augen mildern wird. Bis zu jener gluͤck⸗ lichen Nacht in der Capelle, wo die Lippen auszu⸗ ſprechen wagten, was das Herz bewegte, fahſt du mich, wie ich wirklich bin. Am darauf folgenden Tage erhielt ich Briefe von meinem großen, edlen Vater, die mir kund thaten, daß es der Liſt eini⸗ ger neidiſchen Feinde gelungen ſey, ihn beim Kai⸗ ſer verdaͤchtig zu machen. Wallenſtein iſt Herrſcher durch ſich ſelbſt. Der Mann, dem es durch den Wink ſeiner Hand, durch eignen, feſten Willen gelang, funfzig taufend bewaffnete Krieger ins Feld zu ſtellen, kann uͤber jede Veraͤnderung fuͤrſtlicher Gunſt lachen. Und er lacht daruͤber; aber ſein Sohn kann Urſache haben zu trauern. Ich genuͤge nicht mir ſelbſt allein, wie es mein Vater thut; der Friede meiner Seele liegt in an⸗ derer Hand.“— „Was koͤnnteſt du denn in dieſer Hinſicht von dieſen politiſchen Veraͤnderungen zu fuͤrchten haben?“— „Sehr vieles, Luiſe. Glaubſt du daß der Kaiſer die Hand der Freiherrin v. Marchfeldt, dem Sohne eines in Ungnade gefallenen Mannes 257 zugeſtehen wird? Waͤhne das ja nicht.— Und nun, mein Fraͤulein, hoͤrt meine Entſuͤhnung ru⸗ hig an, und ſprecht dann mein Urtheil, denn wir nahen uns dem Augenblicke, wo Entſcheidung Noth thut.— Wolfſtein, der liſtige, tuͤcki⸗ ſche, verſchmitzte Wolfſtein, iſt es, der gleich einer Schlange, ſich in die Naͤhe Ferdin ands eingeſchlichen hat, um ſein Gift in die Bruſt des Kaiſers traͤufeln zu laſſen. Nur eine Stunde vor meinem, in eurer Gegenwart ſo unverzeihlichen Betragen, erhielt ich den Beweis davon, und an dem Tage, da mein Herz ſich durch das, an mei⸗ nen edlen Vater, begangene Unrecht, tief gekraͤnkt fuͤhlte. konnte Luiſe mit kalter, unerſchuͤtterlicher Grauſamkeit mir den Troſt ihrer Gegenwart rau⸗ ben, und mich den zerreißenden Qualen meiner eigenen Gedanken in der Einſamkeit uͤberlaſſen.— Nun, Luiſe, ſprich ſelbſt das Urtheil.“ „Ich wuͤrde ſicher weniger ſtrenge geweſen ſeyn, haͤtte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß. Verbannt alſo dieſe Verheimlichungen, denn hierin wenigſtens liegt der Fehler.”“ 15 „Wolfſtein draͤngte ſich geſtern Abend in die Capelle, um die heilige Handlung zu⸗ ent⸗ W. v. W. 17 * 238 weihen, das Andenken deines Bruders zu verſpot⸗ ten, dich, und vor allen Dingen, mich zu be⸗ ſchimpfen. Ein Heiliger wuͤrde kaum kalt bei ſol⸗ chen Beleidigungen bleiben! Aber auch daran wird er ſich noch nicht genuͤgen; er ſinnt auf noch groͤßeres Unheil. Mein Gemuͤth wird durch fuͤrch⸗ terliche Ahnungen gemartert!“ „Wie kannſt du nun zu wahrem Kummer noch eingebildeten fuͤgen? Warum ſprachſt du nicht fruͤher offen?— Kennſt du das fuͤßeſte Vorrecht der Liebe nicht, ſich durch gegenſeitige Mitetuts jede Sorge zu erleichtern?“ „Es iſt wahr, Luiſel Bei dir ſeeht es die ſchwerſte der Sorgen von meinem Herzen zu neh⸗ inen; dich koſtet dies nur wenige Worte. Luiſel“ fuhr er mit ſanfter Stimme fort, indem er ihre Hand an ſeine Bruſt druͤckte,„auch dieſe theure Hand werden ſie dem armen Caſimir rauben, um ſie einem andern zu geben.— Wirſt du dies dulden?“— „Nie, Caſimirl“ „Nun, geliebtes Maͤdchen, ſo will ich dir ein Geheimniß eröffnen;— du mußt ſie mir jetzt geben. Jetzt oder nimmer!“ — 259 „Ich warte einzig auf des Keiſers Einwilli⸗ gung, um die eure zu werden. Aber weiter dringt nicht in mich einen, Schritt zu beſchleuni⸗ gen, der fruͤher Sitte und Anſtand beleidigen wuͤrde“ ibis „Nun wohl, Luiſe, es ſey; aber bedenke b daß, wenn du mich wirklich liebſt, du dieſe uͤber triebene Foͤrmlichkeit leicht bereuen kannſt.“ „Ferdinand iſt gerecht und gut, er iſt durch tauſend Bande der Dankbarkeit an deinen Vater gebunden; ich kann es noch nicht glauben, wie ſein wahrhaft fuͤrſtlicher Charakter ſich verleiten laſſen koͤnne, einem ſolchennt Manne nicht Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen. Mee „Dankbarkeit, Luiſe!— Wenn du Gele⸗ genheit gehabt haͤtteſt, einen Blick in das Woͤrter⸗ buch der Staats⸗Maͤnner zu werfen, wuͤrdeſt du wiſſen, daß man dies Wort darin vergebens ſucht!“ „Nun, wohlan, ſo wollen wir uns denn auf das Schliinmſte vorbereiten; wenige Tage muͤſſen die Sache entſcheiden. Sollten wirklich deines Vaters Feinde ſiegen, und er den Oberbefehl verlieren, ſo verſpreche ich dir meine Bedenklichkeiten aufzuge⸗ .:⸗ 260 ven. Pater Felix ſoll dann den ehatichen. Stedn Mat uns ausſprechen.“wr Kaum war dies Verſprechen zu9ebenn ats Ruprecht mit einem Packet Briefe zu ihnen rat, und berichtete, wie ein Courier ſi ſie ſo eben gebracht habe, der 4 und Nacht von Pes 8 bis hieher geritten fey. in „Von Prag!“ Aefatlenſceue aRau ſo iſt mein Schickſal entſchieden!“ Er oͤffnete haſtig ein Blatt, welches tolgende Worte enthielt:„Des Kaſſers Stern neigt ſi ſich dem Untergange; der Verrath teiumphirt! Meine Truppen ſind abgedankt; ich bin ein Privat⸗ Mann! 1er 13 18 Albert Wallenſtein.“ ., Hier iſt der Beweis, zütſe. Was ſagſt 86 jeß 5 128 Jch ſage daß der Pater Felir in drei Tagen mein Verſprechen an derſelben Stelle be⸗ kraͤftigen ſoll, wo ich es dir in jener Nacht gab. In drei Tagen, Caſimir, ſoll es nicht mehr in menſchicher Gewalt dſteheh uns zu tranment s— — XIV. — Es iſt leicht zu errathen, daß Luiſens Herz nicht wenig bei dem Gedanken beunruhiget war, einen Sehritt, von dem das ganze kuͤnftige Gluͤck ihres Lebens abhing, ſo beſchleunigt zu ſe⸗ hen. Jedoch hatte die am Morgen vorgefallene Erklaͤrung, ihre Sorge uͤber Wallenſtein's Betragen, etwas gemildert, ja ſie machte ſich ſo⸗ gar einige Vorwuͤrfe, wegen ihrer Strenge gegen ihn. Sie warf einen Blick in jene Zeit, da ihr ſonſt ruhiges Gemuͤth, beim Auffinden des Ge⸗ maͤldes, gleichfalls aufgeregt und gereizt geworden ſey, und klagte ſich der Ungerechtigkeit gegen den Mann an, welchem ſie billig am ſchonendſten begeg⸗ nen ſollte. Wallenſtein ſeiner Seits ſchien alles Vergangene vergeſſen zu haben, und nur in dem „Gedanken zu leben, daß Luiſe binnen drei Ta⸗ gen die ſeinige werden wuͤrde. Das ſeinem Vater widerfahrene unrecht, eigne Rache, und Sorgen, gekraͤnkter Ehrgeiz, alles ſchien vor diefem ſuͤben Ge⸗ A—— V I V 262 danken ſich zu verlieren. Jedes Wort, jeder Blick, jede Handlung, verkuͤndete heftig und ungeſtuͤm ſein Gluͤck, und wenn ſein Auge ſich auf die ſchoͤne Braut heftete, wenn er den milden, nachdenken⸗ den Ernſt bemerkte, der uͤber ihrem Weſen verbrei⸗ tet lag, fragte er ſie unzaͤhlige Male, mit nur muͤhvoll verborgenem Vorwurf; ob denn ſi ſie zicht auch gluͤcklich ſey? „Schließe nach meinen Handlungen,“ erwie⸗ derte ſi e ſanft„Wenn ich dich nicht liebte, wuͤr⸗ den ſelbſt die Bitten meines theuren Wilhelms mich nicht vermocht haben, mein Schickſal mit dem deinen zu vereinen. Du biſt meine freie Wahl!— Wohl wußte er dies; doch war es ihm Wohl⸗ laut dies Geſtaͤndniß ihren Lippen zu entziehen, er konnte es nicht genug hoͤren, und oft bat er ſie es noch einmal zu wiederholen. Zwar war Luiſe bei weitem nicht das erſte weibliche Herz, das ihm ſeinen Sieg verkuͤndet hatte; aber dieſe Siege wa⸗ ren gewoͤhnlich ſo ſchnell verworfen, als gewonnen, theils wegen der Leichtigkeit mit welcher ſie errun⸗ gen waren, theils wegen des geringen Werthes, den er auf den beſtegten Gegenſtand legte; jetzt 263 erſt fuͤhlte er ſich wahrhaft als Ueberwinder, im hoͤchſten Sinne des Worts. Doch wandelte ihm zuweilen noch eine kleine Furcht an, irgend ein nicht zu berechnender Unfall, moͤge ihm dieſen Schatz rauben, ehe er ihn ganz ſein nennen koͤnne. Bei jedem Horn was ſich in der Naͤhe der Zug⸗ bruͤcke hoͤren ließ, um die Ankunft eines Fremden zu verkuͤnden, bei jedem Schall der Schloß⸗Glocke, ja bei jedem unerwarteten Oeffnen der Thuͤr, ſah man ſein Auge wild fragend blitzen, und die Fa be ſeiner Wange wechſeln. Schlug Lui ſe einen Spa⸗ tziergang oder eine Waſſerfahrt vor, war jedesmal die Antwort:„nach dem Donnerſtage, Getiebte! Dann werden wir uͤber die Macht des Schickſals — erhaben ſeyn; dann koͤnnen wir dem Zufall Hohn lachen!“. See. Luiſe glaubte in dieſer aͤngſtlichen Sorglich⸗ 4 keit, einen Beweis ſeiner heftigen Neigung zu ſe⸗ hen, der ſie nichts entgegen zu ſetzen wagte, und uͤberredete ſich, dieſe Allgewalt der Liebe koͤnne 5 doch das Gluͤck ihres Lebens machen. Der Vorabend des Tages, der allen dieſen Qualen ein Ziel ſetzen, und das Gluͤck der Frei⸗ herrin v. Marchfeldt entſcheiden ſollte, war 264 nun gekommen. Man war eben in einer Parthie Schach begriffen, worin Wallenſtein ſowohl als Luiſe Meiſter waren, und das Fraͤulein be⸗ fand ſich grade im Begriff ihren kuͤnſtigen Herrn matt zu machen, als Pater Feliy eintrat. „Es iſt mir lieb, meine Kinder,“ ſagte er, „daß eure Verbindung Morgen vollzogen wird, da es mir ſcheint, meine Tochter, als ob der Kai⸗ ſer einiges Mißfallen uͤber eure verſpaͤtete Ankunft in Wien geaͤußert habe. Euer Oheim Erden⸗ heim hat deshalb den treuen Conrad hieherge⸗ ſchickt, um eure ſchleunige Abreiſe zu verlangen.“ So wie Feliyx dieſe Worte ſagte, ſprang der Graf von ſeinem Sitze auf, und lehnte ſich in ein Fenſter. Conrad trat herein; ein Knie vor ſeiner Herrin beugend, uͤbergab er ihr den Brief, und ſtammelte zu gleicher Zeit, mit Thraͤnen in den Augen, ſeinen Gluͤckwunfch uͤber das frohe Ereigniß, welches Pater Felix ihm eben verkuͤndet habe. „Dank, guter Conr ad,“ ſagte das Fraͤu⸗ lein;„ihr moͤgt nun zu gleicher Zeit eurem neuen Herrn eure Ehrerbietung bezeugen, den ihr um des alten willen lieben werdet. Caſimir, ich brauche den treuen Diener unſeres Wilhelms, nicht weiter bei dir zu empfehlen; du kannteſt und ſchaͤtzteſt ihn ſchon.“ 1 Waͤhrend dieſer Zeit hatte Conrad ſich al⸗ lenthalben umgeſehen, um den zu erſpaͤhen, der nicht ſichtbar war. Luiſe ſchob Wallenſteins Betragen, der wie angeheftet am Fenſter, mit dem Ruͤcken in die Stube gewandt, ſtehen blieb, auf die Nuͤhrung, welche die Gegenwart eines Menſchen in ihm erregte, der ihm ſo oft in der Naͤhe ſeines Freundes zur Seite geſtanden hatte. Durch dieſen Gedanken verleitet, naͤherte ſie ſich 1 ihm, und zaͤrtlich ſeine Hand nehmend, ſagte ſie: „Lieber Caſimir, heiße Conrad willkom⸗ men. Ich freue mich daß er Zeuge unſeres Bun⸗ des ſeyn wird.“ „Und ich,“ erwiederte der Graf, ihre Hand von ſich ſtoßend,„verfluche die Stunde ſeiner Ruckkehr nach Marchfeldt! Er hat mich zu Grunde gerichtet!“— Bei dieſen Worten wandte er ſich um, lehnte ſich ruͤcklings mit uͤbereinander geſchlagenen Armen an das Fenſter, und ſah mit furchtbarem Trotz ir Conrad's erſtauntes Angeſicht. 266 „Himmel und Hoͤlle! rief dieſer.„Was iſt dies? Ritter Warbeck v. Wolfſtein!“ Luiſe, ſchon ſchmerzlich bewegt, durch die Art wie der Graf ihre Hand von ſich geſchleudert hatte, war auf einen Stuhl geſunken; jetzt aber erhob ſie ſich wieder, und ſtand blaß und unbe⸗ weglich, gleich einer Bildſaͤule von Marmor, da. Einen Augenblick kaͤmpfte ſie mit ſich, dann aber zeigte ſie mit der kalten Faſſung eines voͤllig be⸗ taͤubten Gemuͤths, auf den Grafen undaſfrores „Wer iſt das, Conrad?“ „Ich bedarf keines Buͤrgen, gnaͤdiges Fräͤu⸗ lein; ich bin Warbeck v. Wolfſtein.“ Schmerzhaft griff ſie mit der Hand nach der Stirn.„Es wird mir klar, fuͤrchterlich klar!“ rief ſie—„Geht mir aus den Augen, niedriger, ruchloſer Heuchler!“— „Luiſe,“ erwiederte er, mit einem Blick unbeſchreiblicher Unverſchaͤmtheit,„der Eintritt dieſes Menſchen konnte mich auf den erſten Augen⸗ bick beſtuͤrzt machen; auch ihr ſeyd eurer Sinne nicht maͤchtig. Nehmt euch Zeit euch zu faſſen; eure ganze Seele gehoͤrt mir!— Ihr ſeyd nicht ſchwach, nicht alltaͤglich genug, um glauben zu 267 koͤnnen, daß die leere Ceremonie, die unnuͤtzen Worte, welche der alte Mann da, Morgen uͤber uns ausſprechen wollte, irgend einen Zauber ent⸗ halten koͤnnten. Nein! Die geheimnißvolle Ver⸗ bindung des Herzens mit dem Herzen, hat laͤngſt unter uns ſtatt gefunden; dieſe koͤnnen nicht von einander geriſſen werden. Ihr ſeyd unwiderruflich mein! Und ſo befehle ich euch denn als Gemahl, zu geſtatten, daß der aͤußere, feierliche Brauch ſo⸗ gleich vollzogen werde! Ich will nicht bis Morgen warten! Pater Felix, die Capelle iſt ſchon ein⸗ geweiht; fuͤhrt uns dorthin!“ Er wollte bei dieſen Worten die Hand des Fraͤuleins ergreifen; der Caplan aber, welcher bisher wie in einem Traume geſtanden hatte, rief aus: „Laß ab, du Unwuͤrdiger! Du haſt nur ſcchon zu ſehr die heilige Staͤtte durch deine Spoͤtte⸗ reien befleckt! Nie ſollſt du wieder die Schwelle derſelben berühren!“—. „Hoͤrk mich,“ ſagte Luiſe,„es iſt das letzte Wort das ich je mit euch reden werde! Entfernt euch augenblicklich aus meiner Gegenwart, und im naͤchſten Augenblick befreit dies Schloß von euren 2665. Unheil bringenden Schritten; oder, bei der Pflicht und Liebe, die ich dem Andenken meines beleidig⸗ ten Bruders ſchuldig bin, werde ich keinen Anſtand nehmen, euch mit Gewalt von hier fortbringen b laſſen!“ „So ſehr will ich euer ſanftes Gemuͤth nicht auf die Probe ſtellen, gnaͤdiges Fraͤulein; ich will mich freiwillig entfernen, und euch dem Troſt eu⸗ rer eigenen Betrachtungen uͤberlaſſen. Reißt den Pfeil nach Gefallen aus eurer Bruſt.— Bei meiner Seele, es ſchmerzt mich zu entdecken, daß ihr auch nichts weiter als ein gewoͤhnliches Weib ſeyd, das ſich durch einen Namen, einen bloßen Schall beherrſchen laͤßt. Ihr liebt mich, Luiſe, euer ganzes Herz iſt mein; nach ein paar Stun⸗ den wuͤrde auch eure Perſon mein geweſen ſeyn! Aber, bei allen Maͤchten des Himmels! Mein Name iſt Wolfſtein! Weiches, ſchwaches Weib!— Doch, merkt es euch, Fraͤulein! Mein Triumph iſt nur aufgeſchoben, um ihn deſto glaͤnzender zu vollenden; der halbe Glanz davon, wuͤrde jetzt, waͤre dieſer Querſtrich nicht gekom⸗ men, auf den verhaßten Namen Wallenſtein ——,— 269 gefallen ſeyn. Jetzt, Fraͤulein, ſeyd auf eunrer Huth! Wir werden uns wiederſehen!“ Die hohen Thuͤrfluͤgel ſchlugen hinter ihm zu; er ging zu Fuß uͤber die Zugbruͤcke, befahl Ru⸗ precht ihm mit den Pferden zu folgen, und be⸗ fand ſich in Kurzem außerhalb des Gebietes von Marchfoldt. Nichts kommt der Dereruns gleich in wel⸗ cher Luiſe ſich befand; athem, und bewegungs⸗ los, heftete ſie noch immer das Auge auf die Thuͤr, durch welche Wolfſtein verſchwunden war. Als ſie das Getͤſe hoͤrte, mit welchem die Zagbruͤcke niedergelaſſen ward, ſchoͤpfte ſie zuerſt wieder Athem, und ſtiſterte leiſe: „Heilige Jungfrau, ſey geprieſen! Er iſt fort!“— Der Caplan nähete ſich ihr, als wolle er ver⸗ ſuchen ihr Troſt einzuſprechen; aber matt auf einen Seſſel niederſinkend, winkte ſie ihn mit ei⸗ nem geiſterartigen Laͤcheln von ſich ab, uin ſich dem Aufruhr ihrer Gedanken zu uͤberlaſſen, bis der Sturm in der Bruſt ſich erſt etwas gelegt habe. Conrad hielt es fuͤr ſeine Schuldigkeit, die Entfernung des Feindes ſeines Herrn, vom — — 270 Schloſſe zu bewachen, und falls es Noth thue, zu betreiben, und war ihm deshalb, als er das Zim⸗ mer verließ, auf den Ferſen gefolgt. Sobald Wolfſtein uͤber die Bruͤcke war, wandte er ſich noch einmal um, und den treuen Diener erblickend, rief er aus:. „Sieh, biſt du auch da, ehrlicher Conxadt Heute biſt du ein Ungluͤcks⸗Vogel fuͤr mich gewe⸗ ſen, wenn wir uns wiederſehen, wollen wir unſere Rechnung gegen einander aufmachen. Bis dahin, lebe wohl!“ „Vater,“ ſagte Luiſe, das tiefe, faſt zwei Stunden lange Stillſchweigen endlich brechend, „drohete der Mann mir nicht, als er mich ver⸗ ließ? Mich duͤnkt, er that es; aber dem ſey nun wie ihm wolle. Wollt ihr nicht in der Ca⸗ pelle ſprengen, und ſie reinigen laſſen, lieber Va⸗ ter? Ihr koͤnnt unmoͤglich dort Meſſe leſen, bis ſie von der Beſterkung geſaͤubert iſt, die dieſes Mannes Gegenwart dort zuruͤckgelaſſen hat.“ „Ein guter Gedanke, meine Tochter; ich will ſogleich ſelbſt zum Werke ſchreiten, denn dieſe Nacht ſoll dem Danke fuͤr die wunderbare Befreiung vom Boͤſen„geweiht ſeyn.“ 84 6 221 „Raͤucherwerk und Weih⸗Waſſer ſind zur Feier bereit; welch ein ſchreckliches Werk ſollten ſie kroͤnen!— Ich will euren Andachts⸗Uebun⸗ gen in dieſer Nacht beiwohnen; aber vergeßt nicht die Blumen⸗ Gewinde fortſchaffen zu laſſen.“ „Alles ſoll geſchehen, meine Tochter.“ Jetzt pochte Conrad an die Thuͤr und ward vorgelaſſen; er kam um dem Fraͤulein die Wich⸗ tigkeit der Bothſchaft des Grafen Erd enheim ins Gedaͤchtniß zu rufen, fuͤrchtend, ſie moͤge, in der gleich nach ſeiner Ankunft entſtandenen Ver⸗ wirrung, vergeſſen worden ſeyn. Felix oͤffnete den Brief, der eine kurze, aber ſehr buͤndige Er⸗ klaͤrung, uͤber die geringe Ehrfurcht enthielt, welche das Fräulein, durch das wiederholte Aufſchiebet ihrer Reiſe, gegen die Sfehle des a Kaiſergs e zeigte. Es iſt zwar nicht zu leugnen 74 auß erte der Graf in ſeinem Schreiben,„daß Dein verſtorbener Bruder, zufolge ſeines, ohne Zweifel, wohlge⸗ gruͤndeten Vertrauens, es fuͤr gut fand, Deinen Willen unbeſchraͤnkt zu laſſen; dennoch will ich es wagen Dich an Deine Jugend zu erinnern, und daß Dir einige Achtung fuͤr den Rath eines alten 272 Mannes wohl anſtehen wuͤrde, da dieſer Mann Dein naher Verwandter, und bekannt mit den Gebraͤuchen der Welt iſt, die Dir fremd ſind, und er bei ſeinem wohlgemeinten Rath keine an⸗ dere Abſicht, als Deine Ehre und Deinen Vor⸗ theil haben kann.— Zwar ſage ich dies nicht um Deine Selbſtſtaͤndigkeit zu benachtheiligen; aber Sr. Majeſtaͤt, unſer allergnaͤdigſter Kaiſer, ſind unwillig, und es ziemt ſich nicht fuͤr ein ſo junges Frauenzimmer, dem Unwillen nuh ee Herr⸗ ſchers Trotz zu bieten.““ 3. „Es ziemt ſich allerdings nicht,“ wiederholte das Fraͤulein, als Felir die Worte las;„aber mein ganzes Betragen iſt ein Irrthum geweſen.— Ich habe getraͤumt; es iſt hohe Zeit daß ich er⸗ wache, und auch wirklich dem gemaͤß handle.— Vater, ich beſchwoͤre euch, laͤutert die Capelle zum naͤchtlichen Gottesdienſt. Geiſt meines Wil⸗ helms, wie tief biſt du beſchimpft!— Mor⸗ gen ſoll meine Reiſe beginnen; ſie wird dadurch um einen Tag beſchleunigt, und wir haben nichis mehr darauf vorzubereiten.”“ Et. „Nein, mein Kind,“ ertgedevte der Pater freundlich,„du haſt dich ſelbſt vorzubereiten; du 273 biſt auf das Aeußerſte ergriffen worden, goͤnne dir einige Ruhe. Conrad ſoll ſchnell nach Wien zuruͤckkehren, um deine Unterwerfung und baldige Ankunft anzukuͤndigen; aber Morgen reiſe nicht, liebe Tochter!“— „Morgen, Vater, und Conrad ſoll nicht aus meiner Naͤhe weichen; er hat mich vom Rande des Abgrunds gerettet! Ich fuͤhle mich ſichrer in ſeiner Naͤhe; aber von hier muß ich, wo mir al⸗ les verhaßt iſt! Alles um mich her, wirft mir meine unverzeihliche Schwaͤche vor; Verderben ſtarrt mir aus jedem Gegenſtande entgegen!— Ja, ja, Morgen muß es von hier gehen!“— Der alte Moͤnch betrachtete das Fraͤulein mit ſchwerer, banger Ahnung; die Todtenblaͤſſe auf ihrer Wange, das ungewoͤhnlich Starre ihrer Au⸗ gen, und die eiſige K Kaͤlte der Hand, erfülltin ihn mit Angſt. „Was fehlt euch denn, Voter, fragte ſ ſie; „iſt uns nicht allen wohl? Wir ſind den Schlin⸗ gen eines Boͤſewichts entronnen! Seyd ihr daßar nicht dankbar?“— 8 „Ja wohl, meine Tochter, danke ich Gott dafür; aber du biſt ſo bleich, ſo kalt, ſo fuͤrch⸗ W. v. W. 18 * 274 terlich ruhig!— Viel lieber machte ich dich wei⸗ nen ſehen.“ „Nein, Vater! Ich bin wohl ſchwach, aber doch nicht in dem Grade, daß die ausgelernte Bos⸗ heit dieſes Mannes eine Thraͤne aus meinem Auge zu entlocken vermoͤchte. Ueberdies,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu,„wißt ihr daß wir keine Zeit zum Weinen haben. Wo iſt Barbara? Wir muͤſſen Hand ans Werk legen.— Und auch ihr, Vater, zoͤgert nicht! In die Capelle! In die Capelle!“— Zur Capelle ſchritt der Alte, unbeſchreiblich beunruhiget durch Luiſens ſeltſames Betragen. Mit der Hulfe des Sacriſtans unternahm er es, den heiligen Ort von dem Schmucke zu entkleiden, der zu Ehren der bevorſtehenden, feierlichen Hand⸗ lung, dorthin gebracht worden war. Bilder und Blumengewinde, die ſchweren, goldenen Gefaͤße, welche den Altar zierten, alles wurde hinwegge⸗ nommen, und die Reinigung jeder Stelle in der Capelle, vorzuͤglich des ſtattlichen, marmornen Sarcophag's, der ſich uͤber Wilhelm's und Blanca's Graͤbern erhob, ſorgfaltig vorgenom⸗ men. Der gute, alte Felix, obgleich er im Grunde mehr an den Geiſt, als an die vorgeſchrie⸗ * 8 275 benen Formen ſeiner Religion hing, war doch dem Glauben nicht abhold, die Anweſenheit eines ſchlecht geſinnten Weſens, koͤnne in ſo fern die Heiligkeit des Orts entweiht haben, daß Reiniz gung und Laͤuterung unerlaͤßlich ſey, bevor der Gottesdienſt wieder wuͤrdig darin gehalten werden koͤnne.— Als dies Werk vollbracht war, kehrte er zu⸗ ruͤck das Fraͤulein aufzuſuchen. Sie befand ſich in ihren Zimmern, wohin ſie ihre Frauen beordert hatte, um die noͤthigen Befehle wegen der mor⸗& genden Reiſe zu ertheilen, und dieſelbe mit aller Haſt zu betreiben. Als er an die Thuͤr des Ge⸗ machs pochte, oͤffnete Barbara, und rief mit einem Geſicht, auf dem Angſt und Schrecken ge⸗ mait waren:„Geprieſen ſey die heilige Jungfrau, daß ihr kommt! Seht nur das gnaͤdige Fraͤulein ani— Seeit einer Viertelſtunde iſt ſie gleich ei⸗ ner Bildſaͤule; ſie hoͤrt weder, noch redet ſie!“— „Mein Kind, mein geliebtes Kind!“ redete Felix ſie an. Keine Antwort erſolgte. Nur wenige Minuten zuvor hatte er die Ahnen⸗Bilder einiger ihrer Vorfahren betrachtet; die Geſtalt auf welche er ſein Auge jetzt geheftet hielt, war faſt 13* 2 276 nicht weniger kalt, und bewegungslos. Er rief ſie noch einmal; aber die bleichen Lippen oͤffneten ſich nicht, das Auge blieb ſtarr und erloſchen, das gei⸗ ſterartige Schweigen dauerte fort. Mit zitternder Hand verſuchte der Alte eine Ader am Arme zu oͤffnen; erſt nach geraumer Zeit drang das Blut langſam heraus, und etwas, gleich Gefuͤhl und Bewußtſeyn kehrte in die bisher Marmor aͤhnliche Bildſaͤule zuruͤck, obgleich ſie die Umſtehenden noch nicht erkannte. Die Frauen brachten ſie ins Bett, und alle Zubereitungen auf die morgende Reiſe, wurden einſtweilen verſchoben. XV. Wir wenden uns jetzt in unſerer Geſchichte zum wahren Caſimir Wallenſtein, dem es mit⸗ ten im Tumult der Schlachten, nie an Muße zum Denken und Fuͤhlen gebrach. Er, der einzige Sohn des Mannes, auf den ganz Europa die Au⸗ gen geheftet hielt, bewachte mit tiefer Bewunde⸗ rung, jeden Schritt des Vaters, den dieſer zum 277 hohen Ziele des Ruhms vorwaͤrts that. Haͤtte es auf Erden einen Abgott fuͤr ihn geben koͤnnen, ſo waͤre es der Ruf dieſes Vaters geweſen; denn was ihn ſelbſt betraf, obgleich man ihn mit Recht feurig, tapfer und ehrbegierig nennen konnte, ſo kannte er doch zum wenigſten den Grad von Ehr⸗ geiz nicht, der von einer Stufe zur andern zu klimmen trachtet, und fremd waren ihm alle Kuͤn⸗ ſte, welche zu ſolchem Fortſchreiten erforderlich ſind. Sein Charakter war offen, großmuͤthig, maͤnn⸗ lich, arglos; im Heere ſeines Vaters ſelbſt keinen ausgezeichneten Poſten bekleidend, gab er den uͤbri⸗ gen Kriegern ein Beiſpiel von Maͤhigung, und wahrer Herzens⸗Guͤte. Des Vaters Auge war keineswegs blind fuͤr die Verdienſte eines ſolches Sohnes; aber ſo wie es faſt in jedes Menſchen Charakter gewiſſe para⸗ doxe Seiten giebt, die mehr oder weniger ſchwer zu entraͤthſeln ſind, ſo war es die ſonderbarſte Erſcheinung im Gemuͤth dieſes großen Mannes, daß, waͤhrend jedes ſanftere, zaͤrtlichere Gefuͤhl, ſich auf den Sohn bezog, ſein Ehrgeiz allein un⸗ theilbar, auf ſein eignes Selbſt gerichtet blieb. Einzig durch eigne Kraft, wollte er ſich einen Na⸗ 278 men erwerben, der ſo hoch ſtand, daß ſelbſt ſein Nachfolger nicht ſtreben koͤnne, dieſem gleich zu kommen. Haͤtte Caſimir jedoch einen beſtimm⸗ ten Ehrgeiz zu ſteigen, gezeigt, wuͤrde er ihm ge⸗ willfahrt, und ihm ſolche Stellen und Auszeich⸗ nungen verliehen haben, als er gefordert haͤtte. Da aber der Herzog aus Erfahrung wußte, wie die natuͤrlichen Anlagen im Menſchen, einen ent⸗ ſcheidenden Einfluß auf ſein Geſchick ausuͤben, und wie der Menſch zwar gelenkt, jedoch jene im We⸗ ſentlichen nie gaͤnzlich veraͤndert werden koͤnnen, war er zufrieden des Sohnes Gleichguͤltigkeit fuͤr ein Ziel zu bemerken, welches er ſich als Endpunkt ſei⸗ ner Exiſtenz aufgeſtellt hatte, nämlich das, einen Namen zu erwerben, deſſen Ruhm die ganze Welt erfuͤllte. Eaſimir war ſich des Einfluſſes uͤber den edlen Vater bewußt, und benutzte dieſen auf eine ruͤhmliche Weiſe, indem er ſeine Strenge milderte, Strafe und Ungnade oft von Andern abwandte, die harten Bedingungen des Ueberwinders gegen die Ueberwundenen zu maͤßigen ſuchte, Staͤdte vor Sturm und Pluͤnderung bewahrte, und ſich be⸗ 279 ſtrebte die Felder des Landmanns, ſo viel moͤg⸗ lich, vor den Verheerungen des Kriegers zu ſchuͤ⸗ tzen. Dieſe reine, edle Seele wohnte in einem maͤnnlich ſchoͤnen Koͤrper, und es gab gewiß keinen Krieger der auf den Schall der Trommete feuriger zur Schlacht eilte, als er. Die Freundſchaft wel⸗ che er fuͤr den abgehaͤrmten, Kummerbeladenen Wilhelm empfand, war anfangs reiner Zug ſei⸗ nes natuͤrlichen Wohlwollens. Erſt bedauerte er ihn, dann nahm er ſich vor, ſo viel in ſeiner Ge⸗ walt ſtaͤnde, die Stuͤtze dieſes ſchwankenden Roh⸗ res zu ſeyn, damit es nicht von jedem rauhen Winde zu Boden gedruͤckt werde; er ſuchte ihn forgfaͤltig an ſich zu ziehen, bewachte ſeine Schritte, ermuthigte ihn, und bald gelang es ihm auch ſei⸗ nes Vaters Nachſicht fuͤr ihn zu gewinnen. Wer je ſelbſt das Glück empfunden hat, des Andern Wohl zu befoͤrdern, wird aus Erfahrung wiſſen, daß der Schuͤtzende vom Wohlwollen fuͤr den Schuͤtzling, bald zur Liebe uͤbergehen kann. Un⸗ eigennuͤtzige Guͤte des Herzens zog anfangs den jungen Wallenſtein zu Wilhelm hin, und aus dieſer ſo reinen Quelle entſprang ſpaͤter wahr⸗ haftes Gefuͤhl der Freundſchaft. * Als die Nachricht von Wilhelms fruͤher Vollendung ſein Ohr erreichte, war er grade im Begriff ſeinen Mirza zu beſteigen, um eine Reiſe zu unternehmen, welche der Vater nur ſeiner Klug⸗ heit uͤbertragen wollte. Er wiſchte die Thraͤne vom Auge, und ritt fort, denn des Kummers un⸗ gewohnt, ſchien es ihm grade recht die Qual in ſeinem Innern, durch die nothwendige Anſtren⸗ gung, welche das ihm aufgetragene Geſchaͤft er⸗ forderte, zu betaͤuben. „So biſt du alſo wirklich zur Ruhe, mein armer Wilhelm!“— ſagte er ſinnend zu ſich ſelbſt. Schon manchen tapfern Kriegsgefaͤhrten hatte er im Laufe der Zeit, an ſeiner Seite fallen ſehen, ihm einen voruͤbergehenden Seufzer nachgefandt, und ſeiner wieder vergeſſen; aber Wilhelm's Verluſt laſtete ſchwer auf ſeinem Herzen, und ſchmerzte ihn ſo tief, daß er es kaum begreifen konnte, wie dieſer Gedanke ihn ſo unablaͤßlich ver⸗ folgte. So wie er nur einen Augenblick Muße genoß, hallte jede, fruͤher mit dem Freunde ge⸗ habte Unterredung in ſeinem Ohre wieder; ſelbſt der geringfuͤgigſten Worte erinnerte er ſich, vor⸗ 2. 281 zuͤglich aber trat Wilhelm's Wunſch, ihn mit der Schweſter zu verbinden, auf's Lebhafteſte vor ſeine Seele. Er weilte ſo lange bei dieſem Ge⸗ danken, bis er die innre Ueberzeugung gewann, die Ausfuͤhrung dieſes Wunſches ſey heilige Pflicht fuͤr ihn, und alles muͤßige Leidtragen nichts, ſo⸗ bald er nicht das ſo ſehnliche Verlangen des Freun⸗ des zu erfuͤllen ſuche. Zufolge dieſes Entſchluſſes, nahm er ſich vor, den erſten freien Augenblick, den der Dienſt ihm geſtatte, zu benutzen, um ſich nach Marchfeldt zu begeben, und um die Hand der ſchoͤnen Erbin zu werben. „Schoͤn iſt ſie gewiß,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „wenn ſie nur im mindeſten ihrem Bilde gleicht. Dies beſaß alle liebliche Milde die auf dem Ange⸗ ſichte des Bruders verbreitet war, und es lag uͤberdem ein erhabener Ausdruck von Seelenſtaͤrle darin, der dem armen Wilhelm fehlte. Aber moͤge ſie beſchaffen ſeyn, wie ſie wolle, mir liegt es ob den Willen meines verſtorbenen Freundes zu vollziehen, und nicht meinen eigenen Neigungen zu froͤhnen.“ 282 Es iſt nicht zu leugnen, daß wohl etwas vom Geiſte des fahrenden Ritters Don Qui⸗ vote im Sinne unſeres jungen Kriegers lag; vielleicht eignete ſich ſeine gegenwaͤrtige Stim⸗ mung ſogar zu dem Wunſche, daß das Weib, wel⸗ ches er ſeiner Meinung nach verbunden ſey zu ehe⸗ lichen, einige abſtoßende Eigenſchaften an ſich ha⸗ ben, oder doch wenigſtens mit weniger Glucksgͤ⸗ tern, weniger Schoͤnheit und Verdienſt begabt ſeyn moͤge, damit das, dem Andenken des Freun⸗ des gebrachte Opfer um ſo unzweifelhafter ſey. Seit er nun dieſen Gedanken mit Beſtimmt⸗ heit gefaßt hatte, war ſeine ganze Seele ſo ein⸗ zig davon erfuͤllt, daß er ſeine militaͤriſchen Pflich⸗ ten faſt nur maſchinenmaͤßig betrieb, und die Dauer des Feldzugs unausſtehlich lang und lang⸗ weilig fand. Das Ideal ſeiner kuͤnftigen Her⸗ rin ſchwebte unaufhoͤrlich vor ſeiner Einbildungs⸗ kraft, und von Jugend an gewöͤhnt jede Schwie⸗ rigkeit uͤberwinden zu koͤnnen, kam ihm nicht ein⸗ mal die Moͤglichkeit, eines unguͤnſtigen Erfolgs ſeines Unternehmens, in den Sinn. „Gewiß wird Wilhelm auch ſeiner Schwe⸗ ſter den heißen Wunſch ſeines Herzens mitgetheilt * —— —— 28³ haben,“ ſagte er in ſeinen Selbſtgeſpraͤchen,„und wahrſcheinlich zuͤrnt ſie ſchon uͤber mein langes Auſſenbleiben. Wann wird dieſer ewige Feldzug denn endlich ein Ende nehmen?“ Ganz in ſeinen eigenen, eingebildeten Traͤu⸗ men verloren, bemerkte er nicht die Mine welche zum Verderben ſeines Vaters gegraben ward, deſ⸗ ſen Untergang, grade zu jener Zeit, der Gegenſtand mancher geheimen Cabinetts⸗Unterredung in Wien war, waͤhrend der Herzog ruhig und kalt den Fort⸗ ſchritten ſeiner Feinde zuſah. „Wolken und Duͤnſte haben ſich ſeit langer Zeit allmaͤhlich uͤber meinen Horizont zuſammen⸗ gezogen,“ dachte dieſer;„nun ſind ſie uͤbereinander gehaͤuft, und der Sturm muß ausbrechen. Moͤge er denn brauſen! Ich wickle mich in meinen Man⸗ tel, und ziehe mich eine Weile zuruͤck, einzig um deſto ruhmvoller wieder aus der Verborgenheit hervorzugehen.“ Der große Mann ſetzte unbedingten Glauben in Vorbedeutungen und Vorausſagungen, und da⸗ durch war den Sterndeutern und Wahrſagern freies Spiel gegoͤnnt, ihren Einfluß aͤber einen Geiſt aus⸗ zuuͤben, der einzig fuͤr dieſe finſtern Kuͤnſte ſich einer 284 gewiſſen Schwaͤche theilhaftig machte. Sie leite⸗ ten ihn bei ſeinen Berechnungen; durch ihre Fol⸗ gerungen ſah er ſich in den Stand geſetzt mit Ver⸗ achtung auf die Hinterliſt ſeiner Feinde, mit kalter Ruhe auf Ferdinand's Wankelmuth und Un⸗ daukbarkeit, herabzublicken, ja, ſogar als Philo⸗ ſoph, uͤber den Wechſel aller irdiſchen Dinge, zu laͤcheln. Jetzt aber war der Sturm dem Ausbru⸗ che nahe; die Wolken hingen ſchwer uͤber ſeinem Haupt, doch nur wenige, auſſer den ſpielenden Perſonen, ahneten die alles erſchuͤtternde Bege⸗ benheit. Caſimir trauete feſt auf ſeines Vaters gluͤckliches Geſtirn, und was man ihm auch dage⸗ gen zufluſtern wollte, er verachtete das leere Ge⸗ ſchwaͤtz, dem, ſeiner Meinung nach, jeder große Mann, durch den Mund des Neiders, ausgeſetzt ſey. So alſo, voͤllig unwiſſend mit dem wahren Standpunkt der Dinge, ergriff er mit Entzuͤcken den langerſehnten Augenblick, wo er, ohne eine wichtige Pflicht zu verſaͤumen, ſeine eigenen Ange⸗ legenheiten verfolgen koͤnne. Er flog zum Vater, und legte ihm mit der ihm eigenen Offenheit, ſeine Wuͤnſche dar. Selbſt kein Hinderniß fuͤrchtend, 285 ward ihm ſein Verlangen ohne Widerrede geſtat⸗ tet, und ein kurzer Urlaub freundlich gewaͤhrt. Nun beſtieg er ſchnell ſeinen Lieblings⸗Renner, und von ein paar treuen Dienern begleitet, eilte er den Ufern der Raab entgegen. So wie er ſich aber mehr und mehr dem Ziel ſeiner Wuͤnſche naͤherte, fuͤhlte ſich ſein Herz et⸗ was beklemmter. Er erinnerte ſich daß ein hoher, ſtolzer Zug im Bilde Luiſens unverkennbar ge⸗ weſen ſey, und einige etwas beunruhigende, hoͤchſt unwillkommne Fragen, ſtiegen in ſeiner Bruſt auf. Der Muth, welcher ihm bisher nie in Ge⸗ genwart irgend eines Menſchen, ja ſelbſt im An⸗ geſichte des Todes nicht gefehlt hatte, ſchien den⸗ nooch zu dem vorhabenden Unternehmen, nicht aus⸗ zureichen. Zu ſeiner Beruhigung erinnerte er ſich endlich der von Marchſeldt nicht weit entlege⸗ nen Abtei, von welcher der Abt ein weitlaͤuftiger Verwandter ſeines Vaters war, deſſen maͤchtiger Verwendung er auch ſeinen heiligen Poſten ver⸗ dankte. Dorthin beſchloß er alſo fuͤrs erſte zu ge⸗ hen, und von dort aus ſein Anliegen vorſichtig weiter zu betreiben. . 286 Es ſchien ihm indeß nicht nothwendig, dem ehrwuͤrdigen Wirth das Innre ſeines Herzens, und die eigen liche Abſicht ſeiner Reiſe zu enthuͤllen; doch ſprach er ſchon am erſten Abend von dem na⸗ hegelegenen Marchfeldt, von ſeiner Anhaͤng⸗ lichkeit an den kuͤrzlich verſtorbenen Freiherrn, und ſuchte vom Abte manches uͤber dieſen Gegenſtand, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betreffend, herauszulocken, das ihm in dieſem Augenblick un⸗ endlich wichtig war. Im Wechſelgeſpraͤch wurde auch der zaͤrtlichen Liebe erwaͤhnt, welche das Fraͤu⸗ lein fuͤr ihren Bruder hege, ſo wie man der Er⸗ bauung der Capelle und Einſiedelei auf der Wei⸗ den⸗Inſel gedachte, und Caſimir hoͤrte zu ſei⸗ ner nicht geringen Befriedigung, daß erſtere am folgenden Abend durch eine feierliche Meſſe einge⸗ weiht, und es ihm vergoͤnnt ſeyn ſolle, ſich mit den Kioſterbruͤdern dorthin zu begeben. Am naͤchſten Morgen beſchaͤſtigte er ſich da⸗ mit das Schloß zu rerognoſciren, worin die Ge⸗ bieterin ſeines Schickſals ſich aufhielt; in ſeinem Entzuͤcken, und neuem, lebhaftem Antheil den er an allem nahm, vermochte er ſich kaum wieder von den Umgebungen zu trennen, und beſah ſogar 287 die Feſtungswerke mit einer Aufmerkſamkeit, als habe er im Sinne ſie durch Sturm zu erobern. Sein lebhafter Wunſch aber war gleichfalls, we⸗ nigſtens von weitem, einen verſtohlenen Blick auf die ſchoͤne Herrin der Beſitzungen zu werfen, und er hoffte nicht vergebens hierauf. Indem er ſin⸗ nend am Ende einer langen Allee ſtand, die auf einen freien Platz fuͤhrte, der einen Seiten Fluͤgel des Schloſſes durchblicken ließ, ſuͤhlte er ſein Herz auf das Angenehmſte bewegt, als er eine Dame auf den Waͤllen erſcheinen ſah. Ihr hohes, ma⸗ jeſtaͤtiſches Anſehen, und das Gewand der tiefen Trauer welches ſie umgab, uͤberzeugten ihn augen⸗ blicklich, daß dies Luiſe ſeyn muͤſſe. Bald aber ward das Pochen ſeines Herzens auf eine unge⸗ ſtuͤme Weiſe vermehrt, als er einen jungen Mann an ihrer Seite gewahr wurde; zwar befand er ſich in zu großer Entfernung um deſſen Geſichts⸗ zuͤge unterſcheiden zu koͤnnen, aber da ſein Auge unverwandt auf den Punkt geheſtet blieb, wo der ihm ſo theure Gegenſtand ſich aufhielt, glaubte er einen Ausdruck gegenſeitigen Vertrauens unter Bei⸗ den zu bemerken. Faſt ſtarr vor Schrecken ſah er, wie die Dame ſich niederſetzte, und waͤhrend ihre Finger mit einer weiblichen Handarbeit beſchaftigt ſchienen, aufmerkſam ihr Haupt zu dem maͤnnli⸗ chen Weſen neigte, das mit einem Buche zu ihren Fuͤßen gelagert war. Er ſah, oder bildete ſich ein zu ſehen, wie der Fremde, oft ſein Buch vergeſ⸗ ſend, ſein Antlitz zum Fraͤulein erhob, und lange auf ihren Blicken weilte. Jetzt, zum erſten Male, fuͤhlte Wallenſtein die Qualen und Zweifel der Liebe, denn er hatte das Bild von Wil⸗ helm's Schweſter ſo lange in ſeiner Einbil⸗ dungskraft genaͤhrt, bis wirklich eine entſchiedene feurige Neigung in ſeiner Bruſt entſtanden war. Der Gedanke daß ſie auch nur moͤglicher Weiſe ihre Liebe fruͤher einem Andern koͤnne geſchenkt haben, war ihm nie in den Sinn gekommen, und jetzt da er ihn faßte, vermochte er die Unruhe, die Angſt kaum zu ertragen. Seine Augen blieben wie gebannt, auf den ſo verhaßten Gegenſtand; endlich wandte er ſie traurig davon ab, ging mit ſtarken Schritten die Allee wieder hinunter, be⸗ ſtieg ſeinen Mirza, und erreichte die grauen, mit Epheu bewachſenen Mauern der Abtei, noch grade zur rechten Zeit, um ſich der Proceſſion, die zur Capelle wallfahrte, anzuſchließen. 289 Sein Herz befand ſich in einem fruͤher nie gekannten Aufruhr, der nur dann in etwas ge⸗ ſtillt wurde, als er eintrat in die geweihten Hal⸗ len. Als er ſein Knie beugte an dieſem geheilig⸗ ten Orte, wich wenigſtens augenblicklich der Tu⸗ mult im Innern, der Ehrfurcht, welche er an dieſer Staͤtte empſand. Wilhelms Geiſt ſchien ihn fühlbar zu umſchweben, und mildere, ſuͤßere Gefuͤhle der Wehmuth in ſeine Bruſt zu hauchen. Die Feierlichkeit des Orts, der Glanz der Ker⸗ zen, das hohle Sauſen des herbſtlichen Windes durch die faſt entblaͤtterten Zweige der, das Ge⸗ baͤude umgebenden, Baͤume, das dumpfe Gemur⸗ mel der Raab, und vor allem der tiefe Chorge⸗ ſaug der Kloſterbruͤder, ſprachen in beruhigenden Toͤnen zu ſeinem aufgeregten Herzen, und ver⸗ bannten irdiſche Sorge, irdiſchen Kummer, aus ſeiner Bruſt. Ein wohlthaͤtiger Hauch ſchien ihn zu umſaͤuſeln; und er fuͤhlte ſich ſo wunderbar er⸗ quickt und geſtaͤrkt, daß er ſelbſt uͤber die Ruhe erſtaunte, mit welcher er die Ankunft des Zuges vom Schloſſe erwartete, deſſen Annaͤherung der immer vernehmbarere Ruderſchlag jetzt deutlich ver⸗ kuͤndete. 8 W. v. W. 19 290 Endlich trat das Fraͤulein mit ihrem Gefolge in die Capelle; und der, deſſen Unheil bringende Erſcheinung auf den Waͤllen, Wallenſtein's Hoffnungen niedergeſchlagen hatte, fuͤhrte die Be⸗ ſitzerin v. Marchfeldt an der Hand.— Frei⸗ ſich war ſchon dies kein erfreulicher Anblick; aber wer beſchreibt Caſimir's Gefuͤhle, als der Schein der Kerzen auf das Antlitz des Fremden ſiel, und er Wolfſtein erkannte!— Ein un⸗ willkuͤhrlicher Ausruf des Erſtaunens entfuhr ſei⸗ nen Lippen, der Wolfſtein, welcher auf die ganze Feierlichkeit keinen Werth legte, und alſo durch nichts abgezogen ward, nicht entging, und ſein Auge auf die Stelle zog, von woher er den Laut zu vernehmen geglaubt hatte. Auch er ent⸗ deckte nun gleich die Anweſenheit eines Menſchen, dem er um keinen Preis hier zu begegnen wuͤnſchte. Seine Geiſtesgegenwart verließ ihn indeß nicht, und um ſogleich zu zeigen, daß ſein Sieg ſchon gewiß ſey, verſuchte er alles ſeinen Feind nieder⸗ zuſchlagen und muthlos zu machen, Feſt uͤberzeugt, der Graf habe das Geſpraͤch zwiſchen ihm und Wilhelm, nach der Schlacht bei Halle, nicht vergeſſen, zog er das Miniatur⸗Gemaͤlde, wovon 291 damals die Rede war, aus dem Buſen, und ſteckte es nicht eher wieder an ſeinen Ort, bis das Fraͤu⸗ lein ihn angeſehen, und er durch einen zaͤrtlichen, dankbaren Blick auf ſie bezeugt hatte, wie er dieſen Schatz ſo ganz mit voller Einwilligung der Geberin beſitze⸗ Als Wallenſtein das Auge auf Luiſe warf, vermochte er kaum ſich zu uͤberreden, daß das was vorging, nicht Taͤuſchung ſey; in ihrem ſchoͤnen Geſichte lag etwas, welches ihren Hand⸗ lungen zu widerſprechen ſchien. „Wie kann nur in einer ſo himmliſchen Woh⸗ nung eine ſo falſche Seele athmen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Nie noch ſah ich eine Geſtalt, der deinen gleich!— Aber dreifache Schande fuͤr dich, wenn es alles eitel Trug iſt! Wie magſt du es nur wagen die verräͤtheriſche Stimme im Hoch⸗ geſange zu erheben? Wie es unternehmen, den Geiſt deines Bruders auf dieſe Weiſe zu ſpotten, du liebliches Gebilde voll Trug und Schwäche? Ich muß dich haſſen!“ Ungeachtet ſeines augenblicklichen Triumphs, zittertee Wolſſtein dennoch fuͤr die moͤglichen Folgen, die aus der Naͤhe ſeines Nebenbuhlers . 19* —— 6 292 in dieſem entſcheidenden Moment, fuͤr ihn erwach⸗ fen koͤnnten, und der Gedanke daß keine Zeit zu verlieren ſey, ſtand klar vor ſeinem berechnenden Verſtande; daher ſein Dringen in das Fraͤu⸗ lein den Tag ihrer Hochzeit zu beſchleunigen. Sein Einfluß war ſo ausgebreitet, ſeine Verbin⸗ dungen ſo uͤberall angeknuͤpft, daß er unter dem Scheine eines voͤllig unabhaͤngigen Mannes, den⸗ noch im Geheim in jedes Wogen und Treiben ver⸗ wickelt war, das den Staat damals erſchuͤtterte, und wenig Dinge trugen ſich ohne ſein Mitwiſſen, oder ſeine heimliche Theilnahme, in den Kabinet⸗ tern Europa's, zu. Ihm war nicht allein der nahe Sturz des Herzogs v. Friedland bekannt, ſondern er hatte die Hand auch dabei mit im Spiele. Der Churfuͤrſt v. Baiern, und der Capuziner Moͤnch, Pater Joſeph, waren frei⸗ lich die eigentlichen Anſtifter deſſelben; aber Wolf⸗ ſteins Mittheilungen goſſen immer Oel in die Flamme. Zwar hegte er keine beſondere Feind⸗ ſchaft gegen den aͤlteren Wallenſtein, noch ir⸗ gend ein Privat⸗Intereſſe das ihm ſeinen Fall wuͤnſchenswerth machte; doch war ſein Haß gegen Caſimir tief eingewurzelt, und aberdies ſchien 293 es fuͤr ſeinen, nur a8f Zerſtoͤrung bruͤtenden Ge⸗ nius, ein wuͤrdiges Spiel, den Fall eines ſo gro⸗ ßen Mannes mit in betreiben. Wir haben fruͤher ſchon geſehen, wie er von der geheimen Kunde dieſer wichtigen Kataſtrophe, Gebrauch machte, um das Fraͤulein zu ſeinem Zwecke zu bereden. Keiner der beiden Nebenbuhler verließ alſo an jenem Abende, mit ruhigem Herzen die Ca⸗ pelle. Kummer und Zorn erfuͤllten Wallen⸗ ſtein's Bufen; er ſuchte ſich zu uͤberreden daß er Wilhelm's Schweſter haſſe, und ſchmei⸗ chelte ſich mit dem Gedanken, gerechter Unwille ro⸗ the ſeine Wange und mache ſein Herz ſo ungeſtuͤm pochen, als wolle es die Bruſt zerſprengen. Wolf⸗ ſtein fuͤhlte ſeinen kalten, verſchmitzten Geiſt er⸗ ſchuͤttert und beengt, wie er es nie zuvor empfun⸗ den hatte; jedoch wagte er ein Mittel, welches nichts, als die vollkommne Kenntniß ſeines Geg⸗ ners, rechtfertigen konnte. So wie er das Fraͤu⸗ lein in ihre Barke gefuͤhrt hatte, gab er ſeinem Diener Ruprecht geheime Auftraͤge, der die langſam feierlich ſich bewegende Proceſſion der Klo⸗ ſterbruͤder leicht einholte, ſich dem Grafen ehrer⸗ bietig nahete, und zu ihm ſagte: 294 „Gnaͤdiger Herr, der Ritter Warbeck v. Wolfſtein ſendet euch ſeinen Gruß, und hofft daß die kleinen Verdrießlichkeiten, welche fruͤher zwiſchen euch und ihm vorgefallen, jetzt von euch wie von ihm vergeſſen ſind. Als Zeichen voͤlliger Freundſchaft ladet er euch ein das Schloß March⸗ feldt mit eurer Gegenwart zu beehren, und ſi⸗ chert euch zum voraus den freundlichſten Empfang der unvergleichlichen Beſitzerin deſſelben zu. Dop⸗ pelt wird ſie euch als den Freund des verſtorbenen Freiherrn, und den Gaſt des Ritters, willkommen heißen.“ „Beſchimpfung uͤber Beſchimpfung!“ rief Wallenſtein auſſer ſich vor Wuth.„Ich will meine Ritter⸗Ehre nicht beſudeln, indem ich Hand an dich lege, du Knecht eines Teufels! Aber packe dich fort, ſonſt moͤchte ich vergeſſen wer ich bin, und wer du biſt!“ Sein erſter Gedanke nachdem em er in der Abtei angekommen, war, die Gegend von March⸗ feldt auf der Stelle zu verlaſſen, und im Ge⸗ tuͤmmel des Kriegs den Schmerz uber zernichtete Hoffnungen zu betaͤuben. Dann glaubte er wieder nur ſo lange noch bleiben zu muͤſſen, um Luiſe — einmal zu ſprechen, um ſie wegen der Falſchheit zur ————— Rede zu ſtellen, mit der ſie Seelen⸗Metten fuͤr einen Bruder leſen laſſe, deſſen Andenken ſie auf eine ſo empoͤrende Art entehre. „Ja, ich will verſuchen ob ſie ein Herz hat; ſie ſoll mich hoͤren, ich will ihr ihren Irrthum klar vor die Seele ſtellen, und den Dolch der Rene in dies Herz bohren! Und wenn Wolſſtein das ertraͤgt, wenn ſeine kalte, eiſige Natur, nicht da⸗ durch aufgeregt wird, muß ſie ihn verachten! Er hat meinen Frieden gemordet; ich will ihn zwingen mein Blut zu fordern! Ich will dieſem Weibe Dinge ſagen, wovor ſelbſt die Mannheit zuruͤck⸗ ſchaudern ſoll!— Er ſoll ſich mit mir ſchlagen!“ Muͤde die engen Grenzen ſeines Zimmers mit ſeinen haſtigen Schritten auszumeſſen, begab er ſich in den Chorgang der Kirche, wo ſeinen hef⸗ tigen Bewegungen ein weiteres Feld geoͤffnet war, und indem er uͤber Plaͤne der Rache nachſann, oder ſeine Drohungen laut ausſtieß, ſchien zu Zei⸗ ten eine leiſe Stimme ihm zuzurufen, daß dieſer Ort nicht paßlich fuͤr ſolche Stimmung ſey. Konnte ſie auch den Feind in ſeinem Innern nicht bezwin⸗ gen, ſo trieb ſie ihn doch hinaus aus den heiligen 296 Hallen. Er mußte ins Freie; Stunde, Ort, al⸗ les war ihm gleich, und eilig ſich auf ſeinen Mirza ſchwingend, nahm er ſeinen Weg nach dem Walde, wo der vorgebliche, raͤuberiſche Anfall auf Wolf⸗ ſtein geſchehen war. Hier gab er ſeinem Stall⸗ knecht die Zuͤgel und befahl ihm nach der Abtei zuruͤckzukehren und ſeiner dort zu harren, bis er zu Fuße wieder kaͤme.—„Heute, Morgen, in einer Woche,“ ſetzte er hinzu;„weiß ich es doch ſelbſt nicht.”“— Der Wald lag zwiſchen der Abtei und dem Dorfe von Marchfeldt. Maſchinenmaͤßig lenkte er bei Tages⸗ Anbruch ſeine Schritte weiter, und befand ſich endlich am Ufer der Raab, der Wei⸗ den⸗Inſel gegenuͤber, grade an der Stelle wo Stteffens Huͤtte lag. Er pochte an die Thuͤr, und die ſchwache Stimme der kranken Frau rief ihn herein. Er bat um einen Trunk Milch, da er die Kleinen beim Fruͤhſtuͤcke ſah, um den bren⸗ nenden, ihn faſt verzehrenden Durſt dadurch zu loͤſchen. Alice gebot dem Knaben auf den Stuhl zu ſteigen und dem Fremden eine Schaale friſche Micch vom Brett herunter zu langen. Als er ſei⸗ nen Durſt geloͤſcht hatte, ſagte er in mildem Tone:. „Es ſcheint, gute Frau, als ob eure Thuͤr dem Wanderer bereitwillig geoͤffnet wuͤrde, und ihr nicht karg mit euren einfachen Gaben waͤret.“ „Wenn ich dies waͤre, lieber Herr, ſo ver⸗ diente ich wahrlich alles das Gute nicht, welches mir Gott. und meine gnaͤdige Herrſchaft beſcheert.“ „So iſt die Freiherrin v. Marchfeldt wohlthaͤnig?“ 52 9 „Sie iſt dem Sonnenſchein und Himmelsthau zu vergleichen; ihr Anblick allein iſt hinreichend Seegen zu bringen.“ „Ach!“ dachte Caſimir,„mir hat er Fluch gebracht!“— „Ihr ſcheint hier fremd,“ fuhr die Frau fort,„doch vermuthe ich daß ihr aufs Schloß wollt. Vielleicht iſt es eure Abſicht der Hochzeit beizuwohnen, die, wie man ſagt, naͤchſtens voll⸗ zogen werden wird. Moͤgen alle heilige Engel uͤber das Fraͤulein wachen, und ihr einen Gemahl verleihen, der ihrer wuͤrdig iſt! Die Leute ſpre⸗ chen der Graf Caſimir bete ſie an, er verlöͤre ſie nie einen Augenblick aus dem Geſicht, und 298 wenn ſie ſpraͤche, hinge er unverwandt mit ſeinem Auge an ihren Lippen.— Aber ich weiß nicht, mich ſchaudert's oft;— zaͤrtliche Liebhaber ſind nicht allemal die beſten Ehemaͤnner!“ „Wer, ſagtet ihr, gute Frau, wuͤrde das Fraͤulein heirathen?“ „Ei, lieber Gott, der Graf Caſimir von Wallenſtein, der Sohn des großen Mannes, der alle Feinde unſeres Kaiſers ſchlaͤgt. Unſer ſee⸗ liger Freiherr hatte es ſich in den Kopf geſetzt daß dieſer ſeine Schweſter heirathen ſollte; ich glaube ſie ſtanden ſich einander im Kriege bei, und wur⸗ den die beſten Freunde. Mir ziemt es freilich nicht zu reden; aber mich duͤnkt immer, der gnaͤ⸗ dige Herr haͤtte beſſer gethan ſeiner Schweſter zu vergoͤnnen daß ſie ſich ſelbſt einen Gemahl aus⸗ ſuchte.“ „Seyd ihr gewiß euch nicht zu irren, liebe Frau; ſeyd ihr uͤberzeugt daß der Herr welcher ſich jetzt im Schloſſe aufhaͤlt, Graf Caſimir v. Wallenſtein iſt? „Ja freilich! ſo gewiß ihr hier vor mir ſteht.“ „Und worauf gruͤndet ſich eure Gewißheit?“ „Lieber Himmel, Herr, ihr ſeyd etwas ſchwer 299 zu befriedigen!— Doch laßt mich ſehen!— Ja, die erſte welche mir ſeinen Namen nannte, war Barbara, des gnaͤdigen Fraͤulein Kammer⸗ frau, als ſie mir Arzeneien vom Schloſſe brachte. Und dann der alte Siegmund, und dann— ja, wer noch ſonſt alles; aber wer kann das behalten. Das Fraͤulein und der Graf haben mich indeß mehrere Male beſucht, und ſind lange bei mir ge⸗ blieben. Dann nannte ſie ihn Caſimir, das haben meine Ohren gehoͤrt, und ſie wird doch wohl wiſſen wie der heißt, den ſie heirathet.“ „Wenn ſie es noch nicht weiß, ſoll ſie es er⸗ fahren!“ murmelte Wallenſtein leiſe.„Ver⸗ ruchter Boͤſewicht! Ich will dein Luͤgen⸗Gewebe zerreißen!“ In Gedanken verloren, ſtand er eilig auf, um die Huͤtte zu verlaſſen; doch in der Thuͤr ſich noch wieder umwendend, fragte er: „Wenn ich euch recht verſtanden habe, Frau, ſo ſeyd ihr eben keine Freundin dieſer Heirath.“ „Behuͤte der Himmel daß ich feindlich age,. gen geſinnt ſeyn ſollte; aber ſeht, Herr, wenn ich 4 hier ſo liege, gehen mir allerlei Gedanken im Kopfe herum.— Auch der alte Siegmun d,— 300 ach Herr, das iſt ein gar kluger Mann, und wie ich oft zu Steffen ſage, will ein Wink aus ſei⸗ nem Auge mehr bedeuten, als ſtundenlange Un⸗ terredungen mit einem andern.“ „Und was ſagt denn der alte Siegmund:“ „Ja, ſagen thut er nun zwar nicht viel; das iſt nie ſeine Art; denn ihr muͤßt wiſſen daß exr kein Schwaͤtzer iſt.“ „Nun, was denkt er denn?“ „So viel ich ſchließen kann, denkt er eben nicht viel Gutes uͤber den Grafen.“ „Argwoͤhnt er etwas?“ „Was ſollte er argwoͤhnen? Nein, ich glaube er meint, daß da hinter der Larve ein boͤſes Ge⸗ muͤth verſteckt liegt, ſo wie ſich ſchon mancher Mann, waͤhrend des Brautſtandes wohl einer truͤgeriſchen Larve bedient hat. Ich bin zwar nur eine unwiſſende Frau, Herr, aber die Nachbaren, das naͤrriſche Volk, behaupten, Alice ſehe wei⸗ ter, als mancher Menſch, der ſich auf ſeine Weis⸗ hen gar viel zu Guteithue. Nun hoͤrt, da will ich nur eine Frage an euch thun: kanntet ihr je⸗ mals einen Mann, vornehm oder geringe, der . 301 irgend etwas taugte, und den kein Kind anſehen mochte?“ Bei dieſen Worten ſchob ſie den Vorhang ih⸗ res Bettes zuruͤck und ſteckte den Kopf heraus. „Ach, ſeht, wie die kleinen, uͤberlaͤſtigen Schelme da an euch hinanklettern, und euch beim Rocke zupfen. Wilfred, Pfui! Willſt du wohl den Herrn zufrieden laſſen, Leonhard! Aber, was ich ſagen wollte; ja, ſobald der Graf herein⸗ tritt, verſtecken dieſe beiden Buben ſich hinter das Bett, und weder Drohung noch Schmeicheln bringt ſie von dort fort. Ich ſage nun, ſo etwas fuͤhrt nichts Gutes im Schilde, Steffens mag auch daruͤber lachen, ſo viel er will.“ „Vielleicht, gute Frau, ſpreche ich noch einmal bei euch vor, wenn ihr es mir erlaubt.“ „Thut es ja, und ihr ſollt ſchoͤn willkommen ſeyn,“ ſagte die weiſe Alice, und Caſimir ſchritt mit ganz andern Gedanken wieder zur Thuͤr hinaus, als er herein gekommen war. XVI. Sein Zorn war nun anfangs einzig auf den feilen Boͤſewicht gerichtet, der die arme Luiſe durch ſo niedern Betrug getaͤuſcht hatte; rief er ſich aber den Blick, das Laͤcheln zuruͤck, mit wel⸗ chem ſie ihn in der Capelle angeſehen, ſo er aufs Neue der Argwohn in ſeinem Innern, daß ihr Herz doch nicht mehr frei ſeyn moͤge. Den ganzen Tag und den darauf folgenden bewachte er ſorgfaͤltig alle Ausgaͤnge des Schloſſes, in der Hoffnung Wolfſtein und dem Fraͤulein zu begegnen; aber Niemand zeigte ſich. Ein paar Mal ſah er zwar den Pater Felix auf ſeinem Maulthiere ausreiten, doch war der alte Herr ſtets ſo vertieft im Gebet, oder im Leſen eines heili⸗ gen Buchs, daß Caſimir es nicht wagen mochte, ihm in den Weg zu treten, und ihm das ſchaͤndli⸗ che Complot aufzudecken, zumal da ſein Wunſch beſonders darauf gerichtet war, ſeinen Gegner an der Seite des Fraͤuleins zu treffen, um dann mit eignen Augen den Eindruck zu ſehen, den die Ent⸗ huͤllung des Bubenſtuͤcks, beſonders in Luiſen, hervorbringen wuͤrde. Grade an dem Tage, wo Conrads uner⸗ wartete Ruͤckkehr, alle Abſichten vereitelte, wurde Wallenſtein durch ſeinen Diener, der ihn lange vergebens geſucht, und ihm einen eben ange⸗ kommenen Brief vom Herzoge zu uͤberbringen hatte, in ſeinen Spaͤhungen geſtoͤrt. Er erkannte die eigne Handſchrift des Vaters, und eilte an eine einſame Stelle des Waldes, um das Schreiben unbemerkt leſen zu koͤnnen. Es enthielt folgendes: „Zeige Dich Deiner wuͤrdig, mein Sohn, indem Du veraͤchtlich jede Aufwallung des Zorns und Erſtaunens zuruͤck weiſeſt, wenn Du hoͤrſt, daß ich als Privatmann wieder in meinen Pallaſt zu Prag, eingezogen bin. Ja, Caſimir, ich habe meine Entlaſſung vom Kaiſer erhalten. Meine Truppen ſind auseinander gegangen; geſtern ent⸗ ließ ich 15000 Mann der ſchoͤnſten Reuterei in Europa, und dennoch bin ich heute groͤßer, als ich es geſtern war, denn geſtern noch mußte ich Ferdinand meinen Herrn nennen; heute bin ich mein eigner Herr und erkenne Niemand als 30 4¾ mein Oberhaupt an. Der Kaiſer erſuchte mich gar hoͤflich, mein Commando abzugeben, denn es zu fordern wagte er nicht; ich laͤchelte und wil⸗ 4 V ligte ein. Dies alles iſt das politiſche Werk 4 Richelieu's, durch den Baier⸗Fuͤrſten, einen Ea⸗’ puziner Moͤnch, und noch einen Dritten, den ich I jetzt nicht nennen will, ausgefuͤhrt. „ Nun aber, verſtehe mich wohl, mein Sohn! Weder das Commando maͤchtiger Heere, noch die Obergewalt im Rath, oder der Glanz des Herr⸗ ſchers, machen eigentlich die Groͤße eines Man⸗ nes aus, obgleich ſie wohl hellſtrahlende Folgen dieſer Groͤße ſeyn koͤnnen. Dieſe beruht einzig nur auf den erhabenen, feſt in ſich abgeſchloſſe⸗ nen Geiſt, welcher mit voͤlligem Gleichmuth, jene Dinge ſich aneignen, und ſie wieder von ſich wer⸗ fen kann. Wenn Wallenſtein ein Bild wah⸗ rer Groͤße beſchauen will, wendet er das Auge auf ſein Innres, und ſucht in der eignen Seele; ſo betrachte ich die gegenwaͤrtigen, politiſchen Ver⸗ aͤnderungen mit der naͤmlichen Ruhe, mit welcher ich auf die laͤngſt vergangenen hinblicke, von denen ſowohl die als Opfer dafuͤr Gefallenen, ſo wie die, welche jene Begebonheiten durch ihre Feder auf —— die Nachwelt gebracht haben, einzig nur noch in den Annalen der Geſchichte exiſtiren, und mit glei⸗ chem Gefuͤhl ſehe ich dann auf die bevorſtehende Cataſtrophe.“”“ „Ich habe Dir nur in der Hinſicht mein Inn⸗ res ſo klar entfaltet, damit Du es nicht fuür Deine Pflicht achten ſollteſt, unverzuͤglich hieher zu eilen. Betreibe dies gaͤnzlich nach Deinem Gefallen, und wenn Deine eigenen Plaͤne ausgefuͤhrt ſind, dann, aber nicht eher, komm zu Deinem Freund und Vater 2 Wallenſtein.“ „Mäͤchte des Himmels!“ rief Caſimir aus, nachdem er den Brief bis zu Ende geleſen hatte,„iſt es moͤglich! Kann dieſer Goͤtterglei⸗ 4 che Mann ein Opfer niedrer Staats⸗Intriguen geworden ſeyn!“— Der ganze Vorfall ſchien ihm ſo unerhoͤrt, daß er einen Augenblick voͤllig verwirrt, und ſeiner Sinne kaum maͤchtig, daſtand. Sein erſter An⸗ trieb zog ihn zum Vater, und nur der Gedanke, W. v. W. 20 ¹ dann Wilhelm's Schweſter in den Klauen des boͤſen Feindes zu laſſen, konnte ihn von einer ſchleunigen Abreiſe zuruͤckhalten. Unentſchloſſen uͤberlas er noch einmal den Brief, und ſagte dann endlich zu ſeinem Diener: d „Eile du nach Prag, melde meinem edlen Vater daß ich das Geſchaͤft welches mich hier zu⸗ rückhielte, ſo ſchnell als moͤglich beſeitigen wuͤrde, und gewiß hoffte, dir binnen ein paar Tngan bol⸗ gen zu koͤnnen.“ Als er den Diener auf dieſe Weiſe abgefertigt hatte, warf er ſich auf den feuchten Boden, un⸗ ter einen Baum, und uͤberlegte was zu thun ſey, um ſo ſchnell als moͤglich zum Ziel zu gelangen. Er beſchloß nicht laͤnger zu zoͤgern, ſondern ſich— unverzuͤglich in der Huͤtte, wo er zuerſt Licht uͤber die ganze Betruͤgerei erhalten hatte, nach Hauͤlfs⸗ mittein zur Zerſtoͤrung derſelben, umzuſehen. „Gute Frau,“ hub er bei ſeinem Eintritt in dieſelbe, nach freundlicher Begruͤßung an,„es ſcheint mir faſt als öb die Dame vom Schloſſe, . 307 und der Braͤutigam, das Haus eben ſo angſtlich huͤteten, als ihr.“ „Ich hoͤre daß das jetzt der Fall iſt,“ erwie⸗ derte Alice;„ſonſt war es nicht ſo. Aber Stef⸗ fens erzaͤhlt mir daß ſie ſeit jenem Abend, wo ſie in der Capelle auf der Weiden⸗Inſel waren, kei⸗ nen Schritt auſſerhalb der Mauern des Schloſſes gethan haben, und ich moͤchte bei dem Gedanken weinen, daß wenn ich nun meine liebe, gnaͤdige Herrſchaft zuerſt wiederſehe, ſie ſowohl, als alle ihre ſchoͤnen Beſitzthuͤner, und wir armen Un⸗ terthanen, in der Gewalt eines Andern ſeyn werden!“ „Wie!“ rief Wallenſtein,„iſt die Hoch⸗ zeit ſo nahe? Iſt der Tag ſchon beſtimmt?“ „Das iſt ein Geheimniß, lieber Herr.“ „Alſo wird die Hochzeit wohl in der Stille vollzogen werden?“ „Es ſind ja keine Gaͤſte geladen, und ſchwer⸗ lich haben ſie auch Zeit dazu. Man muß manches * 20 308 erleben! Vieles wird wohl anders in der Welt, aber nicht beſſer, wie der alte Siegmund ſpricht. Vormals freilich, ſagt er, waͤre das nicht ſo ge⸗ weſen; da haͤtte die Hochzeit einer vornehmen Da⸗ me noch Aufſehen im Lande erregt, wenn dann die Gaͤſte ſo aus der Naͤhe und Ferne daher geſtroͤmt waͤren; da habe es Treibjagen, Turniere und Mummereien unter den ſtattlichen Herrn und Frauen gegeben, in den Saͤlen haͤtte Glanz geherrſcht und aus den Hallen waͤren froͤhliche Trinklieder erſchol⸗ len! Aber, ſpricht Siegmund, eine ſo vor⸗ nehme Dame ganz ohne alles Geraͤuſch in die Ca⸗ pelle ſchleichen zu ſehen, und kaum einen Edelkna⸗ ben hinter ihr, der ihr die Schleppe nachtruͤge, das kannſt du mir glauben, liebe Alice, iſt ein trau⸗ riger Anblick!— Jedoch, ſetzte er hinzu, ſende mir den Steffen dieſen Abend her, mit ſo vie⸗ lem gruͤnen Laubwerk, als er nur finden kann, um den Weg von der Halle zur Capelle damit zu beſtreuen. Es iſt ein Wunder daß dies nur noch geſchehen darf, doch glaube ich, werden auch wohl die neue Glocke, und die goldenen Gefaͤße auf dem Altar ſtehen, wenn es weiter nichts iſt.“ 309 „Steffens ſoll alſo das Laubwerk dielen Abend dahin bringen.“ AX „Ja gewiß, er ſucht es eben lhſamnmene⸗ „29 wird unfehlbar Morgen die Hocha ſeyn ſollen?“ „Still, ſtill!“ rief Alice, den Kopf hin⸗ ter dem Vorhang hervorſteckend,„wie konnte ich doch auch nur des Laubwerks erwaͤhnen! Ihr aber muͤßt wahrhaftig auch nicht auf das Haupt gefallen ſeyn, dem Dinge durch ſolche Kleinigkeit gleich auf die Spur zu kommen. Keine Ahnung kam in meine Seele daß ihr ſolche Folgerungen daraus ziehen wuͤrdet!“ „ Nein, freilich konntet ihr das nicht vermu⸗ then; ihr habt alles gethen um euer Geheimniß treulich zu bewahren.— Mehr ſteht nicht in eu⸗ rer Macht. Gott behuͤt' euch, gute Frau,“ ſagte er, indem er aufſtand,„es iſt moͤglich daß wir uns nicht wiederſehen, aber ich werde eure Freund⸗ 4 310 lichkeit nie vergeſſen.“ Bei dieſen Worten druͤckte er ihr einen Beutel mit Thalern in die Hand. „Gott ſoll mich bewahren!“ rief ſie.„Aus welchem Lande moͤgt ihr wohl kommen? Da muß gewiß Hungersnoth herrſchen, wo man ſolch einen Beutel voll Geld fuͤr einen Trunk Milch be⸗ zahlt. Hier iſt dies nicht der Fall, und d i kann es nicht nehmen.“„ „Nehmt es als Zeichen des guten Willens von einem Fremden an,“ rief er, aus der Thuͤr laufend, um nun ſeinen Plan weiter zu verfolgen. „Ein ungebetener Gaſt ſoll Morgen wenig⸗ ſtens bei eurer Hochzeit ſich einfinden,“ dachte er, indem er ſeine Schritte zur Capelle wandte. Das Thor derſelben, welches von der Vorhalle ins Dorf fuͤhrte, ſtand offen, Caſimir ſchluͤpfte hinein, verbarg ſich aber gleich in einem der Saͤulengaͤnge, da ſein Eintritt grade erfolgte, als der Moͤnch und der Sacriſtan beſchaͤftigt waren, die Capen, ehres feſtlichen Schmuckes wieder zu berauben; ein An⸗ blick der den Grafen mit Schrecken erfuͤllte. 311 „Ich komme doch nicht zu ſpaͤt,“ dachte er. 8 „Gott, wenn dem ſo waͤre!— Aber nein! Ich kann, ich will dies nicht glauben!”— Leiſe und vorſichtig ſuchte er ſich ſo ſehr als moͤglich zu naͤhern; die Stimme des Sacriſtans ſchallte von Zeit zu Zeit durch die gewoͤlbten Gaͤn⸗ ge. Pater Felix ſtand ihm ſtumm in ſeinem Geſchaͤfte bei, oder ſprach nur dann, wenn es un⸗ erlaͤßlich war, mit dumpfer, trauriger Stimme. Tauſend Gedanken kreuzten ſich in Wallen⸗ ſteins Seele, doch ahnete er durchaus nicht, daß die Entlarvung des Boͤſewichts, die er im Sinne hatte zu betreiben, bereits geſchehen ſey; vielmehr fuͤrchtete er, Wolfſtein moͤge die Vollziehung der heiligen Handlung beſchleunigt wiſſen wollen, um ſich deſto ſicherer in Beſitz zu ſetzen, oder das Fraͤulein ſey krank geworden, denn irgend einen Unfall glaubte er in den Mienen des Moͤnchs deut⸗ lich leſen zu koͤnnen. „Es iſt doch wahrlich Schade,“ hub endlich der Sacriſtan an, als ob er ſeinen innern Gefuͤh⸗ len Luft machen muͤſſe,„daß alle dieſe praͤchtigen 1 312 Gecwinde, um weniger Stunden willen, vergebens dorthin gehangen ſind! Wenn jetzt ein Unſtern zwiſchen die Verbindung unſerer jungen Herrſchaft getreten iſt, fange ich an zu fuͤrchten, daß keine feierliche Handlung der Art, mehr in dieſer Ca⸗ pelle vorgehen ſoll. Da war auch unſer junger, gnaͤdiger Herr, und das Fraͤulein Blanca; Gott moͤge ihren Seelen Ruhe verleihen!— Keiner von uns dachte wohl daß dieſer kalte Marmorſtein ihnen zum Brautbett dienen ſollte!— Nun, ehrwuͤrdiger Vater, ihr wißt freilich beſſer als ich, von wannen der Wind jetzt blaͤſt, und ich mag mich mit meinen Vermuthungen vielleicht ſehr ver⸗ rechnen; aber meine alte Hand zittert ſo, daß ich kaum die Naͤgel aus den Gewinden zu loͤſen vermag!“ „Ich bitte dich, Matthias, bezaͤhme deine Neugier, ſo natuͤrlich ſie auch ſeyn mag,“ erwie⸗ derte der Moͤnch.„Es kann ohne Zweifel, noch alles gluͤcklich enden! Aber, guter Bruder, das menſchliche Leben iſt gleich dem Himmel uͤber uns, manchmal ſchoͤn und heiter, manchmal wolkigt; und der Sturm in unſerm Gemuͤth gleicht dem in 7 313 der Natur, der, obgleich fuͤrchterlich in ſeinem Wuͤthen, doch die Luft von ſchweren, peſtilenziali⸗ ſchen Duͤnſten reinigt.— Dieſe Heirath wird nie vollzogen werden; warum aber nicht, das geht we⸗ der dich, noch ſonſt Jemand etwas an.“ Auch Wallenſtein war die Haupt⸗Frage nun geloſt, doch wuͤnſchte er ernſtlich daß der Sacriſtan ſich hinwegbegeben moͤge, damit er ſich dem Moͤn⸗ che nahen koͤnne. Leider erfolgte dies nicht; indeß aͤuſſerte Pater Felix im Weggehen ſeine Abſicht, 8 waͤhrend der Nacht Andachts⸗Uebungen in der Capelle zu halten, und Caſimir hielt ſich ver⸗ borgen, um deß alten Mannes Ruͤckkehr um Mit⸗ ternacht zu erwarten. Ende des Iſten Theils. Verbeſſerungen. Pag, 63 neunte Zeile von unten l. ſteife ſt. ſtreife. — ig erſte Z. v. oben I. ihr ſt. e — 268 dritte Z. v. oben l. ich werde ſi. werde ich. d Jena, gedruckt bei Frommann und Weſſelhöft. “ 5 ffffffffff 14 15 16 — 4 5* . 2 — *