Erſtes Kapitel. Der Jura und ſeine Bewohner. ◻ Vielleicht wird Manchem meiner jungen Leſer die nachfolgende Geſchichte unwahrſcheinlich, wenn nicht gar unglaublich erſcheinen, und dennoch bekuht ſie auf einer wahren Begebenheit, und trug ſich in ihren Hauptpunk⸗ ten genau ſo zu bwie ich ſie auf den nachfolgenden Blättern erzählen werde. Wer indeß das Jura⸗ Gebirge kennt; wer aus Erfahrung weiß, welch' einen rauhen, unwirthlichen Charakter ſeine Höhen während des Win⸗ ters annehmen; wer einen Schneeſturm dort oben er⸗ lebt hat, einen Sturm von ſo grauenhafter und tödt⸗ licher Wildheit, wie Ebenen und Thäler ihn nimmer⸗ mehr kennen lernen; wer die ungeheuren Schneemgſſen geſehen hat, die ſich im Laufe der kalten Jahreszeit in den Schluchten, auf den Gipfeln und auf den Abhän⸗ gen der Berge anhäufen, der wird nicht daran zw feln, daß die Anwohner und beſonders die armen Hir⸗ ten dieſes Gebirges Zufällen und Gefahren, ausgeſetzt ſind, von denen wir in unſeren geſegneten deutſchen Ebenen uns kaum eine Vorſtellung machen fs Im Schnee begraben. Das Jura⸗Gebirge beſteht aus mehreren, ziemlich gleichmäßig neben einander laufenden Bergketten, welche ſich vom Rhoneſtrome aus, wo derſelbe dem Genfer See entſtrömt, in nordöſtlicher Richtung⸗ durch Frank⸗ reich und die Schweiz bis zut Mündung der Aar in den Rhein erſtreckt, und in einer Länge von fünfund⸗ dreißig, in einer Breite von vier bis acht Meilen fort⸗ ſtreichen. Die größte Maſſe dieſes aus Kalkſtein be⸗ ſtehenden Gebirges befindet ſich in der Schweiz, die höchſten Berge dagegen, die rauheſten Thäler und Schluchten liegen in Frankreich, wo der Jura im Süd⸗ weſten durch das Thal des Ain, im Nordweſten durch das Thal des Doubs eingeſchloſſen wird. Hier erhebt ſich der Pré des Marmiers, 5300 Fuß hoch, der Re⸗ 3 eulet von 5280) der Grand Columbier von 5230 Fuß Höhe, und zwiſchen dieſen und anderen mächtigen Gipfeln liegen zahlloſe Thäler und Felſenſchluchten, welche mehr oder minder fruchtbar, und zum Anbau von Feldfrüchten oder zu Viehweiden benutzbar ſind. Die größere oder mindere Höhe der Berge uübt einen weſentlichen Einfluß hierauf aus. Je höher ihre Gipfel anſteigen, deſto unfruchtbarer und unwirthlicher findet man in der Regel die Gegend, deſto kälter iſt das Klima, deſto kürzer der Sommer, deſto früher kommt der Schnee und breitet ſein weißes Leichentuch über Matten und Wieſen aus. Auf den höchſten Gipfeln bleibt der Schnee ſelbſt während des Sommers liegen; im Allgemeinen aber zeigt der Jura dennoch während der wärmeren Monate eine raſch ſich entwickelnde Ve⸗ getation, die grünend und bluhend bis dicht an die Schneegränze emporſteigt. Die tiefer gelegenen Thäler und Abhänge ſind mit prachtvollen, dichten Wäldern bedeckt. Eichen, Buchen, Birken und Platanen breiten hier ihre ſchattenreichen Zweige aus, während weiter oben die herrlichſten Matten liegen, deren duftige Kräu⸗ ter und Gräſer weidenden Kuh⸗ und Ziegenheerden zur Nahrung dienen. Indeß dauert dieſe Herrlichkeit leider nur wenige, höchſtens fünf Monate des Jahres. Sie beginnt Ende Mai oder Anfang Juni, und endigt mit den erſten Tagen des Oktobers, wo der Winter wieder mit rauher Hand zu herrſchen anfängt. Es iſt eine ſchöne Zeit für den armen Bergbewoh⸗ ner, wenn nach den langen und düſteren Wintermona⸗ ten endlich wieder mildere Lüfte vom Süden her über die Berge wehen und mit ſanftem Hauche den Schnee auf den Gipfeln und an den Abhängen ſchmelzen; wenn tauſend Bäche und Gerinnſel, in luſtigen Waſſerfällen von den Felswänden herab rauſchend und plätſchernd in die Thäler ſtürzen, und nun allmälig das junge Grün des Frühlings aus der erwärmten Erde hervor⸗ ſproßt. Dann öffnet der erfreute Sennhirte ſeine Ställe und treibt ſeine Kühe und Ziegen in's Freie hinaus, wo ſie mit Entzücken die friſche, duftige Luft einzuath⸗ men ſcheinen, und luſtig ſpringend, blökend, meckernd aus den Thälern auf die weit ausgedehnten, breiten Bergrücken ſteigen, wo ihnen das ſaftigſte Futter in üppigſter Fülle entgegen lacht. Die klugen Thiere wiſ⸗ ſen erecht wohl, was auf den Höhen ihrer wartet, und darum zeigt ſich keines von ihnen widerſpenſtig, wenn auch die Abhänge, die ſie hinauf klettern müſſen, noch ſo ſteil, die Wege, die empor führen, noch ſo ſteinigt und rauh ſind. Der Tag der Auswanderung nach den Ber gen ein Feſttag für alle Bewohner der Thäler ſel ———— 4 der Sennhirt begrüßt ihn mit frohem Blicke, obgleich dieſer Tag nur der erſte von vielen Tagen iſt, die er, abgeſchloſſen von ſeiner Frau und ſeinen Kindern, in einer Art von Verbannung verleben muß. Auf den Almen der hohen Berge erwarten ihn keine ſorgloſen Stunden, der Sommer iſt für ihn nicht eine Zeit der Feſte, der Zerſtreuung und der Fröhlichkeit. Ein har⸗ tes Leben muß er führen auf den Höhen, ein hartes Leben voller Mühen, Beſchwerden und Entbehrungen mancherlei Art. Seine Nahrung beſteht faſt nur aus Milchſpeiſen und Kartoffeln, ſein Getränk aus Regen⸗ waſſer oder geſchmolzenem Schnee in Ciſternen, ſeine ſtete Beſchäftigung im Hüten ſeiner Heerden und in der Bereitung jener berühmten Käſe vom köſtlichſten Wohlgeſchmacke, welche unter dem Namen Greyerzer Käſe, oder Käſe von Gruyères bekannt ſind. Hoch auf den Bergen werden dieſe Käſe mühſam und mit unabläſſiger Aufmerkſamkeit, außerordentlicher Sorgfalt und gewiſſenhafteſter Reinlichkeit geformt und gepflegt. Jeder Hirt hat hier ſeine kleine Sennhütte, die ihm zur Wohnung und zugleich zur Milchkammer dient. Meiſtens ſind die Mauern dieſer Hütten feſt und ſolid von Steinen aufgeführt, aber das Dach be⸗ ſteht nur aus Täfelchen von geſpaltenem Fichtenholze, ſogenannten Schindeln, welche reihenweiſe neben und uͤber einander liegen, und von mächtigen Felsſtücken feſtgehalten werden, mit denen man quer über jene Schindeln gelegte ſchmale Bretter beſchwert. Dieß ge⸗ ſchieht deßhalb, damit die in manchem Jahre häufigen und nicht ſelten heftigen Gewitterſtürme die leichten Schindeln nicht von ihren Unterlagen wegreißen, und iit ſich fort in die Lüfte führen. 2 ———— —— 5 Das Innere aller dieſer Sennhütten iſt in drei Ab⸗ theilungen geſchieden; in den wohl verwahrten Stall, wo Nachts das Vieh untergebracht wird; in einen Raum zur Aufbewahrung der friſchen Milch, die Milch⸗ kammer, mit ihren weißen, blank geſcheuerten, hölzer⸗ nen Gefäßen; und endlich in die Küche, welche dem Sennhirten zugleich zum Schlafgemache dient,— oft ein ärmliches Schlafgemach mit nur einem Bunde Stroh in der Ecke, das anſtatt eines Bettes dienen muß. In der Küche beſindet ſich ein großer, weiter Rauchfang, unter welchem an Stricken oder eiſernen Ketten ein mächtiger Keſſel hängt, der zum Erhitzen der Milch und demnach zur Käſebereitung dient. Während des ganzen Sommers, das heißt, der ganzen Dauer ihres Aufenthaltes, ſehen die armen Sennhirten ſelten ein anderes Geſicht, außer höchſtens einmal einen fremden Wanderer, den Neugierde oder Reiſeluſt in dieſe entlegenen Gegenden geführt hat. Be⸗ reitwillig üben ſie die Tugend der Gaſtfreundſchaft gegen ihn aus, bewirthen ihn mit ihrer ſüßeſten Milch, räu⸗ men ihm ihren Schlafplatz ein, und ſind dankbar, wenn ſie dagegen ein Stückchen Brod bekommen, was auf dieſen Höhen ſo ſelten zu haben iſt, und deßhalb für einen koͤſtlichen Leckerbiſſen gilt. Und trotz aller dieſer Entbehrungen, dieſer Mühen, dieſer anſtrengenden Ar⸗ beiten, dieſer traurigen Abgeſchiedenheit von aller menſch⸗ lichen Geſellſchaft beklagen ſich dieſe armen Hirten nicht über ihr Schickſal. Im Gegentheil! Sie ſind zufrie⸗ den, ſie wünſchen keine Aenderung ihrer Lage, ſie lie⸗ ben ſogar die tiefe Einſamkeit ihres Sennenlebens, und beharren, ohne etwas Anderes zu wollen und zu hof⸗ fen, bei ihren Gewohnheiten, ihrer ſchweren Arbeit 6 1 und den althergebrachten Sitten ihrer Väter und Alt⸗ vordern. Der Sommer⸗Aufenthalt der Senner endigt in der Regel mit dem 9. Oktober, dem Tage des heiligen Dionys. Dann ſteigen die Hirten mit ihren Heerden von den Bergen wieder herab, und auch dieſe Rückkehr gilt für einen Feſttag, wie die Auffahrt nach den Hö⸗ hen, nur daß dieſer Feſttag noch froͤhlicher iſt, indem die lange fern geweſenen Väter und Brüder mit den Ihrigen wieder vereinigt werden. Hierauf nun, in der heimathlichen Hütte, am warmen Herde, beginnen neue Arbeiten, ganz verſchieden von den früheren. Die Armuth jener Thäler duldet keinen Müſſiggang. Die fleißigen Hände der armen Hirten ſchnitzen allerlei Klei⸗ nigkeiten aus Holz: Teller, Schüſſeln, Näpfe und manch anderes Haus⸗ und Küchengeräth, was ſie an die reicheren Bewohner der nächſtgelegenen Städte ver⸗ kaufen, und die Geſchickteſten von ihnen arbeiten ſogar ganz reizende Kunſtſächelchen aus demſelben Stoffe, wie z. B. Gemſen, Steinböcke, Käſtchen mit zierlichem Schnitzwerk in verſchiedenen Farben, kleine Schweizer⸗ häuschen und dergleichen mehr, welche von Durchrei⸗ ſenden gern gekauft, und ſelbſt in die fernſten Gegen⸗ den Europa's verſendet werden. Während die Erwachſenen ſich in ſolcher Weiſe nützlich beſchäftigen, dürfen auch die Kinder ihre Tage nicht müſſig verbringen. Nicht ſelten ſind die Häuſer der einzelnen Dörfer ſo weit von einander zerſtreut, daß es bei ſtarkem Schneefall unmöglich iſt, die Kinder zur Schule gehen zu laſſen. In ſolchen Fällen müſſen ſie zu Hauſe arbeiten, rechnen, ſchreiben, leſen, und die voom Schullehrer bekommen, flaut vorleſen, und nirgends chen Ermahnungen der Aelterf mocht. So aber blieb er in den ſch meiſten Aeltern ſehen ſtreng/ darauf, daß ihre Kinder die Zeit gut anwenden, weit ſie recht wohl wiſſen, wie nothwendig es iſt, in der Jugend Kenntniſſe zu erwer⸗ ben. Außerdem führt dieſer häusliche Fleiß auch manche Annehmlichkeit mit ſich. Die älteren Kinder, welche ſchon fertig leſen können, verkürzen ihren Aeltern und Geſchwiſtern die langen Ab eundſtunden, indem ſie ihnen aus guten Büchern, die ſie entweder vom Pfarrer oder vielleicht wird einem Vorleſen aufmerkſamer zugehört, als in dieſen niedern, kleinen Hütten, wo die ganze Familie beim Schimmer eines einzigen Lämpchens um den großen, roh gezimmerten Tiſch herumſitzt. Auf das Vorleſen folgt gewöhnlich din Geſpräch über den In⸗ halt des Gehörten, und beiz dieſer Gelegenheit fehlt es nicht an klugen, und zugleich frommen ader tugendrei⸗ rn, welche pei den) Kindern t ſelten ſchwierigſten Lagen. Ohne Frömmigkeit, ohne dieſe G u und an ein hartes Leben vhl vielleicht der arme Jaqueg Schrecken der furchtbaren Lage, in wöhnliches Schickſal ihn verſetzte, nicht zu eftragen ver⸗ hwierigſtun Verhält⸗ niſſen ſtandhaft, und von einem C und Geduld beſeelt, der(ihm über alles Traß Schreckenvolle ſeiner unglücklichen Abgeſchiede weg half. Hören wir nun, de 8 treffen ungünſtiger Ereigniſſe ſeine eben ſo ſeltene, wie eigenthümliche Lage herbeigeführt wurde. Zweites Kapitel. 23 3 Großvater und Enkel. S Shh Jn hn e, 2 c, 20 In einem der ablegenſten und unzugänglichſten Thäler des franzöſiſchen Juragebirges lebte eine arme einfache Familie, wie es deren ſo viele in dieſen Ber⸗ 4 gen gibt. Ihr ganzer Reichthum beſtand in einem 2 Häuschen, das zwiſchen andern zerſtreut umher liegen⸗ den Hütten im Grunde des Thales lag, in einigen Kühen und Ziegen, und in der Geſchicklichkeit ihrer Hände, aus welchen während der Dauer der langen Winterabende manches zierlich geſchnitzte kleine Kunſt⸗ werk oder Hausgeräth hervorging. Die Familie war nicht ſehr zahlreich. Außer dem Hausvater Lopraz und ſeinem braven, fleißigen Weibe ſaßen Winters um den großen Holztiſch nur noch der alte Großvater Lopraz, Jaques, der dreizehnjährige Sohn des Hauſes, und zwei kleinere Geſchwißer von ſieben und neun Jah⸗ ren. Ihr Leben war das gewöhnliche aller anderen Thalbewohner. Im Sommer ſtieg Vater Lopraz mit ſeiner kleinen Heerde nach den hochgelegenen Almen auf die Berge hinauf, hütete ſein Vieh, formte große Käſe, und kehrte mit den geſammelten Schätzen des Sommers und ſeinen Thieren in die heimathliche Hütte zurück, wenn die rauheren Lüfte verkündigten, daß der Winter 5 9 mit ſeinen Stürmen und Schneemaſſen heran nahte. Während der Vater abgeſchieden von den Seinigen auf den Höhen lebte, beſorgte die Mutter daheim die kleine Wirthſchaft, beſtellte das Gärtchen und das ſchmale Feld, das zu ihrem Häuschen gehörte, und hielt ihre Kinder zu Fleiß und Gottesfurcht an. Der ehrwür⸗ dige, alte Großvater ſtand ihr darin getreulich zur Seite, half ihr, wo er konnte und wo ſeine Kräfte noch ausreichten, und in müſſigen Stunden ſchnitzte er Teller und Schüſſeln, da ſeine alten Augen zu den feineren Arbeiten nicht mehr ſo gut taugten, wie in ſeiner Jugend, wo er einer der kunſtreichſten Holz⸗ ſchnitzer unter ſeinen Genoſſen geweſen war. Winters alsdann, wenn der Vater die Almen verlaſſen hatte und zu den Seinigen heimgekehrt war, beſchäftigten ſich die Mitglieder der Familie, Jedes nach ſeiner Weiſe, in dem engen, aber traulichen Stübchen, wo hinreichen⸗ der Platz für Alle war, wenn ſie nur hübſch nahe an einander rückten. Vater und Großvater handhabten ihre Meſſer und Meißel, die Mutter drehte das ſchnur⸗ rende Spinnrad, die kleineren Kinder ſaßen bei ihren Schularbeiten, und Jaques leiſtete ihnen dabei Geſell⸗ ſchaft, bis die Aufgaben beendigt waren, und nun ein hübſches Buch zum Vorleſen an die Reihe kam. Dann horchten Alle ſtill zu, die ernſten Aeltern, wie die mun⸗ tern Kleinen, und manche gute Lehre flocht der Groß⸗ vater gelegentlich ein, und die langen Abende ſchwanden in ſolcher Weiſe ſo ſchnell dahin, daß gewöhnlich Alle verwundert und überraſcht aufſchauten, wenn der Kuk⸗ uck in der alten Wanduhr mit hellem Rufe die Schla⸗ fensſtunde verkündigte. Jahraus, Jahrein führte die kleine Familie daſſelbe b — 10 Leben; jeder Sommer, jeder Winter brachte dieſelben Beſchäftigungen, und nie trat ein Wechſel in dieſe be⸗ ſcheidene Einförmigkeit, bis ſich das Ereigniß zutrug, welches Aller Herzen mit nagendem Kummer und ſchwe⸗ rer, drückender Sorge erfüllen ſollte. Jaques Lopraz war, wie erwähnt, etwa dreizehn Jahr alt, als wieder einmal der milde Sommer von den Thälern des Jura Abſchied nahm, und nun die Familie mit jedem Tage die Heimkehr des Vaters er⸗ wartete. Aber ein Tag nach dem andern verſchwand, und der Vater erſchien nicht, das muntere Gemecker der Ziegen, das Gebrüll, mit welchem die Kühe die alten bekannten Ställe zu begrüßen pflegten, ertönte nicht, Haus und Ställe blieben leer, und ſo oft auch Jaques mit ſeinen Geſchwiſtern nach dem Hügel ging, von deſ⸗ ſen Gipfel man in weiteſter Ferne ſchon den Erſehnten erſpähen konnte, nie entdeckte ſein ſuchendes Auge die kräftige Geſtalt des Vaters, und die braunen Kühe, die hüpfenden Ziegen, deren Stätte im Hauſe ſchon ſeit Wochen bereitet war. Allmälig bemächtigte ſich einige Beſorgniß Aller Herzen, denn die Zeit rückte ſchnell vor, der Tag des heiligen Dionys war vorüber, alle anderen Sennhirten waren mit ihren Heerden von den Bergen zurückgekehrt, und nur Lopraz, der ſo ängſtlich und mit banger Sorge erwartete Vater Lopraz erſchien nicht. Was konnte ihn noch auf den Bergen zurückhalten? Sollte ihm vielleicht gar ein Unfall begegnet ſein?.. Jaques lief zu den Nachbarn, fragte, forſchte, aber Niemand konnte ihm Auskunft geben, obgleich es nicht an beruhigenden Troͤſtungen fehlte.„Was willſt du?« ſagte dieſer und jener Mchbar„Dein Vater hat ſich 1 5 4 11 ein wenig verſpätet, weil er vielleicht noch Heu für den Winter einſammelt! Auf den Bergen kann ihm nichts geſchehen! Wartet noch ein paar Tage, und er wird kommen!« Sie warteten noch ein paar Tage, doch der Vater kam nicht, und ſelbſt der alte Großvater, der bis jetzt noch am ruhigſten geblieben war, begann einige Beſorg⸗ niſſe zu äußern. „Das Alles dauert mir zu lange,“ ſagte er eines Morgens, als Jaques vom Hügel aus wieder einmal vergebens nach dem Vater ausgeſchaut hatte.„Dieſer Ungewißheit muß ein Ende gemacht werden! Ich werde ſelber hinaufſteigen auf die Alm, und nachſchauen, was Francois oben treibt.“ Die Mutter warnte; ſie fürchtete, der Großvater möge zu alt und zu ſchwach ſein für den weiten, ſtei⸗ len, beſchwerlichen Weg, aber der Großvater lächelte nur über ihre Beſorgniſſe. »Was iſt da weiter?“ ſagte er.„Ich bin oft ge⸗ nug hinauf gegangen, erſt noch vor zwei Jahren, und es iſt mir gar nicht ſauer geworden! Ja, ja, ich werde gehen, und freue mich recht darauf, die alte, liebe, kleine Sennhütte noch einmal zu begrüßen. Wer weiß, ob ich es über's Jahr noch können werde? Und am Ende, was meinſt du, Jaques? Haſt du nicht Luſt, mich zu begleiten und dem Vater einen Beſuch zu machen?“« Ob der Knabe bereit war! Ob er Luſt bezeigte! „Gewiß, gewiß, Großvater!« erwiederte er ohne Beſinnen und mit blitzenden Augen.„Ich habe längſt gewünſcht, hinauf ſteigen zu dürfen, und fürchtete nur, die Mutter würde mir's abſchlagen, wenn ich um Er⸗ 8 12 laubniß gebeten hätte. Aber mit dir, Großvater? Oh, mit tauſend Freuden!“ Die Mutter, man ſah es ihr an, war immer noch nicht ganz zufrieden mit dem beabſichtigten Ausfluge, aber da der Himmel heiter, das Wetter ſchön war, da der Großvater mitging, der gewiß keine Vorſicht außer 9 Acht ließ, und da am Ende ſie ſelber ſich mit Unge⸗ duld danach ſehnte, der Ungewißheit über das Ausblei⸗ ben ihres Mannes enthoben zu ſein, ſo fügte ſie ſich in die Anordnung des Großvaters, und der Beſchluß 3 wurde gefaßt, daß er und Jaques unverzüglich nach der Höhe aufbrechen ſollten. Die Vorbereitungen zu der Wanderung waren bald getroffen, und wenige Minuten ſpäter machten ſich Groß⸗ vater und Enkel auf den Weg. Langſamen Schrittes ſtiegen ſie aufwärts, bald an 1 engen Schluchten entlang, bald an tiefen Abgründen 4 vorüber, immer von Gefahren umringt, zu deren Ver⸗ 3 meidung es aller Beſonnenheit bedurfte. Leider ver⸗ nachläſſigte der Knabe einen Augenblick die ſo nöthige Vorſicht. Etwa eine Viertelſtunde noch von der Senn⸗ hütte ſeines Vaters entfernt, näherte er ſich aus Neu⸗ 8 gierde einem ſchroff abhängenden Abhange, und ſein Großvater, erſchreckt über ſeine Verwegenheit, eilte ihm nach, um ihn von dem Abgrunde hinweg zu ziehen. Nur von Beſorgniß für ſeinen unbeſonnenen Enkel er⸗ füllt, achtete er dabei wenig auf den Weg, ſtolperte über einen Stein, der vor ſeine Füße rollte, ſtürzte nie⸗ 4 ——ÿõ ————ͤͤ der, und verrenkte ſich dabei ſo heftig den Fuß, daß er vor Schmerz laut aufſchrie, und einiger Sekunden be⸗ durfte, um ſich wieder zu erholen und aufzurichten. Jagues eilte voller Schrecken über den Unfall herbei, unterſtützte den Großvater, und bat mit Thränen in den Augen um Verzeihung fur ſeine Unbeſonnenheit. Der gute, alte Mann zürnte nicht lange. Er ſtand mit Huͤlfe ſeines Enkels auf, und verſuchte ſeinen Weg fortzuſetzen. Es ging ſo ziemlich, indem ſich der Groß⸗ vater auf ſeinen Alpenſtock und auf die Schulter des Knaben ſtützte, und Beide gaben ſich der Hoffnung hin, daß der kleine Unfall ohne weitere ſchlimme Folgen vorüber gehen würde. Endlich erreichten ſie die Sennhütte, und waren nicht wenig erfreut, als ſie Jaques' Vater ganz friſch und wohlauf erblickten. Francois Lopraz dagegen er⸗ ſtaunte über den unerwarteten Beſuch. Er war eben mit den Vorbereitungen zum Hinunterſteigen beſchäf⸗ tigt, und wenn der Großvater und Jaques nur noch einen einzigen Tag gewartet hätten, ſo würden ſie der Mühe des beſchwerlichen Bergſteigens überhoben gewe⸗ ſen ſein. „Mein Vater! Und du, Jaques!« rief er aus, als er die beiden Ankömmlinge erblickte.„Gewiß habt Ihr unten befürchtet, daß mir irgend ein Unfall zugeſtoßen wäre!« „»Freilich haben wir das,« erndiederte der Großva⸗ ter,„und wohl nicht ohne Grund, da der Tag des heiligen Dionys längſt vorüber iſt, und alle übrigen Hirten bereits ihre Winterquartiere bezogen haben. Was konnte dich ſo lange hier oben zurückhalten, mein Sohn? „Eine von unſeren Kühen war krank, und ich wollte das arme Thier nicht hülflos dem Elende überlaſſen, 5 entgegnete Francois Lopraz.„»Aber jetzt iſt ſie wieder ganz hergeſtellt, und heute noch hätte ich iene un 5 14 Burſchen, mit den Käſen hinuntergeſchickt, und wäre morgen ſelber mit den Kühen gekommen.“ „Da war es freilich ganz unnöthig, daß wir herauf⸗ kletterten, ſagte der Großvater.„Indeß iſt es auch kein Unglück weiter, wenn nur nicht noch dieſe Nacht ſchlechtes Wetter eintritt. Der Wind hat ſich ſeit einer 1 halben Stunde gedreht, und der Himmel dort im Abend 3 zeigt ein Anſehen, das mir nicht gefallen will. Biſt du ſehr ermüdet, Jaques?“ Der Knabe zöoͤgerte mit der Antwort, denn er merkte wohl, daß der Großvater eine beſondere Abſicht bei ſei⸗ ner Frage hatte.. „Ich meine,“ fuhr dieſer fort, als Jaques verlegen zu Boden blickte,—„ich meine, es ſei das Geſcheiteſte, wenn wir den Knaben mit Pierre nach Hauſe zurück⸗ 4 ſchickten, damit er morgen nicht bei Regen, oder gar Schneegeſtöber hinunter klettern muß. Biſt du nicht auch dieſer Anſicht, François!“ f Der Sennhirt warf einen forſchenden Blick zum Himmel hinauf und nach den ferne gelegenen Berg⸗ gipfeln, und ſchüttelte mit einiger Beſorgniß den Kopf. „Der Großvater hat Recht,“ ſagte er,„der Him⸗ mel ſieht drohend aus, und alle Anzeichen deuten dar⸗ auf hin, daß eine ſchnelle Veränderung des Wetters bevorſteht. Du ſollteſt mit Pierre gehen, Jaques.“ »Und ich werde dich begleiten,“ fügte der Großva⸗ 1 ter hinzu.„Es wird freilich einige Anſtrengung koſten, 64 aber es muß gehen, wenn ich nur erſt ein wenig aus⸗ geruhet habe.“ 4 Es zeigte ſich indeß bald, daß der alte, gebrechliche Mann ſeinen Kräften zu viel zugetraut hatte. Anſtatt daß die Schmerzen in ſeinem verletzten Fuße nachge⸗ —„— 2——— ¹ ———— 15 laſſen hätten, ſteigerten ſte ſich vielmehr von Minute zu Minute, und er mußte zuletzt, obwohl mit Widerſtre⸗ ben, erklären, daß es ihm unmöglich ſei, den Ruͤckweg anzutreten. Jaques ſollte allein gehen; aber der Knabe. mochte den Großvater nicht gern verlaſſen, und ſo wurde endlich beſchloſſen, daß man bis zum folgenden Morgen in der Sennhütte beiſammen bleiben, und dann gemeinſchaftlich in das Thal hinabſteigen wolle. So klein die Hütte war, fand ſich doch Raum für Alle darin. Frangois Lopraz bereitete ein einfaches Abendeſſen im Keſſel, der über dem Feuer im Schorn⸗ ſtein hing, kochte eine Suppe von Mais, brachte etwas Butter und Käſe von ſeinen Vorräthen herbei, und Alle ſpeisten aus ihren Holznäpfen mit dem beſten Ap⸗ petite, bis die Nacht völlig hereinbrach. Nun warf ſich Jaques auf ein Strohlager im Winkel der Hütte nie⸗ der, und war bald eingeſchlafen, während ſein Vater und Großvater mit leiſer Stimme noch ein Stündchen plauderten, und ſich erzählten, was im Laufe des Som⸗ mers unten im Thale und oben auf den Bergen Be⸗ merkenswerthes geſchehen war. Endlich legten auch ſie ſich zur Ruhe, und Alle ſchlummerten, bis der helle Morgen zum kleinen Fenſter der Hütte herein lugte. Eine unangenehme und Beſorgniß erregende Ueber⸗ raſchung wartete ihrer, als ſie ſich von ihrem harten Lager erhoben. Der Großvater hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht, als er am vergangenen Abende die Befürchtung Lfausſprach, daß wahrſcheinlich während der Nacht eine ſchlimme Veränderung des Wetters eintreten würde. Ein Ausruf des Schreckens glitt über ſeine Lippen, als er an das Fenſter trat und in's Freie hinaus blickte. So weit ſein Auge reichte, waren die Berge mit Schnee — — — 16 bedeckt, und noch immer wirbelten die weißen Flocken vom Himmel nieder, und ein heftiger Wind jagte ſie in dichten Wolken an der Hütte vorüber. „Das iſt ein ſchlimmer Zufall,« ſagte der Groß⸗ vater mit beſorgter Miene.„Wenn dieſes Schneegeſtö⸗ ber nicht bald nachläßt, ſo wird es Weg und Steg unkenntlich machen, und Gott allein mag dann wiſſen, wie wir zu den Unſrigen in das Thal hinab kommen ſollen.«. „Aber vielleicht läßt es nach, Vater,“ erwiederte Francois, indem er gleichfalls in den Aufruhr der Na⸗ tur hinaus blickte.»Jedenfalls müſſen wir abwarten, wie ſich das Wetter geſtaltet, denn bei dieſem Sturm und dieſen Schneewirbeln kannſt du unmöglich die Hütte verlaſſen.“ 2. „Kümmert Euch nicht um mich, du und Jaques,“ entgegnete der Großvater haſtig.»Ich fürchte, mein kranker Fuß hat ſich ſo ſehr verſchlimmert, daß ich wohl mehrere Tage noch hier ausharren muß. Der Fuß ſchmerzt mich in der That ſehr, und ich bin kaum im Stande, darauf zu treten. Geht, meine Kinder, geht, ſo lange es noch Zeit iſt! Die Heerde muß in Sicher⸗ heit gebracht werden! Heute, mein Sohn, gelingt es dir wohl noch, ſie hinab zu bringen, während es mor⸗ gen ſchon zu ſpät ſein dürfte. Eilt, und nehmt nicht die mindeſte Rückſicht auf mich.“ „Nein, o nein, Vater, ich werde Sie nicht ſo ver⸗ laſſen, einſam, krank und huͤlflos,« entgegnete Francois.“ „Aber weßhalb ſollten wir nicht Alle zuſammen gehen? Meine Schultern ſind ſtark genug, um Sie zu tragen, Vater, und mit Gottes Hülfe werden wir in dieſer Weiſe ohne einen Unglücksfall hinunter kommen.“ — 17 »Du bedenkſt nicht, was du ſprichſt, mein Sohn,“ antwortete der alte Großvater.„Bei ſolchem Wetter wirſt du Mühe haben, nur die Heerde zuſammen zu halten, und kannſt dir unmöglich dabei noch eine Laſt aufbürden und auf die Sicherheit deines Knaben be⸗ dacht ſein. Beſinne dich nicht, bringe die Heerde und deinen Sohn in Sicherheit, ehe der Schnee die Ueber⸗ macht über deine Entſchlüſſe gewinnt, und dann, wenn es im Bereiche der Möglichkeit liegt, kannſt du morgen mit einigen Nachbarn und einer Tragbahre zurückkeh⸗ ren und mich abholen.“ Francois ſchwankte und war unſchlüſſig, was er thun ſollte. Der Sturm draußen heulte fort und fort, und führte immer neue Wolken von Schnee herbei, die nach kurzer Zeit alle Wege ungangbar machen mußten. Von der Erhaltung ſeiner kleinen Heerde hing die Er⸗ haltung ſeiner Familie ab; auf eine raſche Beſſerung des Wetters war nicht zu rechnen; und ſo befand er ſich denn allerdings in einer ſehr peinlichen und üblen Lage. Auf der einen Seite handelte es ſich um die Erhaltung ſeines kleinen Reichthums, auf der andern aber konnte er ſich auch nicht entſchließen, ſeinen armen alten Vater allein auf dieſer unwirthbaren und rauhen Höhe zurückzulaſſen. Wiederholt drang er in den alten Mann, ſich ſeinen ſtarken Schultern anzuvertrauen; Jaques verſicherte unter Thränen, daß er ſtark und gewandt genug ſei, um dem Vater bei der Führung der Heerde Beiſtand leiſten zu können; aber der Groß⸗ vater beharrte bei ſeiner Weigerung, und drang immer von Neuem darauf, daß ſein Sohn und ſein Enkel allein gehen ſollten. Im Schnee begraben. 2 18 Der Großvater ermahnte, der Vater bat, Jaques weinte in ſeiner Herzensangſt, und ſo verſtrich ein Theil des Tages, ohne daß man zu einer Entſchei⸗ dung gekommen wäre. Endlich gab Jaques den Aus⸗ ſchlag. „Weißt du, lieber Vater,“ ſagte er,„laß mich bei dem Großvater zurück und geh' du allein mit der Heerde. Ich bleibe gern hier, und werde den Groß⸗ vater ſo ſorgfältig pflegen, als ich nur immer kann. Wenn du nicht durch uns behindert biſt, ſo wirſt du gewiß bald nach Hauſe kommen, und dann iſt es im⸗ mer noch Zeit, die Nachbarn zu Hülfe zu rufen und uns Beiſtand zu leiſten. Das iſt gewiß das Beſte! Großvater wird dann Pflege und Geſellſchaft haben, und ich kann ihm bei dieſer Gelegenheit zeigen, wie groß meine Liebe zu ihm iſt. Geh' du, Vater! Geh' allein! Wir, Großvater und ich, werden Einer für den Andern Sorge tragen, und am Ende, wird denn nicht der allmächtige Gott uns Beide in ſeine Obhut neh⸗ men?“ „Ich glaube, das Kind hat recht,“ wandte ſich der Großvater zu François.„Es iſt wirklich das Klügſte, was uns zu thun uͤbrig bleibt. Der Schnee liegt ſchon ſo hoch und der Wind weht ſo heftig, daß ich größere Gefahr für ihn befürchte, wenn er dich begleitet, als wenn er bei mir zurückbleibt. Geh' allein, Frangois, und nimm meinen Alpenſtock mit; er iſt ſtark und hat eine neue eiſerne Spitze, ſo daß du dich auf ihn ver⸗ laſſen kannſt. Er wird dir hinab helfen, wie er mir herauf geholfen hat. Nimm die Kühe mit Dir, und laß uns nur eine Ziege und die kleinen Vorräthe von Le⸗ bensmitteln, die noch oben ſind. Im Uebrigen geh' 4 19 mit Gott, und glaube mir, daß ich nicht halb ſo viel Sorge für uns Beide, als für dich empfinde.“ Einige Augenblicke ſchwankte Frangois noch, und es wurde ihm gewiß herzlich ſchwer, ſich von ſeinem alten Vater und ſeinem Sohne zu trennen, und zwar unter Umſtänden zu trennen, welche ohne allen Zweifel höchſt bedenklich genannt werden mußten. Aber endlich mußte er doch wohl einſehen, daß längeres Zögern das Uebel nur noch vergrößern mußte, und faßte demnach ſeinen Entſchluß. »Sei es denn!“ ſagte er, indem er mit Thränen in den Augen ſeinen Vater umarmte.„Es iſt ein großes Unglück, daß Jaques geſtern ſo unbeſonnen war, denn wenn er ſich nicht vom Wege entfernt hätte, würde dem Großvater nicht dieſer unglückliche Unfall zugeſtoßen ſein. Wir haben außerdem noch einen Feh⸗ ler begangen. Geſtern wäre es noch möglich geweſen, mit Hülfe Pierre's den Großvater hinunter zu brin⸗ gen; heute iſt es zu ſpät, und Gott beſtraft uns durch das Schneegeſtöber für unſer thörichtes Zögern. Aber ich will ſicherlich Alles thun, unſere Verſäumniß wie⸗ der gut zu machen. Ich werde die Nachbarn aufru⸗ fen, ich werde ſie bitten, mir beizuſtehen, und der Him⸗ mel wird ja geben, daß wir trotz aller Hinderniſſe herauf dringen, um Euch aus Eurer ſchrecklichen Lage zu befreien!“ »Gott wird es geben, ich hoffe es,“ erwiederte der Großvater mit dem Ausdrucke ſtiller Faſſung.„Geh' di Frieden, mein Sohn, und mein Segen geleite di.«„₰ Francois wandte ſich der Thur der Sennhütte zu, kehrte aber noch einmal um, und überreichte ſeinem 20 alten Vater eine mit Stroh umfſlochtene Flaſche, welche nooch etwa zur Hälfte mit Wein angefüllt war. »Nehmen Sie, behalten Sie dieß, Vater!“ ſagte er. „»Die gute Mutter gab mir die Flaſche in dieſem Früh⸗ linge mit, als ich auf die Berge ſtieg, und zum Glück iſt noch etwas von ihrem Inhalte übrig. Für mich be⸗ darf ich keinen Wein, und Ihnen wird er vielleicht gute Dienſte leiſten. Die arme Mutter! Als ich ſie verließ, und ſie mir mit den letzten Abſchiedsworten dieſe Erquickung reichte, dachten wir Beide nicht, daß ſie vier Wochen ſpäter in der kühlen Erde ruhen, daß ich ſie nicht wiederſehen würde! Nehmen Sie, Vater, es iſt ein Geſchenk der Verklärten, und nun— lebt wohl!« Zum letzten Male umarmte Francois ſeinen Vater, und dann eilte er hinaus, um die Kühe aus dem Stalle zu treiben. Jaques folgte ihm auf dem Fuße nach, und leiſtete ihm Beiſtand. Bald waren die Thiere los⸗ gekettet und eilten in's Freie hinaus. Sie ſchienen verwunderte Augen zu machen, als ſie weit und breit Alles mit Schnee, bedeckt ſahen, und ſtanden einige Augenblicke wie verdutzt da. Der Ruf des Hirten brachte ſie aber bald in Bewegung. Sie begriffen ohne Zweifel, daß es nach Hauſe gehen ſollte, und ſprangen luſtig umher und rund um die Sennhütte herum. Fran⸗ cois hatte einige Mühe, ſie wieder zuſammen zu brin⸗ gen. Als es geſchehen war, umarmte er noch einmal ſeinen Knaben und drückte ihn mit väterlicher Zärtlich⸗ keit an ſein Herz. »Gott behüte dich, Jaques,“ ſagte er,„dich und Großvater! Ich will dir keine Vorwürfe über eine geſtrige Unbeſonnenheit machen, obgleich ſie die 21 Veranlaſſung zu unſerer peinlichen Lage gegeben hat, nur warnen will ich dich, damit du dir den Vorfall für die Zukunft zur Lehre dienen läßt. Hüte dich, mein Kind, und zügle den Leichtſinn deiner Jugend! Pflege den Großvater, wache über ihn, ſo viel du kannſt, und ſei nicht allzu beſorgt und ängſtlich wegen der Zukunft. Wenn Gott mir Kraft gibt und mich glücklich heim ge⸗ leitet, ſollt ihr in wenigen Tagen befreit ſein. Alſo Muth, Geduld und Hoffnung, mein Sohn! Gott ſchütze und behüte Euch!« „Und dich, Vater,“ ſchluchzte der Knabe, indem er, aufgelöst in Thränen, den letzten Abſchiedskuß auf die Lippen ſeines Vaters drückte. Francois machte ſich endlich ſanft aus der Umar⸗ mung des Kindes los, rief ſeinen Kühen zu, und trieb die kleine Heerde den Berg hinab. Nach wenigen Minuten ſchon war er mit ſeinen Thieren in den wir⸗ belnden Schneewolken verſchwunden, und Jaques ſuchte vergebens den dichten Flockenſchleier mit ſeinen Augen zu durchdringen. Ein letzter Abſchiedsruf, das Geheul des Windes übertönend, erreichte noch ſein lauſchendes Ohr. Dann verſchwand jede Spur von dem Vater, und einſam ſtand der Knabe auf der unwirthbaren Höhe, umſaust von Winden, eingehüllt von Schnee⸗ wolken, die ſeine zarte Geſtalt in wenigen Sekunden mit einem weißen, feuchten Gewande einhüllten. „Gott behüte dich, Vater! Dich und uns!“ ſagte er mit leiſer Stimme vor ſich hin, und ſetzte mit einem Seufzer hinzu:„Ach, wann, wann wird der Himmel geben, daß wir dir folgen dürfen!« Noch einen Blick, der um Erbarmen flehte, warf er zum düſteren, umwölkten Himmel hinauf. Dann, ſein ſchmerzliches Gefühl mit einer kräftigen Anſtrengung zurückdrängend, wandte er ſich um und eilte dem Ein⸗ gange der Sennhütte zu, um zu ſeinem Großvater zu⸗ rückzukehren und ihm alle Aufmerkſamkeit und Sorgfalt der zärtlichſten Kindesliebe zuzuwenden. Drittes Kapitel. Der erſte Tag in der Sennhütte. Acs Jaques in die Hütte trat, ſah er den Groß⸗ vater am Fenſter ſtehen, von wo aus er noch immer mit den Blicken ſeinen Sohn Francois zu ſuchen ſchien. Er ſtützte ſein ehrwürdiges, graues Haupt auf das Fenſterbrett, und ſeine Lippen bebten, als ob er leiſe Worte, im Gebet vielleicht für ſeinen Sohn, vor ſich hin murmelte. Seine Hände waren gefaltet, ſeine Blicke nach oben gerichtet. Jaques brach bei dieſem ſo traurigen und zugleich ſo ergebenen Anblick von Neuem in Thränen aus, ſank dem Großvater zu Füßen, und drückte ſeine heißen Lippen auf den Saum ſeines Ge⸗ wandes. »Er iſt fort, Großvater!« ſagte er,„und Gott allein weiß, ob wir ihn wiederſehen werden!“ „Beten wir für ihn, mein Kind, und empfehlen ihn dem Schutze des Herrn, deſſen er ſo ſehr bedarf,« ent⸗ gegnete der Großvater mit ſanfter, gefaßter Stimme, und legte ſeine zitternde Hand, wie ſegnend, auf das 23 Haupt ſeines Enkels.„Wir befinden uns in einer ſchlimmen Lage,« fuhr er fort,„in einer ſchlimmeren und hoffnungsloſeren vielleicht, als wir jetzt ſchon ex⸗ meſſen können, aber gerade in ſolchen Lagen geziemt es ſich auch, ſein ganzes Vertrauen auf Gott zu ſetzen, ohne deſſen heiligen Willen ja kein Haar von unſerem Haupte fällt. Daran denke, mein Kind, wenn Schmerz und Hoffnungsloſigkeit dich zu überwältigen drohen, und wenn du nur recht aus innerſtem Herzen zu Gott beteſt, ſo wird Gott dir auch Frieden und Ruhe ſchen⸗ ken. Sei ſtill, mein Kind! Weine nicht! Sei über⸗ zeugt, daß der allmächtige Vater droben Alles nach ſei⸗ ner Weisheit, alſo ohne Zweifel zum Guten lenken wird!“ Jaques unterdrückte ſeine Thränen, und während der Großvater ſich auf einen hölzernen Stuhl am Fen⸗ ſter ſetzte, ſchmiegte er ſich zu ſeinen Füßen nieder, und legte ſeinen Kopf auf den Schooß des Großvaters. In dieſer Lage blieben ſie lange, ganz mit ihren Gedanken beſchäftigt, während draußen der Wind fort tobte und mit wüthender Heftigkeit geßen die kleine Sennhütte anſtürmte. Immer dichtere Schneewolken verfinſterten die Luft, und endlich trat plötzlich die tiefſte Nacht ein, obgleich die alte pickende hölzerne Wanduhr in der Huͤtte mit hellem Klange erſt die dritte Nachmittags⸗ ſtunde ankündigte. „Drei Uhr!“ ſagte der Großvater, indem er das lange Schweigen unterbrach.„Gott ſei Dank, Fran⸗ cois muß jetzt ſchon den Saum des ſchützenden Wal⸗ des erreicht haben, ſonſt vermöchte er dem furchtbaren Ungeſtüm dieſes Wetters nicht zu wider Aber gewiß, er iſt ſchon ſo weit hinab, u Orkan 24 kann ihm nicht mehr ſchaden! Aber in welcher bangen Sorge wird er um uns ſchweben!« Jaques ſeufzte, gab aber keine Antwort, ſondern betete nur leiſe für ſeinen Vater. Er hatte wohl Ur⸗ ſache dazu. Das Toben des Windes ſteigerte ſich von Stunde zu Stunde, und ſein Brauſen, ſein Heulen, ſein Pfeifen machte das Herz des bang aufhorchenden Knaben erzittern. Die kleinen Fenſter klirrten und ſchütterten bei dem Ungeſtüm des Sturmes, und wie ein Hagelſchauer, raſſelnd und knatternd, flog der wild umhergewirbelte Schnee gegen die Scheiben an. Jaques und ſein Großvater ſchienen für nichts An⸗ deres Sinn und Gedanken zu haben, als für den heim⸗ kehrenden Frangois und ſeine Heerde, und wenn ein ungewöhnlich heftiger Windſtoß heranbrauste, dann fragte ſich Jeder unwillkürlich ſelber:„Wird dieſer Stoß auch ihn treffen, oder wird er machtlos über ſei⸗ nem Haupte dahinbrauſen?« Sie vergaßen Alles über dieſem Brüten ängſtlicher Sorge, Hunger und Durſt ſogar, bis das Meckern der Ziege im benachbarten Stalle ſie daran erinnerte, daß noch ein drittes leben⸗ des Weſen, hülfloſer noch als ſie ſelbſt, in die ablegene Sennhütte eingeſchloſſen ſei. »Arme Blanchette!“« ſagte der Großvater.„Wir haben ſie ganz vergeſſen, weil wir nur mit unſeren eigenen Sorgen beſchäftigt waren. Die Milch wird ſie drücken, und ſie will gemolken ſein. Geſchwind, Ja⸗ ques, zünde die Lampe an! Wir wollen dem armen Thier Erleichterung verſchaffen, und nachher unſer Abend⸗ brod verzehren.“ »Das zugleich unſer Mittagseſſen ſein wird,« fügte —,— —— Jaques hinzu.„Du weißt, Großvater, daß wir ſeit dem Morgen nichts genoſſen haben.“ Während er dieſe Worte ſprach, ſchlug Jaques Feuer, und brannte die Lampe an. Als ihr Licht den engen Raum der Küche erhellte, heftete er einen beſorg⸗ ten Blick auf ſeinen Großvater, bemerkte aber mit Ver⸗ gnügen, daß ſeine Miene ruhiger und gefaßter war, als er zu hoffen gewagt hatte. Der Größvater lächelte ihn ſogar freundlich an, und dieß Lächeln flößte auch dem verzagenden Herzen des armen Knaben friſchen Muth ein. Gleichwohl ließ das Toben des Sturmes noch nicht nach. Er warf ſich vielmehr mit immer neuer ungeſtümer Wuth auf das Dach der Sennhütte, und erſchütterte die Schindeln ſo heftig, daß es ſchien, als ob er Alles mit ſich fort in die Lüfte davon füh⸗ ren wolle. Unwillkürlich warf Jaques einen Blick voll Beſorgniß nach oben. „Fürchte nichts, Kind,« ſagte der Großvater, wel⸗ cher den Blick bemerkte.„Das Dach und die Hütte haben noch ganz andere Stürme ausgehalten, als die⸗ ſen da. Du vergißt, daß die Schindeln durch gute Querleiſten und ſchwere Steine feſtgehalten werden, und überdieß iſt das Dach ſo flach, daß es dem Winde nur geringen Spielraum bietet. Geh' nur dreiſt vor⸗ wärts, und leuchte mir ein wenig, daß wir in den Stall und zu unſerer armen Blanchette kommen.“ Jaques ging voraus, und die arme, im Stalle ganz allein abgeſperrte Ziege war außer ſich vor Entzücken, verdoppelte ihr Meckern und zerrte an ihrem Stricke, als die beiden Unglücksgefährten ſie beſuchten. Jaques ſtreichelte ſie und reichte ihr eine kleine Handvoll Salz hin, das ſie mit Begierde leckte und kein Körnchen ver 26 loren gehen ließ, während der Großvater die Gelegen⸗ heit wahrnahm, ſie zu melken und ihr den Ueberfluß von Milch zu entziehen. Sie gab einen ganzen Topf voll her, und Jaques betrachtete ſie mit nicht geringe⸗ rem Appetite, als der Großvater, denn Beide hatten, wie bereits erwähnt, den ganzen Tag über noch keine Nahrung zu ſich genommen. „Wir müſſen Blanchette ſehr ſorgfältig hüten und ihr alle Pflege angedeihen laſſen,“ ſagte der Großvater, als ſie aus dem Stalle wieder nach der Küche, die ihnen, wie ſchon erwähnt, auch zum Wohn⸗ und Schlaf⸗ zimmer dienen mußte, zurückkehrte.„Wir dürfen nie vergeſſen, ſie zu melken oder ſie mit Futter zu verſehen, denn unſer eigenes Leben hängt vielleicht von dem ih⸗ rigen ab.“ „Du erſchreckſt mich, Großvater!“« gab Jaques in der That ſehr erſchrocken zur Antwort.„Fürchteſt du denn, daß wir länger als höchſtens ein paar Tage hier werden zubringen müſſen?« „Wer kann das vorausſagen?“ erwiederte der Groß⸗ vater mit bedenklicher Miene, und zuckte die Achſeln. „Vielleicht ſind wir morgen oder übermorgen ſchon aus unſerer ſchlimmen Lage erlöst, vielleicht können aber auch Wochen vergehen, ehe man uns befreit. Es iſt immer gut, ſich auf Alles, ſelbſt auf das Schlimmſte, gefaßt zu halten, und wenn man auch nicht die Hoff⸗ nung verlieren darf, ſo darf man doch eben ſo wenig mit allzu großer Sicherheit auf Erfüllung ſeiner Wünſche zählen. Du ſiehſt und hörſt ja, mein Lieber, daß der Sturm und das Schneegeſtöber immer noch nicht auf⸗ gehört haben. Selbſt bis in unſeren Zufluchtsort drin⸗ gen die wirbelnden Flocken ein. Der Großvater übertrieb keineswegs, als er dieß ſagte. Obgleich die Hütte ziemlich geſchützt lag und der Schornſtein nach oben hin immer enger wurde, war die Gewalt des Sturmes doch ſo heftig, daß er zuwei⸗ len ganze kleine Wolken von Schnee durch die nach außen gehende Oeffnung herein trieb, und daß die bei⸗ den Gefangenen öfter als einmal die eingedrungenen Flocken von ihren Kleidern abſchütteln mußten. Sie zogen ſich zwar in die äußerſte Ecke des Kamins zu⸗ rück, aber es fehlte noch viel, daß ihnen da ſo behag⸗ lich zu Muthe geweſen wäre, wie daheim in der Hütte des Thales. Nicht allein der Schnee beläſtigte ſie, ſon⸗ dern auch der heftige Sturm, der mitunter in wilden Stößen durch die Oeffnung des Schornſteins herunter⸗ fegte, das kleine Feuer auf dem Herde zu erlöſchen drohte, und überhaupt ein ſehr zudringlicher und unge⸗ hobelter Gaſt war. Einige Zeit hindurch ertrugen die beiden armen Ein⸗ ſiedler das Unbehagliche ihres Zuſtandes mit ruhiger Geduld, aber endlich wurde es dem Großvater doch zu viel. „Du ſiehſt wohl, Jaques,“ ſagte er,„daß wir heute nicht anders warm werden können, als wenn wir uns zu Bette begeben. Legen wir uns nieder, denn bis in unſere Schlafecke dringt der Schnee nicht, und auch der Sturm wird uns weniger beſchwerlich fallen. Morgen werden wir ſehen, ob wir uns nicht die zudringlichen Gäſte beſſer fern halten und uns ein behagliches Plätzchen im Kamine einrichten können. Komm, liebes Kind, und laß uns zu Gott beten und uns in ſeinen heiligen Schutz begeben! Er iſt ja überall gegenwärtig, in der Tiefe des Thales, wie auf der Höhe des Berges; und wenn der Schnee noch hundert Mal tiefer fiele, ſo würde ſein Vaterauge trotzdem auf uns ruhen! Er ſieht unſere gefalteten Hände, Er hört unſere Seufzer! Ja, Herr, du biſt allezeit mit uns, und wir werden ohne Furcht ruhen im Schatten dei⸗ ner Flügel!« So ſprach der Großvater, und Jaques betete mit ihm, indem er niederkniete und mit vertrauensvoller Seele Herz und Gedanken zu Gott erhob. Dann ſah er noch einmal nach ſeiner Ziege, damit es ihrer Er⸗ nährerin während der Nacht an nichts fehlen möge, warf ihr Futter vor und eine friſche Streu unter, und ſtreichelte mit zärtlicher Freundſchaft ihren lang behaar⸗ ten Rücken. Blanchette nahm dieſe Liebkoſungen freund⸗ lich auf und ſchmiegte ſich eng an den Knaben an. Das arme Geſchöpf ſchien ſich in der dunkeln Abge⸗ ſchiedenheit und Einſamkeit des Stalles ſehr unbehag⸗ lich zu fühlen, und als Jaques es endlich wieder ver⸗ ließ, ſtieß es traurige Klagetöne aus und blökte jäm⸗ merlich. Die arme Blanchette dauerte den Knaben, aber da er ihr für den Augenblick doch nicht helfen konnte, ſo machte er den Stall zu und begab ſich wie⸗ der zum Großvater, an deſſen Seite er ſich niederlegte. Bald ſchlummerte er ein; auch das klagende Meckern der Ziege verſtummte nach einem Weilchen, und es wurde ganz ſtill in der kleinen Sennhütte, während draußen noch immer der Sturm heulte und in wildem Spiele dichte Schneewolken wirbelnd umherjagte. Neuigkeit zu überzeugen.„Ich hoffe, du wirſt d Viertes Kapitel. Vom Schnee begraben! Die Nacht verging ohne weitere Störung, und alle drei Bewohner der Sennhütte ſchliefen einen ſo ruhi⸗ gen und geſunden Schlaf, als ob ſie in voller Sicher⸗ heit daheim in ihrem gewohnten Bette gelegen hätten. Als Jaques endlich erwachte, wunderte er ſich nicht wenig, daß es noch ganz finſter in der Hütte war, obgleich er das Gefühl empfand, als ob er weit län⸗ ger wie gewöhnlich geſchlafen hätte. Außerdem hörte er an dem Geräuſch von Schritten, daß auch ſein Groß⸗ vater bereits aufgeſtanden ſein müſſe, und er rieb ſich erſtaunt die Augen, ohne jedoch deßhalb mehr ſehen zu können. „Großvater,“ ſagte er,„du biſt ſchon auf und der Tag iſt noch nicht einmal angebrochen 24 „Du ierſt dich, Kind,“ antwortete der Greis. „Wenn wir warten wollten, bis der Tag in unſere Huͤtte herein dringt, würden wir noch lange liegen blei⸗ ben müſſen. Die Sonne iſt ohne Zweifel ſchon längſt aufgegangen, aber ich fürchte, wir werden ſie für's erſte nicht ſehen können, denn unſere Fenſter ſind allem Anſchein nach von oben bis unten zugeſchneit.“ „Großer Gott, wär' es möglich?“ rief Jaques ganz erſchrocken aus, indem er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette ſprang und nach der Lampe lief, um ſie an⸗ zuzuͤnden, und ſich von der Wahrheit der betrübenden 30 täuſchen, Großvater!« ſetzte er hinzu.„In einer ein⸗ zigen Nacht kann unmöglich ſo viel Schnee gefallen ſein!« »Nun, du wirſt ſehen und dich überzeugen,“ erwie⸗ derte der Großvater.„Das Fenſter iſt nicht ſehr hoch, und überdieß glaube ich, daß der Wind den Schnee an der Hütte angehäuft hat. Wenn dieß der Fall iſt, ſo hat die Sache weiter nichts zu bedeuten, denn es kann ſein, daß er nur zwei oder drei Fuß dick liegt, und dann werden wir ihn bald auf die Seite geſchafft haben.“ 8 „Ach, richtig!“« ſagte Jaques beruhigt.„Und dann wird man heute auch kommen, um uns aus unſerer Gefangenſchaft zu erlöſen. Der Vater iſt gewiß ſchon unterwegs.“ »Wir wollen es hoffen, uns aber nicht allzu feſt darauf verlaſſen, damit die Täuſchung nachher nicht zu bitter ſei,« erwiederte der Großvater.„Am klügſten werden wir handeln, wenn wir unſere Hoffnung allein auf Gott und auf uns ſelber ſetzen, mein Kind. Neh⸗ men wir den Fall an, daß wir auf längere Zeit hier oben eingeſchloſſen bleiben müßten. Was ſollten wir beginnen? Wir müßten uns darein ergeben, und könn⸗ ten nichts Anderes und Beſſeres thun, als unſere Hülfsquellen berechnen, und, wenn wir ſie genau ken⸗ nen, mit der größten Sparſamkeit damit zu Werke ge⸗ hen. Aber horch, da ruft unſer Kuckuck.. ſieben Uhr! Alſo richtig, der Tag iſt da und die Sonne bereits aufgegangen, obgleich wir in unſerer Finſterniß nichts davon bemerkt haben. Wie gut übrigens, daß ich die Uhr geſtern Abend noch aufgezogen habe! Das dürfen wir nie vergeſſen, Jaques, und wenn ich einmal nicht —————— ————— 31 daran denken ſollte, ſo mußt du mich daran erinnern, hörſt du? Aber jetzt laß uns vor Allem unterſuchen, wie dick der Schnee vor unſerem Fenſter liegt.“ Als ſie eben ihre Nachforſchungen beginnen woll⸗ ten, drang wie geſtern das klägliche Meckern der Ziege an ihr Ohr. „Halt!« ſagte der Großvater.»Erſt die arme Blanchette, und dann der Schnee! Dieſer kann warten.“ Beide begaben ſich alſo zunächſt nach dem Stalle. Der Großvater bückte ſich nieder, um die Ziege zu mel⸗ ken, und Jaques ſtand dabei und ſchaute aufmerk⸗ ſam zu. 1 „Recht ſo, Kind,“ ſagte der Großvater, der es be⸗ merkte.„Es iſt in der That nochwendig, daß du das Melken lernſt, damit du mich einmal erſetzen kannſt, wenn ich zu ſchwach dazu ſein ſollte. Du ſiehſt wohl, das Bücken wird meinen alten Gliedern herzlich ſauer, und auch meine Hände fangen an ſchwach zu werden. Verſuche einmal, wie du mit Blanchette und dem Mel⸗ ken fertig wirſt.“ 3 Jaques gehorchte, kniete neben der Ziege nieder, und machte den Verſuch, aber anfangs mit ſo ſchlech⸗ tem Erfolge, daß die Ziege hinten ausſchlug und bei⸗ nahe den Milchkübel umgeworfen hätte. „Sanfter, Jaques! Sanfter! Du thuſt der Ziege weh, wenn du ſo täppiſch zugreifſt,« ſprach der Groß⸗ vater.„Verſuche noch einmal, aber mit weniger Kraft⸗ aufwande!“ Jaques begann von Neuem mit größerer Sorgfalt, und nach einigen wiederholten Bemühungen ging es beſſer. Blanchette ſtand ruhig, und gab wieder einen großen Topf voll Milch her, der vorſichtig in die Küche 32 getragen wurde, damit auch nicht ein Tröpfchen davon verloren gehen ſollte. G Nachdem ſich Beide an dem Genuſſe der friſchen, ſüßen Milch, aus welcher ihr ganzes Frühſtück beſtand, gelabt hatten, wendeten ſie ihre Aufmerkſamkeit wieder dem gefallenen Schnee zu, und der Großvater öffnete das Fenſter ein wenig, um zu verſuchen, ob er von hier aus die Dicke des angehäuften Walles ermeſſen könnte. Aber dieſer Verſuch führte zu keinem befriedi⸗ genden Reſultate. So weit er mit dem Arme reichen konnte, fühlte er überall Schnee, und die Wand mußte alſo jedenfalls mehrere Fuß dick ſein. Das Fenſter wurde wieder zugemacht, und ſie begaben ſich unter die Oeffnung des Schornſteins, um von hier aus vielleicht nach oben hin etwas zu entdecken. »Ich ſehe den Himmel, Großvater!« rief Jaques aus, indem er den Blick nach dem Ausgange des Schornſteins richtete. Der Großvater ſchaute ebenfalls hin, und über⸗ zeugte ſich, daß Jaques ſich nicht getäuſcht hatte. Die Ausgangsröhre des Schornſteins lag offen, und man konnte durch die enge Oeffnung in's Freie hinaus ſe⸗ hen. Einige Augenblicke ſpäter blitzte die Sonne plötz⸗ lich hell auf den Schneewänden, welche ſich rings um die Oeffnung herum in beträchtlicher Hoͤhe aufthürm⸗ ten, und Jaques, der den hellen Schimmer mit ſeinen jungen Augen zuerſt bemerkte, machte den Großvater auf dieſen Umſtand aufmerkſam. Ziemlich genau konn⸗ ten ſie, als ihre Augen ſich erſt ein wenig an die blen⸗ dende Helle des Schnee's gewöhnt hatten, die Dicke der Schicht ermeſſen, da kein Vorſprung irgend einer Art die Ausſicht hemmte. Es war ein einfacher 33 Trichter, den der Schnee über dem Schornſtein gebil⸗ det hatte. »„Schade!“ ſagte der Großvater.„Wenn wir eine Leiter hätten, ſo könnteſt du hinauf ſteigen, und dich außen ein wenig umſehen. So viel ich mich erinnere, muß oben auch eine Klappe ſein, mit der man den Schornſtein verſchließen kann. Dein Vater brachte ſie vor einigen Jahren oben an, als der Schornſtein aus⸗ gebeſſert wurde, der ſich damals in ſchlechtem Zuſtande befand, und beim erſten beſten Sturm den Einſturz drohte. Es wäre ein großer Vortheil für uns, wenn wir eine Vorrichtung zum beliebigen Schließen und Oeffnen der Klappe treffen könnten; aber leider ſehe ich keine Möglichkeit, in den Schornſtein hinauf zu kommen.“ »Wenn das Kamin nur ein wenig enger wäre,« ſagte Jaques,„dann brauchte ich keine Leiter. Ich wuͤrde hinaufklettern, wie ein Schornſteinfegerjunge. Aber freilich, ſo wie es iſt, geht es nicht, der Schorn⸗ ſtein iſt zu weit, als daß man ſich auf beiden Seiten gegen ihn anſtemmen könnte.« »Und doch müſſen wir ſehen, irgend ein Mittel zu finden,“ erwiederte der Großvater nachdenklich.„Die Klappe iſt von zu großer Wichtigkeit für uns. Bedenke nur, Jaques, wenn wieder ein Sturm mit Schneege⸗ ſtöber käme! Flugs machten wir die Klappe zu, und weder Sturm noch Schneeflocken würden uns in unſe⸗ rer Hütte beläſtigen können, wir ſäßen geſchützt und warm, wie draußen auch das Unwetter über unſeren Häuptern toben würde. Sage mir, Jaques, kannſt du klettern? Auf Bäume, meine ich?« 8 „Oh, gewiß, Großvater,« antwortete der Knabe Im Schnee begraben. 34 lebhaft.„Meine Kameraden ſagten immer, ich könnte es am beſten von ihnen Allen. Aber was kann uns dieß hier nützen? Der Schornſtein iſt ja kein Baum!« „Ganz recht. Doch iſt mir, als ob ich irgendwo im Stalle eine ziemlich lange Stange von Tannenholz geſehen hätte,“ entgegnete der Großvater.„Wenn wir ſie hieher brächten...«— Jaques klatſchte vor Freuden in die Hände.„Das iſt ein herrlicher Gedanke, Großvater!“ rief er aus. „»Wenn die Stange nur lang genug iſt, um bis oben hin zu reichen, ſo haben wir gewonnen Spiel. Hun⸗ dert Mal ſchon bin ich auf Bäume hinauf geklettert, wenn ihr Stamm nicht allzu umfangreich war, ſo daß ich ihn mit meinen Armen umklaftern konnte. Laß uns gleich nach der Stange ſuchen, Großvater!« —„Sie ſuchten, und die Stange fand ſich wirklich vor. Sie war ſtärker, als armsdick, und noch obendrein mit ihrer Rinde bekleidet, ſo daß ſie eine rauhe Oberfläche darbot. „Dieß wird mir das Klettern nicht wenig erleich⸗ tern,« ſagte Jaques erfreut,„und es frägt ſich nur, ob wir ſie in den Schornſtein hinein bringen können.“ „Wir müſſen es verſuchen,“ erwiederte der Groß⸗ vater, und ging ohne Zögern an's Werk. Er faßte die Stange an dem einen, Jaques an dem anderen Ende, und ſo ſchleppten ſie ſie aus dem Stalle in die Küche hinüber. Das ſchwierigſte Stück war, wie Ja⸗ ques vexmuthet hatte, ſie in den inneren Raum des Schornſteins zu ſchaffen, deſſen Mantel ziemlich tief in die Küche hinunter reichte. Aber auch dieß gelang nach einigen vergeblichen Verſuchen, denn die Stange ließ ſicch biegen, ohne zu brechen, und endlich konnte ſie 35 Jaques an die innere Wand des Kamins anlehnen. Sie war lang genug zu dem beabſichtigten Zwecke, und reichte noch ein gutes Stuͤck über den Schornſtein hinaus. Ohne Beſinnen machte ſich Jaques nun an's Werk, an der Stange in die Höhe zu klettern. Er umſchlang ſie mit Armen und Beinen, und rutſchte geſchickt wie ein Eichhörnchen daran in die Höhe. Um den Leib hatte er vorher ein Stück Bindfaden geſchlungen, mit deſſen Hülfe er eine Schaufel nach ſich zu ziehen beab⸗ ſichtigte, wenn er oben ſein würde. Mit Vergnügen ſah der Großvater, daß Jaques nicht ohne Grund ſeine Gewandtheit im Klettern gerühmt hatte. Abwech⸗ ſelnd mit den Händen und Fuͤßen half er ſich an der Stange hinauf, benutzte dabei gelegentlich die Wand des Schornſteins zum Stützpunkte, und gelangte nach wenigen Augenblicken glücklich bis an das Dach der Hütte. Hier angekommen, zog er die bereit gehaltene Schaufel am Bindfaden in die Höhe, und machte ſich zunächſt, indem er den Schnee auf die Seite ſchaufelte, einen Platz zurecht, auf dem er feſten Fuß zu faſſen vermochte. Auch dieß gelang, und nun ſtieg er auf das Dach hinauf, von wo aus er einen Rundblick auf die ganzen Umgebungen gewann. Zunächſt bemerkte er, daß der Schnee auf dem Dache ſelber reichlich drei Fuß hoch lag; um die Hütte herum hatte er ſich noch weit höher angeſammelt, und zwar ohne Zweifel, wie bereits der Großvater vermuthet hatte, durch die Ge⸗ walt des Windes, der ihn heran getrieben, an der Hütte Widerſtand gefunden, und ihn nun Schicht auf Schicht angehäuft hatte, wie man Kartoffeln und an⸗ dere Gemuͤſe mit Erde behäufelt, damit ie reichlichere 36 Nahrung finden und weniger an Trockenheit zu leiden haben. Aber nicht allein hier lag der Schnee in großen Maſſen; er war binnen kurzer Zeit in wirklich ungeheurer Menge gefallen, und bedeckte mehrere Fuß hoch den Boden. So weit die Blicke des Knaben reichten, glich Alles einem glänzenden weißen Tuche. Die Bergrücken und Abhänge bis tief an den Tannen⸗ wald hinab, der die tiefere Ausſicht in die Thäler hin⸗ unter beſchränkte, die Kuppen und Hügel nah und fern, die Ebenen, die Schluchten, Alles war dicht in den Mantel von Schnee eingehüllt, und nichts unterbrach die Einförmigkeit dieſes winterlichen Gemäldes, als die Stämme der Fichten, welche ſich tiefſchwarz von dem glänzenden Weiß des Schnee's abhoben. Mehrere Bäume waren ſogar unter der Laſt des auf ihren Zwei⸗ gen wuchtenden Schnee's zuſammengebrochen und um⸗ geſtürzt, und ihre Aeſte und Zweige ragten, ein trau⸗ riger Anblick, nackt und ſtarr aus den Schneemaſſen heraus. Der Wind wehte noch immer ziemlich heftig aus Norden, und ſein Hauch war eiſig und erſtarrend. Der Himmel war mit zerriſſenen, düſtern Wolken bedeckt, die raſch wie auf Flügeln dahinſchwebten. Durch ihre ge⸗ öffneten Zwiſchenraͤume fielen die Strahlen der Sonne hie und da mit blendendem Schimmer auf das weite, ſchneebedeckte Feld, und dieſe glänzenden Streifen und Flecken huſchten mit der Geſchwindigkeit eines Pfeiles uͤber Berg und Thal entlang. Jaques fand Vergnügen an dieſem Schauſpiele, und würde es vielleicht noch länger beobachtet haben, wenn ihn nicht die Kälte beläſtigt hätte. Indem er ſeinem Großvater ſchilderte, was er von ſeinem höheren V 37 Standpunkte aus erblickte, klapperten ihm die Zähne vor Froſt, ſo daß der Großvater ſelber ihm Eile an⸗ empfahl. „Hurtig, Jaques, hurtig!“« rief er ihm zu.„An⸗ ſtatt die Gegend zu betrachten und dabei zum Eiszapfen zu frieren, ſchaufle lieber den Schnee vom Dache fort und lege die Klappe bloß. Das wird dich wieder warm machen und unſeren Zweck fördern!“ Jaques mochte ſelber der Anſicht ſein, daß es beſ⸗ ſer für ihn ſei, zu ſchaufeln, als zu frieren, und nahm ſeine Schippe in die Hände. Er fand indeß bald, daß er keine ganz leichte Arbeit unternommen hatte. Recht tüchtig mußte er ſich anſtrengen, um den hoch liegenden Schnee bei Seite zu ſchaffen; bald tropfte der helle Schweiß von ſeiner Stirne nieder, und von Kälte ver⸗ ſpürte er nichts mehr. Doch gelang es ihm endlich nach halbſtündiger, emſiger Arbeit die Klappe von der darauf laſtenden Schneemaſſe zu befreien, und ein freu⸗ diger Zuruf verkündigte dem Großvater, daß er ſie richtig gefunden hatte. Es handelte ſich nun um nichts mehr, als ſie zum beliebigen Oeffnen und Schließen herzurichten. Auch dieß war mit Hülfe des Bindfa⸗ dens bald geſchehen, denn die Klappe war von vorn herein bereits dazu eingerichtet. Jaques brauchte die Schnur nur durch eine zu dieſem Zwecke angebrachte Rolle laufen zu laſſen, gehörig zu befeſtigen, und das vordere Ende dem Großvater hinunter zu werfen. Zog dieſer nun an der Schnur, ſo öffnete ſich die Klappe, ließ er nach, ſo ſchloß ſie ſich wieder, und zwar allein vermöge ihres eigenen Gewichts. Nachdem dieß meh⸗ rere Male wiederholt worden war, und ſie ſich ſo ver⸗ ſichert hatten, daß Alles gut ging, kletterte Jaques 38 durch den Schornſtein wieder in die Hütte hinunter, was ihm noch weit weniger Mühe koſtete, als das Hinaufſteigen. Der Großvater bemerkte jetzt, daß die Kleider des Knaben ganz durchnäßt von geſchmolzenem Schnee wa⸗ ren. Andere Kleider zum wechſeln hatte er nicht, und es mußten alſo Vorkehrungen getroffen werden, um eine Erkältung zu verhüten. Sie zündeten gleich ein tüchtiges Feuer von Reiſig und Kienäpfeln auf dem Herde an, machten die Klappe zu bis auf einen kleinen Zwiſchenraum, der dem Rauche den Ausgang geſtattete, und Jaques mußte ſich an die wärmſte Stelle des Ka⸗ mines ſetzen, damit vor Allem ſeine Kleider wieder trocknen möchten. Der Großvater ſetzte ſich neben ihn, und ſo brachten ſie ziemlich den ganzen Tag nicht ge⸗ rade in der beſten Stimmung zu. Was ſie beſonders unangenehm und in der That ſchmerzlich empfanden, war der Mangel an Licht. Das flackernde Feuer auf dem Herde verbreitete nur eine un⸗ beſtimmte und ſchwankende Helle, die mehr die Augen blendete, als etwas deutlich erkennen ließ. Ihr Oel⸗ vorrath war aber ſo klein, daß ſie nicht wagten, die Lampe anzuzünden, aus Furcht, ihn zu raſch zu ver⸗ ſchwenden. Nur ein einziges Mal bedienten ſie ſich der Lampe auf einige Minuten, um nach dem Stalle hin⸗ über zu gehen und die Ziege zu melken. Nach Been⸗ digung dieſes nothwendigen Geſchäftes wurde ſie wie⸗ der ausgelöſcht, und ſie mußten wieder im Finſtern, oder doch beinahe im Finſtern ſitzen, da der Schein des Feuers, wie geſagt, nur auf ſehr unvollkommene Weiſe das mildere und gleichmäßigere Licht der Lampe erſetzte. 39 Jaques empfand die heftigſte Langeweile, und die⸗ ſer Tag ſchien ihm gar kein Ende nehmen zu wollen. Vielleicht wären ihm die Stunden ſchneller vergangen, wenn er ſich auf irgend eine Weiſe beſchäftigt hätte; aber daran verhinderte ihn wieder eine unbezwingliche, innerliche Unruhe. Er befand ſich in einem fortwäh⸗ renden Zuſtande peinlicher Aufregung, weil er von Mi⸗ nute zu Minute erwartete, daß ſein Vater kommen, und ihn nebſt dem Großvater befreien werde. Bei jedem Geräuſch, bei dem Brauſen eines Windſtoßes, bei dem Kniſtern eines Funkens ſogar, fuhr er auf und horchte mit geſpannter Erwartung, ob ſich nicht nahende Fuß⸗ tritte vernehmen ließen. Wohl zehn Mal während des Tages ſtieg er auf das Dach hinauf, ließ ſeine Blicke umherſchweifen, und ſchaute ſich faſt die Augen aus, um irgend eine nahende Geſtalt ſchon in der Ferne zu erkennen. Vergebens gab ſich der Großvater Mühe, ſeine fieberhafte Unruhe zu beſchwichtigen. Jaques be⸗ ſtürmte ihn mit Fragen, ob der Vater nicht längſt zu Hauſe angekommen ſein müſſe, ob er nicht ſchon geſtern die Nachbarn aufgeboten habe, ob er nicht jeden Augen⸗ blick ankommen konne? Der arme alte Großvater, der ſelber ſehnlichſt ihre Befreiung herbei wünſchte, konnte aber auf alle dieſe Fragen nichts weiter antworten, als daß er hoffe, Francois ſei glücklich im Thale angelangt, und werde gewiß keine Minute verlieren und keine Mühe ſparen, ihnen zu Hülfe zu kommen. Aber wie könne man wiſſen, was er für Hinderniſſe zu überwin⸗ den habe? Die Wege könnten verſperrt, verwüſtet oder ſo verſchneit ſein, daß es keine Möglichkeit wäre, ſie zu paſſiren, ohne ſie erſt wiederherzuſtellen. Man müſſe Geduld haben und warten.— 40 Das war nun freilich kein genügender Troſt für Jaques, der von Unruhe und Ungedulv verzehrt wurde. Noch bis zum ſpäten Abende hoffte er auf das Erſchei⸗ nen des Vaters und der Nachbarn, und immer wieder mußte er ſeine Hoffnungen getäuſcht ſehen. Herzlich lang wurde ihm dieſer Tag. Aber jeder Tag, was er im Laufe ſeiner Stunden auch bringen möge, Schlimmes oder Gutes, Freudiges oder Betruͤbendes, jeder Tag muß zuletzt zu Ende ge⸗ hen. So auch dieſer. Gegen zehn Uhr in der Nacht ſtand der Großvater auf, ſchloß die Klappe im Schorn⸗ ſtein vollends zu, ſo daß alle Zugluft gänzlich abge⸗ ſperrt war, und begab ſich zur Ruhe, indem er Jaques aufforderte, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Traurig warf ſich der Knabe neben ihm nieder, und wohl eine Stunde noch hörte der Großvater ihn leiſe ſchluchzen. Er ſtörte ihn nicht. Welchen Troſt hätte er ihm auch geben können? Ruhig ließ er ihn ſeinen Kummer ausweinen, und bemerkte endlich mit ſtiller Genugthuung, daß die Thränen des Knaben verſiegten und der Schlaf ſeine ſänftigenden Fittiche über ihn ausbreitete. Jaques ſchlummerte, und nun ſchlief auch der Großvater bald darauf ein. Am folgenden Morgen, als unſere Schläfer auf⸗ wachten und ſich ermuntert hatten, war Jaques' erſter Gang an die Klappe, die er zu öffnen verſuchte, um auf das Dach der Hütte zu ſteigen und ſich nach ſei⸗ nem Vater umzuſehen. Aber die Klappe leiſtete ſeinen Bemühungen den hartnäckigſten Widerſtand, und er mußte, um ſie zurückzudrängen, den Großvater zu Hülfe rufen. Auch jetzt gelang es erſt ihren gemeinſchaft⸗ lichen, heftigen Anſtrengungen, die Klappe auf die 41 Seite zu zwängen, und der Grund ihres Widerſtandes lag nun klar zu Tage. Schnee fiel durch die Oeffnung in die Hütte herein, und man konnte alſo nicht daran zweifeln, daß während der Nacht wieder ein Schneege⸗ ſtöber, und zwar gewiß ein recht tüchtiges, ſtattgefunden hatte. Und ſo war es denn auch, wie Jaques ſich auf der Stelle überzeugte, als er durch den Schornſtein nach oben kletterte. Allem Anſcheine nach mußte es die ganze Nacht hindurch ohne Aufhören geſchneit haben, denn der Schnee lag um volle zwei Fuß hoͤher, als am geſtrigen Tage, und Jaques mußte die Schaufel tüchtig handhaben, um die Klappe wieder ordentlich gangbar zu machen. Endlich kam er damit zu Stande, und ſtieg wieder in die Hütte hinab. Der Großvater hatte mittlerweile Feuer auf dem Herde angemacht, und er⸗ wartete den Knaben mit beſorgter Miene. „Es iſt ſo, wie ich dachte,« ſagte er, als Jaques einen umſtändlichen Bericht abgeſtattet hatte,„der Schnee, der ſich mehr und mehr anhäuft, wird vor dem nächſten Frühjahre nicht wieder ſchmelzen, und deinem Vater die unüberwindlichſten Hinderniſſe in den Weg legen. Wir müſſen uns an den Gedanken gewöhnen, Jaques, Monate lang in der Hütte hier begraben zu bleiben. Du ſiehſt wohl, es nützt nichts mehr, ſich trügeriſchen Hoffnungen hinzugeben, deren immer wie⸗ derholte Täuſchungen zuletzt die Seele ermüden und allen Muth brechen müſſen. Machen wir uns lieber gleich auf das Schlimmſte gefaßt, und hoffen auf nichts, als auf Gottes Hülfe und Beiſtand in unſerer trauri⸗ gen Lage.“ „Du meinſt alſo wirklich, Großvater, daß auch heute uns keine Hülfe von den Unſrigen zu Theil werden 42 wird?« fragte Jaques mit trauriger und niedergeſchla⸗ gener Miene. „Unmöglich! Ganz unmöglich!« erwiederte der Groß⸗ vater mit Entſchiedenheit.„Geſtern war es ſchon un⸗ wahrſcheinlich genug, und heute nun vollends, wo die Schneemaſſen ſich noch um weitere zwei Fuß angehäuft haben,— ganz und gar unmöglich! Ich will Gott danken, wenn nur überhaupt dein Vater allen Gefah⸗ ren glücklich entgangen iſt, denen er beim Hinunterſtei⸗ gen von den Bergen Trotz bieten mußte. Auf ſeine Huͤlfe jetzt noch zu rechnen, wäre Thorheit, mein Kind! Keine Menſchenmacht iſt im Stande, ſich einen Weg durch dieſe Schneemaſſen hindurch zu brechen. Und wenn dein Vater zehn Dörfer in der Runde zu Hülfe riefe, würden doch alle Arme an dieſer Rieſenarbeit er⸗ lahmen.“ So traurig dieſe Worte des Großvaters für das Ohr des armen Jaques klingen mochten, vernahm er ſie doch mit mehr Faſſung, als der Großvater ihm zu⸗ getraut hatte. Einige Minuten ſtand er zwar mit ge⸗ beugtem Haupte, mit gefalteten Händen in tiefem Nach⸗ denken da, und große Thränen rollten über ſeine ein wenig erblaßten Wangen, aber endlich faßte er ſich, raffte ſeinen ganzen Muth und alle Willenskraft zu⸗ ſammen, erhob ſeine Stirn, und wiſchte die Thränen aus ſeinen Augen. „Wohlan denn, Großvater,« ſagte er mit einer Stimme, der er mit einer kräftigen Anſtrengung Feſtig⸗ keit zu geben verſuchte,„vertrauen wir auf Gott, da wir auf menſchliche Hülfe nicht mehr rechnen können. Hier meine Hand, Großvater, daß ich dich nie wieder mit meiner kindiſchen Ungeduld, wie geſtern, betrüben — Su 43 werde! Vielmehr will ich mein Beſtes thun, dir treu⸗ lich zur Seite zu ſtehen, und keine Klage ſoll wieder über meine Lippen kommen!« „Brav, mein Sohn!“ ſagte der Großvater erfreut, indem er mit Wärme die Hand des wackeren Knaben drückte.„Wenn du dieſe Standhaftigkeit bewahrſt und den Muth nicht verlierſt, ſo wird mit dem Beiſtande des Allmächtigen Alles noch gut gehen. Wir ſind nicht ohne alle Hülfsmittel, und wenn wir ſparſam damit verfahren, ſo reichen ſie wohl aus, bis der Frühling wieder in's Land kommt.“ In ſolcher und ähnlicher Weiſe ſuchte der alte Mann, welcher beſſer als der Knabe die Gefahr ihrer Lage ermeſſen konnte, den Muth ſeines Enkels aufrecht zu erhalten, und es gelang ihm auch recht wohl, beſſer ſogar, als er dachte. Einige Tage verſtrichen, ohne weiter etwas Beſonderes zu bringen, als daß der Schnee fortwährend in großen Maſſen vom Himmel herab rieſelte. Jaques, um die Langeweile zu bekaͤmpfen, vertrieb ſich die Zeit damit, eine Art von Tagebuch zu führen, in das er Alles niederſchrieb, was ihm und dem Großvater Merkwürdiges begegnet war, ſeit ſie die Huͤtte im Thale verlaſſen hatten. Papier, Federn und Tinte beſaß er in ausreichender Menge. Er hatte den kleinen Vorrath davon dem Umſtande zu danken, daß er im Laufe des Sommers während der Ferien einmal zum Beſuch beim Vater auf der Alme geweſen war. Um ſeine Schulaufgaben anfertigen zu können, hatte er einen kleinen Vorrath von Papier, Federn und Tinte mitgenommen, und ihn ſpäter beim Abſchiede von ſei⸗ nem Vater in der Sennhütte gelaſſen, ohne damals zu ahnen, wie angenehm ihm eines Tages dieſe kleinen 44 Schätze, und wie willkommen ſie ihm ſein wuͤrden. Er ſchrieb fleißig beim Scheine des Herdfeuers, und manche Stunde füllte er auf dieſe Weiſe nützlich und zugleich angenehm aus. Vielleicht theilen wir auf den folgen⸗ den Seiten einige Auszüge aus dieſem Tagebuche, das unter ſo eigenthümlichen Umſtänden geführt wurde, dem freundlichen Leſer mit. Für jetzt müſſen wir jedoch einen Vorfall erzählen, der die allerſchrecklichſten Fol⸗ gen für unſere armen Freunde hätte herbeiführen können. „Es war am 24. November. Jaques und ſein Großvater ſaßen vor ihrem Feuer, und der Letztere gab dem Knaben zum Zeitvertreibe einige Rechnen⸗Exempel auf. Da es Jaques an einer Schiefertafel fehlte, und er ſeinen kleinen Vorrath Papier möglichſt ſchonen wollte, ſo nahm er einige Schaufeln voll Aſche aus dem Aſchenloche des Herdes, und ſtreute ſie gleichmäßig in einer dünnen Schicht auf die Platte deſſelben. Auf dieſe Weiſe diente ihm der Herd anſtatt einer Schiefer⸗ tafel, indem er mit einem Stückchen Holz die Zahlen in die Aſche ſchrieb, wie man es in einigen Schulen des Juragebirges ganz ähnlich ſo mit trockenem Sande macht, weil die Bewohner dieſer ablegenen Gegenden meiſtens zu arm zum Ankaufe von Schiefer oder Pa⸗ pier ſind. Jaques mochte indeß wohl nicht vorſichtig genug beim Herausnehmen der Aſche zu Werke gegan⸗ gen ſein, denn während er ſeine Ziffern malte und der Großvater ihm aufmerkſam zuſchaute, fühlten Beide plötzlich hinter ihrem Rücken eine ungewöhnliche Hitze. Sie drehten ſich um, und bemerkten mit Erſtaunen und Schrecken, daß dieſe Hitze von einem Bund Stroh her⸗ rührte, welches Jaques zu einigen kleinen Arbeiten 45 hatte brauchen wollen und in der Nähe des Aſchen⸗ loches auf den Boden geworfen hatte. Auf dieſes Stroh waren vermuthlich einige Funken gefallen, und jetzt ſtand der Bund an dem einen Ende in lichten Flammen. Jaques und ſein Großvater ſtießen zu gleicher Zeit einen Schrei des Schreckens aus, und das Erſte, was der muthige Knabe that, war, daß er ſich ohne Beſin⸗ nen auf das Feuer ſtürzte, und mit beiden Händen auf die Flammen losſchlug, um ſie auszulöſchen. Er er⸗ reichte damit aber weiter nichts, als daß er ſich die Hände verbrannte, ohne die Gluth zu dämpfen und in ihrem raſchen Fortſchreiten aufzuhalten. Anders der Großvater. Trotz der Schmerzen, die ihm jede raſche Bewegung verurſachte, warf er ſich entſchloſſen auf das Stroh, umfaßte das Bund mit beiden Armen an dem Ende, wo es noch nicht brannte, hob es auf, und trug es ohne Zögern ganz flammend unter den Schornſtein. „Jaques,« ſchrie er mit lauter Stimme,„bringe Alles auf die Seite, was noch Feuer fangen könnte!« Jaques war flink bei der Hand. Hurtig ſchleu⸗ derte er die hölzernen Schemel auf die Seite, warf den ganzen kleinen Holzvorrath vom Herde mitten in die Kammer, und entfernte überhaupt Alles, was ſich Brenn⸗ bares in der Nähe des Kamines befand. Hierauf eilte er ſeinem Großvater zu Hülfe, und es war in der That die höchſte Zeit. Einige ſchreckliche Augenblicke hindurch ſchwebten Beide in der furchtbarſten Angſt. Die Flammen leckten an dem trockenen Strohe weiter und griffen mit Heftigkeit immer mehr um ſich. Mit Hülfe einer eiſernen Heugabel und der Feuerſchaufel 46 preßten ſie das brennende Strohbund gegen die Mauer, um es ſo ausflackern zu laſſen. Ein röthlicher, greller Schein erleuchtete das ganze Innere der Hütte, Gluth und Dampf erfüllten den Raum und erſtickten faſt die Unglücklichen, die mit der Kraft der Verzweiflung ge⸗ gen das Feuer ankämpften, das ſie ſelbſt und die ganze Hütte zu verzehren drohte. Kein Tropfen Waſſer war zur Hand; der Rauch fand keinen Abzug, und wurde immer dichter und erſtickender; ſie mußten endlich das brennende Strohbund fallen laſſen, das Feuer flog rings umher, und nun ſchien es wirklich, als ob ohne Ret⸗ tung Alles verloren ſei. Große Flocken brennenden Strohes flogen von einer Seite der Hütte zur anderen, und ſchienen faſt den ganzen Raum derſelben anzufül⸗ len. Sie konnten auf das Strohbett in der Ecke der Küche fallen, ſie konnten ihre Gluth den ganz ausge⸗ trockneten Deckbalken mittheilen, oder den hölzernen Ver⸗ ſchlag ergreifen, der die Küche von dem Stalle trennte, und ſicher wäre auch wohl das Eine oder das Andere geſchehen, wenn nicht der Großvater voll Beſonnenheit und raſch entſchloſſen die Hauptmaſſe des brennenden Strohbundes unter den Schornſtein geſchleppt und dort feſtgehalten hätte, bis das Meiſte davon von der Flamme verzehrt war. Die umherwirbelnden Flocken konnten keinen großen Schaden mehr anrichten, weil ſie zu ſchnell verkohlten. Trotzdem ſchien es unſeren erſchreck⸗ ten Freunden eine Ewigkeit, bis es endlich ſo weit kam, daß da und dort die Flammen allmälig nur noch matt aufflackerten, zuletzt ganz erloſchen, und nur noch Häuf⸗ chen glänzender Funken, eingehüllt in Qualm und Dampf, zurückließen.— »Hurtig, mein Kind!« rief der Großvater.„Wirf 47 dich auf Alles, was noch glimmt, und löſche ſelbſt die kleinſten Funken aus!“ Jaques gehorchte, und der Großvater ſelbſt ging ihm mit dem beſten Beiſpiele voran. Nach wenigen Augenblicken waren auch die letzten Spuren des Bran⸗ des vernichtet, und völlige Dunkelheit herrſchte jetzt in der eben noch von Gluth und Feuer flammenden Hütte. Die drohende, ſchreckliche Gefahr war glücklich vorüber gegangen, und nicht nur das Leben, ſondern auch die Hutte und ihr ganzer für die armen Gefangenen ſo koſtbarer Inhalt war gerettet. Anfänglich ſaßen Beide, Großvater und Enkel, er⸗ ſchöpft und halb erſtickt, wie betäubt da, nur Ein Ge⸗ fühl im Herzen, nämlich den innigſten Dank gegen Gott, der ſie vor ſo großem Unglücke bewahrt hatte. Allmälig verzog ſich der dichte, ſchwere Rauch, ſie konn⸗ ten die Lampe wieder anzünden und ſich in's Geſicht ſehen. Einer erſchrak vor dem Anderen, denn ſie wa⸗ ren ſchwarz wie Kohlenbrenner oder Schornſteinfeger. Aber was machte das aus? Sie achteten es kaum. War doch das Leben erhalten, und zwar ohne größere Opfer, als einige leichte Brandwunden an Jaques' Händen und Füßen.. Sie ſchüttelten die Aſche von ihren Kleidern und ihren Haaren, die ſich ganz bedeckt davon zeigten, rei⸗ nigten ſich, ſo gut ſie konnten, und ſprachen dann über die Gefahr, der ſie mit genauer Noth noch entronnen waren. „Es iſt unſere eigene Schuld, daß uns dieß begeg⸗ nen mußte,“ ſagte der Großvater.„Leute wie wir, in unſerer Lage, ſollten immer auf alle Zufälle bedacht ſein! Hätten wir nur einen einzigen Eimer Waſſer zur 48 Hand gehabt, ſo hätte etwas der Art gar nicht vorfal⸗ len können. Aber ein gebranntes Kind ſcheut das Feuer, und wir wollen von jetzt an wenigſtens klüger handeln und uns den Vorfall zur Lehre dienen laſſen. In der Milchkammer, habe ich geſehen, ſteht eine leere Tonne. Wir werden ihr den oberen Boden einſchlagen, ſie hie⸗ her bringen, dort in die Ecke ſtellen, und ſie mit Schnee anfüllen. Bald genug wird dieſer ſchmelzen, und dann ſind wir wenigſtens ſicher, daß uns die Hütte nicht über dem Kopfe anbrennt. Uebrigens müſſen wir in aller Weiſe ſehr vorſichtig mit dem Feuer umgehen, Jaques, denn ich brauche dir wohl nicht erſt zu ſagen, daß das Niederbrennen der Hütte, ſelbſt wenn die Flamme uns Beide verſchont hätte, unabweislich unſeren Tod herbeigeführt haben würde. Wie hätten wir uns ohne Obdach gegen die Kälte ſchützen können? Wie unſeren Hunger ſtillen, wie einen Weg finden ſollen, dem traurigſten Schickſale zu entrinnen? Es iſt keine Möglichkeit vorhanden, in's Thal hinab zu gelangen, und wir würden uns im Falle eines ſolchen Unglückes in derſelben Lage befinden, wie der arme Matroſe, deſ⸗ ſen Schiff mitten auf offener See vom Feuer verzehrt wird. Alſo Vorſicht für die Zukunft, mein lieber Ja⸗ ques, und nun laß uns keine Zeit mehr verlieren, ſon⸗ dern unverzüglich das Faß herüber holen.“ Dieſes eben ſo nothwendige als leichte Geſchäft war bald abgethan, und die Tonne wurde an Ort und Stelle gebracht, nachdem man vorher den oberen Boden der⸗ ſelben ausgeſchlagen hatte. An Schnee litten ſie keinen Mangel. Sie brauchten nur die nach Innen gehende Thür zu öffnen, und eine weiße Wand von Schnee ſtarrte ihnen entgegen, mit welcher ſie tauſend Tonnen 8 49 hätten anfüllen können. Es war eine Wand, die ſie von aller übrigen bewohnten Welt unerbittlich trennte, und als ſie die Schaufeln zur Hand nahmen, und mit dieſem Gedanken in die Schneemaſſe hinein arbeiteten, wurden ihre Herzen ſchwer, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, die ſie aber ſorgſam Einer dem Andern zu verbergen ſuchten. *Fünftes Kapitel. Das Leben der Einſiedler. Ununterbrochen fiel der Schnee Tag und Nacht, und häufte ſich zu ſolchen Maſſen auf dem Dache an, daß der Großvater darüber ernſtlich beſorgt wurde. »Die Laſt wird zu ſchwer,“ ſagte er;„die Dach⸗ balken werden ihr Gewicht am Ende kaum tragen kön⸗ nen, und wir müſſen daher die Hütte erleichtern.“ »Das ſoll bald geſchehen ſein,« erwiederte Jaques und eilte an die Klappe, deren Oeffnung ihn wieder eine mehr als gewöhnliche Anſtrengung koſtete. Dann ſtieg er auf das Dach, ließ ſich die Schaufel hinauf⸗ reichen, und arbeitete im Schweiße ſeines Angeſichtes mehrere Stunden lang, um den Schnee zur Seite zu werfen. Er ließ nur eine etwa fußdicke Schicht liegen, welche dazu dienen ſollte, die Kälte von außen ab⸗, und die Wärme im Innern der Hütte zuſammenzuhal⸗ ten; alles Andere ſchaufelte er weg. 8 — 1 4 Im Schnee begraben. 4 50 Dieſe Beſchäftigung, ſo anſtrengend ſie war, diente ihm doch zur Zerſtreuung, denn ſie bot wenigſtens eine Abwechſelung im Gegenſatze zu dem einförmigen Leben in dem verſchloſſenen Raume der Hütte. Im Uebrigen aber blieb ſie immerhin ziemlich troſtlos, denn die Aus⸗ ſicht in's Freie hinaus hatte nichts Erfreuliches weder für das Auge noch für das Herz. Der Schnee ließ kaum noch irgend eine Unebenheit des Bodens bemer⸗ ken, ſondern hüllte Alles ganz gleichmäßig in ſeine weiße Decke ein. Schwer und düſter lag der Himmel über der ganzen, traurig⸗öden Landſchaft, und im Betrachten derſelben mußte Jaques unwillkürlich an die mit ewi⸗ gem Eiſe bedeckten Polargegenden denken, von welchen ihm im vergangenen Sommer ſein Lehrer in der Schule Manches erzählt hatte. Jaques ertrug den Anhlick nicht lange, denn er war zu betrübend und troſtlos. Mit einem Seufzer wendete er der winterlichen Gegend den Rücken zu und ſtieg durch den Schornſtein wieder in die Hütte hinab. Der Großvater bemerkte ſogleich ſeine niedergeſchla⸗ gene Stimmung, und ſuchte nach einer Zerſtreuung. Noch einmal wurden ganz genau alle vorhandenen Vor⸗ räthe gemuſtert, und es fand ſich, daß die abgeſchiedene kleine Wohnung nicht gänzlich von allen nothwendigen Bedürfniſſen des Lebens entblößt war. Unſere lebendig unter den Schnee begrabenen Freunde fanden einen größern Vorrath von Heu und Stroh, als ſie während eines ganzen Jahres für ihre Ziege bedurften, und wenn Blanchette nur fortfuhr, nach wie vor ihre Milch zu ſpenden, ſo hatten ſie eine koſtbare Stütze an dem guten Thier. Aber irgend ein unglücklicher Zufall koninte ſie dieſer Stütze berauben, und ſie waren daher S 51 ſehr froh, in einer Ecke des Stalles einen kleinen Vor⸗ rath von Kartoffeln zu finden, welchen ſie ſorgfältig mit Stroh bedeckten, um ihn bei der möglicher Weiſe überhand nehmenden Kälte vor dem Erfrieren zu ſchützen. Im Stalle befand ſich auch ein kleiner Vorrath von Holz aufgeſchichtet, aber freilich nicht ſo viel, um für einen ganzen langen Winter auszureichen. Man mußte jedenfalls ſehr ſparſam damit umgehen, und es wurde beſchloſſen, nur im ſßerſien Nothfalle Gebrauch davon zu machen, und unter allen Umſtänden die Klappe im Schornſtein ſorgſam verſchloſſen zu halten, damit die Wärme nicht auf dieſem Wege entweichen könne. Uebri⸗ gens machten die beiden Einſiedler ſehr bald die Be⸗ merkung, daß der Schnee, welcher die ganze Hütte um⸗ gab, ſehr auffallend dazu beitrug, das Innere derſelben warm zu erhalten. Außer dem Holze fand ſich auch noch ein Haufen Kienäpfel vor, welchen Jaques während des Sommers geſammelt hatte, damit er in das Thal hinabgeſchafft werden ſollte. Dieß war glücklicher Weiſe verſäumt worden, und die Kienäpfel konnten im Nothfalle recht gut zum Erſatze des Holzvorrathes dienen. Endlich waren auch noch die hölzernen Krippen und Raufen des Stalles vorhanden, und wenn es ſich darum han⸗ delte, das Leben zu retten, ſo konnte man ohne Beden⸗ ken Gebrauch von ihnen machen. Wenigſtens war der Großvater dieſer Meinung, und Jaques zeigte ſich völlig damit einverſtanden. Wenn das Schiff in Ge⸗ fahr iſt, wirft man die Ladung über Bord, und das Geringere muß im Nothfalle ſtets dem Höheren weichen. Wegen der bereits weit vorgerückten Jahreszeit war die Sennhütte ſchon ziemlich ausgeräumt, it. der großte 52 Theil der Geräthſchaften in das Thal hinabgeſchafft worden, aber der große Keſſel wenigſtens befand ſich noch oben, und außerdem entdeckte Jaques einiges Küchengeſchirr, eine Art und eine Säge. Die Art war allerdings ſchartig, und die Säge ſtumpf, aber gebrauchen konnte man ſie immer noch. Endlich hatte ein Jeder, der Großvater ſowohl wie Jaques, ſein Taſchenmeſſer, von welchem der Gebirgsbewohner ſich ſelten trennt, ſo daß alſo, was die Geräthſchaften an⸗ betrifft, ihnen wenigſtens nicht das Nothwendigſte fehlte. Schlimmer dagegen ſah es mit den Mundvorräthen aus. Nur drei große Brode fanden ſie, eine Art⸗von Pumpernickel oder Schiffszwieback, der ſich ein ganzes Jahr oder länger gut erhält, und zuletzt ſo hart wird, daß man die Stücke mit dem Beile herunter hauen muß, weil man ſie mit dem Meſſer nicht mehr ſchnei⸗ den kann. Leider waren es, wie geſagt, nur drei, die ſie in einem großen, alten, eichenen Wandſchranke fan⸗ den, in welchem ſie außerdem auch noch ein wenig Salz, gemahlenen Kaffee, Oel und eine kleine Quan⸗ tität Schweineſchmalz entdeckten,— lauter Schätze, die ſie in ihrer jetzigen Lage nicht gegen ihr Gewicht in purem Golde vertauſcht haben würden. „Das Schmalz kommt uns ſehr gelegen,“ ſagte Jaques vergnügt, indem er es in einem Schubkaſten gewahr wurde. „Gewiß, ſehr gelegen,“ antwortete der Großvater ebenfalls erfreut.„Aber wir dürfen es nicht für die Küche verwenden, ſondern muͤſſen es für den Fall auf⸗ bewahren, daß unſer geringer Oelvorrath zu Ende geht. Oder moͤchteſt du lieber gut eſſen und im Finſtern ſitzen, anſtatt Licht bei karger Koſt zu haben. 1 5³ „Ich ziehe das Letztere vor,“ antwortete Jaques ohne Beſinnen.„Es iſt gar zu traurig, immer von Nacht eingehüllt zu ſein!« Das Schmalz wurde alſo bei Seite geſchoben, und die Durchſuchung des großen Schrankes fortgeſetzt. Le⸗ bensmittel indeß fanden ſich nicht mehr vor, dagegen entdeckte die taſtende Hand Jaques' einen Schatz, der ſeinen Großvater mit der lebhafteſten Freude erfüllte, nämlich ein altes, ganz beſtäubtes und mit Spinnen⸗ weben überzogenes Buch, das Buch von der Nachfolge Chriſti, wie Jaques auf dem Titel las, als er es auf⸗ ſchlug. „Oh, mein Sohn,“ rief der Großvater aus, als er den Titel hörte,„das iſt der beſte Freund, der uns in unſerer Abgeſchiedenheit beſuchen kann! Das Buch von der Nachfolge Chriſti iſt recht ein Buch für alle Lei⸗ denden und Unglücklichen! Es lehrt uns, daß es nur Ein Uebel gibt, nämlich: Gott zu vergeſſen,— und nur Ein Glück, das iſt: Gott zu lieben! Du ſiehſt, mein Kind, obgleich einſam, ſind wir doch nicht verlaſſen! Schon haben wir Manches gefunden, den Leib zu nähren, und jetzt beſitzen wir auch die köſtlichſte Nahrung fuͤr unſere Seele! Nichts fehlt uns, wenn wir nur einen guten Gebrauch davon zu machen ver⸗ ſtehen. Gewiß, mein lieber Sohn, dieſes Buch wird uns noch manchen Troſt, noch manche Stärkung und Ermuthigung zu Theil werden laſſen!“ Das Buch wurde ſorgfältig bei Seite gelegt, um in geeigneten Stunden wieder hervorgeſucht zu werden. Der Reſt des Tages verging in fortgeſetzten Nachfor⸗ ſchungen, ohne jedoch irgend eine neue Entdeckung von Wichtigkeit herbeizuführen. Dennoch waren unſere ar⸗ 54 men Freunde zufrieden mit den wenigen aufgefundenen Schätzen, und begaben ſich ſehr zufrieden mit dem voll⸗ brachten Tagewerke zur Ruhe. Ihr Bett war hart, obgleich breit genug, um ihnen hinreichenden Raum zu gewähren. Sie beſaßen nur Eine Decke, und die Stelle der Matratze mußte ein großer Strohſack erſetzen. Den⸗ noch ruhten ſie ſanft darauf, denn ihre Herzen waren von Dank gegen Gott erfüllt, von deſſen immer wa⸗ cher, väterlicher Liebe ihnen heut ſo mancher Beweis zu Theil geworden war. Beim Erwachen des nächſten Tages,— es war der ſiebenundzwanzigſte November,— fanden ſie, daß es noch immer nicht zu ſchneien aufgehört hatte. Wolke auf Wolke rieſelte vom Himmel nieder, und immer dichter und höͤher häufte ſich der Schnee auf den Ber⸗ gen an, die in Folge deſſen mit jeder Stunde ungang⸗ barer wurden. Je höher der Schnee ſtieg, deſto tiefer mußten die Hoffnungen der armen Eingeſchloſſenen fal⸗ len, durch den Beiſtand der Nachbarn im Dorfe drun⸗ ten aus ihrer traurigen Lage befreit zu werden, und ſelbſt Jaques, der noch immer insgeheim einen ſchwa⸗ chen Hoffnungsſchimmer genährt hatte, mußte ihn end⸗ lich ganz und gar ſchwinden laſſen. Die Stunden ſchlichen ihnen in trübem Sinnen dahin, und eine ſo niederſchlagende Traurigkeit bemächtigte ſich des Kna⸗ ben, daß der Großvater die Nothwendigkeit einſah, auf Mittel zu ſinnen, ihn aufzuheitern und die traurige Gegenwart vergeſſen zu machen. Beſchäftigung, gei⸗ ſtige oder leibliche, ſchien ihm der ſicherſte Weg zur Er⸗ reichung dieſes Zweckes. Er plauderte mit ihm, gab ihm Räthſel, oder noch öfter, Rechnenexempel auf, de⸗ ren Löſung Jaques mit alleiniger Hülfe ſeines Gedächt⸗ hieran noch nicht gedack und im erſten Augen niſſes finden mußte, und, wenn er ermüdete, ſo erzählte er ihm manches Intereſſante aus den reichen Erfahrun⸗ gen ſeines langen Lebens oder aus guten Büchern, die er ineden letzten Jahren, wo er vor Altersſchwäche nicht mehr arbeiten konnte, geleſen hatte. Der Groß⸗ vater wußte gut und angenehm zu erzählen, und Ja⸗ ques hörte ihm voll Aufmerkſamkeit zu. Unmerklich half ihm der Großvater auf dieſe Weiſe über manche trübe Stunde hinweg, und außerdem zog Jaques man⸗ chen wirklichen und dauernden Nutzen aus dieſen Unter⸗ haltungen. Sein noch jugendlicher Geiſt bereicherte ſich mit Kenntniſſen, die ihm unter anderen Verhältniſſen vielleicht immer fremd geblieben wären, und außerdem erlangte er mit der Zeit eine Fertigkeit im Kopfrechnen, die den Großvater und ſogar ihn ſelbſt überraſcht. In ſolcher Weiſe verſtrichen einige Tage, und der Großvater glaubte nun, daß er bei der aufgeheiterten Stimmung ſeines Enkels ihn auf einen Umſtand auf⸗ merkſam machen könne, der ebenſo nothwendig und un⸗ vermeidlich, als leider auch ſchmerzlich war. Wie ſchon erwähnt, beſaßen die armen Verbannten nur einen ge⸗ ringen Vorrath von Lampenöl. Wenn ſie, wie bisher, die Lampe während zwölf Stunden des Tages brennen ließen, ſo mußte das Oel binnen einem einzigen Mo⸗ nate verzehrt ſein, und ſie ſahen ſich dann in die trau⸗ rige Nothwendigkeit verſetzt, die ganze übrige Zeit ihrer Gefangenſchaft im Dunkeln zubringen zu müſſen. Das durfte nicht geſchehen, es mußte vermieden werden, und eines Tages machte der Großvater dem hoch auf⸗ horchenden Jaques über dieſen ſchwierigen Punkt die nöthigen Mittheilungen. Jaques erſchrak, denn er hatte blicke 8 56 kam es ihm entſetzlich vor, das freundliche, tröſtende Licht der Lampe entbehren zu ſollen. Ein kurzes Nach⸗ denken überzeugte ihn jedoch, daß die Beſorgniß des Großvaters ſehr begründet und eine Beſchrän im Verbrauche des koſtbaren Oeles höchſt nothwendig ſei. Er fügte ſich alſo mit ziemlicher Faſſung in das Un⸗ vermeidliche, und nach reiflicher Ueberlegung wurde be⸗ ſchloſſen, daß man künftig die Lampe nur drei Stun⸗ den des Tages brennen, und während der übrigen Stunden ſich mit dem ſchwachen Lichte, das am Herd⸗ feuer ausſtrahlte, begnügen wolle. So geſchah es. Die Lampe wurde bei Seite ge⸗ ſetzt, und der Großvater verdoppelte ſeine Bemühun⸗ gen, dem Knaben dieſen betrübenden Umſtand vergeſſen zu machen. Er erzählte ihm ſeine intereſſanteſten Ge⸗ ſchichten, plauberte über Alles mit ihm, was ſeinen Geiſt feſſeln und anregen konnte, unterhielt ihn von ſeiner verſtorbenen Mutter, ſeinem Vater, ſeinen Ge⸗ ſchwiſtern, und fand endlich noch eine Beſchäftigung aus, die ihnen manche langweilige Stunde auf ganz angenehme Weiſe verkürzte, ohne daß ſie dabei die Lampe nöthig gehabt hätten. Sie beſaßen Stroh in Fülle vorräthig, ſo daß ſie mit demſelben nicht ſparſam umzugehen brauchten. Der Großvater machte ſeinen. Enkel darauf aufmerkſam, daß ſie daraus Schnüre und breitere oder ſchmälere Bänder flechten könnten, die zu verſchiedenem Gebrauche dienlich wären, und Jaques ging mit Lebhaftigkeit auf dieſen ihm ſehr willkomme⸗ nen Vorſchlag ein. Ohne Zögern holte er ein Bund Stroh herbei, und ſetzte ſich dicht neben das Feuer auf dem Herde zu den Füßen ſeines Großvaters. Dieſer reichte ihm je nach ſeinem Bedürfniſſe die Strohhalme 3 57 zu und paßte auf, daß nicht etwa Funken auf das Stroh flögen und einen neuen Brand verurſachten. So begann Jaques mit flinken Fingern ſeine Arbeit, die anfänglich zwar ein wenig ungeſchickt ausfiel, ihm aber trotzdem bald Vergnügen gewährte. Es war in der That eine ganz paſſende und ange⸗ nehme Beſchäftigung. Sie verhinderte nicht am Plau⸗ dern, man brauchte kein beſonders helles Licht dabei, und endlich ermüdete ſie nicht. Jaques war herzlich froh, daß der Großvater dieſen Zeitvertreib ausfindig gemacht hatte. Unter ſolchen Beſchäftigungen und Zerſtreuungen kam der Dezember heran, dieſer trübe, finſtere Monat, aus dem nur das liebe Weihnachtsfeſt wie ein glän⸗ zender Stern aus dunkler Nacht erheiternd und erfreuend hervorleuchtet. Jaques trat ihn mit nicht eben freudi⸗ gen Gefühlen an, denn welchen Troſt konnte er, der arme Abgeſchiedene, ſich von den immer kürzer werden⸗ den Tagen, den immer länger dauernden Nächten ver⸗ ſprechen? Dabei fiel noch immer der Schnee in großer Menge herab, ſo daß er nun bereits hoch über das Dach der Sennhütte hinweg ragte und ſie völlig ein⸗ hüͤllte, wie die Erde einen Sarg. Jeden Morgen mußte Jaques durch den Schornſtein auf das Dach hinauf ſteigen, um die Klappe des Kamines frei zu erhalten, weil die armen Gefangenen ſonſt weder friſche Luft hätten ſchöpfen, noch auch Feuer hätten anzünden kön⸗ nen, deſſen Rauch ſie, wenn der Abzug verſchloſſen ge⸗ weſen wäre, erſtickt haben würde. „Unſere Lage iſt allerdings nicht die angenehmſte,“ ſagte der Großvater eines Tages, als Jaques mit be⸗ trübter Miene durch den Schornſtein zurückkehrte,— 58 „aber immerhin iſt ſie noch bei weitem der Lage eines Gefangenen im Kerker vorzuziehen, der vielleicht ſeine Einſperrung ſo wenig verſchuldet hat, als wir. Wir haben Feuer, und, einige Stunden des Tages wenig⸗ ſtens, auch wir erfreuen uns in unſerem Gefäng⸗ i een Freiheit, und können uns auf man⸗ ch unſerem Belieben zerſtreuen, was glücklichen Eingekerkerten zwiſchen ſeinen düſteren auern nicht geſtattet iſt. Wir brauchen nicht Korgen das Eindringen eines mißtrauiſchen, viel⸗ arten und grauſamen Kerkermeiſters zu fürchten! herdieß ſind die Leiden, die Gottes unerforſch⸗ Wille auferlegt, nie ſo bitter, als die Leiden, für wir die Ungerechtigkeit der Menſchen anklagen zu glauben. Endlich, mein Kind, und dieß iſt, oder ſcheint mir wenigſtens, der größte Vorzug unſerer Lage, endlich ſind wir nicht allein, ſondern können uns gegenſeitig tröſten, ermuntern, aufheitern und Muth zuſprechen. Ich will damit nicht ſagen, daß ich nicht lieber hätte, du wäreſt daheim bei deinem Vater in Sicherheit! Aber da es Gott einmal ſo gefügt hat, daß du hier biſt, ſo finde ich in deiner Gegenwart einen wahren Troſt und eine unendliche Beruhigung. Selbſt Blanchette trägt das Ihrige dazu bei, unſere Gefan⸗ genſchaft minder ſchmerzlich zu machen, und es wäre mir ſehr betrübend, wenn ich ſie miſſen ſollte, nicht allein wegen der Milch, die ſie uns liefert, ſondern auch und hauptſächlich, weil ihre Geſellſchaft meinem Herzen Freude macht und mir zur Zerſtreuung dient.“ »Du haſt wohl Recht, Großvater, ich ſehe es ein,« erwiederte Jaques.„Unſer Loos iſt wirklich nicht ganz ſo traurig, wie ich wohl manchmal geglaubt habe. G⸗ 59 theilte Freude iſt doppelte Freude, getheiltes Leid nur halbes Leid. Jetzt, da du mich darauf aufmerkſam ge⸗ macht haſt, verſtehe ich erſt, warum die arme Blan⸗ chette immer ſo traurig meckert, wenn wir ſie nach dem Melken einſam in ihrem Stalle zurücklaſſen. Das arme Thier grämt ſich und ſehnt ſich nach Geſellſchaft. Warum holen wir ſie nicht herüber, Großvater? Sie kann ja in irgend einem Winkel untergebracht werden, und die Küche iſt groß genug, daß wir dadurch nicht beengt ſind. Sie freuet ſich gewiß ſehr, wenn wir ſie bei uns aufnehmen, und wer weiß, ob ſie nicht aus Dankbarkeit mehr und beſſere Milch hergibt? Soll ich Anſtalten treffen, ſie zu holen, Großvater?« „Ich habe ganz und gar nichts dagegen,“ erwiederte der Greis lächelnd;„vielmehr glaube ich ſelbſt, daß dein Einfall vortrefflich iſt.“ Jaques bedurfte nur dieſer Zuſtimmung des Groß⸗ vaters, um ſogleich an's Werk zu gehen, und die nöthi⸗ gen Vorbereitungen zu treffen. Er brachte in einem Winkel der Küche, wo es, ſeiner Meinung nach, am wenigſten beläſtigte, eine kleine Krippe an, die er mit einigen großen, hölzernen Zapfen an der Mauer befe⸗ ſtigte und mit ein paar Pfählen ſtützte, und dann eilte er in den Stall hinüber, um Blanchette in ihre neue Wohnung einzuführen. Es war wirklich rührend, die Freude des armen Thieres über dieſe willkommene Veränderung zu ſehen. Sie ſprang luſtig in der Küche umher, meckerte vor Vergnügen, und uͤberhäufte Jaques und den Großvater mit ſo ſtürmiſchen Liebkoſungen, daß dieſelben auf die Dauer läſtig zu werden drohten. Der Großvater meinte jedoch, daß ſich dieß mit der Zeit ſchon geben wurde, Seiten zurückdrücke!« und ließ ſie gewähren. In der That legte ſich Blan⸗ chette endlich ganz ſtill und ruhig in ihren Winkel nie⸗ der, und nur ihre großen ſanften Augen, die ſie dank⸗ bar auf ihre Wohlthäter gerichtet hielt, ſtrahlten noch die innere Freude und Zufriedenheit aus, welche ſie be⸗ ſeelten. „Du ſiehſt, Jaques,“ ſagte der Großvater lächelnd, indem er auf die Ziege deutete,„daß du ein gutes Werk gethan haſt: es ſchlägt ein glückliches Herz mehr in unſerer armen, kleinen, vereinſamten Hütte!“ Nach mehreren Tagen, am dritten Dezember, als Jaques wie gewöhnlich auf das Dach ſtieg, um den Schnee von der Klappe fortzuſchaufeln, gewahrte er endlich mit Entzücken den blauen Himmel über ſich, und die helle, ſtrahlende Sonne, die wolkenlos aus der Höhe hernieder glänzte. Es hatte aufgehört zu ſchneien, und die Luft war trocken und rein. Die weite Schneefläche, welche blitzend die Sonnenſtrahlen zurückwarf, blendete Jaques' Augen, aber dennoch verweilte er länger als gewöhnlich auf dem Dache, und freute ſich der weiten Ausſicht, die ſich vor ihm eröffnete. Gern hätte er auch dem Großvater wieder einmal nach ſo langer, dunkler Nacht den Anblick der Sonne gegönnt, aber ihm war es unmöglich, das Dach zu erklettern, und jeder andere Ausweg durch Thür oder Fenſter war ihm durch ungeheure Schneemaſſen verſchloſſen. Da fiel dem Knaben plötzlich ein guter Gedanke ein. „Wie,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,—„wie, wenn ich dem Großvater einen Weg mit der Schaufel durch den Schnee zu bahnen verſuchte? Es muß gehen, wenn ich allmälig aufwärts dringe, und den Schnee zu beiden 61 Ganz erfüllt und entzückt von dieſem Gedanken, eilte Jaques wieder nach unten, und trug nicht das geringſte Bedenken, dem Großvater ſeinen Einfall mit⸗ zutheilen. Dieſer meinte zwar, die Anſtrengung würde für den Knaben zu groß ſein, aber Jaques wollte da⸗ von nichts hören, ſondern ſchritt unverzüglich zum Werke. Als er die Hausthür öffnete und die weiße Schnee⸗ wand ihm entgegenſtarrte, fing er freilich an zu ahnen, daß ſein Vorhaben nicht ganz ſo leicht auszuführen ſei, als er in der erſten Gluth des Eifers geglaubt hatte; aber der Gedanke, ſeinem geliebten Großvater einen Dienſt zu leiſten, beſeelte ihn wieder mit friſcher Kraft, und rüſtig begann er ſeinen Angriff auf die mächtige Schneewand. Den ganzen Tag arbeitete Jaques unermüdlich fort, und würde ſelbſt am Abende noch nicht aufgehört ha⸗ ben, wenn der Großvater ihm nicht Einhalt gethan hätte. Am nächſten Morgen begann er von Neuem be⸗ reits in aller Frühe; denn geſtern ſchon war er über⸗ zeugt worden, daß er ein ziemlich ſchwieriges Werk unternommen habe, welches ununterbrochenen Eifer und den beſten Willen, es zu Ende zu führen, vorausſetzte. Jaques ließ nicht nach, und drang weiter und weiter im Schnee vor, indem er Schritt für Schritt eine Art von Tunnel durch ihn höhlte. Zum Glück für ihn war der Schnee weder ſehr feſt, noch auch zu locker. Er war aber feſt genug, um nicht nachzurutſchen, wenn er über ſeinem Kopfe eine Schaufel voll weg nahm; und eben locker genug, uffic rechts und links auf den Seiten zuſammendrücken zu laſſen. Jaques brauchte den Schnee nicht auszuwerfen und fortzuſchleppen, ſon⸗ dern preßte ihn ganz einfach nur auf die Seite, und 6² dieß erleichterte ihm ſeine Arbeit natürlich um ein Be⸗ deutendes. Endlich, am dritten Tage nach dem Beginne ſeines ſchwierigen Unternehmens, drang Jaques durch, der Weg war eröffnet, und der Großvater konnte auf ihm in's Freie hinausgehen. Mit freudeſtrahlendem Geſicht brachte Jaques dieſe Botſchaft dem Großvater, und forderte ihn auf, ſeinen Tunnel in Augenſchein zu neh⸗ men. Der Grobßvater zeigte ſich bereit, und Jaques unterſtützte ihn auf der einen Seite, während der Greis ſich mit der Linken auf eine Art von Geländer ſtützte, welches Jaques in Berückſichtigung des kranken Fußes weislich angebracht, und mit dem einen Ende am Hauſe, mit dem anderen an einem tief in den Schnee getrie⸗ benen Pfahl befeſtigt hatte. Obgleich der Tag düſter und der Himmel mit Wol⸗ ken bedeckt war, empfand der Großvater doch eine mit Wehmuth gemiſchte Freude, als er den Ausgang des nicht langen Tunnels erreichte, und die weite Schnee⸗ fläche, die ſchwarzen Stämme der Fichten in der Tiefe, die fliegenden Wolken erblickte. Aber nur zu bald ge⸗ wannen traurige Gefühle wieder die Oberhand. Im Grunde genommen war der Anblick für ihn kein erfreu⸗ licher. Das Auge ſah nichts, als kalte, ſtarre Oede, und das tiefe Schweigen des Todes ſchien über der lebloſen Fläche zu ruhen. Nichts unterbrach die trau⸗ rige Einförmigkeit der winterlichen Gegend. Nur ein Raubvogel ſchwebte in einiger Entfernung durch die Lüfte, wiegte ſich in weit gezogenen Kreiſen, ſtieß dann plötzlich einen rauhen Schrei aus, ſchoß pfeilſchnell in das Thal hinab, und verſchwand in der Richtung nach dem Dorfe, wo die heimathliche Hütte der Verbannten lag. 63 Mit einem Seufzer blickte der Großvater ihm nach. „Unſere heidniſchen Vorfahren,“ ſagte er,„würden das Erſcheinen dieſes Raubvogels, ſeinen Schrei, die Rich⸗ tung ſeines Fluges als eine Vorbedeutung zum Guten oder zum Schlimmen genommen und entweder Befürch⸗ tungen oder Hoffnungen aus dieſen Anzeichen gefolgert haben. Und wir? Werden wir einmal der Richtung folgen, die dieſer Adler einſchlug? Gott allein weiß es, und er iſt zu gut und zu weiſe, als daß er den Schleier der Zukunft vor unſeren Augen lüften ſollte! Komm, komm, mein lieber Jaques, und laß uns mit Geduld erwarten, was der Allmächtige über uns beſchloſſen hat. Ich danke dir herzlich für alle Mühe, die du dir mei⸗ netwegen gegeben haſt! Ein anderes Mal, denk, ich, werde ich die Früchte deiner Anſtrengung mit froherem Herzen genießen!“ Sie kehrten in die Hütte zurück, wider alle Erwar⸗ tung traurig und niedergeſchlagen. Kam dieß vielleicht daher, daß ſie, obgleich ſie ihre Hütte nach Belieben verlaſſen konnten, dennoch nicht minder arme, einſame, verlaſſene Gefangene waren, wie früher? So viel iſt gewiß, daß ſie im Verlaufe dieſes Tages ſtill und ſchweigſam blieben, und die ruhige Heiterkeit ihrer Seele nicht wieder zu gewinnen vermochten. Unaufhöͤrlich ſchweiften ihre Gedanken hinab in das Thal und in ihre heimathliche Hütte, und ſie beneideten den Vogel um ſeine Schwingen, die ihn ſo leicht über alle Hinder⸗ diſß. die für ſie unbeſieglich waren, hinweggetragen atten. * * x * 64 Sechstes Kapitel. Die Wölfe. Am folgenden Morgen hatten unſere Freunde ihre in Gott ergebene Faſſung ſo weit wiedererlangt, daß ſie auf neue Pläne zu größerer Annehmlichkeit ihrer von aller Welt abgeſchiedenen Einſamkeit denken konn⸗ ten. Der Großvater machte den Vorſchlag, das Fenſter vom Schnee frei zu machen, und Jaques ging mit Leb⸗ haftigkeit auf dieſen Plan ein, obgleich dieſe Arbeit noch viel ſchwieriger war, als einen Tunnel durch den Schnee zu bahnen. Bei dem Tunnel brauchte er den Schnee nur auf die Seite zu ſchieben; vom Fenſter aber mußte er ihn entfernen, um dem Lichte freien Zutritt zu verſchaffen. Gleichwohl ging er muthig auch an dieſes Werk, und litt es nicht, daß der Großvater ihm dabei Beiſtand leiſtete, um ſeine koſtbare Geſundheit nicht zu gefährden. Annſtatt einen Tunnel zu graben, bohrte er alſo von oben her einen Schacht in den Schnee, und ſuchte auf dieſe Weiſe bis zum Fenſter vorzudringen. Das ging natürlich langſam, denn er mußte die Grube förmlich 3 ausſchaufeln, und durfte ſie auch nicht zu klein im Um⸗ fange machen, damit ſie nicht von der erſten beſten Schneewehe wieder ausgefüllt würde. Am Abend des erſten Tages war er noch kaum bis auf einen Fuß unter dem Dach vorgerückt, und konnte ſo ziemlich be⸗ rechnen, daß er bis zur Vollendung ſeines Werkes füg⸗ lich noch drei bis vier Tage gebrauchen würde. Doch * 6⁵5 dieß ſchreckte ihn nicht. Vielmehr griff er am folgen⸗ den Tage die Arbeit mit friſchem Muthe an, und ſchau⸗ felte mit einem Eifer, der ihn leider ſelbſt der Vorſicht vergeſſen ließ. Indem er den Schnee aus der Grube 8. warf, häufte ſich derſelbe am oberen Rande allmälig zu einer Art von Walle an, und der Großvater warnte Jaques, dieſen Wall nicht allzuhoch aufzuwerfen, da⸗ mit er nicht das Uebergewicht bekomme und über ihm zuſammenſtürze. Jaques, in ſeinem Eifer, dachte nicht wieder an dieſe Warnung, und plötzlich trat ein, was der Großvater befürchtete, nämlich der lockere Schnee gab dem Gewichte des hoch aufgethürmten Walles nach, die eine Seitenwand der Grube brach zuſammen und unſer Jaques wurde von einer Schneemaſſe begraben, die ihn bis über den Kopf hin bedeckte. Zwar gelang es ihm, den Kopf wenigſtens ſchnell wieder frei zu machen und ſich ſo vor dem Erſtickungstode zu retten, aber alle Anſtrengungen, ſich weiter durchzuarbeiten, zeigten ſich fruchtlos. Nicht einmal die Arme brachte er aus dem Schnee heraus, und nachdem er ſich eine Weile vergebens abgemüht hatte, blieb ihm zuletzt doch nichts weiter übrig, als den Großvater um Huͤlfe zu rufen. Zum Glück hatte der Einſturz der Wand eine Breſche gemacht, durch welche der alte Mann, wenn auch mit großer Beſchwerde, von der Seite des Tun⸗ nels her in die Grube eindringen konnte. Er ſchau⸗ felte den Schnee ein wenig zur Seite, und als Jaques erſt den einen Arm frei hatte, wurde es ihm nicht mehr ſchwer, ſich vollends aus der kalten, preſſenden Umar⸗ mung des Schnee's loszureißen. Frei war er wieder, aber leider mußte er nun die Bemerkung machen, daß der Einſturz der Schneewand faſt die ganzen Früchte 8 Im Schnee begraben. 9 66 ſeiner bisherigen Anſtrengungen vernichtet hatte, und daß er beinahe wieder von vorn anfangen müſſe. „Du ſiehſt, man darf nie die Vorſicht außer Acht laſſen,“ ſagte der Großvater mit ſanftem Vorwurfe. „Gewiß, Großvater, ich bin ein Thor geweſen,“ gab Jaques zur Antwort.„Aber der Vorfall ſoll mir zur Warnung dienen, und morgen will ich's ſchon klü⸗ ger anfangen.“ Jaques hatte gut rechnen. Als er am folgenden Morgen die ſo rauh unterbrochene Arbeit wieder auf⸗ nehmen wollte, ſchneite es, und er mußte die Schaufel ruhen laſſen. Den ganzen Tag hindurch fiel der Schnee in großen Flocken, und außerdem wehte ein häßlicher kalter Wind. Er blieb alſo in der Hütte, nahm ſeine Strohflechtereien wieder vor, melkte die Ziege, bereitete dem Großvater ſein einfaches Eſſen, und hoffte, daß es mit der Nacht zu ſchneien aufhören würde. Er täuſchte ſich. Als er am andern Tage den Kopf in's Freie hinausſtreckte, brauste ihnd mit eiſigem Hauche ein wüthender Sturmwind entgegen, und ſchleu⸗ derte ihm mit ſolcher Heftigkeit die Schneeflocken in's Geſicht, daß er ganz geblendet zurückfuhr, und kaum ſo viel Beſonnenheit hatte, die Klappe des Schornſteins wieder zuzuſchließen. „Heiliger Gott, habe Erbarmen mit uns!“ rief er aus, als er zum Großvater zurückkehrte.»Dieß iſt das fürchterlichſte Unwetter, das wir ſeit unſerer Gefangen⸗ ſchaft erlebt haben!!. In der That, Jaques hatte noch nicht erfahren, was ein Orkan auf den Berghöhen zu bedeuten hat, aber jetzt ſollte er es gewahr werden. 5* Der Sturm war fürchterlich. Trotz der dicken Lage 67 Schnee, welche die Hütte ringsum einhüllte, drang ſein Brauſen und Heulen in das Innere derſelben, und er⸗ füllte das Herz des zagenden Knaben mit Schrecken und Entſetzen. Bei einem Verſuche, die Thür zu öff⸗ nen, ſahen unſere Freunde mächtige Schneewolken mit wüthender Schnelligkeit durch die Lüfte wirbeln, und der Sturm drang mit ſolchem Ungeſtüm in das Innere der Hütte ein, daß ſie hurtig die Thür wieder ſchließen mußten. Mit Noth und Mühe gelang ihnen dieß, denn der Orkan war faſt ſtärker als ihre vereinten Kräfte, und brauste gerade gegen die Thür an. Un⸗ möglich zeigte es ſich ferner, die Klappe wieder zu öff⸗ nen. Sohbald ſie nur ein wenig gelüftet wurde, fuhr der Wind heulend wie ein wildes Ungethüm durch den Schornſtein herunter und jagte ganze Wolken von Schnee vor ſich her. Alles mußte ſorgfältig verſchloſ⸗ ſen bleiben, und in Folge deſſen ſahen unſere Gefan⸗ genen ſich gezwungen, das Feuer auf dem Herde aus⸗ zulöſchen, um nicht vom Rauche, der nirgends eine Oeffnung zum Abziehen fand, erſtickt zu werden. So ſaßen ſie nun mehrere Stunden lang in voll⸗ kommener Finſterniß und lauſchten mit bangem Herzen auf das Toben der mächtig aufgeregten, wild empörten Naturkräfte. Jaques zitterte bei den immer wiederhol⸗ ten, furchtbaren Stößen, und klammerte ſich ängſtlich an den Großvater an, welcher einige Mühe hatte, ihn zu zerſtreuen und ſeine Beſorgniſſe zu beſchwichtigen. Um ſeine Aufmerkſamkeit von dem Unwetter abzulen⸗ ken, ließ er ihn die Ziege melken und andere kleine Beſchäftigungen vornehmen, und vertröſtete ihn endlich auf die ewige Liebe und Barmherzigkeit Gottes. „Was fuͤrchteſt du denn, Jaques?« ſihe er»Die⸗ 68 ſelbe Macht, die dir heute ſo ſchrecklich vorkommt, iſt und bleibt immer nichts, als ſtets nur die ewige Güte. Waͤhrend ſie Himmel und Erde in vernichtendem Zorne zertrümmern zu wollen droht, dienen alle dieſe Stürme der ewigen Weisheit nur zu einem Mittel, aus dem ſcheinbaren Chaos eine neue Schöpfung hervorgehen zu laſſen. Sie häuft Maſſen von Schnee auf unſeren Bergen auf, um ſie im Frühlinge als befruchtende Quellen und Bäche in die Thäler herabſtrömen zu laſ⸗ ſen, und unſere Wieſen, unſere Aecker, die ganze Vege⸗ tation zu neuem Leben zu erwecken. Ohne dieſen un⸗ verſieglichen Born der Fruchtbarkeit, der hauptſächlich und faſt allein durch die Schneemaſſe genährt wird, würde das Gras nicht ſproſſen, keine Blume würde dich durch ihre Farbe und ihren Duft erfreuen, und unſere geſegneten Thäler, unſere grünen Matten und Felder wuͤrden ſich in eine unfruchtbare Wüſte verwan⸗ deln. Darum fürchte nichts! Auch in dieſen Unge⸗ wittern offenbart ſich die Guͤte und Herrlichkeit Gottes, und Segen träufelt da, wo du nichts als Zerſtörung und Schrecken ſiehſt.“« Jaques Aufregung wurde durch dieſe Worte des Großvaters einigermaßen beſchwichtigt, und mit gemin⸗ dertem Schrecken horchte er auf das dumpfe Getoͤſe des Orkans, das ohne Unterbrechung die zitternden Lüfte erfüllte. Plötzlich erſchütterte ein mächtiger Schlag die ganze kleine Hütte bis in ihre Grundfeſten, und die Thüre krachte und knackte, als ob ſie in tauſend Stücke zer⸗ bräche, ſo daß ſelbſt der Großvater unwillkürlich er⸗ ſchreckt in die Hoͤhe fuhr.. 69 „Was war das?“ fragte Jaques zitternd.„Bricht die Hütte über unſerem Kopfe zuſammen?“ »„Ich hoffe, nein,“ erwiederte der Großvater mit ſchnell wiedergewonnener Ruhe.„Zünde die Lampe an, mein Kind. Wir werden gleich ſehen, was geſche⸗ hen iſt.« Jaques gehorchte. Als die Lampe brannte, öffnete der Großvater die Thür, und fand ſie von außen ver⸗ ſchüttet, wie ſie früher geweſen war, ehe Jaques den Tunnel durch den Schnee gegraben hatte. „Das dacht' ich mir!“ ſagte er.„Die Arbeit dei⸗ ner Hände iſt zerſtört, mein Sohn, der Gang iſt ein⸗ geſtürzt, und wir müßten von vorn anfangen, wenn wir wieder in's Freihe hinaus gehen wollten. Aber gräme dich nicht, ſondern bedenke lieber, was uns hätte geſchehen können, wenn unſere Hütte nicht gänzlich ein⸗ geſchneit wäre. Der Schnee hüllt ſie ein, wie ein ſchützender Wall. Ohne dieſen Wall würde ſie kaum dieſem Unwetter und den Stößen des Orkans Wider⸗ ſtand haben leiſten können. So iſt alſo dieſe Schnee⸗ fülle, die uns als ein Uebel erſchien, wieder nur eine Segnung, für die wir Gott dankbar ſein müſſen, denn ſie hat uns vor großer Gefahr, vielleicht vor dem Tode geſchützt.« Bis zum Abend hielt der Sturm an und dauerte noch fort, als unſere armen Freunde ſich auf ihren Strohſack niederkauerten, um nach den erſchöpfenden Gemüthsbewegungen des Tages einige Stunden ruhi⸗ gen Schlaf zu ſuchen. Trotz dem Unwetter ſchlummer⸗ ten ſie, dicht an einander geſchmiegt, auch wirklich ein, und am anderen Morgen ſchien es, als ob die Hef keit des Sturmes ein wenig nachgelaſſen haben 70 konnten aber nicht genau beurtheilen, ob es wirklich der Fall ſei, oder ob nicht vielleicht der Schnee ſich ſo hoch uͤber der Hütte angehäuft hatte, daß die ungeheure Maſſe den Schall dämpfte. Sie verſuchten die Klappe ein wenig zu öffnen, aber ſie widerſtand ihren ange⸗ ſtrengteſten Bemühungen. Fenſter, Thür, Alles zeigte ſich bei genauer Unterſuchung wieder gänzlich verſchneit, und nirgends zeigte ſich eine Möglichkeit, nur eine kleine Oeffnung durch den Schnee zu machen, um den Rauch nach außen hin abzuleiten. Die Armen mußten auch dieſen Tag ohne Feuer zubringen, und konnten höchſtens ein paar Kienäpfel anzünden, um ſich ein wenig Licht und Wärme zu verſchaffen. Die trockenen Kienaͤpfel gaben nicht viel Rauch, aber freilich auch nur wenig Hitze, und hielten überhaupt nicht lange vor. Indeß war es doch erquickend, von Zeit zu Zeit ihre helle Flamme zu ſehen, welche luſtig aufflackerte und ein paar Minuten hindurch das Innere der Hütte mit glänzendem Scheine erleuchtete. Leider durfte das Spiel nicht zu oft wiederholt werden. Der Vorrath war nicht groß, und der Winter noch lang. Im Ganzen genom⸗ men, brachten unſere Einſiedler einen traurigen und langweiligen Tag zu, und die ſonſt ſo flüchtigen Stun⸗ den ſcienen heute bleierne Flügel zu haben. Am eilften Dezember wachte Jaques von Froſt ge⸗ ſchüttelt auf, der ihn bis auf die Knochen durchkältete. Obgleich die Hütte ganz und gar, vom Grunde an bis über das Dach hinaus, vom Schnee, wie von einem wärmenden Mantel umgeben und eingehüllt war, drang die Kälte dennoch trotz dieſer ſchützenden Decke hinein, und der Großvater ſchloß daraus, daß ſie einen unge⸗ wöhnlich hohen Grad erreicht haben müſſe. Er und 7 71 Jaques zitterten vor Froſt, und doch beſaßen ſie kein Mittel, ſich zu erwärmen, außer daß ſie ſich ſo viel wie möglich körperliche Bewegung machten. Noch immer durften ſie nicht wagen, Feuer anzuzunden, um nicht in Rauchwolken zu erſticken, und ſie befanden ſich daher in einer äußerſt unbehaglichen Lage. Auch Blanchette ſchien ſich ſehr ſchlecht zu befinden und in der übelſten Laune zu ſein. Sie meckerte auf die kläglichſte Weiſe und ließ ſich ſelbſt durch Jaques' Liebkoſungen nicht beſchwichtigen. Dieſer Tag wollte den armen Gefan⸗ genen faſt noch trauriger vorkommen und noch endloſer dünken, als der vorige. Sie fühlten ſich wie im Grabe, und ein tiefes, ſtilles Grab ſchien auch wirklich die arme, kleine, gänzlich verſchneite Hütte zu ſein, zu wel⸗ cher kein Geräuſch von der Außenwelt her mehr ein⸗ drang. Es gehörte große Seelenſtärke dazu, in ſolcher Lage nicht allen Muth und alle Hoffnung zu verlieren, und ſich nicht ohne Widerſtand der ſchwärzeſten Me⸗ lancholie, der tiefſten Traurigkeit hinzugeben. Aber der Großvater beſaß zum Glück dieſe Seelenſtärke, und wußte ſie auch ſeinem Enkel einzuflößen. Kein Wort der Klage, kein Seufzer kam über ſeine Lippen, und Jaques wollte nicht weniger muthig, nicht weniger aus⸗ harrend ſein, als der gebrechliche, kranke Greis, der ihm ein ſo vortreffliches Beiſpiel gab. Noch ein Tag oder zwei vergingen in dieſer Ein⸗ förmigkeit, ohne eine bemerkenswerthe Unterbrechung zu bringen, bis unſere Freunde endlich durch ein ganz be⸗ ſonderes Ereigniß von Neuem in nicht gexingen Schrecken verſetzt werden ſollten. Jaques war eines Morgens eben damit beſchäftigt, die Ziege zu melken, während der Großvater ſich bemühte, ., 72 ein kleines Herdfeuer von Kienäpfeln anzuzünden, als lanchette auf einmal die Ohren ſpitzte, auf ein unge⸗ wöhnliches Geräuſch von außen her zu horchen ſchien, und an allen Gliedern heftig zu zittern anfing. »Was haſt du denn vor, Blanchette?« ſagte Ja⸗ ques, den das ungewöhnliche Benehmen der Ziege ſo⸗ gleich auffallen mußte.„Was haſt du vor?“ wieder⸗ holte er, und ſuchte ſie durch Liebkoſungen zu beruhigen. „Was erſchreckt dich? Halt' ſtill, mein Thierchen, es geſchieht dir nichts!« Blanchette, anſtatt ruhiger zu werden, gab vielmehr neue Zeichen des Schreckens und der Furcht zu erken⸗ nen, indem ſie mit ſichtlicher Angſt ſich an Jaques an⸗ chmiegte und klägliche Töne ausſtieß. In demſelben Augenblicke erkannte aber auch Jaques die Urſache ihrer Angſt. Ein wildes, ſchreckliches Geheul wurde hörbar, und ſchien gerade über ſeinem Kopfe zu erſchallen. „Barmherziger Gott, es ſind Wölfe!« rief er aus. „Still, mein Kind! Schweige ganz ſtill, und ſuche auch Blanchette ruhig zu erhalten,“ ſagte der Großva⸗ ter, und kam eilig herbei, um der Ziege eine Handvoll Salz hinzureichen und ſie ſo zu beſchwichtigen.„Es ſcheint mir wirklich ſelbſt ſo, als ob Wölfe über unſe⸗ ren Köpfen wären, und wir müſſen alſo auf unſerer Hut ſein!“„ Obgleich Blanchette das Salz ſehr liebte, drehte ſie in dieſem Augenblicke doch kaum den Kopf danach um, und fuhr fort zu zittern und ſich ängſtlich zu geberden, während von Außen von Neuem das wilde Geheul er⸗ ſcholl und anhaltend fortdauerte. »Keine Frage mehr, es ſind Wölfe,“ ſagte der Großvater mit leiſer Stinme.„Welch' ein Glück, daß 73 unſere Thür verſchüttet und das Fenſter wieder zuge⸗ ſchneit iſt! Ohne dieß würden dieſe Beſtien ſehr bald den Weg zu uns gefunden haben!« »„Aber ſind wir auch jetzt in Sicherheit, Großvater?« fragte Jaques voll Beſorgniß. „Ich hoffe es, obgleich wir jedenfalls auf einen Angriff gefaßt ſein müſſen,“ lautete die Antwort.„Aber ſprich leiſe, und fahre fort, Blanchette zu beruhigen, denn ihr Meckern könnte leicht zum Verräther an uns werden.“ Die Ziege ſchien ſelbſt zu wiſſen, welche Gefahr jeder Laut herbeiführen konnte, denn obwohl ſie noch immer heftig zitterte, unterdrückte ſie doch jedes Ge⸗ ſchrei. Dicht an Jaques geſchmiegt, verhielt ſie ſich ganz ruhig. Der Großvater ſetzte ſich neben den Kna⸗ ben, und legte ſeine Hand auf deſſen Schulter, indem er mit ernſter Miene aber gefaßtem Herzen allen Mög⸗ lichkeiten entgegenſah. Es waren peinliche Minuten, die ſie, eng an ein⸗ ander gekauert, mit Bangigkeit aufhorchend, zubrachten. Das Geheul der Wölfe wiederholte ſich mehrere Mal, und zwei oder drei Mal wurde es ſo ſtark, daß Jaques fürchtete, ſeine letzte Stunde wäre gekommen. „Sie graben ſich einen Weg durch den Schnee,“ flüſterte er ſeinem Großvater zu, indem er ſich ängſt⸗ lich an deſſen Arm klammerte.„Sie werden einbrechen und uns in Stücke reißen!“ „Nicht doch, Kind, nicht doch,“ entgegnete der Groß⸗ vater.„So geſchwind geht das nicht. Ich kann frei⸗ lich nicht in Abrede ſtellen, daß wir uns in einer ziem⸗ lich peinlichen Lage befinden, indeß glaube ich noch nicht, daß ſie wirklich auch mit Gefahr verbunden iſt. Dieſe Wölfe durchſtreifen die Berge, weil allem Vermuthen nach der Schnee auf ſeiner Oberfläche gefroren iſt, aber ſie werden ſchwerlich lange auf den Hoͤhen bleiben, denn in der kalten Jahreszeit ziehen ſie ſtets nach den Ebenen und in die Nähe der Dörfer hinab. Ich ver⸗ muthe, daß nur irgend ein Zufall die Beſtien über un⸗ ſeren Köpfen dahergeführt hat. Sie werden ein Reh oder eine Gemſe verfolgt, das arme Geſchöpf auf die⸗ ſer Stelle erreicht und niedergeriſſen haben, und in die⸗ ſem Augenblicke es zu verzehren im Begriff ſein. Da⸗ her dieß Heulen und Toben, was dich ſo ſehr er⸗ ſchreckt!“. „Aber wenn ſie kämen, Großvater? Wenn ſie durch das Dach oder ſonſtwie eindrängen? Was dann?“ 48 „Ich glaube nicht, daß es geſchehen wird,“ entgeg⸗ nete der Großvater,—„aber wenn es geſchähe, ſo müßten wir eben unſere Maßregeln danach nehmen und uns vertheidigen. Wir haben unſere Meſſer, die Art, die Heugabel und den Feuerhaken. Indeß, wenn ſie auch wirklich unſere Anweſenheit entdeckten, ſo würde es ihnen immerhin nicht leicht ſein, durch das Dach zu brechen, oder das Fenſter zu finden, oder die Klappe im Schornſtein aufzureißen. Bei alledem iſt es ein Glück für uns, daß Sturm und Schneegeſtöber deinen Tunnel eingeſtürzt und das Fenſter wieder verſchüttet haben, und wir können Gott nicht genug danken, daß er uns auf dieſe Weiſe beſchützt hat. Du beklagteſt dich über das ungeſtüme Wetter, und jetzt mußt du bekennen, daß deine Klagen voreilig, und die Anſtren⸗ gungen, uns etwas mehr Freiheit zu verſchaffen, unklug waren. Die Vorſehung zerſtörte ſie und verſetzte uns in Dunkelheit, aber ſie rettete uns dagegen das Leben! — 4 75⁵ Welch' ein Glück, daß die Wölfe nicht kamen, während du draußen beſchäftigt wareſt! In Zukunft wollen wir beſſer auf der Hut ſein.« Jaques ſchüttelte traurig den Kopf.„Du haſt wohl recht, Großvater,“ ſagte er,„Gott hat uns beſchützt, aber zugleich ſchließe ich aus Allem, daß unſere Gefan⸗ genſchaft härter als je ſein wird. Der Winter hat erſt angefangen, die Kälte wird zunehmen, immer heftiger werden, und am Ende— werden wir nie dieſe Hütte wieder verlaſſen können!« „Welch' eine thörichte und gottloſe Zaghaftigkeit, Kind!« erwiederte der Großvater in vorwurfsvollem Tone.„Willſt du an Gottes Barmherzigkeit und Güte verzweifeln? Hat uns Gott nicht bis zu dieſem Augen⸗ blicke beſchützt, und müſſen wir nicht ſchon deßhalb un⸗ ſer Vertrauen auf Ihn ſetzen? Schäme dich, Knabe! Was auch geſchehen möge, Gott muß ſtets unſere un⸗ erſchuͤtterliche Zuverſicht ſein!« Jaques ſchien wirklich ſeine Muthloſigkeit zu be⸗ reuen; ſein Auge blitzte heller auf, und er war im Begriff, dem Großvater eine zufriedenſtellende Antwort zu geben, als plötzlich die Ziege einen klagenden Schrei ausſtieß, und gleich darauf das Geheul der Wölfe mit verdoppelter Wuth erſchallte. Der Knabe wurde bleich, und ſelbſt in dem bisher ruhigen Geſicht des Großva⸗ ters zeigte ſich eine gewiſſe Spannung. »Kein Zweifel,« ſagte er nach einem Weilchen,— „Blanchette's Geſchrei hat uns verrathen, und wir müſ⸗ ſen uns auf einen Kampf gefaßt halten. Horch, mein Sohn, wie emſig die Beſtien dabei ſind, den Schnee wegzukratzen! Sie werden verſuchen, durch das Dach einzudringen, aber ſie ſollen finden, daß wir keine Feig⸗ 76 linge ſind. Hurtig, Jaques, zünde die Lampe an! Wir müſſen ſehen, wo ſie durchbrechen wollen. Nur Muth, Kind! Unſer Dach iſt ziemlich feſt, und über⸗ dieß haben wir Waffen zu unſerer Vertheibigung, und können uns im Nothfall aus der Küche in die Milch⸗ kammer, und aus dieſer in den Stall, alſo aus einer Verſchanzung in die andere zurückziehen. Licht, Ja⸗ ques! Vor allen Dingen Licht!« Der Knabe, obgleich im erſten Augenblicke erſchreckt, gewann doch ſogleich Muth und Faſſung wieder, und beeilte ſich, der Weiſung des Großvaters Folge zu lei⸗ ſten. Die Lampe erleuchtete hell den Naum der Hütte und die innere Seite des niedrigen Daches, ſo daß man aaugenblicklich bemerken mußte, an welcher Stelle die Woöoͤlfe durchbrechen würden. „Jetzt hole das Beil,“ ſagte der Großvater,„und mir bringe die Heugabel. Ehe ſie eindringen, wird ihr Blut fließen müſſen!“ Jaques gehorchte. Der Großvater nahm die Heu⸗ gabel, und Jaques umklammerte mit beiden Händen den Stiel der Art. So ſtanden ſie in Erwartung des tödtlichen Angriffs, der wahrſcheinlich nicht lange mehr verzögert wurde, denn das Heulen der Wölfe erklang immer näher, ünd man hörte deutlich das Kratzen und Scharren ihrer Pfoten auf dem Schnee. Der Groß⸗ vater warf einen forſchenden Blick auf ſeinen Enkel, aber er hatte alle Urſache, mit dem Muthe und der Entſchloſſenheit des Knaben zufrieden zu ſein. Jaques zeigte keine Spur von Furcht. Seine Augen funkelten, ſeine Zähne waren feſt zuſammengepreßt, und ſeine ganze Haltung bewies, daß er keinen Schritt zurück zu wei⸗ chen gedachte. 8³ dieſe Hoffnungen, in denen er Troſt, Ermuthigung und Geduld gefunden hatte, waren nun mit Einem Schlage vernichtet worden. Er durfte nicht mehr wagen, die Hütte zu verlaſ⸗ ſen; er mußte ſich mit dem Gedanken vertraut machen, den ganzen Winter eingeſchloſſen, wie eingeſargt und begraben, zuzubringen, und durfte ſich noch glücklich 1 ſchätzen, wenn der Mangel an friſcher Luft und Bewe⸗ gung keine böſen Krankheiten nach ſich zog, von denen. ſie ohnehin ſchon durch den Mangel an Nahrungswech⸗ ſel bedroht wurden. Ihre Koſt war ja ſo kärglich. Ziegenmilch, ein Stück hartes und trockenes Brod, und einige gekochte Kartoffeln, mit ein wenig Salz gewürzt, das war Alles, was ihnen zu Gebote ſtand. Und da⸗ bei mußten ſie noch äußerſt ſparſam mit den Kartoffeln umgehen, denn der ohnehin ſchon nur kleine Vorrath ſchwand täglich mehr und mehr zuſammen. Alle dieſe Punkte waren faſt täglich Gegenſtand des Geſprächs zwiſchen den beiden Gefangenen, und der Großvater benutzte jede ſolche Gelegenheit, ſeinen Enkel zu tröſten und mit ſeinem harten Geſchick auszuſöhnen. Oefters gelang es ihm; zuweilen aber auch nicht, und dann mußte wieder irgend eine Beſchäftigung geſucht werden, um den Knaben zu zerſtreuen. Gelegenheit 4 dazu gab es immer, denn das Stroh reichte aus, und Jaques wurde immer geſchickter im Flechten deſſelben. Noch eine andere und zwar ſehr wichtige Angelegen⸗ heit beſchäftigte ihn mehrere Tage hindurch. Es han⸗ delte ſich darum, dem Rauche einen Abzug aus der Hütte zu verſchaffen, da man ohne ſolchen Abzug kein M Feuer auf dem Herde unterhalten konnte, und in Folge deſſen viel von der Kälte leiden mußte. Bagues ent⸗ 84 deckte eine alte Blechröhre im Stalle, und beim Anblicke derſelben kam ihm der Gedanke, ſie zu dem angegebe⸗ nen Zwecke zu benutzen. Wenn es ihm gelang, in die hölzerne Schornſteinklappe ein rundes Loch zu ſchnei⸗ den, durch welches er die Röhre nach Außen in's Freie führen konnte, ſo zweifelte er nicht, daß er zum Ziele kommen würde. Aber wie zuerſt an die Klappe gelan⸗ gen und oben eine feſte, nicht allzu unbequeme Stel⸗ lung gewinnen? Er überlegte den Umſtand mit dem Großvater, und dieſer wußte Rath. Ein Strick wurde in einer Art von Schleife oben am Riegel der Klappe feſtgemacht; Jaques kletterte an der Stange hinauf, trat mit beiden Fuͤßen in die Schleife und hatte nun einen Halt gewonnen, der freilich nicht viel Bequem⸗ lichkeit, aber doch einen benutzbaren Stützpunkt gewährte. Jetzt bohrte er zunächſt mit Hülfe eines alten Bohrers ein Loch in die Klappe, und erweiterte mit ſeinem Meſſer die Oeffnung ſo lange, bis er die Röhre hinein⸗ bringen konnte. Dieß war das beſchwerlichſte Stück Arbeit, beſonders bei der unbequemen Stellung, die er einnehmen mußte, und manchen Schweißtropfen mußte er vergießen, bis er zum Ziele kam. Alles Uebrige machte ihm weit weniger Muͤhe. Er brachte die Röhre in die geeignete Lage, verſtopfte die kleinen Lücken zwi⸗ ſchen ihr und der Klappe mit einigen Lappen, befeſtigte ſie mit Holzpflöcken, und fand nun, daß ſie nur mit Gewalt wieder aus ihrer Lage gebracht werden konnte. Mit einer dünnen Stange entfernte er den Schnee aus der Röhre, der ſich beim Hinausſchieben im Innern derſelben feſtgeſetzt hatte, und nun wurde der Verſuch gemacht, die Zweckmäßigkeit der neuen Einrichtung auf die Probe zu ſtellen.* 85 Der Verſuch gelang vollſtändig. Das Feuer flackerte luſtig empor, und der Rauch fand ſo wenig Hinderniſſe auf ſeinem Auswege in's Freie, daß die Bewohner der Huͤtte nicht im geringſten mehr von ihm beläſtigt wurden. Dieß war in Wirklichkeit eine große Wohlthat für unſere armen Gefangenen, und ſie hatten alle Urſache, die herzlichſte Freude darüber zu empfinden. Eine andere Arbeit war, daß ſie das Fenſter der Hütte tüchtig verrammelten, für den Fall, daß die Wölfe wiederkommen ſollten, ein Fall, der immerhin ſehr im Bereiche der Möglichkeit lag. Das Fenſter bot den ſchwächſten Angriffspunkt dar, und es wurde deßhalb ſehr gut geſichert, indem man es mit Stangen und den Brettern der hölzernen Krippen im Stalle ſorgfältig verwahrte und verſchanzte. Bald nachdem dieß geſchehen war, führte ein zufäl⸗ liges, an ſich ganz unbedeutendes Ereigniß zu einer Entdeckung, welche für die Eingeſchloſſenen von der höchſten Wichtigkeit ſein mußte. Sie bewahrten ihren kleinen Oelvorrath in einer großen Steinkruke auf, die in einem Winkel der Küche ſtand. Eines Tages warf Jaques unvorſichtiger Weiſe die Kruke um, und er konnte von Glück ſagen, daß ſie nicht zerbrach, denn in dieſem Falle wäre der ganze kleine Oelvorrath ver⸗ loren geweſen, indem ihn die feſtgeſtampfte Erde des Fußbodens augenblicklich eingeſogen haben würde. „Vor der Wiederholung eines ſolchen Zufalls müſ⸗ ſen wir uns zu ſchützen ſuchen,“ ſagte der Großvater, als Jaques die Kruke wieder aufhob und an ihren alten Platz ſtellte.„Das Beſte wird ſein, daß du in der Erde eine Vertiefung machſt, in die wir das Ge⸗ 86 fäß hineinſtellen. Solch' ein Loch macht nicht viel Ar⸗ beit, und unſer Oel iſt dann geſichert.“ Jaques war natürlich augenblicklich bereit, den Vor⸗ ſchlag des Großvaters in Ausführung zu bringen, und holte zu dieſem Zwecke eine Hacke aus dem Stalle. Aber kaum hatte er die erſten Schläge damit gethan, als der Großvater ihm ganz plötzlich zurief, mit ſeiner Arbeit inne zu halten. Jaques wartete, und der Groß⸗ vater kam ſelber herbei, nahm ihm die Hacke aus der Hand, und begann eigenhändig das Loch auszuhöhlen, indem er dabei äußerſt langſam und mit der größten Vorſicht zu Werke ging. „Warum das, Großvater?“ fragte Jaques, der augenblicklich merkte, daß dieſer ungewöhnlichen Behut⸗ ſamkeit eine beſondere Urſache zu Grunde liegen muͤſſe. „Es ſcheint beinahe, als ob du etwas zu zerbrechen fürchteteſt, was in der Erde verborgen iſt.« „Du haſt es getroffen, mein Freund,“ erwiederte der Großvater.„Ich vermuthe hier einen kleinen Schatz, und hoffe ſehr ſtark, daß er bald zu Tage kommen wird. Halt! Sieh' da! Ich habe mich nicht getäuſcht. Schau' her, Jaques,— eine Flaſche, und ich kann dir die Verſicherung geben, daß ſie nicht mit dem ſchlech⸗ teſten; Weine gefüllt iſt.« „Ja, wahrhaftig, Großvater!“ rief Jaques höchſt erfreut aus.„Aber dieß iſt in der That ein köſtlicher Fund! Wußteſt du, daß er hier vergraben lag?« „Freilich mußt' ich's wohl wiſſen,« erwiederte der Großvater lächelnd.„Ich ſelbſt vergrub an dieſer Stelle vier oder fünf Flaſchen von dieſem Weine vor längeren Jahren, da er von unſeren Sommervorräthen übrig geblieben war. Später dachte ich nicht wieder 87 daran; aber bei dem erſten Schlage, den du mit der Hacke gegen den Fußboden führteſt, kehrte mir die Er⸗ innerung zurück, und ich griff haſtig zu, damit du mir die Flaſchen nicht zerbrechen moͤchteſt. Da ſieh', hier iſt ſchon die zweite! Hier die dritte! Und die vierte und fünfte können nun auch nicht mehr weit ſein.“« In der That dauerte es nur einige Minuten, bis die letzten zwei Flaſchen gefunden wurden, und Jaques war außer ſich vor Freude über dieſe unſchätzbare Ver⸗ mehrung ihrer kleinen Vorräthe. Er drang in den Großvater, auf der Stelle ein Gläschen von dem Weine zu trinken, und der Großvater fand denſelben ſo wohl⸗ ſchmeckend, daß auch Jaques ein Schluͤckchen davon koſten mußte. Dann wurden die Flaſchen ſorgfältig in dem großen Eichenſchranke aufbewahrt, und der Be⸗ ſchluß gefaßt, von dem köſtlichen Nektar nur mit der größten Sparſamkeit zu genießen. Jaques nahm ſich ſogar heimlich vor, keinen Tropfen weiter davon zu trinken, weil er glaubte, daß der alte Wein einen ſehr guten Einfluß auf die Geſundheit des Großvaters aus⸗ üben werde. Der Großvater war alt, ſchwach und kränklich, und bedurfte einer ſolchen Erquickung mehr, als der Knabe, der, bis jetzt wenigſtens, in keiner Be⸗ ziehung über ſeine Geſundheit oder nur über Abnahme ſeiner Kräfte klagen konnte. Die armen Einſiedler waren ganz glücklich über den gemachten Fund, und ſahen mit neuem Muthe ihrer dunklen, verhüllten Zukunft entgegen. „Heute haben wir Winters Anfang,“ ſagte der Großvater am Morgen des 21. Dezembers, als Ja⸗ ques wie gewöhnlich das Feuer auf dem Herde an⸗ machte. 88 „»Winters Anfang?“ erwiederte der Knabe ganz er⸗ ſtaunt.„Ich dächte, wir hätten ſchon ſeit Wochen recht mitten im Winter drinn geſeſſen.“ „Ja freilich, Schnee und Kälte fragen nicht danach, wann ſie kommen ſollen, ſie kommen eben, wenn ſie Luſt haben, und hier auf den Bergen immer früher, als unten im Thale oder in den noch wärmeren Ebe⸗ nen,“ antwortete der Großvater.„Davon rede ich auch nicht, ich ſage nur, heute iſt Winters Anfang, das heißt, heute hat die Sonne für uns den niedrigſten Stand erreicht, wir haben den kürzeſten Tag, und von heute an nehmen die Tage allmälig wieder zu. Es iſt eine Zeit der nun beginnenden Hoffnung, und als ſolche wollen auch wir ſie betrachten. Noch neunzig Tage, und der Frühling iſt wieder da, Jaques! Der Früh⸗ ling mit ſeinen Sproſſen und Blüthen, ſeinem Drängen und Treiben, ſeinen wärmeren Sonnenſtrahlen und mil⸗ deren Lüften. Der Frühling, Jaques, der uns nach einer kurzen Leidenszeit endlich die Pforte unſerer Hütte wieder öffnen, der uns die Freiheit, und mit ihr unſere Verwandten und Freunde wiedergeben wird. Noch neunzig Tage, Jaques, vielleicht noch weniger, und wir werden auf dem altbekannten Pfade in das Thal un⸗ ſerer Heimath niederſteigen können.“ „Neunzig Tage, Großvater! Es iſt doch eine lange, lange Zeit,« erwiederte Jaques.„Wollte Gott, ſie wäre vorüber!« 5 „Sie wird vorübergehen, wie die früheren Tage vorübergegangen ſind, und das um ſo ſchneller, je mu⸗ thiger wir ihr in's Angeſicht ſehen,“ antwortete der Großvater tröſtend.„Wir müſſen nur jeden Tag auf 89 Mittel denken, uns die Zeit durch Arbeit zu verkürzen, denn Arbeit iſt ohne Zweifel der beſte Zeitvertreib.“ „Arbeiten möcht' ich wohl,“ erwiederte Jaques. „Aber während des größten Theiles des Tages müſſen wir im Finſtern ſitzen, um Oel zu ſparen, und im Fin⸗ ſtern kann man nichts vornehmen.“ „Wer weiß?« ſagte der Großvater.„Wir befinden uns allerdings ſo ziemlich in derſelben Lage, wie die armen Blinden, aber ſelbſt die Blinden wiſſen allerlei Arbeiten zu Stande zu bringen, deren Vollkommenheit uns manchmal in Erſtaunen ſetzt. Verſuchen wir's und machen es, wie ſie.“ Jaques faßte mit Begierde dieſen Wink auf, und verſuchte es, ſeine Strohflechtereien in völliger Finſter⸗ niß fortzuſetzen. Anfänglich ging es freilich nicht zum beſten; aber ſchon nach einiger Uebung wurde es ihm leichter, und er fand bald, daß der Sinn des Gefühls bis zu einem gewiſſen Grade den Sinn des Geſichts zu erſetzen vermochte. Er übte ſich fleißig weiter, und brachte es nach einigen Tagen ſo weit, daß er im Dunkeln eben ſo raſch und eben ſo zierlich flechten konnte, als bei der brennenden Lampe, und weit weni⸗ ger beklagte er ſich jetzt über den Mangel an Licht, der ihn früher immer zur Unthätigkeit und alſo zur Lange⸗ weile verurtheilt hatte. Das Weihnachtsfeſt kam. Aber für die armen Ge⸗ fangenen war der heilige Tag kein Tag der Freude, ſondern nur ein Tag der Betrübniß. Mit größerer Sehnſucht als je dachten ſie an daheim, und verſetzten ſich in Gedanken mitten zwiſchen ihre Lieben, von de⸗ nen ſie nun ſo lange ſchon getrennt geweſen waren. Durften ſie hoffen, ſie jemals wiederzuſehen? Durften 90 ſie hoffen, jemals wieder das lieblichſte Feſt, das Feſt der Weihnacht, mit ihnen zu feiern? Das waren Tragen, deren Beantwortung in tiefes Dunkel gehüllt lieb. Dazu kam ein neues Leiden, welches Jaques mit großen Beſorgniſſen erfüllte. Der Großvater nämlich kränkelte ſeit ein paar Tagen mehr als gewöhnlich, und beklagte ſich über heftige Schmerzen in allen Gliedern. Jaques ſah auch nur zu gut, daß ſeine Füße, nament⸗ lich der kranke Fuß, angeſchwollen waren, und eine unſägliche Bangigkeit ſchnuͤrte ihm das Herz zuſammen, wenn er an die ſo nahe liegende Möglichkeit dachte, daß der Großvater ernſtlich krank werden, vielleicht gar ſterben und von ihm ſcheiden könnte, ehe ihm Erlöſung aus ihrer harten Gefangenſchaft zu Theil würde. Den Großvater ſelber ſchienen ähnliche Sorgen zu drücken. Er war während des Tages ungewöhnlich ſtill und in ſich gekehrt, und raffte ſich erſt gegen Abend aus ſeiner träumeriſchen Verſchloſſenheit auf. „Warum ſind unſere Herzen ſchwer und unſere Seelen betrübt?« ſagte er.„Haben wir denn ein Recht zu murren oder uns über unſere Leiden zu beklagen, wenn wir an den Heiland der Welt denken, der frei⸗ willig um der Erlöſung der Menſchheit willen den bit⸗ terſten Kelch der Leiden leerte? Was ſind unſere Schmer⸗ zen gegen die Seinigen? Wir haben ein Obdach, eine Zuflucht; Gottes Sohn dagegen hatte keine Stätte, wo er ſein Haupt niederlegen konnte! Wir ſind nun viel⸗ leicht vergeſſen von den Menſchen; Jeſus dagegen, der Heiland, wurde von ihnen verfolgt, verhöhnt, ver⸗ ſpottet, ſogar zum Tode gefuͤhrt! Nein, Jaques, wir haben kein Recht, ungeduldig und traurig zu ſein! Wir 91 müſſen Gott danken und preiſen, daß Er uns bis hie⸗ her geſchützt und behütet hat!“« „Ich will auch weder murren noch klagen, Groß⸗ vater,“ erwiederte Jaques.„»Gern will ich Alles er⸗ dulden, was Gott uns ſendet, wenn er mir nur den bitterſten Kelch des Schmerzes erſpart!« „Und welcher wäre das, Jaques?« „Wenn du ernſtlich krank würdeſt, Großvater! Ich würde es nicht tragen können, dich leiden zu ſehen!« „Gutes Kind!“ ſagte der Großvater lächelnd.„So bitter dir dieſer Kelch ſcheinen mag, du wirſt dich doch darauf vorbereiten müſſen, ihn an die Lippen zu ſetzen. Ich bin alt, mein Leib iſt ſchwach, Gott kann jede Stunde über meine Geſundheit, über mein Leben ver⸗ fügen. Und warum ſollte ich fürchten, in Gottes Reich, zu Gottes Herrlichkeit zurückzukehren? Nur den einen Wunſch hege ich, dich vor meinem Tode in den Armen deines Vaters zu ſehen. Wenn dieſer Wunſch erfüllt iſt, ſo will ich gern ſterben. Aber ſelbſt angenommen, daß Gott mich zu ſich nähme, ehe wir in das Thal zurückkehren können, ſo habe ich doch die Zuverſicht zu dir, daß du meinen Verluſt ohne Schrecken oder gar Verzweiflung ertragen werdeſt. Sage doch ſelbſt, mein Kind, was bin ich jetzt für dich? Nichts als eine Laſt, eine Kette, die du mit dir ſchleppſt, und die dich nur deine kindliche Liebe zu mir ertragen läßt. Du biſt es, der alle Arbeit hier verrichtet, und ich kann dir höch⸗ ſtens einmal einen guten Rath ertheilen. Was ver⸗ lierſt du alſo an mir? Nein, Jaques, keine Furcht vor einem Ereigniſſe, das jeden Tag eintreten kann! Und warum vor der Zeit ſich Sorge machen? Noch bin ich nicht ſo ſchwach, daß wir nicht nach wie vor Hoffnung 9² hegen könnten. Deine liebevolle Sorge für mich, und ein wenig Vorſicht von meiner Seite werden mein Le⸗ ben wahrſcheinlich bis zum Frühjahr erhalten, und ich denke noch einmal vor meinem Tode das junge Grün der Wälder und Wieſen zu ſehen.“ Jaques ſchien durch das Zureden des Großvaters wenig getröſtet zu ſein, denn er weinte ſtill vor ſich hin und blieb den ganzen Tag traurig und mißge⸗ ſtimmt. Der Großvater ſah ein, daß er ihm eine An⸗ regung anderer Art geben müſſe, und, das betrübende Thema ganz abbrechend, ſagte er auf einmal mit mun⸗ terem Tone: „Jaques, mir fällt etwas ein. Wie wär's, wenn wir verſuchten, aus unſerer überflüſſigen Ziegenmilch Käſe zu bereiten? Haſt du wohl ſchon daran gedacht?« Der Großvater hätte es nicht beſſer treffen können. Sobald ſich für Jaques eine Ausſicht eröffnete, ſich nützlich zu machen, vergaß er ſchnell alles Andere, und griff den hingeworfenen Gedanken mit aller Lebhaftig⸗ keit der Jugend auf. „Das iſt wirklich ein herrlicher Einfall, Großvater,“ ſagte er;„und morgen ſchon will ich ihn zur Ausfüh⸗ rung bringen.“ Die Gedanken an Krankheit und Tod waren ver⸗ geſſen, und Jaques ſchwärmte nur noch für die neue Idee, welche den armen Gefangenen allerdings von weſentlichem Nutzen ſein konnte. Am folgenden Tage ging er richtig anss Werk. Er ſammelte die Milch in eine irdene Schüſſel, und that ein wenig Weineſſig daran, um ſie ſchnell gerinnen zu machen. Die Sache gelang ganz nach Wunſch. Jaques formte den Käſe, gab ihm das nöthige Salz, und der — 93 Käſe ſah ſo lecker aus, daß ihm bei dem Anblicke deſ⸗ ſelben das Herz im Leibe lachte. Schade nur, daß der Großvater ſeine Freude nicht in dem Maße theilen konnte, wie es Jaques wünſchte. Der alte Mann fühlte ſich ſo ſchwach, daß er das Bett nicht verlaſſen konnte, und alle kaum verſcheuchten Sorgen niſteten ſich von Neuem in das Herz ſeines Enkels ein. Der Großvater hatte Mühe, ihn zu beruhigen, und ſtellte ſich geſünder und kräftiger, als er ſich wirklich fühlte. Der alte, gute Mann litt große Schmerzen, und vielleicht fühlte er an jenem Tage ſchon, daß ſeine Kräfte zu ſchnell abnehmen, um noch bis zum nächſten Frühjahre auszureichen. Aber er verhehlte ſeine Sor⸗ gen, um Jaques nicht vor der Zeit die Bitterkeit ſei⸗ nes Verluſtes empfinden zu laſſen. So kam der Neujahrstag heran, und wieder fühlte Jaques an dieſem Tage, wie am vergangenen heiligen Weihnachtsfeſte, ſchmerzlicher als gewöhnlich die trau⸗ rige Lage, in welcher er ſich mit dem Großvater be⸗ fand. Dennoch ging auch dieſer Tag endlich ruhig vorüber. Der Großvater gab ſich alle Mühe, Jaques zu zerſtreuen und ihn ſeine gegenwärtigen Uebel ver⸗ geſſen zu machef. Er gab ihm Räthſel auf; er ließ ihn im Kopfe rechnen, er erzaͤhlte ihm aus der Ver⸗ gangenheit, und unterhielt ihn mit hundert Dingen, die ſeinen lebhaften Geiſt beſchäftigen konnten. Endlich beſtand er ſogar darauf, daß der erſte Tag im neuen Jahre als eine Art von Feſttag gefeiert werden müſſe, und machte den Vorſchlag, heute einmal recht in Wohl⸗ leben zu ſchwelgen. Der erſte Käſe, welchen Jaques bereitet hatte, mußte zu dieſem Zwecke dienen. Die armen Gefangenen verzehrten ihn zu ihren in der Aſche 94 des Feuers gebratenen Kartoffeln, ein Schlückchen Wein wurde dem Feſtmahle hinzugefügt, und ſo hielten ſie eine Mahlzeit, welche ihnen ſo vortrefflich ſchmeckte, als ob ſie mitten im Ueberfluſſe geſeſſen hätten. Aber auch Blanchette wurde bei dieſem kleinen Feſte nicht vergeſſen. Jaques ſuchte ihr das duftigſte Heu aus, gab ihr eine ganz friſche Streu, beglückte ſie mit einer doppelten Ration Salz, und überhäufte ſie mit dem dreifachen Maße von Liebkoſungen. So endete der Tag, welcher nichts als Trauer und Betrübniß zu brin⸗ gen gedroht hatte, glücklicher als mancher andere, den unſere Freunde in ihrer tiefen Einſamkeit zugebracht hatten. 2* Leider ſollten nicht viele ſolcher glücklichen Tage mehr folgen, und der Großvater ſchien davon überzeugt zu ſein, denn am nächſten Morgen forderte er Jaques auf, Tinte und Feder zu nehmen und die Worte nie⸗ derzuſchreiben, die er ihm diktiren würde. Dieſe Worte lauteten: „Im Namen Gottes, des Herrn, Amen!“ „Es könnte geſchehen, daß ich von meinen Ange⸗ hörigen getrennt würde, ohne ihnen vorher meinen letz⸗ ten Willen kund gethan zu haben. Ich will keine all⸗ gemeine Verfügung über mein geringes Eigenthum tref⸗ fen, aber ich wünſche meinem lieben Enkel, dem hier gegenwärtigen Jaques Lopraz, einen Beweis meiner Liebe und meiner Dankbarkeit für alle ſeine mir ge⸗ widmete treue Sorgfalt zu geben, und darum bitte ich meine Erben, ihm, wenn ich ſelbſt es nicht mehr können ſollte, folgende Gegenſtände zu übergeben: »Meine Repetir⸗Uhr. „Meinen Stutzen. 95 „Meine Bibel, die ſchon meinem ſeligen Vater gehörte. „Endlich mein ſtählernes Petſchaft, auf welches die Anfangsbuchſtaben meines Namens gravirt ſind. „Dieſe ſchwachen Zeichen meiner Liebe werden ihm, ie ich hoffe, koſtbar ſein, wegen der herzlichen und treuen Liebe, die wir für einander hegen und die ſelbſt der Tod nicht ſchwächen wird. „Solches iſt mein Wille. „Sennhütte von Azindes, am 2. Januar 18.. „Louis Lopraz.“ Jaques weinte, als der Großvater ihm dieſe Worte in die Feder diktirte, und fiel ihm ſchluchzend um den Hals, als er die Feder weglegte. Selbſt tief ergriffen und bewegt drückte der Großvater den Knaben an die Bruſt. „Ruhig, mein Kind, ruhig!“ ſagte er in ſanftem Flüſtertone zu ihm.„Was Gott ſchickt, muß getragen werden, getragen ohne Murren, ohne Widerſtand, in ſtiller Ergebung! Stähle dein Herz, Knabe, und ſei auf jedes Ereigniß gefaßt. Wenn ich auch von dir ſcheiden muß, ſei gewiß, daß meine Liebe bei dir zu⸗ rückbleibt!«.. Jaques ſuchte ſeine aufgeregten Gefühle zu be⸗ ſchwichtigen, und es gelang ihm. Noch lebte ja der Großvater, noch hatte er den Troſt und das Glück ſeiner Gegenwart, noch konnte er hoffen, daß ſich der Kranke wieder erholen und die verlorenen Kräfte wie⸗ dergewinnen werde. Mit aller Kraft der Jugend klam⸗ merte er ſich an dieſe Hoffnung an. Der gütige, barm⸗ herzige Gott konnte ihm ja nicht ſolchen, ſolchen Schmerz aufbuͤrden! Nein, nein doch, es war unmöglich! Weß⸗ 96 halb alſo zagen und fürchten und Kümmerniß hegen? Nein, nein! Gott ließ gewiß den Großvater noch einen Frühling erleben, noch einen wenigſtens, ließ ihn noch einmal das heimathliche Thal und die Seinen ſehen, und half ihm über alles Schmerzliche und Traurige ihres leidenreichen Winters hinweg. Mit ſolchen Hoffnungen tröſtete ſich Jaques, rich⸗ tete ſeine gebeugte Seele auf, und betete zu Gott, daß er ſeine Hoffnung möge in Erfuͤllung gehen laſſen. Mittlerweile änderte ſich nichts in der Lage unſerer armen Einſiedler, als daß die Tage langſam vorrückten. Seit lange ſchon war kein Geräuſch mehr von außen her zu ihnen eingedrungen, und ſie mußten alſo wohl ganz vollſtändig eingeſchneit ſein. Gleichwohl verſah die eiſerne Röhre, welche Jaques im Schornſtein an⸗ gebracht hatte, fortwährend ihren Dienſt, und bildete die einzige Verbindung mit der Außenwelt, indem ſie zuweilen ein paar Schneeflocken durch die Röhre in's Innere der Hütte fallen ließ. Dieſe weißen Boten des Winters waren das einzige Zeichen, daß draußen noch Alles den gewohnten Gang ging. Andere hatten die armen Eingeſchloſſenen nicht. Wenn ihre Uhr ſtehen geblieben wäre, würden ſie nicht einmal gewußt haben, ob es Morgen, Mittag oder⸗ Abend ſei. Kaum konn⸗ ten ſie vermittelſt des ſchwachen Lichtſchimmers, der durch die Röhre drang, unterſcheiden, ob es Nacht oder Tag ſei. Dagegen, und das war wenigſtens Ein Vortheil, den ſie den hoch liegenden Schneemaſſen verdankten, litten ſie nur wenig mehr von der Kälte in ihrer ſtil⸗ len Klauſe, und auch an friſcher Luft fehlte es ihnen nicht, indem die Röhre im Kamine ausreichte, ſie täglich 97 zu erneuern. Wenn nur der Großvater leidlich geſund blieb, wenn die Lebensmittel ausreichten, wenn die Milchquelle der Ziege nicht verſiegte, wenn überhaupt kein neuer Unfall ſie unvermuthet überraſchte, ſo mochte mit Gottes Hülfe noch Alles ganz gut gehen! Ja freilich, wenn! Aber Gott hatte es anders beſchloſſen in ſeiner unergründlichen Weisheit, und kum⸗ mervolle Leidenstage, Tage ſchwerer Prüfung harrten noch des armen Jaques in der Zukunft. Es war am dritten Januar. Der ganze Tag war ziemlich ruhig vorübergegangen, und obgleich der Groß⸗ vater wenig Appetit gezeigt hatte, beklagte er ſich doch auch nicht über Schmerzen, ſondern blieb ziemlich heiter bis zum Abend. Nach dem ſchmalen, einfachen Nacht⸗ eſſen ſetzte ſich der Großvater in ſeine Kaminecke, um nach ſeiner Gewohnheit noch ein wenig mit Jaques zu plaudern. Plötzlich aber wurde er leichenblaß, neigte ſich zur Seite, und würde in das Feuer gefallen ſein, wenn Jaques nicht hurtig zugeſprungen wäre und ihm Beiſtand geleiſtet hätte. Der arme Knabe ſtieß einen Schrei des Schreckens aus, umfaßte den Großvater, und ſchleppte ihn mit einer Anſtrengung, die faſt über ſeine Kräfte ging, nach ſeinem Bette, wo er ihn ſanft niederlegte. Seine Hände, ſeine Füße, ſein Kopf waren kalt wie Eis, ſein ganzes Blut ſchien nach dem Herzen zurückgeſtrömt zu ſein, und es dauerte einige Zeit, ehe es wieder flüſſig wurde und der Großvater zur Beſinnung zu⸗ ruͤckkehrte. „Wo bin ich?« ſagte er, die Augen aufſchlagend, mit ſchwacher Stimme.„»Wie? Auf meinem Bette?« „Ja, Großvater,« erwiederte Jaques, noch ganz Im Schnee begraben. 7 98 zitternd vor Schrecken.„Eine Ohnmacht kam über dich, du verloreſt das Bewußtſein, und da trug ich dich hierher.“ „Du trugeſt mich bis hierhey!“ wiederholte der Groß⸗ vater voll Erſtaunen.»Nun, Gott ſei Dank, deine Kräfte ſcheinen in dem gleichen Maße zu⸗, wie die mei⸗ nigen abzunehmen. Komm her, mein Kind, umarme mich, damit ich dir fuͤr deinen Beiſtand danken kann.« Jaques warf ſich neben den Großvater nieder und ſchmiegte ſich zärtlich an ſeine Seite, um die wohlver⸗ dienten Liebkoſungen in Empfang zu nehmen. Hierauf holte Jaques eine Flaſche Wein herbei, und ſchenkte dem Großvater ein Glas voll ein, das er leeren mußte. Es ſchien ihn zu erquicken. Bald nachher gab er Zei⸗ chen von Schläfrigkeit und ſchlummerte ein, während Jaques noch eine Stunde an ſeinem Lager wachte. Endlich legte er ſich ebenfalls nieder, und die Nacht verging ruhig. Am andern Morgen fühlte ſich der Großvater im⸗ mer noch ſehr ſchwach, und Jaques überredete ihn, in ſeinem Bette liegen zu bleiben. Dieſer Tag und die nächſte Nacht brachten keine Veränderung, am fünften Januar aber ſchien der Zu⸗ ſtand des Großvaters bedenklicher zu werden, denn er hielt es für nothwendig, Jaques auf ſeinell Verluſt ernſtlich vorzubereiten. „Komm her, Kind, ſetze dich an mein Bett und höre mir aufmerkſam zu,« ſagte er.„Ich kann mir nicht länger verhehlen, daß das Ende meines Lebens nicht mehr fern iſt, und daß mein ſchwacher Körper in Staub verwandelt ſein wird, ehe der Tag deiner Befreiung gekommen iſt. Meine Schwäche nimmt mit 99 einer Schnelligkeit üͤberhand, die mir keine Hoffnung mehr übrig läßt. Ich wünſche jedoch, und zweifle auch nicht, daß du mehr betrübt über meinen Verluſt, als beunruhigt durch deine Vereinſamung ſein wirſt. Ich rechne dabei auf deinen Muth, auf deine Frömmigkeit und auf die Liebe zu deinem Vater. Gott wird dich in ſeine Arme zurückführen, und dieſe Hoffnung wird dich aufrecht erhalten. Du ſiehſt wohl ein, Jaques, daß du nach meinem Tode weniger mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben wirſt, als jetzt, denn ich war ja doch nichts weiter, als nur eine Laſt für dich. Dieſer Laſt entledigt, wirſt du dich bald erleichtert fühlen, und wenn der Zeitpunkt eintritt, wo du die Hütte verlaſſen kannſt, werde ich kein Hinderniß füͤr dich ſein. Nur übereile dich damit nicht, und ſetze dich nicht unvorſich⸗ tiger Weiſe Gefahren aus. Ein paar Tage früher oder ſpäter machen keinen großen Unterſchied bei einer ſo langen Gefangenſchaft aus, und du würdeſt Alles auf's Spiel ſetzen, wenn du nicht Geduld genug hätteſt, den rechten Zeitpunkt abzuwarten. „Ich ermahne dich alſo zur Geduld, Jaques! Warum auch ſollteſt du dich übereilen? Deine Geſund⸗ heit iſt gut und hat noch nicht gelitten. Die Lange⸗ weile wird dich vielleicht ein wenig beläſtigen, wenn du dich mik Niemand mehr unterhalten kannſt; aber dann mußt du bedenken, wie viele Gefangene zu Monate und Jahre langem Schweigen verurtheilt ſind, die nicht einmal den Troſt haben, daß ſte, wie du, unſchuldig leiden. Alſo hoffe ich, daß es dir nicht an Ausdauer fehlen wird, und nur Eines beunruhigt mich lebhaft, nämlich die Einwirkung meines Todes auf dein Ge⸗ müth. Wenn du meinen alten, ſchwachen Körper ohne 7 ⅔ 100 Leben ſehen wirſt, ſo ergreift dich vielleicht Grauen und Furcht, wohl gar Angſt und Schrecken, und du wirſt Mühe haben, dieſe Eindrücke zu überwinden. „Aber warum ſollteſt du eigentlich die Ueberreſte deines alten Freundes fürchten? Laß uns näher darauf eingehen, Jaques! Fürchteſt du mich, wenn ich ſchlafe? Hatteſt du Furcht, als ich neulich ohnmächtig wurde? Nein! Warum alſo fürchten, wenn der Tod kommt? Du weißt wohl, ich, dein alter Freund, wird dir nie etwas zu Leide thun! „Wenn ich geſtorben bin, Jaques, ſo übergib meine Ueberreſte der Erde. Dort in der Milchkammer, die wir nie, oder nur ſelten betreten haben, weil ſie uns überflüſſig iſt, grabe ein Loch in den Boden. Du mußt es ſo tief machen, daß es meinen Körper aufnehmen kann, und dort lege ihn nieder und laß ihn ruhen, bis der Frühling kommt und dich aus der Gefangenſchaft befreit. Dein Vater wird dann ſchon Sorge tragen, daß man mich in einen Sarg bettet und mich auf dem Kirchhofe unſeres Dörfchens begräbt, wo auch meine Aeltern und Großältern im ſanften Schlummer des Todes ruhen. „Nach Erfüllung aller dieſer traurigen Pflichten wirſt du dich ohne Zweifel ſehr einſam in unſerer en⸗ gen Wohnung fhlen, du wirſt viele Thränen ver⸗ gießen, du wirſt nach mir rufen, und ich werde deine Stimme nicht hoͤren! Aber dann, Jaques, mein Kind, hüte dich, vom Kummer überwältigt zu werden. Wende dich dann zu dem, der uns allezeit hört, wenn wir ihn vertrauensvoll anrufen. Gott der Allgegenwärtige wird dein Troſt, Gott wird dein Schirm, Gott wird dein 3 101 Hüter ſein! Verſprich mir, Jaques, zu Ihm aufzu⸗ ſchauen, wenn dein Herz ſeiner Leiden erliegen will!« Jaques horchte unter Thränen, aber ſein Hände⸗ druck ſagte dem Großvater, daß er ſeine Lehren zu be⸗ folgen entſchloſſen ſei. Einige Tage verſtrichen wieder zwiſchen Zweifel und Hoffnung. Die Finſterniß während drei Vierthei⸗ len des Tages beläſtigte den Kranken, und er ſehnte ſich nach Licht, ohne doch zugeben zu wollen, daß man den ganzen Tag die Lampe brenne. Jaques kam auf den Einfall, eine Art von Nachtlicht anzuzünden. Er füllte ein gewöhnliches Trinkglas halb mit Waſſer, goß ein wenig Oel darauf, machte einen ganz kleinen, dün⸗ nen Docht zurecht, den er zwiſchen drei Korkſtückchen und ein paar Drahtfäden befeſtigte, ſetzte dieſe einfache Vorrichtung auf das Oel, zündete den Docht an, und hatte nun eine Erleuchtung, die allerdings ſehr ſchwach war, aber auch nur ſehr wenig Oel verzehrte, und da⸗ bei hinreichendes Licht verbreitete, um es der bisherigen vollkommenen Dunkelheit bei weitem vorzuziehen. Der Großvater zeigte ſich ſehr erfreut über dieſe kleine Erfindung ſeines Enkels; aber leider war es auch die letzte, durch welche Jaques ihn erfreuen ſollte. Das Ende ſeiner Tage war nahe. Am neunten Januar trat ein, was Jaques lange gefürchtet hatte. Sein Großvater, der einzige, theure Gefährte ſeiner Leiden, wurde nach Gottes Rathſchluſſe von ſeiner Seite genommen. Wie er dieſen ſchweren Verluſt ertrug, wie er ihn beweinte, wie die Schrecken der Einſamkeit, der gänz⸗ lichen Verlaſſenheit auf ihn einſtürmten, das ſehen wir wohl am beſten aus ſeinen eigenen Worten, indem wir ⸗ einige Bruchſtücke aus ſeinem Tagebuche hier einflech⸗ ten wollen. „Mein Gott, es iſt dein Wille, du haſt es ſo ge⸗ ordnet!« ſchrieb er am zehnten in ſein Heft.„Ich bin allein mit dir, mein Gott, weit entfernt von aller Welt! Geſtern geſchah es,... Aber es iſt mir unmöglich, jetzt ſchon die traurige Erzählung von ſeinem Tode nieder⸗ zuſchreiben! Mein Herz blutet, und das Papier iſt von meinen Thränen überſtrömt.“ Am 12. Januar.. „Ja, es iſt heute der zwölfte! Zwei Tage ſind ver⸗ floſſen, ſeit ich die vorhergehenden Zeilen aufgeſchrieben habe. Meine Vernunft kehrt zurück, ich beſinne mich wieder, und Gott wird geben, daß ich nicht in neue Verzweiflung verſinke. Oh, wenn ich nicht wüßte, daß Gott der Herr bei mir iſt, ich würde ſterben vor Schmerz und Jammer!“ Am 15. Januar. „Noch am achten war ich voll Hoffnung, denn mein guter Großvater ſchien ſich beſſer als gewöhnlich zu befinden. Aber kaum hatte ich mich am Abend nieder⸗ gelegt, als ich ihn ſeufzen hörte. Ich ſprang auf. Ohne abzuwarten, daß er mich zu Huͤlfe rufen würde, warf ich meine Kleider über, zündete das immer bereit⸗ ſtehende Nachtlicht an, und fragte den Kranken, was ihm fehle?« „Eine Ohnmacht,“ erwiederte er.„Ein Zufall, wie neulich, wenn nicht gar...“ Hier hielt er inne. „Willſt du vielleicht ein Glas Wein nehmen, lieb⸗ ſter Großvater?« fragte ich. »Nein, mein Kind,“ gab er mir zur Antwort. 10³3 „Reibe mir nur die Hände und die Schläfe ein wenig mit Weineſſig.. und dann. hole die Nachfolge Chriſti, und ſuche die Stelle, die ich aus Vorſorge für dieſe Stunde bezeichnet habe.« Ich gehorchte, und als ich ihm Hände und Schläfe mit Weineſſig benetzt hatte, zündete ich die Lampe an, um beſſer ſehen zu können. Dann warf ich mich auf die Kniee nieder, und las mit zitternder Stimme die folgende Stelle aus dem vierten Buche des neunten Kapitels: Herr, mein Gott, Alles auf Erden und im Himmel iſt dein! Ich bringe dir dar, Herr, Alles, was gut iſt in mir und an mir, ſo ſchwach und un⸗ vollkommen es ſein mag, damit du es reinigen und heiligen und mich zu einem guten und glücklichen Ende führen wolleſt, obgleich ich unwürdig und der geringſte der Menſchen bin.... 1 Bei dieſen Worten unterbrach mich der Großvater, nahm meine Hände in die ſeinigen und betete. „Herr, mein Gott,« ſprach er,„im Augenblicke, wo ich vor dir erſcheinen ſoll, verzeihe mir, daß ich nicht allein an das Heil meiner Seele, ſondern auch an die⸗ ſen armen Knaben denke! Du rufſt mich zu dir, und in Einſamkeit muß ich dieß Kind zurücklaſſen! Ich zit⸗ tere bei dem Gedanken an ſeine bevorſtehenden Leiden und Prüfungen! Ich zittere, daß ſein Vertrauen auf dich wanken könne! Oh, Herr, gib du ihm Kraft, lehre du ihn, daß er in Frieden leben möge, wie ich bereit bin, in Frieden zu ſterben! „Ach, mein Gott, ich habe gewünſcht, mit ihm von dieſen Bergen herabſteigen und noch einmal den Früh⸗ ling ſehen zu können! Dein Wille war nicht mein Wille, Herr; aber du wirſt geben, daß er ſeine Hei⸗ — qeq·— 104 math wiederſieht! Verleihe du ihm Ausdauer, Klug⸗ heit und Muth, und gib, daß er auch nach meinem Tode ausharrend und geduldig ſei! Wenn nur er den Seinigen zurückgegeben wird, ſo ſegne ich mein Schick⸗ ſal, denn ich zweifle nicht, daß die Prüfung, die du ihm auferlegt haſt, o Herr, ſeiner Seele voll Heil ſein wird. Niemals wird er die Eindrücke vergeſſen, welche er in dieſer Einſamkeit empfangen hat! „Verzeihe mir, Herr, daß ich nur von ihm rede! Aber ich flehe allein für das Heil ſeiner Seele, das mir noch mehr am Herzen liegt, als die Gefahren, die ſein Leben bedrohen!“ Dieß waren ungefähr die Worte meines armen Großvaters. Er ſprach ſie langſam und mit ſchwacher Stimme. Dann ließ er mich beten, und redete da⸗ zwiſchen Verſe aus der Bibel mit ſolcher Ergebung und chriſtlicher Demuth, daß es mich bis in's innerſte Herz hinein rührte. Ein Umſtand von an ſich gerin⸗ ger Wichtigkeit vermehrte noch meine Betrübniß. Blan⸗ chette, aufgeweckt von dem ungewohnten Lichtſchimmer, fing auf das Kläglichſte an zu meckern. „Arme Blanchette!“ ſagte mein Großvater.„Ich muß ſie noch einmal liebkoſen. Geh', binde ſie los, mein Kind, und bringe ſie an mein Bett.“ Ich that, was er wünſchte, und Blanchette, zutrau⸗ lich und zahm, wie ſie war, ſetzte ihre beiden Vorder⸗ füße auf den Rand des Bettes, und ſchnoberte umher, ob es nichts für ſie zu naſchen gäbe. Da ich glaubte, daß es dem Großvater angenehm ſein würde, gab ich ihm raſch eine Handvoll Salz in die Hand, und Blan⸗ chette leckte ſte mit Behagen auf. „Gut, gut ſo, Blanchette,“ ſagte der Großvater, 105 indem er ſie noch einmal liebkoste und ſtreichelte.„Halte dich brav mein Thierchen, und laß es Jaques nicht an Milch fehlen!« Hierauf wendete er den Kopf ab, und ich brachte Blanchette wieder in ihren Winkel. Von jetzt an ſprach der Großvater nur wenig mehr. Er bat mich, daß ich an ſeiner Seite bleiben und ſeine Hand feſthalten ſolle; ein leichtes Zittern überlief von Zeit zu Zeit ſeine Glieder, und nur durch Blicke ſprach er noch ſeine Zärtlichkeit gegen mich aus. Ich ſagte ihm einige liebevolle Worte, und ſie ſchienen ihm Freude zu machen. Darum beugte ich mich zu ihm nieder und ſprach mit aller Faſſung, die ich erlangen konnte:„Lebe wohl, Großvater! Lebe wohl, und auf Wiederſehen im Himmel! Nie werde ich deine guten Lehren vergeſſen, ſondern mich immer beſtreben, ſie zu befolgen! Ich glaube an Gott den Vater, und an den Erlöſer, ſeinen eingeborenen Sohn! Betrübe dich nicht um mein Schick⸗ ſal, Großvater! Du haſt mich ſo wohl vorbereitet, daß ich in Allem an Gott eine Stütze finden werde!“ Hier drückte mir der Großvater inniger die Hand, und machte eine Anſtrengung, mir zu antworten; aber er konnte nur noch durch einen Seufzer ſeine Freude ausdrücken. 3 „Oh, gewiß, Großvater,“ fuhr ich fort,„ſtets werde ich deiner Rathſchläge eingedenk ſein, und aus Liebe für dich nichts vernachläſſigen, was mein Leben erhal⸗ ten und mich aus dieſer Lage erretten kann. Lebe wohl, lieber Großvater! Im Himmel wirſt du meine Mutter, und vielleicht auch meinen Vater finden: ſage ihnen, daß ich mich immer beſtreben werde, ihrem und deinem Beiſpiele zu folgen. Lebe wohl, oh, lebe wohl!“« Ich fühlte noch ein Zittern, ein leiſes, ſchwaches 106 Beben, das ſeine Glieder überlief: es war das letzte! Seine Hand, die nach und nach erkaltet war, ließ die meinige entgleiten.„Gott.. mit.. dir.. mein Kind..“ flüſterte er,— und dann verſchied er, ohne Schmerz, ohne Zucken, ohne nur noch einen Seufzer hören zu laſſen..... Die ſchrecklichſten Augenblicke, die ich ſeitdem er⸗ lebte, es waren für mich die erſten. Erſt, als ich mich von der Betäubung, in die mich der Tod meines guten Großvaters verſetzt hatte, wieder ein wenig erholte, als ich mich in meiner traurigen Wohnung allein ſah mit ſeinem Leichnam, da war es, wo ein unwillkürlicher Schauder der Furcht meine Glieder ſchüttelte, beſon⸗ ders, als nun vollends die Nacht mit ihrem geheimniß⸗ vollen Dunkel kam. Am andern Morgen fand ich noch ſo viel Geiſtes⸗ gegenwart in mir, daß ich die Uhr aufziehen, und Blan⸗ chette melken konnte. Die Kälte erinnerte mich daran, daß ich auch Feuer anmachen müſſe, aber nachher ver⸗ ſank ich in ein finſteres Brüten, das bis zum Abend anhielt. Um dieſe Zeit erhob ſich draußen ein heftiger Sturm mit ſolchem Brauſen und Heulen, daß es ſelbſt in den verſchloſſenen Raum meiner Hütte drang, die jetzt mehr als jemals einem Sarge ähnelte. Ich ſaß in der Ecke des Kamins bei dem ſchwachen Scheine des Nachtlichtes, indem ich dem Bette den Rücken zukehrte; nach und nach fühlte ich eine Art von Entſetzen Herrſchaft über mich gewinnen; ich konnte meine Gedanken nicht zuſammenhalten; Schauder auf Schauder lief über meinen Rücken, und ich würde viel⸗ leicht vor Angſt und Furcht den Verſtand verloren 107 haben, wenn ich mich nicht zu rechter Zeit noch zuſam⸗ mengerafft hätte. „Was man fürchtet, muß man gerade recht feſt in's Auge faſſen,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, mich einiger Leh⸗ ren meines guten Großvaters erinnernd, und ſtand auf, um mich dem Bette zu nähern. Ich blickte den Groß⸗ vater an, ich wagte ſogar ihn zu berühren. Es war ein peinlicher Moment; aber ich hielt meiner Schau ſtand, ich wiederholte meine Blicke, meine Berührun⸗ gen, und ich fühlte, wie allmälig der Schrecken von mir wich. Seit dieſer Zeit kehrte ich immer wieder nach kur⸗ zen Zwiſchenräumen zu der Aſche meines guten Groß⸗ vaters zurück, und leiſtete ihm gefaßt und ruhig alle jene kleinen Dienſte, welche die daran gewöhnten Leute ſo kaltbluͤtig zu beſeitigen pflegen. Der Ausdruck in den Zügen des Entſchlafenen war ſo ſanft und ruhig, daß er mir unwillkürliche Thränen entlockte. „Nein,“ ſagte ich ſchluchzend zu mir ſelbſt,„die irdiſchen Ueberreſte meines alten, lieben Freundes ſollen mir keine Furcht einflößen!“ Und dennoch kehrte dieſe Furcht zurück, als ich mich zum Schlafen anſchickte; aber freilich, in meiner Lage und bei meinem Alter kann das wohl kaum Jemand in Erſtaunen ſetzen. Sollte ich an der Seite eines Leichnams ſchlafen? Meine Entſchloſſenheit ging nicht ſo weit, und ich ſuchte, wie ich nicht läugnen kann, eine ſehr ſchwache Hülfe gegen die überwältigende Furcht, die ich mit Macht zurückkehren fühlte. Ich zog mich zu Blanchette zurück und ſchmiegte mich an ihre Seite. Die Wärme, das pulſtrende Leben, das ich bei 108 dem armen Thiere fand, und ihr regelmäßiges Athmen gaben mir einige Haltung wieder. Aber warum zitterte ich von Neuem in allen Glie⸗ dern vor Angſt, als zufällig das kleine Nachtlicht ver⸗ loſch? Thoͤrichtes Kind, das ich bin! Welche Sicher⸗ heit gewährt mir denn dieſe ſchwache Flamme? Kann ſie mich ſchützen, vor Boͤſem behüten? Mein Athem löſcht ſie aus, ein einziger Hauch läßt ſie verſchwinden, und dennoch laſſe ich meine Ruhe und Faſſung von ihr abhängen! Endlich hatte der Allmächtige, zu dem ich betete in meiner Angſt, Mitleiden mit mir; er beſänftigte meine aufgeregten Nerven, und ich ſchlief ein, und ſchlief ruhig und feſt. Am folgenden Morgen ſetzte ich die Uebungen mei⸗ ner Standhaftigkeit fort. Nachdem ich für die Ziege geſorgt und die nothwendigſten Geſchäfte verrichtet hatte, näherte ich mich entſchloſſen dem Leichname und berührte ihn nicht nur, ſondern hielt ſogar mehrere Minuten hindurch das theure, ehrwürdige Haupt des Großvaters zwiſchen meinen Händen. Mein Schrecken ſchwand da⸗ hin, aber meine Betrübniß ſteigerte ſich. Doch war dieß ein Wechſel, der mir nur natürlich und vernünftig erſchien. Meine Gedanken wendeten ſich nun den Sorgen des Begräbniſſes zu, und ich rief mir in's Gedächtniß zurück, was mein guter Großvater über dieſen Punkt geſagt hatte. Aber noch war es mir zu früh, um zu dieſem nothwendigen Werke zu ſchreiten. Ich wies den Gedanken daran zurück, und verbrachte den Tag in trau⸗ rigem Nachſinnen. Endlich legte ich mich zur Ruhe 109 nieder und ſchlief, wie in der vorigen Nacht, ungeſtört und feſt. 4 Am darauf folgenden Morgen verſuchte ich mein Tagebuch zu ſchreiben; aber ich mußte es verſchieben bis auf heute, wo mein Geiſt etwas ruhiger und ge⸗ faßter iſt. Gebete zu Gott gaben mir Muth und Faſ⸗ ſung zurück; meine Aufregung legte ſich allmälig, und die Furcht verwandelte ſich, wie mein guter Großvater voraus geſagt hatte, in Trauer und Betrübniß. Oh, wie viele Thränen habe ich über deinem Kör⸗ per vergoſſen, mein theurer, unvergeßlicher Freund! Ich konnte mich nicht von ihm trennen! Aber endlich mußte ich trotz meines Widerſtrebens an ſeine Beſtattung den⸗ ken, indem ich mich des Wortes in der heiligen Schrift erinnerte, wo geſchrieben ſteht: der Leib muß zurückkeh⸗ ren zur Erde, von der er genommen iſt. Ich nahm meine Werkzeuge, und öffnete die Thür zur Milchkammer.„Verſchiedene Berufe haſt du zu erfüllen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich über die Schwelle trat.„Erſt Krankenwärter, dann Arzt, und jetzt ſogar Todtengräber!« Die erſten Schläge, die ich that, trafen mein Herz; ich mußte aufhören. Nicht die Arme verſagten mir ihre Dienſte, nein, mein Geiſt erlahmte, und der Schmerz raubte mir alle Thatkraft. Jeder Schlag auf die Erde verurſachte einen dumpfen Wiederhall in der Milchkam⸗ mer, die gewoͤlbt war, wie ein Keller. Ich mußte mich erſt an dieſes Geräuſch gewohnen, und faſt den ganzen Tag verbrauchte ich zu einer Arbeit, die mich ſonſt kaum zwei Stunden hindurch beſchäftigt hätte. In der That war der Boden ſo leicht und ſandig, daß ich ihn mit der Schaufel auf die Seite ſchaffen konnte, 110 ohne dabei den Spaten zu gebrauchen, und ich machte darum das Grab ſo tief als möglich.„Denn,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„wenn die Hütte eines Tages verein⸗ ſamt ſtehen ſollte, ſei es, daß ich ſie verlaſſe oder daß auch ich ſterbe, ſo will ich wenigſtens alles Möoͤgliche thun, um die Ueberreſte meines guten Großvaters vor den wilden Thieren zu ſichern.“« Ich ſetzte alſo lang⸗ ſam meine Arbeit fort, bis die Grube ſo tief war, daß ihre Rände bis über meinen Kopf hinweg reichten. Die Uhr ſchlug die zehnte Stunde. Die Nacht war alſo gekommen, und mit ihr kamen auch wieder düſtere Gedanken. Ich hatte nicht den Muth, zur Beerdigung zu ſchreiten, obgleich ich mir ſagen mußte, daß jede längere Verzögerung unſtatthaft ſei. Aber ich konnte es nicht über mich gewinnen, und anſtatt muthig zum Werke zu ſchreiten, kauerte ich mich neben Blanchette nieder, und ſchob das traurige Geſchäft noch einmal bis zum folgenden Morgen auf. Dieſer Morgen kam, und nun durfte ich nicht län⸗ ger ſäumen. Ich ſtärkte mich durch ein wenig Brod, und einen Schluck Wein, und dann ſchritt ich mit ſchwerem Herzen zum Werke. Im voraus ſchon hatte ich Alles dazu hergerichtet. Ich legte den Körper mei⸗ nes armen guten Großvaters auf eine Planke, band ihn mit Sorgfalt darauf feſt, und warf einen letzten zartlichen und traurigen Blick auf ihn. Als ich ihn ſo liegen ſah, das Haupt zur Seite geneigt, die Hände über der Bruſt gefaltet, brach mir beinahe das Herz, und ich weinte die bitterſten Thränen. „‚Mein Großvater!“ rief ich klagend aus—„du verläßt mich! Du hörſt mich nicht mehr! Du gibſt mir 111 keine Antwort! Auf ewig, ach, auf ewig ſind deine bleichen Lippen geſchloſſen!« Ich bedurfte einiger Zeit, um mich von dieſem Ausbruch des Schmerzes zu erholen. Aber es mußte ja geſchehen! Was konnte das Zögern helfen? Mit Mühe brachte ich den Leichnam in die Kam⸗ mer und an das Grab. Sanft ließ ich ihn hinunter⸗ gleiten, und als er nun auf dem Grunde ruhete, ſetzte ich mich neben das Grab auf die Erde und überließ mich meinem Schmerze. Lange konnte ich mich nicht entſchließen, die erſten Schaufeln voll Erde in die Grube zu werfen. Endlich ſuchte ich Kraft im Gebete. Ich kniete nieder, und wendete meine Gedanken zu Gott. Ich betete um Stärkung, Troſt und Ergebung für mich, ich betete für die ewige Ruhe und Seligkeit meines gu⸗ ten Großvaters. Dann erhob ich mich, deckte ein gro⸗ bes Leintuch über das Geſicht und die Bruſt des Ent⸗ ſchlafenen, und dann ging ich an's Werk. Meine Hände zitterten, und meine Augen floſſen über von Thränen, als ich die Erde in die Grube hinunter ſchaufelte, aber einmal angefangen, war das ſchwere und traurige Werk auch bald beendigt. Den Reſt des Tages ver⸗ wendete ich dazu, mit meinem Meſſer eine kurze Grab⸗ ſchrift auf ein Brettchen zu ſchneiden, welches ich zu Häupten des Grabes befeſtigen wollte. „Hier ruhen die ſterblichen Ueberreſte von Pierre Louis Lopraz,“ ſchrieb ich;—„geſtorben in der Nacht vom 8. zum 9. Januar 18.. in den Armen ſeines Enkels Jaques Lopraz, und von demſelben zur ewigen Ruhe gebracht.“ 1 Ich nagelte das Brettchen auf einen Pfahl, pflanzte ihn auf den Grabhügel, und, nachdem ich die Thüre verſchloſſen hatte, begab ich mich in die Küche zurück, wo ich nun keinen, keinen Gefährten mehr hatte, als meine arme Blanchette. Obgleich ich mich jetzt ein wenig ruhiger fühlte, ſeit der Leichnam nicht mehr auf dem Bette lag, ſah ich doch bald, daß ich meine Schwäche noch nicht gänzlich überwunden hatte. Ich fürchtete mich noch immer, und nur aus Furcht hatte ich die Thür der Milchkammer zugeſchloſſen. Dieſer Schwachheit mußte ich Herr zu werden ſuchen, und faßte einen energiſchen Entſchluß. Ich entriegelte die Thür wieder, hielt ſie nur durch den Drücker verſchloſſen, nahm mir vor, dem Grabe täglich, und zwar immer ohne Licht, einen Beſuch zu machen, und wenigſtens Morgens und Abends mein Gebet an ihm zu verrichten. Seit zwei Tagen habe ich es ge⸗ than, und ich fühle, daß ich mich überwinde, daß meine Ruhe allmälig zuruckkehrt. Nur der traurige Gedanke noch, daß ich allein, ganz allein bin, verfolgt mich noch immer den ganzen Tag, und laſtet mit Centnerſchwere auf meinem Herzen. So weit das Tagebuch des armen Jaques, in wel⸗ chem er ein ſchwaches Bild von den ſchrecklichen Stun⸗ den entwirft, die er allein an der Seite des Todten in furchtbarer Einſamkeit verlebte. Er verſank nun in eine tiefe Niedergeſchlagenheit, die er vergeblich durch Wiederaufnahme der Arbeiten, welche der Tod des Großvaters unterbrochen hatte, zu beſeitigen ſuchte. Es wollte ihm nicht glücken, ſeine traurige und entmuthigte Seele aufzufriſchen, und ganze Tage lang ſaß er in dumpfem Brüten da und ſtarrte in das Feuer ſeines SHKeerdes hinein, ohne ſich irgend eines klaren Gedankens bewußt zu werden. 8 113 Nur zwei Ereigniſſe finden ſich in ſeinem Tagebuche verzeichnet, die ihn für einige Zeit der Verſunkenheit ſeines Schmerzes entriſſen und einen wohlthätigen Ein⸗ fluß auf ihn ausübten. Das erſte trug ſich bald nach der Beerdigung ſei⸗ nes Großvaters zu. Ein leichtes Geräuſch im Kamen erregte ſeine Aufmerkſamkeit, als er eines Abends im Begriff war, das Feuer auf dem Herde und ſeine Lampe auszulöſchen. Herzu tretend, bemerkte er, daß ein Stück Kalk, ganz mit Ruß bedeckt, von oben aus dem Schornſteine herabgefallen war. Der Ruß glimmte, und Jaques, in Beſorgniß, daß wohl gar der ganze Schornſtein brennen möge, ſtellte ſich darunter, um die Sache zu unterſuchen und auf ſeine Sicherheit bedacht zu ſein. Ein Blick nach oben überzeugte ihn, daß ſeine Beſorgniß unbegründet ſei. Wie er aber ſo ſtand, den Kopf zurückgekehrt und die Augen nach oben gerichtet, bemerkte er etwas, was wie ein Strahl tröſtender Hoff⸗ nung in ſeine Seele fiel. Ein glänzender Stern näm⸗ lich zeigte ſich am Rande der eiſernen Schornſteinroͤhre, Jaques ſah ihn langſam vorübergleiten, und gleich dar⸗ auf am oberen Rande der Röhre verſchwinden. Die ganze Erſcheinung dauerte nur wenige Augenblicke, und doch genügte ſie, eine lebhafte Bewegung in ihm her⸗ vorzurufen. Der Stern, der ſeine Strahlen in ſein dunkles Grab ſandte und ihn in ſeiner Einſamkeit be⸗ ſuchte, ſchien ihm ein troſtreiches Zeichen, eine Ver⸗ heißung des Herrn, daß er nicht ganz und gar ver⸗ geſſen und verlaſſen ſei, und er ſank auf ſeine Knie nieder, um Gott für dieſen Strahl ſeiner ewigen Liebe zu danken. Freudig erregt ging er zur Ruhe, und hoffte am nächſten Abende noch einmal den Stern zu Im Schnee begraben: 8 114 ſehen. Aber dieſe Hoffnung täuſchte ihn, obgleich er ſich genau die Stunde gemerkt hatte, in welcher er er⸗ ſchienen war. Der Stern kehrte nicht wieder, und es blieb ihm davon nur eine tröſtende Erinnerung, die einige Tage hindurch die Leiden ſeiner einſamen Lage verſuͤßte. Aber weit reichte dieſer Troſt nicht. Die alte, kaum beſchwichtigte, tiefe Niedergeſchlagenheit kehrte zurück. Er fühlte ſich ſehr unglücklich. Die tödtlichſte Lange⸗ weile verzehrte ihn und rieb ſeine Kräfte auf. Er wäre vielleicht einem unheilbaren Trübſinne anheim gefallen, wenn nicht ein zweites Ereigniß ihn mit Macht aufge⸗ rüttelt hätte. O Es trug ſich am 23. Januar zu. Schon ſeit eini⸗ gen Tagen hätte Jaques die Bemerkung machen kön⸗ nen, daß das Wetter draußen milder geworden ſein mußte. Er gebrauchte weniger Feuerung als ſonſt. und der Rauch verzog ſich nicht ſo leicht wie bisher durch den Schornſtein. Da vernahm er plötzlich, ge⸗ gen zwei Uhr Nachmittags, ein fernes, dumpfes Gepol⸗ ter, wie das Rollen des Donners; es kam raſch heran; das Krachen und Poltern ſteigerte ſich mit furchtbarer Gewalt, und plötzlich verſpuͤrte Jaques eine heftige Erſchütterung, die ihn erſchreckt von ſeinem Sitze auf⸗ ſpringen machte. Er ſtieß einen Schrei aus. Verſchiedene Geräth⸗ ſchaften in der Küche fielen um; ein dicker Staub er⸗ füllte faſt erſtickend die Luft, und ſchon vorher hatte Jaques aus dem Krachen der Balken ſchließen können, daß die Sennhütte einen furchtbaren Stoß erlitten ha⸗ ben müſſe.— 3 Im erſten Schrecken glaubte er, Alles müſſe über — — 115 ſeinem Haupte zuſammengebrochen ſein. Aber bald überzeugte er ſich, daß wenigſtens die Küche ſich noch in gutem Stande befand, und machte nun die Runde durch die Hütte, um ſich zu überzeugen, ob dieß überall der Fall ſei. Aber kaum beträt er den Stall, ſo zeigte ihm der erſte Blick die Spuren von einer ſchrecklichen Verwüſtung. Eine Maſſe von Trümmern bedeckte die Erde; die Mauer ſtand zwar noch, aber ſie war ſicht⸗ lich aus ihren Fugen gewichen, und drohte jeden Augen⸗ blick den Einſturz; ein Theil des Daches war zuſam⸗ mengebrochen, und Kalk, Schindeln, Trümmerſteine und Bruchſtücke von Balken lagen zerſtreut auf dem Boden umher. Irgend eine ſchwere Maſſe, dieß war augen⸗ ſcheinlich, mußte gegen die Hütte gerollt ſein. Ver⸗ muthlich irgend ein Felsſtück, das ſich oberhalb der Hütte von dem Berge losgeriſſen hatte, oder eine La⸗ wine, die von einem höher gelegenen Abhange herab⸗ geſtürzt war, aber noch nicht Kraft genug hatte, Alles vor ſich niederzuſtürzen und unter ihrer Wucht zu be⸗ graben. Jaques dankte Gott, daß Er ihn in dieſer neuen Gefahr beſchützt hatte, und ſeine Rettung dünkte ihm ein ſicheres Zeichen, daß Gottes Vaterauge nach wie vor über ihm wache. Er gewann wieder Muth; ſein gebeugter Geiſt richtete ſich auf, und er faßte von Neuem Vertrauen auf die Zukunft. Aber in Wahrheit, er bedurfte auch dieſen Muth, der arme Jaques. Das Unglück war noch nicht müde, ihn zu verfolgen. Es trat ein, was ſchon der Groß⸗ vater heimlich gefürchtet hatte: Die Ziege fing an, weniger Milch zu geben. Jaaques bemerkte es zuerſt um die Mitte des Monats 116 Januar, und am fünfundzwanzigſten konnte er nicht mehr daran zweifeln. Er erinnerte ſich der Worte ſei⸗ nes Großvaters, der eines Tages zu ihm geſagt hatte: „Was werden wir thun, Jaques, wenn die Milch⸗ quelle der Ziege verſiegt? Ohne Zweifel müſſen wir Blanchette dann tödten, und uns von ihrem Fleiſche ernähren!“ Aber Blanchette tödten, die treue Gefährtin ſeiner Leiden? Nein, das konnte Jaques nicht über's Herz bringen! Wenigſtens beſchloß er, dieſen Zeitpunkt ſo lange wie möglich hinauszuſchieben, und ſich einſtweilen an dem Allernothwendigſten genügen zu laſſen. Vor⸗ läufig gab ja auch Blanchette noch einige Milch. Käſe konnte Jaques freilich nicht mehr davon machen, aber er hatte ja auch noch einige im Vorrath, und vielleicht konnte ſich's mit Blanchette wieder beſſern. Dieß mußte allerdings bald geſchehen, wenn es helfen ſollte. Nach einer genauen Ueberſicht aller ſeiner Vorräthe berechnete Jaques, daß er höchſtens noch fünfzehn bis ſechszehn Tage davon leben konnte. Und noch befand er ſich im Januar, noch war nicht daran zu denken, daß er die Sennhütte verlaſſen könnte! Bis zum 30. Januar nahm Blanchette's Milch täg⸗ lich ab, bis Jaques auf den Einfall kam, ihr doppelte Portionen Salz zu geben. Aber auch dieß half nur für einen Tag, und am vierten Februar erhielt er nur noch ein paar Tropfen Milch von ihr. Jaques mußte ſich dazu bequemen, irgend einen Beſchluß in Betracht Blanchette's zu faſſen, ſo ſchwer es ihm auch ankam. Am achten Februar fand Jaques die Milchquelle Blanchette's völlig vertrocknet. Nicht einen Tropfen mmehr gab ſie her. Er ſetzte ſich neben das arme Thier 117 auf die Erde, umſchlang es mit den Armen und weinte bitterlich. Der traurige Augenblick war gekommen. Er ſollte, er mußte die ſanfte Gefährtin ſeiner Leiden, das einzige lebende Weſen, das ſeine Einſamkeit verſüßte, tödten; ſeine treue Ernährerin ſollte, mußte er morden, ſollte ihr ſein Meſſer in die Gurgel ſtoßen, ſollte ihr Schmerz verurſachen, nachdem ſie ihm nichts als Wohl⸗ thaten erzeigt hatte! Er konnte ſich noch nicht zu dieſer grauſamen und doch ſo nothwendigen That entſchließen. Er verſchob die Ausführung deſſelben. Noch hatte er für einige Tage Lebensmittel, und er wollte ſparſam, äußerſt ſpar⸗ ſam damit umgehen. 3 Am 12. Februar bemerkte er in ſein Tagebuch: Es iſt mir unmöglich, mitten in den Aengſten und Sor⸗ gen, die mich umringen, alles aufzuſchreiben. Meine Lebensmittel erſchöpfen ſich, und doch kann ich ohne Gefahr für meine Geſundheit meine tägliche Ration nicht noch mehr verringern. Blanchette dagegen wird immer fetter, und ſcheint ſich ſelbſt mir zu beſſerer Nah⸗ rung anzubieten. Und doch.... ich kann es nicht über mich gewinnen. Am 13. Februar. Ich habe neue Nachforſchungen angeſtellt, die ganze Hütte durchſucht, an mehreren Orten die Erde durch⸗ wühlt,— umſonſt! Ich finde keine Nahrungsmittel mehr, und die Anſtrengung hat meinen Hunger nur noch geſteigert. Was ſoll aus mir und der armen Blanchette werden? O Gott, hilf du uns! Am 17. Februar. 4 Die Kälte hat ſeit geſtern Abend ſo ſehr zugenom⸗ men, daß ich den ganzen Tag heizen muß. Dieß wäre * 118 ein günſtiges Wetter, um das Fleiſch der armen Blan⸗ chette aufzubewahren; es würde gefrieren und wuͤrde ſich dann recht gut halten. Aber kann das Wetter nicht wieder milder werden? Geſchähe das, ſo würde es mir an Salz fehlen, um das Fleiſch einzubökeln. Nein, ich will noch warten! Bis zum Aeußerſten warten! Am 18. Februar. Die Kälte nimmt überhand und erinnert mich an den Ueberfall der Wölfe. Nichts hindert ſie jetzt, wie⸗ der die Berge zu durchſtreifen. Mein Gott, ſchütze mich vor ihnen! Von ihren Zähnen zerfleiſcht zu wer⸗ den, welch' ein ſchreckliches Schickſal! Lieber wollte ich, daß ich von einer Lawine begraben würde. Solch ein Tod wäre eine Wohlthat gegen jenes traurige Ende! Am 20. Februar. Ich habe einen großen Entſchluß gefaßt. Ja, ich werde morgen die Hütte verlaſſen, und für den Fall, daß mir ein Unglück zuſtößt, will ich in mein Tagebuch ſchreiben, was mich zu dieſem Entſchluſſe beſtimmt hat. Geſtern weckte mich Blanchette's Meckern aus einem ſchrecklichen Traume. Mir träumte, daß ich mit blut⸗ befleckten Händen Blanchette in Stücke zerhackte, wäh⸗ rend das arme Thier noch immer ein trauriges Geſchrei ausſtieß und mich wehmuthsvoll anblickte. Bei dieſem Geſchrei wachte ich auf. Mein Geſicht fand ich von Thränen überſtrömt, aber mit Entzücken ſah ich, daß Blanchette noch am Leben war. Ich lief zu ihr, ich liebkoste ſie auf's zärtlichſte,. aber meine Freude ſchwand bald wieder dahin. Was half mir der Auf⸗ ſchub? Noch zwei Tage, und meine Lebensmittel gin⸗ gen zu Ende. Ich mußte mich entſchließen.. ich nahm — — 119 mein Meſſer. ich ſtürzte auf Blanchette zu, um ihr den Todesſtreich zu geben!.. Aber ich vermochte es nicht. Es ſchien mir, als wolle ich einen Mord bege⸗ hen, das Meſſer entfiel meiner Hand, und, anſtatt ſie zu tödten, umarmte ich Blanchetten von Neuem. Die Kälte war grimmig, ich mußte Feuer anmachen, und während ich mich daran wärmte, fragte ich mich ſelbſt:„Wenn die Wölfe über den Schnee laufen kön⸗ nen, warum ſollteſt du es nicht ebenfalls thun können?“ Dieſer Gedanke machte mich zittern vor Freude; aber bald darauf fing ich an, mich wieder zu fürchten. Um Blanchette nicht zu opfern, wollte ich mich alſo ſelbſt der Gefahr preisgeben, den Zähnen der Woͤlfe anheim zu fallen? „Indeß“— ſo dachte ich weiter—»indeß, wenn ich auch Blanchette tödte, weiß ich denn mit Beſtimmt⸗ heit, daß ihr Fleiſch bis zu meiner Befreiung ausreichen wird? Zuweilen iſt der Jura bis in den Sommer hin⸗ ein mit Schnee bedeckt, und eine ſo gute Gelegenheit, wie jetzt, wo der Schnee gefroren iſt, bietet ſich viel⸗ leicht nicht wieder. Am Ende iſt ein Angriff der Wölfe immer noch zweifelhaft, und da wir in einem Schlitten den Berg hinunter fahren werden, ſo kommen wir raſch von der Stelle, und die Wölfe mögen ſehen, wie ſie uns einholen...“ Der Einfall, in einem Schlitten zu fahren, gab den Ausſchlag. Ich machte mich unverzüglich daran, dieſen Schlitten zu bauen, und benutzte das beſte Holz dazu, das ich auffinden konnte. Er iſt wohl gerathen, feſt genug und hinreichend groß und breit, um mich und Blanchette zu tragen. Im Uebrigen verſtehe ich mich auch darauf, einen Schlitten ſelbſt im ſchnellſten Laufe 120 zu lenken. Blanchetten werde ich, damit ſie mich nicht hindert, die Füße zuſammenbinden und hinter mich le⸗ gen, und ſo mag denn die Flucht in Gottes Namen gewagt werden. 3 Gleichwohl fühle ich mich von verſchiedenen Gefüh⸗ len bewegt. Nicht ohne Rührung kann ich dieſe Hütte betrachten, wo ich ſo viel gelitten habe, und wo die Aſche meines theuren Großvaters ruht! Ich denke mit Schrecken an die weite Entfernung, die mich von un⸗ ſerem Dorfe trennt; aber dennoch werde ich meinen und Schutz biſt, o Gott, ſo fürchte ich nichts. Und Jaques wankte wirklich nicht in ſeinem Vor⸗ haben, ſo kühn und gefährlich es auch ſcheinen, und ſo traurig der Ausgang deſſelben ſein mochte. Früh am Morgen des 21. Februar wachte er auf. Die Kälte ſein Unternehmen, und ſo verlor er denn keinen Augen⸗ blick. Zuerſt mußte er ſich einen Weg durch den Schnee bohren; aber da er den Schnee, um ihn auf die Seite zu ſchaffen, nur in die Hütte zu werfen brauchte, ſo fand er dieſe Arbeit nicht allzu ſchwierig. Mit der Schaufel machte er ſeinen Angriff, ohne ſich lange zu beſinnen, und arbeitete mit ſolchem Eifer, daß er end⸗ lich ermüdete und ein wenig ausruhen mußte. Er ging in die Hütte, und machte ein Feuer an. ſtein, als ey plötzlich von außen her ein Geräuſch ver⸗ nahm. Sein erſter Gedanke war, daß es Wölfe ſein müßten, die ihn gewittert hätten, und nun kämen, um ihn zu zerreißen. Aber ſein Schrecken ſollte nicht lange dauern. Statt Wolfsgeheul vernahm er menſchliche Entſchluß nicht ändern. Wenn du nur mein Schirm ſchien heftiger, als je, aber gerade die Kälte begünſtigte Kaum aber wirbelte der Rauch durch den Schorn⸗ 121 1 3 Stimmen, unterſchied ſogar ſeinen Namen, und ſtieß nun einen jubelnden Schrei des Entzückens aus, der von draußen her mit ähnlichen Zurufen beantwortet wurde. Von Neuem griff jetzt Jaques, halb beſinnungslos voor Freude, zu ſeiner Schaufel, und arbeitete ſich mit Macht durch den Schnee, ſeinen Errettern, ſeinen Be⸗ freiern entgegen. Bald unterſchied er deutlich und im⸗ mer deutlicher die Stimmen, und hörte, wie ſich die Leute draußen gegenſeitig zur Arbeit ermunterten. Und jetzt,... großer Gott, welche Seligkeit!— jetzt ver⸗ 1 nahm er ſogar die Stimme ſeines Vaters, die herzer⸗ ſchütternd an ſein Ohr drang. Er jubelte von Neuem, er verdoppelte ſeine Anſtrengungen, die von außen mächtig unterſtützt wurden, und endlich, nach einigen langen Minuten, war die Schneemaſſe durchbrochen, die ihn noch von ſeinen Freunden trennte. 8 Jaques' Vater, von brennender Ungeduld, getrieben, wartete nicht, bis die Oeffnung bequem gemacht wurde. 1 Er drängte ſich hindurch, er eilte vorwärts, und einen 3 Schrei der Freude ausſtoßend, umarmte er ſeinen Knaben und drückte ihn mit aller Kraft der Liebe an ſeine Bruſt.— „Und dein Großvater, Knabe?“ rief er. Jaques war ſo ergriffen und überwältigt, daß er nicht antworten konnte. Er führte ſeinen Vater in die Milchkammer, warf ſich an dem Grabe des Großvaters 1 nieder, und brach in Thränen aus. Sein Vater er⸗ rieth Alles, und das Täfelchen zu Häupten des Hü⸗ * gels beſtätigte ſeine traurigen Vermuthungen. Jaques verſuchte dem Vater eine Schilderung aller überſtande⸗ — 12² nen Leiden zu geben, aber er war noch zu heftig erſchüttert, und der Verſuch ging über ſeine Kräfte. „Später, mein Kind, ſpäter!“ ſagte ſein Vater, ſelbſt tief bewegt.„Folge mir, wir dürfen uns keiner neuen Gefahr ausſetzen, und die Zeit drängt. Ohnehin wird die Rüuͤckkehr nicht leicht ſein.« Mittlerweile hatten auch die Uebrigen den Durch⸗ gang erzwungen, und als ſie in die Hütte traten, er⸗ kannte Jaques ſeine zwei Oheime, die Brüder ſeines Vaters, und Pierre, den Diener. Alle ſchloſſen ihn in die Arme, und wünſchten ihm Glück zu ſeiner Be⸗ freiung. Dann drängten ſie zur Abreiſe. Sie hatten Schneeſchuhe an, und außerdem noch zwei Paare mit⸗ gebracht, von denen eines leider überflüſſig war. Das andere mußte Jaques anlegen. Pierre nahm den Schlitten in's Schlepptau und Blanchette wurde darauf gebunden, ohne daß man Be⸗ ſorgniß vor den Wölfen hegte. Die Wölfe mochten kommen, wenn es ihnen gefiel. Die Befreier waren gut mit Waffen verſehen, und auch Jaques erhielt eine Flinte, welche ſein Vater ihm über die Schulter hing, und dann ſeine Hand ergriff. „Dieß iſt der Augenblick nicht,“ ſagte er,„die Ueberreſte deines armen guten Großvaters mitzuneh⸗ men. Im Frühlinge werden wir zurückkehren und dann für ein chriſtliches Begräbniß auf unſerem Kirchhofe im Dorfe Sorge tragen. Aber beten wollen wir noch einmal an ſeinem Grabe!“. Sie traten Alle in die Milchkammer und knieten an dem Grabhügel des Großvaters nieder. Lebewohl, geliebter, theurer Greis,“ ſprach Ja⸗ es. Pater mit gerührter Stimme.„Ich befolge gewiß — 123 nur deinen Willen, wenn ich dieſes Kind, ſo ſchnell ich vermag, in Sicherheit bringe! Lebewohl, und Friede ſei mit deiner Aſche!“ Aller Augen ſtanden voll Thränen, als ſie die kleine Hütte, deren Thür ſorgfältig verſchloſſen wurde, ver⸗ ließen. Das Hinabſteigen ging raſch, war aber be⸗ ſchwerlich. Jaques, ſeit lange an Dunkelheit gewöhnt, wurde geblendet von dem Lichte der Sonne und dem weißen Glanze des Schnees. Außerdem war die Kälte in der That grimmig; aber Jaques beklagte ſich dar⸗ über wenigſtens nicht, denn gerade die Kälte war es, die ihm und Blanchette, welche zitternd vor Froſt auf dem Schlitten lag, das Leben gerettet hatte. Ohne weiteren Unfall, als daß ſie zuweilen bis an die Knie in den Schnee einſanken, erreichten ſte den Fuß des Berges, und fanden hier einen bereits gebahnten Weg, der mit ungeheurer Anſtrengung von den Bewohnern des Dorfes durch den Schnee gebro⸗ chen war. Jaques ſtaunte über die unglaubliche Mühe und Arbeit, die dieſer Weg gekoſtet haben mußte. „Ja, gewiß, es war ein ſchweres Werk,“ ſagte ſein Vater zu ihm.»Wir würden dich ſchon im Dezember befreit haben, wenn nur die Kälte angehalten hätte. Weder wir, mein lieber Jaques, noch unſere Nachbarn haben es an treuem, theilnehmendem Eifer fehlen laſſen, aber ſeit Menſchengedenken waren nicht ſolche Maſſen von Schnee gefallen. Vier Mal haben wir den Weg durchgebrochen, und vier Mal verſchneite er wieder.“ „War denn der Weg vom erſten Tage an ungang⸗ bar?“ fragte Jaques. „Nicht vom erſten Tage an,« erwiederte der Vater, „aber ein anderes Hinderniß verzögerte deine Neztung., Und nun erzählte er, daß er bei dem Herabſteigen vom Berge im Schneegeſtöber faſt umgekommen wäre. Ohne Beſinnung habe man ihn am Rande eines Ab⸗ grundes entdeckt, und nicht weit davon den Alpenſtock des Großvaters gefunden, ſo daß man auch ihn und Jaques verunglückt geglaubt habe. Drei Tage lang— hatte der Vater zwiſchen Tod und Leben geſchwebt, und als endlich ſeine Beſinnung zurückgekehrt war, hatte der Schnee mit ſolcher Macht überhand genom⸗ men, daß an die Befreiung der Verſchneiten in der Sennhütte vorläufig nicht mehr gedacht werden konnte. Erſt bei Eintritt des ſtarken Froſtes wurden die uner⸗ müdlichen Anſtrengungen der Dorfbewohner von Erfolg. gekrönt, und ſie begrüßten jetzt Jaques bei ſeiner An⸗ kunft mit ſolcher Liebe und Freude, daß er darüber erröthete, jemals an ihrem Eifer Zweifel gehegt zu 4 haben. Jeder wollte ihn, Jeder wollte Blanchette ſehen. 4 Man überhäufte Beide mit Liebkoſungen, und Blan⸗ te wurde dermaßen zärtlich geſtreichelt und mit Lecker⸗ biſſen verſehen, die man ihr von allen Seiten brachte, 1 daß ſie gewiß die glücklichſte von allen Ziegen im Dorfe war. „Gott hat mir das Leben gerettet, und ich preiſe ſeine Gnade!“ ſchrieb Jaques am Tage nach ſeiner Befreiung in ſein Tagebuch.„Sein heiliger Wille war es nicht, daß auch mein theurer Großvater ſeine Familie wiederſehen ſollte; aber dieſer treue Freund, den ich immer beweinen werde, hat mich gelehrt, nie igen die Fügungen der Vorſehung zu murren. Ich aicht, aber gewiß wird Gott nicht zürnen, wenn derz über den Verluſt meines väterlichen Freun⸗ 125 3 des voll Trauer iſt. Oh, mein Gotk, Wenn ich dich von Herzen liebe und dich erkennen gelernt habe, ſo verdanke ich es ja allein ihm, dieſem theuren, zärt⸗ lichen Vater! Gib du, o Gott, daß ich treu ſei im Glauben, und ſtandhaft in der Frömmigkeit, wie er, damit ich ihn im Himmel wiederfinde, wenn ich der⸗ einſt eingehen ſollte zu deiner Herrlichkeit. Amen!« ₰ 8 85 8 G . 5 2 5 — 0Q — 8 S 8 8 5 — 5 8 2 à5 8 *4 ffffffm Irfffffffnſfſnſſſ 2 10 11 1 13 14 15 16 17 18 “