deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 Ian für wöchentlich—2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: anſt Monat: 4 Mie. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mtk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S 5 5 —— Eine Erzählung für meine jungen Freunde. — Von Franz Hoffmann. Verlag von Schr Erſtes Kapitel. Der Geheimerath. Der Abend war dunkel hereingebrochen. Draußen heulte der Wind durch die Straßen, klapperte mit den Ziegeln auf den Dächern, und trieb mächtige Wolken Schnee vor ſich her. Aber je unheimlicher es im Freien war, deſto gemüthlicher und freundlicher ſah es in dem behaglichen Studierzimmer des Geheimerath Freiberg aus, in welchem ſich jeden Abend die Familie zu ver⸗ ſammeln pflegte. Auf dem runden Mahagonitiſche brannte die gelbe Schiebelampe, und ſtrömte ihr mildes Licht über das Zimmer aus. Der Geheimerath ſaß lächelnd im bequemen Lehnſtuhl, blätterte in einem Buche, und horchte mit halbem Ohre nach dem halb⸗ lauten Geſpräche hin, welches Hugo und Helene, ſeine beiden Kinder, mit einander führten. Die Mutter be⸗ reitete indeß den Thee auf der ſilbernen Maſchine, ſchenkte ihn in die goldgeränderten Taſſen ein, und ſchob dieſelben dem Vater und den Kindern hin. Endlich ſetzte ſie ſich auch mit an den Tiſch und ſagte freundlich »Nun, Kinder, Ihr laßt den Thee ja kalt wergn, Habt Ihr ſo Wichtiges mit einander zu verhe, daß Ihr alles Uebrige darüber vergeßt?e tickten Hugo und Helene errötheten ein wenig and b 8 en ſich verlegen an; der Geheimerath aber eewiederte ſs— Kleine Urſachen. 4 8 ihrer: Sie ſtreiten über ein arabiſches Mährchen aus tauſend und einer Nacht, liebe Frau. Was behaupteſt du doch jetzt eben, Hugo?« „Nun, Vater,“ entgegnete der Knabe,„ich ſagte, daß Haſſan der Seiler, ſeinen Reichthum nicht durch Ali's Stückchen Blei, ſondern allein durch Saadi's Ze⸗ 4 chinen verloren haben könne. Die Geſchichte mit dem Bleiſtückchen iſt doch gat zu unglaublich! „Und du, Helene?“ fragte der Vater. „ i, ich, ich meinte, daß zuweilen kleine Urſachen große Wirkungen herbeiführen können!“ erwiederte die muntere Helene.„Und darum ſagte ich denn auch, daß — die Geſchichte von Haſſan dem Seiler keineswegs ſo unglaublich ſei, wie Hugo behauptet. Ich weiß wohl, daß ſie nur ein Mährchen iſt und ſich gar nicht zuge⸗ tragen hat, aber unmöglich iſt es doch gewiß nicht, daß ſich Alles ſo begeben haben kann, wie es uns der Dichter erzählt.“ „Und ich muß dir vollkommen Recht geben, meine kluge kleine Helene,“ ſprach der Vater.„An mir ſelbſt hab ich'3 erlebt, daß durch geringe und ſcheinbar ganz nnbedeutende Urſachen nicht ſelten das ganze Leben des 3 in ir immer bis auf es ſei klein oder gio wenn man glaubt, daß große Er⸗ Mittel errungen werden können. i den Gang unſerer Schickſale, mein Doch wohl Niemand weiter, als Gott! es Allmacht, mein Sohn, das wirſt du 3 wiſſen, iſt nichts in der Welt klein oder groß, vor Ihm gilt das Sandkorn ſo viel, als der ſtrahlende Son⸗ nenball.« »Gewiß, lieber Vater,“ erwiederte Hugo—„aber ſollte denn ein bloßer Zufall mehr vermögen können, als Fleiß, Ausdauer und redliche Anſtrengung?« »Zufall, Hugo? Was nennſt du Zufall?« entgegnete der Vater.„Iſt denn ein Zufall, wie du ein ſcheinba unvorbereitetes und jedenfalls unvorhergeſehenes Ereig niß nennſt, irgend etwas Anderes, als eine Fügun Gottes? Darin ſteckt aber der Fehler, daß man leich fertig von Zufälligkeiten ſpricht, anſtatt auf den Ur⸗ ſprung aller Dinge zurück zu gehen, und Gott nicht nur in ſeinen großen und erhabenen Schöpfungen, ſondern auch in ſeinen ſcheinbar unbedeutenden Werken zu ſehen und zu erkennen. Ich kann es dir nicht oft genug wiederholen, mein Kind, daß vor Gott nichts groß oder gering iſt! Der Schöpfer der Welt iſt auch der Schöpfer des Sonnenſtäubchens, und für das Geringſte hat er dieſelbe Sorgfalt und Weisheit, wie für das Erhabenſte, das uns kurzſichtigen Menſchen nur darum größer und erhabener ſcheint, weil wir eben mit beſchränktem Geiſte und blödem Auge ſehen. So leitet Gott auch die Ge⸗ ſchicke der Menſchen mit unendlicher und unerforſchlicher Weisheit, und wir, wenn wir nicht ſogleich ſeine An⸗ ſichten durchſchauen, ſind häufig thöricht genug, einen Zufall zu nennen, was eine weiſe und voll ommene Anordnung des Ewigen iſt. Mein ganzes Lebensglück verdanke ich, wie geſagt, einer Kette ſolcher ſogenannten Zufälligkeiten, und wenn ihr einige Erinnerungen aus meinem früheren Leben anhören mögt, ſo will ich ſie 4 euch wohl erzahlen. Der Abend iſt noch lang— frem⸗ der Beſuch wird uns ſchwerlich ſtören, und ſo.. „Ach ja, lieber Vater— ja, erzähle uns!“ baten die Kinder und rückten ihre Seſſel dicht an den: Lehn⸗ ſtuhl des Geheimeraths, der freundlich die bluͤhenden Wangen Hugo's und die glänzenden Locken Helene's ſtreichelte. „Gern, Kinder, von Herzen gern,“ ſagte er— aämlich, daß die Mutter nichts dagegen nt meine kleinen Abentheuer und Schick⸗ ale ſchon längſt, und würde bei meiner Erzählung am Ende wohl gar Langeweile empfinden.“ „Nein, o nein, beſter Mann,“ erwiederte die Mutter, und rückte ebenfalls näher an den Lehnſtuhl—„du weißt wohl, daß ich dir mit Vergnügen zuhöre, und derben, aus der ſie zugleich ſo manches Gute lernen können. Geſchwind fange an— wir Alle ſind ganz Ohr. „Gut, gut,“ ſagte der Geheimerath, ſetzte ſich bequem im Lehnſeſſel zurecht, zündete ſich eine Cigarre an, un begann darauf ohne Weiteres ſeinen Vortrag. Mir iſt es in meiner Jugend nicht ſo gut gewor⸗ den, als euch, Kinder, erzählte er. Ihr ſeid von Wohl⸗ ſtand und Ueberfluß umgeben und habt noch keine der Entbehrungen kennen gelernt, welche ich in den Jahren meiner Kindheit im Ueberfluß erdulden mußte. Für euch iſt immer der Tiſch gedeckt, ihr findet immer warme Kleider, eine warme Stube, ein weiches Bett, während ich, ach wie oft, meinen Hunger mit Waldbeeren ſtillen, in zertiſſenen Kleidern, ohne Schuhe und Strümpfe ein⸗ hergehen, und manche bitterkalte Nacht in einem Heu⸗ haufen ſchlafen mußte. Meine Eltern waren arme Taglöhner auf dem Dorfe, die mit Noth und Mühe ihr tägliches Brod verdienten, und noch dazu ſtarb mein Vater ſchon, als ich kaum mein fünftes Jahr zurück⸗ gelegt hatte. Doppelt ſchwer drückte jetzt der Mangel auf meine arme Mutter, und mancher Tag haftet in meinem Gedächtniſſe, der füglich ein Tag des Kummers und der Thränen genannt werden darf. Da wußte am Morgen die Mutter noch nicht, ob ſie zu Mittag nur eine Schüſſel Kartoffeln auf den Tiſch würde ſetzen kön⸗ nen, ob am Abend nur eine trockene Brodrinde da ſein würde, um meinen hungrigen Magen zu befriedigen. Aber, Gott weiß, wie es zuging, der Himmel half im⸗ mer, und daß ich nicht umgekommen bin aus Noth und Mangel, das ſeht ihr. Die gute Mutter ſchlug ſich ſo durch, und brave Menſchen gab es auch im Dorfe, deren mitleidige Herzen wenigſtens das Alleräußerſte von uns abwendeten.. So reich an Entbehrungen aller Art nun auch meine Kindheit war, ich denke dennoch mit innigem Vergnügen an die Zeit derſelben zurück. Gott, deſſen Güte ſo groß iſt, weiß auch dem Aermſten das Leben mit bunten Blumen der Freude zu ſchmücken; und mir nun vollends, der ich ſorglos in den Tag hinein lebte, wenn ich nur nicht grade hungern mußte, mir wurde doch auch man⸗ cher frohe Augenblick, manche frohe Stunde zu Theil. Mein heimathliches Dörfchei hatte eine reizend ſchöne Lage mitten im Gebirg. Unſere kleine ſtrohbedeckte Hütte ſtand auf dem Abhange eines Hügels. Hohe dunkle Tannen beſchatteten ſie; ein plätſchernder Wald⸗ bach floß rauſchend und murmelnd am Fuße des Hü⸗ gels vorüber und folgte den Kruͤmmungen des Thales⸗ das man von der Hütte aus auf eine gute Strecke hin überſehen konnte. Es war ein hoher Genuß für mich, in der Frühe eines ſchönen Sommermorgens auf der Holzbank vor unſerem Häuschen zu ſitzen und meine Augen an dem ſchönen Anblicke zu laben, der ſich weit⸗ hin vor mir ausbreitete. Ueberall Berg an Berg mit runden, bewaldeten Kuppen, wallende Nebel im Thale, die Wellen des Baches blitzend im Sonnenſtrahl, tau⸗ — ſendſtimmiger Geſang der munteren Waldvögel nah und fern, das leiſe Rauſchen des Morgenwindes in den Wipfeln der Buchen und Tannen, der Wieſenteppich im Grunde mit Millionen bunten Blumen geſtickt, und Thauperlen gleich ſchimmernden Diamanten darüber hin⸗ geſtreut— dazu das ferne Geläut der Kuhheerden, die der Hirt in das Gebirg zur Weide trieb, die Friſche der Morgenluft, der erquickliche Duft der grünen Wäl⸗ der— ſtundenlang konnte ich ſitzen und ſchauen und träumen, und wohl kann ich ſagen, daß jene Stunden zu den ſchönſten meines ganzen Lebens gehören. Als ich größer wurde, durfte ich mich freilich nicht mehr ſo oft dieſem Genuſſe hingeben. Die Mutter meinte mit Recht, wir ſeien nicht reich genug zum Müſſiggehen, und wenn ich eſſen wolle, ſo müſſe ich auch mein Brod verdienen, ſo weit meine Kräfte dazu i te ich freilich noch nicht viel ein Kind, das beim Herrn kig Leſen und Schreiben ge⸗ das nur aus Gnade und Barm⸗ Mutter kein Schulgeld bezahlen zu Fuße war ich, und eine Stunde rſchens wußte ich ganz genau, wo und beſten Heidelbeeren, Erdbee⸗ ——— —— ren und Himbeeren wuchſen. Da eines Morgens, als ich wie gewöhnlich zur Schule wandern wollte, hielt mich meine Mutter auf und ſagte:»Halt, Baſtel“— nämlich Baſtel nannten ſie mich, obgleich ich eigentlich Sebaſtian heiße—„halt, Baſtel! Mit der Schule iſt's nun für ein Weilchen vorbei, und du haſt Nothwen⸗ digeres zu ſchaffen, als Leſen und Schreiben, denn das brauchſt du doch in deinem ganzen Leben nicht, wenn du erſt ein Taglöhner geworden biſt, wie dein Vater ſelig. Hier nimm den Korb, und lauf' in den Wald hinaus. Die Heidelbeeren ſind reif, und bis Mittag hin kannſt du den Korb voll geſammelt haben. Mun⸗ ter, Baſtel! Die Gutsherrſchaft kauft uns die Beeren ab, wenn du recht ſchöne reife ausſuchſt, und da gibt's ein paar Groſchen zum Mittagsbrod. Sei geſcheut, Junge, und greine mir nicht die Ohren voll! Leben iſt nöthiger, als Lernen, und damit Punktum und marſch!“ Nun muß ich freilich geſtehen, daß mir das Weinen allerdings viel näher war als das Lachen, und daß mir die Augen voll Thränen ſtanden, als mir die Mutter meine Bücher wegnahm und ſtatt derſelben den Henkel⸗ korb an meinen Arm hing. Denn ich liebte zwar den friſchen grünen Wald mit ſeinen bunten Vögeln, ſeinen Schmetterlingen und Käfern von ganzem Herzen, aber noch mehr liebte ich die enge, dumpfe Schulſtube, wo ich ſo viel lernen konnte. Seit ich es ſo weit gebracht hatte, daß ich zu leſen verſtand, war ein heißer Durſt nach Wiſſen in mir aufgewacht, und kannte kein grö⸗ ßeres Vergnügen, als dieſen Durſt zu befriedigen. Der Herr Schulmeiſter hatte das wohl bemerkt, und mich deßhalb liebgewonnen. Er beſchäftigte ſich vorzugsweiſe mit mir, gab mir hübſche Bücher mit nach Hauſe, in denen viel Schönes und Lehrreiches ſtand, und freute ſich, wenn er ſpäter bemerkte, daß ich die Bücher mit Aufmerkſamkeit und Fleiß geleſen hatte. Und jetzt ſollte ich nun auf einmal nicht mehr in die Schule gehen und Kenntniſſe ſammeln, ſondern in den Wald hinaus und Heidelbeeren ſuchen. Das war ein harter Schlag für mich. Indeß konnte ich doch weiter nichts thun, als gehorchen. Weinend machte ich mich auf den Weg, ſuchte mir ein Plätzchen aus, wo die Büſche recht dicht bei einander ſtanden, ging an mein Geſchäft und hatte nach ein paar Stunden meinen Korb voll. Und lauter ſchöne Beeren waren es, recht groß und reif und dun⸗ kelblau, keine einzige rothe und verkrüppelte darunter. Ich wollte nun wieder nach Hauſe wandern— aber der Stand der Sonne ſagte mir, daß es noch ziemlich weit bis zur Mittagszeit hin ſei, und da zog ich es vor, noch ein wenig im Walde umher zu ſpazieren. Was ſollte ich daheim? Die Mutter kam doch nicht vor Mittags von ihrer Arbeit nach Hauſe, und hatte noch obendrein die Hausthür verſchloſſen, ſo daß ich alſo nicht einmal hinein konnte. Alſo that ich, was ich ſchon hundert Mal gethan, das heißt, ich lief kreuz und uer durch den Wald und fing mir Schmetterlinge und Käfer, für welche ich eine beſondere Liebhaberei hatte. Ihr hättet damals einmal in unſer Stübchen kom⸗ men ſollen. Alle Wände hingen voll von Inſekten, die ich mit großem Eifer ſammelte, zierlich auf Nadeln ſteckte, was mich der Herr Schulmeiſter gelehrt hatte, und ſorgfältig in hölzernen Käſtchen aufbewahrte, die ich mir natürlich auch ſelbſt zurecht ſchnitzeln mußte. Glasſcherben dazu ſammelte ich im ganzen Dorfe ein, und ſo koſtete mich meine kleine Liebhaberei weiter nichts, „ » als nur ein wenig Mühe und Arbeit. Keinen Pfennig gab ich dafür aus; denn warum, erſtens hatte ich kei⸗ nen, und wenn ich einen gehabt hätte, ſo würde die Mutter nicht wenig geſchmählt haben, wenn er für etwas Anderes, als dringend Nothwendiges, ausgegeben wäre. Aber ſo, da die ganze Spielerei nichts koſtete, als ein wenig Zeit, an der ich keinen Mangel litt, und da die hübſchen Inſekten unſer ärmliches Stübchen recht zierlich ausſchmückten, ſo ließ mich die Mutter gewähren und machte kein Aufhebens von meinen Sammlungen. Nun, da ich alſo mit den Heidelbeeren fertig war, ging ich wieder meiner Liebhaberei nach und ſtreifte kreuz und quer durch den Wald. Und auch nicht ohne Erfolg, denn bald ſteckte mein Mützchen voller Schmet⸗ terlinge, und da ich nun nichts Beſſeres zu thun wußte, ſo ſchlenderte ich langſam dem Dorfe zu. Unterwegs erſt fiel mir etwas ein, das mein Herz vor Freuden hüpfen machte. Ich dachte nämlich daran, daß ich ja allemal, wenn ich zum Beerenſuchen in den Wald gehen müſſe, ein Buch vom Herrn Schulmeiſter mitnehmen und darin leſen könne, ſobald ich mit der Arbeit, die mir die Mutter aufgetragen, fertig geworden ſei. »Das iſt aber auch wahr!« rief ich ganz laut in den Wald hinaus.»Wenn ich dann auch nicht ſo viel lerne, wie in der Schule, ſo lern' ich doch etwas, und auch das Wenige iſt für mich ſchon ein großer Schatz!« Dieſer glückliche Einfall ſöhnte mich ganz mit der Anordnung meiner guten Mutter aus, und anſtatt wei⸗ nend, wie ich fortgegangen, kehrte ich mit lachendem Geſichte nach Hauſe zurück. Die Mutter bezeigte ſich zufrieden mit meinen eingeſammelten Beeren, und als ich ihr erzählte, wie ich künftig meine überflüſſige Zeit 1 —— benutzen wollte, lobte ſie mich ſogar, und meinte, wenn ich ihr nur alle Tage ſolchen Korb voll Waldbeeren brächte, ſo wär' ihr alles Uebrige ganz recht. Aber das Nothwendige müſſe natürlich dem Angenehmen vor⸗ angehen. Nun war Alles gut. Ich ſprach mit dem Herrn Schulmeiſter, der mich ebenfalls wegen meiner guten Vorſätze lobte, empfing Buͤcher von ihm, ſo viel ich bedurfte, und der Wald wurde nun meine Studierſtube. Am frühen Morgen ſchon, wenn kaum erſt der Tag graute, lief ich mit dem Korbe hinaus und ſuchte ſo eifrig nach Beeren, daß ich immer ein paar Stunden für mich zum Lernen erübrigte. Dann legte ich mich in's grüne Moos unter einen Baum, zog meine Bücher aus der Taſche, und lernte nach Herzensluſt, bis die Mittagszeit heranrückte. Nachmittags lief ich zum Schullehrer, erzählte ihm, was ich am Morgen geleſen und meinem Gedächtniſſe eingeprägt hatte, ließ mir von ihm erklären, was mir etwa unverſtändlich geblieben war, und ſammelte auf dieſe Weiſe einen größeren Schatz an Kenntniſſen ein, als vielleicht in der Schule ſelbſt. Beſonders in der Naturgeſchichte war ich ſtark. Alle Käfer, Schmetterlinge, Vögel und vierfüßige Thiere, die es in unſerer Gegend gab, lernte ich ganz genau kennen, und wußte nicht nur die deutſchen Namen, ſon⸗ dern auch die lateiniſchen am Schnürchen. Auch Ge⸗ ſchichte und Geographie lernte ich, und noch ſo manches Andere, was für den Augenblick zwar ganz kunterbunt keinem Gedächtniſſe durch einander lag, mir aber in rer Zeit doch wunderbar zu ſtatten kam. Und auf dieſe ſpätere Zeit werden wir nun bald kommen. in paar Jahre gingen mir ſo dahin— füͤr meine 11 gute Mutter Jahre der Sorgen und Mühen, für mich Jahre voll Entbehrungen aller Art, aber auch voll hohen Genuſſes. Aber nun ward ich allmählig verſtän⸗ diger und dachte auch an die Zukunft. Was ſollte aus mir werden? Unauslöſchlich lebte der Drang nach Wiſſen in mei⸗ nem Herzen, und doch ſah ich nur zu klar und deutlich ein, daß dieſer Drang faſt nur durch ein Wunder be⸗ friedigt werden könne. Ich ſprach mit dem Herrn Schullehrer— der zuckte die Achſeln, und ſprach mit dem Hexrn Pfarrer. Der Pfarrer meinte, es ſei recht Schade um mich, aber Hilfe ſähe er doch nicht, denn er ſelber ſei arm und habe kaum ſein dürftiges Aus⸗ kommen, und die Gutsherrſchaft werde ſchwerlich etwas für mich thun; doch wolle er mit ihr ſprechen. Das geſchah, aber der Beſcheid lautete ſehr ungünſtig für mich: wo ſo viele Burſche im Dorfe durch ihrer Hände Arbeit ihr Brod fänden, werde ich es wohl auch finden ohne beſondere Unterſtützung. Der Beſcheid machte mich traurig— aber zu ändern war da nichts, und ich ſah wohl ein, daß ich meiner guten armen Mutter nicht mehr zur Laſt fallen dürfe. Was nun beginnen? Auf Tagelohn gehen? dazu war ich nicht ſtark genug, obgleich ſonſt kräftig und geſund. Etwas Weiteres fand ich nicht, und es war im Grunde auch kein Wunder, denn mein ganzer Sinn ſtand nach den Büchern, und ich hätte nur immer ler⸗ nen und lernen mögen, vom Morgen bis zum Abend, und ſo alle Tage fort ohne Ende. Aber irgend etwas mußte doch auf alle Fälle ge⸗ ſchehen, und meine gute Mutter wußte Rath zu ſchaf⸗ fen, zwar nicht nach meinem Sinn, aber nach dem 12 ihrigen. Und in i lich, ganz Recht. »Höre'mal, Baſtel,« ſagte ſie eines Abends, als 1 ſie aus dem Dorfe von der Arbeit zurückkehrte,„es muß ein Ende gemacht werden! Du kannſt nicht länger nur ſo herumlungern— du biſt nun ein großer Burſche und mußt auf deinen Unterhalt denken. Ich h Ding ſchon für dich ausgemacht— Gänſe⸗Jakob«— das war nämlich der Jakob kommt follſt du nun klingt eben ſo gut, wie Gänſe⸗Jakob, und wohl noch beſſer, und zudem, i hrem Sinne hatte ſie, wie gewoͤhn⸗ alle Glieder, aber zu widerſtreben war da nicht viel Die Mutter konnte und durfte keinen unnützen Brodeſſe er im Hauſe leiben und mit all meinem Lernen brachte ich auch nicht ein⸗ mal eine trockene Rinde in's Haus. Aber der Gedanke, Gänſe⸗Baſtel zu werden, war mir doch zu widerwärtig, und da faßte ich mi i und erwiederte: „Schon recht, Mutter— für den Sommer wäre der ienſt ſchon vor der — ſagte meine Mutter, „»Denkſt du, ich hätte enn die Gänſehutung aufhört, dann kommſt du zu Meiſter Spinnebein in die Lehre und bleibſt da, bis der Sommer wieder in's Land kommt. Im Winter Schneider⸗Baſtel, im Sommer Gänſe⸗Baſtel, da haſt du dein ehrliches Stückchen Brod —— und machſt mir keine Sorge weiter. Wenn du ſechs Winter hindurch beim Schneider gelernt haſt, ſo will der dich losſprechen und zum Geſellen machen— nach⸗ her biſt du ein gemachter Mann. Ja, ja, Baſtel!, deine Mutter ſorgt ſchon für dich, denn dafür biſt du ihr einziges Kind! Es hat mir freilich viel Kopfbrechens gekoſtet, bis ich mit Alt⸗* Sommer und Winter, haßhe im Rein⸗ nun iſt dir auch ge⸗ holfen und d⸗— den kommenden Tagen in's Auge achtiger, rechtſchaffener Schneider Hr und Handwerk hat goldenen Boden. ₰ jetzt zum Schulzen!« Za ſtand ich, verwirrt, betäubt, keines Wortes wei⸗ ter mächtig. Mein Schickſal war entſchieden: ich mußte Gänſehirt und Schneiderjunge werden, und mit meinen liebſten Träumen ſchien es für immer vorbei zu ſein. iderſpruch duldete meine Mutter nicht— und wenn auch, ich hätte ja doch nichts zu ſagen gewußt, denn die Mutter hatte Recht, vollkommen Recht, ganz un⸗ bar Recht. Alſo nahm ich meine Mütze, ſchlich zhum Schulzen hin, ſtellte mich als Gänſe⸗Baſtel vor, und trieb am folgenden Tage richtig die Gänſe auf die Weide. Nun war's aus mit dem Lernen; ich mußte ein wachſames Auge auf meine Heerde haben, denn es wäre mir übel ergangen, wenn mir ein Gänschen fort⸗ geflogen oder vom Fuchs wegſtipitzt worden wäͤre. Kaum, daß ich Abends ein Stündchen gewann, um einen Blick in meine lieben Bücher zu werfen. Ich fühlte mich in meiner Lage ſehr unglücklich, aber als der Sommer dahinſchwand, ſollt' es noch ſchlimmer werden. Mit dem Spätherbſt mußt' ich richtig zu Meiſter Spinnebein in die Lehre wandern, und nun war es vollends mit dem Studieren vorbei. Schon das allein kam mir bitter genug an, aber nun⸗ vollends das Sitzen auf dem Schneidertiſche, den ganzen lieben Tag krumm gebückt, den ganzen lieben Tag mit Nadel und Zwirn beſchäftigt— das war für mich ge⸗ radezu zum Verzweifeln. Ich, von klein auf gewohnt, frei in Berg und Wald umherzuſtreifen, ich durfte mich nicht von der Stelle rühren, ſondern mußte ſticken und flicken und immer einen Stich um ben andern machen, unnd dazu auch noch Scheltworte und Püffe ertragen, . mit denen Meiſter Spinnebein lange nicht ſo karg wer, als mit dem Eſſen und Trinken. In ſchrecklicher Ein⸗ förmigkeit verging mir ſo ein Tag nach dem anderen, und wenn er vorüber war, dann hieß es,„marſch auf die Bodenkammer zu Bette,“ und ich durfte gar nicht daran denken, etwa noch ein Abendſtündchen ſtir. ich zu benutzen. Manche halbe Nacht habe ich danuls durchweint und die Kiſſen mit meinen Thränen benetzt. Denn Hülfe gab es für mich nicht— ich ſah Kummer voraus, daß ich der Schneider⸗Baſtel w bleiben müſſen mein ganzes Leben hindurch. Wer hätte mich aus meinem Elend befreien können? Meine arme Mutter konnte es nicht, der Herr Schul⸗ meiſter auch nicht, überhaupt im ganzen Dorfe keiner außer der Gutsherrſchaft, und die wollte nichts von mir verging doch. Der Winter ſchwand dahin— der armen Burſchen wiſſen. Alſo mußte ich mich in mein trauriges Schickſal ergeben, ſo gut oder ſo ſchlecht es eben gehen wollte, und ich kann euch verſichern, es ging ſchlecht und trübſelig genug. Indeß, ſo unglücklich ich mich auch fühlte, die Zeit Schnee ſchmolz auf den Bergen, das Eis des Baches im Thale; die Hecken fingen an zu grünen, das zarte Laub der Birken brach aus den Zweigen hervor; meine lieben kleinen Freunde, die Waldvöglein, kamen wieder und grüßten mich mit ihrem Geſange— auf den Wie⸗ ſen und in den Gärten blühten die Blumen auf— und wie ſich Alles fröhlich regte und Alles drängte und trieb, ſo regte es ſich auch wieder in meinem Herzen und ich empfand Freude, daß ich nun bald der engen Schneiderſtube wieder entſchlüpfen und die freie Gottes⸗ luft draußen einathmen konnte. Obgleich es gewiß kein beneidenswerthes Loos iſt, die Gänſe auf den Triften hüten zu müſſen, ſo lag doch für mich eine wahre Wonne in dem Gedanken, daß mir dieſes Loos wieder zu Theil werden würde. Der Gänſe⸗Baſtel war jedenfalls glück⸗ licher daran, als der Schneider⸗Baſtel. Als der Gänſe⸗ Baſtel ſah ich doch wieder den blauen Himmel über mir, und den hüpfenden Bach mit ſeinen rauſchenden Wellen im Thale, und die grünen waldigen Höhen, und ſog wieder die duftige Waldluft mit tiefem Athem⸗ zug in die Bruſt ein, und hörte wieder die Vögel ſin⸗ gen, und, was vor Allem das Beſte war, ich konnte doch wieder ein Stündchen für mich und meine ganz verſtäubten und halb vergeſſenen Bücher erübrigen. Aber freilich, Geduld mußte ich noch haben, ehe dieſe glückliche Zeit kam, denn vor Pfingſten wollte mich Meiſter Siunebein nicht aus den Scheeren laſſen, we⸗ gen der vielen Arbeit, die um dieſe Zeit herum zu er⸗ warten ſtand. Alſo Geduld! Pfingſten mußte ja auch endlich kom⸗ men, ſo gut wie Weihnachten und Oſtern. Aber noch ehe es kam, trug ſich ein kleines und . 16 unſcheinbares Ereigniß zu, das meinem ganzen Leben eine andere, ganz neue Richtung geben ſollte. Gegen Pfingſten hin nämlich bekam die Gutsherr⸗ ſchaft im Dorfe viel Beſuch aus der Reſtdenz. Herren und Damen kamen angefahren, ſo daß alle Zimmer im Schloſſe beſetzt waren von Oben bis Unten. Dazu Die Gutsherrſchaft gab auch die Erlaubniß, daß Jeder⸗ mann, wer Luſt hatte, in den Park kommen und zu⸗ ſchauen dürfe, und da fand ſich denn nicht leicht Je⸗ mand im Dorfe, der an jenem Abende daheim geblie⸗ bben wäre. Mir brannte natürlich das Herz ebenfalls daß Meiſter Spinnebein mir Erlaubniß geben würde, hin zu gehen. Aber wie ein Donnerſchlag traf es mich, als er mir meine beſcheidene Bitte rundweg unter dem Vorwande abſchlug, daß er ſelber mit Weib und Kind zuſehen wolle und ich alſo zur Bewachung des Hauſes daheim bleiben müſſe. Das war ein Schmerz! Der Meiſter trollte am Abend mit ſeiner Famile ab, und ich ſtand betrübt am Fenſter und ſchaute mit thränenvollen Augen hinterdrein. Ja, ich weinte zum Herzbrechen und ſchluchzte ſo laut, daß ich nicht einmal hörte, wie die Thüre geöffnet wurde und haſtig Jemand in die Schneiderwerkſtatt eintrat. Erſt, als ſich eine Hand auf meine Schulter 17 legte, fuhr ich auf, ſah mich mit verweinten Augen um, und erblickte meinen guten Freund, den Herrn Schul⸗ meiſter, der mich mitleidig betrachtete. „He, Baſtel, was gibt's?“« ſagte er.„Du weinſt und ſiehſt betrübt, während du luſtig und guter Dinge ſein ſollteſt über das ſchöne Feuerwerk heut Abend.“« „Ach, das iſt des ja eben, Herr Schulmeiſter,“ ant⸗ wortete ich—„der Meiſter hat's ja verboten!« „Der Meiſter hat's verboten? Das Feuerwerk?« erwiederte der Herr Schulmeiſter lächelnd.„Das ſteht doch wohl nicht in ſeiner Macht, Baſtel.«. »Ach nein doch, das Feuerwerk nicht,“ ſagte ich. »Mir hat er verboten, hinzugehen, weil das Haus nicht allein ſtehen dürfe. Ach, als ob es Jemand fort⸗ tragen würde!« „»Hm! Hm! machte der Herr Schulmeiſter—„das iſt allerdings ein wenig hart für dich, armer Junge! Nun, wir wollen ſehen, wollen ſehen! Aber jetzt vor allen Dingen, Baſtel, iſt es doch gut, daß ich dich zu Hauſe getroffen habe. Da ſchau her— den Rock habe ich mir zerriſſen— ein großes Loch auf dem Rücken— das mußt du geſchwind zuflicken, ſonſt komm' ich auch um das Feuerwerk, und das ſollte mir leid thun. Weißt ja, ich habe keinen Rock weiter, als dieſen.« »Ei Herrje, aber Herr Schulmeiſter, wie iſt denn das paſſirt?« ſagte ich ganz verwundert, denn das Loch war gut und gern einer Handbreit groß. »Wie wird's paſſiert ſeine— erwiederte der Herr Schulmeiſter—„ich wollte hint fort nach dem Parke, und wie ich da den Rock vom Nagel nehme, gab' ich nicht Acht, er bleibt an einem anden Nagel hängen, und ratſch, da hatt' ich das Loch. Was machen? Kein Kleine Urſachen. 2 18 3 Menſch war mehr daheim— Frau, Kind, Magd, Alles fort— da fiel mir ein, geſchwind hierher zu laufen, und nun iſt's nur gut, daß du da biſt. Flink, Baſtel, hole Nadel und Zwirn, denn in dem zerriſſenen Rocke darf ich natürlich der Herrſchaft nicht unter die Augen treten.« »Ziehen Sie aus den Rock, Herr Schulmeiſter, und her damit,« ſagte ich, und ſprang auf den Schneider⸗ tiſch.„Glücklicherweiſe iſt nur die Naht aufgeriſſen, und die wollen wir bald wieder in Ordnung bringen!« Geſagt, gethan! Der Herr Schulmeiſter zog den Rock herunter, ich fädelte meine Nadel ein, und nun geſchwind geflickt, Stich um Stich— in zehn Minuten war der Schaden wieder heil. „Gut gemacht, Baſtel,“ ſagte der Herr Schulmeiſter erfreut, indem er den geheilten Patienten wieder über⸗ zog. Und nun geſchwind— hole deine Jacke und komm mit mir.« »Ich, Herr Schulmeiſter?« rief ich erſchrocken— vei Herrje, da würde mich der Meiſter ſchön fegen, wenn ich mich unterſtünde, aus dem Hauſe zu gehen. Nein, das getrau' ich mir nimmermehr« „»Auf meine Verantwortung, Baſtel,“ erwiederte der Herr Schulmeiſter.„Du haſt mir dazu verholfen, daß ich das prächtige Schauſpiel ſehen kann, und zum Dank dafür verhelf' ich dir auch dazu. Fürchte nichts, Baſtel, ich werde ſchon mit Meiſter Spinnebein reden, und du weißt wohl, das hilft. Geſchwind, Baſtel, daß wir nicht zu ſpät kommen. Die Hausthür wird zugeſchloſſen und der Schlüſſel an den wohlbekannten Ort geſteckt, wo ihn der Meiſter ſchon finden wird, wenn er nach Hauſe kommt.« 49 Ich wußte nicht, ſollt' ich weinen oder lachen vor Freuden bei dieſer Himmelsbotſchaft des Herrn Schul⸗ meiſters. „Iſt es denn ganz gewiß wahr? Darf ich wirklich und wahrhaftig mit?« rief ich und ſprang mit einem Satze vom Schneidertiſche herunter! Treiben Sie keinen Spaß mit mir armen Jungen, Herr Schulmeiſter?« „Keinen Spaß, Baſtel,“ ſagte er.„Komm du nur ruhig mit— in meinem Schutze biſt du ſicher!«“ „Na, Herr Schulmeiſter, dann iſt es ja ein wahres Glück, daß Sie das Loch in den Rock geriſſen haben!« ſchrie ich voller Jubel.„Nur ein Minuͤtchen, und ich bin fix und fertig!« Geſchwind holte ich meine Sonntagsjacke, fuhr ge⸗ ſchwind mit der Bürſte darüber hin, ſetzte die Muͤtze auf und war bereit. Die Hausthür wurde zugeſchloſſen, der Schlüſſel unter die Steinbank gelegt, ſein gewoͤhn⸗ licher Platz, wenn Niemand daheim war, und mit einem Herzen voll Freude und Wonne eilte ich an der Seite des guten Herrn Schulmeiſters dem Parke zu. Was mir da geſchah, ſollt' ihr ſogleich hoͤren, aber vorerſt, Mutter, ſchenke mir eine Taſſe warmen Thee ein, und du, Hugo, bringe mir eine andere Cigarre— die erſte iſt aus. 20 Zweites Kapitel. Das Feuerwerk. Der Geheimerath ſchlürfte ſein Täßchen Thee, ſetzte die Cigarre in Brand und fuhr ſodann in ſeiner Er⸗ zählung folgendermaßen fort. Als ich mit dem Herrn Schulmeiſter den Park be⸗ trat, auf welchen nun ſchon der Abend ſeine dunkeln Schatten bereitete, wurde mir doch wieder Angſt und ich fürchtete mich doch vor dem Augenblicke, wo mich Meiſter Spinnebein erblicken würde. Faſt wäre ich vor lauter Bangen und Zaghaftigkeit wieder umgekehrt. Aber mein guter Schulmeiſter floͤßte mir friſchen Muth ein, indem er ſeine Verſicherung wiederholte, daß er für alle ſchlimmen Folgen ſtehen würde, und ſo trabte ich denn weiter mit. Der Park war groß und weitläufig, und ohne den Herrn Schulmeiſter hätte ich mich, vollends bei der Dunkelheit des Abends, nimmermehr darin zu⸗ recht gefunden. Aber mein Begleiter wußte gut Be⸗ ſcheid mit den Gängen und Wegen, die ſich kreuz und quer durchſchnitten, und nach einer Viertelſtunde hatten wir den Ort erreicht, wo das herrliche Feuerwerk abge⸗ brannt werden ſollte. Eine Menge Menſchen hatte ſich da verſammelt und drängte ſich neugierig hin und her, um wo möglich einen Platz zu erwiſchen, von welchem aus man Alles recht deutlich ſehen konnte. Das Feuerwerk ſollte auf einer großen Wieſe ſtatt⸗ finden. Alle Vorbereitungen waren bereits getroffen, und der Feuerwerker harrte nur des Winkes, um anzu⸗ fangen. Gegenüber war ein beſonderes Gerüſt aufge⸗ ſchlagen, wo die Herrſchaften vom Schloſſe Platz neh⸗ men ſollten, und hier war natürlich der ſchönſte Ort zum Zuſchauen. Ohne den Herrn Schulmeiſter wäre ich wohl nimmermehr in die Nähe deſſelben gelangt— aber Er machte uns Bahn und nahm mich unter ſeine ſchützenden Flügel. „Halt' dich nur tapfer an meinem Rockflügel feſt,“ ſagte er zu mir.„Du ſollſt das Feuerwerk nicht nur ſehen, du ſollſt es auch ordentlich und ganz in der Nähe ſehen.“ Mir war das ſchon recht und ich folgte blindlings ſeinen Weiſungen, aber bei aller Freude, die ich em⸗ pfand, warf ich doch beſorgte Blicke nach meinem Meiſter umher, der mich gewiß nicht freundlich anredete, wenn ihn mir das Unglück in den Weg führte. Aber der Menſchen waren zu viele, und zudem hatte nun auch die Finſterniß ſchon ſo überhand genommen, daß man auf drei Schritte Entfernung nichts mehr deutlich zu erkennen vermochte. Der Meiſter ſah mich nicht, ſo wenig wie ich ihn, und endlich gelangten wir denn auch an den Ort, welchen ſich der Herr Schulmeiſter zum Zuſchauen auserleſen hatte. „Halt,“ ſagte er—„wir ſind am Ziele! Hier haben wir das Feuerwerk vor uns und die vornehmen Herrſchaften auf dem Gerüſte neben uns. Da kannſt du dir nun Beides ordentlich betrachten. Steh' ſtill, Baſtel, und laß dich nicht auf die Seite drängen— hier haſt du eben ſo viel Recht, wie jeder Andere.“ Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen. Vor uns war ein ſtarkes Seil an Pfählen ausgeſpannt, welche Schranke Niemand überſchreiten durfte. Dieſes Seil packte ich mit beiden Händen, und meine Füße ſtanden 22 wie in die Erde gewurzelt, während mein Herz in Er⸗ wartung der Wunderdinge, die ich ſchauen ſollte, pochte, als ob es mir die Bruſt ſprengen wollte. Mit Sehn⸗ ſucht und Ungeduld erwartete ich den Anfang des noch nie geſehenen Schauſpiels, und endlich, endlich gab denn auch der Gutsherr das Zeichen zum Beginn deſſelben. Mit einem Male rauſchte eine ſprühende, leuchtende, ſchimmernde Feuergarbe von hundert Raketen praſſelnd an den dunkeln Nachthimmel hinauf, zerſtob hoch oben in Millionen Funken, krachte knatternd auseinander und ließ plötzlich Hunderte von Leuchtkugeln entgleiten, welche die dunkle Nacht faſt bis zur Tageshelle erleuchteten. Ein tauſendſtimmiges Ah! Ah! der Bewunderung und des Staunens drang zu den prachtvollen, glänzenden Meteoren hinauf, dann ſtarb der Glanz dahin— die Kugeln erloſchen— und dichtere Nacht als vorher deckte wiederum die Erde. Ich war außer mir vor Entzücken und konnte mich nicht enthalten, laut aufzujubeln. So etwas Herrliches hatte ich nicht von weitem geahnt, geſchweige denn je⸗ mals geſehen, und ich war daher ſo unerſchöpflich in leidenſchaftlichen Ausrufen der Verwunderung und des Entzückens, daß ich die Aufmerkſamkeit der Herrſchaften auf dem Gerüſte erregte, und mir der Herr Schulmeiſter Mäßigung und Beſonnenheit anempfehlen mußte. „Sei ſtill und verhalt' dich ruhig, Baſtel, ſonſt wirſt du am Ende aus dem Parke gewieſen, und das wäre doch Schade für dich,“ ſagte er.„Freue dich im Stillen, das iſt eben ſo gut, und keine Gefahr dabei!“ „Ach was!“ rief ein helles Stimmchen vom Ge⸗ rüͤſte herab—„laſſen ſie nur den Jungen gewähren! 23 Das Bischen Schreien koſtet ja nichts, und ich ſchreie auch mit.“ „Nun, meinetwegen, ich habe nichts dawider, wenn die gnädigen Herrſchaften nicht geſtoͤrt werden,“ ſagte der Herr Schulmeiſter, und geſtattete mir, meine Ge⸗ fühle ungehindert auszutoben. Ich aber empfand für den Augenblick gar keine Neigung mehr zum Jubeln, denn ich war neugierig, den Eigenthümer der hellen, feinen Stimme zu ſehen, die zu meinen Gunſten ge⸗ ſprochen hatte. Aber da mußte ich nun ſchon warten, bis das Feuerwerk von Neuem ſeine Wunder entfaltete. Das dauerte nicht lange. Ein kleines Licht, ein Fünkchen nur, zitterte durch die Dunkelheit herüber; es hüpfte mit Blitzesſchnelle weiter— von einem Ort zum andern, wie ein tanzendes Irrlicht— dann ſprühten mit einem Male Funken auf— und plötzlich leuchtete im ſchönſten Brillant-Feuer der Namenszug der gnädigen Frau, umgeben von einem funkelnden Kranze heller Sterne durch die Finſterniß. Erſt ſtaunte ich und ſchrie wieder Ah! Ah! und klatſchte vor Freuden in die Hände — aber dann erinnerte ich mich der ſilbernen Stimme, die ſo freundlich zu meinen Gunſten geſprochen hatte, und ließ meine Blicke nach dem Gerüſt hingleiten, wo die Herrſchaften ſaßen. Die Geſichter waren hell er⸗ leuchtet, wie von der Sonne. Ich ſah die Herren und Damen im ſchönſten Putze daſitzen— aber ſie Alle feſſelten meine Aufmerkſamkeit nicht, ſondern nur ein kleines Mädchen zog mich an, das mir lächelnd und vertraulich zunickte. Die Kleine ſaß kaum fuͤnf Schritte weit von mir. Es war ein reizend hübſches Kind— das roſige Geſichtchen von blonden Locken umgeben, die 4 24 blauen Augen blitzend wie Wiederſchein des feurigen Strahlenkranzes. »Gefällt's dir?« fragte ſte zu mir herüber. „Ja freilich,« ſagte ich—„das Feuerwerk iſt wun⸗ derſchön! Aber biſt du es geweſen, die vorhin ein gutes Wort für mich eingelegt hat?« »Nun ja doch,“ erwiederte ſie.„Warum ſollte man ſich denn nicht freuen dürfen, wenn man etwas Schoͤnes ſieht? Lache du nur, und klatſche in die Hände, ſo viel du willſt.“« „ Ja, das will ich auch,« ſagte ich,„denn ich freue mich doppelt, erſtens über das prächtige Feuerwerk, und dann auch über dich und dein hübſches Geſichtchen!« Als ich das ſagte, nickte mir die Kleine wieder freundlich zu und lachte ganz hell mit ihrem ſilbernen Stimmchen. Aber da erloſchen auch plötzlich der Namens⸗ zug der gnädigen Frau und der Strahlenkranz wieder, und Alles verſank wie vorhin in dichte Dunkelheit. Das Feuerwerk nahm nun ſeinen regelmäßigen Ver⸗ lauf bis gegen das Ende hin. Die Sterne, die Schwär⸗ mer, die Raketen, die Feuerräder, ſtrahlten ihren blen⸗ denden Glanz aus, verpufften, verſanken ſchnell dahin ſchwindend in Nacht, und ich vergnügte mich, bald den aufleuchtenden Schimmer, bald das kleine Mädchen zu betrachten, das mich faſt noch mehr als jener Glanz be⸗ ſchäftigte. Die Herrlichkeit nahte ihrem Schluſſe— nur noch einige Feuerſchlangen und dann ein großer Feuerregen ſollte kommen, als plötzlich ein Unglücksfall eintrat, der die Feſtlichkeit noch früher und ganz anders als man dachte, beendigen ſollte. Ein brennender Schwärmer verirrte ſich nämlich in die aufgehäuften Maſſen des noch vorräthigen Feuerwerks, zündete, ſetzte b 25 mit einem Male den ganzen noch ungeordneten Haufen in Brand, und nun blitzend, ziſchend, ſprühend, krachend entluden ſich die Zündſtoffe; nach allen Richtungen hin flogen Schwärmer, Raketen, Feuerkugeln, und der Him⸗ mel weiß, was noch— fuhren mit Gewalt in die dicht⸗ gedrängten Zuſchauerhaufen, ſelbſt mitten unter die Herr⸗ ſchaften auf dem Gerüſte hinein— ſengten, brannten, zündeten— und der allgemeine Jubel verwandelte ſich plötzlich in lautes, jammervolles Kreiſchen und Angſt⸗ geſchrei. Alles ſtob nach allen Seiten hin auseinander, um dem ſprühenden Feuerregen zu entgehen. Keiner ſchonte des Anderen— Frauen und Kinder wurden niedergeworfen— Niemand half ihnen wieder auf— der Strom der Flüchtigen wälzte ſich rückſichtslos über ſie hin, und Jeder dachte in der allgemeinen Angſt nur an die eigene Rettung. Auch auf dem Gerüſte dräng⸗ ten ſich Herren und Damen in wilder Flucht— ich hörte lautes Angſt⸗ und Wehegeſchrei— und plötzlich erinnerte ich mich des kleinen Mädchens, deſſen Theil⸗ nahme mir ſo wohl gethan hatte. Bisher war ich wie verſteinert ſtehen geblieben unter all' dem Getümmel— aber jetzt erwachte ich endlich aus meiner ſtarren Be⸗ täubung und warf den Blick nach dem Gerüſte. Großer Gott, wie erſchrak ich! Das kleine Mädchen, das natür⸗ lich viel zu ſchwach war, um ſich ſelbſt helfen zu kön⸗ nen, wurde von den drängenden Maſſen in die Ecke gepreßt, vermochte ſich nicht zu rühren, und ſtieß ein herzbrechendes Jammergeſchrei aus. Zudem brannte ſchon ihr Kleid, das vermuthlich von einem ſtiebenden Feuerfunken entzündet worden war, und wenn der Ar⸗ men nicht ſchnelle Hülfe zu Theil wurde, ſo mußte ſie vielleicht jämmerlich verbrennen. 3 —— — Da half kein langes Säumen und Beſinnen! Ich ſchüttelte die letzten Reſte meines lähmenden Schreckens ab, und nun ſetzte ich mit zwei Sprüngen an der Außenſeite des Gerüſtes hinan. Glücklich kam ich hin⸗ auf, löſchte mit beiden Händen den Brand am Kleide des Kindes, zog mit aller Kraft die zarte Geſtalt aus dem Gedränge, ließ ſie ſanft an der Außenſeite des Ge⸗ rüſtes, das zu allem Glück nicht ſehr hoch war, herab⸗ gleiten, ſprang nach, umfaßte ſie mit dem Arme, und trug ſie mehr, als ich ſie führte, aus dem Getümmel und den ſprühenden Feuerfunken in das ſichere Dunkel des Parkes hinein. „Sei ruhig, Kleine, und weine nicht, jetzt biſt du gerettet!« rief ich, als wir dem Getümmel entronnen waren, voller Freude dem Kinde zu, das ſich mit krampf⸗ hafter Heftigkeit an mich anklammerte.„Gar nichts haben wir mehr zu fürchten, denn das ganze Feuer iſt nun verpufft und kann keinen Schaden mehr anrichten. Wenn wir nur erſt nach dem Schloſſe kommen, dann iſt Alles gut.“— »„Ach Gott, ach Gott, nur nicht in das Gedränge,« flehte die Kleine mit Zittern und Beben.„Dorthin, dorthin! Weg von den Menſchen— ſie drücken uns todt!« 3 Was ſollte ich thun? Die Kleine war töodtlich er⸗ ſchrocken, und die ſchreckliche Angſt verwirrte ihre Sinne. Ohnehin wußte ich nicht, welche Richtung ich einſchla⸗ gen müſſe, um nach dem Schloſſe zu gelangen, und die Nacht war ſo ſtockfinſter, daß man keine Hand vor Augen ſehen konnte. Alſo tappte ich auf Gerathewohl durch Dick und Dünn dahin, drängte mich durch Stré⸗ cher und Büſche, und hoffte im Stillen, daß uns irge ein Menſch begegnen werde, der uns zurechtweiſen könne. Aber Niemand kam— und das Gebüſch, durch welches wir mit Noth und Mühe dahin eilten, wurde immer dichter und verworrener. Auf einmal fielen wir nun vollends in einen Graben hinein, den wir bei der Fin⸗ ſterniß nicht geſehen hatten, und da lagen wir alle Beide ein Weilchen ganz betäubt und konnten uns nicht wie⸗ der beſinnen. Ich raffte mich endlich zuerſt wieder auf, tappte nach meiner kleinen Begleiterin umher, und er⸗ wiſchte endlich glücklich ihre Hand. „Da biſt du ja!« ſchrie ich auf.„Gott ſei Dank, daß ich dich gefunden habe! Du haſt dir doch keinen Schaden gethan?« „Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ erwiederte ſie— „der Arm thut mir weh— aber nur wenig— ſei du ganz unbeſorgt— gehen kann ich— laß uns ehen!“ In der That ſtand ſie vom Boden auf und verſuchte mit meiner Hülfe die ſteilen Wände des Grabens zu erſteigen. Aber es wollte nicht gelingen, und einige Male konnte das Kind einen Weheruf nicht unterdrücken, den ihr die Schmerzen am Arme auspreßten. Nun ſchrie ich, ſo laut ich konnte, nach Hülfe— aber Niemand hörte mich— der ganze Park ſchien ausgeſtorben— Keiner dachte an uns arme Kinder, die wir uns keinen Rath und keine Hülfe wußten. Immer von Neuem ſchrie ich— auch meine kleine Begleiterin vereinte ihre helle Stimme mit der meinen — indeß vergebens— ich mußte auf andere Mittel ſin⸗ nen, uns aus unſerer ſchlimmen Lage zu befreien. Und ſchlimm war unſere Lage wirklich, denn während wir unſere Kehlen bis zum Zerſpringen anſtrengten, fing es 28 an zu regnen, und bald goß es nur ſo vom Himmel nieder. »Das geht ſo nicht mehr, mein Herzchen,“ ſagte ich zu der Kleinen.„Bleibe ein Augenblickchen ruhig ſtehen, und ich will unterſuchen, ob wir nicht an einer andern Stelle des Grabens herausgelangen können. Du brauchſt dich nicht zu fürchten, denn ich verlaſſe dich nicht, und komme gewiß gleich zurück.« „Nein, nein,“ erwiederte das Kind, und klammerte ſich mit verzweifelter Heftigkeit an meinen Arm an— „nein, du mußt mich mitnehmen, oder ich ſterbe vor Furcht! Ich kann ja ganz gut gehen, und will auch ganz gewiß nicht mehr ſchreien, wenn mir der Arm auch ein wenig weh thut. Nur laß mich nicht ganz allein in der Dunkelheit!« 3 »Nun, ſo komm' denn,« ſagte ich—„ſtütze dich auf meinen Arm und ſei nicht ängſtlich. Mit dem dummen Graben werden wir ja fertig werden, und dann finden wir auch wohl Menſchen draußen.“ Wir machten uns alſo wieder auf den Weg, und nach langem Suchen fand ich endlich eine minder ſteile Stelle des Grabens, an der es uns gelang, hinauszu⸗ kommen. Das war doch Etwas, wenn auch freilich nicht viel. Der Regen ſtrömte noch immer nieder, und machte die Finſterniß wo möglich noch dichter, als früher. Aber es nützte nichts, wir mußten vorwärts. Wir tappten alſo weiter, immer weiter, glitten hundert Mal auf dem ſchlüpfrigen, naſſen Boden aus, zerriſſen unſere Kleider an Dornſträuchern, und riefen dabei fortwährend nach Hülfe. Alles vergebens. Wir fanden weder ein Ob⸗ dach, noch einen Menſchen, denn, wie wir am andern 29 Morgen erfuhren, hatten wir uns, ſtatt dem Schloſſe näher zu kommen, nur weiter und immer weiter von demſelben entfernt. Endlich, nachdem ich mir alle mögliche Mühe ge⸗ geben hatte, nur meine kleine Begleiterin zu beruhigen, ſtießen wir an ein Gemäuer, das unſere weiteren Schritte hemmte. Ich konnte zwar nicht ſogleich bemerken, was das für ein Gebäude war, aber es genügte mir ſchon, daß wir doch wenigſtens ein Obdach, einen Schutz vor dem ſtrömenden Regen gefunden hatten. „Jetzt ſind wir geborgen, liebe Kleine!“ jubelte ich laut auf.„Hier iſt ein Gebäude und da wollen wir hineingehen und den Anbruch des Tages erwarten!“ „Gott ſei Dank,“ erwiederte das Kind.„Ich bin ganz erſchöpft und kann kaum noch weiter gehen. Wenn es nur offen iſt, daß wir hineinkommen!“ »Pah, Noth kennt kein Gebot,“ entgegnete ich.„Im ſchlimmſten Fall ſchlag' ich ein Fenſter ein, und dann wird ſich das Andere ſchon finden.“ Taſtend und tappend mit den Händen ſuchte ich nun den Eingang zu dem Gebäude, und traf endlich auf eine Thuͤr. Sie war verſchloſſen— aber das entmuthigte mich keineswegs. Mit aller Macht rüttelte ich daran, daß ſie in ihren Angeln krachte, und als ſie auch da noch nicht nachgeben wollte, nahm ich einen Stein vom Boden und ſchmetterte mit Gewalt damit auf das Schloß. Nach vier oder fünf Schlägen gab es einen Krach und die Thür, ohnehin wohl ſchon ziemlich morſch vor Alter, ſprang auf. „Gewonnen!“ rief ich. Nun geſchwind hinein, liebe Kleine! Hier iſt's wenigſtens trocken, und das iſt vor⸗ läufig die Hauptſache!“— 30 Wir ſchlüpften raſch durch die Thür, die ich hinter uns verſchloß, indem ich den Schluͤſſel, nämlich meinen derben Feldſtein, davor legte, und nun ſtanden wir da in der Finſterniß, in einem fremden Raume, den noch keiner von uns betreten hatte. Ich bat die Kleine, ein Weilchen ruhig an der Thür ſtehen zu bleiben, bis ich das Innere unſeres Zufluchtsortes genauer unterſucht haben würde, und nun ſchlich ich vorſichtig an den Wänden entlang, und gebrauchte wiederum meine Hände als Augen. Die Unterſuchung fiel zu meiner großen Freude ſehr befriedigend aus. Ich fand Stühle— Tiſch— endlich gar ein Sopha und einen großen, wolle⸗ nen Fußteppich auf dem Boden, der mir äußerſt will⸗ kommen war. Denn meine Begleiterin ſowohl als ich waren bis auf die Haut vom Regen durchnäßt, und wir zitterten vor Kälte wie Espenlaub. Aber nun war uns geholfen. Die wollene Decke war ſo lang und breit, daß wir Beide uns mit Bequemlichkeit zweimal darin einwickeln konnten, und ein Freudenruf that mei⸗ ner kleinen Unglücksgefährtin die Nachricht von meinem gefundenen Schatze kund. „Ein Sopha, eine warme Decke!“ rief ich.„Ge⸗ ſchwind, liebes Herzchen, komm' her, und laß dich von mir warm und weich betten.“ Die Kleine freute ſich natürlich nicht weniger, als ich; ich wickelte ſte ſorgſam in die Decke ein, ſchlug den andern Zipfel um meine eigenen durchnäßten Glieder, und dann kauerten wir uns in die Ecke des Sopha's, das uns weich und warm in ſeine Kiſſen aufnahm. „Liegſt du nun gut, Kleine?« fragte ich, während ihr Köpfchen an meinem Herzen ruhte.— „Ganz herrlich,« erwiederte ſie.„Und warm wird 341 mir auch ſchon wieder! Wie froh bin ich, daß wir dieſen Zufluchtsort gefunden haben! Ach, ohne deine Hülfe, guter Junge, wäre ich gewiß ſchon längſt um⸗ gekommen.“ „Nun freilich, ſchlimm genug warſt du dran,“ ſagte ich.„Wie iſt's nur zugegangen, daß ſich kein Menſch um dich bekümmerte? Biſt du denn ganz allein zum Feuerwerk gekommen?“ „Ja, oder doch eigentlich nein,“ erwiederte ſie.„Die Frau Baronin vom Schloſſe nahm mich mit hin, weil mein Vater in die Stadt gefahren iſt, von wo er erſt morgen zurückkehrt. Als nun das ſchreckliche Feuerwerk kam, da dachte ſie nur an ihre kleine Eugenie, und floh mit ihr davon. Ich wollte ihr folgen— aber ich konnte ja nicht. Alle drängten ſich nach der Treppe und kein Menſch ſah ſich nach mir um, ſo ſehr ich ſchrie. Und nun fing auch vollends mein Kleid zu brennen an— ach Gott, ach Gott, wenn du nicht in der Nähe wareſt und dich meiner annahmſt, dann hätte ich gewiß verbrennen müſſen!“ „Gott ſei Dank, der es verhütet hat,“ erwiederte ich.„Ich wäre aber auch vielleicht davon gelaufen, wenn du mir beim Feuerwerk nicht ſo freundlich beige⸗ ſtanden hätteſt. Aber da, als ich dich nun ſo in Ge⸗ fahr ſah, da dachte ich: der Kleinen mußt du beiſpringen! und da kletterte ich geſchwind am Gerüſt in die Höhe. Ich war froh, als ich dich nur erſt aus dem Gedränge ſah. Aber nun ſage mir, wie heißt du denn?« „Ich heiße Anna, und mein Vater iſt der Graf Wallberg,“ entgegnete die Kleine.„Ach, was wird der für Augen machen, wenn er erfährt, in welcher großen Gefahr ich geweſen bin! Du ſollſt ſehen, er ſchenkt 32 dir gewiß etwas Schönes, weil du mich gerettet haſt, denn er iſt reich und hat mich ſo lieb, ſo lieb. Freue dich nur, lieber— lieber— ja, wie heißt du denn?« „Baſtel heiß' ich,“ ſagte ich—„der Schneider⸗ Baſtel, weil ich bei Meiſter Spinnebein Lehrjunge bin. Aber geſchenkt will ich nichts haben, ich freue mich auch ſn ſchon genug, daß wir alle Beide ſo davon gekommen ſind.« „Nun, das wird mein Vater ſchon mit dir abmachen, Baſtel,« erwiederte die kleine Anna.„Aber was das für ein komiſcher Name iſt, Baſtel! Und nun vol⸗ lends Schneider⸗ Baſtel! Der gefällt mir nicht ſo gut, als meiner.“ „Ja, mir gefällt er auch nicht ſehr, und ich hieße auch lieber anders,“ ſprach ich.„Aber es wird auch bald beſſer werden, zu Pfingſten nämlich, wenn ich wie⸗ der Gänſe hüten darf. Dann heiß' ich der Gänſe⸗ Baſtel!« Die kleine Anna lachte hell auf.„Der Gänſe⸗ Baſtel, nein, das iſt zu närriſch! Und du freuſt dich darauf, die Gänſe zu hüten?«— „Nun, darauf gerade nicht, aber darauf, daß ich dann doch wieder im Walde umherlaufen und fleißig lernen kann. Denn ſiehſt du, lernen thu' ich für mein Leben gern. 5 „Ja, das iſt etwas Anderes,“ ſagte die Kleine. „Aber wenn du ſo gern lernſt, warum thuſt du es dann nicht immer? Mein Vater lobt mich allemal ſehr, wenn ich fleißig bei den Büchern bin.« „Ja, du auch, du haſt's gut,« ſprach ich.„Dein Vater iſt reich und braucht kein Geld— aber meine arme Mutter! Ich muß ſchon ſchneidern und die Gänſe hüten, damit ich mein Stückchen Brod habe, denn meine Mut⸗ ter kann nicht ſo viel verdienen, wie wir Beide gebrauchen.“ „Ach ſo! Ja, das iſt freilich ſchlimm,“ erwiederte die Kleine.„So arm ſeid ihr, du und deine Mutter! Nun warte, wenn der Vater kommt, dann will ich's ihm doch ſagen, daß du gern fleißig bei den Büchern wäreſt, und dann muß er dir helfen, wie du mir ge⸗ holfen haſt. Ja, Baſtel, das thu' ich, du ſollſt ſehen!« „Es wird nur nichts helfen,« ſeufzte ich.„Was hab' ich denn Großes gethan? Dein Vater wird auch ſprechen, wie der Baron auf dem Schloſſe und mich ruhig auf dem Schneidertiſche ſitzen laſſen.“ „Nein, nein, das wird er nicht, gewiß nicht,“ ver⸗ ſicherte mir eifrig die kleine Anna.»Ich weiß, wie gut er iſt und wie lieb er mich hat— und wenn ich ihn recht ſchön bitte, ſo thut er mir Alles zu Gefallen.“ Wir plauderten auf ſolche Weiſe noch eine ganze Weile mit einander, während draußen fortwährend der Regen in Strömen fiel, und rauſchend auf die Blätter der Bäume niederpraſſelte. Allmählig wurde aber die kleine Anna müde, ſchmiegte ſich dicht an meine Bruſt und ſchlief ein. Ich hüllte ſie noch einmal recht ſorgfältig in den wollenen Teppich, und dachte dann, ich könne auch nichts Beſſeres thun, als ſchlafen, bis der Tag anbräche. Und während ich das dachte, ſchlief ich auch richtig feſt ein, und da lagen wir denn alle Beide weich und ſanft auf dem Sopha, und dachten nicht mehr an das Feuerwerk, nicht mehr an den Regen und an unſere Flucht, ſondern ſchlummerten ruhig fort, bis am andern Tage die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand. Von ſelbſt wachten wir auch da nicht auf, denn die Fenſter⸗ laden des einſam gelegenen Parkhäuschens waren ver⸗ Kleine Urſachen. 3 34 ſchloſſen, und die erbrochene Thür hielt mein Feldſtein ſo feſt zu, wie der beſte Riegel. Endlich vernahm ich Herr trat haſtig in das Gemach— und mit einem Freuden⸗ rufe ſprang er auf uns zu, als er beim eindringenden Tageslichte die kleine Anna, an meine Bruſt geſchmiegt, in ſanftem Schlummer liegen ſah. »Anna, theures, geliebtes Kind!« rief er aus— „dem Himmel ſei Preis und Dank, ich finde dich lebend und geſund wieder!« Die kleine Anna ſchlug die Augen auf, ein liebliches Lächeln ſpielte um ihren Mund, ſie ſtreckte die Aermchen nach dem Herrn aus, und mit fröhlicher Stimme rief ſte:„Vater! Da bin ich! Ganz munter und „Wie biſt du nun hierhergekommen, Kind?“« rief der Graf.„Seit dem frühen Morgen durchſtreifen wir ſchon den Park nach allen Richtungen, und Keiner fand eine Spur von dir, bis ich mich endlich in dieſe ganz abge⸗ legene Gegend verirrte! Arme Kleine— Alle hatten dich vergeſſen in dem Getümmel!« „Nein, nicht Alle!« erwiederte Anna munter.„Da ſteh', der Schneider⸗Baſtel, der hat mir treulich beige⸗ ſtanden und mich hierhergeführt. Ja, wenn Er nicht war, ach, Vater, dann wär'’s mir übel ergangen.« „»Kann es mir denken, armes Kind!« entgegnete der Graf und warf endlich ſeine Blicke auch auf mich.„Alſo dieſer Knabe da ſtand dir bei! Tritt näher Kind! Ich bin dir großen Dank ſchuldig, in der That.« 35 »Ja, Vater, größeren als du dir vielleicht denkſt,“ ſagte Anna lebhaft und erzählte mit kindlicher Beredſamkeit alle kleinen Abenteuer, die wir während der böſen Nacht erlebt hatten. Der Graf hörte theilnehmend zu, und ſchien ſichtbar tief ergriffen; doch ſagte er am Ende weiter nichts, als die wenigen Worte:„Es iſt gut! Wir werden weiter mit einander reden, mein lieber Baſtel. Für den Augenblick müſſen wir aber nach Anna's Arme ſehen— geh' indeß heim, und bitte den Herrn Pfarrer, daß er mich in einem Stündchen auf dem Schloſſe beſuchen möge.“ Ich verſprach, dieß zu thun, der Graf nahm ſein Töchterchen auf den Arm, und wir gingen mit einander durch den Park nach dem Schloſſe. Hier verabſchiedete man mich; Anna nickte mir noch einmal mit freundlichem Lächeln zu, und ich ſprang in das Dorf hinunter zum Herrn Pfarrer, um die mir aufgetragene Beſtellung auszurichten. Vom Herrn Pfarrer ging ich zum Herrn Schul⸗ meiſter, denn ich muß ehrlich geſtehen, daß ich nur mit großer Furcht an die Rückkehr zu Meiſter Spinnebein denken konnte. Da wollte ich denn den Herrn Schul⸗ meiſter bitten, daß er mich zu ihm begleiten und ein gutes Wort für mich einlegen möge, damit mir nicht etwa der Rücken mit der Schneiderelle gemeſſen würde. Indeß der Herr Schulmeiſter redete mir alle Furcht aus, indem er mir verſicherte, daß er bereits am frühen Mor⸗ gen mit dem Meiſter geſprochen und ihn vollkommen beſänftigt habe. Ein wenig aufgebracht ſei er allerdings ſim Anfange geweſen, aber der Himmel wäre jetzt wie⸗ der völlig rein, und ich brauche weder Schläge, noch auch ein Donnerwetter zu befürchten. So machte ich nich denn ziemlich beruhigt auf den Weg, und trat mit 8 36 einem ſchuchternen guten Morgen in die Werkſtatt. Der Meiſter drohete mir mit dem Finger und ſagte: „Taugenichts!« Aber damit war auch Alles abgemacht, und mit leichterem Herzen, als je, ſtieg ich auf den Schneidertiſch hinauf und nahm meine Flickerei vor. Aber manchen falſchen Stich mag ich wohl an jenem Morgen gemacht haben, denn Dreierlei kam mir nicht aus dem Sinne. Erſtens das Feuerwerk, zweitens die kleine Anna, und drittens die Frage, ob Anna's Vater wohl wirklich Etwas für mich thun würde, und was? So kam der Mittag heran, und wir wollten uns eben zu Tiſche ſetzen, als mit freundlichem Geſicht der Herr Pfarrer in die Stube trat, und mich aufforderte, ihn zu begleiten.„Ihr werdet wohl nichts dagegen haben, Meiſter Spinnebein,“ fügte er hinzu,„denn dem Baſtel wird ein großes Glück zu Theil werden, und da dürft Ihr ihm auf keine Weiſe hinderlich ſein.“ „Gott ſoll mich davor bewahren, Herr Pfarrer,“ entgegnete der Meiſter.„Lauf' nur hin, Baſtel— aber das bitt' ich mir aus, daß du mir nicht wieder über Nacht aus dem Hauſe bleibſt.“ „Das wird ſich Alles finden, Meiſter,“ ſprach der Herr Pfarrer.„Jetzt komm' nur geſchwind, Baſtel, denn man wartet auf uns, und dein Mittagsbrod kannſt du ſpäter auch noch eſſen.“ Ich war geſchwind genug fertig, denn eine Ahnung ſagte mir, daß der Beſuch des Herrn Pfarrers mit den Grafen Wallberg zuſammenhängen müſſe, und daß ich nun bald erfahren würde, ob Anna's Fürſprache bei ihrem Vater Früchte getragen habe. Und richtig— der Herr Pfarrer ſchlug den Weg nach dem herrſchaft⸗ lichen Schloſſe ein, und eine Viertelſtunde ſpäter ſtant 37 ich vor dem Grafen ſelber, der mir liebreich die Hand entgegen ſtreckte. „Mein lieber Knabe,“ ſo redete er mich an—„»von meinem Töchterchen habe ich gehört, daß du gern ein Gelehrter werden möchteſt, und der Herr Pfarrer, mit dem ich darüber geſprochen, hat mir dieß nicht nur be⸗ ſtätigt, ſondern dir auch das beſte Lob des Fleißes und guten Betragens ertheilt. Nun möchte ich die Schuld der Dankbarkeit, die du mir aufgebürdet haſt, auf irgend eine Weiſe an dich abtragen— und ſo frag' ich dich denn, ob es dir recht iſt, das Schneiderhandwerk aufzu⸗ geben und zu dem Herrn Pfarrer in das Haus zu — ziehen, der dich auf meine Koſten erhalten und unter⸗ richten wird, bis du zur Univerſität abgehen kannſt. Auch dort wollen wir dann ſchon für dich Sorge tragen, und es hängt alſo ganz allein von dir ab, ob du meinen Vorſchlag annehmen willſt oder nicht. Erkläre dich, lieber Knabe.“ Ich ſollte mich erklären, aber die freudige Ueber⸗ raſchung hatte mich ſo beſtürzt gemacht, daß ich kein Wort herausbringen konnte, und wenn es mein Leben gekoſtet hätte. Ein Weilchen ſtand ich wie verſteinert da— aber dann jauchzte ich fröhlich auf, fiel vor dem gütigen Grafen auf die Kniee nieder, und bedeckte ſeine Hand mit Küſſen der Dankbarkeit und mit Thränen der Freude. 3 „Aber ſo beruhige dich doch, Kind,« ſagte der Graf freundlich.„Wir meinen es ja herzlich gut mit dir!“ „Ach, das ſehe ich ja, das ſehe ich,“ rief ich end⸗ lich aus.„Iſt es denn wirklich wahr, daß ich nicht mehr die Nähnadel zu führen, nicht mehr die Gänſe zu hüten brauche? Iſt es wahr, daß ich wieder zu meinen i 1 —j—— 4 38 lieben Büchern zurückkehren und nach Herzensluſt lernen darf? Ach, Herr Graf, eine größere Freude für mich gibt es ja auf der ganzen Welt nicht!« „Wohl denn, wohl, es freut mich, daß ich das Rechte getroffen habe, und ſo magſt du denn ohne Weiteres zum Herrn Pfarrer in das Haus ziehen,“ erwiederte der Graf.„Alles iſt abgemacht, und es wird mir Ver⸗ gnügen machen, wenn ich ſpäter nur Gutes von dir höre. Adieu, mein Kind— ſei brav und fleißig, und du wirſt jederzeit, ſo lange ich lebe, einen Beſchützer an mir haben.“ Ich ging— nein, ich ſchwebte, ich flog! Die ganze Welt ſchien ſich mit mir im Kreiſe zu drehen, ſo ſchwind⸗ lich hatte mich mein Glück gemacht, das mir ſo ganz unerwartet und unverhofft in den Schooß hinein fiel. Draußen begegnete ich der kleinen Anna, die im Schloß⸗ garten ſpazieren ging. Voller Entzücken fiel ich ihr um den Hals und küßte ſie wohl zehn Mal auf das roſige Mündchen, während ich dazwiſchen immer laut auf⸗ jubelte. »Aha,“ ſagte ſie,„du kommſt alſo vom Vater, Ba⸗ ſtel? Siehſt du wohl, daß ich Recht hatte? Alſo nun iſt's vorbei mit dem Schneider⸗ und Gänſe⸗Baſtel?« „Fort damit!“ ſchrie ich leuchtend vor Freude— „von jetzt an heiß' ich der Bücher⸗Baſtel, und das dünkt mich der ſchönſte Name, den ich noch je geführt habe!“ „»Nun ja, mir gefällt er auch beſſer, als die beiden anderen, erwiederte die Kleine ſchelmiſch lächelnd.„So bleibe denn der Bücher⸗Baſtel, weil's dich ſo glücklich macht.« „Ja, ganz glücklich bis in's innerſte Herz hinein, mein liebes Zucker⸗Annchen!“ rief ich.„Tauſend Dank 39 ſag' ich dir, daß du mir zu dem Namen verholfen haſt — aber nun muß ich fort, und muß auch der Mutter mein Glück verkündigen. Ach, was wird ſie vor Augen machen, wenn ſie dieſe herrlichen Neuigkeiten hört!« „So lauf' hin, Bücher⸗Baſtel!“ ſagte die kleine Anna. „Vor unſerer Abreiſe ſehen wir uns doch noch einmal!“ Ich rannte davon— athemlos zur Mutter, die ich glücklicherweiſe daheim fand. Mit wenigen Worten er⸗ zählte ich ihr Alles, und als ſie hörte, daß der Graf für das Nöthige ſorgen, und ſie alſo durchaus keine Laſt und Beſchwerde von mir haben würde, da war auch die gute Mutter vollkommen zufrieden. „Mir iſt Alles recht,“ ſagte ſie,„Schneider⸗, Gänſe⸗ oder Bücher⸗Baſtel, wenn du nur zu leben haſt in der Welt. Zieh' hin zum Herrn Pfarrer, ich will dir's nicht wehren.“ So war denn jedes Hinderniß aus dem Wege ge⸗ räumt, und noch am nämlichen Tage zog ich zum Herrn Pfarrer in ein allerliebſtes Dachſtuͤbchen ein, aus deſſen Fenſtern ich die ſchönſte Ausſicht über Gebirg und Wald genoß, und tief, tief in unſer liebliches Thal hinein⸗ ſchauen konnte. Hier ſank ich auf meine Kniee nieder, und dankte dem lieben Gott in heißem Gebete für die Gnade, die er mir hatte zu Theil werden laſſen. Mit Thränen der Freude und Wonne dankte ich ihm, denn das Glück, nun für immer von der Schneiderelle und den Gänſen befreit zu ſein, war zu groß, als daß ich es ruhig und beſonnen hätte tragen können. Ich war in der That ganz glücklich, und nicht der leiſeſte Ge⸗ danke trübte meine unſägliche Freude, der ich mich mit voller und rückhaltsloſer Seele hingab. Erſt am näch⸗ ſten Tage vermogte ich ruhiger über mein Glück nach⸗ zuſinnen, und indem ich ſo überlegte, welchen ſeltſamen Umſtänden ich es eigentlich zu verdanken habe, konnte ich mich kaum eines Lächelns erwehren. Der Umſtand an ſich war anſcheinend ſo zufällig, ſo gering, ſo unbe⸗ deutend, und doch hatte er eine vollſtändige Umwälzung in allen meinen Verhältniſſen herbeigeführt, und mich aus einem armen, betrübten Jungen zum allerglüͤcklich⸗ ſten Baſtel auf der ganzen Erde gemacht. „Aber, Vater,“ ſagte Hugo, als der Geheimerath nach dieſen Worten ſchwieg,„ſo ganz unbedeutend ſcheint mir der Umſtand doch nicht zu ſein! Du zeigteſt jeden⸗ falls viel Geiſtesgegenwart, als du die kleine Anna retteteſt, und viel herzliche Theilnahme, als du ſie in der ſtürmiſchen Nacht nicht verließeſt.« »„Ich hatte das Kind liebgewonnen, und daraus er⸗ klärt ſich das Alles,“ antwortete der Geheimerath lächelnd. „Aber glaubſt du denn, mein Sohn, daß die kleine Anna die erſte Veranlaſſung zu meinem Glücke war?« „Gewiß, Vater; wer ſonſt?« erwiederte Hugo. »Nun, ich für mein Theil glaube das nicht,“ ſagte der Geheimerath.„Vielmehr ſuche und finde ich die erſte Urſache einzig und allein in— dem Loche, das der Herr Schulmeiſter in ſeinen Rock geriſſen hatte.“ „In dem Loche?“ riefen Hugo und auch Helene verwundert aus. »„Nun ja, in dem Loche“— entgegnete der Geheime⸗ rath.„Ohne das Loch wäre es dem Herrn Schulmeiſter nicht eingefallen, nach der Schneiderwerkſtatt zu gehen— ohne das Loch hätte er mich alſo auch nicht mitge⸗ nommen— ohne das Loch wäre ich alſo auch nicht zu dem Anblick des Feuerwerks gelangt— ohne das Loch hätte ich folglich auch die kleine Anna nicht retten 41 können— ohne das Loch wäre ich alſo Summa Sum⸗ marum wahrſcheinlich heute noch der Schneider⸗Baſtel, während grade durch das Loch meine Lebensbahn eine ganz neue Richtung bekam. Ich meine, das ſei deutlich genug, um es ohne viele Mühe einſehen zu können!“ „Ja, Vater, das iſt wahr!“ ſagte Hugo ſichtlich uͤberraſcht und nachdenklich.„Ich fange an zu begreifen, daß es in der That nicht immer großer Urſachen zu großen Erfolgen bedarf, und gebe alſo Helenen Recht, während ich meinen Irrthum bereitwillig anerkenne.“ „Das freut mich, Hugo,“ ſprach der Geheimerath— „einen Irrthum bekennen, wenn man ſich eines Beſſeren überzeugt hat, bringt immer Ehre. Indeß, wir ſind noch nicht zu Ende; der fernere Verlauf meiner ein⸗ fachen Lebensgeſchichte wird dir noch mehr Beweiſe von der väterlichen und weiſen Führung Gottes geben. Höre nur zu, wir kommen jetzt auf einen neuen Abſchnitt meiner Schickſale.“ Drittes Kapitel. Die Waffelkuchen. Nach kurzem Beſinnen fuhr der Geheimerath in ſeiner Erzzchlung fort, wie folgt: Mein Lebensſchifflein war alſo auf eine ganz neue Zahn gelenkt, aber zweifelhaft blieb es trotzdem doch 3 oinmer, wie lange es dieſe neue Bahn würde verfolgen können. Graf Wallberg hatte dem Herrn Pfarrer eine Summe von zweihundert Thalern mit dem Verſprechen übergeben, daß jedes Jahr, bis zu meiner völligen Aus⸗ bildung, eine gleiche Summe bezahlt werden würde. Ich wußte das vom Herrn Pfarrer ſelber, und hegte nicht den entfernteſten Zweifel, daß der Graf ſein Verſprechen erfüllen werde. Alſo lebte ich ganz ohne Sorgen, und ſtudirte mit einem Eifer, der den Herrn Pfarrer ſehr bald zu meinem theilnehmendſten Freunde machte. Das erſte Jahr ſchwand dahin— richtig traf im Frühlinge des folgenden ein ſchwerer Geldbrief aus der Reſidenz ein, und brachte uns den Beweis, daß Graf Wallberg mich nicht vergeſſen hatte. Mit neuem Eifer brütete ich über meinen Büchern, und ſetzte mich dadurch immer ſicherer in der Gunſt des Herrn Pfarrers feſt. So ging auch das zweite Jahr hin unter anſtrengendem Studium— der Frühling des dritten kam mit ſeinem linden Wehen und ſeinen bunten Blumen— aber die Gelder aus der Reſidenz blieben aus. Anfänglich ach⸗ tete ich nicht darauf— aber bald bemerkte ich an dem veränderten Benehmen der Frau Pfarrerin gegen mich, daß irgend etwas Beſonderes vorgefallen ſein müßte. Die Frau Pfarrerin ſah mich mit mürriſchen Augen an, ſagte mir zuweilen über die geringfügigſten Dinge die herbſten Zurechtweiſungen, vernachläſſigte mein klei⸗ nes Dachſtübchen, das ſie ſonſt immer ſchmuck und ſau⸗ ber, wie ein Putzkäſtchen, gehalten hatte, und ſprach endlich ganz unverholen aus, daß die Dachſtube für mich viel zu gut ſei, und ich mit einer gewöhnlichen Boden⸗ kammer fürlieb nehmen könne.„ DJetzt ſtutzte ich, und blickte verwundert den Hetn Pfarrer an, der die Augen zu Boden ſchlug und le 43 die Achſeln zuckte. Ohne recht zu wiſſen, warum, fühlte ich mich gedrückt und verlegen, und antwortete der Frau Pfarrerin durch die Frage, warum denn grade jetzt die Aenderung vorgenommen werden ſolle, da ich doch nun ſchon über zwei Jahre das Dachſtübchen bewohnt habe? „Warum wohl, alberner Junge!“ erwiederte die Frau Pfarrerin.„Das kannſt du dir doch wohl denken! Weil dein ſauberer Herr Graf kein Geld mehr für dich ſchickt! Nun haben wir dich auf dem Halſe, und der Himmel mag wiſſen, wie wir dich wieder los werden ſollen. Aber darauf mache dich nur gefaßt, daß du nicht mehr wie ein junger Freiherr hier im Hauſe leben kannſt. Wir haben ſelber Kinder und das Hemd iſt uns näher, als der Rock!« Ich ſtand ſo beſtürzt und betroffen da, als ob ein Blitz dicht vor mir in die Erde gefahren wäre. Das alſo war die Urſache der mürriſchen Laune, die mir die Frau Pfarrerin ſeit einigen Wochen täglich und ſtünd⸗ lich zeigte! Nun freilich war Alles erklärt, aber aller⸗ dings auf eine Weiſe, die mir bittere Thränen in's Auge drängte. Laut aufweinend verbarg ich mein Geſicht in den Händen, und ſtürzte aus der Stube in den Garten zinans. wo ich mich widerſtandslos meinem Schmerze ingab. Großer Gott, wenn der Graf wirklich ſeine Hand von mir abzog, was ſollte dann aus mir werden? Der Gedanke, wieder in meine früheren Verhältniſſe zurück⸗ zukehren, wieder die Gänſe huten oder Schneiderjunge werden zu müſſen, war mir ſchrecklich, und zwar um ſo ſchrecklicher, als ich in den wenigen Jahren, die ich in dem Hauſe des Herrn Pfarrers zugebracht hatte, ſo wyit in Kenntniſſen vorgeſchritten war, daß ich nach 2. 44 weiteren zwei Jahren gewiß die Univerſität hätte bezie⸗ hen können. Und aller Fleiß, alle Mühe, aller Eifer ſollte nun ganz vergeblich geweſen ſein? Dieſer Ge⸗ danke wendete mir das Herz im Leibe um, und doch ſah ich keinen Ausweg aus dem traurigen Schickſale, das mir ohne Zweifel ſchon ganz nahe bevorſtand. Denn ich hatte die Frau Pfarrerin bereits genugſam kennen gelernt, um zu wiſſen, was ich von ihr erwarten durfte. Im Ganzen war ſie eine recht gute Frau, aber ihre Sparſamkeit ging ſo weit, daß dieſelbe ganz nahe an Geiz grenzte. Allerdings mußte ſie bei dem geringen Einkommen des Herrn Pfarrers wohl darauf bedacht ſein, alle unnöthigen Ausgaben zu vermeiden— aber wenn ſie nur den guten Willen gezeigt hätte, dann wär' es doch wohl gegangen, wenn ich auch als unnützer Miteſſer im Hauſe geblieben wäre. Aber darauf durfte ich mir gar keine Hoffnung machen— vielmehr wußte ich ſchon im Voraus, daß ich nach einigen Wochen un⸗ fehlbar aus dem Hauſe würde gewieſen werden. Und was dann beginnen? Die Mutter war noch eben ſo arm, wie zuvor— Freunde, die mich hätten unterſtützen können, beſaß ich in der ganzen Welt nicht — der Herr Pfarrer mußte ſich ſchon in häuslichen Angelegenheiten dem Willen ſeiner Frau fügen— alſo ſah ich keine weitere Ausſicht vor mir, als nur die eine, daß ich mir, wie früher, durch meiner Hände Arbeit wieder mein Brod würde verdienen müſſen. Und dann, ach, lebt wohl, ihr Bücher, ihr ſtillen Stunden des Pleſßes⸗ ihr ſchönen, goldenen Ausſichten in die Zu⸗ kunft! Ich war ſchlimmer, weit ſchlimmer daram, a mſte Tagelöhner im Dorfe, der nichts Ho K. 45 Beſſeres kannte, als ſeine beſchränkten Verhältniſſe, während ich in den gleichen Verhältniſſen mich immer und immer der früheren goldenen Tage und Ausſichten hätte erinnern müſſen. Laut ſchluchzend lag ich im dichteſten Gebuſch des Gartens und tränkte die grünen Grashalme mit meinen heißen Thränen, als plötzlich die Büſche rauſchten und der Herr Pfarrer mit theilnehmendem, mitleidsvollem Blick auf mich zutrat. „Baſtel,“ ſagte er,„nicht gleich allen und allen Muth verloren! Aufgeſchaut und auf Gott vertraut! Er, der Allmächtige, hat dir ſchon einmal wunderbar geholfen, und wird dich auch jetzt nicht verlaſſen. Muth, Baſtel! Muth! Irgendwie werden ſich ſchon Mittel und Wege finden laſſen, die dir dein Fortkommen auf der betretenen Bahn ſichern, und ſchlimmſten Falls, ja, ſchlimmſten Falls will ich mit meiner Frau ein ernſtes Wort reden. Ich habe dich liebgewonnen, Junge! Dein Fleiß, deine Beſcheidenheit haben dir mein Herz zuge⸗ wendet, und— und— und— nun ja, und ich will Alles und Alles verſuchen, um dir dein hartes Schickſal mög⸗ lichſt zu erleichtern. Ja, das will ich, Baſtel! Alſo ſei getroſt!« Ach, ich wußte wohl, daß es der Herr Pfarrer herz⸗ lich gut mit mir meinte— aber ich wußte auch eben ſo gut, daß er mit dem allerbeſten Willen nicht viel gegen ſeine Frau ausrichten konnte! Doch verſuchte ich es, meinen Scherz zu überwinden, und wiſchte mir die immer von Neuem vorquellenden Thränen aus dem Geſicht. 3»Iſt es denn nur wirklich möglich, daß mich Anna's ichater vergeſſen haben kann?« fragte ich.„Vielleicht erinnert er ſich meiner wieder, vielleicht ſchickt er noch ſpäter das Geld! Meinen Sie nicht, Herr Pfarrer?“ Der gute Mann zuckte die Achſeln.„Im Mai hätte ſein Brief kommen müſſen,“ erwiederte er,„und jetzt haben wir ſchon den Auguſt! Wenn er noch an dich dächte, ſo hätte er uns ſicherlich nicht ſo lange war⸗ ten laſſen. Nein, Baſtel— von jener Seite her haſt du nichts mehr zu hoffen.“ „Aber, Herr Paſtor,“ ſagte ich,„könnten ſie nicht ein paar Worte an den Grafen ſchreiben? Vielleicht erinnert er ſich dann ſeines Verſprechens, und Sie wiſſen doch, daß er mir das Verſprechen gegeben hat, mich zu unterſtützen!“ „Ja freilich, das iſt wahr, das hat er,“ ſprach der Herr Pfarrer nachdenklich.»Und wer weiß— dein Einfall iſt ſo übel nicht, Baſtel— ich habe daran noch nicht gedacht— wir können wenigſtens den Verſuch machen— ja, ja, ich will ſchreiben, und du ſollſt einen Brief mit einlegen! Es wird freilich Porto koſten, denn die Reſidenz iſt ziemlich weit— indeß auf die paar Groſchen ſoll's mir nun auch nicht ankommen. Ge⸗ ſchwind, Baſtel, folge mir auf meine Studierſtube! Gleich auf der Stelle wollen wir ſchreiben, und dann bekommen wir wenigſtens Gewißheit!“ 3 Wir gingen, und ich ſetzte einen beweglichen Brief an den Grafen auf, in welchem ich mit den beredteſten Worten, die mir zu Gebote ſtanden, meine traurige Lage ſchilderte, und dringend flehte, daß er doch ſeine Hand nicht von mir abziehen möge. Der Herr Pfarrer las mein Schreiben, war ganz damit einverſtanden, und 8 legte es in das Seinige ein, worauf es dem Poſtbotene übergeben wurde. id ich mit Todesangſt heraus. 47 Eine Woche verſtrich mir nun in der längſten Er⸗ wartung zwiſchen Zweifel und Hoffnung. So oft der Briefbote durch das Dorf kam, pochte mir das Herz in unbeſchreiblicher Unruhe, und mit Zittern und Zagen ſah ich ihm entgegen. Drei, vier Mal ging er an dem Pfarrhauſe vorüber— endlich, endlich ſchritt er eines Tages gradeswegs darauf zu. Mein Blut ſtockte, mein Herz ſchien ſtill zu ſtehen. „Ein Brief aus der Reſidenz,“ ſagte er—„drei Silbergroſchen neun Pfennige.“ Endlich alſo die Entſcheidung! Der Herr Pfarrer nahm den Brief in Empfang, bezahlte das Porto, und winkte mir, ihm in ſeine Stube zu folgen. Bleich und an allen Gliedern bebend, wie Espenlaub, ſchlich ich hinter ihm drein. Ach, es war ſchon ein ſchlimmes Zeichen, daß der Brief nicht portofrei ankam, und eine bange Ahnung durchzuckte mich, als ich nun vollends bemerkte, daß er mit ſchwarzem Lacke geſiegelt war. Mein Herz ſchwoll von Angſt— Thraͤnen ſchoſſen mir in die Augen— ich zitterte ſo heftig, daß ich mich nicht auf den Füßen erhalten konnte, ſondern mich auf einen Stuhl niederſetzen mußte. Der Herr Pfarrer bemerkte wohl meine tiefe, heftige Erſchütterung, und ſein Blick heftete ſich mitleidsvoll auf meine bleichen, entſtellten Züge. »„Baſtel,“ ſagte er ſanft,„jetzt werden wir ſehen, wie ſich dein Schickſal entſcheidet. Faſſe dich! Welche Nachrichten unter dieſem verſchloſſenen Siegel auch ruhen mögen, an mir ſollſt du immer ens Stütze haben!« »Oeffnen Sie den Brief! Oeffnen Sie vis⸗ Peßte 1 Der Herr Pfarrer erbrach das ſchwarze, unheilvolle Siegel— las mit flüchtigem Blicke— und ließ dann traurig die Hand niederſinken. Mir war zu Muth, als müſſe ich ſterben. „Alles vorbei,« ſagte er endlich.„Da lies ſelbſt, armer Junge!“ Ich nahm das Schreiben und überflog es mit ſchwindelndem Blicke. Ach, was ich leſen mußte, zer⸗ ſchmetterte auch den letzten ſchwachen Reſt von Hoffnung in meinem Herzen. Der Brief enthielt nur die wenigen Worte:„Ew. Hochwürden bedaure in Erwiederung Ihres geehrten Schreibens die traurige Nachricht mittheilen zu müſſen, daß der Herr Graf Wallberg im Februar dieſes Jahres zu einem beſſeren Leben hinübergeſchlummert iſt, und betreffs Ihres Zöglings keinerlei Verfügung getroffen hat. Der Tod überraſchte ihn plötzlich. Ich bin da⸗ her, obgleich mit der Verwaltung der Hinterlaſſenſchaft des Herrn Grafen beauftragt, gänzlich außer Stande, irgend eine Zahlung für Ihren Zögling an Sie zu machen. Mit Hochachtung ꝛc. ꝛc.« Da war alſo das Räthſel gelöst— für mich auf eine ſchreckliche Weiſe. Stumm ſaß ich da, außer Stande, ein Wort über meine Lippen zu bringen. Alles war ſchwarz um mich her— meine Augen wurden von Thränen verdunkelt, ich legte meinen Kopf zwiſchen meine Hände auf den Tiſch, und ſchluchzte, als oh mir das Herz brechen müſſe. Der Herr Pfarrer ging in⸗ deß nachdenklich mit großen Schritten in der Stube auf und ab. 4 „Baſtel,“ ſprach er endlich—„es iſt wahr, dieſe d noch ſchlimmer, als ich ſelbſt gefürchtet 49 habe, aber du darfſt deßhalb doch noch nicht allen Muth verlieren. Mag's werden, wie's will, ich ziehe meine Hand nicht von dir ab. Nicht umſonſt ſollſt du ſo fleißig geweſen ſein und ſo viel gelernt haben! Ich will dich wenigſtens ſo weit bringen, daß du nach Jahr und Tag Schulmeiſter werden kannſt, und das iſt denn doch immer noch mehr, als Gänſehirte oder Schneiderjunge. Kopf in die Höhe, Baſtel! Du bleibſt bei mir, und damit Punktum! Das Bischen Eſſen wird ſich ſchon für dich finden, und für das Andere laſſen wir Den da droben ſorgen. Bleibe ruhig hier— ich will hin⸗ untergehen und mit meiner Frau ſprechen.“ Der Herr Pfarrer ging, und ließ mich eine bange halbe Stunde mit meinen Schmerzen und meinen Thrä⸗ nen allein. Als er wieder kam, reichte er mir lächelnd die Hand und ſagte:„Abgemacht, Baſtel! Du bleibſt! Allerdings können wir dich nicht mehr ſo halten, wie bisher, aber es wird ſich doch ſchon Alles machen. Du beziehſt die Dachkammer und ißt mit an unſerem Tiſche. Freilich will meine Frau, daß du dafür auch thätig im Hauſe biſt, und in Garten und Hof mit Hand anlegſt — aber das laß dich nicht allzuſehr kümmern, denn ein paar Stündchen zum Lernen finden ſich doch alle Tage und da werden wir uns ſchon durchſchlagen. Nun, Baſtel, wie iſt's? Biſt du damit zufrieden, oder willſt du wieder zu Meiſter Spinnebein wandern und das ehrſame Schneiderhandwerk fortſetzen?« »Nein, nein, Herr Pfarrer!« rief ich in Todes⸗ ängſten.„Lieber alles Andere, als das! Ich will flei⸗ ßig und thätig ſein, und mich ſo nützlich im Hauſe machen, wie ich kann— nur verſtoßen Sie mich nicht gänzlich aus Ihrer Nähe.“ 3 Kleine Urſachen. 4 50 „Gut, gut, es wird ſchon gehen, Baſtel,“ ſagte der Herr Pfarrer.„Und nun wiſche dir die Thränen aus dem Geſicht, und ſieh' dich vor, daß du meiner Frau nicht Urſache zur Unzufriedenheit gibſt. Verſtehſt du wohl, das iſt die Hauptſache.“ Ach, ich wußte ſchon, daß dieß die Hauptſache ſei; ich ſah ſchon voraus, daß ich Vieles wuͤrde dulden und leiden müſſen, aber ich nahm mir auch feſt vor, Alles zu ertragen, um nur im Pfarrhauſe bleiben zu dürfen. Denn das Schlimmſte hier war immer noch beſſer, als die Gänſe zu hüten. Das ſagte ich auch dem Herrn Pfarrer, und damit war die Sache abgethan. Ich blieb, räumte mein freundliches Dachſtübchen und bezog die Bodenkammer, die nicht viel beſſer war, als eine Hunde⸗ hütte. Aber gleichviel— war auch die ſchöne Ausſicht auf Berg und Wald und Thal verloren, es blieb mir doch die ſchönere Ausſicht, meinen lieben Büchern ge⸗ treu bleiben und ihnen täglich ein paar Stunden wid⸗ men zu können. Nun, Kinder, die Leiden und Plackereien, die ich von jetzt an in dem Pfarrhauſe, wo ich bisher ſo glück⸗ lich geweſen war, erdulden mußte, will ich keinem Men⸗ ſchen wünſchen, und Euch möge der Himmel vor etwas Aehnlichem bewahren. Ich war der Aſchenbrödel im Hauſe, dem Alles aufgepackt wurde, was kein Anderer uͤbernehmen wollte. Frühmorgens mußte ich der Erſte aus dem Bett ſein, Feuer in der Küche anmachen, Waſſer tragen, Holz ſpalten, Stiefel und Schuhe wich⸗ ſen, Kleider bürſten, die Wohnſtube fegen, kurz, Alles beſorgen, was früher die Magd gethan hatte, die jetzt, als überflüſſig, abgeſchafft wurde. Auch in die Ställe hinaus mußte ich, und dem lieben Vieh das 51 Futter vorwerfen; dann in den Garten, und graben, hacken, Unkraut jäten, Rauben abſuchen, und dergleichen mehr, bis der Mittag heran kam. Dann ging es zu Tiſche— aber es gab ſo ſchmale Biſſen, daß ich kaum meinen Hunger ſtillen konnte. Nachher mußte ich die kleinen Kinder warten, oder Wege auslaufen, oder ſon⸗ ſtige Arbeiten verrichten, wie ſie eben vorkamen, bis in die ſinkende Nacht hinein. Dann wurden die Kinder zu Bett gebracht, und nun endlich hätte ich wohl ein Stündchen für mich übrig gehabt— aber von den vielen Arbeiten und Plackereien am Tage war ich natürlich ſo todtmüde geworden, daß bei dem Lernen wenig heraus kam. Zehn Mal ſchlief ich über meinen Büchern ein, und dann gab es auch noch Scheltworte von der Frau Pfarrerin, die mich eine rechte faule Schlafmütze nannte. Es war ein trauriges Leben, ſo traurig, daß ſelbſt der Herr Pfarrer Mitleid mit mir empfand und mir wohlmeinend den guten Rath gab, doch lieber ſein Haus zu verlaſſen und zum Schneiderhandwerk zurückzukehren, indem bei ſolchen Verhältniſſen doch nichts geſcheites aus dem Lernen werden würde. Aber ich blieb ſtandhaft. War ich einmal wieder bei Meiſter Spinne⸗ bein, ſo mußte ich alle und jede Hoffnung aufgeben, während mir im Pfarrhauſe doch wenigſtens die Mög⸗ lichkeit blieb, das Herz der Frau Pfarrerin am Ende doch noch milder und gütiger gegen mich zu ſtimmen. Das hielt mich feſt. Ob es mir gelungen wäre, dieß Ziel, nach dem ich ſtrebte, zu erreichen, weiß ich nicht. Doch glaub' ich es kaum, denn während der ganzen Zeit, die ich im Pfarrhauſe zubrachte, trat auch nicht die ge ngſte Aen⸗ derung oder Milderung meiner traurigen Lage ein. Da wollte es das Schickſal, daß ich dennoch in ganz an⸗ dere Verhältniſſe kommen ſollte, und wiederum war es ein ſehr geringfügiger Umſtand, der dieſe plötzliche Wen⸗ dung der Dinge herbeiführte. Dieſer Umſtand war der, daß die Frau Pfarrerin eines Abends Appetit auf Waffelkuchen hatte. „Ach, Vater, du machſt Spaß! rief Hugo aus. „Geduld, Kind,“ erwiederte der Geheimerath lächelnd, „du wirſt ſchon ſehen, wie ſich Alles auf die einfachſte und natürlichſte Weiſe von der Welt zugetragen hat. Alſo, es war an einem Herbſttage im Oktober. Ich werde ihn nie vergeſſen. Draußen heulte der Wind, und von Zeit zu Zeit ergoſſen ſich Regenſtröme aus dunkeln Wolken vom Himmel nieder, während auf Mi⸗ nuten der Mond durch das zerriſſene Gewölk hindurch ſchimmerte und ſein mildes Licht über die Erde ausgoß. Wir ſaßen in der Wohnſtube um den runden Tiſch herum, auf dem die Lampe brannte. Der Herr Pfarrer ſpielte mit ſeinen Kindern— die Frau Pfarrerin ſaß im Lehnſtuhl und ſtrickte— und ich benutzte die. paar freien Augenblicke, um in einem Buche zu leſen. „Kinder,“« ſagte da plötzlich die Frau Pfarrerin— „wie wär's, wenn wir uns heute Abend ein paar Waffelkuchen bücken? Eier, Butter, Mehl und Zucker hab' ich im Hauſe, und Baſtel kann zur Frau Schulzen hinüberſpringen und die Kuchenform holen.“ „Ich habe nichts dagegen,“ ſagte der Herr Pfarrer, während die Kinder fröhlich aufjubelten und ſich auf den in Ausſicht ſtehenden Leckerbiſſen freuten. „Alſo marſch, Baſtel,“ ſagte die Frau Pfarrerin— „geſchwind die Kuchenform geholt— und du, Hugo, nir unbegreifliche Weiſe aus dem Stalle ge 53 kannſt einmal im Hühnerſtall nachſehen, ob noch ein paar Eier im Neſte liegen.“ Ich legte mein Buch auf die Seite und eilte davon, ſo ſchnell ich laufen konnte, denn die Frau Pfarrerin liebte es nicht, lange zu warten. Ehe noch Hugo, der älteſte Sohn des Herrn Pfarrers, vom Stuhle auf⸗ ſtand, war ich ſchon zur Stube hinaus, ſprang über den Hof, und rannte zu des Schulzen Wohnung. Keine zehn Minuten dauerte es, ſo war ich mit dem Waffel⸗ eiſen zurück, und dachte ſchon ein Lob für meine Schnellig⸗ keit von der Frau Pfarrerin einzuärndten, als ſie mich mit bitterböſem Geſicht und ſehr unfreundlichen Worten empfing. „Baſtel, du dummer, alberner Junge,“ rief ſie mir entgegen,„warum haſt du denn die Hofthür hinter dir nicht zugemacht. Jetzt iſt nun die Ziege davon ge⸗ laufen und du magſt zuſehen, wie du ſie wieder ein⸗ fängſt! Marſch fort, und daß du mir nicht ohne die Ziege wieder nach Hauſe kommſt.« „Aber die Ziege war ja doch gar nicht auf dem Hofe, Frau Pfarrerin,“ entgegnete ich erſchrocken.„Sie war ja im Stalle, wo ich ſie ſelber heute Abend ein⸗ geſchloſſen habe.« 8 „Willſt du auch noch lange ſtreiten, du Dummkopf!“« brauste die Frau Pfarrerin auf.„Weiter fehlte mir nichts zu meinem Aerger! Zu gar nichts biſt du doch zu gebrauchen! Mache, daß du fortkommſt! Und den Appetit auf Waffelkuchen kannſt du dir nur vergehen laſſen! Hätteſt wohl auch einen abgekriegt— aber nun nicht, ganz gewiß nicht!“ 3 Was konnte ich thun— ich mußte fort in die Nacht hinaus, und Nanny, die Ziege, ſuchen, die auf eine Aant war Als ich auf den Hof trat, merkte ich freilich, wie es zugegangen ſein mochte, denn die Stallthür ſtand ſperr⸗ angelweit offen. Vermuthlich hatte ſie Hugo aufge⸗ laſſen, als er zu dem Hühnerſtalle hinaufgeſtiegen war, denn um dorthin zu kommen, mußte er durch den Ziegen⸗ ſtall, und Nanny war denn nun mit ihren flinken Bei⸗ nen hinausgeſprungen, und über den Hof hinweg, deſſen Thür ich unglücklicherweiſe zu ſchließen vergeſſen hatte, munter in das Dorf gelaufen. Wo nun ſie finden? Nanny war noch jung und muthwillig— wer konnte wiſſen, wo ſie ſich umher⸗ trieb? Das Unglück wollte es nun auch noch, daß ge⸗ rade wieder eine ſchwere, dunkle Wolke vor den Mond trat und einen wahren Platzregen aus ihrem Schooße auf die Erde herniedergoß. Die Finſterniß war ſo dicht, daß ich kaum die Hand vor Augen ſehen konnte— wie ſollte ich nun die Ziege ſehen, die vielleicht in dem ent⸗ fernteſten Winkel des Dorfes ſteckte? Aber was konnte Alles helfen— ich mußte fort in Nacht und Unwetter hinaus, und mußte ſuchen gehen. Der Regen durchnäßte mich in wenigen Augenblicken bis auf die Haut— der Sturm wühlte in meinen Haaren und trieb mir ſie in's Geſicht und in die Au⸗ gen— der Boden war aufgeweicht und ſchlüpfrig, ſo daß ich alle Augenblicke ausglitt und mehrmals tüchtig hinſturzte— keinen Hund hätte man in ſolchem Un⸗ wetter hinausgejagt— aber ich— ich mußte gehen und die Ziege ſuchen, weil Hugo unachtſam die Stall⸗ thür nicht hinter ſich verſchloſſen hatte. Obgleich ich nun ſchon an manche Härte und manche Rückſichtsloſigkeit gewöhnt war, ſo preßte mir damals 1 5⁵ der Schmerz doch das Herz zuſammen und ich fühlte mich unſäglich unglücklich! Ach Gott, ach Gott,« ſeufzte ich,„was habe ich armer Junge denn nur Schweres verbrochen, daß ich ſo viel Schweres und Bitteres er⸗ dulden muß?« Ich weinte, und meine heißen Thränen vermiſchten ſich mit den kalten Regentropfen, die der eiſige Wind mir in das Geſicht jagte. Die Näſſe und Kälte durchſchauerte mich bis auf die Knochen, und ich zitterte vor Froſt und Schmerz, während ich mit An⸗ ſtrengung aller Kräfte gegen den Ungeſtüm des Un⸗ wetters ankämpfte. Faſt, faſt wäre es mir zu viel ge⸗ worden— faſt hätte ich den Entſchluß gefaßt, der mir flüchtig durch den Sinn ſchoß: die Ziege laufen zu laſſen, gar nicht in das Pfarrhaus zuruͤckzukehren, ſon⸗ dern zu meiner Mutter zu flüchten, und am folgenden Tage als Schneider⸗Baſtel wieder zu Meiſter Spinne⸗ bein zu gehen. Mochte dann aus meinen Kenntniſſen und meinen Büchern und Hoffnungen und Ausſichten werden, was wollte! Bei Meiſter Spinnebein war ich doch wenigſtens nicht Aſchenbrödel im Hauſe, und ein Schneider, dachte ich, kommt am Ende auch durch die Welt, wenn er rechtſchaffen und fleißig iſt. Schon bog ich nach dem Wege ein, der nach der Hütte meiner Mutter führte— aber da beſann ich mich noch zu rechter Zeit, daß grade in dem vorliegenden Falle die Frau Pfarrerin doch nicht ſo ganz im Unrecht, und ich nicht ſo ganz im Rechte ſei— denn hätte ich, wie es ſich ziemte, die Hofthür hübſch ordentlich hinter mir zu⸗ gemacht, ſo wäre die Ziege eben nur aus dem Stalle, aber nicht aus dem Hofe geſchlüpft, und ich hätte mir den ſchweren Gang durch Nacht und Regen erſpart. „Das iſt wahr,“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Du haſt 56 eben ſo gut einen Fehler begangen, wie Hugo, und nun magſt du auch die Folgen davon tragen.“ Das Bewußtſein meiner Schuld brachte mich auf andere Gedanken und flößte mir wieder friſchen Muth ein. Ich lenkte wieder in das Dorf zurück und rief mit lauter Stimme: Nanny! Nanny! in die Finſterniß hinein, in⸗ dem ich mich der Hoffnung hingab, daß Nanny meine Stimme erkennen und aus ihrem Verſtecke zu mir kom⸗ men werde. Aber ich ſuchte das ganze Dorf aus, ohne daß ich Nanny ſah, oder daß Nanny mich hörte. Es blieb mir alſo nichts weiter übrig, als von Haus zu Haus zu gehen und überall anzufragen, ob die Ziege vielleicht in irgend ein Gehöft gelaufen ſei, um dort Schutz gegen das Unwetter zu ſuchen. Ich klopfte da und dort an, aber immer ohne Erfolg, bis ich end⸗ lich an das Häuschen des Ziegenhirten gelangte. Auch hier war Nanny nicht— aber der Hirt gab mir den Rath, in den Wald hinaus zu gehen an den Ort, wohin gewöhnlich die Ziegen zur Weide getrieben wür⸗ den— wenn irgendwo, ſo fände ich ſie gewiß dort. Ich ſolle nur nach dem rothen Felſen laufen, da ſei immer der Nanny liebſter Aufenthalt geweſen. Der rothe Felſen lag eine gute halbe Stunde vom Dorfe entfernt, und der Regen ſtrömte noch immer vom Himmel herab— aber ich hatte keine Wahl, ſondern mußte gehen, denn ohne Ziege durfte ich der Frau Pfarre⸗ rin nicht wieder unter die Augen treten. Alſo ich faßte mir ein Herz, und trabte davon, in den Wald hinein. Hier verliehen mir die Bäume einigen Schutz gegen Wind und Regen, und es dauerte auch nicht lange, ſo hörte der Letztere völlig auf. Die finſtere Wolke, vom Sturme getrieben, flog vorüber, und der volle Mond ergoß ſein 57 freundliches Licht auf das braune und golden gefärbte Laub an den Zweigen. Ich athmete erleichtert auf— denn nun konnte ich doch wenigſtens ſehen, und wenn Nanny wirklich in der Nähe des rothen Felſens umher⸗ ſpazierte, dann ſollte mir der unbändige Flüchtling gewiß nicht entgehen. Das Mondlicht malte wunderliche Schatten und Geſtalten auf meinen Weg— die Eulen ſchrieen kläg⸗ lich im Forſte, in den Buͤſchen raſchelte es, wenn ich ein Reh oder einen Haſen von ſeinem Lager aufſcheuchte, und manchem anderen Knaben von meinem Alter wäre wohl bang und unheimlich zu Muthe geworden, wenn er, ſo wie ich, den nächtlichen Wald hätte durchſtreifen müſſen. Aber ich kannte zum Glück keine Furcht, und der Wald war mir noch von den Tagen der Kindheit ein ſo lieber, alter Freund, daß ich mich auch von der befremdlichſten Erſcheinung in ihm nicht einſchüchtern ließ. Ohne Furcht trabte ich weiter, und rief, wie im Dorfe, zuweilen Nanny's Namen, um ſie zu mir her⸗ anzulocken. Aber die Ziege kam nicht— auch am rothen Felſen, den ich endlich erreichte, fand ich ſie nicht, und wollte ſchon wieder nach dem Dorfe umkehren, als auf meinen lauten Ruf nach Nanny aus der Ferne eine Antwort zu mir herüber tönte. „Hier!« ſchrie eine Stimme—„zu Hilfe! Ich bin verunglückt!“« Der unerwartete Ruf erſchreckte mich trotz meiner bisherigen Furchtloſigkeit doch ein wenig. Ich ſtutzte. Wer mochte es ſein, der da um Hilfe ſchrie? Nanny war es natürlich nicht, denn ſie konnte nicht ſprechen. Alſo jedenfalls ein Menſch. Aber wie kam in ſolcher Nacht ein Menſch in den Wald? Ein leichtes Bangen 58 überrieſelte mich, und ich ſchwankte, ob ich dem Rufe nachgehen oder davon laufen ſollte, als derſelbe aber⸗ mals ertönte und die Worte in mein Ohr drangen: „Hilfe, um Gottes willen! Ich bin verunglückt und kann nicht von der Stelle!“« Jetzt galt kein Zögern mehr; wenn ein Unglücklicher da ſchmachtete, ſo mußte ihm Beiſtand gebracht werden, und wenn auch alle Ziegen der Welt darüber verloren gingen. Ich drängte mich durch das dichte Haſelgebüſch nach dem Orte hin, von wo der Hilferuf zu mir ge⸗ drungen war, und achtete es wenig, daß mir die naſſen Zweige klatſchend in das Geſicht ſchlugen. p„ Hier bin ich, ich komme ſchon!« ſchrie ich ſo laut ich konnte. „Gott ſei Dank!«“ vernahm ich deutlich zur Antwort. „Wer du auch ſei'ſt, du ſollſt gut belohnt werden, mein Freund!« Dieſe ganz aus der Nähe zu mir dringenden Worte verdoppelten meinen Eifer zu helfen und meine Eile. Noch wenige Augenblicke und ich ſtand am Fuße einer etwa zehn Fuß hohen Felſenwand, und ſah auf dem freien Platze vor derſelben einen jungen Mann ausge⸗ ſtreckt auf dem ſteinigten Boden liegen. „Mein Gott, was fehlt Ihnen?« fragte ich.»Und wie kann ich Ihnen nützlich ſein?“.— „Ich habe den Fuß gebrochen, liebes Kind, indem ich von der Felswand herabſtürzte. Seit drei Stunden liege ich hier ſchon in Sturm und Regen, ohne mich von der Stelle bewegen zu können.“ „Aber wie ſind Sie denn auf die Felswand gekom⸗ men?« fragte ich.„Nur von druͤben führt ein Weg hinauf.“« „Auf dem Wege kam ich eben,“ erwiederte der 59 junge Mann.„Ich verfolgte einen Fuchs bis an den Rand des Felſens, ſchoß mein Gewehr nach ihm ab, glitt unglücklicherweiſe auf dem ſchlüpfrigen Geſtein aus und ſtürzte herunter. Meine Flinte wirſt du dort drüben im Gebuſch finden— hole ſie mir vor allen Dingen her.« Ich lief hin und fand das Gewehr wirklich am be⸗ zeichneten Platze. „»Nun iſt's gut,“ ſagte der junge Jäger.„Hätte ich ſie erreichen können, wäre ich ſchon befreit, denn meine Nothſchüſſe hätten gewiß Jemanden herbeigelockt. Aber ich konnte nicht von der Stelle, da jede Bewegung mir die furchtbarſten Schmerzen verurſachte. Jetzt, Knabe, wenn du mir behilflich ſein willſt, eile nach dem Schloſſe und benachrichtige meinen Vater von dem Un⸗ falle, der mich betroffen hat. Er wird dann ſchon die nöthigen Anordnungen treffen und mich abholen laſſen.“ „Mein Himmel!“ rief ich aus—„Sie ſind alſo der junge Baron Alfred, der Sohn unſeres Gutsherrn!« „Ja, der bin ich— eile nur, daß ich bald aus meiner ſchrecklichen Lage erlöst werde. Doch halt— erſt lade mir meine Flinte.“ „Zu was?“ fragte ich. „Damit ich den Boten, die mich abzuholen kommen, ein Zeichen geben kann. Wenn ich mein Gewehr ab⸗ feuere, ſo werden ſie dem Knalle nachgehen und mich mit leichter Mühe finden.“ „Ach, das iſt unnöthig,“ erwiederte ich.„Meinen Sie denn, ich werde die Leute allein gehen laſſen? Ich weiß den Ort, wo ſie liegen, und kenne ihn ſo genau, daß ich ihn bei der dichteſten Finſterniß wiederfinden würde.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer,“ ſagte der junge Ba⸗ 60 ron Bodenſtein.„Du biſt ein wackerer Knabe, und ich werde deiner gedenken und mich dankbar gegen dich be⸗ zeigen. Aber jetzt laufe raſch— mein zerbrochenes Bein verurſacht mir ſchreckliche Schmerzen, und die Lage auf dieſem harten Steingeröll iſt auch nicht die angenehmſte. Eile, mein lieber Junge, eile!“ Es bedurfte dieſer Mahnung bei mir nicht. Mit der Schnelligkeit eines Rehes flog ich nach dem Schloſſe hin, denn der arme junge Baron hatte das innigſte Mitleid in mir rege gemacht. Athemlos und von Schweiß triefend kam ich auf dem Schloſſe an, und verlangte, ſogleich zum Herrn Baron gefuhrt zu werden, weil ich Nachrichten vom jungen Herrn zu bringen habe. Man brachte mich ohne Zögern zu ihm, denn das Ausbleiben Herrn Alfred's hatte ſchon Beſorgniſſe erregt, und mit wenigen haſtigen Worten theilte ich den Unglucksfall mit, der ſich im Walde in der Nähe des rothen Felſens ereignet hatte. Der Baron war heftig erſchrocken, gab aber ſogleich die nöthigen Befehle, um Hilfe zu bringen. Eine Sänfte wurde herbeigeſchafft, und ein reitender Bote nach dem Arzt geſchickt, man zündete Laternen an, der Baron ſelbſt beſtieg ein Pferd, und nach fünf Minuten waren wir ſchon auf dem Wege nach dem Walde. Ich leiſtete Führerdienſte, und meine. Kenntniß des Waldes war ſo groß, daß wir auf dem kürzeſten Wege zu dem jungen Herrn gelangten. Er hatte unſere Ankunft nicht ſo ſchnell erwartet, und athmete froh auf, als er uns an ſeiner Seite ſah. „Gott ſei Dank!« rief er aus.„Ich leide ſehr, und lange hätt' ich's in dieſer Lage nicht mehr ausge⸗ halten. Aber ſei nicht ängſtlich, lieber Vater— Gott wird ſchon helfen! Dank dir, lieber Knabe— du biſt 61 raſch geweſen! Hebt mich auf, Leute— aber mit Vor⸗ ſicht— das rechte Bein iſt das zerbrochene— nehmt Euch ein wenig in Acht!“ Acht ſtarke Männer faßten an und hoben mit der außerſten Sorgfalt den Verunglückten in die Sänfte. Er verbiß den Schmerz, den ihm jede Berührung ver⸗ urſachte, und zwang ſich zu einem Lächeln, als er auf den weichen Kiſſen der Sänfte lag. Aber welche Qua⸗ len er ausgeſtanden haben mußte, das ſah man wohl an ſeinem bleichen Geſichte und an dem kalten Schweiße, der in großen Tropfen ſeine Stirn bedeckte. Die Sänfte wurde aufgehoben und fortgetragen; ich ſchritt voran, um die bequemſten Wege durch den Wald zu ſuchen, und ohne weiteren Unfall langten wir endlich auf dem Schloſſe an. Hier nahm ich Abſchied von dem jungen Baron, mußte ihm aber vorher das Verſprechen geben, in nächſter Woche unfehlbar wieder zu ihm zu kommen. Ich verſprach es gern und kehrte nun endlich nach dem Pfarrhauſe zurück, wo ich gewiß mit der größten Un⸗ geduld erwartet wurde. Ich wußte wohl, daß ich auf keinen guten Empfang von Seiten der Frau Pfarrerin rechnen dürfe, denn ich brachte ja Nanny, die Ziege nicht mit— aber das machte mir heute wenig Kummer, denn ich fuͤhlte mich ganz glücklich darüber, daß ich dem jungen Herrn vom Schloſſe einen ſo guten Dienſt hatte leiſten können. Als ich nach Hauſe kam, empfing mich die Frau Pfar⸗ rerin wirklich grollend und ſchmollend, obgleich doch nicht ganz ſo ſchlimm, als ich erwartet hatte, denn die Ziege, die mir ganz von der Erde verſchwunden zu ſein ſchien, war mittlerweile wieder aufgefunden worden. Während ich vermuthete, daß ſie in das Dorf und von 62 da in den Wald hinausgelaufen wäre, hatte ſie ſich begnügt, muthwillig über das niedere Geländer des Gartens zu ſpringen, der unmittelbar an den Pfarrhof ſtieß, und ihr Meckern hatte, kurz nach dem ich ſie zu ſuchen fortgeſchickt worden war, ihre Anweſenheit ver⸗ rathen. So war ich denn ganz umſonſt bei Nacht und Regen in der Irre umhergerannt— oder nein— nicht umſonſt— denn ohne mich hätte der arme junge Baron noch manche bange Stunde mit ſeinem zerbrochenen Beine im Walde liegen können. Ich hatte einen beſſe⸗ ren Fund gethan, als die Ziege, und, obgleich ich wirk⸗ lich nicht einen Biſſen von den leckeren Waffelkuchen abkriegte, war ich doch ſeit langer Zeit nicht ſo zufrie⸗ den zu Bette gegangen, als an dieſem Abend, der mich ſo viel Thränen und Wehklagen gekoſtet hatte. Acht Tage ſpäter verließ ich meine kleine Dach⸗ kammer und das Haus des Herrn Pfarrers für immer, um auf dem Schloſſe des Herrn Barons zu wohnen. Der junge Herr Alfred, um mich für den guten Dienſt zu belohnen, den ich ihm geleiſtet, hatte ſeinen Vater zu bewegen gewußt, mich zu ſich zu nehmen und der Spiel⸗ und Lern⸗Genoſſe ſeines jüngſten Bruders Otto zu werden, welcher mit mir in gleichem Alter ſtand. Baron Alfred meinte es herzlich gut mit mir. Er hatte den Herrn Pfarrer kommen laſſen und ſich bei ihm erkundigt, auf welche Weiſe er mir nützlich ſein könne. Der Herr Pfarrer hatte ihm meine kleinen Schickſale erzählt, und in Folge deſſen war Herr Alfred auf den Gedanken gekommen, mich an den Lehrſtunden ſeines jüngeren Bruders, der von einem beſonderen Hofmeiſter erzogen wurde, Theil nehmen zu laſſen. Er ſelbſt ver⸗ kündigte mir freundlich die Nachricht, daß ſein Vater 63 mit Vergnügen in ſeinen Plan eingewilligt habe, und ich fühlte mich unbeſchreiblich glücklich darüber. Die ſchönſten Ausſichten lagen nun wieder im ſonnenhellen Glanze der Hoffnung vor mir. Und doch verließ ich nicht ohne Bedauern das Haus, wo ich ſo manche herbe Kränkung und Zurückſetzung erfahren hatte. Der Herr Pfarrer war mir ja immer ein theilnehmender Lehrer und Freund geweſen. Von ihm ſchied ich mit dankerfülltem Herzen, während der Abſchied von der Frau Pfarrerin ziemlich kalt ausfiel. So zog ich auf das Schloß. Ein hübſches Zimmer neben dem Gemache des jungen Barons Otto wurde mir angewieſen— ich bekam ſchöͤne neue Kleider. Je⸗ der behandelte mich mit Freundlichkeit und Güte— und ich, ich dankte Gott auf den Knieen, daß er mein herbes und hartes Schickſal ſo plötzlich und mit Einem Schlage in das Gegentheil verwandelt hatte. Und welchem geringfügigen Umſtande verdankte ich wieder dieſe Umwandlung meiner Lage! Hätte die Frau Pfarrerin an jenem Abende nicht Appetit auf Waffel⸗ kuchen gehabt, ſo wäre Nanny, die Ziege, ungeſtört in ihrem Stalle geblieben, und ich wäre nicht in den Wald an ele let um Herrn Alfred Hilfe zu bringen! Mag alle Welt das einen Zufall nennen— ich ſehe 1 ſid verehre in dieſem Zufalle die Fügung des Herrn, 4 eſſen Allmacht keiner großen Mittel bedarf, um die Wege der Menſchen und ihre Schickſale zu beſtimmen. „ Und gewiß wäre es ein Frevel und eine Sünde, 1 daran zweifeln zu wollen,“ ſagte die Mutter.„Gleich⸗ woohl erging es dir auf dem Schloſſe doch nicht ſon⸗ ſerlich gut, lieber Mann!« „Was ich auf dem Schloſſe erlebte, ſollt Ihr ſo⸗ 64 gleich erfahren,“ erwiederte der Geheimerath lächelnd. „Freilich gingen nicht alle Hoffnungen in Erfüllung, die ich auf meinen Aufenthalt dort baute— indeß ſehe ich darin keinen Grund, meine Anſicht über die wun⸗ derbaren Fügungen Gottes zu ändern. Ein gering⸗ fügiger Umſtand war die Veranlaſſung, daß ich in das Schloß gelangte; ein anderer geringfügiger Umſtand entfernte mich wieder daraus. Aber Alles, was ich erlebte, diente ja dennoch zu weiter nichts, als mich endlich dem Ziele entgegenzuführen, welches Gott mir von Anfang an geſteckt hatte. Hört denn zu, wie es mir in meinen neuen Verhältniſſen erging. Viertes Kapitel. Auf dem 5chloſſe. War ich ſchon beim Herrn Pfarrer wohl aufge⸗ hoben geweſen, ſo lange Graf Wallberg das Koſtgeeld für mich bezahlte, ſo war ich es noch viel beſſer dim Schloſſe des Herrn von Bodenſtein— wenigſtens ar fänglich. Der alte Baron ſorgte mit wirklich verſchwen deriſcher Freigebigkeit für mich, und ſtattete mich mi Allem aus, was ich in meiner neuen Lage bedurfte Nie hatte ich ſo ſchöne Kleider gehabt, wie zu jen Zeit; ich durfte mit am herrſchaftlichen Tiſche eſſen— und, was die Hauptſache war, Jedermann im Schloſſ ſelbſt die gnädige Frau, behandelte mich mit einer Güt und Freundlichkeit, für die ich die innigſte Dankbarkei 65 im Herzen fühlte. Alles das verdankte ich dem jungen Baron Alfred, der mich mit wahrhaft brüderlicher Zu⸗ neigung unter ſeine ſchützenden Flügel nahm. Er rech⸗ nete mir den kleinen Dienſt, den ich ihm geleiſtet und der ihm damals ein paar Stunden früher, als es ſonſt vielleicht geſchehen wäre, aus ſeiner traurigen und hilf⸗ loſen Lage befreiet hatte, ſo hoch an, als ob ich die größte Heldenthat verrichtet hätte. So lange er wegen des gebrochenen Beines noch ſein Zimmer hütete, mußte ich ihn täglich auf ein paar Stunden beſuchen, um mit ihm zu plaudern und ihm von meinen vergangenen kleinen Schickſalen zu erzählen. Er hatte mich wirklich herzlich liebgewonnen, und wenn er auf dem Schloſſe geblieben wäre, würde mir gewiß mancher Kummer, manche ſchwere Stunde der Angſt und Trübſal erſpart worden ſein. Aber ſobald er vollſtändig geheilt war, mußte er abreiſen, um ſich zu ſeinem Regimente zu verfügen, das zehn oder zwölf Meilen vom Schloſſe, in einer Landſtadt in Garniſon lag. Bevor er dahin ab⸗ ging, ließ er mich noch einmal auf ſein Zimmer kom⸗ men, und gab mir einige Andeutungen, wie ich mich nach ſeiner Abreiſe im Schloſſe benehmen ſolle. »Ich meine es gut mit dir,« ſagte er.„Du biſt ein braver, fleißiger und rechtſchaffener Burſche, und darum wünſche ich von Herzen, daß es dir im Kreiſe der Meinigen immer recht nach Wunſche gehen möge. Aber ich beſorge, du wirſt Manches erdulden müſſen, wenn ich erſt fort ſein werde und mich deiner nicht mehr annehmen kann. Mein Bruder Otto iſt ein 8 Taugenichts, und faſt, faſt fürchte ich, daß es ihm ſogar an wahrer Herzensgüte mangelt. So lange ich hier Kleine urſachen. 53 66 bin, hat er's nicht gewagt, irgend etwas gegen dich zu unternehmen; denn er kennt mich, er weiß, daß ich keine Ungebührlichkeit gegen dich dulden würde, und er weiß auch, daß ich ihn kenne. Sieht er mich aber nicht mehr, ſo wird er bald genug die böſen Seiten ſeines Charakters herauskehren, und da, mein lieber Baſtel, mußt du dich nun mit Geduld und Muth wappnen. Ertrage von ſeinen böſen Launen, was du irgend er⸗ tragen kannſt, und vermeide es, eine Klage gegen ihn zu führen. Sie würde nichts helfen, denn leider iſt meine Mutter aus übergroßer Zärtlichkeit blind gegen Otto's Fehler, und ſie würde ihm immer Recht geben, wenn ſein Unrecht auch augenſcheinlich zu Tage läge. Den einzigen Schutz wird dir noch Herr Walther, der Hofmeiſter, gewähren, mit dem ich bereits Rüͤckſprache genommen habe. Er wird von dir abwehren, was ab⸗ zuwehren iſt, und ich hoffe, die Sachen werden nicht allzu ſchlimm werden, wenn du dich nur einigermaßen klug benimmſt. Wird es aber dennoch einmal zu arg, Baſtel, nun ſchreibe an mich, und ich will dann ſchon darauf hinwirken, daß man dir Gerechtigkeit widerfahren läßt. Aber nur im äußerſten Nothfalle, Baſtel, denn ich bin weit von hier und kann auch nicht alle Augen⸗ blicke Urlaub verlangen, um zu deiner Hilfe herbeizu⸗ eilen. Alſo, Geduld und Ausdauer, mein lieber Baſtel — dann wird ſich's ja machen. Reize meinen Bruder nicht, widerſprich ihm nicht, ſei immer freundlich und zuvorkommend gegen ihn, ſelbſt wenn er ſchroff und an⸗ maßend gegen dich iſt, und vergiß nicht, daß du ja höchſtens zwei oder drei Jahre auf dem Schloſſe zu bleiben brauchſt. Biſt du erſt einmal auf der Univer⸗ ſttät, dann biſt du geborgen, denn dort ſoll ſchon auf andere Weiſe für dich geſorgt werden. Willſt du mei⸗ nem Rathe folgen, Baſtel.« »Ach gewiß, mit tauſend Freuden!« entgegnete ich. »Was mir auch begegnen möge, ich will immer Ihrer gedenken, und aus Dankbarkeit und Liebe zu Ihnen auch das Schwerſte erdulden. Und Otto iſt wohl auch nicht ſo böſe, als Sie ſagen, denn bis jetzt hat er mir noch nicht ein einziges hartes Wort geſagt.“ »Nun, wir wollen das Beſte hoffen, Baſtel,“ er⸗ wiederte Baron Alfred und drückte mir herzlich die Hand.„Verlaß dich darauf, daß du an mir wenig⸗ ſtens immer einen Freund haben wirſt, und nun leb' wohl, guter Junge. Vergiß nicht— Muth, Geduld und Ausdauer führen endlich zum Ziele!« Mit dieſen Worten entließ er mich, und am Morgen des andern Tages reiste er ab. Ich weinte ihm eine Thräne nach— denn ich hatte ihn wirklich ſehr lieb, und das Herz war mir ſo beklommen, als hätte ich einen Vater verloren. Und gewiß, einen väterlichen Freund verlor ich an ihm, und das wurde mir erſt recht klar, als ein paar Wochen nach ſeiner Abreiſe verſtrichen waren. Mit Baron Alfred war mein guter Engel aus dem Schloſſe gewichen. Otto, der mich bisher wenig be⸗ achtet hatte, wendete mir auf einmal eine Aufmerkſam⸗ keit zu, die ich viel lieber entbehrt haben würde. Er ſuchte mich auf alle mögliche Weiſe zu kränken und zu demüthigen, und dieß aus mehreren Gründen. Otto war ein ſtolzer und hochmüthiger Knabe. Von vorn⸗ herein hatte es ihn verdroſſen, daß ein armſeliger Bauern⸗ junge aus dem Dorfe ſein Spiel⸗ und Lerngenoſſe wer⸗ den, daß er täglich und ſtündlich mit ihm zuſammen 68 ſein, und daß derſelbe ſogar auf dem Schloſſe wohnen und an dem herrſchaftlichen Tiſche miteſſen ſollte. Er würde ſeinen Verdruß ohne Zweifel auch ſchon früher an mir ausgelaſſen haben, wenn er nicht, wie geſagt, vor ſeinem älteren Bruder Furcht gehabt hätte. Was mich indeß Otto noch mehr verhaßt machte, als meine niedrige Herkunft, das war der ſtrenge und anhaltende Fleiß, den ich auf meine Arbeiten verwandte. Otto arbeitete nicht gern, und immer nachläſſig. So lange er allein geweſen war, hatte ihn wohl mancher Tadel ſeines Hofmeiſters getroffen— aber durch meine An⸗ weſenheit auf dem Schloſſe mußte er nun doppelte Vor⸗ würfe ertragen. Herr Walther tadelte ihn nicht nur, ſondern er ſtellte mich ihm als Muſter auf, lobte mei⸗ nen Fleiß, meine Ordnungsliebe, meine Genauigkeit, und brachte ihn dadurch häufig in Zorn. Daß ich, der Sohn eines armen Tagelöhners, vor ihm, dem Sohne des adeligen Gutsherrn, irgend einen Vorzug haben ſollte, verletzte ſeinen Stolz und Hochmuth auf das Tiefſte. Seine Abneigung, ja, ich kann wohl ſagen, ſein Haß gegen mich verdoppelte ſich, und bald ſollte ich die Wirkungen deſſelben bitterlich empfinden. Daß er kein Wort mit mir ſprach, außer wenn er mir in verächtlichem Tone irgend einen Befehl oder eine Ver⸗ höhnung in's Geſicht warf, daß er mich überhaupt durch Verachtung meine abhängige Lage fühlen ließ, daß er mich zehn Mal des Tags einen armſeligen Bettler ſchalt, der gar nicht werth ſei, das Gnadenbrod im Schloſſe zu eſſen, daß er meine Anſtrengungen, mir Kenntniſſe zu erwerben, einen dummen, albernen Hoch⸗ muth nannte, der ſich für einen lumpigen Tagelöhner⸗ Jungen gar nicht ſchicke— das Alles ertrug ich mit — der größeſten Geduld, und hütete mich wohl, mich gegen ſeine boshaften Angriffe zu vertheidigen, obgleich ſte mich tief ſchmerzten und mir nicht ſelten heiße Thrä⸗ nen auspreßten. Aber ich dachte an Alfred, ſeinen Bruder, und bemühte mich, meinen Gleichmuth und eine wenigſtens ſcheinbare Ruhe zu behalten. Otto wurde indeß durch mein geduldiges Ausharren keineswegs zum Mitleiden für mich bewegt, vielmehr ſchien daſſelbe ihn noch mehr zu reizen, und er legte es, wie ich bald merkte, ordentlich planmäßig darauf an, mich wieder vom Schloſſe zu vertreiben. Es wäre ihm auch gewiß ge⸗ lungen, wenn nicht Herr Walther ſich treulich meiner angenommen und mich bei jeder Gelegenheit vertheidigt hätte. Otto's Vater ſah auch wohl ſelbſt, daß die An⸗ ſchuldigungen Otto's, an denen er es nicht fehlen ließ, keineswegs auf Wahrheit gegründet waren, und die Briefe Alfreds, in denen dieſer ſich jedesmal angelegent⸗ lich nach mir erkundigte und ſeine fortwährende Theil⸗ nahme an mir ausſprach, mochten wohl ebenfalls nicht wenig dazu beitragen, das Aeußerſte, nämlich meine gänzliche Entfernung aus dem Schloſſe, von mir abzu⸗ wenden. Otto ſah alle ſeine Bemühungen in dieſer Beziehung ſcheitern, und rächte ſich dafür in der Art, daß er mir anderweitige, weniger bedeutende, aber doch immerhin bittere Kränkungen zufügte. 6 1 So legte er es zunächſt darauf an, mich vom Mit⸗ tagstiſche ſeiner Eltern zu vertreiben. Mehrmals hatte er ſich ſchon gegen ſeine Mutter beklagt, daß er bei Tiſche an meiner Seite ſitzen müſſe, weil ihm meine Art zu eſſen Widerwillen und Ekel einflöße, und ihm allen Appetit verderbe. Nun wußte ich freilich nicht ſo zierlich mit Meſſer und Gabel umzugehen, wie Otto 70 — denn wo hätte ich armer Junge denn das gelernt haben ſollen— aber unbeſcheiden oder unreinlich war ich doch auch nicht, und Jedermann ſah wohl ein, daß Otto nur aus Abneigung gegen meine Perſon ſich über mich beklagte. Dennoch wollte ſeine Mutter dem Wunſche Otto's nachgeben, aber der Baron geſtattete es nicht.„Sebaſtian bleibt,“ ſagte er ernſthaft.»Al⸗ fred hat gewünſcht, daß man ihn freundlich behandeln möge, und ihn ohne allen Grund vom Tiſche zu ver⸗ weiſen, wäre eine große Unfreundlichkeit. Auch wird Sebaſtian mit der Zeit ſchon lernen, wie man ſich bei Tiſche benehmen muß.“ Ich warf dem Herrn Baron bei dieſen Worten einen dankbaren, Otto aber mir einen bitterböſen Blick zu, der mir nicht viel Gutes verhieß und meine Freude über die Güte ſeines Vaters bedeutend dämpfte. In⸗ deß nahm ich mir vor, meine kleinen bäuriſchen Ange⸗ wohnheiten ſo viel wie möglich abzulegen und mich nach den feinen Manieren der Uebrigen zu richten, was mir früher oder ſpäter wohl auch gelungen wäre, wenn es nicht Otto durch mancherlei boshafte Mittel zu verhin⸗ dern gewußt hätte. Ich kann es nicht läugnen, daß ich wirklich ein wenig unbeholfen und ungeſchickt war, wenn auch nicht in dem Grade, wie Otto es behaup⸗ tete. Dazu kam nun noch die Befangenheit und Scheu, die mir noch aus der Kinderzeit anhing, wo man mich gelehrt hatte, die Gutsherrſchaft als eine Art von höhe⸗ ren Weſen zu betrachten— ſo daß es Otto eben nicht viel Mühe koſtete, ſeine ſchlimmen Pläne gegen mich zur Ausführung zu bringen. Zwei oder drei Tage nach dem mißglückten Verſuche, mich vom Tiſche zu vertreiben, wurde von dem Bedienten eine Schüſſel mit p 71 Fiſchen herumgereicht, die der Herr Baron ſo ſehr liebte, daß er in der Regel ein paar Mal davon zulangte. Otto wußte dieß, und hatte darauf einen Plan zu mei⸗ ner Demüthigung und Beſchimpfung gebaut. Der Be⸗ diente war eine ihm ergebene Kreatur und hatte ohne Zweifel die nöthigen Anweiſungen empfangen, wie er ſich mit der Schuͤſſel benehmen ſollte. Als er ſie mir hinreichte, und ich mein beſcheidenes Theilchen auf mei⸗ nen Teller nahm, ſtellte er ſich plötzlich an, als ob er einen Stoß empfangen hätte, und ließ die Schüſſel mit den koſtbaren Fiſchen auf die Erde fallen, wo ſie natür⸗ lich in Stücke zerbrach. „Sebaſtian hat mich geſtoßen, gnädiger Herr!“ ſagte er, anſcheinend ſehr erſchrocken, zum Baron.„Ich bin unſchuldig— verzeihen Sie!«“ Ich war nicht blos ſcheinbar erſchrocken, ſondern ich war es wirklich, und befand mich in ſolcher Verwirrung, daß ich, blaß und zitternd, kein Wort auf die falſche Anklage des lügenhaften Bedienten zu erwiedern ver⸗ mochte. Und falſch war die Anklage! Ich hatte nicht mit einer Fingerſpitze den Menſchen berührt! Der Herr Baron ſah mich mit einem unwilligen Blicke an, und gab mir in ernſtem Tone eine ziemlich ſtrenge Zurechtweiſung. Nun verſuchte ich zwar eine Rechtfertigung— aber ich ſtammelte nur verwirrte Worte heraus, die weder Sinn noch Verſtand hatten.„Lüge doch nicht, Baſtel!« unter⸗ brach mich Otto, der an meiner Seite ſaß, mit höhni⸗ ſchem Lächeln—„ich hab' es ja geſehen, wie du Frie⸗ drich mit dem Ellenbogen an den Arm ſtießeſt.« 1 Dieſe boshafte Anklage Otto's beraubte mich vollends der Beſinnung. Ich ſchwieg und brach in Thränen aus, die ich nicht zurückzuhalten vermogte. Der Herr Baron 72 nahm ſie ohne Zweifel als ein Eingeſtändniß meiner Schuld, aber ſie beſänftigten ihn auch zugleich. „Nun, nun, ſei nur ruhig, Sebaſtian,“ ſagte er milder, als vorhin.„Daß du nicht aus Abſicht geſtoßen haſt, weiß ich wohl— aber in Zukunft mußt du dich mehr in Acht nehmen und keine ſolche Unbeſonnenheiten begehen.« .„Ja, ich bitte auch darum, mein Lieber,“ ſprach die Frau Baronin.„Es iſt ſehr unangenehm, wenn der⸗ gleichen Störungen bei Tafel eintreten.“ Was konnte ich thun? Ich war ſo ſchuldlos, wie der Sperling, der draußen auf dem Dache herumhüpfte, aber wie hätte ich das beweiſen ſollen? Ich ſchwieg alſo ſtill, beugte mein geröthetes und verweintes Geſicht auf meinen Teller nieder, und befeuchtete mein Bischen Eſſen mit meinen Thränen. So gut der Fiſch zubereitet war— mir hatte im Leben noch nichts ſo ſchlecht ge⸗ ſchmeckt, als das Stückchen, das vor mir auf dem Teller lag. Aller Appetit war mir vergangen, und mein ge⸗ preßtes Herz ſchlug erſt wieder leichter, als die Tafel aufgehoben wurde, und ich auf mein einſames Zimmer⸗ chen zurückkehren konnte. Da weinte ich mich nach Herzensluſt aus. Ich konnte gar nicht darüber zweifelhaft ſein, wem ich den unangenehmen Vorfall zu verdanken hatte. Der Streich, der mich getroffen, konnte nur von Otto aus⸗- gehen, und ich machte mich darauf gefaßt, noch andere ähnlicher Art zu erleben.»Ich muß alſo auf meiner Hut ſein,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, und beſchloß, die allergrößeſte Vorſicht anzuwenden. „ Aber was konnte alle Vorſicht helfen, da Otto ſich nun einmal vorgenommen hatte, daß ich durchaus ge⸗ — Tölpelhaftigkeit auf meinen Sohn ſchiebſt,“ entgegnete mals eine ſolche Ungeſchicklichkeit!“ 73 N demüthigt und vom Tiſche gewieſen werden müſſe? Gleich am nächſten Tage ſollte ich eine neue boshafte Neckerei von ihm erdulden. Wir waren beim Braten, und die Brühe dazu ging die Reihe herum. Otto reichte mir die Schüſſel zu— aber ehe ich ſie ergreifen konnte, grade im Augenblicke, wo ich die Finger nach dem Henkel krümmte, ließ Otto die Schüſſel auf den Tiſch gleiten, und der ganze fette Inhalt derſelben ergoß ſich wie ein brauner Strom über das feine Damaſt⸗Tiſchtuch und über meine Kleider. „Tölpel!« rief Otto aus.„Wie ungeſchickt, nicht einmal eine Schüſſel halten zu können!“ „Aber dieß iſt völlig unausſtehlich!“ ſagte die Frau Baronin mit zornigem Blicke und runzelte ihre Stirn. „Wenn ich hier mein Mittagseſſen nicht mehr in Ruhe verſpeiſen kann, ſo will ich kuͤnftig lieber in meinem Zimmer diniren! „Du biſt wirklich ein höchſt ungeſchickter Knabe, Sebaſtian! Entferne dich und wechſele die Kleider! Die du anhaſt, werden wohl für immer verdorben ſein.« „Ach, gnädige Frau,“ ſtammelte ich— ich bin eben ſo unſchuldig, wie neulich— Otto hat die Schuͤſſel fallen laſſen!“ „Nun ja, weiter fehlt nichts, als daß du deine die Frau Baronin ſcharf und ſtreng.„Otto begeht nie⸗ Ach ja, das war nur zu richtig! Die Frau Baro⸗ nin hatte ganz Recht! Otto beging bei Tiſche nie eine Ungeſchicklichkeit, außer eine abſichtliche, und daß grade die gegenwärtige eine ſolche geweſen war, wem hätte 7. 74 ich das beweiſen können? Man würde mir nicht ge⸗ glaubt, ſondern mich für einen Verläumder gehalten haben— und anſtatt meine Sache beſſer zu machen, hätte ich ſie lediglich nur viel ſchlechter gemacht. Ich wagte alſo keine Rechtfertigung weiter, ſondern verließ ſtill und gedrückt das Zimmer, aus welchem Otto's lautes und ſpöttiſches Gelächter mir nachſchallte. Es ſchnitt mir in's Herz— aber ich war einmal, ſo ſchien es, zum Dulden und Leiden beſtimmt, und ſo litt und duldete ich denn in der Hoffnung, daß einſt wieder beſſere Zeiten kommen würden. An den jungen Baron Alfred dachte ich, wie an einen Retter und Befreier! Wenn Er einmal wiederkam, wurde gewiß Alles anders! Nur freilich, ſo ſchnell kam er nicht! Dagegen traf mich am nächſten Tage ein neuer Unfall bei Tiſche, und das eben ſo wenig durch meine Schuld, wie die beiden vorigen Male. Mein böſer Geiſt Otto war wiederum die Urſache davon. Eine Schüſſel mit Gemüſe wurde von demſelben Bedienten herumgereicht, der vor wenigen Tagen die Schüſſel Fiſche auf den Boden hatte fallen laſſen. Ein ſpöttiſcher Zug in Otto's Geſicht, das ich zufällig an⸗ blickte, machte mich ſtutzen. Ich dachte mir ſogleich, daß wieder etwas gegen mich im Werke ſei, und beſchloß, äußerſt aufmerkſam zu ſein. Indeß der gefürchtete Augen⸗ blick, wo ich aus der Schüſſel nahm, ging ohne Unfall vorüber, und der Bediente war eben im Begriff, ſich zu entfernen, als er von Otto gerufen wurde.„Friedrich!“ ſagte er—„ſetze die Schüſſel einſtweilen hin, und hole mir ein friſches Glas Waſſer vom Brunnen.“ Friedrich ſtand mir am nächſten, und es war alſo ganz natürlich, daß er die Schüſſel neben meinen Teller 1 75 niederſetzte. Hierauf ging er, und Otto wendete ſich mit verſtellter Gutmüthigkeit an mich.. „Entſchuldige, Baſtel,“ ſagte er—„die Schüſſel iſt dir im Wege— ſtelle ſie mitten auf den Tiſch.“« In dieſer Weiſung fand ich nichts Arges. Ich nahm aus Vorſicht die Schüſſel in beide Hände, hob ſie über einige Weinflaſchen hinweg, die Otto, wahrſcheinlich nicht ohne Abſicht, vor meinen Platz geſchoben hatte, und wollte ſie eben niederſetzen, als ich plötzlich einen em⸗ pfindlichen, ſtechenden Schmerz in meiner Kniekehle em⸗ pfand. Der Schmerz preßte mir unwillkührlich einen Schrei aus, und zu gleicher Zeit zuckte ich ſo heftig zu⸗ ſammen, daß die Schüſſel meinen Händen entglitt, auf die Tafel niederſtürzte, noch ein paar Flaſchen zerſchlug, natürlich ebenfalls zerbrach, und ihren Inhalt mit dem reichlich ſtröoömenden Weine auf das Tafeltuch ergoß. Es ſchwamm da Alles recht hübſch durcheinander: ein rothes Meer mit verſchiedenen Gemüſe⸗Inſeln dazwiſchen. Ich war völlig erſtarrt von dieſem neuen, unver⸗ ſchuldeten Unfall. Otto lachte laut auf— die Frau Baron aber, nachdem ſie mir einen vernichtenden Blick zugeworfen, ſagte mit einer vor Aerger zitternden Stimme: „Jetzt wird mir's zu viel! Ich habe genug Geduld und Langmuth bewieſen, aber eine ſolche Töoͤlpelhaftig⸗ keit vermag ich nicht länger zu ertragen!“ Damit ſtand ſie auf und rauſchte in ihren ſeidenen Gewändern aus dem Zimmer. Ich blieb, abwechſelnd blaß und roth, wie vernichtet auf meinem Stuhl ſitzen und wagte die Augen nicht aufzuſchlagen. Der Herr Baron zuckte die Achſeln. 15 „Ich ſehe wohl, Sebaſtian,“ ſagte er mitleidig,„d biſt nicht im Stande, deine Unbeholfenheit abzule 76 und ſo wird es denn wohl am beſten ſein, daß man dir künftig das Eſſen auf deine Stube bringt. Dieſe ewi⸗ gen Störungen verderben mir allen Appetit, und dir ſelbſt können ſie auch keine Freude machen.“ „Und warum auf ſein Zimmer, Vater?“ fragte Otto neniſd„Er kann ja eben ſo gut mit dem Geſinde eſſen.“ „Du ſchweigſt,« erwiederte der Baron.„»Sebaſtian ſoll für den guten Dienſt, der unſerem Alfred vielleicht das Leben gerettet hat, nicht mit Demüthigungen be⸗ lohnt werden.„Geh', mein Kind,« fuhr er, zu mir gewendet, gütig fort—„es wird dir ſelbſt lieb ſein, wenn du in Zukunft deinen Verlegenheiten bei Tiſche überhoben biſt.« Ich war im Herzen froh, daß ich mich entfernen durfte, denn ſeit dem Fall der Gemüſeſchüſſel hatte ich auf meinem Stuhle wie auf Kohlen geſeſſen. Auf mei⸗ nem Zimmer angekommen, dachte ich erſt darüber nach, welch' eine Urſache den ſtechenden Schmerz in meiner Kniekehle bewirkt haben könne. Ich unterſuchte die Sache, und ſiehe da, ich fand ein Tröpfchen Blut und die kleine, feine Wunde eines Nadelſtiches. Nun war ich im Klaren. Otto hatte mir heimlich den Stich ver⸗ ſetzt. Es konnte gar nicht anders ſein. Das Nieder⸗ ſetzen der Schüſſel— die Aufforderung, ſie auf die Mitte der Tafel zu ſtellen— die Weinflaſchen vor meinem Platz, wo ſonſt nie welche ſtanden— es lag ſonnenhell am Tage, daß Otto den ganzen Unfall ab⸗ ſichtlich und planmäßig herbeigeführt hatte, um mich für immer von der herrſchaftlichen Tafel zu entfernen. 5 Anfangs ſchmerzte mich dieſe überlegte Bosheit tief in der Seele, und mein Herz bangte, wenn ich der Zu⸗ 4. 77 . kunft gedachte. Wenn es Otto gelingen konnte, das erſte Ziel, das er mir gegenüber ſich geſteckt hatte, zu erreichen, dann konnte es ihm auch nicht ſchwer fallen, mich allmählig ganz und gar aus dem Schloſſe zu ver⸗ drängen. Was konnte ich armer Knabe, hülflos und 4 allein, gegen die überlegte Liſt und Schlauheit Otto's, 3 der der Sohn des Hauſes war, und eine ſo maͤchtige Stütze an ſeiner Mutter beſaß? Ich ſah nur trübe 3 Bilder in Ausſicht, ich ſah voraus, daß alle Demuͤthi⸗ gungen, denen ich mich unterwarf, doch am Ende den harten Schlag nicht von mir abwenden würden, der 4 mich bedrohete. Ich fragte mich, ob es nicht vielleicht beſſer ſei, lieber gleich zu gehen, lieber ohne ferneren Widerſtand meinem Gegner zu weichen, deſſen ſcharfen 6 Waffen ich nichts entgegenſetzen konnte, als Geduld und ein ſtilles, demüthiges Ausharren. Nur die Vorwürfe, die ich von meiner Mutter befürchten mußte, wenn ich freiwillig meinen Platz räumte, hielten mich ab, einen raſchen Entſchluß zu faſſen. Meine Mutter hätte gewiß meinen Gruͤnden kein Gehör gegeben, ſondern mich für einen albernen, hochmüthigen Narren gehalten, deſſen dummer Stolz gebeugt werden müſſe. Ja, ſie hätte mich vielleicht gar gezwungen, nach dem Schloſſe zurück⸗ zukehren, was mir das Allerpeinlichſte geweſen wäre. Ach Gott, ich ſtolz und hochmüthig! Keine Spur davon war in meinem Herzen! Nur gefühllos war ich nicht. Die ſchroffe, höhniſche Behandlung Otto's hätte ein Lamm zum Widerſtande gereizt! Aber trotzdem— es half Alles nichts— ich mußte aushalten— und zuletzt, im alleräußerſten Falle— war nicht Baron Alfred da? An ihm hoffte ich einen Beſchützer zu haben, der wenig ſtens das Allerſchlimmſte von mir abwenden wuͤrde. 3 4 „ 7 78 Alſo ich blieb, und wappnete mein verwundetes Herz von Neuem mit Geduld, mit Muth und Standhaftigkeit. Uebrigens muß ich bekennen, daß ich durch die neue Einrichtung, nachdem der erſte herbe Schmerz der Krän⸗ kung vorübergegangen war, weſentlich gewonnen hatte. Obgleich ich allein auf meinem Zimmer eſſen mußte, ſchmeckte es mir da doch beſſer, als unten, wo ich zehn⸗ mal des Tages in Verlegenheit kam, und immerwährend einen boshaften Streich Otto's befürchten mußte, und ſchon nach wenigen Tagen fühlte ich mich mit der neuen Einrichtung ganz zufrieden. Otto, der es darauf ange⸗ legt hatte, mich zu kränken, hatte ſeinen Pfeil umſonſt verſchoſſen, er hatte mir, anſtatt mich ernſtlich zu krän⸗ ken, eine wahre Gefälligkeit gethan. Die Ehre, mit der Herrſchaft zu ſpeiſen, wog die peinliche Angſt und Verlegenheit nicht auf, die ich in ihrer Geſellſchaft bei Tiſche empfand. Ich hütete mich indeß ſehr ſorgfältig, Otto dieß merken zu laſſen. Wenn er geahnt hätte, wie ich über dieſe ganze Angelegenheit dachte, würde er ſchwerlich unterlaſſen haben, mich auf andere Weiſe herber und tiefer zu treffen. So aber verbarg ich meine innere Zufriedenheit unter einer gleichgültigen Miene, und ge⸗ wann dadurch ſo viel, daß er mich wenigſtens einige Zeit in Ruhe ließ, und ſich begnügte, mir nur gelegent⸗ lich ſeine Abneigung durch Nichtachtung und einzelner Stachelreden kund zu thun. Das aber war zu ertragen, und für dieſe kleinen Kränkungen fand ich reichlichen Erſatz bei meinen Büchern und in den Lehrſtunden des Herrn Hofmeiſters, die ich mit eiſernem Fleiße benutzte. Schon fing ich an zu hoffen, daß Otto's Abneigung und Haß gegen mich ſich allmählig in Gleichgültigkeit verwandeln würde, als eine einzige unglückliche Stunde mich dieſer Hoffnung auf immer wieder beraubte. 80 ich die Prüfung gewiß gut beſtand, Otto ſie eben ſo gewiß ſchlecht beſtehen würde! Welche Folgen dieß aber haben konnte, ja mußte, das fiel mir damals nicht entfernt ein. Herr Walther, mein freundlicher Gönner, ſah weiter als ich. Er zögerte, die Prüfung vorzuneh⸗ men, entſchuldigte ſich, daß er gar nicht darauf vorbe⸗ reitet ſei, wünſchte lieber ein anderes Mal, vielleicht morgen oder übermorgen, der Aufforderung des Herrn Barons zu genügen,— aber der Baron wollte von dem Allen nichts hören. „Was bedarf es da großer Vorbereitungen?“ ſagte er.„Eben jetzt habe ich Zeit, und Langeweile obendrein — morgen kann ich vielleicht ſchon wieder auf die Jagd gehen. Munter, munter, mein Lieber! Ihre Bücher und Ihre Zöglinge ſind bei der Hand— warum alſo warten?“ Mit ſchwerem Herzen, ich ſah es ihm an, mußte Herr Walther Folge leiſten. Er holte zöͤgernd die nöthigen Buücher herbei, und das Eramen fing an. Er legte mir die erſten Fragen vor, aber der Herr Baron unterbrach ihn ſehr bald, indem er verlangte daß zuerſt Otto an die Reihe kommen ſolle. Wohl oder übel mußte Herr Walther gehorchen. Er ſuchte die leichteſten Unterrichts⸗ Gegenſtände heraus, fragte Otto die leichteſten Dinge, legte ihm die Antwort faſt in den Mund— aber Otto, vielleicht eingeſchüchtert von der Gegenwart ſeines Va⸗ ters, antwortete ſo verkehrt oder auch gar nicht, daß ſeine Unwiſſenheit ſehr bald an den Tag kam. Mit ſteigender Verwunderung hörte der Herr Baron der Pruͤfung zu. Seine Stirne runzelte ſich, ſein Auge blickte finſter, mancher Ausruf des Unwillens glitt über ſeine Lippen, und endlich verlor er ganz die Geduld. ——n— 2 nP⏑QQQñ:ñꝑ-¶-õ————— 84 „Aber dieß iſt ja eine wahre Schande, Otto!« rief er aus.„Du weißt ja gar nichts und haſt gar nichts gelernt! Wahrhaftig, Herr Walther, Ihr Schüler macht Ihnen wenig Ehre!« Herr Walther zuckte betrübt die Achſeln.„Ich bin unſchuldig,“ ſagte er.»Otto läßt es zu ſehr an Fleiß und Aufmerkſamkeit fehlen.“ „So? Nun, davon werden wir uns leicht überzeugen können!“ ſprach der Herr Baron unwillig.„Laſſen Sie hören, was unſer Sebaſtian gelernt hat.“ Dieſe Worte tönten lieblich in mein Ohr.„Auf⸗ gemerkt!« ſagte ich zu mir ſelbſt.„Jetzt gilt es nicht nur, Beweiſe von meinem Fleiße zu geben, ſondern auch Herrn Walther zu rechtfertigen, der in Verdacht gekom⸗ men iſt, ein nachläſſiger Lehrer zu ſein. Ich wappnete mich mit aller Entſchloſſenheit, und ſah zuverſichtlich der Prüfung entgegen. Herr Walther fragte, ich antwor⸗ tete, wir kamen vom Hundertſten auf's Tauſendſte, und überall war ich ſattelfeſt und verfehlte auch nicht eine einzige Frage. Herr Walther und ich kamen ſo in Eifer, daß wir alles Uebrige vergaßen, und der Baron ſelber endlich Halt gebieten mußte. »„Genug,“ ſagte er.„Herr Walther, ich ſehe wohl, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe, indem ich die Un⸗ wiſſenheit des faulen Burſchen da Ihnen zur Laſt legte. Sebaſtian hat mir eine andere Meinung beigebracht. Du aber Burſche«— wendete er ſich finſter an Otto —„du magſt dich für die Folge in Acht nehmen! Eine wahre Schande iſt es, ſo dumm zu ſein. Seit Jahren haſt du den Unterricht Herrn Walthers genoſſen, und läͤßt dich jetzt ſo vollſtändig von Sebaſtian überflügeln, der erſt ein paar Monate im Hauſe iſt? Pfu i, Kleine urſachen. 6 82 Otto! Nimm dir ein Beiſpiel an dieſem Knaben, der dich ſo ſehr beſchämt hat. Und Sie, Herr Walther, zeigen Sie dem Burſchen mehr Strenge! Ich will, daß er fleißig ſei und mit Sebaſtian wenigſtens gleichen Schritt halte, wenn er ihn auch nicht zu übertreffen vermag! Du hörſt es, Otto! Hütte dich! Ich werde von jetzt an ein ſchärferes Auge auf dich haben! Pfui der Schande, ſich ſo von einem armen Jungen aus dem Dorfe beſchämen zu laſſen!“« Zornig verließ der Herr Baron das Zimmer und ſchmetterte ſo heftig die Thür hinter ſich zu, daß es durch's ganze Haus dröhnte und die Fenſterſcheiben klirr⸗ ten. Ziemlich beſtürzt blieben wir Drei ſitzen. Herr Walther warf mir einen beſorgten Blick zu und ſchüttelte leiſe den Kopf; ich ſaß mäuschenſtill und zitterte vor Otto, den ich durch meine Kenntniſſe, ohne es zu wollen, tödtlich beleidigt hatte; und Otto— Otto biß die Zähne zuſammen, blickte mich voller Grimm und Wuth an, ſprang plötzlich auf, ſchüttelte die geballte Fauſt gegen mich, und ſagte mit bebender Lippe:„Siehſt du, elen⸗ der Bauerntölpel, das ſollſt du mir bezahlen, ſo wahr ich Otto heiße!« Mit dieſen Worten ging er ohne Gruß und Abſchied davon, ſetzte ſeinen Hut auf, beſtieg ein Pferd, und ritt in den Wald hinaus. »Armer Baſtel,“ ſagte Herr Walther.„Ich fürchte, i nürhie daß Otto böſe Abſichten gegen dich im Schilde führt!« „Armer Baſtel,“ ſagte auch ich ſelbſt zu mir— „jetzt wirſt du wohl die längſte Zeit im Schloſſe gewe⸗ ſen ſein. Ach, warum mußte ſich auch der Baron den Finger am Fenſter quetſchen? Ohne dieſen kleinen Un⸗ fall waͤre er gewiß nicht auf den Gedanken gekommen, — 83 die Jagd aufzugeben und zu uns zu gehen, um ein Examen zu veranſtalten. Das abſcheuliche Fenſter das!« Herr Walther und ich, wir waren Beide voll ban⸗ ger Befürchtungen, und das auch gewiß nicht ohne Grund. Wir kannten Otto's Charakter hinlänglich, um zu wiſſen, daß er die erlittene Demüthigung nimmer⸗ mehr vergeſſen, nimmermehr vergeben werde, und mit heimlicher, ſchwerer Sorge erwartete ich den Schlag, mit dem ſeine Rache mich bedrohete. Wider alles Er⸗ warten verging aber ein Tag nach dem anderen, eine Woche nach der anderen, ohne daß unſere Befürchtungen in Erfüllung gegangen wären. Ja, es ſchien, als ob die Entrüſtung ſeines Vaters und die Ermahnungen deſſelben einen tiefern Eindruck auf Otto gemacht hätten, als Herr Walther und ich vermuthet hatten. Otto war aufmerkſamer und fleißiger in den Lehrſtunden, als je, und mich— mich ließ er in Ruhe, verfolgte mich nicht mehr mit ſeinen höhniſchen Bemerkungen, ſondern begnügte ſich, mir eine völlige Nichtbeachtung zu zeigen. Er redete mich nicht an, blickte mich nicht an, kurz, benahm ſich ganz ſo, als ob es gar keinen Sebaſtian in der Welt gäbe. „Vielleicht geht das Gewitter vorüber, Baſtel!“ ſagte Herr Walther zu mir, als wir eines Tages von dem ganz veränderten Weſen Otto's ſprachen.„»Vielleicht ſchämt er ſich in der That ſeiner groben Unwiſſenheit, und die ſtrafenden Worte ſeines Vaters, die er in ſolcher Weiſe noch nie zu hören bekam, haben ſein Herz er⸗ ſchüttert und ihn zum Nachdenken über ſich gebracht. Ich glaube faſt, Baſtel, du kannſt jetzt ruhig ſein.“ Als noch eine Woche und wieder eine verſteich ohne 8 * 84 daß Otto Böſes gegen mich ausübte, glaubte ich ſelbſt, daß meine Beſorgniſſe ungegründet wären, und wiegte mich in eine Sicherheit ein, die mir äußerſt wohlthuend war. Aber ich ſollte bald herausgeſchreckt werden, ich ſollte bald merken, daß dieſe Ruhe nur die Ruhe vor dem Sturme ſei, und daß ich auf einem unterhöhlten Boden ſtünde, der jeden Augenblick unter meinen Fuͤßen wanken, einbrechen und mich verſchlingen könne. Ich ging eines Nachmittags in den Park hinab und ſuchte mein Lieblingsplätzchen auf, eine Art von Laube mitten im Gebüſch, die von den weit ausgebreiteten, bis zum Boden niederhängenden und dicht belaubten weigen einer ſchönen, alten Trauer⸗Eſche gebildet wurde. m Stamm derſelben hatte ich mir eine Bank von Moos zurecht gemacht, und da ſaß ich oft Stundenlang und lernte, oder hing meinen Gedanken nach, oder lauſchte auf den Geſang der Vögel, die ungeſtört vor mir ihre lieblichen Lieder erſchallen ließen. Hier ſaß ich wie ab⸗ geſchieden von aller Welt, denn obgleich kaum zehn Schritt von meiner ſchönen Laube entfernt ein Fußweg vorüberführte, ſo verirrte ſich doch ſelten Jemand hier⸗ her, und jedenfalls konnte ich in meinem Verſtecke von Niiemand geſehen werden. So ſaß ich an jenem Tage auch ganz heiter und glücklich in meinem verborgenen Neſtchen, als ich plötz⸗ lich den Sand auf dem Wege unter den Fußtritten nahender Menſchen knirſchen hörte. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, ſondern blieb ruhig auf meinem Platze. Die Fußtritte kamen indeß näher— jetzt— jetzt aber horchte ich doch auf und ſchrak zuſammen, denn ich hörte Stimmen und erkannte die Stimme Otto's, 4 „Ich ertrag' es nicht länger,“ ſagte er.„Ich zittere vor Aerger, wenn ich den widerwärtigen Buben nur ſehe, und er ſoll und ſoll und ſoll mir nun fort aus dem Hauſe.“« „Geduld, junger Herr, Geduld!« antwortete eine andere Stimme, an der ich auf der Stelle Friedrich er⸗ kannte, denſelben Friedrich, der in Otto's Hand zum Werkzeuge gedient hatte, mich von dem Tiſche der Herr⸗ ſchaft zu verdrängen.„Wenn Sie die Sache übereilen, geht am Ende der Schlag fehl, der ſo herrlich ausge⸗ dacht und vorbereitet iſt, und Sie werden den Bauern⸗ jungen gar nicht los. Warten Sie noch ein paar Tage, dann findet ſich die Gelegenheit von ſelbſt, und auf Sie kann nicht der mindeſte Verdacht fallen. Der Plan iſt gut, und er muß gelingen, wenn Sie nicht durch Uebereilung Alles wieder verderben. Haben Sie ſich die ganze Zeit über zu beherrſchen gewußt, werden Sie es doch noch ein paar Tage können! Wenn Ihr Herr Vater verreist, ſo iſt die beſte Zeit da.“ „Wer weiß, ob er's thut,« fage Otto.„Er kann ſich anders beſinnen, und dann. „Dann,“ fiel Friedrich ein, viſt Alles noch eben ſo, wie jetzt, und wir haben nur ein paar kurze Tage ver⸗ loren. Beſorgen Sie nichts, junger Herr! Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich, und Sie werden es gewiß nicht bereuen, wenn Sie meinem Rathe folgen.“ „Nun gut, ſo verhaßt und widerwärtig mir der Junge iſt, ich will dennoch warten,“ entgegnete Otto. „Aber nicht länger, ſag; ich dir! Ich will ihn nicht länger ſehen, und. Die Schritte entfernten ſich, die Worte wurden un⸗ deutlich, ich konnte nichts weiter verſtehen. Aber ich hatte genug gehoͤrt! Ich zitterte, eine unſägliche Angſt bemächtigte ſich meiner und preßte mir das Herz zu⸗ ſammen, betäubt ſaß ich da, und konnte kaum einen Gedanken ſammeln, um über das Gehörte nachzuſinnen. Ich durfte mir nicht verhehlen, daß Otto und der Be⸗ diente über mich geſprochen hatten. Zwar hatte weder der Eine noch der Andere meinen Namen ausgeſprochen, aber die Bezeichnungen„widerwärtiger Bube“ und „Bauerjunge“ ſagten zu deutlich, wer gemeint ſei, als daß ich mich einer Selbſttäuſchung hätte hingeben kön⸗ nen. Ich, und kein Anderer ſollte vom Schloſſe fort! Ich war der Einzige, den Otto mit ſeinem Haſſe ver⸗ folgte— auf mein Verderben ſann er, zu meiner Ver⸗ treibung war ſchon der Plan entworfen. Aber welcher Plan? Was ſollte mit mir geſchehen? Und ſie waren des Gelingens ſo gewiß; trotzdem daß ich mich völlig unſchuldig fühlte, daß ich mir auch nicht des geringſten Vergehens bewußt war. Ich ſchauderte, wenn ich uͤber⸗ legte, weſſen Otto wohl fähig ſein könnte. Seine Zu⸗ rückhaltung, ſeine Mäßigung gegen mich war alſo nichts geweſen, als planmäßige Verſtellung! Er hatte ſeinen Haß gegen mich ſorgfäͤltig verborgen, um mich ſpäter deſto ſicherer zu verderben! Daß er ſo böſe ſein, daß ſein Herz ſo voll Trug und Heuchelei ſein könne, das hatte ich freilich nicht geglaubt. Wie aber ſollte ich mich nun gegen ſeinen Anſchlag ſchützen? Wie ſollte ich der Schlinge entgehen, die er mir bereits gelegt hatte, oder noch legen wollte, wenn ſein Vater verreist ſein würde? Ich ſann und ſann hin und her, wußte mir aber in meiner Angſt und Verwirrung keinen Rath. Endlich beſchloß ich, zu Herrn Walther zu eilen, und dieſem das Vernommene, ſo wie meine peinigenden 87 Befürchtungen mitzutheilen. Er fand vielleicht einen Ausweg, wo ich nichts als Verwirrung und Dunkel⸗ heit ſah. Als ich aus meinem Verſtecke hervortrat und durch den Park dem Schloſſe zueilte, begegneten mir Otto und Friedrich. Otto wendete den Blick von mir ab und drehte mir den Ruͤcken zu; Friedrich aber erwiederte mit ſpöttiſcher Geberde meinen Gruß, und lachte laut und höhniſch hinter mir drein, als ich an ihnen vorüber gegangen war. Athemlos und bleich vor Angſt trat ich zu Herrn Walther in die Stube, der mir auf den erſten Blick anſah, daß mir irgend etwas Außerordentliches zugeſtoßen ſein müſſe. „Um Gottes willen, Baſtel, wie ſiehſt du aus?« rief er und ſprang auf, um theilnehmend meine Hand zu ergreifen.„Haſt du mit Otto etwas vorgehabt?« „Nein, ja, nein,“ ſtammelte ich.„Nicht grade per⸗ ſönlich mit ihm ſelbſt— nur ein Geſpräch zwiſchen ihm und Friedrich hab' ich belauſcht.“ „Und was weiter, Baſtel? Erzähle mir Alles!« ſagte Herr Walther. »Deßwegen bin ich grade zu Ihnen gekommen,“ erwiederte ich, und wiederholte nun Wort für Wort die Unterredung, zu deren Zeugen mich der Zufall gemacht hatte. Herr Walther hörte mich mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit an, und verſank darauf in ein tiefes Nach⸗ denken. „Das iſt ſchlimm,“ ſagte er endlich,„viel ſchlimmer, als wir vielleicht ahnen. Eine ſolche Bosheit hätte ich Otto, obgleich ich ihn nun ſchon Jahre lang kenne, doch nicht zugetraut. Haſt du denn gar nicht gehört, Vahi was für einen Streich ſie dir ſpielen wollen e 88 „Nein! Ich habe nichts gehört, als was ich Ihnen mittheilte,“ antwortete ich.„Das iſt ja eben, was mich ſo ſchrecklich beängſtigt.“ „Laß dir's nicht allzuſehr zu Herzen gehen, Baſtel,“ tröſtete mich Herr Walther.„Wir wiſſen nun wenig⸗ ſtens, daß man auf Böſes gegen dich ſinnt, und können auf unſerer Hut ſein. Und am Ende iſt die ganze Sache auch gar nicht ſo gefährlich. Du biſt unſchuldig — zu einem Vergehen wirſt du dich nicht verlocken laſſen — und der Verläumdung kann man am Ende immer mit der Macht der Wahrheit entgegentreten. Sei ruhig, Baſtel! Sie werden ihr Spiel nicht ſo verſteckt ſpielen können, daß wir nicht einen Blick in ihre Karten thun — und am Ende gibt es ein gutes altes Sprichwort: „Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein.“ Laß dir's nicht merken, Baſtel, bleib' ſo unbefangen, wie möglich, und halte dich verſichert, daß ich mich deiner auf's Kräftigſte annehmen werde, wenn es nothwendig ſein ſollte.“ Der Troſt Herrn Walthers verfehlte nicht ganz ſeinen Zweck. Mein ängſtlich zagendes Herz ſchlug ruhiger, und ich konnte mir ja ſelbſt mit gutem Ge⸗ wiſſen ſagen, daß ich mir keinen ernſtlichen Vorwurf zu machen brauche. Ich beſchloß, dem Rathe des Hof⸗ meiſters zu folgen, und mir auf keine Weiſe merken zu laſſen, welchen Verdacht ich gegen Otto geſchöpft hatte. So vergingen mir drei oder vier Tage in geſpann⸗ ter Erwartung. Otto's Benehmen blieb unveränderlich daſſelbe gegen mich: er überſah mich und ſtellte ſich an, als ob ich gar nicht in der Welt wäre. Da ließ mich eines Tages der Baron auf ſein Zimmer berufen. „Sebaſtian,“ ſagte er freundlich zu mir— pich 2 89 verreiſe morgen auf ein paar Tage, und du könnteſt mittlerweile den Stoß Forſtrechnungen da in Ordnung bringen. Otto hat mir geſagt, daß du recht geſchickt im Rechnen ſeieſt, und es wäre mir lieb, wenn du bis zu meiner Ruckkehr mit der Arbeit fertig wäreſt. Willſt du mir dieſe Gefälligkeit erweiſen, mein Sohn?« „»Von Herzen gern,“ erwiederte ich.„Alle moͤgliche Mühe will ich darauf verwenden, um Ihnen einen Beweis meiner Dankbarkeit zu geben.“ »„Schön, ſchön!« ſagte der Herr Baron.„Dann magſt du gleich morgen früh anfangen— ich werde Befehl geben, daß man dir mein Zimmer aufſchließt.“« »Ich ſoll hier arbeiten?« fragte ich.„Dürfte ich nicht lieber die Rechnungen mit auf meine Stube nehmen?“ „Nein, nein,“ entgegnete der Herr Baron—„es ſind ſehr wichtige Dokumente unter den Papieren, und es darf mir kein Blatt davon verloren gehen. Du mußt die größeſte Vorſicht beobachten und dafür Sorge tragen, daß Alles hübſch ordentlich beiſammen bleibt. Uebrigens ſei nicht allzu ängſtlich— hier im Zimmer wird ja nichts verzettelt werden.“ Obgleich mir von der ganzen Sache nicht viel Gutes ahnte, konnte ich mich doch nicht weigern, das mir auf⸗ getragene Geſchäft zu übernehmen. Doch beobachtete ich wenigſtens die Vorſicht, den Herrn Baron zu bitten, mir einen verſchließbaren Behälter anzuweiſen, in wel⸗ chem ich Abends nach gethaner Arbeit die Papiere ſichern könne. Der Herr Baron fand zwar dieß Ver⸗ langen unnöthig, indeß gab er dennoch meinem Wunſche nach und vertraute mir den Schlüſſel zu einem Fache ſeines Schreibtiſches an. — 90 „Nun iſt Alles gut,“ ſagte ich,„und ich hoffe, Sie werden bei Ihrer Rückkehr mit mir zufrieden ſein.“ Mein erſter Gang, nachdem ich den Herrn Baron verlaſſen hatte, war zu Herrn Walther, um demſelben die nöthigen Mittheilungen zu machen. „Du haſt klug gehandelt, Baſtel, daß du dir den Schlüſſel geben ließeſt,« ſagte er.„Es könnte wohl ſein, daß Otto und Friedrich mit der Abſicht umgehen, entweder die Rechnungen während deiner Abweſenheit in Unordnung zu bringen, oder wohl gar das eine oder das andere wichtige Dokument wegzunehmen, um dann nachher dir die Schuld vom Verſchwinden deſſelben auf⸗ zubürden. Ich geſtehe dir, es gefällt mir nicht, daß gerade Otto dich ſeinem Vater ſo angelegentlich em⸗ pfohlen hat, und merk' auf, Baſtel, die große Rech⸗ nungs⸗Angelegenheit iſt weiter gar nichts, als eine Schlinge, in der du gefangen werden ſollſt. Indeß wir wiſſen mehr, als Otto ahnt, und du wirſt keinen Abend vergeſſen, deine Papiere hinter Schloß und Rie⸗ gel zu bergen.“ „Ganz gewiß nicht,« ſagte ich.»An Vorſicht und Behutſamkeit werde ich es nicht fehlen laſſen.“«. Am nächſten Morgen reiste der Herr Baron ab, und ich begab mich, ſobald er fort war, zu dem alten Ulrich, ſeinem Kammerdiener. Er wußte ſchon Beſcheid. „Ah, Sie ſind es, Sebaſtian,“ ſagte er.„Nur herein! Ich werde die Thür hinter Ihnen verſchließen, damit Sie ungeſtört bleiben. Und wiſſen Sie was? Geben Sie ſich ja rechte Mühe mit den Rechnungen, damit der Herr Baron zufrieden iſt: er will Ihnen wohl, und wenn Sie recht fleißig ſind, gewinnen Sie vollends ſeine Gunſt. Verſtehen Sie?“ 91 »Ja, ja, guter Ulrich,« erwiederte ich—„an mir ſoll es nicht fehlen— aber geben Sie nur ja Acht, daß außer mir kein Menſch in das Zimmer des Herrn Barons kommt. Ich habe meine Gründe, Sie recht inſtändig darum zu bitten!« »Ohne Sorge, mein lieber Sebaſtian, ganz ohne Sorge!“ ſagte er.„Der Schlüſſel zur Thür kommt nicht aus meinen Händen, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen. Ich weiß wohl, daß Ihnen Mancher im Schloſſe hier nicht recht grün iſt, ſondern Ihnen alles mögliche Böſe wünſcht; aber der alte Ulrich iſt Ihr Freund und wird ſchon aufpaſſen, daß man Ihnen keine ſchlechten Streiche ſpielt. Alſo arbeiten Sie ganz ruhig und ohne Sorge, mein lieber Sebaſtian.“ Die Verſicherungen des alten treuen Mannes be⸗ ruhigten mich vollends, und ich ging mit regem Eifer an mein Geſchäft. Es war eine ſehr verwickelte Ar⸗ beit, und ſie machte mir viel Kopfbrechens; aber mit der Zeit fand ich mich doch hinein und blieb ſo fleißig dabei, daß ich mir kaum eine Stunde zum Eſſen und zur Erholung vergönnte. Als der Abend kam, machte ich Schicht, ſuchte ſorgfältig jedes Blättchen von den Rechnungen zuſammen und verſchloß das Ganze in dem Fache, zu dem der Herr Baron mir den Schlüſſel ge⸗ geben hatte. Den Schlüſſel ſteckte ich zu mir und ver⸗ wahrte ihn Nachts unter meinem Kopfkiſſen. Am nächſten Morgen in der Fruühe, noch ehe die Sonne aufging, ſaß ich ſchon wieder an meinem Schreib⸗ tiſche, und brachte den Tag, wie geſtern, in angeſtreng⸗ ter Arbeit zu. Ich kam wacker vorwärts. Am Abend dieſes Tages war das Hauptgeſchäft beendigt, und ich konnte hoffen, mit dem Reſte morgen bei guter Zeit fertig zu werden. Aber ich fühlte mich auch ſehr er⸗ ſchöpft und trat, ehe ich das Zimmer verließ, auf ein paar Minuten an's Fenſter, um einige Athemzüge friſche Luft zu ſchöpfen. Ich öffnete den Fenſterflügel, bog mich hinaus, und betrachtete mit ſtiller Freude das ſchöne Landſchaftsbild, das ſich vor meinen Augen ausbreitete. Die Berge, die Wälder, die Hütten im Thale, der huͤpfende Bach mit ſeinen blitzenden Wellen lagen vor mir; ſelbſt das Dach unſerer kleinen Hütte konnte ich durch das dunkle Grün der Tannen zu mir herüber ſchimmern ſehen. Einige Minuten ſtand ich in den lieblichen Anblick vertieft, als eine ſpöttiſche Stimme von unten her in mein Ohr drang. „Sie benutzen Ihre Zeit ja recht gut, Herr Gänſe⸗ Baſtel!“ rief ſie mir zu.„Da wird ſich der Herr Baron freuen, wenn er wiederkommt.“ Ich blickte hinab und ſah Friedrich, den Bedienten, der höhniſch lächelnd zu mir in die Höhe ſchaute. Der Menſch war mir im innerſten Herzen zuwider. Ohne— ihm eine Antwort zu geben, ſchlug ich das Fenſter zu, packte meine Rechungen zuſammen, ſchloß ſie ein und entfernte mich auf meine Stube. Ich wollte gar nicht mehr an den widerwärtigen Menſchen, den Friedrich, denken— aber ſeltſamer Weiſe konnte ich ſein Bild an dieſem Abende nicht aus meiner Seele verbannen. Immer ſchwebte es mir vor mit ſeinem ſpöttiſchen Ge⸗ ſicht und verfolgte mich ſogar bis in meine Träume hinein. Ich träumte, ich fühle einen ſchweren Druck auf meiner Bruſt und Friedrich ſei es, der ſich über mich hingeworfen habe, um mich zu erſticken. In Angſt⸗ ſchweiß gebadet, wachte ich auf. „Alberne Einbildungen!“ ſagte ich zu mir ſelbſt, 93 um die Furcht, die unwillkührlich meine Bruſt einengte, hinweg zu ſpotten. Was kann dir der Menſch thun? In das Zimmer des Barons darf er ja nicht eintreten — und wenn auch— meine Rechnungen und Doku⸗ mente liegen ja ſicher hinter Schloß und Riegel. Ich habe mich bei der Arbeit zu ſehr angeſtrengt und daher kommen denn die wüſten Träume. Morgen will ich einen tüchtigen Spaziergang machen, und dann wird wohl Alles vorüber ſein!« Ich drückte meinen Kopf wieder in die Kiſſen, und ſchlummerte auch wirklich wieder ein. Doch war mein Schlaf kein erquicklicher; ich ſchreckte noch einige Male daraus auf, und fühlte mich am Morgen ſehr unbehag⸗ lich und verſtimmt. Indeß dachte ich, dieß Gefühl werde ſich bei der Arbeit ſchon geben, und eilte nach 85 Zimmer des Herrn Barons, das mir der alte Ulrich, wie geſtern und vorgeſtern, aufſchloß. »Sie ſehen ſo blaß aus, Sebaſtian,« ſagte er zu mir.„Sind Sie nicht munter?« »Ach doch! Nur ein wenig unruhig geſchlafen hab' ich und fühle mich davon angegriffen,“ entgegnete ich. „Aber wie iſt's, Ulrich? Sie haben doch Niemand in's Zimmer gelaſſen?« »Keine Menſchenſeele, lieber Sebaſtian,« entgegnete er.„Sie kennen mich ja, was ich verſpreche, das halt' ich auch.“ »Gut, Ulrich, ich glaube Ihnen,“« ſagte ich.„Aber wie iſt's, kommt der Herr Baron heute zurück?« »Erſt morgen, ſo viel ich weiß,« erwiederte der Alte. „Sie können ſich Zeit nehmen und brauchen nichts zu übereilen.« 94 „Das iſt auch nicht mehr nöthig— in ein paar Stunden ſchon werde ich fertig ſein,“ ſprach ich. Der alte gute Ulrich lobte meinen Fleiß und ent⸗ fernte ſich. Ich war noch immer ein wenig aufgeregt und ſchritt, ehe ich mich an den Arbeitstiſch ſetzte, ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, um mein Blut zu beruhigen. Da fiel mein Blick zufällig auf das Fenſter, durch welches ich geſtern Abend in's Freie ge⸗ ſehen hatte, und ich ſtutzte. Es war nicht zugeriegelt und bewegte ſich leiſe im Hauche des Windes. „Was iſt das?« fragte ich mich ſelbſt erſchrocken. „Sollte ich geſtern Abend das Fenſter zu ſchließen ver⸗ geſſen haben? Unmöglich!« Ein böſer Verdacht flog erſchütternd durch mein Gemüth. Das Fenſter lag nicht hoch von der Erde— kaum zwölf Fuß hoch! Wie, wenn Jemand von außen hereingeſtiegen wäre, um meine Papiere... Ich dachte den Gedanken nicht aus, ſondern flog zu dem Fache, in dem ich die Dokumente aufbewahrte. Ich athmete leichter— das Schloß ſchien unverſehrt. Ich öffnete es— nahm meine Papiere heraus— zählte ſie flüch⸗ tig, dann noch einmal bedächtiger durch— es fehlte nichts daran, nicht das kleinſte Blättchen, und meine ängſtliche Aufregung ging vorüber. „Ich bin ein rechter Thor,“ murmelte ich vor mich hin.„So vor nichts zu erſchrecken! Gewiß habe ich geſtern im Aerger über den fatalen Friedrich vergeſſen, den Fenſterriegel vorzuſchieben, und natürlicher Weiſe mußte ich nun das Fenſter offen finden. Wie kann man nur ſo thöricht ſein, ſelbſt in einem ſo geringfügi⸗ gen Umſtande Arges zu vermuthen.“ Ich ſchloß das Fenſter zu, ſetzte mich an den Schreibtiſch, und fing emſig zu arbeiten an. Aber ich konnte meine Gedanken nicht feſſeln und zuſammenhal⸗ ten: die Zahlen ſchwirrten mir vor den Augen— zehn⸗ mal verrechnete ich mich— immer dachte ich an das offene Fenſter und an meine Feinde Otto und Friedrich, und konnte mich durchaus einer bangen Ahnung irgend eines Unheils nicht erwehren. Nach zwei Stunden hatte ich noch nicht ſo viel gearbeitet, wie an den ver⸗ gangenen Tagen in einer halben Stunde. Aber nun wurde ich ordentlich böſe auf mich, ſchalt mich ſelbſt tüchtig aus, und nahm mir feſt vor, durchaus an wei⸗ ter nichts zu denken, als an meine Rechnungen. Noch einmal ſetzte ich an, und nun gelang es. Noch vor Mittags war ich fertig, und ſchloß ziemlich beruhigt meine Papiere wieder in das Fach ein. Als der alte Ulrich mir mein Mittagseſſen brachte, trat ich ihm mit erheitertem Geſicht entgegen. „Ach, jetzt ſehen Sie ganz anders aus, als heute früh,« ſagte er freundlich.„Und was iſt das— Sie arbeiten nicht mehr— ſind Sie zu Ende?« »Ja, Ulrich, fixr und fertig, und ich hoffe, zur Zu⸗ friedenheit des Herrn Baron,“ entgegnete ich.„Aber nun will ich auch nur ein paar Biſſen genießen, und dann in's Freie hinaus! Ich ſehne mich nach der fri⸗ ſchen Luft und den grünen Wäldern, denn ich fühle mich doch ein wenig abgeſpannt.“ Geſagt, gethan! Ich gönnte mir kaum die Zeit zum Satteſſen, und dann verließ ich das Schloß, um nach Herzensluſt im Freien umherzuſchweifen. Bergauf, berg⸗ ab ſpazierte ich und kam erſt mit anbrechender Dunkel⸗ heit wieder nach Hauſe. Hier überraſchte mich Herr Walther mit der Nachricht, daß der Herr Baron wider 4 96 Erwarten bereits eingetroffen ſei und ſchon nach mir gefragt habe. Ich eilte ohne Zögern zu ihm. Der Herr Baron machte große Augen, und blätterte raſch die Papiere durch.„In der That, das iſt viel!“ ſagte er.„Das hätte ich nicht erwartet! Und Alles ſauber, nett und ordentlich gemacht. Wahrhaftig, Se⸗ baſtian, ich bin zufrieden mit dir, und um meine un⸗ gerechten Vorwürſe wieder gut zu machen— da— nimm!“ Ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte! Der Herr Baron hielt mir ein blankes Goldſtück hin.„So greife doch zu!« fuhr er fort.„Du haſt es redlich verdient und brauchſt dich nicht zu ſchämen, den Lohn deiner Arbeit einzuärndten.“ Mein beſcheidenes Weigern nützte nichts— der Herr Baron zwang mir das Goldſtück auf, und reicher, als ich je in meinem Leben geweſen war, verließ ich ſein Zimmer, um Herrn Walther mein gutes Glück zu verkündigen. In der That fühlte ich mich ſehr glücklich. Nicht allein, daß ich mir die Zufriedenheit des Herrn Barons erworben hatte und von ihm ſo reich beſchenkt worden war, zwei Umſtände, die mich nicht wenig freuten— nein, es lag ja nun auch ohne Gefährde der gefürchtete Zeitpunkt hinter mir, wo ich hatte gewärtig ſein müſſen, ein Opfer von Otto's Haſſe zu werden. Nichts Böſes irgend einer Art war mir zugeſtoßen, und feſter als je hoffte ich, daß es mir nun auch in Zukunft gelingen werde, durch einen rechtſchaffenen Wandel jede drohende Gefahr von mir abzuwenden. Herr Walther theilte meine Anſicht, und zufriedener, als ſeit langer Zeit, ſuchte ich an dieſem Abende mein Lager auf. Kein 97 ſchwerer Traum ängſtigte und quälte mich— mit hei⸗ teren Sinnen und frohem Herzen ſtand ich am folgen⸗ den Morgen auf, um mich nach gewohnter Weiſe zu meinen Büchern zu ſetzen. Aber dieſer Morgen! Welche Angſt, welchen Schrecken ſollte er noch über mich armen Knaben bringen! Es mochte gegen zehn Uhr ſein, da kam Friedrich und überbrachte mir den Befehl, daß ich augenblicklich vor dem Herrn Baron erſcheinen ſolle. Der Ton, mit dem er dieſe auffallende Einladung ſprach, und mehr noch ſein Blick voll Schadenfreude erſchreckten mich. „Was will denn der Herr Baron von mir?« fragte ich. „Nun das werden Sie doch wohl am Beſten wiſ⸗ ſen,“ antwortete er.»Ihr ſchlechter Streich iſt noch zu rechter Zeit entdeckt worden.“ „Ein ſchlechter Streich? Ich?« rief ich aus.„Was wollen Sie damit ſagen, Friedrich?« Friedrich gab mir keine Antwort, ſondern ging; ich, obgleich ich mich ſo unſchuldig fühlte, wie ein neuge— borenes Kind, folgte ihm blaß und zitternd nach.„Jetzt wird es kommen!“ dachte ich.„Jetzt wird der lange vorbereitete Schlag Otto's vernichtend auf dein Haupt niederfallen.« Ich ließ meine Augen in der Todesangſt nach Herrn Walther umherſchweifen— aber er war nirgends zu erblicken. Dagegen ſah ich eine Gruppe von Bedienten beiſammen ſtehen, die mich ſcheu anſahen, als ich an ihnen vorüber ging, und meinen Gruß unerwiedert lie⸗ ßen.„Mein Gott, was hat dieß Alles zu bedeuten?« fragte ich mich ſelbſt. Die Leute waren ſonſt immer ſo freundlich und zu⸗ vorkommend gegen mich geweſen— und nun auf ein⸗ Kleine Urſachen. 7 98 mal eine ſo vollſtändige Umwandlung! Indeß, beim Herrn Baron mußte ich ja erfahren, weſſen ich beſchul⸗ digt wurde. Ich raffte meine ganze Seelenſtärke zu⸗ ſammen, ſprach mir ſelber Muth ein, indem ich mich auf mein reines Gewiſſen und meine Schuldloſigkeit ſtützte, und trat endlich, noch immer blaß, aber doch mit einiger Faſſung, in das Zimmer des gnädigen Herrn, der mich mit einem ſehr finſtern und ungnädigen Blicke empfing. Schon dieſer Blick ſchüchterte mich nicht wenig ein— aber noch mehr erſchrak ich, als ich außer dem Herrn Baron auch noch die gnädige Frau, Otto, den Bedienten Friedrich und— doch wenigſtens Ein kleiner Troſt— Herrn Walther im Zimmer gewahrte. Ich warf ihm einen kurzen, bangen, fragenden Blick zu— er zuckte die Achſeln und gab mir dadurch zu verſtehen, daß er ſelber von der ganzen Sache, die verhandelt werden ſollte, noch nichts wiſſe. „Komm näher, Sebaſtian,“ ſagte der Herr Baron ſtreng zu mir, als ich zögernd und vollſtändig einge⸗ ſchüchtert an der Thür ſtehen blieb.„Komm näher— dicht vor mich hin ſollſt du treten.“ Ich gehorchte— aber mir war zu Muth, als ob der Boden unter mir ſchwanke, als ob er jeden Augen⸗ blick unter meinen Füßen zuſammenbrechen müſſe. „Jetzt blicke mich an«— fuhr der Herr Baron fort, als ich dicht vor ihm ſtand—„und beantworte die Fragen, die ich an dich richten werde, offen und der Wahrheit gemäß. Zunächſt, Sebaſtian, hat man dich hier im Schloſſe nicht immer mit Güte und Nachſicht behandelt?“ „Ja, gnädiger Herr, das haben Sie gethan,“ ant⸗ wortete ich mit zuckendem Munde. 99 »Wohl! Hat man es dir ferner an irgend Etwas fehlen laſſen?« Biſt du nicht immer gut gekleidet ge⸗ weſen? Haſt du jemals Hunger und Durſt leiden müſ⸗ ſen? Antwort!« „Niemals, oh, niemals, Herr Baron!“ erwiederte ich.„Sie ſorgten für Alles, und ich kann Ihnen nie dankbar genug dafür ſein!« »Alſo das fühlſt du, Sebaſtian, und konnteſt den⸗ noch, dennoch ſo ganz aller Dankbarkeit vergeſſen? Nie hätte ich etwas der Art von dir geglaubt oder erwartet.“ »Aber was denn? Was denn, gnädiger Herr,“ ſagte ich voll Verwirrung und brach in Thränen aus, die ich nicht länger zurückzuhalten vermogte.„Was ſoll ich denn begangen haben? Ich weiß von nichts— ich bin ganz unſchuldig!« „Lüge nicht und laß dieſe heuchleriſchen Thränen weg,“ ſprach der Herr Baron barſch.„Deine Schuld iſt ſo ſonnenklar erwieſen und liegt ſo hell zu Tage, daß du ſie nicht mehr abläugnen kannſt. Alles, Alles ſpricht gegen dich! Ja, ich ſelbſt habe mich lange ge⸗ ſträubt, es zu glauben, aber endlich mußte ich doch zu⸗ geben, daß ein Irrthum hier nicht möglich ſei. O, Se⸗ baſtian, wie konnteſt du dich ſo weit vergeſſen?« »Aber, gnädiger Herr,“ rief ich aus,„ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht weiß, welches Unrechts man mich beſchuldigt und was ich begangen haben ſoll! So thei⸗ len Sie mir venigſtens die Anklage mit, damit ich mich vertheidigen fann!“ „Unerhöyte Frechheit!« murmelte die Frau Baronin. »„Erbärnllicher, feiger Schurke!« ſagte Otto. »Ausgelzenter Taugenichts!“« flüſterte halblaut Mon⸗ ſteur Friedr h. 4 100 Der Baron warf mir einen vorwurfsvollen, ſtrafen⸗ den Blick zu und ſchüttelte den Kopf.„Du biſt ver⸗ ſtockter und halsſtarriger, als ich dachte,“ ſprach er nach einer kurzen Pauſe des Nachdenkens.„»Trotzdem aber ſoll dir in Berückſichtigung des Dienſtes, den du einſt meinem Sohne Alfred geleiſtet haſt, Gnade und Ver⸗ zeihung zu Theil werden, wenn du wenigſtens jetzt noch in dich gehſt, dein Herz der Reue öffneſt und um Ver⸗ zeihung bitteſt. Deine einzige Strafe ſoll ſein, daß du für immer das Schloß verläßt. Beharrſt du aber auf deinem Läugnen— nun wohlan, ſo mag die Gerech⸗ tigkeit ſtatt der Gnade walten, und die gebührende Strafe wird dich ereilen. Sebaſtian, bekenne! Gib die entwendeten Pretioſen heraus und mache auf ſolche Weiſe wenigſtens einigermaßen den begangenen Fehler „ wieder gut.“ Ich fͤhlte, wie bei dieſer ſchrecklichen Anklage Todtenbläſſe mein Geſicht überzog; mein Blut erſtarrte; das Licht meiner Augen verdunkelte ſich; meine Glieder zitterten; das Mark in meinen Knochen ſchien zu Eis zu werden. Ich rang nach Athem, um Worte zu fin⸗ den, die Beſchuldigung zurückzuweiſen und meine Un⸗ ſchuld zu behaupten; aber meine Zunge war mir ge⸗ lähmt, und meine furchtbare Verwirrung ſchien in den Augen der Anweſenden nur eine Beſtätigung meiner Schuld zu ſein.. „Da ſehen wir's ja ſonnenklar,« ſagte die Frau Baronin.„Sein böſes Gewiſſen drückt ihn zu Boden!“ Das war zu viel. In einem furchtbaren, gellenden Aufſchrei machte ſich meine beklemmte Bruſt Luft; ich fand wieder Worte.„Gott im Himmel,“«Kiief ich—— „ich, ich ſoll ein Dieb ſein? Oh, gnädiger Foerr, glau⸗ 101 ben Sie dieſer abſcheulichen Lüge nicht! So wahr ein Gott im Himmel lebt, der meine falſchen Ankläger be⸗ ſtrafen wird, in bin unſchuldig! Meine Hände ſind rein von fremdem Gut, wie mein Gewiſſen frei von Schuld⸗ bewußtſein! Herr Baron, zweifeln Sie nicht an meinem Schwure— ſtellen Sie mich meinem verläumderiſchen und ſchändlichen Ankläger gegenüber, und dann wollen wir ſehen, ob er die Frechheit hat, mich Auge in Auge eines ſo abſcheulichen Verbrechens zu beſchuldigen!“ Die heilige Verſicherung meiner Unſchuld ſchien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Herrn Walthers fin⸗ ſtere Stirn heiterte ſich ſichtbar auf und ein freundlicher Blick von ihm flößte mir neuen Muth ein. Die Frau Baronin ſchlug die Augen zu Boden; der Baron warf einen zweifelhaften, fragenden Blick auf Otto, der ſeine Beſtürzung und Verlegenheit vergebens hinter einem höhniſchen Lächeln zu verbergen ſuchte— und nur Friedrich allein ſchien ganz ruhig zu bleiben und ſchaute mit zuverſichtlicher Frechheit den Baron an. „Was iſt das?« ſagte dieſer endlich.»Man ver⸗ ſicherte mir, Sebaſtian würde von der Anklage zu Bo⸗ den geſchmettert werden, und nun vertheidigt er ſich auf eine Weiſe, die, ich muß geſtehen, meinen Glauben an ſeine Schuld nicht wenig erſchüttert.“ Ich athmete auf, ich dachte gewonnen zu haben, ich hoffte, nun meine Schuldloſigkeit mit leichter Mühe be⸗ weiſen zu können. Aber Friedrich, mein böſer Dämon, vereitelte dieſe allzu früh gefaßte Hoffnung mit wenigen Worten.„Gnädigſter Herr,“ ſagte er zum Baron— „das iſt ſo die Art aller Spitzbuben, daß ſie mit der größten Frechheit Alles abläugnen. Aber fragen Sie 102 den Dieb doch, wo er den Siegelring verkauft hat, den er mit dem Uebrigen hier aus dem Schranke nahm.“« „Ah, das iſt wahr!“ erwiederte der Baron.„Faſt hätte mein gutes Herz mir wieder einen Streich ge⸗ ſpielt. Antworte, Sebaſtian! Wo haſt du den Siegel⸗ ring verkauft— dieſen Siegelring, der durch einen glücklichen Zufall wieder in meine Hände gekommen iſt.« „Dieſen Siegelring,“ ſagte ich—„ich habe ihn nie geſehen— wie ſollte ich ihn verkauft haben?« „Er läugnet noch immer,“ ſprach der Herr Baron unwillig—„nun wohlan denn, ſo wollen wir ihm den Ankläger gegenüber ſtellen! Aber noch einmal, Seba⸗ ſtian, will ich Gnade für Recht walten laſſen, wenn du jetzt, jetzt noch freiwillig dein Verbrechen eingeſtehſt und deinen Raub herausgibſt! Bedenke, was du thuſt, Sebaſtian! Dieſer Ring muß dir ja ſonnenklar bewei⸗ ſen, daß uns deine Schuld vollſtändig bekannt iſt! War⸗ um alſo noch länger läugnen? Vergiß nicht— es ge⸗ ſchieht zum letzten Male, daß ich dir Gnade anbiete! Zögerſt du jetzt noch, ſo wird dich die ganze Strenge der Geſetze treffen! Und nun ſprich!“ „ Ich läugne Alles!“ ſagte ich.„Ich wiederhole, daß die ganze Anklage weiter nichts iſt, als eine ſchänd⸗ liche Schlinge, die mich in's Verderben ſtürzen ſoll! Aber nur zul drückt mich armen Knaben nur zu Boden unter der Laſt der Schande, die Ihr über mein Haupt häuft! Gott, der Alles ſieht und Alles weiß, der in's Verborgene ſchauet und in die Herzen der Menſchen, Gott wird mich wieder aufrichten vom tiefen Fall und wird meine Unſchuld offenbar werden laſſen vor aller Augen!“ „Deſto beſſer für dich, wenn du dich wirklich frei * ⸗ —— merdiener herbei, welcher natürlich die Angabe Otto's 103 in deinem Gewiſſen fühlſt,« ſprach der Herrn Baron. „Aber die Zeit der Gnade iſt nun vorbei, und die Ge⸗ rechtigkeit mag ihren Lauf haben. Otto, mein Sohn, wiederhole deine Anklage.“ Alſo wahr! Alſo Otto wirklich der Ankläger! Ja, ja, es lag deutlich genug am Tage, daß er die Luge zu meinem Verderben erſonnen hatte! Jetzt wußte ich nun, von welchem Plane die Rede geweſen war, als er, von mir belauſcht, im Parke die Unterredung mit Friedrich gehalten hatte. Aber ich blieb ſtandhaft, ja, ich fühlte mich ordentlich erleichtert, nun ich wenigſtens im Klaren über die Beſchuldigung war. Das Lügen⸗ hafte derſelben mußte, mußte ja zu Tage kommen! Otto trat bei der Aufforderung ſeines Vaters mit kecker Miene vor, und ſagte:„Vater, die Sache ver⸗ hält ſich ganz genau ſo, wie ich dir ſie erzählte, und dieſer elende Dieb täuſcht ſich ſehr, wenn er meint, mich durch ſeine Frechheit einſchüchtern zu können. Am Tage nach deiner Abreiſe wollte ich auf dein Zimmer gehen, um mir ein Buch zu holen, das ich zu einer Arbeit bedurfte, fand aber die Thür verſchloſſen und befahl dem alten Ulrich, der den Schlüſſel beſaß, mir aufzumachen. UÜlriich weigerte ſich, weil du, Vater, ihn angewieſen habeſt, daß er ſich nach Sebaſtian richten ſolle, und weil dieſer Menſch ihm den ſtrengſten Auf⸗ trag ertheilt hatte, Niemanden den Eintritt in dein Zim⸗ mer zu geſtatten. Wäre Ulrich hier, ſo würde er mir das bezeugen.“ „Halt! Man ſoll Ulrich rufen,« unterbrach der Herr Baron die Erzählung. Friedrich eilte davon und brachte den alten Kam⸗ 104 bekräftigte, da ſie allerdings auf Wahrheit beruhete. Ich ſelbſt läugnete ſie auch keineswegs, ſondern erwähnte nur, daß ich allein deßhalb habe ungeſtört bleiben wol⸗ len, um nicht in meiner Arbeit verhindert und aufge⸗ halten zu werden. »Nun, die Störung wäre ja ſo groß nicht geweſen,“ ſagte die Frau Baronin.„Ein Buch iſt bald gefun⸗ den, und ich muß mich nur wundern, daß man dem Sohne des Hauſes da den Zutritt verweigert, wo ein ſolcher Menſch unbehindert aus- und eingehen kann. Aber nur weiter, Otto!« „Nun denn,“ fuhr Otto fort,„ich wunderte mich auch nicht wenig über dieſe ſeltſame Weigerung, und wurde neugierig zu erfahren, ob Sebaſtian wirklich nur mit Rechnungen beſchäftigt ſei, wie der alte Ulrich mir verſicherte. In das Zimmer ſelbſt konnte ich nicht ge⸗ langen— ich begab mich alſo in jenes anſtoßende dort, und hoffte durch das Schlüſſelloch einen Blick in das verbotene Gemach thun zu können. Dieſe Neugierde will ich nicht entſchuldigen, ich gebe zu, daß ſie ſich für mich nicht ſchickte— indeß in dieſem Falle hatte ſie doch ihren Nutzen. Das Auge am Schlüſſelloche, konnte ich faſt das ganze Zimmer und namentlich den Schreib⸗ tiſch des Vaters überblicken. Ich ſah wirklich Sebaſtian emſig mit Schreiben beſchäftigt und wollte mich ſchon wieder entfernen, als er plötzlich die Feder wegwarf, aufſtand, und an jene Thür ging, wo er in lauſchender Stellung ſtehen blieb. Ich ſtutzte.„Was mag er vor⸗ haben,“ dachte ich, und anſtatt zu gehen, beobachtete ich Sebaſtian mit neugieriger Aufmerkſamkeit.„Alles ru⸗ hig,“ hörte ich ihn ſagen—„der alte Ulrich ſteckt ge⸗ wiß unten im Parke und wird mich nicht überraſchen! — 105 Ich kann es wagen.«— Was konnte er wagen? Meine Neugierde wurde immer lebhafter und geſpannter, und meine Augen verfolgten jede Geberde, jede Bewegung Sebaſtians. Er ging einige Male mit haſtigen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und nieder, und es ſchien mir, als ob er ſehr aufgeregt ſei. Endlich blieb er mit blaſſem Geſicht vor dem Schreibtiſche ſtehen, und deutlich hörte ich, wie er murmelte: Es muß ſein! Niemand wird auf mich Verdacht haben, und ich ſichere mir dadurch eine Zukunft! Wie lange wird es noch Dauern, ſo treibt mich Otto doch aus dem Schloſſe, und was ſollte ich dann anfangen ohne Geld und ohne Freunde! Nein, ich will nicht umſonſt ſo viel gelernt haben, ich muß weiter, immer weiter ſtreben, und einſt, einſt kann ja ein Tag kommen, wo ich im Stande bin, das, was ich jetzt heimlich zu mir nehme, zurück zu erſtatten! Muth! Es muß geſchehen!« Nach dieſen Worten zog er ein kleines Bund Schlüſſel aus der Taſche und verſuchte, ob er damit dieſes Fach des Schreibtiſches öffnen könne, wo du, Vater, deine Koſtbarkeiten aufzubewahren pflegſt. Drei oder vier Schlüſſel paßten nicht— endlich aber knackte das Schloß und die Thür ſprang auf. Von jetzt an konnte ich aber nicht mehr deutlich ſehen, was der Dieb— denn daß Sebaſtian ein Dieb ſei, konnte mir nicht länger zweifelhaft ſein— vornahm; die Thür verſperrte mir die Ausſicht. Nur vermuthen konnte ich, daß er mit ſeinen Händen den Inhalt des Schrankes um und um wühlte. Ich ſah, daß er einige blitzende Gegenſtände in ſeine Taſche ſteckte— dann kramte er noch ein wenig im Fache umher, ſchien Alles wieder in Ordnung zu bringen, und ſchloß endlich die Thür wieder zu. Hierauf ſetzte er ſich wieder an den Schreib⸗ 106 tiſch, und begann von Neuem ſeine Schreiberei. Noch ein Weilchen beobachtete ich ihn— da aber weiter gar nichts vorfiel, entfernte ich mich endlich und begab mich in den Park, um ruhig zu uͤberlegen, was bei dieſer Sache zu thun ſei. Sollte ich der Mutter mittheilen, was ich geſehen hatte? Ich war es anfangs Willens, aber ich beſann mich bald eines anderen. Warun ſollte ich der Mutter ſolchen Aerger bereiten? Beſſer, ich er⸗ wartete deine Rückkehr, Vater, und hatte bis dahin ein wachſames Auge auf den Dieb, damit er uns nicht mit dem Raube entwiſche. Friedrich, der mir begegnete und dem ich Alles erzählte, beſtärkte mich in dieſer Ab⸗ ſicht, indem er ganz richtig bemerkte, daß Sebaſtian gewiß nicht den Plan habe, ſich heimlich zu entfernen, ſondern höchſtens darauf ausgehen würde, ſeinen Raub an einem ſichern Orte unterzubringen, um, falls der Diebſtahl entdeckt würde, nicht durch denſelben verrathen zu werden. Wir beſchloſſen alſo, zu warten— und Friedrichs Vorausſetzung beſtätigte ſich nur zu ſehr. Wir ließen den Dieb nicht aus den Augen— Friedrich bewachte das Fenſter, das nach dem Park hinausgeht — ich die Thuͤre. Am folgenden Tage geſchah nichts — am nächſtfolgenden aber, wo uns ſchon früh Se⸗ baſtian's ſichtbare Unruhe und Verſtörtheit auffiel, die ſelbſt dem alten Ulrich nicht entging, fuͤhrte er wirklich den Plan aus, den Friedrich vorhergeſehen hatte. Kurz nach Mittag ſchlich ſich der Dieb aus dem Schloſſe in den Park, wo ihn Friedrich gewahr wurde und ihm aus der Entfernung folgte. Er lief eilig in die nächſte Stadt, verkaufte den Ring an einen wandernden Han⸗ delsmann, und bot ihm noch andere Juwelen zum Kaufe an, die aber der Menſch nicht bezahlen konnte. Fried⸗ 107 rich ſuchte denſelben auf, als ſich Sebaſtian wieder ent⸗ fernt hatte, und kaufte den Ring zurück, damit er zum Beweiſe und zur Ueberführung der Schuld des Diebes dienen könne. Dabei kam ihm jedoch Sebaſtian aus den Augen, und wir wiſſen nun nicht, wohin er die übrigen geſtohlenen Koſtbarkeiten verborgen hat. Jetzt weißt du, Vater, wie die Sachen ſtehen, und ich bin doch begierig, ob mich dieſer freche Dieb in's Angeſicht der Lüge zeihen wird.“ Otto maß mich bei dieſen Worten mit einem her⸗ ausfordernden Blicke— ich aber war ſo beſtürzt, ſo verwirrt und betäubt über das feine Lügengewebe, wel⸗ ches er mit Friedrich ausgeſonnen, daß ich kein Wort erwiedern konnte, ſondern mein Geſtcht in den Händen verbarg, und bitterlich weinte. Es war in ſeiner Er⸗ zählung ſo geſchickt Wahres mit Falſchem vermiſcht, daß ich daran verzweifelte, Beides von einander zu ſondern, und mich faſt ohne Widerſtand darein ergab, als ein elender Dieb aus dem Hauſe gejagt zu werden, das mich ſo großmüthig aufgenommen hatte. Die Stimme des Barons weckte mich endlich aus der Ver⸗ ſunkenheit meines tiefen und brennenden Schmerzes. »Du haſt nun gehoͤrt, Sebaſtian, was gegen dich vorgebracht iſt, und weſſen du angeſchuldigt wirſt,“« ſagte er.„Obgleich alle Beweiſe gegen dich ſprechen, wollen wir dich dennoch nicht verurtheilen, ohne deine Vertheidigung zu hören. Wir ſind bereit— ſprich!« Ich ſollte ſprechen, ich, der ich unter dem Gewicht der ſchändlichen Anklage faſt erſtickte. Doch raffte mich zuſammen, ſo gut ich konnte, und ſtammelte:„Ich bin unſchuldig! Fragen Sie Herrn Walther! Er weiß, daß dieß Alles Lüge und Verläumdung iſt, er weiß, 108 daß man Alles vorherbedacht hat, wie ich ſelber ge⸗ hört habe.“ „Gut— was wiſſen Sie, Herr Walther?« fragte der Baron.„»Theilen Sie es uns ohne Rückhalt mit.« Herr Walther erzählte das Geſpräch zwiſchen Otto und Friedrich, deſſen Ohrenzeuge ich im Gebüſch ge⸗ weſen war, und erklärte dann männlich und freimüthig, daß er mich überhaupt eines Diebſtahls durchaus nicht für fähig halte.— Otto und Friedrich ſchienen ein wenig beſtürzt und außer Faſſung gebracht. Friedrich beſann ſich aber ſo⸗ gleich wieder und ſagte:„Ich wüßte gar nicht, daß ich mit dem jungen Herrn im Parke geſprochen hätte, und jedenfalls iſt nicht von Sebaſtian die Rede geweſen. Auch hat das gar nichts mit dieſer Sache zu thun. Hier liegen die Beweiſe ſeiner Schuld vor, und Seba⸗ ſtian mag doch verſuchen, ſie zu widerlegen.“ „Ja, Vater,“ rief Otto keck.„Das iſt auch wieder nur ſo eine Lüge, die er erſonnen hat, um einen etwai⸗ gen Verdacht von ſich abzulenken. Als er Herrn Walthern die ſchöne Geſchichte erzählte, hatte er gewiß ſchon im Sinne, den Diebſtahl zu begehen, und ſuchte ſich nur den Rücken zu decken.“ „Darin liegt etwas Wahres,“ erwiederte der Baron. „Nun, wir werden ja ſehen. Sebaſtian,“ wendete er ſich wieder zu mir,„kannſt du läugnen, den alten Ul⸗ rich aufgefordert zu haben, Niemand in dieß Zimmer zu laſſen?“ „Nein, gnädiger Herr, nein, ich läugne es nicht,« entgegnete ich—„aber es geſchah einzig und allein aus dem Grunde, daß ich gern ungeſtört bei meiner Arbeit bleiben wollte.“ —— 109 »Weiter,“ fuhr der Baron fort— kannſt du läug⸗ nen, daß du am geſtrigen Morgen ſehr aufgeregt und verſtört geweſen biſt?« »Nein, auch das läugne ich nicht,« erwiederte ich —„aber das kam daher, weil ich die Nacht vorher unruhig geſchlafen und böſe Träume gehabt hatte! Ach, ſie ſind in Erfüllung gegangen!« „Kannſt du ferner läugnen,« ſagte kalt der Baron, „daß du den ganzen geſtrigen Nachmittag vom Schloſſe entfernt geweſen biſt?« »Auch das muß ich zugeben,« ſprach ich— aber ich machte ja nur einen Spaziergang, um mich von der angeſtrengten Arbeit der vorigen Tage zu erholen.« »Gut denn, beweiſe, wo du wareſt, überführe uns, daß du nicht in der Stadt geweſen biſt, und dann wol⸗ len wir weiter ſehen!« „Aber, gnädigſter Herr, ſo haben Sie doch Erbar⸗ men mit mir,“ ſtieß ich in Todesangſt heraus.„Ich bin einſam im Walde umhergeſtreift, wo kein Menſch mich geſehen haben kann— wie ſoll ich nun beweiſen, daß ich dort und nicht anderswo war? das iſt ja un⸗ möglich!« »Ja freilich, wie es denn überhaupt unmöglich ſcheint, deine Unſchuld darzuthun,“ ſprach der Baron mit eiſiger Kälte und unverholener Verachtung.„Wohl⸗ an— deine Eingeſtändniſſe zeugen gegen dich, die Aus⸗ ſagen meines Sohnes und Friedrichs zeugen gegen dich, der Ring zeugt gegen dich— laß nun ſehen, ob wir noch ein weiteres Zeugniß ausfindig machen. lllrich, tritt näher! Was haſt du in dieſes jungen Menſchen Stube gefunden?« »Ach, gnädigſter Herr, nicht viel Gutes,« erwiederte der alte Mann, der mir immer wohlwollend und freund⸗ 110 lich zugethan geweſen war, mit kummervoller Miene. „Ach, ich hätt' es nimmermehr geglaubt— aber es iſt wahr— da— dieſe Sachen, die ich in ſeinem Koffer verſteckt fand— ſprechen nur zu ſehr gegen ihn!“«“ Er holte bei dieſen Worten einige Stücke Gold und Silber aus ſeiner Taſche und reichte ſie mit zitternder Hand dem Herrn Baron hin. Ein Blick genügte, um erkennen zu laſſen, daß es die Ueberbleibſel von der Faſſung eines Schmuckes waren. Obgleich verbogen, zerbrochen und zuſammengequetſcht, bemerkte man doch noch ganz deutlich an einigen Stellen die Vertiefungen mit ausgezacktem Rande, in welchen die Edelſteine ge⸗ ſeſſen hatten. Dieſe ſelbſt aber waren verſchwunden. „Nun, ich meine, dieſer Beweis genügt, um auch den Ungläubigſten zufrieden zu ſtellen!« rief der Baron und warf mir einen vernichtenden Blick zorniger Ver⸗ achtung zu.„Willſt du noch länger läugnen? Bekenne, wo du die Edelſteine verborgen haſt, gib ſie heraus, und verlaß dann, mit Schande beladen, dieſes Haus, deſſen Güte und Freundlichkeit du mit dem ſchwärzeſten Undanke belohnt haſt!“ Ich war von dem unglücklichen Zuſammentreffen ſo vieler mich anſchuldigenden Thatſachen, die ich mir durchaus nicht erklären konnte, ſo betroffen und ver⸗ wirrt, daß ich mir nun nicht mehr zu rathen und zu helfen wußte. Hülfeflehend ließ ich meine wilden Blicke von einem Geſicht zum anderen umherſchweifen— aber überall traf ich Härte, Hohn, oder Verachtung. Selbſt Herr Walther, ſelbſt Er ſchien mich ſchuldig zu halten, denn er hatte ſein Geſicht von mir abgewandt und würdigte mich keines Blickes. So von aller Welt verſtoßen, verachtet, verlaſſen und angeklagt gab mir das 111 Uebermaß des Schmerzes und Schreckens plötzlich eine wunderbare Ruhe. Ich faltete meine Hände und rich⸗ tete mein Auge nach Oben, zum Allerbarmer, der mir ja auch in dieſer ſchweren und ſchrecklichen Stunde nahe war. Und wie ich ſo Gott anrief, inbrünſtig aus tief⸗ innigſter Seele, da wich aller Kummer mit einem Male von mir, wie eine Wolke an der Sonne vorüberzieht, und Gott gab mir Kraft, daß ich mit klarer, deutlicher Stimme ſprechen konnte:„Ich bin unſchuldig! Ich weiß nichts von dem Diebſtahle, den ich begangen haben ſoll, nichts von dem Ringe, nichts von den Edelſteinen, nichts von dieſem Golde und Silber, das man in meinem Koffer gefunden haben will. Mein Auge iſt nicht ſcharf genug, das Dunkel zu durchdringen, in das meine Ver⸗ läumder ſich eingehüllt haben— aber vor Gottes An⸗ geſichte ſchwöre ich, daß meine Seele rein iſt pon die⸗ ſem Verbrechen! Und nun geſchehe mit mir nach Gottes Willen, deſſen Rathſchluſſe ich mich unterwerfe!“ Ich ſchwieg— was hätte ich weiter ſagen ſollen. Ein aufblitzender Strahl aus dem hellen Auge Herrn Walthers ſtreifte tröſtend an mir vorüber; der Baron aber, ungerührt von meiner heiligen Verſicherung, ſtand auf und ſagte:„Fort mit ihm in den Kerker! Seine Verſtocktheit mag ihren Lohn empfangen!« Man fuͤhrte mich fort; ich lächelte unter den Hohn⸗ blicken, die Otto und Friedrich mir zuwarfen. Mit Faſſung betrat ich das Gefängniß, in das ich geworfen wurde. Was auch mit mir geſchehen mochte: war denn nicht Gott überall bei mir?—— — 412 1 Fünftes Kapitel. Baron Alfred. So war denn nun alſo Alles vorbei! Otto hatte ſeine Schlingen ſo fein gelegt, daß ich ihnen trotz aller Vorſicht nicht zu entgehen vermochte! Meine Rolle auf dem Schloſſe war ausgeſpielt— Schmach und Schande erdrückten mich faſt bereits, und noch Schlimmeres, nämlich die Strafe für das abſcheuliche Vergehen, das ich begangen haben ſollte, ſtand mir in Ausſicht. Noch nie in meinem Leben war meine Lage ſo troſt⸗ und hoffnungslos geweſen, als damals, und doch, doch— fühlte ich keine Beſorgniß über mein Schickſal. Mein Herz ſchlug leicht, mein Auge blickte feſt und ruhig in die Zukunft. Ach, welch' ein tiefer und unerſchöpflicher Born, welch' eine unverſiegbare Quelle von Muth und Stand⸗ haftigkeit liegt in dem Aufblicke zu Gott, wenn er mit einem reinen Herzen und einem guten Gewiſſen gepaart iſt! Herz und Gewiſſen machten mir keinen Vorwurf — ich mußte vielleicht leiden, viel Schlimmes und Bitteres leiden und dulden, aber mir bangte nicht mehr davor; anſtatt ſie zu beugen, erhob und kräftigte meine Seele das Uebermaß von Unglück, das über ſie herein⸗ ſtürzte. In meiner Schuldloſigkeit ſah ich die ſicherſte Bürgſchaft, daß Gott mich nicht verlaſſen werde, und da ich rein war vor Ihm, was kümmerte mich da die Schmach und der Hohn vor den Menſchen!. Nur ein Kummer laſtete auf mir, und das war der Gedanke an meine Mutter. Die arme gute Frau! 113 Wie hart mußte ſie die Nachricht von meiner Erniedri⸗ gung treffen— ſie, die der Fleiß, die Ehrlichkeit, die Rechtſchaffenheit ſelber war. Mein Tod, ich konnte es mir wohl denken, würde ſie nicht ſo tief betrübt haben, als die Schande ſie betrüͤben mußte, daß ihr einziger Sohn, den ſie in der Furcht des Herrn und in chriſt⸗ licher Frömmigkeit erzogen hatte, für einen Dieb gehal⸗ ten wurde. Aber ich war ja nicht die Urſache dieſes Kummers, ich hatte ja gar keine Veranlaſſung dazu ge⸗ geben! Wenn ich ihr erzählte, wie Alles zuſammen⸗ hing, wenn ich ihr die heilige Verſicherung gab, daß ich meine Hände nicht mit einem Verbrechen beſudelt hatte— mußte ſie mir alsdann nicht Glauben ſchenken — mußte ſie mir nicht mehr vertrauen, als meinen Feinden, deren Argliſt mich in's Verderben geſtürzt hatte? Ach ja, auch ſie, ſo hoffte ich, würde ſich am Ende be⸗ ruhigen, und das Weitere mochte dann Gott anheimger: ſtellt bleiben. Der Allerbarmer hatte mir noch immer in meinen Nöthen geholfen— wie ſollte ich fürchten, daß ſein ſtarker Arm mich jetzt in der tiefſten Betrübniß würde fallen laſſen? Im Gefängniſſe auf⸗ und abſchreitend, forſchte ich in Gedanken den Schleichwegen nach, die Otto und Friedrich zu meinem Sturze eingeſchlagen hatten. Jetzt, wo ich ruhig und beſonnen im Geiſte war, jetzt durch⸗ ſchaute ich ohne viele Mühe das Gewebe der Böſe⸗ wichter. Unzweifelhaft war es, daß Otto und Friedrich auf irgend eine Weiſe Eingang in das Zimmer des Herrn Barons gefunden, dort heimlich den Schrank er⸗ brochen und die Juwelen entwedet hatten. Kleine Zu⸗ fälligkeiten, die gar nicht in ihrem Plane liegen konnten, begünſtigten ihr Vorhaben. Mein Befehl an Ulrich, Kleine Urſachen 8 83. 144 Niemand in das Zimmer zu laſſen— mein verſtörtes Weſen nach der unruhigen, von böſen Träumen gequäl⸗ ten Nacht— mein einſamer Spaziergang im Walde endlich— alles dieß ſprach gegen mich, und es mangelte dem treuloſen Friedrich nicht an Schlauheit, dieſe Um⸗ ſtände zu ſeinem Vortheile zu benutzen. Jedenfalls hatte er auch die Juwelen an irgend einem Orte verſteckt, der den Verdacht gegen mich, wenn man ſie dort fand, von Neuem verſtärken mußte— und ſo war es denn leicht einzuſehen, daß ich auf das Ende des ganzen verbreche⸗ riſchen und ſchändlichen Lügen⸗Gewebes keinerlei Hoff⸗ nung für mich bauen dürfe. Indeß, was auch geſchehen mochte, das nahm ich mir feſt vor, daß es meinen Fein⸗ den nicht gelingen ſollte, mir Muth und Standhaftigkeit zu beugen. Unter ſolchen Empfindungen und Betrachtungen rückte die Mittagsſtunde heran. Die Schlöſſer und Riegel meiner Kerkerthür klirrten, und der alte Ulrich kam her⸗ ein, um mir das Mittagseſſen zu bringen. Es beſtand in weiter nichts, als einem Stück Brod nebſt einem Kruge Waſſer. Aber das kümmerte mich wenig, ich ſah gar nicht darnach hin, ſondern eilte auf Ulrich zu, deſſen finſtere und niedergeſchlagene Blicke mir im Her⸗ zen wehe thaten.„»Ulrich,« ſagte ich, und ergriff ſeine widerſtrebende Hand—„llrich, du kennſt mich ſeit ſo langer Zeit— du kannſt nicht glauben, daß ich wirk⸗ lich das Verbrechen begangen hätte, deſſen man mich anklagt.“ „Ach, Sebaſtian,“« antwortete er mit traurigem Kopf⸗ ſchütteln—„gewiß, ich hätte es nimmermehr geglaubt, wenn nicht Alles und Alles gegen dich Zeugniß ablegte. Du wareſt immer ein ſo guter, frommer Knabe, und 115 nun— ach, die ſündige Habgier hat dich zum Boͤſen verleitet! Ach, ach, warum widerſtandeſt du nicht beſſer der Verſuchung? Du konnteſt dir ja doch denken, daß Alles an den Tag kommen würde, da Gott, der in das Verborgene ſchauet, auch die heimliche Miſſethat enthüllt. Es jammert mich dein, Sebaſtian— aber, du ſelbſt, du ſelbſt haſt dir dein böſes Schickſal zugezogen!“ Das ſchmerzt! Der alte, treue, gute Ulrich war alſo wirklich überzeugt, daß ich ſchuldig ſei. Wenn Er die Anklage glaubte, Er, der mich ſeit meiner Kindheit gekannt, der mich immer lieb gehabt, mir immer Freund⸗ lichkeit und Wohlwollen bewieſen hatte, dann konnte ich mich freilich nicht mehr wundern, daß auch die Eltern Otto's und die übrige Dienerſchaft im Schloſſe mich verurtheilte. »„Gut, Ulrich, gut!« ſagte ich.„Du ließeſt dich täuſchen, wie die Anderen, und ich will dir deßhalb keine Vorwürfe machen. Aber der Schein trügt, Ulrich! Und ich, ich will an dem feſthalten, was du eben ſelbſt äußerteſt:„Gottes Auge ſchauet das Verborgene, und Er enthüllt die Miſſethat. Was jetzt dunkel iſt, wird klar und hell werden, und dann, dann wirſt du einſehen, wie ſchweres Unrecht du mir zufügſt.“ »Großer Gott!“« rief der alte Mann aus, und blickte mich mit feuchtem Auge an—„wär' es denn möglich? Aber es kann ja nicht ſein— der Ring, der Ring ſpricht ja zu laut, und noch lauter die Faſſung der Juwelen, die ich, ich, vergiß das nicht, Sebaſtian, ich ſelbſt mit eigener Hand aus deinem Koffer nahm. Wer könnte ſolchen Beweiſen mißtrauen?« »Nun, Einen wenigſtens weiß ich, der mich nicht 4116 für ſchuldig hält,“ antwortete ich.„Und der iſt Herr Walther, der Hofmeiſter!“ Ulrich ſtutzte und trat mir einen Schritt näher. »Weißt du das gewiß?“ fragte er. „Ja, ich weiß es gewiß,“ erwiederte ich.„Sein Blick, als ich in den Kerker abgeführt wurde, ſagte es mir.“ „Nun ja, nun ja, er hat es mir auch geſtanden,« ſprach der alte Mann.„Er bat mich, ich möͤchte ihn zu dir laſſen, und da ich mich weigerte, gegen den Be⸗ fehl des Herrn Baron zu handeln, der ein für alle Mal den Eintritt zu dir verboten hat, ſo ſchlug ich ihm rundweg ſeine Bitte ab. Jedoch, wenn er dich wirklich für unſchuldig hält, wie er mich nachher verſicherte, und wenn du doch trotz aller Beweiſe in der That unſchuldig wäreſt, und wenn er dir helfen könnte, deine Unſchuld darzuthun, dann, ja dann wollte ich's vor meinem Ge⸗ wiſſen verantworten, das Verbot des Herrn Baron zu überſchreiten. Ja, ja, der junge Herr haßt dich, ich weiß es— und Friedrich gehört nicht zu den Leuten, die ich liebe— wenn es wäre— wenn es wäre! Junge, ſchwöre mir vor Gott und deinem Gewiſſen, biſt du wirklich nicht ſo ſchuldig, als die Beiden be⸗ haupten?« „Ich bin es nicht, Ulrich, glaube meinem Worte!« entgegnete ich, und blickte dem Alten offen und ehrlich in's Auge.„Rein ſtehe ich vor Gott und vor dir!« Der alte Mann war ſichtbar erſchüttert.„Solchen Blick hat das böſe Gewiſſen nicht,“ murmelte er vor ſich hin, und ging mit großen Schritten ein paar Mal im Gefängniſſe auf und ab. Wenn auch noch nicht gänzlich von meiner Unſchuld überzeugt, fingen doch Zweifel an meiner Schuld in ihm emporzuſteigen, und er mochte wohl fürchten, daß man mich zu haſtig ver⸗ urtheilt habe. Plötzlich ſtellte er ſich dicht vor mich hin, legte ſeine Hand auf meine Schulter, und ſagte ernſt: „Junge, Recht muß Recht bleiben, und wenn du Recht haſt, ſo ſoll dir dein Recht werden! Ich kann nicht in dein Herz ſehen und weiß nicht, ob ich deinen Worten glauben darf, aber es ſpricht etwas für dich in meinem Herzen! Es ſei— ich will Herrn Walther herführen, ſobald die Nacht eingebrochen iſt, und Gott möge mir verzeihen, wenn ich dadurch meine Pflicht verletze. Aber du ſtehſt allein und ohne Schutz da— es wäre ja doch moͤglich, daß du unſchuldig biſt— und ſo will ich's denn wagen. Gott behüte dich, Baſtel, und nehme dich in ſeine heilige Obhut! Heute Abend ſiehſt du mich wieder und ſollſt auch Herrn Walther ſehen.“ 4 Mit dieſen Worten verließ er raſch das Gefängniß, ehe ich meine Dankhbarkeit für ſeine Güte gegen ihn ausſprechen konnte. Ich blieb mit freudig bewegtem Herzen zurück. Die Rührung des alten, treuen Man⸗ nes war mir ein Beweis, daß mein feſtes Vertrauen auf Gottes Beiſtand ſchon ſeine Früchte trage. Neue Hoffnung tauchte in mir auf, daß wenigſtens das Schlimmſte, eine ſchimpfliche Strafe für mein Vergehen, von mir abgewendet werden könne. Ich beſchloß, Herrn Walther zu bitten, an den jungen Baron Alfred zu ſchreiben, demſelben meine traurige Lage vorzuſtellen und ſeine Vermittlung anzuſprechen. Baron Alfred nahm ſich gewiß meiner an; er hatte es mir ja ſo feſt ver⸗ ſprochen, und die Dinge waren nun ſo weit gediehen, daß meine Bitte gewiß gerechtfertigt war. Was konnte mir denn noch Schlimmeres begegnen, als was man mir bereits angethan hatte? Freilich durfte ich nicht 118 darauf rechnen, daß Baron Alfreds Fürſprache mir wie⸗ der zu den ſrüheren Verhältniſſen verhelfen werde,— denn auf dem Schloſſe war meines Bleibens gewiß nicht länger, und ich ſehnte mich auch gar nicht danach, noch länger ein Spielball von Otto's Launen und Bosheit zu bleiben,— aber das wenigſtens konnte er, wenn er ernſtlich wollte, erreichen, daß man mich aus dem Ge⸗ fängniſſe entließ und mir nicht die Schande anthat, öffentlich am Pranger ausgeſtellt zu werden. Eine ſolche Schmach hätte gewiß meiner armen Mutter das Herz gebrochen, und zutrauen durfte ich es Otto ſchon, daß ſein Haß auch noch dieſes Aeußerſte über mein Haupt bringen werde. Sehnſüchtig erwartete ich den Anbruch der Nacht und die Ankunft Herrn Walthers. Nach dem Stande der Sonne, die ich durch das kleine, mit Eiſenſtäben vergitterte Fenſter meines Gefängniſſes ſehen konnte, berechnete ich das langſame Vorſchreiten des Tages. Endlich neigte ſie ſich zum Untergange; der weſtliche Himmel färbte ſich mit goldenen Gluthen, die Kuppen der Berge und die Wipfel der Wälder wurden mit röthlichem Schimmer überhaucht— auch dieſer Schim⸗ mer erloſch— Dämmerung breitete ſich über die Erde, und bald glänzte ſtatt der Sonne das reine Silberlicht der Sterne am dunkeln Himmel. Allmählig erſtarb das Geräuſch des Lebens im Schloſſe; auf den Höfen wurde es ſtill, die Schritte hin und her eilender, geſchäftiger Menſchen ertönten nicht mehr, und vom nahen Walde herüber erſchallte nur noch das Geſchrei der Eulen. Licht brachte man mir nicht; ich ſetzte den hölzernen Schemel, das einzige Geräthe in meinem Kerker, an mein kleines Fenſter, und ſchaute ſtill und in Gedanken 119 verloren zu den funkelnden Sternen auf. Die Glocke auf dem Schloßthurm ſchlug die neunte, die zehnte Stunde. Alles blieb ruhig; endlich gegen elf Uhr hörte ich das kniſternde Geräuſch nahender Schritte, und gleich darauf wurde vorſichtig und mit möglichſter Vermeidung alles Lärmens die Thür meines Kerkers geöffnet. Eine dunkle Geſtalt huſchte herein, und ich flog ihr mit klo⸗ pfendem Herzen entgegen. »Endlich!« ſagte ich,„mit Schmerzen habe ich ſchon auf Sie gewartet.« »Auf mich? Woher wußten Sie denn, Sebaſtian, daß ich kommen würde?« antwortete eine Stimme, aber nicht die Stimme Herrn Walthers, ſondern die Fried⸗ richs, meines Feindes. „Ah, Sie ſind es, Friedrich“— erwiederte ich ſchnell gefaßt.„Nein, Sie habe ich allerdings nicht erwartet, ſondern Ulrich. Ich habe noch kein Abendbrod be⸗ kommen.“„* „Das wird man Ihnen auch ſchwerlich bringen,“«“ entgegnete Friedrich.„Die Zeit iſt vorbei, wo man Ihnen wie einem Sohne des Hauſes aufwartete.« »Gut,“ ſagte ich kurz;„aber was wollen Sie von mir? Iſt es Ihnen nicht genug, mich durch ſchändliche Lügen in's Verderben geſtoßen zu haben? Wollen Sie ſich auch noch am Anblicke meines Elendes weiden?“ »Nein, nein, ich komme in guter Abſicht,“ entgeg⸗ nete Friedrich mit heuchleriſcher Freundlichkeit, die mir ſogleich ein verdoppeltes Mißtrauen gegen ſeine Abſich⸗ ten einflößte.„Vielmehr will ich Ihnen aus der Klemme helfen, in die Sie nun einmal durch eigene Schuld ge⸗ rathen ſind!“ „Durch eigene Schuld!“ rief ich aus.„»Wahrlich, 120 Friedrich, Ihre Unverſchämtheit überſteigt in der That alle Gränzen!« „„Ruhig, ruhig,“ ſagte er.„Hoͤren Sie mich ver⸗ nünftig an, und Alles kann noch beſſer ablaufen, wie Sie denken und fürchten müſſen. Pranger und Zucht⸗ haus erwarten den Dieb, wie Sie wiſſen, alſo ſein Sie hübſch verſtändig.“ „Den Dieb, ja!“ ſagte ich heftig, denn mich em⸗ pörte die Frechheit des Böſewichts.„Aber Sie wiſſen am beſten, daß ich kein Dieb bin! Sie haben die Pre⸗ tioſen auf die Seite gebracht, oder wenigſtens Otto ver⸗ leitet, daß er es thun ſoll.« „Beweiſen Sie das, wenn Sie können,“ entgegnete er kalt und höhniſch.„Auf Ihnen ruht das ganze Gewicht der Thatſachen, die gegen Sie ſprechen, und nimmermehr wird es Ihnen gelingen, Ihre Unſchuld darzuthun, ſelbſt wenn Sie wirklich unſchuldig wären.“ „Man wird den Handelsmann ausfindig machen, an den ich den Ring verkauft haben ſoll, wie Sie lügen⸗ hafter Weiſe behaupteten,“ antwortete ich.„Wir wer⸗ den dann ſehen, was er ſagt.“ „Pah, machen Sie ſich keine thörichten Hoffnungen,“ erwiederte Friedrich lachend.„Der wandernden Hau⸗ ſirer gibt es Viele im Lande, und nun ſuchen Sie ein⸗ mal den Rechten heraus. Gehen Sie, gehen Sie— damit iſt's nichts! Man wird Sie in's Verhör nehmen, und trotz allen Läugnens verurtheilen! Machen Sie ſich nur mit dem Gedanken vertraut, drei Tage hinter einander, den Hals im Eiſen, am Pranger zu ſtehen, und nachher auf ein fünf Jährchen in's Zuchthaus zu ſpazieren, wo ein Willkommen mit der Peitſche und die Karre auf Sie warten.“ 121 „Aber dieß iſt entſetzlich!« rief ich aus.„Nein, nein, Gott wird es nicht dulden, daß man ſo mit einem ſchuldloſen Knaben verfährt.“ »„Er wird es dulden, ſage ich Ihnen,“ antwortete Friedrich.„Das Urtheil iſt ſchon ſo gut wie geſchrie⸗ ben und unterſtegelt. Aber hören Sie zu, Sebaſtian— ich will als Freund gegen Sie handeln, ich will Ihnen Pranger und Zuchthaus erſparen, wenn Sie vernünftig ſind, und eine gewiſſe Bedingung eingehen wollen. Thun Sie das, dann ſtehe ich ihnen dafür, daß Sie ſtraflos davon kommen ſollen, und nur in Zukunft das Schloß meiden müſſen, wo ohnehin Ihres Bleibens nicht länger iſt.“« „»Und welche Bedingung wäre das?« fragte ich ge⸗ ſpannt.—. „Daß Sie den Diebſtahl eingeſtehen und ſagen, wo Sie die entwendeten Juwelen verſteckt haben,“ ſprach er. »Das ſollte ich thun? Nimmermehr!“ rief ich ent⸗ rüſtet aus.„Ich bin ſchuldlos, Sie wiſſen es! Und wie ſollte ich denn wiſſen, wo die Juwelen ſind?« »Das wird man Ihnen ſchon ſagen, wenn Sie nicht ſo unklug ſind, meinen Vorſchlag zu verwerfen,“ erwiederte Friedrich. »„Sehr gut, ſehr gut,“ ſagte ich mit Bitterkeit— „das heißt wirklich Ihrem abſcheulichen Verbrechen an mir Armen die Krone aufſetzen! Aber Sie haben ſich in mir getäuſcht, Friedrich! Niemals, niemals, und wenn ich ſterben müßte, werde ich mich als ſchuldig be⸗ kennen. Entfernen Sie ſich! Ich durchſchaue Ihre Schlechtigkeit— Sie wollen ſich ſelbſt vor Entdeckung ſchützen, indem Sie mich als den Verbrecher vorſchieben. 422 Ich will nichts mehr hören! Hinweg! Gott wird zwiſchen Ihnen und mir Richter ſein!«“ „Wohl, ſo rennen Sie in Ihr Verderben hinein,« entgegnete Friedrich.„Aber vielleicht, wenn Sie erſt Zeit gehabt haben, uüͤber das nachzudenken, was Sie erwartet, beſinnen Sie ſich eines Beſſeren. Ueberlegen Sie ſich meinen Vorſchlag. Morgen will ich wieder⸗ kommen und Sie noch einmal fragen; bis dahin ſind Sie wohl mehr zur Beſinnung gekommen. Vergeſſen Sie nur nicht: drei Tage am Pranger und fünf Jahre Karrenſtrafe im Zuchthaus. Weiter will ich nichts ſagen!« Ich würdigte den Elenden keiner Antwort weiter, und er entfernte ſich mit derſelben Vorſicht, wie er ge⸗ kommen war. Mit verdoppelter Ungeduld erwartete ich nun die Ankunft Herrn Walthers, dem der Beſuch Friedrichs ein neuer Beweis von meiner Unſchuld ſein mußte. Endlich kam er, und ſchloß mich mitleidig in ſeine Arme. Der alte Ulrich begleitete ihn, ging aber ohne Aufenthalt wieder fort, und ſchloß die Thür hinter ſich zu. „»Armer Junge!“ ſagte Herr Walther zu mir, und ſtreichelte mir freundlich die Wangen—„wie traurig, daß du in dieſe Lage kommen mußteſt! Beſſer wahr⸗ lich, du hätteſt das Schloß nie geſehen! Indeß, nur Muth! Gib noch nicht alle Hoffnung auf, ſondern vertraue auf Gott und deine Unſchuld. Und unſchuldig biſt du doch, nicht wahr?« „ Unſchuldig und rein an dieſer That, wie das Licht der Sonne,“ erwiederte ich.„Aber wie kann ich es beweiſen? Hören Sie nur, wie der Verſucher zu mir getreten iſt.“ 123 Ich erzählte Herrn Walther die Unterredung, die ich mit Friedrich gehabt hatte, und er erſtaunte nicht weniger über die liſtige Schlechtigkeit deſſelben, als ich. „Es iſt gar keine Frage,“ ſagte er,„daß Friedrich auf Veranlaſſung Otto's in das Zimmer des Herrn Barons eingedrungen iſt, den Schrank erbrochen und die Juwelen auf die Seite gebracht hat. Die Juwelen ſind werthvoll— Otto wird ſie auf jeden Fall heraus⸗ geben müſſen, und ſchlau genug benutzen die beiden Böſewichter auch dieſen Umſtand, um dich noch tiefer in ihre Netze zu verwickeln. Ich lobe dich und billige es vollkommen, daß du nicht in die Schlinge gegangen biſt, die dir Friedrich gelegt hat; denn mit dem Einge⸗ ſtändniſſe deiner Schuld wuͤrdeſt du Alles verloren, und die Fürſprache Otto's würde dich gewiß nicht vor der Beſtrafung geſchützt haben. Ich zweifle ſogar, daß er ſich überhaupt für dich verwenden würde— das iſt nur die Lockſpeiſe, die dich kirren ſoll. Nein, Sebaſtian, du haſt Recht gethan, daß du dieſer Vorſpiegelung miß⸗ trauteſt; wir wollen auf andere Mittel denken, den ſchweren Verdacht von dir abzuwälzen.„Was meinſt du, daß geſchehen ſolle?« „Ich weiß nichts weiter, als daß Sie an Baron Alfred ſchreiben, und ihn benachrichtigen, wie hier die Sachen ſtehen,« erwiederte ich.„Er allein kann helfen, und er wird es gewiß, wenn es mir gelingt, ihn von meiner Schuldloſigkeit zu überzeugen. Ich bitte Sie, thun Sie dieß, Herr Walther! Baron Alfred hat es immer gut mit mir gemeint, und wenn er käme, würde ſein bloßes Erſcheinen Friedrich und Otto einſchüchtern. Beide fürchten ihn und ſeinen ſcharfen Blick. Und ich poffe ich hoffe zuverſichtlich, daß er kommt. 1 124 „Ich glaube es ſelbſt,“ antwortete Herr Walther nach kurzem Beſinnen.„Wohl, ich werde ihm ſchreiben, ich werde ihm ſagen, daß ich dich für das unſchuldige Opfer einer ſchändlichen Intrigue halte, und dann wer⸗ den wir ja ſehen, was geſchieht. Bis dahin bleibe ſtandhaft, Sebaſtian! Laß dich auf keine Weiſe ver⸗ locken oder einſchüchtern! Wenn wir dem Verbrechen auch nicht auf den Grund kommen, ſo wird doch Baron Alfred dich wenigſtens vor einer entehrenden Strafe ſchützen, und zwar mit größerem Erfolge, als deine Feinde, denen deine Schmach und Erniedrigung nur eine Freude ſein würde. Harre aus und hoffe! Es kann noch Alles gut werden.“ Ein leiſes Pochen an die Kerkerthür rief den alten Ulrich herbei, der mir ein gebratenes Hühnchen und etwas Wein zuſteckte, damit ich im Gefängniſſe nicht Hunger zu leiden brauche. Herr Walther ermahnte mich noch einmal zur Standhaftigkeit, und dann ver⸗ ließen mich die beiden Freunde, von deren Beiſtande die letzte Hoffnung auf meine Rettung abhing. Ich war wieder allein im Kerker. Ermüdet von den Gemüths⸗ bewegungen des Tages legte ich mich auf die harten Steinflächen des Bodens nieder, erhob meine Gedanken im Gebete zu Gott, und verſuchte dann einzuſchlummern, und im Schlafe alles Leid und alle Sorge meines Her⸗ zens zu vergeſſen. Ein gut Gewiſſen iſt ein gutes Ruhe⸗ kiſſen! Trotz meines harten und kalten Lagers ſchlief ich nach wenigen Augenblicken feſt ein, und erwachte am andern Morgen neugeſtärkt und mit friſchen Sinnen. Um zehn Uhr kam der alte Ulrich, um mich in das Verhör abzurufen. Der Herr Baron hatte die Unter⸗ ſuchung meiner Sache dem Juſtiz⸗Amtmann im Dorfe 125 übertragen, weil er ſelbſt ſich nicht mehr damit befaſſen wollte, und ich wurde in ⸗das Gerichtszimmer geführt. Auf dem Wege dahin flüſterte mir der alte Ulrich in's Ohr, daß der Bote mit dem Briefe an Baron Alfred ſchon während der Nacht abgefertigt worden ſei, und ich bereits morgen auf die Ankunft meines Retters hoffen könne, vorausgeſetzt, daß er überhaupt kommen wolle. Dieß war mir eine große Beruhigung, und mit gefaßtem Sinn trat ich meinen Richtern, dem Juſtiz⸗Amtmann und Aktuarius entgegen, die mich mit kaltem und ab⸗ ſtoßend finſterem Weſen in Empfang nahmen. Ich ſah auf den erſten Blick, daß Beide ſchon im Voraus gegen mich eingenommen ſeien, und erwartete daher nicht viel Gutes von der Unterſuchung. Auch kam Alles ganz genau ſo, wie ich vermuthete. Ich mußte an die Schranken treten, und gleich darauf erſchienen Otto und Friedrich. Das Verhör begann. Otto wieder⸗ holte ſeine Erzählung von geſtern, Friedrich beſtätigte ſie, ſetzte noch einzelne Thatſachen hinzu, Alles wurde zu Protokoll genommen, und nun erſt wendete ſich der Juſtiz⸗Amtmann mit der Frage an mich, was ich gegen die Anklage, die von ſolchen Beweismitteln unterſtützt würde, einwenden könne? Ich erzählte mit einfachen, ſchlichten Worten den Hergang der Dinge, ſo weit er auf der Wahrheit be⸗ ruhte, gab von jeder Minute der vergangenen Tage Rechenſchaft, und erklärte hierauf, daß ich durchaus nichts weiter ſagen und eingeſtehen könne. Als ich ſchwieg, ſchüttelte der Juſtiz⸗Amtmann den Kopf und ſah mich mit einem ſtrengen Blick an. »Du haſt deine Erzählung ſchlau genug erfunden,“ ſagte er,„aber hoffe nicht, daß wir uns durch ſolche 6 126 handgreifliche Lügen werden hintergehen laſſen. Ich halte es gar nicht für nöthig, über den Thatbeſtand des Ver⸗ brechens eine lange Verhandlung anzuſtellen— es han⸗ delt ſich einfach und allein darum, ob du deinen Raub herausgeben oder ihn noch länger verheimlichen willſt. Deine Schuld iſt hinlänglich bewieſen, um deine Verur⸗ theilung zu rechtfertigen; durch fortgeſetztes Läugnen und Verheimlichen wirſt du deine Strafe nur erſchweren. Alſo geſtehe, wohin haſt du deinen Raub gebracht?“ „Ich habe nichts genommen, konnte alſo auch nichts verſtecken,“ entgegnete ich. Der Juſtiz⸗Amtmann verſchwendete nun Bitten und Drohungen manchfacher Art an mich, um mich zu einem Geſtändniſſe zu bringen, aber ich beharrte natürlich auf meiner Ausſage, und wurde endlich mit Unwillen ent⸗ laſſen. „Wohl denn,“ ſagte der Richter—„geh' hin, ver⸗ ſtockter Dieb, aber mache dich gefaßt darauf, daß deine Strafe dich raſch ereilen wird. Die Juwelen werden ſich finden, auch ohne dein Eingeſtändniß! Führt ihn in das Gefängniß zurück.“« Ulrich nahm mich am Arme, und verließ mit mir das Gerichtszimmer, um mich wieder im Kerker einzu⸗ ſchließen. Sein gutes Geſicht ſah trauervoll aus, und er ſchien mich von Herzen zu bemitleiden.„Deine Sachen ſtehen ſchlimm, Sebaſtian,“ ſagte er.„Schuldig oder unſchuldig— deine Verurtheilung iſt gewiß. Man ſieht es aus Allem. Wenn Baron Alfred nicht recht bald kommt, ſo iſt Alles verloren.“ „Nicht Alles,« entgegnete ich ruhig—„mein gutes Gewiſſen wird mir bleiben, und die Hoffnung mich auf⸗ 4 127⁷ recht erhalten, daß früher oder ſpäter dennoch meine Rechtfertigung erfolgen wird.“ »Nun, Gott erhalte dich bei dieſem Glauben, armer Knabe,“ erwiederte Ulrich.„Die Gewalt deiner Feinde iſt groß und ihr Haß gegen dich ſcheint vor nichts zu⸗ rückzuſchrecken. Gott gebe, daß Baron Alfred kommt!« Der Tag verſtrich mir raſch; ich hatte viel zu den⸗ ken, und meine Lage beſchäftigte mich natürlich vollauf. Indeß blieb ich noch immer gefaßt und ruhig im Ge⸗ müthe, denn ich hoffte auf Baron Alfred. Morgen könnte er kommen,“ hatte der alte Ulrich geſagt, und er kam gewiß. Nicht der mindeſte Zweifel daran beun⸗ ruhigte mich. Spät am Abend ſchlich ſich wieder Frie⸗ drich in mein Gefängniß ein, und erneuerte ſeine Aner⸗ bietungen, Lockungen und Drohungen— ich wies Alles mit Feſtigkeit zurück. Immer lebhafter und lebhafter drang er in mich— er bat mich ſogar, er flehte mich an, nicht ſo unſinnig mich ſelbſt in's Verderben zu ſtür⸗ zen— aber ich blieb nur um ſo feſter bei meiner ent⸗ ſchiedenen Weigerung. Wüthend verließ er mich endlich⸗ mit der Drohung, daß ich meine Hartnäckigkeit ſchneller bereuen ſolle, als ich mir vielleicht einbilde. Ich ließ ihn drohen— und hoffte auf Baron Alfred. Die Nacht verging, wie die vorige; ebenſo der dar⸗ auf folgende Tag— nur daß mich eine fieberhafte Un⸗ geduld und Sehnſucht nach meinem Retter erfüllte. Als ſich der Tag zum Abend neigte, horchte ich mit Span⸗ nung auf jedes Geräuſch, auf jede Stimme, die von Außen in meine Einſamkeit drang. Wenn ich den Huf⸗ ſchlag eines Pferdes vernahm, klopfte mein Herz hoch auf, denn ich hoffte, der Baron Alfred, der immer zu Pferde reiste, käme auf den Hof geſprengt. Aber immer 128 wurde meine Erwartung getäuſcht— und am Abend, als mir Ulrich mein Eſſen brachte, theilte er mir mit Betrübniß mit, daß zwar der abgeſandte Bote zurückge⸗ kehrt, Baron Alfred aber noch nicht eingetroffen ſei. Der Bote habe ihn in der Stadt nicht zu Hauſe ge⸗ funden— man hatte ihn mit dem Beſcheide abgefertigt, der Baron ſei auf einige Tage in Geſchäften auswärts, und man wiſſe nicht mit Beſtimmtheit anzugeben, wann er zurückkehren werde. Der Brief ſolle ihm indeß bei ſeiner Ankunft ſofort übergeben werden. Das waren nun freilich Nachrichten, die nicht viel Tröſtliches für mich enthielten. Niedergeſchlagenheit be⸗ mächtigte ſich meiner, wenn ich mir dachte, daß Baron Alfred länger ausbleiben könne, als die Geduld meiner Feinde reichte— und, einmal von bangen Befürchtungen ergriffen, gingen ſie bald in's Maßloſe. Ich quälte mich ſelbſt mit truͤben Vorſtellungen; meine Zuverſicht auf das Erſcheinen und den Beiſtand Baron Alfreds fing an zu ſchwanken— ich bezweifelte, daß er ſo viel Theil⸗ nahme für mich haben könne, um meinetwillen eine Reiſe von acht oder zehn Meilen zu machen. Was war ich ihm denn? Ein armer Taglöhner⸗Junge, der das Gnadenbrod in dem Hauſe ſeiner Eltern aß. Daß ich ihm einen kleinen Dienſt geleiſtet hatte— wer konnte wiſſen, ob er ſich daran noch erinnerte? Und wenn er nun auch wirklich kam—, wer ſtand mir dafür, daß er meinen Verſicherungen glaubte, daß er mich für un⸗ ſchuldig hielt? Konnte er denn nicht eben ſo gut durch die Ränke meiner Feinde getäuſcht werden, als die An⸗ dern, die mich ſchuldig glaubten? Und waren dieß nicht faſt alle Bewohner des Schloſſes? Und was dann? Was dann? Der Kopf ſchwindelte mir, wenn » 129 ich mir die Folgen dieſes ſchrecklichen Umſtandes weiter ausmalte, und in unſäglicher Angſt lief ich die halbe Nacht in dem engen Raume meines Gefängniſſes um⸗ her. Mein Herz war eine Beute nagenden Zweifels und zagender Hoffnung. Endlich aber machte ſich doch die Ermüdung geltend — ich warf mich nieder und ſchlief mit dem tröſtenden Gedanken ein: Er kam heute nicht— er wird morgen kommen! 3 In fieberhafter Aufregung wartete ich am folgenden Tage auf die Ankunft des alten Ulrich. Er kam end⸗ lich gegen Mittag— aber ſchon der erſte Blick ſagte mir, daß Baron Alfred noch immer fern ſei.„Alſo nicht?« rief ich aus.—„Nein,« erwiederte er achſel⸗ zuckend.„Aber es iſt hohe Zeit! Gott gebe, daß er bald kommt. Deine Feinde ſind ſehr thätig! Den ganzen Morgen ſchon ſah ich Friedrich vom Schloſſe nach der Wohnung des Juſtiz⸗Amtmanns hin⸗ und her⸗ laufen. Ich fürchte, ſie führen wieder etwas Neues im Schilde. Sei gefaßt, Sebaſtian, damit deine Stand⸗ haftigkeit nicht wankend wird!« „»Ich will es verſuchen,“ entgegnete ich, obgleich mir— geg g das Herz von Neuem ſchwer wurde. Ulrich verließ mich, und ich dachte darüber nach, welcher neue Pfeil aus dem Hinterhalte mich treffen wuürde. Ich ſuchte mein Herz gegen Alles zu ſtählen, und beruhigte mich endlich bei dem Gedanken, daß ſie doch unmöglich noch etwas Schlimmeres gegen mich aufbringen könnten, als den entehrenden Diebſtahl, den ich begangen haben ſollte. Es gab ja faſt nichts Schlim⸗ meres! Höchſtens ein Mord! Nun, und den zu be⸗ weiſen, mochte ihnen denn doch wohl zu ſchwer fallen. Kleine Urſachen. 9 130 Indeß wurde ich bald meiner ängſtlichen Vermu⸗ thungen überhoben und über Alles in's Klare geſetzt. Kaum eine Stunde war nach dem Fortgehen Üllrichs verſtrichen, als er ſchon wieder zu mir kam, und mir den Befehl überbrachte, im Gerichtszimmer zu erſcheinen. Ich folgte ihm— als ich eintrat, waren Otto und Friedrich bereits gegenwärtig; ſie empfingen mich mit höhniſchen, ſchadenfrohen Blicken. Das Geſicht des Juſtiz⸗Amtmanns ſtrahlte von triumphirender Freude. „Nun, Burſche,“ rief er mir zu—„jetzt haben wir dich und brauchen deine Eingeſtändniſſe nicht mehr. Ja, ja, du hatteſt deinen Raub gar nicht übel verſteckt, aber das Auge der Juſtiz ſieht ſcharf, und man iſt hinter deine Schliche gekommen. Da ſieh' hin, da liegen die Juwelen— erkennſt du ſite wieder? Nur ein einziger Diamant fehlt noch! Gib ihn heraus, gutwillig, ſchnell — und deine Strafe ſoll dann minder hart ausfallen, als ſie dich ſenſt treffen würde.“ Auf dem Gerichtstiſche ſtand ein Käſtchen, in dem ein Häuflein Juwelen funkelte, die ich vor dieſem Augen⸗ blicke noch nicht geſehen, viel weniger denn beſeſſen hatte. Ich erklärte mit erzwungener Faſſung, daß ich weder von jenen Steinen, noch von den fehlenden Diamanten das Geringſte wiſſe. „Nun, Friedrich, ſo erzählen Sie doch, wo und unter welchen Umſtänden das Käſtchen hier gefunden wurde,“ befahl der Richter.„Während deſſen beſinnt ſich vielleicht der Spitzbube und geht in ſich.“ „Ja, ja, geſtrenger Herr Amtmann,“ erwiederte Friedrich bereitwillig.„Die Sache kam ſo. Das Zim⸗ mer Sehaſtians war ſchon zehn Mal um und um ge⸗ wühlt, und jedes Möbel, jeder Kaſten durchſucht worden, 1341 ohne daß wir eine Spur von den Edelſteinen fanden. Selbſt unter den Dielen ſahen wir nach, ohne etwas zu entdecken, und doch konnte der Dieb ſeinen Raub kaum an einem andern Orte verborgen haben, als in ſeinem Zimmer. Sohald er dieſes verließ, behielt ich ihn immer im Auge, und nur die einzige Möglichkeit war vorhanden, daß er das Käſtchen vielleicht im Parke vergraben haben könnte, während ich den verſchacherten Ring von dem Handelsmanne zurückkaufte. Indeß die nächſte Vermuthung führte immer wieder auf das Zim⸗ mer des Verbrechers hin. Heute früh nun ging ich noch einmal ganz allein hinauf, in der Abſicht, es von Neuem von Oben bis Unten zu durchſuchen, um viel⸗ leicht meiner gnädigen Herrſchaft zu ihrem Verluſte zu verhelfen. Ich wühlte immer und immer wieder die Betten, das Sopha, die Kommode, den Sührank um, nicht das kleinſte Verſteck entging mir— aber vergebens — ich fand nichts, durchaus nichts! Mißmuthig und verdrießlich— denn der große Verluſt der gnädigen Herrſchaft bekümmerte mich— wollte ich ſchon wieder das Zimmer verlaſſen, als mein Blick zufällig auf eine Stelle fiel, wo die Tapete an die Vertäfelung der Wand anſchließt. Ein heller Sonnenſchein beleuchtete den Fleck, und es ſchien mir, als ob die Tapete ganz vor Kurzem erſt abgeriſſen und dann von Neuem erſt wieder aufge⸗ klebt worden ſei; ein glänzender Streifen, wie von ge⸗ trocknetem Leim zog ſich um ein fußbreites Stück der⸗ ſelben herum. Ich ſtutzte; mir fiel ein, daß der Dieb ſeinen Raub möglicher Weiſe hinter der Tapete verbor⸗ gen haben könne, wo man ihn nicht leicht ſuchen würde. Ohne langes Beſinnen riß ich die Tapete herunter— und ſiehe da, zwiſchen der Veräſelung und der Wand 132 entdeckte ich ein wunderſchönes Verſteck, und in ihm das Käſtchen mit den ausgebrochenen Edelſteinen. Daß ich von meinem Funde hoch erfreut ſogleich Anzeige machte, verſtand ſich von ſelbſt, und es iſt mir nur lieb, daß nun endlich der abſcheuliche Dieb ſeines Verbrechens vollſtändig überwieſen iſt. Jetzt wird er ſeine ſchänd⸗ liche Undankbarkeit gegen die gute gnädige Herrſchaft nicht länger läugnen können.“ Ich ſtand ſtarr da. Gewiß, feiner und durchtriebe⸗ ner konnten Friedrich und Otto ihr Spiel nicht treiben. Es war ganz darauf angelegt, mir jede Vertheidigung unmöglich zu machen. Auch nahm der Juſtiz⸗Amtmann nicht die mindeſte Rückſicht auf mein Läugnen, ſondern verbot mir barſch jede weitere Vertheidigung, und ver⸗ langte nur zu wiſſen, wo der ſehlende Diamant geblie⸗ ben ſei. Als ich mit Thränen betheuerte, daß ich von nichts wiſſe, über nichts Auskunft geben könne, fuhr er mich hart an, und überhäufte mich mit Drohungen. Endlich, als auch das nichts half, brach er kurz das ganze Verhör ab und ſagte:„Wohl denn, da nichts dein verſtocktes Herz zur Reue und zur Bekenntniß zu bewegen vermag, ſo müſſen wir vorläufig den Diaman⸗ ten auf ſich beruhen laſſen. Er wird ſchon zu rechter Zeit gefunden werden, ſo gut, wie das Uebrige. Aber du, Burſche, denke nicht, daß dein beharrliches Läugnen dich von der Beſtrafung befreit. Du ſollſt die Strenge der Geſetze kennen lernen! Herr Aktuarius, keſen Sie ihm das Urtheil vor.“— Mein Urtheil war alſo nicht nur ſchon gefällt, ſon⸗ dern auch ſchon niedergeſchrieben, ehe ich zu meiner Ver⸗ theidigung gelangte. Das verſprach nichts Gutes. Der Aktuar nahm ein Blatt zur Hand, und mit eintöͤniger 8 133 Stimme las er laut und langſam den Inhalt deſſelben ab. Ich ſtieß einen Schrei aus und ſank zitternd auf meine Kniee nieder. Friedrichs Drohungen waren in Erfüllung gegangen, mein Urtheil lautete auf dreimali⸗ ges Prangerſtehen und fünf Jahr Karrenſtrafe im Zucht⸗ haus. „Erbarmen! Gnade!“ ſchrie ich mit gerungenen Händen.„Treiben Sie es nicht ſo weit! Jagen Sie mich vom Schloſſe, wie einen Hund— nur ſchonen Sie meine arme Mutter! Sie wird die Schande nicht überleben! Junker Otto, erbarmen Sie ſich meiner! Sie können mich retten! Sprechen Sie nur Ein Wort, bezeugen Sie meine Unſchuld, und ich will freiwillig das Dorf und die Gegend verlaſſen, Sie ſollen mich niemals wiederſehen, mein verhaßter Anblick ſoll Ihnen für immer erſpart bleiben!“ Dtto wendete mir den Rücken zu— Friedrich flü⸗ ſterte mir in's Ohr:„Da haſt du's für deine Hals⸗ ſtarrigkeit! Ich hab' es dir ja vorher geſagt!“— Der Richter befahl, mich aus dem Verhörzimmer zu führen. »Hinaus mit ihm!« ſprach er.„»Dieß unſinnige Geſchrei will ich nicht mehr hören! Doch halt! Be⸗ kenne, Burſche, wo der Diamant verſteckt liegt, und das Prangerſtehen ſoll dir dann erlaſſen ſein!« „»O Gott im Himmel!“ rief ich aus—„ich weiß ja doch nichts, ich kann ja nichts bekennen! Herr Juſtiz⸗Amtmann, ich ſchwöre Ihnen, daß ich ſchuldlos bin!“ „Fort mit ihm!« befahl der Richter zum zweiten Male, und einige Gerichtsdiener ergriffen mich. Aber meine Verzweiflung ließ mich jede Rückſicht vergeſſen. Mit Gewalt ſtieß ini Männer zurück, überſprang 8* 1 134 die Schranken, die mich von dem Gerichtstiſche trennten, warf mich dem Juſtiz⸗Amtmann zu Füßen, umklammerte ſeine Kniee, und flehte mit fieberhafter Heftigkeit um Milderung des ſchrecklichen Urtheilsſpruches. Die Angſt verlieh mir eine wunderſame Beredſamkeit, die Worte ſtrömten von meinen Lippen, ich ſagte Alles, was über⸗ zeugen, was rühren, was erſchüttern konnte— aber ich hätte eher einen Stein zum Mitleid bewegen, als das Herz meines Richters zum Erbarmen ſtimmen kön⸗ nen. Er ſtieß mich rückſichtslos von ſich— die Ge⸗ richtsdiener bemächtigten ſich meiner von Neuem und riſſen mich aus ſeiner Nähe hinweg. „Sperrt ihn ein,“ ſagte er.„Morgen früh um eilf Uhr ſoll das Urtheil an ihm vollſtreckt werden.“ Ich rang vergebens, mich loszureißen. Die Män⸗ ner hielten mich feſtgepackt, ſchleppten mich aus dem Zimmer, über den Hof, ſtießen mich in den Kerker, und ſchloſſen die Thür hinter mir zu. Ich pochte mit beiden Händen an die Pforte, ich rüttelte mit Gewalt am Schloſſe, ich bat, weinte, ſchrie— Alles vergebens. Ich war eingeſchloſſen und kein mitleidiges Herz nahte mir, um mir Troſt in die verzweifelnde Seele einzuflößen. Laut ſchluchzend fiel ich auf die Kniee nieder, barg mein Geſicht in den Händen, und gab mich ohne Widerſtand den Ausbrüchen meines furchtbaren Schmerzes hin. So gränzenlos elend, ſo unglücklich, ſo gebeugt und ge⸗ brochen, ſo vernichtet hatte ich mich noch nie in meinem ſchmerzenreichen Leben gefühlt. 5 135 Sechstes Kapitel. Frau Baldrian. „Aber dieß Alles iſt ja wirklich ganz abſcheulich!« rief Hugo aus, als der Geheimerath eine Pauſe machte, und ſie dazu benutzte, noch eine Taſſe Thee zu trinken und eine friſche Cigarre anzuzünden.„Armer Vater, dich ſo zu mißhandeln! Es iſt ſchändlich!“ „Ja, lobenswerth war das Benehmen meiner Feinde allerdings nicht,“ antwortete der Geheimerath.„Ich fühlte mich auch, wie geſagt, ſehr unglücklich uͤber ihre Bosheit, obgleich ſie ſpäter die Veranlaſſung zu der günſtigſten Wendung meines Geſchickes wurde. Höre nur weiter, du wirſt ſchon Alles nach der Reihe er⸗ fahren.“ „Ich befand mich alſo in meinem Kerker mit der troſtloſen Gewißheit, am folgenden Morgen die ärgſte Schmach ſchuldlos erdulden zu müſſen. Der Reſt des Tages— die halbe Nacht verging mir in einer Art Betäubung, während welcher ich nur Sinn und Gefühl für die Bitterkeit meines gränzenloſen Unglücks hatte. Erſt gegen Morgen verfiel ich in einen Schlummer, der mich wenigſtens auf ein paar Stunden meinem Elend entrückte. Aber mit verdoppelter Wucht überfiel es mich wieder, als am Morgen die Sonnenſtrahlen in meinen Kerker drangen und mich weckten. Ich ſprang auf— blickte nach dem Stande der Sonne, und ſah zu meinem Schrecken, daß mir kaum noch eine Stunde Friſt zur Sammlung und Vorbereitung auf den ſchrecklichen Augen⸗ blick blieb, der mich für immer in der Meinung der „ 136 Leute brandmarken mußte. Dieſe Stunde war die ſchreck⸗ lichſte meines ganzen Lebens. Im Voraus empfand ich alle Qualen, die ich nach einer kurzen Stunde in Wirk⸗ lichkeit erdulden ſollte. Ich ſah die Gerichtsdiener zu mir eintreten— mir das Arme⸗Sünder⸗Kleid anlegen, mich hinausführen auf den Platz im Dorfe, wo der Pranger mit dem Halseiſen ſtand— ich fuͤhlte das kalte Eiſen meinen Hals umſchließen— ich ſah mich gefeſſelt— vernichtet vor Scham— um mich herum eine höhnende Menge, die ſich vielleicht an meiner Schmach weidete, mir ihre Verachtung bezeigte, mich mit faulen Eiern und Aepfeln bewarf, mir in's Geſicht ſpie, mir mein Verbrechen und meine Undankbarkeit vorhielt— und ach, ach, ach, meine arme Mutter ſah ich kommen, herbeiwanken mit bleichem Geſicht, mit verwildertem Haar, mit verweinten, geſchwollenen Augen— zitternd hörte ich die Verwünſchung, die ſie heiſer und mit zuckendem Munde gegen mich ausſtieß, da ich, anſtatt der Freude, die Schande ihres Lebens geworden war, der ich den letzten Reſt ihrer Tage verbitterte, anſtatt ihn durch Tugend und Rechtſchaffenheit zu verſüßen. Als dieß Bild vor meiner Seele ſtand, preßte mir der furchtbare Schmerz, der mich erſchütterte, Schrei auf Schrei aus, ich ſank zu Boden und rang krampfhaft die Hände. Großer Gott, ich war ja doch unſchuldig, und ſollte nun doch ſolche Schmach, ſolche Erniedrigung dulden! Daß ich in jener Stunde nicht den Verſtand ver⸗ loren, daß ich vor Angſt nicht geradezu wahnſinnig wurde, iſt eine Gnade von Gott, für die ich ihm ewig dankbar bin. Viel fehlte nicht, ſo wurde das Licht meines Geiſtes für immer getrübt, und ich wäre ein armer, 137 unglücklicher, blödſinniger Knabe geworden. Meine Auf⸗ regung war unſäglich, noch jetzt, wenn ich mich in jene Stunde zurückverſetze, läuft ein Schauer durch meine Seele. Aber Gott, zu dem ich in heißem Gebete flehte, bewachte mich wenigſtens vor dem Schlimmſten, und meine Feinde vor argen Gewiſſensbiſſen. Sie hätten ja keine ruhige Stunde in ihrem Leben mehr haben können, en ihre Bosheit einen ſo trauervollen Erfolg gehabt ätte! Minute an Minute verſtrich— endlich ſchlug die Schloßuhr die eilfte Stunde. Jeder Schlag, der in mein Ohr dröhnte, zerſchmetterte mein Herz. Noch lag ich auf den Knieen, und lauſchte auf das Nachſummen der Glocke, das durch die Lüfte zitterte— da raſſelten die Schlöſſer an meiner Kerkerthür, und der befürchtete, der entſetzliche Augenblick war gekommen. Sie waren pünkt⸗ lich, meine erbitterten Feinde! Sie gaben mir keine Friſt! Drei Gerichtsdiener traten ein. Mich durch⸗ zuckte blitzähnlich der Gedanke:„wie, wenn du an ihnen vorbeiſtuͤrzteſt und das Freie in eiliger Flucht zu ge⸗ winnen ſuchteſt?« Aber es hätte mir nichts geholfen, ſelbſt wenn es mir gelungen wäre, die Männer auf die Seite zu ſtoßen und aus dem Kerker zu entkommen— denn als die Thür aufging, ſah ich draußen auf dem Schloßhofe Kopf an Kopf gedrängt— die Dienerſchaft, die Leute aus dem Dorfe, Männer, Greiſe, Frauen, Kinder, Alles drängte ſich draußen, um meine Schande zu ſehen, und durch dieſe Menge hätte ich nicht fliehen können, ſelbſt wenn ich die äußerſte Kraft der Verzweif⸗ lung aufbot. Ich verhielt mich alſo ruhig, ich ließ willenlos Alles mit mir geſchehen. Die Mäͤnner zogen mir den Rock aus, legten mir das Arme⸗Sünder⸗Kleid * 8- * 8 138 an, und griffen mir unter die Arme, um mich hinaus⸗ zuführen. Ich erinnere mich, daß ſie mit mir ſprachen, aber was ſie ſagten, weiß ich nicht mehr, verſtand es auch nicht, denn ich war betäubt, verwirrt, ſinnlos; der Schall der Worte drang in mein Ohr, aber meine ge⸗ folterte Seele faßte ihren Sinn nicht auf. Mehr todt als lebendig ſchleppte man mich in's Freie— meine Jammergeſtalt war den Blicken der Menge bloßgegeben. Als ich in der Mitte der Schergen erſchien, hörte ich ein dumpfes Murmeln, höhniſches Ziſchen und Pfeifen — aber gleich darauf war es wieder todtenſtill, daß man das Summen einer Mücke hätte hören können. Ich er⸗ fuhr nachher, mein Anblick ſei ſo erbarmungswürdig geweſen, daß er in einem Nu die Herzen der gegen mich aufgehetzten und erbitterten Menge wie durch einen Zauber zu plötzlichem Mitleiden bewegt habe. Ich wußte nichts davon— ich erlag unter der Laſt meines Elen⸗ des— meine Begleiter trugen mich eher, als ſie mich führten, über den Schloßhof. In dieſem Augenblicke vernahm man plötzlich den Hufſchlag eines heranſprengenden Roſſes. Mit Blitzes⸗ ſchnelle drang er näher— jetzt tönte er von den Ge⸗ bäuden des Schloßhofes wieder— eine Stimme, wie die Stimme eines Engels, machte mein Herz erzittern— ich blickte auf— ich ſchrie laut und ſtreckte meine Hände aus: Baron Alfred, erhitzt, glühend, mit zornigem Blick hielt hoch zu Roß mitten unter der verſammelten Menge. „Empörende Schändlichkeit!« rief er mit Donner⸗ ſtimme.„Sebaſtian, ich bin da! Sei ruhig! Ich ſchwöre, daß du unſchuldig biſt! Zurück mit ihm— augenblicklich zurück! Noch ein Schritt vorwärts, und ich zerſchmettere Eure Schädel mit dem Piſtolenkolben!“ Die Gerichtsdiener hielten inne— ich brach in Thränen aus und ſchrie:„Ja, Herr Alfred, ja, ich bin unſchuldig, ich bin kein Dieb, ich ſchwöre es vor Gottes Angeſicht!« „Hört Ihr's, Leute? Hört Ihr's?“ rief der junge Baron der ſtaunenden Menge zu.„Ha, ich wußte es wohl! Geht, gute Leute, geht, und glaubt an ſeine Schuldloſtgkeit! Das Schauſpiel, den armen Sebaſtian am Pranger zu ſehen, wird Euch erſpart werden! Geht, eht!« 3 Ein lautes Hurrah aus den Kehlen der Menge, die ohnehin ſchon, trotz aller Hetzereien Friedrichs, zu meinen Gunſten geſtimmt war, gab Zeugniß, daß man ſich über die Dazwiſchenkunft Alfreds freute. Ohne Widerſpruch entfernten ſich die Leute, während der Juſtiz⸗Amtmann dem jungen Baron Vorwürfe zu machen wagte, daß er den Urtheilsſpruch des Richters zunichte machen wollte. Aber Baron Alfred ließ ihn hart an, und wies ihn mit vernichtender Verachtung zurück. 5 „Herr,“ ſagte er,„Sie ſind ein Glender! Sie ha⸗ ben ſich zum Werkzeuge eines lügenhaften Bedienten und eines boshaften Knaben erniedrigt! Ich werde die Akten nachſehen und ſelbſt die Unterſuchung in die Hand nehmen! Wehe Ihnen, wenn ich einer Ungerechtigkeit auf die Spur komme! Entfernen Sie ſich, Menſcht Ich mag Sie nicht vor Augen ſehen!« Verdutzt zog der Juſtiz⸗Amtmann ab; ich aber machte mich von ſeinen Schergen los, ſtürzte auf Baron Alfred zu, umklammerte ſein Knie und küßte ihm unter ſtrö⸗ menden Thränen, die wie Gießbäche aus meinen Augen brachen, die rettende Hand. „Armes Kind,“ ſagte er mitleidig—„beruhige dich, ———— 3 140 faſſe dich, ich bin da, und will ſchon ſorgen, daß dir nichts zu Leide geſchieht! Armer Junge, es ſcheint, man iſt ſehr ſchändlich und nichtswürdig mit dir umge⸗ gangen! Aber nur Geduld! Daß du kein Dieb ſein kannſt, das weiß ich, denn ich kenne dich! Ich kenne aber auch deine Verfolger, und ich hoffe, wir werden nun bald ein wenig Helligkeit in das Dunkel bringen, in das man dieſe ganze Abſcheulichkeit einzuhüllen ver⸗ ſucht. Armes Kind, wie magſt du auf meine Ankunft gehofft und ihr entgegen gezittert haben! Aber ich konnte nicht früher kommen! Erſt geſtern Abend bin ich von Dienſtgeſchäften in die Stadt zurückgekehrt und empfing Herrn Walthers Brief. Noch in der Nacht ſetzte ich mich zu Pferde, und, dem Himmel ſei Dank, bin noch zu rechter Stunde eingetroffen. Weine nicht mehr, Se⸗ baſtian! Erhole dich, lieber Knabe! Jetzt ſtehſt du wieder unter meinem Schutze!“ Aber ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten. „Es ſind ja nur Freudenthränen, Thränen der Wonne und des Glückes!“ ſagte ich, unterbrochen von Schluch⸗ zen.„Ach, Baron Alfred, wie kann ich Ihnen danken? Sie retten mir mehr als mein Leben.“ „Pah, mache darüber keine Worte!“ erwiederte er. „Wenn meine ganze Familie gegen dich ungerecht ver⸗ fährt, ſo muß doch ich wenigſtens gerecht ſein, denn ich bin noch in deiner Schuld. Sei ohne Sorge! Dein Lanbes Benehmen gibt ein Zeugniß von deiner Schuld⸗ oſigkeit, und beſtätigt Alles, was Herr Walther über dich geſchrieben hat. Komme jetzt mit mir— ich habe mich anders beſonnen— du ſollſt nicht in den Kerker zurück, ſondern auf mein Zimmer gehen. Komm, armer Sebaſtian!« 141 Er ſprang bei dieſen Worten vom Pferde, warf die Zügel einem der neugierig gaffenden Bedienten zu, er⸗ griff mich bei der Hand, und ſtieg mit mir die breite Schloßtreppe hinauf. Niemand von der Familie hatte ihn bis jetzt geſehen, als ſein Bruder Otto, der ſich bei ſeiner Ankunft ganz ſtill mit Friedrich davon geſchlichen hatte. Der Herr Baron und ſeine Gemahlin befanden ſich in den inneren Gemächern, wo ſie nichts von dem, was auf dem Schloßhofe vorging, hörten oder ſahen— und die Ankunft des jungen Herrn zu melden, war bei der Aufregung des Augenblickes noch keinem der Be⸗ dienten eingefallen. Alfred brachte mich auf ſein Zim⸗ mer, bat mich, hier ruhig ſeiner Zurückkunft entgegen zu ſehen, und begab ſich dann zu ſeinen Eltern. Ich, ſobald ich mich allein ſah, ſank auf die Kniee nieder und ein heißes Dankgebet ſtieg aus meinem Herzen zum Throne des Höchſten auf. Eben ſo groß, wie vorher meine Trauer, mein Schmerz, meine Niedergeſchlagen⸗ heit, war jetzt meine Freude und mein Entzücken. Ich wußte mich kaum zu faſſen— mein Herz jauchzte auf, und dazwiſchen floſſen noch immer meine Freudenthränen. Nun freilich auch, der glückliche Wechſel war zu ſchnell, zu unerwartet, zu plötzlich gekommen, als daß ich ihn mit ruhigem Gemüthe hätte aufnehmen können. Erſt nach Verlauf von mehreren Stunden kam Ba⸗ ron Alfred zurück. Er ſah blaß und aufgeregt aus, aber dennoch begrüßte er mich mit freundlichem und gütigem Blicke. »Armer Baſtel,“ ſagte er, indem er mir die 4 reichte,—„welch' ein ſchändliches Spiel hat man mi dir getrieben, und wie ſchlau ſind, die Netze geſtellt, in die du dich nothwendig verwickeln mußteſt! Ich habe 142 mit meinem Vater, meiner Mutter und Herrn Walther geſprochen, ich habe die Verhörs⸗Protokolle nachgeſehen, und Alles überzeugt mich nur zu deutlich, daß hier auf dem Schloſſe nichts mehr für dich zu machen iſt. Du mußt fort, auf alle Fälle fort— denn wenn auch deine Schuldloſigkeit, von der ich unerſchütterlich überzeugt bin, zu beweiſen wäre— was ich aber nicht glaube, da die Buben es gar zu ſchlau angefangen haben— ſo müßteſt du dennoch weichen. Deine Unſchuld dar⸗ thun, heißt den Beweis von meines Bruders Schlechtig⸗ keit liefern— und einen ſolchen Beweis, der einen Flecken unauslöſchlicher Schande auf ihr Lieblingskind wirft, würde meine Mutter dir nie verzeihen, und du würdeſt immer eine traurige Stellung im Schloſſe ha⸗ ben. Zudem zweifle ich auch nicht, daß Otto immer und immer wieder Ränke gegen dich ſpinnen würde, denen du am Ende doch zum Opfer fallen müßteſt— alſo iſt es am beſten, du wendeſt dem Schloſſe den Rücken zu.« Traurig hörte ich den Baron an. Er hatte nur zu ſehr Recht, und ich konnte keinen Einwurf gegen ihn vorbringen. Ich ſagte nur ganz niedergeſchlagen:„Ach Gott, was ſoll dann aus mir werden?“ „Das ſei meine Sorge,“ erwiederte Baron Alfred raſch.„Ich ſage dir ja, daß ich dich nicht verlaſſen will. Du gehſt mit mir in die Stadt und beſuchſt dort die Schule. Ich werde dich zu guten Leuten bringen, die dich an ihren Tiſch aufnehmen, und wenigſtens ſo für dich ſorgen, daß du nicht Noth zu leiden brauchſt. Verliere den Muth nicht, Baſtel! Wenn ich auch nicht ſo viel für dich thun kann, wie mein Vater, von dem ich abhängig bin, ſo brauchſt du doch wenigſtens kein 143 Bangen vor der Zukunft zu haben. Nur darf hier Niemand wiſſen, daß ich dich unterſtütze, denn meine Mutter würde ſehr böͤſe daruͤber ſein. Sie iſt eben ſo feſt, wie ich von deiner Unſchuld, von deiner Schuld überzeugt, und es hat mich Mühe genug gekoſtet, dir wenigſtens die Beſtrafung zu erſparen. Indeß, es iſt gelungen, und du kannſt das Schloß verlaſſen, zu wel⸗ cher Zeit du willſt. Sage nun, gefällt dir mein Plan, dich mit in die Stadt zu nehmen?“ Was konnte ich ſagen? Es that mir zwar in der innerſten Seele weh, daß ich mit dem Verdachte eines Verbrechens beladen die Heimath verlaſſen mußte, aber im Dorfe konnte ich doch auch auf keinen Fall bleiben. Die Leute hätten ja mit Fingern auf mich gewieſen und gewiß hätte Jedermann den Umgang mit mir ge⸗ ſcheut, ſo lange nicht meine Unſchuld ſonnenklar bewie⸗ ſen war. Alſo ſchlug ich nach kurzem Beſinnen ein und dankte dem Baron Alfred fuͤr die Güte, die er mir bewies.— 1 »„Ich ſehe, du biſt ein verſtändiger Knabe,“ ſagte er freundlich.„In der Stadt kennt dich Niemand, und hier wird die ganze ſchändliche Geſchichte bald vergeſſen ſein, wenn du erſt den Leuten aus den Augen biſt. Wer weiß— vielleicht kommt auch noch deine Unſchuld an den Tag, und dann biſt du vollends gerechtfertigt. Jedenfalls iſt deines Bleibens hier länger nicht. Geh' heim, ſprich mit deiner Mutter, der du unter dem Sie⸗ gel der Verſchwiegenheit unſeren Plan mittheilen kannſt, und morgen früh erwarte mich in dem nächſten Dorfe, wo ich dich abholen werde. Geh', mein Kind, und ſei getroſt! Du biſt gut und rechtſchaffen, und ſomit wird dich Gott nicht verlaſſen.“ 6 4 83 144 Ich ging. Heimlich ſchlich ich mich aus einer Hin⸗ terpforte des Schloſſes und eilte in den Wald, wo ich verweilen wollte, bis es dunkel geworden ſein würde. Denn ich hatte nicht den Muth, bei Tage mich im Dorfe zu zeigen, wo mich doch wohl mancher für ſchul⸗ dig halten mochte. Obgleich mich die Wendung der Dinge nicht ganz befriedigte, weil immer ein Verdacht des Diebſtahls auf mir haften blieb, beruhigte ſich doch allmählig mein aufgeregtes Gemüth und ich dachte mit größerer Kaltblütigkeit über meine Zukunft nach. Es war gewiß, daß Baron Alfred den beſten Ausweg ge⸗ troffen hatte, der mir nach den Vorfällen auf dem Schloſſe noch übrig blieb. Zudem flößte mir ſein gan⸗ zes edles Benehmen ein unbegränztes Vertrauen ein, und die Gewißheit, daß er mich nicht für den Schuldi⸗ gen hielt, gereichte mir zum Troſte und zur Beruhigung. Gelang es mir nun, auch meine gute Mutter von mei⸗ ner Unſchuld zu überzeugen, ſo konnte ich mit ruhigem Herzen das Dorf verlaſſen. Bis zum Anbruche der Nacht ſtreifte ich im Walde umher und ſuchte die einſamſten Plätze auf, wohin ſich ſelten Jemand verirrte. Auch ſah ich keinen Menſchen, und als es dunkel wurde, ſchlich ich nach Hauſe. An dem Fenſter blieb ich ſtehen. Lichtſchimmer drang her⸗ aus. Ich warf einen Blick in den kleinen Raum, der meine glücklichſten Tage, die Tage meiner Kindheit ge⸗ ſehen hatte, und ſuchte mit zagendem Herzen meine Mutter. Ich fürchtete, ſie in Thränen zu finden, nie⸗ dergebeugt von Kummer und Betrübniß; aber ſiehe, ſie ſaß ganz ruhig an dem Tiſche, auf welchem die Lampe ſtand, und ſtrickte. Freilich, ein wenig hläſſer als früher ſah ſie wohl aus, und an ihren entzündeten Augen tröſtender Engel trat er in mein Stuͤbchen, und ſagte 145 konnte ich wohl ſehen, daß ſie viele viele Thränen ver⸗ goſſen haben mußte;— aber jetzt weinte ſie nicht, ſon⸗ dern ſie lächelte ſogar zuweilen, und neigte das Ohr nach der Thür oder dem Fenſter, wie wenn ſie auf ein Geräuſch horchte. »Sollte ſie ſchon wiſſen, daß ich frei bin 24 dachte ich—„ſollte ſie mich erwarten? Aber das iſt möglich!« 4 Indeß beſann ich mich nicht lange, ſondern öf die Thür und trat mit den Worten:„Gott grüße dich, Herzensmutter!“ in das Stübchen. Meine gute Mutter ſprang auf, warf den Strickſtrumpf fort, und drückte mich an ihr Herz. »Sebaſtian, mein Schmerzenskind!« rief ſie aus. „Da biſt du, Gott ſei Dank! Schon ſeit ein paar Stunden erwarte ich dich! Armer, armer Junge, was haſt du dulden und leiden müſſen!“« Mir war bei dieſem liebevollen Empfange, auf den ich kaum zu hoffen gewagt hatte, als ob eine ſchwere, drückende Laſt von meinem Herzen genommen würde. Tief und erleichtert athmete ich auf, und küßte mit über⸗ quellender Liebe meiner Mutter Hand und Mund. »Oh, Mutter,“ ſagte ich,„wie glücklich machſt du mich! Aber wie konnteſt du mich erwarten? Woher weißt du, daß ich frei bin?« »Der junge Herr Baron war hier,“« erwiederte meine Mutter,„der liebe, gute, gnädige Herr! Wie ein mir, was er mit dir beſprochen habe. Wie gut und freundlich iſt er!«. „Und ſagte er dir auch, daß er mich nicht für einen Dieb hält, Mutter? Sagte er das?« fragie 60 haſtig. Kleine urſachen. 146 „Freilich ſagte er's,« erwiederte ſie—„er wollte mich damit tröſten! Ja, er meinte es gut— aber er wußte nicht, daß ich nie auch nur einen Augenblick an deiner Unſchuld gezweifelt habe! Ach, Baſtel, ſo viel Kummer mir Alles gemacht hat, ich wußte ja doch, daß du das nicht gethan haben konnteſt! Ja, Baſtel, das wußte ich! Ich bin ja deine Mutter, ich kenne dich, ich weiß, daß du eher Hungers ſterben, als deinen Wohl⸗ thäter beſtehlen würdeſt! Nein, nein— bei allem Gram, bei allen Thränen, die ich vergoß, war mein Troſt doch immer Der da droben und die Gewißheit, daß man dich ungerecht anklagte. Ja, Baſtel, und wenn es wirklich dahin gekommen wäre, daß man dich an den Pranger geſtellt hätte, ſo würdeſt du dort deine Mutter gefunden haben, und würdeſt geſehen haben, daß ſte nicht von deiner Seite gewichen wäre, und geküßt und geſegnet hätte ſie dich vor allen Leuten! Ja, Baſtel, ich ſtand ſchon da, und wartete auf dich! Du hätteſt deine Mutter nicht vermiſſen ſollen!“ „Oh Mutter, Mutter!“ rief ich aus und warf mich von Neuem in ihre Arme—»Mutter, das wollteſt du thun, und ich, ich Kleingläubiger fürchtete deinen Fluch! Jetzt iſt Alles, Alles gut! Was mir nun auch noch geſchehen möge, ich werde Alles mit Geduld er⸗ tragen, nun ich dein Vertrauen zu mir und deine Liebe kennen gelernt habe! Ja, Mutter, du haſt dich nicht getäuſcht! Schuldlos ſtehe ich vor Gott und dir! Laß nun böſe Menſchen von mir glauben, was ſie wollen! du und Baron Alfred und Herr Walther habt mein Herz erkannt, und Gott kennt es und ſchaut hinein— und das iſt mir genug. Jetzt, Mutter, will ich ruhig von dir ſcheiden— denn hier, hier tief in meiner Bruſt, 147 lebt eine Stimme, die mir ſagt, daß wir uns eines Tages glücklich, und auch in den Augen der Welt von aller Schuld gereinigt wiederſehen werden!“ Bis tief in die Nacht hinein ſaßen meine gute Mut⸗ ter und ich bei einander, und ich mußte ihr eine aus⸗ führliche Schilderung von allen Leiden und Kümmer⸗ niſſen machen, die ich im Schloſſe hatte ertragen müſſen. Ihr Mitleid, ihre innige Theilnahme that meinem Her⸗ zen wohl, und ich hätte wohl bis zum Morgen fortge⸗ plaudert, wenn ſie nicht endlich ſelbſt darauf gedrungen hätte, daß ich mein Lager aufſuchen ſolle. So ſchlum⸗ merte ich denn ein paar Stunden, und bei Tagesan⸗ bruch machte ich mich auf den Weg nach dem Dorfe, wo Baron Alfred mich abholen wollte. Herzlich und liebevoll war der Abſchied von meiner Mutter; ihren reichſten Segen gab ſie mir mit, und meine Thränen floſſen, als ich mich ihrer letzten Umarmung entriß. Mit flüchtigen Schritten eilte ich durch das Dorf; Niemand erblickte mich, Niemand wußte, welche Rich⸗ tung ich eingeſchlagen hatte. Spurlos verſchwand ich aus meiner Heimath. Bald erreichte ich mein nächſtes Ziel, und kaum eine Stunde ſpäter erſchien Baron Alfred in einem Wägelchen. Er ſaß allein darin— ich mußte einſtei⸗ gen, und in raſchem Trabe ging es der Stadt zu, wo wir noch vor Anbruch der Nacht ankamen. Die erſte Nacht ſchlief ich auf dem Sopha in dem Zimmer mei⸗ nes Beſchützers— am andern Morgen aber brachte er mich in das Haus eines redlichen Tiſchlers, bezahlte für mich Koſt und Wohnung, hinterließ noch eine kleine Summe Geldes zu Anſchaffung der nöthigm Bücher 148 und zu anderen kleinen Ausgaben, und nahm dann freundlich von mir Abſchied. »Gehab' dich wohl, Baſtel,« ſagte er.„Hier biſt du ſicher und gut aufgehoben. Beſuche die Schule und lerne fleißig. Jeden Sonntag früh neun Uhr kommſt du zu mir und theilſt mir deine Wünſche und Bedürf⸗ niſſe mit. Im Uebrigen bleibt es bei unſerer Verab⸗ redung und Niemand außer deinem Hauswirthe darf erfahren, daß ich es bin, der dich unterſtützt.“ Ich dankte ihm, verſprach pünktlich ſeinen Weiſun⸗ gen zu folgen, und er ging. Ich begab mich auf mein Zimmer— ein hübſches, freundliches Dachſtübchen— und freute mich des glücklichen Wechſels meiner Lage. Dieſe war freilich nicht ſo glänzend, wie auf dem Schloſſe, aber ſie genügte vollkommen meinen beſcheide⸗ nen Wünſchen, und dieß um ſo mehr, als ich nun nicht länger die Verfolgungen Otto's und Friedrichs zu fürchten brauchte. Mein Lebensſchifflein war in einen beſchränkten, aber ſicheren Hafen eingelaufen, und ich dankte Gott, daß es im Sturme, der mich vom Schloſſe verſchlagen, nicht gänzlich geſcheitert war.. Still und zufrieden verlebte ich meine Tage. Un⸗ ermüdlich fleißig, geſtattete ich mir täglich nur ein oder zwei Stunden zum Spazierengehen, was meine liebſte Erholung war; die übrige Zeit brachte ich bei meinen Büchern auf dem Zimmer, oder in der Schule zu. Das Unglück ſchien aufgehört zu haben, mich zu ver⸗ folgen. Baron Alfred war mir ein väterlicher Freund, und ſeine Güte gegen mich verringerte ſich nicht. Ich konnte ruhig und ohne Sorge den kommenden Tagen entgegenſehen. Da begegnete mir eines Abends ein kleines Aben⸗ 5 4 4 theuer, das ich euch erzählen muß, ſo geringfügig und unbedeutend es auch erſcheinen mag. Die Folgen deſ⸗ ſelben waren für mich von der größten Wichtigkeit. Ich ging ſpazieren vor das Thor, ſchlug, draußen an⸗ gekommen, einen Seitenweg ein, der in ein Gehölz führte, und lief kreuz und quer in demſelben herum. Ein Stück des Waldes war mit einem Gatter einge⸗ hegt, deſſen Eingangsthür indeß gewöhnlich offen ſtand — heute aber fand ich ſie verſchloſſen und war eben im Begriff, über das Gatter zu ſteigen, als ich den Ruf einer weiblichen Stimme vernahm. 4 »„Heda, junges Herrchen,« rief ſie mir zu— hach kommen Sie doch und helfen mir ein wenig!« Ich ſchaute mich um, und ſah ein altes Mütterchen hinter einem Buſche innerhalb des Gatters am Wege ſitzen. Eins, zwei, drei war ich über die Planken hin⸗ weggeſprungen, und eilte zu der Frau hin. Sie war ganz ſauber gekleidet, viel feiner und beſſer, als gewöhn⸗ liche Kraͤuterfrauen, obgleich ich ſie für eine Solche halten mußte, indem ein großer Tragkorb voll Kräuter und Wurzeln neben ihr auf dem Raſen ſtand. Ihr runzelvolles Geſicht lächelte mir freundlich zu und ſie ſtreckte mir ihre Hand entgegen, die ich ohne Umſtände ergriff und zutraulich ſchüttelte. 1 »Was kann ich Ihnen helfen?« fragte ich.„Recht gern will ich Ihnen dienen, wenn es in meinen Kräf⸗ ten ſteht.“« 1— »„Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen,« erwiederte das Mütterchen—„wenn Sie nur ſo gut ſein wollten, mir den Korb da über das Gatter zu ſchaffen. Meine Kräfte reichen dazu nicht hin, obgleich ich mir wohl getraue, ohne den ſchweren Korb uͤber das Gatter zu klettern, deſſen Thuür ein muthwilliger Bube mir vor der Naſe zugeworfen hat. Nun ſitze ich ſchon eine Stunde hier und warte, und kein Menſch iſt gekommen, mir zu helfen. Bitte, junges Herrchen, ſtehen Sie mir bei!“ „Von Herzen gern,“ erwiederte ich bereitwillig, denn das alte Mütterchen mit ihrem ſchlichten, einfachen Weſen gefiel mir.»Aber warum über das Gatter klettern? Ich will ihnen lieber die Thür aufmachen, dann haben Sie's bequemer.“ „Freilich wohl,“ antwortete Sie—„aber Sie ſehen ja, das Schloß iſt eingeſchnappt.“ „Ei, da wollen wir ſchon helfen,“ ſagte ich.„Ein alter Nagel wird ſchon ſeine Dienſte thun, und im Gatter hier ſtecken ihrer genug.“ Mit Hülfe meines Meſſers wurde es mir nicht ſchwer, einen verroſteten großen Nagel aus den ver⸗ morſchten Planken zu ziehen— mit einem Steine klopfte ich ihn krumm, und nach einigen mißglückten Verſuchen gelang es mir endlich, die Thür zu öffnen. „Sehen Sie,“ ſagte ich,„jetzt iſt geholfen, und nun wollen wir die Thuͤr auch wieder feſt legen.“ „Schönen Dank, ſchönen Dank, junges Herrchen!“ erwiederte die Alte mit freundlichem Kopfnicken.„Den guten Dienſt, den Sie mir da geleiſtet haben, werd' ich Ihnen nicht vergeſſen. Aber jetzt bitte ich Sie noch um Eines: helfen Sie mir den Korb aufhucken! Ja?« „Recht gern,“ ſagte ich—„aber der Korb iſt ſchwer und ich habe jüngere Schultern, als Sie, ich will ihn für Sie bis an den Waldſaum tragen.“ Das runzelvolle Geſicht der alten Frau wurde bei meinen Worten immer freundlicher.„Ei, ei,« ſprach ſie 451 —»das gefällt mir, daß Sie noch Reſpekt und Ehr⸗ furcht vor alten Leuten haben! In jetziger böſer Zeit findet man das ſelten! Gut, gut— hucken Sie den Korb auf, ich will's nicht wehren und müde bin ich auch. Hm! Hml! das gefällt mir doch wirklich ſehr! Kennen Sie mich denn, junges Herrchen?« »Ach nein— wie ſollte ich? Ich bin erſt kurze Zeit in der Stadt,“ entgegnete ich.„Aber was thut das? Ich kann Ihnen ja doch trotzdem behülflich ſein.« »„Recht gut, recht gut,« murmelte die Alte.„Nun denn,“ fügte ſie lauter hinzu,„wir werden uns beſſer kennen lernen, denk' ich! Ich bin die Frau Baldrian und habe einen Handel mit allerlei Sachen, auch mit Kräutern, in der Stadt— die Zeiten ſind ſchwer— man muß immer auf einen kleinen Erwerb bedacht ſein, und da ſuch' ich mir denn die Kräuter ſelber im Walde. Aber— es iſt Ihnen wohl nicht recht, wenn Sie, ein ſo vornehmer junger Herr, mit ſo einer geringen Frau gehen ſollen? Wenn man Sie mit dem Korbe ſähe! Geben Sie nur her!« »Ach was,“ ſagte ich—„meinetwegen mag die ganze Welt ſehen, was ich thu! Und vornehm? Ich? Hat ſich was! Ein armes Tageloͤhner⸗Kind bin ich, vom Dorfe.“« »So, ſo! Hm! Hm!« machte die alte Frau.„Da wär' ich doch begierig, mehr von Ihnen zu hören! Er⸗ zählen Sie mir unterwegs, wie Sie hieher gekommen ſind in die Stadt. Das verkürzt den Weg und thut vielleicht noch ſonſt gute Dienſte.“ Nun, es konnte mir keinen Schaden bringen, wenn ich der guten Alten meine Schickſale mittheilte. Alſo Luckte ich den Korb auf, und während ſie dann neben mir her trippelte, erzählte ich ihr Alles, was ich erlebt 152 hatte, und verſchwieg nur den Namen des jungen Herrn Alfred, weil er es mir verboten habe. Die Frau hörte mir mit theilnehmender Aufmerkſamkeit zu. »Armer Junge, armer Junge,“ ſagte ſie, als ich mit meiner Erzählung zu Ende war— ja, ja, du haſt Manches dulden und leiden müſſen! Na, der liebe Gott wird's dir ſchon wieder wett machen. Ich ſehe, du haſt ein gutes ehrliches Gemüth, und da nehm' ich nun Theil an dir. Weißt du was, du könnteſt mich alle Woche zweimal zum Abendbrod beſuchen, wenn es dir nicht unangenehm iſt, mit einer alten geringen Frau zu plaudern! Ich lebe ganz mutterſeelenallein, und da wär's mir eine rechte Erquickung, manchmal dein freundliches Geſicht zu ſehen.“ Ich weiß nicht, wie es zuging— aber die alte Frau machte einen 6 angenehmen Eindruck auf mich, daß ich auf der Stelle und mit aufrichtiger Freude ver⸗ ſprach, ihrer Einladung Folge zu leiſten. Meine Be⸗ reitwilligkeit ſchien ihr lieb zu ſein; ſie drückte mir freundlich die Hand, und erzählte mir nun ſelbſt eine Menge hübſcher kleiner Geſchichten aus ihrem Leben, die mir manches fröhliche Lachen ablockten. So erreich⸗ ten wir den Saum des Gehölzes, und hier blieb die alte Frau ſtehen. 15 „Halt!“ ſagte ſte—„ich bin jetzt ausgeruht und für dich, mein Söhnchen, würde es ſich nicht ſchicken, den Korb noch weiter zu ſchleppen. Gib ihn her— ich will's ſo haben.“ Mein Weigern half mir nichts; ich mußte den Korb abhucken und ihr auf die Schultern heben. Doch durfte ich an ihrer Seite in die Stadt gehen und ſie bis zu ihrem Hauſe begleiten. Dieß war ein altes, räuche⸗ ——— riges, aber ziemlich großes Gebäude mit einem Laden, der voller Gerümpel aller Art ſteckte und mir keinen großen Begriff von den Handelsgeſchäften der Alten einflößte. Das verminderte aber meine Zuneigung zu ihr nicht im mindeſten, und als ſie mich beim Äbſchiede noch einmal bat, daß ich jeden Mittwoch und Sonntag Abends bei ihr vorſprechen ſollte, wiederholte ich mit Freuden die Zuſicherung, daß ich ganz gewiß kommen wolle. Sie ſchrieb ſich dann noch meine Wohnung auf ein Blatt Papier, und nun endlich ließ ſie mich gehen. Die zufällige Bekanntſchaft mit der wunderlichen, aber herzensguten Alten gereichte mir, ſo unglaublich es klingt, zum größten Vergnügen. Sie gewann mich wahrhaft lieb, und gab mir das auf alle mögliche Weiſe zu erkennen. Obgleich ſie ſehr arm ſchien, machte ſie mir dennoch von Zeit zu Zeit kleine Geſchenke, und gab mir nebenbei in unſeren Unterhaltungen einen Schatz von praktiſchen Lebensregeln, die mir in meinem ſpäteren Leben häufig zu großem Nutzen gereichten. Dazu beſaß ſte eine wunderbare Unterhaltungsgabe und wußte tau⸗ ſend intereſſante Dinge zu erzählen, in denen gewöͤhn⸗ lich noch eine gute Lehre verſteckt lag. Immer, ſo oft ich zu ihr kam, fand ich ſie allein— nie traf ich einen nder. tenſchen bei ihr. Später erfuhr ich, daß ſie keine, aber auch gar keine Verwandten hatte— Ge⸗ ſchwiſter und Enkel, die ſie beſeſſen, ruhten längſt im Grabe, und ſeit Jahren ſtand ſie allein in der Welt. Das erklärte mir denn auch ihre ſeltſame Anhänglich⸗ keit an mich, und ich fand darin einen Grund mehr, der armen verwittweten Alten die Achtung und Liebe 1 eines Sohnes zu widmen. Dem Baron Alfred hatte ich von meiner neuen Bekanntſchaft Mittheilungen gee 154 macht und von ihm die Billigung meines Benehmens erlangt. So beſuchte ich denn meine mütterliche Freun⸗ din ein ganzes Jahr hindurch regelmäßig zwei Abende, und ich lüge nicht, wenn ich ſage, daß mir grade dieſe beiden Abende die liebſten in der ganzen Woche waren. Im Uebrigen ereignete ſich nichts von beſonderer Wich⸗ tigkeit, bis Baron Alfred mir eines Sonntags mittheilte, daß er den Beſuch ſeiner Eltern in der Stadt erwarte, die etwa drei Wochen daſelbſt zu verweilen gedächten, und daß ich während dieſer Zeit meine Beſuche bei ihm einſtellen möge. Im erſten Augenblick erſchrak ich über dieſen Beſuch— aber bald beruhigte ich mich; denn Baron Bodenſtein und ſeine Gemahlin hatten mich un⸗ bedeutenden Menſchen gewiß längſt vergeſſen. Ich nahm mir vor, mich möglichſt vor ihren Augen verborgen zu halten, und geduldig ihre Wiederabreiſe abzuwarten. Vier Tage ſpäter kam ganz unerwartet ein Bote von Frau Baldrian mit der Nachricht zu mir, daß ich mich unverzüglich zu ihr begeben möge, ſie habe mir eine wichtige Mittheilung zu machen. Ich ließ ſogleich Al⸗ les ſtehen und liegen und eilte nach ihrem Hauſe. Im Flur wartete ſie auf mich, ergriff meine Hand, führte mich an ein kleines Fenſter, durch welches ich ihre ge⸗ wöhnliche Wohnſtube überblicken konnte, und ſagte leiſe: „Keinen Laut, Sebaſtian! Sieh' dir den inn im Zimmer dort an und ſage mir, wer er iſt. Ich glaube, du kennſt ihn! Aber ſtill— keinen Ausruf der Ueber⸗ raſchung!« Neugierig blinzelte ich durch das Fenſter— ſchrak zuſammen und trat raſch einen Schritt zurück.„Um Gottes willen, Friedrich!“ rief ich aus.„Was will der hier?« vollem Laufe rannte ich durch die Straßen nach der 155 „Dacht' ich's doch!“« ſagte Frau Baldrian voller Freude.„Was er will, Sebaſtian? Er will, ohne daß er's weiß und ahnt, deine Unſchuld an den Tag brin⸗ gen! Geſchwind laufe zur Polizei— man ſoll mir Je⸗ manden ſchicken, der dieſen Menſchen verhaftet! Dann ſchicke zu Baron Alfred, oder geh' ſelbſt— du brauchſt dich nicht mehr zu ſcheuen— und bitte ihn, mit dir zu mir zu kommen. Ich werde den ſauberen Vogel drin⸗ nen bis dahin feſthalten, im Nothfall ſelbſt mit Gewalt. Aber geſchwind, Baſtel! Du wirſt ſehen, jetzt kommt deine Unſchuld an den Tag!« „Aber wie denn? Was denn? Warum denn?“ fragte ich ganz verwirrt. „Wie, was, warum!« rief meine gute Frau Bal⸗ drian aus.„Mit wenigen Worten wird dir's klar ſein! Der Mosjö Friedrich hat mir einen Diamanten zum 8 Kauf angeboten— ich ahnte, daß dieſer Diamant in irgend einer Beziehung mit dir ſtehen müſſe, weil d. mir ſagteſt, daß Baron Alfred ſeine Eltern erwartet— 1 und da ſchickte ich zu dir. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Mosjö Friedrich glaubt Gras über die 4 Diebsgeſchichte gewachſen, hat ſeine Herrſchaft hierher begleitet, hat gehört, daß ich mitunter auch mit Juwe⸗ len handle, iſt hergekommen, ohne zu ahnen, daß ich deine Geſchichte kenne, und nun— na, nun haben wrirr den ſauberen Vogel im Netze. Verlaß dich auf mein Wort, Baſtel, und mache, daß du fortkommſt!“ Ich bedurfte keiner Aufmunterung weiter. In Polizei, und mein gutes Glück wollte es, daß mir un⸗ terwegs Baron Alfred begegnete. Er rief mich an— ich erklärte ihm mit haſtigen Worten was vorgefallen 156 war, und er beſann ſich nicht einen Augenblick, mich zu begleiten. Ein Polizei⸗Kommiſſarius wurde mit einem Verhafts⸗Befehle verſehen, und nun gingen wir, etliche Polizei⸗Soldaten in unſerem Gefolge, zur Wohnung der Frau Baldrian zurück. Friedrich war noch dort und ahnte noch nichts, wie uns meine mütterliche Freundin mittheilte. Sie hatte ihn unter mancherlei Vorwänden aufzuhalten gewußt. Nie werde ich das entſetzte Geſicht vergeſſen, das Friedrich machte, als wir in Begleitung der Polizei in die Stube traten. Er wurde blaß, wie der Kalk an der Wand und taumelte bei meinem Anblicke drei Schritte weit zurück. Baron Alfred benutzte ſeinen Schrecken, ihn zum Geſtändniß zu bringen. Er trat hart an ihn hin und ſagte mit kalter Ruhe:„Sie ſind entdeckt, Friedrich. Ihr ganzer ſchändlicher Plan iſt enthüllt. Mein Bruder Otto, Ihr Mitſchuldiger, kann nicht länger läugnen. Geſtehen auch Sie, oder die ganze Strenge des Geſetzes wird Sie treffen!«nn »Gnade! Gnade, Herr Baron!« flehte der Elende und warf ſich Alfred zu Füßen.„Ich will Alles be⸗ kennen! Nur ſein Sie barmherzig!« „»„Bekennen Sie erſt! Wir werden dann weiter ſehen!« antwortete Baron Alfred.— Die kalte Ruhe deſſelben ſchüchterte den brecher vollſtändig ein. Er bekannte Alles; er geſtand, daß er und Otto den Juwelenſchrank erbrochen, daß er die Juwelen in meinem Zimmer verborgen, daß er die Ge⸗ ſchichte mit dem Ringe erfunden, daß er bei Ablieferung der Juwelen einen koſtbaren Diamanten behalten habe, und daß Alles, was gegen mich vorgebracht worden ſei, nichts als Lüge und Verläumdung wäre. Es wurde A —— 157 ein Protokoll über ſeine Ausſage aufgenommen, das er unterſchreiben mußte, und hierauf ward er gefangen ab⸗ geführt. Mich aber brachte Alfred im Triumph zu ſeinen Eltern, denen er das Protokoll zu meiner voll⸗ ſtändigen Rechtfertigung vorlegte. Der Herr Baron und ſelbſt die Frau Baronin ba⸗ ten mich um Verzeihung, die ich ihnen von Herzen gern zu Theil werden ließ, und Beide drangen in mich, daß ich in ihrem Wagen nach meinem heimathlichen Dorfe zurückkehren ſolle, damit auch dort meine Schuldloſigkeit Jedermann bekannt würde. Dieß geſchah. Ich verlebte einige glückliche Tage auf dem Schloſſe und in der Nähe meiner guten Mut⸗ ter, und der Herr Baron ſetzte mir bei meiner Rückkehr in die Stadt einen Jahrgehalt aus, von dem ich an⸗ ſtändig leben und alle Unkoſten meines Studiums be⸗ zahlen konnte. Als ich ausſtudiert und mein Examen gemacht hatte, ſtarb meine gute Freundin und Gönne⸗ rin, und zu meiner nicht geringen Ueberraſchung fand ſich, daß ſie mich zum Erben ihres ganzen bedeutenden Vermögens teſtamentariſch ernannt hatte. Ich ſah mich plötzlich mit großem Reichthum geſegnet, denn die Erh⸗ ſchaft der alten guten Frau, die Jedermann für arm gehalten hatte, weil ſie ſo ſtill und eingezogen lebte, be⸗ trug ein Vermögen von mehr als hunderttauſend Thalern. Von dieſer Zeit an war mein Glück begründet— und wem verdankte ich es? Dem Loche im Rocke des Herrn Schulmeiſters, das in der Hand Gottes zum Mittel geworden war, mich meinem Glücke entgegen zu führen. Ohne das Loch gelangte ich nicht zum Feuer⸗ werk; ohne das Feuerwerk kam ich nicht zu der kleinen Anna; ohne ſie nicht zum Herrn Pfarrer; ohne. ihn — “—— .. 3 1 — 158 konnte mich die Frau Pfarrerin, als ſie Appetit auf Kuchen gehabt, nicht der Ziege bei Nacht und Regen nachſchicken; ohne die Ziege fand ich Baron Alfred nicht im Walde und wäre nicht auf das Schloß gelng, wo ſich der Herr Baron den Finger quetſchen mußte, da⸗ mit ich wieder daraus verjagt würde; ohne die Bös⸗ willigkeit meiner Feinde, wäre ich ſchwerlich in die Stadt zu Baron Alfred gekommen, und dann hätte ich auch Frau Baldrian nicht kennen gelernt, durch deren Vermittelung endlich meine Unſchuld an den Tag kam. Und welches war die Urſache, daß ich ihre Bekannt⸗ ſchaft machte? Daß ein muthwilliger Bube ihr die Gatterthür vor der Naſe zugeworfen!— Du ſiehſt alſo, lieber Hugo, daß Gott oft auch durch geringfügige kleine Urſachen die Schickſale der Menſchen beſtimmt und lenkt, und wir ſollten uns deßhalb gewöhnen, die Weisheit des Allmächtigen nicht nur in ſeinen erhabenen und gro⸗ ßen Schöpfungen, ſondern auch in den ſcheinbar unbedeu⸗ tenden und häufig unbeachteten Fügungen zu bewundern.“ „Ja, Vater, ich will das nie vergeſſen,“ erwiederte Hugo.„Aber iſt die Geſchichte nun aus?« „Nun, ich hätte weiter nichts mehr hinzuzufügen, als die Bemerkung, daß Friedrich aus dem Hauſe des Herrn Barons verjagt wurde,“ entgegnete der Geheime⸗ rath.„Meine ſpaͤteren Schickſale haben weniger In⸗ tereſſe für dich, als die Geſchichte meiner Jugend, die ich denn hiermit beſchließen will.“ „Es iſt auch Zeit,“ ſagte die Mutter.„Eben hat der Nachtwächter die zehnte Stunde gerufen, und es iſt Zeit, daß man zu Bette geht. Gute Nacht!« —BSo— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.