Fürſt Wolfgang. Hiſtoriſche Erzählung Franz Hoffmann. Mit vier Stahlftichen. Vierte Auflage. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. Erſtes Kapitel. Is war in den letzten Tagen des Monats Auguſt im Jahre Eintauſend fünfhundert und ſechs und vierzig, da ſchritt in einem hohen und geräumigen, aber ſchmuckloſen Gemache des fürſtlichen Schloſſes zu Bernburg ein Mann von edler Geſtalt und ernſtem gebietendem Weſen nachſinnend auf und nieder. Die ſtrahlenden blauen Augen feſt auf den Boden gerichtet, die breite hohe Stirn in ſorgenvolle Runzeln gezogen, die ſchma⸗ len bärtigen Lippen feſt zuſammengepreßt, ſchien er alle ſeine Gedanken auf ein großes und ernſtes Ziel gerichtet zu haben. Nicht ſelten unterbrach er auf einige Augenblicke ſeinen Gang, fuhr mit der muskelſtarken Hand über den vollen breiten Bart, der von Kinn und Wangen hernieder wallte, ſtrich mit den Fingern durch das kurz verſchnittene braune Haupthaar, und murmelte einige halblaute Worte vor ſich hin, deren Sinn man jedoch nicht deutlich verſtehen konnte. Gleich darauf aber ſetzte er immer ſtill und ernſt ſeinen Weg wieder fort. Die Kleidung des Mannes war einfach, beſtand aber aus den koſtbarſten Stoffen. Ueber einem Wams von dunkelblauem niederländiſchem Tuche, das eng und knapp ſeine breite Bruſt umſchloß, trug er einen weiten Ueberwurf von ſchwarzem Sam⸗ met, verziert mit einem großen Kragen und handbreiter Ver⸗ brämung von köſtlichem Pelzwerk. Den Hals umſchloß eine Fürſt Wolfgang. 1 ſchneeweiße, fein gefaltete Krauſe, unter der ſich eine ſchwere goldene Kette hervorſtahl, welche ſchimmernd über die Bruſt hinabfiel. Die Beinkleider beſtanden, wie der Pelzüberwurf, aus ſchwerem venetianiſchem Sammt, und an den Stiefeln von feinſtem Wildleder klirrten während des Auf⸗ uun Abſchreitens ein paar mächtige goldene Sporen. In der Linken trug der Mann ein zuſammengerolltes Pergamentblatt, an ſeiner Hüfte im köſtlich geſtickten Wehrgehäng ein breites und langes Schwert, und im Gürtel einen ſchmalen, gekrümmten, reich mit Edelſteinen verzierten Dolch.— Nicht leicht konnte man ein Antlitz finden, in deſſen Zügen ſich Biederkeit, Treue, Kraft, Entſchloſſenheit, Würde und Freudigkeit deutlicher ausprägten, als in dem Angeſichte dieſes Mannes, der kein anderer war, als der tapfere und fromme Fürſt Wolfgang von Anhalt, der Legat Gottes von ſeinem ge⸗ lahrten Freunde, dem Doctor Martin Luther, genannt, um ſeines Eifers willen, das reine Wort des Herrn zu verbreiten und den Frieden unter den Fürſten zu erhalten. Jetzt aber ſchien eine düſtere Sorge ſchwer auf ſeiner Seele zu laſten, und ſeine ſonſt heitere und freie Stirn erſchien trübe und um⸗ wölkt. Und wohl hatte Fürſt Wolfgang gegründete Urſache zu ernſtlichem Nachdenken, denn er ſtand im Begriffe, einen Ent⸗ ſchluß über eine Sache zu faſſen, von deren Ausgang ſein Glück, ſeine Krone, vielleicht ſein Leben abhing. Während er noch immer nachdenklich in ſeinem Gemache auf und nieder wandelte, ertönten plötzlich ſchmetternde Trom⸗ peten auf dem weiten Schloßhofe, Geſtampf und Hufſchlag von Pferden erſchallte, und das Waffenraſſeln einer gewappneten Schaar drang bis zu Fürſt Wolfgangs Ohr. Schnell an ein Fenſter tretend, blickte er in den Hof hinab und gewahrte eine Schaar von Rittern und Reiſigen im blanken Harniſch. Nur 3 Einer von den Reitern war, bis auf ein Schwert, ganz unbe⸗ waffnet. Das Geſicht deſſelben konnte jedoch Fürſt Wolfgang nicht erkennen, indem der Fremde, welcher mit dem Kaſtellane des Schloſſes einige Worte wechſelte, ihm den Rücken zukehrte. Gleich darauf aber ſchwang er ſich vom Roſſe, und blickte zu den Fenſtern Fürſt Wolfgangs empor, welcher jetzt in ihm einen treuen und wackeren Freund, den Churfürſten Johann Friedrich von Sachſen, genannt den Großmüthigen, erkannte. Eilig ſtieg er die breiten ſteinernen Stufen in den Schloßhof hinab, um den edlen Herrn zu empfangen und die nöthigen Befehle wegen Unterbringung ſeiner Begleitung zu geben. „Mein werther Freund und Herr,“ nahm Fürſt Wolfgang das Wort, nachdem die erſten freudigen Empfangsfeierlichkeiten vorüber waren und die beiden edlen Herren in Wolfgangs Ge⸗ mache Platz genommen hatten,—„welches wichtige und hoch⸗ ernſte Ereigniß führt Euch zu mir? Nur einem ſolchen kann ich den erfreulichen und ehrenvollen Beſuch zu danken haben.“ Churfürſt Johann, ein ſtarker und wohlbeleibter Herr mit einem höchſt gutmüthigen Geſichte und treuherzigem und bie⸗ derm Weſen, nickte freundlich dem Fürſten zu und ſprach nach kurzem Bedenken: „Haben denn Ew. Liebden das Rundſchreiben unſeres Herrn Vetters, des Landgrafen von Heſſen, noch nicht erhalten? Die Zeit iſt gekommen, wo wir zu den Waffen greifen und mit dem Schwerte in der Hand unſeren Glauben vertheidigen müſſen.“ „So iſt es alſo wirklich wahr?“ ſprach Fürſt Wolfgang nachdenklich, indem er nach der Pergamentrolle griff, die er vorhin, als er in den Schloßhof hinabging, auf einen Mar⸗ mortiſch gelegt hatte.„Mein Vetter Georg, der evangeliſche Biſchof von Merſeburg, warnet mich in dieſem Briefe vor übermäßiger Hitze und Schnelligkeit, indem es doch ein ver⸗ 4 gebliches Bemühen ſein würde, gegen des Kaiſers Majeſtät und Macht die Waffen zu ergreifen.“ „Aber die Waffen ſind ſchon ergriffen,“ erwiderte Johann eifrig.„Sebaſtian Schärtlin von Burtenbach, ein ritterlicher, kühner, in allen Kriegsſachen erfahrener Mann, und Hans von Heydeck, des Herzogs Ernſt von Württemberg Feldoberſter, ſind ſchon gegen Kaiſer Carl ausgerückt und auf Regensburg losgegangen, wo die Majeſtät mit ihren zehntauſend Mann noch Hilfe aus Italien und den Niederlanden erwartete. Ge⸗ wiß ſind die beiden feindliche Heere jetzt ſchon an einander ge⸗ rathen, und es iſt nicht zu bezweifeln, daß der Kaiſer in die Flucht geſchlagen iſt. Wir dürfen nicht zögern, den Sieg zu verfolgen, und darum habe ich auch bereits meine Kriegsleute zuſammenberufen und meinen Vetter Moritz für die Zeit mei⸗ ner Abweſenheit zum Statthalter über meine Lande ernannt.“ „Das habt Ihr gethan, theurer Herr? Wirklich und wahrhaftig gethan?“ rief Wolfgang erſchrocken.„Nun, ſo gebe der Himmel, daß es zu Eurem Heile gereichen möge!“ „Ei, warum dieſe unnütze Sorge, Freund?“ fragte lä⸗ chelnd Churfürſt Johann.„Habt Ihr ſo wenig Vertrauen zu unſeren guten Sache, daß Ihr an ihren Untergang glauben könnt?“ „Nein, nein, Ew. Liebden!“ antwortete Wolfgang.„Die Sache iſt wohl gut und wird feſt ſtehen, wenn auch die Hölle alle Teufel wieder ſie ausſendete. Aber ſie iſt mehr eine Sache des Friedens, als eine Urſache zum Kriege. Habt Ihr denn vergeſſen, gnädiger Herr, daß ſelbſt unſer kühner Luther jeder Zeit zum Frieden rieth und den reinen Glauben nicht durch das Schwert geſtützt haben wollte? Es iſt nicht gut, daß Ihr zu den Waffen gegriffen habt, ſo lange noch eine Hoffnung übrig war, durch Beharrlichkeit und Feſtigkeit, aber in Frieden, un⸗ ſeren Zweck zu erreichen. Und dann, nicht für ungut, Herr — —— — Churfürſt, aber den Moritz hätte ich nun und nimmermehr zum Hüter über meine Lande geſetzt, wenn ich nicht ſelber hätte des Landes Hüter ſein können. Churfürſt Moritz meint es nicht ehrlich mit unſerer Sache und mit unſerem Glauben, und ob⸗ gleich Proteſtant, ſteht er doch mehr zu des Kaiſers Majeſtät als zu uns, deſſen Bundesgenoß er ſein ſollte. Warum iſt er dem ſchmalkaldiſchen Bunde nicht beigetreten? Blos weil er's mit dem Kaiſer nicht verderben wollte und im Trüben zu fiſchen gedachte. Folgt meinem Rathe, Herr, und kehrt heim in Eure Reſidenz, um mit eigenen Augen nach dem Rechten zu ſehen. Ich habe Nachrichten, die Euch wenig gefallen werden.“ „Und wie lauten ſie, Ew. Liebden?“ fragte der Churfürſt ein wenig kalt, da er den gehofften Eifer nicht bei Fürſt Wolf⸗ gang gefunden, und ſich, wie er meinte, ſehr in ihm getäuſcht hatte. Dem Fürſten entging das veränderte Weſen Johann nicht. Er ſchaute ihm treuherzig in die Augen, betrachtete ihn einige Augenblicke mit feſtem Blicke und ſagte dann freundlich, aber ernſt:„Herr Churfürſt, verſteht mich wohl, und laßt kein Mißtrauen gegen einen alten erprobten Freund in Eurer Seele aufkommen. Ich habe ſchon manchen ſchönen Ritt An⸗ deren zu Gefallen gethan, wie ſollte ich wohl nicht, wenn es nöthig wäre, auch meinem Herrn und Erlöſer Jeſu Chriſti zu Ehren mein Roß ſatteln und mit Dranſetzung meines Leibes und Lebens ſein heiliges Wort vertheidigen, um das ewige Ehrenkränzlein im himmliſchen Leben zu erwerben? Aber glaubt mir, Herr Churfürſt, noch iſt es nicht nöthig, zu dem Schwerte zu greifen, und der Kaiſer wird uns in Frieden mehr zuge⸗ ſtehen, als wir durch Gewalt der Waffen jemals von ihm er⸗ langen werden! Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, was können wir wohl gegen ſeine große und gewaltige Heeresmacht ausrich⸗ ten, da wir proteſtantiſchen Fürſten in keiner Sache zuſammen⸗ halten und einig ſind? Hört nur, was mein Vetter Georg über den Feldzug des Sebaſtian Schärtlin mittheilt.“ Fürſt Wolfgang faltete das Pergamentblatt auseinander, und las, wie folgt: „Wie ich Euch denn, liebwerther Vetter, zu Frieden und Stillhalten vermahne, ſo will ich Euch auch ehrlich die Gründe angeben, welche mich zu ſothaner Handlungsweiſe beſtimmen. Erwähnter Sebaſtian Schärtlin, von den proteſtantiſchen Städten im obern deutſchen Lande zum Feldherrn erkoren, hat wollen Sr. Majeſtät dem Kaiſer, ſo ihn ruhig zu Ingolſtadt erwartet, zu Leibe gehen. Da er aber an den Lech iſt gekommen, und hat wollen über das Flüßchen ſetzen, ſo hat ſich ein Bote von der freien Reichsſtadt Augsburg bei ihm eingefunden mit dem Befehle, den friedlichen Boden des Herzogs von Bayern nicht zu betreten. Da iſt Sebaſtian Schärtlin ſehr bekümmert am Lech ſtehen geblieben, ohne ihn überſchreiten zu dürfen; denn er hatte noch Größeres im Sinne gehabt, und auf Regensburg losgehen wollen, wenn er die kaiſerlichen Heerhaufen raſch aus⸗ einander getrieben. Dann wäre freilich das obere Deutſchland für den Kaiſer verloren geweſen, und hat darum Schärtlin ge⸗ ſagt: daß gewiß einſt Hannibal nicht mit betrübterem Herzen von Italien abgezogen ſei, als er zu dieſer Stunde vom Baier⸗ lande. Er iſt nun auf Tyrol zugerückt, um die päpſtlichen Haufen, ſo dem Kaiſer zu Hilfe ziehen wollen, nicht nach dem deutſchen Lande zu laſſen, ſondern ihnen bei Zeiten den Paß abzuſchneiden. Wird ihm aber kaum etwas helfen, ſintemal jene Truppen ganz abſonderlich tapfer ſind und von verſuchten Hauptleuten kommandirt werden. Haltet Euch darum für jetzt ruhig, Ew. Liebden, mein werther Vetter, und ſehet zu, wie die Sachen gehen. Suchet auch Euren edlen Freund, den Chur⸗ fürſten Johann Friedrich von Sachſen zu bewegen, daß er ſein — Schwert in der Scheide behalte, alldieweil wir in Frieden viel weiter kommen werden, als mit Trotz und Gewalt.“ Während Fürſt Wolfgang dieſes Schreiben vorlas, war ſein hoher Gaſt vom Stuhle aufgeſtanden und, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, in dem Gemache auf⸗ und niedergeſchritten. „Es iſt zu ſpät!“ rief er endlich, als Wolfgang ſchwieg und ihn fragend anblickte.„Es iſt zu ſpät! die Würfel ſind gefallen, und nur Gott weiß, ob ſie zu meinen Gunſten oder zu meinem Verderben fallen werden. Indem wir mit einander hier, ſprechen, marſchiren meine und des Landgrafen von Heſſen ver⸗ einigte Truppen ſchon in Eilmärſchen wider des Kaiſers Heeres⸗ macht.“ „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit!“ rief Wolfgang erſchrocken; „warum haben Ew. Liebden das gethan? Habt Ihr denn ganz vergeſſen, daß der ehrwürdige Luther uns noch auf dem Sterbebette zum Frieden gerathen hat? Gott verhüte alles Böſe, ſo aus dem raſchen Schritte entſtehen könnte!“ „Wolfgang, ich konnte nicht anders,“ ſagte der Churfürſt, indem er ſeine breite fleiſchige Hand auf die Schulter des Freundes legte, und ihn mit einem Auge voll Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit anblickte,„der Kaiſer ſelbſt drohte uns mit dem Kriege, wenn wir von unſerem Glauben nicht ablaſſen würden. Wir ſandten hierauf eine Schrift an ihn des Inhalts:„daß wir uns keines Ungehorſams ſchuldig wüßten, und daß, wenn wir wirklich ein Verſehen begangen hätten, es doch wenigſtens nicht mehr als billig wäre, vor der Verdammung unſere Ver⸗ theidigung zu hören. Wir wüßten aber nur zu gut, daß der Kaiſer den Krieg nur auf Anſtiften des Papſtes unternähme, um die reine Lehre des Evangelii und die Freiheit des deutſchen Reichs zu unterdrücken. Wenn dann nun ſeine Majeſtät den Krieg praktiziren wollte, ſo würde Sie auf unſerer Seite auch Leute finden, ſo vor blanken Waffen keine Scheu kennten.“ Die Antwort des Kaiſers war, daß der Landgraf von Heſſen und ich ſelbſt in die Acht erklärt wurden, weil wir Rebellen, Meineidige und Hochverräther wären, ihm Krone, Scepter und alle Gewalt nehmen und an uns bringen, und am Ende Jeder⸗ mann unter unſere Tyrannei zwingen wollten. Wir lachten über die Achtserklärung, durch welche der Kaiſer die alten Rechte des Reiches verletzt hat, indem er ſie nicht ohne Bei⸗ ſtimmung eines Fürſtengerichts ausſprechen darf. Aber zu⸗ gleich rüſteten wir auch in Eile, da des Kaiſers Abſichten nun nicht mehr zu bezweifeln waren, und jetzt gilt es nun Gewalt gegen Gewalt, Schlag gegen Schlag im offenen Kriege.“ „Ihr verkennt den Kaiſer, theurer Freund,“ nahm Fürſt Wolfgang das Wort.„Hat er in der Hitze des Streites nicht immer jegliches Wort auf die Wagſchale gelegt, ſo habt Ihr ihn durch eine ſchwere und gewichtige Beſchuldigung erſt dazu gereizt. Ihr mußtet ihn nicht anklagen, daß er beabſichtige, die Freiheit und die Rechte des deutſchen Reichs zu unter⸗ drücken; denn Solches iſt ihm gewiß niemals in den Sinn ge⸗ kommen.“ „Gleichviel! Gleichviel!“ erwiderte der Churfürſt eifrig. „Jetzt gilt es den Kampf auf Leben und Tod, und ein fried⸗ licher Rückſchritt iſt nicht mehr möglich. Mit mir möge ge⸗ ſchehen nach dem Willen Gottes, und im Vertrauen auf ſeine Hilfe und unſere gerechte Sache will ich mein Glück und mein Leben auf das Spiel ſetzen. Ihr aber bleibt ruhig daheim, und wenn Ihr mir einen Freundſchaftsdienſt erweiſen wollt, ſo habt ein wachſames Auge auf meine Länder und den Moritz, dem ich am Ende, wie ich beinahe fürchte, doch zu viel getraut habe.“ „Herr,“ ſprach Wolfgang, und preßte mit Wärme des Churfürſten Hand in der ſeinigen,„Herr, noch iſt's Zeit, noch könnt Ihr umwunden, und könnt Ihr in Ehren Frieden zwi⸗ ſchen Euch und dem Kaiſer ſtiften, da noch kein Schwertſtreich gefallen iſt, obwohl böſe und ſchwere Worte gewechſelt worden ſind. Bedenkt wohl, wie gnädig er noch im vorigen Jahre auf dem Reichstage zu Augsburg gegen uns geweſen iſt. Erinnert Euch nur, man wollte uns zwingen, eine Formel von unſerer Religion fahren zu laſſen und redete uns hart zu. Wir aber traten vor aus den Reihen bis dicht an den Kaiſer heran, und ſagten einmüthig: ‚Herr, wir wollen Euch dienen mit Gut und Blut allezeit, wenn Ew. Majeſtät uns ungeſtört bei unſerer Religion belaſſen wollen. Ehe wir aber unſeren Gott und un⸗ ſer Evangelium verläugnen, mögt Ihr uns lieber die Köpfe ab⸗ ſchlagen laſſen.“ Hat da der Kaiſer nicht freundlich gelächelt und ſich gnädig gegen uns verneigt? ‚Nein, meine lieben Ohme,“ ſagte er, nicht Kopf ab, nicht Kopf ab; ſo iſt es nicht gemeint!’ Das waren ſeine eigenen Worte, und er ſagte ſie ganz offen und laut, obgleich König Ferdinandus neben ihm ſtand, der uns von allen Fürſten am meiſten haßte, und uns über die Maßen grollte. Wie mögte wohl der Kaiſer, da er jederzeitig gnädigen Sinnes iſt, einer ehrlichen Bitte um Frieden ſein Ohr verſchließen? Nein, nein, Ew. Liebden! Machet noch einen Verſuch zur Einträchtigkeit, und wenn dieſer nicht zum Ziele führen ſollte, ſo rechnet nur ganz ſicherlich auch auf meinen Beiſtand in unſerer heiligen Sache. Hilf, du heilige Dreifaltigkeit! Will ich doch lieber Anderen die Stiefel ab⸗ wiſchen, Land und Leute verlaſſen und an einem Stecken davon gehen, als dem Evangelio untreu werden! Aber ehe wir es aufs Aeußerſte ankommen laſſen, müſſen wir auch erſt das Aeußerſte verſuchen, um in Frieden und Eintracht unſer Ziel zu erreichen. Geht nicht in den Krieg, lieber Herr! Ruft Eure Kriegsknechte durch einen Eilboten zurück, verweilt ein paar Tage oder Wochen auf meinem Schloſſe und laßt uns ge⸗ meinſchaftlich ein Schreiben an des Kaiſers Majeſtät auſſetzen! Gebt Acht, der Kaiſer wird gern unſere Hand ergreifen, wenn 19 wir ſie ihm offen und ehrlich zu treulichem Vertrage bieten. Laßt Euch überreden, lieber Herr, und folgt mir; ich meine es wahrlich gut mit Euch und unſerem Glauben, den nimmer eine menſchliche Macht aus meinem Herzen reißen kann!“ Churfürſt Johann ſah eine helle Thräne in Wolfgangs Augen glänzen, und auch ſeine Wimper ward feucht in dieſem Augenblicke, da er tief in des Freundes treues und wackeres Gemüth hineinſchaute. Einen Moment ſchwankte er, und ſchien der herzlichen Bitte Wolfgangs nachgeben zu wollen; dann aber raffte er ſich gewaltſam zuſammen, fuhr mit der Hand über Stirn und Augen, als ob er alle trüben Gedanken aus ſeinem Kopfe wegwiſchen wollte, und ſagte tief ergriffen: „Es iſt zu ſpät, zu ſpät, Wolfgang! Kaiſerlicher Maje⸗ ſtät iſt der Krieg angekündigt, und ewige Schmach und Schande würde mich treffen, wenn ich mich jetzt, nachdem ich ſo große Worte geführt, wie ein Feigling zurückzöge. Und was würde mein Freund Philipp von Heſſen ſagen, wenn ich ihn ſo plötz⸗ lich im Stiche laſſen wollte? Nein, nein, kein Wort weiter! Ihr würdet mir nur das Herz ſchwer machen. Der liebe Gott hat mich zum Churfürſten des Reichs gemacht, obgleich ich deſ⸗ ſen nicht würdig bin; will er mich nun ferner zum Churfürſten haben, ſo wird er's wohl ſchicken und wird uns den Sieg ver⸗ leihen; wo nicht, ſo mache er aus mir, was er will, ſein Wille iſt der beſte.“ Nach den letzten Worten umarmte er den Fürſten Wolf⸗ gang, und drückte ihn mit herzlicher Liebe an ſeine Bruſt. Wolfgang erwiderte dies Zeichen der Freundſchaft, aber ſeine Stirn blieb trübe und umwölkt, und obgleich er ſich alle mög⸗ liche Mühe gab, konnte er ſeine Seele doch nicht zu der gewohn⸗ ten Freudigkeit und Zuverſicht ſtimmen. Am nächſten Morgen ritt der Churfürſt mit ſeinem Ge⸗ folge davon und Wolfgang gab ihm das Geleit bis an die 11 Grenze des Landes. Hier umarmten ſich die Freunde zum letzten Male und ſchieden von einander mit den innigſten Wün⸗ ſchen für ihr gegenſeitiges Wohl. Fürſt Wolfgang ſah der hurtig davon ſprengenden Sachſenſchaar nach, ſo lange ſein Auge ſie zu erblicken vermochte. Die Federbüſche auf den Hel⸗ men flatterten und wogten luſtig im Morgenwinde, die Har⸗ niſche glänzten und ſchimmerten im Sonnenſtrahl, und die Erde ward erſchüttert von dem dröhnenden Hufſchlage der mu⸗ thigen Schlachtroſſe. Es war ein herrlicher und herzerhebender Anblick für einen tapferen Kriegsmann, die fröhliche Reiterſchaar zu ſehen; Fürſt Wolfgang aber, obgleich der ſtärkſten und mu⸗ thigſten Helden Einer, ſchaute ihr nach mit inniger Wehmuth, und eine geheime Stimme in ſeinem Innern flüſterte ihm nichts wie bange und trübe Ahnungen in ſeine große Seele. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, zu einem guten Ende!“ ſprach er, die Hände, wie zum Gebet gefaltet, und die treuen Augen zum blauen Himmelsgewölbe emporgerichtet. „Dann warf er mit kräftiger Hand ſein ſchwarzes Roß her⸗ um, und ſprengte in raſchem Laufe zu ſeinem Schloſſe zurück. Von außen ruhig, innen voll banger Sorgen, erwartete er den Ausgang des Kampfes, feſt entſchloſſen, im unglücklich⸗ ſten Falle Alles daran zu ſetzen und zu opfern, um das heilige Palladium ſeines Glaubens zu retten.— 12 Zweites Kapitel. Als der Winter herannahte, waren faſt alle böſen Ahnun⸗ gen des Fürſten Wolfgang zur Wirklichkeit geworden. Das verbündete Herr der Proteſtanten hatte wegen Unſchlüſſigkeit und Uneinigkeit nicht das Mindeſte gegen den Kaiſer ausrichten können, und überdies rief den Churfürſten Johann die ſchlimme Botſchaft in ſein Land zurück, daß Herzog Moritz treuloſer Weiſe ſich ſeines ganzen Reiches bis auf wenige Ortſchaften be⸗ mächtigt habe. Voll bittern Unmuthes kam er im Dezember des Jahres 1546 bei Rochlitz an, ſchlug daſelbſt den Verbündeten des Herzogs Moritz, den Markgrafen Albrecht von Brandenburg, in einem entſcheidenden Kampfe auf's Haupt, nahm den trotzi⸗ gen Feind gefangen, und eroberte darauf in kurzer Friſt ſein ganzes Gebiet wieder. Sobald auf dieſe Weiſe die nächſten Feinde unſchädlich gemacht worden waren, galt es, ſich gegen den Kaiſer zu waffnen, und die Wintermonate verſtrichen in großer Geſchäftigkeit. Auf den erſten Ruf Johannes rüſtete auch Fürſt Wolfgang, der mit trauerndem Herzen die ungün⸗ ſtige Lage ſeiner Bundesgenoſſen beobachtet hatte, und hielt ſich bereit, in jedem Augenblicke zu dem Heere des Feindes zu ſtoßen. Sein Ruf„zu den Waffen“ ſcholl durch's ganze Land, und von nah und fern ſtrömte die Blnthe der Anhaltiſchen Ju⸗ gend in die zum Sammelplatze beſtimmte Stadt Bernburg, um ſich unter die Fahnen ihres tapferen Fürſten zu reihen. Bald war die kleine Heeresmacht verſammelt, und in der Mitte des Monats April führte ſie Fürſt Wolfgang dem Churfürſten zu, welcher ein Lager bei Meißen an der Elbe bezogen hatte. Mit Freuden wurde er empfangen, und in das Zelt des Chur⸗ —— 13 fürſten geführt, deſſen trübe, ſorgenvolle Stirn bei ſeinem An⸗ blicke ſich aufheiterte. „Gott zum Gruße und herzlich willkommen, Ew. Lieb⸗ den!“ rief er, indem er den Fürſten in ſeine Arme ſchloß. „Eure ſchlimmen Prophezeiungen ſind zwar zum Theil einge⸗ troffen und es ſtehen uns noch harte Kämpfe bevor; aber noch lebt der alte Gott, und mit ſeiner Hilfe, ſo hoff' ich, werden wir noch Alles zu einem guten Ende führen.“ „Wie auch der Würfel fallen möge, wir müſſen das Loos tragen, welches uns vom Himmel beſchieden iſt,“ erwiderte Fürſt Wolfgang. Was haben Ew. Liebden für Nachricht von des Kaiſers Heere?“ „Der Kaiſer ſteht noch bei Eger in Böhmen, und läßt es ſich wohl ſein,“ erwiderte der Churfürſt.„Mein ungetreuer Vetter Moritz und der Herzog Alba befinden ſich bei ihm, und gehen ihm mit gutem Rathe an die Hand. Wills Gott, ſoll aber aller gute Rath der Feinde an uns zu Schanden werden.“ „Wollt Ihr denn den Kaiſer hier in einem offenen Lager erwarten, Herr?“ fragte Wolfgang.„Ich würde kaum rathen, es zu einer Schlacht kommen zu laſſen; denn wenn auch unſer Volk kräftig und tapfer iſt, es wird doch kaum gegen des Kai⸗ ſers Uebermacht Stand halten können.“ „Ganz recht, werther Freund!“ erwiderte der Fürſt ſorg⸗ los.„Eine Feldſchlacht muß vermieden werden, und ich denke mich bald nach Wittenberg, meiner Hauptſtadt, zurückzuziehen. Dort können wir uns tapfer vertheidigen, und finden alle Mit⸗ tel zu einer langen und muthigen Gegenwehr. Aber noch hat die Sache keine Eile, und ich könnte wohl gar den Muth mei⸗ ner Leute ſchwächen, wenn ich mich ohne alle Veranlaſſung hin⸗ ter Wälle und Gräben zurückzöge.“ Fürſt Wolfgang ſchüttelte den Kopf. 3 „Warum nicht gleich thun, was ſpäterhin doch geſchehen — muß? fragte er.„Wenn Ihr jetzt gehet, ſo werdet Ihr die Zuverſicht Eurer Mannſchaft nicht ſchwächen; denn da Euch Niemand zum Abzuge zwingt, wird ſelbſt der unerfahrenſte Krieger einſehen, daß Ihr nur nach reiflicher Ueberlegung ver⸗ fahrt. Zieht aber der Kaiſer mit ſeinem Heere heran und Ihr müßt weichen, ſo ſieht der Rückzug einer Flucht ſo ähn⸗ lich, wie ein Ei dem andern, und es wird ſich auch der tapferſte Mann einer gewiſſen Zaghaftigkeit nicht erwehren können. Ich bitte Euch, Herr Churfürſt, zögert nicht, und gebt den Befehl zum Abmarſche nach Wittenberg.“ Mit lächelndem Munde wies der Churfürſt die dringenden Vorſtellungen Wolfgangs zurück.„Wir wollen ſpäter wieder davon reden,“ ſagte er;„jetzt muß ich mich erſt in Ruhe Eurer Ankunft und Eurer Gegenwart erfreuen können. Noch ſteht der Feind ferne von uns, und wir brauchen nichts zu übereilen.“ Fürſt Wolfgang gab nach und ſchwieg, hütete ſich aber wohl, die Sorgloſigkeit des Churfürſten nachzuahmen. Insge⸗ heim ſann er darauf, einer etwaigen Ueberrumpelung zuvor⸗ zukommen, und ließ noch ſpät am Abende, als er ſich in ſein Zelt zurückgezogen hatte, ſeinen Leibknappen Heinrich von Kro⸗ ſigk, einen muthigen und ſchönen Jüngling aus einem altadeli⸗ gen, tapferen Anhaltiſchen Geſchlechte, zu ſich beſcheiden. Als der Jüngling leichten Schrittes in das Zelt trat, ſah er den Fürſten in tiefem Nachſinnen auf einem Feldſtuhle ſitzen. Er hielt ſein Haupt in die hohle Hand geſtützt, und die Augen ſtarr auf das rothe Licht einer matt brennenden Lampe geheftet, ſchien er die Gegenwart ſeines Knappen nicht zu bemerken. Erſt die ehrerbietige Anrede des Zünglings weckte den Fürſten aus ſeiner Verſunkenheit. „Ach, du biſt es, Heinrich, mein wackerer Knabe,“ ſprach er freundlich.„Komm näher, ſetze dich auf jenen Stuhl, und merke auf meine Worte. Du wirſt doch von dem hurtigen langen Ritte nicht zu ſehr ermüdet ſein?“ „Nicht im Geringſten, gnädigſter Herr, wenn es Eurem Dienſte gilt,“ antwortete raſch der feurige Jüngling, indem er dem Fürſten näher trat, aber aus Ehrerbietung nicht wagte, ſich in ſeiner Gegenwart niederzulaſſen. Wolfgang betrachtete mit freundlichem Blicke das friſche, roſige Antlitz des Jünglings, ſeine ſchlanke und doch kräftige Geſtalt, und das große, glänzende Auge, das feurig unter den langen, ſchwarzen Wimpern hervorblitzte. „Sage, mein Sohn, haſt du dich im Lager des Churfür⸗ ſten ſchon ein wenig umgeſchaut?“ fragte er nach einer kurzen Pauſe. „Ja, gnädigſter Herr,“ erwiderte der Page.„Ich habe ſogar bereits die Bekanntſchaft mehrerer Offiziere gemacht. Sie ſcheinen recht tüchtige und brave Soldaten, aber...“ Der Jüngling brach ſchnell ab, als ob er fürchte, ſchon zu viel ge⸗ ſagt zu haben. „Nun aber?“ fragte Fürſt Wolfgang.„Sprich frei her⸗ aus, mein Sohn, denn ich wünſche eben zu wiſſen, welche Stimmung im churfürſtlichen Lager herrſcht.“ „Nun, gnädigſter Herr, wenn ich frei und offen reden darf, ſo muß ich ſagen, daß die Herren Offiziere wenig auf Ordnung zu halten ſcheinen,“ ſprach der junge Page.„Es tummelt ſich Jedermann im Lager umher, wie er eben Luſt hat, und nir⸗ gends iſt ein Wachtpoſten ausgeſtellt, nirgends bemerkt man eine Spur von ſtrenger Kriegszucht. Die Offiziere ſprachen ſogar ihre Verwunderung darüber aus, daß wir ſo ſehr auf unſere Sicherheit bedacht wären, und gleich nach unſerer An⸗ kunft regelmäßige Wachen poſtirt hätten. Es ſehe gerade aus, meinten ſie, als ob uns der Feind, der noch ſo weit ent fernt ſei, bereits auf dem Nacken ſäße.“ 16 „Wie das Haupt, ſo die Glieder,“ murmelte Fürſt Wolf⸗ gang vor ſich hin, aber ſo leiſe, daß der Page ſeine Worte nicht verſtehen konnte.„Nun,“ wendete er ſich wieder an dieſen,„du haſt wohl den Herren tüchtig deine Meinung über ihre Unachtſamkeit geſagt, Heinrich? Gelt?“ „O nein, mein gnüdigſter Herr, antwortete der Page be⸗ ſcheiden.„Freilich hätte ich beinahe meinem Unmuthe Worte gegeben, als ich die Unordnung ſo handgreiflich gewahr ward, aber es ſiel mir noch zur rechten Zeit ein, daß ich Euer Gnaden wohl kaum einen Dienſt leiſten dürfte, wenn ich gleich am Tage unſerer Ankunft mit den churfürſtlichen Offizieren in Händel verwickelt würde. Ich ſagte nur, mein gnädigſter Fürſt liebe die ſtrengſte Pünktlichkeit in ſeinem Lager, und deßhalb wären auch hier, wie ſonſt überall, die nöthigen Vorſichtsmaßregeln getroffen: das war Alles.“ „Und ich lobe dich um deiner Mäßigung willen,“ ſprach Fürſt Wolfgang mit einem beifälligen Lächeln, welches dem wackern Knaben die helle Gluth der Freude in das friſche Ant⸗ litz trieb.„Da ich nun ſehe, daß ich dir ohne Sorge ein wichtiges Geſchäft anvertrauen kann,“ fuhr der Fürſt gütig fort,„ſo will ich dir Gelegenheit geben, deinen Scharfſinn und deine Wachſamkeit zu beweiſen, und mir, wie dem ganzen ver⸗ ſammelten Heere, einen guten Reiterdienſt zu leiſten. Wiſſe, meine Knabe, es liegt mir viel daran, bei guter Zeit Nachricht zu erhalten, wenn das kaiſerliche Heer gegen uns heranrückt. Da gilt es nun, ſich fleißig auf Kundſchaft zu legen, und weder Roß noch Reiter zu ſchonen, um die Gegend rings umher auf meilenweite Entfernung zu durchforſchen. Dir wollte ich das wichtige Geſchäft anvertrauen, weil ich dich als einen muthigen und klugen Jüngling kenne, und ich frage dich daher, ob du ddir wohl Kraft zutrauſt, es gewiſſenhaft auszuführen?“ 1 „Gnädigſter Herr!“ rief der junge Edelmann freudig— 17 „und wenn es mein Leben koſtet, Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein. Nicht bei Tage, nicht bei Nacht will ich mir Ruhe gön⸗ nen, um Euren Befehlen Genüge zu thun.“ „Gut, gut, Heinrich!“ ſprach der Fürſt, über den Feuer⸗ eifer des Jünglings lächelnd.„Weißt du, wo man in dieſem Augenblicke den Standort der feindlichen Truppen vermuthet?“ „Ja, gnädigſter Herr, in Böhmen, bei Eger. Jeder Sol⸗ dat im Heere behauptet es.“ „Und mit Recht, wenn der Kaiſer mittlerweile nicht vor⸗ wärts gerückt iſt. Aber jetzt geh' und lege dich zur Ruhe, da⸗ mit du morgen früh mit hellen Augen und friſchen Kräften dein Werk beginnen kannſt.“ „Gnädigſter Herr, mit Eurer Erlaubniß werde ich gleich jetzt meinen Rappen ſatteln und aufſitzen. Ich verſpüre nicht die geringſte Müdigkeit.“ „Nein, nein, mein Knabe, ſo nahe iſt uns die Gefahr eines Ueberfalles noch nicht. Geh' hin, und ſchlafe in Frieden. Reiche mir deine Hand!—— Nicht doch! Nicht doch! So iſt es nicht gemeint! Du mußt nur vor Gott dem Herrn, aber nicht vor ſterblichen Menſchen knieen. Steh' auf, mein Kind!“ Stürmiſch preßte der Jüngling die Hand ſeines gütigen Herrn, vor dem er ſich, um den Saum ſeines Gewandes zu küſſen, im Drange ſeiner ſtürmiſchen Gefühle auf die Kniee ge⸗ worfen hatte, an Bruſt und Lippen, und ſchwur ihm mit ſtam⸗ melnder Zunge von Neuem, für ihn zu leben und zu ſterben. Dann verneigte er ſich tief vor dem Gebieter, der ihm mit vä⸗ terlicher Freundlichkeit eine wohlſchlafende Nacht wünſchte, und eilte davon, um auf ſeinem Lager einer kurzen Ruhe zu genießen. Fürſt Wolfgang ſchaute ihm mit freundlichem Blicke nach und nickte zufrieden, als ob er ſagen wollte:„Du biſt ein edles und kräftiges Reis, und der Himmel gebe dir fröhliches Ge⸗ Fürſt Wolfgang. 2 18 deihen, damit du aufwachſeſt und deine Zweige ausbreiteſt zur Freude Gottes und der Menſchen.“ Einige Minuten nachdem ſich Heinrich entfernt hatte, hing Fürſt Wolfgang einen weiten Mantel über ſeine Schulter, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen einhüllte, ſetzte ein leichtes Barett auf, und ſchritt aus ſeinem Zelte in die Nacht hin⸗ aus, um eine Runde zu machen, und ſich auf ſolche Weiſe in eigener Perſon von der Wachſamkeit ſeiner Truppen zu über⸗ zeugen. Ueberall ſtanden die kriegeriſchen Wachen auf ihren Poſten, und manches„Wer da!“ erſchallte, wo des Fürſten leichte Fußtritte vernommen wurden. Auf das Looſungswort ließ man ihn aber überall ungehindert ziehen, und mancher Krieger ſenkte wohl gar ehrerbietig ſeine Waffe, wenn er die hohe, kraftvolle Geſtalt des nächtlichen Wanderers, wenn auch nur in dunkeln, ſchattenhaften Umriſſen, gewahr wurde. Es ahnte einem Jeden, wer wohl der Mann in dem langen verhüllenden Mantel ſein mochte. Fürſt Wolfgang ging raſch an den Wachtpoſten vorüber und an den Lagerreihen ſeiner Soldaten entlang, die ohne Ausnahme ſich bereits dem Schlafe hingegeben hatten. Nir⸗ gends vernahm man ein Geräuſch, als das tiefe und ſchwere Athmen der Schlummernden, und das leiſe Waffenklirren der auf⸗ und abſchreitenden Wächter. Anders aber, als im An⸗ haltiſchen Lager, ſah es drüben bei den Sachſen aus. Wolf⸗ gang ſchritt hinüber, und ſtrich unerkannt zwiſchen den Zelt⸗ reihen umher. Kein Anruf hielt ihn auf, obgleich viele Leute noch wach waren, und haufenweiſe in verſchiedenen großen Marketenderzelten umher ſaßen. Einige ſangen, Einige zech⸗ ten, Einige würfelten, Einige lachten, Einige plauderten oder ſtießen wüſte Redensarten und Flüche aus, aber keiner dachte daran, was außerhalb des Lagers oder des Zeltes vorgehen mögte. Kopfſchüttelnd beobachtete Wolfgang einige Minuten 19 hindurch die ungezügelte Soldateska; dann endlich drehte er ihr ſeufzend den Rücken zu, nnd kehrte in ſein eigenes Lager urück. 4„Der kurze Feldzug hat die Leute ſchon ſehr verwildert,“ murmelte er leiſe vor ſich hin in den Bart.„Gott gebe nur, daß ſie eben ſo freudig in den Kampf, wie zu ihren Zech⸗ gelagen gehen!“ Mit kummerſchwerem Haupte warf er ſich unausgekleidet auf ſein hartes Feldbett und ſchloß die Augen. Aber noch manche Viertelſtunde verſtrich, ehe der erquickende Schlaf dem Lager des Fürſten nahte. Ein finſterer, gewappneter Wächter, die düſtere Sorge, ſtand drohend zu Häupten des Bettes, und verſcheuchte noch auf lange den holden, Erquickung ſpendenden Knaben, auf deſſen dunklem Gelock ein Mohnkranz mit feuer⸗ rothen Blüthen ſchimmert. Bei dem erſten Morgengrauen des folgenden Tages ſprang der junge Knappe Heinrich von Kroſigk nach kurzem Gebete von ſeinem Lager auf, rüſtete ſeinen Rappen, ſchwang ſich in den Sattel und trabte hurtig und fröhlichen Muthes der böh⸗ miſchen Gränze zu. Ein grobes Bauerngewand deckte ſeine Glieder und eine unſcheinbare Pelzkappe ſein Haupt. Er gönnte weder ſich ſelbſt noch ſeinem Roſſe viele Ruhe, ſon⸗ dern ſtreifte kreuz und quer durch die Lande, und zog hie hie und da bei Hirten und Landleuten Erkundigungen ein, um ſich von der Stellung des kaiſerlichen Heeres näher zu unter⸗ richten. Fürſt Wolfgang hätte keinen flinkeren und gewand⸗ tern Diener für ſeine Abſichten ſinden können. Des Nachts ſchlief der Knappe ein paar Stunden auf einem einſamen Bauerngehöft, oder in einer Schäferhütte, oder wohl gar auch, wenn er kein anderes Obdach fand, unter dem freien Himmels⸗ gezelte, und den Tag über tummelte er ſich auf den Land⸗ ſtraßen umher. 20 Während ſo der Jüngling ſeines Herrn Befehle thätig und unermüdlich erfüllte, ſuchte Fürſt Wolfgang den Churfürſten Johann vergebens zu überreden, ſich bei Zeiten in ſeine ſtarke, befeſtigte Hauptſtadt Wittenberg zurückzuziehen. Es ſchien faſt, als ob der ſonſt wackere und kräftige Churfürſt vom Himmel mit Blindheit geſchlagen worden ſei. Ohne auf Wolfgangs Vorſtellungen zu hören, vertrieb er ſich in ſeinem Zelte die Zeit mit Geplauder und Schachſpiel, und traf nicht die mindeſten Anſtalten, weder für eine beſſere Mannszucht ſeiner Soldaten, noch zur Erforſchung der feindlichen Pläne und Abſichten. Ganz nach Gefallen ſtreiften die Sachſen in der Umgegend um⸗ her, plünderten Bauern und Bürger, ließen es ſich wohl ſein, und lebten luſtig in den Tag hinein, als ob kein Kaiſer und kein feindliches Heer in der Welt wäre. Fürſt Wolfgang ſah endlich ein, daß er allein nimmer dem Unweſen werde ſteuern können, und begnügte ſich, alltäglich ſeine eigene Mannſchaft in den Waffen zu üben, bis er über kurz oder lang Nachrichten von ſeinem Leibknappen erhalten würde. Mehrere Tage verſtrichen, ohne daß ſich irgend etwas Be⸗ deutendes ereignet hätte. Da kam endlich am Abend des 21. April Heinrich von Kroſigk mit ſchaumbedecktem Rappen in das Anhaltiſche Lager geſprengt, ritt gerades Weges auf Fürſt Wolfgangs Zelt los, ſchwang ſich aus dem Sattel, ließ ſein ermüdetes Roß frei laufen und begab ſich eilig in das Zelt des Fürſten. „Herr,“ ſagte er, faſt athemlos von dem ſchnellen Ritte, „die Feinde ſind da! Ein gewaltiges Heer, und angeführt von dem Kaiſer ſelbſt in höchſt eigener Perſon. Sie ſtehen jenſeits an dem linken Ufer der Elbe, kaum noch einen Tagemarſch von uns entfernt.“ Fürſt Wolfgang ſprang erſchrocken auf. — 21 „So nahe ſchon, und der Churfürſt läßt ſich noch von nichts träumen?“ rief er ſchmerzlich aus. Da gilt es, ſchnelle und kräftige Maßregeln zu ergreifen. Folge mir hurtig zu dem Churfürſten, mein Sohn. In ſeiner Gegenwart ſollſt du deinen Bericht abſtatten.“ Haſtig warf der Fürſt den Mantel um, ſetzte ſein Barett auf und eilte mit raſchem Schritte in das ſächſiſche Lager hin⸗ über. Heinrich folgte ihm auf dem Fuße. Als ſie in Chur⸗ fürſt Johanns Zelt traten, ſahen ſie denſelben in behaglicher Ruhe mit ſeinem Kammerherrn beim Schachſpiel ſitzen. Auf den erſten Blick konnte der Churfürſt aus Wolfgangs höher ge⸗ rötheten Wangen und ſeinen blitzenden Augen ſchließen, daß irgend etwas Wichtiges vorgefallen ſein müſſe; doch ließ er ſich in ſeinem Spiele nicht ſtören, ſondern bot, nachdem er Wolf⸗ gang mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßt hatte, dem König und der Königin ſeines Gegners Schach. „Herr Churfürſt,“ ſagte da Wolfgang ſehr ernſt,„es gilt jetzt ein Spiel, bei welchem Ihr gar leicht ſchachmatt werden und Kopf und Kragen verlieren könnt, wenn Ihr nicht hurtig und mit Kraft an das Werk geht. Der Kaiſer und Herzog Alba ſtehen mit einem mächtigen Heere kaum noch ſieben Stun⸗ den von uns entfernt, und es gilt alſo einen raſchen Entſchluß. Entweder müſſen wir unſer Heil in offener Feldſchlacht ver⸗ ſuchen, oder uns in größter Eil' nach Wittenberg zurück⸗ ziehen.“ Der Churfürſt ſchob bei dieſen Worten das Schachbrett ein wenig von ſich, und ſtand langſam auf. „Woher habt Ihr dieſe Nachrichten, Ew. Liebden?“ fragte er ganz ruhig, da er weit davon entfernt war, die Annäherung des kaiſerlichen Heeres für ſo nahe zu halten.„Seine Majeſtät verweilen ganz gemächlich in Eger, und werden ſchwerlich vor Eintritt beſſerer Jahreszeit den Marſch antreten.“ 22 „Hört ſelbſt!“ entgegnete Wolfgang.„Schon vor mehre⸗ ren Tagen ſandte ich meinen Knappen auf Kundſchaft aus, und da ſteht er, um von ſeiner Sendung Rechenſchaft abzulegen. Tritt näher, Heinrich, und ſprich.“ „Gnüdigſte Herren,“ begann der Jüngling, indem er ſich tief vor den Fürſten verneigte,„als ich mich auf empfangenen Befehl aus dem Lager entfernte, ritt ich ohne Zögern der böh⸗ miſchen Grenze zu, und zog unterwegs überall Erkundigungen ein. Nirgends aber vernahm ich in den erſten Tagen eine be⸗ ſtimmte Nachricht über das kaiſerliche Heer, bis ich endlich eines Abends bei meinen Kreuz⸗ und Querzügen in das Städtchen Marienberg gelangte. Hier hörte ich zu meinem Schrecken, die ganze Armee des Kaiſers ſei bereits am ſelbigen Morgen durch den Ort marſchirt und habe den Weg nach Freiburg eingeſchla⸗ gen. Obgleich mein Pferd ſchon ſehr ermüdet war, gönnte ich ihm doch nur eine kurze Raſt, und eilte dann ſo ſchnell als es gehen wollte, auf der Landſtraße nach Freiburg weiter. Als der Morgen dämmerte, bemerkte ich die erſten Spuren des Feindes. Um ihn zu umgehen, ſchlug ich einen Seitenweg ein, gewann eine Anhöhe, von deren Gipfel ich die ganze Armee überblicken konnte, und gewahrte nun Regiment an Regiment, Reiter, Geſchütz und Fußvolk bunt unter einander gemiſcht. Die ganze Maſſe wälzte ſich durch die Gebirgsſchluchten auf Zſchopau zu, deſſen Thürme im Morgengrauen durch den Nebel ſchimmerten. Ich ſpornte mein Pferd, jagte auf Umwegen dem Heere voraus, und traf eben jetzt, noch zu guter Stunde, ein, um meinem Herrn die wichtige Nachricht zu bringen. Mein Rappe iſt freilich ſo zu Schanden geritten, daß ich ihn nicht mehr werde gebrauchen können.“ „Das laß dich weiter nicht kümmern, mein wackerer Knabe, ſondern ſuche dir aus meinem Marſtall ein anderes Pferd aus,“ ſagte Fürſt Wolfgang, indem er den blaſſen und erſchöpften 23 Jüngling freundlich auf die Schulter klopfte.„Setzt aber geh' in mein Zelt, und ſchlafe ein paar Stunden; es könnte wohl ſein, daß wir in dieſer Nacht noch einen Ritt mitſamm machten.“ Heinrich verneigte ſich tief und ehrerbietig, und verließ raſch das Zelt. Als er ſich entfernt hatte, wendete ſich Wolf⸗ gang zum Churfürſten, der mittlerweile nachdenklich vor ſich niedergeſchaut hatte. Eine leichte Bläſſe deckte ſeine Wangen; ſein Auge aber, als er es aufſchlug, ſtrahlte von Muth und Entſchloſſenheit. „Nun, Ew. Liebden, werdet Ihr der Ausſage meines Leib⸗ knappen Glauben ſchenken, oder zweifelt Ihr noch immer an der Nothwendigkeit eines Rückzuges?“ fragte Fürſt Wolfgang. Es iſt nicht möglich, daß der Kaiſer uns ſchon ſo nahe ſteht, erwiderte Churfürſt Johann.„Ich kann es nicht glau⸗ ben, ehe ich mich nicht näher von der Sache unterrichtet habe. Sagt doch nur ſelbſt, ob man erwarten kann, daß der kränk⸗ liche Kaiſer, der jedes rauhe Lüftchen ſcheut, mit dem erſten Beginn des Frühlings aufbrechen und einen ſo weiten, und bei den grundloſen Wegen ſo mühevollen Weg zurücklegen wird. Es iſt nicht möglich, ſage ich, durchaus nicht möglich! Euer junger Page hat ſich getäuſcht, und in ſeiner Unerfahrenheit, wer weiß was, für eine große Armee angeſehen!“ „Nein, nein, ich habe mehr Vertrauen zu meinem wackeren Junker Heinrich,“ erwiderte der Fürſt.„Iſt er auch noch ſehr jung, das Herz ſitzt ihm doch ſchon auf dem rechten Flecke, und unmännliche Furcht hat noch niemals ſein Auge verblendet. Im Uebrigen, Herr Churfürſt, befolgt endlich jetzt meinen Rath, wenn Ihr nicht willens ſeid, eine entſcheidende Feld⸗ ſchlacht zu liefern. Geht nach Wittenberg! Nach Witten⸗ berg, Herr Churfürſt!“ Unentſchloſſen ſchwankte Johann. Jetzt, wo er beinahe glauben mußte, daß ihm der Feind hart auf dem Nacken ſäße, 24 ſträubte ſich ſein ritterliches Gemuth gegen einen Rückzug, und er hatte nicht die mindeſte Luſt, ohne Schwertſchlag dem Kaiſer das Feld zu räumen. Doch leuchtete ihm wieder auf der an⸗ dern Seite ein, daß es viel zu gewagt wäre, der geſammten Macht des Kaiſers ſich entgegen zu ſtemmen, und er wußte in dieſem Augenblicke keinen Ausweg aus dieſer Zweifelsqual zu finden. „Man ſoll den Kriegsrath in mein Zelt zuſammen beru⸗ fen,“ befahl er endlich dem Kammerherrn, welcher vor Eintritt Wolfgangs eine Schachpartie mit ihm geſpielt hatte. Während die Oberſten und Generale ſich nach und nach einfanden, ſchritt er unruhig in ſeinem Zelte auf und ab, bis der ganze Kriegsrath verſammelt war. Dann ſetzte er ſich im Kreiſe mit ihnen nieder, ſtattete einen kurzen Bericht von der Lage der Dinge ab, und legte endlich jedem Einzelnen die Frage vor, was bei ſothanen Umſtänden zu thun räthlich wäre. Alle ſtimmten mit Fürſt Wolfgang für ſchleunigen Abmarſch nach Wittenberg; nicht aus Furcht vor dem Kaiſer, ſondern um ihn in einer ſicheren Stellung erwarten und ihm um ſo gewiſſer obſiegen zu können. Einzig und allein der junge Churprinz Johann Friedrich, der Sohn und dereinſtige Nachfolger des Churfürſten, ein feuriger Jüngling, der ſich in dieſem Feldzuge die Ritterſporen verdienen wollte, beſtand darauf, dem Feinde entgegen zu rücken und ihm die Schlacht anzubieten. „Weichen wir zurück,“ ſo rief er mit dem ungeſtümen Eifer der Jugend,„dann heißt es, wir hätten den Anblick des Feindes nicht ertragen können, und nichts als Schmach und Hohn wird uns treffen, während uns wenigſtens die Theilnahme aller Edlen gewiß iſt, wenn wir in ruhmvollem Kampfe rühmlich fechtend erliegen ſollten. Unſere Flucht,— denn eine Flucht iſt es, wird den Feind kühn, unſere Krieger aber zaghaft ma⸗ chen, und einen ſchlimmeren Einfluß auf unſere Mannhaftigkeit 25 haben, als eine verlorene Schlacht. Und iſt es denn ſchon ſo gewiß, daß wir im Kampfe unterliegen werden? Wer kennt die Stärke des feindlichen Heeres? Haben wir nicht eine dop⸗ pelte Uebermacht gegen uns, dann laßt uns muthig in den Kampf ziehen. Unſere Tapferkeit, unſer Vertrauen auf die gerechte Sache und den Beiſtand Gottes wird die Feinde nieder⸗ ſchlagen und entmuthigen, und die Victoria wird vor unſern Bannern einhergehen, wie der vernichtende Blitzſtrahl dem ſchmetternden Donner vorangeht. Verachtet meine jugendliche Stimme nicht, edle Herren, ſondern laßt uns vorwärts gehen, und dem Feinde unſer Antlitz zeigen. Den Kühnen begünſtigt das Glück, und auf alle Fälle iſt es rühmlicher, in Ehren zu ſterben, als in Spott und Schande zu leben.“ So ſprach der Jüngling, und mancher geprüfte alte Kriegs⸗ oberſt, ſelbſt Fürſt Wolfgang, vernahm ſeine Worte mit Wohlgefallen. „Euer Muth macht Euch Chre, mein tapferer Prinz,“ ſagte Fürſt Wolfgang beifällig.„In Eurer Kampfesluſt aber über⸗ ſeht Ihr die Vortheile, welche ein Rückzug, der keineswegs un⸗ rühmlich oder Schande bringend iſt, für uns mit ſich führt. In Wittenberg gewinnen wir nicht nur einen feſten Standpunkt, aus welchem uns kein Kaiſer und keine Armee vertreiben kann, ſondern wir ſind überdieß dort reichlich mit Kriegsvorräthen und Lebensmitteln verſehen und können unſer Heer von allen Seiten verſtärken, während der Kaiſer, in Feindesland kampi⸗ rend, ſehr bald außer unſern Waffen auch die Waffen der Noth und des Hungers wird bekämpfen müſſen. Während von Tag zu Tage unſere Stärke wächst, wird die ſeinige von Tage zu Tage mehr ſchwinden, und er wird am Ende ſicherlich geſchla⸗ gen und aus dem Lande gedrängt werden. Dann liegen die Würfel zu unſern Gunſten, und wir können dem Kaiſer zu Nutz und Frommen unſerer heiligen Religion die Friedensbedingun⸗ 26 gen vorſchreiben. Die Jugend, mein Prinz, haſcht gerne nach dem Glänzenden und ſetzt das Heil der Welt auf Einen kühnen Wurf; das reifere Alter aber wägt Vortheil und Nach⸗ theil mit prüfendem Auge, und läßt ſich von dem Scheine nicht blenden. Für jetzt muß die Kampfluſt zurückſtehen, um einem weiſeren Verfahren Platz zu machen. Der Prinz ſchwieg, da er wohl das Gute von Wolfgangs Rathſchlägen einſehen mochte; ſein Vater aber nahm das Wort und ſprach: „Da ich ſehe, daß die Meinungen einander ganz entgegen⸗ geſetzt ſind, ſo will ich die goldne Mittelſtraße einſchlagen, und ſo lange in meinem Lager allhier verweilen, bis wir von dem Heere des Kaiſers nähere Kunde eingezogen haben. Um keine Vorſichtsmaßregeln zu vernachläſſigen, ſoll die Brücke, welche im Angeſichte unſeres Lagers über die Elbe führt, abgebrochen werden. Sie bildet den einzigen Uebergangspunkt für das kaiſerliche Heer, und wenn ſie vernichtet iſt, können wir uns, wenn es nöthig werden ſollte, im Angeſichte des Feindes zurück⸗ ziehen, ohne die geringſte Störung von ſeiner Seite befürch⸗ ten zu müſſen.“ Vergebens ſuchte Woſgang dieſen unſeligen Entſchluß des Churfürſten zu erſchüttern; vergebens ſtellte er ihm vor, daß es bei weitem beſſer wäre, dem Kaiſer entgegen zu ziehen, und die Schlacht anzubieten, als unthätig an Ort und Stelle zu verweilen; vergebens unterſtützten die Feldoberſten mit eindring⸗ lichen Worten Wolfgangs Anſicht! Der Churfürſt beharrte auf ſeinem Willen, und wies ſtarrſinnig alle Gründe zurück, die ihm mit der größten Klarheit und Weisheit entwickelt wurden. Seufzend über ſeine Verblendung ſtand Fürſt Wolfgang end⸗ lich von ſeinen nutzloſen Bemühungen ab, und erhob ſich von ſeinem Sitze, um den Kriegsrath zu verlaſſen. „Gott gebe, daß Ew. Liebden die Beſchlüſſe dieſes Abends 27 nicht einſt bereuen müſſen,“ ſagte er beim Abſchiede, und ſchritt aus dem Zelte, um ſich in ſein Lager hinüber zu verfügen. Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen, aber der Voll⸗ mond ſtand am wolkenloſen Himmel und goß ſein glänzendes mildes Licht ſchimmernd über die Ebene aus. Als Fürſt Wolfgang in ſein Zelt trat, und ein Diener die Ampel anzün⸗ dete, erblickte er den jungen Knappen Heinrich von Kroſigk ſchlafend in einem Lehnſtuhle, und der Anblick deſſelben rief einen Entſchluß in ſeine Seele zurück, den er über die wichtigen Angelegenheiten des Kriegsraths beinahe vergeſſen hatte. Er trat dem Knappen näher, und berührte mit ſeiner Hand leicht die Schulter deſſelben. „Ach, Ihr ſeid es, gnädigſter Herr!“ rief der Jüngling, raſch aufſpringend, und ſeine Locken über die Stirn zurückſtrei⸗ fend, als ob er die letzten Spuren des Schlafes verwiſchen wollte.„Verzeiht, daß ich Eure Schritte nicht vernahm!“ „Biſt du noch ſehr ermüdet mein Knabe?“ fragte der Fürſt ſanft. Der Jüngling verneinte es, indem er mit hellen Augen zu ſeinem gnädigen Herrn und Gebieter aufſchaute. „Nun wohlan,“ fuhr dieſer fort,„ſo wirf deine Bauern⸗ kleider ab und waffne dich. Wir wollen noch einen Ritt in die Nacht hinaus machen.“ Eilig ſprang Heinrich davon, und als er im Harniſch zu⸗ rückkehrte, ſah er den Fürſten ebenfalls ſchon gerüſtet und be⸗ reit, ſein Roß zu beſteigen. Beide warfen noch einen lang herabwallenden Reitermantel um, damit das Schimmern des Morndlichts auf den blanken Waffen ſie nicht verrathen möge, und dann ſchwangen ſie ſich auf die muthigen Pferde und ritten in hurtigem Trabe aus dem Lager hinaus, der Richtung nach Freiburg zu.— „Unſere Roſſe ſind geſchwind und dürfen nicht geſchont 28 werden,“ ſagte Fürſt Wolfgang zu ſeinem Begleiter, als ſie das Lager eine Strecke weit hinter ſich hatten.„Ich bin ent⸗ ſchloſſen, des Kaiſers Heer in der Nähe zu betrachten, und be⸗ darf deiner zu dieſem Zwecke als Wegweiſer. Sieben Stun⸗ den alſo iſt des Kaiſers Standquartier von hier entfernt?“ „Ja, gnädigſter Herr, eher näher als weiter,“ erwiederte Heinrich.„Ich vermuthe, daß der Kaiſer ſein Nachtlager zwiſchen Frankenberg und Noſſen, vielleicht bei Haynichen ge⸗ nommen hat.“ „Gut, dann ſcharf vorwärts! Bei Tagesanbruch müſſen wir ſchon wieder in unſer Lager zurück ſein.“ Fürſt Wolfgang ſprach's, und die beiden Reiter gaben den Roſſen die Sporen, ſo daß ſie alsbald, wie ein Paar beſchwingte vogelſchnelle Weſen durch die Nacht dahin brausten. Der Wind pfiff durch ihre Locken; die eiſenbeſchlagenen Hufe der Roſſe ſtoben Funken, und Staubwolken wirbelten auf. Aber wie Männer von Eiſen ſaßen die beiden Reiter in den Sätteln, und öffneten den Mund nur, um die unermüdlichen Pferde zu immer raſcherem Laufe anzutreiben. Eine Stunde mochte ſo vergangen ſein, und die nächtlichen Reiter jagten eben hart an der Mauer eines einſam gelegenen Gehöftes vorüber, als plötzlich Wolfgang die Zügel anhielt, und den vogelſchnellen Lauf ſeines Thieres hemmte. „Halt, Heinrich!“ rief er ſeinem Begleiter zu,„es war mir ſo eben, als ob ich Wehgeſchrei und den Hilferuf eines Be⸗ drängten vernommen hätte. Hörteſt du nichts?“ „Nein, gnädigſter Herr! Ich hörte nichts als das Sau⸗ ſen des Windes, der um meine Ohren pfiff,“ erwiderte der Knappe. Fürſt Wolfgang ſaß vorgebeugt im Sattel und horchte an⸗ geſtrengt in die Nacht hinaus. Plötzlich erſchallte ein lautes Geſchrei aus dem Gehöfte, polternde fluchende Stimmen miſch⸗ 29 ten ſich dazwiſchen, und ein rohes Gelächter tönte gellend in der Lauſchenden Ohr. „Hier gilt es ein Unglück zu verhüten,“ rief Fürſt Wolfgang, indem er mit kräftiger Fauſt ſein hohes Schlacht⸗ roß herum riß.„Folge mir, Heinrich!“ In einem Augenblick hatten die Beiden die Mauer um⸗ ritten, und gelangten vor ein verſchloſſenes Thor. Hier ver⸗ nahmen ſie ganz deutlich in wild verworrenem Geräuſch die Drohungen mehrerer Männerſtimmen, einige klatſchende Hiebe, das Angſtgebrüll eines mißhandelten Mannes und den kreiſchen⸗ den Hilferuf einer weiblichen und mehrerer Kinderſtimmen. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, was geht hier vor?“ rief Fürſt Wolfgang, indem er mit Macht an den verſchloſſenen Thorflügeln rüttelte, ohne ſie jedoch aufſprengen zu können. „Spring vom Pferde, Heinrich, und ſieh' ob wir nicht an irgend einem Orte Eingang finden mögen!“ Während Heinrich dieſem Befehle hurtig gehorſamte, ſchmet⸗ terte Wolfgang mit dem Knaufe ſeines Schwertes gegen die eichenen Bohlen des Thores, und erhob ſchallend ſeine Stimme, um den Geängſtigten drinnen ein Zeichen nahender Hilfe zu geben, und vielleicht Jemanden zu veranlaſſen, den Eingang zum Gehöfte zu öffnen. Aber Niemand ſchien auf ſein Klopfen zu achten, Niemand ſeinen Ruf vernommen zu haben. Schon war er im Begriff, vom Roſſe zu ſpringen, um einen Verſuch zu machen, die Mauer zu überſteigen, als Heinrich athemlos herbeigerannt kam und ihm anzeigte, daß er an einem Hinter⸗ gebäude eine Eingangspforte entdeckt habe. Sogleich folgte ihm Wolfgang an den bezeichneten Ort, ſprang vom Pferde, übergab die Zügel ſeinem Knappen, und ſprengte mit einem kraftvollen Stoße die Thüre, welche nur loſe in ihren An⸗ geln hing.— „Binde die Pferde an und folge mir nach!“ rief er dem jungen Kroſigk zu, und eilte dann mit beflügelten Schritten über einen kleinen Hinterhof weg, eine Treppe hinauf, durch die Flur eines Hauſes, und gewahrte nun plötzlich eine Scene, deren Anblick einen edlen Zorn in ſeiner Seele erweckte. Eine kleine Schaar von ſieben oder acht Soldaten, die er an ihren Feldbinden ſogleich als ſächſiſche erkannte, waren bei nächtlicher Zeit räuberiſch in das einſam gelegene Gehöft einge⸗ brochen, in der Hoffnung, daſelbſt ungeſtört reiche Beute zu machen. Zwei von den Buben hielten einen jungen Bauern, den Beſitzer des Hauſes, auf beiden Seiten an den Armen feſt, während ein dritter ſeinen Pallaſch ſchwang, und ſchwere Hiebe auf die Schulter des Unglücklichen regnen ließ, um ihm auf ſolche Weiſe mit Gewalt zu erpreſſen, wo er ſein baares Geld und ſeine Kleinodien an Gold und Silber verborgen habe. Vergebens zeterte das Jammergeſchrei des Gepeinigten, ver⸗ gebens ſuchte er ſich den umklammernden Fäuſten ſeiner Peini⸗ ger zu entreißen, vergebens betheuerte er mit den heiligſten Schwüren, daß er ſchon am geſtrigen Tage von umherſchweifen⸗ der Soldateska gänzlich ausgeplündert ſei. Mit Hohn wurden ſeine Betheuerungen verlacht, und der blanke Pallaſch des Zuchtmeiſters ſchmetterte fort und fort klatſchend auf ſeine Schultern nieder. Kaum zehn Schritte von dieſer Gräuelſcene rang ein jun⸗ ges, kräftiges Weib, die Frau des Bauers, gegen die Angriffe einiger anderen wilden Geſellen. Ihre Kinder, ein Knabe von acht, ein Mädchen von ſechs Jahren, lagen jammernd auf ihren Knieen und umklammerten mit heißen Thränen die Füße der zuchtloſen Barbaren, um ihr Mitleiden zu erwecken und der Mutter nach ihren ſchwachen Kräften beizuſtehen. Die rohen Soldaten aber ſtießen ſie mit rückſichtsloſer Gewalt von ſich, und der Knabe ſank eben mit einer blutenden Stirnwunde auf 31 die Erde nieder, als Fürſt Wolfgangs hohe Geſtalt auf dem Schauplatze erſchien. „Was geht hier vor?“ fragte er mit ſeiner tiefen klang⸗ vollen Stimme, der ſeine innere Eutrüſtung doppelten Nach⸗ druck verlieh.„Haltet ein ihr Leute! Laßt ab! Laßt ab!“ Die Soldaten drehten ſich erſchreckt nach Wolfgang um, ſtießen aber ein rohes Gelächter aus, als ſie nur den einzelnen Mann gewahr wurden, deſſen glänzende Rüſtung ſie wegen des langen, umhüllenden Mantels nicht gewahr wurden. „Packt Euch zum Henker, Hansnarr!“ ſchrie mit rauher drohender Stimme der roheſte von den Soldaten, welcher des Bauern rechten Arm zwiſchen ſeinen Fäuſten hielt.„Schlag, zu, Bartels! wir laſſen den Kerl nicht eher los, als bis er ein⸗ geſtanden hat, wo die Mutterpfennige begraben liegen.“ Ein rauhes Gelächter erſchallte bei dieſen Worten aus den Kehlen der übrigen Soldaten, und der Mann mit dem gezoge⸗ nen Pallaſch hob ſchon wieder die blanke Klinge zur Peinigung des armen Landmannes auf, als er plötzlich Wolfgangs ner⸗ vige Fauſt an dem Kragen ſeines Kollets verſpürte und mit Einem Rucke zu Boden geſchleudert war. Sein Schwert flog zehn Schritte weit von ihm weg, und mit ſtarrer Verwunde⸗ rung ſahen ſeine Kameraden bald auf den niedergeworfenen Ge⸗ noſſen, bald auf die hohe Geſtalt Wolfgangs, der ſeine Rechte drohend erhob und mit zürnendem Auge auf ſie herabſchaute. „Seid ihr ehrliche, brave Soldaten, oder elende Buſchklep⸗ per und Mörder?“ fragte er mit zornſchwellender Stimme. „Laßt ab von den Leuten und flieht, oder beim ewigen Gotte, ich ziehe mein Schwert und ſchlage Euch ohne Erbarmen nieder.“ Das edle Weſen Wolfgangs, ſeine hohe Geſtalt, ſeine un⸗ geheure Kraft, von der ſie ſo eben ein Zeugniß geſehen hatten, ſchüchterte die rohen Soldaten ein und ſie ſchauten einander mit zweifelnden Blicken an. Faſt ſchien es, als ob ſie ſich ohne Widerſtand entfernen wollten, als plötzlich der erſte Sprecher ſeinen Pallaſch aus der Scheide riß und ſeine Geſellen an⸗ feuerte, über den einzelnen Mann herzufallen. „Drauf auf den Hund, Kinder!“ ſchrie er.„Werdet Euch doch nicht vor ſeinen Drohungen fürchten?“ So brüllte er und ſtürzte mit tödtlicher Abſicht auf Wolf⸗ gang los, der kaum ſchnell genug ſein Schwert ziehen konnte, um den mörderiſchen Angriff des Böſewichts, welcher alsbald von ſeinen Kameraden unterſtützt wurde, von ſich abzuwehren. „Zurück, Leute!“ rief er ihnen noch einmal zu, während ſein Schwert, hell funkelnd im glänzenden Mondlichte, in feuri⸗ gen Kreiſen umherblitzte.„Zurück!“ wiederholte er.„Noch will ich Euch ſchonen, aber noch eine Minute Zögerung, und ich haue ſcharf.“ Ein höhniſches Gelächter und raſſelnde Hiebe waren die Antwort auf die wohlgemeinte Warnung. „Nun, ſo habt es denn!“ rief Wolfgang zornig, indem er zugleich den langen Reitermantel, welcher ihn am Fechten hin⸗ derte, abwarf. Zwei furchtbare Schwertſchläge auf die Blechkappen zweier Soldaten warf die Leute mit zerſchmettertem Schädel zu Bo⸗ den, und überzeugte die Anderen mit furchtbarer Beredtſamkeit von der im ganzen deutſchen Reiche bekannten und berühmten Muskelſtärke des zürnenden Helden. „Das iſt Fürſt Wolfgang oder der Teufel!“ riefen ſie ent⸗ ſetzt, indem ſie zugleich ihre Waffen wegwarfen, und um Gnade flehend in ihre Kniee ſanken.„Herr, vergebt uns! Wir wuß⸗ ten nicht, gegen welchen Helden wir unſere Pallaſche zogen.“ Einem Wehrloſen konnte Fürſt Wolfgang nie ein Leides zufügen, und als er daher die Buſchklepper entwaffnet ſah, ſenkte er ſein Schwert, und befahl ihnen aufzuſtehen und ſich in —————— 33 Reih' und Glied aufzuſtellen. Mittlerweile kam auch der Jun⸗ ker Heinrich von Kroſigk herbei. Dieſem übergab er die Be⸗ wachung der Soldaten und eilte nun der unglücklichen Familie zu Hilfe, welche von Jenen auf ſo rohe und ſchreckliche Weiſe mißhandelt worden war. Halb ohnmächtig lehnte der junge Bauer an der Wand ſei⸗ nes Hauſes; ſein Weib lag auf den Knieen, und wiſchte unter heißen Thränen das Blut von der Stirne ihres verwundeten Knaben, und das kleine Mädchen, ſich furchtſam an die Seite der Mutter ſchmiegend, blickte mit ſcheuen, wilden Blicken auf die entwaffneten Räuber hinüber. Der Bauer erholte ſich bald, als ihn Wolfgang auf eine Steinbank vor dem Hauſe nieder⸗ ſetzte und ihm einige Tropfen Wein aus ſeiner Feldflaſche ein⸗ flößte. Mit einem dankbaren Blicke auf ſeinen Retter und Wohlthäter eilte er ſeiner Frau zu Hilfe und beruhigte den weinenden Knaben, deſſen Wunde zum Glück nicht gefährlich war. Raſch wurde ein feſter Verband um das blutende Haupt gelegt, und dann der Knabe in das Haus und zu Bette ge⸗ bracht. Jetzt erſt ſprachen der geängſtigte Vater, die tief⸗ erſchütterte Mutter dem Fürſten ihre heiße Dankbarkeit aus, ſanken zu ſeinen Füßen nieder, und bedeckten ſeine Hand mit Küſſen und Thränen. Auch das kleine Mädchen ſah mit ihren hellen Aeuglein dankend zu dem tapferen Fürſten auf, und fal⸗ tete ihre kleinen Händchen, als ob ſie Gott danken und ſeinen Segen auf den hilfreichen Rittersmann herabflehen wollte. Wolfgang hob die knieenden Eltern auf, beruhigte ſie mit freundlichen Worten, ſtreichelte dem kleinen Mädchen die Wangen und fragte dann, ernſt werdend, ob die Soldaten ihnen Scha⸗ den zugefügt und etwa gar ſie ſchon geplündert hätten. „Ach nein, edler Heer,“ erwiderte der Bauer.„Mein Haus, meine Scheuern und meine Ställe ſind ſchon ausgeleert von unten bis oben, ſo daß die letzte Bande nichts vorfand, Fürſt Wolfgang. 3 34 und mich durch körperliche Mißhandlung zwingen wollte, etwa verborgene Koſtbarkeiten herauszugeben. Es war eine vergeb⸗ liche Mühe, denn ich beſitze nichts, gar nichts mehr, was ihre Habſucht irgend hätte reizen können. Mein Vieh, meine Schaf⸗ heerden, meine Pferde ſind hinweggetrieben, das Korn in mei⸗ nen Scheuern iſt geſtohlen oder vergeudet und meine geringe Baarſchaft mir bis auf den letzten Heller abgenommen. Nichts iſt mir geblieben als ein verſchimmeltes Brod, um den Hunger der Meinigen zu ſtillen. Vergebens bot ich es jenen Räubern an. Sie lachten mich aus, verhöhnten und ſchlugen mich, und drohten, mir das Haus über dem Kopfe anzuzünden, wenn ich ihre Taſchen nicht mit dem Beſten, was ich beſäße, anfüllen würde. Gern hätte ich es gethan, um mir die Unholde nur vom Halſe zu ſchaffen, aber ich konnte ja nicht.“ „Und ihr,“ wendete ſich Wolfgang zu den zitternden Sol⸗ daten,„ihr ſeid Wehrmänner des Churfürſten und ſcheuet euch nicht, die eigenen Unterthanen eures Herrn zu berauben und zu mißhandeln? Iſt es ſchon ſo weit gekommen mit der Zucht im churfürſtlichen Heerlager? Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, wie ſollte wohl Gott ſolchen Räubern und Mordbrennern ſeinen heiligen Beiſtand leiſten! Geht mir aus den Augen, ihr Schur⸗ ken, und nehmt ein Beiſpiel an euren erſchlagenen Kameraden, welche der Lohn der Sünde ereilt hat. Tragt ſie hinweg, und hütet euch, mir je wieder auf dem Pfade der Sünde und des Unrechts zu begegnen. Ein zweites Mal möget ihr kaum ſo glimpflich davon kommen.“ Die eingeſchüchterten Soldaten hoben die Leichname ihrer gefallenen Kameraden auf, öffneten das Hofthor und ſchlichen demüthig davon; Wolfgang befahl dem Junker Heinrich, die Pferde wieder herbeizuführen, und wendete ſich dann mit der Frage zu dem Bauer, ob er nicht wüßte, wo das kaiſerliche Heer für dieſe Nacht ſein Lager aufgeſchlagen habe.“ — „Gehört Ihr denn zu den Kaiſerlichen, Herr?“ fragte der Bauer.„Nun, dann wundert es mich nicht, daß Ihr ſo wacker auf die Helmkappen der Churfürſtlichen losklopftet. Aber nichts für ungut, Herr, ich ſollte wohl eher Eure Frage beant⸗ worten, als meine Verwunderung ausſprechen. Die Kaiſer⸗ lichen ſtehen nur zwei Stunden von hier an der Elbe aufwärts, und wenn Ihr es wünſcht, will ich Euch den Weg zeigen, und Euch ſo weit geleiten, daß Ihr die Wachtfeuer Eurer Freunde ſehen könnt.“ „Ich bin nicht von dem Heere des Kaiſers,“ erwiderte kurz Fürſt Wolfgang;„doch liegt mir daran, Zahl und Stel⸗ lung des Heeres zu erforſchen. Zwei Stunden von hier alſo hat er ſich gelagert?“ „Ja, mein edler Herr!“ „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, ſchon ſo nahe, und der Churfürſt liegt ruhig ſchlafend in ſeinem Feldbett. Nun gilt es Eile.“ Da Junker Heinrich ſo eben mit den Pferden erſchien, ſchwang er ſich mit dem Leibknappen wieder auf, und warf dem Bauer eine ſchwere gefüllte Börſe zu, indem er ihm zurief, da⸗ durch einigermaßen den durch die Plünderung erlittenen Scha⸗ den zu verbeſſern. Dann gaben die beiden Reiter den Roſſen die Sporen, und ſprengten im raſchen Galoppe der Richtung zu, in welcher ſie nach den Andeutungen des Bauern die Feinde zu finden hofften. Nach Verlauf von kaum einer Stunde ſahen ſie in einiger Entfernung eine lange Reihe von Wachtfeuern ſchimmern, und erblickten im hellen Mondſcheine eine dunkle Maſſe gelagerter Krieger. Hie und da ſchritt eine Schildwache im blanken Har⸗ niſch und mit gezogenem Pallaſch bei einem Feuer auf und nie⸗ der, und man vernahm in der tiefen Stille der Nacht das Ge⸗ räuſch ihrer Schritte und das leiſe Klirren der Waffen. Hinter 36 einem dichten Gebüſch hielten Fürſt Wolfgang und Junker Heinrich ihre Pferde an, wickelten ſich feſter in ihre Mäntel und beobachteten mit tiefem Schweigen einige Minuten lang das ruhende Heer. „In der Dunkelheit die Anzahl der Kaiſerlichen zu erfor⸗ ſchen, iſt ganz unmöglich,“ nahm Wolfgang endlich das Wort. „Doch aber iſt es äußerſt nöthig für uns, daß wir in dieſem Punkte Gewißheit haben, und ich will deßhalb den Verſuch machen, mich einer der ausgeſtellten Wachen zu bemächtigen.“ „Gnädigſter Herr, überlaßt dieſes Wagſtückchen mir,“ bat Heinrich von Kroſigk raſch.„Die Sache iſt nicht ohne Gefahr, und was ſollten wir Anhaltiſchen wohl anfangen, wenn Ihr bei dem Verſuche gefangen oder getödtet würdet. An meinem Leben iſt weiter nichts gelegen, und wenn ich ſterbe, ſo verliert Ihr nur einen treuen Diener und das Heer einen ſchwachen, wenn auch muthigen Kämpfer.“ „Alſo du wollteſt dein Leben wagen, um das meinige nicht in Gefahr zu bringen, mein wackerer Knabe?“ fragte Fürſt Wolſgang weich.„Das will ich dir nicht vergeſſen, ſo lange ich lebe, wenn auch in dieſem Falle der Diener dem Herrn zurück⸗ ſtehen muß. Dein Arm iſt zu ſchwach, Heinrich, wenn auch dein Muth ſtark und unerſchütterlich iſt. Höre mich an. Du bleibſt ruhig hier halten, während ich dreiſt auf ein Schild⸗ wache losreite. Gelingt es mir, ſie zu täuſchen, ſo daß ſie mich etwa für einen kaiſerlichen Offizier hält, der die Runde macht, ſo werde ich mich ihrer bemächtigen und ſogleich zurückkehren. Gelingt mir die Täuſchung nicht, und werde ich von einer über⸗ mächtigen Anzahl Feinde ergriffen, dann eile zu meiner Hilfe herbei und laß laut unſern Schlachtruf: ‚Für Gott und Chriſtus!' erſchallen. Haſt du mich verſtanden?“ „Vollkommen, gnädiger Herr!“ 37 „Nun, ſo verhalte dich ruhig und laß mich nicht aus den Augen.“ Nach dieſen Worten ritt Fürſt Wolfgang dreiſt auf die nächſte Schildwache zu, die kaum fünfhundert Schritte von dem Verſtecke entfernt war. Die Hufſchläge ſeines raſch herantra⸗ benden Pferdes machte die Schildwache aufmerkſam, und ſie ging, das gezogene Schwert ſchlagfertig in der Fauſt, dem nächtlichen Reitersmann eine kurze Strecke weit entgegen. Kaum hatte ſich Wolfgang auf fünfzig Schritte genähert, ſo erſchallte ein kräftiges„Wer da!“, dem alsbald die Antwort Wolfgangs,„gut Freund allwegs“ folgte, während der Fürſt ohne anzuhalten auf die Schildwache zutrabte. Wenige Schritte vor ihm blieb er halten, und dieß zuverſichtliche Weſen täuſchte den bereits mißtrauiſch gewordenen Soldaten vollkommen. „Von welchem Regiment ſeid Ihr?“ fragte er, indem er nachläſſig die Hand mit dem Schwerte ſinken ließ, und dann dem dampfenden Roſſe Fürſt Wolfgangs ſchmeichelnd den ſchlan⸗ ken Hals klopfte. „Von Graf Drampiers Küraſſieren!“ erwiderte Wolfgang ſchnell gefaßt, indem er ſeinen Mantel etwas zurückſchob, um die blinkende Rüſtung ſehen zu laſſen. „Wie kommt Ihr dann aber hierher?“ fragte der Soldat. „Euer Regiment liegt drüben am äußerſten Ende des Lagers.“ „Ich bin auf Kundſchaft ausgeſandt, Kamerad,“ entgeg⸗ nete Wolfgang, der indeß ſcharf umhergeſchaut hatte, um ſich zu verſichern, daß keine Gefahr weiter zu befürchten ſtehe. Zum Glück ſchlief Alles ringsum, und die nächſte Schildwache war wenigſtens dreihundert Schritt weit entfernt. „Zum Henker, Kamerad, es liegt doch aber gar nicht in Graf Drampiers Gewohnheit, ſeine Küraſſiere als Kundſchafter zu gebrauchen,“ ſprach der Soldat, wieder argwöhniſch gewor⸗ den.„Kennt Ihr das Loſungswort?“ 38 „Nun freilich, wie ſollt ich nicht?“ erwiderte Wolfgang. „Aber laßt den Zügel meines Pferdes los, Mann! Was habt Ihr denn da zu ſchaffen?“ „Das wird ſich finden, Herr! Wie heißt die Loſung?“ „Karl und Alba,“ antwortete der Fürſt auf Gerathewohl. „Dacht' ich's doch!“ rief der Soldat, indem er mit der einen Hand den Zügel des Pferdes feſthielt, und mit der andern den Fürſten am Mantel packte und aus dem Sattel zu reißen ſuchte.„Kaiſer und Pabſt heißt die Loſung, und Ihr ſeid ein Spion. Herunter vom Rappen!“ „Komm' du lieber herauf, mein hitziger Burſch,“ erwi⸗ derte Wolfgang kaltblütig, indem er zugleich ſeine beerzte Fauſt unter dem Mantel hervorzog und dem Soldaten einen Schlag auf den Kopf verſetzte, der ihn ſogleich beinahe völlig betäubte. Das Schwert entfiel ihm, und er würde zu Boden geſtürzt ſein, wenn Fürſt Wolfgang ihn nicht hurtig beim Kragen gepackt und quer vor ſich über das Pferd gezogen hätte. Den Rappen herumwerfen und über das Blachfeld zu dem Junker Heinrich zurückſprengen, war das Werk einiger Augenblicke. Mit lautem Jubel wurde er von ſeinem Knappen empfangen. „Still, ſtill, mein Sohn,“ befahl Wolfgang.„Noch ſind wir nicht außer Gefahr, und es würde uns übel bekommen, wenn man uns nachſetzte. Mein Rappe hat ſchon einen tüchti⸗ gen Weg gemacht, und muß nun überdieß eine doppelte Laſt tragen. Schweig' und reite mir nach— immer hier auf dem Raſen hin, wo der Hufſchlag der Pferde gedämpft wird.“ Fürſt Wolfgang ſprengte voraus, der Knappe folgte, und lange vor Tagesanbruch gelangten Beide mit der gefangenen Schildwache, die ſich natürlich mittlerweile erholt hatte, in dem befreundeten Lager wieder an. Der kaiſerliche Soldat ward ge⸗ bunden und einer Wache übergeben. Dann warfen ſich Fürſt— 8 und Knappe auf ihr Lager nieder und genoſſen einige Stunden ruhigen Schlafes. Drittes Kapitel. Bei dem erſten Morgengrauen des folgenden Tages begab ſich Fürſt Wolfgang zum Churfürſten, und ſtellte demſelben zum Beweiſe, wie nahe Kaiſer Karl bereits herangerückt ſei, die gefangene Schildwache vor. Mit großem Erſtaunen vernahm der Churfürſt die Kunde von der nächtlichen Streiferei Fürſt Wolfgangs, verhörte die Schildwache und zögerte nun nicht länger, die geeigneten Schritte zum Rückzuge anzuordnen. In aller Eile brach er die Brücke bei Meißen ab, und führte ſein Heer am rechten Elbufer hinab, um dem alten Plane gemäß ſeine Hauptſtadt Wittenberg zu erreichen. Der Käiſer hatte ſich indeſſen bereits überzeugt, daß ein Uebergang über die Meißner Brücke nicht mehr möglich ſei. Es lag ihm aber Alles daran, den Feind unterwegs anzugrei⸗ ſen, um dem Krieg ein ſchnelles Ende zu machen, und er zog daher eilends an dem andern Elbufer hin, den Churfürſtlichen faſt zur Seite; indem er überall nach einer Furth ſuchte, um durch den Fluß kommen zu können. Der ganze Tag verging jedoch, ohne daß er ſeinen Zweck erreichte, und Churfürſt Jo⸗ hann machte am Abend, da er den Uebergang über die Elbe fur unmöglich hielt, ruhig bei dem Städtchen Mühlburg Halt, um ſeinem Heere nach dem anſtrengenden Tagesmarſche eine Er⸗ holung zu gönnen. Vergebens ermahnte ihn Fürſt Wolfgang, die Nacht hindurch den Marſch fortzuſetzen, oder wenigſtens alle 40 Vorbereitungen zu einer Schlacht zu treffen. Johann blieb gegen alle Gründe und Vorſtellungen taub. Der Kaiſer, ganz erpicht, eine Gelegenheit zur Schlacht, welche dem Kriege ein ſchleuniges Ende machen mußte, herbei⸗ zuführen, ritt noch ſpät in der Nacht mit ſeinem Bruder Ferdi⸗ nand am Ufer der Elbe hin und wieder, und ſuchte nach einer Furth umher; aber nirgends wollte ſich ein bequemer Ueber⸗ gang zeigen. Schon war er höchſt mißmuthig in ſein Zelt zu⸗ rückgekehrt, als ſich unverhofft noch Herzog Alba bei ihm mel⸗ den ließ, und einen jungen Bauern mit ſich brachte, welcher dem Kaiſer eine Furth im Fluſſe zu zeigen verſprach. Der Kaiſer nahm die Kunde fröhlich auf, und verſprach dem Bauersmann ein reiches Geſchenk, wenn er ſein Wort halte, und ſein Heer ohne ſonderliche Gefahr an das jenſeitige Ufer der Elbe führen würde. „Eine Belohnung verlange ich nicht,“ erwiderte der Bauer. „Was ich thue, geſchieht nur aus Dankbarkeit gegen Einen von Euern Rittern, der mir in vergangener Nacht einen gro⸗ ßen Dienſt geleiſtet hat.“ „Wie heißt der Ritter, und welchen Dienſt leiſtete er Euch?“ fragte Karl. „Seinen Namen kenne ich nicht, aber von den Eurigen mußte er ſein, da er mir ſo wacker gegen ſächſiſche Soldaten, die in mein Gehöft eingebrochen waren, Beiſtand leiſtete. Er wollte es zwar nicht Wort haben, weil er gewiß vermuthete, ich ſei ein ſächſiſcher Bauer. Aber nein, ich ſtamme von oben aus dem Reich, und bin nur einer Erbſchaft wegen in das Sachſenland gezogen. Ja, ja, ich hätt' es dem Herrn Ritter gern geſagt; aber als er die Soldaten vertrieben, und mir eine ganze Börſe voll Geld geſchenkt hatte, ritt er ſchnell wie der Wind auf ſeinem Rappen davon.“ „Schade, daß Ihr ſeinen Namen nicht erfahren habt; er 41 ſollte reichlich für ſeine gute That belohnt werden, die uns ſo trefflich zu Statten kommt,“ ſprach der Kaiſer.„Aber nun vorwärts, mein wackerer Mann! Ehe der Tag völlig herauf⸗ kommt, müſſen wir den Sachſen gegenüberſtehen.“ Die Nacht war finſter, weil ein dichter Nebel, den die ſchwa⸗ chen Mondſtrahlen nicht zu durchdringen vermochten, über der Erde lag. Der Bauer faßte aber das Roß des Kaiſers beim Zügel, und führte es ſicher an die Furth hinab. Die Generale und das ganze Heer marſchirten nach, und einige tauſend ſpa⸗ niſche Hakenſchützen waren die erſten, welche, halb ſchwimmend, halb watend, glücklich und ohne Unfall an das vom Feinde be⸗ ſetzte Ufer gelangten. Eine Schaar öſterreichiſcher, ſchwer ge⸗ wappneter Krieger folgte. Die Soldaten warfen, um bei dem Schwimmen nicht gehindert zu ſein, die gewichtigen Har⸗ niſche von ſich, hielten die blanken Säbel zwiſchen den Zähnen feſt, ſchwammen, wie die Erſten, glücklich an's Ufer, und fan⸗ den hier einige Kähne, welche ſie zum Kaiſer hinüberbrachten. Regiment folgte nun auf Regiment. Die Reiter nahmen Jeder einen Fußknecht hinter ſich, und ehe die Sachſen eine Ahnung von dem Uebergange bekamen, war ſchon das ganze kaͤiſerlich Heer die Elbe paſſirt und befand ſich mit dem urfürſtichat auf demſelben Ufer. Der Kaiſer, deſſen Pferd der Bauer aber⸗ mals am Zügel führte, König Ferdinand, Herzog Moritz von Sachſen und Alba, des Kaiſers Feldherr, ſetzten zuletzt hinüber. Mittlerweile war es heller Tag geworden, und die kaiſer⸗ lichen Hakenſchützen eröffneten ein tödtliches Feuer auf die Sach⸗ ſen, welches von den Ueberraſchten nur ſchwach erwidert ward. Es mangelte ihnen ein Anführer; denn Fürſt Wolfgang war mit ſeinen Truppen, den Ueberfall nicht ahnend, ſchon weit vor⸗ aus; und Churfürſt Johann befand ſich, da es gerade Sonn⸗ tag war, in der Kirche zu Mühlberg, und wohnte daſelbſt dem Gottesdienſte bei. So unglaublich ſchien ihm der Uebergang 42 des kaiſerlichen Heeres, daß er die Boten, welche ihn davon be⸗ nachrichtigten, ſehr kurz abfertigte und ihnen voll Unwillens befahl, durch ſolche übel erfundene Märchen den Gottesdienſt nicht zu unterbrechen. Boten auf Boten kamen als Abgeſandte von den Befehlshabern der am meiſten bedrängten Regimenter, um den Churfürſten auf's äußerſte zu bitten, ſich bei ſeiner Armee einzufinden; aber dieſer rührte ſich nicht eher, als bis der Pfarrer den Segen geſprochen hatte. Als er ſich nun endlich von dem ganzen unglücklichen Stande der Angelegenheit über⸗ zeugte, war es zu ſpät, den Schlag abzuwenden, und er hatte kaum noch Zeit, ſeinem eilig abziehenden Heere zu folgen. Er gab Befehl, daß die Fußknechte Alles aufbieten ſollten, Witten⸗ berg zu erreichen, während die Reiterei angewieſen wurde, den Feind durch kleine Gefechte aufzuhalten. Das Geſchütz war unter Fürſt Wolfgangs Obhut ſchon auf dem Wege nach der Hauptſtadt voraus. Die Kaiſerlichen eilten den Sachſen ſo ſchnell nach, daß ſie dieſelben auf der Lochauer Heide erreichten. Ihr Geſchütz und der größte Theil des Fußvolks war noch zu⸗ rück; dennoch gab der Kaiſer, dem Rathe Herzog Alba's fol⸗ gend, Befehl zum Angriff. Gewaltig drangen die ſpaniſchen und neapolitaniſchen Reiter Karls auf die Sachſen ein. Herzog Moritz focht unter den Vorderſten; die ſächſiſchen Reiter kamen in Verwirrung und ſtürzten ſich auf ihr eigenes Fußvolk, wel⸗ ches in Eile am Saume eines Waldes in Schlachtordnung auf⸗ geſtellt war. Alles ſchien verloren. In dieſem Augenblicke erſchien Churfürſt Johann auf dem Schlachtfelde, und erkannte auf den erſten Blick die Gefahr der Seinigen. Obgleich er, ſeines ſchweren Körpers wegen, keine Rüſtung trug, ſprengte er doch auf ſeinem Schlachtroſſe, einem ſtarktnochigen, frieſiſchen Hengſte, ſeinen Reitern zu Hilfe, riß dem Fahnenträger das Banner aus der Fauſt, ſchwang ſein blitzendes Schwert und rief mit hallender Stimme einen Theil —; — 43 der zerſprengten Reiter wieder zuſammen. In einem Augen⸗ blicke war die kleine, aber durch die Gegenwart ihres Herrſchers von friſchem Muthe und freudiger Begeiſterung neu beſeelte Schaar geordnet. Der Churfürſt ſtellte ſich an ihre Spiitze. „Drauf, Kinder!“ rief er mit lauter Schlachtſtimme. „Drauf und dran! für Gott und Chriſtus! Noch iſt nicht Alles verloren, und ein tapferer Angriff bringt wohl die Waagſchale noch einmal in's Gleichgewicht. Folgt mir nach, und hackt den Kaiſerlichen die Rüſtungen vom Leibe.“ „Drauf und dran!“ wiederholte die begeiſterte Schaar, nnd Churfürſt Johann, das wehende Banner in der Linken, das breite, blanke Schlachtſchwert hoch geſchwungen in der Rechten, jagte auf die feindlichen Regimenter los. Wie eine Gewitter⸗ wolke brauste ſeine Schaar hinter ihm drein. Die Waffen blitzten, die Harniſche klirrten, die Erde erdröhnte unter den Hufſchlägen der muthigen Roſſe. Im Nu hatten die Sachſen die überraſchten Feinde erreicht, und ihre Schwerthiebe raſſelten wie ein Hagelſchauer auf die Helme und Pickelhauben der kaiſer⸗ lichen Reiter nieder. Unwiderſtehlich war der Anprall. Ein paniſcher Schrecken bemächtigte ſich der Spanier und Neapoli⸗ taner, und die noch eben ſiegtrunkenen Regimenter ſtürzten in wilder Verwirrung zurück. Des Churfürſten Befehl hinderte die Verfolgung. In trefflicher Ordnung führte er ſeine Reiter zurück, ſtellte ſie unter den Befehl ſeines Sohnes, welchem er auch die Fahne übergab, und begab ſich hierauf in raſchem Fluge zu ſeinem Fußvolke, das ihn mit lautem Jubel empfing. In beſter Haltung nahmen die Truppen die vom Churfürſten an⸗ geordnete Stellung ein, und ſchlugen die gleich darauf erfolgen⸗ den Angriffe des kaiſerlichen Fußvolkes mit der tapferſten Standhaftigkeit zurück. Die Feuergewehre knatterten, die tödtlichen Kugeln flogen pfeifend hinüber und herüber, und der dichte Pulverdampf verdünſtete gleich ſchweren Wolken die Luft. 3 44 Churfürſt Johann, obgleich früher ſo unentſchloſſen, zeigte ſich jetzt als ein wahrer Held. Seines Lebens nicht achtend, flog er auf ſeinem Hengſt von Regiment zu Regiment, ermuthigte durch Zuruf und Beiſpiel die fechtenden Krieger, und leitete mit der größten Beſonnenheit und Geſchicklichkeit die Bewegun⸗ gen ſeines Heeres. Noch wogte der Kampf unentſchieden hin und her, als plötzlich auch Fürſt Wolfgang, welcher das lebhafte Feuern in der Ferne vernommen hatte, mit ſeinen Truppen auf dem Schlachtfelde erſchien, um dem Churfürſten Hilfe zu leiſten. Sein ſcharfes Auge hatte die gewaltige Geſtalt des Freundes bald entdeckt, und indem er das Kommando einſtweilen dem Junker Heinrich von Kroſigk übergab, ſprengte er ſchnell wie ein Vogel mitten durch den Kugelregen zum Churfürſten hin. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, Ew. Liebden ſind hier in wackerer Arbeit begriffen!“ rief er ihm zu.„Vergönnt mir auch ein Plätzchen, wo ich für unſere gute Sache fechten und ſiegen, oder zum mindeſten ſterben kann!“ „Dem Himmel ſei Dank, der Euch hergeſandt hat!“ er⸗ widerte der Churfürſt freudig.„Wie Ihr ſeht, werde ich hier ſchon mit den Kaiſerlichen fertig, und denke ihnen Stand zu halten bis die Nacht einbricht. Noch aber iſt das Geſchütz des Kaiſers und ein Theil ſeines Fußvolkes zurück, und wenn mir das noch auf den Hals kommt, bin ich verloren. Wollt Ihr einen Verſuch machen, es, wo nicht in die Flucht zu ſchlagen, doch wenigſtens aufzuhalten?“ „Gewiß will ich das, und ich denke, mit Gottes Hilfe ſoll es gelingen.“ „Nun denn, Ew. Leebden, ſo reitet mit Gott!“ ſagte der Churfürſt fröhlich.„Meine Sachſen ſtehen wie Eichbäume! Hier hat es keine Noth!“ Fürſt Wolfgang grüßte den Freund und ſprengte zu ſeiner 45 Schaar zurück. Links in den Wald abſchwenkend, führte er ſeine Mannſchaft ungeſehen von dem feindlichen Heere um das Schlachtfeld herum, und kam den Kaiſerlichen in den Rücken. Im Eilmarſche ging es nun vorwärts. Nach Verlauf einer Stunde traf er auf die zurückgebliebenen Heeresmaſſen des Kai⸗ ſers, welche in drei Regimentern zu Fuß und in zwölf Stücken Geſchütz beſtanden. Unter Fürſt Wolfgangs Befehlen ſtanden nur zwei Fußregimenter und eine kleine Schaar von hundert Panzerreitern. „Jetzt gilt es das Aeußerſte, ihr Männer,“ wandte ſich Wolfgang an ſeine Krieger.„Hier müſſen wir fechten bis auf den letzten Blutstropfen, und nur über unſere Leichen geht der Weg der Kaiſerlichen zu ihrem Heere. Wollt Ihr ſchwören, zu ſiegen oder zu ſterben?“ „Wir ſchwören!“ riefen die tapferen Männer wie mit Einer Stimme. „Nun dann, ſo wird uns Gott auch beiſtehen und der Sieg wird unſer ſein!“ ſagte Fürſt Wolfgang mit zuverſichtlicher Stimme.„Heinrich,“ wandte er ſich an ſeinen jungen Knap⸗ pen,„dir trage ich ein ſchweres Stückchen auf. Du bleibſt mit der Reiterei ruhig hier auf dem Platze halten, bis ich mit den Feinden in heißem Gefechte begriffen bin. Dann aber, wenn Niemand auf dich achtet, reiteſt du hier rechts im Hohl⸗ wege entlang und ſuchſt dem Feinde in den Rücken zu kommen. Gelingt dir das Stückchen, dann, mein lieber Sohn, halte die Augen offen, und wähle ſelbſt den günſtigen Moment, auf die Feinde loszuſtürzen. Gelingt es dir, das Geſchütz zum Schweigen zu bringen, ſo iſt der Kampf entſchieden und der Sieg iſt unſer.“ „Wenn die Sache ſo iſt, mein gnädigſter Herr, ſo geht nur ohne Sorge in den Kampf,“ entgegnete Heinrich, deſſen Augen 46 von Kampfesluſt ſtrahlten.„Sieg oder Tod iſt meine Loſung und die Loſung aller Reiter. Nicht wahr, ihr tapferen Männer.“ „Sieg oder ehrlicher Schlachtentod!“ erwiderte freudig die erzgepanzerte Schaar. „Nun dann, drauf mit Gott und Chriſtus!“ rief Wolf⸗ gang.„Hilf uns, du heilige Dreifaltigkeit!“ Im Sturmſchritt ging es auf die Kaiſerlichen los, welche ſich mittlerweile in Schlachtordnung geſtellt hatten. Die drei Regimenter bildeten eine breite Linie, in deren Mitte ſich das Geſchütz befand. Erſt als die Anhaltiſchen bis auf hundert Schritte herangekommen waren, erſchallte der Befehl zum Ab⸗ feuern der Kanonen. Die Lunten blitzten auf, krachend und donnernd entluden die Geſchütze ihre eiſernen Kugeln, aber ohne Schaden zu thun, flog die ganze Ladung über den Köpfen der Anhaltiſchen hinweg, welche ſich im Moment des Abfeuerns auf den Befehl Fürſt Wolfgangs hurtig auf die Erde geworfen hat⸗ ten. Schnell ſprangen die Soldaten wieder auf, als der ge⸗ fährliche Augenblick vorüber war, und nun ging es mit lautem Schlachtgeſchrei auf den Feind los. Ehe die Kanonen zum zweiten Male geladen und abgefeuert werden konnten, befanden ſich die Truppen ſchon im wüthendſten Handgemenge. Fürſt Wolfgang hatte ſeine kleine Heeresmacht getheilt. Den einen Haufen führte er ſelbſt, den anderen Kurt von Röder, der ta⸗ pfere Oberſt der bernburgiſchen Hakenſchützen, ein furchtloſer, kühner, beſonnener Mann aus altadeligem, anhaltiſchem Ge⸗ ſchlecht. Staubwolken und Pulverdampf wirbelten auf. Als auf beiden Seiten die Feuergewehre abgeſchoſſen waren, wurden die Palaſche blank gezogen und die hellen Klingen funkelten gleich Blitzen in dem Gewirr der Kämpfenden. Fürſt Wolf⸗ gang auf ſeinem hohen Rappen ſprengte kühn auf die Reihen der Kaiſerlichen los. Seine Schwertſchläge hieben Lücken rechts und links, und wie das Korn unter der Sichel des Mä⸗ hers, ſo ſtürzten die Feinde unter den furchtbaren Hieben des Fürſten. Wie bereits erwähnt wurde, beſaß Fürſt Wolfgang eine große, faſt unerhörte Leibesſtärke. Seine Muskeln waren feſt wie Eiſen; mit einem Drucke ſeiner Hand auf die Schulter warf er den ſtärkſten Mann zu Boden. Jetzt aber im Gewühle und der Aufregung der Schlacht verdoppelte er noch ſeine Kraft, und kein Schild, kein Helm, keine Stahlhaube war feſt genug, um ſeinen Hieben Widerſtand leiſten zu können. Was ſein Schwert verſchonte, erlag den Waffen ſeiner nachdrängenden Krieger, welche jauchzend vor Kampfbegierde ihrem Fürſten hart auf den Ferſen folgten, und weder die Kraft ihrer Arme, noch auch die Köpfe der Feinde ſchonten. Nach wenigen Minuten herrſchte die entſetzlichſte Verwirrung unter den Kaiſerlichen, welche nur noch aus Verzweiflung Stand hielten und ſchwachen Widerſtand leiſteten. Während ſo Fürſt Wolfgang gleich einem Kriegsgotte über das Schlachtfeld brauste, kämpfte auf dem andern Flügel Kurt von Röder mit aufopfernder und kühner Tapferkeit, wenn auch nicht mit gleich ſchnellem und günſtigem Erfolge. Es gelang ihm zwar, die erſte Linie der Feinde zu durchbrechen, dann aber fand er ſo hartnäckigen Widerſtand, daß er trotz der äußerſten Anſtrengung keinen Fuß breit weiter vorrücken konnte. Die Uebermacht des Feindes ſing ſogar an, ihm ſchon bedenklich zu werden, und er kämpfte nur mühſam dagegen an, als plötzlich Heinrich von Kroſigk, welcher mit ſcharfem Auge den günſtigen Moment des Angriffs erſpäht hatte, mit ſeiner reiſigen Schaar herangetrabt kam und Hilfe brachte. In wenigen Augenblicken war die Bemannung der Kanoneu niedergehauen, und mit lau⸗ tem Hurrah ſetzten die Reiter nun auf das Fußvolk ein, deſſen Uebermacht die Abtheilung des Oberſt Röder bereits von allen Seiten umſchwärmte. Die raſche Attake warf in einem Nu die Feinde aus einander und machte den bedrängten Kameraden Luft. Mit friſchem Muthe drangen dieſe gegen die Kaiſerlichen los; Heinrichs Schaar unterſtützte den raſchen Angriff, und wenige Minuten darauf war die ganze feindliche Abtheilung auf⸗ gelöst und zerſprengt, und zerſtreute ſich in wilder Verwirrung über die Ebene. Auf Wolfgangs Seite war die Entſcheidung ſchon früher erfolgt. Seine Gegner hatten zum Theil die Waffen wegge⸗ worfen und ſich ergeben, oder ſie hatten ihr letztes Heil in ſchleu⸗ niger Flucht geſucht, ohne ſich um das Schickſal ihres andern Flügels zu bekümmern. Eine kurze Strecke weit hatte der Fürſt die Weichenden verfolgt, um ein neues Sammeln der verſprengten Truppen zu verhindern. Als er zurückkehrte, löste ſich eben auch die andere Abtheilung des Feindes auf, und ſchnell beſonnen faßte er ſie im Rücken, ſo daß die beſtürzte Mannſchaft ſich unverhofft von vorn und von hinten angegrif⸗ fen fand und ihr unvermeidliches Verderben vor Augen ſah. Einige der Kühnſten ſuchten ſich durchzuſchlagen, mußten aber bald den Schwertern der nachſprengenden Reiter unterliegen. Die Uebrigen warfen beſtürzt ihre Waffen von ſich, knieten auf dem blutigen Schlachtfeld nieder, baten um Erbarmen und Schonung, und wurden ſammt und ſonders zu Gefangenen gemacht. Mit freudeleuchtenden Blicken überſchaute Fürſt Wolfgang ſeine kleine Heeresmacht, die nur ſehr unbedeutenden Schaden erlitten hatte. „Das war ein herrlicher Sieg, meine Freunde,“ ſprach er ſo laut, daß Jedermann ſeine Worte vernehmen konnte.„Der Herr hat unſere Waffen geſegnet und uns zur Viktoria gehol⸗ fen. Laſſet uns denn niederknieen, und ihm in Demuth und aus vollem Herzen ein inniges Dankgebet darbringen. Von dem dampfenden Schlachtroſſe ſpringend, beugte der 49 Fürſt ſeine Kniee, entblößte ſein Haupt und hob ſeine gefalte⸗ ten Hände zum Himmel empor. Mit ihm kniete ſein ganzes Heer, und es gewährte einen feierlichen Anblick, wie die wilde Kampfesgluth der trotzigen Krieger auf einmal gänzlich in den milden Gefühlen der Andacht und Frömmigkeit unterging. „Habe Dank, gnädiger Gott, für deinen Beiſtand,“ betete Fürſt Wolfgang mit ſtarker Stimme.„Habe Dank für den Schutz, ſo deine gewaltige Hand uns Schwachen verlieh. Deine Rechte warf die Feinde darnieder in den Staub, damit dein Wort erfüllet werde, daß die Schwachen mächtig ſind durch deine Kraft! Hilf uns, Herr, daß wir in Demuth deine Gnade er⸗ kennen und allezeit deiner Barmherzigkeit eingedenk ſind. Amen!“ „Amen!“ ſprachen in Andacht die Krieger nach, und er⸗ hoben ſich langſam aus ihrer knaennber Stellung, um ſich von . Nenem in Reihen und Glieder zu ordnen. „Unſer Tagewerk iſt erſt halb gethan, Kinder,“ ſprach Fürſt Wolfgang, indem er hoch zu Roß an der Linie ſeiner bärtigen Kriegsmänner entlang ritt.„Wir müſſen unſern Freunden, den Sachſen, zu Hilfe eilen, die, wie ich zuverſicht⸗ lich hoffe, den Kaiſerlichen in dieſem Augenblicke noch tüchtigen Widerſtand leiſten werden. Ich will an der Spitze meiner tapfern Reiter vorauseilen, und Ihr, meine Freunde, folgt im Sturmſchritte nach. Die heilige Sache bedarf unſeres Armes, und darum, Kinder, den letzten Athem dran geſetzt und vor⸗ wärts!“ Sein Schwert zum Abſchiedsgruße ſenkend, ſprengte er hierauf an der Spitze der Panzerreiter davon, und war der im Doppelſchritt nachmarſchirenden Schaar bald aus den Augen verſchwunden. Während aber Fürſt Wolfgang auf ſeiner Seite glorreichen Fürſt Wolfgang. 4 50 Sieg erfocht, hatte das Kampfglück der Sachſen plötzlich eine ſchreckliche Wendung genommen. Herzog Alba, mit ſcharfem Feldherrnblick den Gang der Schlacht überſchauend, erkannte bald, daß er im regelmäßigen Kampfe gegen die tapfern Sachſen nichts werde ausrichten kön⸗ nen. Zu dem Kaiſer, welcher ſich an die Spitze der Reiter ge⸗ ſtellt hatte, hinübereilend, flüſterte er ihm einige Worte in's Ohr, auf welche derſelbe mit einem bejahenden Neigen des Hauptes antwortete. Die Reiter wurden darauf in zwei Hau⸗ fen getheilt, und während der Eine mit dem furchtbaren Kriegs⸗ geſchrei„Hispania! Hispania!“ einen raſchen Angriff auf die Reiterei der Sachſen machte, galoppirte die andere Abtheilung unter Anführung des Kaiſers ſelbſt in den Wald, welcher den Rücken der Sachſen decken ſollte, umging die Schlachtlinie des Churfürſten und brach wenige Minuten ſpäter aus dem Dickicht hervor. Zu gleicher Zeit rückte die ganze Linie des kaiſerlichen Fußvolks vorwärts, und die Sachſen wurden plötzlich von drei Seiten mit der größten Heftigkeit überfallen. Der Kaiſer, auf einem andaluſiſchen Hengſte reitend, in weithin ſchimmernder, vergoldeter Rüſtung, ſtürzte mit geſenkter Lanze an der Spitze ſeiner Reiter vorwärts. Das Kriegsfeuer ſtrahlte aus ſeinem Auge, und ſein lauter Schlachtruf verſetzte die Seinen in die höchſte Begeiſterung. In einem Nu war das ſächſiſche Fuß⸗ volk durchbrochen. Es floh nach allen Seiten; ringsum nichts als Schrecken und Verwirrung. Durch die ganze Haide wur⸗ den die Fliehenden erſchlagen und bedeckten eine lange Strecke von Koßdorf bis gen Falkenburg und Beiersdorf hin. Des Churfürſten Sohn ward hart bedrängt. Einige der Verfolger holten ihn ein; er vertheidigte ſich tapfer, erſchoß, durch zwei harte Hiebe vom Pferde ſinkend, noch im Fallen einen Feind, und ward glücklich durch herbeiſpringende ſächſiſche Reiter ge⸗ xettet. 51 Der Churfürſt ſelber aber entkam nicht. Nachdem er mit rückſichtsloſer Tapferkeit verſucht hatte, die wankenden Regi⸗ menter zum Stehen zu bringen, und endlich einſehen mußte, daß er ganz vergeblich ſein Leben opfern würde, wenn er noch länger auf dem Schlachtfelde verweilte, riß er mit einem ſchmerz⸗ lichen Seufzer ſeinen ſchweren frieſiſchen Hengſt herum, und ſuchte flüchtend das ſchützende Dickicht des nahen Waldes zu gewinnen. Einige ungariſche Reiter erkannten ihn aber an ſeiner hohen und ſtarken Geſtalt, jagten ihm nach, holten ihn mit ihren leichten, ſchnellfüßigen Rennern bald ein, und forder⸗ ten ihn drohend auf, ſich zu ergeben. Ein ſauſender Schwerthieb des tapferen Churfürſten war die Antwort. Er ſchlug Einen der Ungarn vom Pferde, und vertheidigte ſich gegen die Uebri⸗ gen ſo tapfer und mannhaft, daß ſie ihm nichts anhaben konn⸗ ten, bevor ſie nicht noch Hilfe erhielten. Ihr lautes Geſchrei. zog aber nur zu bald noch einige ihrer Kameraden in ihre Nähe, und bald wurde die Uebermacht dem Churfürſten zu groß. Die Kraft ſeines Armes erlahmte. Er bekam von einem wüthen⸗ den Ungar einen Säbelhieb in die Backe, und das rinnende Blut diente nicht dazu, ſeine ſchwindende Stärke zu vermehren. Dennoch hieb er mit der letzten Anſtrengung um ſich herum, und wollte ſich nicht ergeben, bis endlich Thilo von Trotha, ein Rit⸗ ter des Herzogs Moritz, herankam, und die Bedrängniß des Churfürſten gewahrend, ihn flehentlich bat, doch wenigſtens ſei⸗ nes Lebens zu ſchonen. „Gedenkt Eurer Unterthanen, gnädiger Herr!“ rief er ihm zu.„Ihr Unglück würde vollkommen ſein, wenn ſie auch Euch unter die Erſchlagenen zählen müßten!“ „Ach, mein armes Volk,“ ſeufzte der Churfürſt,„wie wird es dir ergehen! Ja, ihm kann ich vielleicht noch nützlich ſein, und darum will ich meines armſeligen Lebens ſchonen, und mich an Euch ergeben, weil Ihr doch wenigſtens ein Deutſcher und ein braver Reiter ſeid. Da nehmt hin mein Schwert!“ Er überreichte dem Ritter die blutüberſtrömte Waffe, und gab ihm außerdem, zum Wahrzeichen und als Unterpfand ſei⸗ nes Wortes, zwei koſtbare Ringe, die er von ſeinen Fingern zog. Ehrerbietig nahm Thilo von Trotha Schwert und Ringe in Empfang, ſcheuchte die wilden Ungarn von ſeinem Gefange⸗ nen zurück, und führte denſelben zum Herzog Alba, welcher ihn auf ſeinen wiederholten Befehl zum Kaiſer geleitete, der mitten auf der Heide zu Pferde hielt, und das traurige Schlacht⸗ feld mit der Freude des Siegers überſchaute. Johann Friedrich, als er herankam, ſeufzte tief und ſprach, die Augen gen Himmel gerichtet:„Herr Gott, erbarme dich meiner, nun bin ich hier!“ Sein Anblick erſchütterte die Umſtehenden bis in's innerſte Herz; denn ſein Geſicht blutete heftig, und ſein ganzer Leib war mit eigenem und mit dem Blute Erſchlagener beſpritzt. Mit Hilfe des Herzogs Alba ſtieg er vom Pferde, und wollte vor dem Kaiſer auf die Kniee ſinken, indem er zugleich den Handſchuh auszog, um nach deutſcher ehrlicher Sitte ſeinem Ueberwinder die Rechte zum Handſchlage zu reichen. Aber der Kaiſer litt weder den Fußfall, noch den Handſchlag, ſondern warf einen finſtern Blick auf ſeinen hohen Gefangenen, und wendete ſich dann zum Herzog Alba auf die Seite. „Großmächtigſter, gnädigſter Kaiſer,“ begann der Chur⸗ fürſt, wurde aber alsbald vom Kaiſer heftig unterbrochen, der ihm das Wort vor dem Munde abſchnitt. „So, bin ich jetzt Euer gnädigſter Kaiſer?“ ſprach er barſch.„Es iſt ſehr lange her, daß Ihr mich ſo geheißen habt.“ „Herr,“ ſagte der Churfürſt mit edler Würde, als er die Unverſöhnlichkeit des Kaiſers ſah,—„Herr, ich bin zwar ——ͤ— ——ͤ— 53 Euer Gefangener durch das Glück des Krieges, welches ſchwan⸗ kend und ungewiß iſt,— aber zugleich auch ich bin ein deut⸗ ſcher Fürſt, und erwarte von Ew. Majeſtät fürſtlichen Ge⸗ wahrſam.“ Der Zorn über die Kühnheit ſeines Gefangenen wollte den Kaiſer übermannen, er wendete ſich mit einem drohenden, wilden Blicke nach dem Churfürſten um, und ein hartes, belei⸗ digendes Wort ſchien auf ſeinen ſtolz aufgeworfenen Lippen zu ſchweben. Aber gleich darauf ſiegte ſein von Grund aus hohes und edles Gemüth, und freundlicher als bisher erwiderte er: „Wohl, Ew. Liebden, obgleich Ihr Euch ſehr widerſpenſtig gegen das deutſche Reichsoberhaupt bewieſen habt, ſollt Ihr dennoch gehalten werden, wie es Eurem fürſtlichen Stande ge⸗ ziemt.“ Nach dieſen Worten winkte er den finſter daſtehenden Her⸗ zog Alba zu ſich und befahl ihm, den Churfürſten in das La⸗ ger abzuführen, und ſich ſo ehrerbietig gegen ihn zu zeigen, wie es der hohe Stand und das Unglück des edlen Gefangenen er⸗ heiſche. Kaum war der Churfürſt davon geführt, als Fürſt Wolf⸗ gang von Anhalt mit ſeiner kleinen Reiterſchaar auf dem Schlachtfelde erſchien und mit tiefer Trauer und Beſtürzung den unglücklichen Ausgang der Schlacht gewahr ward. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, hier iſt ja Alles verloren!“ rief er ſchmerzlich aus, indem er mit den beerzten Händen ſein erbleichendes Antlitz bedeckte.„Das alſo iſt das Ende eines Ta⸗ ges, der ſo glorreich begann! Rechts um, Kinder! Schwenkt ab in den Wald und ſucht auf dem Wege über Torgau in die Heimath zurück zu gelangen. Walther von Schierſtädt wird Euch führen; denn mein Knappe und ich müſſen zurück, um das Fußvolk zu retten. Eilt, meine Tapfern, und wenn Ihr glücklich heimkommt, ſo tröſtet mein treues Volk und ſagt ihm, 54 der Wolfgang würde ſeiner nimmer vergeſſen. So Gott will, ſehen wir uns bald wieder. Lebt wohl, Kinder! Lebt wohl!“ Zeit war nicht zu verſäumen, denn noch immer ſchwärmten einzelne Reiterabtheilungen des kaiſerlichen Heeres auf der Heide umher, und wenn man die kleine Anhaltiſche Schaar bemerkt hätte, ſo wäre ihr Untergang gewiß geweſen. So ſchwenkten denn alſo die Reiter rechts ab und verſchwanden nach wenigen Sekunden im Walde, während Wolfgang mit ſeinem Knappen auf dem eben zurückgelegten Wege zurückſprengte. Finſter und in ſich gekehrt ritt er dahin. Seine Gedanken verweilten bei den leicht vorauszuſehenden unglücklichen Folgen der Schlacht, und eine bange Ahnung kommenden Unheils ver⸗ düſterte für einige Zeit ſeine ſonſt ſo gottergebene, hoffnungs⸗ freudige Seele. Heinrich von Kroſigk wagte es nicht, den edlen Fürſten in ſeinem Nachſinnen zu ſtören; denn obgleich noch ſehr jung und unerfahren, wußte er doch ſchon, obgleich nicht im ganzen Umfange, das Unglück des heutigen Tages zu wür⸗ digen. Anſtatt zu plaudern, lugte er mit ſeinen Augen umher, um bei jeder etwa herannahenden Gefahr ſeinen geliebten Herrn warnen zu können. Auf ihrem Wege hatten die Flüchtenden ein kleines Gebüſch zu durchreiten. Als ſie raſch unter den Bäumen hinſprengten, rauſchte es plötzlich in den Zweigen, der laute Ruf„vorwärts“ ertönte, und in einem Nu ſahen ſich Fürſt Wolfgang und ſein Knappe von ſechs Reiſigen umringt, welche mit drohend er⸗ hobenen Schwertern ihnen zuriefen, Stand zu erhalten und ſich zu ergeben. Blitzſchnell flogen die Schwerter der Bedrohten aus den klirrenden Scheiden, und Wolfgang fragte mit feſter Stimme die Feinde, was ſie von ihm begehrten. „Euer Leben und das Leben Eures Begleiters, wenn Ihr nicht vernünftig ſein und Euch freiwillig zu Gefangenen geben wollt,“ lautete die barſche Antwort. —— 5⁵ „Nun, dann wird es wohl ein ſcharfes Gefecht geben,“ ſagte Fürſt Wolfgang ruhig, im Bewußtſein ſeiner Stärke und ritterlichen Gewandtheit.„Halte dich nur dicht an meiner Seite, Heinrich; die Buſchklepper werden uns wenig anhaben können.— Zurück!“ rief er den Feinden zu.„Zurück, und gebt Raum, wenn Ihr Euer Leben lieb habt!“ In die Zügel reißend, ſo daß ſich ſein Rappe hoch auf⸗ bäumte, und mit drohend geſchwungenem Schwerte ſetzte Wolf⸗ gang auf die feindlichen Reiter los. Sie wichen vor der edlen Heldengeſtalt einige Schritte zurück. Dann aber, friſchen Muth faſſend und auf ihre Ueberzahl vertrauend, hielten ſie Stand und es entſpann ſich ein hitziges Gefecht, deſſen Ausgang zum Mindeſten ſehr zweifelhaft war. Wolfgangs Hiebe ſchmet⸗ terten zwar gewaltig auf die Köpfe der Kaiſerlichen nieder, aber auch dieſe waren ſtark, und wußten ſeinen Schwertſchlägen mit Gewandtheit auszuweichen. Vier von ihnen hingen ſich wie Kletten an den Fürſten; die andern Zwei machten ſich mit Junker Heinrich zu ſchaffen, der ſich nach beſten Kräften und mit vieler Geſchicklichkeit vertheidigte. Der Wald hallte wie⸗ der von dem Klirren der Schwerter, von dem Raſſeln der ſtählernen Harniſche und dem lauten Schlachtrufe der Kaiſer⸗ lichen. Wolfgang focht ſchweigend, aber mit ungeheurer Anſtren⸗ gung. Zwei ſeiner Gegner waren bereits verwundet aus dem Sattel geworfen worden, und die beiden Andern fingen ſchon an zu ermatten, als ihnen unerwartet kräftige Hilfe zu Theil ward. Der Junker Heinrich lag mit geſpaltener Stahlhaube ohnmächtig auf dem Raſen, und ſeine beiden Beſieger fielen den Fürſten Wolfgang plötzlich im Rücken an. Er wäre verloren geweſen, wenn ihn nicht ſeine gute mailändiſche Rüſtung ge⸗ ſchützt hätte. Raſch ſeinen Hengſt zurückwerfend, holte er zu einem furchtbaren Schlage aus, um ſich an dem tückiſchen, hin⸗ 56 terliſtigen Angreifer zu rächen. Sein Schwert durchſchnitt ſau⸗ ſend die Luft; ein Feind ſtürzte, aber zugleich auch flogen die Stücke ſeiner zerbrochenen Waffe ſchwirrend umher, und Wolf⸗ gang ſtand wehrlos da, den Angriffen ſeiner Feinde widerſtand⸗ los preisgegeben. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, jetzt geht es zu Ende!“ ſeufzte er, indem er den nutzlos gewordenen Griff ſeines Schwer⸗ tes von ſich warf. Die Kaiſerlichen jauchzten laut, und drangen auf Wolf⸗ gang ein, um ihm den Reſt zu geben. Dieſer aber ſchlug das Viſir ſeines Helmes in die Höhe, ſchaute die grimmigen Kriegs⸗ knechte mit kühnem Blicke an, und wollte eben ſeinen Namen und Rang nennen, als plötzlich einer von den Kaiſerlichen vom Pferde ſprang, die Stahlkappe vom Haupte warf, Wolfgangs Hände ergriff und ſie mit leidenſchaftlichen Geberden an ſeine Bruſt drückte. „Herr, mein Gott!“ rief er aus,—„wie danke ich dir, daß du mich noch zu rechter Zeit meinen Irrthum gewahren ließeſt! Steckt eure Schwerter bei, Kameraden! Dieſer Mann iſt nicht der Herzog Ernſt von Braunſchweig, den wir ſuchten, ſondern der edle Ritter, welcher mich aus den räuberiſchen Hän⸗ den der Sächſiſchen gerettet hat. Er iſt des Kaiſers beſter Freund, der nicht wenig ſcheel ſehen wird, wenn er hört, auf welche Weiſe wir dem Ritter zu Leibe gegangen ſind.“ Als die Kaiſerlichen dieß hörten, erſchraken ſie ſehr und fürchteten wohl gar zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Die noch zu Pferde ſaßen, ſprengten eilig davon, und verſchwanden bald im Dickicht des Waldes, während Fürſt Wolfgang ihnen verwunderungsvoll nachſchaute. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit!“ ſagte er endlich, indem er den Soldaten, welcher mit Thränen in den Augen zu ihm —— 57 aufſah, anſtarrte,—„was iſt das? Biſt du denn der Bauer, dem ich vorletzte Nacht Beiſtand leiſtete?“ „Freilich, mein gnädigſter Herr Ritter!“ erwiderte der Mann, ganz entzückt über das beglückende Wiederfinden ſeines Wohlthäters.„Ihr erkanntet mich gewiß nur darum nicht gleich, weil ich die fremden Kriegswaffen über meinen Bauern⸗ rock gezogen habe.“ „Aber um des Himmels willen, wie kommſt du unter die Kaiſerlichen?“ fragte Wolfgang. „Ei, Herr, weil ich Euch einen guten Dienſt leiſten wollte,“ erwiderte der Bauer treuherzig.„Seht, als ich hörte, daß die kaiſerliche Majeſtät gern über die Elbe wollte, um den ſächſiſchen Mordbrennern zu Leibe zu gehen, da dachte ich, willſt hinüber in das Lager, und willſt dem Kaiſer aus Dankbarkeit dafür, daß dir einer von ſeinen Rittern Beiſtand geleiſtet hat, eine Furth zeigen. Ich dachte auch Euch im Lager zu finden, und da machte ich mich hurtig auf den Weg, und führte den Kaiſer und das ganze Heer durch die Elbe.“ „Unglücklicher, was haſt du gethan!“ rief Wolfgang hände⸗ ringend aus, indem ſein Geſicht von Todtenbläſſe überzogen wurde.„Du haſt uns Alle und mich mit in das grenzenloſeſte Elend geſtürzt.“ „Wie?“ ſagte der Bauer erſchrocken,—„gehört Ihr denn wirklich nicht zu dem Heere des Kaiſers?“ „Nein, Menſch!“ erwiderte der Fürſt mit zuckender Lippe. „Ich, dein Retter, der Verbündete deines angeborenen Herrn, bin Wolfgang, noch geſtern Fürſt von Ankhalt, jetzt ein hei⸗ mathloſer Flüchtling, den die Rache des Kaiſers, wenn ſie ihn ereilen kann, zerſchmettern wird.“ Wie von einem Blitzſtrahle getroffen ſank der Bauer bei dieſen Worten in ſeine Kniee und verbarg ſein Geſicht mit den Händen. 58 „Herr,“ rief er in Tönen des bitterſten Jammers,— „Herr, Ihr habt mein Leben gerettet, rettet mich jetzt vor der Verzweiflung, indem Ihr mir mit Eurem Dolche den Gnaden⸗ ſtoß gebt. Ich vermag fernerhin nicht zu leben, nachdem ich ſolches Unglück über das Haupt meines Wohlthäters gebracht habe!“ Fürſt Wolfgang ſah auf den ganz zerſchmetterten und ver⸗ nichteten Mann nieder, und der wilde Grimm über ſeinen Ver⸗ rath ging in eine ſanfte Wehmuth über, als er bedachte, daß der Bauer nur aus Dankbarkeit und unwiſſentlich ſein Verder⸗ ben herbeigeführt hatte. Der tiefe Schmerz des Mannes jam⸗ merte ihn, und ſein edles Herz trieb ihn an, den Unglücklichen nicht ohne Troſt von ſich zu ſtoßen. Er wußte die Gefühle deſſelben zu würdigen, und las in ſeiner Seele die tiefſte Reue, die nagendſten Vorwürfe. Eine Thräne perlte in ſeinem Hel⸗ denauge; ſie galt mehr dem Leiden des Bauersmannes, als ſei⸗ nem eigenen Unglück.. „Erhebe dich, und ſei ein Mann,“ ſprach Fürſt Wolfgang endlich mit weicher Stimme.„Der Himmel vergebe dir, wie ich dir von Herzen das Böſe vergebe, was du in guter Abſicht und aus Unwiſſenheit an mir verübteſt. Stehe auf und reiche mir deine Hand.“ Der Bauer zog die Hände von ſeinem Geſichte weg und hob mit ſcheuem Blicke ſein Auge zu dem Fürſten auf. Als er in deſſen blaſſes, aber ruhiges Antlitz ſah, als er das leuch⸗ tende Auge ſchaute, in welchem noch die halb zerdrückte Thräne ſchimmerte, als er Milde und Vergebung in allen Zügen, in der ganzen Haltung des edlen Mannes las, da brach ihm faſt das Herz, laut weinend umfaßte er das Knie des gütigen Für⸗ ſten und preßte es mit krampfhafter Gewalt an ſeine Bruſt. „Herr,“ ſtammelte er ſchluchzend,—„Herr, wenn ich Euch jemals dieſen Augenblick vergeſſe, ſo mag der heilige Gott mei⸗ = 59 ner vergeſſen in meiner letzten bangen Stunde! Nimmer will ich von nun an Euch wieder verlaſſen! Ich werde Euch folgen, wie ein Hund, und mein ganzes Leben, mein letzter Bluts⸗ tropfen ſoll Euch geweihet ſein. Dieſer Arm, dieſe Bruſt ſoll Euch ſchützen in der Gefahr! Für Euch will ich hungern und darben, jede Mühſal ertragen, leben und ſterben, und mein letz⸗ ter Athemzug, mein letzter Hauch noch ſoll eine demüthige Bitte um Vergebung ſein. Ihr, der Fürſt, habt dem niedrigen Bauer tröſtend die Hand gereicht,— wahrlich, der Bauer wird dem Fürſten das niemals vergeſſen.“ Eine hohe Begeiſterung leuchtete in den Augen des ſchlich⸗ ten Landmanns, als er dieſe Betheuerungen haſtig hervorſtieß; Fürſt Wolfgang blickte nicht ohne Bewunderung zu ihm nieder. „Wohlan,“ ſprach er, bezwungen von dem tiefen Gefühl des Bauers,—„wohlan, du ſollſt bei mir bleiben, ſo lange es dir behagt, und dein erſter Dienſt ſoll ſein, mir beizuſtehen, einen Verwundeten in's Leben zurückzurufen. Mein Knappe iſt mit zerſpaltener Stahlkappe vom Pferde geſtürzt, doch hoffe ich, er iſt nicht ſchwer verletzt.“ Vom Roſſe ſpringend, eilte Fürſt Wolfgang zum Junker von Kroſigk, löste die zerbrochene Schutzwaffe vom Kopfe des⸗ ſelben, rieb ihm Stirn und Schläfe, und brachte ihn dadurch ſehr bald in's Leben zurück. Es war dem Junker nicht einmal die Haut geritzt; der empfangene harte Schlag hatte ihn nur betäubt. Nachdem er ſich ein wenig geſtärkt hatte, fing der Bauer des Junkers Roß ein, half ihm hinauf, ſchwang ſich ſelber auf ein ſtarkes und ſchnelles Pferd, und fragte nun ehrerbietig den Fürſten, wohin die Reiſe eigentlich gehen ſolle? „Ich kenne alle Schleichwege und Schlupfwinkel nah und fern, gnädigſter Herr,“ fügte er hinzu.„Wenn Ihr mir Euer Vertrauen ſchenken wollt, ſo will ich Euch mitten durch die 60 Kaiſerlichen führen, ohne daß Euch oder Eurem Begleiter ein Haar gekrümmt wird.“ „Für mich ſelber fürchte ich nichts,“ entgegnete Wolfgang. „Aber es ſollte mich bitter ſchmerzen und betrüben, wenn meine Leute in die Hände der Kaiſerlichen fallen und gefangen oder gar getödtet werden ſollten. Sie kommen uns ſchon entgegen und ehe eine Viertelſtunde vergeht, werden wir ſie erreicht haben.“ „Macht Euch keine Sorgen um ihretwillen, gnädigſter Herr,“ ſagte der Bauer zuverſichtlich.„Wohin ſoll ich ſie führen?“ „Nur ſicher über Torgau hinaus,“ antwortete Wolfgang. „Wenn wir erſt ſo weit gelangt ſind, will ich mich ſchon ohne Gefährde bis Bernburg durchſchlagen.“ „Nun, dann hat es keine Noth, mein hoher Herr,“ ſprach der Bauer.„Ein Endchen Wegs weiter hin führt ein einſamer Pfad durch das Gebirge, den nur wenige Leute kennen. Dort laßt uns Eure Regimenter erwarten.“ „Gut, vorwärts denn!“ befahl Fürſt Wolfgang.„Aber ſage doch, wie heißeſt du eigentlich, mein Mann?“ „Nennt mich Paul, gnädigſter Herr,“ erwiderte der Bauer, „Paul Kramer iſt mein Name.“ „Wohlan, ſo reite voraus und ſei unſer Wegweiſer, Paul?“ ſprach der Fürſt. Der Bauer gab dem Roſſe die Sporen, und galoppirte hurtig auf dem kürzeſten Wege voraus. Nicht minder ſchnell folgten Fürſt Wolfgang und Junker Kroſigk, der ſich mittler⸗ weile ganz wieder erholt hatte. Hier wurde Halt gemacht, und nur der Bauer ſprengte weiter, um dem anrückenden Fußvolke zum Wegweiſer zu dienen. Während er fort war, erzählte der Fürſt ſeinem Knappen das ſonderbare Zuſammentreffen mit dem Bauern, welchem ſie Beide, wenn nicht das Leben, doch wenig⸗ ——— ——. ——— 61 ſtens ihre Freiheit zu danken hätten. Daß aber Paul die Kai⸗ ſerlichen über die Elbe geführt, verſchwieg der Fürſt, um dem ehrlichen Manne nicht in der Meinung ſeiner Unterthanen zu ſchaden. Nach Verlauf von etwa einer Stunde kamen die Truppen an, ſchwenkten vom Wege ab, und folgten ſtumm und ſchwei⸗ gend ihrem Fürſten, an deſſen Seite Paul Kramer einher trabte. Wolfgang ſprach wenig. Seine Gedanken wendeten ſich wie⸗ der, nachdem er ſeine Mannſchaft gerettet glauben konnte, auf die muthmaßlichen Folgen der heutigen unglücklichen Schlacht. Viertes Kapitel. Is war um die Mittagsſtunde eines wonnigen Frühlings⸗ tages. Die Sonne ſtand glänzend am wolkenloſen, tiefblauen Himmel, und ſandte ein Meer von ſtrahlendem Lichte über die friſch grünenden Fluren. So weit das Auge reichte, erblickte es die Pracht und den Schimmer des neu erwachten Lenzes; die Bäume hatten den Schnee des Winters abgeſchüttelt und von Neuem ihr dichtes, herrliches Blättergewand angelegt. In ihren Zweigen ſangen die Vögel und ſchwirrten die Käfer. Dem Teppich der Wieſen entſproßten duftige Gräſer und Kräuter; Tauſende von gelben, blauen und rothen Blüthen ſchoſſen auf, und um ſie her gaukelten leichtbeſchwingte bunte Schmetter⸗ linge und ſummten Millionen fleißige Bienen, die ihre kleinen Saugrüſſel tief in die honigſpendenden Kelche hinein tauchten. Die ganze Natur ſchien zur Freude und Heiterkeit aufzu⸗ fordern; warum nun ſah man ſo viele finſtere, trübſinnige Ge⸗ 62 ſichter an der Straße, die von dem alterthümlichen Schloſſe zu Bernburg auf die Landſtraße nach Köthen führt? Es drängte ſich in langer und bunter Reihe Kopf an Kopf; Greiſe, Män⸗ ner, Weiber, Kinder,— Alles wogte bunt durch einander; aber auf keinem Geſichte bemerkte man ein heiteres Lächeln. Die Männer ſchauten mit düſteren Blicken vor ſich nieder, oder ſahen beſorgt auf die Köthen'ſche Landſtraße hinüber, als ob ſie von dort her einen ernſten und wichtigen, wenn nicht gar betrüben⸗ den Anblick erwarteten. Die Frauen und Mädchen ſteckten ziſchelnd die Köpfe zuſammen, legten ihre friſchen, jugendlichen Züge in ernſte Falten und lauſchten angeſtrengt auf jedes halb⸗ laut geſprochene Wort, welches aus einzelnen Gruppen ältlicher, würdiger Herren, die in der kleidſamen, reichen Bürgertracht des ſechszehnten Jahrhunderts umherſpazierten, zu ihnen her⸗ über tönte. Auf einem freien Platze, woſelbſt die Straße vom Schloſſe her ausmündet, ſtanden fünf Männer in ihren beſten Prunkge⸗ wändern zuſammen, und tauſchten unter einander mit Ernſt und Beſonnenheit ihre Meinungen aus. Es waren dieß die Herren Bürgermeiſter und Rathsherren der Alt⸗ und Bergſtadt Bernburg und ſie warteten hier in Geduld der Ankunft ihres gnädigſten Herrn, des Fürſten Wolfgang, welche ihnen durch einen reitenden Boten verkündigt worden war. Die Nachricht von der bei Mühlberg verlorenen Schlacht war ihnen, wie ihren Mitbürgern bereits zu Ohren gekommen, und dieſe un⸗ glückliche Nachricht hatte eben die allgemeine Niedergeſchlagen⸗ heit der getreuen Bürger Bernburgs veranlaßt. „Unſer durchlauchtigſter Herr bleibt lange aus,“ ſagte nicht ohne ängſtliche Beſorgniß ein hoher, ſtattlicher, wohl⸗ beleibter Mann, der Bürgermeiſter Conrad Gerhold, indem er mit der breiten, fleiſchigen Hand ſeinen lang herabwallenden Bart ſtreichelte.„Es wird doch Seiner Liebden nicht noch —————— — — —————— 63 kurz vor dem Eintritt in ſeine getreue Stadt ein Unfall begeg⸗ net ſein. Was meint Ihr, Herr Kollege, Melchior Wagnitz?“ Der alſo Angeredete, ein ſchlanker, hoher Mann, kriegeri⸗ ſchen Ausſehens, ſchüttelte mit einem leiſen, trüben Lächeln ſein Haupt. „Wir haben kaum etwas zu fürchten,“ ſprach er, den pech⸗ ſchwarzen Bart ſtreichelnd, der ſeltſam gegen das blaſſe, aber feine und geiſtvolle Geſicht abſtach;„unſer Herr iſt klug und tapfer, und es wird ihm nicht leicht weder Kaiſer, noch König ein Leides zufügen können. Ich vermuthe, er wird in Köthen länger aufgehalten worden ſein, als er dachte.“ „Ja, ja, die Köthener hängen mit eben ſo großer Liebe an unſerem trefflichen Herrn, wie wir,“ nahm Hans Fleiſchmann das Wort.„Wahrlich, Gut und Blut wollte ich mit Freuden dahin werfen, wenn ich den unglücklichen Tag bei Mühlberg aus dem Leben des Fürſten vertilgen und die Schlacht unge⸗ ſchehen machen könnte. Denkt an mich, werthe Freunde, ſie koſtet unſerem Herrn Land und Leute!“ „Um Gottes Willen, Herr Kollege, wie könnt Ihr ſo ſehr in's Schwarze malen, und gleich den unglücklichſten Ausgang annehmen!“ rief Adrian Müller, der andere Rathsherr, er⸗ ſchrocken.„Fürſt Wolfgang hat ja vordem jederzeit in hohen Gnaden bei der kaiſerlichen Majeſtät geſtanden, und hat jetzt doch weiter nichts gethan, als nur ſeinen Glauben vertheidigt und das Heil ſeiner Seele zu wahren geſucht. Es wäre ja ſchrecklich, wenn der Kaiſer ſo furchtbare Rache um ſolcher Urſach willen nehmen wollte.“ „Wir werden ja ſehen,“ erwiderte Hans Fleiſchmann. „Die Majeſtät will einmal durchaus nichts von dem neuen Glauben hören, und um ihn im Keime zu erſticken, wird Sie die härteſten Maßregeln nehmen. Das Recht iſt auf des Kai⸗ ſers Seite, da unſer Herr ihm mit den Waffen in der Hand 64 entgegen getreten iſt, und die Gewalt, ſeine Beſchlüſſe durchzu⸗ führen, mangelt ihm auch nicht, ſeit er die verbündeten Fürſten auf's Haupt geſchlagen und den wackern Churfürſten Johann gefangen genommen hat. Ich fürchte, ich fürchte, wir gehen einer traurigen und ſchweren Zeit entgegen.“ „So fürchte ich auch, Freund Hans,“ ſprach Melchior Wagnitz ſehr ernſt.„Jetzt wird es heißen, ſchwört Euren Glauben ab, kehrt in den Schooß der heiligen katholiſchen Kirche zurück, oder ſeid gewärtig, daß Euch Alles Unheil trifft, was in unſerer Macht ſteht, Euch zuzufügen.“ „Nicht doch, nicht doch, Ihr treibt es zu weit, Herr Kollege,“ antwortete Conrad Gerhold.„So ungnädig wird des Kaiſers Majeſtät nicht verfahren. Wir ſind freie Männer und können glauben, was wir wollen, wenn es nicht gegen den Reſpekt verſtößt, den wir dem Oberhaupte des Reiches ſchuldig ſind.“ „Und geſetzt auch,“ erwiderte Melchior Wagnitz,„man gönnte uns den Frieden,— unſeren Fürſten wird man nicht unangefochten ſein laſſen, nachdem er einmal die Entſcheidung durch das Schwert gewählt hat. Ihn wird der Blitzſtrahl treffen, und durch ihn auch uns, die wir ihn wie einen Vater lieben und ehren. Gott ſei uns Allen gnädig!“ Der laute Ruf„er kommt! er kommt!“ unterbrach das Geſpräch der Rathsherren, welche alsbald ihre Blicke der Land⸗ ſtraße zukehrten. In der That ſtiegen in einiger Entfernung Staubwolken auf, welche raſch näher und näher wirbelten, Waffen blitzten dazwiſchen, und bald erkannte man auch den hohen weiß und grünen Helmbuſch Fürſt Wolfgangs, welcher im Winde flatterte und ſchwankte, gleich einem Fähnlein. Todtenſtille lagerte ſich über der verſammelten Bürgerſchaft, und Aller Augen hefteten ſich auf die Geſtalt des Fürſten, wel⸗ cher, von ſeinen Panzerreitern gefolgt, zu ſeiner Rechten den 65⁵ Junker Kroſigk, zur Linken den Bauer Paul Kramer, in raſchem Trabe herangeritten kam. Dicht vor der Gruppe der Rathsherren, welche mit entblößten Häuptern einige Schritte weit vorgegangen waren, hielt er ſein ſchnaubendes Roß an und warf einen ernſten, aber nicht traurigen oder gar muth⸗ loſen Blick auf ſeine treuen Bürger. „Gott ſegne Euren Eingang, theuerſter, gnädigſter Herr!“ ſprach der Bürgermeiſter Conrad Gerhold, indem er dicht an das Pferd Fürſt Wolfgangs herantrat.„Mit tiefem Schmerze haben wir vernommen, daß die Viktoria Eurer Gnaden ein⸗ mal ungetreu geworden iſt, und kommen nun anhero, um Euch von Neuem unſere treue Liebe und Anhänglichkeit zu verſichern, und Euch Gut und Blut und Leben anzubieten.“ „Ach, Ihr ſeid es, mein wackerer Bürgermeiſter der Alt⸗ ſtadt, Herr Conrad Gerhold,“ ſagte freundlich der Fürſt, in⸗ dem er dem getreuen Mann ſeine Rechte bot, die dieſer ehr⸗ erbietig küßte.„Ja, der Himmel hat uns eine ſchwere Zucht⸗ ruthe aufgebunden, und wir müſſen unſere ganze Kraft auf⸗ bieten, um die drückende Laſt zu tragen. Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er; laßt uns denn glauben, daß er uns recht lieb hat, weil er uns ſo ſtrenge und hart heimſucht. Wie haben meine getreuen Bürger die ſchlimme Kunde von der verlornen Schlacht aufgenommen?“ „Ach, gnädigſter Herr, wir Alle waren ſehr erſchrocken, und dies um ſo mehr, da man uns fälſchlicher Weiſe berichtet hatte, daß Ihr in die Gewalt des Feindes gefallen wäret. Da gab es viel Jammer und Wehklagen unter der Bürgerſchaft. Als es aber nachher hieß, Ihr hättet Euch glücklich durchge⸗ ſchlagen und würdet bald wieder zu uns kommen, da faßten wir Alle friſchen Muth und fingen von Neuem an, gute Hoffnung zu hegen. Wenn wir nicht um Euer Schickſal uns Bekümmerniß machen müßten, dann, gnädigſter Herr, würden Fürſt Wolfgang. 5 66 wir ohne Furcht der Zukunft in's Auge ſehen. So aber— nun, wir wollen immerhin noch das Beſte erwarten und unſern Troſt darin ſuchen, daß unſer gnädigſter Fürſt wieder in unſern Mauern, in unſerer Mitte verweilt.“ Ernſt und bedächtig ſchüttelte Fürſt Wolfgang das Haupt. „Dies iſt ein unſicherer und haltloſer Troſt,“ ſagte er nachdenklich.„Meines Bleibens wird hier nicht lange ſein, da die kaiſerliche Majeſtät mir kaum viel Zeit zum Ausruhen vergönnen wird. Aber, hat der Herr bis hieher geholfen, meine Kinder, ſo wird er auch weiter helfen, und auf Seine Gnade wollen wir bauen, aus Seinem heiligen Worte Troſt und Zuverſicht ſchöpfen. So lange wir den Herrn nicht verlaſſen, wird er auch uns nicht verlaſſen, und jetzt, wo das Unglück ſchwer auf mir liegt, wiederhole ich freudig, was ich einſt ſagte, da ich im Glück und im Frieden ſaß: Ich will lieber Land und Leute verlaſſen und an einem Stecken davon gehen, denn daß ich will eine andere Lehre dulden oder annehmen, als die Lutheriſche, die ich für wahr und recht erkannt habe. Obgleich wir ſieglos aus einem ſchweren Kampfe hervorge⸗ gangen ſind, ſo hoffe ich doch zu Gott, er wird ſein gött⸗ liches Wort wohl erhalten, ob es gleich dem Teufel und aller Welt leid iſt. Haltet darum nur feſt an dem Herrn, meine Kinder, und laßt euch nicht kümmern, was mit dieſem zer⸗ brechlichen Leibe geſchehen mag.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte der Fürſt nochmals dem Bürgermeiſter huldreich die Hand, winkte den übrigen Raths⸗ herren freundlich zu und ritt dann heitern Angeſichts inmitten der verſammelten Bürgerſchaft weiter, ſeinem Schloſſe zu. Der edle Herr ſah ſo ruhig, freudig und gottergeben umher, grüßte rechts und links ſo holdſelig und herablaſſend, daß die Bürger für eine kurze Zeit der ſchweren Zukunft vergaßen, mit hochgeſchwungenen Mützen dem Fürſten ein Lebewohl zu⸗ 67 riefen und mit einſtimmiger Begeiſterung ſchwuren, jederzeit Leib und Leben für ihren tapfern und großmüthigen Herrn zu laſſen. Unter dem Jauchzen des Volkes, das in dichten Haufen hinter ihm her drängte, ritt Fürſt Wolfgang über die dumpfe hallende Zugbrücke in den Schloßhof hinein, grüßte noch einmal mit der Hand ſein treues Volk und begab ſich dann feſten Schrittes in ſeine fürſtlichen Gemächer. Die Liebe und Begeiſterung ſeiner Getreuen folgte ihm nach. Fünftes Kapitel. Mehrere Wochen verſtrichen. Fürſt Wolfgang ſaß, ruhig ſein ferneres Schickſal erwartend, auf dem Schloſſe zu Bern⸗ burg, beſchäftigte ſich von früh bis ſpät in die Nacht mit Regierungsangelegenheiten und brachte eine treffliche Ordnung in alle Geſchäfte. Es war beinahe, als ob er wie ein be⸗ dächtiger Hausvater, der ſeinem baldigen Tode entgegenſieht, ſein Haus beſtellen wolle. Er gönnte ſich täglich nur eine kurze Erholung, und ſelbſt dieſe wenigen Stunden widmete er dem Nachdenken über neue heilſame Geſetze und Verord⸗ nungen, mit welchen er ſein Volk beſchenken und beglücken wollte. Gewöhnlich ſpazierte er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf geſenkt, in den ſchattigen Laubgängen ſeines Schloß⸗ gartens umher, von Niemanden begleitet, als einer großen däniſchen Dogge, die überhaupt nur ſelten von ſeiner Seite wich. Hier überdachte er ſeine Entwürfe, hier ſann er über das Glück ſeines Volkes, hier war die Werkſtätte, aus wel⸗ cher ſeine trefflichen Arbeiten hervorgingen. 68 Obgleich er ſich nur ungern in ſeinem Nachdenken an dieſem Orte ſtören ließ, kam dennoch eines Nachmittags in großer Eile Junker Heinrich von Kroſigk auf ihn zugeſchritten und blieb in einiger Entfernung von dem Fürſten ehrerbietig ſtehen. Wolfgang gewahrte ihn ſogleich, runzelte ein wenig ſeine hohe Stirn, befahl ihm aber dann doch ſehr leutſelig, näher zu treten. „Du mußt eine wichtige Botſchaft zu überbringen haben, mein Sohn, da du mir nicht einmal eine kurze Stunde der Ruhe vergönnſt,“ ſagte er lächend.„Sprich, was gibt es Neues?“ 3 „Gnädigſter Herr,“ erwiderte der Junker,„ich würde nicht gewagt haben, Euern Spaziergang zu unterbrechen,— aber es iſt ein kaiſerlicher Bote im Schloſſe, der dringend nach Euch verlangt. Er ſcheint große Eile zu haben, und darum dachte ich, müßt' ich Euch wohl einmal ſtören. Gern that ich's nicht, gnädigſter Herr!“ Wolfgang antwortete nicht. Eine leichte Bläſſe überzog ſein Antlitz und er wendete ſich raſch zur Seite, um ſeine innere Bewegung dem Auge des Knappen zu verbergen. Mit großen Schritten wandelte er einige Male unter den Bäumen auf und ab. Dann, äußerlich ganz gefaßt, trat er wieder zu dem Junker und befahl ihm mit ruhiger Stimme, den kaiſerlichen Boten in ſein Gemach zu führen und dort ſeine Ankunft zu erwarten. Heinrich eilte davon. Wolfgang aber, als er ſich allein ſah, knieete nieder unter einer uralten Eiche und hob Augen und Hände betend zum Himmel empor. „Herr mein Gott,“ ſprach er leiſe,„der Augenblick iſt gekommen, der da kommen mußte, der ſchwere Augenblick einer ſchweren Prüfung. Hilf, mein Heiland, daß ich ſieghaft aus dem Kampfe mit der Hoffahrt der Welt hervorgehe, gib mir Kraft, mit Standhaftigkeit den bittern Kelch zu leeren, den ₰ 2* —— 69 deine Hand mir reicht, und verleihe meiner Seele Stärke, zu beharren im Rechten und Guten, zu beharren in deinem gött⸗ lichen Worte, deiner reinen himmliſchen Lehre. In deine Hände o Gott, befehle ich mein Schickſal. Wie du es auch fügen und leiten mögeſt, deine Weisheit iſt größer denn alle Weis⸗ heit der Welt, und mit freudigem Herzen will ich zum Wan⸗ derſtabe greifen und hinaus flüchten in das Elend, wenn es dein heiliger Rathſchluß alſo gebeut. Amen.“ So betete der Fürſt und erhob ſich gekräftigten Herzens von ſeinen Knieen. Mit feſtem Schritte betrat er ſein Schloß und nicht ein Anhauch, nicht der leiſeſte Schatten von Beſorg⸗ niß oder Zaghaftigkeit ſchwebte auf ſeiner klaren Stirn, oder ſprach aus ſeinem ſtrahlenden, ruhigen Auge, als er zu dem kaiſerlichen Boten in ſein Gemach trat. „Was verlangt mein hoher Herr, der Kaiſer, von uns?“ ſprach er mit ruhiger Stimme zu dem Boten, der ihn mit ehrfurchtsvoller Verneigung empfing.„Wir ſind bereit, ſeine Botſchaft in Empfang zu nehmen.“ Schweigend überreichte der Bote dem Fürſten ein großes, mit Siegeln verſehenes Schreiben. Wolfgang nahm es und wog es prüfend in der Hand. „Ein ſchweres und gewichtiges Schreiben,“ ſagte er mit einem doppelſinnigen Lächeln.„Laßt uns allein, Freund, da⸗ mit wir uns in Muße mit ſeinem Inhalt vertraut machen können. Draußen wird man Euch einen Imbiß beſorgen, und hört, verlaßt mir das Schloß nicht, ehe ich nochmals mit Euch geredet habe. Es könnte wohl ſein, daß Ihr ein Ant⸗ wortſchreiben an Se. Majeſtät zurücknehmen müßtet.“ Der Bote verneigte ſich tief, zum Zeichen des Gehorſams, und verließ geräuſchlos das Gemach. In tiefen Gedanken blieb Wolfgang einige Minuten lang ſtehen; dann trat er raſch an 4—— ͦy—— 70 ein Fenſter, löste die Siegel von dem Schreiben, entfaltete es mit feſter Hand und las. Der Brief lautete alſo: „Da es dem Herrn der Heerſchaaren gefallen, unſerm gnädigſten Kaiſer, Carolo V., den Sieg über alle Feinde des Reichs und des heiligen katholiſchen Glaubens zu verleihen, Ew. Liebden aber Sr. Majeſtät rebelliſcher Weiſe mit den Waffen in der Hand gegenübergetreten iſt, ſo haben Se. Maje⸗ ſtät beſchloſſen, Euch in des Reichs Acht und Aberacht zu er⸗ klären wegen Landfriedensbruch und Auflehnung gegen den Kaiſer. Demnach ſind Eure Lehen verfallen und Euer Leib und Fleiſch gehört den Thieren auf den Feldern, den Vögeln in den Lüften. Wo ein jeglicher Mann Frieden und Geleit hat, da ſollt Ihr keines haben, und ſollt gewieſen ſein auf die vier Straßen der Welt, in dem Namen des Teufels. „So lautet der Spruch nach dem Recht, und er wird an Euch vollzogen und öffentlich im Reiche bekannt gemacht wer⸗ den, ſo Ihr nicht bei Zeiten Se. Majeſtät zu verſöhnen trach⸗ tet. Denn da es dem Kaiſer erinnerlich iſt, alſo daß Ihr ſei⸗ ner hohen Perſon jederzeit von Herzen zugethan geweſen ſeid, bis Euch der Teufel verblendet hat, zu den Lutheriſchen über⸗ zutreten, ſo will und befiehlt er, daß es von Ew. Liebden eige⸗ nem Entſchluſſe abhängen ſoll, ob Euch die Strafe treffen wird oder nicht. Der Kaiſer iſt gern bereit, Euch Alles zu ver⸗ zeihen, was bis jetzo vorgefallen iſt, und läßt ſich ſogar geneigt finden, Euch wieder in Gnaden aufzunehmen, wenn Ihr Euern fälſchlichen Teufelsglauben verlaſſen und abſchwören und in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche zurückkehren wollt. Wenn Ihr ſolches Begehren erfüllet, dann ſollt Ihr im unge⸗ ſtörten und ungeſchmälerten Beſitze Eurer Länder bleiben und des Kaiſers lieber und werther Vetter ſein. Wenn Ihr Euch aber weigert, des gnädigſten Kaiſers alſo milden und glimpf⸗ lichen Bedingungen nachzuleben, ſo ſoll Alles daraus entſtehende Unheil über Euer Haupt kommen und Euer Land ſoll dem edlen Grafen Siegmund von Ladro übergeben werden, als welcher es binnen kurzer Zeit mit kaiſerlicher Heeresmacht in Occupation nehmen wird. „Ueberlegt es daher weislich, was Ihr thut. Entweder Verbannung, Aechtung und Tod, oder irdiſche Herrlichkeit und ewige Seligkeit. Beides liegt in Eurer Wahl, und ich bitte Gott, daß er Euch erleuchten möge, um Euch zu dem beſten Entſchluſſe zu verhelfen. Gez. Herzog von Alba.“ Seufzend legte Wolfgang das inhaltſchwere Schreiben auf ein Marmortiſchlein, das in der breiten Fenſterniſche ſtand. „Der Streich iſt gefallen und all' mein Glück, all meine Herrlichkeit iſt in Scherben zerbrochen,“ ſprach er leiſe vor ſich hin.„Heimlich und verborgen, wie ein Dieb, muß ich mein Land verlaſſen und muß hinauswandern, einen Stecken in der Hand, in das Elend. Verbannt, geächtet, aus der Mitte mei⸗ ner Unterthanen geriſſen, vogelfrei umherſtreifend, der Hand jedes Ruchloſen preisgegeben— o, das iſt ein hartes, ein trauriges, ein niederbeugendes Schickſal!“ Trübſinnig das ſorgenſchwere Haupt ſchüttelnd, öffnete der Fürſt ein Fenſter und blickte hinaus auf das ſchöne, blühende Land, das wie ein herrlicher Garten im Abendſonnenſchein vor ſeinen Augen lag. Tief unten am Fuße des Schloßberges floß ruhigſtrömend die Saale vorüber. Ihre klaren Wellen blitzten und ſchimmerten im Sonnenſtrahl. Schwer beladene Schiffe mit ausgeſpannten Segeln glitten leiſe und ſanft wie Schwäne über das Waſſer hin. Leichte Fiſchernachen flogen, gerudert von kräftigen Armen, herüber und hinüber, ſtromauf, ſtromab. Dichte, ſchattige Wälder umſäumten das Ufer und ſpiegelten ſich in den murmelnden Waſſern. Ein leiſer Hauch fuhr ſäuſelnd durch ihre grünen Wipfel und beugte die ſchwan⸗ ken Kronen. Drüben, jenſeits des Waldes, erhoben ſich ſanft ſchimmerten die rothen Dächer Bernburgs aus dem Dickicht hervor, hoch überragt von den ſchlanken Thürmen der Gottes⸗ häuſer. Links eröffnete ſich weithin das geſegnete Land. Die dunkeln Wälder wechſelten ab mit hellen, friſchgrünen, blüthen⸗ reichen Wieſen, mit wallenden Kornfeldern, mit freundlichen Dörfern und Landhäuſern. Es war ein herrliches und wonniges Bild, wie es ſo da lag, verklärt von den Strahlen der ſinkenden Sonne, eingefaßt gleich einem Rahmen von den Wolken des Himmel, die pur⸗ purn und golden langſam am Horizonte dahin zogen. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, dies Alles ſoll ich alſo hinter mich werfen, ſoll Alles verlaſſen und Allem den Rücken zukehren?“ flüſterte leiſe Fürſt Wolfgang, indem er einen bangen, tieftraurigen und wehmuthsvollen Blick auf ſein reiches, üppig ſchönes Land heftete.„Dich ſoll ich fliehen, du ſchatti⸗ ger Wald, der du ſo oft die Töne meines Hüfthornes wieder⸗ hallteſt, wenn ich in männlicher Jagdfreude den flüchtigen Hirſch erlegte, oder das zitternde Reh, oder den ſtarken Bär und den grimmigen Wolf? Den herrlichen Strom ſoll ich verlaſſen, deſſen Wellen ſchon meinen Nachen ſchaukelten und meine Glie⸗ der ſtärkten, als ich noch ein Knabe war? Von euch ſoll ich mich losreißen, ihr Berge und Fluren? Ach, und auch von euch, ihr, meine treuen Bürger, die ihr mehr meine Kinder als meine Unterthanen ſeid? O, wie ſchwer iſt das Joch, das du mir auferlegſt, wie ſo herbe der Kelch, den du mir darreichſt, mein großer, heiliger Gott? Und dennoch mit Freudigkeit wollt ich Alles ertragen und dulden, wenn ich dich nur, mein gutes Volk, glücklich wüßte! Aber dein Vater, der dich mit Liebe hegte und hütete, muß von hinnen weichen und ein Herr wird kommen an ſeiner Statt mit dem Schwerte in der Hand, gerundete ſchwellende Hügel und bis zu ihrem Gipfel hinauf rankte Rebe an Rebe in üppigem Blätterſchmucke. Rechts — 73 dräuenden Zorn auf der gerunzelten Stirn, in dem finſtern Auge, Hohn auf der Lippe, Eiſeskälte im Herzen. Wie könnte er dich lieben, da du ihm fremd biſt, da er deine Liebe zum an⸗ geſtammten Herrn fürchten muß? Aus Furcht erwächst Haß, aus Haß Tyrannei, und ein Tyrann alſo wird der Mann, deſſen Name ſchon unheilverkündend klingt, meinem Volke ſein? Ladro— Räuber! Ja, ein Räuber wirſt du einfallen in meine Heerde, und wirſt die Lämmer würgen, die ich ſo ſorglich hütete. Aber wüthe nur, Räuber! Das Theuerſte, was ich beſitze, kannſt du mir doch nicht rauben, kannſt mir nicht nehmen die Liebe meines edlen, meines treuen, meines guten Volkes! Dies Kleinod nehme ich mit mir in die Verbannung, und will es ſorglich behüten, wie einen köſtlichen Edelſtein. Laß denn fahren dahin den Glanz und die Herrlichkeit der Welt! Ich will mein Kreuz auf mich nehmen in Kraft und Ergebung und den Schimmer der Hoheit dahin werfen um ein höheres Gut, um das Juwel meines reinen Glaubens. Dich lobſingend und preiſend, mein Gott, will ich von hinnen gehen in Armuth und Niedrigkeit; denn wenn es dein heiliger Wille iſt, o Herr, ſo kannſt du mich wieder aus dem Staube erheben mit gewal⸗ tiger Hand, und mich von Neuem auf den Thron meiner Väter führen, den ein frecher Fremdling entweihen durfte!“ So ſprach Fürſt Wolfgang und ſein Trübſinn ging unter in einer ſtillen Freudigkeit, die ihre Quelle in dem unerſchüt⸗ terlichſten Gottvertrauen hatte. Noch einen zögernden Blick warf er auf die herrliche Landſchaft und griff dann wieder zu dem Schreiben des Herzogs Alba, das er nochmals mit den Augen durchflog. „Ich, ich, meinen Glauben verlaſſen und meinen Gott verläugnen um irdiſchen Gewinnes willen?“ rief er aus, indem ſein Blick auf den verlockenden Verſprechungen des Herzogs verweilte.„Nimmer, nimmer! Jagt mich nur hin⸗ aus in die Fremde und hetzt mich wie einen Wolf! Chriſtus iſt der Stab, auf den ich mich ſtütze, iſt der Schild, der mich beſchirmt. Nicht ein Haar könnt Ihr mir krümmen, ohne den Willen Gottes.“ In dieſem Augenblick wurde leiſe an die Thüre des Für⸗ ſten geklopft und ein Diener trat in das Gemach, um die Ankunft einiger Bürger zu melden, welche ihren Herrn zu ſprechen wünſchten.. „Führe ſie ſogleich herein!“ befahl Fürſt Wolfgang. Sie nahen zwar zu einer ungewöhnlichen Stunde, aber um ſo dringender wird die Veranlaſſung ihres Kommens ſein.“ Der Diener entfernte ſich und gleich darauf traten die Bürgermeiſter Conrad Gerhold und Melchior Wagnitz, ſowie der Rathsherr Hans Fleiſchmann mit bekümmerter Miene vor das Angeſicht des Fürſten, der ſie mit huldreicher Freundlich⸗ keit empfing.— „Was führt euch zu mir, werthe Herren? fragte er. „Ihr müßt ein wichtiges Anliegen haben.“ „Gnädigſter Herr,“ nahm Conrad Gerhold im Namen der Uebrigen das Wort,„verzeihet, daß wir Euch ſo ſpät noch zu ſtören wagen. Die Angſt treibt uns her. Wir ſahen einen kaiſerlichen Boten durch die Straßen der Stadt nach dem Schloſſe hinaufreiten und es ahnte uns Schlimmes, da ja Ew. Durchlaucht eben jetzt nicht im beſten Vernehmen mit Kaiſer⸗ licher Majeſtät ſtehen. Darum kommen wir nun, um Ew. Durchlaucht nochmals Gut und Leben anzubieten und Euch zu verſichern, daß Ihr in allen Stücken bis aufs Aeußerſte auf uns und Eure Bürger zählen könnt. So lange noch Kraft und Athem in uns iſt, wollen wir es nicht zugeben, daß Ew. Durchlaucht ein Leides zugefügt werde, und ſo, wie wir, denkt das ganze Land. Mit Freuden wollen wir für Euch in den Kampf gehen und den letzten Blutstropfen für unſern theuren gnädigen Herrn vergießen.“„Ja, das wollen wir!“ fügte Melchior Wagnitz und Hans Fleiſchmann mit feſter Stimme hinzu.„Wir wollen mit unſern Leibern einen Wall um Ew. Durchlaucht ziehen, den Kaiſer und Reich Mühe haben ſollen zu durchbrechen!“ „Ich dank' Euch, meine Freunde,“ ſagte Fürſt Wolfgang gerührt.„Ich danke Euch! Wenn noch ſolche Herzen ſo treu und kühn für mich ſchlagen, kann ich nicht ganz unglücklich ſein. Ja, ein Abgeſandter des Kaiſers iſt gekommen und hat mir eine ſchwere, gewichtige Botſchaft überbracht. Da liegt ſie — lest ſie ſelbſt.“ Er reichte dem Bürgermeiſter Conrad Gerhold das Schrei⸗ ben hin, welches die Rathsherren mit beflügelten Augen durch⸗ liefen. Die treuen Männer wurden blaß und ſtanden tief er⸗ ſchüttert, als ihnen der Inhalt des Briefes klar geworden war. „Das iſt ein harter Spruch und eine harte Bedingung von Kaiſerlicher Majeſtät!“ ſprach nach einer kurzen Pauſe Melchior Wagnitz, der zuerſt ſeine Faſſung wieder gewann. „Was gedenken Ew. Durchlaucht zu erwidern?“ „Ueber meine Antwort kann wohl kaum ein Zweifel ob⸗ walten,“ erwiderte der Fürſt mit ernſter Würde.„Da an bewaffneten Widerſtand nicht zu denken iſt, ſo werde ich einen Stecken in die Hand nehmen, in die Fremde gehen und ſo lange in Verborgenheit leben, bis der Grimm des Kaiſers beſänf⸗ tigt iſt. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht übrig.“ „Ew. Durchlaucht wollten wahr und wahrhaftig das Schloß Eurer Väter verlaſſen und Euren getreuen Untertha⸗ nen den Rücken zukehren?“ ſprach ſchmerzlich Conrad Gerhold. „Nein, gnädigſter Herr, das kann Euer Wille nicht ſein.“ „Nein, Herr, nicht alſo dürft Ihr aus Eurem Lande wei⸗ chen!“ rief Melchior Wagnitz heftig, indem ſich ſein bleiches Geſicht mit einer feinen Röthe überzog und ſeine dunklen Au⸗ 76 gen feurig unter den ſchwarzen Wimpern hervorblitzten.„Tau⸗ ſend Herzen ſchlagen für Euch, tauſend Hände ſind bereit, für Euch zu kämpfen. Ruft Euer Volk zu den Waffen, verſchanzt Eure Stadt, Euer feſtes Schloß, und laßt es auf einen Kampf ankommen. Wir alle wollen lieber untergehen, als Euch ver⸗ lieren! Wir Alle lieber ſterben, als einen fremden Gebieter in dieſen Mauern ſehen. Laßt die Kaiſerlichen kommen! Wir ſind ſtark und tapfer wie ſie, und mancher harte Kopf mag an unſern Mauern zerſchellen, ehe wir feige die Waffen von uns werfen und von unſerm väterlichen Herrn abfallen!“ „Ja, gnädigſter Fürſt,“ ſprach auch Hans Fleiſchmann be⸗ dächtig aber entſchloſſen,—„ja, verlaßt uns nicht, geht nicht hinweg aus der Mitte Eurer Getreuen! Seht, ich habe ein liebes Weib und zwei wackere gute Kinder daheim; ich liebe ſie mit allen Kräften meiner Seele, aber bei Gott, ich will ſie lieber untergehen und verderben ſehen, als meinem theuren Fürſten und Herrn ungetreu werden. Hier ſtehen wir, drei Männer aus Eurem Volke, ſprecht ein Wort, und morgen ſchon ſchaaren ſich mehr denn dreitauſend um Euch, die mit Freudigkeit ihr Leben für Euch in die Schanze ſchlagen!“ Tief bewegt und bis ins innerſte Herz erſchüttert, blickte Wolfgang auf die drei Biedermänner, die ſo bereitwillig wa⸗ ren, ihr Liebſtes für ſein Wohl aufzuopfern. In ſeinem Auge perlte eine Thräne. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit!“ rief er, die Hände zum Himmel empor gehoben;—„was für ein köſtlich Ding iſt es doch für einen Fürſten, wenn die Liebe des Volkes ihn auf den Händen trägt! Welch ein edleres Kleinod gibt es für ihn, als die aufopfernde Treue ſeiner Bürger! Großer Gott, du begna⸗ digſt mich hoch, da du mich in ſo ſchwerem Augenblicke ſo tief in das Herz meines Volkes ſchauen läſſeſt! Das iſt Troſt, das i*ſt Stärkung, das iſt ſußes Manna in den bitteren Kelch des 77 Leidens!— Ja, meine treuen Männer, meine geliebten Freunde, Ihr habt meine Seele erquickt und meinen Geiſt erhoben, da er nahe daran war, dem Sturm des Schickſals zu erliegen. Ihr habt mein Herz mit hoher Freudigkeit erfüllt und nimmer will ich euch das vergeſſen. Aber wehe mir, wenn ich das Opfer annehmen wollte, das ihr, nicht dem Fürſten, ſondern euerm Vater zu bringen bereit ſeid. Ein ſchlechter Vater wäre, der ſeine Kinder tödten ließe, um nur ſelber in Luſt und Freudig⸗ keit zu leben. Nein, meine theuren Freunde, das ſei ferne von mir! Sollte der Wohlſtand, das Glück eines ganzen Volkes zertrümmert und vernichtet werden um eines einzelnen Mannes willen? Nimmer! Ich verlaſſe euch, will's Gott, nur für eine kurze Friſt, und gern will ich das geringe Leiden tragen, wenn ich nur mein Volk, mein treues, gutes Volk glücklich weiß. Glaubt nicht, daß der Schmerz mich darniederbeugen wird. Ich verliere ja nichts, da eure Liebe mir in die Ver⸗ bannung folgt, da ich weiß, daß auch dann noch eure Herzen für den geächteten Vater ſchlagen, wenn er ferne von euch ver⸗ weilen muß. Was kümmert mich des Kaiſers Acht, da ſie mir die Liebe meiner Unterthanen nicht zu rauben vermag? Und wie lange wird es denn anſtehen, bis die Gnadenſonne wieder leuchtet? Mein Herz iſt voll Zuverſicht und froher Hoffnung und eine innere Stimme flüſtert mir ſüße Troſtesworte ins Herz! Arm und hilflos werde ich davongehen, aber der ſtarke Arm Gottes wird mich zurückführen in Glanz und Herrlichkeit, und mich wieder auf den Thron meiner Väter erheben. Der Kaiſer iſt ein guter und wackerer Herr, er kann nicht lange darüber zürnen, daß wir unſer heiligſtes Gut, die Freiheit unſeres Geiſtes und Glaubens zu wahren geſucht haben.“ „Das wolle Gott!“ ſprach Melchior Wagritz, tief be⸗ wegt von den Worten des Fürſten. „Amen!“ fügten die beiden andern Rathsherren hinzu. 78 Die drei Männer waren heftig ergriffen und Conrad Gerhold wehrte den Thränen nicht, die über ſeine Wangen auf den Bart niederperlten. „Könnten denn Ew. Durchlaucht,“ nahm nach einer Pauſe Hans Fleiſchmann ſchüchtern das Wort,„könnten denn Ew. Durchlaucht nicht für einige Zeit zum Scheine dem Verlangen des Kaiſers nachgeben und ſich anſtellen, als ob wir wieder katholiſch werden wollten? Es würde doch wenigſtens Zeit gewonnen und binnen Kurzem könnten die Sachen ſich ganz anders und viel beſſer geſtalten.“ Wolfgang, der nachdenklich in der Fenſterniſche ſtand und mit feuchtem Blicke in das Land hinausſchaute, drehte ſich bei dieſen Worten raſch um und ging auf den Rathsherrn zu. „Mein wackerer Freund,“ ſagte er, indem er ſeine Hand auf des Mannes Schulter legte und ihm mit ſeinen großen Augen hell in das Antlitz ſchaute,—„könntet Ihr wohl noch Achtung und Liebe für Euren Fürſten hegen, wenn er alſo ſchmählich ſeinen Herrn und Heiland verläugnen würde? Nicht doch! Nicht doch! Es darf kein Flecken auf der Ehre Eures Vaters haften und ich wollte lieber tauſendfachen Tod leiden, als meinem Gotte ungetreu werden. Mein Schickſal iſt be⸗ ſtimmt und mit Ergebung will ich mich ihm fügen. Ihr aber, meine Lieben und Getreuen, haltet euch ſtill und ruhig, ver⸗ trauet in allen Stücken auf Gott und tragt in Geduld, was euch von der Hand des Herrn auferlegt wird. Der Kaiſer gibt euch einen andern Herrn. Wohlan! gehorchet ihm, in ſo weit er euer Seelenheil nicht gefährdet. Gebt ihm, was er verlangt, und beugt euch unter das Joch, das ihr nicht abwerfen könnt, nicht abwerfen dürft. Wenn Graf Ladro euren guten Willen und euren Gehorſam ſieht, ſo wird er's nicht zu weit treiben. Kommt es aber zum Aeußerſten, ſo wendet euch an den Kaiſer. Er iſt ein wackerer Herr und wird ſein Ohr eurem Hilferufe 79 nicht verſchließen. Auch will ich nicht zu weit von euch gehen, um nöthigenfalls in Eurer Mitte erſcheinen zu können. Mein Auge wird euch immer beobachten und ihr werdet von mir hören, ehe ihr es denkt. Geht, meine Kinder! Sagt meinen guten Bürgern von Bernburg, welche Nachricht ich bekommen, welchen Entſchluß ich gefaßt habe, und ermahnt ſie, das heran⸗ nahende Ungewitter in Geduld und Standhaftigkeit zu ertra⸗ gen. Verweist ſie auf die Zukunft und vergeßt auch ihr ſelbſt nicht, meine theuren Freunde, daß die Sonne doch immer wieder ſiegend zum Vorſchein kommt, wenn auch die Wolken noch ſo dicht ſind, die ihren Strahlenglanz umſchleiern. Geht hin in Frieden und vergeßt euren Fürſten nicht, der euch wahrhaft und von ganzem Herzen liebt!“ „Und wann wollen Ew. Durchlaucht Schloß und Hei⸗ math verlaſſen?“ fragte Melchior Wagnitz traurig und nie⸗ dergeſchlagen. „Morgen mit dem Früheſten,“ erwiderte Fürſt Wolfgang. „Die Nacht noch will ich in meinem Schloſſe ruhen, zum letzten Male für jetzt, aber will's Gott, nicht für immer.“ Der Himmel gebe, daß Ew. Durchlaucht ein guter Pro⸗ phet ſind!“ ſprachen die Rathsherren trübſinnig, indem ſie ſich zum Abſchiede verneigten. Der Fürſt reichte einem Jeden die Hand und drückte die ihrigen herzlich und mit Kraft. „Seid heiter und getroſt, meine Kinder,“ ſprach er mit ernſter Feſtigkeit.„Der alte Gott lebt noch und wir dürfen nicht gleich böſe Geſichter ziehen, wenn er auf die vielen hellen und freundlichen Tage auch einmal einen Gewitterſchauer fol⸗ gen läßt. Meint es der barmherzige himmliſche Vater im Grunde doch immer gut und liebreich mit ſeinen Kindern!“ 80 Sechstes Kapitel. Als ſich die Rathsherren entfernt hatten, berief Wolfgang ſeinen Geheimſchreiber zu ſich und diktirte ihm das Antwort⸗ ſchreiben an den Kaiſer in die Feder. Mit wenigen aber kräf⸗ tigen Worten gab er ſeinen Entſchluß zu erkennen, um des Glaubens willen geduldig den Zorn der Majeſtät zu ertragen, und lieber in Ehren ſeine Heimath zu verlaſſen, als mit Schmach und Schande beladen fernerhin ſein Land zu regieren. Er bat den Kaiſer, ſeiner früheren getreuen Anhänglichkeit eingedenk zu ſein, und ſprach endlich die Hoffnung aus, daß die Zeit den Grimm des Siegers mildern und ihn veran⸗ laſſen werde, die ſchwere Achtserklärung, welche er gegen ihn, den Fürſten, ausgeſprochen, zurück zu nehmen. Das Schreiben wurde zuſammengefaltet, mit den fürſtlichen Siegeln verſehen und dem kaiſerlichen Boten mit dem Befehle überantwortet, es in des Kaiſers eigene Hände zu übergeben. Hierauf entbot der Fürſt ſeine Räthe zu ſich und arbeitete mit ihnen faſt die ganze Nacht, um, ſo viel noch in ſeiner Macht ſtand, für das Wohl ſeines Volkes zu ſorgen. Endlich, als der Morgen ſchon dämmerte, entließ er die weiſen Herren, warf ſich erſchöpft in einen Lehnſtuhl und gab ſich eine Stunde ruhigen Schlummers hin. Obgleich er Alles verloren hatte und nichts mehr war, als nur ein armer geäch⸗ teter Flüchtling, ſchlief er doch ſanft und feſt, und liebliche Träume ſchwebten gleich Engeln um ſein unbequemes Lager. Der erſte Strahl der aufgehenden Sonne erweckte ihn wie⸗ der und nun ſandte er nach ſeinem Leibknappen Heinrich von Kroſigk, um die wenigen Vorkehrungen zu ſeiner Aneiß. zu treffen. Der Jüngling erſchien ſogleich. Sein Geſicht war blaß, ſeine Augen ſahen verweint aus. Er hatte die ganze 81 Nacht vor Kummer und Sorgen um das Loos ſeines edlen Herrn kein Auge geſchloſſen. „Warum blickſt du ſo traurig vor dich nieder, Heinrich?“ fragte gütig der Fürſt.„Geht dir der Abſchied von mir ſo nahe?“ „Der Abſchied, gnädigſter Herr?“ entgegnete der Jüng⸗ ling, indem er mit einem trüben Lächeln ſein Haupt ſchüttelte. „O, nein, mein gütiger Fürſt, denn gewiß, ich werde mich niemals von Euch trennen!“ „Wie, du wollteſt mich begleiten?“ rief Fürſt Wolfgang überraſcht.„Du wollteſt mit mir dein Vaterland verlaſſen, um Noth, Hunger und Elend mit dem Geächteten, dem ruhe⸗ loſen Flüchtlinge, zu theilen? Du ſprichſt im Traume, mein lieber Knabe!“ „O nein, gewiß nicht, mein gnädigſter Herr!“ erwiderte Heinrich entſchloſſen.„Wo Ihr ſeid, da iſt mein Vaterland, und Keiner ſoll auftreten und ſagen können, ein Kroſigk habe jemals ſeinen Fürſten verlaſſen, wenn die Sonne ſeines Glückes hinter düſtern Wolken verborgen war. Ihr wart immer gnä⸗ dig und voller Güte gegen mich, mein theurer, beſter Herr, Ihr liebtet mich und ſorgtet in Eurem Glücke ſtets wie ein Vater für mein Glück! Wie mögte ich Euch nun jetzt verlaſſen, wo vielleicht die Zeit gekommen iſt, da Ihr meiner Hilfe, mei⸗ ner Dienſte bedürfen könntet? Nein, nein, ich werde nimmer⸗ mehr von Euch weichen, und Ihr, mein gütiger, lieber Herr, — Ihr werdet mich nicht von Euch jagen, wie einen überläſti⸗ gen Hund!“ „Heinrich!“ ſagte mit weicher, liebreicher Stimme der Fürſt zu dem wackeren Jünglinge, der mit rührend flehendem Auge zu ihm empor ſah,—„Heinrich, mein guter Knabe, be⸗ denke wohl, ob ich es zugeben darf und kann, daß du dein Schickſal an das unglückliche, ſorgenſchwere Loos deines Für⸗ Fürſt Wolfgang. 6 3 ◻ 82 ſten knüpfſt! Ich bin ein geächteter, vogelfreier Mann; ſtraf⸗ los darf des Mörders Hand mein Leben vernichten; die Scher⸗ gen Alba's und ſeines Günſtlings Ladro werden mich verfolgen und hetzen, wo ſie meine Fährte finden und meine Spur wit⸗ tern, und nirgends wird ſich mir eine gaſtliche Thür öffnen, wenn man weiß, daß ein Verbannter es iſt, deſſen Finger ſchüchtern an die verſchloſſene Pforte pocht. Im Dunkel der Wälder muß ich mich verbergen, wenn ich mein Leben und meine Freiheit ſichern und erhalten will; in feuchte, düſtere Höhlen muß ich kriechen, um den Augen der Spürhunde zu entgehen; oft wird der Himmel meine Decke, die nackte Erde mein Lager, eine herbe Wurzel des Feldes meine Speiſe ſein, und der heu⸗ lende Sturm wird das Wiegenlied ſingen, das mich in den Schlummer lullen ſoll. Gleich dem Bären der Wildniß, ſcheu und düſter wie er, werde ich über die Erde ſchweifen, und kein Freundesauge wird mich tröſten und aufrichten, als nur das ſtrahlende Auge des ewigen Gottes, der mir in der Oede eben ſo nahe ſein wird, wie in den reich geſchmückten Gemächern meines fürſtlichen Palaſtes. Ich bin ein Mann, Heinrich, und meine Glieder ſind ſtark, wie die Glieder des Bären,— ich werde Alles Ungemach ertragen, alle Mühſeligkeiten eines ruhe⸗ loſen Lebens überwinden! Aber du, wie wollteſt du den Stür⸗ men, die mich bedrohen, Widerſtand leiſten? Nein, mein guter Knabe, dazu biſt du noch zu jung und zu ſchwach, und das Elend würde mit doppelter Wucht auf mir laſten, wenn ich dich leiden ſehen müßte!“ „Ich bin nicht ſchwach, gnädigſter Herr!“ erwiderte der Jüngling feurig.„Ihr habt mich, ſeit ich, eine Waiſe, zu Euch kam, in allen ritterlichen Uebungen unterrichten laſſen, und das ſtete Fechten, Reiten und Schwimmen hat mich ſtark und kräftig gemacht. Nein, ich laſſe nicht von Euch, und nimmer werdet Ihr eine Klage von meinen Lippen vernehmen. Gerade in der 83 Wildniß draußen kann ich Euch nützen! Ich bin behend und flink; ich werde wie eine Wieſel durch die Wälder ſchlüpfen, um Euch ein bequemes Ruhelager zu ſuchen; ich werde wie ein treuer Hund Euch bewachen und Euren Zufluchtsort umkrie⸗ chen, damit kein Verräther ungeſehen meinem Fürſten nahen kann; ich werde zur Zeit der Noth ungefährdet in die Hütten der Bauern, in die Häuſer der treuen Bürger gehen können, um Alles herbeizuſchaffen, was wir in der einſamen Wildniß bedürfen. Mich verfolgt Niemand, mich kennt Niemand, auf mich wirft Niemand Verdacht; ich werde leicht allen Nachfor⸗ ſchungen entgehen, während Ihr, mein theurer Herr, in dem Augenblicke, wo ein Spürhund Euch ſieht, verrathen wäret! Nein, nein, ich werde Euch ſelbſt dann folgen, wenn Ihr mir gebietet, zurück zu bleiben. In dieſem Falle, mein gnädigſter Fürſt, wage ich es kühn, Euch ungehorſam zu ſein.“ Wolfgang wendete ſich ab, um die tiefe Rührung zu ver⸗ bergen, welche des jungen Knaben treue Anhänglichkeit in ſei⸗ ner Seele erweckt hatte. „Es kann nicht ſein!“ ſagte er mit erzwungener rauher Stimme, während ſein Herz in Weichheit ſchmolz.„Es kann nicht ſein! Ich befehle dir ernſtlich zurückzubleiben!“ Heinrich wurde blaß und zitterte. Plötzlich aber in Thrä⸗ nen ausbrechend, warf er ſich dem Gebieter zu Füßen und um⸗ ſchlang ſeine Kniee.„Tödtet mich, Herr, aber fordert nicht, daß ich mein Schickſal von dem Eurigen trenne!“ rief er lei⸗ denſchaftlich.„Ich kann Euch nicht gehorcheu, und wenn ich bliebe, während Ihr fern von mir in der Wildniß umher⸗ ſchweift, würde der Gram heftiger an meinem Leben nagen, als alle Beſchwerden, die mich in Eurer Nähe betreffen könnten. Ich ſtehe nicht eher von meinen Knieen auf, als bis Ihr die Gewährung meiner Bitte ausgeſprochen habt!“ „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, welch' ein ungeſtümer, un⸗ 84 beſonnener Knabe!“ rief Fürſt Wolfgang kopfſchüttelnd, aber erſchüttert von der Heftigkeit des Jünglings.„SIch ſehe wohl, es bleibt mir nichts weiter übrig, als Nachgeben, und ich muß die Stimme der Vernunft ſchweigen heißen, um auf die thörich⸗ ten Worte eines heftigen Jünglings zu hören.“ „Steh' auf, mein Kind,“ fügte er liebevoll hinzu, indem er den Jüngling aufhob und an ſeine Bruſt ſchloß.„Hier ſoll hinfort dein Platz ſein, und der alte Bär wird, will's Gott, noch Kraft genug haben, dich treuen Knaben zu ſchirmen. Du begleiteſt mich, Heinrich, um mich von Stund' an nie wieder zu verlaſſen!“ Jauchzend preßte der Junker des gütigen Fürſten Hand an ſeine Bruſt, und ſah mit ſtrahlendem Auge zu ihm empor. „Dem Himmel ſei Dank, daß er Euer Herz zu meinen Gunſten gelenkt hat!“ rief er heftig bewegt.„Gewiß, mein theuerſter Herr, Ihr ſollt es niemals bereuen, meinem Flehen nachgegeben zu haben. Nie ſollt Ihr eine Klage von meinen Lippen hören, nie ſollt Ihr mein Auge trübe, meine Züge mürriſch oder unzufrieden ſehen! Ach, Ihr habt mich ſo glück⸗ lich gemacht, mein gütiger, lieber Herr!“ Von Neuem wollte die Rührung den Jüngling überman⸗ nen, und auch des Fürſten Augen wurden feucht. „Beruhige dich jetzt, mein Kind,“ ſagte Wolfgang freund⸗ lich.„Die Stunde unſerer Abreiſe iſt nahe, und wir müſſen unſerem Volke ein heiteres Antlitz zeigen, wenn wir den letzten Abſchied von ihm nehmen. Geh' und rüſte dich zur Reiſe! Du bedarfſt nichts, als eines Steckens und eines einfachen Gewandes. Es iſt ein ſchwerer Gang, den wir vorhaben, aber dennoch müſſen wir ihn mit Freudigkeit beginnen um Gottes und unſeres Heilandes Willen. Geh', mein Knabe, und beeile dich!“ Heinrich wiſchte die Thränen aus ſeinen feuchten Wimpern &— 8⁵ und ſchritt raſch der Thüre zu, um den Befehlen des Fürſten auf's Eiligſte zu gehorchen. Eben aber, als er das Gemach verlaſſen wollte, ſtürzte Paul Kramer, der Bauer, in das Ge⸗ mach, und warf ſich ſtürmiſch dem Fürſten Wolfgang zu Füßen. „Hoher Herr,“ ſprach er raſch,„ſoeben höre ich, daß Ihr im Begriffe ſeid, Euer Schloß zu verlaſſen und der Gewalt Eurer mächtigen Feinde zu entfliehen. Ich bitte Euch, laßt mich nicht zurück!“ Junker Heinrich blieb verwundert ſtehen und blickte den Fürſten an, der lächelnd auf den Bauer niederſah. „Steht auf, Paul,“ ſagte Wolfgang freundlich.„Ihr habt uns ſo wacker geleitet, als es galt, die Augen des kaiſer⸗ lichen Heeres mit Blindheit zu ſchlagen, daß wir uns auch jetzt, wo wir uns vor der Verfolgung erbittertter Feinde verber⸗ gen müſſen, Eurer Führung anvertrauen wollen. Ich hätte nach Euch geſchickt, wenn Ihr nicht von ſelbſt gekommen wäret.“ „Alſo wollt Ihr dem Rathe eines armen einfachen Bauers Euer Ohr leihen, gnädigſter Herr?“ ſprach der Bauer erfreut, indem er aufſtand.„Nun, dann, ſo Gott helfe, ſind wir alle ſicher geborgen. Ich kenne einen Schlupfwinkel, wo Niemand Euch ausſpüren ſoll, gnädigſter Herr, wenn alle Eure Feinde tauſend Augen hätte.“ „Aber,“ fügte er hinzu,—„eine ſchwere Bedingung iſt daran geknüpft!“ „Und wie lautet dieſe?“ fragte Fürſt Wolfgang lächelnd. „Wir haben keine große Wahl, wenn es einen ſicheren Zufluchts⸗ ort gilt, und falls daher Eure Bedingung nicht gegen Gott und unſer Gewiſſen ſtreitet, ſo ſprecht es nur kecklich aus!“ „Ach, Herr,“ ſagte Paul Kramer ſchüchtern,„wenn Ihr mir folgen wolltet, da müßtet Ihr Euer fürſtliches Gewand abthun, Euch in niedere Kleider hüllen und bei armen, wenn 86 auch rechtlichen Leuten verborgen leben. Wolltet Ihr das, könntet Ihr, hoher Herr?“ „O, mein guter Paul,“ erwiderte der Fürſt lächelnd, „ein Geächteter darf ſich ſchon glücklich preiſen, wenn er ſein Haupt nicht unter dem freien Himmelsgezelte niederlegen muß! Unſere Hoheit iſt von uns abgeſunken, unſer Purpurmantel i*ſt von unſern Schultern geriſſen, und unſer Fürſtenhut in den Staub getreten worden. Wir, vormals Fürſt von Anhalt, ſind eben nichts, als ein verfolgter, flüchtiger Mann. Ein Mann aber,“ ſprach er mit kräftiger Stimme, indem ſeine Augen in kräftigem Glanze leuchteten,„ein Mann wollen wir bleiben, ſelbſt wenn der Bau der Welten in Trümmer bräche, wie unſere Herrlichkeit in Trümmer gebrochen iſt! Führe uns, Paul, und ſcheue dich nicht, uns in eine niedere Hütte zu geleiten. Eine Hütte, in welcher die Tugenden der Treue und Rechtlichkeit heimiſch ſind, dünkt uns ein beſſerer Aufenthalt, denn ein Palaſt, wo Laſter und Gottloſigkeit ihre Stätte aufgeſchlagen haben. Führe uns, wir werden dir mit Freuden und vertrauensvoll nachfolgen!“ „Wann wollt Ihr abreiſen, gnädigſter Herr?“ fragte Paul. „Binnen einer Stunde,“ erwiderte Fürſt Wolfgang.„Die letzten Minuten meiner Anweſenheit müſſen meinem Gotte ge⸗ weihet ſein! ich will hinab gehen in meine Kapelle und beten. Beſorge mir indeß einen Stab, auf den ich mich ſtützen, ein verbergendes Gewand, in das ich meine Glieder hüllen kann. Nach einer Stunde ſehen wir uns wieder.“ 3 Heinrich von Kroſigk und Paul Kramer eilten, die Befehle des Fürſten zu erfüllen; Wolfgang aber ſchritt in die Kapelle hinab, und erhob ſeinen Geiſt zum Allvater über den Wolken. Er war allein, und Niemand hat den Inhalt ſeines Gebetes erfahren. Aber recht innig erquickt und geſtärkt verließ er die — — 87 ſtille Kapelle, und eine wunderbare Freudigkeit leuchtete von ſeiner hohen Stirne, als er erhabenen Hauptes und feſten Schrittes in ſein Gemach zurückkehrte. Siebentes Kapitel. „So ſeid ihr denn alſo ſchon fertig und bereit,“ ſprach Wolfgang zu ſeinen Begleitern, die ihn, völlig zur Abreiſe ge⸗ rüſtet, in ſeinem Zimmer empfingen.„Wohlan, reiche denn auch mir meinen Stecken, Paul, und laßt uns im Namen Got⸗ tes das Haus meiner Väter verlaſſen.“ Paul übergab dem Fürſten einen derben einfachen Wander⸗ ſtab, welchen Wolfgang prüfend in der Hand wog. „Er iſt feſt und ſtark,“ ſprach er ernſt und halb für ſich. „So ſtark, daß er, will's Gott, mir einen doppelten Dienſt leiſten kann. Ich ſtütze mich auf ihn bei meinem Fortgange, — wer mag wiſſen, ob er mir nicht auch bei dem Heimgange zur Stütze dient. Auf alle Fälle wollen wir ihn aufbewahren als ein ſeltenes Kleinod für Kind und Kindeskinder. Wenn meine fernſten Enkel das unſcheinbare Werkzeug betrachten, ſo mag es ihnen wohl ernſte Gedanken in der Seele erwecken und ihnen mit beredter Stimme die Wahrheit zurufen, daß die Schickſale der Menſchen wandelbarer und unbeſtändiger ſind, als ſelbſt die Wetterfähnlein auf den Thürmen. Aber ſtill Genug der Gedanken! Wir müſſen handeln!“ Raſchen Schrittes verließ der Fürſt ſein Gemach, und ſeine Begleiter folgten ihm. Auf dem Schloßhofe ſtanden die alten treuen Diener Wolfgangs und weinten laut. Sie drängten 88 ſich um den geliebten Herrn herum, küßten den Saum ſeines einfachen ſchmuckloſen Gewandes, und flehten mit halberſtickter Stimme Heil und Segen über ſein Haupt herab. Tief gerührt blickte der Fürſt auf ſie nieder. „Laßt mich, Kinder,“ ſagte er mit weicher Stimme.„Laßt mich! Euer Abſchied macht mir das Herz ſchwer. Gedenkt meiner in Liebe, und hoffet zu Gott, daß dem bitteren Schei⸗ den ein fröhliches Wiederſehen folgen werde. Dient eurem neuen Herrn treu und redlich wie mir, ſo wird es euch wohl gehen, auch wenn ich ferne bin.“ Mit ſanfter Gewalt machte ſich Wolfgang von den red⸗ lichen Männern los, und ging raſch über die Zugbrücke, um ſich ſo ſchnell wie möglich dem betrübenden Anblicke ſeiner jammernden Dienerſchaft zu entziehen. Jenſeits des tiefen Grabens blieb er ſtehen, und wendete ſich noch einmal nach dem Schloſſe zurück, nm einen letzten Abſchiedsblick auf die heimathliche Stätte zu werfen. Hell ſchimmerte die Sonne auf den gewaltigen Mauern, auf den ſpitzen Giebeln, den uralten ſtarken Thürmen der feſten Burg, und die hellen Fenſter warfen blitzend die Strahlen des leuchtenden Himmelsgeſtirnes zurück. Lange haftete Wolfgangs Blick auf dem ehrwürdigen Gebäude, und tauſend anmuthige Erinnerungen zogen dabei an ſeiner Seele vorüber. Aus jenem Fenſter hatte er ſo oft trunkenen Auges die prächtige Land⸗ ſchaft überſchaut; in dem runden Saale jenes düſteren Thurmes als Knabe ſich tauſend Mal in den Waffen geübt; dort auf dem grünen Raſen des Burghofes mit ſeinen Jugendgenoſſen ſich fröhlich umhergetummelt und muntere Spiele geſpielt; hier in dem tiefen Graben alljährlich die erſten Veilchen geſucht, und die eingefangenen ſtarken Bären geneckt, die in dem Zwinger munter ihr Weſen trieben. Die alte Burg enthielt ſo viel, als ihm lieb und theuer war, und Alles ſtand er im Begriff, —— ——— 89 zu verlaſſen. Es war ein tief ſchmerzlicher und bitterer Augen⸗ blick in Fürſt Wolfgangs Leben. Er ſchüttelte wehmüthig ſein Haupt, ſtreckte die Arme nach dem altehrwürdigen Gebäude aus, und rief ihm mit bebender Stimme ein herzliches Lebewohl zu. Dann aber raffte er ſeine ganze Kraft und Männlichkeit zu⸗ ſammen und ſtieg gemeſſenen, langſamen Schrittes inmitten ſeiner Begleiter den Schloßberg hinab, und ſodann weiter ſchreitend, über die Saalebrücke auf den Marktplatz der Stadt Bernburg. Hier ſtand in unüberſehbarer Menge die Bürger⸗ ſchaft der getreuen Stadt, um einen letzten Blick auf den gelieb⸗ ten Fürſten zu werfen, den letzten Abſchied von ihm zu nehmen. Kopf reihete ſich an Kopf, und in den Fenſtern der Häuſer ſtanden die Frauen und Jungfrauen mit feuchten Augen, um dem theuren Herrn mit wehenden Tüchern ein herzliches Lebe⸗ wohl zuzuwinken. Ueberraſcht blickte Wolfgang auf die ver⸗ ſammelte Menge, die ihn ſtürmiſch umdrängte, ſobald er in ihre Mitte trat. In einem Augenblicke ſah er ſich ſo feſt eingeſchloſ⸗ ſen, daß er ſeine Stimme hemmen und ſtehen bleiben mußte. „Gebt Raum, meine treuen Bürger,“ ſagte er mit kräfti⸗ ger Stimme, indem er hellen Auges den weiten Kreis über⸗ ſchaute.„Euer Fürſt kann nicht länger in eurer Mitte ver⸗ weilen, er muß euch fliehen; denn ihr wißt ja, daß Kaiſerliche Majeſtät die Acht über ihn ausgeſprochen, ihn für vogelfrei er⸗ klärt und ihn ſeines Thrones und Fürſtenthums entſetzt hat.“ „Fürſt Wolfgang lebe und bleibe bei uns!“ brauste der tauſendſtimmige Ruf zur Antwort.„Unſer Vater ſoll uns nicht verlaſſen! Er darf ſeinen Kindern nicht den Rücken kehren!“ „Ja, theurer Herr,“ ſprach ein ſtämmiger Waffenſchmied mit breitem, ehrlichem Geſicht,—„ja, mein lieber gnädiger Herr, es iſt unſer Aller Meinung, und wir bitten herzlich dar⸗ um, daß Ihr in unſerer Mitte bleiben mögt. Hier ſind viele 90 rüſtige Arme, und daheim in meinem Hauſe ſind viele gute und ſtarke Waffen, die alle zu Eurem Dienſte bereit ſtehen. Sprecht nur ein Wort, und wir laſſen uns Alle mit einander für Euch todtſchlagen!“ „Ja wir laſſen uns Alle für Euch todtſchlagen!“ hallte das tauſendſtimmige Echo der Bürger nach. „Ruhig, meine Kinder,“ befahl Wolfgang mit ſtarker Stimme, die laut durch das brauſende Getümmel erſcholl. Die ſtürmenden Wogen ebneten ſich wie durch einen Zauber⸗ ſchlag. Todtenſtille herrſchte ringsum, und Aller Augen haf⸗ teten an dem Munde des Fürſten. „Sag' an, mein wackerer Freund,“ wandte ſich Wolfgang zu dem Waffenſchmiede,„ſag' an, wenn du in großer Noth und Gefahr wäreſt, ſo daß du dir auf keine Weiſe zu helfen wüßteſt, außer wenn du deine Kinder und dein Weib in's tiefſte Verderben, in das ſchrecklichſte Elend ſtürzteſt,— würdeſt du da Weib und Kinder verderben laſſen, um nur dein eigenes Glück aus den Trümmern zu retten?“ „Ei, zum Henker, gnädigſter Fürſt, da müßte ich ja ein rechter Schuft und Hallunke ſein, wenn ich das thäte!“ erwi⸗ derte voll Eifers der ehrliche Handwerksmann.„Ich dürfte ja meine Augen vor keinem meiner Mitbürger wieder aufſchla⸗ gen! Nein, lieber wollte ich zehnmal umkommen und den Tod erleiden, als meine Kinder in's Elend ſtürzen!“ „Und du, mein wackerer Schloſſer, oder du, ehrlicher Flei⸗ ſcher, und Ihr Alle da, meine braven Bürger, denkt ihr ebenſo, wie unſer Waffenſchmied?“ fragte Wolfgang lächelnd. „Ja, Herr! Gewiß wir denken alle ſo! Es wäre ja eine Schande und ein Spott, wenn es anders wäre!“ „Nun denn, und doch verlangt ihr, ich, euer Fürſt, der Euch in allen Stücken zum Beiſpiele dienen muß, ich ſoll thun, wovor Ihr Euch ſchämt?“ ——— 91 „Ja, wie denn das, durchlauchtigſter Herr?“ fragte der Waffenſchmied. „Ei, du wunderlicher Geſell, ſiehſt du denn das nicht ein?“ fragte der Fürſt zurück.„Seid ihr denn nicht alle meine Kinder? Bin ich denn nicht euer Vater, der es nicht anders als treu und redlich mit euch meinen kann? Und ich ſollte hier bleiben und meine Kinder in Tod und Verderben und Elend jagen? Sollte die Hausväter von den Kaiſerlichen er⸗ ſchlagen, ihre Frauen und Kinder von den rohen Kriegern miß⸗ handeln, ihre Häuſer niederbrennen, ihre Felder verwüſten laſſen? Das verlangt ihr, ſollte ich thun? O, nicht doch! Nicht doch! Das kann euer Wille nicht ſein! Ihr werdet euren Fürſten nicht zu einem Verbrechen zwingen wollen. Nicht wahr, meine guten Männer?“ Betroffen ſtanden die ehrlichen Bürger rings umher, und Keiner wagte einen Widerſpruch. Die ſchlichten Worte ihres geliebten Herrn hatten ſie ganz überwältigt. Der ſtämmige Waffenſchmied zitterte vom Kopf bis zu den Füßen und die hellen Thränen rieſelten über ſeine Wangen. „Herr!“ ſtammelte er, indem er ſich dem Fürſten zu Füßen warf und wie außer ſich zu ihm empor ſah,—„Herr, Ihr ſeid wahr und wahrhaftig ein Vater Eures Volkes und es wäre keine Gerechtigkeit im Himmel droben, wenn Ihr Euren Kin⸗ dern nicht einſt zurückgegeben würdet. Heil Euch, Ihr edler Fürſt, Ihr unſer geliebten Vater!“ Gar viele Augen wurden feucht von überſtrömenden Thrä⸗ nen bei dieſen aus dem tiefſten Herzen dringenden Worten des Waffenſchmieds, und tauſendſtimmig hallte ſein Ruf nach: „Heil unſerem edlen Fürſten, unſerem geliebten Vater.“ Wolfgang ſelbſt blickte mit inniger Freude auf das Volk nieder, das ihn ſo ſehr liebte, und auf einen Wink ſeiner Hand 92 wogte der Strom der Bürger aus einander, und bildete eine ſchmale Gaſſe über den ganzen Markt hinweg. „Lebt wohl, meine Geliebten und Treuen,“ ſprach der Fürſt mit erhobener Stimme zu der regungsloſen Menge. „Wir müſſen ſcheiden, da es Gottes Wille iſt, aber wir wollen an der Hoffnung feſthalten, daß derſelbe große Gott alle Dinge zu einem guten Ende führen werde. Haltet feſt an ſeinem hei⸗ ligen Worte, und fürchtet nicht die Macht des Böſen, wie ſie auch im Dunkeln umherſchleichen möge. Wir ſtehen überall in Gottes Hand, und freudig gehe ich hinaus in die Verban⸗ nung, da ich ja weiß, daß ſeine ſtarke Rechte mich überall fin⸗ den und halten wird. Und langſam durch die Reihen der tiefbewegten Bürger hinſchreitend erhob der fürſtliche, fromme Herr ſeine Stimme und ſang laut und kräftig ein ſchönes, herrliches Lied des Dok⸗ tor Martin Luther, alſo, daß die Klänge ernſt und feierlich von den hohen Häuſern des Marktplatzes wiederhallten. Er ſang: „Eine feſte Burg iſt unſer Gott, Eine gute Wehr und Waffen; Er hilft uns frei aus aller Noth, Die uns itzt hat betroffen. Der alt' böſe Feind, Mit Ernſt er's itzt meint. Groß' Macht und viel Liſt Sein grauſam Rüſtung iſt; Auf Erd' iſt nicht ſein's Gleichen. Mit unſrer Macht iſt nichts gethan, Wir ſind gar bald verloren. Es ſtreit't für uns der rechte Mann, Den Gott ſelbſt hat erkoren. Fragſt du, wer der iſt? Er heißt Jeſus Chriſt, 93 Der Herr Zebaoth Und iſt kein andrer Gott, Das Feld muß er behalten. Und wenn die Welt voll Teufel wär' Und wollt' uns gar verſchlingen, So fürchten wir uns nicht ſo ſehr, Es ſoll uns doch gelingen. Der Fürſt dieſer Welt, Wie ſau'r er ſich ſtellt. Thut er uns doch nicht; Das macht, er iſt gericht't, Ein Wörtlein kann ihn fällen. Das Wort ſie ſollen laſſen ſtahn, Und kein'n Dank dazu haben. Er iſt bei uns wohl auf dem Plan Mit ſeinem Geiſt und Gaben. Nehmen ſie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn; Das Reich muß uns doch bleiben! Nehmen ſie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib! Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn; Das Reich muß uns doch bleiben!“ Dieſe letzten Strophen wiederholte ernſt und feierlich das ganze verſammelte Volk, und ein voller gewaltiger Strom von Tönen ſchwoll mächtig rauſchend zum Himmel empor. Mit Begeiſterung ſangen die treuen Bürger. Die Frauen aber und Jungfrauen weinten, ſchluchzten, rangen die Hände und wehe⸗ ten mit ihren Tüchern dem Fürſten ihren letzten Gruß zu. Wolfgang nickte leutſelig und freundlich zu den Fenſtern hin⸗ auf, während er unaufhaltſam dem Thore zuſchritt. Bis dahin 94 zogen die Bürger ihm nach, und würden ihm noch weiter das Geleit gegeben haben, wenn Wolfgang ſelbſt es nicht gehindert hätte. „Hier laßt uns ſcheiden, meine Männer,“ ſprach er, indem er ſich umdrehte, und auf einen Stein trat, von welchem aus er die ganze Schaar überſehen und von Allen erblickt werden konnte.„Hier vernehmt mein letztes Abſchiedswort, das ich euch mit betrübter Seele, aber doch auch mit einem Herzen voll unerſchütterlicher Hoffnung zurufe. Bleibt getreu in dem Herrn, bewahrt das Kleinod eures gereinigten Glaubens und — vergeßt euren Fürſten nicht, der eurer jederzeit mit Liebe gedenken wird. Lebe wohl, mein gutes Volk, lebe wohl, du edle Stadt, lebt wohl, ihr meinen getreuen wackeren Bürger! Der Himmel ſchütze euch und ſei euch gnädig!“ Nach den letzten Worten ſprang Wolfgang raſch von dem Steine herab, und entfernte ſich haſtigen Schrittes von ſeinen Bürgern, ohne auch nur ein einziges Mal ſeine Blicke nach ihnen zurückzuwenden. Ein lauter, ſchmerzlicher Schrei der verſammelten Menge folgte ihm nach, aber Niemand wagte es, dem letzten Befehle des Fürſten ungehorſam zu ſein und ihn über die Ringmauern der Stadt hinaus zu begleiten. So lange die Bürger durch das geöffnete Thor die hohe, kräftige Geſtalt Wolfgangs noch erblicken konnten, ſo lange blieben ſie regungslos ſtehen und ſchauten ihm traurig und wehmuthsvoll nach. Als er aber endlich hinter dem Saume eines dichten Ge⸗ büſches verſchwand, da riefen viele ſchmerzlichen Stimmen: „Wir haben einen liebreichen Fürſten, einen guten Vater ver⸗ loren!“ und mit düſteren Geſichtern und tiefbetrübten Herzen ſtrömte die Schaar auseinander. Die ganze Stadt wehklagte über den herben Verluſt, ſo ſie erlitten hatte. Achtes Kapitel. Während die guten Bürger Bernburgs ſich rückhaltslos ihrem gerechten Kummer hingaben, ſchritt Wolfgang inmitten ſeiner Begleiter, des Bauers und Edelmanns, durch Feld und Wald dahin. Lange Zeit ſprach Keiner ein Wort, und Jeder überließ ſich ſeinen Gedanken, die eben nicht beſonders aufhei⸗ ternd ſein mochten. Wolfgang ſah geſenkten Hauptes vor ſich nieder, und hatte keinen Blick für die blühenden Fluren ringsum, kein Auge für die grünen herrlichen Waldbäume, und kein Ohr für die ſüßen Lieder der lieblichen Singvögel, die in den ſchattigen Zweigen flötend und zwitſchernd umherhüpften. Junker Heinrich ging ſtumm und traurig neben dem Für⸗ ſten hin; nicht, weil er über die Veränderung ſeiner eigenen Lage betrübt geweſen wäre, ſondern nur, weil es ihn bitterlich ergrimmte, ſeinen edlen Herrn und Gebieter in's Elend ge⸗ ſtoßen zu ſehen. Paul Kramer, der Bauer, warf öfters beſorgte Blicke auf den Fürſten, und rieb ſich zu wiederholten Malen die Stirn, als ob er gern einen guten Gedanken aus ſeinem Hirne hätte locken mögen. Man ſah es ihm an, daß er gern geſprochen haben würde, wenn ihm vom Fürſten nur die leiſeſte Auf⸗ munterung zu Theil geworden wäre. Fürſt Wolfgang aber ſchritt, auf ſeinen Stecken geſtützt, ſtumm und unaufhaltſam ſeines Weges dahin, und der ehrliche Landmann mußte alle ſeine ſchweren Sorgen wohl oder übel noch eine Zeitlang auf dem Herzen behalten. Mittlerweile ſtieg die Sonne höher und höher und hatte bereits den Scheitelpunkt erreicht, ohne daß Fürſt Wolfgang daran gedacht hätte, ſein tiefes Sthnvegen zu unterbrechen, oder ſeinen Leib durch Ruhe und eine kräftigende Erquickung zu ſtär⸗ ken. Obgleich der Tag ſchwül und heiß war, ſchien er keine Er⸗ müdung zu ſpüren, und achtete der Schweißtropfen nicht, die von Zeit zu Zeit hell und perlend von ſeiner hohen Stirne auf ſein einfaches Wams niedertropften. Junker Heinrich ging ſtandhaft neben dem Fürſten her; aber Paul Kramer, obgleich der Jüngling weder durch Wort noch Geberde eine Klage laut werden ließ, bemerkte doch an den tieferen und ſchnelleren Athem⸗ zügen Heinrichs, an ſeiner glühenden Stirn und an ſeinen we⸗ niger elaſtiſchen Schritten, daß die ungewohnte Anſtrengung und die tiefen Gemüthsbewegungen ihr Recht über den Jüng⸗ ling geltend machten. Es jammerte ihn ſeiner, und er beſchloß endlich, auf die Gefahr hin, dem Fürſten zu mißfallen, das tiefe Schweigen zu unterbrechen. „Mein gnüädigſter Herr,“ wandte er ſich an ſeinen hohen Begleiter,„die Mittagsſtunde iſt gekommen, die Sonne bren⸗ net heiß, und ich glaube, es wird Euch und uns eine kurze Raſt ſehr wohl thun. Seht, dieſe prächtige, alte Eiche mit ihrem kühlen Schatten winkt uns recht einladend zu, unter ihren Zweigen der Ruhe zu pflegen.“ „Ei, ſo ſpät iſt's ſchon?“ fragte Wolfgang.„Wie weit ſind wir von unſerer Stadt entfernt?“ „Drei volle Meilen, mein gnädigſter Herr,“ erwiderte Paul Kramer. „Drei volle Meilen!“ rief Wolfgang verwundert.„Hätte ich doch nicht geglaubt, daß auch dem Unglücklichen die Zeit ſo ſchnell vergehen könnte. Aber freilich, über alle dem Nachden⸗ ken merkt man nicht auf das Fliehen der Stunden. Du biſt gewiß recht müde geworden, mein guter Heinrich?“ „O nein, nein, ich könnte noch viele Stunden weiter gehen, 97 wenn es Euer Wille iſt, Durchlauchtigſter Herr!“ erwiderte der Jüngling raſch, indem er die perlenden Schweißtropfen von ſeiner Stirne wiſchte, und dem Fürſten hellen Blickes in das Auge ſah. „Glaubt ihm nicht, Ew. Durchlaucht,“ ſagte Paul Kra⸗ mer.„Der gute, arme, junge Herr hat ja die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan und hat geweint, daß es zum Er⸗ barmen war; wie ſollte er da wohl heute bei friſchen Kräften ſein. Gönnt Euch und ihm eine Ruheſtunde, mein hoher Gebieter!“ Wolfgang nickte dem ehrlichen Bauer freundlich zu, und ſtrich mit der Hand liebreich über Junker Heinrichs feuchte Locken. „Du mußt vernünftig ſein, mein liebes Kind, und um der Zukunft willen haushälteriſch mit deinen Kräften umgehen,“ ſagte er.„Sprich ja immer frei heraus, wenn du dich er⸗ mattet und erſchöpft fühlſt!“ „Wohlan denn, Paul, wir wollen deinem Rathe folgen, und unſere müden Glieder auf dem weichen Mooſe dort aus⸗ ſtrecken,“ wandte ſich hierauf der Fürſt an den Bauer. „Bringe herbei, was du allenfalls zu unſerer Erquickung bei dir haſt!“ Während ſich der Fürſt im Schatten der Eiche niederlegte und auch dem Junker winkte an ſeiner Seite Platz zu nehmen, öffnete Paul Kramer ein wohlgefülltes Ränzlein, und brachte allerlei erquickende Speiſen und ſogar auch einige Flaſchen feu⸗ rigen Weines zum Vorſchein. Hurtig breitete er ſodann an der Seite Fürſt Wolfgangs ein ſauberes linnenes Tuch, über das Moos, und ſtellte ſeine Schätze ſo zierlich darauf, als es ir⸗ gend die ungewöhnliche Tafel erlauben wollte. „Ich bitt Euch, nehmt ſo fürlieb, mein gnädigſter Gebie⸗ Fürſt Wolfgang. 7 98 ter,“ ſagte er zum Fürſten, der lächelnd ſeinen Vorbereitun⸗ gen zugeſchaut hatte. „Ei, du haſt ja alles vortrefflich bereitet, beſſer als wir es irgend erwarten konnten,“ erwiderte Fürſt Wolfgang lächelnd.„Freilich ſpeiſen wir nicht wie daheim in einem glän⸗ zenden Gemach; aber ich meine, dieſe grüne, ſonndurchfunkelte Waldeshalle iſt wohl beſſer, als der enge Raum eines Zimmers, wo unſer Blick durch die vier Wände beſchränkt iſt. Der freie weite Wald iſt ein gar prachtvoller und herrlicher Speiſeſaal. Seine hochgewölbte Decke glänzt in lieblicher Bläue, und ein Edelſtein funkelt von oben hernieder, deſſen Schimmer alle Ju⸗ welen der Erde überſtrahlt. Die prächtigen, grünen Laubwände, die uns ringsum umſchließen, bilden ſchönere Tapeten, als alle Seidenweber von Wälſchland weben könnten; und ſelbſt die Tafelmuſik fehlt uns nicht, da der Wind ſo lieblich in den Wiöpfeln rauſcht und die Vögel ſo jauchzend und jubilirend ihre hellen Töne durch die Zweige ſchmettern. Laßt uns denn in ſo ſchöner Umgebung die Freuden der Tafel genießen. Lange zu, Heinrich! Ein Stücklein von dieſer Wildpretspaſtete und ein Becher füßen Weines wird dir willkommen ſein!“ Während der Fürſt alſo heiter plauderte, und ſeine trüb⸗ ſelige, faſt hoffnungsloſe Lage, gänzlich zu vergeſſen ſchien, ſtand Paul Kramer ehrerbietig auf der Seite und wagte es nicht, an dem Mahle der Anderen Theil zu nehmen. Anfäng⸗ lich achtete Wolfgang nicht darauf; endlich aber bemerkte er die Abweſenheit des Mannes, ſchaute ſich nach ihm um, und winkte ihm, näher zu treten. „Paul Kramer, warum verſchmähſt du unſer fürſtliches Mahl, das wir doch nur deiner Sorgfalt und Aufmerkſamkeit zu verdanken haben. Lagere dich an unſere Seite, und ſtärke dich, denn du wirſt müde und hungrig ſein, gleich uns.— Warum zögerſt du?“— 99 „Mein hoher Herr,“ erwiderte Paul Kramer verlegen, indem eine brennende Röthe in ſeine Wangen ſtieg,—„es möchte ſich wohl nicht geziemen, daß ich alſo dreiſt Ew. Durch⸗ laucht näher trete. Ich finde ja ſpäter wohl Zeit, meinen Hunger zu ſtillen!“ „Oh, du demüthiger und beſcheidener Mann,“ ſprach Wolfgang halb ernſt, halb lächelnd,—„vergißt du denn, daß man die Bürde der fürſtlichen Herrlichkeit unſern Schultern genommen hat? Wir ſind eben nur ein Mann wie du, und befehlen dir hiemit, uns auch nur als ſolchen anzuſehen. Nenne mich fernerhin ſchlechtweg Ernſt, wie ich dich Paul nenne; und Heinrich, auch du hüte dich, mir in der Folge bei deinen An⸗ reden den gewohnten Reſpekt zu bezeigen. Bedenkt, Kinder, ich würde ja augenblicklich verrathen ſein, wenn Ihr mich auch fernerhin noch wie einen fürſtlichen Herren traktiren wolltet.“ „Gnädigſter Herr,“ erwiderte der Bauer,„wenn wir vor andern Leuten zu Euch reden, ſo möchte die Nothwendigkeit es wohl erheiſchen, daß wir Eurem Befehle gehorchen. Aber ver⸗ langt nicht, mein theurer Gebieter, daß wir den Reſpekt aus den Augen ſetzen, wenn kein verrätheriſches Ohr uns belau⸗ ſchen kann.“ „Nun denn, ſo nennt mich wie Ihr wollt, aber weigere dich nicht länger, Paul, an unſerer Seite dein Mahl einzuneh⸗ men. Deine Treue adelt dich ganz von ſelbſt, ohne Brief und Ritterſchlag, und alſo iſt es gar nicht wider den Reſpekt, wenn du mit deinem Herrn und Gebieter Tiſch und Becher theilſt. Komm her und lagere dich uns gegenüber, mein redlicher ſchlichter, treuer Geſell.“ Schüchtern näherte ſich Paul Kramer und zögerte noch immer ſich neben ſeinem leutſeligen Gebieter niederzulaſſen. Erſt als er bemerkte, daß des Fürſten Brauen ſich finſter ein wenig . zuſammengezogen, that er hurtig ſeine Scheu und Blödigkeit von 100 ſich und warf ſich auf das weiche, zarte Waldmoos neben dem Fürſten nieder. Sein mäßiger Hunger war aber bald geſtillt, und gleich darauf erhob er ſich wieder, um in einer nahe ſpru⸗ delnden Quelle den ſilbernen Becher ſeines edlen Herrn zu ſchwenken. Hierauf füllte er ihn bis zum Rande mit funkeln⸗ dem Weine und kredenzte ihn dem Fürſten auf ſeinen Knieen, ſo ehrerbietig, als ob er Wolfgang beweiſen wolle, wie weit er davon entfernt ſei, den Abſtand zwiſchen ſeinem hohen Gebieter und ſich ſelbſt zu vergeſſen. Dem klugen Herrn entging dies nicht. Lächelnd nahm er den Becher in Empfang, führte ihn zum Munde, und wollte ihn eben an die Lippen ſetzen. Plötz⸗ lich aber beſann er ſich eines Andern, ließ ſeine bereits erho⸗ bene Hand wieder ſinken, und gab dem Bauer den Becher zurück. „Wir ſind daran gewöhnt, daß unſer Mundſchenk den Wein koſtet, bevor er ihn uns darreicht,“ ſagte er gütig.„Ob⸗ gleich vertrieben und heimathslos, wollen wir dennoch dieſe uralte Sitte in der Verbannung beibehalten.“ Paul Kramer wurde abermals blaß und roth, denn er merkte recht wohl des Fürſten gütige Abſicht. „Herr,“ ſprach er ſchüchtern,„ich bin ja Euer Mundſchenk nicht! Ich bin ja nur ein armer, ſchlichter Bauer und Euer niedrigſter Diener! Wie ſollte ich es wohl wagen, den Rand des Bechers mit meinen Lippen zu berühren.“ „Wenn auch ein aus ſeinem Lande verſtoßener Fürſt, bleibt uns doch noch immer, wie wir ſehen, ein Schimmer von Ho⸗ heit,“ erwiderte Wolfgang.„Kraft dieſer Hoheit befehlen und fordern wir, daß du, Paul Kramer, fortan die Dienſte unſeres Reiſemarſchalls verſiehſt, bis es uns belieben wird, dir zu gün⸗ ſtigerer Zeit ein anderes Ehrenamt zu ertheilen. Säume denn nicht länger deines Dienſtes zu warten, da uns nicht wenig nach einem guten Trunke gelüſtet.“ „Nun denn, ſo will ich trinken auf das Wohl des gütig⸗ 101 ſten, edelſten und großmüthigſten Herrn auf Gottes weiter Erde!“ rief Paul Kramer, indem er den Becher hoch empor⸗ hielt und begeiſtert zum Himmel aufſchaute,„Heil dem Fürſten Wolfgang von Anhalt! Heil ſeinem hohen Hauſe, Heil und Segen ſeinen fernſten Enkeln! Möchten ſie alle fromm, tapfer und hochherzig ſein, wie ihr geächteter Ahnherr!“ Sprachs und nippte aus dem Becher, den er mit vor Rührung zitternder Hand dem Fürſten darreichte. „Ich bringe dir auch einen Spruch, Paul,“ entgegnete Wolfgang lächelnd.„Möchten meine ſpäteſten Enkel jederzeit ſo getreue Diener und Unterthanen finden, wie dich, der du deinem flüchtigen Herren ſo freudig in die Verbannung folg⸗ teſt. Auf Euer Wohl leere ich den Becher, Heinrich und Paul!“ Der Fürſt trank ihn aus bis auf den Grund und wen⸗ dete ſich dann von Neuem an Paul. „Fülle den Becher wieder, mein braver Mundſchenk,“ ſagte er heiter.„Der junge Knappe da muß auch eine Er⸗ quickung haben.“ Paul gehorchte raſch und reichte den würzigen Trunk dem Junker hin. „Welchen Spruch bringſt du aus, mein Knabe? fragte der Fürſt. „Ich, mein gnädiger Gebieter,“ erwiderte Heinrich innig, —„ich will den Becher leeren auf eine glückliche Zukunft, auf eine glückliche Wiederkehr in Euer Land! Der Herr möge geben, daß meine Wünſche in Erfüllung gehen, und daß Ihr wieder werden mögt, was Ihr immer waret, der liebreiche, gnadenvolle Vater Eurer Unterthanen.“ „Dank für den Spruch, mein Knabe,“ ſagte Wolfgang herzlich, während Heinrich den Becher leerte.„Gott wird's ja ſchon ſchicken nach ſeiner Weisheit und Barmherzigkeit! Aber genug nun des Geplauders! Paul, ſage an, wohin führſt du uns eigentlich? Bis jetzt ſind wir blindlings und vertrauensvoll gefolgt, aber nun möchten wir auch gern wiſ⸗ ſen, welches das Ziel unſerer Wanderſchaft iſt. „Gnädigſter Herr, drüben im Deſſauer Lande liegt einſam und tief im Walde verſteckt ein Dörfchen, Körau geheißen. Ein halb Stündchen davon klappert eine Mühle bei Tag und bei Nacht, und obgleich unaufhörlich der Wald von ihrem Ge⸗ räuſche wiederhallt, hat doch Niemand Kunde von ihrem Da⸗ ſein, als nur die ſchlichten Bauern, die in der Nähe herum wohnen. Dorthin ſchickte ich mein Weib und meine Kinder Tags darauf, nachdem Ihr uns aus der Gewalt der ſächſiſchen Soldaten befreit hattet, und dorthin, mein gnädigſter Herr, will ich auch Euch geleiten. Der Müller iſt ein ehrlicher, ge⸗ treuer Mann und mein nächſter Vetter. Von ihm haben wir keinen Verrath zu beſorgen, und wenn Ihr zum Scheine ein Müllerkleid anlegen wollt, dann ſind wir vor allen Nach⸗ forſchungen ſo geſichert, als ob wir uns im Mittelpunkte der Erde verborgen hätten.“ „Das glaub' ich ſelbſt, wenn unſere eigene Unvorrſichtigkeit nicht zum Verräther an uns wird,“ ſagte Fürſt Wolfgang, er⸗ freut darüber, einen ſo guten und ſichern Zufluchtsort gefunden zu haben.„Gern und willig werde ich das unſcheinbare Ge⸗ wand eines Müllers anlegen, da es ſo trefflich geeignet iſt, mir die Freiheit meines Geiſtes und meines Leibes bewahren zu hel⸗ fen. Aber von Stund an, mein Freund, müßt Ihr Euch auch hüten, mich irgend anders, als einen wirklichen Müllerburſchen zu behandeln. Fürchtet nicht, mich zu beleidigen. Spricht doch der Herr in ſeinem heiligen Worte,„„wer ſich ſelbſt erniedrigt, ſoll erhöhet werden,““ und ſchon iſt ſein Wort in Erfüllung gegangen. Vor den Augen der Welt bin ich tief erniedrigt und bis in den Staub hinab gebeugt,— aber ich ſelbſt, ich fühle mich ſo hoch und meine Seele ſo ſtark, daß aller Welt Schimpf und Schande meine Freudigkeit nicht ſtören wird. Was ich dulde, dulde ich um Gotteswillen, und dieſes Bewußtſein erhebt den Geiſt über jede weltliche Erniedrigung. Darum Kinder, ſcheuet Euch nicht, mich für eine kurze Zeit wie Eures Gleichen zu behandeln, ſondern bedenkt vielmehr, daß wir Euch ernſtlich befehlen, es zu thun! Wollt Ihr verſprechen, unſerem Wil⸗ len in dieſer Sache redlich nachzukommen?“ „Ja, gnädigſter Herr, mit Gottes Hilfe hoffen wir es durchzuführen,“ erwiderte Paul Kramer ernſt,„Euer eigenes Wohl verlangt es gebieteriſch, daß wir, in der Mühle ange⸗ kommen, die äußeren Zeichen der Ehrerbietung von uns wer⸗ fen, wenn wir auch die Ehrfurcht ſelbſt getreulich in unſerem Herzen bewahren.“ „Und du, Heinrich?“ fragte Wolfgang den Jüngling, welcher ſtumm zur Seite ſtand. „O, mein gnädigſter Herr,“ erwiderte der Knappe ſchmerz⸗ lich,„Ihr legt uns eine ſchwere Pflicht auf, gegen die ſich meine ganze Seele ſträubt,— aber gehorchen muß ich und will ich, und wenn es mir das Herz abdrückt!“ „Wohlan denn, ſo reicht mir denn Eure Hand zum Pfande, daß Ihr Euer Verſprechen halten wollt,“ ſagte der Fürſt mit Würde. Heinrich von Kroſigk ergriff Wolfgangs Rechte, und preßte ſie heftig an ſeine Lippen. Paul Kramer aber beugte ſeine Kniee vor dem Fürſten, küßte den Saum ſeines Ge⸗ wandes und ſprach: „Zum letzten Male, gnädigſter, hoher Herr, beuge ich mich demüthig vor Euch, bis es Gott gefallen wird, Euch in Eure Rechte wieder einzuſetzen. Hier auf den Knieen ſchwöre ich Euch nochmals Treue und ehrfurchtsvolle Hingebung bis an den Tod. In dieſem Augenblicke noch iſt meine Seele heiter und 1 104 mein Geiſt iſt wach;— was fortan kommt, das will ich betrachten, wie einen ſchweren Traum.“ Noch einmal küßte er den Saum von des Fürſten Gewande, und hob ehrfurchtsvoll ſein Auge zu ihm empor. Dann aber ſprang er raſch auf, wendete ſich ab, und kämpfte einige kurze Sekunden mit ſich ſelbſt. Sein Athem flog, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich mächtig, und er fuhr einige Mal mit der Hand raſch über ſein Geſicht. Endlich drehte er ſich wieder um, und zeigte dem Fürſten, der ihn nicht ohne Verwunderung beo⸗ bachtet hatte, ein heiteres und ſorgloſes Geſicht, auf dem nicht eine Spur des kaum beſtandenen Seelenkampfes zu ſehen war. „Es muß ſein!“ murmelte er vor ſich hin, und ſagte dann plötzlich:„Nun, Kameraden, wie lange wollt Ihr noch ſäu⸗ men? Die Sonne neigt ſich ſchon zum Untergange, und wir müſſen vor Einbruch der Nacht noch ein hübſches Stückchen Weges zurücklegen. Heinrich, komm her, und hilf mir den Ränzel auspacken! Da, nimm den Müllerkittel und wirf ihn über, und hier dieſer,— der wird wohl unſerem Kamerad paſ⸗ ſen. Willſt du ihn nicht verſuchen, Ernſt? Warr, ich will dir ihn anlegen helfen.“ Er ſprang, den Kittel in der Hand, auf, und näüherte ſich dem Fürſten. Obgleich dieſer aber lächelnd und beifällig auf ihn niederſah, blieb er doch halbwegs ganz ſcheu und ver⸗ legen wieder ſtehen. „Nun, warum zögerſt du, Paul?“ fragte Wolfgang? „Du ſpielſt ja deine Rolle ganz vortrefflich, gerade ſo, wie ich es wünſche:“ „Ach, Herr,“ erwiderte Paul ſeufzend,„wenn ich Euch ſo anſehe in Eurer Heldenherrlichkeit, ſo ſinkt all' mein Muth, deſſen ich doch in unſerer Lage ſo ſehr bedürftig bin. Von Eurer Stirn, aus Eurem Auge ſtrahlt nichts als Hoheit, und ſtrahlt um ſo glänzender, je mehr Ihr ſie in guter Abſicht ver⸗ 105 bergen wollt. Ich kann es nicht über mich gewinnen, ſo dreiſt und keck gegen Euch zu ſein.“ „Aber du mußt es, mein guter Paul,“ erwiderte der Fürſt lächelnd.„Verſuch' es nur ernſtlich, fahre fort, wie du anfingeſt, und es wird Alles recht gut gehen.“ „Nun, in Gottes Namen!“ ſeufzie der ehrliche Bauer tief, und ſchritt dem Fürſten näher.„Komm denn, Ernſt, verſuche, wie der Kittel paßt— ſo— die Aermel ſind weit genug— aber über der Bruſt iſt er ein wenig eng! Der Fehler muß ſpäter gebeſſert werden! Geht es, mein lieber, gnädiger— wollte ſagen— Ernſt?— „Es geht ſo ziemlich,“ antwortete Wolfgang doppelſinnig, aber heiter lachend.„Beſſere nur erſt deinen eigenen Fehler, Paul; mit dem Kittel wollen wir allenfalls ſchon fertig wer⸗ den. Aber die Zeit drängt wirklich; laßt uns nicht länger ſäumen, Kinder!“ 1 Paul raffte hurtig das Gepäck wieder zuſammen, lud das Bündel auf ſeine Schulter, reichte dem Fürſten ſeinen Wander⸗ ſtab und bot dem Junker Heinrich ſeinen Arm zur Stütze an. „Lehne dich nur feſt auf mich, junger Mühlknappe,“ ſagte er freundlich.„Mein Arm iſt ſtark und meine Kräfte noch friſch. Wir kommen ſchon mit einander fort.“ Heinrich nahm das gut gemeinte Anerbieten an, und ging weiter durch Wälder und Felder, bis die Nacht düſter und un⸗ durchdringlich auf die Erde niederſank. Eine einſam gelegene, verlaſſene Schäferhütte diente den Wanderern zur Ruheſtätte. Es war keine fürſtliche Herberge, aber die müden Flüchtlinge ſchliefen darin doch recht ſanften und erquickenden Schlaf.— 106 Ueuntes Kapitel. inige Wochen waren verſtrichen. Fürſt Wolfgang lebte ſtill verborgen in der Mühle zu Körau. Der ehrliche Müller, eine alte, treue Haut, hielt ihn nach den Erzählungen ſeines Vetters Paul für einen einfachen Edelmann, der um ſeines Glaubens Willen verfolgt würde, und ſich einige Zeit verſteckt halten müſſe, und die Mühlknappen ahnten oder vermutheten ein Gleiches, da Wolfgang, obgleich er ſich nur im Müllerkleide blicken ließ, doch niemals thätlich bei der Arbeit zugriff, und ihnen nur zuweilen einige recht gute Rathſchläge und Verbeſ⸗ ſerungen mittheilte. Das edle, einfache Weſen des Fürſten flößte ihnen tiefe Achtung und Ehrfurcht ein, und von allen den Knechten war Keiner, der ihm nicht aus freien Stücken als einem hohen und edlen Herrn gehuldigt hätte. So oft Wolf⸗ gang in ihrer Mitte erſchien, wurde er mit ehrerbietigem Gruße empfangen, und Jedermann beeilte ſich, ſeinen leiſeſten Win⸗ ken und Bitten Gehorſam zu leiſten. Der Meiſter hatte den Mühlknappen befohlen, von der An⸗ kunft der neuen Gäſte kein Wörtlein laut werden zu laſſen, und ſeinem Befehle wurde gern und beſonders aus Liebe zu dem edlen, fremden Herrn gehorcht. Nur in der Mühle wußte man von dem fremden Manne; nach Körau, obwohl das Dörfchen kaum eine halbe Stunde entfernt lag, war noch keine Kunde von ihm gedrungen. Wenn die Landleute kamen, und Korn in die Mühle brachten, befand ſich Wolfgang gewöhnlich in ſeinem engen, kleinen, aber freundlichen Stübchen unter dem Dache. Traf es ſich aber doch einmal, daß er in der Mühle war, ſo drängten ſich die Knappen und Knechte alsbald ſo dicht um ihn her, daß er ſich noch immer, ohne bemerkt worden zu ſein, hatte zurückziehen können. 107 Paul Kramer hielt getreulich bei dem Fürſten aus. Nie⸗ mals entfernte er ſich aus der Nähe der Mühle, und hatte jeder⸗ zeit ein wachſames Auge auf ſeinen edlen Herrn. Wie Wolf⸗ gang befohlen hatte, nannte er ihn anfänglich kurzweg Ernſt, bewies ihm dabei aber immer jene Achtung, die ein hoher Herr jederzeit auch von dem Geringſten zu empfangen gewohnt iſt. Er würde dies nicht gewagt haben, wenn er nicht die ehrliche und offene Anhänglichkeit der wackeren Müllerburſchen gewahrt hätte. So, wie die Sachen ſtanden, hatte er aber von dieſer Seite her in keiner Weiſe Verrath zu befürchten. Später⸗ hin ließ er deßhalb auch in der Beobachtung der Vorſichts⸗ maßregeln bedeutend nach. Junker Heinrich von Kroſigk hatte die Mühle einige Tage nach der Ankunft wieder verlaſſen. Die Urſache ſeiner Abweſen⸗ heit kannte Niemand als der Fürſt und Paul Kramer. Der Fürſt hatte ihn abgeſandt, um über die Lage ſeines Landes und ſeiner getreuen Bürger, ſowie über das Schickſal ſeines Waf⸗ fenfreundes, des Churfürſten Johann Friedrich von Sachſen, Kunde einzuziehen. Täglich erwartete er jetzt mit Sehnſucht ſeines wackeren Knappen Rückkehr. Der Abend eines heißen, ſonnigen Julitages nahete heran, die Blumen auf den Wieſen neigten ihre Häupter und ſchloſſen ihre duftenden Kelche; die Vögelein ſaßen ſtill in den Zweigen der Bäume und kein Lüftchen regte ſich, um die Schwüle der drückenden Atmoſphäre in etwas zu mildern. In einer kleinen Laube, die Paul Kramer für ſeinen ge⸗ liebten Fürſten hart am Rande des Baches, welcher die großen Mihlräder trieb, mit voller Sorgfalt bereitet hatte, erblickte man den Fürſten Wolfgang. Auf einer Moosbank halb lie⸗ gend, halb ſitzend, das ſorgenſchwere Haupt in die hohle Hand geſtützt, blickte er unverwandt auf das lebendige Spiel der klei⸗ nen blitzenden Wellchen, welche leiſe rauſchend und murmelnd in 108 unaufhörlichem Wechſel an ſeinem Ruheplätzchen vorüberhuſch⸗ ten. Er achtete aber nicht auf das liebliche Geplätſcher des hellen Baches, ſondern ſeine Gedanken ſchweiften in der Ferne umher, und verweilten meiſt bei ſeinen Unterthanen, be⸗ ſonders bei den Bürgern von Bernburg, über deren Schickſal er ſo gern Kunde gehabt hätte. An ſich ſelbſt, an ſein eigenes dunkles dachte er nicht. Unbeweglich ſaß der Fürſt ſo lange Zeit, und Minute an Minute verrann, ohne daß er ſeine Lage veränderte, ſeinem Blicke eine andere Richtung gegeben hätte. Er merkte nichts von Allem, was in der Nähe um ihn her vorging. Ein Eich⸗ hörnchen kletterte und ſprang auf den der Laube zunächſtge⸗ legenen Bäumen umher, hüpfte die Zweige auf und ab, heftete ſeine klugen neugierigen Augen auf des Fürſten Geſtalt, und kam endlich ſo nahe, daß er es mit der Hand hätte greifen kön⸗ nen. Aber der Fürſt bemerkte es nicht, und erſt dann ſchlüpfte das behende Thierchen hurtig wieder davon, als dicht neben der Laube Blätter auf die Erde raſchelten, als das Geräuſch leiſer Schritte erſchallte, und das kurze, ſcharfe Knacken eines brechen⸗ den, dürren Zweigleins die tiefe Stille unterbrach. Mit einem einzigen Satze erreichte das Eichhörnchen den nächſten Baum, und klimmte mit einer ſo wunderbaren Geſchicklichkeit und Schnelle am Stamme hinauf, daß ſelbſt das ſchärfſte Auge ſeine Bewegungen kaum hätte beobachten können. Als es einen ſichern⸗ Standpunkt erreicht hatte, ſtreckte es neugierig ſein Köpfchen vor, um des Ruheſtörers anſichtig zu werden. Ein ſchlaues Reh war es, deſſen anmuthige, leichte Geſtalt zierlichen Schrittes aus dem dichten Unterholze hervorkam, und ſich dem Bache näherte, um in dem klaren Waſſer deſſelben ſei⸗ nen Durſt zu löſchen. Das Eichhörnchen beobachtete mit hellen Augen die Bewegungen des fein gebauten Geſchöpfes, aber Fürſt Wolfgang in ſeinem tiefen Nachſinnen gewahrte es nicht. 109 Vorſichtig ſtieg es, kaum zehn Schritte vom Fürſten entfernt, das abſchüſſige Ufer hinunter, beugte ſeinen zierlichen Kopf zu den Wellen nieder, und trank das erquickende Naß in tiefen durſtigen Zügen. Mehrere Mal ſetzte es ab, um zu lauſchen, — endlich war es geſättigt. Ganz gemach ſich umwendend, und das Ufer einige Schritte weiter ſeitwärts wieder hinauf⸗ klimmend, gewahrte es plötzlich die ruhende, unbewegliche Ge⸗ ſtalt des Fürſten. Es erſchrack, fuhr zuſammen, warf den Kopf mit einem Rucke in den Nacken, und that ſodann einen mächti⸗ gen Satz zur Seite, worauf es flüchtigen Laufes davonſtob. Der Fürſt, anſtatt durch das hierdurch verurſachte Geräuſch aufmerkſam zu werden, ſtarrte noch immer unverwandt auf 3 den raſtlos dahinfließenden Bach nieder. Er hatte keine Ahnung von dem Erſcheinen und Verſchwinden des ſcheuen, flüchtigen Wildes. Eine kurze Zeit blieb es ruhig; dann rauſchte es leiſe über dem Haupte Wolfgangs; es kniſterte in den Zweiglein der Laube und die Blätter raſchelten. Ein Vögelein hatte ſich im Geblätter niedergelaſſen und hüpfte lebhaft und munter in dem Gezweig umher. Ein allerliebſtes Thierchen war es. Es putzte und glättete ſein buntes, weiches Gefieder, wetzte ſein Schnäbel⸗ chen an der feinen Rinde der Zweige, und hub endlich gar lieb⸗ lich zu ſingen an, ohne ſich vor dem Manne, der da unten in der Laube ſo ſtill und regungslos auf der Moosbank ruhete, im Mindeſten zu ſcheuen. Sein Lied erſchallte hell und laut, bald flötend, bald ſchmetternd aus den Zweigen, und erfüllte rings⸗ um den Wald mit den ſüßeſten Klängen. Aber Wolfgang hörte ſie nicht und beachtete ſie nicht; er lauſchte auf nichts, als auf die unhörbare Stimme ſeiner Gedanken. Als ob das Vögel⸗ chen ärgerlich darüber wäre, daß ſeine holden Klänge ſo unnütz verſchwendet würden, flog es endlich davon, und verſchwand in 110 einem Augenblicke in den dichten Kronen der uralten Wald⸗ bäume. Mittlerweile hatte ſich die Sonne dem Saume des Hori⸗ zontes mehr und mehr genähert, und ihre gebrochenen Strah⸗ len tauchten den ganzen Himmel in ein Meer von Gluth und Gold, deſſen Wiederſchein hell aus dem Bache ſtrahlte, und des Fürſten Augen blendete. Seufzend erhob Wolfgang jetzt ſein Haupt, ſtand langſam von der Moosbank auf, und wollte ſich in die nahe gelegene Mühle zurückbegeben, als er plötzlich be⸗ kannte Stimmen in der Nähe erſchallen hörte, und freudig überraſcht ſein Haupt ein wenig vorbeute, um zu lauſchen. „Er iſt es!“ murmelte er.„Hilf, du heilige Dreifal⸗ tigkeit, daß er gute Nachricht bringe!“ Im nächſten Augenblicke rauſchte das Gebüſche aus einan⸗ der, und an der Hand Paul Kramers erſchien Heinrich von Kroſigk, deſſen Ankunft der Fürſt ſo ſehnlich herbeigewünſcht hatte. Raſch ging er dem Jünglinge einige Schritte entge⸗ gen und ſchloß ihn herzlich in ſeine Arme. „Gott grüß Euch, mein gnädigſter Herr,“ ſagte Heinrich hoch erfreut, ſeinen theuren Gebieter wieder zu ſehen. Der Fürſt aber unterbrach ihn, indem er ihm ſanft mit der Hand den Mund verſchloß. „Nichts hier von gnädigſter Herr, Heinrich,“ ſprach er. „Vergiß unſere Abrede nicht, und folge mir hurtig in die Laube. Dort iſt es ſtill, dort ſind wir ungeſtört, und kön⸗ nen mit Muße deine Nachrichten vernehmen.“ Raſch zog er ihn hinter ſich her in die Laube, drückte ihn nieder auf die Moosbank, und fragte nun lebhaft nach den Neuigkeiten, die er in Erfahrung gebracht habe. „Wie geht es unſerem theuern Freund und Waffenbru⸗ der, dem Churfürſten?“ fragte er. „Herr, gut und ſchlimm, wie manſs nimmt,“ erwiderte 111 Heinrich.„Ich begab mich auf Euren Beſehl, als ein Bauer⸗ burſch verkleidet, nach Wittenberg, trieb mich in allerlei Schen⸗ ken und unter mancherlei Volk umher, fragte nach dieſem und jenem, und hörte dann endlich, welche Schritte der Kai⸗ ſer nach der Schlacht bei Mühlberg gethan habe. „Nun, was that er?“ fragte Wolfgang. „Nach einer Ruhe von zwei Tagen, die er auf dem ge⸗ wonnenen Schlachtfelde zubrachte, zog er nach Torgau, und von dieſer Stadt, die ſich ihm ohne Umſtände ergab, nach Wittenberg.“ „Das Alles wußte ich ſchon in Bernburg,“ unterbrach Wolfgang den Knappen ein wenig ungeduldig.„Wie iſt aber die Belagerung von Wittenberg abgelauſen?“ „Als der Kaiſer ſah, daß die Bürger ihm hartnäckigen Wi⸗ derſtand leiſteten,“ fuhr Heinrich fort,„da wandte er im Zorne ein Mittel an, welches zwar ſehr grauſam war, und ſelbſt wi⸗ der die Rechte des Reiches ſtritt, ihm aber ſichern Erfolg zu verſprechen ſchien. Er ließ durch einen Herold der Churfürſtin und ihren Söhnen, welche ſich inmitten der Ringmauern Wit⸗ tenbergs befanden, kund thun, daß er ihnen, wenn ſie die Stadt nicht baldigſt und freiwillig übergeben,— das Haupt des gefangenen Vaters überſenden werde.“ „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, iſt's möglich?“ rief Wolfgang.„Und was antwortete die Churfürſtin auf dieſe grauſame Drohung?“ „Sie wolle lieber zehnmal mit ihren Söhnen ſterben, als nur einen Stein von Wittenberg abtreten!“ „Eine kräftige Antwort, bei Gott!“ rief Wolfgang.„Und was geſchah des Weiteren?“ „Der Kaiſer,“ fuhr Heinrich fort,„ließ ein Kriegsgericht zuſammenberufen, und dieß ſprach über den gefangenen Chur⸗ fürſten das Todesurtheil aus!“ 112 „Schrecklich! Schrecklich! unterbrach Wolfgang den Jüng⸗ ling. Iſt es ſo weit gekommen, daß der Käiſer ungeſtraft alles Recht mit Füßen treten darf? Gilt kein Geſetz mehr im deutſchen Lande? Nur durch ein Fürſtengericht konnte das Todesurtheil über den Churfürſten gefällt werden! Was ſagte mein edler Freund, als man ihm ſein Schickſal an⸗ kündigte?“ „Er bewies ganz den Heldenmuth einer edlen und ſtarken Seele,“ ſprach Heinrich.„Als man ihm den Spruch des Ge⸗ richtes mittheilte, ſaß er eben mit ſeinem Mitgefangenen, dem Herzog Ernſt von Lüneburg am Schachbrett. Ohne ſich ſtören zu laſſen, ſpielte er, bevor er antwortete, die Parthie aus, die er gewann; dann wendete er ſich zu des Kaiſers Geſandten um, und ſagte ruhig:„Ich kann nicht glauben, daß der Kaiſer dermaßen mit mir handeln werde; iſt es aber gänzlich alſo bei der kaiſerlichen Majeſtät beſchloſſen, ſo begehre ich, man ſolle es mir feſt zu wiſſen thun, damit ich, mas meine Gemahlin und meine Kinder angeht, noch zu rechter Zeit zu beſtellen möge.“ „Ja, an dieſer Antwort erkenne ich meinen edlen Freund!“ rief Wolfgang aus.„Nicht läßt er ſich herab, um Gnade zu bitten, wenn er ſieht, daß man ihm offenbar Unrecht thut, und opfert lieber ſein Leben, als ſeine Ehre auf! Ach, Johann,“ fügte der Fürſt ſchmerzlich hinzu,„wenn du im Glücke ſo ſtark geweſen wäreſt, wie im Unglück, du würdeſt nicht gefangen, ich würde nicht ein geächteter Flüchtling ſein! Aber ſprich weiter mein Knabe!“ „Man überbrachte dem Kaiſer des Churfürſten Antwort, die er anhörte ohne eine Miene zu verziehen. Die innerſten Gedanken ſeiner Seele konnte Niemand errathen; doch mußte ſein eigener großer Geiſt den edlen Muth des Churfürſten wohl verſtanden haben, indem es gleich der erſten Bitte des Churfür⸗ 113 ſten Joachim von Brandenburg gelang, das Todesurtheil zu vernichten, und die Hinrichtung durch einen Vergleich abzuwen⸗ den. Freilich, die Bedingungen waren hart.“ „Wie lauteten ſie?“ fragte Wolfgang haſtig. „Johann Friedrich mußte für ſich und ſeine Nachkommen auf ſein Land und die Churwürde verzichten, ſeine Feſtungen dem Kaiſer ausliefern, und der Gefangene des Kaiſers bleiben, ſo lange es dieſem gefallen würde. Auch ſollte er im Voraus verſprechen, Alles anzunehmen, was das Conzilium zu Trient oder die kaiſerliche Machtvollkommenheit wegen der Religion anordnen möchte.“ „Und that er das?“ fragte Wolfgang ſchmerzlich. „Nein, Herr! Vielmehr trat er ſo kühn und kräftig gegen dieſe Anmaßung auf, daß der Kaiſer nachgeben mußte, und ſelbſt die ärgſten Feinde des Churfürſten die große Standhaf⸗ tigkeit deſſelben bewunderten.“ „Da es nun in Wittenberg bekannt ward,“ fuhr Heinrich fort,„daß die Stadt dem Kaiſer übergeben werden, aber in der freien Uebung des Augsburger Religionsbekenntniſſes bleiben ſollte, ſo entſtand eine heftige Bewegung innerhalb ihrer Wälle. Die Bürger ſchwuren, da ſie dem Worte des Kaiſers nicht trau⸗ ten, ſich bis auf den letzten Mann zu vertheidigen, und gaben erſt dann nach, als ein. eigenhändiger, ernſtlicher Befehl des Churfürſten eintraf, der ihnen jedes feindſelige Verfahren gegen den Kaiſer, der ſicherlich ſein Wort halten werde, unterſagte. Da wurden denn die Thore geöffnet, und die ſächſiſche Beſatzung zog aus mit wehenden Bannern und allen Kriegsehren. Vier kaiſerliche Fähnlein beſetzten die Stadt. Zwiſchen ihr und dem Lager des Kaiſers wurde lebhaft verkehrt, und das bisherige Mißtrauen fing an zu ſchwinden. Die Sachſen ſahen, daß ihr ſeines Thrones beraubter Herr in Herzog Alba's Zelte von Fürſt Wolfgang. 8 vornehmen Spaniern bedient und mit der größten Ehrfurcht behandelt wurde, und nicht minder gefiel ihnen die Sanftmuth und Rechtlichkeit des Kaiſers, welche bei jeder Gelegenheit vor⸗ theilhaft hervortrat. Die Churfürſtin erſchien in Trauerkleidern mit ihren Kindern vor dem Kaiſer, geführt von den Söhnen des römiſchen Königs Ferdinand, und that einen Fußfall; der Kaiſer hob ſie ſehr freundlich auf, tröſtete ſie wegen ihres Un⸗ glücks, und erlaubte ſogar, daß der Churfürſt acht Tage auf dem Schloſſe zu Wittenberg bei den Seinigen zubringen durfte. Ja, er ſelbſt begab ſich in die Stadt, und erwiderte den Be⸗ ſuch der Churfürſtin. Je mehr die Sachſen ſein jetzt beſänftig⸗ tes, edles, großes Gemüth kennen lernten, deſto mehr ſchwand ihr Widerwille vor ihm, und auch der Kaiſer ſchien nachgerade ſich mit den Proteſtanten mehr auszuſöhnen. Es iſt doch Alles ganz anders im evangeliſchen Lande und unter evangeliſchen Leuten, als ich mir gedacht habe,Ä ſagte er. „Und als er hörte, daß während ſeiner Anweſenheit der lutheriſche Gottesdienſt eingeſtellt ſei, rief er aus: ‚Wer richtet uns das an? Iſt in unſerem Namen hier der Dienſt Gottes unterlaſſen, ſo gereicht uns dieſes nicht zum Gefallen. Haben wir in den hochdeutſchen Landen doch nichts gewandelt in der Religion,— wie ſollten wir es hier thun, wo uns die Leutchen ſo wohl gefallen haben?“ „Ja, ja, er iſt ein edler Herr, der Kaiſer,“ ſagte Wolfgang aus vollem Herzen.„Schade nur, daß ſeine Diener nicht ſind, wie Er! Ach, hätte doch der Churfürſt meinen Worten ein günſtigeres Ohr geliehen, als er mich damals auf meinem Schloſſe zu Bernburg beſuchte! Hätte er doch ehrlich dem Kai⸗ ſer die Hand zum Frieden geboten, es wäre ſo weit nicht ge⸗ kommen. Der Kaiſer iſt es nicht, der die neue Lehre haßt und verfolgt— der Pabſt iſt es, deſſen wankenden Thron unſer Martin Luther in ſeinen Grundveſten erſchütterte.“ b 115⁵ „Ach, Herr, das iſt nur zu wahr,“ ſagte Heinrich, als der Fürſt nachdenklich ſchwieg.„Der Kaiſer beſuchte auch die Schloßkirche zu Wittenberg, und bemerkte hier Luthers Grab. Als er es ernſt ſinnend betrachtete, da nahete ſich ihm der Her⸗ zog von Alba und flüſterte ihm hämiſch zu: ‚Gnädigſter Herr, ſolche ruhige Stätte geziemt dem Fürſten der Ketzer nicht. Laßt ſeine Gebeine aus dem Sarge reißen, laßt ſie verbrennen, und die Aſche in alle Winde zerſtreuen.““ „Nicht alſo,“ erwiderte der Kaiſer, indem er ſich umdrehte und den Herzog mit einem durchbohrenden Blicke anſchaute. „Wenn der Mann hier ſchuldig war, ſo hat er jetzo ſeinen Rich⸗ ter ſchon gefunden. Ich aber, mein Herr Herzog, führe nur Krieg mit den Lebenden, nicht mit den Todten.“ Sprach's, wen⸗ dete dem verblüfften Spanier den Rücken zu, und verließ ernſt ſinnend die Kirche.“ „Wahrlich! wahrlich! das ſieht ihm ähnlich!“ rief Wolf⸗ gang mit bewegter Stimme aus.„Der Kaiſer iſt ein edler Feind, und Gott möge geben, daß er noch lange zum Wohle des Reiches wirken und ſchaffen kann. Wenn er auch in der Leidenſchaft ſich manchmal vergißt und mehr thut, als zu ver⸗ antworten iſt,— bei kaltem Blute gewinnt doch immer ſein von Grund aus tüchtiges Gemüth wieder die Oberhand, und er macht Alles wieder gut, was er in der Hitze des Augenblickes zu ſtrenge richtete. Der Himmel erhalte ihn! Aber nun ſprich, Heinrich, wie geht es meinen getreuen Unterthanen, meinen gu⸗ ten Bürgern von Bernburg?“ „Ach, Herr! es thut mir weh, Euch ſo böſe Nachrichten über ſie bringen zu müſſen,“ erwiderte der Jüngling nieder⸗ geſchlagen.„Seit drei Wochen erſt wohnt Graf Ladro auf dem Schloſſe zu Bernburg, und ſchon hat er die Bürger ſo bitter⸗ lich gekränkt, daß man nur mit Mühe und heimlichem Zähne⸗ knirſchen ſeinen Namen ausſpricht.“ 116 „Und was hat er denn ſo Ungeheures gethan?“ fragte Wolfgang geſpannt. „Der erſte Befehl, den er gab, lautete, es ſollten von Stund an alle proteſtantiſchen Kirchen Bernburgs den Evange⸗ liſchen verſchloſſen und für den katholiſchen Gottesdienſt einge⸗ richtet werden. Die Seelſorger der Bürgerſchaft wurden ihres Amtes entſetzt, und an ihrer Stelle katholiſche Prieſter einge⸗ führt, deren geiſtliche Hoffahrt bei jeder Gelegenheit die an⸗ dersgläubigen Bürger demüthigt. Als der Bürgermeiſter Con⸗ rad Gerhold ſich bei dem Grafen Ladro hat melden laſſen, um demſelben ehrerbietige Vorſtellungen zu machen, ſo hat ihn der Graf, zwar mit ſpöttiſchem Lächeln, jedoch ganz ruhig, ange⸗ hört, endlich aber hat er ſeine Trabanten gerufen, und den freien Mann um eines gutgemeinten freien Wortes Willen in den Kerker werfen laſſen. Da ſchmachtet er noch, und nicht einmal ſeine Frau, nicht ſeine zarten, unſchuldigen Kinder dür⸗ fen ihn beſuchen. Graf Ladro aber hat der Bürgerſchaft ver⸗ melden laſſen, ſie würde weder ihre Kirchen, noch ihre Geiſt⸗ lichen, noch auch ihren Bürgermeiſter eher wieder bekommen, als bis ſie ihren ketzeriſchen Teufelsglauben abgeſchworen hät⸗ ten, und in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche zu⸗ rückgekehrt wären. Das hat die Bürger mit Grimm erfüllt, und der verhaltene Zorn malt ſich auf ihren Geſichtern, wo ſie auf der Straße einen katholiſchen Prieſter oder einen von den Spionen und Kreaturen des Grafen Ladro erblicken. Denn Ihr müßt wiſſen, gnädigſter Herr, daß der Graf ſeine Spione überall hat, um von allen etwaigen Anſchlägen der Bürger ſo⸗ gleich Kunde zu bekommen. In jeder Wirthsſtube ſitzt ein Auſpaſſer, und ſie drängen ſich ſogar in die Häuſer, um an den verſchloſſenen Thüren die geheimſten Familiengeſpräche zu be⸗ lauſchen. Was ſie erfahren, es mag verdächtig ſein oder nicht, bringen ſie zu Graf Ladro's Ohren; und ſie ſollen bereits 117 manchen ruhigen und wackeren Mann dermaßen verläumdet haben, daß man täglich Verhaftsbefehle vom Grafen Ladro er⸗ wartet.“ Mit abgewandtem Auge hatte Fürſt Wolfgang dieſen Be⸗ richt ſeines Knappen angehört. Sein Geſicht glühete vor Zorn und Kummer, und plötzlich verbarg er es in den Händen und drückte das Haupt in das feuchte Moos hinein. Sein Athem flog und ſeine Bruſt arbeitete mächtig. „Das lautet ſchlimm,“ ſprach er endlich,—„aber leider, Niemand kann hier helfen, als Gott allein. Auf ihn müſſen wir unſer Vertrauen ſetzen!“ Weeiter ſagte er nichts, doch noch manchen Tag trübten ſchwere Trauerwolken ſeine ſonſt ruhige, faſt heitere Stirn. Zehntes Kapitel. Der Sommer verſtrich und der Herbſt kam heran. Das Laub der Bäume färbte ſich roth und braun und golden, ganze Schaaren von Zugvögeln belebten den ſchweigſamen Wald, und die glühende Hitze des Sommers war einer friſchen erquicken⸗ den Kühle gewichen. Da geſchah es eines Nachmittags, daß der Fürſt mit dem jüngſten Töchterchen des Müllers einen ſchattigen Waldpfad einſchlug, um mit dem munter plaudernden, hübſchen Kinde einen Spaziergang zu machen. Seine Seele war heiter und kein Anhauch von Beſorgniß verdüſterte ſeine Stirne. Eine kurze Strecke von der Mühle entfernt kam ihm Junker Hein⸗ rich entgegen. Er trug einige Krammetsvögel in der Hand, 118 die er in Schlingen gefangen hatte, und fröhlich dem Fürſten zeigte. „Ich will ſie für Euch zubereiten laſſen, gnädigſter Herr,“ ſagte er.„In einer Stunde ſind ſie fertig, entfernt Euch alſo nicht gar zu weit von der Mühle.“ „Nein, mein guter Knabe,“ erwiderte der Fürſt freund⸗ lich,„ich gehe mit der kleinen Marie nur bis zu der Königs⸗ eiche hinüber, und werde bald zurückkehren. Haſt du Paul Kramer nicht geſehen?“ „Er iſt im Garten hinter der Mühle und hilft den Knap⸗ pen ein Mühlrad zimmern,“ entgegnete Heinrich.„Soll ich ihm einen Befehl überbringen? Wenn ich ſelbſt ihn ausführen könnte, gnädigſter Herr, ſo ſpare ich gern dem Paul die Mühe, da er den ganzen Morgen ſchon auf den Füßen war, und die Umgegend durchforſchte. Er iſt gewiß recht müde, gnädigſter Herr!“ „Der gute, treue Mann!“ ſagte Fürſt Wolfgang gerührt. „Störe ihn nicht, Heinrich, hörſt du? Er iſt ſo beſorgt für unſere Sicherheit, und hat es doch ganz und gar nicht nöthig. Geh' nur hin, mein Knabe, wir werden bald ſelbſt zurück⸗ kehren.“ Heinrich ging leichten Schrittes davon, und der Fürſt, mit dem kleinen Mädchen plaudernd, das zutraulich ſeine Hand er⸗ griffen hatte, verfolgte von Neuem den eingeſchlagenen Pfad. Das abgefallene Laub rauſchte unter ſeinen Tritten, ein leiſer Windhauch liſpelte in den Kronen der Bäume, und von Zeit zu Zeit ertönte der melodiſche Geſang einer Amſel aus den Zweigen. Sonſt war Alles ruhig und ſtill, und die ganze Natur athmete den tiefſten Frieden. In einer Viertelſtunde hatte der Fürſt mit ſeiner kleinen lieblichen Begleiterin die Königseiche, das Ziel des Spazier⸗ ganges, erreicht, und ſetzte ſich, um einer kurzen Ruhe zu ge⸗ 119 nießen, auf eine Moosbank nieder, die unter den weit ausge⸗ breiteten Zweigen des uralten Baumes angelegt war. Die kleine Marie ſprang indeß in ſeiner Nähe umher, und vergnügte ſich damit, bunte Herbſtblumen zu pflücken, oder auch wohl einem glänzenden Käfer nachzujagen, der hurtig über die raſchelnden Blättern dahin ſchlüpfte, um der eifrigen kleinen Verfolgerin zu entgehen. Lächelnd beobachtete Wolfgang das Spiel des Kindes, und gedachte dabei ſeiner eigenen Jugend, die in anmuthigen Bildern an ſeiner Seele vorüberzog. Nach und nach verſank er in liebliche Träumereien, und vergaß end⸗ lich ganz der Rückkehr und der ſpielenden Kleinen, die ſich in⸗ deß hütete, ihren Beſchützer aus den Augen zu verlieren. Plötzlich ſchreckte der Furſt in die Höhe und ſprang auf. Ein dumpfer Knall erſchütterte die Luft. Er drang aus der Gegend der Mühle herüber. Ein zweiter Knall folgte und ein dritter.. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, das iſt der Knall von Feuergewehren!“ rief der Fürſt.„Komm, mein Kind, wir müſſen in die Mühle zurück!“. Die erſchrockene Kleine auf den Arm nehmend, eilte Fürſt Wolfgang mit weiten und ſchnellen Schritten heimwärts. Aber noch hatte er nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als bleich und athemlos Junker Heinrich von Kroſigk ihm entgegenge⸗ geſtürzt kam. „Flieht, gnädigſter Herr!“ rief er ihm ſchon von weitem zu.„Wir ſind verrathen! Die Söldner Ladro's ſind in die Mühle gebrochen und ſuchen Euch!“ „Und die Schüſſe, die ich hörte?“ fragte Fürſt Wolfgang. „Haben die Räuber gewagt, auf friedliche Bürger zu ſchießen?“ „Nein, nein, gnädigſter Herr! ſie waren nur das Signal des Anführers, der ſeine ringsum zerſtreuten Leute zu ſich be⸗ rief. Niemand war verwundet, als ich davon eilte, um Euch zu 120 warnen. Aber ich fürchte, es wird einen harten Kampf geben. Darum ſäumt nicht länger und flieht, mein theurer Herr!“ „Nicht alſo, mein Knabe,“ antwortete der Fürſt ent⸗ ſchloſſen, indem ſein Auge ſtolzer blitzte und ſeine Geſtalt ſich majeſtätiſcher emporrichtete. Mich ſuchen die heulenden Wölfe, und ſie ſollen mich finden. Sorge für das Kind, Heinrich, und folge mir nach, ſo ſchnell du kannſt.“ Schnell dem Junker die kleine Marie in den Arm legend, eilte Fürſt Wolfgang davon. In wenigen Minuten hatte er die Mühle erreicht, und ſah auf dem Platze vor derſelben eine Schaar von etwa zwanzig wohlbewaffneten Soldaten, deren Anführer in einem lebhaften Wortwechſel mit dem Müller be⸗ griffen war. „Gebt den Schurken heraus, Ihr alter Lügner,“ ſchrie der Hauptmann wild, indem er drohend ſeinen Pallaſch erhob, als ob er den alten Mann zu Boden ſchlagen wollte.„Gebt ihn heraus, ſage ich, oder wir zünden Euch die Mühle über dem Kopfe an!“ Furchtslos blickte der Müller dem Wüthenden in's Auge. „Hier iſt nicht, den Ihr ſucht,“ ſprach er feſt.„Geht ſelbſt und durchſpähet mein ganzes Haus von oben bis unten. Wenn Ihr ihn findet, ſo ſoll Euch mein Haupt verfallen ſein.“ „So habt Ihr ihn entwiſchen laſſen,“ brüllte der Haupt⸗ mann, indem er den alten Mann an der Bruſt packte und ſchüttelte;„Gott ſei Euch und Eurer Mühle gnädig, wenn Ihr uns ſolchen Streich geſpielt habt! Haltet ihn feſt, Leute, und ſechs von euch folgen mir und helfen mir das Neſt durc⸗ ſtöbern!“ Während die Söldner zuſprangen, um den Befehlen ihres Anführers Folge zu leiſten, trat Wolfgang ruhig dem Haupt⸗ man entgegen, und fragte gelaſſen: „Wie mögt Ihr es wagen, einen ruhigen Bürger bei friedlichen Zeiten alſo in ſeinem eigenen Gehöfte zu miß⸗ handeln?“ Der Hauptmann ließ vom Müller ab, blickte mit großen Augen den Fürſten an, und maß deſſen hohe und ſtolze Helden⸗ geſtalt mit den Augen. „Und wer ſeid Ihr, daß Ihr Euch in andrer Leute Händel miſcht?“ fragte er höhniſch, obgleich er ſich einer un⸗ willkürlichen Ehrfurcht vor dem Fürſten kaum erwehren konnte. „Ein Müller jetzt, wie Ihr ſeht,“ antwortete Wolfgang kalt.„Früher war ich Soldat und wußte meine Klinge zu führen.“ „Gut, gut! Mit Euch haben wir vor der Hand nichts zu ſchaffen,“ ſagte der Hauptmann, welcher noch immer den Müller feſthielt.„Wir ſuchen einen andern, prächtigeren Vogel als Euch, und dieſer alte Schurke hier, der uns ſo frech mit Lügen füttert, ſoll uns ſelber auf die Spur helfen. Vorwärts!“ Der Hauptmann, den Müller feſt am Arme haltend, ſchleppte ihn ſich nach in das Innere der Mühle, und ſechs von ſeinen Reiſigen folgten ihm. Die Anderen blieben draußen auf dem Platze in Reih' und Glied ſtehen, und ſchienen mit großer Geduld den Ausgang der ganzen Begebenheit abwarten zu wollen. Fürſt Wolfgang ſah verwundert umher, da er nirgends eine Spur von Paul Kramer und den zwölf rüſtigen Mühl⸗ knappen entdeckte. Dann ſchritt er einige Male vor der Mühle auf und ab, und ſchien zu überlegen, welch' ein Entſchluß in der jetzigen kritiſchen Lage zu faſſen ſei. Endlich wandte er ſich raſch und ſchritt über die ſchmale Zugbrücke, welche das Haus mit dem Vorplatze verband, in daſſelbe hinein. Gleich darauf kam auch Heinrich von Kroſigk mit der kleinen Marie und folgte ihm nach. 122 Die Mühle lag auf einer kleinen Inſel, welche durch den vorüberfließenden Bach, der die mächtigen Räder trieb, und durch einen ziemlich breiten und tiefen Graben gebildet wurde. Zwei Zugbrücken bildeten die Verbindung mit den jenſeitigen Ufern, und wurden bei unruhigen Zeiten in jeder Nacht aufge⸗ zogen, damit die Bewohner der Mühle vor etwaigen räuberi⸗ ſchen Ueberfällen geſichert wären. Als Fürſt Wolfgang das Haus betrat, ſchloß er aus dem Geräuſch, welches von oben her in ſein Ohr drang, daß der Hauptmann mit ſeinen Soldaten beſchäftigt ſein müſſe, die Korn⸗ und Mehlböden der Mühle zu durchſuchen. Unten in der Mühle ſah er Niemanden, und ging hinaus in den kleinen Garten hinter dem Hauſe, wo er Paul Kramer und die Mühl⸗ knappen zu finden hoffte. Und er täuſchte ſich nicht. Mit allerlei rohen Waffen, mit Heugabeln, Knitteln, Beilen und Senſen verſehen, ſtürmten die Männer eben auf die Mühle zu, feſt entſchloſſen, wie es ſchien, ſich mit den Söldnern Graf Ladro's in einen Kampf einzulaſſen. Paul Kramer, eine alte Hellebarde in der Hand, führte die Knappen an. Als er den Fürſten erblickte, der ihnen plötzlich entgegen trat, erſchrak er, und fragte ihn haſtig, ob ihm denn Heinrich von Kroſigk nicht begegnet fei und ihn gewarnt habe?“ „O freilich habe ich!“ rief haſtig der junge Knappe, der das ihm anvertraute Kind der Mutter übergeben hatte und eben jetzt dem Fürſten zur Seite trat. „Und Ihr flohet nicht, gnädiger Herr?“ rief Paul Kra⸗ mer.„Nun denn, gebe Gott, daß keine übeln Folgen aus Eurem Bleiben entſtehen.“ „Keine Worte mehr, Paul,“ befahl der Fürſt ernſt. „Kommt herein in die Mühle, Kinder, und ſtellt Eure Waffen an die Seite, doch ſo, daß Ihr ſie jeden Augenblick wieder er⸗ greifen könnt. Du, Paul, eilſt, die hintere Zugbrücke aufzu⸗ 123 ziehen, und du, Heinrich, zieh die vordere in die Höhe. Ein Theil der Soldaten ſteckt in der Mühle, und iſt gefangen mit ſammt dem Hauptmann!“ Paul und Heinrich vollzogen ohne Zögern und ſo ſchnell des Fürſten Befehle, daß ſie mit ihrem Werke fertig waren, ehe die außenſtehenden Söldner es verhüten konnten. In einem Nu kehrten ſie zurück und geſellten ſich wieder zu dem Fürſten und den Mühlknappen, welche mittlerweile ihre Waffen ver⸗ ſteckt hatten, und ſorglos die Rückkehr des Hauptmanns erwar⸗ teten. Nicht lange dauerte es, ſo vernahm man die polternde Stimme des Hauptmanns und gleich darauf die Fußtritte der von oben herabſteigenden Männer. „Ruft Eure Leute zuſammen,“ befahl mit barſchem Weſen der Anführer der Söldner dem Müller.„Wir wollen den Vo⸗ gel ſchon finden, und wenn er zehnmal im Mülleerkittel ſteckte. Gelt, Conrad?“ Conrad war ein Spion, der den Fürſten perſönlich kannte, ihn zufällig einmal in der Nähe der Mühle geſehen und an den Grafen Ladro verrathen hatte.. „Wenn er noch hier iſt, woran ich nicht zweifle, will ich ihn ſchon wieder erkennen,“ ſagte er. Es war für alle ein bänglicher Augenblick, als ſich nun die anweſenden Mühlknappen, und mit ihnen auch Fürſt Wolf⸗ gang, Paul Kramer und Heinrich von Kroſigk in eine Reihe ſtellten. Alle zitterten, nur Fürſt Wolfgang nicht, der ſich des guten Ausganges der ganzen Begebenheit ziemlich verſichert hielt. 8 „Tüchtige Burſche das,“ ſagte der Hauptmann, indem er einen prüfenden Blick auf die kräftigen Männer warf.„Wür⸗ den Alle prächtige Kriegsleute abgeben! Aber was zögerſt du noch, Conrad? Mach vorwärts!“ 124 Auf den erſten Blick hatte der Spion das edle Geſicht Fürſt Wolfgangs erkannt; aber ſeine ruhige, furchtloſe und gelaſſene Haltung, und beſonders der ſtrenge, durchbohrende Blick, wel⸗ chen der Fürſt auf ihn heftete, hatte den Elenden ſo eingeſchüch⸗ tert, daß er wie verzaubert und gebannt ſtehen blieb, und halb ſcheu, halb verwundert den Fürſten anſtarrte. Erſt die Anrede des Hauptmanns weckte ihn aus ſeiner Verſunkenheit; raſch auf den Fürſten zugehend, deutete er mit der Hand auf ihn, und ſagte hämiſch: „Dieſer iſt's! Dieſer Mann iſt Fürſt Wolfgang von An⸗ halt!“ Als ob ein Blitz vor ihnen niedergefahren wäre, ſo erſtaunt ſtanden die Mühlknappen, welche einen ſo hohen Rang des flüchtigen Mannes nicht vermuthet hatten. Der Hauptmann jauchzte laut, und ſtürzte auf den Fürſten zu, um ſich mit eige⸗ ner Hand deſſelben zu bemächtigen. Ein einziger kraftvoller Stoß Wolfgangs ſchleuderte ihn aber ein paar Schritte weit 3 zurück, und im nämlichen Augenblicke rief auch Paul Kramer: „Auf ſie, Kameraden!“ Da machte die ſtarre Verwunderung der Mühlknappen plötzlich der rüſtigſten Regſamkeit Platz. In weniger Zeit, als wir es erzählen können, waren den überraſchten Kriegsmännern die Waffen entriſſen, und ſie ſelber wanden ſich, auf dem Bo⸗ den liegend, machtlos unter den kräftigen Fäuſten der ſtarken Müllerburſchen. Paul Kramer hatte den Spion niedergeſchleu⸗ dert, kniete auf ſeiner Bruſt, und hielt einen blanken Dolch, den er dem beſiegten Feinde entriſſen hatte, in hochgeſchwunge⸗ ner Fauſt. 4 „Soll ich zuſtoßen?“ fragte er mit wilder Stimme den Fürſten.„Der verrätheriſche Hund hat wahrlich nichts Beſſe⸗ res verdient.“ „Nicht ſo, Paul! Nicht ſo! Kein Blutvergießen, wir be⸗ 125 fehlen es!“ ſagte der Fürſt, der ruhig mitten in dem Getümmel ſtand, und mit ſcharfem Auge jede Bewegung der Niederge⸗ worfenen beobachtete.„Wir wollen dem Herrn Hauptmann, den unſer wackerer Junker Heinrich ſo feſt hält, nur einige Fragen vorlegen, und wenn er ſie zu unſerer Zufriedenheit be⸗ antwortet, mag er mit ſeinem ganzen Söldnerhaufen unverſehrt und ungekränkt abziehen. Hört mich, Herr Hauptmann. Wollt Ihr Euren Leuten, die noch draußen vor der Mühle ſtehen, be⸗ fehlen, gutwillig ihre Waffen an uns abzuliefern?“ Der Hauptmann, ſich ganz in der Gewalt der Sieger ſehend, brummte ein verbiſſenes„Ja“ zwiſchen den Zähnen hervor. „Gut, ſo begebt Euch an das Fenſter, und gebt den Leu⸗ ten Ordre, die Waffen in den Bach zu werfen.“ Stöhnend vor Grimm richtete ſich der Beſiegte von der Erde auf, und erfüllte des Fürſten Verlangen. Die Soldaten draußen gehorchten. „So iſts recht!“ ſprach der Fürſt.„Wollt Ihr jetzt noch verſprechen, Eure Mannſchaft ohne Verzug zum Grafen Ladro zurückzuführen und demſelben der Wahrheit gemäß zu erzählen, wie ſchonend man Euch behandelt hat?“ Ein zweites verbiſſenes„Ja“ war die Antwort. „Schwört!“ befahl Fürſt Wolfgang. „Ich ſchwöre!“ ſagte der Hauptmann. „Wohlan, ſo ſeid Ihr frei, und könnt Euch ungehindert von hier entfernen. Laßt die Männer los, liebe Freunde; ſie werden uns nicht beunruhigen.“ Die Müllerburſchen gehorchten, aber nur ungern, und be⸗ ſonders dem Paul Kramer leuchtete der Grimm aus den Au⸗ gen, als der Spion ſeine Glieder wieder frei bewegen durfte. Wolfgang aber trat zum Hauptmann, der mit untergeſchla⸗ 126 genen Armen an einem Pfeiler lehnte und mit verhaltenem Aerger vor ſich niederſtarrte. „Herr Hauptmann,“ ſagte er,„danket dem Herrn oben, daß Ihr nicht ſtrenger für Euren Uebermuth beſtraft worden ſeid. Wißt Ihr wohl, daß Ihr den Strang verdient habt? Ihr ſeid als Räuber in ein friedliches Land, in eine friedliche Wohnung eingebrochen, und dem Räuber gebührt Entehrung und ſchimpflicher Tod.“ „Ich bin von meinem Herrn, dem Grafen Ladro, zu die⸗ ſem Dienſte kommandirt worden,“ erwiderte der Hauptmann. „Ein Soldat muß gehorchen, und wenn man ihn in die Hölle ſchickt!“ „Ein braver Kriegsmann hätte dieſen Auftrag nicht voll⸗ zogen,“ entgegnete der Fürſt.„Aber gleichviel! Sagt Eurem Herrn, er möge ſich wohl hüten, ſolche Gewaltthat ein zweites Mal zu verſuchen. Des Kaiſers Majeſtät iſt im Lande noch zu finden, und Carolus der Fünfte iſt ein ſtrenger und gerech⸗ ter Herr. Der Grafentitel wird den Hals Eures Gebieters nicht vor dem Strange ſchützen, wenn es ſich um Räuberei und Landfriedensbruch handelt. Sagt ihm das, und nun— gehabt Euch wohl!“ Zähneknirſchend wendete ſich der Hauptmann ab, und ent⸗ fernte ſich mit ſeinen Leuten über die Zugbrücke, welche mitt⸗ lerweile wieder herabgelaſſen war. In der Thür wendete er ſich noch einmal um, und rief dem Fürſten zu: „Wir ſehen uns wieder!“ Dieſer aber achtete nicht darauf, ſondern reichte dem ehr⸗ lichen Müller die Hand, der geſenkten Hauptes vor ihm ſtand und mit herzlichen Worten um Verzeihung bat, wenn er dem Fürſten, als er ihn noch nicht gekannt, nicht immer den gebüh⸗ renden Reſpekt bewieſen habe. 127 „Fortan ſoll dergleichen gewiß nicht wieder geſchehen, gnä⸗ digſter Herr,“ fügte er treuherzig hinzu. „Stille, ſtill, mein wackerer Freund,“ ſagte der Fürſt. „Wir ſind Euch zu großem Danke verpflichtet, da Ihr uns ſo gaſtfreundlich in Euer Haus aufnahmt, als wir keine Stätte wußten, wo wir in Ruhe unſer Haupt niederlegen konnten. Wir danken Euch von Herzen, und auch Euch, Ihr lieben Männer, die Ihr uns in der Gefahr ſo trefflichen Beiſtand lei⸗ ſtetet. So Gott helfe, werden wir es einſtens vergelten.“ Der Müller und ſeine Leute riefen, ſie wollten ſich mit Freuden zehnmal für einen ſolchen gnädigen guten Herrn in Stücke hauen laſſen, und bedauerten nur, daß ſie ihre Liebe und Anhänglichkeit nicht kräftiger hätten bethätigen können. Ihre Geſichter leuchteten und die derben Fäuſte drückten kräftig des Fürſten Hand, welche er ihnen leutſelig darreichte. „Ein braver, lieber Herr!“ murmelten die Knappen, als ſie ſich endlich gemächlich, als ob nicht die mindeſte Gefahr ſie bedroht hätte, wieder an ihre Arbeit begaben.„Solchem edlen Heern zu Liebe trägt man ja gern ſeine Haut zu Markte. Und ein recht edler, ſtandhafter Fürſt iſt er, wie man nur ſelten Einen ſieht. Hat er nicht Land und Leute verlaſſen, nur um des Glaubens Willen? Gott wird's ihm aber gewiß einſtens wett machen!“ Solche und andere Worte zum Lobe des Fürſten flogen unter den Burſchen hin und wieder, während Wolfgang ſich mit dem Müller, Paul Kramer und Heinrich in ſein ſtilles Ge⸗ mach begab, um deſelbſt einer ernſten Berathung zu pflegen. Länger als eine Stunde blieben die Männer zuſammen. Als ſie ſich endlich trennten, hingen dem Müller die hellen Thränen in den Augen, welche der Schmerz eines nahe bevorſtehenden Abſchiedes ihm auspreßte. Fürſt Wolfgang hatte den Ent⸗ ſchluß ausgeſprochen, ſchon in der nächſten Nacht die heimlich 128 gelegene Mühle zu verlaſſen, um einen andern Zufluchtsort auf⸗ zuſuchen. Sein Leben und ſeine Freiheit ſtanden auf dem Spiele, wenn er noch länger unter dem Dache des Müllers ver⸗ weilte, und darum entſchied er ſich, wenn auch nur mit bitterer Wehmuth, die ihm ſchon lieb und theuer gewordene Stätte zu fliehen. Leicht würde er noch jetzt ſein trauriges Schickſal haben wenden können, wenn er ſeinen Herrn verläugnet, ſeinen Glauben abgeſchworen hätte. Aber nicht einmal der Gedanke an ſolche That ſtieg in ſeiner edlen und hochſinnigen Seele auf. Groß in ſeinem Unglück trug er alle Leiden mit Geduld und mit inniger Ergebung in den Willen Gottes, und auch nicht einen Augenblick wankte er in ſeiner erhabenen bewun⸗ dernswürdigen Standhaftigkeit. Eilftes Kapitel. Wenn man von Oſten her ſich den Bergen und Schluchten des Harzes nähert, ſo gelangt man in ein reizendes, liebliches Thal, welches von einem klaren Bächlein, der Selke, durch⸗ ſtrömt wird. In ſanften Windungen rieſelt der Bach plätſchernd zwiſchen Hügeln dahin, und nur an wenigen Orten, da, wo Berge und Felſen, ſein Ufer einengend, nahe zuſammentreten, verliert er ſeinen ſanften Charakter und ſucht zürnend und brauſend die unzerbrechlichen Feſſeln zu ſprengen. Meiſt ſchließen blumenreiche Wieſen ſein Ufer ein, und dicht belaubte Erlen, dem Strande entſprießend, werfen ihren kühlen Schatten über die klare durchſichtige Fluth. In den jetzigen Zeiten führt eine trefflich erhaltene Heer⸗ ſtraße von einem Ende bis zum andern durch das ganze Thal, und raſch dahin rollende Wagen, flüchtige Reiter und langſam hinſchlendernde Fußgänger beleben ein Stücklein Erde, welches urſprünglich in ſeiner verborgenen Schönheit nur für einen Tummelplatz des ſcheuen Wildes beſtimmt ſchien. Mühlen klap⸗ pern im Thale, Eiſenhämmer erſchüttern die Luft mit ihrem dumpfen Getöſe, hie und da ſchimmert ein Waldſchlößchen oder ein kleines Luſthaus von einem der bewaldeten Berge nieder, und überall zeigen ſich Spuren des Lebens. Aber vor dreihun⸗ dert Jahren war da noch Alles ziemlich wild und öde und ein⸗ ſam. Nur bis zur Burg Falkenſtein führte ein bequemer Pfad. Weiter hinauf ſtand wohl hie und da eine Köhlerhütte in dem feuchten Grunde des Thales, oder mitten im Walde an einem Abhange der Hügel, aber von einer gebahnten Straße ſah man keine Spur, und der Wanderer, der tiefer in das Thal ein⸗ drang, mußte ſich oft mühſam einen Weg durch Dornen und Geſtrüpp ſuchen. Wo jetzt Menſchen geſchäftig und thätig ſind, brachen damals Bär und Wolf ſcheu durch das finſtere Dickicht, und nur ein kecker Jäger wagte es zuweilen, über Burg Fal⸗ kenſtein hinaus zu wandern, und in gefahrvollem Kampfe die furchtbaren Beſtien der Wildniß zu beſtehen. Etwa zwei Stunden von der Ausmündung des Thales auf⸗ wärts erhebt ſich auf dem rechten Ufer der Selke ein hoher, kegelförmiger Berg, der Hausberg genannt. Seinen Gipfel krönte noch im dreizehnten Jahrhundert eine ſtattliche Veſte, die Burg Anhalt, welche mit ihren Thürmen und Zinnen gebietend in das Thal hinabſchaute. Sie war die Wiege des edlen An⸗ haltiſchen Fürſtengeſchlechts. Späterhin ward ſie vom Feinde zerſtört, von ihren Bewohnern verlaſſen, und im Laufe der Zei⸗ ten faſt gänzlich vergeſſen. Die Pfade, welche vormals den Berg hinab und im Thale entlang führten, wurden von Regen⸗ güſſen und von den Fluthen der überſchwellenden Selke zerſtört, Fürſt Wolfgang. 9 und in einſamer Verborgenheit verwitterten langſam die Ueber⸗ bleibſel des vormals ſtattlichen Wohnſitzes. Eine ſtürmiſche Herbſtnacht lag finſter über der Erde. Der Wind ſauste durch die Wipfel der Bäume, und ſchüttelte ge⸗ waltſam die mächtigen Kronen der uralten Buchen und Eichen. Brauſend ſchoß die Selke in ihrem Bette dahin. Ihre Fluthen waren von ſtrömendem Regen angeſchwollen, und drohten über die Ufer zu ſchwellen. Düſtere Wolken zogen ſchwer über den Bergen entlang, und tränkten unaufhörlich die ſchon ſchlüpf⸗ rige Erde mit dem reichlichen Naß aus ihrem Schooße. Bär und Wolf ſuchten dem ſchrecklichen Unwetter zu entfliehen, und bargen ſich in ihren Höhlen oder im dichteſten Geſträuch. Selbſt Uhu und Käuzchen ſtrichen nicht wie gewöhnlich durch die Wildniß, ſondern ſaßen mit ſchlaff herabhängenden Flügeln in ihren Löchern und ließen gellend und mißtönend ihr kläg⸗ liches Geſchrei erſchallen. Es war eine finſtere, unheimliche und ſchauerliche Nacht. Da, es mochte um die vierte Morgenſtunde ſein, arbeiteten ſich mühſam und mit Anſtrengung aller Kräfte drei Männer durch das wild und regellos verſchlungene Geſtrüpp des Selke⸗ thales. Sie gingen aufwärts am Bache entlang und hielten ſich immer möglichſt dicht am Ufer, wo die Bahn noch am freieſten, das Durchkommen am leichteſten war. Dennoch koſtete es Kraft und Athem, vorwärts zu dringen, und oft blieben die Männer, wenn ſie mit Noth und Gefahr kaum hundert Schritte zurückgelegt hatten, ſtehen, um friſche Luft zu ſchöpfen und den ermatteten Gliedern eine kurze Erholung zu gönnen. Der kalte Regen klatſchte ihnen gerade in das Geſicht und durchdrang ihre Kleider bis auf die Haut. Aber mehr noch als von den fallenden Tropfen wurden ſie von den regenſchweren Zweigen beläſtigt, die unaufhörlich näſſende Schauer auf ſie niederſchüt⸗ telten und ſie wohl gar empfindlich und ſchmerzhaft in's Antlitz ſchlugen. Ihre Schritte waren unſicher; oft glitt ihr Fuß auf dem ſchlüpfrigen Boden aus oder ſtrauchelte über die zahllos umherliegenden Felsbrocken, die von den Gipfeln der umliegen⸗ den Berge in's Thal hinabgerollt waren. Der brauſende Sturm durchwehete ihre Glieder mit Eiſeskälte, trieb ihnen un⸗ aufhörlich Schauer von abgeriſſenen Blättern und Zweiglein entgegen, und zwang ſie, oft an den gefährlichſten Stellen, ihre Augen zu ſchließen und ſtill zu ſtehen. Dennoch tönte keine Klage von den Lippen der drei Män⸗ ner, kein Seufzer miſchte ſich mit dem Heulen des Windes. Standhaft ſchritten ſie dem Regen und Sturme entgegen, und ſchienen dem furchtbaren Unwetter durch Beharrlichkeit obſiegen zu wollen. Grau und düſter dämmerte endlich der Morgen auf, und ein ſchwacher Schimmer lichtete ein wenig das Dunkel der Wildniß. Die drei Männer erreichten eine ſchmale Wieſe, welche ſich links an einen dicht bewaldeten hohen Berg anlehnte, und zur Rechten von der raſch dahinfließenden Selke begrenzt war. Hier blieben ſie tief athmend ſtehen, und der Eine von den Wanderern brach endlich das bisherige lange Schweigen. „Hier wären wir denn endlich am Ziele,“ ſagte er.„ Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, das war ein ſchlimmer Weg und eine ſchlimme Nacht! Aber noch eine letzte Anſtrengung und un⸗ ſer Zufluchtsort iſt erreicht. Dieß, meine Freunde,“ fügte er hinzu, auf den Hügel zur Linken deutend,„dieß iſt der Berg, auf deſſen Gipfel einſt die ſtarke Burg meiner Bäter ihre Zin⸗ nen dem Himmel entgegenſtreckte.“ „Dies iſt alſo die Burg Anhalt?“ fragte der jüngſte von den drei Männern, in welchen wir bereits den Fürſten Wolf⸗ gang, Heinrich von Kroſigk und Paul Kramer erkannt haben. „Und in dieſen Trümmern wollt Ihr Schutz gegen Verfolgung ſuchen, gnädigſter Herr?“ 132 „Ja, mein Knabe,“ erwiderte Fürſt Wolfgang.„Es iſt wohl ein öder und trauriger Aufenthalt, aber er wird auch alle Nachforſchungen unſerer Feinde zu Schanden machen. Hier, unter Bären und Wölfen, wird man den Fürſten nicht ſuchen, den ein ſchweres Geſchick aus ſeinen Schlöſſern verjagte. Ein⸗ ſam und verlaſſen, wie ich bin, wird man mir ja hier wenig⸗ ſtens eine ruhige Stätte vergönnen!“ „Oh, ſagt nicht, daß Ihr einſam und verlaſſen ſeid, mein theurer Herr,“ ſprach Paul Kramer mit Innigkeit, indem er des Fürſten Hand ergriff, und warm an ſeine Bruſt drückte. „Hier ſchlägt ein treues Herz für Euch, wenn auch nur das Herz eines armen, niedrigen Landmanns?“ „Und vergeßt Ihr denn mich, Euren Knappen?“ fragte Junker Heinrich bewegt.„Ich wollte ja mit Freuden mein Leben für Euch dahin werfen, wenn es Euch nützen könnte, gnädiger, lieber Herr!“ „Ja, wahrlich, wir haben unbeſonnen geſprochen,“ ſagte der Fürſt, indem ſein bisher düſteres Antlitz ſich aufheiterte. „Es wäre Sünde, wenn wir klagen wollten, ſo lange noch zwei ſo treue Herzen zu uns halten. Ja, noch ſind wir nicht ganz verlaſſen, und Gott wird verhüten, daß ein ſo ſchweres und bitteres Leiden uns jemals betreffen wird. Mein Herz war zaghaft und ſchlug beklommen; Ihr aber habt die Sorgen und den Kummer aus meiner Seele verſcheucht. Habt Dank dafür.“ Raſch ſich abwendend, um ſeine Rührung zu verbergen, klimmte Fürſt Wolfgang den ſteilen Berg aufwärts, und ſeine Begleiter folgten ihm nach. Bald war der Göpfel erreicht, und da mittlerweile der Tag vollends die Schatten der Nacht beſiegt hatte, konnten die Wanderer mit freiem Blicke die Trümmer der ehemals feſten und großen Burg überſchauen. Die Ringmauern lagen nieder, die Gebäude waren zerſtört, die Gräben mit Stei⸗ nen und zerbröckelndem Schutt ausgefüllt. Aber noch ragte feſt und ſtattlich ein mächtiger Thurm in die Höhe, den weder die Gewalt des Feindes, noch die Macht des Feuers, welches einſtens hier wüthete, hatte zerſtören können. Die Thür, welche den Eingang früher verſchloß, war freilich verſchwunden, und von den Fenſtern waren nur die leeren Oeffnungen noch übrig; aber das Innere des Thurmes zeigte ſich gut und trocken, und konnte mit geringer Mühe wieder wohnlich gemacht werden. Ein Fuchs, welcher ſein Lager darin aufgeſchlagen hatte, wurde verjagt und Paul Kramer ging ſchnell an's Werk, für den ge⸗ liebten Fürſten ein weiches Ruhelager zu bereiten. Die Oeff⸗ nungen im Thurme waren bald verſtopft; der Eingang wurde mit einer Decke verhangen und auf den Boden ward ein Hau⸗ fen trockenes Laub geſchüttet, das der flinke und umſichtige Paul in dem gewölbten Eingange eines halb verfallenen Kel⸗ lers aufgefunden hatte. Auf dieſem einfachen, aber weichen Lager ſtreckte der Fürſt die müden Glieder aus, und Heinrich folgte ſeinem Beiſpiele, während Paul noch ein helles Feuer anzündete, um die durchnäßten Kleider und mancherlei Sachen, beſonders Waffen, die er in einem großen Bündel mitgebracht hatte, zu trocknen. Erſt als er auch dies Geſchäft noch mit Sorgfalt verrichtet hatte, warf er ſich ebenfalls auf das Lager nieder, und überließ ſich einem erquickenden Schlummer.— Die Sonne war ſchon hoch geſtiegen und die Mittagsſtunde bereits vorüber, als die Schlafenden durch ein tiefes Gebrumme aus ihrer Ruhe emporgeſchreckt wurden. Sie ſprangen auf und ſahen zu ihrem Erſtaunen den Kopf eines Bären, welcher die Decke vor dem Eingange auf die Seite geſchoben hatte, und eben im Begriffe war, den Schlummernden einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Als die Männer ſich aufrichteten, wich er erſchreckt zurück und verlor ſich bald in dem Dickicht des umliegenden Waldes. „Fuchs und Bär hauſen alſo jetzt in der Wiege meines 134 Stammes,“ fagte der Fürſt kopfſchüttelnd.„Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, ob das wohl meinen hohen Vorfahren geahnet hat? Es iſt doch traurig, zu ſehen, wie im Sturme der Zei⸗ ten alles Hohe und Schöne und Prächtige dahinſinkt, und wie ſo gar nichts übrig bleibt, als nur Trümmer und Verwüſtung.“ „Aber aus den Trümmern erblüht neues, vielleicht ſchöneres Leben, mein gnädigſter Fürſt und Herr!“ ſagte Junker Hein⸗ rich ſchüchtern. „Ja, wenn es Gottes Wille iſt, der freilich Alles wunder⸗ bar leitet mit übermenſchlicher Weisheit!“ erwiderte der Fürſt. „Aber laßt uns die Zinnen des Thurmes beſteigen und ſehen, wie weit unſere Blicke ſchweifen können. Nach Oſten zu öffnet ſich das flache Land;— vielleicht, ach! ſehen wir die Thürme und das Schloß unſerer treuen Stadt Bernburg!“ Eine halb verfallene Wendeltreppe, welche ſich im Innern des Thurmes an der Mauer emporwand, nicht ohne Gefahr in die Höhe klimmend, und eine eiſerne Fallthüre aufſtoßend, die in der Decke des Thurmes eingefügt und noch ziemlich wohl er⸗ halten war, gelangten die Männer auf die Plattform des Thur⸗ mes, wo ſich ihnen ein entzückender Blick in die Weite eröff⸗ nete. Wolfgang trat vor bis dicht an die Brüſtung, und ſchaute mit trunkenem Auge rings umher. Der Himmel hatte ſich aufgehellt und in klarem Glanze leuchtete die Sonne auf die Erde nieder. Tief unten lag in wonniger Schönheit das liebliche Thal, die Selke wand ſich, gleich einem ſchmalen, ſilbernen Gürtel, zwiſchen den dunkel⸗ grünen Wieſen hin, und ihre Wellen blitzten, wo die Sonne ihre grünende Fläche beſchien. Die Wälder auf den Hügeln und Bergen umher prangten, ſo weit das Auge reichte, in dem wundervollen Schmucke der herbſtlichen Färbung und überaus herrlich funkelte die Pracht des gelben, rothen und goldig⸗ braunen Geblätters in dem Lichtmeere der hellen Sonnenſtrah⸗ 13⁵ len, die in blendender Schönheit darüber ausgegoſſen waren. Die Droſſel ſchlug in den Zweigen, und hoch oben in freier Luft ſchwebten in weiten Kreiſen Milan und Falk. Weiterhin öſtlich blitzten die Zinnen der Burg Falkenſtein, und jenſeits der alten Veſte da breitete ſich unüberſehbar die Ebene aus, und ach!— am Horizonte erſchienen, wenn auch unklar und halb in Nebel gehüllt, dennoch dem ſpähenden Auge erkennbar, die Thürme der Stadt und des Schloſſes von Bernburg. Auf ihnen haftete lange Fürſt Wolfgangs Blick, bis endlich heiß und brennend eine Thräne ſeine Wimpern befeuchtete und die Sehkraft ſeines glänzenden blauen Auges verdunkelte. „Oh, mein ſchönes, ſchönes Land,“ rief er ſchmerzlich be⸗ wegt, indem er ſeine Arme ausbreitete und ſich vorn über⸗ beugte, als wollte er ſein Theuerſtes an die Bruſt drücken;— „o, mein ſchönes Land! O, du meine gute, getreue Stadt! Sehnſuchtsvoll ſtrecke ich meine Arme nach dir aus, mein Auge erreicht dich, ein raſches Pferd würde mich in wenigen Stun⸗ den in deine Mauern, unter mein geliebtes Volk tragen, und hier muß ich ſtehen, verjagt aus dem Paradieſe, dem ich nicht nahen, das mein Fuß nicht betreten darf. O, bitter, bitter iſt dieſe Stunde, und mein Herz würde aufhören zu ſchlagen vor Jammer und Wehmuth, wenn du, mein großer Gott, nicht der Stab wäreſt, auf den ich mich ſtütze, der meine wankende Kraft aufrecht erhält. Dies blühende Land war mein, mein waren ein dieſe Berge, dieſe Thäler, dieſe Fluren, die mir nun, vielleicht auf ewig, verloren ſind!“ Der Fürſt bedeckte ſein Antlitz mit den Händen und ath⸗ mete ſchwer. Er rang gewaltig mit dem Schmerz, und ſeine hohe Geſtalt zitterte und bebte in dem mächtigen Seelenkampfe. Junker Heinrich ergriff ſchüchtern ſeine Hand, und während Paul Kramer düſter zur Seite ſtand und zur Erde niederſtarrte, ſagte er weich: 136 „Verzaget nicht, mein gnädiger Herr! Bedenket wohl, von dieſer Stätte aus überſchauten Eure Vorfahren das Land, wie wir, und erwarben Alles, was wir ſehen, und noch Vieles, Vieles mehr. Was damals geſchah, das kann ja wieder ge⸗ ſchehen, um ſo eher, da Ihr ja nur nehmen würdet, was ſchon Euer iſt. Von hier aus ritten Eure Ahnen hinab zu ihrem Glücke, von hier aus werdet auch Ihr Euer Glück wieder er⸗ jagen.“ Wolfgang ſchüttelte mit einem ſchmerzlichen Lächeln ſein 1. ruhete Albrecht der Bär von ſeinen blutigen Schlachten gegen die trotzigen Wenden gegen den löwenherzigen Heinrich von Braunſchweig; hierher kamen die deutſchen Fürſten, um das Haupt meines tapferen Ahnherrn, des großen Otto, mit der deutſchen Kaiſerkrone zu ſchmücken, die er, neben dem Gött⸗ lichen das Irdiſche gering achtend, mit Standhaftigkeit aus⸗ ſchlug. Wahrlich, wahrlich, mit hohem Stolze können die Fürſten von Anhalt auf die Trümmer dieſer Burg ſchauen, deren Hallen nie von einer unedlen, ſchlechten That entweiht wurden.“ Wolfgangs großes, blaues Auge leuchtete noch in höherem lanze, während ſeine Seele ſich in die Vergangenheit verſenkte, und jede Niedergeſchlagenheit ſchien plötzlich von ihm gewichen. 137 Kräftig emporgerichtet, warf er noch einen langen Blick auf die weit ausgebreitete Landſchaft. „Haben wir auch Alles verloren,“ ſprach er hierauf mit Freudigkeit,„das Beſte bleibt uns doch,— unſer Gott und unſer gutes Gewiſſen!“ „Und die Hoffnung auf ein fröhliches Ende aller Leiden,“ fügte Paul Kramer hinzu. Als die Nebel im Thale dampften und die Dämmerung ihren grauen Schleier über die Erde breitete, ſtiegen die drei Männer leichten Herzens von der Zinne des Thurmes hernieder, und ſuchten Erquickung und Vergeſſenheit im Schlafe. Ihr La⸗ ger war ärmlich, aber die Hoffnung, der ſanfte, tröſtende Engel, bettete ihr Haupt mit weicher Hand. Zwölftes Kapitel. Der Herbſt verging, die bunten Blätter fielen von den Bäumen und der Winter deckte die Erde mit ſeinem kalten, weißen Schneetuche zu. Fürſt Wolfgang und ſeine Genoſſen lebten ſtill vor ſich hin, und in regelmäßiger Einförmigkeit ſtrichen die Tage an ihnen vorüber. Es mangelte ihnen nicht am Nothwendigſten. Paul Kra⸗ mer hatte mancherlei Jagdgeräthe geſchnitzt, mit deſſen Hilfe es ihnen gelang, die Thiere der Wildniß zu erlegen. Der noch ziemlich wohlerhaltene, tiefe Brunnen des Schloſſes verſorgte ſie mit Waſſer, und die erjagten Bären, außer mit ihrem wohl⸗ ſchmeckenden Fleiſche, auch mit weichen, wärmenden Fellen. Das Thurmgemach, welches die Einſiedler bewohnten, war —„— 138 gegen allen Ungeſtüm der Witterung verwahrt worden. An den Wänden hingen die Waffen, mit denen ſich Paul Kramer vor der Abreiſe in die einſame Wildniß verſehen hatte, und es fehlte da nicht an gewichtigen Schwertern und ſcharf geſchliffenen Dolchen. Selbſt ein paar lange Reiterpiſtolen, mit unförm⸗ lichen Radſchlöſſern verſehen, erblickte man unter den andern Waffen. Junker Heinrich hatte ſie aus Bernburg mitgebracht, wohin er beim Beginn des Winters vom Fürſten geſchickt wor⸗ den war, um in's Geheim den Bürgermeiſter Melchior Wagnitz ſeinen dermaligen Zufluchtsort wiſſen zu laſſen. „Nehmt ſie mit Euch,“ hatte der tapfere Melchior geſagt, als er dem Junker die Piſtolen übergab.„Ladro's Spürhunde ſind ohne Raſt auf den Beinen, und wenn unſeres gnädigſten Herrn Schlupfwinkel entdeckt werden ſollte, können die Waffen Euch vielleicht gute Dienſte leiſten. Im Uebrigen, Junker, ſagt unſerem theuren Verbannten, der Melchior ſchlafe nicht, und man werde bald von ihm hören.“. Dieſe Worte des Bürgermeiſters hatten freudige Hoffnun⸗ gen in dem Herzen Wolfgangs erweckt, da er ſie auf eine nahe bevorſtehende Geſandtſchaft der Bürger an den Kaiſer deutete. An dieſer Hoffnung hielt er feſt und ließ ſie nicht ſinken, ob⸗ gleich viele, viele Tage vergingen, ohne daß er fernere Kunde von ſeinen Unterthanen empfing. Endlich ſchaute der liebe Monat Mai mit ſeinem grünen Blätterſchmucke und ſeinen lieblichen Blüthenkränzen wieder über die Bergkuppen hinüber, und wie draußen Alles friſch grünte und ſproßte, ſo grünte und ſproßte auch in den Herzen der Verbannten mit neuer Kraft die freundliche Saat hoff⸗ nungsfreudiger Gefühle empor. Nun mußte ja ihr Schickſal bald entſchieden werden. Die Geſandten an den Kaiſer mußten nach den Berechnungen Wolfgangs bereits nach Bernburg zu⸗ rückgekehrt ſein, und der Fürſt zweifelte kaum daran, daß ſie — einen günſtigen Erfolg errungen hätten. Oft beſtieg er die Zinne des alten Thurmes und ſchaute im Thale entlang und über die Ebene hinweg nach ſeiner geliebten Stadt hinüber. Wenn ſich drunten im Walde Etwas regte, ſo ſchlug ſein Herz voll Erwartung; denn er glaubte eine Schaar ſeiner treuen Bürger würde aus dem Dickicht hervorbrechen, um ihm ſeine Befreiung, ſein Glück zu verkündigen. An Verrath und Ueber⸗ fall dachte er nicht; und dennoch war eine ſolche bange und gefahrdrohende Stunde ihm näher, als die Erfüllung ſeiner glänzenden Hoffnungen. Eine wonnige Frühlingsnacht lag duftig über der Erde. Die Natur ſchlummerte. Auch Fürſt Wolfgang und die Ge⸗ noſſen ſeiner Einſamkeit hatten ihre Augen zugethan, und träumten vielleicht füßen ruhigen Traum. Draußen wandelte der Vollmond am tiefblauen, wolkenloſen Himmel, und goß ſein zauberhaft liebliches Licht über die Wälder aus. In den Bü⸗ ſchen ſäuſelte ein milder Hauch, und in das Säuſeln miſchten ſich ſchmelzend und klagend die Töne einer Nachtigall, aus den Zweigen einer Linde erſchallend, die inmitten der Trümmer dicht an dem Thurme der zerfallenen Burg ihre ſchattenreichen Zweige ausbreitete. Der ſüße Geſang weckte die Schläfer nicht; ein wilderer Klang ſollte den Schlummer von ihren geſchloſſe⸗ nen Augen ſcheuchen. Unten im Thale regte ſich's geheimnißvoll in dem Dickicht des Waldes, das Geſtampf muthiger Roſſe, leiſes Waffengeklirr und halblaute Stimmen unterbrachen die tiefe Stille der Wild⸗ niß. Bei dem ſchwachen Schimmer einzelner Mondſtrahlen, die durch das Gegitter der belaubten Bäume brachen, konnte man eine Schaar reiſiger Männer erkennen, welche den Worten und Winken eines vom Kopf bis zu den Füßen geharniſchten Rit⸗ ters gehorchte. „Herunter von den Pferden!“ befahl dieſer herriſch, aber 140 mit gedämpfter Stimme.„Bindet die Thiere an den Bäumen feſt, und dann vorwärts, gerade den Berg hinauf. Aber haltet Euch ſtill, und hütet Euch, Geräuſch zu machen! Wenn uns diesmal der Fang entgeht, gewinnen wir ihn nimmer!“ „Wißt Ihr denn aber auch ganz gewiß, daß der Fürſt in dem alten Gemäuer bei Kauz und Uhu im Verborgenen lebt, Graf Ladro?“ fragte der Hauptmann, welchen wir in der Mühle zu Körau ſchon kennen lernten, den Anführer.„Wenn Ihr Euch nur nicht täuſcht! Es iſt doch ſo gar öde und ein⸗ ſam in der Gegend! Ich kann es nicht glauben, daß ſelbſt ein geächteter und vogelfreier Mann lange Monate hindurch hier aushalten ſollte!“ „Thorheit, Herr Hauptmann!“ erwiderte Graf Ladro. „Meint Ihr, ich würde um nichts und wieder nichts meine Glieder in Gefahr begeben, in dem verdammten Dickicht hier in Stücke zerbrochen zu werden? Conrad, der ſchon einmal die Fährte des Wildes fand, hat ſie abermals ausgeſpürt, und auf ihn kann ich mich verlaſſen. Er durchſtreifte die Schluchten des Harzes und ſah eines Tages vom Berge dort drüben, den das Volk in dieſer Gegend den Meiſeberg nennt, Rauch aus dem alten Thurme der Burg oben aufſteigen. „Wo Rauch iſt, iſt auch Feuer,“ dachte er und legte ſich auf die Lauer. Tags darauf erblickte er den Fürſten jagend im Walde, und eilte zu mir, der treue Mann, um mir ſeine Nach⸗ richten mitzutheilen. Dort oben liegt der Bär, und in ſeiner eigenen Höhle wollen wir ihn fangen. Gelt, Conrad?“ „Der Fürſt bewohnt jetzt die alte Burg, das verbürge ich mit meinem Leben!“ erwiderte der Spion.„Ob wir ihn aber fangen, das hängt von Euch ab, gnädiger Herr. Er iſt ein ſcheues und tapferes Wild; das bedenkt.“ „Wohl geſprochen, mein Burſch!“ antwortete der Graf tückiſch lächelnd.„Aber ſei der Bär noch ſo ſchlau und ſtark, 141 der Jäger überliſtet und bewältigt ihn doch. Doch jetzt keine Worte mehr. Vorwärts, Leute! Klimmt den Berg hinan, und tretet leiſ und behutſam auf! Der Erſte, der Geräuſch macht, ſoll meine Klinge koſten! Marſch!“ Den Grafen an der Spitze klimmten die Reiſigen ſtill und lautlos den Berg aufwärts. Ohne weiteres Geräuſch, als etwa das Knacken eines dürren Zweiges, der unter den Füßen der Söldner zerbrach, gelangten ſie auf die Höhe und umringten auf Graf Ladro's Wink den Thurm, ſo daß die Eingeſchloſſenen auf keine Weiſe ohne Kampf zu entrinnen vermochten. Beim hellen Mondſchein hatte der Graf bald den Eingang des Thur⸗ mes aufgefunden, aber eine von dem vorſichtigen Paul feſt ver⸗ rammelte Thür verwehrte ihm das weitere Vordringen. „Verdammt,“ murmelte er.„Die Füchſe haben ihren Bau tüchtig verrammelt! Ein Brecheiſen!“ Der Verräther Conrad hatte ein ſolches zur Hand, und Graf Ladro ſteckte es mit eigener Hand in die Fugen der Thüre. So behutſam er aber auch bei dieſem Geſchäfte verfuhr, er konnte dennoch ein leiſes Geräuſch nicht vermeiden, welches augenblicklich die Augen Paul Kramers öffnete. Der ehrliche Burſche richtete ſich auf, lauſchte einen Augenblick und erkannte ſofort mit hurtigem Geiſte die Wahrheit. „Auf! Zu den Waffen! Der Feind iſt da!“ ſchrie er laut und ſprang in die Höhe, um ohne Zögern die Waffen von den Wänden zu reißen. Sein banger Ruf weckte die beiden andern Schläfer, und in einem Augenblicke waren auch ſie auf den Füßen. „Was gibt's?“ fragte Fürſt Wolfgang, indem er mit raſcher Hand zu dem längſten und breiteſten Schwerte griff. Ehe Paul antworten konnte, erſchallte draußen ein lautes Geſchrei, und belehrte den Fürſten, daß ſie verrathen wären. : Hurtig ſprang er einige Stufen in die Höhe, blickte aus einer 142 der Fenſteröffnungen in's Freie, und gewahrte nun im hellen Mondenlichte die gewappnete Schaar, welche den Thurm von allen Seiten einſchloß. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit, wir ſind Alle verloren!“ ſagte er ſeufzend, indem er die Stufen wieder hinunterſprang. „Es jammert und ſchmerzt mich tief, meine theuren Freunde, daß Ihr um meinetwillen den Tod erleiden müßt!“ „So weit iſt's noch nicht, mein gnädigſter Herr,“ erwi⸗ derte Paul Kramer, der, ein Schwert in der Hand, ſich feſt gegen die Thür ſtemmte, an deren Erbrechung Graf Ladro von außen mächtig arbeitete.„Hier unten können wir uns freilich nicht lange halten, aber ſchwer ſoll es den Feinden werden, die Plattform oben zu gewinnen. Eilt hurtig hinauf, gnädigſter Herr, und Ihr, Junker, folgt! Sobald Ihr oben ſeid, ſpringe ich nach. Noch hält die Thür, und ſie wird halten, bis wir Alle geſichert ſind!“ „Was könnte die kurze Friſt uns helfen?“ fragte der Fürſt.„Zum Kampfe muß es ja doch kommen, und darum laßt uns jetzt hinaus und uns durchſchlagen, oder mit dem Schwerte in der Hand fallen, wie es tapferen Kriegern ge⸗ iemt!“ „Eilt, eilt, gnädigſter Herr, ich bitte, ich beſchwöre Euch!“ rief Paul Kramer in Tönen der höchſten Angſt, da er dem An⸗ drange der Feinde kaum noch zu widerſtehen vermochte.„Eine Minute gewonnen, kann Alles wenden! Darum hinauf! hin⸗ auf! theurer Herr!“ Wolfgang gab der dringenden Bitte nach, und eilte mit Heinrich von Kroſigk die Stufen der Wendeltreppe empor. Schon hatte er die Fallthür gelüpft, und wollte eben auf die Plattform treten, als er plötzlich ein lautes Krachen vernahm, einen Blick zurückwarf, und die Thüre am Eingange des Thur⸗ mes ans ihren Angeln geſprengt ſah. Die Feinde, der Graf voran, ſtürmten jauchzend herein, ergriffen Paul, der bei dem heftigen Stoße niedergeſtürzt war, mit rohem Gelächter, und wollten dem verzweifelt Ringenden eben die Waffen entreißen, als Fürſt Wolfgang, die Treppe hinabfliegend, mit furchtbarem Ungeſtüm unter ſie ſtürzte, und in einem Augenblicke durch ein paar Schwertſchläge den bedrängten Freund befreite. Ein grimmiger Kampf entbrannte. Die Feinde lechzten nach Fürſt Wolfgangs Blute, und ihr Begier wurde durch Graf Ladro's lauten und drohenden Zuruf bis zur Wuth angefacht. Bei der Dunkelheit, die in dem Thurme herrſchte, in wel⸗ chen nur von oben her durch die geöffnete Klappe in der Platt⸗ form ein ſchwacher Lichtſchimmer fiel, konnte man weder Freund noch Feind deutlich erkennen. Alles wogte wild durch einander. Die Schwerter durchpfiffen und durchſausten die Luft, und fielen klirrend und ſchmetternd auf Pickelhaube und Harniſch nieder. Fürſt Wolfgang kämpfte mit Anſtrengung aller Kräfte, ähnlich einem ergrimmten Bären, den man in ſeiner Höhle ein⸗ geſchloſſen hat. Treulich ſtanden Paul Kramer und Junker Heinrich ihm zur Seite, und mancher Kriegsknecht erlag ihren furchtbaren Hieben. In das Geklirr der Waffen, in den wilden Ruf Graf Ladro's, und in das Geſchrei der Kriegsknechte miſchte ſich bald das Stöhnen und Seufzen verwundeter und ſterbender Männer, und ſchauerlich hallte mancher Weheſchrei von den Wänden des alten Thurmes wieder. Der Kampf, obwohl Fürſt Wolfgang und ſeine Getreuen alle Kräfte zu ſtandhaftem Widerſtand aufboten, war jedoch zu ungleich, um lange unentſchieden bleiben zu können, und Jeder der Ueberfallenen ſah das Troſtloſe ihrer Lage ein. Während von außen her Söldner auf Söldner durch die Thurmpforte drangen, ermatteten die Vertheidiger mehr und mehr, und wur⸗ den immer weiter gegen die Stufen der Wendeltreppe zurückge⸗ 8 drängt. Paul Kramer warf einen troſtloſen, verzweifelten Blick zum Himmel empor. „Herr, ſprach er halb athemlos, aber ununterbrochen wei⸗ ter fechtend, zu Wolfgang,„Herr wir ſind alle verloren, wenn Ihr jetzt nicht auf meine Stimme achtet. Die Treppe iſt ſchmal, und Einer reicht hin, ſie zu vertheidigen, während ſich die Anderen auf die Plattform zurückziehen. Der Augenblick iſt gekommen, wo ich meine Schuld büßen kann! Denkt an Mühlberg! Ich wanke nicht von der Stelle, ſo lange ich noch den Arm heben und mein Schwert führen kann. Ihr aber ſteigt auf den Thurm!“ Wolfgang ſchüttelte den Kopf. „Ich fechte und ſterbe mit Euch!“ ſagte er feſt. „So durchbohre ich mich ſelber vor Euren Augen!“ rief Paul Kramer.„Es iſt genug, daß Einer ſtirbt! Und dann, — es kann mir ja gelingen, fechtend die Wendeltreppe zu er⸗ klimmen, wenn Ihr oben ſeid. Zögert nicht, gnädigſter Herr! Denkt an Mühlberg! Denkt an meine Schubd. Denkt an den Junker Heinrich, der ganz nutzlos ſein junges Leben aushau⸗ chen muß!“ Die letzten Worte des tapferen Landmanns überwältigten den Fürſten. „Wohlan, ſo ſicht und ſtirb, du treuer Mann,“ rief er mit brechender Stimme.„Aber ein Denkmal will ich dir aufrich⸗ ten, ſo groß und herrlich, wie deine That, von der man noch reden wird in den ſpäteſten Tagen, ſo lange die Treue nicht ein leerer Schall geworden iſt im deutſchen Lande. Fahre wohl, du Lieber und Treuer!“ „Gott ſegne Euch, Herr!“ rief Paul Kramer mit ſtarker Stimme.„Ich— mit Freuden für Euch!“ Mit der letzten gewaltſamen Anſtrengung aller Kräfte ſtürzte er gegen den Knäuel der Feinde vor, welche, erſtaunt 145 über dieſe unerwartete Kühnheit, einen Schritt weit zurück⸗ wiechen. Dieſen Augenblick benutzte der Fürſt, ergriff den Jun⸗ ker bei der Hand und zog ihn raſch ſich nach, die Treppe hinan. Graf Ladro bemerkte es und ſtieß einen Schrei der Wuth aus. „Vorwärts, Hunde!“ brüllte er wie außer ſich, und hieb toll und blind auf ſeine eigenen Leute los.„Der Fang ent⸗ geht uns! Ihm nach! Ihm nach!“ Der wilde Schrei verfehlte ſeine Wirkung nicht. Ein furchtbarer Hieb des Hauptmanns, welcher auf das ungedeckte Haupt Paul Kramers niederſchmetterte, warf den treuen Mann ſchwer verwundet zu Boden und über ſeinen Körper hinweg ſtürzten die Söldner der Treppe zu. Aber ſchon war es zu ſpät. Fürſt Wolfgang befand ſich mit Junker Heinrich in Sicherheit auf der Plattform und die raſch zugeworfene eiſerne Fallthür ſchützte ihn vor dem Grimm der wüthenden Verfolger. „Pulver herbei!“ rief Graf Ladro mit vor Wuth heiſerer Stimme.„üUnterminirt den Thurm und ſprengt ihn mit ſammt dem geächteten Bären in die Luft!“ „Halt da, im Namen des Kaiſers!“ rief jetzt plötzlich an der Außenſeite des Thurmes eine kräftige Männerſtimme.„Die Schwerter eingeſteckt! Ich bringe Frieden und Verſöhnung!“ Erſchreckt verließ Graf Ladro mit ſeinen Leuten den Thurm, und von oben her erſchallte der freudige Ruf Fürſt Wolfgangs. „Hilf, du heilige Dreifaltigkeit! Das iſt Melchior Wag⸗ nitz, der wackere Bürgermeiſter unſerer getreuen Stadt Bern⸗ burg!“ „Ja, der iſt's, und bringt freudige Botſchaft, mein hoher Herr!“ rief Melchior Wagnitz jauchzend zur Zinne des Thur⸗ mes empor.„Gott ſei ewig Dank, der mich noch zu rechter Zeit hierhergeführt hat. Hier ſind die Pergamente der Kaiſer⸗ lichen Majeſtät. Die Acht iſt von Euch genommen. Ihr ſeid in alle Eure Rechte wieder eingeſetzt und der Kaiſer bewilligt Fürſt Wolfgang. 10 3 146 Euch und Euren Unterthanen freie und ungehinderte Reli⸗ gionsübung! Ihr ſeht, Graf Ladro, hier iſt nichts mehr für Euch zu thun.“ Der alſo Angeredete ſtieß einen wilden Fluch aus und gern hätte er den kühnen Bürgermeiſter, der hoch und ſtattlich zu Pferde ſaß, mit ſeinem Schwerte niedergehauen. Aber er wagte es nicht, denn eine kleine Schaar wackerer bewaffneter Bürger aus Bernburg hatte den Melchior begleitet und legte bei den drohenden Blicken des Grafen furchtlos die Hand an's Schwert. „Rechts um! Vorwärts!“ befahl der Graf mit verbiſſenem Grimme den Söldnern, und nach wenigen Augenblicken war er mit ſeinen Leuten im dichten Walde verſchwunden. Mit freudigem Herzen hatte Fürſt Wolfgang die frohe Botſchaft des Melchior Wagnitz vernommen; aber ein bitterer Schmerz ſchnürte plötzlich krampfhaft ſein Herz zuſammen, als er ſeines treuen Begleiters Paul gedachte. „O, mein Gott, laß dieſen Kelch an mir vorübergehen,“ murmelte er haſtig und ſtieg ſchnell die Treppe hinab, um ſich über das Schickſal des Mannes, den er ſo ſehr liebte, Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. Heinrich folgte ihm und bei dem ſchwachen Schimmer des Morndlichtes, welches von oben her in den Thurm fiel, hatten ſie bald den lebloſen Körper Paul Kramers unter den übrigen Verwundeten aufgefunden. Der Fürſt raffte ihn auf, drückte ſein blutiges Haupt an ſeine Bruſt und trug ihn hinaus in's Freie. Hier legte er ihn ſanft auf den ſchwellenden Raſen nieder und knieete neben ihn hin, um ſeinen Zuſtand zu unterſuchen. Der Mond ſchien hell und leuchtend auf Paul Kramers todtenblaſſes Antlitz, die ehrlichen Züge waren ſtarr, die Augen geſchloſſen, und aus einer ſpannenlangen Wunde rieſelte Blut über ſeine bleichen Wangen. Wolfgang achtete auf nichts und kuͤmmerte ſich um nichts, als um den lebloſen Freund. Er 147 beugte ſich über ſein Angeſicht und eine ſchwere Thräne fiel heiß und glühend auf Pauls Stirn. „Paul! Mein Freund! Mein Retter! Wache auf!“ rief Fürſt Wolfgang in Tönen des bitterſten Schmerzes.„Du wirſt mich doch jetzt im Glücke nicht verlaſſen wollen, da du im Unglück ſo treulich zu mir geſtanden haſt! Wache auf, Paul! Wache auf!“ Während der Fürſt alſo klagte und ſeinen Schmerz über den vermeintlich erſchlagenen Freund nicht zu bewältigen ver⸗ mochte, ſprang Junker Heinrich an den Brunnen, ſchöpfte Waſſer und brachte es in einem Helme herbei. Zugleich ſtieg Melchior Wagnitz vom Pferde und betrachtete mit prüfendem Auge das Angeſicht des Verwundeten. „Der Mann lebt, gnädigſter Herr,“ ſagte er darauf ruhig.„Seine Augenlider zucken, und ſchon hebt und ſenkt ſich ſeine Bruſt. Nur Waſſer her, dann wird er bald wieder zu ſich kommen.“ Er riß dem Junker, der eben herzutrat, den Helm aus der Hand, wuſch dem Ohnmächtigen das Blut aus dem Geſicht, verband ſeine Wunde mit einer Schärpe, und hatte die Freude, ihn noch unter ſeinen Händen erwachen zu ſehen. Fürſt Wolf⸗ gang ſtieß einen lauten Freudenſchrei aus, als der Verwundete die Augen aufſchlug und verwundert umherblickte. „Mein Himmel,“ ſagte er mit matter Stimme,—„bin ich denn unter Freunden oder hat mich der liebe Gott ſchon zu ſich genommen und wache ich in ſeinem Himmel auf?“ „Nein, nein,“ rief Wolfgang freudig,„noch halte ich dich in meinen Armen, noch biſt du der irdiſchen Welt nicht entrückt, und ſo Gott will, wirſt du noch lange an meiner Seite wandeln.“ „Die Wunde zum wenigſten wird ihm nicht viel anhaben,“ ſagte Melchior Wagnitz.„Sie iſt wohl recht ſchmerzhaft und wird ein paar Wochen zur Heilung bedürfen, aber Gefahr iſt nicht vorhanden.“ „Gott ſegne Euch für dieſen Troſt!“ rief der Fürſt herz⸗ lich und richtete ſich aſch auf, um nun ohne Zögern die nö⸗ thigen Anordnungen zur Bequemlichkeit Pauls zu treffen. Eine Tragbahre von grünen Zweigen war bald geflochten, Paul wurde in Bärenfelle und Decken eingehüllt, auf die Bahre gelegt, und konnte auf ſolche Weiſe ohne Gefahr weiter geſchafft werden. Erſt als dies Alles geſchehen war, ſchaute ſich der Fürſt nach ſeinen getreuen Bürgern um und erblickte unter ihnen mit herzlicher Freude manchen alten Bekannten. Das war ein fröhliches und herzerhebendes Wiederſehn und mit tiefer Rührung gewahrte Fürſt Wolfgang, wie den wackern Män⸗ 4 nern die hellen Thränen der Freude über die Wangen liefen, als er ihnen ſeine Hand reichte und für ihren Beiſtand mit herzlichen Worten ſeinen Dank ausſprach. „Aber nun laßt uns nicht länger hier zögern,“ wendete ſich der„Fürſt endlich an Melchior Wagnitz.„Mich verlangt nach mänem guten Volke, und auch meinem treuen verwun⸗ deten Paul wird es gut thun, wenn er baldmöglichſt zur Ruhe kommt. Heute noch wollen wir in unſerm Schloſſe zu Bernburg ſchlafen, und darum müſſen wir eilen. Unterwegs erzählt Ihr mir wohl, wie Ihr ſo ganz zur rechten Stunde bei znſcren Verſtecke angelangt ſeid.“ Vier der ſtärkſten Männer luden den Verwundeten auf ihre Schultern, Fürſt Wolfgang und Junker Heinrich ſtiegen zu Pferde, und langſam und vorſichtig ging es den ſteilen Burgberg hinab. Der Mond ſchien ſo hell, daß Alle ohne Schaden im Thale anlangten. Beim Aufgange der Sonne* hatten ſie ſchon das Thal hinter ſich und gelangten nach Meißdorf, wo der Verwundete auf einen Wagen gebracht ——— ——— 149 wurde. Jetzt ging es noch hurtiger, als bisher, vorwärts, und Melchior Wagnitz verkürzte dem Fürſten die Zeit, indem er ihm erzählte, wie die Geſandtſchaft der Bürger Bernburgs vom Kaiſer aufgenommen worden ſei. „Kaiſerliche Majeſtät,“ ſagte er,„empfingen uns recht gnädig und herablaſſend, wollten aber anfangs von keiner Ver⸗ ſöhnung mit Euch, gnädiger Herr, etwas hören. Als wir aber erzählten, wie Graf Ladro uns ſo arg bedrückt und ge⸗ drängt habe, daß wir endlich hätten wollen zum Schwerte grei⸗ fen, und nur durch Euch wären zurückgehalten worden, da wurde der Kaiſer um Vieles freundlicher und ging dann eine ganze Weile nachdenklich im Zimmer auf und ab, bis er ſich endlich mit der Frage an mich wendete: ‚Alſo der Fürſt ſelber hat Euch zum Gehorſam gegen Euren Bedrücker ermahnt?““ „Ja, Kaiſerliche Majeſtät,“ erwiderte ich. ‚Unſer Herr verwies uns ſtets alle gewaltſamen Schritte und gab uns den Rath, Eurer Majeſtät unſere Leiden und unſeren Jammer zu llagen. „Als ich das ſagte, fiel mir Walter Madelung in die Rede und ſetzte hinzu: ‚Weil Ihr zwar ein geſtrenger Mann wäret, Majeſtät, aber doch auch gnädig und ſanft, und ein gütiger, lieber Herr!' „„Das ſagte Fürſt Wolfgang?' fragte der Kaiſer ganz überraſcht.— ‚So ſprach der Mann von uns, den wir ge⸗ ächtet und aus ſeinem Lande getrieben haben? Sprichſt du die Wahrheit, Menſch?“*“ „„Ja, Gott weiß es!’ antwortete der Waffenſchmied. Werde mich wohl hüten, Eurer Kaiſerlichen Majeſtät Ohren mit Lügen zu füllen 64 „Der Kaiſer lächelte freundlich bei dieſen Worten des wackeren Mannes, ſah gnädig auf uns herab und fragte uns . 150 Vielerlei, beſonders über Euer Durchlaucht Regierungsweiſe und dergleichen mehr. „Geht nur hin, lieben Leute,“ ſagte er dann endlich ſanft. ‚Morgen werdet Ihr von uns hören!’ „Wir gingen nach unſerer Herberge und am nächſten Tage brachte uns der Geheimſcheiber die Pergamente, auf welchen alle die guten Nachrichten ſtanden, welche wir Euer Durch⸗ laucht überbracht haben. Mit welchem freudigen Herzen wir von Wien abreisten, gnädigſter Herr, das läßt ſich nicht be⸗ ſchreiben. Nach langer, beſchwerlicher Reiſe kamen wir endlich geſtern in der Frühe zu Bernburg an und hörten, daß Graf Ladro mit einer Schaar Bewaffneter nach dem Harze aufge⸗ brochen ſei. Alsbald vermutheten wir Unheil und warfen uns von Neuem auf die Pferde, um Euch baldmöglichſt die fröhliche Botſchaft zu verkündigen und im Nothfall auch Euch Beiſtand zu leiſten. Das Uebrige wißt Ihr, gnädigſter Herr,— wir kamen eben noch zu rechter Zeit, um den bitterſten Schmerz, den größten Verluſt von uns abzuwenden.“ Schweigend drückte Fürſt Wolfgang des braven Mannes Hand und ritt eine Weile geſenkten Hauptes neben ihm hin. „Ihr habt mir eine ſchwere Laſt der Dankbarkeit aufge⸗ bürdet,“ ſagte er dann weich und ſanft.„Ich werde das Euch und meiner getreuen Stadt nicht vergeſſen!“ Die Sonne neigte ſich zum Untergange, als Fürſt Wolf⸗ gang mit ſeiner Begleitung das Gehölz erreichte, welches, an die Saale gränzend, dem Schloſſe von Bernburg gerade ge⸗ genüber lag. Er ſehnte ſich darnach, die heimathlichen Gemä⸗ cher wieder zu ſehen und wünſchte nicht minder, den verwun⸗ deten Paul ſo bald wie möglich zur Ruhe zu bringen. Anſtatt alſo den weiten Weg durch die Stadt einzuſchlagen, verab⸗ ſchiedete er freundlich die Bürgerſchaft und verfolgte einen Weg zur Rechten, welcher an das Ufer des Fluſſes führte. — 151 Junker Kroſigk, den Wagen lenkend, auf welchem Paul Kra⸗ mer lag, und Martin Bär folgten ihm. Nach wenigen Minuten hatte der Fürſt, ſeinen Begleitern voorauseilend, eine kleine Wieſe erreicht, deren grüner, blumen⸗ geſchmückter Saum von den vorübergleitenden Wellen der Saale beſpült wurde. Hier, aus dem Walde tretend, ſtand er gerade ſeinem Schloſſe gegenüber, das er ſeit ſo langer Zeit nicht geſehen hatte, aus dem er, ein geächteter Flüchtling, gezogen war, um es als freier Fürſt des deutſchen Reiches wieder zu betreten. Tiefe Rührung ergriff ihn, als er ſeine Augen zu dem alten, ehrwürdigen Gebäude erhob. Die letzten Strahlen der Sonne blitzten von den Fenſtern wieder und goßen einen röth⸗ lichen, verklärenden Schimmer auf die altersgrauen Mauern, auf die ſtarken, trotzig ragenden Thürme. Links hin glitt ſein Blick über die Saale und über die Gebäude der Stadt, deren rothe Dächer freundlich aus dem Gebüſch auftauchten; rechts hin ruhte er auf den grünen Wäldern, aus denen der Ge⸗ ſang munterer Vögel erſchallte. „Deine Hand hat mich wunderbar geleite, mächtiger Gott,“ rief er aus.„Schwer waren die Prüfungen, die du mir auferlegteſt, aber überaus herrlich haſt du vergolten und die wunde Seele mit dem Balſam deiner Gnade erquickt und getröſtet!“ Er ſprang von ſeinem Roſſe, knieete nieder auf den raſigen Grund und erhob Augen und Hände zum Himmel, um in ſtillem Dankgebete ſeine Seele zum Vater über den Wolken emporzurichten. Eben hatte der Fürſt ſich wieder von den Knieen erhoben, als Martin Bär und Junker Kroſigk mit dem Verwundeten anlangten. Ein Nachen war bald gefunden und der ehrliche Fiſcher ruderte die Heimkehrenden an das jenſeitige Ufer hin⸗ über. Während der Nachen leiſe rauſchend über die Wellen glitt, erinnerte ſich Fürſt Wolfgang des ſchweren Tages, da er ſein Schloß und ſeine getreuen Bürger verlaſſen mußte, und ſein Herz ſchlug in raſchen Schlägen, als er bedachte, wie ganz anders, wie ſo viel beſſer ſich ſeitdem die Verhältniſſe geſtaltet hatten. „Ja,“ rief er aus, in der Erinnerung an das Lied, das er damals auf dem Marktplatze von Bernburg geſungen,„ja, eine feſte Burg iſt unſer Gott, und eine gute Wehr und Waffen! Er hat uns frei gemacht von aller Noth, und jetzt glücklich in das theure Vaterland zurückgeführt. Ihm ſei Ehre, Lob, Preis und Dank!“ Freudig ſtimmten ſeine Begleiter in dieſen Ruf ein.— Ehe der letzte Strahl der Sonne hinter den rebenbekränz⸗ ten Bergen verſchwand, befanden ſich Alle oben auf dem Schloſſe, welches Graf Ladro nicht wieder zu betreten gewagt hatte. Wir ſchweigen von dem Jubel der Bürgerſchaft, welche ihren geliebten Fürſten gleich nach ſeiner Ankunft begrüßte, ſchwei⸗ gen von den freudigen Gefühlen, welche Wolfgangs Herz ſchwellten, als er frei und glücklich ſeinem Volke, ſeinen Kin⸗ dern wieder gegenüberſtand. So viel aber können wir ſagen, daß die Heimgekehrten lange nicht ſo ſüß geſchlafen hatten, als in der Nacht, welche dieſem Tage folgte, obgleich der Fürſt und Heinrich, von der Liebe der Bürger zurückgehalten, erſt ſpät ihr Lager aufſuchen konnten. Ehe wir von unſern Leſern Abſchied nehmen, müſſen wir noch einige Worte über die ferneren Schickſale unſerer Freunde hinzufügen. 153 Fürſt Wolfgang regierte noch lange Jahre und ſeine Hand ſtreute eine Fülle von Segen über ſein beglücktes Volk. Die Stadt Bernburg ward für ihre Treue reich belohnt. Der Fürſt verlieh ihr werthvolle Privilegien und nannte ſie vorzugsweiſe ſeine liebe und getreue Stadt. Der Bürgermeiſter Melchior Wagnitz ſtand in hohen Ehren bei ſeinem dankbaren Herrn, und ein ſchönes Landgut, in der Nähe von Bernburg gelegen, lohnte ſeinen Eifer und ſeine Anhänglichkeit. Der Müller von Körau mußte ſeine Mühle verlaſſen und der Fürſt baute ihm eine an⸗ derere auf einer Inſel mitten in der Saale, deren Geklapper noch heutzutage munter durch das Rauſchen der Wellen und das Brauſen der mächtigen Waſſerräder erſchallt.— Heinrich von Kroſigk und Paul Kramer, welcher Letztere nach einigen Wochen glücklich von ſeinen ſchweren Wunden genaß, durften den Fürſten nie wieder verlaſſen. Mit allen Banden der Liebe wußte ſie der edle Wolfgang an ſich zu feſſeln und ſeine Zu⸗ neigung war ihnen theurer und galt ihnen viel höher, als alle Schätze, mit denen ſeine freigebige Hand ſie überhäufte. Fürſt Wolfgang. -— ⁵ —— 2 —— ——= ——— 55—— — —=— — —— 8 9 4 Nar cereer eſech ecei ee 3 8“ ““ * — —, reemnmm 8. 5 5 * 5 8 5 1 * *— 3 .* “ “ 3 82 3* 3 1 2 8,