deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ] jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ l den angenommen. 4 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 beträgt. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mcr. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. „ 3„—. 5„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben fur Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sehadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte ucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gaſſlen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 24 — Ein armer Sünder. Eine Erzählung für meine jungen Freunde Von Franz Hoffmann. 4. Mit vier Stahlſtichen. 6 —— Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring⸗ 1863. Erſtes Kapitel. Auf dem Jande. Der Tag fing nur eben an zu grauen, als in einer armen kleinen Hütte die ſtarke Stimme eines Mannes erſchallte, welche vom engen Hausflur hinauf zu dem mit Stroh bedeckten Bodenraume ertönte. „Heda, Hans!“ ſchrie ſie ſo laut, daß man es drau⸗ ßen im kleinen Dorfe vernehmen konnte,— willſt du gleich aufſtehen, du Tagedieb! Die Sonne guckt ſchon bald über den Wald herüber! Steh' auf, Faul⸗ lenzer, der du biſt!“ „Ich komme ſchon, Vater!“ rief die helle Stimme eines Knaben zurück,—„im Umſehen bin ich unten! Will nur mein Bett ein bischen aufſchütteln!“ Der Mann lauſchte. Als er das Raſcheln und Rauſchen von durch einander gewühltem Heu oder Stroh vernahm, nickte er zufrieden mit dem Kopfe, und trat in die kleine, neben dem Flur gelegenen Stube, durch deren blinde, kaum handgroße, runde Fenſterſcheiben nur erſt ein matter Schimmer des Ta⸗ geslichtes eindrang, der nur undentlich die darin be⸗ Ein armer Sünder. 1 findlichen, ärmlichen Geräthſchaften erkennen ließ. Un⸗ mittelbar nach ihm kam ein noch ziemlich rüſtiges Mütterchen mit einem großen rauchenden Topfe, den ſie mitten auf einen grob gezimmerten Tiſch aus Tan⸗ nenholz ſetzte, und dann fünf irdene Teller nebſt fünf Blechlöffel von einem Bretterſimſe nahm, die ſie um den großen Napf herumſtellte. Von einem Tiſchtuche, von Servietten oder ſonſtigem Tafel⸗Luxus war in der armſeligen Hütte natürlich keine Rede. 4 Bald nach dem Mütterchen, der Frau vom Hauſe, erſchienen zwei kleine Mädchen von acht und zehn Jah⸗ ren in der Stube, und gleich darauf ein etwa vier⸗ zehnjähriger Knabe,— jedenfalls derſelbe, der vom Dachboden aus den Anruf ſeines Vaters beantwortet hatte. In ſeinen wirren Haaren und auf ſeiner grob⸗ wollenen Jacke zeigten ſich wenigſtens noch verſchiedene Spuren von Heu und Stroh, ſeiner gewöhnlichen La⸗ gerſtatt, zu der er nur vermittelſt einer Leiter gelangen konnte. 8 Mittlerweile war es heller und heller geworden, und die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen goldig glänzend durch die trüben Scheiben in die kleine Hütte, ſie mit ihrem freundlichen Schimmer ver⸗ klärend. Bei ihrem Lichte können wir uns Ort und Per⸗ ſonen etwas genauer anſchauen, und gewahren nun, daß Letztere ſich in einem Taglöhner⸗Stübchen befinden, in welchem man nichts, als nur den allernothwendig⸗ ſten und allereinfachſten Hausrath gewahr wird: ein paar kunſtlos gefertigte Holzſtühle, eine hölzerne Bank, einen alte, bereits ſehr wackelig auf den Beinen ſte⸗ hende Kommode, und einige, in die ungetünchte Lehm⸗ 3 wand eingeſchlagene Holzpflöcke, die als Erſatz für den mangelnden Kleiderſchrank dienen mußten. Das war ſo ziemlich Alles. Vater, Mutter und Kinder gingen ſehr einfach, ja ärmlich gekleidet. Was ſie anhatten, war aus den billigſten, gröbſten Stoffen angefertigt, und augen⸗ ſcheinlich ſchon manches Jahr getragen, denn es gab da keine Jacke, keine Hoſe, keinen Rock und keine Schürze, die nicht ſchon vielfach geflickt und mit aller⸗ lei bunten Flecken und Lappen kunſtlos bedeckt und ausgebeſſert geweſen wäre. Doch ſöhnte ein Umſtand mit dieſer Armſeligkeit der Kleider aus, der Umſtand nämlich, daß man bei Keinem einen Riß oder ſonſt eine ſchadhafte Stelle erblickte. Sie waren alt und abgetragen, aber wenigſtens heil und ganz. Ein Be⸗ weis, daß ein ſorgſames Auge darüber wachen mußte. Vater Wächter war ein Mann von einigen fünf⸗ zig Jahren, mit einem treuherzigen, guten Geſicht, aus deſſen verwitterten Zügen Glück und Zufriedenheit, oder wenigſtens Ergebung in die Verhältniſſe ſeiner niedrigen Stellung ſprachen. Sein bereits ganz er⸗ grautes Haar, und ſeine ſchwielenbedeckten Hände ga⸗ ben Zeugniß von einem zugleich rauhen und arbeits⸗ reichen Leben. Er hatte von Jugend auf als Tage⸗ löhner gedient, und Jahr für Jahr die ſchwere Holz⸗ hauer⸗Axt nur aus der Hand gelegt, um ſie gegen die Senſe und Sichel des Schnitters, oder gegen den Dreſchflegel zu vertauſchen. Seine Arbeit war in der That eine harte und ſchwere, aber das ſpärliche Er⸗ gebniß derſelben ſicherte wenigſtens ihm und ſeiner Familie nothdürftigen Unterhalt, und dies reichte zu des beſcheidenen Mannes Zufriedenheit vollkommen aus. 4* Sein Frau mochte einige Jahre jünger ſein als er, aber trotzdem ſah ſie ziemlich eben ſo alt aus. Sie arbeitete, wenn auch minder ſchwer, doch eben ſo flei⸗ ßig, wie ihr Mann, und, wenn ſie nicht mit häuslichen Geſchäften zu thun hatte, ſo war ſie entweder in dem Gärtchen hinter der Hütte in Thätigkeit, oder ſie ſtreifte durch Wald und Feld, um Beeren, Wurzeln, Pilze und Kräuter zu ſuchen, deren Erlös einen klei⸗ nen Beitrag zu der ſo ſpärlich gefüllten Wirthſchafts⸗ Kaſſe lieferte. Weder Sonnenbrand, noch Sturm, noch Regen ſchreckte ſie von ihren Gängen ab, und man kann ſich daher nicht wundern, daß ſchon längſt die Blüthe ihrer Jugend verwiſcht, und ihr Geſicht von Runzeln und Falten durchfurcht war. Im Ueb⸗ rigen gab es keine beſſere Hausfrau und Mutter, als die brave Frau Wächter, und ihr Mann ſowohl wie ihre Kinder wußten ihren Werth zu ſchätzen und durch innige Anhänglichkeit und aufrichtige Liebe zu ver⸗ elten. 4 Von der kleinen Anna und Lieschen iſt nicht viel mehr zu ſagen, als daß ſie artige und gehorſame Kin⸗ der waren, und ihrer Mutter, ſo viel es ihre jugend⸗ lichen Kräfte erlaubten, beiſtehend und helfend zur Hand gingen. Mit Hans dagegen, ihrem Bruder, ſtand es ſchon anders. Hans war ein friſcher, geſunder Burſche, deſſen munteres Ausſehen, deſſen rothe Wangen und blitzende Augen nicht andeuteten, daß er in ſehr kümmerlichen Verhältniſſen aufgewachſen war. Seinen Aeltern und Geſchwiſtern hing er mit großer Liebe an, insbeſondere der Mutter, der er jeden Wunſch an den Augen ab⸗ zuleſen ſuchte, um ihn zu erfüllen, ehe er noch in Wor⸗ ten ausgeſprochen war. Wenn er zur Sommerszeit von ſeinen Geſchäften heimkehrte,— Hans bekleidete nämlich ein nicht ganz unwichtiges Amt, indem ihm die Funktionen des Dorf⸗Gänſehüters übertragen wor⸗ den waren,— ſo legte er keineswegs die Hände träg in den Schooß, ſondern unterzog ſich mit Luſt und Liebe den ſchweren Arbeiten, welche der bejahrten Mut⸗ ter große Anſtrengungen verurſacht haben würden. Wollte ſie die Wäſche beſorgen, ſo fand ſie ſicherlich bei Tages⸗Anbruch Keſſel und Eimer mit Waſſer ge⸗ füllt, das Hans während der Nacht aus dem eine Vier⸗ telſtunde entfernten Bache herzu getragen hatte. Nie fehlte es ihr an kleinem Holze und Reiſig zum Feuer⸗ Anmachen, wie an dem übrigen nöthigen Feuerungs⸗ Material für Küche und Heizung der Wohnſtube. Hans ſorgte für Alles, er ſägte und hackte das Holz, ſchichtete es ſauber im Stalle auf, und fühlte ſich über⸗ glücklich, wenn die Mutter ihn durch ein dankbares Lächeln oder einen zärtlichen Blick belohnte. Hans beſorgte auch das Futter für die Ziege, er war eben ſo unentbehrlich, wie unermüdlich beim Ausgraben der Kartoffel⸗Ernte, kurz, er ſpielte mit Erfolg die Rolle eines fleißigen Haus⸗Koboldes, unter deſſen geſchickten Händen Alles gut und glücklich gedeihet. Nur ein Fehler haftete ihm an, und zwar ein ſchlim⸗ mer Fehler, welcher ſeiner Mutter ſchon ſchwere Sorge bereitet hatte. Er nahm es nicht ganz genau mit dem Mein und Dein, und mehrmals ſchon waren Klagen in dieſer Beziehung über ihn eingelaufen. Beſonders hatte der Gärtner auf dem Edelmanns⸗Hofe alle Au⸗ genblicke über ihn Beſchwerden zu erheben. Bald hatte 6 Hans die Kirſchbäume, bald die Aprikoſenbäume ge⸗ plündert; bald bei den Erdbeer⸗Beeten, bald bei den Johannis⸗ und Stachelbeer⸗Büſchen genaſcht; bald die ſüßeſten Pflaumen, bald die ſchönſten Pfirſichen oder Weintrauben ſtibitzt. In den ſeltenſten Fällen freilich nur konnte man die Beweiſe ſeiner Plünderungsluſt beibringen, und am allerwenigſten ließ ſich der flinke Burſch bei ſeinen Razzia's erwiſchen; daß aber doch er, und nur er allein der Früchtedieb war, ließ ſich der Gärtner nicht ausreden, und wahrſcheinlicher Weiſe hatte er mit ſeiner Meinung vollkommen recht. Hans wollte es nur nicht zugeben, und entging daher mei⸗ ſtens der wohlverdienten Strafe. Wurde er, trotz aller ſeiner Vorſicht, doch einmal attrapirt, ſo verabfolgte ihm ſein Vater alle Mal eine ſehr gewichtige Portion Schläge, und die Mutter ließ es an eindringlichen Er⸗ mahnungen nicht fehlen. Aber das Alles diente nur dazu, Hans noch vorſichtiger und ſchlauer als vorher zu machen; bei der erſten Gelegenheit plünderte er wieder die Bäume, Sträuche und Weinſtöcke des er⸗ zürnten Gärtner's, und lachte ſich in's Fäuſtchen, wenn es ihm gelungen war, ſich den ſpähenden Augen des ſcharfſichtigen Feindes zu entziehen. 8 An anderem Eigenthum, als an Früchten des Gar⸗ tens und der Felder, oder an den Fiſchen im Teiche und den Waldbächen, oder an den Vögeln in den Bü⸗ ſchen, denen er mit großer Geſchicklichkeit Sprenkel und Dohnen zu ſtellen wußte, vergriff ſich Hans aber niemals. Er hatte ſeltſame Anſichten, der kecke Junge, und hehauptete ſteif und feſt, daß Alles, was zwiſchen Himmel und Erde frei wachſe und gedeihe, auch freies Eigenthum eines Jeden wäre, der geſchickt genug ſei, ſich deſſelben zu bemächtigen. Der Förſter, der zu⸗ gleich Fiſchmeiſter der Guthsherrſchaft war, verſuchte mehrmals mit beredten Worten und den ſchlagenden Gründen einer Haſelnuß⸗Gerte, die irrigen Anſichten von Hans zu berichtigen, aber Hans war gegen ſeine Belehrungen eben ſo taubhörig, wie gegen die Vorſtel⸗ lungen ſeiner Mutter. Eines Morgens zog Hans, wie gewöhnlich, mit ſeiner zahlreichen Gänſeheerde und ſeinem treuen Hunde aus dem Dorfe nach der großen Gemeinde⸗Trifft hin⸗ über, welche eine Viertelſtunde entfernt ſich lang und breit zwiſchen Wald und Feldflur ausdehnte. Die Gänſe ſchrieen, flatterten und kreiſchten, der flinke Spitz bellte und rannte hin und her, um die unbändige Vo⸗ gelſchaar ein wenig im Zaume zu halten, und Hans freute ſich, als er ſah, daß dieſe Abſicht ſeinem pfif⸗ figen, vierbeinigen Begleiter durchaus nach Wunſch ge⸗ lang. Als Spitz ein paar Gänſe tüchtig angekläfft, ein paar Andere von der unbändigſten Sorte mit Schonung gebiſſen, oder ohne Schonung über den Hau⸗ fen gerannt hatte, nahmen die Gänſe endlich Vernunft an, und watſchelten geduldig und gleichmäßig ihrem Weideplatze zu. Hier löste ſich die geſchloſſene Schaar in lauter kleine Plänklerhaufen auf, welche begierig mit den Schnäbeln die zarten Grashalme rupften. Spitz behielt ſie Alle ſcharf im Auge, und Haus, nach⸗ dem er ſich durch einen raſchen Blick überzeugt hatte, daß Alles gut und in Ordnung war, warf ſich im Schatten eines Baumes nieder, und ſchaute durch die grün belaubten Aeſte deſſelben nachdenklich zum blauen Himmel empor. Wunderliche Bilder, ſchön und verlockend zugleich, zogen an dem inneren Auge ſeiner Seele vorüber. Im Geiſte verſetzte er ſich in das Gewühl und Gewirre einer großen Stadt und ließ bunt durch einander präch⸗ tig uniformirte Soldaten mit blitzenden Waffen und rauſchender Regimentsmuſik, ſtolze Reiter und alles das lebhafte Getümmel breiter Straßen mit prächti⸗ gen Paläſten und ſchönen Häuſern an ſich vorüber paſſiren. „Ja, wer das Alles und noch ſo Vieles mehr wirklich und wahrhaftig mit ſeinen Augen ſehen könnte,“ murmelte er mit einem tiefen Seufzer vor ſich hin. „Aber mir wird ein ſolches Glück wohl in meinem ganzem Leben nicht zu Theil werden, und ich möchte faſt wünſchen, daß mein Vetter Michel von der gan⸗ zen ſtädtiſchen Herrlichkeit gar keine Sylbe erzählt hätte, ſo begierig ich auch die Worte von ſeinem Munde ge⸗ haſcht habe. Ja, der hat es gut! Wenn ich nur auch, wie er, Kutſcher bei unſerer gnädigen Gutsherrſchaft werden und alle Jahre ein paar Monate in der gro⸗ ßen Reſidenzſtadt zubringen könnte! Oder wenn ſie mich nur als Stallburſche mitnähmen! Doch freilich, das ſind vergebliche Wünſche! Aus dem Gänſejungen wird im Leben nichts Anderes, als ein armer Tage⸗ löhner, und ſo werde ich wohl auch hier im Dorfe verſauern müſſen, ohne daß mir je die Herrlichkeiten in der großen weiten Welt vor die Augen kommen. Es iſt ſchade, wahrhaftig jammerſchade!“ ſetzte er mit einem abermaligen, tiefen Seufzer ganz laut hinzu. „Na, was iſt denn ſchade, Hans?“ fragte eine tiefe Baßſtimme hinter ihm, und als Hans ſich umwendete, ſah er den gutsherrlichen Kutſcher in eigener Perſon hinter ſich ſtehen. „Ach, Ihr ſeid es, Vetter Michel,“ ſagte Hans, indem er ſchnell aus dem Graſe aufſprang, und dem ſtattlichen Manne in der hübſchen Kutſcher⸗Livree die Hand entgegenſtreckte.„Eben habe ich an Euch ge⸗ dacht, Vetter Michel, und an Alles, was Ihr mir dieſer Tage her von der prächtigen Reſidenz und dem luſtigen Leben darin erzählt habt, und da meinte ich, wie jammerſchade es doch wäre, daß ich armer Dorf⸗ bube in meinem ganzen Leben ſo etwas nicht ſollte zu ſehen bekommen.“ „Ja freilich, ſchön iſt's in der Stadt,“ erwiederte Michel ſchmunzelnd.„Möchteſt alſo auch gern dahin, Hans,— wie?“ „Für mein Leben gern,“ verſetzte der junge Burſch traurig,—„aber,“ ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu,„ich weiß ja nur zu gut, daß ich nie hinkommen werde, und daß ich mir daher derlei große Wünſche aus dem Sinne ſchlagen muß.“ „Nun, nun, nur nicht gleich an Allem verzweifeln,“ erwiederte Michel gutmüthſg.„Setz' dich wieder hin, Hans, und ich will mich auch ein Bischen an deine Seite ſetzen, denn es iſt wirklich ein recht hübſches, ſchattiges Plätzchen hier, und ich habe ſchon ein Vier⸗ telſtündchen Zeit, um mit dir plaudern zu können. Alſo du haſt Luſt, nach der Stadt zu gehen?“ „Ja, große Luſt, Vetter Michel, die größte Luſt, die es geben kann.“ „Nun, verdenken kann ich dir das gerade nicht, und wundere mich auch gar nicht darüber. Das Leben im Dorfe hier iſt ein langweiliges Hundeleben gegen das in der Reſidenz. Man friegt ja hier nichts wei⸗ ter zu ſehen, als ein paar Hütten, Wald und Flur, 8* aber ein Verſuch wenigſtens ließe ſich wohl machen.“ und endlich das Schloß unſerer gnädigen Herrſchaft, das zwar nicht ganz übel iſt, aber gegen die Paläſte in der Hauptſtadt doch auch nichts bedeuten will. Ja, ja, Hanſel, verdenken kann ich's dir juſt nicht, wenn du Verlangen trägſt, dorthin zu kommen. Nur wird es ſchwer halten, ſehr ſchwer, dir ein Unterkommen dort zu verſchaffen. Es gibt da mehr Menſchen, als Kieſel in unſerem Bache, und die Meiſten davon ſuchen nach Brod.“ Hans ſeufzte. „Hab' mir das ſchon ſelbſt vorgeſtellt,“ ſagte er. „Na, laß mich nur beſinnen,“ fuhr Michel tröſtend fort.„Siehſt du, da fällt mir gleich etwas ein,— freilich, was Beſonderes iſt's gerade nicht, aber ſo zum Anfang...“ „Nur heraus damit,“ rief Hans.„Was es auch ſei, man kann ſich's doch wenigſtens überlegen.“ „Ja, Hanſel, ſieh', da iſt der reiche, alte, geizige Großhändler in der Königsſtraße, Schallmaier heißt er, unſer Haus ſtößt mit den Hintergebäuden an ſein Gehöft, bei dem wäre vielleicht etwas zu machen, denn er hat viele Leute in ſeinem Geſchäft, und jagt faſt jede Woche Einen oder den Andern fort, ſo daß faſt immer ein Pöſtchen offen iſt. Wenn du da, meinet⸗ wegen ſo als Laufburſche, einzutreten Luſt hätteſt, dann ließe ſich das wohl einrichten. Ich will dir ſagen, warum? Ich kenne den Magazin⸗Aufſeher recht gut, und wenn ich ein Wort für dich einlege, hum,— der Aufſeher hat beim alten Schallmaier einen Stein im Brett, und vielleicht nimmt er dich auf ſeine Fürſprache an. Heißt das, Hans, verſprechen kann ich nichts, 41 „Oh, Vetter, wenn Ihr das für mich thun woll⸗ tet, mein ganzes Leben hindurch würde ich's Euch dan⸗ ken!“ ſagte Hans.„Mag der Poſten noch ſo ſchlecht ſein, mag man mich wie einen Hund behandeln, thut nichts, wenn ich nur das Glück habe, in die Stadt zu kommen.“ „Mein ehrliches Wort darauf, Hans, ich ſpreche mit dem Magazin⸗Aufſeher,“ verſetzte Michel.„Der Herr hat mir heute geſagt, daß wir übermorgen nach der Reſidenz zurückreiſen, du kannſt alſo darauf rech⸗ nen, im Laufe der nächſten Woche einen Brief von mir zu bekommen. Haſt du aber auch Geld zu der Reiſe, Hans? Bedenke, es ſind zehn volle Meilen bis in die Stadt.“ „Geld habe ich,“ erwiederte Hans hoch erfreut,— „einen ganzen Gulden und noch ein paar Pfennige darüber.“. „Das wird ausreichen, wenn du ſparſam lebſt und nicht in den vornehmſten Gaſthäuſern über Nacht bleibſt,“ erwiederte Michel lächelnd.„Nun aber noch Eines: was werden Vater und Mutter ſagen, wenn ſie hören, daß du von ihnen fort willſt?“ „Das macht mir keine Sorge,“ verſetzte Hans. „Sie ſind mit Allem zufrieden, was ich thue. Meine Schweſter Anna iſt ſchon verſtändig genug, um ſtatt meiner die Gänſe hüten zu können, da ja Spitz ohne⸗ hin die Hauptſache dabei thut, und ſo werden ſie mich zu Hauſe wenig vermiſſen.“ „Dann wäre alſo Alles in Ordnung,“ ſagte Michel, indem er aufſtand.„Verlaſſe dich auf mich, Hans. Was ich thun kann, deine Wünſche zu befördern, ſoll gewiß geſchehen.“ * 7. — — 12 Sie ſchüttelten ſich zum Abſchiede die Hände und Michel wandte ſeine Schritte dem Dorfe zu. Hans dagegen warf ſich wieder unter den Baum auf ſein wei⸗ ches, ſchattiges Mooslager nieder, und ſchwelgte wohl eine Stunde lang in den glänzendſten Träumen, die noch je ſeine Phantaſie in Aufregung verſetzt hatten. Mittlerweile machte ſich aber doch ein Bedürfniß geltend, deſſen Befriedigung zu den unabweisbaren Nothwendigkeiten des Lebens gehört: Hans verſpürte Hunger. In der leinenen Taſche, die über ſeiner Ach⸗ ſel hing, befand ſich indeß kein anderer Leckerbiſſen, als ein großes Stück Schwarzbrod, ohne Butter oder ſonſtige Zuthaten. Aber Hans verſtand es ſchon, ſich eine ſchmackhafte Beilage zu verſchaffen. Auf einem der Felder, welche die Waldetrift begränzten, wuchſen die ſchönſten, ſaftigſten Mohrrüben, auf einem andern Kartoffel, noch auf einem andern ſüße Zuckerrüben und Schoten. Fleiſch freilich war nicht auf dem Felde zu finden, wenigſtens gekochtes und gebratenes nicht. Aber Hans wußte ganz genau die Stellen, wo er am ver⸗ gangenen Abend Drahtſchlingen für junge Haſen und Rebhühner gelegt hatte, die er, wie ſchon erwähnt, als freies Eigenthum eines Jeden betrachtete. Er ſtand auf, ging über die Trift bis an die Fel⸗ der und betrat hier eine Ackerfurche, welche ſich zwi⸗ ſchen einem Kartoffelſtück und einer Haferbreite ent⸗ lang zog.— Vorſichtig und langſam, die Augen zu Boden ge⸗ ſenkt, ſchritt er darauf hin, bückte ſich von Zeit zu Zeit bis faſt zur Erde nieder, hob aber immer mit ge⸗ täuſchter, verdrießlicher Miene den Kopf wieder in die Höhe. Endlich, nachdem er ſchon ein paar hundert —— — 13 Schritte weit gegangen war, ſtieß er einen Freudenruf gus und kniete in der Furche nieder. Als er wieder aufſtand, hielt er ein zappelndes Rebhuhn in der Hand, das er mit einem Drucke ſeines Daumens tödtete und dann in ſeine leinene Taſche ſteckte. Nach weiteren hundert Schritten ließ er einen neuen Freudenſchrei ertönen, und dieſes Mal war es ein junges Häschen, das ihn hervorgerufen hatte. Ein Schlag in's Genick machte ſeinem Leben ein Ende, und dann folgte es dem Rebhuhn in die Proviſionstaſche nach. „Das iſt gut gegangen heute,“ murmelte Hans vor ſich hin,„da hab' ich heute nicht nur Fleiſch zur Suppe, ſondern auch noch Fleiſch zu einem Braten, wie ihn der Herr Baron in ſeinem Schloſſe nicht beſſer ver⸗ ſpeist.“ Noch etwa hundert Schritte ging er weiter, bis an das Ende des Haferfeldes, aber es hatte ſich nichts weiter in ſeinen Schlingen gefangen. Daraus ſchien er ſich indeß nicht viel zu machen; ſeine Bedürfniſſe für den heutigen Tag waren zur Genüge gedeckt. Ueber Feld und Trift kehrte er uach dem Wald⸗ ſaume zurück, verbarg ſeine Beute unter der Höhlung eines großen Granitblocks, verſchloß die Oeffnung mit einem daneben liegenden Feldſteine, der jedenfalls ſchon öfter dergleichen Dienſte geleiſtet hatte, und begab ſich* dann wieder nach den Feldern, um zu ſeinem Fleiſche auch das gehörige Gemüſe herbeizuſchaffen. Ohne alle Gewiſſensbiſſe pflückte er Schoten, zog Mohrrüben und einige Zuckerrüben aus der Erde, und fügte dieſer klei⸗ nen Ernte auch noch etliche Kartoffeln hinzu,„ſchöne, ſaftige Frühkartoffeln mit glatter Schaale, die er 44 ſchmnnpelnd betrachtete, ehe er ſie in ſeine Taſche eckte. Da auf einmal fuhr er ſchreckhaft zuſammen und warf einen ängſtlichen Blick hinter ſich. Das Lächeln verſchwand aus ſeinen Zügen und machte dem Aus⸗ drucke großer Beſtürzung Platz. Aber nur für wenige Augenblicke. Im Nu hatte er ſich wieder gefaßt, ſteckte die Kar⸗ toffeln mit einer haſtigen Bewegung vollends in ſeine Taſche, und machte dann den ſchönſten Kratzfuß, den er zu machen verſtand. „Schönen guten Morgen, Herr Paſtor,“ ſagte er. „Gewiß hat das ſchöne Wetter Ew. Hochwürden in's Freie gelockt.“ „Unverſchämter Taugenichts,“ verſetzte der Herr Pfarrer, und ein finſterer Blick ſtrahlte aus ſeinen ſtrengen Augen,„wie kannſt du es wagen, in dieſem Augenblicke mir, deinem Seelſorger gegenüber, eine ſo freche Miene anzunehmen? Meinſt du, es ſei mir entgangen, daß du die Felder hier geplündert haſt? Weißſt du nicht, daß eine ſolche Uebelthat gerechte Strafe verdient?“ Hans nahm eine etwas demüthigere Miene an. „Verzeihen Sie, Herr Paſtor,“ erwiederte er,„mich hungerte ſo ſehr, und da dachte ich, es wäre keine ggroße Sünde, Benn ich mir ein paar Kartoffeln und Mohrrüben holte. Der liebe Gott läßt ſie ja doch für alle Menſchen wachſen.“ „Nicht für alle Menſchen, ſondern nur für die, ddenen dieſer Grund und Boden gehört, nur für die, welche dieſen Grund und Boden im Schweiße ihres Angeſichts bearbeitet und den Samen hinein gelegt 15 (haben. Du aber, biſt du Eigenthümer und Bebauer Sieſer Erde? Nein! Alſo biſt du ein Dieb, und ich verde ſchon dafür ſorgen, daß du deiner gebührenden Strafe nicht entgehſt. Noch heute, in dieſer Stunde noch ſoll der Schulze im Dorfe aus meinem Munde erfahren, was ich mit meinen eigenen Augen geſehen⸗ habe.“ „Nein, Herr Paſtor, nein, ſo böſe können Sie nicht ſein gegen einen armen Jungen,“ verſetzte Hans in flehendem Tone, da ihm bei der ſtrengen Miene des Herrn Paſtor's doch ein wenig bange um's Herz wurde.„Sehen Sie, hochwürdiger Herr, meine Cl⸗ tern ſind blutarme Tagelöhners⸗Leute, und können mir zum Frühſtück nichts weiter mitgeben, als ein Stück⸗ chen trockenzß Brod. Das iſt zu wenig, um meinen Hunger zu ſtillen, Ue da habe ich gedacht, es würde pir Vedße Sünde ſein, wenn zw mir ein paar Feld⸗ früchte holte. Verzeihen Sie mir, Herr Paſtor! Ich— bhils gewiß nicht wieder thun, wenn Sie es mir ver⸗ eten.“ „Gewiß verbiete ich's dir, und muß es dir ve bieten,“ ſprach der geiſtliche Herr.„Ich kenne die, ſchon längſt, Hans Wächter,“ fuhr er in milderem Tone fort; von verſchiedenen Leuten habe ich öfter als einmal Klage über dich vernehmen müſſen. Aber ich hoffe, du wirſt nicht unverbeſſerlich ſein. Gewiß haſt du nie ordentlich darüber nachgedacht, daß du ein ſchweres Unrecht begehſt, wenn du deine Hand nach fremdem Eigenthum ausſtreckſt. Du biſt, wie ich höre, immer der Meinung geweſen, als gehöre dir wie je⸗ dem Anderen, was unter Gottes Himmel aufwächſt und gedeihet. Aber dies iſt ein arger und gefährlicher 16 Irrthum. Denke einmal, dieſe Felder ſeien dein Ei⸗ genthum, du habeſt ſie gedüngt, gepflügt, geeggt, ge⸗ jätet und bepflanzt im Schweiße deines Angeſichtes. Wie würde es dir gefallen, wenn ein Fremder käme, und dich der Früchte deiner Mühe und Arbeit be⸗ raubte?“ „Das wollt ich einmal ſehen,“ verſetzte Hans im Eifer,„ich würde ihn ſchon auf die Finger klopfen, und das gehörig!“ „Nun ſiehe, da ſprichſt du ſelbſt dir das Urtheil,“ fuhr der geiſtliche Herr fort.„Was du nicht willſt, was man dir thu', das füg' auch keinem Andern zu. Das iſt ein ſehr einfaches und leicht verſtändliches Geſetz der Billigkeit. Denke nur ein wenig darüber nach, höre auf die Stimme deines genon Gewiſſens, durch Diebſtahl beflecken wirſt.“ Hhads eh tief erröthet, denn er fühlte ſich durch die Worte des Predigers in feinem innerſten Herzen getroffen... Siehe, Hans,“ ſprach der geiſtliche Herr weiter, die Thaten und Handlungen des Menſchen laſſen ſich vergleichen mit den Samenkörnern. Wenn du den Samen einer Giftpflanze ſäeſt, ſo wirſt du keine heil⸗ ſame, ſondern giftige Früchte ernten. So mit der Sünde. Wenn du eine böſe und ſchlechte That be⸗ gehſt, was kann daraus Anderes ſprießen, als böſe und verderbliche Folgen. Eben ſo, wenn du ein gu⸗ tes Samenkorn pflanzeſt, wirſt du auch gute Frucht erhalten, ſowie auf einer guten That der Segen des Herrn ruhet, und gute Früchte ihr entſprießen müſſen. und ich bin feſt überzeugt, es vu nicht nut mif pecht Anei ſcneſ quh 5 Zukunft nicht mehr deine Hanen 47 Darüber denke nach, mein Sohn, das merke, und ich hege das Vertrauen auf dein gutes Herz und deine Einſicht, daß du zu der Ausſaat deines Lebens nie den giftigen, ſondern immer nur den guten Samen erwählen werdeſt. Sprich, mein Sohn, ſollte ich über dieſen Punkt in Täuſchung befangen ſein?“ „Nein, Herr Pfarrer, wahrhaftig nein,“ Sie haben mir die Augen geöffnet, und mir gezeigt, was die Sünde iſt. Von jetzt an will ich ſie meiden nnd flie⸗ hen, das verſpreche ich Ihnen aus Grund der Seele.“ „Wenn du ſo thuſt,“ ſprach der würdige Herr, indem er freundlich die Wange des weinenden Kna⸗ ben ſtreichelte,„dann wirſt du die Liebe Gottes und aller guten Menſchen gewinnen, und es wird dir wohl ergehen, ſo lange du lebeſt auf Erden. Laß' mich hoffen, daß du nie dieſe Stunde, und unſer Zuſam⸗ mentreffen vergeſſen wirſt.“ »Gewiß nicht, niemals, Herr Pfarrer,“ ſagte Hans, und ſchlug in die dargebotene Hand des Geiſtlichen ein.„Jetzt ſehe ich ein, daß die Wege, die ich wan⸗ delte, nicht die richtigen waren, und in Zukunft werde ich mich vor ihnen hüten. Ich glaubte aber wirklich nichts Böſes zu thun, wenn ich mir einige Früchte an⸗ eignete.“ „Gut, Hans, darum ſoll dir auch verziehen ſein,“ ſprach der Herr Pfarrer.„Aber beantworte mir noch eine Frage recht aufrichtig, mein Sohn: empfandeſt du nie, wenn deine Hand nach fremdem Gute griff, eine ſeltſame Angſt und ein banges Herzklopfen in deiner Bruſt?“ „Oh ja, Herr, immer empfand ich dies!“ „»Nun denn, das war die Stimme deines Gewiſ⸗ Ein armer Sünder. 2 18 ſens, die du nicht klar und deutlich verſtandeſt, wenn ſie dir zurief: halte inne, du biſt im Begriffe, Böſes zu thun, ein giftiges Samenkorn zu ſäen, aus wel⸗ chem giftige Früchte erwachſen müſſen. Jetzt, Hans, kennſt du dieſe Stimme, und wirſt ſie immer verſtehen. Horche auf ſie bei Allem, was du thuſt. Wenn das Bangen kommt und das Herzklopfen, ſo laſſ' ab von deinem Beginnen, denn es iſt unrechtes Thun. Fühlſt du aber dein Herz ruhig, ſo thue getroſt, was du be⸗ abſichtigſt. Und nun lebe wohl, mein lieber Hans, und der Himmel ſegne deine guten Entſchlüſſe und Vorſätze!“. Hans küßte die Hand des vortrefflichen geiſtlichen Herrn, und blickte ihm, in tiefes Sinnen verloren, noch lange nach. „Er hat recht!“ murmelte er vor ſich hin.„Wenn mir früher Jemand ſo etwas geſagt hätte, ich würde ſchon längſt das Unrecht erkannt haben. Da dies aber nun geſchehen iſt, ſo will ich auch mein Verſprechen halten, und fernerhin nichts Unrechtes mehr thun.“ Er kehrte nach ſeinem ſchattigen Baume zurück, nahm ſein Stück Brod aus der Taſche, und verzehrte es, trocken wie es war, ohne andere Zuthat. Nicht wie ſonſt putzte er ſein Gemüſe, häutete er den Haſen, und rupfte das gefangene Rebhuhn, um Alles zu einer leckeren Mahlzeit zuzubereiten. Den Haſen und das Huhn brachte er Abends, als er ſeine Gänſe in's Dorf getrieben hatte, zum Herrn Förſter, die Feldfrüchte ſtellte er ihrem rechtmäßigen Eigenthümer zu, und be⸗ kannte offen, daß er ſich widerrechtlich in den Beſitz derſelben geſetzt hätte, indem er zugleich verſprach, ſich nie wieder etwas der Art zu Schulden kommen zu 58* — 19 laſſen. Seine Aufrichtigkeit erlangte leicht die Ver⸗ zeihung der Betheiligten. Sie ſchenkten ihm ſogar, was er ehrlich ausliefern wollte, und die Mahlzeit, die Hans allein zu verzehren gedachte, kam nun auch noch ſeinen Eltern und Schweſtern zu gut. Zweites Kapitel. Lin kleines Abentheuer unterwegs. Etwa vierzehn Tage waren ſeitdem verſtrichen, und Hans wartete mit Ungeduld auf Nachricht von ſeinem Freunde Michel in der Reſidenz. Endlich kam ſie, und zwar für Hans eine erfreu⸗ liche. Michel ſchrieb ihm, daß der Großhändler Schall⸗ meier ihn als Magazin⸗Jungen, vorläufig aber nur auf Probe, annehmen wollte. Er möge ſich alſo auf den Weg machen, damit er zum Erſten künftigen Monats ſeine Stelle antreten könne. Bei freier Station ſolle Hans monatlich zwei Thaler bekommen, welcher Gehalt aber erhöht werden würde, wenn er ſich als ein brauch⸗ barer und fleißiger Diener erwieſe. Dieſes Anerbieten übertraf die kühnſten Erwar⸗ tungen, die Hans gehegt hatte. Frohlockend zeigte er den Brief ſeinen Eltern, und bat ſie um Erlaubniß, nach der Stadt gehen zu dürfen. Sie waren nicht wenig überraſcht, denn Hans, voll Beſorgniß in ſei⸗ nen Hoffnungen getäuſcht zu werden, hatte bisher kein Wort von ſeinen Abſichten gegen Vater und Mutter verlauten laſſen. 20 Schweigend nahmen ſie die Mittheilung hin. Der ehrliche Tagelöhner ſchüttelte bedenklich den Kopf, der Mutter rollten Thränen über die Wangen. Hans ſchaute beſtürzt Beide an. „Seht Ihr es nicht gern wenn ich Euch verlaſſe?“ fragte er. „Gern ſehe ich's nicht, daß du in die große Stadt gehſt,“ nahm der Vater nach einem Weilchen das Wort.„Man iſt dort vielen Verſuchungen ausge⸗ ſetzt, die man auf dem Lande gar nicht kennt. Frei⸗ lich iſt es ſchon manchem armen Taglöhner⸗Sohne dort gut ergangen, und enn habe ich keineswegs die Ab⸗ ſicht, dich zurückhalten zu wollen.“« „Aber deine alte Mutter, Hans?“ ſagte die gute Frau.„Haſt du auch wohl bedacht, daß du ihr durch dein Fortgehen in die weite Welt Kummer und Sor⸗ gen bereiten wirſt?“ „Oh, Mutter,“ verſetzte Hans,—„nicht Kummer und Sorge will ich dir bereiten, ſondern dir und dem Vater eine Erleichterung verſchaffen. Hier liege ich Euch doch nur zur Laſt, da ich nichts Ordentliches ver⸗ dienen kann. Wenn ich fort bin, braucht der Vater nicht mehr ſo ſchwer, wie bisher, zu arbeiten, denn er wird einen Mund weniger zu ſpeiſen haben. Und dann, das viele Geld, das ich in der Stadt verdiene! Meinſt du denn, Mütterchen, ich werde das Alles für mich behalten? Nein, nein, die Hälfte wenigſtens von meinem Lohne werde ich an meine lieben Eltern ſchi⸗ cken. Darauf kannſt du dich verlaſſen, Mütterchen! Habe nur keine Bange um mich! Ich werde gewiß brav und ordentlich ſein, um mit der Zeit immer mehr Geld verdienen!“. 8 —— 21 Das Mutterherz ſträubte ſich zwar noch lange da⸗ gegen, den Sohn aus ſeiner Nähe zu entlaſſen, aber der Vater lieh Hans bald ein bereitwilliges Ohr, und wurde für die Abſichten des Knaben empfänglicher. „Er hat nicht ganz unrecht, Mutter,« ſagte er zu ſeiner Frau;—„ein junger kräftiger Menſch kann es bei Fleiß und Ehrlichkeit in der Stadt jedenfalls wei⸗ ter bringen, als in einem kleinen Dorfe, wo er in alle Ewigkeit doch weiter keine Ausſicht hat, als in die Fußſtapfen des Vaters zu treten und Tagelöhner zu werden, wie er. Da gibt es ſchwere Arbeit und we⸗ nig Lohn, und ich verdenke es daher unſerem Hans nicht, wenn er ſich in der Welt Etwas verſuchen will. Ich ſage, verſuchen. Wenn es ihm nicht glückt, ſo iſt ja nichts verloren, und er kann alle Tage wieder nach Hauſe kommen. Laſſen wir daher ihn ziehen, Mutter. Der liebe Gott iſt überall, und wird den Jungen auch in der Stadt nicht verlaſſen. Hoffen wir nur, daß er allezeit rechtſchaffen und brav bleibt,— das iſt die Hauptſache.“ „Das will ich bleiben, Vater, gewiß,“ verſetzte Hons, und reichte, wie zur Bekräftigung ſeines Ver⸗ ſprechens, ſeinen Eltern beide Hände hin. „Wohlan, ſo magſt du gehen, und mein Segen, ſo wie der Segen deiner Mutter wird dir nicht fehlen,“ ſprach der ehrliche Alte, indem er die Hand ſeines Sohnes ſchüttelte. Die Mutter widerſprach nicht länger, ſondern fügte ſich der Entſcheidung ihres Mannes, wenn auch nur mit ſchwerem Herzen. Rührend war es, zu ſehen, wie ſehr ſie ſich jetzt bemühte, die wenige Wäſche und die geringen Klei⸗ 22 dungsſtücke ihres Sohnes in möglichſt beſte Ordnung zu bringen. Ihrem emſigen Fleiße gelang es denn auch, ſeine Garderobe in ziemlich guten Stand zu ſetzen, ſo daß er ſich in der Stadt zeigen konnte, ohne ausgelacht oder verſpottet zu werden. Der Tag des Scheidens kam endlich, für die Zärt⸗ lichkeit der Mutter freilich viel zu früh, heran. Hans umarmte und küßte ſeine Eltern und Schweſtern, ver⸗ ſprach, bald von ſich hören zu laſſen, und wanderte dann, ſein Bündelchen mit Kleidern und Wäſche auf dem Rücken, und einen derben Haſelſtock in der Hand, auf dem Fußpfade durch den Wald der großen Straße zu, welche direct nach der Reſidenz führt. Trotz der Sehnſucht, die er nach den Herrlichkeiten der großen Stadt hegte, lag ihm der Abſchied von der Heimath, von den Eltern und Geſchwiſtern doch ſchwer auf dem Herzen, und in den erſten Stunden ſeiner Wanderung ſchweiften ſeine Gedanken nicht vor⸗ aus in eine bewegte und geräuſchvolle Zukunft, ſon⸗ dern ſie wandten ſich immer und immer zurück nach der kleinen Hütte im Dorfe, welche das Liebſte, was er auf der Welt beſaß, unter ihrem ſchlichten Stroh⸗ dache barg. Die Erinnerung an die treue Sorge des Vaters, die zärtliche Liebe der Mutter, die kindliche Anhänglichkeit der Schweſtern kam ihm nicht aus dem Sinne, und er vermißte ſie um ſo ſchmerzlicher, wenn er daran dachte, daß er ſich in Zukunft vergebens nach ſichtbaren Beweiſen davon ſehnen würde. Faſt that es ihm leid, daß er ſein kleines heimathliches Dorf verlaſſen hatte, und erſt, als er nach einigen Stunden Gehens die große Straße erreichte, welche von Wagen, von Reitern und Fußgängern belebt war, und ihm ———— 25 mancherlei Neues in buntem Wechſel darbot, erſt da heiterte ſich ſein Gemüth etwas auf, und er fühlte die Laſt des Abſchiedes nicht mehr ſo drückend als bisher auf ſeinem Herzen. Je näher Hans der Reſidenz kam, deſto belebter wurde die Straße, deſto häufiger die Weiler und Dör⸗ fer, welche er durchwandern mußte. Hans übereilte ſeine Schritte nicht, ſondern gönnte ſich Muße, um alles Neue, was ihm vorkam, mit neugieriger Auf⸗ merkſamkeit zu betrachten. Es gab ja ſo Vieles, was er noch nicht geſehen hatte: ſchöne Villen und Land⸗ häuſer inmitten blühender Gärten und grüner Parkan⸗ lagen; hochragende Schlöſſer mit Zinnen und Thür⸗ men; epheuumrankte Trümmer alter Burgen und Raub⸗ veſten, dann und wann ein ſtilles, einſames Jäger⸗ haus mitten im Walde, oder ein dampfender Meiler mit dem rußigen Köhler, der ſo grimmig ausſah, und doch ſo freundlich ſeinen Gruß erwiederte. Dann und wann verſpürte Hans ein Gelüſte, in irgend ein an der Straße gelegenes Wirthshaus ein⸗ zukehren, um ſich mit einem Trunke friſchen Bieres zu erquicken, aber der Gedanke an den Zuſtand ſeiner kleinen Reiſekaſſe ließ den Wunſch nicht zur Wirklich⸗ keit werden. Wozu auch? Gab es doch rieſelnde Quellen und plätſchernde Brunnen die Menge auf ſei⸗ nem Wege, und an keinem ging er vorüber, ohne ſich durch einen Trunk daraus zu erfriſchen. Mittags ruhte er in ſchattigem Wald an einer ſol⸗ chen kriſtallklaren Quelle aus, ſtreckte ſeine ermüdeten Glieder auf einem weichen, ſchwellendem Moos⸗Tep⸗ piche, und verzehrte mit Behagen einen Theil der 24 Speiſe⸗Vorräthe, welche die ſorgſame, zärtliche Mutter ihm mit auf den Weg gegeben. Es ſchmeckte ihm köſtlich nach der langen Wande⸗ rung. Eine ſanfte Müdigkeit kam nach gehaltener Mahlzeit über ihn, und gern gab er ihr nach. Er lehnte ſein Haupt auf die knorrige Wurzel einer pracht⸗ vollen Eiche, lauſchte noch mit hellen Sinnen auf den Geſang eines Vögelchens hoch im Wipfel über ſeinem Haupte, und auf einmal war er eingeſchlafen, er wußte ſelber nicht, wie. Das Geräuſch eines einher rollenden Wagens er⸗ weckte ihn wieder, und langſam richtete er ſich in die Höhe. Anfänglich mußte er ſich darauf beſinnen, wo er war. Endlich fiel ihm ein, daß er einen Seiten⸗ weg eingeſchlagen hatte, welcher, ſchattiger und kürzer, als die Hauptſtraße, ſpäter wieder in dieſelbe einbog. Ein freundlicher Jägerburſche hatte ihm den Rath ge⸗ geben, dieſen Weg zu verfolgen. Es war nur ein Holzweg, der mitten durch den Wald führte. Das Rolles eines Wagens ertönte näher und näher, und nach wenigen Augenblicken ſah Hans ein hübſche Caleſche, von zwei kräftigen Pferden gezogen, welche von einem ältlichen Herrn gelenkt wurden. Der Wa⸗ gen fuhr etwa hundert Schritte weit an Hans vorüber. Die Pferde gingen langſam, denn ſie mußten gerade an dieſer Stelle eine ſteile Anhöhe erklimmen. Hans folgte dem Wagen mit den Augen, und bemerkte, daß bei einer Biegung des Weges etwas heraus fiel. Er rief, aber der Herr im Wagen hörte ihn nicht. So ſtand er auf und lief hinter dem Wagen her. Auf 8 der Straße fand er eine kleine Ledertaſche, raffte ſie auf und rannte, ohne ſich weiter um den Inhalt der⸗ * 25 ſelben zu kümmern, rufend und ſchreiend immer dem Wagen nach. Glücklicher Weiſe hörte zuletzt der Herr deſſelben ſeinen Ruf, hielt die Pferde an und ſchaute auf den Weg zurück. Hans winkte und ſchwenkte die Ledertaſche über ſeinem Kopfe. Jetzt ſprang der Herr, wie elektriſirt, vom Wagen herunter und lief Hans entgegen, der ihm, keuchend vom eiligen Nachſetzen, die Taſche einhändigte. „Ich danke dir, mein guter Burſche,“ ſagte der Herr, als er ſich durch einen raſchen Blick davon über⸗ zeugt hatte, daß die Taſche nicht geöffnet worden war, „Ich bin dir wirklich ſehr verflichtet für den Dienſt, den du mir geleiſtet haſt. Da, nimm dies zu deiner Belohnung.“ Bei dieſen reichte er Hans einen harten, blanken Thaler hin, den Hans aber ausſchlug. „Laſſen Sie's nur gut ſein, lieber Herr,“ ſagte er, „es war ja nur eine geringe Mühe, Ihnen das Stück⸗ chen Weg nachzulaufen.“ „Hum! Ehrlich und uneigennützig!“ brummte der Herr.„Ein ſeltener Vogel in jetzigen Zeiten.— Wohin des Wegs, mein Lieber?“ fügte er laut hinzu. „Nach der Reſidenz,“ verſetzte Hans. „Nun, da iſt's ſchade, daß wir nur bis zum näch⸗ ſten Städtchen mit einander fahren können,“ ſprach der Herr freundlich.„Ich habe dort Geſchäfte, die mich ein paar Tage aufhalten. Aber es ſind immerhin fünf Stunden Weges, und ich denke, du kannſt ſie eben ſo gut in meinem bequemen Wagen, wie auf deinen Füßen zurücklegen,— he?“ „Ach, Sie ſind ſehr gütig, lieber Herr,“ verſetzte Hans, durchaus nicht unangenehm überraſcht.„Aber 26 ein armer Burſche wie ich,— Sie müſſen ſich meiner ja ſchämen.“ „Ich ſchäme mich nie, in Geſellſchaft eines braven, rechtſchaffenen Menſchen zu fahren,“ verſetzte der Herr. „Alſo nur aufgeſtiegen, junger Mann? Wie heißſt du 2* Hans nannte ſeinen Namen. „Gut! Alſo nur flink hinauf, Hans!“ ſprach der Herr weiter.„Im Wagen können wir nähere Be⸗ kanntſchaft mit einander machen, ohne uns hier noch lange aufzuhalten.“ Hans weigerte ſich nicht länger, ſondern ſprang leicht in den Wagen und ſchien ſich auf den weichen Kiſſen deſſelben ſehr behaglich zu fühlen. Der ältliche Herr folgte bedächtiger nach, und trug vor allen Din⸗ gen Sorge, die Ledertaſche, die ihm aus dem Wagen gefallen war, recht ſicher unterzubringen. Dann erſt ergriff er die Zügel wieder und ermunterte ſeine Pferde durch ein Schnalzen der Zunge zu einem ſchlanken Trabe. Nach zwei Stunden, welche vollkommen genügt hatten, den fremden Herrn von Allem in Kenntniß zu ſetzen, was die Verhältniſſe und Abſichten des ehrlichen Hans betraf, langten ſie in dem Städt⸗ chen an, welches der Herr als das nächſte Ziel ſeiner Reiſe bezeichnet hatte. Hans wollte nun, vollkommen ausgeruht, ſeine Fußwanderung fortſetzen, aber der Herr geſtattete es erſt, nachdem Hans eine reichliche und zugleich ſehr wohlſchmeckende Mahlzeit in dem Wirthshauſe zu ſich genommen hatte. „Nun magſt du in Gottes Namen gehen,“ ſagte er.„Aber vergiß nicht, daß du dir einen guten Freund 27 an mir gewonnen haſt, und wenn du je einmal Rath oder Hülfe gebrauchſt, ſo wende dich nur dreiſt an Joſeph Fernbach in der Reſidenz. Jedes Kind dort kann dir ſagen, wo ich wohne. Und nun lebe wohl, und Gott geleite dich.“ Wohlgemuth ſetzte Hans ſeine Reiſe fort und ju⸗ belte laut auf vor Freude, als ihm mit untergehender Sonne, gerade da er den Gipfel eines Hügels erreicht hatte, aus weiter Ferne die Thürme der Reſidenz ent⸗ gegen ſchimmerten. Für heute war es freilich zu ſpät, die Stadt noch zu erreichen, aber Hans ſah doch we⸗ nigſtens ſein Heil vor ſich, und konnte mit Recht hof⸗ fen, es am naͤchſten Tage bei guter Zeit zu erreichen. Im nächſten Dorfe, das nur eine halbe Stunde entfernt war, kehrte er ein, ließ ſich ein Glas Bier nebſt einer kleinen Mahlzeit verabreichen, und erſtaunte nicht wenig, als er, im Begriffe zu bezahlen, einen blanken Thaler in ſeiner Taſche fand, von dem er ganz gewiß wußte, daß er ihn nicht von zu Hauſe mitgenommen hatte. „Der gute Herr!“ dachte er ganz gerührt.„Hat mir den Thaler doch noch heimlich in die Taſche ge⸗ ſteckt. Das nenne ich ein hübſches Abentheuer unter⸗ wegs! Gott ſegne den guten Herrn für ſeine Güte!“ Drittes Kapitel. In der Stadt. Es fehlten nur noch einige Minuten an der Mit⸗ tagsſtunde, als Hans, ziemlich erhitzt und müde, in der Reſidenz anlangte. Aber Müdigkeit wie Erhitzung waren ſchnell vergeſſen, nachdem er erſt mitten in das Gewühl und Geräuſch der großen Stadt eingetreten war, die ſich zu ſeinem Empfange feſtlich geſchmückt zu haben ſchien. Hans betrachtete mit ſtaunender Be⸗ wunderung die langen, prächtigen Häuſerreihen, und das Leben und Treiben der zahlloſen Menſchenmenge, welche darin auf und ab wogte. Er kam gerade zu rechter Zeit, um dem Aufziehen der Wachtparade bei⸗ zuwohnen, und nicht wenig riß er die Augen und die Ohren auf, als plötzlich ein ſtarkes militäriſches Mu⸗ ſikchor mit blanken Meſſing⸗Inſtrumenten aus der Durchfahrtshalle einer großen Kaſerne hervor mar⸗ ſchirte, und dabei die munteren, ſchmetternden Klänge eines Parademarſches ertönen ließ. Dem Muſikchor folgten im Taktſchritt ein paar Bataillone Soldaten in ſchmucker Uniform und mit blitzenden Waffen,— ein Anblick, von dem unſer Hans vollkommen überwältigt wurde. Hinauf die Straße zog das Militär bis vor die Hauptwache, und Tauſende von Menſchen gingen zur Rechten und Linken nebenher. Hans ſchloß ſich dem großen Haufen an und marſchirte tapfer mit, ohne groß darauf zu achten, daß ihm, dem Unbeholfenen, ſolchen Gedränges nicht gewöhnten Bauernburſchen mancher derbe Rippenſtoß und Fußtritt verabfolgt wurde. Er fühlte ſie wohl kaum, denn die rauſchende Muſik und die in Waffen glänzenden Soldaten nah⸗ men ganz ſeine Sinne gefangen. Vor der Hauptwache ſtellten ſich das Muſikchor und das Militär auf, und erſteres blies eine volle Stunde lang mit nur geringen Unterbrechungen Märſche, 29 Polka's, Galopp's und Ouverturen, die Hans für das Schönſte und Herrlichſte hielt, was er noch je in ſei⸗ nem Leben gehört hatte, ja für das Schönſte, was es überhaupt in der Welt geben könne. Dem armen Burſchen waren eben noch nicht die Augen der Erkenntniß aufgegangen. Wenn Jemand in jener Stunde zu ihm geſagt hätte, er würde noch vor Ablauf eines einzigen Jahres den ſanften ſchönen Schlag der Nachtigall weit all dieſem Trompetengedu⸗ del vorziehen, er würde den Menſchen ausgelacht und wohl gar für verrückt gehalten haben. Wie angefeſſelt blieb Hans auf dem Platze vor der Hauptwache ſtehen und rührte ſich nicht vom Fleck, bis endlich der letzte Ton der Muſik verhallte, und Zuſchauer wie Soldaten ſich in einzelnen Gruppen auflösten, die nach allen Richtungen zu auseinander gingen. Nach wenigen Minuten war der große, weite Platz bis auf wenige Perſonen geräumt, und nun erſt erwachte Hans aus dem Taumel, der ſeine Sinne ge⸗ fangen gehalten hatte. „Das war ſchön!“ murmelte er.„Wie froh bin ich, daß ich nach der Reſidenz gegangen bin!“ Nach der Aufregung kehrte übrigens die frühere Müdigkeit und Abſpannung in verſtärktem Maße zu⸗ rück, und das Gefühl des Hungers geſellte ſich noch dazu. Hans ſchaute mit verlegener Miene umher. Er hätte gern etwas zu eſſen und zu trinken gehabt, wußte aber nicht, wo er es in der großen Stadt finden ſollte. Zum Fragen war er zu ſchüchtern, um keinen Preis hätte er gewagt, von einer der fein gekleideten Per⸗ ſonen, die an ihm vorübergingen, ſich Beſcheid zu er⸗ holen, und voller Verlegenheit ließ er ſeine Blicke nach allen Seiten umherſtreifen. Da führte der glücklichſte Zufall ihm ein bekanntes Geſicht entgegen. „Michel!“ ſchrie er laut auf vor Entzücken und hing im nächſten Augenblicke am Halſe des Vetters, und drückte und herzte ihn, als ob er ihn hätte er⸗ würgen wollen. „Narr, du!“ raunte ihm der Vetter zu,„mache doch kein Aufſehen hier! Die Leute lachen dich ja aus! 4 Du mußt hübſch daran denken, daß du nicht mehr in deinem kleinen Dorfe, ſondern in der Reſidenz biſt, wo es nur gebildete Leute gibt. Faſſe meinen Arm und geh' mit mir! So! Und nun ſei mir ſchön will⸗ kommen, Hanſel! Wenn biſt du hier angelangt? „Eben jetzt, vor kaum einer Viertelſtunde, gerad als die Soldaten ſo ſchöne Muſik machten,“ verſetzte Hans.„Ich war, wie im Himmel!“ „Ja, ja, das iſt immer im Anfang ſo, bis man ſich ein bischen an dergleichen Spektakel gewöhnt hat,“ erwiederte mit überlegener Miene der gewiegte, in der Reſidenz bereits eingewohnte und heimiſche Vetter. „Jetzt aber, Hanſel, jetzt, nachdem das Schneddereng⸗ deng vorüber iſt, möchte ich darauf wetten, daß du mehr Hunger und Durſt verſpürſt, als dir lieb iſt.“ „Ja, wahrhaftig, Vetter Michel, da habt Ihr ganz recht!“ ſagte Hans verwundert.„Wer hat Euch das verrathen?“ „Mein kleiner Finger,“ erwiederte Michel lachend. „Na, komm' nur! Es i*ſt gerade Eſſenszeit, und meine gnädige Herrſchaft wird nichts dawider haben, wenn ich einen Burſchen aus unſerem Dorfe einmal mit an den Geſindetiſch nehme. Nachmittags will ich mir Ur⸗ laub erbitten, um dich ein wenig in der Stadt umher 34 zu führen, und Abends will ich dich dann in Herrn Schallmaiers Hauſe abliefern. Sie warten dort ſchon auf dich, wie mir heute morgen der Magazin⸗Aufſeher Schmidt ſagte, als ich ihn zufällig auf der Straße traf. Der iſt ein guter Mann, Hanſel, an den mußt du dich halten, und dich nicht zu viel mit den übrigen Leuten abgeben. Es ſind nicht Alle die beſten Brüder, die dort ſind.“ Michel führte ſeinen Vetter durch mehrere Straßen, bis er vor einem palaſtartigen Gebäude ſtehen blieb, das durch einen wohl gepflegten, mit eiſernem Gitter eingefaßten Garten von der Straße getrennt wurde. „Da ſchau, Hanſel, da wohnen wir,“ ſagte er. „Unten im Souterain wir Dienerſchaft, im erſten Stockwerke ſie gnädige Frau mit den Kindern, und im zweiten der gnädige Herr. Nach hinten zu liegen die Remiſen und Stallungen, wo ich mein eigentliches Weſen treibe. Aber das wirſt du nachher ſehen; jetzt vor allen Dingen folge mir in die Geſindeſtube. Nicht durch den Haupteingang und durch den Garten, Han⸗ ſel,— der wird nur von der Herrſchaft und den vor⸗ nehmen Gäſten benutzt;— wir müſſen hier links herum,— ſo,— und nun eingetreten! Wie ich ſehe, trägt Jean gerade unſere Suppe auf den Tiſch.“ Michel ſchritt voran, Hanſel folgte ſchüchtern und ſah ſich nach wenigen Augenblicken im Kreiſe von acht Perſonen, die etwas erſtaunt ihn und Michel an⸗ ſchauten. Ja, ſeht nur her,“ rief ihnen Michel zu,„dies iſt ein Landsmann und ein Vetter von mir, für den ich heute ein Plätzchen an unſerem Tiſche erbitte. Schau her, Hanſel, der Herr iſt Frangçois, der Kam⸗ 32 merdiener des gnädigen Herrn, das Fräulein da iſt Mademoiſelle Louiſe, die Jungfer der gnädigen Frau, und das der Jean, der gefälligſt noch ein Gedeck für dich auflegen wird. Die anderen Herrſchaften wirſt du ſpäter auch noch kennen lernen. Jetzt zu Tiſche!“ Hanſel ſah ſich freundlich aufgenommen und merkte trotz ſeiner geringen Erfahrung recht gut, daß er die⸗ ſen Umſtand nur der Empfehlung ſeines Vetters zu danken hatte, der bei der Hausdienerſchaft augenſchein⸗ lich ſehr beliebt war. Ein Gedeck wurde für den neuen Gaſt gebracht, und gleich darauf ein Teller voll Suppe vor ihn hingeſtellt, welcher die einladenſten Düfte ent⸗ ſtiegen. Michel nöthigte ihn, ungenirt zuzulangen, und Hans ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er aß tapfer für zwei Perſonen, ſo ausgehungert war er,— zum großen Ergötzen der andern Mitſpeiſenden, welche, lachend und plaudernd, ihm immer neue gute Biſſen vorlegten, bis endlich ſein grimmiger Appetit vollſtän⸗ dig befriedigt war. Nach Tiſche, und nachdem Hans von der übrigen Geſellſchaft ſich verabſchiedet hatte, führte ihn Michel, ſeinem Verſprechen gemäß, in der Stadt umher, zeigte ihm die ſchönſten Straßen, Plätze und Gebäude, bis es dunkel wurde, und nahm ihn zum Schluſſe in eine ſehr beſuchte Reſtauration mit, wo er ihn nach der langen Wanderung noch einmal mit Speiſe und Trank erquickte. Hans war ganz hingeriſſen und entzückt von all dem Neuen und Schönen, was ſeine geblendeten Au⸗ gen geſehen hatten; er pries ſich ſelig, in der Reſidenz zu ſein, und dankte ſeinem Vetter mit beredten Wor⸗ ten für alle ihm erwieſenen Liebesdienſte. 33 „Schon recht, Hanſel,“ ſagte Michel.„Mir iſt's ganz lieb, wenn es dir auf die Dauer hier gefällt. Aber, du mußt bedenken, daß wir heute einen richti⸗ gen Bummeltag verlebt haben, und daß nun die Tage der Arbeit kommen werden. Brauchſt übrigens keine große Sorge davor zu haben. Die Sonn⸗ und Feſt⸗ tage bleiben dir frei, auch wenn du im Geſchäft bei dem alten Schallmaier biſt, und da wirſt du genug Gelegenheit haben, dich zu beluſtigen. Nur Eines vergiß nicht: fleißig und ehrlich mußt du ſein. ſonſt iſt deines Bleibens nicht lange hier. Und nun wollen wir für heute Schicht machen, denn ich ſehe es dir an den Augen an, daß du nach dem Bette ſmehteſe Trinke dein Bier aus, und dann laß uns gehen.“ Eine halbe Stunde ſpäter lag Hans richtig im Bette unter dem Dache des Herrn Schallmaier, und ſchnarchte ſo laut, daß in dieſer Nacht ſich keine Maus aus ihrem Loche zu kommen getraute. Die ſchönſten Träume umgaukelten ihn, und am nächſten Morgen er⸗ wachte er ſo erfriſcht und geſtärkt, daß er ſich zu jeder Arbeit und Thätigkeit tüchtig fühlte. „Sei fleißig, und, vor allen Dingen, ſei ehrlich, Hans,“ ſagte der Magazin⸗Aufſeher zu dieſem, als er mit ihm durch die Magazine und Speicher ging, welche von den Erzeugniſſen fremder Länder vollgeſtopft und gepfropft waren.„Wenn du dich brav hältſt, wirſt du in mir allezeit einen Freund und Beſchützer finden, — wo nicht, und ſobald die kleinſte Veruntreuung von deiner Seite vorkommt, ſind wir geſchiedene Leute für immer und allezeit.“ Hans verſprach, ſich gut und treu außzuführen, Ein armer Sünder. 3 +— 34 und der Herr Aufſeher ſtellte ihn dann ſeinem Prin⸗ cipale vor, der ihn mit einem ſtrengen Blicke von oben bis unten maß, und ſich dann gleichgültig von ihm abwendete. „Es iſt gut, Schmidt,“ ſagte er zu dem Aufſeher. „Du wirſt ja ſehen, was aus dem Burſchen zu machen iſt. Und du,“ fügte er, zu Hans gewendet, hinzu, „du wirſt dieſem Herrn gehorchen, wie mir. Merke dir das. Bei der erſten Widerſetzlichkeit, oder wenn Herr Schmidt ſonſt Klage über dich zu führen hat, biſt du ſofort entlaſſen.“ Hans war allerdings nicht gerade ſehr erbaut über dieſem kurzen und bündigen Empfang ſeines Princi⸗ pals, nahm ſich aber gleichwohl feſt vor, jederzeit ſeine Schuldigkeit zu thun und nach beſten Kräften ſeine Pflichten redlich zu erfüllen. Und Haus hielt ſich ſelbſt Wort. Nach Jahr und Tag hatte er ſich zum Lieblinge des alten würdigen Magazin⸗Aufſehers emporgeſchwungen, und galt mit Recht für einen der beſten Arbeiter im Hauſe ſeines Herrn. Brav, fleißig und willig zu jeder Thätigkeit gewann er ſich bald das Vertrauen ſeines Vorgeſetzten, und dieſer verwandte ſich mehrmals bei dem Chef des Hauſes für ihn, in Folge deſſen Hans jetzt dreimal ſo gut, als im Anfange, für ſeine Leiſtungen bezahlt wurde. Dieſer Umſtand verurſachte ihm große Freude, in⸗ dem er jetzt reichlicher und beſſer als früher für ſeine armen Eltern ſorgen konnte. Mehr als die Hälfte ſeines Lohnes ſchickte er an die Mutter nach Hauſe. Für ſeine Perſon gebrauchte er nur wenig, da er Koöſt und Wohnung im Hauſe ſeines Herrn fand, und weder ½ 35 ein Freund koſtſpieliger Vergnügungen, noch auch ein eitler Narr war, der überflüſſigen Luxus in Kleidung u. dgl. mehr trieb. Daher kam es, daß er faſt die ganze andere Hälfte ſeines Gehaltes bei dem Caſſier des Hauſes ſtehen ließ, wo ſich allmälig ein kleines Kapital zu einem hübſchen runden Sümmchen für ihn anhäufte. So ſtand im Ganzen genommen Alles recht gut mit Hans. Er litt in keiner Weiſe Noth, genoß die Achtung ſeiner Vorgeſetzten und Collegen, und hatte nach wie vor einen guten Freund an ſeinem braven Vetter Michel, in deſſen Geſellſchaft er die freie Zeit der Sonn⸗ und Feiertage zu verbringen pflegte. Das geräuſchvolle Treiben und Leben der Reſidenz hatte im Laufe der Zeit freilich viel von dem erſten blendenden Glanz und Schimmer verloren; trotzdem aber bereute Hans keineswegs, daß er ſeinen Aufenthalt daſelbſt genommen hatte. Er war zufrieden, und würde es vielleicht immer geblieben ſein, wenn nicht Umſtände eingetreten wären, die zu einer harten und ſchweren Prüfung für ihn werden ſollten. Unter ſeinen Collegen befand ſich Einer, Namens Wolf, welcher ſich ſeit ſeinem Eintreten in's Geſchäft mit faſt auffallender Freundlichkeit an ihn angeſchloſ⸗ ſen hatte, obgleich Hans das Entgegenkommen dieſes Menſchen keineswegs durch ſein eigenes Betragen er⸗ munterte, ſeit er ihn erſt ein wenig beſſer, als im Anfang, kennen gelernt hatte. Wolf war ein fauler und nachläſſiger Taugenichts, den man ſchon längſt aus dem Geſchäfte entlaſſen hätte, wenn er nicht der Schweſterſohn des erſten Buchhalters im Comptoir ge⸗ weſen wäre. Der Onkel beſchützte ihn, und trotz der 3 † 36 mannigfachen Klagen des Magazin⸗Aufſehers wurde Wolf nicht fortgejagt. „Nimm dich in Acht vor ihm,“ warnte der Auf⸗ ſeher ſeinen Schützling Hans.„Der Burſche ſchmei⸗ chelt dir nur und heuchelt dir Freundſchaft, damit er faullenzen kann, während du ſeine Arbeit verrichten mußt.“ Dieſer Ausſpruch kam der Wahrheit allerdings ziemlich nahe, aber Hans, in ſeiner Gutmüthigkeit, lachte darüber, beſorgte einen großen Theil von Wolfs Geſchäften und nahm im Uebrigen die geheuchelten Verſicherungen von Dank und Anhänglichkeit, und was dergleichen ſchöne Redensarten mehr waren, mit kühler Gleichgültigkeit hin. So ſtanden die Sachen, als Wolf eines Sonntag Morgens in das Magazin trat, und hier, zu ſeiner nicht geringen Verwunderung unſern Hans in äußer⸗ 3 Betrübniß und faſt ganz in Thränen aufgelöst and. 4 „Was iſt denn geſchehen, um's Himmels willen?“ fragt er, anſcheinend vom tiefſten Mitleid ergriffen. „O Gott, o Gott,“ ſtöhnte Hans ſchluchzend, „ſchweres Unglück hat mich betroffen! Mein armer, lieber, braver Vater iſt plötzlich geſtorben und hat meine Mutter und meine Schweſter im tiefſten Elend hinterlaſſen. Sie haben nicht einmal ſo viel Geld, um das Begräbniß bezahlen zu können, und ich muß hier ſitzen, und bin nicht im Stande, ihnen Hülfe zu brin⸗ gen. Ich möchte am liebſten gleich ſterben, ſo elend fühle ich mich.“ „Aber ich begreife dich nicht, Hans,“ gab Wolf zur Antwort,„du haſt mir doch erſt neulich geſagt, V 37 daß du über vierzig Thaler bei dem Kaſſirer ſtehen hätteſt. Du brauchſt ſie dir ja nur auszahlen zu laſ⸗ ſen und deiner Mutter zu ſchicken, dann iſt ihr und dir geholfen.“ „Ja, das iſt ja eben das Unglück, daß der Kaſſirer verreist iſt und erſt in einigen Tagen wieder kommt,“ ſchluchzte Hans.„Ich bin ſchon bei'm Herrn geweſen und habe ihn auf den Knieen gebeten, mir nur zwan⸗ zig Thaler zu geben, aber der grauſame Mann hat mir barſch die Thüre gewieſen. Dann bin ich zu Herrn Rudolf gegangen, und habe ihn angefleht, mir mein Geld auszuzahlen, aber der hat mir geantwortet, ich müſſe warten bis der Kaſſirer wiederkäme, er wiſſe nicht, ob ich Geld an die Kaſſe zu fordern habe; das könne ein Jeder behaupten.“ „Aber dein Freund und Vetter Michel— kann der dir nicht wenigſtens aus der erſten Verlegenheit helfen?“ fragte Wolf. „Michel iſt ja auch nicht da, weil ihn ſein Herr mit nach Paris genommen hat,“ erwiederte Hans händeringend.„Ich möchte verzweifeln! Meine arme Mutter! Sie rechnet mit Beſtimmtheit auf meine Hülfe, und ich bin nicht im Stande, auch nur das Geringſte für ſie zu thun, bevor nicht unſer Kaſſirer wieder kommt.“ „Höre, Hanſel, du dauerſt mich,“ nahm nach eini⸗ gem Stillſchweigen Wolf von Neuem das Wort.„Es iſt gar keine Frage, daß du dich in außerordentlichen Umſtänden befindeſt, und außerordentliche Umſtände er⸗ fordern außerordentliche Mittel. Kannſt du nirgends zwanzig oder dreißig Thaler auftreiben?“ „Nirgends!“ ſeufzte Hans. 8 38 „Und du haſt in Wahrheit über vierzig Thaler an der Kaſſe zu gut?“ „Vierundvierzig Thaler.“. „Und der Kaſſirer wird erſt in einigen Tagen er⸗ wartet?“ „Nicht vor Donnerſtag oder Freitag.“ Und deine Mutter muß das Geld zum Begräb⸗ niß deines Vaters haben?“ „Ach, ja, ja doch— das iſt ja eben das Unglück.“ „Nun dann, Hanſel, ſo will ich dir einen Rath geben. Heute iſt Sonntag und die Geſchäftsräume ſind deßhalb geſchloſſen. Steige in das Kaſſenzimmer ein, nimm aus der kleinen Kaſſe, die entweder nicht verſchloſſen oder doch ganz leicht zu öffnen iſt, dein Guthaben, und dann mache, daß du zu deiner Mutter kommſt, um ihrer Noth ein Ziel zu ſetzen.“ „In das Kaſſenzimmer einſteigen? Die Kaſſe auf⸗ brechen? Unmöglich! Das wäre ja beinahe wie ein Diebſtahl!“ 5 „Narr, der du biſt!“ verſetzte Wolf,„iſt es ein Diebſtahl, wenn du nur nimmſt, was dein rechtmäßi⸗ ges Eigenthum iſt? Niemand wird es auch nur mer⸗ ken, daß du es genommen haſt, und wenn der Kaſſie⸗ rer zurückkommt, ſo brauchſt du ihm ja nur Alles zu ſagen, und dann iſt die ganze Geſchichte in gehöriger Ordnung.“ „»Das iſt wahr,“ murmelte Hans,„ich nehme nur mein rechtmäßiges Eigenthum! Und die Zeit drängt! Meine arme Mutter wartet mit Schmerzen auf mich! Ich muß es thun und ich werde es thun. Weißt du, Wolf, wie man in das Kaſſenzimmer gelangen kann?“ 39 „Ganz gut weiß ich,“ verſetzte der Burſche.„Geh' nur mit, ich will dir den Weg zeigen.“ Haus, von der allerdings gerechtfertigten Sorge um ſeine Mutter getrieben, welche ſich in einer wahr⸗ haft ſchrecklichen Lage befand, kämpfte die letzten Be⸗ denken nieder, und folgte ſeinem vermeintlichen Freunde, der ihn an ein Kamin führte, mit deſſen Benützung man durch die Oeſſe ganz leicht in das Kaſſenzimmer gelangen konnte. Hans wagte den Verſuch. Nach etwa einer Viertelſtunde kehrte er auf dem gleichen Wege zurück. „Es iſt gelungen,“ ſagte er.„Dreißig Thaler habe ich aus der kleinen Kaſſe genommen. Sie war zum Glück unverſchloſſen, denn ſie aufzubrechen würde ich nicht den Muth gehabt haben.“ „Lag recht viel Geld darin?“ fragte Wolf. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Hans,„vor Angſt habe ich kaum einen Blick in den Kaſſenſchrank ge⸗ worfen.“ „Ei, warum denn Angſt haben?“ ſagte Wolf höh⸗ niſch.„Biſt ja in deinem Rechte! Aber was wirſt du nun beginnen?“ „Ich? Nun, natürlich mache ich mich ſogleich auf den Weg nach meinem Dorfe,“ antwortete Hans. „Thue mir den Gefallen, Wolf, und zeige es morgen unſerem Herrn an, daß und warum ich fort bin. Ge⸗ wiß wird er mich entſchuldigen, daß ich nicht expreß Urlaub genommen habe.“ „Ei, er braucht es gar nicht zu erfahren, daß du ſort biſt,“ verſetzte Wolf.„Ich werde es unſerem Magazin⸗Aufſeher ſagen, das iſt genug. Außerdem habe keine Bange, Hanſel! Du haſt ſo oft meine 40 Arbeit verrichtet, daß ich wohl einmal auf ein paar Tage auch deine thun kann. Darum geh' ohne Sorge, — es wird nichts verſäumt werden!“ Hans glaubte dem falſchen Freunde und machte ſich unverzüglich auf den Weg nach ſeiner Heimath, wo er am folgenden Tage, noch gerade zur rechten Zeit, um die bitterſte Noth von der Mutter abzuwenden, an⸗ langte. Mit tiefer Trauer im Herzen wohnte er dem Begräbniſſe ſeines Vaters bei, und verſuchte es, mit liebreichen Worten ſeiner armen, gebeugten Mutter Troſt zuzuſprechen. Zugleich gab er ihr die feſte Ver⸗ ſicherung, daß er ſie mit allen Kräften unterſtützen werde, und verließ ſie dann am Morgen des nächſten Tages ziemlich beruhigt. Gern wäre er länger geblieben, gern hätte die tief bekümmerte Mutter ihn länger behalten,— aber die Pſicht rief ihn ab und ihrer Stimme mußte er Folge leiſten. Am zweiten Tage bei guter Zeit langte er in der Reſidenz wieder an, und verſäumte keinen Augenblick, ſich dem Magazin⸗Aufſeher vorzuſtellen. Dieſer empfing ihn mit finſterer Miene und eiſiger Kälte, ja mit un⸗ verholener Verachtung. 6 „ Ich bewundere deine Frechheit, Hans,“ ſprach er barſch.„Aber freilich, der Arm der ſtrafenden Ge⸗ rechtigkeit würde dich auch in deiner Heimath erlangt haben.—„Wolf,“ ſagte er zu dieſem,„rufe die Po⸗ lizeidiener!“ „Die Polizeidiener!“ rief Hans, auf's Aeußerſte beſtürzt.„Und wozu?“. „Wozu anders, als dich in das Gefängniß zu brin⸗ gen?« gab der Aufſeher zur Antwort.„Haſt du den ——-— 41 etwas Anderes erwartet? Haſt du wohl gar gehofft, daß dein Verbrechen verborgen bleiben würde? „Verbrechen?“ ſtammelte Hans todtenblaß.„Ich habe kein Verbrechen begangen.“ „So? Wie nennſt du denn anders, was du gethan haſt?“ ſagte der Aufſeher verächtlich.„Iſt es etwa kein Verbrechen, heimlich in das Kaſſenzimmer einzu⸗ ſteigen und mehr als tauſend Thaler aus dem Kaſſen⸗ ſchranke zu nehmen? He? Hans taumelte, als ob man ihn mit einer Keule auf das Haupt geſchlagen hätte. 1 „Tauſend Thaler!« rief er aus, und rang die Hände.„Aber das iſt ja nicht wahr, Herr Schmidt, ich ſchwöre es Ihnen. Dreißig Thaler habe ich ge⸗ nommen, keinen Pfenning mehr. Und ſo viel und noch vierzehn Thaler mehr hatte ich an die Kaſſe rechtmäßig zu fordern.“ Ein Blick niederſchmetternder Verachtung antwor⸗ tete ihm. Der arme Burſche brach in Thränen aus, die ſtromweiſe über ſeine Wangen floſſen, ohne den Aufſeher auch nur im mindeſten zu rühren. „Kein Wunder, wenn du lügſt, nachdem du geſtoh⸗ len haſt,“ ſagte Schmidt eiskalt.„Gewöhnlich lügt man erſt und ſtiehlt dann, du aber haſt den kürzern Weg erwählt. Nun, die Strafe dafür wird nicht aus⸗ bleiben. Da kommen die Polizeidiener. Hierher, meine Heraen Dies iſt der Burſche, den Sie feſtnehmen ollen.“ Mit einem Schreckensrufe warf ſich Hans zu Schmidts Füßen und umklammerte ſeine Kniee. 3 „So wahr Gott im Himmel lebt, ich habe nicht geſtohlen!“ rief er jammernd aus.„Nur einen Fun⸗ 42 ken Barmherzigkeit, Herr Schmidt! Es wird, es muß ſich ja Alles aufklären! Sperren Sie mich bis dahin hier im Hauſe ein,— ich will nicht klagen und mur⸗ ren,— aber nur nicht in's Gefängniß,— nur dieſe Schande nicht,— ſie würde meiner Mutter das Herz brechen!“ „Das hätteſt du früher bedenken ſollen,“ verſetzte der Aufſeher ungerührt.„Fort mit ihm, fort!'“ „Ich gehe nicht!“ ſchrie Hans voller Verzweiflung, „ich will erſt Herrn Schallmaier ſehen! Er wird mich hören! Ihm will ich Alles geſtehen, und er wird mir glauben! Ich bin ein ehrlicher Burſche!“ „Das behauptet ein Jeder, der uns in die Hände fällt,“ nahm jetzt Einer der Polizeidiener das Wort. „Laß' darum das überflüſſige Lamentiren! Wenn du wirklich unſchuldig biſt, ſo wird das bei der Kriminal⸗ Unterſuchung zum Vorſchein kommen. Für jetzt mußt du mir folgen, denn du haſt ſelbſt zugeſtanden, daß du in das Kaſſenzimmer eingebrochen biſt. Alſo— vorwärts marſch! Sträube dich nicht, oder du zwingſt mich, dir Handſchellen anzulegen und Gewalt zu ge⸗ brauchen.“ Trotz alles Proteſtirens, trotz allen Jammerns und Lamentirens mußte ſich Hans in ſein trauriges Schick⸗ ſal fügen. Die Polizeidiener nahmen ihn in ihre Mitte, und brachten ihn nach dem Rathhauſe, wo er vorläufig in einer Zelle für Kriminal⸗Verbrecher unter⸗ gebracht wurde. Als er eingetreten war, praſſelte die Thüre hinter ihm zu. Hans war allein— allein mit ſeinem Schmerze, ſeinen Thränen, ſeiner Verzweiflung. 43 Viertes Kapitel.— Im Gefängniſſe. Stunden vergingen, Stunden unſäglichen Jammers, ehe Hans in ſeiner troſtloſen Einſamkeit geſtört wurde. Endlich, als der Abeud bereits nahe war,— was Hans leicht erkennen konnte, wenn er durch das kleine, dicht vergitterte Fenſter nahe an der Decke ſeines Ker⸗ kers blickte,— knirſchte das Schloß an der feſt mit Eiſen beſchlagenen Thür, die Riegel wurden raſſelnd zur Seite geſchoben, und ein Mann mit ernſten, aber nicht gerade ſtrengen und finſteren Zügen, trat in die Zelle. Er warf dem Gefangenen einen flüchtigen Blick zu, winkte kaum bemerkbar mit dem Kopfe, und ſtellte einen irdenen Waſſerkrug, auf welchem ein großes Stück ſchwarzes Brod lag, auf eine Steinplatte, welche die Stelle eines Tiſches in dem Kerker vertreten mußte. Schweigend, wie er gekommen, wandte er ſich dann wieder ab, und war im Begriff, das Gefängniß zu verlaſſen, als Hans in Todesangſt ihm nacheilte und mit krampfhafter Heftigkeit ſeinen Arm packte. „Oh, Herr, verlaſſen Sie mich nicht, ohne mir wenigſtens ein Wort des Troſtes zu ſagen,“ rief er. „Glauben Sie mir, ich bin unſchuldig und habe nichts Böſes begangen!“ Der Mann betrachtete ihn noch einmal mit ſeinen ſcharfen, grauen Augen von unten bis oben und ſchüt⸗ telte leiſe den Kopf. „Unſchuldig!“ ſagte er in leiſem flüſternden Tone, „und doch haſt du die Kaſſe deines Herrn beſtohlen, noch dazu an einem Tage, den jeder Menſch heilig halten ſollte, am Sonntage.“ „Nicht veſtohlen! Beſtohlen nicht, ich ſchwöre es Ihnen bei Gottes Gnade und Barmherzigkeit!“ erwie⸗ derte Hans und blickte ſo ehrlich zu dem Schließer auf, daß dieſer eine Regung von Erbarmen in ſeiner noch nicht allen Gefühlen abgeſtorbenen Seele fühlte.„Glau⸗ ben Sie mir doch, ich habe nur genommen, was mein Eigenthum war,— nicht einen Heller darüber. Der Kaſſirer meines Herrn muß dies beſtätigen, wenn Sie ihn darum befragen wollen.“ „Der Kaſſierer deines Herrn, auf den du dich be⸗ rufſt, hat ausgeſagt und ſeine Ausſage eidlich erhärtet, daß eintauſend und dreißig Thaler aus der Kaſſe ge⸗ ſtohlen worden ſind,“ verſetzte der Schließer.„Kein Anderer, als du, kann der Dieb ſein. Man hat dich in das Kaſſenzimmer ein⸗ und ausſteigen ſehen. Wenn du einen wohlgemeinten Rath annehmen willſt, ſo gib freiwillig das geſtohlene Geld heraus, und lege ein offenes, rückhaltsloſes Geſtändniß ab. In Erwägung deiner Jugend, und daß du noch nie beſtraft worden biſt, werden alsdann die Richter auf das geringſte Strafmaß gegen dich erkennen.“ „Aber ich habe ja nicht tauſend, ich habe nur drei⸗ ßig Thaler genommen,“ betheuerte Hans weinend. Der Schließer ſah mit kaltem Blicke auf ihn herab, und der ſchwache Zug von Wohlwollen, der die Rauhig⸗ keit ſeiner Miene ein wenig gemildert hatte, verſchwand wieder von ſeinem Geſicht. „Lügner!“ murmelte er.„Trotz deiner Jugend iſt dein Herz ſchon ſehr verſtockt. So thue denn, was du willſt, und trage ſpäter dein Schickſal mit Ergebung.“ 45 Hans wollte noch weiter ſprechen, aber der Schlie⸗ ßer ſtieß ihn zurück und hatte im nächſten Augenblicke die Schwelle des Kerkers überſchritten. Das Thürſchloß knirſchte, die Riegel raſſelten,— Hans war wieder allein. In dumpfem Brüten ſaß er wohl eine Stunde lang auf einer Bank, welcher ihm vermuthlich auch zum Nachtlager dienen ſollte, und fühlte in ſeiner Betäu⸗ bung kaum, wie eine Thräne nach der andern über ſeine Wangen floß. Es war finſtere Nacht n ihm, wie jetzt auch um ihn, denn die Sonne ſandte keinen freundlichen Strahl mehr durch das kleine vergitterte Fenſter in ſeinen dumpfen, einſamen Kerker. Sein Geiſt war keines klaren Gedankens fähig; in ſeinem Kopfe hämmerte es, ſein Herz ſchlug in zuckenden Pul⸗ ſen; wenn noch ein Gefühl in ihm lebte, ſo war es einzig und allein das Gefühl gränzenloſen Elends, das auch nicht durch den leiſeſten Hoffnungsſchimmer ge⸗ mildert wurde. Noch eine Stunde und noch eine verging,— Hans kauerte noch immer auf ſeiner Bank, von Zeit zu Zeit jammervoll ſeufzend und ſtöhnend, als ob ihm das Herz brechen müſſe. Da auf einmal klirrten die Scheiben im Fenſter über ihm und irgend ein Gegenſtand fiel hart auf den Fußboden vor ihm nieder. Hans fuhr erſchrocken in die Höhe nnd lauſchte. „Hab' Acht!« rief eine Stimme von außen, die er augenblicklich als die ſeines vermeintlichen Freundes Wolf erkannte. Draußen entſtand ein kurzer Lärm, dann war Alles wieder ſtill. Hans bückte ſich und tappte mit beiden Händen auf dem ſteinernen Fußboden des Gefängniſ⸗ ſes herum. Nicht lange, ſo fand er ein Stück Papier, das um einen kleinen, aber ſchweren Gegenſtand, wahr⸗ ſcheinlich eine Flintenkugel, gewickelt war. „So bin ich doch nicht ganz und von aller Welt verlaſſen,“ murmelte Hans, und verbarg das Papier ſorgfältig in der Taſche ſeines Beinkleides. Ein wenig beruhigt durch das Zeichen der Theil⸗ nahme ſtreckte ſich Hans auf der harten Bank in ſei⸗ nem Kerker aus und fand, auf's Aeußerſte erſchöpft von den Leiden und Gemüthsbewegungen des Tages, ſchneller einen ſanften Schlaf, als er irgend geglaubt und gehofft hatte. Der erſte Schimmer des Tageslichtes erweckte ihn. Er ſprang von der Bank auf, und ſein erſter Gedanke betraf den Gegenſtand, den man ihm geſtern durch das Fenſter zugeworfen hatte. Noch war es nicht hell genug, um deutlich ſehen zu können. Dennoch zog er das kleine Packet aus der Taſche und befühlte und betrachtete es von allen Sei⸗ ten. Das Papier war mit einem feinen Seidenfaden feſt umwickelt. Er zerbiß denſelben mit ſeinen Zähnen und faltete das Papier aus einander. Eine runde Ku⸗ gel fiel heraus,— es war richtig eine bleierne Mus⸗ ketenkugel. Aber Hans bückte ſich nicht darnach, ſon⸗ dern ſuchte nur die wenigen Zeilen zu entziffern, welche auf das Papier geſchrieben waren. Nach und nach gelang es ihm, und als der Tag heller wurde, las er deutlich folgende Worte: „Auf eine unerklärliche Weiſe iſt dein Vergehen entdeckt worden, mein armer Hans, aber ich bin feſt überzeugt, daß man dir nichts wird beweiſen können, 47 wenn du nur tapfer und beharrlich leugneſt. Alſo ge⸗ ſtehe nichts ein, aber auch gar nichts. Auf mich kannſt du dich verlaſſen; ich werde keine Sylbe von dem ver⸗ rathen, was geſchehen iſt. Dagegen rechne ich aber auch darauf, daß du das Geheimniß bewahrſt, und mich nicht mit dir in die Patſche bringſt. Alſo leugne, leugne Alles, und nimm ſogar die Ausſagen zurück, die du bereits gethan haſt. Du brauchſt nur zu ſagen, du habeſt vor Angſt nicht gewußt, was du geſprochen. Nur auf dieſem Wege kannſt du deine Freiſprechung erlangen. Beweiſen kann man dir nichts, wenn ich ſchweige. Dein Wohl und Wehe liegt in meiner Hand. Alſo hüte dich, meinen Namen auszuſprechen, denn alsdann wäreſt du ohne Rettung verloren und müßteſt in's Zuchthaus wandern. Zerreiße dieſen Brief in kleine Stückchen und verbrenne ſie wo möglich, oder wirf ſie zum Fenſter hinaus. Dein getreuer Freund Wolf.“« Hans verſank in Nachdenken. Wenn er ſich die Sachlage recht überlegte, ſo mußte er zu der Ueber⸗ zeugung gelangen, daß es am beſten für ihn ſein würde, wenn er den Rath Wolfs buchſtäblich befolgte. Nie⸗ mand konnte ihm beweiſen, daß er tauſend Thaler aus der Kaſſe genommen, denn er hatte dieſe Summe nicht einmal angerührt, viel weniger geſtohlen. Konnte man den Beweis nicht führen, ſo mußte er nach Recht und Gerechtigkeit frei geſprochen werden. Leugnete er vol⸗ lends, daß er überhaupt in das Kaſſenzimmer einge⸗ ſtiegen ſei, ſo fiel ſelbſt jeder Schein eines Verbrechens weg, für das er beſtraft werden konnte. Freilich hatte er ſich auf unrechtmäßigem Wege in den Beſitz von dreißig Thaler geſetzt, aber dieſe dreißig Thaler hatte 48 er in Wahrheit zu beanſpruchen, ſie waren ſein Eigen⸗ thum, und in Folge deſſen belaſtete ihn keineswegs das Verbrechen eines Diebſtahls. Nur die Art und Weiſe, wie er das Geld genommen, machte ihn eini⸗ germaßen ſtrafbar, und, weil er ſich ſelber dies nicht abläugnen konnte, faßte er den Entſchluß, auch ſein Einſteigen in das Kaſſenzimmer in Abrede zu ſtellen. Noch ein anderer Umſtand beſtimmte ihn dazu, und zwar folgender: wenn er überhaupt zugab, widerrecht⸗ lich in das Kaſſenzimmer gedrungen zu ſein, ſo lenkte er ſelbſt den Verdacht auf ſich, anſtatt dreißig Thaler deren tauſend und dreißig genommen zu haben. End⸗ lich, wenn er nicht läugnete, ſondern die Wahrheit ſprach, ſo mußte ſein vermeintlich treuer Freund mit in die Angelegenheit gezogen werden, und das wollte Hun⸗ aus Rückſicht für denſelben, um keinen Preis thun. „Wolf hat Recht,“ murmelte er,„nachdem er Alles reiflich erwogen zu haben glaubte,„ich darf die Wahr⸗ heit nicht ſagen, ohne mich in's Unglück zu ſtürzen, folglich muß ich lügen.“ Der Unglückliche! Von einem falſchen Freunde irre geleitet, gerieth er wieder auf einen falſchen Weg und zu falſchen Entſchlüſſen. Hätte er ſich dafür ent⸗ ſchieden, frank und frei die volle Wahrheit zu ſagen, ſo würde ſeine Unſchuld bald zu Tage gekommen ſein und er würde ſich eine lange Kette großer Leiden er⸗ ſpart haben. Sein banges Herz klopfte, wenn er an die bevorſtehenden Verhöre dachte, ſagte ihm auch, daß er nicht auf dem rechten Wege ſei; aber er unterdrückte dieſe Stimme ſeines Gewiſſens, hauptſächlich in Rück⸗ ſicht auf ſeinen braven Freund Wolf, der allein ihn 49 in ſeinem Unglück nicht vergeſſen und nicht verlaſſen atte. 1 Wenn er nur hätte ahnen können, der arme Hans, welche Beweggründe dieſen herrlichen Freund leiteten, er würde anders über ihn und ſeine Theilnahme ge⸗ urtheilt haben. Ohne daran zu denken, daß Wolf ihn aufgefordert hatte, ſeinen Brief zu zerreißen oder zu verbrennen, ſteckte er denſelben in ſeine Taſche und hatte ihn bald darauf ganz vergeſſen. Es ſtürmte jetzt ſo Vieles auf ihn ein, daß er auf Kleinigkeiten kein großes Gewicht legte, und Wolfs Brief ſchien ja auch gar nichts Ge⸗ fährliches zu enthalten. Kurz, er ſteckte ihn ein und dachte lange nicht wieder daran. Ein paar Stunden nach Sonnenaufgang kam der Schließer in ſein Gefängniß, brachte ihm ſeine Ration Brod und Waſſer, und kündigte ihm mit kurzen Wor⸗ ten an, daß er ihn nach Ablauf einer Stunde vor den Unterſuchungsrichter zu führen habe. „Noch einmal ſage ich dir,“ fügte er mit faſt dro⸗ hender Miene hinzu,„verſchlimmere deine Angelegen⸗ heit nicht durch Läugnen. Du kommſt nicht damit durch, ſondern verdoppelſt nur deine Leiden und deine Strafe. Man hat mir erzählt, daß du immer ein ordentlicher Burſche geweſen ſeieſt, und nur aus Liebe zu deiner Mutter den Fehltritt begangen habeſt; das ſpricht zu deinen Gunſten, und wird bei dem Urtheil in's Gewicht fallen, immer vorausgeſetzt natürlich, daß du Alles offen eingeſtehſt und das geſtohlene Gut wie⸗ der herausgibſt.“ „Ich habe nichts geſtohlen,“ verſetzte Hans, und Ein armer Sünder. 4 ſagte damit allerdings die Wahrheit, aber leider nicht die ganze und volle Wahrheit. Daß er auch im Verhöre bei dieſer Ausſage blieb, mußte zu ſeinem Verderben gereichen. Der Unterſuchungsrichter, zu dem er bald nachher eingeführt wurde, empfing ihn gerade nicht unfreund⸗ lich, aber doch mit einem ſehr ernſten Geſicht. Nach den vorläufigen, geſetzlich vorgeſchriebenen Fragen nach Heimath, Herkunft, Alter u. ſ. w. forderte er Hans mit väterlicher Milde und eindringlichen Worten auf, ein offenes Bekenntniß abzulegen, wie er es vor Gott und ſeinem Gewiſſen verantworten könne. Hans blieb nicht ungerührt bei den an ihn ergehenden Mahnungen, und wechſelte mehrmals in auffallender Weiſe die Farbe, aber er hatte nun einmal ſeinen Entſchluß gefaßt und antwortete daher: daß er völlig unſchuldig ſei und nichts zu geſtehen habe. Dabei verharrte er. „Aber du ſelbſt haſt doch bereits zugegeben, daß du am vergangenen Sonntag heimlich in's Kaſſenzim⸗ mer eingetreten biſt,“ ſagte der Richter. „Ich weiß von nichts,“ erwiederte Hans.„In der erſten Angſt und Beſtürzung mag ich mancherlei ge⸗ ſprochen haben, aber ich erinnere mich meiner Worte nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich unſchuldig bin.“ Etwas Anderes vermochte der Richter nicht aus ihm heraus zu bringen, und mußte das ſtundenlange Verhör endlich abbrechen. „Du biſt ein verſtockter Burſche,“ ſagte er,„aber du wirſt noch erkennen, daß wir Mittel haben, deinen Starrſinn zu beugen. Denke nach und wähle das Beſte, was du thun kannſt,— die Wahrheit. Morgen, hoffe ich, wirſt du beſſer, als heute, berathen ſein.“ 51 Hans wurde in ſeine Zelle zurückgeführt. Als er allein war, fühlte er abermals eine Empfindung von Reue und Geyiſſensbiſſen. Das milde, beinahe väter⸗ liche Benehmen des Richters gegen ihn hatte ſein Herz erſchüttert und einen heilſamen Eindruck auf ihn ge⸗ macht. „Vielleicht thäte ich doch am beſten, die Wahrheit ganz und ohne Falſch zu ſagen,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Freilich habe ich mich vergangen, doch iſt ja mein Vergehen nicht ſo ſchwer, daß es eine entehrende Strafe nach ſich ziehen müßte.“ Klirr! ging es wieder, und wie geſtern flog ein um eine Flintenkugel gewickeltes Papier in den Kerker. Hans faltete es haſtig aus einander, und las folgende Worte: „Brav gemacht, Hans! Läugne nur ein paar Tage noch, und man wird dich wegen mangelnden Beweiſes freiſprechen. Alſo getroſt! Ich erfahre Alles, was im Gericht vorgeht, und werde ſchon Sorge tragen, dir weitere Mittheilungen zukommen zu laſſen. Deine Sache ſteht gut! Hurah! Nur fortgeläugnet!“ Dieſe wenigen Worte ſeines Freundes warfen alle guten Vorſätze von Hans wieder vollſtändig über den Haufen und befeſtigten von Neuem ſeinen Entſchluß, die ganze volle Wahrheit, die allein ihn retten konnte, zu verheimlichen. Er warf den Brief in den Ofen, und wunderte ſich nur, daß Wolf ſo ſchnell das Ergebniß ſeines erſten Verhörs in Erfahrung gebracht hatte. Bei dem zweiten, dem dritten, dem vierten Verhöre blieb Hans hartnäckig bei der Behauptung ſtehen, daß er unſchuldig ſei. Keine Ermahnung, keine Warnung, keine Drohung konnte ihn zu weiteren Eroffnungen 4* 52 veranlaſſen, und die väterliche Milde des Richters ver⸗ wandelte ſich allmälig in immer kälteren Ernſt, immer gröͤßere Strenge. Noch andere Folgen wurden Hans fühlbar. Nach dem vierten Verhöre wurde er nicht in ſeinen früheren Kerker, ſondern in einen andern gefuͤhrt, welcher ihm weit unbehaglicher, als der erſte, vorkam. Der Schlie⸗ ßer wechſelte kein Wort mehr mit ihm und zeigte ihm nur eiſige Verachtung. Mit jedem Tage fand Hans ſui Lage unerträglicher und ein finſterer Trotz erwachte in ihm. Nach ſeiner Ueberzeugung wurde er viel ſchlechter behandelt, als er verdiente, und der Gedanke ſtieg in ihm auf, ſich durch Flucht dieſer unwürdigen Behand⸗ lung zu entziehen. »Man hält mich hier eingeſperrt wie ein wildes Thier, und doch habe ich kein Verbrechen begangen, das eine ſolche Strafe verdiente,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. »Jedenfalls bin ich berechtigt, einen Ausweg aus die⸗ ſem Kerker zu ſuchen, und im Nothfall zu erzwingen.“ Dieſer Gedanke kam ihm nicht mehr aus dem Sinne, und er beſchloß endlich, ihn zur Ausführung zu bringen. Durch die Mauren ſeines Gefängniſſes konnte er nicht dringen, denn ſie waren zu ſtark; auch durch das Fenſter nicht, denn dieſes war nur ein kleines Loch, und obendrein mit fingerdicken Eiſenſtäben vergittert; durch die Thür gleichfalls nicht, denn ſie war mit ſchwe⸗ ren Riegeln und Schlöſſern zu feſt verwahrt. Nur Eine Hoffnung blieb ihm, die, den Ofen niederzurei⸗ ßen und durch den Schornſtein zu entrinnen. Nach reiflicher Ueberlegung ging er an's Werk. 53 Der Schließer pflegte ihn täglich nur einmal zu beſu⸗ chen, um ihm ſein Brod und Waſſer zu bringen. Für den Reſt des Tages und während der Nacht konnte er ſich ziemlich ſicher fühlen. 3 Eines Morgens alſo, unmittelbar, nachdem der Schließer ihn verlaſſen hatte, ging er an's Werk. Vor⸗ ſichtig, damit ihn kein Geräuſch vor der Zeit verrathen möge, brach er die Kacheln des alten Ofens aus dem Lehme, und ſchichtete ſie um ſich herum auf. Nach ein paar Stunden hatte er ihn ſo weit beſeitigt, daß er daran gehen konnte, die Oeffnung nach dem Rauchfange zu zu erweitern, damit er hindurch ſchlüpfen könne. Im Schweiße ſeines Angeſichts brach er die Steine los, die aber leider zu feſt in einander gekittet waren, als daß die Arbeit ganz ohne Geräuſch hätte ausgeführt werden können. Endlich war aber auch das letzte Hin⸗ derniß beſeitigt, und Hans ſteckte ſchon mit dem halben Körper im Rauchfange drin, als er ſich plötzlich, zu ſeinem nicht geringen Schrecken, an den Beinen feſtge⸗ halten fühlte. Der Schließer, denn dieſer hatte ihn ergriffen, zog ihn ohne Umſtände in den Kerker zurück, dem der arme Burſche ſchon entronnen zu ſein glaubte, und betrach⸗ tete ihn nicht gerade mit den freundlichſten Augen. »Oho, Bürſchchen, wollteſt du da hinaus?“ ſagte er höhniſch.„Da ſieht man, daß du ein böſes Gewiſſen haben mußt, denn ſonſt hätteſt du ſchwerlich den Ver⸗ ſuch gemacht, dich durch die Flucht dem bevorſtehenden Urtheilsſpruche zu entziehen. Gut nur, daß ich noch zu rechter Zeit das Gepolter hier hörte, und dich ge⸗ rade im Augenblick des Entwiſchens noch feſthalten konnte. Nun werden wir freilich dem Vögelchen einen 54 feſteren Käfig anweiſen müſſen! Das aber kann ich dir im Voraus ſagen, daß du deine Lage durch den unſinnigen Fluchtverſuch in keiner Weiſe verbeſſert haſt. Marſch jetzt! Vorwärts!“ Wuth und Verzweiflung im Herzen mußte Hans dem Schließer folgen, der ihn jetzt in ein unterirdi⸗ ſches Gefängniß ſperrte, wo man bei dem Schimmer einer Laterne nichts weiter erblickte, als feuchte Wände und den nackten Fußboden. Kein Lichtſtrahl fiel von oben tröſtend in den ſchrecklichen Kerker ein, und die Luft, die Hans einathmete, war dumpfig und ſchwer. Bittere Thränen vergoß er, als der Schließer ihn wieder verließ. Jeder Hoffnung baar ſchrie er laut nach Gnade und Erbarmen,— aber ſeine Stimme verhallte ungehört zwiſchen den dicken Kerkermauern, und er mußte ſich endlich, von dem bitterſten Seelenleiden völlig erſchöpft, mit dumpfer Apathie in ſein trauriges Loos ergeben. Fünftes Kapitel. — Vor dem Schwurgericht. Uach wochenlangen Leiden, deren Schilderung der freundliche Leſer uns erlaſſen mag, kam endlich der Morgen heran, an welchem Hans vor das Gericht der Geſchwornen geſtellt werden ſollte. Zu ſeiner Verthei⸗ digung war ein kluger und beredter Rechtsanwalt be⸗ ſtellt worden, welcher ihn am Tage vor den öffentlichen Verſammlungen beſuchte, und ihn aufforderte, ihm 55⁵ gegenüber wenigſtens ſein Herz zu öffnen und ihm ein rückhaltloſes Geſtändniß abzulegen. Aber auch ſein Vertheidiger vermochte die Eisrinde nicht zu ſchmelzen, die Erbitterung und Groll um das Herz des Ange⸗ klagten gezogen hatte. Seine Rede war und blieb: „Ich bin unſchuldig! Ich habe nicht geſtohlen! Man behandelt mich auf die ſchändlichſte Weiſe.“ Unverrichteter Sache mußte der Advokat den ver⸗ ſtockten armen Sünder verlaſſen. Am nächſten Morgen wurde Hans in den Saal geführt, in deſſen weiten Räumen das letzte Gericht über ihn abgehalten werden ſollte. Sein bleiches An⸗ tlitz färbte ſich mit glühender Röthe, als er ſich plötz⸗ lich einer großen Menſchenmenge gegenüber erblickte, welche, Kopf an Kopf gedrängt, mehr als zwei Drit⸗ theile des großen Raumes einnahm. Tauſend Augen ſtarrten ihn mit unbarmherziger Neugierde an, tauſend gefühlloſe Geſichter wandten ſich gegen ihn. Der Dieb⸗ ſtahl hatte großes Aufſehen in der Reſidenz gemacht, weßhalb ſich das Publikum maſſenhaft zu der Sitzung drängte. Dem Angeklagten gegenüber ſaßen mit ernſten Ge⸗ ſichtern die Geſchwornen; links von ihnen auf einer erhöhten Tribüne die Richter, der Staatsanwalt und die Protocollführer; zur Rechten die vorgeladenen Zeu⸗ gen, unter welchen Hans den Magazin⸗Aufſeher Schmidt und, zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, auch ſeinen Collegen Wolf erblickte. Die Geſchwornen wurden verleſen und die Looſe gezogen. Diejenigen, welche das Loos traf, blieben an ihrem Tiſche, die Anderen verloren ſich unter der Menge der neugierigen Zuſchauer. Nach Beeidigung 56 der Geſchwornen und Zeugen und nach Erledigung der Formalitäten, begannen alsdann die Verhandlungen. Die Anklage wurde verleſen und Hans außgefordert, die Erklärung abzugeben, ob er ſchuldig oder nicht ſchuldig ſei? Hans hatte mittlerweile ſeine Faſſung wieder er⸗ langt und gab mit ziemlich feſter Stimme„nicht ſchuldig“ zur Antwort. Ein unwilliges Murmeln der verſammelten Menge ließ ſich vernehmen, denn nur Wenige mochten ſich darunter befinden, welche die Schuld des Angeklagten noch bezweifelten. Hierauf nahm der Staatsanwalt das Wort, hielt die Klage aufrecht und entwickelte alle die Verdacht⸗ gründe, welche gegen Hans ſprachen,— leider auf eine Weiſe, die wenig Hoffnung auf ſeine Freiſprechung er⸗ regen konnte. Hans hatte, wenn er dies auch ſpäter widerrufen, doch von vorn herein zugeſtanden, daß er in das Kaſſenzimmer eingeſtiegen ſei, um in den Be⸗ ſitz einer klſeinen Summe Geldes zu gelangen, auf welche er gerechte Anſprüche machen zu können geglaubt hatte. Es fehlten aber, außer der erwähnten kleinen Summe, noch weitere tauſend Thaler, und wer anders, fragte der Staatsanwalt, könne dieſe entwendet haben, als eben der Angeklagte. Derſelbe, fuhr er fort, habe die Reſidenz verlaſſen, um in ſeine Heimath zu gehen, und eine angeſtellte Unterſuchung habe erwieſen, daß er in der That ſeine Mutter beſucht und ſie mit Gelde unterſtützt habe. Von den fehlenden tauſend Thalern ſei allerdings keine Spur außzufinden geweſen, aber es liege wohl auf der Hand, daß der Angeklagte nicht verſäumt haben wurde, ſie in einem ſichern Verſtecke 57 unterzubringen. Alles ſpreche dafür und gegen den Angeklagten. Mit Zittern und Zagen hörte Hans auf die Worte des Staatsanwalts, und manchmal ſchien das Blut in ſeinen Adern ſtocken zu wollen. Seine Vertheidigung durch den ihm zugewieſenen Advokaten konnte nicht anders als ſchwach ſein, da ihm Hans keinerlei Anhaltspunkte, die er zu ſeinen Gunſten hätte benützen können, gegeben hatte. Die Zeugenausſagen bekundeten, daß in der That ein beträchtlicher Diebſtahl an der Kaſſe des Herrn Schallmaier begangen worden war. Der Kaſſirer gab übrigens zu, daß Hans allerdings ein Guthaben von vierzig und einigen Thalern an die Kaſſe zu fordern gehabt habe; und der Magazin⸗Aufſeher ſtellte Hans ein günſtiges Zeugniß aus, indem er ſagte, daß ſich derſelbe, bis eben auf den vorliegenden Fall, ſtets voll⸗ kommen tadellos erwieſen habe. Jetzt forderte der vorſitzende Richter den Zeugen Wolf auf, ſeine Angaben zu machen. Wolf erhob ſich von ſeinem Sitze, warf einen höhniſchen Seitenblick auf Hans und ſagte dann keck und mit dreiſter Stirn Folgendes: „Der Angeklagte iſt ſchuldig. An dem nänlichen Sonntage, an welchem das Verbrechen ausgeübt wurde, befand ich mich mit ihm zugleich, ohne daß er meine Anweſenheit ahnte, in einem Speicherraume des Herrn Schallmaier. Der Angeklagte war ſehr getrübt und vergoß viele Thränen. Schon war ich im Begriff, vor⸗ zutreten und ihm meine Theilnahme zu erkennen zu geben, als er plötzlich aufſprang und mit wilder Ge⸗ 58 berde ausrief: ‚Ich thue es! Das Geld iſt mein! Ich hole es aus dem Kaſſenzimmer!“. „Nach dieſen Worten eilte er davon und ich folgte ihm verſtohlen nach. Da ſah ich denn, daß er durch ein Kamin in das Kaſſenzimmer einſtieg. Ich ver⸗ ſteckte mich in der Nähe dieſes Kamins. Nach einiger Zeit,— zehn Minuten mochten wohl verſtrichen ſein, kam der Angeklagte wieder zum Vorſchein, und ich hörte, wie er vor ſich hin murmelte: ‚Das war ein guter Fang! Ueber tauſend Thaler! Nun kann ich ein luſtiges Leben anfangen!“ „Ich wollte vorſpringen und ihn feſthalten, aber ehe ich noch recht zu teinem Entſchluſſe kommen konnte, lief der Angeklagte eiligſt davon und verließ das Haus. Wohin er gehen wollte, konnte ich nicht ahnen. Erſt nach ein paar Tagen kehrte er zurück und wurde, da der Diebſtahl mittlerweile entdeckt worden war, ſogleich feſtgenommen und in das Gefängniß abgeführt. Das iſt Alles, was ich zu ſagen weiß.“ Hans ſtand da, als ob dicht vor ſeinen Augen ein Blitz niedergefahren wäre. Sein Geſicht war todten⸗ bleich, ſeine ganze Geſtalt zitterte vor Aufregung der⸗ maßen, daß er ſich kaum aufrecht zu erhalten ver⸗ mochte. „Er lügt!« ſchrie er in den Saal hinein,„der ſchändlichſte Lügner iſt er, den Gottes Sonne beſcheint. Er hat mich zuerſt darauf aufmerkſam gemacht, wie ich in das Kaſſenzimmer gelangen könne. Oh, der ab⸗ ſcheuliche Lügner und Verläumder!“ Ein unbeſchreiblicher Tumult eutſtand nach dieſen Worten im Saal. Der Ausdruck der Wahrheit, wel⸗ cher aus den flammenden Augen des Angeklagten leuch⸗ 59 tete, hatte ſchnell die leicht erregbare Menge zu ſeinen Gunſten gewonnen, und Einzelne aus dem dicht ge⸗ drängten Haufen riefen ihm Worte der Ermuthigung zu. Der Präſident hatte Mühe, die Unruhe zu be⸗ ſchwichtigen, und es gelang ihm erſt, als er die ernſt⸗ liche Drohung ausſprach, daß er den Saal räumen laſſen werde, wenn man nicht die vollkommenſte Stille beobachten würde. Hans ſprach mittlerweile angelegent⸗ lich mit ſeinem Vertheidiger, deſſen finſtere Miene ſich von Minute zu Minute mehr aufhellte, bis zuletzt ein triumphirendes Lächeln ſeine Lippen umſchwebte. —„Zeuge,“ nahm der Präſident das Wort, als die Ruhe im Saale vollkommen wieder hergeſtellt war, „wie kommt es, daß Sie die eben abgegebene Ausſage nicht ſchon früher gemacht haben? Erklären Sie mir dieſen etwas auffallendem Umſtand.“ „Oh, das iſt ganz leicht,“ verſetzte Wolf mit eiſer⸗ ner Stirn,„ich wollte meinen armen Kameraden nicht in’s Unglück ſtürzen, und darum verheimlichte ich, was ich wußte. Heute iſt das ein anderes Ding! Ich habe ſchwören müſſen, die ganze und volle Waheheit zu ſagen, und nun verbietet mir mein Gewiſſen, noch län⸗ ger etwas zu verſchweigen.“ „Angeklagter,“ wandte ſich der Präſident zu Hans, „was haben Sie auf die gemachte Ausſage zu er⸗ wiedern?“ »Daß es eine Lüge, eine abſcheuliche Lüge iſt,“ verſetzte Hans mit Feſtigkeit.„Dieſer Menſch, der jetzt eben falſches Zeugniß gegen mich abgelegt hat, iſt nach meiner innerſten Ueberzeugung derjenige, der wirklich die tauſend Thaler geſtohlen hat. Nur, um ihn nicht in meine unglückliche Lage zu verwickeln, 60 habe ich bisher geſchwiegen und die Wahrheit ver⸗ hehlt. Jetzt aber will ich reden und muß ich reden. Hören Sie mich, Herr Präſident, und glauben Sie mir, daß ich nichts verhehlen, nichts verſchweigen und nichts bemänteln werde.“ Mit beredten Worten ſchilderte nun Hans, wie er die Nachricht von dem Unglück und der gänzlichen Hülfloſigkeit ſeiner Mutter empfangen habe und wie er in Verzweiflung geweſen ſei, weil er ſeiner Mutter nicht ſogleich habe Hülfe bringen können. Er wieder⸗ holte faſt wörtlich ſein Geſpräch mit Wolf auf dem Speicher, und bekannte ſich ſchuldig, den Rath des falſchen Freundes befolgt zu haben. Er ſei der Mei⸗ nung geweſen, daß man es kein Verbrechen nennen könne, wenn er nur das Geld nähme, auf das er ge⸗ rechte Anſprüche gehabt habe. Auch habe er die Ab⸗ ſicht gehabt, nach ſeiner Zurückkunft aus der Heimath dem Herrn Kaſſirer Alles ehrlich zu geſtehen, und er ſei an der Ausführung dieſer ſeiner Abſicht nur durch ſeine plötzliche Verhaftung verhindert worden. Auch nachher, als er ſchon im Gefängniſſe geſeſſen, ſei er entſchloſſen geweſen, dem Herrn Unterſuchungsrichter die volle Wahrheit zu ſagen. Da aber hätte ihn ein Brief von eben dem Wolf, welcher ſo ſchändliche Lügen wider ihn ausgeſagt, ihn wieder auf andere Gedanken gebracht. „Hier iſt dieſer Brief,“ ſetzte er hinzu, indem er ein zerknittertes Blatt Papier aus ſeiner Taſche zog und es dem Präſidenten entgegenſtreckte,„leſen Sie ihn, meine Herren, und Sie werden aus den Worten deſſelben erſehen, daß ich der Spielball eines abſcheu⸗ lichen Böſewichts geweſen bin, der mich verführt und 61 zum Unrecht verleitet hat, um dann, mich zum Schilde benützend, ſelber das ſchnöde Verbrechen auszuüben, deſſen er mich hier mit frecher Stirne beſchuldigt hat.“ Als Hans den Brief aus der Taſche zog, erblaßte Wolf und zeigte eine auffallende Verwirrung und Be⸗ ſtürzung. Jedenfalls war er der Meinung geweſen, daß Hans den Brief längſt vernichtet habe, und da auf einmal tauchte derſelbe auf, um gewichtiges Zeug⸗ niß gegen ihn abzulegen. Der Präſident ließ ſich den Brief überreichen und las ihn laut vor. Das verſammelte zahlreiche Publi⸗ kum hörte ihn mit lebhafteſter Theilnahme an, und wunderbar ſchnell durchſchaute ein Jeder die Intrigue, welche von Seiten Wolfs gegen den argloſen Hans geſpielt worden war. Ein Murmeln der Befriedigung ging durch die Reihen, und Aller Augen hafteten, jetzt nicht mehr vorwurfsvoll, ſondern mit freudiger Theil⸗ nahme auf den Zügen des armen Hans. Jeder war feſt überzeugt, daß Wolf der wirkliche Dieb der im Kaſſenſchranke vermißten tauſend Thaler war. „Der Brief iſt gefälſcht!“ ſchrie Wolf, als die Vor⸗ leſung beendigt war. „Ueber dieſen Umſtand werden wir uns bald Ge⸗ wißheit verſchaffen können,“ ſagte der Präſident ruhig. „Herr Kaſſirer Breithaupt und Sie, Herr Magazin⸗ Aufſeher Schmidt, iſt Ihnen Beiden die Handſchrift des Wolf bekannt?“ Beide Herren bejaheten dieſe Frage und wurden ſodann aufgefordert, den vorliegenden Brief zu recog⸗ nosciren. Beide äußerten ſich übereinſtimmend dahin, aßſer unverkennbar von Wolfs Hand geſchrieben ſein müſſe. 62 „Das ändert allerdings die Sachlage bedeutend,“ ſagte der Präſident.„Die Verhaftung des Wolf iſt unverzüglich in Ausführung zu bringen, denn aus ſei⸗ nem Schreiben geht klar hervor, daß er falſche Aus⸗ ſagen vor dem Gericht gemacht, und alſo einen Mein⸗ eid begangen hat. Welcher anderer Vergehen er viel⸗ leicht noch ſchuldig iſt, wird die ſpätere Unterſuchung nachweiſen. Einſtweilen iſt das Verfahren gegen den Angeklagten Hans Wächter fortzuſetzen.“ Es würde uns zu weit führen, wenn wir Punkt für Punkt dem gerichtlichen Verfahren gegen Hans und Wolf folgen wollten, denn wir ſchreiben keine Kriminalgeſchichte, ſondern ſuchen nur einfache That⸗ ſachen aus dem Leben zu ſchildern. Es genügt alſo, hier zu erwähnen, daß in Folge der Unterſuchung ſich die Schuld Wolfs vollkommen herausſtellte, während Hans und ſein Advokat bis zur unumſtößlichen Ueber⸗ zeugung nachwieſen, daß des Erſteren Vergehen ſich nicht weiter erſtreckte, als bis zum unbefugten Ein⸗ dringen in das Kaſſenzimmer und Wegnahme einer kleinen Geldſumme, die er in der That und in Wahr⸗ heit bei der Kaſſe gut ſtehen hatte. Auch dieſes Verbrechen würde ſehr ſchwer beſtraft worden ſein, wenn dem armen Sünder nicht mildernde Umſtände zur Seite geſtanden hätten, welche von dem Richter auf das Humanſte in Erwägung gezogen wur⸗ den. Das geringſte Strafmaß wurde auf Hans an⸗ gewandt und derſelbe noch außerdem der Gnade des Landesherrn empfohlen, welcher die entehrende Zucht⸗ hausſtrafe in Arbeitshausſtrafe umwandelte. In das Arbeitshaus alſo wurde Hans abgeführt, und dort mußte der arme Sünder ſein Vergehen mit Wolle⸗ 63 ſpinnen, Cigarrenwickeln und anderen dergleichen Ar⸗ beiten, immer noch ſtreng genug, abbüßen. Wolf kam auf mehrere Jahre in's Zuchthaus. Ihm ſtanden keine mildernden Umſtände zur Seite. Sein Urtheilsſpruch lautete ſtreng, aber gerecht, und Niemand empfand Mitleiden mit ihm, während den armen Sünder Hans die Theilnahme manchen weichen Herzens in das Arbeitshaus begleitete. Sechstes Kapitel. Wieder in Freiheit. Die Strafe war überſtanden, Hans aus dem Ar⸗ beitshauſe mit den beſten Zeugniſſen entlaſſen. Eine Reihe von bangen Tagen lag hinter ihm, eine Reihe von vielleicht noch bängeren Tagen und Wochen lag vor ihm. Da ſtand nun der arme Burſche, der ſeine Irrthümer und Sünden ſo ſchwer hatte büßen müſſen, auf der Straße, und keine Freundeshand ſtreckte ſich ihm entgegen, kein mitleidiges Herz begrüßte ihn mit Wohlwollen und Theilnahme. In ſeine Heimath zu gehen ſchämte ſich Hans, er wagte es nicht, ſeiner Mutter und ſeinen Schweſtern vor die Augen zu tre⸗ ten, obgleich er ſein Vergehen gebüßt hatte. Ohne Geld in ſeiner Taſche,— wenige Groſchen ausgenom⸗ men, die ihm der Direktor der Strafanſtalt bei ſei⸗ nem Abgange eingehändigt hatte,— ſtand er da und 64 überlegte, was er anfangen ſollte, um irgend ein Un⸗ terkommen, irgend eine Nahrungsquelle zu finden. Zunächſt dachte er an ſeinen früheren Herrn und an den Magazin⸗Aufſeher Schmidt, der ihm früher ſo viel Vertrauen und Wohlwollen geſchenkt hatte. „Ich muß es verſuchen,“ murmelte er.„Vielleicht haben ſie mir verziehen und erbarmen ſich meiner. Sie werden ja wohl überzeugt ſein, daß ich nach den letzten Erfahrungen, die ich habe machen müſſen, mit doppeltem Eifer beſtrebt ſein werde, meinen guten Namen wieder zu Ehren zu bringen.“ Er ſchlug die Richtung nach dem Hauſe des Herrn Schallmaier ein, und begab ſich geraden Weges zu ihm in das Comptoir. Die darin anweſenden Schrei⸗ ber und Diener ſahen ihn mit Erſtaunen und Beſtür⸗ zung an, aber auch nicht Einer von ihnen machte Miene, ihm entgegen zu kommen und ihn zu begrüßen. Hans, der lauter bekannte Geſichter wiederfand, fühlte ſich zwar im innerſten Herzen gedemüthigt und ver⸗ letzt, ging aber gleichwohl feſten Schrittes weiter zu dem Kabinet, in welchem Herr Schallmaier ſich wäh⸗ rend der Geſchäftsſtunden aufzuhalten pflegte. Herr Schallmaier ſaß an ſeinem Schreibtiſche und ſah Hans mit großen Augen an. „Was willſt du hier?“ fragte er barſch. Hans brachte ſchüchtern ſein Anliegen vor und bat, ihn in Gnaden wieder anzunehmen und in ſeine frü⸗ here Stellung wieder einzuſetzen. „Du biſt verrückt, ein ſolches Anſinnen an mich zu ſtellen,“ verſetzte Herr Schallmaier ärgerlich.„Packe dich! Mit einem beſtraften Verbrecher mag ich nichts zu thun haben. Fort! Fort! Dort iſt die Thüre!“ V V Hans bat und flehte,— aber es half ihm nichts. Herr Schallmaier drohte, ihn durch ſeine Markthelfer auf die Straße werfen zu laſſen, und da zog es Hans doch vor, lieber freiwillig zu gehen. Mit Thränen in den Augen verließ er Cabinet und Comptoir. „Vielleicht iſt Herr Schmidt freundlicher gegen mich geſinnt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und ſchlug die Richtung nach dem Magazin ein. Leider wurde ihm auch hier ein beſſerer Empfang nicht zu Theil. Der Magazin⸗Aufſeher begegnete ihm zwar nicht unfreundlich, erklärte ihm aber doch rund heraus, daß er auf eine Anſtellung bei Herr Schall⸗ maier nun und nimmer mehr hoffen und rechnen könne. Es thue ihm leid, Hans abweiſen zu müſſen, denn er wiſſe recht wohl, daß der unglückliche Burſche nur eben ein armer, nicht aber ein gänzlich verdorbener Sünder ſei, indeß— Herr Schallmaier wolle nun einmal nichts mehr von ihm wiſſen, und er, der Ma⸗ gazin⸗Aufſeher, könne darin nichts ändern. Mit gedrücktem und traurigem Gemüth verließ Hans das Haus, wo er einige Jahre treue und red⸗ liche Dienſte geleiſtet hatte. Wenn er hier, wo man ihn doch kannte, kein Erbarmen fand,— wo ſollte er es ſonſt beanſpruchen? Er dachte an ſeinen wackeren Vetter, den ehrlichen Michel, und beſchloß, nach ſchwerem Kampfe mit ſich ſelbſt, an ihn ſich zu wenden und ſeinen Rath, ſeinen Beiſtand in Anſpruch zu nehmen. Das Unglück, wel⸗ ches Hans verfolgte, wollte es aber, daß Michel noch nicht aus Paris zurückgekehrt war. Hans verlor gleichwohl noch nicht allen Muth. Er begab ſich in eine Reſtauration, ließ ſich den täg⸗ Ein armer Sünder. 5 lichen Anzeiger geben und ſah ihn durch, um vielleicht eine offene Stelle zu finden. Zu ſeiner Freude fand er nicht eine, ſondern zehn, zu denen er ſich melden konnte. Sorgfältig ſchrieb er ſich die betreffenden Namen und Adreſſen auf, und manderte durch die Stadt aus einer Straße in die andere, um ſeine Dienſte anzubieten. Kaum aber nannte er ſeinen Na⸗ men und zeigte ſeinen Entlaſſungsſchein aus dem Ar⸗ beitshauſe vor, ſo wurde ihm überall, trotz des ganz zu ſeinen Gunſten lautenden Zeugniſſes des Inſpek⸗ tors, die Thüre vor der Naſe zugemacht. Niemand wollte von einem entlaſſenen Sträflinge etwas wiſſen. Drei Tage ſetzte Hans ſeine Bemühungen, ein Unterkommen zu finden, beharrlich fort. Welche be⸗ ſcheidene Anſprüche aber er auch machte, Niemand mochte ihn in ſein Haus aufnehmen, Niemand theilte ihm Arbeit zu, ſondern Jedermann wies ihn voll Mißtrauen kurz und barſch ab. Die wenigen Groſchen, welche Hans aus dem Ar⸗ beitshauſe mitgenommen hatte, waren nun verzehrt, und in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte der arme Burſche nicht einmal einen Biſſen Brod über ſeine Lippen gebracht. Hunger und Elend führten ihn an den Rand der Verzweiflung. Die bitterſte Reue über den begangenen Fehltritt folterte noch dazu ſein Herz. Wenn er die Einflüſterungen Wolfs zu⸗ rückgewieſen hätte, wie viel beſſer würde es mit ihm geſtanden haben! Mancherlei Gedanken ſchwirrten durch ſein aufgeregtes Hirn, mancherlei Erinnerungen ſtürmten auf ihn ein. Er gedachte der frohen Tage ſeiner Kindheit, ſeiner Eltern und Geſchwiſter, des würdigen Pfarrherrn, der kurz vor ſeinem Abgange V b 67 in die Reſidenz ihn ſo eindringlich vor der Sünde gewarnt hatte. Warum, oh warum hatte er dieſen Ermahnungen nicht Folge geleiſtet! Deutlicher als je erkannte er, daß auch der geringſte Fehltritt ſchlimme Folgen nach ſich zieht, daß aus der Saat der Sünde nd des Verbrechens nimmermehr Segen ſprießen ann. „Ich bin verworfen,“ ſprach er gänzlich entmuthigt zu ſich ſelbſt.„Die Schande haftet unvertilgbar auf meinem Namen, und nie, niemals werde ich ſie von ihm abwaſchen können.“ Er trieb ſich willenlos in den Straßen umher. Als es Nacht wurde, ſtand er an dem Steingeländer einer Brücke und ſchaute auf das leiſe rieſelnde und murmelnde Waſſer des Stromes hinab, in welchem die Sterne des Himmels ſich ſpiegelten. Schwere Seufzer entrangen ſich ſeinem gepreßten Herzen, und er zitterte am ganzen Körper vor Hunger und Er⸗ ſchöpfung. „Wer da unten tief auf dem Grunde läge!“ flü⸗ ſterte er vor ſich hin.„Dort iſt's kühl und ſtill, und ein gequältes, gefoltertes Gemüth würde da ewige Ruhe und ſüßen Frieden finden! Warum zandere ich, hinunter zu ſpringen? In der Welt bin ich ja doch zu nichts mehr nütze, denn jede Hand ſtößt mich kalt zurück, ohne einen Funken Mitleiden für mich zu em⸗ pfinden. Ein kurzer ſchneller Tod im Waſſer iſt ja wohl der langſamen Marter des Hungertodes vorzu⸗ ziehen?“ Dennoch ſträubte ſich ſeine Seele gegen die frei⸗ willige Vernichtung, und er ſchauderte vor dem Sprunge in das Waſſer zurück. 5* 68 Die Nacht war finſter. Die Verſuchung durchzuckte ihn, zu dem erſten beſten Bäckerladen zu gehen, ein Brod zu nehmen und damit den ihn unausſprechlich peinigenden Hunger zu ſtillen.. Aber nein! Das wäre ja Diebſtahl geweſen, und Hans hatte ſich ſelbſt feierlich geſchworen, nie wieder der Verſuchung zum Sündigen nachzugeben. „Lieber doch ſterben!“ murmelte er, und beugte ſich tiefer über das Geländer. Die Straßen wurden immer ſtiller und menſchen⸗ leerer. Nur aus der Ferne klang zuweilen der eilige Schritt eines verſpäteten Nachtwanderers herüber. Bald war das Hornblaſen der Wächter noch das ein⸗ zige Zeichen, daß noch nicht Alles in feſtem Schlafe lag. Das Rauſchen des Fluſſes tönte lockend und immer verlockender zu Hans herauf. „Sei es denn!“ flüſterte er vor ſich hin.„Gott ſei meiner armen Seele gnädig, und verzeihe mir, wenn ich ein Unrecht begehe, indem ich den Tod in den Wellen ſuche. Meine arme, gute, liebe Mutter! Oh, ſie wenigſtens wird mir eine Thräne nachwei⸗ nen, wenn ſie hört, was für ein trauriges Ende ich gefunden habe. Der Himmel ſei mit ihr, und tröſte ſie.“ Tiefer und tiefer neigte ſich Hans zu dem Strome hinunter, ſchon ließen ſeine Hände das Geländer fah⸗ ren,— noch ein Moment, und der Sturz in den Strom hinein müßte erfolgen,— da fühlte ſich Hans von einer kräftigen Hand ergriffen und wurde mit Gewalt vom Geländer auf die Mitte der Brücke zu⸗ rückgeriffen „Oho, junger Burſch,“ ſagte eine Stimme, welche 69 Hans ſchon früher einmal gehört zu haben glaubte, gich vermuthe, Ihr wollt hier unausgekleidet ein nächt⸗ liches Bad nehmen? Das kommt mir verdächtig vor.“ „Laſſen Sie mich, Herr, laſſen Sie mich,“ verſetzte Hans mit halberſtickter Stimme.„Ich bin der un⸗ glücklichſte Menſch von der Welt.“ „Ein junger, kräftiger Menſch, wie Ihr ſeid, kann ſich wohl einmal unglücklich fühlen,“ erwiederte der Fremde;„aber das gibt ihm noch lange nicht das Recht, ſich das Leben zu nehmen, was unter allen Umſtänden eine Sünde gegen Gott ſein würde. Geht einmal ein Stückchen Wegs mit mir und erzählt mir von Eurem Unglücke. Vielleicht bin ich im Stande, Euch wenigſtens über das Schlimmſte hinauszuhelfen. Vor aller Dingen von der Brücke fort,— es iſt ein ungeſunder Aufenthalt hier. Da hinaus, mein Junge.“ Hans wollte der Aufforderung Folge leiſten, aber eine plötzliche Schwäche überwältigte ihn dermaßen, daß ihm ſeine Füße den Gehorſam verſagten. »He, was fehlt Euch, Menſch?“ fragte der fremde Herr. „Ich bin dem Verhungern nahe,“ ſtammelte Hans mit leiſer Stimme, und taumelte, wie ein Betrunkener. »Das iſt freilich ſchlimm,“ ſagte der Fremde. „Setzt Euch für den Augenblick auf dieſe Steinbank. Ich will nur ſchnell ein wenig Eſſen für Euch holen und komme in kürzeſter Friſt wieder zurück. Nur ein paar Minuten Geduld!“ Mit raſchen Schritten entfernte ſich der Fremde, und eilte zu einem nahe gelegenen Hauſe, über deſſen Thüre der rothe Schein einer Laterne flimmerte. Das Haus war glücklicherweiſe noch nicht geſchloſſen. Im 70 unteren Stockwerk befand ſich eine Reſtauration. Der fremde Herr ſagte dem herbeieilenden Wirthe mit kur⸗ zen Worten, daß ein halbverhungerter junger Menſch der ſchleunigſten Hülfe bedürfe, und augenblicklich war der Wirth bereit, ſeinerſeits Beiſtand zu leiſten. Mit etwas Brod, kalten Braten und Wein verſehen ſuch⸗ ten Beide Hans auf, und fanden ihn noch beſinnungs⸗ los auf der Steinbank. Raſch wurde ihm ein Glas Wein eingeflößt, was ihn bald wieder zu ſich ſelbſt brachte. „Eßt, mein guter Burſche,“ ſagte der Fremde, indem er ihm ein Stück Brod und Fleiſch reichte. Mit wahrem Heißhunger fiel Hans über die Spei⸗ ſen her, und hatte ſich ſchon nach einigen Biſſen ziem⸗ lich wieder erholt. „Ich danke Ihnen, Herr,“ ſtammelte er,„danke Ihnen von Grund der Seele.“ „Laß das nur gut ſein, mein armer Burſche,“ er⸗ wiederte der Fremde.„Fühlſt du dich jetzt ſtark ge⸗ nug, eine kleine Strecke weit gehen zu können?“ „Ja, Herr! Jetzt iſt mir völlig wieder wohl.“ „So komme! Wir können nicht die Nacht über auf der Brücke bleiben, und ich werde dir wohl Quar⸗ tier in meiner Wohnung geben müſſen.“ Nach einigen Dankesworten an den Reſtaurateur und nach reichlicher Bezahlung deſſelben bot der Fremde Hans ſeinen Arm und forderte ihn auf, ſich darauf zu ſtützen. So gingen ſie langſam durch die Straßen, bis zu einem großen ſchönen Hauſe, wo der Fremde ſtehen blieb, die Thüre aufſchloß und dann mit Hans eintrat. Ein paar Minuten ſpäter befanden ſie ſich 71 in einem geräumigen Zimmer, wo der fremde Herr eine große Aſtrallampe anzündete. „Wie iſt mir denn,“ ſagte er, als der Schein der Lampe das Zimmer erhellte,„das ſieht ja ganz wie ein bekanntes Geſicht aus! He, guter Freund, wir müſſen einander ſchon irgendwo einmal getroffen haben!“ Hans betrachtete ſeinerſeits den Herrn, welcher ihm ſo freundliche Theilnahme bewieſen hatte, genauer und ſein Geſicht leuchtete plötzlich in heller Freude auf. „Herr Fernbach!“ rief er aus. „Ja, ja, das bin ich,“ lautete die Antwort,„aber du, wie heißt du?“ „Hans Wächter, Herr! Sie nahmen mich einmal mit in Ihrem Wagen, als Sie nach D. fuhren.“ „Richtig, richtig! Jetzt erinnere ich mich an Alles! Ich hatte meine Taſche aus dem Wagen verloren und du brachteſt ſie mir. Freut mich, freut mich wirklich ſehr, daß ich dich wiederſehe! Und wie iſt dir's er⸗ gangen ſeit jener Zeit? Nicht zum Beſten, wie es ſcheint.“ Hans ſchüttelte traurig den Kopf. „Nun, nun, nur den Muth nicht verloren,“ fuhr Herr Fernbach fort.„Warum biſt du nicht ſchon früher zu mir gekommen? Ich ſagte dir doch, du ſollſt mich aufſuchen, wenn du einmal in die Lage kämeſt, den Beiſtand eines Freundes zu gebrauchen.“ „Hätte ich es nur gethan!“ ſprach Hans mit einem Seufzer.„Vielleicht wäre mir's beſſer gegangen.“ „Und wie iſt es dir denn ergangen? Sprich frei 72 Rraus— ich muß Alles wiſſen, wenn ich dir helfen und rathen ſoll.“ Hans ſchämte ſich zwar, ſeinen Fehltritt einzuge⸗ ſtehen, erzählte aber doch offen und der ſtrengſten Wahrheit gemäß Alles, was er geſündigt und wie er's gebüßt hatte. „Das iſt freilich ſchlimm, ſchlimmer als ich dachte,« meinte Herr Fernbach kopfſchüttelnd.»Du brauchteſt aber deßhalb immer noch nicht alle und jede Hoffnung aufzugeben. Einen Fehler haſt du gemacht, einen großen Fehler, das iſt nicht wegzuläugnen,— indeß in Anbetracht der Umſtände,— der Vater geſtorben, die Mutter in größter Noth, die falſchen, heimtücki⸗ ſchen Rathſchläge eines Böſewichts,— hum! Ich bin der Meinung, daß du von Herrn Schallmaier zu hart behandelt wurdeſt. Es wundert mich übrigens nicht, denn ich kenne ihn als einen ſtrengen, unbarmherzigen Mann. Nun, wir müſſen über die Sache nachdenken. Doch für heute iſt's ſchon zu ſpät. Morgen! Geh' zu Bett, armer Burſche, und ſchlafe deinen Kummer und deine Sorgen aus. Uebrigens wiederhole ich dir, daß ich dein guter Freund bin, und dich auf keinen Fall in Elend und Noth ſtecken laſſen werde. Und nun, gute Nacht. Dort in der Kammer links ſteht dein Bett.“ Mit Thränen der Rührung in den Augen dankte Hans ſeinem Wohlthäter, und begab ſich dann zur Ruhe, die er in der That recht ſehr bedurfte. Nach einem Gebete, in dem er Gottes Segen für Herrn Fernbach erflehte, ſchloß er die Augen und verfiel ſo⸗ gleich in einen feſten, tiefen, erquickenden Schlaf, aus ——ÿ—ÿ—xxx 73 welchem er erſt gegen Mittag des folgenden Tages erwachte. Siebentes Kapitel. Neues Jeben. Als Hans raſch ſich gewaſchen und angezogen hatte, trat er in das Zimmer neben ſeiner Kammer und fand hier bereits ſeinen Wohlthäter, welcher mit freundlichem Lächeln ſeinen Morgengruß erwiederte. „Nun, Hans, ſetze dich,“ ſagte er dann.„Hier iſt dein Frühſtück. Laß es dir wohl ſchmecken. Wäh⸗ rend du damit beſchäftigt biſt, werde ich dir mitthei⸗ len, was ich mir in Betreff deiner Zukunft überlegt habe. Für's Erſte muß ich dir ſagen, daß ich bei dem alten Magazin-Aufſeher Schmidt Erkundigungen ein⸗ gezogen habe, welche die Wahrheit deiner geſtrigen Angaben beſtätigen. Schmidt erzählte mir auch noch manches Andere zu deinem Lobe, und bedauerte, daß er dich nicht wieder in's Geſchäft habe aufnehmen können. Nun, das iſt die Sache des Herrn Schall⸗ maier, und geht mich weiter nichts an,— ich hätte anders gegen dich gehandelt. Nun, kurz und gut, Hans, da nun einmal das Unglück gewollt hat, daß du einen begangenen Fehltritt haſt im Arbeitshauſe verbüßen müſſen, ſo wird es dir ſchwer werden, in der Reſidenz wieder ein Unterkommen zu finden. Die Leute haben nun einmal ihre Bedenken und Vorur⸗ theile. Bei mir aber fallen dieſelben weg, denn ich kenne dich nicht erſt ſeit geſtern. Du warſt immer aAn! 74 ein ehrlicher Burſche, und ich zweifle gar nicht daran, daß du es auch fernerhin bleiben wirſt. Nach meiner Anſicht iſt nun das Beſte, wenn ich dich vorläufig in meiner Fabrik beſchäftige, und dir für deine Dienſt⸗ leiſtungen einſtweilen denſelben Lohn bezahle, den du in der letzten Zeit bei Herrn Schallmaier bezogen haſt. Stellt es ſich ſpäter, wie ich hoffen will, heraus, daß du ein guter und brauchbarer Arbeiter biſt, wird dein Lohn je zum Verhältniß deiner Leiſtungen erhöht wer⸗ den.— Biſt du mit dieſem Vorſchlage zufrieden und einverſtanden?“ Hans fühlte ſich überglücklich über dieſes großmü⸗ thige Anerbieten des gütigen Herrn Fernbach, und nahm es natürlich mit Freuden und dem lebhafteſten Danke an. Herr Fernbach führte ihn dann ſelbſt in die Fabrik und ſtellte ihn ſeinem Inſpektor vor, wel⸗ cher bereits auf ſeine Ankunft vorbereitet war. Hans trat ohne weiteren Aufenthalt ſeinen Dienſt an, und verrichtete mit gewohnter Gewiſſenhaftigkeit die ihm zugewieſenen Arbeiten. Ein neues Leben begann nun für Hans, ein ehr⸗ bares Leben voll nützlicher Thätigkeit. Da es ihm weder an gutem Willen, noch an den nöthigen Fähig⸗ keiten mangelte, ſo erlangte er bald eine mehr als ge⸗ wöhnliche Fertigkeit in ſeiner Arbeit, und wurde raſch von den niederen Stufen zu höheren befördert. Der Inſpektor ſowohl als die Arbeiter der Fabrik behan⸗ delten ihn mit Freundlichkeit, und Herr Fernbach ſelbſt gab ihm mannigfache Beweiſe von ſeinem fortdauern⸗ den Wohlwollen. So konnte es nicht fehlen, daß nach⸗ gerade Zufriedenheit und Glück zu Hans zurückkehrten und er allmälig ſeine Selbſtachtung wieder gewann. 45 25 Herr Fernbach, ſo feſt er auch von der Treue ſei⸗ nes neuen Dieners überzeugt ſein mochte, unterwarf ſie dennoch verſchiedenen harten Proben, welche aber Hans ohne Ausnahme auf das Glänzendſte beſtand. Jede Verſuchung glitt machtlos und wirkungslos an ihm ab, denn die Erfahrungen des Lebens hatten ihn weiſe gemacht, und klarer als jemals verſtand er jetzt den tiefen Sinn des Gleichniſſes, welches der würdige Pfarrer in ſeiner Heimath ihm erzählt hatte, das Gleich⸗ niß vom guten und ſchlechten Saamen. Im Sinne dieſes Gleichniſſes handelte er, nach die⸗ ſem Sinne richtete er ſein ganzes Leben ein. Die guten Folgen konnten nicht ausbleiben. Nach Verlauf von einigen Jahren war Hans, ſo zu ſagen, die rechte Hand ſeines Herrn, und geachtet, geſchätzt und geliebt von allen Leuten, mit denen er in Berüh⸗ rung kam. Herr Fernbach bezahlte ihm einen ſehr guten Gehalt, und daß Hans dieſen mit ſeiner alten Mutter theilte, brauchte wohl eigentlich kaum erwähnt zu werden. Den reichſten Lohn für ſein braves Thun fand er aber in ſeinem Innern. Hans hatte ſich nachgerade bis zu der Stellung eines erſten Buchhalters bei Herrn Fernbach aufge⸗ ſchwungen. Als ihm ſein Principal dieſe Stelle übertrug, räumte er ihm zugleich in ſeinem Hauſe eine ſehr hübſche und geſchmackvolle Wohnung ein, welche unmittelbar neben dem Geſchäftslokale lag. An ſein Schlafzimmer ſtieß das Comptoir, nur durch eine Thüre von demſelben getrennt; an das Comptoir ſchloß ſich das Kaſſenzim⸗ mer an, und an dieſes die Gemächer, welche Herr Fernbach zu ſeiner Privatwohnung ſich reſervirt hatte. 8 76 Wenn die Thüren nicht verſchloſſen waren, konnte man aus einem Raume in den andern gehen, ohne ein Hin⸗ derniß zu finden. Sämmtliche Lokalitäten befanden ſich auf gleichem Boden im Erdgeſchoß des großen und geräumigen Hauſes. Die nach der Straße gehenden Fenſter waren ohne Ausnahme mit ſtarken Eiſenſtäben verſehen, zum Schutze gegen Diebe, welche etwa Luſt verſpüren moch⸗ ten, in das mit Gelde reich verſehene Kaſſenzimmer des Herrn Fernbach einzudringen. Bis jetzt war übrigens ein ſolcher Einbruch noch nie verſucht worden, und Niemand dachte auch nur entfernt daran, daß er bei einer ſo wohl verwahrten Lokalität je verſucht werden könne und würde, als Hans in einer ſehr dunklen, ſtürmiſchen und regneri⸗ ſchen Herbſtnacht durch ein ungewöhnliches Geräuſch aus tiefem und geſundem Schlafe geweckt wurde. Er richtete ſich in ſeinem Bette in die Höhe und lauſchte. Aber er vernahm nichts, als das Heulen und Brauſen des Sturmes, das Schrillen und Kreiſchen einiger alten Wetterfahnen von benachbarten Dächern her, und das Klatſchen und Raſcheln dicht fallender, großer Regen⸗ tropfen, welche der heftige Wind gegen die Fenſter⸗ ſcheiben ſchleuderte. Zu ſehen vermochte er nichts, denn innen wie außen herrſchte undurchdringliche Fin⸗ ſterniß. »Was war das?“ fragte ſich Hans.„Irgend et⸗ was Ungewöhnliches muß mich aufgeſchreckt haben.“ Mehrere Minuten verharrte er in ſeiner lauſchen⸗ den Stellung; da aber, den Sturm der Elemente draußen ausgenommen, Alles ruhig blieb, meinte er 77 doch ſich getäuſcht zu haben, und legte ſich wieder in die Kiſſen zurück. Vielleicht ein ungewöhnlich heftiger Windſtoß, oder wohl gar ein Donnerſchlag,“ dachte er, und ſchloß ſeine Augen wieder. Da— abermals ein ungewöhnliches Geräuſch, ein Klirren, wie von zerbrochenen Fenſterſcheiben. Dieſes Mal war eine Täuſchung nicht möglich. Das Geräuſch kam aus unmittelbarer Nachbarſchaft, entweder aus dem Comptoir oder vom Kaſſenzimmer her. Blitzſchnell ſprang Hans aus dem Bette, warf ſchnell ſeine Kleider über und legte ſein Ohr an die Thür, welche ſein Schlafgemach von dem Geſchäftslo⸗ kale trennte. Sein Herz pochte; in ſeinem Gehirne wirbelte es. Kein Zweifel, es mußte Jemand den Verſuch gemacht haben, von außen in das Comptoir einzubrechen. Hans vernahm leiſe, verſtohlene Schritte und das Knarren der Thür, welche aus dem Comptoir zu dem Kaſſen⸗ zimmer führte. „Diebe!“ murmelte er. Was ſollte er beginnen? Hans überlegte nur wenige Minuten und gelangte zu dem feſten Entſchluſſe, daß der verſuchte Diebſtahl um jeden Preis verhindert werden müſſe. Es ſtand ihm keine andere Waffe zu Gebot, als ein dicker Kno⸗ tenſtock, mit welchem er nicht viel ausrichten konnte, wenn zwei oder noch mehr Diebe eingedrungen waren. Aber die Gefahr ſchreckte ihn nicht. Er wollte ſich lieber ermorden, als ſeinen Herrn berauben laſſen. Ohne Zögern öffnete er die Thür ſo geräuſchlos wie möglich und warf einen Blick in das Comptoir. 2—* 78 4—* Es war dunkel darin; aber aus dem Henachbarten Kaſſenzimmer glänzte ein ſchwacher Lichtſchinmer. Durch das zerbrochene Fenſter drang ein Srrem dß, hien Nachtluft. ₰ℳ Immer noch entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen, durchſchritt Hans das Comptoir und gewahrte im Kaſ⸗ ſenzimmer einen Menſchen mit einer kleinen Blendla⸗ terne, welcher eifrig beſchäftigt war, mit Dietrichen und Stemmeiſen die Kaſten aufzubrechen. Hans athmete auf. 4 „Nur Einer! Mit dem hoffe ich fertig zu werden!“ murmelte er. In dieſem Augenblick ſprang der Deckel des eiſer⸗ nen Kaſſenſchrankes auf und der Dieb wühlte mit gie⸗ rigen Händen den Inhalt deſſelben herum. Unter lei⸗ ſem Frohlocken füllte er ſeine Taſchen mit Papieren, mit Gold⸗ und Silberſtücken, bis ſie bis oben hin voll waren. Dann griff er nach ſeiner Laterne und war im Begriffe, den Rückweg anzutreten, als Hans mit Einem Sprunge dicht vor ihm ſtand und zu einem kräftigen Schlage mit ſeinem Knotenſtocke ausholte. Der Dieb hatte ihn aber bei dem Scheine ſeiner Laterne früh genug geſehen, um dem Schlage auswei⸗ „chen zu können. Er ſprang auf die Seite, riß ein Terzerol aus ſeiner Bruſttaſche und feuerte es auf Hans ab. Hans fühlte ein leichtes Brennen an ſeiner Achſel. Dies hinderte ihn aber nicht, ſich kühn auf den Spitz⸗ buben zu werfen, ihn mit beiden Händen zu packen und dabei mit lauter Stimme um Hülffe zu ſchreien. Ein wildes, grimmiges Ringen folgte dem Angriffe. Der Dieb ſuchte ſich loszureißen und ſchlug mit beiden 5——— 79 Fäuſten auf Hans los. Hans hielt ihn aber feſt ge⸗ packt wie ein Bullenbeißer. Die Laterne entfiel wäh⸗ rend des heftigen Kampfes dem Diebe und klirrte auf den Fußboden nieder. Das Licht derſelben ſtreifte das Geſicht des Diebes und Hans ſchrie laut auf. „Wolf! Schurkel“ „Hans!“ rief der ertappte Verbrecher und wehrte ſich mit verdoppelter Wuth gegen ſeinen Angreifer. Im erſten Augenblicke hatte das Erkennen ſeines früheren Verführers Hanſens Kräfte gelähmt, und faſt wäre es dem Diebe gelungen, ſich loszureißen und zu entwiſchen. Doch ſchnell ſchüttelte Hans die Wirkungen des erſten Erſtaunens wieder ab und hatte im nächſten Momente Wolf an der Kehle gepackt. Der Kampf begann von Neuem. Wolf zog ein Meſſer und verwundete damit Hans in die Bruſt, aber nicht gefährlich, da die Klinge an einem Knopfe ab⸗ glitt und der Stoß hierdurch eine falſche Richtung be⸗ kam. Hans ſchlug dem heimtückiſchen Mörder das Meſſer aus der Fauſt, warf ſich mit einer erneuten Anſtrengung aller ſeiner Kräfte auf ihn und riß ihn glücklich zu Boden, wo er ihn mit feſtem Griffe an der Kehle niederhielt. „Laß mich los,“ ſtöhnte der Schurke.„Ich will Alles, was ich habe, mit dir theilen, nur laß mich ent⸗ wiſchen!“ „Nicht um Alles in der Welt!“ verſetzte Hans, und packte ihn noch feſter, während er von Neuem um Hülfe ſchrie. „Schweig', du Narr!“ röchelte Wolf ingrimmig. „Mehr als zwanzigtauſend Thaler in Gold und Papier befinden ſich in meinen Taſchen! Du ſollſt die Hälfte, —— 7 80 zwei Drittheile davon haben. Wir fliehen nach Ame⸗ rika! Die Flucht iſt ſchon geſichert, da ich alle nöthi⸗ gen Vorbereitungen getroffen habe.“. „Nichts da! Hülfe! Zu Hülfe!“ ſchrie Hans. „»Nun denn, unſinniger Menſch,“ knirſchte Wolf, „ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, ſchwöre ich dir, dich als meinen Mitſchuldigen anzugeben, wenn du mich nicht losläßt. Du haſt mir herein geholfen! Wir ſind wegen Theilung des Raubes in Streit gerathen! Das werde ich ſagen, und man wird mir Glauben ſchenken, da du ja ſchon einmal ge⸗ ſtohlen haſt. Alſo laß mich oder mit mir biſt auch 6 du verloren ohne Rettung.“ „Nichts da!“ erwiederte Haus.„Ich kenne meine Pflicht, und es wird dir nicht gelingen, mich jemals wieder davon abzubringen. Hülfe! Zu Hülfe!“ „Nun denn, Dummkopf und Schurke, ſo fahre zur Hölle!“ ziſchte Wolf zwiſchen den Zähnen hervor. Ehe Hans es verhindern konnte, hatte er ein zwei⸗ tes Terzerol aus ſeiner Bruſttaſche geholt und legte es auf Hans an... Da plötzlich ſprang die Thür, die zu den Zimmern Herrn Fernbachs führte, weit auf, und mehrere Gens⸗ darmen und Nachtwächter traten im Geleite des Haus⸗ herrn herein. „Fluch euch Allen!“ brüllte Wolf und feuerte ſein Terzerol auf Herrn Fernbach ab. Ehe aber der Schuß krachte, war Hans in die Höhe geſprungen und warf ſich ſchützend zwiſchen ſeinen Principal und den wüthen⸗ den Mörder. Zum Glück für den Erſteren. Die Kugel, welche Hans nur leicht ſtreifte, würde Herrn Fernbach wahr⸗ 81 ſcheinlich zum Tode getroffen haben,— ſo aber rich⸗ tete ſie nur geringen Schaden an. Während Herr Fernbach ſeinen treuen Diener um⸗ armte, hatten ſich die Gensdarmen mit leichter Mühe Wolfs bemächtigt und ihn ſo feſt gebunden, daß ſein Entkommen unmöglich war. Haß und ingrimmige Wuth leuchtete aus ſeinen tückiſchen Augen. „Nehmt auch den da feſt,“ brüllte er, auf Hans deutend.„Er war mein Spießgeſelle und hat mir ge⸗ holfen, herein zu kommen. Wenn der dumme Menſch nicht Streit wegen der Theilung des Raubes angefan⸗ gen hätte, wären wir Beide längſt entwiſcht. Faßt ihn! Faßt ihn! Es iſt Hans Wächter, derſelbe, der ſchon einmal bei Schallmaier in das Kaſſenzimmer eingebrochen iſt.“ Die Gensdarmen ſahen verlegen aus, und wußten nicht recht, was ſie thun ſollten. Da trat Herr Fern⸗ bach vor. „Dieſer Menſch lügt,“ ſagte er ruhig,„und glück⸗ licherweiſe kann ich es beweiſen. Als der erſte Piſto⸗ lenſchuß krachte, erwachte ich, und erkannte ſogleich, was vorgefallen ſein mußte. Schnell weckte ich meinen Diener, der in der Kammer neben mir ſchläft, ſchickte ihn fort, um ſchleunigſte Hülfe herbei zu holen, und eilte dann hierher, um meinem treuen Diener Beiſtand zu leiſten. Als ich die Thür halb geöffnet hatte, ſah ich indeß auf den erſten Blick, daß Hans bereits Sie⸗ ger war. Der Spitzbube verhandelte mit ihm. Seine Worte fielen mir auf, und ich zögerte, vorzutreten. Der Halunke ſchien unſchädlich gemacht zu ſein, und außerdem, für den Nothfall war ich ja zur Hand. Da hörte ich denn, wie dieſer Menſch meinen braven Buch⸗ Ein armer Sünder. 6 halter erſt zu beſtechen und dann durch die Drohung einzuſchüchtern ſuchte, daß er ihn als Mitſchuldigen angeben werde, wenn er ihn nicht laufen laſſe. Aber mein wackerer Hans hielt ihn feſt und ſchrie um Hülfe. Sie kamen, und Sie haben ja ſelbſt geſehen, wie ſich der treue Menſch zwiſchen mich und jenen Schurken warf, um mich mit ſeinem Leibe zu decken und die für mich beſtimmte Kugel aufzufangen.“ Dieſes Zeugniß, verbunden mit der Unwahrſchein⸗ lichkeit der Ausſage Wolfs, reichte natürlich vollſtändig aus, um die Anklage des Böſewichts zu widerlegen. Er wurde ohne weitere Umſtände in's Gefängniß ab⸗ geführt, um ſpäter vom Gericht wegen verſuchten Raub⸗ mords zu lebenslänglicher Zuchthausſtrafe verurtheilt zu werden.. Für Hans war dieſes die letzte Prüfung, welche das Schickſal über ihn verhängte. Während Wolf im Zuchthauſe ſeine Strafe verbüßte, wurde Hans von ſeinem früheren Principale zu deſſen Aſſocié angenom⸗ men, lebte das glücklichſte Leben im Vollgenuſſe der Zufriedenheit und eines ächten, beſcheidenen Glückes. Seine Mutter und ſeine Schweſtern wohnen bei ihm und theilen ſein geſegnetes Loos. Der Pfarrer aus ſeiner Heimath beſucht ihn, ſo oft er in die Reſidenz kommt, und nie vergeſſen die Beiden dann der Stunde zu gedenken, in welcher Hans die Erkenntniß des Gu⸗ ten und Böſen erlangt hatte. Möchteſt auch du dir, lieber Leſer, das Gleichniß vom guten und ſchlechten Saamen zu Herzen nehmen. — Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. FifnnfmffimRh fffffffffffffffffnſnffffn 12 14 15 16 17 18 19 20