X Leihbibliothek Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. fur wöchentlich—2 Pücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 1 wer. 59 Pf. 2 wer.— Pf. 3„.3„— 4— 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkés, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Tüchtig und untüchtig. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Hoffmann. Mit vier Stahlſtichen. —— y— y—— Stutkgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1862. Erſtes Kapitel. ZBwei Familien. Ein heißer Frühlingstag neigte ſich ſeinem Ende zu. Die Sonne ſtand ſchon tief, und warf lange Schatten über die Erde. Ihr glänzendes Licht ſpiegelte ſich in den Fenſtern eines ſtattlichen Wohnhauſes, das mit ſeinen ſtolzen Seitenflügeln und dem es umgeben⸗ den großen Parke faſt die Bezeichnung eines Schloſſes verdiente. Kaum hundert Schritte davon erglänzte der Meeresſpiegel der Oſtſee. Seitwärts von demſelben lagen große Schiffs⸗Werfte, auf welchen einige drei⸗ maſtige Kauffahrtei⸗Schiffe ihrer baldigen Vollendung warteten. Weiterhin, von kleineren und größeren Gär⸗ ten umgeben, zeigten ſich mehrere kleine, einſtöckige Häuschen mit ſauberen, blanken Fenſtern und grünen Hütten. Weiter zurück ragten die Thuͤrme iner großen deutſchen Handelsſtadt empor. Ein breiter Fahrweg, von prächtigen Kaſtanienbäumen eingefaßt, erleichterte die Verbindung zwiſchen der Stadt und den Werfen. 1 1 4 8 8 Tüchtig und untüchtig.— 9 —O— 1. r 22 — Die letzteren waren, ſowie das Palais⸗artige Wohn⸗ gebäude das Eigenthum des Herrn Bolten, eines ſchwer reichen Handelsherrn, Rheders und Schiffsbauers. In den kleinen, etwas abſeits gelegenen Häuschen wohnten meiſt Arbeiter, namentlich Schiffs⸗Zimmerleute, welche ſämmtlich in des reichen Herrn Bolten Dienſten ſtan⸗ den. Eines dieſer Häuschen wollen wir ein wenig näher in Augenſchein nehmen. Das rothe Ziegeldach deſſelben ragte dicht neben dem eiſernen Park⸗Gatter aus allerlei engliſchem Ge⸗ hölz, aus Coniveren, Vogelſtrauch, Syringen u. A. m. freundlich hervor. Seine Fenſter blitzten, wie Spiegel⸗ ſcheiben, die Wände waren ſauber mit hellgrüner Farbe beſtrichen, Treppe, Flur und Läden zeigten die äußerſte Sauberkeit. Ein Blick auf den Garten bewies, daß auch ihm die herzlichſte Pflege gewidmet wurde. Die Wege waren mit gelbem Kies beſtreut und ſehr rein⸗ lich gehalten. Die nächſten, um das Haus herum ge⸗ legenen Beete waren zierlich mit Buchsbaum eingefaßt, und prangten in reichem Blüthenſchmucke. Weiter zu⸗ rück entdeckte man zahlreiche Gemuſebeete mit allerlei Kohl, Bohnen, Sellerie, Kohlrabi u. dgl., und der aͤußerſte Hintergrund wurde durch eine dichte Hecke von Früͤchte tragenden Sträuchen, als Johannis⸗, Stachel⸗, Himbeeren⸗Sträuchen gebildet. Man konnte leicht be⸗ merken, daß die Bewohner des Häuschens ſehr wohl das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden wuß⸗ ten, und daß ihnen dies auf das Beſte gelungen war. Ganz vorn an dem hölzernen Gitter, welches den Gar⸗ ten ringsum einfaßte, in gleicher Front mit dem Wohn⸗ hauſe, und durch einen Laubgang von wilden Reben mit demſelben verbunden, ſtand eine äußerſt zierlich ge⸗ — gen Biederkeit, Geſundheit und Zufriedenheit ſte 3 arbeitete Laube, welche eben in der ſommerlichen Jahres⸗ zeit den angenehmſten Aufenthalt gewährte. Das dichte grüne Dach, ebenfalls von wilden Reben gebildet, gab den erquicklichſten Schatten. Die Seitenwände aber waren mit fenſterartigen Oeffnungen verſehen, ſo daß man nach allen Seiten hin die freiſte Ausſicht genoß: in den Garten, in den Park und auf den ſtattlichen Wohnſitz des reichen Handelsherrn, hinüber nach der Stadt und den nicht weit entfernten Werften, auf die 8 umliegenden kleineren Häuschen, und hauptſächlich auf den herrlichen, im Sonnenſtrahl funkelnden, blanken Rieſenſchild des Meeres,— ein namentlich zur Zeit des Sonnenuntergangs herzerhebender und prachtvoller Anblick.— Meiſter Hagen, der Schiffszimmermann und Eigen⸗ thümer des kleinen Hauſes wußte das ſehr wohl, und kein ſchöner warmer Abend verging, den er nicht auf ſeinem Lieblingsplätzchen, in der Gartenlaube zugebracht hätte. Auch heute ſaß er da, behaglich und bequem in den huͤbſch gezimmerten Holzſtuhl zurückgelehnt, und erfreute ſich der Muße nach dem Feierabend, indem er ſeine Seele an dem Anblicke des Meeres labte, und nebenbei auch den leiblichen Menſchen durch einen Schluck Bier aus der neben ihm auf dem Tiſche ſtehen⸗ den zinnernen Kanne, und durch ſein Pfeifchen Taback erquickte, deſſen Dampf in leichten blauen Wölkchen ſeinen Lippen entquoll.“ Meiſter Hagen, obwohl bereits in den fünfziger 8 Lebensjahren, war immer noch ein kräftiger, ſtarker Mann, aus deſſen von Luft und Sonne gebräunten Zü Eine breitſchultrige, derbe Figur mit mächtigen, e “ 8* 4 harten Händen, die von ſteter fleißiger Arbeit zeugten, aber auch mit hellen, treuherzigen, blauen Augen, welche auf den erſten Blick Zutrauen einflößten, weil unver⸗ kennbar die biederſte Redlichkeit daraus ſtrahlte. Meiſter Hagen ſtand, wie die Bewohner der andern umliegenden kleinen Häuſer, ebenfalls in Lohn und Brod bei dem reichen Kaufherrn Bolten, aber er befand ſich weit behaglicher, als die Uebrigen, weil er ſich durch beſondere Geſchicklichkeit ganz vorzüglich auszeich⸗ nete, und deßhalb allwöchentlich den doppelten Arbeits⸗ lohn verdiente. Was er aber erwarb, hielt Frau Trud⸗ chen, ſeine ſparſame Gattin, redlich beiſammen, ſo daß ſie mit Recht als die beſte Hausfrau weit und breit gerühmt und geprieſen wurde. Des Weiteren hatte Meiſter Hagen keine koſtſpieligen Gewohnheiten, und voeerthat ſeinen Verdienſt nicht in Schenken und Trink⸗ ſtuben, ſondern ließ ſich an ſeiner häuslichen einfachen, und gleichwohl kräftigen Koſt, und an ſeinem Gerſten⸗ ſaft genügen, der Abends ſeine gewöhnliche Erquickung nach der ſchweren Tagesarbeit ausmachte. Im Kreiſe der Seinen,— denn außer Trudchen zur Frau, hatte er auch einen braven Jungen von ſechszehn Jahren zum Sohne,— fühlte ſich Meiſter Hagen am wohlſten, und am allerwohlſten nun vollends in ſeiner lieben Gartenlaube, wenn die Sonne ſich dem Untergange zu⸗ neigte, und ein kühles Lüftchen ſeine, von der Arbeit des vergangenen Tages noch heiße Stirn mit lieblichem Hauche erfriſchte. Jetzt aber ſank die Sonne in's Meer hinunter,— noch wenige Augenblicke, und ſie war hinter den roth glühenden Wellen untergegangen, und nur ihr prächti⸗ ger Purpur⸗Mantel hüllte noch für einige Minuten 5 Meer, Himmel und Erde ein. Meiſter Hagen hatte mit ſtiller Andacht dem herrlichen Schauſpiele zugeſehen. Als aber die Gluth am Himmel zu erbleichen begann, klopfte er ſeine Pfeife aus, und rief laut nach dem Hauſe hinüber: „Trudchen!“ »Gleich!« tönte eine friſche Stimme von dort zu⸗ rück, und unmittelbar erſchien Frau Trudchen, ein be⸗ häbiges, huͤbſches, rundes Weibchen, im Rebengange, d brachte Tiſchzeug, Teller, Meſſer und Gabeln erbei. »Wo nur unſer Leo heute bleibt?« fragte ſie mit einem Anfluge von Beſorgniß.„Er iſt doch ſonſt immer pünktlich um ſechs Uhr zu Hauſe, und heute iſt's ſchon ſieben vorbei. Es wird ihm doch nichts Böſes zuge⸗ ſtoßen ſein?« „Bewahre, Mutter,“ verſetzte Meiſter Hagen raſch. »Hab's ganz vergeſſen, dir zu ſagen. Leo kam heute Nachmittag an den Werften vorüber, und zwar in Ge⸗ ſellſchaft von noch anderen Jungen,— drüben Bolten's Alfred war auch dabei,— und er fragte mich um Er⸗ laubniß, ob er wohl mit den übrigen Jungen einen Spaziergang am Seeufer machen dürfe,— der Herr Schuldirektor ſei auch mit. Natürlich gab ich ihm Er⸗ laubniß mitzulaufen, es mag ſich der Spaziergang wohl ein Bischen in die Länge gezogen haben.“ „»Ah, wenn das iſt, dann bin ich ganz ruhig,“ er⸗ wiederte Frau Trudchen.„Wenn der Herr Schul⸗ direktor die Jungen in Aufſicht hat, braucht man keine Bange zu haben. Aber was iſt denn das? Du ſagteſt vorhin, Bolten's Alfred ſei bei der Geſellſchaft, und der ſteht ja dort ganz ruhig am Gatter!“ „Ja, wahrhaftig,“ ſagte Meiſter Hagen überraſcht. „Sollten ſie ſchon zurück, und Leo doch noch nicht hier ſein? Das wäre ſeltſam. Herr Alfred! Herr Alfred!“ rief er dem jungen Burſchen zu, der ſich mit Leo in ziemlich gleichem Alter befand. Der Knabe drehte ſich träge und nachläſſig um, und ſchrie zurück:„Was ſoll's, Meiſter?“ „Waren Sie denn nicht dabei,“ fragte dieſer,„als mein Leo mit noch anderen Knaben an den Werften vorbeikam?“ „Ja freilich,“ verſetzte Alfred. „Und ſind ſchon wieder zurück?“ „J, Gott bewahre! Bin gar nicht mitgegangen! Das ſollte mir noch fehlen, in der Sommerhitze ſpazieren zu laufen, um lumpige Muſcheln und ſolches Zeugs zu ſuchen. Kann das zu Hauſe für ein paar Groſchen bequemer haben!? Mit dieſen Worten drehte er dem Meiſter Hagen den Rücken zu, und lehnte ſich träge und nachläſſig an einen Eiſenpfoſten des Parkgartens, müſſig in die leere Luft hinausſtarrend. „Ein fauler Bengel,“ murmelte Meiſter Hagen vor ſich hin.„Zu nichts nütze, als ſeines Vaters Geld todt zu ſchlagen. Gott ſei Dank, daß mein Leo aus anderem Holze gezimmert iſt. Aber du haſt gehört, Trudchen,“ wendete er ſich dann wieder zu ſeiner Frau, „Leo iſt noch nicht zurück, und es kann noch eine Weile dauern, bis er kommt, da wollen wir nicht länger mit unſerem Abendeſſen auf ihn warten.“ Frau Trudchen nickte und eilte flink in's Haus zu⸗ rück, um die frugale Koſt, ſchwarzes Brod, friſche But⸗ ter und Ziegenkäſe herbei zu holen. Meiſter Hagen 4— 4. 7 ließ ſich die einfachen Speiſen wohl munden. Als er eben geſättigt war, und Meſſer und Gabel bei Seite legte, trat Leo an der Seite ſeines Lehrers und in Be⸗ gleitung noch einiger Knaben in den Garten. Alle gingen auf die Laube zu, und wünſchten ſchon von Weitem einen gluͤckſeligen Abend, den Leo's Eltern auf⸗ ſtehend, und beſonders den Herrn Schuldirektor be⸗ grüßend, freundlich erwiederten. »Da ſieh', Vater, was ich gefangen habe,“ rief Leo fröhlich aus, indem er ein kleines Fiſchnetz hoch in die Höhe hob. „Was denn, Leo?« erwiederte der Vater.„Wird wohl nichts Beſonderes ſein! Will's nachher in Augen⸗ ſchein nehmen, vor allen Dingen aber dem Herrn Schul⸗ direktor meinen Dank ſagen für die Ehre ſeines Be⸗ ſuches. Sein Sie mir herzlichſt willkommen, Herr!« „Danke fuͤr freundliche Aufnahme, Meiſter Hagen ⸗ verſetzte der würdige Herr, und ſchlug kräftig in die rauhe ſchwielige Hand ein, welche der Schiffszimmer⸗ mann ihm treuherzig entgegen ſtreckte.„Sehen Sie ſich aber immerhin den ziemlich ſeltenen Fang an, den Leo gemacht hat. Er iſt ein tüchtiger Burſche, der!« »Nun, was iſt es denn? Ein paar junge Raub⸗ vögel,“ ſagte Meiſter Hagen.„Ich glaube gar, junge Fiſchadler ſind es! Die findet man freilich nicht alle Tage. Woher haſt du ſie?« 9 Ven der Weſten⸗Klippe habe ich ſie herunter ge⸗ olt.« »Von der Weſten⸗Klippe, dem ſteilen, wohl hundert Fuß hohen Felſen im Meere, mehr als eine halbe Stunde vom Lande entfernt? Unmöglich! da hinauf gelangt keines Menſchen Fuß!« 8 »„Und doch hat er's möglich zu machen gewußt, der kühne Junge,“ beſtätigte der Schuldirektor.„Freilich iſt er aber auch der geſchickteſte Turner in der ganzen Schule, und kann klettern, wie eine Gemſe.« 3 „Aber woher wußteſt du, daß ein Fiſchadler⸗Neſt auf der Klippe war?« fragte der Vater den Knaben. „Nun,“ antwortete dieſer,„ich hatte ſchon ſeit ein 1 paar Wochen bemerkt, daß die alten Adler oft Stunden lang auf der Weſten⸗Klippe ſaßen, und da dacht' ich mir gleich: Halt, die wollen ſich dort ihren Horſt bauen. Der Einfall iſt nicht übel, denn die Beſteigung der Klippe iſt, wenn auch nicht unmöglich, doch jedenfalls nicht eben leicht. Nun beobachtete ich die Adler von Zeit zu Zeit, und vorgeſtern nahm ich dein Fernrohr mit, Vater. Da ſah ich denn, daß ich mich richtig nicht getäuſcht hatte. Ich konnte durch das Rohr ganz deutlich die jungen Vögel erkennen, und nun ſtand es auch feſt bei mir, daß ich ſie haben müßte. Heute war eine gute Gelegenheit dazu, ſie zu bekommen, weil der Herr Direktor ein Boot vom Fiſcher Barens drüben miethete, um mit uns eine Spazierfahrt auf der See zu machen. Ich fragte, ob wir vielleicht nach der Klippe hinüber ruderten, und der Herr Direktor ſagte Ja. Nun ließ ich mir von Barens ein kleines Fiſch⸗ netz geben und ſteckte es in die Taſche. Am Felſen angekommen, fuhren wir rings um ihn herum, und legten dann an einem Vorſprunge bei, wo die Andern 4 Muſcheln ſuchen wollten. Es gibt da immer ſehr viele 4 und ſchöne, die bei Sturmfluthen hinauf geſchleudert werden, und dann in den Ritzen und Spalten der Fels⸗ platte zurückbleiben. Ich dachte aber nicht an die Muſcheln, ſondern nur an meinen„jungen Fiſchadler. —— —— in die Quere. Einer von den alten Adlern, die wahr⸗ 9 Beim Umfahren der Klippe hatte ich mir ſchon eine Stelle gemerkt, wo man allenfalls hinauf kommen konnte. Sie war aber auf der der Platte entgegenge⸗ ſetzten Seite, und um dahin zu gelangen, mußte ich um die halbe Klippe herum ſchwimmen. Na, das war keine große Sache. Ich zog mich aus bis auf meine leinenen Beinkleider,— da ſieh', noch immer ſind ſie nicht ganz trocken geworden,— ſprang in's Waſſer, und war nach einer Minute an der rechten Stelle. Das Fiſchnetz hatte ich wie eine Mütze auf den Kopf geſetzt, damit ich die Hände zum Klettern frei behielt. Nun ging es hinauf. Ganz leicht war's freilich nicht, denn die Wand iſt ſehr ſteil, aber ich fand immer von Wind und Wetter ausgehöhlte Spalten, die mir zu Stützpunkten für Hände und Füße dienten, und ſo kam ich denn glücklich oben an. Das war ein Spaß, wie die kleinen Adler ſchrieen, kreiſchten und die Schnäbel aufſperrten, als ſie mich ſahen. Aber ich machte nicht viele Umſtände mit ihnen, ſondern faßte ſie, trotzdem daß ſie ſich wehrten und mit Krallen und Schnäbeln nach meiner Hand hackten, ſteckte ſie in das Fiſchnetz, band dieſes oben zuſammen, nahm den Zipfel, damit es mir nicht entfallen ſollte, zwiſchen die Zähne, und trat ſo den Rückweg an. Hin⸗ unter zu ging es freilich ein bischen beſchwerlicher, als hinauf, weil ich nicht unter mich ſehen konnte. Aber es ging doch, wenn auch langſam. Ich tappte und taſtete nach den Löchern umher, ſetzte Fuß und Hand nicht eher weiter, als bis ich immer wieder feſten Halt 4 gewonnen hatte, und kam ſo glücklich bis ziemlich wie⸗ der auf den Waſſerſpiegel hinunter. Schon dachte ich, Alles ſei gelungen, da kam mir aber doch noch Etwas 10 ſcheinlich auf Raub ausgezogen waren, als ich die Jun⸗ gen holte, war zurückgekehrt, und mußte wohl die klei⸗ nen Ungethüme kreiſchen gehört haben,— denn ſie kreiſchten und quickten auch in dem Netze noch ohne Aufhöͤren fort. Ich vernahm plötzlich einen gellenden Schrei, und gleich darauf das Rauſchen mächtiger Flü⸗ gel. Unmittelbar nachher fühlte ich die Fänge des See⸗ adlers auf meinen Schultern und wurde trotz meines Widerſtrebens von der Klippe in das Waſſer geworfen. Das Klatſchen und Plätſchern beim Hineinfallen, ſowie das aufſpritzende Waſſer machten den Adler erſchrecken. Wenigſtens beläſtigte er mich nicht mehr, und ich erreichte ſchwimmend unangefochten die Platform der Klippe, wo ich frohlockend meine Beute vorwies. Die kleinen Ad⸗ ler waren freilich ein wenig naß geworden, aber ſie lebten doch, und haben bald das Waſſer von ſich abge⸗ ſchüttelt. Da ſind ſie nun.“ »Und was willſt du damit machen?“ fragte der Vater. »Nun, den Einen habe ich ſchon unſerem Herrn Direktor geſchenkt, und den Anderen möchte ich für mich ſelber behalten und groß ziehen, wenn du es erlaubſt,« erwiederte er. „Ich kaufe ihn dir ab,“ ſagte jetzt die Stimme Al⸗ freds, welcher neugierig näher getreten war.„Ich gebe dir einen Thaler dafür, Leo!« »Nichts da,“ fiel der Herr Direktor ein.„Er muß den Adler behalten als ein Andenken an ſein kühnes Wageſtückchen, das ihm ſo leicht Keiner nachmachen wird, du namentlich, Alfred, am wenigſten. Uebrigens,« — ſo wendete ſich der Direktor an die anderen Kna⸗ ben,—„moͤgt ihr jetzt nach Hauſe gehen, wo man 1 11 vielleicht ſchon auf euch wartet, da wir uns ein wenig verſpätet haben. Ich werde noch hier bleiben, um ein paar Worte mit Meiſter Hagen zu plaudern. Gute Nacht allerſeits!“ „Gute Nacht! gute Nacht, Herr Direktor!“ erwie⸗ derten die Knaben, und gingen. Nur Leo und Alfred blieben zurück, letzterer in der Hoffnung, für Geld und gute Worte doch noch in den Beſitz des jungen Adlers zu kommen,— einen Handel, den jedoch Leo rundweg abſchlug. „Ich bin in einer beſonderen Abſicht noch geblieben,“ ſagte der Herr Direktor mittlerweile zu Meiſter Hagen. „Sie müſſen mir eine Gefälligkeit erweiſen, Meiſter.“ „Herzensgern, verehrter Herr,“ verſetzte dieſer,— „wenn es in meinen Kräften ſteht. Womit kann ich Ihnen dienen?« „Kurz und rund heraus, Meiſter,— iſt es wahr, daß Sie Ihren Leo künftige Oſtern aus der Realſchule nehmen wollen? Mir iſt nämlich eine Aeußerung dieſer Art zu Ohren gekommen.“ „Ja, Herr, das iſt richtig! Sehen Sie, Leo ſteht nun in dem Alter, wo er als Lehrburſche eintreten muß, wenn einmal ein tüchtiger Schiffszimmermann aus ihm werden ſoll!« „Aber das ſoll und darf er aber nicht werden, Meiſter, wenigſtens wenn Sie meinen Bitten und Vor⸗ ſtellungen Gehör geben wollen. Es wäre Jammer und Schade um den Knaben, wenn ihm nicht Gelegenheit geboten würde, ſich zu einer weit höheren Stufe, als zu einem wenn auch noch ſo tüchtigen Handwerker em⸗ por zu ſchwingen. Er iſt mein fähigſter und fleißigſter Schüler, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß er nach weni⸗ 12 gen Jahren ein Maſchinen⸗ und Schiffsbauer werden ſoll, wie es ihrer hier zu Lande nicht Viele gibt. Und hat er es einmal erſt ſo weit gebracht, ſo ſteht ihm eine Zukunft bevor, die zweifellos ſehr reich an Gold und Ehren ſein wird. Als Schiffszimmermann wird er es aber nie zu einer bevorzugten Stellung bringen können, ſondern eben immer nur Handlanger und Ar⸗ beiter bleiben.“ „Das iſt ſchon richtig, Herr Direktor,“ erwiederte Meiſter Hagen, indem er ſich bedenklich hinter den Ohren kraute.„Aber ich bin kein junger Mann mehr, und die Zeit wird nicht mehr ſo gar fern ſein, wo wir Alten, meine Frau und ich, meinen Jungen als einer Stütze bedürfen. Dazu koſtet die Schule Geld, viel Geld, und der Wochen⸗Verdienſt von uns Zimmerleu⸗ ten wird im Laufe der Zeit eher knapper als reichlicher werden. Wenn ich auch noch ein fünf, ſechs Jährchen tüchtig arbeiten und ſchaffen kann, ſo weiß ich doch nicht, wie es nachher gehen wird. Während dieſer Zeit mag Leo freilich hͤbſche Kenntniſſe ſammeln,— ob er ſie aber gleich wird verwerthen können, das iſt und bleibt doch immer zweifelhaft. Als Schiffszimmermann iſt er aber ſchon nach ein paar Jahren fähig, ſein Brod zu verdienen, und darum...« „Ganz recht, Meiſter,« fiel ihm der Herr Direktor lebhaft in die Rede,— aber als Schiffszimmermann bleibt er auch Schiffszimmermann, und ſchwingt ſich nicht über die Maſſe hinauf. Nein, nein, Meiſter, Sie müſ⸗ ſen Ihrem Sohne eine beſſere Zukunft anbahnen.— Was ich dabei thun kann, ſoll mit Freuden geſchehen. Ich werde zum Beiſpiel Sorge tragen, daß er für die Folge kein Schulgeld mehr zu bezahlen braucht, und ver⸗ 8 13 ſpreche ihm außerdem die freie Benuͤtzung meiner Bib⸗ liothek, ſo daß Sie nicht viel Geld für Bücher auszu⸗ geben noͤthig haben. Alſo erfuͤllen Sie meinen Wunſch, Meiſter Hagen. Es würde mir ſchmerzlich leid thun, wenn die ſchönen Talente Leo's nicht zur Blüthe kom⸗ men und keine Früchte tragen ſollten.“ „Was meinſt denn du dazu, Mutter?« wandte ſich Meiſter Hagen an Frau Trudchen, welche dem Ge⸗ ſpräche der beiden Männer mit lebhafteſter Aufmerkſam⸗ keit und Spannung gefolgt war. „Ich? Was ich meine?“ erwiederte die Mutter ſchnell.„Ich meine, daß wir dem Herrn Direktor den innigſten Dank für ſeine Güte ſchuldig ſind, und unbedingt ſeinem Rathe folgen müſſen. Das meine ich! Und mache dir nur keine Sorge wegen der Zukunft, lieber Mann. Haben wir bis jetzt ohne große Sorgen gelebt, wird Gott ſeinen Segen auch für die Folgezeit geben. Und im allerſchlimmſten Falle, wenn, was der Himmel gnädig verhüten wolle, uns ein ſchweres Un⸗ glück träfe, ſo wäre es ja immer noch Zeit, unſern Leo Zimmermann werden zu laſſen. Das lernt ſich leichter und ſchneller, als die gelehrten Sachen, die er eben nur in der Schule lernen kann. Habe ich nicht recht, Herr Direktor?“ „Vollkommen, werthe Frau,“ erwiederte dieſer freund⸗ lich.„Was meinen Sie nun, Meiſter?« „Ich gebe mich gefangen,“ antwortete der Vater. „Vorausgeſetzt, daß Leo ſelber Luſt hat, eine mehr wiſ⸗ ſenſchaftliche Laufbahn, als ſeines Vaters ehrliches Handwerk zu wählen.“ »Fragen Sie ihn,“ ſagte der Herr Schuldirektor. Komm' einmal her, Leol« 14 Leo kam. Seine Wangen glühten vor Aufregung und ſeine Augen blitzten, denn er hatte vor der Laube jedes Wort, was darin geſprochen wurde, gehoͤrt. Er wartete auch nicht einmal eine an ihn gerichtete Frage ab.— „Oh, lieber Vater,“ ſagte er,„wenn es möglich wäre, daß ich die Schule fort beſuchen dürfte, das würde mich ganz glücklich machen!« »Nun denn, ſo möge es geſchehen, und Gott gebe ſeinen Segen dazu!!« ſprach Meiſter Hagen. „Bravo!“ rief der Herr Direktor aus, während Leo jubelnd an die Bruſt des gütigen Vaters flog, und ihn mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit umarmte. »Das iſt herrlich!“« rief er.„Haſt du's auch ge⸗ hört, Alfred? Ich darf die Schule fort beſuchen!« „Was es darüber zu freuen giebt, verſtehe ich nicht,« antwortete Alfred gleichgültig. Ich bin froh, daß ich zu Oſtern herauskomme aus der Schule, und daß die ewige Plackerei mit dem Lernen ein Ende hat.“ „Aber lernen, immer lernen iſt ja doch eine wahre Freude,“ entgegnete Leo. „Ach was, eine Plage iſt es, eine wahre Plage,“ entgegnete Alfred phlegmatiſch.„Na freilich, du ſmußt ſchon ſo ſprechen, weil dein Vater arm iſt. Meiner aber iſt reich, und darum brauch' ich den gelehrten Schund nicht!« „Du ſprichſt als ein thörichter Knabe, Alfred,“ nahm der Herr Direktor jetzt ſehr ernſt das Wort.„»Was iſt Geld? Was iſt irdiſcher Reichthum. Sie ſind, wie eine Welle im Sturme, eben noch gewaltig und groß, und im nächſten Augenblicke verronnen in Nichts!— Wiſſen aber iſt Macht! Und eine Macht, die Nie⸗ 15 mand dir rauben kann. Wenn du morgen arm wür⸗ deſt, wie du heute unwiſſend biſt, was könnteſt du be⸗ ginnen? Wiſſen aber beugt der Armuth vor, und er⸗ wirbt nicht nur Gold, ſondern auch Ehre und Achtung vor Gott und den Menſchen. Das merke, mein lieber Alfred und beſſere dich! Es möchten ſonſt Zeiten kom⸗ men, wo du bittere Reue empfinden würdeſt, die ſchönen Tage deiner Jugend in Faulheit und Nichtsthun ver⸗ geudet zu haben!«“ Alfred brummte ein paar unverſtändliche Worte vor ſich hin, und ſchlich beſchämt davon. Bald darauf ver⸗ ließ auch der Herr Direktor die Laube, in welcher jetzt nur drei glückliche Menſchen zurückblieben; der glück⸗ lichſte von ihnen aber war Leo, deſſen ganze Seele nach Wiſſen und Erkenntniß dürſtete. Zweites Kapitel. Auf dem Turnplatze. Einige Tage nach den erzählten Vorgängen, an einem heiteren ſonnigen Nachmittage, tummelten ſich muntere Knaben und junge kräftige Leute luſtig auf dem großen Turnplatze herum, der, von hohen, ſchoͤnen Bäumen umgeben, ſchattig und kühl war. Auch Leo befand ſich unter den Turnern, und ragte vor Allen durch Gewandtheit, Kraft und Kühnheit hervor. Er 16 beſonders zog die Aufmerkſamkeit zahlreicher Zuſchauer auf ſich, welche unter den Bäumen ſtanden und das fröhliche kecke Spiel der friſchen rüſtigen Jugend be⸗ wunderten und anſtaunten. Ein alter Herr beſonders, mit weißen Haaren, und anſtändig bürgerlich, obgleich ein wenig altväteriſch gekleidet, ließ Leo nur aus den Augen, um dann und wann einen mißfälligen Blick auf einen anderen Knaben zu werfen, der nachläſſig an einem Baumſtamme gelehnt ſtand und mit gelangweil⸗ ter Miene den Spielen ſeiner Kameraden zuſchaute. „Fauler Schlingel!“ murmelte dann und wann der alte Herr zwiſchen den Zähnen, und wendete ſich dann unwillig wieder von dem Burſchen ab, in welchem wir den uns ſchon bekannten jungen Herrn Alſred Bolten erkennen. Ein allgemeines„Bravos aus dem Munde der Zuſchauer folgte jetzt einem beſonders kühnen und mit ſicherer Gewandtheit ausgeführten Kraftſtücke Leo's, der daſſelbe mit einem freundlichen Lächeln in Empfang nahm. Hierauf trat er aus der Menge der übrigen Turner hervor, und näherte ſich leichten Schrittes der Stelle, auf welcher der alte Herr ihn ſo theilnahmevoll beobachtet hatte. Aber nicht zu ihm ging er, auch nicht zu Alfred, dem er im Vorüberſchreiten nur nachläſſig zunickte, ſondern zu dem Herrn Schuldirektor, welcher nur einige Schritte von jenen Beiden entfernt ſtand. „Sie winkten mir zu, Herr Direktor,“ ſagte er. „Haben Sie mir einen Auftrag zu ertheilen?« „Das nicht, ich will dir nur den Rath geben, mit dem Turnen inne zu halten,“ lautete die freundliche Antwort.„Du biſt erhitzt, deine Wangen glühen, und — 17 deine Lungen arbeiten mit Heftigkeit. Man muß auch des Guten nicht zu viel thun wollen.“ »Bin auch dieſer Meinung, werthgeſchätzer Herr Direktor,“ ſagte der alte Sonderling in weißen Haaren, der unbemerkt näher getreten war.„»Dieſer junge Menſch hat ſeine Schuldigkeit gethan, während mancher Andere träge herum gelungert hat. He, Alfred! Komm' doch einmal näher!“ Alfred hörte ſeinen Namen rufen, und drehte ſich überraſcht um. Als er des alten Herrn, den er bis jetzt noch nicht bemerkt, anſichtig wurde, flog ein Schat⸗ ten von Verlegenheit über ſein Geſicht. Doch zauderte er nur einen Augenblick, und leiſtete dann dem Rufe Gehorſam. „Guten Tag, Herr Winter,“ ſagte er.„Bin ſehr erfreut, Sie hier zu finden.“ „Ich dachte, das könnte dich kaum wundern, nach⸗ dem du mir neulich an deines Vaters Tiſche ſo viel Ruhmrediges' über deine Geſchicklichkeit auf dem Turn⸗ platze erzählt haſt,“ erwiederte der alte Herr mit einem leichten Anfluge von Spott.„Ich hörte zufällig, daß heute die ganze junge Turnerſchaar hier ſpielen würde, und begab mich her, um Augenzeuge von deiner Kunſt⸗ fertigkeit zu ſein. Aber bis jetzt wartete ich vergeblich auf eine Probe deiner Gewandtheit. Ich ſah dich nur da am Baumſtamme lehnen und Maulaffen feil halten. Nun, ich hoffe, du wirſt jetzt nachholen, was du bisher verſäumt haſt. Munter auf den Turnplatz, und zeige mal, was der Sohn meines alten Freundes Bolten ge⸗ lernt hat! Wirſt doch deine Sache eben ſo gut machen, wie dieſer junge Menſch hier mit der beſcheidenen, Tüchtig und untüchtig. 2 4 18 freundlichen Miene. Du kennſt ihn ja wohl? Wer iſt er?“ „Leo Hagen iſt es, der Sohn von einem Schiffs⸗ zimmermann meines Vaters,“ verſetzte Alfred, auf deſ⸗ ſen Geſichte während der Rede des alten Herrn mehr⸗ mals Bläſſe und Röthe gewechſelt hatte. „Nun, der hat ſeine Sache recht brav gemacht,— mach's ihm nach, Alfred!« Alfreds Geſicht zog ſich in die Länge und ſeine Miene nahm etwas ſchafsmäßiges an. „Es iſt ſo heiß heute, Herr Winter!« ſtammelte er.„Ein anderes Mal! Ich habe wirklich keine Luſt, mich in ſolcher Hitze anzuſtrengen!“ „Nur ein Kunſtſtück wenigſtens, Alfred,“ drängte der alte Herr.„Schäme dich deiner Faulheit! Friſch und fröhlich dran, wie es Leo gemacht hat.“ „Heute nicht,« entgegnete Alfred verdroſſen und mürriſch. „So muß ich alſo annehmen, daß du überhaupt nichts leiſten kannſt,“ ſagte der alte Herr ſpöttiſch. „Hab's mir ſchon längſt gedacht, daß deine Ruhmredig⸗ keit weiter nichts als leere Prahlerei und Aufſchneiderei war. Und nicht wahr, Herr Direktor, ich hatte Recht!« Der Direktor und Leo hatten das Geſpräch ange⸗ hört und ſich manchmal während deſſelben verſtohlen an⸗ gelächelt. „Nun freilich,“ antwortete der Erſtere jetzt auf die Frage des alten Herrn,—„im Turnen, wie auch in vielen anderen Dingen hat Alfred bis jetzt noch blut⸗ wenig, oder eigentlich, ſtreng genommen, noch gar nichts 19 geleiſtet. Seine körperliche und geiſtige Trägheit ſcheint wirklich unüberwindlich zu ſein.“ Die Röthe der Scham brannte auf Alfred's Wan⸗ gen, da er ſich ſo unvermuthet entlarvt und ſeine zahl⸗ reichen Lügen aufgedeckt ſah, aber ſchnell ſchüttelte er dieſen Eindruck von ſich ab, und nahm wieder ſein ge⸗ wöhnliches indolentes Weſen an. »Was da,“ ſagte er.„Ich habe nur Spaß gemacht, als ich mich rühmte, ein geſchickter Turner zu ſein. Das ſollte mir im Ernſte einfallen, mich im Schweiße meines Angeſichtes an Reck und Barren abzuquälen! Für was denn? Das ſind brodloſe Kuünſte, vielleicht recht gut und geſund für arme Leute, aber ſehr über⸗ flüſſig für meines Vaters einzigen Sohn. Möchte wiſ⸗ ſen, was mir das Turnen je im Leben helfen und nü⸗ tzen könnte!« „Du pochſt auf den Geldſack deines Vaters,« er⸗ wiederte der alte Herr mit ſichtlicher Verachtung,— »aber Glück und Glas ſind zerbrechliche Dinge, und wer heute dem Glücke im Schooße ſitzt, kann morgen am Bettelſtabe gehen müſſen. Was das Turnen dir je im Leben helfen und nützen könnte, fragſt du?« Wenn du darauf keine Antwort finden kannſt, dann muß es mit deinem Verſtande wahrhaftig ſchlimm aus⸗ ſehen. Zu was hat dir der liebe Gott deine geſunden Glieder gegeben? Zum Faullenzen etwwa, oder da⸗ mit du dich ihrer mit möglichſter Kraft und Ge⸗ wandtheit bedienen lernſt? Wir ſollen unſern Körper ebenſo ausbilden und kräftigen, wie Seele, Geiſt und Gemüth, denn nur in einem tüchtigen Körper kann ein geſunder Geiſt gedeihen. Was Turnen und andere körperliche Uebungen dir nützen können? Frage den er⸗ 2 ſten beſten ſchlichten Arbeiter, ob er mit ſchlechtem Handwerkzeug daſſelbe, wie mit gutem zu leiſten ver⸗ mag? Und was iſt denn unſer eins anderes, als das Handwerkzeug unſerer Geiſtesgaben? Hundert Gefah⸗ ren bedrohen den Menſchen im Leben. Vor vielen kann nur Gott, vor anderen aber kann uns eigene Kraft, Gewandtheit und Rüſtigkeit ſchützen. Darum halte ich es für jedes jungen Menſchen heilige Pflicht, auf ſeine körperliche Ausbildung alle nur mögliche Sorgfalt zu verwenden. Ich ſelbſt habe in meinem langen Leben den Mangel derſelben oft ſchwer empfunden und hart büßen müſſen. Aber freilich, als ich jung war, dachte man noch nicht an jene ſo nützlichen, körperlichen Uebun⸗ gen, wie Turnen, Schwimmen, Rudern u. ſ. w., da⸗ rum kann ich mich wenigſtens von eigener Schuld frei ſprechen. Wer aber die ihm dargebotene Gelegenheit nicht benützt, ſich zu vervollkommnen, iſt ein größerer Thor, als ich auszuſprechen vermag. Haſt du denn nicht wenigſtens ſchwimmen gelernt, Alfred?« Mittlerweile hatten ſich wohl ein paar Dutzend Knaben vom Turnplatze her um den alten Herrn ver⸗ ſammelt, und mit Aufmerkſamkeit den Worten deſſelben gelauſcht. Der? Schwimmen?“ rief auf einmal eine ſpöttiſche Stimme aus dem Haufen.„Der traut ſich nicht ein⸗ mal, den Finger in's Seewaſſer zu tauchen, der feige Faullenzer!“ Alfred wurde flammenroth im Geſicht und ſchlug die Augen zu Boden. Keine Widerrede kam von ſei⸗ nen Lippen, während die Knaben laut lachten, und ihm verächtliche Blicke zuwarfen. 3 „Das iſt in der That ein wenig arg,“ ſprach der 21 alte Herr mit Unwillen.„Du wohnſt hart am Strande des Meeres, und übſt nicht einmal eine Kunſt, die dir jeden Tag das Leben erhalten kann.“ „Ja, ja, lieber Herr,“ nahm der Direktor das Wort, „es iſt ſo, und ſchlimm genug für ihn iſt's, daß es ſo iſt. Alfred hat ſolche Angſt vor dem Waſſer, daß er nie an den Schwimmübungen der andern Knaben Theil nehmen mag, und, da man ihn nicht mit Gewalt zwingen kann, ſo wird er wohl auch in ſeinem Leben nicht ſchwimmen lernen. Da lobe ich mir den Leo Ha⸗ gen! Er ſchwimmt wie eine Ente, und taucht wie ein Pinguin!« „Ja, Herr!“ murmelten die andern Knaben.„Dem freilich kann es kein Menſch nachthun!“ „»Und warum nicht?« wandte ſich der Herr Direk⸗ tor zu dem Haufen um.„Gebt euch nur ſo viel Mühe wie er, entwickelt dieſelbe Ausdauer, und ihr könnt es eben ſo weit bringen. Nun freilich, wer nicht Hand und Fuß rührt, wird ſie auch nie ordentlich gebrauchen lernen.“ »„Nicht einmal ſchwimmen kann er, der große Burſche!“ ſagte der alte Herr mehr zu ſich ſelbſt, als zu ſeiner Umgebung.„Nun warte! Ich werde mit deinem Vater reden! Solcher Faulheit muß ein Ende gemacht werden. Wenn haben Sie wieder Schwimm⸗ Uebungen, Herr Direktor?« »Nächſten Sonnabend Nachmittag,“ verſetzte dieſer. »Gut! Ich werde Sorge tragen, daß Monſteur Al⸗ fred ihr beiwohnt, und werde mich ſelber dabei einfin⸗ den,« erwiederte der alte Herr.„Beſtehſt du da nicht die Waſſerprobe, Alfred, ſo will ich dir im Voraus prophezeihen, daß im Leben nichts Rechtes aus dir wer⸗ den wird, trotz deines Vaters Geld und Reichthum. Wer körperliche Thätigkeit ſcheut, wird ewig auch gei⸗ ſtig faul und träge ſein, und nie etwas Tüchtiges in der Welt leiſten. Du aber, Leo, wackerer Knabe, wenn du fortſtrebſt, wie bisher, ſo kannſt du es ein⸗ mal weit bringen auf der Bahn des Lebens und wirſt ſtets der Stolz und die Freude deiner Aeltern ſein!“ Nach dieſen Worten, denen ein allgemeines beifäl⸗ liges Murmeln folgte, nickte der alte Herr den Knaben Lebewohl zu, nahm den Herrn Direktor unter den Arm, drehte ſich um, und entfernte ſich mit ihm unter leb⸗ haftem Geſpräch. Die Knaben riefen ihm ein Hurah nach. Alfred drückte ſich ſtill auf die Seite und ver⸗ ſchwand. Leo, ganz ſtolz und hocherfreut über die em⸗ pfangenen Lobſprüche, verließ inmitten ſeiner Kameraden den Turnplatz, und kehrte nach dem kleinen Hauſe ſei⸗ nes Vaters zurück. Drittes Kapitel. 8 Die Schwimm⸗-Anſtalt. An einer Stelle der Oſtſeeküſte, wo das Waſſer vom Ufer aus ſich nur ganz allmählig vertiefte, und der Meeresboden aus einem klaren Sande beſtand, war ein geräumiger Badeplatz für die Jugend der Stadt abgeſteckt. Er beſtand aus drei Abtheilungen. In der 23 Erſten durften nur die kleineren und diejenigen Knaben baden, die noch nicht ſchwimmen gelernt hatten. Die Zweite war für die geübten Schwimmer beſtimmt, und die dritte diente zur eigentlichen Schwimmſchule, welche die Schwimm⸗Meiſter und einige Gehülfen leiteten. Einige leichte Nachen lagen ganz in der Nähe, damit im Falle einer etwa eintretenden Gefahr ſofort Hülfe und Beiſtand geleiſtet werden konnte. Der Uferrand war mit prächtigen Linden geſäumt, welche nebſt eini⸗ gen Holzhütten am Strande, den ſich an⸗ und ausklei⸗ denden Knaben Schatten gewährten. Die ganze Ein⸗ richtung des Badeplatzes war mit aller möglichen Vor⸗ ſicht und Einſicht getrofeen worden. Der Schwimm⸗ Meiſter und ſeine Untergebenen genoſſen mit vollem Rechte das allgemeinſte Vertrauen. Noch nie hatte man, Dank ihrer Aufmerkſamkeit, auch nur den geringſten Unglücks⸗ fall in der Anſtalt zu beklagen gehabt. An dem vom Herrn Direktor beſtimmten Nachmit⸗ tage zeigte ſich der Badeplatz ungewöhnlich beſucht. Die muthwilligen Knaben hatten ſich in größerer Anzahl als ſonſt verſammelt, weil ſie von ihren Kameraden erfahren hatten, daß Alfred Bolten heute den Verſuch machen müſſe, ſeine allbekannte Waſſerſcheu abzulegen, und ſie hofften von dieſem Ereigniſſe vielen Spaß zu haben, und ihren Kameraden recht tüchtig auslachen zu können. Alfred war nämlich bei ihnen keineswegs beliebt. Im Gegentheil, faſt Alle verachteten ihn wegen ſeiner Trägheit und wegen ſeines immer zur Schau getrage⸗ nen albernen Hochmuths, der ſich auf die Geldſäcke ſeines Vaters ſtützte und darauf pochte. Aber kurz vor Beginn der Schwimmſtunde war we⸗ der Alfred noch der alte Herr erſchienen, welcher doch vor einigen Tagen auf dem Turnplatze ſeinen Beſuch angekündigt hatte. „Er wird auch überhaupt gar nicht kommen,“ ſagte einer der Knaben.„Wir wiſſen ja, er fürchtet ſich vor dem Waſſer mehr, als wir vor dem Feuer!“ „Ja weil das Waſſer ſo naß iſt!“ rief ein anderer ſo komiſch, daß alle Uebrigen laut lachten. „Und weil er immer um ſein liebes Leben bange hat,“ rief ein Dritter.„Ich wette, daß er es nicht wagt, von dem Schwungbrette in's Waſſer zu ſpringen, ſelbſt wenn der Herr Schwimm⸗Meiſter ihn eigenhän⸗ dig an der Leine hat.“ „Darauf wett' ich auch!« riefen viele andere Stimmen. „Neulich,“ fügte Einer hinzu,„als er mit den klei⸗ nen Jungen's in das Waſſer ſtieg und ihm das Waſſer nur erſt bis an die Knie reichte, ſchrie er ſchon Zeter und Mordio, und machte, daß er wieder an's Ufer kam. Nein der ſpringt nicht vom Schwungbrett herun⸗ ter, und wenn es auch nur eine Hand breit über dem Merresſpiegel wäre!! „Er fürchtet vielleicht, daß ihn die Fiſche beißen oder die Hummern ihn mit der großen Scheere zwicken,“ meinte ein anderer Spaßvogel wieder.„So viel ſteht feſt, freiwillig bringt ihn Keiner in's Waſſer, und überhaupt glaube ich nicht daran, daß er heute kommt, wo er recht gut weiß, daß wir Alle ihm gehörig auf⸗ paſſen würden.« „Ihr denkt zu ſchlecht von ihm,“ nahm jetzt Leo das Wort.„Ich glaube nicht, daß es ihm an Muth fehlt; nur träge iſt er und zimperlich, wie ein kleines Kind. Hat er einmal die erſte Scheu vor dem Waſſer 25 überwunden, wird er ſo gut ſchwimmen lernen, wie ihr und ich!« Es entſpann ſich ein kleiner Wortwechſel über dieſe Anſicht Leo's, dem aber plötzlich durch den Ruf eines Knaben:„Er kommt! Wahrhaftig, er kommt! Und der fremde alte Herr mit ihm,“ ein ſchleuniges Ende gemacht wurde. Aller Blicke richteten ſich auf die Allee, in welcher Alfred an der Seite Herrn Winter's näher geſchritten kam, und eine ganz ſorgloſe, ſtolze Miene zur Schau trug. Er macht ein Geſicht, als ob er uns Alle ſchließ⸗ lich auslachen würde,“ ſpottete ein Knabe.„Wollen doch ſehen, wie lange das dauern wird. Hochmuth kommt vor dem Fall, und wer zuletzt lacht, lacht am beſten!« Herr Winter und Alfred kamen näher und traten unter die Gruppe der Knaben. Wenn Alfred wirklich Angſt hatte, ſo ließ er wenigſtens äußerlich nichts davon merken. Auf den Ruf des Schwimm⸗Meiſters entkleidete er ſich, wie die übrigen Knaben, zog ein paar funkel⸗ nagelneue Schwimmhoſen an, und ging dann muthig und feſten Schrittes auf den Schwimm⸗Meiſter zu. Herr Winter folgte ihm auf dem Fuße. Die Schulkamera⸗ den ſchauten neugierig hinter ihm drein. »Was der Tauſend, der junge Herr Bolten hier!« ſagte der Schwimm⸗Meiſter, der auf dem Balken⸗Ge⸗ rüſte ſtand, wo die Schwungbretter angebracht waren! Iſt es Ihr Ernſt, Sie wollen in's Waſſer ſpringen?« „Ja, er hat mir's verſprochen, unter der Bedin⸗ 8 gung, daß Sie ihn an die Leine nehmen,“ erwiederte Herr Winter. 4 »Das will ich auch recht gerne thun,“ verſetzte der 26 Schwimm⸗Meiſter.„Kommen Sie näher, Herr Bol⸗ ten,— ich will Ihnen den Gürtel anlegen.“ Alfred gehorchte. Ein breiter lederner Riemen, an welcher ein Strick befeſtigt war, wurde um Alfreds Leib geſchnallt. Den Strick behielt der Schwimm⸗-Meiſter in der Hand. »„Nur vorwärts, junger Herr!« ſagte er.„Sprin⸗ gen Sie mit beiden Füßen zugleich in's Waſſer. Ich ſtehe Ihnen dafür, daß Sie keinen Schaden nehmen. Sie habens ja oft genug geſehen, wie es die Andern machen. Alſo vorwärts! Eins zwei— drei— hopp!“ Alfred nahm einen Anſatz, um von dem niedrigen Gerüſte in die See zu ſpringen, die ſpiegelglatt dalag und in den Strahlen der Sonne funkelte. Aber am Rande des Gerüſtes ſchauderte er wieder vor dem Waſ⸗ ſer zurück, blieb, vor Furcht am ganzen Leibe zitternd, ſtehen, und ſagte mit weinerlicher Stimme: „Ich kann nicht! Laſſen Sie mich! Ich mag nicht baden und nicht ſchwimmen lernen!“« Ein lautes Spott⸗Gelächter der Knaben, die natür⸗ lich mit geſpannter Neugierde dem Vorgange zugeſehen hatten, folgte dieſen zaghaften Worten. Selbſt der Schwimm⸗Meiſter verzog ſein Geſicht zu einem bedauern⸗ den Lächeln, und in Herrn Winter's Zügen malte ſich Verachtung und Entrüſtung. »Alfred, was haſt du mir verſprochen?“ rief er ihm zürnend zu.„Biſt du ſo ganz allen Schamgefühles und aller Ehre baar, daß du nicht ſiehſt, wie lächerlich du dich in Aller Augen machſt? Auf der Stelle ſpringe, und nimm deine erſte Lektion in der Schwimmkunſt!« 27 „Ich kann nicht! ich will nicht!« ſchrie Alfred,— ein Bild der Angſt und Verzweiflung. »Nun, ſo mußt du,“ verſetzte Herr Winter.„Hin⸗ unter mit ihm, Schwimm⸗Meiſter?« »Wie Sie befehlen, mein Herr,“ verſetzte dieſer, — und im nächſten Augenblicke ſtieß Alfred einen gel⸗ lenden Schrei aus, und zappelte, ſtrampelte, wälzte ſich krampfhaft im Waſſer umher. Ein leichter Stoß des Schwimm⸗Meiſters hatte ihn vom Rande des Gerüſtes in die See geworfen. Da lag er nun und ſchrie, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Aber ſeine muthwilligen Kame⸗ raden empfanden nicht die Spur von Mitleiden für ihn. Je verzweiflungsvoller er ſprudelte und ſtram⸗ pelte, deſto lauter erſchallte ihr Spottgelächter, in das allein Leo Hagen nicht mit einſtimmte. »Ziehen Sie ihn wieder heraus, Schwimm⸗Meiſter,“ d er.„Sie ſehen ja, es wird im Leben nichts mit ihm.« »Nichts da,« fiel Herr Winter ein.„Aushalten ſoll er! Schwimmen lernen ſoll er, und wenn es tau⸗ ſend Mal gegen ſeinen Willen wäre! Sein eigener Puler hat mir Vollmacht über den feigen Burſchen ge⸗ geben!“ Mittlerweile hatte der Schwimm⸗Meiſter die Leine ſo weit angezogen, daß Alfred den Kopf über dem Waſſer halten konnte. In dieſer Stellung brüllte er wie beſeſſen, und beſchwor den Schwimm⸗Meiſter bei Himmel und Erde, ihn vollends wieder aus dem Waſ⸗ ſer zu ziehen. 6 1 »Ich erſticke! Ich ſterbe!« ſchrie er.„Mein Tod 28 komme über Euch! Zieht mich heraus! Heraus! He⸗ raus!“ Im verzweifelten Umhertappen und Greifen nach dem Gerüſte kriegte er zufällig eine der Stützen deſ⸗ ſelben zu packen, und klammerte ſich mit verzweiflungs⸗ voller Heftigkeit daran feſt, ſo daß er mit dem halben Leibe aus dem Waſſer hervorragte. In dieſer Stellung blieb er, trotz aller Hohn⸗ und Spottreden, mit denen ſeine Schulkameraden ihn überſchütteten, trotz den zor⸗ nigen Mahnungen des alten Herrn Winter, trotz der Vertrauen einflößenden Anſprache des Schwimm⸗Mei⸗ ſters, trotz der freundlichen Ermunterungen Leo's. „Ich will heraus! Ich will heraus!« brüllte er fort und fort mit ſolcher Todesangſt, daß der Schwimm⸗ Meiſter endlich die Verantwortlichkeit für ihn nicht länger übernehmen wollte. „Sie ſehen ſelbſt, es iſt nichts anzufangen mit dem jämmerlichen Feiglinge,“ wandte er ſich zu Herrn Win⸗ ter.„Am Ende bekommt er gar noch ein Nervenfieber in Folge ſeiner Todesangſt, und in ſolchem Falle wür⸗ den wir uns die bitterſten Vorwürfe machen müſſen.“ „Nun denn, ſo ziehen Sie ihn in Gottes Namen wieder auf's Trockene,“« verſetzte der alte Herr unwillig. „Hopfen und Malz iſt an dem Burſchen verloren! Ich habe ihm eine goldne Uhr mit goldener Kette verſpro⸗ chen, wenn er ſeine Feigheit überwinden würde,— aber ſelbſt das ſchlägt, wie ich ſehe, fehl bei ihm. Ziehen Sie ihn heraus! Die Uhr aber,— nun, das wird ſich ſpäter finden!“ 4 Der Schwimm⸗MNeiſter half dem zitternden und zähneklappernden Alfred auf das Gerüſt herauf, wo ſeine jammervolle Figur mit unauslöſchlichem Gelächter empfangen wurde. Er ſchüttelte das ab, wie die Waſ⸗ ſertropfen von ſeiner Haut, und rannte ſpornſtreichs an das Ufer zurück, um ſich abzutrocknen und ſeine Kleider wieder anzuziehen. Herr Winter folgte ihm auf dem Fuße nach. „Du wirſt den Badeplatz nicht verlaſſen, Alfred, bis ich dich dazu auffordern werde,“ ſagte er im Tone des ſtrengſten Befehles zu ihm.„Keine Wiederrede! Wenn du nicht gehorchſt, ſo werde ich ein ſehr ernſtes Wort mit deinem Vater reden, und du weißt, daß das üble Folgen für dich haben wurde.“ Alfred, ganz beſchämt, wagte ſich dieſem Befehle nicht zu widerſetzen. Er blieb, drückte ſich aber in den dunkelſten Winkel einer der Badehütten, um ſich ſo viel wie möglich den ſpöttiſchen Blicken ſeiner Schulkamera⸗ den zu entziehen. Herr Winter dagegen begab ſich wieder zum Schwimm⸗Meiſter, und ſah von dem Ge⸗ rüſte aus zu, wie ſich die muntere Jugend mit Schwim⸗ men, Tauchen, Waſſertreten und anderen ähnlichen Künſten höchlichſt beluſtigte. Leo zeichnete ſich auch hier wieder, gerade wie bei den Turnübungen, durch ſeine außerordentliche Geſchick⸗ lichkeit aus. Der alte Herr beobachtete ihn, wie dort, mit beſonderer Aufmerkſamkeit, und ergötzte ſich an ſei⸗ ner Gewandtheit und Rührigkeit. »Ja, der thut es weit allen Anderen zuvor,“ fagte der Schwimm⸗Meiſter, welcher die beifällige Miene des alten Herrn bemerkte.„Iſt überhaupt ein wackerer, vortrefflicher Burſche, der Herz und Kopf auf dem rech⸗ ten Flecke hat. An dem werden ſeine Eltern einmal noch viele Freude erleben. „Ganz meine Anſicht, Schwimm⸗Meiſter,« verſetzte 30 Herr Winter.„Auch mir gefällt der junge Menſch mit ſeinem friſchen, fröhlichen, und doch dabei ſo be⸗ ſcheidenem Weſen ausnehmend wohl, und ich möchte ihm eine Freude bereiten. Auch bin ich darauf vorbe⸗ reitet, da ich ja wußte, daß ich die ganze kleine Schwimmgeſellſchaft da heute hier treffen würde. Was meinen Sie, Schwimm⸗Meiſter, wenn wir ein kleines Wettſchwimmen veranſtalteten. Die tüchtigſten Schwim⸗ mer, welche zuerſt das zu ſteckende Ziel erreichen, be⸗ kommen zur Belohnung Preiſe. Ich habe ein paar Dutzend eingekauft: goldene Buſennadeln, Ringe, Kett⸗ chen und dergleichen Tand. Es ſteckt freilich nicht ge⸗ rade viel Werth darin, doch denk' ich, wird's den Kna⸗ ben Spaß machen, das Eine oder Andere zu gewinnen. Der Hauptpreis beſteht in einer goldnen Uhr mit gol⸗ dener Kette, die eigentlich Alfred Bolten bekommen ſollte und auch bekommen haben würde, wenn er ſeine elende Feigherzigkeit überwunden und heute ſeine erſte Schwimmſtunde genommen hätte. Jetzt wird ſie einem Anderen zufallen, und ich kann mir ſchon denken, wem, wenn Sie ſonſt nichts gegen meinen Vorſchlag einzu⸗ wenden haben.“ „Einzuwenden? Gott behüte,“ erwiederte der Schwimm⸗Meiſter ſeelenvergnügt.„Das wird eine Freude für die Jungen's geben, und mir altem Kerle ſelber lacht das Herz im Leibe vor Vergnügen. Denn Leo Hagen gönn' ich's, daß er einmal eine Belohnung für ſeinen eiſernen Fleiß und ſein gutes Betragen er⸗ hält, und dem Monſieur Alfred kann's gar nicht ſcha⸗ den, wenn er bei dem Schwimm⸗Feſte das Nachſehen hat.“ „Mag es zu ſeiner Beſchämung und zugleich zu ſeiner Aufmunterung dienen,“ ſagte Herr Winter.„Aber wie meinen Sie, werden wir das Wettſchwimmen ar⸗ rangiren?« »Ganz einfach, wie immer, wenn die Schwimmpro⸗ ben abgelegt werden,“ verſetzte der Meiſter.„In's of⸗ fene Meer dürfen wir der Vorſicht halber die Jungen nicht ſchicken. Sie müſſen innerhalb des Baſſins ſchwim⸗ men. Wer es am längſten aushält und am öfteſten rund herum geſchwommen iſt, bekommt den erſten Preis, und ſo im Verhältniß die Uebrigen. Der zweitbeſte nämlich den zweitbeſten Preis und ſo fort. Ich ſage Ihnen, Herr, das gibt einen Hauptjubel! Soll ich die Knaben zuſammenrufen?« „Ja, thun Sie das!“ erwiederte Herr Winter. Bis ſie kommen, werde ich meine kleinen Geſchenke auf dem Tiſche hier ausbreiten.“ Dies geſchah. Die Knaben kamen mittlerweile auf den Ruf ihres Meiſters herbei, und vernahmen mit Jubel die Ankündigung von dem Wettſchwimmen. Die Bedingungen wurden mitgetheilt, und mit allgemeinem Beifalle begrüßt. Nur ein einziges, verdrießliches Ge⸗ ſicht zeigte ſich: das Alfred's, den der allgemeine Jubel aus ſeinem Verſtecke wieder in's Freie gelockt hatte. Aber Niemand kümmerte ſich um ihn und ſeinen Aer⸗ ger. War er doch ſelber ganz allein ſchuld daran, daß er ſich bei der Feſtlichkeit nicht betheiligen konnte. Zehn Minuten wurden den jugendlichen Schwim⸗ mern zur Erholung und Ruͤhe vergönnt. Dann, auf ein Zeichen des Meiſters ſprangen ſie ſammt und ſon⸗ ders in'’s Waſſer, ordneten ſich, und begannen hierauf, nach einem zweiten gegebenen Zeichen, das Wett⸗ ſchwimmen. 5 ———O.⸗——— 32 Es war eine Luſt, die rüſtigen Knaben zu ſehen, wie ſte mit kräftigen Gliedern die Wellen theilten, und ſich gegenſeitig Vortheile abzugewinnen ſuchten. In den erſten fünf Minuten errang indeſſen keiner von Allen einen weſentlichen Vorſprung, denn nur die beſſern Schwimmer nahmen überhaupt an dem Waſſerkampfe Theil, während die minder Geübten und die kleineren Knaben das Schauſpiel vom Gerüſt und vom Ufer aus beobachteten. Wenige Minuten ſpäter gab es aber ſchon merkbare Veränderungen. Etliche gewannen die Spitze des Zuges, und kamen mehr und mehr der großen Maſſe voraus,— Andere blieben weiter und weiter hinter den⸗ ſelben zurück. Als die Flinkſten bereits rund um das Baſſin herum geſchwommen waren, hatten die Letzten noch kaum die Hälfte dieſer Strecke zurückgelegt. Leo befand ſich unter den Vorderen, war aber keineswegs der Erſte, ſondern wohl ſieben oder acht andere Knaben hatten ihm Raum abgewonnen,— nicht viel gerade, aber doch genug, um den alten Herrn Winter über den Sieger, für den er Leo in Gedanken bereits gehalten hatte, wieder zweifelhaft zu machen. „Es ſcheint, ich habe mich getäuſcht,“ flüſterte er dem Schwimm⸗Meiſter zu.„Leo wird ſchwerlich die goldene Uhr gewinnen.“ 4 „Und ich behaupte, kein Anderer als er gewinnt ſie,« verſetzte der Meiſter zuverſichtlich.„Sehen Sie nur, wie ruhig, wie gemeſſen und gleichmäßig er ſich durch das Waſſer arbeitet. Seine Bruſt keucht nicht, wie bei vielen Andern, und in ſeinem Geſicht werden Sie nicht die Spur von Anſtrengung bemerken. Und nun ſehen Sie die Anderen, die ihm voraus ſind! Das pruſtet und ſtöhnt und ächzt ſchon, und es wird gar eeee 3 nicht mehr lange dauern, ſo gewinnt Leo ohne beſondere Kraft⸗Entfaltung ihnen Allen die Spitze ab. Ja, den kenn' ich ſchon! Er übereilt ſich nicht und ſchont im Anfange ſeine Kraft, um zuletzt des Sieges um ſo ge⸗ wiſſer verſichert zu ſein.“ Herr Winter mußte wohl die Anſicht des erfahre⸗ nen Schwimm⸗Meiſter reſpectiren, und dachte nicht da⸗ ran, ihm zu wiederſprechen, aber innerlich hegte er trotz⸗ dem noch Zweifel und ſchüttelte bedenklich den Kopf. „So vergingen abermals fünf Minuten, und jetzt hatte ſich die Lage der Dinge bereits weſentlich verän⸗ dert. Ein Theil der jungen Schwimmer hatte freilich auf den ferneren Wettkampf verzichtet, weil ihre Kräfte ſie verlaſſen hatten. Die meiſten Uebrigen, welche noch aushielten, zeigten ſichtliche Spuren von Ermattung, und nur Wenige ſchwammen mit ſcheinbar unveränder⸗ ter Rüſtigkeit weiter. Leo gehörte zu dieſen Letzteren. Er war noch keineswegs der Vorderſte, aber ſchon war es auch dem unerfahrenſten Auge kaum noch zweifel⸗ haft, daß er dies demnächſt werden würde,— nicht, weil er ſich mehr als vorher hätte anſtrengen müſſen, ſondern weil ſeine Vordermänner allmählig an Kraft und Sicherheit der Bewegungen verloren. Jetzt war er dicht hinter,— jetzt neben ihnen, und jetzt ſchwamm er, Alle Andern zurücklaſſend einher als Sieger und Triumphator durch die kryſtallene Fluth. Ein lautes Hurrah erſcholl vom Gerüſt und vom Ufer aus. Leo achtete nicht weiter darauf. In angebrachtem Takte, mit immer gleichmäßigen Bewegungen ſchwamm er und ſchwamm, bis der Zuruf des Meiſters:„Genug, Leo! Alle Uebrigen haben ſchon aufgehört!« auch ihn veran⸗ laßte, an das Ufer zu ſteigen. Er athmete kaum ſchnel⸗ Tüchtig und untüchtig. 33 aaus und ſchielte mit ſchlecht verhehltem Neid auf die ler als ſonſt, und man ſah ſeinem friſchen Geſichte überhanpt keine Spur von Uebermüdung oder nur Er⸗ mattung an. Der Schwimm⸗Meiſter nickte ihm lächelnd zu, und reichte ihm mit den Worten:„Brav gemacht!« die Hand. Dann forderte er ſämmtliche Knaben auf, ſich wieder anzukleiden, und hernach die glücklich er⸗ rungenen Gewinne in Empfang zu nehmen. Nach kaum zehn Minuten waren Alle wieder da, und drängten ſich um den Tiſch, hinter welchem Herr Winter uud der Schwimm⸗Meiſter Platz genommen hatten. Der Tiſch war mit funkelnden, wenn auch nicht gerade ſehr koſt⸗ baren Kleinodien bedeckt. Noch lebhafter als ſie, fun⸗ kelten aber die munteren Augen der Knaben, denen alle dieſe kleinen Schätze zu Theil werden ſollten. Der Schwimm⸗Meiſter hatte gewiſſenhaft die Namen der Sieger der Reihenfolge nach aufgeſchrieben, und natür⸗ lich war der Name Leo Hagen der erſte, welcher von ihm jetzt ausgerufen wurde. Leo trat, vor Freude er⸗ röthend, vor, und Herr Winter überreichte ihm mit ei⸗ nigen freundlichen Worten den erſten Preis, die goldene Uhr mit der goldenen Kette. „Du haſt ſie wohl verdient,“ ſagte er,„und ich freue mich, daß ich ſie gerade dir geben kann, der den Werth der Zeit ſchon in ſo früher Jugend zu ſchätzen gelernt hat. Möge dir dieſe Uhr in deinem ferneren Leben recht viele glückliche Stunden zeigen!“ „Ueberglücklich trat Leo zurück, nachdem er ſich ver⸗ neigt und ſeinen Dank ausgeſprochen hatte. Die an⸗ deren Knaben kamen an die Reihe, und allgemeiner Jubel herrſchte, als ſämmtliche Preiſe vertheilt worden waren. Nur Alfred Bolten ſah ärgerlich und mürriſch 35 ſchöne Uhr, die Leo gewonnen hatte, und mit inniger Freude bewunderte. »„Siehſt du, Alfred,“ ſagte er freundlich zu dem Nachbarsſohne,„das Schwimmen kann doch zuweilen zu etwas gut ſein. Du ſollteſt wirklich eine herzhafte Anſtrengung machen, deine Waſſerſcheu zu überwinden. Das Baden an ſich iſt ja ſchon ſo geſund und erfri⸗ ſchend, und nun vollends das Schwimmen!— eine wahre Luſt iſt es!«“ »Ach, laß mich in Ruhe,“ verſetzte Alfred unwirſch. »Mir macht das Baden und Schwimmen nun einmal kein Vergnügen, und deshalb bleib ich davon. Was aber die Uhr da betrifft, na, da koſtet's mich nur ein Wort an meinen Vater, und ich bekomme eine noch ſchönere!“ »An der du aber nie ein ſo reines Vergnügen ha⸗ ben wirſt, wie Leo an der ſeinigen,“ ſagte der Schwimm⸗ Meiſter, der Alfreds Worte gehört hatte.„Dieſe iſt redlich verdient, und es knüpft ſich eine angenehme Er⸗ innerung daran. Ein Geſchenk deines reichen Vaters aber, was iſt es weiter, als eben ein— unverdien⸗ tes Geſchenk. Aber ich weiß wohl, da iſt ſchlecht pre⸗ digen, und darum will ich weiter keine Mahnungen an dich verlieren. Ich kann nur wünſchen, daß du deine jcbine feige Trägheit ſpäter nicht einmal bitter bereuen mußt!« Die Sonne ging jetzt unter, und man verließ den Badeplatz, um nach Hauſe zuruͤckzukehren. Freudeſtrah⸗ lend zeigte Leo ſeinen Aeltern den köſtlichen Preis, den er gewonnen. Alfred aber war und blieb den ganzen Abend verdrießlich, und ging zuletzt auch verdrießlich zu Bett. Warum? Sein Vater hatte ihm die Bitte um eine goldne Uhr rundweg abgeſchlagen, weil er von ſeinem alten Freunde Winter vernommen, wie jämmer⸗ lich der liebe Alfred ſich vor den übrigen Knaben auf dem Schwimmplatze blamirt hatte. Viertes Kapitel. Im Parke. Es wurde ſchon weiter oben erwähnt, daß das ſchöne Wohnhaus des reichen Schiffsrheders Bolten von einem großen Parke und Garten umgeben war. Ein eiſernes Gitter ſchloß denſelben von der Straße ab, jedoch konnte man durch die Zwiſchenräume des Gitters einen guten Theil der Anlagen, und nament⸗ lich einen großen Teich mit herrlichen Springbrunnen überſehen. Auf dieſem, mit ſpiegelklarem Waſſer ange⸗ füllten Teiche ſchwammen während des Sommers zahl⸗ reiche ſchöne Waſſervögel umher, unter denen ſich vor⸗ zugsweiſe ein halbes Dutzend prächtige große Schwäne auszeichneten. Leo, der keinen Zutritt zu dem Parkgarten des rei⸗ chen Herrn Bolten hatte, ſtand oft, wenn er über eine freie Stunde verfügen konnte, außen vor dem Gitter, und betrachtete mit lebhaftem Intereſſe die bunten En⸗ ten, die Waſſerhühner, und beſonders die Schwäne, welche ſo ſchön und majeſtätiſch auf der Spiegelfläche 37 des Teiches hin und her glitten. Er bewunderte die fleckenloſe Weiße ihres Gefieders, ihren ſchlanken gebo⸗ genen Hals, ihre mächtigen, wie zum Segeln halb ge⸗ hobenen Flügel, die Anmuth all' ihrer Bewegungen. Viertelſtunden lang konnte er an einer Stelle ſtehen bleiben, und ſich an der Betrachtung der edlen Thiere ergötzen. So auch eines Abends nach vollbrachter Tagesar⸗ beit. Bis zum Nachteſſen hatte er noch ein Stündchen Zeit, und er benutzte es, zum Parke hinüber zu ſchlen⸗ dern, und die ſchönen Schwäne zu betrachten. Im Parke ſah man keinen Menſchen, und auch draußen auf den Werften, auf der Straße und in der Allee, die nach der Stadt führt, waren nur wenige Perſonen ſichtbar. Denn die Feierabend⸗Stunde hatte bereits ge⸗ ſchlagen und die meiſten Arbeiter waren von den Werf⸗ ten zu ihren Wohnungen geeilt. Gleichwohl war der Abend köſtlich erfriſchend und kühl nach der ſchwülen Hitze des Tages. Dies mochte auch die Veranlaſſung ſein, daß Alfred Bolten aus dem Hauſe ſeines Vaters trat, um ſich in den duftigen Al⸗ leen und Baumgruppen des Parkes eine leichte Bewe⸗ gung zu machen und die erquickende Abendluft einzu⸗ ſchlürfen. Er ſpazierte hieher und dorthin, und trat endlich an den Rand des Teiches, wo er ſtehen blieb. Seinen Schulkameraden Leo hatte er längſt vor dem Parkgatter entdeckt, aber es fiel ihm nicht ein, ihn zu ſich zu rufen oder auch nur ihm einen flüchtigen Gruß zuzuwenden; denn er empfand eine gewiſſe Abneigung gegen ihn, die ihren Grund unzweifelhaft in dem Um⸗ ſtande hatte, daß Leo ihm geiſtig wie körperlich in jeder Beziehung weit überlegen war. Dieſe Abneigung hatte— — 38 ſich ſogar faſt bis zum Haſſe geſteigert, ſeit Leo bei'm Wettſchwimmen den erſten Preis erobert hatte. Er vermied ihn daher mehr, als er ihn ſuchte, was übri⸗ gens Leo mit ſehr vielem Gleichmuthe aufnahm. Während Alfred am Ufer des Teiches ſtand, kamen die Schwäne langſam auf ihn zugeſchwommen, jedenfalls in der Hoffnung, von ihm gefüttert zu werden. Alfred hatte jedoch nichts dieſer Art im Sinne. Er lockte die Schwäne zwar näher und näher, anſtatt ihnen aber Leckerbiſſen vorzuwerfen, neckte er ſie mit einer langen Haſelnuß⸗Gerte, ſchlug ſie auf Kopf und Rücken, und ſuchte ſie auf jede Weiſe zum Zorne zu reizen, um ſte hinterher tüͤchtig auszulachen. Dies gelang ihm nur zu gut. Die Schwäne blu⸗ ſterten grimmig ihr Gefieder auf, ziſchten drohend den muthwilligen Buben an, und ſtreckten ihm die langen Hälſe entgegen. Je zorniger ſie ſich geberdeten, deſto aärger neckte und reizte ſie Alfred, und ſchlug immer derber auf ihr glänzendes Gefieder los. haben. Die Schwäne können ſehr böſe werden.“ „Kuͤmmere dich um dich ſelber, und ſtöre mich hier nicht in meinem Vergnügen,“ verſetzte Alfred in weg⸗ werfendem Tone, ohne ſich nur nach Leo umzuſehen. Dieſer ſchwieg, aber nicht ohne Beſorgniß beobach⸗ tete er die Schwäne, welche immer zorniger wurden, ten. Plötzlich zogen ſie ſich eine Strecke weit zurück, ſo daß Alfred ſte nicht mehr mit ſeiner Gerte erreichen konnte. Aergerlich darüber warf er Sand und Steine „Nimm dich in Acht!« rief ihm Leo warnend zu. „Wenn du ſie wild machſt, könnteſt du's zu bereuen und das Waſſer mit ihren Flügeln zu Schaum peitſch⸗ — 39 hinter ihnen her, und drehte ihnen dann den Rücken zu, um fortzugehen. Hierauf ſchienen zwei von den ſtärkſten und wü⸗ thendſten Schwänen nur gewartet zu haben. Während Alfred unbekümmert und ohne ſich nach ihnen umzu⸗ ſehen, am Ufer des Teiches gemüthlich entlang ſchlen⸗ derte, breiteten ſie ihre mächtigen Schwingen aus, flat⸗ terten, mit den Füßen noch im Waſſeer, blitzſchnell über die Fläche des Teiches hin, erreichten das Ufer, und ſtürzten ſich dann von hinten her auf Alfred. Dies Alles geſchah ſo ſchnell, daß Leo's Warnungsruf Al⸗ fred erſt erreichte, als er ſchon von den wüthenden Schwänen angegriffen wurde. Auf's Aeußerſte über⸗ raſcht und erſchrocken vermochte er ſich gar nicht zur Wehr zu ſetzen. Die Schwäne hackten mit den Schnä⸗ beln auf ihn los, verſetzten ihm gewaltige Flügelſchläge, und drängten ihn näher und immer näher an den Rand des Teiches, deſſen Ufer gerade an dieſer Stelle ziem⸗ lich hoch war. Er ſchrie und kreiſchte vor Angſt und Schmerz; aber Hulfe war nicht in der Nähe, und die Schwäne kümmerten ſich um ſein Gebrüll nicht im nemeſen. ſondern verdoppelten nur ihre hitzigen An⸗ griffe. „Nimm dich in Acht, um Gottes Willen!“ rief Leo.„Noch einen Schritt rückwärts und du fällſt in den Teich!« Der warnende Zuruf kam zu ſpät. Ein harter Flügelſchlag des ſtärkſten Schwanes warf Alfred zu Boden, und im nächſten Augenblicke plumpte er ſchon in den Teich hinunter, deſſen Waſſer hoch über ihm aufſpritzte. Von ſeinen Verfolgern war er auf dieſe Weiſe be⸗ 40 freit, aber ſeine Lage war deßhalb nicht gebeſſert, denn wie wir wiſſen, konnte er nicht ſchwimmen, und der Teich war ſo tief, daß ihm das Waſſer fußhoch über den Kopf weg ging. Er ſtieß noch einen verzweifelten, halb erſtickten Ruf nach Hülfe aus, patſchte ein paar Sekunden hindurch, wild um ſich ſchlagend, im Waſſer herum, und verſank dann in demſelben, wie ein Stuͤck Blei. Mit tödtlichem Schrecken hatte Leo vom Gitter aus den Ueberfall der Schwäne und Alfreds jähen Sturz in's Waſſer geſehen,— aber im Augenblicke war auch ſein Entſchluß gefaßt geweſen. Das Parkthor konnte er nicht öffnen, denn er wußte, daß es von innen ver⸗ ſchloſſen und verriegelt war. Aber über das Gitter konnte er klettern trotz der Höhe deſſelben, die über ſechs Fuß betrug. Galt er doch als der beſte Turner unter ſeinen Kameraden. Im Nu war er oben, ſchwang ſich durch eine geſchickte und raſche Wendung uber die vergoldeten Spitzen der Eiſenſtangen, und erreichte un⸗ verletzt den Boden auf der inneren Seite des Gitters. Mit zehn Sprüngen war er am Teiche, warf hier ſei⸗ nen Rock ab, und ſtürzte ſich ohne Beſinnen an der Stelle in's Waſſer, wo Alfred nur eben verſunken war. Er tauchte unter, gewahrte den ſchon Beſinnungsloſen, packte ihn am Rockkragen, und zog ihn, mit der rechten Hand gewaltig arbeitend, an die Oberfläche des Teiches. Einmal ſo weit, wurde es ihm bei ſeiner ungemei⸗ nen Fertigkeit im Schwimmen nicht mehr allzuſchwer, den ohnmaͤchtigen Alfred über dem Waſſer zu halten, und ſich mit ihm allmählig einer flachen Stelle am Ufer zu nähern. Bald fand er Grund mit den Füßen, 41 watete aus dem Waſſer hinaus, und zog Alfred hinter ſich her. Am Ufer angekommen, legte er ihn ſanft in's Gras nieder, und bemühte ſich, ihn in's Leben zurück⸗ zurufen. Es gelang. Alfred ſchlug nach kaum einer Minute die Augen wieder auf, und ſchaute mit verwil⸗ dertem Blick um ſich her. »„Sei unbeſorgt,“ ſagte Leo freundlich zu ihm.„Die Gefahr iſt vorüber, die Schwäne rudern wieder ruhig auf dem Waſſer umher, und du ſelber liegſt ſtatt im Teiche, auf grünem Raſen.“ »Aber ich bin doch hinein gefallen,“« ſtammelte Al⸗ fred. »Nun freilich; und es war nur ein Glück, daß ich gleich bei der Hand war, ſonſt hätteſt du unfehlbar er⸗ trinken müſſen,« verſetzte Leo.„Aber jetzt wär' es gut, wenn du aufſtehen und in's Haus gehen könnteſt. Wix ſind Beide bis auf die Haut durchnäßt, und müſſen unſere Kleider wechſeln.“ Alfred blickte ſchamroth zur Seite. »Alſo du haſt mich aus dem Waſſer gezogen?« ſagte er. »Nun freilich; es war ja kein anderer Menſch ge⸗ rade zur Hand,“ erwiederte Leo.„Ein Glück, daß ich ſchwimmen kann! Wie, Alfred?« »Ja,“ antwortete dieſer kleinlaut.„Aber du haſt recht; mich friert in den naſſen Kleidern, und ich will in das Haus gehen.« Er verſuchte ſich aufzurichten, war aber noch zu ſchwach, um es ohne fremden Beiſtand zu können. Leo leiſtete ihm bereitwillig Hülfe, und, auf ſeinen Arm ge⸗ ſtützt, erreichten Beide langſam das Haus. Auf dem Flur trat ihnen Herr Bolten entgegen, und erblickte mit 42 Schrecken die Geſtalten der beiden vom Waſſer triefen⸗ den Knaben. „Mein Himmel, was iſt geſchehen?“ fragte er. „Kein großes Unglück, Herr Bolten, beruhigen Sie ſich,« erwiederte Leo.„Alfred iſt in den Teich gefallen, und ich habe ihn wieder heraus gefiſcht. Das iſt das Ganze. Aber freilich, ganz trocken iſt es dabei nicht abgegangen, und Alfred ſollte ſogleich andere Kleider anziehen.“ „Mein Gott, allerdings. Das muß geſchehen! Auf der Stelle!“ ſagte Herr Bolten und rief nach der Die⸗ nerſchaft, die eilig herzu ſtürzte.„Schnell! Zieht Alfred die naſſen Kleider aus! Bringt ihn zu Bett und kocht ihm Thee, ſo ſchnell ihr könnt! Hurtig, hurtig, oder der Arme kann ſich auf den Tod erkälten!« Um Leo bekümmerte ſich Niemand mehr. Herr Bol⸗ ten vergaß alles Andere über der Angſt um ſeinen ein⸗ zigen Sohn, und die Dienerſchaft hatte alle Hände voll zu thun, um ſeine Befehle auszuführen. Leo ſtand al⸗ lein im Vorhauſe, und kein Menſch dachte daran, auch ihm eine Taſſe Thee oder ein ſonſtiges erwärmendes Getränk anzubieten, noch auch nur ein flüchtiges Wort des Dankes zu ihm zu ſagen. „Auch gut!« murmelte er vor ſich hin.„Sie wer⸗ den nun ſchon ohne mich hier fertig werden, und darum kann ich ebenfalls nach Hauſe gehen und mich umklei⸗ den.“ Dies that er, und dann dachte er nicht weiter an ſeine entſchloſſene That, durch die er ein Menſchenleben gerettet hatte. Nur Abends im Bett, bevor er ein⸗ ſchlief, murmelte er noch leiſe vor ſich hin: „ 43 »Der alte Herr Winter hat doch recht! Es iſt gar nicht ohne, wenn man gut ſchwimmen und turnen kann.“ Fünftes Kapitel. Eine Ueberſchwemmung. Die Zeit verging. Einem ſchönen Herbſte folgte ein langer, ſchneereicher Winter. Noch im Monat März des neuen Jahres lag der Schnee in ganz Deutſchland ellenhoch, und immer neue Maſſen ſchüt⸗ teten die ſchweren, grauen Wolken auf die Erde herab. Teiche, Seen und Flüſſe waren noch mit einer dicken Eiskruſte üͤberzogen, und es ſchien ganz ſo, als ob der Frühling gar nicht mit wärmeren Sonnenſtrah⸗ len und lauen Lüften dem ſtrengen Winter⸗Regimente ein Ende machen wolle. Aber es ſchien auch nur ſo. Die Natur geht ihren geraden feſten Gang, wenn ſie ſich auch nicht immer nach den Wünſchen ungeduldiger Menſchenkinder bequemt. Meiſter Hagen, der Schiffszimmermann, kehrte eines Abends von einem Spaziergange nach Hauſe zurück, wo er Frau Trude am Spinnrade, und Leo bei ſeinen Büchern beſchäftigt fand, »Ich furchte, das Wetter wird umſchlagen,« ſagte er nach dem gewöhnlichen herzlichen Abendgruße bei'm Eintreten, und hing ſeine Pelzmütze an den für ſie be⸗ ſtimmten Nagel. „Du fürchteſt, lieber Mann?“ entgegnete Frau Trudchen.„Ich dächte, wir könnten Alle froh darüber ſein, wenn es endlich milder werden will. Wir befin⸗ den uns noch in Mitte März, und draußen iſt noch kein grünes Blättchen, ſondern nichts wie Schnee und Eis zu ſehen.« „Schlimm genug, daß es ſo iſt,“ verſetzte Meiſter Hagen.„Bei der vorgerückten Jahreszeit wird die Waͤrme ſehr raſch zunehmen, und Schnee und Eis ſchneller zum Schmelzen bringen, als uns lieb ſein kann. Kommt nun auch noch ein warmer Wind und Regen dazu, dann ſei Gott den armen Menſchen gnä⸗ dig, die in den Flußthälern und in den Niederungen wohnen. Die Waſſer können dieſes Jahr eine Höhe erreichen, wie ſeit langen Zeiten nicht, und der Eisgang droht mit ſchwerem Schaden. Darum fürchte ich, daß der Frühling allzu ſchnell kommen werde. Die Luft iſt ſchon ganz lau und weich draußen, und im Südweſten thürmen ſich Wolken auf, die mir ganz und gar nicht gefallen.“ „Nun, Gott ſei Dank, wir haben nichts von einer Ueberſchwemmung zu fürchten,“ ſagte Frau Trudchen. „Bis zu uns kann das Waſſer nicht ſteigen.“ „Allerdings, unſertwegen können wir unbeſorgt ſein,“ verſetzte Meiſter Hagen.„Aber unſere Nachbarn am Fluſſe, die mögen ſich vorſehen.“ „Die armen Menſchen,“« ſeufzte die Mutter.„Kann denn nichts für ſie gethan werden?“ „Gewiß wird geſchehen, was Menſchenkraft und guter Wille leiſten können,“ erwiederte der Meiſter,— 45 „aber was vermögen ſie gegen die Gewalt der entfeſ⸗ ſelten Elemente. Da, horcht, es fängt ſchon an! Ja, ja, ich dachte mir ſchon, daß es nicht lange mehr wäh⸗ ren würde.“ Alle lauſchten. Ein dumpfes Sauſen rauſchte durch die Lüfte. Der Südweſtwind machte ſich auf mit vol⸗ ler Macht, rüttelte draußen an den Läden, pfiff um die Ecken, heulte in den Schornſteinen, und ſchüttelte brau⸗ ſend die noch völlig unbelaubten Kronen der Bäume. Bald plätſcherten und klatſchten auch große Regentro⸗ pfen gegen die Fenſter, die im Nu gänzlich von ihnen überſchwemmt wurden. „Da haben wir's,“« ſprach Meiſte nigen Minuten ſtummen Aufhe dieſes Wett 46 Widerſtand zu leiſten wagte, trieben ungeheure Maſſen von Eisſchollen auf den tobenden Gewäſſern einher. Starke Bäume brachen unter ihrer Wucht, Häuſer und Hütten ſanken von ihrer Gewalt in Trümmern⸗ Tau⸗ ſende von Menſchen hatten ſchon wenige Tage nach eingetretenem Thauwetter über ſchwere Verluſte zu kla⸗ gen; andere Tauſende, wenn auch für den Augenblick noch ſicher, ſahen mit angſtvollem Herzen der nächſten Stunden entgegen, die auch ihnen Verderben und Ver⸗ heerung bringen konnten. Eine ſchwere, peinvolle Zeit war es für Alle, deren Wohnungen von den Fluthen oht wurden. Und wie viele Tauſende konnte man zulen fern und nah! a in nächſter Nähe von Leo's —n Die Waſſer des Stunde 47 Die trüben Wogen leckten, drängten, unterwühlten über⸗ all und ununterbrochen. Die ſchweren Eisſchollen rann⸗ ten wie Mauerbrecher gegen die Wälle an, und erſchüt⸗ terten ſie allmählig bis in ihre Grundfeſten. Man machte die äußerſten Anſtrengungen, das Durchbrechen deſſelben zu verhüten, und es gelang auch einige Zeit, dem furchtbaren Andrange Widerſtand zu leiſten. Bald jedoch erreichte die Fluth die Höhe der Dünen, fluthete darüber hin, und zwang ſämmtliche Arbeiter zur ſchleu⸗ nigſten Flucht. Jetzt war Alles verloren. Tauſende von Menſchen erwarteten in angſtvoller Spannung den Durchbruch der Dämme, der jetzt unvermeidlich und ſchnell erfolgen mußte. Kanonenſchüſſe donnerten, um die Bewohner des bedrohten Stadttheils zu warnen. Angſt⸗ und Weh⸗ geſchrei erſchallte aller Orten. Männer, Weiber, Greiſe und Kinder flüchteten mit ihrer beſten Habe nach der höher gelegenen Stadt. Verzweiflung und Verwirrung herrſchten überall; denn jeden Augenblick konnte der Damm brechen, und den raſenden Fluthen den Zugang zur Stadt öffnen. Zum großen Glück jedoch geſchah dieſes Aeußerſte erſt dann, als die Häuſer bereits geräumt waren und ihre Bewohner ſichere Zufluchtsſtätten gefunden hatten. Als das drohende Ereigniß wirklich eintrat, drang ein allgemeiner Schreckensſchrei der Verſammelten, athem⸗ los harrenden Menge zu den Wolken empor. An drei, vier Punkten zu gleicher Zeit zerriſſen die Dämme, und in jähem Sprunge, wie frohlockend über den Sieg, brauſten die tobenden Waſſer durch die geöffneten Bre⸗ ſchen, und wälzten ſich ſchäumend durch die Straßen des verlaſſenen, ihrer Wuth preisgegebenen Stadttheils. Die Breſchen in den Wällen wurden immer breiter, und immer gewaltiger und maſſiger drängte ſich der ununterbrochen, von Eisſchollen bedeckte Wogenſchwall hindurch. Alle vier Breſchen vereinigten ſich zuletzt zu einer, wohl tauſend Fuß breiten Oeffnung, und nun ſtieg in den überſchwemmten Straßen das Waſſer ⸗mit wahrhaft reißender Schnelligkeit. Es ſtröͤmte ſchon durch Thüren und Fenſter der Erdgeſchoſſe, quoll bis zu den erſten Stockwerken der Häuſer hinauf, und überfluthete die kleineren Hütten und Häuschen. Hie und da ſah man einen Wirbel entſtehen,— ein ſicheres Zeichen, daß eine ſo überſchwemmte Wohnung unter dem Waſſer zuſammengeſtürzt ſei. Nur die maſſiv aus Stein auf⸗ geführten Häuſer hielten Stand; alle übrigen erlitten mehr oder minder bedenkliche Beſchädigungen, die zum Theil ebenfalls den Einſturz zur Folge hatten. Bis in die zweiten Stockwerke leckte das Waſſer hinauf; dann erfolgte ein Stillſtand; es ſtieg nicht höͤ⸗ her, aber die ganze Vorſtadt war in ein Meer ver⸗ wandelt, aus dem nur hie und da die Dächer der ſtatt⸗ lichſten Häuſer wie ſchwimmende Inſeln, aus dem Chaos der ſchäumenden Fluthen und der krachenden Eisſchollen hervorragten. Starr blickte die zahllos verſammelte Menge auf dieſes wilde und ſeltene Schauſpiel. In tiefem Schwei⸗ gen beobachtete ſte die Fortſchritte und den Sieg des entfeſſelten Elementes. Kaum, daß hier oder da ein leiſer Schrei ertönte, wenn wieder einmal das Dach eines unterwaſchenen Hauſes in die Fluthen verſank: man hatte ſich nun ſchon an dergleichen kleine Epiſoden gewöhnt. Tiefe Stille, nur unterbrochen von dem Knir⸗ 3 —y 49 ſchen der Eisſchollen und dem Rauſchen der Waſſer, herrſchte überall. Da, plötzlich, vernahm man einen Schuß von dem äußerſten Ende des überſchwemmten Stadttheiles her. Unmittelbar darauf einen zweiten. »Ein Menſch in Gefahr!“ flog es murmelnd durch die dicht gedrängte Menſchenmaſſe.„Er giebt durch Schüſſe Noth⸗Signale! Aber wo iſt er und wer ver⸗ möchte ihn zu retten?« Forſchend und ſuchend ſchweiften Tauſende von Au⸗ gen über die noch empor ragenden Dächer, um den Auf⸗ enthaltsort des Menſchen zu entdecken, der von ſeinen Mitmenſchen, gewiß in äußerſter Gefahr, Hülfe und Rettung verlangte. Viele Herzen pochten ängſtlich in theilnehmender Beſorgniß. »Ich ſehe ihn!« rief jetzt eine friſche jugendliche Stimme laut aus. Dort in dem gelben Hauſe mit dem hochragenden Dache, gerade in der Richtung, wo die Fluth am ſchnellſten und heftigſten ſich hinwälzt. Er ſteht in dem geöffneten Fenſter, und ſtreckt ein wei⸗ ßes Tuch in die Luft. Großer Gott, der Arme iſt ver⸗ loren, wenn ihm nicht ſchleunigſter Beiſtand zu Theil wird! Der Strom iſt gerade dort ſo ſtark, wie nirgends mehr, und die größten Eisſchollen drängen gegen die Mauern!“ »Es iſt wahr! Dort! Man ſieht ihn! Es iſt ein Mann! Aber wer kann da helfen? Wer wird es wa⸗ gen, mit einem leichten Nachen dieſes Schollen⸗Meer zu durchbrechen?« So ſprach die Menge durch einander, aber obgleich Niemand dem arg Bedrohten Mitleiden und Theilnahme verſagte, ſo ſchien ſich unter den Tauſenden doch Nie⸗ üchtig und untüchtig. 4 50 mand zu finden, welcher den Muth gezeigt hätte, ſein eigenes Leben für die Rettung eines Fremden zu wagen. „Aber Hülfe muß geſchafft werden,“ ſagte dieſelbe jugendliche Stimme, welche vorhin die Auffindung des Bedrohten der Menge mitgetheilt hatte.„Dort liegen ein paar Fiſcherkähne im Fluß⸗Hafen! Wer wagt es, einen davon mit mir zu beſteigen, und jenem Unglück⸗ lichen Hulfe zu bringen. Ich für meine Perſon bin bereit dazu, aber allein leider zu ſchwach!“ „Oho, dacht ich's mir doch, Leo Hagen iſt es!« ſagte ein kräftiger Mann, der ſich zu dem muthigen Knaben durchgedrängt hatte, und ihn jetzt zutraulich auf die Achſel klopfte.»Das iſt ein ſehr gefährliches und ſchwieriges Stück Arbeit, zu dem du da aufforderſt, mein Junge!« „Leicht iſt's wohl nicht, Herr Schwimm⸗Meiſter,“ verſetzte Leo raſch, aber es muß gewagt werden im Ver⸗ trauen auf Gottes Hülfe! Es wäre eine Schande, woll⸗ ten wir kaltblütig jenen Unglücklichen ſeinem Schickſale überlaſſen, das leider deutlich genug vorauszuſehen iſt. Bei dieſem Andrange von Fluth und Schollen kann das Haus keine Stunde mehr Widerſtand leiſten. Alſo ſchnell! Bringen wir dem Armen Hllfe, Herr Schwim⸗ Meiſter!“ „Ja, wenn nur noch Einer oder der Andere ſeinen Arm dazu leihen wollte, dann würde mir's nicht darauf ankommen, das Meinige zu der Rettung des armen Menſchen beizutragen,« verſetzte der Schwimm⸗Meiſter bedächtig und kopfſchüttelnd.„Es iſt ein ſchweres Ding, den Nachen durch ſolche Eismaſſen zu bringen, und ich fürchte, wir Beide allein haben die Kraft dazu nicht. He Männer,“ wandte er ſich dann zu den um⸗ 51 ſtehenden Leuten—„iſt Niemand unter Euch, der ſich ein Gotteslohn durch eine wackere That verdienen möchte?«. Die Menge ſchwieg. Das Wageſtück erſchien allen zu gefährlich,— Keiner trat vor und meldete ſich. „Pfui der Schande!« murmelte der Schwimm⸗Mei⸗ ſter vor ſich hin, und drehte dem feigen Haufen un— willig den Ruͤcken zu.„Du ſiehſt, Leo, wir müſſen's aufgeben, wenn mir's auch im Herzen wehe thut!“ »Nun denn, wenn es Niemand wagt, ſo will ich's im Vertrauen auf Gott ganz allein wagen,“ ſagte Leo, und ſeine Augen blitzten von edlem Feuer.„Ich kann ein Ruder handhaben, ſo gut wie jeder Fährmann, und Gott wird ſchon helfen, daß ich den Nachen durch die Eisſchollen zwinge.« Mit dieſen Worten wollte er fort eilen, aber der Schwimm⸗Meiſter hielt ihn am Arm zurück. »Biſt du toll, Leo,« ſagte er.„Dieſem Wogen⸗ ſchwalle wollteſt du trotzen, und noch dazu ganz al⸗ lein?« »Ja, das will ich, und ich hoffe, es wird mir ge⸗ lingen,« verſetzte Leo feſt und entſchloſſen.„Führ' ich den Nachen allein, ſo iſt auch die Laſt nicht ſehr ſchwer, und um ſo leichter läßt er ſich regieren. Ich wag' es, geſchehe, was da wolle! Es iſt ein gutes Werk, was ich unternehme, und darum wird Niemand mich ſchel⸗ ten, möge der Ausgang glücklich oder unglücklich ſein!« Er machte ſich vom Griffe ‚des Schwimm⸗Meiſters los, und eilte nach dem nur fünfzig Schritt entfernten Noth⸗Hafen, wo mehrere Kähne an Pfählen feſtgebun⸗ deen lagen. Mit einem Satze ſprang er in den näch⸗ ſten hinein, und griff nach den Rudern, um abzuſtoßen. „Halt!“« rief ihm in dieſem Augenblicke der Schwimm⸗ Meiſter zu;—„halt, mein Junge! Niemand ſoll ſa⸗ gen, daß mich ein halbes Kind an Muth übertroffen hätte. Ich fahre mit, und ſähe ich auch den unver⸗ meidlichen Untergang vor Augen!“ Ein lautes„Hurrah“ tönte aus dem Volkshaufen, als jetzt der ſtarke Mann in den Nachen ſprang, und ſich zu Leo geſellte. „Ja, ſchreien können ſie, wenn ſte in Sicherheit ſind, wenn ſie aber helfen ſollen, dann ducken ſie un⸗ ter und ſchweigen mäuschenſtill,“ ſagte der Schwimm⸗ Meiſter mit Verachtung.„Vorwärts denn, in Gottes Namen, mein braver Junge! So! Du greifſt das Ding wacker an! An Geſchicklichkeit fehlt's nicht, wenn nur unſere Kräfte ausreichen, ſo kommen wir ſchon durch! So, ſo wird es gehen!“ Dceer kleine, aber feſt gebaute Nachen ſchoß aus dem Hafen mitten in die Stroͤmung und das Schollen⸗Ge⸗ wirr hinaus. Leo und ſein Gefährte ruderten mit Kraft und Geſchick, und mit geſpannter Erwartung blickten die zahlloſen Zuſchauer auf die beiden kühnen Schiffer. Dieſe aber kümmerten ſich um nichts weiter, als um vorſichtige Abwendung der Gefahren, von denen ſie auf allen Seiten umringt waren. Einmal im Strom, brauchten ſie nicht länger zu rudern, denn der Strom ſelber führte ſie mit reißender Schnelligkeit ihrem Ziele zu. Aber es erforderte viele Geſchicklichkeit und Kraft, die großen Eisſchollen von dem Nachen fern zu halten, die ihn ſonſt wie einen Binſenhalm zerknickt haben würden. Es war eine ſchwere Arbeit, ein ſchwerer Kampf mit dem furchtbaren Wirrwarr ringsum. Die Schollen knirſchten, rauſchten und krachten überall, und kaum war die eine abgewehrt, drängte auch ſchon wie⸗ der eine andere gefährlich heran. Aber nicht umſonſt hatte Leo ſeinen Körper durch Uebung geſchmeidigt und gekräftigt. Es gelang ihm und ſeinem Begleiter, dem ſtarken, kräftigen Manne, ſich unbeſchädigt durch alle Hinderniſſe durchzuarbeiten, und wo ihre eigene Kraft und Gewandtheit nicht ausreichte, da half Gott. Mehr⸗ mals geſchah es, daß eine allzu große und ſchwere Scholle, die zu beſeitigen ihrer gemeinſchaftlichen An⸗ ſtrengung unmöglich war, ſchon ſo nahe herankam, daß ſie im nächſten Augenblicke den Nachen zu zerſchmettern drohte, aber immer wurde die Gefahr durch irgend einen glücklichen Umſtand wieder abgewendet. Die Scholle nahm entweder noch im letzten Augenblicke eine jede Gefahr beſeitigende Wendung, oder ſte wurde von an⸗ dern Eismaſſen unter das Waſſer gedrückt, oder ſie zer⸗ ſplitterte kurz vor dem Zuſammentreffen mit dem Boote in kleinere Stücke, die leicht auf die Seite geſchoben werden konnten. „Gottes Hand!« rief nach einem ſolchen furchtbar gefährlichen aber ohne Schaden vorübergegangen Mo⸗ mente der Schwimm⸗Meiſter ſeinem Gefährten zu. „Gottes Hand, Leo! Der Himmel iſt mit uns! Und ſiehe da, ſogleich werden wir das Haus erreicht haben. Jetzt gilt es eine letzte Anſtrengung, Knabe! Wir müſ⸗ ſen das Haus zwiſchen uns und die andrängende Fluth bringen, ſonſt werden wir von den Eismaſſen zu Brei gequetſcht. Du verſtehſt mich?« „Ich bin ſchon darauf vorbereitet,“ verſetzte Leo, der mit ruhigem, ſicherem Auge die Entfernung maß, die ſie noch von dem Hauſe trennte. Noch etwa zwan⸗ zig Ellen waren ſie davon entfernt.“ * 8* 6 . 8 H 3 b„ 4 1 54 B N „Dicht auf die Ecke zugehalten!“ rief er dem Schwimm⸗Meiſter zu.„Auf der hinteren Seite des Gebäudes, das den Strom theilt, muß ein eisfreies Plätzchen ſein. Aufgepaßt! Jetzt! Gott helfe uns!« Der Nachen ſchoß in dieſem Augenblicke dicht am Hauſe vorüber, ſo dicht, daß ſie die Mauer mit den Händen hätten erreichen können; im nächſten Momente erreichten ſie die hintere Ecke, und nun drückten Beide mit aller Gewalt gegen die Eisſchollen, um von ihnen weg in das durch den Widerſtand des Hauſes ruhigere Waſſer zu kommen. Die Entſcheidung hing an einem Haare, in Einem Augenblicke konnte Alles gewonnen oder verloren ſein. Aber die beiden wackeren und er⸗ fahrenen Schiffer hatten den rechten Moment ergriffen und benutzt. Der kleine Nachen zwängte ſich durch einen ſchmalen Schollen⸗Saum, und jetzt lag er ſicher im Schutze des Hauſes, vor welchen die Wogen und Schollen nach links oder rechts ausweichen mußten. „So weit wären wir,“ ſagte der Schwimm⸗Meiſter, und wiſchte ſich die ſchweren Schweißtropfen von der Stirn.„Bis hieher hat Gott geholfen! Und nun, wo iſt unſer Mann?« „Hier, hier, liebe brave Leute!“« rief eine Stimme über ihnen aus einem Fenſter herunter.„Ich habe euch ſchon längſt unter Todesangſt beobachtet und näher kommen ſehen. Dem Himmel ſei Dank, daß ihr da ſeid! Aber wie ſoll ich in den Nachen hinunter kom⸗ mmen? Ich bin ein alter Mann und wage den Sprung fünf Ellen hinunter nicht!“« „Himmel, Sie ſind es, Herr Winter?« rief Leo zurück, der in dem Bedrängten den alten Herrn vom Turnplatze und der Schwimm⸗Schule her erkannte. *& 55 »Leo Hagen! Und der brave Schwimm⸗Meiſter!« rief jetzt, ſeinerſeits erſtaunt, der alte Herr aus. „Ja, Herr, wir ſind es, und heute will ich die ſchöne goldene Uhr verdienen, die Sie mir vorigen Som⸗ mer zum Geſchenk machten,“ erwiederte Leo.„Aber wie kommen Sie herunter? Es iſt Gefahr im Ver⸗ zuge!“ 3. Freilich, freilich,“ verſetzte Herr Winter.„Das Haus kann keine Viertelſtunde länger die furchtbaren Stöße der Schollen aushalten. Aber hinunter ſpringen kann ich nicht.« »Haben Sie einen Strick zur Hand, Herr?« rief Leo.„Wenn es auch nur eine Waſch⸗Leine wäre!“ »Ja, ja! Auf dem Dachboden! Einen Augenblick Geduld, ich habe ſie!« Der alte Herr verſchwand nach dieſen Worten vom Fenſter, kehrte aber ſchnell wieder mit einem langen Strick zurück. „Hier!“ ſagte er. „Gut!“ verſetzte Leo.„Knüpfen Sie das eine Ende feſt oben an das Fenſterkreuz an, und werfen Sie mir dann das andere herunter.“ „Aber ich ſoll doch nicht an der Leine hinab klet⸗ tern?“ ſagte Herr Winter ängſtlich.„Ich würde das ſo wenig können, wie ſpringen.“ »Nein, nein!« rief Leo.„Eilen Sie nur! Ich werde Ihnen zu Hülfe kommen!« Mit zitternden Händen band der alte Herr oben den Strick feſt, und warf dann das andere Ende in den, dicht an der Mauer liegenden Kahn. Im Nu kletterte Leo, der geſchickte Turner, an dem Stricke und an der Mauer in die Höhe, ſprang leicht und gewandt 56 4 durch das Fenſter in das Haus, und ſtand an der Seite des alten Herrn. »Der Strick iſt dreimal ſo lang, als wir ihn ge⸗ brauchen,— ſagte er,— wir muͤſſen ihn durchſchnei⸗ den!“ Er zog ihn wieder nach oben, ſchnitt die Hälfte davon ab, und ließ die andere Hälfte wieder in den Kahn fallen. „Jetzt geſchwind!« ſagte er.„Ich binde Ihnen den Strick unter den Armen feſt, und laſſe Sie dann ſanft in den Nachen niedergleiten. Fürchten Sie nichts! Ich bin ſtark genug, um eine doppelte Laſt tragen zu können. Aber geſchwind! Die Schollen krachen wie Mauerbrecher gegen das Haus, und der Boden ſcheint unter meinem Fuße zu wanken!« „Ich vertraue dir,« verſetzte Herr Winter, und ließ ſich den Strick um Bruſt und Rücken befeſtigen. Mu⸗ thig ſtieg er aus dem Fenſter; Leo ließ ihn ſanft in den Nachen, wo er vom Schwimm⸗Meiſter unterſtützt wurde, hinab gleiten, und folgte dann ſelbſt nach. Ehe noch der alte Herr Platz genommen hatte, ſtand er ſchon wieder neben ihm im Nachen, und griff nach dem Ruder. „Fort!« ſagte er.„Jede Minute des Zögerns kann Gefahr über uns bringen! Aber warum werden Sie plötzlich ſo blaß, Herr Winter? Fürchten Sie ſich 2 »Nein,“ erwiederte der alte Herr.„Ich habe nur in der Angſt und Eile einen Blechkaſten oben ſtehen laſſen, der in Papieren und Dokumenten mein ganzes Vermögen enthält. Ich muß es verſchmerzen! Stoßt ab, meine Freude!« 57 »Da ſei Gott vor!« verſetzte Leo.„Warten Sie noch ein wenig, Schwimm⸗Meiſter.„Der brave Herr, der immer ſo freundlich gegen mich war, ſoll nicht auf ſeine letzten Tage Noth leiden, wenn ich's verhüten kann!« »Und wie eine Katze klimmte er, ehe Herr Winter ihn zurückhalten konnte, abermals am Stricke hinauf, ſprang in das Haus, fand auf den erſten Blick den Blechkaſten, warf ihn in den Nachen hinunter, kletterte ſelbſt nach, und ergriff dann ohne Zögern das Ruder wieder. „Fort, fort!« rief er haſtig.„Das Haus ſchwankte unter meinen Füßen!« »Ein dumpfes Poltern und Krachen des Gebäudes unterſtützte ſeinen Ruf. Die Ruder tauchten in das Waſſer, und wie ein Pfeil ſchoß der Kahn wieder mit⸗ ten zwiſchen die Eisſchollen hinein. Keinen Augenblick zu früh! Kaum hundert Ellen von dem Gebäude entfernt, ſtürzte dieſes mit Donnergetöſe zuſammen und eine Wolke von Schaum ſpritzte darüber auf. »Gerettet!“ ſagte Leo mit tiefem Athemzuge.„Dem Himmel ſei Dank e »Die höchſte Zeit war es, daß wir uns fort mach⸗ ten,“ meinte der Schwimm⸗Meiſter.„Nun aber Achtung, damit wir nicht noch jetzt Schiffbruch leiden!« Kein Wort weiter wurde geſprochen, denn Leo wußte recht gut, daß noch keineswegs alle Gefahr überwun⸗ den war. Stromaufwärts zu rudern, war unmöglich. Die Schiffer ſchwammen alſo mit dem Strome, und bemüh⸗ ten ſich, den Kahn nach und nach mehr ſeitwärts zu 4 58 drängen, wo die Strömnng minder ſtark und heftig fluthete, und auch die Eisſchollen vereinzelter ſchwam⸗ men. Ihren Anſtrengungen gelang es, ruhigeres Waſ⸗ ſer zu erreichen, und nun war nach wenigen Minuten das Schlimmſte glücklich überſtanden. Der Nachen ge⸗ horchte dem Ruder, und den geübten Schiffern fiel es nun nicht mehr ſchwer, ihn an das trockene Land hin⸗ über zu bringen. Nach einer halben Stunde war das Ufer erreicht, und Leo ſprang mit einem Satze an's Land, um den Nachen vollends heran zu ziehen und feſt zu halten. Der Schwimm⸗Meiſter half dem alten Herrn ausſtei⸗ gen, und er ſelbſt folgte endlich auch, als der Letzte, mit der Schatulle gemächlich nach. „Wie kann ich euch danken, wie euch jemals ver⸗ gelten, was ihr an mir gethan?“ ſprach der alte Herr tief ergriffen, als er wieder feſten Boden unter ſeinen Füßen fühlte.„Ihr habt mir Leben und Vermögen gerettet,— ſo theilt wenigſtens das Letztere mit mir.“ „Ei, lieber gar, Herr,“ verſetzte der Schwimm⸗ meiſter.„Das wäre noch ſchöner, wenn man ſich einen Dienſt wollte bezahlen laſſen, den ein Menſch dem an⸗ dern ganz einfach ſchuldig iſt. Ueberhaupt, wenn Sie ſich bedanken wollen, ſo thun Sie es bei Leo. Er allein eigentlich hat Alles gethan. Wenn er nicht ganz entſchloſſen geweſen wäre, allein Ihnen zu Hülfe zu eilen, ſtänd' ich ſehr wahrſcheinlich noch da drüben bei den Andern, und hielte, wie ſie, Maulaffen feit. Der Leo iſt Ihr Retter,— ich bin nur ſo nebenbei mitge⸗ laufen.“ »Wackerer Knabe! Braves Herz!“ ſagte Herr Win⸗ ter, indem er Leo in ſeine Arme ſchloß.„So ſprie 59 denn du, was ich für dich thun kann. Was du auch verlangen magſt, ich werde doch ewig dein Schuldner bleiben!« „Reden Sie doch nicht ſo, lieber Herr,“ antwortete Leo.„Ich bin glücklich darüber, daß uns mit Gottes Hülfe gelungen iſt, Sie der Gefahr zu entreißen. Einer weiteren Belohnung bedarf ich nicht, und würde mich auch ſchämen, ſie anzunehmen. Sprechen wir nicht weiter davon! Aber Sie ſcheinen ſehr angegriffen zu ſein. Soll ich vielleicht einen Wagen holen?« „Nein, nein, es iſt nicht nöthig, bis in die Stadt kann ich ſchon gehen,“ verſetzte der alte Herr.„Ich habe dort ein Wohnhaus in der Ritterſtraße. In mei⸗ nem Landhauſe, welches nun von den Fluthen zertrüm⸗ mert iſt, bin ich heute nur ganz zufällig geweſen, und kramte darin herum, ſo daß ich ganz plötzlich von der Gefahr überraſcht wurde. Erſt hoffte ich, daß das Waſſer nicht ſo hoch ſteigen würde; aber als es mich von einem Stockwerke in das andere trieb, da gab ich mich verloren. Zum Glück erinnerte ich mich meiner Doppelflinte, und ſchoß ſie als ein Nothſignal ab. Frei⸗ lich hoffte ich nicht viel davon; aber es war doch für die Leute ein Zeichen, daß ich in Todesnöthen ſchwebte, wovon ja kein Menſch etwas wiſſen konnte. Da kamet ihr trotz Wogen und Schollen, und holtet mich ab. Nochmals tauſend, tauſend Dank für dieſen Liebes⸗ dienſt.“« »Schon gut, ſchon gut,« ſagte der Schwimm⸗Mei⸗ ſter abwehrend.„Gehen wir, damit Sie bald wieder unter Dach und Fach kommen, Herr, und in Sicher⸗ heit von der glücklich überſtandenen Gefahr ausruhen können. Gehen wir!“ 60 »„Ja, aber nicht eher, als bis ihr Beide mir feſt verſprochen habt, eure Zuflucht zu mir zu nehmen, wenn ihr, was Gott verhüͤten möge, jemals menſchlichen Bei⸗ ſtandes bedürfen ſolltet,« ſprach Herr Winter.»Ich bin ein reicher Mann ohne Familie und Verwandte, und ihr braucht daher keine Umſtände zu machen, wenn ich euch mit irgend Etwas dienen kann. Gebt mir das verlangte Verſprechen.“ »Gern, lieber Herr,“ antworteten Beide, und ſchlu⸗ gen in die dargebotene Hand des alten Winter ein. Nun war dieſer zufrieden und alle drei gingen nach der Stadt. Im Vorübergehen wurden ſie von den Tauſenden, welche die kühne That Leo's und ſeines Gefährten geſehen hatten, mit lautem Jubelrufe und donnernden Lebehochs begrüßt, aber die wackeren Schif⸗ fer entzogen ſich möglichſt ſchnell dieſen Kundgebungen. »Was nützt das Geſchrei,« ſagte der Schwimm⸗ Meiſter,„hätten ſie lieber mit zugegriffen und geholfen! Nun, Gott ſei Dank, es war nicht nöthig, und ging auch ohne ſie!« Vor dem ſchönen großen Hauſe Herrn Winters nahmen Leo und der Schwimm⸗Meiſter Abſchied, ob⸗ gleich der alte Herr ſte nöthige, mit einzutreten und eine Erfriſchung einzunehmen. Doch es wurde bald Nacht, und Leo fürchtete mit Recht, daß ſeine Mutter über ein längeres Ausbleiben ängſtlich ſein würde. So ſagten ſie ſich gegenſeitig gute Nacht, und Jeder ging ſeines Weges. Als Leo zu Hauſe anlangte, erzählte er nichts von dem, was geſchehen war; aber ſeine Aeltern waren bereits durch einen Nachbar von ſeiner wackeren That in Kenntniß geſetzt. 61 »Du haſt brav gehandelt, mein Sohn,“ ſagte ſein Vater, und drückte ihm die Hand.. „Aber hieß es nicht Gott verſuchen?« ſprach die Mutter. „O nein, Mütterchen, nein,“« verſetzte Leo.„Gott war mit uns, und— warum habe ich denn ſchwim⸗ men, turnen und rudern gelernt! Doch gewiß haupt⸗ ſächlich nur, um mir, und auch Andern, wenn ſie in Gefahr ſind, aus der Noth zu helfen!«“ „Ganz recht,“ ſagte der Vater beifällig. »Und weiter war nicht die Rede von dem vergan⸗ genen Abentheuer. Sechstes Kapitel. Die Klippe. Die Frühlingswaſſer hatten ſich verlaufen, Ströme und Flüſſe waren in ihr altes Bett zurückgekehrt, und ſiegreich zog der Frühling ein mit ſonnig blauem Him⸗ mel und heiteren, warmen Tagen. Leo nahm eines Tages wieder einmal des Vaters Fernrohr aus dem Schranke, ging hinunter an das Meeresufer, und ſpähte aufmerkſam nach der Klippe hinüber, von der er im vergangenen Jahre die jungen Seeadler herabgeholt hatte. Sie waren leider Beide im Winter geſtorben,— ein Verluſt, der beſonders deem Herrn Schuldirektor ſehr zu Herzen ging. 62 „Dacht ich's doch!« ſprach Leo halblaut vor ſich hin, nachdem er einige Minuten hindurch ſorgfältig die Klippen gemuſtert hatte.„Da ſind die Alten wieder, und wenn mich nicht Alles täuſcht, ſitzen auch ſchon zwei Jungen wieder im Neſte. Noch ein paar Tage Geduld, und der Herr Direktor ſoll nicht mehr den Verluſt des Raubvogels beklagen. Vielleicht glückt es mir gar, die beiden Alten zu fangen! Das wäre ein Hauptſpaß! Ich muß daruͤber nachdenken, ob ſich's nicht machen läßt!“ „Ueber was willſt du nachdenken? Was wäre ein Hauptſpaß?« fragte eine Stimme, und als Leo ſich umdrehte, ſah er Alfred Bolten hinter ſich ſtehen. „He, wo kommſt denn du her?“ fragte er zurück. »Nun, ich ſah dich mit dem Fernrohre fortgehen, und folgte dir nach, erwiederte Alfred.„Ich bin ein bischen neugierig, und wollte wiſſen, zu welchem Zwecke du das Fernrohr mitgenommen haſt?« „Ganz einfach, um nach der Klippe auszuſchauen und nach den See⸗Adlern zu ſehen. Es ſind richtig zwei Junge da, und in ein paar Tagen werde ich ſie mir holen. Willſt du mit von der Parthie ſein, Al⸗ fred?« „Gott ſoll mich bewahren!“ verſetzte dieſer zuruͤck⸗ ſchreckend.»Aber ich kaufe dir einen Vogel ab. Die⸗ ſes Mal wirſt du mir ihn doch ablaſſen?« „Geht nicht, Alfred!« erwiederte Leo.„Der Herr Direktor muß einen haben, und den andern denke ich ſelber zu behalten.“ 2 „Wie ungefällig das iſt!« grollte Alfred.„Du ſollteſt doch ſchon aus Rückſicht auf meinen Vater, der deines Vaters Dienſtherr iſt, ein bischen zuvorkommen⸗ 63 der gegen mich ſein. Es koſtet mich nur ein Wort, und dein Vater wird auf der Stelle entlaſſen.“ »„Daraus wird er ſich wenig machen,“ entgegnete Leo, ein wenig gereizt über die Drohung.„Mein Va⸗ ter iſt ein geſchickter Zimmermann, und kann jeden Au⸗ genblick Arbeit bei einem andern Rheder bekommen. Alſo thu, was du willſt! Mich wirſt du nicht ein⸗ ſchüchtern!“ „Ich ſoll alſo keinen Vogel haben?« fragte Alfred in drohendem Tone. »Von mir nicht, hole dir ſelber einen, wenn du ſo großes Verlangen darnach trägſt,“ antwortete Leo, und ging fort, um ſich nicht weiter in Streit mit Alfred einzulaſſen. Mit einem finſteren, nichts Gutes weiſſagenden Blicke ſchaute Alfred ihm nach. „Warte,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,— „dieſe Unverſchämtheit ſollſt du mir entgelten. Wenn ich keinen Vogel bekomme, ſo ſollſt du auch keinen haben. Den Spaß will ich dir verſalzen!« Noch an demſelben Tage ſuchte er einen jungen Menſchen auf, den er von früher her als einen ge⸗ ſchickten Fährmann und guten Büchſen⸗Schützen kannte. Dieſer junge Mann war der Sohn von dem Kammer⸗ diener des alten Bolten, und von dieſem als Lehrburſche zu einem Förſter auf einer benachbarten großen herr⸗ ſchaftlichen Beſitzung gethan worden. Willy Rohrbeck,— ſo hieß der Burſche,— war ein kecker verwegener Geſell, und ihn hatte Alfred aus⸗ erſehen, das Werkzeug zu einem heimtückiſchen Streiche zu werden, den er den ihm verhaßten Leo ſpielen wollte. Doch mußte er ſich wohl hüten, dies Willy merken zu 64 laſſen, denn dieſer war bei aller ſeiner Ungebundenheit doch ein braver ehrlicher Junge, der zu keiner ſchlechten That die Hand geboten haben würde. Alfred traf ihn im Walde, wo er, Flinte und Jagd⸗ taſche über der Schulter, einige Forſt⸗Arbeiter beauf⸗ ſichtigte. »Ei, Herr Bolten, Sie hier?« rief Willy ihm ent⸗ gegen.„Das nenn' ich mir einen ſeltenen Gaſt! Seit den zwei Jahren, wo ich Jägerburſche bin, habe ich Sie noch nie im Walde getroffen.“ „Ich habe ja auch für gewöhnlich nichts im Walde zu ſuchen,“ antwortete Alfred.„Heute aber führt mich eine beſondere Veranlaſſung her. Ich ſuchte dich, Willy.“ »Mich? Wozu? Das muß einen beſondern Grund haben, Herr Alfred, denn bis jetzt haben Sie ſich nicht um mich gekümmert, ſeit ich von zu Hauſe fort bin, obgleich ich Sie viele Male auf dem Waſſer und im Parke ſpazieren gefahren, und mit Ihnen geſpielt habe.« »Nun, es gab ja auch keine beſondere Veranlaſſung dazu, wie ſchon geſagt,“ verſetzte Alfred.„Heute aber bin ich gekommen, um dich um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Was denn für eine,“ Herr Alfred?« „Ja ſieh', draußen auf der Weſternklippe, die du ja kennſt, hat ein See⸗Adler⸗Paar geniſtet, und ich möchte gerne die Vögel haben, um ſtie ausſtopfen zu laſſen, und dann in meine Stube aufzuſtellen.« »Und dazu ſoll ich Ihnen behülflich ſein?« »Ja, Willy. Fünf Thaler ſchenk' ich dir, wenn du mir die Vögel vom Horſte herunter ſchießt.““ 65 »Oho, das iſt viel Geld auf einmal,“ rief der Burſche aus.„Es hätte deſſen übrigens auch nicht bedurft, denn dem Sohne von meines Vaters Dienſt⸗ herrn werde ich immer gern gefällig ſein. Bei alledem, ein paar Thaler kann ein junger Menſch, wie ich, immer gebrauchen, und ich weiß ja, Sie können's ge⸗ ben, ſind ja des reichen Herrn Bolten einziger Sohn. Ja, ja, die Vögel ſollen Sie bekommen, Alfred, ich verſpreche es Ihnen.“ »Aber wenn? Ich moͤchte ſie gern bald haben, Willy.« »Wohlan denn, morgen, wenn es Ihnen ſo recht iſt. Es gibt morgen bei uns nichts Beſonderes zu thun, und da wird es mir nicht ſchwer werden, Urlaub zu erhalten. Morgen alſo, Nachmittags um zwei Uhr. Aber Sie müſſen für einen Nachen ſorgen, Herr Alfred.“ »Ja wohl! Schlag zwei Uhr ſoll meines Vaters Boot in der Nähe der Fiſcherhütten, ein paar hundert Schritt oberhalb der Werfte bereit liegen.“ »Wollen Sie auch mitfahren, Herr Alfred?« Ja— nein— ich weiß noch nicht,— vielleicht, wenn recht ſchönes Wetter iſt.“« »Nun, wie Sie wollen! Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde pünktlich da ſein.“ Willy hielt ſein Verſprechen. Als er an dem zur Zuſammenkunft beſtimmten Orte ankam, fand er bereits Alfred, der ſich in einem leichten Nachen, dem Luſtboote ſeines Vater, ſchaukelte. »Willkommen!“ rief er dem Jägerburſchen zu.„Ich warte ſchon lange auf dich. Geſchwind ſpringe herein, und laß uns nach der Klippe fahren.“ Tüchtig und untüchtig. 5 66 „Sie wollen alſo die Spazierfahrt mitmachen, Herr Alfred?« gab Willy zur Antwort. „Warum nicht? Die See iſt ruhig und das Wetter ſo ſchön!“ „Sie haben aber da nur Ein Ruder im Boote.“ „Ja freilich, aber du weißt es ja, Willy, ich ver⸗ ſtehe nicht zu rudern.“ „Nun denn, ſo werd' ich's wohl allein zwingen müſſen,“ ſagte Willy, und ſprang in das Boot. Hier legte er Flinte und Jagdtaſche zur Seite, er⸗ griff das Ruder, und lenkte das Boot in die See hin⸗ aus. Auf halbem Wege nach der Klippe begegnete ihnen ein anderer Nachen, in welchem Leo Hagen ſaß. „Wohin des Wegs?“ fragte er im Vorbeifahren. „Muſcheln ſuchen,“ gab Alfred raſch zur Antwort, um Willy zu verhindern, die Wahrheit zu ſagen.„Haſt du nach den Vögeln geſehen?“ „Ja; in ein paar Tagen ſind ſie ſo groß, daß ich ſie holen kann.“ „Glück zu!“ rief Alfred. „Danke,“ erwiederte Leo.„Nehmt Euch aber ein bischen in Acht heute! Es iſt mir ganz ſo, als ob da in Südweſten ſich ein Unwetter zuſammen ziehen wollte. Wenn ſich der Wind von dorther aufmacht, wird er Euch bei der Rückkehr gerade in's Geſicht wehen, und dann gibt es ſchwere Arbeit bei dem Rudern. Adieu!“ Er ſchwenkte ſein Ruder zum Gruße, und trieb als⸗ dann ſein Boot ſtetig dem Ufer zu. Seine Warnung vor dem ſchlechten Wetter war in den Wind geredet; weder Alfred noch Willy beachteten ſie. Die Luft war ja ſo ruhig, der Himmel ſo blau, die See ſo glatt und blank, wie ein Spiegel. Die — 67 Fahrt ſollte auch nicht lange dauern. Die Entfernung bis zur Klippe war nicht allzugroß, und Alfred hoffte, daß die Erlegung der beiden alten Seeadler nicht viel Zeit wegnehmen werde. So fuhren die beiden ſorglos weiter, bis die Klippe nur noch etwa fünfzig Ellen weit vor ihnen lag. „Dort oben iſt der Horſt,“« ſagte Alfred.„Man kann ihn zwar von hier aus nicht ſehen, aber die Vögel werden uns bald zu Geſicht kommen. He, da fliegt ſchon Einer! Geſchwind die Flinte, Willy! In weni⸗ ger als einer Minute muß er auf der Klippe ſein!« Willy's ſcharfes Auge entdeckte ebenfalls den mäch⸗ tigen Raubvogel, wie er mit weit ausgebreiteten Schwin⸗ gen das Luftmeer durchſchnitt, einige Augenblicke lang hoch gerade über dem Horſte ſchwebte, und endlich in ſpiralförmigen Kreiſen auf die Klippe ſich niederließ. Seine Hand griff nach der Flinte, aber er zog ſie ſo⸗ gleich wieder zurück, und ſchuͤttelte den Kopf. »„Es würde ein Schuß in's Blaue hinein werden,“ ſagte er.„Die Klippe iſt zu hoch, und der Adler iſt noch dazu hinter dem obern Rande derſelben verſchwun⸗ den. Meine Kugel kann ihn dort nicht erreichen.“ »Aber warum haſt du nicht geſchoſſen, als er noch in der Luft ſchwebte?“ fragte Alfred ärgerlich.„Nach meiner Anſicht hätteſt du ihn da ganz leicht herunter ſchießen können.“ »Nicht ſo leicht, als Sie denken, Herr Alfred,« erwiederte der junge Jäger.„Es iſt immer ein ſchwie⸗ riger Schuß, ſo in die Höhe hinauf auf ein bewegliches Ziel. Schrotkörner trägt die Flinte gar nicht ſo weit, und mit der einzelnen Kugel iſt der Erfolg ſehr un⸗ ſicher. Aber, um Sie zufrieden zu ſtellen, will ich's 68 verſuchen. Auf ein bischen Pulver und Blei ſoll's mir nicht ankommen.“ Willy zog die Schrotladung aus ſeiner Doppelflinte, und ſetzte dafür Kugeln auf. Kaum war er damit fertig geworden, ſo zeigte ſich der zweite Adler in der Luft, und näherte ſich in ſchnellem Fluge der Klippe. Wie der erſte, ſchwebte er erſt ein Weilchen hoch über derſelben, und ſenkte ſich dann, wie jener, in einer Spirallinie nieder. Willy ergriff ſchnell das Ruder, und lenkte das Boot an eine andere Stelle, wo er weniger von der Sonne geblendet wurde. Dann zielte er, und in dem Augenblicke, wo der Adler mit einem letzten Schwunge auf die Klippe niederfliegen wollte, krachte ſein Schuß. Der Vogel ſtieß in einen grellen Schrei aus, überſchlug ſich ein paar Mal in der Luft, ſtürzte dann herunter, und fiel auf die Plattform unten an der Klippe herab. Alfred jubelte. „Das war ein Meiſterſchuß,“ rief er aus.„Aber geſchwind nach der Plattform! Der Adler lebt noch!! Wie es ſcheint, haſt du ihm nur einen Flügel zer⸗ ſchmettert! Herrlich wär' es, wenn wir ihn lebendig fangen, und am Leben erhalten könnten.“ »„Das wäre kein Ding der Unmöglichkeit,« verſetzte Willy, der ruhig ſeine Flinte wieder lud, und dann einen langen ledernen Riemen aus ſeiner Jagdtaſche nahm.„Wir wollen hinüber fahren und den grimmigen Burſchen fangen. Es wird uns gelingen, denk' ich, denn der Flügel iſt allerdings zerſchoſſen, wie ich ſehe.“ Mit einigen kräftigen Ruderſchlägen trieb er das Boot dicht an die Plattform, und ſprang heraus. „»Bleiben Sie im Nachen, Herr Alfred,“ rief er dieſem zu, als derſelbe Miene machte, ihm nachzukom⸗ 69 men.„Obwohl verwundet, hat der Adler immer noch ſeine Fänge und ſeinen Schnabel, und wird vermuthlich böſe damit um ſich krallen und hacken. Sehen Sie nur, was er für Blicke aus ſeinen gelben Augen auf uns ſchießt. Der ſpaßt nicht, und hat auch ſeinen wilden Muth nicht verloren.“ »Alfred ließ ſich das geſagt ſein, und blieb gern im Boote zurück; denn kecker Muth gehörte nicht eben zu ſeinen hervorragenden Eigenſchaften, und er fuͤrchtete ſich vor dem Adler. Nicht ſo der junge Jägerburſche. Dieſer ging dreiſt auf den Adler zu, der ihn mit gering geſträubtem Ge⸗ fieder erwartete, und warf ihm, ehe er Schnabel oder Krallen gebrauchen konnte, mit geſchickter Hand ſein Taſchentuch über den Kopf. Der Adler ſuchte es zwar wieder abzuſchütteln, aber Willy ließ ihm keine Zeit dazu. Er packte den Vogel am Halſe, ſo daß der Kopf von dem Taſchentuche eingehüllt blieb, drückte ihn mit dem linken Arm feſt an den Leib, und ergriff nun die Füße des vergeblich zappelnden Thieres, die er ſchnell mit dem Lederriemen feſſelte. Nun machte er den Kopf des Adlers wieder frei, aber das arme Geſchöpf konnte nicht länger mehr ſchaden. Hülflos lag es auf dem Felſen, und ergab ſich geduldig in ſein Schickſal. Auf dieſen Augenblick hatte Alfred, der dem kurzen Kampfe Willy's mit dem Adler in voller Spannung gefolgt war, nur gewartet. Er ſprang aus dem Kahne auf die Felsplatte, und bewunderte den ſchönen Adler, der als beſiegter Feind zu ſeinen Füßen lag. »Ja, ja, es iſt ein tüchtiger Kerl,« ſagte Willy, welcher ebenfalls mit blitzenden Augen auf den Adler 70 ſchaute.„Ich möchte darauf wetten, daß er mit aus⸗ gebreiteten Flügeln ſeine zehn bis elf Fuß mißt.« »Meſſen wir ſie!« ſagte Alfred. Unmöglich können ſeine Schwingen ſo breit ſein.« »Sie ſollen ſich ſogleich davon überzeugen, Alfred,« erwiederte der junge Jäger.„Nehmen Sie den ver⸗ wundeten Flügel, ich will den andern ausbreiten. Fürch⸗ ten Sie ſich nicht; der Adler thut Ihnen jetzt nichts mehr. Er weiß wohl, daß er ohnmächtig gegen uns iſt.“ Alfred war aber nicht dazu zu bewegen, den Vogel anzugreifen; er fürchtete ſich immer noch vor ihm, ob⸗ gleich er gänzlich wehrlos auf dem Felſen lag. Ueber die Feigheit des großen Burſchen heimlich lachend, maß nun Willy den Adler allein, und fand, daß ſeine Breite mit ausgeſpannten Flügeln in der That mehr als elf richtige Fuß betrug. Alfred ſtaunte, und freute ſich, daß er den ſchönen Vogel lebendig mit nach Hauſe bringen konnte. „Leo wird ſich ſchön ärgern, wenn er ihn in unſerem Parke ſieht,“ ſagte er voller Schadenfreude. »Leo Hagen? Warum denn er ſich ärgern?“ verſetzte Willy.„So wie ich ihn kenne, iſt er nichts weniger als neidiſch.“ „Da kenne ich ihn beſſer,“ erwiederte Alfred kurz und ſchnippiſch.„Aber ich dächte, nun ſehen wir uns nach dem anderen Vogel um. Wenn es möglich wäre, möchte ich alle Beide haben.“ »„Gut, ſteigen wir wieder in's Boot,“ ſtimmte Willy bei, und drehte ſich nach der Stelle um, wo ſie es liegen gelaſſen hatten. Plötzlich ſtieß er einen Schreckensruf aus: : 71 „Barmherziger Gott,“ ſchrie er,„das Boot iſt ver⸗ ſchwunden!“ 4 X„Dort ſchwimmt es!“ rief Alfred, und deutete auf eine Stelle im Meere, die etwa zweihundert Schritt von ſeinem Standpunkte entfernt war.„Du mußt hin⸗ über ſchwimmen, und das Boot holen.“ „Aber ich kann ja nicht ſchwimmen!« antwortete Willy.„Himmel, das iſt ein Unglück! Meine Flinte und Jagdtaſche liegen im Boote, und da ſchwimmt es hin in's offene Meer hinaus, wo es ſich, Gott mag wiſſen wohin, verlieren wird. Dieſer verwünſchte Wind, der vom Lande her weht, hat es fortgetrieben! Daß wir auch gar nicht auf ihn geachtet haben. Können Sie denn nicht ſchwimmen, Alfred?« „Leider nein,“ erwiederte dieſer.„»Das iſt eine ſchöne Geſchichte! Wie ſollen wir nun an das Land zuruͤckkommen?“ „Ja, das weiß ich wahrlich auch nicht,“ ſagte Willy.„»Indeß, das hat weiter nichts zu bedeuten. Man wird Sie zu Hauſe vermiſſen, Alfred, wenn Sie dieſen Abend nicht wie gewöhnlich heim kommen, und dann ohne Zweifel Nachforſchungen anſtellen. Ein Glück, daß Leo uns begegnet iſt. Sie riefen ihm zwar zu, daß Sie Muſcheln ſuchen wollten, und ſagten alſo nicht die Wahrheit;— aber wo anders ſollten wir Muſcheln ſuchen können, als gerade hier? Gewiß wird man auf die Vermuthung kommen, daß wir hier ſind, und uns vielleicht morgen früh ſchon abholen.“ „So ſpät? Das wäre ja entſetzlich,“ ſagte Alfred in kläglicher Geberde.„Ich ſollte die ganze Nacht hier auf der Klippe unter freiem Himmel aushalten müſſen? Mir ſchaudert, wenn ich nur daran denke.« 72 „Ach, das iſt weiter nichts, einmal eine warme Nacht im Freien bleiben,“ entgegnete Willy.„Hab' ich doch manche halbe Winternacht bei grimmiger Kälte auf dem Anſtand zubringen müſſen. Das kümmert mich weiter nicht! Aber daß mein Gewehr fort iſt, und meine Jagdtaſche,— ein wahres Unglück iſt das für mich! Und Sie ſind ganz allein daran ſchuld, Alfred! Sagte ich Ihnen nicht, Sie ſollten im Nachen bleiben? Warum mußten Sie heraus ſpringen? Und da Sie wider meine Warnung heraus ſprangen, warum verſäumten Sie, den Kahn zu befeſtigen? Wahrhaftig, Sie haben ganz gedankenlos gehandelt, und ich muß nun büßen dafür!« „Nun, beruhige dich nur,“ tröſtete Alfred.„Wenn wir wieder an's Land kommen, ſoll dir mein Vater ein anderes Gewehr und eine andere Jagdtaſche kaufen! Aber das iſt eben der Fehler, daß wir nicht am Lande ſind! Ich ſterbe vor Angſt, wenn wir die ganze Nacht hier zubringen müſſen. Und zu eſſen und zu trinken haben wir auch nichts! Schrecklich!e „In meiner Jagdtaſche ſteckt Wurſt und Brod und auch ein Fläſchchen mit Wein Das iſt nun Alles zum Henker durch Ihre Unvorſichtigkeit, Alfred!“ „Koͤnnten wir nur den Kahn wieder kriegen,“ ſprach dieſer ſeufzend.»Da ſieh', Willy! Dreht er nicht um? Am Ende kommt er wieder zurückgeſchwommen!“ „Kein Gedanke daran!« verſetzte Willy ärgerlich. „Eſel, der ich bin, daß ich verſäumt habe, ſchwimmen zu lernen! Aber ich dachte immer, als Jäger hätt' ich's nicht nöthig. Wer konnte auch denken, daß ich je in eine ſolche Patſche gerathen würde! Meine ſchöne Flinte! Die iſt nun wohl auf immer verloren!“ Er ſeufzte, der arme Burſche, und wohl hatte er auch Urſache dazu, denn der Wind machte ſich jetzt allmählig ſtärker auf, und trieb, da er vom Lande her wehte, das Boot immer weiter und weiter in die See hinaus. Bald war es kaum noch als ein dunkler Punkt zu erkennen, und gleich darauf verſchwand es gänzlich aus dem Geſichtskreiſe. „Fort iſt's,« ſagte Willy.„Wiederſehen werden wir's ſchwerlich. Ergeben wir uns alſo geduldig in unſer Schickſal. Das weiß ich aber, ſobald ich wieder an's Land komme, nehme ich Schwimmſtunden. Ein Unfall dieſer Art ſoll mir nicht wieder paſſiren. Sie ſollten es auch ſo machen, wie ich, Alfred!« „Nein,“ erwiederte der, und ſchüttelte den Kopf. „Ich werde mich künftig ſehr in Acht nehmen! Nie wieder trau ich dem Waſſer!« „Beſſer, Sie machen ſich recht vertraut mit ihm,“ entgegnete Willy.„Was man genau kennt und zu beherrſchen verſteht, braucht man weder zu fürchten, noch zu meiden. Nun, wie Sie wollen,“ fügte er hin⸗ zu, als er ſah, daß Alfred eine verdrießliche Miene zeigte.„Lernen Sie nicht ſchwimmen! Ich für mein Theil werde es lernen! Vor der Hand aber,— ſehen wir, wie wir es uns für die bevorſtehende Nacht mög⸗ lichſt bequem machen. Ich fürchte, ſie wird ziemlich unangenehm werden. Leo Hagen hatte recht, als er uns vor dem Wetter warnte. Der Wind treibt dunkle Wolkenmaſſen zuſammen, die ſich demnächſt wohl in Regen auflöſen werden.“ „Wahrhaftig, da fallen ſchon die erſten Tropfen,“ rief Alfred erſchrocken.„Was ſoll aus mir werden? Die Nacht unter freiem Himmel liegen, vor Hunger r 74 nicht ſchlafen können, und auch noch vom Regen durch⸗ näßt werden,— das halt, ich nicht aus!« „Hilft Alles nichts, Sie werden's doch wohl aus⸗ halten müſſen,“ ſagte Willy trocken, und ſuchte ſich ein möglichſt geſchütztes Plätzchen auf dem Plateau.„Neh⸗ men Sie Platz hier neben mir, wir ſind hier durch den Felſen einigermaßen vor dem Winde geſchützt. Der Näſſe freilich können wir nicht entgehen. Wenn der Regen ſo fortmacht, ſind wir in einer Viertelſtunde ſo naß, wie eine gebadete Katze!“ In der That ſtroͤmte der Regen mit Macht aus den Wolken herab, und außerdem machte ſich auch ein heftiger Wind auf und wuchs zu ſolcher Stärke an, daß er mächtig das Meer aufwühlte, und Schaum und Waſſerſtaub über das niedrige Felsplateau hinſchleuderte. Bald brach die Nacht herein, und es wurde ſo dunkel, daß man kaum die Hand vor Augen ſehen konnte. Alfred jammerte und weinte in der kläglichſten Weiſe, während der ſchon mehr in Strapatzen abgehärtete Willy das Ungemach der allerdings ſehr fatalen Lage mit Ge⸗ laſſenheit ertrug, und auf ihre Erlöſung am folgenden Morgen hoffte. Er machte noch einige Verſuche, Alfred zu tröſten und Muth einzuflößen, aber ſie gelangen ſo ſchlecht, daß er endlich ſeine Mühe ſparte, und den ver⸗ weichlichten Burſchen heulen und jammern ließ nach Herzensluſt. Es ſtürmte und regnete noch mehrere Stunden un⸗ unterbrochen fort, und Alfred hatte während dieſer Zeit allerdings viel von Kälte und Hunger zu leiden,— mehr, unendlich viel mehr, als er hätte leiden müſſen, wenn er zu rechter Zeit ſchwimmen gelernt hätte. Er fühlte auch Etwas, wie Reue darüber, daß er es ver⸗ ſäumt, denn leicht hätte er ſich wieder in den Beſitz des fortgetriebenen Nachens ſetzen können, wenn er der herr⸗ lichen Schwimmkunſt mächtig geweſen wäre. Er ſah das ein, jetzt, wo er eingeweicht wurde, wie ein Schwamm im Waſſer, wo die kalte Näſſe ihn wie Fieberfroſt ſchüttelte, und der eiſige Wind das Mark in ſeinen Ge⸗ beinen erſtarren machte. Aber nun kam die Einſicht zu ſpät. Er mußte aushalten, mußte hungern und frie⸗ ren, und am Ende auch noch die ſchlimmen Folgen des böſen Unwetters tragen, die möglicherweiſe noch ärger ſein konnten, als die traurige Nacht ſelbſt. Da half nun nichts weiter, als Geduld und Ergebung. Mochte er die Leiden der rauhen Nacht als eine gerechte Strafe für ſeine Bosheit, die er gegen Leo ausüben wollte, und für ſeine frühere Trägheit und Waſſerſcheu hin⸗ nehmen. Verdient hatte er ſie gewiß. Ein großer Dichter, der herrliche William Shake⸗ ſpeare, ſagt:„Die Stunde geht auch durch den rauhſten Tag!« und ſo geſchah es denn auch hier. Kurz vor oder kurz nach Mitternacht ließen Wind und Regen nach, und hörten allmählig ganz auf. Die Wolken zerſtreuten ſich, glänzende Sterne blinkten freund⸗ lich tröſtend vom Himmel herab, und Müdigkeit und 4 Erſchöpfung drückten zuerſt Willy, dann auch Alfred die Augen zu. Im Schlafe vergaßen ſie das vergan⸗ gene Ungemach, und als ſie bei Aufgang der Sonne wieder erwachten, war die Luft warm und mild, die Sonne ſchien hell, und ihre durchnäßten Kleider waren ihnen auf dem Leibe getrocknet. Alfred hatte allerdings einen tüchtigen Schnupfen durch die gründliche Erkäl⸗ tung davongetragen, und konnte vor Heiſerkeit kaum ſprechen; aber das goldene Tageslicht, und die gegrün⸗ 76 dete Vorausſetzung, daß er nun bald aus dem einſamen Gefängniſſe im Meere erlöst werden würde, ließen ihn den Katarrh weniger beachten, als es ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Willy befand ſich ganz wohl, und wünſchte nur, wie Alfred ebenfalls, daß etwas Speiſe und Trank zur Stillung des Hungers und Durſtes da⸗ geweſen wäre. Beide ſpähten unverwandten Blickes über das Meer nach dem Lande hinüber, und ſuchten zu erforſchen, ob nicht ſchon Anſtalten zu ihrer Abholung getroffen wür⸗ den. Aber noch eine volle Stunde mußten ſie warten, bis endlich Willy den freudigen Ruf ausſtieß:»Sie kommen! Dort ſchwimmt ein Boot auf dem Waſſer und ſteuert in gerader Richtung auf unſere Klippe zu.“ Auch Alfred gewahrte das Boot, und ſtieß ein, freilich von Heiſerkeit etwas gedämpftes, Jubelgeſchrei aus. Das Boot, von kräftigen Armen gerudert, kam ſchnell näher, ohne vom geraden Kurſe abzuweichen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde lag Alfred in den Armen ſeines Vaters, und weinte Freudenthränen an ſeiner Bruſt. „Unvorſichtiger Burſche,“ ſagte der Vater zu ihm, welch' eine angſtvolle Nacht habe ich wegen deiner leichtſinnigen Thorheit erleben müſſen! Warum ließeſt du nicht wiſſen, daß du eine Spazierfahrt hieher machen wollteſt? Ich hätte dir dann zuverläſſige Leute mit⸗ gegeben! Und warum kehrteſt du nicht vor dem Aus⸗ bruche des Sturmes an das Ufer zuruck?« Willy erklärte dieſen Umſtand ſehr einfach durch das Wegtreiben des Bootes. „Das war freilich ein Unglück, an das ich nicht ge⸗ dacht habe,“ ſprach Herr Bolten.„Da iſt es ja ein wahres Glück, daß Euch Leo Hagen geſehen hat, denn ſonſt hätte ich nicht wiſſen können, wo ich Euch ſuchen ſollte, und Ihr hättet ohne das Boot vielleicht einige Tage hier ſchmachten müſſen.“ 6„Alſo Leo hat geſagt, daß wir hier wären?« fragte Willy. „Ja, durch ihn erfuhr ich geſtern Abend ſpät erſt, als ich überall nach Alfred fragen und ſuchen ließ, daß Ihr hieher gefahren, und vermuthlich durch das aus⸗ brechende Unwetter an der Rückkehr verhindert worden wäret,“ erklärte Herr Bolten.„Ich hätte in meiner Herzensangſt Euch in der Nacht ſchon aufgeſucht, aber kein Schiffer wollte bei dem heftigen Sturme und der dichten Finſterniß herüber fahren, und ſo mußte ich warten bis der Morgen anbrach und die tobenden Wel⸗ len ſich beruhigt hatten. Nun, dem Himmel, der Euch behütet hat, ſei Dank, daß ich Euch gefunden. Schnell jetzt in das Boot und an das Land.“ „Gern, Vater! Oh, wie gern,“ ſagte Alfred.»Aber wo iſt der Adler?« „Verſchwunden,“ ſprach Willy.« Vermuthlich hat eine Sturzwelle ihn mit fortgeſchwemmt. So viel weiß ich, ich ſchieße den Andern gewiß nicht, ehe ich nicht ſchwimmen gelernt habe. Schade nur um meine ſchöne Flinte und Jagdtaſche.“ „Ich werde dir reichlich deinen Schaden vergüten, Willy,« beruhigte ihn Herr Bolten.„Alfred iſt daran ſchuld, daß du den Verluſt erlitten haſt, und natürlicher Weiſe bin ich verpflichtet, dafür einzuſtehen. Du ſollſt eine Doppelflinte und eine Jagdtaſche bekommen, ſo gut Beides in der Stadt zu haben iſt.« „Danke, Herr Bolten,“ gab Willy vergnügt zur 78 Antwort.„Dann iſt Alles in beſter Ordnung, denn aus dem bischen Schlafen unter freiem Himmel, und dem Naßwerden, oder vielmehr Naßgeweſen ſein mache ich mir nicht viel.“ Sie ſtiegen nun Alle in das Boot, und wurden von den Fährleuten an's Land gerudert. Alfred hatte als Folge der leidensreichen Nacht ein vierwöchentliches Fieber zu überſtehen. Willy aber bekam eine neue Flinte und Jagdtaſche, und blieb von Krankheit und Unpäßlichkeit verſchont, weil er ſich ſchon längſt körper⸗ lich abgehärtet hatte. Ein paar Tage ſpäter holte Leo die jungen Adler aus dem Horſte auf der Klippe herunter, und hatte ſogar das Glück, kurze Zeit ſpäter auch den Alten zu fangen, dem er eine Drahtſchlinge gelegt hatte. Trium⸗ phirend brachte er ihn ſeinem hochverehrten Lehrer, dem Schuldirektor,— und damit iſt die Geſchichte von den jungen und alten Adlern zu Ende. Alfred aber, als er wieder geſund war, lernte er ſchwimmen?— Nein! Er nahm ſich in der Folge nur noch mehr in Acht, dem Waſſer zu nahe zu kom⸗ men. Seine Scheu vor dem Naßwerden war unüber⸗ windlich. 79. Siebentes Kapitel. Ein Unglück und was daraus erfolgte. Ein Unglück war es, und leider ein ſehr ſchweres und ſchmerzliches, welches den braven Schiffszimmer⸗ mann Hagen einige Zeit nach den erzählten Begeben⸗ heiten treffen, und ſeine Familie tief darnieder beugen ſollte. Bei der Arbeit an einem großen Schiffe brach nämlich eine der Stützen, welche das Schiff aufrecht auf dem Stapel hielten, und die ſtürzende ſchwere Maſſe zerſchmetterte den Kopf des gerade an der gefährlichſten Stelle beſchäftigten Vater Hagen, ſo daß er auf der Stelle todt war, und auch nicht auf einen Augenblick wieder zur Beſinnung gelangte. Mit welchem Schmerze und tiefſtem Jammer Frau Trudchen und Leo erfüllt wurden, als man die blut⸗ überſtrömte Leiche des Gatten, des Vaters, des treuen Ernährers und Verſorgers in das kleine Haus trug,— dies zu ſchildern und auszumalen, ſträubt ſich meine Feder. Viele Wochen vergingen, ehe der heftigſte Stachel des Schmerzes nur einigermaßen ſich abſtumpfte, und immer noch floſſen die Thränen, wenn die Hinter⸗ bliebenen des braven Mannes gedachten. Und ach, wie oft gedachten ſie Seiner! Wie hätten ſie jemals ihn vergeſſen können! Aber das Leben hat ſeine Rechte trotz der Todten, und das Leben forderte ſein Recht von den Hinter⸗ bliebenen des Vaters Hagen. Die Koſten des Begräb⸗ 80 niſſes hatten den nicht ſehr anſehnlichen Vorrath baaren Geldes beinahe erſchöpft, und Frau Trudchen machte ein ſorgenvolles Geſicht, als ſie eines Tages die bittere Erfahrung machen mußte, daß nur noch wenige Thaler in ihrer Geldbörſe übrig geblieben waren. Leo be⸗ merkte die traurige Miene, und hoͤrte den Seufzer, welcher ſie begleitete. „Was haſt du, Mütterchen?“ fragte er.„Du biſt beſtürzt. Läugne es nicht.“ „Nein, ach nein,“ verſetzte die Mutter.„Warum ſollte ich läugnen, was ſich doch nicht lange verheim⸗ lichen läßt? Leo, der Erhalter und Ernährer, dein Vater, fehlt uns! Wir haben nur noch für ein paar Tage zum Leben, und was dann aus uns werden ſoll, das weiß Gott allein!“ Leo ſprang erſchrocken in die Höhe. Daran hatte er noch nicht gedacht, daß einmal das tägliche Brod auf dem häuslichen Tiſche fehlen konnte; jetzt aber plötzlich durchzuckte ihn, wie ein Blitzſtrahl, das Be⸗ wußtſein der wirklichen traurigen Verhältniſſe. Der Ernährer fehlte! Es fehlte die fleißige, erwerbende Hand des Vaters. „In Herrn Boltens Dienſte iſt der Vater verun⸗ glückt,“ rief er aus;„Herr Bolten hat daher die Ver⸗ pflichtung, für dich zu ſorgen, damit es dir nicht am Nothwendigen mangele.“ Die Mutter ſchuͤttelte traurig den Kopf. „Ich glaube nicht, daß Herr Bolten eine ſolche Verpflichtung anerkennen wird,“ entgegnete ſie.»Bis heute hat er ſich nicht einmal herab gelaſſen, mir ein Wort des Troſtes zu ſagen. Auf ſeine Unterſtützung zu zählen, wäre alſo offenbar eine Thorheit.“ 81 „Und doch, liebe Mutter, mußt du einen Verſuch machen und zu Herrn Bolten gehen,“ ſagte Leo.»Er i*ſt ein reicher Mann, und kann unmöglich unbarmherzig gegen die arme Wittwe eines Mannes ſein, der ihm rechtſchaffen gedient, und in ſeinem Dienſte das Leben verloren hat. Geh' zu ihm, liebe Mutter. Gewiß ſind es nur ſeine vielen Geſchäfte, die ihn verhindert haben, dich zuerſt aufzuſuchen.“ „Frau Trudchen, welche die Welt und die Menſchen beſſer konnte, als ihr Sohn, ſchüttelte zwar immer noch zweifelnd den Kopf, aber ſie entſchloß ſich doch, dem Andrängen Leo's nachzugeben, und einen Verſuch bei Herrn Bolten zu machen. Sie kleidete ſich ſäuberlich an, und ging hinüber. Aber ſchon nach einer Viertel⸗ ſtunde kehrte ſie mit betrübter Miene zurück, und Thrä⸗ nen ſtanden in ihren Augen, als ſie zu Leo in die Stube trat. „Du haſt umſonſt gebeten, Mutter 2 rief der Knabe ihr entgegen.„Unmöglich!“ „Ach, mein Sohn, du kennſt die Herzen der Men⸗ ſchen noch nicht,“ erwiederte Frau Trudchen.»Es gibt ſo viele darunter, die härter ſind als Eiſen und Stein. Von Herrn Bolten haben wir nichts zu hoffen. Kurz und barſch hat er mich aus ſeinem Comptoir ge⸗ wieſen. Ungluͤckliche Frau, die ich bin! Was ſoll nun aus mir, was aus dir werden, Leo?“ In Thränen ausbrechend ſank die arme Frau auf einen Stuhl, und verbarg ihr Geſicht in den Händen. Von Schmerz und Zorn erfüllt, ſchlang Leo ſeinen Arm um ihren Hals. „Weine nicht, Mütterchen! Sei ruhig!“ ſagte er mit weicher, ſchmeichelnder Stimme.„Der alte Gott Tüchtig und untüchtig. 6 hoch über den Wolken lebt noch, und Er wird uns nicht ganz verlaſſen! Sieh' auf mich! Ich bin geſund, kräftig und gewandt! Die Schule muß ich nun freilich auf⸗ geben, aber— meiner Hände Arbeit wird hinreichen, uns von der ärgſten und ſchlimmſten Sorge, der ſchwe⸗ ren Sorge um das tägliche Brod, zu bewahren. Ich kann arbeiten, und ich will arbeiten, Mütterchen! Ver⸗ laſſe dich auf mich! Und müßte ich Holz ſpalten oder die Gaſſen kehren müſſen,— am Nothwendigſten wird es uns nicht fehlen. Gräme dich nicht über den Geiz und die Undankbarkeit des reichen Mannes, der es ganz vergeſſen zu haben ſcheint, daß ich eines Tages ſeinem einzigen Sohne das Leben gerettet habe,— der es ganz vergeſſen zu haben ſcheint, daß mein Vater ſein beſter und treueſter Arbeiter geweſen iſt! Stütze dich auf mich! Auf meiner Arbeit, mag ſie auch noch ſo niedrig ſein, wird jedenfalls Gottes Segen ruhen.“ Die Thränen der Mutter verſiechten bei dem tröſten⸗ den Zuſpruche ihres Sohnes. »„Du biſt mein gutes Kind, und ein treues, redliches Herz,“ ſagte ſie, indem ſie mit weicher Hand ſeine glühende Wange ſtreichelte.„Aber du biſt ja noch zu jung, um uns Beiden helfen zu können.“ »Glaube das nicht, Mütterchen,“ verſetzte Leo eifrig. »Bei Zeiten ſchon habe ich meine Kräfte geübt und meine Glieder geſtählt, und was ein gewöhnlicher Tage⸗ löhner leiſtet, das bezweifle ich nicht, ebenfalls leiſten zu können. Morgen in aller Frühe gehe ich in die Stadt, um Arbeit zu ſuchen, und ich weiß, ich werde finden, was ich ſuche. Oh Mutter, Alles wird gut gehen! Wie freue ich mich, daß ich auf dem Turn⸗ platze und in der Schwimmſchule meine Glieder ge⸗ 2 ſchmeidig und zu jeder Anſtrengung geſchickt gemacht habe. Jetzt hoffe ich, den Lohn meines Fleißes zu ärndten, indem ich meine theure Mutter vor Nahrungsſorgen bewahre!“ „So gehe denn hin, mein Sohn, mit meinem reich⸗ ſten Segen,“ verſetzte die Mutter, tief gerührt und er⸗ griffen von Leo's redlicher Kindesliebe.„Ich hoffe! Mit einem treuen Herzen, wie es in deiner Bruſt ſchlägt, wird allezeit Gottes gnädiger Beiſtand ſein. Aber,“ fuhr ſie in verändertem Tone fort, und ihr trü⸗ bes Geſicht hellte ſich auf,—„vielleicht findet ſich auch noch von anderer Seite her Hülfe und Beiſtand!“ „Und von welcher, Mütterchen?« fragte Leo. „Nun, haſt du denn ganz vergeſſen? Bei der letz⸗ ten Ueberſchwemmung retteteſt du doch einem alten Herrn das Leben und Vermögen? Du ſelbſt haſt zwar nicht viel davon geſprochen, aber von Andern hörte ich Alles. Würde Herr Winter nicht etwas für dich thun, wenn du ihn darum angiengeſt?“ „Ach, Mutter,“ verſetzte Leo,„ich kann dir nicht ausdrücken, wie ſehr es mir in der innerſten Seele wi⸗ ſtrebt, den Beiſtand fremder Menſchen anzuflehen, oder, mit anderen Worten, betteln zu gehen, ſo lange ich Kraft zu rechtſchaffener Arbeit in mir fühle. Mit Herrn Bolten war es etwas Anderes! Ihn konnten wir wohl um eine Unterſtützung erſuchen, da er der Brodherr des Vaters, der ihm treu gedient hat, geweſen iſt. Aber einen Fremden angehen? Liebſtes Mütterchen, ver⸗ lange das nicht von mir!« „Nun denn, laſſen wir's, und ſehen wir zu, ob wir uns durch eigene Kraft helfen und erhalten können,“ antwortete die Mutter.„Auch ich kann wohl Einit durch weibliche Arbeiten, wie Nähen, Stricken und Waſchen verdienen. Verſuchen wir es im Vertrauen auf Gottes Beiſtand!“ Obgleich Leo auf die Fürbitte des Herrn Schuldi⸗ rectors nicht Lehrling des Zimmer⸗Gewerkes geworden war, verſtand er dennoch ſehr gut mit Säge und Arxt zu handthieren. So ergriff er denn am nächſten Mor⸗ gen beide Werkzeuge, und begab ſich in die Stadt, um Arbeit zu ſuchen. Auf dem Holzhofe konnte er leicht erfahren, wo man von ſeinen Dienſten wohl Gebrauch machen würde, und der Holzhof⸗Inſpector, der Leo's Vater gut gekannt hatte, ertheilte ihm bereitwillig Aus⸗ kunft darüber, zu welchen Haushaltungen binnen kur⸗ zer Zeit Holz abgefahren werden würde. Drei oder vier Wagen ſtanden ſchon, angeſpannt und mit Klafter⸗ Holz beladen, auf dem Hofe. „Dieſe beiden ſind ſchon mit Holzhackern verſorgt,“ ſagte der Inſpecktor zu Leo.„Der dort aber mit der ſchönen Ladung Buchenholz iſt noch zu vergeben. Ich will dir die Arbeit gern zuwenden, und deßhalb ein paar Zeilen an den Regierungsrath Halldorf ſchreiben, der das Holz beſtellt hat. Aber trauſt du dir denn zu, Leo, daß du die Klafter ganz allein wirſt ſägen und ſpalten können?« „Oh ja, Herr Inſpector,“ verſetzte Leo zuverſicht⸗ lich.„Ich weiß ja mit dem Holze umzugehen; in vier Stunden ſoll die ganze Klafter klein gemacht ſein.“ „»Nun, ich will dir glauben, da ich weiß, daß du kräftiger und gewandter biſt, als viele andere Knaben von deinem Alter,« erwiederte der Inſpector.„Und brav iſt's von dir, daß du für deine arme Mutter dich keiner Arbeit ſcheuſt. Wenn dir das Sägen und Hacken nicht zu ſchwer fällt, kannſt du alle Tage wieder her⸗ b 8⁵ kommen. Eine Klafter Holz wenigſtens will ich dir jeden Tag zuweiſen, und da verdienſt du doch regel⸗ mäßig deinen Thaler alle Tage!« „Oh, das iſt genug für mich und meine Mutter!“ rief Leo erfreut aus.»Mit wahrer Luſt will ich ſä⸗ gen und ſpalten, wenn die Arbeit ſo gut bezahlt wird!« „So komm, ich will dir ein paar Zeilen für den Herrn Regierungsrath mitgeben,“ ſagte der Inſpector, und ging nach ſeinem Expeditions⸗Zimmer. Mit dieſem Briefe begleitete Leo den Holzwagen, der vor einem großen ſchönen Hauſe in der Hauptſtraße anhielt. Während das Holz abgeladen wurde, gab Leo ſeinen Brief ab, und, obgleich ihn der Herr Re⸗ gierungsrath mit einem etwas zweifelnden Blicke von oben bis unten muſterte, ertheilte er doch die Erlaub⸗ niß, daß Leo die Arbeit übernehmen dürfe. Wer war froher, als der wackere Knabe? Mit Eifer ſchritt er zum Werke, und ehe noch vier Stunden verfloſſen wa⸗ ren, hatte er ſeine Aufgabe gelöſt, und ſteckte vergnügt den blanken Thaler ein, welche ihm der Herr Regie⸗ rungsrath mit einigen belobenden Worten einhändigte. „Du biſt fleißig geweſen und haſt deine Sache gut gemacht,« ſagte der Regierungsrath.»Ich werde den Holzhof⸗Inſpector bitten, dir auch für die Folge das Kleinmachen meines Holzes zu übertragen.“ Zufrieden und glücklich bedankte ſich Leo, und eilte dann nach Hauſe, um ſeinem Mütterchen den erſten Thaler, den er durch rechtſchaffene Arbeit verdient hatte, zu üͤberbringen. Die Mutter freute ſich, und liebkoſte ihren wackeren Sohn. Auch ihre Sorge für die Zu⸗ kunft ſchwand dahin, als ihr Leo erzählte, daß d nach dem Hauſe eines gewiſſen Herrn Winters zu 86 Holzhofs⸗Inſpector ihm verſprochen habe, täglich für ihn Sorge zu tragen; und vielleicht zum erſten Male ſeit dem Tode ihres braven Mannes athmete ſie wie⸗ der mit erleichtertem Herzen auf. Der Herr Inſpector hielt Wort. Jeden Morgen erſchien Leo auf dem Holzhofe, und jeden Morgen wurde ihm eine Klafter Holz zugewieſen, die er klein zu machen hatte. Schon nach wenigen Wochen war ihm dieſe Arbeit ſo zur Gewohnheit geworden, daß ſie ihn kaum mehr anſtrengte. Gewöhnlich ſchon gegen Mittag war er mit dem Sägen, Spalten und Auſſchich⸗ ten des Holzes fertig, und konnte der Mutter ſeinen Verdienſt überbringen. Derſelbe reichte vollkommen aus, die nothwendigen Lebensbedürfniſſe zu beſtreiten, und Leo gewann dadurch Zeit, die er mit eiſernem Fleiße zu ſeiner ferneren theoretiſchen Ausbildung ver⸗ wendele. Die Schule konnte er freilich nicht mehr be⸗ ſuchen, aber es fehlte ihm nicht an Büchern, die er ſtudirte, und ſo Tag für Tag ſeine Kenntniſſe ver⸗ mehrte. Der Herr Direktor unterſtützte ihn dabei nach Kräften, und brachte manche Nachmittags⸗Stunde in dem kleinen Häuschen neben den Werften zu, um die einſamen Studien Leo's zu regeln und ihm wohlwol⸗ lende, fördernde Rathſchläge zu ertheilen. So kam es, daß Leo auch geiſtig immer weiter ſich ausbildete, und faſt nichts dadurch verlor, daß er den Unterricht in der Schule entbehren mußte. Etwas über ein Jahr hatten dieſe einfachen Ver⸗ hältniſſe ſo fortgedauert, ohne irgend eine Unterbrechung zu erleiden, als Leo eines Tages vom Herrn Inſpektor dem Holzhofe die Weiſung erhielt, unverzüglich ———— 87 eilen, um für denſelben eine Klafter Holz klein zu machen. „Der Wagen mit dem Holze iſt ſchon voraus,“ ſagte er.„Doch habe ich dem Fuhrmann die Weiſung ertheilt, keinem anderen Holzhauer die Arbeit zu über⸗ laſſen. Spute dich aber ein Bischen, damit du zu rechter Zeit an Ort und Stelle kommſt. Der alte Herr Winter iſt ein braver Mann, der deine Arbeit gut be⸗ zahlen wird, weßhalb ich eben wünſche, daß du ſeine Kundſchaft erhalten möchteſt.« „Herr Winter heißt der Herr?« fragte Leo über⸗ raſcht.„In der Ritterſtraße?« „Ja wohl, derſelbe! Er lebt ganz allein, iſt ſchwer 55 und hat weder Weib noch Kind. Kennſt du ihn?“ „Ich kannte ihn früher, habe aber ſeit anderthalb Jahren nichts von ihm gehört oder geſehen.“ „Ja, das iſt kein Wunder,“ ſagte der Inſpektor. „Als er geſtern die Klafter Holz bei mir beſtellte, er⸗ zählte er mir, daß er länger als fünfviertel Jahre in Berlin geweſen ſei, um dort eine verwickelte Erbſchafts⸗ Angelegenheit zu löſen. Erſt ſeit ein paar Tagen wäre er wieder zurück. „Nun, ich will mich beeilen, ihm ſein Holz zu ſpal⸗ ten,“ ſagte Leo, und verabſchiedete ſich, ohne weiter zu erwähnen, welchen Dienſt er eines Tages dem alten Herrn geleiſtet hatte. Er erreichte das wohlbekannte Haus, ehe noch der Holzwagen vollends abgeladen war, und machte ſich, wie gewoͤhnlich, ſofort an ſeine Arbeit. Seine Gedanken dabei waren aber nicht die ge⸗ wöhnlichen. „Ob er dich wohl wieder erkennen wird, der alte Herr?« fragte er ſich ſelbſt, während ſeine Säge krei⸗ ſchend durch die Holzſcheite fuhr.„Und was er wohl ſagen wird, wenn er mich erkennt, und als Tagelöhner wieder findet? Ob er wohl mit Geringſchätzung auf mich herabſehen würde? Nein, nein! Dazu iſt ſein Herz viel zu weich und gut. Aber er wird mich auch gar nicht wiederkennen in meinem ſchlichten Anzuge. Ich habe mich gewiß ſehr verändert ſeit anderthalb Jahren, bin größer und ſtärker und viel brauner im Geſicht geworden. Da wird er ſich meiner wohl ſchwer⸗ lich erinnern, wenn ich nicht ſelber ſein Gedächtniß an⸗ friſche. Ob ich das thue? Oder nicht? Nein, nicht! Er könnte es für eine Zudringlichkeit halten, oder wohl gar denken, daß ich ihn mit dieſen Zumuthungen be⸗ läſtigen wolle. Darum fein ſtill und zurückhaltend. Erkennt er mich, nun, ſo iſt's gut, und ich werde mich nicht verläͤugnen, oder gar noch meiner Arbeit ſchämen! Erkennt er mich aber nicht, ſo ſchweig ich! Abge⸗ macht!« Mit gelaſſenem Fleiße ſägte er weiter, und hatte ungeſtört ſein Tagewerk bis auf wenige Scheite Holz zu Ende gebracht, als, von ihm unbemerkt, die Haus⸗ thüre von innen geöffnet wurde, und Herr Winter in eigener Perſon auf der Schwelle erſchien. Er warf Leo, den er für einen gewöhnlichen Holzhauer halten mußte, erſt einen nur flüchtigen und gleichgültigen Blick zu. Gleich darauf aber zuckte er ſichtlich zuſammen, Erſtaunen, vermiſcht mit Zweifel und Schrecken, malte ſich in ſeinen Mienen, und ſein immer noch helles und ſcharfes Auge ſchien den jungen Menſchen durchbohren zu wollen. „Leo!« rief er endlich;„Leo Hagen! Du biſt es. 89 Was, um Gotteswillen iſt geſchehen, daß ich dich bei einer ſolchen Beſchäftigung finden muß?« Und ehe ſich Leo noch von ſeiner Ueberraſchung er⸗ holen konnte, ſtand Herr Winter neben ihm, und ſchloß ihn auf offener Straße in ſeine Arme. Laß deine Arbeit jetzt ruhen, und folge mir in meine Stube,« fügte er hinzu.„Du mußt mir Alles erzäh⸗ len, was dir während meiner Abweſenheit paſſirt iſt! Ich fürchte, ich werde ſchlimme Dinge erfahren. Gro⸗ ßer Gott, daß ich auch nichts früher vernahm, und dich nun als Taglöhner auf der Straße finden muß!« „Das iſt ja nichts Schlimmes weiter, Herr Win⸗ ter,“ verſetzte Leo, der ſich mittlerweile gefaßt hatte. „Arbeit iſt keine Schande, und nun gar nicht, wenn man für eine gute Mutter arbeitet.“ „Und dein Vater?“ Eine traurige Geberde Leo's war die Antwort. „Alſo todt! Welch' ein Unglück! Komm, komm, Leo! Hier auf der Straße läßt ſich nicht reden. Folge mir!“. „Sogleich, Herr Winter,“ erwiederte Leo.„Ge⸗ ſtatten Sie mir, die paar Scheite da noch klein zu ma⸗ chen, dann bin ich mit meiner Arbeit zu Ende und habe mein Tagelohn redlich verdient.“ „Es iſt nicht nöthig, das kann ein Anderer beſor⸗ gen,« verſetzte Herr Winter. Aber Leo ließ ſich nicht abhalten. Eiligſt beendigte er ſein Geſchäft und folgte dann Herrn Winter in das Haus. Er hatte die letzte Klafter Holz in ſeinem Leben für Taglohn geſägt, denn was nach dem Zuſammen⸗ treffen des würdigen alten und reichen Herrn geſchah, das kann ſich ein Jeder ſelber leicht denken. „s bleibt alſo dabei,“ ſagte Herr Winter, als ſich Leo nach einer ſtundenlangen Unterhaltung von ihm verabſchiedete.„Du biſt von jetzt an mein Pflegeſohn, und wirſt heute noch mit deiner Mutter eine Wohnung in meinem Hauſe beziehen. Das Häuschen draußen wollen wir in Zukunft als Sommer⸗Aufenthalt benutzen, da mir der wilde Eisſtrom ja mein eigenes Landhaus zerſtört und weggeriſſen hat. Hole alſo deine Mutter. Ich erwarte euch in ſpäteſtens zwei Stunden, und werde hier mittlerweile das Nöthige für euer bequemes Unter⸗ kommen beſorgen. Adieu, mein lieber Junge, und auf baldiges Wiederſehen!“ Alles geſchah, wie Herr Winter es anordnete. Leo's Mutter ſträubte ſich natuͤrlich nicht, die Wohl⸗ thaten des reichen Mannes anzunehmen, der Leo ein zweiter Vater zu ſein verſprach, und ihm die beſten Ausſichten für eine geſegnete Zukunft eröffnete. Herr Winter, Frau Trudchen und Leo bildeten fortan nur Eine Familie, und beglückten ſich gegenſeitig durch die aufrichtigſte und innigſte Liebe. Wir ſind mit unſerer kleinen Erzählung nun eigent⸗ lich am Ende. Nur einen flüchtigen Blick wollen wir noch auf die wichtigſten darin vorkommenden Perſonen werfen, und zuſchauen, wie es nach Ablauf von zehn Jahren bei ihnen ausſieht. Es iſt ſchnell erzählt. Herr Winter alſo, Frau Trudchen und Leo ſind alle drei noch friſch und geſund, aber ſie wohnen nicht mehr in des alten Herrn Hauſe in der Stadt, ſondern in dem ſchönen, vom Parke umgebenen Gebäude des Herrn Bolten in der Nähe der Werfte. Leo hat ſich 91 im Lauf der Jahre zu einem tüchtigen Ingenieur und Schiffsbauer ausgebildet, und da Herr Bolten durch verſchiedene Umſtäͤnde in ſeinen Vermögens⸗Verhältniſ⸗ ſen ſehr zurückgekommen, vor einiger Zeit ſein Hab und Gut, Werfte, Haus und Garten mit allen Vorräthen in öffentlicher Verſteigerung verkaufen mußte, ſo benützte Herr Winter die Gelegenheit, einen feſten Grund zu ſeines Pflegeſohns Zukunft zu legen, kaufte das ganze Anweſen des Herrn Bolten, und übertrug die Leitung der Geſchäfte dem dazu ganz paſſenden und tüchtigen Leo. Herr Bolten iſt in Armuth, vor Kummer und Noth geſtorben. Sein Sohn Alfred wäre vermuthlich ebenfalls im Elende untergegangen, wenn ſich nicht Leo ſeines Schickſals erbarmt hätte. Er ſtellte ihn in ſei⸗ nem Bureau als Schreiber an, und belohnte ſeine aller⸗ dings nur geringen Dienſte ſo freigebig, daß der Un⸗ glückliche wenigſtens nicht Mangel zu leiden brauchte. Der Herr Schuldirektor und der wackere Schwimm⸗ Meiſter ſind faſt tägliche Gäſte bei Leo's Pflegevater, und zählen zu den liebſten und bewährteſten Freunden des Hauſes. Zufriedenheit und Glück haben eine ſchöne Heimath unter ſeinem Dache gefunden. Leo, das haben wir geſehen, verdankt ſein beneidens⸗ werthes Loos ſeiner Geſchicklichkeit in körperlichen Ue⸗ bungen, mit welcher die Ausbildung ſeines Geiſtes Hand in Hand ging. Alfred leidet an den Folgen ſeiner leiblichen und geiſtlichen Trägheit. Freundlicher Leſer, du kannſt nicht zweifelhaft darüber ſein, weſſen Beiſpiele du folgen mußt.—— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. Auunuunuranunuununnanunarunöu 16 17 18