ſ„„„ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otktmann in Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und eſebedingungen. 4 3. Caution. Unbekankte Perſonen müſſen, bei Ent. . 3 e n gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchen n W e r de Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ZVBucher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Me.— Pf. 5 3 2„—„ 3„=—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zur der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ 6. Schadenersatz. 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Fenſter, an welchem Agathe Werner emſig am Näh⸗ tiſche beſchäftigt ſaß; aber doch auch wieder nicht ſo — verlangt, endlich einmal eine gute Nachricht zu hören, und doch läßt er mich mit einem Herzen voll Sorge Erſtes Kapitel. Die Reiſe nach Petersburg. Die Herbſtſonne warf goldene Lichter durch das emſig, daß ſie nicht von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Blick auf die Straße hinaus geworfen hätte, in wel⸗ chem Blicke ſich Erwartung, Bangen und Sorge aus⸗ ſprach. „Wo er nur bleibt,“ flüſterte ſie mehrmals vor ſich hin.„Der Weg iſt doch nicht ſo weit, das Dorf liegt kaum eine Stunde entfernt, und er könnte ſchon längſt zurück ſein, wenn er ſich nur halb ſo ſehr nach ſeiner Schweſter ſehnte, wie dieſe ſich nach ihm. Schon Mit⸗ tag! Und noch nicht! Ich muß nur nach dem Eſſen ſehen, damit mein Mehlſüppchen nicht anbrennt! Der böſe Bruder! Er weiß doch, wie ſehr mich darnach d Ungeduld bangen und harren! Aber warum grolle ihm? Gewiß hat er nicht früher kommen können, Der Strandfiſcher. 1 D 2 der gute, arme Adolph! Wenn er nur nicht von Neuem wieder vergebens gegangen iſt!“ Mit einem halb unterdrückten Seufzer ſtand Agathe auf, warf noch einen letzten, forſchenden Blick auf die ſtille, öde Straße hinaus, und als ſie auch jetzt noch nicht die erwartete, wohlbekannte Geſtalt ihres Bruders erblickte, verließ ſie das kleine Zimmer, und ging in die Küche, um wie immer ſo auch heute für den kärg⸗ lichen Mittagstiſch Sorge zu tragen. Adolph und Agathe waren die Kinder eines braven, rechtſchaffenen Beamten, der ihnen nach ſeinem Tode wenig mehr hinterlaſſen hatte, als ſeinen ehrlichen Na⸗ men und eine gute Erziehung. Als der Vater ſtarb, befand ſich Adolph in Göttingen, wo er ſein letztes Studienjahr zubringen mußte. Sein kleines Erbtheil reichte eben aus, die Koſten deſſelben zu beſtreiten, und nach wohlbeſtandenem Examen eilte er mit einem Schatze gediegener Kenntniſſe im Kopfe, aber mit einem faſt leeren Geldbeutelchen in der Taſche ſeiner Heimath zu, einer kleinen Landſtadt in Norddeutſchland, wo die Schweſter Agathe als einſame Waiſe zurückgeblieben war. „Muth, Schweſterchen!“ ſagte Adolph, als ihm Agathe mit weinenden Augen ihre Sorgen anvertraute, die ſeit dem Tode des Vaters ihr Herz bedrückten,— „Muth! Wir ſind freilich arm, ſehr arm, aber Gott verläßt nicht die zu ihm rufen, und du mußt nicht ver⸗ geſſen, daß ich das Meinige redlich gelernt habe! Ich werde arbeiten, über kurz oder lang wird ſich auch eine Anſtellung für mich finden, und dann iſt ja uns Bei⸗ den geholfen.“ Agathe ſchüttelte zwar leiſe das Köpfchen und ſchien — 5 1 3 ſchwere Zweifel zu hegen, ob auch die Hoffnungen des Bruders ſo ſchnell ſich verwirklichen würden, als er wünſchen mußte, aber einſtweilen verbarg ſie ihre ban⸗ gen Ahnungen tief im Herzen, und gab ſich den An⸗ ſchein, als ob ſie wie der Bruder mit Vertrauen in die Zukunft blickte. Die Geſchwiſter richteten ſich ein, ſo gut es gehen wollte. Eine kleine Wohnung in der Vorſtadt mit billigem Miethzins war bald gefunden, Agathe ſtickte, nähte, ſtrickte für andere Leute, und Adolph gab ſich die erſinnlichſte Mühe, irgendwo eine Anſtellung aus⸗ findig zu machen. Er wäre mit der kleinſten zufrieden geweſen; aber auch nicht die kleinſte, nicht einmal ein Schreiberpoſten bei einem Advokaten wollte ſich ihm darbieten. Agathe ſeufzte, der Bruder zog ein finſteres Geſicht,— aber das änderte nichts in der Sache, und kein Sonnenſtrahl wollte die dunkeln, ſchweren Wolken, die den Lebenshimmel der Geſchwiſter verfinſterten, mit einem freundlichen Strahle durchbrechen. Agathe ver⸗ doppelte ihren Fleiß, Adolph ſeine Bemühungen, und doch machte der Sommer dem Herbſte Platz, und die Zugvögel flogen nach Süden, ohne daß irgend eine der beſcheidenen Hoffnungen Adolphs in Erfüllung gegan⸗ gen wäre. Eben heute war er nun nach einem Dorfe gewandert, wo, wie er gehört hatte, der Gerichtsaktuar eines Schreibers bedurfte, und Agathe erwartete von Minute zu Minute ſeine Rückkehr. Wenn Apdolph auch dieſen Gang vergeblich machte, wenn er auch dieſe Stelle nicht bekam, dann ſah es in der That traurig für die armen Geſchwiſter aus. Der Winter war vor der Thür, die kleinen Reſte der väter⸗ lichen Erbſchaft nahten ſich ihrem Ende, beſſere Ausſichten 4 auf Erwerb zeigten ſich nirgends,— man konnte ſich wahrhaftig nicht wundern, wenn die gute Agathe mit ſchwerem Herzen an die nächſte Zukunft dachte. Endlich, während ſie noch in der Küche war, kamen Schritte die Treppe herauf. Aber nicht die raſchen, feſten, fröhlichen Schritte des Glücklichen, ſondern die langſamen, leiſen und zögerndern des Hoffnungsloſen. Agathe Kerüeth Alles aus dieſem zaudernden Gange, und ihre letzte Hoffnung ſchwand dahin. »Armer Adolph!“ ſagte ſie mit bedrückte Stimme. „Wieder vergeblich?« »„Wieder vergeblich!“ antwortete Adolph niederge⸗ ſchlagen, und druckte die Schweſter af ſein betrübtes Herz.„Jetzt weiß Gott allein, was aus uns werden ſoll! Der traurige Ton von Adolphs Stimme drang in Agathe's Herz.„Wenn Er den Muth verliert, ſo darf Ich ihn nicht auch verlieren,“« flüſterte ſie ſich ſelbſt zu, und wiſchte mit heimlicher Hand die Thräne fort, die verrätheriſch in ihren Wimpern hing.»Gott wird helfen, Bruder!“ ſagte ſie tröſtend.„Und auf Ihn wollen wir unſere Hoffnungen bauen! Was ban⸗ gen wir und ſorgen für den kommenden Tag, da doch Er unſer Vater iſt?« 7 Adolph ſeufzte.„Alles gut!“ erwiederte er.„Wenn nur der Winter nicht ſo gar nahe wäre! Was ſoll den Winter über werden, Agathe?« „»Denke an die hungrigen Rahben und an die Sper⸗ linge, deren keiner vom Dache fällt, ohne den Willen des himmliſchen Vaters,“ entgegnete Agathe ſanft.„Je größer die Noth, deſto näher die Hülfe! Wir dürfen nicht verzagen, Adolph!« 5 Der junge Mann antwortete nur mit einem Seuf⸗ zer, und trat mit ſorgenvoller Stirn in das kleine Wohnzimmer, durch deſſen Fenſter noch immer hell und freundlich die Sonne ſchien. »„Was iſt das?« rief er überraſcht aus, als er ei⸗ nen Brief auf dem Nähtiſche liegen ſah.„An mich, A gathe?« »„Ja, freilich,— faſt hätt' ich's vergeſſen,“ erwie⸗ derte ſie.„Aus Göttingen.“ »„Aus Göttingen?« wiederholte Adolph und eilte wie ein Stoßvogel auf den Brief zu.„Ja, wahrlich, von meinem alten väterlichen Freunde und Lehrer! Was mag er mir zu ſchreiben haben?« Mit haſtiger Hand erbrach er das Siegel und über⸗ flog den Inhalt des Briefes. Seine Stirn entwölkte ſich während des Leſens, ſein trüber Blick ſtrahlte hell auf, und mit einem Freudenrufe fiel er der Schweſter um den Hals. „Wenn die Noth am hoͤchſten, iſt die Hülfe am nächſten,“ jubelte er.„Freue dich, Agathe, mein liebes Schweſterchen! Singe, lache, tanze! Der liebe. Gott hat uns nicht verlaſſen, als alle Hoffnungen uns ſchon verließen. Das iſt wirklich ein Segen des Himmels, der uns zu theil wird!« „Aber was iſt's? Was iſt's?« fragte Agathe. „Eine Anſtellung! Vierhundert Silberrubel jaͤhrlich und freie Station! Privat⸗Sekretär des Grafen Solti⸗ kow in Petersburg! Daß mein alter braver Lehrer ſich meiner erinnerte, mich dem Grafen empfahl, wie ſoll ich's ihm danken? Agathe, nun iſt uns geholfen! Weniger als die Hälfte meines Gehaltes wird für mich ausreichen, und die andere Hälfte meinem liebe 6 Schweſterchen zu ſtatten kommen. Das iſt wahrlich Lie geſegnete Botſchaft inmitten aller Hoffnungsloſig⸗ eit!« Agathe traute ihren Ohren nicht, ſie mußte ſelbſt ſehen, ſelbſt leſen. Freudenthränen ſchoſſen aus ihren Augen, und nur Ein Umſtand dämpfte das ſelige Ge⸗ fühl ihres Glückes, das ſie beinahe überwältigte. Der alte, wackere Profeſſor ſchrieb, Adolph dürfe nicht ſäu⸗ men, die Reiſe nach Petersburg unverzüglich anzutre⸗ ten, denn der Graf ſei ſeiner Dienſte benöthigt und dringe auf ſchleunigſte Ankunft.. Alſo Trennung, baldige, ſofortige Trennung! Das war der Wermuthtropfen in dem vollen Becher der Freude. „Was thut es, Schweſterchen!« tröſtete Adolph. „Die Trennung wird, ſo hoffe ich, nur kurz ſein. Wenn ich die Verhältniſſe in Petersburg erſt kennen gelernt und mich eingerichtet habe, ſo folgſt du mir nach, und wir bleiben dann auf immer vereinigt. Laß dir alſo die Freude nicht durch ſchmerzliche Gedanken trüben, ſondern blicke über die Trennung hinweg auf das baldige, frohe, glückliche Wiederſehen. Genug und übergenug, daß wir jetzt aller drückender Sorgen über⸗ hoben ſind. Mein väterlicher Freund ſchreibt mir, daß ich die Hälfte meines Jahrgehaltes als Reiſegeld ſofort erheben könne, ich theile es mit dir und kann dann, beruhigt über deine nächſte Zukunft, leichten Herzens meiner Beſtimmung entgegen gehen.“ Das Anerbieten, als Privat⸗Sekretär in die Dienſte eines reichen und mächtigen Herrn zu treten, war in der That zu lockend, als daß, beſonders in der be⸗ drängten Lage der Geſchwiſter, nicht jede andere Ruͤckſicht 7 davor hätte zurücktreten müſſen. Noch am ſelbigen Tage meldete Adolph ſeinem väterlichen Freunde in Göttingen, daß er die Stelle annehme, und ſprach in den herzlichſten Worten ſeinen Dank für die gütevolle Fürſorge ſeines einſtigen Lehrers aus. Dann traf er unverzüglich alle nöthigen Anſtalten zur Abreiſe, denn er durfte in der That nicht zoͤgern, wenn er in Lübeck noch ein Schiff zur Ueberfahrt nach Petersburg finden wollte, indem der Winter, und noch dazu ein nordi⸗ ſcher Winter mit ſeiner erſtarrenden Kälte ſo nahe bevorſtand. Adolph erhob das Reiſegeld bei einem Handelshauſe ſeiner Vaterſtadt, theilte es mit ſeiner Schweſter, und trat endlich nach zärtlich⸗innigem Ab⸗ ſchiede von ihr ſeine Reiſe an. Das nächſte Ziel derſelben war Lübeck, weil er hier bei dem regen Handelsverkehr mit Rußland noch am erſten ein Schiff zur Ueberfahrt ausfindig zu machen hoffen durfte. Gleichwohl kam er faſt ſchon zu ſpät. Nur ein einziges Schiff wollte in dem bereits ziemlich weit vorgerückten Herbſte noch die Fahrt nach Kron⸗ ſtadt und der Newa wagen, und der Eigenthümer deſ⸗ ſelben geſtand noch obendrein, daß ihn nur die Hoff⸗ nung auf den anſehnlichen Gewinn einer Handelsſpe⸗ kulation bewegen könne, das Schiff in See gehen zu laſſen. Ueberdieß ſei es ein altes, baufälliges Fahrzeug, dazu beſtimmt, ſeine letzte Reiſe zu machen, und nach erfolgter glücklicher Ankunft in Petersburg auseinander geſchlagen und als Bau⸗ oder Brennholz verkauft zu werden, und es ſei daher ein ziemlich gewagtes Unter⸗ nehmen, ſich einem ſolchen Schiffe anzuvertrauen, indem der Rheder wohl dieſes und die Ladung, nicht aber 8 das Leben der Mannſchaft und der Paſſagiere gegen Schaden verſichern könne. Der Rheder war augenſcheinlich ein braver, recht⸗ ſchaffener Mann, und ſeine offen ausgeſprochene War⸗ nung blieb nicht ohne Eindruck auf Werner. Gleich⸗ wohl— was konnte er unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden weiter thun, als ſich einzuſchiffen und das Uebrige der Barmherzigkeit des Himmels anheim zu ſtellen? Der Graf, ſein künftiger Gebieter, erwartete ihn mit Ungeduld; daß ſich eine andere, ſicherere Reiſe⸗ gelegenheit darbieten werde, ſtand nicht zu hoffen, und wenn Werner alſo ſeine Stelle nicht aufgeben wollte, ſo mußte er ſich dem ſo wenig empfohlenen Schiffe wohl anvertrauen. „Ich will ihnen noch einen Rath geben, lieber Herr,“« fügte der Rheder zuletzt hinzu, als ſich Adolph mit der Bemerkung entfernte, daß ihm nichts Anderes übrig bleibe, als im Vertrauen auf den ſchützenden Beiſtand Gottes die Ueberfahrt zu machen,—„ſprechen Sie mit meinem Schiffer, dem Kapitän Wildenrad, der das alte Fahrzeug nach Petersburg führen ſoll. Er iſt ein offener, redlicher Mann, und ein bewährter, büchiiger Seefahrer, was er Ihnen ſagt, das thun ie. Adolph Werner beſchloß den wohlgemeinten Rath zu befolgen und ſuchte den Kapitän in ſeiner Herberge auf, nachdem er ſich vorher genau nach dem Rufe, in welchem er ſtand, erkundigt und überall nur Gutes über ihn vernommen hatte. Er fand einen derben, kräftigen Seemann mit gebräuntem Geſicht, gefurchter Stirne und grauem Haar und Backenbart, aber mit ſo freundlicher und wohlwollender Miene, daß er auf den —yÿjÿꝛj.— — 9 erſten Blick volles Vertrauen zu ihm faßte. Mit kurzen Worten brachte er ſein Anliegen bei ihm vor, und erhielt offenen und redlichen Beſcheid. „Nun ja doch,“ ſagte der alte Seemann treuherzig, „der alte Kaſten iſt wohl wenig mehr werth, aber es müßte abſonderlich kommen, wenn Kiel und Rippen nicht noch für dieſe Fahrt zuſammenhalten ſollten! Will's Gott, werden wir nicht allzu viel Noth haben! Das Schlimmſte wäre, wenn der Winter uns über⸗ raſchte und wir die Newa⸗Muͤndung zugefroren fänden, ſo daß wir nicht in den Hafen von Kronſtadt einlaufen könnten. Das wäre dumm! Aber am Ende, was hätt' es auch denn für Noth? Sie müßten ſich allen⸗ falls die Schlittſchuhe anſchnallen und einen warmen Pelz umhängen; damit könnten Sie überall, wo Sie wollten, an's Land, und weitere Gelegenheit bis nach Petersburg fände ſich in dieſem ſchlimmſten Falle dann wohl auch. Im Uebrigen verlaſſen Sie ſich auf mich! Ich will mich nicht rühmen, aber ein alter Seehund, wie ich, der nun ſeit dreißig Jahren den Weg nach Petersburg hin und zurück immer gefunden hat, wird ihn nicht jetzt noch auf ſeine alten Tage verlieren. Und wegen des Schiffes machen Sie ſich keine Sorgen! Es dünkt mich immer noch zu gut für die ruſſiſchen Holz⸗ hacker und wird ſeinen alten Kapitän nicht im Stiche laſſen. Wenn ich's nicht dächte, würd' ich ja nicht mein eigenes Leben mit ihm auf's Spiel ſetzen.“ Der letzte Grund des wackeren alten Mannes war ſo einleuchtend, daß er allen weiteren Bedenken Wer⸗ ners ein ſchnelles Ende machte. „Ich fahre mit Ihnen,« ſagte er zum Kapitän. „Benachrichtigen Sie mich, wenn Sie in See ſtechen wollen.« „Topp!“ erwiederte der alte Schiffer und ſchlug treuherzig in die dargebotene Rechte Werners ein.„Es ſoll Sie nicht gereuen, dem Schiffe vertraut zu haben, und ich will Ihnen die Ueberfahrt ſo angenehm zu machen ſuchen, wie Wind und Wellen es irgend ge⸗ ſtatten. Halten Sie ſich nur jede Stunde bereit! So⸗ bald die Wetterfahne nach Nordoſten zeigt, lichten wir Anker. Am beſten wär's, Sie gingen gleich ſelber mit Ihren Sachen an Bord.“ Adolph hatte in Lübeck keine Geſchäfte mehr zu be⸗ ſorgen, und war deßhalb ebenfalls der Anſicht, daß es am zweckmäßigſten ſein würde, ſich gleich auf dem Schiffe ſelber einzurichten, und für die möglichſte Be⸗ quemlichkeit zu ſorgen. Kapitän Wildenrad räumte ihm eine hübſche Kajüte neben der ſeinigen ein, und in den letzten Tagen des Oktober ging das alte Fahrzeug mit dem günſtigſten Winde unter Segel. »Alles ſteht wohl!“ ſagte Kapitän Wildenrad zu ſei⸗ nem Paſſagier, der auf dem Verdeck ſtand, mit feuchtem Auge nach dem verſchwindenden Ufer zurückſchaute, und mit ſtiller Sehnſucht der geliebten Schweſter in der trauten Heimath gedachte—„Alles ſteht wohl, junger Herr, darum friſch aufgeſchaut und muthig vorwärts geblickt! Wenn dieſer Wind ſtet bleibt, werden wir noch am Ende der Woche in Petersburg ſein!«— — 11 Zweites Kapitel. Der Menſch denkt, Gott lenkt! Die Hoffnungen des wackeren alten Seemannes ſchienen auf's Schönſte in Erfüllung zu gehen, wenig⸗ ſtens kreuzte ſein Schiff bereits in der Nähe des finni⸗ ſchen Meerbuſens, ohne daß der geringſte Unfall die raſche und glückliche Fahrt unterbrochen hätte, und das wettergebräunte Geſicht des Kapitäns glänzte wie der heiterſte Sonnenſchein. Er und Adolph Werner waren gute Freunde während der Ueberfahrt geworden. Der alte Seemann fand Gefallen an dem freundlichen jun⸗ gen Manne, der ſeiner Erfahrung ſo großes Vertrauen geſchenkt und ihm mit offenen Herzen alle ſeine ver⸗ gangenen Leiden und zukünftigen Hoffnungen mitgetheilt hatte; während Adolph die gerade und ehrliche Bieder⸗ keit des Kapitäns mit jedem Tage ihres Beiſammen⸗ lebens höher zu ſchätzen lernte. Schon ſprachen Beide mit Bedauern von der nahe bevorſtehenden Trennung, indem Kapitän Wildenrad mit Zuverſicht die Ankunft in Petersburg auf den folgenden Tag vorausſagte, als noch in der letzten Nacht Alles eine ganz andere und unerwartete Wendung nahm. Der bisher ſo günſtig geweſene Wind ſchlug ganz unverhofft in die entgegen⸗ geſetzte Richtung um und wuchs mit drohender Schnel⸗ ligkeit zu einer ſo tobenden Heftigkeit an, daß an das Einlaufen in das enge Fahrwaſſer des finniſchen Meer⸗ buſens wenigſtens dieſe Nacht nicht mehr zu denken war. Adolph, welcher mit der ſicheren Erwartung, am 12 anderen Morgen im Hafen von Kronſtadt zu erwachen, in ſeine Kajüte gegangen und in dieſer Hoffnung feſt eingeſchlummert war, wurde vom heulenden Sturme mit rauher Wildheit aus ſeinem ſuͤßen Schlafe wieder aufgerüttelt. Taumelnd fuhr er von ſeinem Lager auf, warf einen Pelz über und eilte mit ſchwankenden Schritten auf das Verdeck, wo er die ganze Mann⸗ ſchaft, den Kapitän an der Spitze, wach und in reger Thätigkeit fand. »Der Menſch denkt, Gott lenkt!« rief ihm Kapitän Wildenrad zu, indem er ſeine Hand wie ein Sprach⸗ rohr gebrauchte, um die Kraft ſeiner Stimme zu ver⸗ ſtärken, deren Schall von dem Brauſen des Sturmes und dem Toben der aufgewühlten Wogen faſt ver⸗ ſchlungen wurde.„Wer hätte glauben ſollen, daß wir noch beinahe am Ende der Fahrt ſolches Unwetter er⸗ leben müſſen! Das iſt fürwahr ein hölliſcher Orkan, wie ich ihn in dieſen Gewäſſern, die ich ſeit dreißig Jahren befahre, noch nimmer erlebt habe.“ »Iſt ernſtliche Gefahr vorhanden?“ fragte Werner beſorgt. „Ei ja doch, Gefahr an allen Ecken und Enden,“ erwiederte der wackere Seemann,—„aber ich denke trotzdem, daß der alte Kaſten ſie noch einmal abwettern wird, wie ſehr auch alle ſeine Rippen krachen. Wir müſſen ſehen, daß wir das morſche Gebäude vom Lande fern halten, das uns hier rechts und links ſchon näher, als mir lieb iſt, auf den Leib rückt. Gegen die Wellen hält das alte Schiff ſchon noch Stand, ſo ungeſtüm ſie auch gegen die Planken anſtuͤrmen. Hilf Gott, was für ein Wetter!“ In der That raste der Orkan mit ſolcher Wuth, 13 daß es nur der ungeheuerſten Anſtrengung gelang, das alte morſche Fahrzeug durch die aufſchaͤumenden Wogen zu führen. Nicht allein die Matroſen, ſondern auch der Kapitän ſelber und ſogar Werner mußten mit Hand anlegen und tüchtig arbeiten, und dennoch ſchien es, als ob zuletzt alle Mühe und Anſtrengung zu keinem günſtigen Ergebniſſe führen ſollte. Der Sturm wüthete die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag. Bis jetzt war es noch geglückt, das Schiff auf offener See zu halten; als aber der Sturm mit Einbruch der näch⸗ ſten Nacht, die ſo dunkel war, daß man kaum die Hand vor Augen ſehen konnte, mit neuer Heftigkeit losbrach, als er der Anſtrengungen der erſchoͤpften Mannſchaft ſpottete, als er endlich die beiden Maſten brach und morſch weg mit krachendem Gepolter über Bord ſtürzte, da war an keine Rettung mehr zu denken, ſelbſt dem unerſchütterlichen Kapitän entſanken Muth und Hoff⸗ nung, und er ſah ſich gezwungen, ſein Fahrzeug ohne Widerſtand der Gewalt des Sturmes preiszugeben, der es aller Wahrſcheinlichkeit nach gegen das Ufer treiben mußte. In banger, ſtummer Verzweiflung erwarteten die Unglücklichen jeden Augenblick, ihr hülfloſes Wrack un⸗ ter ihren Füßen in Truͤmmern zerbrechen zu ſehen. Dennoch kam die Mitternacht heran, und es hielt ſich noch immer auf den Wogen, die es, ein Spielzeug, heftig hin und her ſchleuderten. Alle hatten ſich ſchon in ihr Schickſal ergeben, und erwarteten den Tod in den Wellen. Selbſt Werner zweifelte nicht, daß ſeine letzte Stunde gekommen ſei,— als kurz nach Mitter⸗ nacht plötzlich in Oſten ein ſchwaches Flämmchen auf⸗ blitzte, welches unverrückt auf ſeiner Stelle blieb. 14 Kapitän Wildenrad, der ſeinen Poſten am Steuer ein⸗ genommen hatte und hier nicht vom Platze wich, ſah den Schimmer des Lichtes zuerſt und machte die An⸗ deren darauf aufmerkſam. „Kinder,“ rief er durch das Geheul des Sturmes mit lauter Stimme,—„Kinder, faßt Euch ein Herz! Wenn mich nicht Alles trügt, ſo iſt das Licht dort die Feuerbake auf Dagerort, und es bleibt uns noch eine Hoffnung übrig! Kommen wir nur an dieſer Land⸗ ſpitze vorbei, ſo finden wir wieder offenes Fahrwaſſer! Alſo Muth! Noch eine letzte Anſtrengung! Es gilt die Rettung des Schiffes und unſer Aller Leben! Gebt Acht auf mein Kommando und thut genau, was ich Euch ſage!“ Seeleute, gewohnt jeder Gefahr Trotz zu bieten, gewinnen leicht allen Muth wieder, wenn ſich noch ir⸗ gend ein Rettungsſchimmer zeigt. Die eben ganz ver⸗ zweifelte Mannſchaft erlangte durch den Zuruf des Kapitäns von Neuem ihre ganze Beſonnenheit und be⸗ folgte genau jede durch das Sprachrohr gegebene An⸗ weiſung. Das Manöver, welches Kapitän Wildenrad ausführen ließ, war ſchwierig, aber dennoch wurde es mit Anſtrengung aller vereinigten Kräfte bewerkſtelligt, wie ſehr auch das alte Schiff dabei in ſeinen Fugen ſtöhnte. Die Landſpitze wurde abgewettert, und bald darauf befand ſich das Fahrzeug in vergleichungsweiſe ſicherer Lage, was die Mannſchaft durch ihren laut ausbrechenden Jubel deutlich genug zu erkennen gab. Eine Zeitlang ſchien ſelbſt Kapitän Wildenrad an die Rettung zu glauben und mit ruhigeren Blicken die wild aufgeregte Waſſerwüſte zu beobachten, aber der ſo unverhofft aufblitzende Strahl der Hoffnung ſollte —— 15⁵ ſich nur zu bald wieder als trügeriſch ausweiſen. Ein neues, zweites Licht tauchte nicht weit von dem zuerſt erſchienenen auf, und die gerunzelte Stirn des Kapitäns, ſeine feſt zuſammengekniffenen Lippen ſchienen eine neue Gefahr anzudeuten. Er rief Werner an ſeine Seite und deutete nach der Richtung hin, wo das neue Licht wie ein Stern in der Nacht erglänzte. »Sehen Sie das?“« fragte er.„Für was halten Sie es?« „Für ein Licht, natürlich,“ antwortete Werner.„Ich hoffe, wir werden jetzt um ſo ſicherer ſteuern!« „Im Gegentheil,“ erwiederte Kapitän Wildenrad mit dumpfer Stimme und ſchüttelte ſeine grauen Locken. „Dieſe zweite Leuchtflamme durchkreuzt meine ganze Rechnung, und ich fürchte, daß ich, getäuſcht durch die Dunkelheit und den erſten Lichtſchimmer, in einen ge⸗ fährlichen Irrthum verfallen bin. Da hier zwei Flammen glänzen, können wir nicht, wie ich anfänglich glauben mußte, bei Dagoe ſei, und zu ſagen, wo wir ſind, geht über meinen Verſtand. Meine Kunſt iſt zu Ende, und der Himmel mag ſich Unſer erbarmen! Aber ſchweigen Sie! Die Mannſchaft darf nicht merken, wie muthlos ich bin, und jedenfalls will ich mein Beſtes thun, das alte Schiff ſo lange wie möglich über Waſſer zu halten!“ Werner bekämpfte ſeinen Schrecken mit aller Kraft, die ihm zu Gebote ſtand. Mit wüthender Schnelligkeit trieb indeß der Sturm das ſtöhnende Fahrzeug über die Wogen hin, gerade auf das zweite, geheimnißvolle Licht zu, welches den Kapitän durch ſein unerwartetes Er⸗ ſcheinen ſo heftig erſchreckt hatte. Die Leuchtflamme wurde größer und größer, es ſchien, als ob ſie von 16 einem Leuchtthurme herüber ſchimmere, und doch wußte ſich Kapitän Wildenrad keines ſolchen Thurmes in der ganzen Gegend zu entſinnen. „Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ ſagte er, und eben, als er das letzte Wort geſprochen hatte, trat die Kataſtrophe ein, welcher Jedermann an Bord mit banger Ahnung entgegen ſah. Ein furchtbares Krachen verkuͤndigte den Anprall des Schiffes gegen ein unter dem Waſſer verborgenes Felſenriff, zweimal ſtampfte der Kiel mit ſo entſetzlicher Erſchütterung auf, daß Alle an Bord zu Boden geworfen wurden, und dann ſtröm⸗ ten mit Wuth die ſprühenden Wogen einen mächtigen Waſſerſchwall über Bord hin. Das Schiff ſaß auf dem Grunde und jeder letzte, ſchwache Schimmer von Hoffnung mußte jetzt aufgegeben werden. Adolph Werner fühlte ſich wie betäubt von dieſem nicht ſo nahe erwarteten Unglück. Wie die Andern von dem heftigen Anprall des Schiffes niedergeſchleudert, ſuchte er inſtinktmäßig nur ſein Leben zu retten, und klammerte ſich mit beiden Händen an den erſten beſten Gegenſtand feſt, um nicht von den Wellen über Bord geriſſen zu werden. Dies gelang zwar, aber der näch⸗ ſten Kataſtrophe vermochte er nicht zu entrinnen. Da das Schiff unbeweglich auf dem Felſen feſtſaß, ver⸗ mochte es, ohnehin alt und morſch, dem furchtbaren Andrange der Wogen nur geringen Widerſtand ent⸗ gegen zu ſetzen. Es zitterte, ſtöhnte, ächzte in allen Fugen, und nach wenigen Minuten ſchon krachte es berſtend mitten aus einander. In wildem Spiele wur⸗ den ſeine Truümmer von den ſchäumenden Wellen hin⸗ weggeſpült und die Mannſchaft von ihnen verſchlungen. Adolph Werner wußte nicht, wie ihm geſchah. Als — — 17 die Planken zerſplitterten, als der Boden unter ihm wich, als die letzten Verzweiflungsſchreie der armen Matroſen in ſein Ohr gellten, glaubte er ſich verloren. „Gott, erbarme dich meiner!“ rief er aus, und wurde im nächſten Augenblicke von einer heranſtürmenden Welle vielleicht vierzig Schritt weit hinweg geſchleudert. Halb beſinnungslos, kämpfte er gleichwohl um ſein Leben, und verſuchte ſich durch Schwimmen über dem Waſſer zu halten. Aber ſeine Anſtrengungen wären bei dieſem Aufruhre der Elemente ohne Zweifel vergeblich geweſen, wenn ihm nicht die Gunſt des Schickſals ein Stück von einer Planke in den Weg geworfen hätte. Mit krampf⸗ haftem Griffe hielt er ſich daran feſt, und es gelang ihm, mit Hulfe derſelben einige Male aus dem Wogen⸗ ſchwalle aufzutauchen und einen Athemzug friſche Luft zu ſchöpfen. Endlich aber verlor er doch Leben und Bewußtſein. Die Wellen gingen über ihn hin, und er wußte nicht mehr, was mit ihm geſchah.... Wie lange Werner auf den Wogen umhergetrieben ſei, vermochte er ſpäter nicht mit Beſtimmtheit anzu⸗ geben. Wahrſcheinlich aber waren ſeit dem Schiffbruche wahl nur wenige Minuten vergangen, als er von ir⸗ gend einer barmherzigen Welle an den flachen Strand einer Inſel geworfen wurde. Als er aus einer länge⸗ ren Ohnmacht erwachte und die Augen wieder auf⸗ ſchlug, ſah er ſich in einer ärmlichen kleinen Fiſcher⸗ hütte auf einem harten unbequemen Lager, und mehrere Menſchen fremdartigen Anſehens in ſeiner Umgebung beſchäftigt. Verwundert blickte er um ſich her und ſchien faſt zu zweifeln, ob er auch wirklich in's Leben urückgekehrt ſei. Die ihn umringenden Leute redeten lebhaft mit einander, aber in einer Sprache, die Werners 2 Der Strandfiſcher. ———— 18 Ohre fremd klang und von der er kein Wort verſtand. Doch ſchienen ſie Freude darüber zu äußern, daß er Zeichen von wieder erwachendem Bewußtſein gab, und nickten und winkten ſich gegenſeitig zu, indem ſie mit den Fingern auf ihn hindeuteten. Einige brennende Kienſpähne verbreiteten ein röthliches, qualmendes Licht in der niedrigen Hütte, und Werner ſchloß daraus, daß es noch Nacht ſein müſſe. Mit einiger Anſtrengung richtete er ſich auf und fragte, ob außer ihm noch ir⸗ gend ein Leben von dem geſcheiterten Schiffe gerettet ſei, erhielt aber keine Antwort auf dieſe Frage, welche die Leute vermuthlich eben ſo wenig, wie er ihre Sprache, verſtanden hatten. Ermüdet wollte er wieder die Augen ſchließen, als die Thür der Fiſcherhütte aufgeriſſen wurde, und zu ſeiner Ueberraſchung und großen Freude Kapitän Wildenrad friſch und geſund, obgleich trüben Antlitzes in die niedrige Stube trat. „Gott ſei Dank, wenigſtens doch Einer noch erhal⸗ ten!“ rief er aus.„Kapitän, mein Freund, Gott ſei gelobt, daß ich Sie wiederſehe!“ Der finſtere Ausdruck in den Zügen Wildenrads erheiterte ſich ein wenig, als er ſeinen jungen Reiſe⸗ gefährten ſprechen hörte, und er trat raſch an ſein Lager. „Willkommen zum neuen Leben!“ ſagte er treuher⸗ zig und ſchüttelte Werners Hand.„Das ging hart am naſſen Grabe vorbei! Aber nun iſt's ja überſtan⸗ den, und man muß Muth faſſen und von ſich abzu⸗ ſchütteln ſuchen, was Trauriges in der Vergangenheit liegt. Haben wir auch nichts gerettet, als das nackte Leben, Gott wird ja weiter helfen.“ „Aber wo ſind wir, Kapitän?« fragte Werner. 19 „Ich erkundigte mich ſchon bei dieſen Leuten, erhielt aber keine Antwort.“ 3 „Glaub's wohl!« erwiederte der Kapitän.„Es ſind arme eſthländiſche Fiſcher, die kein Wort deutſch verſtehen. Aber wo wir ſind? Auf der Inſel Dagoe ſind wir, und Gluͤck genug, daß wir auf den Strand geworfen wurden und daß ich noch zu rechter Zeit kam, um mich Ihrer anzunehmen. Die Kerle wollten Sie ſchon in den Sand einſcharren, weil ſie glauben moch⸗ ten, daß der Lebensfunke in Ihnen erloſchen ſei.“ „Mich in den Sand ſcharren?“ rief Werner ſchau⸗ dernd aus. „Ja freilich, in den Sand,“ entgegnete Wildenrad. „Als ich ſchwimmend und mit aller Kraft und Geſchick⸗ lichkeit gegen die Wellen ankämpfend, aber glücklicher⸗ weiſe bei voller Beſinnung, wie durch ein halbes Wun⸗ der an's Ufer gelangte, und mich ſchüttelte, wie ein Pudel, ſah ich Sie zwanzig Schritt von mir auf dem Sande ausgeſtreckt. Drei oder vier von den Kerls da warfen ſchon die Grube aus, in die Sie hineinge⸗ worfen werden ſollten, um bei lebendigem Leibe ein frühes Grab zu finden, aber zum Gluͤck hatte ich eine Handſpake aufgerafft und wußte mir bei dem rohen und knechtiſchen Volke bald Reſpekt zu verſchaffen. Auf meine drohende Forderung wurden Sie in dieſe Hütte gebracht, und ich ſchwur, Jeden von den Kerls nieder zu ſchlagen, wenn nicht die gehörige Sorgfalt für Sie getragen würde. Das half, und vor fuͤnf Minuten ging ich nur eben einmal hinaus, um nachzuſehen, ob nicht noch Einer oder der Andere von unſerer braven Mannſchaft gerettet ſei.« »Und haben Sie Keinen gefunden, Kapitän?« „Keinen!“ entgegnete er mit traurigem Kopfſchütteln. „Die armen Burſche ſchlafen Alle den ewigen Schlaf auf Meeresgrunde.“ »Und nichts, gar nichts gerettet vom Schiff und Ladung?“« „Nichts, als das nackte Leben und dieſen alten Flausrock, der von Seewaſſer trieft! Schiff und La⸗ dung hat das Waſſer verſchlungen, und wird mir kei⸗ nen Fetzen Segeltuch und keine lecke Waſſertonne zurückgeben. Mag's fahren dahin; die Aſſekuranten in Lübeck müſſen ja doch Alles erſetzen, aber daß meine Jungen, acht brave Jungen, ſo brav, wie ſie nur je die Laufplanken eines Schiffes betreten ha⸗ ben, daß ſie dahin ſind, von wo keine Wiederkehr iſt, das bricht mir das Herz! Und zwiſchendurch zerarbeitet ſich immer noch mein Kopf, um eine Erklärung für das zweite Feuer zu finden, das uns ſo tückiſch und verrätheriſch in's Verderben geſtürzt hat. Ohne dies geſpenſtiſche Licht hätten wir den Sturm wohl abge⸗ wettert, denn das erſte Licht muß wirklich die Feuer⸗ bake auf Dagerort geweſen ſein, weil wir ſonſt nicht hier auf den Strand gelaufen ſein könnten. Gott ver⸗ zeihe mir die Sünde, aber ich hege wirklich Verdacht, daß hier ein ſchauerliches Bubenſtück zu Grunde liegt!“ „»Kann es nicht auch ein unglücklicher Zufall ge⸗ weſen ſein?« fragte Werner. Der Kapitän zuckte die Achſel.„Möglich!« erwie⸗ derte er.„Indeß,— mag es ſein, was es will, der Gott, der uns ſo wunderbar erhalten hat, der wird es an den Tag bringen. Aber ſchlafen Sie, junger Freund, ſchlafen Sie! Sie müſſen müde und erſchöpft ſein, und über Ihre Sicherheit will ich wachen, als ob Sie, mein Kind wären. Nun wir einmal bis hierher ſind, ſoll Ihnen von dieſen Spitzbuben von Strandfiſchern auch nicht ein Haar mehr gekrümmt werden.“ Werner zeigte ſich zwar eher geneigt, aufzuſtehen, als zu ſchlafen, aber Kapitän Wildenrad drückte ihn auf ſein hartes Lager zurück, und die Erſchöpfung Werners that das Uebrige. Nach einigen Minuten ſchon verſank er wieder in einen tiefen, feſten Schlum⸗ mer, aus welchem er erſt durch die Strahlen der auf⸗ gehenden Sonne wieder erweckt wurde. Er fand den Kapitän, auf einem rohen hölzernen Schemel ſitzend, noch an ſeinem Lager, und reichte ihm zum Morgen⸗ gruße die Hand. „Dank für die treue Wache, Kapitän,“« ſagte er. „Aber jetzt iſt ſie nicht länger nöthig, denn ich fühle mich vollkommen wohl und geſtärkt. Sehen wir, ob wir uns nicht draußen noch nützlich machen können.“ Kapitän Wildenrad erwiederte den Händedruck ſei⸗ nes jungen Freundes, hatte als Antwort aber nur ein trübes Lächeln. »Draußen iſt nichts mehr zu holen,“ ſagte er nach einem Weilchen melancholiſchen Schweigens.„Was die Wellen an das Ufer geſpült haben, iſt eine gute Beute für die Bewohner der Inſel, und ſie ſind drüber her, wie die gierigen Raben. Sie kennen ja das Strand⸗ recht! Was von einem geſtrandeten Schiffe durch Wind und Wellen an das Ufer geführt wird, gehört den Strandfiſchern! Nun, von unſerem alten Kaſten werden ſie nicht viel erbeuten, die Halunken, denn ſo ziemlich die ganze Ladung liegt mit meinen armen Jun⸗ gen tief auf dem Meeresgrunde. Aber kommen Sie 22 nur! Es iſt immer beſſer, die friſche Seeluft zu athmen, als den Dunſt dieſer elenden Fiſcherhütte.“ Werner ſprang auf, und obgleich er ſeine Glieder noch ein wenig zerſchlagen fühlte, koſtete es ihm doch keine große Anſtrengung, den Kapitän in's Freie zu begleiten. Er ſah ein niedriges, ſandiges Ufer vor ſich, und in der Entfernung von etwa zweihundert Schritten das noch immer ſehr aufgeregte Meer, deſſen ſchäu⸗ mende Wellen, Woge über Woge, an das Ufer hinauf rollten. Eine Anzahl von dreißig bis vierzig Männern zeigte ſich ſehr geſchäftig, jeden Gegenſtand, wäre es auch nur eine arme Schiffsplanke geweſen, die von dem Waſſer herangeſpült wurde, auf's Trockene zu bringen, und der Augenſchein zeigte, daß die Leute ſchon ſeit längerer Zeit an dieſem Werke thätig geweſen ſein mußten. Denn am geſicherten Ufer lag bereits ein bunter Haufe verſchiedenartiger Gegenſtände, Tonnen, Fäſſer, Kiſten, Koffer und Packen, bunt durch einan⸗ der aufgehäuft, welche, nach ihrem Ausſehen zu ſchließen, nur vor kurzer Zeit erſt aus dem Waſſer gezogen ſein konnten. Werner und Kapitän Wildenrad näherten ſich den Strandfiſchern, und der Letztere warf einen prüfenden Blick auf die geborgenen Sachen, um vielleicht etwas von ſeinem früheren Eigenthume aus dem Haufen her⸗ auszufinden. Aber er entdeckte nur wenige bekannte, und unter ihnen nur ziemlich werthloſe Gegenſtände. „Es iſt, wie ich dachte,“ ſagte er.„Die Ladun meines alten Schiffes iſt zu Grunde gegangen, abe Alles beweist mir, daß in der vergangenen, ſchlimmen Nacht noch ein anderes Fahrzeug in der Nähe der In⸗ ſel geſcheitert ſein muß. Gott ſei den armen Seelen —— 23 gnädig, die ſich an Bord befanden und wahrſcheinlich ebenſo wie ich durch die geheimnißvolle, zweite Leucht⸗ flamme irr geführt worden ſind. Ich traue den Leuten da nicht. Sehen Sie nur, Freund Werner, dieſe hab⸗ gierigen, ſpitzbübiſchen Geſichter, in denen ſich ſo grell die Freude über eine Beute malt, welche mit dem Tode ſo manches braven Matroſen bezahlt werden mußte. Dieſe Buben denken aber nicht an die armen Burſche, ſondern nur an ihren Raub. Pfui über dieſe niedrige Habſucht!“« In der That, als die beiden Freunde näher traten und das Treiben der Leute genau beobachten konnten, fühlte ſich Werner, ſo hart auch die Worte des ehrlichen Kapitäns klangen, nicht ſonderlich geneigt, ihm zu wi⸗ derſprechen und ihm mildere Geſinnungen gegen die Strandfiſcher einzuflößen. Er ſelbſt empfand ein Ge⸗ fühl von Abſcheu gegen dieſe Bande mit ihren Aus⸗ brüchen unmenſchlicher Freude, die ſie gar nicht zu ver⸗ bergen ſuchten, wenn ſie irgend einen reicheren Fang als gewöhnlich den Wellen entriſſen zu haben meinten, und beſonders war es die hervorragende Geſtalt Eines Menſchen, welche ihm unwillkürlich den tiefſten Wider⸗ willen einflößte. Dieſer Kerl ſchien eine Art von An⸗ führer der Strandfiſcher zu ſein, denn ohne ſelbſt thätig mit Hand anzulegen, leitete er durch Winke und Be⸗ fehle ihre Arbeiten, und fand überall den willigſten Gehorſam. Sein Aeußeres hatte etwas unwiderſtehlich Abſtoßendes, und die gemeinſte, faſt thieriſche Tücke und Wildheit prägte ſich in ſeinen rohen und häßlichen Zügen aus. Ein fuchsrother Bart und rothes ſtrup⸗ piges Haar machte ſeinen Anblick nicht erträglicher; am abſtoßendſten aber war der Blick ſeiner grauen Augen, der etwas unbeſchreiblich Falſches und Lauern⸗ des hatte. Er jübelte am lauteſten, wenn irgend ein Gegenſtand von einigem Werthe aus den Wellen ge⸗ zogen wurde, und eine faſt teufliſche Freude ſprach dann immer aus ſeinen entmenſchten Geſichtszügen. Adolph Werner mußte ſeine Augen von ihm abwenden, weil er den Anblick des frechen und gefühlloſen Kerls nicht ohne Abſcheu ertragen konnte. „Kehren wir nach der Fiſcherhütte zurück,“ ſagte er zum Kapitän.„Die erbarmungsloſe Habgier und Fröh⸗ lichkeit dieſer Leute thut mir weh. Laſſen Sie uns überlegen, auf welche Weiſe wir am beſten von dieſer Inſel fortkommen, denn je eher wir es möglich machen können, deſto lieber wird es mir ſein.“ Für den Kapitän ſelber mochte der Anblick der Strandfiſcher nicht viel Feſſelndes haben, denn auf die Bitte ſeines Begleiters machte er ohne weitere Bemer⸗ kung Kehrt und ging mit ihm nach der Hütte zurück. Hier waren ſie kaum eingetroffen, als ein Mann, wel⸗ cher ſich durch ſein Aeußeres ſowohl, wie durch den Schnitt ſeiner Kleidung auf den erſten Blick ſehr we⸗ ſentlich von den anderen roheren Strandbewohnern unterſchied, in die rauchige kleine Stube trat, und nach flüchtig prüfendem Blicke mit höflichem Anſtande auf Werner zuging. »„Erſt vor wenigen Augenblicken habe ich Ihr Un⸗ glück erfahren,“ ſagte er,„und bedauere herzlich, daß es Ihnen zuſtoßen mußte. Uebrigens bin ich nicht gekom⸗ men, um Ihnen nur ein müßiges Beileid zu bezeigen, oder meine Neugierde zu befriedigen, ſondern um Ihnen nach beſten Kräften meine Dienſte anzubieten. Ich bin der Baron Unken, der Grundherr des weſtlichen Theils dieſer Inſel, und nur eine Viertelmeile von hier liegt Hohenholm, mein Wohnſitz. Begleiten Sie mich, wenn es Ihre Kräfte erlauben, dorthin, und nehmen Sie mit meiner Gaſtfreundſchaft vorlieb. Sie werden ſich bei mir jedenfalls beſſer befinden, als in dieſer elenden Hütte, und Alles, was Ihre Lage erfordert, wird ſich dort leichter und mit beſſerer Ruhe abmachen laſſen, als in ſolchen Umgebungen.“ Die Einladung des Barons war zu freundlich, als daß ſie hätte ausgeſchlagen werden können. 1 »Sie ſind ſehr gütig, Herr Baron,“ antwortete Werner,„und ich werde dem Sturme wenigſtens dafür Dank ſchuldig ſein muͤſſen, daß er mich gerade hier an den Strand warf, wo mich eine ſo edle und zuvor⸗ kommende Gaſtfreundſchaft erwartet. Nur geſtehe ich, daß ich nicht weiß, wie ich es über mich gewinnen ſoll, mich von meinem biederen Unglücksgenoſſen zu trennen, dem ich zunächſt meine Rettung verdanke, und der in der That des Troſtes zu bedürftig iſt, als daß ich ihn ſelbſt des geringen, welchen er aus meiner Geſellſchaft ziehen kann, berauben möchte. Ich ſpreche von meinem Freunde Wildenrad, den ich Ihnen hiermit als den Kapitän des verunglückten Schiffes vorſtelle.“ Bis hierher hatte der Baron den Kapitän kaum eines Blickes gewürdigt, und auch jetzt ſtreifte ſein Auge nur fluͤchtig und mit einer gewiſſen Kälte über ihn hin, als ob ſein Unglück ihm nur geringe Theil⸗ nahme einflößte. Seine Worte waren indeß freund⸗ licher als ſeine Blicke, und nach einem kaum augen⸗ bninrhen Zögern reichte er auch dem Kapitän ſeine and. „Natürlich, natürlich!“ ſagte er.„Von einer Trennung kann hier nicht die Rede ſein, wo Ihr Freund nicht minder als Sie aller Theilnahme bedarf. Er iſt, wie ſich von ſelbſt verſteht, in meine Einladung mit einge⸗ ſchloſſen, und ich hoffe, Kapitän, Sie werden mir's nicht abſchlagen, mein Gaſt zu ſein, ſondern mein Haus, ſo lange es Ihnen gefällt, als das Ihrige betrachten.“ Obgleich anfänglich durch die Theilnahmloſigkeit des Barons vielleicht ein wenig verletzt, ſchlug Kapitän Wildenrad jetzt doch in die dargebotene Hand ein und gab in ſeiner treuherzigen Weiſe ſeine Bereitwilligkeit zu erkennen, dem Baron zu folgen. „Lange werde ich Sie wohl nicht beläſtigen,“ fügte er hinzu.„Es treibt mich heim zu Weib und Kind, und außerdem muß ich meinem Rheder perſönlich von dem Unglücksfalle Nachricht geben, der ſein Schiff be⸗ troffen hat.“ Der Baron ſchien mit dieſer Erklärung nicht unzu⸗ frieden, und trieb zum Fortgehen. Werner und der Kapitän vertheilten einiges Geld unter die Leute, welche ſie in ihrer Hütte aufgenommen hatten, und folgten dann dem Baron nach ſeinem Landſitze, den ſie nach einem halbſtündigen Spaziergange erreichten. Es war ein ſtattliches Schloß mit geräumigen Nebengebäuden, und das Innere deſſelben zeugte von Wohlſtand, wenn nicht von Reichthum. Der Baron erwies ſich äußerſt zuvorkommend gegen ſeine Gäſte, ließ ihnen Zimmer anweiſen, verſorgte ſie mit Kleidungsſtucken, Wäſche und Allem, was ſie ſonſt nöthig hatten, und bewirthete ſie mit einer Gaſtfreundlichkeit, welche für die armen Schiffbrüchigen ſehr wohlthuend war. Erſt nachdem ſie gegeſſen und getrunken, erkundigte ſich der Baron nach den näheren Verhältniſſen Werners, und hörte ſeinen 27 Erklärungen mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu. Werner ſah keine Veranlaſſung, ihm irgend etwas zu verhehlen, und erwähnte daher auch den Zweck ſeiner Reiſe, die ihn als Privatſekretär in die Dienſte des Grafen Soltikow führen ſollte. Bei dem Ausſprechen dieſes Namens ſtutzte der Baron ein wenig, beherrſchte aber ſchnell ſeine Bewegung, und zeigte, wie bisher, nichts als Freundlichkeit, Guͤte und Zuvorkommenheit. „Nun, von allen dieſen Sachen ſpäter,“ ſagte er, als Werner nichts mehr zu erwähnen hatte.„Einſt⸗ weilen ruhen Sie bei mir aus, und wenn Sie wieder ganz gekräftigt und hergeſtellt ſind, ſo wird ſich ja das Weitere finden.“ Zwei, drei Tage verſtrichen, ohne daß ſich irgend eine Aenderung in dem Benehmen des Barons bemerk⸗ bar gemacht hätte, es müßte denn ſein, daß er noch gaſtfreundlicher als anfangs geweſen wäre. Dieſes Uebermaaß von Gefälligkeit war dem jungen Werner faſt drückend, weil er keine Möglichkeit ſah, es anders als durch Worte des Dankes zu vergelten, und auch Kapitän Wildenrad ſchien ſich darnach zu ſehnen, das gaſtfreundliche Haus und die Inſel möglichſt bald wie⸗ der verlaſſen zu können. Er ſchlich niedergeſchlagen, tiefſinnig und kopfſchüttelnd einher, und grübelte dar⸗ über nach, wie er doch ſo wunderbar nach Dagoe ver⸗ ſchlagen worden ſei. Das verhängnißvolle zweite Licht, welches zunächſt ſeinen Schiffbruch herbeigeführt hatte, wollte ihm nicht aus den Gedanken weichen, weil er es ſo gar nicht mit ſeiner dreißigjährigen Erfahrung und ſeinen ſonſt bis auf das Kleinſte richtigen See⸗ fahrten vereinigen konnte. Mehrmals ſprach er mit Werner, einige Male auch mit dem Baron darüber, aber dieſer Letztere, obgleich er ſonſt ein gewiſſes Wohl⸗ gefallen an den derben, treuherzigen Manieren des braven Seemannes zn finden ſchien und ihn kaum eine Minute von ſeiner Seite ließ, konnte doch nicht die ge⸗ ringſte Auskunft über das geſpenſtiſche Phänomen geben, und brach die Unterhaltung über daſſelbe immer kurz und ſpottend ab. „Was wollen Sie, lieber Kapitän,“ ſagte er.„»Hier gibt es keine zwei Feuerbaken, und Sie muͤſſen ſich alſo nothwendig getäuſcht haben.“ „Ich habe mich nicht getäuſcht und auf meine Augen kann ich mich verlaſſen, ſo alt ſie ſind,“ erwiederte der Kapitän.„Uebrigens fragen Sie Werner! Er hat das Licht ſo gut geſehen wie ich!« „Nun denn, vielleicht ein Irrlicht...« „Auch kein Irrlicht! Dazu war es zu groß und blieb zu ruhig auf demſelben Flecke!“ „Nun denn, eine Sternſchnuppe oder etwas der⸗ gleichen,“ ſprach der Baron ein wenig ungeduldig. „Jedenfalls müſſen Sie durch irgend ein Trugbild in die Irre gekommen ſein, denn wie geſagt, hier zu Lande wiſſen wir nichts von zwei Leuchtflammen.“ Der Kapitän mußte ſich wohl zufrieden geben, denn trotz allen Grübelns brachte er über das Licht nichts Näheres in Erfahrung. Um ſo mehr trieb er zur Ab⸗ reiſe, und ließ ſich auch durch das Zureden des Barons endlich nicht länger zurückhalten, der ihm vorſtellte, wie gefährlich in der jetzigen Jahreszeit die Ueberfahrt nach Lievland in den kleinen, ungeſchickten Fiſcherkähnen der Inſel ſei, und daß es doch jedenfalls beſſer wäre, wenn er noch kurze Zeit warte, bis das täglich feſter ſtehende Treibeis zwiſchen Dagoe und der lievländiſchen Küſte die Ueberfahrt zu Schlitten erlauben würde. Wilden⸗ rad ließ ſich nicht von ſeinem ungeduldigen Vorſatze abbringen. Der Gedanke an Weib und Kind gönnte ihm keine Ruhe mehr, und er wollte lieber den Ge⸗ fahren eines etwa losbrechenden Sturmes trotzen, als noch länger in müſſiger und dadurch doppelt quälender Unruhe verharren. Als der Baron ſich überzeugte, daß der Kapitän nicht mehr zurück zu halten ſei, gab er endlich Befehl, ſein eigenes Boot für ihn zur Ueberfahrt auszurüſten, that aber entſchieden Einſpruch, als Werner Miene machte, ſeinen alten Freund zu begleiten. „Ich will nichts Derartiges hören,“ ſagte er mit wohlwollender Freundlichkeit.„Den Kapitän treibt am Ende Pflichtgefühl in ſeine Heimath, wo die Seinigen vielleicht in größter Sorge um ihn ſchweben, und ich kann daher nichts weiter thun, als ihm meine beſten Wünſche mit auf die Reiſe geben. Aber Sie, mein Freund, was treibt Sie aus meinem Hauſe? Nein, nein, ich fühle mich zu einſam in meinem weitläufigen Schloſſe, als daß ich Sie ſo ſchnell wieder von mir laſſen könnte. Wenn Sie mir irgend Dank ſchuldig zu ſein glauben, ſo bethätigen Sie ihn dadurch, daß Sie mich Ihre Gegenwart noch einige Zeit genießen laſſen!« »Aber mein Herr, der Graf Soltikow,“ erwiederte Werner.„Was ſoll er von mir denken, wenn ich ihn auf mich warten laſſe, wenn ich hier müſſig gehe, an⸗ ſtatt bei ihm meinen Geſchäften obzuliegen?“ »Nun denn,“ entgegnete der Baron,„ich ſehe wohl, ich werde Ihnen die blanke, baare Wahrheit einſchenken müſſen. Erſchrecken Sie nicht, lieber Freund, aber— auf den Grafen dürfen Sie nicht mehr rechnen! Für 30 ihn und für jeden Beruf, der Sie in ſeinem Hauſe erwarten könnte, ſind Sie todt ſeit dem Augenblicke, wo das Schiff unter ihren Füßen in Trümmer ging. Er weiß nicht anders und erfährt nicht anders, als daß Sie Ihren Tod in den Wellen gefunden haben, und dies genügt, um anzunehmen, daß er Ihre Stelle bereits anderweitig wieder beſetzt hat. Wenn Sie ir⸗ gend etwas Anderes vermuthen, ſo täuſchen Sie ſich, auf mein Wort. Ich kenne die großen Herren, weiß, wie es bei ihnen zugeht, und kenne vor Allem Ihren Grafen Soltikow. Sobald er die Nachricht von dem Untergange Ihres Schiffes durch die Zeitungen erfah⸗ ren haben wird, hat er ſich auch nach einem anderen Privat⸗Sekretär umgeſehen und ihn ohne Zweifel be⸗ reits gefunden.“ „Wer weiß?“ antwortete Werner.„Aus Allem, was Sie mir ſagen, Herr Baron, ziehe ich nur den Schluß, daß ich mich möglichſt beeilen muß, um nach Petersburg zu kommen, damit ich inich in dem Hauſe des Grafen nicht überflüſſig finde.“ „Ich dagegen gebe Ihnen die Verſicherung, daß Sie nur Urſache finden wuͤrden, Ihre Eile, oder beſſer Uebereilung zu bereuen,“ entgegnete der Baron. „Sie hören doch, daß ich den Grafen kenne. Ich kenne ihn ſogar ſehr genau, und vermuthe nicht ohne Grund, daß Sie ihn durch Ihre verſpätete Ankunft nur in Verlegenheit ſetzen werden. Uebrigens, unter uns, laſſen Sie ſich's nicht verdrießen, daß Ihnen die Sekretärs⸗ Stelle entgangen iſt. Der Graf wechſelt gern mit ſei⸗ nen Leuten, und meines Wiſſens iſt noch Keiner von ſeinen Privat⸗Sekretären länger als ein paar Monate in ſeinen Dienſten geweſen. Und was dann, wenn Sie 31 in fremdem Lande fremd und ohne Freunde der Hülf⸗ loſigkeit preisgegeben wären? Nein, nein, ich habe es beſſer mit Ihnen im Sinne! Verweilen Sie bei mir, machen Sie Bekanntſchaft mit meinen Kindern, welche dieſer Tage von einem Ausfluge in die Umgegend zu⸗ rückkehren werden, und dann laſſen Sie uns weiter ſehen. Zu Ihrer Abreiſe mit Kapitän Wildenrad gebe ich unter keiner Bedingung meine Einwilligung.“ Der Baron bat ſo freundlich, forderte Werners Bleiben ſo dringend als eine Gefälligkeit, malte die Verhältniſſe in Petersburg mit ſo ſchwarzen Farben, daß Werner, ohnehin durch Dankbarkeit gebunden, zu⸗ letzt nicht länger zu widerſtehen vermochte, ſondern den Kapitän nach herzlichem Abſchiede allein abreiſen ließ. Der Baron ſchien ſeine Nachgiebigkeit hoch aufzuneh⸗ men. Er verdoppelte ſeine Freundlichkeit gegen Wer⸗ ner, und gab ſich alle mögliche Mühe, ihm den Auf⸗ enthalt auf ſeinem Schloſſe angenehm zu machen. Wer⸗ ner müßte ſehr undankbar geweſen ſein, wenn er ſo viel zuvorkommende Güte nicht zu würdigen verſtanden hätte, und ſo ließ er es ſich denn gefallen, als Haus⸗ freund des Barons betrachtet und von der Dienerſchaft als ſolcher geehrt und geachtet zu werden. Nur in einer einzigen Beziehung hatte dieſes Ver⸗ hältniß etwas Drückendes für ihn. Er fühlte ſich un⸗ behaglich, daß er eine ſo ausgeſuchte Gaſtfreundlichkeit durch nichts Anderes, als nur durch ſeine Geſellſchaft vergüten konnte, und würde vielleicht lieber geblieben ſein, wenn er ſich auf irgend ein Weiſe dem Baron hätte nützlich machen können. Die Unthätigkeit ſelbſt widerte ihn an, und eines Tages bat er geradezu den 32 Baron, daß dieſer ihm eine Beſchäftigung anweiſen möge. Der Baron lächelte. „Sie mit Arbeit zu überhäufen würde mir nicht ſchwer fallen,« erwiederte er.»Vielleicht haben Sie ſchon erfahren, daß ich Ordnungsrichter dieſer Inſel, alſo die erſte und einzige Polizei⸗Behörde der⸗ ſelben bin, und Sie können ſich denken, daß ein ſolches Amt mit mannigfachen Geſchäften und Obliegenheiten verknüpft iſt. Außerdem treibe ich ein nicht ganz un⸗ bedeutendes Handelsgeſchäft mit den mannigfaltigen Erzeugniſſen meiner Guͤter, und da gibt es natürlich ebenfalls Arbeit in Fülle. Aber— ich habe Sie für etwas Beſſeres, für etwas, das auch Ihnen mehr zu⸗ ſagen wird, aufgehoben. Heute kommen meine Kinder, machen Sie ihre Bekanntſchaft, und nach ein paar Ta⸗ gen wollen wir unſer jetziges Geſpräch wieder aufneh⸗ men. Einſtweilen benutzen Sie Ihre Muße nach wie vor ganz nach Gefallen.“ Werner ſah wohl, daß es unbeſcheiden ſein würde, mehr in den Baron zu dringen, und ſuchte ſich in Ge⸗ duld zu faſſen. Gegen Abend fuhr ein Wagen in den Schloßhof, und der Baron, der eben in eine Schach⸗ partie mit Werner verwickelt war, trat an ein Fenſter. „Da ſind ſie— meine Kinder,« ſagte er.„Sie werden ſich freuen, Geſellſchaft auf dem Schloſſe zu finden.“ Wenige Augenblicke ſpäter traten die Kinder ein, zwei allerliebſte Mädchen von etwa zehn und zwölf Jahren. Der Baron ſtellte ſie als ſeine Töchter Cä⸗ cilie und Aurora ſeinem jungen Freunde vor, welcher nachgerade zu vermuthen anfing, daß der Baron ihn zu ihrem Hauslehrer beſtimmt haben möge, eine Ausſicht, 33 die ihm keineswegs unwillkommen war, inſofern er ſich in einer ſolchen Stellung ſeinem Gaſtfreunde dankbar und zumal nützlich bezeigen konnte. Mit herzlichem Wohlgefallen betrachtete er die beiden Mädchen, deren ſanfte, hübſche Geſichter ihm ſogleich Theilnahme ein⸗ flößten. Nur wunderte es ihn insgeheim, daß ſo wenig Liebe und Zärtlichkeit zwiſchen dem Baron und den Kindern obzuwalten ſchien. Der Vater empfing ſie mit kaltem Lächeln, indem er ihnen die Hand reichte, welche die beiden Mädchen eher ſcheu und ſchüchtern, als kindlich liebevoll an ihren Mund führten und küß⸗ ten. Auch entfernten ſie ſich bald nach ihrer Ankunft wieder, um in ihr Zimmer zu gehen und ſich umzu⸗ kleiden, während der Baron, als ob nichts geſchehen wäre, mit Werner zu dem Schachſpiele zurückkehrte. Indeß, die Abweſenheit der beiden Kinder war nicht von langer Dauer geweſen, und vielleicht mochte es ja auch zum guten Tone unter den Vornehmen ge⸗ hören, beſonders in Gegenwart Geringerer keinerlei tie⸗ fere Gemüthsbewegung zu zeigen. Werner ſuchte alſo ſeine Gedanken von dieſem Umſtande abzuziehen, und das etwas auffallende Benehmen des Barons, wenn nicht zu vergeſſen, ſo doch zu entſchuldigen. Die nächſten Tage vergingen ſchnell. Werner be⸗ mühte ſich, mit den beiden kleinen Mädchen nähere Be⸗ kanntſchaft zu ſchließen, und das gelang ihm um ſo leichter, als auch dieſe ihm mit herzlicher Vertraulich⸗ keit und kindlicher Offenheit entgegen kamen. Der Baron ſchien mit dieſem guten Einverſtändniſſe ſehr zufrieden zu ſein, und nach einigen Tagen rückte er, wie Werner bereits vermuthet hatte, mit dem Vorſchlage heraus, daß der junge Mann auf Dagoe verweilen Der Strandfiſcher. 3 und die Stelle als Hauslehrer und Freund im Hauſe des Barons annehmen möge. „Ich ſage ausdrücklich, als Freund,“ fügte der Baron ſeinem Antrage mit gewinnendem Lächeln hinzu, „denn ich fühle wohl, daß es ein großes Opfer iſt, welches ich zum Beſten meiner Familie von Ihnen ver⸗ lange, ein Opfer, welches weit über jede Belohnung reicht, die ich Ihnen bieten könnte, inſofern Sie nicht meine aufrichtig angebotene Freundſchaft mit in An⸗ rechnung bringen wollen. Der Aufenthalt auf einer öden, von der geſitteten Welt ſo entfernt gelegenen In⸗ ſel, und der Umgang mit mir, einem von Charakter mehr ernſten und trüben als heiteren und lebensluſtigen Manne kann natürlich nur geringe Anziehungskraft für Sie haben,— indeß, erwägen Sie, welche Wohlthat Sie meinen Töchtern durch Ihr Bleiben erzeigen, und ſeien Sie überzeugt, daß Sie mich nach beendigter Er⸗ ziehung meiner Kinder als Ihren dankbarſten Freund kennen lernen werden. Auch ich bin nicht ganz ohne Einfluß in Petersburg, und ich verſpreche Ihnen, daß ich Ihnen eine Anſtellung im Staatsdienſte verſchaffen will, mit welcher Sie in jeder Beziehung zufrieden ſein ſollen. Darauf mein Wort! Und nun— ſchlagen Sie ein! Nicht wahr, wir trennen uns vorläufig nicht mehr?« Der Jahresgehalt, welchen der Baron ſeinem jun⸗ gen Hausfreunde ausſetzte, mehr noch die wohlwollende Güte, die der Baron ihm immer gezeigt, und auch in dieſem Falle wieder an den Tag gelegt hatte, und am meiſten die Rückſicht auf die beiden kleinen Mädchen, deren Erziehung bisher ſehr vernachläſſigt worden war, beſtimmten Werners Entſchluß. Nach kurzem Bedenken 35 ſchlug er ein, und verſprach in der angebotenen Stel⸗ lung zu bleiben, ohne zu ahnen, welche ſorgenvollen und ſchweren Stunden er ſich durch dieſe Zuſage be⸗ reitete. Für jetzt freilich ſchien Alles nur Glück und Zufriedenheit zu verſprechen; der Baron dankte ihm in faſt überſchwänglichen Worten für das ihm gebrachte Opfer, und die beiden Mädchen waren ſtrahlend vor Freude, als ſie hörten, daß Werner die Einſamkeit ihres abgelegenen Wohnſitzes theilen und erheitern wollte. Werner ſelbſt bereute alſo zunächſt ſeinen Entſchluß nicht, ſondern gab ſich der Hoffnung hin, in einer ſe⸗ gensreichen und gewinnbringenden Thätigkeit manchen Genuß zu finden, und jedenfalls den Frieden und die Ruhe ſeiner Seele ungeſtört zu erhalten. Drittes Kapitel. Das Belvedere. So war es denn alſo beſtimmt, daß Werner län⸗ gere Zeit an einem Orte verweilen ſollte, von deſſen Daſein er in früherer Zeit nicht einmal eine Ahnung hatte. Das Leben, wie es ſich nun für ihn geſtaltete, bot wenig Abwechslung dar, ſondern beſchränkte ſich auf eine geregelte Beſchäftigung, deren vorzüglichſter Gegenſtand die Ausbildung der beiden Kinder des Ba⸗ rons ſein mußte. In ihrer Geſellſchaſt verſtrichen 36 Werner die Tage in gleichförmiger Ruhe, und er hätte ſich vielleicht ganz glücklich in dieſen Verhältniſſen füh⸗ len können, wenn nicht ſo manches Andere geweſen wäre, was ihm ein gewiſſes Unbehagen einflößte. Am ſchmerzlichſten vermißte er den geſelligen Umgang mit irgend einem gleichgeſinnten Freunde, der ſich auf der abgelegenen Inſel nicht für ihn finden wollte. Zwar der Baron ließ es weder an Zuvorkommenheit, noch an der von Anfang immer gleichmäßig bleibenden Güte fehlen, ſondern beobachtete ſtets die groͤßte Rückſicht ge⸗ gen den jungen Lehrer ſeiner Kinder, den er in keiner Weiſe an die Abhängigkeit von ihm erinnern zu wollen ſchien; allein der fein gebildete Werner merkte trotz alledem allmählig dennoch, daß unter der äußeren glat⸗ ten Hülle des Barons ein gänzlicher Mangel an äch⸗ tem, menſchlichen Gemüth verborgen lag. Die äͤußere Freundlichkeit, das höfliche Lächeln fehlte nie, aber im⸗ mer mangelte dagegen den verbindlichſten Aeußerungen die gutmuͤthige Herzlichkeit, welche den ſchmeichelnden Worten erſt ihren wahren, wirklichen Werth verleiht. Werner beobachtete ferner, daß dieſes erkältende und abſtoßende Gefühl im ganzen Hauſe gegen den Gebieter deſſelben zu herrſchen ſchien. Von den beiden Kindern an bis zu dem Ofenheizer hinab beobachteten Alle eine ſcheue Stille vor dem Baron, die der drückendſten Ge⸗ witterſchwüle glich, und kein herzlich vertrauliches Bei⸗ ſammenleben aufkommen ließ. Nur, wenn der Baron, was öfter geſchah, auf Reiſen fern war, athmeten Alle wie von einer laſtenden Wucht befreit auf, obgleich auch ſelbſt dann die Eindrücke jenes geheimen Schauers noch fortwirkten, und jede laute Freude zwiſchen den Wänden des unbehaglichen Schloſſes ertödteten. Kam — 37 der Baron von ſeinen Reiſen zurück, ſo empfing ihn niemals der herzliche Jubel, der ſonſt wohl die Heim⸗ kehr des Hausvaters begleitet, und ſelbſt ſeine eigenen Kinder ſchienen eher beängſtigt als erfreut zu ſein. Hier auf Hohenholm alſo fand Werner nicht, was er ſuchte, einen offenen und herzlichen Austauſch der Gefühle und Empfindungen, und noch weniger fand er ihn außerhalb des freiherrlichen Schloſſes. Zwar lagen einige Beſitzungen benachbarter Gutsherren nicht ſehr weit von Hohenholm entfernt, aber der Baron lebte nicht in geſelliger Verbindung mit ihnen, weil er, wie er ſagte, durch Grenzſtreitigkeiten mit ihnen verfeindet ſei, und natürlich nicht wünſchen konnte, daß ein Mit⸗ glied ſeines Hauſes nähere Bekanntſchaft mit ſeinen Feinden mache. So war ihm auch auf dieſer Seite jede Annäherung abgeſchnitten, und es blieben nur noch die Geiſtlichen der Inſel und die eingebornen Bewoh⸗ ner derſelben übrig. Paſtoren gab es drei oder vier, allein ihre Kirchſpiele lagen, bis auf eines, ziemlich entfernt vom Schloſſe, und ihre Seelſorge auf der In⸗ ſel, die mehrere tauſend zerſtreut von einander woh⸗ nende Pfarrkinder umfaßte, war unzweifelhaft ein ſo mühſames Geſchäft, daß ihnen für den friedlichen und ungeſtoͤrten Genuß der Geſelligkeit gewiß weder viel Sinn noch Zeit übrig blieb. Gleichwohl wollte Wer⸗ ner den Verſuch machen, eine Bekanntſchaft mit dem zunächſt wohnenden Pfarrherrn anzuknüpfen, aber als er dieſen Wunſch gegen den Baron äußerte, rieth ihm dieſer ſehr beſtimmt und entſchieden davon ab. .„Der Pfarrer iſt ein alter Mann, und Sie würden ſehr wenig Genuß in ſeinem Umgange finden, mein Freund,“ ſagte er.„Ich ſelbſt würde ja gern in heiterer 38 Geſelligkeit mit ihm leben, denn Sie kennen mich doch nun wohl hinlänglich, um zu wiſſen, daß weder Stolz noch Eigenſinn mich von ihm fern hält, aber ich werde durch beſondere Gründe verhindert, die ohne Zweifel Ihre volle Billigung erhalten würden, wenn ſie zur Mittheilung geeignet wären. Es genüge Ihnen, zu erfahren, daß der Mann ein finſterer, ſtrenger, mürri⸗ ſcher Eiferer iſt. Sie werden nichts einbüßen, wenn er Ihnen fern bleibt, und ich dagegen werde es als einen dankenswerthen Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer Anhänglichkeit betrachten, wenn Sie ſich dieſe Bekanntſchaft vorerſt noch verſagen wollen.“ Werner, ſo unangenehm es ihm ſein mußte, ſich auch hier den Weg abgeſchnitten zu ſehen, konnte doch in ſeiner Stellung nicht umhin, den ſo beſtimmt aus⸗ geſprochenen Wünſchen des Barons Folge zu leiſten. Er unterließ den beabſichtigten Beſuch bei dem Pfarrer, und mußte ſich begnügen, denſelben nur durch das Gitter des freiherrlichen Kirchenſtuhls kennen zu lernen. Das Aeußere des würdigen Mannes machte einen an⸗ genehmen und wohlthuenden Eindruck auf ihn, und er bedauerte es daher doppelt, ſich die Annäherung an ihn verſagen zu müſſen. Es war die ſchöne, edle, obwohl etwas leidend ausſehende Geſtalt eines ſilberlockigen Greiſes mit hellem, ſanften Blick—, welche die Kanzel betrat. Werner fühlte ſich von ganzem Herzen zu dem Manne hingezogen, und bedauerte mit einem Seufzer, daß der Baron aus irgend welchen unbekannten Grün⸗ den ſo ſehr gegen ihn eingenommen ſchien. Der Umgang mit den ärmeren Bewohnern der In⸗ ſel war Wernern aus zweifachen Gründen abgeſchnitten. Einmal verſtand er ihre Sprache nicht, und dann waren 39 ſie auch zu roh, zu ungebildet und zu abſtoßend in ihren Sitten und ihrem Benehmen, als daß ein freund⸗ liches Verhältniß ſich hätte anknüpfen laſſen. Ein be⸗ klagenswerther, niedriger Sklavenſinn, welcher längſt alle edleren, herzerhebenden Gefühle in ihnen überwäl⸗ tigt hatte, hielt dieſe Leute unter der Ruthe ihres Herrn gebeugt, und leider mußte Werner die Bemerkung ma⸗ chen, daß der Baron dieſe Ruthe keineswegs mit ſanf⸗ ter Hand über ſie ſchwang. Er ſuchte ſich bei Werner hierüber zu entſchuldigen, indem er behauptete, daß nur die äußerſte Strenge dieſe Menſchen in Zucht halten und die verderblichen Ausbrüche ihrer Rohheit unter⸗ drücken könne, und welches auch die Gründe zu ſeiner erbarmungsloſen Strenge ſein mochten, ſo erreichte er wenigſtens vollkommen dieſen Zweck, die Leute in zit⸗ ternder Unterwürfigkeit zu erhalten. Sein Anblick war ihnen in der That furchtbar. Jeder, der ſich ihm nahte, ſchlich mit ſchlotternden Knieen herbei, und das leiſeſte Anſchwellen ſeiner Stimme reichte hin, die Wangen der Unglücklichen erbleichen und ſie bis in das Mark ihrer Knochen erbeben zu machen. Kein Despot Aſiens konnte ſeinen Sklaven gegenüber allmächtiger ſein, als der Baron dieſer willenloſen Heerde gegenüber. Sein Wille war ihr höchſtes Geſetz, und allem Anſcheine nach hätte er das Schlimmſte, ſelbſt Verbrechen von ihnen heiſchen können, ohne ein Widerſtreben von ihrer Seite fürchten zu müſſen. Mit Leuten ſolchen Schlags konnte Werner natür⸗ lich keinen Umgang pflegen, und noch weniger einen Freundſchaftsbund ſchließen. Er war alſo ganz auf ſich ſelbſt beſchränkt, und nur die herzliche Anhänglich⸗ keit ſeiner beiden Schülerinnen erleichterte ihm ein wenig 8 40 das drückende Gefühl ſeiner gänzlichen Vereinſa⸗ mung. Doch noch Ein Menſch befand ſich in dem Schloſſe, mit welchem Werner zuweilen ein vertrauliches, aber auch dann immer nur flüchtiges Wort austauſchen konnte. Dies war der alte Franz, ein weißlockiger Diener des Hauſes, welchem vom Baron der Befehl ertheilt worden war, für die Aufwartung Werners Sorge zu tragen. Der alte Franz reinigte die Stube des jungen Herrn, ſäuberte ſeine Kleider und erfüllte überhaupt alle Obliegenheiten eines Dieners bei ihm. Werner bezeigte ſich ſtets freundlich gegen dieſen alten Mann, in deſſen Zügen ſich neben der Scheu vor ſei⸗ nem Herrn, dem Baron, doch auch eine unverkennbare Herzensgüte ausprägte, und gern hätte er wohl öfter ein Stündchen mit ihm verplaudert, wenn es ſich irgend hätte thun laſſen. Aber der alte Franz, anſtatt ſeiner Vertraulichkeit entgegen zu kommen, wich ihr immer eher aus. Doch geſchah dies in einer Weiſe, die für Werner nichts Verletzendes hatte, ſondern nur ſein Nachdenken reizte.»Sollte der alte Franz,“ fragte er ſich ſelbſt,„vielleicht Befehl erhalten haben, ſo und nicht anders zu verfahren? Oder fürchtet er nur, das Miß⸗ fallen des Barons zu erregen, wenn er ſich näher, als es die ſtrenge Erfüllung ſeiner Obliegenheiten erforderte, an Werner anſchmiegte? War er vielleicht heimlich beobachtet?«— Werner wußte es nicht und mußte ſich auf Vermuthungen beſchränken, weil der alte Franz allen hierauf bezüglichen Fragen mit ſichtlicher Aengſt⸗ lichkeit und beſorgten, ſcheu umher ſchweifenden Blicken auswich. Wie dem nun auch ſein mochte, die Tage ſchwanden , 18e 41 Werner in trüber Einförmigkeit hin. Wenn er nicht Unterricht ertheilte, ſo ſuchte ihn gewöhnlich der Baron auf und bot ihm entweder eine Partie Schach an, oder forderte ihn auf, mit ihm durch ſeine Beſitzungen zu wandern, ſeine Fabriken, deren er mehrere im Gange hatte, zu beſuchen, oder bei ſchlechtem Wetter die dro⸗ hende Langeweile durch Vorleſen klaſſiſcher deutſcher Meiſterwerke, oder durch Muſik, welche Baron Unken ſehr zu lieben vorgab, auf angenehme Weiſe zu ver⸗ ſcheuchen. Außerdem gewährte es Werner einige Zer⸗ ſtreuung, ſich dem Baron auch noch auf andere Weiſe, als durch die Erziehung ſeiner Töchter, nützlich zu ma⸗ chen. Der Baron betrieb nämlich mit dem Ertrage ſeiner Beſitzungen und den Erzeugniſſen ſeiner Fabriken, ſo wie auch ſonſt noch, ziemlich ausgedehnte kaufmän⸗ niſche Geſchäfte längs den Küſten der Provinz, und ſelbſt bis tief in das ruſſiſche Reich hinein, verſtand aber wenig von kaufmänniſcher Buchführung, und be⸗ klagte ſich daher nicht ſelten über Verwirrungen, die ihm ziemlich beträchtlichen Schaden veranlaßten. Wer⸗ ner erbot ſich ſogleich, ihm ſeine Bücher einzurichten, was von Seiten des Barons mit Freuden angenommen wurde, da er, wie er ſagte, billig Bedenken trüge, über ſeine Geſchäfte und deren Führung irgend Einen ſeiner Handelsfreunde zu Rathe zu ziehen, welcher ein ſolches Vertrauen leicht zu ſeinem Nachtheile mißbrauchen könnte. Werner ſah das Richtige dieſes Grundes ein, und das iym gezeigte Vertrauen des Barons ſchmei⸗ chelte ihm. Mit großem Fleiße unterzog er ſich der übernommenen Arbeit, und wenn dieſe Beſchäftigung ihn auch nicht zerſtreute, ſo hielt ſie doch wenigſtens die Uebel der Langeweile von ihm fern. So ſtanden die Sachen, und Werner war eines Tages emſig beſchäftigt, verſchiedene Poſten in die von ihm neu eingerichteten Handelsbücher des Barons ein⸗ zutragen, als dieſer ſelbſt ganz unerwartet in ſein Zimmer trat. Er ſchien bleicher als gewöhnlich, und Werner glaubte durch die glatte Maske ſeines Geſichtes eine gewiſſe innere Aufregung durchſchimmern zu ſehen. Doch konnte er ſich hieruͤber auch täuſchen, denn, kaum eingetreten, redete ihn der Baron ſo unbefangen wie ſonſt, und mit ſeiner gewöhnlichen Freundlichkeit an. „Sie ſitzen immer ſo eifrig bei den Büchern, mein junger Freund!“ ſagte er.„In der That, Sie über⸗ raſchen mich und bürden mir eine Fülle von Verbind⸗ lichkeiten auf, die ich kaum wett zu machen hoffen kann. Aber jetzt legen Sie einmal die Geſchäfte bei Seite. Draußen heult der Sturm und peitſcht die Meeres⸗ wellen ſchäumend gegen unſere zitternden Ufer. Reizt es Sie nicht, dieſen wilden Aufruhr der Elemente ein⸗ mal aus ſicherer Nähe zu betrachten? Begleiten Sie mich an den Strand, wohin mich meine Pflicht treibt, da unſere Strandfiſcher, wie Sie ja aus eigener Er⸗ fahrung wiſſen, ein räuberiſches Volk ſind, und meine Anweſenheit alſo zur Verhuͤtung manchen Unheils wohl nicht überflüſſig ſein dürfte. Erſt geſtern und ſelbſt heute noch hat man mehrere Segel in See erblickt, und ich ahne daraus Unheil. Unſere Küſten ſind ſehr gefährlich bei ſolchem ſtürmiſchen und ſchneereichen Wetter!“. Werner ließ ſich leicht bewegen, dieſen Vorſchlag anzunehmen, denn er hatte ſelbſt ſchon daran gedacht, ohne den Baron einen Gang nach der nahen Küſte zu machen. Das Wetter war in der That furchtbar. Ein ————— 43 ſchrecklicher Orkan durchſauste die Luft und trieb mäch⸗ tige Schneewirbel auf, welche den oynehin nur kurzen und trüben Tag noch mehr verfinſterten. „Gott erbarme ſich der Unglücklichen, welche jetzt gegen Sturm und Wogen ankämpfen müſſen!“ ſagte er. „Auch wir wollen verſuchen, Hülfe zu leiſten und Barmherzigkeit zu zeigen, wenn ſich meine Ahnung be⸗ ſtätigen und irgend ein Unglück bevorſtehen ſollte,“ gab der Baron zur Antwort.„Nehmen Sie Ihren Mantel, hüllen Sie ſich dicht ein, ſo— und nun laſſen Sie uns an Ort und Stelle eilen.“ Nach einer halben Stunde, während welcher ſie ſchwer gegen den gewaltigen Sturm und die wirbeln⸗ den Schneewolken ankämpfen mußten, erreichten ſie end⸗ lich die Küſte, und das baltiſche Meer lag hart zu ihren Füßen. Von einer hohen, kahlen Düne aus, gegen deren Kamm die toſende Brandung unaufhörlich, don⸗ nernd und ziſchend, ihren furchtbaren Anlauf nahm, und wo man ſich gegen die heulende Windsbraut kaum auf den Füßen erhalten konnte, ſchauten die beiden Männer in die See hinaus, deren ſchäumende Wogen bis in den tiefſten Grund hinab vom wüthenden Orkane aufgewühlt zu ſein ſchienen. Doch reichten Werners Blicke nur wenige hundert Schritte weit, denn ein grauer Nebelſchleier, noch verdichtet durch Schneewehen, hüͤllte die weitere Ferne in eine undurchdringliche Wol⸗ kenſchichte, aus welcher die rollenden Brandungen nur deſto furchtbarer hervorbrachen. Bald hatten ſich noch mehrere Leute auf der Düne verſammelt, welchen der Baron nun die Weiſung gab, ſich längs dem Strande hin in einer Linie auszudehnen, und auf jedes mögliche Ereigniß ein wachſames Auge 44 zu richten. Nicht lange darauf tönte vom Meere her⸗ über durch Sturmesbrauſen und Donner der Brandung ein dumpfer Schall. Ein zweiter, ein dritter folgte, und man konnte bald nicht länger an der traurigen Gewißheit zweifeln, daß ein Schiff in höchſter Gefahr mit den Wogen kämpfte und ſeine Kanonen zu Noth⸗ ſchüſſen abfeuerte. Der Baron horchte aufmerkſam in die See hinaus. Die Nothſchüſſe wurden aber nicht wiederholt. „Es ſcheint, als ob Alles bereits vorüber wäre und jede Hülfe zu ſpät kommen würde,« ſagte er nach einer Weile.„Laſſen Sie uns dort hinab nach der ſüdlichen Landſpitze gehen, mein Freund. Wenn ich mich in der Richtung des Schalles nicht gänzlich getäuſcht habe, ſo muß das arme Schiff in jener Gegend auf den Grund gerannt und geſcheitert ſein.« Werner zogerte nicht, dem Baron zu folgen, und mit möglichſter Eile ſuchten ſie die erwähnte Landſpitze zu erreichen. Dennoch langten ſie nicht früh genug an, um den Unglücklichen, welche in ihrer Todesnoth um Beiſtand gerufen hatten, noch irgend welche Hülfe zu leiſten. Schon lag das Schiff, nur ein kleines Fahr⸗ zeug von etwa zweihundert Tonnen, mit entſetzlicher Gewalt von den Wogen hoch gegen die Dünen ge⸗ ſchleudert, auf der Seite, und Welle auf Welle bran⸗ dete mit dumpfem Donner und hoch aufſpritzendem Schaume über die in Truͤmmer zergehenden Planken. und Rippen hin. Keine menſchliche Seele hatte bei ſo furchtbarem Andrange vermocht, an Bord des Schiffes auszuhalten, ſondern die ganze Mannſchaft hatte ſich in's Meer ge⸗ worfen, um durch Schwimmen vielleicht das nahe Rettungs⸗ 45 ufer zu erreichen. Aber Keinem war es gelungen, dem Tode zu entgehen. Werners Augen erblickten ein trau⸗ riges, herzerſchütterndes Schauſpiel. Unter den Hän⸗ den der bereits vorausgeeilten Strandbewohner ſah er vier oder fünf erſtarrte Leichname, die vergebens in den Wogen um ihr Leben gekämpft hatten. Ein trauriger, trauriger Anblick war's, die Unglücklichen bleich und ſtarr in den Sand ausgeſtreckt zu ſehen. Zwei von ihnen, ein Greis und ein Jüngling— vielleicht Vater und Sohn— hatten ſich mit Stricken feſt an einander geknüpft, um mit vereinigten Kräften gegen den Unter⸗ gang anzukämpfen. Noch waren ihre Arme krampfhaft in einander verſchlungen, und ſie ruhten Bruſt an Bruſt, wie um auch im Tode nicht der Eine vom Andern ge⸗ trennt zu werden, aber ihre Schädel waren zerſchmet⸗ tert,— von irgend einer Klippe vermuthlich—, aus klaffenden Wunden ſtrömte ihr Blut, und ihre Bruſt athmete nur noch ſchwach im letzten, röchelnden Todes⸗ kampfe. Werner beugte ſich mit Thränen in den Augen zu ihnen nieder, um zu ſehen, ob noch Rettung mög⸗ lich ſei, aber ehe er noch die erſtarrte Hand des Grei⸗ ſes ergreifen konnte, lief ein Schauer über die Glieder der Verunglückten, und im nächſten Augenblicke athme⸗ ten ſie nicht mehr. Mit zerſchmetterten Gebeinen, aber ſchon früher entſeelt, waren auch die übrigen armen Schiffbrüchigen aus ihrem naſſen Grabe herausgezogen. Nur die Gegenwart des Barons allein ſchien die rohen, faſt verthierten Strandfiſcher der Inſel zurück⸗ zuhalten, zur Plünderung der bemitleidenswerthen Tod⸗ ten zu ſchreiten. Aber ſeine Anweſenheit verhinderte ſie nicht, eine empörende Fuͤhlloſigkeit zu zeigen, als 46 ſie den Befehl erhielten, das zuſammengekettete Paar von ſeinen Feſſeln zu befreien, und die erſtarrten Leich⸗ name zum Verſcharren in den Dünenſand in eine Reihe zuſammen zu tragen. Sie gehorchten, aber mit einem frechen, rohen Grinſen, welches Werners fühlendes Herz mit Entrüſtung und Abſcheu erfüllte. Vor Allem verletzte ſein Gefuͤhl am meiſten das Benehmen jenes Menſchen, der ihm ſchon einmal nach ſeinem eigenen Schiffbruche durch ſein widerliches Ge⸗ ſicht und durch den Ausdruck von hyänenartiger Tücke und Wildheit, die ſich in ſeinen häßlichen Zügen aus⸗ prägte, unangenehm aufgefallen war. Ein Schauder des Abſcheu's rieſelte ihm am Rücken lang hernieder, als er ihn, wie damals befehlend und Alles leidend, ſtehen ſah, wie er mitten unter den Leichen ſtumpfſinnig ſeine Pfeife ſchmauchte, die auf dem Rücken zuſammen⸗ gefalteten Hände auf einen derben, ſchweren Knotenſtock ſtützte, und, mächtige Rauchwolken von ſich paffend, mit rohen Scherzen um ſich warf, die nicht verfehlten, ſtets ein wildes Gelächter ſeiner Untergebenen hervor⸗ zurufen. „Ich möchte den Kerl zu Boden ſchlagen,“ flüſterte Werner ingrimmig dem Baron zu.»Eine ſolche Roh⸗ heit bei ſolchem erbarmungswürdigen Geſchäft hätte ich niemals für möglich gehalten.“ „Was wollen Sie, junger Freund?“ entgegnete der Baron kaltblütig.„Ereifern Sie ſich nicht. Dieſe Leute ſind allerdings keine fein erzogenen Weltmenſchen; außerdem haben die häufigen Schiffbrüche an unſerem Strande und der oftmals wiederkehrende Anblick ſolcher traurigen Scenen ihr Gefühl faſt gänzlich abgeſtumpft, und es iſt daher ganz natürlich, daß ihr Benehmen ———— 47 roh iſt, und ſie nicht den beſten Eindruck auf einen Fremden hervorbringen. Jener Mann übrigens, der Ihnen ſo ſehr mißfällt, iſt mein Vogt und Aufſeher, und ein ſehr brauchbarer Menſch, deſſen Beiſtand ich unter dieſem Volke kaum entbehren kann. Er ſieht ſchlimmer aus, als er iſt, und ich denke, Sie werden ſich allmählig nicht nur an ſein Geſicht gewöhnen, ſon⸗ dern auch ihn ſchätzen lernen. Ich geſtehe, mir gilt er ſo viel, wie meine rechte Hand.“ In der That, wenn der Baron irgend etwas anzu⸗ ordnen hatte, ſo richtete er ſeine Worte nur an den Vogt, und gab ihm allein ſeine Befehle und Aufträge. Dies geſchah mit einer Seelenruhe, die ſein junger Be⸗ gleiter kaum beneidenswerth fand, wie ſehr ſie auch mit ſeiner eigenen, furchtbaren Aufregung im Gegenſatze ſtehen mochte. Als der Baron bei dem geſtrandeten Schiffe nichts weiter zu beſorgen hatte, ließ er eine Wache bei dem Wrack und den an's Land gezogenen Kiſten und Ballen anſtellen, wechſelte einige leiſe Worte in eſthniſcher Sprache mit ſeinem Vogt, und kehrte dann zu Werner zurück, welcher mit Trauer und Mitleiden im Hewen die Verwüſtung um ihn her betrachtete. „Kommen Sie, mein Freund, kommen Sie,“ ſagte er zu ihm.„Ich ſehe ſchon, ein ſolcher Anblick taugt nicht für ihre Nerven, und ich will Sie daher von ihm befreien. Wenn es Ihnen recht iſt, ſo begleiten Sie mich nach meinem Landhauſe auf St. Johannisberg, der uns näher liegt, als Hohenholm, und wo wir eben ſo bequem aufgehoben ſein werden, wie dort. Ueber⸗ haupt,“ fuhr er fort, als ſie ſich nach dem Landhauſe auf den Weg machten,—„uberhaupt werden Sie mich 8 48 künftighin hier und am Strande häufig beſchäftigt fin⸗ den, denn ich beſitze die Fahrzeuge eigenthümlich, die in einer Bucht hier zunächſt ihr Winterlager halten, und wo es immer zu ſchaffen gibt. Allein wenn dies auch nicht wäre, ſo würde mir's doch ein tief eingewurzelter Kopfſchmerz, woran ich ſeit mehreren Jahren leide, zur Nothwendigkeit machen, die Seeluft fleißig einzuathmen, welche mir die Aerzte gegen dieſes Uebel angerathen haben. Ihr Befehl zuerſt ſchickte mich nach Dagoe, wo ich dieſe Güter ankaufte, und mich nunmehr für immer angeſiedelt habe, weil ich in der That die beſten Wirkungen von dieſer Kur verſpüre. Beſonders thut mir die feuchtere Nachtluft auf St. Johannisberg die erſprießlichſten Dienſte. Ich habe mich darum auch, wie Sie ſehen werden, dort ganz häuslich und meinen Zwecken entſprechend eingerichtet, und es darf Sie nicht wundern, wenn dieſe Einrichtung manches Eigenthüm⸗ liche hat, wie es mir eben fuͤr meinen Zuſtagd am paſſendſten ſcheint.“ Das Landhaus lag nur eine kurze Strecke vom Meerbuſen entfernt, und Werner bemerkte nicht ohne einige Befremdung, daß es ſehr warm und behaglich durchgeheizt war. „Ja, ja, das überraſcht Sie,« ſagte der Baron lä⸗ chelnd.„Sie ſind an holzarme Gegenden gewöhnt, wo man gezwungen iſt, ſich ſehr ſparſam mit dem Brenn⸗ material zu behelfen. Hier aber, wo wir faſt uner⸗ meßliche Vorräthe an Holz haben, darf man ſchon ein wenig verſchwenderiſch ſein, und ich laſſe dieſes Land⸗ haus den ganzen Winter hindurch unausgeſetzt heizen, damit ich es warm finde, ſo oft es mir, manchmal ganz unerwarteterweiſe, beliebt, her zu gehen. Es thut mir 49 nur leid, daß ich Sie in meinen Lieblingsaufenthalt gerade zu einer Jahreszeit einführen muß, wo die mei⸗ ſten und anziehendſten Reize deſſelben erſtorben ſind. In den Sommermonaten müßten Sie hierher gekommen ſein, um von der weiten köſtlichen Ausſicht uͤberraſcht zu werden, die ſich von hier den Blicken eröffnet. Dort das baltiſche Meer mit ſeinem glänzenden Waſſerſpiegel und ſeiner Klippenſaat, und hier das Innere unſeres Eilandes mit ſeinen ausgedehnten Wieſengründen und dicht bewaldeten Anhöhen. Es iſt in Wahrheit ein köſtlicher Anblick, der an Schönheit vielleicht nur von wenigen Standpunkten der Erde übertroffen wird, die eine größere Berühmtheit genießen. Um dieſe Schön⸗ heit recht gründlich würdigen zu können, hab' ich mir deshalb auch, als ich vor einigen Jahren das Land⸗ haus erbaute, mitten über dem Hauptgebäude eine runde Kuppel aufführen laſſen, welche mir bald als Belvedere, bald als Sternwarte, bald als Muſikzimmer, bald zu anderen Zwecken dient. Nirgends verweil' ich lieber, als hier, und manchmal ſchon hat mich die Morgenröthe auf meinem Belvedere überraſcht, wenn ich bei irgend einer angenehmen Beſchäftigung vergaß, der Natur meinen Zoll durch den Schlaf abzutragen. Ihnen zu Ehren will ich dieſe Nacht mein Belvedere erleuchten laſſen, und vielleicht, wenn wir ein paar Stunden oben zugebracht haben, werden Sie mir bei⸗ ſtimmen, daß es ein gar angenehmes und behagliches Plätzchen iſt.“ 1 Werner, der ſeit ſeiner Ankunft in Dagoe zufällig noch nicht in dieſe Gegend gekommen war, wurde aller⸗ dings ein wenig überraſcht, als der Baron ihn über eine ſchmale, aber bequeme Treppe auf ſeine Kuppel Der Strandfiſcher. 4 3 führte. Eine ziemlich geräumige Rotunde nahm ihn auf, welche, wenn auch nicht gerade mit orientaliſcher Pracht, ſo doch reich und geſchmackvoll verziert und ausgeſtattet war. Ein Sopha, weich gepolſterte Arm⸗ ſeſſel, ein Tiſch mit mancherlei Inſtrumenten, ein an⸗ derer mit einer kleinen, ausgeſuchten Bibliothek und ein kleiner Speiſeſchrank machten ſo ziemlich das ganze Mobiliar aus, aber Alles war zierlich und elegant aus koſtbaren Hölzern gearbeitet. Von unten heraufgeführte und ſinnreich verſteckte Blechröhren verbreiteten eine an⸗ genehme gleichförmige Erwärmung in dem Raume, und eine Menge von Kron⸗ und Wandleuchtern ſtrahlte eine faſt blendende Füͤlle von Lichtſtrömen über ihn aus. Dieſe mehr als ungewöhnliche Erleuchtung machte Wer⸗ ner nicht minder als die Wände der Kuppel ſtaunen, welche nicht wie in der Regel von Kalk und Steinen aufgeführt waren, ſondern mehr einer ungeheueren La⸗ terne glichen, deren Seiten aus lauter Glas beſtehen. So beſtanden auch die Wände der Kuppel aus nichts als großen Spiegelſcheiben, die man ſo kunſtreich in eine eiſerne Einfaſſung gefügt hatte, daß der Sturm, der von außen gegen ſie antobte, nicht die Flamme eines der Armleuchter bewegte, obgleich ſein Heulen und Brauſen vernehmbar genug in das wunderliche Gemach drang. Die Ausſicht von dieſer Glaskuppel mußte alſo freilich wohl eine unbeſchränkte ſein, da man in ihr, durch die Spiegelſcheiben wenig behindert, faſt wie im Freien ſtand, und Werner konnte ſich nun er⸗ klären, warum der Baron eben dieſe Ausſicht ſo außer⸗ ordentlich anpries und rühmte. Daß die glänzende Er⸗ leuchtung und die Durchſichtigkeit der Wände noch einen 51 anderen, beſonderen Zweck haben könne, das fiel dem argloſen Werner nicht im entfernteſten ein. Bis ſpät in die Nacht hinein verweilte der Baron mit ſeinem jungen Begleiter in dieſer luftig hohen Warte, und ſie unterhielten ſich mit dem gemeinſchaft⸗ lichen Leſen von einem der Bücher aus der kleinen Bibliothek, wobei Werner meiſt den Vorleſer machen mußte. Obgleich er dadurch ſo beſchäftigt war, daß er ſeine Aufmerkſamkeit nur flüchtig auf etwas Anderes richten konnte, fiel es ihm dennoch auf, daß der Baron ſelt⸗ ſam unruhig und zerſtreut war, und mehr in die Nacht hinaus als auf das Vorleſen Werners zu horchen ſchien, wie wenn er eben der Entſcheidung irgend eines wichtigen Unternehmens in ungewiſſer Faſſung entgegen⸗ harrte. Seine Augen zeigten einen ſeltſamen, unſtäten, geſpannten Ausdruck, und einige Male ſprang er ſogar vom Sopha auf und maß die Kuppel mit unruhigen, heftigen Schritten. Dieſe Unruhe und Zerſtreutheit war allerdings nicht ohne Grund. Der Sturm dauerte noch immer mit unverminderter Heftigkeit fort, und mitten durch ſein Pfeifen, Sauſen und Rauſchen hin⸗ durch ſchallten zuweilen kurz abgebrochene Donner, welche den aufhorchenden Werner ſehr lebhaft an die Noth⸗ ſchüſſe erinnerten, die er vor einbrechender Nacht auf der Düne am Strande vernommen hatte. Sollten dieſe Donner vielleicht ebenfalls Nothſchüſſe ſein? Die Wände der Glaskuppel dämpften den Schall, ſo daß Werner ſeiner Sache nicht recht gewiß war. Er fragte den Baron. Dieſer zuckte die Achſeln und gab aus⸗ weichende, unbeſtimmte Antworten, während er bei je⸗ der Wiederholung des dumpfen Schalles unwillkürlich 5² zuſammenfuhr und jedes Mal eine flüchtige Bläſſe ſeine entſchloſſenen, geſpannten Züge überflog. Der Morgen fing ſchon an zu dämmern, als der Baron endlich Miene machte, ſeinen jungen Freund zu verabſchieden. Er rieth ihm an, nach Hohenholm zu⸗ rückzukehren, und Werner war eben im Begriffe, dieſem Rathe Folge zu leiſten, als plötzlich der ihm ſo wider⸗ wärtige Vogt des Barons erſchien und die traurige Meldung überbrachte, daß während der nächtlichen Fin⸗ ſterniß noch ein Schiff in der Nähe geſtrandet ſein müſſe, weil eine große Anzahl von Kiſten und Ballen nebſt Schiffstrümmern mancherlei Art zerſtreut an's Land getrieben worden ſeien. Der Baron nahm die Nachricht mit ziemlicher Faſ⸗ ſung auf, Werner bemerkte ſogar, daß ſeine Züge ſich erheiterten, als er die Meldung empfing, und ein un⸗ beſtimmter, düſterer Verdacht tauchte in ſeiner Seele gegen den Baron auf. Die zweite Leuchtflamme, welche Kapitän Wildenrad geſehen und welche ſein Schiff in's Verderben gelockt hatte, konnte es nicht möglicherweiſe die ſo ſonderbar hell erleuchtete Kuppel des Belvedere geweſen ſein? Gleich einem Blitze fuhr dieſer Gedanke durch Werners Seele, und wie geblendet ſchloß er vor ihm die Augen. Aber nein! Es war ja nicht möglich! Der Baron gehörte ja nicht zu den Strandfiſchern, er beaufſichtigte ſie nur, damit nichts Unmenſchliches bei ihrem Gewerbe vorkommen möge. Er war ein reicher Mann, der reichſte auf der Inſel, wie hätte er ſich noch mit dem Gute armer Verunglückter, armer ſchiffbrüchiger See⸗ leute bereichern mögen? Werner verwarf den Gedanken ſo ſchnell als er gekommen war, und als der Baron 5³* ihm erklärte, daß er durch die Erſcheinung des ihm ſo widerlichen Vogts noch zurückgehalten werde, um ſeine Pflicht zu erfüllen und die Strandbewohner zu über⸗ wachen, ſo kehrte er allein wieder nach Hohenholm zu⸗ rück, während der Baron mit dem Vogte den Weg nach dem Strande einſchlug. Kaum hatte indeß Werner hundert Schritte zurück⸗ gelegt, als ihn der heftige Ton von des Barons Stimme noch einmal auf einige Augenblicke feſſelte. Er blieb ſtehen und ſchaute zuruͤck. Der Baron ſtand mit dem Vogte vor der Thür des Landhauſes und ſchien in die angelegentlichſte Unterredung mit ihm verwickelt zu ſein, die ſich ſelbſt bis zur hitzigſten Heftigkeit ſteigerte. Der Vogt ſchien kurze, barſche und nichts weniger als de⸗ müthige Antworten zu geben; da ſich aber Beide der eſthniſchen Sprache bedienten, ſo verſtand Werner kein Wort und wunderte ſich nur, daß der Vogt es wagte, eine ſo trotzige Haltung gegen ſeinen Herrn und Ge⸗ bieter anzunehmen. Von der knechtiſchen Scheu und der mehr als fklaviſchen, faſt hündiſchen Unterwürfig⸗ keit der übrigen Strandbewohner vor dem Baron fand ſich bei dieſem Menſchen keine Spur, und er blickte ſeinem Gebieter ſo feſt und frech in's Auge, als ob er auf ganz gleichem Fuße mit ihm ſtände. Wie es ſchon öfters geſchehen war, ſo auch in dieſem Falle. Der Baron, anſtatt den Vogt mit ſeinem zornigen Grimme niederzuſchmettern, gab ihm vielmehr in ſchnell errunge⸗ ner, wenn nicht gar erzwungener Mäßigung nach und beugte ſich faſt vor ſeinem Sklaven, der ihn zuletzt ohne allen Reſpekt am Arme ergriff und in der Rich⸗ tung nach der Meeresküſte beinahe gewaltſam fortzog. Bald verlor Werner die beiden Männer im Schnee⸗ 54 geſtöber aus den Augen, und er ſelber ſetzte, das Haupt nachdenklich auf die Bruſt gebeugt, ſeinen Weg nach Hohenholm fort. Welches mochten die Gründe ſein, die den ſonſt ſo ſtolzen und herriſchen Baron zur Nachgiebigkeit ge⸗ gen einen niedrig gebornen Knecht beſtimmten? Werner ſuchte vergeblich den Schlüſſel zu dieſem Räthſel, das ihm ſchwieriger als jedes andere aufzu⸗ löſen ſchien. Mißmuthig und trüber Gedanken voll erreichte er endlich Hohenholm und begab ſich auf ſein Zimmer, wo er noch Stunden lang über Dinge und Verhältniſſe brütete, die eben nicht geeignet waren, ſein Gemüth heiter zu ſtimmen. Irgend ein Geheim⸗ niß umgab jedenfalls den Baron, und Werner fürchtete nur zu ſehr, daß dieſes Geheimniß kein heiteres, ſon⸗ dern eher ein finſteres, ſchwarzes und Unheil drohen⸗ des ſein müſſe. Viertes Kapitel. Ein alter Freund. Nur wenige Tage waren ſeit dem nächtlichen Be⸗ ſuche auf der Glaskuppel verſtrichen, als der Baron ſeinem jungen Freunde die Mittheilung machte, daß er, wie gewöhnlich im Winter, eine längere Neiſe in Han⸗ delsgeſchäften antreten müſſe. „Ich bin gezwungen, ſie im Winter zu machen,“ 1 1 5⁵ fügte er hinzu, als Werner ihn verwundert anſchaute, „denn nur während der rauheren Jahreszeit, wo alle Flüſſe und Sümpfe durch natürliche Brücken die Um⸗ wege der Sommerſtraßen abkürzen, und die Schneedecke auch die ſchwerſten Laſten leichter beweglich macht, iſt in unſeren nordiſchen Reichen der Verkehr und die Verſendung der Handelsprodukte am lebhafteſten. Da iſt es mir nun äußerſt angenehm, daß ich Sie als eine Stütze der Meinigen daheim weiß, indem ich überzeugt bin, daß ich Ihnen das volle Vertrauen ſchenken darf. Ich überlaſſe Ihnen während meiner Abweſenheit die ganze Aufſicht und Verwaltung meines Haushaltes, welcher, wie Sie wiſſen, eine vielſeitige Thaͤtigkeit in Anſpruch nimmt. Bücher, Rechnungen, Einnahmen, Ausgaben, kurz, Alles gebe ich in Ihre Hände, und obgleich ich Ihnen mit dieſen Geſchäften eine ſchwere Bürde auflade, weiß ich doch auch, daß Sie mein Ver⸗ trauen in jeder Beziehung rechtfertigen werden und ſich von meiner innigſten Dankbarkeit überzeugt halten.“ „Aber, Herr Baron,“ wandte Werner ein,„Sie vergeſſen, daß ich der eſthniſchen Sprache nicht mächtig bin; wie ſoll ich mich mit Ihren Leuten verſtändigen?« »„Ah, das wird ſchon gehen, wenn Sie nur wollen, und Ihren Diener, den alten Franz, mit zu Hülfe neh⸗ men. Er iſt mit allen Einzelnheiten ziemlich vertraut, und es fehlt ihm nur das Geſchick zur einſichtsvollen Leitung der Geſchäfte, das Sie in ſo hohem Grade beſitzen. Nein, gewiß, Sie dürfen mir meine Bitte nicht abſchlagen, dürfen mein Vertrauen nicht zurück⸗ weiſen.“— Werner fühlte ſich in der That zu ſehr geſchmeichelt durch dieſes Vertrauen des Barons, als daß er es 56 hätte ablehnen können. Der Baron weihte ihn in alle ſeine weit verzweigten häuslichen Angelegenheiten ein, und reiste dann in Begleitung ſeines Vogtes nach dem feſten Lande ab. Wenn irgend etwas das rege gewordene Mißtrauen Werners gegen den Baron einſchläfern mußte, ſo war es gewiß die rückhaltsloſe Offenheit, mit welcher dieſer ihn in alle ſeine Verhältniſſe blicken ließ. Werner überzeugte ſich bald, daß der Geſchäftsverkehr des Ba⸗ rons noch weit ausgedehnter ſein müſſe, als er bisher vermuthet hatte, und von unrechtlichen, oder gar ver⸗ brecheriſchen Handlungen fand ſich in ſeinen Büchern keine Spur. Indem er ſich ſelbſt Vorwürfe machte, daß er irgend einen, wenn auch noch ſo unbeſtimmten Verdacht gegen den Baron gehegt hatte, beſorgte er mit dem größten Eifer und der genaueſten Sorgfalt, die ihm übertragenen Obliegenheiten, was ihm mit Hülfe des alten Franz auch ſo wohl gelang, daß ihm immer noch Zeit genug übrig blieb, den Unterricht der beiden jungen Baroneſſen ohne weſentliche Unterbrechung fort⸗ zuſetzen. Unter all dieſen gehäuften Arbeiten ſchwanden ihm ein paar Monate im geſchäftigen Still⸗Leben raſch da⸗ hin, und der Frühling meldete ſich bereits mit ſeinen grünen Grasſpitzen, die hie und da aus der Erde her⸗ vorſtachen, die Blumen fingen an zu blühen, und die jungen Birken begannen ſich wieder in ihr zartes grü⸗ nes Blättergewand zu kleiden, ohne daß eine Unter⸗“ brechung von Wichtigkeit die Ruhe und den Frieden auf Hohenholm geſtört hätte. Aber eine Ueberraſchung anderer Art erwartete Werner, die ihm wie ein Licht⸗ punkt in ſeinem einförmigen Leben erſcheinen und 57 Manches, was dunkel in ſeiner Seele lag, zu klarerem Bewußtſein bringen ſollte. Eines Tages, als er ſeinen Schülerinnen geogra⸗ phiſchen Unterricht ertheilte, ſtellte er ihnen die Aufgabe, eine leicht hingeworfene Karte von Dagoe, ihrem hei⸗ mathlichen Eilande, zu entwerfen. Die Inſel war ih⸗ nen genugſam bekannt, und es machte daher den Kin⸗ dern Vergnügen, rings um Hohenholm her die Namen der Ortſchaften auf ihre Karte einzutragen und dabei von den Bewohnern jeder einzelnen Beſitzung zu plau⸗ dern, die ihnen zufällig perſönlich bekannt waren. „Hier liegt Heidenhof, Herr Werner,“ ſagte Aurora, in ihrem emſigen Geſchäfte fortfahrend.„Das kenn' ich ſehr gut, und auch den Gutsherrn Woldemar von Hollmark. Weißt du noch, Cäcilie? Sonſt pflegte er uns öfters zu beſuchen, jetzt aber iſt er ſhon lange weggeblieben!« »Woldemar von Hollmark?« fragte Werner auf⸗ merkſam und mit ſichtlichem Erſtaunen.„Woldemar von Hollmark hier auf Dagoe? Und das erfahr' ich jetzt erſt? Aber unmöglich! Er lebt ja in Riga bei ſeinem alten Onkel!“« „Wie? Auch Sie kennen ihn?« ſagte Aurora er⸗ freut.„Allerdings hat er früher in Riga bei ſeinem Onkel gewohnt, und wohnt auch in dieſem Augenblicke vielleicht da, aber eben dieſer Onkel hat ihm Heidenhof abgetreten, und ſonſt brachte er immer die Frühlings⸗ und Sommermonate auf der Inſel zu. Nicht wahr, Cäcilie?« „Ja, gewiß,« antwortete die ältere Schweſter. „Doch wie kommt es, Herr Werner, daß auch Sie 58 unſeren Freund kennen? Wo haben Sie ſeine Be⸗ kanntſchaft gemacht?“« „Mein Gott,« erwiederte Werner,„wenn jener Woldemar von Hollmark der Sohn des ruſſiſchen Ge⸗ nerals iſt, welcher im Sturme auf Oczakow fiel, ſo ſind es kaum drei Jahre her, daß wir in Göttingen Wand an Wand beiſammen wohnten und in der herz⸗ lichſten Freundſchaft verbunden waren. Seitdem hat uns das Schickſal ſo weit aus einander geführt, daß wir nicht einmal in Briefwechſel geſtanden haben, aber wie ich meinen alten Freund Woldemar kenne, bewahrt er mir gewiß, wie ich ihm, die früheren warmen Ge⸗ fühle der Freundſchaft. Mich wundert nur, daß ich hier noch gar nichts von ihm gehört habe.« „Ach, das hat ſeinen guten Grund,“ entgegnete Cäcilie.„Sonſt kam er, wie geſagt, faſt jeden Tag zu uns, aber eine unglückliche Streitigkeit mit meinem Vater, vertrieb ihn auf immer.“ „Ein Streit?“ ſagte Werner.„Aber der Hollmark, den ich kenne, war nichts weniger, als ſtreitſuͤchtig.« „Er war auch nicht ſchuld,“« vertheidigte ihn Cäcilie. „Die Sache kam ſo: es entſpann ſich ein zufälliger Grenzſtreit zwiſchen Hollmarks und meines Vaters Leib⸗ eigenen über das Hutungsrecht einer elenden Wieſe, die mitten zwiſchen beiden Beſitzungen liegt, und, wie das bei dem rohen Volke ſo geht, es kam unter ihnen auf der Stelle ſelbſt zu Thätlichkeiten. Hollmark er⸗ fuhr kaum davon, als er ſich auf ein Pferd warf, um durch ſeine Gegenwart den Streit zu ſchlichten. Eine kurze Unterſuchung der Sache reichte hin, um ihn zu überzeugen, daß der Vogt meines Vaters den ganzen Streit muthwillig und ohne alle gegründete 59 Veranlaſſung vom Zaune gebrochen habe. Hollmark machte ihm vernünftige Vorſtellungen, die der elende Schurke mit ſo unverſchämter Grobheit beantwortete, daß Hollmark, überwältigt von gerechtem Zorne, ihm eine derbe Züchtigung ertheilte. Unglücklicherweiſe, Sie wiſſen es ja, Herr Werner, iſt dieſer niedrige Menſch der Liebling meines Vaters und übt eine unerklärliche Gewalt über ſeine Entſchließungen aus. Er berichtete den Hergang der Dinge in der lügenhafteſten Weiſe, aber mein Vater glaubte ihm, und die Folge davon war, daß jeder Verſuch zu gütlicher Vermittelung fehl⸗ ſchlug. Vergebens ſuchte Hollmark meinen Vater zu beſchwichtigen. Dieſer hörte weder auf die ſchlichte Darſtellung der wahren Sachlage, noch auf die Vor⸗ ſtellungen unſeres Freundes, ſondern übergab die Sache einem ſeiner Advokaten, der ſofort einen Prozeß an⸗ hängig machen mußte. Wie leicht voraus zu ſehen war, verlor mein Vater den Prozeß, und mit ihm ver⸗ loren auch wir unſern Freund. Hollmark durfte unſer Haus nicht wieder betreten, und wir haben ihn ſeit jener Zeit nicht wieder geſehen.“ „Das iſt freilich ſehr betrübend,“ ſagte Werner. „Aber iſt denn gar keine Hoffnung vorhanden, daß Ihr Vater der Vernunft Gehör geben und ſeine Geſinnungen aͤndern werde? Ihm ſelbſt müßte es doch lieb ſein, einen freundlichen Nachbar zu haben. Kein Zorn iſt unverſöhnlich, und eine allmählige Annäherung wird mit Hülfe der Zeit wohl die Verſtimmung endlich auf⸗ heben.“ Cäcilie ſchüͤttelte traurig das Köpfchen.„Ich ſehe wohl,“ ſagte ſie,„Sie kennen unſeren Vater noch nicht. Wen er einmal haßt, den haßt er unverſöhnlich. Nein, 60 ich rechne nicht darauf, daß wir Hollmark jemals hier wieder ſehen werden. Vielleicht, wenn mein Bruder Julius hier wäre, würde aller Streit vermieden ſein, denn auch er iſt ein Freund Hollmarks. Aber ſo, da der Streit einmal ſtattgefunden hat, iſt nichts mehr zu hoffen.“ „Ihr Bruder?“ fragte Werner, von Neuem ganz erſtaunt.„Haben Sie denn noch einen Bruder? Es iſt das erſte Wort, das ich von ihm höre.“ „Gewiß, meinen Bruder Julius!“ erwiederte Cä⸗ cilie.„Es wundert mich nicht, daß Sie noch nichts von ihm wiſſen, denn er iſt ſchon ſeit einigen Jahren fern auf Reiſen, und Niemand weiß, der Vater aus⸗ genommen, wann er zurückkehren wird. Oh, ihn ſoll⸗ ten Sie kennen, Herr Werner! Er iſt ein lieber, gu⸗ ter Menſch, und Sie Beide würden gewiß bald die beſten Freunde ſein.“ Auch dieſes Geſpräch mit den Kindern gab Werner Manches zu denken. Der Streit des Barons mit Hollmark war offenbar abſichtlich herheigeführt; aber aus welchen Gründen? Und warum hatte der Baron nie ſeinen Sohn erwähnt? Warum hielt er ihn fern von der Heimath? Warum endlich, darauf kam Wer⸗ ner immer grübelnd zurück, warum übte der Vogt einen ſo großen Einfluß auf den Baron aus? Vergebens ſuchte Werner in das Innere dieſer Geheimniſſe einzu⸗ dringen. Der alte Franz, den er mehrmals befragte und ausforſchte, ſtand ihm nicht Rede,— er erfuhr nichts. Mittlerweile rückte der Frühling vor und der Ba⸗ ron kehrte von ſeiner Reiſe zurück Er war verſtimmt und mißmuthig, und als Werner ihm Gluck zur Heim⸗ 61 kunft wünſchte, verſetzte er finſter:„Laſſen Sie mich in Ruhe, lieber Freund! Ich betrete mein Haus um ſechzigtauſend Rubel ärmer, und da ſehen Sie wohl ein, daß nichts weniger als Glückwünſche am Platze ſind. Schlimm genug, daß auch die beſtangelegten Spekulationen zuweilen an der Schlechtigkeit und Ver⸗ rätherei von Schurken ſcheitern können!“ Werner ſchwieg natürlich, um den Baron nicht noch mehr zu reizen, aber zugleich fühlte er ſich in ſei⸗ nen Verhältniſſen unbehaglicher als jemals. Allen im Hauſe ſchien es ähnlich zu ergehen. Man ſah nur verſchloſſene, ſcheue Geſichter, und die Anweſenheit des Barons ſchien wie eine Wetterwolke ſchwül und drückend auf jeder Seele zu laſten. Um ſich zu zerſtreuen und die häßliche Stimmung loszuwerden, welche ihm die Stunden verbitterte, machte Werner einige Tage nach der Ankunft des Barons einen Spaziergang in's Freie. Mit der Vogelflinte auf dem Rücken ſchlenderte er über die Wieſen entlang und näherte ſich einem Gehölze, das er auf ſeinen Ausflügen noch niemals betreten hatte. Unwillkürlich zog es ihn dahin, weil jenſeits dieſes Gehölzes Heiden⸗ hof lag, das Beſitzthum ſeines Freundes Hollmark, an den ihn erſt kürzlich das Geſpräch mit den Töchtern des Barons ſo lebhaft erinnert hatte. In Gedanken verloren betrat er den lieblichen Schatten der Gebüſche, verfolgte den Lauf eines Forellenbaches, entfernte ſich weiter und weiter vom Gebiete des Schloſſes Hohen⸗ holm, und ſchreckte aus ſeinem Nachſinnen erſt auf, als er ganz unerwartet und plötzlich einem jungen Manne gegenüber ſtand, der, ebenfalls mit Gewehr und Jagd⸗ 8 6²2 taſche ausgerüſtet, einen Ruf des Erſtaunens und der Ueberraſchung ausſtieß. „Beim Himmel, ſeh' ich recht, Werner!“ „Hollmark! Iſt's möglich? Du hier?« Dem freudigen Erkennen folgte eine ebenſo freudige und herzliche Umarmung. Die beiden jungen Männer warfen Flinte und Jagdtaſche von ſich, ließen ſich auf den grünen, ſchwellenden Raſen nieder, und tauſchten mit einander die Erlebniſſe ihrer letzten Jahre aus. Was Hollmark betraf, ſo beſtätigte er Alles, was die Töchter des Barons über ihn erzählt hatten, und Wer⸗ ner erfuhr an Neuigkeiten nur, daß er erſt den Tag vorher von Petersburg auf ſeinem Landgute eingetroffen ſei und daß heute ein abſichtsloſer Spaziergang ihn mit Werner zuſammengeführt habe. „Deſto mehr bin ich überraſcht, in dir den Haus⸗ lehrer von Hohenholm gefunden zu haben,“ fuhr Holl⸗ mark fort.„Zwar wußte ich ſchon durch das Gerücht, daß ein Deutſcher drüben ſei, aber es konnte mir na⸗ türlich nicht entfernt einfallen, daß dieſer Deutſche ge⸗ rade du, mein lieber, alter Freund Werner ſein konnteſt. Aber ſag' an, wie gefällt es dir in dem Hauſe des Barons? Du weißt wohl, daß du offen mit mir re⸗ den kannſt, und ich dagegen kenne Manches von den Verhältniſſen da druben, deſſen Mittheilung nicht ohne Nutzen für dich ſein dürfte.“ Werner verhehlte dem Freunde nichts, er theilte ihm ſeine ganze Lage und alle Verhältniſſe mit, und verhehlte ſelbſt den unbeſtimmten Verdacht nicht, den er gegen den Baron hegte. Hollmark höͤrte ihm aufmerk⸗ ſam zu. „Deine Ahnungen trügen nicht,« ſagte er, als 63 Werner ihm ſein ganzes Herz ausgeſchüttet hatte.„Der Baron iſt ein hoͤchſt zweideutiger Menſch, und ich fürchte, er hat ſelbſt mehr und Größeres auf dem Ge⸗ wiſſen, als wir nur vermuthen können. Ich würde dir rathen, augenblicklich ſein Haus zu verlaſſen und zu fliehen, wenn nicht ſelbſt dies gefährlich wäre. Außer⸗ dem, Baron Julius, der Sohn des Hauſes, trifft mor⸗ gen bei Euch ein, ohne daß ſein Vater eine Ahnung davon hat. Er wenigſtes iſt ein braver, rechtſchaffener Menſch, und ich hoffe, du wirſt eine Stütze an ihn finden, wenn einmal der Blitz, der immer droht, aus der Wetterwolke hervorſchießen ſollte. Im Uebrigen rathe ich dir: mißtraue dem Baron! Mißtraue ihm, ſo viel du kannſt! kein Wort, keine Miene, kein Schritt von dieſem Manne iſt ſo gleichgültig, daß nicht eine verſteckte Abſicht, ein nahes oder entferntes Ziel darunter verborgen wäre. Ich kann dir noch nicht Alles ſagen, was ich ſelbſt nicht mit Ueberzeugung weiß und was ich gerne für unwahr halten will, bis mir die Ueberzeugung in die Hand gegeben wird. Aber ich fürchte, auch das Verborgenſte wird eines Tages die ewige Gerechtigkeit des Himmels an's Tageslicht bringen. Nur ſo viel weiß ich mit Sicherheit, daß die Handelsgeſchäfte des Barons ein ganz anderes Getreibe maskiren ſollen, ich weiß, daß er einen Schleichhandel mi verbotenen Waaren treibt, der wahrlich in's Große geht.“ Werner war im höchſten Grade beſtürzt.„Wie iſt das möglich?« erwiederte er.„Du muß dich irren, Hollmark! Ich führe ja die Handelsbücher des Barons, die ich ſelbſt eingerichtet habe, und daraus weiß ich mit der größten Beſtimmtheit, daß ſeine Spekulationen und 64 Reiſen nichts weiter bezwecken, als die Erzeugniſſe ſei⸗ nes Bodens und die Produkte ſeiner Fabriken auf Da⸗ goe in den Handel zu bringen.“ „Ja, dies iſt allerdings der Deckmantel ſeiner ver⸗ brecheriſchen Thätigkeit,“ entgegnete Hollmark.„Kennſt du aber etwa jeden Winkel und jedes Gelaß in den weitläufigen Gebäuden von Hohenholm? Haſt du ſchon alle verſteckte, wohl verborgene Magazine des Ba⸗ rons geſehen? Haſt du gefragt und erfahren, welche Ladungen der Raum ſeiner Schiffe birgt? Nein, nein, widerſprich mir nicht, ſondern höre mich an. Noch zu Anfang dieſes Monats war der Baron in Petersburg. Auch ich war dort, und ich kenne den Grund der üblen Laune, mit welcher er nach Hauſe zurückgekehrt iſt und über die du dich noch eben erſt gegen mich beklagteſt. Ich glaube wohl, daß er ſchlecht geſtimmt iſt, denn das Geld iſt ſein Abgott, und es iſt ihm alſo nicht gleich⸗ gültig, daß er in Petersburg mit Einem Schlage ſech⸗ zigtauſend Rubel...“ „Verloren hat,“ fiel Werner ein.»Ich weiß es wohl, er hat es mir ſelber geſagt.“ „Aber er hat dir nicht geſagt, durch was er ſie verloren hat,“ entgegnete Hollmark.„Er hat ſie als Strafe für den Schmuggelhandel bezahlen müſſen, über den er durch einen eigenthümlichen Zufall ertappt wurde. Sieh, mein Freund, ich kenne die Sache ganz genau, indem das Schickſal gerade mich zum Werkzeuge erleſen hat, den Baron in die Hände der ſtrafenden Gerechtigkeit zu liefern! Du erſtaunſt? Nun denn, ſo hoͤre mich an, und lerne im Zufall die Fügung des Himmels erkennen. „Vor wenigen Wochen führte mich eines Abends, 65 als ich aus einer Geſellſchaft kam, der Weg nach mei⸗ nem Gaſthauſe an der Admiralität vorüber. Ich war allein, unbegleitet und zu Fuße. Indem ich um eine Ecke bog, kam mir ein Menſch entgegen, welcher wie ein Schiffer in die ſchwediſche Seemannstracht gekleidet war. Eine unbeſtimmte Aehnlichkeit fiel mir auf, ich ſah den Menſchen noch einmal genauer und ſchärfer an, und wen, meinſt du, erkenne ich in dem fremden Schiffer? Den Baron Unken! Noch zweifelte ich an dieſer ſeltſamen Entdeckung, die ſo viel Unwahr⸗ ſcheinliches hatte, aber jeder Zweifel mußte wohl ſchwin⸗ den, als ich dicht hinter dem Baron auch noch das tückiſche, ſpitzbübiſche Geſicht ſeines Vogtes in einer ähnlichen Verkappung erſcheinen ſah. Mein Erſtaunen mochte wohl deutlich genug bemerkbar ſein, und es entging auch dem Baron nicht. Seine Züge entſtellten ſich zur Wuth, und da er ſich erkannt ſah und fürchten mochte, daß ich nicht reinen Mund halten würde, ſo gab er ſeinem Begleiter einen Wink, welcher ohne Zögern eine kleine Pfeife an die Lippen ſetzte und einen gellenden Pfiff erſchallen ließ. Jetzt glaubte ich mich nicht mehr ſicher, und ſuchte ſchleunigſt mein Heil in der Flucht. Aber ſchon war es zu ſpät. Zwei oder drei Matroſen eilten raſch herbei, ſtürzten ſich auf mich, riſſen mich in einem Augenblicke zu Boden, und ſchlepp⸗ ten mich trotz meines verzweifelten Widerſtandes und lauten Hülfegeſchrei's mit ſich fort. „Ich gab mich verloren. „Die Straße war öde, die Nacht ſchon weit vor⸗ gerückt, und das Fahrzeug, nach welchem ich hingezogen wurde, lag, kaum hundert Schritte entfernt, auf dem Strome vor Anker. Aber Gott wachte über mich. Der Der Strandfiſcher. 5 66 Bubenſtreich war ſchon mehr als zur Hälfte gelungen, als mir noch ganz unerwartete Hülfe zu Theil wurde. Irgend welche Zeugen der Gewaltthat mußten doch in der Nähe, vielleicht in einer Seitengaſſe, geweilt und mein lautes Rufen nach Hülfe vernommen haben. Sie rannten herzu, und es entſtand ein Zuſammenlauf von Menſchen, in der nächſten Minute ſahen wir uns auf dem Verdecke des Fahrzeugs umringt, und ich wurde un gewaltthätigen Händen meiner Verfolger ent⸗ riſſen. „Nicht lange, ſo erſchien auch die Polizeiwache und nahm die Angreifer feſt, ſowie ihr Schiff ſammt Allem, was darin war, in Beſchlag, während ich nur Namen und Wohnung anzugeben brauchte, um ſofort mit aller Höflichkeit entlaſſen zu werden. Am andern Morgen aber ſchickte der Chef der Polizei zu mir, um zu erfahren, was für nähere Erläuterungen ich über den ganzen Vorfall zu geben wiſſe, und welche Ge⸗ nugthuung ich für mich in Anſpruch nehmen wolle? „Naturlich ſchlug ich die letztere aus und konnte es auch nicht über mich gewinnen, den Namen meines Widerſachers preiszugeben, da ich mich vor Allem ſei⸗ ner ſchuldloſen Familie erinnerte, und ſie nicht in un⸗ vermeidliches Verderben ſtürzen wollte. Später erfuhr ich, daß der Baron ſchlau die Maske, welche er ange⸗ nommen hatte, benutzt, und ſich, ohne entdeckt zu wer⸗ den, für einen norwegiſchen Fiſcher ausgegeben habe. Alle Liſt und Schlauheit konnte indeß nicht verhindern, daß die Ladung des mit Beſchlag genommenen Schiffes einer genaueren Unterſuchung unterworfen wurde, als vorher bei der eigentlichen Zollſtatte ſtattgefunden ha⸗ ben mochte, und es fand ſich nun, daß dieſe Ladung 67 zum größten Theile in verbotenen oder doch ſehr hoch beſteuerten Schmuggelwaaren beſtand. Natürlich wur⸗ den ſie in Folge der Entdeckung nebſt dem Schiffe ſo⸗ fort consfiscirt, und Schiffer„Kundſon« ward als Schleichhändler zu der geſetzmäßigen Strafe verurtheilt. „Wie er die bedeutende Strafſumme gleich zuſam⸗ menbrachte, weiß ich nicht. Vielleicht mochten ſeine Handelsfreunde Urſache haben, ihn nicht in ſeiner Ver⸗ legenheit ſtecken zu laſſen, kurz, binnen vierundzwanzig Stunden war das Geld da, und Schiffer Kundſon nebſt ſeinem Steuermanne wurden aus der Haft ent⸗ laſſen. Seines wirklichen Namens war gar keine Er⸗ wähnung geſchehen, was zu hinlänglichem. Beweiſe dient, daß der Baron ihn ſeinen Richtern zu verbergen gewußt hat. Aber ſeinen Grimm gegen mich kannſt du dir denken, gegen mich, der ich die unſchuldige Veran⸗ laſſung zu dem ganzen Unheile hatte geben müſſen.“ „Und doch wagſt du dich hierher, in ſeine Nähe?« fragte Werner, der ſich in das Gehörte noch kaum finden konnte.„Fürchteſt du nicht, daß ſich der Baron an dir zu rächen ſuchen wird?« „Was kann er mir anhaben?“ entgegnete Holl⸗ mark mit ſorgloſem Lächeln. Nein, mich kuͤmmert ſein Zorn wenig, denn er vermag mich nicht zu treffen. Aber für dich fürchte ich allerdings, wenn er unglück⸗ licherweiſe erfahren ſollte, daß wir Freunde ſind, und muthmaßen könnte, daß wir uns geſprochen haben. Sein Mißtrauen wird ihm dann ſogleich ſagen, daß du Alles weißt, und in dieſem Falle biſt du nicht mehr ſicher in ſeinem Hauſe. Indeß, eine ſolche Entdeckung iſt kaum zu befürchten. Nur zwei von meinen ver⸗ trauteſten Dienern wiſſen um mein Hierſein, und 5 ⁸ 68 überdies werde ich in den nächſten Tagen ſchon wieder abreiſen. Nur Julius will ich noch ſprechen, um dich ſeinem treuen Schutze zu empfehlen, und dann meinen Onkel in Riga aufſuchen, der mich erwartet.“ „Aber wir werden uns vor deiner Abreiſe noch einmal ſehen, Hollmark?« „Nein! Um deinetwillen nicht! Jede ſolche Zu⸗ ſammenkunft duͤrfte gefährlich werden, und überhaupt, fürchte ich, ſind wir ſchon zu lange bei einander ge⸗ blieben, denn die leiſeſte Ahnung dieſer Unterredung wäre hinreichend zu deinem Verderben. Nur einige Rathſchläge noch, und ich bitte dich, ſie genau zu be⸗ folgen. Wenn Julius kommt, ſo benachrichtige ihn heimlich, daß ich hier bin und ihn erwarte. Uebrigens ſtelle dich fremd gegen ihn, wie er auch gegen dich thun wird, thun muß. Verrathe ferner durch keine Miene, durch keine Sylbe, was in dir vorgeht, und daß du irgend einen Verdacht gegen den Baron hegſt. Du ſtehſt über einer Pulvermine, und das geringſte Mißtrauen des Barons kann der Funke werden, der dich in die Luft ſprengt. Und ganz beſonders: hüte dich vor Jöggi Kusbal, dem Vogte. Er iſt ein Spion, ein Aufpaſſer, ein Schurke durch und durch. Und nun lebe wohl, mein Freund! Während du hier biſt, werde ich für dich geſchäftig ſein, und es müßte mir Alles fehlſchlagen, wenn ich nicht irgend einen guten Poſten für dich ausfindig machte. Es fehlt mir nicht an Freunden in Petersburg, und du kennſt mich hinläng⸗ lich, um zu wiſſen, daß ich Wort halte. Alſo gedulde dich noch kurze Zeit, hüte deine Blicke, deine Worte, und bald, hoffentlich, werden wir uns in beſſeren Ver⸗ hältniſſen wiederſehen.“ 69 Noch ein letzter warmer Händedruck, und Hollmark verſchwand im Dickicht, ſeinen Freund Werner in ban⸗ ges Nachſinnen verſunken zurücklaſſend. Fünftes Kapitel. Der Sohn des Hauſes. Tiefer als je war das bereits wiederkehrende Ver⸗ trauen Werners auf die Rechtlichkeit des Barons durch die Mittheilungen ſeines Freundes Hollmark erſchüttert worden, und nur mit innerlichem Widerſtreben kehrte er in das Haus deſſelben zurück, vor welchem ihm in tiefſter Seele zu grauen anfing. Welch' eine Zukunft lag vor ihm! Er ſollte ein Lächeln auf den Lippen tragen, während der ſchwärzeſte Verdacht an ſeinem Herzen nagte! Er ſollte eine heitere Stirn zeigen, während ſeine Gedanken düſter waren, wie aufſteigende finſtere Gewitterwolken! Er ſollte mit dem Anſchein argloſeſten Vertrauens auftreten, während er von dem dunkeln, verbrecheriſchen Treiben des Barons nahezu überzeugt war! Das war eine ſchwere Aufgabe für Werner, welcher niemals die ſchwere Kunſt der Ver⸗ ſtellung gelernt und geübt hatte. Er brachte eine unruhige und ſchlafloſe Nacht zu. In ſeinem Zimmer auf und nieder ſchreitend, erwog und prüfte er die Enthüllungen ſeines Freundes Holl⸗ mark, und öfter als einmal drängte ſich ihm faſt unwiderſtehlich der Gedanke an ſchnelle, heimliche Flucht auf. Aber er hatte dem Baron ſein Wort gegeben, ihn für's Erſte nicht zu verlaſſen, und bevor die ver⸗ brecheriſchen Handlungen deſſelben nicht unwiderleglich erwieſen waren, glaubte er dieſes Wort nicht brechen zu dürfen. Am Ende hatte gerade Er ſich auch am wenigſten über den Baron zu beklagen. Immer war dieſer freundlich und zuvorkommend gegen ihn geweſen, und als er das Betragen deſſelben ſeit ſeiner Ankunft im Gedächtniſſe durchging, fand er keinen Punkt, der hinreichenden Grund zu dem Verdachte gegeben hätte, welcher gleichwohl in Werners Seele entſtanden und von Hollmark neuerdings verſtärkt worden war. Aber konnte ſich denn nicht auch Hollmark irren? Erſchien denn eine Täuſchung in Bezug auf den Baron ſo ganz unmöglich? Im Grunde genommen, keineswegs. Wenn nun jener Schiffer in Petersburg wirklich der Schwede Kundſon, und nicht der Baron geweſen war? Gibt es nicht zufällige Aehnlichkeiten in der Welt, und hatte ſich Hollmark vielleicht durch eine ſolche Aehnlichkeit täuſchen laſſen? Es ſprach Manches dafür. Zumeiſt der ſeltſame, oder doch Werner ſeltſam vorkommende Umſtand, daß man in Petersburg einen ſo bekannten und vornehmen Herrn nicht auf der Stelle als den Baron erkannt hatte, obgleich derſelbe, wie Werner wußte, doch Jahre lang als Kammerherr am ruſſiſchen Hofe geweſen war. Wie leicht wäre ein Wiedererken⸗ nen geweſen, und wie erſtaunlich nahe lag es. Und doch hatte der Schleichhändler vor Gericht nur als der Schwede Kundſon gegolten und war als ſolcher ſelbſt von der Schiffmannſchaft bezeichnet worden, die das 71 Geheimniß doch ſchwerlich bewahrt haben würde, wenn ein Geheimniß wirklich obgewaltet hätte. Je länger Werner über dieſen Punkt nachgrübelte, deſto zweifelhafter wurde ihm die Erzählung Hollmarks, und als er ſich endlich zur Ruhe legte, hatte er ſich bei ſeinem guten Herzen, das nur ſchwer an die Schlechtigkeit eines Menſchen glauben konnte, ſchon mehr als halb überredet, daß der Baron des angeklag⸗ ten Verbrechens unſchuldig, und ſein Freund Hollmark durch die Dunkelheit und die Aufregung ſeiner ſo ge⸗ fährlichen Lage getäuſcht worden ſei. Am andern Morgen befeſtigte ſich Werner noch mehr in dieſer Ueberzeugung, und mit ziemlich beruhig⸗ tem Herzen faßte er endlich den Vorſatz, ſich jedes Verdachtes gegen den Baron zu enthalten, bis er ſich durch eigene Erfahrung und Beobachtung eine beſtimm⸗ tere Ueberzeugung verſchafft haben würde. Werner hatte die Gewohnheit, ein ziemlich regel⸗ mäßiges Tagebuch zu führen. Er blieb ihr auch unter ſeinen jetzigen Verhältniſſen getreu, und da es noch zu früh war, die Unterrichtsſtunden mit den Töchtern des Barons zu beginnen, benutzte er die Morgenſtunde, um die Erlebniſſe des vergangenen Tages in ſein Heft ein⸗ zutragen. Er war damit beinahe zu Ende, als der alte Franz zu ihm eintrat und ihm die Meldung über⸗ brachte, daß der Baron ihn augenblicklich zu ſprechen wünſche. Werner klappte ſein Buch zu, warf es in eine offenſtehende Schublade, und verließ ſein Zimmer, ohne wie gewöhnlich die Schublade wieder zu ver⸗ ſchließen. Der Baron hatte ihm nur einige unbedeu⸗ tende Fragen vorzulegen, und Werner war eben im Begriff, in ſeine ſtille Klauſe zurückzukehren, als plötzlich 7² die Thür aufſchlug, und unangemeldet ein junger Mann von blühender Schönheit in das Gemach trat. Der Baron, eben mit dem Verſiegeln eines Briefes beſchäf⸗ tigt, blickte in die Höhe, und mit dem mehr ſchreckhaf⸗ ten als freudigen Ausrufe:„Julius! Mein Sohn!“ entſanken Brief und Siegellack ſeinen zitternden Hän⸗ den, während ſein Geſich von einer fahlen Bläſſe über⸗ zogen wurde. „Beim Himmel,“ fuhr er dann, ſchnell geſammelt, fort,—„was führt dich ſo ganz unerwartet in die Heimath zurück? Ich will doch nicht fürchten, daß...« „Fürchten Sie nichts, mein Vater,“ fiel ihm der junge Mann in die Rede, indem er ſich über die Hand des Barons niederbeugte und ſie an ſeine Lippen führte. „»Nur mein Herz und eine lange unterdrückte Sehnſucht nach dem väterlichen Hauſe haben mich zur Rückkehr bewogen. Seit mehreren Jahren bin ich fern und der Heimath fremd geworden, und es litt mich nicht länger in den fernen Ländern. Ich kehre mit dem Wunſche zurück, mich Ihnen nützlich zu machen, und bitte Sie, mein Vater, Ihren Sohn mit Güte aufzunehmen.“ „Zweifle nicht daran,“ antwortete der Baron, der ſich mittlerweile ganz gefaßt hatte.„Ich freue mich deiner Ankunft, und auch deine Schweſtern werden ent⸗ zuͤckt ſein. Aurora! Cäcilie! Kommt geſchwind!« Die beiden Kinder eilten herbei und flogen mit ſtürmiſcher Freude an das Herz des Bruders. Werner fühlte, daß er als Fremder bei dieſem Wiederſehen über⸗ flüſſig ſei, und zog ſich zurück. Als er ſein Zimmer wieder erreichte, wunderte er ſich, den Vogt auf dem Gange zu erblicken, und es ſchien ihm ſogar, als ob derſelbe eben erſt ſein Zimmer verlaſſen habe. Ehe er 7³ jedoch eine Frage deßhalb an ihn richten konnte, war der Menſch bereits am andern Ende des Ganges wie⸗ der verſchwunden, und huſchte wie ein Schatten die Treppe hinab. „Was kann er hier zu ſuchen haben?“ fragte ſich Werner, würde indeß den Vorfall als ziemlich bedeu⸗ tungslos gewiß bald wieder vergeſſen haben, wenn nicht kurz nach der Entfernung des Vogtes der alte Franz in ſein Zimmer getreten wäre. „Herr Werner,“ ſagte er leiſe und ſcheu, als ob er fürchtete, gehört zu werden,„der Vogt war während Ihrer Abweſenheit hier.“ „Was ſchadet es?« entgegnete Werner.„Hier fin⸗ det er ja nichts, was ſeine Rohheit zu meinem Nach⸗ theile benutzen könnte.“ „Wer weiß?« antwortete der alte Martin.« Hüten Sie ſich vor dem Manne. Er iſt gefährlicher, als Sie vielleicht glauben. Jetzt ſind Sie gewarnt, und Sie, nein, Sie werden mich nicht verrathen.“ Die Aengſtlichkeit des alten Mannes, der ſich nach den letzten Worten raſch entfernte, kam Werner über⸗ trieben vor. Er brauchte ja den Vogt nicht zu fürch⸗ ten, der nur für die Leibeigenen des Barons furchtbar war. Plößlich erinnerte er ſich jedoch ſeines Tage⸗ buches. Sollte der Vogt es geſehen, vielleicht gar darin geleſen haben? Ein leichter Schrecken befiel Werner, der ſich aber ſchnell wieder in ein Lächeln auflöste. „Was würde es ausmachen, ſelbſt wenn es wäre,“ beruhigte er ſich ſelbſt.„Der Vogt verſteht ja kein Deutſch, und wird am wenigſten Geſchriebenes leſen können.“ 74 Gleichwohl ſchloß er zur größeren Vorſicht ſein Tagebuch ſorgfältig ein, und nahm ſich vor, dies in Zukunft nie wieder zu verabſäumen. Wenn alich der Vogt nicht, ſo kannte doch der Baron die deutſche Sprache, und es konnte jenem einmal einfallen, dieſem das Tagebuch in die Hände zu ſpielen. Gegen Mittag ſuchte Werner eine Gelegenheit, den jungen Baron Julius von dem Auftrage zu unterrich⸗ ten, den Hollmark ihm anempfohlen hatte, und es ge⸗ lang ihm in einer Weiſe, daß Niemand Argwohn dar⸗ aus ſchöpfen konnte. Baron Julius verſtand ihn beim erſten Worte, und dankte ihm durch einen Händedruck. Nachmittags verſchwand er auf einige Stunden, ohne Zweifel, um Hollmark aufzuſuchen, aber nichts, nicht einmal ein verſtohlener Blick, deutete bei ſeiner Rück⸗ kunft an, daß er eine Zuſammenkunft mit ſeinem Freunde gehabt hatte. Gegen Werner war er höflich, aber fremd, als ob dieſer eben nichts weiter, als der Hauslehrer ſeines Vaters, und nicht auch der Freund ſeines Freun⸗ des wäre. Dieſes Verhältniß dauerte mehrere Tage, und Werner hatte Zeit, ganz im Stillen mancherlei Beobachtungen anzuſtellen. Zuerſt bemerkte er, daß der Baron keineswegs ſehr zufrieden über die Heimkehr ſeines Sohnes ſei. Er bekümmerte ſich nur wenig um ihn, und zeigte ein auf⸗ fallendes Beſtreben, ihn von jeder Einſicht in ſein Ge⸗ ſchäftstreiben fern zu halten. Außerdem deutete er mehrmals an, daß die Anweſenheit ſeines Sohnes nicht lange dauern dürfe, und eines Tages machte er ihm geradezu einen Vorwurf darqus, daß er vor der Zeit und vor Beendigung des ihm vorgeſchriebenen Reiſe⸗ planes nach Hauſe gekommen ſei. — — — 7⁵ „Du hätteſt wenigſtens noch Holland und England bereiſen müſſen,“ ſagte er.»Das iſt nun freilich ver⸗ fehlt, aber ich denke doch, daß im Ganzen die letzten Jahre deine Ausbildung ſo ziemlich vollendet haben. Hier auf Dagoe wenigſtens wirſt du kaum genügende Gelegenheit finden, dir einen zuſagenden Wirkungskreis zu bilden, da die kleine Inſel für deinen Geiſt jeden⸗ falls zu beſchränkt iſt. Damit du deinen vollen Werth entwickeln kannſt, muß ich dich ſchon wieder von mir laſſen. Ich habe dir Schmerlenhof, ein ſchönes, großes Gut in der Nähe von Riga, das ich erſt während dei⸗ ner Abweſenheit kaufte, zugedacht. Dort wirſt du dich wohl befinden, und ich zweifle nicht, ganz Riga wird ſich deiner nahen Nachbarſchaft freuen.“ „Ihre Güte rührt mich, mein Vater,“ antwortete Julius,—„aber laſſen Sie es mich offen ausſprechen, Schmerlenhof iſt mir zu groß, zu reich, und zu ent⸗ fernt von Ihnen. Ich muß es auf's Beſtimmteſte aus⸗ ſchlagen. Laſſen Sie mich hier, geben Sie mir irgend ein Gütchen auf Dagoe, St. Johannnisberg vielleicht, — dies würde mich am glücklichſten machen.“ Der Baron wollte nichts davon hören, daß Julius auf Dagoe bliebe, Julius dagegen wollte nicht weichen, und widerlegte jeden Einwand ſeines Vaters ſo geſchickt, daß dieſer zuletzt trotz allen Widerſtrebens nicht auf ſeinem Willen beharren konnte. Julius erhielt St. Jo⸗ hannisberg, und begab ſich ſchon in den nächſten Ta⸗ gen dorthin, um ſeine häuslichen Einrichtungen zu treffen und die Verwaltung des Gutes für eigene Rech⸗ nung zu übernehmen. Enger als je ſchloß ſich in dieſer Zeit der Baron an Werner an, und ſeitdem Julius in St. Johannisberg. ——r— wohnte, mußte Werner oft den Baron auf ſeinen Spaziergängen begleiten, die meiſt auf den Dünen ent⸗ lang unternommen wurden, weil, wie der Baron ſagte, die balſamiſche Seeluft ſeiner Geſundheit ſo außerordent⸗ lich wohlthätig ſei. Oft fanden dieſe Spaziergänge ſelbſt um Mitternacht ſtatt, wobei ſich der Baron von einem Diener mit einer großen Laterne vorleuchten ließ⸗ um nicht in der Finſterniß von der ſanft anſtrömenden Brandung des Meeres durchnäßte Füße davon zu tra⸗ gen. Auch die Kuppel, deren Benutzung der Baron ſich bei ſeinem Sohne vorbehalten hatte, wurde ein⸗ oder zweimal erleuchtet, und jedes Mal mußte Werner dem Baron während der Sommernächte dabei Geſell⸗ ſchaft leiſten. Werner, allmählig wieder in eine gefährliche Sicher⸗ heit eingewiegt, hatte aus alle dem kein Arg, und wun⸗ derte ſich nur, daß ſelbſt in der beſſeren Jahreszeit die Küſte von Dagoe den Ruf ihrer Gefährlichkeit für die Schifffahrt behauptete. Mehrere Fahrzeuge ſtrandeten, zufällig gerade in den Nächten, wo die Kuppel erleuch⸗ tet war oder der Baron ſeine Spaziergänge mit der Laterne machte, auf den Sandbänken der Inſel, bei welchen Unglücksfällen ſich dann der Baron ſtets ſehr eifrig zur Hülfe zeigte. Mitunter gelang es ihm, auf ſeinen Booten die Ladung der geſcheiterten Schiffe, ſel⸗ ten aber, auch nur Einen oder den Andern von der Mannſchaft zu retten, welche gewöͤhnlich in den Wellen umkam. Einmal ſollte ſogar ſeine Wohlthätigkeit übel belohnt werden. In finſterer Nacht einem Fahrzeuge zuſteuernd, das ſich augenſcheinlich in großer Gefahr befand, wurde er mit Kanonenſchüſſen, die man gegen ſeine Boote abfeuerte, gewaltſam zurückgeſcheucht, und —— 77 aͤußerte in ſehr heftiger Weiſe ſeinen Unwillen über ſolche Verruchtheit. „Wahrlich,“ ſagte er,„man ſollte alle Luſt verlie⸗ ren, je wieder einen Schritt für Nothleidende zu thun, wenn Einem in ſolcher Weiſe vergolten wird. Die Kugeln der Undankbaren pfiffen dicht über unſeren Köpfen hin, und es fehlte nicht viel, ſo wären wir in den Grund gebohrt worden. Ihr Glück, daß die Schur⸗ ken ohne unſer Zuthun mit Aufopferung eines Theils ihrer Ladung wieder flott wurden und entfliehen konn⸗ ten, ich würde ſie ſonſt zur Rechenſchaft gezogen haben.“. Baron Julius hatte dieſe Worte ſeines Vaters ge⸗ hört und ſchüttelte den Kopf. „Dieſe Küſte muß doch in ſehr ſchlechtem Rufe ſte⸗ hen, da etwas dieſer Art vorkommen und man Hülfe Bringende für Räuber oder noch Schlimmeres halten kann,“ erwiederte er.„Ich ſelbſt habe ſchon Seeleute ſagen hören, daß es beſſer ſei, in Gottes Hand, als in die Hand der Strandfiſcher auf Dagoe zu fallen. Ich bitte Sie, Vater, laſſen Sie uns gemeinſam dahin wirken, unſer Eiland wieder zu Ehren zu bringen und es von Allem zu reinigen, was die Menſchheit ſchändet. Laſſen Sie uns bei ihrem Vogte anfangen, der un⸗ zweifelhaft Ihr Vertrauen heuchleriſch mißbraucht. Er muß fort von hier, und ich will nicht ruhen, bis er auf immer entfernt iſt.“ Werner ſend in der Nähe des Vogtes, als Julius in dieſer Weiſe ſich über den Mann äußerte, und er ſah einen ſo finſteren, drohenden Blick aus den Augen deſſelben auf den jungen Baron ſchießen, daß er bis in das innerſte Herz hinein darüber erſchrak. „Genug!“« verſetzte indeß Julius' Vater mit ſicht⸗ lichem Verdruſſe.„Ueber den guten Ruf der Inſel laſſe du mich, über die Ehrlichkeit der Bewohner den kaiſerlichen Ordnungsrichter wachen, und bekümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen. Die Verleumdung meiner treueſten Diener übrigens verbitt⸗ ich mir. Ich kenne meinen Vogt länger und beſſer als du, und will nichts gegen ihn hören.“ Stumm und augenſcheinlich tief verletzt von dieſer barſchen Zurechtweiſung, wandte ſich Julius ohne wei⸗ tere Entgegnung ab und verließ den Strand. Werner bemerkte, daß der Vogt ihm mit einem drohenden, Un⸗ heil brütenden Blicke nachſchaute, und konnte ein ge⸗ heimes Bangen um ſein Wohl und ſeine Sicherheit nicht unterdrücken. Die Warnungen Hollmarks fielen ihm wieder ein. Neues Mißtrauen bemächtigte ſich ſeiner Seele, und er nahm ſich vor, von jetzt an ſeine Aufmerkſamkeit zu verdoppeln und ſorgfältiger als je alle Schritte des Barons und beſonders des Vogtes zu überwachen. 1 Leider kam dieſer Vorſatz zu ſpät. Ohne irgend eine erklärbare äußere Veranlaſſung fühlte ſich Werner wenige Tage nach der erwähnten Begebenheit plötzlich ſo unwohl, daß er ſein Zimmer nicht verlaſſen konnte, und Tags darauf ſogar das Bett hüten mußte. Der alte Franz wurde mit ſeiner Pflege beauftragt, und ſchuͤttelte uͤber den Zuſtand des jungen Mannes bedenk⸗ lich den Kopf. „Wunderbar!“ ſagte er.„Sie ſind doch immer friſch und munter geweſen„Herr Werner, und nun auf einmal... das erkläre ſich, wer kann! Auf natür⸗ liche Weiſe geht das nimmermehr zu. Sprechen Sie, 79 Herr Werner, haben Sie vielleicht irgend etwas, viel⸗ leicht nur einen Trunk Waſſer aus des Vogts Händen genommen?“ „Nichts,“ entgegnete der Kranke,„wenigſtens erin⸗ nere ich mich nicht. Und wenn ſelbſt, du wirſt doch nicht glauben, alter Franz, daß...« „Einem ſolchen Menſchen kann man viel Schlechtes zutrauen, ohne ſich der Sünde zu fürchten,“ antwortete der treue Diener.„Aber nur Geduld, wir werden ja ſehen! Iſt die rechte Zeit da, ſo wird auch wohl die rechte Hülfe da ſein.“ Weiter war aus dem ſchweigſamen alten Manne nichts heraus zu bringen, und Werner mußte ſich be⸗ gnügen, ihn über andere Dinge auszuforſchen. Julius, den der Vogt grimmig haßte, wie er nicht zweifeln konnte, lag ihm zumeiſt am Herzen, und es gelang ihm, den alten Franz über den jungen Herrn etwas redſeli⸗ ger zu machen. „Er iſt wohl gut,“ ſagte er,„der Baron Julius, aber das iſt eben ſchuld, daß er mit dem Vater nicht beſſer ſteht. Er ſieht mehr, als er zeigen will, und neuerdings hat er zu ſo Manchem den Kopf geſchüttelt, und gegen Dieſen und Jenen Drohworte fallen laſſen, wie er ihnen künftig ihre Schurkereien und Spitzbuben⸗ ſtreiche wohl noch verleiden werde. Mit dem Vater ſelber lebt er mehr in Unfrieden als je, weil er nicht leiden will, daß die Kuppel erleuchtet wird, wegen der Schifffahrt, wie er geradezu ſagt, und darüber iſt der alte Herr ſehr böſe, ſo daß Vater und Sohn ſich eben jetzt ganz ſchroff gegenüber ſtehen. Wenn nur Alles ein gutes Ende nimmt,“« fügte der alte Mann hinzu.“ ————V— 1 1 „Aber, aber, der Vogt, das iſt ein gar zu ſchlimmer Geſell!« Noch ſprach der alte Franz, als draußen raſcher Hufſchlag ertönte und erſt auf dem Steinpflaſter des Hofes verſtummte. Franz trat an's Fenſter und blickte hinaus. „Herr Jeſus,“ ſagte er erſchrocken,„da iſt der Vogt ſelber und ſieht ganz verwildert aus, und des jungen Barons Reitpferd iſt mit Schaum bedeckt unter ihm zuſammengebrochen! Was mag da wieder geſchehen ſein?“ „Geh', Franz, geh', erkundige dich,“ rief ihm Wer⸗ ner, von einer bangen Ahnung ergriffen, haſtig zu, und der alte Franz, als ob er nur auf dieſen Befehl ge⸗ wartet häͤtte, ſchoß ebenſo haſtig zur Thüre hinaus. Erſt nach einer Weile kehrte er zuruck, ſchneebleich und zitternd an Händen und Füßen. „Großer Gott, ein Unglück, was iſt geſchehen?« ſchrie ihm Werner entgegen. „Der junge Baron,“ ſtammelte Franz,„ein Blut⸗ ſturz, er iſt todt! Todt! Todt!“ und jammernd rang der alte Mann die Hände, während die hellen Thränen über ſeine blaſſen Wangen rannen. Es dauerte einige Minuten, bis er ſich zu faſſen, zu erholen vermochte, und nun erzählte er zuſammen⸗ hängender, was er im Hauſe erfahren hatte. Der Vogt war auf St. Johannisberg geweſen, hatte den jungen Baron bereits ſterbend, in ſeinem Blute ſchwimmend, gefunden, hatte ſeinen letzten Athemzug aufgefangen, und dann ein Pferd aus dem Stalle geriſſen und zu 81 Tode geritten, um dem Vater die Unglückskunde zu überbrigen. „Fluch dem Schurken!« ſetzte er zitternd vor Auf⸗ regung hinzu. „Ja, wehe ihm!“ ſagte Werner tief ergriffen.»Der Vogt iſt ein Bube! Er hat gewaltſame Hand an den Todten gelegt!“ „Stille, ſtille, um Gotteswillen ſtille!“ fiel Franz ein und blickte ſcheu hinter ſich.„Am Vogt iſt freilich kein gutes Haar, aber doch möchte ich ſo etwas nicht laut von ihm ſagen. Um Alles in der Welt, hüten Sie Ihre Zunge und führen Sie nicht ſolche Reden hier. Aber, barmherziger Himmel, Ihnen ſelbſt wird ja übel! Gott, mein Gott, was werd' ich noch Alles erleben müſſen in dieſem Unglückshauſe!“ In der That rang Werner, überwältigt von ſeiner mächtigen Gemüthsbewegung, mit einer Ohn⸗ macht, die allmählig in einen Zuſtand ſtarrer Bewußt⸗ loſigkeit überging. Vergebens verſuchte der alte Franz ihn wieder in's Leben zurückzurufen. Todesbläſſe be⸗ deckte Werners Geſicht, der Athem hob ſeine Bruſt nicht mehr, ſeine Glieder erkalteten, ſeine Augen waren feſt geſchloſſen, und zu der Trauerkunde vom Tode des jungen Barons Julius geſellte ſich bald darauf auch noch diejenige vom Hinſcheiden des deutſchen Hauslehrers. 1 Der Strandfiſcher. Sechstes Kapitel. Der Starrkrampf. Das Leben ſchien aus Werners Körper gewichen, aber dennoch war er nicht todt, ſondern nur ein todten⸗ ähnlicher Starrkrampf hatte ſich ſeiner mit unzerreiß⸗ baren Banden bemächtigt. In einem ſpäter geſchriebenen Briefe an ſeine Schweſter ſchilderte er dieſen Zuſtand, den wir hier mit ſeinen eigenen Worten wiedergeben wollen. Meine körperlichen Kräfte lösten ſich mehr und mehr auf, heißt es in dieſem Schreiben. Schon ſeit einigen Tagen hatte ich mich nicht mehr außer dem Bette halten können, und mit der Schreckensnachricht vom plötzlichen Tode des jungen Barons fühlte ich alle Le⸗ benskraft von mir weichen. Sie hatte mich zu mächtig erſchüttert. Meine Sehnen erlahmten, meine Augen wurdaffinnr und verdunkelten ſich. Ich hörte noch, wie meik alter treuer Franz in ein lautes Jammer⸗ geſchrei ausbrach; dann ſchwand mein Bewußtſein dahin hie, mochte ich vielleicht zwei volle Tage gelegen haben, als allmählig doch eine Aenderung meines Zuſtandes eintreten zu wollen ſchien. Ein neues Be⸗ wußtſein kehrte mir wie aus dämmernder Ferne zurück. Zwar blieb es immer noch Nacht vor meinen Augen, deren niedergeſunkene Lider ich nicht zu erheben ver⸗ mochte; bewegungslos war jedes Glied; ſprachlos meine Zunge; unmerklich langſam kroch das träge, ge⸗ 83 frorene Blut durch meine Adern; Alles war erſtorben und meiner Willenskraft entzogen; aber bei alledem fühlte ich deutlich, daß, wenn auch die Thätigkeit mei⸗ ner Seele von innen nach außen gehemmt war, ich doch die Fähigkeit wiedererlangt hatte, Eindrücke von außen in mich aufzunehmen, und daß meine erſtorbenen Sinne aus ihrem Todesſchlummer langſam wieder er⸗ wachten. Mein Auge vermocht' ich freilich noch immer nicht zu öffnen, aber auch durch das geſchloſſene Lid deſſelben ſchimmerte eine Helle, die ſtärker war, als mein gewöhnliches Nachtlämpchen ſie verurſachen konnte. Wahrſcheinlich alſo ſtrahlte das volle Tageslicht in mein Krankenzimmer. Bald nach dieſer Bemerkung hört' ich auch die Stutzuhr auf dem Spiegeltiſchchen ausheben und in ihrem wohl vertrauten Klange neun Schläge thun. Der Klang verhallte, aber das regelmäßige Ticken des Perpendickels drang fortwährend vernehmbar an mein Ohr. Ich unterſchied den Geruch der Arznei⸗ flaſchen, die auf einem Tiſchchen an meinem Bette ſtanden, und eine Stubenfliege, die erſt mich umſummte, und ſich dann auf meine Stirn ſetzte, bewies mir, daß auch der Sinn des Gefühls allmählig wieder zum Le⸗ ben erwachte. Jetzt huſchten leiſe, gedämpfte Schritte durch mein Gemach, und ein unterdrücktes Schluchzen, einige flü⸗ ſternd ausgetauſchte Worte, ließen mich erkennen, daß meine Schülerinnen gekommen waren, um von der Hülle ihrers Lehrers den letzten Abſchied zu nehmen. Die Liebe der Kinder rührte mich, die Gewißheit da⸗ gegen, daß man mich wirklich für todt hielt, erſchreckte mich. Ich machte eine gewaltſame Anſtrengung, um die Bande, die meine Glieder feſſelten, zu ſprengen, aber der machtloſe Verſuch hatte keinen Erfolg, und leiſe auf den Fußſpitzen, wie ſie eingetreten waren, ent⸗ fernten ſich die Kinder wieder. Eine ganze Stunde verging, ehe ich von Neuem Schritte vernahm. Dies Mal war es der alte Franz, der mich beſuchte. Ich fühlte, wie er ſich über mein Geſicht beugte und wie ſein warmer Athem meine Wange ſtreifte. Er blieb gewiß länger als eine Minute in dieſer Stellung, dann hörte ich, wie er flüſterte: „Todt, todt, todt! Und doch— ein wiederholter Ver⸗ ſuch ſchadet ja nicht, am wenigſten dem Verſtorbenen. Armer, junger Mann! Sollteſt du dem Tode beim Schiffbruch nur entronnen ſein, um ein ſtilles Grab fern von deiner Heimath auf einer öden Inſel zu finden?“ Jetzt fühlte ich, wie er mit den Fingern meine ge⸗ ſchloſſenen Lippen öffnete, und mir einige Tropfen einer mild duftenden Flüſſigkeit in den Mund träufelte. Sie brannten wie Feuer auf meiner Zunge, aber ich hatte nicht die Macht, dem alten Franz auch nur durch ein Zucken der Wimpern das allmählig wiederkehrende Le⸗ den erkennen zu laſſen. Noch ein Weilchen ſchien mich die treue Seele zu beobachten, dann glitt der Hauch eines Seufzers über mein Geſicht, und auch mein letzter Freund entfernte ſich wieder. Abermals lag ich eine Zeitlang da und ſuchte mir vergebens dieſen ſeltſamen krankhaften Zuſtand zu er⸗ klären, als es mir vorkam, als ob die Thür meines Kabinets mit mehr als gewöhnlichem Ungeſtüm geöff⸗ net würde. Der getäfelte Fußboden ſchuͤtterte unter kräftigen Schritten, und wieder trat Jemand an mein Beit und ſchob die Vorhänge zurück, welche der alte Franz bei ſeinem Fortgehen zugezogen hatte. Ein friſcher Luftzug wehte auf mich ein, und deutlich hört' ich, ge⸗ rade über mir ſchwebend, ein tief aus der Bruſt ge⸗ ſchöpftes Athmen, das ſich in ſchmerzliche Seufzer auf⸗ löste; zugleich knackte und krachte mein Betthimmel, als ob eine zitternde Hand ſich gegen den Bogen ſtützte. Vierzig, fünfzig Pendelſchläge zählte ich während dieſes Auftrittes, der meine Aufmerkſamkeit um ſo höher ſpannte, je weniger ich mir eine Erklärung davon zu geben vermochte. „Barmherziger Gott,« ſagte endlich eine rauhe Stimme, es iſt alſo wirklich wahr! Er iſt todt, und der alte Schurke hat nicht gelogen, als er mich durch⸗ aus nicht hierher laſſen wollte! Armer, armer Burſche!« Die Stimme klang mir nicht fremd, obgleich ich beſtimmt wußte, daß ſie Niemandem auf Dagoe ange⸗ hörte; doch beſann ich mich vergebens, den Faden einer beſtimmten Erinnerung an ſie anzuknüpfen. „Nun, ſo fahre denn hin, ehrliches Blut,“« fuhr ſie, weicher werdend, fort.„Fahre hin! Du wirſt wol das Letzte ſein, das in dieſen Mauern hier durch ein rechtſchaffenes Geäder gekreist iſt. Ich dachte mir Troſt bei dir zu holen, ehe ich, zum zweiten Male ein armer Schiffbrüchiger, traurig von hinnen wegginge,— aber ſo gut hat's mir in meiner Noth nicht werden ſollen. Hier iſt nichts als Unſegen zu Hauſe, und das haſt du nun wohl auch erfahren und haſt es nicht länger mit anſehen mögen!« Mit dieſen Worten ließ der Mann meine kalte Hand fahren, die er ergriffen hatte, und die ſeinen kräftigen Druck gern erwiedert haben würde, wenn rungen. Es wird darum in alle Weiſe wohlgethan meine innerliche Rührung hinreichend geweſen wäre, ſie zu beleben. In dieſem Augenblicke trat haſtig und ſchwer auf⸗ athmend ein zweiter Beſuch in's Zimmer, den ich an Gang und Sprache ſofort als den Baron erkannte. „Was geht hier vor? Was ſoll das in meinem Hauſe?« rief er gebieteriſch und mit Unwillen.„Wollt Ihr heimlich Komplotte ſchmieden? Wollt Ihr zuſammen ziſcheln und flüſtern, und Abrede gegen mich nehmen? — Fort da!— Hat Ihnen Werner geantwortet? Was hat er geantwortet? Ich will es wiſſen!— Er liegt im Fieber! Sein Kopf weiß nicht, was ſeine Zunge faſelt! Fort, fort! Man darf einen Sterben⸗ den nicht beunruhigen!“ „Der ſchläft den langen Schlaf;“ verſetzte die fremde Stimme ſchmerzlich bewegt,—„und nichts mehr kann ihn beunruhigen—«. „Euer Glück!“« hört' ich den Baron einfallen.„Aber hier iſt gleichwohl nicht der Ort zu langen Erörte⸗ ſein... „Daß ich mich entferne, Herr Baron?« unterbrach ihn der Fremde.„Oh nein, mein Herr, das iſt mein Wille nicht. Ihr habt mich zwar ſchnöde von Eurer Thür abgewieſen, aber nun Euer böſes Gewiſſen Euch mir von ſelbſt in die Hände treibt, möcht' ich doch von Euch ſelbſt und aus Eurem eigenen Munde wiſſen, Herr, warum ich in weniger als Jahresfriſt nun ſchon zum zweiten Male nackt und bloß hier vor Euch ſtehe? „Welche Sprache, Mann?“ erwiederte der Baron. „Meint Ihr, daß ich Euch auf ſolche Anrede antworten 87 ſoll? Vergilt man mir das Gute, das ich Euch ehe⸗ mals erwies, etwa mit pöbelhaften Beleidigungen? Was ſollen dieſe Ausdrücke für einen Sinn haben? Bin ich etwa verantwortlich dafür, wenn Ihr durch Euer Ungeſchick oder Eure Tolldreiſtigkeit Dagoe zu einer ſchlimmen Küſte für Euch macht?« „Ja, Ihr ſeid verantwortlich, Ihr und kein An⸗ derer,“ unterbrach der Fremde den Erguß dieſer zorni⸗ gen Fragen.„Haltet Ihr mich noch für ſo einfältig, daß ich nicht begreifen ſollte, wie ich hier an den Feuerſignalen zu meinem Verderben irre werden mußte, weil Ihr auf Eurer verwünſchten Kuppel von St. Jo⸗ hannisberg ein Schock Lichter zur Nachtzeit brennt?— Und wer gibt's Euch ein, daß Ihr allnächtlich mit einer großen Laterne am Ufer umherſpuken müßt? Wer an⸗ ders, als der böſe verbrecheriſche Geiſt in Euch, der den Schiffer aus hoher See an Euer Raubufer locken will? Bin Ich etwa nicht durch dieſe teufliſche Liſt betrogen worden? Mußt' ich etwa nicht den ſich fort⸗ bewegenden Schein für eine Schiffsleuchte halten und meinen, daß ich dahin, wo ein Anderer Fahrwaſſer ge⸗ nug zum Segeln häͤtte, meinen Kurs wohl auch hin⸗ lenken dürfte? Seht, Menſch, ſo ward ich betrogen, ſo ließ ich mich täuſchen und muß es mit meinem Un⸗ tergange büßen!“ „Zufall, Unglück, was weiß ich?« gab der Baron jetzt in weit milderem Tone zur Antwort.„»Wollen Sie mir das zum Verbrechen anrechnen? Nicht doch! Ich denke, wir müſſen auch jetzt als Freunde ſcheiden.“ „Zufall!« unterbrach ihn die fremde Stimme zit⸗ ternd vor Zorn.„Alſo wohl auch Zufall, daß mein geſcheitertes Gut vor meinen ſichtlichen Augen ſchnoͤde 88 ausgeplündert wurde? Daß Euer Vogt mich am lieb⸗ ſten in die Wellen zurückgeſtoßen hätte, aus denen ich mühſelig hervorkroch?— Iſt's nicht genug, daß im offenen Meere der Tod in tauſend Geſtalten uns um⸗ ringt, und wir in redlichem Kampfe ſeinen Schrecken trotzen, müſſen ſich Raub, Tücke und Hinterliſt auch noch am Ufer, wo wir unſere letzte Rettung ſuchen, gegen uns verſchwören? Soll der Menſch der ge⸗ fährlichſte Feind des Verunglückten ſein? Heißt das Erbarmen, wenn Ihr ihm die letzten feuchten Lumpen von den Schultern reißt? Mit Kanonen ſollte man Euch antworten und verſcheuchen, wie mein braver Schwager that, der Euch Gezücht in hellen Haufen zum Plündern heranziehen ſah. Sein Beiſpiel hätte mich warnen ſollen, wenn es nur möͤglich geweſen wäre, Euch ein ſolches Uebermaaß von Schlechtigkeit zuzu⸗ trauen!“ „Jetzt iſt's genug!« donnerte der Baron in furcht⸗ barem Tone.„Frecher Menſch, das wagſt du, mir in meinem eigenen Hauſe zu bieten? Meinſt du, meine Geduld ſei unerſchöpflich? Zittere! Du biſt in meiner Gewalt, und es koſtet mich nur einen Wink, und meine finſterſten Gewölbe werden dein Kerker und dein Grab!« „Ich bin in Gottes Gewalt, und hier ſteh' ich und erwarte, was Ihr wagen werdet!“ ſagte der Fremde mit Feſtigkeit.„Es iſt vielleicht das erſte Mal, daß Ihr's mit einem Manne zu thun habt! Das hattet Ihr in Eurer Rechnung vergeſſen! Und nun laßt ſehen, wer am meiſten von uns Beiden zu wagen hat?“. „»Drohungen? Mir? Ha, jetzt gilt es!“ hoͤrte ich 8 89 den Baron ſagen, der keuchend vor Wuth mit bebenden Gliedern auf den Rand meines Bettes ſprang, ſo daß es unter mir zuſammenſchütterte. Wie es mir ſchien, griff er nach den Piſtolen, die an der Wand zu meinen Häupten hingen. Er ſelbſt hatte ſie mir früher einmal gegeben, und ſie waren von jener Zeit her noch ge⸗ laden.. „Sachte! Sachte!« rief der Andere dagegen.»Mit Euren Puffern bleibt mir vom Leibe, wenn Ihr nicht eben ſobald mein Speckmeſſer zwiſchen den Rippen fühlen wollt! Mir würd' es leid thun, aber der ge⸗ rechten Nothwehr iſt viel erlaubt.“ Ich vernahm deutlich, wie das Meſſer, von dem er ſagte, in ſeinen Händen aufklappte. Zu gleicher Zeit unterſchied ich das Knacken des Hahns an der Piſtole, welchen der Baron aufzog.„Um Gottes willen, ſie ſind geladen!“ wollt' ich aufſchreien und mich zwiſchen die erhitzten Männer werfen,— aber Feſſeln, die ich nicht zu zerbrechen vermochte, hielten mich nieder, und nicht der leiſeſte Ton kam über meine erſtarrten Lippen. Noch rang ich verzweiflungsvoll gegen die Lähmung meiner Glieder, als die Piſtole krachte, und der unglück⸗ ſelige Schuß mit Schmettern fiel. Mit ihm zugleich ſtürzte dröhnend eine ſchwere Körpermaſſe zu Boden, und ein höhniſches Lachen miſchte ſich in das Todes⸗ röcheln des Unglücklichen, den die mörderiſche Kugel getroffen haben mußte. „Hab' ich dich ſtill gemacht?« ſagte der Baron mit hohler Stimme.„Warte... dein Meſſer... du ſollſt es dir ſelbſt durch die Rippen gerannt haben. So, und ſo, und ſo...“ Mit kurz abgebrochenem Athem .90 vrief er's, wie ein Menſch, der eine gewaltſame Bewe⸗ gung der Hand mit Haſt wiederholt. Eine Minute lang oder zwei herrſchte jetzt eine ſchauerliche Stille um mich her. Dann kamen wankende Schritte ſchwer und langſam auf rmein Bette zu, und ein brennend heißer Athem hauchte über meine Stirn. „Er rührt ſich nicht! Er iſt todt!“ hörte ich den Baron flüſtern.„Gut, gut, gut, daß es ſo iſt, denn allmählig wärſt du mir auch zur Laſt gefallen. Todt! Kein Hauch von Leben mehr in ihm! Ich werde Euch Beide mit einander begraben!“ Mit dieſen Worten ſchlich er wjeder von meinem Bette hinweg, und gleich darauf fiel hart neben mir ein zweiter Schuß, und ein zweiter Fall begleitete das Krachen, ſammt einem Wälzen auf dem Boden, wie wenn man eine gewichtige Laſt umkollert.„Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ ſchrie zu gleicher Zeit der Baron.„Will denn Niemand hören? Soll ich mich im Blute wäl⸗ zen, bis ich vollends übermannt werde? Böſewicht! Meuchelmörderiſcher Böſewicht!“ Der Schuß und noch mehr das verzweifelte Rufen lockte endlich Menſchen herbei, und verwirrte Stimmen klangen durch einander vor meinem Ohre. „Nichtswürdiges Geſindel!“ ſtöhnte der Baron vom Boden auf,—„ihr ließet mich wohl zehnmal in mei⸗ nem eigenen Hauſe ermorden! Der Kerl hatte es auf mich abgeſehen, und ich kann noch von Glück ſagen, daß beim Ringen der Bube endlich in ſein eigenes Mordmeſſer fiel. Helft mir auf! Ich bin wie ge⸗ lähmt und zittere an allen Gliedern!“ Umſtändlich erzählte er hierauf eine ſchnell erfundene Geſchichte, nach welcher alle Schuld des Angriffs auf 91 den Ermordeten fiel, und ſchickte hierauf nach dem Dorfbader und dem Paſtor, um die Beſcheinigung des Todes und die Erlaubniß zum Begräbniſſe ſeines Opfers zu erlangen. Dann ging er; die Menge zer⸗ ſtreute ſich ſtill und betäubt, und wenige Augenblicke war es wieder einſam und öde, wie Grabesſtille um mich her. Eine geraume Zeit verging, ohne daß die Stille unterbrochen wurde. Ich lag noch immer in todten⸗ ähnlicher Betäubung da, ſpürte aber, wie allmählig das Mittel zu wirken anfing, welches der alte Franz mir in den Mund geträufelt hatte. In der Gegend des Herzens erwachte zuerſt ein Gefühl von innerer Lebenswärme und ſtreckte faſt unmerklich langſam ſeine Wirkungen von hier weiter hinaus in die abgeſtorbenen Glieder. Dann ſenkte es ſich über mich, wie ſüße Er⸗ mattung und Schlaf. Halb träumend ſchon, hörte ich nur noch, wie der Herbeigerufene alte Pfarrer kam, wie die Leiche des Ermordeten weggeſchafft wurde; dann verlor ich gänzlich das Bewußtſein und verſank in einen kiefen, feſten Schlummer. Wie lange er an⸗ 1 dauerte, weiß ich nicht. Endlich kehrte mein Bewußt⸗ ſein zurück, und zwar fiel mein Erwachen in eine ein⸗ ſame Morgenſtunde. Der rothe Wiederſchein der auf⸗ gehenden Sonne traf mein Auge, mein unverſchloſ⸗ ſenes Auge. Unwillkührlich wollten meine Hände ſich zum Dankgebete falten, und— o Gott! o Gott! Der Wille konnte zur That werden, und nicht mehr unbeweglich auf die Decke geheftet, erhoben ſich meine geſtärkten Arme gen Himmel. Neue, friſche Lebens⸗ kräfte fühlte ich von Minute zu Minute ſich in mir entwickeln, fühlte hoch beſeligt, wie ein Strom der 9² Geneſung ſich brauſend durch die ausgetrockneten Aeſte meines Geäders ergoß. Dem erſten Entzücken folgte indeß bald ein dumpfer Schrecken, denn ich beſann mich plötzlich auf das Ent⸗ ſetzliche, was während meines Starrkrampfes in meiner Naͤhe geſchehen war. Der Baron ein Mörder! Der Ermordete— jetzt leuchtete die Erkenntniß mit furcht⸗ barer Klarheit in meine Seele— der Ermordete mein alter Freund, Kapitän Wildenrad! Ich wollte zweifeln, wollte mir ſelbſt einreden, Alles ſeien nur die ſchattenhaften Gebilde eines ſchwe⸗ ren Traumes geweſen, aber es gelang mir nicht ganz, die Schreckensſcenen aus meinem Gedächtniſſe zu ver⸗ wiſchen, und noch brütete ich in wahrer Seelenangſt über dieſen Zweifeln, als plötzlich die Vorhänge mei⸗ nes Bettes zurückgeſchlagen wurden, und das ehrliche Geſicht des alten treuen Franz vor meinen Augen auf⸗ tauchte. „O Herrgott!« rief er freudig aus, als er meine offenen Augen und das ſchwache Lächeln bemerkte, mit dem ich ihn begrüßte,—»Sie leben wieder! Mein Mittel hat alſo angeſchlagen! Ach, ich dacht' es wohl, daß Ihnen der Vogt etwas eingerührt haben müſſe, aber zum Glück kannt' ich das Gegenmittel, und ſiehe da, es hat gewirkt! Lob und Dank ſei Gott in der Höhe! Jetzt iſt die Gefahr vorüber, und ein zweites Mal wird der Schurke ſich nicht an Sie wagen.“ Ich wollte fragen, hören, den Alten ausforſchen, aber er ſchüttelte den Kopf und bedeutete mich, ganz ruhig zu bleiben, und alle Erklärungen aufzuſparen, bis ich mich wieder beſſer und kräftiger fühlen würde. Was konnte ich weiter thun, als ihm gehorchen? 93 Er drückte mich ſanft in die Kiſſen zurück, pflegte mich, brachte eine kräftige Fleiſchbrühe, die meinen erſchöpf⸗ ten Gliedern neues Leben einflößte, und verließ mich endlich mit der Bemerkung, daß er den beiden jungen Fräulein, die mich bereits als todt beweint hätten, die frohe Kunde von meiner Geneſung mittheilen wolle. Cäcilie und Aurora eilten bald darauf herbei und be⸗ zeigten mir eine ſo herzliche und liebevolle Freude, daß ich den Thränen der Rührung nicht gebieten konnte, die unwillkührlich meinen Augen entfloſſen. Aber die Erſchütterung war noch zu mächtig für meine kaum wiederkehrenden Kräfte. Als meine Schülerinnen mich nach halbſtündiger Anweſenheit verließen, ſank ich von Neuem in eine Art von Betäubung zurück, aus wel⸗ cher ich erſt den folgenden Morgen, diesmal aber mit wirklich erfriſchten Kräften, wieder erwachte. Ich war dem Leben zurückgegeben, und dankte Gott in ſtillem, heißem Gebete für ſeine an mir bewieſene Gnade und Barmherzigkeit. Siebentes Kapitel. Der Rächer bringt es an den Cag. So weit das Tagebuch Werners. Mit ſeiner Ge⸗ neſung ging es von jetzt an mit raſchen Schritten vor⸗ wärts, obgleich die Zweifel, welche ihn bedrückten, fortwährend ſchwer laſtend auf ſeiner Seele lagen. 94 War es etwa nur ein Traum geweſen, der ihn wäh⸗ rend ſeines ohnmächtigen Zuſtandes geängſtigt hatte, oder war wirklich Alles ſo zugegangen, wie ſein Ge⸗ dächtniß ihm täglich und ſtündlich wiederholte? Er konnte fürerſt zu keiner Aufklärung darüber kommen, denn der Baron ſchien ſich gefliſſentlich von ihm fern zu halten, und der alte Franz beobachtete ſein früheres unerbrüchliches Schweigen. Werner ſah ihm wohl an, daß auch ihn Manches bedrückte, aber auf ſeine Fra⸗ gen hatte der Alte kaum eine andere Antwort, als ein trübes, ſchwermüthiges Kopfſchütteln. „Was weiß ich?« ſagte er hoͤchſtens.„Ich bin nicht dabei geweſen, und übrigens habe ich den ſtreng⸗ ſten Befehl empfangen, bei ſchwerer Ungnade nicht zu plaudern, ſondern reinen Mund zu halten. Ein Die⸗ ner muß ſeinem Herrn Folge leiſten, und Sie, Herr Werner, werden mich doch gewiß nicht vom Wege der Pflicht ablocken wollen? Danken Sie dem Himmel, daß Ihr eigenes Leben gerettet iſt, und bekümmern Sie ſich nicht um Dinge, deren Entdeckung auf keinen Fall zu etwas Gutem führen kann.“ Werner erkannte wohl, daß unter dieſen Umſtänden ſeine Zweifel auf dem Schloſſe nicht gelöst werden würden, und dennoch vergönnte ihm die peinigende Un⸗ gewißheit keinen ruhigen Augenblick. Wenn Alles wirk⸗ lich geſchehen war, wenn er wirklich gehört, geſehen hatte, was zu hören, zu ſehen er gewähnt;— großer Gott, ſo war er ja in eine Mörderhöhle gerathen, aus welcher die Rettung nur durch ſchleunige Flucht zu er⸗ möglichen ſchien! Erforderte es nicht übrigens ſeine Pflicht, den Baron anzuklagen und den Gerichten zu 95 überliefern? Machte er ſich nicht zum Mitſchuldigen des Verbrechens, indem er das Verbrechen verſchwieg? Werner fühlte ſich unheimlicher als jemals im Schloſſe, und ſein ganzes Sinnen und Trachten lief darauf hinaus, ſich ſeinen grauenvollen Umgebungen durch heimliche Entfernung zu entziehen. Nur wußte er nicht, auf welche Weiſe er die be⸗ abſichtigte Flucht bewerkſtelligen ſollte. Sich den Leu⸗ ten des Barons anvertrauen war unthunlich, da er auf der Stelle verrathen worden wäre, und ohne Bei⸗ ſtand konnte er allein nicht ein Boot über das Waſ⸗ ſer führen, das die Inſel rings umgibt. Da fiel ihm der alte würdige Pfarrer ein, deſſen edle Greiſenge⸗ ſtalt einſt einen ſo wohlthuenden Eindruck auf ihn ge⸗ macht hatte, und ein kurzes Nachdenken beſtimmte ihn, ſich bei der erſten paſſenden Gelegenheit zu ihm zu be⸗ geben und ihn um ſeinen Rath zu erſuchen. Außer⸗ dem durfte er auch hoffen, durch ihn Näheres über den Kapitän Wildenrad zu erfahren, und dies befeſtigte vol⸗ lends ſeinen Entſchluß. So ſtanden die Sachen und Werner hatte die letz⸗ ten Ueberbleibſel ſeiner Krankheit ſchon ziemlich über⸗ wunden, als der alte Franz eines Tages in ſein Zim⸗ mer trat, und ihm eine ſehr wichtige Neuigkeit mit⸗ theilte. Jöggi Kusbal, der Vogt, erzählte er, hätte ſich mit zwei andern Leibeigenen des Barons plötzlich unſichtbar gemacht, große Geldſummen wären dem Herrn geſtohlen worden, eine Schaluppe von zwölf Tonnen Laſt fehlte in der Bucht von St. Johannis⸗ berg, und es unterläge keinem Zweifel, daß die Ha⸗ lunken die Diebe und mit der Schaluppe in See ge⸗ gangen wären. Seit zwei Stunden hätte ſich der 96 Baron in ein anderes Fahrzeug geworfen, um die Flüchtlinge in ihren Schlupfwinkel zu verfolgen, wo er ſie verborgen glaubte. Die Verwirrung auf Hohen⸗ holm ſei allgemein, und der Kammerherr habe voll Zorn und Wuth geſchworen, ein fürchterliches Exempel an den Flüchtlingen üben zu wollen. Als Werner dieſe Nachricht empfing, war ſein erſter Gedanke der, die günſtige Gelegenheit zu benutzen und unverzüglich den alten Pfarrer aufzuſuchen. Gedacht, gethan. Er empfahl dem ehrlichen Franz das ſtrengſte Stillſchweigen, eilte ohne Zögern davon, und ſtand eine halbe Stunde ſpäter vor dem würdigen Greiſe, der ihn mit zugleich ernſter und wohlwollender Freund⸗ lichkeit empfing. Schlicht und einfach theilte er ihm hierauf mit, daß er ſeines Rathes bedürfe, und bat ihn zunächſt um die Vergünſtigung, einen Blick in das Todtenregiſter vom letzten Monat werfen zu dürfen. Bereitwillig legte der Pfarrer ihm das Kirchenbuch vor, und mit erblaſſender Wange las Werner:»„Kurt Wil⸗ denrad von Lübeck, ſeines Gewerbes ein Schiffer, ſtran⸗ dete am 8ten d. M. bei St. Johannisberg und endigte gewaltſamer Weiſe ſein Leben zu Schloß Hohenholm am. 9ten d. M. Begraben am 12ten auf Erlaubniß des Konſiſtoriums zu Reval, laut Beilage.“ Alſo wahr, wirklich wahr, was Werner ſo gern für Schreckbilder der aufgeregten Phantaſie gehalten hätte! Seine Thränen floſſen und er ſchluchzte laut. Als er ſich wieder gefaßt hatte, erzählte er ohne Rück⸗ halt dem Pfarrer Alles, was ſeine Seele bedrückte: Der Mord Wildenrad's, ſeinen Verdacht hinſichtlich des Leuchtthurms, der böswillig die Schiffer in's Ver⸗ derben locken ſollte, ſeine eigene vom Vogt beabſichtigte — ruhig ihr Schickſ Vergiftung, die Vermuthung des alten Franz, daß der Vogt auch den Sohn des Barons ermordet habe, kurz, die ganzen Schandthaten, die der Baron und ſein ſchurkiſcher Knecht entweder verübt hatten, oder deren ſie wenigſtens doch dringend verdächtig waren. In tiefem Schweigen hörte der Pfarrer ihn „Ich dacht' es wohl, dacht' es mir längſt,« ſagte er endlich,„aber meine Vermuthungen waren nicht hinreichend, den Verbrecher zu überführen. Die Werke der Finſterniß ſcheuen das Licht, und von Allen, die in Abhängigkeit vom Baron leben, wagt es Keiner, offenes Zeugniß gegen ihn abzulegen. So habe denn ich, ſo haben Alle geſchwiegen! Aber Ihr Fall iſt ein Anderer, hier iſt Gottes Finger! Der Rächer bringt die Unthat an den Tag! Die Stunde des Verbrechers hat geſchlagen. Da Gott Ihnen in jenen ſchauervol⸗ len Stunden den Gebrauch Ihrer Sinne erhielt, wollte er Sie ohne Zweifel auch zum Werkzeuge ſeiner gött⸗ lichen Gerechtigkeit gebrauchen.“ „Aber ſeine Töchter? Die armen unſchuldigen Kinder.«“ „Gott wacht über ſie und wird ihre Unſchuld ſchützen,“ erwiederte der Pfarrer.„Ihm wollen wir ſal anheimſtellen. Aber Sie! Sie müſſen unverzüglich die Flucht ergreifen, denn nur jetzt, bei der herrſchenden Verwirrung und der Abweſenheit des Barons, iſt ihr Gelingen im Bereiche der Mög⸗ lichkeit. Ein Fiſcherkahn und ein paar treue Männer, denen Sie ſich ruhig anvertrauen koͤnnen, ſollen binnen einer Stunde bereit ſein, Sie über das Meer zu füh⸗ ren. Eilen Sie! Ordnen Sie auf dem Schloſſe vor⸗ Der Strandfiſcher. 7 8 m— 98 ſichtig an, was Sie zu Ihrer Abreiſe noch zu bedür⸗ fen glauben, und dann fort ohne Verzug!“ Werner ging ſogleich, um dem Rathe des redlichen Greiſes Folge zu leiſten, ſteckte ſein Geld und ſeine wichtigſten Papiere ein, und enteilte dann mit ſcheuem Fuße aus dem unheimlichen Bezirke des Entſetzens. Erſt als Hohenholm weit hinter ihm lag, athmete er frei auf, und dankte Gott, daß er glücklich der Mör⸗ derhöhle entronnen war. I Am Pfarrhauſe warteten ſeiner der würdige Pfar⸗ rer mit einigen treuen Fiſcherleuten. Der Pfarrer rieth ihm, gradeswegs nach Reval zu gehen und die An⸗ klage gegen den Baron unmittelbar an den General⸗ Gouverneur zu bringen. Dann ſchieden ſie— mit herzlichem Händedrucke. Werner ſtieg in das harrende Boot, und nicht ohne die heimliche Sorge, zufällig dem Baron zu begegnen, ruderten die Leute zwiſchen Klippen und Sandbänken ſchweigend dahin. Mit Got⸗ tes Hülfe entgingen ſie jedoch jeder Gefahr, und ge⸗ gen Abend erreichten ſie das Städtchen Hapſal, wo Werner ausſtieg und die Fiſcher mit einem reichlichen Geſchenke entließ. Sein Erſtes war nun, den einzigen Gaſthof des kleinen Ortes aufzuſuchen. Er war bald erfragt, aber beim Eintritt erfuhr er, daß ſeit geſtern der Oberſt Graf Strombeck aus Petersburg eingetroffen ſei, und die ganzen Zimmer des Hauſes mit ſeinem Gefolge beſetzt hatte. Doch könne Werner vielleicht noch in einem Hinterſtübchen ein Unterkommen finden, wenn ein Fremder, der mit dem Oberſten zugleich gekommen ſei, daſſelbe mit ihm theilen wolle. — —— 99 Werner ließ anfragen, und empfing zur Antwort die freundliche Einladung, ohne Umſtände einzutreten. Er benutzte die gegebene Erlaubniß und trat in das Zimmer. Es herrſchte nur noch ein trübes Dämmer⸗ licht darin, aber trotzdem erkannte er zu ſeiner froheſten Ueberraſchung auf den erſten Blick in dem Fremden, gegen welchen er ſeinen Dank für die erwieſene Ge⸗ fälligkeit ausſprechen wollte, keinen Andern, als ſeinen alten Freund Hollmark. Im nächſten Augenblicke lagen ſte einander in den Armen. „Du überraſcht mich, während ich dich zu über⸗ raſchen gedachte,“ ſagte Hollmark,„denn morgen hoffte ich dich im Hohenholmer Paſtorat zu ſprechen. Ein Sünder iſt zur Strafe reif geworden, Werner. Der Baron ſteht am Ziele ſeiner Unthaten. Aber ſage, wie biſt du ihm entronnen? Wie kommt es, daß ich dich hier, an dieſem Orte wiederſehe?« „Ich komme als Flüchtling und zugleich als Ankläger und Zerſtörer der Höhle voll Mordes, voll Raubes und Greuels; als Rächer tauſendfacher Schändlichkeit; als Zeuge, und ſelbſt als ſchwer betroffenes Opfer, könnt, ich hinzuſetzen, wenn es ſich hier nicht um mehr, als um mich handelte. Welch' ein Scheuſal iſt dieſer Ba⸗ ron Unken, Woldemar! Jetzt bin ich auf dem Wege nach Reval, ihn zu entlarven, und ich hoffe, er wird der vergeltenden Gerechtigkeit nicht entrinnen!« „Sind dir endlich die Augen geöffnet?“ entgegnete Hollmark.„Ja, ich warnte dich nicht ohne Grund! Aber ſage, willſt du wirklich deine Anklage vor die rechte Behörde bringen?“ „»Gewiß!“« antwortete Werner.„Mein Gewiſſen treibt mich! Kannſt du mich deßhalb tadeln?“ 100 »„Ich tadle dich ſo wenig, daß ich deine Reiſe bis auf zehn Schritte abzukürzen gedenke. Wiſſe denn, daß Graf Strombeck, der mit uns unter einem Dache wohnt, unmittelbare kaiſerliche Vollmacht mit ſich führt, über den Korſaren von Dagoe die ſtrengſte Unterſuchung zu verhängen, und daß der Vogt des Barons, den du für entlaufen hältſt, in dieſem Augenblicke hier unter aus im Kellergewölbe zwiſchen vier Dragonern gefangen ſitzt und bereits freiwillig ſeinen Herrn einer ganzen Reihe von ſchrecklichen Unthaten bezüchtigt hat.“ „Der Vogt? Dieſer frevelnde Handlanger und das Werkzeug bei allen Schandthaten des Barons? Un⸗ möglich!« 8 „Und dennoch Wahrheit!« fuhr Hollmark fort. „Höre nur. Vorgeſtern kam Graf Strombeck auf einem Gute meines Onkels an und fragte mich, ob ich nicht genauer mit dem Baron Unken bekannt ſei und ob ich ihn für einen ehrlichen Mann halte? Da er mich mit dem Zwecke ſeiner Sendung bekannt machte und mir ſeine Vollmachten zeigte, hielt ich es für meine Pflicht, ihm die ganze Wahrheit zu ſagen, ſoweit mir dieſelbe bekannt war, und hierauf erſuchte er mich, ihn zu be⸗ gleiten. Ich that dies um ſo lieber, weil ich mich der ſchuldloſen Töchter des Verbrechers nach Kräften an⸗ nehmen möchte, und wir begaben uns hierher. Kaum waren wir angekommen, ſo war des Grafen Name auf jeder Zunge, und ſofort forderte auch ein gemeiner Eſthe mit einer Art von Aengſtlichkeit beim Grafen Gehör. Er wurde in meiner Abweſenheit vorgelaſſen, und ſagte aus, er habe mit Freuden gehört, daß der Graf angekommen ſei, um eine Unterſuchung auf Dagoe einzuleiten, und er wolle ihm Dinge offenbaren, von ſich ganz anders.“ 101 denen kein Menſch ſich etwas träumen laſſe. Hierauf brachte er eine förmliche Enthüllung des ganzen ſchreck⸗ lichen Unweſens auf Hohenholm vor, wobei er ſich ſchlau genug den Anſchein gab, als ob er, ſo weit er bei den Schändlichkeiten betheiligt war, nur immer ein leidendes Opfer der gutsherrlichen Uebermacht geweſen ſei. „Und das wagt der Bube, der vielleicht noch viel ſchändlicher iſt als der Baron?« rief Werner aus. „Er wagte es, weil er glaubte, man würde ihn frei ausgehen laſſen, und vielleicht gar noch belohnen; er wagte es, weil er die Verfolgung des Barons fürch⸗ tete, dem er eine ganze Schaluppe voll Güter und Geld geſtohlen hat, und weil er vielleicht darauf rechnete, daß die Gefangennahme des Barons ſeine eigene Sicher⸗ heit weſentlich befördern würde.“ „Aber Graf Strombeck, wie nahm dieſer ſein Wag⸗ ſtück auf?« „Der Graf nahm natürlich die Sache ſehr ernſthaft, hätte den Schurken aber doch vielleicht, in Rückſicht auf ſein anſcheinend offenes Weſen und ſeine wichtigen Geſtändniſſe, frei davon gehen laſſen, wenn ich nicht glücklicherweiſe noch zu rechter Zeit dazwiſchen gekom⸗ men wäre. Ich trat, nichts ahnend und wiſſend, in's Zimmer, und erkannte auf den erſten Blick den elenden Schuft, der bei meinem unerwarteten Erſcheinen ſo heftig erſchrak, daß er leichenblaß wurde und faſt in die Kniee geſunken wäre. ‚Der Vogt von Hohenholm 1e rief ich aus. ‚Wie kommt dieſer Bube hierher!“ „„Sie irren,“ ſagte der Graf.„Der Mann nennt „„Mag er ſich nennen, wie er will,“ fuhr ich fort, 1⁰² ‚zer gehört zu den Schuldigſten von allen Schuldigen auf Dagoe, denn er iſt der Vogt und Vertraute des Barons, und ſein Name iſt Jöggi Kusbal.“ „Meine Ausſage änderte ſogleich Alles. Anſtatt den Schurken frei zu laſſen, befahl der Graf ihn in ſtrenge Haft zu halten und ihn mit Niemand verkehren zu laſſen. Denn jetzt gilt es noch, das Geheimniß zu bewahren, um auch des Barons auf gute Weiſe hab⸗ haft zu werden. Auf ſeiner Inſel könnte ſeine Ver⸗ haftung nur unter Blutvergießen geſchehen, indem die Haäͤlfte ſeiner zahlreichen Leibeigenen zu ſeinen Mitſchul⸗ digen gehört. Von ihm aufgereizt, würde die Ver⸗ zweiflung ſie zu den Waffen und zu hartnäckigem Wi⸗ derſtande treiben. Der Graf hat deshalb die Liſt der Gewalt vorgezogen, und wir zählen darauf, daß der Baron ſich freiwillig hierher begeben wird, wo er denn augenblicklich in unſere Gewalt fallen muß.« „Der Baron? Das glaube ich nimmermehr!“« ant⸗ wortete Werner.„Der Baron iſt ſchlau und vorſichtig, wie du ſelbſt weißt, und er ſollte ſich freiwillig zu ſo einem gewagten Schritte verſtehen? Gerade jetzt, wo die Flucht des Vogtes ſein Mißtrauen und ſeine Vor⸗ ſicht verdoppelt haben muß?« „Gerade auf den Vogt iſt unſer Anſchlag berechnet,“ entgegnete Hollmark.„Du weißt vielleicht nicht, daß der ſtreitſüchtige Charakter des Barons ihn in die Hände einiger Advokaten geliefert hat, die er Freunde nennt und denen er wirklich einiges Vertrauen ſchenkt, weil ſie ihm ſchon aus manchem böſen Handel geholfen haben. Einen von dieſen Menſchen, den Licentiaten Kalpak, ließ der Oberſt zu ſich beſcheiden und wußte ihn ſo einzuſchüchtern, daß der Menſch ſich zu ſeinem 103 Werkzeuge gebrauchen ließ. Er mußte einen Brief an den Baron ſchreiben, des Inhalts, ‚daß ihm der Vogt in die Hände gelaufen ſei, daß er ihn ſogleich feſtge⸗ halten habe und ihn ſo lange in ſeinem Hauſe zurück⸗ zuhalten hoffe, bis der Baron ſelbſt kommen, und ihn als einen entwichenen Leibeigenen gebunden in Verhaft nehmen wuͤrde. Außerdem mußte er dem Baron die größte Eile anempfehlen, damit der Kerl nicht vor der Zeit Verdacht ſchöpfe und etwa heimlich entwiſche, was von ſehr üblen Folgen ſein könne, indem der Vogt ſchwere Drohungen gegen ſeinen Herrn ausſtoße und 8 vor Gericht anzuklagen hoch und theuer geſchworen abe. 3 „Dieſer Brief,“ fuhr Hollmark fort,„iſt bereits abgegangen und muß ſogar ſchon in des Barons Hän⸗ den ſein, wenn er von ſeiner vergeblichen Jagd auf den Vogt nach Hauſe zurückgekehrt iſt. Die Angſt vor den Enthüllungen des Schurken wird ihn nicht ruhen laſſen, und gewiß läuft er alſo morgen in das Netz, das ihm geſtellt iſt.« Der Plan war allerdings fein genug angelegt, um einen guten Erfolg hoffen zu laſſen, und ſelbſt Werner gab ſich der Hoffnung hin, daß der Baron vollkommen durch die angewendete Liſt getäuſcht werden würde. „Genug jetzt davon,“ ſagte Hollmark, nachdem er dem Freunde alles Wichtige mitgetheilt hatte.„Laß uns nun auch ein wenig von dir reden. Was denkſt du zu beginnen, Werner, wenn der Baron den Händen der Gerechtigkeit übergeben worden iſt?« Werner zuckte die Achſeln.„Es wird mir nichts weiter übrig bleiben, als nach meiner Heimath zurück⸗ zukehren,« erwiederte er. 1 104 „Und die Stelle beim Grafen Soltikow?« „Iſt gewiß längſt vergeben! Wie könnt' ich mir noch Hoffnung darauf machen?“ „Aber du würdeſt ſie annehmen, wenn ſie dir auf⸗ bewahrt wäre?« „Ohne Zweifel, natürlich; aber es iſt ja Thorheit, etwas der Art nur zu denken!“ „Doch nicht ſo ganz,“ entgegnete Hollmark lächelnd. „Vergißt du ganz, daß du einen Freund haſt, Werner, der dir treu zur Seite ſteht? Da, lies! Dieſen Brief wollte ich dir morgen als Erſatz für die verlorene Hauslehrerſtelle bringen, aber ich denke, er wird dir auch heute ſchon willkommen ſein. Der Graf erwartet dich, deine Stelle bei ihm iſt noch nicht anderweitig vergeben, und du kannſt jeden Augenblick bei ihm ein⸗ treten.“ Ein Freudenruf drang über Werners Lippen, und er fiel dem hochherzigen treuen Freunde um den Hals, der ihn durch ſeine Fürſorge aus einer ziemlich hoff⸗ nungsloſen Lage befreit hatte. Aber von Dank wollte Hollmark nichts hören. »Still, ſtill, mein Lieber,“ ſagte er.„Ich bin ganz zufrieden, wenn die Stelle deinen Wünſchen entſpricht, und zweifle übrigens keinen Augenblick daran, daß ſie dir ſehr ſchnell den Weg zu einem höheren Staatsamte bahnen wird. Graf Soltikow iſt ein edler Mann und kennt meine Freundſchaft für dich. Aber nun zum Oberſten Strombeck, ich muß dich ihm doch vorſtellen, damit du deine Ausſagen an den rechten Mann brin⸗ gen kannſt.“ Ohne Aufenthalt zog er Werner mit ſich fort, und führte ihn in das Zimmer des Grafen, welcher den ——, 10⁵ jungen Mann mit freundlicher Würde in Empfang nahm. Werners Ausſagen wurden zu Protokoll ge⸗ nommen, und der Graf dankte ihm herzlich fuͤr die empfangenen, wichtigen Mittheilungen. „Es iſt mir ſehr lieb,« ſagte er,„daß Sie als Zeuge gegen dieſen furchtbaren Menſchen auftreten. Er muß ſehr ſchlau und gewandt ſein, daß er ſie Mo⸗ nate lang über ſein verbrecheriſches Treiben täuſchen konnte. Aber auf der andern Seite ſieht man doch auch, mit Ehrfurcht vor dem ſtillen geheimen Walten Gottes, daß auf die Dauer auch die erſinnlichſte Schlau⸗ heit im Begehen von Verbrechen nicht in Verborgen⸗ heit fortwuchern kann. Der ewige Rächer über den Wolken bringt zuletzt Alles an den Tag.“ Mittlerweile war es ſpät geworden und der Graf verabſchiedete die beiden Freunde, damit ſie ſich zur Ruhe begeben möchten. Werner ſchlief indeß ſehr un⸗ ruhig, und ſchon am frühen Morgen wurde er von Hollmark wieder geweckt, der mit der Nachricht vor ſein Bett trat, daß man eben jetzt den Baron, ſchäu⸗ mend vor Ingrimm und Verzweiflung, vor ſeinen ſtrengen Richter geführt habe. »Mit dem erſten Sonnenſtrahl,“ erzählte Hollmark, „erſchien die Jacht, die ihn führte, und legte in der Gegend von Neuenhof, die ihm zum Landen anem⸗ pfohlen war, vor Anker. Von zehn oder zwölf ſeiner Kreaturen begleitet ſtieg er an's Ufer, und ſah ſich hier plötzlich auf allen Seiten von einem Kommando Sol⸗ daten umringt, das zu ſeiner Empfangnahme in den Hinterhalt gelegt war. Die Beſtuͤrzung machte den Verbrecher ſprachlos, und es fiel ihm nicht einmal ein, einen Verſuch zur Flucht zu wagen, der freilich bei den ———————ÿ’ 106 getroffenen Vorſichtsmaßregeln auch gänzlich fruchtlos geweſen ſein wurde. Man brachte ihn ſogleich vor den Grafen Strombeck, welcher eben jetzt mit ſeiner erſten Vernehmung beſchäftigt iſt und dich erſuchen läßt, zum Zeugenverhoͤr bereit zu ſein, falls eben der Baron zu läugnen verſuchen ſollte. Bleibe indeß ruhig hier und erwarte meine Rückkehr. Ich muß nämlich nach Ho⸗ henholm, um dort Hausſuchung zu halten und noch einige Mitſchuldige des Barons zu verhaften, was mir inſofern angenehm iſt, als ich dabei die kleinen Baro⸗ neſſen beruhigen und ihnen einſtweilen in Hohenholm eine Zuflucht bieten kann.“ Unmittelbar nach dieſer Mittheilung reiste Hollmark mit einer ſtarken Abtheilung Soldaten ab, und bevor er zurückkehrte, war das Verhör des Barons ſchon ziemlich beendigt. Nach wiedererlangter Selbſtbeherr⸗ ſchung hatte der Verbrecher zwar zu läugnen verſucht, aber die Ausſagen ſeines Vogtes, Werners und ande⸗ rer Zeugen ließen ſeine Lügen nicht zur Geltung kom⸗ men. Schon am nächſten Tage wurde er nach Reval in das Kriminalgefängniß abgeführt, um hier das End⸗ urtheil über ſeine Verbrechen zu empfangen. Schreckliche Dinge hatte die Unterſuchung zu Tage gebracht, und noch immer ſtellten ſich nach Hollmarks Rückkehr von Dagoe durch die mitgebrachten Zeugen neue ungeahnte Gräuel von Betrug, Raub, Hinterliſt und Nichtachtung alles menſchlichen und göͤttlichen Rech⸗ tes heraus. Nie hatte vielleicht ein Menſch mehr dem Gewiſſen Hohn geſprochen, und nie der Druck der Knechtſchaft ſich in ſchrecklicherem Lichte gezeigt. Holl⸗ mark erzählte, daß noch jetzt, wo der Baron doch für immer unſchädlich gemacht ſei, die Zeugen kaum dahin 107 zu bringen wären, die Wahrheit zu bekennen, weil ſie bis in's innerſte Herz hinein vor der Rache ihres Zwingherrn erbebten.„Kann der Baron nicht einſt zurüͤckkehren?“ fragten ſie.»Und wenn er kommt, wird er dann nicht fürchterliche Vergeltung üben?“— Erſt die nachdrücklichſten Vorſtellungen und die heiligſten Verſicherungen, daß ſie nicht das Geringſte mehr von dem Baron zu fürchten hätten, lösten ihre Zungen und konnten ſie bewegen, den dichten Schleier von den Ge⸗ heinniſſn der Bosheit und Verworfenheit hinwegzu⸗ eben. „Und was wird das endliche Loos des Verbrechers ſein, der eine ſolche Maſſe von Unthaten auf ſein Ge⸗ wiſſen gehäuft hat?“« fragte Werner ſeinen Freund nach dem geſchloſſenen Verhöre und Zeugenvernehmungen. Piraſ ſcheint mir der Tod eine zu gelinde Strafe für ihn.“« »„Da haſt du recht,“ entgegnete Hollmark,„und die nächſte Zukunft wird ja lehren, welche Strafe ihm be⸗ ſtimmt iſt. Schon hat auf dem eben verſammelten Landtage der eſthniſche Adel ihn mit allgemeiner Ueber⸗ einſtimmung aus der Adelsliſte geſtrichen, aber die Er⸗ kenntniß des Urtheils wird erſt nach geſchloſſenen Akten, ohne Zweifel vom höchſten Gerichtshofe, erfolgen. Wie mir Graf Strombeck ſagte, ſteht zu vermuthen, daß der Baron zu lebenslänglicher Grubenarbeit in den Berg⸗ werken Sibiriens verurtheilt werden wird, eine Strafe, die jedenfalls ſchlimmer iſt als zwiefacher Tod.« »Er hat ſie verdient, ſolche Strafe,“ ſagte Werner. „Wahrlich, ich zittere für ihn, wenn ich bedenke, wie dieſer Mann einſt vor Gott beſtehen ſoll, wenn die letzte Stunde ihn zu ewiger Vergeltung fordert.“ „Ich wahrlich moͤchte um alle Schätze der Welt nicht an ſeiner Stelle ſein,“ antwortete Hollmark. „Dieſer Menſch hat zu Schweres auf ſeinem Gewiſſen, und mehr und mehr erſtaune ich, wie der Baron dich immerfort ſo hark am Rande ſeiner ſchwarzen Geheim⸗ niſſe hat hinführen können, ohne daß es deiner gut⸗ müthigen Seele jemals eingefallen iſt, deine Blicke tie⸗ fer in die dich umgebende finſtere Nacht zu ſenken. Tauſende an deiner Stelle hätten nicht die Hälfte der Waffen aufgeboten, wie du, um ſich des immer wieder, und immer höher aufſteigenden Mißtrauens zu erwehren. Ich liebe dich darum, Werner! aber nur, weil ich dich liebe und dein Herz kenne, kann ich dir verzeihen, denn ich ſelbſt hatte dich doch, und ſo kräftig, ſo eindringlich gewarnt.“ „Und trotz deiner Warnung,“ entgegnete Werner, „trotz der traurigen Aufſchlüſſe ſogar, welche die Unter⸗ ſuchung gegen den Baron ergeben hat, muß ich geſtehen, daß es mir immer noch unerklärlich bleibt, warum dieſer Mann mir anfänglich ſo viele Theilnahme heu⸗ chelte, und mich bis auf die letzte Zeit mit der ſorg⸗ fältigſten Rückſicht behandelte.“ „Ei, ſagt dir das nicht deine eigene Ueberlegung?« erwiederte Hollmark.„Dieſes Räthſel iſt doch gewiß nicht ſchwer zu löſen, und ich will es dir kurz und bündig deutlich machen. Daß du unglücklicher Schiff⸗ brüchiger deine Erlöſung von allen Leiden des Lebens nicht ſchon in den erſten Augenblicken fandeſt, wo du den Boden von Dagoe unter deinen Füßen fühlteſt, das hatteſt du allein der zeitigen Dazwiſchenkunft dei⸗ nes wackeren Gefährten und Freundes, des Kapitän Wildenrad, zu danken. Sonſt, mein' ich, würde der F Knotenſtock des Vogtes ſchwerlich umſonſt in der Nähe geweſen ſein.— Du ſchauderſt? Ei nun, wer ſollte da nicht ſchaudern? Aber gedenke jener Unglücklichen, jenes Vaters und Sohnes, die ſich noch im Tode um⸗ ſchlungen hielten, die du mit blutig zerſchmettertem Schädel fandeſt, was angeblich die Felſenriffe und der Wogenſturz verſchulden ſollten. Der Knotenſtock des Vogtes hatte den Armen den Schädel zerſchmettert. Dir würde es nicht beſſer, als die⸗ ſen Unglücklichen ergangen ſein, wenn nicht Wildenrad über dich gewacht haͤtte. Du warſt gerettet, ſobald du dich in der Fiſcherhütte befandeſt, wo dich und den ehrlichen Schiffer Menſchen geſehen haben konnten, de⸗ ren Mund nicht unbedingt zu verſiegeln war. Unter ſolchen Umſtänden blieb dann freilich dem Baron nichts übrig, als den Menſchenfreund und den großmüthigen, gaſtlichen Mann gegen Euch zu ſpielen.“ „Aber wenn er fürchten mußte, Zeugen ſeiner Tha⸗ ten in der Nähe zu haben, warum entließ er mich denn nicht eben ſo willig, als meinen Freund Wildenrad? Da er mir nur Gutes erzeigt hatte, würde ich überall auch nur Gutes von ihm geſagt haben und ein feuri⸗ ger Lobredner ſeines Edelmuthes geweſen ſein.“ „Das glaub' ich wohl, ich, Werner! Doch er, der Schuldbewußte, der dich nicht kannte, durfte, mußte er nicht Mißtrauen gegen dich hegen? Wie nun, wenn du dich nur verſtellt hätteſt, wenn du, blind ſcheinend, gleichwohl irgend eine Spitze ſeiner eingezogenen Tiger⸗ krallen wahrgenommen und ſpäter davon geplaudert hätteſt? Und wo geplaudert, zu wem geplaudert haͤtteſt? Das war erſt noch die Hauptſache! Er wußte, daß du nach Petersburg, in's Haus des Grafen Soltikow gingeſt. Dieſer einzige Name reicht ſchon hin, mir Alles zu erklären. Graf Soltikow war ſein Feind, den er auf's Tödtlichſte haßte. Der Baron wagte viel, wenn er dich unmittelbar aus ſeinen Händen in die des Grafen entließ, und ich fürchte ſehr, daß du ſelbſt in den gaſtlichen Zimmern von Hohenholm deines Lebens noch nicht ſicher geweſen wäreſt, wenn nicht noch andere Rückſichten und Betrachtungen auf die letz⸗ ten Entſchlüſſe des Barons Einfluß gehabt hätten.“ „Und welche könnten dies ſein?« fragte Werner. „Zunächſt vielleicht die ſtille Schadenfreude, dich dem Grafen, der dich erwartete, als gute Beute vor dem Munde weggefangen zu haben. Mehr wohl noch die Erwägung, daß er weſentlichen Nutzen von dir ziehen konnte. Er brauchte einen Hauslehrer für ſeine Kinder. Ihn auf dem gewöhnlichen, herkömmlichen Wege zu erlangen, hätte den Baron nothwendig in die, möglicherweiſe gefährliche, Verbindung mit irgend einem Dritten geſetzt, eine Verbindung, die er ſeines ſchändlichen Gewerbes willen ſcheute. Da warf ihm ſein Verhängniß dich in den Weg. Du warſt nackt, freundlos, fremd, unbekannt, jeder Nachfrage bet eini⸗ ger Vorſicht ſo gut als unerreichbar verborgen, und mußteſt alſo, ſeiner Berechnung nach, ſehr bald ein willenloſes Werkzeug in ſeinen Händen werden. Als feiner Menſchenkenner hatte er dich als Neuling in der Welt, als unſchädlichen, gutmüthigen Menſchen bald ergründet. Du wareſt gerade der Mann, mit dem er leicht fertig zu werden hoffte, während ein Anderer ihm wider ſeinen Willen in ſein verbotenes Spiel geblickt haben dürfte. Dich konnte er aus dem Wege ſchaffen, ſobald du ihm gefährlich dünkteſt, und ſeine Vorſpie⸗ Freunde mit Innigkeit die Hand drückte. 113 haben, als jener Häuptling der Strandfiſcher auf Dagoe. Man gibt ſich jetzt alle Mühe, die wirklichen Eigen⸗ thümer dieſer Güter wieder ausfindig zu machen, und einem Jeden ſoll zurückerſtattet werden, was er als Eigenthum irgend nachweiſen kann. Das Uebrige ver⸗ fällt dem Staate.“ „Und die armen, unſchuldigen Kinder des Barons?« fragte Werner. „Ihnen bleibt geſichert, was ſie als Erbtheil von ihrer Mutter anſprechen können, und dies iſt weit mehr als hinreichend, ihren Lebensunterhalt zu beſtreiten. Ueber ihre Zukunft kannſt du ganz ruhig ſein, denn die Unſchuldigen trifft ja kein Vorwurf. Bei alledem ſegne ich faſt den Tod meines Freundes Julius, dieſen Tod, der ihn hinwegraffte, ehe er die Schande ſeines Vaters erlebte. Ihn würde der Gram getödtet haben, und darum iſt's beſſer, daß ihn Gott vor Ausbruch der Kataſtrophe zu ſich nahm, mag er nun eines natürlichen Todes geſtorben, oder durch die Mörderhand des Vog⸗ tes gefallen ſein, was Niemand wiſſen und beweiſen kann, als das Auge des allwiſſenden Gottes. Aber genug jetzt von dieſem traurigen Gewebe der Schmach. und der Schandthaten. Sprechen wir von dir und deiner Reiſe nach Petersburg. Graf Stromheck geht morgen dahin ab und macht dir durch mich das Aner⸗ bieten, ihn zu begleiten.“ „Ein Anerbieten, das natürlich mit herzlichſtem Danke angenommen wird,“ ſagte Werner, indem er dem Sechs Monate ſpäter ging Werner an der Seite des Grafen Soltikow in Petersburg am Ufer der Newa Der Strandfiſcher. 8 ſpazieren, und gelangte mit ihm an den Landungsplatz, wo die meiſten Schiffe ein⸗ und ausgeladen werden. Ein Haufen Menſchen ſammelte ſich in ihrer Nähe, und ſie traten neugierig hinzu, um zu ſehen, was ihre Aufmerkſamkeit beſchäftigte. „Ein Boot mit gefangenen Staatsverbrechern,“ ant⸗ wortete einer der Zuſchauer auf die Frage des Grafen, — und gleich darauf öffnete ſich eine Gaſſe im Men⸗ ſchenknäuel, und zwei mit ſchweren Ketten aneinander geſchmiedete Männer wurden in der Mitte bewaffneter Soldaten zu einem offenen Wagen geführt, der die Gefangenen mit ihrer Begleitung aufnahm und dann in raſchem Trabe davon raſſelte. Mit ſtarrem Entſetzen, erbleichten Wangen und zitternden Gliedern ſchaute Werner dem Wagen und den Verbrechern nach, deren Anblick ſein Herz bis in's Innerſte hinein erſchüttert hatte. „Barmherziger Gott,« ſtammelte er mit bebenden Lippen—„ſie waren es!« „Wer war es, mein Freund?“ fragte Graf Soltikow. „Kannten Sie ihn nicht, den Verbrecher mit den hohlen Wangen, dem verwildertem Barte, und dem grimmigen Menſchenhaſſe auf der düſtern Stirn?« ent⸗ gegnete Werner.„Oh, Herr Graf, dieſer Mann war der Baron Unken, und der zweite Elende, den ſchwere Eiſenfeſſeln an ihn ketteten, war Joggi Kusbal, ſein ehemaliger Vogt. Ihre Verbrechen haben ſie an einan⸗ der geſchmiedet, aber ſchwerer noch als die Ketten muß das Bewußtſein ihrer Schuld auf ihnen laſten.« „»Und die Furcht vor der Strafe, der ſie entgegen geführt werden,“ antwortete Graf Soltikow.„Ja, ja, ich erinnere mich— die Elenden wurden heute erwartet, — 115 und ich erkannte den Baron nur nicht gleich in dem Zuchthäusler⸗Gewande, das er trägt. Der Unglückliche! Welche Miſſethaten er auch begangen haben mag,— die Zukunft, der er entgegen geht, erweckt doch im fühlenden Herzen ein ſchauderndes Mitleid!« „Und welche Zukunft erwartet ihn?« fragte Werner beklommen. „Ewige Nacht und die klirrende Sklavenkette in den Bergwerken von Nartſchinsk!: antwortete Graf Solti⸗ kow.„Einmal dort begraben, wird das Auge des Verbrechers nie mehr den blauen Himmel und die ſtrahlende Sonne erblicken. Gefeſſelt an den boshaften und tückiſchen Helfershelfer ſeiner Miſſethaten, ächzend unter der Peitſche des Aufſehers, gemartert von der rächenden Stimme des Gewiſſens, wird jede Stunde, die er noch athmet, qualvoller und grauenhafter ſein, als tauſendfacher Tod!« Schaudernd bebte Werner zuſammen, und in ſein Auge trat eine mitleidige Thräne über das furchtbare, aber nur zu gerechte und wohlverdiente Schickſal des ſchrecklichen Strandfiſchers von Dagoe. Druck der C. Hoffmann'ſchen Officin in Stuttgart. Ott fffr̃ 9 ſſſſſſſf 8 10