deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Leſebedingungen. 1. Cffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mt 50 Ff. 2 Nt. Ff. 3 9 1 II— 1—. 1 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Trotz aller entſetzlichen Gräuel der franzöͤſiſchen Revolution, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, welche das Blut in Stroͤmen vergoß; trotz der Schre⸗ 8 cken des Todes, die Jeden bedroheten, welchen der Verdacht traf, ein Anhänger der geſtürzten Königs⸗ familie zu ſein; trotz des Wüthens der ſchändlichen Henkersknechte Robespierre, Marat, Santerre, Henriot, St. Juſt und ihrer Spießgeſellen, gab es doch noch einzelne treue Herzen in Frankreich, welche, unerſchüt⸗ 4 terlich in ihren Geſinnungen, ihrem Könige die innigſte Anhänglichkeit bewahrten. Zu dieſen zählte auch der Baron von Vignerolles. Er hatte dem Könige treu zur Seite geſtanden, bis derſelbe und mit ihm die ganze Königliche Familie als Gefangene in den Tempel eingeſperrt wurden, und er hätte ihn auch jetzt nicht verlaſſen, wenn es ihm geſtattet worden wäre, ſeinem Herrn in die Gefangenſchaft zu folgen, und auch dort ihm ſeine Dienſte zu weihen. Aber man gab ſeinen dringendſten Bitten kein Gehör; die Gewalthabet wie⸗ Wie der Herr ꝛc... 1 8 * ſen ihn barſch ab, und er gerieth ſogar in die äußerſte Gefahr, ſelbſt gefänglich eingezogen und eingeſperrt zu werrhr ſen Dies hieß zu jener Schreckenszeit aber ziemlich eben ſo viel, als den Tod unter dem Beil der Guil⸗ lotine zu ſterben, und Baron Vignerolles zog ſich deß⸗ halb auf ſeine Güter in der Bretagne zurück, um von hier aus den weiteren Gang der Ereigniſſe zu be⸗ obachten. Hier lebte er in einem ſchönen Schloſſe, das von unermeßlichen Waldungen umgeben war, mit ſeinem Sohne Arthur, einem Knaben von vierzehn Jahren, und einigen Dienern, in tiefer Abgeſchiedenheit⸗ von der übrigen Welt. Von ſeinen zahlreichen Pächtern, die zum Theil in dem nahen Dorfe, theils in einiger Entfernung zerſtreut auf ihren Pachthöfen wohnten, hatte der Baron nichts zu befürchten, da ihm Alle aufrichtig und mit herzlicher Liebe zugethan waren,— eine Liebe, die er vollkommen verdiente, denn nie hatte er, wie viele andere Edelleute, ſeine Pächter gedrückt, um ſeine eigenen Einkünfte zu erhöhen, ſondern viel⸗ mehr ſtets Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, gethan, uum ihr Loos zu erleichtern und ihre Laſten, ihre Ab⸗ hängigkeit ſo wenig drückend, wie möglich, zu machen. Sdie hatten ſich daher nicht von dem wilden Revolu⸗ tionsfieber anſtecken laſſen, und würden viel eher ihren gütigen Herrn mit Leib und Leben gegen jeden Angriff vertheidigt, als gar ſelber ihn angegriffen haben. Baron Vignerolles, ein Mann noch in ſeinen beſten Jahren, war ſehr reich. Er hatte ſchon vor längerer Zeit ſeine Gemahlin durch den Tod verloren, und von jenem traurigen Ereigniſſe an ſeine ganze Liebe zwiſchen Arthur hatte natürlich mit ihm zugleich Paris verlaſſen, 3 ſeinem Sohne Arthur und ſeinem Königshauſe getheilt. und ihn nach dem Schloſſe Vignerolles begleitet, wo er die ſtille Einſamkeit und Zurückgezogenheit ſeines Vaters theilte. achtete oder bemerkte. Kopf, ſtrich d Puar Mal über ſeinen dichten ſ halb ergrauten Schnurrbart, fuhr mit der Hand ſeine runzelvolle Stirn, und murmelte vor ſi minſims liegen die Zeitungen ganz zerknüllt! Oh, dieſe Schandbuben, die unſer Vaterland mit Füßen treten, und bis über die Knöchel in unſchuldig ver⸗ goſſenem Blute waten,— was mögen ſie wieder Nieder⸗ trächtiges gethan haben?“. Er ballte die Fäuſte und ſchüttelte ſie, während ein grimmiger Blick aus ſeinen grauen Augen ſchoß, die wie Falkenaugen über ſeiner ſcharfgebogenen Ha⸗ bichtsnaſe blitzten. Er ſchien Bedenken zu tragen, ob er näher treten, oder ganz ſtill das Zimmer wieder verlaſſen ſolle, als ein neuer Ausbruch tiefen Schmerzes von Seiten des Baron Vignerolles ſeinem Entſchluſſe den Ausſchlag gab. Er eilte auf ihn zu, und blieb erſt dicht vor ihm in einer Stellung voller Liebe und Ehrerbietigkeit ſtehen. „Oh, mein gnädigſter Herr,“ ſagte er,“—„Ver⸗ zeihung einem alten Diener, daß er ungerufen ein⸗ zutreten wagt! Aber Ihr leidet, gnädigſter Herr!“ „Biſt du es, mein ehrlicher Jaques?“ verſetzte der Baron mit zitternder Stimme!„Ja, ich leide! Mein Herz iſt von einem ſchrecklichen Schlage getroffen! Das Unerhörte iſt geſchehen! Franzoſen haben ihren König, ihren gütigen König, den wahren Vater ſeiner Unter⸗ thanen, auf die Guillotine geſchleppt, und ihn erbar⸗ mungslos, grauſam, ſchändlich ermordet!“ „Oh, Herr, das iſt nicht möglich!« rief Jaques Brouſſard voller Entſetzen aus, und wankte, eben ſo bleich, wie ſein Herr, taumelnd ein paar Schritte, zurück.„Es kann nicht ſein! Es wäre des Gräßlichen ja viel zu viel! Nein, das haben ſie nicht gewagt! Ganz Europa müßte ſich ja in Waffen gegen ſie er⸗ heben, Ein Racheſchrei gellend über die ganze Welt hin erklingen!“ „Sie haben es gewagt,“ entgegnete Baron Vig⸗ nerolles und ſein Auge ſchien Flammen zorniger Ent⸗ rüſtung zu ſprühen,—„was wagten nicht dieſe Men⸗ ſchen, die blutdürſtiger ſind, als hungrige Tiger, und erbarmungsloſer, als Hyänen? Hier lies, alter Mann! Sie ſcheuen ſich ſelbſt nicht, öffentlich vor aller Welt ihre Schandthat in den Zeitungen verkündigen zu laſſen.« Er nahm ein, in der erſten Wuth und Ver⸗ zweiflung zuſammengeknittertes Zeitungsblatt vom Sims des Kamines, und reichte es Jaques, der es zitternd entfaltete, und mit halblauter Stimme las. „Am 2ten Januar, Morgens um fünf Uhr, ſtand der König auf, und verlangte die Meſſe zu hoöͤren. Edgeworth, der Beichtvater der Prinzeſſin Eliſabeth, welcher dem Könige den letzten geiſtlichen Beiſtand leiſtete, berichtete den im Tempel befindlichen Commiſ⸗ ſären das Verlangen des Königs, und nach einigem Widerſtande wurde daſſelbe gewährt. Edgeworth las die Meſſe und reichte dem Könige das Abendmahl. Dann erinnerte er ihn, daß ſeine Familie, ehe er den Tempel verlaſſe, ihn zu ſehen erwarte. Der König aber befürchtete, er möchte nicht ſtandhaft genug ſein, eine letzte Zuſammenkunft zu ertragen, und wünſchte den Seinigen die Todesangſt eines ſolchen Auftritts zu erſparen.— „Um halb neun Uhr kam Santerre, und meldete dem Könige, daß er Befehl habe, ihn nach dem Richt⸗ platze zu begleiten. Nun blieb der König noch drei Minuten mit ſeinem Beichtvater allein, dann trat er in das Vorzimmer, woſelbſt Santerre zuruückgeblieben — 6 4 war, und ſagte:„Wir können gehen, ich bin bereit.“ Indem er die Treppe herunter und in den Hof hinab ſtieg, erſuchte er die Commiſſaire, gewiſſe Perſonen, die ſich in ſeinem Dienſte befanden, dem Bürgerrathe zu empfehlen.“ „Oh, immer gütig, immer beſorgt um die Seinen, ſelbſt noch auf ſeinem letzten ſchweren Gange,“ unter⸗ brach Baron Vignerolles die Vorleſung mit ſchmerz⸗ licher Geberde.„Das ſieht ihm gleich, dem edlen Märtyrer. Immer dachte er nur an das Wohl Anderer, nie an ſich ſelbſt. Und ihn, ihn— aber lies weiter Jaques, du wirſt noch Schreckliches hören!“ Jaques wiſchte eine Thräne aus ſeinen grauen Wimpern, und fuhr fort: „Hierauf wollte der König von Herrn Edgeworth Abſchied nehmen, weil er nicht erwartete, daß dieſer ihn weiter als bis hierher begleiten würde. Edgeworth aber ſagte:„Mein Beiſtand iſt noch nicht zu Ende!“ —„Was?“ erwiederte der König,—„Sie wollen mich noch weiter begleiten??—„Ja,“ ſagte der Beichtvater, ‚bis ans Ende!“ 1 „Nun ging der König mit feſten Schritten über den Hofplatz und ſtieg in die Kutſche des Maire. Sein Beichtvater ſaß ihm zur Seite. Auf dem Vorderſitze befanden ſich zwei Gendarmerie⸗Officiere. Ein Mit⸗ glied des Bürgerrathes und zwei Officiere der Bürger⸗ miliz folgten in einem andern Wagen. „Auf dem Wege von dem Tempel nach dem Revo⸗ lutionsplatze betete der König Todesgebete. Sein ganzes Betragen zeigte chriſtliche Ergebenheit in ein unver⸗ meidliches Schickſal. „Als der Wagen bei dem Blutgerüſte, welches auf dem Blutgerüſt. Er betrachtete die an dem Fußgeſtelle der zertrümmerten Bildſäule Lud⸗ wigs XV. errichtet worden war, ankam und ſtill hielt, ſagte der König: ‚Jetzt ſind wir da.-— Hierauf be⸗ ſtieg er mit feſtem Schritte das Blutgerüſt, und be⸗ trachtete einige Augenblicke die unzählbare Menge des Volkes. Dann kehrte er ſich mit einem tiefen Seufzer gegen den Palaſt der Tuilerien, und ſah ſtillſchweigend nach ſeiner vormaligen königlichen Wohnung, in deren Angeſicht man grauſamer Weiſe das Blutgerüſt aufge⸗ ſtellt hatte. Der Platz war außer einer unermeßlichen Menge von Zuſchauern mit fünfzehn⸗ bis zwanzig⸗ tauſend bewaffneten Bürgerſoldaten beſetzt. Zunächſt um das Blutgerüſt ſtellte ſich ein beträchtliches Korps Reiterei unter Anführung Santerre's auf. In einiger Entfernung ſtanden mehrere mit Kartätſchen geladene Kanonen, die Mündungen gegen das Schaffot gerichtet. Der König trug einen bräunlichen Ueberrock und da⸗ runter ein dunkleres Kleid. Drei Henkersknechte pack⸗ ten ihn, und wollten ihm ſeinen Ueberrock und ſein Kleid ausziehen. Er aber wies ſie zurück und ent⸗ kleidete ſich ſelbſt. Hierauf legten ſie ihm ein weißes Kamiſol an, welches den Hals frei lies. Dann ſchnit⸗ ten ſie ihm die Haare ab. Als ſich der Eine der Hen⸗ ker mit dem Stricke näherte, um dem Könige die Hände auf den Rücken zu binden, äußerte der König aber⸗ mals Unwillen, und widerſetzte ſich dem Binden. Als ihn aber Edgeworth erinnerte, daß der Erlöſer der Menſchen ſich auch die Arme habe binden laſſen, wurde der König nachgiebig, und ließ ſich ohne w 3 Widerſtand die Feſſeln anlegen.. 8 „So ſtand nun der gute und edle Köni Tödtungsmaſchine, die Guillotine, aufmerkſam, und trat zwei Schritte bei derſelben vorbei an den Rand des Schaffots, in der Abſicht zu ſprechen, wie man aus einer Bewegung ſeines Kopfes ſchließen konnte. Sogleich verſtummte die Muſik, und der König ſagte mit lauter Stimme: ‚Franzoſen! Ich ſterbe unſchuldig. Ich vergebe allen meinen Feinden, und wünſche daß Frankreich.... „In dieſem Augenblicke ſchrie Santerre wüthend: „Man muß ihn nicht hoͤren! Man muß ihn nicht hoͤren! Das iſt gar nicht der Augenblick, zu ſprechen!“ „Zugleich gab er den Trommelſchlägern ein Zeichen, und befahl den Scharfrichtern, ihre Pflicht zu thun. Das Wirbeln der Trommeln erſtickte die Stimme des Koͤnigs. „Der König ſtand bei dieſem Lärmen unbeweglich. Schmerz und Erſtaunen über eine ſolche Härte ſeiner unverſöhnlichen Feinde war auf ſeinem Geſichte ausge⸗ drückt. Einer der Scharfrichter packte ihn jetzt und zog ihn. Der König folgte nach einem leichten Wider⸗ ſtande ganz gelaſſen, ſtellte ſich der Maſchine gegen⸗ über, ſchien die Entfernung zu meſſen, und legte ſich hinein. Der Beichtvater beugte ſein Haupt, knieend, dicht an den Kopf des Königs, und rief laut:„Sohn des heiligen Ludwig, erhebe dich zum Himmel!e Das Beil fiel. Edgeworths Geſicht wurde mit dem Blute des Königs beſpritzt... Der Leichnam wurde auf einen Karren gelegt, und auf dem Kirchhofe der Mag⸗ dalenen⸗Kirche in ein, zwölf Fuß tiefes, zum Theil mit ungeloͤſchtem Kalk angefülltes Grab geworfen..). Der alte Jaques hatte dieſe letzten Worte des ſchrecklichen Berichts mit wankender Stimme geleſen,— — Siſtoriſch. 9 jetzt konnte er nicht mehr. Das Zeitungsblatt entfiel ſeinen zitternden Händen, in die er ſein bleiches Ge⸗ ſicht verbarg. „Oh, mein Gott,“ ſtöhnte er aus keuchender Bruſt, —„und hatteſt du keinen Blitz, dieſe Henkersknechte zu zerſchmettern? Er, der beſte, der gütigſte, der edelſte König,— ermordet! Und warum ermordet? Weil er ſeinem Volk nichts als Gutes gethan! Dies iſt ent⸗ ſetzlich, und ein blutiger Schandflecken in Frankreichs Geſchichte!“ „Ja ſie haben ihn getödtet,“ ſagte Baron Vigne⸗ rolles tief erſchüttert.„Nicht das Andenken an ſeine fleckenloſe Reinheit, nicht die Erinnerung an ſeine Herzensgüte, nicht die offenbarſten Beweiſe ſeiner gänz⸗ lichen Schuldloſigkeit, konnte die Verruchten abhalten, ihre Hände in ſein Blut zu tauchen! Aber Gott wird eines Tages auch ſie finden und Gericht halten über die Mörder! Er, der edle Märtyrer vergab ihnen, nur wenige Augenblicke noch vor ſeinem Tode,— über⸗ laſſen wir ſie daher der Vergeltung des Himmels. Aber bleiben wir deßhalb nicht müſſig. Die Elenden werden nicht ſtehen bleiben, ſte werden weiter gehen, ſie werden nicht ruhen, bis ſie auch den letzten Bluts⸗ tropfen der Königlichen Familie vergoſſen haben. Nicht die Königin, nicht das Haupt ihrer Kinder iſt ſicher vor dieſen Bluthunden! Oh, ich mache mir die bitter⸗ ſten Vorwürfe, meinen König verlaſſen und nicht ein⸗ mal einen Verſuch zu ſeiner Befreiung gemacht zu haben! Vielleicht, mit einigen anderen Getreuen im Bunde, wäre es uns gelungen, ihn zu retten! Aber wer konnte auth ahnen, daß das Schrecklichſte geſchehen, daß das geheiligte Haupt des Königs nicht heilig ge⸗ nug ſein würde, das Mordbeil aufzuhalten? Aber jetzt iſt es genug des feigen Zuwartens! Meinen König konnte ich nicht retten, aber die Häupter meiner edlen Gebieterin und ihrer Kinder ſollen nicht fallen, wenn Muth und Entſchloſſenheit dieſes traurige Geſchick ab⸗ zuwenden vermögen. Ich reiſe nach Paris, und, mag ich dort Freunde finden, oder nicht, ich wage in den Temple einzudringen und die Familie des Königs zu befreien.“ „Um Gotteswillen, gnädiger Herr, Sie werden das nicht thun!“ ſagte Jaques Bruſſard ganz entſetzt, und ſtreckte beide Haͤnde, wie abwehrend, dem Baron ent⸗ gegen.„Wenn man ſie erkennt, ſind ſie auf der Stelle ein Kind des Todes. Man kennt ihre Treue und Anhänglichkeit an das königliche Haus.“ „Ja, Treue habe ich meinem königlichen Herrn ge⸗ ſchworen, und Treue will ich ihm halten bis über ſein Grab hinaus!“ rief Baron Vignerolles in edler Auf⸗ wallung aus.„Ich ſollte müſſig zuſehen, wie meine unglückliche Königin und ihre Kinder, die Kinder Frankreichs, im Kerker ſchmachten? Nein, ich habe aus elender Selbſtſucht ſchon zu lange meine Pflicht ver⸗ ſäumt, und es iſt die höchſte Zeit, daß ich an ihre Erfüllung denke. Ich gehe nach Paris,— und wenn mich der Tod in tauſendfacher Geſtalt erwartete, dort iſt mein Platz, an der Seite meiner königlichen Herrin!“ „Aber ihr Sohn, Herr Baron?« ſagte Jaques. „Aber Arthur?«— „Er bleibt hier, denn er iſt noch zu jung, um mir Beiſtand leiſten zu können!“ verſetzte Baron Vignerolles. „Und wenn ſie erkannt werden, gnädigſter Herr?“ — — 11 fuhr Jaques voller Beſorgniß fort.„Wenn man Sie in den Kerker ſchleppt, wenn der Tod...? Oh, mein Gott, was ſoll dann werden? Wird man nicht auch den Sohn opfern, wie den Vater? Wird man nicht Ihre Güter einziehen, und ſie als National⸗Belohnung irgend einem jener Mordbuben zuwerfen? Um des Himmels willen, gnädigſter Herr, beruͤckſichtigen Sie, ehe Sie einen letzten Entſchluß faſſen, wenn auch nicht Ihr eigenes Schickſal, ſo doch das Schickſal Ihres einzigen Sohnes, des letzten Abkömmlings Ihrer er⸗ lauchten Familie!“ Der Baron ging tief nachdenkend einige Male im Gemache auf und ab, und blieb dann vor Jaques ſtehen. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„wir müſſen auf Alles, auch auf das Schlimmſte gefaßt und vorbereitet ſein. Geſetzt aber auch den Fall, ich würde erkannt, ergriffen, und wie ſo viele tauſend Andere enthauptet,— kann ich nicht ruhig ſterben, da du, mein alter treuer Jaques, als Hüter meines Sohnes zurückbleibſt? Wirſt du mein Andenken nicht eben ſo treu bewahren, wie ich das Andenken an meinen König? Du wirſt Arthur in deine Obhut nehmen, und ihn vor jeder Gefahr zu ſchützen wiſſen. Ich vertraue dir, Jaques, denn du biſt von Kindheit auf ein treuer Diener meines Hauſes geweſen.« „Gewiß, gnädigſter Herr, Sie täuſchen ſich in die⸗ ſer Vorausſetzung nicht,“ erwiederte Jaques ſo ruhig und ſchlicht, als ob es ſich um den allereinfachſten Dienſt handelte.„Wie der Herr, ſo der Knecht. Wenn mein Gebieter ſich in Treue opfert, darf doch natürlich der Diener ihm nicht nachſtehen. Ich werde alſo Ihren 1² Sohn hüten, wie meinen Augapfel, und der Weg zu ſeinem Leben wird nur über meine Leiche gehen. Aber bedenken Sie wohl, gnädigſter Herr, daß es nicht in der Macht eines armen Dieners ſteht, Ihre Güter vor der Habgier zu ſchützen. Soll Herr Arthur in Armuth und Elend ſein Leben verbringen? Ich würde mit Freuden meinen letzten Biſſen Brod mit ihm theilen, aber iſt dies das Schickſal, welchem Sie Ihren einzigen Sohn überlaſſen könnten, Herr Baron?“ „Wir müſſen ihn vor dieſem Aeußerſten zu bewahren ſuchen,“ verſetzte Baron Vignerolles.„Du weißt, daß ich zu der Zeit, als die Revolution mehr und mehr überhand nahm, alle meine Staatspapiere und Renten⸗ briefe in baares Geld umſetzte. Dieſes Geld, eine Summe von einer Viertelmillion, liegt ſeitdem unan⸗ getaſtet. Es wird dir nicht ſchwer fallen, außerhalb des Schloſſes ein Verſteck zu finden, wo du es ſicher vor allen Späheraugen bergen kannſt. Thue dies, und wenn dann meine Güter wirklich vom Staate einge⸗ zogen werden, ſo iſt wenigſtens für Arthurs Zukunft geſorgt. Du nimmſt die Summe, gehſt mit meinem Sohne nach England oder Deutſchland, oder du thuſt ſonſt, was dir je nach den Umſtänden paſſend erſcheint, und ich kann beruhigt mein Haupt unter die Guillotine beugen. Du haſt mich verſtanden, mein treuer Jaques?« „Ich habe verſtanden,“ verſetzte der Diener einfach. „Ihr Wille wird geſchehen, gnädigſter Herr. Ich kenne einen Ort, den Niemand ausfindig machen, wo kein menſchliches Auge Ihr Gold ausſpähen wird. Dort will ich es niederlegen.“ „Welches iſt dieſer Ort?“ „Euer Gnaden kennen ihn ſelber nicht. Es iſt ein 13 Geheimniß, das ich von meinem Vater geerbt und, wie dieſer, treu bewahrt habe. Jetzt iſt die Zeit ge⸗ kommen, Nutzen davon zu ziehen. Sie wiſſen, gnädig⸗ ſter Herr, daß eine gute habe Stunde vom Schloſſe ent⸗ fernt die Ruine eines Kloſters mitten im dichteſten Walde liegt?« „Ich kenne ſie, aber es iſt nur ein kleiner Trümmer⸗ haufen. Willſt du dort das Gold vergraben?“ „Ich will etwas Beſſeres, gnädigſter Herr, obgleich die Ruinen ſelber ſchon hinreichenden Schutz gewähren würden, denn die abergläubiſchen Bewohner der Um⸗ gegend meiden den Ort, weil ſie ihn für nicht geheuer halten. Faſt nie verirrt ſich ein menſchlicher Fuß in ſeine Nähe, und Jeder weicht ſcheu von hinnen, wenn ihn ein Zufall in die Gegend der Ruinen führt. Die Leute behaupten, es gingen Geſpenſter um in dem alten Gemäuer, und Mancher will ſie geſehen haben bei nächtlicher Weile. Auch Feuerſchein und Lichtſchimmer hat man bemerkt, wie aus den Tiefen der Erde empor quellend, und verdächtiges Geräuſch ſoll zuweilen in ſtillen Nächten vernehmbar geworden ſein.“ »Unſinn!« rief Baron Vignerolles aus.„Ich habe meine guten Bauern nicht für ſo einfältig gehalten, ſo albernes Zeug zu glauben.“ „»Und doch, gnädigſter Herr, liegt dieſen Geſpenſter⸗ Geſchichten etwas Wahres zu Grunde,“ erwiederte Jaques mit einem eigenthümlichen Lächeln.„Hören Sie nur. Mein Vater, der, wie ich bei Ihnen, Jäger⸗ dienſte bei Euer Gnaden Vater verſah, ſtand eines Tages ganz in der Nähe auf dem Anſtande. Er lauerte einem Hirſche auf, gewahrte aber ſtatt deſſen einen 14 Fuchs, welcher unerwartet aus dem Dickicht des Waldes trat, vorſichtig umherblickte und ſchnüffelte, und, als er nichts Verdächtiges bemerkte,— mein Vater hatte ſich hinter einem dicken Baumſtamme verborgen,— lang⸗ ſamen Schrittes auf die Ruine zuging. An einer ver⸗ fallenen Seitenmauer blieb er ſtehen, ſchaute noch ein⸗ mal ringsum, und ſchlüpfte dann in ein enges Loch unter einem Haufen zertruͤmmerten Geſteinss wo er verſchwand. „Ho,“ dachte mein Vater, ‚dein Balg iſt mir ge⸗ wiß, guter Reinecke. Du wirſt nicht länger unſeren Bauern die Hühner aus dem Stalle und vom Hofe ſtehlen!“ „Er verrammelte das Loch mit einem großen Steine, den er davor wälzte, und eilte nach Hauſe, um Hacke und Grabſcheit zu holen. Zu ſeinem Verdruſſe war gerade Niemand da, der ihm Beiſtand hätte leiſten können, was ihm aber nachher ſehr lieb war. Er mußte allein zu den Ruinen zurückkehren, und fing hier ſogleich ſeine Nachgrabungen an. Zu ſeinem Erſtaunen bemerkte er, als ein Theil des Schuttes auf die Seite geſchafft worden war, eine größere, viereckige, glatt be⸗ hauene Steinplatte, unter welcher ſich das Schlupfloch des Fuchſes befand. Mit einiger Anſtrengung hob er die Platte auf, und ſein Erſtaunen wuchs, als er unter derſelben nicht nur, wie er erwartet, das Fuchsloch, ſondern auch eine ſchmale, noch ganz wohl erhaltene Steintreppe fand, welche nach unten führte. Mein Vater beſann ſich natürlich keinen Augenblick, hinabzu⸗ ſteigen, und mit neuer Verwunderung bemerkte er, daß die Treppe nicht, wie er geglaubt hatte, in ein Keller⸗ Gewölbe, ſondern zu einem hell vom Tageslichte er⸗ 15 leuchteten Raume führte, der in der Vorzeit wahrſchein⸗ lich zu einer unterirdiſchen Kapelle gedient hatte. Das Licht fiel von oben durch Oeffnungen ein, welche man, wie eine ſpätere genaue Unterſuchung meinen Vater belehrte, von außen unmöglich bemerken konnte. Bei dem Scheine deſſelben gewahrte er den Fuchs, in eine Ecke gekauert, tödtete den Hühnerdieb, und ſchaute ſich dann neugierig in dem ſo ſeltſam entdeckten Raume um. Ein kleiner Altar mit einem halb verwitterten Mutter⸗Gottes⸗Bild, und einige Steinbänke,— das war Alles, was er enthielt. Bei näherer Nachforſchung gewahrte aber mein Vater noch eine Thür, verſuchte gie zu öffnen, und fand ſie unverſchloſſen. Er ſtieß ſie auf, und trat in einen etwas kleineren Raum, der aber ziemlich behaglich eingerichtet war. Es befanden ſich darin gepolſterte Armſtühle mit hohen Lehnen, und mit vom Alter geſchwärzten Leder bezogen, ein eichener Tiſch von ſchwerfälliger Form, ein geſchnitzter Eichen⸗ ſchrank, und außerdem noch ein Ruhebett von über einander gelegten Thierfäten, das in einem Winkel ſtand. Der Schrank enthielt nur einige Bücher und alte, vergilbte Pergamente. Noch vergaß ich, daß ſich auch ein Kamin in dem Gemache befand, welches wäh⸗ rend der kalten Jahreszeit zur Erwärmung des Zim⸗ mers,— ein ſolches konnte man es wohl nennen,— gedient haben mochte. Die Vermuthung lag nahe, daß dieſe Räume vor alten Zeiten irgend einem Kloſter⸗ Bewohner eine ſtille Zuflucht gewährt haben mochten, wo er ungeſtöoͤrt hatte ſtudieren und arbeiten können. Bei der Einäſcherung des Kloſters waren ſie der Zer⸗ ſtörung durch irgend einen glücklichen Zufall entgangen, die Trümmer hatten den Zugang verſchüttet, und ſeit — — 2n 16 wei oder drei Jahrhunderten waren die Räume gänz⸗ lich vergeſſen. „»Mein Vater beſchloß nach kurzer Ueberlegung, das Geheimniß auch ferner zu bewahren. Er verbarg den Eingang wieder auf das Sorgfältigſte, und richtete ihn ſpäter mit vieler Mühe ſo ein, daß er ohne große Umſtände in die Gemächer hinunter gelangen konnte. Zugleich traf er ſolche Vorſichtsmaßregeln, daß der Zu⸗ gang unmöglich von einem Nichtwiſſenden aufzufinden war, und zum Ueberfluß ließ er es ſich auch angelegen ſein, allerlei kleine Spukgeſchichten über die Ruinen zu verbreiten, welche dazu dienen ſollten, die neugierigen Bauern fern zu halten, was ihm auch ſo ziemlich ge⸗ lang. Um den Geſpenſtergeſchichten noch mehr Glau⸗ ben zu verſchaffen, trieb er ſelber zuweilen abſichtlich allerlei Spuk in den Ruinen, wandelte bald als Nonne, bald als Mönch, bald als Teufel verkleidet, zwiſchen dem alten, zerfallenen Gemäuer umher, zündete Licht unten, und Feuer im Kamſ an, ſo daß ein unheim⸗ licher Schein von unten eine matte Beleuchtung uͤber die Ruine verbreitete, und verſetzte durch alle dieſe kleinen Mittel die guten Bauern in ſolchen Schrecken, daß es Keiner, weder bei Tage noch bei Nacht, wagt, ſich dem verrufenen Orte nur auf tauſend Schritte zu nähern. Sie meiden den Platz auf eine Stunde im Umkreiſe, und die Ruine ſelbſt iſt gewiß in dreuzig, vierzig Jahren von keinem menſchlichen Fuße betreten worden. „Erſt, als ich erwachſen war, weihete mich mein Vater in ſein Geheimniß ein, und ich habe es bis zu dieſer Stunde bewahrt.“ „Mein Gott, das iſt ja eine äußerſt ſonderbare 4 17 Geſchichte,“ ſagte der Baron.„Warum aber dieſes Geheimniß, dieſe Geſpenſter-Macherei und alle der Schreck?“ 1 »Mein Vater meinte, und auch ich, daß dieſes an ſich unſchuldige Geheimniß unſerer gnädigen Herrſchaft eines Tages von Wichtigkeit werden könnte,“ verſetzte Jaques.„Und Sie ſehen, Herr, daß wir uns nicht getäuſcht haben.“ »„Du haſt recht, und ich lobe dich, mein alter Ja⸗ ques,“ verſetzte Baron Vignerolles.„Gut, wir wer⸗ den die Ruinen beſuchen, du wirſt mich vollends in das Geheimniß einweihen, indem du mir den Zugang zu dieſen unterirdiſchen Gemächern öffneſt, und ich werde mich dann überzeugen, ob ſie zu unſerem beab⸗ ſichtigten Zwecke paſſen.« „Wann befehlen der Herr Baron?« »Sogleich, Jaques! Laß zwei Pferde ſatteln! Wir werden die Gewehre mitnehmen, und man wird glau⸗ ben, wir ſeien auf die Jagd geritten. Das beſeitigt jeden Verdacht!“ Jaques beſorgte die empfangenen Befehle, und eine Stunde ſpäter erreichten Herr und Diener die Nähe der Ruinen. Hier zeigte ſich aber das Gebüſch ſo dicht und feſt in einander gewirrt und verſchlungen, daß man zu Pferde nicht weiter kommen konnte. „Wir müſſen abſteigen, gnädiger Herr, und die Pferde hier zurücklaſſen,“ ſagte Jaques.„Nur ein ſchmaler Pfad führt durch das Dickicht zu den Ruinen. Mein Vater und ich haben Sorge getragen, den Zu⸗ gang ſo beſchwerlich wie möglich zu machen.“ »Eine ſehr weiſe und zweckmäßige Maßregel,“ ſagte 8 der Baron und ſchwang ſich aus dem Sattel. Wie der Herr ꝛe. 2 37 6 — —. 8 keit hätte feſſeln können. 18 Jaques band die Pferde an einen Baum, und ſchritt ſeinem Herrn voran. Bei einer Stelle, wo der Boden ſehr ſteinig war, ſo daß der Fuß keine Spur zurück⸗ ließ, bog er die Zweige eines Gebüſches aus einander, und es zeigte ſich ein ſchmaler Pfad, welcher den Durch⸗ gang durch das Dickicht geſtattete. Man ſchlug ihn ein, und nach fünf Minuten befand ſich Baron Vig⸗ nerolles mitten unter den Ruinen. „Verrathe noch nichts,« ſagte er zu Jaques.„Ich will erſt mit eigenen Augen ſehen, ob ich den Zugang finde. Nachdem ich das Geheimniß kenne, wird das nicht ſchwierig ſein.“« „Verſuchen es der gnädige Herr,« antwortete Ja⸗ ques, und wartete geduldig. Baron Vignerolles durchforſchte die Ruinen auf das Genaueſte, aber nirgends fand er auch nur die geringſte Spur von etwas Ungewöhnlichem. Es war da nichts, als die Ueberreſte einiger Mauern und Hau⸗ fen von Trümmern, welche zum Theil mit kleinen Bäumen, mit Gras, mit Mooſen und Hauslaub be⸗ wachſen waren. Hie und da zeigte das alte Gemäuer Spalten und Riſſe, wie man ſie eben bei alten Ruinen findet,— ſonſt nichts, was die beſondere Aufmerkſam⸗ Nach einer faſt halbſtündigen Unterſuchung näherte ſich der Baron ſeinem Diener wieder. „Ich finde nichts, Jaques,“ ſagte er,—„aber ich bezweifle nun auch die Wahrheit deiner ganzen ſo aben⸗ teuerlichen Geſchichte. Du wirſt geträumt haben, mein guter Jaques! Geſteh' es nur.“ „Sehen der gnädige Herr ſelbſt,“ erwiederte Jaques und trat ein paar Schritte ſeitwärts an eine Mauer, 19 die in ihrem Ausſehen ſich durchaus nicht von den anderen unterſchied.„Hier iſt der Eingang.“ „Ich ſehe abſolut nicht, was du meinſt,“ verſetzte der Baron kopfſchüttelnd. „Aber Sie bemerken dieſen großen, alten, roſtigen Nagelkopf?“ „Den ſehe ich! Es iſt nichts Seltenes, dergleichen zu finden.“ „Drücken Sie feſt darauf, gnädiger Herr!“ Der Baron that es, und der Nagel ſenkte ſich wohl einen Zoll tief in das Gemäuer ein. Jetzt ertönte ein ſchnurrendes Geräuſch, und ein Stück der Mauer, ſo groß, daß eben ein Menſch hindurch ſchlüpfen konnte, löste ſich von dem Uebrigen ab. Jaques zog die Thür vollends auf, und eine ſchmale Treppe öffnete ſich vor den Füßen des Barons. »„Das iſt wirklich vortrefflich erdacht und ausgeführt,« ſagte der Baron nach dem erſten Erſtaunen, indem er die ſchwere, hölzerne, außen mit Steinen und Mörtel beworfene Thür betrachtete, welche ſich trotz ihrer Laſt doch leicht in geſchickt verborgenen eiſernen Angeln drehte. »Dies zu entdecken, bedarf man ein ſchärferes Auge, als ich es habe. Aber jetzt hinunter!“ Er eilte voran, und Jaques folgte, aber nicht, ohne vorher die Thür von innen wieder feſt anzuziehen. Unten fand Baron Vignerolles Alles, wie Jaques ihm ge⸗ ſchildert hatte. „Du haſt recht, Jaques,“« ſprach er.„Ein ſichere⸗ res Verſteck und eine beſſere Schatzkammer könnte man ſich nicht wuͤnſchen. Schaffe meinen kleinen Reichthum hierher, und dann werde ich nach Paris abreiſen.« 20 Jaques.— „Gewiß ohne dich,“ verſetzte der Baron mit einer entſchieden abwehrenden Geberde.„Du mußt zum Schutze meines Knaben im Schloſſe bleiben.“ „Da es Ihr Befehl iſt, Herr Baron, ſo werde ich gehorchen, aber gewiß auch vor Kummer und Sorge ſterben,“ erwiederte Jaques geſenkten Hauptes. »„Aber wenn du mit mir gehſt, läufſt du dieſelbe Gefahr, wie ich,« ſagte Baron Vignerolles, gerührt von der treuen Anhänglichkeit des alten Dieners. „Oh nein, Herr,“ entgegnete Jaques.„Ich werde mich zu verbergen, oder, im Nothfall, auch den wuͤthen⸗ den Jakobiner zu ſpielen wiſſen. Außerdem, ſo lange Ihnen nichts Böſes geſchieht, iſt Baron Arthur hier im Schloſſe ſicher genug. Sie kennen ja die Anhäng⸗ lichkeit Ihrer Diener und Ihrer Bauern. In Paris aber kann ich über Sie wachen, und im ſchlimmſten Fall bin ich ſtets benachrichtigt, und Baron Arthur kann nicht von den Schergen der Republik uͤberraſcht werden, da ich unter allen Umſtänden ſchneller ſein werde, als ſie.« „Du haſt recht, Jaques! Deine Treue hat dich den beſten Weg finden laſſen,“ ſagte Baron Vignerolles nach kurzem Sinnen.„Du begleiteſt mich alſo, und Gott wird mir beiſtehen, daß ich der unglücklichen Königs⸗Familie gute Dienſte leiſten kann. Und jetzt— komm'! Mein kleiner Schatz muß hierher gebracht werden, Eile thut noth, denn in acht Tagen muß und will ich in Paris ſein.“ Sie verließen die unterirdiſchen Gemächer wieder, „Nicht ohne mich natürlich, gnädigſter Herr,« ſagte . 21 4 Jaques verſchloß ſorgfältig den Eingang, und gleich darauf ſprengten ſie nach dem Schloſſe zurück. Während der nächſten Nacht, als im Schloſſe ſich Alles zur Ruhe begeben hatte und im tiefſten Schlafe lag, zog Jaques einen Karren aus dem Wagenſchuppen, ſpannte zwei Pferde vor, die er unter ſeiner eigenen Aufſicht hatte, und führte den Wagen zu einer Seiten⸗ treppe im Schloſſe, welche für gewoͤhnlich Niemand als Baron Vignerolles betreten durfte. Jaques ſtieg ſie hinauf, und wurde oben von ſeinem Gebieter em⸗ pfangen. Dann belud er, treppauf, treppab ſteigend, den Wagen mit einer Anzahl von kleinen Säcken, deren metalliſcher Klang zuweilen verrieth, daß ſie gemünztes Geld enthalten mußten, und als er den letzten Sack den anderen hinzugefügt hatte, verließ er das Schloß durch eine Nebenpforte, und ſchlug den Weg nach den Ruinen des Kloſters ein. Zwei ſchöne Hunde, ſchwarz, langhaarig, mit breitem Kopfe und maͤchtigem Gebiß, Wolfshunde von ſeltener Groͤße und Stärke begleiteten ihn, oder trabten vielmehr neben dem Wagen her, ohne einen Laut von ſich zu geben, als ob ſie wüßten, daß das Geſchäft dieſer Nacht in tiefer Verborgenheit blei⸗ ben ſollte. Die Nacht ſelbſt war ruhig, jedoch ſehr finſter; aber das war Jaques eher willkommen, als unlieb, denn er kannte den Weg genau, den er einzu⸗ ſchlagen hatte, und brauchte bei der Finſterniß kein Verräther⸗Auge zu fürchten. Nach zwei Stunden kehrte er eben ſo heimlich, wie er es verlaſſen, nach dem Schloſſe zurück, führte die Pferde in den Stall, brachte den Karren in den Schuppen, und begab ſich auf der geheimen Treppe zu Baron Vignerolles, der ihn er⸗ wartet hatte. 4 ſ fremdem Namen eine kleine Wohnung, und begann ſo⸗ 22 „Es iſt geſchehen, gnädigſter Herr,“ ſagte er ein⸗ fach. „ Wohlan, ſo reiſen wir morgen nach Paris,« ant⸗ wortete Baron Vignerolles.„Dank dir, mein alter Jaques, du biſt ein treuer Diener. Und nun, gute Nacht.“ Zweites Kapitel. In der Höhle des Löwen. Am folgenden Tage wurde der Dienerſchaft ange⸗ kündigt, daß Baron Vignerolles eine längere Reiſe zu unternehmen beabſichtige, ohne dabei jedoch das Ziel derſelben zu erwähnen. Arthur wurde einem alten Haushofmeiſter, der, wie Jaques, ſchon von Jugend auf ein erprobter Diener des Hauſes geweſen war, in Ob⸗ hut gegeben, und beim Abſchiede ertheilte Baron Vig⸗ nerolles ſeinem Sohne und der ſämmtlichen Diener⸗ ſchaft des Schloſſes noch den Befehl, daß ſie, im Fall er ſelbſt nicht von der Reiſe zurückkehren ſollte, in Allem Jaques Brouſſord zu gehorchen, und ſeinen Anord⸗ nungen eben ſo pünktlich, wie denen des Schloßherrn ſelber, Folge zu leiſten hätten. Hierauf umarmte Baron Vignerolles zum letzten Male ſeinen Sohn, beſtieg mit Jaques einen bereit ſtehenden Wagen, und fuhr mit ihm davon. In Paris angekommen, miethete der Baron unter 23 fort ſeine Wirkſamkeit, indem er die nöthigen Erkundi⸗ gungen über die Lage der Königlichen Familie einzog. In den ſchlichten Rock eines ehrlichen Handwerkers gekleidet, erregte er keinen Verdacht, und konnte ſich dreiſt unter das Volk miſchen, oder die kleinen Wirths⸗ häuſer beſuchen, wo andere Bürger ihr Gläschen tran⸗ ken, und dabei die Neuigkeiten des Tages austauſchten. Was er hier in Erfahrung brachte, lautete aber leider nicht tröſtlich. Die Koͤnigin und ihre Kinder wurden noch immer im Tempel gefangen gehalten, und dort ſo ſtrenge bewacht, daß es geradezu eine Unmög⸗ lichkeit ſchien, bis zu ihnen zu gelangen, oder nur ihnen eine Nachricht zukommen zu laſſen. Der Baron ver⸗ ſuchte alle Mittel der Liſt und der Beſtechung, um die Wachſamkeit der Hüter zu täuſchen, und irgend eine Verbindung mit dem Inneren des Tempels anzuknüpfen, aber jeder Verſuch mißglückte. Wenn es auch mitlei⸗ dige und treue Herzen in der Umgebung und unter den Wächtern der Königin gab, ſo durften ſie es doch nicht wagen, ihre Theilnahme zu zeigen, weil ſonſt ihre Köpfe unfehlbar unter dem Beile der Gutlllotine ge⸗ fallen ſein würden. Die Schreckens⸗Regierung hatte grade zu jener Zeit ihren hoͤchſten Grad erreicht, und das Blut, vom Henker vergoſſen, floß in Strömen. Der geringſte Verdacht, zu den Anhängern des Königs zu gehören, reichte hin, den Angeſchuldigten auf das Blut⸗ gerüſt zu führen, und Niemand fragte darnach, ob der Verurtheilte ſchuldig ſei oder nicht. Die einfache Ver⸗ dächtigung irgend eines wüthenden Jakobiners genügte. Am wildeſten und rückſichtsloſeſten wurde der Adel verfolgt. Man ſah in ihm nur den Druck der Vor⸗ rechte vieler Jahrhunderte, und übte jetzt die Rache 24 blutiger Wiedervergeltung. Baron Vignerolles hatte daher alle Urſache, wohl auf ſeiner Hut zu ſein, und ſeine wahren Geſinnungen unter der Außenſeite eines wilden Republikaners zu verbergen. Nur unter dieſer Maske war es, wenn überhaupt, möglich, insgeheim zu Gunſten der Königin zu wirken, und er ſpielte ſeine Rolle, ſo widerwärtig ſie ihm war, mit aller Klugheit und großem Geſchick. Niemand vermuthete in ihm einen vornehmen Herrn. Leider nur wurde alle dieſe Klugheit und Geſchick⸗ lichkeit vergeblich aufgewendet, und Monat an Monat verging, ohne daß Baron Vignerolles ſeinen Zweck auch nur annähernd erreicht hätte. Dennoch harrte er aus, und wies alle Bitten und Vorſtellungen des treuen Jaques, das gefährliche Spiel aufzugeben und nach dem Schloſſe zurückzukehren, mit Entſchiedenheit zurück. »Was heute nicht gelingt, kann morgen gelingen,“« ſagte er, und blieb auf ſeinem Poſten. Da, zu Anfang des Oktober, verbreitete ſich das dumpfe Gerücht, auch die Königin ſolle angeklagt und vor das Blutgericht geſtellt werden. Dies geſchah denn auch in der That, und trotz ihrer Unſchuld wurde ſie zum Tode verurtheilt. Am 16ten Oktober 1793 um elf Uhr Morgens mußte ſie den Karren beſteigen, der ſie nach dem Schaffot führte. Baron Vignerolles be⸗ fand ſich unter der Menge, welche die unglückliche Kö⸗ nigin durch die Straßen fahren ſah, und ſo dicht als möglich drängte er ſich an ihren Karren. Sein Herz blutete, als er ſie erblickte. Ach, ſie war nicht mehr die einſtige, Anmuth und Schöͤnheit ſtrahlende, Königin! Der Gram hatte ihr Haar gebleicht, und die lange Kerkerhaft ihre Züge zerſtört. Selbſt den Pöbel ſchien 25 der traurige Anblick zu erſchuͤttern, denn ſo ſehr einzelne Bluthunde das Volk anreizten, die Königin auf ihrem letzten Wege noch zu beleidigen und zu ſchmähen, herrſchte dennoch überall die tiefſte Stille, und Baron Vigne⸗ rolles ſah manche Thräne fließen, welche man dem kummervollen Geſchicke dieſer armen Frau und Mutter zollte. Auf dem Blutgerüſte angekommen, beugte die Köni⸗ gin ihre Kniee, und ſagte laut mit klarer und feſter Stimme: »„Gott, erleuchte und rühre meine Henker! Lebt wohl auf immer, meine Kinder! Ich gehe zu eurem Vater!« Als ihr edles Haupt fiel, ertönte ein Wehegeſchrei aus der verſammelten Menge. Baron Vignerolles aber näherte ſich dem Schaffot, tauchte den Zipfel eines weißen Tuches in das rinnende Blut ſeiner Königin, und ſagte leiſe: »„Bei dieſem zum Himmel ſchreienden, unſchuldig vergoſſenen Blute ſchwoͤre ich, deinen Sohn zu retten oder zu ſterben!“ Verzweiflung im Herzen kehrte er in ſeine kleine Wohnung zurück, und überließ ſich mehrere Tage ohne Widerſtand der Heftigkeit ſeines Schmerzes. Dann aber raffte er ſich auf mit dem unerſchütterlichen Ent⸗ ſchluſſe, ſein heiliges Gelübde zu erfüllen. Jaques wagte es nicht, ihn durch Zureden und Bitten davon abzuhalten, denn er ſah wohl, daß der feſte Wille ſei⸗ nes Herrn unbeugſam war. Baron Vignerolles wich von jetzt an faſt nicht mehr von dem ſcharf bewachten Eingange zum Tempel, um irgend eine Gelegenheit zum Eindringen zu erſpähen, 26 und endlich ſchien es, als ob das Glück ihm einen Sonnenblick der Gunſt zuwenden wollte. Eines Tages ſah er zwei Männer aus dem Tempel treten. Sie ſprachen laut und lebhaft mit einander. Einen von ihnen kannte den Baron. Es war ein Menſch mit harten, rohen, tückiſchen Zügen, von ge⸗ meinem Ausſehen, und plumper, unterſetzter Geſtalt,— der Schuſter Simon, welchem der Convent die Aufſicht über den unglücklichen Dauphin Ludwig, den Sohn des enthaupteten Königs, übertragen hatte. Den Anderen hatte der Baron noch nicht geſehen, aber das edle Aeußere deſſelben, verbunden mit dem Ausdrucke von Würde und Sanftmuth in ſeinem Geſicht, flößte dem Baron ein gewiſſes Vertrauen ein. Er folgte den beiden Männern, und vernahm Einiges von ihrem Geſpräch. „Es muß ſein! Ich beſtehe darauf!“ ſagte der zuletzt Erwähnte mit Feſtigkeit. „Aber warum denn?“« erwiederte der Schuſter Si⸗ mon.„Ich und meine Frau ſind ja da, und außer⸗ dem ſcheint mir der kleine Capet auch gar nicht ſo krank zu ſein, wie Ihr behauptet, Bürger Doktor!« „Das verſteht Ihr nicht, Mann,“ verſetzte der Erſte. „Das arme Kind bedarf einer ſorgſameren Pflege, als Ihr ſie ihm zuwendet, und da mir der Convent be⸗ fohlen hat, ihm ärztlichen Beiſtand zu leiſten, ſo ver⸗ lange ich Gehorſam für meine Anordnungen. Verſteht mich wohl, Bürger Simon! Wenn ich bei dem Con⸗ vente Klage über Euch fuͤhren müßte, würde das nicht zu Eurem Vortheile ausfallen.“ „Nun denn, ich werde gehorchen, Bürger,“ ſagte Simon mürriſch, und machte Miene, nach dem Tempel zurückzukehren. „Gewiß, ich rechne darauf, Bürger Simon,“ er⸗ wiederte der Arzt.„Ihr werdet den Krankenwärter, den ich Euch heute noch zuſchicken will, bei Euch auf⸗ nehmen und ihm die Pflege des Prinzen, wollte ſagen, des kleinen Capet, unbedingt überlaſſen, ohne Euch weiter hinein zu miſchen,— weder Ihr, noch Eure Frau. Verſtanden?“ „Ganz recht, Bürger, ich werde gehorchen,“ grollte Simon.„Gleichwohl ſehe ich wahrhaftig nicht ein, warum man ſo viele Umſtände mit dem Tyrannen⸗ Sprößlinge macht!“ „Ihr ſeid ein Unmenſch, Simon,“ verſetzte der Arzt mit Entrüſtung.„Aber gleichviel, jedenfalls rechne ich auf Euren Gehorſam, oder Ihr werdet mit dem Con⸗ vente zu thun bekommen.“ Simon entfernte ſich mit tückiſcher Miene. Baron Vignerolles ging an ihm vorüber, als ob er ihn gar nicht bemerke, und folgte dem Arzte. Durch einen ver⸗ ſtohlenen Blick rückwärts überzeugte er ſich, daß der Schuſter im Eingange des Tempels verſchwunden war, und holte dann mit einigen raſchen Schritten den Dok⸗ tor ein.. „Mein Herr,“ redete er ihn an,„ich komme...“ Der Doktor ſah ſich erſchrocken um. „Still, ſtill,“ ſagte er.„Wir leben im Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nennt mich Bürger, wenn's beliebt, nur nicht mein Herr. Wenn das ein Aufpaſſer gehört hätte, es könnte Euch den Kopf koſten. Aber was wollt Ihr von mir, Bürger?“ »Verzeihung,— Bürger!« verſetzte der Baron. »„Ich hörte Eure Unterredung mit Simon, Ihr wollt einen Krankenwärter in den Tempel ſchicken,— um Gottes Barmherzigkeit willen flehe ich Euch an, ſchickt mich dahin!« Der Arzt maß den Baron mit großen Augen von Kopf bis zu den Füßen. »Buͤrger, Ihr ſeid nicht, was Ihr ſcheinen wollt,« ſagte er dann nach kurzer Ueberlegung.„Aber hier iſt nicht der Ort, ſich darüber zu verſtändigen. Folgt mir in meine Wohnung, ich bin eben auf dem Wege dahin. Aber in einiger Entfernung, bitte ich, man möchte ſonſt Verdacht ſchöpfen, und ich habe noch nicht Luſt, nähere Bekanntſchaft mit der Gulllotine zu machen. Auf Wiederſehen, Bürger!“ Er nickte leicht mit dem Kopfe, und ſchritt raſch weiter. Der Baron folgte ihm langſamer, ſah ihn nach einiger Zeit in ein Haus treten, und ſchluͤpfte eine Minute ſpäter hinter ihm drein. Die Thür ſchlug zu, er ſtand in einer finſteren Hausflur. Eine warme Hand ergriff die ſeinige, und eine leiſe Stimme flüſterte: „Kommen Sie!“« Dceer Baron folgte willig, denn er hatte die Stimme des Arztes erkannt. Derſelbe geleitete ihn eine Treppe zum oberen Stockwerke hinauf, und führte ihn dann durch mehrere Gemächer in ein kleines Kabinet, das er von innen verriegelte. „So! Nun reden Sie,“ ſprach er laut.„Hier ſind wir ſicher, von Niemand gehört zu werden. Sie ſind nicht ein Mann aus dem Volke, wie Ihre Klei⸗ dung glauben machen ſoll, Sie ſind Royaliſt, mein 29 Herr, und noch etwas Schlimmeres,— Sie ſind Edel⸗ mann! Läugnen Sie es nicht!« »Nein, ich läugne dies nicht, einem Ehrenmann gegenüber,“ antwortete der Baron ohne alles Bedenken mit einer ihm angeborenen natürlichen Würde. »Woher kennen Sie mich aber, mein Herr? Und was wollen Sie von mir?“ fragte der Doktor. „Ich wiederhole Ihnen,“ verſetzte der Baron,„daß ich Sie anflehe, mir die Stelle eines Krankenwärters im Tempel zu geben. Ich weiß, es ſteht in Ihrer Macht, denn ich war, wie ſchon geſagt, unbeſcheiden genug, einen Theil ihres Geſpräches mit Simon anzu⸗ hören.“ »Wiſſen Sie auch, was Sie von mir verlangen?« fragte der Doktor ernſt.„Ich wage ſehr viel, wahr⸗ ſcheinlich mein Leben, wenn man Sie dort als Royaliſt erkennt, wie ich Sie erkannt habe.«. „Sie ſehen, auch ich wage mein Leben,“ erwiederte Baron Vignerolles einfach. »Aber was wollen Sie im Tempel?« fragte der Arzt weiter.„Sie verfolgen irgend einen Plan, irgend eine Abſicht,— ich muß dieſe kennen lernen, bevor ich weiter mit Ihnen rede.“ „Ja, ich verfolge einen Zweck, und er iſt mir ſo heilig, daß ich mein Leben an den Erfolg ſetze,“ ant⸗ wortete der Baron.„Ich will den gefangenen Dau⸗ phin befreien, oder ſterben!« »Etwas der Art dachte ich mir,“« ſagte der Arzt. »Aber ich bewundere Ihre Offenheit. Wiſſen Sie nicht, daß ich nur dieſe Klingel zu ziehen brauche, um Sie in das Verderben zu ſtürzen?« „Sie werden das nicht thun, mein Herr,« erwiederte —— — —— — 30 der Baron.„Wie ich ſchon die Ehre hatte, zu ſagen, — Sie ſind ein Ehrenmann. Sie haben mich nicht in der Abſicht in Ihr Haus geführt, um zum Ver⸗ räther an mir zu werden.“ „ Und wer ſind Sie, mein Herr?« „Ich bin der Baron von Vignerolles, und ich habe meine Güter in der Bretagne verlaſſen, um meine Dienſte der Königlichen Familie zu weihen. Seit Mo⸗ naten bin ich hier, und konnte zu meinem tiefſten Schmerze nichts thun, die unglückliche Königin zu ret⸗ ten. Jetzt gehör' ich dem Prinzen, und ich werde Paris nicht verlaſſen, außer mit ihm. Er muß den Händen dieſer Henkersknechte entriſſen werden!“. Der Arzt durchſchritt augenſcheinlich mit ſich ſelbſt. kämpfend, einige Mal das Kabinet, blieb dann ploͤtzlich vor dem Baron ſtehen, und reichte ihm die Hand. „Wohlan denn,“ ſagte er,— Offenheit gegen Offen⸗ heit. Auch ich bin im Herzen Royaliſt, wie Sie, auch ich verabſcheue dieſe Verruchten, welche das Heiligſte in den Staub geriſſen und ihre Hände mit unſchuldi⸗ gem Blute befleckt haben, auch ich, und mit mir viele andere treue Männer haben das Aeußerſte verſucht, um den König und die Königin zu retten, auch ich arbeite daran, den unglücklichen Prinzen aus ſeiner ach! nur zu ſchrecklichen Lage zu befreien. Ich begrüße Sie darum als einen Mitarbeiter an einem heiligen Werke von ganzem Herzen, aber zugleich warne ich Sie auch vor jeder Unvorſichtigkeit. Ich kenne den Boden, den Sie betreten wollen,— er iſt wie eine Pulver⸗Miene,— ein Funke, und Sie ſind zer⸗ ſchmettert.« „Ich weiß das,“ erwiederte der Baron,„aber ich 31 bin entſchloſſen, in die Höhle des Löwen zu gehen, auf die Gefahr hin, daß ich erwürgt werde.“ »„Aber die Entführung des Prinzen iſt nicht nur gefahrvoll, ſondern auch ſchwierig, wenn nicht ganz und gar unmöglich,“ wendete der Arzt ein. „Kühnheit und entſchloſſene Todes⸗Verachtung laſſen zuweilen das ſcheinbar Unmögliche erringen,“ verſetzte der Baron.„»Nach dem, was Sie mir mitgetheilt haben, bezweifle ich nicht, daß Sie auch einen Plan verfolgen, indem Sie dem Prinzen einen Krankenwärter ſchicken wollen.« „Ja, ich läugne das nicht,“ erwiederte der Arzt. „Ich verfolge dabei einen doppelten Zweck. Einmal wünſche ich eine fortwährende Verbindung mit dem Inneren des Tempels zu erlangen, und dann bedarf der arme kleine Dauphin eines Beſchützers. Dieſer Schurke Simon behandelt ihn auf das Grauſamſte und Unwürdigſte, und ſeine Frau, ein abſcheuliches Weib, unterſtützt ihn bei ſeinen Schändlichkeiten. Da haben Sie die Gründe, warum ich dem Dauphin einen Kranken⸗ wärter ſchicken will. Er ſoll mein Kundſchafter, und zugleich des Prinzen Huter ſein.“ „Wohlan, ich werde nicht nur dieſes, ſondern auch ſein Befreier ſein,« ſagte Baron Vignerolles nach⸗ drücklich.„Sie bedürfen eines Mannes, in deſſen Treue Sie vollkommenes und unbeſchränktes Vertrauen ſetzen können. Hegen Sie Mißtrauen gegen mich?“ „Mein Himmel, nein! Nur Beſorgniß für Sie.« „Entſchlagen Sie ſich derſelben! Wir ſind Ver⸗ bündete, wir verfolgen den gleichen Zweck, und Sie glauben mir wohl, daß ich Sie nie verrathen werde. —õõ—— —— . ——y,—õʒ—-õʒ——— 3² Schreiben Sie mir den Zettel, der mir die Thore des Tempels öffnet!« „Sind Sie wirklich und unerſchütterlich entſchloſſen?“ „Unerſchütterlich!« „Nun wohlan denn, in Gottes Namen, des Gottes, deſſen Schutz ich auf Sie herabflehe,“ ſprach der Arzt feierlich.„Gehen Sie denn, und Ihre Treue möge den verdienten Lohn finden. Hier iſt der Erlaubniß⸗ Schein zum Eintritt in den Tempel.“ Der Baron faltete ihn zuſammen und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „Ich werde ſie täglich ſehen, mein Herr?« fragte er dann. „Täglich,— vielleicht auch öfter, wenn es, ohne Verdacht zu erregen, geſchehen kann.“ „Gut, ſo werden wir alſo in ſteter Verbindung bleiben, und können jeden günſtigen Augenblick be⸗ nutzen. Wann habe ich mich im Tempel zu melden?“ „Um ſechs Uhr Abends.“ „Jetzt iſt es vier Uhr, ich habe alſo Zeit genug, meinen Diener zu benachrichtigen. Leben ſie wohl, mein Herr, auf baldiges Widerſehen!« Die beiden Männer reichten einander die Hände und drückten ſie mit Herzlichkeit. „Vergeſſen Sie nicht— Verſtellung, Herr Ba⸗ ron!“ ſagte der Arzt noch beim Abſchiede.„»Trauen Sie Niemanden, und am wenigſten jenem Elenden, dem Schuſter Simon!“ „Ich werde nur mir ſelbſt vertrauen, Niemanden weiter,“ gab Baron Vignerolles zur Antwort, und entfernte ſich. Pünktlich um ſechs Uhr Abends ſtand Baron Vig⸗ 33 nerolles am Gitterthor des Tempels, und verlangte Einlaß. „Euren Paß, Bürger!“ redete die Schildwache ihn barſch an. Schweigend reichte der Baron den Schein des Arztes hin, der Soldat las die Worte:„Auf Befehl des Convents,“ machte ſeine Honeur's, und trat zurück. „Paſſirt!“ ſagte er. Baron Vignerolles trat in das Gefängniß ein, und ein leichter Schauer rieſelte durch ſeine Glieder, als er langſam durch dieſe düſtern Räume ſchritt, welche das Unglück ſeines Königs geheiligt hatte. Er mußte drei Treppen bis zur Wohnung des Schuſters Simon er⸗ ſteigen, und in jedem Stockwerke durch einen Saal gehen, welcher von Soldaten beſetzt war. An jeder Treppe wurde er noch außerdem von einer Schild⸗ wache angehalten, welche ihm, wie der Soldat am Eingange, ſeinen Paß abforderte, und nun erkannte er wohl, wie ſchwierig, ja wie unmöglich es geweſen war, den König durch dieſe Menge von Wächtern und Auf⸗ paſſern hindurch zu entfuͤhren. Die Conciergerie, in welcher die Königin die letzten Monate ihres Lebens zugebracht hatte, war faſt noch ſtrenger bewacht, als der Tempel, und Baron Vignerolles brauchte ſich deßhalb keine Vorwürfe daruͤber zu machen, daß es ihm nicht gelungen war, ſeine edlen Abſichten auszu⸗ führen. Gleichwohl ſchreckten ihn die Soldaten und Wächter nicht, und ebenſowenig konnte ihre große An⸗ zahl ſeinen Vorſatz erſchüttern. »Man muß hoffen,“« dachte er.„Vielleicht ſendet Wie der Herr ꝛc. 3 34 Gott eine günſtige Gelegenheit, und wir werden dann nicht verfehlen, ſie zu benutzen.“ Endlich erreichte er die Wohnung Simon's, ein finſteres, ſchmuckloſes Gemach mit ſtarken Eiſenſtäben vor den Fenſtern. Simon und ſeine Frau, ein ſchmutzi⸗ ges altes Weib mit häßlichen und boshaften Zügen, befanden ſich darin. Der Schuſter las in einer jener aufregenden Flugſchriften, welche zu damaliger Zeit unter das Volk verbreitet wurden, um den Blutdurſt deſſelben rege zu erhalten. Simon's Frau ſaß auf einem Schemel am Fenſter, und beſchäftigte ſich damit, grobe wollene Strümpfe auszubeſſern. „Wer biſt du? Was willſt du?“ fragte der Schuſter barſch den Eintretenden. „Ich bin der Krankenwärter, welchen der Bürger Doktor dem kleinen Capet ſchickt,« erwiederte Vig⸗ nerolles.„Ihr ſeid ohne Zweifel der Bürger Simon?“ „Du haſt es errathen. Das da iſt meine Frau,“ ſagte Simon kurz, und betrachtete den Ankömmling mit finſteren, übelwollenden, faſt mißtrauiſchen Blicken. Nach einer Weile fügte er hinzu:„Deine Legitimation, Bürger.“ 4 Baron Vignerolles reichte ſie hin, und Simon las ſte ſchweigend mit großer Genauigkeit von einem Ende bis zum andern durch, als ob er jeden Buchſtaben prüfen wolle. „Es iſt richtig,“ brummte er dann vor ſich hin. „Ich weiß nicht, was der Convent will. Mir wird geſagt, ich ſoll ein Ende machen mit dem Tyrannen⸗ ſohne, und nun ſchickt man ihm gar einen Kranken⸗ wärter! Warum nicht gleich auch noch einen Kammer⸗ diener?« 3 35 „Hüte deine Zunge, Simon!“ ziſchelte die Frau mit einem ſcheelen Blick auf Baron Vignerolles.„Es gibt Verräther.“ »Das iſt wahr,“ verſetzte der Schuſter, und ſchlug heftig mit der Fauſt auf die Flugſchrift, als ob er ſeinem Aerger und Grolle Luft machen müſſe. Eine geraume Zeit redete Niemand ein Wort. Simon und ſeine Frau thaten, als ob außer ihnen Niemand zugegen wäre. Baron Vignerolles verlor endlich die Geduld. „Wo iſt der kleine Capet? Ich ſehe ihn nicht,« ſagte er.„Bin ich hierher geſchickt, um zu faullenzen, oder wird man mir mein Geſchäft anweiſen?« Simon wies mürriſch auf eine Thür, welche zu einem Nebenzimmer zu fuͤhren ſchien. „Dort!« ſprach er barſch und kurz. Der Baron näherte ſich der Thür, öffnete ſte, und betrat ein kleineres Zimmer als das erſte, deſſen Fenſter aber ebenfalls ſtark vergittert waren. Eine kalte, dum⸗ pfige Luft wehte ihm entgegen, und die traurige Oede des Gemaches bedrückte ihn. Er gewahrte nichts, als ein Bett und einen Stuhl. Der Fußboden war mit Steinplatten belegt, die Wände waren kahl und ver⸗ räuchert und in den Winkeln hatten Spinnen zahlloſe Netze gewoben. Auf dem Bette lag ein Kind, das Geſicht nach der Wand gekehrt. Es drehte ſich nicht um bei dem Geräuſche, die das Oeffnen und Schlie⸗ ßen der Thür verurſachte, ſondern blieb unbeweglich liegen. 4 »Armes Kind!« murmelte der Baron.„Welch' ein Aufenthalt für den Sohn des Königs. der den * 2 36 Thron ſeiner Väter beſteigen ſollte! Welche Luft hier! Sie beklemmet die Bruſt!« Er ging an daäs Fenſter und öffnete es. Die Spinnweben, mit welchen er es überzogen fand, be⸗ wieſen, daß es lange Zeit verſchloſſen geweſen ſein mußte. Hierauf trat er an das ärmliche Bett, das aus nichts weiter beſtand, als aus einer Stroh⸗Matratze, einem Kopfkiſſen und einer leichten, dunnen Baumwollen⸗ Decke, unter welcher das Kind vor Froſt ſchauderte. „Friert dich, armer Knabe?“« fragte der Baron ſanft. Keine Antwort. „Er ſchläft vielleicht, ich will ihn nicht ſtoͤren,« murmelte er, und kehrte in das Zimmer Simon's zurück. „Der kleine Capet ſcheint ernſtlich krank zu ſein,“ ſagte er zu dem Schuſter.„Er muß eine warme Decke bekommen.“ „Suche dir eine,“ entgegnete der Schuſter mit einem häßlichen Lachen.„Du wirſt ſchwerlich eine finden. Ueberdieß, ehe er eine Decke bekommen darf, muß die Erlaubniß dazu vom Convente eingeholt wer⸗ den. Aus eigener Machtvollkommenheit kann ich nichts thun, ſondern ich gehorche nur den Befehlen, die man mir zuſchickt.« Baron Vignerolles ſeufzte. Er ſah wohl, daß jeder Verſuch, dieſes ſteinerne Herz zu rühren, vergeblich ſein würde. Auch in den harten Zügen der Frau las er nichts, auch nicht die leiſeſte Spur, von weiblichem Mitleid. 3 „Ich werde mit dem Doktor ſprechen,“ ſagte er. „Einſtweilen muß man anders zu helfen ſuchen.« 37 Er ging wieder in das Zimmer des armen Knaben, und fand ihn noch eben ſo unbeweglich, wie vorher. Leiſe zog er ſeinen Rock aus, unter welchem er zum Glück noch eine wollene Jacke trug, und deckte die zarte, ſchmächtige Geſtalt damit zu. „Er wird ſich doch ein wenig wärmen,“ flüſterte er mitleidig. Der Knabe mußte dieſe Worte gehört, und die wohlwollende Handlung bemerkt haben, denn jetzt drehte er ſich plötzlich um, und blickte mit hellen, blauen Augen ſeinen Wärter an. Es war ein, etwa acht Jahre alter, anmuthiger, hübſcher Knabe, obſchon ſein zartes Geſicht von der Kerkerhaft und von langen Körper⸗ und Seelen⸗Leiden ſehr bleich geworden war. Lange blonde Locken ringelten ſich um ſeine Stirn, und ein ſanftes Lächeln ſpielte um ſeinen kleinen Mund. „Ah!« ſagte er mit milder Stimme,„ich glaubte, es wäre der böſe Simon. Wer ſind Sie, mein Herr? Sie ſcheinen Theilnahme für mich zu fühlen? Sie haben mir ihren eigenen Rock gegeben, um mich zu erwärmen?“ „Ich bin dein Krankenwärter, mein armes Kind,“ erwiederte der Baron, welcher aus Vorſicht noch nicht wagte, ſich zu erkennen zu geben.„Der Doktor ſchickt mich, und ich will dich ſo gut pflegen, als ich kann. Bedarfſt du Etwas?“ „Ein wenig Waſſer, ich bitte!« ſagte das Kind. Vignerolles ſah ſich um, und erblickte in einem Winkel einen Steinkrug. Er war leer. „Die Schändlichen!« murmelte er.„Sie laſſen das arme Kind verſchmachten!“ 38 Er ging ſogleich, friſches Waſſer zu holen, und erquickte den Knaben damit. „Danke!“ ſagte dieſer mit einem ſanften Blicke. „So gutes Waſſer habe ich ſehr lange nicht getrunken. Simon bringt es mir nie friſch.« „Iſt er nicht gütig gegen dich?« fragte der Baron. „Man ſollte doch glauben, eine wilde Beſtie müßte Mitleiden mit dir haben!« „Oh nein,“ antwortete der kleine Prinz mit einem Seufzer.„Er ſchilt mich, er ſchlägt mich und miß⸗ handelt mich, ohne daß ich ihm Veranlaſſung dazu gebe. Neulich trat er mich mit dem Fuße vor die Bruſt, daß ich durch das ganze Zimmer bis gegen die Wand flog, weil ich, als ich ihm ſeine Füße wuſch, etwas nicht nach ſeiner Laune machte. Davon bin ich krank geworden.“ »Der Unmenſch!“ rief Baron Vignerolles empört aus.„Und er zwingt dich, ihm die Füße zu waſchen? Dich, den Sohn ſeines Köͤnigs? Aber dieß überſteigt jedes Maß der Schändlichkeit.“ 4 „Oh, er peinigt mich noch mehr, und ſeine böſe Frau ebenfalls,“ entgegnete der kleine Dauphin traurig. „Ich muß Beiden die niedrigſten und ſchmutzigſten Dienſte leiſten, wenn ich nicht getreten, geſtoßen und blutrünſtig geſchlagen werden will.“ Vignerolles war im Begriff, ſeine Entrüſtung in lauten Worten Luft zu machen, als ploͤtzlich die Thür aufgeriſſen wurde. Simon trat ein, mit boshaft fun⸗ kelnden Augen und tückiſchem Grinſen. 1 „Hoͤre mal, kleiner Capet,“ ſagte er drohend,„ich glaube gar, du erlaubſt dir, dich über mich zu beklagen? 39 Nimm dich in Acht, oder du wirſt die Holzpantoffeln meiner Frau zu koſten bekommen!“ Das arme Kind ſchauerte zuſammen, zitterte am ganzen Leibe, und wagte keinen Laut von ſich zu geben. Vignerolles aber trat mit vor Zorn flammenden Augen auf den Unmenſchen zu. „Keine Drohungen hier, Bürger Simon,“ ſagte er mit vor kaum verhaltener Wuth bebender Stimme. „Sie erſchrecken das Kind! Ich darf das nicht dulden, und werde dem Arzte Bericht darüber erſtatten. Man wird dem Convente Nachricht geben! Verſtehen Sie?“« Die Bedrohung mit dem Convente ſchüchterte den Elenden ein. „Nun gut,“ ſprach er gemäßigter,—„du biſt Krankenwärter und ich will mich in deine Angelegen⸗ heiten nicht einmiſchen. Aber ich will mich auch nicht von dem Sohne des Tyrannen verläumden laſſen. Die Thür bleibt von jetzt an offen, und wehe dir, kleiner Capet, wenn du über mich Klage führſt.“ Dieſer Anordnung durfte ſich Vignerolles nicht widerſetzen, und Simon erreichte dadurch ſeinen Zweck, den Wärter wie den Knaben zu überwachen. Sie konnten kein vertrauliches Wort mehr mit einander wechſeln, und mußten ſogar über jede ihrer Mienen und Bewegungen wachen, da Simon und ſeine Frau ſie nicht aus den Augen ließen. Dieſer Zuſtand dauerte mehrere Tage. Vignerolles benutzte ſie, Bekanntſchaft mit den andern Wächtern des Tempels anzuknüpfen, was ihm ſpäter zu ſtatten kommen konnte. Die Meiſten wechſelten zwar häufig, aber Einige fand er immer wieder, und wurde ſchnell mit ihnen vertraut, da er es ſich angelegen ließ, den 40 8 wüthenden Jakobiner zu ſpielen. Sogar Simon’s Wachſamkeit wußte er allmählig einzuſchläfern, und die Frau deſſelben gewann er durch einige kleine Ge⸗ ſchenke, die er bei paſſenden Gelegenheiten zu über⸗ reichen wußte. »„Du ſcheinſt gut mit Geld verſehen, Bürger,“ ſagte Simon bei einer ſolchen Gelegenheit zu ihm. „Ja, ich habe mir ein paar Thaler erſpart,“ ver⸗ ſetzte Baron Vignerolles ruhig, und klimperte mit einer Handvoll Thaler in ſeiner Taſche.“ Ich würde ſie gern zum Beſten geben, wenn es ſich machen ließe. Auf ein paar Dutzend Flaſchen Wein ſollte es mir nicht ankommen. Man hat ſo viele Langweile hier, und ich möchte einmal wieder ein paar luſtige Stunden mit ein paar luſtigen Kameraden verleben.“ „Iſt das dein Ernſt, Bürger?“ fragte Simon gierig.« „Gewiß! Ich ſcherze nicht mit ſolchen Anerbie⸗ tungen.“ „»Nun denn, es ließe ſich machen, Bürger,“ ſagte Simon wohlgelaunt, denn er liebte den Wein und üͤbernahm ſich häufig darin.„Morgen ſchon! Man feiert morgen in Paris ein großes Feſt, wie es nur unſer Robespierre zu veranſtalten verſteht. Da wird Alles auf den Beinen ſein, um ihm beizuwohnen, und kein Menſch wird daran denken, in den Tempel zu kommen. Wenn es alſo dein Ernſt iſt, Bürger ſo...“ „Mein vollkommener Ernſt, und, damit Ihr den Glauben in die Hand bekommt, ſo nehmt hier dies und beſorgt einſtweilen die Einkäufe,“— ſagte der Baron, und zog eine Handvoll Thaler aus der Taſche, die er Simon überreichte. 41 „Ach, das iſt prächtig!“« rief Simon aus.„Es wird ein herrliches Feſt geben, ſo ganz unter uns. Ich gehe ſofort, Wein zu kaufen.“ Baron Vignerolles hatte darauf gerechnet. Simon's Frau war nicht anweſend. Sobald ſich der Schuſter entfernt hatte, eilte Vignerolles zum Dauphin. »Mein Prinz,“ ſagte er bewegt.„Vertrauen Sie mir? „Ja, guter Mann!“ antwortete der arme Kleine, und nickte freundlich. „Wohlan, werden Sie mir morgen folgen, wenn ich. Sie dazu auffordere?“ „Gewiß, mit Vergnügen! Was beabſichtigen Sie?« „Still, die Wände haben hier Ohren! Auf morgen! Ich hoffe, mein Prinz, Gutes für Sie. Aber laſſen Sie ſich nichts merken.“ „Nichts! Ich werde ſein wie immer!“ In dieſem Augenblicke kam der Arzt, und Vigne⸗ rolles eilte ihm erfreut entgegen. »„Das trifft ſich ſehr gluͤcklich!« ſagte er.„Wir ſind allein, und können unbelauſcht reden. Hören Sie! Morgen denke ich einen Verſuch zur Befreiung des Prinzen machen zu können. Man feiert ein Feſt in Paris, und hier im Tempel wird man ein Trinkgelage veranſtalten. In der Verwirrung, wenn die Wächter betrunken ſind, entführe ich den Prinzen. Wie? weiß ich noch nicht,— vielleicht in einem Sacke, in einem Korbe, oder in Wäſche verſteckt. Aber ich hoffe; es wird gelingen. Der kühnſte Weg iſt zuweilen der Beſte.« Der Arzt war bleich vor innerer Bewegung. »Vielleicht— gelingt es, ſagte er.„Man muß den Verſuch wagen. Beſtimmen Sie über mich. Kann ich Ihnen in irgend Etwas Beiſtand leiſten?« Nein, Herr Doktor,“ antwortete Vignerolles.„Es genügt, daß Ein Kopf in Gefahr iſt und ich bedarf auch keiner Hülfe. Aber einen Auftrag bitte ich Sie zu erfüllen f „Welchen?« „Suchen Sie meinen Diener Jaques auf. Er wohnt rue Montmartre Nr. 1. 5te Etage. Sagen Sie ihm, er ſoll von morgen Mittag an einen Wagen mit zwei ſtarken und raſchen Pferden beſpannt, an der Ecke der nächſten Straße bereit halten, und warten, nöthigen Falls bis Mitternacht.“ „Ich verſtehe!« ſagte der Arzt.„Wenn Gott ſeine Zuſtimmung gibt, daß der arme Knabe ſeinen Henkern entriſſen werden ſoll, ſo beſteigen Sie den Wagen und jagen im Galopp davon. Aber Eines haben Sie vergeſſen.“ „Was?“ „Einen Paß! Man wird Sie überall anhalten, und ohne Legitimation ſind Sie ſtets in Gefahr, gretirt zu werden. Aber beruhigen Sie ſich. Den Paß werde ich beſorgen und ihn Ihrem Jaques über⸗ geben. Iſt er zuverläſſig?« „Treu wie Gold! Sie können ihm vollkommenes Vertrauen ſchenken. Ich ſagte es Ihnen ſchon.“ „Und bedarf er vielleicht Geld?« „»Nein, er iſt verſehen. Ich habe eine hinreichende Summe von Hauſe mitgenommen und ihm übergeben.“ „Gut! Verlaſſen Sie ſich auf mich, Herr Baron. Alles ſoll pünktlich beſorgt werden, und ich bete zu —— * ſpiele beizuwohnen. Baron Vignerolles hatte darauf 43 Gott, daß er Sie und jenes theure Haupt in Seinen gnädigen Schutz nimmt.“ »„Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Aber bitte, jetzt gehen Sie. Man könnte uns überraſchen.“ 6 »Auf ein gluͤckliches Wiederſehen— in Freiheit!« erwiederte der Doktor und entfernte ſich Zehn Minuten ſpäter kehrte Simon, keuchend unter der Laſt eines mit Weinflaſchen gefüllten Korbes, in den Kerker zuruͤck. Er war in der beſten Laune, und als Baron Vignerolles ihm erlaubte, eine Flaſche zu leeren, wurde er ſogar faſt liebenswürdig, und ſtreichelte dem armen kleinen Prinzen die blonden Locken. Dann gab er ſich dem Laſter des Trinkens hin, während Baron Vignerolles ſtill brütend auf dem Stuhle vor dem Bette des Knaben ſaß, und über die Mittel nach⸗ dachte, ihn zu befreien. Drittes Kapitel. Das Trinkgelag im Tempel. Am nächſten Morgen verkündigte das Geläute aller Glocken in Paris, daß man ein allgemeines Feſt zu feiern im Begriffe ſei. Alle Welt ſtrömte nach dem Marsfeld, wo gewöhnlich dieſe Nationalfeſte abgehalten wurden, und auch die Frau des Schuſters Simon konnte dem Verlangen nicht wiederſtehen, dem Schau⸗ 44 gerechnet, und ſein Herz pochte vor Freuden, als ſich das häßliche Weib entfernte, um erſt am ſpäten Abend zurückzukehren, wie ſie ihrem Manne ſagte. „Geh' nur,“ antwortete dieſer ganz zufrieden.„Ich werde ſchon einmal ohne dich fertig werden.“ Ungeduldig erwartete Baron Vignerolles den Nach⸗ mittag. D tunden ſchlichen ihm ſchneckengleich da⸗ hin. Er hatte ſeinen Plan entworfen. Wenn die Beiſitzer des Trinkgelages von Wein und Luſtigkeit berauſcht waren, wollte er in aller Stille davonſchleichen, ſich in die Kammer zum Prinzen zu begeben, und dieſen dazu bewegen, in einen großen Waſchkorb zu kriechen, in welchem gewöhnlich die Wäſche Simon's fortgetragen und gebracht wurde. Dies konnte keinen beſonderen Verdacht erregen, und er gab ſich der Hoff⸗ nung hin, den Gefangenen trotz aller Wachen und Aufpaſſer aus dem Tempel zu ſchaffen. Es koſtete ihn keine geringe Anſtrengung, ſeine tiefe Gemüthsbewegung den Augen Simons zu ver⸗ bergen. Zum Glück erwartete dieſer ſelber mit Unge⸗ duld den Anfang des Gelages, und als die alte Wand⸗ uhr in ſeinem Zimmer endlich die vierte Stunde ver⸗ kündigte, ließ es ihm keine Ruhe mehr. „»Komm,“ ſagte er zu Baron Vignerolles.„Die Kameraden werden nun wohl bereits verſammelt ſein, und ſie möchten verdrießlich werden, wenn wir ſie lange warten ließen. „Ich bin bereit,« erwiederte der Baron.„»Laßt uns gehen.“ „Ja, aber erſt wollen wir den kleinen Capet in ſeine Kammer einſchließen, damit er uns keine Dumm⸗ heiten macht und wir ruhig über ihn ſein können,“ 45 4 ſagte Simon, und verſchloß die Thür. Den Schlüſſel ſteckte er in ſeine Taſche.— Baron Vignerolles wagte keinen Widerſpruch gegen dieſe Vorſichts⸗Maßregel Simon's, obgleich ſie ihm nichts weniger als angenehm war. Indeß tröſtete er ſich damit, daß es nicht ſchwer halten würde, die Thür mit Hülfe eines Beiles oder eines Meißels zu zerbrechen, und außerdem mußte es Simon ſicher machen, wenn er den Knaben hinter Schloß und Riegel ver⸗ wahrt glaubte. So gingen denn beide nach dem unteren Wacht⸗ Saale, und fanden hier wirklich ſchon einige Soldaten und Wächter, welche ihr Erſcheinen mit lautem Jubel begrüßten. „»Da kommt Simon! Nun kann es losgehen!“ ſagte ein Bürger⸗Sergeant, Namens Morel, deſſen Bekanntſchaft Baron Vignerolles bereits gemacht hatte. „Setzt Euch, Kameraden! Herbei mit den Flaſchen, Simon! Wie wir hier ſind, haben wir Alle durſtige Kehlen!“ „Ihr ſollt ſie anfeuchten, bis Ihr genug habt,« erwiederte Simon in der beſten Laune.„Es iſt hin⸗ reichend Wein da, dank der Freigebigkeit dieſes Kame⸗ raden!“ »„Er lebe hoch!« ſchrie Morel ausgelaſſen.„Und Tod den Tyrannen!“ Die Gäſte nahmen Platz um einen Tiſch in der Mitte des Saales, Simon brachte Trinkgläſer herbei, ſetzte eine Batterie Flaſchen auf, und das Gelage nahm ſeinen Anfang. Vignerolles trank mit den Uebrigen, hütete ſich aber wohl, eben ſo unmäßig zu ſein, wie dieſe, und ſchüttete den Inhalt ſeines Glaſes meiſt 46 † heimlich unter den Tiſch aus. Noch mehrere Wächter und Soldaten kamen hinzu, und bald gab es im Tempel keine Wachen unter Gewehr mehr, als die Wenigen, welche an den Treppen und am Eingange poſtirt waren, und ihren Poſten natürlich nicht verlaſſen durften. „Die armen Teufel!“ ſagte Baron Vignerolles. Da ſie nicht mit uns fröhlich ſein können, ſollte man Jedem wenigſtens eine Flaſche Wein zukommen laſſen.“ Der Vorſchlag fand Beifall, denn es war Wein im Ueberfluß vorhanden, und Baron Vignerolles ging ſelbſt, um den Schildwachen eine Flaſche zu bringen. Hierbei überzeugte er ſich, daß die Luft in den unteren Stockwerken des Tempels rein ſei, und mit neuer Hoff⸗ nung kehrte er in den Trinkſaal zurück. Die Tage waren kurz, und es wurde bald dunkel. Man mußte Lichter anzünden. Beim Scheine derſelben bemerkte Vignerolles, daß die meiſten Gäſte bereits ziemlich viel getrunken haben mußten, denn ihre Augen glänzten, ihre Geſichter waren geröthet, und die ganze Geſellſchaft plauderte, ſang und ſchrie wild durcheinan⸗ der. Simon war ſchon ſo berauſcht, daß er taumelte und nur noch mit lallender Zunge ſprechen konnte. »Trinkt, Kameraden, trinkt!« rief Baron Vignerolles den Zechern zu, und ſchenkte von Neuem die leeren Gläſer voll.„Wir haben noch eine ganze Menge volle Flaſchen, und es wäre eine Schande, wenn wir nur eine einzige davon übrig ließen. Es lebe die Freiheit!« »Sie lebe hoch!« brüllte die ganze Geſellſchaft im Chore, und leerte die Gläſer, um ſie ſofort wieder zu füllen. 47 8 „Und die Gleichheit!« rief Baron Vignerolles, der ſeinen Wein unbemerkt unter den Tiſch geſchüttet hatte, von Neuem. 3 Von Neuem wurde getrunken, und der Baron brachte ein drittes Hoch aus auf die Brüderlichkeit. Man trank wacker, und es dauerte nicht lange mehr, ſo glaubte Baron Vignerolles an die Ausführung ſeines Wageſtücks gehen zu können. Alle Gäſte waren mehr oder weniger berauſcht, und ſo ganz und gar mit Trinken, Singen und Schwatzen beſchäftigt, daß ſie auf nichts weiter Acht hatten. Baron Vignerolles trug eine neue Batterie Flaſchen auf, und erwartete dann einen günſtigen Augenblick, um unbemerkt davon zu ſchleichen. Noch zögerte er, als plötzlich die Thür geöffnet wurde, und ein kleiner Knabe, ungefähr von der Größe des gefangenen Prinzen, in den Saal trat. Niemand ſah ihn, als Baron Vignerolles, der ihn verwundert anblickte. Er näherte ſich dem Kinde, das, einge⸗ ſchüchtert durch den Lärm und das Geſchrei, an der Thür ſtehen geblieben war. »He mein Kleiner, wie kommſt du hierher?“ fragte er den Knaben.„Was willſt du hier?« „Ich ſuche meinen Vater, den Sergeanten Morel,« erwiederte das Kind.„Ich ſoll ihm einen Auftrag von der Mutter ausrichten.“ 8 Ein Gedanke, flüchtig wie ein Blitz, durchzuckte und erleuchtete den Baron. Er war entſchloſſen ge⸗ weſen, den Dauphin auf jede Gefahr hin in einem Korbe zu entführen, jetzt entwarf er im Nu einen anderen Plan, der ſicheres Gelingen zu verſprechen ſchien.“ 48 „Dein Vater iſt hier, liebes Kind,“ ſagte er.„Geh' mit mir, ich will dich zu ihm führen.“ Der Sergeant Morel war nicht minder betrunken, wie die Uebrigen, doch befand er ſich in der beſten Laune, und nahm ſeinen Sohn freundlich auf. „Mein kleiner Jerome, was für ein Wind führt dich her?« ſagte er mit ein wenig ſchwerer Zunge. „Da trink einmal! Es ſchmeckt gut.« Der Knabe leerte das Glas, welches Baron Vig⸗ nerolles augenblicklich wieder füllte. »Nun, was willſt du von mir Kleiner?« fragte Marel wieder.„Schickt dich die Mutter?« „Ja, Papa,“ erwiederte der Knabe.„Die Mutter iſt auf das Marsfeld gegangen, um das ſchöne Feuer⸗ werk zu ſehen, was dort abgebrannt wird. Sie fürchtete das Gedränge für mich, und ſchickte mich deßhalb hier⸗ her zu dir. In einem Stündchen will ſie mich wieder abholen.⁵ „So— ganz recht, mein Kind,“ lallte Morel. „Setze dich denn, und warte, bis die Mutter kommt.“ Baron Vignerolles tippte Morel leiſe auf die Schul⸗ ter. Er drehte ſich um.. „Was gibt's, Kamerad?“ fragte er. „Ich meine nur, lieber Freund, daß dieſes Zimmer kein paſſender Aufenthalt für das Kind iſt,« erwiederte der Baron.„Seht nur unſere Kameraden! Sie plau⸗ dern und ſingen allerlei, was der Kleine beſſer nicht hörte.« „Ja, meiner Treu, das iſt wohl wahr,“ verſetzte der Sergeant, indem er ſeine Vernunft ein wenig zu⸗ ſammen nahm.„Aber was iſt zu thun? Ich kann 5 49 meinen kleinen Jerome doch nicht auf die Straße werfen!“ 8 »Nein, Sergeant, aber ich wüßte einen anderen Vorſchlag,“ ſagte der Baron leiſe.»Wenn Ihr erlaubt, führe ich Jerome zum kleinen Capet. Die beiden Kinder können ein bischen mit einander plaudern und ſpielen, und wenn die Mutter kommt, übergebe ich Jerome ihrer Obhut.“« »Das iſt ein guter Einfall,“ erwiederte Morel und nickte.„Ja, nehmt den Jungen mit Euch, er ſtört uns hier nur, und iſt uns im Wege. Geh' mit dem Bürger da, Jerome. Er wird dich zu einem Kamera⸗ den bringen.“ Das Kind folgte gern und willig, denn es fürchtete ſich vor dem Geſchrei und dem Spektakel, den die trunkene Geſellſchaft machte. Baron Vignerolles warf einen flüchtigen Blick auf Simon. Der ganz betrunkene Schuſter lag mit dem Kopfe auf dem Tiſche und ſchlief. Vignerolles zog leiſe den Schlüſſel zu der Thür des Prinzen aus ſeiner Taſche, ergriff ein Licht, und entfernte ſich mit dem kleinen Jerome aus dem Saale, ohne daß irgend ein Menſch darauf achtete. Zitternd vor Freude eilte er die Treppe hinauf und zu dem Gefangenen.. „Geſchwind, mein Prinz, der Augenblick iſt ge⸗ kommen!“ ſagte er.„Sind Sie bereit, mit mir zu fliehen?« »Fliehen? Aus dem Tempel?« antwortete der arme Knabe ganz bleich vor freudigem Schrecken. »Ja, fliehen, und zwar auf der Stelle,« erwiederte der Baron.„Nur ein wenig Muth, und es muß ge⸗ lingen. Du, mein kleiner Jerome, fürchte dich nicht, Wie der Herr ꝛc. 4 3 50 man wird dir nichts Böſes thun, aber du mußt dich auskleiden und in dieſes Bett legen.“ Der kleine Knabe ſträubte ſich ein wenig, aber Vignerolles drückte ihm einen blanken Thaler in die Hand, und nun ließ er es ruhig geſchehen, daß der Baron ihn entkleidete und in das Bett legte, welches der Prinz mittlerweile verlaſſen hatte. „Hurtig mein Prinz, ziehen Sie dieſe Kleider an,“ ſagte Vignerolles jetzt, indem er ſich von dem kleinen Jerome zu dem Gefangenen wendete. Der Prinz beeilte ſich, ſo viel er konnte, und der Baron war ihm beim Ankleiden behülflich. „Gott iſt mit uns,“ ſagte Vignerolles bebend vor Freude.„Er hat mir dieſen Knaben zugeſchickt, damit unſer Plan gelinge. Hören Sie mich an, mein Prinz, und thun Sie genau, was ich Ihnen anempfehle. Um aus dem Tempel zu kommen, müſſen wir durch einen Saal, der von Ihren Wächtern angefüllt iſt. Aber fürchten Sie nichts. Die Leute ſind Alle betrunken, und werden Sie, geſetzt auch den Fall, Sie würden bemerkt und beachtet, für dieſen Knaben halten, den Sohn des Sergeanten Morel, welcher durch den glück⸗ lichſten Zufall von der Welt,— nein, durch die himm⸗ liſche Fuͤgung Gottes heute Abend in den Tempel ge⸗ kommen iſt. Gehen Sie an meiner Seite dreiſt durch den Saal, ich werde Sie ſo führen, daß der Schatten meines Körpers ſie deckt. Wenn man Sie ruft, ſo⸗ antworten Sie nichts,— ich werde ſchon ſprechen, wenn es nöthig iſt. Und nun ohne Furcht vorwärts! Gott wird uns beſchützen, und die Augen Ihrer Wächter mit Blindheit ſchlagen!“ Der Prinz war jetzt fertig angekleidet, und Baron 51 Vignerolles ſetzte ihm Jerome's Mütze auf, unter welche er die blonden, langen Locken verſteckte. Der kleine Jerome ließ Alles ganz ruhig geſchehen. Er lag ſtill im Bette und betrachtete den blanken Thaler, den ihm der Baron gegeben hatte. „Verhalte dich ferner ſtill, mein Kind, und ſei unbeſorgt,“ ſagte der Baron zu ihm!„In kurzer Zeit wird deine Mutter kommen und dich abholen.“ Der Knabe nickte, und Baron Vignerolles ſtellte das Licht auf den Stuhl vor ſeinem Bette, worauf er mit dem Prinzen die Kammer verließ und die Thür hinter ſich zuſchloß, aus Beſorgniß, daß der Knabe auf den Einfall kommen könnte, ſich wieder in den Saal hinunter zu ſeinem Vater zu begeben. »Jetzt nehmen Sie meine Hand, Prinz,— ſo!« flüſterte er dem Dauphin zu.„Und nun, in Gottes Namen vorwärts.“ Der Prinz zitterte ein wenig, hatte aber doch Kraft genug ſich aufrecht zu erhalten. Sie gingen im Dunkeln die Treppe hinunter bis an die Thür des Saales, welche Baron Vignerolles abſichtlich offen gelaſſen hatte. Sie war nicht wieder geſchloſſen worden, und wüſtes Geſchrei, Gelächter, Geſang und Toben drang daraus hervor. Der Prinz wankte, und mußte ſich feſt an die Hand des Barons anklammern, um nicht nieder⸗ zuſinken. „Muth, mein Prinz, um Gottes willen, Muth!« flüſterte Baron Vignerolles ihm zu.„Je mehr Sie toben und lärmen, deſto beſſer für uns. Halten Sie ſich nur wenige Augenblicke aufrecht! Einmal durch den Saal, haben wir gewonnen. Muibe A. 5² „Es iſt vorüber,“ antwortete der Prinz.„Jetzt bin ich entſchloſſen. Laſſen Sie uns weiter gehen!“ Der Baron drückte ihm die Hand, und betrat mit ihm den Saal. Er deckte den Knaben mit ſeinem Körper, und hielt ſich möglichſt von dem Tiſche entfernt, Dennoch pochte ſein Herz in furchtbarer Aufregung, denn ein einziger Blick des Sergeanten Morel konnte ihm Verderben bringen. Er ſchaute nach ihm. Zum Glück plauderte Morel angelegentlich mit ſeinem Nach⸗ bar, und dachte nicht daran, aufzuſehen. Sie kamen am Tiſche vorbei— ließen ihn hinter ſich— erreichten die Ausgangsthür,— und traten aus dem Lichtſchimmer hinaus in den finſtern Corridor. Tief auf athmete Baron Vignerolles, und drückte im äußerſten Entzücken den Prinzen an ſein Herz. „Gerettet!« flüſterte er.„Zwar iſt noch nicht Alles vorüber, aber die ſchwerſte, die ſchrecklichſte Gefahr haben wir überſtanden. Mit den Schildwachen hoffe ich leicht fertig zu werden, denn ſie müſſen den kleinen Sohn Morel's haben hinaufgehen ſehen. Kommen Sie deßhalb ohne weitere Furcht, mein Prinz!“ Sie ſtiegen die Treppe hinab, und die am Fuße rſelben poſtirte Schildwache hielt ſie an. rſächen da?« rief ſie mit vorgeſtrecktem Gewehr. „Der kleine Morel, der Sohn des Sergeanten,“« erwiederte der Baron mit feſter Stimme;— ich will ihn ſeiner Mutter bringen, die draußen wartet.“ „Ach, ja! Paſſirt! Ddie Schildwache zog ohne Argwohn ihr Gewehr zurück, und Vignerolles ging mit dem Prinzen weiter. An allen Poſten vorüber gelangten ſie glücklich bis an den Ausgang des Tempels. Die Pforte ſtand offen, de * ——— blickte ſchärfer hin, und ſtürzte ſich dann plötzlich mit 53 und vor derſelben konnten ſte beim Schein des Mon⸗ des, der beinahe Tageshelle verbreitete, die Schildwache auf und nieder ſchreiten ſehen. »Das helle Mondlicht gefällt mir nicht,« flüſterte der Baron.„Wenn der Soldat zufällig den kleinen Morel genauer angeſehen hätte! Gleichwohl,— es muß gewagt werden. Druͤcken Sie die Mütze ein we⸗ nig tiefer in's Geſicht, mein Prinz.“ Der Knabe that, was ihm geheißen wurde, und Baron Vignerolles trat mit ihm aus der Pforte. In demſelben Augenblicke näherten ſich zwei Offiziere von der entgegengeſetzten Seite, und waren nur noch zwan⸗ zig Schritte entfernt, als die Schildwache dem Baron Vignerolles„Halt!“ zurief, und das Gewehr fällte. „Wer da?“ Der Baron gab die nämliche Antwort, die er den anderen Schildwachen gegeben, und der Soldat zog ſchon ſein Gewehr zurück, als eben jetzt auch die bei⸗ den Offiziere heran traten, und einen flüchtigen Blick auf die Austretenden warfen. Plötzlich ſtutzte der Eine, Einem Sprunge auf den Prinzen, den er, Tiger ſeine Beute, mit beiden Händen erz feſthielt. will den kleinen Capet entführen! Verhaftet dieſen Menſchen!« Baron Vignerolles ſah Alles verloren und nirgends Rettung mehr. Er machte einen verzweifelten Verſuch, den Prinzen den Händen des Offtziers zu entreißen, aber dieſer ließ ſeine Beute nicht fahren, und zugleich ſtürzten auch der andere Offizier und die Schildwache „Verrath!« ſchrie er mit Donnerſtimme.„Man 54 über ihn her und riſſen ihn nieder. Der Baron lei⸗ ſtete keinen Widerſtand weiter, ſondern ließ ſich gedul⸗ dig binden und in das Gefängniß abführen. Als er hinter der Pforte verſchwand, vernahm man das Raſ⸗ ſeln eines davonrollenden Wagens. Der treue Jaques, welcher an einer Straßenecke geduldig gewartet und die Gefangennahme ſeines Herrn geſehen hatte, fuhr traurig davon, da er die Unmöglichkeit einſah, ihm Beiſtand zu leiſten. Rettung für den Baron Vigne⸗ rolles, den getreuen Diener ſeines Königlichen Herrn, konnte jetzt nur noch von Oben kommen. Viertes Kapitel. Jaques. 3 Der ehrliche Jaques Brouſſard dachte indeß nicht daran, Paris zu verlaſſen, bevor nicht das Geſchick ſe ebieters entſchieden ſein würde. Jeden Tag kon nan ihn von der Stunde an, wo die Sitzun⸗ gen eröffnet wurden, vor dem Thore des Revolutions⸗ Gerichtes ſehen, wo er mit dem Auge eines Falken jeden Ein⸗ und Ausgehenden zu erſpähen ſuchte, um vielleicht noch einmal ſeinen Herrn zu Geſicht zu be⸗ kommen. Sein heißeſter Wunſch wurde auch in der That erfüllt. Am fünften oder ſechsten Tage nach ſeiner Verhaftung wurde Baron Vignerolles in das Gericht geführt, und es gelang Jaques, mit ihm zu⸗ 5⁵ gleich in den Saal einzudringen, und wenigſtens einige Blicke und unbemerkbare Zeichen mit ihm auszutau⸗ ſchen, durch welche er ſeinem Herrn von Neuem un⸗ verbrüchliche Treue verſicherte. Die Gefangenen, es waren ihrer noch einige zwan⸗ zig mit dem Baron zugleich vorgeführt worden,— wurden einzeln verhört, aber das Verhör war entſetz⸗ lich kurz und bündig. Faſt immer lautete der Ur⸗ theilsſpruch: Tod. Endlich kam auch Baron Vigne⸗ rolles an die Reihe. „Dein Name, Gefangener,“ redete der Richter ihn barſch an. „Francois Roger!“ verſetzte der Baron, indem er durch Verſchweigung ſeines Namens die Gefahr abzu⸗ wenden ſuchte, welche auch ſeinem Sohne drohte, im Falle er erkannt wurde. „Wie? Francois Roger? Du lügſt!“ ſchrie der wilde Santerre, welcher dem Gerichte präſidirte.„Bür⸗ ger Vignerolles, einſt Baron Charles Vignerolles, glaubſt du, unſere Augen ſeien mit Blindheit ge⸗ ſchlagen?« Der Baron wurde ſehr bleich, und w s einen Blick zu, den dieſer wohl zu deuten w Der Baron wollte mit dieſem Blicke ſagen:„Du hörſt es, ich bin erkannt! Rette mein Kind.“ Jaques neigte ſein Haupt, und erhob dann ſein Auge zum Himmel. Sein Herr lächelte ihm dankbar zu. Er hatte ver⸗ ſtanden. Jaques ſagte:„Beim ewigen Gott im Him⸗ mel, ich rette ihn!“ »Angeklagter,“ fuhr der Richter fort,„du biſt be⸗ ſchuldigt des Verſuches, den kleinen Ludwig Capet aus 56 ſeinem Gefängniſſe zu entführen. Wagſt du dein Ver⸗ brechen zu läugnen?«“ „Ich läugne,“ verſetzte der Baron mit feſter Stimme, „daß dieſer Verſuch ein Verbrechen iſt, und beklage im tiefſten Herzen, daß er mißlang.“ „Genug, du haſt geſnen,⸗ unterbrach ihn der Richter barſch.„Welche Mitſchuldigen hatteſt du?« »Niemanden,“ entgegnete der Baron laut.„Und wenn ich deren hätte, würde ich mich eher von Pfer⸗ den zerreißen laſſen, als ſie nennen.“ „»Bedenke wohl, was du thuſt,“ ſagte der Richter mit drohendem Blicke.„Wir wiſſen, du haſt einen Sohn und biſt begütert. Wenn du deine Mitſchuldi⸗ gen nicht nennſt, ſo fällt das Haupt deines Sohnes auf dem Schaffot, und deine Güter werden eingezogen und zum Beſten des Staates verkauft.“ „Ich kann Niemand nennen,“ verſetzte der Baron wie vorhin.„Wollt Ihr ein unſchuldiges Kind er⸗ morden, ſo thut es. Gott wird Euch dafür ſtrafen!« „Du willſt alſo nichts geſtehen?“ „Ich habe nichts zu geſtehen.& ohlan, ſo trage die Folgen deiner Hartnäckig⸗ keit ch der Richter.„Dein Haupt, und das Hau ines Sohnes werden auf der Gulllotine fal⸗ len, deine Güter werden konfiscirt werden. Bereite dich zum Tode. In einer Stunde wirſt du zum Richt⸗ platze abgeführt.“« Mit unerſchütterlicher Ruhe vernahm Baron Vig⸗ nerolles das Urtheil, und keine Muskel ſeines ernſten Geſichtes zuckte, als der Blutrichter es ihm verkündigte. „Ich bin bereit!« erwiederte er einfach und mit feſter Stimme. Der treue Jaques dagegen zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper, und große Thränen rannen über ſein bleiches, kummervolles Geſicht. Der Baron ſah es, und ſein Blick ſuchte dem redlichen Diener Muth einzufließen. Jaques ſchuͤttelte traurig den Kopf. Nach fünf Minuten waren die noch übrigen Ver⸗ höre béendigt, und die Verurtheilten wurden in ihren Kerker zuruͤckgefuhrt, den ſie dann nach einer Stunde verlaſſen ſollten, um auf das Blutgerüſt geſchleppt zu werden. Jaques hatte ſich mittlerweile ermannt. „Ich will verſuchen, ihn zu retten,“ murmelte er in ſich hinein.„Wenn es Gott nicht gelingen läßt, ſo will' ich ihn wenigſtens ſterben ſehen, und einen letzten Blick von ihm auffangen. Die Verurtheilten mußten einen offenen, nur von Brettern roh gezimmerten Wagen beſteigen, und wur⸗ den auf ihm nach der Conciergerie geführt. Jaques ſchritt ganz dicht an der Seite des Wagens einher, und es gelang ihm, unterwegs ſeinen Gebieter mehr⸗ mals zu ſehen, und ihm durch verſtohlene Winke an⸗ zudeuten, daß er noch nicht alle und jede Hoffnung aufgeben möge. Der Baron antwortete nur durch ein kaum merkliches Achſelzucken, welches ſagen ſe»Es iſt keine Hoffnung mehr für mich. Erhalte dich ſelbſt meinem Sohne.“« Jaques ließ ſich indeß nicht abſchrecken. Als der Wagen in dem Portale der Conciergerie verſchwand, wohin Niemand ihm folgen durfte, ſchritt der treue Diener draußen auf und ab, und zermarterte ſein Ge⸗ hirn mit Plänen zur Befreiung ſeines Herrn. Er ſah nur zu wohl ein, daß jeder Verſuch umſonſt ſein würde, und ihn ſelbſt der äußerſten Gefahr ausſetzen konnte, dennoch klammerte er ſich mit verzweifelter Hef⸗ tigkeit an der Hoffnung feſt. „Es kann ein Wunder geſchehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Gott kann einen rächenden Blitz ſenden, der die Augen der Wächter blendet! Ich werde nicht weichen, bis nicht das Schrecklichſte geſchehen iſt. So lange nicht das theure Haupt meines Herrn gefallen iſt, ſo lange will ich nicht an ſeiner Rettung ver⸗ zweifeln.“ Eine Stunde nachher öffnete ſich das düſtere Thor der Conciergerie wieder, und die drei Wagen, mit Ver⸗ urtheilten beladen, langten langſam daraus hervor. Jaques ſuchte den Baron Vignerolles zu kſpähen, und entdeckte ihn auf dem letzten Wagen. Auch Jaques wurde geſehen, und der Baron warf ihm einen aus⸗ drucksvollen, zugleich traurigen und bittenden Blick zu. Jaques legte die Hand auf ſein Herz, und ging, wie vorhin, dicht neben dem Wagen her, indem er den Ge⸗ fangenen feſt im Auge behielt, und zugleich bereit und entſchloſſen war, jede ſich darbietende Gelegenheit zu ſeiner Befreiung zu benutzen. Das traurige Schauſpiel einer Maſſen⸗Hinrichtung lockte ſtets Tauſende von neugierigen Zuſchauern an, und jetzt wimmelten die Straßen, durch welche der Zug paſſiren mußte, von Menſchen, welche in dich⸗ ten Haufen die Wagen umringten. In Folge des Ge⸗ dränges konnten dieſelben nur langſam vorwärts kom⸗ men, und die Pferde mußten Schritt für Schritt gehen. Vor und hinter den Wagen mit den Verurtheilten rit⸗ ten kleine Kavallerie⸗Abtheilungen mit gezogenen Sä⸗ beln, um die Menge möglichſt abzuwehren. Aber die Haufen ſtanden zu dicht. Die Soldaten mußten ſich blitzſchnell unter den Wagen der Verurtheilten warf. 59 begnügen, nur ſo viel Raum zu ſchaffen, daß man, wenn auch ſehr langſam, doch wenigſtens vorwärts kommen konnte. Plötzlich aber ſtockte, in Folge irgend eines Hin⸗ derniſſes, der erſte Wagen, und natürlich mußten auch die beiden hinteren Karren anhalten. Lärm, Getüm⸗ mel, Geſchrei erſchallte von den vorderen Maſſen her. Jaques richtete ſich lang auf, und bei ſeiner ſtattlichen Gröͤße konnte er über die Häupter der anderen Zu⸗ ſchauer hinweg ſehen. Jetzt erkannte er auch die Ur⸗ ſache der Stockung. Ein vierſpänniger Leichenwagen war aus einer Nebengaſſe quer über die Straße gefah⸗ ren, und verſperrte den Durchgang. Die Soldaten an der Spitze des Zuges der Verurtheilten ſchrieen und brüllten heftig durch einander, und ſchalten den Führer des Leichenwagens aus. Auf einmal krachten Schüſſe, und zu gleicher Zeit ſchwangen die Kavalleriſten ihre Säbel und hieben auf die ſie umdrängende Menſchen⸗ maſſe ein. „Verrath!“« ſchrie der Anführer der Soldaten. »Man will die Verurtheilten befreien! Haut die Ca⸗ naille nieder! Auf ſie, Kameraden!«. Ein unbeſchreibliches Getümmel entſtand. Waffen klirrten, und von Neuem krachten Schuͤſſe. 8 Volk kreiſchte, drängte, ſchrie in Todesangſt wild durch ein⸗ ander. Die Soldaten am hinteren Ende des Zuges ſahen ihre Kameraden in Gefahr, von den Angreifen⸗ den überwältigt zu werden, und eilten ihnen zu Hülfe, indem ſie über die Köpfe der Maſſen hinweg ſpreng⸗ ten und nieder ritten, was ihnen im Wege ſtand. Jaques entging dieſem Schickſale nur, indem er ſich 60 Kaum aber hatten ſich die Soldaten Platz gemacht, ſo kroch er wieder hervor, richtete ſich auf, und ſchaute umher. Noch dauerten vorn an der Spitze der Kampf und das Getümmel fort. Aber ſchon konnte man ſehen, daß die Soldaten das Uebergewicht behalten würden, denn der Raum um ſie her wurde freier, und die Menge wich uͤberall vor ihren Siebelhieben zurück. Es war augenſcheinlich, daß irgend ein verwegenes Häuf⸗ lein den kühnen Verſuch gewagt hatte, um Einen oder Einige der Verurtheilten den Händen der Henker zu entreißen, aber leider war es auch eben ſo augenſchein⸗ lich, daß der Verſuch mißlungen war. Jaques wurde indeß durch dieß Ereigniß auf einen Gedanken gebracht, der blitzſchnell durch ſein Gehirn flog. Die Soldaten befanden ſich nicht in unmittelbarer Nähe, die Men⸗ ſchenmenge achtete auf nichts, als auf den Kampf bei dem vorderen Wagen, und ein Theil der Leute wälzte ſich noch mit blutenden Köpfen auf dem Straßenpfla⸗ ſter. Jaques ergriff den Moment. Er zog ein ſchar⸗ fes Meſſer aus der Taſche, und ſprang mit Einem Satze auf ein Wagenrad und den Wagen. Baron Vignerolles befand ſich dicht vor ihm. Mit Einem Schnitte befreite er ihn von den Stricken, mit denen ſeine Hände gefeſſelt waren, und drückte ihm dann das Meſſer in die Hand. „Um Gottes willen, Herr Baron,“ fluͤſterte er ihm in's Ohr,—„eilen Sie! Durchſchneiden Sie auch die Stricke an Ihren Füßen, und dann herunter zu mir! Stürzen Sie ſich über die Wand des Wagens kopfüber heraus! Ich werde bereit ſtehen, Sie auf⸗ zufangen!“ Mit Einem Satze ſprang hierauf Jaques wieder vom Wagen herunter, und wartete ungeduldig, daß Baron Vignerolles folgen ſollte. Es war keine Zeit zu verlieren. Der Kampf war jetzt augenſcheinlich zu Gunſten der Soldaten beendigt, und die eingeſchüchterte Menge drängte ſich auf allen Seiten zurück. „Schnell, ſchnell, Herr Baron!« rief Jaques in Todesangſt.„Eilen Sie, oder Alles iſt verloren!“ In dieſem Augenblicke richtete ſich der Baron auf, um ſich aus dem Wagen zu ſtürzen, aber leider wurde ſeine Bewegung auch ſchon in demſelben Momente be⸗ merkt, und einige Soldaten ſprengten in wüthender Eile herbei. »„Zu ſpät, mein treuer Jaques!“ rief der Baron traurig aus, indem er mit einem Blicke auf die Sol⸗ daten deutete.„Die Henker kommen. Lebe wohl, und gedenke deines Verſprechens!« 4 Todtenbleich wankte Jaques zuruͤck. Der günſtige Moment war durch die allzu ſchnelle Beendigung des Kampfes verloren gegangen, und Jaques konnte noch von Glück ſagen, daß man ſein Erklettern des Wagens nicht bemerkt hatte. Die Soldaten zwangen den Ba⸗ ron, ſich wieder niederzuſetzen, und nun umringten ſie die Wagen von allen Seiten, ſo daß Niemand aus dem Volke ſich ihnen nähern konnte, ohne Gefahr zu laufen, niedergehauen zu werden. Jaques machte nicht einmal mehr den Verſuch dazu. Er ſah die Unmög⸗ lichkeit des Erfolges, und außerdem erinnerte er ſich, daß er noch die theuerſten Intereſſen ſeines Herrn zu vertreten habe. Sein Herz blutete und ſeine Seele war von Zorn und Verzweiflung erfüllt, aber er mußte ſich in die Fuügung des Himmels ergeben und über ſich * 8 —x —hhhhhöhöhöhöoöͤöͤnͤnonnn 6² ſelbſt wachen, damit er ein anderes theures Haupt be⸗ wachen konnte. Gleichwohl vermochte er es nicht über ſich, die ge⸗ fährliche Nähe der Soldaten zu meiden. Das Hinder⸗ niß, welches den Trauerzug aufgehalten hatte, wurde beſeitigt, und die Wagen konnten weiter fahren. Ja⸗ ques folgte ihnen bis an den Fuß des Schaffotes, und ſtand hier unbeweglich, die Augen ſtarr auf die blu⸗ tige Mord⸗Maſchine gerichtet. Ein Haupt nach dem andern fiel,— ſeine Wimper zuckte nicht. Da wurde ſein Gebieter vorgeführt, und mußte ſein edles Haupt unter das Beil beugen. Aber bevor es geſchah, rich⸗ tete er ſich noch einmal hoch auf, und durchſpähete mit ſuchendem Auge die Zuſchauer⸗Menge. Sein Blick traf auf Jaques. „Lebe wohl,“ rief er laut, unbekümmert um den Henker, der neben ihm ſtand.„Gedenke deines Ver⸗ ſprechens! Treue bis in den Tod! Gott erbarme ſich meiner Seele!“ „Ich ſchwöre!“ rief Jaques, auf die Gefahr hin, ergriffen zu werden. Treu, wie der Herr, wird auch der Diener ſein!“ Ein letztes, ſanftes Lächeln ſeines Gebieters lohnte ihm den muthigen, tröſtenden Zuruf. Dann beugte Baron Vignerolles ſeinen Nacken, das Beil fiel,— und ein edles Haupt rollte zu den anderen in den Blutkorb, welcher die Köpfe der Gulllotinirten auf⸗ nahm. Als die Schergen kamen, um den Menſchen zu er⸗ greifen, welcher das todeswürdige Verbrechen begangen hatte, mit einem Verurtheilten Worte zu wechſeln, war derſelbe verſchwunden. Jaques hatte, ſobald er das --ʒ— 63 Haupt ſeines Herrn fallen geſehen, eine kräftige und erfolgreiche Anſtrengung gemacht, die Maſſe der ver⸗ ſammelten Menge zu durchbrechen. Er war ſpurlos verſchwunden, und bereits in ſeine kleine Wohnung zurückgekehrt, welche er während ſeiner Anweſenheit in Paris innegehabt hatte. »Jetzt iſt meines Bleibens nicht länger mehr in dieſer von Gott verfluchten Stadt, die ihre beſten Kin⸗ der ermordet,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Eine heilige Pflicht ruft mich, und ich will ſie erfüllen. Wenn du aus dem Himmel herab in mein Herz ſchauen kannſt, mein lieber armer Herr, dann wirſt du mit mir zufrie⸗ den ſein. Treue bis über den Tod hinaus,— ich gelobe ſie dir noch einmal in dieſer Stunde!« Zwei ſchwere Thränen perlten aus ſeinen Augen, und rannen langſam über ſeine gefurchten Wangen, als er mit zum Himmel erhobenen Händen ſeine Ge⸗ lübde ſprach. Dann richtete er ſich ſtramm auf, und eine feſte Entſchloſſenheit ſtrahlte aus ſeinen verwitter⸗ ten Zügen. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als ob er alle traurigen Gedanken hinweg wiſchen wollte, und dann packte er ſeine Sachen. Mit Anbruch der Nacht fuhr er in einem leichten Wagen aus Paris. Seine Pflicht rief ihn in die Heimath, und er gedachte dieſe Pflicht zu erfüllen bis auf das Aeußerſte. 64 Fünftes Kapitel. Die Verſteigerung. — Jaques wußte, daß Eile nöthig ſei, denn die Hab⸗ gier der oberſten Beamten der Republik war bereits ſprichwörtlich geworden, wie nicht minder ihre Blutgier. Wenn er Arthur, den Sohn ſeines theuren Herrn, retten wollte, ſo mußte er eilen. Darum fuhr er Tag und Nacht, und gönnte ſich kaum die allernöthigſte Ruhe, bis er endlich Schloß Vignerolles erreichte. Als er auf dem Schloßhofe vom Wagen ſtieg, bleich, abgezehrt, und tiefe Trauer in den verwitterten Zügen, ahnten alle herzu eilenden Diener, daß etwas Schreckliches geſchehen ſein müſſe, und empfingen ihn ohne die gewoͤhnlichen Freudenbezeugungen mit düſterem Schweigen. „Unſer Herr, Jaques?« fragte endlich der Haus⸗ hofmeiſter.„Wo iſt unſer Herr?« „Jaques deutete ſtumm mit dem Finger nach Oben. Alle verſtanden ihn. Schrecken und Beſtürzung lag auf den Geſichtern der braven Leute, und ſie drängten ſich um Jaques her, um etwas Näheres aus ſeinem Munde zu hoͤren. „Später,“ ſagte Jaques.„Zuerſt muß ich mit meiſter. Jaques ſtieg die Treppe hinauf, und eine Minute ſpäter lag Arthur in ſeinen Armen. Es war ein 55 unſerem jungen Baron reden. Wo finde ich ihnk« „In ſeinem Zimmer,“ erwiederte der Haushof⸗ 6⁵ trauriges Wiederſehen. Jaques erzählte, was in Pa⸗ ris geſchehen war, und Arthur's Thränen floſſen. Ja⸗ ques ſuchte ihn, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, zu tröſten, aber es gelang ihm nur ſchlecht, da der treue Diener noch ſelber im innerſten Herzen den Tod ſeines geliebten Herrn betrauerte. Endlich mußte er ſich aber doch zuſammenraffen, denn jeden Augenblick konnten ja die Schergen des Blutgerichtes im Schloſſe ein⸗ treffen. „Faſſe dich, mein armer Arthur,“« ſagte er zu dem Knaben.„Dein Vater würde uns zürnen, wenn wir dein Schickſal über dem Seinigen vergeſſen wollten. Noch im letzten Augenblicke ſeines Lebens habe ich ihm geſchworen, dich zu retten und dir deine Güter zu er⸗ halten, und dieſer heilige Schwur muß erfüllt werden. Du vertraueſt mir, Arthur, nicht wahr?« „Gewiß, mein guter Jaques,“ verſetzte der Knabe. „Wareſt du denn nicht immer mehr der vertraute Freund, als der Diener meines Vaters?« »Nun denn,“ ſprach der Alte,„ſo erfahre, daß die Bluthunde in Paris ſich noch nicht an dem Tode dei⸗ nes Vaters genügen laſſen, ſondern ihre mörderiſchen Hände auch nach dir ausſtrecken. Deßhalb mußt du dich für einige Zeit verbergen, und Niemand darf ahnen, wo du eine Zuflucht gefunden haſt. Ich weiß wohl, daß nicht nur die Leute im Schloſſe, ſondern auch die Dorfbewohner treu und verſchwiegen ſind, gleichwohl, der Verräther ſchläͤf nicht, und wir müſſen deßhalb die äußerſte Vorſicht beobachten. Biſt du be⸗ reit, mir an einen Ort zu folgen, wo kein Späher⸗ auge dich zu entdecken vermag?« Wie der Herr ꝛc. 4 5 66 „Ja, ich bin zu Allem bereit, was du für gut findeſt, Jaques,“ erwiederte der Knabe. „Wohlan,“ ſagte Jaques,„ſo wollen wir nicht ſäumen, denn die Nacht wird bald hereinbrechen, und in ihrem Schutze müſſen wir dein Verſteck aufſuchen. Laß uns ſogleich die nöthigen Vorbereitungen treffen.“ Es war im November und bereits ſehr kalt. Ja⸗ ques mußte daher Mancherlei beſorgen, um Arthur in ſeinem Verſtecke einigermaßen behaglich einzurichten. Er brachte Betten, wollene Decken, Pelze und andere warme Kleidungsſtücke herbei, und band Alles in einige große Bündel zuſammen, die ſich leicht fortſchaffen ließen. Auch für Mundvorräthe, für Holz und Licht ſorgte er, und trug Alles heimlich in den Wagen, den er früher ſchon einmal benutzt hatte, um die baaren Geldſummen des Barons in Sicherheit zu bringen. „Und jetzt, mein lieber Arthur,« ſagte er, als er mit dieſen Anordnungen fertig war,„müſſen wir die Leute benachrichtigen und ihnen den Glauben beibrin⸗ gen, daß du aus Frankreich zu flüchten beabſichtigſt. Niemand darf eine andere Vermuthung hegen. Komm!“ Sie verließen das Zimmer, um ſich in die große Halle des Schloſſes zu begeben. Die Dienerſchaft wurde zuſammenberufen, und Jaques redete ſie an. Er erſtattete einen kurzen Bericht über die Ereigniſſe in Paris, und theilte ihnen mit, von welcher Gefahr Arthur bedrohet wurde. „Oh, wir werden unſern jungen Herrn ſchützen,“ ſagten die Leute.„Wir werden ſein Leben bis auf unſeren letzten Blutstropfen vertheidigen!“ „Und Ihr würdet damit nichts erreichen, ſondern nur unnôthig Euer Blut vergießen, ohne Arthur ſchützen 67 zu können,“ entgegnete Jaques ernſt.„Die Gefahr iſt nahe, und die Uebermacht des Feindes iſt zu groß. Ihr erinnert Euch deſſen, was unſer ſeliger Herr noch bei ſeinem Abſchiede zu Euch ſprach. Wenn er nicht wiederkäme, ſolltet Ihr mir gehorchen, wie ihm ſelbſt Er hat mir außerdem die Sorge für Arthur anver⸗ traut, und ich werde ſein Vertrauen zu rechtfertigen wiſſen. Um Arthur zu retten, gibt es nur Ein Mittel, — die Flucht. Noch in dieſer Nacht werden wir flie⸗ hen, und die engliſche Küſte zu erreichen ſuchen. In England wird Arthur mächtige Beſchützer finden. Wenn ich ihnen unſeren jungen Herrn übergeben habe, werde ich zurückkehren und ſeine Güter verwalten bis zu beſſeren Zeiten. Lebt wohl bis dahin. Im Namen unſeres verſtorbenen Herrn befehle ich Euch, das Schloß bis zu meiner Zurückkunft nicht zu verlaſſen. Wenn die Schergen kommen, um Arthur zu fangen, ſo ſagt Ihr ihnen, er ſei entflohen. Von mir kein Wort. Und nun nehmt Abſchied von unſerem jungen Herrn.« Die Diener drängten ſich um Arthur, um ſeine Hände zu küſſen, und ein letztes freundliches Wort aus ſeinem Munde zu vernehmen. Alle weinten und ſchluchzten. „Lebt wohl, meine Freunde,— und Gott behüte Euch,“ ſagte Arthur, gerührt von der treuen Anhäng⸗ lichkeit der braven Leute.„Ich hoffe, daß wir uns eines Tages glücklicher als heute wiederſehen werden. Lebt Alle wohl, und, wie mein Vater, ſage auch ich Euch, gehorchet Jaques, wie mir, bis zu meiner Rüuckkehr.« Ddie Dienerſchaft entfernte ſich, und Arthur begab ſich mit Jaques wieder in ſein Zimmer, und von dort 5*⁵ 68 in den kleinen Seitenhof, wo der Wagen, der ſie nach der Kloſter⸗Ruine bringen ſollte, ſchon bereit ſtand. Sie ſtiegen auf und fuhren durch Nacht und Nebel davon. Kein Menſch außer ihnen wußte, wohin, und kein Späher⸗Auge folgte ihnen und beobachtete ſie. . Als ſie den Zufluchtsort erreichten, wunderte ſich Arthur nicht wenig über die verborgenen Gemächer in der Ruine, welche der treue Jaques ſehr bald behag⸗ lich einzurichten wußte, da er alles dazu Erforderliche mitgebracht hatte. Ein helles Feuer flackerte ſchnell in dem Kamine auf, und eine Lampe verbreitete ein mildes Licht. „Ich hoffe, hier biſt du ſicher geborgen, lieber Ar⸗ thur,“ ſagte Jaqes.„Aber wird dir die Einſamkeit nicht traurig und langweilig werden? Vielleicht wäre es doch beſſer, wenn ich dich nach England hinüber fluchtete, aber dort müßte ich dich freilich fremden Händen überlaſſen, weil meine Anweſenheit hier un⸗ umgänglich nothwendig iſt. Ich habe nicht nur über dein Leben zu wachen, ſondern muß dir auch deine Güter bewahren. Gleichwohl, wenn du es vorzögeſt, nach England zu gehen, ſo..“ „Nein, nein, mein guter Jaques,“ unterbrach ihn Arthur.„Ich bleibe hier, und die Einſamkeit wird mir nicht zu drückend ſein, wenn ich dich nur von Zeit zu Zeit ſehe.“ „Ich werde dich jede Nacht beſuchen,“ verſetzte Ja⸗ ques.„Zum Glück erlaubt mir die geheime Treppe, jederzeit unbemerkt das Schloß zu verlaſſen, und du wirſt mich daher täglich ſehen.“ „Dann bin ich zufrieden, und wünſche mir nichts ehrliche Alte. 69 Beſſeres,“ erwiederte Arthur und drückte die Hand des treuen Dieners. „Und jetzt lege dich zur Ruhe, Knabe,“ ſagte Ja⸗ ques.„Mein Geſchäft iſt noch nicht beendigt, ich muß erſt noch die Pferde und den Wagen beſeitigen. Vor Anbruch des Morgens bin ich aber wieder zurück, und werde dann drei⸗ oder vier Tage bei dir bleiben. Wenn ich hierauf wieder nach dem Schloſſe gehe, wer⸗ den alle Leute glauben, ich ſei von der Meeresküſte zurückgekehrt, und dieß iſt nothwendig zu deiner Sicherheit,« Jaques verließ die Ruine, und brachte Wagen und Pferde wieder nach dem Schloſſe. Er hatte ſchon im Voraus ſeine Maßregeln getroffen, und konnte daher unbemerkt den Wagen unter den Schuppen, und die Pferde in den Stall bringen. Sobald es geſchehen war, kehrte er zu Fuß nach der Ruine zurück, und ver⸗ huhe ſich zu Arthur, der ihn mit Freude willkommen hieß. 3 Vier oder fünf Tage ſpäter erſchien Jaques plöͤtz⸗ lich wieder auf dem Schloſſe, ohne daß irgend ein Menſch wußte, wie er hereingekommen ſei. Der alte Haushofmeiſter ſah ihn zuerſt, und eilte bewegt auf ihn zu. »Jaques Bouſſard!“ ſagte er.„Da ſeid Ihr wie⸗ der! Und. Arthur?« »Er iſt in Sicherheit,“ verſetzte Jaques.„Ihr könnt die Leute uͤber ihn beruhigen. Dem Knaben wird kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden. Aber was iſt hier ſeid meiner Abweſenheit vorgefallen?« „Oh, Jaques, nicht viel Gutes,« erwiederte der „Wir dankten Gott im Himmel, daß 70 Ihr mit Arthur fort waret. Gleich am Morgen nach Eurer Abreiſe kam ein Piquet Reiter, und der Offizier verlangte, Arthur zu ſehen. Natürlich ſagten wir, wie Ihr uns angewieſen, er ſei nach England gereist, aber der Offizier wollte uns nicht glauben. Er ſtieg mit ſeinen Leuten vom Pferde, und durchſuchte das Schloß von oben bis unten. Da er nichts fand, that er ſehr zornig, mußte aber zuletzt doch unverrichteter Dinge ab⸗ ziehen.„Man wird wiederkommen!“ rief er uns dro⸗ hend zu.„Und dann— wehe jedem Verräther!« „»Und er iſt wiedergekommen?«“ fragte Jaques. „Bis jetzt nicht,“ lautete die Antwort.„Aber es iſt ein hoher Preis auf Arthur's Kopf geſetzt, und wie wir hören, durchforſchen die Häſcher die ganze Um⸗ gegend nach ihm, um den Preis zu verdienen.“ „Sie werden ihn niemals bekommen, weder den Preis, noch Arthur's Kopf,“ verſetzte Jaques.„War⸗ ten wir nun ab, was weiter geſchehen wird.« Sie brauchten nicht lange zu warten. Schon we⸗ nige Tage nachher erſchien ein Commiſſär des Conven⸗ tes, und verkündigte der Dienerſchaft, daß die Güter des Barons confiscirt wären, und nach kurzer Friſt verſteigert werden würden. Die Dienerſchaft könne einſtweilen bleiben, da der neue Beſitzer des Schloſſes ſte vielleicht behalten würde. „Das könnte wohl ſein,« murmelte Jaques vor ſich hin, und lächelte geheimnißvoll. Der Tag der Verſteigerung kam heran. Die Die⸗ nerſchaft im Schloſſe ſah ihn mit banger Sorge an⸗ brechen, denn ſie beſtand aus lauter ſchon bejahrten Leuten, die, wenn ſie von dem Käufer der Güter ver⸗ abſchiedet wurden, nicht darauf rechnen konnten, leicht V — 71 wieder ein anderes Unterkommen oder eine Verſorgung zu finden. Nur Marcel, der Kammerdiener des jungen Baron Arthur und demſelben mit beſonderer Anhäng⸗ lichkeit zugethan, war noch ein junger kräftiger Menſch von kaum zwanzig Jahren, und konnte deßhalb ruhiger der Zukunft entgegen ſehen. In der großen Halle des Schloſſes ſollte die Ver⸗ ſteigerung vor ſich gehen. Als die dazu beſtimmte Stunde kam, verſammelten ſich alle Diener und traten in die Halle ein. Dort hatte ſich bereits eine Anzahl von Kaufluſtigen verſammelt, und mit Erſtaunen be⸗ merkten die beſcheiden auf der Seite ſtehenden Diener ihren Kameraden Jaques mitten unter denſelben. „Was hat er dort zu thun?« fragten ſie ſich unter einander. „Wahrſcheinlich ſoll er nur Auskunft uͤber den jährlichen Ertrag der Güter ertheilen,« meinte der alte Haushofmeiſter.„Wir werden ja ſehen.“ Die Verſteigerung ſollte beginnen, und der Ham⸗ mer des Commiſſärs gebot Ruhe. Mit kurzen Wor⸗ ten theilte er die Bedingungen mit, unter welchen die Auktion ſtattfinden ſollte, und hob dabei ganz beſon⸗ ders hervor, daß der Kaufpreis ſofort in baarem Gelde ohne allen Abzug erlegt werden müſſe. Dieſe Bedingung ſchien Mehreren unangenehm überraſchend zu ſein, denn ſie machten lange Geſichter, und zogen ſich mehr in den Hintergrund zurück. Jaques dagegen blieb ruhig und unbeweglich ſtehen, und verzog keine Miene ſeines ernſten Geſichtes. Die Verſteigerung begann, und die Gebote wurden abgegeben. Sie waren im Verhältniß zum wahren Werthe der Güter äußerſt gering, und doch ſtockten ſie — 7² ſchon nach kurzer Zeit. Niemand wollte mehr bieten, als hunderttauſend Franks. Da trat plötzlich Jaques dicht an den Tiſch des Commiſſärs heran, und ſagte mit lauter Stimme, ſo daß jedes Ohr in der Halle ſeine Worte vernahm. „Tauſend Franks mehr, Bürger Commiſſär! Ein allgemeines ſtarres Erſtaunen folgte dieſem Gebote, und verwundert blickten die Anweſenden einander an. Selbſt der Commiſſär vermochte ſeine Ueberraſchung nicht zu verbergen. „Wer ſeid Ihr, Bürger?“ fragte er. „Jaques Bouſſard, ehemals Diener des gutllloti⸗ nirten Bürgers Vignerolles,“ erwiederte der Alte. „Für wen wollt Ihr die Beſitzungen ankaufen? Es iſt dem Convente nicht gleichgültig, wer ſie be⸗ kommt. Wir brauchen keine royaliſtiſch geſinnten Bür⸗ ger in dieſer Gegend, wo es ohnehin ſchon davon wimmelt. Alſo für wen bietet Ihr?« „Für mich ſelbſt!“ Neues Erſtaunen, neues Murmeln und Zuſammen⸗ ſtecken der Köpfe. „Er iſt ein Verräther!“ rief eine kräftige Stimme in uwilligem Tone aus dem Haufen der Dienerſchaft. Jaques zuckte verächtlich die Achſeln. „Für Euch ſelbſt, Bürger?“ nahm der Commiſſär wieder das Wort.„Habt Ihr auch gehört, daß die Kaufſumme in baarem Gelde und ſogleich bezahlt werden muß?« „Ich habe es gehört,« antwortete Jaques einfach. „Das Geld liegt bereit.« „So iſt es Blutgeld!« ſchrie die vorige Stimme wieder aus der Mitte der Dienerſchaft.„Oh, des 73 Schändlichen! Er hat unſeren jungen Herrn verra⸗ then, und mit dem Blutgelde will er nun deſſen Be⸗ ſitzungen ankaufen!« »„Still!« ſagte Jaques laut und gebieteriſch.„Wer beſchuldigt, muß beweiſen können! Vermagſt du das, Marcel? Du wareſt es, der geſprochen hat,— ſo beweiſe nun.“ 3 Keine Antwort erfolgte, als nur ein dumpfes Murmeln. »Weiter, Bürger Commiſſär,« wandte ſich Jaques jetzt wieder an den Beamten. „Aber ich kenne Euch nicht,“« ſagte dieſer ſichtbar verlegen.„Wer bürgt mir für Eure Geſinnungen?« „Fragt meine guten Freunde, die Jakobiner in Paris, nach Jaques Brouſſard,“ verſetzte der alte Die⸗ ner mit bitterem Lachen.„Sie werden Euch Aus⸗ kunft ertheilen, und genuͤgende. Nicht umſonſt habe ich Brüderſchaft mit ihnen gemacht. »Oh, mein Gott! Die Schlange! Der Verräther! Der Mörder!« flüſterten die Diener mit leiſer Stimme unter ſich, und warfen Blicke voller Abſcheu auf den ungetreuen, wohl gar verbrecheriſchen Diener. Jaques achtete nicht darauf, oder gab ſich wenigſtens dieſen Anſchein. 1 »Wenn es ſich ſo verhält,« nahm der Commiſſär wieder das Wort,„dann habe ich allerdings keine Einwendungen weiter zu machen. Aber man wird ſich erkundigen, Bürger Brouſſard. Ihr werdet nicht acht Tage Beſitzer des Schloſſes ſein, wenn man ungünſtige Nachrichten über Euch vernimmt.“ »„Schon recht,“ erwiederte Jaques gleichgültig. „Kommt zu Ende, Bürger Commiſſär!« 4 74 „Wohlan,“ ſagte dieſer,„ich muß meine Pflicht thun. Bietet Niemand mehr, Burger, als dieſer Mann?« Alles ſchwieg. Der Commiſſär wartete einige Mi⸗ nuten, dann ſchlug er die Güter Brouſſard zu. „»Und das Geld?« fragte er. Jaques ſchloß eine große Schatulle auf, die er mitgebracht und auf einen Seitentiſch geſtellt hatte, und nahm eine Anzahl Geldrollen heraus, die er auf den Tiſch legte. „Hier!“ antwortete er.„Es ſind lauter gute voll⸗ wichtige Goldſtücke mit dem Bildniſſe des Bürgers Capet.“ Wiederum erfolgte auf dieſe frechen Worte ein Murmeln allgemeiner Entrüſtung von Seiten der Die⸗ nerſchaft, und in Aller Augen ſprach ſich Zorn und Verachtung aus. Jaques ſchien es gar nicht zu be⸗ merken. Der Commiſſär zählte indeſſen die Goldrollen und fand die Summe richtig. „Hier, Bürger,“ ſagte er zu Jaques, und händigte ihm die ſchon vorher ausgefertigten Dokumente ein, in welche er nur noch Jaques Brouſſards Namen einge⸗ tragen hatte,—„jetzt ſind Sie der Herr des Schloſſes und. der ſchönen dazu gehörigen Güter, und ich habe nichts mehr hier zu thun..“ „Es iſt gut, ich danke Ihnen,“ verſetzte Jaques, und ſchloß die Papiere in die Schatulle eine, aus der er die Goldrollen genommen hatte.. Der Commiſſär und ſeine Begleiter entfernten ſich hierauf, und Jaques blieb mit der Dienerſchaft des Schloſſes allein. Man beobachtete ſich gegenſeitig mit düſterem Schweigen. Jaques ſah eher betrübt als zor⸗ 75 nig aus. Die Blicke der Anderen aber funkelten vor Haß und Verachtung. Sechstes Kapitel. Verkannt. „Meine Freunde,“ ſagte endlich Jaques ſanft, und trat einige Schritte weiter vor,„hört mich an. Ihr ſeid Zeugen geweſen, daß ich auf rechtmäßige Weiſe in den Beſitz des Schloſſes gekommen bin. Ich hoffe, Keiner von Euch wird mich verlaſſen. Ihr werdet Eure bisherige Stellung beibehalten, und nichts ſoll in unſeren Verhältniſſen geändert werden. Ich weiß, Ihr habt Euch einen gütigen Herrn gewünſcht,— nun denn, ſeiet verſichert, ich werde Euch ein gütiger Herr ſein.“ Niemand antwortete. „Ihr habt gehört, meine Freunde,“ nahm Jaques wieder das Wort.„Erklärt Euch.« »Nun ja denn, wir werden uns erklären,“ ſagte Marcel und trat aus dem Kreiſe der Uebrigen vor, indem er Flammenblicke auf Jaques ſchleuderte.„Vor Allem aber verlangen wir, daß Ihr Euch rechtfertigt. Woher habt Ihr das Gold, mit welchem Ihr das Schloß bezahlt habt?« »Das darf ich Euch nicht ſagen,“ verſetzte Jaques ruhig.„Es iſt ein Geheimniß.“ „Ja, ein Geheimniß, und gewiß ein ſchändliches, blutiges Geheimniß,« ſprach Marcel heftig.„Läugne nicht, du haſt Arthur verrathen und verkauft! Wäh⸗ rend wir glaubten, du führteſt ihn nach England, haſt du ihn an die Moͤrderbanden ausgeliefert. Du gehörſt zu ihnen, du ſelbſt haſt dich der Brüderſchaft mit den Jakobinern gerühmt.“ Jaques beugte ſein Haupt, als ob er das Gewicht dieſes Vorwurfes nicht tragen könnte, und ſchwieg. „Noch mehr,« fuhr Marcel im vorigen Tone fort. „Du haſt uns geſagt, Baron Vignerolles ſei getödtet worden. Aber wer kann ihn verrathen haben, als du? Und nicht nur verrathen, ſondern auch beſtohlen! Oh, die Gelegenheit war günſtig. Du brauchteſt deinen guten Freunden, den Jakobinern, nur einen Wink zu geben, und dein Ziel war erreicht. Dieb und Mör⸗ der, nimmermehr werd' ich dir dienen! Ich haſſe dich, ich verachte dich, und meine Rache wird dich treffen, ſo gewiß, wie die Strafe Gottes.« Hierauf drehte er Jaques den Rücken zu, und wendete ſich zu ſeinen Kameraden. „Kommt,“ ſagte er.„Ich bin überzeugt, daß Nie⸗ mand von Euch das Brod deſſen genießen wird, der unſeren gütigen Gebieter in's Verderben geſtürzt, und ſeinen Sohn beſtohlen und verrathen hat. Kommt!“ Alle wendeten ſich von Jaques ab und gingen. „Halt, meine Freunde,“ ſagte jetzt dieſer, und ſeine Stimme klang zugleich ſo bittend und gebieteriſch, daß die Leute ſtehen blieben. „Hoͤrt mich,« fuhr er fort.„Warum dieſes ſchänd⸗ liche Mißtrauen? Warum dieſe ſchrecklichen Beſchul⸗ digen? Kennt Ihr mich ſo wenig, um mir das Ab⸗ ſcheulichſte zuzutrauen? Wie, bin ich nicht immer ein treuer Diener unſeres Herrn geweſen? Antwortet!“ e 77 Deine Handlungen antworten, und ſchreien laut wider Dich,“ entgegnete Marcel. Woher haſt Du das Geld genommen, mit dem Du das Schloß bezahlt haſt?« „Einſt werdet Ihr es erfahren,— jetzt darf ich den Schleier des Geheimniſſes noch nicht lüften,« ver⸗ ſetzte Jaques.„Ich bitte Euch, vertraut mir! Vor Gottes Angeſichte ſchwöre ich Euch, daß meine Hand rein iſt von Blut, und daß kein verrätheriſcher, treu⸗ loſer Gedanke mein Herz befleckt hat. Verlaßt mich nicht, meine Freunde!«. „Rechtfertige Dich, und wir bleiben,« antwortete Marcel mit Härte.„Wo nicht, ſo gehen wir. Wo⸗ her haſt Du das Geld?« Jaques ſchwieg und zuckte die Achſeln. Sein Herz blutete. Mit wenigen Worten hätte er das Räthſel löſen können. Aber er durfte es nicht. Nur, indem er das Geheimniß bewahrte, konnte er Leben und Güter Arthurs retten. Bei dem geringſten Verdachte, der den Machthabern der Schreckensherrſchaft zu Ohren kam, war Alles verloren. „Vertrauet mir!« ſagte er. »Nein,“ entgegnete Marcel.„Einem Mörder ver⸗ traut man nicht, man verfolgt ihn. Hüte Dich! Unſer Herr wird gerächt werden! Ich ſchwöre es!« »Und Du, alter Freund,“ wendete ſich Jaques an den Haushofmeiſter.„Kannſt auch Du mich verken⸗ nen?“ Der alte Mann ſah ihn mit einem vorwurfsvol⸗ lem Blicke an, und drehte ihm dann den Rücken zu.“ »Kommt,“ ſagte er dann zu den andern Dienern. »Marcel hat recht. Wir wollen lieber Hunger leiden, als das Brod eines Verräthers eſſen.“ 78 „O, Gott im Himmel, bleibt!« ſchrie Jaques in bit⸗ terer Verzweiflung laut auf, und ſtreckte beide Hände nach den Fortgehenden aus, als ob er ſie feſthalten wolle. Aber ſie gingen. Jaques war verurtheilt. „Wir werden warten!« rief Marcel unter der Thür noch zurück.„Wenn du in acht Tagen noch Herr hier im Schloſſe biſt, ſo kennen wir Deine wahren Geſin⸗ nungen. Der Commiſſair des Conventes wird Erkun⸗ digungen in Paris einziehen. Läßt man dich unge⸗ ſtoͤrt im Beſitze Deiner Güter, ſo iſt der Beweis gelie⸗ fert, daß Du biſt, weſſen Du dich rühmteſt— der Freund und Bruder der Jakobiner!“ Dies waren die letzten Worte, die Jaques vernahm. Er ſtand allein in der Halle, von den bitterſten Schmer⸗ zen gefoltert. Das hatte er nicht vorausgeſehen in ſeiner edlen Treuherzigkeit, daß man ihn ſo berkennen ihn des Verrathes, des Mordes, des Diebſtahls ſogar, ſchuldig halten würde, ihn, den treueſten Diener, den rechtſchaffentten Mann. Er kämpfte einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt. Sollte er ſich ſeinen Anklägern entdecken? Vielleicht konnte es ohne Gefahr geſchehen. Aber nein! Eine kurze Ueberlegung zeigte ihm, daß er entweder den ſchändlichen Verdacht ertragen, oder ſein Spiel verloren geben müſſe. Die Anhänglichkeit der Diener an ihren verſtorbenen Herrn war bekannt. Wenn ſie bei ihm im Schloſſe blieben, bei ihm, der bald allgemein als ein Verräther gelten mußte, ſo war jedem Verrath Thuͤr und Thor geöffnet; und gerade der Verdacht mußte vermieden, es mußte ihm vorgebeugt werden. Alle Welt mußte Jaques für einen Anhaͤnger 79 der Schreckensherrſchaft, für einen wüthenden Jakobiner halten. ich auch gekränkt werde, ich muß es ertragen um der Treue willen, die ich meinem Herrn geſchworen habe. Einſt wird der Tag kommen, der mich rechtfertigt. Bis dahin,— Geduld und Schweigen!“ Was Jaques ganz richtig vorausgeſehen hatte, trat ein. Sobald man in der Umgegend erfuhr, daß er der Käufer der Güter ſei, wurde er für einen Jakobiner erklärt, und als ſolcher von allen redlichen Leuten ver⸗ mieden, verachtet und gehaßt. Er that nichts, das Ur⸗ theil der Menge zu berichtigen. Es wäre gefährlich geweſen. So gut köͤniglich geſinnt auch die Mehrzahl der Bewohner dieſer Gegend war, fehlte es doch nicht an Verräthern. Jaques ſchloß ſich den wildeſten Re⸗ publikanern an, und erreichte ſomit, was er bezweckte. Bei den Gewalthabern galt er für unverdächtig, bei den Gegnern derſelben als Abtrünniger, als Dieb, als Möoͤrder.. Jaques verbarg die ſchmerzlichen Wunden, die ihm die Verachtung aller guten Menſchen ſchlug, unter einer kalten und ruhigen Außenſeite, obgleich er vor Schmer⸗ zen laut hätte aufſchreien mögen. Aber er durfte es ja nicht. Er mußte jede Kränkung geduldig hinnehmen, obgleich ihm das Herz im Leibe dabei blutete. Selbſt in ſeinem eigenen Hauſe durfte er ſeinen Gefühlen nicht freien Lauf laſſen, denn die Dienerſchaft, welche er hatte annehmen müſſen, beſtand natürlich aus lauter Re⸗ publikanern, und vor ihnen gerade mußte er am meiſten auf ſeiner Hut ſein. Nur einen einzigen Troſt hatte der treue Diener, »Sei es denn,“ ſagte der treue Diener.„So ſchwer 80 und dies war der Spaziergang, welchen er jede Nacht machte, um Arthur einen Beſuch in der Kloſter⸗Ruine abzuſtatten, und für die Bedürfniſſe deſſelben zu ſor⸗ gen. Wenn Alles im Schloſſe zur Ruhe gegangen war und ſchlummerte, hing er Büchſe und Jagdtaſche uͤber die Schultern, ſtieg heimlich die bekannte kleine Treppe hinab, kettete die zwei großen Wolfshunde los, die ihn ſtets auf dieſen nächtlichen Ausflügen begleiteten, und wanderte der Ruine zu. Bei Arthur vergaß er, was ihn bekümmerte und bedrückte; die Liebkoſungen des Kna⸗ ben gewährten im Troſt, und ſeine freundlichen Worte flößten ihm einen friſchen Muth ein. Hier konnte er ſich ausſprechen, hier ſein Herz öffnen, und ſeine heim⸗ lichen Wunden ausbluten laſſen. Etwa ſechs Wochen nach dem Ankaufe des Schloſſes ereitete ſich Jaques eines Abends, wie gewöhnlich, auf 3 — ſeinen nächtlichen Ausflug vor. Er wartete mit dem Fortgehen dieſes Mal aber länger, als ſonſt, denn der Mond ſtand am Himmel, und goß ſein helles Licht über die Erde aus. Jaques beobachtete jede Vorſicht, um nicht auf ſeinem Spaziergange geſehen zu werden. Darum ließ er heute eine Stunde nach der andern bis nach Mitternacht verſtreichen, bevor er ſich auf den Weg machte. Man hätte ihn bei dem glänzenden Mond⸗ lichte leicht beobachten, erkennen, vielleicht gar ihm fol⸗ gen können. Endlich, kurz nach Mitternacht, verließ er das Schloß. Jetzt, glaubte er, würde wohl Niemand mehr draußen wach ſein. Die Hunde winſelten leiſe vor Freude, als er ſie loskettete, und ſprangen an ihm in die Höhe. „»Ruhig, Türk! Still, Hector!“ ſagte Jaques leiſe ——— —= 8—— 81 zu ihnen, und die klugen Thiere unterdrückten ihr Ge⸗ bell, das leicht einen Verräther wecken konnte. Im Freien angelangt, ließ Jaques vorſichtig ſeine Blicke umherſchweifen, ehe er aus dem Schatten der Mauer trat, deren Pforte er hinter ſich verſchloſſen hatte. Eine leichte Schneedecke lag über der Erde. Nichts Verdächtiges zeigte ſich Jaques ſpähenden Blicken. „Vorwärts denn!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Der arme Kleine hat ohnedies heute ſchon lange warten müſſen. Beeilen wir uns.“ Mit großen Schritten eilte er dem nahen, ſchützen⸗ den Walde zu. Der Schnee knirſchte unter ſeinen Fihen. Türk und Hector folgten ihm dicht auf den erſen. Als er etwa hundert Schritte zurückgelegt hatte, er⸗ hob ſich eine menſchliche Geſtalt, welche bis dahin in einiger Entfernung von der Pforte hinter einem gro⸗ ßen Steine verborgen geweſen war, von der Erde, und ſchaute hinter Jaques drein. »Ah, Verräther, endlich habe ich dich,« murmelte ſie.„Jetzt ſollſt du mir nicht entrinnen!“ Sie ſchlich vorſichtig hinter Jaques her. Als ſie in das helle Mondlicht trat, hätte Jaques, wenn er ſich umgedreht hätte, in ſeinem Verfolger den jungen Macel erkennen können. Aber Jaques drehte ſich nicht um, ſondern ſchritt graden Weges dem Walde zu. Marcel immer ihm nach. Im Walde angekommen, ging Jaques etwas lang⸗ ſamer. Hier glaubte er ſich geborgen vor jedem Späher⸗ auge, denn er kannte den Aberglauben der Landbewoh⸗ ner und wußte, daß ſich ſelten ein menſchlicher Fuß hierher verirrte, vollends nicht während der Nacht. Wie der Herr ꝛe. 6 Plötzlich jedoch blieben gleichzeitig die beiden Hunde ſtehen, und ließen ein dumpfes Knurren hören. 3„He, was habt Ihr?“ ſagte Jaques und drehte ſich nach ihnen um.„Wittert ihr vielleicht einen Fuchs, oder wohl gar einen Wolf in der Nähe? Unmöglich wär's nicht, aber wir haben dieſe Nacht keine Zeit, uns aufzuhalten. Arthur wartet. Vorwärts! Vor⸗ wärts!« Die Hunde folgten dem Zurufe, aber kaum fünf Minuten nachher knurrten ſie wieder, und ſchauten mit funkelnden Augen auf den Weg zurück, den ſie eben gegangen waren. Jettt ſtutzte Jaques. Augenſcheinlich war etwas nicht richtig im Walde. Doch dachte er noch immer nicht entfernt daran, daß ein Verfolger ihm auf der Fährte ſein möge, ſondern glaubte immer noch, daß irgend ein wildes Thier die Hunde unruhig gemacht habe. Es zeigten ſich dann und wann Wölfe in der Gegend, und Jaques nahm deshalb ſeine Büchſe von der Schulter, um die Beſtien gebührend zu empfangen, wenn ſie etwa die Dreiſtigkeit haben ſollten, einen An⸗ griff auf ihn zu machen. Ein Weilchen lauſchte er. Aber Alles blieb ſtill und ruhig ringsum. „Narren ihr!« ſchalt er die Hunde.„»Was fällt euch ein, um nichts und wieder nichts Spectakel zu machen. Kommt, kommt, und verhaltet euch ſtill!« Er ging wieder weiter, und auch die Hunde ſchie⸗ nen beruhigt zu ſein, denn ſie trabten, wie vorhin, mun⸗ ter hinter ihrem Herrn einher. Jaques gelangte zu der Stelle, wo ſich der geheime Zugang zu der Ruine befand. Schon bog er die bereiften Zweige auf die Seite, um den ſchmalen Pfad zu betreten, da wurden die Hunde von⸗ Neuem unruhig, ihre Augen funkelten, 8³ ſie fletſchten die Zähne, ihre Haare ſträubten ſich, und Hector ſtieß ſogar ein leiſes Geheul aus. »Hier iſt etwas nicht in Ordnung,“ murmelte Ja⸗ ques vor ſich hin.„Was wollen die Hunde? So habe ich ſie noch nie geſehen. Gut! Warten wir ein wenig! Dieſe Büſche verbergen uns hinlänglich!« Er rief die Hunde zu ſich, befahl ihnen leiſe, ſich niederzukauern, und ſtellte ſich mit geſpanntem Gewehr auf die Lauer. Von ſeinem Verſtecke aus konnte er eine kleine Lichtung überſchauen, die, etwa fünfzig Schritte breit, faſt tageshell vom Mondlichte beſchienen wurde. Kaum zwei Minuten hatte er gewartet, da trat jenſeits aus dem Walde ein Mann auf die Lichtung und ſpä⸗ hete umher. »Marcel!« murmelte Jaques überraſcht.„Was führt ihn hierher? Verfolgt er mich? Will er meine Wege auskundſchaften? Der Unglückliche! Er weiß nicht, was er wagt!“ Marcel näherte ſich mittlerweile, immer rings um⸗ her ſpähend, dem Gebüſch. Jaques ließ ihn bis auf zwanzig Schritt heran kommen, dann faßte er ſeinen Entſchluß, und trat aus dem Dickicht in das volle Mondlicht. »Marcel, was ſuchſt du hier?« fragte er. »Dich, Verräther, und die Vergeltung!« rief Mar⸗ cel zornig, und zog ein Piſtol aus ſeiner Bruſttaſche. Ein Schuß krachte, und Jaques hörte eine Kugel an ſich vorbei pfeifen. In demſelben Augenblicke ſpran⸗ gen aber auch die beiden großen Wolfshunde auf, ſtürz⸗ ten ſich mit wüthendem Gebell auf Marcel, und riſſen ihn im Nu zu Boden. Sie würden in mit ihren 8 Zähnen zerfleiſcht haben, wenn Jaques ihnen nicht ge⸗ wehrt hätte. „Zurück!“« ſchrie er.„Hector! Türk, zurück!« Die Hunde gehorchten und ließen von Marcel ab, gaben es aber nicht zu, daß er ſich wieder aufrichtete. Jaques trat dicht an ihn heran. „Warum hinderſt Du die Hunde, mich zu zerreißen,“ rief ihm Marcel grimmig entgegen.„Ich will lieber unter den Zähnen wüthender Beſtien mein Leben aus⸗ hauchen, als durch die Hand eines Verräthers ſterben.“ Jaques hatte ſeine Buͤchſe wieder über die Schulter ge⸗ worfen, und ſtand jetzt mit gekreuzten Armen vor ſeinem wüthenden Feinde, den er mitleidig lächelnd betrachtete. „Marcel, du biſt mein Feind,« ſagte er nach einem Weilchen mit ruhiger Stimme;—„du haſt nach meinem Leben getrachtet,— du biſt in meiner Gewalt, ich könnte dich tödten, und ich hätte das Recht dazu, — aber ich ziehe es vor, dich zu meinem Freunde zu machen.“ „Ich werde nie der Freund eines Mörders, eines Verräthers ſein,“ entgegnete Marcel heftig. „Du wirſt mein Freund ſein, ehe fünf Minuten vergehen,“ ſagte Jaques wie vorhin.„Steh' auf, und folge mir! Hektor, Türk, zurück!« Die Hunde wichen zurück, und Marcel richtete ſich auf. Jaques nahm ihn bei der Hand, und führte ihn durch das Gebüſch nach der Ruine. Marcel folgte ihm faſt willenlos. Er fühlte ſich verwirrt und beſchämt über ſeine Niederlage. Jaques öffnete die geheime Pforte, leitete Marcel die Treppe hinunter, und be⸗ trat mit ihm das vom Lampenſchimmer hell erleuchtete Gemach Arthurs. Mareel, als er den Knaben vor ⁵ ₰ 85 ſich erblickte, wankte zurück, und ſtarrte ihn an, wie eine Geiſter⸗Erſcheinung. Dann ſchrie er laut auf und warf ſich zu ſeinen Füßen nieder. »Arthur! Mein junger Herr! rief er aus.„Sie leben! Sie ſind hier! Und wir Alle glaubten, Jaques habe Sie an das Revolutions⸗Tribunal verkauft! O, mein Gott, welches Verbrechen hätte ich beinahe be⸗ gangen!« »Biſt du nun zufrieden, Marcel?« fragte Jaques. „Hältſt du mich noch für einen Verräther, einen Moͤrder?« „Wie? Auch du, Marcel?« rief Arthur aus. Auch du konnteſt an der Treue dieſes meines beſten Freundes zweifeln?« „Der Schein ſprach ſo ſehr gegen ihn,« ſtammelte Marcel beſchämt.„Verzeiht mir, Jaques! Auf meinen Knieen flehe ich Euch an, verzeihet mir! Was ich that, ich that es ja nur aus Liebe zu meinem jungen, gnädigen Herrn!« »„Steh' auf, Marcel,« erwiederte Jaques ſanft. »„Ich verzeihe nicht nur dir, ich verzeihe Euch Allen, die Ihr mich gekränkt, verfolgt, geſchmähet und ver⸗ läumdet habt. Ich kenne dich wohl, du biſt ein braves Herz, und eben deßhalb habe ich dich in unſer Ver⸗ trauen gezogen. Wenige Worte werden dir erklären, warum Alles, was ich that, im Verborgenen bleiben mußte und noch bleiben muß. Höre mich an... Er ſetzte ihm auseinander, welche Gründe ihn be⸗ wogen hatten, Arthur in der Ruine zu verbergen, warum er die Beſitzungen Vignerolles angekauft, und woher er das Geld dazu genommen hatte. Marcel .**⁴— 86 hörte ihn ſprachlos an. Er rang die Hände, und große Thränen entſtürzten ſeinen Augen.— „O, ich Unmenſch!« rief er endlich ſeufzend aus. „Und ich konnte einen ſo ſchändlichen Verdacht hegen! Ich konnte das Mordgewehr auf dieſes treue, edle Herz abfeuern! O, Jaques, nimmer, nimmer kann ich dafür Verzeihung erlangen!“ „Es iſt dir verziehen,— Alles!“ erwiederte Jaques in gütigem Tone.„Und nun, habe ich zu viel be⸗ hauptet, als ich ſagte, du würdeſt in wenigen Minuten alle Feindſchaft vergeſſen haben, und mein Freund ſein?« „Oh, mehr als das, Jaques!“ verſetzte Marcel feurig.„Befehlt, und ich laſſe mich in Stücke reißen für Euch! Aber Alle ſollen es nun auch wiſſen, wie ſehr man Euch verkannt hat! Allen will ich Eure Un⸗ ſchuld verkündigen, und Alle ſollen Euch auf den Knieen Abbitte leiſten, wie ich!“ „Ruhig, mein Sohn, ruhig!«“ ſagte Jaques.„Noch iſt die Gefahr nicht vorüber, noch iſt ſie eben ſo groß, als ſie je geweſen, und darum müſſen wir alſo auch noch immer das tiefſte Geheimniß bewahren. Wache über dich, daß kein Blick, keine Miene verräth, was du in dieſer Nacht erfahren haſt. Schwöre es mir, Marcel, oder ich müßte bitterlich bereuen, daß ich dich in unſer Vertrauen gezogen habe.“ „Es iſt wahr, ich muß ſchweigen,“ erwiederte Marcel nach kurzem Nachdenken.»Aber es wird mir ſchwer werden, wenn ich wie bisher Euch ſchmähen und ver⸗ läumden höͤren muß.“ „Es iſt mir auch nicht leicht geworden, Eure Ver⸗ achtung, Euern Haß zu ertragen, ohne mich recht⸗ 4— 4 43 2— —— 2— ,— 87 fertigen zu dürfen,“ verſetzte Jaques einfach.„»Aber nur Geduld! Die Schreckens⸗Regierung kann unmöglich noch lange währen, ſie muß endlich in dem Blutmeere erſticken, das ſie täglich vergießt. Dann, wenn die Böſewichter geſtürzt ſind, dann wollen wir ſprechen! Bis dahin aber— Vorſicht und Schweigen.“ „Ja, Vorſicht und Schweigen, ich ſchwöre es,« ſagte Marcel, und hob feierlich die Hand zum Schwure auf.„Aber nichts ſoll mich abhalten, Jaques, von jetzt an uͤber Euch zu wachen, wie ich bisher Euch verfolgt habe. O, es iſt nicht überflüſſig! Ihr habt viele Feinde, und ſie ſind wohl fähig, Euch das Aergſte anzuthun!“ „Ich weiß das wohl, Marcel,“ verſetzte Jaques ruhig,—„und daß ich es weiß, beſtimmte mich eben, dich in unſer Geheimniß einzuweihen. Wenn mir etwas Böſes widerfahren ſollte, wenn mich eine Kugel aus dem Hinterhalte träfe, oder das Meſſer eines Mörders mich durchbohrte,— ſo biſt du da. Ich kann dann ohne Sorge ſterben, denn du wirſt meine Stelle bei Arthur einnehmen, und für ihn ſorgen, über ihn wachen, wie ich es gethan habe. Dein Herz iſt treu, ich weiß es, und ich vertraue dir.“ „Dank, dank für dieſe Worte, Jaques,“ ſagte Marcel mit Thränen in den Augen. Ihr ſollt Euch nicht in mir getäuſcht haben!“. „Gut, ſo bin ich ruhig,“ verſetzte Jaques einfach. „Nun aber müſſen wir wieder gehen, denn ich muß vor Tagesanbruch im Schloſſe ſein.“ »„Aber ich darf wiederkommen, ich darf meinen jungen Herrn zuweilen beſuchen?« ſagte Marcel.»Nicht wahr, Sie erlauben es, Herr Arthur?« — 88 »Gern,“ erwiederte dieſer.„Es wird mich freuen, wenn du mir manchmal in meiner Einſamkeit Geſell⸗ ſchaft leiſteſt. Du haſt nichts dagegen, Jaques, daß er kommt?“ 1 „Nein,— vorausgeſetzt, daß es mit der äußerſten Vorſicht geſchieht,“ gab Jaques zur Antwort. „O, verlaßt Euch auf mich, Jaques,“ ſagte Marcel hoch erfreut.„Ich werde vorſichtig und ſchlau ſein, wie der Fuchs, wenn er um den Hühnerſtall ſchleicht.“ »Gut! auf Wiederſehen alſo, lieber Arthur!“ ſagte Jaques, und verließ mit Marcel die unterirdiſche Wohnung. Im Walde trennten ſich die Beiden. Jaques ſchlug den Weg nach dem Schloſſe ein, Marcel ſchlich auf Umwegen nach ſeiner kleinen Wohnung im Dorfe zurück.. Der Winter verging, der Sommer kam, und immer noch dauerte die Schreckensregierung ohne Wechſel und Unterbrechung fort. Jaques und Marcel bewahr⸗ ten ſorgfältig ihr Geheimniß, und Niemand hatte auch nur eine Ahnung, daß ſie, anſtatt Feinde, die treueſten Verbündeten waren. Sie thaten auch ſehr wohl daran, auf der Hut zu ſein, denn wenn Jaques von der einen Seite, den Revolutionären, immer mit einigem Miß⸗ trauen beobachtet wurde, ſo minderte ſich auf der an⸗ dern Seite der Haß nicht, den die Pächter von Vig⸗ nerolles und die entlaſſene Dienerſchaft gegen ihn hegten. Dieſer Haß ſtieg vielmehr höher und höher, und äaußerte ſich bei jeder Gelegenheit. Der frühere Haushofmeiſter des Baron Vignerolles ſprach es ſogar öffentlich aus, daß er nicht ruhen und raſten werde, 4 ehe er nicht Jaques, den Verräther und Mörder, in's 4 Vignerolles, den Sohn des Barons nach England ge⸗ 89 Verderben geſtürzt habe. Und endlich ließ ſein uner⸗ bittlicher Haß ihn wirklich das Mittel dazu finden. Eines Tages, in der letzten Hälfte des Juli im Jahre 1794, erſchien ganz unerwartet eine Abtheilung von zwölf Mann Soldaten im Schloſſe Vignerolles, und der Officier verlangte den Herrn zu ſprechen. Mit den Soldaten drängte ſich auch ein Haufen Volks mit ein, unter welchem ſich der Haushofmeiſter be⸗ fand, aus deſſen Zügen eine ſchreckliche Schadenfreude leuchtete. »„Jetzt iſt er verloren!“ ſagte er zu ſeinen nächſten Nachbarn, ebenfalls ehemaligen Dienern des Baron Vignerolles.„Nichts kann ihn mehr retten. Unſer Zeugniß muß ihm den Tod bringen, den er hundert⸗ fach verdient hat, der elende Schurke!“ „Von wem ſprecht Ihr,“ fragte Marcel, welcher eben athemlos ankam, da er von dem Anrücken der „Soldaten gehört hatte. „»Von wem ſonſt, als von unſerem gemeinſchaft⸗ lichen Feinde, von Jaques,“ verſetzte der Haushof⸗ meiſter.„Freue dich mit uns, Marcel! Der Schänd⸗ liche wird endlich ſeinen Lohn empfangen. Ich habe ihm einen Dienſt erwieſen, der ihn auf das Schaffot bringen muß, wohin er auch unſeren ſeligen Herrn ge⸗ bracht hat.“ »Marcel erſchrak ſo heftig, daß er kaum ſeine Angſt und Beſtürzung verbergen konnte. »Was habt Ihr gethan?“ fragte er. »Ganz einfach habe ich ein paar Zeilen an Herrn Neobespierre geſchrieben, und demſelben mitgetheilt, daß Jaques Brouſſard, der jetzige Beſitzer von Schloß . — 90 flüchtet hat,“ verſetzte der Haushofmeiſter.„Verſtehſt du nun?“ »„Ja, ich verſtehe,“ gab Marcel todtenbleich zur Antwort.„»Robespierre hat den Brief empfangen, und ſeine Schergen abgeſandt, um Jaques gefangen zu nehmen, verhören und ſchließlich erſchießen zu laſſen, wenn er des Verbrechens ſchuldig iſt, den Sohn ſeines Herrn gerettet zu haben. Euer Werk iſt ge⸗ lungen!« „Ja, dem Himmel ſei Dank, unſer Herr wird endlich gerächt werden!“ ſagte der Haushofmeiſter mit dem Ausdrucke grimmigen Haſſes. Marcel antwortete nicht, denn eben jetzt trat Jaques aus der Thür und auf den Officier zu, welcher ihn zu ſprechen verlangt hatte. »Ich bin Jaques Brouſſard, der Herr dieſes Schloſſes,“ ſagte er gefaßt und ruhig, obgleich ſein ernſtes, ſtrenges Geſicht etwas bleicher als gewöhn⸗ lich ausſah.„Was verlangt man von mir.« »Sie ſind mein Gefangener,“ entgegnete der Officier. „Soldaten ergreift ihn! Und nun vorwärts in die Halle, wir werden ſofort Gericht über ihn halten.“ Jaques leiſtete keinen Widerſtand, der auch völlig nutzlos geweſen ſein würde. Willig ſchritt er mit den Soldaten in das Schloß zurück, und der Haushof⸗ meiſter mit den übrigen Dienern folgte. Der Officier nahm an einem Tiſche Platz, und zog einen Brief aus ſeiner Bruſttaſche, den er entfaltet vor ſich hinlegte. „Warum verhaftet man mich?« fragte Jaques un⸗ geduldig.„»Weſſen Vergehens bin ich angeklagt wor⸗ den?“ „Ihr habt nicht zu fragen, ſondern nur zu ant⸗ 3 6 2 91 worten,“ verſetzte der Officier barſch.„Läugnet Ihr, den Sohn des Bürgers, vormals Baron Vignerolles, Namens Arthur, nach England geſchafft zu haben, um ſeinen Kopf vor der Guillotine zu retten?« „Ja, das läugne ich,“ erwiederte Jaques mit feſter Stimme. »Er lügt, Bürger Officier,“ rief der Haushofmeiſter. „Hier ſtehen zehn Zeugen, die es beſchwören werden, daß er Arthur geflüchtet hat.“ „Tretet vor!“ befahl der Officier. Die ſämmtlichen Diener, der Haushofmeiſter an ihrer Spitze, traten dem Tiſche näher, und ſtellten ſich Jaques gegenüber, den ſie mit feindſeligen Blicken be⸗ trachteten. „Sprecht!“ ſagte der Officier zu dem Haushof⸗ meiſter.. 2 „Ja, ich werde ſprechen, Bürger Officier,“ erwie⸗ derte der rachdürſtige Greis.„Der Brief auf dem Tiſche vor Euch, iſt von meiner Hand; ich habe ihn an den Bürger Robespierre geſchrieben, und werde Allles beweiſen, was darin ſteht. Dieſer Mann,“— er deutete verächtlich auf Jaques,—„begleitete im vorigen Jahre unſeren früheren Herrn, den Baron Vignerolles, nach Paris. Als er von dort zurückkehrte, kündigte er uns, die wir Alle Diener im Schloſſe waren, an, daß unſer Herr gulllotinirt worden ſei, und daß er den Auftrag habe, Arthur zu retten. Er theilte uns mit, daß er ihn nach England geleiten wolle, und gebot uns, dieß geheim zu halten. Dann reiste er mit Arthur ab, und kam allein wieder. Dieß iſt die Wahrheit. Wir Alle können ſie beſchwören.“ »»Was ſagt Ihr dazu, Angeklagter,« wendete 92 ſich der Officier gegen Jaques.„Werdet Ihr noch läugnen?« Jaques wußte, daß er verloren ſei, wenn er die Wahrheit eingeſtand. Es gab nur ein einziges Mittel zu ſeiner Rettung, und dieß beſtand darin, daß er Arthur auslieferte. Aber auch nicht der entfernteſte Gedanke an einen ſolchen Verrath befleckte ſeine edle Seele. Er dachte nur an die Treue, die er ſeinem Herrn geſchworen hatte, und ſchwankte keinen Augen⸗ blick, ihr ſeinen Kopf zum Opfer zu bringen.„Sei getreu bis in den Tod, ſo will ich dir die Krone des Lebens geben!« ſagte er zu ſich ſelbſt mit den Worten der heiligen Schrift, und dann erhob er mit ſtolzem, ruhigem Blicke ſein Haupt. »Ja, es iſt wahr,« ſprach er,—„ich habe den Sohn meines Herrn gerettet. Jetzt verfahrt mit mir nach Eurem Gefallen!“ Der Officier ſchüttelte eher mitleidig, als ſtreng und zornig, ſein Haupt. »Du kennſt die Strafe, die ein ſolches Verbrechen bedrohet?“ ſagte er. »Ich kenne ſie, ſie lautet: Tod?« »Ja, Tod! Du haſt es getroffen. In einer Stunde wirſt du erſchoſſen werden! Haſt du noch etwas zu beſorgen in dieſem Leben, ſo beeile dich. Eine Stunde iſt bald verfloſſen.“«. »Ich bin bereit, in die Ewigkeit zu gehen,« erwie⸗ derte Jaques mit ruhiger, feſter Haltung.„Euch aber,« wendete er ſich an den Haushofmeiſter und die übrigen Diener,—„Euch verzeihe ich, was Ihr mir gethan in Unwiſſenheit und Verblendung. Der Tag wird er⸗ ſcheinen, wo Ihr die bitterſte Reue empfinden werdet. 2᷑ —— 93 Dann erinnert Euch, daß ich Euch vergeben habe, und Eure Reue wird vielleicht minder ſchmerzlich ſein.“ »Jetzt mein Officier,“ ſprach er zu dieſem,—„ver⸗ fügen Sie über mich.“ Der Officier winkte ſeinen Soldaten, und Jaques wurde in ſein Zimmer geführt und daſelbſt ſtreng bewacht. „Eine Stunde!“ murmelte Marcel.„Die Friſt iſt kurz, aber ſie muß benutzt werden.“ Er verſchwand aus der Halle, und eilte hinweg, ohne daß es Jemand bemerkte. Die Stunde, welche dem Verurtheilten bewilligt worden war, ſich zum Tode vorzubereiten, war bald verſtrichen. Die Soldaten führten den Gefangenen in's Freie, um den Urtheilsſpruch an ihm zu voll⸗ ſtrecken. Jaques ging feſten Schrittes in ihrer Mitte und ſtellte ſich auf den Platz, wo er die tödtlichen Kugeln empfangen ſollte. Sein ernſtes Antlitz war ruhig, faſt heiter. Als man ihm die Augen verbinden wollte, verbat er es. »„Ich fürchte den Tod nicht,« ſagte er,„ich werde ihn ohne ein Zucken der Wimper erwarten.“ „Achtung!“ befahl jetzt der Officier den Soldaten, die dem Verurtheilten gegenüberſtanden.„Legt an!“ Die Soldaten gehorchten, die Mündungen von zwölf Gewehren waren auf Jaques gerichtet, der in feſter Haltung das Commando:„Feuer!“ erwartete. Aber dieſes Commando ſollte nicht gegeben werden. Es geſchah etwas ganz Unerwartetes. »Halt!« rief plötzlich eine kräftige Stimme in ge⸗ bieteriſchem Tone.„Halt! Gewehr ab!« Unwillkürlich, ganz mechaniſch, gehorchten die Sol⸗ 94 daten, und ehe der Officier ſich beſinnen konnte, ſtürzten plötzlich einige zwanzig Männer mit geſchwärzten Ge⸗ ſichtern über ihn und ſeine Leute her, entriſſen ihnen die Gewehre, und knebelten ſie in unglaublicher Ge⸗ ſchwindigkeit mit Stricken. In weniger als zwei Mi⸗ nuten war Alles geſchehen. Voll ſtarren Erſtaunens ſtanden die Zuſchauer, welche die Execution hatten mit anſehen wollen. Aber die verlarvten Männer hielten ſich nicht damit auf, ihnen eine Erklärung zu geben. Einer von ihnen ſtürzte auf Jaques zu, und riß ihn mit ſich fort. Die Anderen zerſtreuten ſich, und waren im Umſehen ſo ſchnell und plötzlich wieder verſchwunden, wie ſie auf dem Schauplatze erſchienen waren. Als man die Soldaten und den Officier von ihren Feſſeln befreit hatte, war nirgends mehr eine Spur von ihren Ueberwindern zu entdecken.. Siebentes Kapitel. Gerechtfertigt. Jaques hatte ſich natürlich nicht geſträͤubt, ſeinem Befreier zu folgen. Sie eilten jetzt beide dem nahen Walde zu, und erreichten bald ſein ſchützendes Dickicht. Hier gingen ſie langſamer, und konnten wieder etwas zu Athem kommen. »Marcel, mein junger Freund, du biſt es, ich er⸗ 95 kenne dich trotz deines ſchwarzen Geſichtes,“ ſagte Jaques, als ſie ſich der Kloſter⸗Ruine näherten.„Wie konnte es dir gelingen, mich in einem Augenblicke noch zu befreien, den ich für den letzten meines Leben hielt?« „Der Ueberraſchung gelang es,“ erwiederte Marcel, und der gütige Gott, dem ich aus Herzensgrunde danke, half uns dabei. Als ich hörte, daß Euch noch eine Stunde Friſt gegeben war, erinnerte ich mich einer Anzahl guter Freunde, welche in den Steinbrüchen beim nächſten Dorfe arbeiten. Ich kannte ſie als ent⸗ ſchloſſene Männer, und eilte zu ihnen. Als ich ihnen ſagte, daß ein Freund von mir von Soldaten erſchoſſen werden ſollte, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, waren ſie ſofort erbötig, mir Beiſtand zu leiſten. Stricke waren genug zur Hand, wir ſchwärzten uns die Ge⸗ ſichter, und eilten dann, an Ort und Stelle zu gelangen. Dem Himmel ſei Dank, wir kamen nicht zu ſpät! Die Soldaten haben nicht Einen von uns erkannt und Niemanden erwiſcht, und ſo iſt denn Alles auf das Beſte gelungen!« „»Dank deiner Entſchloſſenheit, mein braver Marcel,“ ſagte Jaques und drückte dem muthigen Burſchen die Hand.„Aber was ſoll nun geſchehen? Ich darf nicht in das Schloß zurückkehren, und die Güter Arthur's, die ich gern mit meinem Leben vertheidigt hätte, werden verloren ſein.“ „Ihr habt gethan, Jaques, was Ihr irgend ver⸗ mochtet,“ verſetzte Marcel.„Kein Vorwurf kann Euch treffen, und dies muß Euch beruhigen. Das Beſte, was Euch noch zu thun übrig bleibt, iſt, daß Ihr Arthur in ſeinem Verſteck Geſellſchaft leiſtet, bis ſich 96 eine Gelegenheit bietet, mit ihm nach England zu flüchten. Dort ſeid Ihr geborgen, und könnt in Sicher⸗ heit beſſere Zeiten abwarten.“ „Ja, ſo mag es geſchehen,“ erwiederte Jaques. „Ich ſelbſt ſehe keinen beſſeren Ausweg, denn die Güter ſind ja nun doch unwiederbringlich verloren.“ Sie kamen in dem Verſtecke an, und Arthur ver⸗ nahm mit Schrecken und Staunen, was vorgefallen war. Der Verluſt der Güter ſchmerzte ihn nicht zu ſehr, deſto mehr aber freute er ſich der Rettung des alten, treuen, bis zum Tode ſtandhaft gebliebenen Dieners. „Laß es gut ſein, Jaques,“ ſagte er, indem er ſich an ſeine Bruſt warf.„Wir haben ja noch genug, um unſer Leben zu friſten, und im Uebrigen müſſen wir auf die Zukunft vertrauen. Es wird ja doch endlich einmal anders und beſſer werden in Frankreich!« Was Arthur hoffte, geſchah ſchneller, als irgend Jemand ahnen konnte. Marcel, der heimlich in dem Verſtecke aus und ein ging, und jede Nacht wenigſtens ein paar Stunden mit Arthur und Jaques zuſammen war, kam etwa acht Tage nach den letzten wichtigen Ereigniſſen eines Morgens freudeſtrahlend herbeigeeilt, und umarmte ſeinen jungen Herrn und Jaques unter Ausrufungen des höchſten Entzückens. „Freuet Euch mit mir, wie ſich ganz Frankreich freuet,« rief er aus.»Wir haben nichts mehr zu fürchten! Die Schreckens⸗Regierung iſt geſtürzt, und frank und frei können wir Alle nach Schloß Vignerolles zurückkehren!“ 3 4„Du träumſt Marcel,“ erwiederte Jaques, bebend voor Schreck und Freude.„Du biſt außer dir! Erzähle 97 ruhig, was du erfahren haſt, ſonſt werden wir dir kein Wort glauben!“ »So hört denn,“ verſetzte Marcel und ſuchte ſich zu beherrſchen.„Ich war geſtern in der nächſten Stadt drüben, um eine Gelegenheit zur Flucht für Euch zu ſuchen, als ich plötzlich vor dem Rathhauſe eine unge⸗ wöhnliche Bewegung bemerkte. Das Volk ſtrömte auf dem Markte zuſammen, und auf dem Balkon des Rath⸗ hauſes ſah ich den Maire mit einigen Begleitern. Ich eilte ebenfalls hinzu, und hörte, daß der Maire der dicht gedrängten Menge die Nachrichten mittheilte, daß der Tyrann Robespierre guillotinirt worden ſei, daß man den Jakobiner⸗Club aufgehoben und zerſprengt, und daß man eine neue, aus gemäßigten und gerechten Männern zuſammengeſetzte Regierung gebildet habe. Allgemeiner Jubel folgte dieſen Eröffnungen. Man umarmte ſich, man beglückwünſchte einander, und die ſüßeſten Thränen floſſen. Ich ſelbſt wußte mich vor Entzücken kaum zu faſſen, und mein erſter Gedanke flog zu Euch. Ich wollte auf der Stelle die Stadt verlaſſen, um zu Euch zu eilen, aber noch hielt mich ein gewiſſes Mißtrauen zurück, und ich beſchloß, erſt eine Beſtätigung der frohen Kunde abzuwarten. Wäh⸗ rend der Nacht trafen neue Nachrichten ein. Alles war richtig, man konnte nicht länger zweifeln. Die Tyrannen waren todt oder auf der Flucht, die Schreckens⸗ regierung war geſtürzt, und eine allgemeine Amneſtie war verkündet worden. Nun machte ich mich auf zu Euch, und hier bin ich. Ihr habt nichts mehr zu fürchten, und im Triumphe wird unſer junger Herr in ſein Schloß zurückkehren.“ 4 »„Ich danke dir, mein Gott!“ ſagte Jaques in tief⸗ Wie der Herr ꝛc. 98 Schuldloſtgkeit darthun.“ mir zu Hülfe.“ „ Arthur nickte. die Thür halb offe ſprochen wird.“« Jaques that, wie ihm geheißen wurde, ſter Rührung, indem er Arthur in ſeine Arme ſchloß und an ſeine Bruſt drückte.„Mein Gelübde iſt er⸗ füͤllt, und mit gutem Gewiſſen kann ich mein Auge zum Himmel emporheben. Endlich, endlich werde ich gerechtfertigt daſtehen, und der Haß, der mich verfolgte, die Verachtung, die mich zu Boden beugte und mein Herz mit bitteren Schmerzen erfüllte, ſie werden ver⸗ ſchwinden, wie Nebel vor der ſtrahlenden Sonne. Kommt denn! Du, Marcel, eile voraus, und ver⸗ ſammle die Diener des Hauſes in der großen Halle. Dort will ich ihnen entgegen treten, und ihnen meine „Sie ſollen kommen, Jaques, Alle, ich werde dafür ſorgen,“ erwiederte Marcel.„Oh, wie freue ich mich auf den Augenblick, wo ſie ſämmtlich ſo beſchämt vor CEuach ſtehen werden, wie ich vor Euch ſtand, als Ihr mich zu unſerem jungen Herrn geführt hattet.“ Marcel eilte davon. Arthur und Jaques folgten langſamer. Unbemerkt erreichten ſie das Schloß, und gelangten durch die Seitenpforte in das Innere. Bald nach ihrer Ankunft kam auch Marcel mit der Nachricht, daß die Dienerſchaft und ein großer Theil der Pächter aus dem Dorfe in der Halle ſich eingefunden hätten. „Gut, ich werde ihnen vorerſt allein gegenüber treten,“ ſagte Jaques.„Wenn es Zeit iſt, kommt Ihr „Geh', mein treuer Jaques,“ erwiederte er.„Ich werde gewiß im rechten Augenblicke erſcheinen. Laß ſtehen, damit ich höre, was ge⸗ 99 hoch aufgerichtet, langſam, mit ruhigem ſtolzen Blicke, und freier Stirne in den Saal. Bei ſeinem Erſcheinen ertönte ein allgemeiner Aufſchrei der Entrüſtung, des Haſſes, der Wuth. „Ha, der Verräther!« rief der Haushofmeiſter. „Er wagt es, hierher zurückzukehren! Er glaubt viel⸗ leicht, gar wieder den Herrn hier ſpielen zu können! Aber er hat ſich nur mit offenen Augen dem Verderben überliefert. Ergreift ihn, und laßt uns Gericht über ihn halten.“ Allgemeiner Beifallsruf folgte dieſen Worten, und Mehrere machten Miene, ſich auf Jaques zu ſtürzen und ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen. Aber Jaques trat ihnen ſo furchtlos entgegen, und gebot mit ſo ruhiger Würde Stille, daß plötzlich ein tiefes Schweigen dem lauten Tumulte folgte. „Ihr wollt Gericht uͤber mich halten,“ ſagte er dann mit ernſter Stimme,—„nun, wohlan, hier ſtehe ich, und erwarte die Anklage. Wenigſtens wird man mir, wie ſelbſt dem gemeinſten Verbrecher, die Gunſt geſtatten, mich vertheidigen zu duͤrfen. Alſo, weſſen Vergehens beſchuldigt man mich?“ „Du haſt unſern Herrn verrathen und auf die Guillotine gebracht!“ ſchrie ihm der Haushofmeiſter entgegen. „Das iſt nicht wahr,“ verſetzte Jaques,„ich bin ihm treu geweſen bis zu ſeinem letzten Augenblicke. Ich werde es beweiſen!« „Du lügſt!« rief der Haushofmeiſter.„Du haſt unſern Herrn nicht nur getödtet, ſondern auch beſtohlen, um ſeine Güter anzukaufen. Läugne es, wenn du es wagſt!« 7* meiſter.„Wo iſt Arthur?« 6 laut.„Und dieſer hier, den Ihr geſchmähet, beſchuldigt unnd angeklagt ſen dieſer iſt mein beſter, mein treueſter, kunden hindurch ſtanden ſie in gänzlicher Erſtarrung. 100 „Ich läugne es,« erwiederte Jaques wie vorhin. „Nicht beraubt habe ich unſeren Herrn, ſondern treu ſein Vermögen aufbewahrt und verwaltet. Ich werde 4 es beweiſen. Weiter!“ „Ja, weiter, frecher Böſewicht,“ rief der Haushof⸗ meiſter außer ſich vor Entrüſtung.„Noch das Schwerſte iſt zurück,— du haſt Arthur an das Blutgericht ver⸗ kauft, und das Blutgeid in deine Taſche geſteckt. O, Verräther, dieſe Schändlichkeit ſollſt du mit deinem Leben bezahlen!“ „Still!« gebot Jaques, als ein dumpfes Murmeln verrieth, daß ein neuer Sturm unter den Verſammelten auszubrechen drohte.„Ich habe Arthur nicht verkauft, ſondern ich habe ihn gerettet. Ich habe das Schloß und die Güter an mich gebracht, nicht, um ſie für mich zu behalten, ſondern um ſie unſerem jungen Herrn zu bewahren“ „Lüge! Schändliche Lüge!“ ſagte der Haushof⸗ „Hier!« verſetzte Jaques, und deutete auf die nur halb geſchloſſene Thür. In demſelben Augenblicke wurde ſie vollends auf⸗ geſtoßen, und Arthur trat, Marcel an ſeiner Seite, heiter und freundlich in die Halle, und warf ſich an die Bruſt des treuen Jaques. „Ja, hier bin ich, meine Freunde,“ ſagte er dann mein hochherzigſte edelſter Freund!« Arthur's unerwartetes Vortreten wirkte wie eine Geiſter⸗Erſcheinung auf die Anweſenden. Einige Se⸗ 101 Dann aber ſtürzten ſie mit lautem Freudengeſchrei her⸗ bei, und umringten ihren jungen Herrn, indem ſie ſeine Hände, oder nur den Saum ſeines Kleides zu küſſen ſuchten. Arthur wehrte ihnen nicht. Als ſich aber die erſte Aufregung gelegt hatte, ſchilderte er mitz beredten Worten die edle Aufopferung des treuen Jaques, und tief bewegt, voll Scham und Reue im Herzen, hörten Alle die Rechtfertigung an. Stumm blickten ſie zuletzt zu Boden, während Jaques freudeſtrahlenden Auges nach Oben ſchaute. „»O, Jaques, edles Herz, kannſt du uns ver⸗ zeihen?« ſprach endlich der Haushofmeiſter demüthig. „Wir ahnten ja nicht, was die Maske verbarg, die du trugeſt. Darum Gnade und Verzeihung für uns Verblendete!“ „»Von Herzen verzeihe ich Euch, meine Freunde,« verſetzte Jaques tief bewegt, denn er genoß in dieſer Stunde den feierlichſten und ſchönſten Augenblick ſeines Lebens.„Danken wir alle Gott, daß Er uns gnädig beſchützt hat. Ich aber will nun, wenn der Herr Herr mich ruft, mit Freuden in die Grube fahren, denn offenen Angeſichts werde ich meinem unvergeßlichen, uns vorangegangenen Gebieter dereinſt dort im Jenſeits entgegen treten können. Ich habe die Treue bewahrt, die ich ihm gelobt, wie er die Treue bewahrte, die er ſeinem Könige geſchworen. Wie der Herr, ſo der Knecht! Einem ſolchen Vorbilde gegenüber konnte ich ja doch nicht weniger thun. Darum nicht mir die Ehre, ſondern allein dem treuen Vater im Himmel, deſſen mächtige Hand dieſes theure jugendliche Haupt beſchirmte!« * . 102 Arthur umarmte den braven Jaques, und küßte ihn. Die Dienerſchaft drängte ſich mit Thränen in den Augen um ihn, und ſuchte ihm tauſend Beweiſe ihrer Liebe und Achtung zu geben. Jaques nahm ſie 4& lächelnd und. dankbar hin. Er arndtete jetzt, was er„ geſäet, den⸗Lohn ſeiner Treue, und es dünkte ihm tief in dem ehrlichen Herzen, als ob dies die ächte Krone des Lebens ſei, die der Herr, unſer Gott denen verheißen hat, die da getreu ſind bis in den Tod.— 8* — —