e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückäabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 — — — wird. 5 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß vorgus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 8 „ 7 1 5„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern e.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4. 7. Rusſone ein. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — ͤ ———ℳ——— Bange Tage. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Frun Vaffmann. Mit vier Stahlnichen. 41 Stuttgart. 8 4 3 Verlag von Schmidt& Spring. 4 1862. b ““ — Erſtes Kapitel. Fonntag den 22. Auguſt 1813. Vater Erdmann trat aus der Hinterthür des Hau⸗ ſes, und gieng langſamen Schrittes über den Hof in den Garten. Ein ſtattlicher Greis, hielt er ſich noch feſt und ſtramm aufrecht, trotz der weißen Locken, die in dichter Fülle ſeine Schläfe beſchatteten. Ein ſchwar⸗ zes Sammetkäppchen bedeckte ſeinen Scheitel. In ſei⸗ nen ernſten würdigen Zügen, in der gefalteten Stirn und den umflorten Augen prägten ſich deutlich ſchwere Sorgen und Kümmerniſſe aus. Am Ende des Gartens lag eine geräumige Laube, welche, dicht umrankt von breitblättrigem Pfeifen⸗ ſtrauch, Schutz vor den brennenden Sonnenſtrahlen und erquicklichſten Schatten gewährte. Ein Tiſch und ein paar Bänke von weißem Holze ſtanden darin. Vater Erdmann ſetzte ſich in der dunkelſten Ecke der Laube nieder, ſtützte den Kopf auf den Arm und ver⸗ ſank in ein ſtilles, augenſcheinlich trauriges und ſchwer⸗ müthiges Nachdenken. Bange Tage. 1 2 Der Tag war heiß, die Luft ſchwül und drückend. Kein Blättchen an Baum und Strauch regte ſich. Die blühenden Reſeda⸗Büſche hauchten ſüßen, faſt be⸗ täubenden Duft aus. Leiſe rauſchte und murmelte das Waſſer des Mühlgrabens, der dicht am Garten vor⸗ über floß, und das große Rad der Schneidemühle in Bewegung ſetzte,— heißt das, an den Wochentagen heute nicht, denn es war Sonntag, der Tag des Herrn, an dem die Arbeit ruhte, nach dem Gebote Gottes. Auch die ganze Natur ſchien zu ruhen. Ringsum unterbrach nichts die tiefe Stille, als zuweilen das liebliche Flöten und Zwitſchern einer Grasmücke, die nicht weit von der Laube in dem dichten Geblätter eines großen Fliederbuſches verborgen ſaß. Vater Erdmann lauſchte ſonſt gern dem anmuthi⸗ gen Geſange des Vögelchens, das ihm ein alter ver⸗ trauter Freund war, da es ſchon ſeit Jahren jeden Frühling in dem Fliederbuſche ſein Neſt gebaut hatte. Heute aber hatte er kein Ohr für die ſchmelzenden Strophen des befiederten kleinen Sängers; er mußte über Wichtigeres denken, ſinnen und grübeln. Dumpfe Glockenſchläge dröhnten jetzt durch die Luft. Es ſchlug drei Uhr vom Thurme der Kreuz⸗ kirche in Dresden. Kaum war der letzte Ton ver⸗ hallt, ſo knarrte abermals die Gartenthür, und leichte Schritte näherten ſich der Laube auf dem mit Kies beſtreuten Wege. Frau Erdmann erſchien im Eingange derſelben mit dem Kaffee⸗Geſchirr. Sie pflegte im⸗ mer des Sonntags Nachmittags, wenn es das Wet⸗ ter irgend erlaubte, im Kreiſe der Ihrigen den Kaffee in der Laube zu trinken. Mit geſchäftiger Hand 3 breitete ſie ein weißes Tuch über die faſt eben ſo weiße Tiſchplatte aus, ſtellte vier Taſſen an die alt⸗ gewohnten Plätze, füllte ſie aus der großen bunt ge⸗ blümten Meißner Kaffee⸗Kanne, und wendete jetzt ihre Blicke ihrem ſchweigend daſitzenden Gatten zu. Als ſie deſſen verfinſterte Miene gewahrte, erſchrak ſie. „Was iſt dir begegnet, Mann?“ fragte ſie haſtig, und legte mit liebevoller Beſorgniß ihre Hand auf ſeine Achſel.„Haſt du ſchlimme Neuigkeiten aus der Stadt mitgebracht?“ Vater Erdmann ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, und ſchüttelte leiſe das ehrwürdige graue Haupt. Gutes iſt es freilich nicht, was ich in Dresden gehört habe,“ gab er zur Antwort.„Ich fürchte, ich fürchte, Mutter, daß uns ſehr ſchwere Stunden und Tage ganz nahe bevorſtehen. Iſt Wilhelm noch nicht aus der Stadt zurück?“ „Eben kam er, als ich das Kaffee⸗Geſchirr in den Garten trug,“ verſetzte Frau Martha.„Auch Mal⸗ chen iſt vor fünf Minuten gekommen, und ſagte mir hocherfreut, daß ſie auf den ganzen Nachmittag Ur⸗ laub von ihrer gütigen Herrſchaft bekommen hätte. Darum habe ich gleich die vierte Taſſe mit herausge⸗ bracht. Es erfreut mich doch ſehr, Vater, daß unſer Malchen bei der Frau Kriegsräthin ein ſo gutes Un⸗ terkommen gefunden hat.“ „Ja, ja, die Frau Kriegsräthin iſt eine brave, herrliche Dame, die ein Herz auch für arme Leute hat, wie wir ſind,“ gab Vater Erdmann zur Ant⸗ wort.„Doppelt lieb iſt mir's, daß Malchen bei ihr in der Stadt wohnt, da wir hier außen vor den Thoren nicht viel Gutes zu erwarten haben.“ 1* 4 „Aber wegen was eigentlich ſorgſt du denn und kümmerſt dich?“ fragte Frau Martha, von Neuem er⸗ ſchreckt und beſtürzt. „Soll ich etwa ruhig ſein, wenn ich weiß, daß ſich in nächſter Zeit, übermorgen, morgen vielleicht ſchon, ein furchtbares Gewitter über unſer ſchönes, unglückliches Dresden entladen wird?“ entgegnete der Vater.„Ja, ja, ſteh' mich nur verwundert und ver⸗ ſtört an,— ich ſpreche leider die Wahrheit. Ruſſen, Preußen und Oeſtreicher, an die zweimalhunderttau⸗ ſend Mann ſtark, ſind von Böhmen her gegen Dres⸗ den im Anmarſch, um die arme Stadt entweder dem Franzoſen zu entreißen, oder ſie in Grund und Bo⸗ den hinein zu ſchießen, und ſie in einen Trümmer⸗ haufen zu verwandeln. Und wir hier außen vor den Thoren, wir werden die Erſten ſein, die alle Schrecken des Kriegs zu koſten bekommen. Frage nur unſeren Wilhelm, er weiß vielleicht noch mehr zu berichten, als was ich nur ſo im Vorbeigehen erfahren habe. Da kommt er ſchon, und Malchen mit ihm. Nun, Wilhelm? Was für Neuigkeiten?“ „Schlimme, Vater,“ verſetzte Wilhelm, ein kräfti⸗ ger hübſcher Burſche in ſeinem ſechszehnten Lebens⸗ jahre.„Ich habe für ganz gewiß gehört, daß die Verbündeten ſchon über die Sächſiſche Gränze vorge⸗ rückt ſind, und morgen, ſpäteſtens übermorgen vor Dresden erſcheinen werden. Die Stadt ähnelt einem großen Bienenkorbe, ſo ſchwärmen die Fran oſen auf Franz den Straßen und Plätzen umher. Ich war vor dem Quartiere des Marſchalls St. Cyr, der die Truppen in der Stadt befehligt, und da habe ich mit meinen eigenen Augen geſehen, wie die Franzoſen die Köpfe zuſammenſtecken, und ſich gegenſeitig ihre Befürchtun⸗ gen in die Ohren raunen. Officiere und Soldaten, Alles wimmelt und wirbelt dort durch einander. Ei⸗ nen General hörte ich zu einem Anderen leiſe ſagen: „Wenn der Kaiſer Napoleon nicht zur rechten Zeit ein⸗ trifft, dann ſind wir, und iſt Dresden mit verloren!“ Der Andere nickte mit ſorgenvoller Miene dem Gene⸗ ral beiſtimmend zu, und murmelte Etwas, was ich nicht verſtand. In der Zeit von kaum einer halben Stunde kamen wohl ſechs Ordonnanz⸗Officiere in wil⸗ deſtem Galopp angeſprengt, und eben ſo viele wur⸗ den vom Marſchall St. Cyr abgeſchickt, um nach Schleſten zu eilen und Napoleon von der drohenden Gefahr, in der Dresden ſchwebt, zu benachrichtigen. Ein Getümmel, ein Lärm und Spektakel herrſcht auf dem Platze, von dem man ſich keine Vorſtellung ma⸗ chen kann, wenn man es nicht ſelber geſehen und ge⸗ hört hat.“ „Das läßt ſich denken,“ ſagte Vater Erdmann ſorgenvoll.„Den Franzoſen mag nicht eben wohl zu Muthe ſein, wenn wirklich die ganze Böhmiſche Ar⸗ mee der Verbündeten gegen ſie anrückt. Aber viel⸗ leicht,— und das iſt noch meine einzige Hoffnung,— vielleicht iſt Alles nur ein blinder Lärm. Wie ſollten ſie in Böhmen ſo ſchnell erfahren haben, daß Napo⸗ leon mit dem größten Theile ſeines Heeres gegen Blücher nach Schleſien ausgerückt iſt? Nein, nein! Noch bleibt uns ein Hoffnungsfunken übrig!“ „Den muß ich leider auslöſchen, lieber Vater,“ nahm jetzt ein junges Mädchen von etwa ſiebzehn Jahren, die ganz unbemerkt in die Laube getreten war, mit ſanfter Stimme das Wort. „Du, Malchen? Wie meinſt du das?“ fragte Va⸗ ter Erdmann überraſcht. „Nun, ehe ich von meiner Herrſchaft fortgieng,“ erwiederte Malchen,„kam der Vetter der Frau Kriegs⸗ räthin, der Herr Oberſt Schettler, zum Beſuch. Er war ſehr aufgeregt, ſo ſehr, daß er mich im Zimmer gar nicht bemerkte. „Schlimme Neuigkeiten, gnädige Frau Tante,“ ſagte er.„Vor wenigen Augenblicken erhielt ich eine Staffette von der Böhmiſchen Gränze. Vier Heerſau⸗ len der Verbündeten, Ruſſen, Preußen und Oeſtrei⸗ cher, haben den Sächſiſchen Boden betreten. Sie wa⸗ ren auf dem Marſche nach Leipzig, empftengen aber unterwegs die Nachricht, daß Napoleon mit ſeiner Hauptmacht nach Schleſien gegangen ſei, und augen⸗ blicklich wurde der urſprüngliche Marſch⸗Plan verän⸗ dert, und die alliirte Armee auf Dresden zu dirigirt. Wir ſind auf's Aeußerſte bedroht. Zwar ſind ſchon Couriere über Couriere an Napoleon abgefertigt, um ihn zurückzurufen, aber es iſt ſehr die Frage, ob er noch zur rechten Zeit wieder in Dresden eintreffen kann. Auf jeden Fall haben wir ſchwere Kämpfe um, und vielleicht auch in Dresden, wenn nicht gar eine allgemeine Plünderung zu erwarten, und ich rathe Ihnen daher, meine gnädige Tante, bei Zeiten Ihre Vorſichtsmaßregeln zu treffen.“ „Aber was ſoll, was kann ich thun?“ fragte die Frau Kriegsräthin endlich. „Ihre Gelder, Ihre Papiere, Ihre Koſtbarkeiten in Sicherheit bringen, Ihr Silber vergraben, Ihre werthvollſte Habe im tiefſten und entlegenſten Keller verbergen,“ verſetzte der Oberſt.„Sie wiſſen, Sach⸗ 46 — ſen iſt der Verbündete Napoleon's, und die alliirten Mächte werden es deshalb natürlich als Feindes⸗Land betrachten, und im äußerſten Falle weder Leben noch Eigenthum ſchonen. Das iſt einmal Kriegsbrauch, und wir haben kein Recht, uns darüber zu beklagen, ſondern müſſen dulden, ausharren, und— uns ſel⸗ ber zu ſichern und zu ſchützen verſuchen, ſo gut es ge⸗ hen will.“ Aber das Sächſiſche Volk iſt doch nicht franzöſiſch geünnt, wenn auch die Regierung, durch dringende Umſtände gezwungen, Hand in Hand mit Napoleon gehen muß,“ wendete die Frau Kriegsräthin ein. „Man muß das bei den Alliirten ſo gut wiſſen, wie bei uns, und darum kann ich nicht glauben, daß man eine gut deutſch geſinnte Stadt von Seiten der Alliir⸗ ten beſchießen oder gar plündern werde!“ „Geben Sie ſich nicht dergleichen Hoffnungen hin, gnädige Tante,“ verſetzte der Herr Oberſt darauf. „Der Krieg erhält nicht und ſchont nicht, er zerſtört nur. Am allerbeſten wäre es, wenn Sie ſich ent⸗ ſchließen könnten, Dresden für einige Zeit ganz und gar zu verlaſſen, und eine Zuflucht, vielleicht in Ber⸗ lin, zu ſuchen.“ „Nimmermehr,“ erwiederte meine gnädige Frau, die, ſo gut und ſanft, wie ſie ſonſt iſt, doch Herz und Muth hat, wie ein Mann.„Ich bleibe, und will doch ſehen, ob deutſche Landsleute, deutſche Brüder, gegen eine ſchutzloſe deutſche Frau Gewalt gebrauchen werden. Nie kann ich ſo etwas glauben oder fürchten!“ „Aber bedenken Sie, gnädige Tante,“ ſagte der Herr Oberſt dringender,—„die Bomben, die Gra⸗ 1 8 naten! Dresden wird jedenfalls heftig beſchoſſen werden! Wenn eine Feuersbrunſt entſteht, wenn die Flammen an zehn, an hundert Orten vielleicht zugleich auflodern, was dann?“ „Dann,“ erwiederte meine Gnädige ganz abſolut, —„dann wird es immer beſſer ſein, wenn ich ſelber da bin, um nach meinem Eigenthum zu ſehen, als wenn ich dies fremden Leuten überlaſſen ſollte. Nichts mehr davon, lieber Oberſt! Ich bin entſchloſſen, zu bleiben! Wo iſt denn in jetzigen ſchwer bewegten Zeiten ein Plätzchen in Deutſchland, von dem man ſagen könnte, daß es ein ganz ſicherer Zufluchtsort wäre? Iſt Berlin etwa weniger bedroht, als Dres⸗ den? Nein, nein! Gott iſt überall, und wenn Er eine ſchwache Frau ſchützen will, ſo kann Er es hier eben ſo gut, wie anderswo. Ich bleibe!“ Der Herr Oberſt mochte wohl einſehen, daß der Entſchluß der gnädigen Frau nicht zu erſchüttern ſei. Er zuckte die Achſeln, und brach das Geſpräch ab. Bald nachher empfahl er ſich, und die gnädige Frau wandte ſich jetzt zu mir, die ich ſchüchtern bei Seite ſtand, und nicht mehr daran dachte, hierher zu gehen, obgleich ich ſchon die Erlaubniß dazu bekommen hatte, „Nun, Malchen, du biſt noch nicht fort?“ fragte ſte mich ganz ſanft und freundlich. „Ach, gnädige Frau,“ antwortete ich,—„ich war ja hier und habe Alles gehört, was der Herr Oberſt geſagt hat. Wie kann ich Sie da verlaſſen? Soll ich denn nicht gleich anfangen, alle Ihre werthvollen Sachen in den Keller zu räumen?“ „Nein, liebes Kind, das hat keine ſo große Eile,“ 9 ſagte ſie lächelnd.„Geh' du nur zu deinen Aeltern, und laß dir nicht allzu bange machen. Bis die Alliir⸗ ten vor Dresden ankommen, werden wohl noch ein paar Tage vergehen. Wir haben alſo jedenfalls noch morgen und übermorgen Zeit, wenn es nöthig ſein ſollte, Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Alſo geh' nur! Meine Aengſtlichkeit, die übrigens auch gar nicht vor⸗ handen iſt, ſoll dir nicht den ſchönen Sonntags⸗Nach⸗ mittag verderben. Geh' nur, Kind!“ Nun, da küßte ich meiner gnädigen, guten Herr⸗ ſchaft die Hand, und nun bin ich hier. Ich denke, da die Frau Kriegsräthin keine großen Beſorgniffe hegt, dürfen wir wohl auch unbeſorgt und ruhig ſein.“ „Was mich anbetrifft, ſo bin ich darüber anderer Meinung, und gebe dem Herrn Oberſten Schettler vollkommen Recht,“ verſetzte Vater Erdmann.„In der Frau Kriegsräthin Stelle würde ich zu jetziger Zeit gewiß nicht in Dresden bleiben.“ „Aber warum bleiben wir dann?“ fragte die Mutter mit dem Ausdrucke lebhafter Beſorgniß. „Wenn du ernſtliche Gefahren befürchteſt, Vater, ſo laß uns doch fortgehen!“ „Haben wir die Mittel dazu, uns in fremden Landen zu erhalten, Mutter?“ verſetzte Vater Erdmann. „Sollen wir als Bettler und Strolche umherſchweifen, und die Mildthätigkeit fremder Menſchen in Anſpruch nehmen? Soll ich mein Haus und die Sägemühle mit unſerem ganzen Bischen Habe ohne Schirm und Schutz der Willkühr der Soldaten preisgeben? Wenn wir flüchten wollten, ſo hieße das, uns mit offenen Augen in's Elend und Verderben ſüürzen. Nur wenn 4 10 wir bleiben und im Vertrauen auf Gottes Schutz ge⸗ faßt und muthig ausharren, dürfen wir hoffen, we⸗ nigſtens Etwas aus dem uns drohenden Sturme zu retten. Mit der Frau Kriegsräthin iſt das etwas ganz Anderes. Sie iſt eine reiche Dame, und nichts hindert ſie, wenn ſie einen andern Aufenthalt, einen weniger gefährlichen, als Dresden, nehmen wollte.“ „Dann meinſt du wohl auch, daß wir Malchen nicht wieder zur Frau Kriegsräthin gehen laſſen ſoll⸗ ten?“ fragte die Mutter. „Gott ſoll mich vor einer ſolchen Meinung bewah⸗ ren,“ verſetzte der Vater.„Malchen iſt bei der Frau Kriegsräthin im Dienſt, und da verſteht es ſich doch wohl ganz von ſelbſt, daß ſie bei ihr aushalten muß in ſchlimmen ſowohl, wie in guten Tagen.“ „Ja, das denke ich auch,“ ſagte das muthige junge Mädchen.„Meine gnädige Herrſchaft werde ich nun und nimmer im Stich laſſen.“ „So will es deine Pflicht, und wer dieſer folgt, wird allezeit Schutz beim Höchſten finden,“ ſprach der Vater. Eine Pauſe tiefen Schweigens folgte dieſen ent⸗ ſcheidenden Worten, welche übrigens Jedem der An⸗ weſenden aus der Seele geſprochen waren. „Kommt Zeit, kommt Rath,“ ſagte die Mutter endlich, indem ſie den Druck der bangen Stille mit raſcher Entſchloſſenheir von ſich abſchüttelte.„Warum ſollen wir ſorgen für zukünftige Tage, da doch jedes Haar auf unſerem Haupte gezählt iſt, wie die heilige Schrift ſagt. Der Krieg iſt uns ja nichts Neues! Was haben wir nicht ſchon für Durchmärſche erlebt von Freund und Feind nur erſt im vergangenen 11 Frühjahre noch, und trotzdem iſt uns, wenn's freilich auch manch' liebes Mal knapp zuging in Küche und Keller, doch eigentlich kein beſonderes Unglück paſſirt. Darum nur Muth und Zuverſicht!“ „Aber eine Belagerung, Mutter!“ ſprach Vater Erdmann.„Das iſt ein anderes Ding, als das bloße Durchmarſchiren, wo man nur dafür zu ſorgen hat, daß es nicht am nöthigen Proviant für etwaige Ein⸗ quartierung mangelt. Eine Belagerung und Beſchie⸗ ßung aber! Mein ſeliger Vater hat mir manchmal davon erzählt, wie Dresden anno 60 im ſiebenjähri⸗ gen Kriege vom alten Fritz und ſeinen Preußen be⸗ ſchoſſen wurde. Da iſt's erſchrecklich zugegangen! Die halbe Stadt wurde in Schutt und Aſche gelegt, Hun⸗ derte von friedlichen Bürgern wurden auf den Straßen und in ihren Häuſern von den einfallenden Bomben erſchlagen, ganze Familien kamen vor Elend und Hun⸗ ger in Verzweiflung um. Gott ſchütze uns vor ſolchen Gräueln in Gnaden!“ „Wer weiß, Vater, ob es überhaupt heutzutage ſo weit kommen wird,“ verſetzte die Mutter, welche ſich jetzt vom erſten Schrecken erholt hatte, und ſchnell ihre gewöhnliche Ruhe und Beſonnenheit wiederge⸗ wonnen. Bis jetzt handelt es ſich doch eigentlich nur um unbeſtimmte und unverbürgte Gerüchte. Wenn die Verbündeten ſchon ſo nahe bei Dresden wären, hätte uns Vetter Franz, der bei den Oeſtreichern ſteht, doch wohl eine Nachricht zukommen laſſen!“ „Vetter Franz, ein ſimpler Unter⸗Officier!“ er⸗ wiederte der Vater achſelzuckend.„Den werden die Herren Generale wohl ſchwerlich in den Kriegsrath eingeladen haben. Eher könnten wir noch etwas 12 Näheres von Vetter Heinrich erfahren,— aber er hat ja mit anderen ſächſiſchen Soldaten dem Kaiſer Na⸗ poleon nach Schleſien folgen müſſen. Großer Gott, in was für ſchweren und verwirrten Zeiten leben wir doch! Müſſen ſich da Bruder gegen Bruder feindlich in tödtlichem Kampfe gegenüber ſtehen, und weiß Keiner, ob nicht die eben abgefeuerte Kugel grade dem Bruder das Herz durchbohrt! Es iſt ſchrecklich, ſo etwas denken zu müſſen!“ „Warum iſt aber der Franz auch grade zu den Oeſtreichern in Dienſt gegangen!“ ſagte die Mutter. „Er hat recht gethan, Frau,“ verſetzte Vater Erd⸗ mann mit Entſchiedenheit,—„ganz recht, daß er nicht mit den Franzoſen gegen ſeine deutſchen Lands⸗ leute fechten wollte. Ich ſelbſt habe ihm vor vier Jahren allen Vorſchub geleiſtet, um ihn heimlich über die Gränze nach Böhmen zu bringen. Damals konn⸗ ten wir ja nicht wiſſen, daß ſein Bruder Wilhelm ſpäter ebenfalls Soldat, und zwar franzöſiſcher, wer⸗ den mußte, noch dazu in der Sächſiſchen Armee. Aber was nicht zu ändern war, iſt eben geſchehen, und nun muß es das Schickſal fügen, daß meiner Schweſter Söhne ſich gegenſeitig als Feinde bekäm⸗ pfen, gerade dieſe Beiden, die ſich von Jugend auf ſo herzlich lieb gehabt haben!“ „Gott wird ſchon ſorgen, daß ſie nicht Mann ge⸗ gen Mann fechten müſſen,“ erwiederte die Mutter tröſtend.„Aber freilich, ſchrecklich bleibt's immer, daß dergleichen auf deutſchem Grund und Boden vor⸗ kommen kann. Wären wir doch nur erſt endlich ein⸗ mal von dieſen Franzoſen und ihrem blutdürſtenden Kaiſer befreit!“ 13 „Die Zeit wird kommen, gewiß wird ſie kommen,“ ſagte Vater Erdmann ernſt.„Sie iſt vielleicht ſchon näher, als wir denken. Die franzöſiſche Armee iſt die alte nicht mehr; die liegt auf den weiten ruſſi⸗ ſchen Ebenen begraben. Der Sieg wird ſicher zuletzt auf Seiten der Verbündeten ſein, aber kein Menſch freilich kann vorher wiſſen, was es noch für Opfer an Gut und Blut koſten wird.“ „Schwere Opfer, gewiß, Nachbar!“ ſagte ein jun⸗ ger kräftiger Mann vom Eingange der Laube her, der er ſich unbemerkt genähert hatte.„Eben komm' ich aus der Stadt, und habe dort für gewiß gehört, daß die Franzoſen Dresden um jeden Preis behaupten wollen, wenn ſie, woran gar nicht mehr zu zweifeln iſt, in den nächſten Tagen angegriffen werden.“ „Ah, Nachbar Riedel, ſein Sie mir herzlich will⸗ kommen,“ ſagte Vater Erdmann, indem er aufſtand, und dem Gaſte die Hand entgegen ſtreckte.„Treten Sie näher, Nachbar, und nehmen Sie Platz! Mal⸗ chen, hole geſchwind noch eine Taſſe! So, Nachbar, und Sie wiſſen's alſo auch ſchon,— die Alliirten rücken heran.“ „Ja, da giebt es keinen Zweifel mehr,“ erwiederte der Nachbar.„Eben iſt eine franzöſiſche Ordonnanz angelangt mit der Nachricht, daß die Ruſſen unter Wittgenſtein von Peterswalde her auf Pirna marſchi⸗ ren, und die franzöſiſchen Truppen bei Gießhübel be⸗ reits angegriffen haben. Wenn die Ruſſen kommen, werden die Preußen und Oeſtreicher nicht zurückblei⸗ ben, und wir können uns nur darauf gefaßt machen, daß wir in ein paar Tagen die ganze alliirte Armee über dem Halſe haben.“ — „Und was gedenken Sie unter dieſen Umſtänden zu thun, Nachbar Riedel?“ „Thun? Nichts! Nachbar! Abwarten werd' ich und muß ich! Ich kann doch meine Frau und meine zwei Kinderchen nicht in die weite Welt hinausſchicken! Und wenn ich mit ihnen ginge, wer ſoll dann meine Schleifmühle überwachen? Nein, wir bleiben, und ſchlimmſten Falls, wenn die Kanonade losgeht, bring' ich Frau und Kinder im Keller unter. Da ſind ſie ſicher. Billigen Sie meinen Entſchluß, Nachbar?“ „Vollkommen, denn ich gedenke es gerade ſo, wie Sie zu machen, und nicht vom Platze zu weichen. Wir werden freilich wohl ein paar bange Tage durch⸗ zumachen haben, indeß wird ja, mit Gottes Hülfe Alles noch leidlich vorübergehen.“ Der Nachmittag verſtrich ſchnell unter Geſprächen von vergangenen und noch zu erwartenden Kriegser⸗ eigniſſen. Als der Abend dämmerte, wurde es kühl im Garten. Vater Erdmann lud ſeinen Nachbar, deſſen Schleifmühle nur ein paar Hundert Schritt weiter oben am Mühlgraben lag, ein, die Abendſtun⸗ den vollends im Kreiſe ſeiner Familie zuzubringen. Aber Nachbar Riedel lehnte dies ab, da er Frau und Kinder nicht ganz allein zu Hauſe ſitzen laſſen wollte. So nahm man denn Abſchied von einander. Nachbar Riedel begab ſich in ſeine Mühle, Malchen eilte nach der Stadt zu ihrer Herrſchaft zurück, und die übrigen Mitglieder der Erdmann'ſchen Familie gingen in's Haus. Sie trennten ſich mit dem allſeitigen Verſpre⸗ chen, einander ſogleich Nachricht zu geben, ſobald Dieſer oder Jener irgend eine wichtige Neuigkeit er⸗ fahren würde. — 15 Für die bevorſtehende Nacht glaubte Niemand Be⸗ ſorgniß hegen zu müſſen. Darum begab ſich Jeder zu der gewohnten Zeit zur Ruhe;— Vater und Mut⸗ ter in die Schlafſtube zu ebener Erde neben dem Wohnzimmer,— Wilhelm oben hinauf in die Boden⸗ kammer, aus deren Fenſter er eine ziemlich weite Ausſicht auf die Rücknitzer Höhen, auf das Dorf Plauen, und noch weiter links auf das ſogenannte Feldſchlößchen, eine große Brauerei, genießen konnte. Ehe ſich der Knabe zu Bett legte, öffnete er noch ein⸗ mal das Fenſter, und ſpähte mit Auge und Ohr in die Nacht hinaus. Die nächſten Umgebungen lagen in Frieden und Ruhe. Aus weiter Ferne hallte aber zuweilen ein dumpfes Dröhnen durch die feuchte Nacht⸗ luft, und rechts von den Rücknitzer Höhen ſchienen Himmel und Wolken von einem lichten Scheine ange⸗ lüht. 8„Wahrſcheinlich eine Feuersbrunſt,“ ſagte Wilhelm mit einem bangen Seufzer vor ſich hin.„Die Un⸗ glücklichen, die davon betroffen werden! Und wie lange wird es dauern, ſo kräht auch von unſerem Dache vielleicht der rothe Hahn und flattert mit ſeinen feuer⸗ flammenden Flügeln! Nun, wie Gott will! Was Er thut, iſt wohlgethan, und ich wenigſtens will den Muth nicht verlieren, was auch kommen und geſchehen möge!“ Mit dieſen Worten ſchloß er das Fenſter wieder zu, entkleidete ſich raſch, löſchte das Licht aus, und ging zur Ruhe. Nach einigen Minuten war er ein⸗ geſchlafen,— aber ſein tiefer und ſüßer Schlummer ſollte nicht von ſehr langer Dauer ſein. Zweites Kapitel. Montag, den 23. Auguft. Raſſelnde Trommel⸗Wirbel, deren kriegeriſcher Klang weithin durch die Nacht tönte und dröhnte, riß Wilhelm aus dem Schlafe empor. Im erſten Augen⸗ blicke glaubte er, daß der Kampf zwiſchen den Fran⸗ zoſen und Verbündeten bereits begonnen habe; da er aber weder Kanonen⸗Donner, noch das Knattern von Gewehrfeuer vernahm, ſo gab er ſchnell dieſe Befürch⸗ tung wieder auf. Gleichwohl warf er ſeine Kleider über, und eilte nach unten, wo er bereits auch ſeine Aeltern wach und angekleidet fand. Die Wanduhr zeigte die Morgenſtunde an. „Was mag das Trommeln zu bedeuten haben, Vater?“ fragte Wilhelm dieſen, indem er mit ihm vor die Hausthür trat, um im Freien beſſer hören zu können. „Gott mag es wiſſen,“ verſetzte Vater Erdmann. „Horch nur, die Trommeln raſſeln von allen Seiten, und mir iſt, als ob ich von Zeit zu Zeit auch das Rollen von ſchweren Wagen, wenn nicht gar von Geſchützen hörte. Die Franzoſen werden doch nicht Dresden räumen, oder wohl gar ſo tollkühn ſein wollen, den Alliirten entgegen zu rücken? Das möchte ihnen ſchlecht bekommen, im Fall die verbündete Ar⸗ mee wirklich zweimalhunderttauſend Mann ſtark iſt. Und doch, höre nur, Wilhelm, das Trommeln hört 17 nicht auf, ſondern ſcheint von der Stadt aus immer näher zu kommen.“ „So iſt es, Vater,“ verſetzte Wilhelm.„Wir müſſen in Erfahrung zu bringen ſuchen, was der Spektakel zu bedeuten hat. Laß mich machen, Vater! Ich werde vorſichtig hinüber ſchleichen, und recognos⸗ ciren. Es iſt keine Gefahr dabei. Du weißt ja, ich kenne jeden Fuß breit Boden zwiſchen hier und der Stadt, und wenn ich je von den Soldaten bedroht würde, wär' es ein Leichtes für mich, ihnen auszu⸗ weichen, und mich zu verbergen oder zu entſchlüpfen.“ „Ja, ja, geh' nur, Kind,“ verſetzte der Vater. So viel merke ich nun ſchon, daß da drüben nur Franzoſen ſind, alſo ein Gefecht nicht zu befürchten ſteht. Ich möchte nur wiſſen, warum ſie zu ſo frü⸗ her Stunde ſchon ſo unruhig ſind.“ „Binnen weniger als einer Stunde ſollſt du es er⸗ fahren, Vater,“ erwiederte Wilhelm.„Sei ganz un⸗ beſorgt;— in einer Stunde bin ich zurück!“ Nach dieſen Worten eilte er mit leichten Schritten hinweg, und war bei der noch herrſchenden Dunkel⸗ heit ſchnell aus den Augen des Vaters verſchwunden. Auf ſchmalen Seitenpfaden näherte er ſich der Stadt, und erkannte nun ſehr bald die Urſache des Trom⸗ melns und des Wagen⸗Geraſſels. Aus allen Thoren Dresdens rückten franzöſiſche Truppen aus vor die Stadtmauer, und beſetzten hier in ſtarken Abtheilun⸗ gen fünf mit Geſchützen geſpickte Lunetten, die man an verſchiedenen Punkten aufgeworfen hatte, um da⸗ durch eine ſchwer zu durchbrechende Schranke gegen das Eindringen etwa angreifender Truppen in die Stadt Bange Tage. 2 ——— — 18 herzuſtellen. Unter Trommelwirbeln zogen die Sol⸗ daten dieſen Lunetten und Verſchanzungen zu, fuhren an verſchiedenen Orten zwiſchen den Lücken Geſchütze auf, und beſetzten in ſtarker Zahl die Dresden zunächſt gelegenen Gärten und Gehöfte. Wilhelm miſchte ſich dreiſt unter die Soldaten, und ſchlüpfte gewandt und flink zwiſchen den Batail⸗ lonen hindurch, bis er ſämmtliche Lunetten und Schan⸗ zen beſucht, und ſich durch den Augenſchein überzeugt hatte, daß für den Augenblick nichts, als deren Be⸗ ſetzung beabſichtigt wurde. Damit begnügte er ſich aber noch keineswegs. Er ſuchte auch in das Innere der Stadt einzudringen. Durch die Thore zu kom⸗ men, war zwar unmöglich, da fortwährend noch In⸗ fanterie, Kavallerie und Artillerie aus der Stadt her⸗ vorſtürmte und nirgends einen Durchweg verſtattete. Aber Wilhelm wußte genau Beſcheid in der Gegend. Er verließ die Straße, kletterte über einen Garten⸗ zaun, über eine niedrige Mauer, über das Dach eines daran gelehnten kleinen Häuschens, wagte einen Sprung vom Dache herunter, und gelangte auf dieſe Weiſe glücklich und ohne Unfall in ein ablegenes, klei⸗ nes und ſchmales, jetzt grade ganz menſchenleeres Gäßchen innerhalb der Stadtmauer. Von hier er⸗ reichte er auf den kürzeſten Wegen die Plätze und Hauptſtraßen der Stadt. Dort war Alles trotz der noch herrſchenden Fin⸗ ſterniß voller Leben und Bewegung, und die ganze Beſatzung ſchien bereits auf den Füßen zu ſein. Waf⸗ fen klirrten, Trommeln raſſelten, und das Steinpfla⸗ ſter ſchütterte unter dem ſchweren Rollen der Geſchütze, und unter dem Hufſchlage zahlreicher Reiter⸗Schwadro⸗ 19 nen. Die Mehrzahl der Truppen zog zum Pirnaer und Dippoldswalder Schlage(Thore) hinaus; der Reſt bivouacqirte auf zahlreichen ihnen angewieſenen Sammelplätzen der Stadt und der Vorſtädte unter freiem Himmel. Die Nacht war kühl, und darum brannten hie und da, namentlich auf den größeren Plätzen, muntere, hell auflodernde Wachtfeuer, um welche die Soldaten ſich drängten, um ihrer wohlthuenden Wärme theil⸗ haftig zu werden. Auch Wilhelm näherte ſich dreiſt einem ſolchen Feuer, und Niemand verwehrte es ihm, unter den Soldaten daran Platz zu nehmen. Indem er ſich ganz ſtill verhielt, lauſchte er auf die Geſpräche der Soldaten, und, obwohl er nicht vollkommen fran⸗ zöſiſch ſprach, verſtand er doch ſo viel von ihrer Un⸗ terhaltung, daß man am nächſten Tage ſchon eines Angriffs von Seiten der Alliirten gewärtig war, und aus dieſem Grunde möglichſt umfaſſende Vorbereitun⸗ gen getroffen hatte, um den Feind auf allen Punkten zurückzuweiſen Gleichwohl ſchienen die Franzoſen ziemlich muthlos zu ſein. Sie ſprachen offen ihre Be⸗ fürchtungen aus, daß man einem allgemeinen, nach⸗ drücklich unternommenen Anſturme ohne Zweifel un⸗ terliegen, und daß alsdann Dresden verloren ſein werde. Ihre einzige Hoffnung beruhte auf der recht⸗ zeitigen Ankunft Napoleon's und ſeiner Kerntruppen aus Schleſien. Kam er nicht, ſo war jedenfalls das große Spiel verſpielt. „Aber er wird kommen,“ ſagte ein alter Ser⸗ geant, der das rothe Bändchen der Ehrenlegion in einem Knopfloche ſeiner Uniform trug.„Er iſt ſtets auf dem Platze, wenn es gilt, und die Wichtigkeit 2* 4 20 des Beſitzes von Dresden weiß er beſſer zu würdigen, als wir Alle. Darum, behaupte ich, wird er kom⸗ men, und nach ſeiner alten Art die Feinde ſchlagen, wo ſie ſich blicken laſſen. Vive Pempereur!“ „Vive l'empereur!“ hallte es gleich darauf aus tanu⸗ ſend Kehlen auf dem Platze wieder, und ſelbſt Wil⸗ helm konnte nicht umhin, in den begeiſterten Ruf mit einzuſtimmen, um ſich in den Augen der Soldaten nicht verdächtig zu machen. Doch hielt er ſich jetzt nicht länger mehr in der Stadt und ihrem tumultua⸗ riſchen Treiben auf. Er hatte genug gehört und ge⸗ ſehen, und es drängte ihn, ſeinem Vater, der wahr⸗ ſcheinlich noch in banger Ungewißheit über die unge⸗ wöhnliche Bewegung der Truppen ſchwebte, Bericht abzuſtatten. Unbemerkt, wie er gekommen, zog er ſich zurück, ſchloß ſich einem in die Vorſtadt marſchirenden Ba⸗ taillon Grenadiere an, und gelangte glücklich durch das Thor in's Freie. Der Tag begann bereits zu dämmern, und um ſo leichter konnte er den Weg zu des Vaters Sägemühle zurücklegen. Der Vater hatte ſeine Rückkehr mit un⸗ geduldiger Spannung erwartet, und empfieng ihn da⸗ her mit lebhafter Freude. Als Wilhelm ſeinen Be⸗ richt abgeſtattet hatte, beruhigte er ſich, und ſprach die Hoffnung aus, daß die Gefahr doch wohl noch nicht ſo nahe ſein möchte, als die Franzoſen befürch⸗ teten. „Von der Gränze bis nach Dresden,“ ſagte er, „iſt immer noch ein ziemlich langer Marſch, und eine zahlreiche Armee mit ihren Geſchützen, ihrem Train, ihren Gepäck⸗ und Proviantwagen kommt auf den 4 ſchlechten Feld⸗ und Gebirgswegen nicht ſo flink vor⸗ wärts, als ein einzelner Reiter oder Fußgänger. Auch ſtehen ja noch Franzoſen in verſchiedenen, nach der Gränze zu gelegenen Orten, und es iſt wohl noch ſehr die Frage, ob ſie ohne allen Kampf weichen und ſich auf Dresden zurückziehen werden. Jedenfalls, denk' ich, werden wir eher fernen Kanonen⸗Donner hören, als die Alliirten im Anzuge ſehen. Vor der Hand haben wir alſo nichts zu befürchten, und können, wie alle Tage, ruhig an unſere Geſchäfte gehen.“ Schon war er im Begriff, das große Triebrad der Mühle, das vom Sonntage her noch ſtill ſtand, in Bewegung zu ſetzen, als er ſich plötzlich wieder eines Anderen beſann. „Nein, die Mühle mag noch ruhen,“ ſagte er mehr für ſich ſelbſt als zu Wilhelm,—„das Rau⸗ ſchen des Waſſers, wenn das Rad umgeht und das Knirſchen und Knarren der Sägen machen ſo viel Spektakel, daß man den Schall der Kanonen kaum aus einer halben Stunde Entfernung hören könnte, und doch iſt es nothwendig, ſo früh wie möglich vom Vordringen des Feindes, der leider unſer Landsmann und daher eigentlich unſer guter Freund iſt, unterrich⸗ tet zu ſein. Gehen wir alſo müßig! Du aber, Wil⸗ helm, ſpitze die Ohren, und ſobald du etwas Verdäch⸗ tiges hörſt oder ſiehſt, bringe mir augenblicklich Nachricht.“ „Ja, Vater,“ verſetzte Wilhelm.„Wenn du es erlaubſt, will ich bis auf die Rücknitzer Höhen vor⸗ gehen. Dort hat man eine weite Umſicht, und wenn geſchoſſen wird, ſo hört man es da oben jedellfalls viel deutlicher, als hier unten.“ 22 „Du haſt recht, und ich will dich nicht zurückhal⸗ ten,“ erwiederte Vater Erdmann.„Nur ſei vorſich⸗ tig. Rücknitz iſt noch von den Franzoſen beſetzt. Wenn ja die Alliirten kommen und angreifen ſollten, ſo machſt du dich bei Zeiten aus dem Staube und bringſt dich in Sicherheit. Vor Allem aber, frühſtücke erſt,— die Mutter hat ſchon Alles für dich zurecht geſtellt.“ Wilhelm folgte dieſer Weiſung, ſteckte, der Vor⸗ ſicht halber, noch ein tüchtiges Stück Brod in die Taſche, und ſtieg dann leichten Fußes die Anhöhe von Rücknitz hinauf. Dicht hinter dem Dorfe ſuchte er eine ihm ſchon wohl bekannte Stelle auf, von wel⸗ cher aus er aufwärts weit in das Elbthal hinauf, und abwärts die öſtlich und ſüdlich gelegenen Stadttheile Dresdens und den ganzen Zwiſchenraum zwiſchen ihm und der Stadt deutlich mit Einem umfaſſenden Blicke überſchauen konnte. „Das wäre ſo ein Punkt für den Feldherrn der Angriffstruppen,“ murmelte er vor ſich hin.„Hier könnte ſeinem Auge keine Bewegung, ſei es von Freundes oder Feindes Seite, entgehen. Nur freilich, die Franzoſen werden das ſo gut wiſſen, wie ich, und n von dem ſchönen Poſten nicht ſo leicht verdrängen laſſen!“ Die Sonne war mittlerweile aufgegangen, und übergoß weit und breit die reiche, ſchöne Gegend mit ihrem ſtrahlenden Lichte. Heinrich ſpähte mit ſcharfen Augen über Fluren, Wälder und Felder bis nach den Böhmiſchen Bergen hinüber, aber nirgends vermochte er eine Spur von heran rückenden Truppen zu ent⸗ deecken,— nicht einmal das Blitzen von Bayonetten, 23 das in dem hellen Sonnenglanze doch auf weite Ent⸗ fernungen hin hätte ſichtbar werden müſſen. Das überraſchte ihn, denn er hatte ganz ſicher geglaubt, daß er die Truppen der Alliirten in hellen Haufen werde anrücken ſehen. „Sollte am Ende doch Alles nur blinder Lärm ſein? murmelte er.„Wer weiß, ob die Franzoſen in ihrer Angſt nicht auch Geſpenſter geſehen, oder eine kleine Streifparthei der Alliirten für ihre ganze Ar⸗ mee gehalten haben? Nur freilich, der Kanonendon⸗ ner in vergangener Nacht, und der Feuerſchein am Himmel,— das hat jedenfalls etwas zu bedeuten! Vielleicht haben die Verbündeten angegriffen, und ſind von den Franzoſen zurückgeworfen worden! Jedenfalls will ich noch eine Weile auf meinem Poſten aushal⸗ ten, und das Weitere erwarten!“ Wohl eine Stunde verging, und noch eine,— von der Armee der Alliirten war nichts zu entdecken. Wohl aber bemerkte Wilhelm, wenn er ſeine ſpähenden Blicke nach der Stadt wendete, daß die aus derſelben führenden Landſtraßen mit zahlreichen, ſchwer belade⸗ nen Wagen bedeckt waren, auf welchen Hunderte von Einwohnern Dresdens und der Vorſtädte ihre beſte Habe in Sicherheit zu bringen ſuchten. Es konnte alſo kein Zweifel obwalten, daß man, in der Reſidenz wenigſtens, allgemein von einem nahe bevorſtehenden heftigen Zuſammenſtoß der feindlichen Kriegsmächte ſich überzeugt hielt. Und dennoch,— noch immer konnte Wilhelms adlerſcharfes Auge keine Ruſſen, keine Preußen, keine Oeſtreicher weit und breit entdecken. Aber ein Franzoſe in glänzender Reiter⸗ Uniform erſchien plötzlich auf der Anhöhe, und warf 24 einen verwunderten Blick auf den Knaben, der ſo ſehr in ſein Späher⸗Geſchäft vertieft war, daß er Jenes Annäherung gar nicht bemerkt hatte. „He, was treibſt du hier?“ rief er ihn an, und klopfte ihn auf die Schulter. Verwundert, aber keineswegs erſchrocken, blickte Wilhelm auf. „Ich ſehe mich nach den feindlichen Soldaten um, aber ich kann nirgends welche finden,“ ſagte er.„Wo mögen ſie nur ſtecken?“ „Das iſt wirklich mehr, als ich zu verrathen vermag,“ erwiederte der Franzoſe lachend.„Bei alledem fürchte ich, ſie werden früher hier ſein, als wir wünſchen. Dir aber gebe ich den guten Rath, dich davon zu trollen, denn man könnte dich für deinen Spion oder Aufpaſſer halten, und das dürfte ſehr üble Folgen für dich haben.“ „Oho, ich bin weder das Eine noch das Andere,“ verſetzte Wilhelm.„Mein Vater iſt der Schneide⸗ Müller dort unten an der Weißeritz, und natürlich liegt ihm daran, in Erfahrung zu bringen, ob wir wirklich eine Schlacht oder eine Belagerung in der uchſien Zeit zu befürchten haben. Deswegen bin ich ier.“ „Ich glaube dir das recht gern, mein Sohn,“ ver⸗ ſetzte der Franzoſe freundlich,„aber trotzdem darf ich dir nicht den Aufenthalt hier geſtatten. Geh' alſo nach Hauſe! Deinem Vater kannſt du übrigens ſagen, daß die Alliirten heute Abend, oder doch ſpäteſtens morgen in Maſſen hier ſein und uns attaquiren wür⸗ den. Darnach ſoll er ſeine Maßregeln nehmen, und —y— ——— 25 ſeine Vorkehrungen treffen. Und nun Adieu, mein Sohn! Gott ſchütze dich!“ Eine längere Weigerung würde unfehlbar unnütz geweſen ſein; daher bedankte ſich Wilhelm für die empfangene Weiſung, und nahm von den Franzoſen, der ihm freundlich die Hand reichte, Abſchied. Langſamen Schrittes kehrte er nach der Schneide⸗ mühle zurück, und erzählte dem Vater, wie es ihm auf dem Hügel hinter Rücknitz ergangen war. Seine Nachrichten ſchienen nicht ſehr erheiternd zu wirken. Doch verlor der alte Erdmann die Faſſung nicht, und gab auch noch nicht jegliche Hoffnung auf, daß die Allarmirung der franzöſiſchen Truppen am Ende doch nur durch einen blinden Lärm verurſacht worden ſei. Er verhielt ſich deshalb den ganzen Tag über, wel⸗ cher mannichfache, aber oft ſich widerſprechende Neuig⸗ keiten brachte, ganz unthätig und zuwartend, bis er Abends durch einen unerwarteten Beſuch auch ſeiner letzten Hoffnung auf eine friedliche Löſung der bevor⸗ ſtehenden Ereigniſſe beraubt wurde. Die Sonne war im Begriff unterzugehen. Vater Erdmann ſtand vor ſeiner Hausthür, und bewunderte die Prachr des in feurigem Glanze ſtrahlenden weſt⸗ lichen Himmels, als ein Knabe von vielleicht zwölf Jahren, in die gewöhnliche Bauerntracht des Gebirges gekleidet, auf ihn zutrat, und wenige Schritte von ihm entfernt ſtehen blieb. 8 „Willſt du etwas von mir, Kleiner?“ redete Va⸗ ter Erdmann ihn an, da er das Auge des Knaben forſchend auf ſich gerichtet ſah. Ich weiß nicht, vielleicht,“ verſetzte der Junge im Dialekt der Böhmiſchen Gränzer.„Erſt muß ich 26 wiſſen, ob ich an den rechten Mann gekommen bin. Wie heißt Ihr denn, Herr?“ „Mein Name iſt Erdmann!“ Aund Ihr ſeid der Schneidemüller an der Weiße⸗ ritz? „Gewiß bin ich der! Siehſt ja, hier iſt die Mühle, und da läuft der Weißeritz⸗Mühlgraben vor⸗ bei.“ „Ja, ja, das ſtimmt ſchon,“ ſagte der Junge zö⸗ gernd, und kratzte ſich verlegen in den Haaren „Wenn ich's nur aber ganz genau wüßte! Es wäre eine dumme Geſchichte, und mein Mann hat mir ge⸗ ſagt, ich ſolle mich ja in Acht nehmen, daß ich den Rechten ausfindig machte, ſonſt könnte ich leicht am Galgen baumeln müſſen. Seid Ihr denn wirklich und wahrhaftig der Schneidemüller Erdmann?“ Vater Erdmann mußte unwillkührlich lächeln über das Mißtrauen des Jungen, der ihn mit pfiffigen und beſorgten Blicken halb von der Seite anſah und von Oben bis Unten muſterte. „Es wird ſchon ſo ſein, Burſche,“ erwiederte er. „Es gibt keine zweite Sägmühle an der Weißeritz zwiſchen Dresden und Plauen, und auch keinen Schneide⸗Müller Erdmann weiter. Was willſt du alſo von mir?“ Der Junge war immer noch unſchlüſſig, und blickte verlegen bald vor ſich nieder, bald um ſich her. Da ſah er einen Mann auf die Mühle zukommen, und lief ihm plötzlich eilig entgegen. He iſt der Mann dort an der Thür?“ fragte er ihn. Nachbar Riedel, der Schleif⸗Müller,— denn er 27 war es, der ſeinem Nachbar einen Beſuch abzuſtatten kam,— ſah den Jungen groß an. „Frag' ihn doch ſelber,“ gab er zur Antwort. „Haſt ja eben noch mit ihm geſprochen, wie ich ge⸗ ſehen habe.“ „Ja, Herr, ja,“ verſetzte der Knabe drängend,— „aber trotzdem bitt' ich gar ſchön, ſagt mir, wie er heißt und wer er iſt!“ „Nun, das kann dir jedes Kind hier in der Ge⸗ gend zwiſchen Dresden und Plauen ſagen,“ erwiederte der Nachbar,—„Vater Erdmann iſt's, der Säge⸗ Müller!“ „Nun iſt's gut! Nun bin ich meiner Sache ge⸗ wiß! Danke ſchön, lieber Herr!“ rief der Junge mit vergnügtem Geſicht aus, und kehrte ſchnell zum Säge⸗ Müller zurück. „Herr Erdmann,“ flüſterte er dieſem leiſe zu,— „ich habe einen Auftrag an Euch, aber ich kann ihn nur ganz im Geheimen ausrichten.“ „Nun, ſo komm' in meine Stube, närriſcher Fni⸗— dort ſind wir ganz allein und unge⸗ ſtört.“ Er ging voran, und der Knabe folgte ihm auf dem Fuße. Nach dem Eintritt in das Zimmer warf der junge Burſch erſt noch einen vorſichtigen Blick um⸗ her, um ſich zu überzeugen, daß kein Fremder anwe⸗ ſend ſei, und verſchloß dann von innen die Stuben⸗ thür. Hierauf zog er ſchweigend ſeine Jacke aus, knöpfte einen ſeiner Hoſenträger los, zog ein Meſſer aus der Taſche, und trennte damit ein Stück vom Unterfutter des Trägers ab. Dann griff er in die ſo gemachte Oeffnung, und zog einen Zettel heraus, [.((-/Q—-—— 28 den er mit vielſagender Miene dem verwundert ihm zuſchauenden Müller überreichte. „Da, leſet dies, Herr,“ ſagte er.„Euer Vetter Franz, der bei den Oeſtreichern ſteht als Unter⸗Offi⸗ cier, hat mir's auf die Seele gebunden, daß ich Euch den Zettel zutragen, und bei Leibe in keine anderen Hände, als die Eurigen, geben ſoll. Ich habe mich glücklich durch die Franzoſen durchgeſchlichen, und da bin ich nun.“ Mit lebhafter Ueberraſchung las der Vater Erd⸗ mann folgende auf den Zettel geſchriebenen Worte: „Verehrter Oheim und Pflegevater! Mein Regi⸗ ment ſteht heute nur noch drei Stunden von Dres⸗ den, und wird morgen jedenfalls bis dicht vor die Stadt rücken, um in Gemeinſchaft mit unſeren übri⸗ gen Truppen, mit Ruſſen und Preußen über die Fran⸗ zoſen herzufallen. Darum rath' ich Euch, ſeiet auf der Hut. Der Zuſammenſtoß kann arg werden, und es würde mich in tiefſter Seele ſchmerzen, wenn mei⸗ nem lieben Oheim und der ganzen Familie Böſes wi⸗ derfahren ſollte. Darum ſchreibe ich Euch dieſen Zet⸗ tel, damit Ihr benachrichtigt ſeid. Der Junge, der ihn Euch überbringt, iſt ein Bauersſohn aus hieſigem Dorfe. Ich habe ihm gedroht, daß ich ſeines Vaters Haus dem Erdboden gleich machen würde, wenn er Euch nicht den Zettel einhändigte und einen Empfang⸗ ſchein darüber zurückbrächte. Gebt ihm dieſen, und auch etwas zu eſſen. Wir leiden großen Mangel an Nahrungsmitteln, und haben keine Hoffnung auf Beſſerwerden, als bis wir nach Dresden kommen. Die ganze Gegend hier herum iſt ausgeſogen und förmlich ausgehungert. Seit zwei Tagen haben wir 29 nicht einmal ein Stückchen Brod geſehen, geſchweige gegeſſen, und ich beneide meinen Boten beinahe, da er ſich bei meinem lieben Oheim jedenfalls gehörig die Jacke mit Brod und Wurſt vollſtopfen wird. Gott mit Euch, lieber Pflegevater und liebe Pflege⸗ mutter! Grüßt auch den Wilhelm und Malchen auf das Schönſte von Eurem getreuen Franz.“ Vater Erdmann rieb ſich bedenklich die Stirne, denn die ſo eben empfangene Nachricht gereichte kei⸗ neswegs zu ſeinem Troſte. Die Verbündeten rückten alſo wirklich heran, und morgen vielleicht ſchon ſollte der Angriff ernſtlich beginnen.. „Nachbar Riedel, kommt doch auch einmal herein in die Stube!“ rief er durch das geöffnete Fenſter hinaus. „Biſt du hungrig, Junge?“ fragte er dann den Boten ſeines Pflegeſohnes. „Ja, zum Umfallen, Herr!“ verſetzte der Burſche. „Ich habe keinen Biſſen Speiſe über meine Lippen gebracht ſeit heute früh.“ 5 „Nun, ſo geh' in die Küche und ſtärke dich! Dort iſt die Thür. Mutter, ſorge doch für den Jungen da, und gib ihm zu eſſen, was ſein Herz begehrt!“ „Ja ja,“ tönte die Stimme der Frau Martha aus der Küche zurück, und als die Küchenthür zufiel, öffnete ſich die Stubenthür, und Nachbar Riedel trat in das Gemach. „Was Neues, Gevatter?“ fragte er. Vater Erdmann reichte ihm den Zettel hin und forderte ihn durch eine Geberde auf, zu leſen. „Nun ja, hab' es mir ſchon ſo gedacht und vor⸗ geſtellt,“ ſagte der Schleifmüller ruhig.„Nur, daß 30 die Alliirten ſo ſchlecht verproviantirt ſind, das wußt' ich nicht. Die werden hungrig ſein, wenn ſie hierher kommen. Ihr habt doch Vorrath von Lebensmitteln, Nachbar? Dieſe werden in den nächſten Tagen wohl unſere beſte Schutzwaffe ſein! Ein Glas Bier, ein Schnaps, ein Stück Brod, dem Hungernden darge⸗ boten, macht ſofort den wüthendſten Menſchen zu un⸗ ſerem beſten Freunde. Ich habe drum ſchon geſtern und heute vorgeſorgt. Zehn Tonnen Bier, ein paar Schock große Brode, ein ganzer Haufen Würſte und ein paar Fäßchen mit Branntwein liegen in meinem Keller, genug, um ein halbes Regiment ſatt zu ma⸗ chen. Und ſo viel Einquartierung denk' ich denn doch nicht zu kriegen.“ „Ihr habt als ein kluger Hausvater gehandelt, Nachbar,“ erwiederte der Schneidemüller.„Leider hab' ich verſäumt, meine Vorrathskammer zu füllen, doch hoff' ich, es wird immer noch Zeit dazu ſein.“ „Aber allzu viele nicht,“ verſetzte Nachbar Riedel. „Wie ich hörte, ſoll die Paſſage in die Stadt heute Abend geſperrt, und Niemand mehr durch die Thore gelaſſen werden.“. „Das wäre, der Tauſend ja! eine verwünſchte Geſchichte, denn von den Dörfern iſt weder mit Geld noch mit guten Worten etwas zu kriegen,“ ſagte Va⸗ ter Erdmann erſchrocken.„Da muß ich doch auf der Stelle gehen und noch einen Verſuch machen, in die Stadt zu kommen. Seiet ſo gut, Nachbar, und be⸗ wacht mir für ein Stündchen mein Haus. Es iſt Niemand daheim, als meine Frau. Der Wilhelm iſt an der Elbe aufwärts, um vielleicht dort etwas Neues zu erfahren.“ 8. 31 „Ja, ja, geht nur, Gevatter,“ verſetzte der Nachbar.„Ich werde hier bleiben, bis Ihr zurück kommt.“ Vater Erdmann ſetzte die Mütze auf, griff nach dem ſpaniſchen Rohrſtock mit dem Elfenbein⸗Knopfe, und ſchritt eiligſt der Stadt zu. Aber ſchon nach einer halben Stunde kehrte er mit beſtürzter Miene wieder zurück. 4„Ihr habt Recht, Nachbar,“ ſagte er, und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Alle Schläge ſind mit dreifacher Mannſchaft beſetzt, und keine Menſchen⸗ ſeele darf in die Stadt hinein. Was ſoll da aus uns werden? Wir haben für uns ſelber kaum Vor⸗ rath auf ein paar Tage, woher ſoll ich nun Lebens⸗ mittel für etwaige Einquartierung ſchaffen?“ „Nun, man muß nicht gleich verzweifeln, Nach⸗ bar,“ verſetzte der Schleifmüller.„Im ſchlimmſten Fall, wenn alle Verſuche, Proviant zu ſchaffen, ſchei⸗ tern ſollten, ſo bin ich auch noch da, Euer Nachbar und Gevatter, und theile mit Euch, was ich im Kel⸗ ler habe. Aber ich denke, es wird ſo ſchlimm gar nicht werden. Ich habe da ſo einen Einfall! Mor⸗ gen in der Frühe wollen wir einen Verſuch machen, in die Stadt zu kommen, und hoffentlich wird's uns gelingen.“ „Aber wie, Nachbar?“ 8 „Nun, Bürger und Bauer darf die Thore nicht paſſiren, aber den Uniformen wird Platz gemacht. Da ziehen wir morgen früh Communalgarden⸗Uniform an, hängen den Degen um, nehmen die Flinte, und Dei werden wir ja ſehen, ob man uns nicht durch⸗ äßt!“. 1 32 „Das iſt wahrhaftig ein grſcheidie Einfall!“ rief Vater Erdmann aus.„Verſucht muß es werden auf alle Fälle, denn ſo viel ſteht feſt, daß wir gar nicht genug Proviant⸗Vorräthe haben können, wenn es, woran jetzt kaum noch zu zweifeln iſt, zu einem ernſt⸗ lichen Kampfe vor den Mauern von Dresden kommen ſollte.“ Nachbar Riedel ſtimmte dem bei, und verſprach, am nächſten Morgen in der ſiebenten Stunde den Gevatter Erdmann zum Gange in die Stadt abzu⸗ holen. Mit dieſem Verſprechen ging er, denn es war mittlerweile völlig dunkel geworden. Vater Erdmann aber ging in die Küche, um nach dem Boten ſeines Pflege⸗Sohnes zu ſehen; er fand ihn bereits auf einem Strohſacke eingeſchlafen, den ihm Frau Martha in einem Winkel der Küche zum Nachtlager bereitet hatte. „Laſſen wir ihn ruhen,“ ſagte ſie zu ihrem Manne. „Der arme Burſche war völlig ausgehungert und todtmüde, ſo daß er augenblicklich einſchlummerte, nachdem er ſich ſatt gegeſſen hatte. Morgen früh will er wieder nach Hauſe laufen.“ Vater Erdmann nickte zuſtimmend und trat wie⸗ der in die Stube, wohin Frau Martha ihm mit Licht folgte. Sie ſprachen über die Botſchaft ihres Pflege⸗ ſohnes, bis endlich auch Wilhelm anlangte, ohne je⸗ doch Neuigkeiten von beſonderer Wichtigkeit mitzubrin⸗ gen. Er hatte auf ſeinem Ausfluge nichts weiter er⸗ fahren, als was nun auch ſchon in Dresden ziemlich allgemein bekannt war. So ging man denn bald nachher zur Ruhe. Die Nacht verſtrich ohne Störung im Schutze des 33 Herrn, dem ſich Alle vor dem Schlafengehen in ſtil⸗ lem Gebete empfohlen hatten. 1 Drittes Kapitel. Dienſtag, den 24. Auguſt. Schlag ſieben Uhr Morgens kam Nachbar Riedel in voller Uniform der Communalgarde von ſeiner Schleifmühle her, um den alten Erdmann zu dem Gange in die Stadt abzuholen. Der Letztere erwar⸗ tete ihn ſchon, ebenfalls in Uniform, und hieß ihn herzlich willkommen. Mit geſchultertem Gewehr und in militäriſcher Haltung gingen ſie zunächſt nach dem Falkenſchlage, und waren ſchon im Begriff, an den dort poſtirten Wachen ſtolz vorüber zu ſchreiten, als ihnen ein donnerndes„Halt!“ zugerufen, und zugleich mehrere Bayonette entgegen geſtreckt wurden. „Zurück! Hier paſſirt man nicht!“ ſagte ein Ser⸗ geant in franzöſiſcher Sprache.„Der Eintritt in die Stadt iſt verboten.“ „Doch nicht für uns,“ verſetzte Riedel.„Wir ſind auf Wache in die Stadt kommandirt, und es würde uns ſchlimm ergehen, wenn wir nicht pünktlich auf dem Platze wären.“ Der Sergeant warf einen zweifelnden Blick auf die Uniformen der beiden Communal⸗Gardiſten, und flüſterte dann ein Weilchen leiſe mit den Schildwachen. Bange Tage. 3 34 Endlich wendete er ſich wieder um und zuckte die Achſeln. „Es thut mir leid, Kameraden,“ ſagte er höflich, „aber meine Befehle lauten gemeſſen, daß ich Nie⸗ manden einpaſſiren laſſen ſoll. Man hat zu Gunſten der Communal⸗Garden keine Ausnahme gemacht, und ich muß daher bitten, ſich zurückzuziehen.“ „Aber, Kamerad,“ verſetzte der Schleifmüller, „man wird das einfach vergeſſen und wahrſcheinlich auch nicht gewußt haben, daß auch in den Vorſtädten Communal⸗Garde wohnt. Sie kennen den Dienſt, und werden uns daher nicht von dem unſrigen zu⸗ rückhalten.“ „Ich darf es nicht wagen, Sie einzulaſſen,“ er⸗ wiederte der Franzoſe.„Aber am Dippoldiswalder Schlage kommandirt ein Officier die Wache. Er hat jedenfalls umfaſſendere Vollmachten als ich, und deß⸗ halb rathe ich Ihnen, dort einen Verſuch zu machen. Vielleicht glückt er Ihnen beſſer, als hier!“ „Nun ſo gehen wir dorthin,“ verſetzte Riedel, ſalutirte, und ſchwenkte rechts ab nach dem nicht ent⸗ fernt gelegenen Dippoldiswalder Schlage. Auch hier wurde er mit ſeinem Begleiter angehaſten⸗ aber der wachthabende Officier, als ihm das Begehren der Communal⸗Gardiſten gemeldet wurde, warf nur einen flüchtigen Blick auf die Uniformen derſelben, und gab dann Befehl, ſie ungehindert paſſieren zu laſſen. Mit mäliräriſchem Gruße ſchritten die beiden Männer vor⸗ über. „Nun, in der Stadt wären wir alſo glücklich,“ ſagte Riedel zu ſeinem Nachbar,—„nun fragt ſich's 35 nur noch, wo wir Proviant bekommen und wie wir ihn unbeläſtigt aus der Stadt ſchaffen können.“ „Das habe ich mir in vergangener Nacht ſchon hin und her überlegt, und ich glaube ein Auskunfts⸗ mittel gefunden zu haben,“ verſetzte Vater Erdmann. „Sie wiſſen doch, meine Tochter Malchen ſteht im Dienſte bei der Frau Kriegsräthin Dingsda; dieſe Dame hat vornehme Bekanntſchaften auch unter den Officieren. Wenn ſie ſich für uns verwendet,— und das wird ſie gewiß thun, ſo erreicht ſie vielleicht, daß man uns einen oder zwei verſchloſſene Wagen vom Train anvertraut. Da hinein packen wir Brot und Bier und Branntwein, fahren dreiſt damit zum Thore hinaus, und bringen ſie ſpäter leer wieder in die Stadt zurück.“ „Der Einfall iſt gut,— verſuchen wir's alſo,“ verſetzte Nachbar Riedel.. Die Wohnung der Frau Kriegsräthin war bald aufgefunden, und es traf ſich ſehr glücklich, daß eben ihr Vetter, der Oberſt Schettler einen Morgen⸗Beſuch bei ihr abſtattete. Malchen meldete ſogleich ihren Vater an, und dieſer wurde unverzüglich vorgelaſſen. Er brachte ſein Anliegen vor und bat um gnädige Fürſprache. „Die iſt gar nicht nöthig, Vater Erdmann,“ ſagte der Oberſt, vortretend.„Ich kenne Euch recht wohl als einen braven Mann und rechtſchaffenen Bürger. Euch ſoll geholfen werden, und zwar auf der Stelle. Kommt nur mit mir. Der Major Pauli vom Train iſt mein guter Freund, und wenn ich für Euch Bürg⸗ ſchaft leiſte, ſo wird er Euch gern ein paar Wagen anvertrauen.“ 3*⅝ 36 Vater Erdmann war natürlich hoch erfreut, daß ſeine Bitte eine ſo gute Aufnahme gefunden hatte. Er verabſchiedete ſich von der Frau Kriegsräthin, nickte ſeinem Malchen einen freundlichen Gruß zu, und folgte mit Nachbar Riedel dem Oberſten, der ſporen⸗ klirrend, feſten Trittes ihnen voran ging. Eine Viertelſtunde ſpäter wurden ihnen zwei Munitions⸗ Wagen anvertraut, und dieſe dann bei befreundeten Mitbürgern mit Brod, Bierfäſſern und anderem Pro⸗ viant ſo voll gepfropft und geſtopft, daß kaum noch für ein paar Dutzend Mund⸗Semmeln Platz war, die Meiſter Eck, der Bäcker noch in den Kauf zugab. Hierauf wurden die Wagen feſt verſchloſſen, Vater Erdmann lenkte den einen, Nachbar Riedel den ande⸗ ren, und fort rollten Beide durch die Straßen dem Wilsdruffer Thor zu, durch welches man am leichte⸗ ſten und ſchnellſten in die Vorſtadt und in's Freie zu gelangen hoffte. Es gelang Alles über Erwarten. Andere Wagen wären vielleicht angehalten und ihr Inhalt unterſucht worden; aber Königliche Munitions⸗Wagen, von uni⸗ formirten Leuten geführt, konnten keinen Verdacht er⸗ wecken. Nur eine einzige Schildwache am äußerſten Ende der Vorſtadt rief die vorbei paſſtrenden Wagen an. Auf die kurze Antwort aber:„Munition für die Geſchütze in der Lunette Nr. IV, welche Riedel der Schildwache in barſchem Tone zurief, wurden ſie nicht weiter beläſtigt und konnten ruhig weiter fahren. Nach fünf Minuten kamen ſie auf einem Seitenwege den Vorpoſten aus dem Geſicht, und kurze Zeit dar⸗ auf hielten die Wagen im Hofe des Sägemüllers, und wurden auf das Schnellſte ihrer koſtbaren Ladung 37 entledigt. Alle freuten ſich des gelungenen Wagſtückes, am meiſten die Mutter, welche in großen Sorgen wegen des Proviant⸗Mangels geſchwebt hatte. Die Bier⸗ und Branntwein⸗Fäſſer wurden in einem entle⸗ genen Keller verſteckt, und der größte Theil der an⸗ dern Mundvorräthe in einem Schuppen neben der Sägemühle verborgen, wo anſehnliche Vorräthe von Baumſtämmen und anderen Hölzern aufgeſpeichert la⸗ gen. Hier ſuchte man ſie gewiß am letzten, im Fall es je in den nächſten Tagen zu Ueberfall und Plün⸗ derung kommen ſollte. „Nun können wir ruhig ſein, und haben weiter nichts mehr zu thun, als die beiden Wagen wieder in die Stadt zu ſchaffen und gehörigen Ortes abzu⸗ liefern,“ ſagte Vater Erdmann.„Euch danke ich von Herzen für getreuen Beiſtand, Gevatter Riedel! Aber bemüht Euch nun nicht weiter,— ich führe die Wa⸗ gen ſchon allein in die Stadt.“ „Nichts da,“ verſetzte der wackere Nachbar,— phaben wir das Geſchäft gemeinſchaftlich angefangen, ſo müſſen wir's auch gemeinſchaftlich zu Ende führen. Nehmt Ihr Euren Wagen, ich nehme den meinigen, und dann marſch vorwärts. Je eher wir ſie wieder los ſind, deſto eher wird uns auch wieder leicht um's Herz werden.“ Vater Erdmann fügte ſich gern und drückte dem getreuen Nachbar, anſtatt Widerſpruch einzulegen, mit warmer Dankbarkeit die Hand. Sie fuhren zurück, raſſelten ſchnell an dem Poſten vorüber, der ſie vor⸗ hin angerufen hatte, gelangten ohne Hinderniß in die Stadt, und eben ſo, nach Ablieferung der Wagen, wieder nach Hauſe. 3 38 Mehrere Stunden verſtrichen jetzt ohne beſondere Ereigniſſe; doch erfuhr Wilhelm, welcher ſich fleißig im Freien umher taumelte, und ſeine Augen und Oh⸗ ren überall zu haben ſchien, daß die Verbündeten im⸗ mer weiter und weiter auf Dresden vorrückten, und eine Abtheilung Ruſſen kaum noch eine Stunde von der Stadt entfernt ſtände. Er hatte Nachmittags noch kaum dieſe Nachricht nach Hauſe gebracht, als ſie durch verſchiedene Ereig⸗ niſſe auch vollkommen beſtätigt wurde. Man vernahm Gewehr⸗ und Geſchützfeuer von den nächſten Dörfern her, und als Vater Erdmann mit Wilhelm aus dem Hauſe eilten, um einen freieren Umblick zu gewinnen, ſahen Beide, daß die Franzoſen bereits einige von den Dörfern ohne langen Widerſtand geräumt hatten, und ſich, vor dem Feinde weichend, nahe an die Stadt unter den Schutz ihrer Batterien zurückzogen. Der Feind verfolgte ſie nicht,— wohl aber ſah man jetzt ihre zahlreichen Bayonette von den umliegenden Hü⸗ geln herniederblitzen. 8 „Da ſind ſie“ ſagte der Vater mit bangem Seuf⸗ zer.„Nun möge Gott uns gnädig ſein, und uns in ſeinen allmächtigen Schutz nehmen!“ „Sieh' dort, Vater!“ rief Wilhelm jetzt lebhaft. „Dorthin, nach Rücknitz! Auch von dort weichen die Franzoſen zurück, aber man läßt ſie nicht ſo ruhig abziehen, wie von andern Punkten. Man ſchießt hin⸗ ter ihnen her! Und, heiliger Gott, da von der Dip⸗ poldiswalder Straße her kommen Reiter geſprengt, und hauen auf ſie ein! Barmherzigkeit, was für ein Schauſpiel!“ Das Schauſpiel war allerdings ergreifend genug. 39 Die franzöſiſchen Kolonnen ſahen ſich blitzſchnell von zahlreichen Schwadronen öſtreichiſcher Kavallerie von allen Seiten angegriffen, und wurden ſchonungslos von denſelben niedergemetzelt. Die Ueberraſchung des Angriffs lähmte die Vertheidigung. Nach wenigen Minuten war der ganze Heerhaufen von den Oeſtrei⸗ chern theils zuſammengehauen, theils zerſprengt, theils gefangen genommen. Nur einzelne Reiter vermochten ſich auf ihren ſchnellen Roſſen durch Flucht zu retten, und preſchten im wüthendſten Galopp querfeldein nach der Stadt. Der Feind begnügte ſich, ihnen einige Kugeln nachzuſchicken, von denen jedoch keine ihr Ziel zu erreichen ſchien. Mit ſeinen Gefangenen ging er hierauf nach Rücknitz zurück, und ſetzte ſich dort feſt, ohne Miene zu machen, noch weiter etwas unterneh⸗ men zu wollen. Der ganze Vorfall hatte kaum eine halbe Stunde gedauert. „Das wäre alſo der erſte Blitz aus den ſchweren Gewitterwolken, die immer düſterer und gewaltiger über unſeren Häuptern ſich zuſammenziehen,“ ſprach Vater Erdmann ſehr ernſt.„Dieſer hat uns freilich nicht perſönlich getroffen; aber wie viele andere wer⸗ den ihm folgen! Kaum dürfen wir hoffen, noch lange von ihnen verſchont zu bleiben!“ „Es ſcheint aber doch nicht, Vater, als ob heute noch etwas zu befürchten wäre,“ ſagte Wilhelm.„Die Sonne ſteht ſchon ziemlich tief, und es wird nicht lange mehr dauern, ſo bricht die Nacht ein. Heute alſo wird ſchwerlich noch ein Angriff auf die Franzo⸗ ſen erfolgen.“ „Aber morgen, mein Sohn! Morgen!“ ſeufzte 40 der Vater beklommen.„Wollte Gott, die nächſten Tage wären erſt vorüber, und wir könnten nach ver⸗ wehtem Sturme ruhiger aufathmen!“ Auch Frau Martha, Wilhelms Mutter, kam in's Freie, und ließ ſich erzählen, was geſchehen war. Es erſchreckte ſie nicht. Sie hatte ſich nun ſchon mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß man einige ſchwere und bange Tage zu durchleben haben würde, und ihre gewöhnliche ruhige Faſſung und Haltung wiedergewonnen. „Was Gott ſchickt, muß getragen werden,“ ſagte die muthige und reſolute Frau.„Von weitem ſehen die Gewitterwolken immer viel ſchwärzer aus, als in der Nähe, und nicht alle Blitze ſchlagen ein. Jeden⸗ falls hoffe ich, daß wir die nächſte Nacht noch ruhig ſchlafen können, und das Weitere müſſen wir in Ge⸗ duld erwarten. Wir ſind friedliche, ſtille Bürgers⸗ leute,— was haben wir alſo im Grunde von den Soldaten zu fürchten? Abſichtlich werden ſie uns nichts zu Leide thun, und gegen ſchlimme Zufälle wird uns ſchon Der da droben zu ſchützen wiſſen! Kommt herein in die Stube. Ich habe das Abend⸗ eſſen bereit geſtellt, und, Gott ſei Dank, es iſt heute reichlicher und beſſer ausgefallen, als ſonſt. Das macht dein Gang von heute morgen in die Stadt, Vater! Kommt alſo, laßt's Euch ſchmecken, und per⸗ bittert Euch die wenigen Stunden der Ruhe, die wir noch zu genießen haben, nicht durch Angſt und Sor⸗ gen vor der Zeit. Kommt Zeit, wird auch Rath kommen!“ Der Vater und Wilhelm folgten der Aufforderung der Mutter, und begaben ſich in das Haus zurück. ₰ 7 Tuich 7 — 41 Der Abend brachte keine Störung weiter. Franzoſen wie Verbündete verhielten ſich ruhig in den eingenom⸗ menen Stellungen. Daß Letztere aber bereits in großen Heeres⸗Maſſen angelangt ſein mußten, bewie⸗ ſen zahlloſe Wachtfeuer, die im weiten Halbkreiſe rings herum auf den Höhen von Dresden aufloderten, und ſich von der Nähe der Elbe bis weit über Plauen hinaus erſtreckten. Die Nacht brach ein. Als der Zeiger an der Wanduhr die Nähe der zehnten Stunde verkündigte, ſprach Vater Erdmann ein kurzes Gebet, und alle Drei, er, die Mutter und Wilhelm, waren im Be⸗ griffe, zu Bette zu gehen, als ein Pochen vor der ſorgfältig verſchloſſenen Hausthür her, gedämpft, aber doch deutlich vernehmbar ertönte. „Ein Beſuch? Zu ſo ſpäter Stunde noch? Wer kann das ſein?“ fragte der Vater. „Ein Nachbar vielleicht,“ ſagte Wilhelm,„der irgend Etwas bedarf. Soll ich gehen und fragen, Vater?“ „Nein, Kind, ich werde ſelbſt gehen,“ verſetzte dieſer, und nahm das Licht vom Tiſche, um ſich hin⸗ aus zu leuchten. „Wer iſt da?“ fragte er an der Hausthür. 3„Ein Freund, Pflegevater,“ antwortete von draußen eine gedämpfte Stimme.„Macht in Gottes Namen auf! Ich bin es, Franz, Euer Pflegeſohn!“ „Franz? Iſt es moͤglich? Nun, du ſollſt freilich nicht bei Nacht und Nebel im Freien draußen bleiben,“ rief der alte Mann, und haſtete ſich, aufzuſchließen und die Riegel zurückzuſchieben.„Herein, herein, mein Junge! Tauſend Mal willkommen! Aber was 42 iſt das? Biſt du denn deſertirt, daß du in einem al⸗ ten Bauernkittel vor mir ſtehſt?“ „Behüte, Pflegevater!“ verſetzte Franz, ein junger kräftiger hübſcher Burſche, und ſchloß den alten Mann zärtlich in die Arme.„In der Stube ſollt Ihr erfah⸗ ren, warum ich hier bin, und in ſolcher Verkleidung. Wie geht's der Mutter,— und Malchen— und Wilhelm?« »Mutter und Wilhelm ſind in der Stube! Geh' nur hinein! Ich komme gleich nach, ſobald ich wieder zugeſchloſſen und zugeriegelt habe?« Fünf Minuten ſpäter ſaß die Familie mit dem neuen Ankömmlinge um den Tiſch herum. Franz er⸗ zühlte mir kurzen Worten, daß er, weil ihm als Dresdener Kind Stadt und Umgegend genau bekannt ſein, von ſeinem Regiments⸗Oberſten beauftragt wor⸗ den wäre, ſich in die Stadt einzuſchleichen und Er⸗ kundigungen über die Stärke und Stellungen der Fran⸗ zoſen einzuziehen. Anſtatt in die Stadt zu gehen, habe er es aber vorgezogen, vor allen Dingen bei ſei⸗ nen Pflegeältern vorzuſprechen, zunächſt, um ſte ein⸗ mal wiederzuſehen, und dann, um von ihnen vielleicht beſſer als in der Stadt zu erfahren, was er dort aus⸗ kundſchaften ſollte. »Daran haſt du ſehr wohl gethan, Franz,“ ſagte Vater Erdmann,—„und nun erkläre ich mir auch, warum du den Bauernkittel angezogen haſt. Nun, in dem Rocke wird dich nicht leicht Jemand als Oeſtreichi⸗ ſcher Unter⸗Officier erkennen. Aber, du ſtehſt nicht wohl aus, Franz? Biſt du wohl gar krank geweſen und nicht lange erſt aus dem Lazarethe entlaſſen?« »Nein, das nicht, Pflegevater,« verſetzte Franz. 43 „Aber wir haben in den letzten Tagen große Noth gelitten und uns kaum halb ſatt eſſen können!“ „Ei du meine Güte, warum haſt du denn das nicht gleich geſagt, Franz?« rief die Mutter ganz er⸗ ſchrocken aus, und ſprang gleich vom Stuhle in die Höhe, um in die Vorrathskammer zu eilen und Pro⸗ viant herbei zu ſchaffen. Nach wenigen Augenblicken war der Tiſch gedeckt und reichlich mit kalten Speiſen beſetzt. Franz ließ ſich nicht zweimal auffordern, einen energiſchen An⸗ griff darauf zu machen, und Wurſt, Brod und Schin⸗ ken verſchwanden zwiſchen ſeinen Zähnen, wie die Ge⸗ treidekörner zwiſchen den drehenden Mühlſteinen. Mit Wohlgefallen ſahen ſeine Verwandten ihm zu, und freuten ſich, daß es ihm ſo gut ſchmeckte. Endlich ſchien er gründlich geſättigt zu ſein. Er ſchob Teller, Meſſer und Gabel zur Seite, und nickte der Pflegemutter freundlichen Dank zu. „Das nenn' ich eine Wohlthat, ſich wieder einmal ſatt eſſen zu können,“ ſagte er.„Hätten's nur meine armen Kameraden eben ſo gut! Aber die können noch ein paar Tage am Hungertuche nagen müſſen. Der Transport von Lebensmitteln durch das Gebirge iſt mit ſehr, ſehr großen Schwierigkeiten verknüpft, und die armen Bergbewohner haben kaum ſelber etwas zu beißen und zu brechen. Na, wenn wir erſt Dresden werden erobert haben, wird es uns ſchon beſſer gehen!“ „Noch habt Ihr's nicht,“ verſetzte Vater Erdmann, —„ und mir ſcheint es ganz ſo, als ob es bei Euch ein bischen ſehr bunt über Eck zuginge. Ein ausge⸗ hungerter Soldat taugt nicht zum Fechten. Und nun 44 wiſſen Sie auch bei Euch noch nicht einmal, wie ſtark die Beſatzung der Franzoſen iſt, und was ſie für Vertheidigungs⸗Anſtalten getroffen haben. Das gefällt mir nicht, und ſcheint mir eine ganz abſonderliche Kriegführung zu ſein!« »Freilich wohl iſt nicht Alles ſo bei uns, wie es eigentlich ſein ſollte,« entgegnete Franz,—„aber die Macht der Verbündeten iſt ſehr anſehnlich, und wir wiſſen wenigſtens ſo viel, daß Napoleon mit ſeinen Garden und anderen erleſenſten Truppen tief drin in Schleſten ſteht, und ſich mit dem alten Blücher herum ſchlägt. Bis er mit dem grimmigen Handegen fertig wird, werden wir hier mit einer Handvoll Franzoſen auch fertig.“ »Das muß ich denn doch noch ſehr ſtark bezwei⸗ feln,« wendete Vater Erdmann ein;„denn erſtens habt Ihr es nicht nur mit blos einer Handvoll Fran⸗ zoſen zu thun, ſondern mit einer Armee von über 20,000 Mann unter dem Befehl des Marſchalls Gouvin St. Cyr, eines äußerſt entſchloſſenen und tapferen Officiers. Zweitens müßt Ihr erſt fünf ſtarke Lunetten und verſchiedene Schanzen und Batte⸗ rien erſtürmen, ehe Ihr nur an die Stadtmauer ge⸗ langen könnt; und endlich bin wenigſtens ich für mei⸗ nen Theil vollkommen feſt davon überzeugt, daß Na⸗ poleon mit ſeinen Kerntruppen im entſcheidenden Augenblicke zur Hand ſein wird. Er kann Dresden nicht preisgeben, alſo wird er es zu behaupten wiſſen!«. „Zwanzigtauſend Mann, fünf Lunetten, Schanzen und Batterien, und ſchließlich auch noch Napoleon,— das iſt freilich anders, als wir es uns drüben aus⸗ 45 gemalt und gedacht haben,« ſagte Franz.»Und es verhält ſich ſicher und gewiß Alles ſo, wie Ihr mir da vorgerechnet habt, Pflegevater?“ „Frage nur Wilhelmen,“ antwortete dieſer.»Der kennt jede Lunette und Schanze hier herum.“ Franz blickte den Knaben fragend an, Wilhelm nickte. „Es verhält ſich ganz genau ſo, wie Vater ſagt,“ ſprach er.„Die Lunette Nr. 1 liegt vor dem Ziegel⸗ ſchlage; Nr. 2 vor dem Pirnaer Schlage; Nr. 3 vor dem Hoſpital⸗Garten; Nr. 4 vor dem Falkenſchlage, — und Nr. 5 vor dem Freiberger Schlage. Außer⸗ dem gibt es noch Befeſtigungen vor dem Elbberge, und auf der großen und kleinen Oſtra⸗Wieſe. Alle ſind mit Geſchützen, Munition und Mannſchaften hin⸗ länglich verſehen, und es wird daher Mühe und Blut koſten, wenn man ſie nehmen oder zerſtören will. Natürlich ſind auch die Gärten weiter zurück durch Kanonen und Grenadiere gedeckt, und müſſen erſtürmt werden, bevor man in die Stadt gelangen kann. Und dann werden auch noch die Thore Widerſtand leiſten. Uebrigens habe ich für ganz gewiß gehört, daß Na⸗ poleon zuverſichtlich erwartet und baldigſt eintreffen wird. Erſt heute Nachmittag hat Marſchall St. Cyr eine dahin zielende Depeſche empfangen.“ „Unter dieſen Umſtänden,“ nahm Franz wieder das Wort,„muß ich noch dieſe Nacht zu meinem Oberſt zurückkehren und ihm Bericht abſtatten. Unſer Ober⸗ Kommando iſt jedenfalls nur ſehr mangelhaft unter⸗ richtet, und meine Nachrichten werden deßhalb äußerſt willkommen ſein. Auf der Stelle will ich gehen. Habt vielen Dank für gute Aufnahme und Bewirthung, 46 liebe Pflegeältern! Dank auch für Eure Mittheilun⸗ gen! Blitz ja, wir glaubten Dresden nur ſo im Hand⸗ umwenden nehmen zu können, und nun,— wahrhaf⸗ tig, ich muß fort, ohne Zögern, jede Minute iſt koſtbar!“ Die Anderen mochten gleicher Meinung ſein, denn Niemand redete Franzen zum Bleiben zu. „Es thut mir leid, daß wir nicht länger zuſam⸗ menplaudern können,“ ſagte Vater Erdmann einfach. „Aber ich ſehe ein, es iſt beſſer, du gehſt. Obgleich wir hier unter franzöſiſcher Herrſchaft ſtehen und nicht muckſen dürfen, ſind wir doch gute Patrioten, und alle unſere frommen Wünſche gelten den Verbündeten, die wir als Erlöſer und Befreier von fremdem Drucke betrachten. Darum geh' in Frieden, und Gott er⸗ leuchte deinen Weg!“« „Er ſei mit dir allezeit, Franz,“ ſagte die Mut⸗ ter, und ſteckte ihm ein Packet mit Proviant in die Taſche ſeines Bauern⸗Rockes. Wilhelm ſchüttelte dem Vater die Hand, und ge⸗ leitete ihn ein Stück Weges, um ihn ſicher durch die franzöſiſchen Vorpoſten zu bringen, die, wie er wohl wußte, längs den Landgräben zwiſchen den Dörfern Zſchertnitz und Rücknitz aufgeſtellt waren. Erſt kurz vor Mitternacht kehrte er zurück, ſehr zufrieden mit dem Erfolge ſeiner Miſſion. »Bis dicht vor Rücknitz habe ich ihn gebracht,“ ſagte er.„Dort findet er ſeine Kameraden.“ »Du haſt wohl gehandelt, mein Sohn,“ erwie⸗ derte der Vater, und legte ſegnend ſeine Rechte auf des Knaben Haupt.„Gott verleihe dir einen ſanften Schlaf,— du haſt ihn wohl verdient!« 47 Wilhelm küßte dem Vater die Hand, und ging in ſeine Kammer. Fünf Minuten ſpäter ſchlief er ſchon — ſanft, ruhig und feſt. Viertes Kapitel. Mittwoch, den 25. Auguft. Als unſere Freunde am andern Morgen zu ge⸗ wöhnlicher Stunde aufgewacht waren, und ſich am Frühſtückstiſche verſammelt hatten, ſprachen Alle ihre Verwunderung aus, daß die Gegend ringsum ſo ſtill blieb, und weder Kleingewehr⸗ noch Geſchützfeuer von nah und fern vernommen wurde. Der Morgen war in der That wider alles Erwarten ganz ruhig. Vater Erdmann hatte kaum noch Zweifel daran gehegt, daß heute ein allgemeiner Angriff auf Dresden ſtattfinden werde, und nun ſchien es beinahe, als ob man mit⸗ ten im tiefſten Frieden lebte. „Am Ende haben ſich gar die Verbündeten zurück⸗ gezogen,“ ſagte er,„weil unſer Franz jedenfalls ihnen die wichtige Nachricht von der nahe bevorſtehenden Ankunft des Kaiſers Napoleon mitgetheilt hat.“ „Ob dies der Fall iſt, davon wollen wir uns bald überzeugen,« meinte Wilhelm.„Ich werde kundſchaf⸗ ten gehen, Vater.« „Thu' das, mein Sohn,“ verſetzte dieſer, und die Mutter fügte hinzu:„Sei aber nicht vorwitzig, und dränge dich nicht zu nahe an die Vorpoſten heran. 48 Die feindlichen Kugeln fragen nichts danach, ob du eine Uniform oder einen Tuchkittel anhaſt.“ „Will mich ſchon in Acht nehmen, Mütterchen,« gab der Knabe zur Antwort, und ſchlüpfte zur Thür hinaus. Auch Vater Erdmann ſtand auf, und gab ſeine Abſicht zu erkennen, einmal bei dem Nachbar Riedel vorzuſprechen, um deſſen Meinung über die zu erwar⸗ tenden Ereigniſſe des Tages zu vernehmen. Er ging hinüber, und fand ihn eben ſo verwundert und er⸗ ſtaunt über die herrſchende Waffenruhe, als er ſelber betroffen davon geweſen war. „Es ſcheint in der That nicht, als ob es heute noch zu etwas Ernſtlichem kommen ſollte,« ſagte der Nachbar.„Ruſſen und Oeſtreicher ſtehen unbeweglich den Franzoſen gegenüber, und Keiner rührt ſich. Nun“ wenn ſie warten und zögern wollen, bis der Napo⸗ leon da iſt, werden ſie einen ſchweren Stand krie⸗ gen.. „Vielleicht haben ſie noch nicht ihre ganze Macht beiſammen,“ verſetzte Vater Erdmann;—„ſonſt wär' es mir ſelber unbegreiflich, daß ſie die beſte Zeit und Gelegenheit zum Kampfe verpaſſen.“ „Oder ſie wiſſen überhaupt nicht, wie es eigent⸗ lich in Dresden ausſieht, und wie ſchwach die Fran⸗ zoſen ſind,“ äußerte Nachbar Riedel.„Nun, ich kann es abwarten, ob es losgeht oder nicht! Ob früher oder ſpäter, wir werden nicht ganz ungerupft davon kommen.“ Bis Mittag blieb Alles ſtill. Da aber kam Wil⸗ helm athemlos gelaufen, und meldete, daß die Ruſſen anrückten, und die Franzoſen aus ihren Stellungen 49 am linken Elbufer und am großen Garten zurückdräng⸗ ten. Der Vater konnte nicht an dieſer Nachricht zweifeln, denn man hörte jetzt in der Richtung von der Elbe her Plänkerfeuer, untermiſcht mit Kanonen⸗ ſchüſſen, welche aus franzöſiſchen Batterien abgefeuert wurden. Das Getöſe des begonnenen Kampfes er⸗ tönte näher und näher. Es war richtig: die Verbün⸗ deten hatten angegriffen, und die Franzoſen wichen. „»Aus meinen Boden⸗Luken müſſen wir wenigſtens einen Theil des Terrains überſehen können,“ ſagte Nachbar Riedel.„Ich dächte, wir ſtiegen hinauf. „Ja, ja, ich will aber erſt mein Fernrohr holen,“ erwiederte Vater Erdmann.„Wir können dann um ſo beſſer beobachten.“ 8 Er ging nach ſeiner Wohnung, kehrte aber ſchnell zurück und brachte das Fernrohr mit. Alle drei ſtie⸗ gen auf den Dachboden von Riedels Mühle, und po⸗ ſtirten ſich an verſchiedenen Luken. Es war nichts Genaues zu erkennen, denn der Pulverdampf verbarg die Bewegungen der kämpfenden Truppenmaſſen. Doch bemerkten ſie, daß die Fran⸗ zoſen wieder Stand hielten, weil ihnen eine neue Batterie von Geſchützen zu Hülfe kam und den jetzi⸗ gen Angriff der Ruſſen aufhielt. Es wurde fort und fort geſchoſſen, hinüber und herüber, aber von beiden Seiten ohne irgend einen weſentlichen Erfolg. Plötzlich, gegen zwei Uhr Nachmittags, erſchallte weiter von rechts her, in der Gegend von Plauen und Rücknitz ebenfalls Schlachtenlärm.— „Jetzt ſcheint die Sache ernſthaft zu werden!“ rief Vater Erdmann aus, der das knatternde Gewehrfeuer Bange Tage. 4 50 zuerſt vernommen hatte, und jetzt ſchnell an eine an⸗ dere Luke trat.„Richtig! Da wirbelt der Pulver⸗ dampf über die Felder, und Kolonne auf Kolonne rückt vom dohnaiſchen Schlage vor, um den angegrif⸗ fenen Vorpoſten⸗Ketten der Franzoſen Unterſtützung zu bringen. Ach, jetzt gewinnen die Franzoſen Ter⸗ rain! Das Feuern läßt ſchon wieder nach;— es iſt nichts mit einem ernſtlichen Angriffe heute! So viel ich davon verſtehe, ſind das Alles nur Neckereien, bei denen keine Parthei ihre volle Kraft entwickelt.“ Wie dem ſein mochte,— der Verlauf des Tages bewies, daß Vater Erdmann's Vorausſetzung richtig war. Die Plänkereien dauerten zwar fort bis zur Dunkelheit, die Franzoſen ſteckten ſogar das Dorf Strieſen durch geworfene Granaten in Brand, aber ein eigentlicher Vortheil wurde auf keiner Seite erfoch⸗ ten, und die Nacht machte jedem weiteren Kampfe ein Ende. „Nun, wir werden ja ſehen, wie es morgen wird,“ ſagte Nachbar Riedel, als Vater Erdmann von ihm Abſchied nahm.„Entweder kommt es morgen oder es kommt gar nicht zum Sturme, denn über⸗ morgen, wenn erſt Napoleon da iſt, dürften ſich die Alliirten nur blutige Köpfe holen. Mir däucht, ſie hätten den richtigen Zeitpunkt verſäumt. Wären ſie heute mit aller Kraft vorwärts gegangen, Dresden wäre ihre Beute geworden. Die ſpäteren Ereigniſſe beſtätigten, daß dieſe An⸗ ſicht die allein richtige war. Auch im Feldlager der Verbündeten hatte man ſie mehrfach getheilt, Kaiſer Alexander von Rußland und General Moreau, der ſich als hochgeehrter Gaſt und Rathgeber in ſeinem Ge⸗ 51 folge befand, hatten für den allgemeinen Angriff ge⸗ ſtimmt, aber Fürſt Schwarzenberg, der Ober⸗Befehls⸗ haber der verbündeten Armee, und mehrere andere Generale, waren dagegen geweſen, und der Sturm auf Dresden unterblieb. Noch ſpät Abends drängten einige angeſehene Generale, namentlich Graf Wittgen⸗ ſtein, zum Angriffe. Er ſelber erbot ſich, denſelben zu leiten, und bat den ruſſiſchen General Barclay de Tolly, der ſich in Rücknitz befand, auf das Drin⸗ gendſte, ihm zu erlauben, Dresden in der Nacht zu überfallen und zu ſtürmen, ein Unternehmen, das ihm jedenfalls gelingen müſſe. Aber der General Barelay de Tolly verweigerte die Erlaubniß,— jedenfalls zum großen Glück für Dresden, das bei einer nächt⸗ lichen Erſtürmung einem grauſenhaften Schickſale ver⸗ fallen geweſen ſein würde. Die Nacht verging ohne Störung, wie die vo⸗ rige; aber wichtige Ereigniſſe wurden für den künfti⸗ gen Tag vorbereitet. 4* Fünſtes Kapitel. Donnerſtag, den 26. Auguſt. „Steh' auf, Wilhelm!“ rief Vater Erdmann nach der Bodenkammer hinauf, wo ſein Sohn zu ſchlafen pflegte.„Es geht los! Vom großen Garten her knat⸗ tert unaufhörliches Peloton⸗Feuer.“ „Hab's ſchon gehört, Vater, und bin auf den Beinen,“ verſetzte der Knabe.„In zwei Minuten bin ich unten.“ Es war kaum fünf Uhr Morgens, als die Be⸗ wohner der Vorſtädte durch den beginnenden Schlach⸗ tenlärm geweckt wurden. Aber auch nur vom großen Garten her, der weitab links von der Sägemühle lag, ertönte das Schießen. Nach Rücknitz und Plauen zu, und noch weiter rechts hin blieb es noch ruhig. „Die Preußen ſind es,“ ſagte Wilhelm, der plötz⸗ lich neben dem Vater vor der Hausthür ſtand.„Sie greifen jedenfalls den großen Garten an und ſuchen die Franzoſen daraus zu vertreiben. Aber von dort⸗ her haben wir nichts für uns zu befürchten, Vater.“ „Weiß es wohl,“ verſetzte dieſer.»Aber meinſt du, die Preußen werden allein losſchlagen? Nein, nein! Die Ruſſen und Oeſtreicher werden ebenfalls bald von ſich hören laſſen. Da ſieh', die Franzoſen bereiten ſich ſchon auf den erwarteten Angriff vor. Dort kommen ſie von der Stadt her in Haufen an⸗ marſchirt.“ 53 In der That näherten ſich raſchen Schrittes meh⸗ rere Bataillone franzöſiſcher Scharfſchützen. Etwa hun⸗ dert und fünfzig Mann beſetzten die ein paar hundert Schritt weiter nach der Stadt zurück gelegene Papier⸗ mühle. Die Anderen rückten weiter, und hatten in ſchnellem Geſchwindſchritte bald die Sägemühle erreicht, vor deren Hausthür Vater Erdmann und Wilhelm ſie ruhig erwarteten. „Halt!“« ertönte hier plötzlich die befehlende Stimme eines Officiers.„Zwanzig Mann ſchwenken links ab, und werfen ſich in die Mühle! Die Uebrigen weiter vorwärts!« Zwanzig Mann unter dem Kommando eines Un⸗ terofficiers rückten auf die Mühle los. Vater Erdmann ging ihnen einige Schritte entgegen. „Sie haben gehört, Herr,« rief der Unterofficier ihm zu.»Wir müſſen Beſchlag von Ihrer Mühle nehmen. Aber fürchten Sie nichts. Meine Soldaten ſind an Mannszucht gewöhnt und verproviantirt wer⸗ den wir von der Stadt aus. Wir wollen Sie ſo we⸗ nig wie möglich beläſtigen.“ „Sein Sie mir willkommen, Herr,“ verſetzte Va⸗ ter Erdmann.„Mein Haus ſteht zu Ihrer Verfügung mit Allem was darin und daran iſt. Aber freilich, wir ſind nur arme Bauersleute, und können nicht viel für Sie thun.“ „Es wird auch nichts verlangt, alſo beruhigen Sie ſich,“ erwiederte der Unterofficier freundlich. Von un⸗ ſerer Seite werden Sie nicht bedrohet. Wenn freilich der Feind bis hierher vordringen ſollte, ſo müſſen wir uns in Ihrer Mühle wie in einer Feſtung ver⸗ theidigen. 5 54 „Und glauben Sie, daß dieſer Fall eintreten könnte?“ fragte Vater Erdmann. „Warum nicht?“ lautete die raſche und ſorgloſe Antwort.„Unſere Truppen halten freilich noch einen Theil von Plauen und Reiſewitzens Garten beſetzt,— aber dieſe Stellungen liegen kaum eine halbe Stunde von hier, und wir haben durch unſere Kundſchafter erfahren, daß die uns gegenüber poſtirten Alliirten einen Angriff mit aller Macht gegen uns beabſichtigen. Wir haben hier die Oeſtreicher gegen uns. Sie ſind uns an Zahl zehnfach überlegen, und daraus folgt ganz natürlich, daß ſie uns nach und nach werfen wer⸗ den, werfen müſſen, wenn— wir nicht Verſtärkun⸗ gen erhalten. Wie lange wir uns vor der Stadt behaupten können, läßt ſich nicht mit Beſtimmtheit angeben. Wir haben noch Plauen, Reiſewitz's Gar⸗ ten, die Spiegel⸗Schleifmühle, die Säge, die Pulver⸗ mühle und alle anderen einzelnen zwiſchen Plauen und Dresden gelegenen Gehöfte. Wir werden ſie Alle vertheidigen, und da kann es lange dauern, bis die Oeſtreicher die halbe Stunde Weges hierher zurück⸗ legen.“ „Aber hoffen Sie denn darauf, Verſtärkungen zu erhalten?“ „Wir hoffen es nicht nur, wir wiſſen es! Mar⸗ ſchall St. Cyr hat dieſe Nacht eine Depeſche unſeres Kaiſers erhalten, die ſeine baldigſte Ankunft am heu⸗ tigen Tage anmeldet. Und wenn der Kaiſer mit ſei⸗ nen Garden kommt, ſo mögen ſich die Herren Alliir⸗ ten vorſehen! Da! Da geht's ſchon los!“ Allerdings näherten ſich eben jetzt, kurz nach der ſechsten Morgenſtunde von Rücknitz her Oeſtreichiſche ““ 55 Reiter⸗Abtheilungen dem Dorfe Plauen, wurden aber hier durch ein energiſches Gewehrfeuer der Franzoſen wieder zurückgetrieben. Der Angriff wurde mehrmals, aber mit demſelben ſchlechten Erfolge wiederholt. Deutlich konnte man den Pulverdampf ſehen, und wie die Reiter bald vorrückten, bald wieder zurückwichen. „Unſere Leute halten ſich brav,“ nahm der Unter⸗ officier nach einer geraumen Weile wieder das Wort. „Aber es nützt ihnen nichts mehr. Dort kommt öſtreichiſche Infanterie anmarſchirt. Dieſer Uebermacht können ſie nicht lange Widerſtand leiſten. Ah, unſere Soldaten im Reiſewitz'ſchen Garten helfen ihnen,— ſie ſchießen wie verteufelt über die Weißeritz herüber auf die Oeſtreichiſchen. Ich hör' es, wenn man's auch freilich von hier aus nicht ſehen kann. Nützt aber Alles nichts, unſere Leute müſſen zurück!« Es geſchah in der That ſo, wie der Unterofftzier behauptete. Die Oeſtreicher gewannen allmählig mehr und mehr die Oberhand, und die Gefahr, daß ſie zuletzt auch die Sägemühle angreifen würden, rückte immer näher. „Schade,“ ſagte der Unterofficier,„daß wir nicht in der Nähe einen erhöhten Standpunkt haben, von dem aus man durch das Fernrohr den Gang der Dinge beobachten könnte!“ „Oh, ein ſolcher Standpunkt iſt gar nicht weit von hier,« ſagte Vater Erdmann, der an den Ober⸗ Boden von Nachbar Riedel dachte.„Wenn Sie Ih⸗ ren Poſten verlaſſen und mich nur etwa hundert Schritt weit an der Weißeritz aufwärts begleiten wol⸗ len, ſo kommen wir auf die Schleif⸗Mühle, aus de⸗ ren Dach⸗Luken man eine ſchöne Rundſicht gewinnt.“ 56 »Iſt's möglich? Nun, ſo laſſen Sie uns unverzüg⸗ lich dort hingehen! Ein kleines Fernrohr trage ich bei mir. Meine Soldaten bedürfen meiner Gegen⸗ wart jetzt hier nicht, und ich kann ja auch, wenn Ge⸗ fahr nahen ſollte, augenblicklich zu ihnen zurückkehren. Kommen Sie.“ „Sogleich! Ich will nur auch mein eigenes Fern⸗ rohr aus der Stube holen,“ verſetzte Vater Erd⸗ mann. Bald nachher begaben ſie ſich, Wilhelm natürlich mit, nach der Schleifmühle. Auch ſie war von einem Trupp franzöſiſcher Soldaten beſetzt, welche dem Un⸗ terofftcier meldeten, daß ihr Commandeur, ein Ser⸗ geant, mit dem Eigenthümer der Mühle ſchon auf den Ober⸗Boden geſtiegen ſei. Man folgte ihnen ſogleich. Vater Erdmann wurde von ſeinem Nachbar herzlich empfangen, und ihm von demſelben ein Plätzchen an derjenigen Dach⸗Luke eingeräumt, von der man die günſtigſte Ausſicht auf die Ebene bis nach dem Dorfe Plauen genoß. »Die Franzoſen haben Plauen ſo eben geräumt,“ ſagte Nachbar Riedel,„und die Oeſtreicher ſtürmen jetzt auf Reiſewitz's Garten los. Sie ſchießen hinein, und die Franzoſen heraus, daß es eine Art hat! Sie wehren ſich verzweifelt, die Parlez-vous, aber die Oeſtrei⸗ cher ſind ihnen doch an Zahl zu ſehr überlegen. Sie werden ſchließlich weiter und weiter auf uns zurückge⸗ hen müſſen, und in ein paar Stunden können wir die Herren Oeſtreicher auf dem Halſe haben!“ »Sehr wahrſcheinlich! Und dann mag uns die Barmherzigkeit Gottes beiſtehen!“ verſetzte Vater Erd⸗ mann. 57 Weiter wurde nicht viel geſprochen, denn Jeder verfolgte mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit den Gang des immer heftiger entbrennenden Kampfes, und nur dann und wann wurde von Einem oder dem Andern ein Ausruf des Schreckens oder des Erſtaunens ver⸗ nehmbar. Alle ſahen deutlich, wie die Franzoſen all⸗ mählig aus Reiſewitzens Garten hinaus geworfen, und mehr und mehr in die Enge getrieben wurden. End⸗ lich wichen ſie ohne längeren Widerſtand, und zogen ſich von beiden Ufern der Weißeritz zurück nach der Spiegel⸗Schleifmühle, einem einzeln gelegenen kleinen Gaſthauſe, der ſogenannten Sorge und nach der na⸗ hen Pulvermühle zurück. Auch hier wurden ſie von den unerſchrocken vordrängenden Oeſtreichern wieder vertrieben und raſtlos verfolgt. „Nun wird die Reihe an uns kommen,“ ſagte der franzöſiſche Unterofficier.„Die Affaire ſteht ſchlecht. Die Oeſtreicher ſind uns zu ſtark, und, ha! da füh⸗ ren ſie gar noch Geſchütze auf. Diantre! Wenn wir nicht ſchleunige und ſtarke Unterſtützung bekommen, ſo werden wir maſſakrirt bis auf den letzten Mann!“ In das knatternde Gewehrfeuer miſchte ſich jetzt in der That das Brüllen und Donnern der Kanonen, die ihre vernichtenden Eiſenballen mordend und zer⸗ ſchmetternd in die Reihen der weichenden Franzoſen ſchleuderten. Die Männer an den Dach⸗Luken ſchau⸗ ten mit erbleichenden Geſichtern auf das gräßliche Schauſpiel. Näher und näher rückten Freund und Feind. In fünf Minuten konnten ſie da ſein. Ein⸗ zelne Kanonenkugeln ſchlugen ſchon krachend in die Mühle ein, glücklicher Weiſe ohne großen Schaden 58 anzurichten. Andere ſurrten ſauſend und pfeifend rechts und links vorüber. „Wir ſind verloren!“ ſagte Riedel.„Die tödtende Woge wird über uns hinweggehen.“ Da plötzlich ſchlugen die Franzoſen eine andere Richtung ein, wendeten ſich rechts, und ſuchten in eiligem Marſche die etwa eine Viertelſtunde entfernte Feldſchlößchen⸗Brauerei zu erreichen, die, nahe vor der Stadt gelegen, noch von zahlreichen franzöſiſchen Truppen beſetzt war. Der Kern der Oeſtreicher folgte ihnen dahin, und wie durch ein Wunder war die ſchon ſo nahe drohende Gefahr von unſeren Freunden ab⸗ gewendet. Sie blickten ſich gegenſeitig erſtaunt, ver⸗ wundert und erfreut an. „Das war Rettung noch im letzten Augenblicke!“ ſagte Riedel endlich nach einer kurzen Pauſe des Still⸗ ſchweigens.„Können Sie mir erklären, Ihr Herren Franzoſen, warum Ihre Landleute nach dem Feld⸗ ſchlößchen abmarſchirt ſind? Ich kann es nicht begrei⸗ fen, denn auf dem geraden Wege hierher fanden ſie doch verſchiedene Deckungen durch Häuſer, Mühlen und andere Gehöfte in nächſter Nähe?“ Die beiden Franzoſen zuckten die Achſeln, vermoch⸗ ten aber keine Auskunft über die allerdings faſt un⸗ begreifliche Seiten⸗Bewegung ihrer Kameraden zu ge⸗ ben, die zweifellos auf ihrem Marſche dem feindlichen Feuer ungleich mehr, als auf dem graden Wege aus⸗ geſetzt waren. Auf einmal rief Vater Erdmann ſichtlich erſchrocken aus: »Wo iſt denn Wilhelm, mein Sohn, geblieben? Er folgte uns doch, als wir hier herauf ſtiegen?“ 59 „Ich komme ſchon, Vater!“ rief die friſche Stimme des Knaben von der Bodentreppe her, und gleich dar⸗ auf erſchien er ſelber, ganz glühend und erhitzt, wie von einer ſchweren und anſtrengenden Arbeit. „Wo warſt du denn? Woher kamſt du? Was haſt du gemacht?“ fragte der alte Erdmann haſtig. „Haſt du es nicht gemerkt und nicht errathen, Vater?“« erwiederte der Knabe.„»Du mußt doch ge⸗ ſehen haben, daß die Franzoſen nach dem Feldſchlöß⸗ chen zu abgeſchwenkt ſind.“ „Und was haſt denn du dabei zu thun gehabt?“ „Ich? Ei nun, ich ſah es ſchon kommen, daß das Gefecht ſich hierher ziehen würde, wenn man nicht ſchleunigſt Vorkehrungen dagegen treffen könne, und da lief ich hinunter an die Weißeritz.“« „Und da?« fragte der Vater, während die Uebri⸗ gen geſpannt aufhorchten. „Nun, da habe ich in aller Geſchwindigkeit die hölzerne Brücke abgeworfen, die über die Weißeritz führt. Es iſt die einzige auf⸗ und abwärts, und als nun die Franzoſen kamen und ſahen, daß ſie nicht über die Weißeritz kommen konnten, da machten ſie, anſtatt durch zu waten, rechtsum und zogen nach dem Feldſchlößchen, gerade, wie ich mir's vorher gedacht hatte. Nachbar Riedel's und unſere Mühle iſt geret⸗ tet, vor der Hand wenigſtens!“ „Das haſt du gethan, du allein, Wilhelm? Un⸗ möglich!« „Ei was, es koſtete freilich eine tüchtige Anſtren⸗ gung, aber ich hatte aus des Nachbars Werkſtätte eine Säge und eine Axt mitgenommen, und da ging Alles ſchneller und beſſer, als ich dachte. 60 „Aber du allein!“ ſagte Nachbar Riedel.„Dein Einfall war nicht übel, wahrhaftig! Aber warum haſt du uns nicht aufgefordert, dir Beiſtand zu leiſten?“ „J nun,“ verſetzte der Knabe,—„ich that es nicht, weil am Ende die Arbeit doch ein bischen ge⸗ fährlich war, denn die öſtreichiſchen Kugeln pfiffen manchmal hart an mir vorüber,— und dann,“ fügte er leiſe hinzu,„wollte ich deshalb nichts ſagen, weil uns vielleicht die Franzoſen hier mit Gewalt verhin⸗ dert hätten, die Brücke zu zerſtören. Deshalb ſchlich ich mich ſtill davon, und machte mich allein an's Werk. Gott ſei Dank, es iſt mir gelungen. Säge und Axt bahe ich wieder in Ihre Werkſtatt getragen, Nach⸗ ar.& „Wahrlich, du biſt ein braver Burſche,“ ſagte Riedel, während der Vater ſeinen entſchloſſenen und muthigen Knaben feſt an die Bruſt drückte.„Wir verdanken dir vielleicht Leben und Eigenthum, denn die Gefahr war in der That nahe und drohend genug. Ich werde dir's nimmer vergeſſen, Wilhelm?« »„Ach was,“ antwortete der Knabe,„ich habe ja nichts Beſonderes gethan. Einer hilft eben dem An⸗ deren, ſo gut er kann. Und wie gut haben ſie kürz⸗ lich meinem Vater geholfen! Das Schießen geht aber einmal luſtig fort draußen!« Wirklich ertönte der Kanonendonner und das knat⸗ ternde Gewehrfeuer von draußen her mit verſtärkter Gewalt, und Alle eilten wieder an die Dach⸗Luken, um von Neuem den Ausguck in's Freie zu gewinnen. Da ſahen ſie noch die Franzoſen, wie ſie eiligen Lau⸗ fes in gradeſter Linie dem Feldſchlößchen zuſtürzten, 61 und ihnen dicht auf der Ferſe die Oeſtreicher, fort⸗ während ſchießend im Vorwärtsmarſche, bis in der Nähe des Feldſchlößchens dort aufgefahrene Geſchütze einen furchtbaren Kartätſchen⸗Hagel in ihre Reihen ſchleuderten und ihnen mit eiſerner Stimme„Halt!“ geboten. Sie ließen von der Verfolgung ab und zo⸗ gen ſich aus dem Bereich der Geſchütze zurück, wäh⸗ rend ſich die geflüchteten Franzoſen mit ihren Kame⸗ raden im Feldſchlößchen vereinigten. Der Kampf auf dieſem Punkte war unterbrochen, aber nicht auf lange. Es mußte für die Oeſtreicher äußerſt wünſchenswerth ſein, in den Beſitz des Feld⸗ ſchlößchens zu gelangen, weil ſie von dort aus das ganze Terrain bis an die Stadtmauer mit ihren Ka⸗ nonen beſtreichen konnten. Darum hielten ſie nur etwa eine Stunde Raſt, bis ſie noch eine größere Anzahl von Truppen und Geſchützen herangezogen hatten, und marſchirten dann im Sturmſchritt entſchloſſen auf die feſte Stellung der Franzoſen los. Sie wurden wie vorher mit einem furchtbaren Hagel von Kartätſchen überſchüttet, der Hunderte zu Boden ſtreckte, aber Nichts hielt ſie in ihrem Marſche auf, und näher und näher drangen ſie gegen das Feldſchlößchen vor. Die Franzoſen ſchoſſen aus den Fenſtern, aus den Dach⸗ luken, aus Schießſcharten, die ſie in zahlreicher Menge durch die Mauern gebrochen hatten, und fügten den Oeſtreichern empfindlichen Schaden zu. Aber dieſe hielten Stand, erwiederten das Feuer mit allen Kräf⸗ ten, und drangen endlich nach hartem Kampfe durch eine erbrochene Thür in das Gebäude ein. Nun war für die Franzoſen kein Haltens mehr. Sie flohen, und die wichtige Stellung blieb in den Händen der 62 Oeſtreicher. Man hörte ihr lautes Jubelgeſchrei bis nach der Schleifmühle hinüber. Die beiden Franzoſen fluchten und wetterten über das Unglück ihrer Kame⸗ raden; Nachbar Riedel aber und Vater Erdmann drückten ſich verſtohlen die Hände, und freuten ſich insgeheim der guten Erfolge ihrer Landsleute. Ddies geſchah in der neunten Morgenſtunde, und noch war die Aufmerkſamkeit der Beobachter auf die Vorgänge in der Gegend des Feldſchlößchens gerich⸗ tet, als ſie plötzlich durch ein lautes Hurrah⸗Geſchrei davon abgezogen wurden. Das Geſchrei erſchallte von der Weißeritz her, anſcheinend von derſelben Stelle, wo Wilhelm mit kecker Entſchloſſenheit die Brücke zer⸗ ſtört hatte. „Was iſt das?“ fragte Vater Erdmann mehr über⸗ raſcht als beſtürzt. „Die Oeſtreiher ſind es, die Oeſtreicher kommen,“ ſagte Riedel erſchrocken.„Dort ſchimmern die weißen Uniformen durch die Büſche. Sie müſſen die Brücke wiederhergeſtellt haben.“ „Diable! Dann werden wir mit ihnen zu thun bekommen!“ rief der franzöſiſche Unterofficier aus. Sie kommen heran! In zwei Minuten werden ſie da ſein! Ich muß zu Teiten Leuten, um ſie zu den Waffen zu rufen. Was werdet Ihr thun, Kamerad Sergeant?« 6 »Meinen Poſten halten, ſo lange wie möglich,“ verſetzte dieſer mit trockenem Ernſte. „Aber auf dieſe Weiſe wird meine ganze Mühle demolirt werden,“ ſagte Riedel beſtürzt. „Kann nicht helfen,— das iſt Krieg,“ erwiederte der Sergeant.„Wenn Sie gutem Rathe folgen wol⸗ 63 len, ſo machen Sie ſich mit Ihrer Familie aus dem Staube. Hier wird es bald heiß genug hergehen.“ Nach dieſen Worten eilte er die Bodentreppe hin⸗ ab. Die Anderen folgten. Sie hörten ihn komman⸗ diren. Als ſie hinunter kamen, fanden ſie die Mühle ohne Soldaten. Alle waren hinaus in den Garten geeilt, der, von einer ſteinernen Mauer umgeben, eine ziemlich feſte Stellung wenigſtens gegen den erſten Anlauf gewährte. Nach wenigen Sekunden ſchon er⸗ tönte das Kommando:„Feuer!“ und ein Schauer von Flintenkugeln flog den anrückenden Oeſtreichern ent⸗ gegen. Sie gaben Antwort in gleicher Weiſe, und das Schießen hinüber und herüber dauerte hitzig fort. Die blauen Bohnen ſchwirrten pfeifend durch die Luft und viele ſchlugen in die Hinterwand der Mühle ein, oder zertrümmerten Fenſterkreuze und Fenſterſcheiben. Einige trafen auch die im Ganzen ziemlich gut gedeck⸗ ten Franzoſen. Gleich beim erſten Anprall wurden Zwei durch den Kopf geſchoſſen, ſo daß ſie augenblick⸗ lich todt zu Boden fielen, und Andere mußten ſich mehr oder minder ſchwer verwundet aus dem Gefecht zurückziehen. „Die Sache wird gefährlich, Gevatter,« ſagte der alte Erdmann zu ſeinem Nachbar.„Holen Sie Ihre Frau und Kinder, und folgen mir in meine Mühle, dort ſind wir, für einige Zeit wenigſtens, noch in Sicherheit.““ „Sie haben Recht, Nachbar,— man muß aus⸗ weichen, ſo lange man kann,“ erwiederte Riedel. „Gehen wir alſo, hier kann ich nun doch weiter nichts nützen.“ 4 Er holte die bleiche zitternde Frau und die angſt⸗ 64 voll weinenden Kinder aus ihrem Verſteck, und Alle begaben ſich nach Vater Erdmanns Mühle, wohin der Unterofficier ſchon voraus geeilt war, und ſeine An⸗ ordnungen zum Kampfe getroffen hatte. Seine Sol⸗ daten hielten alle Fenſter beſetzt, aus denen man die Straße beſtreichen konnte, und hatten ſich mittelſt ih⸗ rer Torniſter eine Art von Verſchanzung mit Schieß⸗ ſcharten hergerichtet, hinter der ſie ziemlich ſicher und gedeckt ſtanden, wenigſtens ſo lange ſie es nur mit Infanterie zu thun hatten. Aber zu ihrem Schrecken hallte, kaum nachdem Vater Erdmann mit ſeiner Be⸗ gleitung in der Mühle angekommen war, der Don⸗ nerton ſchwerer Geſchütze von Nachbar Riedels Schleif⸗ mühle herüber und einige fauſtgroße eiſerne Kugeln raſſelten auf das Dach der Schneidemühle herab, zer⸗ trümmerten praſſelnd die Ziegeln und ſchlugen runde Löcher durch Balken und Sparrwerk. „Unter ſolchen Umſtänden können wir dieſen Po⸗ ſten nicht halten,“ ſagte der Unterofficier zu ſeinen Leuten.„Haltet euch fertig zum Abmarſch. Sobald die Oeſtreicher erſcheinen, feuert eine allgemeine Salve auf ſie ab, und dann im Trabe zurück nach der Pa⸗ piermühle. Dort finden wir eine ſtarke Beſatzung, und vielleicht auch Unterſtützung von der Stadt her. Da kommen auch ſchon unſere Kameraden von der Schleifmühle herüber! Ich dacht' es mir wohl! Gegen Artillerie können wir nicht Stand halten.“ Im Sturmſchritt eilte der Sergeant mit ſeinem jii zuſammengeſchmolzenen Häuflein Soldaten erbei. „Nichts mehr zu machen!“ rief er ſeinen Kame⸗ N raden zu.„Die Oeſtreicher haben vier Geſchütze bei 65 ſich, und ſind eben dabei, ſie über die ſchnell wieder⸗ hergeſtellte Brücke zu ſchaffen. Wir müſſen zurück!« „Weiß wohl,“ verſetzte der Unterofficier,„aber erſt, wenn ich die Weißröcke mit einer vollen Salve rega⸗ lirt habe. Ganz ohne Verluſt ſollen ſie meine Poſt⸗ tion nicht in Beſchlag nehmen.“ „Recht ſo!“ ſchrie der Sergeant jubelnd.„Dabei will ich mit meinen Leuten auch ſein. Aber ich rathe Euch, kommt Alle heraus in's Freie! Hier können wir den Feind am beſten empfangen, und brauchen uns dann mit dem Rückzuge nicht lange aufzuhalten.“ Der Unterofficier fand den Vorſchlag gut, denn er räumte mit ſeiner ganzen Truppe die Mühle, und ſtellte ſich draußen neben ſeinen Kameraden in Linie auf. „Gott ſei Dank!“ ſagte Vater Erdmann, der mit ſeiner Familie und ſeinen Gäſten in der Mühle zu⸗ rückgeblieben war.„Jetzt können wir noch hoffen, daß ſie unſer Obdach nicht zuſammenſchießen. Haltet Euch Alle ruhig, wenn auch die Oeſtreicher kommen ſollten. Sie müſſen zwar Sachſen als Feindes Land betrach⸗ ten, aber hoffentlich werden ſie nicht vergeſſen haben, daß wir deutſche Landsleute, und zum Kriege mit den alliirten Mächten durch Napoleon nur gezwungen ſind.“ 8 „Auch ich hoffe das,“ ſagte Nachbar Riedel.„Nur wundere ich mich, wo ſie ſo lange bleiben! Es kan ihnen doch nicht entgangen ſein, daß die Franzoſen meine Mühle geräumt haben!“ „Ihr Ausbleiben iſt allerdings auffallend,“ meinte Vater Erdmann.„Vielleicht ſind ſie noch mit dem Bau der Brücke beſchäftigt.“ Bange Tage. 5 66 „Ich will ſachte hinſchleichen und nachſehen,“ ſagte Wilhelm.„Wenn ſie mich auch gewahr werden, einem Jungen wie mir werden ſie nichts zu Leide thun.“ Flink und geſchmeidig wie eine Eidechſe ſchlüpfte er hinaus und, jede mögliche Deckung durch Baum oder Strauch benutzend, zur Schleifmühle hinüber. Erſt nach einer halben Stunde kehrte er zurück, einer halben Stunde, die ſein Vater und die Uebrigen in bangſter Erwartung durchlebt hatten. Er war bleich und aufgeregt. „Schändlich! Abſcheulich!“ rief er aus, als er in die Stube trat.„Die Oeſtreicher hauſen wie wilde Thiere in des Nachbars Mühle! Sie haben alle Schränke und Kommoden erbrochen und Alles, was ſie gefunden haben, ausgeräumt. Selbſt bis in den Keller hinunter ſind ſie gedrungen, und müſſen dort wohl Vorräthe von Bier und Nahrungsmitteln gefun⸗ den haben. Wenigſtens tranken ſie in vollen Zügen aus allen möglichen Gefäßen, und ſchrieen und jubel⸗ ten dabei, wie beſeſſen. Ach, Herr Riedel, ſie wer⸗ den Ihnen kein Stück Brod und keinen Schluck Bier übrig laſſen, fürchte ich.“ „Nun, das hat weiter nicht viel zu bedeuten,“ ant⸗ vortete dieſer kaltblütig.„Viel können ſie nicht ge⸗ unden haben, denn ich war auf Ereigniſſe dieſer Art rbereitet und habe deshalb bei Zeiten meine Maß⸗ regeln getroffen. Hoffentlich haben Sie ſich doch auch vorgeſehen, Nachbar?“ „Einigermaßen wohl, aber doch noch nicht genug, fürchte ich,“ verſetzte Vater Erdmann.„Der Schup⸗ pen neben der Sägemühle ſcheint mir nicht das beſte Verſteck zu ſein; aber ich weiß wirklich nicht, wohin 67 anders wir unſer Bischen Hab' und Gut bergen ſollten.“ „Ich weiß es, Vater,“ ſagte Wilhelm voller Eifer. „In die Radkammer! Wenn wir dann das große Waſſerrad gehen laſſen, ſo kann kein Menſch in die Radkammer hinein.“ „Der Einfall iſt wirklich nicht übel,“ nickte Vater Erdmann beiſtimmend.„Die Radkammer iſt ziemlich geräumig gebaut, weil ich ſie zu Zeiten auch als Nie⸗ derlage für feinere Holz⸗Sorten benutzen wollte, und es läßt ſich Alles darin unterbringen, was wir vor Plünderung ſichern möchten.“ „Dann geſchwind an's Werk,“ ſagte Nachbar Rie⸗ del.„Noch ſind die Oeſtreicher nicht da, und mög⸗ licher Weiſe bleiben ſie noch ſo lange aus, bis wir hier fertig und in Ordnung ſind. Daß Sie auch nicht früher an die Radekammer gedacht haben, Nach⸗ bar!“ „Nun, Sie wiſſen ja, Gevatter, ſie wird eigent⸗ lich nur im Winter benutzt, um das große Waſſerrad vom Eiſe frei zu halten,“ gab Vater Erdmann zur Antwort.„In der unaufhörlichen Verwirrung und Aufregung habe ich ſie ganz und gar vergeſſen! Aber 3 ſcheint noch nicht zu ſpät zu ſein, alſo flink an's erk!“ Sie gingen aus dem Hauſe über den ſchmalen Hofraum in die eigentliche Schneide⸗Mühle. Hier war neben dem großen Waſſerrade auf Pfählen, ſo daß das Waſſer darunter weglaufen konnte, eine Art Verſchlag gebaut, der auf allen Seiten geſchloſſen, nur nach dem Rade zu ganz offen ſtand. Er war feſt und ſtark von eichenen Bohlen und Brettern gezimmert, und man konnte nur hinein gekangen, wenn das Waſ⸗ ſerrad ſtille ſtand. Dies war eben jetzt der Fall. Aber der Zugang war zu ſchmal, als daß man die Bier⸗ und Branntwein⸗Fäſſer, ſo wie andere größere Gegenſtände hineinſchaffen konnte. Vater Erdmann brach deshalb ſchnell ein paar Seiten⸗Planken los, und nun war ein hinlänglich breiter Eingang gewon⸗ nen. In aller Eile ſchaffte man nun in die Kammer hinein, was man in Sicherheit bringen wollte, auch Betten, Wäſche, Hausgeräth und ſonſtige Gegenſtände von Werth, und dann, als Alles geſchehen war, wur⸗ den die Planken wieder vor die Oeffnung genagelt, und Vater Erdmann löſte die Hemmung des großen Waſſerrades, welches ſich ſofort in Bewegung ſetzte. Es verbarg vollſtändig die Radkammer. Wer ihre Lage nicht kannte, würde hier nimmermehr ein Ver⸗ ſteck vermuthet haben. Mit erleichtertem Herzen kehrten Alle nach dem Wohnhauſe zurück. Noch ſtanden draußen auf dem Wege die Franzoſen in Linie aufmarſchirt, aber von den Oeſtreichern war noch immer Nichts zu ent⸗ decken. „Sie werden wohl Mühe haben, ihre Geſchütze über die Nothbrücke zu bringen,“ ſagte Wilhelm. „Wenigſtens ſah ich, als ich vorhin in ihre Nähe ſchlich, daß ſie noch immer an der Brücke bauten und beſſerten. Die Infanterie war zwar ſchon herüber, aber die Kanonen ſtanden noch jenſeit des Waſſers.“ „So wird es ſein,“ meinte Nachbar Riedel.„Am liebſten wäre mir's, wenn ſie gar nicht ämen. Wenn ſie bei mir drüben ſo übel hauſen, wie du verſicherſt, Wilhelm, ſo werden ſie es, wenn ſie hierher kommen, nicht viel beſſer machen.“ Noch manche Viertelſtunde verging den ängſtlich Harrenden in banger Erwartung. Sie hatten ſich Alle in eine Kammer begeben, wo ſie am ſicherſten vor den Kugeln zu ſein glaubten, und doch auch einen Seitenblick auf die Straße draußen werfen konnten. Wilhelm ſtand hier Wache, und beobachtete die Fran⸗ zoſen, die munter plauderten und lachten, als ob ſie von nichts in der Welt etwas zu fürchten hätten. Auf einmal aber hörte das Schwatzen auf, und man ver⸗ nahm nur noch die kommandirende Stimme des Un⸗ terofficiers. „Aufgepaßt, Leute!“ rief er. Sie kommen. „Nehme jeder ſeinen Mann auf's Korn. Achtung! Gewehr an! Feuer!“ Fünfzig oder ſechzig Schüſſe krachten zu gleicher Zeit; dann machten die Franzoſen rechtsum, und lie⸗ fen in kurzem Trabe der nahen Papiermühle zu. Ein wildes Wuthgeſchrei und ein knatterndes Gewehrfeuer der Oeſtreicher gellte und donnerte ihnen nach. Dann kamen die Oeſtreicher ſelber zum Vorſchein, und rann⸗ ten, in haſtiger Verfolgung begriffen, an der Mühle vorüber, ohne ſie weiter zu beachten. Im Laufen noch ſchofſen und ſchrieen ſie. Einige Franzoſen wurden von ihren Kugeln erreicht, und taumelten zu Boden. Aber mehr als neun Zehntel von ihnen erreichten glücklich die Papiermühle, aus welcher unmittelbar ein Feuerſtrom gegen die zu verwegenen Oeſtreicher aus allen Luken und Fenſtern des weitläufigen, maſſiv aus Stein aufgeführten, ſehr feſten Gebäudes hervorſprühte. Die Oeſtreicher mußten Halt und Kehrt machen, um nicht große Verluſte zu erleiden. Die Papiermühle zu erſtürmen, war faſt unmöglich, da zwiſchen ihr und dem Wege ein breiter Mühlgraben von beträchtlicher Tiefe floß. Eine Zugbrücke führte zwar darüber, aber dieſe war unmittelbar nach Aufnahme der flüchtenden Franzoſen aufgezogen, und die Paſſage dadurch gänz⸗ lich verſperrt worden „Die Kanonen vor!“ ſchrieen die Oeſtreicher. „Schießt das Neſt zuſammen! Her mit den Ka⸗ nonen!“ Zwei Geſchütze raſſelten bereits heran. Im Nu waren ſie abgeprotzt, und eine Minute darauf donner⸗ ten ſchon die erſten Schüſſe gegen die Papiermühle. Die Franzoſen ſchienen hierauf nur gewartet zu haben. Aus allen Fenſtern und Luken pfiffen wieder Büchſenkugeln herüber, und jetzt wurde ein breites Thor aufgeriſſen, hinter welchem vier Kanonen auf⸗ gepflanzt ſtanden. Sie wurden gleichzeitig abgefeuert und ein mörderiſcher Hagel von Kartätſchen fegte da⸗ her, nnd riß nicht nur große Lücken in den dicht ge⸗ drängten Haufen der Oeſtreicher, ſondern zerſchmet⸗ terte auch die Räder und Laffetten ihrer beiden Ka⸗ nonen, ſo daß dieſelben nicht weiter benutzt werden konnten.. Ein ſtarrer Schrecken folgte dieſem unvermutheten, furchtbaren Geſchützfeuer. Der Officier, welcher die Oeſtreichiſche Batterie kommandirte und wie durch ein Wunder unverletzt geblieben war, während faſt die ganze Bedienungs⸗Mannſchaft der Kanonen todt oder tödtlich verwundet zu Boden geſtreckt war, gewann zuerſt ſeine Faſſung wieder. „Zurück, Leute,“ ſchrie er mit Dounerſimme⸗ 71 „Alle zurück nach der nächſten Mühle! Hier ſtürmen zu wollen, wäre wahnſinnig! Zurück!“ Die noch tobenden Soldaten ſchüttelten den Schrecken ab, der ihre Glieder in Feſſeln geſchlagen zu haben ſchien, und rannten eiligſten Laufes wieder der Schneidemühle zu, um daſelbſt Deckung und Sicher⸗ heit zu ſuchen. Ehe die franzöſiſchen Kanonen wieder geladen waren, kamen ſie athemlos an, und beſetzten ſofort das Haus und die Mühle, deren Thüren ver⸗ rammelt und verriegelt wurden. Jedenfalls fürchteten ſie, nun ihrerſeits von den Franzoſen angegriffen zu werden. Aber dies geſchah nicht, und ſie gewannen deshalb ſchnell Haltung und Faſſung wieder. Vater Erdmann, Nachbar Riedel, die Mutter und Wilhelm hatten mit Schaudern und Entſetzen die furchtbare, faſt vernichtende Wirkung der franzöſiſchen Geſchütze beobachtet, und hierauf mit Schrecken geſe⸗ hen, wie die Woge des Kampfes ſich wieder gegen ſie ſelber zurückwälzte. Sie konnten natürlich nicht hindern, daß die Oeſtreicher Beſitz von der Mühle nahmen, und warteten nun ängſtlich der Dinge, die kommen würden, da auch ſie nicht daran zweifelten, daß die Franzoſen zum Angriffe übergehen würden. Dies geſchah, wie geſagt, nun zwar nicht, aber trotz⸗ dem mußten ſie doch bald die Erfahrung machen, daß ſie von den Schrecken des Krieges nicht ganz unbelä⸗ ſtigt bleiben ſollten. Die Oeſtreicher waren nur kaum erſt zur Beſin⸗ nung gekommen, als ſie mit wildem Ungeſtüm nach dem Hausherrn ſchrieen. Ein Grenadier von rieſiger 72 Größe zeigte ſich dabei am ungeberdigſten und tobte wie beſeſſen. „Wo iſt der Hund von Hausbeſitzer?“ brüllte er mit heiſerer Stimme, und ſtampfte mit dem Fuße wild auf den Boden.„Er ſoll kommen augenblicklich, oder Alles wird maſſakrirt, was im Hauſe iſt!“ Vater Erdmann vernahm das unbändige Geſchrei, und war keinen Augenblick darüber zweifelhaft, was er zu thun habe. Trotz der angſtvollen Bitten ſeiner Frau, die ihn zurückzuhalten ſuchte, ging er in das Zimmer, in welchem der Grenadier ſchrie und tobte, trat dicht vor ihn hin, und blickte ihm feſt und furchtlos in die unheimlich glühenden, roth unterlau⸗ fenen Augen. „Hier bin ich, der Hausherr,“ ſagte er.„Was wird von mir verlangt?“ „Zuerſt dein Geld her, Kerl!“ ſchrie der Grena⸗ dier ihn an.„Und dann Brod, Wein, Bier, Brannt⸗ wein herbei geſchafft, und was dein Haus ſonſt zu bieten vermag. Geſchwind, oder, Gott v...... mich, ich ſtoße dir mein Bayonett durch den Leib!“ „Geld habe ich nicht, denn ich bin ein armer Mann, der durch ſeine Arbeit nur eben ſein Leben friſtet.“ verſetzte Vater Erdmann ganz gelaſſen.„Hier ſind meine Schlüſſel,— nehmt ſie, und ſeht ſelbſt nach, ob ich Euch belüge. Das iſt der Schläſſel zum Schranke dort, das die Schlüſſel zur Vorrathskammer neben der Küche, das der Kellerſchlüſſel. Nehmt, was Ihr findet; ich will und kann es Euch nicht wehren, und hoffe, daß die Wirthſchafts⸗Vorräthe wenigſtens hinreichend ſein werden, Euren Hunger zu ſtillen..“ Ohne Umſtände riß der Grenadier die Schlüſſel 73 an ſich, und öffnete zuerſt den Schrank, in dem er allerdings weder Geld noch andere Koſtbarkeiten fand. Fluchend und allerlei Drohungen ausſtoßend drang er hinauf in die Speiſekammer. Ein paar Dutzend ſei⸗ ner Kameraden folgten ihm, und ſtießen ein Freuden⸗ geſchrei aus, als ſie hier eine ziemliche Anzahl Brode und auch Würſte fanden, welche Vater Erdmann wohlweislich nicht mit den übrigen Vorräthen in das Verſteck geſchafft hatte. „Nun in den Keller!“ überbrüllte wieder der lange Grenadier ſeine jauchzenden Kameraden.„Ein friſcher Trunk gehört zum Eſſen, ſonſt mundet es nicht!“ Die ganze Schaar, der lange Grenadier voran, ſtürmte die Kellertreppe hinunter, und bald darauf verrieth das von unten herauf ſchallende Freudenge⸗ ſchrei, daß ſie den Keller nicht leer gefunden hatten. „Ich habe abſichtlich ein paar Fäſſer Bier und ein Fäßchen Branntwein dort gelaſſen,“ flüſterte Vater Erdmann ſeinem Nachbar zu.„Sie hätten nimmer⸗ mehr geglaubt, daß ich gar nichts vorräthig hätte, und mir dann vielleicht die ganze Mühle durchwühlt, wenn nicht gar demolirt. Für die, die hier ſind, reicht das Gefundene aus, und dabei bleiben uns die Haupt⸗Vorräthe noch immer für uns und etwaige fer⸗ nere Einquartierung.“ „Sie haben ganz eecht und vorſichtig gehandelt,“ verſetzte eben ſo leiſe der Nachbar.„Wenn ſie nur das Verſteck nicht ausfindig machen!“ „So lange das Mühlrad ſich dreht, nimmermehr!“ lautete die Antwort,—„und den Hemm⸗Riegel habe ich auf die Seite gebracht, ſo daß die Soldaten das Rad nicht zum Stehen bringen können.“ Nachbar Riedel nickte befriedigt, ſagte aber nichts weiter, denn die Soldaten kamen jetzt aus dem Kel⸗ ler wieder heraus, und rollten ein Bierfaß vor ſich her in die Stube. Hierauf fielen Alle mit wahrem Heißhunger über die Brode und die Würſte her, und tranken dazu von dem ſchäumenden Biere, das friſch und einladend aus dem vorſſichtig geöffneten Faſſe ſtrömte. Nach kaum einer Viertelſtunde waren ſämmt⸗ liche Mundvorräthe verſchwunden; was die Soldaten nicht auf der Stelle verzehren konnten, das ſteckten ſie in die Taſchen oder in ihre Torniſter. Der lange Grenadier hatte bei der Mahlzeit tapfer mitgeſchmauſt, und manchen Schluck Bier durch ſeine ausgetrocknete Gurgel gejagt. Sein barſcher Grimm war dadurch aber keineswegs beſänftigt worden; denn als er nicht mehr eſſen konnte, winkte er Vater Erd⸗ mann wieder zu ſich heran, und fixirte ihn mit dro⸗ hendem Blicke. „Gegeſſen und getrunken haben wir,“ ſagte er,— „nun das Geld heraus! Keine Umſtände gemacht, Alter, oder dir und deinen ſämmtlichen Angehörigen ergeht es gottesjämmerlich!“ .„Ich habe kein Geld,“ erwiederte Vater Erdmann ruhig. hi es mache du einem Dummkopfe weiß, Hund, der du biſt,“ brüllte der Grenadier.„Irgendwo ver⸗ ſteckt oder vergraben haſt du's! Noch einmal rath' ich dir, gutwillig heraus damit, oder dein Rücken wird Bekanntſchaft mit unſeren eiſernen Ladſtöcken machen. Wir ſind hier in Feindesland, und ſpaſſen nicht!“ „Ich ſchwöre Ihnen zu, daß ich kein Geld habe,“ verſicherte Vater Erdmann mit dem ganzen Nachdrucke 75 der Wahrheit.„Das Wenige, was ich beſaß, hab' ich zum Ankauf von Lebensmitteln verwendet, da wir ſeit einigen Tagen ſchon gewärtig ſein mußten, fremde Gäſte zu bekommen!“ „Unſinn und verdammte Lüge!“ ſchrie der Grena⸗ dier.„Sucht einmal ein Bischen, Kameraden, unten und oben, in Stube, Kammer, Küche und Keller, überall, wo es einen Raum zum Verſtecken gibt. Der Kerl muß lügen. Bringt, was ihr findet, und nach⸗ her wollen wir weiter ſehen, was zu thun iſt.“ Die Soldaten folgten nur zu gern und mit ſicht⸗ barer Freude dieſer Aufforderung ihres Kameraden, der ein gewiſſes Uebergewicht über Alle zu behaupten ſchien. Sie wendeten in Haus und Mühle Alles um und um, fanden aber natürlich nichts, als gewöhn⸗ liches Hausgeräth und etwas alte Wäſche und Klei⸗ dungsſtücke; von baarem Gelde keine Spur. Der lange Grenadier gerieth außer ſich vor Wuth. „Packt den alten Hallunken,“ brüllte er,„werft ihn nieder und haut ihn mit euren Ladeſtöcken, bis er beichtet, wo er ſein Geld verborgen hat!“ Die Soldaten leiſteten auch dieſem barbariſcheu Befehle Folge und griffen den alten Mann an. Die Mutter ſtürzte an das offene Fenſter und rief laut um Hülfe. Nachbar Riedel aber und Wilhelm warfen ſich den Soldaten entgegen und drängten ſie im erſten heftigen Anlaufe glücklich zurück. „Schämt Euch, Ihr Leute!“ rief ihnen Riedel zu. „Bedenkt, daß Ihr Soldaten, aber nicht Räuber ſeid. ſnd dein, daß wir Alle Deutſche— Landsleute n e 4 Dieſe Worte verhallten ungehört, oder doch un⸗ 76 beachtet. Auf den abermaligen Zuruf des langen Grenadiers fielen die Soldaten von Neuem über den alten Erdmann her, und ließen ſich dieſes Mal nicht von dem Nachbar Riedel und Wilhelm zurückwerfen. Dieſe wurden ſelber zu Boden geriſſen, und alle Drei würden ohne Zweifel ſchwere Mißhandlungen haben erdulden müſſen, wenn nicht noch im rechten Augen⸗ blicke die Thüre geöffnet worden und ein Officier mit ſchweren goldenen Epauletten und mehreren Ordens⸗ zeichen auf der Bruſt raſch eingetreten wäre. Er hatte den Hülferuf von Frau Martha vernommen und war ſofort herbei geeilt, um vielleicht ein Unglück oder eine Schandthat zu verhüten. Bei ſeinem Erſcheinen ließen die Soldaten ſofort von dem brutalen Angriffe ab, und der lange Grenadier drückte ſich ſcheu und beſtürzt in eine Ecke.. „»Was iſt hier vorgegangen?“ fragte der Officier den alten Erdmann.„Warum wurde um Hülfe ge⸗ ſchrieen?“ Vater Erdmann hatte ſich bereits wieder aufge⸗ rafft, und berichtete kurz und bündig, der Wahrheit gemäß, was geſchehen war. „Und Ihr wollt Soldaten, wollt Oeſtreicher ſein,“ wandte ſich der Officier mit funkelndem Blicke gegen die Mannſchaft.„Ihr werdet gaſtfreundlich aufgenommen, werdet geſpeiſt und getränkt, und Iſ vergeltet ſolche Wohlthaten durch barbariſche Mißhaut 5 b lungen? Fort aus dem Hauſe, Alle mit einander. Ihr marſchirt nach Plauen zurück und ſtellt Euch zur D poſition des dort kommandirenden Generals. Marſe Und Gott ſei Euch gnädig, wenn ich höre, daß Ihr Euch noch einmal zu ähnlichen Exceſſen verleiten laßt. 5 Er, Korporal Sterzinger, meldet ſich draußen beim Hauptmann als Gefangener. Zu gelegener Zeit wird man Kriegsgericht über ihn halten!“ Eingeſchüchtert und niedergeſchlagen verließen die Soldaten das Haus. Der Officier trat an's Fenſter und nickte. Ein Adjutant zu Pferde erſchien vor dem Hauſe. „Lieber Graf Kintſchy,“ ſagte der Officier zu ihm, beordern Sie ſogleich vierundzwanzig Mann als Be⸗ ſatzung hierher. Sie ſollen den braven Leuten hier im Hauſe zum Schutze dienen.“ „Zu Befehl, Herr General,“ verſetzte der Adju⸗ tant, und ſprengte wieder davon. „Ihr könnt jetzt ohne Sorge ſein, wenigſtens in Bezug auf unſere Soldaten,“ wandte ſich der General von Neuem zu Vater Erdmann.„Sie werden Euch, nun Ihr unter meinem Schutze ſteht, nicht mehr be⸗ läſtigen. „Tauſend Dank, Herr General!“ ſtammelte Vater Erdmann. „Keinen Dank!“ fiel ihm der General ſchnell in's Wort.„Ich thue nur meine Schuldigkeit. Uns iſt wohl bekannt, daß Ihr ſchon Schweres unter der Laſt des Krieges habt erdulden müſſen, und wir, als deutſche Landsleute, wollen nicht noch Schwereres über Euch Verhängen. Unſere armen Soldaten haben freilich enfalls viel Noth gelitten in den letzten Tagen; rrum kann man nicht ſtreng mit ihnen in's Gericht ken, wenn ſie nach Trank und Speiſe verlangen. Ker Plünderungen und Geld⸗Erpreſſung dulde ich nicht, ſo lange ich noch ein Kommando in der Armee führe. Lebt wohl, Ihr Leute, und Gott ſei mit Euch!“ Raſch verſchwand er aus der Thür. Die Seg⸗ nungen der Zurückbleibenden, die er nicht hören wollte, folgten ihm nach. Bald darauf erſchien ein Detachement von vierund⸗ zwanzig Mann Soldaten unter dem Befehl eines Un⸗ terofficiers, welcher Letztere dem Vater Erdmann die Verſicherung wiederholte, daß er nichts mehr von Sei⸗ ten der Oeſtreicher zu fürchten habe. Er war ein freundlicher Mann, deſſen ganzes herzliches Weſen Zu⸗ trauen einflößte. Vater Erdmann dankte ihm für ſeine beruhigende Zuſicherung, und zog ihn dann ein wenig bei Seite.. „Lieber Herr,“ ſagte er leiſe zu ihm,—„Ihre Kameraden, die der Herr General fortgeſchickt hat, haben noch nicht ganz unſeren Proviant verzehrt. Wenn daher Sie und Ihre Leute hungrig ſind, ſo ſoll in wenigen Minuten Brod und Bier herbeigeſchafft werden.“ „Sie ſind ein braver Mann,“ verſetzte der Unter⸗ officier noch freundlicher, als früher.„Ich und meine Leute haben freilich ſeit länger als vierundzwanzig Stunden faſten, und dabei noch tüchtig marſchiren müſſen. Wenn Sie alſo eine kleine Stärkung bei der Hand haben, ſo werden wir ſie gewiß nicht zurück⸗ weiſen.“ »Warten Sie nur wenige Minuten hier im Hauſe,“ ſagte Vater Erdmann.„Ich gehe nur nach der Mühle da hinüber, und komme ſofort wieder zurück.“ Der Unterofficier nickte ihm zu. Vater Erdmann bedeutete den Nachbar Riedel und ſeinen Sohn durch einen Wink, ihm zu folgen, und holte mit ihrem Bei⸗ ſtande ein Faß Bier und hinreichend Brod aus der . 79 geheimen Speiſekammer. Die Soldaten nahmen Bei⸗ des mit tauſend Freuden in Empfang, und von da an herrſchte zwiſchen den Hausbewohnern und der Be⸗ ſatzung die herzlichſte Freundſchaft und Eintracht. Mehrere Stunden verſtrichen jetzt grade in der nächſten Umgebung der Mühle ganz ruhig, während rings um Dresden herum das Getöſe des Kampfes faſt ununterbrochen forttobte. Von allen Seiten her krachte und rollte der erſchütternde Donner der Kano⸗ nen, und von Zeit zu Zeit trafen leicht Verwundete ein, welche Nachrichten über den Gang der Ereigniſſe brachten. Die Verbündeten gewannen uͤberall Terrain, und drängten die ſchwächeren Maſſen der Franzoſen, obwohl ſie den tapferſten Widerſtaud leiſteten, mehr und mehr auf Dresden zurück. Sie ſtanden bereits vor den Thoren der Stadt. Zwei Lünetten waren erſtürmt und ihre Beſatzung gefangen oder niederge⸗ hauen. Noch ein einziger, allgemeiner Angriff und Sturm mußte unfehlbar den Sieg herbeiführen, und Keiner zweifelte daran, daß dieſer Sturm mit aller uur verfügbaren Macht unternommen werden würde. Da auf einmal ſchien es, als ob das Getöſe des Kampfes ſich verdoppele oder verdreifache. Lauter und anhaltender brüllten die Geſchütze, das Knattern des Gewehrfeuers folgte ununterbrochen, und zwiſchendurch erklang es dumpf, wie triumphirendes Jubelgeſchrei aus den Heerhaufen der Franzoſen herüber. „Da iſt etwas nicht richtig,« ſagte der Oeſtrei⸗ chiſche Unterofficier, nachdem er ein Weilchen gelauſcht hatte.„Die Franzoſen rücken wieder vor, und unſere Leute weichen. Man hört es deutlich, daß ihre Ge⸗ 80 ſchütze aus größerer Entfernung von der Stadt ſchießen!“ Jedermann ſtimmte dieſer Behauptung bei, aber Niemand konnte ſie ſich recht erklären, bis plötzlich ein Haufen öſtreichiſcher Flüchtlinge vom Feldſchlößchen herüber kam, und in der Mühle Schutz ſuchte. „Es geht ſchlecht, Alles ſchlecht!« rief Einer von ihnen.„Napoleon iſt da mit ſeinen Kerntruppen, und die Franzoſen ſchreien ihr„vive l'empereur« wie be⸗ ſeſſen, und fechten wie wahre Teufel. Ruſſen, Preußen, wie Oeſtreicher, Alle haben weichen müſſen, und doch glaubten wir den Sieg bereits in Händen zu haben. Es iſt nichts zu machen gegen dieſen Bo⸗ naparte! Es wundert mich nur, daß Ihr hier noch unbeläſtigt geblieben ſind.« „Wenn es ſo ſteht, wie du ſagſt, Kamerad, ſo wird die Ruhe hier nicht lange mehr dauern,“ ver⸗ ſetzte der Unterofficier.„Ach, ich ſehe ſchon, man bereitet ſich auf einen Angriff vor. General Degen⸗ feld rückt mit Truppen an! Und dort kommt auch der Feind! In wenigen Minuten wird es heiß herge hen hier! Achtung, Leute! Nehmt Eure Stellung! Wir müſſen Stand halten, ſo lange es geht!“« Während die Soldaten nach ihren Gewehren grif⸗ fen, und Poſto an Fenſtern und Thüren faßten, nä⸗ herte ſich Vater Erdmann ängſtlich dem Unterofficier. „Glauben Sie wirklich, lieber Herr, daß es zum Kampfe kommen wird?« „Zweifeln Sie nicht daran, Freund,“ erwiederte der Unterofficier.„Da! Da haben wir's ſchon! Machen Sie, daß Sie mit den Ihrigen davon kom⸗ men, oder verbergen Sie ſich in den Keller!“ 81 Eine Lage von Kartätſchenkugeln, die gegen die Wände des Hauſes anpraſſelte, gab den Worten des Soldaten den gehörigen Nachdruck. „Kommt! Kommt Alle!“ ſagte Vater Erdmann zu den Seinigen, und ſeinen Gäſten.„Im Keller ſind wir wenigſtens ſicher vor den Kugeln.“ Keiner weigerte ſich; Alle ſtiegen ſie hinunter in den Keller und warteten hier in Beſorgniß der kom⸗ menden Dinge. Das Krachen der Geſchütze wiederholte und ver⸗ ſtärkte ſich in einem Grade, daß die Grundmauern des Hauſes davon zu erbeben ſchienen. Dazwiſchen ertönte lautes Geſchrei, knatterndes Peletonfeuer, das Stampfen beerzter Hufe auf dem harten Erdboden, das Raſſeln ſchwerer Munition⸗Wagen. Lange hiel⸗ ten die Oeſtreicher Stand. Ueber zwei Stunden wogte der Kampf hin und her, und keine Parthei ſchien über die andere entſchieden die Oberhand ge⸗ winnen zu können. Endlich wurde aber das Schießen von Seiten der Oeſtreicher ſchwächer, und hörte in unmittelbarer Nähe der Mühle plötzlich ganz auf. Die Oeſtreicher wichen alſo, und die Franzoſen dräng⸗ ten hitzig nach. Unſere im Keller geborgenen Freunde wagten es, wieder nach oben zu ſteigen, und fanden hier auf den erſten Blick ihre Vermuthungen beſtätigt. Die Oeſtreicher waren bis auf Plauen zurückgeworfen worden, und auch die Preußen und Ruſſen hatten dem Ungeſtüme der Franzoſen weichen müſſen. Der Angriff der verbündeten Truppen auf Dresden war vollkommen geſcheitert. Wohin der Blick ſich wendete, ſah er nichts als Franzoſen; die Alliirten waren aus dem Geſichtskreiſe entſchwunden. Bange Tage. 6 4 82 Eine unmittelbare Gefahr ſtand jetzt nicht mehr zu befürchten; aber ach, wie ſah es im Hauſe und in der Sägemühle aus, als deren Räume von Vater Erdmann und den Anderen wieder betreten wurden. Das Dach durchlöchert von Kanonenkugeln, wie ein Sieb; alle Fenſter zerſchloſſen; die Möbel zertrüm⸗ mert, und auf dem blutgedrängten Fußboden wohl ein Dutzend öſtreichiſche Soldaten, die in dem heißen Gefechte den Tod gefunden hatten, und von ihren fliehenden Kameraden zurückgelaſſen waren. Sie bot einen jammervollen Anblick, dieſe Stätte der Verwü⸗ ſtung und des Todes. Alle brachen in lautes Wei⸗ nen darüber aus, und auch Vater Erdmann konnte ſeine Thränen nicht zurückhalten. Doch faßte er ſich zuerſt wieder, und ſprach den Uebrigen Troſt zu. „Danken wir Gott,“ ſagte er,„daß Seine gna⸗ denvolle Hand in dieſem Sturme uns beſchützt hat. Unſere Wohnung iſt zwar furchtbar verwüſtet worden, aber unſer Leben iſt doch verſchont geblieben. Das Verlorne kann wieder erſetzt werden. Darum laſſet uns Muth faſſen, meine Lieben.“ „Aber der Anblick dieſer armen Todten iſt mir entſetzlich,“ ſeufzte Frau Martha.„Unſer Haus, ſonſt ſo ſtill und friedlich, kommt mir vor wie eine Mörderhöhle.“. „Gewiß, wir müſſen die Unglücklichen auf die Seite ſchaffen, damit wir ſie wenigſtens nicht länger vor Augen haben. Wollen Sie mir dabei helfen, Nachbar Riedel? Ich leiſte Ihnen nachher in Ihrer Mühle den gleichen Dienſt, und Wilhelm greift auch mit zuu. Der Nachbar war ſofort zum Beiſtande bereit. —— —.,— r — Man trug die Todten aus dem Hauſe in's Freie, wo ſie auf einen grünen Wieſenrain neben anderen er⸗ ſchoſſenen Kameraden niedergelegt wurden. Nach einer Stunde waren die Räume des Hauſes nothdürftig gereinigt, ſo daß ſie wieder einigermaßen bewohnbar erſchienen, und nun begaben ſich die Männer,— Wilhelm konnte wegen ſeiner Tüchtigkeit ſchon als Mann mitzählen,— nach der Schleifmühle. Sie fan⸗ den dieſelbe in ziemlich eben dem Zuſtande, wie die Schneidemühle, aber auch hier wurde möglichſt raſch aufgeräumt, und die Mühle, ſo gut es eben gehen wollte, in bewohnbaren Stand geſetzt. Hierauf ent⸗ fernte ſich der Schleifmüller auf einige Augenblicke und kehrte mit zufriedener Miene zu ſeinen Nachbarn zurück. „Alles gut,“ ſagte er.„Sie haben richtig mei⸗ nen kleinen Keller nicht entdeckt, der neben dem größeren liegt und von mir mit Ziegelſteinen ober⸗ flächlich verbaut worden iſt. So bleiben uns wenig⸗ ſtens unſere beſten Sachen und auch die Betten. Alles Andere läßt ſich verſchmerzen.“ 8 „Aber wo gedenken Sie mit Ihrer Familie die Nacht zuzubringen?“ fragte Vater Erdmann.„Doch nicht in Ihrem kleinen Keller? Ich ſchlage vor, Sie bleiben bei mir, und wir quartieren uns ſammt und ſonders in die Rad⸗Kammer ein, wo wir Alle Platz genug haben.“ 3 Dieſen Vorſchlag nehme ich dankbar an,“ verſetzte Riedel.„Es iſt mir ohnehin unheimlich zu Muthe unter ſo vielen Leichen, wie ſie hier die Erde be⸗ decken. In Geſellſchaft kommt man leichter über ſol⸗ ches Grauen hinweg.“ 6* 84 „So gehen wir,“ ſagte Vater Erdmann und ſchritt voraus. Die Andern folgten. Es war mittlerweile dunkel geworden, aber an verſchiedenen Orten war der Himmel von dem Feuer⸗ ſcheine brennender Gehöfte und Dörfer erleuchtet, ſo daß man trotz des ganz von Wolken überzogenen V Himmels ziemlich deutlich den Weg und die Umriſſe der näheren Gegenſtände erkennen konnte. Unſere Freunde ſchritten ſchweigend dahin, hatten aber kaum die Hälfte der Entfernung nach der Schneidemühle zurückgelegt, als Wilhelm plötzlich ſtehen blieb. „Hört Ihr nichts?“ fragte er. Ein banges, dumpfes Stöhnen, wie das eines Sterbenden, wurde Allen vernehmbar. „Jedenfalls ein armer Verwundeter!“ ſagte Riedel. „Helfen wir ihm, wenn wir können,“ ſetzte Wil⸗ helm raſch hinzu und ſprang ſeitwärts nach der Rich⸗ tung hin, aus welcher die Klagetöne erſchallten. Sein Vater und Riedel folgten langſamer. „Hier, Vater! Hier, Herr Riedel!“ rief Wilhelm. „Ein vornehmer Officier mit ſchweren goldenen Epauletten iſt es. Er ſcheint ganz ohne Beſinnung zu ſein!“ Nach wenigen Augenblicken ſtanden die beiden Männer neben ihm. Der Officier ächzte und ſtöhnte vor Schmerz, gab aber auf vorgelegte Fragen keine Antwort. „Jedenfalls iſt noch Leben in ihm,“ ſagte Vater Erdmann.„Wir können ihn nicht hier unter freiem Himmel liegen laſſen, denn das würde ſein Tod ſein. Tragen wir ihn alſo nach unſerer Mühle.“ Ohne Weiteres griffen Wilhelm und Nachbar Riedel zu. Alle Drei trugen den Verwundeten nach der Mühle, und waren nicht wenig überraſcht, als ſie hier in dem Verunglückten den General Degenfeld erkannten, der ſich ihrer ſo wacker gegen die Bruta⸗ lität der Oeſtreichiſchen Soldaten angenommen hatte. „Dem Himmel ſei Dank, daß wir ihm vergelten können, was er Gutes an uns gethan hat,“ rief Vater Erdmann aus.„Richte ſchnell ein Bett für ihn her, Mutter!“ „Aber wo?“ fragte Frau Martha.„Doch nicht hier im Hauſe, in das jeden Augenblick die Franzo⸗ ſen eindringen können.“ „Nein nein, in der Radkammer!“ verſetzte Vater Erdmann ſchnell.„Dort allein iſt er ſicher, nicht in Gefangenſchaft zu gerathen. Bringen wir ihn dort⸗ hin!“ Die Rad⸗Kammer wurde ſchnell geöffnet und noch ſchneller ein Bett darin aufgeſchlagen, auf welches man den Verwundeten ſanft und vorſichtig niederlegte. Dieſer kehrte bald wieder zur Beſinnung zurück, und eine nähere Unterſuchung ergab, daß eine Flintenku⸗ gel in ſeine linke Schulter gedrungen war. Die Wunde, obgleich ſchmerzhaft, ſchien wenigſtens nicht lebensgefährlich. Vater Erdmann legte, ſo gut er es eben verſtand, einen vorläufigen Verband an, worauf ſich der Verwundete weſentlich erleichtert fühlte, und mit herzlichen Worten ſeinen Dank für die unerwar⸗ tete, und doch ſo willkommene Pflege ausſprach. „Sie haben Barmherzigkeit an uns geübt, und mit Barmherzigkeit wird Ihnen vergolten, alſo braucht es hier keines Dankes,“ ſagte Vater Erdmann ein⸗ fach.„Bleiben Sie jetzt nur ruhig, bis es uns ge⸗ lingt, einen Arzt herbei zu ſchaffen, der Sie ordent⸗ lich verbinden kann. Die Schlacht ſcheint für heute ausgetobt zu haben. Da findet mein Sohn wohl Gelegenheit, in die Stadt zu ſchleichen, und ſich nach einem Arzte umzuſehen.“ „Sie ſind ſehr gut und vorſorglich,“ erwiederte der General.„Nur freilich würde es mir nicht ſon⸗ derlich angenehm ſein, in franzöſiſche Gefangenſchaft zu gerathen.“ „Machen Sie ſich darüber keine Sorge,“ be⸗ ſchwichtigte Vater Erdmann.„Unter uns hier finden Sie keinen Verräther, und in dieſem Verſtecke will ich Sie wochenlang verborgen halten, ohne daß eine Spur von Ihnen entdeckt wird.“ „So bin ich ruhig,“ erwiederte der General, und legte ſich matt und erſchöpft in die Kiſſen zurück. Wilhelm hatte indeſſen ſchon ſeine Mütze aufge⸗ ſetzt, und ſchlüpfte aus dem Verſchlage, um ſich nach der Stadt zu begeben. Nach einigen Stunden kehrte er zurück, brachte aber richtig einen jungen Arzt mit, der die Wunde des Generals unterſuchte, ſie ſorgfäl⸗ tiger verband, und dann zum Troſte Aller erklärte, daß ſie keinenfalls tödtlich ſei, ſondern bei guter Pflege ſchon in einigen Wochen vernarbt ſein würde. „Lauter gute Nachrichten,“ ſagte Wilhelm, als der Arzt wieder gegangen war.„Schweſter Malchen habe ich auch geſehen bei der Frau Kriegsräthin. Sie ſind Beide munter und geſund. Es war gut, daß ich dort hinging, denn ohne die Frau Kriegsräthin hätte ich wohl ſchwerlich einen Arzt gefunden, der mich beglei⸗ tet hätte. Sie haben ſämmtlich in der Stadt alle Hände voll zu thun, um den Tauſenden von armen —— 5—-ꝛ—— 87 Verwundeten Beiſtand zu leiſten. Und denkt nur, den Vetter Heinrich habe ich auch geſprochen. Er iſt Of⸗ ficier geworden und läßt Alle herzlich grüßen. Mit der alliirten Armee ſtünde es ſchlecht,“ ſagte er. „Morgen würde es wohl noch zu einem heißen Kampfe kommen, aber der Sieg der Franzoſen ſei kaum noch zweifelhaft. Wir ſollten nur ruhig in unſerer Mühle bleiben,“ ſagte er ferner.„Wir würden ſchwerlich noch einmal in Gefahr kommen, denn die Oeſtreicher wären ſchon weit zurückgeworfen, und würden kaum wieder Boden gewinnen können.“ „Deſto beſſer für uns, wenn auch ſchlimm für das geſammte Vaterland,“ ſprach Vater Erdmann. „Jedenfalls wollen wir verſuchen, einen geſunden Schlaf zu thun, damit wir morgen wieder bei friſchen Kräften und klaren Geiſtes ſind. Gott ſchütze uns Alle auch in dieſer Nacht!“ „Amen!“ fügten der General und alle anderen Anweſenden andächtig hinzu. Jeder ſuchte ſein ſchnell improviſirtes Lager auf, und kurze Zeit darauf hatten Alle gefunden, was ſie ſuchten, den ruhigen und erquicklichen Schlaf. Das ſanfte Rauſchen des Mühlrades lullte ſie ein, wie ein Wiegenlied. 88 Sechstes Kapitel. Nach den Wolken— die Sonne. Acht Wochen ſind nach jenen bangen Tagen, die wir zu ſchildern verſucht haben, vergangen. Vater Erdmann und auch Nachbar Riedel hatten keine wei⸗ teren Verluſte erlitten, und das furchtbare Schlacht⸗ gewitter, das am Freitage, den 27. Auguſt, um Dresden herum noch gewüthet hatte, war unſchädlich an ihnen vorübergezogen. Dresden freilich war im⸗ mer noch von franzöſiſchen Truppen okkupirt. Aber ſeitdem war nun auch in Leipzigs weiten Ebenen an den ewig denkwürdigen Oktobertagen der entſcheidende Sieg der Alliirten über Napoleon erſtritten worden, und Deutſchland athmete in der Hoffnung, bald für immer den Druck der franzöſiſchen Gewaltherrſchaft abwerfen zu können, erleichtert auf. Vater Erdmann hatte, wie jeder brave Deutſche, die Kunde von den zahlreichen Siegen der verbünde⸗ ten Truppen, die Schlag auf Schlag nach einander folgten, mit aufrichtiger patriotiſcher Freude vernom⸗ men; aber in ſeinen eigenen häuslichen Verhältniſſen, die denn doch ſehr in den Auguſttagen gelitten hat⸗ ten, war dadurch keine Aenderung zum Beſſern ein⸗ getreten. Sein ausgeplündertes, halb zuſammenge⸗ ſchoſſenes Haus lag immer noch wüſt und öde. We⸗ der Dach, noch Fenſter und Thüren hatten ausgebeſſert werden können, denn es fehlte in den ſchweren Ta⸗ gen nicht nur an den nöthigen Arbeitern, ſondern dem 4— 89 Hauseigenthümer auch gänzlich an baarem Gelde zu Bezahlung derſelben. Vater Erdmann hatte ſich be⸗ gnügen müſſen, mit Hülfe Wilhelms eine Stube und Kammer nothdürftig ſo weit herzurichten, daß ſie we⸗ nigſtens vor eindringendem Regen und von der nun ſchon immer empfindlicher werdenden Kälte geſchützt waren. Im Uebrigen litten ſie Noth und Mangel oft ſelbſt am Nothwendigen. Die Schneidemühle ſtand ſtill,— wer brauchte zu jener Zeit Bretter und Latten?— baares Vermögen hatte Vater Erdmann noch in ſeinem ganzen Leben nicht geſammelt, und,— was das Schlimmſte war, den Nachbarsleuten ging es ebenfalls nicht beſſer, als ihm, ſo daß leider Kei⸗ ner dem Anderen helfen und unter die Arme greifen konnte, was wohl ein Jeder mit Freuden gethan ha⸗ ben würde, wenn es ihm nur eben möglich gewe⸗ ſen wäre. General Degenfeld, der auf das Treulichſte ge⸗ pflegt worden war, hatte bereits vor einigen Wochen, freilich noch nicht ganz geneſen, die Mühle verlaſſen, und ſich nach Böhmen gewendet, um dort im Kreiſe naher Verwandter, und umgeben von größeren Be⸗ quemlichkeiten, als die arme Schneide⸗Mühle ſie zu bieten vermogte, ſeine vollſtändige Heilung abzuwar⸗ ten. Mit Verſicherungen ewiger Dankbarkeit war er von Vater Erdmann und deſſen Familie geſchieden,— aber ſeit ſeinem Abſchiede hatte man keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Eines Tages’nun ſaß Vater Erdmann am warmen Ofen in ſeiner Stube, und betrachtete mit traurigem Blicke ein Achtgroſchenſtück, das er faſt krampfhaft zwiſchen ſeinen Fingern feſthielt. Die Mutter ſaß 90 bei Seite und wiſchte von Zeit zu Zeit Thränen aus ihren Augen. Wilhelm ſtand vor dem Vater, und zeigte eine ebenſo betrübte Miene, wie ſeine Aeltern. „Ich trenne mich ſchwer von dieſem Geldſtücke,“ ſagte Vater Erdmann nach längerem bangem Still⸗ ſchweigen mit gedrückter Stimme. Es iſt das Letzte, was wir beſitzen. Was ſoll werden, wenn es nun auch ausgegeben iſt?“ 4 Die Mutter ſeufßzte. „Und doch müſſen wir es ausgeben,“ ſprach ſie. „Wir haben im ganzen Hauſe kein Stückchen Brod mehr, und unſeren Nachbarsleuten ergeht es nicht beſſer. Ach, Vater, es wird uns am Ende doch nichts weiter übrig bleiben, als auf den Antrag des reichen Tiſchlermeiſters Brinken einzugehen. Er bie⸗ tet zwar nur einen Spottpreis für die Sägemühle, weil er eben weiß, daß wir in größter Noth ſind. Aber was hilft uns der Beſitz der Mühle, wenn das Rad ſtill ſteht und die Sägen roſten?“ Vater Erdmann ſchüttelte den grauen Kopf. „Unſer Grundſtück, ſo ſehr es verwüſtet und zer⸗ ſchoſſen iſt, hat immer noch einen Werth von wenig⸗ ſtens viertauſend Thalern,“ gab er zur Antwort.„Und jener hartherzige Menſch bietet mir nur fünfhundert Thaler dafür. Er kennt unſre Bedrängniß, er trach⸗ tet ſchon ſeit Jahren nach unſrer Mühle, und meint, nun ſei die Zeit gekommen, wo er mich von dem Erbgute meiner Väter vertreiben kann. Aber eher will ich vor Hunger ſterben, als dieſem kaltblütigen Spe⸗ kulanten weichen. Der Krieg kann nicht mehr lange dauern, ſchon iſt er weit von uns weg auf fremden Boden gezogen, die Beſatzung von Dresden wird doch 7 91 endlich einmal capituliren müſſen, und wenn es nur erſt wieder Frieden und Ruhe gibt, dann wird auch unſere Mühle wieder reichliche Arbeit bekommen.⸗ „Aber bis es wieder Frieden und Ruhe gibt?* warf die Mutter ein.„Wer hilft uns bis dahin?“ „Der, der uns bis hierher geholfen hat, unſer „lieber Vater im Himmel,“ fiel Wilhelm ein.„Bis jetzt ſind wir noch nicht hungrig zu Bette gegangen, und es wird auch heute nicht geſchehen. Behalte dein Achtgroſchenſtück, Vater! Ich ſchaffe Rath, daß we⸗ nigſtens Brod in's Haus kommt!“ S „Wie wollteſt du das bewerkſtelligen, Wilhelm?“ fragte der Vater. „Ich ſchleiche mich in die Stadt hinein und ſuche meinen Pathen auf, den Bäckermeiſter Eck,“ antwor⸗ tete der Knabe.„Er iſt allezeit gut und freundlich mit mir geweſen, und wird mich gewiß nicht ohne ein Brod fortlaſſen, wenn ich auch kein Geld zum Bezahlen mitbringe.“ „Wer weiß, ob er ſelber Brod hat?“ wendete der Vater gegen dieſen Vorſchlag ein.„Noch iſt die Stadt in franzöſiſcher Gewalt, und wie man hört, ſoll es äußerſt knapp darin zugehen.“ „Verſuchen könnt' ich's aber doch auf jeden Fall, Vater,“ entgegnete Wilhelm.„Bitte, laß mich ge⸗ hen. Du weißt, ich kenne alle Wege und Schliche, und werde mich alſo nicht von den Franzoſen erwi⸗ ſchen laſſen.“ „Es iſt zu gefährlich, mein Sohn,“ verſetzte der Vater.„Du würdeſt unfehlbar erſchoſſen werden, wenn das Unglück wollte, daß du in Feindes Hgand 92 fieleſt, und— um ein Stück Brod wollen wir denn doch nicht dein Leben auf's Spiel ſetzen.“ „Nein, nein! Nun und nimmermehr!“ ſagte die Mutter, und zog angſtvoll den muthigen Knaben an ihre Seite.„Lieber laßt uns ein paar Tage Noth leiden! Sie werden ja auch vorüber gehen, und beſ⸗ ſere Zeiten müſſen ja endlich wiederkommen. Wenn die Noth am höchſten, iſt die Hülfe am nächſten, ſagt das Sprüchwort. Hoffen wir, daß es die Wahr⸗ heit ſagt!“ »Gewiß ſagt es die Wahrheit,“ ſprach jetzt eine rauhe Stimme vom Hausflur her und gleich darauf trat ein fremder Mann in die Stube und grüßte mit einem gleißneriſchen Lächeln die Anweſenden.„Hier bin ich, grade der Mann, der Euch aller Sorgen entledigen will, wenn Ihr nur ein Bischen vernünf⸗ tig ſeid. Munter, Vater Erdmann! Zieht nicht ſolche verdrießliche Miene! Ich komme in guter Abſicht! Habe mir Alles noch einmal gründlich überlegt, und will Euch für Eure baufällige Mühle volle tauſend Thaler bezahlen. Tauſend Thaler baares Geld! Wie? Das läßt ſich hören? Schlagt ein, und die Sache iſt abgemacht; Ihr könnt das Geld auf der Stelle in Empfang nehmen.“. Vater, Mutter und Wilhelm horchten erſtaunt auf. Das Angebot, doppelt ſo hoch, als das frü⸗ here, hatte etwas ſehr Verlockendes für ſie. Dennoch hielt Vater Erdmann vorſichtig mit einer entſcheiden⸗ den Antwort zurück, und ſagte weder Ja noch Nein. 1 »Wie kommt es denn, Meiſter Brinken, daß meine Mühle auf einmal ſo hoch im Preiſe geſtiegen iſt?“ fragte er. 8 1 „J nun, ich ſagt' es ja ſchon,— habe mir das Ding noch einmal überlegt,“ erwiederte der Menſch mit einem Lächeln, das gutmüthig ausſehen ſollte, ſeinen groben Zügen aber nur eine gewiſſe Verſchmitzt⸗ heit verlieh.„Ich weiß, Ihr ſeid ein braver Mann, da iſt es ja Chriſtenpflicht, Euch unter die Arme zu greifen. Will auch nicht grade Eure jetzige ſchlechte Lage ausbeuten, und darum biete ich tauſend Thaler für die Mühle.“ „Alſo Ihr wollt mir aus der Noth helfen, Mei⸗ ſter Brinken?“ fragte Vater Erdmann. „Nun ja doch, Ihr hört es jal“ „Wohlan denn, ſo borgt mir nur hundert Thaler, und mir iſt geholfen!“ Meiſter Brinken trat beſtürzt zurück. „So iſt es nicht gemeint,“ ſagte er ſtirnrunzelnd. „Ich will die Mühle haben, und Euch dafür gutes Geld geben.“ „Und ich will die Mühle behalten, Meiſter Brin⸗ ken, und von Eurem Gelde nichts weiter wiſſen,“ entgegnete Vater Erdmann entſchieden.„Geht, Mann! Ihr wollt meine jetzige ſchlimme Lage nur zu Eurem Vortheile ausnutzen. Geht!“ Brinken zögerte noch. Da auf einmal ſtürzte Nachbar Riedel ganz athemlos von ſchnellem Laufe zur Thür herein, und ſchrie mit lauter Stimme: „Hurrah, Nachbar! Die Noth hat ein Ende! die Franzoſen haben kapitulirt! Dresden iſt wieder unſer, und von morgen an kann Jedermann ungehin⸗ dert wieder die Thore paſſiren!“ „Ah, darum alſo iſt meine Mühle um fünfhun⸗ dert Thaler im Preiſe geſtiegen,« ſagte Vater Erd⸗ mann ein wenig ironiſch zu dem verlegenen Brinken. ean ich wiederhole,— die Mühle wird nicht ver⸗ auft.“ Brinken entfernte ſich beſchämt ohne langen Ab⸗ ſchied. Vater Erdmann und Nachbar Riedel aber ſanken einander unter Freudenthränen Bruſt an Bruſt, während Wilhelm laut aufjubelte, indem er ſeine freudig aufgeregte Mutter umarmte. „Jetzt haben wir Ruhe in Deutſchland und die ſchlimmſte Noth iſt zu Ende,“ ſagte Nachbar Riedel. „Bange Tage haben wir verlebt, aber fröhliche, hoff’ ich, ſollen folgen. Nach den Wolken die Sonne!“ .„Ja, ja, wenn wir nur nicht gar zu ſchwer ge⸗ litten hätten,“ ſagte Vater Erdmann, der ſich ſchnell wieder vom erſten Freuden⸗Rauſche ernüchterte.„Die ſchwere Zeit hat uns ja faſt Alles geraubt, und faſt nichts weiter iſt uns geblieben, als die nackten Wände unſrer Wohnung.“ „»Thut nichts!“ verſetzte Nachbar Riedel muthig. „Der alte Gott lebt noch, und die. guten Menſchen ſind auch noch nicht Alle ausgeſtorben. Es wird in Dresden zu bauen und auszubeſſern geben, denn der Krieg hat gar Vieles verwüſtet. Jetzt könnt Ihr Eure Vorräthe von Brettern und Latten zu einem guten Preiſe verwerthen, und damit iſt Euch für den Anfang geholfen. Später findet ſich auch wohl Geld zur Wiederherſtellung von Haus und Mühle, und im Uebrigen müßt Ihr eben, wie wir Alle, auf Gottes Hülfe vertrauen.“ Der Nachbar hatte kaum ausgeredet, und mit ſei⸗ nen troſtreichen Worten die gebeugten Herzen ſeiner 95 Freunde ein wenig aufgerichtet, da nahte ein Brief⸗ träger, an ſeiner hellgelben Uniform ſchon von Wei⸗ tem erkenntlich, mit langen Schritten der Sägemühle. „Aha,“ ſagte Riedel,„der Verkehr mit der Stadt iſt wieder hergeſtellt. Wer weiß, was der Poſtbote Euch für gute Neuigkeiten bringt.“ „Schwerlich wird er mir deren bringen,“ verſetzte Vater Erdmann.„Höchſtens allenfalls eine Nachricht von meinen Pflegeſöhnen.“ Mittlerweile war der Briefträger herzu gekommen und zog ein großes Schreiben aus der Taſche. „An Meiſter Erdmann, den Sägemüller, frei,“ ſagte er.„Iſt ſchon vor acht Tagen eingelaufen, hab's aber erſt heute beſorgen können. Guten Tag.“ Weiter ſchritt er nach dieſem Gruße, auf das Dorf Plauen zu. Vater Erdmann betrachtete den Brief, und drehte ihn unſchlüſſig in der Hand hin und her. „An mich! Aus Prag!“ ſagte er.„Gewiß von Franzl, unſerm Pflegeſohn.“ „Macht doch nur auf, Nachbar, dann werdet Ihr ja ſehen,“ meinte Riedel. „Das iſt auch wahr,“ nickte Vater Erdmann, und öffnete das Schreiben. Langſam las er es. Es be⸗ ſtand nur in wenigen Zeilen. Plötzlich überſtrahlte eine helle Freudengluth ſein bleiches und ſorgenvolles Geſicht, ſeine Augen richteten ſich himmelwärts, und mit bebender Stimme rief er aus: 1 „Freuet Euch mit mir! Alle Noth und Sorge iſt zu Ende! Graf Degenfeld, unſer braver General, iſt es, der ſich Unſer erinnert und ſich unſeres Elendes erbarmt hat. Hört, was er ſchreibt:„Lieber Vater Erdmann! Eure treue Pflege und Aufopferung habe 96 ich nicht vergeſſen! Meine Dankbarkeit wird nie erlö⸗ ſchen. Als ein Zeichen davon ſehet dieſe Zeilen an. Bei Vorzeigung derſelben wird Euch der Banquier Koskel in Dresden zwölfhundert Thaler auszahlen. Beſſert damit Eure Mühle aus, an deren Verwüſtung wir Oeſtreicher doch eigentlich ſchuld ſind. Grüßet Frau und Kinder, ſowie Euern wackern Nachbar Rie⸗ del, der die bangen Tage mit uns durchlebt hat, und ſeiet verſichert, daß ich ſtets bleiben werde Euer wohl⸗ geneigter: General, Graf Degenfeld.“ »Hurrah! Das laſſ' ich gelten!“ rief Nachbar Rie⸗ del.„Ein Ehrenmann, der Herr Graf, das muß man ihm laſſen!“ Die Mutter vergoß Freudenthränen. „Sagte ich's denn nicht,“ ſprach ſie ſchluchzend,— „wenn die Noth am höchſten, iſt die Hülfe am näch⸗ ſten. Gott ſei ewig Dank dafür!“ „Ja, Preis und Dank dem Allmächtigen, der uns wunderbar geſchützt hat in bangen Tagen, und auch jetzt noch ſeine Güte über uns walten läßt!“ rief Vater Erdmann in tiefer Rührung aus.„Ohne Za⸗ gen und Furcht können wir jetzt in die Zukunft ſehen. Das großmüthige Geſchenk des Grafen iſt weitaus mehr als hinreichend, um alle Schäden, die wir er⸗ litten haben, auszubeſſern, und Gottes Segen wird auch ferner, ſo wie früher, auf unſerer Hände Arbeit ruhen. Dieſes Achtgroſchenſtück aber, das Letzte, was uns geblieben war, wollen wir aufbewahren zu ewi⸗ gem Andenken, damit es uns ſtets eine Erinnerung ſei an die überſtandenen ſchweren Tage und an die Freigebigkeit unſeres edlen, hochherzigen Gönners. Mag es auch eine Mahnung ſein an Kind und Kin⸗ 97 deskind, nicht zu verzagen auch in der bitterſten Noth, ſondern ſtets auf die Hülfe deſſen zu bauen, der un⸗ ſer Aller Vater droben im Himmel iſt!“ „Amen! So geſchehe es,“ ſprachen die Mutter und Nachbar Riedel. erdiihe aber umarmte ganz glückſelig Schweſter Märchen, welche aus der Stadt gekommen war, um ſich von der Lage ihrer Aeltern zu überzeugen, und erzählte ihr das große Glück, das ihnen zu Theil ge⸗ worden. Da war denn Frieden und Freude in Aller Her⸗ zen, die Sonne des Glückes ſtrahlte wieder nach dun⸗ keln Unglückstagen, und keine Wolke ſtand am reinen Himmel der Zukunft, welche ſie wieder zu verdüſtern drohte. Nach bangen Tagen folgten die frohen und heiteren. Und zu den froheſten zählten natürlich auch die, an welchen die Pflegeſöhne Vater Erdmanns nach dem Friedensſchluſſe geſund, unverletzt und mit Eh⸗ renzeichen geſchmückt in die Heimath zurückkehrten. Vater Erdmann lebte noch lange zufrieden und glück⸗ lich im Kreiſe der Seinen. Bange Tage. 7 — Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.