Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —*den angenommen.. 8— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträͤgt: Aeehentlich 3 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: für w auf 1 Monat: 1 Mk. Tf. 1 Mr. 50 PFf. 2 M Pf. u1 1 11— 9—. u 1I.— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In der großen, weitläufigen, ja man könnte bei⸗ nahe ſagen, unendlichen Stadt London, wo ſo oft der blendendſte Glanz und die ſchmutzigſte Armuth, die ſtille erhabene Tugend und das ſcheußlichſte Laſter, die uneigennützige Frömmigkeit und die gottvergeſſenſte Sünd⸗ haftigkeit in ſchneidendem Contraſte dicht neben einan⸗ der wohnen, wo an jedem Morgen Tauſende von Menſchen ſich von ihrem erbärmlichen Lager erheben, ohne zu wiſſen, wie ſie den Tag über den nagenden Hunger ſtillen ſollen, wo oft neben der Hütte ein Palaſt prangt, und neben einem Hauſe Gottes ruch⸗ loſe Menſchen ihr Weſen treiben; in jenem endloſen Gewirr von Straßen und Häuſern, wo ſich täglich, ſtündlich mehr denn hunderttauſend Gauner, Mörder und Diebe unter den ehrlichen Leuten umhertreiben, lag in einem engen, winkligen, ſchmutzigen Gäßchen eine halb zerfallene, niedrige, verwahrloste Hütte. Die Hälfte ihrer Dachziegel war durch den Einfluß der Witterung zerſtört worden, und die andere Hälfte hing nur noch loſe an den halb verfaulten und verwitterten Wohlthun. 1 Sparren; ein Theil der Fenſterſcheiben war zerbrochen, und verwehrte nicht Winden noch Regengüſſen das Eindringen in die inneren Räume; die äußeren Wände waren ihres Anputzes beraubt, und der Kalk wie die Steine der Mauern zerbröckelten langſam aber ſicher unter dem raſtlos nagenden Zahne der Zeit. Schon von außen ſah man dem elenden Gebäude an, daß ſein Inneres ſich in gleich erbärmlichem Zuſtande befinden müſſe, und nur mit trauerndem Mitleide konnte das Auge eines Menſchenfreundes darauf verweilen. Und wohl ſah es betrübend aus und herzbrechend in der Hütte; denn der Jammer hatte ſeine Wohnung darin aufgeſchlagen, der hohläugige Hunger wüthete darin, und das verzehrende Geſpenſt der Krankheit hatte ſeinen Weg durch die zerbrochenen Fenſterſcheiben ge⸗ funden. Links von der Hausflur, und nur durch ein ange⸗ lehntes Brett von derſelben geſchieden, lag ein feuchtes, niedriges Zimmer. Die kahlen Wände, an denen un⸗ geſtͤrt Spinnen und anderes Ungeziefer ihr Weſen trieben, zeigten nicht eine Spur jenes ärmlichen Schmuckes, mit dem ſonſt auch die Armuth die heimathliche Stätte zu verzieren pflegt. Man ſah da nicht jene kleinen, grell gemalten, vergilbten und geſchwärzten Bilder, mit ein wenig Waſſer und Mehl an die nackte Wand ge⸗ klebt; nicht die vertrockneten und beſtäubten Blumen, zierlich um den kleinen Spiegel geſteckt; nicht den hand⸗ breiten Spiegel ſelbſt, der in verzerrten und mißfarbi⸗ ggen Umriſſen die Gegenſtände ringsum im Bilde zu⸗ rückgibt. Alles war kahl, leer und grauenhaft öde; die Decke ſchwarz von Rauch, die Dielen durchlöchert und halb verfault. Nirgends ein Stuhl, ein Schrank, ein 3 Tiſch; nur ein paar zerlumpte Kleidungsſtücke hingen neben dem Kamin an einem verroſteten Nagel. In einer Ecke, die am meiſten gegen die unauf⸗ hörlich wehende Zugluft, welche zwiſchen dem ſchlecht verwahrten Eingange und den zerbrochenen Fenſtern ungehindert ihr Weſen trieb, geſchützt war, lag auf einem Lager von halb verfaultem Stroh eine von Krank⸗ heit darniedergeworfene Frau. Eine vielfach geflickte wollene Decke war über ſie gebreitet, und verhüllte nothdürftig ihre abgezehrten Glieder. Mit geſchloſſenen Augen, die hageren Hände über der ſchwach athmenden Bruſt gefaltet, lag ſie da, und nichts verrieth, daß noch Leben in ihr ſei, als ein gluͤhendrother, zirkelrunder Fleck, der auf der einen Wange brannte, während die andere von einer erſchreckenden Bläſſe bedeckt war. Ihr langes, zum Theil ergrautes, Haar hing aufgelöst und in untergeordneten Strängen um ihr fleiſchloſes Ange⸗ ſicht und die von nagendem Gram tief gefurchte, run⸗ zelvolle Stirn. Zu Häupten des Bettes kniete ein Mann. Nur nothduͤrftig war ſeine Blöße bedeckt; der Hunger ſprach mit furchtbarer Beredſamkeit aus ſeinen tief liegende Augen; aber noch furchtbarer ſprach der Kummer, von welchem der Mann darniedergebeugt erſchien. Einen wilden Blick warf er nach oben und ballte krampfhaft, wie an dem höchſten Weſen verzweifelnd, die Hände; dann aber brach er plötzlich zuſammen, beugte ſich mit zuckendem Munde über ſein krankes Weib, und ſtieß laut und wimmernd Worte der Klage und des Jam⸗ mers aus. 3 Ein zwölfjähriger Knabe, der bisher in ſich zuſam⸗ menkauert und ſtill in einer Ecke geſeſſen, und emſig 4 in einem großen Buche geleſen hatte, ließ in dieſem Augenblicke daſſelbe ſinken, heftete einen mitleidsvollen Blick auf ſeinen jammernden Vater, einen tief ſchmerz⸗ lichen auf die kranke Mutter, und wiſchte dann die bitteren Thränen ab, welche reichlich über ſeine Wan⸗ gen hinfloſſen. Still und traurig weinte er vor ſich hin, und man vernahm in dem ärmlichen Gemache bald nichts mehr, als das ſchwache Athmen der leiden⸗ den Frau, das Gewimmer des verzweifelnden Gatten und das leiſe Schluchzen des armen Knaben in ſeiner Endlich ſchlug die Frau ihre Augen auf; ein ſchwa⸗ cher Seufzer rang ſich bebend zwiſchen ihren Lippen hervor, und verſtöoͤrt blickte ſie um ſich. Ihr Gatte ver⸗ ſtummte und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Warum biſt du ſo traurig, lieber Mann?« fragte die Kranke mit matter, flüſternder Stimme.„Blicke mich an, und ſage mir, was dir fehlt. Es war mir doch halb im Schlafe, als wenn ich deine Stimme jammern und klagen gehört hätte.“ „O Gott!“ ſeufzte der Arme,„ſoll ich nicht weinen, wenn ich dich anblicke, wenn ich bedenke, daß du im Elende dahinſiechſt ohne Hulfe und Rettung! Oh, Herr, wie liegt deine ſtarke Hand ſo ſchwer auf mei⸗ nen ſchwachen Schultern! Oh, du armes, unglückliches Weib, ſoll ich nicht weinen, wenn ich vergeblich nach einem Arzte umherſchaue, der dir helfen könnte? Da liegſt du im verzehrenden Fieber, und keine Arznei be⸗ ruhigt dein jagendes Blut, kühlt deine brennende Zunge! Da liegſt du auf elendem Stroh und kein Pfühl, kein weiches Kiſſen iſt dir untergebreitet! Da liegſt du, ein geknicktes Rohr, und ich Unglücklicher kann dir nicht * einmal ein Stückchen Brod reichen, um deinen Hunger zu ſtillen! Es iſt entſetzlich!“ Der Mann ſtöhnte; ſeine Stimme brach bei den letzten Worten und wurde von Thränen erſtickt, die langſam und ſchwer ſeinen brennenden Augen ent⸗ tropften. „Ich bin ja nicht hungrig;“ erwiederte das arme Weib, indem ein wehmüthiges, gezwungenes Lächeln ihre blaſſen Lippen umſpielte.„Die böſe Krankheit hat wenigſtens das Gute, daß ſie ohne mein Zuthun das Verlangen nach leiblicher Speiſe erftickt. Aber Jack, mein armer Knabe, dich wird hungern! Du ar⸗ mes, armes Kind, wie jammert mich deiner!“ „Nein, meine liebſte Mutter, erſt vor einer Stunde habe ich mich recht ſatt gegeſſen!“ rief der Knabe, in⸗ dem er aufſprang, haſtig ſeine Thränen abtrocknete, und an der Seite ſeines Vaters neben dem Strohlager der Mutter niederkniete.„Mache dir um meinetwillen keine Sorge, Mütterchen, ich finde ſchon, was mich ſättigt.“ Einen forſchenden Blick warf die Mutter auf den Knaben, der ſich mit Gewalt anſtrengte, ſeiner Ge⸗ fühle Herr zu bleiben und nicht zu verrathen, daß er ſo eben eine Lüge geſprochen, um die Sorge der Mut⸗ ter, ſo viel in ſeinen ſchwachen Kräften ſtand, zu er⸗ leichtern. Beruhigt wendete ſie dann ihr Auge wieder ab, denn der Knabe hatte vollkommen ſeinen guten Zweck erreicht und fuͤr einen Augenblick den nagenden Hunger beſchwichtigt, der in ſeinen Eingeweiden wü⸗ thete. Er hatte ſeit ſechsunddreißig Stunden nichts genoſſen. 5 Während Vater und Sohn noch ſtill, und nur mit ihren ſchmerzlichen Gefühlen beſchäftigt, am Lager der Mutter knieten, wurde plötzlich das Brett vor dem Eingange des Zimmers gewaltſam zurückgeſtoßen und polternd auf die morſchen Dielen des Fußbodens ge⸗ worfen. Im nächſten Augenblicke trat ein großer, breitſchultriger Mann herein, ſtampfte mit dröhnenden Schritten bis in die Mitte des engen Gemaches, kreuzte die Arme über die Bruſt, und blickte kalt, beinahe höh⸗ niſch auf die Mitglieder der unglücklichen Familie nie⸗ der. Ein runder Hut mit breiter Krämpe beſchattete zwar einen großen Theil ſeines rothen, aufgedunſenen Geſichtes, dennoch aber ſah man noch genug davon, um in den Zügen deſſelben den unverkennbaren Aus⸗ druck von Härte und thieriſcher Rohheit zu erkennen. »Nun, Davy,“ grölzte er mit rauher, mißtönender Stimme,„wie ſieht's aus? Könnt Ihr, wie Ihr vor drei Tagen heilig verſprachet, den Miethzins bezahlen, oder muß ich von hier aus zum Conſtabler gehen, um Euch aus dem Hauſe werfen zu laſſen? Antwortet!« Hurtig und mit finſterem Geſicht war der unglück⸗ liche Mann von der Erde aufgeſtanden, als der Fremde in die Stube getreten war; aber der erſte Zorn über die rohe Weiſe ſeines Eindringens hatte plötzlich dem heftigſten Schrecken Platz gemacht. Er kannte das harte, unbeugſame Gemüͤth des Mannes, der drohend vor ihm ſtand, und mußte ſeinen Zorn fürchten, da er ihm den Miethzins für die elende Wohnung ſchuldete, welche er mit ſeiner Familie bewohnte. »Habt Mitleid, Herr James,« ſagte er mit zittern⸗ der Stimme,„Mitleid, wenn auch nicht mit mir, doch mit dem kranken, unglücklichen Weibe, dem unſchuldi⸗ gen Knaben da. 3) kann Euch die Miethe nicht +— zahlen, ja, ich muß betteln für mich und die Meinen, wenn ich ſie nicht vor meinen Augen verhungern ſehen will.. „Ei, ſo verhungert Ihr und der Henker, Davy!“ rief Herr James mit bitterem, hohnvollem Gelächter. „Was kümmert mich Euer Weib und Eure Brut! Ich will die Miethe haben, die Ihr mir ſeit einem Vier⸗ teljahr ſchuldig ſeid, und wenn Ihr nicht zur Stunde bezahlt, dann marſch fort aus dem Hauſe. Meine For⸗ derung beträgt gerade ein Pfund, zwei Schilling und ſechs Pence!“. „Nur ein Pfund Sterling, Herr!“ wagte Davy zitternd zu erwiedern. „Ei, Ihr dummer Teufel, meint Ihr, ich werde Euch den Zins von der Schuld erlaſſen?“ rief Herr James höhniſch.»Ein Pfund, zwei Schilling und ſechs Pence! Zahlt Ihr das nicht, hollah, dann iſt dort die Thür, und von da geht der Weg ſchnurſtracks in's Schuldgefängniß!« Davy preßte krampfhaft ſeine Finger in einander, warf einen wilden Blick gen Himmel, einen düſter dro⸗ henden auf Herrn James, und wurde blaß wie eine Leiche. Augenſcheinlich rang er mit einer ſchweren Verſuchung. Herrn James entging dieß nicht; er trat einen Schritt zurück und packte den Stock feſter, welchen er in ſeiner breiten Fauſt trug. Die Aufwallung Davy's ging jedoch ſchnell vor⸗ über. Der Grimm über die Erbarmungsloſigkeit ſei⸗ nes Hausherrn wich wieder der Sorge um die Zu⸗ kunft, und raſch drehte er ſich nach dem Fenſter um, und drückte ſeine heiße, brennende Stirn gegen die kühlen Scheiben. „Herr, mein Gott,« murmelte er leiſe vor ſich hin, „Herr, mein Gott, verlaß mich nicht, und gib mir Kraft in meinem Elende. Stärke mich, wie du deinen heiligen Sohn Jeſus Chriſtus ſtärkteſt, da er über⸗ häuft ward mit Schmach und Elend. Laß nicht böͤſe Gedanken die Oberhand in meinem Herzen gewinnen, ſondern behüte mich vor der Sünde und jeder Miſſe⸗ that.« 3 »Nun, zum Henker, Davy, wie ſoll's werden?« unterbrach Herr James das flehende Gebet ſeines Schuldners.„Stellt ſich der Hansnarr da hin, und murmelt allerlei unverſtändigen Unſinn, während er in die Taſche greifen und mich bezahlen ſollte! Hier her⸗ um mit dem Geſicht, und mir hübſch in's Auge ge⸗ ſchaut! Koͤnnt Ihr bezahlen, oder nicht?“ Davy wendete ſich langſam zu ſeinem Peiniger. Alle Aufregung war aus ſeinem Antlitze gewichen, ſeine Züge waren ſtarr, wie aus Marmor gehauen, und ſeine Lippen zitterten ſchmerzlich. „Ich kann Euch meine Schuld nicht zahlen, wie ich Euch ſchon geſagt habe,“ ſprach er ſanft.„Doch gönnt mir Friſt bis morgen Abend. Zahle ich dann nicht, ſo mögt Ihr mit mir verfahren nach Eurem Ge⸗ fallen, und Gott möge Euch gnädig ſein, wie Ihr mir gnädig ſeid. Bedenkt wohl, was der Heiland ſagt: „Mit dem Maße, ſo ihr meſſet, ſollt ihr wieder gemeſ⸗ ſen werden!« und vergeßt nicht, daß ein ſtarker und eifriger Gott über uns lebt, der Herz und Nieren prüft, und heimſucht jede Miſſethat, ſo im Verborgenen geſchieht oder öffentlich.“ Mit einem ſeltſamen Staunen blickte Herr James ſeinen Schuldner an. Der Mann, von dem er ge⸗ glaubt hatte, daß er vor ihm kriechen, winſeln und um Gnade und Erbarmen bitten werde, der ſtand aufrecht vor ihm, und hielt ihm mehr eine Strafrede, denn daß er ſeine Mildherzigkeit angerufen hätte. Die Mahnung an den Gott über den Sternen, obgleich er nur wenig an ihn dachte, pochte dennoch dumpf an ſein verhärte⸗ tes Gewiſſen. Wie ein Stich fuhr ihm der Gedanke durch's Herz, daß es doch wohl wirklich eine vergel⸗ tende Vorſehung geben möge, und er konnte nicht ſo⸗ gleich den Ton wiederfinden, in welchem er bisher zu dem armen Unglücklichen geſprochen hatte. Endlich ſtieß er ein hohles, gezwungenes Gelächter aus, trat in den Eingang des öden Gemaches, und wendete ſich hier noch einmal zu ſeinem Schuldner zurück. „Dummer Schnack, das was Ihr da eben gefaſelt habt, Davy,“ ſagte er rauh und polternd;„doch ſollt Ihr Friſt haben bis morgen. Zahlt Ihr aber auch dann nicht, dann“— er hob drohend ſeinen Stock em⸗ por,—„dann, ſo wahr ich William James heiße!— werf' ich Euch in's Gefängniß und Euer Weib mit der jungen Brut auf die Straße. Vergeßt das nicht, Mann! ich laſſe nicht mehr mit mir ſpaßen und Poſſen treiben!“ Ohne weiteren Gruß ſtampfte nach dieſen Worten der herzloſe Menſch davon, und ließ Davy nebſt ſeiner unglücklichen Familie im troſtloſeſten Zuſtande zurück. Jack ſtand in ſeiner Ecke und weinte! die kranke Mut⸗ ter verbarg ſchluchzend ihr Angeſicht unter ihren Hän⸗ den, und Davy lehnte ſich ſchwerathmend gegen das kleine Fenſter. Er drehte ſeinen Theuren den Rücken 48 10 zu, und ſtarrte durch die zerbrochenen Scheiben in die leere Luft hinaus. Keiner wagte zu ſprechen, Keiner vermogte ein Wort des Troſtes zu finden, das den Kummer, die Sorge, das Elend nur um ein Weniges beſchwichtigt hätte. Davy fühlte ſich der Verzweiflung nahe und ſchau⸗ derte, wenn er an das ſchreckliche Morgen dachte. Wo ſollte er Geld hernehmen, ſeinen Gläubiger zu be⸗ friedigen? Wo ſollte er in der kurzen Friſt von vier⸗ undzwanzig Stunden eine Summe auftreiben, die für ſeine Verhältniſſe ungeheuer genannt werden mußte? Er hatte ja nicht einmal ein Stückchen Brod für ſeine kranke, hungernde Frau, ſeinen halb verſchmachteten Knaben. Gern hätte er gearbeitet, aber vergebens ſah er umher nach Arbeit! Früher hatte er ſich ehrlich und redlich genährt. Er war Aufſeher in einer großen Fabrik geweſen; aber der Krieg hatte Stockungen in die Geſchäfte gebracht, und eine Menge Fabriken muß⸗ ten ihre Arbeiten einſtellen. Dadurch ward Davy, und mit ihm noch viele Hunderte brodlos, und die lange Krankheit ſeiner Frau hatte ſchnell die geringen Er⸗ ſparniſſe aus früheren, beſſeren Zeiten aufgezehrt. Hab und Gut war verkauft, und jetzt befand ſich Davy auf dem Gipfel des Elends; ſein und ſeiner Familie Ver⸗ derben ſchien unvermeidlich. Um ſich ſelbſt klagte er nicht, aber das traurige Schickſal ſeines Weibes, ſei⸗ nes Kindes, das brach ihm das Herz und ſtürzte ihn hinab in den Abgrund der Verzweiflung. „Gott im Himmel, nimm mich hinweg aus dieſem irdiſchen Jammerthale!« ſtöhnte er endlich mit gepreß⸗ ter, kaum vernehmbarer Stimme und drückte heftig die geballte Hand gegen ſeine Stirn.„Die Laſt, die du — 11 — mir auferllegſt, Allvater, iſt zu ſchwer, und ich erliege * unter ihrer Wucht!« 1 „Nein, Vater, nein!“ rief Jack, und ſtürzte wei⸗ nend an die Bruſt des Vaters, deſſen Hals er liebe⸗ voll mit ſeinen ſchwachen Armen umklammerte;„nein, wende dich an Chriſtus, unſern Heiland, der wird dir Alles tragen helfen. Siehe er ſpricht: Kommt her zu mir Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will euch erquicken und aufrichten. In ihm, mein Vater, iſt Troſt, iſt Ruhe, iſt Frieden, iſt himmliſche Selig⸗ keit. Er wird dich ſtützen, wenn du darniedergebeugt biſt, Er wird dich tröſten, wenn nirgends mehr ein Hoffnungsſtern leuchtet! Bete zu ihm, und er wird dich erquicken!“ Mit einem Blicke voll ſtrahlender Liebe ſah Davy auf ſeinen Sohn nieder, der ſein Haupt innig an die breite Bruſt des Vaters ſchmiegte. Er richtete ſich höher auf, und die düſteren Wolken, welche die Freu⸗ digkeit ſeiner Seele umflorten, ſchienen zu ſchwinden vor dem ſiegenden Bewußtſein, daß ein Höherer die Schickſale aller Menſchenkinder lenkt und leitet mit ſtarker Hand und mit großer Weisheit. Aber ein Blick auf die kranke Frau auf ihrem erbärmlichen Lager zer⸗ ſchmetterte wieder alle Hoffnung, und eine ſchwere, ſtille Thräne träufelte aus ſeinen Augen nieder auf das Haupt des Knaben. „Ach, mein Sohn,“ erwiederte er trübe,„nur ein Wunder könnte uns aus der Betrübniß errett —„und Wunder geſchehen nicht mehr.“ 9ꝗ „Theurer, geliebter Mann,“ ſagte da mit ſchwacher Stimme die kranke Frau,„ſoll ich denn zu dir reden, wie Chriſtus redete zu den Kleingläubigen? Immer 12 vertraue feſt auf deinen Gott, und fuͤrchte dich nicht, deine Stimme zu ihm zu erheben. Gott ſpricht:„Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten, und du ſollſt mich preiſen!« Und nach dieſen Worten faltete das fromme Weib⸗ ihre abgezehrten, blaſſen Hände, richtete den Blick nach oben und bete ſtill. Und wie der Vater das ſah, da wurde all' ſein Jammer in Scherben zerbrochen, und mit ſeinem Sohne kniete er nieder am Schmerzens⸗ lager der Betenden und betete mit ihr. Stille waltete und Ruhe in dem engen Gemach; aber die Engel Gottes ſchwebten nieder auf glänzenden Fittigen, und trugen das Gebet vor den Thron des Höchſten, der da hinabblickt, mit liebendem Vertrauen auf die Thränen der Gebeugten und auf die Seufzer der Unglücklichen und Bedrängten. Zweites Kapitel. Bittet, ſo wird Euch gegeben; ſuchet, ſo werdet Ihr finden; klopfet an, ſo wird Euch aufgethan. Eine Stunde etwa mogte vergangen ſein. Die kranke Frau ſchlummerte auf ihrem ärmlichen Stroh⸗ lager, Davy lehnte in ſtillen Gedanken am kleinen Feenſter, und Jack ſaß wieder zuſammengekauert in der Ecke und las in dem großen Buche, das er vorhin aus der Hand gelegt hatte. Es war die heilige Schrift. Plötzlich ſtand der Knabe auf, ſchlich leiſe, leiſe, um die Mutter nicht zu erwecken, auf den Zehen zu f —.,— 2x— 13 ſeinem Vater hinüber, und berührte ſanft deſſen Arm. „Vater,“ ſagte er flüſternd,„ich will hinausgehen auf die Straße, und gute Menſchen anflehen, uns Bei⸗ ſtand zu leiſten und aus der Bedrängniß zu erretten.“ „Alſo betteln willſt du, mein Kind?“ fragte der Vater ſchmerzlich.»O, bleibe hier, denn all' dein Mühen würde doch vergeblich ſein. Wohl gibt es gute Menſchen überall, aber wie willſt du ihre Spur er⸗ forſchen, und woran willſt du ſie erkennen? Tauſende werden dich ſchmähen und mit höhniſchen Worten krän⸗ ken, ehe nur Einer in die Taſche greift, um unſere Noth mit ein paar Schillingen geringer zu machen.“ „Aber Gott wird geben, daß ich den Einen finde,“ erwiederte der Knabe ſanft und mit wunderbar feſtem Vertrauen.„»Und nicht nur Einen, o nein! Gott wird die Herzen der Menſchen rühren, denn ſte ſind in ſeiner Hand wie weiches, bildſames Wachs. Sieh' her, Vater, und ſchaue, was Chriſtus uns zuruft und was geſchrieben ſteht in ſeinen heiligen Worten: Bit⸗ tet, ſo wird Euch gegeben; ſuchet, ſo werdet Ihr fin⸗ den; klopfet an, ſo wird Euch aufgethan! Ich will hingehen, und ſuchen mit Ernſt; ich will bitten mit Demuth und Gläubigkeit, ich will anklopfen mit Ver⸗ trauen. Man wird meine Stimme hören, und Gott wird geben, daß ſie den glücklichen und reichen Men⸗ ſchen zum Herzen dringt!“ „Nun denn, mein guter Knabe, ſo gehe hin im Frieden,“ antwortete der Vater gerührt. ſegne dich und laſſe deine Abſichten gelingend. Jack griff nach ſeinem fadenſcheinigen Nützchen, drückte dem Vater zum Lebewohl die Hand, und huſchte ſchnell und unhörbar, wie ein Schatten, durch die Pforte des Häuschens. Der Segen des Vaters und ein ſtil⸗ les, aber inbrünſtiges Gebet geleitete ihn. Es war im Beginn des Herbſtes, und die Mit⸗ tagsſtunde hatte eben geſchlagen, als Jack auf die Straße trat, und mit ſchnellen Schritten zwiſchen den armſeligen Häuſern derſelben entlang ging. Bald hatte er das Ende der Gaſſe erreicht, und lief nun hurtig weiter, bis er einen der großen, mit Bäumen bepflanz⸗ ten Plätze erreichte, über welchen Tauſende von Men⸗ ſchen, ein nimmer verſiegender Strom, vom frühen Morgen an bis in die ſpäte Nacht hinüber wanderten. »Hier, wo es nicht an Menſchen mangelt, will ich verweilen, will meine Hände ausſtrecken und an die Herzen der Mildthätigen klopfen,“ dachte Jack, indem er ſich an der belebteſten und volkreichſten Stelle ein Plätzchen ausſuchte. Immer hielt er jetzt den Vor⸗ übergehenden ſeine offene Hand hin, und ſchaute ſie mit rührend bittendem Blicke an. Aber Niemand ach⸗ tete ſeiner. Die Meiſten gingen raſch vorüber, ohne nur einmal nach dem bettelnden Knaben hinüberzu⸗ ſchauen; Einige ſahen ihn kalt an, und dachten dabei vielleicht an tauſenderlei, nur nicht gerade an den bet⸗ telnden Knaben vor ihnen; Andere ſchüttelten auf Jacks ſtumme Bitte verneinend mit dem Kopfe; und noch Andere brummten wohl gar mit zorniger Geberde einige Worte in den Bart, die eben keine Schmeiche⸗ leien für den armen Jack enthalten mogten. Keinem Einzig les ein, in die Taſche zu greifen, und der leidenden Armuth eine geringe Spende zu verab⸗ reichen. Ueber eine Stunde ging auf dieſe Weiſe hin, und nach Ablauf derſelben war Jack eben ſo wenig mit irdiſchen Guͤtern beſchwert worden, als vor Beginn derſelben. Der Knabe wurde erſt ungeduldig, dann traurig und gab endlich alle Hoffnung auf, an dieſer Stelle eine mildherzige Seele zu finden. Schon woll⸗ —.,— ten ſogar leiſe Zweifel an der Wahrhaftigkeit des gött⸗ lichen Wortes in ihm aufſteigen, aber ſie verſchwanden ſchnell, wie der Nebel vor der Sonne, da ihm plötz⸗ lich einfiel, daß alle die Arbarmungsloſen ja gar nicht V ächte und wahre Chriſten ſein könnten, da ſie ja nicht 1 die ächten chriſtlichen Tugenden in ihrem Herzen pfleg⸗ ten, die Gottes Sohn von ſeinen Anhängern verlangt. Spricht Chriſtus nicht: Seid barmherzig, wie euer Va⸗ ter im Himmel barmherzig iſt, denn daran will ich euch erkennen? Ermahnt er ſeine Bekenner nicht zur Mild⸗ † thätigkeit? Sagt er nicht: Was ihr dem Geringſten thut um Meinetwillen, das habt ihr mir gethan? Wie konnten nun dieſe wahren Chriſten ſein, da es ihnen nicht einfiel, Chriſti Gebote zu befolgen? 1„Ich will weiter gehen, und an einer andern Stelle ſuchen,“ dachte Jack.„Auch will ich laut bitten und mit beweglichen Worten an die Herzen der Menſchen klopfen, da meine ſtumme Bitte, wie es ſcheint, von l Niemand verſtanden wird.“ 6 ¹ Und Jack ſchritt weiter, begab ſich in die volkreich⸗ ſten Straßen, und flehte alle Vorübergehenden mit be⸗ weglicher Stimme und rührenden Worten um eine geringe Gabe an. Aber Allen, denen er ſich näherte, ſchien der arme Knabe ſehr ungelegen zu 1 denn Etliche ſchauten ihn finſter an, Etliche n ihn, Etliche zuckten die Achſeln, als ob ſie beim en Wil⸗ 8 len nicht helfen könnten, und Alle hielten die Hände ſ auf ihre Taſchen, und ſuchten ſo ſchnell wie möglich von dem bettelnden Knaben loszukommen. Auf ſolche Weiſe verrann Stunde auf Stunde. Jack wurde immer trauriger und niedergeſchlagener, und faſt vermeinte er, daß ſein Vater doch nicht ſo ganz unrecht gehabt habe, als er ihm geſagt hatte, daß all' ſein Muͤhen und Suchen vergeblich ſein würde. Dazu nagte der Hunger immer heftiger in ſeinem Ein⸗ geweide, der Abend dunkelte herein, die Straßen wur⸗ den menſchenleerer, und Jack's Hoffnungen ſanken im⸗ mer tiefer. Bei der Dämmerung machte ſich auch ein ſcharfer Wind auf, und trieb Nebel und Wolken zu⸗ ſammen; es fing an zu regnen, und Jack wurde bis auf die Haut durchnäßt. Immer troſtloſer wandelte der arme Junge durch die Straßen, und wagte es kaum mehr, die Begegnenden, deren Zahl immer ſelte⸗ ner wurde, um ein Almoſen anzuflehen. Die Nacht ſank tiefer herein, und Jack hatte noch keinen Pfennig geſammelt. Endlich brach all' ſein Muth. Er ſetzte ſich nieder auf einen Eckſtein, bedeckte ſein Geſicht mit den Hän⸗ den, und weinte und ſchluchzte bitterlich. Es war ihm ſo weh und elend zu Muthe, daß er in jedem Augen⸗ blicke zu ſterben vermeinte, und faſt wäre er ohnmäch⸗ tig auf das harte Steinpflaſter niedergeſunken. Das Herz brach ihm faſt, wenn er an ſeine kranke Mutter, an das Elend ſeines unglücklichen Vaters gedachte, dem er ſo zuverſichtlich Hoffnungen eingeflößt hatte, ohne ſie nu füllen zu können. er ſo ſich dem bitterſten Leiden hingab, wurde 1 nufhe und der Schein heller Lichter fiel auf die er wenige Schritte von ihm eine Hausthür 8 17 Straße. Eine Magd trat heraus, ſchüttete einen Korb voll Kehricht auf die Erde, und wollte eben wieder durch die Hausthür ſchlüpfen, als ſie von Jack am Kleide feſtgehalten ward. „Ein Stückchen Brod! Ein einziges kleines Stück⸗ chen nur gebt mir!« flehte der Knabe mit halb erſtick⸗ ter Stimme. „Ach was, dummes Zeug!“ rief die Magd unwirſch und ungeduldig.„Laß los, oder es ſetzt was!« „Als aber Jack nun wirklich troſtlos ſeufzend die Kleider fahren ließ und in die Finſterniß auf die Straße zurücktrat, da fiel zum erſten Male der Blick der Magd auf das blaſſe, verſtörte Antlitz des Knaben, und eine Regung von Mitleiden pochte leiſe an ihr innerſtes Herz. Sie wollte Jack zurückrufen; aber ſchon war der Knabe laut weinend fortgeſtürzt, und ihre Stimme erreichte ihn nicht mehr. „Ich hätte ihm doch ein Stückchen Brod geben ſollen,« murmelte die Magd vor ſich hin;„das Büb⸗ chen ſah wirklich recht elend und ausgehungert aus; gar nicht ſo, wie die anderen Bettelbuben, die dem Menſchen das Leben ſo ſauer machen. Aber warum wartete der dumme Junge auch nicht!«. Mit dieſen Worten ſchlug ſie krachend die Haus⸗ thür zu, und verſchwand im Innern des Gebäudes. Mittlerweile war Jack eine große Strecke weit fort⸗ gerennt, ohne zu wiſſen, wohin ſeine Füße ihn trugen. Endlich ging ihm der Athem aus, und er mußte noth⸗ gedrungen ſeine Eile mäßigen. Er wimmerte. „Nicht einmal einen Biſſen Brod gibt man mir,« murmelte er vor ſich hin.„Nicht eine Rinde, um den Hunger zu ſtillen! Ach, und ich hoffte dem Vater eine Wohlthun. 4 2 . 4 ſo große Summe Geldes heimzubringen! Das thut weh! Oh, wie ſchmerzt die Hartherzigkeit der reichen Leute, die an ſchwelgeriſchen Tafeln ſitzen, und im⸗ mer und immer ſatt zu eſſen haben, wenn ſie wüß⸗ ten, wie grimmig der Hunger peinigt, wie er das Mark in den Gebeinen und die Kraft der Seele ver⸗ zehrt, ach, ſie wuürden gerne dem armen Bettler die Broſämlein von ihren Tafeln reichen, anſtatt ſie ihren Hunden vorzuwerfen, die ſie verſchmähen. Ja, ja, un⸗ ſer Herr Chriſtus ſpricht wahr, wenn er ſagt:„Es iſt leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher das Himmelreich ererbe.“ Wie ſollte wohl der liebe Gott die Reichen in ſeinen Him⸗ mel aufnehmen, da ſie ſo wenig ſeines Sohnes heilige Gebote befolgen? O, mein Gott, da nun Alle mich armen Knaben verlaſſen, ſo hilf du mir in deiner Barmherzigkeit, ich habe nun keinen Troſt und keine Hoffnung mehr, als in dir!« In neue Thränen ausbrechend ſank der arme Knabe in einem Winkel auf ſeine Knie nieder, zog ein Knöch⸗ lein, das er auf der Straße gefunden hatte, aus ſeiner Taſche, nagte daran, und ſuchte auf ſolche Weiſe ſei⸗ nen Hunger zu ſtillen. Aber die Hunde hatten ſchon das Fleiſch von dem Knochen genagt, und Jack fand nichts mehr daran, was ſeinen Magen beſchwichtigen konnte. Da legte er das Knöchlein weg, faltete ſeine Hände und betete von Neuem:„Herr, ich rufe dich an in der Noth, und du wirſt mich erretten, und ich werde dich preiſen!« Und wie er dieſe Worte ſprach, kam ein ſanfter Friede über ihn. Er betete weiter, und ſeine Stimme 19 drang durch die Wolken empor bis zum Throne des Höoͤchſten. Noch rief er den Herrn an in der Noth, da ſchall⸗ ten plötzlich Schritte auf der menſchenleeren Straße, und ein Mann, der an der einen Hand ein kleines Mädchen führte, und in der anderen eine hell leuch⸗ tende Laterne trug, näherte ſich raſch dem betenden Knaben. Jack war ſo tief in ſeinen frommen Gedan⸗ ken verſunken, daß er die Nahenden nicht kommen hörte. Der Mann aber vernahm die laut geſproche⸗ nen Worte, blieb einige Schritte von dem Knaben ent⸗ fernt ſtehen, und horchte ſtill und aufmerkſam. Das Licht ſeiner Laterne verbarg er, damit es ihn nicht ver⸗ rathen möge, und dem kleinen Mädchen an ſeiner Rechten flüſterte er zu, es ſolle ſchweigen und ſich ganz ſtille verhalten. „Wie du willſt, mein Gott, alſo möge es geſche⸗ hen!« ſchloß Jack ſeine Bitte an den Höchſten.„Du weißt am Beſten, was deinen Kindern frommt, und iſt es dein heiliger Wille, daß ſich die Herzen der Menſchen vor mir verſchließen, und daß ich verſchmach⸗ ten ſoll und vergehen in Kümmerniß mit Vater und Mutter, ſo nimm uns auf von dieſer Erde und ver⸗ gönne in Barmherzigkeit, daß wir in deinen Himmel eingehen dürfen. Amen!“ Nach den letzten Worten ſtand der Knabe auf, um ſeinen Weg nach Hauſe zu ſuchen. Ehe er ſich aber entfernen konnte, trat der fremde Mann raſch auf ihn zu, zog die Laterne unter dem Mantel hervor, und ließ ihren hellen Schein gerade auf Jack's Geſtalt fallen. Das Licht beleuchtets ein todtblaſſes, aber feines und liebliches Geſiht Goldhelle, glänzende Locken fielen 2* in Ringeln von Jack's Haupte nieder; ſeine blauen Augen, noch feucht von den vergoſſenen Thränen, blick⸗ ten mild und treuherzig unter den langen Wimpern hervor, und die rothen friſchen Lippen, obwohl ſie noch zitterten von dem kaum überſtandenen tiefen Seelen⸗ kampfe, lächelten jetzt dennoch, da der Knabe voll Freu⸗ digkeit ſein ganzes Vertrauen auf Gott geſetzt hatte. Mit tiefer inniger Rührung blickte der Fremde auf den Knaben nieder, ließ das kleine Mädchen los, und ergriff mit herzlichem Drucke Jack's Hand. Das kleine Mädchen blickte theilnehmend zu ihm auf. »„Ich habe dich beten hören, mein Kind,“« ſagte der Fremde ſanft.„Biſt du unglücklich? Vertraue mir deine Leiden an, du haſt ein theilnehmendes Herz ge⸗ 3 funden.« Das Gebet zum Höchſten hatte Jack erhoben und geſtärkt, und er war darauf gefaßt, alles Unglück, alle Leiden, die ihn treffen mögten, mit Standhaftigkeit und Ergebung zu tragen. Nicht aber hatte er noch Hoff⸗ nungen gehegt, Mitleiden und Theilnahme zu finden, und die unerwartete Güte des fremden Mannes über⸗ wältigte ihn daher ganz und gar. Er vermogte nicht zu antworten, ſondern brach in einen heftigen Thränen⸗ 3 ſtrom aus, ſchluchzte zum Erbarmen, und preßte mit krampfhafter Gewalt die Hand des Fremden an ſein 4 ſtürmiſch pochendes Herz.„Armer Junge,“ ſagte der Mann mitleidig,„wie es ſcheint, haben die Schläge des Schickſals ſchon ſehr ſchwer und hart deine Jugend getroffen. Aber faſſe dich, mein Sohn! So Gott will, den du ſo voll Vertrauen und Ehrfurcht ange⸗ rufen haſt, haben deine Leiden nun ihr Ende erreicht. Komm, geh' mit mir, faſſe mein Toͤchterchen an, und 21 laß uns eilen. Wir ſind ſchon dicht bei meinem Hauſe, und können drinnen beim warmen Kamine beſſer mit einander plaudern, als hier im Regen und Sturm. Komm, komm, lieber Knabe!« Jack gehorchte, trocknete raſch ſeine Thränen ab, ergriff die Hand des kleinen Mädchens, und ſchritt neben dem Fremden hin, der raſch vorwärts eilte. Bald hatten ſie die Thür eines großen, prächtigen, palaſt⸗ ähnlichen Hauſes erreicht; der Fremde zog die Klingel und augenblicklich wurde von innen geöffnet. Diener mit Lichtern eilten herbei, begrüßten ihren Herrn ehrerbietig, blickten mit Verwunderung den kleinen Begleiter deſ⸗ ſelben an, und leuchteten ſodann eine breite, mit wei⸗ chen Teppichen belegte Treppe hinan. Jack zögerte vor dem Hinaufſteigen, indem er einen verlegenen Blick auf ſeine nackten und beſchmutzten Füße warf. Der fremde Herr lächelte darüber. „Nur immer vorwärts, mein Junge,“ ſagte er freundlich zu dem Knaben, deſſen Bedenklichkeiten er ſogleich errieth;„furchte dich nicht vor dem Teppich, er wird dir nichts zu Leide thun.“ Die Diener kicherten verſtohlen, und Jack, deſſen hurtigem Auge dieſer Umſtand nicht entging, wurde blutroth im Geſichte. Doch faßte er ſich ſchnell, nahm ſeine kleine Begleiterin auf den Arm, und ſprang raſch mit ihr die Stufen hinauf. Dem kleinen Mädchen ſchien das zu gefallen; es lachte fröhlich, hielt ſich mit ihren niedlichen Händen an Jack's langen blonden Locken feſt, und ſagte: 85 „Nimm dich nur in Acht, daß du nicht fällſt! Ei, wie du ſpringen kannſt! Noch viel ſchneller, wie mein kleines Pferdchen, auf dem ich manchmal mit dem Vater ſpazieren reite! Aber halt— rechts um!— So, nun ſind wir im Zimmer, und du kannſt mich nun wieder auf die Erde ſtellen!“ Jack gehorchte. »èDa ſetze dich nieder auf den Lehnſtuhl, lieber Knabe,“ ſagte der fremde Herr.„Unterhalte dich ein wenig mit meiner Tochter, und gedulde dich nur ein Paar Minuten; du ſollſt ſogleich etwas zu eſſen be⸗ kommen.“ Bei den letzten Worten entfernte ſich der Mann aus dem Zimmer, und ließ die beiden Kinder allein. Jack ſchaute mit weit offenen, verwunderungsvollen Augen im Gemache umher. Solche Pracht, ſolchen 2 Reichthum, wie hier, hatte er noch nimmer geſehen, hatte er niemals geahnt. Es kam ihm vor, als ſei er in ein Feenreich verſetzt, als ſei er in Träumen befan⸗ gen. Von den breiten, deckenhohen Spiegeln mit den prachtvollen goldenen Rahmen wendete er den Blick auf die glänzenden Möbel, auf die koſtbaren Vorhänge, auf die großen, wunderſchönen Oelgemälde, auf die tauſend zierlichen Kleinigkeiten von Gold, Silber uud Porzellan, womit die Wohnſtätten der Reichen und Mächtigen verziert ſind, und verglich in Gedanken mit all' dieſen Herrlichkeiten ſein ödes, ſchmuckloſes, heimathliches Zimmer, das freilich zu dieſer glänzenden 4 Pracht einen grellen und ſeltſamen Contraſt bildete. Der Athem blieb ihm faſt ſtehen vor lauter Verwun⸗ derung, und er vergaß über all' den verſchiedenen Ge⸗ genſtänden ein Paar Minuten lang ſelbſt Hunger und Kummer. Das kleine Mädchen ſchaute ihn indeß mit hellen glänzenden Augen an, und ihr lächelndes Ange⸗ ſicht bezeugte, daß ihr Jack' Erſtaunen nicht entging, 23 und daß ſie ſich gutmüthig darüber beluſtigte. Endlich brach ſie das Stillſchweigen, ging auf Jack zu, ergriff ihn freundlich bei der Hand und fragte: „Wie heißt du denn eigentlich, lieber Knabe? Sage mir das, bitte!« 8 „Jack heiße ich,“ lautete die raſche Antwort;„Jack Davy! Und wie heißt du?«. „Ich heiße Mary, und mein Vater Cathmarſen.“ „Dein Vater iſt wohl recht ungeheuer reich, Mary, gelt?« „Das weiß ich nicht,« erwiederte die Kleine, die kaum ſieben Jahre alt ſein mogte;„aber gut iſt mein Vater! Ach, ſo gut! Du glaubſt es gar nicht, wie gut! Wenn ich etwas von ihm haben will, ſo gibt er mir's ſogleich, und auch dir wird er geben, um was du ihn bitteſt.« „Gewiß, Mary? Gewiß?« fragte Jack mit bren⸗ nendem Eifer.„Ach, wie glücklich würde er mich da⸗ durch machen! Aber nein, nein! das thut er doch nicht! Es iſt gar ſo viel, was ich haben mögte!“ »Nun, was mögteſt du denn, Jack? Sag' es mir, und ich will dann den Vater recht ſchön bitten, daß er's dir gibt. Gewiß, das will ich, Jack!“ „Wie gut du biſt, liebe Mary!“ ſagte der Knabe, indem er mit einem Blicke der innigſten Dankbarkeit die Kleine anblickte.„Aber ich wage es wirklich nicht, dir meinen Wunſch zu geſtehen! Sieh', heute Mittag, als ich von Hauſe fortging, da war ich recht frohen Muthes, denn ich dachte, daß der liebe Gott mir ganz gewiß helfen würde. Aber nun bin ich in vielen, vie⸗ len Straßen umhergelaufen, und habe alle Menſchen, die mir begegneten, um eine kleine Gabe angefleht, und doch hat mir auch nicht ein Einziger etwas gegeben. Nicht einmal ein Stückchen Brod konnte ich bekommen, und bin doch ſo hungrig!« »Hungrig biſt du? Haſt du denn ſeit heute Mit⸗ tag nichts gegeſſen?“ »Nein, liebe Mary,« erwiederte der Knabe traurig. »„Ach, ich habe ſchon ſeit geſtern Morgen faſten müſſen, und das hat mich recht ſchrecklich gequält. Du glaubſt nicht, wie weh der Hunger thut, Mary, denn du haſt gewiß noch nicht gehungert ne Das kleine Mädchen ſchlug die Händchen zuſam⸗ men, und blickte den blaſſen Knaben ganz erſchreckt an. „Seit geſtern früh nichts genoſſen!“ rief ſie aus.„Das iſt ja entſetzlich!— Vater! Vater!“ ſchrie ſie, und lief in ein Nebenzimmer, deſſen Thür ſie haſtig aufriß, —„Vater, der arme Jack hat ſeit geſtern früͤh nichts gegeſſen! Schnell, ſchnell gib ihm, oder er muß gewiß verhungern!“. Jack hörte die Kleine im Nebenzimmer ſchluchzen, und das rührte und erſchütterte ihn ſo tief, daß er ſel⸗ ber in einen heftigen Thränenſtrom ausbrach. Der arme Knabe hatte ſchon unendlich viel Härte und Un⸗ barmherzigkeit erdulden müſſen, und hatte Alles im Ver⸗ trauen auf Gott ertragen; jetzt aber, wo er unverhofft Mitleid und Theilnahme fand, wurden ſeine Gefühle ſo ſtürmiſch aufgeregt, daß er ihnen nicht zu wider⸗ ſtehen vermogte, ſondern ſich ganz ſeiner tiefen, bewäl⸗ tigenden Rührung hingab. Herr Cathmarſen trat haſtig in die Stube, und blickte erſchreckt und gerührt auf den weinenden Knaben nieder. „Iſt wirklich wahr, was meine Tochter mir ſo eben 25 ſagte?« fragte er.„Haſt du armer Junge wirklich ſeit geſtern aller Nahrung entbehrt?“ Jack nickte zur Antwort nur mit dem Kopfe, denn er war wirklich nicht im Stande, eine Sylbe hervor⸗ zubringen. „O mein Gott,« fuhr Herr Cathmarſen fort,— „wer hätte ſich ein ſo tiefes Elend denken koͤnnen!« Raſch ſchritt er zu einem Klingelzuge und ſchellte. Ein Diener kam augenblicklich in das Gemach und er⸗ hielt den Auftrag, auf das Schleunigſte Speiſe und Trank herbeizubringen. Nach wenigen Minuten war der Tiſch gedeckt, und Jack mußte ſeine Thränen ab⸗ trocknen, um ſich zum Eſſen niederzulaſſen. Herr Cath⸗ marſen ſelbſt zerlegte ihm die Speiſen, und mit welchem Entzücken Jack ſie verzehrte, das läßt ſich leichter den⸗ ken, als beſchreiben. Noch nie in ſeinem Leben hatte er ſo kräftige, wohlſchmeckende Nahrungsmittel genoſſen; wie mußten ſie ihm nun munden, da er ſchon halb verſchmachtet war! Er aß und trank, und ſeine freu⸗ digen, entzückten Blicke waren der ſüßeſte Lohn für Herrn Cathmarſen's Mitleiden. Als er ſich geſättigt hatte, ſtand er auf, faltete ſeine Hände, und ſprach in Andacht ein kurzes, aber herzliches Dankgebet. So hatte es ihn von Jugend auf ſeine fromme Mutter gelehrt, und mit innerlichem Vergnügen gewahrte Herr Cathmarſen dieſen neuen Beweis von Jack's demüthi⸗ ger und tief eingewurzelter Gottesfurcht. „Biſt du aber auch wirklich ganz geſättigt, mein kleiner Burſch?“ fragte er den Knaben.„Sieh', es iſt noch genug Speiſe und Trank vorhanden, wenn dich darnach gelüſtet.“ „Nein, ich danke Ihnen, beſter Herr! Danke Ihnen aus Herzensgrunde für Ihre Güte und Ihre Wohl⸗ that,« entgegnete Jack, indem er Herrn Cathmarſen's Hand ergriff und einen Kuß darauf drückte.„Ich bin völlig ſatt, und will nun recht gern wieder einen oder zwei Tage hungern.“ „O nein, das wolle Gott verhüten!« erwiederte Herr Cathmarſen.„Komm her, ſetze dich hier an mei⸗ ner Seite, und erzähle mir nun aufrichtig und aus⸗ führlich von deinen Eltern und dir ſelbſt, was du irgend weißt. Wie nennt ſich dein Vater und was iſt er?« Jack beantwortete dieſe Fragen, und erzählte dann mit beweglicher Stimme von dem Elende ſeiner un⸗ glücklichen Eltern, wie ſein Vater früherhin ſich ehr⸗ lich genährt habe, und dann brodlos geworden ſei; wie ſeine Mutter von einer böſen Krankheit ergriffen wäre, wie ſein Vater von dem böſen Herrn James gedrängt und gepeinigt würde, und alles Uebrige, was wir be⸗ reits wiſſen. Herr Cathmarſen hatte den Knaben ſchweigend an⸗ gehört und ihm nur von Zeit zu Zeit die Hand ge⸗ drückt, um ihn zu tröſten oder ſeinen Jammer, der zu⸗ weilen in Thränen ſich Luft machen wollte, zu beſchwich⸗ tigen. Als er ſchwieg, ſtand er auf, kreuzte die Arme über der Bruſt, und ging ſtill ſinnend einige Augen⸗ blicke in dem Zimmer auf und ab. Jack blickte zu ihm „ auf, und eine freudige Hoffnung überkam ſein Herz, wenn er die ſchönen, frommen, ruhig ernſten Geſichts⸗ zuͤge Herrn Cathmarſen's betrachtete. Er fühlte, dieſer Mann werde ihn nicht ungetröſtet, nicht ohne Hülfe von ſich gehen laſſen. Herr Cathmarſen war ein reicher Handelsherr; ſein Vermögen belief ſich auf viele Tonnen Goldes und — ——ᷣ—ᷣ—ÿ—COꝑO—QCQC—᷑—ꝭ—ʒ—·B᷑y— 27 vermehrte ſich noch von Jahr zu Jahr. Aber dieſe irdiſchen Schätze waren nicht ſein beſter Reichthum; ein beſſerer war ſein gottesfürchtiges Herz, ſein chriſt⸗ lich frommes Gemüth. Er kannte die Gebote unſeres Weltheilandes, und befolgte ſie; er liebte ſeine Feinde, er ſegnete, die ihm fluchten, er that wohl denen, die ihn haßten, er bat für die, ſo ihn beleidigten, und wenn er den Armen ſpendete von ſeinen Schätzen, ſo durfte die Linke nicht wiſſen, was die Rechte that. Kein Bedrängter nahte ihm, ohne Hülfe, kein Trauriger ohne Troſt und Rath gefunden zu haben. Was Gott ihm auferlegte, das trug er ſtill und geduldig, und nie⸗ mals murrte er wieder den Willen des Höchſten. Als der unerbittliche Tod ſeine Gattin, die er unausſprech⸗ lich liebte, nach ſchwerer Krankheit aus ſeinen Armen riß, da trug er den bittern Verluſt in Ergebung, und obwohl er lange trauerte und nimmer das treffliche Weib vergeſſen konnte, ſo ſprach er dennoch in ſeinem Herzen:»Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn ſei gelobet! und fand Troſt in ſeinem unerſchütterlichen Vertrauen auf die Weisheit und Liebe des himmliſchen Vaters. Seine Gattin hatte ihm nur eine Tochter hinter⸗ laſſen, die kleine Mary, die wir bereits hinlänglich ken⸗ nen gelernt haben. Auf ſie übertrug er alle ſeine Liebe, erzog ſie mit der größten Sorgfalt und hatte die Freude zu ſehen, daß ſein theures Kind ſichtbarlich gedieh und aufwuchs, lieblich und reizend, wie eine Lilie des Feldes. „Alſo ein Pfund, zwei Schilling und ſechs Pence ſchuldet dein Vater dem Herrn James,“ nahm Herr 28 Cathmarſen wieder das Wort.„Iſt er ſonſt Niemand etwas ſchuldig?« »Nicht, ſo viel ich weiß,« erwiederte Jack.„Wer würde auch ſo armen Leuten, wie wir ſind, etwas borgen?« Herr Cathmarſen ging in das Nebenzimmer, ſchloß eine Caſſette auf, nahm etwas heraus und kehrte dann wieder zu Jack zurück. »Hier, mein Sohn,“« ſprach er,„iſt ein Röllchen mit zwanzig Guineen; bringe das deinem Vater, ſag' ihm, er möge damit Herrn James befriedigen, möge für deine Mutter ein gutes Lager und einen Arzt be⸗ ſorgen und den Reſt des Geldes nach Gutdünken ver⸗ wenden. Wenn Alles ausgegeben iſt, komm wieder zu mir und du ſollſt entweder von Neuem Geld empfan⸗ gen, oder ich will dafür ſorgen, daß dein Vater Be⸗ ſchäftigung und mit ihr ſein gutes Auskommen findet Hier nimm, mein Knabe!“ Jack blickte mit großen Augen bald auf die Rolle Gold, bald in Herrn Cathmarſen's Geſicht. Sein Elend, ſeine Armuth hatte ihn den Werth des Goldes bereits kennen gelehrt, und er wußte, wie groß die Summe war, welche ſein Wohlthäter ihm ſchenken wollte. Sein Kopf ſchwindelte, der Boden ſchien un⸗ ter ſeinen Fßen zu ſchwanken, und ſeine Augen ver⸗ dunkelten ſich.. »Herr!“ rief er endlich mit brechender Stimme aus, „liebſter, beſter Herr, das kann Ihr Ernſt nicht ſein! So viel Geld wollen Sie mir armen Knaben anver⸗ trauen? Nein, nein, das iſt nicht möglich, das kann ich nicht glauben!“ »Ei, du närriſches Kind,« ſagte Herr Cathmarſen 29 gutmüthig,„bildeſt du dir ein, ich könne mit deinem Unglücke noch Scherz treiben? Hier nimm das Geld und bringe es deinem Vater.“ „Alſo wirklich und wahrhaftig wollen Sie es mir ſchenken?“ „Wirklich und wahrhaftig!« 3 Da heftete Jack einen Blick der innigſten Dank⸗ barkeit auf Herrn Cathmarſen, einen Blick, den dieſer nimmer vergeſſen konnte, ſo ſtrahlend von Entzücken und Seligkeit war er. Dann fiel der Knabe ſeinem Wohlthäter zu Füßen, bedeckte ſeine Hand mit Küſſen und überſtrömte ſie mit den ſüßeſten Freudenthränen. „Gott vergelt' Ihnen, was Sie an mir, an meinen unglücklichen Eltern thun!« rief er ſchluchzend.»Wir können nichts vergelten, wir können nur für Sie beten und Sie als unſern Schutzengel verehren!“ Der mächtige Drang der Gefühle raubte dem be⸗ glückten Knaben die Sprache; er vermogte ſich gar nicht zu faſſen und ſchluchzte krampfhaft. Der kleinen Mary wurde angſt und bange dabei.* „Jack,“ ſagte ſie, indem ſie ihr zartes Aermchen um ſeinen Hals ſchlang und ſeinen Kopf an ihr Herz drückte,„Jack, weine doch nicht ſo ſehr, es iſt ja nun Alles gurl Denke doch nur an deinen Vater, was der für eine Freude haben wird, wenn du ihm Hülfe bringſt.“« „Ach, mein Gott, ja!“ rief der Knabe, ſich zuſam⸗ menraffend und vom Boden in die Höhe ſpringend. „Hin zu ihm! Ich will laufen, ſo ſchnell meine Füße mich tragen können! Ach, du mein großer, gnädiger Gott, wie wird der ſich freuen!« Herr Cathmarſen hielt den Knaben nicht auf. Nach⸗ — dem er die Rolle Gold ſorgfältig in der geflickten Taſche deſſelben untergebracht und die letzten heißen und innigen Ausbrüche von Jacks Dankbarkeit empfan⸗ gen hatte, drückte er ihm die Hand und rief einem Diener, der den Kleinen begleiten ſollte. In der Thür aber drehte ſich Jack noch einmal um, ſtürzte auf die kleine Mary zu, preßte ihr Händchen an die Bruſt und blickte ſie voll dankbarer Liebe an. »„Willſt du den armen Knaben nicht vergeſſen, der jede Stunde und jede Minute für dich beten wird?« fragte er. „Nein, Jack,« antwortete Mary freundlich,„ich werde recht oft an dich denken und mit dem Vater von dir ſprechen. Vergiß nur nicht, was der Vater geſagt hat, und komm hübſch wieder, wenn du kein Geld mehr haſt. Dann wollen wir zuſammen ſpielen. Hörſt du?« Jack nickte, lächelnd unter Thränen. Dann preßte er noch einmal Herrn Cathmarſens Hände an ſeine Lippen und ſtürmte endlich mit ſo beflügelter Eile da⸗ von, daß der Diener ihm kaum zu folgen vermogte. »Der Knabe hat ein dankbares Gemüth und ein frommes Herz,“ ſagte Herr Cathmarſen, als Jack ſich entfernt hatte.„Wir wollen ſehen, was ſich in der Zukunft für ihn thun läßt. Wenn ſein helles, kluges Auge nicht täuſcht, ſo hat ihm Gott mehr als gewöhn⸗ lichen Verſtand verliehen.« 3 »Nimm ihn zu uns, Väterchen,“ ſchmeichelte Mary; ver ſoll mein Bruder ſein.“ »So ſchnell geht das nicht, mein gutes Kind; doch mag es ſich treffen, daß wir ſpäterhin weiter darüber reden.“ 31 So ſprach Herr Cathmarſen und entfernte ſich in das Nebenzimmer. Die kleine Mary aber blieb ein Weilchen gedankenvoll ſtehen, ſchüttelte ihr Köpfchen, nickte, lächelte freundlich und murmelte endlich vor ſich hin: „Jack iſt doch ein guter Junge, und weil er ſo gut und fromm iſt, wird ihn der Vater gewiß noch zu meinem Bruder machen!“ Sprach's, hüpfte zu ihrem Bücherſchränkchen, nahm ein ſchön gebundenes, mit bunten Bildern geſchmücktes Buch heraus, ſetzte ſich damit an den Tiſch und las darin mit vielem Wohlgefallen. In dem Buche ſtan⸗ den ſo wunderhuͤbſche Geſchichten. Drittes Kapitel. Wenn dich die böſen Buben locken, ſo folge ihnen nicht. Während Jack bettelnd und hungernd auf den Straßen umherlief, ſaß ſein Vater daheim an dem La⸗ ger ſeines ſchlummernden Weibes und grübelte über ſein trauriges Schickſal nach. Er hoffte nichts von Jacks Verſuchen, denn er kannte zu gut die Art und Weiſe, wie ſich der große Haufe den Bittenden vom Halſe zu ſchaffen verſteht. Er wagte überhaupt nichts mehr zu hoffen, ſondern war feſt überzeugt, daß er und mit ihm Weib und Kind in den Strudel der Vernich⸗ tung hinabgeriſſen werden würden, ehe denn ein paar Tage verſchwunden wären. Düſtere und verzweifelte Gedanken ſtiegen in ſeiner Seele auf, und der Ver⸗ 32 ſucher pochte gewaltig an ſein zagendes Herz. Ver⸗ lockend ſah er im Geiſte die Reichthümer der Großen und Mächtigen vor ſeinen Augen ſchimmern, und es ſchien ihm ein Leichtes, ſich in den Beſitz, wenigſtens eines Theils derſelben, zu ſetzen. »Was iſt's denn mehr?« dachte er.„Die Nacht iſt finſter, und die Verzweiflung verleiht Muth und Kraft. Hunger und Elend ſind ein paar mächtige Helfer, wenn es gilt, Thüren zu erbrechen, über Mauern zu ſteigen und einen Griff in fremdes Eigenthum zu thun. Der Reiche merkt wohl kaum den Verluſt, und dir, deinem Weibe und deinen Kindern wäre geholfen.“ —„Aber auf welche Weiſe geholfen?« fragte das mah⸗ nende Gewiſſen.„Iſt es nicht beſſer, den Leib ver⸗ derben zu laſſen und die unſterbliche Seele zu retten? Nicht beſſer, in Geduld die irdiſchen Leiden zu ertra⸗ gen, um der himmliſchen Freuden theilhaftig zu wer⸗ den? Nein, nein! Weiche von hinnen, Verſucher, und du, göttlicher Heiland, neige dich zu mir und er⸗ quicke durch deinen Geiſt meine zagende Seele!« Ueber ſolchen Gedanken brütete Davy und rang in gewaltigem Kampfe mit ſich ſelbſt, bis endlich die Däm⸗ merung einbrach, und die Schatten des Abends das öde Gemach verdunkelten. Jetzt ſchlug die kranke Frau ihre Augen auf, warf ſich unruhig auf ihrem ärmlichen Lager umher, und flüſterte noch halb im Schlafe:„Mich hungert!« Als ob ein Blitzſtrahl vor dem unglücklichen Manne niedergefahren wäre, ſo fuhr er zuſammen und entſetzte ſich bei dieſen zwei Worten. Sein Wehruf ermunterte die Frau vollends, und auch ſie erſchrak, da ſie alsbald 1 33 die Wirkung ihrer Klage gewahr ward, die ſie noch halb bewußtlos ausgeſprochen hatte. „Ich redete noch im Traume,“ ſagte ſie beſtürzt. „Ja, aber in dieſem Traum wenigſtens lag ſchreck⸗ liche Wahrheit,“ erwiederte der Mann, indem er ſein ſchweres Haupt auf die hohle Hand ſtützte und einen tiefen, lang gezogenen Seufzer ausſtieß. Wohl eine Stunde blieb es nun wieder todtenſtill in dem Gemache, und lange wagte die arme Frau es nicht, das drückende Schweigen zu unterbrechen. End⸗ lich gedachte ſie ihres Sohnes und fragte nach ihm. Davy gab mit kurzen Worten den nöthigen Aufſchluß, und verſank dann wieder in ſeine Traͤumereien. Die böſen Gedanken nahten ihm wieder in lockender ver⸗ führeriſcher Geſtalt, und jeder Seufzer der kranken Frau verſtärkte den Zauber des Böſen. Davy fühlte, daß er endlich dieſem Seelenkampfe werde erliegen müſſen, und ſprang auf, um mit Gewalt ſich ſeinen Träumereien zu entreißen.„ „Willſt du mich auch verlaſſen?“ klagte die Kranke, als ſie ſah, daß Davy der Thüre zueilte. „Nein, nein, ich verlaſſe dich nicht, wie ich auch meinen Gott nicht verlaſſen will,“ lautete die Antwort. „Ich will nur die Straße ein paar Mal auf und ab gehen; es iſt mir ſo heiß und ängſtlich in dem öden Zimmer hier.“ „Davy, Davy, du haſt doch nichts Böſes im Sinn?« fragte beſorgt die Kranke, welcher ihres Gatten furcht⸗ bare Aufregung nicht entgangen war. „Nein, wahrlich nicht!« erwiederte Davy.„Ich ge⸗ ſtehe, das Böſe hätte beinahe die Oberhand über das Gute in meinem Innern gewonnen; aber Gott hat mir Wohlthun. 3 34 beigeſtanden, und von Neuem habe ich den Vorſatz ge⸗ faßt, nur auf Ihn zu vertrauen, und ſeiner Fügung unſer Schickſal anheim zu ſtellen!“ In dieſem Augenblicke ſchallten raſche Schritte auf der Hausflur, das Brett vor dem Eingange des Ge⸗ maches wurde auf die Seite geſchoben, und Jack huſchte ſchnell in das Zimmer. „ Vater, Mutter,“ rief er jauchzend aber faſt athem⸗ los vom ſchnellen Laufe,—„Gott hat meinen Aus⸗ gang geſegnet! Uns Allen iſt geholfen! Zwanzig Guineen bringe ich Euch!« „Zwanzig Guineen!“ wiederholte der Vater, halb in freudiger Ahnung, halb noch zweifelnd an ſo über⸗ aus beglückendem Ereigniſſe.»Träumſt du, oder biſt du wahnſinnig geworden, Jack? Zwanzig Guineen?« „Ja doch, liebſter, beſter Vater! Freue dich nur, juble, wie ich gejubelt habe, und danke Gott, wie ich ihm dankte für ſeine gnädige Hülfe! Sagte ich dir's nicht, als ich wegging, daß der Vater im Himmel das Herz guter Menſchen rühren werde? Siehe, er hat Größeres an uns gethan, als ich zu hoffen wagte.“ „Jack, mein Sohn, die Himmelsbotſchaft iſt alſo wirklich wahr? Du täuſcheſt mich nicht? O, mein Gott, dann ſei dir Lob und Preis dargebracht aus meiner tiefſten Seele! Aber halt! Knabe, ſage mir erſt, woher du das viele Geld genommen haſt? Iſt es in Ehren erworben, klebt kein Verbrechen, keine Sünde daran?“« „Nein, theuerſter Vater!“ erwiederte mit heller, gluͤckſeliger Stimme Jack.„Nein, kein Verbrechen, keine Sünde, nur der Segen eines guten, herrlichen Men⸗ 3⁵ ſchen, der mir voll Mitleids die ganze, große Summe geſchenkt hat!“ „Nun, ſo ſchenke auch ihm der Herr Segen und Seligkeit dafür!« ſprach in Rührung zerfließend der glückliche Vater, und ſank freudeweinend an dem Lager ſeiner Gattin nieder, die er voll Entzücken mit den Armen umſchlang, und an ſein Herz preßte. „Ja, nun iſt uns geholfen!“ rief er aus.»Nun, du armes, leidendes Weib, wirſt du Kraft und Ge⸗ ſundheit wieder erhalten, und noch einmal werden wir glückliche Tage ſehen! Lauf, Jack! Hole den Arzt, hole Betten, hole Speiſe und Trank, hole Licht und alles Uebrige, was wir bedürfen! Erſt muß die Mut⸗ ter weich gebettet und erquickt werden, dann können wir weiter von allem Uebrigen reden!“ Jack machte ſich von Neuem flink auf die Beine, wurde aber alsbald von ſeinem Vater zurückgerufen. „Bleibe du lieber hier, mein Sohn, denn du wirſt ohnehin von dem Umherlaufen ſchon matt und müde ſein,“ ſagte er.„Ich will ſelbſt gehen, und das Nö⸗ thige beſorgen.“ Mit beflügelter Eile rannte er davon, und Jack ſetzte ſich neben das Krankenlager ſeiner Mutter, und erzählte dieſer, die vor Freuden ſchon halb geſund ge⸗ worden war, die erlebten Abenteuer des Tages. Das war eine gar fröhliche Kunde für die leidende Frau, und mit athemloſer Spannung lauſchte ſie den Wor⸗ ten Jack's. Mittlerweile kehrte der Vater zurück, hoch bepackt mit einer Menge nothwendiger Gegenſtände. Drei Männer folgten ihm mit allerlei Hausgeräth, mit Federkiſſen und Decken, mit Moͤbeln und Holz, und ehe eine halbe Stunde verging, hatte die Kragte ir elendes 36 Strohlager mit einem weichen, warmen Bette ver⸗ tauſcht, und erquickte ihren erſchöpften Körper mit einer kräftigen, nahrhaften Suppe. Ein helles Feuer loderte im Kamin und verbreitete eine behagliche Wärme; die zerbrochenen Fenſter wurden mit Decken umhan⸗ gen, um der Zugluft das Eindringen zu verwehren, und auch die Thür ward in der Eile, ſo gut es gehen wollte, wieder zurecht gemacht. Der Arzt kam, verord⸗ nete der Kranken eine heilſame Medicin, gab ihr die beſten Hoffnungen, und verſprach, binnen wenigen Ta⸗ gen ihre Geſundheit völlig wieder herzuſtellen. Das war ein neuer ſüßer Tropfen in den Becher der Freude, und die bisher ſo unglückliche Familie verlebte einen über alle Maßen glücklichen Abend. Nur wer ſchon ſelbſt den bitteren Kelch der äußerſten Noth geleert hat, kann ermeſſen, welche Seligkeit die Herzen unſerer Freunde an jenem Abende erfüllte. »Nun, Jack,“ ſagte endlich der Vater, nachdem der Knabe zu wiederholten Malen ſeine Leidens⸗ und Freu⸗ dengeſchichte des heutigen Tages wiederholt hatte,— „nun, Jack, wie heißt denn nun aber der herrliche Mann, der unſer Aller Retter und Wohlthäter geweſen iſt? Nenne mir ſeinen Namen, damit ich täglich und ſtündlich für ihn beten und ihn lobpreiſen kann!“ Jack erſchrak, wurde roth und blaß im Geſichte, rieb mit der Hand ſeine Stirne, und blickte ganz ver⸗ dutzt ſeinen Vater an. 3 „Großer Gott,“« antwortete er endlich,„ich habe ja wahrhaftig ſeinen Namen vergeſſen. Die kleine Mary nannte ihn mir, aber die große Freude, welche mich nachher beglückte, hat mich ganz verwirrt gemacht, und Alles aus meinem Gedächtniſſe verwiſcht.“ 37 „Beſinne dich, Jack, beſinne dich!“ ſagte der Vater; „es wäre mir ſehr ſchmerzlich, wenn du den Mann nicht nennen könnteſt, der uns ſo reichlich geſegnet hat. Beſinne dich, lieber Junge.“ Jack nahm alle ſeine Gedanken zuſammen, blickte auf zur Decke, blickte nieder zum Boden, hielt ſich den Kopf mit beiden Händen, und die Angſt trieb helle Schweißtropfen auf ſeine Stirn,— aber er konnte und konnte ſich nicht auf den Namen beſinnen. „Es iſt ein langer, dreiſylbiger Name, das weiß ich noch, und er ſchwebt mir auch immer auf der Zunge, aber ich kann trotz alles Beſinnens nicht wieder dar⸗ auf kommen. Katterſen, Patterſen, ſo ungefähr klingt er, aber doch iſt er's nicht! Ich mögte mich ſelbſt ohrfeigen uͤber meine Dummheit und Undankbarkeit. „Nun, beruhige dich nur, Kind,“ tröſtete der Va⸗ ter gutmüthig;„er fällt dir wohl ſpäter wieder ein, und jedenfalls wirſt du dir die Straße gemerkt haben, in der unſer Wohlthäter wohnt. Wir wollen ihn ſchon finden, und wenn wir Haus bei Haus fragen ſollten.“ „Die Straße? die Straße?« ſtammelte Jack, die Augen voll Thränen.„Ja, was war es denn für eine Straße? Vater, die hab' ich auch vergeſſen. In mei⸗ ner Freude fragte ich nicht darnach, und ſprang mun⸗ ter neben dem Diener her, dem ich ſagen mußte, wo wir wohnen. Und dabei war es ſo dunkel, daß ich mir gar nichts merken konnte.« „Aber Jack, in welcher Gegend der Stadt warſt du denn, als unſer Wohlthäter dich fand? Das we⸗ nigſtens wirſt du doch wiſſen?« „Ach Gott, nein, lieber Vater, das weiß ich auch 38 nicht,“ jammerte Jack, der nun vollends aus der Faſ⸗ ſung kam.„Damals war ich vor Hunger und Er⸗ ſchöpfung faſt ganz von Sinnen, und ſtockfinſter war es auch ſchon. Ach, was wird die kleine, gute, hübſche Mary ſagen, wenn ich mich nun gar nicht wieder ſehen laſſen kann. Sie wird, ſie muß mich für einen un⸗ dankbaren, elenden, verworfenen Jungen halten, und das bricht mir das Herz! O Gott, wie konnte ich auch nur ſo unvorſichtig ſein? Und was mag unſer Wohlthäter von mir denken? O, ich bin ganz elend, ganz elend!« Der trotz ſeiner Armuth ſo zartfühlende Knabe weinte und ſchluchzte zum Erbarmen, und ſein Vater hatte viele Mühe, ihn nur erſt zu beruhigen. „Faſſe dich, mein Sohn,“ ſagte er.„Der Him⸗ mel, der uns ſo ſichtbarlich geholfen hat, wird auch geben, daß du den trefflichen Mann wieder findeſt, durch deſſen Hülfe ſo großer Troſt, ſo große Freude in unſer Haus eingekehrt iſt. Bete zu Gott, daß er dein Gedächtniß ſtärke, und Alles wird gewiß noch recht gut gehen. Komm, mein Knabe! Sei heiter und fröhlich, und gräme dich nicht um einer Vergeß⸗ lichkeit willen, die bei den vorliegenden Umſtänden wohl Entſchuldigung finden mag.“ b „Auch die Mutter vereinigte ihre Tröſtungen mit denen des Vaters, und der heftig aufgeregte Knabe be⸗ ruhigte ſich endlich nach und nach. Aber obwohl er nicht mehr weinte und ſchluchzte, grübelte er doch fort⸗ während über den Namen ſeines Wohlthäters nach, und zermarterte ſein kleines Gehirn, um ihn in ſein Gedächtniß zurückzurufen. Aber wie er auch ſann und ſann, und Buchſtaben aller Art in ſeinem Geiſte zu⸗ 39 ſammenwürfelte, das rechte Verſtändniß ging ihm nicht wieder auf, und unbefriedigt mußte er ſich endlich auf ſein Lager niederwerfen. Doch ſelbſt im Schlafe fand er keine Ruhe; Davy hörte ihn mehr als einmal im Traume unzuſammenhängende Worte murmeln, die Na⸗ men Katterſen, Patterſen, Matterſen glitten oft über des Knaben Lippen, und unruhig wälzte er ſich auf ſeinem Lager umher. Den wirklichen, wahren Namen fand Jack aber doch nicht. Tage vergingen und Wochen. Davy befriedigte ſeinen ungeſtümen Gläubiger, Herrn James, der mit einem ſeltſam höhniſchen Lächeln das Geld in Empfang nahm, bezahlte ſeine übrigen kleinen Schulden, und gab ſich nun alle mögliche Mühe, ein Unterkommen und Arbeit zu finden, um der Noth zu begegnen, die ihm nun eben erſt das Meſſer ſo hart an die Kehle geſetzt hatte. Er war vernünftig genug, einzuſehen, daß der kleine Schatz, welchen Jack von Herrn Cath⸗ marſen bekommen hatte, nicht ewig reichen werde, in⸗ dem er ohnehin ſchon durch die zuerſt angeſchafften, dringend nothwendigen Bedürfniſſe bedeutend zuſammen⸗ geſchmolzen war; und andererſeits durfte er nicht zum zweiten Male auf ſo reiche Hülfe in der Noth rechnen, da es ihm ſehr unwahrſcheinlich ſchien, daß ſich noch einmal ein Menſchenfreund, wie Herr Cathmarſen, be⸗ reit finden werde, ſo reichliche Gaben zu ſpenden. An jedem Morgen ging er aus, und bot, wo er irgend anzukommen hoffen durfte, ſeine Dienſte an. Aber an jedem Abende kehrte er niedergeſchlagen zu den Seini⸗ gen zurück, da es ihm nimmer und nirgends mit ſeinen Bemühungen glücken wollte. Seine Frau, die mittler⸗ weile zwar ihre Geſundheit wieder erlangt hatte, war 40 gleichwohl noch viel zu ſchwach, um ſo ſchwere Arbei⸗ ten, wie waſchen und ſcheuern, zu verrichten, und ſie mußte ſich daher begnügen, Wolle zu zupfen, Garn zu ſpinnen, und Strümpfe zu ſtricken. Damit verdiente ſie zwar alltäglich eine Kleinigkeit, aber der Ertrag die⸗ ſer Arbeiten reichte nicht einmal hin, ihr ſelber das Bischen tägliche Brod zu verſchaffen. Jack half der Mutter; aber der lebhafte Knabe brachte mit ſeinen in ſolchen Arbeiten ungeübten und ungeſchickten Händen auch nicht viel zuwege. Dazu war der Winter mit ungewöhnlicher Strenge eingetreten, und wenn die ar⸗ men Leute nicht erfrieren wollten, ſo mußten ſie ein⸗ heizen. Freilich wurde das Brennmaterial ſo viel wie möglich geſpart, und zu einer recht behaglichen Wärme kam es im Zimmer unſerer Freunde niemals; aber doch koſteten Holz und Kohlen manchen Pfennig, und des Geldes in Davy's Hauſe wurde daher von Tage zu Tage weniger, der Sorgen von Tage zu Tage mehr. Schon lugte das Geſpenſt des Hungers wieder zum Fenſter herein, ſchon war abermals verkauft worden, was irgend entbehrt werden konnte, ſchon klimmperten. nur noch die letzten Pfennige in Frau Davy's geleer⸗ ter Taſche, und noch immer wußte ihr armer Mann weder Rath noch Hülfe zu finden. Da war denn das Leiden wieder groß, und die innigſten Gebete zu Gott vermogten kaum noch die lauten Ausbrüche des Trüb⸗ ſinns und der Schmerzen in die Bruſt der Armen zu⸗ rück zu drängen. Täglich, ja in jeder Stunde, jeder Minute dachte Jack ſeines Wohlthäters und der Verſprechungen, die derſelbe ihm gemacht hatte. So leicht wäre ihnen Allen geholfen geweſen, wenn er ſich nur auf Herrn Cath⸗ 41 marſen's Namen, auf die Straße, wo der edle Mann wohnte, hätte beſinnen können; aber ſein Gedächtniß ſchien ihn ganz verlaſſen zu haben, und je höher ſeine Angſt ſtieg, deſto dichter ſchien der Schleier zu werden, der das Verborgene vor ſeinem geiſtigen Auge ver⸗ hüllte. Mittlerweile kam nun auch langſam der Tag heran, an welchem Herrn James wieder die Miethe gezahlt werden mußte, und Davy konnte ſich nicht verhehlen, daß er dießmal kein Mitleiden bei dem erbarmungs⸗ loſen Manne finden werde. Hatte er ihn doch in der Woche vorher geſprochen, und die Drohungen nicht vergeſſen, die der Wütherich damals gegen ihn aus⸗ geſtoßen. In ſeiner Seele war daher finſtere Nacht, und nirgends ſchien ein Hoffnungsſtrahl zu leuchten, der ihn in Etwas erquickt oder getröſtet hätte. Was ſollte er beginnen, wenn er mitten im Win⸗ ter, allem Grimm der Kälte preisgegeben, mit Weib und Kind auf die Straße geworfen wurde? Wo ſollte er Obdach, wo Nahrung finden? Wie er auch ſann und ſann, er konnte keine Antwort auf dieſe Fragen finden, und wurde faſt wahnſinnig vor Angſt und Sorgen! Alles und Alles ſchien ihn aber auch jetzt verlaſſen zu haben, jedes Unglück ſchien über ihn hereinbrechen zu wollen, damit er den Kelch des Leidens bis auf den letzten bitteren Tropfen leeren ſolle. Der Kummer rüt⸗ telte von Neuem an der noch ſchwachen Geſundheit ſei⸗ ner Frau, ſo daß ſie ſelbſt die leichteſte Arbeit nicht mehr verrichten konnte; er ſelbſt fühlte ſich krank und elend; und Jack, obwohl er nicht klagte und weinte, litt doch auch nicht wenig unter dem Einfluſſe der Kälte, 42 und der kaum zu Stillung des Hungers hinreichenden, ſchlechten und küͤmmerlichen Nahrung. Der Knabe dul⸗ dete ſtill, und nur des Abends, wenn er den ganzen Tag über auf den kalten Straßen die Mildthätigkeit fremder Menſchen ohne Erfolg angefleht hatte, netzte wohl eine heimliche, ſtille Thräne die trockene Brod⸗ rinde, an der er knuſperte. Doch hütete er ſich ſorg⸗ fältig, ſolchen Zeugen ſeines Kummers die ohnehin ſchon tief betrübten Eltern ſehen zu laſſen. Da geſchah es, daß wenige Tage nach Neujahr Herr James wieder in die Stube trat. Das gewöhn⸗ liche höhniſche Lächeln ſpielte um ſeine breiten, häßlichen Lippen, und eine teufliſche Schadenfreude blitzte aus ſeinen kleinen, gruͤnfunkelnden Augen heraus. „Davy, mein Junge,“ ſprach er, nachdem er ſich eine geraume Zeit an der Seelenqual des armen Man⸗ nes ergötzt hatte,—„wir haben heute bereits den dritten Januar, und am erſten war die Miethe ſchon fällig. Wie ſieht es nun aus? Liegt das Geld bereit?“« Davy mußte natuͤrlich verneinend antworten, und es gab eine ähnliche Scene, wie jene, welche wir bei Beginn unſerer Erzählung ſchilderten. Dießmal blieb jedoch Herr James unerbittlich, und widerſtand ſelbſt den Flehensworten und den Thränen des armen Wei⸗ bes, das um Erbarmen bettelnd ſeine Kniee um⸗ ſchlang. „Noch eine Stunde will ich warten,“ ſagte der harte Mann,„iſt dann das Geld nicht da, ſo kommen die Conſtabler, und führen Euch ab! Und damit baſta!— Doch,“ fuhr Herr James fort,—„eine 43 Liebe iſt der andern werth, und wollt Ihr mir einen Gefallen thun, ſo thu' ich Euch wohl auch einen!“ „Sprecht, Herr James, ich bin zu Allem bereit!« rief Davy verzweifelnd aus. „Gut, gut!“ erwiederte Herr James, indem er mit funkelnden Augen ſeinen Schuldner anſtarrte.„In einer Stunde komm' ich wieder, und dann wollen wir weiter von der Sache reden.— Sorgt aber dafür, daß wir allein ſind,“ fügte er flüſternd hinzu, damit die Frau und Jack ihn nicht hören ſollten.„Was ich Euch zu ſagen habe, muß ein Geheimniß bleiben, und paßt nicht für Jedermanns Ohr. Hört Ihr?« Nach den letzten Worten ging er davon. Still und traurig blieb die Familie bei einander ſttzen, und jedes Mitglied derſelben dachte darüber nach, welcher Art wohl die Vorſchläge ſein könnten, die Herr James ihnen machen würde. Der Frau war bange; denn von dieſem Manne erwartete ſie nichts Gutes. Davy ſtarrte trübſinnig vor ſich hin, und Jack hätte ſich ſelbſt züchtigen moͤgen, weil ihm Herrn Cathmar⸗ ſen's Name durchaus nicht wieder einfallen wollte. „Vater,“ ſagte er endlich,„die Zeit verrinnt, und ehe wir es uns verſehen, wird unſer Peiniger wieder da ſein. Ich will die kurze Stunde zu einem letzten Verſuche anwenden, unſeren Wohlthäter wieder aufzu⸗ finden. Gelingt er, ſo iſt uns geholfen; gelingt er nicht, nun, ſo haben wir das Aeußerſte verſucht, und Gott wird weiter helfen. Ich gehe!“ „Und ich will dich begleiten, da ja ohnehin Herr James den Vater allein ſprechen will,“ fügte die Mut⸗ ter hinzu.„Es läßt mir ohnehin keine Ruhe in dem engen Zimmer. Haſt du nichts dagegen, lieber Mann?“ 44 »Nein, nein,« erwiederte Davy.„Geht, verſucht euer Heil, und laßt mich allein den Sturm mit dem böſen James beſtehen. Einen Sturm aber wird's ge⸗ ben, denn etwas Gutes kann dieſer abſcheuliche Menſch nicht von mir verlangen.“ »Was er auch fordern möge,“ ſagte Frau Davy, „vergiß nicht deinen Gott und deinen Heiland, und be⸗ denke das Wort, was da lautet:„Wenn dich die böſen Buben locken, ſo folge ihnen nicht!« Beſſer iſt's, im Elend zu ſchmachten, als zu ſchwelgen auf der Heer⸗ ſtraße der Sünde.“ „Fürchte nichts, liebe Frau,“ antwortete Davy ſanft, aber feſt.„Und wenn er die Schätze Peru's vor mich hin breitete und ſagte, ſie ſollten mein ſein als der Lohn einer ſchlechten That, ich würde die That nim⸗ mer begehen. Wenn Herz und Gewiſſen rein bleiben, ſo fehlt auch nicht die Hülfe des Herrn, und Er führt doch Alles zu einem herrlichen Ende hinaus.“ „Amen! Amen!“ ſagte Frau Davy.„Da ich dich aalſo ſprechen höre, beſter Mann, gehe ich mit freudi⸗ gem Herzen von hinnen.“ Sie ergriff Jack's Hand, und verließ mit dem Kna⸗ ben das Haus. Davy, da er ſich allein ſah, kämpfte noch einmal einen ſchweren Kampf mit dem böſen Feinde, der mit verlockender Stimme ſeine Seele be⸗ rücken wollte; aber ſein guter Engel verlieh ihm den Sieg. Er kniete nieder, faltete ſeine Hände und be⸗ tete:„Herr, dein Wille geſchehe! Wenn du mich zuͤch⸗ tigſt, ſo will ich dich preiſen, denn du zuͤchtigſt nur, wen du lieb haſt. Du wirſt des Armen nicht ganz vergeſſen, und die Hoffnung des Elenden wird nicht verloren ſein ewiglich.“« 2* 45 Ruhig ſtand er auf, und erwartete ſein in Dunkel gehülltes Schickſal mit Geduld und Ergebung. Kaum war die Stunde verfloſſen, ſo erſchien Herr James wieder, und ſein tückiſches Auge funkelte trium⸗ phirend, als er ſeinen Schuldner allein fand. Er glaubte ſchon, gewonnen Spiel zu haben, und warf nun ſchlau ſeine Netze aus, um das Opfer ſeiner Bos⸗ heit vollends in ſeine Gewalt zu bekommen. „Davy, mein alter Junge,“ ſagte er mit angenom⸗ mener Treuherzigkeit,„es freut mich, daß ich Euch allein finde, und wenn Ihr Euch nun meiner Leitung anvertrauen wollt, ſo ſoll Euer Elend noch vor mor⸗ gen ſein Ende erreicht haben. Ja ja, mein Junge! Blicke mich nur nicht ſo verwundert an, ich meine es gut mit dir, und will dir helfen! Dein elendes Schick⸗ ſal hat mich ſchon lange gedauert! Mußt dich da hinquälen von einem Tage zum andern, du armer Teufel, und haſt jahraus, jahrein nicht eine einzige vergnügte Viertelſtunde! Das muß anders werden, Davy!« „Aber wie kann es anders werden?“ erwiederte der arme Mann.„Ich habe Alles gethan, was in meinen Kräften ſtand, um mein Loos zu verbeſſern, aber nimmer hat es mir glücken wollen.“ „Ja, mein Junge, du haſt es eben nicht auf die rechte Weiſe angefangen,“ antwortete Herr James. „Sieh' einmal mich an! Ich war elend, arm, hülf⸗ los und hungernd, wie du; ich mußte betteln, um mein erbärmliches Leben zu friſten, und habe doch manch' liebes Mal mit knurrendem Magen mein elendes Lager aufgeſucht. Während ich mich nun ſchlaflos auf der Streu umherwälzte, kamen mir allerlei kluge Gedanken, 4 46 und ich war nicht faul, ihnen nachzuhängen. Endlich entſchloß ich mich, einige wohl angelegte Pläne aus⸗ zuführen, und ſiehe da, weil ſie mit Schlauheit aus⸗ gedacht und mit Kühnheit angegriffen wurden, ſo ge⸗ langen ſie auch. Ich kam zu Gelde, ſammelte mit der Zeit ein ſchönes Sümmchen, und wurde am Ende, was ich jetzt bin, nämlich ein wohlhabender, reſpektabler Mann, dem es niemals weder an einem guten Biſſen noch an einem guten Schlückchen fehlt. Mach' es, wie ich, Davy, und du kannſt alle Welt auslachen.“ »Aber wie machtet Ihr es, James?« fragte Davy. „Ich muß doch Eure Wege erſt kennen lernen, bevor ich ſie betreten kann.“ „Ich will Euch Alles entdecken, Davy,« ſagte der Verſucher mit leiſerer Stimme, nachdem er vorſichtig umher geſchaut hatte, ob auch kein Lauſcher in der Nähe ſei;—„aber erſt ſchwört mir einen heiligen Eid, daß Ihr keinem Menſchen ein Sterbenswörtchen von dem verrathen wollt, was ich Euch ſagen werde.“ »Ich bin kein Verräther, James,“ erwiederte Davy. „Was es auch ſei, nur immer friſch heraus mit der Sprache.“ „Nein, nein! Keine Sylbe, ehe Ihr nicht geſchwo⸗ ren habt,“ erwiederte der Verſucher.„Werdet doch nicht denken, Davy, daß ich ſo eſelhaft dumm ſein werde, Euch in die Karten blicken zu laſſen, ehe mein Spiel nicht geſichert iſt. So ſchwört denn, und wer⸗ det glücklich, oder ſchwört nicht, und bleibt ein arm⸗ ſeliger Tropf Euer Lebenlang!“ Dapy ſchwankte, und James fuhr eifriger fort, indem er mit den Händen in der Luft umherfocht: „Sei doch kein Narr, mein Junge, und nimm Ver⸗ * nunft an! Du kannſt immer noch thun, was du wiillſt, kannſt meine Vorſchläge annehmen oder ableh⸗ nen nach Gefallen;— ich aber gebe mich ganz und gar in deine Hand, und muß alſo eine Sicherheit haben, daß ich nicht verrathen werde. Siehſt du denn das nicht ein?« Davy ging unruhig im Zimmer auf und ab, ohne, wie es ſchien, zu einem Entſchluſſe kommen zu können. Doch entſchied er ſich zuletzt, den Schwur zu thun, da es ihm ja auf keine Weiſe Nachtheil bringen konnte. James ſprach ihm den Eid vor, und Davy ſprach ihn nach Wort für Wort. Beide waren ſo ſehr in dieſes Werk vertieft, daß ſie nicht hörten, wie die Thür draußen aufging, und leiſe Schritte auf der Hausflur raſſelten. Jack aber, der in das Haus getreten war, vernahm die Stimmen der beiden Männer im Gemach, wagte es nicht, ihr Geſpräch zu unterbrechen, und kauerte ſich ſtill in einer Ecke der Hausflur nieder. Anfänglich horchte er nicht auf das Geſpräch der beiden Männer, obwohl er jedes Wort, was ſie ſprachen, verſtehen konnte. Bald aber vernahm er Einiges, was ſeine Aufmerkſamkeit im hoͤchſten Grade in Anſpruch nahm, näherte ſich endlich leiſe der Thür, und lauſchte athemlos und ohne Bewe⸗ gung, als ob er in eine Bildſäule verwandelt wäre. „Nun, Davy,“ ſagte James,„da Ihr den Eid geleiſtet habt und auf ewig ein verlorner Mann ſeid, wenn Ihr mich zu verrathen wagt, ſollt Ihr Alles wiſſen und auch erfahren, zu welchem Ende ich für heute Nacht Euren Beiſtand begehre. Wenn Ihr ver⸗ nünftig ſeid, wird es Euer Schade nicht ſein. Siehſt du, alter Junge, ich habe, ſeit ich klug geworden bin, 48 zu Friſtung meines Lebens weiter nichts gethan, als die Geldbeutel der reichen Leute bald auf dieſe, bald auf jene Weiſe ein wenig leichter gemacht.« Davy fuhr ein wenig zurück; doch faßte er ſich augenblicklich wieder, da er von Anfang an kaum etwas Beſſeres erwartet hatte. „Alſo geraubt und geſtohlen habt Ihr, Herr Ja⸗ mes?“ ſagte er. „Pfui!« erwiederte der Verſucher mit einem höh⸗ niſchen Lachen;„wer wird der Sache einen ſo häß⸗ lichen Namen geben? Ich habe nur genommen, was mir von Rechtswegen eigentlich zukam, denn ſieh', mein Junge, die Welt iſt nicht dazu geſchaffen, daß ſich einige Wenige mäſten und in Reichthum ſchwelgen ſol⸗ len, während die Mehrzahl der Menſchen hungert und in Armuth ſchmachtet. Ich habe blos wieder genom⸗ men, was die Reichen durch Liſten und Ränke ſich im Laufe der Zeit angemaßt haben. Siehſt du das nicht ein?“. 5 Davy antwortete nicht, ſondern wendete ſich ab, um den Abſcheu zu verbergen, welchen die frechen Worte des Boͤſewichts in ſeiner Seele erweckt hatten. James aber glaubte noch immer, daß der arme Mann mit Freuden in ſeine Vorſchläge eingehen werde, und fuhr fort: „Heute Nacht könnten wir Beide, wenn du nur ein wenig Muth und Entſchloſſenheit hätteſt, einen Hauptſtreich ausführen. Dir wäre für alle Zeiten ge⸗ holfen, und ich ſelbſt hoffe bei der Geſchichte ſo viel 5 zu verdienen, daß ich den Reſt meiner Tage in Ruhe und Gemächlichkeit verleben kann. Sage, darf ich auf dich rechnen?« liegen hat. Seit langer Zeit ſchon habe ich den Plan 49 „Sprich!« erwiederte Davy, der die Schlechtigkeit des Böſewichtes ganz kennen lernen wollte. „In der Regentſtraße,“ fuhr James leiſer fort, in⸗ dem er ſich dicht an Davy herandrängte und unſtät die Augen umherrollen ließ,— in der Regentſtraße wohnt ein reicher, reicher Kauz, ein Kaufmann, der immer ungeheure Summen Geldes in ſeinem Geſchäftlokale mit mir umhergetragen, die ſchwere Caſſette des Na⸗ bobs ein wenig leichter zu machen; aber allein wagte ich das Werk nicht zu vollbringen, da jederzeit ein Handlungsdiener in einer Kammer neben dem Comp⸗ toire ſchläft. Zu Zweien macht ſich die Sache beſſer; du und ich können den Burſchen, wenn er aufwachen ſollte, leicht überwältigen, und wenn er ſchreit, gibt es Mittel, ihn ſtumm zu machen. Uebrigens wird man ihn kaum hören können. Ich habe das ganze Haus genau auskundſchaftet und weiß, daß der Herr mit ſei⸗ nen Dienern im oberen Stockwerke ſchläft. Der Wäch⸗ ter im Comptoire müßte eine gute Lunge haben, wenn er jene aus dem Schlafe aufſchreien wollte. Haben wir ihn aber erſt überwältigt und geknebelt, dann brauchſt du nur einen Griff unter die ſchweren Gold⸗ ſtücke in der Kaſſe zu thun, und haſt dann für den Reſt deines Lebens genug⸗ Verſtehſt du mich, Davy? Tauſende von Goldſtücken ſind in ſolchem Beutel ent⸗ halten.“ „Ich verſtehe Euch wohl, Herr James,“ antwor⸗ tete Davy, der bereits den feſten Entſchluß gefaßt hatte, das Vorhaben des Elenden zu verhindern.»Aber ſagt, wie ſollen wir in das Haus hineinkommen?* Wohlthun⸗ 4 50 James lachte frech.„Hältſt du mich für ſolchen Neuling in der Kunſt, daß du denkſt, ich wüßte für ſolche Kleinigkeit keinen Rath?« fragte er.„Da ſieh' her,“ fügte er hinzu, und langte ein Bündel Dietriche, Schlüſſel und andere Werkzeuge aus ſeiner Taſche. 4 „Dieſen Wünſchelruthen widerſteht kein Schloß und kein Riegel. Jetzt fackele aber nicht länger, Kamerad, ſondern ſchlag' ein! Willſt du mir bei dem Geſchäft⸗ chen Huͤlfe leiſten oder nicht?“ „Sagt mir erſt, wie der Mann heißt, auf den es gemünzt iſt,« erwiederte Davy.„Ich möchte doch nicht gerne blindlings zu ſolchem Werke ſchreiten.“ James bedachte ſich einen Augenblick, ehe er dieſe Frage beantwortete. Es ſchien, als ob er eine Ahnung habe, daß er verrathen werden könne. Nach kurzer Ueberlegung indeß beſchloß er, nicht länger hinter dem Berge zu halten, denn er hielt es für unmöͤglich, daß ein ſo armer Teufel, wie Davy, den er überdieß jeden Augenblick in das Schuldgefängniß werfen laſſen konnte, eine ſo günſtige Gelegenheit, ſeine Umſtände zu ver⸗ beſſern, von der Hand weiſen würde. Aber dennoch täuſchte ſich der Boͤſewicht. Davy wollte den Namen. nur wiſſen, um dem Manne, welcher mit der Berau⸗ bung bedroht ward, eine Warnung zukommen zu laſ⸗ ſen, mochte dann auch aus ihm werden, was da wolle. „Nun, Davy,“ ſagte Herr James endlich,„ſo ſollt Ihr denn Alles wiſſen, damit Ihr ſeht, daß ich. Euch traue und es gut mit Euch meine. Der Mann heißt Cathmarſen!“ Ehe Davy antworten konnte, erſchallte draußen auf der Hausflur ein leiſer Schrei, der den Böſewicht Ja⸗ mes vom Kopf bis zu den Zehen erzittern machte. —— 51 Hurtig ſprang er an die Thür, öffnete ſie, und ge⸗ wahrte— niemand. Mit Blitzesſchnelle war Jack da⸗ von gelaufen, als er unwillkührlich ſeine Gefühle durch den Schrei verrathen hatte, und befand ſich ſchon außer dem Hauſe in einem ſicheren Verſteck, als James auf die Flur trat. „Was war das?« fragte er Davy, der den Schrei ebenfalls vernommen und ſeines Sohnes Stimme er⸗ annt hatte.„Man wird uns doch nicht behorcht haben? Habt Ihr nichts gehört?“ „Ich hörte einen Knaben ſchreien, das iſt Alles,“ erwiederte Davy.„Was iſt dabei zu verwundern?“ „Ei, zum Henker! er ſchrie hier auf der Flur!“ ſagte James. „Da täuſcht Ihr Euch wohl, Herr,“ antwortete Davy.„Der Ruf kam wohl von der Straße her. Wer ſollte denn hier in's Haus kommen, um uns zu behorchen?“ James, ohne ſich an Davy zu kehren, durchſuchte das ganze Haus von oben bis unten; da er aber gar nichts Verdächtiges fand, gab er ſich endlich auch zu⸗ frieden, und ſtimmte der Meinung Davy's bei. Be⸗ ruhigt kehrte er in die Stube zurück, und knüpfte das unterbrochene Geſpräch wieder an. „Nun, wie iſt's, Davy?“ fragte er.»Wollt Ihr an dem Geſchäfte Theil nehmen oder nicht?« „Gebt mir Friſt zur Ueberlegung,“ erwiederte Davy, der Zeit gewinnen und ſeinen ſchlimmen Gaſt ſich vom Halſe ſchaffen wollte.„Wer kann ſich wohl ſo ſchnell zu einem ſo gefährlichen Werke entſchließen?« „Wie? Ihr zögert noch?« fragte James mit einem tückiſchen Blicke.»Nicht alſo, Kamerad! Entweder 5² Ihr ſeid mein Helfer über Nacht, und macht Euch zu einem glücklichen Kerl, oder ich laſſe Euch in das Ge⸗ fängniß werfen, und führe meinen Plan allein aus. Beſinnt Euch kurz und entſchließt Euch raſch. Nimm dich in Acht, Kamerad, ſag' ich! ich laſſe keinen Spott mit mir treiben! Denke auch nicht, mich zu hinter⸗ gehen, denn, beim Satan, ich werde dich daran zu hin⸗ dern wiſſen. Ja, ja, ich habe mich wohl vorgeſehen! Erſtens bindet dich dein Schwur, und dann— auf meinen erſten Ruf zum Fenſter hinaus erſcheinen die Conſtabler, die dich faſſen und feſtnehmen werden.“ Davy erſchrak, denn ſolche auf alle Fälle berech⸗ neten Vorſichtsmaßregeln hatte er nicht erwartet, nicht vermuthen können. Sein bleiches Geſicht verrieth dem Verſucher ſeine geheimen Gedanken, und dieſer erkannte, daß er von Davy nichts mehr zu hoffen hätte. Eine ungeheure Wuth erfaßte ihn, und der Grimm trieb ihm alles Blut in's Geſicht. 4 „Sprich!« ſchrie er!„zu was haſt du dich ent⸗ ſchloſſen?« „Zur Redlichkeit!« erwiederte Davy, der jetzt, da er ſich durchſchaut ſah, nicht länger hinter dem Berge hal⸗ ten wollte.„Ja, ich verwerfe deine Vorſchläge, und haate feſt an dem, was ich für Recht erkenne. Thu' nun dein Schlimmſtes an mir. Steht es auch in dei⸗ ner Macht, meine Glieder in Feſſeln zu ſchlagen, nim⸗ mer wird es dir gelingen, meine Seele in den Pfuhl des Verderbens zu ziehen. Schwelge du in deinem räuberiſch erworbenen Gute, ich beneide dich nicht; denn trotz meiner Armuth, trotz meines Elendes, trotz des Gefängniſſes, das mich angähnt, trotz des Kummers, der mich und mein armes Weib zu Boden drückt, bin —,——— 5³ ich doch glücklicher als du, der du die Strafe Gottes und die Gerechtigkeit der Menſchen fürchten mußt. Mein Gewiſſen iſt rein, und das erhebt mich üͤber die Schläge des Schickſals. Was ich dir ſchwur, werde ich halten; aber denke nicht, daß du darum der Ver⸗ geltung entrinnen wirſt. Der Herr ſpricht:„Nähmeſt du auch die Flügel der Morgenröthe und flöheſt an's äußerſte Meer, ſo würde dennoch meine Hand dich finden und meine Rechte dich halten.“ Wüthend packte James den armen Davy an der Bruſt, ſchüttelte ihn gewaltig, biß die Zähne zuſam⸗ men, und murmelte einen Fluch darüber, daß er ſich hatte überliſten laſſen. Seine Hand zückte ſogar nach einem Meſſer, das er verborgen unter ſeinen Kleidern trug, und ein mordluſtiger Blick funkelte aus ſeinen Augen. Doch beſann er ſich eines anderen, ſchleifte Davy hinter ſich her an das Fenſter, damit er nicht entrinnen könne, und rief mit lauter Stimme nach ſei⸗ nen Häſchern. Augenblicklich kamen dieſelben an, feſ⸗ ſelten Davy, der ohne ein Wort zu ſprechen, Alles widerſtandslos mit ſich geſchehen ließ, und führten in ihrer Mitte den Unglücklichen mit ſich fort. Höhniſch blickte James ihm nach. Als er ihn aber nicht mehr ſehen konnte, verſchwand der Hohn aus ſeinem Geſichte, und grimmig knirſchte er mit den Zaͤhnen. „Verdammt!“ murmelte er;„der tugendhafte Hal⸗ lunke läßt mich im Stiche! Was ſoll ich nun begin⸗ nen? Am beſten wär's, ich unterließe die Sache! Aber das Feuer brennt mir auf den Nägeln, und Geld muß ich haben, wenn ich morgen nicht hungern will, wie der armſelige Schlucker Davy. Ich wage das Stückchen allein, mag daraus werden, was da will! „ Wenn der Wächter ſchreit— nun, dann muß ihn eben das Meſſer ſtill machen. Steht es mir doch ſelber hart an der Gurgel!“ Bei den letzten Worten verließ er das Haus, ging ſchnell die Straße hinauf, und verſchwand bald in dem wogenden Gewühle der Menſchen. Viertes Kapitel. Der Gottloſen Arm wird zerbrochen, aber der Herr erhält die Gerechten. Von ſeinem Verſtecke aus hatte Jack geſehen, wie ſein Vater in Feſſeln und Banden von den Gerichts⸗ dienern davon geführt worden war. Der Anblick ſchmerzte ihn, aber dennoch blieb er guten Muthes, da Hwer wußte, daß Hülfe und Errettung aus der Schmach nahe war. Kannte er ja doch nun den Namen ſeines freundlichen Wohlthäters! Wie ein Blitzſtrahl hatte es ihn durchzuckt, als James Herrn Cathmarſen nannte. Das waren ja eben die drei Sylben, die ihm trotz allem Sinnens und Grübelns nicht hatten einfallen“ wollen! Vor Freuden hatte er laut aufgejauchzt und dann ſchnell die Flucht ergriffen, um von James bei dem Lauſchen nicht ertappt zu werden. In ſeinem Verſtecke rief er Alles in ſein Gedächt⸗ niß zurück, was James geſprochen hatte, und uner⸗ ſchütterlich feſt ſtand der Vorſatz in ſeinem Herzen, zu n Cathmarſen zu gehen, ihn von dem Vernommenen † 5⁵ zu unterrichten, und ihn vor dem Einbruche des Böſe⸗ wichtes James zu warnen. Er wäre ſchon fortgerannt, um ſein Vorhaben in's Werk zu ſetzen; doch wollte er nur erſt die Rückkunft der Mutter erwarten, die im Gedränge einer belebten Straße von ſeiner Seite ge⸗ riſſen worden war, wollte ihr das Nothwendige mit⸗ theilen, um ihr die unnöthige Angſt um das Schickſal des Vaters zu erſparen, und endlich ihr die Kunde ent⸗ decken, die ihn ſelbſt ſo außerordentlich glücklich ge⸗ macht hatte. Er brauchte nicht lange zu warten. Kaum war James um die nächſte Ecke verſchwunden, da kam Frau Davy langſam die Straße herauf gegangen und begab ſich in das Haus. Jack eilte ihr nach.. „Mutter!« rief er der Trauernden zu, indem er in ihre Arme ſtürzte,—„Mutter, ich habe dir eine freu⸗ dige Kunde zu bringen.“ Und mit beflͤgelten Worten erzählte er das Vor⸗ gefallene, und weckte in dem Herzen der Mutter die gleichen freudigen Gefühle, die ſein eigenes Innere erfüllten. 3 „Um den Vater brauchſt du gar keine Furcht zu haben, Mütterchen,“ fuhr er fort.„Du ſollſt ſehen, daß Herr Cathmarſen ihn noch vor Abends oder doch morgen in aller Frühe aus der Haft befreit, und dann werden wir Alle noch recht glückliche und heitere Tage erleben.“ „Ja, dem Vater droben ſei Dank, der mit dieſem Hoffnungsſtrahle die Nacht unſerer Betrübniß erhellt hat,« ſagte die glückliche Mutter, indem ſie voll freu⸗ diger Andacht die Hände faltete und mit einem ſtrah⸗ lenden Blicke nach oben ſah.„Herr, Herr, deine Güte reicht, ſo weit der Himmel iſt, und ſo weit die Wol⸗ ken gehen! Du biſt nahe denen, die zerbrochenen Her⸗ zens ſind, und hilfſt Allen, die ein zerſchlagen Gemüth haben! Habe Lob und Preis und Dank für deine Gnade ewiglich!« 4 »Mein guter Knabe,“ fuhr die Mutter, zu Jack ge⸗ wendet, fort,„wenn du denn gewiß weißt, daß Herr Cathmarſen dein Wohlthäter iſt, ſo ſäume nicht, zu ihm zu gehen, ſeine Hülfe zu erbitten, und ihn vor der Schlechtigkeit des böſen James zu warnen. Der Abend wird bald hereindunkeln, und die Zeit drängt. Eile, eile, damit du nicht zu ſpät kommſt.“ „Geh' mit, Mutter,“ ſagte Jack.„Gewiß, Herr Cathmarſen wird ſich freuen, wenn er dich ſieht.“ »Und wenn nicht, ſo iſt es doch mir ein ſüßes Ge⸗ fühl, ihm aus dem Grunde meines Herzens für die Wohlthat zu danken, durch welche er uns Alle aus dem Abgrunde des Verderbans entriſſen hat. Ich gehe mit dir, mein Sohn.«. Und Beide machten ſich ohne. längeres Zögern auf den Weg. Da Jack die Straße, in welcher Herr Cath⸗ marſen wohnte, jetzt wußte, machte es ihm nun wenig Schwierigkeiten, das Haus deſſelben aufzufinden. Glatt wie ein Aal wand er ſich durch das Gedränge der Leute, zog die Klingel am Hauſe Herrn Cathmarſens, und wurde alsbald eingelaſſen. Der Diener, welcher ihn nach Hauſe bringen mußt, als er das erſte Mal Herrn Cathmarſen beſucht hatte, öffnete ihm, und er⸗ kannte ihn auf den erſten Blick wieder. „Ei, Jack, biſt du es?« rief er erfreut.„Wie werden ſich der Herr und die kleine Miß Mary freuen, wenn ſie dich wiederſehen! Miß Mary hat ſchon oft 57 von dir geſprochen und ſich beklagt, daß du gar nicht wiederkömmſt. Aber wer iſt die Frau, die du bei dir haſt.“ „Das iſt meine Mutter,“ erwiederte Jack.„Sie will ſich bei Herrn Cathmarſen fur ſeine Güte bedan⸗ ken, und darum hat ſie mich begleitet. Iſt der Herr daheim?« 1 „Ja, lieber Knabe,“ verſetzte der Diener, der ſich ehrerbietig vor Jack's Mutter verneigt hatte. „Nun, dann führt uns ſchnell zu ihm, denn ich habe ihm wichtige Entdeckungen zu machen.“ „Ich will dich und deine Frau Mutter melden, lieber Jack; geh' indeß nur in das Zimmer da.“ Der Diener ſprang hurtig treppauf, während Frau Davy und Jack in das angewieſene Zimmer traten, und mit klopfendem Herzen Herrn Cathmarſens An⸗ kunft erwarteten. Keine zwei Minuten vergingen, ſo hörten ſie von oben her einen freudigen Ruf zu ſich dringen, leichte Schritte huſchten geſchwind die Treppe herab, die Thür wurde geöffnet und die kleine Mary flog mit froͤhlichem Geſichte in das Gemach hinein. „Jack, mein lieber guter Jack, ſo biſt du denn end⸗ lich doch noch gekommen,“ rief ſie vergnügt, indem ſie herzlich ſeine Hand drückte und ihn mit leuchtenden Augen anſah.„Du böſer Knabe, wo biſt du ſo lange geblieben? Vater und ich haben dich ſchon längſt er⸗ wartet, und ich glaubte ſchon, du hätteſt uns längſt vergeſſen.“ „Nein, nein! Keine Stunde, keine Minute habe ich dich und deinen guten Vater vergeſſen,“ erwiederte Jack, dem vor Rührung die Augen voll Thränen ſtan⸗ den.“ Immer und immer habe ich Euer gedacht, und du wirſt mich auslachen, wenn du höoͤrſt, nicht kommen konnte.“ „Und warum konnteſt du nicht?« „Ei Mary, weil ich in der Freude über das viele Geld, was mir dein Vater ſchenkte, ſeinen Namen ver⸗ geſſen hatte!“ „Was du ſagſt, Jack! Nun freilich, da konnteſt du natürlich nicht kommen,“ erwiederte lächelnd Mary. »Aber wie haſt du ihn denn jetzt erfahren, Jack?“ „Das muß ich deinem Vater ſagen, Mary; denn es iſt auf eine ganz wunderliche Weiſe geſchehen. Komm', liebes Mädchen! Bringe mich und meine Mutter zu ihm.“ „Das iſt deine Mutter, Jack?«“ fragte die Kleine, jetzt erſt die blaſſe Frau gewahr werdend, die mit in⸗ niger Liebe auf die beiden Kinder niederblickte.„War⸗ um haſt du mir das nicht gleich geſagt, du unartiger Junge! Nun wird deine Mutter böſe ſein, weil wir ſte ſo lange warten ließen.“ „O nein, mein herzensliebes, gutes Kind,“ ſagte Frau Davy, indem ſie ſich zu der Kleinen niederbeugte, und ſie innig an ihre Bruſt drückte.„Ich habe mich unausſprechlich gefreut, daß du meinen Jack ſo lieb haſt.« „Und dich will ich auch lieb haben,“ plauderte die Kleine fröhlich.„Du haſt den Jack ſo gut und fromm gemacht, und da biſt du gewiß auch recht fromm und gut! aber kommt nun; wir wollen raſch zum Vater gehen, der ſchon auf uns wartet.« Sie hüpfte voran, mit leichten Schritten die Treppe hinauf, und führte Jack mit ſeiner Mutter in das Ge⸗ mach, welches dem Knaben von früher her ſchon bekannt warum ich 59 war. Herr Cathmarſen blickte ihn mit freundlichem Auge und ſo voller Liebe an, daß die Rührung über ſo große Güte ihn ganz überwältigte. Er eilte auf Herrn Cathmarſen zu, fiel zu ſeinen Füßen nieder, er⸗ griff eine ſeiner Hände, und überſtrömte ſie mit Thrä⸗ nen. Herr Cathmarſen ſtreichelte freundlich ſeinen blon⸗ den Lockenkopf. „Beruhige dich, lieber Knabe,“« ſagte er, indem er ihn mit der andern Hand aufzurichten verſuchte. Ehe ihm aber dieß gelang, kniete ſchon eine zweite Geſtalt zu ſeinen Füßen, und vereinigte ihre Thränen mit denen Jack's.„Dank, tauſend Dank aus meiner innerſten Seele,« ſagte Frau Davy mit vor Rührung halb erſtickter Stimme.„Sie haben uns Alle dem bit⸗ terſten Elende entriſſen, mußten uns Alle für undank⸗ bar halten, und empfangen uns dennoch jetzt ſo gütig, ſo freundlich! Gott, der Herr ſegne Sie und ſchütte das Füllhorn ſeiner Gnade über Sie aus!“ Herr Cathmarſen, ſelbſt innig ergriffen von dieſen lebhaften Aeußerungen tief gefühlten Dankes, hatte Mühe, die aufgeregten Gemüther erſt wieder zu beru⸗ higen. Doch gelang es ihm endlich, und auf Anfragen erzählte Jack nun, wie es ihm ſeit der letzten Zuſam⸗ menkunft ergangen ſei, und welche Ereigniſſe die Ver⸗ anlaſſung wären, welche ihn von Neuem in das Haus Herrn Cathmarſens gefuhrt hätten. Herr Cathmarſen hörte ihn aufmerkſam an, und erſchrak nicht wenig, als er die Gefahr vernahm, die ſo nahe über ſeinem Haupte geſchwebt hatte. „Großer Gott,“ rief er aus,—„wie überſchwäng⸗ lich vergiltſt du eine kleine Wohlthat! Wiſſe, Jack, vernehmen Sie, liebe Frau Davy, wenn es dem Boͤſe⸗ wichte James heute Nacht gelänge, in mein Comptoir zu dringen, den Wächter zu überwältigen, und ſich meiner Kaſſe zu bemächtigen, ſo würde ich morgen ein armer Mann, ein von Allem entblößter Bettler ſein. Mein ganzes Vermögen, und außerdem noch ungeheure Summen, die mein ECredit mir verſchaffte, liegen gerade jetzt in meiner Kaſſe, weil ich morgen ein bedeutendes Geſchäft, welches mir großen Gewinn bringt, damit machen wollte und noch will. Du haſt mich vor dem Streiche geſchützt, der mich treffen ſollte, Jack, und ſo mit wucheriſchen Zinſen die kleine Schuld bezahlt, die ich dir aufgebürdet hatte. Morgen wollen wir mehr davon reden; heute wollen wir zunächſt Sorge tragen, deine Warnungen zu benützen, mein Hab und Gut zu retten, und den Böſewicht, der mich verderben wollte, um ſich zu bereichern, für jetzt und für die Folge un⸗ ſchädlich machen. Der Abend dämmert ſchon, und es iſt alſo keine Zeit zu verlieren.“ »Wollen Sie auch meines armen Vaters, der im Gefängniſſe ſchmachtet, eingedenk ſein, Herr Cath⸗ marſen?« 4 „Gewiß will ich das, mein theurer Knabe,“ erwie⸗ derte Herr Cathmarſen.„Morgen in aller Frühe ſoll er aus ſeiner Haft erlöst werden. Es würde ſchon heute geſchehen, wenn wir in dieſem Falle nicht Ver⸗ rath zu fürchten hätten. Ich vermuthe nämlich, daß James noch einen Verſuch zu machen gedenkt, die Standhaftigkeit deines wackeren, gottesfürchtigen Vaters zu erſchüttern, und zum Handlanger ſeiner ſchlechten That zu erniedrigen. Vielleicht glaubt der Böſewicht, daß die Haft den ſtarken Geiſt deines Vaters gebrochen hat, und daß er ſich jetzt, nachdem er die Macht ſeines — ,.,— 61 Gläubigers erfahren mußte, eher entſchließen werde, auf ſeine elenden Pläne einzugehen. Wenn er nun dei⸗ nen Vater nicht im Gefängniſſe fände, ſo müßte er jedenfalls vermuthen, daß ſeine Abſicht durchſchaut iſt, und würde ohne Zweifel die Vollbringung ſeiner That bis zu gelegener Zeit aufſparen. Nein, nein, der Böſe⸗ wicht muß in ſeinen eigenen Schlingen gefangen und der ſtrafenden Gerechtigkeit überliefert werden. Siehſt du das ein, Jack?“ „Ja, Herr, das ſehe ich ein, und muß Ihnen voll⸗ kommen beiſtimmen, ſo ſchmerzlich es mir auch iſt, mei⸗ nen armen Vater ſeiner Angſt und ſeinen Sorgen nicht entreißen zu können. Noch eine kurze Nacht, und er wird ja glücklich ſein, wie wir!« „Wenn er nur den Fallſtricken entgeht, die der Böſe ihm legt!« ſeufzte Frau Davy.„Aber gewiß, er wird es!« ſetzte ſie nach kurzem Bedenken freudig hinzu. „Ich kenne ſeine Geſinnung, ſeine Frömmigkeit. Er wird, wie er ſelbſt erſt vor Kurzem noch ſagte, mit Freuden den ſterblichen Leib verderben laſſen, um ſeine unſterbliche Seele zu retten. Er wird feſt halten an Gott und Chriſtus!“ „Daran zweifle ich keinen Augenblick,“ fügte Herr Cathmarſen mit voller Ueberzeugung hinzu.„Ein Mann, wie Davy, wird keiner Verſuchung des Böſen erlie⸗ gen. Aber die Zeit drängt, und wir müſſen handeln, ſtatt zu plaudern. Sie, liebe Frau Davy und du, Jack, bleiben natürlich in meinem Hauſe hier, um es nicht wieder zu verlaſſen. Nehmt Euch meiner kleinen Mary ein wenig an, während ich gehen und die nö⸗ thigen Anordnungen treffen will, uns gegen die Arhliſh des Böoͤſen zu ſichern. Vor Nacht bin ich wieder hier. —— 6² Heerr Cathmarſen griff nach Stock und Hut, und während Mary und Jack unter Aufſicht der Frau Davy fröhliche Spiele ſpielten, begab er ſich in das Polizeigebäude, machte die Anzeige von dem bevor⸗ ſtehenden Einbruche in ſein Haus, und empfing von dem Polizeiminiſter die Verſicherung, daß nichts verab⸗ ſäumt werden würde, um die That zu verhindern, und des Thäters habhaft zu werden.. „Begeben Sie ſich Pinſtweilen ruhig wieder nach Haus, Herr Cathmarſen, und kümmern Sie ſich wei⸗ ter um nichts. Wollen Sie meinem Rathe folgen, ſo laſſen Sie Ihre Gelder aus dem Comptoire an eine andere ſichere Stelle ſchaffen, und warten Sie dann ab, was von unſerer Seite geſchehen wird. Noch vor zehn Uhr Nachts werden Sie ein Weiteres von mir höͤren.“. Herr Cathmarſen dankte dem Richter, empfahl ſich, und kehrte nach Hauſe zurück, woſelbſt er mit Hülfe ſeiner Dienerſchaft die ſchwere Kaſſe in das obere Stockwerk ſeines Hauſes ſchaffte. Dann begab er ſich zu Frau Davy und den Kindern, ergötzte ſich an den Spielen der letztern, unterhielt ſich mit der Frau, und erwartete ſo in Geduld die ferneren Schritte, welche der Richter in ſeiner Angelegenheit thun würde. Die Uhr ſchlug zehn, und im gleichen Augenblicke wurde von außen die Glocke gezogen. Der Diener öffnete, und erblickte einen fremden, bärtigen Mann, der ſofort zu Herrn Cathmarſen geführt zu werden ver⸗ langte. Hier zeigte ſich, daß der Fremde ein Offizier der Polizei war. Nachdem er Herrn Carthmarſen ſeine Papiere und Ordres vorgelegt hatte, theilte er dem⸗ . —-ꝛ—— —„— ——— 63 ſelben die Pläne und die auszuführenden Befehle des Richters mit. 1 „Ihr Haus ſowohl,“ ſagte er,„als alle Zugänge zur Straße ſind von meinen Leuten beſetzt und um⸗ ringt, ſo daß es dem Diebe unmöglich gemacht wor⸗ den iſt, zu entkommen. Wir würden ihn fangen kön⸗ nen, ehe er nur mit einem Fuße Ihr Haus betreten hätte. Das aber iſt keineswegs unſere Abſicht; denn der Böſewicht ſoll während der Tha d in Ihrem Hauſe ergriffen werden. Zu dieſem e würde es uns erwünſcht ſein, einige Mannſchaff in Ihrem Ge⸗ bäude und in der Nähe des Comptoirs verbergen zu können, und ich habe den Auftrag, Sie um dieſe Er⸗ laubniß zu erſuchen.“ „Mein ganzes Haus ſteht zu Ihrem Befehle,“ er⸗ wiederte Herr Cathmarſen.„Verfahren Sie ganz nach Ihrem Wohlgefallen.“ Der Offizier beurlaubte ſich nun, kehrte aber nach wenigen Minuten mit ſechs handfeſten Leuten zurück, die theils im Comptoire ſelbſt, theils vor der Thuͤre deſſelben aufgeſtellt wurden. Der Offizier und Herr Cathmarſen wieſen den Leuten die beſten Plätze an, empfahlen ihnen Ruhe und Beſonnenheit, und begaben ſich dann wieder in das obere Stockwerk, nachdem der Offizier den ſtrengen Befehl gegeben hatte, ihn augen⸗ blicklich davon zu benachrichtigen, wenn irgend etwas Wichtiges vorfallen würde. A. Eine Stunde etwa blieb die Geſellſchaft oben zu⸗ ſammen. Dann gingen die Kinder und Frau Davy zur Ruhe, und nur Herr Cathmarſen blieb zurück, um dem Offizier Geſellſchaft zu leiſten. Dieſer empfahl die größte Stille, und bat, daß, wie gewöhnlich, alle 64 Lichter im Hauſe ausgelöſcht werden mögten, damit nicht der mindeſte Verdacht erregt werden koͤnnte. Alles geſchah nach ſeinen Worten; bald vernahm man im ganzen Hauſe nicht das mindeſte Geräuſch mehr, und Alles ſchien, wie ausgeſtorben. Stunde auf Stunde verging; die noch immer be⸗ lebten Straßen wurden leerer, und die ſtille Mitter⸗ nacht kam heran. Nur ſelten noch ſchallte der Fuß⸗ tritt eines nächtlichen Wanderers von dem Straßen⸗ pflaſter e Gaslichter, welche die Straße er⸗ leuchteten, verloͤſchen, und die dichteſte Finſterniß ruhte Adüich ſchweigend auf der großen, ſchlummernden tadt. leiſe zu dem Lieutenant. »Sein ſie unbeſorgt, mein Herr,“ verſetzte dieſer.„Sel⸗ ten brechen die Diebe vor der erſten Morgenſtunde ein.« Eben ſchlug es eins auf den Thürmen der Stadt, und die beiden Männer ſchwiegen von Neuem. Der Offizier aber rückte leiſe ſeinen Stuhl in ein Erker⸗ fenſter, von welchem aus er einen Theil der Straße uͤberſehen konnte. Nach einem Weilchen lauſchte er angeſtrengt, und rief endlich Herrn Cathmarſen flü⸗ ſternd zu, näher zu treten. »Ich glaube, der Hallunke kommt die Straße her⸗ auf,“ ſagte er. Trotz der Finſterniß glaube ich einen Schatten zu bemekken, der leiſe und eilig dicht an den Häuſern hinſchlüpft. Sehen Sie, er kommt immer näher— ob er wohl vorübergeht— nein— da ſteht er, und ſieht Ihr Haus an! Na, warte Burſche! ehe du es denkſt, wirſt du das Ziel deiner Laufbahn er⸗ reicht haben! Er iſt's, Herr Cathmarſen.“ „Wenn er nur kommt!“ ſagte Herr Cathmarſen 1 65 Geſpannt blickte der Hausherr auf die Straße nie⸗ der, und ſah daſelbſt, aber in nur unbeſtimmten Um⸗ riſſen, eine düſtere Geſtalt, welche ſich jetzt den feſt ver⸗ ſchloſſenen Fenſterläden näherte, und hier mehrere Werk⸗ 1 zeuge aus der Taſche zog. Gleich darauf fing der Mann an zu arbeiten, und zwar mit ſo vieler Vorſicht, daß man kaum ein ganz leiſes Geräuſch zu vernehmen vermogte. Etwa fünf Minuten mogte das gedauert haben, als leiſe an der Thür geklopft wurde und gleich darauf 1 ein Untergebener des Polizeilieutenants in das Zim⸗ 4 mer trat. „Der Spitzbube iſt unten,« flüſterte er.„Was ſollen wir nun beginnen?“ 8 .„Laßt ihn ruhig durch den Laden eindringen,“ be⸗ 1 fahl der Offizier.„Sobald er aber drinnen iſt, wird 1 der Laden von außen wieder geſchloſſen und eine Wache 8 von zwei Mann dabei geſtellt. Im Uebrigen verhaltet Euch ruhig, bis ich hinunter komme.“ Der Soldat verſchwand, und die beiden Herren beobachteten durch ihr Fenſter von Neuem die Fort⸗ ſchritte des unten hurtig fortarbeitenden Verbrechers. 3 Nach einer kurzen Viertelſtunde war es ihm gelungen, den Laden zu eröffnen, und jetzt hatte er keine erheb⸗ 3 liche Schwierigkeit mehr zu überwinden, um in das Comptoir zu gelangen. Er drückte eine Glasſcheibe ein, ſchob mit der Hand die innern Riegel hinweg, öffnete dann das Fenſter, und ſtieg behend, wie eine Katze, hindurch. „Der Hallunke iſt ſchon mehr dabei geweſen, Herr Cathmarſen,“ murmelte der Offtzier leiſe;„ſeine Ge⸗ wandtheit im Einbrechen iſt unvergleichlich. Jetzt aber haben wir ihn in der Falle, und er ſoll uns nicht Wohlthun. 5 mehr daraus entſchlüpfen. Sehen Sie, da beſetzen meine Leute ſchon das Fenſter.“ Bei den letzten Worten ſprang der Offtzier auf, lockerte ſeinen Säbel in der Scheide, und eilte, von Herrn Cathmarſen gefolgt, zu ſeinen Leuten unten im Hauſe. „Vorwärts!“ befahl er. Die Männer drangen vor, riſſen die Thür des Comptoirs auf, zogen brennende Laternen unter ihren Mänteln hervor, und ließen das helle Licht derſelben voll in das Gemach fallen. Sie ſahen den Verbrecher üͤber ein Pult hingebeugt, das er ſo eben vermittelſt ſeiner Dietriche geöffnet hatte. Eine kleine Diebs⸗ laterne, die neben ihm ſtand, verlieh ihm das nöthige Licht. So leiſe waren alle ſeine Bewegungen geweſen, daß der Diener, welcher in einer Kammer neben dem Comptoire ſchlief, nicht einmal davon erwacht war. Als der Böſewicht die Polizeiſoldaten erblickte, ſtieß er einen gellenden Schrei aus, ſprang in die Höhe, und war mit Einem Satze an dem Fenſter, vermittelſt deſſen er ſeinen Einbruch bewerkſtelligt hatte. Aber ſchon war der Laden von außen geſchloſſen, und ob⸗ wohl der Verbrecher mit verzweifelter Anſtrengung daran rüttelte, vermogte er doch nicht, ihn aufzubrechen, und ſo ſich einen Ausgang zu eröffnen. Wie ein Ti⸗ ger, der zum Sprunge bereit iſt, kauerte er ſich zuſam⸗ men, knirſchte mit den Zähnen, und ſtierte mit wilden Blicken die Soldaten an, welche in geſchloſſener Reihe auf ihn zukamen. »Zurück!« brüllte er, indem er zwei geladene Pi⸗ ſtolen aus ſeinem Gürtel zog.„Der Erſte, der mich angreift, iſt ein Kind des Todes.“« »Thorheit, Leute!« ſagte der Offizier. Der Hal⸗ lunke droht nur, und wird nicht ſchießen, da er weiß, daß er dann baumeln muß. Vorwärts! greift ihn!« Entſchloſſen gingen die Männer auf James, denn der war er, los, auch die übrigen Soldaten, die bis⸗ her im Comptoire ſelbſt verſteckt geweſen waren, ſpran⸗ gen zu, und das Loos des Verbrechers ſchien entſchie⸗ den. In dem Augenblicke aber, als ſie ihn faſſen woll— ten, ſprang mit einem wilden Schrei der entſchloſſene Schurke auf, ſtürzte, beide Piſtolen zugleich auf die Angreifenden abfeuernd, in raſchem Sprunge vorwärts, und brach blitzſchnell durch die Reihen der überraſchten Mannſchaft durch. Zwei Soldaten, von Kugeln ge⸗ troffen, ſtuͤrzten; ihre Laternen erloſchen, und die Fin⸗ ſterniß benutzend, eilte James jauchzend auf die Haus⸗ thür zu, die er unverſchloſſen zu finden meinte. Aber der Polizeilieutenant hatte auch dieſen Fall voraus⸗ geſehen, und gerade, als der Spitzbube und Mörder ſeine Flucht geſichert glaubte und entwiſchen wollte, wurde er von zwei ſtarke Männern ergriffen, die neben der Hausthüre Poſt zefaßt hatten. Da war denn nun der Ausgang entſchieden, und binnen fünf Minuten wurde der tobende, läſterlich fluchende Boͤſe⸗ wicht gefeſſelt in das Gefängniß abgeführt. Die beiden Soldeten waren zum Glück nur leicht verwundet, und erholten ſich bald ſo weit, daß ſie ohne weitere Hülfe nach Hauſe gehen konnten, um dort ihre Verletzungen verbinden zu laſſen. Ihre Kameraden be⸗ gleiteten ſie, und auch der Polizeilieutenant verabſchie⸗ dete ſich von Herrn Cathmarſen, indem er deſſen Dank⸗ ſagungen für die geleiſtete Hülfe freundlich zurück⸗ wies. 4 — 68 »„Welches Schickſal ſteht dem Verbrecher bevor?« fragte Herr Cathmarſen zuletzt noch. »Morgigen Tages wird der Schurke am Halſe auf—⸗ gehenkt werden, bis er todt iſt;« erwiederte der Offi⸗ zier gleichgültig, und ſchritt ſporenklirrend von dannen, während Herr Cathmarſen ſein Lager aufſuchte, um nach der Unruhe der Nacht ein Paar Stunden ruhig zu ſchlummern. Am andern Morgen gab es in Herrn Cathmarſens Hauſe nichts als Freude und Fröhlichkeit. Davy war ſchon in aller Frühe aus ſeiner Haft befreit worden, und fühlte ſich glücklich im Kreiſe ſeiner Familie und in Geſellſchaft Herrn Cathmarſens und der kleinen Mary. Herr Cathmarſen, der all' ſeinen Dank zurück⸗ wies, und ſich ſelbſt als ſeinen Schuldner erklärte, theilte ihm mit, auf welche Weiſe er für ſeine Zukunft ſorgen wolle. Er ſtellte den redlichen Mann als Auf⸗ ſeher über ſeine großen Fabriken an, gab ihm eine Wohnung in ſeinem eigenen Hauſe, und zahlte ihm alljährlich einen ſo bede n. Gehalt aus, daß er fernerhin ohne alle Sorge der Zukunft in's Auge ſehen konnte. Den kleinen Jack behandelte Herr Cathmarſen wie ſein eigenes Kind. Er ließ ihn von trefflichen Lehrern unterrichten, und der Knabe wuchs fröhlich und blühend auf, eine Freude Gottes und der Menſchen. Als er ein Mann geworden war, nahm ihn Herr Cathmarſen als Theilnehmer in ſein Geſchäft auf, und gab ihm endlich ſogar ſeine zu einer lieblichen und ſitt⸗ ſamen Jungfrau erblühte Tochter Mary zur Gemahlin. Alle erreichten ein hohes, beglücktes Alter. Sie hatten Gott vor Augen und im Herzen, und vergaßen = 69 nimmer der Gnade und Barmherzigkeit, ſo er an ihnen bewieſen hatte. Danket auch Ihr, die Ihr dieſe Geſchichte leſet, dem Herrn für alle Wohlthaten, mit denen er Euch täglich und ſtündlich überſchüttet; denn der Herr, unſer Gott, iſt ein freundlicher Vater, und ſeine Güte wäh⸗ ret ewiglich. Vergeßt auch nicht, wohlthätig zu ſein gegen die Armen und Schwachen; denn denen, ſo ihren Brüdern helfen, wird der Herr wiederhelfen, und wird die Wohlthat vergelten mit überſchwänglichen Zinſen. Die Gerechten ſollen mein Eigenthum ſein am Tage des Gerichts, ſpricht der Herr, und ich will ihrer ſchonen, wie ein Mann ſeines Sohnes ſchont, der ihm gehorchet. Und ihr ſollt ſehen, was für ein Unterſchied ſei zwiſchen dem Gerechten und Gottloſen, und zwiſchen den⸗ der Gott dienet, und dem, der ihm nicht dienet! men. Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. ρ*