—— Leihbibliothek) 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur! Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 4 Büchier: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. 53 3— 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir Lilehen auch dafür zu ſtehen haben. — Eine Erzählung für meine jungen Freunde von Franz Vafkmann. Motto: Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch iſt heute der Heiland geboren! Luc. 2, 10. 11. Mit vier Stahlſichen. 4 — Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1855⁵. Erſtes Kapitel. Siehe, ich verkündige euch große Freude! Luc. 2, 10. Im November wirbelten die erſten Schneeflocken gleich weißen Flaumfedern durch die Luft, und deckten ſtill und geräuſchlos Straßen und Dächer mit einem glänzenden Tuche zu. Der kleine, ſieben Jahr alte Jonathan Monkenwyk, ein hübſcher, blondlockiger Knabe mit blauen Augen, ſtand am Fenſter, und ſchaute durch die großen, hellen Spiegelſcheiben in das Wirbeln der Flocken hinaus, die ſo unhörbar leicht und doch in ſo unermeßlicher Menge vom wolkenſchweren Himmel auf die Erde herab rieſelten. Das immer wechſelnde, immer wieder ſich erneuernde Spiel der Millionen von leichten, locker gewebten Kriſtallen ſchien das ſinnige Gemüth des Knaben innig zu ergötzen, denn er wurde nicht müde, ſeine Augen daran zu weiden, und immer wieder einzelne, recht große Flocken von hoch, hoch oben her mit den Blicken zu erfaſſen, feſtzuhalten und durch das Chaos der durch einander wirbelnden Maſſen zu ver⸗ folgen, bis ſie ſich, wie die übrigen, ganz ſtill Weihnachten. Schweſtern auf Dach oder Straße betteten, und ſich in der Allgemeinheit der ganzen Menge verloren. Auf einmal aber klatſchte er fröhlich in die Hände, wandte ſich vom Fenſter ab zu dem inneren Raum des wohlgeheizten, behaglichen und faſt prunkenden Ge⸗ maches, und rief laut aufjubelnd:„Mütterchen, rathe, an was der Schnee mich erinnert! Ach, welche Luſt! Daß ich auch daran nicht ſchon eher gedacht habe!« „An was, mein Kind?“ fragte die Mutter, eine ſtattliche, ſchöne, in ſchwere Seidenſtoffe gekleidete Frau, indem ſie lächelnd nach dem Knaben hinüber blickte. „An was erinnert dich der Schnee?« »Nein, nein, du mußt es rathen, Mutter! Es iſt leicht, ganz leicht, das zu rathen!“ »Nun denn, er erinnert dich gewiß an die luſtigen Schlittenfahrten vom vorigen Jahre, die dir ſo viel Vergnügen machten. Weißt du noch, wo die Schellen ſo luſtig erklangen, und wir wie im Fluge weit über die ſchneebedeckten Ebenen hin glitten?« „ Ja, das war hübſch, wunderhuͤbſch!« erwiederte der Knabe.„Die Sonne ſchien ſo hell, und der Himmel war ſo blau und rein, und in der Luft blitzte es von kleinen Eisſplitterchen, wie von lauter Diaman⸗ ten, und die Zweige an den Bäumen glitzerten von dem kriſtallenen Reife, der ſich in der Nacht vorher angeſetzt hatte;— ja, ja, das war ſchön, aber doch iſt es das Rechte nicht! Du mußt noch einmal rathen, Mutter!« „Wohlan, ſo erinnert er dich wohl an die Eisfahr⸗ ten, die du mit Peter Hemskerk auf der gefrorenen, ſpiegelglatten Fläche des See's machteſt? Ich weiß, 3 — du warſt ſehr entzückt davon, obgleich du immer halb erfroren wieder nach Hauſe kamſt.“ 4 »Nein, Mutter, nein, auch das iſt's nicht! Es — war freilich wohl hubſch auf dem See mitten zwiſchen ſ den vielen geputzten Leuten, die auf ihren Schlittſchuhen ſchnell wie die Vögel hin und her und durcheinander flogen, und es gab viel zu lachen, wenn hier oder dort Einer hinpurzelte, und Peter iſt ein guter Junge, der mich prächtig im Stuhlſchlitten fuhr, aber das Rechte iſt es immer noch nicht, Mutter; du mußt noch weiter rathen.«. »„Ei denn, du machſt mir's nicht leicht, ſondern gibſt ſchwere Räthſel auf!“« ſagte die Mutter lächelnd. »„Erinnert dich der Schnee vielleicht an den großen 5 Schneemann, den dir Peter auf dem Hofe baute?« 44„Ei, ja doch! Der Schneemann war wohl auch 1u hübſch, beſonders als ihm Peter den großen Dreimaſter von bunter Pappe aufgeſetzt, und ihm ein großes, großes, rothes Maul, und einen mächtigen Schnurrbart, und ſolche große Augen gemalt, und ihm eine rothe Rübe 4 für die Naſe angeſetzt hatte! Ja, das war wohl ſehr „ ſpaßig, Mutter, aber— das Rechte iſt's noch immer nicht!« »Dann muß ich mich gefangen geben, Jonathan!« erwiederte Frau Monkenwyk.„Weiter weiß ich nun nichts, an was dich das Schneegeſtöber draußen er⸗ innern könnte.“ 88„»Aber die Hauptſache, Mutter, die Hauptſache! 4 Beſtnne dich nur! Nein, ich ſage es nicht, du mußt 1 es rathen!“ Frau Monkenwyk hatt' es ſchon längſt er wohinaus Jonathan wollte, und ein Jede geſehen an dem heimlichen, verſtohlenen Lächeln, das um ihre rothen Lippen ſpielte, aber Jonathan merkte es nicht, und ſo konnte er denn zuletzt ſein kleines Geheimniß nicht mehr bei ſich behalten, denn es drückte ihm faſt das Herz ab, und indem er von der Fenſter⸗ bank herunter der Mutter in die Arme ſprang, rief er laut heraus: „Weihnachten, Mütterchen! Weihnachten! Daß nun in vier Wochen Weihnachten iſt, und daß der Chriſt⸗ baum angezündet wird, und daß mir das Chriſtkindchen eine wunderſchöne Beſcheerung bringt, daran erinnert mich der Schnee, der draußen umherwirbelt, denn das iſt doch gewiß das Schönſte, was uns der Winter bringen kann! Weihnachten, Mütterchen! Ei, daß du dieß nicht gleich errathen konnteſt!« „Wer kann an Alles denken!“ erwiederte die Mutter mit dem vorigen verſtohlenen Lächeln.„Und wer weiß ob überhaupt das Chriſtkindchen in dieſem Jahre zu uns kommt? Wenn die Kinder während des vergangenen Jahres nicht fromm und artig waren, ſo geht es an der Hausthür vorbei und hält den Sack feſt zu, in dem alle die Weihnachts⸗Herrlichkeiten liegen, die es über die Tiſche hin ſtreut! Wer weiß, wer weiß, Jonathan, wie es dieſe Weihnacht mit dir ſteht?« „Ach, Mütterchen, du machſt Scherz mit mir!« entgegnete der Knabe lachend und warf ſich in die Bruſt.„So dumm bin ich jetzt nicht mehr, wie im vorigen Jahre! Jetzt geh' ich in die Schule und weiß, welches Chriſtkindchen es iſt, das uns Kindern den Weihnachtstiſch deckt! Du biſt es, Mutter, du und der Vater!“ d »„Ich und der Vater?« wiederholte die Mutter, und 4 — — A. und Ende iſt.“ ihr mildes, ſanftes Geſicht nahm einen ernſten Ausdruck an.„Ich und der Vater? Freilich wohl! Aber, Jona- than, da du ſo ſehr klug biſt, wie du mir verſicherſt, ſo haſt du auch wohl ſchon darüber nachgedacht, aus weſſen Hand am Ende doch alle Gabe kommt, alle, groß oder klein, die dem Menſchen gegeben wird, damit er ſich ſeines Daſeins erfreuen kann? Wie, mein Kind?« „Ja, Mutter, ich weiß es! Alle Gabe kommt von Gott! Das hat uns unſer Herr Präceptor gelehrt, und auch du haſt mir's ſchon geſagt.« „»Richtig, Jonathan! Und ſo hat uns Gott auch ſeinen Sohn, den Heiland der Welt gegeben, von dem alle Freude und alles Glück zu uns gekommen iſt, nicht minder alſo ebenfalls die Freude und das Glück, das alle gute Kinder zum heiligen Chriſtfeſte empfinden. Wir Beide, ich und der Vater, ſind nur die Werkzeuge, deren ſich das Chriſtkindlein bedient, und ſo ſiehſt du wohl, Jonathan, daß es im Grunde doch der Welt⸗ heiland iſt, der den Kindern zum frohen Feſte den Tiſch deckt und die bunten Lichter am Weihnachtsbaum an⸗ zündet.« Jonathan hörte aufmerkſam zu, dachte ein Weilchen über die Worte der Mutter nach, und ſagte dann ernſt⸗ haft:„Du haſt Recht, Mütterchen, und ich will nie wieder lachen, wenn du vom Chriſtkindchen zu mir ſprichſt, denn ich ſehe ſchon, ich bin doch nicht ſo klug, als ich mir einbildete.« „Wohl dir, mein Kind, wenn du immer ſo denkſt,« erwiederte die Mutter,„denn alle Weisheit des Men⸗ ſchen iſt nichts als Unwiſſenheit und Stückwerk vor de Augen des Herrn, der allein aller WWeishett in da Aenathan trat an das Fenſter zurück, ſchaute wieder Schneegeſtöber hinaus, und überließ ſich dabei dem Zuge ſeiner Gedanken, die ihn noch immer vorzugs⸗ weiſe zu dem allmählig heran nahenden Weihnachtsfeſte führten. Im Geiſte ſah er ſchon den mit hundert Kerzen und Zuckerwerk aller Art bedeckten Chriſtbaum vor ſich, und die mancherlei ſchönen Sachen, die das Ziel ſeiner Wünſche und Sehnſucht waren. Eine Mühle mit ordent⸗ lichen Mühlrädern, die ſich drehten, wenn man Sand oder Waſſer aufſchüttete, mit Mehlkaſten und runden Mühlſteinen, mit Müller und Mühlknappen mit weiß⸗ beſtäubten Röcken, eine ſolche Mühle wünſchte er ſich am meiſten, und einen hübſchen Kuhſtall mit Ochſen und Kühen, und einen Pferdeſtall dazu mit vier Brau⸗ nen, und einen Leiterwagen mit Wollſäcken, um nach der Stadt zu Markte zu fahren, und einen Hühnerhof mit Hühnern, Enten, Gänſen, mit Truthähnen und Pfauen, die luſtig darauf umherſpazierten, kurz, eine Mühle, gerade wie die, die er im vergangenen Sommer mit der Mutter beſucht hatte, und wo er vier volle Wochen geweſen war, um die geſunde Landluft einzu⸗ athmen, und ſich von den Nachwehen der Maſern zu erholen, die ihn faſt das halbe Frühjahr hindurch an die Stube gefeſſelt hatten. Solche Mühle im Kleinen zu beſitzen, das war ſein größter Wunſch, neben ſo manchen anderen Wünſchen noch, die Manchem recht unbeſcheiden vorkommen mochten, der nicht wußte, wie reich Jona⸗ than’s Aeltern waren, und daß ſie überdies kein Kind weiter hatten, als nur dieſen einzigen Knaben, den ſie natürlich mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit liebten. Herr Monkenwyk senior, der Vater Jonathan's, war ein reicher Handelsherr in Amſterdam. Er beſaß „ — 7 ein großes, dreiſtöckiges Haus auf dem Marktplatze mit Neben⸗ und Hintergebäuden, wo ſich große Niederlagen von allerlei Waaren, von Kaffee, Zucker, Gewürzen des fernen Indiens und allerlei anderen Erzeugniſſen fremder Länder befanden; er beſaß drei eigene Handels⸗ ſchiffe auf dem Meere; ſelbſt die Mühle, wo Jonathan und ſeine Mutter während des verfloſſenen Sommers ſo angenehme Tage zugebracht hatten, gehörte ihm; in ſeinem Comptoire arbeiteten zehn Schreiber und ein Ober⸗Buchhalter für ſeine Rechnung,— und da Herr Monkenwyk alſo Geld im Ueberfluß beſaß, ſo kann man ſich wohl denken, daß er nicht knauſerte, wenn es ſich darum handelte, ſeinem einzigen Söhnchen ein recht fröhliches und reiches Weihnachten zu bereiten. Nur ſollte und durfte Jonathan nichts davon erfahren, als bis Weihnachten wirklich da war, damit er nicht die Ueberraſchung verlieren möchte, und in Folge deſſen machte ſeine Mutter immer ein ſehr bedenkliches Geſicht, wenn er von ſeinen Wünſchen ſprach, und außerte allerlei Vermuthungen und Befürchtungen in Bezug darauf, ſo daß Jonathan, je näher Weihnachten heran rückte, deſto zweifelhafter wurde, ob auch wohl nur ein einziger von ſeinen vielen Wunſchen erfüllt werden dürfte. Sehr oft ſprach er mit Peter Hemskerk daruͤber. Peter nämlich war der Sohn des Kutſchers, und, ob⸗ gleich ein paar Jahre älter als Jonathan, doch ſein beſter Freund und Schulkamerad; denn Peter war die 8 Jonathan im Freien ſpazieren laufen,— Peter lief mit; wollte Jonathan einen Vogel haben, den er draußen im Freien ſingen hörte, oder deſſen buntes Gefieder ihm gefiel,— Peter fing ihn; kurz, Peter war Jonathan's Faktotum und erſter Miniſter, und was Jonathan auf dem Herzen hatte, das vertraute er ohne Rückhalt ſei⸗ nem treuen Gefährten, dem ehrlichen Peter an. So ging es auch mit den Wünſchen, Hoffnungen und Befürchtungen wegen des bevorſtehenden Weih⸗ nachtsfeſtes und der Beſcheerung, die es bringen mochte. »Was meinſt du, Peter?« fragte Jonathan noch den Tag vorher, vielleicht zum hundertſten Male,— „wird es eine Mühle geben oder nicht?« „Ich weiß nicht,“ erwiederte Peter und lächelte pfiffig in ſich hinein.„Herr Monkenwyk hat mir nichts davon anvertraut.“ „»Ach, Peter, du weißt gewiß mehr, als du ſagen willſt! Haſt du ſie ſchon geſehen, die Mühle?« »Mit keinem Auge, Jonathan! Du biſt doch ein närriſcher Junge! Meinſt du, dein Herr Vater, Myn⸗ heer Monkenwyk, würde mich unbedeutenden Burſchen, ſeines Kutſchers Sohn, zum Vertrauten machen?« „Ach was, Peter! So mein' ich's nicht! Aber du biſt ſo klug, und ſiehſt immer Alles! Gewiß haſt du auch ſchon die Mühle geſehen!« Peter ſchüttelte den Kopf. „Gar nichts davon, Peter? Kein Stückchen davon?« Peter ſchüttelte wieder. »Nicht einmal die Räder? Oder die Muͤhlſteine?« Peter ſchüttelte hartnäckig. „Ach, Peter, du biſt ſchlecht!« rief Jonathan aus, und hätte beinahe zu weinen angefangen. 44 9 Aber Peter lachte, zog ihn auf ſeinen Schooß und ſagte:„Du biſt doch ein närriſcher Junge, Jona⸗ than! Siehſt du, wenn ich auch Alles wüßte, was du zu Weihnachten beſcheert kriegſt, ſo würde ich dir doch kein Sterbenswörtchen davon verrathen, denn warum? Weil du nicht die halbe Freude daran hätteſt, wenn du ſchon vorher erführeſt, was das Chriſtkindchen bringt. Geduld, Jonathan!« „Aber wenn ich keine Mühle kriege, ſo mache ich mir aus dem ganzen Weihnachten nichts!« ſagte Jonathan. „Siehſt du, das iſt wieder wie ein thorichter Jona⸗ than geſprochen!“ erwiederte Peter.„Man muß für Alles dankbar ſein! Wenn ich nun ſo ſprechen wollte, wie du? Bedenke das einmal, Jonathan. Mir bringt das Chriſtkindchen gar nichts, oder vielleicht höchſtens ein paar Nüſſe und Aepfel, und ſiehſt du, ich bin dennoch zufrieden. Alſo ſei ein kluger, guter, verſtän⸗ diger Jonathan, und nicht ein undankbarer und mürri⸗ ſcher Junge, oder du ſollſt ſehen, ich werde böſe mit dir und gebe mich gar nicht mehr mit dir ab.“ „Oh, Peter, ſo darfſt du nicht ſprechen!« rief Jona⸗ than, erſchreckt von dieſer Drohung, die übrigens gar nicht ernſtlich gemeint war, auf einmal ganz verwandelt aus.„Nein, Peter, du mußt gut mit mir bleiben, denn wenn ich nun wirklich die Mühle kriege, mit wem ſollte ich dann mahlen, außer mit dir? Nein, Peter, ich bin der Müller, und du mußt der Mühlknappe ſein! Das wird eine Luſt werden, Peter, wenn die Räder ſich drehen, und in der Muͤhle klappert's klipp klapp, und die Steine ſchnurren rund um, und wir ſchütten Korn auf,— Peter, etwas Schöneres kann ich mir gar nicht denken!« 10 „Du kannſt ja mit Philipp ſpielen, Jonathan!“ entgegnete Peter, und wiegte den Knaben auf ſeinen Knieen,—„mit Philipp Mappel. Der paßt noch beſſer für dich, als ich, denn er hat immer ſchöne Kleider an, und iſt der Neffe des Herrn Ober⸗Buch⸗ halters, während ich doch nur der Kutſcherſohn bin. Spiele mit Philipp Mappel, Jonathan!« „Nein, ich mag nicht! Mit Philipp nicht!« erwie⸗ derte der Knabe und ſchmiegte ſich dichter an Peter an. „Und warum nicht, Jonathan? Er iſt doch immer auch freundlich gegen dich, und ſchenkt dir Bonbons und allerlei andere Leckereien, ſo oft er dich ſieht!“ „Ja, das wohl, aber ſiehſt du, Peter, ich hab' ihn doch nicht ſo lieb, wie dich!“« „Weßhalb das, Jonathan? Du mußt doch einen Grund dafür haben!“ „Einen Grund, Peter? Nun ja, ich habe einen Grund!« „Und welchen? Was für einen, Jonathan?« „Ei, ich habe wohl mehr als nur einen,“ erwiederte der Knabe nachdenklich.„Zuerſt,— Philipp ſpielt nicht ſo hübſch, wie du! Lange nicht ſo hübſch! Dann, wenn ich einmal mit ihm ſpazieren gehe, wird er gleich müde, und klettern wie du kann er gar nicht, und einen Vogel fangen auch nicht, und im Winter auf dem Eiſe friert ihn gleich, ſo daß er keine Viertelſtunde aushält, und dann, ſiehſt du, Peter,— das iſt Alles noch nichts,— aber er verachtet die armen Leute, die nicht ſo ſchöne Kleider haben, wie er, und das iſt das Schlimmſte! Er hat kein gutes Herz, Peter, und gegen mich iſt er nur freundlich, weil mein Vater reich iſt und viel Geld hat, und weil ſein Onkel Ober⸗ Buchhalter bei ihm iſt.“ »Ei, Jonathan, das iſt ja dummes Zeug, was du da ſprichſt! Dann glaubſt du wohl auch, ich wäre ebenfalls nur freundlich gegen dich, weil ich der Sohn von deines Vaters Kutſcher bin?« »„Nein, nein, du dummer, guter Peter du, das glaub' ich gar nicht,« antwortete Jonathan lachend. »Das weißt du wohl! Du biſt gut mit mir, weil du ein gutes Herz haſt! Du biſt gegen alle Leute gut, auch gegen arme, aber Philipp nicht! Siehſt du, erſt neulich, da begegnete uns ein kleines Mädchen, ganz ärmlich gekleidet, und bat uns um ein Almoſen, und ſah ſo elend und hungrig aus, daß mich's jammerte, aber Philipp ſchrie das arme Kind barſch an, und als es noch nicht gleich fortging, ſondern noch einmal mit Thränen in den Augen bittend die Händchen ausſtreckte, da hob er ſeinen Spazierſtock auf und würde das arme Mädchen geſchlagen haben, wenn ich's nicht verhindert hätte. Ich gab dem Kinde mein Geldbeutelchen, und dann..„ Jonathan unterbrach ſich ſelber, und lachte laut auf. »Nun, und dann?“ fragte Peter.„Was thateſt du nachher?“ »Ei, Peter, das war ein Spaß!« fuhr Jonathan fort.»Es hatte mich verdroſſen, daß Philipp ſo hart und grauſam war gegen das arme, kleine, frierende Bettelkind, und da fiel mir geſchwind etwas ein, und ich fragte Philipp, ob er nicht ein paar Bonbons hätte, und da zog er eine ganze große Düte aus der Taſche, und bot ſie mir an. Ich nahm ſie auch, aber anſtatt ſie ſelber zu naſchen, rief ich das arme, kleine Mädchen 12/ heran, und ließ ſie ihr Kleidchen ausbreiten, und da ſchüttete ich ihr die ganzen Bonbons hinein, wohl dreißig oder vierzig, Peter, und da hätteſt du nun das ſaure Geſicht ſehen ſollen, das Philipp ſchnitt, als das 4 kleine Mädchen mit ſeinen Bonbons davon ſprang!. Es war zum Lachen, Peter, kannſt es glauben!“ Und Jonathan lachte von Neuem, und Peter lachte mit, aber gleich darauf wurde Peter doch wieder ernſt⸗ haft und ſagte: »Nun, es war gerade nicht hübſch von Philipp, daß er die Kleine ſchlagen wollte, aber ſiehſt du, gegen dich war er doch gleich gefällig, und gab dir, was du verlangteſt. So haſt du doch alſo keine Urſache, auf ihn boͤſe zu ſein.“ »Ich bin auch nicht gerade böſe auf ihn, Peter,« antwortete Jonathan.„Aber ich ſpiele nicht ſo gern mit ihm, wie mit dir. Siehſt du, Peter, wenn ich arm E wäre, dann würde Philipp nicht gut gegen mich ſein, ſondern würde mich eben ſo behandeln, wie das kleine Mädchen, wohingegen du,— du würdeſt immer mein treuer Peter bleiben, das weiß ich, wenn ich auch keinen Pfennig in der Taſche hätte, und darum, Peter, darum „ hab' ich dich lieb!« de yEs magg ſo ſein, Jonathan, wie du ſagſt,“ erwie⸗ de derte Peter nachdenklich.„Es mag wohl ſo ſein, aber t Gcott verhüte, daß Philipp jemals auf die Probe ge⸗ d ſtellt werde, um den Beweis zu liefern, daß du recht haſt. Uebrigens biſt du doch kein ſo dummer Jona⸗ than, als ich dachte, ſondern ein ganz kluger, pfiffiger Jonathan, und weil du mich lieb haſt, wie du ſagſt, ſo mag's denn beim Alten bleiben, und wir werden gute Freunde ſein, und mit einander ſpielen nach wie ₰ 13 vor. Die Mühle aber, die ſchlage dir nur aus dem Sinne, Jonathan, denn daraus wird nichts!“ „Das wäre ſchade, wenn du recht hätteſt,“ ant⸗ wortete der Knabe.„Wenn es aber nicht anders iſt, nun, Peter, ſo wollen wir uns doch das liebe Weih⸗ nachten nicht verderben laſſen! Iſt es keine Mühle, ſo iſt es etwas Anderes. Morgen wiſſen wir's Peter! Heiſa, morgen um dieſe Zeit, morgen iſt mein Herz erfreut! Und du mußt auch dabei ſein, Peter! Ich habe die Mutter ſchon darum gebeten, und ſie hat mir's verſprochen, daß ſie dich rufen laſſen will, wenn die Beſcheerung losgeht! Wenn's nur erſt morgen Abend wäre, Peter!“ „»Du mußt Geduld haben, Jonathan! Eine Nacht und ein Tag ſind bald herum,« ſagte Peter.„Und jetzt lauf'! Ich habe noch zu thun! Und lege dich zu Bett, und bete hübſch vor dem Einſchlafen, und laß dir was Angenehmes träumen, daß du morgen hübſch friſch und munter biſt! Gute Nacht, Jonathan!“ „Gute Nacht, Peter!“ erwiederte der Knabe und ging. Die ganze Nacht träumte er von Windmühlen und Waſſermuͤhlen, und hörte auch tüchtig klappen klipp klapp, nur daß es nicht die Mühlen waren, die klapper⸗ ten, ſondern der Fenſterladen vor ſeiner Schlafkammer, an dem draußen der kalte Nordoſtwind rüttelte. Aber Jonathan ſchlief doch bis an den hellen Morgen, und nun war endlich der Tag da, nach dem er ſich ſchon ſeit Wochen geſehnt hatte. Dieſer Tag verging ihm freilich langſam genug, viel langſamer, als jeder andere Tag im Jahre, und dem ungeduldigen Knaben kam es vor, als ob er auch 14 gar kein Ende nehmen wollte, obgleich er als einer der kürzeſten Wintertage in Wahrheit doch gerade kurz genug war. Aber endlich verging er dennoch! Es reihete ſich Stunde an Stunde; der Mittag rückte heran, der Nachmittag ſchlich hin, und zuletzt zeigten die in den Winkeln der Stube ſich anhäufenden Schatten, daß die Dämmerung allmählig hereinbrach. Nun freute ſich Jonathan und jubelte innerlich! Und nun endlich dunkel geworden war draußen, und Jonathan meinte ſchon, das Licht ſei der erſte Schimmer vom Weihnachts⸗ baum, bis er durch den Vater bald darauf eines An⸗ deren belehrt wurde. Herr Monkenwyk kam nämlich, um Jonathan die letzte halbe Stunde vor der Beſchee⸗ rung in eine dunkle Kammer einzuſperren, wie das von alten Zeiten her immer bei der Familie gehalten war. Wenn die Kinder dann aus der Finſterniß in das Weihnachtszimmer kamen, ſo blendete ſie der Glanz der hundert Lichter doppelt, und auf dieſe Verſtärkung der Ueberraſchung war es eigentlich abgeſehen. Gleichwohl hatte das Abſperren, für Jonathan wenigſtens, noch etwas anderes Gute. Er war allein, — LFinſterniß umgab ihn,— ſeine Seele war aufge⸗ regt in der Vorempfindung der kommenden Freude,— und dabei ſchienen ihm die Minuten wie Schnecken zu ſchleichen.. Er dachte nach! Es war dieß das erſte Weihnachten, das er mit vollem Bewußtſein erlebte, denn die früheren Weih⸗ nachten ſchienen ihm mehr wie Träume vorübergegangen Bedeutung des ſchönen Feſtes zu begreifen. Aber jetzt brachte auch der Diener Licht, ſo daß es alſo völlig zu ſein, weil er noch zu jung geweſen war, um die 83 813 hatte ſich dieß anders geſtaltet. Er wußte, warum Weihnachten gefeiert wurde, und neben der pochenden Freude in ſeinem Herzen empfand er die innigſte Dank⸗ barkeit für den Heiland, dem er dieſe Freude verdankte. „Ja, ja,“ murmelte er vor ſich hin,„ich will auch immer recht gut und brav ſein jedes Jahr hindurch, damit ich mich der Seligkeit würdig mache, mit welcher das liebe Chriſtfeſt uns Kinder überſchüttet, und die Mutter ſoll nie wieder über mich zu klagen haben!« „Brav gedacht!“ ſagte eine Stimme in tiefem Tone. „Aber horche auf, Jonathan! Es iſt noch nicht genug, was du dir ſelbſt ſo eben gelobt haſt, du mußt noch mehr thun!«—. »Was ſoll ich thun? Und wer biſt du?« frahte Jonathan faſt ein wenig erſchrocken, obgleich er ſich eigentlich nicht fürchtete, denn er befand ſich ja in ſeiner Aeltern Hauſe, wo ihm gewiß nichts zu Leide geſchah. „Wer ich bin?“ erwiederte die Stimme hohl und dumpf,—„ich bin der Knecht Ruprecht, der die guten Kinder am Weihnachtsabend erfreut, und die böſen Buben in den Sack ſteckt und fortträgt. Nun kennſt du mich! Fürchteſt du für dich?«* »Nein!« antwortete Jonathan dreiſt.„»Nein, ich fürchte mich nicht, denn ich habe mit meinem Wiſſen nichts Boͤſes gethan.“ »Das reicht nicht aus!« entgegnete Knecht Ruprecht mit drohender Warnungsſtimme.„Es genügt nicht, nichts Böſes zu thun, man muß auch den guten und feſten Willen haben, Gutes zu thun! Haſt du dieſen Willen, Jonathan?“ „Den Willen hab' ich wohl,“ gab der Knabe zur Antwort,„aber eigentlich einen Vorſatz hab' ich bis 16 jetzt noch nicht gefaßt. Von jetzt an will ich ihn jedoch faſſen!« 3 »Welchen Vorſatz?“ fragte Knecht Ruprecht. »So viel Gutes zu thun, als ich kann,“« erwiederte der Knabe;„und jedenfalls will ich geloben, keinen Weihnachtsabend in meinem ganzen Leben hingehen zu laſſen, ohne nicht irgend etwas Gutes zu thun, und irgend Jemanden eine Freude zu machen. Das iſt mein Vorſatz, und ich will ihn niemals vergeſſen und niemals brechen!« »Gut, Jonathan, das iſt ein gottgefälliger Vorſatz, und um deiner frommen Entſchlüſſe willen ſoll deine Weihnachtsfreude nicht weiter geſtört werden. Lebe wohl! Wir ſehen uns wieder!“ Ein blaues Flämmlein ziſchte ſchnell wieder ver⸗ löſchend auf, Jonathan erblickte bei dem ſchwachen Schimmer deſſelben eine große Geſtalt, die mächtige Hörner auf dem Kopfe zu tragen ſchien, und dann vward wieder Alles dunkel, und Knecht Ruprecht ver⸗ wand ſo unhörbar, wie er gekommen war. „Seltſam,“ dachte Jonathan,„daß ich ihn nicht 5 erkannt! Sollte es der Vater geweſen ſein? Doch das iſt nicht möglich, denn der Vater hat in der Stube zu thun? Oder Herr Mappel, der Ober⸗Buchhalter? ein, der auch nicht, denn er iſt ja längſt nach Hauſe egan ch errathe es nicht, und doch klang mir die eich ſie ſich verſtellte, ſo bekannt, als ob raus Jahrein täglich gehört hätte! Peter ! Aber nicht doch! Peter iſt nicht ſehr viel als ich, und die Hörner dieſes Knecht Ruprecht bis faſt an die Stubendecke hinauf. Nun, fuhr er fort.„Mag es geweſen ſein, wer — 17 da will! Mein Verſprechen will ich halten, ſo lange ich lebe, wie ich es ihm und mir ſelbſt heilig gelobt habe!« Als er dieſe Worte vor ſich hin murmelte, und zwar gerade in demſelben Augenblicke, glänzte ein Licht⸗ ſtrahl hell durch das dunkle Zimmer, ſo daß Jonathan erſchrak und beinahe geglaubt hätte, eine überirdiſche Erſcheinung zu ſehen. Aber als er genauer hinſchaute, gewahrte er, daß der Lichtſtrahl durch eine ſchmale Spalte in der Thuͤr des Nebenzimmers kam, und nun löste ſich das Räthſel der ſeltſamen Erſcheinung auf die einfachſte und natürlichſte Weiſe. „Der Vater zündet die Lichter auf dem Weihnachts⸗ baume an!« frohlockte Jonathan.„Nun wird bald die Klingel ertönen, und ich darf in das Weihnachtszimmer hinein!«. Einen Augenblick trieb ihn die Neugierde, ſich an die Thür zu ſchleichen und zu verſuchen, ob er durch die ſchmale Spalte etwas erſpähen könne; aber er be⸗ herrſchte ſchnell dieſe vorwitzige Regung, und es war nun auch recht gut, daß er ſie beherpſchte, denn jetzt plötzlich ſchallte die Klingel in lauten Vönen, und weit, weit auf flog die Thür, und ein Lichtſtrom quoll wie ein Flammenmeer aus dem großen, weit geöffneten Weihnachtszimmer, und mit einem Aufſchrei des Ent⸗ zückens und der Ueberraſchung ſtürmte Jonathan vor⸗ wärts, mitten in das helle, gläͤnzende, ſtrahlende, feen⸗ hafte Lichtmeer hinein! Soll ich euch erzählen und beſchreiben, was Alles das Chriſtkindchen dem glücklichen Jonathan gebracht hatte? Es war des Schoͤnen und Erfteltenden ein großer Ueberfluß vorhanden, denn ich Weihnachten. 18 ſchon geſagt, daß Jonathan's Aeltern ſehr reiche Leute waren, und Jonathan nicht nur der einzige Sohn, ſondern auch ein wackerer, guter, braver Knabe, an welchem alle Aeltern Freude gehabt hätten, wäre er auch nicht der einzige Sohn geweſen. Nun denn, eine Mühle war da! Nur daß ſie noch viel, viel ſchöner war, als Jonathan ſie ſich gedacht und ge⸗ wünſcht hatte; eine Mühle mit drei großen Waſſer⸗ rädern und drei Mahlgängen; eine Mühle, die ſo luſtig klapperte, daß man es ganz oben im Hauſe hören mußte, wenn ſie ganz unten in Gang geſetzt wurde; eine ganz ordentliche Mühle mit wirklichen kleinen Mahl⸗ ſteinen, die das Korn zermalmten, und mit wirklichem lebendigem Waſſer, das, aus einem großen Reſervoir herauslaufend, die Räder umdrehte, und nachher, wenn das Reſervoir leer war, mit leichter Mühe mittelſt einer Pumpe wieder hineingepumpt werden konnte; eine Mühle mit Hühnerhof, mit Kuh⸗ und Pferdeſtall, mit Wieſen und einem kleinen Gebüſche; mit Mehlwagen und Mehlſäcken und einem großen Vorrathshauſe, in dem wohl drei ganze Metzen Korn Platz fanden, die ſpäter gemahlen werden konnten. Kurz, es war geradezu eine Pracht, dieſe Mühle nur zu ſehen! Und nun vollends der glückliche Beſitzer zu ſein,— für ein ſolches Glück fand Jonathan keine Worte. Er ſtand und ſtaunte und horchte auf das muntere Klipp Klapp, das ſo luſtig und ſo ununterbrochen ertönte, bis er endlich in Freudenthränen ausbrach, und ſich vor Ent⸗ zücken nicht mehr zu halten wußte, ſondern erſt der Mutter und dann dem Vater im Ausbruch ſtürmiſchen Entzückens um den Hals fiel und halb erſtickte Worte des Dankes ſtammelte. 19 Er hatte wohl Urſache, ſich zu bedanken, der Jona⸗ than! Denn außer der wunderbaren, herrlichen Mühle ſtanden und lagen, wie geſagt, noch viele andere ſchöne Sachen auf dem glänzend vom Weihnachtsbaume über⸗ ſtrahlten Tiſche, und Alles ſchien dem Knaben zuzu⸗ rufen:„Siehe, ich verkündige dir große Freude, dieweil dir heute der Heiland geboren iſt, welcher iſt Chriſtus der Herr!« Und Jonathan empfand die Freude, em⸗ pfand ſie in ſeinem innerſten Herzen, und aus dem Herzen heraus ſtrahlte ſie in ſeinen glänzenden, funkeln⸗ den Augen, und in ſeinen glänzenden Wangen, die wie von Purpurröthe übergoſſen waren. Von Einem eilte er zum Andern, bewunderte Alles, belobte Alles, freute ſich über Alles; jetzt über die glänzende Armbruſt von⸗ Mahagoniholz mit reichem Silberheſchlage, und dann über die Feſtung mit Wall und Graben, mit Kanonen und Soldaten, die in Reih' und Glied aufmarſchirt ſtanden; jetzt über den großen, prachtvollen Baukaſten mit hundert Bauſteinen, Balken, Säulen und Bogen, und dann über die ſchöͤnen, bunten Bilderbücher mit Erzählungen und Fabeln, die ihm tauſendfache Unter⸗ Haltung verſprachen! Und ſo ſehr war er vertieft in alle dieſe Herrlichkeiten und noch ſo manche mehr, die wir gar nicht aufzählen wollen, daß er alles Uebrige darüber vergaß, und wohl ſelbſt auch das Gelübde, das er erſt noch kurz vorher in der dunkeln Kammer ſich ſelber und dem Knecht Ruprecht geleiſtet hatte. Doch nein, da thun wir dem Jonathan unrecht. Denn plötzlich wurde er ernſt, ein ſinnender Ausdruck überflog ſeine eben noch von Glück und Freude ſtrah⸗ lenden Züge, und mit prüfendem Blicke muſterte er die zu und half ihm das Tiſchchen ordnen, und Jonathan vielen reichen Geſchenke, die ihm eben das Chriſtkindlein beſcheert hatte. „Was iſt dir, Jonathan?« fragte die Mutter. „Freueſt du dich nicht mehr, oder vermiſſeſt du etwas, was dein Herz gewuͤnſcht hat?« „Oh, meine liebe Mutter, wie könnt' ich ſo unbe⸗ ſcheiden, ſo ungenügſam und undankbar ſein, bei ſolchem g reichen Ueberfluſſe noch mehr zu wünſchen und zu be⸗ gehren?« erwiederte Jonathan.„Nein, das iſt es nicht, was mir auf's Herz gefallen iſt!« 2„Und was wäre es ſonſt, mein Sohn?“ fragte der ater. Da erzählte Jonathan, was er in der dunkeln Kammer gedacht und geträumt, und was er dem Knecht Ruprecht verſprochen, und daß er nun doch gleich am erſten Abende ſeines Gelöbniſſes nicht uneingedenk blei⸗ ben, ſondern gewiß irgend Jemanden erfreuen wolle, und daß dieſer Jemand kein Anderer ſein dürfe, als Peter Hemskerk, des Kutſchers Sohn!“ „Und warum gerade Er?« fragte der Vater wieder, während die Mutter ſich über die guten Vorſätze ihres Sohnes freute und mit zärtlicher Hand ſeine Locken ſtreichelte.„Warum gerade Er?“ „Weil er mich lieb hat und auch eine Freude macht, wo er kann,“ erwiederte Jonathan;„und wenn du es erlaubſt, Vater, und du, gute Mutter, ſo möcht' ich ihm auch ſchnell ein Weihnachtstiſchchen bereit machen, und Einiges von dem Vielen darauf ſtellen, womit ihr, liebe Aeltern, mich im Uebermaße beſchenkt habt.“ „Thue ſo, mein Sohn!“ antwortete der Vater mit heimlichem Wohlgefallen, und die Mutter griff ſelbſt mit —— 21 ſtellte die Feſtung darauf und legte die Armbruſt da⸗ neben, gerade dasjenige, was ihm nächſt der Mühle am meiſten gefallen, worüber er ſich am meiſten gefreut hatte. Die Mutter machte ihn aufmerkſam darauf und meinte, er könne wohl etwas Anderes hinlegen und Peter würde ſich doch auch darüber freuen, aber Jona⸗ a than antwortete ihr lächelnd:„Und was hätte ich denn für Freude, wenn mir das Verſchenken nicht einige Ueberwindung koſtete? Peter ſoll ſehen, daß ich ihm gern gebe, auch wenn ich ihm ein kleines Opfer brin⸗ gen muß!« Da ſagte die Mutter nichts mehr, ſondern drückte nur einen Kuß auf die reine Stirn ihres Knaben, und dann ſprang Jonathan davon, und rief Peter; aber ehe er ihn in das Weihnachtszimmer fuͤhrte, mußte ſich Peter erſt die Augen mit einem Tuche verbinden laſſen, und nun führte er ihn gerade vor ſeinen Tiſch, riß ihm mit Einem Griffe die Binde ab, und rief erfreut aus:„Fröhliche Weihnachten, Peter! Sieh', das hat dir das Chriſtkindchen gebracht!« Peter ſtaunte, wunderte ſich, und wollte auch gar nicht glauben, daß Jonathan im Ernſte ſpräche. Aber als er ſich dann endlich überzeugen, endlich doch glauben mußte, da empfand er große Freude und Rührung, und als er Jonathan die Hand drückte, glänzte eine Thräne an ſeiner Wimper. „Siehſt du, Jonathan, es iſt mir nicht um der Geſchenke willen, ſo prachtvoll ſie auch ſind,“ ſagte er, —„nein, es iſt nur, weil ich doch ſehe, daß du mich lieb haſt, und ein gutes Herz haſt, und, Jonathan,“— fügte er leiſer hinzu,—„daß du den Knecht Ruprecht nicht vergeſſen haſt über die eigene Freude, ſondern auch an Andere denkſt, um ſie zu erfreuen,— ſtehſt du, das iſt es, was meine Seele ſo glücklich macht, und niemals, ſo lange ich lebe, werde ich dir dieſen Abend vergeſſen! Du biſt ein guter, lieber Jonathan, und ich, ich wi allezeit dein treuer Peter ſein und bleiben, ſo lange du mich um dich leiden kannſt!“ Und Jonathan lachte, und als er Peter umarmte,. flüſterte er ihm in's Ohr:„»Alſo du warſt der Knecht Ruprecht, Peter? Nun weiß ich's doch, da du ſelber davon anfängſt!“ „Ja, ich war es, und ich dachte, ich wollte dich ein wenig erſchrecken, aber du haſt dich tapfer gehalten, Jonathan!“ „Ei, warum nicht? Wie könnte mir denn am lieben heiligen Chriſtabend in meiner Aeltern Hauſe etwas Böſes zukommen? Daran dacht' ich, Peter, und darum erſchrak ich nicht, nicht ein bischen. Aber wie kam es,. daß du ſo groß ausſaheſt mit deinen Hörnern?« „Das war leicht zu machen, Jonathan! Ich hatte mir eine Kuhhaut umgehängt, und den Kopf mit den Hörnern trug ich auf einer Heugabel hoch üͤber mir. Verſtehſt du nun?«** „Ja, ich verſtehe!« erwiederte Jonathan lachend. „Nun aber komm, und ſieh' dir auch meine Mühle an! Schau, da ſteht ſie, und iſt wunderſchön, obgleich du boͤſer Peter ſagteſt, ich kriegte gar keine!“ „Nun, war das nicht beſſer, kleiner, einfältiger Jonathan, als wenn ich das Gegentheil geſagt hätte und du hätteſt keine bekommen? Aber ſieh', ſchön iſt ſie! Schön und prächtig! Und mahlen thut ſie auch? Ganz ordentlich, Jonathan?« „Ganz ordentlich, Peter! Sieh' nur!« ₰. 23³ Und Jonathan öffnete die Schleuſen, daß das Waſſer herausſtrömte aus dem Reſervoir, die Räder drehten ſich, die Müͤhlſteine ſchnurrten rund um, die Koͤrner rollten, es klapperte luſtig klipp klapp, klipp klapp, und Peter freute ſich, und Jonathan freute ſich, und Herr und Frau Monkenwyk freuten ſich ſo ſehr, daß ſie ſelber bei der Mühle mitſpielten, und ſo erfüllte ſich an ihnen, was geſchrieben ſteht Lucas 2, Vers 10 und 11: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! Denn euch iſt heute der Hei⸗ land geboren, welcher iſt Chriſtus der Herr!“ Zweites Kapitel. Die Mappel. Seit jenem glückſeligen Weihnachtsabende waren nun mehr als ſieben volle Jahre verſtrichen. Sieben volle Jahre mit jenem Wechſel von Luſt und Leid, von Schmerz und Glück, von Freude und Betrübniß, welche ſie jedem Menſchen bringen, aber auch Jedem, ſo hoch oder niedrig geboren er ſein mag, ſo reich oder arm, ſo gering oder vornehm. Die Jahre verſchonen Nie⸗ manden, ſondern bringen Jeglichem ihre Gaben, und mögen dieſe Gaben ſchmerzliche oder erfreuende ſein, der Menſch muß ſie hinnehmen mit Ergebung in die unerforſchlichen Fügungen Gottes, der allein weiß, was zuletzt des Menſchen Herz zu Heil und Segen fuͤhrt. 5 Sieben Jahre waren verfloſſen, und ſie waren nicht vorüber gegangen, ohne auch in dem Hauſe des Herrn Monkenwyk ihre tiefen und bleibenden Spuren zurück⸗ zulaſſen. Jonathan war jetzt kein Kind mehr, ſondern zu einem friſchen, blühenden Jünglinge herangewachſen. Sieben Mal hatte er ſeit jenem Abende das Weihnachts⸗ feſt wieder gefeiert, aber nie wieder mit jenem vollen, reichen Gefühle des Glückes, das damals ſeine Bruſt geſchwellt hatte. Der Tod entriß ihm ſeine Mutter gleich im erſten Jahre nach dem Feſte, und der Gedanke an ſie, an die Theure, die Hingeſchiedene, warf einen trüben Schatten über den hellen Lichtglanz, der nach wie vor jedes Weihnachtsfeſt des Knaben vergoldete, oder doch vergolden ſollte. Jonathan konnte die Mutter nicht vergeſſen; ihr Verluſt war ihm zu ſchmerzlich, und immer, immer wieder fehlte ihm am heiligen Abende die, deren liebevolles, zärtliches Herz dem theuren Feſte erſt die rechte Weihe, den rechten heiteren, hellen, reinen Glanz verliehen hatte. Aber wie Jonathan die Mutter nicht vergaß, ſo vergaß er auch das Geloͤbniß nicht, was er damals ſich ſelber geleiſtet. Er ließ kein Weihnachtsfeſt vor⸗ übergehen, ohne nicht wenigſtens irgend etwas Gutes zu thun, ohne nicht wenigſtens irgend Ein Herz zu erfreuen, das ohne ihn den heiligen, lieben Abend viel⸗ leicht dunkel, trübe und freudelos vertrauert hätte. Seinen treuen Peter freilich konnte er nicht oft mehr ſo glücklich machen, wie er wünſchte. Peter's Vater hatte ſich ein kleines, kleines Gütchen auf dem Lande in der Nähe von Amſterdam gekauft, und da verlebte er ſeine alten Tage in Ruhe und Freude, grub ſeinen — —— Acker um, beſtellte ihn mit eigener Hand, ſäete und ärndtete, und erwarb dadurch ſein redliches Stückchen Brod, wenn auch eben nicht viel mehr. Peter aber wollte ſeinem Vater nicht zur Laſt fallen, ſondern wan⸗ derte aus, um in der Welt ſein Glück zu verſuchen, und Jonathan wußte ſeit Jahr und Tag nichts mehr von ihm und hörte nichts mehr von ihm, ſo oft er auch im Stillen ſeines ehrlichen, guten Peter's gedachte, der ihm bis auf die letzte Stunde ihres Beiſammen⸗ lebens jederzeit ein treuer Freund geblieben war. Daß aber der alte Hemskerk ſeinen Kutſcherdienſt im Hauſe aufgab, hatte ſeinen ſehr triftigen Grund. Seit dem Tode ſeiner Gattin war Herr Monkenwyk nämlich nicht mehr der Mann, der er früher geweſen war; nicht mehr der heitere, frohe, lebensluſtige Mann, der rührige Geſchäftsmann, der mit Leichtigkeit und ſcharfem, ſelten trügendem Blicke das ausgedehnte Feld ſeiner Thätigkeit überſah und beherrſchte; er war ſtill, in ſich gekehrt und träumeriſch geworden, und immer ſtiller, in ſich gekehrter und träumeriſcher, als er be⸗ merkte, daß ſeine Geſchäfte nicht mehr ſo gut und ſchwunghaft gingen, als in früherer, beſſerer Zeit, wo ſeine Frau noch lebte und ihm liebevoll zur Seite ſtand. Jahre bringen Glück und bringen Unglück. Die früheren Jahre hatten Herrn Monkenwyk reiches und vieles Glück gebracht, aber jetzt brachten ſte ihm viel mehr Schmerzliches als Erfreuliches, und Herr David Mappel, ſein Ober⸗Buchhalter, hatte ihm ſelten andere, als ſchlimme Nachrichten mitzutheilen, wenn er über den Gang der Geſchäfte Bericht abſtattete. Herr Monkenwyk nahm ſie, äußerlich wenigſtens, immer kalt und ruhig auf, und ſprach nie ein Wort des Zornes 26 oder der Entrüſtung. Aber er ſchränkte ſich ein. Zuerſt ſchaffte er Pferde und Wagen ab; und natürlich, als es nichts mehr zu fahren gab, wurde auch der Kutſcher überflüſſig, und der alte Hemskerk nahm ſeinen Abſchied und zog auf's Land. Als die Unglücksnachrichten ſich häuften, und Herr David Mappel öfter und öfter in das düſter ver⸗ hangene Privatzimmer Herrn Monkenwyk's kam, um Geld oder andere Deckung für eingegangene Verbind⸗ lichkeiten zu fordern, da ſagte Herr Monkenwyk endlich: „Verkaufen Sie das Haus und die Mühle, ordnen Sie meine Angelegenheiten, und zahlen Sie mir den Ueber⸗ ſchuß heraus. Ich will mich von den Geſchäften zurück⸗ ziehen, und ſo viel bleibt mir unter allen Umſtänden, daß ich mit meinem Sohne davon leben kann. Es iſt gerade kein Reichthum,— aber Reichthum allein macht auch nicht glücklich.« Herr Mappel, ein hagerer, blaſſer Menſch mit blinzelnden Augen, und demüthigem, kriechenden Weſen, der immer ein devotes Lächeln auf den Lippen hatte, wenn er mit Mynheer Monkenwyk ſprach, verbeugte ſich bis zur Erde, und entfernte ſich. Herr Monken⸗ wyk rief ihn aber noch einmal zurück. „Hoͤren Sie, Mappel,“ ſagte er,„um ein⸗ für allemal ein Ende zu machen, ſo werde ich Ihnen den feſten Preis angeben, zu welchem ich verkaufen will. Wie lautet die letzte Bilanz?“ „Ein kleines Mankum von ſechzigtauſend Thalern, Mynheer!“ entgegnete Herr Mappel demüthigſt. „Sechzigtauſend Thaler? Das iſt viel, Mappel!“ ſagte Herr Monkenwyk.„Erſt vorgeſtern ſprachen Sie nur von zwanzigtauſend.“ ¾ 27 „Ganz richtig, Mynheer,“« ſprach Herr Mappel und verbeugte ſich abermals.„Doch neue Zahlungen... neue Anforderungen... ſoll ich die Bücher holen, Mynheer? Sie können ſich dann überzeugen...« „Nein, nein, Mappel, ich traue Ihnen!“ fiel Herr Monkenwyk ein.„Ueberhaupt, was liegt daran? Wohlan denn, verkaufen Sie die Mühle für zweimal⸗ hunderttauſend Thaler. Sie iſt unter Brüdern fünfzig⸗ tauſend Thaler mehr werth. Und was das Haus an⸗ betrifft, ſo werden ſechzigtauſend Thaler eben recht ſein, um meine Schulden zu decken. Gott befohlen, Mappel! Ich wünſche, daß binnen acht Tagen Alles in Ord⸗ nung iſt.« Herr Mappel ſchlich auf den Zehen davon. Als er hinaus war, wendete ſich Mynheer Monkenwyk nach einem der hohen Bogenfenſter und ſagte:„Jonathan, mein Sohn, haſt du gehört? Wir werden dann ſtill und friedlich bei einander leben, fern von dem Ge⸗ räuſche und dem gewinnſüchtigen Treiben der Welt, auf uns ſelber beſchränkt, und eben darum glücklicher als jetzt, wo wir uns kaum einer ruhigen Stunde er⸗ freuen können.“ „Ja, Vater, ich habe gehöͤrt und bin es wohl zu⸗ frieden, daß wir für uns bleiben,“ erwiederte Jonathan, und trat hinter den Fenſtervorhängen hervor, wo er das ganze Geſpräch ſeines Vaters mit Herrn Mappel angehört hatte.„Du haſt wohl recht, Vater: Reich⸗ thum allein macht nicht glücklich!« Mynheer Monkenwyk ſtreichelte dem Knaben die blühende Wange, ſeufzte, und ſagte:„Ja, Jonathan, wenn die Mutter noch lebte!“ Dann verſank er in ſeinen gewöhnlichen Trübſinn, und blieb ſchweigſam, düſter und in ſich gekehrt bis zum ſpäten Abende, ohne daß es Jonathan gelingen wollte, ihn von ſeinen ſchwermüthigen Gedanken abzu⸗ ziehen und ein wenig aufzuheitern. »Geh' zur Ruhe, Jonathan,“ ſagte Herr Monken⸗ wyk endlich, indem er ſich aufraffte, als die reich ver⸗ goldete Stutzuhr auf dem Kaminſimſe die elfte Stunde verkündigte.„Umarme mich noch einmal, mein Sohn? So! Und nun, gute Nacht, gute Nacht, mein Kind!« Seine Stimme war ungewöhnlich weich geworden, als er die letzten Worte ſprach. Er zog Jonathan an ſeine Bruſt und küßte ihn herzlich zwei, drei Mal, was er lange nicht gethan hatte. Jonathan fuͤhlte ſich ganz glücklich über dieſe Beweiſe von Zärtlichkeit, die ihm neuerdings ſo ſelten zu Theil wurden, und ging heiterer als gewohnlich zu Bett. Der arme Junge ließ ſich nicht träumen, was ihn am nächſten Morgen erwartete. Wenn er's gewußt hätte, würde er dieſe Nacht kein Auge geſchloſſen haben. Am Morgen alſo, als ihn die alte Lieſe Crabetje, die Haushälterin Mynheer Monkenwyk's, den Kaffee auf ſeine Stube brachte, fragte er wie gewöhnlich nach ſeinem Vater. »Mynheer iſt noch nicht wach,“ antwortete die alte Lieſe.„Wenn er klingelt, will ich's Ihnen melden, Jonathan.“ Es wurde neun Uhr, es ſchlug zehn, Herr Monken⸗ wyk ſchellte nicht. Lieſe Crabetje brachte das Frühſtück unnd mit ihm die Nachricht, daß Herr Monkenwyk noch immer ſein Schlafkabinet nicht verlaſſen habe. Dieß fiel Jonathan auf, machte ihn beſorgt, ängſtlich. Sein Vater pflegte ſonſt pünktlich um ſieben Uhr aufzuſtehen, 4 4 && 29 und heute ſchlief er ſo lange! Das mußte etwas zu bedeuten haben. 3 „Gute Lieſe,“ ſagte Jonathan,„klopfe einmal an und höre, ob der Vater Antwort gibt.“ Lieſe nickte, ging davon und kam erſt nach einer guten Weile mit ganz beſtürztem Geſichte zurück. „Er hört nicht, Jonathan,“ ſagte ſie.„Ich habe wohl zehn Mal geklopft, und zuletzt ſo laut ich konnte, auch gerufen, aber keine Antwort erhalten, Jonathan! Keinen Laut! Es iſt todtenſtill im Kabinet!« Jonathan wurde bleich vor Schrecken.»Komm, Lieſe!“ ſagte er.„Wir müſſen öffnen, denn ich fürchte, daß dem Vater etwas zugeſtoßen iſt.“« Entſchloſſen begab er ſich nach dem Schlafkabinet hinüber, und drückte an der Klinke. Wider Erwarten war die Thür nicht von Innen verriegelt, aber es herrſchte Dunkelheit im Zimmer, da die Vorhänge noch niedergelaſſen waren. „Ziehe ſie auf, Lieſe!“ ſagte Jonathan mit be⸗ klommener Stimme, und trat an das Himmelbett ſeines Vaters. Als er die Gardinen aus einander ſchlug, zog Lieſe die Vorhänge am Fenſter in die Höhe, das helle Tages⸗ licht fiel in das Kabinet, und mit einem Aufſchrei des Schreckens wankte Jonathan von dem Bette zurück, um ſich im nächſten Augenblicke verzweiflungsvoll darauf nieder zu werfen. Der erſte Sonnenſtrahl, der durch die Fenſter drang, ſchimmerte auf der bleichen Stirn und den geſchloſſenen Augen von Jonathan's Vater. Ein Blick reichte hin, um den armen Jonathan zu überzeugen, daß er eine Waiſe ſei. Mynheer Monkenwyk 30 war während der Nacht ſanft zu einem ſchöneren Leben im Jenſeits entſchlummert.. Vierzehn Tage, drei Wochen verſtrichen, und Jona⸗ than verließ ſeine Stube nicht, wo er in tiefer und ſchmerzlicher Trauer den ſchweren Verluſt ſeines Vaters beweinte. Er mochte Niemand ſehen, und konnte Nie⸗ mand um ſich leiden, als die gute alte Lieſe Crabetje mit ihrem ehrlichen, treuen Geſichte, die ihm Troſt ein⸗ ſprach, ſo viel ſie konnte. Mehrmals hatte ſich ein alter Schreiber des ſeligen Herrn Monkenwyk, Vander⸗ haan hieß er, durch Lieſe bei dem jungen Herrn an⸗ melden laſſen, aber Jonathan, obgleich er den alten Vanderhaan recht wohl als einen braven, rechtſchaffenen Mann kannte, hatte ihn doch nicht annehmen und ſprechen wollen. Wohl zehn Mal ſchon hatte ihn Lieſe abweiſen müſſen, trotz ſeiner inſtändigen Bitten und trotz ſeinen Verſicherungen, daß er dem jungen Herrn die wichtigſten Mittheilungen zu machen habe,— und auch zum elften oder zwölften Male wollte ſie ihm den Eintritt verwehren, als er eines Tages mit höchſt be⸗ ſorgtem Geſichte und tiefen Runzeln auf der Stirne wiederkam. „Gute Jungfrau Crabetje,“ ſagte er aber, und ſetzte ſich entſchloſſen auf einen Stuhl im Vorzimmer,„jetzt laſſe ich mich nicht wieder fortſchicken! Ich bleibe hier, und weiche nicht von der Stelle, wenn ich auch die ganze Nacht in kein Bett kommen ſollte. Sagen Sie das dem jungen Herrn, Jungfrau Crabetje, und ſagen Sie ihm auch,«— fügte er leiſer und mit ſcheuem Blicke hinzu,—„ſagen ſie ihm, daß unten im Comp⸗ toir nicht Alles ſteht, wie es ſollte, und daß er leicht um Haus und Hof und Vermögen kommen köͤnne, 31 wenn er nicht ſelber nach dem Rechten ſähe. Sie wiſſen, Jungfrau Crabetje, daß ich ein langjähriger Diener des Hauſes bin, und es immer treu und redlich mit dem Hauſe gemeint habe. Alſo gehen Sie, Jungfrau Crabetje, und ſagen Sie Herrn Jonathan, ich wolle und müſſe ihn ſprechen, und wenn ich auch auf der Stelle aus dem Dienſte gejagt werden ſollte!“ Die ehrliche Lieſe erſchrak, denn der alte Schreiber ſchaute mit finſteren Blicken drein, und ſetzte ſich mit ſolcher Entſchloſſenheit auf dem Stuhle im Vorzimmer feſt, daß man wohl ſehen konnte, wie er nicht vom Flecke weichen würde, bevor er nicht ſeinen Zweck er⸗ reicht habe. Und ſo ließ ſich denn Jungfrau Crabetje einſchüchtern, und öffnete die Thür zu Jonathan's Zim⸗ mer, und ſagte:„Mynheer Vanderhaan, da iſt die Stube und da iſt der junge Herr! Wenn Sie ſich's nun getrauen, ſo gehen Sie zu ihm!« Der alte Schreiber beſann ſich keinen Augenblick. Mit feſtem Schritte betrat er das Gemach, und wich auch nicht zurück, als Jonathan bei ſeinem Erſcheinen heftig aufſprang und heftig ſagte:„Was wollen Sie? Ich kann Niemanden ſprechen! Niemanden! Hören Sie wohl? Entfernen Sie ſich! Ich will allein ſein!« Vanderhaan entfernte ſich nicht, ſondern er nahm einen Stuhl und ſetzte ſich dicht vor Jonathan hin, und ergriff ihn bei beiden Händen, und dann ſagte er: „Gott gebe, daß es noch Zeit iſt, und daß ich nicht zu ſpät komme! Sie ſollen und müſſen mich anhören, Herr Jonathan! Denn warum? Weil Sie betrogen und beſtohlen werden, und ich armſeliger, alter, elender Schreiber kann es nicht verhindern, weil ich nicht die Macht dazu habe, aber reden kann ich, und reden will 32 ich, und ſo ſage ich Ihnen, Herr Jonathan, daß die beiden Mappel, David ſowohl wie ſein ſauberer Neffe Philipp, Sie beſtehlen und betrügen, und Ihnen Alles ſtehlen, Sie um Alles betrügen werden, wenn Sie nicht auf der Stelle einſchreiten und die Spitzbuben aus dem Hauſe jagen! Und nun wiſſen Sie, warum ich hereingedrungen bin, und Sie kennen mich wohl, Herr Jonathan, Sie wiſſen recht wohl, daß ich kein Lügner und Flauſenmacher bin, und nun machen Sie, was Sie wollen, und was Sie für nothwendig und recht halten!“ Jonathan hatte den alten Schreiber anhören müſſen, denn dieſer ließ ſich durchaus nicht abſchre een; und obgleich der junge Mann anfänglich ſehr grimmig und ärgerlich dreingeſchaut hatte, ſo verwandelte ſich all⸗ mählig doch dieſer Ausdruck in ſeinen Zügen, und er ſah zuletzt mehr ernſt und nachdenkend, als böſe aus. »Mein lieber Vanderhaan,“ erwiederte er,„wie ſoll ich das Alles verſtehen? Wollen Sie wirklich ſagen, daß die Herren Mappel unredlich gegen mich verfahren?“ „Ja, das wollte ich ſagen, und das wiederhole ich,“« entgegnete der alte Schreiber, und ließ Jonathan's Hände los, da er wohl ſah, daß Jonathan jetzt nicht mehr die Abſicht, ihm zu entſchlüpfen, hatte,—„der alte Mappel und der junge Mappel betrügen Sie, das behaupte ich.“ »Und in welcher Weiſe betrügen ſie mich? Reden Sie, mein Freund!“« „Sie haben die Mühle verkauft, Herr Jona⸗ than!« 33 »„Richtig! Das ſollten ſie! Ich hörte ſelbſt, wie mein guter ſeliger Vater den Ober⸗Buchhalter mit dieſem Geſchäfte beauftragte.“ „Ihn beauftragte, die Mühle für den fünften Theil ihres Werthes zu verkaufen? Sie für lumpige vierzig⸗ tauſend Thaler zu verkaufen? Und hier das ſchöͤne, große Haus für zehntauſend Thaler zu verkaufen?« ſchrie der ehrliche Vanderhaan mit verzweifelter Ent⸗ rüſtung aus.„Haben Sie das von Ihrem ſeligen Herrn Vater gehört?« Jonathan erſchrak.„Unmöglich!« ſagte er.„Ich habe gehört, daß die Mühle fuͤr zweimalhunderttauſend, und das Haus für ſechzigtauſend Thaler verkauft wer⸗ den ſollte. So beſtimmte es mein ſeliger Vater!« „Das dachte ich! Das dachte ich!« erwiederte der Schreiber.„Nun denn alſo, warum zögern Sie? Hinunter in das Comptoir, die Spitzbuben fortgejagt, ihre Betrügereien ungültig und unſchädlich gemacht! Hurtig, hurtig, Herr Jonathan! Es iſt kein Augen⸗ blick zu verlieren, und ich fürchte, ich fürchte, wir kom⸗ men ſchon jetzt leider zu ſpät!« Jonathan war bleich geworden, denn wenn der ehrliche Schreiber recht hatte, ſo konnte er ſich und mußte ſich für einen armen Bettler halten. Doch faßte er ſich ſchnell, näherte ſich entſchloſſen der Thür, und ſagte:„Folgen Sie mir, Freund! Ich will nachſehen und Ordnung da unten machen!« Wenn Jonathan in früherer Zeit, als ſein Vater noch lebte, einmal das Geſchäftskokal beſuchte, ſo ward er von Keinem freundlicher, höflicher und zuvorkommen⸗ der empfangen, als von Herrn David Mappel, dem Ober⸗Buchhalter, welcher ſich vor dem Sohne des Weihnachten. 3 34 Herrn Prinzipals ſtets faſt bis zum Erdboden verneigte, und nie anders als mit dem Ausdrucke der tiefſten und ergebenſten Ehrerbietung mit ihm ſprach. Als Jona⸗ than heute eintrat, mußte er auf den erſten Blick be⸗ merken, daß ſich hier Manches verändert hatte. Das Comptoir, faſt immer von Schreibern angefüllt und belebt, war heute leer, und außer den beiden Mappel's befand ſich Niemand darin, als ein kleiner, bucklichter, halb vertrockneter Kerl in ſchäbigem Rocke, der das Anſehen eines heruntergekommenen Gerichtsboten hatte. Außerdem kam der Ober⸗Buchhalter dem jungen Herrn des Hauſes keineswegs mit der ſonſtigen geſchmeidigen Höflichkeit entgegen, ſondern Mynheer Mappel nahm bei ſeinem Erſcheinen eine höchſt unverſchämte, freche und hochmüthige Miene an, und fragte barſch:»Und was wollen denn Sie hier, junger Menſch?« „Nach dem Rechten ſehen, Mynheer Mappel!« ent⸗ gegnete Jonathan mit feſter Stimme und furchtloſen, drohenden Blicken.„Legen Sie mir die Handlungs⸗ bücher vor, Mynheer Mappel!“ Der Buchhalter lachte laut und höhniſch.»Die Handlungsbücher? Was wollen Sie damit? Was verſtehen Sie denn, Sie— Grünſchnabel?« „Die Handlungsbücher! Auf der Stelle! Ich be⸗ fehle es, und ich denke, daß ich hier Herr bin, und daß man mir zu gehorchen hat!“ „Hören Sie doch, Mynheer Seybel,“ wandte ſich Mappel zu dem fremden Menſchen im ſchäbigen Rocke, —„hören Sie doch, wie hübſch die junge Schlange zu ziſchen verſteht! Da iſt es ja nur recht gut, daß wir ihr im Voraus die Giftzähne ausgeriſſen haben! Und was Sie anbetrifft, Mynheer Jonathan Monkenwyk, ſo erfahren Sie ohne alle weiteren Umſtände, daß Sie hier im Hauſe und im Comptoire gar nichts zu befehlen haben, aber auch rein gar nichts, denn das Haus Monkenwyk hat ſeine Zahlungen eingeſtellt und ſich für banquerott erklären müſſen!«. »„Eine Lüge! Eine freche, ſchändliche, unverſchämte Lüge!« brauste Jonathan auf.„Sie werden mir Rechen⸗ ſchaft von allen Ihren Handlungen geben müſſen!“ »Ganz recht, junger Menſch!« entgegnete Mappel mit kaltem Hohne.„Rechenſchaft, ſo viel Sie wollen! Da iſt Mynheer Seybel, wohlbeſtallter königlich hollän⸗ diſcher Notar, der hat die Sache mit uns geordnet, und ihn fragen Sie!« Jonathan wandte ſich bleich vor Aufregung zum Notar und blickte ihn fragend an. »Ganz richtig! Alles ganz richtig!“ ſagte der Menſch mit heiſerer Stimme, und nickte dazu mit dem Kopfe, indem ein boshaftes Lächeln auf ſeinen ſchmalen, blut⸗ loſen Lippen ſpielte:—„Mynheer David Mappel hat rechtskräftig Haus und Mühle des ſelig verſtorbenen Mynheer Monkenwyk übernommen, und den Betrag durch die Forderungen gedeckt, welche er erwieſener Maßen an das Haus Monkenwyk zu machen berechtigt war. Hier liegen die Beweiſe darüber, Contrakte und Alles in gebührender Ordnung! Außerdem hat Myn⸗ heer Mappel, wie ich aus den Rechnungen erſehen, noch zehntauſend Thaler an das Haus Monkenwyk zu fordern, als welche zehntauſend Thaler wohl von Ihnen, Mynheer Monkenwyk, ausbezahlt werden müſſen.« »Und die Mühle?« fragte Jonathan außer ſich vor Entrüſtung. 36 „Die Mühle hat Mynheer Mappel für den hohen Preis von vierzigtauſend Thalern übernommen!“ „Schändliche Betrügerei! Der Kauf iſt ungültig! An welchem Tage iſt er abgeſchloſſen?2e „Am Tage vor dem Tode des ſeligen Mynheer Monkenwyk!« „Alſo an dem Tage, wo mein guter Vater den Preis auf zweimalhunderttauſend Thaler feſtgeſtellt hatte?“ ſagte Jonathan mit einem Blicke tiefſter Ver⸗ achtung auf Mappel.„Herr, Sie ſind ein Schurke! Sie werden vor Gericht Rede ſtehen müſſen uͤber Ihr Verfahren, das ſchändlich, betrügeriſch und niederträch⸗ tig iſt!«. „Vor Gericht?« lachte Mappel höhniſch.»Vergeſſen Sie denn, daß ich Vollmacht hatte, zu verkaufen, und zwar Vollmacht von Ihrem Vater, was ich jeden Augenblick beſchwören werde? Vergeſſen Sie denn, daß Sie mein Schuldner ſind, Schuldner von zehntauſend Thalern, und daß ich Sie jeden Augenblick von den Häſchern verhaften und in's Gefängniß werfen laſſen kann? Vergeſſen Sie denn, daß Sie ein Bettler ſind, ein armſeliger, elender, niedriger Bettler, der nicht einen Pfennig in ſeiner Taſche hat? Hinweg, Sie bettel⸗ hafter Bube! Verlaſſen Sie heute noch, noch in dieſer Stunde dieſes Haus, von dem Ihnen kein Ziegel auf dem Dache mehr gehört, und wenn Sie es wagen, jemals dieſe Schwelle zu betreten, wenn Sie es wagen, irgend ein verläumderiſches Wort über mich zu aͤußern, ſo machen Sie ſich darauf gefaßt, daß Sie zeitlebens im Schuldgefängniſſe eingeſperrt werben! Fort mit dir, lumpiger Bettler! Und fort mit Ihnen auch, Mynheer Vanderhaan, da Sie verſucht haben, in dieſem meinem 37 Hauſe den Spion und Zwiſchenträger zu machen. Fort mit euch Beiden, oder ich laſſe die Häſcher kommen und euch auf die Straße hinaus werfen!“ Jonathan ward bleich, wie der Kalk an der Wand, als er dieſe ſchnöden Worte aus dem Munde eines Buben hören mußte, der ihn ohne allen Zweifel um das ganze Erbe ſeines Vaters beſchwindelt hatte. Den⸗ noch beherrſchte er ſein empörtes Gefühl, und ſagte mit Stolz und drohend erhobener Stimme: „»Wohlan, ich muß fürchten, daß ich das Opfer eines niedrigen, mit ſchlauer Frechheit angelegten und durchgeführten Schurkenſtreiches bin! Ich gehe! Aber wiſſe, du, elender Betrüger, wiſſe du, eben ſo elender Helfershelfer niedrigen Betrugs, wiſſet, Ihr Beide, daß wenn auch auf Erden kein Recht für einen armen, verwaisten Knaben zu finden ſein mag, ſo doch dort oben über den Wolken ein Richter lebt, der da richten wird zwiſchen mir und Euch! Ich fühle, ich ahne, ich weiß, nicht zum letzten Male ſtehen wir uns in dieſer Sache gegenuͤber! Ein Tag wird kommen, zu vergelten nach der Gerechtigkeit des ewigen Gottes, und dann— Wehe den Schuldigen, Wehe den Betrügern, Wehe den Räubern an ſchutzloſen Waiſen!« Drittes Kapitel. Der alte Peter. „Um Gottes willen, Mynheer Jonathan,“ ſagte 3 ag der ehrliche alte Vanderhaan, als er nach dem heftigen 38 Ausbruche der Entruͤſtung den noch zornbebenden Jüng⸗ ling gewaltſam aus dem Comptoire auf ſein Zimmer geführt hatte,—„um Gottes willen, was haben Sie angerichtet? Mynheer Mappel wird Ihnen das nie⸗ mals vergeben! Und wenn er nun zum Aeußerſten ſchreitet? Wenn er wirklich ſeine Drohung ausführt und Sie in das Schuldgefängniß einſperren läßt? Ach, er hat die Gewalt dazu, und er iſt ein böſer, böſer Menſch!“ »Nein, nein, er wird es nicht wagen,“ entgegnete Jonathan.„Ein Betrug iſt geſchehen, und der Be⸗ trüger muß fürchten, daß Alles an den Tag kommen wird, wenn er ſeine Schändlichkeit auf die außerſte Spitze treibt. Sie können ganz ruhig ſein, alter Freund! Er wagt es nicht!« 3 „Wer das Große gewagt hat, wie jener Mann, der wagt auch das Geringere,“ erwiederte Vanderhaan mit bedenklichem Kopfſchütteln.„Er wird nicht ruhen, bis er Sie aus dieſem Hauſe auf die Straße gejagt, und Sie ganz und gar zum Bettler gemacht hat. Sehen Sie ſich vor, Herr Jonathan! Geben Sie nach, beugen Sie ſich unter die Gewalt der Umſtände, demüthigen Sie ſich ein wenig, und vielleicht retten Sie noch ein Geringes aus dem Schiffbruche, der Ihr Alles ver⸗ ſchlungen hat. Mit Gewalt richten Sie nichts aus, denn ich ſehe ſchon, der Elende hat ſeine Maßregeln zu gut getroffen, während Sie ſich im Schmerze über den Tod Ihres Vaters, meines guten, ſeligen Herrn, um nichts bekümmerten. Sie hörten ja doch, daß jener Schuft, der Notar Seybel, Alles xechtskräftig abge⸗ ſchloſſen hat! Der Elende iſt ohne Zweifel beſtochen, aber wer kann es ihm beweiſen? Oh, der Betrüger 39 iſt ſchlau zu Werke gegangen, und alles gute Recht, das Sie auf Ihrer Seite haben, vermag nichts gegen ihn. Geben Sie nach, Herr Jonathan! Folgen Sie meinem Rathe, und geben Sie nach!« „Nimmermehr!“ entgegnete Jonathan.„»Nimmer⸗ mehr werde ich mich demüthigen vor einem Schurken! Lieber will ich von Haus zu Haus betteln gehen, und mein Brod vor den Thüren ſuchen! Auf allen Straßen will ich's ausſchreien, daß dieſer David Mappel ein Betrüger iſt, und wenn die Menſchen mich nicht hören, ſo wird doch Gott meine Anklage vernehmen!“ „Nein, nein, nein!“ ſagte der alte Vanderhaan beſchwichtigend.„»Nicht ſo heftig, lieber Jonathan! Kommen Sie! Folgen Sie mir! Ich bin zwar nur ein armer, alter Schreiber, und Sie haben ſelber ge⸗ hört, daß Herr Mappel mich aus dem Hienſte gejagt hat, und ich weiß nicht, wie bald und wo ich wieder ein Unterkommen finde, aber ſo lange ich noch ein Stückchen Brod habe, werde ich's mit Freuden mit dem Sohne meines lieben, ſeligen Herrn theilen, der mir immer ein guter und wohlwollender Herr geweſen iſt. Kommen Sie, kommen Sie, Herr Jonathan! Und ſpäter wollen wir mit Ruhe überlegen, was wir für Schritte thun können, um Ihnen zu Ihrem Rechte zu verhelfen!“ Jonathan ſchüttelte erbittert und entſchloſſen mit dem Kopfe.„Nein,“ ſagte er,„freiwillig gehe ich nicht, weiche ich nicht von dieſem Platze. Ich will doch ſehen, ob er es wagt, mich mit Gewalt fortzutreiben! Er wagt es nicht! Du ſollſt ſehen, er wagt es nicht, alter Freund!« Gerade als Jonathan dieſe Worte ſprach, vernahm man Geräuſch auf dem Vorplatze draußen, und plötzlich 40 ſtüͤrzte Lieſe Crabetje, die alte Magd, mit blaſſem und höchſt beſtürztem Geſicht in das Zimmer. „Herr, mein Heiland, was geht denn hier vor?« rief ſie aus.„Zwei Polizeidiener ſtehen draußen, und Herr Philipp Mappel iſt mit ihnen gekommen, und ſie verlangen zu Ihnen eingelaſſen zu werden, Herr Jonathan! Was iſt denn geſchehen? Was wollen die Menſchen?« 3 „Du wirſt es bald hören, gute Lieſe,« erwiederte Jonathan, welcher ſchnell ſeine anfängliche Beſtürzung überwand, während der alte Vanderhaan verzweifelnd die Hände rang.„Laß die Leute ein! Es würde doch nichts nützen, ihnen Widerſtand leiſten zu wollen.« Da Lieſe zögerte, ſeiner Weiſung zu folgen, öffnete Jonathan ſelber raſch die Thür, und trat mit bleichem, aber ruhigem Geſicht den Gerichtsdienern entgegen. »Was wünſchen Sie von mir, meine Herren?« fragte er.„Treten Sie näher! Und nun, ohne Rück⸗ halt, was iſt Ihr Begehr?« Die Polizeidiener zuckten die Achſeln und blickten verlegen auf den jungen Mappel, welcher, eine Reit⸗ peitſche in der Hand, hohnlächelnd zur Seite ſtand und mit der Peitſche ſpielte, ohne Jonathan die geringſte Aufmerkſamkeit zu erweiſen. »Nun, warum zögern Sie denn?« ſagte er zu ſeinen Begleitern.„Verrichten Sie Ihren Auftrag ohne Um⸗ ſtände.« »Nun denn, Mynheer Monkenwyk,« ſprach Einer von den Polizeidienern in mitleidigem Tone,„es thut uns ſehr leid, Ihnen eine ſolche Botſchaft bringen zu müſſen, aber Sie wiſſen wohl, unſere Pflicht iſt zu 41 gehorchen, und ſo müſſen wir Ihnen denn verkündigen, daß... daß... „Nun, zum Henker,“ fiel Philipp brutal ein,„daß der Burſche da augenblicklich das Haus hier zu ver⸗ laſſen hat, welches meinem Herrn Oheim gehört! Warum ſo viele Umſtände mit einem Bettelbuben? Hörſt du wohl, Burſche, du ſollſt dich fortpacken, und zwar auf der Stelle!« Die alte Lieſe ſchrie laut auf bei dieſer Ankündigung, die ihr ganz unerwartet kam; Vanderhaan ſeufzte und ſchüttelte betrübt ſeinen grauen Kopf, und nur Jona⸗ than behauptete ſeine ruhige Faſſung. »Iſt das wahr?« fragte er die Polizeidiener.„Haben Sie wirklich einen ſolchen Auftrag, wie dieſer..... Menſch da behauptet?« „Ja, Mynheer, leider!“ erwiederte der Polizeidiener höflich und mit ſichtbarer Theilnahme.„Herr David Mappel hat nachgewieſen, daß er der Eigenthümer dieſes Hauſes iſt, und in Folge deſſen ſind wir beauf⸗ tragt worden...« .»Dir die Wege zu weiſen, Burſche!« fiel Philipp wieder ein, indem er ſich zu Jonathan wendete.„Da iſt die Thür! Marſch! Wenn du dich weigerſt, haben dieſe Leute Befehl, Gewalt anzuwenden.“ 5 »Das wird nicht nöthig ſein,“ entgegnete Jonathan mit mehr Faſſung, als Philipp vielleicht erwartet hatte. „Ja, ja, es wundert mich nicht, daß mir von dir nie etwas Gutes kommen konnte, Philipp, obgleich du bei Lebzeiten meines Vaters immer ſchmeichelnd und krie⸗ chend gegen mich wareſt.“ 6 »Nicht raiſonnirt, Burſche!« ſchrie Philipp zornig, —»oder ich werde dich meine Reitpeitſche koſten laſſen.“ 42 Ein Blitz des Zornes flammte bei dieſer rohen und übermüthigen Drohung aus Jonathan's Auge, während die alte Lieſe Crabetje von Neuem laut aufſchrie, und die beiden Polizeidiener einen unwilligen Blick auf Phi⸗ lipp warfen. »Nichts der Art hier, junger Herr! Sie vergeſſen ſich!“ ſagte der Eine von ihnen ziemlich barſch. „Laſſen Sie nur, laſſen Sie ihn,« nahm Jonathan das Wort.„Ich gehe, und ſchüttle den Staub von meinen Füßen. Aber ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, wo ich Rechenſchaft werde fordern können für alle Unbilden, die man mir, einer ſchutzloſen Waiſe, zugefügt hat. Gute Lieſe, lebe wohl! Leben Sie wohl, Herr Vanderhaan! Gott ſei mit Ihnen, wie ich hoffe, daß Er mit mir ſein wird!« »Was?« ſchrie Lieſe Crabetje auf.„Denken Sie denn, daß ich in dieſem Hauſe bleiben werde, Herr Jonathan? Denken Sie denn, daß ich Sie verlaſſen werde? Ei, da ſoll mich ja Gott behüten und bewahren! Auf der Stelle gehe ich mit! Die alte Lieſe hat ſich ein paar Dukaten erſpart, und wenn andere Leute an ihrem jungen Herrn zu Spitzbuben werden, ſo ſoll er doch ſehen, daß es auch noch treue und rechtſchaffene Herzen in der Welt gibt. Ei ja doch! Hier bleiben! Unter dieſem Dache, wo bis jetzt immer redliche Menſchen gewohnt haben, und wo nun Gott weiß wer das Regi⸗ ment führt! Nein, Herr Jonathan, wenn Sie gehen müſſen, ſo geht die alte Lieſe mit, und frägt den Henker nach dem, der hier bleibt! Gott ſei Dank, mir hat kein Spitzbube weder hier noch anderswo etwas zu befehlen!« „Und ich will Sie auch nicht verlaſſen, Herr Jona⸗ than, ich au) nicht,“ fogte Vanderhaan, dem die hellen 43 Thränen in den grauen Wimpern hingen.„Sind wir auch arm an Geld und Gut, wir alten Leute, an Liebe zu unſerem jungen Herrn fehlt es uns nicht, und, das wollen wir Ihnen beweiſen. Kommen Sie nur, Herr Jonathan, in Gottes Namen! Ich werde es ſchon erleben, daß Sie ganz anders hier wieder einziehen, als wie Sie ausziehen müſſen, und die Reihe wird dann an Anderen ſein, zu gehen, und es wird ſich ja finden, ob dann auch treue Freunde zur Begleitung und zum Troſte da ſind! Kommen Sie, Herr Jonathan!“ Liebevoll ergriff er ſeinen jungen Herrn an dem einen Arm, Lieſe Crabetje nahm ihn am andern, und ſo zogen ſie ihn mit ſich fort. Jonathan ſträubte ſich auch nicht, denn die treue Anhänglichkeit, welche ihm die alten Diener ſeines Vaters bewieſen, rührte und erfreute ihn. Ohne nur noch einen Blick der Verach⸗ tung auf Philipp zu werfen, verließ er das Haus, ſchüttelte draußen, wie er zu Philipp geſagt hatte, den Staub von ſeinen Füßen, und begleitete Vanderhaan in ſeine kleine Wohnung, wohin ihm natürlich auch Lieſe folgte, und wo er von dem alten Schreiber herz⸗ lich willkommen geheißen wurde. Jetzt aber, wo ihn nicht ein edler Stolz mehr aufrecht erhielt, brach ſich endlich der tiefe Schmerz Bahn, den er bisher mit An⸗ ſtrengung aller Kräfte niedergehalten hatte. Er warf ſich auf einen Stuhl, barg ſein blaſſes Geſicht in beiden Händen, und weinte laut. Noch nie hatte er ſich ſo gänzlich als arme, ſchutzloſe Waiſe gefühlt, als in die⸗ ſen Augenblicken, nachdem er durch ſchnöde Gewalt aus dem Hauſe ſeines Vaters getrieben worden war, als ein Opfer der Habſucht und Bosheit niedrig denkender und elender Menſchen.“ 44 »Weinen Sie nicht, Mynheer Jonathan,“ bat Lieſe, und Vanderhaan bot alles Mögliche auf, ſeinen jungen Herrn zu zerſtreuen. Aber es währte lange, bevor es ihren vereinten Anſtrengungen glücken wollte, das auf⸗ geregte Gefühl Jonathan's zu beruhigen. Die Gedan⸗ ken, die ihn erfüllten, waren zu bitter, der Zorn über die ſchamloſe Frechheit der beiden Mappel hatte zu ſehr jeden Blutstropfen in ihm empört, als daß er ſo raſch das vormalige Gleichgewicht der Seele hätte wiederer⸗ langen können. Erſt als er bemerkte, wie tief er durch die Heftigkeit ſeines Schmerzes ſeine beiden alten Freunde betrübte, ſuchte er ſich zu beherrſchen und ruhiger zu werden, was ihm denn auch endlich gelang. Der Abend dieſes ſtürmiſchen Tages endete heiterer und wolken⸗ freier, als Einer von ihnen zu hoffen gewagt hatte, und ganz zuletzt gab es ſogar noch ein luſtiges Gelächter, als der ehrliche alte Vanderhaan, da man zu Bett gehen wollte, plötzlich eingeſtehen mußte, daß er noch gar nicht daran gedacht hatte, wie es dieſe Nacht mit dem Schlafen gehalten werden ſolle. Zum Gluͤck war die alte Lieſe eine tüchtige Hauswirthin und wußte Rath zu ſchaffen. Ehe eine halbe Stunde verging, war noch ein Bett in einem Nebenzimmer aufgeſchlagen, wohin ſie ſich zurückzog; Jonathan mußte in Vander⸗ haan's Bette ſchlafen, und der Hausherr ſelber mochte ſich mit dem Sopha begnügen, zur Strafe dafür, daß er nicht früher und beſſer für ſeine Gäſte geſorgt hatte. Die nächſten Tage vergingen unter allerlei Plänen, welche die drei Verbündeten entwarfen, um den Raub⸗ geiern, die Jonathan's ganzes Vermögen an ſich ge⸗ riſſen hatten, die widerrechtliche Beute wieder aus den Klauen zu reißen. Aber ſie mußten ſich bald eingeſtehen, 4 45 daß dieß keineswegs ſo leicht und ſchnell ging, als ſie anfänglich immer noch gehofft hatten. Vanderhaan und Jonathan gingen zu einigen der berühmteſten Advokaten von Amſterdam, und baten ſie um ihren Beiſtand, der ihnen auch immer bereitwillig zugeſagt wurde. Wenn ſte dann aber die Sachlage genau aus einander ſetzten, ſo ſchuͤttelte Jeder von den Rechtsgelehrten den Kopf, und zog ſich zurück. Jeder gab zu, daß David Mappel möglicher, ja wahrſcheinlicher Weiſe ein Schurke und Betrüger ſei, aber ſetzte auch hinzu, er habe ſich zu gut vorgeſehen, als daß er mit Erfolg angegriffen wer⸗ den könne. In der ganzen Stadt war man entrüſtet über Mappel's ſchändliche Handlungsweiſe, Jedermann begegnete ihm mit unverhohlener Verachtung,— aber Mappel ſtuützte ſich auf ſeine Vollmachten, und lachte bei der ohnmächtigen Wuth aller ſeiner Gegner in's Fäuſtchen. Immer blieb ſo viel feſt ſtehen, daß Nie⸗ mand ihm etwas anhaben konnte,„wenn nicht,« wie ganz zuletzt ein alter, kluger Advokat ſagte,„der Notar Seybel bewogen werden könne, die ganze Spitzbüberei, die er vermuthlich mit Mappel unter Einer Decke ge⸗ trieben, klar und offen aufzudecken.“ Dazu war nun freilich für jetzt keine Ausſicht vorhanden; aber doch merkte ſich Jonathan dieſe Worte, um ſie vielleicht in ſpäterer Zeit einmal zu benutzen. „Ich vermuthe ſehr,“ fügte der Advokat noch hinzu, „daß alle die Vollmachten und Verträge, auf die ſich der ſaubere Mynheer Mappel ſtützt, erſt nach dem Tode des ſeligen Herrn Monkenwyk ausgefertigt worden ſind, und wenn man dieß beweiſen koͤnnte, ſo hätten ſie wirklich keine Gültigkeit, wären nicht einen Pfifferling werth, und Mynheer Mappel würde nicht nur Alles 46 wieder herausgeben, ſondern auch auf ein zehn bis fünfzehn Jährlein in's Zuchthaus ſpazieren müſſen. Aber freilich, Seybel, der alle die Verträge gemacht hat, wird nicht eingeſtehen, daß ſie verfälſcht und erſt nach dem Tode Herrn Monkenwyk's geſchrieben ſind, denn wenn er's geſtände, ſo würde er ebenfalls in die Zuchthausjacke kriechen müſſen. Alſo iſt da keine Hoff⸗ nung,— es wäre denn, daß man den ungetreuen Notar mit einer großen Geldſumme und dem Verſpre⸗ chen, ihn entſchlüpfen zu laſſen, beſtechen könnte. Dieß wäre der einzige Weg, der vielleicht zum Ziele führen würde, aber freilich, ohne ſehr bedeutende Sum⸗ men dürfte auf einen Erfolg nicht zu rechnen ſein.“ Dieß war der letzte Beſcheid, den Jonathan erhielt. Es lag nicht viel Tröſtliches und Erfreuliches darin; denn er ſelbſt war nicht viel mehr als ein Bettler, Banerhaan geſu nicht einmal das Nothdürftigſte, und die ehrliche Lieſe hatte zwar ihren Sparpfennig, den ſie mit tauſend Freuden zu opfern bereit war, aber die kleine Summe reichte natürlich nicht hin, die Habgier des Notars zu reizen und ihn ſeinem Spießgeſellen abſpenſtig zu machen. 3 „Geben wir's auf,« ſagte Jonathan, als er im Rathe mit ſeinen Getreuen alle Umſtände hin und her erwogen hatte.„Es nützt nichts, gegen das Unmög⸗ liche anzukämpfen, und jetzt eine Entdeckung herbei zu führen, iſt in Wahrheit unmöglich. Denken wir lieber darüber nach, was ich thun ſoll, um mir einen Weg im Leben zu bahnen und mir eine Laufbahn zu eröffnen, bei deren Verfolgung ich auf ehrliche Weiſe mein Brod zu verdienen im Stande bin.“« Vanderhaan und Lieſe Crabetje wollten darauf nicht 47 eingehen, denn er ſei ja noch viel zu jung, entgegneten ſte, um ſchon ſelber für ſich ſorgen zu können, und einſtweilen wären ſie Beide da, um für ihn zu arbeiten, und überhaupt getreulich ſich Seiner anzunehmen. Da⸗ von aber wollte wieder Jonathan nichts hören, indem er einwarf, daß ſie das Ihrige bei ihrem Alter ſelber bedürften, und ſo ſtritten ſie ſich eine ganze Weile herum, ohne zu einer Entſcheidung zu kommen, als plötzlich ungeſtüm die Thür aufgeriſſen, und ein großer, ſtarker, breitſchultriger junger Mann mit heftigem Schritte hereintrat. „Wo iſt er?“ rief er mit einer gewaltigen Stimme, welche die Fenſter klirren machte.„Wo iſt mein Jona⸗ than? Ach, dort biſt du ja! Jonathan, mein lieber Junge! Gott ſei Dank, daß ich dich endlich gefunden habe!“ „»Peter Hemskerk! Mein Peter!“ rief nun auch Jonathan mit lauter Stimme aus, und ſprang auf, um ſich an die Bruſt des großen, hübſchen Burſchen zu werfen, dem die hellen Thränen aus den blauen Augen rannen, indem er den bleichen, ſchmächtigen Knaben in ſeine ſtarken Arme ſchloß, und ihn wie ein kleines Kind aufhob, wiegte und küßte;—„mein guter Peter! Was führt dich hierher? Zu uns? Weißt du denn ſchon, Peter?« »Alles weiß ich, verſteht ſich!“ erwiederte Peter und runzelte die Stirn.„Eben deßwegen bin ich ja in Einem Laufe von Rotterdam bis hierher gerannt, um nach dem Rechten zu ſchauen, und meinem lieben Jonathan beizuſtehen gegen die Halunken und Spitz⸗ buben, und, bei meinem Leben, wenn ich ſie faſſen kann, dieſe Herren Philipp und David Mappel ſo ſollen ſie wohl verſpüren, daß der Peter ein Paar ganz geſunde Arme hat, und Fäuſte, die wacker zugreifen und zu⸗ ich ſchon mit meinem Herrn geſprochen, mit Mynheer dreſchen können. Aber erſt erzähle mir einmal ordent⸗ lich, was Alles geſchehen iſt, Jonathan, und nachher, wenn ich Alles weiß, na, vunn findet ſich das Uebrige.“ Jonathan erzählte, Vanderhaan und Lieſe Crabetje halfen dabei, und es dauerte nicht lange, ſo war Peter von allem Geſchehenen und auch von den ungewiſſen Plänen für die Zukunft Jonathan's ganz genau unter⸗ richtet. Er ſchüttelte dem alten Schreiber und der ehr⸗ lichen Lieſe die Hand, und ſagte:„Ihr ſeid treues Blut, das geht ſchon daraus genug hervor, daß Ihr unſeren jungen Herrn nicht verlaſſen habt! Aber nun iſt's auch genug! Ihr, Mynheer Vanderhaan, müßt und Ihr, werthe Jungfrau Lieſe Crabetje, könnt allen⸗ falls eine gute Weile von Eurem Erſparten leben. Das iſt ubin Beſcheid für Euch Beide. Mein Jona⸗ than aber, der geht mit mir! Ich bin jung und fann für ihn ſchaffen; Ihr ſeid alt und braucht das Eurige ſelbſt. Ueberhaupt, es taugt nicht, daß mein Jonathan in Amſterdam bleibt, wo es ihm immer einen Stich in's Herz geben muß, wenn er an ſeines ſeligen Vaters Hauſe vorbeigeht und an die Spitzbuben denkt, die es ihm geſtohlen haben. Das taugt nicht, ſage ich, und darum muß er fort, in die Welt hinaus, mit nach Rotterdam, und daß es ihm dort nicht am Nothwendi⸗ gen fehlen, und daß ihm kein allzu rauher Wind um die Naſe wehen ſoll, dafür laßt mich ſorgen. Das iſt Alles ſchon abgemacht, Jonathan! Bevor ich fortlief, um hier ein Bischen nach dem Rechten zu ſehen, habe 49 Cornelius Beukelaer nämlich, deſſen erſter Magazin⸗ Aufſeher ich bin, Jonathan, und Mynheer ſagte mir gleich, ich ſolle dich nur mitbringen, Jonathan, wenn in Amſterdam nichts mehr für dich zu retten wäre, und natürlich gehſt du nun mit, und Mynheer Beuke⸗ laer wird ſchon einen Mann aus dir machen, Jonathan, einen richtigen gewiegten Kaufmann, vor dem die Leute Reſpect haben müſſen in der alten, wie in der neuen Welt, und damit Punktum! Nicht wahr, Jonathan, du gehſt mit mir, mit deinem Peter? Das iſt gar keine Frage weiter. Und du weißt recht gut, Jonathan, daß ich dir nur zu deinem Beſten rathe, alſo beſinne dich nicht, und ich kann dir nur ſo viel ſagen, lieber Junge, daß Mynheer Beukelaer ein kreuzbraver Mann iſt, der große Stücke auf mich hält, und auch auf dich halten wird, wenn er dich nur erſt kennen gelernt hat. Alſo abgemacht Jonathan,— du gehſt mit deinem Peter!« Peter ſprach ſo rund heraus und mit ſolcher Ent⸗ ſchiedenheit, daß eigentlich gar nichts weiter zu thun war, als Jonathan mußte Ja ſagen, und der gute Vanderhaan nebſt Lieſe mußten ſich damit zufrieden geben. So geſchah es denn auch nach kurzem Hin⸗ und Widerreden, daß alle Vorſchläge Peter's wirklich kangenommen wurden, und ſchon am folgenden Morgen mußte Jonathan von ſeinen Freunden Abſchied nehmen, weil Peter erklärte, daß Mynheer Beukelaer ihn und ſeine Dienſte nicht länger entbehren könnte. Die gute Lieſe weinte, der ehrliche alte Vanderhaan konnte vor Rührung kaum Lebewohl ſagen,— Peter aber machte kurzen Prozeß, nahm ſeinen Jonathan unter die Arme, trug ihn halb, ſchleppte ihn halb aus dem Hauſe, und fort ging es nun, als ob ihnen das Pflaſter von Weihnachten. 4 Güte ſeines Herrn, verwendete er allen Fleiß und alle 50 Amſterdam unter den Füßen brennte. Als ſie draußen vor dem Thore waren, und die Thürme der Stadt allmählig im Hintergrunde verſchwanden, klopfte Peter ſeinen Begleiter ſanft auf die Schulter, ſah ihm freund⸗ lich in ſeine trüben Augen, und ſagte in kräftigem, ermunterndem Tone:„Muth, Jonathan, und den Kopf in die Höhe! Du wirſt ſehen, Mynheer Beukelaer und ich, wir Beide werden mit Gottes Hülfe einen Mann aus dir machen! Und wenn du erſt ein Mann biſt, Jonathan, nun denn, ſo werden wir eines Tages auch ein paar Worte mit den Herren David und Philipp Mappel zu reden haben! Alſo Muth, Jonathan! Muth bringt Glück!“ Viertes Kapitel Die Nachbarskinder und Mynheer Beußelaer. Peter hatte ſeinem Jonathan nicht zu viel verr⸗ ſprochen. Mynheer Beukelaer nahm den armen Waiſen⸗ knaben mit aller Freundlichkeit auf, gab ihm eine An⸗ ſtellung in ſeinem Geſchäfte, Wohnung und Koſt in ſeinem Hauſe, und außerdem noch einen kleinen Gehalt, der eben hinreichte, daß Jonathan ſich in der Kleidung ſauber und ordentlich erhalten konnte. Damit war Jonathan auch ganz zufrieden; und nicht nur aus Pflichtgefühl, ſondern auch aus Dankbarkeit für die 51 Sorgfalt auf die ihm übertragenen Geſchäfte, ſo daß ſeine nächſten Vorgeſetzten ſtets zu ſeinem Lobe ſprachen. Ein Jahr um das andere ging dahin, und Jonathan rückte in jedem Jahre ein Stückchen vorwärts. Schon als Lehrling wurde ſein Gehalt verbeſſert, dann, als er die Lehrjahre überſtanden hatte, rückte er als einer der unteren Buchhalter ein, und im Jahre darauf be⸗ zog er ſchon einen Gehalt, der ihm erlaubte, alle Ver⸗ gnügungen aufzuſuchen, an welchen junge Leute Gefallen zu finden pflegen. Aber Jonathan war nichts weniger als vergnügungs⸗ ſüchtig. Er ſparte ſeinen Ueberfluß, und pflegte nur gegen Weihnachten hin, wenn der weiße Schnee die Erde deckte, und der kalte Nordwind brauſend einher⸗ fuhr, einen ungewöhnlich tiefen Griff in ſeine Kaſſe zu thun. Und das hatte ſeinen guten Grund. Der freundliche Leſer wird ihn leicht errathen, wenn er ſich noch der guten Vorſätze erinnert, die Jonathan einſt in ſeiner Kindheit am lieben Weihnachtsfeſte gefaßt hatte,— aber der Kaſſier des Mynheer Beukelaer be⸗ griff ihn nicht, ſondern wunderte ſich nur, daß der ſonſt ſo ſparſame Jonathan gegen Weihnachten hin allemal zum Verſchwender wurde. Da Jonathan indeß niemals mehr von ihm verlangte, als was er recht⸗ mäßig zu fordern hatte, ſo mußte der Kaſſier ihm eben das Verlangte auszahlen, und dachte nur bei ſich, daß Jonathan zuweilen von einem gelinden Raptus befallen verden möge. Es war aber kein Raptus, ſondern Jonathan feierte das liebe Weihnachtsfeſt nur eben auf ſeine eigene Weiſe. Das erſte Weihnachten nach dem Tode ſeines Vaters wäre ihm beinahe ein recht betrübtes und 5² trauriges Feſt geweſen; denn als der Tag herannahte, wo ihm ſonſt immer der Lichterbaum angezündet wurde, fiel es ihm ſchwerer als je auf's Herz, daß er nun keinen Menſchen mehr hatte, der liebreiche Theilnahme für ihn empfände, außer etwa ſeinen Freund Peter, der ihm aber doch nicht Vater und Mutter erſetzen konnte. „Das wird ein recht thränenreicher Chriſtabend werden nach ſo manchem freudenreichen, wie ich ſie fruher erlebt habe,« murmelte er vor ſich hin, als er hinunter ſchaute,— denn ſein Fenſter ging auf den Hof hinaus,—„ich wollte, es wäre ſchon vorüber, oder ich könnte das ganze Feſt verſchlafen, damit ich So ſtand er und klagte in ſeinem Herzen, indem er die hellen, leuchtenden Bilder einer ſchönen Ver⸗ gangenheit vor ſeine Seele zauberte, und ſein Blick wurde immer trüber, ſeine Stirn immer finſterer, bis er endlich zwei kleine Kinder von ſechs und ſieben Jahten auf dem Hofe bemerkte, die froͤhlich lachend umherſprangen, und obgleich ſie nur nothdürftig in leichte Kittelchen gekleidet waren, doch ſo luſtig jauchzten und ſich mit Schnee bewarfen, und dann wieder umher⸗ ſprangen und wieder jauchzten, als ob draußen lauter Früͤhling wäre und ſie von der Kälte gar nichts ver⸗ ſpürten. Da, wie er die kleinen, luſtigen Schelme ein Weil⸗ chen beobachtet hatte, hellte ſich plötzlich ſein ſchwer⸗ müthiges Geſicht auf und ein ſonniges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. 5³ „Bin ich nicht ein Thor und ein Undankbarer, daß ich jammere und wehklage?“ ſagte er vor ſich hin. „Steht denn nicht geſchrieben, geben iſt ſeliger, denn nehmen? Und bin ich nicht glücklich genug, daß ich geben kann, wäre es auch noch ſo wenig?) Und iſt es denn nicht eine Freude, frohe, glückliche Geſichter um ſich zu ſehen, die auch mit dem Wenigen zufrieden ſind, was ihnen mit Liebe dargeboten wird? Und iſt es nicht ſündhaft von mir, daß ich nicht ſchon eher an mein Gelöbniß gedacht habe, als eben erſt jetzt, wo mich die armen, und doch ſo fröhlichen Kinder daran erinnern? Aber auch morgen gleich will ich mit dem Kaſſier ſprechen und mit Peter, und dann..., wer weiß, ob dann mein Weihnachten nicht doch noch fröh⸗ licher wird, als ich dachte!« Und Jonathan ſprach mit dem Kaſſier, und freute ſich wie ein Kind, als dieſer ihm ſagte, daß er vier ganze Dukaten bei ihm gut habe, die er jeden Augen⸗ blick in Empfang nehmen könne; und dann ſprach er mit Peter, und fragte ihn, wer die armen Kinder ſeien, die geſtern auf dem Hofe geſpielt hätten; und Peter ſagte ihm, es ſeien ſehr, ſehr arme Kinder aus dem Nachbarhauſe, deren Vater längſt geſtorben ſei, und deren Mutter, eine brave Frau, alle Noth hätte, mit ihrer Hände Arbeit die Kinder ehrlich und redlich zu ernähren;— und als er dieß wußte, der Jonathan, da lächelte er ſtill vor ſich hin, ſo recht vergnügt von innen heraus, ſo daß Peter ſich faſt verwunderte und ſich fragte, wie es komme, daß ſein, ſein Jonathan vergnügt ſein könne über ſolche Nachrichten von ſolchen armen Leuten,— bis dann endlich Jonathan ſagte: »Nun iſt's gut, Peter! Und nun komm, du mußt mir 54 helfen, einen Weihnachtsbaum zu machen und einzu⸗ kaufen, und dann wollen wir einen ſtill⸗heiteren Abend erleben trotz den böſen Mappel's, die gewiß nicht den⸗ ken, daß dieß Weihnachten ein fröhliches Weihnachten für mich ſein kann!« 1 —„Ja, aber für wen denn den Weihnachtsbaum?« fragte Peter ganz erſtaunt. »Merkſt du es denn nicht, Peter?« erwiederte Jo⸗ nathan.„Denkſt du, ich habe mich nur aus Neugierde nach den armen Kindern erkundigt? Und haſt du denn ganz vergeſſen, was ich vor Jahren in deine Hand verſprochen habe, nämlich, daß ich kein Weihnachten vorüber gehen laſſen wolle, ohne irgend Jemanden eine Freude zu bereiten? Und ſiehſt du denn nun nicht ganz deutlich, daß ich den armen Kindern da dieſe Freude machen will? Und wenn du es nun ſiehſt, ſo mußt du doch auch einſehen, daß ein Weihnachtsfeſt ohne Weihnachtsbaum nur die halbe Freude iſt? Alſo, Peter, willſt du mir nun helfen oder nicht?« »Ei, was das nun für Fragen ſind!« rief Peter aus, deſſen Geſicht ſich allmählig aufgeklärt hatte wie der Himmel nach einem nebelreichen Herbſtmorgen. »Freilich will ich, und von Herzen gern will ich, das verſteht ſich doch von ſelbſt, und es gefaͤllt mir nur am meiſten, daß mein Jonathan noch mein alter Jo⸗ nathan iſt, der ſich immer freuet, wenn er Andere glück⸗ lich machen kann! Ja, ja, ich helfe dir, Jonathan, und das rechtſchaffen, nicht blos am Weihnachtsbaum und beim Einkaufen, ſondern ich werde auch hinüber⸗ gehen zu der armen Frau Lys, und werde ſie aus⸗ horchen, was ſie am meiſten bedarf, denn für mich paßt ſich das beſſer, als für dich, Jonathan, und nachher 5⁵ ſoll es an's Kaufen gehen, und du wirſt es erleben, Jonathan, daß wir die ſchönſten Sachen zum aller⸗ billigſten Preiſe kriegen, denn ich kenne die Que ich, und die Mühe will ich mir nicht verdrießen la von einem Ende der Stadt bis zum anderen zu laufen! Haſt du denn aber auch Geld genug, Jonathan?« „Vier ganze Dukaten, die ich nicht brauche, da ich für die Winterkleidung geſorgt habe,“ erwiederte Jo⸗ nathan. „Oho, Geld genug und übergenug!« rief Peter und klatſchte in die Hände.„Wenn's aber doch nicht zu-⸗ reichen ſollte, ſo habe ich gleichfalls meine Sparbüchſe, und ſo ſoll's denn ein Weihnachtsfeſt geben, über das die Engel im Himmel ihre Freude haben müſſen! Laß mich nur machen, Jonathan! Morgen ſchon will ich wiſſen, was der Weihnachtsmann einkaufen und Knecht Ruprecht in ſeinen Sack ſtecken muß!“ Freilich, einen beſſeren Knecht Ruprecht, als ſeinen Peter, hätte Jonathan unter allen Umſtänden nicht finden können. Sobald er ſein Magazin zugeſchloſſen hatte, ſchlüpfte er hinüber zu Frau Lys, und brachte ſo geſchickt ſeine Fragen an, daß er nach kaum einer Stunde Alles wußte, was er wiſſen wollte, während die arme Wittwe nicht einmal eine Ahnung davon hatte, warum Peter frug. Sie hielt all' ſein Forſchen und Erkundigen für weiter nichts, als eben für chriſt⸗ liche Theilnahme und Nächſtenliebe, und nicht im Traum fiel es ihr ein, daß er noch etwas Anderes, Beſonderes im Schilde führen könne. Nach einer Stunde ſtand Peter auf, und ging davon. Am anderen Morgen aber machte er mit ſeinem Jonathan die Rechnung, und es fand ſich, daß die vier Dukaten nicht nur für 56 die Kinder ausreichten, ſondern daß auch noch ein ummchen zu anderweitiger Verwendung übrig blieb. nd nun ließ ſich Jonathan ſeine vier Dukaten zahlen, worüber ſich der Kaſſier nicht wenig ver⸗ wunderte,— und dann, wenn es freie Zeit gab, das heißt, jeden Nachmittag von fünf Uhr an, trabten Jo⸗ nathan und Peter trotz Schnee und Wind und Kälte in der Stadt umher, in dieſen und jenen Laden hinein, kauften, feilſchten, handelten, ſchleppten nach Hauſe, bis ſie Alles beiſammen hatten, was ſie haben wollten, und endlich, am lieben Weihnachtstage, da ſaßen ſie von früh an auf Jonathan's Zimmer, und putzten den Baum an, ſteckten Lichter auf, hingen goldene Aepfel, Nüſſe und ganze Guirlanden von Roſinen und Mandeln daran; und nachher, als der Baum fertig war, ſtellten ſie ihn auf den Tiſch, der mit einem weißen Tuche gedeckt war, ſo blendend weiß, wie der Schnee draußen auf den Dächern; und nun wurde ausgepackt, und Alles fein ſauber und ordentlich ausgebreitet, was der Weihnachtsmann den Kindern beſcheert hatte; und zu allerletzt nahm Jonathan noch etwas aus einer Schub⸗ lade in ſeiner Kommode, legte es beſonders, abſeits von dem Uebrigen, aber doch auf den Tiſch unter den Zuckerbaum, der ſeine grünen, ſchwer beladenen Zweige wie ſchützend darüber ausbreitete;„und nun, Peter,“« ſagte er,„nun mögen ſie in Gottes Namen kommen, wir ſind fertig!« »Ja, bis auf das Anzünden der Lichter,“ entgegnete Peter, indem er mit wohlgefälligem Blicke die ganze Beſcheerung überſchaute.„Aber die Freude, Jonathan! Die Freude! Und die Ueberraſchung! Denn natürlich, weder die Kinder noch die Mutter ahnen etwas!“ 57 „Ja, Peter, ich glaube ſelbſt, daß ſie ſich freuen werden,“ ſagte Jonathan, indem er vergnügt mit dem Kopfe nickte.„»Aber was meinſt du, wollen wir if noch nicht rufen und die Lichter anzünden?“ 8 „Biſt wohl ein närriſcher Jonathan,“ rief Peter. „Es iſt ja noch heller, lichter Tag! Wir wollen lieber noch das Abendeſſen zurecht machen, den Häringsſalat und die Würſtchen dazu, und die Theemaſchine in Ord⸗ nung bringen, denn du weißt, Jonathan, Freude macht Hunger und Durſt, und es wird den kleinen Leuten nicht ſchlecht ſchmecken, wenn ſie ſich hungrig gefreut haben!“ „Richtig, Peter,“ erwiederte Jonathan.„»Ich ſehe ſchon, du biſt immer noch der Klügſte von uns Beiden, und triffſt jederzeit den Nagel auf den Kopf. Wenn wir aufgedeckt haben, ſtellen wir den Tiſch einſtweilen in die Kammer, und wenn ſich dann der Appetit ein⸗ ſtellt, brauchen wir ihn nur herein zu tragen.“ Und ſie machten den Häringsſalat zurecht, ſchnitten Würſtchen, kalten Braten und Schinken auf, häuften delikate Butterbrödchen wie eine Pyramide auf eine große Schüſſel, füllten die Theemaſchine und ſetzten Taſſen um den Tiſch herum,— Alles unter Lachen und Plaudern und Vermuthungen, ob den Kindern auch wohl Alles gefallen, und ob ſie ſich recht aus Herzensgrunde freuen würden. Mittlerweile war es aber wirklich finſter geworden, und nun drang Jona⸗ than ernſtlich darauf, daß Peter hingehen und die arme Frau Lys mit ihren Kindern holen ſolle, während er ſelber indeſſen die letzte Hand an den Baum legen und die Wachslichter anzünden wolle. Peter bequemte ſich auch dazu, obgleich er im Grunde lieber noch ein 58 Viertelſtündchen gewartet haben würde. Er ging, aber fünf Minuten nachher ſchon klopfte er wieder an die Thür und fragte, ob Alles bereit ſei?—„Alles!« rief Jonathan's Stimme von innen, und zugleich ſprang weit, weit die Thür auf, und ein ſo blendender Glanz drang daraus hervor, daß die Kinder in ein lautes »Ah! Ah!“ ausbrachen, während Frau Lys vor Stau⸗ nen und Ueberraſchung ganz ſtarr und ſtumm in das Lichtmeer hineinſchaute. Peter ließ ihnen aber nicht zu viel Zeit zur Erholung von ihrem freudigen Schrecken. »Fröhliche Weihnachten, Frau Lys!« ſchrie er mit heller Stimme.„Fröhliche Weihnachten, Kinder!« ju⸗ belte er, und dann breitete er ſeine ſtarken Arme aus und ſchob die ganze Geſellſchaft vor ſich her in die Stube hinein, wie der Bäcker einen Kuchen in den Backofen ſchiebt. „Und nun luſtig, Kinder!« rief er.»Munter, Frau Lys! Herr Jonathan macht ſich ein kleines Vergnügen daraus, ein Bischen Weihnachtsmann zu ſpielen, und da liegt nun die ganze Beſcheerung, und Ihr müßt geſchwind zugreifen, ſonſt denkt er wohl gar, Ihr ver⸗ achtet ihn! Aber ich ſehe, Ihr findet Euch ſchon, und nun, Jonathan,“ fügte er ganz leiſe hinzu,—„nun höre den Jubel der kleinen Schelme und ſteh' die Frau Lys an, und wenn du nun nicht zufrieden biſt, ſo halte ich dich für den ungenügſamſten Jonathan in der gan⸗ zen Welt!«* Aber Jonathan war zufrieden, und nicht nur zu⸗ frieden, ſondern wahrhaft glücklich und überglücklich in ſeinem Herzen, als er das Jauchzen der Kleinen hörte, die ſich über ihre ſchönen neuen Kleider und Hüte und Stiefelchen und Spielſachen freuten, und als er die 59 unſägliche Wonne ſah, die aus den Augen der Mutter ſtrahlte, und die Freudenthränen, die über ihre blaſſen Wangen rannen. „Peter,“ ſagte Jonathan leiſe ſeinem Freunde in's Ohr,„Peter, es iſt wahr: Geben iſt ſeliger, denn em⸗ pfangen, denn ſo glücklich wie jetzt in dieſem Augen⸗ blicke habe ich mich ja wohl nicht einmal damals ge⸗ fühlt, wo ich die ſchöne Mühle,— erinnerſt du dich noch ihrer, Peter?— jene wunderſchöne Mühle be— ſcheert kriegte!“ „Ja, ja, ich kann's mir denken, Jonathan, denn es war mir ja ſelber ſo zu Muthe, als ob ich laut aufjubeln und ſpringen und tanzen müßte,“ entgegnete Peter und lachte mit dem ganzen Geſicht.»Aber ſieh' nur, wie ſich Frau Lys über den warmen, wollenen Rock freut, den wir noch nachträglich für ſie eingekauft haben! Ja, das glaub' ich! Sie wird ihn brauchen können bei der Winterkälte und...“ Aber Peter konnte nicht ausreden, denn Frau Lys näherte ſich jetzt tief ergriffen, um ihren heißen Dank auszuſprechen, und die Kinder kamen, und Jonathan hatte alle Hände voll zu thun, den Dank abzuwehren, den ſie ihm darbrachten, da ihm doch zu Sinne war, als ob Er ſich bedanken müſſe für all' das Glück, das ihm das Herz ſo weit und fröhlich machte,— bis denn endlich Peter, der Jonathan's Verlegenheit wohl bemerkte, dazwiſchen trat, die Kinder ohne Umſtände beim Schopfe nahm und ausrief,„daß ſie nun auch ſehen müßten, ob die Röckchen und Höschen und Schuhe ordentlich paßten!“ Das war den Kindern natürlich gerade recht, und die Mutter hatte auch nichts dagegen einzuwenden, 60 ſondern griff ſelber mit zu, und nach fünf Minuten ſtanden die Kleinen ganz funkelnagelneu da, daß es eine wahre Pracht war, ſie anzuſehen. Sie wurden gebührend bewundert, und dann wollte Frau Lys An⸗ ſtalt machen, den Kindern die ſchönen Kleider wieder auszuziehen; aber Jonathan litt es nicht, und Peter unterſtützte ihn darin, ſo daß die Mutter wohl nach⸗ geben mußte, wohl zwar ein wenig widerſtrebend, aber doch auch wieder nicht ungern, denn ſie hatte ja ſelber ihre Freude an den frohen Kindergeſichtern, die ſo roth⸗ bäckig wie Borsdorfer Aepfelchen aus den neuen Klei⸗ dern herausſchauten. 8 Nachdem dieß beſeitigt war, und man auch die Lichter am Baume ausloͤſchen mußte, weil ſie ſchon hier und da angefangen hatten, die harzigen Tannen⸗ zweige des Weihnachtsbaumes in Brand zu ſetzen, machte Peter den Vorſchlag, daß man ſich zu Tiſche ſetzen ſolle, und Jonathan zeigte ſich vollkommen einverſtanden da⸗ mit. Alſo holten ſie den ſchon gedeckten Tiſch aus der Kammer, und der Jubel der Kinder ging von Neuem los, als ſie hörten, daß auch ihr innerer kleiner Menſch nicht leer ausgehen ſollte. Alle ſetzten ſich zu Tiſche, Frau Lys mußte den Thee bereiten, Peter legte mittlerweile den lachenden Kindern ganze große Haufen Häringsſalat und Butterbrode und allerlei Fleiſch vor, und nun ſchmausten Alle ſo wacker, daß man wohl ſehen konnte, wie wunderbar köſtlich es ihnen ſchmeckte. Bis Abends ſpät um zehn Uhr ſchmausten und plau⸗ derten ſie, und nun erſt, als den Kindern vor Müdig⸗ keit die Augen zufielen, nun erſt geſtatteten Jonathan und Peter, daß ſie nach Hauſe und zu Bett gebracht werden durften. Jeder huckte Eins von den Kleinen 61 auf, und ſo trugen ſie ſie fort, während ſich die Mutter mit den Geſchenken belud, und ſo endete zuletzt dieſer Weihnachtsabend, welchen Jonathan und Peter noch in ſpäteren Zeiten zu den wonnereichſten ihres Lebens zählten. Jonathan hatte übrigens die Erfahrung gemacht, daß Geben ſeliger iſt, denn Empfangen. Alle Weih⸗ nachten wiederholte er die Beſcheerung in ſeiner Stube, und Peter half ihm getreulich dabei mit, und es war nur der einzige Unterſchied gegen früher, daß Peter jedes Jahr mehr Kinder einladen mußte, je nachdem ſich Jonathan's Gehalt vermehrte. Jonathan fand nun einmal ſeinen ſchönſten Lebensgenuß darin, glückliche Kindergeſichter um ſich zu ſehen, und ſich dabei in ſeine eigene Jugendzeit zurück zu denken, wo er eben ſo harmlos, eben ſo fröhlich und ſelig geweſen war, wie dieſe Kleinen, die um ihn herum hüpften, und ſo herz⸗ lich dankbar ſeine Güte empfanden. Wohl ſechs Mal ſchon hatte Jonathan auf dieſe Weiſe das Weihnachtsfeſt gefeiert, und eben tanzten beim ſiebenten die Kinder um die aufgeſtellten drei Tiſche mit den Lichterbäumen herum, als ganz uner⸗ wartet und plötzlich die Thür aufging, und Jonathan's Principal, Mynheer Cornelius Beukelaer, höchlich er⸗ ſtaunt in die Stube trat. „Träum' ich, oder wach' ich?« fragte er, und rieb ſich die Stirn, die von grauen Locken eingefaßt war. „»Was geht hier vor? In meinem eigenen Hauſe, ohne daß ich ein Wort davon weiß! He, Mynheer Jona⸗ than Monkenwyk, was hat dieß Alles zu bedeuten?« Jonathan ſah ein wenig verlegen aus, denn er wollte doch nicht mit ſeinen guten Werken prahlen, 6² ſondern befolgte lieber den Grundſatz, daß die Linke nicht wiſſen dürfe, was die Rechte thue,— aber Peter dagegen rückte friſchweg mit der Sprache heraus, und antwortete:„Sie ſehen's ja, Mynheer Beukelaer, Jo⸗ nathan macht ſich ein kleines Privatvergnügen und feiert das liebe Weihnachtsfeſt! Das hat er ſchon alle Jahre gethan, ſeitdem er hier iſt!«“ „»Unmöglich! Ich erfuhr nichts davon!« erwiederte der Principal. »Ja freilich nicht, denn der Jonathan iſt ja ein ſo komiſcher Kauz, und wollte abſolut nicht, daß überhaupt Jemand davon erführe! Ich wundere mich nur, Myn⸗ heer, daß Sie gerade heute ſo dazu kommen!« »Hm! Hm! Ganz richtig,“ erwiederte Herr Beuke⸗ laer.„Ich machte mir ein wenig Bewegung in freier Luft auf dem Hofe, ſah plötzlich hier die hell erleuchte⸗ ten Fenſter, und wurde neugierig, was denn die Ver⸗ anlaſſung ſei. So kam ich denn, und... nun ja,„ etwas der Art hätte ich freilich nicht erwartet, Myn⸗ heer Jonathan Monkenwyk. Hm! Hm! Doch ich will Sie nicht ſtören, wir ſprechen wohl ſchon noch einmal von Ihren kleinen Weihnachtsfreuden? Müſſen Ihnen viel Geld koſten, Jonathan? Wie?« „»Nicht mehr, Herr, als ich mir im Laufe des Jahres erſpart habe,« erwiederte Jonathan.„Fragen Sie nur den Kaſſier, Herr!« »„Ich glaub' es, glaube es ohnehin,“ ſagte Herr Beukelaer.„Sie ſind ein ſehr ordentlicher junger Mann, auch geſchickt und brauchbar, ich weiß das, wenn ich's Ihnen auch nicht jeden Tag geſagt habe; ich bin zu⸗ frieden mit Ihnen; und, hoͤren Sie, kommen Sie doch —“ 6³ morgen früh um neun Uhr auf mein Zimmer; ich habe mit Ihnen zu reden. Gute Nacht!“ Raſch drehte ſich nach dieſen Worten Herr Beuke⸗ laer um, und eilte ſo ſchnell davon, daß ihm Peter, der hurtig ein Licht ergriff, kaum die Treppe hinunter leuchten konnte. „Braver Junge! Braver Junge!“ hörte dabei Peter den Principal murmeln, und da ihm dieß gerade kein Zeichen von übler Vorbedeutung zu ſein ſchien, ſo kehrte er ganz vergnügt zu Jonathan zurück, der ihm ein wenig ernſt und nachdenklich vorkam. „Was gibt's denn?“ fragte er ihn.„Der Beſuch des Herrn hat dir doch nicht etwa die Weihnachtslaune verdorben, Jonathan?“ „O nein, nichts der Art, denn wir thun ja nichts Böſes hier,« erwiederte Jonathan.„Ich dachte nur eben darüber nach, was Herr Beukelaer wohl mit mir zu ſprechen haben mag. So lange ich hier bin, hat er mich noch nie auf ſein Zimmer beſchieden.“ „Das wundert mich gar nicht,“ antwortete Peter. „Es geſchieht überhaupt niemals, daß er außer den Geſchaͤftsſtunden mit ſeinen Leuten verkehrt, nicht ein⸗ mal mit ſeinem Ober⸗Buchhalter. Etwas Beſonderes hat er alſo ohne Zweifel mit dir vor, Jonathan, aber das will ich ganz dreiſt behaupten, daß es nichts Schlimmes und für dich Nachtheiliges iſt. Denke nicht mehr dran, Jonathan! Heute iſt Weihnachten, und morgen iſt morgen!“ Jonathan befolgte den Rath, und miſchte ſich unter die Kinder, bei deren Jubel und Liebkoſungen er bald alles Andere vergaß. Dieß Weihnachten verging ſo vergnügt und voller Frohlichkeit, wie alle anderen 64 vorher, und erſt, als ſich die Kinder alle entfernt hatten, und als es wieder ſtill und einſam wurde in Jona⸗ than's Zimmer, dachte er wieder an Herrn Beukelger, und murmelte nachdenklich:„Was mag er wollen?« »Nichts Böſes, Jonathan,“ ſagte Peter, der die Worte gehört hatte.„Ich habe ein Vögelchen pfeifen hören, und kann dir verſichern, daß nichts Bedrohliches im Werke iſt. Das Vögelchen pfiff: ‚Braver Junge! Braver Junge! und alſo lege dich ruhig nieder und ſchlafe ohne Sorgen. Gute Nacht!« Jonathan meinte auch, daß dieß das Beſte ſei, und ſchlief ein. Am anderen Morgen aber, früh um neun Uhr, klopfte er an Herrn Beukelaer's Stubenthür, und als er in das Zimmer trat, kam ihm gerade Peter entgegen, der mit dem ganzen Geſichte lachte.„Alles gut!“ ſagte Peter, und Jonathan verneigte ſich vor dem Herrn Principal, der ihn ſehr wohlwollend em⸗ pfing und ihm ſogar die Hand zum Gruße reichte, was ein äußerſt ſeltener Fall bei Mynheer Beukelaer war. »Setzen Sie ſich, mein junger Freund,“« ſagte er. »Und nun, da ich wohl ſehe, daß Sie gern wiſſen möchten, warum ich Sie zu mir beſchied, ſo wollen wir ohne Zögern zur Sache kommen. Ich habe einen Freund, einen lieben theuern Jugendfreund, zu Para⸗ maribo in Surinam. Er hat ſich in einer ſehr dringen⸗ den Angelegenheit an mich gewendet, um meinen Rath und meine Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Wenn ich nicht zu alt wäre, würde ich ſelber zu ihm gereist ſein; aber ich bin gebrechlich, ich würde die Muͤhſeligkeiten einer Seereiſe kaum ertragen, und wenn mir unterwegs ſetwas Menſchliches begegnen ſollte, würde ich mit dem 65 beſten Willen die Lage meines theuren Freundes nur verſchlimmert anſtatt verbeſſert haben. So dachte ich denn, einen Anderen an meiner Statt hinüber zu ſen⸗ den. Aber wo ſollte ich dieſen Anderen finden? Wo ſollte ich Jemanden finden, der Geſchäftskenntniß mit unverbrüchlicher Verſchwiegenheit und einem wohlwollen⸗ den Gemüthe verband; Eigenſchaften, die bei dieſer Angelegenheit unumgänglich erfordert werden. Ich ſah mich um; ich fand Niemanden. Die innere Unruhe, die Beſorgniß um meinen Freund war es, die mich geſtern ruhelos umhertrieb und mich Ihre hell erleuch⸗ teten Fenſter gewahren ließ. Ich ſtieg zu Ihnen hin⸗ auf, und— was ich ſah, entſchied meinen Entſchluß. Mein lieber, junger Freund, wollen Sie meine Bot⸗ ſchaft nach Paramaribo übernehmen?« „Ja, Mynheer, ich will es mit Freuden,“ erwie⸗ derte Jonathan raſch.„Und mein Beſtes will ich thun, um Ihr Vertrauen zu, rechtfertigen, obgleich ich nicht weiß, wodurch ich es verdient haben mag.“ „Still davon,“ entgegnete Herr Beukelaer.„Ich habe heute ſchon meinen erſten Buchhalter und meinen Magazin⸗Aufſeher geſprochen,— Peter begegnete Ihnen ja,— und das genügt mir. Ich ſchenke Ihnen volles Vertrauen, und gebe Ihnen die ausgedehnteſten Voll⸗ machten. Wenn Sie mein halbes Vermögen bedürfen, um meinen Freund aus ſeiner trotz ſeiner Schuldloſig⸗ keit höchſt gefährdeten Lage zu retten, ſo verfuͤgen Sie darüber ohne alles Bedenken. Und nun hören Sie.“ Ueber eine Stunde ſprach Mynheer Beukelaer mit Jonathan, gab ihm die genaueſten Auskünfte und Ver⸗ haltungsregeln, und weihete ihn vollkommen in eine Angelegenheit ein, welche, nach dem ernſten Geſichte 5 Weihnachten. 66 Jonathan's zu ſchließen, allerdings bedeutende Schwierig⸗ keiten darbieten mußte. Dennoch, als Jonathan Alles wußte, zögerte er nicht einen Augenblick, ſeine Bereit⸗ willigkeit zur Uebernahme des ſchwierigen, wo nicht gefährlichen Auftrags zu wiederholen, und ſich gänzlich zur Verfügung ſeines Principales zu ſtellen. „Das und nichts Anderes erwartete ich auch von Ihnen,“ entgegnete Mynheer Beukelaer.„Und wenn ich mich nicht gänzlich in Ihnen täuſche, ſo wird Alles ganz gut gehen. Wie viel Zeit glauben Sie zu den Vorbereitungen zu Ihrer Abreiſe zu bedürfen?“ „Nicht mehr, als die Anfertigung meiner Vollmach⸗ ten in Anſpruch nimmt. Ich für meine Perſon bin jede Stunde bereit.“ „Sehr gut!“ ſagte Herr Beukelaer zufrieden.„Die Vollmachten ſind bereits ausgefertigt und ein Schiff liegt zum Auslaufen bereit im Hafen.“ „Ich werde mich heute noch an Bord begeben,“ erwiederte Jonathan.„Doch noch Eins, Mynheer. Es könnte ſein, daß ich drüben des Beiſtandes eines ent⸗ ſchloſſenen und kräftigen Mannes bedürfte; wollen Sie mir geſtatten, einen ſolchen Mann mitzunehmen?“ „Iſt Ihnen Jemand bekannt, dem Sie volles Zu⸗ trauen ſchenken dürfen?« „Ja, Mynheer. Peter Hemskerk iſt mein Freund, und ich ſetze volles Vertrauen in ihn.“ „Peter? Ja! Er iſt ein entſchloſſener Mann. Sie können ihn mitnehmen, ich billige es vollkommen, und glaube in der That, daß Sie eines ſolchen Mannes zum Gelingen unſeres Werkes bedürfen.“ „Ich ſtehe für den Erfolg,“ ſagte Jonathan,„wenn ich Peter zur Stütze habe.“— 4 4 67 „Wohlan, dieß iſt abgemacht,“ ſprach Herr Beuke⸗ laer.„Hier ſind Ihre Vollmachten! Benachrichtigen Sie Ihren Begleiter! Und nun— Gott ſchütze Sie, mein junger Freund. Reiſen Sie glücklich, und bringen Sie meinem bedrängten Freunde in Surinam die er⸗ ſehnte Hülfe und Rettung!«. Noch am nämlichen Tage verließen Jonathan und Peter die Stadt, und begaben ſich auf das Schiff, welches nur auf ihre Ankunft gewartet hatte, um ſo⸗ fort die Anker zu lichten. Ein friſcher Nordoſt ſchwellte die Segel, und getroſt blickte Jonathan in die Zukunft, ſo dunkel und unbeſtimmt ſie auch vor ihm lag. Aber er vertraute auf Gott, auf ſich ſelbſt und ſeinen Freund Peter, der mannhaft, treu und redlich an ſeiner Seite ſtand. 4 Fünftes Kapitel. Eine Panther-Beſcheerung. Nach einer glücklichen Fahrt langten Jonathan und Peter in Paramaribo an. Das Geſchäft, welches ihrer hier wartete, erwies ſich allerdings genau ſo, wie es Mynheer Beukelaer geſchildert hatte. Es bedurfte zu ſeiner genügenden Ausführung der genaueſten Geſchäfts⸗ kenntniß, tiefſter Verſchwiegenheit und eines wohlwollen⸗ den Gemüthes. Zum Glück beſaß Jonathan Eigenſchaf⸗ ten, welche dieſen Anforderungen vollkommen entſprachen, 68 und er ordnete die Angelegenheiten in einer Weiſe, die ihm den tiefſtgefühlten Dank von Seiten des Geſchäfts⸗ freundes Herrn Beukelaer's ſicherte. Das Geſchäft war zu verwickelter Natur, als daß wir hier genauer darauf eingehen könnten. Es genüge, daß Jonathan im Hauſe des Herrn Seyders auf den Händen getragen und mit tauſend Beweiſen von Dankbarkeit überhäuft wurde, als er nach zehnmonatlichem, unermüdlichem Schaffen die verwickelte Sache endlich ohne Nachtheil für Mynheer Beukelaer und deſſen Freund beendigt hatte. Herr Seyders wollte ihn noch nicht nach Europa zurückkehren laſſen, ſondern drang darauf, daß Jona⸗ than und Peter noch eine Zeitlang bei ihnen verweilen müßten, bis ſie ſich ein wenig erholt und die ſchönen Gegenden von Surinam genauer kennen gelernt hätten, als es bis dahin möglich geweſen war.⸗ „Was meinſt du, Peter?« fragte Jonathan eines Abends ſeinen Freund, als Herr Seyders wieder ein⸗ mal ſeine inſtändigen Bitten wiederholt hatte. „Ich meine, daß Herr Seyders recht hat,“ erwie⸗ derte Peter.„Du haſt über deine Kräfte gearbeitet, Jonathan, alſo kannſt du dir auch einige Zeit zur Er⸗ holung gönnen.“ „Doch was wird Mynheer Beukelaer ſagen, wenn wir ihn auf unſere Rückkehr warten laſſen, Peter?“ „Wenn wir jetzt gleich abreiſen, würde er ſagen: „Ihr ſeid Narren, daß Ihr nicht länger geblieben ſeid. Man macht nicht eine Reiſe um die halbe Welt herum, ohne die andere Seite derſelben ein Bischen kennen zu lernen.“ * „Ich glaube in der That ſelbſt, daß Mynheer 4 8 69 Beukelaer ſo ſprechen würde,“ antwortete Jonathan lächelnd.»Nun denn, bleiben wir noch ein wenig!« Alſo blieben ſie noch ein wenig, und Nachrichten, die aus Europa eintrafen, veranlaßten ſie, auch ſpäter noch ein wenig zu bleiben. Mynheer Beukelaer ſelbſt forderte Jonathan auf, ſeine Rückreiſe in keiner Weiſe zu übereilen, indem er ihm zugleich die gerechteſten Lobſprüche für ſeine glücklich gelöste Aufgabe ſpendete. Peter that ſich etwas darauf zu gut, daß er Mynheer ſo richtig beurtheilt hatte, und Jonathan blieb ſo lange, bis unverſehens wieder einmal der Weihnachtstag heran kam. Er ſelber hätte wohl kaum daran gedacht, denn der Monat December macht in Surinam ein ganz an⸗ deres Geſicht, als in Holland und bei uns zu Lande, und weder Schneewehen, noch kalte Nordoſtwinde, noch auch die ſpiegelblanke Fläche gefrorener Teiche und See'n halfen ſeinem Gedächtniſſe ein wenig nach. Aber Herr Seyders erinnerte ihn. „Nicht wahr, mein theurer Freund,“ ſagte er am Morgen zu Jonathan,»es kommt Ihnen doch ein wenig ſeltſam vor, daß gerade heute Alles ſo prächtig grün um Sie herum iſt. Etwas dieſer Art haben Sie in Europa noch nicht erlebt, wie?“ „Warum ſoll es mir gerade heute auffallen?“ fragte Jonathan. „Ei, weil wir heute Weihnachten haben, Liebſter! Sehen Sie, das hatten Sie ganz vergeſſen!“ Jonathan ſtutzte.»Ja, wahrlich!« rief er aus. „Ich danke Ihnen, Mynheer Seyders, daß Sie mich darauf aufmerkſam machten! Wird denn hier Weih⸗ aachten nicht gefeiert? Ich ſehe gar keine Vorbereitungen 70 dazu, keinen Chriſtmarkt, nichts, was die alten Erinne⸗ rungen wecken könnte.« „Nein, mein lieber Freund; darnach würden Sie in der That vergeblich ausſchauen,« antwortete Herr Seyders.„Morgen freilich, zum erſten Feiertage, würde Sie das Geläute der Glocken wohl an ein hohes Feſt gemahnt haben, aber eine Weihnachtsbeſcheerung gibt's bei uns nicht, außer vielleicht bei wenigen eingewander⸗ ten Familien, die den lieben alten Brauch auch in unſerem Tropenklima beibehalten.“ Jonathan verſank in Nachdenken. Plötzlich ſtand er auf, ging hinaus, und ſuchte Peter, den er in dem ſchönen Garten des Herrn Seyders fand. „Peter!“ ſagte er. „Was gibt's?« fragte Peter. „Weißt du nicht, was heute für ein Tag iſt?“ „Ein ſchöner Tag, Jonathan! Herrlich warm, und der Himmel ſo blau, wie eine reife Pflaume.“ „»Und was noch, Peter?« „Was noch? Ich weiß nicht!“ „Aber, Peter, auch du nicht? Weihnachten iſt heute! Weihnachten!“ Peter ſah verdutzt um ſich her.„Blitz ja, iſt's möglich!« rief er aus.„Aber in ſolchem Garten, wo Alles grünt und blüht, mitten unter Palmen, Piſangs und Ananas ſoll man an Weihnachten denken, an unſer Weihnachten, wo man nichts als Eis und Schnee zu ſehen gewohnt iſt! Es wundert mich gar nicht, daß ich's vergeſſen habe, und, läugne nur nicht, Jonathan, dir hat's auch erſt Jemand anders geſagt!“ „Ich läugne es nicht, Peter! Herr Seyders hat's mir geſagt. Aber was nun, Peter?« 71 „Ja, was nun? Was willſt du noch weiter, Jo⸗ nathan?“ „Vergiſſeſt du denn mein Gelübde, Peter?“ „Nein, nein! Ich denke wohl daran? Aber was kann's helfen? Hier zu Lande gibt's ja nicht einmal einen Tannenbaum, den man anputzen könnte! Da kann man kein Weihnachten feiern, Jonathan!“ „Aber irgend etwas Gutes kann man doch thun, Peter! Und ich bin ſchon entſchloſſen...“ „Zu was?“ „Mir ein Pferd von Mynheer Seyders zu leihen, Geld einzuſtecken, und einen weiten Ritt in die Um⸗ gegend zu machen. Arme und Unglückliche gibt's überall, Peter, man muß nur darnach ſuchen.“ „Hm! Da muß ich mir wohl auch ein Pferd ſatteln laſſen,“ meinte Peter. „Nun ja doch, das war's ja eben, warum ich dich aufſuchte! Alſo du begleiteſt mich?“ „Bis an der Welt Ende, Jonathan! Verſteht ſich!« „Wohlan denn, Peter, vorwärts! Gutes kann man nie ſchnell genug thun!“ Jonathan bat Mynheer Seyders um Pferde, die bereitwillig geſtellt wurden, und ſteckte Geld ein, woran er keinen Mangel hatte. „Aber wohin wollen Sie eigentlich?« fragte Herr Seyders. „Auf Gerathewohl in der Umgegend umher reiten,“ antwortete Jonathan. „So nehmen Sie wenigſtens Waffen mit,“ bat Herr Seyders.„In unſeren Wäldern ſind die Panther gar nicht ſelten, und auch umherſtreifenden Indianern iſt nicht immer zu trauen.“ 72 „Mynheer Seyders hat recht,“ ſagte Peter, als Jonathan mit ſeiner Antwort zögerte.„Eine Flinte über dem Rücken und ein Hirſchfänger an der Seite beſchwert nicht, und jedenfalls— beſſer iſt beſſer. Ich habe auch ſchon von den Beſtien, den Panthern, ge⸗ hört, die gar nicht viel Federleſens mit den Menſchen machen ſollen, und obgleich ich nicht gerade Furcht ver⸗ ſpüre, finde ich doch auch kein Unrecht darin, wenn man ſich ein Bischen vorſieht. Schlimmſten Falls kön⸗ nen wir, wenn ſich kein Panther blicken läßt, ein paar Vögel zu unſerem Mittagseſſen ſchießen, und dann haben wir ein wenig Jagdvergnügen extra. Geben Sie nur die Flinten her, Mynheer Seyders, und auch zwei Hirſchfänger oder ſonſt etwas der Art.« Jonathan ließ ſich's gefallen, die Waffen anzulegen, obgleich er die Beſorgniſſe Peter's gänzlich überflüſſig fand, und wohlgemuth ritten dann Beide auf ihren flinken Roſſen davon. Abwechſelnd zwiſchen blühenden Pflanzungen und unbebauten Strecken, die noch den ganzen Reiz tropi⸗ ſcher Wildniß darboten, trabten ſie auf Gerathewohl, wie Jonathan geſagt hatte, vorwärts. Bei den großen Pflanzungen hielten ſie nicht an, wohl aber häufig bei einzeln gelegenen, niederen, armſelig ausſehenden Hütten, die einſam in den Wäldern zerſtreut lagen. Hier ſtiegen ſte gewöhnlich von den Pferden, und traten in die ärmlichen Behauſungen, um die Bekanntſchaft ihrer Bewohner zu machen, und in den meiſten Fällen folg⸗ ten ihnen, wenn ſie wieder heraus kamen, Frauen und Kinder mit frohen Geſichtern, und ſegneten ſie, und blickten ihnen lange nach, ſo lange, bis Roß und Reiter in den grünen Schatten der Wälder verſchwanden, und — —— —— 7³ wenn ſie verſchwunden waren, flüſterte wohl manche Lippe:„Iſt es nicht, als ob heute Engel bei uns ein⸗ gekehrt wären, um uns zu erfreuen und zu beglücken?“ Wenn auch Jonathan und Peter dieſe Worte nicht hörten, ſo waren doch Beide ſehr glücklich und wohl⸗ gemuth, und konnten kein Ende finden, immer wieder andere Hütten aufzuſuchen, abzuſteigen, hinein zu gehen und traurige Geſichter in fröhliche zu verwandeln, bis Peter zuletzt, als die Sonne ſich zum Untergange neigte, denn doch die Meinung äußerte, daß man an die Ruͤck⸗ kehr nach Paramaribo denken müſſe, im Falle Jonathan nicht etwa Luſt habe, die Nacht in den Wäldern zuzu⸗ bringen. „Das ſollte mich weiter nicht kümmern,“ gab Jo⸗ nathan zur Antwort.„Aber freilich, viel nützen kann unſer Umherſtreifen nicht mehr, denn ich muß dir nur geſtehen, Peter, daß ich nur noch ein einziges Goldſtück in der Taſche habe!“ „Um ſo beſſer,“ erwiederte Peter,„ſo brauchſt du dir keine Gewiſſensbiſſe zu machen. Alſo wir kehren 2 „Nicht ſo haſtig, Peter! Wie weit meinſt du, daß wir von Paramaribo entfernt ſind?“ Peter blickte um ſich, ſchaute nach einem Merkmale, das ihn die Entfernung beſtimmen laſſen könne, fand aber nichts, und ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Jonathan,“ ſagte er,„über allem Wohlthun haben wir gänzlich vergeſſen, Acht auf die Richtung zu geben, die wir bald ſo, bald ſo verfolgten. Ich glaube, wir ſind nach allen Strichen der Windroſe geritten, und können eben ſo gut eine Stunde, wie auch fünf und ſechs Meilen von Paramaribo entfernt ſein.“ 74 „So kennſt du alſo nicht einmal die Richtung, die wir einſchlagen müſſen, um auf dem nächſten Wege die Stadt zu erreichen?“« »So wenig, wie du, Jonathan! Ich geſtehe, daß es mir gerade ſo vorkommt, als ob wir in einer recht tüchtigen Klemme ſäßen!« „Die Klemme iſt nicht eben ſchlimm, Peter! Eine Nacht im Freien zuzubringen, das halte ich in dieſem Klima für kein großes Uebel.“ „Aber was thun, Jonathan? Du ſcheinſt ganz und gar die Panther zu vergeſſen, und wir befinden uns hier in einer recht hübſchen Wildniß, wo ein ganzes Dutzend der wilden Katzen verſteckt ſein können.“ »Richtig, Peter! Aber ſei nicht ängſtlich, Peter!« antwortete Jonathan lächelnd und ſorglos.„Ich glaube nun einmal nicht, daß Mynheer Beukelaer uns nach Surinam herübergeſchickt hat, um von Panthern zer⸗ riſſen und verſchmaust zu werden. Und jetzt höre zu, Peter. Wir wollen den Pferden die Sporen geben, und eine Stunde lang ſcharf zureiten. Vielleicht finden wir den richtigen Weg, vielleicht treffen wir auf eine Hütte oder auch nur auf einen einzelnen Menſchen, der uns vollends zurecht weiſen kann, und in dieſem Falle kehren wir nach Paramaribo zurück, vorausgeſetzt nämlich, daß wir nicht allzu weit davon verſchlagen ſind. Kommen wir aber nicht aus dieſer Wildniß her⸗ aus, nun, Peter, ſo ſchießen wir uns ein Dutzend Papageien, rupfen ſie, machen ein Feuer, braten ſie, verzehren ſie, und übernachten zur Abwechslung einmal im Urwalde. Das Feuer wird uns die Panther wohl vom Leibe halten, und ſchlimmſten Falles laden wir Kugeln in die Röhre und ſchießen ſie nieder, wenn 7⁵ ſie zu dreiſt werden. Nun, Peter, was meinſt du dazu?« »Ich meine, daß uns gar kein anderer Ausweg übrig bleibt, und daß wir alſo deiner Weisheit folgen müſſen,“ antwortete Peter.„»Uebrigens wirſt du nun zugeben, daß es keineswegs überflüſſig war, die Flinten mitzunehmen. Ohne Flinten keine Vögel!« „Und keine Waffen gegen die Panther,“ fügte Jo⸗ nathan hinzu.„Ich geſtehe, daß auch du ein weiſer Mann wareſt heute Morgen! Aber was nun? Vor⸗ wärts alſo, nicht wahr?« „Vorwärts!“ ſagte Peter, und ſetzte ſeinem Pferde die Sporen ein. Eine volle Stunde lang ritten Beide in ſcharfem Trabe durch die Waldeinſamkeit hin, aber ihre Hoff⸗ nung, auf irgend ein menſchliches Weſen zu ſtoßen, ging nicht in Erfüllung. Vielmehr ſchien es ganz ſo, als ob ſie ſich nur weiter und immer weiter von be⸗ wohnten Gegenden entfernten, und Jonathan hielt plötzlich ſein Pferd an. „Halt, Peter!“ ſagte er zugleich.»Wir ermüden nur unſere armen Thiere, ohne daß es uns etwas nützt. Das Schickſal will, daß wir in der Wildniß bleiben, alſo bleiben wir.“ „Bleiben wir!“ wiederholte Peter.»Hier iſt’'s am Ende eben ſo gut, wie anderswo, und uͤberdieß wird in einer Viertelſtunde die Sonne untergegangen ſein. Wenn wir noch Papageien ſchießen und uns ein Nacht⸗ eſſen zubereiten wollen, müſſen wir uns dazu halten. Alſo flink herunter von den Pferden!“ Sie ſaßen ab, banden ihre müden Thiere an einen Baum, gaben ihnen Spielraum genug, daß ſie auf fünf Fuß in der Runde das Gras von dem Boden abweiden konnten, und machten dann ihre Flinten ſchuß⸗ fertig. Zwölf oder fünfzehn Male erſchütterte in den nächſten fünf Minuten der Knall der Gewehre die Lüfte und weckte das Echo der Wälder; dann kehrten Beide von ihrer Jagdſtreiferei zurück, und zeigten einander die gemachte Beute. Jonathan hatte fünf, Peter acht Vögel geſchoſſen. »Dreizehn im Ganzen! Eine ſchlechte Zahl!“ ſagte Jonathan.„Wer abergläubiſch wäre, könnte ſich fürchten, daß ein Schuß zu viel oder zu wenig ge⸗ fallen iſt.« „Abergläubiſch oder nicht,“ antwortete Peter,„jeden⸗ falls wollen wir uns vorſehen, damit mir ſchießen können, wenn es nöthig werden ſollte.“« Die Gewehre wurden friſch geladen, und hierauf machte ſich Jonathan an's Werk, die Papageien zu rupfen, während Peter das letzte Licht der Dämmerung benutzte, eine Parthie dürres Reisholz zu ſammeln, es in einen Haufen zu thürmen, und Feuer daran zu legen. Bald loderte eine helle Flamme auf, und da es an Holz im Walde nicht fehlte, ſo brannte nach zehn Minuten das Feuer wie ein Scheiterhaufen. Die mittlerweile gerupften Vögel wurden auf einen Ladſtock geſpießt, auf ein paar ſchnell bereiteten Holzgabeln über die Flammen gebracht, und brieten nun ſo luſtig, daß ſich unſere verirrten Freunde eine vortreffliche Mahlzeit davon verſprechen konnten. Während ſie abwechſelnd den Spieß drehten, brach die Nacht vollends herein, aber auch der Vollmond ſtieg auf und goß ſein helles Licht ſilbern über die Wälder aus. Die Luft war ſo rein und klar, daß man 4 77* auf zwanzig bis dreißig Schritt Entfernung die kleinſten Gegenſtände deutlich erkennen konnte. „Sieh' da den Mond,“ ſagte Peter, indem er ge⸗ B legentlich einmal vom Feuer aufſchaute.»Er ſcheint ſo hell, daß wir, wenn wir ſonſt wollen, nach der Mahl⸗ zeit unſere Irrfahrt fortſetzen können.“ „Nein, nein,“ erwiederte Jonathan,„mir behagt es hier, ich bin müde, und ziehe vor, zu bleiben, wo ich bin. Die Nacht iſt keines Menſchen Freund, und höre nur, der Spaß mit den Panthern ſcheint ernſthaft werden zu wollen, denn im Walde regt ſich's.“ In der That fing das nächtliche Leben an zu er⸗ wachen, und dumpfe Töne erſchallten drohend aus der Ferne, die mit dem Gebrülle von wilden Thieren eine unverkennbare Aehnlichkeit hatten. „Es können auch Ochſenfröſche ſein, die den Spek⸗ takel machen,“ meinte Peter, der jetzt, wo ihm die Gefahr näher auf den Leib zu rücken ſchien, kaltblütiger und entſchloſſener ſchien, als da ſie noch fern war. „Sind es aber doch Panther und andere wilde Beſtien, ſo haben wir hier unſere Flinten. Laß ſie nur kommen, Jonathan! Wollen ſie durchaus unſere Bekanntſchaft machen, ſo können ſie ein paar Loth Blei mit in den Kauf kriegen. Aber Blitz ja, was war das?“ Jonathan mußte wohl auch ein ungewöhnliches Ge⸗ räuſch vernommen haben, denn in Einem Augenblicke war er aufgeſprungen und hatte ſeine Flinte ergriffen. Peter, der gerade den Spieß drehte, ließ Vögel Vögel ſein, warf den Spieß mit den halbgebratenen Papageien auf die Seite, und folgte Jonathan's Beiſpiel. Sie lauſchten. Auf das erſte wilde Gebrüll, was aus erſchreckender 78 Nähe zu ihren Ohren gedrungen war, folgte jetzt ein Kreiſchen der Angſt aus verſchiedenen menſchlichen Keh⸗ len, dann das Krachen eines Schuſſes, und zuletzt ein wilder, faſt überirdiſcher Schrei, der ſchrecklich durch die Lüfte herüber tönte. „’Dort iſt Gefahr!« rief Jonathan aus,— und ohne darnach zu ſehen, ob Peter ihm folgte, ſtürzte er in das Dickicht, und erreichte nach kaum einer Minute eine kleine, offene, hell vom Monde beleuchtete Wald⸗ wieſe, wo ſich ſeinen Augen ein ungewöhnliches und furchtbares Schauſpiel darbot. Ein Pferd, das wild mit den Hufen um ſich ſchlug, lag am Boden und unter ihm ſein Reiter, ein alter Mann mit grauen Locken, die ſich auf ſeinem Kopfe zu ſträuben ſchienen. Auf den Hüften des Pferdes ſaß ein Panther, der ſeine Krallen tief in die zuckenden Muskeln des armen Thieres eingeſchlagen hatte, und mit ſeinen furchtbaren Zähnen den Oberſchenkel zer⸗ fleiſchte. Ein zweiter Panther hatte das ſtoͤhnende Roß an der Gurgel gepackt und hielt es nieder, während es vergebens die verzweifeltſten Anſtrengungen machte, ſich von den blutdürſtigen Beſtien zu befreien. Der Reiter war anſcheinend unverletzt, nur konnte er ſich nicht unter dem Pferde hervorarbeiten, das mit ſeinem ganzen Gewichte auf ſeinem Unterkörper laſtete. Daß er bis jetzt von den Zähnen und Krallen der Panther verſchont geblieben war, lag augenſcheinlich in dem Umſtande, daß dieſe noch zu viel mit dem ſich ſträubenden und um ſich hauenden Pferde zu thun hatten, welches ſie kaum niederzuhalten vermochten. Nur noch einige Augen⸗ blicke indeß, und es mußte, wie um das Roß, ſo auch um den Reiter geſchehen ſein. 3 4 ———— — 79 Nur eine Sekunde hindurch ſtand Jonathan wie gelähmt vor dem ſchrecklichen Schauſpiele, das ſeine Augen verwirrte und ſein Blut in den Adern erſtarren machte. Dann aber raffte er ſich plötzlich zuſammen, ſprang zehn Schritte vorwärts, dicht an den einen Pan⸗ ther heran, der den Schenkel des Pferdes mit Klauen und Zähnen zerfleiſchte, und auf nichts weiter um ſich her zu achten ſchien, ſetzte ihm die Mündung ſeines Gewehres in's Ohr, und drückte los. Der Panther brach wie vom Blitze getroffen zuſammen; aber bei dem Krachen des Schuſſes richtete ſich ſein Gefährte „ auf, ſtieß ein wildes Geheul aus, öffnete ſeinen blut⸗ rothen, gähnenden Rachen mit dem beim Mondlichte ſchimmernden fletſchenden Gebiß, und hob ſich zum Sprunge wider den Störer ſeines blutigen Mahles. Jonathan warf ſich zurück; aber ſein entſchloſſener Rettungsverſuch würde gleichwohl kaum gelungen ſein, wenn nicht im nämlichen Augenblicke auch Peter's Flinte geknallt hätte. Mitten im Anſatz zum Sprunge tau⸗ melte der Panther nieder und ſein Blut ſtrömte aus einer Wunde. Die Kugel Peter's hatte ihm das Rück⸗ grat zerſchmettert und ihm die Kraft des Sprunges genommen. Aber auf die Vorderbeine richtete er ſich auf, und erhob mit gräßlichem Gebrüll den breiten, gefleckten Kopf gegen die muthigen Schützen, die ihm ſo übel mitgeſpielt hatten. „Wir müſſen ein Ende machen!“ ſchrie Peter ſei⸗ nem Freunde zu.»Wenn die Beſtie den armen Reiter in's Auge faßt, der hülflos keinen Schritt von ihr am Boden liegt, ſo zermalmt ſie ihm mit Einem Zuſchnappen den Hirnſchädel!“ Jonathan hatte die Gefahr ſchon bemerkt, in welcher 80 der geſtürzte Greis ſchwebte. Er zog den Hirſchfänger, ſprang ohne Furcht auf den Panther los, und ſtieß ihm die ſtarke Klinge in die Gurgel. Er hatte gut getroffen. Noch ehe Peter, der wirklich zwanzig Schritte weit zurückſtand, ihm zu Hulfe kommen konnte, verwandelte ſich das Wuthgebrüll des Panthers in ein dumpfes Röcheln, er taumelte zur Seite, und mit dem Blut⸗ ſtrome aus ſeinem Halſe floß ſchnell auch ſein Leben ddahin. „Jonathan, das war Hülfe zur rechten Zeit,“ rief Peter, indem er dem zuletzt geſtürzten Panther zum Ueberfluß noch einen Stich mit dem Jagdmeſſer in den Nacken verſetzte;—„fünf Sekunden ſpäter, und es war nicht nur um das arme Pferd, ſondern wahrſchein⸗ lich auch um den alten Herrn geſchehen.“ „Um Gottes willen,“ ſagte dieſer jetzt mit ſchwacher Stimme,—„helft mir nur vor Allem erſt unter dem Pferde hervor!“ 1 „Soll geſchehen, alter Herr!« ſagte Peter, während Jonathan bereits raſch Hand anlegte.„So! Und ſo! Und ſo! Na nun,— wie befinden Sie ſich?“ Dcer alte Mann gab keine Antwort. Die ausge⸗ ſtandene Angſt bei der furchtbaren Gefahr, und wohl auch der Schmerz hatten ihm die Beſinnung geraubt. Jonathan kniete bei ihm nieder, legte den bleichen Kopf des Greiſes auf ſeinen Schooß, und flößte dem Ohn⸗ mächtigen ein paar Tropfen Wein in den Mund. Das Stärkungsmittel wirkte raſch; der Greis ſchlug ſchon nach einer Minute die Augen wieder auf, und druüͤckte Jonathan ſchwach die Hand.— „Dank, Dank, mein junger Freund!“ ſagte er. „Sie haben mich vor einem fürchterlichen Schickſale „ 3 B 8 .-. 1 81 bewahrt. Von einem Panther zerriſſen zu werden, großer Gott!“ „Nun, alter Herr, Sie brauchen nicht mehr zu ſchaudern,“ ſagte Peter.„Die Gefahr iſt, Gott ſei Dank, vorüber! Da liegen die Beſtien, und keine Muskel zuckt mehr an ihnen. Gleichwohl iſt mir's ein wenig unheimlich hier, und wir ſollten zu unſerem Feuer zurückkehren. Was meinſt du, Jonathan?« „Gewiß, das wird das Beſte ſein,“ erwiederte die⸗ ſer.„Glauben Sie wohl, Herr, daß Sie ein hundert Schritte weit gehen können? Wo nicht, ſo werden wir Sie auf unſeren Armen tragen.“ „Es iſt nicht nöthig, ich fühle mich ſchon weit beſſer, und überdieß können ja meine Schwarzen, die bei dem Anblicke der Panther die Flucht ergriffen, noch nicht ferne ſein. Jupiter!“ ſchrie er.„Jupiter! Vul⸗ kan! Feige Halunken, die ihr ſeid, wo ſteckt ihr?“ Das Gebuſch rauſchte in der Nähe, und zwei Neger, auf guten Pferden reitend und mit Waffen verſehen, kamen zögernd auf die kleine Wieſe heraus. „Gnade, Maſſa!“ ſagte der Eine zitternd.»Pan⸗ therthier ſo wild, Jupiter glauben, ſie verſchlingen Alles!“ „Schon recht ſchon recht!“ erwiederte der alte Herr. „Ich kenne euch ſchon und weiß, daß ihr nie vor einem Panther Stanf haltet. Ohne dieſe wackeren jungen Männer war ch verloren!“ „Oh, Maſſa,“ heulten die Neger Beide,—„wir uns nicht tröſten in ganzes Leben über ſo guten Herrn! Aber Panther ſo grimmig, ſo große Augen, ſo weiten Rachen! Furchtbar Maſſa! Mußten laufen davon, wenn auch nicht wollen!“ Weihnacht⸗ ſ 6 4 82 „Nun denn, ich will euch verzeihen,“ erwiederte der alte Herr.„»Aber jetzt herunter von den Pferden! Hebt mich auf und folgt dieſen jungen Herren! Das Feuer, das ich durch die Buͤſche ſchimmern ſah, kann nicht weit ſein?“ „Nur hundert Schritt,“ antwortete Jonathan.„Und es brennt hell genug, um uns vor einem zweiten Ueber⸗ falle ſolcher Beſtien ſicher zu ſtellen!“ Die Neger ſtiegen von den Pferden, hoben ihren Maſſa ſorgſam auf, und trugen ihn hinter Jonathan her, während Peter mit den Pferden folgte. Nach zwei Minuten war der Lagerplatz erreicht, und als man den alten Herrn ſanft auf den weichen Raſen gelegt, und die Pferde angebunden hatte, nahm Peter den Brat⸗ ſpieß wieder von dem Flecke auf, wohin er ihn vorhin geworfen hatte, und ſetzte kaltblütig das unterbrochene Geſchäft des Drehens fort. Jonathan ſorgte indeß nach beſten Kräften für die Bequemlichkeit des Greiſes, der ſich uͤbrigens raſch von den überſtandenen Schrecken erholte und überhaupt, wie ſich jetzt herausſtellte, einige Quetſchungen ausgenommen, nirgends bedeutend ver⸗ letzt war.. „Jupiter, Vulkan,“ ſagte er,—„geſchwind noch ein paar Feuer im Kreiſe herum ang zündet und auch die Pferde in Sicherheit gebracht! an kann nicht wiſſen,“ fügte er zu Jonathan gewendet hinzu.„Das Gebrüll der getödteten Panther könnte noch Andere herbeilocken, und ich empfinde nicht die mindeſte Luſt, nach dem erſten Zuſammentreffen noch ein zweites mit ſolchen Beſtien zu haben.“ „Ich denke wohl,“ erwiederte Jonathan.„Aber wie kam es, daß Sie mit ihnen zuſammentrafen?“ n 83 3 „Einfach genug,“ antwortete der alte Herr.„Ich war heute früh zur Beaufſichtigung einer meiner Pflan⸗ zungen geritten, und befand mich eben auf der Rückkehr, als ich die Schüſſe hörte, mit denen Sie wahrſcheinlich dieſe Vögel geſchoſſen haben. Neugierde führte mich dazu, ein wenig vom Wege abzuweichen, und bald er⸗ blickte ich Ihr Feuer durch die Dunkelheit. Die Schüſſe und das Feuer mochten aber auch wohl die Panther angelockt haben, denn plötzlich griffen mich, da ich vor⸗ ausritt, die beiden Beſtien zugleich von vorn und hinten an, riſſen mein armes Pferd nieder, und brachten mich ſomit unter ſich. Ich ſchoß mein Gewehr ab, fehlte aber, und meine Sclaven, anſtatt mir beizuſtehen, nah⸗ men mit Angſtgeheul die Flucht. Das iſt das Ganze. Wenn Sie nicht zu meiner Hülfe herbeigekommen wären, würde ich jetzt eine Leiche ſein und ein häßliches Grab in den Leibern der Panther gefunden haben. Die Spitz⸗ buben von Schwarzen halten nie einem Panther Stand, und nun vollends zweien! Ich kann ihnen nicht einmal böſe ſein, wogegen ich Ihnen die tiefſte Dank⸗ barkeit ſchuldig bin. Und jetzt, Ihre Namen, Myn⸗ heers? Ich muß doch wiſſen, wer mich ſo ſehr ver⸗ pflichtet hat.“ „Ich heiße Jonathan Monkenwyk, und dieſer da iſt mein treueſter Freund, Peter Hemskerk.« „Monkenwyk? Monkenwyk? Wär's möglich?« ent⸗ gegnete der alte Herr und richtete ſich lebhaft auf. „Monkenwyk aus Amſterdam?“ „Ja, aus Amſterdam!“ erwiederte Jonathan.»Iſt Ihnen mein Name bekannt?“ „Der Name gewiß, und vielleicht gar die Perſon wenigſtens Ihres Vaters! Was war 5* 2☛ 84 „Kaufmann, Herr!“ ſagte Jonathan.„Es gab nur Einen ſeines Namens in Amſterdam.“ „Mein Gott, ja, ſo iſt er's, mein Jugendfreund! Kennen Sie Knievel nicht? Knievel? Sie müſſen die⸗ ſen Namen ſchon gehört haben!« „O gewiß, ich erinnere mich,“« antwortete Jonathan lebhaft.„Mein guter ſeliger Vater ſprach öfters von ihm als von ſeinem liebſten Jugendfreunde, aber wenn ich nicht irre, ſo ſagte er, er ſei in Braſilien wohn⸗ haft?« „Ganz recht, ganz recht, da hatte ich auch ein paar Plantagen, aber es gefiel mir dort auf die Dauer nicht, ich zog nach Surinam! Freilich, das konnte der gute Monkenwyk nicht wiſſen! Aber er iſt todt, ſagen Sie? Todt? Und Sie hier? Was führt Sie nach Suri⸗ nam und in die Wildniſſe? Ihr Vater war doch reich, ſehr reich ſogar!“ „Er war reich, aber er ſtarb, und hat mir nichts hinterlaſſen,“ antwortete Jonathan.„Ich mußte nach ſeinem Tode mein Brod in einem fremden Hauſe ver⸗ dienen, und wurde hierher geſchickt, um einen Auftrag zu erfüllen, der glücklicher Weiſe zur Zufriedenheit er⸗ ledigt iſt. Bald werde ich nach Holland zurückkehren!« „Todt! Mein guter, alter Monkenwyk todt! Und ſein Sohn genöthigt, zu dienen!“ ſprach der alte Herr Knievel vor ſich hin.„Nein, nein, nein! Das darf und ſoll nicht geſchehen! Sie werden vor der Hand nicht nach Holland zurückkehren, ſondern ich hoffe, daß Sie mich begleiten und mir Ihren Beſuch auf ein paar Wochen oder Monate ſchenken werden. Keine Wider⸗ rede, junger Freund! Ich bin ein alter, eigenſinniger Mann, und was ich will, muß unter allen Umſtänden 8⁵ geſchehen. Mein Lebensretter und zugleich der Sohn meines beſten Freundes darf nicht von hinnen ziehen, ohne einige Beweiſe von meiner Liebe und Dankbarkeit mit ſich zu nehmen. Die Sache iſt abgemacht!“ „Und die Vögel ſind gebraten!« fügte Peter in munterem Tone hinzu.„Zugegriffen und nicht lange beſonnen, Jonathan. Mynheer Knievel hat recht! Man trifft einen alten Freund ſeines Vaters nicht nur ſo im Urwalde und leiſtet ihm getreulich Beiſtand, um ihn dann eine Stunde ſpäter wieder zu verlaſſen! Wir gehen mit Ihnen, Mynheer Knievel! Das iſt abge⸗ macht, wie Sie ganz richtig bemerkten, und nun— langen Sie zu, die Papageien ſollen gar nicht ſchlecht ſchmecken, wie man ſagt, und dieſe hier ſind ſo herrlich braun, als ob ſie der geſchickteſte Mundkoch am Spieße gebraten hätte!“. Peter rühmte ſeine Kochkunſt nicht ohne Grund, und ſogar Mynheer Knievel meinte, daß es, im Ganzen genommen, beſſer ſei, Papageien zu eſſen, als ſelber von wilden Panthern verzehrt zu werden. Sie aßen, und tranken dazu aus der Feldflaſche, und ehe noch die Vögel ganz verzehrt waren, hatte Jonathan das Verſprechen gegeben, Mynheer Knievel auf ſeine Pflan⸗ zung zu begleiten, mit der Bedingung jedoch, daß ſein Gaſtfreund zu Paramaribo von der Urſache ſeines Ausbleibens unverzüglich unterrichtet werde. Mynheer Knievel verſprach, das Nöthige in dieſer Beziehung zu beſorgen, und am folgenden Tage befanden ſich unſere Freunde auf der Pflanzung des alten Herrn und in ſeinem Wohnhauſe, das eher einem fürſtlichen Palaſte, als der Wohnung eines einfachen Privatmannes gleich⸗ ſah. Hier erfuhren ſie auch, daß Mynheer Knievel —— —jjjꝛ—— 86 weder Frau, noch Kinder, noch ſonſtige Verwandte hatte, und Peter machte ſich ſeine ganz eigenen Ge⸗ danken darüber. „Wer weiß, was alles Das zu bedeuten hat?« murmelte er vor ſich hin.„Der vierzehnte Schuß, den Jonathan abfeuerte, ſcheint ein ganz abſonderlicher Treffer geweſen zu ſein, und die beiden Panther waren kein übles Weihnachtspräſent für Mynheer Knievel. Warten wir ab, was aus der ganzen Geſchichte noch werden wird!“ Sechstes Kapitel. Bie Heimkehr. Wieder einmal nahte der Winter und mit ihm das liebe Weihnachtsfeſt heran, als an einem ſtürmiſchen November⸗Abende zwei Männer durch die Hauptſtraße von Rotterdam gingen und ſich dem Hauſe des Myn⸗ heer Cornelius Beukelaer näherten. Trotz der bereits mit Macht überhand nehmenden Finſterniß wußten ſie ſich mit Leichtigkeit zurecht zu finden, und blieben end⸗ lich vor einem ſtattlichen, dreiſtöckigen Gebäude ſtehen, deſſen Eingang von zwei großen Laternen auf eiſernen Kandelabern erleuchtet war. „Hier iſt es!“ ſagte der Eine von den beiden Männern.„Obgleich beinahe zwölf Jahre verſtrichen ſind, ſeit ich zum letzten Male durch dieſe Thüre ſchritt, 4 N 8 2 ——— 87 iſt ſie mir doch ſo genau bekannt, als ob ich ſeit jener Zeit täglich noch ein⸗ und ausgegangen wäre. Was meinſt du, Jonathan? Wird Mynheer Beukelaer uns auch ſo geſchwind wiedererkennen?“ „Ich zweifle ſehr,“ antwortete der Andere.»Aber treten wir ein! Ich ſehne mich darnach, dem alten Herrn die Hand zu ſchütteln, dem wir unſer ganzes Glück verdanken.“ Der Erſte gab keine Erwiederung, ſondern trat raſch in das Haus, öffnete eine Thür, und ließ ſeinen Be⸗ gleiter in ein hohes, gewölbtes, hell erleuchtetes Gemach im Erdgeſchoß voran ſchreiten. Sie befanden ſich im Geſchäftslokale des reichen Kaufherrn Beukelaer, und fragten den erſten beſten Schreiber, ob ſie den Herrn Principal ſprechen könnten? „Es iſt ſchon ſpät, der Herr hat ſich bereits zurück⸗ gezogen, und läßt ſich dann nicht mehr gern ſtören,“ gab der Schreiber zur Antwort.„Wenn Ihr Anliegen jedoch ſehr dringend iſt, ſo... „Es iſt ſo dringend, daß wir keine Minute zögern können,“ erwiederte der Eine von den Fremden.„Mel⸗ den Sie uns an, ich bitte darum und ſtehe für Alles.“ Der Schreiber muſterte die beiden Herren mit flüch⸗ tigem Blicke, und da er recht wohl bemerkte, daß er es mit Leuten von Anſehen und Gewicht zu thun hatte, ſo machte er keine Einwendungen weiter, ſondern fragte nur:„Wen ſoll ich melden bei Mynheer?« „Ein Paar alte Freunde aus Surinam, die erſt vor einer Stunde in den Hafen eingelaufen ſind,“ lautete die Antwort. Der Schreiber entfernte ſich, kehrte aber ſchon nach einigen Augenblicken zurück, und führte die Fremden in 88 das Privatzimmer Herrn Beukelger's. Dieſer hatte den Schirm ſeiner Lampe zurückgeſchlagen, und blickte mit geſpannter Erwartung auf die beiden Fremden, die ihm lächelnd entgegen traten, während ſich der Schrei⸗ ber entfernte, und achtungsvoll die Thür hinter ſich zuzog. „Sie kennen uns nicht mehr, Mynheer?« fragte b der Jüngere von den beiden Männern, indem er ſich ſo ſtellte, daß das volle Licht der Lampe auf ſein Ge⸗ ſicht fiel. Herr Beukelaer ſchüttelte befremdet den Kopf. Er ſah einen hoch und ſchlank gewachſenen jungen Mann vor ſich mit großen, funkelnden, ſchwarzen Augen, einem dichten Barte, der Mund und Kinn beſchattete, und tief gebräunter Farbe, welche deutlich den Einfluß be⸗ wies, welchen ein langer Aufenthalt unter der tropiſchen Sonne ausgeübt hatte. »In der That, Mynheer,« ſagte er endlich,—„ich kann mich nicht beſinnen. Habe ich je ſchon die Ehre gehabt, Sie zu kennen, ſo muß es ſchon ziemlich lange her ſein.« »Allerdings, ziemlich lange, faſt ein Dutzend Jahre,“ erwiederte der Fremde mit dem vorigen Lächeln.„Und dieſen da, meinen Begleiter, kennen Sie auch nicht?« Herr Beukelaer warf einen Blick auf den zweiten Fremden und ſchüttelte von Neuem. »Nun denn,“ fuhr Jener fort,„ſo erinnern Sie ſich doch jedenfalls, daß Sie vor etwa zwölf Jah⸗ ren einen Bevollmächtigten nach Paramaribo ſandten, um... »Ja, ja freilich,« fiel Mynheer Beukelaet ſchnell ein,—„Jonathan Monkenwyk! Wiſſen Sie etwas — — ————yy— 89 von ihm? Hat Er Sie zu mir geſchickt? Dann ſind Sie mir herzlich willkommen! Wie geht es ihm? Und dem braven Burſchen, dem Peter? Die letzte Nachricht, die ich von ihm erhielt, war von der Pflanzung eines gewiſſen Mynheer Knievel, dem die Beiden einen großen Dienſt geleiſtet hatten, das Leben gerettet und der⸗ gleichen! Geſchwind! Was haben Sie mir von ihm mitzutheilen? Ich ſchätze Beide ſehr, beſonders den jungen Monkenwyk, ich bin ihm vielen Dank ſchuldig!« „Und Er Ihnen nicht minder,“ antwortete der Fremde lebhaft.»Aber iſt es denn möglich, daß ein paar Jahre im Tropenklima mich und meinen Begleiter ſo ſehr verändern konnten, daß ſelbſt Sie uns nicht wiedererkennen? Errathen Sie denn gar nicht, Myn⸗ heer Beukelaer? Nun denn, ich bringe Ihnen tauſend Grüße von Mynheer Seyders in Paramaribo!“ „Danke, danke! Aber nichts von Jonathan? Gar nichts?“ „Aber, mein Gott, Jonathan ſteht ja leibhaftig vor Ihnen, und dieſer da iſt Peter Hemskerk, Ihr einſtiger Magazin⸗Aufſeher und mein guter Freund!“ Mynheer Beukelaer ließ einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung hören, ſtreckte Jonathan beide Hände hin, muſterte noch einmal ſein ſonnverbranntes Geſicht, und fand nun endlich allmählig die alten, wohlbekannten Züge wieder heraus. —„ Tauſend, tauſend Mal willkommen, mein beſter Jonathan! Herzlich willkommen, Peter!“ rief er, und umarmte die jungen Leute mit erſichtlich großer Freude. „Aber wer konnte dieß denken! Eine ſolche Ueberra⸗ ſchung! Freilich, zwölf Jahre und die tropiſche Sonne! Das macht einen Unterſchied gegen früher, und es iſt 90 kein Wunder, daß ich Euch nicht auf der Stelle er⸗ kannte! Ihr müßt natürlich bei mir bleiben,“ fuhr er fort, indem er die Klingel zog.„Ich werde ſogleich Befehl geben, Zimmer zurecht zu machen! Mein Him⸗ mel, welche Ueberraſchung! Aber was führt Sie jetzt aus Surinam hierher, Sie böſer Jonathan, der Sie ſo lange Jahre nichts von ſich hören ließen?« »Was mich herführt?« antwortete Jonathan ernſt. »Nun, die natürliche Sehnſucht, meine Heimath einmal wiederzuſehen, und das Verlangen, Vergel tung zu uͤben.“ „Vergeltung?« »Ja, Vergeltung für Alles, was mir Gutes und Böſes in den Tagen meiner Jugend zugefügt wurde.« „Ah, ich verſtehe, mein lieber Jonathan, da werden Sie allerdings manche Rechnung zu ordnen und abzu⸗ ſchließen haben,« ſagte Herr Beukelaer.„Aber wie geht es Ihnen ſelbſt, mein Freund? Hoffentlich wohl? Wie? Sie können ganz ohne Rückhalt zu mir reden, denn Sie wiſſen wohl, wir ſind alte Freunde, und für ſolche Freunde habe ich immer eine Stelle in meinem Hauſe offen!« »Dank Ihnen, Mynheer,“ erwiederte Jonathan,— „ich erwartete nichts Anderes, und vor der Hand, das heißt, für dieſe Nacht,— nicht wahr, Peter?— werden wir Ihnen wohl ein wenig zur Laſt fallen müſſen.“ „Das iſt ſchön von Ihnen, Jonathan,“ ſagte Herr Beukelaer erfreut.„Aber nun vor Allem, macht es Euch bequem, Kinder! Ah, und da bringt ja meine alte Haushälterin den Abendimbiß,— nur hierher, Urſula, auf den Sophatiſch!— und nun, während wir ein Glas Wein trinken, erzählen Sie mir Ihre Schickſale, —,— — 91 mein lieber Jonathan! Ich denke, es werden ſo ziemlich dieſelben, wie die Ihres Freundes Peter ſein, denn Ihr ſeid doch wohl nicht viel von einander getrennt geweſen.“ „Sie haben's gerade getroffen, Mynheer,“ erwie⸗ derte Peter wohlgelaunt.„In dieſer Beziehung ſteht Alles noch, wie es vor zwölf Jahren ſtand. Wo Jo⸗ nathan ſteckt, da iſt auch der Peter nicht weit.« „Dachte mir, es wuͤrde ſo ſein!« ſagte Herr Beuke⸗ laer.»Aber nun, Jonathan! Ich bin ſehr neugierig! Erzählen, erzählen Sie!“ „Es iſt nicht viel, was ich zu erzählen habe, ob⸗ gleich es freilich wichtig genug fur Peter und mich iſt,« entgegnete Jonathan.„Da Sie meinen letzten Brief erhalten haben, worin ich Ihnen ſchrieb, wie ein glück⸗ licher Schuß meinen ſpäteren väterlichen Wohlthäter vor einem ſchrecklichen Tode durch die Klauen und Zähne zweier Panther behütete, ſo kann ich alles Uebrige uͤbergehen und gleich von jenem Zeitpunkte anfangen. Herr Knievel alſo nahm Peter und mich mit auf ſeine Pflanzung, und hier blieben wir zum Beſuch von einer Woche zur anderen, bis Herr Knievel, als wir endlich ernſtliche Anſtalten machten, nach Paramaribo, das eine gute Tagereiſe von der Pflanzung entfernt liegt, zurück⸗ zukehren, uns rund heraus erklärte, er habe uns lieb gewonnen und würde uns unter keiner Bedingung ziehen aſſen, da wir ja ohnehin in Europa nichts zu verlieren und nicht einmal nahe Anverwandte dort hätten. Dieß war nun allerdings richtig, denn einige Zeit vorher hatten wir in Paramaribo von Amſterdam aus die Nachricht bekommen, daß Peter's Vater geſtorben ſei, und ich ſelber ſtand ja ſo wie ſo allein in der Welt. 9² Das liebevolle Zureden Mynheer Knievels, die wirklich väterliche Zärtlichkeit, die er beſonders mir bewies, endlich und hauptſächlich der Umſtand, daß auch ich ihm aufrichtig und herzlich zugethan war, dieß Alles beſtimmte zuletzt meinen Entſchluß. Ich verſprach, zu bleiben, und ſobald ich mich beſtimmt erklärt hatte, be⸗ ſann ſich auch Peter keinen Augenblick länger, ſondern ſagte ganz einfach:„Wo Jonathan bleibt, bleibt Peter ebenfalls.“ »Ich theilte Herrn Seyders in Paramaribo meinen Entſchluß mit, ſchrieb auch Ihnen, Mynheer, daß ich Surinam in den nächſten Jahren nicht verlaſſen werde, empfing Ihre Antwort, worin Sie meinen Entſchluß billigten und mir Gluͤck zu meiner neuen Stellung wünſchten, und ſo war denn bis hierher Alles in Ord⸗ nung. Deſto weniger Ordnung fanden wir aber auf der Pflanzung Herrn Knievel's, und ich merkte bald, daß wir Beide, Peter und ich, ihm von einigem Nutzen ſein konnten. Herr Knievel war zwar ſehr reich, hatte ſehr ausgedehnte Ländereien, und wohl an achtzig Scla⸗ ven, um ſie zu bewirthſchaften; aber ſeine Aufſeher vernachläſſigten ihren Dienſt, behandelten die Sclaven mit Härte, und brachten ſie doch nicht zu regelmäßiger und zweckdienlicher Beſchäftigung. Mynheer Knievel bekümmerte ſich nicht viel um die Verwaltung ſeiner Plantagen, denn er war reich genug und hatte weder Kinder noch ſonſtige Verwandte, die ihm näher geſtan⸗ den hätten. Er ließ alſo die Sachen gehen, wie ſie wollten, und Peter und ich merkten bald, daß er auf unverantwortliche Weiſe hintergangen und ſchamlos be⸗ trogen wurde. Da gab es nun ein Feld nützlicher Thaͤtigkeit für uns. Wir entlarvten allmählig ——ℳ—., 93 Betrüger, die nach Gebühr fortgeſchickt wurden, nahmen uns der armen Sclaven an, führten ſelber ſtrenge Auf⸗ ſicht uͤber ſie, verbeſſerten aber auch in jeder Beziehung ihre unglückliche und verwahrloste Lage, und erreichten ſchon nach zwei Jahren, daß ſich die Einkünfte der Pflanzung verdoppelten. Nach vier Jahren befand ſte ſich im blühendſten Zuſtande, und Mynheer Knievel's Sclaven wurden für die gluͤcklichſten Schwarzen in ganz Surinam gehalten. Ich glaube mit Recht! Denn ſie waren immer fröhlich und guter Dinge, und liebten ihren Herrn, wie Kinder ihren Vater lieben.“ „Es war auch kein Wunder, Mynheer Beukelaer,“ unterbrach Peter die Erzählung Jonathan's.„Sie hätten nur ſehen müſſen, wie ſorgſam unſer Jonathan über die armen Dinger, die Schwarzen, wachte, wie er gute, hübſche Hütten für ſie bauen ließ, während ſie früher in Stall ähnlichen Schuppen wie das liebe Vieh hatten kampiren müſſen, wie er jedem Familienvater ein Stück Land zu eigener Benutzung anwies, wie er die Kranken pflegte, und wie er ihnen alljährlich ein Weih⸗ nachtsfeſt bereitete, wovon die armen Burſche in frühe⸗ ren Zeiten nicht die entfernteſte Ahnung gehabt hatten! Ja, dieſe Weihnachten, dieſe Weihnachten! Das war jedes Mal ein Feſt, Mynheer Beukelaer, bei dem Ei⸗ nem das Herz im Leibe lachte. Muſik, Tanz, Eſſen und Trinken vollauf, und dann die Beſcheerung am Weihnachtsabende! Groß und Klein durcheinander,— hundert, hundert und zwanzig Schwarze mit vierzig, fünfzig, ſechzig kleinen Piccanini's, Alle im großen Saale Mynheer Knievel's, und auf hundert Tiſchen junge Pinien und Palmen mit Lichtern, und eine Beſcheerung drunter für jeden Wollkopf, bunte Tücher, Bänder, 94 Spielſachen, Jacken und Schürzen,— eine wahre Pracht, Mynheer Beukelaer!— und dann das Jauch⸗ zen und Jubeln der Schwarzen,— Alle ſprangen, tanzten, hüpften um die Tiſche herum, Männer und Weiber, Greiſe und Kinder, Alles war Ein Herz, Eine Seele, Ein Lobgeſang,— beim Himmel, ſchöne Feſte waren's, und ich habe ſelber geſehen, wie öfter als einmal dem alten Herrn Knievel die Thränen in den Augen ſtanden, die hellen Freudenthränen, und über ſeine Wangen rollten! Ja, der Jonathan wußte der⸗ gleichen zu veranſtalten, und er that es gern, der Weih⸗ nachtsabend war und blieb immer ſein liebſter Abend im Jahre, wie von jeher, und freilich, freilich,— er hatte wohl Urſache dazu, das liebe Weihnachtsfeſt ganz beſonders werth und hoch zu halten, denn ihm verdankt er ja am Ende,... „Was? Was verdankt er ihm?« fragte Herr Beuke⸗ laer lebhaft. „Nun, zuerſt einmal, daß wir ſo gute Freunde geworden ſind,“ fuhr Peter nach kurzem Sinnen lächelnd fort.„Meine Freundſchaft will nun allerdings nicht viel heißen,— aber trotzdem, wenn ich meinem Jona⸗ than nicht ſo von Herzen gut geweſen wäre, hätte ich mir's nicht einfallen laſſen, ihn hierher zu Ihnen zu bringen, Mynheer Beukelaer! Und warum war ich ihm gut, dem Jonathan? Weil er ein ſo gutes, vortreff⸗ liches Herz hat! Und dann nachher, von wegen,— es war doch ein ſchönes, ſegensreiches Gelübde, Jona⸗ than, dein Gelübde!« »Was für ein Gelübde?« fragte Mynheer Beukelaer wieder.„Ich höre da lauter neue Dinge.“« „Nun, das Gelübde, daß er an jedem Weihnachtstage 95⁵ wenigſtens etwas Gutes thun und irgend Jeman⸗ den erfreuen wolle,“ erwiederte Peter, als Jonathan ſchwieg.„Er that das Gelöbniß ſich ſelbſt in ſeiner Kindheit, und redlich hat er's gehalten, und reichlich hat es ihm Gott vergolten!“ „Ja, wie denn? Ganz recht!“ ſagte Mynheer Beukelaer.„Ich erinnere mich, das war der Grund, weßhalb ich ihn an meinen Freund nach Surinam ſchickte! An jenem Weihnachtsabende, ja, ja, da lernte ich ſein gutes Herz eben kennen!“ 5 „Eben darum, ja doch, Herr,“ ſprach Peter weiter. „Und nachher, es war auch an einem Weihnachtstage, daß er mit mir und um ſeines Gelübdes willen die Umgegend von Paramaribo durchſtreifte, und die Picca⸗ nini's in den Hütten glücklich machte, und nachher den Panther niederſchoß! Wär' er daheim geblieben am lieben Weihnachtsfeſte, hätte er vergeſſen, was er in der Jugend gelobte, ſo... Aber erzähle nur weiter, Jonathan, wir kommen ja ganz von unſerer Geſchichte ab.“ 8 „Sehr richtig, Peter, und es war überhaupt ziem⸗ lich überflüſſig, daß du mich unterbracheſt,“ erwiederte Jonathan ein wenig verlegen über die vielen Lobſprüche, mit denen er überhäuft wurde.„Kurz und gut, die Pflanzung Mynheer Knievel's gedieh wunderbar, ſeine großen Reichthümer verdoppelten ſich, und Alles ging vortrefflich, bis ganz unerwartet mein väterlicher Freund ſehr ſchwer erkrankte. Wir holten die beſten Aerzte aus Paramaribo und der ganzen Gegend; alle unſere Schwar⸗ zen beteten für die Wiederkehr der Geſundheit ihres gütigen Herrn, Peter und ich pflegten ihn mit unab⸗ läſſiger Sorgfalt, aber— unſere heißen Wünſche und — — —— 96 Gebete ſollten nicht erhört werden, Gott hatte es anders beſchloſſen. Herr Knievel ſtarb und wir weinten an ſeinem Grabe. Mir war es, als ob ich zum zweiten Male einen theuren Vater verloren hätte!« „Armer Jonathan!“ ſagte Mynheer Beukelaer voll Theilnahme, als Jonathan, überwältigt von Rührung, inne hielt.»„Und ſo kam es denn, daß Ihr auf der Pflanzung uͤberflüſſig wurdet, die Erben entließen Euch, Ihr mußtet nach Europa zurückkehren! Nun denn, auch hier haſt du ja einen väterlichen Freund, der dich herzlich liebt, Jonathan! An mein Herz, mein lieber Junge!’“ »Dank Ihnen, Herr Beukelaer,“ ſagte Jonathan, als er den alten Herrn warm und zaͤrtlich umarmt hatte.„Dank Ihnen für Ihre Liebe! Aber was die Verhältniſſe betrifft, ſo geſtalteten ſie ſich doch ein wenig anders, als Sie vermuthen. Am Tage nach dem Be⸗ gräbniſſe meines zweiten Vaters kamen Gerichtsperſonen aus Paramaribo mit dem Teſtamente, welches Mynheer Knievel ein Jahr vor ſeinem Tode dort hinterlegt hatte, und der Gouverneur ſelber begleitete ſie. Es wurde Befehl ertheilt, alle Angehörigen der Pflanzung zu ver⸗ ſammeln; ſie kamen in den großen Saal, wo wir ſo manches ſchöne Weihnachtsfeſt gefeiert hatten, und hier⸗ nun, als Alle zugegen waren, Aufſeher, Sclaven, Männer und Frauen, wurde das Teſtament eroffnet. Denken Sie ſich meine Ueberraſchung, meine Rührung, meine Dankbarkeit, Mynheer Beukelaer: mein ſeliger väterlicher Freund hatte mich zum Univerſalerben ſeiner unermeßlichen Reichthümer eingeſetzt, und als einziges Legat unſerem Peter eine kurz zuvor erſt angekaufte benachbarte ſchöne Pflanzung nebſt allem Zubehör, 97 Vorräthen, zwanzig Sclaven, dem vorhandenen baaren Gelde, und was überhaupt in derſelben vorhanden war, vermacht. Mir ſtürzten die Thränen aus den Augen, Peter ſchluchzte wie ein Kind, und unſere Schwarzen, — und dieß freute mich in innerſter Seele,— dankten laut dem Herrn, daß ich ihr neuer Gebieter ſein ſollte, während der Gouverneur uns, Peter und mir, Glück wünſchte, die Liebe Mynheer Knievel's in ſo hohem Grade gewonnen zu haben.“ „Ei, mein lieber Jonathan,“ ſagte Mynheer Beuke⸗ laer ganz ergriffen,„bei ſo bewandten Umſtänden will ich nicht verfehlen, auch meine Glückwünſche hinzuzu⸗ fügen! Gott ſegne Ihnen Alles, Jonathan! Und auch Ihnen, Peter! Mein Himmel, ich bin ganz überwältigt vor Rührung, Freude und Erſtaunen! So ſind Sie alſo Beide reich und bedürfen meines Beiſtandes gar nicht?“— »Nicht Ihres Beiſtandes, Mynheer Beukelaer,“ er⸗ wiederte Jonathan mit Wärme,„wohl aber noch immer Ihrer früheren Zuneigung, Ihrer Freundſchaft und liebe⸗ vollen Theilnahme!“ »Die haben Sie, Jonathan!“ rief Herr Beukelaer und umarmte von Neuem ſeinen jungen Freund.„Die haben Sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele! Und Sie nicht minder, Peter, denn Sie zeigten immer ein braves, treues Gemüth! Ich freue mich, Kinder, daß Ihr Euer Glück in fernen Landen gemacht habt! Und welch' ein Glück, Jonathan! Ich habe von Myn⸗ heer Knievel gehört! Er muß in der That bedeutende Reichthümer hinterlaſſen haben!“ „Das hat er, und ich hoffe, ich werde ſie in ſeinem Geiſte verwalten,« erwiederte Jonathan. Weihnachten. 7 98 „Aber wie kommt es, daß Sie hier ſind, und gleich Beide?« fragte Mynheer Beukelaer.„Haben Sie die Pflanzungen verkauft?“ „Nun,— ja und nein, wie man's nimmt,« ſagte Peter.„Einen guten Theil des Grundes und Bodens zerſplitterte Jonathan, ſchenkte jeder ſchwarzen Sclaven⸗ Familie und jedem einzelnen Sclaven eine genügende Strecke Landes zum Auskommen, verlegte ihre Hütten dahin, und ſchließlich, letzte Weihnachten, ſchenkte er dem ganzen ſchwarzen Geſchlecht die Freiheit. Ich konnte natürlich auch nicht anders, als ſeinem Beiſpiele folgen, und zu Neujahr füͤhrten wir den zweiten Akt dieſes Luſtſpiels auf meiner eigenen Pflanzung auf. Den Reſt von beiden Pflanzungen, Ländereien, Gebäude, Maſchinen und ſo weiter wurden verkauft, und— da ſind wir.“ „Allen Selaven die Freiheit und Land dazu ge⸗ ſchenkt!« rief Mynheer Beukelaer aus.„Aber dieß iſt ein ungeheurer Verluſt!“. „O nein, Mynheer, es iſt ein Gewinn fur mich,“ erwiederte Jonathan raſch.»Ich ſelbſt habe meine Freiheit dadurch erlangt, und wenn ich an die Freude der armen Schwarzen denke, als ihre Sclavenkette ge⸗ brochen wurde, wenn ich mich erinnere, wie glücklich einen Jeden ſein kleines Eigenthum machte, ſo ſegne ich und werde immer ſegnen die Stunde, wo Gott mir den Gedanken eingab, die leibeigenen Sclaven zu freien Menſchen zu erklären. Es war ein ſchönes Weihnachts⸗ feſt, vielleicht das ſchönſte in meinem Leben.“ „Doch Ihr Reichthum wird durch dieſes Weihnach⸗ ten nicht wenig geſchmälert ſein, mein Lieber,“ meinte Herr Beukelaer. 99 „Der ſicherſte Reichthum iſt, den man an Zufrieden⸗ heit in ſeinem Herzen trägt,“ erwiederte Jonathan lächelnd.„Und im Uebrigen,— fragen Sie nur Peter. Er wird Ihnen ſagen, daß wir trotz Allem noch ſehr im Ueberfluß ſchwelgen kͤnnen. Mynheer Knievel hatte ſchwere Kapitalien verzinslich angelegt, und unſere Pflanzungen wurden gut bezahlt. Nein, nein, Myn⸗ heer Beukelaer, fürchten Sie nichts! Wir dürfen ge⸗ troſt den künftigen Weihnachten entgegenſehen; es fehlt uns nicht an Mitteln, noch recht viele Thränen zu trocknen, und viele Arme und Bedrückte fröhlich zu machen. Und jetzt, Mynheer, einige Fragen. Haben Sie nie von einem alten Schreiber meines ſeligen Va⸗ ters, dem ehrlichen Vanderhaan, gehört?« „Niemals, Jonathan.“ „Und auch nicht von ſeiner ehemaligen braven Haus⸗ hälterin Lieſe Crabetje?« „Niemals, Jonathan! Wie ſollt' ich?« „Doch, doch, es wäre wohl möglich geweſen,“ ant⸗ wortete Jonathan;„denn bevor ich nach Surinam ging, ſchrieb ich an Vanderhaan, er ſolle ſich an Sie wenden, falls er oder Lieſe jemals freundlichen Beiſtandes be⸗ dürften!«. „Er hat ſich nie an mich gewendet, Jonathan.“ „Nun denn, ſo wollen wir hoffen, daß es Beiden, ihm und ihr, gut geht. Aber nun noch eine letzte Frage: wie ſteht es mit den Mappel's in Amſter⸗ dam?« »„Den Schurken, die dich betrogen haben, Jona⸗ than? Nun, ſo viel ich weiß, noch genau ſo wie ſonſt. Wenigſtens haben meine Correſpondenten aus Amſter⸗ dam nichts Beſonderes in Bezug auf ſie gemeldet, was 100 gewiß geſchehen ſein wuͤrde, wenn irgend eine Aende⸗ rung eingetreten wäre.“ „Wohlan denn, ſo müſſen wir eben mit eigenen Augen ſehen und ſuchen,“ ſagte Jonathan.„Morgen wollen wir nach Amſterdam aufbrechen, nicht wahr, Peter?“ Peter nickte, aber Mynheer Beukelaer wollte nichts davon hören. Jonathan ließ ſich jedoch nicht irre machen. »„Wir kehren wieder,« ſagte er mit tiefem Ernſte. „»Vor Allem aber muß ich eine heilige Pflicht erfüllen, die Pflicht der Vergeltung. Gott hat mich in den Stand geſetzt, daß ich ſie uͤben kann, dieſe Pflicht, und der Herr Herr ſoll ſeinen Knecht nicht ſäumig finden! Vor der Hand aber kein Wort an Ihre Correſponden⸗ ten in Amſterdam von meiner Rückkehr. Ich komme als Mynheer Knievel wieder, und bis die Stunde der Vergeltung geſchlagen hat, ſoll Niemand ahnen, wer ſich unter dieſem Namen verbirgt.“ Mynheer Beukelaer ſah wohl, daß der Entſchluß ſeines jungen Freundes unerſchütterlich war, und drang nicht mehr in ihn. Am folgenden Morgen reisten Jo⸗ nathan und Peter nach Amſterdam ab, wo ſie öhne weitere Gefährde raſch und glücklich anlangten, und in einem der vornehmſten Hotels Quartier nahmen. Der Fremden⸗Anzeiger enthielt am Tage darauf als ange⸗ kommen die Namen:„Mynheer Knievel und Begleitung„ aus Surinam«. Niemand konnte ahnen, daß Jonathan Monkenwyk unter dieſem Namen in ſeine Vaterſtadt zurückgekehrt war. 4 101 Siebentes Kapitel. Mynheer Seybel. Es waren nur noch wenige Tage bis zu Weih⸗ nachten. Draußen wirbelte der Schnee in großen Flocken, der Sturmwind brauste aus Nordweſten, und wieder einmal, wie vor vielen Jahren, ſaß Jonathan am Fen⸗ ſter und ſchaute nachdenklich in das Toben der aufge⸗ regten Elemente hinaus, das ihn ſo lebhaft an ſeine fruͤhe Jugendzeit und an das erſte Weihnachten er⸗ innerte, deſſen er ſich wirklich und lebendig bewußt ge⸗ weſen war. Jene freudenvolle Zeit tauchte in friſchen Farben vor ihm auf mit all' ihren geſpannten Erwar⸗ tungen und erfüllten Hoffnungen, und er hätte vielleicht noch lange darüber geſonnen und geträumt, wenn ihn nicht Peter aus der Verſunkenheit ſeiner Gefühle auf⸗ geſchreckt hätte. Peter aber trat haſtig in die Stube, ſchüttelte den Schnee von ſeinem Hute und ſeinen Kleidern, und rief laut:„Victoria, Jonathan! Wir haben ſie! Aber was iſt dir denn? Du ſiehſt trübe und finſter aus?« „Nein, nein, Peter, höchſtens ein Bischen weh⸗ müthig,“ erwiederte Jonathan.„Laß dich's nicht küm⸗ mern, ich dachte nur an vergangene Zeiten und an gethane Gelöbniſſe! Aber warum rufſt du Victoria? Haſt du endlich einen Fingerzeig entdeckt?« 4 „Mehr, Jonathan, mehr!“ entgegnete Peter.„Sie ſelber hab' ich!“« „Wen? Meinen alten Vanderhaan?“ . 102 „Ganz recht! Deinen alten Vanderhaan mit ſammt deiner alten, guten, braven Lieſe!“ »Welch' ein Glück!« rief Jonathan aus und ſprang hoch erfreut auf, indem er alle trüben Gedanken dem Meere der Vergeſſenheit übergab.„Iſt's aber auch wirklich wahr, Peter? Nach all' unſeren vergeb⸗ lichen Nachforſchungen, all' unſeren vereitelten Bemü⸗ hungen?« »Ja, ja, ja, endlich doch!« ſagte Peter triumphirend. „Und weißt du, wo ſie ſtecken alle Beide? In einer der entlegenſten Straßen der entlegenſten Vorſtadt! Und weißt du, was ſie treiben? Einen kleinen Kramladen haben ſie gemiethet und handeln mit allerlei kleinen Sachen, mit Töpfen, mit Bindfaden, mit ſauren Gur⸗ ken, mit altem Eiſen und mit Gott weiß was noch!“ „Und wie geht's ihnen, Peter? Wie geht's ihnen?“ „Nun, nicht zum Beſten, Jonathan. Ich denke, dein Weihnachtsfeſt wird ſehr erfreulich werden dieſes Mal! Die ehrlichen alten Seelen behelfen ſich, aber freilich kärglich genug. Ich habe mich bei den Nach⸗ barn erkundigt. Nichts weiter gehört, wie Lobpreiſun⸗ gen und Bedauern, daß ſie ſo gar arm ſind!« »„Schon recht, Peter! Gott ſei Dank, daß wir reich ſind! Aber wie fandeſt du ſie endlich aus?« »Ganz einfach durch ein Mittel, das wir längſt hätten verſuchen müſſen. Ich ging nach der Polizei, Fredete mit dem Miniſter, verſprach ein paar Dukaten dem, der mir unſere Leute auffände, und kaum zwei Stunden ſpäter konnte ich meine zehn Dukaten an einen Polizeidiener los werden.“ „Das iſt herrlich, Peter! Nun nur noch jenen Notar Seybel! Du hätteſt gleich auch nach ihm fragen ſollen! —— 103. Tauſend Dukaten wollt' ich geben, wenn ich den Spitz⸗ buben ausfindig machte.“ „Es iſt an zehn genug, Jonathan!“ erwiederte Peter lachend.„Ich habe ihn ebenfalls ſchon, den Spitzbuben von Notar!“ „Unmöglich, Peter!“ „Nun denn, ich werde dir wohl den Glauben in die Hand geben müſſen!“ ſagte Peter.»Er ſteht draußen im Vorzimmer, wenn du ihn ſprechen willſt.« „Mein Himmel, Peter, du überſchuͤtteſt mich mit überraſchenden Neuigkeiten! Wie fandeſt du auch die⸗ ſen aus?“ „Ei, meinem ſchlauen Manne von der Polizei hatten die zehn Dukaten gefallen, und ich eroͤffnete ihm die Ausſicht auf weitere zehn Stück! Eine Stunde darauf war unſer Notar gefunden!« „Das nenne ich Gluͤck! Und dann?« „Dann erkundigte ich mich nach ſeiner Lage, und hörte, er befinde ſich in den ärmlichſten Umſtänden!“ „Und dann, Peter? Und dann?“ „Dann nahm ich meinen klugen Mann von der Polizei zum Wegweiſer, und verfügte mich zu Mynheer Seybel, theilte ihm mit, daß ein ſehr reicher Herr, Mynheer Knievel aus Surinam, ihn über Einiges zu befragen wünſche, ſtellte ihm ebenfalls einige Dukaten in Ausſicht, und machte von Neuem die Bemerkung, daß einige. Dukaten mitunter wunderbare Wirkungen hervorbringen. Mynheer Seybel zeigte ſich augenblicklich bereit, mich zu begleiten, und— draußen wartet er.“ „Er kannte dich nicht, Peter?“ 4 „Behüte! So wenig, wie er dich kennen wird. Zehn Jahre im Tropenlande verändern die Geſichterk e. — 104 „Wohlan denn, ſo führe ihn herein, Peter. Wir müſſen verſuchen, ihn zum Geſtändniſſe zu bringen, denn ohne ihn vermögen wir nichts gegen die Mappel. Führ' ihn herein, Peter!« Peter holte den Notar. Mynheer Seybel hatte nie ein ſonderlich empfehlendes Aeußere gehabt, jetzt aber erſchien er wahrhaft abſchreckend, als ein Bild des Elendes, der Armuth und der Verkommenheit. Jona⸗ than maß ihn mit einem prüfenden Blicke, ſchob ihm einen Stuhl hin, und fragte dann kurz:„Kennen Sie mich, Mynheer?« „Ich vermuthe, Mynheer Knievel! Sagten Sie nicht ſo, Herr?« »„Ganz recht,« entgegnete Jonathan befriedigt, denn er bemerkte wohl, daß Seybel ihn nicht erkannt hatte. „Hören Sie mich an. Ich hatte in Surinam einen Freund, der ſich nicht in den beſten Umſtänden befand. Er hieß Monkenwyk, Jonathan Monkenwyk. Erinnern Sie ſich dieſes Namens?« »Ja, ich erinnere mich, ſehr gut erinnere ich mich!« erwiederte der Notar lebhaft.„Ich wollte, er wäre hier!« „Warum wünſchen Sie das?« „Weil ich ihn reich machen wollte! Reich, Herr! So reich, wie die Herren David und Philipp Mappel ſind! Ja, das wollt' ich! Bei Gott! Und die Mappel ſollten mich kennen lernen, die Schurken!“ „Ah, ich ſehe, wir werden uns wohl verſtändigen, Mynheer Seybel!« ſagte Jonathan.„Mein Freund theilte mir in Bezug auf die Herren Mappel einige ſeltſame Dinge mit, er behauptete ſogar, die Herren Mappel hätten ihn um ſein ganzes Vermögen betrogen und noch dazu das Andenken ſeines Vaters im Grabe beſchimpft durch die Behauptung, daß der alte Herr Monkenwyk nach ſeinem Tode bankerott geweſen ſei.“ „So iſt's! Grade ſo!“ rief der Notar giftig.»Die Mappel haben ihn betrogen, beſtohlen, aus ſeines Vaters Hauſe geſtoßen und ſeinen Vater beſchimpft. Die Mappel thaten's, und ich, ich kann es beweiſen! Ich will es beweiſen! Ich will ſie in den Staub der Niedrigkeit ſtürzen, dieſe Mappel, die mich mit dem ſchändlichſten Undanke belohnt haben!« „Das wollten Sie thun, Herr Notar? In der That?« „Ja, beim Himmel, ich will es! Schaffen Sie mir nur den Jonathan Monkenwyk herbei! Er ſoll kom⸗ men! Ich will ihm Alles entdecken! Er ſoll ſein Haus, ſein Vermögen, die Reputation ſeines Vaters wieder haben, und die Mappel ſollen als Bettler und Ver⸗ brecher aus Amſterdam in's Gefängniß wandern, wenn Mynheer Monkenwyk nur mir ſelber zum Schilde die⸗ nen will!« „Inwiefern zum Schilde dienen?“« fragte Jonathan. „Nun,“« fuhr Seybel fort,—„wenn ich die Spitz⸗ bübereien des David und Philipp Mappel aufdecke, ſo decke ich meine eigenen zugleich mit auf, und laufe die⸗ ſelbe Gefahr, wie ſie, nämlich zeitlebens eingeſperrt zu werden. Das iſt's eben, was mir bis jetzt immer den Mund verſiegelt hat. David Mappel weiß es wohl, und darum, darum erfüllte der Schurke die Verſpre⸗ chungen nicht, mit denen er mich erſt zur Fälſchung gekirrt hat.« „Alſo eine Fälſchung liegt vor?« fragte Jona⸗ than. 106 „Ja, eine Fälſchung, wie es nur je eine gegeben hat,“ entgegnete Seybel.„Schaffen Sie mir den Jo⸗ nathan Monkenwyk zur Stelle, bewegen Sie ihn, mir eine kleine Summe abzutreten, die eben nur hinreicht, mir Brod für meine alten Tage zu verſchaffen, und— ich lege ein vollſtändiges Bekenntniß ab.“ „Aber das wird Sie immer noch in Gefahr bringen?« „Nein, wenn Herr Monkenwyk mir Zeit läßt, nach Ablegung meines Geſtändniſſes aus Holland nach Frank⸗ reich zu fliehen. Dort bin ich ſicher.“ „»Doch würden Sie Ihre Ausſagen natürlich vor rechtsgelehrten Zeugen machen müſſen.“ „Das will ich! Das will ich! Ehe ſie mich faſſen können, bin ich nachher doch auf und davon.“ „Und welche Summe verlangen Sie zur Sicher⸗ ſtellung Ihrer Zukunft?« „Zweitauſend Dukaten! Nicht mehr! Es iſt nur der fünfte Theil deſſen, was mir David Mappel ver⸗ ſprach, als er mich dazu verlockte, falſche Dokumente zu ſchmieden, aber ich will damit zufrieden ſein, wenn nur dieſen Mappel ſeine Strafe ereilt. Er hat mich betrogen, nicht einen Heller hat er mir ausgezahlt, und als ich ihm drohte, hat er mich hohnlachend aus ſeinem Hauſe werfen laſſen! Er wußte wohl, daß ich nichts verrathen durfte, ohne mich ſelbſt zu gefährden, und darum wagte er Alles! Aber ſchaffen Sie mir Jona⸗ than Monkenwyk, und Mappel ſoll doch noch vor mir zittern.“ 4 „»Nun denn, Mynheer Seybel, ſehen Sie mich recht genau an,«— ſagte Jonathan jetzt, und richtete ſich hoch auf vor dem erſtaunten Manne,—„ich ſelbſt bin Jonathan Monkenwyk!« 107 Seybel ſprang in die Höhe, wie wenn ein Blitz neben ihm niedergefahren wäre. 4 „Ah, Sie betrügen mich alſo, wie Mappel!“ ſchrie er erſchrocken.„Sie locken mich hierher, um mir vor einem Zeugen meine Geheimniſſe abzufragen, und mich in's Verderben zu ſtuͤrzen. Aber es ſoll Ihnen nichts nützen! Ich habe nur geſcherzt! Alles iſt erlogen! Ich habe nichts geſagt!“ „Peter, zweitauſend Dukaten! Schnell!« ſagte Jo⸗ nathan, um dem Notar zu zeigen, daß er ihm keines⸗ wegs eine Falle geſtellt habe.„Hier, Herr Notar,“ fuhr er dann fort, indem er ihm die Dukatenrollen zu⸗ ſchob.„Ueberzeugen Sie ſich, daß ich keine Täuſchung beabſichtige. Und du, Peter, hole die berühmteſten Rechtsgelehrten von Amſterdam herbei. Ich zweifle nicht, daß Mynheer Seybel jetzt in ihrer Gegenwart ſeine Geſtändniſſe wird wiederholen wollen.“ Verdutzt ſchaute der Notar ihn an. Endlich ſprach er.„Ich habe es geſagt und ich will es halten! Aber, Mynheer Monkenwyk, Sie kennen die zweite Bedin⸗ gung: Ungehinderte Flucht nach Frankreich!« „Ich habe dieſe Bedingung nicht vergeſſen. Peter, man ſoll einen Courierwagen beſtellen, und ihn an der Hinterthür des Gaſthauſes bereit halten. Ihre Reiſe⸗ koſten, Herr Notar, beſtreite ich, und zahle Ihnen nach vollſtändig abgelegten Geſtändniſſen noch tauſend Du⸗ katen aus. Sind Sie nun zufrieden?« „Ich bin es, Mynheer! Und damit Sie ſich über⸗ zeugen, daß ich es bin,— nehmen Sie dieſen Zettel, die Namen der drei erſten Rechtsgelehrten Amſterdams ſind darauf verzeichnet.“““ „Nimm den Zettel, Peter,“ ſagte Jonathan,„und« ** 108 fügte er leiſe hinzu,„frage den Wirth, ob die Namen gut ſind. Man darf einem Schurken nicht zu viel trauen, auch wenn er ehrlich zu ſein verſpricht. Ver⸗ ſtehſt du? Alſo eine Poſtchaiſe und die Rechtsge⸗ lehrten!« 3 Peter verſchwand. »Und jetzt, Mynheer,“ nahm Seybel das Wort, „geben Sie mir Papier und Feder. Ich werde unver⸗ züglich meine Enthüllungen niederſchreiben, und Sie ſo überzeugen, daß ich Ihnen gegenüber mein Wort halten will. Ich war ein Schurke gegen Sie, jetzt will ich mein Vergehen wieder gut zu machen ſuchen.“ Jgonathan reichte ihm das Verlangte, und der Notar ſchrieb eifrig und ohne Unterbrechung, bis Peter nach etwa einer Stunde mit den Rechtsgelehrten zurückkehrte. Jonathan erklärte ihnen, um was es ſich handelte, und ſie zeigten ſich augenblicklich bereit, ihm zur vollſtaͤndi⸗ gen Entlarvung des David Mappel behülflich zu ſein. Mittlerweile ſchrieb Seybel ſeine Geſtändniſſe fertig, und reichte ſie Einem der Rechtsgelehrten hin, welcher ſie laut vorlas. Sie waren genau, umfaſſend, klar, deutlich und beſtimmt. Seybel hatte jedes einzelne Dokument nahmhaft gemacht, welches gefälſcht worden war, und das Bekenntniß abgelegt, daß dieſe ſämmt⸗ lichen Papiere erſt nach dem Tode des alten Herrn Monkenwyk angefertigt, mit falſchem Datum und fal⸗ ſchen Unterſchriften verſehen, alſo vollkommen ungültig und betrügeriſch ſeien. »Dieſes Bekenntniß genügt, den David Mappel als notoriſchen Betrüger vollſtändig zu entlarven,“ ſagte der Aelteſte von den Rechtsgelehrten, nachdem die Schrift langſam und laut vorgeleſen war.„Er muß nicht nur * 109 das ſämmtliche Eigenthum des verſtorbenen Herrn Mon⸗ kenwyk an deſſen Sohn zurückerſtatten, ſondern auch einen Schadenerſatz leiſten, der ohne Zweifel weit über ſeine Mittel und Kräfte geht. Außerdem befindet er ſich gänzlich in Ihrer Gewalt, Mynheer Jonathan Monkenwyk. Sie können ihn auf Grund dieſes Be⸗ kenntniſſes hin ſofort und in jedem Augenblicke verhaften laſſen. Ebenſo aber auch dieſen Herrn Seybel, welcher der Helfershelfer bei der ganzen ſauberen Geſchichte geweſen iſt.“ „Nicht ihn, ich habe ihm Strafloſigkeit und Freiheit verſprochen,“ entgegnete Jonathan.»Aber vorläufig nichts davon. Wollen die Herren nun die Güte haben, die Ausſagen des Notar Seybel zu beglaubigen.“ „Beglaubigen und beſtegeln,“ erwiederten ſie, und gingen an's Werk. Jonathan ſteckte indeſſen dem No⸗ tar noch ein drittes Tauſend holländiſche Dukaten zu, und gab ihm einen Wink, ſich leiſe und hurtig davon zu machen. Seybel verſtand den Wink und verſchwand. Zwei Minuten ſpäter hörte man im Zimmer von der Straße her das Raſſeln eines Wagens, der im Galopp davon ſauste, und Jonathan lächelte zufrieden. „Hier das beglaubigte Dokument, Mynheer Mon⸗ kenwyk,« ſagte Einer von den Rechtsgelehrten.„Ich gratulire Ihnen dazu, denn Ihre Sache iſt ohne Wider⸗ rede dem ſauberen Mappel gegenüber vollſtändig ge⸗ wonnen. Aber noch Eins: faſt erlaubt mir mein Ge⸗ wiſſen nicht, den Notar Seybel frei ausgehen zu laſſen. Er hat wie ein Schurke gehandelt und muß beſtraft werden. Wo iſt er?«. „In einem vierſpännigen Courierwagen auf dem Wege nach der Gränze, Mynheer,“ entgegnete Jonathan. 8 110 „Er hat gut gemacht, ſo viel er konnte,— laſſen wir ihn laufen. Ich für mein Theil verzeihe ihm, was er mir Böſes zugefügt hat.“. Ddie drei gelehrten Herren gaben ſich, da nun ein⸗ mal der Vogel doch davon geflogen war, ebenfalls zu⸗ frieden, und verabſchiedeten ſich, nachdem Jonathan ſie für ihre Mühe reichlich entſchädigt hatte, mit tiefen, höflichen Verbeugungen. Jonathan aber, das wichtige Dokument mit triumphirendem Blicke emporhebend, ſagte: „Jetzt, Peter, freue ich mich auf nächſtes Weihnachten! Das wird ein Feſt werden, wie ich es noch nimmer erlebt: ein Feſt der Vergeltung des Guten und Böſen! Und nun, Peter, laß uns weiter von dieſem Feſte ſprechen!“ Sie ſprachen lange, und der Abend dunkelte ſchon mächtig herein, bevor ſie endlich ihre Unterredung abbrachen, die für Beide von höchſtem Intereſſe ge⸗ weſen war.* Achtes Kapitel. Noch ein letztes Weihnachten! Um die vierte Stunde des vierundzwanzigſten Decem⸗ ber des Jahres 18 ¼, ſaßen in einem kleinen Häuschen der entlegenſten Vorſtadt von Amſterdam ein alter Mann und eine alte Frau, Beide aber noch rüſtig und geſund, . in einem kleinen, kleinen Laden von der ärmlichſten Art einander gegenüber, den Ladentiſch zwiſchen ſich, und 4 111 blickten einander mit trüben und niedergeſchlagenen Ge⸗ ſichtern an. Die Dämmerung warf ſchon ihre Schatten durch die kleinen Scheiben des Ladenfenſters, Schatten, welche ſehr raſch zu völliger Dunkelheit überzugehen drohten, da das Fenſter zu einem großen Theile mit verſchiedenen Gegenſtänden beſetzt und behangen war, welche ſogar das Tageslicht nur mühſam eindringen ließen. Tabackspäckchen, Schnüre, Stiefelwichsbüchschen, Schwefelhölzer und Anderes mehr ſtand und hing da umher, um Käufer anzulocken, welche in dieſer armen und entlegenen Vorſtadt wohl nicht ſehr häufig ſein mochten. Während des ganzen Nachmittags wenigſtens hatte ſich die Ladenklingel hochſtens nur vier oder fünf Mal hören laſſen, und ſeit einer vollen halben Stunde war die Thür auch nicht ein einziges Mal mehr ge⸗ öffnet worden. „Wie wär's, Mynheer?“ unterbrach die Frau end⸗ lich das Stillſchweigen, welches ſchon eine gute Weile unter den Beiden geherrſcht hatte.„Soll ich nicht die Lampe anzünden?« „Die Lampe, Jungfrau Crabetje?“ erwiederte der Mann.„Und wozu? Für die Kunden vielleicht, die doch nicht kommen, ſo ſehnſüchtig wir ihrer auch harren? Nein, nein, Jungfrau Crabetje, unſer Oel können wir ſparen!“ Ddiie gute Alte ſeufzte ſchwer.„Ein trauriges Weih⸗ nachten, Mynheer Vanderhaan!“ ſagte ſie.„So traurig, wie ich's noch und nimmer in meinem Leben gefeiert habe. Wenn ich da an die alten Zeiten denke, als Mynheer Monkenwyk noch lebte! Damals Alles Licht, Freude und Jubel, und heute— nicht einmal ein Oel⸗ Lämpchen, um unſere Armuth zu beleuchten!« »Das iſt wahr, Jungfrau Crabetje,“ entgegnete der ehemalige Schreiber des Mynheer Monkenwyk. „Wir können nicht in Wohlleben ſchwelgen, wie David Mappel und Compagnie. Aber ich möoͤchte doch nicht mit ihnen tauſchen, Jungfrau Crabetje. Ein gutes Gewiſſen am heiligem Weihnachtsabende läßt ſich mit aller Welt Schätzen nicht bezahlen.“ »„Ganz gut, Mynheer Vanderhaan. Jenen fehlt das gute Gewiſſen, aber uns fehlt doch auch ſo Manches.“ »So ziemlich Alles, Crabetje! Unſer Handel geht ſchlecht, und bringt nicht mehr das trockene Brod ein. Hm! Am Ende werde ich doch an Mynheer Beukelger ſchreiben müſſen, damit wir nicht verhungern, Crabetje. Wer weiß, vielleicht kann er uns auch Nachricht von Jonathan geben, von unſerem jungen Herrn.“ Crabetje ſeufzte wieder.„Ach, wo mag der ſein!“ ſagte ſte.„Verſchwunden und verſchollen, vielleicht in fernen Landen unbekannt am gelben Fieber geſtorben. Sprachen Sie nicht einmal davon, Mynheer Vander⸗ haan, daß in Surinam das gelbe Fieber viele, viele Menſchen wegrafft?« „Wohl wahr, Crabetje, Viele, doch nicht Alle! Mynheer Jonathan braucht nicht gerade unter den Vielen zu ſein. Ich kann immer noch die Hoffnung nicht aufgeben, daß wir ihn einmal wiederſehen, Crabetje.“ „Im Himmel vielleicht,“ erwiederte ſie traurig. „Aber jetzt iſt's ganz dunkel, Mynheer. Wirklich, ich muß die Lampe anzuͤnden.“ „So zünden Sie an, in Gottes Namen, Crabetje, obgleich ich überzeugt bin, daß auch der Lampenſchein keine Käufer herführt.« 4 113 »Ei, wer weiß?« entgegnete ſie, indem ſie ein Schwefelhölzchen in Brand ſetzte und dem Dochte der Lampe näherte.„Horchen Sie doch! Ein Wagen! Ich höre ſein Rollen aus der Ferne, und er nähert ſich unſerem Hauſe.“ »Ja, ja, um dann vorüber zu fahren,“ antwortete Vanderhaan mit ſchmerzlichem Lächeln.„Für uns gibt es keine Wagen in der Welt, Crabetje, als unſere Laden⸗Wagen, die leider auch wenig genug gebraucht werden. Da iſt der Wagen, Crabetje, und da fährt er vorüber!« »Nein, Mynheer Vanderhaan, er kehrt um, und wahrhaftig, da hält er— an unſerer Thür!“ rief Jungfrau Crabetje mit höchſt erſtauntem Geſicht.„Und da ſteigt Jemand aus, ein großer, ſtattlicher Herr! Geſchwind, Mynheer Vanderhaan, öffnen Sie doch die Thür!« Der alte Schreiber dachte nicht daran, dieſer Wei⸗ ſung zu gehorchen, denn er war über das Ereigniß, einen Wagen vor ſeinem ärmlichen Laden halten zu ſehen, viel zu beſtürzt und betroffen. Mittlerweile wurde die Thür von außen geöffnet, und der große, ſtattliche Herr, von dem Crabetje geſprochen, trat raſch in den Laden. 4 »Guten Abend, Mynheer Vanderhaan, guten Abend, Jungfrau Eliſe Crabetje, und fröhliche Weihnachten!« rief er dem beſtürzten Paar zu, indem er Beiden die Hand reichte.„Schnell! Hut aufgeſetzt, Mantel um⸗ gehangen! Ihr müßt hurtig mit in den Wagen ſteigen und mich begleiten!«“ »Wohin? Zu wem, Mynheer?« ſtammelte Vander⸗ haan ganz verwirrt. Weihnachten. 8 114 „Zu Jemand, der ſich darauf freuet, Euch zu ſehen, zu einem alten Freunde!“ „Pah! Wir haben keine Freunde!“ erwiederte der alte Schreiber.„Auch können wir den Laden nicht leer 3 ſtehen laſſen.“ „Warum nicht?« „Ei, weil Käufer kommen könnten!« „Käufer? Die werden anderswohin gehen müſſen. Uebrigens, was iſt Euer ganzer Kram werth? Schnell!« „Nun, ein fünf bis ſechs Dukaten doch wohl, nicht wahr, Crabetje?“ 4 „Hier ſind zehn, alter Herr Vanderhaan!“ rief der Fremde, die Geldſtücke aus der Taſche ziehend und auf den Tiſch werfend.„Jetzt iſt Euer ganzer Kram mein, und nun vorwärts!« „Aber, Mynheer, wer ſeid Ihr eigentlich?« fragte Vanderhaan ganz zitternd über eine ſolche Verſchwen⸗ 4 dung und Großmuth.. „Das findet ſich! Denkt, ich ſei der Knecht Ru⸗ precht, der umgeht, um große und kleine Kinder in den Sack zu ſtecken! Macht nur fort! Kommt!« „Ja, ja, kommen Sie nur, Mynheer Vanderhaan,“ ſprach jetzt Jungfrau Crabetje, welche den Fremden mittlerweile mit ſcharfem, durchdringendem Blicke ge⸗ muſtert hatte.„Kennen Sie denn unſeren Beſuch nicht wieder? Ei, mich täuſcht man nicht ſo leicht mit einem großen Barte und einem braunen Geſichte. Peter Hemskerk, ſein Sie willkommen, und Gott 5 ſegne Sie!« Peter!“ ſchrie Vanderhaan.„Peter Hemskerk, der Kutſcherſohn! Herr, mein Heiland, wär's möglich! Sind Sie's wirklich, Herr? Wirklich?« 115 »„Ja, ja, ja, der alte Peter, da Crabetije doch einmal mein albernes Geſicht erkannt hat,“ erwiederte er lachend.„Aber nun auch raſch! Es wartet Je⸗ mand auf uns!« „Barmherziger Gott, ich kann mir denken, wer!« rief Vanderhaan aus.„Crabetje, wo Peter iſt, da iſt auch Jonathan nicht weit!« „Es wird nichts verrathen,« entgegnete Peter lächelnd.„Nur vorwärts!« Sie ſträubten ſich nicht länger, ſondern eilten mit zitternder Haſt, einige Kleidungsſtücke überzuwerfen, und ſtiegen dann in den Wagen, der raſſelnd davon rollte. Am Gaſthauſe, das Jonathan bewohnte, hielt er an. Peter führte ſeine Gäſte in ein dunkles Zim⸗ mer.„Wartet hier einige Minuten!“ ſagte er und verſchwand. Vanderhaan und Crabetje ſanken ganz aufgeregt vor Erwartung auf ein Sopha, und Crabetje ſeufzte aus freudebeklommenem Herzen:„Ach, Herr, mein Heiland! Gerade heute zum lieben Weihnachts⸗ feſte ſolche Ueberraſchung! Wer hätte das noch vor einer Stunde gedacht, Mynheer Vanderhaan?“ Der alte Schreiber gab keine Antwort. Ihn hatte die Ueberraſchung völlig gelähmt und ſprachlos gemacht. Um dieſelbe Stunde, und vielleicht noch ein wenig früher, als der Wagen vor dem kleinen Laden in der Vorſtadt anfuhr, hielt ein zweiter Wagen vor dem ſtattlichen Hauſe auf dem Markte, welches vor Jahren Herrn Monkenwyk gehöͤrt, und in welchem Jonathan die erſten glücklichen Jahre ſeiner Jugend verlebt hatte. Zwei Männer ſtiegen aus, und verlangten unverzüglich zu Herrn David Mappel geführt zu werden, da ſie ein Geſchäft von der höchſten Wichtigkeit mit ihm abzumachen 116 hätten. Sie wurden angemeldet und vorgelaſſen. In dem Zimmer, welches ſie betraten, befanden ſich Herr David Mappel und ſein Neffe Philipp. „Sie wuͤnſchen mich in Geſchäften zu ſprechen?“ fragte der Erſtere.„Es müſſen ſehr wichtige Ange⸗ legenheiten ſein, die Sie ſo ſpät und am Weihnachts⸗ abende zu mir führen.“ „Sehr wichtige, Mynheer!“ erwiederte Einer von den Männern.„Und wir müſſen Sie ſogar erſuchen, uns zum Ordnen derſelben mit Ihrem Herrn Neffen zu folgen.“ „Zu folgen? Wohin?« „Zu dem Manne, der Abrechnung mit Ihnen hal⸗ ten will.« „»Unſinn!« rief Mynheer David Mappel ärgerlich aus.„Wo iſt der Menſch? Er mag zu mir kommen!« „Er wünſcht Ihre Gegenwart in ſeiner Wohnung! Folgen Sie uns dahin. Ein Wagen erwartet Sie an der Thür.“ »Nimmermehr!“ ſchrie Herr Mappel zornig.„Welche Unverſchämtheit!« „Sie wollen uns nicht folgen, Mynheer?« „Nein, und tauſend Mal nein!« „So müſſen Sie!“ entgegnete der Fremde nach⸗ drücklich und ſchlug ſeinen Mantel ein wenig zurück, ſo daß eine Uniform ſichtbar wurde.„Sie erkennen miich,“ fuhr er fort, als Mynheer Mappel mit beſtürz⸗ ter Miene zurückfuhr.„Ich bin der Polizei⸗Lieutenant hieſiger Stadt und dieſer da iſt mein Sergeant. Uebri⸗ gens iſt hier auch ein Verhafts⸗Befehl, der uns er⸗ mächtigt, Sie ſofort in's Staatsgefängniß abzuliefern. Werden Sie mir nun folgen?« — 117 „Ich folge,“ erwiederte Mynheer Mappel todtenblaß. „Aber auf weſſen Veranlaſſung iſt dieſer Befehl aus⸗ gefertigt?« „Sie werden es erfahren. Und jetzt— ich muß bitten.“. Bleich und zitternd folgten die beiden Mappel dem Polizei⸗Lieutenant und ſtiegen in den Wagen, welcher nach dem Gaſthofe, wo Jonathan logirte, abfuhr. Sie wurden, wie Vanderhaan und Crabetje, in ein dunkles Zimmer geführt und hier ihren eigenen Gedanken über⸗ laſſen. Der Polizei⸗Lieutenant verließ das Zimmer, ſchloß vorſichtig die Thür hinter ſich zu, und verfügte ſich in ein anderes, hell erleuchtetes Gemach, wo Jona⸗ than ſeine Ankunft erwartet zu haben ſchien. „Ah, ſie ſind da? Folgten ſie Ihnen ohne Wider⸗ ſtand?« „Ohne Widerſtand, obwohl natürlich höchſt ungern,“ antwortete der Polizei⸗Lieutenant. „Gleichviel, wenn ſie nur hier ſind!« erwiederte Jonathan.„Die Anderen müſſen auch gleich kommen. Da ſind ſie ſchon! Ich höre den Wagen! Richtig, er hält an.“ Zwei Minuten ſpäter trat Peter ein. „Nun?“« fragte Jonathan. „Alles in Ordnung!“ lautete die Antwort.„Aber täuſche Einer die alte Crabetje! Sie hat mich erkannt, Jonathan, und natürlich vermuthen nun ſie und Vander⸗ haan, dich zu finden.“ 3 „Es thut nichts, Peter! Eine Viertelſtunde früher oder ſpäter, erfahren mußten und ſollten ſie's ja doch. Alſo wir können die Beſcheerung anfangen? „Ich ſehe kein Hinderniß mehr..f 118 „Dann geſchwind. Wir wollen ſie nicht zu lange warten laſſen!“ Sie rückten einen großen Tiſch in die Mitte des Zimmers, breiteten ein weißes Tuch darüber, und Pe⸗ ter holte einen großmächtigen Zuckerbaum mit hundert Wachskerzen aus einem Nebenkabinete, den er auf den Tiſch ſtellte. Hierauf wurde die rechte und linke Seite des Tiſches mit verſchiedenen Gegenſtänden belegt; voll⸗ ſtändige Anzüge für Vanderhaan und Crabetje, eine Menge hübſcher Kleinigkeiten und zwei Käſtchen, die mit je hundert Dukaten gefüllt wurden, fielen am mei⸗ ſten in die Augen. Als Alles geordnet war, ſtellte Jonathan die brennende Lampe auf einen zweiten ſeit⸗ wärts ſtehenden Tiſch, auf welchem verſchiedene Schreib⸗ materialien lagen, und ſagte:„Wir ſind ſo weit. Laſſen Sie die Herren Mappel ein, Herr Polizei⸗Lieutenant.« Eine Nebenthüre wurde geöffnet, der Polizei⸗Lieute⸗ nant winkte, und die beiden Mappel traten in das Gemach, mit verſtörten und verwunderten Blicken ihre Umgebungen und die beiden Männer prüfend, welche ernſt und ſtreng an dem erwähnten Tiſche ſtanden. »Treten Sie hierher, meine Herren David und Philipp Mappel,“ ſprach Jonathan.„Erkennen Sie mich?“ »Jonathan Monkenwyk!« ſtammelte David Mappel todtenbleich, und mußte ſich an der Lehne eines Stuhles feühallen um nicht niederzuſinken, während Philipp iich nach einem Fluchtwege umſchaute, dabei aber dem ſcharfen Auge des Polizei⸗Lieutenants begegnete, der ihm zugleich verſtohlen den Kolben einer Piſtole zeigte. »„Ja, Jonathan Monkenwyk,“ ſagte Jonathan in ſtrengem Tone.„Das Auge der Furcht ſieht ſcharf, 5 119 wie ich bemerke. David Mappel, ich bin gekommen, Vergeltung zu üben und dir das ungerechte Gut zu nehmen, das du dir durch Betrug auf meine Koſten erſchlichen haſt.“ „Es iſt nicht wahr, ich läugne Alles!« ſchrie Mappel in Todesangſt, während ſeine bleiche Stirn von kalten Schweißtropfen bedeckt war. Jonathan lächelte verächtlich.„Sehen Sie dieß!“ ſagte er, und warf die Geſtändniſſe Seybel's vor ihn hin. David Mappel las, fiel vernichtet auf einen Stuhl, und ſtöhnte:„Ich bin verloren!“ „Ja, du biſt verloren, und völlig in meiner Ge⸗ walt,“ ſagte Jonathan.„Du erkennſt das und ſiehſt es ein?“ „Ich erkenne es! Gnade, Gnade, Mynheer Mon⸗ kenwyk!“ ſchrie Mappel jämmerlich, und ſank auf die Kniee nieder. 8 „Gnade? Und welche Gnade wurde mir zu Theil, als ich, ein Bettler, aus dem Hauſe meines Vaters geſtoßen, und von dieſem da, dieſem Philipp, verhöhnt und faſt gemißhandelt wurde?« „Gnade, Gnade, Herr!“ ſchrie auch Philipp und ſank mit flehend erhobenen Händen vor Jonathan auf die Kniee, wie ſein Oheim. „Genug! Stehen Sie auf!“ ſagte Jonathan.„Unter⸗ zeichnen Sie dieſe Papiere, Mynheer Mappel. Hier das Eingeſtändiß Ihres Verbrechens! Hier die Rück⸗ Erſtattung meines mir geſtohlenen Eigenthums! Hier — ſchreiben Sie!“ 1 David Mappel erhob ſich zitternd, und ſetzte mit zitternder Hand ſeinen Namen unter die Dokumente. 120 „Nun bin ich ein Bettler,“ murmelte er, als es ge⸗ ſchehen war. „Sie ſind noch weniger, als ein Bettler,“ entgeg⸗ nete Jonathan mit Strenge.„Sie ſind mir noch Rechen⸗ ſchaft ſchuldig über die Summen, die Sie vom Ertrage des Geſchäftes während zwölf Jahren zu Ihrem Nutzen und Vortheile verwendeten. Doch davon ſpäter. Bleiben Sie ſtehen! Peter, zünde die Lichter an dem Baume an, und dann rufe die Anderen. Ihre Freude ſei denen da eine Strafe mehr!“ Peter gehorchte. Der Weihnachtsbaum goß einen Strom von Licht über das Gemach aus, und nun öff⸗ nete Peter hurtig die Thür eines zweiten Nebenzimmers. „Vanderhaan! Crabetje! Kommt!“ rief er mit lauter Stimme, und Beide kamen mit einer Haſt und Schnelle, als ob ſie noch Kinder wären, denen eine Weihnachtsbeſcheerung zu Theil werden ſoll. Aber ſie hatten nicht Augen für den Weihnachtsbaum und den Tiſch; nur Jonathan ſuchten ihre Blicke, und mit einem Aufſchrei des Entzückens fielen ſie ihm um den Hals, als ſie ihn mit raſchem, ſicherem Blicke aus den Uebri⸗ gen herausgefunden hatten. „Ich merke, auch das Auge treuer Anhänglichkeit und Liebe ſieht ſcharf!« ſagte Jonathan lächelnd, indem er die Liebkoſungen ſeiner alten Freunde erwiederte. „Aber hier, Vanderhaan! Hier, gute Crabetje! Seht ihr denn nicht, daß es eine Weihnachtsbeſcheerung für euch gibt?« Sie ſahen wohl, aber ſie wollten noch nicht ſehen, wollten nichts ſehen, als ihren lieben jungen Herrn, der ſo friſch und blühend vor ihnen ſtand. Auf die beiden Mappel mit ihren Armen⸗Sünder⸗Geſichtern 121 warfen ſie wohl auch einen erſtaunten, verſtohlenen Blick, aber in der nächſten Sekunde waren Jene wieder vergeſſen, und ihre Augen hingen wieder an Jonathan, bis dieſer zuletzt ernſtlich darauf drang, daß ſie nun auch die Beſcheerung in Augenſchein nehmen müßten, die ihnen zugedacht war. Es geſchah endlich, und nun gab es wieder Ausrufe des Erſtaunens und des Ent⸗ zuckens über die herrlichen Sachen und die vielen, vielen Geſchenke, und Beide meinten endlich, es ſei ja wirklich viel zu viel, und Jonathan wolle ſich gewiß nur einen Spaß mit ſeinen alten Dienern machen. „Ja, einen Spaß, einen guten, prächtigen Spaß, ihr treuen Seelen!“ ſagte Jonathan.„»Und da iſt auch noch etwas, Vanderhaan! Und auch für dich, Crabetje!“ Er reichte jedem ein Papier hin. Als ſie es laſen, zitterten Beide vor Freude, und warfen einen zweiten Blick auf die Mappel, die auch zitterten, aber vor Angſt, Furcht, und vielleicht auch wohl Neid. „Was?« ſchrie Vanderhaan.„Ich erſter Buch⸗ halter bei Monkenwyk Sohn und Compagnie?« „Und ich Oberhaushälterin bei Monkenwyk Sohn!« ſchrie die alte Crabetje.„Träume ich denn? Die alten Tage ſollen wiederkehren, die alten Tage im Hauſe der Monkenwyk?« „In demſelben Hauſe, gute Crabetje,“ entgegnete Jonathan.„Mynheer Mappel hat die Güte gehabt, mir das ganze Erbe meines Vaters zurück zu erſtatten.“ „Ah!« ſagte Vanderhaan.„Ah, ich verſtehe! Die Sonne hat Alles an's Licht gebracht! Gott ſegne Sie, lieber, guter Herr! Und hier meine Hand, der alte 122 Vanderhaan will Ihnen bis an ſein Lebensende ein treuer Diener ſein!“ „Und die alte Crabetje eine treue Wirthſchafterin!« ſprach die gute Lieſe mit freudeſtrahlendem Blick.„Glück und Segen auf immer von Oben für das neu erſtan⸗ dene Haus Monkenwyk!« Ja das war eine Freude für die alten wackeren treuen Seelen, eine Freude, wie ſie ſie nimmermehr zu erleben gehofft hatten. Aber auch dieſer Freudentaumel mußte ſich endlich ſänftigen, und Peter zuerſt dachte wieder der beiden Mappel, die duͤſter und vernichtet von Scham im dunkelſten Winkel des Gemaches ſtan⸗ den, ihre Augen nicht vom Boden erhoben, und ach! nicht fröhlich ſein konnten mit den Fröh⸗ lichen. »Was ſoll werden mit ihnen, Jonathan?« fragte Peter.„Du wirſt deine Rache nicht auf's Aeußerſte treiben? Nicht an dieſem Abende wenigſtens, Jona⸗ than! Bedenke, es iſt der Weihnachts⸗Abend.“ Jonathan lächelte mild.„»Peter,“ ſagte er,„meinſt du wirklich, ich könne Rache üben an dieſem Abende, nachdem ich mein Herz und meine Seele erquickt habe an der Freude guter Menſchen? Nein, Peter, es ſei ihnen verziehen, denn ich wollte ja nur Vergeltung! Geht!“ wandte er ſich an die beiden Mappel.„Geht! Ihr ſeid frei, und ich fordere von Euch keine Rechen⸗ ſchaft weiter. Entfernt Euch— und Friede ſei mit Euch« »Oh, der gute Jonathan!“ rief der alte Vander⸗ haan aus.„Er ſpricht wie der Engel des Herrn, der da kam in der Nacht des Heils: ‚Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! 12³ Denn Euch iſt der Heiland geboren, welcher iſt Chriſtus der Herr, in der Stadt David's. Ehre ſei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menſchen ein Wohlgefallen!“« „Amen!« ſagte Peter, und die Mappel ſchlichen demüthig davon. Wie lange aber noch Jonathan und Peter, und der alte Vanderhaan und Crabetje in Glück und Freuden an jenem herrlichen Weihnachten beiſammen waren, und mit einander plauderten von alten und neuen Zeiten, das habe ich nicht erfahren können. Doch das ſagten ſie Alle noch lange Zeit nachher, daß ein ſchöneres Weihnachten gewiß nimmer und nimmer noch geweſen ſei, als jenes geſegnete Weihnachten am Abend der Vergeltung des Guten und Böſen.— 8 — 8 2 — S 5 8 8 — Se . = 5 5 ☛ — Z 8 ſſfffffminnfffffffffff äanwunuuuwrEEEErRRMVEÜVuxux 8 10 13 14 15 16 17 8