Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 7 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 — für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4—————— Bucher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 9-.„=„„„ 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus jeneeiie Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ₰ Der Tugenden Vergeltung. Erzählung für Kinder 3 von 1 5 Franz Hoffmann. 3 — Mit 4 Stahlſtichen. 9Ss Stuttgart. Schmidt& Spring. Erltes Kapitel. Eine Köhlerfamilie. .O—— Tief in einem romantiſch wilden Gebirge, abſeits von allen gebahnten Straßen, mitten in einem Keſſel von Bergen, deren Gipfel von breitäſtigen Eichen und Buchen gekrönt wurden, lag das Dörfchen Bir⸗ kenrode. Der größte Theil der Einwohner nährte ſich vom Ertrage des Kohlenbrennens; und wer ſich daher dem Dorfe näherte, ſah in ſtundenweiter Ent⸗ fernung um daſſelbe her mächtige Rauchwolken un⸗ aufhörlich in die Höhe ſteigen, die von den brennen⸗ den Meilern verurſacht wurden, welche aller Orten im Walde aufgebaut waren. Der geſchickteſten Kohlenbrenner Einer war brand, ein munterer, immer fröhlicher alter und der reichſte Mann im ganzen Dorfe. J heiter und vergnügt, ging er ſingend und jd Der Tug. Vergeltung. 1 zur Arbeit hinaus in die Wildniß, ſingend und jo⸗ delnd kehrte er wieder heim. Er war an eine gute ſanfte Frau verheirathet, die daheim, während er im Walde umherrumorte, die Wirthſchaft führte, und drei wilde Knaben, Willebrands Söhnlein, im Zaume zu halten verſuchte, ſo weit ihre Kräfte reich⸗ ten. Ihre Kraͤfte reichten aber nicht weit, und die drei Knaben waren im ganzen Dorfe als die wil⸗ deſten und unbändigſten Buben bekannt. Keiner ihrer kleinen Kameraden war ſo muthig und kraft⸗ voll als ſie, keiner vermochte ſo ſchnell zu laufen, ſo geſchickt im nahen Forellenbache zu ſchwimmen, ſo rüſtig die Bäume zu erklettern und die Neſter der ſchädlichen Raubvögel auszunehmen, als die drei Jungen des Köhlers Willebrand. Keiner aber zerriß auch mehr Kleider, oder hatte häͤufiger Wunden an Geſicht, Händen und an allen andern Theilen des Körpers, als die„drei Rangen,“ wie ſie mehr ſcherz⸗ haft als boshaft im ganzen Dorfe genannt wurden, und die Mutter hatte immer ihre liebe Noth mit nen. Trotz ihrer unbändigen Wildheit waren die ben aber doch im Dorfe beliebt; denn wenn ſie zuweilen dumme Streiche machten, und wohl hie und da ein zimperliches Mutterſöhnchen, das tig war, nach Kräften abwalkten, ſo waren ſie —-— hielten Angeln in den Händen, und fing 3 doch auch in anderer Hinſicht wieder ſo willig und gefällig, wie es die beſt erzogenen Kinder nur immer ſein können. Wenn ein Nachbar zu Wolf, dem äl⸗ teſten, ſagte:„Höre, Wolf, ich muß über Nacht verreiſen, bewache indeß mein krankes Kind und mein Haus,“ ſo ging Wolf in des Nachbars Haus, und that gewiß die ganze Nacht kein Auge zu, wenn er einmal verſprochen hatte, zu wachen. Und er ver⸗ ſprach's immer, wenn er darum, oder um etwas An⸗ deres, was es auch ſein mogte, gebeten wurde. Wenn des andern Tages der Nachbar dann den Töffel herbeirief, und ſagte:„Töffel, da iſt mir doch recht was Unangenehmes paſſirt, ich habe meine Axt, oder dieß und jenes, im Walde liegen laſſen, und kann nicht fort, es zu holen;“ ſo fragte Töffel nur nach der Stelle, wo das Vergeſſene zu finden ſei, und ſprang dann friſch und munter in den Wald hinein, und ruhete nicht eher, als bis er des Nach⸗ bars Vergeßlichkeit gut gemacht hatte.— Und ſo wie Wolf und Töffel machte es akkurat auch Hans, der jüngſte der drei Brüder. Der älteſte Range war eben zwölf, und die bei⸗ den andern eilf und zehn Jahr alt, da ſaß 1 ſie ei⸗ nes Morgens in aller Früh an dem For bac Waſſer zog, und ſie in den bereit ſtehenden Eimer warf, theilte ſich das Gebüſch, Fußtritte wurden laut, und ein ſtarker, großer Mann kam herangeſchritten. Er trug eine mächtige Axt und eine Säge auf der Schulter. Ein leinener, rußiger Kittel, der in der Mitte des Leibes von einem breiten Gürtel zuſammen gehalten wurde, weite Beinkleider von demſelben gro⸗ ben Stoffe, und ein Paar tüchtige, klappernde Holz⸗ ſchuhe machten ſeine Bekleidung aus. Sein Geſicht, obwohl nicht gerade hübſch, denn der Mann war — hon alt, machte doch einen gefälligen Eindruck. Es zeugte von Gemüthlichkeit und heiterem Sinn. Als er nicht weit mehr von den angelnden Knaben entfernt war, rief er mit lauter, kraftvoller Stimme: „He, ihr Buben, macht euch auf und folgt mir zur Arbeit. Ihr habt nun lange genug gefaullenzt, und es iſt Zeit, daß ihr das Handwerk lernt, und durch eigene Kraft euer Brod verdient. Werft die Angeln bei Seite und folgt mir.“ „Ei, Vater,“« rief Wolf, der Aelteſte der drei Knaben, und ſchaute den Alten ganz gemüthlich an, ohne ſich zu rühren,„ei, Bater, heute wird daraus woohl nichts werden können. Wir haben einmal an⸗ gefangen, Forellen zu fangen, und da ſiehſt du wohl, Gerade, als Wolf eine herrliche Forelle aus dem 1 1 5 können wir ſo leicht nicht aufhören. Morgen wollen wir mit, wenn du es haben willſt. Aber heute kannſt H du uns immer noch in Frieden laſſen, wenn du zum Abend ein Gericht Fiſche eſſen willſt. Schau⸗ was wir ſchon gefangen haben.“ Der Köhler Willebrand ſah in den Eimer Hineig, und zäylte vier köſtliche Forellen, deren jede ihm den Mund wäſſerig machte. Er lächeite gutmüthig.„Na, Buben,“ ſagte er dann,„weil ihr denn heute gerade ſo recht im Zuge ſeid, ſo mögt ihr meinetwegen noch einen Tag faullenzen, aber morgen geht's an die Ar⸗ beit, hinaus in den Wald. Haltet euch alſo fertig, wenn ich nicht mit dem Schürbaum über euch kom⸗ men ſoll.“ Und mit dieſen Worten kehrte er um, und ging gewaltigen Schrittes durch den Forſt dahin. Die Knaben aber angelten fort Lis um Mittag. Da aber mußten ſie aufhören; denn ſie hatten erſtens einmal genug der bunt gefleckten leckeren Fiſche gefangen, zweitens knurrte ihr Magen vor Hunger, und drit⸗ tens mußten ſie dem Vater das Mittagseſſen in den Wald hinaustragen. So packten ſie denn ihr An⸗ gelzeug zuſammen, nahmen den wohlgefüllten Eimer auf, und gingen ſingend und pfeifend, u ſehr wohlgemuth nach Hauſe. —— 6 6 „S iſt gut, daß ihr kommt,“ rief ihnen die Mut⸗ ter entgegen.„Eben wollt' ich euch holen. Das Eſſen iſt gahr und der Tiſch iſt gedeckt. Sättigt euch und dann macht, daß ihr zum Vater hinaus kommt.“ Die Knaben reichten der Mutter vor allen Dingen ihre Forellen hin, die mit ſehr wohlgefälligem Lä⸗ cheln aufgenommen wurden. Dann ſchritten ſie in die Stube hinein, ſtellten ſich um den Tiſch, auf dem in einer großen irdenen Schüſſel eine ſchmackhafte Kartoffelſuppe dampfte, falteten die Hände, beteten ein kurzes, frommes Gebetlein, und ſetzten ſich dann nieder, das einfache, aber geſunde Mahl zu verzehren. Bald waren ſie geſättigt, und nahmen nun einen großen Henkeltopf in Empfang, um ihn dem Vater Willebrand in den Wald hinaus zu tra⸗ gen, damit er ſich nach der ſchweren Arbeit an ſeinem Inhalte erlaben könne.. Sie wußten ſchon, daß der Vater da zu finden war, wo die Meiler am ſtärkſten dampften, weil ſie am größeſten gebaut waren, und hatten ihn daher bald aufgefunden. Er arbeitete noch rüſtig, warf feuchte Erde auf die Meiler, behieb große Holzſcheite, um aus ihnen einen neuen Bau aufzuführen, und rührte ſich ſo wacker, daß ihm die hellen Schweiß⸗ tropfen über das Angeſicht rieſelten. Bei alledem war er vergnügt und luſtig, wie immer, und ſchmun⸗ zelte recht freundlich, als er ſeine drei Jungens mit dem Henkeltopfe heran kommen ſah. Noch einen Blick warf er auf ſeine Holzſtöße, überzeugte ſich, daß Alles in Ordnung und keine Gefahr zu fürchten ſei, und warf ſich dann lang hin unter eine breit⸗ äſtige Eiche auf das Waldmoos, um im kühlen Schatten der Ruhe zu pflegen und ſein Mittagsbrod zu verzehren. „Na, Buben,“ rief er, jihr ſe id heute lange ge⸗ nug ausgeblieben! Aber es ſchadet nichts! Je größer der Hunger, deſto beſſer der Appetit. Zeigt einmal her, was ihr Schönes im Topfe habt.“ Die Knaben reichten den Henkeltopf hin ,deſſen Inhalt der Alte mit einem prüfenden Blicke er⸗ forſchte. „Seht, Kartoffelſuppe! Die ſoll ſchmecken. Holt „-mal Teller und Löffel her. Sie liegen dort in der kleinen Hütte. Macht ſchnell; ich kann doch die Suppe nicht aus dem Henkeltopfe trinken.“ Wie drei Kobolde ſchoſſen die Buben davon, und liefen um die Wette. Jeder von ihnen wollte den Triumph haben, dem Vater, den ſie von Herzen liebten, das Verlangte zu bringen. 4 Wolf hatte die längſten Beine, und 8 faul war, ſie in die ſchnellſte Bewegung zu ſetzen, ſo kam er natürlich zuerſt an der Hütte an, und langte Teller und Löffel hervor. Jubelnd kehrte er um, und hob die Geräthe gleich Siegeszeichen in die Höhe. Der alte Willebrand mußte recht lachen, als er die verdrießlichen Geſichter ſeiner beiden jüngſten Knaben ſah, und tröſtete ſie gutmüthig. »Gebt euch zufrieden,“ ſagte er.„Der Wolf muß ſchon ein Bischen voraus haben vor euch, weil er der älteſte und größte Schlingel von euch iſt. Setzt euch nun um mich herum, und während ich eſſe, erzählt mir, was die Mutter daheim macht, und wie viele Forellen ihr gefangen habt.“ Die Knaben gehorchten, und hatten ihren Bericht bald abgeſtattet. Mittlerweile ſchöpfte der Alte die Kartoffelſuppe in den Teller, und heß es ſich wohl ſein. »'S iſt doch eine Luſt,“ ſagte er,„wenn man ſo den Tag über fleißig geweſen iſt, und dann in Ruhe ſein bischen Eſſen verzehren kann. Seht, Buben, da draußen hinter den Bergen in der Welt, da leben Leute, die haben ſo unmenſchlich viel Geld, daß ſie jahraus jahrein nichts zu thun brauchen, und an⸗ dere Leute für ſich arbeiten laſſen. Des Morgens, wenn ſie aufgeſtanden ſind, iſt ihr Frühſtück ſchon 6 2— 3 — — 9 zurecht gemacht. Sie trinken Kaffee mit Zucker und Sahne, oder Thee, oder Chocolade, und eſſen auch wohl feines, ſüßes Gebäck dazu. Dann ziehen ſie ſich langſam und gemächlich an, machen vielleicht ei⸗ nen Spaziergang, reiten aus auf prächtigen Pferden, oder fahren in koſtbaren Staatskaroſſen. Dann ge⸗ hen ſie wieder nach Hauſe, und ſchmauſen ein Ga⸗ belfrühſtück, wie ſie's nennen, wobei es denn nicht an Delikateſſen fehlt. Da gibt's kalten Braten und Auſtern und Capiar und antes Leckerbiſſen, und obendrein auch noch ein gut Gläschen Wein. Denn das darf bei Leibe nicht fehlen. Wenn ſie das Ga⸗ belfrühſtück genoſſen haben, dann ſchlagen ſie wieder mit Nichtsthun und Faullenzerei die Zeit todt, bis das liebe Mittagseſſen dran kommt. War das Früh⸗ ſtück gut, ſo iſt das Mittagsbrod ein ganz Theil beſſer. Was es dabei alle für Gerichte gibt, läßt ſich gar nicht herzählen. Manchmal haben ſie ſechs, acht und noch mehr verſchiedene Schüſſeln, und alle ſind wohl zubereitet, und es fehlt weder Speck noch Butter dran, das könnt ihr glauben. Wenn ſie nun das Mittagseſſen auch genoſſen haben, ſo faullenzen ſie wieder, bis das Abendbrod kommt, und dann Faullenzen ſie zum Beſchluß noch ein bischen. Sie thun zwar ungeheuer geſchäftig, und meinen, alle —— —— —— — 10 die vielen Vergnügungen, die Bälle und Viſiten und Geſellſchaften, die ſie mitmachen, wären eine ſchwere Arbeit,'s iſt aber nicht wahr. Was Arbeit iſt, ken⸗ nen die Leute gar nicht, ſondern ſie leben immer flott in die Welt hinein, und ſorgen mein Lebtage nicht um die Zukunft. Na, und was meint ihr nun wohl, wer beſſer dran iſt: die großen Herrſchaften draußen in der Welt mit all' ihren Leckereien, oder ich mit meiner Kartoffelſuppe?, He? wem ſchmeckt's wohl am beſten: den; de. Rths »Na, Vatet,t ſagte Wolf,„ iſt das wohl für eine Frage! Braten und Paſteten müſſen doch wohl beſſer ſchmecken, als unſere Mehlſuppen und unſer Hirſebkei. Das verſteht ſich doch wohl am Rande.« »Fehlgeſchoſſen, mein Söhnchen! Fehlgeſchoſſen! Kannſt mir anbieten, ich ſoll mit den Leuten da tau⸗ ſchen, ich thu's nicht. Ich ſage dir nur ſo viel: Erſtens ſind die Leute an ihre Leckereien von Jugend auf gewöhnt, und wiſſen gar nicht, wie ſchön ein richtiger, wohl geſchmelzter Kartoffelbrei ſchmeckt, ij zweitens eſſen ſie immer, ohne daß ſie Hunger aben. Und Hunger, Jungens, Hunger iſt der beſte und brave Arbeit, das iſt das b ſte Gewürz. r wohl, wo ſollen denn die Leute den Hunger en, wenn ſie nichts thun? Die eſſen da ihre 11 Leckerbiſſen hinein ohne allen Appetit; aber ich, hier im friſchen grünen Walde, in der lieben freien Got⸗ tesnatur, ich weiß, was es heißt, mit Appetit ſpei⸗ ſen! Ich habe mein Lebtage noch immer zur Eſſens⸗ zeit einen regulären Löwenhunger gehabt. Das macht die Arbeit! Merkt's euch, damit ihr ſpäterhin, wenn ihr je einmal in eine große Stadt kommen ſolltet, nicht neidiſch und falſch werdet, wenn ihr die reichen Leute praſſen und ſchlemmen ſeht. Ihr habt nicht iden, a 4 haben's Urſache, d nun iſt d kopf leer, und Urſache, jene zu euch zu beneiden. ihr könnt ihn wieder nach Hauſe tragen. Da, nehmt ihn hin, und gebt Acht, daß ihr ihn nicht unterwegs entzwei werft.“* 3 8 „Adieu, Vater!“ riefen die Knaben und trollten ab. Der alte Willebrand aber ging wieder an die Arbeit, und ſchaffte bis zum Abende mit rüſtiger Hand und aller Anſtrengung ſeiner Kräfte. Als die Sonne hinter den Bergen unterging, nahm er ſein Handwerkszeug zuſammen, warf es auf die Schulter, und ging mit weiten Schritten durch die dämmernde Waldung der Heimath zu. Er war zufrieden mit ſich und aller Welt. Hatte er doch ſeine Pflicht ge⸗ than und der liebe Gott das Werk ſeiner Hände ge⸗ ſegnet. Wie er ſo unter den dicht belaubten Zweigen 12 ˖—ͦ hinſchritt, war ihm recht zu Muthe, als ob er in einem weiten Gottestempel wandele. Es war ſo ſtill um ihn her, ſo ruhig und friedlich. Ohne es ſelbſt zu wiſſen, lobte er und pries den lieben Gott, indem er ſeine Schöpfung bewunderte. Ehe er noch das Dorf erreichte, kamen ihm ſeine drei Buben ſchon entgegen geſprungen, hüpften jauch⸗ zend um ihn her, und drängten und ſchoben ſich hin Vaters zu er⸗ und wieder, um dien auhe Ha⸗ nd des faſſen, und an Seite in d vorf einzuziehen. Der Glückliche ging ſtolz neben dem Alten her, und achtete nicht der ſanften Rippenſtöße und Puffe, mit welchen die neidiſchen Brüder ihn freigebig zu über⸗ ſchütten pflegten. Hatte er doch den Ehrenplatz an des Vaters Willebrand Seite errungen. Zweites Kapitel. Der Inwachs. — Auf dem eichenen Tiſche, der b einem groben aber reinlichen Tuche bedeckt war, ſtand die bren⸗ nende Lampe und die Schüſſel mit den leckeren Fo⸗ rellen nebſt einem tüchtigen Kübel voll Kartoffeln in der Schale. Unſere Familie umſtand den Tiſch mit gefalteten Händen, und Wolf betete das gewöhnliche kurze Tiſchgebet:„Komm, Herr Jeſus, ſei unſer Gaſt, und ſegne, was du beſcheret haſt.“ Darauf 4 rückten Alle ihre Stühle zurecht, und ſetzten ſich niee⸗— der, um tapfer unter den Forellen und Kartoffeln aufzuräumen. Da wurde ſchüchtern an die Thür geklopft, und auf das kräftige„Herein!« Vater Willebrands öff⸗ nete ſich die Pforte, und ein hübſcher Knabe von etwa zehn Jahren trat in das Stübchen. Lange 14 blonde Locken umwallten ſein Haupt, ein Paar recht helle blaue Augen leuchteten aus ſeinem zarten An⸗ geſicht, und ſeine Bäckchen zeigten die friſche Röthe ungetrübter Geſundheit. Im Uebrigen ſchien der Kuabe fein und zierlich gebaut, und ſeine ſchmächtige Figur ſtach gewaltig gegen die kraftvollen Geſtalten der Willebrand'ſchen drei Jungen ab. Mit langſa⸗ men leiſen Schritten ging der Knabe auf den Haus⸗ vater zu und fragte ſchüchtern:„Seid Ihr der Köhler Willebrand? di9 leute im Dorfe haben mich hierher gewieſen.«— „Ja, mein Söhnchen, der bin ich und du biſt gerade vor die rechte Schmiede gegangen. Sage, was willſt du von mir, und wer biſt du?« Der Knabe antwortete nicht, ſondern reichte dem Köhler einen Brief hin, den er ſauber in einen Bo⸗ gen Papier gewickelt hatte. „Soll das Schreiben an mich ſein?« fragte der Alte.— »Ja an Euch“, erwiederte der Knabe.„Die Leute in der Stadt haben es mir gegeben, und mich da⸗ mit hergeſchickt. Euer Name muß auch darauf ſte⸗ hen auf dem Briefe.“ 1 »Ja, das mag wohl ſein, und ich will's auch nicht beſtreiten;« erwiederte gemüthlich lachend der alte — 15 Willebrand.„Schade nur, daß ich nicht leſen kann. Als ich noch jung war, hatten wir noch keinen Schul⸗ meiſter im Dorfe, und ich mußte meinem Vater ſchon als kleiner Bube an die Hand geben und ihm köhlern helfen. Da war denn weder Zeit noch Ge⸗ legenheit da, etwas zu lernen. Na, nachher wird mir meine Frau vorleſen, was in dem Briefe ſteht. Jetzt wollen wir eſſen. Biſt du auch hungrig, Kleiner?« „Ach ja, freilich bin ich's,“ erwiederte der Knabe. „Ich habe den ganzen Tag nichts gegeſſen, als nur ein bischen Suppe, was mir eine gute Frau gegeben hat.« „Nun, ſo mache keine Umſtände, und ſetze dich zu uns. Hole dir den Stuhl daher. So; nun laß dir's ſchmecken.“ Der Kleine ſetzte ſich aͤn den Tiſch neben die gute Frau Willebrand, von der er reichlich mit dem Nö⸗ thigen verſorgt wurde. Er griff tüchtig zu, und an ſeinem vergnügten Geſichte war zur Genüge zu er⸗ kennen, daß es ihm herzlich gut ſchmeckte. Er war ganz in das Eſſen vertieft, und ſchien an nichts An⸗ deres zu denken, als an die Forellen und die Kar⸗ toffeln auf ſeinem Teller. Mittlerweile wurde er von den Uebrigen vom Kopf bis zu den Füßen betrachtet, „ — V 16 und beſonders die drei Knaben zerbrachen ſich die Köpfe darüber, wer wohl der ſo plötzlich herein ge⸗ ſchneite kleine Gaſt ſein möchte. Das Auge der Mutter ruhte mit Wohlgefallen auf ihm, und ſie vermochte ihre Blicke gar nicht von ihm abzuwenden. Der Knabe ſchien ihr ſo bekannt, und doch konnte ſie ſich nicht entſinnen, ihn jemals vorher geſehen zu haben. Vater Willebrand war der Einzige, der ſich um den kkleinen Beſuch wenig zu kümmern ſchien. Endlich waren Groß und Klein geſättigt und die Tafel wurde aufgehoben. Als dann das Tiſchzeug 1 auf die Seite geräumt war, langte der alte Köhler den empfangenen Brief wieder vor, reichte ihn ſeiner Frau hin, und ſagte:»Nun, Mutter, lies, was b drin ſteht, damit wir erfahren, was mit dem kleinen 3 Schelme da los iſt.“« 3 Die Mutter rückte die Lampe zurecht, brach das Schreiben auf, entfaltete es, und las es leiſe durch. 3 »Du lieber Gott!« rief ſie dann, und ſprang auf, „du lieber Gott, ſo biſt du alſo mein kleiner Neffe Fritz, meiner armen Schweſter Sohn.“. Sie umarmte den Knaben und drückte ihn feſt an ſich, ſeinen Mund mit Küſſen bedeckend. Auch die drei Söhne ſprangen auf, und drückten dem Vetter die Hand. Vater Willebrand aber ſagte ruhig:„Nun, 17 Kinder, ich habe mir das gleich gedacht, als ich den Schelm ſah. Sieht er doch aus, als ob er ſeiner Mutter aus den Augen geſchnitten wäre. Komm her, mein Sohn, und gib mir'nen Kuß. Du biſt will⸗ kommen unter meinem Dache.“ Der kleine Fritz ging zutraulich zu dem Alten hin, der ihm einen recht herzlichen und väterlichen Kuß auf den Mund drückte, und ſich dann wieder zu ſeiner Frau wandte. „Nun, Frauchen,“ fragte er,„was ſteht denn in dem Briefe da weiter drin?« Die Mutter weinte.„Ich muß es mit dir allein beſprechen, lieber Mann,“ ſagte ſie.„Es ſind wich⸗ tige Nachrichten in dem Schreiben enthalten, und ſie betrüben mich bitterlich.“ „Nun, was der liebe Gott ſchickt, muß getragen werden mit Geduld und Ergebung,« ſprach der Köhler ruhig.„Komm, laß uns in die Kammer gehn. Da kannſt du dein Herz ausſchütten.« Mit ruhiger Faſſung ſtand Willebrand auf, zün⸗ dete eine Kienfackel an und begab ſich mit ſeiner Frau in die Kammer, nachdem er den Buben empfohlen hatte, indeß mit dem kleinen Vetter Beranniſchaſt zu ſchließen. „Nun, liebe Frau,“ ſagte er, als die Kammete Der Tug Vergeltung. 2 18 thuͤr hinter ihnen zufiel,„nun ſind wir allein. Sage denn alſo, was vorgefallen iſt.“ „Ach, denke nur, meine arme Schyeſter iſt ge⸗ ſtorben, und hat nichts hinterlaſſen; als das arme Bübchen da draußen. Auf dem Sterbebette hat ſie dieſen Brief an mich geſchrieben, und bittet mich recht dringend und herzbrechend darin, ich möchte dich bereden, daß wir den armen Jungen zu uns nähmen, und ihn mit unſeren eigenen Knaben auf⸗ zögen. Du weißt ja, daß ihr Mann ſchon laͤngſt begraben iſt, und ſie keine Verwandten weiter hat, als uns. Was ſollen wir nun thun?« Die betrübte Frau ſchwieg und die Thränen ran⸗ nen ihr über die Wangen. Der Köhler aber ſagte tröſtend:„Beruhige dich über den Tod deiner armen Schweſter. Der Herr im Himmel droben hat ſie zu ſich genommen, und es iſt ihr wohl im Himmelreich. Für ihren Knaben wollen und müſſen wir ſorgen nach unſern ſchwachen Kräften. Wo bisher fünfe ſatt ge⸗ worden ſind, werden auch ſechſe ſatt werden. Der Junge ſoll unſer Sohn ſein.“ Da fiel ihm ſeine Frau um den Hals und ſagte: „Du guter, guter Mann, der Himmel wird dir loh⸗ nen, was du an dem Knaben thuſt. Mir wälzeſt du eine recht ſchwere Laſt vom Herzen durch deine „ 19 Worte, denn es hätte mich doch gar ſchwer und bitter gekränkt, wenn du das Bübchen wieder fortgeſchickt hätteſt in die weite Welt!« „Wie haſt du nur ſo etwas denken können!« ſprach verwundert Vater Willebrand.„Haſt du mich denn für einen Heiden oder Türken gehalten? Sind wir denn nicht Chriſtenleute? Sagt nicht der liebe Herr Jeſus: Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig iſt? Und ich, meinteſt du, würde den Buben von mir ſtoßen, den uns deine Schweſter auf dem Todbette an's Herz gelegt hat? Nein, nein, liebe Frau, ſolche That würde der liebe Gott nicht mit gnädigem Auge betrachtet haben. Er ſoll mir lieb und werth ſein, der Knabe, wie meine eigenen Kinder mir lieb und werth ſind, und ſoll das älter⸗ loſe Haus nicht zu ſchmerzlich vermiſſen. Und nun trockne deine Thränen ab, Alte, und komm her⸗ aus, damit wir erfahren, wie der Junge ſich die fünfzig Meilen weit hierher gefunden hat.« Vater und Mutter verließen die Kammer, und betraten die Stube wieder, wo ſie die vier Knaben in freundſchaftlichem Geſpräche zuſammen fanden. Ihre Herzen hatten ſich ſchnell gefunden, wie das bei guten Kindern ja immer der Fall iſt. Fritz lauſchte auf die Erzählungen ſeiner Vettern, die ihm mit⸗ 2 3 14 theilten, was es für eine Luſt ſei, im Wald und Gebirg umherzuſchweifen, Vogelneſter zu ſuchen, Fi⸗ ſche zu fangen und die höchſten Bäume zu erklettern, und erzählte ihnen dagegen, wie es draußen in der Welt ausſehe. Er beſchrieb ihnen die großen Städte, durch die er auf der Herreiſe gekommen war, ſchil⸗ derte deren Herrlichkeiten, und berichtete über tau⸗ ſenderlei Dinge, von denen die drei Brüder in ihrem Leben noch nichts gehört hatten. Als die Aeltern wieder in die Stube kamen, ſetzte ſich der Vater in den großen, mit Leder bezogenen Sorgenſtuhl, winkte die Knaben zu ſich heran, und ſagte:»Nun, Jungens, ich will euch nur ſagen, daß Fritz uns nicht wieder verläßt, ſondern vor der Hand bei uns bleibt. Betrachtet euch alſo alle 1 als Brüder, und liebt euch als ſolche. Wenn i drei aber, du Wolf, und du Töffel, und du Hane jemals meint, ihr könntet den kleinen Fritz dreſche wie die andern Jungen im Dorfe, ſo werde ich eux die Luſt daran vertreiben. Euer neuer Bruder nicht ſo ſtark und groß, als ihr, und es iſt daru deſto mehr eure Pflicht und Schuldigkeit, daß ſanft und ſäuberlich mit ihm verfahrt. Ich weiſ wohl, das ihr ihm im Ernſte nie etwas zu Leide thu werdet, weil ihr verſtändig genug ſeid, einzuſehen 1f 8 4 8 4 daß es ſündlich ſein würde, aber auch nicht im Spaße ſollt ihr ihn ſo puffen und ſchlagen, wie ihr euch unter einander pufft. Wollt ihr das verſprechen?« „Ja, Vater,“ riefen fröhlich die drei Rangen. „Ja, das wollen wir verſprechen.“ „»Und ich,“ ſetzte Wolf hinzu,„ich will ſchon auf⸗ paſſen, daß die Andern dem kleinen Schelme da nichts zu Leide thun. Wer Fritzen einen Puff gibt, kriegt von mir zwei wieder. Alſo nehmt euch in Acht.« Alle lachten über den Spaß, und gaben dann dem neuen Bruder freundlich die Hände.„Wir wollen dich Alle lieb haben, Fritz,“ ſagten ſie,„und wollen dir Alles zu Gefallen thun.“«— Da war der Bund geſchloſſen, und der Vater „ konnte ſich darauf verlaſſen, daß die bisherige brü⸗ dderliche Eintracht auf keine Weiſe geſtört werden würde. So wendete er ſich denn nun zu Fritzen, und agte ihn, wie er ſich habe zu ihnen ſinden können. Fritz erzählte: »Als meine liebe ſelige Mutter geſtorben war, und die ſchwarzen Leute ſie hinausgetragen hatten auf den hhof, um ſie zu begraben, weinte ich Tag und 2 Nacht, und konnte mich gar nicht zufrieden geben. Unſere Nachbarsleute hatten mich zu ſich genommen, ſluuchten mich zu tröſten, und ſagten immer, ich ſolle — 2 —— 22 nur nicht bange ſein, denn der liebe Gott werde ſchon für mich ſorgen. Ich hörte aber gar nicht darauf, bis ein Paar Wochen hingegangen waren, und meine Betrübniß nicht ſo groß und ſchmerzlich mehr war, als im Anfange. Da gab ich mich mehr und mehr zufrieden, und dachte, der liebe Gott würde es wohl am beſten wiſſen, warum er die Mutter zu ſich in den Himmel genommen hätte. Die Nachbarsleute waren immer recht freundlich zu mir. Sie hatten kein Kind, und die Frau ſagte recht oft zu mir, ſie würde mich recht gern für immer behalten, wenn ſte nur nicht ſelber ſo arm wäre. Und eines Tages mögen hinterlaſſen, und ihr Hausgeräth, was ver⸗ kauft ſei, habe kaum hingereicht, die Begräbnißkoſten zu bezahlen. Da müßte ich denn nun ſehen, wie ich in der Welt fortkäme. Die Gerichtsleute hätten ihm einen Brief gegeben, den die ſelige Mutter noch kurz vor ihrem Tode geſchrieben habe. Den Brief ſollte ich nehmen, und ſollte damit zu Euch hingehen, Vater Willebrand, denn an Euch wäre die Aufſchrift.“« »Ich weinte, als ich das hörte; denn ich fürchtete mich, ſo allein in die große Welt zu wandern, und 23 dann kannte ich Euch doch nicht, Vater, und hatte mich ſchon ganz an die Nachbarsleute gewöhnt. Der Nach⸗ bar aber tröſtete mich, und ſagte, ich ſolle nur ruhig ſein, er werde ſchon ſorgen, daß ich gut und ſicher zu Euch geſchafft würde. Und nach ein Paar Tagen, da kam er nach Hauſe, war recht vergnügt, und er⸗ zaͤhlte, er hätte einen Fuhrmann ausgekundſchaftet, der mich bis in die Stadt bringen wolle, die fünf Meilen von hier am Gebirge liegt. So nahm ich denn Abſchied von meinen guten Nachbarsleuten, dankte ihnen für die viele Güte, die ſie mir erzeigt hatten, und ging zum Fuhrmann, der mich auf ſei⸗ nen Frachtwagen ſetzte, und mit mir davon fuhr. Den erſten Tag weinte ich recht viel. Weil ich aber ſah, daß es der Fuhrmann recht gut mit mir meinte, und in den Wirthshäuſern, wo er ſeine Pferde aus⸗ ſpannte und fütterte, immer eher für mich, als für ſich ſelber ſorgte, ſo gab ich mich bald zufrieden, und achtete mehr als bisher auf den Weg, den wir nah⸗ men, auf die Ortſchaften, durch welche wir fuhren, und auf die ſchönen Gegenden, die wir auf unſerer Straße langſam durchzogen. Zehn volle Tage brauch⸗ ten wir, ehe wir endlich in dem Städtchen am Ge⸗ birge anlangten, und hier mußte ich mich von mei⸗ nem freundlichen Beſchützer trennen. Er ſchüttelte 24 mir die Hand, wünſchte mir Glück und Segen auf den Weg, gab mir noch ein gutes Frühſtück mit, und fuhr dann rechts an den Bergen entlang, wäh⸗ rend ich gerade in die Berge hinein marſchirte. Das Gehen und beſonders das Erklimmen der hohen Berg⸗ gipfel machte mir viele Mühe, weil ich gar nicht daran gewöhnt war, und ehe ich noch eine Meile Wegs zurück gelegt hatte, warf ich mich ganz er⸗ ſchöpft unter einen Eichbaum, aß mein Frühſtück, und ſchlief matt und müde, wie ich war, feſt ein. Ich erwachte erſt, als die Sonne bereits unterging, und wurde nun entſetzlich bange, indem ich fürchtete, daß ich die Nacht würde im Walde zubringen müſſen. Die Furcht vertrieb nur zu ſchnell alle meine Müdig⸗ keit. Ich ſprang auf, und rannte kreuz und quer, durch dick und dünn im Walde vorwärts. Hie und da ſcheuchte ich ein Reh auf, oder einen Hirſch, oder ein furchtſames Häschen, und erſchrak jedes Mal ge⸗ waltig, wenn ich es ſo recht im Gebüſch rauſchen hörte. Je mehr die Dunkelheit überhand nahm, deſto ängſtlicher und bänglicher wurde mir zu Muthe, und deſto weniger vermochte ich auf den Weg zu ach⸗ ten. Hundert Mal erſchrak ich, indem ich beim ſchwa⸗ chen Schimmer des Mondes, welcher eben am Him⸗ mel aufgeſtiegen war, die ſonderbarſten Geſtalten 4 3 25 und Figuren erblickte. Bald ſchien es mir, ich ſähe ein altes, krummes, gebücktes Mütterchen mit einem Korbe auf dem Rücken, bald zeigte ſich ein großer Mann mit langem Barte, bald wieder ein mächtiger Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, oder ein Bär, der brummend wider mich loszufahren im Begriff ſchien. In der Haſt und der Eile, all' dieſen einge⸗ bildeten Schreckniſſen zu entfliehen, gerieth ich in wirkliche Gefahren, indem ich über große Baumwur⸗ zeln ſtolperte, gegen Aeſte rannte und in tiefe Löcher hinabſtürzte, ehe ich mich deſſen verſah. So lange ich lebe, will ich an dieſe Nacht denken, und an das Unheil und Ungemach, das ich in ihr erfahren habe.“ „Woher kam aber all' das Ungemach?« unterbrach ihn Vater Willebrand.„»Nur von der thörichten, nutzloſen, albernen Furcht! Hätteſt du deine Ein⸗ bildungskraft hübſch im Zaume gehalten, mein liebes Fritzchen, ſo würdeſt du auch im Mondſchein bald erkannt haben, daß alle die krummen alten Weiber, bärtigen Männer, Vögel und Bären in nichts als Bäumen beſtanden. Du würdeſt ohne Bedenken auf Alles, was dir ſonderbar erſchienen wäre, losge⸗ gangen, und bald überzeugt geweſen ſein, daß der Wald ſo wenig, wie am Tage, bei der Nacht Schreck⸗ nee hat. Aber die Furcht iſt ein böſes, böſes Uebel. —— Sie verwirrt die Gedanken, ſie macht blind und taub, ſie lähmt alle Kräfte, und da, wo der Muth aus einer wirklichen Gefahr retten könnte, ſtürzt ſie un⸗ aufhaltſam in's Verderben. Hütet euch daher vor der Furcht, Kinder, und gewöhnt euch daran, ihr nun und nimmermehr nachzugeben. Wenn ſie ſieht, daß ihr ihren Verſuchungen nicht nachgebt, wird ſie bald von ſelber entweichen, und den hohen Tugen⸗ den des Muthes und der Entſchloſſenheit den Platz räumen.« „Ja, Vater, du haſt wohl Recht,“ ſagte ſchüch⸗ tern Hans,„aber was hilft aller Muth und alle Entſchloſſenheit gegen die Geiſter und Geſpenſter, die Nachts durch den Wald ſchweben, und in den Lüften umherraſen, wie Hackelberg, der wilde Jäger, und die wilde Jagd. Was kannſt du denn ausrichten gegen Geſtalten, die keinen Körper haben, die weder Kugel noch Schwert verletzen kann? Das ſage mir, Vater.« „Höre, mein Junge,“ erwiederte laͤchelnd Vater Willebrand,„höre, glaubſt du denn wirklich an Ge⸗ ſpenſter und Geiſter? Nun, da thuſt du mir leid! Wer hat dir denn geſagt, daß es ſolche Geſtalten gibt, wie du ſie uns eben geſchildert haſt?« »Ei, Vater,“« entgegnete Hans, indem er ein bis⸗ chen ſcheu umher blickte, vei, Vater, alle Leute 6. * 4 27 zählen ja davon, und Viele ſagen, ſie hätten gewiß und wahrhaftig ſchon Geſpenſter geſehen. Da iſt Steffen unten im Dorfe, der ſagt, er ſei ſchon oft an der weißen Frau vorbeigegangen, wie ſie Nachts mit fliegenden Gewändern um den Teich drunten am Bache geſchwebt ware. Ihr Angeſicht, ſo erzählt er, wäre ganz blaß geweſen und ganz blutlos, und es hätte recht ſchauerlich ausgeſehen, wie ſie ſo im Mondſcheine langſam hingeſchritten ſei.« „Ja, Vater,“ beſtätigte Töffel,„das habe ich auch ſchon gehört, und der alte Juſt will ganz gewiß ſchon den Hackelberg, den wilden Jäger, geſehen haben.“ „»Papperlapap!« rief der alte Willebrand la⸗ chend.„Ich glaube gar, Jungens, ihr wollt uns Alle hier ein bischen zu fürchten machen! Aber das wird euch nicht gelingen. Die Geſchichte mit der weißen Frau unten am Teiche iſt nichts, als eine Erfindung der furchtſamen Leute. Hundertmal ſchon bin ich an dem Teiche vorbeigegangen, zu jeder Zeit, bei Nacht und bei Tage, und nie habe ich etwas ge⸗ ſehen von der weißen Frau, die dort umherſpuken ſoll. Wohl aber bemerkte ich recht oft an kühlen Abenden, daß aus dem Waſſer weiße Dünſte auf⸗ ſegen, wie Nebel anzuſehen, die leiſe und langſam 28 über die Waſſer dahinſchwebten, ſich zuſammen ball⸗ ten, und gleich einer Wolke den Teich umflogen. Im Mondſchein beſonders ſahen die Nebel oft recht täuſchend einem langen, fliegenden, weiblichen Ge⸗ wande ähnlich, und es kann wohl ſein, daß der furchtſame Steffen und andere eben ſo haſenherzige Leute dieſe Nebel in ihrer grundloſen Angſt für eine weiße Frau angeſehen haben. Das iſt möglich, und ſogar wahrſcheinlich; denn was in der That nicht da iſt, dichtet die Furcht hinzu. Und ſo mag Steffen in ſeiner Angſt Hände, Geſicht, langes wallendes Haar und mehr dergleichen geſehen haben, was Alles nur in ſeiner Einbildung da geweſen iſt. Der Nebel, welcher den Waſſern entſteigt und darüber hinſchwebt, beſteht aus Dünſten, die, unſichtbar am Tage, den Augen in der Kühle des Abends und der Nächte ſichtbar werden; ähnlich dem Hauch des Mundes, den ihr im Sommer nicht, wohl aber im Winter, gleich einer leichten Dampfwolke, erblicken könnt.“ „Und ſo, wie dem Steffen, mag es auch dem Juſt mit der wilden Jagd ergangen ſein. Er iſt vielleicht eeinmal Nachts durch den Wald gegangen, hat einen Flug Krähen, ein Paar Schuhu's oder ein Rudel Wild aufgeſtört, iſt, erſchreckt von dem Geſchrei der Vögel, oder dem Getrappel der Hirſche, davo 5 1 29 gelaufen, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen konnten, und gibt nun ganz einfache Dinge, die ſich auf das natürlichſte erklaͤren laſſen, für wunderbare Erſchei⸗ nungen und Geſichte aus, die er geſehen haben will. Trauet doch nie ſolchen Erzählungen, Kinder. Ent⸗ weder gehen ſie aus thöͤrichter Eitelkeit hervor, indem manche Leute etwas Beſonderes darin ſuchen, ſich mit wunderbaren Erlebniſſen zu brüſten, oder ſie ent⸗ ſtammen dem alten Erbübel der Menſchheit, der lei⸗ digen, Alles entſtellenden und vergrößernden Furcht.“ „Manche Leute ſehen auch Geſpenſter, wo gar keine ſind, und wo andere Leute nichts ſehen. Dieſe Geſpenſter entſtammen dem Blute oder irgend einer Krankheit, und man erzaͤhlt davon die wunderbarſten Dinge. So habe ich einmal gehört, daß es einen Gelehrten gegeben hat, der regelmäßig zu einer be⸗ ſtimmten Stunde einen Geiſt neben ſich ſah, der un⸗ verrückt und unbeweglich ſtehen blieb, ſo lange der Gelehrte ſich nicht von der Stelle bewegte. Ging er in ſeinem Gemache aber hin und her, ſo ging der Geiſt mit und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Es mochte hell oder dunkel ſein, der Geiſt ſtand neben dem Gelehrten in ſichtbarer und unverrückter Geſtalt. Der Gelehrte befragte viele Aerzte um Rath, wie er ſich das Geſpenſt vom Halſe ſchaffen könne. Nie⸗ ℳ 30 mand vermochte ihm zu helfen, und er magerte ſicht⸗ lich ab. Endlich rieth ihm einmal ein ſchlichter Bauersmann, der von dem Uebel vernommen hatte, er ſolle ſein Studieren auf ein Vierteljährchen blei⸗ ben laſſen, ſolle auf das Land gehen, einfache Nah⸗ rungsmittel genießen und ſich tagtäglich eine tüchtige Leibesbewegung machen. Das that der Gelehrte, und ſiehe da, es half. Ehe das Vierteljahr ver⸗ floſſen war, verſchwand das Geſpenſt, und er hat es ſein Lebtage nicht wieder erblickt. Es war nichts, als ein Gebilde ſeiner von vieler geiſtigen Anſtren⸗ gung aufgeregten Phantaſite.— Nein, nein, mit den 8 Geſpenſtern bleibt mir vom Halſe, bis ihr einmal Eins gefangen habt und es mir bringt. Dann will ich euch Glauben ſchenken. Eher aber nicht. Und . in einem Sumpfe ſtecken blieb. Das brachte mich wieder ein bischen zu mir ſelbſt, und ich verſuchte es, ſo gut wie möglich, aus dem Sumpfe heraus * 31 zu kommen. Gewiß wäre es mir auch gelungen, wenn nicht in jedem Augenblicke ein neues Irrlicht aufgetaucht wäre und meine Sinne vollends verwirrt hätte. So ſtampfte ich denn bis an den Knieen im Sumpfe umher, ließ mich von den Irrlichtern bald hierhin, bald dorthin locken, und arbeitete mich dabei ſo ab, daß ich zuletzt kaum noch einen Fuß vor den andern ſetzen konnte. Endlich, o Wonne, hörte ich eine Stimme, welche auf mein Geſchrei und Gerufe eine Antwort gab. Ich verdoppelte die Anſtrengung meiner Lungen, und hörte nun einen Mann auf mich zukommen, welcher mich, als er meine Figur halb im Sumpfe ſteckend ſah, aufforderte, ohne Zö⸗ gern zu ihm zu kommen. Ich gehorchte; und wie gern gehorchte ich! Glücklich kam ich jetzt endlich aus dem Sumpfe heraus, und mußte dem Mann, der mich durch ſeine Ankunft, wie ich feſt glaube, vom Tode errettet hat, erzählen, wie ich in die eben verlaſſene peinliche Lage gerathen ſei. Ich that es der Wahrheit gemäß, und er führte mich darauf in ſeine Hütte, die wir nach einer kleinen Viertelſtunde erreichten. Hier nahm uns ſeine Frau, ein gutmü⸗ ſes, altes Mütterchen, in Empfang, ſäuberte mich allem Schmutz, wiſchte mir den Schweiß ab, der ie ein Bäͤchlein von meiner Stirne traͤufte, und 3 32 erquickte mich durch Speiſe und Trank. Noch nie hat mir Etwas ſo wohl geſchmeckt, wie die friſche Milch und das ſchwarze Brod, womit ich von dem alten Mütterchen tractirt wurde. Ich aß denn auch tapfer drauf los, bis ich geſättigt war, worauf die gränzenloſeſte Müdigkeit ihr Recht wiederum geltend machte. Ich wurde ſchläfrig, und von meinem alten Mütterchen zu Bett gebracht, wo ich bis zum andern Morgen ſchlief, wie ein König. Als ich wieder auf⸗ geſtanden war, aß ich eine Suppe, bedankte mich ſchön für die freundliche Aufnahme der alten Leute, ließ mir den Weg zu Euch zeigen, Vater Willebrand, machte mich auf die Beine, und bin denn nun auch endlich glücklich bei Euch angekommen.“ So ſchloß der kleine Fritz ſeine Erzählung, und bald darauf ging die ganze Familie zu Bette, um in ruhigem Schlummer die Kräfte des Körpers für die Mühen und Arbeiten des folgenden Tages zu ſammeln. Drittes Kapitel. Pinſelfritze. — Der Morgen dämmerte erſt auf; die liebe Sonne ſtand noch unter dem Horizonte, und nur die helle Röthe des öſtlichen Himmels verkündete, daß ſie bald erſcheinen werde. Noch war in Feld und Wald Alles ſtill. Noch ſang kein Vogel, noch ru⸗ heten die Haſen und Rehe auf ihrem weichen Lager, und nur das Murmeln des plätſchernden Waldbachs unterk tiefe Stille der ſchlummernden Natur. On Bater Willebrands Hauſe aber rührten ſich ſchon munter ein Paar fleißige Hände. Die Frau des Köhlers war wach, zündete ein hell flackerndes Feuer auf dem Kohlenherde an, und kochte für die ganze Familie den Morgentrank, oder vielmehr das Morgengericht, eine Mehlſuppe. Von Kaffee, Thee und andern derartigen ausländiſchen Getraͤnken wuß⸗ Der Tug. Vergeltung. 3— 34 8 ten die einfachen Leute im Dorfe noch nichts, und begnügten ſich mit heimiſchen Gerichten. Als die Suppe fertig war, hörte man auch den Vater Willebrand, welcher von der, unter ſeinen Tritten knarrenden Bodentreppe herabſtieg, und, der fleißigen Hausfrau einen guten Morgen wünſchend, in die Küche trat. »„Nun, ich ſehe,“ ſagte er,„daß ich die Buben wecken kann, damit ſie ihr Frühſtück in unſerer Ge⸗ ſellſchaft verzehren. Sie ſollen heute mit mir hinaus in den Wald und köhlern helfen. Es iſt Zeit, daß ſie en das Geſchäft erlernen, welches ihnen für die Zukunft ihr tägliches Brod erwerben ſoll.“ „Aber den kleinen Fritz wirſt du doch nicht mit in den Wald nehmen, Vater? Der arme Junge ſchläft noch ſo ſanft und feſt! Ich war eben in der Kammer, und habe nach ihm ausgeſchaut.“ 14 „Bewahre mich der Himmel, daß ich ſeinen Schla ſtöre!« entgegnete Vater Willebrand.„Der tlein Burſch muß ausruhen, denn geſtern hat er eine tüchtigen Marſch gemacht, und er iſt das Laufen i den Bergen nicht gewöhnt. Nein, der Knabe mu Ruhe haben, und es wäre gut, du ließeſt ihn ſchl fen, bis er von ſelbſt aufwacht. Auch kann ich i draußen bei der Arbeit nicht gebrguchen. T . 35 er viel zu zart und ſchwach gebaut, und ich zweifle, daß er jemals den Schürbaum ordentlich wird hand⸗ haben können. Nun, das ſchadet auch nicht! Es müſſen ja nicht alle Leute Köhler werden.“ Mit dieſen Worten ging Vater Willebrand in die Kammer, wo ſeine drei Söhne ſchliefen, weckte ſie auf, und befahl ihnen, ſich eiligſt anzukleiden, damit ſie ihm in den Wald folgen koönnten. Die Knaben, die ſich auf die Arbeit im grünen Walde draußen freuten, ſprangen ſogleich von dem Lager in die Höhe, zogen ſchnell ihre Kleider über, und⸗ ſtanden nach wenigen Minuten gewaſchen uld ge⸗ kämmt um den Tiſch herum, und löffelten mit vielem Appetite die Mehlſuppe aus irdenen Tellern. „Und nun marſch!“ rief Vater Willebrand, der ſich indeſſen ſchon mit dem nöthigen Handwerkszeuge beladen hatte,„Marſch, fort in's Grüne! Je eher wir die Arbeſt beginnen, und je friſcher und freu⸗ diger wir daran gehen, deſto eher wird ſie gethan ſein und deſto beſſer gerathen.“ Und zur Mutter ſich wendend, ſagte er:„Das Mittagseſſen kann heute der Fritz bringen. Dann brauchen wir nicht erſt darum wieder nach Hauſe zu gehen und kommen ge⸗ gen Abend bei guter Zeit.“ Freundlich ſeiner Frau zunickend, ging der Alte Wi 3** 36 mit gewaltigen Schritten davon, und die drei Söhne ſprangen wohlgemuth hinter ihm drein. Bald war die Arbeitsſtelle erreicht, und ohne langes Zögern machten ſich Alle daran, einen Meiler aufzubauen. Die Söhne gingen dabei dem Vater rüſtig zur Hand, und die Arbeit wurde wacker gefördert. Während ſo Vater und Söhne für das tägliche Brod ſorgten, verrichtete die Mutter daheim, wie immer, die häuslichen Geſchäfte. Sie ging hinaus in das Gaͤrtchen, welches dicht hinter dem Hauſe lag, begoß Pflanzen und Gemüſe, jätete das Un⸗ kraut aus, reinigte die ſauber mit Kies beſtreuten Wege von allem Unrath, und pflückte endlich ein tüchtiges Gericht grüner Bohnen ab, welches ſie für die Familie zum Mittagseſſen zubereiten wollte. Sie putzte die Bohnen, befreite ſie von den Stielen und Fäden, ſchnitzte ſie mit einem ſcharfen Meſſer und wuſch ſie ab, um ſie endlich an das Feuer zu ſetzen und gahr zu kochen. Dann und wann unterbrach ſie ihre Arbeit, um nach dem kleinen Fritz zu ſehen, welcher noch immer im tiefſten Schlafe lag. Sie ließ ihn ruhig fortſchlummern, da ſie wohl wußte, welch' ein großes Labſal der Schlaf für die ermü⸗ deten Glieder iſt, und wie nichts ſo ſchnell und voll⸗ kommen die verlorenen Kräfte erſetzt, als das: 37 derbare Geſchenk der Natur, der ruhige, traumloſe und ungeſtörte Schlummer. Endlich, die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel und die Mittagszeit war nahe, ſchlug Fritz die Augen auf, und ſchaute hell und munter umher. Vor ſei⸗ nem Bette lagen ſeine Kleider, gereinigt und geputzt. Ein irdenes Waſchbecken mit friſchem Waſſer gefüllt ſtand auf einem hölzernen Stuhle daneben, und die Strahlen der Sonne, die hell und klar durch die kleinen runden Scheiben des Fenſters in die Kammer hineinfielen, glitzerten auf der Flaͤche des Waſſers, wie auf einem Spiegel. „Ei, wie lange habe ich geſchlafen,“ murmelte Fritz vor ſich hin.„Gewiß, ich muß mich ſchaͤmen, ich muß mich ſchämen! Was wird Vater Willebrand von mir denken!“ Schnell warf er die Bettdecke von ſich, ſchlüpfte in ſeine Kleider und die blank gewichsten Schuhe, wuſch Geſicht und Hände, und kniete dann nieder zu einem kurzen Morgengebete. Dieß, und ebenſo das Abendgebet verſäumte er niemals, da ihn ſeine gute ſelige Mutter, die eine gar fromme Frau geweſen war, von ſeiner Kindheit an dazu angehalten hatte. Als er endlich die Kammer verließ, trat ihm Frau Willebrand entgegen, und drohte ihm lächelnd mit erreicht hatte, und unter den grünen belaubten? 3 u⸗ G 38 dem Finger.„Nun, du kleiner Langſchläfer,“ ſagte ſie,„da biſt du ja. Eben wollte ich dich wecken, damit du dem Vater und den Brüdern das Mittagsbrod in den Wald hinausträgſt.“ „Wie?« fragte Fritz erſtaunt,„iſt es denn wirk⸗ lich ſchon ſo ſpät? Nun, da will ich nur eilen, daß ich hinauskomme. Vater Willebrand möchte böſe werden, wenn er zu lange auf ſein Eſſen warten muß!« „Nein, nein, ſo eilt es nicht, lieber Junge;“ be⸗ ruhigte ihn Frau Willebrand.„Iß nur erſt dein Frühſtück, und mache dich dann ganz gemächlich auf den Weg. Du haſt noch eine ganze Stunde Zeit, denn eben hat die alte Wanduhr erſt eilf geſchlagen.“ Fritz aß mit großem Behagen ſeine Mehlſuppe, erzählte Frau Willebrand von ihrer verſtorbenen Schweſter, ſeiner Mutter, allerlei Gutes und Schö⸗ nes, nahm dann den großmaäͤchtigen, bis an den Rand mit wohlſchmeckenden Bohnen gefüllten Hen⸗ keltopf in Empfang, ließ ſich den Weg zu den Mei⸗ lern zeigen, und machte ſich dann fröhlich auf in den Wald.. Die Sonne brannte, und es wurde ihm heiß. Als er aber erſt die dichten Schatten des Waldes 39 men dahinſchritt, erfriſchte ihn die köſtliche Kühle, und langſam ſchlenderte er ſeines Weges dahin. Ueber blumige Wieſenſtreifen fuͤhrte der Pfad, im⸗ mer an einem Bache entlang, deſſen klare Waſſer munter plaͤtſchernd über glatte Kieſel hinrieſelten. Einzelne Sonnenſtrahlen brachen ſich Bahn durch das dichte Laubgitter der Baͤume, und lieblich wechſelte Licht und Schatten in dem endlos ſich hindehnenden Forſte. Vögel ſangen ihre Lieder in den Zweigen, Eidechſen raſchelten im Laube, und ein leiſer Wind⸗ hauch rauſchte zuweilen flüſternd in den grünen Blätterkronen der Waldrieſen. Unſerem Fritz war recht wonnig und behaglich zu Muthe, und er wünſchte beinahe, daß die Meiler noch recht weit entfernt ſein möchten, um nur deſto länger die Schönheiten der lieblichen Waldeinſamkeit genießen zu können. Aber ſchon ſah er an lichteren Stellen des Waldes den Rauch der Meiler zum Him⸗ mel aufdampfen, er vernahm die Schlaͤge der Holz⸗ axt, und bald auch die Stimmen Vater Willebrands und ſeiner Söhne. Es dauerte nicht lange, ſo trat er aus dem Walde hervor in eine Lichtung, erblickte die ſchwarzen rauchenden Meiler und wurde von ſeinen Verwandten mit fröhlichem Zurufe begrüßt. „Nun, du kommſt eben recht, Fritz,“ ſagte Vater 40 —— Willebrand.„Das Mittagseſſen ſoll uns ſchmecken. Kommt, Jungens, laßt uns dort unter die alte Eiche ſetzen, und werft eure Beile indeſſen auf die Seite.“ Die drei Knaben gehorchten, ließen von der Ar⸗ beit ab, und warfen ſich der Länge nach in dem kühlen Schatten der Eiche nieder. Die Schüſſel und Löffel wurden herbeigeſchafft, und die hungrigen Arbeiter waren bald in die angenehme Beſchäftigung des Eſſens vertieft. „Willſt du nicht auch zulangen, Fritz?« fragte der alte Willebrand den Knaben, welcher beſcheiden bei Seite ſtand und ſich über den Appetit ſeiner Freunde freute.„Willſt du nicht auch zulangen? Du ſiehſt, es iſt genug für uns Alle da.“ „Danke ſchön,“ erwiederte Fritz.„Ich habe eben erſt mein Frühſtuͤck zu Hauſe verzehrt, und ſchäme mich faſt, zu geſtehen, daß ich vor einer Stunde noch im Bett gelegen und geſchlafen habe. Ihr ſeid indeſſen, wie ich ſehe, ſchon ſo fleißig geweſen, daß euch der Schweiß von der Stirne rinnt.“ „Ja, ja,“ ſagte Vater Willebrand,„wir haben ſchon redlich geſchafft, und den Jungens da iſt's auch ehrlich ſauer geworden. Aber nun ſchmeckt's auch. Im Schweiße deines Angeſichtes ſollſt du dein Brod 41 eſſen, ſpricht der Herr, und der Spruch geht aller⸗ wegen in Erfüllung. Wer eſſen will, muß von Rechts wegen auch arbeiten, und ſein Brod verdienen.“ Fritz wurde roth, und Vater Willebrand be⸗ merkte es. „Nein, mein Söhnchen,“ ſagte er gutmüthig,„auf dich ſind meine Worte nicht gemünzt. Du biſt noch zu klein und ſchwach, als daß du in unſerer Geſell⸗ ſchaft ſchon zugreifen und arbeiten könnteſt. Dazu gehören tüchtige Knochen und Muskeln, wie ſie meine Jungen da aufweiſen können. Für dich iſt ſolche ſchwere Arbeit nicht, Fritzchen. Sage mir doch aber, was du gelernt, und ob du ſchon daran gedacht haſt, was einmal aus dir werden ſoll?« „Ach, Vater,“ ſeufzte Fritz,„gelernt habe ich noch nicht viel, weil die Mutter ſo arm war, daß ſie mich nicht in eine ordentliche Schule ſchicken konnte. Ein bischen Leſen, Schreiben und Rechnen aber kann ich, und malen kann ich auch. Das hat mich ein alter Maler gelehrt, der nicht weit von unſerem Häuschen wohnte.“ „J, wie biſt du denn zu dem gekommen?“ fragte der Alte. 3 „Das traf ſich ſo ganz zufaͤllig,“ entgegnete Fritz. „Ich war erſt ſechs oder ſieben Jahre alt, da ſaß ich 42 eines Tages auf der ſteinernen Bank vor unſerem Hauſe, und hatte nichts zu thun und auch Niemand, mit dem ich ſpielen konnte. Ich glaube, die Lange⸗ weile plagte mich, und da ich zufällig ein Stück Kohle auf der Straße liegen ſah, ſo holte ich es, brach ein Stück davon ab, und fing an, die weiße Wand un⸗ ſeres Haͤuschens damit zu bemalen. Erſt zeichnete ich ein Paar Tauben hin, die auf der Gaſſe ihr Futter aufpickten, dann ein Pferd, dann ein Paar Hunde, und endlich fing ich gar an die Häuſer, welche in der Straße ſtanden, abzuzeichnen. Dabei war ich gerade noch, und hatte mich ganz in die Arbeit ver⸗ tieft, als plötzlich der alte Maler, Lindemann hieß er, mich auf die Schulter klopfte, und mich ganz freundlich fragte, von wem ich das Zeichnen gelernt habe? Ich erſchrak; denn ich dachte, es würde Schläge regnen, weil ich die ſchönen weißen Wände ſo vollgeſchmiert hatte, und fing vor Angſt an zu weinen. Der alte Herr Lindemann aber redete mir gut und liebreich zu, verſprach mir, daß ich auf kei⸗ nen Fall geſtraft werden ſolle, und verſprach mir endlich einen ſchönen rothbäckigen Apfel, wenn ich ihm die Wahrheit ſagen, und ihm geſtehen wolle, von wem ich das Zeichnen gelernt habe. Na, da faßte ich mir denn ein Herz, und erzählte ganz 43 — aufrichtig, daß mir kein Menſch Unterricht ertheilt, und daß ich nur ſo aus langer Weile ein bischen gemalt hätte. Der alte Herr Lindemann ſchuͤttelte den Kopf, als ob er mir nicht recht glauben könne, ſchaute mich an, ſchaute dann wieder die Tauben, Pferde, Hunde und Häuſer an, die ich an die Wand geſchmiert hatte, und fragte mich endlich, wer meine Mutter wäre. Das wußte ich nicht, aber ich wußte, wann ſie nach Hauſe kommen würde, und ſagte es ihm. Da gab mir Herr Lindemann den ſchönen Apfel, ſtreichelte mir recht liebreich die Wangen, und verſprach, am Abende wieder zu kommen, um mit der Mutter meinetwegen zu reden. Wegen der Ma⸗ lerei an der Wand, meinte er, ſolle ich nur nicht bange ſein; er werde ſchon dafür ſorgen, daß ich um ihretwillen keine Schläge bekommen ſolle.“ „Da wurde ich denn auch ganz ruhig, und dachte nicht mehr an meine Bilder und den Maler, bis die Mutter Abends nach Hauſe kam. Ach, da wurde ich auf eine ſehr unangenehme Weiſe wieder daran erinnert. Kaum ſah die Mutter die Kohlenſtriche an der Wand, ſo rief ſie mich, der ich indeſſen mit andern Kindern geſpielt hatte, zu ſich, und fragte mich kurz, ob ich das Haus ſo beſuldelt habe. Ich antwortete natürlich ja, wie es der Wahrheit gemaͤß 44 war, und dachte mir gar kein Arges dabei, weil mir Herr Lindemann ſo feſt verſichert hatte, daß ich ganz gewiß keine Schläge bekommen würde. Die Mutter aber, die recht böſe darüber war, daß ich das ſchöne, blanke, weiße Haus ſo verunziert hatte, nahm mich beim Arme, zog mich in die Stube, griff nach dem ſpaniſchen Röhrchen, das mir ſchon öfter einen ſehr ſchmerzhaften Denkzettel ertheilt hatte, und ließ es munter auf meinem Rücken umhertanzen. Ich ſchrie, als ob ich am Spieße ſtecke, rief der Mutter zu, was Herr Lindemann mir verſprochen hatte, und weinte jämmerlich, als Alles nichts half.« „Noch war meine gute Mutter in voller Arbeit, und noch fiel das Rohrchen mit immer erneuter Kraft auf meine armen Schulterblätter, als zu mei⸗ nem großen Glücke Herr Lindemann ſelber in die Stube trat, und ſogleich meiner Mutter in den Arm fiel.« „Halten Sie ein, liebwerthe Frau Nachbarin!« rief er eifrig,„halten Sie ein und züchtigen Sie mir den kleinen Maler da nicht, weil ſeine Gabe ſich an der weißen Wand Ihres Häuschens kund gethan und offenbart hat. Laſſen Sie den Jungen laufen, und hören Sie, was ich Ihnen ſagen will.“ „»Meine Mutter ließ nach, mich zu züchtigen, ſchaute 1 8 45 Herrn Lindemann mit großen Augen an, hing das Röhrchen wieder an die alte bekannte Stelle, und ſchickte mich aus dem Zimmer hinaus auf die Straße. Ich ließ mir dieſen Befehl nicht zwei Mal geben, ſondern froh, das ich der Schmerz erregenden Thä⸗ tigkeit des Röhrchens entrinnen durfte, ſpran ich zur Stubenthür hinaus, und kümmerte m' weiter nicht um die Sachen, die Herr Linde n mit der Mutter zu beſprechen hatte.“ „So weißt du alſo nicht,“: ebrach Vater Wille⸗ brand den Knaben,„we err Lindemann zu deiner Mutter geſagt hattt „Nein, ich ziß es nicht, denn die Mutter hat es mir nicht eder erzählt. So viel aber weiß ich, daß ich v⸗ andern Tage an in jeder Woche vier oder fün al zu Herrn Lindemann gehen, und bei ihm ze’ en und malen lernen mußte. Schade nur, daß gute Mann ein Jahr nach unſerem erſten Zuſ mentreffen ſtarb, und ich nun wieder auf mich ſell beſchränkt war.— Er meinte es ſo gut mit m gab mir immer den beſten Rath und die beſte 2 itung, und ſagte, ich würde es ganz gewiß ein⸗ S recht weit bringen, wenn ich fleißig wäre, und ein Talent gewiſſenhaft ausbildete. Ich könnte ein Kdentlich berühmter Maler werden, ſagte er. Na 46 freilich, ich glaubte das nicht, weil ich noch gar nichts Ordentliches machen konnte. Und wenn ich gar Herrn Lindemann's Bilder mit den meinigen verglich, ſo zweifelte ich vollends daran, jemals ein bischen was Tüchtiges zu leiſten, und warf oft genug Bleiſtift, Papier, Zeichnenſtifte, Pinſel und Alles, was mir in den Weg kam, gegen die Wand. Du lieber Gott, da habe ich manch liebes Mal eine Maulſchelle von Herrn Lindemann gekriegt, daß ich meinte, Hören und Sehen müßte mir für ewige Zeiten vergangen ſein. Eigentlich böſe war er aber doch nicht, und wenn ich nach ſolcher Maulſchelle nur ein Viertel⸗ ſtündchen wieder recht fleißig war, ſo lobte er mich wieder aus dem Grunde heraus, und ich war ſein Leibſoͤhnchen nach wie vor.“ 8 „»Nun, höre mal, Fritz, wenn du ſo geſchickt biſt, ſollſt du uns alle mit einander hier einmal abconter⸗ feien. Kohlen liegen genug umher, und wenn du einen recht großen und glatten Baumſtumpf finden könnteſt, ſo wäre die Sache bald geſchehen.“ Fritz ſah ſich auf dem Platze um, und erblickte eine große Menge von Baumſtumpfen, welche einen halben oder ganzen Fuß hoch aus der Erde he vorragten, und oben meiſt eine ganz ebene 4 4 glatte Fläche zeigten. Vater Willebrand pfleg 47 nämlich die Bäume nicht mit den Aexten umzuhauen, ſondern nahm die Säge zur Hand, und ſägte ſie um. So fand denn Fritz bald einen Stamm, wie er ihn wünſchte. Er hatte wohl zwei bis drei Fuß im Durchmeſſer, und war vollkommen glatt und eben, als ob er polirt wäre. Zudem ſah das Holz recht zart und weiß aus, und ließ in keiner Sache etwas zu wünſchen übrig. Fritz ſuchte ſich nun eine Kohle, bat ſeine Freunde, ſich nicht von der Stelle zu rüh⸗ ren, und machte ſich raſch daran, ſie ſo gut als mög⸗ lich abzumalen.* Mit ſicherer Hand fuhr er mit der Kohle über den Baumſtamm hinweg, zeichnete Linie auf Linie, Strich auf Strich, Bogen auf Bogen, und wie im Umſehen entſtand auf dem alten Stumpfen ein aller⸗ liebſtes Gemälde. Im Vordergrunde erblickte man die Lichtung mit den rauchenden Meilern, rechts dann unter der alten Eiche den Vater Willebrand mit ſeinen drei Söhnen, weiterhin das rieſelnde Bäͤch⸗ lein und dann den duftigen grünen Wald, welcher mit ſeinen Zweigen und ſchlanken Stämmen die ganze Scene wie ein Rahmen einſchloß. „Jetzt bin ich fertig!“ rief Fritz nach einer halben Stunde.„Kommt und ſeht euch an!« 48 Vater Willebrand und ſeine drei Söhne ließen ſich das nicht zweimal ſagen, ſondern begaben ſich ſogleich auf den Platz, wo ſie das Bild am beſten beſchauen konnten. Mit neugierigen Blicken hafte⸗ ten ihre Augen an dem Bilde, welches ihnen, na⸗ mentlich den Knaben, ganz etwas Neues war, indem ſie vorher noch nie dergleichen erblickt hatten. Wie verzaubert ſtaunten ſie darauf hin, und brachen in abgeriſſene, einzelne Ausrufungen aus. „Ach Gott, wie ſchön!« rief Wolf. »Nein, ſollte man's glauben!“ ſeufzte Töffel ver⸗ wundert. „'S iſt einzig!“« ſetzte Hans kopfſchüttelnd hinzu. „Das biſt du, Töffel!« rief Wolf wieder.„Schau nur, gerade wie du leibſt und lebſt, hat dich der Fritz gemalt. Nur die Naſe iſt ein bischen zu groß gerathen!“« „Ja, und das biſt du, Wolf, und das der Va⸗ ter, und das Hans, und da hat ſich Fritz ſelbſt hin⸗ gemalt, und dort die Meiler und die Bäume, gerade als wenn er Alles im Spiegel aufgefangen häͤtte. Wenn ich's nicht mit eigenen Augen ſähe, glaubt ich's nicht, daß ein Menſch dergleichen machen kann!“ So und äaͤhnlich lauteten die Worte und verwun⸗ derungsvollen Ausrufungen der drei Kuaben. Bate —õ- 1 5 49 Willebrand aber hatte noch keine Sylbe geſagt, obgleich ſein Geſicht ſehr freundlich ſchmunzelte, und er überhaupt ausnehmend überraſcht zu ſein ſchien. „“S iſt wahr!“ ſagte er endlich,„'s iſt wahr, das Ding iſt gar nicht ſo übel ausgeführt, und macht unſerem Fritz alle Ehre. Ich ſehe wohl, einen Köhler dürfen wir aus dem nicht machen, ſondern wir müſ⸗ ſen ihn ſeinen eigenen Weg gehen laſſen. Schade iſt's aber doch, daß das hübſche Bild hier ſo verloren gehen ſoll. Der erſte Regenguß wird es verwiſchen. Wenn wir es mitnehmen könnten, würde ſich die Mutter gewiß ſehr darüber freuen.“ „Ei, Vater, wir haben ja die Säͤgen mit; laß uns doch Hand anlegen. Ehe es Abend wird, haben wir das Bild vom Stamme abgeſägt, und können es der Mutter mit nach Hauſe nehmen!« Der Vater nickte Beifall, und die große Säge wurde herbei geholt. Eifrig begann die Arbeit, und rückte bei vereinten Kräften ſchnell vorwärts. Nach einer Stunde war das Bild abgelöst, und zeigte ſich nun auf einem Brette von der Dicke eines Zolls, welches bequem nach Hauſe transportirt werden konnte. Im Triumphe wurde es durch das Dorf ge⸗ Der Tug. Vergeltung. 4 50 ſchleppt; die Jugend verſammelte ſich darum her; es wurde gezeigt, bewundert, und bald ging Fritzens Name von Mund zu Mund, und alle Welt ſprach den ganzen Abend hindurch von nichts Anderem, als von dem neuen Zuwachs im Dorfe, und von der wunderbaren Kunſt, die derſelbe auszuüben verſtand. Mutter Willebrand war von dem Bilde nicht minder überraſcht, denn die Andern, und ſchlug vor Verwunderung die Hände über dem Kopfe zuſammen, als ſie hörte, daß Fritz der Künſtler ſei, welcher es ſo ſchön ausgeführt habe. Sie konnte nicht müde werden, es zu betrachten, und nahm es zuletzt mit in ihre Kammer, wo ſie es in einem Schranke verſchloß. „Die Jungen könnten Unheil damit anrichten, und dann wäre es doch Schade, wenn das Bild ver⸗ loren ginge,“ meinte ſie. Fritz, welcher keine Ahnung davon gehabt batte, daß ſeine rohe Kohlenzeichnung ſolches Aufſehen er⸗ regen würde, war über den Erfolg ſeiner Kunſtlei⸗ ſtung ſehr erfreut. „Wenn euch ſolche Bilder Spaß machen,“ ſagte er,„ſo will ich euch deren ſo viele malen, als ihr 83 haben wollt. Ich habe ſelber Vergnügen dar ran, ſie 51 zu entwerfen, und weiß wirklich nichts beſſeres vor⸗ zunehmen.“ So geſchah's. Fritz malte, zeichnete, pinſelte. Vater Willebrand brachte ihm aus dem nächſten Städtchen Farben und andere Malergeräthſchaften mit, ließ den Knaben ſtill und ruhig ſeines Weges gehen, und forderte ihn nie auf, ſeine Geſchäfte zu theilen und ihm Beiſtand zu leiſten, wie ſeine drei Söhne es thaten. Wenn die Nachbarn ſich darüber wunderten, ſo laͤchelte er gutmüthig und ſagte ganz freundlich:„Kinder, fegt doch vor eurer eigenen Thür. Was ich in meinem Hauſe treibe, geht euch ja nichts an. Uebrigens ſeht ihr ja doch wohl zur Genüge, daß der Knabe zur Köhlerarbeit viel zu ſchwach iſt. Alſo laſſe ich ihm ſeinen freien Willen, und denke, er wird ſein Brod eines Tages als Maler eben ſo gut finden, wie als Köhler, wenn er nur fromm und brav und fleißig bleibt.“ Damit hatten die Fragen und Geſpräche über Fritz ein Ende. Im ganzen Dorfe nannten ſie aber den Knaben nicht Willebrands Fritz, ſondern ſie nannten ihn den Pinſelfritzen, weil er oft ganze Tage lang den Pinſel nicht aus der Hand legte. Fritz machte ſich aber nichts daraus, ſondern pinſelte nach wie vor und ließ die Dorfbuben ſchwatzen. 4* 4 52 Wenn ſie es gar zu arg machten, gab er ſeinen handfeſten drei Vettern einen Wink, und die wußten der vorlauten Jugend dann ſchon die geſchwätzigen Maͤulchen zu ſtopfen. Diertes Kapitel. Der Beſuch. Der Sommer war dahin gegangen, die herbſtli⸗ chen Stürme hatten das Laub von den Bäumen des Waldes geriſſen, und der Winter ſchritt mit ſeinem weißen Mantel über die Erde. Ueber Berg und Thal ſchüttelte er Schneeflocken aus; die früher grün belaubten Zweige der Eichen und Buchen kleidete er in ein glänzendes, funkelndes, kriſtallenes Gewand, und den plätſchernden Bach ſchlug er in Ketten und Banden, indem er eine ſtarre Eisdecke darüber hin⸗ breitete. Alle Wege waren verſchneit, und Vater Willebrand mußte mit ſeinen Söhnen zu Hauſe um den warmen Ofen hocken, und konnte nicht mehr hinaus in die freie Natur. Die Arbeit ruhte. Und ei Abends ſaß die ganze Familie traulich ichenen Tiſch herum, auf welchem 54 in der Mitte hell und freundlich die Lampe brannte. Die Mutter ſpann und drehte eifrig das ſchnurrende Rädchen; der Vater ſchärfte ſein Werkzeug, ſeine Sägen und Beile; Wolf, Töffel und Hans trieben Allotria, neckten ſich, ſcherzten und plauderten, und Fritz zeichnete mit ſeinem Bleiſtifte allerlei Figuren auf ein Blättchen Papier. Die drei Brüder wurden der Neckereien jedoch bald überdrüſſig, und man ſah es ihnen an, daß ſie herzliche Langeweile hatten. „Der Winter iſt doch eigentlich eine recht miſe⸗ rable Jahreszeit,“ ſagte Wolf. „Und warum das?“ fragte Vater Willebrand. „Warum?“ entgegnete Wolf,„warum? J, weil man den ganzen Tag in der Stube hocken muß, weil es draußen friert und ſchneit, und weil man gar nichts Rechtes vornehmen kann. Da hat uns neu⸗ lich der Schulmeiſter von Ländern erzählt, die drüben über dem Meere liegen, in denen es nun und nim⸗ mermehr Winter werden ſoll. Dorthin möchte ich.“ „So, alſo dorthin ſteht dein Herz und Sinn?“ ſprach Vater Willebrand.„Siehſt du, Wolf, da biſt du wieder einmal recht auf dem Holzwege. Nir⸗ gends auf der ganzen Welt iſt's beſſer, als da, wo der Menſch geboren und erzogen iſt. Und, du kannſt mir wahrlich glauben: wenn d deut⸗ 5⁵ ſches Vaterland verlaſſen ſollteſt, ſo mochteſt du lange ſuchen müſſen, bis du wieder ein Anderes findeſt, das eben ſo gut iſt.“ „Aber Vater,“ erwiederte der hartnäckige Wolf, „wenn du Recht hätteſt, warum gingen alsdann ſo viele Leute nach Amerika? Sind doch vor einem Jahre ſelbſt aus unſerem Dorfe ein Paar Familien bingezogen! Wenn's in Amerika nicht beſſer wäre, als hier, würden ja doch die Leute lieber zu Hauſe bleiben, als die weite gefahrvolle Reiſe machen. Und iſt wohl Einer von ihnen wieder zurück gekommen? Nicht Einer! Alſo muß es ihnen doch in dem fernen Lande gefallen.“ „Nicht alſo, mein Sohn!“ unterbrach Vater Wille⸗ brand den eifrigen Redeſtrom Wolfs;„nicht alſo! Du biſt ganz und gar im Irrthume. Freilich ſind viele thörichte Leute fortgezogen über das Meer, und haben drüben eine neue Heimath geſucht, weil es ihnen in der alten nicht mehr gefallen wollte. Was iſt aber meiſt Schuld daran? Faulheit, und lügen⸗ hafte Vorſpiegelungen ſchlechter Menſchen, welche von den armen Auswanderern Nutzen ziehen wollen. Dieſe gewiſſenloſen Leute ſchicken ordentlich Agenten aus, welche den Bürger und Bauersmann bearbeiten, ihm die Heimath zuwider machen und zur Auswanderung 56 bereden müſſen. Die ſchwatzen denn nun den leicht⸗ gläubigen Leuten vor, drüben in Amerika ſei Alles viel beſſer, als bei uns zu Lande. Hier müſſe man ſich ſchinden und plagen, um nur ſein bischen Le⸗ bensunterhalt zu verdienen, während in Amerika Alles ohne Mühe und große Pflege von ſelbſt wüchſe. Hier koſtete der Morgen Acker ſeine hundert und noch mehr Thaler, in Amerika kaum zwei oder drei. Hier müſſe man Abgaben an den König und Gott weiß an wen noch bezahlen, müſſe ſich von den Behörden allerlei Ungebührliches und Ungerechtes gefallen laſſen und wäͤre nichts viel beſſeres, als ein Sclave und Knecht; in Amerika aber, da wäre man ein freier Mann, da könne man thun und treiben, was man wolle, und jeder Einzelne wäre dort ein König im Kleinen. Das und Aehnliches mehr ſpiegeln ſie den Leuten vor, und malen ihnen das amerikaniſche Land ſo ſchön und verführeriſch, als ob dort die gebrate⸗ nen Tauben in der Luft umherflögen. Aber proſit die Mahlzeit, wenn die armen belogenen und betro⸗ genen Menſchen hinkommen. Erſt verkaufen ſie da⸗ heim Haus und Hof, Aecker und Wieſen, und be⸗ kommen kaum die Hälfte des Werthes dafür. Das iſt der erſte Verluſt, dem ſie nicht aus dem Wege gehen können. Nachher ſetzen ſie ſich zu Schiffe, 57 —— müſſen ein Heidengeld für den Transport und die Verköſtigung auf demſelben bezahlen, und ſteigen, wenn das Meer ſie nicht in ſeine Abgründe reißt, mit hübſch geleertem Beutel an das gelobte Land, das ihnen jetzt ſchon nicht mehr ſo reizend vorkommt, wie damals, als ſie noch in der Heimath waren. Sie ſind doch aber nun dort, und meinen, der leichter gewordene Geldbeutel werde ſich bald wieder fuͤllen, wenn ſie nur erſt für ein Paar hundert Thaler ihre vier bis fünfhundert Morgen Land gekauft haben und es bewirthſchaften können. Sie ſchließen den Handel ab, und erfahren nun erſt, daß ſie noch ein tauſend Meilen landeinwärts zu gehen haben, ehe ſie auf ihrem Eigenthume ankommen. Mit ſchwerem Herzen machen ſie ſich auf den Weg, kommen nach unzähligen Gefahren und Mühſeligkeiten an, und finden denn nun zu guter Letzt nicht etwa Aecker und Wieſen, nein, Gott behüte, nichts wie Wald und Wald und wieder Wald, wenn ſie nicht gar in ihrer Unwiſſenheit unfruchtbares Moorland gekauft haben. Da müſſen ſie denn nun arbeiten, daß ihnen die Schwarte knackt, und müſſen ſich ſchinden und mü⸗ hen und plagen viel mehr als zu Hauſe, um vorerſt nur das Leben zu friſten. Gern kehrten ſie jetzt wie⸗ der um, wenn es noch in ihrer Macht ſtaͤnde. Aben. ſorgt dafür, Niemand kann dafür ſorgen, und in 58 es geht nicht mehr; der Geldbeutel iſt auf der Reiſe vollends leer geworden, und ſie würden nicht einmal die Rückfracht bezahlen können. Sie ſind alſo an die Scholle gefeſſelt, und müſſen aushalten. Da⸗ rum kommen ſie nicht zurück, keineswegs deßhalb, weil es ihnen in der Fremde ſo ſehr gefiele. Und was haben ſie am Ende durch den Tauſch gewonnen? Nichts! Was verloren? Alles! Heimath verloren, Freunde verloren, ja oft ſogar Gott verloren! Alle Bequemlichkeiten müſſen ſie entbehren, und ſelbſt die nothwendigſten Bedürfniſſe, wie zum Beiſpiel Kleidungsſtücke und Hausgeräth, können ſie entweder gar nicht bekommen, oder müſſen ſie aus großer Ent⸗ fernung kommen laſſen, und gleichſam mit Golde aufwiegen. Denn in den amerikaniſchen Wildniſſen iſt's nicht wie bei uns, wo aller Naſelang ein Dorf oder eine Stadt liegt. Dort kann man hunderte von Meilen wandern, ehe man auf einen bewohnten Ort ſtößt, in welchem man Kaufläden und Hand⸗ werksleute antrifft. Und dann, wie iſt's mit den Schulen? Wer unterrichtet die Kinder da in der Wildniß? Wer lehrt ſie Gott kennen und lieben? Wer ſorgt für ihr geiſtiges Wohl, das doch unend lich viel wichtiger iſt, als das körperliche? Niemanb 59 Unwiſſenheit, Rohheit und Stumpfſinn wachſen die Kinder auf, wenn der Himmel ſelber in ſeiner Gnade ſich nicht ihrer erbarmt. Nein, geht mir mit euren fremden Ländern! Daheim iſt's am beſten.“ „Ja, Vater, was Amerika anbetrifft, das heißt die Vereinigten Staaten von Nordamerika, da magſt du wohl Recht haben,“ ſagte Wolf;„aber wie ſieht es in Südamerika aus? wie auf den weſtindiſchen Inſeln und in Oſtindien? Dort bringt die Natur Alles hervor, was der Menſch zur Leibesnothdurft bedarf, und er braucht nur die Hände darnach aus⸗ zuſtrecken. Dieſe Länder meinte ich eigentlich, Va⸗ ter, und mit denen wäre ein Tauſch wohl nicht übel angebracht.“ 4 „Dort iſt's noch ſchlimmer, als in Nordamerika,“ unterbrach Vater Willebrand ſeinen Sohn;„dort iſt's noch ſchlimmer. Wer von tödtlichen Krankheiten, vom gelben Fieber, von der Schwindſucht und ſo weiter verſchont wird, mag ſich hüten, daß er nicht von reißenden Thieren, von giftigen Schlangen, von Scorpionen und anderem Ungeziefer den Tod erleidet. Tauſendfache Gefahren umringen den Menſchen in den heißen Welttheilen, und nur wenige Europäer vermögen denſelben Trotz zu bieten und ſie zu über⸗ winden. Und dann lobe ich mir doch unſeren Sommer 60 im Vergleich mit der Gluthhitze, welche dort die ſenk⸗ recht herabſchießenden Strahlen der Sonne hervor⸗ bringen, und lieber will ich den Schnee und die Kälte unſeres Winters ertragen, als die Monate lang dau⸗ ernden Regengüſſe, welche dort aus den Wolken her⸗ abſtrömen und gewiſſer Maßen unſeren Winter vor⸗ ſtellen. Ich lobe mir unſere Heimath, und mein Wahlſpruch iſt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich!« In dieſem Augendlicke wurde das Geſpräch unter⸗ brochen, indem draußen tüchtig an die verſchloſſene Hausthür gepocht wurde. Wolf ging hinaus, um zu öffnen, und führte gleich darauf einen Mann in die Stube, der von Vater Willebrand zwar freund⸗ lich, aber doch mit einiger Zurückhaltung aufgenom⸗ men und eypfangen wurde. „Ei, Meiſter Scharf,“ ſagte er,„wie komm' ich zu der Ehre, Sie hier zu ſehen. Seit Jahr und Tag ſind Sie ja nicht bei uns geweſen.« Meiſter Scharf, ein Maurer aus der nächſten etwa fünf Meilen entfernten Stadt, war weitläufig mit Vater Willebrand verwandt, und pflegte ihn in früheren Zeiten öfters zu beſuchen. Anfänglich arm und in beſchränkter Lage, gelang es ihm ſpaͤter, ſich einiges Vermögen zu ſammeln, und nun wurde er 61 hochmüthig und ſtolz. Seine Beſuche im Hauſe des armen Köhlers wurden von Jahr zu Jahr ſpärlicher, und endlich blieben ſie ganz aus. Darum kam denn Meiſter Scharf heute Abend ſo unerwartet, daß die Verwunderung Vater Willebrands wohl zu entſchul⸗ digen war. „Ich habe in der Gegend umher ein Paar Ge⸗ ſchäfte gehabt,“ ſagte Meiſter Scharf, nachdem er Platz genommen und es ſich bequem gemacht hatte, „und da wollte ich denn nicht verſäumen, auch ein⸗ mal wieder bei meinem lieben Vetter Willebrand vorzuſprechen, und zu ſehen, wie es ihm mit der lieben Frau und den Kinderchen ergeht. Nun, ſie ſind ja Alle recht munter und geſund, wie ich be⸗ merke.“ „Ja, ja, Gottlob!“ erwiederte Vater Willebrand. „Die Jungen wachſen heran, und helfen nun ſchon bei der Arbeit. Sollen ſich bei Zeiten an Thaͤtigkeit und Gottesfurcht gewöhnen, denn das erhält Leib und Seele in gutem Stande.“ „Aber Ihre Familie hat einen Zuwachs bekom⸗ men, lieber Vetter!“ ſagte Meiſter Scharf.„Da das Jüngelchen habe ich noch nicht bei Ihnen geſehen. Iſt es Ihr Jüngſter?« „Nein, nein,“ erwiederte Vater Willebrand. G 62 iſt mein lieber kleiner Neffe Fritz aus B. Seine Aeltern ſind geſtorben, und da iſt denn der kleine Burſch zu uns gewandert, um ein Mitglied meiner Familie zu werden. Iſt er auch nicht mein Sohn, ſo betrachte ich ihn doch als ſolchen, und könnte ihn nicht herzlicher lieben, wenn er's wirklich wäre.« »Ja, ja, hm! hmil ich weiß ſchon,“ ſagte Meiſter Scharf, indem er Fritzen von Kopf bis zu den Füßen betrachtete.„Habe ſchon von ihm gehört. Wird er nicht in der ganzen Umgegend der Pinſelfritze ge⸗ nannt, weil er ſo hübſch zeichnen und malen kann? Ja, ja. Nun, ſo zeige doch einmal ein Paar von deinen Bilderchen her, lieber Sohn. Ich verſtehe mich ein wenig auf dergleichen, da ja bei meinem Geſchäfte das Malen und Pinſeln auch vielfach vor⸗ kommt. Hol' einmal her, was du gearbeitet haſt.“ Fritz ging, nahm ſeine Mappe aus dem Schranke und reichte ſie dem Meiſter Scharf hin. Dieſer ſetzte. bedächtig eine große Brille auf ſeine lange rothe Naſe, ſchob die Lampe zurecht, ſo daß er das beſte Licht hatte, ſchlug endlich die Mappe auf und mu⸗ ſterte die Zeichnungen durch. Je mehr er ſah, deſto heller funkelten ſeine kleinen grünen Katzenaugen und deſto röther ſtrahlte ſeine mächtige Naſe vor inner⸗ licher Bewegung. Immer murmelte er leiſe vor ſich 1* 63 hin, und nickte bald und ſchüttelte bald mit dem Kopfe Zeichen des Beifalls. „Nicht übel! vortrefflich! Wirklich recht gut!“ brummte er.„Es kann wirklich aus dem Jungen etwas werden. Viel Talent, hübſche Anlagen! Nun, werden ja ſehen!« Endlich hatte er die Mappe durchgemuſtert, klappte ſie bedächtig wieder zu, nahm die Brille von der Naſe, und ſchaute den Vater Willebrand mit einem vielſagenden Blicke an. „Hören Sie, Vetter,“ ſprach er,„der Knabe zeich⸗ net in der That nicht ſchlecht, und wenn er in die rechten Hände kommt, ſo kann es ihm eines Tages in der Welt nicht fehlen. Wie wär's, wenn Sie mir den Jungen mit in die Stadt gäben? He? Ich könnte ihn gebrauchen, und da er eine ſo geſchickte Hand hat, ſollte er nicht einmal Lehrgeld bezahlen, und ich wollte ihn in allen Stücken erhalten. Ich habe ein Paar recht tüchtige Stubenmaler in meinem Dienſt, die ſollen ihn anlernen, und werden ihn bald ſo weit bringen, daß er ſein Brod verdienen kann. Hier im Dorfe verſauert der Junge, und wenn er nicht unter Menſchen kommt, von denen er lernen kann, gehen ſeine Anlagen zu Grunde.“ Vater Willebrand ſchüttelte bei dieſem Anerbieten 64 bedenklich den Kopf.„Es iſt möglich, daß Sie es gut meinen, Vetter,“ ſprach er endlich;„doch muß ich Ihnen geſtehen, daß ich mich ungern von dem Knaben trennen würde. Ich habe mich ſchon recht an ihn gewöhnt, und glaube auch, daß er ſelber lieber bei uns bleiben als Ihnen folgen wird. Was meinſt du, Fritz?« Fritz hatte mit Aengſtlichkeit auf den Gang des Geſpräches gelauſcht, und als ihn daher Vater Wille⸗ brand nach ſeiner Meinung fragte, platzte er gleich mit der Antwort beraus:„Hier bleiben will ich, Vater! Ich mag nicht in die Stadt! Hier gefällt's mir ſo gut, daß ich's gar nicht beſſer haben mag!« „Sehen Sie wohl, Vetter?« ſagte Vater Wille⸗ brand mit vergnügtem Lächeln.„Sehen Sie wohl? Hab's mir wohl gedacht, daß der Junge nicht gern gehen würde, da er weiß, daß wir Alle ihn lieb ha⸗ ben. Bleib du nur bei uns, Fritzchen! Male und zeichne nach wie vor, und kümmere dich weiter um nichts. Wenn du etwas Ordentliches gelernt und dich fleißig geübt haſt, ſo wird es dir auch nicht fehlen, wenn ich einmal todt bin.“ Meiſter Scharf zog ein verdrießliches Geſicht, ſchwieg aber, und ließ den Gegenſtand fallen. Das Geſpraͤch wendete ſich auf andere Dinge, und der 65 Vorſchlag des Vetters war längſt vergeſſen, als man endlich die Schlafkammer und die Betten auf⸗ ſuchte. Am andern Morgen nahm Meiſter Scharf Ab⸗ ſchied, und machte ſich auf die Beine. Vater Wille⸗ brand begleitete ihn auf ſeine Bitte ein Stück Wegs. Als ſie nun draußen über den kniſternden Schnee hinſchritten, fing Meiſter Scharf an, wieder von Fritz zu ſprechen. „Hören Sie, Vetter,« ſagte er,„ich habe mir die Sache mit dem Jungen noch einmal überlegt. Er intereſſirt mich, weil ich wirklich glaube, daß er ſeiner Zeit etwas leiſten kann, wenn er in die rech⸗ ten Hände kommt. Bei Ihnen im Dorfe, wo ihm Niemand Lehre und Anleitung gibt, muß er trotz ſeines ſchönen Talentes auf Abwege gerathen, und wird nie ein tuͤchtiger und geſchickter Maler werden. Schicken Sie mir den Jungen. Ich will ihn gut halten, und ihm, wie ſchon geſagt, nicht nur das Lehrgeld erlaſſen, ſondern will ihm auch noch einen hübſchen Lohn ausſetzen. Weiſen Sie den Vorſchlag nicht von ſich, Vetter, er iſt gut gemeint.“ „Meiſter Scharf,“ ſagte Vater Willebrand,„Sie haben mit eigenen Ohren gehört, was der Fritz zu „Ihrem Anerbieten geſagt hat. Er will nicht zu Ih⸗ Der Tug. Vergeltung. 5 66 nen, und ich kann es ihm auch, ehrlich geſtanden, nicht verdenken, da ich Sie kenne. Sehen Sie, Herr Vetter, um gerade heraus zu ſprechen, ich habe ge⸗ hört, daß Sie Ihre Leute nicht gut behandeln, daß Sie ſie ſchinden und plagen, ſie übermäßig zur Ar⸗ beit treiben und ihnen kein Vergnügen gönnen. Kein Menſch hält es lange bei Ihnen aus, und je⸗ den Augenblick haben Sie andere Leute. Nun kann ich mir wohl denken, daß Sie den Fritz gebrauchen, weil Sie ſonſt nicht ſo ſehr darauf dringen würden, ihn zu bekommen. Aber ſehen Sie, Herr Vetter, daraus kann nichts werden. Bei mir hat es der Junge gut, kann ſeinen eigenen Weg gehen, und ſein Talent hegen und pflegen und ausbilden nach Gefallen. Ein guter Grund iſt gelegt, und ſo viel ich davon verſtehe, hat er bei mir ſchon recht hüb⸗ ſche Fortſchritte gemacht. Bei Ihnen aber, da muß er angeſtrengt arbeiten von Früh bis in die Nacht, bekommt wohl gar Schläge und Scheltworte, und ternt bei alledem doch nichts Ordentliches. Denn ſo viel weiß ich auch, daß ein Stubenmaler und ein wahrer, ächter Maler, was ſie ſo einen Künſtler neunen, himmelweit von einander unterſchieden ſind. Der Fritz ſoll aber kein Farbenklekſer und Wände⸗ beſchmierer werden, ſondern ein regulärer ordentlich 10 V 5 12 67 Kunſtmaler. Das iſt ſo meine Anſicht, Herr Vetter, und davon bringen Sie mich auch nicht ab.« Der Vetter Scharf zog ein ſaures Geſicht, als er dieſe Worte hörte, und ſeine grünen Aeuglein funkelten ingrimmig und feindlich. Doch hielt er noch an ſich, und ſagte ganz ſanft und freundlich: „Herr Vetter, Herr Vetter, wie können Sie nur glauben, was die ſchlechten Leute von mir armen Manne ſagen. ˙öS iſt nichts, als die pure, klare Ver⸗ leumdung! Ich meine Leute ſchlecht behandeln? J, eher wollte ich ja ſelber wer weiß was leiden, ehe ich ſie leiden ließe. Nein, Vetter, daß ſind lauter Lügen. Und ſehen Sie, wenn ich den Jungen zu mir nehme, ſo haben Sie doch auch eine Laſt weniger auf dem Halſe. Was nützt Ihnen denn der Kleine? Gar nichts? Und doch müſſen Sie ihn kleiden und nähren, und ſich für ihn plagen! Nein, Vetter, das geht nicht mehr! Geben Sie mir den Jungen, und ich ſchicke Ihnen dafür alle Jahre, ſo lange er bei mir bleibt, fünfzig blanke preußiſche Thaler. He? das gefällt Ihnen? Nun, ſo ſchlagen Sie ein.“ Er hielt die ausgeſtreckte Hand hin. Vater Wille⸗ brand aber wies ſie unwillig zurück. „Das iſt die Verſuchung des Böſen!“ rief er barſch.„Ich bin kein Seelenverkaͤufer, und habe 3½ 5* 68 noch ſo viel Gewiſſen und Gottesfurcht, daß ich nicht um ſchnöden Goldes willen das Heil eines mir von Gott anvertrauten Pfandes verrathen werde. Nein, nein, das ſei ferne von mir! Hat der Himmel bis⸗ her geholfen, wird er auch ferner helfen. Noch nie ſind wir hungrig zu Bette gegangen, und haben noch immer Kleidung und Obdach gehabt. Macht mir der Fritz auch ein Paar Ausgaben mehr, was ſchadet das? Ich rühre mich um ſo fleißiger, und will mir ſchon durchhelfen, da ja meine drei Jungen ebenfalls ſchon tüchtig mit angreifen können. Was ich an Fritz thue, iſt überdem meine Schuldigkeit, da er keine andern Verwandten mehr hat, als uns, und alſo auch kein Anderer für ihn ſorgen kann. Dabei laſſen Sie es denn ſein Bewenden haben, Meiſter Scharf, und leben Sie recht wohl.“ Der Abſchied war kurz, und bald gelangte Vater Willebrand wieder nach Hauſe. Den Aerger über Vetter Scharfs Vorſchläge hatte er ſchon vergeſſen, ehe er in die Stube trat, und erzählte daher in hei⸗ terer Laune und lachend, wie es ihm unterwegs er⸗ gangen, und wie erpicht der Maurermeiſter aus der Stadt auf den Pinſelfritze geweſen ſei. »Es ſteckt am Ende mehr in dem Knaben, als wir Alle denken,“ ſagte er Abends zu ſeiner Frau, 69 als die Knaben ſchon zu Bette waren.„Wer weiß, ob er nicht gar einmal ſo ein berühmter Mann wird, wie der Raphael und Leonardo da Vinci, und die anderen Künſtler, von denen der Schelm uns ſchon öfters erzählt hat. Wollen's abwarten! Wenn das Rechte und Gute in ihm ſteckt, wird's der liebe Gott unfehlbar ſchon zu Tage fördern.“ Fünktes Aapitel. Der Waldbrand. Es war ein halbes Jahr nach dem Beſuche des Vetter Scharf, an den nun ſchon längſt kein Menſch im Dorfe mehr dachte, da gingen an einem heißen Sommertage Vater Willebrand und ſeine drei Söhne inaus in den Wald an die Arbeit. Der Alte führte die Jünglinge auf einen hohen Berg hinauf, welcher nach der einen Seite ſteil abfiel und eine faſt ſenk⸗ rechte Felſenwand bildete, während er auf den drei übrigen Seiten ſich allmählig in ein grünes ſchönes Thal hinabſenkte, welches von einem murmelnden Bache durchrieſelt ward. Oben, faſt auf dem Gipfel⸗ des Berges war eine große Strecke Holz ausgerodet und die Stämme in Stücken gehauen, und der Alte befahl ſeinen Söhnen, die zerſtreut umherliegendem Scheite auf einen Haufen zu tragen, und dann einen 71 Platz zu ebnen, wo von dem Holze ein Meiler erbaut werden könne. Er ſelber ſchritt weiter in den Wald hinein, indem er verſprach, ſich um die Abendzeit wieder einzuſtellen. Die Kuaben gingen friſch au die Arbeit und rühr⸗ ten ſich wacker, obgleich die Sonne hoch am wolken⸗ loſen Himmel ſtand, und eine Gluth aushauchte, die ihnen faſt das Mark in den Gebeinen verſengte. Eine Stunde mochten ſie ſchon mit Anſtrengung aller Kräfte gearbeitet haben, als ſich die Luft, nicht plötzlich, ſondern nachgerade, und anfänglich kaum bemerkbar, mit einem feinen, durchſichtigen, trocke⸗ nen Nebel aufüllte, welcher von Minute zu Minute ſich weiter auf die umliegenden Höhen verbreitete. Er verminderte die ſengende Gluth der Sonne, de⸗ ren Strahlen den Nebel nur ſchwach zu durchdringen vermochten, hauchte dagegen aber eine ſolche drückende Schwüle aus, daß die raſtlos fortſchaffenden Knaben anfingen zu keuchen und nach Luft zu ſchnappen. Kein Lüftchen regte ſich, und eine ſeltſame Stille lag über der ganzen Gegend. Die drei Knaben waren eben beſchäftigt, einen ſchweren Holzſtamm den ſanft anſteigenden Berg hin⸗ aufzuwälzen, als plötzlich ungehenre Rauchmaſſen ber ihren Köpfen hinwegrollten, und in kreiſenden 72 Wirbeln die Ausſicht nach dem Gebirge verhüllten. Ueber dieſe ſeltſame Erſcheinung, die ſich keiner der Knaben entraͤthſeln konnte, erſchrocken, ließen ſie den Stamm liegen, ſprangen hinauf, und warfen forſchende Blicke ringsum und in das Thal hinab, welches ſie gleichfalls mit einer dichten Rauchwolke bedeckt ſahen, während ein heulender Ton, dem Brau⸗ ſen des heranrauſchenden Sturmes vergleichbar, aus den Forſten ringsum zu ihnen empordrang. Die Knaben ſchauten ſich verwundert an. „Was bedeutet das?“ fragte endlich Hans, der jüngſte der Brüder.„Mir iſt ſchrecklich bange, und ſo beklommen um das Herz, das ich es gar nicht zu beſchreiben vermag.“ „Auch ich fühle eine Hitze, wie wenn ich in einem Gluthofen ſteckte,“ ſagte Töffel:„Es iſt mir, als ob die Luft ſo heiß und dick wäre, daß ich ſie kaum athmen kann.“ „»Und der fürchterliche Rauch!“ ſetzte Wolf hinzu. „Ich fürchte, wir ſind in einer großen Gefahr, ob⸗ gleich ich nicht ergründen kann, von welcher Seite her ſie uns bedroht.“ Noch ſtarrten ſie in die raſtlos ſich fortwälzenden Rauchwolken, als ſich plötzlich der aͤngſtliche Ruf ecgz ner menſchlichen Stimme vernehmen ließ, die laut 8 * 73 — aus den Waͤldern herüberklang, und augenblicklich von den drei Knaben als die Stimme Fritzens er⸗ kannt wurde. „Wolf! Töffel! Hans! wo ſteckt ihr denn? Ant⸗ wortet! Antwortet! Der ganze Wald ſteht in Flam⸗ men, und ihr müßt ſchnell fliehen, wenn ihr euer Leben retten wollt!“ Die Knaben erſchraken. Alſo der Wald brannte. Daher der Nebel, der Rauch, die ſchwere, drückende, ſchwüle Luft. „Hierher, Fritz!“ ſchrie Wolf, der ſich am erſten von dem Schrecken erholte.„Hierher!“ Gleich darauf rauſchte ein ſchneller haſtiger Schritt durch das Gebüſch und das Unterholz des Waldes, und bleich, verſtört, athemlos vom ſchnellen Laufe und der Angſt um ſeine Verwandten trat Fritz zu den drei Knaben heran. „Um Gotteswillen!« ſchrie er,„warum ſteht ihr hier unthaͤtig und ſtarrt in die Rauchwolken, anſtatt ſo ſchnell wie möglich die Flucht zu ergreifen. Das Feuer folgt mir auf den Ferſen, und es iſt die höchſte Zeit, daß wir einen Ausweg aus dem Gluthmeere ſuchen. Rings um den ganzen Berg ſtehen die Baͤume in lichten Flammen, und nur Eine Stelle noch, da wo die Quelle aus der Felſengrotte hervorſtromt und 74 ſich ins Thal ergießt, war frei und unverſehrt, als ich herauf kam. Aber lange wird's nicht dauern, ſo iſt uns auch dieſer letzte Rettungsweg verſchloſſen. Darum eilt, und folgt mir ſo ſchnell nach, als eure Fuͤße euch tragen können.“. Die Knaben, zitternd und bebend vor Furcht, ſäumten nicht, den Worten Fritzens Folge zu leiſten, und ſprangen ihm ſchnell nach, den Berghang hinab. In wenigen Minuten war die Felsgrotte, aus wel⸗ cher eine friſche klare Quelle hervorſtrömte, erreicht, und an dem Waſſer entlang, welches ſich unten in den bereits erwähnten Bach ergoß, liefen die Knaben in das Thal hinab. Ungeheure Wolken grauen wirbelnden Dampfes umlagerten den ganzen Berg, und verbargen das raſche Umſichſchreiten der Flammen eine Zeit lang den Augen der Fliehenden. Bald aber, und ehe ſie noch zur Hälfte den Berg hinab gelaufen waren, vernahmen ſie einen praſſelnden Ton, und ſahen im nämlichen Augenblicke auch die wehenden Flammen, wie ſie, roth und gelb züngelnd, aus dem Dampfe hervorſchoſſen, bald hoch in die Luft auflodernd, bald wieder zur Erde ſinkend, wo ſie jeden Strauch und alles Geſtrüpp, welches ihrem glühenden Hauche nahe kam, ſogleich verzehrten. Dieſer Anblick öste 75 Entſetzen in die Seelen der Knaben, und veranlaßte ſie zu verdoppelten Anſtrengungen. Noch war ihr Weg frei; ſchon blinkte ihnen aus dem Grunde des Thales das rieſelnde Bachwaſſer entgegen, ſchon jauchzten ſie laut über die gluͤckliche Rettung und hofften allen Gefahren entronnen zu ſein, als die geöffnete Pforte ihnen dicht vor den Augen zugeſchla⸗ gen wurde. Zum Unglück lag nämlich am Ausgange des Wal⸗ des quer über ihrem Wege, dem einzigen, auf wel⸗ chem Rettung möglich war, ein Haufen alter, dürrer Baumzweige aufgehäuft, welcher völlig ausgetrocknet und leicht Feuer fangend, bisher nur von der dazwi⸗ ſchen liegenden Quelle gegen die Flamme geſchützt ge⸗ weſen war. Ein kurzer, aber heftiger Windſtoß trieb die Flammen der brennenden Bäume über das ſchmale Gewäſſer hinweg. Das trockene dürre Holz wurde von der verzehrenden Feuerzunge berührt, fing im Augenblicke der Berührung ebenfalls Feuer, und, als die Knaben die Stelle erreichten, fanden ſie den Weg durch eine praſſelude, kniſternde Lohe verſperrt, ähnlich der in einem hell auflodernden Ofen. Einen Schreckensſchrei ausſtoßend, bebten ſie zuruck, und ſtanden nun inmitten des furchtbaren Elementes, welches raubgierig, wie nach Beute haſchend, von 76 Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum ſeinen fürch⸗ terlichen Pfad verfolgte. „Was beginnen wir nun?« fragte Wolf mit be⸗ bender Stimme, indem er mit gefalteten Händen verzweiflungsvoll umherſtarrte. „Wir müſſen zurück!“ rief Fritz ſchnell beſonnen. „Vielleicht gelingt es uns, an der ſteil abfallenden Felſenſeite des Berges hinab zu klimmen. Hier iſt Alles verloren, und dort wenigſtens noch Hoffnung.“« Die Knaben ſahen das Vernünftige dieſes Vor⸗ ſchlages ein, und kehrten um. So ſchnell ihre Füße ſie zu tragen vermochten, legten ſie den eben gemeſ⸗ ſenen Weg wieder zurück, und langten bald athem⸗ los auf der höchſten Spitze des Berges an. Hier war ihnen ein freier Umblick vergönnt, und da die Gefahr nicht mehr ſo nahe drohte, blickten ſie zurück in die ziſchenden Flammen, welche fort und fort raſch weiter griffen, und bald die ganze untere Hälfte des langhin ſich dehnenden Berges in ein wogendes Feuer⸗ und Dampfmeer verwandelten. Der Anblick war ſo ſchön wie ſchreckbar und ſchauerlich, und die Knaben, beſonders Fritz, welcher keinen Augenblick die Beſonnenheit verlor, ſtarrten halb von Entſetzen halb von Theilnahme erfüllt auf das erhabene Schauſpiel der fortſchreitenden Verhee⸗ 77 — rung. Fritz ſuchte noch immer nach einem Auswege, indem er das Gefährliche des Herabklimmens von der beinahe ſeukrecht abfallenden Felſenwand ſehr wohl erkannte. Wo der weniger dichte Rauch eine noch offene Stelle verſprach, ſtürzte er hin, und that ſein Möglichſtes, um in den dampfenden Wolken einen Durchgang aufzufinden. Aber ſtets zeigten ſich ſeine Bemühungen vergeblich, und er kam endlich zu der ſchrecklichen Ueberzeugung, daß ſie vollſtändig von den Flammen eingeſchloſſen und umgeben ſeien. „Es hilft nichts, wir müſſen ſehen, den Berg an der ſteilſten Seite hinab zu klimmen,“ ſagte er end⸗ Aich zu den zitternden Unglücksgefährten.„So laßt uns denn unſer Möglichſtes thun, das Leben zu ret⸗ ten. Betet zu Gott, daß er uns ſeinen gnädigen Beiſtand verleihe.“ Die vier Knaben ſanken auf ihre Knie, falteten ihre Hände, und beteten mit Inbrunſt und mit zum Himmel empor gerichteten Augen. Rings um ſie her wallten Dampfwolken und Rauch; das furcht⸗ bare Kniſtern und Praſſeln der Flammen, das Kra⸗ chen ſtürzender Bäume, und das Heulen des Sturm⸗ windes, der ſich gewaltig aufgemacht hatte, und das Feuer mächtig vor ſich her trieb, vermiſchte ſich mit den inbrünſtigen und flehenden Worten ihres Gebetes. 78 Endlich ſtanden ſie auf und ſchritten vor bis an die Felſenwand. Schaudernd blickten ſie hinab in die gähnende Tiefe. „»Nun und nimmermehr gelangen wir lebend hier hinunter!“ rief Wolf, den furchtbaren Abgrund an⸗ ſtarrend, und die entſetzten Geberden ſeiner Brüder ſagten das Nämliche. Fritz allein verlor nicht den Muth. Als er ſein Auge an der Wand hinab glei⸗ ten ließ, entdeckte er ungefähr dreißig Fuß von ſei⸗ nem Standpunkte aus eine vorſpringende Felſen⸗ platte, welche vollkommen groß genug ſchien, ihn und ſeine Unglücksgefährten aufzunehmen. Konnten ſie dorthin gelangen, ſo waren ſie vor den Flammen geſichert, und mochten ſich wohl ſo lange halten, bis Hülfe käme, die gewiß nicht lange ausbleiben würde. Er rief Wolf herbei, welcher ſich indeſſen auf einen Baumſtumpf geſetzt hatte und bitterlich weinte und jammerte. 8 „Faſſe friſchen Muth, Wolf!« ſagte er.„Wenn wir auch nicht bis an den Fuß der Felſenwand hinab klimmen können, ſo vermögen wir doch mit Vorſicht und Beſonnenheit jene Klippe zu erreichen, die dort etwa dreißig Fuß unter uns vorſpringt.“ Wolf wiſchte ſich die Thränen aus den Augen 79 und ſchaute.„Ja, Platz hätten wir wohl,“ erwie⸗ derte er dann,„aber wie hinkommen, ohne Hals und Beine zu brechen. Die Wand hier iſt ja ſo glatt, als ob ſie polirt wäre, und nirgends iſt ein Fleckchen, wo wir feſten Fuß faſſen könnten.“ „Dem Muthigen glückt Alles!“« ſprach Fritz er⸗ munternd.„Wir müſſen unſere Kleider ausziehen, ſie mit unſern Meſſern in Streifen ſchneiden, die Streifen zuſammen knüpfen, und uns dann, wie an einem Seile, in die Tiefe hinablaſſen.“ „Haſt Recht!“ rief Wolf freudig.»Das geht, und Gott ſei Dank, der dir ſolchen klugen Einfall einge⸗ geben hat. Friſch denn an's Werk.“ Ohne Zögern zog er ſich bis auf's Hemd aus, langte ſein Meſſer hervor, und ſchnitt aus ſeinen feſten ledernen Kleidungsſtücken Streifen, die breit und ſtark genug waren, um das Gewicht eines Kna⸗ ben tragen zu können. Die Andern knüpften die Streifen aneinaͤnder, und bald war die Arbeit ſo weit gediehen, daß auch die Kleider der Uebrigen an die Reihe kamen. Die drohende Nähe der Gefahr machte flinke Finger, und ehe eine halbe Stunde verging, war das Seil fertig. Sie probirten die Länge. Es reichte noch mehrere Fuß über den Ab⸗ grund hinaus. 8⁰ „Nun iſt's gut!“ jauchzte Fritz.»Nun ſind wir geborgen. Mag das Feuer doch brennen und wü⸗ then, uns erreicht es nun nicht mehr.“ Mit großer Sorgfalt ward das Seil nun um eine vorſpringende Klippe befeſtigt, und es war Zeit, daß der Erſte ſich auf die Platte hinabließ. Die Brüder zögerten. Keiner wollte der Erſte ſein, der das Wag⸗ ſtück unternähme. Da band ſich endlich Fritz ente ſchloſſen das Seil um den Leib, packte es dann mit beiden Händen, und ließ ſich ſanft und gemächlich auf die Platte hinunter. Als er feſten Boden unter ſich fühlte, band er das Seil wieder los, und rief den oben ſtehenden, der halsbrechenden Fahrt ängſt⸗ lich nachſchauenden Knaben zu, das Seil hinauf zu ziehen. „Seid ohne Furcht!“ ſagte er.„Ihr habt ja nun geſehen, daß das Seil hält, und braucht nicht zu befürchten, daß ihr in die Tiefe hinabſtürzt. Zögert nicht!* Mehr als ſeine Worte drängte die näher und näher heran praſſelnde Flamme die Knaben, das Wagſtück zu beſtehen. Beſſer war es immer, einen Gefahr drohenden Rettungsweg einzuſchlagen, als dem ſicheren Tode in die Arme zu rennen. So folgte denn erſt Hans, dann Töffel und zuletzt Wolf dem 6 S 8 1 8 S 8 81 vorangegangenen Gefährten, und Alle ſaßen endlich, den Rücken feſt an die aufſteigende Felſenwand ge⸗ lehnt, auf der ſicheren Platte. Dem Tode durch das Feuer waren ſie entgangen, und die Gefahren, von denen ſie jetzt noch bedroht wur⸗ den, waren gering im Vergleiche zu den vermiedenen. Freilich gähnte vor ihnen ein Abgrund von mehr als fünfhundert Fuß Tiefe, und der Vorſprung war ſo ſchmal, daß ſie ohne ſich vorzubeugen in die ſchauer⸗ liche Tiefe hinabblicken konnten. Es war nicht zu verwundern, daß Schwindel ſich Eines der Knaben bemächtigte. „Es ſchwimmt mir vor den Augen!« ſagte Hans. „Der Kopf wird mir ſo ſchwer, als ob er von Blei wäre, und es zieht mich ordentlich in den Abgrund hinab.“ Mit verzweifelter Anſtrengung klammerte er ſich bei dieſen Worten an der Felſenwand feſt. Aber ſeine zitternden Finger, die Leichenbläſſe, von der ſein Ge⸗ ſicht überzogen ward, und der ſtiere Blick ſeines ſtarr in die Tiefe blickenden Auges ließ das Schlimmſte befürchten. „Um Gotteswillen!« rief Fritz Wolfen zu, der neben dem ſchwindelnden Bruder ſaß,»um Gottes⸗ willen, halte unſern Hans feſt, wenn er nicht ſtürzen Der Tug. Vergeltung. 6 8² und zerſchmettert werden ſoll. Und du, Hans, raffe dich zuſammen, und drücke die Augen zu! Schnell, drücke die Augen zu, und lehne dich zurück, damit du nichts mehr von der Tiefe ſiehſt.“ „Für Hans waͤre der Zuruf zu ſpät gekommen, denn er hatte ſchon die Beſinnung verloren, und ſchwebte in der äußerſten Gefahr, von dem Rande der Platte in die Tiefe zu rollen. Zum Glück packte aber der kräftige Wolf noch zu rechter Zeit ſeinen Arm, und hielt ihn feſt, obgleich er ſelber vor Schre⸗ cken am ganzen Leibe zitterte. Vorſichtig wurde Hans dicht an die Wand geſchoben, und die nächſte Gefahr war beſeitigt. Fritz gab ſich damit aber nicht zufrieden. „Das geht ſo nicht mehr,“ ſagte er.„Wir müſ⸗ ſen Borkehrungen treffen, um ähnlichen Unglücks⸗ fällen die Spitze zu bieten. Am beſten iſt es, wir binden uns alle mit unſeren Hemden an dem Seile feſt. Wenn dann auch Einen oder den Andern der Schwindel packt, ſo kann er doch nicht fallen, und es iſt leicht, ihn wieder zu ſich ſelber zu bringen.“ Die Brüder ſahen das Zweckmäßige dieſer An⸗ ordnung ein, und waren ſogleich bereit, ihr zu fol⸗ gen. Aber wie zu dem Seile gelangen? Als BWolf heraßgerſimmmt war, hatte er das Seil 83³ von ſeinem Leibe losgebunden, und alsdann nicht weiter darauf geachtet, wohin es ſpäter gepflogen war. Der Wind aber hatte ſich des flatternden Ban⸗ des bemächtigt, damit geſpielt, und es endlich an den äußerſten gefaͤhrlichſten Rand der Platte geweht, wo es nun ſenkrecht über der ſchauervollen Tiefe hing. Wer war ſo keck, es dort wegzuholen? Die Brüder ſchauten einander an, und ſchauderten vor Furcht. Schon der bloße Gedanke, auf dem glatten Felſen vorzugehen, der keine Lehne, keinen Anhaltspunkt hatte, als die ſichere Wand, von der ſich der Ver⸗ wegene trennen mußte, trieb ihnen alles Blut nach dem Herzen und überzog ihr Geſicht mit der Bläſſe des Todes. Sogar Fritz, der bisher den meiſten Muth, die größeſte Kühnheit bewieſen hatte, zitterte, und bebte vor dem Wagſtück zurück. Und doch mußte es vollbracht werden. Sichtlich kämpfte Fritz mit ſich ſelbſt. Er erwog die Gefahr, mit der das Ergreifen des Seiles unab⸗ wendbar verknüpft war, kalten Blutes, und fühlte, daß ihm wahrſcheinlich das Wagſtück mißlingen werde, wenn er die Kühnheit hatte, es zu unterneh⸗ men. Auf der andern Seite bedachte er aber wohl die bedrängte, qual⸗ und gefahrvolle Lage ſeiner Ge⸗ fährten, und verhehlte ſich nicht, daß er der Einzige 6* 84 war, welcher Beſonnenheit genug hatte, dem Schrecken des Abgrundes die Spitze zu bieten. Die Brüder würde unzweifelhaft der Tod erreicht haben; er aber empfand doch wenigſtens einige Hoffnung im Ver⸗ trauen auf Gott. Die Wohlthaten Vater Wille⸗ brands fielen ihm plötzlich ein. Er erinnerte ſich, daß der wackere Mann ihn als ſeinen Sohn betrachtete, daß er von ihm gekleidet und genährt wurde, und daß er noch nie ein rauhes Wort aus ſeinem Munde vernommen hatte. Er dachte daran, daß Vater Willebrand, obgleich er ſich kümmerlich durch die Welt ſchlagen und mit ſaurer Mühe ſein Brod ver⸗ dienen mußte, ihn doch nicht von ſich gelaſſen hatte, als ſich eine ſo gute Gelegenheit darbot, ihn in die Stadt zu Meiſter Scharf zu bringen. Die Güte und Liebe ſeiner Pflegemutter fiel ihm ein, und alle die freundlichen und gütigen Worte, die ſie ihm ſchon geſagt, die Sorgfalt, die ſie auf ſeine Geſundheit, ſein Wohl verwendet hatte; alle die vielen Beweiſe ihrer mütterlichen Zärtlichkeit ſtanden lebhaft vor ſeiner Seele. Fritz batte ein gefühlvolles und dankbares Herz, und ſein Eutſchluß war, wie man ſich leicht denken kann, bald gefaßt... „Ich thu's,“ murmelte er entſchloſſen vor ſich hin. 8⁵ „Ich thu's, und ſollte es mein Leben koſten. Der liebe Gott wird mir beiſtehen. Unternehme ich ja doch das Wagſtück nicht aus eitelm Uebermuth oder thörichter Verwegenheit, ſondern aus Liebe und Dank⸗ barkeit gegen meine guten Pflegeältern, und aus Liebe für meine Kameraden, deren Leben ſo ſchreck⸗ lich bedroht iſt. Ja, ja, ich thu's, und Gott wird mir wohl helfen, da er in mein Herz ſchauen und ſehen kann, daß es ohne Arg oder Faſſch iſt.« Als Fritz dieſen Entſchluß gefaßt hatte, bereitete er ſich auch ohne Zögern, ihn auszuführen. Vorerſt aber ſammelte er all' ſeine Kraft und Beſonnenheit, betete dann, daß Gott ihm, falls er bei ſeiner That umkommen ſollte, ſeine Sünden verzeihen und ihn in ſeinen Himmel aufnehmen möchte, und ging dann muthig an's Werk. Umſonſt verſuchten ihn ſeine Unglücksgefährten zurück zu halten. „Wir müſſen das Seil haben,“ erwiederte er, „und nichts wird mich abhalten, mein Aeußerſtes zu thun, um es zu bekommen.“ Vorſichtig legte er ſich hierauf platt auf den Fel⸗ ſen hin, und rutſchte nun langſam und mit der größeſten Achtſamkeit auf einen Vorſprung zu, an welchem das Seil, noch immer vom Winde hin und 86 her geweht, über dem Abgrunde hing. So lange er auf der breiten Platte hinglitt, war die Gefahr nicht ſo groß, bald aber näherte er ſich dem Vorſprunge, der kaum ſo breit als ſein Körper war, und ſchau⸗ derte bei dem Gedanken, daß er auf dieſem wohl vier Fuß weit vorrücken mußte, um mit ausgeſtreck⸗ tem Arme das Seil erreichen zu können. Als er an dem Vorſprunge ankam, fühlte er einen Augenblick lang ſein Herz heftiger pochen, und der Entſchluß, den er gefaßt hatte, wankte: denn er ſah nun ge⸗ rade in die furchtbare Tiefe hinab, in welche er un⸗ fehlbar ſtürzen mußte, ſobald er nur eine einzige falſche Bewegung machte. In furchtbarer Glätte, nur hie und da eine ſchwache Kante oder Felſennadel hervorſtreckend, ſenkte ſich die Felswand hinab, und Fritz bebte, als er tief, tief unter ſich die mächtigſten Bäume erblickte, welche ihm von der Höhe herab klein und unanſehnlich, wie niedriges Geſträuch, erſchie⸗ nen. Ein Raubvogel flog krächzend durch die Luft, tief unter ihm, aber hoch über dem Walde. Er machte dem Knaben die entſetzliche Tiefe erſt recht bemerkbar, in die er hinunter ſah, und er wankte, wie ſchon geſagt, eines Augenblickes Länge in dem gefaßten Entſchluſſe, ſtand im Begriff umzukehren, ſchob ſchon die Füße zurück, und wendete ſich von 87 —— dem Abgrunde hinweg, als ihm plöͤtzlich Vater Wille⸗ prand und alle genoſſenen Wohlthaten wieder ein⸗ fielen. „Nein, nein, das muß vergolten werden,“ mur⸗ melte er von Neuem, feſt entſchloſſen, das begon⸗ nene Werk zum Ende zu führen, und rutſchte langſam wieder vorwärts. Mit jeder Sekunde ward ſeine Lage gefahrdro⸗ hender und ſchrecklicher. Rechts und links neben ihm gähnte die Tiefe, und er hatte kaum ſo viel Raum, um mit Händen und Füßen ſich weiter zu helfen. Dennoch ſchob er, und rutſchte Zoll um Zoll, Fuß um Fuß vorwärts, und hütete ſich, rechts oder links zu blicken, um nicht von einem, die Sinne verwir⸗ renden Schwindel erfaßt zu werden, der ihm unfehl⸗ bar alle Gegenwart des Geiſtes geraubt, und ihm alle Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang des Unternehmens genommen haben würde. Mit welchen Gefühlen die Brüder, welche wohl fühlten, daß Fritz nur um ihretwillen das Wagſtück unternommen hatte, dem kühnen Freunde nachſchau⸗ ten, läßt ſich leicht denken. Furcht und Hoffnung wechſelten in ihrem Gemüth, und ihre Angſt um den treuen, helfenden Freund war ſo groß, daß ihre Herzen faſt hörbar pochten und ſie kaum zu athmen 88 im Stande waren. Jetzt näherte ſich Fritz dem äuſ⸗ ſerſten Ende der Felſenzunge, wenn wir den Vor⸗ ſprung ſo nennen duͤrfen. Hier, in einem halbrun⸗ den Einſchnitte, baumelte das Seil hin und her. Der Wind bewegte es fortwährend. Fritz war nahe genug, um es mit der Hand erreichen zu können, und ſtreckte behutſam den Arm darnach aus. Er mußte die größte Vorſicht bei dieſem Wagſtücke an⸗ wenden, indem eine einzige falſch ausgeführte oder falſch berechnete Bewegung ihn unfehlbar aus dem Gleichgewichte bringen und ihn den Felſen hinab⸗ ſtürzen mußte. Jetzt lag das Seil nahe, und er griff zu. In demſelben Augenblicke aber erhob ſich der Wind wieder, welcher einige Sekunden ausgeſetzt hatte, und das Seil flog, der vergeblichen Anſtren⸗ gung des Knaben ſpottend, um mehrere Zoll weit zurück. Fritz ließ ſich das Unglück nicht verdrießen, und wartete geduldig einen günſtigeren Moment ab. Es dauerte lange, bis das erſehnte Seil wieder in den Bereich ſeiner Hand gelangte. Jetzt wieder war es nahe, lag ſtill,— Fritz griff zu, und abermals entzog es der neidiſche Wind ſeinen Fingern. Noch einmal und wieder erneuerte ſich dieß Spiel, und Fritz wurde ungeduldig. Um größeren Raum für ſeine Hand zu gewinnen, rutſchte er noch einige Zoll weiter vor. Plötzlich wankte der Fels unter ihm, das Stück, auf welches er ſeine rechte Hand geſtützt hatte, bröckelte los und fiel polternd in die Tiefe hinunter. Eine Staubwolke erhob ſich, hüllte Alles V ein, und einen Augenblick lang wußten die athemlos— zuſchauenden Brüder nicht, ob Fritz gerettet, oder in die Tiefe hinab gefallen ſei. Sie ſtießen einen gel— ö lenden Schreckensſchrei aus, dem gleich darauf aber V ein Freudenruf folgte. Fritz lag noch auf der Fels⸗ zunge, aber ſeine Situation, abgeſehen von dem Schrecken, der ſeine Nerven bei dem eben erlittenen Zufalle erſchüttert haben mußte, war gefahrvoller als je geworden. Durch das Abſpringen oder Los⸗ bröckeln des Felſens lag ein Theil ſeines Körpers hohl, und er mußte alle Kraft ſeiner Muskeln auf⸗ bieten, um nicht den vorangegangenen Trümmern, die ihm gleichſam den Weg gezeigt zu haben ſchienen, nachzufolgen. Mühſam gewann er wieder eine beſ⸗ ſere und feſtere Lage, und begann, nachdem er ſich einige Minuten mit feſt geſchloſſenen Augen und in unbeweglicher Haltung erholt hatte, von neuem das ſo ſchreckensvoll unterbrochene Geſchäft. Da ſeine Abſicht, ſich um einige Zoll weiter vorwärts zu brin⸗ gen, ihm gelungen war, ſo hatte er jetzt weniger Schwie an bei Ergreifung des hin und wieder 4 4 90 flatternden Seiles zu überwinden, und nach wenigen vergeblichen Verſuchen gelang es ihm endlich, das⸗ ſelbe zu ergreifen. Ein Freudenſchrei der Brüder be⸗ zeichnete den glücklichen Moment, und Fritz dachte nun daran, auf ſeine alte verlaſſene Stelle zu ſeinen Kameraden zurück zu kehren. Die Rückkehr von der Felszunge zeigte aber, wie ſich leicht erklären läßt, noch größere Schwierigkeiten, als das Vorwärtsrut⸗ ſchen auf derſelben. Bei letzterem konnte Fritz we⸗ nigſtens ſehen, wohin er gelangte, und vermochte einer drohenden Gefahr aus dem Wege zu gehen. Bei der Rückkehr aber, die überdieß durch das zer⸗ broͤckelte Felsſtück noch gefahrvoller wurde, mußte er ſich allein auf den Sinn des Fühlens verlaſſen, in⸗ dem er unter keiner Bedingung den Kopf wenden und rückwärts ſehen durfte. „Binde dir das Seil um den Leib, liebſter Fritz!« rief Wolf, der mit immer wachſender Angſt dem Be⸗ ginnen ſeines kleinen Freundes zugeſehen hatte. „Binde es dir um den Leib,“ wiederholte er.„Wenn du dann fällſt, bleibſt du doch an dem Seil hängen, und kannſt mit verringerter Furcht den Rückweg antreten. Ich bitte dich, bitte dich, folge meinen Worten.“ Fritz ſah das Gute dieſes Vorſchlags ein, und 91 —— beſchloß dem Rathe zu folgen, da er in ſeinem In⸗ nern überzeugt war, daß er ſonſt nicht ohne Un⸗ fall den Rückweg auf die Platte werde zurücklegen können. So ſchlang er denn, immer mit der größten Vor⸗ ſicht und Kaltblütigkeit, das Seil ſo um ſeinen lin⸗ ken Arm, daß es ihn, ſelbſt wenn er ſtürzen ſollte, ohne ſich vorher noch ferner geſichert zu haben, auf alle Fälle wenigſtens halten und tragen mußte. Jetzt, ſchon ein wenig alſo geſichert, ſchob er behutſam den linken Arm mit dem noch lang herabbaumelnden Ende des Seiles unter dem Leibe durch, packte das Ende mit der Rechten, befeſtigte es in einer Schlinge rings um ſeine Bruſt herum, ſo daß das Seil unter den Armen hindurch ging, und konnte ſich unn ſo ziemlich als gerettet betrachten. Wenigſtens konnte ihm kein großer Unfall mehr begegnen, ſo lange das Seil hielt. Weniger aufmerkſam und ſorgfaͤltig als bisher trat Fritz den Rückweg an, ſchob ſich langſam aber ſtät von der Felszunge zurück, und lag bereits mit dem halben Körper wieder auf der Platte, als plötz⸗ lich abermals ein großes Stück des morſchen, von Regengüſſen und Wettern ſchon halb zerſtörten Fel⸗ ſens unter ihm wich, und polternd in den Abgrund 92 hinab rollte. Einen Augenblick noch klebte Fritz an dem Felſen, ſich mit aller Kraft anklammernd. End⸗ lich aber mußte er der Gewalt der Umſtände weichen, ſeine Muskeln vermochten das Gewicht ſeines Kör⸗ pers nicht mehr zu tragen, und langſam rutſchte er, mit dem Kopfe voran, da der verwitterte Fels unter ſeiner Bruſt zerbröckelt war, die Wand hinunter, und verſchwand den Augen der entſetzt ihm nach⸗ ſchauenden Freunde. Ein kreiſchender Angſtruf ent⸗ rang ſich ihren bebenden Lippen, dann war es tod⸗ tenſtill, und man vernahm nichts, als das Rauſchen des Windes und das noch entfernte, aber deutlich wahrnehmbare Kniſtern und Knattern der noch immer wüthenden Flammen. Fritz ſchwebte nun zwiſchen Himmel und Erde, über einem tödlichen Abgrunde, deſſen grundloſe Tiefe ſein Auge kaum abzuſehen vermochte. Sein Leben hing, buchſtäblich genommen, an Einem Faden. Wir müßten lügen, wollten wir behaupten, daß der Knabe nicht gezittert und einen Augenblick lang ſeine Kühnheit bereut habe. Ja, er zitterte, als er in den Abgrund hinunterſchaute, und ein Schauer ſchüttelte ſeine Glieder bei dem Gedanken: wenn jetzt das Seil riſſe. Aber dennoch faßte er ſich wieder, ſchloß ſeine Augen, betete, und betete ſo lange, bis 93 er fühlte, das ſein Herz weniger krampfhaft pochte, und das Blut ruhiger ſeine Adern durchſtrömte. Da erſt öffnete er ſeine Augen wieder, und ſchaute um⸗ her, um den beſten Weg zu ſeiner Rettung oder doch Erlöſung aus ſeiner peinlichen Lage ausfindig zu machen. Da, wo der Felſen losgebröckelt war, zeigte ſich eine rauhe Vertiefung, faſt wie eine Niſche anzuſe⸗ hen. Vermochte er dieſelbe zu erlangen und ſich dar⸗ zu ſchwingen, ſo mußte er mit den Armen bequem die Felsplatte erreichen, und wenn er die nö⸗ thige Kraft und Vorſicht anwendete, hinauf klettern können. Er verſuchte es. An der Felswand mit den Hän⸗ den ſich fort helfend, kam er in die Nähe der Niſche, und es gelang ihm, eine der rauhen vorragenden Felsſpitzen zu ergreifen. Er hielt ſie feſt, zog ſich noch näher hinan, packte mit der noch freien Hand eine andere Spitze, und half ſich nun, ziehend und mit den Füßen nachhelfend, auf die Niſche hinauf. Der Himmel ſtand ihm bei, und er erreichte den Rettungshafen glücklich. Freilich bluteten ſeine Haͤnde, — die er an den ſcharfen Felskanten wund geriſſen hatte, uns ſeine Kniee ſchmerzten und bluteten gleichfalls. Trohtzdem aber war er guten Muthes, indem das 94 Schwerſte nun doch überſtanden war. Von ſeinem jetzigen Standpunkte auf die ſichere Platte zu kom⸗ men, hielt nicht ſo ſchwer, indem ſie ihm nur bis an die Bruſt reichte. Als er ſich aufrichtete und auf die Platte hinſchaute, wo noch immer ſeine Kame⸗ raden voll Angſt ſeinem Beginnen zuſchauten, nickte er ihnen freundlich zu, und bat ſie, ſich ganz ruhig zu verhalten, da er ohne alle Hülfe ſeinen Zweck er⸗ reichen werde. Dann ſchöpfte er einige Minuten lang friſchen Athem, ſammelte ſeine Kräfte zur letz⸗ ten Arbeit, und kletterte dann auf die Platte hin⸗ auf. Nach wenigen Sekunden war er oben, und kroch nun auf allen Vieren dem Zufluchtsorte zu, wo die Freunde ihn mit herzlichen Händedrücken und freudeleuchtenden Blicken empfingen. Die dringendſte Gefahr war nun überſtanden, und es war ein Leichtes, das Rettungsſeil ſo um die Arme der vier Knaben zu ſchlingen, daß Keiner von ihnen mehr in die Gefahr kommen konnte, in den Abgrund hinunter zu taumeln. Ein dankbares Gebet zum Höchſten, zu welchem die vier Knaben ſich vereinig⸗ ten, ſtieg zum Himmel empor. Wir müſſen unſere kleinen Unglücksgefährten jetz auf einige Zeit verlaſſen, um uns zu Vater Woſſe⸗ brand zu wenden. 9⁵ Ohne Ahnung bevorſtehenden Unheils verließ er, wie wir weiter oben erzählt haben, ſeine Söhne, um ſich zu der gewöhnlichen Arbeitsſtätte zu begeben, die wohl ein Stündcheu von dem Unglücksberge entfernt lag. Er ergriff ſeinen Schürbaum, arbeitete, wie immer, fleißig und angeſtrengt, und kümmerte ſich wenig um die Giuthhitze, welche die immer höher am wolkenloſen Himmel aufſteigende Sonne aushauchte. Endlich kam der Mittag heran, und der Appetit ſtellte ſich ein. Er warf ſich ermüdet unter einer ho⸗ hen breitäſtigen Rothbuche in den Schatten, und war⸗ tete auf Fritz, der ihm, wie gewöhnlich, ſein einfaches Mittagsmahl bringen ſollte. Es verging aber eine Viertelſtunde und noch eine, und Fritz kam nicht. Das fiel dem Vater Willebrand auf, und jetzt be⸗ merkte er auch die mächtigen Rauchwolken, welche, von der Brandſtätte aufſteigend, den Horizont um⸗ hüllten und die Sonne verdüſterten. Eine Ahnung des Unglücks durchzuckte ſeine Seele, und fiel ihm beängſtigend auf das Herz. Seine Kinder lagen ihm vor Allem am Herzen; alſo ſprang er auf, und maß mit weit ausgeholten Schritten den Weg nach dem Berge zurück, wo er die Knaben verlaſſen hatte. Je näber er dem Berge kam, deſto dichter wurden die e chmaſſen, deſto drückender und ſchwerer die dumpfe 96 Schwüle, welche über der ganzen Gegend lag, und bald konnte der erfahrene Mann nicht mehr daran zweifeln, daß ein Theil des Waldes in Flammen ſtehen müſſe. Ein ſolches Ereigniß war nichts Seltenes, indem unbeſonnene Menſchen im Walde öfters ein Feuer entzündeten, ohne dabei die nöthige Vorſicht anzu⸗ wenden. Erfaßte das Feuer nun einen dürren Baum, oder das trockene, ausgedörrte Heidekraut, ſo ver⸗ breitete es ſich mit ungeheurer Schnelligkeit, und es war dann der ſchwachen menſchlichen Kraft kaum möglich, das furchtbare Element in ſeine Schranken zurückzuweiſen. Als Vater Willebrand daran dachte, daß der Berg, auf welchem ſeine Söhne ſich befanden, in Flammen ſtehen könne, zitterte er und wurde bleich, verdoppelte aber auch ſeine Schritte, und langte bald auf einem Hügel an, welcher der Brandſtätte gerade gegenüber lag. Da erſchaute er denn das furchtbare Schauſpiel mit Einem Blicke, und die Angſt um ſeine Kinder erkältete das Blut in ſeinen Adern. Faſt be⸗ ſinnunglos taumelte der ſtarke Mann zurück, und mehrere Sekunden lang ſtockte der Athem in ſeiner Bruſt. Endlich erholte er ſich, und vermogte mi mehr Ruhe und Beſonnenheit die Lage der Din 97 zu überſchauen. Vor allem andern ſuchte er zu er⸗ forſchen, ob noch irgend eine Stelle des Berges vom Feuer verſchont geblieben ſei. Aber die genaueſte Unterſuchung ließ ihn bald erkennen, daß ſich nir⸗ gends ein Ausweg zeigte. Wie ein breiter Gürtel umſchloß das Feuer den ganzen Berg, und näherte ſich ſchon mit reißenden Schritten dem Gipfel, auf welchem das ängſtlich ſuchende Auge des beſorgten Vaters keine Spur von ſeinen Söhnen zu entdecken vermochte. Ein Hoffnungsſtrahl dämmerte in ſeine Seele auf. „Die Knaben ſind groß und verſtändig genug,“ dachte er,„um der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Verbrannt ſind ſie noch nicht, und da ſie es nicht ſind, ſo müſſen ſie gerettet ſein, weil ich Keinen von ihnen erblicken kann. Gewiß haben ſie gleich beim Brennen des Feuers die Gefahr bemerkt, und ſind nach Hauſe gelaufen.“ „Aber warum nicht zu mir?“ dachte er weiter, und neue Angſt bemächtigte ſich ſeiner Seele. Doch auch über dieſen Umſtand beruhigte er ſich, indem er ſchloß, daß ſie im Dorfe Hülfe geſucht haben würden. Auf alle Fälle, ſah er wohl ein, konnte er nichts Beſſeres thun, als ſich ſo ſchnell wie mög⸗ lich nach Hauſe zu begeben, und dort der Sache auf Der Tug. Vergeltung⸗ 7 98 den Grund zu kommen. So rannte er denn den Berg hinab, am Bache entlang, und gelangte, athemlos vom raſchen Laufe, in das Dorf, wo man noch nichts von dem Brande zu wiſſen ſchien. In ſeine Hutte ſtürzend, fand er ſeine Frau ruhig bei ihren gewöhnlichen Beſchäftigungen, und keuchte mit gepreßter Stimme hervor:„Frau, wo ſind die Jungen?“ Die Frau erſchrak vor dem entſetzten und ver⸗ ſtörten Ausſehen ihres Mannes, und vergaß darüber die Frage zu beantworten.: „Wo ſind unſere Kinder?“ ſchrie Vater Willebrand nochmals,„wo iſt Wolf, wo Töffel, wo Hans?« „Um Gotteswillen,“ erwiederte die Mutter, vich weiß es nicht. Du haſt ſie ja mit dir in den Wald genommen, lieber Mann. Sage nur, was haſt du denn? Warum biſt du ſo außer dir 2 „Vater Willebrand ſchlug die Haͤnde vor das Ge⸗ ſicht, und ſank nieder auf einen Stuhl, da er nicht die Kraft mehr hatte, ſich aufrecht zu erhalten. Nur in abgeriſſenen Worten vermochte er ſeiner jammer⸗ den Frau das Unglück, welches er ahnte, oder viek⸗ mehr nun als gewiß geſchehen anſah, zu erzählen. „Die Kinder ſind verbrannt,“ rief er aus.„Sie müſſen umgekommen ſein! Thor! Thor, der ich war⸗ 99 ſie zu verlaſſen, nicht an ihrer Seite, in ihrer Nähe zu bleiben.— Gott, Gott! was mag aus ihnen geworden ſein!“ Mutter Willebrand, nicht minder erſchreckt, als ihr Mann, gab dennoch nicht alle Hoffnung auf, und ſuchte auch neue Hoffnung im Herzen ihres Mannes zu erwecken. „Wer weiß,“ ſagte ſie,„wo die Knaben umher⸗ laufen? Da du ſie nicht auf der Kuppe des Berges geſehen haſt, müſſen ſie ſich gerettet haben. So un⸗ verſtändig ſind die Knaben nicht mehr, den Flam⸗ men geradezu in die Arme zu laufen. Auch iſt ja Fritz bei ihnen, der in den Wald hinaus ging, um ihnen Geſellſchaft zu leiſten, und er iſt ja ein be⸗ ſonnener Knabe! Nein, nein, unſere Kinder ſind nicht todt, können nicht todt ſein! Solch ein ſchwe⸗ res Unglück wird der liebe Gott nicht über uns ver⸗ hängt haben. Tröſte dich, lieber Mann. Ehe der Abend kommt, werden die Knaben wieder zurück ſein.« Vater Willebrand ſprang auf.„So will ich we⸗ nigſtens ſehen, ob ich ſie finden kann,“ ſagte er. „Es iſt möglich, daß ſie im Walde umherrennen, und dem Feuer an irgend einer ſicheren Stelle zuſe⸗ hen. Ich muß ſie finden, und will die Nachbarn aufrufen, daß ſie mir Beiſtand leiſten.“ . 7*⁸ 100 — Mit dieſen Worten ging der von neuer Hoffnung belebte Vater fort, und bat alle ſeine Nachbarn, ihm zur Auffindung ſeiner Kinder in den Wald zu folgen. V Die Nachbarn waren ohne Zögern dazu bereit, und V bald wimmelte der Wald von Menſchen, welche uberall ihre Stimmen ertönen ließen. Wie ein Verzweifelter rief Vater Willebrand nach den Knaben, ſchrie ſich die Kehle heiſer, indem er ihre Namen ausſtieß, und durchforſchte raſtlos und athemlos den ganzen umliegenden Forſt. Aber nirgends fand er eine Spur von den Ver⸗ lorenen, nirgends antwortete eine bekannte Stimme ſeinem Rufen. Mehrmals verſuchte er an verſchiedenen Stellen den noch immer, aber ſchwaͤcher brennenden Berg hinanzuklimmen, aber ſtets trieben ihn die wehen⸗ den Flammen, und die Gluth, welche der verbrannte Boden aushauchte, wieder zurück. Der Abend dun⸗ kelte herein, und noch war alles Suchen nach den Knaben vergeblich geblieben, und mit ſchwerem, von Kummer und Sorge bedrücktem Herzen mußte Vater Willebrand endlich ſeine Nachforſchungen aufgeben. Die letzte Hoffnung des armen Vaters beruhte dar⸗ auf, daß die Knaben, wie es denn auch wirklich ge⸗ ſchehen war, an der ſteilen Felswand hinabgeklettert 101 wären; und an dieſe letzte Hoffnung klammerte er ſich mit der verzweifeltſten Kraft ſeiner Seele. Mittlerweile brach die Nacht herein. Das Feuer, welches jetzt keinen Nahrungsſtoff mehr fand, da es bis auf den Gipfel des Berges hinauf alle Stämme verzehrt hatte, verloſch, und nur aus den noch glim⸗ menden Kohlen ſtiegen fortwährend Rauch⸗ und Dampfwolken an den dunkeln Himmel auf. Vater Willebrand mußte nach Hauſe zurückkehren. Er that es mit beklommenem Gemüth, beſchloß aber, am folgenden Morgen mit Tagesanbruch den Berg zu beſteigen, um über das Schickſal ſeiner armen Kinder endlich Gewißheit zu erhalten. Die Nachbarn ver⸗ ſprachen, ihn bei dieſem Beginnen zu unterſtützen, und matt und ermüdet von der Anſtrengung und den Gemüthsbewegungen des Tages betrat er endlich ſein kleines Häuschen. Trotz aller Erſchöpfung ver⸗ mochte er aber doch in dieſer Nacht kein Auge zuzu⸗ thun, und eben ſo wenig ſeine arme Frau, welche troſt⸗ und hoffnungslos das ſchreckliche Ende ihrer Kinder beweinte. Sie zweifelte nicht mehr an ihrem Tode, da ihr die jäh abſchießende ſchroffe Felswand nur unvollkommen bekannt war, und ſie nicht an die Möglichkeit glaubte, daß ein menſchliches Weſen dort eine Zuflucht aufzufinden im Stande ſei. 10²2 Werfen wir einen Schleier über den Jammer der betrübten Aeltern, die ohne Hoffnung und voller Qual nur einigen Troſt im Gebete zu Gott fanden. Endlich, nach Stunden angſtvoller Sorge und bit⸗ teren Schmerzes, röthete ſich der Himmel im Oſten, und Vater Willebrand griff nach Mütze und Wan⸗ derſtab, um den letzten Verſuch zu Auffindung der verlorenen Kinder zu machen. Mehrere Nachbarn begleiteten den betrübten, tief gebeugten Vater, und unterließen nicht, ſeine Seele durch wohlgemeinte Troſtesworte zu beruhigen und aufzurichten. Vater Willebrand antwortete aber auf all' das Zureden nur durch ein wehmüthiges, ſchwaches Kopfſchütteln, und ſchritt, ſo ſchnell er konnte, vorwärts, um nur erſt die Stätte des Unglücks zu erreichen. Noch dampfte und qualmte der Berg, als die Helfer ankamen, aber ein tüchtiger Platzregen, der in der Nacht gefallen war, hatte die Gluth ſo weit abgekühlt, daß man ohne große Gefahr mit einiger Vorſicht den Berg zu erſteigen vermochte. Lautlos ſchritt Vater Willebrand voran. Sein Herz ſchlug im Buſen, als wollte es ihm die Bruſt zerſprengen, und ſeine alten Glieder zitterten vor innerer, tiefer Erregung. Jetzt war der Gipfel erreicht, jetzt nahete der angſtvolle Vater dem Rande des Abgrunds, jetzt aK. 103 betete er im Stillen mit gerungenen Händen ein kurzes Stoßgebetlein, jetzt, halb zögernd, halb hoff⸗ nungsvoll ſenkte er ſeine Blicke hinab, und— da ſaßen die Knaben, eng zuſammen gekauert, Einer das Haupt an die Bruſt des Andern gelehnt, und ſchliefen— ſchliefen über dem Abgrunde, am Rande des Grabes, das offen neben ihnen aufgähnte. Ein Schrei, ein einziger durchdringender, erſchüt⸗ ternder Schrei entrang ſich den Lippen des entzückten Vaters, und dann ſank er, überwältigt von Ent⸗ zücken und Wonne, ohnmächtig auf die Erde nieder. Die Nachbarn eilten ihm zu Hülfe, wuſchen ihm Geſicht und Schläfe mit Waſſer und Eſſig, und brachten ihn endlich mit Mühe wieder zur Beſinnung. „Helft, helft meinen Kindern!“ waren die erſten Worte, die er ausſtieß. Dann ſprang er auf, beugte ſich nochmals herab gegen ſeine noch immer feſt ſchla⸗ fenden Knaben, und ſah auf ſie hernieder mit einem Blicke, der nicht zu beſchreiben iſt. Glück, Wonne, Seligkeit, Dank gegen Gott, und wieder Beſorgniß, ob die Knaben auch von ihrem gefäaͤhrlichen Stand⸗ punkte gerettet werden möchten, das Alles malte ſich in dem einzigen Blicke, den er auf die Schlum⸗ mernden warf. „Endlich nahm er ſich zuſammen, raffte ſich auf, 104 und überlegte, wie die Knaben von der Platte ohne Gefahr herauf geſchafft werden könnten. Stricke waren vor allen Dingen nothwendig. So ſchickte er denn einige ſeiner Nachbarn fort, und bat ſie, erſt ſeiner Frau den glücklichen Fund mitzutheilen, und dann ſo ſchnell als ihre Füße ſie tragen könnten, zurückzukehren. Eile brauchte der beglückte Vater den Freunden nicht anzuempfehlen, denn ihre Theilnahme verlieh ihnen ohne weiteren Sporn die ſchnellſten Flügel. Raſch rannten ſie den Berg hinab, fanden dort die beſorgte Mutter, die es daheim in dem einſamen Haͤuschen nicht hatte aushalten können, ſchrien ihr die Freudenkunde zu, und liefen dann weiter nach dem Dorfe, von wo ſie in kurzer Zeit mit Stricken, Stangen, Haken und dergleichen zurückkehrten. Während ſie auf dem Wege waren, hatte Vater Willebrand das Seil entdeckt, an welchem die Kna⸗ ben ſich auf die rettende Platte hinabgelaſſen hatten, und ſein Herz ſchlug ruhiger, als er daraus ent⸗ nahm, daß ſie ſich auf ihrem gefährlichen Stand⸗ punkte ſo ziemlich geſichert hatten. Dennoch empfing er die mit den Rettungsmitteln zurückkehrenden Freunde voll Entzücken, und begann ſogleich die nö⸗ thigen Vorkehrungen zu treffen, die noch immer 103 ſchlummernden Knaben gegen alle Unglücksfäͤlle zu bewahren. Die Stricke wurden herabgelaſſen, ver⸗ mittelſt eines Hakens um die ganze ſchlafende Gruppe herumgeſchlungen, und nun erſt, wo nichts mehr zu beſorgen war, die Kinder aufgeweckt. „He, Wolf! Hans! Töffel! Fritz!« rief der er⸗ freute Vater,„wacht auf! wacht auf! Ihr müßt ja da eine harte Lagerſtatt haben. Ermuntert euch!« Die Knaben taumelten auf, rieben ſich die Au⸗ gen, und ſchauten in die Höhe, wo ſie den Vater mit den Nachbarn erblickten. „Sitzt ſtill! Sitzt ſtill!“ ermahnte Vater Wille⸗ brand,„und du Wolf, binde dir erſt einmal einen Strick feſt um den Leib, und dann mache dich vom Seile los, damit wir dich heraufziehen können. Gib aber Acht, daß du keinen Schaden nimmſt.“ „Nein, Vater, nicht ich,“ erwiederte Wolf fröh⸗ lich, da jetzt kaum mehr Gefahr zu befürchten war. „Erſt muß Fritz an die Reihe kommen, denn dem verdanken wir Alle unſer Leben. Wenn der oben iſt, kommen wir wohl nach.“ Nun erhob ſich ein edelmüthiger Streit unter den Knaben, indem Keiner der erſte ſein wollte, der ge⸗ rettet würde. Fritz mußte endlich feſt erklären, daß er nicht von der Stelle ginge, bis die Andern geſichert 1 10⁰6 wären.„Ich bin ſchwindelfrei,“ ſagte er,„aber ihr ſeid es nicht. Ihr möchtet bei dem Umlegen des Strickes etwas verſehen, und in die Tiefe ſtürzen, ich werde das nicht. Alſo Wolf, mache keine Um⸗ ſtände, und gehorche deinem Vater!“ Da war dem Streite ein Ende gemacht, und mit Fritzens Beiſtande wurde der Strick ſo feſt und ſicher um Wolfs Bruſt und Leib geſchlungen, daß er ohne Bedenken ſein Heil der kurzen Luftreiſe anvertrauen konnte. Er kam glücklich auf der Bergkuppe an, und fiel dem entzückten Vater, der ihn mit Wonne⸗ thränen überſtrömte, in die Arme. Nach kurzer Friſt folgte Töffel, dann Hans, und endlich Fritz, und ſo war denn die Gefahr mit Gottes Hülfe glück⸗ lich überſtanden. Frohen Herzens ſtiegen die Glück⸗ lichen den verhängnißvollen Berg hinab, und wurden am Fuße deſſelben von der Mutter empfangen. Male ſich ein Jeder dies Wiederſehen aus. Im Triumphe ging es nun in das Dorf zurück, wo die ausgehungerten Knaben, welche in vier und zwanzig Stunden voller Angſt nicht einen Biſſen Brod gegeſſen hatten, vor allem Andern mit Speiſe und Trank erquickt wurden. Darauf ging es ans Erzählen, und Wolf, als der Aelteſte und verſtän⸗ digſte berichtete den ganzen Verfolg des erlebten⸗ 107 Abentheuers. Da kam dann Fritzens ganzer Helden⸗ muth und ſeine edle Aufopferung an den Tag, und V Vater Willebrand überhäufte den Knaben mit Lob⸗ ſprüchen und Worten des Dankes. Fritz wurde ganz verlegen.»Wie hatte ich wohl anders handeln koͤnnen?« ſagte er.„Habt ihr mich denn nicht freundlich aufgenommen? Habt ihr mich nicht als ein Kind vom Hauſe gehalten, mich, der ich fremd und unbekannt in euer Haus geſchneiet bin? Nein, Vater, nein, liebſte Mutter, ihr müßt mmiich nicht loben, ich habe nur gethan, was meine Schuldigkeit war, und noch lange nicht habe ich die Liebe und Freundlichkeit vergolten, welche ihr mir bewieſen habt.“ Vater und Mutter umarmten den Knaben, und gingen dann in ihr Kämmerlein, und dankten in ſtillem Gebete dem Herrn der Heerſchaaren für ſei⸗ nen gnädigen Schutz, ſeine Fürſorge und ſeine vaͤter⸗ liche Leitung. Ehe ſie aber die Kammer wieder ver⸗ ließen, ſagte Vater Willebrand:„Nun, Mutter, ſehen wir nun nicht recht deutlich, wie der Herr un⸗ ſere Pflichterfüllung belohnt? Wie wäre es unſeren Kindern ergangen, wenn wir den Fritz nicht aufge⸗ nommen und mit Liebe behütet hätten, ſo viel unſere ſchwachen Kräfte es erlaubten? Wie, wenn ich ihn 4 198 ſeinem Schickſale überlaſſen und ihn dem Vetter Scharf zugeſchickt hätte? Danken wir Gott, daß er unſer Herz zum Guten gelenkt hat, und bitten wir ihn täglich, daß er uns auch fernerhin Kraft gebe, ſeine Gebote zu erfüllen, und ſeine Geſetze zu halten!“ Sechstes Kapitel. Dankbarkeit. Ein Jahr, und noch eins und wieder eins ver⸗ floß, und Fritz hatte das dreizehnte Jahr erreicht, als ein großes Unglück den Frieden und das Glück unſerer Familie zu zerſtören drohte. Bisher hatten Alle fröhlich und gottesfürchtig bei einander gelebt, und weder Krankheit noch ſonſt ein Uebel hatte die ſtille und friedliche Heiterkeit ihrer Gemüther getrübt. Vater Willebrand war mit ſeinen Söhnen, wie im⸗ mer, tagtäglich in den Wald gegangen, hatte ſeine Geſchäfte verſehen, und hatte die Knaben gelehrt, ihn zu unterſtützen und ihm Beiſtand zu leiſten nach ihren ſchwachen Kräften. Die Mutter hatte das Haus in Ordnung gehalten, und Fritz fortwaͤhrend fleißig ſein Talent geübt und ausgebildet. Er war, ohne es ſelbſt zu wiſſen, oder nur zu ahnen, ein recht 110 tüchtiger und geſchickter Künſtler geworden, und es fehlte ihm nur Gelegenheit, ſeine Kunſt ferner aus⸗ zubilden, ſie in der Welt geltend zu machen und Anerkennung zu finden. Nun führt aber der Herr die Seinen zuweilen wunderbar, und oft, wann er den Menſchen ein gro⸗ ßes, vermeintliches Unglück ſchickt, meint er es mit ihnen gut und väterlich. Murre daher doch Nie⸗ mand, wenn die Hand des Herrn ſchwer auf ihm zu laſten ſcheint, und ſchaue Jeder in Truͤbſal und Kümmerniß vertrauensvoll auf zum Höchſten, der die Welten leitet und lenkt, wie den Weg des nie⸗ drigſten Würmleins, mit gleicher Weisheit und ewiger Vaterliebe. Eines Tages, es war im Herbſt, ging Vater Willebrand mit ſeinen drei Sohnen in den Wald hinaus. Sie trugen ſchwere Aexte auf der Schulter, indem ſie, um einen neuen Meiler zu erbauen und dazu Holz zu bekommen, Bäume fällen, und ſie zu dem beabſichtigten Zwecke behauen und zurichten wollten. Der Tag war ſchön, und die Sonne ſtieg klar und funkelnd am Himmel auf. Millionen von Thau⸗ tropfen zitterten an Grashalmen und dem Geblätter niedrigen Geſträuchs. Der Wald prangte in ſeinem 111 bunten, herbſtlichen Schmucke, und ergläͤnzte in ro⸗ then, braunen und gelben Farben. Droſſeln und andere Zugvögel belebten ihn, und flatterten in ganzen Scharen ſüdlicheren Gegenden zu, um der erſtarrenden Kälte unſeres nordiſchen Winters zu entfliehen. „Wie wunderbar ſchön und herrlich hat doch der liebe Gott ſeine große, unendliche Welt erſchaffen!“ rief Wolf aus, als er ſeine Blicke über die herbſt⸗ liche Landſchaft ſchweifen ließ.»„Wie mag es nur Menſchen geben, die achtlos an den Wunderwerken ſeiner Hand vorüber gehen, und ſie entweder gar nicht bemerken, oder wohl gar daran wickemn und beſſern wollen!“ „Des Menſchen Sinn iſt thöricht,« erwiederte Vater Willebrand,„und daher mag es wohl kom⸗ men, daß er ſich in ſündhaftem Uebermuthe manch⸗ mal weiſer und größer dünkt, als der Herr, deſſen Geſchöpf er iſt. Und was für ein elendes, hülfloſes und ſchwaches Weſen würde er ſein ohne die Leitung und den Beiſtand des erhabenen Geiſtes im Himmel. Was Gott thut, iſt wohlgethan, Kinder; den Spruch merkt euch und pflanzt ihn tief in euer Herz. Er meiſten bedürftig ſeid. wird euch Troſt gewähren, wenn ihr des Troſtes am 112 „Aber hier ſind wir zur Stelle. Laßt uns denn rüſtig die Kraft gebrauchen und üben, die uns Gott in ſeiner Gnade verliehen hat.“ Die Knaben zogen die Röcke aus, griffen zu den Aexten, und hieben auf eine mächtige, breitäſtige Buche ein, die ihren belaubten Wipfel wohl hundert und mehr Fuß hoch in die Lüfte ſtreckte. Vater Willebrand leitete die Arbeit, und befahl bald dieß, bald jenes, damit die Buche ſpäterhin beim Nieder⸗ ſturze nicht noch andere Bäume, deren man nicht bedurfte, niederſchmettern und im Falle mit ſich reißen möge. „Man muß die Gottesgabe ſchonen,“ ſagte er, als die Arme der Knaben ermüdet, einige Minuten raſteten.„Man muß die Gottesgabe ſchonen. Wenn man bedenkt, wie viele Jahre hingehen, bis ein Bäumchen nur die Dicke eines Armes erreicht, wird man vorſichtig und behutſam ſein, und nicht muth⸗ willig zerſtören, was die ſchaffende Natur zu unſe⸗ rem Nutzen hervorbringt. Iſt die Zeit und das Be⸗ dürfniß gekommen, wird es an Armen nicht fehlen, die Wälder zu lichten, wie wir an der ſchönen Buche hier ſehen, die bald unſeren Aexten erliegen wird. Hundert Jahre wohl ſchmückte ſie den Wald, ein grünendes, prachtvoll prangendes Zeugniß der All⸗ — 113 macht Gottes. Jetzt fällt ſie, aber Nutzen ſtiftend nach ihrem Tode. So will es Gott haben, der den Baum wachſen und gedeihen ließ, und die ganze Natur in ſeiner Weisheit ſo einrichtete, daß alle Dinge dem großen Ganzen zum Beſten dienen. Der Baum ſchafft Nutzen, indem er ſtirbt, wir Menſchen aber ſollen Nutzen ſchaffen, dieweil wir leben; denn darum hat uns Gott Kraft, Vernunft und Nach⸗ denken gegeben. Friſch denn, von Neuem an die Arbeit.“ Die Aexte flogen und die Hiebe ſchallten mächtig durch den ſchweigenden Forſt. Bald war der dicke Stamm des Baumes bis auf einen kleinen Reſt durchhauen, und jetzt wurde, nicht weit vom Gipfel entfernt, ein Seil feſtgeſchlungen, an deſſen anderem Ende Vater Willebrand und ſeine Söhne mit aller Anſtrengung zogen und wippten. Der Baum zitterte, wankte, bog ſich hin und wieder, und neigte endlich zum Sturze ſein dicht belaubtes Haupt. Ein don⸗ nerndes Krachen erſcholl, dann rauſchten und ſplit⸗ terten die vom Sturze brechenden Aeſte, und jetzt ruhte der Rieſe der Waͤlder dahin geſtreckt auf dem mooſigen Grunde. Aber mit ihm ſtürzte auch Vater Willebrand. Bleich und ſchwer athmend lag er auf der Erde; Der Tug. Vergeltung.. 8 ——— —— 114 Blut entſtrömte ſeiner Naſe, Blut entquoll ſeinem krampfhaft zitternden Munde, und, beſinnuungslos, ſchloß er gleich darauf ſeine Augen. Es ſchien, als wäre er geſtorben, und, entſetzt aufſchreiend, fielen ſeine Söhne neben ihm auf die Knie, und bedeckten ſeine kalten blaſſen Hände mit Küſſen und Thränen. Als die Buche mit ihrer furchtbaren Wucht nie⸗ derſtürzte, zerſplitterte ein dürrer, aber großer und dicker Aſt in viele Stücke, die hierhin und dorthin mit furchtbarer Gewalt geſchleudert wurden. Eins der ſchwerſten und größeſten Stücke hatte Vater Willebrand gerade vor die Bruſt getroffen, und der Wucht deſſelben war der ſtarke Mann erlegen. V „Vater! um Gotteswillen, Vater, wache auf!“ riefen die Knaben, welche dieſer harte Schlag, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte.„Was wird die Mutter, was wird Fritz ſagen, wenn ſie dieß Unglück erfahren. Vater, ermuntere dich! er⸗ muntere dich!“ So jammerten die Kinder, und bemüheten ſich dabei, den ohnmächtig Daliegenden wieder zu ſich ſelbſt zu bringen. Wolf beſonders bot alles auf, dem Va⸗ ter beizuſtehen, und brachte es durch ſeine Bemü⸗ hungen endlich ſo weit, daß der Ohnmächtige mit einem tiefen Seufzer die Augen aufſchlug. 115 Als Vater Willebrand die Kinder weinen und wehklagen ſah, winkte er ihnen mit dem Finger Ruhe, und bemühete ſich mehrmals, obwohl anfänglich ohne Erfolg, zu ſprechen. Zuletzt brachte er doch mit ſchwacher Stimme einige Worte heraus, und ſagte: „Seid ſtill, Kinder! So ſchlimm, als ihr denkt, geht es nicht mit mir, da ich fühle, daß kein edler Theil in meinem Körper verletzt iſt. Und wenn auch, wir dürfen nicht vergeſſen, was ich eben erſt euch einſchärfte: Was Gott thut, das iſt wohlgethan, und wir müſſen ſtill halten unter ſeiner ſtarken Hand. Seid alſo ſtill, Jungen! Es wird ſchon wie⸗ der beſſer gehen. Du Wolf, kannſt nach Hauſe lau⸗ fen, und die Nachbarn bitten, mit einer Tragbahre zu kommen, damit ſie mich heimtragen können, denn heimzugehen ſteht nicht in meiner Macht. Lauf, guter Junge, und ſei unbeſorgt.“ Wolf rannte davon und kehrte bald mit den er⸗ chlockenen Nachbarn und einer Tragbahre zurück. Wolf lief ſodann zum nächſten Arzte, cher gegen Abend eintraf, und den Kranken un⸗ ſuchte. Lieber Alter,« ſprach der Arzt, nachdem er ſeine 8 ³*½ 116 Unterſuchung beendigt hatte,„lieber Alter, Ihr ſeid für dießmal ſo ziemlich davon gekommen. Gefährlich iſt Euer Zuſtand nicht, ſo lange Ihr Euch ruhig verhaltet und die vollkommene Heilung abwartet. An ſchweres oder anhaltendes Arbeiten aber dürft Ihr nicht mehr denken, bevor nicht ein Paar Jahre verfloſſen ſind. Es würde entweder baldigen Tod oder unheilbares Siechthum zur Folge haben.“ Nach dieſem Ausſpruche, der nicht ſonderlich er⸗ baulich in Vater Willebrands Ohren klang, verſchrieb der Arzt einige Medicamente, gab noch ein Paar minder wichtige Befehle, und eilte ſodann weiter, um andern Kranken Beiſtand zu leiſten. Vater Willebrand aber ſtützte den Kopf ſchwermüthig in die Hand, und ſann lange und anhaltend nach. Niemand wagte ihn in ſeinem Sinnen zu ſtören, bis Mutter Willebrand den Knaben winkte, die Stube zu verlaſſen, und allein bei dem Kranken zurückblieb. Ganz allein war ſie aber nicht. Sie bemerkte Fritzen nicht, welcher ſtill und ruhig in einem Winkel ſaß, und leiſe vor ſich hin weinte. 3 Mutter Willebrand näherte ſich dem Krankemla⸗ ger, ergriff die Hand ihres ſchwer vom Schickeſtle getroffenen Mannes, und fragte theilnehmend: „Worüber ſinnſt du nach, Lieber? Wenn 117 Kummer oder Sorge haſt, ſo öffne mir dein Herz, und ich will dir tragen helfen, was dir von der Vorſehung auferlegt iſt.“ Vater Willebrand ſchüttelte traurig den Kopf. „Ja,“ ſagte er,„ſchwere Sorgen bedrücken mein Gemüth, und ich weiß weder Hülfe noch Rath. Der Ausſpruch des Doctors, der mir alles Arbeiten un⸗ terſagt, macht mich niedergeſchlagen und unglücklich. Wer ſoll für euch Kleidung und Nahrung ſchaffen, da ich es nicht mehr kann? Unſere Knaben ſind noch zu ſchwach, um viel leiſten zu können, und der gute Junge, der Fritz, hätte wohl den Willen zu helfen, aber er hat nicht die Kraft. Ich ſehe recht troſtlos in die Zukunft.“« „Nicht doch, nicht doch!“ tröſtete Mutter Wille⸗ brand.„'S iſt ſo ſchlimm nicht, wie du meinſt, und auf alle Fälle wird uns unſer Vater im Himmel nicht verlaſſen. Der Wolf iſt ja nun ſchon ein fünf⸗ zehnjähriger Burſch, und kann tapfer zugreifen und arbeiten. Die beiden Kleineren haben auch ihr Theil gelernt, und können ſchon den Nachbarn beim Koh⸗ lenbrennen helfen. Damit verdienen ſie gewiß ihr tägliches Brod, und Wolf noch ein Paar Groſchen mehr, mit denen er ſeinen kranken Vater unterſtützen kann. Glaube nur, lieber Mann, der Wolf iſt 118 wacker, und wird uns nicht im Stiche laſſen. Und dann, ich kann ja auch meine Hände fleißiger regen, als bisher, und ſpinne wohl noch einmal ſo viel, als ſonſt, wenn ich mich recht tüchtig an das Rädchen halte. Da gibt's wieder eine kleine Hülfe, und wer weiß, was ſich dann ferner noch findet. Sei du nur ruhig, Männchen, der liebe Gott wird uns nicht verlaſſen.“ Vater Willebrand ſeufzte, und drehte den Kopf auf die andere Seite, um die gute Frau nicht ſehen zu laſſen, wie ſorgenvoll noch immer ſeine Züge ſich wieſen. Die Frau aber glaubte, er wolle ſchlafen, und verhielt ſich ſtill. Fritz ſchlich ſacht' hinaus aus dem Zimmer, und ſchlug den Pfad zum Walde ein. „So geht's nicht mehr, wie bisher,“ murmelte er.„Wenn Alle fleißig ſind, kann ich nicht allein der Nichtsthuer bleiben. Hat Vater Willebrand für mich geſorgt, ſo lange er geſund und rüſtig war, ſo muß ich nun für ihn zu ſorgen ſuchen, dieweil er krank und ſchwach iſt. Aber wie? auf welche Weiſe?“ Fritz war ein Knabe mit gefühlvollem und dank⸗ erfülltem Herzen, und wünſchte nichts ſehnlicher, als ſeinen Pflegevater in deſſen betrübter Lage von Nutzen ſein zu können. Lange ſann und grübelte er aber hin und her, ohne etwas Paſſendes ausfindig zu 119 machen. Endlich fiel ihm Meiſter Scharf und deſſen Vorſchlag ein, ihn als Malerjungen in ſein Haus zu nehmen. „Das wird gehen!“ jubelte er.„Konnte mich der Meiſter vor drei oder vier Jahren ſchon gebrauchen, ſo wird er es jetzt noch viel beſſer können, und gibt mir wohl gar noch einen Lohn obendrein, den ich in jeder Woche dem Vater Willebrand ſchicken will. Gleich morgen in aller Frühe mache ich mich zu ihm auf den Weg.“ Leichteren Herzens kehrte er nach Hauſe zurück, ſagte aber daſelbſt von ſeinem Vorhaben kein Wort, indem er fürchtete, daß man ihn zurückhalten und ſeinen Plan verhindern könne. Abends ſpät jedoch, als er in ſeinem Kämmerchen allein war, ſchrieb er ein Paar Zeilen nieder, in welchen er ſeinem Wohl⸗ thäter für alles empfangene Gute dankte, und ihm den gefaßten Entſchluß mittheilte, damit er ſich nicht ohne Noth ängſtigen möge. Dann betete er zu Gott, daß er ihm ſeinen Beiſtand zu dem bevorſtehenden Geſchäfte verleihen möge, warf ſich auf ſein Lager und ſchlief einige Stunden feſt und ruhig. Sein Be⸗ wußtſein ſagte ihm, daß er im Begriffe ſei, gut und recht zu handeln und dankbar, und ſchon ein altes Sprüchwort ſagt ja ſo wahr als ſchön:„»Ein gut Gewiſſen iſt das beſte Ruhekiſſen.“ Kaum dämmerte der Morgen, ſo packte Fritz ſein Malergeräth und ſeine übrigen geringen Habſeligkeiten in ein Bündel⸗ chen zuſammen, warf es auf die Schulter, legte den Zettel, den er den Abend vorher geſchrieben, auf ſein Bett, wo er ſogleich gefunden werden mußte, und machte ſich dann auf den Weg. Als er auf dem Hügel ankam, von deſſen Höhe er zum letzten Male die Ausſicht auf das Häuschen hatte, wo er ſo man⸗ ches Jahr in Frieden gelebt, wandte er ſich um, und betrachtete es mit Gefühlen der innigſten Liebe und Dankbarkeit. „Lebt wohl, ihr Geliebten!« rief er aus, während ihm helle Thränen über die Wangen rieſelten,„lebt Alle wohl! So Gott will, ſehen wir uns eines Tages wieder. Zürnt mir nicht, daß ich euch verließ, ich konnte nicht anders.“ Noch einen Blick warf er hinab auf das trauliche Häuschen; dann wandte er ſeine Schritte, und ei⸗ ligſt ging er der Straße nach, welche ihn, wie er wußte, ſeinem neuen Beſtimmungsorte zuführte. Fritz war wohl ſchon drei Stunden weit von der bisherigen friedlichen Heimath entfernt, ehe Mutter Willebrand ſeinen zurückgelaſſenen Zettel fand. Voller Erſtaunen las ſie ihn und brachte ihn dann ihrem 121 3 Manne, welcher die Abſchiedsworte des Knaben mit nicht geringerer Ueberraſchung anhörte. „Laſſen wir den guten Jungen ſeinen Weg ge⸗ hen,“ ſagte er.„Er meint es gut, und es würde ihn ſchmerzen, wenn wir ihn von ſeinem Vorhaben abbringen wollten. Ich hätte in ſeiner Stelle viel⸗ leicht auch nicht anders gehandelt. Der Junge iſt dankbar, und das freut mich. Gott möge ihn ſchützen und behuten. Gib Acht, liebe Frau, wir werden bald wieder von ihm hören, denn B. iſt ja nicht aus der Welt, ſondern nur fünf Meilen von hier ent⸗ fernt. Wenn's ihm Vetter Scharf zu toll macht, kann er ja immer wieder zu uns zurückkehren.“ Damit war die Sache abgethan, aber Alle im Hauſe vermißten Fritz noch viele Tage recht ſchmerz⸗ lich, da Alle ihn von Herzen liebten und ſchätzten. Fritz lief indeſſen munter ſeine Straße, und kam, als die Sonne ſchräg ihre Strahlen auf die Erde warf und dem Untergange nahe war, ermüdet, aber hoffnungsvollen Gemüths in B. an. Das Haus Meiſter Scharfs war bald aufgefunden, und ſein Bündelchen auf dem Rücken, den Wanderſtab in der Hand, trat Fritz zu ihm. Meiſter Scharf kannte den Knaben nicht mehr, denn er war hoch aufge⸗ ſchoſſen, und ein ſchlanker, ſchöner Jüngling geworden. 122 „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr? fragte er. „Halt!“ dachte Fritz,„du willſt ihm vorläufig nicht ſagen, wer du biſt.“ Und laut erwiederte er: „Ich bin ein Maler, und ſuche Arbeit. Könnt Ihr mich brauchen, Meiſter, ſo prüft mich.“ Meiſter Scharf warf einen prüfenden Blick auf Fritz.„Habt Ihr Zeugniſſe, junger Menſch?“ fragte er,„oder könnt Ihr mir Proben Eurer Kunſtfertig⸗ keit zeigen?« „Zeugniſſe habe ich nicht,“ erwiederte Fritz keck, „aber Bilder, die ich gemalt habe, könnt Ihr ſehen in Hülle und Fülle.“ „Nun, ſo zeigt her,“ befahl Meiſter Scharf. Fritz nahm ſein Bündel von der Schulter, packte ſeine Zeichenmappe aus, und legte dem Meiſter Scharf einen Theil der Arbeiten vor, welche er im letzten Jahre gemalt hatte. Meiſter Scharf ſetzte die Brille auf ſeine lange rothe Naſe, nahm die Bilder in Empfang, und betrachtete ſie ſehr ſorgfäͤltig und prü⸗ fend. Sie ſchienen ihm ganz ausnehmend zu gefal⸗ len, denn ſeine grünen Augen funkelten, und er murmelte beifaͤllige und belobende Worte in den Bart hinein. „Nun,« ſagte er endlich,„gebrauchen kann ich Euch wohl, mein Bürſchchen. Ich habe eben jetzt für den 123 — reichen Grafen Rabinski die Zimmer ſeines ſchönen Schloſſes auszumalen, und da fehlt mir gerade noch für die feinſte Arbeit ein Geſelle. Wollt Ihr ſie über⸗ nehmen, ſo ſollt Ihr gut behandelt werden, und ich gebe Euch außer Koſt und Logis wöchentlich vier Reichsthaler Lohn. Seid Ihr's zufrieden?“ „Ja,“ erwiederte Fritz, dem das Herz vor Freu⸗ den hüpfte bei dieſem Vorſchlage, welcher alle ſeine Erwartungen übertraf.„Ja, ich bin es zufrieden, und will mein Möglichſtes thun, das viele Geld redlich zu verdienen.“ Da war denn die Sache abgemacht und Fritz wohl⸗ beſtellter Malergeſell in Meiſter Scharf's Dienſten. Siebentes Aapitel. Der Tugenden Belohnung. Ein Vierteljahr war nach den eben erzählten Be⸗ gebenheiten verfloſſen, da trat eines Abends in Vater Willebrands Wohnung der Landbote, und überbrachte einen Brief aus B. nebſt einem kleinen, aber wohl verſiegelten und ſchwer ins Gewicht fallenden Päck⸗ lein. Vater Willebrand war allein im Zimmer und lag im Bette, da er noch immer von ſeiner Krank⸗ heit nicht geneſen war. Er nahm Brief und Packet in Empfang, und als der Landbote ſich wieder ent⸗ fernt hatte, rief er durch den hellen Ton einer Klingel ſeine Frau herbei, welche draußen in der Küche die Wirthſchaft verſah. Die Frau kam und brachte die angezündete Lampe mit, indem die Dunkelheit be⸗ veits raſch überhand nahm. Als nun der Schimmer des Lichtes auf die Geſichter des wackeren Ehepaares 125 ſiel, da ſah man wohl an ihrer Blaͤſſe und den trau⸗ rigen Zügen, daß es den guten Leuten in der letzten Zeit nicht zum Beſten gegangen war. Und das konnte denn auch nicht anders ſein. Vater Wille⸗ brand, der Ernährer und Erhalter der Familie, lag ſiech und krank, die Söhne konnten kaum für ſich ſelber ſorgen, und die arme Frau vermochte, trotz ihres angeſtrengten Fleißes, doch nur wenig zu ver⸗ dienen. So hatten denn die früher ſo glücklichen Leute nun mit Kummer und nie aufhörender Sorge zu kämpfen. 7 „Da iſt ein Brief aus B. gekommen, liebes Weib,« ſagte Vater Willebrand mit ſchwacher Stimme.„Ein Päckchen iſt auch dabei. Ich denke wohl, Beides kommt von unſerem guten Fritz, von dem wir nun, ſeit er uns verlaſſen hat, kein Sterbenswörtchen ge⸗ hört haben. Brich den Brief auf, und ließ ihn mir vor.« 1 Die Frau, als ſie von Fritz hörte, ergriff ſogleich voller Freude den Brief, öffnete ihn, und las wie—* folgt: „Herzliebe Pflegeältern und liebe Brüder! „Gern hätte ich euch ſchon längſt geſchrieben, wenn ich Zeit und Gelegenheit gehabt hätte. Aber Beides 126 fehlte mir. Ich habe viel zu thun, und Meiſter Scharf läßt mich nicht oft zu Athem kommen. Dann bin ich auch ſeit einem ganzen Vierteljahre ſchon in dem Schloſſe des Grafen Rabinski beſchaͤftigt, wel⸗ ches eine Stunde weit von B. entfernt liegt, und habe dort noch keine Gelegenheit gehabt, einen Brief fortzuſchicken, als zufällig eben jetzt, wo der Land⸗ bote euer Dörfchen beſuchen will. Die nehme ich denn wahr, und ſchicke euch da dreißig Thaler, die ich von meinem Lohne erſpart habe. Ich wollte, es wäre mehr; aber ich habe nicht mehr, und wünſche nur, daß ihr das ehrlich Erſparte freundlich an⸗ nehmen möget.“ „Mit großer Sehnſucht denke ich recht oft an euch Alle, und würde viel darum geben, könnte ich einmal nur einen Tag in eurer Mitte ſein. Aber daran iſt nicht zu denken, denn Meiſter Scharf iſt ein ſchlimmer Mann, der mir nimmermehr erlauben würde, zwei oder drei Tage von der Arbeit zu blei⸗ ben. Ich vertröſte mich auf die Zukunft. Will's Gott, ſo komme ich doch einmal, ehe ihr es euch verſeht.“— „Schreibt mir doch auch ein Paar Zeilen. Ich möchte gar zu gern wiſſen, wie es euch geht, und ob Vater Willebrand bald wieder geſund iſt. Wollt ihr? Ich würde mich recht herzlich darüber freuen. Und nun lebt wohl! Wenn wieder ein Vierteljahr um iſt, ſchicke ich andere dreißig Thaler, die ich recht gut von meinem Lohne erſparen kann.“ „Euer dankbarer und getreuer Sohn Fritz.« „Ach, was iſt der Fritz doch für ein wackerer Junge!“ riefen die beiden Alten, als ſie dieſe ſchlich⸗ ten Zeilen laſen.»Gott ſegne ihn! Gott ſegne ihn, und laſſe es ihm wohl gehen!“ „Wer hätte damals gedacht,“ ſagte die Mutter, „als der kleine Junge arm und hülflos zu uns kam, daß er eines Tages unſere Stütze und Hülfe ſein würde? Und hätteſt du ihn zur Köhlerarbeit ange⸗ halten, lieber Mann, würde er uns jetzt nun wohl ſo helfen können? Waͤreſt du unfreundlich gewe⸗ ſen, würde er jetzt ſo dankbar ſein? Da ſieht man recht, daß der liebe Gott ſich der Barmherzigen erbarmet!“ „Schweige ſtill, liebes Weib,“ gebot der alte Willebrand, während ihm die hellen Freudenthränen über die abgezehrten Wangen rannen,„ſchweige ſtill! Ich habe nur meine Pflicht gethan, und das verdient keinen Lohn von Gott. Aber der Junge iſt wacker und brav, und der Himmel wird ihm vergelten, was 128 er jetzt an uns thut, da wir ſelber ihm nicht ver⸗ gelten können. Laß uns den Vater im Himmel preiſen, der dem Knaben ein gutes Herz gegeben hat.« Wäͤhrend ſich die beiden Alten über Fritz freuten, hatte dieſer einen ſchweren Stand. Meiſter Scharf war kein guter Menſch, und plagte ſeine Leute, wo er nur konnte. Ueberdem gefiel unſerem Fritz das Stubenmalen nicht, weil er dabei nicht viel lernen konnte, und er ſehnte ſich zuweilen recht von Herzen in die alten Zeiten zurück. Trotzdem aber beſchloß er auszuhalten, da er ja auf andere Weiſe nicht für ſeine alten Pflegeältern ſorgen konnte, und er ertrug daher die Schimpfreden und Scheltworte Meiſter Scharfs immer mit Geduld und Langmuth. Er war fleißig, that ſeine Schuldigkeit, und lei⸗ ſtete mehr, als man mit Recht von ihm verlangen konnte. Eines Tages ſtand er in einem Sale des gräf⸗ lichen Schloſſes auf dem hölzernen Gerüſte, und malte an der Decke des Saales einen bunten Blu⸗ menkranz. Achtſam miſchte er die Farben, führte den Pinſel mit leichter und ſicherer Hand, und be⸗ merkte mit Vergnügen, daß die Arbeit wacker vor⸗ wärts ſchritt. Jetzt war der letzte Strich geſchehen, 129 und da er für den Augenblick nichts Nöthiges zu thun hatte, ſo ſtützte er den Kopf in die Hand, und überließ ſich ſeinen Gedanken. Sie flogen hinuber in das Dörſchen, wo er ſo glückliche Jahre verlebt hatte, zu ſeinen Pflegeältern, zu ſeinen Geſpielen, den drei Vettern, und zu den Malereien, die ihm früher die Zeit verkürzt hatten.„Ja,“ dachte er, „wenn ich noch ſo zeichnen und malen dürfte, wie damals, dann wollt' ich wohl fröhlich ſein. Aber immer und ewig dieſe Klexerei an den Wänden aus⸗ zuführen, das bekommt man denn doch bald herzlich ſatt.“ Und wie er noch ſo dachte, ſetzte ſich auf den Rahmen eines offenen Fenſters eine Schwalbe, ſchaute mit klugen Augen in den Saal hinein, und blickte Fritzen an, der noch immer ſeinen Gedanken nach⸗ hing. Ihr Gezwitſcher machte Fritz bald auf ſie aufmerkſam, und er betrachtete das niedliche Thier⸗ chen mit herzlicher Freude. „Wie biſt du doch ſo fröhlich, du kleines Vögel⸗ chen!“ dachte er.„Ja, wer es ſo gut hätte, wie du! Du kannſt fröhlich hin und wieder fliegen, wiegeſt dich in Luft und Sonnenſchein, und biſt frei und feſſellos, wie die Wolken des Himmels, Der Tug. Vergeltung. 3 9 130 unter denen du mit deinen raſchen Schwingen dahin ſegelſt.“ Es war ordentlich, als ob das Vögelchen ſeine Gedanken zu errathen verſtände. Es ließ ſeine Aeu⸗ gelein wie mitleidig auf Fritzen ruhen, und ſein Gezwitſcher ſchien ihn einzuladen, die Häuſer und Zimmer und Säle zu verlaſſen, damit er draußen in der freien Gotteswelt frei und glücklich umher⸗ ſchweifen könne. Wenigſtens ſchien es Fritzen ſo, und er legte das Gezwitſcher des Vögelchens auf dieſe Weiſe aus. Gern wäre er ihm auch gefolgt. Aber es ging ja nicht, er mußte doch die Schuld der Dankbarkeit an ſeine Pflegeältern abtragen. Seufzend griff er wieder nach ſeinem Pinſel, um eine neue Arbeit anzufangen. Da fuhr es ihm durch den Kopf, das luſtige Schwälblein zum Andenken an die Wand zu malen, und kein Ort ſchien ihm beſſer dazu zu paſſen, als der Kranz, den er kurz vorher fertig gemacht hatte. In deſſen Mitte müſſe ſich das Vögelein recht gut ausnehmen, meinte er, und ging friſch an die Arbeit. Erſt malte er das Köpfchen, dann den Hals, dann Leib und Flügel und den langen gabelförmigen Schwanz, dann die zarten Füßchen, und pinſelte das Alles mit ſolcher Geſchicklichkeit hin, daß man hätte — — darauf ſchwören mögen, die gemalte Schwalbe ſei 131 wirklich und wahrhaftig eine lebendige. Und als er den letzten Pinſelſtrich gethan hatte, flog das Vö⸗ gelchen fröhlich zwitſchernd von dannen, gerade als ob es erſt die Vollendung der Arbeit hätte abwarten wollen. Fritz aber betrachtete ſeine Malerei, und dachte: „J nun, das ſieht ja wirklich recht niedlich aus, und ich muß geſtehen, daß mir das Stückchen ge⸗ lungen iſt.“ In dieſem Augenblicke aber vernahm er die rauhe polternde Stimme Meiſter Scharfs, und klatſch! klatſch! bekam er von deſſen großen, breiten Häͤnden ein Paar Ohrfeigen, daß er meinte, Hören und Sehen müſſe ihm vergehen. „Du unnützer Bube,“ erſchallten des Meiſters Zornreden,„du Taugenichts, du fauler Schlingel, wie kannſt du dich unterſtehen, hier Schwalben an die Decke zu malen? Warte, ich will dir zeigen, wo Schwalben hingehören!« Und wieder erhob Meiſter Scharf ſeine Hände, und wieder klatſchten ſie nieder auf Fritzens friſche rothe Wangen, ſie mit einer noch höheren Röthe färbend. „Das ſind die Schwalben, die für dich paſſen,“ 9* 13² wüthete Meiſter Scharf weiter.„Und nun packe gleich deine Siebenſachen zuſammen, und ſchere dich hin, wo du hergekommen biſt, du nichtsnutziger Schlin⸗ gel du.“ Fritz, empört über die ſchnöde Behandlung, und tief gekränkt, entgegnete kein Wort, packte mit weinenden Augen ſeine Pinſel und Farben zuſam⸗ men, und entfernte ſich ſchweigend. An der Thür aber wurde er von einem großen, ſchönen, ſchnurr⸗ bärtigen Manne aufgehalten, der freundlich zu ihm ſagte: „Warte, mein Sohn, wir haben noch ein Paar Worte mit einander zu reden.“ Fritz wartete geduldig, und der Fremde ſchritt vor bis in die Mitte des Saales, dahin, wo Fritz die Schwalbe an die Decke gemalt hatte. Hier blieb er ſtehen, und erblickte das Vögelein in der Mitte des Kranzes mit ſichtlicher Ueberraſchung. Er zog ein Augenglas hervor, betrachtete die Malerei noch einmal und wieder, prüfte ſie von allen Seiten, und machte gewaltig große Augen dabei. Meiſter Scharf, der in ſeinem Zorne den Frem⸗ den bisher noch nicht bemerkt hatte, näherte ſich ihm jetzt plötzlich mit kriechender Demuth.— „Sind der Herr Graf zurückgekehrt?“ fragte er 133 mit einem tiefen Bücklinge.„Wollen gewiß ſehen, wie weit die Arbeiten fortgeſchritten ſind. Nun, ich denke, Sie werden wohl mit unſerem Eifer zufrieden ſein.“ „Wer hat die Schwalbe da im Kranze gemalt?« fragte Graf Rabinski, ohne ſich weiter um die tiefen Bücklinge Meiſter Scharfs zu kümmern. „Halten zu Gnaden, Herr Graf,“ entgegnete Meiſter Scharf, indem ihm von Neuem die Galle über Fritzens eigenmächtige Pinſelei aufſtieg,„halten zu Gnaden, das iſt der nichtsnutzige Schlingel da in der Thür geweſen, der ſich ganz ohne alle Ordre unterſtanden hat, ſeiner reſpectwidrigen Laune hier freies Spiel zu laſſen. Ich habe ihm dafür auch ſchon ein Paar Schwalben ins Geſicht gemalt, an die er zeitlebens denken ſoll. Nehmen Sie's nur nicht übel, Herr Graf, wir können ja die Schmie⸗ rerei bald wieder überpinſeln, und dann ſieht kein Menſch mehr etwas davon.“ „Alſo um dieſer Schwalbe willen haben Sie den jungen Menſchen ſo ſchnöde gemißhandelt, wie ich vorhin mit anſah?« ſagte entrüſtet der Graf.„Schä⸗ men Sie ſich, Herr, und gehen Sie mir aus den Augen! Dieſe Schwalbe überpinſeln! Wiſſen Sie wohl, daß in der kleinen Schwalbe da mehr Genie 134 ſteckt, als in ſo manchen Bildern und Gemälden, die weit und breit in der Welt berühmt ſind. Und we⸗ gen dieſes Kunſtwerks ſchlagen Sie den Künſtler? Gehen Sie! Gehen Sie! Sie ſind ein Barbar, ein Vandale!“ Beſchimpft und demüthig ſchlich Meiſter Scharf von dannen, der Graf aber rief Fritzen an ſeine Seite, und fragte ihn über ſein vergangenes Le⸗ ben ſo genau und ausführlich, und zugleich mit ſo viel Zartheit und Freundlichkeit aus, daß Fritz offenherzig Alles erzählte, was wir bereits erfahren haben. Der Graf ſtreichelte freundlich ſeine Wangen, als er die Erzählung vernommen hatte. „Bei Meiſter Scharf bleibſt du fortan nicht mehr, mein Junge,“ ſagte er.„Hole deine Sachen, und bringe ſie hierher, du wirſt jetzt unter meiner Lei⸗ tung deine Studien fortſetzen, und wenn du fleißig und brav bleibſt, ſo prophezeihe ich dir, daß einſt ein großer Künſtler aus dir werden wird. Für deine Pflegeältern ſorge ich, bis du es ſelbſt wieder können wirſt. Fritz küßte entzückt des Grafen Hand, der ihn nach freundlichem Gruße endlich ſeinen Empfindun⸗ gen und Gedanken überließ. Alle vereinigten ſich —— 13⁵ im Danke gegen den Höchſten, der eine Schwalbe zum Werkzeug machte, welches ihn ſeiner düſteren Lage entriß, und auf den ſonnigen Gipfel der Wonne und Freude verhalf. Wie ſegnete Fritz jetzt den Entſchluß, Meiſter Scharf ſeine Dienſte anzutragen! Wie ſegnete er die Beharrlichkeit, mit der er des Meiſters ſchlechte und harte Behandlung ertragen hatte! Wie hatte die gute Abſicht, ſeinen Wohlthätern Beiſtand zu leiſten, doch ſo herrliche Früchte getragen! Der Graf hielt Wort. Der alte Willebrand wurde von ihm unterſtützt, erhielt einen reichlichen Jahrgehalt, und erholte ſich, da ſeine Seele nun von Kummer und Sorge befreit war, bald wieder ganz vollſtändig. Fritz aber wurde auf eine berühmte Maleraka⸗ demie geſchickt, war fleißig, entwickelte ſeine großen Talente, und wurde nach Jahr und Tag einer der berühmteſten Maler, deſſen Kunſtwerke mit unge⸗ henren Geldſummen bezahlt wurden. Daß er ſich gegen Graf Rabinski dankbar be⸗ gte, daß er ſeine Pflegeältern und deren Kinder ſich nahm, daß er erſteren ihre alten Tage erhei⸗ rte und letztere ein einträgliches Handwerk erlernen eß, brauchen wir wohl kaum zu erzählen. Er war 136 glücklich und Vater Willebrand war auch glücklich, denn die Tugenden der Barmherzigkeit und Dank⸗ barkeit hatten Beiden reichliche Früchte getragen und ihren Lohn empfangen. * 2 r E —— ——— 3“ n mffſſſſſſſnſnſnſſiſſinſſſſſſſſ 13 14 15 16 17 18 19 20 21