Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24. Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 1 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 3 2 Mk.— Pf. 7. n„ 7 3„„ 4„,„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Tuin Erſatz des Ganzen verpflichtet. 85 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. NX ———— 8 A ——õ————— —— N Unter der C Eine Erzählung für meine jungen Freunde. in ck Von. es Franz Hoffmann. en 3 er es te Mit vier Stahlſtichen. ie . t, i⸗ — V 6. Stuttgart. it n Verlag von Schmidt& Spring. Erſtes Kapitel. Ein boshafter Mann. Es ging luſtig zu im Dorfe, denn es war Sonn⸗ tag Nachmittag, und die Leute hatten ein hübſches Stück Geld verdient im Laufe der vorigen Woche. In der ſogenannten Bergſchenke beſonders gab es ein buntes Tummeln und Treiben. Dort vergnügten ſich bei einem Glaſe Bier und bei dem Klange einiger verſtimmten Klarinetten und Geigen die Beamten des in der Nähe von Bornheim gelegenen großen Kohlen⸗ Bergwerks; die Ober⸗ und Unter⸗Steiger, und die Leute dder Amtsſtube; auch die höher geſtellten Beamten, die Markſayider und Bergmeiſter, verſchmähten es nicht, an der hemloſen Luſtbarkeit ihrer Untergebenen hei⸗ teren Antheirzu nehmen. Draußen im Freien vor der Thür, welche, eben ſo . wie die Fenſter de Schenke, weit offen ſtand, damit die friſche Luft ungbindert einſtrömen konnte, tanzten die jungen Leute unter dem ſchattigen Laubdache von vier prachtvollen breitbemvfelten Linden. Ein Schwarm 3 Kitnder, ſorgſam behütet von den Augen wachſamer 6 Mütter, ſpielte auf der blumenreichen Wieſe, welche unter der Erde. 141 /4 p, 2 von der Schenke ſich bis zum nahen Walde hinüber erſtreckte. Weiter hin tummelten ſich die größeren Kna⸗ ben, und beluſtigten ſich mit Ball⸗ und Reifenſpiel. Ueberall ſah man fröhliche, zufriedene Geſichter; Alles war Luſt, Jubel und Freudigkeit; die Kinder jauchzten; die Knaben ſchrieen aus voller Bruſt; und die Aeltern ſchauten ihren Spielen lächelnd zu. Rechts vor der Hausthür, in der Laube von wil⸗ dem Wein, ſaß eine beſonders heitere Gruppe von Berg⸗ leuten mit ihren Frauen, und Einer befand ſich darun⸗ ter, dem von den Uebrigen gar oft mit herzlicher Anſprache zugetrunken wurde. Hier, inmitten ſeiner Amtsgenoſſen, befand ſich nämlich der erſt vor einigen Tagen zum Oberſteiger ernannte, allgemein beliebte und kreuzbrave Wilhelm Friedel mit ſeiner Frau, und ihm galten die Trinkſprüche ſeiner Kollegen, welche, faſt ohne Ausnahme, über die Beförderung des wacke⸗ ren Genoſſen ihre Freude kundgaben, und ihre Glück⸗ wünſche darbrachten, die eben ſo freundlich erwiedert, und von Friedel dankbarſt angenommen wurden, obgleich der beſcheidene Mann geradezu ausſprach, daß er die unverhoffte Beförderung keineswegs durch ſeine Leitun⸗ gen und ſeinen Fleiß verdient habe. Rede nicht ſo dummes Zeug, Friedel,“ jagte der Oberſteiger Winter hierauf,—„kein Einiger von den übrigen Unterſteigern hatte ein größers Anrecht auf den erledigten Poſten, als du, wen auch Etliche von ihnen eine längere Reihe von Dienſtjahren aufzuweiſen haben. Bei dem Oberſteiger⸗Pnten, der mit ſo großer und ſchwerer Verantwortlichke, verknüpft iſt, kann es nicht auf die Zahl der Diaſtjahre, ſondern es muß auf die Tüchtigkeit dau anfommen. Und welcher von den Anderen wäre wohl tüchtiger zu dem Amte geweſen, als du, unſer alter Freund? Allerdings zweifle ich nicht, daß in Manchem der Unterſteiger das helle Neidfeuer über deine Beförderung brennen muß, aber trotz dem und alledem behaupte ich, daß unſer Berg⸗ Amt genau den richtigen Mann getroffen hat, als es dich zum Nachfolger unſeres ſeligen Kollegen Büttner ernannte. Darum, Freunde: ein Hoch unſerem verehr⸗ lichen Bergamte, und beſonders unſerem edlen Herrn Berg⸗Hauptmann, der die Verdienſte ſeiner Untergebe⸗ nen richtig zu würdigen und ſie auch zu belohnen ver⸗ ſteht. Der Herr von Reichenbach, unſer Berg⸗Haupt⸗ mann, er lebe hoch!“ Die übrigen Tiſchgäſte ſtimmten kräftig in dieſes Hoch ein, und leerten ihre Gläſer bis zur Neige, um dadurch ihre Liebe und Anhänglichkeit an ihren hochge⸗ achteten Vorgeſetzten zu bekräftigen. „Ja, ja,“ nahm hierauf der Oberſteiger Bieler das Wort,„gar Mancher machte ein ſcheeles Geſicht, als der Herr Berg⸗Hauptmann unſerem Friedel vorgeſtern in Gegenwart aller Ober⸗ und Unter⸗Steiger ſeine Be⸗ förderung verkündigte. Ich habe es recht wohl geſe⸗ hen, wie Der und Jener voll Aerger und Verdruß auf die Lippe biß, und grollende, neidiſche Blicke auf ſeinen neuen Vorgeſetzten ſchleuderte. Aber mach' dir daraus nichts, Bruder Friedl! Wenn die mißgünſtigen Geſellen auch halb erſticken vor Neid, anthun können ſie dir nichts, denn du haſt ihnen fortan zu befehlen, und ſie müſſen gehorchen.“ „Nun, ich denke, es wird mit dem Groll und Neid nicht ganz ſo ſchlimm ſein, wie du es machſt, Bieler,“ nahm ein dritter Oberſteiger das Wort.„Im Ganzen . 1 genommen, iſt ja unſer neuer College bei ſeinen frühe⸗ ren Genoſſen ſehr beliebt, und es wird nur Wenige darunter geben, die ſein Glück beneiden und ihm Böſes wünſchen. Nur freilich, der Unterſteiger Lorenz etwa, — der hat ſchon von jeher einen gewiſſen Haß gegen unſeren Friedel gehegt, und ihm würde ich nicht über den Weg trauen. Er iſt ein böſer, heimtückiſcher Mann, und wenn er Jemandem einen Fuß unterſtellen oder einen Schabernack ſpielen kann, ſo iſt er nur zu gern bei der Hand, heißt das, wenn er nicht fürchten muß, entdeckt zu werden; denn er iſt eben ſo feige, wie er ſchlecht iſt.« 1 „Das iſt leider nur zu wahr,“ beſtätigte ein Ande⸗ rer.„Er iſt ein ſchlimmer Geſell, und ich wünſchte nur, unſer Berg⸗Hauptmann ſchaffte ihn uns bei guter Gelegenheit vom Halſe. Kein Anderer, als Er iſt es geweſen, der neulich dem Steiger Hannes ſeine ſämmt⸗ lichen Hühner vergiftet hat. Er und Hannes hatten kurz vorher einen Streit und Wortwechſel über irgend eine Lumperei gehabt, und da übt nun der Lorenz eine ſo niedrige und gemeine Rache an den armen Thieren, die des Hannes größte Freude und Liebhaberei waren. Es iſt ſchändlich!“ „Du urtheilſt doch wohl zu voreilig, Wenzel,“ ent⸗ gegnete Friedel auf dieſe ſchwere Beſchuldigung.„Lo⸗ renz iſt zwar ebenfalls mein Freund nicht, und mag manche üble Eigenſchaft haben, aber einen ſolchen nie⸗ derträchtigen Streich traue ich ihm doch nicht zu.“ „Und wem ſonſt trauſt du ſolchen erbärmlichen Streich zu?« verſetzte Wenzel.„Gewiß doch keinem von unſeren anderen Bergleuten, die durchgängig ehr⸗ liche, wackere Männer ſind. Lorenz iſt das einzige räu⸗ ⁴ dige Schaf unter ihnen, und er hat die Hühner ver⸗ giftet aus Rache, weil er in Folge des Streites mit Hannes von unſerem Berghauptmann einen derben Ver⸗ weis bekam. Nein, nein, Friedel, lehrt mich meine Leute nicht kennen! Der Lorenz iſt ein durchtriebener, ſchlimmer Kerl, dem alles Mögliche Schlechte zuzu⸗ trauen iſt.“ „Still von ihm,“ unterbrach der Oberſteiger Win⸗ ter die Unterhaltung, welche hitzig zu werden drohte. „Dort kommt der Lorenz über die Wieſe her grade auf uns zu, und er würde ſchwerlich ſehr erfreut ſein, wenn er hörte, was hier über ihn geſprochen iſt. Uebrigens möchte ich auch nicht geradezu darauf ſchwören, daß Lo⸗ renz die Hühner vergiftet hat. Beweiſen konnte man ihm nichts, und irgend ein böſer Zufall kann ja die Hand im Spiele gehabt haben. Wir ſollten immer das Beſſere von den Menſchen glauben, und nicht das Schlimmere.“ „Ja doch, aber nur, je nachdem der Menſch iſt,“ entgegnete der Oberſteiger Wenzel unwirſch.„Seht nur hin, was der Kerl für ein finſteres, böſes Geſicht macht, und wie tückiſch er nach unſerem Friedel herüber ſchielt. Ich wiederhole dir, Friedel, traue dem Kerl nicht über den Weg! Er ſinnt auf Böſes, und ſpielt dir ſicher einen ſchlimmen Streich, ſo oft es heimlich geſchehen kann.“ „Ich ſtehe allerwegen in Gottes Hand, und darum fürchte ich nichts,“ verſetzte Friedel ruhig.„Wer den Herrn fürchtet und ſeine Pflicht thut nach beſten Kräf⸗ ten, kann muthig der Zukunft in's Auge ſehen.« Mittlerweile war der Unterſteiger Lorenz mit lang⸗ ſamen Schritten ganz in die Nähe der Laube gekommen, und muſterte mit verſtohlen ſchielendem Blicke die im Schatten derſelben ſitzenden Männer, welche ihn übri⸗ gens nicht weiter beachteten. Angenehm und gewinnend war der Anblick des Unterſteigers allerdings grade nicht. Seine niedrige Stirn, ſeine tief liegenden, häß⸗ lich funkelnden Augen, die wulſtigen Lippen und die ſtumpfe Naſe bildeten ein Ganzes, das eher abſtieß, als für ſich einnahm; in ſeinen Zügen ſprach ſich eine gewiſſe Verbiſſenheit, ein heimlicher Groll auf alle Welt, und eine lauernde Tucke aus, wie auf dem Ge⸗ ſichte eines biſſigen Kettenhundes, der immer bereit iſt, auf Vorübergehende loszuſtürzen und ſeine gefletſchten Zähne in ihr Fleiſch zu vergraben. Seine Kameraden gingen deshalb dem Lorenz immer möglichſt aus dem Wege, und er zählte unter ihnen auch nicht einen ein⸗ zigen, wirklichen guten Freund. Wer ihn nicht haßte, vermied ihn wenigſtens, und ſo befand ſich Lorenz auch heute an dem fröhlichen Tage und unter dem fröhlichen Gewimmel, wie ſonſt immer, allein. „Ja, ja,“ murmelte er, heimlich die Fäuſte ballend, grimmig in ſich hinein,—„trinkt nur, ſtoßt mit ein⸗ ander auf die Geſundheit des neuen Oberſteigers an, der doch nur ſeiner kriechenden Liebesdienerei gegen den Berghauptmann den Poſten verdankt, der eigentlich mir hätte zufallen ſollen,— die Zeit wird ſchon kommen, wo ich Euch den jetzigen Triumph über mich verſalze. Ich will Euch ſchon beweiſen, daß der Lorenz nicht un⸗ geſtraft ſich zurückſetzen und über ſich ſpotten läßt. Für heute wird wenigſtens dem Friedel die Freude vergällt ſein, wenn nur mein Uli meinen Wink befolgt, mit des Friedel's Hanſel Streit anfängt, und den Jungen ge⸗ hörig durchbläuet. Ich haſſe den Buben beinahe eben — — Stühlen aufſprangen, und die Frauen ganz entſetzt nach dem Orte hinüber blickten, von welchem her das Ge⸗ ſchrei noch immer in gellenden, durchdringenden Lauten del, von einer bangen Ahnung ergriffen, und der ſonſt 1 ſo ſehr, wie ſeinen Vater, den ſchmeichelnden Halun⸗ ken! Nun, mein Uli hat auch einen Zahn auf ihn, und wo der hinſchlägt, da gibt's Blut, oder wenigſtens blaue Flecke. Ah, das Geſchrei auf dem Spielplatze drüben! Sollt' es ſchon losgegangen ſein?«“ Er trat ein paar Schritte zurück, ſchaute in die Ferne hinüber, und nickte zufrieden mit dem Kopfe, während ein häßliches, boshaftes Lächeln ſeine Lippen verzerrte. „Er hat ihn!« murmelte er wie vorhin.„Nun iſt's Zeit, daß ich mich ein wenig auf die Seite drücke, um dem erſten Wuthausbruche des lieben Väterchens aus dem Wege zu gehen, der ja ſein ſauberes Söhnlein für ein Wunderkind hält, und es am liebſten in Baum⸗ wolle wickeln möchte, damit es ja von keinem rauhen Lüftchen angeweht wird. Na, er wird die blauen Flecke nicht alle auf dem Leibe des Jungen zählen können, wenn nur der Uli tüchtig zuhaut, wie ich's ihm anem⸗ pfohlen habe.“ Nach dieſen Worten drückte ſich Lorenz gewandt auf die Seite, und war im nächſten Augenblicke ſpurlos im Gedränge der anderen Bergleute verſchwunden. Kaum war er fort, ſo ertönte von dem Platze her, wo die Knaben ſich mit Ball⸗ und Reifenſpiel beluſtig⸗ ten, ein lautes durchdringendes Geſchrei der Angſt und des Schreckens, ſo daß die Männer, beſtürzt von ihren herüber tönte. „Dort muß ein Unglück geſchehen ſein,“ ſagte Frie⸗ ſo eiſenfeſte, ſtarke Mann zitterte an allen Gliedern. „Laßt uns nachſehen, Freunde! Vielleicht iſt ſchnelle Hülfe nothwendig!« Eilig wandte er ſeine Schritte dem Spielplatze zu, aber ſchon kam ihm von dort ein Haufen weinender und laut jammernder Knaben entgegen, die ſich um eine Tragbahre drängten, auf welcher die mit Blut beſu⸗ delte Geſtalt eines etwa zwölfjährigen Knaben, beſin⸗ nungslos, wie es ſchien, ausgeſtreckt lag. Vier Männer trugen die Bahre, ſetzten ſie aber wie von einem gleich⸗ zeitigen Impulſe getrieben, ſanft auf den Raſen nieder, als ſie den Oberſteiger Friedel bleich und in ſichtlich furchtbarer Aufregung auf ſich zukommen ſahen. „Das iſt ein trauriger Anblick für einen Vater,“ ſagte Einer von den Trägern mitleidig.„Wir ſollten ſchnell ein Tuch über den armen Jungen decken, damit der Schrecken nicht allzugroß und plötzlich iſt.“ „Das würde ja doch nichts helfen,“ erwiederte ein Anderer.„Erfahren muß er's ja unter allen Umſtän⸗ den, und je eher dem armen geſchlagenen Jungen Hülfe gebracht wird, deſto beſſer iſt's für ihn und den Vater. Da iſt er ſchon! Nun, das wird einen trau⸗ rigen Auftritt geben.“ In der That drängte ſich der Oberſteiger Friedel mit wilder Haſt durch den Knabenſchwarm, der die Bahre umringte, und ein greller Schrei entrang ſich ſeiner Bruſt, als er in der dort liegenden, blutüber⸗ ſtrömten, beſinnungsloſen Geſtalt ſeinen einzigen Sohn erkannte. „Barmherziger Himmel!“ rief er aus, indem er neben der Bahre niederkniete und mit entſetztem Blick —— —— 9 auf das bleiche Geſicht des Knaben ſtarrte,—„mein Hanſel! Iſt er todt?« „Nein, nein, Herr Oberſteiger, ſo ſchlimm iſt es wohl nicht, blos eine kleine Ohnmacht, von der ſich der Hanſel bald wieder erholen wird, hoffe ich,“ verſetzte der Träger, welcher vorhin ſein mitleidiges Bedauern ausgeſprochen hatte.„Er hat freilich ein paar böſe Wunden am Kopfe, der arme Junge, denn des Lorenz Uli ſchlug ja mit dem Ballſchlägel auf ihn los, wie ein wildes Thier,— ein abſcheulicher Bube iſt der, ſo recht ein Spahn vom alten Stamme, an dem auch nur wenig von gutem Kernholze zu verſpüren iſt.« Uli alſo, des Steigers Lorenz Sohn, iſt es, der mein armes Kind ſo furchtbar zerſchlagen hat?« rief Friedel in überwallendem Zorne aus.„Das ſoll er mir büßen! Wo iſt er?« „Weit über alle Berge,“ verſetzte der Träger. „Sobald der Halunke ſah, daß wir Männer dem Hanſel zu Hülfe eilten, ließ er von ihm ab und er⸗ griff ſchleunigſt die Flucht. Hätten wir ihn erwiſcht, wir würden ihm ſeine Bosheit eingetränkt haben.“ „Nun denn, ſpäter,“ murmelte Friedel mit nur müh⸗ ſam niedergehaltener Aufregung,—„wir werden ſpä⸗ ter mit ihm Abrechnung halten. Euch aber, Ihr gu⸗ ten Leute, meinen herzlichen Dank fur Eure Hülfe. Ich bitte jedoch, laßt uns nicht länger zögern, oder mein armes Kind ſtirbt mir unter den Händen.“ „Sie haben Recht, Herr Oberſteiger,“ lautete die Antwort;—„wohin tragen wir den Hanſel?“ „In meine Wohnung natürlich,“ erwiederte Friedel. „ Einer von Euch, thut mir wohl den Gefallen, und läuft voraus, um den Doktor Frank zu benach⸗ — — ——ꝛ::P———— richtigen. Geſchwind, Freunde! Ich nehme indeß die Stelle des Boten ein.“« Einer von den Trägern machte ihm bereitwillig Platz, und rannte dann ſchnell, wie ein Hirſch, nach dem Arzte davon. Die Anderen, Friedel mit ihnen, hoben die Bahre wieder auf, und trugen ſie nach Frie⸗ dels Wohnung, welche zum Glück nur höchſtens eine Viertelſtunde entfernt lag. Unterwegs fragte der be⸗ trübte Vater, welche Veranlaſſung ſein Hanſel zum Streite gegeben habe, und erhielt von allen Knaben das einſtimmige Zeugniß, daß Uli den Zank ohne allen Grund muthwillig vom Zaune gebrochen habe. Hanſel iſt ganz unſchuldig,“ riefen ſie,„er thut keinem Würmchen ein Leid an! Aber Uli, der ſchlechte Junge, ſchlug gleich ohne alle Urſache auf ihn los.“ »Ich hab' es geſehen, wie es anfing,“ ſagte einer der größeren Knaben.„Uli und wir anderen ſpielten Ball, und Hanſel war grade an der Reihe, den Ball aufzuwerfen, den Uli mit dem Ballbrette weiter ſchleu⸗ dern mußte. Ich ſtand daneben, und ſah Alles ganz genau. Hanſel warf ganz richtig, und wie ſich's ge⸗ hört, den Ball auf; zweimal ſchlug Uli danach, traf ihn aber nicht, und mir kam's beinahe vor, als ob er abſichtlich fehlſchlüge. Da ſagte er zu Hanſel: ‚du dummer Junge biſt ja eben ſo ungeſchickt und einfäl⸗ tig, wie dein Vater, den ſie doch nur ſeiner Dumm⸗ heit wegen zum Oberſteiger gemacht haben!— Han⸗ ſel wurde ganz roth und dann gleich wieder blaß bei dieſen Schimpfworten, aber er antwortete keine Sylbe, ſondern warf nur den Ball, anſtatt ihn in die FHohe zu werfen, auf die Erde, und drehte Uli den Rücken zu um fortzugehen. Da ſprang Uli wie ein wilder ——— 11 Kettenhund hinter ihm her, ſchlug ihn mit dem ſchwe⸗ ren, ſcharfkantigen Ballbrett über Kopf und Schultern, daß der arme Hanſel auf der Stelle blutend zu Boden ſtürzte, und warf ſich dann noch auf ihn, und hieb wie toll und blind noch mit den Fäuſten auf ihn los. Wir anderen Jungen ſtanden vor Schrecken, wie zu Eis erſtarrt, und konnten in der erſten Beſtürzung nur ſchreien, aber keine Hülfe bringen. Da rannten die vier Männer, welche unſer Angſtgeſchrei gehört hatten, zu Hanſel's Beiſtande herzu, und nun machte Uli, daß er aus dem Staube kam. Einige von uns liefen ihm nach, um ihn zu fangen und feſtzuhalten, aber er war uns zu flink, und im Walde verſchwand er aus unſeren Augen. So iſt die ganze reine Wahrheit, die wir Alle bezeugen können!« Die übrigen Knaben beſtätigten dies, und erboten ſich Alle, Zeugniß für Hanſel gegen Uli abzulegen. Der bekümmerte Vater dankte ihnen. „Es iſt mir noch ein Troſt, daß mein Hanſel un⸗ ſchuldig iſt,« ſagte er.»Aber unbegreiflich bleibt es mir, was Uli dazu bringen konnte, den armen Jungen, der ihm doch nie etwas zu Leide gethan hat, ſo furcht⸗ bar zuzurichten.“ „Ei, ſein Vater wird ihn wohl dazu aufgehetzt ha⸗ ben,“ nahm ein Anderer von den Knaben das Wort. „Ich ſah es wohl, wie er kaum eine Viertelſtunde, ehe die Schlägerei losging, mit Uli flüſterte und tu⸗ ſchelte, und wie ſie Beide heimtückiſche Blicke auf Hanſel warfen, der ganz heiter und harmlos mit uns Uebrigen ſpielte. Aber ſeht, ſeht doch,“ ſetzte er in freudiger Aufwallung hinzu,—„Hanſel hat die Au⸗ gen wieder aufgemacht und bewegt ſich!«— 12 Alle richteten ihre Blicke auf den verwundeten Kna⸗ ben, und der Vater deſſelben, nachdem die Bahre ſanft niedergeſetzt war, eilte an ſeine Seite. »Hanſel, mein armer Hanſel, wie befindeſt du dich?« fragte er, mit zärtlichem Blick über ihn hin⸗ ebeugt. 3„Beſſer, lieber Vater, viel beſſer,“ verſetzte der Knabe mit ſchwacher Stimme, aber doch vernehmbar. »Nur der Hinterkopf ſchmerzt mich ſehr. Was iſt denn nur mit mir geſchehen? Ich weiß gar nicht, wie ich in dieſen Zuſtand gerathen bin?« »Du ſollſt Alles erfahren, mein Kind,— nur für jetzt beruhige dich und rege dich nicht auf,“« verſetzte der Vater beſchwichtigend.„In wenigen Minuten ſind wir zu Hauſe, und dort, hoffe ich, werden deine Schmer⸗ zen gelindert werden.“ Der verwundete Knabe dankte für den Troſt mit einem ſchwachen Lächeln, und verhielt ſich ganz ruhig, bis man in der Wohnung ſeines Vaters ankam. Hier nahm ihn die Mutter in Empfang, die mit todtenblaſſem Geſicht aber in Gott ergebener Faſſung den traurigen Zug erwartet hatte. „Sei getroſt, Mutter, Hanſel's Zuſtand iſt nicht ſo gefährlich, als es den Anſchein hat,“« rief der Ober⸗ ſteiger ſeiner Frau zu. Die arme Mutter erhob Augen und Hände dan⸗ kend zum Himmel, und ſchritt dann unverzüglich zur Hülfeleiſtung. Schon vorher hatte ſie das Bett des verwundeten Knaben zurecht gemacht, und für warmes Waſſer, für Schwämme und für Binden und Banda⸗ gen geſorgt. Vorſichtig wurde der noch immer aus einer Wunde am Hinterkopfe blutende Knabe auf eine 13 weiche Matratze gelegt, und ſeine Mutter begann damit, ihm mit dem lauwarmen Waſſer das Blut abzuwaſchen, und das gräßlich beſudelte Geſicht zu reinigen. Han⸗ ſel ließ Alles ruhig mit ſich geſchehen, und dankte der guten Mutter mit zärtlichen Blicken. Bald kam auch der Arzt, und ſtellte mit der Sonde eine zarte, vorſich⸗ tige Unterſuchung der langen und tiefen Wunde am Hinterkopfe des Knaben an. In banger Spannung harrten die Aeltern, harrten die Umſtehenden der Ent⸗ ſcheidung. 1 Doctor Frank übereilte ſich nicht; einige qualvolle Minuten verſtrichen in Sorge und Unruhe; dann aber heiterten ſich die erſt ſehr ernſten und düſteren Züge des braven Arztes auf, und er legte mit zufriedener Miene die blutbefleckte Sonde auf den Tiſch. „Freuet Euch mit mir, Ihr guten Leute,“ ſagte er, —„ich habe gegründete Hoffnung, daß die Hirnſchale des armen Knaben nicht zerſchmettert iſt. Wenn die Erfahrung der nächſten Tage meine auf gutem Grunde beruhende Hoffnung beſtätigt, was ich fuͤr mein Theil keineswegs bezweifle, ſo haben wir keinerlei Gefahr zu befürchten, und der Hanſel wird in wenigen Wochen vollkommen wiederhergeſtellt ſein, und zwar ohne alle Nachtheile für ſeinen künftigen Geſundheitszuſtand. Jetzt aber, gute Leute, verlaßt Alle die Wohnung, na⸗ türlich mit Ausnahme der Aeltern des Knaben. Die⸗ ſer bedarf vor Allem der Ruhe, und dieſe wird ihm ein ſorgfältiger Verband wohl verſchaffen.“ Die Anweſenden gehorchten ſtill der Anweiſung des Arztes, und in einer Minute war die Wohnung ge⸗ räumt. Doctor Frank legte ſorgſam und mit geſchicke ter Hand den Verband an, flößte dem Knaben einige 14 ſtärkende, und zugleich beruhigende Tropfen ein, und gab die nöthigen Weiſungen, wie der Kranke während der bevorſtehenden Nacht behandelt werden ſolle. Für jetzt läßt ſich nichts weiter thun,“ ſagte er dann, indem er nach Hut und Stock griff,—„aber ich verſichere Euch, liebe Freunde, daß keine wirkliche Gefahr vorhanden iſt. Das dicke, dichte Lockenhaar des Knaben, hat die Gewalt des ruchlos geführten Schlages gebrochen, und Euren Hanſel wunderbar ge⸗ ſchützt. Ich wette darauf, n vierzehn Tagen ſpringt der Junge mit den iizen are im Wald und auf der Wieſe herum. Adieu, Leutchen! Morgen früh komme ich wieder!“ Die alſo getröſteten Aeltern dankten Gott im Her⸗ zen für den gnädigen Schutz, den Er dem Knaben hatte angedeihen laſſen, und widmeten ſich dann gänzlich der Pflege des Verwundeten. Die Nacht verging ruhig, und als die Sonne erſchien, ſchlummerte der Knabe noch ſanft und feſt.* Zweites Kapitel. Ein Ueberfall. 4- Hanſels Heilung ging beſſer und ſchneller von ſtatten, als ſelber Doctor Frank gehofft und erwartet hatte, und dieſer glückliche Umſtand vertilgte den Grimm und die Wuth, welche Friedel gegen Uli und deſſen Vater im Herzen empfunden. Schon nach Ablauf von ₰ 15. vierzehn Tagen konnte Hanſel das Bett wieder verlaſſen und ſich im Freien ergehen, und nach drei Wochen war ſeine Geſundheit vollkommen wiederhergeſtellt. Friedel hätte wohl, als ſich die Angelegenheit ſo zum Beſten wendete, kaum eine Klage gegen Uli er⸗ hoben, und begnügte ſich für ſeine Perſon, dem Steiger Lorenz gelegentlich einen derben Verweis zu geben, und ihm anzurathen, ſeinen Uli in Zukunft beſſer als bis⸗ her im Zaume zu halten,— ein Verweis, der von Lo⸗ renz mit tückiſchem Schweigen hingenommen, und ſei⸗ nerſeits durch kein verſöhnendes oder abbittendes Wort erwiedert wurde. Der ſchändliche Ueberfall Uli's war aber zu öffentlich geſchehen, und hatte zu allgemeine Entrüſtung hervorgerufen, um ſtraflos in's Meer der Vergeſſenheit verſinken zu können. Uli wurde auf Ver⸗ anlaſſung des Richters in Bornheim gefänglich einge⸗ zogen, und ihm der Proceß gemacht. Seine Verurthei⸗ lung nach verſchiedenen Verhören und Zeugen⸗Aufnah⸗ men lautete auf eine derbe körperliche Züchtigung und auf viermonatliche Einſperrung bei Waſſer und Brod, ſo daß er alſo noch im Gefängniß ſaß, als Hanſel be⸗ reits wieder luſtig mit ſeinen Schul⸗ und Spielkame⸗ raden durch Thal und Wald ſpazierte. Die Verurtheilung ſeines Sohnes erregte in dem ohnehin rachſüchtigen und böſen Herzen des Steigers Lorenz eine tiefe Erbitterung gegen Friedel, und er verſuchte auf alle Weiſe und bei jeder Gelegenheit ſei⸗ nen Rachegelüſten gegen den verhaßten Vorgeſetzten Ausdruck zu geben. Aber alle dieſe gemeinen und bos⸗ haften Verſuche glitten erfolglos an Friedels ruhigem und gelaſſenem Weſen ab. Er beachtete ſie kaum, und wenn Lorenz, was zuweilen vorkam, ſich trotzig und 1 4 widerſpenſtig bezeigte, dann wendete er mit ſo ſtrengem Ernſte ſeine Autorität als Vorgeſetzter an, daß Lorenz, wollte er nicht ſein Brod und ſeinen Poſten verlieren, nothgedrungen, wenn auch innerlich fluchend und zähne⸗ knirſchend, Gehorſam leiſten mußte. Sein Haß wurde durch dergleichen Vorfälle immer ärger und grim⸗ miger, und er dürſtete danach, ihn ganz vollſtändig zu befriedigen. Lange wollte ſich ihm keine Gelegenheit dazu bie⸗ ten, obgleich er Friedel fortwährend belauerte und be⸗ obachtete, um das geringſte Verſehen deſſelben auszu⸗ nutzen, und davon bei der vorgeſetzten Behörde Anzeige zu machen. Sein Lungern und Lauern half ihm aber nichts. Friedel that in jeder Beziehung mehr, als ſeine Pflicht und Schuldigkeit, und nie ließ er ſich auch nur die geringſte Nachläſſigkeit in Erfüllung ſeines Amtes zu ſchulden kommen. Da traf es ſich eines Abends als Lorenz durch eine Waldſtrecke ſeinen Heimweg nach ſeinem Häuschen nahm, daß er Friedel aus der Ferne auf ſich zukom⸗ men ſah. Seine erſte Bewegung war, dem Friedel, den er ſo tödtlich haßte, obgleich ihm derſelbe nie et⸗ was zu leid gethan hatte, auszuweichen. Er ſprang hinter den dicken Stamm einer gewaltigen Eiche, und duckte ſich hier zuſammen, wie ein Raubthier, das auf Beute lauert, und jeden Augenblick bereit iſt, auf ſie loszuſpringen, um ſie niederzureißen und mit Klauen und Zähnen zu erwuͤrgen. „Wenn wir nur allein wären, wir Beiden,“ ſprach er ingrimmig aber leiſe vor ſich hin, indem er ſeinen Knotenſtock feſter packte.„Aber die verdammten Holz⸗ fäller ſtecken ganz in der Nähe, und ein einziger Schrei 17 des ſchuftigen Halunken könnte mich verrathen. Nein, nicht jetzt! Es wird ſich ſchon eine andere Gele⸗ genheit bieten, die ſich beſſer als die jetzige benutzen läßt. Und dann werde ich Oberſteiger, und dieſer Kerl hat mir nichts mehr zu befehlen! Oh, wie ich ihn haſſe!“ Mittlerweile kam Friedel näher und näher, und ſchritt dicht an der großen Eiche vorbei, ohne Lorenz hinter dem ellendicken Stamme derſelben zu bemerken. Lorenz verhielt ſich ſtill, und blickte ihm mit von Bos⸗ heit funkelnden Augen nach. Als Friedel ſich etwa hundert Schritte von ihm entfernt hatte, richtete ſich Lorenz langſam auf, und folgte ihm in gemeſſener Ent⸗ fernung nach, wobei er die Vorſicht beobachtete, ſich immer hinter Büſchen und Bäumen verſteckt zu halten, ſo daß er weder von Friedel, noch von den Holzhauern geſehen werden konnte, welche Letztere eine kurze Strecke vom Fußpfade entfernt, auf einer Waldlichtung die al⸗ ten Stümpfe und Wurzeln früher gefällter Bäume ausrodeten. Lorenz hörte, wie Friedel dieſen Leuten freundlich guten Abend wünſchte, ein Gruß, welcher von der Lichtung her eben ſo herzlich erwiedert wurde. Dann ging Friedel ſeines Weges weiter, und Lorenz folgte ihm immer nach in der ſchon erwähnten vorſich⸗ tigen und verſtohlenen Weiſe. Zu welchem Zwecke dies geſchah, wußte er vielleicht ſelbſt nicht ganz genau. Vielleicht wollte er dem Feinde ſo lange nachſchleichen, bis Beide eine Stelle im Dickicht erreichten, die, einſam und menſchenleer, Lorenz zu einem Anfalle auf den verhaßten Feind, ohne der Gefahr der Entdeckung ausgeſetzt zu ſein, benutzen konnte; vielleicht trieb ihn auch nur Neugierde hinter Unter der Erde. 2 418 Friedel her,— wenigſtens beeilte er ſich nicht, den Zwiſchenraum, der Beide von einander trennte, zu ver⸗ kleinern. Er ſchlich immer in gleicher Entfernung hin⸗ ter Friedel her. Da, an einer der einſamſten Waldſtellen kam, ein Liedchen vor ſich hin pfeifend, ein ganz gut und ſauber gekleideter Handwerksburſch, ſein wohl gefülltes Ränzel auf dem Rücken, dem Oberſteiger entgegen geſchlendert, blieb neben ihm ſtehen, und ſchien eine Frage an ihn zu richten, die Friedel bereitwillig beantwortete. Nach kurzem Zwiegeſpräch trennten ſie ſich wieder mit einem höflichen Gruße. Friedel ſchritt in der bisherigen Rich⸗ tung weiter, und der Handwerksburſch, wieder ſein Liedchen pfeifend, kam langſamen Schrittes auf Lo⸗ renz zu. Ein teufliſcher Gedanke ſchien in deſſen Gehirn auf⸗ zublitzen, wie ſeine boshaft funkelnden Augen und das verzerrte Hohnlächeln ſeines Mundes bezeugten. Ehe noch der Handwerksburſch ihn gewahr werden konnte, duckte er ſich wieder unter die Büſche, und lauerte auf den ſorglos einher ſchlendernden jungen Menſchen. Als derſelbe an ihm vorüber gegangen war, richtete ſich Lo⸗ renz leiſe auf, erhob ſeinen ſchweren Knotenſtock, und ließ ihn mit furchtbarer Wucht auf das Hinterhaupt des Burſchen niederſchmettern. Wie vom Blitze getrof⸗ fen, ohne nur einen Schrei auszuſtoßen, brach dieſer zuſammen, und Lorenz ſchleifte die anſcheinend lebloſe Geſtalt hinter die Büſche, wo er ſich vor jedem unbe⸗ rufenen Auge ſicher fühlen mochte. Hier in ſeinem Verſteck durchſuchte er die Taſchen des Handwerksbur⸗ ſchen, und fand eine grüne mit Goldfäden geſtickte, dem Anſchein nach wohl gefüllte Börſe darin, die er in ſeine —— — 1——— * 19 eigene Taſche ſteckte. Hierauf nahm er dem immer noch beſinnungsloſen Burſchen auch ſeine goldene Uhr mit goldener Kette weg, und ließ ſie ebenfalls in ſeine Taſche gleiten. Zuletzt nahm er ihm den Nanzen ab, hing ihn auf ſeine eigene Schulter, und entfernte ſich dann, indem er das tiefſte Dickicht des Waldes auf⸗ ſuchte, dabei aber die Richtung nach dem heimathlichen Dorfe einſchlug, das er nach eingebrochener Dunkelheit erreichte. Was aus dem von ihm niedergeſchlagenen jungen Menſchen werden mochte, darum bekümmerte er ſich nicht im mindeſten. Er hatte ihn unter freiem Himmel liegen laſſen, wie ein Stück Holz. Im Dorfe angekommen, ſchlug aber Lorenz nicht, wie man hätte erwarten ſollen, die Richtung nach ſei⸗ nem Häuschen ein, ſondern wendete ſich ſeitwärts, wo das Häuschen des Oberſteigers Friedel gelegen war. Nach wenigen Minuten hatte er es erreicht, und lugte durch die Scheiben in das Innere deſſelben. Die Wohnſtube Friedels war hell erleuchtet, denn eine kleine Lampe ſtand brennend auf dem Tiſche. Um den Tiſch herum ſaßen die Frau und der Sohn Frie⸗ dels, und ein Schulkamerad des Letzteren. Sie plau⸗ derten und lachten mit einander. Friedel war nicht anweſend. „Gut!« murmelte Lorenz;—„die Gelegenheit iſt ſo günſtig, wie ich ſie nur wünſchen kann. Warte, du ſchleichender Schurke, jetzt werde ich dir eine Suppe einbrocken, an der du ſchwer zu verdauen ha⸗ ben wirſt.“ Mit leiſen Schritten ſchlich er um das Haus herum, ſtieg ohne Geräuſch über den Gartenzaun, und erreichte durch den Garten den Hofraum. Er ſchien ſehr gut 28 3 Beſcheid hier zu wiſſen, denn ohne langes Suchen fand er eine lange Leiter, welche in einer Ecke des Hofes ſtand, nahm ſie auf, und legte ſie an das Dach des Häuschens an. Nachdem er ſich vergewiſſert hatte, daß ſie feſt ſtand, ſtieg er auf den Sproſſen in die Höhe, kletterte auf das Dach, und verſchwand in einer offen ſtehenden Boden⸗Lucke. Einige Minuten blieb er im Innern des Hauſes unter dem Dache. Als er wieder heraus, und die Lei⸗ ter herab ſtieg, hing das Ränzel, das er dem Hand⸗ werksburſchen abgenommen hatte, nicht mehr auf ſei⸗ nem Rücken. Auf dem Erdboden wieder angekommen, ſtellte er die Leiter, behutſam jedes Geräuſch vermeidend, an ihren alten Platz, und ſchlug den Rückweg durch den Garten und über den Gartenzaun in's Freie ein. Ohne Unfall gelangte er dorthin, überzeugte ſich durch einen Blick, daß Frau Friedel und die beiden Knaben noch am Tiſche ſaßen, und eilte ſodann mit ſchnellen Schrit⸗ ten davon, indem er ſich ſchadenfroh die Hände rieb. Hundert Schritt vom Hauſe Friedels entfernt, ſchlug er ein hoͤhniſches Gelächter auf. „Gelungen!« murmelte er in ſich hinein;—„glück⸗ lich gelungen! Du biſt am längſten Oberſteiger ge⸗ weſen, Friedel, und nach ein paar Tagen wirſt du, mit Ketten an Händen und Füßen, im Zuchthauſe ſitzen. Glück auf, du Todtſchläger und Spitzbube! Und auch mir ſelber Glück auf, denn kein Anderer, als ich, kann der Nachfolger in ſeinem Poſten werden!“ Er wendete ſich nach dieſen Worten der Dorfſchenke zu, trat mit ſeinem gewöhnlichen trotzigen Weſen hinein, und nahm, abſeits von den übrigen Gäſten, ſeinen ———— ———— 21 Platz an einem einzeln ſtehenden Tiſche dicht neben der Wanduhr ein. Hier beſtellte er ein Glas Bier, und während der Wirth es holte, ſchnellte er mit einer ra⸗ ſchen Fingerbewegung den Zeiger der Wanduhr um faſt eine Stunde zuruͤck. Keiner von den übrigen Gä⸗ ſten hatte es geſehen, denn Keiner richtete einen Blick auf ihn. Aller Augen waren von ihm abgewendet, und Jeder ſchien abſichtlich ſeinen Anblick zu meiden, da er ſeit dem brutalen Angriffe Uli's gegen Hans Friedel, den man des Vaters Aufhetzerei zuſchrieb, bei den Bewohnern des Dorfes nicht eben beliebter, als früher geworden war. Lorenz kümmerte ſich nichts darum, oder that we⸗ nigſtens ſo, obgleich ſein Herz von Groll und Aerger angefüllt war. „Nur Geduld!« ſprach er grimmig und mit einem ſcheelen Blicke auf die Leute vor ſich hin,—„wenn ich erſt Oberſteiger ſein werde, ſo will ich Euch ſchon den gehörigen Reſpekt beibringen!“ Der Wirth kam mit einem Kruge voll ſchäumenden Bieres aus ſeinem Keller zurück, und Lorenz trank da⸗ raus, indem er ſich ganz ſtill auf ſeinem Sitze verhielt, bis Einer von den übrigen Gäſten, der zufällig einen Blick auf das Zifferblatt der Wanduhr warf, in über⸗ raſchtem Tone ſagte: „Der tauſend, erſt ſieben Uhr, ich habe ge⸗ meint, es müſſe faſt um acht Uhr ſein! Na, Herr Wirth, dann nur noch ein Krügel vom beſten Fäß⸗ chen her!“ „Mir auch! Mir auch!“« riefen die Uebrigen, und auch Lorenz beſtellte ein neues Krügel. Während er in Abſätzen davon trank, wußte er es 22 geſchickt einzurichten, den zurückgeſtellten Zeiger der Uhr wieder ein gutes Stück vorwärts zu ſchnellen, und nun trank er mit einem Zuge ſeinen Krug leer, be⸗ zahlte, und verließ dann ohne Gruß, und ohne von den Anweſenden überhaupt Notiz zu nehmen, die Schenk⸗ ſtube. „Gut, daß der Kerl fort iſt,“ ſagten die Zurück⸗ gebliebenen.»Wenn man ſein Geſicht nur von Wei⸗ tem ſieht, ſo vergeht Einem aller Appetit!« Lorenz aber, im Freien wieder angekommen, rieb ſich, wie ſchon einmal, ſchadenfroh die Hände, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Abermals gelungen! Die Kerls müſſen, wenn ja ein Verdacht auf mich fallen ſollte, vor Gericht Zeugniß ablegen und beſchwören, daß ſie mich vor ſie⸗ ben Uhr, alſo gerade zu der Zeit, wo der Ueberfall im Walde geſchehen iſt, in der Schenke geſehen haben. Das Alibi iſt alſo erwieſen, und ich kann mich in voll⸗ kommener Sicherheit wiegen.“ In den Nachmittags⸗Stunden deſſelben Tages, an welchem Lorenz den Handwerksburſchen hinterruͤcks nie⸗ dergeſchlagen und beraubt hatte, ſchlenderte ein friſcher munterer Knabe, mit einem Schmetterlingsnetze und einer Botaniſirtrommel verſehen, in der ſich mehrere Schachteln befanden, auf einem Fußwege dem Walde zu. In der Nähe deſſelben traf er eine alte Frau, auf einem Feldſteine ſitzend. Sie bewohnte ein kleines Häuschen im Dorfe Bornheim, und ernährte ſich küm⸗ merlich den Sommer hindurch durch Einſammeln von Beeren, Kräutern und Wurzeln, die ſie nach der eine Stunde vom Dorfe entfernten Kreisſtadt zu tragen 23 pflegte, und dort an den Apotheker verkaufte. Sie galt als eine grundehrliche, kreuzbrave Frau, und auch der Knabe kannte ſie als Solche, denn als er ſte erblickte, ging er ſtracks auf ſie zu, und reichte ihr zutraulich ſeine Hand. „Grüß' Sie Gott, Mutter Domann,“ ſagte er freundlich,—„wie kommt es, daß Sie hier mutterſee⸗ lenallein neben der Straße ſitzen? Sind Sie müde ge⸗ worden und ruhen ein wenig aus?“ „Eigentlich müde nicht, Hanſel,« gab das alte Müt⸗ terchen zur Antwort,—»denn ich komme eben erſt vom Hauſe und wollte in den Wald gehen, Beeren zu ſuchen, da überkam mich auf einmal eine ſchreckliche Schwäche, ſo daß ich an allen Gliedern zitterte, und nicht weiter vom Flecke kommen konnte. Ich mußte mich hier niederſetzen, und mit dem Gange nach dem Walde wird es für heute wohl vorbei ſein. Ich habe den Heißhunger, Hanſel, und das iſt ein ſchlimmes Ding für eine ſo alte Frau, wie ich bin!“ „Den Heißhunger, Mütterchen? Da wollen wir geſchwind helfen, und ihn vertreiben,“ erwiederte Hans Friedel, und öffnete raſch den Deckel ſeiner Botaniſir⸗ trommel.„Da, Mutter Domann, mein Vesperbrod! Nehmen Sie und eſſen Sie! Ich hab' es noch nicht angerührt, und brauch' es auch nicht, denn ich habe heute tüchtig zu Mittag gegeſſen,— Speck mit Linſen, Mutter Domann, mein Leeblingsgericht. Eſſen Sie nur! So iſt's recht! Das Butterbrod wird den Heiß⸗ hunger bald in die Flucht ſchlagen!“ Das alte Mütterchen weigerte ſich nicht, die freund⸗ lich dargebotene Liebesgabe des Knaben anzunehmen, ſie griff ſogar mit Begierde danach, und aß erſt einige 1 8 Biſſen davon, bevor ſie für die willkommene Speiſe danken konnte. Dann aber hob ſie ihr faltenreiches, aber ehrliches, gutes Geſicht zu Hans auf und ſah ihn mit zärtlichem Blicke an. „Dank, Hanſel, tauſend Dank,“ ſagte ſie,—„du haſt einer alten Fran eine große Wohlthat erwieſen und mir vielleicht gar mein Bischen Leben gerettet. Gott ſegne dir's Hanſel! Dir wird es ſchon noch ein⸗ mal recht gut ergehen in der Welt, denn du biſt von klein auf ein braves Kind geweſen, und haſt noch Liebe und Anhänglichkeit zu alten Leuten, die nicht mehr ſo rüſtig vorwärts können, wie in vergangener Zeit. Gott ſegne dich, Hanſel! Du biſt ein guter Junge!“ „Ach, ſein Sie doch nur ſtill, Mütterchen,“ verſetzte Hanſel ganz verlegen über die Lobſprüche der alten Frau.„Es freut mich von Herzen, wengges Ihnen gut ſchmeckt, und ich möchte nur, daß ich in noch ein Butterbrod geben könnte. Aber leider hab ich kei⸗ nes mehr! Wie wär' es, Mutter Domann, wenn ich zuruͤckliefe in's Dorf, und noch eins holte? Die Mut⸗ ter gibt es mir gern, und in einem halben Stündchen könnt' ich wieder zurück ſein!« „Ja, ja, ich ſchon, du biſt ein ſeelenguter Junge, und haſt Herz auf dem rechten Flecke,“ erwiederte das alte Mütterchen ſichtlich gerührt, und ſtreichelte die blühende Wange des Knaben.„Aber es iſt nicht noͤthig, daß du dir dieſe Muͤhe machſt, denn ich habe vollauf genug an dieſem Butterbrode. Nein, ich danke dir, es iſt nicht nöthig, der Heißhunger iſt ſchon ganz verſchwunden, und ich fühle mich wieder ſo —— — 25 kräftig, daß ich mit Leichtigkeit meinen Weg fortſetzen kann. Und wohin willſt du gehen, Hanſel?“ „Nach der Hof⸗Wieſe hinauf, Mütterchen, Schmet⸗ terlinge zu fangen,“ erwiederte Hanſel.„Sie wiſſen wohl, die große Wieſe mitten im Walde, wo ſo viele tauſend Blumen duften und blühen. Da mach' ich ge⸗ wöhnlich einen guten Fang.“ „Ja, glaub' es wohl,“ ſagte Mutter Domann, und nickte mit dem Kopfe,—„ich bin viele viele Male über die Wieſe gegangen, und habe mich immer über ihren ſchönen, bunten Blumenteppich gefreut. Aber Hanſel, wenn es dir darum zu thun iſt, Schmetter⸗ linge zu fangen, recht große und ſchöne, ſo weiß ich doch noch einen beſſeren Ort, als die Hof⸗Wieſe, und weil du ſo gut gegen mich geweſen biſt, ſo will ich dir auch ſagen, wo er zu finden iſt.“ „Iſt es möglich, Mutter Domann?“ rief Hanſel erfreut und zugleich erſtaunt aus.„Ich bin doch ſchon ſo viele Male im Walde herum gelaufen, und könnte mich doch nicht eines einzigen Platzes entſinnen, wo es mehr und ſchönere Schmetterlinge gäbe, wie auf der Hof⸗ Wieſe.“« „Glaub' es, Hanſel, glaub' es gern,“ antwortete die alte Frau.„Es kann nicht Jeder ſo ohne Wei⸗ teres an den Ort gelangen, den ich meine. Aber die Mutter Domann kriecht überall herum, und auf Stun⸗ den weit in der Runde gibt es keinen Baum, keinen Strauch, und keinen Stein, den ſie nicht bei Tag und bei Nacht aufzufinden wüßte. Aber höre nur zu;— kennſt du die Kemper⸗Mühle am Wildbache?“ 8 „Ei ja, Mutter Domann! Sie liegt ja nur eine halbe Stunde weit drüben am Ausgange der Kemper⸗ Schlucht.“ Ganz recht! Dorthin alſo geh', mein Söhnchen, und ſage dem Müller, ich, die alte Mutter Domann, ſchickte dich und ließe ihn bitten, daß er dir erlauben moöge, durch ſeinen Garten nach der Kemper⸗Schlucht zu gehen. Du wirſt wohl wiſſen, daß ſie des Müllees Eigenthum iſt, und daß es keinen anderen Zugang da⸗ hin gibt, als durch den Mühlgarten. Nun, der Muͤller wird dir die Erlaubniß geben, und dann ſteigſt du die Schlucht aufwärts, etwa zehn Minuten weit. Dann findeſt du rechts einen ſchmalen Pfad durch den Wald. Den verfolgſt du, und nach weiteren fünf Minuten ge⸗ langſt du an einen Teich, neben welchem die Wieſe liegt, die ich meine,— eben ſo, wie die Hof⸗Wieſe, ſo recht mitten im Walde drin. Wenn du dort nicht die ſchönſten Schmetterlinge in Menge fängſt, wird es deine eigene Schuld ſein.“ „Schönen Dank, Mutter Domann, für Ihre Nach⸗ richt,“ ſagte Hans erfreut.„Nun will ich mich auch gleich nach der Müͤhle auf den Weg machen, damit es nicht zu ſpät wird,— heißt das, wenn Sie mich nicht mehr brauchen, Mütterchen, und mir keinen Auftrag weiter zu geben haben.“ „Nein, liebes Kind, geh' nur, und bekuͤmmere dich weiter nicht um mich,“ verſetzte die Frau.»Ich fühle mich wieder ganz kräftig, und kann ohne Sorge meinen Geſchäften nachgehen. Auf Wiederſehen, Hanſel, und Gluͤck auf zu deinem Fange! Adieu!“ „Adieu, Muͤtterchen! Adieu!“ rief Hans hinter ihr drein, denn ſchon hatte ſich Mutter Domann ganz rü⸗ ſtig erhoben und die Richtung nach dem nahen Walde 27 eingeſchlagen. Hans aber wandte ſeine Schritte von ihr ab, und trabte vergnügt der Kemper⸗Mühle zu. Am nächſten Morgen verbreitete ſich mit wunder⸗ barer Schnelligkeit ein boͤſes Gerucht im Dorfe, bei welchem gar Manches trͤbſelig und beſorgt den Kopf ſchüttelte. Es hieß, daß am vergangenen Nachmittage ein Handwerksburſche im Walde niedergeſchlagen wor⸗ den ſei, und daß man ihn noch bewußtlos aufgehoben und in das Krankenhaus getragen habe. Ferner hieß es, der Thäter ſei kein Anderer, als der Oberſteiger Friedel. Das Gericht ſei durch ein Schreiben ohne Namens⸗Unterſchrift von ſeinem Verbrechen unterrich⸗ tet worden, und es befinde ſich bereits eine Commiſ⸗ ſton in ſeinem Hauſe, um dort Nachſuchung zu hal⸗ ten, und möglicher Weiſe den Verbrecher gleich feſt zu nehmen. „Es iſt ganz unmoͤglich, daß Friedel, der recht⸗ ſchaffenſte Mann im ganzen Dorfe, eine ſolche Miſſe⸗ that begangen haben ſollte,« rief Einer ſeiner Kollegen aus, der mit anderen aufgeregten Leuten vor Friedel's Häuschen zuſammen getroffen war.“ Er iſt eines ſol⸗ chen gemeinen Verbrechens nicht fähig.“ „Wer weiß? Wollen's abwarten,“ ſagte ein Ande⸗ rer mit bedenklichem Kopfſchütteln,—„der leidige Geiz⸗ teufel verblendet manchmal die beſten Leute, und ſo viel wenigſtens iſt gewiß, daß die Holzhauer geſtern zur Zeit, wo der Ueberfall geſchehen iſt, Friedel'n ganz in der Nähe der Stelle, wo der Handwerksburſch ohne Beſinnung gefunden wurde, geſehen haben,— nur ihn allein, und keinen Menſchen ſonſt. Außerdem ſagt man, der Handwerksburſch wäre wohlhabender Leute Kind, und ſei reichlich mit Geld, Kleidungsſtücken, Wäſche, und ſogar Schmuckſachen verſehen geweſen. Nament⸗ lich ſoll er eine ſchöne goldene Uhr mit goldener Kette gehabt haben, von der man natürlich keine Spur mehr 8 gefunden hat?« »Gleichviel! Ich bleibe bei meiner Behauptung, daß Friedel an der ganzen Sache vollkommen unſchuldig, und nicht im entfernteſten dabei betheiligt iſt,“ entgeg⸗ nete der erſte Sprecher mit Heftigkeit.„Weiß man denn, wer den Ohnmächtigen aufgefunden hat?« 1„Ei freilich, die alte Mutter Domann, die geſtern im Walde herum gekrochen iſt, hat den armen Men⸗ 6 ſchen wie todt auf dem blutigen Raſen liegen ſehen, und ſogleich die Holzfäller, die nicht weit von der Stelle arbeiteten, zu Hülfe gerufen. Die Leute haben ihn dann in's Krankenhaus getragen und dort iſt der Menſch wohl verpflegt worden, ſo daß er heute wieder ganz I1 munter und bei Beſinnung iſt. Wenn ich nicht irre, hat er die Gerichts⸗Commiſſion in Friedel's Haus be⸗ gleiten müſſen, um dort ſein Eigenthum zu recognos⸗ ciren, falls man es im Hauſe finden würde.« „Nichts wird man finden!“ rief der Oberſteiger Winter, der von Anfang an Partei für ſeinen alten Freund genommen hatte.„Friedel iſt einer ſolchen Handlag. wie man ihn deren beſchuldigt, gar nicht ähig!« 3Ohol rief der andere Sprecher aus,—„nicht fähig? Da ſchaut hin, Herr Oberſteiger! Dort bringt man ihn ja, den unſchuldigen, braven, rechtſchaffenen Mann, da bringt man ihn, die Hände auf den Rücken gebunden! Und wahrhaftig, da trägt ein Gerichtsdie⸗, ner auch das Ränzel des Handwerksburſchen! Oho 29 ein ſchöner rechtſchaffener Mann das, der Herr Ober⸗ ſteiger! Ein Naubmoͤrder iſt er, und wird in’s Zucht⸗ haus kommen!“ „Schweigt, Lorenz! Ihr ſeid ein ſchlechter Kerl, daß Ihr ſo von einem braven Manne reden könnt,“ fiel ihm der Oberſteiger Winter in's Wort.»Und wenn alle Umſtände gegen Friedel Zeugniß ablegten, ich würde trotz dem keinen Augenblick an ſeiner Unſchuld zweifeln. Aber Ihr, woher wißt Ihr denn, daß das Ränzel das des Handwerksburſchen iſt?« „Nun, ich vermuthe es nur, weil es der Gerichts⸗ diener mit aus dem Hauſe gebracht hat,“ verſetzte der Steiger Lorenz, der von Anfang an ſeine Zweifel an der Ehrenhaftigkeit Friedels kund gegeben hatte.„Uebri⸗ gens will ich weiter nichts Böſes geſagt haben. „Ihr habt ſchon mehr geſagt, als Ihr verantwor⸗ ten könnt,“ erwiederte der Oberſteiger Winter, und wendete ſich mit unverholener Verachtung von Lo⸗ renz ab. Jetzt kam, rechts und links von Gerichtsdienern be⸗ wacht, der Gefangene auf die Leute zugeſchritten. Er trug ſein Haupt ſtolz aufrecht, und ſchaute mit offenen, feſten Blicken um ſich her. „Grüß euch Gott, liebe Freunde und Kameraden!« rief er den Verſammelten mit feſter, tönender Stim zu.»Man hat mich fälſchlich eines ſchweren Verbre⸗ chens angeklagt, und die Anklage iſt durch einen mir unerklärlichen Umſtand bekräftigt worden, indem man das Ränzel des beraubten Handwerksburſchen in einer Dachkammer auf meinem Hausboden verſteckt gefunden hat. Aber ich verſichere Euch, Ihr guten Leute, daß mein Gewiſſen ſo rein iſt, wie ein geſchliffener Kri⸗ ſtall, und daß ich nicht weiß und nicht einmal zu ver⸗ muthen im Stande bin, wie das Ränzel auf meine Bo⸗ denkammer gekommen iſt.“ „Ich glaube dir das, Friedel,“ ſagte Winter, und trat aus der Menge vor, um den alten Freund mit der ganzen früheren Herzlichkeit zu begruͤßen.„Nur Wenige kann es hier unter uns geben, welche Zweifel an deiner vollkommenen Unſchuld hegen, wäre der Schein auch noch ſo ſehr gegen dich!« „Nimm meinen Dank für dieſe tröſtenden Worte,“ erwiederte Friedel.„Ich hoffe, Gott wird Licht in dieſes Dunkel bringen, und es wird ſich ausweiſen, daß mein Herz rein iſt von Schuld. Einſtweilen muß ich mein Schickſal tragen, ſo gut es gehen will. Dich aber, Freund Winter, bitte ich, nimm dich, ſo lange ich gefangen gehalten werde, meiner armen Frau und meines Hanſel an. Sie vergehen faſt vor Schmerz und Kummer, obgleich ſie keinen Zweifel an meiner Schuldloſigkeit hegen. Willſt du ihnen Troſt zuſpre⸗ chen, und ihnen nothigenfalls als Freund und Beſchützer zur Seite ſtehen?« 5 „Ja, das will ich, das verſpreche ich dir,“ antwor⸗ tete Winter mit Herzlichkeit.„Ihretwegen kannſt du ganz ruhig ſein!“ 3„Dann, mit Gott, vorwärts, Ihr guten Leute,“ * wandte ſich Friedel an die Gerichtsdiener.„Führt mich in den Kerker, ich folge Euch willig, und ohne Wider⸗ ſtand!« Bald ſchloſſen ſich die Thuͤren des Gefängniſſes hinter Friedel, und öffneten ſich ihm nur wieder, wenn er zum Verhöͤr vor den Kriminalrichter geführt wurde. — — 34 Die Unterſuchung dauerte mehrere Tage, und ſchien leider zu keinem guten Ende für Friedel zu führen. Er konnte nicht läugnen und läugnete auch nicht, daß er um die Zeit, wo das Verbrechen begangen wurde, ganz in der Nähe geweſen ſei, ja, er gab ſogar ſelber an, daß er mit dem Handwerksburſchen, der ihn nach der Richtung des Weges befragt hatte, einige Worte gewechſelt habe. Im Uebrigen betheuerte er nach wie vor ſeine Unſchuld, und ſein ganzes offenes und mann⸗ haftes Benehmen unterſtützte dieſe Behauptung. Dennoch ſprach zu viel gegen ihn, als daß man auf ſeine Freiſprechung hätte hoffen dürfen. Der ſchlimmſte Zeuge war und blieb das Ränzel, welches der Handwerksburſche als das Seinige anerkannt hatte. Befragt, ob er den Angeklagten für ſchuldig halte, zuckte der junge Menſch die Achſeln, und gab zur Ant⸗ wort, er könne dies weder behaupten noch verneinen. Der Schlag, der ihn niedergeworfen, habe ihn wie ein Blitzſtrahl getroffen, und von jenem Moment an, bis zu dem Augenblicke, wo er ſich von ſeiner Ohnmacht erholt, könne er ſich auch gar nichts entſinnen oder erinnern. Die Angelegenheit ſtand ſehr ſchlimm für den ar⸗ men Friedel, und er ſelber glaubte ſo wenig, als irgend ein Anderer, daß er frei geſprochen werden würde. Allgemein bedauerte und beklagte man ſein trauriges Schickſal, indem Niemand ſo recht von ſeiner Schuld überzeugt werden konnte, welche Indicien auch gegen ihn ſprechen mochten. Seine Frau und Hanſel vergoſ⸗ ſen zahlloſe Thränen, und wenn ſie ſich blicken ließen, ſah man ſie immer nur mit gerötheten, dick geſchwolle⸗ nen, verweinten Augen. Ihren Schmerz vermochte kein Troſtwort zu mildern, ihre Herzens⸗Bangigkeit konnte durch keinen freundlichen Zuſpruch beſchwichtigt werden. Mit tödtlicher Angſt ſahen ſie der letzten Entſcheidung des Richters entgegen. Und freilich hatten ſie die gegründetſte Veranlaſſung dazu. Wenn, wie faſt mit Gewißheit vorauszuſehen war, das„Schuldig“ über Friedel ausgeſprochen wurde, ſo verlor dieſer nicht nur ſeinen Poſten, ſondern er mußte auch auf mehrere Jahre in's Zuchthaus wandern. Was ſollte dann aus ſeiner Frau und ſeinem Knaben werden, die auf lange Zeit die nährende Hand des Gatten und Vaters entbehren mußten? Sie ſahen nichts vor Augen, als Schande, Noth und Elend, und kein Wunder war es, daß ſie vor ſolchen Schreckensge⸗ ſpenſtern ſchaudernd zurückbebten. Von allen Leuten im Dorfe gab es wohl Keinen, der ſeine boshafte Freude über Friedels Unglück ſo frech zur Schau trug, als der Steiger Lorenz. „Da habt Ihr's nun,“ ſagte er zu ſeinen Kame⸗ raden,—„da habt Ihr den Duckmäuſer, der vor ſei⸗ nen Vorgeſetzten heuchelte und ihnen ſchmeichelte, um ſich einen fetten Poſten zu erſchleichen! Ein Spitzbube und Todtſchläger iſt er, und alles Waſſer in der Welt kann ſeine Schande nicht von ihm abwaſchen!“« Die ſolche boshafte und liebloſe Worte hörten, zo⸗ gen wohl eine unwillige Miene darüber, wagten aber keine ernſte Widerrede und Zurechtweiſung, da alle Umſtände gegen Friedel zeugten, und Lorenz grinste da⸗ rüber mit boshafter Schadenfreude. 25 So kam endlich der Tag der Entſcheidung heran, und der Gerichtsſaal füllte ſich mit theilnehmenden und neugierigen Zuhoͤrern ſo dicht, daß kein Apfel hätte zur * . — — 33 Erde fallen koͤnnen. Der Staatsanwalt, die Richter, die Geſchworenen und Zeugen nahmen ihre Plätze ein, und der Gefangene wurde auf das Arme⸗Sünder⸗Bänk⸗ chen geführt. Er ſah bleich aber gefaßt und ruhig aus. Sein Auge ruhte voll und ſicher auf der verſammelten, faſt athemlos harrenden Menge, und wandte ſich dann eben ſo voll und ſicher den Richtern und Ge⸗ ſchworenen zu. Die nöthigen Vorbereitungen und Einleitungen wurden getroffen, die Zeugen vereidigt, und endlich dem Angeklagten die Frage vorgelegt, ob er ſchuldig oder nicht ſchuldig ſei? „Nicht ſchuldig!“ verſetzte Friedel mit nachdrück⸗ lichem Tone;—„ſo wahr mir Gott helfe, und bei meiner Ehre!“ Seine Haltung, ſein Ausſehen, ſein ganzes Beneh⸗ men machte einen erſichtlich guten Eindruck auf alle im Saale Verſammelten, und Einige wagten es ſogar, neue Hoffnungen darauf zu bauen. Aber dieſe Hoff⸗ nungen ſollten bald grauſam getäuſcht werden. Die Thatſachen lagen zu klar am Tage. Friedel konnte nicht läugnen oder zurücknehmen, was er ſchoͤn früher ausgeſagt und zugeſtanden hatte, und den Geſchworenen wurde die Frage zur Beantwortung vorgelegt: ob ſie den Angeklagten für ſchuldig oder nicht ſchuldig erklärten. Sie zogen ſich zurück, und kamen erſt nach einer halben Stunde mit ſehr ernſten Geſichtern wieder in den Sitzungsſaal. Ihr Urtheil lautete auf: Schuldig! Mit Schrecken vernahmen die Zuhörer dieſen Aus⸗ ſpruch; der Angeklagte ſelber wurde ſehr bleich, neigte 8 8 3 Unter der Erde. rollten über ſeine Wangen. ſein Haupt auf die Bruſt, und zwei ſchwere Thränen „Mein armes Weib! Mein unglücklicher armer Knabe!“ ſeufzte er aus bangem Herzen. Während Alles Mitleiden für den gebeugten, hart⸗ betroffenen Mann empfand, malte ſich auf dem Geſichte des Steigers Lorenz, welcher in der vorderſten Reihe der Zuhörer ſtand, ein Zug unbeſchreiblichen Hohnes und tückiſcher Schadenfreude. „Du biſt geliefert,“ murmelte er vor ſich hin. „Glück auf zum Zuchthauſe!“ Die Richter hielten eine kurze Berathung, und der Vorſitzende ſtand eben auf, um dem Angeklagten ſein Urtheil zu verkündigen,— da entſtand auf einmal am Eingange des Saales ein heftiges Gedränge, und die gellende Stimme einer Frau ſchrie über die Köpfe der Verſammelten den Richtern zu: „Um Gottes willen, Ihr Herren, haltet ein! Der brave Friedel iſt unſchuldig! Ich kann es beweiſen, und auch den wirklichen Verbrecher angeben, und die Beweiſe ſeiner Schuld vorlegen!“ jie alte Mutter Domann!“ ging es flüſternd durch dis Menge, und manches bange Herz athmete freier auf.„Was will ſie? Was bringt ſie? Sie iſt eine brave Frau! Man hat ſie ſo lange nicht geſehen! Man muß ſie hören!“ „Ruhe!“ gebot der vorſitzende Richter.„Man laſſe die Frau, welche ſo eben geſprochen hat, vortreten und auf der Zeugenbank Platz nehmen!“ Die Leute ſchafften, ſo ſchwer es auch gehen wollte, bereitwillig Raum, und Mutter Domann ſaß wenige Augenblicke ſpäter auf der Zeugenbank. Sie wurde 35 vom Präſidenten des Gerichts vereidigt, und ihr hier⸗ auf die Frage vorgelegt:„was ſie über den vorliegen⸗ den Fall auszuſagen habe.“« „Ich will ausſagen, daß jener Mann dort, der Oberſteiger Friedel, vollkommen unſchuldig iſt, und daß dieſer da, in der vorderſten Reihe der Zuhörer, der Steiger Lorenz, den Handwerksburſchen niedergeſchlagen und beraubt hat,“ gab Mutter Domann mit feſter Stimme zur Antwort. Allgemeines Erſtaunen und Zeichen freudiger Ueberraſchung folgten ihrer Ausſage. Lorenz wurde todtenbleich, und machte einen Verſuch zu entwiſchen, der aber von den umher ſtehenden Männern ſofort vereitelt wurde, indem ſie ihn ergriffen und feſt⸗ hielten. Der Präſident befahl den Gerichtsdienern, ſich der Perſon des angeſchuldigten Lorenz zu bemächtigen, und ihn bis auf Weiteres zu bewachen. Nachdem dies geſchehen war, wendete er ſich wieder zu der alten Frau Domann.“ 3 »Sie haben da eine ſchwere Beſchuldigung ge⸗ gen einen bisher unbeſcholtenen Menſchen ausgeſpro⸗ chen,“ ſagte er.„Können Sie Ihre Behauptung b weiſen?« „Ja, das kann ich,“ verſetzte Mutter Dot „haarklein kann ich Ihnen erzaͤhlen und beweiſen ſich von Anfang an Alles begeben hat; denn ich von Anfang an bei der ſchlechten That zugegen gewe⸗ ſen, und habe Alles gehört und geſehen, was dabei vorgefallen iſt.« »„Sie lügt! Das alte, ſchlechte Weib lügt!« rief Lo⸗ renz wüthend den Richtern zu.„Sie haßt mich, und blos, um ihren Haß zu befriedigen, will ſie Zeugniß 3*— gegen mich ablegen und mich dadurch in's Unglück ſtürzen!“ Herz, „Angeklagter, Sie ſchweigen, bis Sie befragt wer⸗ den,“ gebot der Präſident mit Strenge.„Sie aber, Frau Domann, was hat Sie abgehalten, daß Sie erſt heute, erſt jetzt Ihr Zeugniß ablegen wollen?“ „Ach, Herr Präſident, daran bin ich unſchuldig,“ erwiederte die Frau.„Der Schrecken, den ich empfand, als ich Lorenz den Handwerksburſchen niederſchlagen ſah, hatte mich ſo erſchüttert, daß ich ganz krank wurde, und ganz und gar den Gebrauch der Sprache verlor. Seit jener Zeit habe ich das Bett huͤten müſſen, und bin nicht aus dem Hauſe gekommen. Auch keine Men⸗ ſchenſeele hat ſich um mich gekümmert, und die alte Mutter Domann lag ganz huͤlflos und verlaſſen, bis heute früh. Ich wußte gar nichts davon, daß der Oberſteiger Friedel der ſchlechten That beſchuldigt und gefangen geſetzt worden war. Da ſaßh ich heute früh, als ich zum erſten Male wieder aus dem Bette auf ſtand, und an's Fenſter wankte, um einen Blick in das Freie zu thun, den braven Jungen, den Hans Friedel, tterlich weinte und ſein Geſicht in den Hän⸗ rg. Das gab mir ordentlich einen Stich in's ud ich fand auf einmal den Gebrauch meiner Zunge wieder. Ich machte hurtig das Fenſter auf, und rief dem Hanſel zu, er ſolle herein kommen. Der gute Junge that es auch, und als ich ihn nun fragte, was ihm denn Schlimmes paſſirt ſei, da erzählte er mir das ganze Elend und Unglück ſeines unſchuldigen Vaters, und weinte dabei, als ob ihm das Herz zer⸗ M ſpringen müſſe. Nun muß ich noch erwähnen, Herr Präſident, daß ich an demſelben Nachmittage, wo Lorenz S 37 die ſchlechte That verübte, draußen auf einem Feldſteine ſaß, und beinahe vor Heißhunger umgekommen wäre, wenn mir nicht der Hanſel, als er gerade des Weges da⸗ herkam, ſein ganzes Veſperbrod geſchenkt hätte. Von da⸗ her habe ich den Jungen ſo lieb, wie ſeine eigene Mut⸗ ter, und es freute mich, daß ich ihn tröſten und beru⸗ higen konnte. „Geh' nur heim, Hanſel, und gräme dich nicht weiter,“ ſagte ich zu ihm.„Bring' auch deiner Mut⸗ ter einen Gruß von mir! Ich ließe ſie bitten, allen Kummer fahren zu laſſen, denn heute noch würde der Oberſteiger Friedel bei ihr zu Hauſe ſein.“ „Hanſel glaubte mir, und verließ mich gefaßten Muthes. Ich aber ging hierher, und hier ſtehe ich, und bin bereit, über Alles Red' und Antwort zu ge⸗ ben, was ich gehört und geſehen habe!“ „Wohl, Frau Domann,“ ſagte der Präſident.„So erzählen Sie ſchlicht weg, was Sie gehört und geſe⸗ hen. Aber ich fordere von Ihnen Wahrheit, die volle unumwundene Wahrheit, und erinnere Sie an den Eid, den Sie geſchworen haben. Und nun reden Sie!« Athemloſe, tiefſte Stille folgte dieſen Worten und Ermahnungen des Präſidenten; Aller Augen hafteten geſpannt auf der gekrümmten Geſtalt der alten Mutter Domann, die ihre Erzählung ſchlicht und einfach alſo begann: „Nun, hören Sie nur zu, Herr Praſident, Sie ſollen die ganze Wahrheit hören,— die alte Mutter Domann lügt nicht, das wiſſen Alle, die hier gegen⸗ wärtig ſind. Alſo gut! Als ich des Hanſel Vesper⸗ brod gegeſſen hatte, war mein Heißhunger vorbei, u ich fühlte mich wieder kräftig genug, weiter nach dem Walde zu gehen, und nach Beeren zu ſuchen. Hanſel und ich trennten uns. Er ging nach der Kemper⸗ Muͤhle, und ich kroch im Walde herum,— kreuß und quer, wie das ſo iſt, wenn man nach den Plätzen ſucht, wo die Heidelbeer⸗Büſche am dichteſten ſtehen. Da ſah ich,— ein paar Stunden mocht' ich bereits im Walde zugebracht haben—, als ich zufällig einmal aufblickte, den Steiger Lorenz daher geſchlendert kommen. Das fiel mir weiter nicht auf, aber das fiel mir auf, daß er plötzlich ſtehen blieb und ſich dann hinter einem dicken Baumſtamm verſteckte.„Was ſoll denn das be⸗ deuten?“ dachte ich, und ließ den Menſchen nicht aus den Augen. Kaum eine Minute ſpäter wurde mir's klar, warum er ſich verkrochen hatte, denn eben ſchritt auch der Oberſteiger Friedel an dem Baume vorüber, ohne, wie es mir ſchien, Lorenz zu bemerken. Als Friedel hundert Schritt weit weg war, traf er auf die Holzfäller, die da auf der Zeugenbank ſitzen, und grüßte ſie. Sie gaben Antwort, und er ging weiter. Nun ſchlich Lorenz hinter ihm her, und ich merkte wohl, was für beſondere Mühe er ſich gab, daß ihn die Holzfäller nicht bemerken ſollten. Sie ſahen ihn auch nicht, aber ich, die alte Mutter Domann, ich ſah ihn ſehr gut. „Der Steiger Lorenz iſt ein ſchlimmer Menſch,“ dachte ich,—„der hat Böſes im Schilde gegen den braven Friedel! Da willſt du doch hinterher gehen, um, wo möglich, Unheil zu verhüten!“ So ſchlich ich dem Lorenz nach, wie dieſer dem Friedel nachſchlich, und blieb ihm immer ziemlich dicht auf den Ferſen, ohne daß er eine Ahnung von meiner 39 Gegenwart hatte, denn ich kenne jeden Baum und Strauch im Walde, und wußte mich leicht dahinter verborgen zu halten. So ging es weiter und weiter, bis dem Oberſteiger Friedel ein ſauberer Handwerks⸗ burſch entgegen kam, der ihn anredete. Da blieb er ſtehen, Lorenz blieb ebenfalls ſtehen und ich auch. Nach⸗ dem Friedel mit dem Burſchen, demſelben, der hier zwiſchen den übrigen Zeugen ſitzt, ein paar Worte ge⸗ ſprochen hatte, ging er weiter, und der Handwerks⸗ burſche kam auf Lorenz und mich zu. Jetzt, anſtatt den Oberſteiger Friedel weiter zu verfolgen, verſteckte ſich Lorenz wieder, und ich machte es eben ſo. Keine fünf Schritte von ihm kauerte ich unter einem Haſel⸗ nußſtrauche, und konnte deutlich jede Miene in ſeinem Geſichte erkennen. Er ſah böſe und grimmig genug aus, was er aber eigentlich vorhatte, das vermochte ich nicht zu errathen. Aber bald ſollte es, zu meinem Schrecken und Entſetzen, mir klar werden. Der Hand⸗ werksburſch war kaum dicht an Lorenz vorüber geſchrit⸗ ten, als dieſer in die Höhe ſprang, und ihn von hin⸗ ten her mit ſeinem ſchweren Knotenſtocke einen ſolchen Hieb verſetzte, daß der arme junge Menſch gleich auf der Stelle ohnmächtig zuſammen ſtürzte. Ich wollte um Hülfe ſchreien, aber ich konnte nicht, der Hals war mir wie mit einem Stricke zugeſchnurt. Aber ſe⸗ hen konnte ich Alles, was Lorenz machte. Er zog zu⸗ erſt den armen bewußtloſen Menſchen ſeitwärts in's Dickicht, plünderte ihn hier aus, nahm ihm ſeine gol⸗ dene Uhr mit der goldenen Kette weg, zog eine gefüllte Börſe aus ſeiner Taſche, und ſchnallte ihm ſchließlich das Ränzel ab, um es auf ſeine eigenen Schultern zu hängen. Dann lief er waldeinwärts davon, ohne ſich weiter um den armen, von ihm beraubten, jungen Men⸗ ſchen zu kümmern. Ich ließ ihn einſtweilen laufen, denn ich wußte ſchon, wo ich ihn wieder treffen konnte,— an der Mordgrund⸗Brücke nämlich, die über den Kemperbach führt. Ueber dieſe Brücke mußte er, wenn er in das Dorf zurück wollte. Vor Allem lief ich alſo erſt zu den Holzfällern, deutete ihnen durch Zeichen an, was geſchehen war, überzeugte mich, daß ſie fuͤr den armen Burſchen Sorge trügen, und eilte dann in der kürzeſten Richtung nach der Brücke zu. Dort mußte ich lange auf Lorenz warten. Endlich kam er, als es ſchon ganz finſter war. Um ſo leichter konnte ich unbemerkt hinter ihm her ſchleichen. Ich glaubte ganz ſicher, daß er nach ſeinem Hauſe gehen wuͤrde. Aber nein! Zu meiner Verwunderung ſchlug er eine ganz andere Rich⸗ tung ein, und blieb erſt vor Friedels Hauſe ſtehen, wo er wie ein Spürhund herum ſpionirte. Dann ſah ich ihn über den Gartenzaun ſteigen, und bald nachher kletterte er auf einer Leiter zum Dache hinauf, wo er in einer Boden⸗Luke verſchwand. Ich dachte, er wolle ſtehlen, aber da irrte ich mich. Als er wieder herunter kam, und ich nun wieder dicht hinter ihm her ſchlich, ſah ich das Ränzchen des Handwerksburſchen nicht mehr auf ſeinem Rücken, und hatte darüber allerlei Muth⸗ maßungen. Lorenz ging fort, aber noch nicht nach ſei⸗ nem Hauſe, ſondern er kehrte erſt in der Schenke ein. Auch dahin folgte ich ihm nach, verſteckte mich in einem Winkel, und ließ ihn nicht aus den Augen. Er machte ſich ein paar Mal mit der Uhr an der Wand zu ſchaf⸗ fen, und ſchnellte erſt den Zeiger zurück und nachher wieder vor. Warum er das that, weiß ich nicht. Nach⸗ 41 her entfernte er ſich wieder, und begab ſich in ſein „Haus. Dorthin konnte ich ihm freilich nicht nachſchlei⸗ chen, aber es war mir, als ob noch etwas paſſiren müßte, und ich blieb deshalb auf der Lauer. Und richtig! Kaum hatte ich ein Viertelſtündchen gewartet, ſo knarrte die Gartenthuͤr, und Lorenz, mit einer kleinen Laterne verſehen, trat in den Garten. Dort, grade in der Mitte, ſteht ein großer Birnbaum. Auf den ging er zu, und machte mit einem kleinen Grabſcheit nahe beim Stamme ein Loch in die Erde. Als er fertig war, warf er etwas hinein, was klirrte, und dann warf er die Erde wieder in das Loch, füllte dieſes zerſültig aus, und machte es dem übrigen Boden gleich.. „So, da liege, bis Gras über die Geſchichte ge⸗ wachſen iſt, hoͤrte ich ihn halblaut vor ſich hin ſagen, und hierauf begab er ſich wieder in das Haus.“ „Ich hatte große Luſt, einmal nachzuſehen, was er dort vergraben habe, denn ich dachte mir wohl, es müſſe die Uhr und die Geldbörſe des Handwerksbur⸗ ſchen geweſen ſein. Aber plötzlich überlief mich ein eiskalter Schauer, und ich fühlte mich ſo ſchwach, daß ich mich nur mit größter Muͤhe auf den Füßen erhal⸗ ten konnte. Kaum erreichte ich meine Hütte, und mußte mich gleich zu Bette legen. Den anderen Tag wollte ich Anzeige bei dem Herrn Richter machen, und ihm erzählen, was ich geſehen hatte, aber wie Sie ſchon wiſſen, Herr Präſident, ich konnte nicht heraus, und herein zu mir kam auch kein Menſch, dem ich hätte mein Herz ausſchütten können. Endlich heute, Gott ſei Dank, war es mit der Krankheit vorbei, und als ich den Hanſel in Thränen gebadet ſah, und von ihm 42 die ganze traurige Geſchichte erfuhr, da mußte ich hier⸗ her, mochte es auch das Leben koſten. Na, Herr Prä⸗ ſident, nun wiſſen Sie Alles, wie es zugegangen iſt, und nun laſſen Sie nur auch den braven Oberſteiger Friedel gehen, und nehmen Sie dafür den Steiger Lorenz in’'s Verhör!« „Gewiß, gute Frau, das wollen wir,“ entgegnete der Präſident,—„wenigſtens vorläufig das Letztere. Steiger Lorenz, was haben Sie gegen die Ausſage der Frau Domann einzuwenden?“ Der ſo Angeredete ſtand blaß und zitternd da, und das Schuldbewußtſein prägte ſich in jeder ſeiner Mienen aus. Dennoch rief er mit halb erſtickter Stimme aus: „Das Weib lügt! Sie hat nichts geſehen! Nie habe ich etwas in meinem Garten vergraben!« „»lUeber dieſen Punkt werden wir bald Gewißheit erlangen,« entgegnete der Präſident ruhig, und beauf⸗ tragte einige Beiſitzer des Gerichts, ſich in Lorenz' Gar⸗ ten zu verfügen, und unter dem erwähnten Birnbaum 94 Nachgrabungen anzuſtellen. Die Commiſſion entfernte ſich, und bis zu ihrer Ruckkehr blieben die gerichtlichen Verhandlungen aus⸗ geſetzt. der Wiederkehr der Abgeordneten entgegen, denn es lag klar zu Tage, daß von dem Erfolge ihrer Nachſu⸗ chungen die Entſcheidung des Criminal⸗Prozeſſes ab⸗ hängig war. Eine lange, bange Viertelſtunde verging. Da end⸗ lich erſchienen die Abgeordneten, und legten eine gol⸗ dene Uhr mit goldener Kette und eine mit Geld ver⸗ Mit äußerſter Spannung ſahen alle Verſammelten 43 ſehene Börſe auf den Gerichtstiſch. Ein allgemeiner Ausruf der Freude erſchallte durch den Saal. Frie⸗ del's Augen leuchteten hell auf; Lorenz bot ein jäm⸗ merliches Bild der Verzweiflung dar. Einige Augenblicke ließ der Präſident verſtreichen, dann gebot er mit ernſter Stimme Ruhe. „Zeuge Wilhelmi,“ wendete er ſich hierduf zu dem Handwerksburſchen; verkennen Sie dieſe Börſe, dieſe Uhr und Kette als das Ihnen gewaltſam entwendete Eigenthum an? Treten Sie naͤher, und betrachten Sie die Gegenſtände genau, damit in keiner Weiſe ein Irrthum vorfallen kann.“ Der Handwerksburſch trat vor, warf einen Blick auf die bezeichneten Gegenſtände, und antwortete mit feſter Stimme: „So wahr mir Gott helfe Herr Präſident,— es iſt meine Uhr, meine Kette und meine Boͤrſe! Wollen Sie die Güte haben, das Rückblatt der Uhr zu öffnen, ſo werden Sie auf dem inneren Deckel die Firma: Gebrüder Levi in Stuttgart eingravirt finden. Bei dieſem vorzüglichen Uhrmacher wurde meine Uhr gekauft.“ Der Präſident öffnete die Kapſel, und warf einen Blick in das Innere der Uhr. „Die Angabe iſt richtig, hier ſteht die Firma,“ ſagte er, und ließ die Uhr die Runde um den Gerichtstiſch machen.„Und nun, Zeuge Wilhelmi, können Sie an⸗ geben, wieviel Geld ſich in der Boͤrſe befand, als Sie derſelben beraubt wurden?“ „Ziemlich genau, Herr,“ verſetzte der Handwerks⸗ burſch,—„es befanden ſich darin vier preußiſche dop⸗ pelte Friedrichsd'or, drei Silberthaler, ein ſächſiſcher ᷣ Sophien⸗Dukaten, und etwa achtzehn Groſchen kleiner Münze.“ Der Präſident leerte die Börſe auf den Tiſch aus. Der Inhalt derſelben entſprach genau den gemachten Angaben. „Hier iſt ein Irrthum nicht länger möglich,« ſagte der Präſident feierlich.„Der Angeklagte Friedel iſt als völlig unſchuldiger Mann ſofort in Freiheit zu ſetzen, und der Steiger Lorenz hat ſeine Stelle ein⸗ 2 zunehmen!“ Lautes Jubelgeſchrei folgte dieſer Entſcheidung. Nur Lorenz knirſchte vor Wuth mit den Zähnen. Er wurde von den Gerichtsdienern vorläufig in's Gefängniß abgeführt, und es ſei nur noch was ihn be⸗ trifft, erwähnt, daß er zu mehreren Jahren Zuchthaus⸗ Strafe verurtheilt wurde. Friedel dagegen und die alte 5 Mutter Domann wurden im Triumph von dem ver⸗ ſammelten Volke zu ihren Wohnungen geleitet. Nach wenigen Minuten ſah ſich Friedel von den Armen ſei⸗ nes Weibes und Kindes umſchlungen, und ſüße Thrä⸗ nen der Freude folgten dem glüuͤcklichen Wiederſehen. Später kamen alle gute Freunde und Bekannte Frie⸗ dels, um der Familie Glück und Segen zu wünſchen, und nun waren alle Leiden der Vergangenheit vergeſſen und untergeſunken in dem Meer der Freude, das dieſen ſchweren Tag in einen der ſchoͤnſten in Friedels Leben geſtaltete. 45 Drittes Kavpitel. 3 DBie Rückkehr. Mehrere Jahre waren ſeit jener Zeit friedlich und ruhig verfloſſen. Friedel erfreute ſich nach wie vor der allgemeinen Achtung und Liebe, und Hanſel war zu einem kräftigen Burſchen herangewachſen, der nun auch ſchon mit dn anderen Bergleuten in die Kohlengruben hinunter ſtieg, und durch fleißige Arbeit reichlich ſein tägliches Brod verdiente. Da geſchah es, daß er eines Tages, von der Ar⸗ beit nach dem Vaterhauſe heimkehrend, die alte Mutter Domann einholte, welche, aus dem Walde kommend, langſam auf dem Wege vor ihm her humpelte. „Glück auf und guten Abend, Mütterchen!e rief er ihr freundlich zu, und drückte mit Herzlichkeit ihre run⸗ zelvolle welke Hand.„Iſt der Tag gut geweſen zum Beerenſuchen?“* Mutter Domann zeigte faſt immer, trotz ihres ho⸗ hen Alters, ein heiteres und zufriedenes Geſicht, beſon⸗ ders dem Hanſel gegenüber, den ſie mit inniger Liebe in ihr Herz eingeſchloſſen hatte. Heute aber lag eine Wolke ſchwerer Sorge auf der Stirn, und ihre ſchmalen Lippen waren feſt aufeinander gepreßt. Kaum merklich leuchte⸗ ten ihre Augen ein wenig heller auf, als ſie dieſelben zu Hanſel erhob. 8 „Glück auf und Willkommen, mein Liebling,“ ant⸗ wortete ſie, und erwiederte kräftig den Händedruck Han⸗ 6 ſels,—»Beeren habe ich geſucht und gefunden voll⸗ 2 4½ .* auf, aber ich außerdem noch gefunden, das hat mir die F daran verbittert.. „So, ſo! Das müſſen Sie mir erzählen, Mütter⸗ chen,“ verſetzte Hans.„Aber jetzt vor allen Dingen geben Sie mir Ihren Korb zu tragen. Ich begleite Sie bis zu Ihrer Hütte, und unterwegs erzählen Sie mir, was Sie erſchreckt hat. Ei, der Korb iſt ſchwer! Daran hat man zu ſchleppen! Mich wundert's nur, Mütterchen, daß Sie bei Ihren Jahren noch ſo gut bei Kräften ſind, um ſolche ſchwere Laſten fortbringen zu können.“ 4 „Gewohnheit, Hanſel, Gewohnheit!“ erwiederte die alte Frau;—„die thut viel, und, Gott ſei Dank, ſeit ich das letzte Mal ſchwer darnieder lag, bin ich nicht wieder krank geweſen. Dazu das gute Eſſen, was mir alle Tage deine brave Mutter ſchickt, das erhält die Kräfte und die Geſundheit. Gott ſegne ſie und Euch Alle für Eure Theilnahme an mir alten Perſon!“ „Oh, nichts davon, Mütterchen,“ fiel ihr Hans in die Rede.„Wir müßten ja die undankbarſten Menſchen ſein, wenn wir je vergeſſen könnten, was Sie für mei⸗ nen Vater gethan haben, als jene ſchwere Anklage auf ſeinem Haupte ruhte. Ohne Ihr Zeugniß ſäße viel⸗ leicht jetzt mein Vater im Zuchthauſe, und Lorenz, der Böſewicht, ginge frei und mit erhobenem Kopfe unter uns herum!“”“ „Ach, da kommſt du nun ſelber auf den ſchlechten Keerl, den Lorenz,“ ſagte Frau Domann.„Weißt du, was mir die Frucht meines Fleißes heute verbittert hat? Eben der Lorenz!“ »Wie iſt das möglich, Mütterchen?“ fragte Hans —:O:,AQQ pn-—ᷓᷓrryy— —:O:,AQQ pn-—ᷓᷓrryy— auf der Stelle ganz leiſe wieder zurück. Dem K. rl 47 erſtaunt.»Der ſitzt ja noch feſt hinte Riegel im Zuchthauſe.“* „Nein, Hanſel, mein Liebling, frei iſt der Schurke, ſo frei, wie du und ich!“ verſetzte die alte Frau heftig. „Eine Sünde und Schande iſt es, daß ſie den Halun⸗ r Schloß und ken losgegeben haben! Bis an ſeines Lebens Ende hätte der im Zuchthauſe ſitzen müſſen!“ „Warten Sie einmal ein Bischen, Mütterchen, und laſſen Sie uns nachrechnen,“ ſagte Hans, denn doch ein wenig erſchrocken über die Kunde von der Freilaſ⸗ ſung des Böſewichts.„Vier Jahr Zuchthaus hat er bekommen,— das war anno 24 und jetzt haben wir 8, das ſtimmt, Mütterchen. Lorenz hat ſeine Zeit abgeſeſſen, aber ich glaube doch nicht und will es nicht fürchten, daß er ſo ſchamlos iſt, hierher, auf den Schauplatz ſeines Verbrechens zurückzukehren. Was könnte er hier wollen? Sein Sohn, der Uli, iſt ver⸗ gangenes Jahr am Fieber geſtorben, und andere Ver⸗ wandte und nun gar Freunde hat er hier nicht.« „Und dennoch iſt er da, Hanſel!« entgegnete Mut⸗ ter Domann.„Dieſe meine alten Augen haben ihn geſehen, kaum eine halbe Stunde von hier im Waldes⸗ dickicht, und noch keine Stunde iſt vergangen, ſeitdem ich ihn geſehen habe. Ja, ja, ich erkannte ihn auf der Stelle, wenn er ſich gleich einen großen ſtruppigen Bart um das Geſicht herum hat wachſen laſſen, ſo daß man vom Ganzen nur die Naſe und die Augen ſieht. Aber ſein tuͤckiſcher, böſer Blick ließ mich auf der Stelle er⸗ rathen, wen ich vor mir hatte. Vielleicht zum Glück für mich bemerkte er mich nicht gleich, und ich zog mich m . 2 — —õʒõõ Frau, wie Worte verſtand:„Büßen ſollen ſie und meinen Arn 48 iſt Alles z auen, ſelbſt die Ermordung einer alten in!« 3 „Unmöglich! Unmöglich! Sie müſſen ſich getäuſcht haben, Mütterchen!“ rief Hans aus.„Was ſollte er hier? Zu welchem Zwecke ſollte er zurückkehren an dieſen Ort, wo er allgemein verachtet und gehaßt iſt, wie er ohne Zweifel wiſſen muß. Sie haben ſich ge⸗ täuſcht, Mutter Domann!“ „Ich habe mich nicht getäuſcht,“ verſetzte die alte Frau mit Beſtimmtheit.„Meine Augen, wenn ſie auch alt ſind, thun trotzdem noch ihre Schuldigkeit, und ſehen ſchärfer und heller, als manches jüngere Augenpaar. Das macht, weil ich ſo viel in freier Luft bin, mein Liebling. Und zu welchem Zwecke der ſchlechte Kerl zurüͤckgekommen ſein könne, fragſt du? Liegt denn das nicht plan auf der Hand? Erratheſt du es nicht? Rache will er nehmen! Rache, blutige Rache an dei⸗ nem Vater, an deiner Mutter, an dir an mir! Das iſt der Zweck, den er verfolgt, und kein Mittel wird dem Böſewichte zu ſchlecht ſein, dieſen Rachedurſt ſeines böſen, gottloſen Herzens zu löſchen. Glaube mir das, Hanſel! Ich kenne den Menſchen, und es läuft mir jetzt noch kalt über den Rücken, wenn ich an Lorenz Erſcheinung im Walde denke. Barmherziger Gott, wie 4 ſah er aus, der entlaſſene Zuchthaus⸗Sträfling! Das Geſicht eingefallen und von graugelber Farbe, die Au⸗ gen tief in ihren Höhlen liegend und von unheimlichem Feuer glühend, drohende Wolken auf der gerunzelten Stirn! So lag er unter einer Eiche im Mooſe, und murmelte Etwas vor ſich hin, von dem ich nur die ſpüren, die verfl..... Hunde!« Und dabei ballte er „wie ein Stück Eiſen unter der Feile. Darum ſage ich dir, Hanſel, ſei auf deiner Hut! Warne auch deinen Vater und deine Mutter, damit ſie ſich vor dem Böſewicht in Acht nehmen. Ich alte Frau fürchte mich eigentlich nicht vor ihm, nur der erſte Schrecken über ſeinen unerwar⸗ teten Anblick verwirrte mich. Jetzt bin ich für meine Perſon nicht weiter ängſtlich, denn an den paar Jah⸗ ren, die mir vielleicht noch zu leben vergönnt ſind, iſt ja weiter nichts verloren. Aber du, junges Blut, und dein braver Vater, der noch ſo viel Gutes wirken kann, und deine wackere Mutter, die ein wahrer Segen für unſer Dorf iſt,— oh Gott, wenn ich daran denke, daß Euch ein Leid von dem Böoͤſewicht angethan werden könnte, ſo zittere ich am ganzen Leibe vor Beſorgniß und Aengſten!“ Hand ſchritt ein kleines Weilchen ſchweigend neben der alten Frau her, und manches bange Bedenken mochte ſich auch in ſeinem Herzen regen. Aber er un⸗ terdruͤckte dieſes Gefühl, und ſeine ſorgenvolle Miene heiterte ſich auf. „Laſſen Sie es gut ſein, Mütterchen, und ängſtigen Sie ſich nicht mehr,“ ſagte er gefaßt.»Wenn Lorenz auch wirklich zurückgekehrt wäre, ſo iſt das noch immer kein Grund, ihn zu fürchten. Stehen wir denn nicht in Gottes Hand? Was vermag die Bosheit eines 4 ſchlechten Menſchen gegen Seine Allmacht? Nein, ich ill mich nicht fürchten, ſondern meine Zuverſicht auf Herrn ſetzen, ohne deſſen Wille kein Sperling vom che fällt, und mir kein Haar auf dem Haupte ge⸗ „Du thuſt wohl daran, Hanſel, dein Vertrauen auf unter der Erde. 4 — nun behüte Sie Gott! Gute Nacht und gute Ruhe, 50 Gott zu ſetzen,“ erwiederte die alte Frau;—»doch kann es bei alledem nicht ſchaden, auf der Hut zu blei⸗ ben und die Augen vorſichtig überall zu haben. Wer ſich in Gefahr begibt kommt darin um!“ „Ich werde vorſichtig ſein, und auch meinen Vater von der Rückkehr des böſen Lorenz benachrichtigen,“ ſagte Hans,—„doch einſchüchtern wollen wir uns nicht laſſen. Wir thun unſere Pflicht und Schuldig⸗ keit, und das Uebrige wollen wir vertrauensvoll Gottes Güte in die Vaterhände legen. Aber da ſind wir ja ſchon bei Ihrem Häuschen, Mutter Domann! So, nehmen Sie Ihren Korb, und ich danke auch ſchön, daß Sie mir die Warnung haben zukommen laſſen. Ich werde ſie nicht leichtſinnig in den Wind ſchlagen. Und Mütterchen!“ Sie drückten einander die Hände, und ſchieden in Liebe und Freundſchaft, wie immer. Hans ſchlug den Weg nach dem väterlichen Hauſe ein, feſt entſchloſſen, den Aeltern ohne Rückhalt mitzutheilen, was er von Mutter Domann gehört hatte. Die Mutter zeigte eine ſichtbare Aengſtlichkeit bei ſeinen Mittheilungen; der Vater jedoch blieb anſchei⸗ nend ganz ruhig und unbewegt. „Was ſollten wir von Lorenz' Rückkehr zu fürchten 5 haben?“ ſagte er.„Wir haben nicht ihm, ſondern er hat uns ſchweres Leid zugefügt, und nicht wir ſind es geweſen, die ihm die Zuchthausſtrafe zuerkannt ha⸗ ben, die er übrigens reichlich verdient hat. Fuͤr fürchte ich nichts,— eher noch möchte ich rathen, Mutter Domann ſich vor der Rache des Mannes i Acht nehmen möge, da ohne ihre Ausſage ſein Ver⸗ ———˖——n-— 4. rqfens brechen ſchwerlich an das Tageslicht gekommen wäre. Aber ſich an einer alten Frau vergreifen?.. Eine ſolche Erbärmlichkeit kann ich kaum ſelbſt einem Men⸗ ſchen, wie Lorenz iſt, zutrauen. Kümmern und ſorgen wir uns alſo nicht vor der Zeit! Gott iſt über uns, und Er, der Herr und Vater, wird ſchon Alles zum Guten und Rechten fügen!« Weiter war nicht die Rede von Lorenz. Trotz dem hatte ſich ſowohl der Oberſteiger Friedel, wie ſein Sohn heimlich feſt vorgenommen, die Augen offen zu halten. Sie verſchwiegen es nur, um der ängſtlichen Mutter nicht unnöthige Sorge zu bereiten. ³ Viertes Kapitel. Eine böſe That. — Es vergingen Tage, es vergingen einige Wochen, der Sommer ſchwand dahin, das grüne Laub der Wäl⸗ der verwandelte ſich allmählich in ein herbſtliches Gelb und Braun, und noch hatte Niemand weiter, als Mut⸗ ter Domann, eine Spur von dem entlaſſenen Zuͤchtlinge entdecken köͤnnen, obgleich das Gerücht von ſeiner Wie⸗ derkehr ſich ſchnell im ganzen Dorfe verbreitet, und üͤberall eine gewiſſe Unruhe und Unbehaglichkeit hervor⸗ gerufen hatte. Kein Auge ſah ihn;— wenn er wirk⸗ lich wiedergekommen mer, ſo hatte er ſich entweder wie⸗ der entfernt, oder ſo ſoegfältig im Walde verſteckt, daß man ihn nicht leicht ausfindig machen konnte. .— 4* Ein Jägerburſch, in Dienſten des Förſters, der etwa eine Stunde weit vom Dorfe im Walde wohnte, hatte allerdings einmal bei ſeiner zufälligen Anweſen⸗ heit in der Dorfſchenke geäußert, daß ſich die Wilddiebe im Forſte wieder einmal ſeit langer Zeit recht rührig zeigten, und faſt jede Woche bald einen Hirſch, bald einen feiſten Rehbock niederſchoͤſſen,— ob unter dieſen Wilddieben ſich aber auch Lorenz befand, oder nicht, darüber vermochte Niemand Auskunft zu geben, auch der Jägerburſche nicht, obgleich er von früherer Zeit her die Perſon des entlaſſenen Sträflings ganz genau kannte. „Die Kerle gehen mit einer wunderbaren Schlau⸗ heit zu Werke,“ gab er auf eine darauf Bezug habende Frage zur Antwort.„Der Herr Förſter und wir Jä⸗ gerburſchen liegen jede Nacht auf der Lauer, aber noch nie iſt es gelungen, Eines der Burſchen habhaft oder auch nur anſichtig zu werden. Lauern wir ihnen im Kemper⸗Grunde auf, ſo knallt es auf der Eichenhalde, — verſtecken wir uns dort, ſo hören wir wieder im Fuchswinkel ſchießen, und kommen wir dann hin, ſo finden wir wohl den Schweiß(das Blut) des geſchoſ⸗ ſenen Wildes, aber von dem Wildſchützen auch keine Spur. Der Herr Förſter iſt außer ſich darüber, und wir werden auch nicht nachlaſſen, wachſam zu ſein, aber, wie geſagt, die Schurken ſind ſchlau, und es kann noch lange währen, bis wir ſie erwiſchen, wenn uns nicht ein glücklicher Zufall zu Hülfe kommt.“ Dieſe Aeußerungen des Dägerburſchen machten die Runde durch das Dorf, und hin ind wieder wurde ge⸗ ſtritten ob Lorenz zu der Bande der Wilddiebe gehöre, oder nicht? Natürlich ohne alles Reſultat. Es hatte 53 wohl Jeder ſeine eigenen Meinungen und Muthmaßun⸗ gen, aber Niemand konnte einen Beweis beibringen, daß dieſelben auch richtig ſeien. So wurden denn ſchließlich die Wilddiebe ſowohl, wie auch Lorenz all⸗ mählig vergeſſen, und die Beſorgniß vor dem Letzteren ſchwanden dahin, wie Nebel und Rauch. So kam der October heran. Der September war wunderſchön geweſen, und hatte faſt lauter heitere, ſon⸗ nige Tage, und lachenden blauen Himmel gebracht Mit dem Eintritte des neuen Monates aber veränderte ſich das Wetter; der blaue Himmel überzog ſich mit dunklem, maſſigem Gewölk, und ein anhaltender heftiger Wind machte ſich auf, der immer von Neuem dunſtige Nebel und regenſchweres Gewölk aus der Ferne herbei führte. Die Schleuſen des Himmels öffneten ſich, und in wuchtigen Strömen ſchoß das Waſſer auf die Erde herab. Regen zwiſchen Himmel und Erde überall! Die Luft war von dampfenden, qualmenden Nebeln ſo durchfeuchtet, daß man auf fünfzig Schritt Entfernung nichts mehr deutlich erkennen konnte. Er hüllte Berg und Thal, Wald und Feld in einen einförmigen, grauen Mantel ein. Von jedem Blatte tropften und rieſelten Waſſerperlen; von den Bergen ſtrömten in tauſend und aber tauſend kleinen Rinnſalen tauſend und aber tau⸗ ſend ſilberne Waſſerfäden zu Thale, vereinigten ſich unten zu kleinen Bächen, und ſtuͤrzten gluckſend und murmelnd dem im Laufe des Sommers faſt ausgetrock⸗ neten Bette des kleinen Flüßchens zu, welches nach einer Seite hin die Gränze des Dorfes bildete. Hoͤher und höher ſchwoll das Flüßchen an, es wurde zum Fluße, zum wilden brauſenden Strome, und trat endlich — — 54 über ſeine Ufer, um das flache Land ringsum zu über⸗ ſchwemmen. Und der Regen ließ immer noch nicht nach. Das plätſcherte Tag und Nacht, und der Wind peitſchte die Gewäſſer, daß ſie rauſchend aufſchäumten, und ſchüttelte die Baumwipfel, daß ſie maſſenweiſe das tröpfelnde Naß auf das feuchte Moos zu ihren Füßen nieder⸗ ſchleuderten. Alles war naß, Alles, Himmel und Erde, und Alles, was dazwiſchen lag. Eine neue Sündfluth ſchien ſich über die Welt ergießen zu wollen. Was der Regen nicht einweichte und durchtränkte, das feuchteten die naſſen Nebel. Jede Ackerfurche ward zum Kanale, jeder Fahrweg zum Bache, jede Vertiefung des Bodens zum Teiche oder zum See. Es war ein Wetter, man hätte keinen Hund hinausjagen mögen! Trotz alledem wurden aber doch die Arbeiten in den Bergwerken nicht unterbrochen. Die fleißigen Berg⸗ leute wateten und patſchten jeden Morgen und jeden Abend nach ihren Schachten, und fuhren ein, wie ſonſt bei dem ſchönſten Wetter. Auch Friedel that ſo, wenn an ihn die Reihe kam, und ſein Sohn, der Hanſel, nicht minder. So traten ſie auch eines Morgens aus ihren Häu⸗ ſern in den Moraſt hinaus, der zollhoch die Straße be⸗ deckte, und ſchlugen die Richtung nach dem Georgen⸗ Schachte ein, wo ſie heute Beſchäftigung ſinden ſollten. An der Stelle, wo die Straße nach dem Fußwege zum Stollen abführt, trat ihnen eine in ein großes Tuch ge⸗ hüllte Geſtalt entgegen, und ſtellte ſich grade vor ſie hin, ihnen den Weg verſperrend. „ Halt!“« ſagte ſie, und ſtreckte ihnen abwehrend die 5⁵ Hand entgegen,—„kehrt zurück nach Eurem Hauſe, und fahrt heute wenigſtens nicht in den Schacht ein. Mir ahnt Schlimmes, und noch ſelten hat eine ſolche Ahnung mich betrogen!“. „Aber wer ſeid Ihr denn, daß Ihr uns in ſolchem Sturm und Regen auf dem Wege aufhaltet?« fragte der Oberſteiger Friedel nicht grade in der beſten Laune. „Wenn wir eine Viertelſtunde hier ſtehen bleiben müſ⸗ ſen, ſind wir durchnäßt bis auf die Haut.“ „Ihr ſollt auch nicht ſtehen bleiben, Ihr ſollt um⸗ kehren,“ erwiederte die eingehüllte Geſtalt, und lüpfte ein wenig das Regentuch.„Kennt Ihr mich nicht? Ich bin die alte Mutter Domann, und habe mich ex⸗ preß hier hergeſtellt, um Euch aufzulauern und heim zu weiſen. Ich bitte Euch, kehrt um und fahrt heute nicht in den Schacht ein!« „Thorheit, Thorheit, Mutter Domann,“ entgegnete der Oberſteiger,—„Sie wiſſen ja, wir müſſen unſere Pflicht erfüllen, und keine Rückſicht darf uns davon zurückhalten. Laßt uns weiter gehen Mütterchen, und ſeiet vernünftig!“ „Nein, nein, ich beſchwöre Euch, kehrt um, ſo lange es noch Zeit iſt,“ flehte die alte Frau von Neuem. „Auf meiner Seele liegt Etwas, wie ein Alp, und die Angſt preßt mir das Herz zuſammen. Wenn Ihr ein⸗ fahrt, gibt es ein Unglück, ein ſchreckliches!“ „Und woher oder warum vermuthet Ihr das, Mütterchen?“. 1 „Ich weiß nicht, ich kann das nicht ſagen, aber meine Ahnungen trügen nicht. Kehrt heim, meldet Euch als krank, oder fahrt wenigſtens in einen anderen — Schacht, als in den Georgen⸗Schacht ein, ſonſt ſeid Ihr verloren!“. » Aberglaube, Mütterchen, Aberglaube! Wenn Ihr ſonſt keinen triftigen Grund wißt, der uns zurückhalten könnte, ſo laßt uns in Gottes Namen gehen. Komm', Hanſel! Und Ihr, gutes Frauchen, geht heim, und bringt Euer Dach zwiſchen Euch und dieſe unaufhör⸗ lichen, ſchweren Regengüſſe. Großer Gott, wie das vom Himmel hernieder gießt, als ob es die ganze Erde erſäufen wollte! Komm', Hanſel! Adieu, Mutter Domann!“ Er wollte an der alten Frau vorüber ſchreiten, aber dieſe hielt ihn am Arme feſt. „Um Gottes willen, Oberſteiger, geht nicht!“ ſagte ſte in Todesangſt.„Denkt an Lorenz!“ „Pah, Lorenz! Was kann mir der anhaben, wenn ich drunten in der Grube bin unter meinen treuen Arbeitern?“ entgegnete Friedel, und machte ſanft ſeinen Arm von der Hand los, die ihn faſt krampfhaft müſſen unſere Pflicht thun! Und bedenkt doch nur, daß wir überall in Gottes Hand ſtehen, ſei es über, ſei es unter der Erde. Adieu, Mütterchen!“ Mit dieſen Worten ſchritt er weit aus, um ſobald als möglich aus dem ſtrömenden Regen zu kommen, und Hans, nachdem er der alten Frau freundlich zugenickt, wollte dem Vater folgen. Aber auch ihn hielt Frau Domann noch einen Augenblick zurück. „So gehet denn,“ ſagte ſie niedergeſchlagen,—„ge⸗ het, wenn Ihr der Warnung einer alten Frau nicht folgen mögt. Aber nimm dieſes mit, Hanſel! Dieſes Körbchen! Es iſt Brod und kalter Braten und ein gepackt hielt.„Sei't vernünftig, Mütterchen! Wir —. 10 die Hände in den Schoos legen! Nein, ich bleibe im 57 Fläſchchen Wein darin, was mir letzten Sonntag der Herr Pfarrer als eine Liebesgabe zugeſchickt hat. Nimm es nur! Ich brauche es nicht, weil ich noch mit Le⸗ bensmitteln reichlich verſehen bin.« „Aber das Fläſchchen Wein wird Ihnen ſelber gut thun, Mütterchen,“ verſetzte Hans ganz gerührt von der Güte der armen alten Frau.„Ich kann das nicht annehmen!“ „Du ſollſt und mußt es nehmen,“ erwiederte Frau Domann beſtimmt, faſt heftig.„Wenn du in der Steinkohlen⸗Grube keinen Gebrauch davon machen willſt, ſo kannſt du mir heute Abend das Körbchen wieder zu⸗ ſtellen. Jetzt aber keine Widerrede mehr, Hanſel. Geh' mit Gott! Und ich will beten, daß heute kein Unglück im Georgen⸗Schachte geſchieht.“ Um die alte Frau nicht zu betruͤben, nahm Hans das Koͤrbchen mit den Lebensmitteln an, war aber feſt entſchloſſen, es ihr am Abend unberührt wieder zu⸗ zuſtellen. „So dank' ich denn ſchön, Mütterchen,“ ſagte er herzlich.„Aber nun will ich auch machen, daß ich den Vater wieder einhole und nicht zu ſpät zum Schachte komme. Adieu! Adieu!“ Schnellfüßig rannte er davon, und Mutter Domann blickte ihm liebevoll nach. „Doch Etwas! Etwas erreicht!“« murmelte ſie vor ſich hin, als die Geſtalt Hanſels in dem dichten Nebel, der ringsum über der Erde lag, verſchwand.„Ich weiß nicht, was geſchehen wird, aber dieſe Angſt, die mich ruhelos umhertreibt, hat jedenfalls etwas Schlimmes zu bedeuten. Ich kann nicht heim gehen, und müßig — 58 Freien, und gehe nach dem Georgen⸗Schachte! Wenn etwas paſſirt, ſo bin ich wenigſtens gleich bei der Hand. Und paſſiren wird etwas, das ſagt mir mein Herz⸗ klopfen!“ S Und richtig,— anſtatt nach dem Dorfe und in ihr Häuschen zurückzukehren, ſchleppte ſich die alte Frau mühſam durch den Schlamm des aufgeweichten Fuß⸗ pfades, von dem übrigens jetzt kaum noch eine Spur zu entdecken war, und gelangte keuchend und faſt athem⸗ los in die Nähe des Georgen⸗Schachtes. Hier ſtand eine kleine Hütte, die nur aus dem Dach und vier Bretter⸗Wänden beſtand. Eine Oeffnung nach der Seite der Einfahrt zu bildete den Ein⸗ und Ausgang. Sie ſtand leer, da ſie nur gelegentlich von den Bergleuten benutzt wurde, um Geräthſchaften und dergleichen für die Nacht darin aufzubewahren. Mutter Domann kroch hinein, und ſuchte ſich ein möglichſt trockenes Plätzchen auf, von welchem aus ſie die Einfahrt zum Schachte im Auge behalten konnte. Da kauerte ſie nieder, zog das durchnäßte Regentuch feſter um ihren Leib, und ſtarrte nun faſt bewegungs⸗ los durch die Oeffnung des Schuppen's in's Freie hinaus. Draußen war kein lebendiges Weſen zu ſehen, und kein anderes Geräuſch zu vernehmen, als das Plätſchern des unabläſſig ſtrömenden Regens, das hohle Sauſen und Brauſen des Windes, der die ſchweren Tropfen vor ſich her peitſchte und das Rauſchen eines nahe gelege⸗ nen, ſonſt nur kleinen Wildbaches, der jetzt aber bis beinahe an den Rand ſeiner Ufer angeſchwollen war, und mit wilder Heftigkeit ſchäumte und tobte. Kaum zwanzig Schritt floß dieſer Wildbach vor der Einfahrt 59 zum Georgen⸗Schachte vorüber, und wenn das Waſſer, wie wohl zu befuͤrchten war, ſeine Ufer überſtrömte, ſo ſtand zu befürchten, daß ſichtein großer Theil der über⸗ tretenden Fluth in den Schacht hinunter ſtürzen würde. An und für ſich brachte dies allerdings den unten ar⸗ beitenden Bergleuten keine große Gefahr, wohl aber ſchwere Arbeit, indem ſie das eingedrungene Waſſer durch das Pumpwerk wieder beſeitigen mußten, um nicht an ihrer gewöhnlichen Thätigkeit in den Gruben behindert zu werden. Mutter Domann überlegte ſich dieſen Umſtand, und, da das Waſſer immer höher anſchwoll, und an einzel⸗ nen Stellen ſogar ſchon über den Rand des Ufers ſchäumte, war ſie ſchon im Begriff aufzuſtehen, und den Arbeitern in der Tiefe durch die neben dem Schachte hängende Nothglocke ein Warnungszeichen zu geben, als ſie plötzlich wieder, wie zu Stein erſtarrt, in dem dun⸗ keln Raume ſitzen blieb. Draußen in der Nähe dese Schachtes erſchien nämlich ein Mann, und in dieſem Mann erkannte die erſchrockene alte Frau ihren Tod⸗ feind, den entlaſſenen Züchtling Lorenz.* »Was will dieſer Menſch hier?« fragte ſie ſich ſelbſt.»„Was hat er hier zu ſchaffen? Gutes kann er nicht im Sinne haben, alſo denkt er auf Böſes. Wenn er mich nur nicht ſieht! Ich wäre ein Kind des Todes!« Lorenz beachtete übrigens den dunkeln Schuppen gar nicht, da er keine Ahnung davon haben konnte, daß ein lebendes Weſen darin verborgen ſein könne. Er blickte nur auf den brauſenden, ſchäumenden Gießbach, und maß mit den Augen den kurzen Zwiſchenraum, der den⸗ ſelben vom Eingange des Schachtes trennte. Ein teuf⸗ — liſch boshaftes Lächeln verzerrte ſeine Züge. Dann trat er raſch auf den Schuppen zu, und bückte ſich, um durch die Oeffnung ein zu kriechen. Frau Do⸗ mann, von Angſt und Entſetzen erfüllt, kauerte ſich in ein Klümpchen zuſammen, und verſteckte ſich ganz unter ihr Regentuch. Lorenz achtete indeß gar nicht auf ſie, und wenn er ſie auch in der tiefen Dämmerung ſehen mochte, konnte er ſie doch für nichts Anderes halten, als für das Kleidungsſtück irgend eines Bergmannes, das derſelbe in den Schuppen geworfen hatte, damit es nicht naß werden möge. Kleidungsſtücke brauchte er aber nicht, und kümmerte ſich nicht weiter darum. Er gebrauchte, ſuchte und fand etwas Anderes: eine ſchwere eiſerne Hacke, die in einer Ecke des Schuppens lehnte. Dieſe ergriff er mit einem Freudenrufe und eilte damit ſogleich wieder in's Freie. „Warte, ich will dir einen Schabernack ſpielen, an „den du lange denken ſollſt, Mosje Friedel!“ ſagte er.„Du und deine Begleiter, Ihr ſollt pumpen, bis Euch die Arme lahm werden und Euch der Athem ausgeht!«“ Vor der Hütte blieb er noch einige Augenblicke ſte⸗ hen, und ſah ſich vorſichtig nach allen Seiten um. Kein Menſch war weit und breit zu ſehen, kein ver⸗ rätheriſches Auge konnte ſein Thun bemerken und beobe achten. Nun jauchzte er laut hinaus vor Schadenfreude, und gebrauchte mit rüſtigen Armen die Hacke, um vom Bache nach dem Schachte hinüber eine breite und tiefe Rinne zu hauen. In weniger als einer halben Stunde war dies ge⸗: ſchehen, und nun ſtieß er mit der Hacke die letzte Schicht Erde weg, welche noch zwiſchen der brauſenden Fluth 141 61 und dem Kanale lag. Mit wildem Rauſchen ergoß ſich das Waſſer in die Rinne, und ſtürzte ſich, alles ge⸗ lockerte Erdreich mit fortreißend, in einem fußbreiten und fußdicken Strome in die Tiefe des Schachtes. Nach wenigen Minuten ſchon war der Strom dop⸗ pelt ſo ſtark angeſchwollen, denn die wilde Fluth riß immer mehr Erde aus der Rinne weg und machte ſie zuſehends tiefer und breiter. Lorenz beobachtete einige Minuten hindurch die reißenden Fortſchritte des toben⸗ den Elements; dann lachte er gellend und höhniſch auf, ſchleuderte die Hacke in den Schuppen zurück, und ent⸗ fernte ſich mit eiligen Schritten von dem Schauplatze des neuen Verbrechens, das er verübt hatte. »Nun pumpt, wenn Ihr nicht erſaufen wollt,« ſagte er im Fortgehen.„Kein Menſch und kein Teu⸗ fel kann mir beweiſen, daß Ihr mir die luſtige Arbeit verdankt!“ Wenige Minuten ſpäter war er im Nebel und Re⸗ gen verſchwunden. Nicht die entfernteſte Ahnung ſagte ihm, daß trotz ſeiner vermeintlichen Sicherheit dennoch auch zwei Men⸗ ſchenaugen außer dem allſehenden Auge Gottes ſein ver⸗ brecheriſches Thun beobachtet hatten. Der Frau Do⸗ mann war keine ſeiner Bewegungen entgangen, und ſie hätte beinahe laut aufgeſchrieen, als ſie merkte, welchen ſchändlichen Plan Lorenz erſonnen hatte und in Aus⸗ führung brachte. Aber noch zu rechter Zeit unterdrückte ſte den Schrei, der ſchon auf ihren Lippen ſchwebte, und beruhigte ſich bei dem Gedanken, daß den Leuten im Bergwerke durch den Waſſerſturz unmöglich eine ernſte Lebensgefahr bereitet werden könne. Sie war⸗ tete daher ruhig ab, bis Lorenz ſein Werk vollbracht — und ſich entfernt hatte. Dann ſprang ſie auf, warf das ſchwere Regentuch von ſich, ergriff die von dem 2 Verbrecher weggeworfene Hacke, und ſtuͤrzte aus dem Schuppen in's Freie. Mit Anſtrengung aller Kräfte arbeitete ſie hier, um den von Lorenz gegrabenen Kanal wieder zu zu werfen, und ſo das Waſſer vom Schachte abzudämmen. Aber obgleich ſie faſt übermenſchliche An⸗ ſtrengungen machte, wollte es ihr doch nicht gelingen, den Strom zu hemmen. Er war nun ſchon zu mäch⸗ tig geworden, und riß alle Erde und alle Steine, die ſie heinein warf, mit fort in die dunkle Tiefe. Dennoch ließ die alte Frau nicht ab; plötzlich aber hörte ſie tief aus dem Schachte herauf ein furchtbares Gepolter und Donnern, und dann einen dumpfen Auf⸗ ſchrei, in welchen ſich ein zehnfach vermehrtes Rauſchen und Brauſen des Waſſers miſchte, das, einmal begon⸗ nen, ununterbrochen fortdauerte, und unmöglich allein von der durch den oberen Kanal ſtrömenden Fluth her⸗ rühren konnte. Todtenbleich lauſchte die alte Frau einige Augenblicke auf das entſetzliche Getöſe, und ließ vor Schrecken darüber die Hacke aus den bebenden Händen fallen. Dieſe wurde von dem Strome mit fortgeriſſen, und verſchwand in der ſchwarzen Mündung des Schachtes. „Da iſt ein Unglück geſchehen,« murmelte die alte Frau,—„Gott ſei den armen Leuten im Schachte gnädig! Was läßt ſich thun um ihnen Hülfe zu brin⸗ gen, ſie zu retten?“ Noch eine Minute dachte ſie nach, dann faßte ſie ihren Entſchluß. So ſchnell es ihre, vom Alter ge⸗ ſchwächten, Kräfte erlaubten, eilte ſie in das Dorf zu⸗ rück zu der Wohnung des Berghauptmanns, den ſie 63 glücklicher Weiſe zu Hauſe antraf. Mit haſtigen Wor⸗ trn erzählte ſie, was ſie geſehen und gehört hatte, und der Berg-Hauptmann gab ſofort die nöthigen Be⸗ fehle, um Alles, was helfen konnte, nach dem Geor⸗ gen⸗Schachte zu ſchicken. Bald fehlte es dort nicht an Leuten, welche ſchnell mit Hacken und Spaten den Ka⸗ nal wieder zuſchütteten, und ſo den Zufluß des Waſſers in den Schacht von oben her abſchnitten. Trotzdem rauſchte und brauste es unten in der Tiefe noch mit wilder Gewalt, und rathlos ſtanden die Männer, welche ſich dieſen Umſtand nicht zu erklären vermochten. Fünftes Kapitel. Unter der Erde. Wir müſſen uns jetzt wieder nach dem Oberſteiger Friedel und ſeinem Sohn Hans umſehen, welche Beiden uns ſeit ihrer letzten Begegnung mit der alten Frau Domann aus den Augen verſchwunden ſind. Als Hans ſich von der Letzteren getrennt hatte, lief er ſchnell dem vorausgegangenen Vater nach, und holte ihn nahe bei dem Georgenſchachte wieder ein. Hier ſtanden ſchon vierundzwanzig Männer, die Meiſten da⸗ von bereit, in den Schacht einzufahren, ſobald der Ober⸗ ſteiger angekommen ſein würde. Derſelbe trat mit einem kräftigen„Glück auf“ zu ihnen, das eben ſo kräftig er⸗ wiedert wurde. Dann entbloͤßte der Oberſteiger ſein Haupt, und alle übrigen Männer folgten ſeinem Bei⸗ ſpiele, indem ſie fromm die Hände falteten, und in einem kurzen aber innigen Gebete den lieben Gott um Seinen Schutz für ihr bevorſtehendes, gefährliches Ta⸗ gewerk anflehten. Hierauf beſtieg der größere Theil von ihnen einen in Ketten und Seilen hängenden gro⸗ ßen Kübel. Die Zurückbleibenden drehten eine Winde, um den Kübel in die Tiefe hinab zu laſſen, und zogen ihn leer wieder herauf, als von unten ein Zeichen ge⸗ geben wurde, daß die Bergleute ausgeſtiegen waren, und alſo ihrer Dienſte nicht länger bedurften. Ohne ſich weiter aufzuhalten, trabten ſie alsdann davon, um ſo ſchnell wie moͤglich dem ſtrömenden Regen zu ent⸗ gehen. Als Frau Domann bei dem Schachte ankam, waren ſie bereits ſpurlos im feuchten Nebeldunſte ver⸗ ſchwunden. Der Oberſteiger und ſeine Arbeiter ſtiegen mittler⸗ weile tiefer und tiefer in die Gruben hinunter, bis ſie auf dem eigentlichen Schauplatz ihrer Thätigkeit anlang⸗ ten. Hier, bei dem ſchwachen Scheine der Grubenlich⸗ ter begannen ſie ſofort ihre Arbeit, und bald vernahm man ringsum nur das ununterbrochene Picken und Ha⸗ cken ihrer Werkzeuge, mit denen ſie große Stücke Kohle von dem viele Fuß mächtigen Flötze losbrachen. Dieſe Stücke wurden auf Karren geladen und durch verſchie⸗ dene Stollen auf ſchmalen Eiſenbahnen an den Ort geſchafft, von welchem ſie durch Maſchinen zu Tage ge⸗ fördert wurden. Oberſteiger Friedel ging ab und zu, und beaufſich⸗ tigte die Leute, damit die Arbeit pünktlich und regel⸗ recht gefördert wurde. Plötzlich aber blieb er, einiger⸗ maßen beſtürzt und erſchrocken, ſtehen, und lauſchte mit 65 geſpanntem Ohr. Er glaubte, das Rauſchen und Plät⸗ ſchern ſtrzender Waſſer zu hören, und begab ſich eilig nach dem Ausgange des Schachtes zu, welchen man erſteigen mußte, um aus der Grube wieder an's Ta⸗ geslicht zu gelangen. Hier verwandelte ſich ſein Schre⸗ cken in Entſetzen, denn mit Gewalt quoll das Waſſer von oben in die Grube herein, und verbreitete ſich raſch nach allen Seiten hin. „Leute!« rief er mit Donnerſtimme den Arbeitern zu,—„fort mit Hacke und Spitzhaue, und eiligſt an das Pumpwerk! Der Bach oben muß ausgetreten ſein, und ergießt ſeine Fluth durch den Schacht in die Grube. Eilt Euch, damit wir bei Zeiten des Waſſers Herr werdenl!. Die Arbeiter gehorchten ohne Zögern dem empfan⸗ genen Befehle. Mit rüſtigen Armen ſetzten ſte das Pumpwerk in Bewegung, indem ſie von Zeit zu Zeit einander ablöſten, um ohne Unterbrechung weiter pum⸗ pen zu können. Mit Freuden ſah der Oberſteiger, daß die Leute ſchnell des bereits eingedrungenen Waſſers Herr wurden. Die Pumpen ſpielten vortrefflich, und es ließ ſich mit Zuverſicht erwarten, daß man ohne übergroße Anſtrengung die Grube auch fernerhin frei von Waſſer halten werde. „Hoffentlich hat die Geſchichte nicht viel auf ſich,“ ſagte der Oberſteiger in ermuthigendem Tone zu den Leuten.„Man muß ja Oben bald gewahr werden, daß der Bach überſtrömt, und wird jedenfalls nicht ſäumen, das Waſſer abzudämmen. Nachher iſt jede weitere Beſorgniß uͤberfluͤſſig!“ Das Waſſer ſtrömte mit allmählig immer ſtärkerer Gewalt, wurde aber nach wie vor mit Leichtigkeit durch unter der Erde. 5 die Pumpen wieder beſeitigt. Da auf einmal ertönte von oben her ein fürchterliches Krachen, als ob der ganze Schacht über den Köpfen der arbeitenden Männer zuſammenbräche. Sie ſchrien vor Entſetzen laut auf. Der Oberſteiger aber rief: „Um Gottes willen, rettet Euch, Leute! Das Pumpenwerk iſt gebrochen und eingeſtürzt, und hat, wenn mich nicht Alles täuſcht, auch eine Seitenwand des Schachtes mit fortgeriſſen, die uns vor der Fluth der eingedämmten wilden Waſſer beſchützte. Horcht! Der Strom bricht mit hundertfacher Gewalt herein! Flieht, und laßt uns ſuchen, durch einen Stollen nach dem Martinsſchachte zu entrinnen. Der liegt hoch und bietet uns größere Sicherheit! Vorwärts, Ihr Leute! Eilt! Es gilt um das Leben! Hans, mein Sohn, wo biſt du?« „Hier, Vater!« antwortete die Stimme des jungen Menſchen, indem er ſich an den Arm des Vaters an⸗ klammerte.„Nur fort! Geſchwind!“ Eile that in Wahrheit Noth, denn die Fluth brauſte jetzt mit ſolcher Gewalt und Uebermacht in die Gruben herein, daß der Boden derſelben ſchon nach wenigen Minuten ſchuhhoch vom Waſſer bedeckt wurde. Alle rannten in von Entſetzen geſpornter Haſt dem Stollen zu, welcher nach dem Martins⸗Schachte führte. Die plätſchernden Wogen hüpften und ſchäumten in wildem Tanze hinter ihnen her. 4 Der Stollen wurde glücklich erreicht, aber leider ge⸗ wann man nur zu ſchnell die traurige Ueberzeugung, daß es unmöglich war, durch denſelben zu dem Mar⸗ tinsſchachte durchzudringen. Er war bereits mit Waſſer bis zu anderthalb Ellen Höhe angefüllt, und noch im⸗ 67 mer ſtieg das entfeſſelte Element mit furchtbarer Schnel⸗ ligkeit. Man mußte jede Hoffnung ſchwinden laſſen, ſich des Stollens als eines Rettungsmittels zu bedienen. Wer ihn zu betreten wagte, war unfehlbar ein Kind des Todes. „Wir ſind verloren!« murmelten die Männer, und ſtarrten mit verzweiflungsvollen Blicken auf die brau⸗ ſenden Fluthen. „Noch nicht, Ihr Leute, noch iſt nicht Alles ver⸗ loren,« nahm jetzt der Oberſteiger mit feſter Stimme das Wort.„Eine Hoffnung bleibt uns noch übrig. Wir können von hier aus noch die Eliſabeth⸗Grube erreichen. Sie liegt von allen unſeren Gruben am höchſten, und wird deshalb am längſten von den Flu⸗ then verſchont bleiben.“ „Das iſt wahr,“ rief eine Stimme aus dem Hau⸗ fen der Männer.„Aber die Eliſabeth⸗Grube hat keinen Ausweg nach oben, denn der Schacht iſt ſchon vor länger als zehn Jahren zugeſchüttet worden. Wenn wir uns in die Grube flüchten, ſo ſind wir dort ge⸗ fangen, wie Ratten in einer Falle!« 3 Aber was können wir anders thun, als den letz⸗ ten Zufluchtsort aufſuchen, der uns übrig geblieben iſt?“ entgegnete der Oberſteiger Friedel.„Hier bleiben wäre unſer ſicherer Tod,— dort winkt uns wenigſtens noch eine Hoffnung. Sind wir nicht Männer? Haben wir nicht unſere Arme, unſere Spitzhauen und Schaufeln? Wir müſſen ſuchen, uns einen Weg durch den ver⸗ ſchütteten Schacht zu bahnen.“ „Der Oberſteiger hat recht,“ antworteten mehrere Stimmen.„Vorwärts zur Eliſabeth⸗Grube, und ohne Verzug an die Arbeit!« 5* anzukämpfen, und, „So folgt mir denn, Einer hinter dem Anderen, der Zugang zur Grube iſt ziemlich ſchmal,“ ſagte der Oberſteiger Friedel, und ſchlug ohne Zögern eine Sei⸗ tenrichtung ein. Die Leute folgten, bis über die Kniee im Waſſer watend. Aber ſchon nach einigen Minuten ſtieg der ſchmale, ſchluchtähnliche Pfad etwas aufwärts, und nach abermals einigen Minuten war der Boden des Stollens frei von Waſſer. Die Leute jubelten. „Freuet Euch nicht zu früh,“ rief der Oberſteiger ihnen zu;—„das Waſſer wird höher und höher ſtei⸗ gen, und wir können Gott danken, wenn es nicht auch die bis jetzt noch ſchützende Grube erreicht.“ „Aber, was hindert uns denn, hier den Stollen zu vermauern, ſo daß das Waſſer nicht weiter zu uns heran dringen kann?“ fragte Einer der Leute. „Was uns hindert, das iſt die Gewißheit, daß wir aus Mangel an friſcher Luft erſticken wurden, wenn wir den Stollen vermauern,“ entgegnete der Oberſteiger. „Du vergißt, Thomas, daß die Grube keinen ande⸗ ren Luftzufluß hat, als durch den Stollen, in dem wir uns befinden.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte der vorige Sprecher.„Ich dachte nicht mehr daran, daß der nach oben führende Schacht verſchuͤttet iſt. So ſind wir denn alſo doppelt bedroht, nicht nur durch den Ueberfluß von Waſſer allein, ſondern auch durch den wahrſcheinlich eintre⸗ tenden Luftmangel. Gott ſei unſeren armen Seelen gnädig!“ 3 „Du mußt deßhalb noch nicht den Muth verlieren, Thomas,“ verſetzte der Oberſteiger.„Je größer die Gefahr, deſto dringender die Nothwendigkeit, gegen ſie wenn irgend möglich, ihr zu ent⸗ 69 rinnen. Kämpfen wir alſo tapfer für unſer Leben! Es iſt Pflicht gegen uns ſelbſt und gegen unſere Fa⸗ milien!“ Einige zuſtimmende Aeußerungen folgten dieſen Worten; dann gingen Alle ſchweigend weiter, bis ſie endlich die hoch gelegene Eliſabeth⸗Grube erreichten. Hier waren ſie jedenfalls ſicher gegen den Andrang des Waſſers. Friedel ſelbſt ſprach ſeine Ueberzeugung aus, daß ſie viel eher erſticken als ertrinken würden. „Aber auch dieſe Gefahr iſt nicht ſo drohend,“ fuhr er fort,—„denn jedenfalls wird man uns von außen zu Hülfe kommen und den Bach abdämmen. Die wil⸗ den Waſſer aus den alten Schächten ſind nicht zu fürchten, obgleich ſie mit ſo furchtbarer Wucht auf uns herab ſtürzten. Die Menge iſt nicht groß genug, um alle Gruben und Stollen gänzlich auszufüllen, und da⸗ rum wird uns nicht jeder Luftzutritt abgeſchnitten wer⸗ den. Was ich fürchte, iſt hauptſächlich der Hunger. Es können Tage vergehen, ſechs, ſieben Tage vielleicht, ehe wir uns durch den Eliſabeth⸗Schacht durch arbei⸗ ten, und darum richte ich die Frage an Euch: wieviel Lebensmittel hat Jeder von Euch bei ſich?“ Die Männer antworteten Alle ganz gleichlautend. Keiner von ihnen beſaß mehr als die gewöhnliche Ta⸗ ges⸗Ration. Nur Einer antwortete nicht, und dieſer Eine war Hans, der ſich in den dunkelſten Winkel der Grube zurückgezogen hatte. „Nun, Ihr Männer,“ nahm der Oberſteiger aber⸗ mals das Wort,—„Ihr werdet einſehen, daß wir beſtimmte Entſchlüſſe faſſen, und beſtimmte Maßregeln treffen müſſen, um einerſeits ſo lange als möglich unſer Leben zu friſten, und andererſeits ſchnellmöglichſt unſere 70 Rettung zu bewerkſtelligen. Darum ſchlage ich Euch vor: erſtens, alle Lebensmittel zuſammen zu thun, und die Portionen ſo einzutheilen, daß wir wenigſtens drei volle Tage damit ausreichen. Seid Ihr damit zufrie⸗ den und einverſtanden?“ Ein einſtimmiges Ja war die Antwort. Die Leute zogen ihre kärgliche Speiſe aus ihren Taſchen, und häuften ſie in einem Winkel auf. Der Oberſteiger wurde gebeten, Wache darüber zu halten, und jeden Tag die Portionen zu vertheilen. „Ich werde dies gewiſſenhaft verrichten, auf mein Wort als ehrlicher Mann,“ verſetzte er.„Und wir wollen für dieſen Tag ſogleich den Anfang machen.“ Bei dem Scheine der brennenden Grubenlichter theilte er die Vorräthe in drei gleich große Haufen, und dann den erſten Haufen wieder in zwanzig einzelne Portionen, die nach dem Looſe an die gegenwärtigen zwanzig Bergleute vertheilt wurden. Schweigend ver⸗ zehrten Jeder ſeine kleine Portion; Einzelne behielten auch wohl ein Stückchen Brod als Reſerve zurück, und verwahrten es ſorgfältig in der Taſche. 3 „Und nun,“ begann der Oberſteiger von Neuem, —„müſſen wir unſere Beſtimmungen wegen der Ar⸗ beit treffen. Wir ſind unſer zwanzig Mann. Ich ſchlage vor, daß immer die Hälfte davon arbeitet, und, wenn ſie müde iſt, von der anderen Hälfte abgelöſt wird. Ich ſelbſt werde mich mit meinem Sohne der erſten Abtheilung zugeſellen, und Ihr Uebrigen mögt das Loos zwiſchen Euch entſcheiden laſſen.“« Auch dies geſchah Alles nach der Anordnung Frie⸗ dels, und die Leute, welche zur erſten Abtheilung ge⸗ hoͤrten, griffen nach ihren Hacken, um ohne längeres 71 Zoͤgern an die Arbeit zu gehen. Aber Friedel hielt ſie auf. „Nur einen Augenblick noch,“ ſagte er.„Wir ha⸗ ben hier zwanzig Grubenlichter. Wenn wir ſie alle brennen ließen, würden wir nach zwölf Stunden ganz im Dunkeln ſitzen. Darum ſchlage ich vor, wir löſchen ſie bis auf drei aus, die uns gerade Licht genug ge⸗ ben, um bei der Arbeit ſehen zu können.“ Auch dieſer Vorſchlag wurde einſtimmig und bereit⸗ willigſt angenommen. Siebzehn Grubenlichter wurden ausgeloͤſcht und an einer ſicheren Stelle geborgen. Die drei übrigen ſtellte man ſo, daß ihr Licht vorzugsweiſe den Arbeitern zu ſtatten kam. Hierauf flehte der Ober⸗ ſteiger in einem kurzen Gebete Gottes Beiſtand an, und dann begann die Arbeit. Der Oberſteiger hatte ſeine Taſchenuhr am Morgen mit in die Grube genommen, und konnte danach auf das Genaueſte die Zeit mittheilen. Sechs Stunden blieb er mit ſeiner Abtheilung in ununterbrochener Thä⸗ tigkeit. Dann wurde er von der zweiten Abtheilung abgelöſt, welche nun ihrerſeits das Werk der Befreiung mit friſchen Kräften in Angriff nahm. Die außer Thätigkeit verſetzten Mannſchaften ſuch⸗ ten ſich Plätze zum Ausruhen, und ſetzten ſich, den Rücken gegen die Seitenwand der Grube gelehnt, auf den Boden nieder. Sie waren müde geworden, denn das Durchbrechen der Erdſchichten nach Oben hin ko⸗ ſtete ſchwere Anſtrengung und erforderte viele Vorſichts⸗ maßregeln. Der geſchickten Leitung des Oberſteigers gelang es jedoch jede Schwierigkeit zu überwältigen, und ſeine Leute vor allen Gefahren zu ſchützen. Gleichwohl kam man trotz unausgeſetzter Arbeit ℳ nur langſam vorwärts, und gar Mancher verzweifelte ſchon nach den erſten in der Grube zugebrachten Stun⸗ den, daß man je mit dem ſchwierigen Werke fertig wer⸗ den, je wieder den blauen Himmel und die ſtrahlende Sonne wiederſehen werde. Sie ſprachen ihre Zweifel nicht aus, aber Friedel errieth ſie, indem er ihre ſor⸗ genſchweren Mienen betrachtete und die hoffnungsloſen traurigen Blicke erſpähte, mit welchen die Armen das Reſultat der vierundzwanzigſtündigen Anſtrengungen er⸗ maßen. „Wir dürfen den Muth nicht verlieren, meine Bra⸗ ven,“ ſagte er, indem er die zweite Ration von den ſorglich verwahrten Lebensmitteln vertheilte.»Wir kommen freilich nur langſam vorwärts, aber ich zweifle nicht im geringſten daran, daß unſere Kameraden uns von Oben her zu Hülfe kommen werden, ja, bereits zu Hülfe gekommen ſind!“ „Das iſt nur eine ſchwache, und wahrſcheinlich trügeriſche Hoffnung,“ verſetzte Matthes, ein ſchon be⸗ jahrter und erfahrener Bergmann, mit traurigem Kopf⸗ ſchütteln.»Wie ſollen oder können die Leute oben wiſſen, wo wir hier unten eine Zufluchtsſtätte geſucht haben? Es zweifelt gewiß Keiner daran, daß wir alle⸗ ſammt bereits in der Waſſerfluth begraben liegen.“ „Nein, nein, mein alter Matthes,“ verſetzte Friedel, — p„ſolche ängſtliche Beſorgniſſe darfſt du nicht hegen, und noch viel weniger ausſprechen, denn du würdeſt damit unſerem Berghauptmann und allen unſeren Vor⸗ geſetzten eine ſchwere Beleidigung zufügen! Nein, nein, man wird nach uns ſuchen! Unſere braven Kameraden werden nicht eher von ihren Bemühungen zu unſerer Rettung ablaſſen, als bis ſie uns, ſei es nun todt oder — — 1 — 73 lebendig, aus unſerem dunkeln Grabe an's Tageslicht gebracht haben.“ „Wenn ich auch das zugeben will,“ entgegnete Matthes,—»was würde uns damit gedient ſein? Wiſſen ſie denn oben, daß wir gerade hier in der alten Eliſabeth⸗Grube ſtecken?“ 1 „Wenn ſie es auch nicht wiſſen, ſo können ſie es doch vermuthen,“ erwiederte Friedel.„Seht, Leute, unſer Markſcheider, unſer Bergmeiſter und unſer Berg⸗ hauptmann wiſſen ganz eben ſo genau, als ich ſelber, daß die Eliſabeth⸗Grube die höͤchſtgelegene von allen unſeren Gruben iſt; ſie wiſſen ferner eben ſo gut als ich, daß der Eliſabeth⸗Schacht vor ſo und ſo vielen Jahren verſchͤttet wurde, und daß man nun durch dieſen Schacht, indem man ihn aufräumt, am ſchnellſten in die Gruben hinunter gelangen kann. Sie müſſen ſich überzeugt haben, daß alle andern mit den Gruben zuſammenhängenden Schachte zum Theil vom Waſſer erſäuft ſind, und aus dieſer Ueberzeugung werden ſie den Schluß ziehen, daß wenn wir noch am Leben ſind, eine Zuflucht in der höchſtgelegenen Grube geſucht ha⸗ ben. Leuchtet Euch das nicht ein, Leute!« „Oh, gewiß, gewiß,“ ſprachen mehrere Stimmen, und die Augen der ſchwer gebeugten, bangenden Män⸗ ner leuchteten wieder heller auf. Nur Matthes allein ſchüttelte noch zweifelnd den Kopf. „Wenn auch Alles wahr iſt, was Sie ſagen, Ober⸗ ſteiger Friedel, es wird uns doch nichts helfen,“ ſprach er.„Ich gebe zu, Hülfe wird kommen, aber ſie wird „Pnſpät kommen, und unſere Retter werden nur unſere von Hunger abgezehrten Leichname finden. Es gehört langere Zeit dazu, als drei oder vier Tage, um den —— Eliſabeth⸗Schacht wieder aufzuräumen, wie raſtlos man auch Oben arbeiten mag. Dem Hunger werden, muͤſ⸗ ſen wir erliegen! Das Waſſer haben wir nicht mehr zu fürchten. Ich habe mich durch genaue Beobachtun⸗ gen überzeugt, daß es ſeit vollen zwölf Stunden nicht einen Zoll mehr im Stollen geſtiegen iſt!“ „Dann Muth, Ihr Leute! Nur Muth!“ ſagte Frie⸗ del in aufmunterndem Tone.„Wenn wir unten flei⸗ ßig wuͤhlen, und unſere Kameraden oben nicht läſſig ſind, duͤrfen wir mit Zuverſicht auf unſere Rettung hoffen. Unſer braver Matthes ſieht zu ſchwarz. Noch haben wir auf zwei Tage zu leben, und in zwei Ta⸗ gen kann Vieles und Großes geſchehen. Wir müſſen auf Gott vertrauen und dürfen nicht verzweifeln, ſon⸗ dern müſſen fleißig die Hände rühren. Auf denn! An die Arbeit! Gott iſt mit uns, denn Er ſiehet unſer Elend!“ Mit einem kräftigen Glückauf griffen die Männer wieder zu ihren Hacken und begannen von Neuem ihre beſchwerliche Arbeit. Friedel und ſein Sohn Hans gingen Allen mit dem beſten Beiſpiele voran. Sie wählten immer die gefährlichſten Stellen aus, und Kei⸗ ner gebrauchte mit rüſtigerem Eifer die Hacke, als jene Beiden. So ging wieder ein Tag hin, und wieder eine Nacht, und die Leute verſammelten ſich, um ihre letzten Nahrungsmittel aus den Händen Friedels in Empfang zu nehmen. Die letzten! Wenn nun nicht bald Hülfe von oben kam, dann waren ſie verloren. Schon jetzt hatten die ſchwere Ar 8 beit, Entbehrung und Mühſale ihre vrrverbliche Wir⸗ 75 kung ausgeübt, und die meiſten Männer, ja Alle, zeig⸗ ten bei dem düſtern Schimmer der Grubenlichter bleiche und zum Erſchrecken abgemagerte Geſichter. Friedel ſuchte die armen Menſchen, wie geſtern, zu tröſten, und ihren zagenden Herzen von Neuem friſchen Muth einzu⸗ flößen, aber es wollte ihm nicht mehr ſo gut, wie ge⸗ ſtern gelingen. Die Männer nahmen ſeine Worte mit düſterem Schweigen entgegen. Sie begannen, nachdem ſte ihren letzten Biſſen Brod verzehrt, wohl wieder ihre Arbeit, aber ſie ging nur langſam von ſtatten. Der Hiampsſtändige Muth ſchien gänzlich von ihnen ge⸗ wichen. I Und abermals verging ein Tag und verſtrich eine acht. Die Leute arbeiteten nicht mehr. Sie hatten jede, auch die leiſeſte Hoffnung auf Erlöſung aus ihrer furchtbaren Lage aufgegeben, und ſaßen müßig umher, mit faſt irren Blicken vor ſich nieder ſtarrend. Verge⸗ bens verſuchte der Oberſteiger durch ſeine Beredſamkeit die Leute noch einmal zur Thatkraft aufzurütteln. Es gelang ihm nicht; man hoͤrte gar nicht nach ihm; eine dumpfe Betäubung drückte die Gemüther zu Boden, und lähmte jeden Aufſchwung des Geiſtes. „Sie meinen es gut, Herr Oberſteiger,“ ſagte der alte Matthes, der, wie die Uebrigen, matt und kraftlos auf der Erde ſaß,—„aber es hilft ja doch Alles nichts! Sterben müſſen wir nun doch einmal! Die Hülfe iſt zu fern! Todtenſtille herrſcht über uns! Wenn die Retter nahe wären, müßten wir doch irgend ein Geräuſch von oben her vernehmen. Nein, nein, 6 gibt keine Hoffnung mehr,— das Stück iſt zu nde! 76 „Mein armes Weib!“ ſeufzte leiſe der Oberſteiger. „Ich ſoll dich alſo nicht wiederſehen? Und mein armer Knabe! So jung noch, ſoll er ſchon elendiglich um⸗ kommen? Es iſt ein bitterer Kelch, du mein Gott, den du mich leeren läſſeſt!« Indem er die letzten Worte vor ſich hin murmelte, fühlte er ſich ſagft am Arme ergriffen, und erblickte, ſich umwendend“ ſeinen Sohn, der mit bedeutſamer Miene einen Finger auf den Mund drückte, und dem Vater winkte, ihm zu folgen. Er führte ihn in einen entfernten, dunklen Winkel der Grube. Hier ſtehen blei⸗ bend, ſagte er flüſternd: „Verzweifle nicht, lieber Vater, wir Beide wenig⸗ ſtens ſind noch lange nicht verloren. Da, fühle, was ich hier habe!“ Er reichte ihm das geöffnete Körbchen hin, welches Frau Domann ihm aufgedrungen hatte. Der Vater warf einen Blick darauf, und konnte einen lauten freudigen Ausruf nicht unterdrücken, als er in dem Korbe eine volle Flaſche, einen großen halben Leib gu⸗ tes, nahrhaftes Schwarzbrod und ein mehrere Pfund ſchweres Stuͤck kalten Braten entdeckte. „Um Gottes willen, Vater, ſei ſtill!« flüſterte ihm Hans ängſtlich zu.„Wenn die Leute merken, daß wir im Beſitze dieſes Schatzes ſind, ſo werden ihn Alle mit uns theilen wollen!“ 3 Der Oberſteiger ſah mit großen Augen ſeinen Sohn an. „Und willſt du denn nicht theilen mit unſern Un⸗ glücks⸗ und Leidensgefährten?« fragte er ihn mit ern⸗ ſter Miene.„Wie, Hans, du könnteſt in Wohlleben —— 77 ſchwelgen, und deine Brüder ohne Erbarmen vor deinen Augen verſchmachten ſehen?« 4 „Oh, Vater, denke nicht ſchlimm von mir,“« erwie⸗ derte Hans,—„nicht an mich dachte ich, als ich unſeren Schatz verſteckte, nur an dich und an die Mut⸗ ter! Brod, Fleiſch und Wein ſind ja doch unſer recht⸗ mäßiges Eigenthum.« „Und Jene da, haben ſie nicht ihren leuzten Biſſen mit uns getheilt?« verſetzte der Vater„Wohlan, thue, was dir gefällt,— ich aber werde keinen Biſſen von dieſen Speiſen berühren, wenn ſie nicht gleichmäßig unter uns Alle vertheilt werden.« „So laß' uns theilen, Vater,“ ſagte Hans, indem er den Korb aufnahm,—„ich will nicht der Einzige ſein, der eigennützig erſcheint!« „So ſprichſt du, wie ich es von meinem wackeren Sohne erwartet habe,“ erwiederte der Vater, indem er Hans mit Zärtlichkeit in ſeine Arme ſchloß.„Komme denn, damit wir den Unſrigen die Freudenkunde mit⸗ theilen. Sie werden friſchen Muth faſſen bei dieſem Beweiſe von der Fürſorge Gottes! Aber ſage mir noch ſchnell, wie biſt du in den Beſitz dieſer Speiſen ge⸗ kommen?« Hans erzählte es mit kurzen Worten. „Gott ſegne die alte Frau Domann!“ ſagte der Vater tief gerührt.„Wenn wir gerettet werden,— und ich hoffe darauf jetzt mit Zuverſicht, ſo verdan⸗ ken wir es ihrer Liebe zu dir! Und nun zu unſeren Freunden!“ „Auf, Ihr Leute,“ ſagte er in frohem Tone, in⸗ dem er in die Mitte der Unglücklichen trat,—„noch ſind wir nicht ganz verloren! Seht her! Da iſt Speiſe und Trank für wenigſtens noch einen vollen Tag!« Die Männer wollten anfangs ihren Ohren nicht trauen; als aber der Oberſteiger den Brod⸗Laib erhob und das große Stück Fleiſch aus dem Korbe nahm, da brauſte Ein Ruf des Entzückens durch das mächtige Grab, und mit funkelnden Augen ſprangen ſie auf und drängten ſich ungeſtüm um Friedel herum. „Ruhig, Ihr Leute!“ ermahnte der Oberſteiger mit ſanftem Ernſte.„Wir werden dieſe uns von Gott ge⸗ ſendete Speiſe rechtſchaffen unter einander theilen, und Keiner ſoll ſich über den Antheil eines Anderen bekla⸗ gen dürfen. Gebt alſo Raum, damit ich mein Meſſer gebrauchen kann!“ Die Leute wichen zurück, aber mit wahrer Gier hafteten ihre Augen auf den koſtbaren Leckerbiſſen, welche Friedel mit äußerſter Gewiſſenhaftigkeit in zwan⸗ zig Theile zerſchnitt. Jede einzelne Portion halbirte er dann, damit der kleine Vorrath auf zwei Tage ausrei⸗ chen möchte. „Ihr ſeht die Nothwendigkeit dieſer Maßregel ein, meine wackeren Leute?“ ſagte er.„Nicht wahr? Einen Tag gewinnen, iſt vielleicht unſer Leben gewinnen.“ Die Männer ſtimmten ihm bei, und erhielten Jeder ſeine Ration Brod und Fleiſch aus Friedels Hand. Sie prieſen Gott im Herzen, und verzehrten die Speiſe mit wahrhafter Andacht.. „ Und nun, meine wackeren Freunde, noch eine an⸗ dere kräftige Herzſtärkung,“ nahm Friedel von Neuem das Wort.„Sehet, in dieſem Körbchen befindet ſich auch noch eine Flaſche Wein. Theilen wir auch von dieſem die Hälfte zwiſchen uns!“ 79 Ein neuer Ausbruch der Freude folgte dieſen Wor⸗ ten. Friedel aber nahm eines von den geleerten Gru⸗ ben⸗Lämpchen, reinigte es ſorgfältig, goß aus der Flaſche etwas Wein hinein, und reichte das Gefäß Einem nach dem Anderen. Es kam freilich auf Jeden faſt nur ein Fingerhut voll Wein. Dennoch fuͤhlten ſich die Leute wunderbar von dem kräftigen Geträͤnke erquickt. Aus den vorher trübſinnig geſenkten Augen blitzte jetzt wie⸗ der friſcher Lebensmuth, und, ohne nur dazu aufgefor⸗ dert zu ſein, griffen die braven Leute wieder zu den weggeworfenen Hacken, um die unterbrochene Arbeit mit frohem Muth wieder aufzunehmen. Friedel und Hans gingen auch hierin mit gutem Beiſpiele voran. Schon ſchwebten zehn Hacken in der Luft, um im nächſten Augenblick auf das Geſtein nie⸗ der zu fallen und nach Oben hin weiter Raum zu ſchaffen, da tönte ein lautes:„Halt!“ aus Friedels Munde. Der Ton ſeiner Stimme wirkte ſo erſchütternd auf die Leute, daß ſie ſofort regungslos ſtehen blieben, und verwundert ihren Oberſteiger anſtarrten. „Gott im Himmel, Ihr Leute, hört Ihr denn nichts,“ ſagte dieſer mit vor innerer tiefſter Erregung zitternder Stimme.„So horcht doch nur!« Ueber unſeren Köpfen vernehme ich Geräuſch! Die Retter nahen, und Gott, der Barmherzige, ſei geprieſen!« Die Leute hielten den Athem an, und lauſchten. Friedels feines Gehör hatte ihn nicht getäuſcht; ein noch leiſes und entferntes, aber doch deutlich vernehm⸗ bares dumpfes Pochen drang von Oben her zu den aufhorchenden Männern. Einige Augenblicke lauſchten ſie darauf mit athemloſem Schweigen. Dann entriß 4 ſich Aller Bruſt ein lautes Jubel⸗Geſchrei, und unter ſtrömenden Freudenthränen fielen ſie einander um den Hals, oder ſanken auf die Kniee nieder, und be⸗ teten.—— Von dieſem Augenblick an konnten ſie ſich für ge⸗ rettetet anſehen, und jedes Herz wurde deshalb von frohen Hoffnungen erfüllt. Aber ſie feierten nicht, ſon⸗ dern nahmen, nachdem der erſte Freuden⸗Taumel ver⸗ rauſcht war, von Neuem ihre Werkzeuge zur Hand, um den oben arbeitenden Errettern zu Hülfe zu kommen. Obgleich von beiden Seiten geſchah, was irgend in menſchlichen Kräften ſtand, vergingen doch noch mehr als vierundzwanzig Stunden, bis endlich der Schacht durchbrochen wurde, und die Stimme des Berghaupt⸗ manns von oben her fragte: „Glückauf, Ihr Männer! Lebt Ihr noch Alle?« „Alle, Dank der gütigen Vorſehung, die uns gna⸗ denreich beigeſtanden hat,“ verſetzte Friedel. Lauter Jubel drang nach dieſen Worten von oben her in die tiefe Gruft, ein Jubel der erſt nach gerau⸗ mer Weile wieder verſtummte. Dann rief der Berg⸗ hauptmann von Neuem:„»Gebt Acht, Ihr Männer, man wird Euch Brod, Fleiſch und Wein an einem Stricke hinablaſſen, damit Ihr Euch ſtärken könnt, während wir den Schacht um ſo viel erweitern, daß wir Leitern anſetzen können.“ »Tauſend Dank, Herr Berghauptmann,“ verſetzte Friedel.»Die Lebensmittel ſind uns ſehr willkommen, denn wir ſind Alle ziemlich ausgehungert!“ „Gebt Achtung, und wohl bekomme Euch die Mahl⸗ zeit!« ertönte die Antwort des Berghauptmanns,— 8 81 und gleich darauf erſchienen mehrere Bündel und Pa⸗ ckete mit dem verſprochenen Proviante. Jubelnd wur⸗ den ſie in Empfang genommen und der Inhalt unter die erſchöpften Leute vertheilt, die mit unſäglichem Hoch⸗ genuſſe die reichliche Mahlzeit verzehrten. Friedel ſprach alsdann mit lauter Stimme ein aus innerſtem Her⸗ zen kommendes Dankgebet, das die Leute leiſe nach⸗ beteten. Von Oben her vernahm man immer noch das Schürfen und Hacken der Rettungs⸗Mannſchaften. Da, nach einer Stunde etwa, rief der Berghauptmann in die Grube hinunter:„Tretet auf die Seite, Männer, damit Niemand beſchädigt wird. Der letzte Schutt, der uns noch von einander trennt, wird ſehr bald in die Grube hinunter ſtürzen!“ Die Leute gehorchten auf der Stelle der empfange⸗ nen Weiſung, und Friedel ſchrie hinauf, daß es geſche⸗ hen ſei. Das Pochen und Schürfen im Schachte dauerte fort. Plötzlich aber vernahm man ein gewal⸗ tiges Donnern und Krachen, und wie aus einem Schornſteine polterten große Maſſen Schutt und Trüm⸗ mer aus dem Schachte in die Grube hinunter. Als der Staub, der dabei in mächtigen Wolken aufwirbelte, ſich verzogen hatte, drang ein Schimmer des Tageslichtes durch die Finſterniß der Grube, und wurde mit lautem Wilkommen begrüßt. Nicht lange darauf folgte dem Tageslichte ein in Ketten hängender großer Kuͤbel, aus welchem der Berghauptmann mit dem Bergmeiſter und einigen anderen Beamten des Grubenwerkes ausſtieg, und mit herzlichen Worten die ſo lange begraben geweſenen Männer begrüßte. 3 „Glückauf!« rief er ihnen zu, und reichte Allen unter der Erde. 6 - ſeine beiden Hände hin.„Dem Himmel ſei Dank, daß ich Euch Alle am Leben und bei guter Geſundheit antreffe! Alle Eure Angehörigen, Väter, Mütter, Weiber und Kinder, die oben freudeweinend harren, ſchicken Euch durch mich die herzlichſten Grüße zu.« „»Dank Ihnen, Herr Berghauptmann, für dieſe Grüͤße,“ nahm Friedel ehrerbietig das Wort,—„Dank Ihnen aber vor Allem für die Hülfe, die Sie uns zu⸗ gewendet haben. Gott vergelte Sie Ihnen in Zeit und Ewigkeit.“ „Still, ſtill, guter Mann,“ unterbrach ihn der Berg⸗ hauptmann,„wir haben nur unſere Schuldigkeit ge⸗ than, alſo genau daſſelbe, was Ihr in unſerer Stelle ebenfalls gethan haben würdet. Ich danke nur Gott, daß wir an der richtigen Stelle eingehauen haben, denn wir konnten ja nicht wiſſen, ob Ihr Euch in die Eli⸗ ſabeth⸗Grube geflüchtet hättet. Die Vermuthung hegten wir wohl, da grade dieſe Grube von Allen am höchſten gelegen iſt, und wir zweifelten auch nicht da⸗ ran, daß Einigen von Euch der zugeſchüttete Schacht von früher her bekannt ſein müßte. Dennoch empfan⸗ den wir die lebhafteſte Beſorgniß um Euch, bis wir endlich das Pochen Eurer Hacken hörten. Nochmals, Gott ſei Dank, daß er uns mit ſeiner Weisheit er⸗ leuchtet und uns an die richtige Stelle geführt hat! Jetzt aber, Oberſteiger Friedel könnt Ihr uns erklären, wie es gekommen iſt, daß beinahe ſämmtliche Gruben und Stollen von Waſſer überfluthet wurden?“ „Das Pumpenwerk brach, Herr, und öffnete im Zuſammenſtürzen den wilden Waſſern einen Abfluß,“ verſetzte Friedel.„Wir mußten eiligſt hierher flüchten, um nicht zu ertrinken.« „Grade ſo hab' ich mir das Unglück erklärt,“ er⸗ wiederte der Berghauptmann.»Nun, der Schaden wird ausgebeſſert werden, und wenn erſt unſere Dampf⸗ Pumpen ſpielen, werden auch die Gruben bald wieder waſſerfrei ſein. Für jetzt iſt's genug, daß ich Euch, meine wackeren Männer, gerettet ſehe! Womit habt Ihr nur Euren Hunger geſtillt? Hattet Ihr zufällig Vorräthe von Lebensmitteln bei Euch?« Friedel erwiederte einfach, ſie hätten Alles mit ein⸗ ander getheilt, was ſie an Speiſen gehabt hätten; aber mit dieſer Erklärung gaben ſich die Uebrigen noch nicht zufrieden, ſondern erzählten von dem Edelmuthe des Oberſteigers und ſeines Sohnes, dem allein ſie es zu verdanken hätten, daß man ſie noch Alle am Leben ge⸗ troffen habe. Friedel wollte Einſprache erheben, aber der Berghauptmann verwies ihn ſanft zur Ruhe, und ließ ſich die Vorfälle auf das Allergenaueſte berichten, hierauf reichte er Friedel und Hans nochmals die Hand. „Ihr ſeid Ehrenmänner,“ ſagte er. Es iſt meine Pflicht, über das Vorgefallene höchſten Amts Bericht zu erſtatten, und dies ſoll im vollſten Umfange und ganz der Wahrheit gemäß geſchehen. Auch die brave Mutter Domann verdient unſer Aller aufrichtigen Dank! Aber jetzt genug! Die Leitern ſind in Ord⸗ nung,— fühlt Ihr Euch ſtark genug, Leute, ſte zu erſteigen?“ Alle bejahten dieſe Frage. „Dann vorwärts mit Gott! Wir dürfen Eure Lieben nicht zu lange auf Euch warten laſſen. Immer fünf auf einmal beſteigen den Kübel, bis ſie zur unter⸗ 6* —y ſten Leiter kommen. Wenn ſie die Leiter betreten ha⸗ ben, ziehen ſie an der Schnur, die neben der Kette her⸗ unter hängt, und oben an eine Glocke feſtgemacht iſt. Ein einziges Klingen iſt das Zeichen zum Niederlaſſen des Kübels, ein drei Mal wiederholtes Läuten iſt das Signal zum Aufziehen. Alſo vorwärts, Leute! Ihr habt mich doch verſtanden?«“ „Ja, Herr! Ja!“« toͤnte es durch einander, und fünf Männer ſtiegen ein. Nach einer Stunde befanden ſich alle aus dem tie⸗ fen Grabe Geretteten in den Armen ihrer Lieben, und weinten und ſchluchzten vor Freude. Es war eine Scene, die ſich auszumalen wir dem freundlichen Leſer überlaſſen. Solche Freude und ſolches Glück nach ban⸗ gen Tagen fürchterlich ſchwerer Bekümmerniß war noch nicht erlebt worden im Dorfe, ſeit die Berg⸗Leute in den Kohlen⸗Gruben arbeiteten. Von dem Schachte zogen alle Anweſenden in die Kirche, um Gott den Dank für die Rettung der zwan⸗ zig braven Männer zu bringen. Dann trennte man ſich für dieſen Tag. Jeder, der tief in der Erde ein⸗ geſchloſſen geweſen war, wurde von ſeinen Freunden und Angehoͤrigen in die Mitte genommen, und freude⸗ jauchzend und jubelnd in ſeine Wohnung geführt. Es gab kein Menſchenherz im Dorfe, das an dieſem Tage nicht freudiger und zugleich frommer gepocht hätte, als jemals im Leben vorher. Das der Mutter Do⸗ mann nicht zu vergeſſen. Wurde ſie doch von den Geretteten geprieſen und gefeiert, als ob die alte gute Frau leibhaftig ein Engel des lieben Gottes geweſen wäre!—— — 85⁵ Sechstes Kapitel. Das ziemlich kurz ausfallen wird. Nach der Rettung der braven Bergleute aus der Eliſabeth⸗Grube dachte man ernſtlich auch an das Einfangen des Böſewichtes, deſſen verabſcheuenswerthe Verbrecher⸗That die traurige Kataſtrophe herbeigeführt hatte. Man vermuthete, daß ſich Lorenz irgendwo in den benachbarten Wäldern verſteckt halte, und in Folge deſſen wurden dieſelben vielfach durchſucht. Aber keine Spur war von ihm zu entdecken, und kein menſchliches Auge hatte Lorenz wiedergeſehen, ſeit er das Waſſer des Baches in den Georgen⸗Schacht geleitet hatte. Man glaubte endlich, der Verbrecher habe ſich auf im⸗ mer aus dem Lande entfernt, wo er ſtets der Gefahr ausgeſetzt war, aufgegriffen und beſtraft zu werden; fein Andenken gerieth geradezu in Vergeſſenheit. Nicht ſo wurde die gute Handlung der alten Frau Domann, nicht ſo die edle Aufopferung des Oberſtei⸗ gers Friedel und ſeines Sohnes Hans vergeſſen. Der Berghauptmann hatte einen Bericht über den ganzen Ungluͤcksfall an den Landesherrn abgeſchickt, und bald darauf kam eine Antwort aus dem fürſtkichen Kabinet, welche alle redlichen Herzen in Bornheim mit Freude und Beſriedigung erfüllte. Der Fürſt belobte mit war⸗ men anerkennenden Worten das aufopfernde und ſelbſt⸗ ſuchtloſe Benehmen Friedels und ſeines Sohnes, und verlieh Beiden die große goldene Rettungs⸗Medaille 9 mit der Beſtimmung, daß ſie dieſelbe zum ewigen An⸗ gedenken aufbewahren und tragen moͤchten. Außerdem verordnete er, daß Beide lebenslänglich das Doppelte ihres gewöhnlichen Jahres⸗Gehalts aus der Bergkaſſe beziehen ſollten. Der braven Mutter Domann aber wurde eine lebenslängliche Penſion ausgeſetzt, welche hinreichte, ihre letzten Tage vor Noth und Elend zu ſchützen. So waren, ſeit das Ungluͤck geſchehen war, Mo⸗ nate vergangen, und der regenreiche Herbſt hatte ſchon längſt der Strenge eines ungewöhnlich kalten Winters weichen müſſen. Da erſchien eines Tages der Jäger⸗ burſche des in der Nachbarſchaft wohnenden Förſters in Bornheim, und machte bei der Berghauptmannſchaft die Anzeige, daß er in einer Felſenſchlucht die bereits halb verwesten, jetzt aber ſteinhart gefrorenen Ueber⸗ reſte eines menſchlichen Körpers aufgefunden habe. Er fügte hinzu, daß er jene Leiche für die des verſchwun⸗ denen und verſchollenen Lorenz anſehe, und daß derſelbe muthmaßlich ſchon vor längerer Zeit in der erwähnten Schlucht verunglückt, wahrſcheinlich von einer ſteilen Felſenwand heruntergeſtürzt ſei, in welcher ſich etwa hundert Fuß hoch über der Schlucht eine Höhle befinde. Der Zugang zu dieſer Höhle ſei ſehr beſchwerlich, ja gefährlich, dennoch laſſe ſich kaum daran zweifeln, daß Lorenz ſich in ihr verſteckt gehalten habe, um die Nach⸗ forſchungen nach ſeiner Perſon zu vereiteln. Er müſſe beim Hinauf⸗ oder Hinunterklettern von der glatten Felswand ausgerutſcht ſein, und bei dem Sturze in die Tiefe das Leben verloren haben. Dieſe Nachricht verbreitete ſich ſehr ſchnell im Dorfe, und Hunderte von Leuten, darunter auch die 87 Gerichts⸗Perſonen, der Arzt und der Pfarrer, eilten nach der Felsſchlucht hinüber. Sogar die alte Mut⸗ ter Domann humpelte, ſo ſauer es ihr wurde, mit hinaus. Der Augenſchein beſtätigte dort vollkommen die Ausſagen des Jägerburſchen. Der Arzt unterſuchte die Ueberbleibſel des Verunglückten, und fand, daß der Schädel und mehrere Knochen deſſelben vom Sturze zerbrochen waren. Verſchiedene Beweiſe ſtellten feſt, daß der Todte in der That der Steiger Lorenz gewe⸗ ſen war. Die Ueberbleibſel ſeiner Perſon, ſeine Klei⸗ dung, mehrere Papiere, wie ſein Entlaſſungsſchein aus dem Zuchthauſe, und Anderes mehr beſeitigte jeden Zweifel an dieſem Umſtan Mit Grauen und Ab betrachteten alle Anwe⸗ ſenden die irdiſchen Ueberreſte des Boͤſewichtes. „Der menſchlichen Gerechtigkeit iſt er entgangen,“ ſprach endlich der Pfarrer nach einer langen Pauſe tie⸗ fen Schweigens in feierlichem Tone,—„der göttli⸗ chen Gerechtigkeit aber konnte er nicht entrinnen. Got⸗ tes Hand ſtrafte ihn, wie der Herr einen Jeglichen ſtrafen wird, der wider ſeine Gebote handelt; ſo wie denn Gott auch Jeglichen belohnen wird, der Gutes thut nur um des Guten willen zu Nutzen und From⸗ men ſeiner menſchlichen Brüder. Den armen Sünder aber, den Gottes Blitz zerſchmettert hat und der todt hier zu unſeren Füßen liegt, wollen wir in unſerem Herzen der Gnade und Barmherzigkeit des Höchſten empfehlen. Der Unglückliche hat ſeinen Lohn empfan⸗ gen, und nur Gottes Gnade kann die Sünde von ihm tilgen und ſeine Seele davon reinigen. Ihr aber, meine Zuhörer, erinnnert Euch ſtets der Gerechti Herrn und hütet Euch, daß Ihr nicht ſün Amen!“ Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. ——— ——j