“ 4 3 — “ 5—————-—— 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Jeſebedingungen. d 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 5 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe —hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ) ——-—-——— auf 1 Monat: 4 Mnt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 „ 3„„=„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſſs lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt— der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 4 ſ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ d ’ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ö.““ — 3 Willy. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. — Franz Volkmann. Motto: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich leitet auf dem Wege, den du geheſt Eſa. 48, 17. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt§ Spr Erſtes Kapitel. Willy. Auf Jamaica, einer der größten und reichſten In⸗ ſeln der Antillen, wohnte vor einigen dreißig Jahren Herr Harper, der jüngere Sohn einer vornehmen eng⸗ liſchen Familie. Schon in ſeiner Jugend hatte er Eng⸗ land verlaſſen, um ſich mit ſeinem kleinen Vermögen eine Beſitzung im fernen Weſtindien zu kaufen, und dort unabhängig von ſeinen reicheren Verwandten zu leben, deren Almoſen anzunehmen ſein Gemüth zu ſtolz und zu zartfühlend war. Mr. Harper war jung, kräftig und einſichtsvoll. In Jamaica angelangt, kaufte er nicht ſogleich Lände⸗ reien, von deren Behandlung und Bearbeitung, ſo ganz verſchieden vom Landbau in England, er noch keine Kenntniß hatte, ſondern bemühte ſich um eine Stelle als Aufſeher in einer Kaffee⸗Plantage, wo er bei ſei⸗ nem regen, leicht auffaſſenden und thätigen Geiſte ſehr bald die ihm noch mangelnden Erfahrungen Lulänu uf Nun erſt beſchloß er, einen Verſuch zu machen, den eigenen Füßen zu ſtehen, und kaufte eine zung mit einigen Sklaven, deren bisheriger Willy. 41 — 2 nach England zurückzukehren wünſchte. Die Pflanzung war nicht bedeutend, aber ſie hatte eine äußerſt günſtige und geſunde Lage am Ausfluſſe des ſchwarzen Fluſſes in das Meer, und die dazu gehörigen ausgedehnten Ländereien warteten nur einer fleißigen und geſchickten Hand, um nach wenigen Jahren ſchon in den blühend⸗ ſten Zuſtand verſetzt zu werden. MNr. Harper nun war grade der Mann dazu, eine vernachläſſigte und herabgekommene Pflanzung wieder in guten Stand zu bringen. Er arbeitete und mühte ſich ab, mit raſtloſer Thätigkeit führte er an allen Orten und Enden Verbeſſerungen ein, und kaum zehn Jahre dauerte es, ſo war ſeine Pflanzung eine von den berühmteſten und einträglichſten auf der ganzen Inſel. Mr. Harper galt für einen reichen Mann, und nicht allein das, ſondern er galt auch für einen glück⸗ lichen Mann, und zwar mit vollem Rechte. Er war gllücklich verheirathet, und ſein kleiner Sohn Willy, der zur Zeit, wo unſere Geſchichte beginnt, eben ſein fünf⸗ tes Jahr zurückgelegt hatte, machte ihn zum glücklichſten Vater. Er und ſeine Gattin liebten ihren Willy über Alles; der hübſche, muntere Knabe war die Wonne ihres Herzens, der Stein ihres Lebens, der Augapfel ihrer Seele, und wurde von ihnen auf den Händen getragen. Gott hatte den Eltern nur dieſes eine Kind geſchenkt, und da war es denn ganz natürlich, daß ſie iim alle die Liebe und Zärtlichkeit weiheten, deren das menſchliche Herz faͤhig iſt. In ſo glücklichen Verhältniſſen wuchs der kleine Willy fröhlich auf. Wenn er ſich nicht in der Nähe efand, ſo wurde er in die Obhut ſeiner heren Amme gegeben, einer Negerin, die ihn indeß faſt eben ſo ſehr liebte, als Vater und Mutter, und deren Treue und Anhänglichkeit dieſen ſehr wohl be⸗ kannt war. Sie wußten, daß ſie ſich auf Juno ver⸗ laſſen konnten, wie auf ſich ſelbſt, und überdies war auch noch Peter Mango, ihr Mann da, der nur in den äußerſten Fällen dem kleinen Willy von der Seite wich, wenn derſelbe in die Obhut Juno's, ſeiner Frau, gegeben wurde. Sie waren freilich nur Sklaven, aber das hinderte nicht, daß ſie ihrer Herrſchaft mit großer Treue und Liebe anhingen. Sie wohnten mit im Hauſe des reichen Pflanzers, der ſie mit immer gleicher Güte behandelte, und da der kleine Willy ihnen eine beſon⸗ dere Anhänglichkeit bezeigte, ſo wurden ſie faſt mit zur Familie gerechnet und hatten mancherlei Vorrechte vor den zahlreichen übrigen Sklaven, welche die ausgedehn⸗ ten Kaffee⸗ und Zuckerplantagen Mr. Harpers bearbei⸗ teten. Sie wußten wohl, daß ſie dieſe Vorrechte haupt⸗ ſächlich dem kleinen Willy verdankten, und ſo war es nicht zu verwundern, daß ſie dem lieblichen Knaben die größeſte Sorgfalt widmeten und ihn hüteten, wie einen koſtbaren und ſeltenen Schatz. Liebe und Treue waren alſo das Band, welches Herrn und Sklaven auf's feſteſte mit einander verknüpfte, und dieſes Band ſchien eine nur mit dem Tode endende Dauer zu ver⸗ ſprechen. Aber ach, wie oft, wenn wir mitten im Glück und Freude leben, nahet uns ſchwachen 8 kenſchen ein ſchweres Verhängniß, d Schlage alle Glückſeligkeit in tiefe Tra Betrüͤbniß verwandelt. Ein ſolches Ve aͤuch die Eltern des kleinen Willy un Neger treffen, und zwar zu eine e am wenigſten vermutheten. Alles ſtand wohl und keine Wolke beſchattete den reinen, ungetrübten Himmel ihres Glückes; nicht die entfernteſte Ahnung von einem nahen⸗ den Unglück bedrängte ihre Herzen, und ſorglos lächel⸗ ten ſie dem ſchönen Morgen eines Tages entgegen, deſſen Abend voll Trauer und bitterſten Herzeleides ſein ſollte. Das Wohnhaus Mr. Harpers lag auf einem Hü⸗ gel, und war von einem herrlichen Garten mit ſchat⸗ tenreichen Gebüſchen und Gängen umgeben, welcher ſich bis dicht an das Ufer des ſchwarzen Fluſſes hinab erſtreckte. Hier im Garten pflegte der kleine Willy zu ſpielen, natürlich immer unter Aufſicht entweder ſeiner Eltern oder des treuen Negerpaares, welches den Kna⸗ ben nicht aus den Augen ließ. Auch ſchien ihm da nicht die mindeſte Gefahr zu drohen, denn nach der Flußſeite hin, der einzigen, die gefährlich hätte werden können, war der Garten mit einem feſten und dichten Geländer verſehen, welches immer verſchloſſen gehalten wurde, ſo daß Willy dem Waſſer nicht zu nahe kom⸗ men konnte. Dieſe Vorſicht war auch keineswegs über⸗ flüſſig, denn der Strom, an ſich ſchon tief und reißend, barg auf ſeinem Grunde außerdem noch zahlreiche Kai⸗ mans, gefährliche Ungeheuer, gegen deren Raubgier und Blutdurſt man immer auf ſeiner Hut ſein mußte. Bei dem Gitter, welches hier den Garten einſchloß, war indeß für den kleinen Willy nichts zu befürchten. Er durfte ungehindert in den Schattengängen des Parkes umherlaufen und ſich der glänzenden Vögel und zahlreichen bunten Schmetterlinge freuen, welche aauf leichten Flügeln von Baum zu Baum, oder von — Blume zu Blume flogen, funkelnden Edelſteinen ähn⸗ lich, die in den Strahlen der Sonne blitzen. Bleiben denn nicht Juno und Peter bei ihr Nicht wahr, Juno? 8 5 Ein wunderſchöner Morgen, wie ihn ſo voll Glanz und Fülle nur die geſegneten Inſeln der Tropen ken⸗ nen, brach an. Die Sonne ſtand ſtrahlend am tief⸗ blauen Himmel, und ſpiegelte ſich in den glänzenden Thautropfen, welche gleich Diamanten an den Blättern und Zweigen hingen. Die Luft war kühl und er⸗ quickend; ein köſtlich friſcher Hauch wehte vom nahen Meere herüber, die Vögel ſangen, Schmetterlinge und Käfer ſchwirrten pfeilgeſchwind von Blüthe zu Blüthe, und alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß dieſem köſtlichen Morgen ein eben ſo ſchöner Tag folgen werde. Heiter lächelnd trat Mr. Harper aus der Thür ſeines Hauſes. Seine Gattin, den kleinen Willy an der Hand, folgte ihm, und gleich darauf erſchienen auch Peter und Juno mit dem Frühſtück, welches die Herr⸗ ſchaft wie gewöhnlich in der Verandah vor dem Hauſe einzunehmen beabſichtigte. „Welch' ein ſchöner, glanzvoller Morgen, Mary,“ ſagte Mr. Harper zu ſeiner Gattin.»Wir können ihn nicht beſſer wünſchen zu unſerem Ausfluge.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete Miſtreß Harper—„und doch, ich bliebe lieber daheim bei meinem Knaben! Es betrübt mich, daß ich ihn den ganzen langen Tag nicht ſehen ſoll. Wenn dem Kinde während unſerer Abwe⸗ ſenheit nur nichts geſchieht!“ „Welche Beſorgniſſe!« erwiederte Mr ihrer Obhut iſt Willy ſo ſicher, wie unter 6* „Ich denken das!“ ſagte Juno mit einem zärtlichen Blicke auf den Knaben.„Maſſa Willy mein Herz und Augapfel! Juno ihm nichts geſchehen laſſen, ſondern beide Hände über ihn breiten. Juno lieber ſterben, als Maſſa Willy laſſen Haar krümmen!“« „Ja, ja, ich weiß es wohl, gute treue Seele,“ er⸗ 8 wiederte Mr. Harper freundlich.„Ich werde dir auch † ein ſchönes buntes Tuch aus der Stadt mitbringen und deinem Manne einen neuen Strohhut mit Bändern darauf, der ihm nicht übel zu Geſicht ſtehen wird.. Was meinſt du, Peter?“ „Maſſa Recht haben,“ entgegnete der Neger mit froohem Lachen—„alter Strohhut nichts nutz, neuer ſchitden beſſer vor Sonne! Peter ſehr froh über neuen. Hut!“ „Aber hörſt du, Peter, gib auch ja recht Acht auf meinen Willy,“« ſagte die zärtliche, beſorgte Mutter zu ihm.„Du darfſt ihn ſo wenig aus den Augen laſſen, wie Juno. Ich könnte ſonſt keinen Augenblick ruhig G ſein!“ „Oh, Miſſy, warum Furcht haben um kleinen Engel?« entgegnete Peter.„Ich nicht gehen von Seite ihm! Peter immer Hand über ihm ſtrecken! Und große 8 Hand das, Miſſy! Laſſen nichte kommen an Herz⸗ 5 blatt!« Lcächelnd, daß die weißen Zähne hinter den rothen Lippen vorblitzten, ſtreckte Peter bei dieſen Worten den Arm aus, der freilich ſtark und kraftvoll genug ſchien, um mannhaften Schutz gegen jede Gefahr von außen hoffen zu laſſen. Peter war ein großer, ſtarker Neger mit athletiſchen Gliedern und von einer Muskelkraft, 8 die ſchon oft d aunen Mr. Harpers erregt hatte —KR „Was denn fürchten, Miſſy? und haben offene Augen! Mit 7 Es war ihm eine Kleinigkeit, den wildeſten Stier an den Hörnern feſt zu halten, und eine zolldicke Eiſen⸗ ſtange zerbrach er ſo leicht mit den Händen, wie einen dünnen Rohrſtengel oder einen ſchwachen Binſenhalm. „Ja, ja,“ ſagte darum Miſtreß Harper beruhigt, „ich vertraue dir, Peter: Und Willy wird auch hübſch artig ſein, und keine Thorheiten machen! Nicht wahr, Willy?« „Nein, Mama,“ antwortete der reizende Knabe, in⸗ dem er mit den hellen, blauen Augen zärtlich die Mut⸗ ter anblickte.„Wenn Juno und Peter bei mir bleiben, iſt Alles gut. Peter läßt mich auf ſeinem Rücken rei⸗ ten, und Juno fängt mir ſchöne Schmetterlinge, dann ſpielen wir zuſammen und ſind ganz vergnügt, bis du wieder nach Hauſe kommſt.“ „Nun, ſo mag es denn ſein,“ erwiederte die Mut⸗ ter, und ſtrich dem Knaben die blonden Locken aus dem Geſicht, um einen Kuß auf ſeine weiße, glänzende Stirn zu drücken.„Aber dennoch wird mir der Abſchied ſchwer und ich bliebe lieber daheim! Geh' du allein, lieber Mann, und laß mich hier!“ „Nicht doch, nicht doch, Mary!« entgegnete Mr. Harper.„Mein Freund John würd' es mir ſehr übel nehmen, wenn ich nicht zur Taufe ſeines Söhnchens käme, und ſeine Frau möchte wohl empfindlich werden und mit Recht, wollteſt du an einem ſo feierlichen Tage zu Hauſe bleiben! Nein, nein, man darf nicht unartig gegen ſo liebe Freunde ſein.“ »Maſſa Harper gut reden, ſehr gu Juno b gen und tanzen, lachen, ſingen 8 gnügt. Juno hier, und Peter hier! Was nun Furcht?“ „Nun ja, ja doch,“« erwiederte Miſtreß Harper. „Ich weiß, daß ich euch vertrauen kann, und ſo mag's denn drum ſein. Ich bin bereit, lieber Mann! „Und da kommt auch der Wagen,“ ſagte Mr. Har⸗ per.„Nimm Hut und Shawl, liebes Kind, und beeile dich, denn drei Stunden brauchen wir doch, bis wir zu unſeren Freunden kommen.“ Miſtreß Harper begab ſich in's Haus, kehrte aber gleich darauf zur Abfahrt gerüſtet, wieder zurück. Noch einmal umarmte ſie ihren Willy, den ſüßen Knaben, drückte noch einen letzten Kuß auf ſeine friſchen rothen Lippen, empfahl Juno und Peter noch einmal an, doch ja üͤber ihren Liebling zu wachen und ſtieg dann zend⸗ lich in den Wagen. Während dies geſchah, ertheilte Mr. Harper mit leiſer Stimme Petern noch einen Auf⸗ trag, und folgte dann ſeiner Gattin. Der Wagen rollte in raſchem Fluge davon; jetzt bog er um eine Waldſpitze, noch ein letzter Gruß mit dem wehenden Tuche, und verſchwunden war er. „Papa und Mama ſind fort, nun wollen wir ſpie⸗ len, Juno!« ſagte der kleine Willy, indem er zutraulich die ſchwarze Hand der Negerin ergriff und ſie in das nahe ſchattige Gehölz mit ſich fort zog. Juno folgte ihm bereitwillig, und auch Peter kam bald nach, beladen mit einer leichten Flinte, einem Schmetterlingsnetze und allerlei Spielſachen, die er vorher aus dem Hauſe geholt hatte. Er und Juno ſpielten mit Willy, und alle Drei unterhielten ſich ſo vortrefflich mit einander, daß der eäßi Theil des Ta⸗ ges dahin ging, ohne daß irgend Einer die geringſte —— 9 Langeweile empfunden hätte. Willy war das artigſte Kind von der Welt, und ſo vergnügt, daß ſein Lachen und Jubeln hell und laut durch den ganzen Garten ſchallte. Freilich war das kein Wunder, da Juno und Peter ihm Alles zu Gefallen thaten, was er irgend begehrte und was ſie ihm an den Augen abſehen konn⸗ ten; aber auf der anderen Seite zeigte ſich Willy auch ſo verſtändig, daß man die meiſten ſeiner Wünſche be⸗ friedigen konnte, indem er ſelten etwas Unpaſſendes und Unvernünftiges verlangte. So neigte ſich der Tag zu Ende und die Sonne ſenkte ſich dem Untergange entgegen, als Peter den kleinen Willy, der grade Pferd und Reiter mit ihm ſpielte, von ſeiner breiten Schulter nahm, ihn ſanft auf den Boden ſetzte und ſagte:„Ich nun fort müſſen, Juno, den Befehl von Maſſa ausrichten.« „Wohin du denn gehen, Peter?“ fragte Willy. „Den Fluß hinauf, Maſſa Willy, zu Netze ſtellen für fangen Fiſche,“ erwiederte Peter.„Maſſa mir be⸗ fehlen das vor Wegfahren, weil morgen früh wollen zum Fiſchfang gehen.“ „Ach, bleibe noch hier, Peter, lieber Peter,“ ſchmei⸗ chelte Willy.„Wir wollen noch ein wenig reiten, das iſt ſo ſchön.“. 6 „Peter nicht dürfen bleiben, aber bald wiederkom⸗ men,« antwortete der Neger tröſtend.„Juno ſpielen indeß mit Maſſa Willy wunderſchön! Peter fort müſ⸗ ſen, weil Maſſa befohlen, und gute Diener müſſen ge⸗ horchen.“ 1 „Nun, dann laufe, Peter,“ „Aber, höͤrſt du, bleibe nicht zu entgegnete Willy. e aus! Juno 10 ſoll mir indeß ſchöne Blumen ſuchen und Kränze machen, aber reiten iſt doch noch ſchöner, Peter!“ „Ja, ja, Maſſa Willy! Ich bald zurück, und dann reiten Trapp und Galopp!“ Peter ging und Willy drang nun in Juno, ſie ſolle ihm Blumen pflücken helfen. Juno war gern bereit und kroch durch die Gebüſche, um die ſchoͤnſten und prächtigſten Blüthen für ihren kleinen Liebling auszu⸗ ſuchen. Willy lief auch in den Büſchen umher, und näherte ſich ſo zufällig dem Gitter, welches den Garten nach der Flußſeite hin umſchloß. Juno achtete nicht auf ihn, da ſie ihn ganz ſicher und geborgen glaubte und fortwährend eifrig mit Blumenpflücken beſchäftigt war. Unglücklicher Weiſe ſtand aber heute grade aus irgend einer Nachläſſigkeit die Gitterthür offen, und neugierig näherte ſich Willy, durch dieſelbe hindurch ſchreitend, der Ufertreppe, welche zu dem Waſſer hinun⸗ ter führte. Unten an der Treppe, nur loſe befeſtigt, ſchaukelte ein leichter Nachen auf den Wellen, den Mr. Harper beim Fiſchfange, ein Vergnügen, das er ſehr liebte, zu benutzen pflegte, und dem kleinen Willy kam die Luſt an, in den Kahn hinabzuſteigen und ſich ein wenig zu ſchaukeln. Vorſichtig ſtieg er die Treppe hinunter, kam glücklich in den Nachen hinein, und ſtreifte gedankenlos die Kette ab, welche ihn an dem Ufer feſthielt. Der Kahn, von der Feſſel befreit, trieb augenblicklich auf den Wellen dahin und wurde von ihnen dem offenen Meere zugeführt. Die ſanfte, glei⸗ tende Bewegung machte dem kleinen Willy Vergnügen, und fröhlich lachte er, als der Kahn ſchneller und im⸗ mer ſchneller von der Strömung des Fluſſes fortgetrie⸗ 4 ben wuͤrde. In ſeiner kindlichen Sorgloſigkeit ahnte er —— 3 21 11 nicht die mindeſte Gefahr, und freute ſich nur darauf, das erſtaunte Geſicht zu ſehen, das Juno machen würde, wenn ſie ihn im Kahne mitten auf dem Waſſer erblickte. „Juno! Juno!“ rief er laut zum Ufer hinüber— „ſieh' nur, wie ſchön ich ſchwimmen und im Nachen fahren kann! Juno! Juno!“ Die treue Negerin vernahm zwar das Geſchrei, aber in der Meinung, daß Willy noch ruhig im Gar⸗ ten innerhalb des Gitters befindlich ſei, kehrte ſie nicht allzu eilig aus dem Gebüſche zurück. Wie erſchrak ſie aber, als ſie im Heraustreten Willy nicht erblickte, und die Stimme des Knaben immer entfernter und von der Flußſeite her zu ihr drang. Eilig rannte ſie hinab, und jäher Schrecken raubte ihr faſt die Beſinnung, als ſie die Gitterthür offen ſtehen ſah. Sie ſtuͤrzte hinaus an die Treppe, und ihr Schrecken verwandelte ſich in Entſetzen, da ſie Willy mitten auf dem Strome im ſchwankenden Nachen, wohl ſchon zweihundert Schritte unterhalb der Ufertreppe bemerkte. In Verzweiflung ſchrie ſie laut auf, denn augenblicklich erkannte ſie die Gefahr, von welcher ihr Liebling bedrohet wurde. Kein Menſch außer ihr befand ſich in der Nähe, auch ein zweiter Nachen war nicht vorhanden, und doch mußte ſchleunigſt Hülfe geſchafft werden, wenn Willy vor einem ſchrecklichen Schickſale bewahrt bleiben ſollte. Wenn der Kahn noch weiter trieb, wenn er in's offene Meer gelangte, jetzt, wo der Abendwind ſich ſcharf vom Lande her aufmachte und den leichten Nachen weiter und immer weiter in die See hinaus treiben mußte, ſo war ja Willy ohne alle Rettung verlore nd ſicheren Tode preisgegeben. Nein, nein nicht geſchehen! Ohne Beſinnen, ohne an die furcht⸗ bare Gefahr zu denken, die ſie ſelbſt bedrohete, ſtürzte die treue Negerin in den Fluß hinab, theilte mit ſtar⸗ kem und gewandtem Arme die Wellen, und ſchwamm leicht und ſchnell, wie ein Waſſervogel, den Strom hinunter. Ihre muthige Aufopferung ſchien vom günſtigſten Erfolge gekrönt zu werden; von Sekunde zu Sekunde kam ſie dem jetzt noch langſam forttreibenden Kahne näher, ſchon ſtreckte ſie den Arm aus um ihn zu er⸗ greifen und ſchwimmend nach dem Ufer hinzudrängen, als ſie plötzlich einen ſchrecklichen, gellenden Schrei aus⸗ ſtieß und gleich darauf unter dem Waſſer verſchwand. Ein Kaiman, aus dem Grunde des Fluſſes auftauchend, hatte die Arme mit ſeinen furchtbaren Zähnen er⸗ griffen und ſie mußte ſo ihre Treue mit dem Leben bezahlen. Willy hörte den Schrei des Entſetzens und ſah mit ſtarrem Auge das Verſchwinden ſeiner treuen Hüterin. Selbſt laut aufſchreiend bog er ſich über den Rand des Nachens und ſtreckte jammernd ſeine Händchen in die Tiefe, indem er laut immer und immer wieder Juno's Namen rief. Aber die treue Wärterin hörte ſein ver⸗ zweiflungsvolles Geſchrei nicht mehr, und als nun ein dunkelrother, blutiger Flecken auf der glänzenden Ober⸗ fläche des Waſſers erſchien, da fuhr Willy entſetzt zu⸗ rück, warf ſich auf den Boden des Nachens nieder, ver⸗ barg ſein bleiches Geſichtchen in den zitzernden Händen und weinte bitterlich—— 4 1 Erſt kurz vor Sonnenuntergang kehrte Peter von ſeinem Ausfluge zurück, den er auf Befehl Mr. Har⸗ pers hatte unternehmen müſſen. Im Garten fand er 8 5 13 Willy und ſeine Frau nicht, ließ es ſich aber nur we⸗ nig kümmern, da er annehmen konnte, daß ſie Beide in das Haus gegangen ſeien. Auch hier ſuchte er nach ihnen, und jetzt erſt, als er wiederum vergebens nach ihnen ſpähte, zitterte ein leichter Schrecken durch ſeine Seele. „Wo ſie ſein können?« murmelte er vor ſich hin. Er rief;— laut, immer lauter:„Juno! Willy! Juno!« Niemand antwortete, Alles blieb traumſtill, nur das Echo ſeines Rufes ſchallte von den Wänden wieder. Eine mächtige Angſt erfaßte ihn. Er ſtürzte wieder in den Garten hinaus, ſuchte, rief, ſchrie mit verzweifelter Stimme und händeringend nach Willy. und Juno, und gelangte endlich auch an das Gitter, deſſen noch immer offen ſtehende Thür ihn wie Juno erſchreckte. „Was das hier?« murmelte er betroffen.»Juno doch nicht ſo dumm geweſen, zu fahren auf Waſſer?« Er ſuchte den Kahn— der Kahn war verſchwun⸗ den. Auf und ab den Strom ließ er ſeine ängſtlich ſpähenden Blicke fliegen, und entdeckte endlich tiefer unten an einer in den Fluß vorſpringenden Landſpitze einen dunkeln Gegenſtand, welcher regungslos auf dem weißen Uferſande lag. Peter rannte flüchtigen Schrit⸗ tes hinunter. Als er die Landſpitze erreichte, ſchrie er laut auf, und ſank zitternd zu Boden. Der ſchwarze Körper war der Rumpf ſeiner armen Frau, welche von den Wellen hier an her Strand getrieben war, nach⸗ dem der Kaiman ſeinen Hunger an ihren Gliedern ge⸗ ſtillt hatte. Nichts als der Kopf und der halbe LeiLb war von der unglücklichen Frau mehr uüͤbrig, und Pe⸗ 14 ters Thränen träufelten heiß auf die traurigen Ueber⸗ bleibſel herab. 4 Nun errieth er ſo ziemlich Alles, was geſchehen und wie es geſchehen war. Nach einem heftigen Aus⸗ bruche des Schmerzes raffte er die verſtümmelten Ueber⸗ reſte der armen Jun in Boden auf und trug ſie in ſein Stübchen. Dann lief er, ſo ſchnell er konnte, den 24 Strom aufwärts und ſchlug Lärm in den benachbarten Pflanzungen, deren Beſitzer zum Theil mit Kähnen verſehen waren. Eilig wurden ſie losgebunden und flogen, von kräftig geführten Ruderern getrieben, den* Strom hinab in das offene Meer hinaus, um nach dem verlorenen Knaben zu ſpähen und ihn, wo mög lich, in der weiten Waſſerwüſte wieder aufzufindene 4 Peter ſelbſt beſtieg endlich ein Pferd und jagte nach dem nächſten Hafen, um auch von hier aus Schiffe und Boote abzuſenden, und dann erſt, als Alles ge⸗ ſchehen war, was zur Rettung des kleinen Willy bei⸗ kragem konnte, machte er ſich auf, um den unglücklichen geliebten hesden Kindes mitzutheile Vergeblich würde der Verſuch die Angſt, den Jammer und die armen Eltern ſchildern zu wollen. 3 8 ſich indeß ſo gut er konnte zu faſſen, uͤbergab ſeine Gemahlin der Obhut ihrer Dienerſchaft und machte ſich mit Peter auf, um beklommenen Herzens ſeine Nach⸗ forſchungen mit denen ſeiner guten Nachbarn und Freunde zu vereinigen. Mit banger verzweifelnder Haſt trieb er das Boot über die eereswellen hin, und ſpähte mit thränenvollen Augen nach ſeinem Kinde. Aber es war Nacht, nur die Sterne funkelten am 1 15 Himmel, und ihr Licht war ſo ſchwach, daß man kaum fünfzig Schritte weit ſehen konnte. Zudem machte ſich der Landwind immer heftiger auf, und der Himmel fing an ſich mit Wolken zu bedecken, welche die tiefe, Dunkelheit allmählig in dichteſte Nacht verwandelten. Man rief, man ſchrie— aber ungehört und unbeant⸗ wortet verhallten die Stimmen in der endloſen Waſſer⸗ wüſte, und der Morgen dämmerte herauf, ohne daß man irgend eine Spur von dem verlorenen Knaben entdeckt hätte. 12 Jede Hoffnung, Willy wieder aufzufinden, mußte nun aufgegeben werden. Entweder war der Nachen, in dem der Knabe fortgeſchwommen war, ſchon längſt untergegangen, oder erf we von dem ſtark wehenden inde ſo weit 3 ben, daß die Entdeckung deſſel⸗ 3 fafte ein r ge n wäre. Man gab daher nge die nutzloſen Nachforſ auf, nur der troſt⸗ loſe, verzweifelnde Vater konnte iich noch nicht ent⸗ ſchließen, jede Hoffnugg ſchibinden zu laſſen. Er mie⸗ thete eine ſchnell ſegelndes igg und netde ſean auf dem Meexe umher. Nach allen Richtungen flog das Schiff uͤber die Wellen und unabläſſig durchſpähte da⸗ bei Mr. Harper, in dem höchſten Mars ſitzend, mit den ernrohre den weiten Horizont des Meeres. Drei age und drei Nächte ſetzte er dieſen letzten hoffnungs⸗ loſen Verſuch fort, aber, wie leicht zu vermuthen und vorauszuſehen war, ohne allen Erfolg. Jetzt mußte auch in ſeinem Herzen der letzte Funken vo Hoffnung eerlöſchen. Willy konnte kaum noch am Leben ſein, u Hunger und Durſt mußten den zarten Knaben ſt getödtet haben, wenn er nicht ſchon durch einen ſchnelleren Tod, vielleicht durch das Umſchlagen des Nachens, ein raſcheres Ende gefunden hatte. Die kreu⸗ zende Brigg ſegelte dem Lande wieder zu, und mit ge⸗ brochenem Herzen und tief gebeugtem Gemuth langte Mr. Harper auf ſeiner Pflanzung wieder an, wo das Maß ſeines Kummers noch vollends bis zum Ueber⸗ ſtrömen gefüllt werden ſollte. Er fand ſeine Gattin krank, verzweifelnd, im Sterben. Die furchtbare Ge⸗ müthserſchuͤtterung hatte ihr ein tödtliches Nervenfieber zugezogen, und als Mr. Harper ohne den Knaben Zurückkehrte, war es vollends mit ihrer Kraft zu Ende. Wenige Tage ſpäter ſtarb die unglückliche Mutter in den Armen ihres Mannes, und Mr. Harper, der noch vor Kurzem erſt der glücklichſte Familienvater geweſen war, ſtand nun allein in der Welt, beraubt des Theuerſten, was er auf Erden ſein genannt hatte. Auch an ſeiner Seele zehrte der tiefe Gram, und für lange, lange Jahre hinaus gab es für ihn keine Hoff⸗ nung, kein Glück, kein Lächeln und keine Freude mehr. Niichts war ihm geblieben, als Kummer, Betrübniß und verzehrende Sehnſucht nach ſeinen heimgegangenen Lieben. Und Peter? Peter war verſchwunden, ſeit die kreuzende Brigg unverrichteter Sache in den Hafen zurückgekehrt war. Er hatte nicht den Muth gehabt, die Pflanzung Mr. Harpers wieder zu betreten, und außerdem hielt die treue Seele noch an einer letzten Hoffnung feſt, die er auch ſeinem unglücklichen Gebieter, obwohl vergebens, 4 einzuflößen geſucht hatte. Konnte nicht Willy in ſei⸗ nem Nachen von einem vorüberſegelnden Schiffe ente: deckt, an Bord genommen und ſo gerettet worden ſein? — Unmöglich war die Erfüllung dieſer Hoffnung nicht, . haft, und da er, wie ſchon erwähnt, ein noch junger, 17 und eine kurze Zeit hindurch hatte ſie auch Willy's Vater und ſelbſt der Kapitän der Brigg getheilt. Aber, als drei, vier, fünf Tage vergingen, ohne eine Nach⸗ richt von dem verlorenen Knaben zu bringen, ſchuͤttelte der Kapitän den Kopf. „Es iſt nichts!« ſagte er.„Wenn Jemand den Kleinen aufgefiſcht hätte, wuͤrde er Nachricht davon gegeben haben, denn ſo unbarmherzig iſt kein Menſch, daß er wegen einer Verſäumniß von ein oder zwei Tagen die Eltern ihrer Todesangſt überließe. Der„ Knabe iſt jedenfalls todt, und ich will nur wünſchen, daß er ein raſches Ende gefunden hat, und nicht vor Hunger und Durſt langſam umgekommen und elend verſchmachtet iſt!« So einleuchtend auch die Gründe des Kapitäns waren, ſo ließ doch Peter nicht alle und jede Hoff⸗ nung ſinken, ſondern hielt hartnäckig an dieſem letzten Schimmer feſt. „Was ſchaden es, wenn Peter bleiben bei ſeiner Meinung?« ſagte er.„Peter gehen ſuchen— er nichts zu thun mehr auf Pflanzung, er werden Seemann und kreuzen auf Meer. Seemann erblicken viel Hafen, viel Schiffe und kommen in alle Welt. Wohin kommen, Peter überall fragen und ſuchen nach Maſſa Willy, und endlich Peter richtig finden Maſſa Willy. Er wiſſen das, und hoffen wenigſtens! Werden ſehen!« Vergebens verſuchte es der Kapitän, dem treuen Peter dieſen Vorſatz auszureden. Peter blieb ſtand⸗ ſtarker und gewandter Burſche war, ſo nahm ihn der Kapitän zuletzt ſelber in Dienſt und brachte ihn auß ſein Schiff, wo Peter ſehr ſchnell die nöthigen Hand⸗: Willy. 18 griffe und Kenntniſſe erwarb, die ihn zu einem der tüchtigſten Matroſen auf der Brigg machten. Er ver⸗ ließ Jamaica und durchſtreifte Jahre lang alle Meere der Welt, beſuchte alle bewohnten Küſten, lief in hun⸗ dert Seehäfen ein, und fragte überall nach dem kleinen Willy Harper, aber leider ſtets, ohne je eine befriedi⸗ gende Antwort zu erlangen. Aber das Alles machte den treuen Peter nicht muthlos. Wenn er wieder ein⸗ mal vergebens geforſcht und gefragt hatte, ſo ſchüttelte er wohl betrübt ſeinen ſchwarzen wolligen Kopf, aber gleich darauf erhob er immer wieder muthig das Haupt und murmelte:„»Peter können warten! Einmal er finden doch kleinen Willy, und dann Freude um ſo größer!⸗ 3 Dabei blieb er, und unermüdlich fing er ſeine Er⸗ kundigungen und Nachforſchungen immer wieder von Neuem an. Zweites Kapitel. Wie es Willy ergangen war. Kehren wir nun zu dem kleinen Willy zurück, wel⸗ cher, während Alles um ihn in Sorgen und tödtlichen Aengſten ſchwebte, auf dem offenen kleinen Nachen in das weite, weite Meer hinausgetrieben wurde. Wir verließen ihn, wie er bittere Thränen um den ſchrecklichen Verluſt ſeiner guten und getreuen Amme z — vergoß, die leider umſonſt ihr Leben für ſeine Rettung 8 N 19 aufgeopfert hatte. Er weinte herzbrechend, der arme kleine Knabe, und ſchluchzend rief er wohl hundert Mal:„Ach, Juno, liebe, liebe Juno!“« ohne daß der ſchmerzliche Ruf die treue Negerin an ſeine Seite zu⸗ rückbrachte. Auch nach Peter rief er, und die Erinne⸗ rung an ihn gab ihm endlich einigen Troſt und etwas Faſſung zurück. Er trocknete ſeine Thränen ab, richtete ſich im Kahne in die Höhe und blickte umher. Da erſchrak er aber. Während er, aller Betrübniß voll, auf dem Boden des Kahnes gelegen hatte, war dieſer ſchon weit in das offene Meer hinaus geſchwommen, und bei dem friſchen Winde, der tüchtig vom Lande herüber wehte, wurde er mit immer ſteigender Ge⸗ ſchwindigkeit noch weiter davon geführt. Daß Land wich ſchon in bläuliche Ferne zurück, und nur mit Mühe konnte Willy noch das Haus ſeines Vaters entdecken, welches auf dem Hügel über die niederen Gebüſche und Sträucher des tiefer liegenden Ufers herüber ſchaute. Laut auf ſchrie er, ſtreckte die Arme nach dem Lande aus, und rief mit aller Kraft ſeiner Stimme nach Peter um Hülfe. Peter hörte ihn natürlich nicht— es hörte ihn überhaupt kein menſchliches Ohr, denn weit umher war außer dem kleinen, ſchwankenden Nachen kein Fahrzeug irgend einer Art zu entdecken. Ein paar Segel ſchweb⸗ ten zwar fern, fern am Horizonte über dem Waſſer⸗ ſpiegel— aber bis dahin drang natürlich die ſchwache Stimme des armen, kleinen Knaben bei weitem nicht. Willy, ſo jung er war, ſah doch bald ein, daß ſeine Bemühungen ganz und gar vergeblich ſeien, und ſtrengte ſeine Kehle nicht weiter an. Vielmehr ſetzte er ſiich wieder im Boote nieder, und fing von Neuem an 4 8 9 2* 20 zu weinen, bis ihn der Gedanke tröſtete, daß nun bald ſein Vater und ſeine Mutter wieder heimkommen und daß alsdann der Vater ihn ganz gewiß ſuchen und finden werde. Die Zuverſicht hierauf machte ihn ruhig, und nach ſo kleiner Kinder Art und Weiſe entſchlug er ſich bald aller ſchlimmen Gedanken und Erinnerun⸗ gen, und fing ſogar an, wieder Freude und Vergnügen an ſeiner Waſſerfahrt zu empfinden. Der Wind wehte friſch, aber doch nicht ſo heftig, daß er die Meereswellen zum Erſchrecken aufgeregt hätte. Er hob ſie eben nur hoch genug, daß ſie den leichten Nachen in einer angenehmen ſchaukelnden Be⸗ wegung erhielten, an welcher ſich Willy ganz beſonders erfreute. Es machte ihm ſogar Spaß, wenn eine etwas höher gehende Woge ihm ihren leichten, weißen Schaum in's Geſicht ſpritzte, und lachend wiſchte er die perlen⸗ den Waſſertropfen mit ſeinem Tuche wieder ab. Außer⸗ dem war der Abend ſo wunderſchön und die Sonne ging ſo prachtvoll unter, daß Willy im Anſchauen des herrlichen Schauſpieles alles Uebrige vergaß. Der Himmel glühte im Weſten von den brennendſten Far⸗ ben, von Roth, Purpur und Gold, und die Sonne glich einer ungeheuren feurigen Kugel, die ihren flam⸗ menden Wiederſchein wie einen flüſſigen Gluthſtrom mei ibe das Meer und das ganze Himmelsgewölbe ergoß. Aber die Sonne ſank immer tiefer zu den hüpfen⸗ den Wogen hinunter, tauchte allmählig zur Hälfte un⸗ ter die Wellenkämme hinab, und verſchwand endlich nach einem letzten gluthſtrahlenden Aufleuchten ganz und gar. Allmählig erloſch nun auch die Gold⸗ und Purpurpracht des weiten Himmelbogens, die brennen⸗ den Farben gingen in ein dämmeriges Grau über, einzelne Sterne blitzten wie glänzende Lichter auf, und plötzlich war die Nacht da, die dunkle ſtille tiefe Nacht mit allem Schrecken und Bangen, das ſie dem ſchwa⸗ chen Herzen eines kleinen, noch dazu durch die ein⸗ ſamſte und hülfloſeſte Lage geängſtigten Kindes ein⸗ flößen kann. Willy fing von Neuem an zu weinen, und unter Thränen rief er wohl hundertmal mit zit⸗ ternder, ſchluchzender Stimme nach Vater und Mutter, nach Peter, und nach Juno ſogar, deren traurigen Tod ſeine eigene traurige Lage aus ſeinem Gedächtniſſe ver⸗ wiſcht hatte. Aber wie die vorigen, ſo verhallten auch dieſe Rufe ungehört, und voller Angſt und Grauen kauerte ſich der arme kleine Willy endlich auf dem Boden des Nachens zuſammen und ſtützte ſein Locken⸗ köpfchen ſchluchzend auf ſeinen Arm. In dieſer Lage erbarmte ſich der Himmel ſeiner Angſt und Noth, und ſendete ihm, was ihn alle Schrecken vergeſſen machte: einen ſanften, ruhigen und friedlichen Schlaf. Unter Thränen ſchlummerte Willy ein, und die Luft war ſo warm, das Schaukeln der Wogen ſo ſanft, daß er ſein Bettchen daheim nicht im mindeſten vermißte, ſondern ganz feſt und ungeſtoͤrt fortſchlief, bis ihm am anderen Morgen die Sonne hell und glänzend in ſein Geſicht⸗ chen ſchien. Da erwachte er, richtete ſich auf, und blickte erſtaunt und verwundert um ſich. Jetzt, wo er vielleicht ſchon hundert Meilen von der heimathlichen Küſte entfernt war, ſah der arme Junge nichts mehr um ſich, als Himmel und Waſſer, denn das Land war ſchon längſt tief hinter die Wogen hinab geſunken. Auch die fernen weißen Segel, die er geſtern Abend noch geſehen hatte, waren jetzt verſchwun⸗ 22 den, und viele Meilen weit in der Runde befand ſich alſo kein menſchliches Weſen, das dem unglücklichen verlorenen Kinde einen freundlichen Blick hätte zuwer⸗ fen, ein tröſtendes Wort hätte zurufen können. Ganz, ganz allein und von aller Welt verlaſſen war der arme Knabe, und obgleich er noch zu klein und zu jung war, um die drohenden Gefahren ſeiner ſchrecklichen Lage im ganzen Umfange zu ermeſſen, machte doch ſeine gänz⸗ liche Abgeſchiedenheit von Allem was er liebte und an was er gewöhnt war, einen tief erſchütternden Eindruck auf ihn. Außerdem empfand er auch Hunger, und das einen recht tüchtigen Hunger, denn ſeit dem vorigen Nachmittage, alſo ſeit etwa ſechszehn bis achtzehn Stunden hatte er weder Eſſen noch Trinken zu ſich ge⸗ nommen. Der arme kleine Schelm mußte bitteres Herzeleid erdulden; als er ſeine traurige Lage in ſeiner kindlichen Weiſe in's Auge faßte, verzog er wieder wie geſtern ſein hüͤbſches, heute aber ſchon ein wenig blaſſes Ge⸗ ſichtchen zum Weinen, und als erſt die erſten Thränen gefloſſen waren, ging es auch mit Schluchzen und Jammern, wenige Unterbrechungen ausgenommen, den ganzen Tag fort, bis wieder die Sonne ſank, und wieder der mitleidige Schlaf ſich des armen Kleinen erbarmte und ihm die thränenmüden, vom heftigen Wei⸗ nen dick geſchwollenen Augenlider auf einige Stunden zudrückte. Mittlerweile trieb der Nachen ohne Ruder und Steuer, nur vom ſtetigen Winde getrieben, noch immer weiter in die See hinein, in ungemeſſene Fernen von der Küſte der Inſel Jamaica fort. Wilyy wußte das 8 nicht, denn er war ja noch viel zu klein, um die Ent⸗ 23 fernungen berechnen zu können, und überdies, als er am zweiten Morgen ſeiner Irrfahrt aus dem Schlum⸗ mer aufſchreckte, war es nun auch mit allem Nachden⸗ ken, Ueberlegen und Berechnen ſchon ſo ziemlich vorbei. Der arme Knabe fing an, den Entbehrungen zu erlie⸗ gen, welchen ſein zarter Körper nur geringen Wider⸗ ſtand entgegen ſetzen konnte. Hunger und Durſt ver⸗ wirrten ſeine Sinne; er fieberte, und bald lag er wei⸗ nend und ſchluchzend, bald wieder in ohnmächtiger Be⸗ täubung regungslos auf dem Boden des Nachens. Seine Kräfte waren erſchöpft und er näherte ſich mit raſchen Schritten einem traurigen Ende. Ein kläglicher Anblick war es, das arme ſchwache Kind zu ſehen! Seine Augen waren erloſchen; die friſche Röthe ſeiner Wangen hatte ſich in ein fahles Gelb verwandelt; der bleiche Mund, der jetzt nicht mehr einer aufbrechenden Roſenknoſpe glich, ſtand halb offen und ließ die bleifarbene Zunge ſehen, die riſſig und trocken am Gaumen klebte; und nicht einmal Thrä⸗ nen hatte der arme Schelm mehr, um ſein Unglück be⸗ weinen zu können. Nur ein leiſes, wimmerndes Stöh⸗ nen glitt noch manchmal über ſeine trockenen Lippen; — im Uebrigen glich er ſchon mehr einem Sterbenden, als dem reizenden, friſchen, geſunden und munteren Knaben, welchen wir zuerſt, umgeben von allen Seg⸗ nungen des reinſten Glückes, in dem Hauſe ſeiner El⸗ tern kennen gelernt haben.——— Um dieſe Zeit war es, daß eine leichte, ſchnellſe⸗ ggelnde Kriegsbrigg, von oben bis unten mit Segeln bedeckt, wie ein Schwan mit ſchwellenden Flügeln über das Waſſer hinrauſchte. Der Mann im Mars, welcher den Ausguck hatte, lehnte nachläſſig am Maſte und hob — kaum die Augen auf, um von Zeit zu Zeit ſeinen Blick 3 über die weite, glänzende Waſſerfläche hingleiten zu laſſen. Die Matroſen befanden ſich müßig auf ihren Poſten, die Offiziere ſchlenderten plaudernd auf dem Hinterdeck auf und ab, und Keinem von Allen fiel es ein, in der Erwartung über Bord zu ſehen, auf dem Meere irgend etwas Beſonderes zu entdecken. Und doch ſchwamm, kaum eine Viertelſtunde von der Brigg entfernt, ein leichter Nachen auf dem Waſſer, und ſchau⸗ kelte, ein Spiel des Windes und der Wellen, ohne Maſt und Steuer ſchwankend in der Oede umher. Es war kaum eine Hoffnung vorhanden, daß der Nachen 3 voon der Brigg aus bemerkt wurde, denn ſchon ließ dieſelbe ihn hinter ſich zurück, und bei der friſch wehen⸗ den Briſe war es leicht zu berechnen, daß wenige kurze Minuten ſpäter der Nachen ganz und gar aus dem Ge⸗ ſichte ſchwinden werde. Da konnte man es denn ein großes Glück oder noch beſſer eine beſondere Fügung Gottes nennen, daß eben jetzt Kapitän Bridewell, der Befehlshaber der Brigg, welcher Depeſchen der engliſchen Regierung nach Oſt⸗ indien zu überbringen befehligt war, auf dem Verdecke erſchien. Sein erſter Blick galt der Richtung des Win⸗ des und dem Stande des Wetters— ſein zweiter flog 4 ſcharf rings am Horizonte entlang. Plötzlich ſtutzte er und trat einen Schritt näher an die Brüſtung des Back⸗ bord. 1 „Mr. Black,“ wendete er ſich an ſeinen erſten Lieutenant—„was haben wir dort drüben? E kann unmöglich ein Fiſch ſein! Mein Fernrohr! G. ſchwind!“— 4 8 Dienſtfertig eilte einer von den Midſhipmen in die lieren!“ 3 25 Kapitäns⸗Kajüte, um das verlangte Fernglas zu holen, während alle Anweſenden dem Beiſpiele des Kapitäns folgten, und nach dem fernen Punkte draußen auf dem Meere hinüber ſchauten.. »„Es iſt ein Felſen!“ ſagte Einer.„Nein, ein Boot iſt's,« widerſprach ein Anderer— und Jeder äußerte ſo ſeine Vermuthung, bis der Midſhipman zu⸗ rückkehrte und das verlangte Fernrohr dem ungeduldig harrenden Kapitän überreichte. Raſch führte es dieſer zum Auge. „Es iſt ein Boot— ein offener, kleiner Nachen, und wie es ſcheint, ohne irgend ein lebendes Weſen,“ ſagte er.„Wie mag das hierher gekommen ſein?« »Gewiß, ein Nachen iſt es,“ beſtätigte Mr. Black, der erſte Lieutenant.„Vermuthlich durch Zufall von irgend einem Schiffe verloren gegangen.“ „Aber er iſt nicht leer, Sir!« rief jetzt der Mann vom Maſtkorbe her.„Ein Kind liegt darin!« »Was ſagt Ihr, Mann? Unmöglich!« entgegnete Kapitän Bridewell zweifelnd, kletterte aber doch eilig in das Mars hinauf und richtete noch einmal ſein Glas auf das Boot. »Bei Gott, er hat Recht! Ein Kind, ſchlafend oder todt!“« rief er aus.„Aber gleichviel! Wenn Erſteres der Fall iſt, muß es gerettet werden! Back gebraßt die Segel, und herum mit dem Steuer! Laſſen Sie ein Boot ausſetzen, Mr. Black! Geſchwind! Hurtig, Leute! Wir haben nicht viel Zeit zu Ddie Befehle des Kapitäns wurden augenblicklich und mit einem Eifer erfüllt, der eine weitere Ermun⸗ rrung der Leute überflüſſig machte. Die rauheſten 26 Matroſen fühlten eine Regung von Mitleiden und Theilnahme bei dem Anblicke jenes Nachens, welcher ein ſchwaches Kind über die Meereswellen dahintrug. In wenigen Minuten war ein Boot ausgeſetzt, ſechs der tüchtigſten Ruderer ſprangen hinein, Mr. Black folgte, und mit Vogelſchnelle glitt das Boot dem ſchwarzen Punkte in der Ferne zu, um, wenn es noch Zeit wäre, Beiſtand, Hülfe und Rettung zu bringen. Eine halbe Stunde ſpäter kehrte das Boot zurück. Neugierig ſchauten viele Augen über Bord des Schiffes hinab ihm entgegen, und theilnehmend fragte der Kapi⸗ tän:„Lebt es noch?“ 4 »Noch lebt es, Sir,« antwortete Mr. Black— aaber es geht mit dem armen kleinen Burſchen zu Ende, und es war hohe Zeit, daß wir ihn bemerkten und auffiſchten! Die nächſte Nacht hätte er nicht über⸗ lebt.« „Ja, ja, man ſieht's ihm an!“ ſagte Kapitän Bri⸗ dewell mitleidig.„Er iſt beſinnungslos— der Schiffs⸗ arzt wird mit ihm zu thun haben. Herauf mit ihm! Armes Kind, wie elend es ausſieht, aber glücklicher⸗ weiſe athmet es ja noch! Doktor, hurtig! Nehmen Sie ſich ſeiner an! Wie ſteht es mit ihm? Haben Sie Hoffnung?“ „So lange noch ein Athemzug da iſt, darf der Arzt die Hoffnung nicht aufgeben,“ entgegnete der Doktor, indem er ſich zu dem Knaben niederbeugte.»Der kleine Burſch iſt arg mitgenommen von Hunger und Durſt, aber doch denke ich, wir bringen ihn durch. Tragt ihn in meine Kajüte— mit Ihrer Erlaubniß natuͤrlich, Kapitän!“ „Die Kranken ſtehen unter Ihrem Ko Doktor! Machen Sie mit dem Kleinen, was Sie wollen und was Sie konnen!“ erwiederte der Kapi⸗ tän.„Unglückliches Kind! Es iſt fein gekleidet und ſcheint von guter Familie! Thun Sie Ihr Möglich⸗ ſtes, Doktor! Und nun— zu unſerer Pflicht zurück! Bringen Sie das Schiff wieder vor den Wind, Mr. Black!“« Der Lieutenant griff zum Sprachrohre, ſeine Be⸗ fehle ertönten, und die nur einige Augenblicke durch ein ſo ſeltenes Ereigniß unterbrochene Disciplin war ſofort auf dem Schiffe wieder hergeſtellt. Bald flog die mun⸗ tere Brigg wieder luſtig vor dem Winde her und ſteuerte graden Kurſes dem fernen Oſtindien zu. Es war alſo der kleine Willy, den der menſchen⸗ freundliche Kapitän Bridewell von dem traurigſten Schickſale gerettet hatte. In der That war es die höchſte Zeit geweſen, daß ihm Hülfe zu Theil wurde, denn der Lebensfunke glimmte nur noch ſchwach in ihm, und der Schiffsarzt mußte die gewiſſenhafteſte Sorgfalt anwenden, um ihn allmählig wieder zur hellen Flamme anzufachen. Aber es gelang. Zwar lag Willy bei⸗ nahe drei Wochen hindurch beſinnungslos im Fieber, immer zwiſchen Leben und Tod ſchwebend, aber endlich ſiegte doch ſeine urſprünglich gute Natur und die Kunſt des Arztes, und nach langem Leiden konnte der Doktor endlich mit Beſtimmtheit ihn für gerettet erklären. Das böſe Fieber verließ den Kleinen, ſeine Kräfte kehr⸗ ten allmählig zurück, und endlich, kurz vor der Ankunft der Brigg an ihrem Beſtimmungsorte, konnte Willy ſein Schmerzenlager verlaſſen und an der Hand des Doktors dem Kapitän Bridewell einen Beſuch in ſeiner Küüte abſtatten. 5 28 „ Ah, da haben wir ja unſeren kleinen Abenteurer!“ rief der Kapitän und ſtreckte dem Kinde freundlich die Hand entgegen.„Nun erzähle doch, armer Schelm, wie du in dem leichten Nachen auf die hohe See ge⸗ kommen biſt? Geſchwind, geſchwind! Denn ich bin in der That ſehr begierig, eine Erklärung zu erhalten.“ Willy nahm die Hand des Kapitäns, drückte ſie kindlich an ſeine Bruſt, und ſah ihn mit dankbaren Blicken an, aber— eine genügende Antwort auf ſeine Frage vermochte er nicht zu geben. 5 „Ich weiß nicht!« ſagte er.„Es iſt Alles ſo leer in meinem Kopfe!“ Verwundert ſchaute der Kapitän auf den Doktor. Ddieſer zuckte die Achſeln. „Leider verhält es ſich ſo,« ſagte er.»Ich habe ſchon alles Mögliche aufgeboten, irgend eine Erinne⸗ rung in dem Kleinen zu wecken, aber das Fieber, und wahrſcheinlich ſchon vorher die Angſt und die ausge⸗ ſtandenen Leiden haben ſein Gedächtniß gänzlich ver⸗ wiſcht. Aehnliche Fälle ſind nicht ſelten, ſelbſt bei Er⸗ wachſenen, und da darf uns dieſer allerdings ſehr traurige Umſtand bei ſolchem Kinde nicht wundern, das höchſtens fünf oder ſechs Jahre alt ſein kann.“ „»Aber dies iſt ja ſehr unglücklich!« rief der Kapi⸗ tän betroffen aus.„Der Kleine hat vielleicht, wahr⸗ ſcheinlich ſogar, Eltern, die noch leben und ſich nach ihm ſehnen! Es war meine Abſicht, ihn bei der Rück⸗ kehr nach England in ſeine Heimath zu bringen, die unzweifelhaft auf einer der weſtindiſchen Inſeln iſt, in deren Nähe wir ihn gefunden haben— aber wenn wir gar keinen Fingerzeig haben, ſo iſt das ja ganz unmög⸗ lich. Weiß er denn gar nichts mehr?“ »Nichts! Nur ſeinen Vornamen, Willy, und einige andere unbedeutende Dinge. Den Namen ſeines Va⸗ ters hat er vergeſſen.«! „Und die Inſel, auf der er geboren wurde? Wenn wir dieſe nur wenigſtens wüßten!“ Der Doktor zuckte die Achſeln.„Alles rein ver⸗ wiſcht!“ ſagte er—„bis auf die letzte Spur.« „Aber haben Sie nicht ſonſt irgend ein Zeichen ge⸗ funden, welches uns zu einem leitenden Faden aus die⸗ ſem Labyrinthe dienen könnte?« »Nichts, als ein kleines in Gold gefaßtes Miniatur⸗ Bildchen, das an einer ſeidenen Schnur um ſeinen Hals hing, und das ich Ihnen hier mitgebracht habe, Sir! Die Mutter des Kleinen kann es kaum vorſtellen, eher die Großmutter, denn das Bild iſt alt und die Tracht auf ihm vielleicht ſchon dreißig Jahre aus der Mode. Sehen Sie ſelbſt.« E 1¼ e Der Kapitän nahm das Bildchen, betrachtete es. haſtig von allen Seiten, in der Hoffnung vielleicht, einen Namen zu entdecken, legte es dann aber kopfſchüt⸗ telnd auf einen Tiſch. »Das hilft uns nicht weiter,“« ſagte er,„obgleich es vielleicht eines Tages dem armen kleinen Burſchen dazu dienen mag, erkannt zu werden, wenn der Himmel es fügt, daß er jemals ſeine Eltern wiederfindet. Wir können nichts damit anfangen. Aber was nun, Dok⸗ tor? Was ſoll mit dem Kleinen werden? Großer Gott, es jammert mich, das arme Kind, aber ich weiß wahrhaftig nicht, was wir mit ihm beginnen. Was meinen Sie, Doktor, könnte das Gedächtniß vielleicht noch zurückkehren? Haben Sie gar keine Hoffnung in dieſer Beziehung?« 4 30 „Die Wahrheit zu ſagen— nein!“ antwortete der Dolktor.„»Kinder in ſo jungem Alter vergeſſen ſelbſt in geſunden Tagen leicht, und nun vollends nach ſo langer und tödtlicher Krankheit.“« „Das iſt ein ſchlechter Troſt, den Sie mir da geben! Der arme Kleine! Alles deutet darauf hin, daß er von gutem Herkommen und aller Wahrſcheinlichkeit nach das Kind ſehr wohlhabender Eltern iſt. Seine Klei⸗ dung, als wir ihn auffiſchten— dieſes Bild— die Zartheit des Knaben ſelbſt— gewiß ſind ſeine Eltern reiche Leute, und ihr armes Kind muß nun ſo ohne alle Hülfsmittel und ſelbſt noch ganz hülflos in die Welt hinein geſtoßen werden! Der Kleine jammert mich in der Seele! Aber vielleicht— noch dürfen wir nicht jede Hoffnung aufgeben— wir müſſen verſuchen, Doktor, die ſchlummernde Erinnerung wach zu rufen! Komm einmal her, kleiner Willy! So! Setze dich auf meinen Schooß und ſchau mich an! Und nun ſage mir, lieber Junge— wie heißt du eigentlich?« „Willy!« „Und wie noch?« „Ich weiß nicht!“ „Aber dein Vater, Willy? Hatteſt du nicht einen Vater, ehe du zu uns kameſt?« „Ja, ja,“ ſagte das Kind nachdenklich und legte das Händchen auf ſeine Stirn.„Ja, das weiß ich!“ „Und wie hieß dein Vater, lieber Willy?« fragte Kapitän Bridewell in athemloſer Spannung weiter. „Wie hieß er, mein Kind? Beſinne dich! Weißt du nicht, wie er hieß?« 4 „ Ja, ich weiß! antwortete der Kleine mit einem frohen Blicke.»Ich weiß, ich weiß!« 31 »Nun, ſo ſag' es doch, kleiner Schelm! Wie hieß er denn?« „Papa hieß er!“ erwiederte der Knabe mit trium⸗ phirendem Lächeln.„Nicht wahr, ich weiß ſehr gut?« Der Kapitän, in ſeinen Hoffnungen getäuſcht, ſeufzte ſchmerzlich und verlor allen Muth. „Ich ſehe wohl, es wird nichts nützen, ihn weiter zu fragen,“ ſagte er zum Doktor.„Entweder hat er den Namen nie gewußt, oder er hat ihn total vergeſſen! Wir müſſen es anders anfangen! Vielleicht erinnert er ſich ſeines Wohnortes. Höre mir einmal zu, lieber Willy, und ſei recht aufmerkſam! Wo wohnteſt du denn, ehe du hierher zu uns kameſt?« »Ich weiß nicht!« antwortete Willy nach kurzem Beſinnen. „Doch, doch, liebes Kind, erinnere dich nur,“ ſagte der Kapitän gütig.„Wohnteſt du nicht i in einem großen Hauſe? 2« »Ja, bei Papa!« „»Und wo lag denn das Haus, mein Kleiner? Waren noch mehr Häuſer da?“ „Nein— ich weiß nicht!“ ſchuͤttelte Willy. „Aber, nicht wahr, das weißt du zoc, was du ſaheſt, wenn du aus dem Hauſe gingeſt?« „Nein, ich weiß nicht!« „Beſinne dich nur, Willy, beſinne dich, du ſollſt auch dieſe ſchöne Frucht bekommen, ſieh', dieſe Dattel, ſie iſt ſüß und ſchmeckt ſehr gut!“ »Ja, ich weiß— im Garten!“ ſagte Willy und 8 griff mit den kleinen Händchen nach der ſüßen Frucht. „Alſo im Garten wareſt du,“ ſagte Kapitän Bride⸗ well⸗ von Neuem einige Hoffnung ſchöpfend, daß ſich 32 bei dem Kinde allmählig eine Erinnerung an der andern entzünden würde.»Liefeſt du viel im Garten umher? ie?2 Der Knabe ſchüttelte wieder das Köpfchen.„Ja — nein— ich weiß nicht“— ſagte er.. „Gewiß, oh, gewiß weißt du, mein liebes Männ⸗. chen! Beſinne dich nur! Wer ging denn immer mit dir in den Garten?“ „Ich weiß nicht— Papa und Peter und Juno und Mama auch!“ „Großer Gott, er beſinnt ſich!« flüſterte der Kapi⸗ tän leiſe dem Doktor zu, indeß Willy mit Behagen die ſüße Frucht verzehrte, die er zur Belohnung und Auf⸗ munterung empfangen hatte.„Doktor, ich fange wie⸗ der an zu hoffen!“. Der Doktor zuckte die Achſeln.„So viel, wie er bis jetzt geſagt hat, habe ich auch von ihm heraus be⸗ kommen,“ erwiederte er.„Aber weiter auch nichts. Vermuthlich waren Peter und Juno Diener des Hau⸗ ſes und hatten die Aufſicht über den Kleinen. Aber was nützt es uns, daß wir dies wiſſen? Die Namen Peter und Juno finden Sie auf jeder Inſel zu Dutzen⸗ den unter den Schwarzen.“ „Ja freilich, freilich! Wenn wir nur die Inſel, die Inſel erfahren könnten!“ ſagte der Kapitän nach⸗ denklich.„Noch einen letzten Verſuch will ich machen. Das Kind ſpricht engliſch, alſo iſt es vermuthlich von engliſchen Eltern auf einer engliſchen Inſel Weſtindiens geboren. Wir wollen ihm die Namen nennen, vielleicht beſinnt er ſich beim Klange des Wortes und die Erin⸗ nerung an die Heimath kehrt in ſein Gedächtniß zu⸗ rück. Höre, mein lieber kleiner Willy— ſteh' mich 3³3 an und ſei recht aufmerkſam— weißt du, was An⸗ tigua iſt, Antigua, verſtehſt du mich wohl? Antiguale Willy blickte fremd und ſchüttelte den Kopf. 48 „Aber,“ fuhr der Kapitän fort, und ſprach langſam und deutlich den Namen aus,„von Dominica haſt du ſchon gehört? Nicht? Höre wohl: Do⸗mi⸗ni⸗cal« Willy ſchüttelte wieder. „Beſinne dich, liebes Herzenskind! Ich will dir noch einen Namen nennen, den du gewiß ſchon gehört haſt: Jamaica! Ja⸗ma⸗i⸗ca! Jamaica!“ Willy blieb bei dem Kopfſchütteln. Als er noch auf der Inſel wohnte, hatte er kaum von Jamaica ge⸗ wußt und gewiß nie auf den Namen dieſer ſeiner Hei⸗ mathsinſel geachtet, und jetzt nun vollends klang ihm derſelbe völlig fremd. Nicht ein Zucken ſeiner Wimper verrieth dem braven Kapitän, daß er eben die richtige Inſel getroffen hatte, und unermüdlich fuhr er deshalb fort, die ganzen dreiundzwanzig engliſchen Inſeln des weſtindiſchen Archipels bei Namen zu nennen. Keiner derſelben weckte eine Erinnerung in Willy. »Wir müſſen's aufgeben!“ ſagte der Kapitän ſeuf⸗ zend und ſetzte den kleinen Willy, der nachgrade müde wurde, von ſeinem Schooße wieder auf den Boden. »Entweder iſt er auf keiner der genannten Inſeln zu Hauſe, oder ſein Gedächtniß iſt in der That gänzlich verſchwunden. Was nun, Doktor? Ich befinde mich da in der peinlichſten Verlegenheit! Wenn ich daheim Familie hätte, ich würde den armen kleinen Schelm dahin bringen— aber ich ſtehe allein in der Welt, und meine Heimath, meine Familie, mein Alles iſt mein Schiff!« »Nun, wiſſen Sie, Kapitän— ſo laſſen Sie den Willy. 3 34 Kleinen auf dem Schiffe, bis er aufwächst oder durch eine glückliche Fügung ſeine Eltern wiederfindet. Er iſt ja Niemandem im Wege, und ſchlimmſten Falls laſſ' ich ihn mit in meiner Kajüte ſchlafen. Die Matroſen werden ſich bald an ihn gewöhnen, und da der Knabe wirklich ein bildhübſches Kind iſt, ſo müßte mich alle meine Kenntniß vom Seemanns⸗Charakter täuſchen, wenn nicht Willy ſehr bald der erklärte Liebling der ganzen Schiffsmannſchaft wäre. So rauh die Außen⸗ ſeite der alten Seebären iſt, unter der groben Jacke ſchlägt doch meiſtens ein weiches Herz, und ich bin uberzeugt, Jeder unſerer Seewölfe wird das Kind wie ein Vater lieb gewinnen, wenn es erſt ein wenig warm unter ihnen geworden iſt. Schreiben Sie den kleinen Willy als Schiffsjungen ein, und ſchlimmſten Falls, wenn er nämlich ſeine Eltern nicht wiederfände, läßt ſich dann hoffen, daß er dereinſt wenigſtens ſein Brod haben und zu einem tüchtigen Seemanne heranwachſen wird.“ „Wohlan, Doktor, machen wir es ſo!“ erwiederte Kapitän Bridewell nach einigem Beſinnen.„Ich glaube, Sie haben recht! Unſere Matroſen ſind rauhe Männer von außen, aber ihre Herzen ſind wahre Kin⸗ derherzen! Und im ſchlimmſten Fall bin ich ja auch noch da. Geben Sie mir die Schiffsliſten her, Doktor!“ Bereitwillig brachte dieſer das Verlangte, und der Kapitän ergriff die Feder, um Willy's Namen einzu tragen. „Aber wir haben ja nur ſeinen Vornamen,“ ſagt er, plötzlich mit Schreiben innehaltend—„der reicht nicht aus!“ 3⁵ „Legen wir ihm noch einen anderen bei, bis ſein wahrer entdeckt wird,“ antwortete der Doktor, der ſich zu helfen wußte. „»Aber welchen?“ „Nun, nennen Sie ihn nach dem Schiffe: Mövel! William Möve iſt ein ganz paſſender Name für ihn, da wir ihn ohnehin wie einen müden Seevogel aus dem Waſſer aufgefiſcht haben.« „Gut, Doktor! Alſo William Möve! Da ſteht's! Und jetzt, Kleiner, helfe dir Gott weiter durch's Leben! Er wache über dich, wie deine armen Eltern über dich wachen würden, wenn du noch bei ihnen wäreſt! Du armes Kind bedarfſt ja ſeiner Gnade und Barmherzigkeit vor ſo vielen Anderen in der Welt! Gott möge geben, daß ein tüchtiger Mann aus dir wird, und was in meinen Kräften ſteht, dies herbeizu⸗ führen, das will ich redlich dazu beitragen! Nehmen Sie ihn mit, Doktor, und melden Sie dem erſten Lieu⸗ tenant, was wir über den kleinen Burſchen beſchloſſen und für ihn gethan haben.“ Der Doktor entfernte ſich und Willy begleitete ihn. Für den Unterhalt des armen, verwaisten Knaben war nun wenigſtens geſorgt: er war Schiffsjunge an Bord von Sr. engliſchen Majeſtät Kriegsbrigg, die Möve, und als ſolcher unter dem Namen William Möve ganz ordnungsgemäß in die Liſten eingetragen worden. Gott hatte freundlich für ihn geſorgt: Willy, ſeinen Eltern durch ein hartes Schickſal entriſſen, hatte ſtatt ihrer zum mindeſten wohlwollende Freunde und Be⸗ ſcchützer gefunden. 4 36 Drittes Kapitel. Ein Buſammentreffen. Kapitän Bridewell und der Doktor hatten ſich nicht getäuſcht, als ſie darauf gerechnet hatten, daß die Ma⸗ troſen den kleinen Willy ſehr bald lieb gewinnen wür⸗ den. Der freundliche hübſche Knabe ſchmeichelte ſich durch ſein ſanftes ſtilles Weſen allmählig mehr und mehr in die rauhen Herzen ein, und wenn ihn auch wirklich Einzelne anfänglich mit finſterem und mißgün⸗ ſtigem Auge betrachtet hatten, weil ſie ihn als eine Laſt anſahen, die auf dem Schiffe nur ſtörend im Wege ſein könne, ſo vermochten doch auch ſie zuletzt dem Mitleide nicht zu widerſtehen, welches die hülfloſe Verlaſſenheit des ſo jung in die Welt hinaus geſchleuderten zarten Kindes ihnen einflößte. Willy war ja wie ein Vögel⸗ chen, das aus dem warmen Neſtchen gefallen iſt und elend verſchmachten müßte, wenn nicht ein mitleidiges Herz ſich ſeiner erbarmte. Das Loos des armen Kna⸗ ben rührte ſelbſt die härteſten Gemüther an Bord der Möve, und von der Rührung zur Theilnahme und zum Mitleiden, und von da wieder zur herzlichen Liebe iſt ja nur ein Schritt. Auch Willy fühlte ſich bald heimiſch und glücklich in ſeinen neuen, von den früheren ſo ganz verſchiede⸗ nen Verhältniſſen. Das Herxz eines Kindes iſt wie Wachs, das ſich leicht allen Eindrücken anſchmiegt, und überdies hatte Willy ſo ziemlich ganz vergeſſen und vergaß täglich mehr, was ſeine erſten Lebensjahre ſo glücklich gemacht hatte. Auch auf dem Schiffe fand er. 37 Liebe, wie vorher im elterlichen Hauſe, und wo Liebe iſt, findet ſich die Zufriedenheit ganz von ſelbſt. So wuchs er fröhlich auf, und gedieh zu einem prächtigen, derben und geſunden Burſchen, dem nichts zu ſeinem Glücke mangelte, bis er manches Jahr ſpäter vom Ka⸗ pitän Bridewell in die Geſchichte ſeiner Jugend, ſo weit ſie demſelben bekannt war, eingeweihet wurde. Der Kapitän hielt es nämlich, als Willy ein gewiſſes Alter erreicht hatte, für ſeine Pflicht, ihn über Alles aufzuklären, was er wußte, und ihm die wenigen bei ihm gefundenen Gegenſtände einzuhändigen, durch deren Beſitz er vielleicht einmal von ſeinen Eltern wieder er⸗ kannt werden konnte. Willy, jetzt ein ſchmucker Schiffsmaat von etwa ſiebzehn Jahren, hörte mit Erſtaunen und Verwunde⸗ rung den Bericht des Kapitäns an. Bisher hatte er ſich für den Sohn eines Matroſen gehalten, der in früheren Jahren bei ſeinem rauhen Gewerbe verun⸗ glückt wäre, und nun erfuhr er auf einmal, daß er von unbekannter Herkunft ſei, daß ſeine Eltern ver⸗ muthlich ſehr wohlhabende Leute und vielleicht noch am Leben wären, und daß er die Hoffnung hegen dürfe, ihnen früher oder ſpäter einmal wieder zu begegnen. Dieſe Nachrichten, anſtatt Willy zu erfreuen, mach⸗ ten ihn indeß anfänglich eher verwirrt und ſtörten mehr ſeine Zufriedenheit, als daß ſie dieſelbe gefördert hätten. Bis jetzt hatte er ſich in ſeiner Lage vollkommen glück⸗ lich gefühlt, und nun auf einmal ſtürmten Gedanken, Wünſche und Hoffnungen auf ihn ein, die faſt betäu⸗ bend auf ſeine Gefühle und Sinne wirkten. Er hatte noch Eltern, noch lebten ſie vielleicht, ſehnten ſich wohl gar nach ihrem verlorenen Sohne und beweinten ihn 38 noch— und dieſer Sohn, der die Hälfte ſeines Lebens darum gegeben hätte, um ſich ihnen zu Fuͤßen zu wer⸗ fen, der barfuß von einem Ende der Welt bis zum anderen gegangen wäre, um ſie aufzuſuchen, konnte nicht zu ihnen gelangen, und durfte kaum einen Schim⸗ mer von Hoffnung hegen, die Sehnſucht erfüllt zu ſehen, welche nach und nach immer ſtärker ſein ganzes Herz erfüllte. Willy wurde eine Beute der widerſtrebendſten Em⸗ pfindungen. Indem er fühlte, daß es mit dem unbe⸗ fangenen und ſorgloſen Glücke ſeiner früheren Tage für immer vorüber ſei, empfand er doch zugleich ein neues und wunderbares Glück bei dem Gedanken, daß er nicht ganz allein und verlaſſen in der Welt ſtehe, daß es noch Bande gebe, die koſtbarſten und theuerſten Bande des Herzens, welche es überhaupt in der Welt gibt, die ihm das Leben ſüß und reich an Glück machen konnten. Nur ſchade, daß dieſes Glück geſtört und faſt vernichtet wurde durch die geringe Ausſicht auf ſeine wirkliche Erfüllung. Seit der Zeit, wo man ihn im Boote auf offener See gefunden hatte, waren nun volle elf Jahre verſtrichen. Wenn ſich auch annehmen ließ, daß eine von den engliſch⸗weſtindiſchen Inſeln ſeine Heimath geweſen war, ſo konnte darauf doch noch immer keine ſichere Hoffnung begründet werden, daß Willy, wenn er ſie ſuchte, grade die rechte Inſel aus⸗ findig machen würde. Es gab deren ſo viele und Ei⸗ nige von großem Umfange. Außerdem hatte ihm der Kapitän mitgetheilt, daß er ſchon vor zehn Jahren, nach ſeiner Rückkehr von Oſtindien, ſehr ſorgfältige Nachforſchungen angeſtellt habe, die aber ganz ohne Erfolg geblieben wären. Welchen Erfolg konnte man 39 nun jetzt hoffen, nachdem eine ſo lange Reihe von Jahren verſtrichen war? Es blieb dem armen Willy kaum ein Schatten von Hoffnung, und nach reiflicher Ueberlegung aller Verhältniſſe und Umſtände faßte er endlich den Entſchluß, ſich ſo viel als möglich zu be⸗ herrſchen und ſeine bisherige Zufriedenheit nicht ganz und gar durch Träume eines Gluͤckes ſtören und ver⸗ nichten zu laſſen, welche vielleicht, ja, wahrſcheinlich ſogar, niemals zur Wirklichkeit gelangen würden. Dieſer Entſchluß war ohne Zweifel der vernünf⸗ tigſte, den der junge Willy faſſen konnte, und Kapitän Bridewell beſtärkte ihn darin. Willy nahm das Bild⸗ chen mit dem goldenen Rahmen und die verblaßten Kleidungsſtücke, die er als Kind getragen hatte, vom Kapitän in Empfang, dankte ihm von Grund des Herzens für alle ſeine Guͤte, und entfernte ſich dann, um die Reliquien ſeiner Kindheit in ſeinen Koffer ein⸗ zuſchließen. Aber oft, oft, wenn er ſich unbemerkt glauben konnte, holte er ſie wieder hervor und betrach⸗ tete ſie mit ſehnſuͤchtigen Blicken, während er aus der Tiefe der Seele heiße Gebete an Gott richtete und ihn anflehete, den glühendſten Wunſch ſeines Lebens zu er⸗ füllen und ihn in die Arme ſeiner Eltern zu führen. Ganz im Geheimen hoffte er, daß Gott doch einmal früher oder ſpäter ſein Gebet erhören werde, und dieſe Hoffnung war der einzige Erſatz für die geſtörte Zu⸗ friedenheit und die Leere ſeines Herzens, welche die natürliche Folge der Mittheilungen des Kapitän Bride⸗ well geweſen waren. So verſtrichen wieder mehrere Monate, als Kapi⸗ tän Bridewell, der damals ſeine Station in dem mit⸗ telländiſchen Meere hatte, den Auftrag erhielt, dieſelbe 40 ſogleich zu verlaſſen und in den weſtindiſchen Gewäſſern zu kreuzen, wo einzelne Piraten die Schifffahrt unſicher zu machen drohten. Willy vernahm dieſen Befehl mit einem Entzücken, das ihm alles Blut nach dem derzen trieb. Mächtiger als je tauchten in ſeinem Herzen die immer ſtill gehegten Hoffnungen auf das Wie derfinden ſeiner Eltern auf, und es war daher recht gut, daß Kapitän Bridewell ihm den wohlgemeinten Rath gab, ſich nicht ſo rückſichtslos einer Erwartung hinzugeben, welche ſo leicht getäuſcht werden könne. Willy war verſtändig genug, dieſen Rath zu befolgen, aber doch pochte ſein Herz wieder höher, als nach glücklicher Fahrt über den atlantiſchen Ocean die erſte Inſel Weſtindiens in bläulichem Schimmer aus den Wellen auftauchte und einer leichten Wolke gleich über den Waſſern ſchwebte.. Oft ſchon war er im Laufe der früheren Jahre nach Weſtindien gekommen, aber nie mit ſolchen Ge⸗ fühlen und Erwartungen, wie ſie jetzt ſein Herz ſchwell⸗ ten, wo er mit ganz anderen Augen dieſe Inſeln be⸗ trachtete, deren jede einzelne möglicherweiſe der Aufent⸗ haltsort ſeiner Eltern ſein konnte. Jedes kleine Eiland verſchlang er mit ſeinen Blicken, bei jeder einzelnen Pflanzung, deren Gebäude von dieſer oder jener Küſte zu ihm herüber ſchimmerten, drang ſich ihm die Frage auf, ob ſie es wohl ſei, wo er die Tage ſeiner Kind⸗ heit verlebt habe, und ſo groß war ſeine Aufregung, daß Kapitän Bridewell, der ſie wohl bemerkte, faſt be⸗ reute, Willy mit den Ereigniſſen ſeiner Jugend bekannt gemacht zu haben. Indeß beruhigte er ſich bei dem Gedanken, daß der arme Junge doch früher oder ſpäter von Allem hätte unterrichtet werden müſſen, und gab 41 ſich Muͤhe, bei jeder Gelegenheit beſänftigend auf ſeine aufgeregten Gefühle einzuwirken. Dies gelang ihm auch. Willy erlangte allmählig ſeine Faſſung wieder, oder gewann wenigſtens ſo viel Macht über ſich, ſeine fieberhafte Aufregung vor den Augen des Kapitäns und ſeiner Schiffskameraden zu verbergen. Wochen lang kreuzte die Möve in den weſtindiſchen Gewäſſern, ohne auf die Piraten zu ſtoßen, welche die⸗ ſelben unſicher machen ſollten. Endlich traf ſie auf der Höhe von Kuba ein verdächtiges Schiff, machte Jagd auf es, und bemächtigte ſich ſeiner nach einem kurzen Kampfe, da es in der That unter feindlicher Flagge ſegelte. So unbedeutend und ſchnell beendigt das Ge⸗ fecht an ſich war, hatte die Möve dennoch einigen Schaden erlitten, welcher, um gründlich ausgebeſſert zu werden, das Einlaufen in einen Hafen erforderte. Der nächſte war der Hafen von Havannah, und, ihre Priſe im Schlepptau, ſegelte die Möve dahin ab. Ohne weiteren Unfall wurde der Hafen erreicht, und Willy, der eine unbeſchreibliche Sehnſucht nach dem Lande empfand, bat den Kapitän um Urlaub auf einige Tage, bis das Schiff wieder ausgebeſſert ſein würde. „Geh' hin, mein Sohn,“ erwiederte Kapitän Bride⸗ well guͤtig.„Ich kann mir wohl denken, was dich ſo ſehr nach dem Ufer treibt, aber— ich warne dich, allzu eifrig Hoffnungen nachzuhängen, die am aller⸗ wenigſten wohl grade hier erfülltnverden dürften. Keine Worte weiter, Willy! Du biſt ja ein verſtändiger Burſch, alſo wirſt du auch wiſſen, wie du dich zu ver⸗ halten haſt.“ Willy war glücklich über den empfangenen Urlaub, und beeilte ſich, ihn zu benutzen. Er warf ſeine beſten 42 Kleider über, verwandelte ſich in einen hübſchen ſchmucken Seemann, und war eben im Begriff, in ein Boot hinab zu ſpringen, um zu dem nahen Ufer hinüber zu rudern, als er noch einmal ſtehen blieb und nachdenklich zu Boden blickte. „Was ſchadet's denn? Man kann doch nicht wiſ⸗ ſen!« murmelte ex, und ſprang geſchwind nach ſeiner Koje zurück, wo er das vom Kapitän erhaltene kleine Miniaturbild mit goldener Einfaſſung um ſeinen Hals hing, ſo daß er das Bildchen frei und offen über dem weißen Hemde auf der Bruſt trug, wo es Jedermann ſogleich in die Augen fallen mußte. Mit dieſem etwas wunderlichen Schmucke geziert, ſprang er nun in das Boot, ruderte an's Ufer, und eilte die Landungstreppe hinauf auf den Kai, wo er ſich dreiſt durch das auf und ab wogende Gedränge der Menſchen Bahn brach. Er miethete ſich ein Zimmer in einem Gaſthauſe dicht am Hafen, und benutzte dann ſeine Zeit, die Straßen von Havannah, und als er dies müde war, auch die Umgebungen der Stadt an den Meeresküſten entlang zu durchſtreifen. In's Innere des Landes ging er nicht, ſondern be⸗ ſuchte nur die Pflanzungen, welche nicht entfernt vom Seeufer lagen. Hierhin trieb ihn eine ſtille, geheime Hoffnung. Wenn er auch ſonſt keine Vermuthung uͤber die Lage des Ortes haben konnte, der einſt ſeine Heimath geweſen war, ſo ſtand doch das mit aller Wahrſcheinlichkeit feſt, daß es eine Pflanzung in der Nähe des Meeres geweſen ſein müſſe; denn wie anders ſonſt hätte er als Kind auf einem Boote weit in die offene See hinaus verſchlagen ſein können? Alſo be⸗ gnügte er ſich, den Küſtenſtrich zu durchſtreifen, wobei 43 er Sorge trug, ſein Bildchen recht frei und offen auf der Bruſt zu tragen, damit es Jeder ſchon von wei⸗ tem ſehen und ſeine Aufmerkſamkeit darauf richten konnte.. Aber welche Hoffnungen Willy auch hegen mochte, in Erfüllung ging keine davon. Zwanzig, dreißig Pflanzungen hatte er beſucht, und neugierig ſich und ſein Bild von Weißen und Schwarzen anſtarren laſſen, jedoch immer, ohne daß eine Erkennungsſcene erfolgt wäre. Sein Urlaub näherte ſich nun dem Ende, und ziemlich niedergeſchlagen und enttäuſcht kehrte er am letzten Tage nach der Stadt Havannah zurück, um ſich von dort wieder an Bord ſeines Schiffes zu begeben. Im Gaſthauſe bezahlte er die Rechnung für ſein Zim⸗ mer, welches er faſt nur zum Nachtquartier gebraucht hatte, und ſchlenderte dann langſam dem nahen Hafen zu. Kaum aber war er zwanzig Schritte weit gegan⸗ gen, als ein rohes Gelächter dicht an ſeiner Seite er⸗ tönte und gleich darauf ein junger Menſch in Matro⸗ ſenkleidung, der ſich augenſcheinlich in etwas angetrun⸗ kenem Zuſtande befand, ihm den Weg vertrat. Willy blickte auf, und ſah neben ſich eine Taverne mit weit vorſpringender Verandah, in deren Schatten ein Haufe luſtig zechender Matroſen ſaß. Der junge Menſch ſo⸗ wohl, welcher Willy anhielt, wie auch ein großer Ne⸗ ger von athletiſchen Körperformen, der gleichgültig an einer Säule der Verandah lehnte, gehörten unzweifel⸗ haft zu der fröhlichen Geſellſchaft, welche, vielleicht nach langer Seefahrt, jetzt im Uebermaße die Freuhen des Landlebens genoß. Willy, verſtändig und beſonnen, und am allerwenigſten geneigt, Streit und Händel zu ſuchen, wollte dem jungen Burſchen, welcher mit ein⸗ 44 geſtemmten Armen laut lachend und breit vor ihm ſtand, aus dem Wege gehen; aber er erreichte ſeine Abſicht nicht, denn Jener hielt ihn am Arme feſt und griff mit täppiſcher Hand nach dem Bilde, das glänzend und goldſchimmernd auf Willy's Bruſt ruhte. „He, was haſt du da, Maat?“ rief er zugleich lachend aus.„Das iſt ein ſo komiſches Schmuckſtück, daß ich mir's ein wenig in der Nähe betrachten muß!« „Hand davon, und laß los!« entgegnete Willy ein wenig ungeſtüm, und ſuchte den frechen Burſchen un⸗ willig zurückzuſtoßen. Doch dieſer hielt feſt und zerrte ſo heftig an der Schnur, an welcher das Bild hing, daß dieſelbe riß und alſo das Bild in Jenes Händen blieb. „Her mit dem Bilde, unverſchämter Menſch!“ rief Willy jetzt mit aufwallendem Zorne, da er ſein theuer⸗ ſtes Kleinod, an deſſen ſorgfältiger Bewahrung vielleicht ſeine Zukunft hing, in der täppiſchen Hand des rohen Matroſen ſah.„Her mit dem Bilde, oder ich will dich lehren, wie man auf freche Diebesfinger klopft!“ „Oho,“ erwiederte der Burſche—„ich glaube gar, du droheſt! Da, nimm das für dein Bild!“ Und, die Fauſt erhebend, führte er einen Schlag gegen Willy, dem dieſer aber leicht auswich, und dann mit einem einzigen Stoße den Grobian zur Erde ſchleu⸗ derte. Das Bild flog ihm aus der Hand— Willy raffte es auf, befeſtigte es kaltblütig wieder an ſeiner Bruſt und war im Begriff, ſeinen unterbrochenen Weg fortzuſetzen, als auf das Wuthgebrüll des niedergewor⸗ fenen Matroſen ſechs oder ſieben Andere aus der Ve⸗ randah herzuſprangen und mit drohenden Mienen und — — 45 geballten Fäuſten Willy umringten. Willy nahm ſchnell ſeine Siellung, um dem Angriffe ſo gut als möglich Widerſtand zu leiſten, und ſchon drangen Einige der Wildeſten auf ihn ein, um einen Kampf zu beginnen, der bei der Ueberzahl der Angreifenden nothwendig zu— Willy's Nachtheile hätte ausfallen müſſen, als plötzlich die Rieſengeſtalt des Negers, der bis dahin ruhig an der Säule harrte, ſich zwiſchen die Kämpfer warf und ſchützend den Arm über Willy ausſtreckte. „Zurück Ihr!“ ſagte er mit tiefer Stimme.»Der junge Mann ganz unſchuldig und Tom nur recht ge⸗ ſchehen. Er betrunken und unverſchämt. Zurück, ich ſagen!“ Da Zwei oder Drei nicht auf der Stelle gehorch⸗ ten, ſondern unter wildem Geſchrei den Angriff fort⸗ zuſetzen geſonnen ſchienen, ſo packte ſie der Schwarze mit ſeinen mächtigen Fäuſten und ſchleuderte ſie zwan⸗ zig Schritt weit ſo leicht zurück, als ob ſie nur ein paar Kinderbälle geweſen wären. „Aber dies iſt abſcheulich, langer Peter!« ſchrieen erbost die Anderen, während ſie ſich gleichwohl ziemlich eingeſchüchtert zurückzogen.»Pfui, einem fremden Grün⸗ finken gegen die eigenen Kameraden beizuſtehen. Schäme dich, Peter!« „Schämen Ihr Euch, betrunkenes Geſindel!“« erwie⸗ derte der Neger ganz ruhig.„Das ehrlich ſein, wenn ſechs, ſieben große Lümmel über Einen herfallen? Das pfui! Das ſchändlich! Warum Tom fremde Leute anfallen? Können ihnen gehen laſſen! Und jetzt gut!. Ich nichts mehr hören! Fort!“ Die Matroſen, wohl einſehend, daß ihr rieſiger Kamerad im Rechte ſei, und vielleicht auch wohl aus 46 Furcht vor ſeinen furchtbaren Fäuſten, zogen ſich ſtill zurück und nahmen auch Tom mit, der den ganzen Streit angefangen hatte. Der Neger dagegen wendete 45 freundlich zu Willy und ſagte in gutmüthigem one: „Können gehen nun! Niemand dich aufhalten— Alles abgemacht und...“ Plötzlich ſtockte er; ſein Auge, eben noch voll wohl⸗ wollenden Ausdrucks, blickte auf einmal ſtarr auf das Bild Willy's, ein krampfhaftes Zittern ſchauerte über ſeine Rieſenglieder, und ſeine Geſichtszüge verwandelten ſich zum Erſchrecken in eine verzerrte, kaum noch men⸗ ſchenähnliche Fratze. „Jeſus!“« ſchrie er in gebrochenem Tone auf— „Jeſus, was das? Das Bild! Woher das Bild? Reden doch du, woher das Bild?« Zugleich packte er mit beiden Fäuſten Willy's Schul⸗ tern, hielt ihn mit den Eiſenarmen ſo feſt, daß Willy ſich nicht loszureißen vermochte, und wiederholte noch mehrmals wieder die Worte:„Jeſus! Das Bild! Woher das Bild? Sprechen doch du!“ „Aber, Menſch, was willſt du von mir?« rief end⸗ lich Willy.„Das Bild iſt mein! Was haſt du damit zu ſchaffen?« „Jeſus, Jeſus, mehr, als du denken!« ſchrie der Neger außer ſich.„Du Maſſa Willy! Sagen mir! Maſſa Willy!“ 5 „Nun ja, ich heiße William, aber was kuͤmmert's dich? Laß mich los, du erdrückſt mich ja, Menſch!“ „Jeſus, Jeſus, du wirklich Willy heißen?“ ſchrie der Neger von Neuem, und packte Willy nur noch feſter, anſtatt ihn loszulaſſen.„Du, Willy! Jeſus, 47 was Glück für mich! Jetzt ſprechen, wie du kommen zu Bild! Aus Barmherzigkeit ſagen das altem Peter! Aus Barmherzigkeit!« Der rieſige Neger zitterte, ſeine breite Bruſt hob und ſenkte ſich convulſiviſch, die hellen Thränen brachen aus ſeinen Augen und rollten über ſeine Wangen, ſeine Lippen bebten, und ſeine mächtige Stimme erſtickte faſt in dem Sturme ſeiner inneren Gemüthsbewegung. Auch Willy fing an zu zittern. Der Gedanke durchbebte ihn, daß der Neger in irgend einer Beziehung zu ihm und dem Bilde ſtehen könne, und er antwortete haſtig: „Kennſt du denn das Bild? Man fand es bei mir, als ich vor beinahe zwölf Jahren als ein Kind in einem offenen Boote mitten auf dem Meere, hier auf dieſen Gewäſſern gefunden und durch Gottes Fü⸗ gung noch kurz vor dem Verſchmachten gerettet wurde. Das Bild iſt mein!« Wie eine Rieſeneiche unter der Art des Holzfällers, ſo wankte, bebte und zitterte der Neger unter den Wor⸗ ten des Knaben, deren jedes mitten in ſein Herz traf und es in ſeinen innerſten Tiefen erſchütterte. Der ſtarke Mann konnte dem furchtbaren Sturme ſeiner Gefühle nicht widerſtehen, ſondern knickte zuſammen und ſank auf die Kniee nieder. Aber dieſe Schwäche dauerte nur wenige Augenblicke. Plötzlich ſtieß er einen wilden markdurchdringenden Schrei des Entzückens aus, der ſeinem faſt zum Erſticken gepreßten Herzen Luft verſchaffte, ſprang wieder in die Höhe, riß Willy in ſeine Arme, hob ihn auf wie ein Kind, preßte ihn an ſein Herz, bedeckte ſein Geſicht mit Küſſen und Thrä⸗ nen, und tanzte ſo, immer von Zeit zu Zeit einen neuen Jubelſchrei faſt wahnſinnigen Entzückens ausſtoßend, 48 wie ein Verrückter vor der Verandah umher, bis ſich endlich ſeine Kameraden um ihn verſammelten und er⸗ ſchrocken ſeinem unſinnigen Gebahren ein Ende zu ma⸗ chen ſuchten. „Aber was haſt du denn, langer Peter?« fragte Einer, als der Schwarze endlich, erſchöpft von dem Ausbruche ſeiner heftigen Gemüthserſchütterung und zärtliche Liebesblicke auf Willy's Antlitz heftend, wieder im Stande ſchien, Red' und Antwort zu geben— „was haſt du denn? Hat dich eine Tarantel geſtochen, oder biſt du närriſch geworden?“ „Ihr denn nicht ſehen, nicht hören?« erwiederte Peter.„Jeſus, Jeſus, ich Maſſa Willy wiederfinden! Ich verlorenen Sohn nach Hauſe bringen in Arme des Vaters! Jeſus, Maſſa Willy, du nicht kennen mehr Peter Mango? Schau mich an! Ich Peter Mango! Ich ausziehen, zu ſuchen kleinen Willy! Ich ſuchen viele Jahr mit Sorgen und Angſt, und endlich, endlich finden ihn hier! Jeſus, der alte Peter nie ſo glücklich geweſen, wie dieſen Tag!« Willy, ſo plötzlich überraſcht von der nahen Erfül⸗ lung ſeiner heißeſten Wünſche und heimlich gehegten Hoffnungen, war faſt nicht minder erſchüttert als Pe⸗ ter, welcher ihn noch immer in ſeinen ſtarken Armen hielt und dadurch allein verhinderte, daß er nicht ohn⸗ mächtig zu Boden fiel. Aber allmählig faßte auch er ſich wieder und war im Stande, die Fragen, welche jetzt ſein Herz beſtürmten, dem treuen Peter vorzu⸗ legen.. 3„Peter!« rief er aus—„ja, ich erinnere mich dei⸗ ner! Du trugeſt mich auf deinen Armen, und ließeſt mich auf deinem Rücken reiten! Guter Burſch, und 49 du durchſtreifteſt alſo die ganze Welt, um mich zu fin⸗ den! Das werd' ich dir ewig danken, Peter! Aber mein Vater, meine Eltern, leben Sie noch?« „Vater, ja, er leben! Mutter, todt ſchon viele Jahr!“ erwiederte Peter.„Mutter ſterben vor Gram! Maſſa Harper allein in der Welt, nicht Weib, nicht Kind mehr haben für zu lieben!“ „Aber, wo iſt mein Vater, Peter? Ach, daß keine Mutter mehr mich in der Heimath willkommen heißt! Aber mein Vater! Warum zögerſt du, Peter! Eilen wir zu ihm!« „Geduld, Geduld, Maſſa Willy!“ erwiederte der Neger.„»Maſſa Harper nicht hier! Wohnen auf Jamaica auf Pflanzung am ſchwarzen Fluß. Wir auf Schiff hinüber fahren müſſen! Gehen nicht ſo ſchnell!« „Ah, ich vergaß!« ſagte Willy niedergeſchlagen; „du biſt ja hier ſo wenig zu Hauſe als ich.»Wir müſſen warten. Aber, Peter, du weißt wenigſtens, daß mein Vater noch lebt! Daß er geſund iſt! Daß er Sehnſucht nach mir empfindet! Nun, Peter, warum antworteſt du nicht?« „Gewiß, gewiß, ich hoffen das Alles!« erwiederte der Schwarze ein wenig verlegen.„Nur ich wiſſen nicht ganz genau! Ich Maſſa Harper ſehen zuletzt vor ſieben, acht, neun Jahr— damals er geſund und ſehr voll Sehnſucht nach verlorenen Sohn. Aber warum er nicht leben mehr? Warum er nicht lieben mehr? Suchen ihn— finden ihn— erkennen ver⸗ lorenen Sohn— Alles gut! Weg nicht ſehr weit! Koöͤnnen bald in Jamaica ſein, wenn Schiff zur Hand.“ 1 Willy. 8 4 „Wohlan, Peter, ſo wollen wir wenigſtens nicht zögern, unſer Ziel ſo ſchnell als möglich zu erreichen,« ſagte Willy.„Geh', ſuche, frage, ob irgend ein Schiff bald nach Jamaica abſegelt, und ich will indeß meinen Kapitän aufſuchen, ihn von unſerer glücklichen Begeg⸗ nung benachrichtigen und ihn um Entlaſſung aus dem Dienſte bitten. Er wird ſie mir nicht verſagen, und dann, Peter, fort, fort in die Arme meines Va⸗ ters!« „So recht,« erwiederte der Schwarze.„Aber Tom ſuchen nach Schiff und ich gehen mit dir. Ich mich nicht trennen wieder von dir! Ich bleiben an deiner Seite, ſonſt du fortſchwimmen wieder in Meer hinaus! Tom, du hören! Du ſuchen Schiff! Wollen du 28 „Ja, ja!« antwortete Tom, der nach den eben vor⸗ gefallenen Auftritten keinen Groll mehr gegen Peter und Willy hegte.„Geh' du nur, und wir Anderen Alle wollen indeß nach einem Fahrzeuge ausſchauen. An dieſem Orte treffen wir uns wieder, und ſei nur ganz ohne Sorge, wenn ein Schiff hier iſt, wollen wir's bald genug anpraien!“ „Kommen denn, Maſſa Willy und ſuchen Kapitän deinigen,“ ſagte Peter und faßte Willy am Arme, als ob er Angſt hätte, daß der kaum Gefundene ihm wie⸗ der entriſſen werden könne. Willy eilte mit ihm davon und hatte bald den Kapitän Bridewell, welcher die Ausbeſſerung ſeines Schiffes beaufſichtigte, gefunden. Herzlich freute ſich der brave Mann über die Mitthei⸗ lungen Willy's und wünſchte ihm Glück zur Entdeckung ſeines Vaters, die nun vollends nicht mehr bezweifelt werden konnte, als Willy die Kinderkleider herbei⸗ brachte, in denen er vom Kapitän gerettet worden war. —— 51 „Ja, ja,“ ſagte Peter, indem er mit feuchtem Auge die verſchiedenen Gegenſtände betrachtete—„das die Höschen, das hier das Jäckchen und kleine Schuhe mit Gold geſtickt! Und das da Bild von Großmutter! Und auch Geſicht ganz wie Geſicht von Miſſy Harper! Kein Zweifel mehr! Du nicht mehr Willy Möve, du Willy Harper von jetzt an wieder!“ „Ich bin ſelbſt überzeugt davon,“ ſagte der Kapi⸗ tän theilnehmend, und ließ ſich von Peter ausführlich erzählen, auf welche Weiſe das Verſchwinden Willy's damals ſich zugetragen hatte. Peter gab den genaue⸗ ſten Bericht, beſchrieb auch das Boot, welches an allem Unheil ſchuld geweſen war, und da Alles auf das Pünktlichſte zutraf, ſo ſchwand auch der letzte Schatten eines etwa noch gehegten Zweifels dahin. „Alles richtig!“« ſagte Kapitän Bridewell.„Du haſt deinen Vater gefunden, Willy, und es freut mich von ganzem Herzen, daß dir das Glück ſo günſtig geweſen iſt! Danke Gott dafür, Willy, denn du haſt wohl Urſache dazu! Und nun zögere nicht, dein Glück zu verfolgen. Meine Erlaubniß haſt du, und Urlaub, ſo lange du willſt. Ohnehin glaube ich, daß du nicht wieder zu uns zurückkehren wirſt, wenn du erſt in den Armen deines Vaters warm geworden biſt. Meine Kaſſe ſteht dir zu Dienſten. Nimm Geld, ſo viel du gebrauchſt, und gelegentlich hol' ich's mir einmal wieder von Jamaica ab! Geh', mein Sohn, und Gott ſei mit dir und ſegne dich!« Mit innigſtem Danke für ſo viele, wahrhaft väter⸗ liche Güte nahm Willy von dem hraven Kapitän und ſeiner Mannſchaft Abſchied. Die Matroſen ſchüttelten ihm die Hände, und ſchrieen ihm ein dreimaliges Hur⸗ 4* — 5²2 rah nach, als er endlich, mit ſeinen wenigen Habſelig⸗ keiten beladen und mit einem Sümmchen Geldes vom Kapitän verſehen, in Begleitung Peters an das Land zurückruderte. Hier hielt er ſich, von fieberhafter Un⸗ ruhe getrieben, nicht lange auf, da glücklicherweiſe ein Schiff, nach Port Royal beſtimmt, ſegelfertig lag, ſon⸗ dern miethete ohne Zögern zwei Plätze für ſich und Peter zur Ueberfahrt, und ſegelte ſchon wenige Stun⸗ den nachher der Küſte Jamaica's zu, welcher ſein Herz, von tauſend ſeligen Gefühlen und Erwartungen erfüllt, mit ungeſtümer Sehnſucht entgegen pochte. Die Ueberfahrt nach Port Royal ging bei günſtigem Winde glücklich und raſch von ſtatten. Kaum im Ha⸗ fen angelangt, eilten Willy und Peter an's Land, mie⸗ theten Pferde und ſchlugen den Weg nach der Pflan⸗ zung Mr. Harpers ein. Am folgenden Tage erreichten ſie die lange und heißerſehnte Heimath, und Thränen des Entzückens entſtrömten Willy's Augen, als ihm zum erſten Male wieder das freundliche Haus von dem Hügel entgegenſchimmerte, wo er die glücklichſten Jahre ſeiner Kindheit verlebt hatte, und nun, nach ſo langer Abweſenheit ſeinen zärtlich geliebten Vater und mit ihm die Heimath wiederzufinden hoffte. Die heiße Ungeduld trieb ihn vorwarts— er gab ſeinem ermüdeten Roſſe die Sporen, und im Galopp ſprengte er den Hügel hinan und hielt endlich vor dem Hauſe, das ſeine theuer⸗ ſten Hoffnungen umſchloß. Ach, aber wie bitter und ſchmerzlich ſollte er ſich getäuſcht finden, und das grade in dem Augenblicke, wo er den Kelch des Glückes bis zum Grunde zu lee⸗ ren gedachte! Ein Mann trat aus dem Hauſe, betrachtete Willy 5³ mit neugierigem, ſonſt aber ziemlich gleichgültigem Blicke, und fragte, als er haſtig vom Pferde ſprang, nach ſei⸗ nem Begehren? „Was denn? Mr. Harper ſuche ich!« erwiederte ungeſtüm Willy.„Halten Sie mich nicht auf! Wo iſt Mr. Harper, mein theurer, theurer Vater?“ „Mr. Harper?« entgegnete der Mann verwundert. „Ei, der iſt ja längſt fort von hier! Schon ſeit ſieben Jahren fort! Wiſſen Sie denn das nicht? Und Sie ſprechen von ihm, als von Ihrem Vater? Sie wollen mich doch nicht etwa zum Narren haben, junger Menſch? Das moͤchte ich mir höflichſt verbitten! Aber nein, bei Gott, ich ſehe ſchon, es iſt Ernſt! Faſſen Sie ſich, junger Herr! Mein Himmel, was er bleich wird!« In der That wirkte der Schrecken, welcher Willy's Herz bei der traurigen Nachricht von der Entfernung ſeines Vaters traf, ſo erſchütternd auf ſein aufgeregtes Gemüth, daß er alle Faſſung verlor, und einer Ohn⸗ macht nahe in Peters Arme taumelte, welcher ihn zärt⸗ lich an ſeine Bruſt drückte. Die Nachricht kam zu plötzlich, zu unerwartet, und traf deshalb mit doppelter Gewalt Willy's eben noch von den ſeligſten Hoffnungen erfülltes Herz. Schluchzend verbarg er ſein Geſicht an der breiten Bruſt des treuen Negers, und es vergingen einige Minuten, ehe er nur einigermaßen ſeine Faſſung wieder erlangte. „Alſo fort!« ſtammelte er endlich;„Mein Vater fort! Oh, ich beſchwöre Sie, mein Herr, ſagen Sie mir, wohin er ſich gewendet hat!« „Ja ja, ich will Ihnen Alles ſagen, was ich weiß,“ erwiederte der Pflanzer Veron, der im Grunde ein ſehr 54 gutmüthiger Mann war und das herzlichſte Mitleiden fuͤr den unglücklichen jungen Mann zu empfinden an⸗ fing.»Aber beruhigen Sie ſich nur erſt! Treten Sie in mein Haus, ſein Sie mein Gaſt, Sie ſind herzlichſt willkommen, und vielleicht kann ich Ihnen doch einige Nachweiſungen geben, die Ihnen von Nutzen ſein werden.“ Willy konnte nicht anders, als einer ſo freundlichen Einladung Folge leiſten. Er betrat das Haus, wo er das höchſte Glück erwartet und ſtatt deſſen nichts als die ſchmerzlichſte Täuſchung gefunden hatte, erzählte kurz ſeine Lebensgeſchichte, und forſchte dann wieder mit fieberiſcher Ungeduld nach ſeinem Vater. „Der arme Mr. Harper,“ erwiederte der Pflanzer —„wenn er hätte ahnen können, daß er Sie jemals wiederſehen würde, ſo wäre er gewiß nicht von dieſem Platze gewichen. Aber eben der Gram um Sie, den er natürlich todt glauben mußte, und um den Verluſt ſeiner Gattin, ließ ihm an dieſem Orte keine Ruhe, wo er vor Allem unaufhörlich an ſeine ſchmerzlichen, nie zu erſetzenden Verluſte erinnert wurde. Vor ſieben Jahren kam ich hieher, um mich anzukaufen. Zufällig lernte ich Mr. Harper kennen, und da er den Zweck meines Hierſeins erfuhr, ſo bot er mir ſeine Beſitzun⸗ gen zum Kaufe an. Wir wurden Handels einig, ich bezahlte den billigen Kaufſchilling baar und Mr. Har⸗ per verſchwand aus der Gegend, ohne einem Menſchen zu entdecken, wohin er ſich wenden wolle. Nur aus einigen unabſichtlichen Aeußerungen, die ihm geſprächs⸗ weiſe entſchlüpften, konnte ich allenfalls vermuthen, daß er nach England zu gehen beabſichtigte, um dort in ſtiller Zurückgezogenheit ſeine letzten Lebensjahre dem — 5⁵ Andenken ſeiner verlorenen Lieben zu widmen. Wahr⸗ ſcheinlich führte er dieſen Vorſatz auch wirklich aus— aber vier Jahre ſpäter traf er plötzlich hier wieder ein, beſuchte mich, brachte viele Stunden am Grabe ſeiner Gattin zu, und verließ dann abermals die Pflanzung, ohne mir zu ſagen, wohin er zu gehen gedenke. Nur aus einer Frage, die er an mich richtete, nämlich der, ob ich nicht geneigt ſei, ihm die Pflanzung wieder ab⸗ zutreten, konnte ich allenfalls ſchließen, daß er wieder ein Leben voll Thätigkeit und Arbeit beginnen wolle, um dadurch des Grames Herr zu werden, der noch immer ſeine Seele erfüllte, wie ich nur zu deutlich an ſeinem bleichen, kummervollen Geſicht und ſeinem gan⸗ zen ſchwermüthigen Weſen bemerkte. Ich konnte natür⸗ lich nicht nein ſagen. Der arme Mann dauerte mich und ich dachte mich in ſeine Lage hinein. Aber plötz⸗ lich beſann er ſich wieder anders.„Nein, Herr Ve⸗ ron,“ ſagte er, als er eines Tages von einem Spazier⸗ gange zurückkehrte—„ich fühle, daß der Schmerz noch zu friſch iſt, um ihm ſchon Trotz bieten zu können an einem Orte, der mich täglich und ſtündlich an meine arme Frau und an meinen Knaben erinnert, und die kaum vernarbten Wunden immer von Neuem aufreißt. Ich kann nicht bleiben! Behalten Sie das Gut. Viel⸗ leicht ſpäter einmal, wenn Sie dann noch geneigt ſind, auf einen unglücklichen Mann Rückſicht zu nehmen, trete ich wieder in ſeinen Beſitz. Für jetzt aber will ich mir einen anderen Schauplatz meiner Thätigkeit ſuchen!«— Ich konnte ihm weder zu⸗ noch abreden, und er verließ auch ſchon am nächſten Tage mein Haus, nachdem er mich noch einmal gebeten hatte, das Grab ſeiner Frau in gutem Stande zu erhalten, was ich ihm 56 natürlich mit größter Bereitwilligkeit verſprach. In Port Royal ſchiffte er ſich ein und ging nach Barba⸗ does. Ob er aber dort geblieben iſt und eine Pflan⸗ zung gekauft hat, oder ob er eine andere Inſel zu ſei⸗ nem bleibenden Wohnorte wählte, oder vielleicht nach dem Feſtlande ging— das weiß ich nicht, denn ſeit jener Zeit habe ich nichts wieder von ihm vernommen und iſt er auch nicht wieder hier geweſen. Dies iſt Alles, was mir bekannt iſt, und freilich muß ich beken⸗ nen, daß es ſchwerlich zu Ihrer Beruhigung ausreichen wird.« Der Pflanzer ſchwieg, und Willy ſah nachdenklich vor ſich nieder.„Dennoch bin ich Ihnen von Herzen dankbar,“ ſagte er nach einem Weilchen.„Ihre Nach⸗ richten geben mir doch einen Faden in die Hand, den man verfolgen kann. Nur die eine Frage beantworten Sie mir noch: Wiſſen Sie gewiß, daß mein Vater nach Barbadoes gegangen iſt?«. 3 „Ja, das weiß ich mit Beſtimmtheit,“ erwiederte der Pflanzer.„Das Schiff, in welchem er Jamaica verließ, war dahin befrachtet und ſegelte direkt da⸗ hin ab.« „Gut,“ erwiederte Willy—„ich danke Ihnen. „Jetzt werde ich auf dem Grabe meiner Mutter beten, und dann, mein treuer Peter, wollen wir nach Port Royal zurückkehren und eine Gelegenheit zur Ueberfahrt nach Barbadoes ſuchen. Ich werde die Spur meines Vaters verfolgen, ſo lange mir Gott nur einen Schim⸗ mer von Hoffnung läßt, daß ich ihn endlich auf⸗ finde.“. Willy ſtand auf, ließ ſich von Herrn Veron das Grab ſeiner Mutter zeigen, blieb dort eine Stunde 57 allein in ſtillem Gebete, und verließ es endlich mit ruhigerem und gefaßterem Gemüth, um von dem Gaſt⸗ freunde Abſchied zu nehmen und dann von Neuem die Pferde zu beſteigen. Schon am Abend befand er ſich mit Peter wieder in Port Royal, und Morgens darauf an Bord einer Handelsbrigg, welche eine Stunde ſpäter nach Barbadoes unter Segel ging. Eine ſüße Hoffnung war ihm in eine bittere Täu⸗ ſchung verwandelt worden. Aber Willy verzagte nicht. Wie Gott ihn hatte Peter wiederfinden laſſen, ſo konnte er ihn auch in die Arme ſeines Vaters führen, und an dieſer Hoffnung hielt Willy ſtandhaft feſt, an ihr rich⸗ tete ſein gebeugter Muth ſich allmählig wieder auf. Viertes Kapitel. Das Sklavenſchiff. Willy und Peter ſegelten alſo nach Barbadoes, ſtellten die ſorgfältigſten Nachforſchungen an, durchſtreif⸗ ten die ganze Inſel nach allen Richtungen, entdeckten aber von Mr. Harper nicht die geringſte Spur. Er war verſchwunden— Niemand kannte ſeinen Namen, Niemand wußte von ihm, Niemand konnte Auskunft über ihn geben. Willy ſtand am Ende des Fadens, den er bis hierher ſo eifrig verfolgt hatte, und auch Peter, den er betrübt anblickte, wußte keinen Rath mehr.“ 58 „Was nun?« ſagte Willy, als ſie Beide nach dem letzten vergeblichen Streifzuge wieder im Hafen anlang⸗ ten—„was nun, Peter? Unſere Bemühungen ſind vergebens geweſen, und unglücklicherweiſe bleibt uns nach dem vielen Hin⸗ und Herreiſen nur noch ein klei⸗ ner Reſt von dem Gelde über, das Kapitän Bridewell mir in Havannah gegeben hat. Wenn es vollends ausgegeben iſt, was dann?“ Peter lächelte.„Was dann?« erwiederte er.„Ha⸗ ben Maſſa Willy nicht Peter? Haben Peter nicht Arme zu arbeiten? Peter gehen, zu helfen bei Einla⸗ den und Ausladen von Schiffe, verdienen viel Geld, ſammeln ganzen Haufen, ſo hoch, und wenn wieder Geld, dann wieder fort, zu ſuchen!« „Aber wo ſuchen?“ entgegnete Willy.„Nein, Pe⸗ ter, die Welt iſt zu groß, als daß man ſo leicht einen einzelnen Menſchen fände, der ſich wohl gar verbergen will, um in ſtiller Abgeſchiedenheit nur ſeinen Erinne⸗ rungen zu leben. Und ich, ich ſollte unthätig zuſehen, während du für mich arbeiteſt? Nein! Laß uns lie⸗ ber wieder zu Schiffe gehen! Du biſt gewiß ein tüch⸗ tiger Seemann, und was mich anbetrifft, ſo hat mir ja Kapitän Bridewell das beſte Zeugniß ausgeſtellt. Suchen wir alſo Dienſte auf einem Kriegsſchiffe, das, wie die Moͤve, in dieſen Gewäſſern kreuzt. Wer weiß, vielleicht fügt es der Himmel, daß wir dann einmal früher oder ſpäter mit meinem Vater zuſammentreffen, was jedenfalls wahrſcheinlicher iſt, als wenn wir, vielleicht lange Zeit hindurch, auf dieſer Inſel blei⸗ ben.“ „Gut!« antwortete Peter,„ich auch zufrieden das! Sehen um uns, ich wohl bekannt ſein in Hafen hier, , 59 wie in vielen Häfen von Weſtindien. Viele kennen auch langen Peter ſehr gut. Wollen ſehen.“ Sie ſchlugen ihr Quartier in einer Taverne an der Hafenſtadt Bridge⸗Town auf, wo vorzugsweiſe Matro⸗ ſen zu finden waren, die, für den Augenblick unbeſchäf⸗ tigt, Dienſte auf irgend einem Schiffe ſuchten, und brauchten hier auch nicht lange auf Anerbietungen zu warten. Der lange Peter, welcher ſich viele Jahre hindurch auf verſchiedenen Fahrzeugen herumgetrieben hatte, war in der That als ein ausgezeichneter Matroſe bekannt, und ſeine gewaltige Rieſengeſtalt zeigte ſich kaum unter den übrigen Seeleuten, als er auch vielfach von Werbern in Anſpruch genommen wurde. Aber Peter ſchlug nicht ſo geſchwind ein, als Willy dachte, dem es im Grunde völlig gleich war, auf, welches Schiff er verſetzt würde. Peter ſtellte ſeine Bedingun⸗ gen. Er wollte nicht allein einen guten Kapitän und ein gutes Schiff haben, ſondern nebenbei auch noch einen Vortheil für ſeinen lieben Maſſa Willy erlangen. Willy ſollte nicht etwa eine ganz untergeordnete Stelle auf dem erſten beſten Schiffe einnehmen; damit war dem ehrlichen Peter nicht gedient. Wenigſtens wollte er ihm die Stellung eines Midſhipman verſchaffen, und ihm ſo eine Laufbahn für die Zukunft eröffnen. Einmal Offizier, konnte ſich dann Willy durch Einſicht, Tapferkeit und Glück ſeinen Weg aufwärts bahnen, während er in untergeordneter Stellung nie weiter ge⸗ kommen wäre, als höchſtens zum Poſten eines Steuer⸗ manns. „Und was dann?« ſagte Peter, als Willy ihm „Vorſtellungen machte, weil er mehrere Anerbietungen zurückgewieſen hatte—„was dann, wenn Steuermann 8 60 werden? Nichts! Du nicht mehr William Möve, ſondern Maſſa Willy Harper! Du müſſen werden Offizier! Das ſich ſchicken für dich! Erſt Mid, dann Lieutenant, dann Kapitän! Warum nicht? Du ja klug genug! Ich ſchon ſehen! Du wiſſen mehr, als die meiſten Midſhipmen! Alſo du auch Midſhipman, oder alter Peter lieber arbeiten in Hafen, als Matroſe in Schiff! Warten nur noch ein wenig mit Geduld! Kommen ſchon Kapitän, der brauchen Peter— und Peter dann brauchen Maſſa Willy! So es ſollen ſein, und nun gut!“ Willy zweifelte zwar ſehr daran, daß Peters Rech⸗ nung richtig wäre, da er durch eigene Erfahrung ſehr gut wußte, wie ſchwer es hielt, an Bord eines Kriegs⸗ ſchiffes als Offizier ſelbſt des niedrigſten Grades anzu⸗ kommen, aber Peter ließ ſich nicht irre machen. Er wartete— und ſiehe da, endlich gelangte er doch zum Ziel. 1 — Er ſaß eines Tages mit Willy vor der Taverne und widerlegte eben zum hundertſten Male die Gründe, welche Willy vorbrachte, um ihn zu beſtimmen, von ſeinem Eigenſinn abzugehen, als eine ſchwere Hand auf ſeine Schulter ſchlug und zugleich eine rauhe, aber doch freundliche Stimme ihm zurief: „He, Peter, du hier! Das trifft ſich ja herrlich! Burſche, wie du, kann ich immer an Bord hrauchen 1« Peter blickte auf und ſprang in die Höhe.„»Kapi⸗ tän Robin!« ſagte er.„Mit Verlaub, Sir, ja, ich da ſein!« „Und wie geht dir's Burſche,« fragte der Kapitän, ein großer, ſtarker Mann mit gebräuntem Geſicht und kühnem, offenen Blicke.„Biſt du auf Urlaub hier, / X 61 da du ſo müßig ſitzſt und die Hände in den Schooß legſt?“ „Nicht meine Schuld ſein, Sir!“ erwiederte Peter. „Ich nicht paſſen auf jedes Schiff! Wiſſen das, Sir!“ „Aber wie, auf meine hübſche kleine Korvette doch, Peter?“ ſagte der Kapitän lächelnd.„Sie führt immer noch ihre zwanzig Kanonen, aber die Mannſchaft iſt ein wenig dünn geworden, ſeit du von uns fortgegan⸗ gen biſt. Es war ein dummer Streich von dir, Peter! Sollteſt wiederkommen!« „Peter wohl Luſt haben— Schwalbe gutes Schiff und Kapitän Robin braver Kapitän! Aber— nicht gehen ſo ſchnell das!«. „Und warum nicht, Peter?« Der Schwarze warf einen bedeutungsvollen Blick auf ſeinen Begleiter Willy, der nun ebenfalls ehrerbie⸗ tig aufſtand und auf die gewöhnliche ſeemänniſche Weiſe grüßte.. „i, wen haben wir da noch?« fragte der Kapitän. „Ein Maat von dir, Peter?« „Ja, Sir,« nahm Peter das Wort— ich nicht Dienſt nehmen allein, ſondern nur kommen mit Maſſa Willy Harper!“ „Ah, Peter, darunter ſcheint mir etwas Beſonderes zu ſtecken, ſagte der Kapitän.„Du mußt mir das erzählen; geh' mit mir, und dein Maat kann indeß hier auf dich warten.“ Peter zeigte ſich bereitwillig und folgte dem Kapi⸗ tän in ein Gaſtzimmer, nachdem er Willy ſchlau zuge⸗ blinzelt und ſeine Zeugniſſe und übrigen Papiere an ſich genommen hatte. Länger als eine Stunde blieb er aus, und Willy wollte ſchon ungeduldig werden, 6² als Peter endlich mit ſtrahlendem Geſicht wieder an⸗ langte. „Alles gut, Maſſa Willy,« ſagte er.„Kommen jetzt mit zu Kapitän! Ja, ja, Peter wohl wiſſen, wie gut, zu warten!« „Wär's möglich?« erwiederte Willy überraſcht— „der Kapitän wollte mich als Midſhipman an Bord nehmen?“ „Hören ſelber!“ entgegnete Peter, und nahm ohne Weiteres den Arm Willy's, um ihn in das Haus zu ziehen. Der Kapitän empfing Willy mit freundlicher Miene und reichte ihm die Hand. „Sie ſind willkommen auf meinem Schiffe, Mr. Harper,“« ſagte er.„Peter hat mir Ihre Verhältniſſe erzählt und mir Ihre Papiere vorgelegt. Aus Allem erſehe ich, daß ſeine Anhänglichkeit an Sie vollkommen gerechtfertigt iſt, und daß es unrecht wäre, Sie von einander zu trennen. In meiner Midſhipmen⸗Kajüte iſt noch Raum für Sie; wenn Sie eintreten wollen, ſo melden Sie ſich auf der Schwalbe bei Mr. Barn⸗ ſtable, dem erſten Lieutenant, und er wird dann das Weitere beſorgen.“ Willy verbeugte ſich und ſtammelte höchſt erfreut ein paar Worte des Dankes. „»Pah, nicht mir, ſondern Ihrem treuen Begleiter danken Sie,“ erwiederte Kapitän Robin.„Er iſt ein alter Bekannter von mir, und nur auf ſeine warme Empfehlung hin habe ich meinen Entſchluß gefaßt. Gott befohlen, Sir! Ich hoffe, daß Sie die Fürſprache des wackeren Peter verdienen, und wir werden dann ſehr bald gute Freunde werden. Gehen Sie unverzüglich an Bord der Schwalbe— Peter wird Sie begleiten!« ———. 63 Willy empfahl ſich und fiel draußen mit jubelndem Entzücken dem treuen Peter um den Hals. Peter vergalt in reichem Maße ſeine Liebkoſungen, aber von Dank wollte er ſo wenig etwas hören, als Kapitän Robin. „Was denn Peter viel thun?“ ſagte er.„Er bloß loben Maſſa Willy, und nichts weiter! Jetzt gehen auf Schwalbe! Dort ſehr gut, Peter kennen ihn.“ Eine halbe Stunde ſpäter befanden ſich Beide an Bord der Korvette;— Willy in der Midſhipman⸗ Kajüte, wo er ſehr ſchnell Bekanntſchaft mit den ande⸗ ren jungen Offizieren machte; und Peter am großen Maſte, wo er ſeinen früheren Poſten als Bootsmann wieder antrat und manchem Kameraden aus alter Zeit derb und treuherzig die Hand drückte. Einige Tage nachher waren Beide auf's Beſte eingebürgert, und Willy fühlte ſich ſo zufrieden und glücklich, als er es bei der fortwährenden Erinnerung an ſeinen Vater ir⸗ gend ſein konnte. Seine Kameraden hatten ihn freund⸗ lich in ihren Kreis aufgenommen, die Offiziere behan⸗ delten ihn mit Güte, und die Mannſchaft des Schiffes war ſchon durch Peter ſo gut für ihn geſtimmt, daß er ſich an Bord der Schwalbe in der That über nichts beklagen konnte. Die Korvette war ein ſchmuckes, ſchnell ſegelndes Schiff von zwanzig Kanonen, und, wie die Moͤve, in den weſtindiſchen Gewäſſern ſtationirt, um dem heimlich betriebenen Sklavenhandel und den häufig vorkommen⸗ den Seeräubereien zu ſteuern. Kapitän Robin war in den Hafen von Bridge⸗Town nur aus dem Grunde eingelaufen, um friſche Mundvorräthe einzunehmen, und ſobald dieſer Zweck erfüllt war, ſtach er wieder in See 64 und ſchlug die Richtung nach Kuba ein, wo er einen ſehr gefährlichen und berüchtigten Piraten, Namens Obadiah, zu finden und ſein Schiff zu nehmen hoffte, welches ſchon ſeit Jahr und Tag ein Schrecken für die weſtindiſchen Handelsfahrzeuge war. Viele Wochen verſtrichen indeß, ohne daß ſich ir⸗ gend etwas Beſonderes an Bord der Schwalbe zuge⸗ tragen hätte. Willy beſorgte pünktlich ſeine Obliegen⸗ heiten, und zeigte bei jeder Gelegenheit, daß er ſeinen Dienſt gründlich und vollkommen verſtand. Kapitän Robin, der ihn ſcharf beobachtete, zog ihn bald allen übrigen Midſhipmen vor, und bezeugte ihm häufig mit freundlichen Worten ſeine Zufriedenheit. So kreuzte das Schiff Monate lang in der Nähe von Kuba umher, aber leider, ohne das Piratenſchiff, dem es nachſtellte, zu Geſicht zu bekommen, obgleich einzelne Fahrzeuge, denen man begegnete, den Seeräuber bald hier, bald dort geſehen haben wollten. Folgte Kapitän Robin dann den Berichten und ſuchte ihn auf, ſo war er regelmäßig verſchwunden, und man vernahm höchſtens das Gerücht von der Wegnahme irgend einer reich befrachteten Handelsbrigg, die von dem Piraten entweder in den Grund gebohrt oder in irgend einen Schlupfwinkel geführt worden war, von wo ſie nie wie⸗ der zum Vorſchein kam. Kapitän Robin wurde mit jedem Tage mürriſcher und verdrießlicher, da er ſeine Hoffnung, den Räuber zu fangen, immer und immer wieder vereitelt ſah; auch die Offiziere machten finſtere Geſichter, und die Mann⸗ ſchaft verwünſchte heimlich ihren Unſtern, der es zu keinem Zuſammentreffen mit dem Gegner kommen ließ. Trotz alledem fuhr aber Kapitän Robin eifrig in ſeinen 4 65 Nachforſchungen fort und verdoppelte ſogar ſeine Be⸗ mühungen, die von ſo ſchlechtem Erfolge begleitet wa⸗ ren. Offiziere und Mannſchaft folgten hierin ſeinem Beiſpiele, und die Maſtkörbe wie das Verdeck wurden Tag und Nacht nicht leer von Leuten, welche mit dem Fernrohre in der Hand fleißigen Ausguck nach dem Piraten hielten. Auch Willy war in dieſer Beziehung unermüdlich, denn er ſehnte ſich mehr als jeder Andere nach dem Zuſammentreffen mit dem Seeräuber, das ihm eine gute Gelegenheit bieten mußte, ſich durch Tapferkeit unter den Augen des Kapitäns auszuzeich⸗ nen. Selbſt den Schlaf vergaß er in ſeinem Eifer faſt, und blieb halbe Nächte hindurch im Takelwerk, um wo möglich der Erſte zu ſein, der die frohe Kunde vom Erſcheinen des feindlichen Schiffes den Uebrigen mit⸗ theilte. Aber auch er ſpähte vergebens umher, und ein Tag nach dem anderen verging, ohne irgend einen Wechſel in die Einförmigkeit der ſtets geſpannten aber nie befriedigten Aufmerkſamkeit zu bringen. In einer dunkeln und etwas ſtürmiſchen Nacht end⸗ lich, als Willy eben im Begriff war, den Ausguck im Fookmars zu verlaſſen und fuͤr heute wieder einmal, wie ſo oft ſchon, ſein Umherſpähen als nutzlos aufzu⸗ geben, glaubte er beim ſchwachen Sternenſchimmer windwärts vom Schiffe ein fremdes Segel zu erkennen. Huriig brachte er das Fernrohr wieder vor's Auge, und, anſtatt herabzuſteigen, wie er gewollt, nahm er zitternd vor Aufregung ſeinen Platz wieder ein, und richtete einen zweiten Blick auf den fernen, bei dem herrſchenden Dunkel ſchwer zu erkennenden Gegen⸗ ſtand. 5 Er war verſchwunden! Willy. 5 — ——— 66 Willy ſtutzte, fuhr aber doch fort, unverwandt und mit pochendem Herzen die Finſterniß zu durchſpähen. Bald ſchien es ihm, als ob das Segel wieder auftauche — bald wieder glaubte er, eine Wolke täuſche ihn, die am fernen Horizonte vorüberzöge. Endlich ließ er den Arm, der das Fernrohr hielt, niederſinken, und rief leiſe: „Peter!« Nur zwei Augenblicke verſtrichen, und Peter ſtand neben ihm. »„Was es geben, Maſſa?« fragte er. „Da nimm mein Rohr, Peter, und blicke ſcharf windwärts aus. Was ſiehſt du?« 1 »Nichts,« erwiederte Peter.„Nacht ſo ſtockfinſter, nichts ſichtbar, als Dunkelheit! Aber ſtill— da ein Segel! Ein Segel, Maſſa! bei Jeſus!« Willy nahm ihm raſch das Fernrohr weg und brachte es wieder an ſein eigenes Auge.„Ja,“ ſagte er dann nach kurzem Hinausſchauen hoch erfreut— jetzt iſt eine Täuſchung nicht mehr möglich! Der Him⸗ mel hellt ſich am Horizonte ein wenig auf, und das Segel ſticht ſcharf davon ab! Noch deutlicher ſeh' ich's jetzt! Es muß eine große Brigg ſein! Nimm das Rohr, Peter, und behalte die Stelle im Auge; ich will hinab und Mr. Barnſtable Meldung bringen.“ Hurtig klimmte Willy auf das Verdeck hinab und kehrte bald darauf mit dem erſten Lieutenant zurück, welcher ſein Nachtrohr in der Hand trug und von Willy's Meldung augenſcheinlich ſehr aufgeregt war, »Wo iſt das Segel, Bootsmann?« fragte er, als er ſich mit ein paar Sprüngen auf das Mars hinciuf ſchwang. e 67 »„Immer noch windwärts, Sir,« entgegnete Peter. „Sehr deutlich jetzt können ſehen!« 14 »Richtig— der Mond geht dahinter auf,« ſagte Mr. Barnſtable.„Sie haben Recht, Mr. Harper! Es iſt eine Brigg, eine große Brigg, und wahrſchein⸗ lich der Burſche, den wir ſo lange ſchon ſuchen. Ru⸗ fen Sie augenblicklich den Kapitän, Sir!« Willy verſchwand und holte auch den Kapitän her⸗ bei. Dieſer hatte kaum einen kurzen Blick auf das verdächtige Segel geworfen, als er ſofort den Befehl gab:„Die Leute an ihre Poſten! Die Kanonen da hinaus gerichtet! Hurtig, meine Herren! Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn wir nicht endlich das längſt erſehnte Ziel vor Augen hätten! Wer hat den Bur⸗ ſchen entdeckt?«— „Mr. Harper, Sir!« entgegnete der erſte Lieute⸗ nant. „Dacht's mir wohl!« ſagte der Kapitän freundlich und klopfte Willy auf die Schulter.„Ich bin Ihnen verbunden, Sir! Aber jetzt an's Werk! Der Pirat ſoll bald ſpüren, daß die Schwalbe nicht bloß fliegen, ſondern auch recht vernehmlich ſingen kann.“ Im Nu waren die Kanonen geladen und gerichtet, und die ganze Schiffsmannſchaft ſtand an ihren Poſten. Raſch flog die Schwalbe dem fremden Schiffe näher und erreichte es bald auf Schußweite. Die Kanonen wurden abgefeuert und gleich darauf hörte man ein Krachen an Bord des fremden Schiffes und ein lautes Geheul, welches jammervoll über das Meer hinſchallte. Als es verſtummte, blitzten die Kanonen von drüben aauf und ein Hagel von Kugeln rauſchte gegen die Schwalbe heran. Pfeifend flogen ſie über die Köpfe 5 3* 8 68 der Mannſchaft hin, riſſen einige Splitter aus den Maſten, richteten aber ſonſt nicht viel Schaden an. Zu gleicher Zeit, als die Kanonen abgefeuert wurden, ſetzte das feindliche Schiff alle Segel bei und ſuchte der verfolgenden Schwalbe zu entrinnen. Es gelang ihm bis gegen Morgen hin, ſich außer Schußweite zu hal⸗ ten; als die Sonne aber hell und glänzend über das Meer emporſtieg, holte die Schwalbe ihren flüchtigen Gegner wieder ein und ſendete ihm einen neuen Gruß aus ihren Kanonen zu. Jetzt, wo der Gegner nicht mehr entrinnen konnte, nahm er den Kampf an und bereitete ſich zu einem blutigen Zuſammentreffen vor. „Aber was haben wir da?“ rief Kapitän Robin aus, welcher mit dem Fernrohre jede Bewegung des Feindes beobachtete.„Es iſt nicht der Seeräuber, ſon⸗ dern offenbar ein Sklavenſchiff! Aber gleichviel, wir werden mit dem Einen wie mit dem Anderen fertig werden. Feuer, Leute! Und zielt gut! Der Burſche darf uns nicht entwiſchen!« Die Kanonen krachten und es entſpann ſich ein hitziges Gefecht, das ſich in die Länge zu ziehen drohte, da die feindliche Sklavenbrigg ſich mit verzweifelter Hartnäckigkeit vertheidigte. „Wir müſſen den Burſchen entern!« rief Kapitän Robin, nachdem der Kampf ein Weilchen gedauert hatte. „Hochbootsmann, das Steuer beigeſtrichen und Bord an Bord beigelegt! Hierher mit den Enterhaken! Und nun vorwärts, Burſche! Wir haben ihn!“ Mit einem Hurrah ſprang die Mannſchaft hinüber auf das Sklavenſchiff; Willy mit hochgeſchwungenem Degen allen Uebrigen voran. Peter folgte ihm auf dem Fuße und einen Augenblick nachher waren Alle im 69 wüthendſten Handgemenge. Sie erreichten das Halb⸗ deck, wo der feindliche Kapitän mit ungefähr vierzig von ſeinen Leuten, mit Säbeln und Piſtolen in der Hand, ihnen entſchloſſen die Spitze bot und Stand hielt. Peter ſchlug ihn mit dem Enterhaken zu Boden und im gleichen Augenblick feuerte Willy ein Piſtol auf den Lieutenant ab, dem die Kugel die Bruſt durch⸗ bohrte. Jetzt wichen die Gegner und was nicht die Waffen von ſich warf, flüchtete unter Deck, um das Leben in Sicherheit zu bringen. Der ganze Kampf hatte kaum eine Viertelſtunde gedauert und war haupt⸗ ſächlich durch Peter und Willy ſo raſch entſchieden worden, deren entſchloſſenes Benehmen die Gegner gleich von vornherein ihrer Anführer beraubt hatte. Das Schiff wurde genommen, die Beſatzung in Feſſeln ge⸗ legt, und nun ſchleunigſt Anſtalt getroffen, auf beiden Fahrzeugen den erlittenen Schaden auszubeſſern, was bei der zweckmäßigen Leitung Kapitän Robins raſch von ſtatten ging. Als Alles in Ordnung war, ſo weit dies in der Eile geſchehen konnte, winkte der Kapitän Willy zu ſich und reichte ihm mit wohlwollendem Lächeln die Hand. »Sie haben ſich ausgezeichnet, Mr. Harper,“ ſagte er freundlich,„und es iſt alſo nicht mehr als billig, daß Ihnen eine Belohnung zu Theil wird. Das ge⸗ nommene Schiff muß in Sicherheit gebracht werden. Führen Sie es in den Hafen von Port⸗Royal, und nehmen Sie ein Dutzend von unſeren Leuten mit. Sie werden genügen, das Schiff zu lenken, wenn Sie einige von den Schwarzen zu Hülfe nehmen. In Port⸗Royal erwarten Sie mich. Und nun, Gott be⸗ fohlen!« 8 70 Willy war ſtolz auf die Auszeichnung, die ihm ſo unerwartet zu Theil wurde, und außerdem empfand er große Freude darüber, daß er wieder einmal Jamaica beſuchen und von Neuem Erkundigungen über ſeinen Vater einziehen konnte. Hurtig traf er ſeine Anſtalten, beauftragte Peter, von dem er ſich natürlich nicht tren⸗ nen wollte, noch elf Matroſen auszuwählen, nahm dann Abſchied von Kapitän Robin und begab ſich auf das erbeutete Sklavenſchiff, um zum erſten Male in ſeinem Leben ein ſelbſtſtändiges Kommando zu führen. Die beiden Schiffe trennten ſich und verfolgten verſchie⸗ dene Richtungen. Die Schwalbe ſetzte ihren Kreuzzug nach Obadiah, dem Seeräuber, fort; die Sklavenbrigg dagegen ſchlug den geraden Kurs nach Jamaica ein und näherte ſich raſch dem Hafen von Port⸗Royal, den Willy in einigen Tagen ungefährdet zu erreichen hoffte. Fünftes Kapitel. Buſammentreffen mit dem Piraten. gwei Tage ſchon verfolgte die Sklavenbrigg unter Willy's Kommando ihren Kurs, und Alles deutete darauf hin, daß ſie glücklich ihr Ziel erreichen werde, als wider alles Erwarten noch ein Hinderniß eintrat, auf welches man am wenigſten gerechnet hatte. Peter entdeckte ein Schiff, das augenſcheinlich Jagd auf ſie machte, und nicht ohne Beſorgniß begab er ſich in die 71 Kapitäns⸗Kajüte, um Willy von ſeiner Entdeckung die nöthige Mittheilung zu machen.. »Was iſt's für ein Schiff?« fragte Willy raſch. »Das noch nicht können ſehen, Maſſa,« erwiederte Peter,„aber jedenfalls ſehr großes und ſehr ſchnelles Schiff! Ich beinahe glauben, Pirat!« »Obadiah doch nicht?« rief Willy.„Obadiah, dem wir Monate lang ſchon vergeblich nachſpürten?« 1 »„Nicht wiſſen das,« antwortete Peter,„aber mög⸗ lich kann ſein!«“ »Das wäre ein fatales Zuſammentreffen, Peter!« entgegnete Willy.„Doch laß ſehen! Vielleicht iſt er's nicht, oder, wenn er's iſt, können wir ihm noch durch die Flucht entrinnen.“ Er ſtieg raſch mit Peter auf das Verdeck hinauf und ſpähte nach dem fremden Segel. Leider belehrte ihn ſchon der erſte Blick, daß er's hier in der That mit einem ſtarken Gegner zu thun hatte und daß der raſch ſich nähernde Schooner jedenfalls gut bedient und wahrſcheinlich ſchwer bewaffnet war. »Alle Segel beigeſetzt!“ rief Willy.„Wir müſſen verſuchen, ihm zu entwiſchen, denn einen Kampf mit ſolchem Schiffe einzugehen, wäre nichts als Thorheit. Es würde uns mit einer einzigen Lage ſeiner Kano⸗ nen in den Grund bohren. Hurtig, Peter! Ge⸗ ſchwin alle Leinwand ausgebreitet, die uns zu Gebote eht!« 1 3 Der Befehl wurde faſt eben ſo raſch ausgeführt, wie er gegeben war, und eine kurze Zeit lang hoffte Willy, daß es ihm glücken werde, dem verfolgenden Schiffe den Vorſprung abzugewinnen. Aber dieſe glück⸗ liche Täuſchung dauerte nicht lange. Auch der Ver⸗ 72 folger ſetzte ſeine Lee⸗ und Bramſegel bei und näherte ſich mit einer ſolchen Schnelligkeit, daß nach Verlauf einer halben Stunde ſchon ſein Rumpf mit einer an⸗ ſehnlichen Reihe von Kanonen über den Waſſerſpiegel auftauchte. „Er laufen beſſer, als wir!“ ſagte Peter kopfſchüt⸗ telnd zu Willy, an deſſen Seite er auf dem Hinterdeck ſtand. „Ich ſeh' es, ſeh' es nur zu deutlich,“ entgegnete Willy ſeufzend.„Was nun? Sollen wir die Kano⸗ nen laden und es auf einen Kampf ankommen laſſen?“« „Nützen nichts, das,« erwiederte der Schwarze. „Beſſer, ergeben uns gutwillig. Dann Hoffnung! Wenn kämpfen wir, Obadiah machen todt uns Alle ohne Barmherzigkeit.« „Aber die Schande, Peter, die Schande, unſer Schiff in ſeine Hände fallen zu laſſen!“ „Schande? Warum das?“« entgegnete Peter.„Etwa Schande für kleinen Vogel, wenn Falke ihn verſchlin⸗ gen? Nur Unglück das! Und Unglück vielleicht nicht ſo ſchlimm! Ich nehmen Dienſte auf Piratenſchiff und Alles gehen gut!« „Was? Biſt du närriſch, Peter? Du, du wollteſt ein Gehülfe des elenden Seeräubers werden?« „Und warum nicht? Wenn Peter gefangen, in Ketten, was er können helfen dann? Aber wenn er frei, dann ſehen und hören und vielleicht handeln. Müſſen abwarten! Ah, er brummen ſchon! Jetzt Se⸗ gel reffen und beilegen ſogleich!« In der That rollte der dumpfe Donner einer Ka⸗ none uͤber das Waſſer, und, ohne einen weiteren Be⸗ fehl Willy's abzuwarten, forderte Peter ſeine Kameraden 7³ auf, die Segel einzuziehen und die Annäherung des Verfolgers ruhig geſchehen zu laſſen. Sie gehorchten, da ſie wohl einſahen, daß an Entrinnen nicht mehr zu denken ſei, und wie ein Vogel, mit weit ausgebreiteten mächtigen Schwingen, näherte ſich nun ſchnell das ver⸗ folgende Schiff. „Jetzt, Maſſa Willy, folgen altem Peter, gehen in Kajüte und laſſen ſich einſchließen,“ ſagte der Schwarze. „Wenn Obadiah kommen, er müſſen glauben an Meu⸗ terei! Dann nicht Verdacht, und nehmen Peter und Alle in Dienſt. Dann warten auf Gelegenheit, und Gelegenheit werden kommen gewiß. Denn Peter da! Maſſa verſtehen Petern?“ „Gewiß verſteh' ich dich, treue Seele,“ antwortete Willy,„und ich glaube, daß in der That dein Plan nicht übel iſt. Aber die Anderen, werden ſie deinem Beiſpiele folgen?« »Folgen Alle! Peter ſchon ſprechen mit ihnen! Aber fort jetzt! Da Hund von Piraten kommen ſchon!« Wirklich war der Seeräuber nun ſchon ſo nahe, daß er ſeine Beute anrufen und Alles auf's Deutlichſte ſehen konnte, was an Bord derſelben geſchah. Peter warf ſich plötzlich auf Willy, umklammerte ihn mit Geden Armen und ſchleppte ihn ſo mit ſich fort unter eck. „Was fällt dir denn ein, Peter?« fragte Willy. „Ich kann ja allein gehen!“* „Beſſer ſo,“ erwiederte der Schwarze.„Pirat ſehen und nun denken, wir Feinde und Meuterer gegen Offi⸗ zier. Jetzt bleiben ſtill! Peter gehen auf Deck und erwarten Obadiah! Werden wohl ſertig mit ihm, hale 74 Als Peter heraufkam, ſcholl ihm ein lautes Gebrüll entgegen, und die beiden Schiffe lagen Bord an Bord dicht neben einander. Das Verdeck des Piraten wim⸗ melte von bewaffneten Männern, an deren Spitze ein roh ausſehender, wilder Kerl mit blankem Säbel ſtand. Mit einem Hurrah ſprang er an Bord des Sklaven⸗ ſchiffes, und vierzig bis fünfzig Mann folgten ihm auf dem Fuße. Da ſie keinen Widerſtand fanden, hatten ſte in wenigen Augenblicken das Schiff beſetzt und die geringe Mannſchaft überwältigt. Peter ſowohl wie die Anderen ließen ſich willig Feſſeln anlegen und zeigten überhaupt die größte Kaltblütigkeit, als ob ihnen ihre Gefangennahme die gleichgültigſte Sache von der Welt wäre. 3 „Bringt die Schurken her!“ rief der Piraten⸗Anfüh⸗ rer, welcher nicht ohne einiges Staunen die Ruhe der Leute beobachtet hatte. Sie wurden vor ihn geführt und Obadiah— er war es wirklich— muſterte ſie mit drohendem und finſterem Blicke. „Was für ein Schiff iſt dies?“ fragte er. „Sklavenſchiff!« antwortete Peter, für ſeine Kame⸗ raden das Wort nehmend.„Die Schwalbe nehmen es und Mr. Harper es ſollen führen nach Port⸗Royal.“ „»Ah! Wo iſt Mr. Harper?« „In Kajüte eingeſperrt.“ „Eingeſperrt? Warum?« „Weil er wollen fliehen, wir aber nicht! Wir ab⸗ warten wollen Maſſa Obadiah.“ „Ihr? Aber das iſt ſeltſam,“ antwortete der Pirat mißtrauiſch.„Weißt du nicht, Burſche, daß ich alle Gefangenen aufhängen laſſe?« „Ja, wiſſen das!“ „Und dennoch hinderteſt du deinen Befehlshaber an der Flucht? Du mußt große Sehnſucht nach dem Stricke haben, ſchwarzer Kerl!“ „Nicht das!“ erwiederte Peter.„Nur wollen die⸗ nen unter tapferem Kapitän Obadiah. Machen gute Beute, wiſſen wir; wollen auch wir Beute machen und theilen.“« „Ah! Ihr wollt Dienſte bei mir nehmen? Du und die Anderen da? Alle?“ „Alle! Wollen lieber Andere todtmachen, als bau⸗ meln in Luft.“ „Du biſt wirklich der vernünftigſte Burſche, der mir ſeit langer Zeit vorgekommen iſt,“ ſagte Obadiah lachend. „Gut, ich nehme deine Dienſte an! Du gefällſt mir, und ich hoffe, dein Entſchluß wird dich nicht gereuen. Nehmt ihm und den Uebrigen die Feſſeln ab! So! und wen haben wir nun noch?« „Gefangene Mannſchaft von Skllavenſchiff und ſchwarze Neger,“ antwortete Peter.„Alle unten in Raum! Tüchtige Burſche! Werden auch lieber Pira⸗ ten ſein, als baumeln in Luft.« „Bringt ſie herauf!“ befahl Obadiah. Die Weiſung wurde raſch befolgt. Noch zwanzig Mann waren von der früheren Beſatzung des Sklaven⸗ ſchiffes übrig, welche mit Freuden und ohne Zögern einwilligten, Peters Beiſpiele zu folgen und unter Obadiahs Kommando zu treten. Sie wurden mit den Uebrigen an Bord des Piraten⸗Schooners gebracht, und hierhin folgte ihnen auch Obadiah, nachdem— beutete Sklavenſchiff neu bemannt und Wie Kajüte, wo man ihn eingeſchloſſen fand, b dne 76 — aber nur, um ihn nach kurzem Verhore von Neuem, und zwar in den unteren Raum ſeines eigenen Fahr⸗ zeuges einzuſperren. Hierauf wurden die Segel wie⸗ der dem Winde preisgegeben und die beiden Schiffe flogen friedlich neben einander über den Waſſerſpie⸗ gel hin. Es war ein trauriger Ort, wohin man Willy ge⸗ worfen hatte, nachdem er die beſtimmteſte Erklärung abgegeben, daß er nun und nimmer in die Dienſte des Piraten treten werde. Ein wahrer Backofen war es, von kaum ſechs Fuß Länge und Breite; eng, ſtockfinſter und mit einer ſchweren drückenden Luft angefüllt, welche den Athem faſt bis zum Erſticken beengte. Auf einem Koffer ſitzend, den er, in der Dunkelheit umhertappend, gefunden hatte, überdachte Willy ſeine Lage, und kam ſehr bald zu dem Schluſſe, daß ſie wahrlich nicht be⸗ neidenswerth genannt werden konnte. Seiner Freiheit beraubt, befand er ſich in der Gewalt eines rohen, nur ſeinen Leidenſchaften fröhnenden Piraten, der wegen vielfach begangener ſchändlicher Grauſamkeiten übel be⸗ rüchtigt und jeder ſchlechten That anerkannter Maßen fähig war. So feſtes Vertrauen Willy auch auf die Treue und Anhänglichkeit Peters ſetzte, konnte er ſich doch nicht verhehlen, daß der ehrliche Schwarze ſelbſt beim beſten Willen im Grunde doch nicht viel zu ſei⸗ nem Schutze beizutragen im Stande ſein würde; denn was konnte ein Mann allein gegen eine ſo zahlreiche Rotte von Böſewichter, wie ſie unter Obadiahs Be⸗ fehlen ſtand, ausrichten? So viel wie nichts, wenn es wirklich dem Piraten⸗Kapitän einfiel, ſeinen Gefangenen irgend einer grauſamen Laune aufzu⸗ opfern. Willy war kein Feigling, ſondern ein muthiger und tapferer Jüngling, aber doch pochte ſein Herz ängſtlicher wie ſonſt, als er das Gefährliche ſeiner Lage ſchärfer in's Auge faßte. Zwar ſah er einen Ausweg zur Rettung; er brauchte nur mit in die Reihen der Pira⸗ ten einzutreten; aber, was Petern erlaubt war, das durfte er als Offizier nicht thun, ſelbſt nicht einmal zum Schein, ohne einen Flecken auf ſeine Ehre zu wer⸗ fen. So blieb ihm alſo keine Hoffnung übrig, als die Hoffnung auf irgend einen günſtigen Zufall, der ihm zur Flucht verhelfen konnte, und den Peter ohne Zweifel benutzen würde, um ſeinen geliebten jungen Herrn aus der gefährlichen Gefangenſchaft der Seeräu⸗ ber zu befreien. Während Willy ſeinen Unſtern beklagte und ſich an die einzige und letzte ſchwache ihm gebliebene Hoffnung anklammerte, wurde ſeine gegenwärtige Lage immer unbequemer und unbehaglicher. Ratten kamen, um die Schärfe ihrer Zähne an ſeinen Stiefeln zu erproben, und läſtige Käfer, dem Seemann unter der Benennung Cucharaſchen wohl bekannt, ſtießen in ihrem ſummen⸗ den, ſchwerfälligen Fluge mit ihren harten Flügeldecken häufig gegen ſeine Stirn. Um dieſen unangenehmen Genoſſen ſeines Kerkers auszuweichen und den Er⸗ ſticken zu entgehen, das ihn bedrohte, ſtieg Willy auf der ſchmalen nach oben führenden Treppe ſeines Kerkers in die Höhe, und ſog mit tiefen Athemzügen die wenige friſchere Luft ein, welche durch die Ritzen der Bretter in ſeinen traurigen Kerker ſtrömte. Langſam verſtrich ihm ſo die Zeit, während der Schooner auf den Flügeln des Windes raſch die Wel⸗ len durchſchnitt und ihn mit jeder Stunde weiter von 78 der Inſel Jamaica entführte, die er als ſeine Heimath ſchon lieben gelernt hatte. Oft verweilten ſeine Ge⸗ danken bei der Pflanzung am Ufer des ſchwarzen Fluſ⸗ ſes, und noch öfter bei der Erinnerung an ſeinen Va⸗ ter, auf deſſen Wiederfinden er natürlich nicht rechnen zu können glaubte, ſo lange er ſich in der Gewalt der Seeräuber befand. Schmerzlicher als je beklagte er ſein Unglück, das ihm ſo wenig Hoffnung übrig ließ, und ſeine Seele murrte gegen Gott und ſein Schickſal, welches ihm von allen das beklagenswertheſte in der Welt ſchien. Der Kurzſichtige! Er wußte und ahnte nicht, daß er grade durch ſeine ſo heftig verwünſchte Gefangen⸗ ſchaft dem heiß erſehnten Ziele der Wiedervereinigung mit ſeinem Vater näher kommen ſollte! Er wußte und ahnte nicht, daß Gott eben ſein vermeintliches Unglück zum Mittel erkoren hatte, ihn der Erfüllung ſeiner ſchönſten Hoffnung entgegen zu führen. Willy haderte mit Gott, und doch war es ja grade nur die ewige, väterliche Güte Gottes, welche ihn einer vorübergehen⸗ den Prüfung unterwarf, um ihn durch dieſelbe end⸗ lich in den ſicheren Hafen bleibenden Glückes zu ge⸗ leiten. Die Nacht brach herein, der Schooner ſegelte raſch vorwärts, auf dem Verdecke wurde es ſtill und ſtiller, und Niemand bekümmerte ſich mehr um Willy, welcher von Jedermann vergeſſen zu ſein ſchien. Er empfand Hunger und Durſt, und klopfte heftig gegen die Decke ſeines Kerkers, um die Leute oben an ihn zu erinnern. Aber Niemand hörte. Sogar Peter gab kein Lebens⸗ zeichen von ſich, da er wahrſcheinlich von ſeinen neuen Kameraden bewacht und beobachtet wurde, und nach 79 öfters wiederholtem vergeblichem Pochen blieb Willy zuletzt nichts übrig, als Vergeſſenheit ſeines Hungers und ſeiner Lage im Schlafe zu ſuchen. Er ſtieg die Treppe wieder hinab und ſtieß dabei mit dem Fuße an eine Büchſe. Er hob ſie auf, öffnete ſie und fand zu ſeiner Freude ein Feuerzeug nebſt Zunder. Dies war in der That ein glücklicher Fund für ihn; er ſchlug auf der Stelle Feuer, und als der Schwefelfaden brannte, gewahrte er bei dem bläulichen Scheine deſſelben auf einem kleinen Tiſche in der Ecke neben der Treppe eine Flaſche, in der eine Wachskerze ſteckte. Er zündete ſie an und unterſuchte nun ſeinen Aufenthaltsort genauer; bald entdeckte er eine Flaſche Wein, geſalzenes Fleiſch, etwas Zwieback, einen Krug mit Waſſer und ein roth angeſtrichenes Fäßchen, deſſen Inhalt er nur oberflächlich unterſuchte. Zunächſt ſtillte er ſeinen Hunger und Durſt, löſchte dann die Wachs⸗ kerze aus und legte ſich zum Schlafen zurecht. Die Nacht verſchwand ihm raſch; und als er wieder er⸗ wachte, mußte es längſt Tag ſein, denn von oben her drang wieder das Geräuſch des Lebens in ſein Ohr. Willy zündete ſeine Wachskerze wieder an und ſetzte ſich eben zum Frühſtück nieder, als die Luke ſeines Kerkers aufgeſchoben wurde und die breite Geſtalt des Seeräubers die Stufen der Treppe herunter ſtieg. Sein Geſicht war finſter und drohend. Willy ahnte nichts Gutes. Er griff nach dem Wachslichte und ſprang an das erwähnte, roth angeſtrichene Fäßchen hin, das, wie er glaubte, mit Kanonenpulver ange⸗ füllt war. 4 „Zurück!« rief er dem Piraten zu.„Wenn du 80 es wagſt, Hand an mich zu legen, ſo ſprenge ich dich mit ſammt deinem Schiffe in die Luft!« Obadiah, anſtatt durch dieſe Drohung eingeſchüch⸗ tert zu werden, ſtemmte ſeine Fauſt in die Hüfte und fing ſpöttiſch an zu lachen. „Sehr gut, mein Junge, ſehr gut!“ ſagte er.„Nur Schade, daß dein Muth dir wenig helfen wird, denn im Faſſe iſt nicht etwa Pulver, wie du anzunehmen beliebſt, ſondern nur ſchwarzer Pfeffer!« Beſchämt ließ Willy die ſchon erhobene Hand wie⸗ d ſinken und ſtellte die Wachskerze wieder auf den iſch. „ Nun, nun, ſchäme dich nicht zu ſehr,« fuhr der Pirat fort—„dein Muth gefällt mir, und ich will dir ſogar geſtatten, aus deinem Käfig herauszugehen. Folge mir nach oben.“ Dieſe Einladung lautete zu angenehm für Willy's Ohr, als daß er ihr nicht eiligſt Folge geleiſtet hätte. Nach einer Minute ſtand er auf dem Verdecke des Schooners und warf raſche, ſpähende Blicke umher. Sein Auge traf Peter, der mit ſchlauem, verſtohlenem Blinzeln auf das Meer hinaus deutete. Willy folgte der Richtung des Blickes und ſah in der Ferne zwei Segel, welche mit dem Piratenſchooner gleichen Kurs zu halten ſchienen. „Siehſt du ſte, Burſche?« fragte Obadiah, indem er mit der Linken Willy auf die Schulter ſchlug, und mit der Rechten nach den Segeln deutete.„Ich will mich hängen laſſen, wenn es nicht engliſche Schiffe ſind, die Jagd auf mich machen. Ja, ja, ſie ſind hinter uns her, und nun ſage, kennſt du ſie?. Willy ſchaute durch das Fernrohr und ſein Derz 81 wallte vor Entzücken auf. Mit dem erſten Blicke hatte er nicht nur die Schwalbe, ſondern auch das Schiff, auf dem er früher gedient hatte, die Möve, erkannt. Ein Strom neuer Hoffnungen zog in ſein Herz ein. Wenn die beiden Briggs den Piraten bemerkt hatten, ſo verfolgten ſie ihn gewiß mit allen Segeln, und es war kaum daran zu zweifeln, daß ſie ſich ſeiner bemäch⸗ tigen würden. „Ja, ja, Mr. Obadiah,“ ſagte er, ohne den Aus⸗ druck ſeiner Freude zu verbergen,„ich kenne die beiden Stoßvögel, die Jagd auf Euch machen und kann Euch verſichern, daß ihnen die Flügel nicht beſchnitten ſind. Ihr ſeht die Schwalbe und die Möve vor Euch, zwei wackere Schiffe, deren jedes allein Euch mehr als ge⸗ wachſen iſt!« „Pah!“ erwiederte der Pirat mit angenommener Gleichgültigkeit, die aber doch ſeine Beſorgniß nicht bergen konnte—„ſie geben ſich vergebliche Mühe; noch hat ſich kein engliſcher Segler mit meinem Schooner meſſen können!“ Ein Ruf des Piraten⸗Lieutenants unterbrach den Seeräuber, der ſich raſch nach ihm umwendete. „Was gibt es, Paul?« fragte er. „Die eine Brigg hat durch den Wind gewendet,“ erwiederte er,„es iſt jetzt kein Zweifel mehr, daß ſie Jagd auf uns machen!“ „Ja, bei Gott!« ſagte Obadiah, indem er raſch das Fernrohr zum Auge führte—„und eine herrliche Brigg iſt es, ſchönes Segelwerk, ſo wahr ich lebe! Und was für Beiſegel, wahrhaftig größer, als unſer Marsſegel... und der Wind... wird immer ſtär⸗ ker!.. Verdammt!“« Willy. 6 8² Mit einer haſtigen Bewegung, indem er das Fern⸗ rohr bei beiden Enden faßte, ſchob er daſſelbe zuſammen und warf es weit von ſich. »Die Burſche haben Siebenmeilenſtiefeln an,“ mur⸗ melte er vor ſich hin,„wir müſſen machen, daß wir davon kommen!“ Willy hatte dem Auftritte mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit beigewohnt, und mit Peter verſtohlen mehr als einen freudigen Blick gewechſelt. Was den Piraten Furcht einfloͤßte, mußte ihn natürlich in ſeinen Hoff⸗ nungen beſtärken, und in Gedanken ſchickte er die heiße⸗ ſten Wünſche für ſeine Freunde zum Himmel. Jetzt ließ ſich ein Kanonenſchuß hören, und Alle ſahen, daß die Schwalbe die engliſche Flagge aufhißte. Jetzt war kein Zweifel mehr; der Pirat ſah ſich entdeckt und nichts blieb ihm mehr übrig, als die ſchleunigſte Flucht. Obadiah mochte wohl fühlen, daß die letzte Hoff⸗ nung auf ſeinem Muthe und ſeiner Entſchloſſenheit be⸗ ruhe. Er ertheilte daher die nöthigen Befehle mit einer Kaltblütigkeit, die ſeinen Leuten neues Vertrauen ein⸗ flößte, und raſch wurden alle Segel bis auf den letzten Fetzen den Winden preisgegeben. Flink ſchoß der Schooner über das Waſſer hin, aber doch nicht ſchnell genug, um den Kanonenkugeln zu entgehen, welche jetzt gegen ihn heranſausten. Eine Kugel flog durch das Tauwerk, eine zweite ſchlug in den Kiel, und eine Minute ſpäter hatte die jetzt ganz nahe gekommene Brigg gewendet, und gab dem Segelwerk des Schoo⸗ ners eine volle Lage aus ihrer feuerſprühenden Breit⸗ ſeite. „Sie haben gute Konſtabler an Bord,“ ſagte Oba⸗ 83 diah kaltblütig;„ſie ſchießen gut, aber zum Glück für uns ſind ſie noch fern!« Willy's Herz pochte immer höher und freudiger, denn ſeine Hoffnung, aus den Händen der Seeräuber befreit zu werden, ſtieg mit jedem Augenblicke. Die Schwalbe mit ihren leichten Fittichen kam näher und näher; ſchon konnte er mit unbewaffnetem Auge die Mannſchaft mit ihren blauen und weißen Jacken unter⸗ ſcheiden, die in der Sonne funkelnden Musketen erken⸗ nen, und die Mündungen der Kanonen ſehen, welche, wie die Möve, ihre furchtbaren Kugeln gegen den Pi⸗ raten ſendeten. Eine neue Lage folgte, und das Krachen, das Zer⸗ reißen des Takelwerks, die Kartätſchen, welche üͤber das Verdeck hin pfiffen, ſo wie das Geheul der verwundeten Matroſen ſchienen deutlich genug zu beweiſen, daß an ein Entkommen des verfolgten Piraten nicht zu den⸗ ken ſei. »Ihr ſeid verloren, Obadiah!« rief Willy dem See⸗ räuber zu.„Ergebt Euch auf Gnade und Ungnade! Der Kampf iſt zu ungleich und Ihr müßt auf jeden Fall unterliegen!« 8 „Nein!“ erwiederte der Pirat mit verbiſſener Wuth. »Ich ergebe mich nicht! Eher ſprenge ich das Schiff mit Allem was darauf iſt, in die Luft! Nur noch eine kurze Friſt, und ich entgehe ihnen trotz allen Hen⸗ kern!« Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als eine neue Kanonenkugel den oberen Theil des großen Se⸗ els zerriß und den Maft ſtreifte; ein zweiter Schuß chickte einen Hagel von Kartätſchen in das Takel⸗ — werk. 84 „Obadiah, ergebt Euch!« rief Willy zum zweiten Male.„Wenn Ihr Euch weigert, ſo ſeid Ihr ein Schurke, der uns Alle einer ſchändlichen Laune opfern will!« Obadiah warf einen finſteren Blick auf Willy und drohte ihm mit der Fauſt.„Noch ſind wir nicht ſo weit, wie du denkſt, Burſche,“ antwortete er.„Aber hüte deine Zunge! Noch ein Wort dieſer Art, und du ſtirbſt, mögen wir nun genommen werden oder nicht! Herunter vom Deck mit dir! Herunter!“« Da dieſer Befehl von einer drohenden Bewegung nach dem Griffe der Piſtolen, die der Pirat im Gürtel führte, begleitet wurde, ſo hielt es Willy für angemeſ⸗ ſen, ihm Folge zu leiſten. Ohnehin wäre es Thorheit von ihm geweſen, ſich noch länger auf dem Verdeck dem Kartätſchenhagel preiszugeben, der ihn ſo gut wie die Piraten treffen konnte, und er begab ſich alſo in das Zwiſchendeck, wo er vor den Schüſſen ſeiner Freunde geſichert war. Aber ſeine Aufregung ſtieg bald bis zu einem Grade, dem er nicht länger zu widerſtehen vermochte. Im Zwiſchendeck ſah und hörte er nichts— er mußte wiſſen, wie es oben ſtand, ob ſeine Freunde die ſchon gewonnenen Vortheile behaup⸗ teten, und ob der Pirat noch immer entſchloſſen ſei, ihnen die Spitze zu bieten. Er ſtürzte hinauf. Oba⸗ diah ſtand noch am Steuer und lenkte den Schooner mit einer Entſchloſſenheit und Feſtigkeit, die deutlich genug zeigte, wie genau er das Gefaͤhrliche ſeiner Lage erkannte. Ein Hagel von Kanonen⸗ und Flintenkugeln umpfiff ihn, ohne daß eine einzige ihn traf. Seine Leute ſtanden rathlos um ihn her und beobachteten ihn mit ſcheuer Furcht. Willy trat auf ſie zu, um einen 8⁵ Verſuch zu machen, ſie zu bewegen, klüger als ihr Anführer zu handeln, der, um ſeinen Schooner zu ret⸗ ten, gleichgültig gegen ihr Schickſal ihr Blut vergie⸗ ßen ließ.. „Leute,“ redete Willy die Matroſen an,„ſeht Ihr denn nicht, daß das Benehmen Eures Kapitäns unſin⸗ nig und unheilbringend iſt? Er wird euch Alle ver⸗ derben, nur um ſein elendes und ſchmachvolles Leben zu retten.“ Willy ſprach laut genug, um von Obadiah gehört zu werden.„Ah!«“ rief der Pirat,„du willſt meine Leute verführen, du Schurke! Meine Piſtolen werden dich ſtumm machen!“ Und mit einer raſchen Bewegung zog er eine Pi⸗ ſtole aus dem Gürtel, zielte nur einen Augenblick, und drückte ab. Der Schuß krachte und Willy ſtürzte zu Boden. Glücklicherweiſe aber nicht getroffen, ſondern von Peter, dem wachſamen, treuen Neger, in dem Augen⸗ blicke zu Boden geſchleudert, als Obadiah ſeine Kugel abfeuerte. „Ruhig!« flüſterte er Willy zu.„Noch der Augen⸗ blick nicht gekommen ſein! Steigen hinab, Maſſa! Steigen hinunter! Wenn Alles vorbei, Peter kommen ſchon zu melden!“ Willy ſah wohl ein, daß er, von ſeiner Leiden⸗ ſchaft und Aufregung fortgeriſſen, unbeſonnen gehandelt hatte, und, ſich beherrſchend, ging er wieder in das Zwiſchendeck hinab. Obadiah folgte ihm nicht, denn die Gefahr für ihn war ſo dringend, daß er ſich nicht einen Augenblick vom Steuer entfernen durfte. Aber kaum befand ſich Willy wieder unten, als plötzlich die Kanonen des Schooners, welche bis dahin das Feuer 86 der beiden verfolgenden Briggs nicht erwiedert hatten, mit furchtbarem Krachen einen Hagel von Kugeln gegen die Schwalbe ausſpieen. Gleich darauf wendete das Schiff, und eine zweite Lage donnerte gegen die Möve hin, worauf plöͤtzlich eine Todtenſtille eintrat, die erſt einige Minuten nachher durch das laute Jauch⸗ zen der Seeräuber unterbrochen wurde. Wiilly ſtürzte nach oben. Ein Blick zeigte ihm die gänzlich veränderte Lage der Dinge. Die Segel der Schwalbe wie der Möve flatterten zerriſſen im Winde, und der Piraten⸗Schooner durchſchnitt ſo ſchnellen Laufes die Fluthen, daß die ſchäumenden Wogen ihn wie mit einer Wolke von Nebel umhüllten, gleichſam als wollten ſie ihn den Blicken ſeiner Verfolger entziehen. Obadiah hatte ſeine Maßregeln gut genommen. Mit den beiden Lagen ſei⸗ ner Kanonen war es ihm gelungen, die beiden Briggs des größten Theiles ihrer Segel zu berauben und ſie zu weiterer Verfolgung wenigſtens für einige Zeit un⸗ fähig zu machen. Die Möve und die Schwalbe muß⸗ ten zurückbleiben und ihre ſchon ſicher geglaubte Beute entrinnen laſſen. Der Schooner wogte frei und feſſel⸗ los auf dem Ocean, und Obadiah, als ob nichts ge⸗ ſchehen wäre, ſchob ſeine Pfeife in den Mund, zündete ſie an, blies dampfend die blauen Rauchwolken in die Luft, und ſtreckte ſich gleichmüthig neben eine Kanone aus, als ob er ſich ſo von den Anſtrengungen der ver⸗ gangenen ſchweren Stunden erholen wolle. Seine Leute jubelten, und Willy, aller ſeiner Hoffnungen beraubt, warf ſich auf einen Seſſel im Zwiſchendeck, verbarg ſein Geſicht in den Händen und vergoß brennende Thränen, die der bittere Schmerz getäuſchter Erwartung ihm auspreßte. —— 87 Gegen Abend hatte man die beiden verfolgenden Briggs gänzlich aus dem Geſicht verloren. Der Schooner ſegelte mit friſchem Winde dahin und näherte ſich raſch einer Inſelgruppe, welche, nordweſtlich von Kuba gelegen, den Namen Los Colerados führte. Willy ſchloß daraus, daß man einem der zahlreichen Schlupfwinkel der Piraten zuſteuere, welche ihnen im⸗ mer einen ſicheren Zufluchtsort bieten, Wenireſie bei ihrem ſchändlichen Gewerbe in Gefahr ſind, von vergeltenden Arme der Gerechtigkeit ereilt zu werden. Seine Vermuthung wurde ſehr bald durch die That⸗ ſachen beſtätigt. Als eine felſige Küſte in der Ferne auftauchte und immer höher über das Meer emporſtieg, wurde Willy befohlen, auch das Zwiſchendeck zu räu⸗ men und in den unterſten Raum hinabzuſteigen. Wi⸗ derſtand konnte zu nichts führen, als höchſtens zu neuen und vielleicht tödtlicheren Gewaltthaten, alſo gehorchte Willy und kehrte in den engen, dunkeln Kerker zurück, welcher ihm ſchon einmal zum Aufenthaltsorte gedient hatte. Hier ſetzte er ſich auf die Treppenſtufen und horchte. Sein geübtes Ohr konnte Manches unter⸗ ſcheiden, was vorging. Der Schooner wurde von einem leichteren Schiffe in's Schlepptau genommen, und näherte ſich dem Ufer. Das Fahrwaſſer mußte ſeichte Stellen haben, denn von Zeit zu Zeit ſpürte Willy, daß der Kiel des Schooners leicht auf dem Kies und Sand des Grundes aufſtreifte. Endlich wurde angehalten; man warf die Anker aus und Willy konnte die Bewegung des Schiffsvolkes unterſcheiden, welches ſich anſchickte, an's Land zu gehen. Bald darauf wurde ſein Kerker geöffnet und Willy, auf das Verdeck zurückkehrend, ſah, daß er ſich in ſeinen 88 Schlüſſen und Vermuthungen nicht getäuſcht hatte. Das Meer war yerſchwunden, und der Schooner lag am Ende eines ſchmalen Kanales, der das einzige Fahrwaſſer nach der offenen See hinaus bildete. Der Kanal lag mitten in einer ſumpfigen, mit Schilf be⸗ deckten und hie und da von Lachen mit ſchwarzem ſchlammigem Waſſer durchſchnittenen Ebene; nach vorn hiinn erhoben ſich in der Ferne hohe, kahle Felſen, und zur Rechten und Linken waldbedeckte Hügel, deren Um⸗ riſſe man aber bei dem dunſtigen Horizonte kaum zu erkennen vermochte.. Ein Mann diente Willy als Führer durch dieſe ſumpfige und bodenloſe Gegend, und nach Verlauf von einigen Minuten gelangten ſie zu einem langen ſchma⸗ len Hauſe, das eher dem umgeſtülpten Rumpfe eines Schiffes, als einem Wohngebaͤude glich. Hier wurde der Gefangene in ein Zimmer geführt; die Thür ſchlug hinter ihm zu, Schloͤſſer und Riegel raſſelten, und Willy befand ſich wieder allein mit ſeinen Gedanken, ſeinen Befürchtungen und verlorenen Hoffnungen. Er warf ſich auf ein Ruhebett, und gab ſich Betrachtungen hin, die ſein Herz traurig und ſein Gemüth düſter ſtimmten. In der Gewalt der Piraten, getrennt von ſeinen Freunden, ſelbſt von dem treueſten, dem ehrlichen Peter, geſchieden, mit Argusaugen bewacht, und ohne irgend welche Hülfsmittel, auf eigene Hand an ſeiner Befreiung zu arbeiten— was konnte er noch hoffen? Er hatte kaum eine andere Ausſicht vor ſich, als die auf einen raſchen und gewaltſamen Tod, dem er kaum entgehen konnte, wenn er ſich nach wie vor beharrlich weigerte, Dienſte unter den Seeräubern zu nehmen. Und lieber, als dies, wollte er doch ſein Leben opfern! 7 89 Der Abend verging unter ſolchen trüben denst tungen, und als Willy endlich ſehn Lager ſuchte, ge⸗ ſchah es mit ſo gebeugtem und hofffungsloſem Herzen, daß es wirklich ein Glück für ihn genannt werden konnte, als er in einem feſten Schlummer, der ſeine Augen zudrückte, alle ſeine Sorgen und Befürchtungen für eine kurze Nacht vergaß. 3 Sechstes Kapitel. Gott lenkt. Ueber eine Woche verſtrich Willy in ſeiner trauri⸗ gen Gefangenſchaft, und während dieſer ganzen Zeit hatte er weder Peter, noch irgend einen anderen von ſeinen Freunden zu ſehen bekommen. Die einſame Haft, welche nur ein Mal des Tages unterbrochen wurde, wenn ihm des Mittags ſein Eſſen gebracht wurde, beugte Willy immer lhe und machte ihn im⸗ mer geneigter, ſich ſeine Zukunft mit den ſchwärzeſten Farben auszumalen. Zuweilen in ſeiner tiefen Me⸗ lancholie bildete er ſich ſogar auf Augenblicke ein, daß ſelbſt Peter, der treue Schwarze, ihn verlaſſen und aufgegeben habe, eine Befürchtung, die ihn trüber als alles Uebrige ſtimmte, die er aber glücklicherweiſe i immer wieder, ſo oft ſie ſich ihm aufdrängte, mit Abſcheu verwarf, indem er ſich ſelbſt mit Vorwürfen über⸗ haäufte, daß er an der Treue ſeines geprüften Freundes uch nur einen Augenblic hatte zweifeln können. 4⁴ 90 Im Uebrigen wurde Willy gar nicht ſchlecht behan⸗ dekt. Man brachte ihm pünktlich ſein Eſſen und Trin⸗ ken, für alle ſeine Bedürfniſſe war viel beſſer geſorgt, als er hatte erwarten können, und nur der Umſtand verurſachte ihm peinliche Empfindungen, daß ſich Nie⸗ mand, auch nicht einmal Obadiah, um ihn beküm⸗ merte. Was wollten die Seeräuber mit ihm beginnen? Ihn tödten? Das konnte wohl ihre Abſicht nicht ſein, denn ſie hätten es ja ſchon längſt thun können!— Ihn zeitlebens gefangen halten? Wohl auch nicht, denn welchen Vortheil konnten ſie ſich burch ſeine Ein⸗ kerkerung verſchaffen?— Aber was denn ſonſt? Viel⸗ leicht ſollte er durch die quälende Langeweile der ein⸗ ſamen Haft mürbe gemacht und ſo endlich gezwungen werden, doch noch Dienſte unter den Seeräubern zu neh⸗ men und ſich ihrem zucht⸗ und geſetzloſen Treiben frei⸗ willig anzuſchließen. »Aber eh' ich das thue, lieber ſterben!« murmelte Willy entſchloſſen vor ſich hin, indem ſein Auge in neuem Feuer Aufleuchte und er mit großen Schritten wie ein gefangener Tißer, in ſeinem Gefängniſſe auf und nieder ginng9. Als wieder eine Woche verſtrich, ohne ihm irgend einen Troſt oder eine Abwechſelung zu bringen, erreichte ſeine tiefe Niedergeſchlagenheit und Entmuthigung den höchſten Grad. Schon war er geſonnen, ſelbſt das Aeußerſte zu thun und einen Fluchtverſuch auf eigene Hand zu wagen— ein Verſuch, der wahrſcheinlich die. ſchlimmſten Folgen nach ſich gezogen hätte— als plötz⸗ lich und ganz unerwartet ein Hoffnungsſtrahl in ſein verdüſtertes Gemüth fiel. Durch die eiſernen Gitter⸗ 91 ſtäbe vor dem engen Fenſter ſeines Kerkers flog ein kleiner aber ſchwerer Gegenſtand herein, welcher mit einem Blatte Papier umwickelt war. Hurtig raffte Willy ihn auf und entfaltete das Papier mit zitternden Händen. Eine Feile fiel heraus, und das Blatt ſelbſt enthielt nur die wenigen Worte:„Halte dich dieſe Nacht bereit und durchfeile von innen den Riegel des Schloſſes; die anderen Riegel können von außen geöff⸗ net werden. Dein Freund Peter.“ Willy hätte vor Freuden beinahe laut aufgejauchzt. Endlich, endlich nun doch ein Lebenszeichen, endlich ein greifbarer Beweis, daß noch ein treues Herz übrig wet⸗ das Seiner gedachte und gewiß immer gedacht atte! Aber plötzlich ſtutzte Willy und neue Zweifel dräng⸗ ten ſich ſeinem Geiſte auf. Die troſtreichen Worte waren„Peter“ unterſchrieben, und Willy erinnerte ſich nur zu deutlich, daß Peter weder leſen noch ſchreiben konnte. War der Brief mit der Feile am Ende gar eine Falle, oder eine Bosheit von Obadiah, der Ver⸗ gnügen daran fand, ſeinen Gefangenen durch neue Martern zu quälen?— Aber nein! Welchen Nutzen hätte ein ſolches Verfahren für den Piraten haben können? Und die Feile? Wozu ſie, wenn nicht zu dem im Briefe angegebenen Zwecke? Und endlich, wenn auch Peter nicht ſchreiben konnte, ſo befand ſich unter den übrigen elf Matroſen von der Schwalbe gewiß Einer oder der Andere, der die Feder führen konnte, und Peter hatte dieſem ohne Zweifel die Worte diktirt. „Mit dieſer Erklaͤrung beruhigte ſich Willy und er⸗ vartete mit Ungeduld die kommende Nacht. Die Sonne ſank zum Horizonte nieder, die kurze Dämmerung wurde endlich von der völligen Finſterniß verſchlungen, und nun griff Willy zur Feile, um ohne Zögern den ihm gegebenen Auftrag auszuführen. Der Riegel, den er beſeitigen mußte, war dick und ſtark, aber die Feile ſchnitt auch ein, wie die feinſte Uhrſäge. Nach einer halben Stunde war der Riegel durchfeilt und ſomit das einzige Hinderniß entfernt, welches von dieſer Seite dem Eindringen Peters entgegenſtand. Da Willy weiter nichts zu thun hatte, ſo warf er ſich auf ſein Lager, und lauſchte mit geſpanntem Ohr und klopfendem Herzen auf das Nahen ſeines ſchwarzen Freundes. 2 Aber Minute an Minute verſtrich, ohne die bren⸗ nende Erwartung des Gefangenen zu befriedigen. Von außen her ſchallte zuweilen lauter, brüllender Jubel in ſeinen engen Kerker, der Willy vermuthen ließ, daß die Piraten wohl irgend eine Feſtlichkeit begingen;— aber auf die nahenden Schritte ſeines Befreiers hoffte er vergebens. Es konnte nicht mehr weit von Mitter⸗ nacht ſein— das laute Getöſe draußen verſtummte allmählig— nur hie und da gellte noch ein wilder, kreiſchender Schrei durch die ſtille Nacht und verhallte in zitternden Schwingungen— Alles wurde ruhig— da endlich traf ein Ton Willy's Ohr, der mit Einem Male ſein Herzblut ſtocken machte und ihn mit einem Schauer freudiger Ueberraſchung durchbebte. Er ſprang von ſeinem Lager auf und horchte mit geſpannter Er⸗ wartung. Ja, er hatte ſich nicht getäuſcht: der Sand knirſchte draußen unter den Schritten vorſichtig nahen⸗ der Männer, und einige Augenblicke ſpäter raſchelte eine taſtende Hand außen an den Riegeln der Thüg. 93 Leiſe wurden ſie zurückgeſchoben— die Thür ging auf, und mit einem unterdrückten Jubelſchrei ſank Willy in die Arme ſeines treuen Peter, dem ein zweiter Mann auf dem Fuße folgte. „Still!« flüſterte Peter mit gedämpfter Stimme. „Still, daß Niemand hören! Zwar ſchlafenllle und 8 Viele ganz betrunken— aber doch müſſen vorſichtig ſein und leiſe ſprechen.“ „Peter, guter Peter,« entgegnete Willy eben ſo leiſe, einmal drücken zu können! Aber geſchwind, laß uns fliehen! Keinen Augenblick mag ich länger in dieſem Kerker bleiben, in dem mich die Ungeduld beinahe ge⸗ tödtet hat! Laß uns fliehen, Peter! Laß uns fliehen!« „Nicht ſo ſchnell, Maſſa! Wir haben Zeit genug!“ erwiederte der Schwarze.„Erſt gute Nachricht ſagen! Ah, ſehr ſehr gut, daß Seeräuber uns fangen und hier⸗ her bringen.“ „Das wäre gut? Peter, biſt du närriſch geworden? Du willſt wohl gar bei den Piraten bleiben?“ „Ja, Peter bleiben bei ihnen,“ antwortete der Neger mit leiſem Lachen.„Sehr gut hier, Maſſa!“ 4 Willy, erſtaunt, betroffen und erzürnt über dieſe Worte, wollte ſich von Peter losreißen, de ihn aber mit ſtarker Hand feſthielt. 4 „ Nicht böſe, Maſſa!« ſagte er.„Erſt hören Alles, dann Urtheil ſprechen. Peter dabei bleiben: Sehr gut, daß Seeräuber fangen uns, ſehr, ſehr gut! Können lieben Jott danken dafür!« 8 Alber warum, Peter, warum?« *„»Weil Maſſa ſonſt nicht Vater finden!« erwiederte „wie glücklich bin ich, endlich deine treue Hand wieder G 94 »Meinen Vater?“ rief Willy.„Unmöglich!« „Wohl möglich, ſehr möglich, ſogar gewiß,« ant⸗ wortete Peter.„Und nicht nur finden, auch retten Vater, und hüten ihn vor großes Unglück!“« „»Meim, Gott, aber wie geht das zu? Erkläre mir das, Peter!« rief Willy außer ſich. „Ja, ja doch, Maſſa! Hören nur!“ ſprach der Schwarze.„Alſo wir gefangen! Kommen hierher, und inden hier Peter alten Kamerad von viele Jahre her, heißen Jupiter, und ſein Schwarzer, wie ich. Sehr gut das! Sprechen ich mit Jupiter und hören, er wiſſen, wo Maſſa Harper leben! Er ihn ſehen vor ſechs, ſieben Monden;— er leben und geſund, Alles gut!« „Iſt es möglich!“ rief Willy in überſtrömendem Entzücken.„Und wo lebt er? Wo find' ich meinen theuren Vater?“ „Hören das auch! Maſſa Harper gehen erſt nach Barbadoes, dann nach Kuba und kaufen dort ſchöne Pflanzung bei Matanzas! Jupiter wiſſen Alles, weil er auf Kuba ſehen Pflanzung, Maſſa Harper und Alles. Jupiter dort bei böſen Herrn, laufen davon, fallen Piraten in die Hände und werden Seeräuber auch. Er mir erzählen, und hißhten ihm, weil ich ihn kennen als alten Kamerad!“n 4 „Großer Gott, wie dan' ich dir aus der Fülle meines Herzens,“ ſtammelte Willy unter Freudenthrä⸗ nen.»Darum alſo haſt du mich hierher geleitet, da⸗ mtt ich endlich meinen Vater wiederfinden und in ſeine Arme eilen ſoll! Und ich Whor, ich Elender, ich Un⸗ dankbarer, ich wagte es, gegin deine Fügungen *⁴ 95⁵ murren! Aber nun fort, Peter! Fort! Wir dürfen nicht länger ſäumen! Warum zögerſt du noch?« »Nicht eilen ſo ſehr! Hören erſt weiter, Maſſa!“ beſchwichtigte Peter.„Alſo was geſchehen? Ich war⸗ ten immer, zu ſehen, zu ſprechen Maſſa Willy, gehen aber nicht, laſſen nicht thun ſich, weil im bewacht und müſſen arbeiten bei Schooner, wieder in Stand zu bringen Seeräuberſchiff. Jetzt fertig geſtern, und Obadiah ſprechen, zu ſtechen in See morgen und ma⸗ chen Raubzug— rathen jetzt, wohin, Maſſa Willy?« 4 3 »Um Gottes willen, doch nicht etwa gar, um mei⸗ nen Vater zu überfallen, zu plündern, zu morden viel⸗ leicht?« .»Rathen ſehr gut!« ſagte Peter.„Obadiah wollen thun grade das. Pflanzung ganz einſam in Thal, dicht am Meer, drei ganze Stunden von Matanzas entfernt. Wollen hinſegeln, bei Nacht überfallen, rau⸗ ben, morden, plündern, und dann wieder fort. Peter erfahren Alles von Jupiter! Wiſſen jetzt, warum Peter bleiben bei Seeräuber?“ 2 »Ja, ja, ich errathe, treuer, redlicher Menſch!« ent⸗ gegnete Willy mit einem warmen Händedrucke.„Du willſt bei dem Raubzuge gegenwärtig ſein, um, wo möglich meinen Vater zu warnen, zu benachrichtigen, zu beſchützen! Ja, ich verſtehe dich!« »Verſtehen ſehr gut, rathen ſehr gut, Maſſa Willy!« ſagte Peter mit ſtillem Lachen.„Ja, darum ich bleiben Seeräuber und bleiben auch die Anderen Seeräuber, bis auf Tom hier, der fliehen mit.“« 3 »Tom? Ah, gut!“ ſagte Willy und reichte dem Manne, einem von den Matroſen der Schwalbe, die Hand.„Wir werden alſo fliehen, wir werden ſo ſchnell 96 als möglich Kuba zu erreichen ſuchen und dann nach San Carlos de Matanzas eilen. Ich kenne die Stadt. Sie hat ein Fort, ſie hat Soldaten, ſie hat einen Ha⸗ fen, in welchem vielleicht Kriegsſchiffe liegen. Wir werden Läxm machen und Alles in Bewegung ſetzen, um den GSeeräuber zu hindern, ſeine ſchlimme Ab⸗ khn auszuführen. Eilen wir, Tom! Peter, laß uns ort!« „Ja, ja, können jetzt gehen, Maſſa!“ erwiederte Peter.„Aber merken noch eins. Nicht dürfen hindern Obadiah, zu gehen an Ufer! Wie ihn fangen ſonſt? Legen Hinterhalt, und wenn kommen Pirat, dann Hurrah auf ihn und nehmen ihn gefangen mit ganze Bande!“ „Richtig— ich verſtehe dich,“ ſagte Willy.„Aber wie, wenn ich zu ſpät käme?«“ „Dann Peter da und zehn Matroſen von Schwalbe, zu retten Vater! Auch Jupiter da! Und finden viel⸗ leicht noch mehr, zu beiſtehen Peter! Darum ich blei⸗ ben Pirat! Jetzt fort! Merken das: Pflanzung von Maſſa Harper drei Stunden weſtlich von San Carlos de Matanzas auf Kuba! Und nun wiſſen Beſcheide Kommen denn!“ Leiſe und eiligſt verließen alle Drei das Haus und ſchritten durch die Finſterniß dem Kanale zu, auf deſſen ſeichtem Waſſer der Piratenſchooner unbeweglich und finſter ruhete. Sie gingen an ihm vorüber, drangen durch den Sumpf und erreichten dichtes Schilf, aus welchem Peter mit Toms Beiſtande ein leichtes Boot hervorzog, das er ſchon vor einigen Tagen vorſorglich 1— ſehen hatte. an dieſer Stelle verſteckt und mit allem Nöthigen ver⸗ 97 „Steigen ein!« flüſterte er.„Ruder, kleines Segel, Waſſer, Wein, Fleiſch, Alles darin für Ueberfahrt nach Kuba. Wenn gutes Wetter, Ihr bald dort. Eilen Euch, ſo viel gehen! Je eher da, deſto beſſer!« Es bedurfte einer ſolchen Aufforderung und Er⸗ mahnung bei Willy nicht. Er umarmte Peter, dankte ihm mit wenigen aber tief empfundenen Worten für ſeine Treue, und ſprang dann raſch in das Boot. „Fahren glücklich!« rief Peter leiſe hinter ihm her; — und als der Nachen hurtig vom Ufer abſtieß und den Kanal hinunter glitt, verſchwand er im Rohre und ſuchte ſein Lager wieder auf, wo er, Dank der Feſt⸗ lichkeit der vergangenen Nacht, die Alle in tiefen Schlaf verſenkt hatte, von Niemand vermißt worden war. Mittlerweile gebrauchten Willy und ſein Begleiter fleißig die Ruder, welche, um jedes Geräuſch zu ver⸗ meiden, ſorgfältig umwickelt worden waren, und näher⸗ ten ſich ſchnell dem Punkte, wo der Kanal in das offene Meer ausmündete. Ein dumpfes Brauſen ver⸗ kündigte endlich die ferne Brandung, und wenige Mi⸗ nuten nachher konnte man auch trotz der Finſterniß die weite Fläche des matt im Sternenlichte ſchimmernden Meeres erkennen. »Jetzt aufgemerkt und vorſichtig gerudert, Mr. Har⸗ per,“ flüͤſterte Tom.„An der Mündung des Kanales pflegt ſtets eine Wache zu ſtehen, und es wäre doch möglich, daß ſie auch wirklich wachſam wäre. Zum Gluck iſt es ſo finſter, daß man nicht auf zwanzig Schritte weit ſehen kann, und überdieß koͤnnen wir uns im Schatten der Felſen und des Gebüſches halten.« Willy. 7 98 Willy gab keine Antwort, aber die äußerſte Vor⸗ ſicht, mit der er ſein Ruder handhabte, ließ ſeinen Gefährten deutlich genug erkennen, daß er verſtanden worden ſei. Leiſe und faſt unhörbar flog das Boot über das ſtille Waſſer des Kanales hin— jetzt er⸗ reichte es die Mündung— noch einige Ruderſchläge, und tief im Dunkel hinter ihm blieb der Kanal zurück. »„Gott ſei Dank, die Gefahr iſt vorüber!« ſagte Willy, tief aufathmend.„Jetzt raſch das Segel auf⸗ gehißt, damit wir den Landwind noch benutzen kön⸗ nen!« „Ich bin ſchon dabei, Mr. Harper,« antwortete Tom, ein fleißiger, ordentlicher und williger Burſche, der alles Lob verdiente und eben deshalb von Peter zur Begleitung Willy's auserkoren war. Im Nu war das Segel dem Winde preisgegeben, und das leichte, gut gebaute Boot glitt mit einer Schnelligkeit durch die Wellen, daß ſelbſt Willy's Un⸗ geduld ſich dabei zufrieden geben mußte. Als die Sonne aus den Fluthen emporſtieg, lag der Piraten⸗Schlupfwinkel ſchon ſo weit hinter ihnen, daß die Flüchtlinge nicht die mindeſte Beſorgniß mehr wegen etwaiger Verfolgung zu hegen brauchten. Zwar lullte am Tage der bisher ſo günſtig geweſene Wind mehr und mehr ein— aber Willy und Tom halfen mit den Rudern nach, bis gegen Abend die friſche Briſe von Neuem aufſprang und von Neuem das Se⸗ gel ſchwellte, welches mit der größten Geſchicklichkeit von Willy gehandhabt wurde. Die Zeit ſchwand dahin, aber auch der Raum, der die beiden einſamen Seefahrer von der Küſte der er⸗ ——yÿ 99 ſehnten Inſel Kuba trennte. Raſchen Fluges ſegelten ſte bei Bahia Honda, bei Havannah und Jaruka vor⸗ über, ohne an einem dieſer Orte anzuhalten, und ſchon tauchte am Morgen des folgenden Tages das auf hohem Felſen gelegene Fort von Matanzas aus der Ferne vor den Blicken der beiden Seefahrer auf und wurde mit freudigem Entzücken von ihnen begrüßt, als plötzlich Tom, einen Blick zurückwerfend, einen Ausruf des Schreckens und der Ueberraſchung ausſtieß und mit dem Finger auf einen noch entfernten Gegenſtand deu⸗ tete, der aber für die geübten Blicke unſerer Seefahrer auf der Stelle als der Piratenſchooner unter vollen Se⸗ geln erkannt wurde. »„Obadiah!“ rief Tom aus.„Wenn er uns ent⸗ deckt, ſo ſind wir verloren, denn er bohrt uns in den Grund und macht ein Ragout für die Fiſche aus uns. Entrinnen können wir ihm nicht, falls er uns verfol⸗ gen ſollte, denn er ſegelt natürlich weit ſchneller als wir.«. 1 »Und doch werden wir ihm entrinnen,“ ſagte Willy nach kurzer Ueberlegung.„Herum mit dem Steuer und Segel, Tom! So! Und nun ſtracks dem Ufer zu, wohin er uns auf keinen Fall folgen wird! Wenn er uns auch entdeckt, was übrigens bei der Kleinheit unſe⸗ res Nachens ſehr unwahrſcheinlich iſt, ſo kann er uns höchſtens für Fiſcher halten, die von ihrem Geſchäfte auf offener See nach der Küſte zurückkehren.“ „Sie haben Necht, Mr. Harper,« entgegnete Tom, welcher mit unruhigem Auge die Bewegungen des 8 Schooners verfolgt hatte.„Er ſegelt an uns vorüber und ſieht uns nicht. Ach, jetzt iſt er ſchon üͤber 1 100 hinaus, und bald werden wir ihm ganz aus Sicht ſein.“ Das kleine Boot näherte ſich in der That ſo raſch dem Ufer und der Schooner flog ſo ſchnell über das Meer, daß von dieſer Gefahr bald nichts mehr befürch⸗ tet zu werden brauchte. Schon nach einer Stunde ſchlug das Boot wieder die frühere Richtung ein und näherte ſich ſchnell dem erſehnten Ziele, als Willy, zum Glück noch zeitig genug, die Anzeichen eines nahe be⸗ vorſtehenden Sturmes bemerkte und auch Toms Auf⸗ merkſamkeit darauf hinlenkte. „Was machen wir?“ fragte er. „An's Ufer, ſo ſchnell wie möglich,« erwiederte Tom.„Nur dort finden wir Schutz gegen das Un⸗ wetter, und der Himmel gebe nur, daß wir es noch früh genug erreichen.“ „Aber wir werden Zeit verlieren und am Ende zu ſpät kommen,“ ſagte Willy unſchlüſſig.„Wenn ich mir denke, daß Obadiah jeden Augenblick dem Hauſe mei⸗ nes Vaters näher kommt, ſo ergreift mich die peinlichſte Beſorgniß!“ „Nicht doch, Mr. Harper!« entgegnete Tom.„Der Pirat wird es nicht wagen, vor Anbruch der Nacht ſeinen Angriff zu machen, und bis dahin bleiben uns noch neun Stunden, die wir benutzen können. Am Ufer angelangt, ſetzen wir unſeren Weg nach Matanzas zu Fuß fort, und kommen dann jedenfalls zeitig genug an, um die Hülfe der Soldaten gegen die Seeräuber in Anſpruch zu nehmen.“— „Vorwärts denn,“ ſagte ärgerlich Willy.„Da wir dem verwünſchten Sturme nicht anders ausweichen ——— v — 101 können, ſo müͤſſen wir ſchon das Ufer zu gewinnen ſuchen.“ Von Neuem wurde das Boot gewendet und ſteuerte wieder der Küſte zu. Mit Mühe erreichten Willy und Tom eine ſchützende Bucht, und waren kaum an's Land geſprungen, als der Sturm mit Heftigkeit los⸗ brach. „Gut, daß wir geborgen ſind,“ ſagte Tom.„Nicht fünf Minuten lang hätte unſer kleines Boot dieſen Stößen Widerſtand leiſten können.“ „Aber nach einer Stunde wird Alles vorüber ſein,“ entgegnete Willy.„Es frägt ſich, ob wir nicht beſſer thun, ſein Ende abzuwarten und unſere Fahrt zu Waſ⸗ ſer fortzuſetzen, als einen unbekannten Landweg einzu⸗ ſchlagen, auf dem wir uns zehnmal verirren können.“ „Wenn auch der Sturm vorübergeht,“ erwiederte Tom,„die aufgeregten Wellen werden ſich nicht ſo leicht beruhigen, und mit unſerem kleinen Nachen kön⸗ nen wir nicht dagegen ankämpfen.“ „Ich fürchte, du haſt Recht,« ſagte Willy nach kur⸗ zer Ueberlegung.„So ärgerlich es iſt, daß dieſer un⸗ glückſelige Sturm unſere Pläne kreuzt, müſſen wir uns eben doch in die Umſtände fügen. Laſſen wir das Boot hier liegen, und vorwärts.« Sie ſchlugen auf Gerathewohl die Richtung nach Matanzas ein, und kämpften mühſam wider den Sturm an, gegen den Willy noch einmal leiſe Verwünſchungen vor ſich hin murmelte. Bergauf, bergab führte ihr Weg, bis ſie endlich eine Fahrſtraße und bald darauf auch eine Pflanzung erreichten, wo ſie nähere Erkundi⸗ gungen über den geraden Weg nach Matanzas einzie⸗ hen konnten. Sie traten in das Haus, wurden vom 10² Beſttzer der Pflanzung freundlich willkommen geheißen, und eingeladen, bis zum Aufhören des Unwetters unter ſeinem Dache zu verweilen. »„Nein, nein, ich danke Ihnen,“ entgegnete Willy. „Die Zeit drängt, wir müſſen fort.“ „Aber weshalb?« Willy deutete mit kurzen Worten an, was ihn zur Eile antrieb, und wollte ſich durchaus nicht länger auf⸗ halten laſſen. „Wohlan denn,“ ſagte der Pflanzer,„warten Sie wenigſtens noch eine halbe Stunde, bis das ärgſte To⸗ ben vorüber iſt und dann werde ich Ihnen Pferde und einen Begleiter mitgeben, der den nächſten Weg nach Matanzas kennt. Meine Pferde werden Sie jedenfalls ſchneller an Ort und Stelle bringen, als Ihre Füße Sie hintragen. Zudem kenne ich den Kommandanten des Forts, und ein paar Zeilen an ihn dürften Ihnen von Nutzen ſein. Warten Sie alſo noch ein wenig; die verlorene Zeit holen Sie bald wieder ein.“ Ein Anerbieten dieſer Art konnte natürlich nicht ausgeſchlagen werden. Willy ſuchte ſich in Geduld zu faſſen, obgleich er es nicht unterlaſſen konnte, ſich von Neuem über dieſen abſcheulichen Sturm zu beklagen, der ſeiner Eile ſo unwillkommene Feſſeln anlegte. „Aber warum hadern Sie mit dem bischen Unwet⸗ ter, das bald vorüber ſein wird,“ ſagte der Pflanzer beſchwichtigend.„Ohne den Sturm würden Sie nicht hieher gekommen ſein, und ich zweifle ſehr, ob der Kommandant des Forts auf Ihre einfache Ausſage hin die Beſatzung aus ihrer Ruhe geſtört hätte. Sie ſind fremd, Niemand kennt Sie, man würde Sie vielleicht nicht einmal angehört und am wenigſten Ihre Wünſche & 103 ſo raſch erfüllt haben, wie es die Umſtände zu erhei⸗ ſchen ſcheinen.“ „Ah, Sie haben Recht, mich zu tadeln,“ erwiederte Willy beſchämt.„Verzeihen Sie mir! Aber wenn Sie wüßten, welche Beſorgniſſe ich um meinen Vater empfinde, der von einer ſo ſchrecklichen Gefahr bedroht iſt, ſo würden Sie meine Ungeduld gewiß gerechtfertigt finden.“ „Ich kann mir's wohl denken,“ entgegnete der Pflan⸗ zer freundlich.„Uebrigens läßt ja auch der Sturm ſchon nach und dort kommt der blaue Himmel hinter den Wolken hervor. Vorwärts denn, meine Herren! Die Pferde ſind geſattelt, und ich will Sie nicht län⸗ ger aufhalten, als unumgänglich nothwendig iſt.« Willy zögerte keineswegs. Im Nu ſaß er zu Pferde und in raſchem Galopp ſprengten die drei Rei⸗ ter auf dem nächſten Wege nach Matanzas hin. Nach⸗ mittags um drei Uhr erreichten ſie die Stadt und ließen ſich ſogleich beim Kommandanten melden, der Willy's Ausſagen, wie es der Pflanzer ganz richtig vorherge⸗ ſagt hatte, mit einigem Mißtrauen aufnahm und an⸗ fänglich nur geringe Luſt bezeigte, ſeiner Bitte um ein Detachement Soldaten zu willfahren. Erſt als Willy den Brief des Pflanzers überreichte, wurde er ein we⸗ nig willfähriger. »Wohl denn,“« ſagte er,„obgleich ich ſehr bezweifle, daß der Seeräuber die Frechheit haben wird, ne ſolchen Handſtreich zu wagen, will ich doch in Ruͤck⸗ ſicht auf den Wunſch meines Freundes ein Uebriges thun. Wie ſtark iſt die Mannſchaft des Schooners* „Zweihundert Mann, wenn nicht mehr,“« ſagte Willy. 104 „Gut, ſo ſollen ſich dreihundert Soldaten zum Auf⸗ bruch bereit halten. Jetzt iſt es vier Uhr— um fünf Uhr werden ſie aufbrechen und können bis acht Uhr bequem die Pflanzung Mr. Harpers erreichen. Gott befohlen, meine Herren! Um fünf Uhr erwarte ich Sie wieder, wenn Sie es nicht vorziehen, den Solda⸗ ten vorauszueilen.“ „Nein, ich werde warten,“ ſagte Willy nach einem kurzen peinlichen Kampfe mit ſeinen Empfindungen, die ihn drängten, in die Arme ſeines Vaters zu flie⸗ gen und ihn von der nahenden Gefahr zu benachrich⸗ tigen. Aber wenn er ging, ſo konnte ſich der Kom⸗ mandant am Ende noch anders beſinnen und ſchickte die Truppen gar nicht. Beſſer alſo, er blieb, und ſuchte den Abmarſch der Soldaten ſo viel wie möglich zu be⸗ ſchleunigen. „Aber warum ſo lange zögern?« ſagte er.„Je früher wir dort ſind, deſto ſicherer können wir auf Er⸗ folg hoffen!“ »Wo denken Sie hin,“ entgegnete der Kommandant. „Ich werde meine Leute nicht jetzt in der argen Mit⸗ tagshitze marſchiren laſſen, da ſie auch ſpäter immer noch früh genug ankommen. Um fünf Uhr— und damit genug.« Der Kommandant, das ſah man wohl, war uner⸗ ſchütterlich. Man mußte ſich verabſchieden, und Willy konnte noch froh ſein, daß er wenigſtens ein Verſpre⸗ chen erreicht hatte, das ihm, wie er wohl einſah, ohne die dringende Empfehlung des Pflanzers ſchwerlich zu Theil geworden wäre. „Es iſt doch gut, daß uns der Sturm überraſchte!« ſagte er, als er mit Tom vom Fort in die Stadt 28 105 zuruͤckkehrte.„Wahrlich, man ſollte nicht uͤber die Vor⸗ ſehung murren, wenn ſie Einem ſcheinbare Hinderniſſe in den Weg wirft. Ohne die Hülfe, für die ich unſe⸗ rem neuen Freunde von ganzem Herzen dankbar ſein muß, würde ich jetzt in einer ſehr traurigen und rath⸗ loſen, ja verzweifelten Lage ſein. Aber was nun be⸗ ginnen, Tom? Meinſt du nicht, daß wir meinen Va⸗ ter wenigſtens benachrichtigen ſollten, damit er ſchlimm⸗ ſten Falls auf der Hut ſein kann.“ „Gewiß,“ ſagte Tom raſch.„Ich will voraus eilen. Wir gewinnen dadurch wenigſtens eine Stunde Zeit.« „»Aber du kennſt den Weg nicht— wir müſſen für einen Führer ſorgen,“ entgegnete Willy.„Geſchwind zum Hafen hinunter, dort finden wir ihn wohl am ſchnellſten.« Sie eilten raſch weiter, hatten aber kaum den Ha⸗ fen erreicht, als Willy und Tom zugleich einen Ausruf der Ueberraſchung ausſtießen.. „Die Schwalbe!« rief Tom. »Die Möve!“ jubelte Willy!„Jetzt ſind wir ge⸗ borgen und brauchen die Soldaten gar nicht. Hurtig an Bord.« In der That, die beiden Briggs, welche Obadiah ſchon ſo lange vergebens aufgeſucht hatten, lagen ganz ruhig im Hafen vor Anker, und wahrſcheinlich ahnten weder Kapitän Bridewell noch Kapitän Robin, wie nahe ihnen der ſchon ſo oft verfolgte Feind war. Aber ſie wurden benachrichtigt. Willy und Tom ſprangen raſch in ein Boot, und ſtanden wenige Minuten ſpaͤter an Bord der Schwalbe dem Kapitän Robin gegenüber, welcher mit froher Ueberraſchung ſeinen jungen Freund 106 Willy begrüßte. Willy machte ihm raſch die nöthigen Mittheilungen. „Aber da iſt es ja ein wahres Glück,« rief der Kapitän hoch erfreut aus,„daß uns der Sturm in den Hafen herein trieb! Ihre Nachricht iſt Goldes werth, MNr. Harper, und wir werden nicht nur Ihren Vater peſchützen, ſondern auch dieſen frechen Piraten ſammt Schiff und Mannſchaft im Netze fangen. Vor Allem müſſen wir aber ſogleich Bridewell in Kenntniß ſetzen.“ Ein Signal rief denſelben ſchnell herbei, und auch Kapitän Bridewell begrüßte Willy, der von Neuem den erſt ſo verwünſchten Sturm ſegnete, mit herzlicher Freude. „Ja, ja, ſchütteln Sie ihm nur die Hand,“ ſagte Kapitän Robin.„Er verdient es wohl, der brave Burſch, denn er liefert uns den heilloſen Obadiah in die Hände! „Obadiah? Nicht möglich!« „Kein Zweifel! Hören Sie nur!« Raſch wurde Bericht abgeſtattet und vergnügt rieb ſich Kapitän Bridewell die Hände. »Es iſt ſicher! Wir haben ihn!“ ſagte er.„Jetzt nur Anker auf und fort!« „Nicht ſo ſchnell,“ erwiederte Robin.„Wir müſſen behutſam zu Werke gehen, um des Erfolges ganz ſicher zu ſein. Der Pirat wird ſeinen Angriff nicht vor Nachts wagen, und alſo erſt, wenn es dunkel iſt, mit ſeinen Raubgenoſſen das Schiff verlaſſen. Sobald er am Lande iſt, bemächtigen wir uns ſeines Schiffes und er iſt mit allen ſeinen Leuten gefangen, ohne daß ein Tropfen Blut vergoſſen wird.“ 107 „Aber mein Vater?« warf Willy ein.„Wer ſchützt ihn vor Obadiah?« »Haben wir nicht die Soldaten? Sie müſſen augen⸗ blicklich aufbrechen!“ »Der Kommandant will ſie aber erſt in einer Stunde marſchiren laſſen,“ ſagte Willy. »Pah, er wird auf der Stelle den Befehl geben,“ erwiederte Kapitän Robin.„Kommen Sie, Bridewell, wir müſſen dem Manne Vorſtellungen machen. Be⸗ gleiten auch Sie uns, Mr. Harper. Es wird am beſten ſein, wenn Sie mit den Soldaten gehen! Denn merken Sie wohl, die Burſche dürfen ſich nicht eher ſehen laſſen, als bis Obadiah mit ſeiner Mannſchaft am Lande iſt. Geſchähe es früher, ſo würde er Ver⸗ dacht ſchöpfen und wie gewöhnlich das Weite ſuchen, wir aber hätten das Nachſehen. Jetzt geſchwind— kommen Sie!“ Der Einfluß der beiden Kapitäns wirkte mehr, als die flehenden Bitten Willy's. Der Kommandant wei⸗ gerte ſich nicht länger, ſeine Soldaten marſchiren zu laſſen und ſogar ſie unter den Oberbefehl Willy's zu ſtellen. Eine halbe Stunde vor fünf Uhr waren drei⸗ hundert Mann auf den Beinen und ſchlugen den Weg nach der Pflanzung ein. Willy, dem Kapitän Robin noch einmal eingeſchärft hatte, ja nicht voreilig zu Werke zu gehen, ritt an ihrer Spitze, und noch vor Untergang der Sonne erreichte der Trupp einen Punkt, von welchem aus in einer Viertelſtunde die Pflanzung erreicht werden konnte. Hier, in einem dichten Gebuͤſch, wurde Halt gemacht, und Willy nahm einen Poſten ein, von wo er die Pflanzung und einen Theil des Meeres überſah. 4 108 So, wie in dieſen Augenblicken, hatte noch nie ſein Herz geklopft. Es drängte ihn, nach der Pflanzung hinab zu eilen und ſeinen theuren Vater zu umarmen, und doch durfte er, ohne ſeine Pflicht zu verletzen, nicht vor Dunkelheit ſeinen Poſten verlaſſen. Mit Un⸗ 8½ geduld ſehnte er die Schleier der Nacht herbei, die mit ihrem ſchützenden Mantel ſeine ferneren Bewegungen verbergen mußte. Allmählig ſank die Sonne tiefer zum Meere hinab, und verſchwand endlich hinter den Wogen. Einige Minuten ſpäter ſegelte ein Schiff hinter einer Land⸗ zunge vor, und warf Anker aus. Willy erkannte es auf den erſten Blick: es war der Schooner Obadiahs. Aengſtlich ſchaute er umher, um auch eine Spur von der Annäherung der Schwalbe und der Möve zu ent⸗ decken— aber kein anderes Segel war auf dem Meere ſichtbar. Die Dämmerung brach ein, und raſch folgte ihr die Nacht. Noch ſah Willy, daß die Boote des Schoo⸗ ners ausgeſetzt wurden und ſich mit den wilden Ge⸗ ſtalten der Seeräuber anfüllten; dann aber hinderte die mehr und mehr überhand nehmende Dunkelheit jede fer⸗ nere Ausſicht und Beobachtung. „Gleichviel, denn, Gott ſei Dank, jetzt iſt's auch Zeit!« murmelte Willy tief aufathmend vor ſich hin, und verließ ſeinen Poſten, um zu den Soldaten zurück zu kehren. „Hurtig, Leute!“ kommandirte er.„Die Schurken ſind da, und wir müſſen ſie empfangen. Vorwärts! Vorwärts!“ In raſchem Schritte, aber ſo leiſe wie möglich ruͤckten die Truppen vorwärts, und voll banger Be⸗ 109 ſorgniß horchte Willy in die Nacht hinaus, um ſich kein Geräuſch entgehen zu laſſen, welches vielleicht die Annäherung der Piraten verkündigt hätte. Aber Alles blieb ſtill und Willy hatte Zeit genug, die Pflanzung, das Haus ſeines Vaters, zu errei⸗ chen Auch hier regte ſich nichts. Die Neger waren in ihren Hütten, welche weiter abſeits vom Hauſe lagen, und in dieſem ſelbſt ſchimmerte nur ein einſames Licht. Willy öffnete die Thür und trat hinein. Eine Abthei⸗ lung der Soldaten folgte ihm; die Anderen ſtellten ſich im Hofe auf. So leiſe Alles geſchah, wurde das Geräuſch doch im Hauſe vernommen. Eine Thür ging auf und ein Mann trat heraus, der beim Schimmer ſeines Lichtes verwundert die Soldaten erblickte. 8 »Was geht hier vor? Was wollen Sie hier, meine Herren?« ſagte er.. „Sie ſchuͤtzen!« erwiederte Willy mit bebender Stimme.„Sie ſchützen gegen einen Ueberfall der Pi⸗ raten, Mr. Harper— nein, mein theurer, mein ge⸗ liebter, endlich wiedergefundener Vater!« ſetzte er hinzu, indem er ſich Mr. Harper zu Füßen warf. Ehe dieſer ſich von ſeinem Erſtaunen erholen konnte, in das ihn die Worte des fremden, unbekann⸗ ten jungen Mannes verſetzten, wurde draußen an der wanderſei des Hauſes an die Thür gepocht. W prang auf. u, uf. ſind ſie!« rief er aus.„Wir werden ſie empfangen!“ v »Wer da?“« fragte er, indem er ſich raſch der Thüur näherte.„Wer klopft hier?« 110 „»Maſſa Willy!« antwortete eine bekannte Stimme. »Aufmachen ſchnell!„Peter kommen mit Matroſen von Schwalbe! Schnell! Obadiah folgen ſogleich!« Willy riß die Riegel weg, und Peter, mit Säbel, Fllinte und Piſtole bewaffnet, trat in Begleitung ſeiner Gefährten herein, worauf er ſogleich wieder die Riegel vor die Thür ſchob. »Ah, Maſſa Willy, ſehr gut, daß ſchon hier!« ſagte er.„Und da Soldaten auch! Sehr, ſehr gut! 8 Maſſa Harper, jetzt ſchauen mich an— kennen mich noch?« Heerrr Harper lehnte bleich und tief athmend am Thürpfoſten.„Großer Gott, wär's möglich? Wär's möglich?« murmelte er.„Peter, du? Und dieſer da? „Ich, Peter! Und der? Maſſa, kennen denn eigenen Sohn nicht? Umarmen ihn, Maſſa Willy!« Ein Schrei der Freude tönte von Herrn Harpers zend in ſeinen Armen. „Ja, ich bin es, Vater, bin dein Sohn, dein Wil⸗ liam! O Gott, welche Seligkeit, am Herzen eines Vaters zu ruhen!« 3 ſehen zu malen; der Vater hielt den todt geglaubten, mit Schmerzen beweinten Sohn— der Sohn ſeinen lange geſuchten, heiß erſehnten Vater umarmt, und ihre Thränen der Wonne floſſen in einander, während Peter vor Freuden lachend und laut jubelnd zur Seite übrig, ſich noch länger ihren Empfindungen der über⸗ Lippen, und im nächſten Augenblicke lag Willy ſchluch⸗ Die Feder hat keine Farben, ein ſolches Wieder⸗ ſtand. Awenflr jetzt blieb den Glücklichen keine Zeit ſtrömenden Wonne und Seligkeit hinzugeben. Man vernahm das Geräuſch eines herannahenden Trupps, und Willy mußte ſich wieder aus den Armen des Va⸗ ters reißen, um deſſen Leben und Eigenthum zu ver⸗ theidigen. „Sie kommen, theurer Vater!“ ſagte er.„Aber fürchte nichts, wir ſind vorbereitet. Wie viel Mann⸗ ſchaft hat Obadiah bei ſich, Peter?« „Zweihundert ohne uns,“ antwortete der Schwarze. „»Wir entwiſchen ihm in Dunkelheit, zu laufen bei Maſſa Harper. Da ſie kommen, die Teufel! Pochen ſchon und ſchreien! Ah, werden wundern ſich, zu fin⸗ den Soldaten hier.“ Ein wüthendes Gebrüll erſchallte allerdings draußen vor dem Hauſe, und zugleich wurde mit Aexten gegen die Thür geſchlagen, die in ihren Angeln krachte und ächzte. „Oeffnet!“ ſchrie hierauf die Stimme Obadiahs, allen Lärm übertäubend;—„öffnet ſogleich, oder der Tod iſt Euch gewiß! Aufgemacht!“ »„Achtung, Soldaten!“ rief indeß Willy zurück. „Beſetzt die Fenſter und gebt Feuer, ſobald man auf Euch zu ſchießen wagt! Und nun, Herr Obadiah, haben wir einige Worte mit einander zu reden!« Ein wilder Fluch wurde draußen vernehmbar, als jetzt die Soldaten, dem Befehle gehorchend, ihre Flin⸗ tenläufe zum Fenſter hinausſtreckten. 88 1 „Wir ſind verrathen!“ rief Obadiah.„Zieht Euch zurück, Leute. Das Knallen der Gewehre würde uns alle Pflanzer der Umgegend mit ihren Schwarzen über den Hals ſchicken. Zurück zum Schiffe!« »Zu ſpät! Nicht von der Stelle!« rief eine andere Stimme, welche Willy, laut aufjubelnd f ſogleich als 112 die des Kapitäns Robin erkannte.„Ihr ſeid um⸗ ringt! Euer Schooner iſt genommen, Eure Boote ſind in den Grund gebohrt, Flucht iſt nicht mehr möglich! Werft die Waffen weg und ergebt Euch!« Paniſcher Schrecken bemächtigte ſich der Seeräuber. Obgleich Obadiah unter gräßlichen Verwünſchungen ſeine Leute aufforderte, ſich durchzuſchlagen, zogen dieſe es doch vor, die Waffen von ſich zu werfen und ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Obadiah ſuchte zu entrinnen, aber überall ſtarrten ihm Gewehrläufe, Piken und Enterhaken entgegen, und ſo blieb auch ihm nichts weiter übrig, als ſich in ſein Schickſal zu er⸗ geben. Er lieferte ſeine Waffen ab und wurde im Nu gebunden, wie ſeine ganze Mannſchaft, die willig ihre Hände den Feſſeln darbot. Sämmtliche Gefan⸗ gene wurden den Soldaten übergeben, welche ſie in ihre Mitte nahmen, und mit ihnen nach Fort Matan⸗ zas abmarſchirten, wo ſie die Strafe für ihre viel⸗ fachen Verbrechen zu erwarten hatten. Willy aber ſank von Neuem an die Bruſt ſeines Vaters und feierte zum zweiten Male das glückliche Feſt der nun nicht mehr geſtörten ſeligen Wiedervereinigung. Nur wenige Worte brauchen wir noch hinzuzufü⸗ gen. Willy ſegnete die Fügung des Himmels, die ihn auf ſo wunderbare Weiſe in die Arme ſeines Va⸗ ters geleitet hatte, und dankte in ſtillem Gebete Gott für alle ſeine väterliche Güte, die er ſo ſichtbar an ihm bewieſen. Grade, was er für ein Unglück ge⸗ halten und bitter beklagt hatte, ſeine Gefangenſchaft bei den Piraten, war die nächſte Veranlaſſung zu ſei: nem Glücke geworden. Ohne ſie würde er vielleicht . 113 nie ſeinen Vater gefunden, und gewiß nichts zu ſeiner Rettung haben beitragen können. Daß er die neu gewonnene Heimath ſo wenig ver⸗ ließ, wie Peter, der ſich nie wieder von ihm trennen wollte, verſteht ſich von ſelbſt. Kapitän Robin gab Willy den ehrenvollſten Abſchied, und er ſowohl, wie auch Kapitän Bridewell verlebten noch einige frohe Tage auf der Pflanzung Mr. Harpers, der gewiß der glücklchfte Vater auf der ganzen Inſel genannt werden konnte; und die Freunde und Beſchützer ſeines wieder⸗ gefundenen Sohnes mit unzähligen Beweiſen ſeiner in⸗ nigen und tiefgefühlten Dankbarkeit überhäufte. Glück und Zufriedenheit ſchlugen fortan eine blei⸗ bende Stätte in dem Hauſe Mr. Harpers auf, denn Vater und Sohn, die Wiedervereinten, umfaßten ſich mit doppelter Liebe, da ſie ſo lange Jahre hindurch die⸗ ſelbe ſo ſchmerzlich hatten entbehren müſſen.— Und wo Liebe iſt, da iſt auch Glück und Seligkeit. 4 Stuttgart. 8 ₰ ffmann'ſchen Oft Druck der C. Ho 15 16 17