Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von. 3 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen.. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 e 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. 3 3 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſetbei entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir! 5 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 5 beträgr: 1— 9. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mk. 50 f. 2 Mk. pf. „„= u—„ 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung p der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Al. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt g der Leſer dun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird peſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Die Sonne bringt es an den Cag. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Waffmann. Motto: Die Lugen des Herrn ſchauen an allen Orten, beide die Böſen und Frommen. 9 Sprw. 15, 3. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1856. Herr Mathey in Bern hat von dieſer Erzählung a . nelche. in autichlana. Hr d Erſtes Kapitel. Bie waldhütte Ein heller Schimmer im Oſten verkündigte, daß die Sonne bald hinter dem Horizonte heraufkommen und ihre glänzenden Strahlen uͤber Wald und Feld er⸗ gießen werde. Nur die tiefen Thäler deckte noch dichte b Nacht; auf den Bergkuppen hatte die flammende Mor⸗ genröthe bereits die düſteren Schatten der Finſterniß üͤberwunden. Im leiſen Morgenhauche rauſchten die dicht 4 belaubten Kronen der ſtämmigen Eichen und Buchen. 6 In ihren Zweigen regte ſich das erwachende Leben; wie noch halb träumend zwitſcherten die kleinen gefie⸗ derten Sänger des Waldes; dann ertönte kreiſchend und 5 heiſer das Krächzen eines Raben; der Schrei eines 3 Hähers antwortete, und nun plötzlich gab der ſchmet⸗ ternde Schlag des Finken das Signal zum allgemein beginnenden Wald⸗Concerte. Die kleinen Vögel wachten vollends auf, ſchüttelten zwitſchernd ihr buntes Feder⸗ kleid, ſtrichen es zierlich mit dem Schnabel glatt, und hüpften oder flogen mit munteren Aeuglein aus ihrem Die Sonne bringt es an den Tag. 1 2 buſchigen Schlafkämmerchen hervor, um das aufflam⸗ mende Licht des Tages mit ihren hellſten Jubelklängen zu begrüßen. Der Pirol flötete; die Amſel lockte vom höchſten, ſchwankenden Zweige der Buche; Zeiſig, Stieg⸗ litz, Grasmücke, Fink und Hänfling ſangen und ſchlugen luſtig durch einander; der Kuckuk ſchrie in der Ferne ſeinen hellen, weit tönenden Ruf. Als die Frau Sonne kam, fand ſie Alles ſchon wach; aber doppelt fröhlich erklangen die luſtigen Wald⸗ lieder von Zweig zu Zweig bei ihren glänzenden Strah⸗ len, die grünen Baumwipfel rauſchten lauter, Millionen Thauperlen blitzten auf den Gräſern und Blättern, und der glänzendſte Frühlingsmorgen hatte mit Einem Male prächtig ſich losgerungen aus den letzten düſtern Schat⸗ ten und Schleiern der Nacht. Um dieſe Zeit war es, da kroch aus einer kleinen Waldhütte, wie ſie die Köhler und Holzhüter aus ſchlanken Birkenſtämmen für kurzen Gebrauch leicht und luftig zu errichten pflegen, ein Knabe heraus an's Morgenlicht, ſchaute mit hellen, blauen Augen neugierig umher, wie die Vögel, ſchuttelte ſeine blonden Locken, um die trockenen Fichtennadeln, die ihm zum Lager ge⸗ dient, daraus zu entfernen, kämmte ſie mit ſeinen fuͤnf Fingern und ſtrich ſie dann glatt mit der Hand, lief nach einem Waldquell, der nicht weit von der Hütte aus einer ſteinigen Vertiefung ſprudelte, wuſch mit dem friſchen Waſſer Geſicht und Hände; kehrte langſam nach der Hütte zuruck, lauſchte einen Augenblick am niedri⸗ gen Eingange, und ſetzte ſich endlich, als Alles ſtill blieb darin, auf einen alten Eichenſtumpf, der an der Hütte wie zu einer Sitzbank eingerichtet war. »Er ſchläft noch,“ murmelte er.„Und ſo feſt, man b 3 hört ihn nicht einmal athmen. Ob ich ihn wecke?— Nein!— Befohlen hat er mir's nicht, und drum wird er mich auch nicht ſchelten, wenn ich mich erſt noch eine Weile an dem ſchönen Morgen erfreue!“ Der Knabe lehnte ſich auf ſeinen Sitz zurüͤck, ſtützte den Kopf bequem gegen die Seitenwand der Hütte, blinzelte mit halb geſchloſſenen Augen in die duftige, morgenfriſche Welt hinein, und ſchien auf den Geſang der kleinen Vögel zu lauſchen, der hundertſtimmig von den Zweigen rings um ihn her erſchallte. Wie er da ſo halb lag, halb ſaß, von den Strahlen der lieben Morgenſonne beſchienen, konnte man ihn recht genau betrachten und in Augenſchein nehmen. Nach ſeiner Größe zu ſchließen, mochte er neun oder zehn Jahre alt ſein. Sein Geſicht war entſchieden hübſch, wenn auch von Wind und Wetter ein wenig gebräunt. Eine freie, offene Stirn, glänzende blaue Augen, eine gerade Naſe, und ein kleiner Mund mit rothen friſchen Lippen und glänzend weißen Zähnen bildeten ein wohl⸗ gefälliges Ganzes, das noch anſprechender wurde durch eine harmloſe Gutmüthigkeit, die ſich in allen ſeinen Zügen, und beſonders in dem freundlichen Lächeln ſeines Mundes ausprägte. Seine Kleidung übrigens war ziemlich zerlumpt und paßte nicht recht zu ſeinem Kör⸗ per. Die Beinkleider waren viel zu kurz, die Jacke dagegen viel zu weit und ſchlotterte ihm nur ſo um den Leib. Schuhe und Stiefel trug er gar nicht, auch keine Strümpfe, und man ſah's den kleinen Füßen auf den erſten Blick an, daß ſie ſchon längſt gewohnt waren, barfuß über die Welt hin zu laufen. Auch eine Kopf⸗ bedeckung hatte er nicht, und das Hemd aus grober Leinwand, das er trug, zeigte ſehr in's Auge fallende —. Spuren eines ſchon langen Gebrauch's. Aber trotz der armſeligen Kleidung mit ihren Riſſen und Flicken war er doch ein hübſcher Burſche, und ſeine Armuth ſchien ihn nicht ſonderlich anzufechten, denn er ſah, wie er ſo daſaß und auf den Geſang der Vögel lauſchte, ganz fröͤhlich und wohlgemuth aus. »Gut, recht gut!« murmelte er zuweilen vor ſich hin, indem er den Kopf bald ein wenig rechts, bald ein wenig links neigte, um beſſer hören zu können. „‧Da iſt ein Fink, der hat den ſchönſten Ritſchebier⸗ Schlag, den ich noch in dieſem Frühjahre gehört habe, und rechts da drüben zwitſchern ein paar Hänflinge, die auch nicht zu verachten ſind. Außerdem die Schwarz⸗ Amſel auf der Buche dort hinten, und die Zeiſige auf den Erlen weiter links hin,— ich muß doch mit dem Vater ſprechen, ob wir nicht einen Tag oder zwei hier bleiben können. Ein paar Vogelbauer ſind bald ge⸗ flochten, und der Fink allein iſt gut ſeine acht Groſchen werth für den Liebhaber, wenn ich ihn lebendig nach der Stadt bringe. Drei bis vier Hänflinge, das Stuͤck zwei Groſchen, die Amſel vier Groſchen, ein halbes Dutzend Zeiſige ſechs Groſchen, macht über einen Tha⸗ ler. Dafuͤr kann der Vater viel Brod und auch ein Stück Wurſt kaufen. Ja, ja, der Fleck iſt gut, und wenn es nur nicht gleich weiter geht, dann will ich die Vögel ſchon erwiſchen. Aber wie wunderlich, daß der Vater heute ſo lange ſchläft! Es iſt doch ſonſt nicht ſeine Gewohnheit. Er rührt ſich nicht! Wir haben freilich einen ziemlich langen Marſch geſtern ge⸗ macht, und es war ſchon ganz dunkel, als wir in dieſe Hütte krochen, aber— nachgerade könnte er doch aus⸗ geſchlafen haben. Nun, noch ein Weilchen will ich ihn — —— 5 liegen laſſen! Er klagte geſtern, daß ihm das Gehen ſo ſauer würde, und daß ihn der Kopf ſchmerze,— mag er ſich denn recht ausruhen. Ich verzehre der⸗ weil mein Fruͤhſtück und ſchneide mir ſchmeidige Ruthen für die Vogelbauer.“ Geſagt, gethan. Der Junge rutſchte von dem Baumſtumpf herunter, kroch mit halbem Leibe durch den niedrigen Eingang der Hütte, tappte ein Weilchen mit den Händen darin herum, und brachte endlich einen kleinen Kober von Splint zum Vorſchein, mit welchem er ſich auf ſeinen vorigen Platz verfügte. Hier öffnete er ihn, langte ein paar Stücke Brod heraus, verzehrte ſie trocken, wie ſie waren, mit gutem Appetite, trank hinterher einen Schluck Waſſer von der nahen Quelle, ſchob den Kober wieder in die Hütte, und blickte dann rings umher, um ſchmeidige Gerten zu ſuchen, wie er ſie zur Anfertigung der Käfige benutzen zu können glaubte. Bis dahin hatte der junge Burſche ganz munter und wohlgemuth ausgeſehen, jetzt aber, als er ſich um⸗ ſchaute, überflog plötzlich ein Schatten ängſtlicher Be⸗ ſorgniß ſein hübſches Geſicht, und er ſtarrte beſorgt in die Ferne. Ganz hinten am Ende des Waldweges, den er von der Hütte aus überſehen konnte, erſchien die Geſtalt eines Mannes mit Flinte und Jagdtaſche und einem Hunde, der an ſeiner Seite einhertrabte. „Der Waldhüter! Es iſt ein Waldhüter!“ mur⸗ melte der Junge ängſtlich.„Da müſſen wir machen, daß wir davon kommen, ſonſt giebt es wieder Schelte, wie neulich, und ſie ſperren den Vater wohl gar auf einen Tag oder zwei in's Hundeloch ein, wie ſie ge⸗ broht haben, als ſie uns ſchon einmal in ſolcher Hütte — ñ—— 6 erwiſchten. Aber nun ſchnell,— der da wird uns wohl nicht kriegen.“ Der Junge duckte ſich und kroch an den Eingang der Hütte.„Vater!« rief er mit gedämpfter Stimme hinein,—„Vater, wach' auf! Ein Waldhüter kommt grade auf die Hütte zu. Geſchwind wach' auf, Vater! Hörſt du?« Drinnen in der Hütte blieb es ſtill.„Vater, hur⸗ tig!“« ſchrie der Knabe lauter.»Der Waldhüter kommt ſchon näher. Hörſt du denn gar nicht? Vater! Vater! So wache doch auf!« „Nichts regte ſich, der Knabe warf einen bangen, beſorgten Blick hinter ſich, und ſah, daß der Mann mit Hund, Flinte und Jagdtaſche kaum noch zweihundert Schritte entfernt war.„Ich darf nicht lauter rufen!« ſagte er.„Er würde mich hören! Was thu' ich? Das Beſte wird ſein, ich ſchlüpfe in die Hütte und halte mich ganz ſtill. Vielleicht geht er vorüber, ohne uns zu bemerken, und dann ſind wir geborgen. Ent⸗ wiſchen können wir nun doch nicht mehr. Ich weiß nur nicht, warum der Vater grade heute ſo lange ſchläft und ſo feſt!« Mit den letzten Worten ſchlüpfte der Junge in die Huütte, kauerte ſich in einen dunklen Winkel und ver⸗ hielt ſich mäuschenſtill. Auf ſeinen Vater achtete er VWnaicht, ſondern horchte nur auf die Schritte des Waid⸗ mann's, die allmählig näher und näher kamen. Jetzt rauſchte das dürre Laub dicht am Eingange der Hütte — der Junge hielt den Athem an, und regte ſich nicht; — jetzt aber,— jetzt athmete er wieder tief auf und lächelte,— denn die Schritte klangen ſchon wieder ent⸗ fernter, der Waldhüter ging vorüber, ohne die Hütte —— 4ü— ſeine eben noch finſter und ſtrenge Miene erhellte. 7 zu unterſuchen, die Gefahr war vorbei. Da auf ein⸗ mal ſchlug der Hund an, ſtellte ſich an den Eingang der Hütte und bellte laut und heftig. „Tiras! Tiras!“ ſchrie eine fremde Stimme, ohne Zweifel die Stimme des Waldhüters,—„Hierher, Tiras!“ Tiras gehorchte nicht; er bellte nur noch lauter und ſtärker. „Verwünſchter Hund!“ murmelte der Junge.»Nun hilft Alles nichts mehr, wir ſind verrathen!“ 3 Seine Schlußfolge beſtätigte ſich als vollkommen richtig. Der Jägersmann, aufmerkſam gemacht durch das Gebell ſeines Hundes, kehrte um, und warf einen forſchenden Blick durch den Eingang der Hütte.„Heda, heraus, wer da drin ſteckt,“ rief er.„Geſchwind heraus, oder ich ſchicke den Hund hinein!“. „Ach, lieber Herr, thun Sie uns nichts,« bat die Stimme des Jungen kläglich aus der Hütte.»Wir haben nichts verbrochen, als nur hier geſchlafen, weil uns die Nacht im Walde überraſchte!“ „Schon gut!« erwiederte der Waidmann barſch.„Das wollen wir nachher unterſuchen. Jetzt vor Allem heraus an's Tageslicht, damit ich ſehe, was ich für Vögel ge⸗ fangen habe.“ Zitternd gehorchte der Junge, und als er wieder an's Tageslicht kam, ſah er ſo kläglich bittend und flehend zu dem Jägersmann auf, daß dieſer unwill⸗ kührlich ſein Herz gerührt fühlte, und ein mildes Lächeln „He! He! Wen haben wir da?“ ſagte er wieder barſch und hart.„Blitzjunge, wie kommſt du hieher 8 in mein Revier? Du ſiehſt mir nicht aus, als ob du aus der Umgegend gebürtig wäreſt. Wie heißt du?« „Peter, lieber Herr!« »Und du biſt ganz allein hier, Peter? Das iſt doch kaum möglich! Auch hat Tiras noch immer ein Auge auf die Hütte. Wer ſteckt noch darin? Ant⸗ worte geſchwind, oder ich ſchicke wirklich den Hund hinein. Wer iſt noch in der Hütte, und warum kommt der Jemand nicht heraus?« » Ach Gott,“ lieber Herr,„mein Vater iſt's!« ſagte Peter.„Sei'n Sie nur nicht böſe auf ihn! Er wird ſich nicht heraus getrauen, weil er gewiß fürchtet, Sie würden ihn in's Hundeloch werfen!« »„Ei was, ich werde ihm nichts thun, wenn er ſonſt kein Verbrechen begangen hat, als in der Hüte geſchla⸗ fen,“ antwortete der Waldhüter.„Nur heraus, Mann! Der alte Andreas iſt bekannt dafür, daß er keinem armen Menſchen etwas zu Leide thut, wenn er's nicht verdient. Alſo heraus, ohne Furcht!«. »Vater, Vater, ſo komm doch nur!« rief Peter. „Der Herr Waldhüter thut uns nichts, ich ſeh' es ihm an den Augen an. Komm nur ganz dreiſt, Vater!« »Sonderbar,“ ſagte der Junge zu dem alten Wald⸗ hüter.„Solchen feſten Schlaf hatte der Vater ſonſt gar nicht, und iſt für gewöhnlich immer früher auf den „Nun, ſo krieche hinein, und ſchütt'le ihn!« ſprach der Waidmann.»„Ich habe nicht Zeit, lange auf ihn zu warten. Hinein, und wecke ihn, Peter!« Der Junge gehorchte. Ein ſchwaches Dämmerlicht B 9 drang jetzt von außen her in die Hütte, und er ſah den Mann, den er ſeinen Vater nannte, lang ausge⸗ ſtreckt und ohne Bewegung auf ſeiner harten Streu von Fichtennadeln liegen. „Vater!“« rief er ihn an.„So wach' doch auf! Hörſt du mich denn gar nicht? Du brauchſt dich nicht zu verſtellen, der Mann draußen meint es gut mit uns!« Keine Antwort. Die Geſtalt rührte ſich nicht. Blin⸗ zelte nicht einmal mit den Augen. Peter ergriff ſie am Arme,— der Arm war ſteif und ſchwer. Peter fuhr ihr mit der Hand über's Geſicht,— das Geſicht war eiskalt. Ein jäher Schrecken überrieſelte ihn. „Herr Jeſus!“ ſchrie er auf,—„ich glaube der Vater iſt todt!“ „Oho, Junge, ſo ſchlimm wird es nicht ſein!“ antwortete der Waidmann draußen.„Aber warte einen Augenblick, ich werde kommen und ſelbſt nachſehen.“ Gleich darauf wurde der Eingang der Hütte ver⸗ finſtert, und auf allen Vieren kroch der Waldhüter herein. Er fühlte den Puls, den Herzſchlag des Man⸗ nes, betaſtete ſein Geſicht, wendete es mit einer An⸗ ſtrengung mehr dem Lichte zu, und Beſtürzung malte ſich in ſeinen gutmüthigen, verwitterten Zügen. „Ja, bei Gott, er iſt todt!“ ſagte er.„Da haͤtten wir freilich lange rufen und ſchreien können. Komm nur wieder mit heraus in's Freie, Peter, hier iſt nichts weiter zu helfen, der Mann iſt geſtorben.« Peter zitterte am ganzen Leibe, Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, er weinte laut, und warf ſich un⸗ geſtum über den Leichnam hin, den er im Ausbruche heftigſten Schmerzes mit beiden Armen umklammerte. „Vater! Vater!“ ſchluchzte er.„Wache doch auf! Du 5 ͤ ͤ d X 10 verſtellſt dich ja nur! Erſchrecke mich nicht länger, Vater! Um Gottes willen, wache doch nur auf!« »Der wird nicht mehr aufwachen, Kind,« ſagte der Waldhüter mitleidig.„Fühle doch nur, er iſt bereits eiskalt und muß ſchon ſeit mehreren Stunden todt ſein. Da hilft kein Jammern und Wehklagen. Komm nun in's Freie, da wollen wir noch ein paar Worte mit einander reden.“ Der ungeheuchelte, tiefe und lebhafte Schmerz des Jungen rührte den Alten. Er riß ihn mit ſanfter Ge⸗ walt von dem Todten los und drängte ihn aus der Hütte. Mechaniſch folgte der Junge, und draußen ſetzte er ſich auf den Baumſtumpf, bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, und weinte von Neuem ſo bitterlich, daß ihm die hellen Thränen zwiſchen den Fingern durch⸗ liefen. Eine Zeit lang ließ ihn der alte Wildhüter ge⸗ währen. Auf ſein Gewehr geſtützt, ſah er mit herz⸗ lichem Mitleiden den Jungen an, und allerlei Gedanken flogen ihm dabei durch den Kopf. »Ein hübſcher Junge!« murmelte er in ſeinen grauen Bart, der ihm zottig über die Lippen und über das Kinn herunter hing.„Ein hübſcher Junge, und ei gutes, weiches Herz! Wie er weint, der arme Bu Muß doch ſehen, ob ihm nicht zu helfen iſt! doch ſehen!« Nach einer Weile, als die Thränen des Knaben milder zu fließen ſchienen, klopfte er ihm leiſe auf die Achſel. »Höre mich an, Peter,“ ſagte er ſanft.„Das Weinen nützt einmal nichts mehr. Hin iſt hin, und durch alle Thränen in der Welt kannſt du keinen Todten wieder in's Leben rufen. Darum laß es jetzt gut ſein, “ u * 1— —— 11 und trockne dir die Augen ab. Wir muſſen ein ernſt⸗ haftes Wort mit einander reden. Faſſe dich, Kind! Faſſe dich! Hatteſt du denn deinen Vater ſo ſehr lieb, daß du gar nicht aufhören kannſt zu ſchluchzen?“ Der Junge nickte. Noch floßen ſeine Thränen und die Kehle war ihm wie zugeſchnürt, ſo daß er kein Wort herausbringen konnte. Der Waldhüter ließ ihn noch ein paar Minuten gegen ſeinen Schmerz ankämpfen und redete ihm nur gutmüthig und ſanft zu. Das half. Allmählig wurde der Knabe ruhiger, und nur die Mundwinkel zuckten noch manchmal in verhaltenem Schmerze. „Na, nun biſt du ein guter Junge, Peter,“ ſagte der alte Waidmann.„»Nun laß auch hören, was man für dich thun kann, und gieb vernünftigen Beſcheid auf einr⸗rgen Zuerſt, wie heißt dein Vater, und was iſt er?“ 4 Der Junge blickte verwundert auf.„Was er iſt? Gar nichts iſt er, lieber Herr, der Wald⸗Friedel iſt er.« „So! Der Wald⸗Friedel! Und wie heißt er ſonſt noch 24 „Weiter hat er keinen Namen, ich weiß weiter keinen. Drüben im Böhmer Wald nannten ihn ſo die Köhler und Holzhauer, wenn wir bei Einem arbeiteten oder ſonſt zuweilen Einem begegneten, und ich, ich ſagte Vater zu ihm.“ „Hm! Aber daheim, wo Ihr wohntet, wie nannten ihn da die Leute?“ „Wo wir wohnten? Wir wohnten gar nicht, lieber Herr!« „Ei, dummes Zeug, Junge! Mache mir keine — 1 1 1² 8 Flauſen vor! Ihr müßt doch irgendwo eine Heimath gehabt haben?“ Der Knabe ſchüttelte den Kopf.„Davon weiß ich nichts,“ antwortete er.„Der Vater wohnte in keinem Dorfe und in keiner Stadt. Wir zogen nur immer umher in den Bergen und im Wald.“ „So! Und was triebet Ihr da?« „Nun, Vater war geſchickt im Holzfällen und Spal⸗ ten und Sägen und Ausroden von Bäumen, und auch im Kohlenbrennen! Keiner konnt' es beſſer, und wo gerodet oder wo Kohlen⸗Meiler gebaut werden ſollten, da war der Vater immer willkommen. Wir haben da manches Stück Geld verdient. Wenn wir an einer Stelle fertig waren, zogen wir weiter zu einer anderen, und auf dieſe Weiſe ſind wir weit herum gekommen im Lande. In die Stadt oder in ein Dorf giengen wir nur, wenn wir Brod kaufen mußten oder ſonſt was, und da hielten wir uns auch nie lange auf. Der Vater war immer am liehſten im Walde, und ich auch. Darum hießen ſie ihn auch den Wald⸗Friedel, glaube ich. Ach, er war gut, und that keinem Menſchen etwas zu Leide, und mir gab er nie einen Schlag, oder ſchalt mich, oder ſagte mir nur ein hartes Wort!“« Die Wehmuth kehrte wieder bei dieſen Erinnerungen, von Neuem brach Peter in Thränen aus, und ſchluchzte, daß dem alten Waldhüter faſt auch das Weinen näher lag, als das Lachen. Er ſchwieg ſtill, und ließ die aufwallende Schmerzeswoge erſt wieder verlaufen, bevor er ſeine Fragen fortſetzte. Dann begann er von Neuem. „Jetzt, Peter,“ ſagte er,„gieb mir Antwort; warum ſeeid Ihr an dieſen Ort gekommen? Hier habe ich Euch 13 noch niemals verſpürt, obgleich kein Tag vergeht, daß ich nicht mein Revier ablaufe.“« „Ja, ja, Herr,“ antwortete der Junge.„Wir waren auch noch nicht in dieſer Gegend, und darum eben hatten wir uns geſtern verlaufen und waren nur froh, daß wir die Waldhütte zum Uebernachten fanden. Er fühlte ſich gar nicht munter geſtern, der Vater, ſonſt hätten wir uns nichts daraus gemacht, unter freiem Himmel zu ſchlafen, wie wir's ſchon hundert Mal ge⸗ than! Aber nun freilich, nun ſeh' ich ſchon ein, warum er geſtern ſo ſehr nach einem Obdache verlangte, und warum er ſo wunderliche Dinge ſprach, als wir endlich in dieſe Hütte untergekrochen waren.“ „Was ſprach er denn?“ fragte der alte Waldhüter, der geſpannt aufhorchte. „Ach, ſo allerlei durch einander, ohne rechten Zu⸗ ſammenhang,“ erwiederte Peter.„Zuerſt wunderte ich mich darüber, aber nachher, weil er ſchon ſehr über Kopfſchmerzen geklagt hatte, da merkte ich wohl, daß er die Gedanken nicht recht beiſammen haben konnte, und redete ihm zu, er ſolle doch nur einſchlafen. Das that er denn auch, und ich ſchlief auch gleich ganz feſt, und ſo iſt es denn nun gekommen, daß ich nicht einmal gehört habe, wie er geſtorben iſt. Ach, mein guter, armer Vater! Wenn ich das hätte ahnen können, kein Auge hätte ich zugethan in dieſer Nacht!“ „Ja, ja, ich glaub' es dir,“ ſagte der alte Wald⸗ hüter treuherzig.»Aus Allem ſehe ich ſchon, daß du ein braver Junge biſt, der ſeinen Vater ehrt und liebt, und das wird dir unſer Aller Vater da droben ſchon wieder zu gut rechnen,— aber nun erzähle mir auch, was ſprach denn dein Vater geſtern, das dich ſo ſehr 14 verwunderte? Mir darfſt du es ſchon mittheilen, ich verrathe nichts davon.“ „Zu verrathen iſt da nichts, lieber Herr!“ antwor⸗ tete Peter mit offenem Blicke.„Ich verſtand auch ſelber nicht recht, was er meinte. Als ich ihm geſtern Abend zuredete, daß er doch nur ſtille liegen möchte, weil er ſich ſo unruhig auf der Streu hin und her warf, und als ich dabei, wie immer, lieber Vater zu ihm ſagte, da faßte er heftig mich bei der Hand, drückte ſie zwiſchen ſeinen heißen Fingern, und gab mir zur Antwort: »Herr mein Heiland, es iſt gut, daß ich daran denke, denn wer weiß, morgen iſt es ſchon vielleicht zu ſpät dazu. Du biſt ja gar nicht mein Sohn, Peter, wenn du mich auch Vater nennſt.“ „»Ach, Vater, du machſt Spaß,“ ſagte ich.„Thue nur die Augen zu und ſchlaf' ein!« „Aber er that es nicht, er ſchlief nicht, bis er mir erzählt hatte, er habe mich ſo etwa vor fünf oder ſechs Jahren auf einſamer Landſtraße etwas abſeits im Walde unter einer Eiche gefunden und mich bei ſich behalten, weil ich ſo ſehr jämmerlich geweint und geſchrieen hätte, Wer ich oder meine Aeltern wären, habe er nie in Er⸗ fahrung bringen können. Gewiß hätte man mich wäh⸗ rend der Nacht abſichtlich aus einem Wagen verloren,— denn die Spuren von Rädern und Pferdehufen ſeinen noch friſch und deutlich ſichtbar geweſen. Um Erkun⸗ digungen einzuziehen, ſei er dieſen Spuren bis zum nächſten Orte nachgegangen, und dort hätte er erfahren, es wäre allerdings eine Kutſche ganz in der Frühe durchgekommen, aber wer darin geſeſſen, wüßte man nicht. Eine grobe Baßſtimme habe nur nach Pferden geſchrieen und fürchterlich geſtucht und gewettert, daß — 15 4 es ſo lange dauere, bis ſie kämen, und endlich wäre der Wagen im Galopp weiter gefahren. Ob nun meine Aeltern darin geſeſſen, könne er mir nicht ſagen, nur ſo viel ſei gewiß, daß er nicht mein Vater ſei.“— Nun, ich ließ ihn reden, den Vater, weil ich es doch nicht verhindern konnte, aber Sie ſehen ja nun ſchon von ſelbſt, daß ſich der gute Vater das Alles nur ſo im Fieber muß eingebildet haben.“— Der alte Waldhüter ſchüttelte den Kopf.»Das möcht' ich doch nicht geradezu behaupten,“ antwortete er.„Vielleicht fühlte er ſeinen Tod herannahen, und da drängte es ihn, ſein Herz zu erleichtern und nicht ein Geheimniß mit in's Grab zu nehmen, das dir eines Tages von Nutzen ſein könnte. Ja, ſo wird's ſchon ſein. Aber hat er dir nicht noch ſonſt etwas erzählt?“ „Ei ja, er erzählte, er habe nicht weit von der Stelle, wo er mich aufgeleſen, auch einen großen gol⸗ denen Ring mit einem ſchönen Steine gefunden, auf den ein Wappen eingeſchnitten wäre, und ich ſolle nur recht ſuchen, den Ring beſitze er noch, und er müſſe ſich finden.“ „Und haſt du ſchon danach geſucht, Peter?« „Ach nein, ich habe nicht daran gedacht, auch wird wohl Alles nicht wahr ſein,“ erwiederte der Junge. „Wenn der Vater ſolchen Ring hätte, würde ich ihn ſchon längſt geſehen haben.“ „Ei nun, das kann man doch nicht ſo ganz gewiß wiſſen,“ ſprach der Waldhüter bedächtig.„Jedenfalls muß nachgeſehen werden, ob ſich noch ſonſt werthvolle Sachen oder Papiere bei deinem Vater finden, und weil wir Beide gerade hier ſind, ſo kann das beſſer ſogleich — ——— 16 als ſpäter geſchehen. Komm, Peter, wir wollen es be⸗ ſorgen, aber vorerſt die Hütte ein wenig heller machen.“ Das Letztere war bald geſchehen. Der alte Wald⸗ hüter rückte ein paar Birkenſtämme, welche die Wand der Hütte bildeten, zur Seite, und nun war es drinnen faſt ſo hell wie im Freien. Hierauf begab er ſich mit dem Kngben in die Hütte, betrachtete genau das Geſicht des Verſtorbenen, um ſich zu überzeugen, ob er auch wirklich todt ſei, und zuckte bedeutend die Achſeln. »Es iſt ſchon wahr!“ murmelte er.„Kein Fünkchen Leben mehr in ihm. Aber recht ſanft ſcheint er ent⸗ ſchlummert zu ſein! Sein Geſicht ſieht mild und ruhig aus.“ 3 Peter nickte zur Antwort nur mit dem Kopfe, denn bei dem Anblicke der blaſſen, ſtillen Zuͤge ſeines Vaters ſchoſſen ihm wieder die Thränen in die Augen, und er konnte nicht ſprechen. Der ehrliche Waldhüter ließ ihn ſich ruhig ausweinen, und durchſuchte indeſſen die Taſchen des Verſtorbenen. Er fand nur wenig darin. Ein leinenes Beutelchen mit ein paar Geldmünzen von geringem Werthe, ein derbes ſtarkes Meſſer, ein Feuer⸗ zeug von Meſſing, wie es die Holzfäller zu führen pflegen, und endlich, nach mehrmaliger, vergeblicher Nachforſchung in einer wohlverborgenen Taſche ein Säckchen von Wildleder, in dem ſich etwas Hartes be⸗ fand. Er neſtelte das Saͤckchen auf, und wirklich, ein ſchöner, großer, goldener Siegelring mit einem viereckigen rothen Steine, in welchen äußerſt fein und ſauber ein Wappen geſchnitten war, fiel ihm, als er es ſchüttelte, aus dem Ledertäſchchen in die Hand. »Da iſt der Ring!“ ſagte er.„Sieh' hier Peter! Dein Vater hat alſo doch nicht im Fieber geſprochen, 17 ſondern es wird ſchon ſo ſein, wie ich meinte: er hat nicht das Geheimniß mit in ſein Grab nehmen wollen. Tröſte dich, Peter! Dein Vater, dein wirklicher Vater, mein' ich, lebt vielleicht noch!“ „Oh, dieſer war mein Vater, mein wahrer Vater,« erwiederte der Junge mit innigem Gefühl. „Wie ein Vater hat er mich immer geliebt und behan⸗ delt, und mir nichts als Gutes und Freundliches er⸗ wieſen. Niemals, niemals werde ich das vergeſſen!“ „Nun, das iſt rechtſchaffen gedacht,« antwortete der Waldhüter.„Ich will dich auch gar nicht verhindern, ſein Andenken zu ehren wie das eines wirklichen Va⸗ ters. Aber komm jetzt! Wir müſſen nach dem Dorfe, und dafür ſorgen, daß dein Vater von hier abgeholt wird und ein chriſtliches Begräbniß erhält. Komm, Peter!“ 4 Der Knabe ſchien ſich nur ungern loszureißen. Doch mochte er wohl einſehen, daß der Verſtorbene nicht hier im Walde liegen bleiben könne, und trocknete ſeine Thränen ab. „Ich ſehe, da liegt einiges Handwerkszeug,“ fuhr der Waldhüter fort.„Nimm es mit, Peter, damit es nicht in fremde Hände fällt. Dieſen Ring werde ich ſelber einſtweilen an mich nehmen, und wir werden ſpäter davon reden. So! Biſt du fertig? Nun, was zögerſt du noch?« „Ach Gott, ich dachte eben, was nun aus mir werden ſolle, da mein lieber, lieber Vater geſtorben iſt!« ſagte Peter ſchmerzlich.„So lange er lebte, gieng es mir gut! Aber nun?« „Pah, das laß dir keine Sorge machen, Peter!“ antwortete der alte Waldhüter.„Du haſt ein treues Die Sonne bringt es an den Tag. 2 1 4 1 1 5 1 —————— — 18 Gemüth und ein dankbares Herz, wie ich wohl geſehen habe, und Solche verläßt der Herr da droben nicht. Du gehſt mit mir! Meine kleine Hütte hat Raum für uns Beide, und im Küchenſchranke wird ſich auch Brod für uns Beide finden. Komm nur, Peter! Der alte Andreas wird dein Vater ſein, wenn du ihn nur ein bischen lieb haben willſt dafür!« Peter ſank ſchluchzend an die Bruſt des alten Wild⸗ hüters, der ihm freundlich die Arme entgegen breitete und ihn mitleidsvoll an ſein Herz druckte. So weinte der Knabe einige Minuten an ſeinem Halſe, und der Alte ließ es ruhig geſchehen, indem er nur dann und wann ein tröſtendes Wort hinwarf. Endlich trocknete er die Thränen des Knaben und machte ſo dem Auf⸗ tritte ein Ende. »Na, nun iſt's gut,“ ſagte er,—„ich bin alſo jetzt dein Vater und du biſt mein Sohn. Tummle dich, Peter! Tummle dich. Wir haben keine Zeit mehr zu Weinen und Klagen, denn der Morgen ruͤckt vor, und wir müſſen in's Dorf, um für dieſen da zu ſorgen. Alſo tummle dich, Peter, tummle dich!“« Der Junge gehorchte. Er raffte die Art, die Säge und ein paar kleinere Werkzeuge des Verſtorbenen von der Erde auf, warf noch einen letzten zärtlichen Blick auf ſein ſtilles blaſſes Antlitz, und folgte dann dem alten Waldhüter, der mit weit ausgeholten Schritten 4 bereits voran gieng. Sie begaben ſich in das etwa eine halbe Stunde entfernte Dorf; der Waldhüter machte 5 die nöthige Anzeige bei dem Schulzen des Ortes und 5 führte dann den Knaben in ſeine Hütte, wo er ihn nochmals mit väterlicher Herzlichkeit willkommen hieß und ihm allezeit Liebe und Freundlichkeit zu erweiſen 19 verſprach. Peter konnte nicht viele Worte machen, aber ſein glänzendes, lebhaftes Auge führte eine Sprache, welche der ehrliche Waidmann ſchon verſtand. Peter's Blick verhieß ihm die innigſte Dankbarkeit. Zweites Kapitel. Die neue Heimath. Der alte Andreas ſtand in Dienſten des Grafen Lindenberg, eines reichen jungen Herrn, dem viele hun⸗ dert Morgen Wald⸗ und Ackerland gehörten. Als Wald⸗ hüter hatte er die Aufſicht über die Forſten des Grafen, und mußte über den Wildſtand wachen, damit er nicht allzufrech von den Wilddieben gelichtet würde. Obgleich jetzt noch rüſtig und im Beſitze ſeiner vollen Kraft, ſah er doch ſchon die Zeit allmählig heran nahen, wo ihm ſein Dienſt allzu beſchwerlich fallen würde, und ſein graues Haar mahnte ihn, ſich bei Zeiten nach einem Gehülfen umzuſehen. Als er den armen verlaſſenen Peter bei ſich aufnahm, geſchah es zunächſt nur aus Mitleiden mit ſeiner ſo gänzlichen Hülfloſigkeit; bald aber kam ihm der Gedanke, daß er ſich in dem Jungen ganz füglich einen Gehülfen und Nachfolger im Amte ziehen könne, falls derſelbe ſich anſtellig, geſchickt und ehrlich zeigte. Vor der Hand war das allerdings nur ein flüchtiger Einfall, aber aus dem Gedanken konnte Wahrheit werden, und der alte Andreas nahm ſich auf 2 8 20 alle Fälle vor, mit Peter wenigſtens einen Verſuch an⸗ zuſtellen. Zunächſt galt es, die Heimath ſeines verſtorbenen Vaters oder Pflegevaters ausfindig zu machen, und Erkundigungen darüber einzuziehen, ob derſelbe in ſeinen letzten Stunden die Wahrheit geſprochen oder nur in der Hitze des Fiebers allerlei verwirrtes Zeug geplaudert habe. Dies zu ermitteln, zeigte ſich weniger ſchwierig, als der alte Andreas befürchtet hatte. Bei der Leiche des Wald⸗Friedel fand man ein kleines Buch, das Nach⸗ weis über ſeine Heimath gab. Er war aus einem kleinen Dorfe an der Bömiſch⸗Bayriſchen Gränze ge⸗ bürtig, und der Schulze ſchrieb an die dortige Behörde, theilte den Thatbeſtand mit, und bat um Auskunft über Peter, indem er es der Gemeinde anheim ſtellte, den Knaben zurück zu fordern, falls derſelbe dort etwa noch Angehörige oder Blutsverwandte habe. Als man den Wald⸗Friedel ehrlich und chriſtlich beſtattet hatte, wurde dieſes Schreiben fortgeſchickt, und einige Zeit nachher lief eine Antwort ein, welche Alles beſtätigte, was der Knabe aus dem Munde ſeines Pflegevaters vernommen hatte. Die Behörde theilte mit, daß Wald⸗Friedel aller⸗ dings aus ihrem Dorfe gebürtig, aber nie verheirathet geweſen ſei. Den Knaben habe er vor mehreren Jahren im Walde gefunden und ſeit jener Zeit bei ſich be⸗ halten. Von der Herkunft deſſelben wiſſe man nichts. Wald⸗Friedel ſelbſt hätte darüber nie eine Auskunft gegeben oder auch geben können, und überhaupt ſei er ſchon ſeit längerer Zeit weder allein, noch mit dem Knaben in ſeiner Heimath geweſen, da er ſchon immer ein umher ſtreifendes Leben geführt und ſich den größten Theil ſeines Lebens in den Wäldern umher getrieben 21 und dort ſeinen Lebensunterhalt geſucht und wohl auch gefunden habe. Klage wäre nie über ihn geführt wor⸗ den, und man habe ihn immer, gewiß mit Recht, für einen fleißigen rechtſchaffenen Mann gehalten, den kein Vorwurf weiter treffen könne, als der, daß er an keinem Orte, den Wald allein ausgenommen, rechte Ruhe gehabt. In Betreff des Knaben endlich müſſe bemerkt werden, daß man Seitens der Gemeinde nichts für ihn thun könne, denn die Gemeinde ſei arm, und es wäre daher für den Jungen wohl am beſten, wenn er an ſeinem jetzigen Aufenthaltsorte verbliebe. Dieſer Beſcheid wurde dem alten Andreas mitge⸗ theilt, und dieſer bezeigte ſich ganz zufrieden damit. „Abgemacht, Herr Schulze,“ ſagte er.„Der Junge bleibt bei mir, und ich will Vaterſtelle an ihm vertre⸗ ten, ſo gut ich kann.“ „Aber der Herr Graf?“ fragte der Schulze bedäch⸗ tig.»Meint Ihr, Andreas, daß der junge Herr damit zufrieden ſein wird?“ „Ei ja doch!“ erwiederte der Alte.„Mit ſeiner Muiter, der Frau Gräfin, habe ich ſchon darüber ge⸗ ſprochen. Sie iſt alles zufrieden, und Ihr wißt ja, Schulze, der junge Herr hat keinen andern Willen als den ihrigen. Sie hat es ihm ſchon nach Heidelberg geſchrieben, wo Graf Julius jetzt ſtudiert, und ich weiß ſchon, da iſt Alles ſo gut wie beſorgt. Der Junge bleibt bei mir, und ich will ſchon ſehen, daß ich einen rechtſchaffenen Jägerburſchen aus ihm ziehe, der eines Tages, wenn ich die Augen zumache, meinen Poſten verſehen kann.“ „Oho, Alter,« ſagte der Schulze und lachte,— „das hat noch gute Wege; wer ſo kräftig und geſund ſſt, wie Ihr, der hilft noch das halbe Dorf begraben, bevor er ſelber der Welt Ade ſagt. Nun alſo, die Sache iſt abgemacht, der arme Junge bleibt bei uns, und Ihr verdient Euch ein Gottes⸗Lohn an ihm!« So war denn nun Alles in Ordnung. Der arme heimathloſe Junge hatte mit Gottes Hülfe eine Hei⸗ math und einen neuen Vater gefunden, der es gewiß nicht weniger gut und redlich mit ihm meinte, als der alte. Uebrigens ſtellte ſich auch bald heraus, daß Peter aller Güte und Freundlichkeit wohl würdig war, denn ſein Charakter, ſein ganzes Thun und Streben ent⸗ wickelte ſich in einer Weiſe, welche dem alten Wald⸗ hüter nur zur Freude gereichen konnte. Dies zeigte ſich ſchon gleich im Anfange, als Andreas ein kleines Examen mit ihm anſtellte. »Nun, Peter,“ ſagte er eines Tages, einige Zeit nach dem Begrähmiſſe des ehrlichen Wald⸗Friedel,— „nun müſſen wir einmal ſehen, was du kannſt und ge⸗ lernt haſt, denn wenn du ein ordentlicher Jägerburſche werden willſt, ſo mußt du mehr verſtehen, als im Walde umherzulaufen, und einen Fuchs von einem Eichhörnchen unterſcheiden zu können. Alſo zuerſt: kannſt du leſen, Peter?« »Ja, leſen kann ich!« ſagte der Knabe dreiſt. »Nun, ſo lies einmal,« ſagte der alte Andreas an⸗ genehm überraſcht, und ſchob ihm ein Geſangbuch hin. „Lies einmal dieſen Vers hier.“ Peter ſtutzte und machte große Augen. »„Ja, das kann ich nicht,« ſagte er verblüfft.„Aber Holz leſen kann ich. Ich hab' es oft gethan, wenn ich mit dem Vater im Walde gieng und wir wollten ein Feuer anmachen.“ 8 2³ „O weh!“ rief der alte Andreas, halb lachend, halb beſtürzt,—„ſo iſt's nicht gemeint, Peter! Ich meine, ob du die Buchſtaben da leſen kannſt?“ Peter ſchüttelte den Kopf.»Nein, das kann ich nicht,« ſagte er.»Ich war noch nie in der Schule, wie andere Kinder.“ „Alſo kannſt du auch nicht ſchreiben, nicht rechnen, gar nichts, mit Einem Worte?« Peter ſchwieg und ſah betrübt aus. Aber ploͤtzlich ſchaute er wieder hell auf.„Ich kann's nicht,“— ſagte er,—„aber ich will's lernen!“. „Das wird ſchwer halten, und du wirſt dich recht tummeln müſſen,“ erwiederte der Waldlaͤufer.„»Denn ſtehſt du, Peter, du biſt eigentlich ſchon kein Hänschen mehr, ſondern ein ziemlich großer Hans, und, was Hänschen nicht lernt, hm! hm! hm! Ich muß mit dem Herrn Schulmeiſter reden! Aber was kannſt du ſonſt, Peter? Hat dein Vater ſelig, der Wald⸗Friedel, dich gar nichts gelehrt?« „O ja,“ ſagte der Junge,—»beten kann ich, Morgens und Abends, und für alle gute Gaben dem lieben Gott danken!“ Das ein wenig verdüſterte Geſicht des alten Andreas wurde wieder hell und freundlich.»Das iſt viel, Peter!“ ſagte er,— vund etwas ſehr Gutes! Dein Vater muß ein braver Mann geweſen ſein, da er dich zur Gottes⸗ furcht angehalten hat. Jetzt aber, was kannſt du noch, Peter?« den Holzfällern und Köhlern gelernt.“ „Hm! Und was noch, Peter?“ »Ich kann auch Vögel fangen, und Holzkäfige „Holz ſpalten und ſägen kann ich, das hab' ich bei ———— ———— — machen, und Fallen ſtellen für Marder und Füchſe, und einer Fährte nachſpüren, beſſer, als es der Vater konnte, er hat es ſelber oft geſagt!« »Nun, das kann dir in ſpäterer Zeit einmal nützen, aber wenn du leſen und ſchreiben könnteſt, wäre mir's lieber,“ ſagte Andreas.„Du mußt dich recht tummeln, Peter, wenn du das nachholen willſt.« „Oh, ich will's, Vater, wenn es dein Wunſch iſt,« verſicherte Peter voll Eifer.„Rechtſchaffen tummeln will ich mich!« »Nun, wir werden ſehen, werden ſehen,“ murmelte der alte Waldhüter.„Vor Allem muß ich mit dem Schulmeiſter ſprechen!« Das geſchah, und am nächſten Tage ſchon gieng Peter in die Schule. Er war ziemlich groß und ſtark, und es ſah komiſch aus, wie er ſich zu allerunterſt unter die kleinſten ABC⸗Schützen ſetzen mußte. »Tummle dich, Peter, daß du herauf kommſt!“ ſagte der Herr Schulmeiſter.„Die Kleinen lachen dich ſonſt aus, und dein Pflegevater betrübt ſich!« Die Kleinen lachten ſchon, aber Peter nahm es ihnen nicht übel. Entſchloſſen griff er zu ſeiner Fibel, und ſein Auge hieng an dem Munde des Lehrers. Kein Wort, keine Sylbe entgieng ihm, und wenn das Lernen in der Schule vorbei war, ſo fieng er's zu Hauſe von vornen an. Nach vierzehn Tagen ſchon las Peter ſeine Fibel ſo fertig, und malte ſo ſchön Buch⸗ ſtaben, wie die anderen Knaben ſeines Alters, und mit dem Rechnen gieng es noch beſſer. Peter konnte ſchon ziemlich gut rechnen, ohne daß er's wußte, denn er hatte das praktiſch im Walde von ſeinem Vater gelernt, und nur die Zahlen⸗Zeichen waren ihm fremd. Aber er 25⁵ tummelte ſich rechtſchaffen, und wie er die Buchſtaben ſeinem guten Gedächtniſſe einprägte, ſo auch die Zahlen. Der Herr Schulmeiſter war ſehr zufrieden mit ihm, und der alte Andreas gewann ihn täglich lieber und räumte ihm einen immer größeren Platz in ſeinem Her⸗ zen ein. Der gute alte Waldhüter merkte bald, daß er gar kein ſchlechtes Geſchäft gemacht hatte, als er den Jungen zu ſich genommen. Peter war die Dankbarkeit ſelbſt, und zeigte ſich immer fleißig, nicht nur in der Schule, ſondern auch zu Hauſe, als er nur erſt die Gewohn⸗ heiten ſeines neuen Pflegevaters ein wenig kennen ge⸗ lernt hatte. Der alte Mann hatte ſich bis daher nothge⸗ drungen ſeinen Morgentrank immer ſelber kochen müſſen, aber Peter bewies ihm, daß er mehr konnte, als er ſich zu Anfang gerühmt hatte. Munter wie ein Wieſel war er mit dem erſten Sonnenſtrahl von ſeinem Lager auf, langte das Beil, machte Holz klein, zündete ein Feuerchen auf dem Herde an, und kochte dem Pflege⸗ vater Andreas die Suppe ſo ſchön, als ob er ſeine Kunſt bei dem Koche des Grafen gelernt hätte. Ebenſo wußte Keiner beſſer ein Kaninchen oder Krammets⸗ vögelchen am Spieße zu braten, als Peter, der es hundert Mal fur den verſtorbenen Pflegevater im Walde gethan hatte, und mit vollem Vertrauen konnte ihm von Vater Andreas das Departement der Küche über⸗ tragen werden. Peter tummelte ſich am Feuerherde wie in der Schule, und verſäumte nie, ſeine Aufgaben mit der äußerſten Sorgfalt und Pünktlichkeit zu löſen. Der alte Waldhüter ließ ſich dieſe kleine Dienſte recht gern gefallen, und freute ſich über den Eifer des Jungen, der ſo gar keinen Augenblick nachließ. Im Vater Andreas ſollte das recht wohlbehaglich empfinden. Im Sommer nun ja, da war's ſchon luſtig, von früh bis zum Abend den Wald zu durchſtreifen, nach dem Rechten zu ſehen, und die Arbeiter zu beaufſich⸗ tigen;— aber im Spätherbſt und Winter gewann das ein anderes Ausſehen, und zwar kein beſſeres. In der Näſſe, in Sturm, in Regen und Schneegeſtöber den ganzen Tag unter freiem Himmel zubringen müſſen, iſt kein ſonderliches Vergnügen. Wenn nun der alte Andreas in früherer Zeit nach ſolchen ſchweren Tagen ſpät Abends nach Hauſe gekommen war, ſo hatte er nach allen Mühen und Beſchwerden noch immer keine Ruhe gefunden. Fröſtelnd und durchnäßt fand er nur eine kalte Stube und einen kalten Herd. Mit eigenen Händen mußte er Holz ſpalten, Feuer im Ofen an⸗ machen, ſein Bischen Eſſen kochen; und bis die Stube warm, das Eſſen gahr wurde, noch in ſeiner Behauſung von Hunger und Kälte leiden. Nun aber, da Peter für ihn ſorgen konnte, war das ganz anders. Wenn jetzt der Sturm tobte, oder ein Schneegeſtöber den alten Waldhüter in weiße Flocken einhüllte, die ſchmelzend ihn bis auf die Haut durch⸗ näßten, oder wenn es ſo grimmig kalt war, daß ihm Eiszapfen an die Barthaare froren, ſo ſpottete er all dieſes Ungemachs, ſobald er nur an die Heimkehr nnd an ſein Stübchen dachte, wo er von einer ſorgenden Hand und einem zärtlichen Herzen erwartet wurde. Wenn er jetzt heim kam, ſo fand er zunächſt ein war⸗ mes, behaglich durchheiztes Quartier; in dem großen Kachelofen knatterten die Holzſcheite, und in der Röhre Gegentheil, er ſteigerte ſich noch mit der Zeit, und 5 ſtand irgend eine Schüſſel, die immer etwas Gutes für den hungrigen Magen enthielt. Außerdem war Peter auch munter um ihn herum, nahm ihm Mütze, Jagd⸗ taſche und Büchſe ab, brachte den Schlafpelz und die Pantoffeln herbei, und tummelte ſich wacker, bis Vater Andreas bequem im großen Lehnſtuhle am Ofen ſaß, und ſich ſeine Suppe, oder ſein Kaninchen, oder was ſonſt die Küche und die Jahreszeit mit ſich brachte, wohlſchmecken ließ. Dazu das freundliche Geſicht des Jungen, ſein munteres Geplauder, ſeine herzlichen Lieb⸗ koſungen,— ei ja, das war freilich etwas ganz An⸗ deres, als in früherer Zeit, wo der alte Waldhüter allein, kalt, hungrig und griesgrämig in ſeiner unbe⸗ haglichen kalten und einſamen Behauſung ſitzen mußte. Als Peter mit der Zeit größer wurde, hatte der Alte auch noch größeren Vortheil von ihm. Es kam ſo weit, daß Peter ihm bei ſchlechtem Wetter ganz und gar den Dienſt abnahm, ſo daß er ſich daheim pflegen konnte, ohne Beſorgniß, daß irgend etwas verſäumt würde. Peter, von Jugend auf an den Wald gewöhnt und drin aufgewachſen, beſorgte die Geſchäfte eben ſo gut und gewiſſenhaft, als der alte Waldhüter ſelber, und dieſer konnte mittlerweile daheim in der Bibel, oder in der Hauspoſtille, oder im Geſangbuche leſen, und ſich freuen, daß er auf ſeine alten Tage nicht mehr allem Ungemach der ſchlimmen Jahreszeit zu trotzen brauchte. „Wahrhaftig, mein Junge,“ ſagte er manches Mal, wenn Peter halb erfroren oder ganz durchnäßt, aber immer luſtig und wohlgemuth, aus dem Forſte kam,— „wahrhaftig, damals, als ich dich bei der Waldhütte fand und zu mir nahm, glaubte ich dir einen Gefallen —— zu thun, aber ich ſehe alle Tage mehr, daß ich mir 28 ſelber damit den größten Dienſt geleiſtet habe. Heißt das noch eine Wohlthat, wo aller Segen über den Wohlthäter kommt? Na, Gott lohne dir's, mein Junge, was du dem alten Waldhüter Gutes auf ſeine letzten Tage bezeigſt!« Peter lehnte alle ſolche Lobſprüche beſcheiden ab, obgleich er ſie in Wirklichkeit vollkommen verdiente. Er glaubte nur ſeine Pflicht zu thun, und erfüllte ſie mit um ſo größerer Luſt und Freude, als er mit ganzer, ungetheilter, voller Liebe an ſeinem braven alten Pflege⸗ vater hing. So verlebten die Beiden in ſtiller Genügſamkeit und Zufriedenheit die glücklichſten Tage und Jahre mit einander, und der alte Andreas betrachtete Peter ſchon ganz als ſeinen dereinſtigen Nachfolger im Amte, als ein Ereigniß eintrat, welches dem Schickſale Peter's eine ſehr unerwartete Wendung gab. Es geſchah nämlich, daß ſich ſeit einiger Zeit Wild⸗ diebe im Forſte ſpüren ließen, die mit einer unerhörten Dreiſtigkeit zu Werke giengen, und mit einer Geſchick⸗ lichkeit die Rehe und Hirſche des Reviers wegſchoſſen, welche jeder Verfolgung zu ſpotten ſchien. »Tummle dich, Peter!« ſagte der alte Waldhüter, der unglücklicher Weiſe an einer alten, wieder aufge⸗ brochenen Schußwunde krank lag, zu ſeinem Pflegeſohne. „Den Spitzbuben muß bei Zeiten das Handwerk ge⸗ legt werden, ſonſt ruiniren ſie uns den ganzen Wild⸗ ſtand und lachen uns noch obendrein aus.« Peter ließ es nicht an ſich fehlen, ſondern war fleißig bei der Hand. Jede Nacht lauerte er im Walde und durchſtrich ihn nach allen Richtungen; aber immer, als ob irgend ein neckiſches Verhängniß ſeinen An⸗ ſtrengungen ſpotten wollte, immer wußten die pfiffigen Wildſchuͤtzen ſeinem wachſamen Späherauge zu entge⸗ hen. Wo er ſich grade befand und den Wald abſpürte, da blieb Alles ſtill, aber am entgegengeſetzten Ende des Waldes krachten die Schüſſe ganz luſtig durch die ſtille Nacht und weckten das Echo der Berge. Wenn er dann nach dieſer Gegend hineilte, ſo fand er wohl öfter blutige Stellen auf dem Graſe, die deutlich genug bezeugten, daß irgend ein Stüͤck Wild erlegt worden war, aber von den Schützen ſelber entdeckte er keine Spur. Sie waren ſtets mit ihrer Beute verſchwunden und das ſchärfſte Auge vermochte ihre Fährte nicht weiter, als höchſtens bis zu einem Bache oder zu einem ſteinigen Terrain zu verfolgen, wo der Fuß der flüchtigen Diebe keine Spur zurück ließ. „Sie müſſen Aufpaſſer haben, die alle meine Schritte belauern!“ ſagte Peter ärgerlich, als er eines Morgens nach abermals vergeblich durchwachter Nacht zum alten Waldhüter heimkehrte. „Thorheit, Peter!“ entgegnete der Alte.„Wer ſollte dich belauern oder dir nachſchleichen? Der Zufall iſt den Spitzbuben günſtig, das iſt das Ganze. Sei nur recht auf der Hut, und du wirſt ihnen wohl endlich auf die Fährte kommen.“ Peter verdoppelte ſeinen Eifer, ſeine Anſtrengungen, aber die Wildſchützen ſpotteten ihrer immer von Neuem. In einer der nächſten Nächte wurde wieder ein ſtatt⸗ licher Zwoͤlfender niedergeſchoſſen, und ehe Peter an Ort und Stelle gelangte, waren, wie gewoͤhnlich, Zwoͤlf⸗ ender und Wilddiebe verſchwunden. „Dem muß ein Ende gemacht werden, Vater,“ ſagte er zornig.„Du biſt jetzt ſo ziemlich wieder hergeſtellt 30 und bedarfſt meiner nicht. Gieb mir, ich bitte dich, auf unbeſtimmte Zeit Urlaub.“« „Und was willſt du beginnen?« fragte der Alte. „Tag und Nacht im Walde lauern, bis ich die Schelme erwiſche,“ erwiederte Peter.„Du ſprengſt in⸗ deß das Gerücht aus, ich ſei von der Frau Gräfin irgend wohin geſchickt worden und werde in den erſten acht Tagen nicht zurückkehren. Die Wildſchützen wer⸗ den dieß erfahren und die gewöhnliche Vorſicht außer Acht laſſen. Mittlerweile beſchleiche ich ſie, und komme dir nicht eher wieder vor die Augen, als bis es mir gelungen iſt, ſie zu fangen.“ Der Alte gab ſeine Einwilligung zu dieſem Plane, und eines Morgens war Peter verſchwunden. Man hatte ihn zuletzt auf einem herrſchaftlichen Pferde ge⸗ ſehen, mit dem er in der Richtung nach der nächſten Stadt davon geritten war. Seine Flinte und Jagd⸗ taſche hingen ruhig in dem Hauſe des alten Wildhü⸗ ters, wo Jeder ſie ſehen konnte, der ihn beſuchte. Mittlerweile war Peter allerdings wohl in die Stadt geritten, hatte aber hier das Pferd in einem Wirths⸗ hauſe ſtehen laſſen, und war noch am nämlichen Tage auf Umwegen nach dem Dorfe zuruückgeſchlichen. Raſt⸗ los durchſchweifte er dann während der Nacht den Wald, und dieſes Mal nicht ohne Erfolg. Als der Morgen graute, hörte er einen Schuß fallen, und eilte ſo ſchnell er konnte zur Stelle. Bald vernahm er Stimmen, und dazwiſchen ein lautes Gelächter. »Ah, meine Liſt hat ſchon gewirkt!« murmelte er hoch erfreut vor ſich hin.„Sie glauben mich fern und halten ſich deshalb für ſo ſicher, daß ſie nicht, wie 31 gewöhnlich, mit ihrer Beute die Flucht ergreifen. Jetzt wollen wir doch ſehen, wer ſie ſind.“ Mit leiſen unhörbaren Schritten folgte Peter der Richtung, aus welcher die Stimmen erſchallten, bis er bei dem anbrechenden Morgenlichte die Umriſſe mehrerer derber Männergeſtalten zu Geſicht bekam. Nun beobach⸗ tete er noch groößere Vorſicht. Er warf ſich auf den Boden nieder und kroch wie eine Schlange durch die Gebüſche, bis er ſich den Wilddieben ſo dicht zur Seite befand, daß er jedes Wort hören konnte, was ſie ſprachen. Nun kauerte er ſich hinter dichtem Unterholze zuſammen und verharrte unbeweglich wie ein Baum⸗ ſtumpfen in dieſer Stellung. Die Wilddiebe hatten keine Ahnung davon, daß ſie belauſcht wurden, denn ſie plauderten und lachten unbefangen nach wie vor. „Ein herrlicher, ſtraffer Burſche!“ ſagte die Stimme eines Mannes, der eben damit beſchäftigt war, den Hirſch aufzubrechen.„Zwei Finger hoch Feiſt auf den Rippen. Für den giebt der Wildhändler ſeine fünf Thaler, ohne zu handeln!«. „Macht zwei für mich, zwei für dich, und einen für Philipp,“ ſprach der Andere und rieb ſich vergnügt die Hände. 3 „Ja, der Spitzbube!“ ſagte der Erſte,—„wir müſſen ihm ſchon ſein Theil abgeben, obgleich der Halunke es nicht verdient. Wir haben die Arbeit und die Gefahr, und er thut nichts weiter, als daß er ſich auf die Lauer legt und dem Jungen des Waldhüters nachſchleicht!“ »Ei, er hat Lauferei genug davon, und wenn ihm Peter auf die Sprünge käme, würd' es ihm übel er⸗ gehen,“ erwiederte der Andere.„Wenn er uns heute ——— 32 nicht benachrichtigt hätte, würden wir nicht ſo ruhig hier ſtehen und den Hirſch auswaiden.“ „Ja, ja, ſchon recht, er ſoll ja ſeinen Antheil be⸗ kommen,“ ſagte der Erſte mürriſch.„Aber morgen? Wie iſt's morgen? Da brauchen wir ihn nicht, denn er hat ja ganz beſtimmt geſagt, daß Peter auf mehrere Tage verreiſt iſt.« „Wer weiß, ob's wahr iſt?« ſprach der Andere. „Warum ſollte Philipp uns belogen haben? Er hat ja mit eigenen Augen des Jungen Flinte und Jagd⸗ taſche im Hauſe des Alten an der Wand hängen ſehen und aus des Alten eigenem Munde gehört, daß der Junge wohl acht Tage oder noch länger ausbleiben würde.“ „Ja, ja doch! Und darum eben wollen wir die Zeit benutzen und das Eiſen ſchmieden, ſo lang es warm iſt. Wenn der Alte erſt wieder heraus kann, muß der Spaß ſo wie ſo aufhören, denn zu Zweien ſind uns die Beiden zu ſtark.“ „Freilich! Darum friſch zu! Wo wollen wir uns anſtellen?« „An der Grafenbuche! Dort wechſelt ein ſtarker Hiirrſch und er kann uns nicht entgehen, ſo wenig wie dieſer da.“ „»Aber die Grafenbuche liegt ſehr nahe am Dorfe. Der Alte wird am Ende den Schuß hören.“ »Ei, laß ihn hören und ſich ärgern. Er hat das Zipperlein und der Junge iſt fort, darum wollen wir geſchwind zugreifen. Aber jetzt hilf mir den Hirſch auf die Schulter laden! Sapperlot, ein ſchwerer Burſche!“ 1 Keuchend unter der Laſt, an der die Wilddiebe Beide zu ſchleppen hatten, entfernten ſie ſich. Peter 33 ließ ſie ruhig gehen. Er wußte nun Alles und war ſeiner Sache ganz gewiß. Die Wildſchützen zwar kannte er nicht; ſie mußten wohl aus einem Dorfe jenſeits der Gränze ſein; aber den Philipp, der ihren Kund⸗ ſchafter gemacht hatte, den kannte er. Es war der Sohn des Schäfers von einem nahe gelegenen Gute, ein liſtiger Taugenichts, den man ſchon mehrmals aus der Schule und aus der Lehre gejagt hatte. Peter konnte ſich nun wohl erklären, warum er immer ver⸗ gebens durch den Wald gelaufen war. Philipp hatte ihm nachgeſpürt, und durch gewiſſe Zeichen, etwa das Krächzen einer Krähe, oder den Schrei einer Eule, ſeinen Genoſſen Zeichen gegeben. Da Peter den Burſchen niemals beachtet hatte, ſo waren deſſen Liſten und Ränke bis daher von Erfolg gekrönt geweſen; nun aber,— Peter nahm ſich feſt vor, der Wilddieberei ein für alle Mal ein Ende zu machen! Er blieb den ganzen Tag im Walde, bis die Nacht wieder einbrach. Erſt als es ganz dunkel wurde, ſchlich er zu dem Forſthauſe zurück und verſchwand in dem⸗ ſelben, ohne daß Jemand ſeine Rückkehr bemerkte. Philipp lungerte allerdings um das Haus herum, aber Peter beobachtete die Vorſicht, an der Hinterſeite deſ⸗ ſelben üͤber die Hecke zu klettern, und entgieng auf dieſe Weiſe ſeinen Späheraugen. „Endlich hab' ich ſie, Vater Andreas!“ ſagte er triumphirend.„Ich weiß alles, und ehe die nächſte Moraſonne aufgeht, müſſen die Schelme gefangen ein Er mußte ausführlich erzählen, wie er die Spitz⸗ buben beſchlichen und ihren Plan belauſcht hatte, und Andreas lobte ihn.— Die Sonne bringt es an den Tag. 3 34 „Alles recht,« ſagte er.„»Jetzt braucht es weiter nichts, als daß wir vor ihnen auf dem Paatze ſind, die Grafenbuche umſtellen, und die Schurken über der That ertappen. Hurtig, Peter! Du mußt nach dem Schloſſe hinauf, und den Kaſtellan, den Koch und den Gutsinſpector erſuchen, um Mitternacht mit geladenen Büchsflinten bei mir zu ſein. Sie werden pünktlich kommen, und dann machen wir uns ſofort auf den Weg und ſtellen uns auf den Anſtand.« „Wir, Vater?« ſragte Peter.„Du doch wohl nicht mit?« „Und warum nicht? Meinſt du, ich würde zurück⸗ bleiben, wenn es ſolchen Fang gilt? Uebrigens beun⸗ ruhige dich nicht. Ich befinde mich heute viel beſſer und verſpüre jetzt faſt gar nichts von der alten Wunde, die ohnehin ſchon wieder ziemlich zugeheilt iſt. Tummle dich nur, Peter! Mitternacht wird bald heran kommen, und dann müſſen wir Alle auf dem Platze ſein.“ Peter gehorchte. Eben ſo vorſichtig, wie er gekom⸗ men, ſchlüpfte er wieder aus dem Hauſe, und ſpähte mit ſcharfen Augen nach Philipp. Aber der Burſche war nirgends mehr zu ſehen. Jedenfalls hatte er die Luft rein geglaubt, wie geſtern, und befand ſich auf dem Wege, ſeine Spießgeſellen zu benachrichtigen. Peter, ſehr zufrieden, begab ſich nach dem Schloſſe, um den Auftrag ſeines Pflegevaters auszurichten. 4 Mitternacht war kaum vorüber, ſo verließ eine kleine Geſellſchaft das Forſthaus, nachdem Peter, den man zum Kundſchafter verwendete, die Gegend umher ausgeſpähet und Nachricht gebracht hatte, daß draußen Alles ruhig und nichts Verdächtiges zu verſpüren ſei. Die vier Männer und Peter, aus denen die Geſell⸗ 35 ſchaft beſtand, ſchlugen die Richtung nach dem Walde ein und verſchwanden in der Gegend, wo eine ſchöne hohe Rothbuche, die Grafenbuche genannt, weil hier einmal vor Jahrzehnten ein Graf von Lindenberg einen Bären erlegt hatte, ihre dicht belaubten Zweige aus⸗ breitete. Hier wies der alte Andreas einem Jeden ſeinen Poſten an, und ſtellte ſich dann ſelbſt in den Schatten einer Eiche, deren Aeſte ſo tief niederhiengen, daß er ſich leicht hinter ihnen und dem Stamme ver⸗ bergen konnte. Zwei, drei Stunden vergiengen, ohne daß ſich im Walde etwas regte. Endlich gab Peter, der den äußer⸗ ſten Poſten einnahm, durch ſcharfes Ziſchen ein Zeichen, und gleich darauf vernahm man die Fußtritte der nahen⸗ den Wildſchutzen. „Dies iſt der Platz,« ſagte der Eine.„Hier wech⸗ ſelt der Hirſch, und muß uns gut zu Schuſſe kommen. Haltet Euch nur fein ruhig, damit Ihr ihn nicht ver⸗ ſcheucht. Verſtehſt du, Philipp? Kein unnöthiges Ge⸗ ſchwätz, mit dem du immer ſo gern bei der Hand biſt. Windelweich ſchlag' ich dich, wenn uns der Hirſch durch dein vorlautes Geplapper entwiſchen ſollte.« „Oh, ich will ſo ſtill ſein, wie die Baumſtämme hier herum,“ erwiederte der Burſche.»Nehmt Ihr Euch nur in Acht, daß Ihr nicht fehlſchießt!“ „Das iſt unſere Sache!“ erwiederte die erſte Stimme. „Gieb Achtung, Hans! Ich ſchieße zuerſt, ſo bald der Hirſch heran kommt, und nur, wenn ich fehlen oder ſchlecht treffen ſollte, ſchießt auch du. Dein Gewehr iſt doch geladen?“ „Mit fünf Rehpoſten!“ „Gut! Nun wißt Ihr Beſcheid, und jetzt ruhig! . 3* 36 Der Morgen graut ſchon, und der Hirſch wird nicht lange mehr auf ſich warten laſſen!« Tiefe Stille folgte dieſen Worten. Wenn der alte Andreas und ſeine Begleiter der Anweſenheit der Wild⸗ ſchützen nicht ganz ſicher geweſen wären, ſie hätten auf den Gedanken kommen können, daß ſie ſich noch immer allein im Walde befänden. Uebrigens verhielten auch ſie ſich ganz ruhig, und die lauernden Wilddiebe hatten keine Ahnung davon, wie nahe ihnen die wachſamen Verfolger waren. So verſtrich faſt noch eine Stunde. Die Morgen⸗ dämmerung nahm überhand und verſcheuchte die Schat⸗ ten der Nacht; der erſte Schimmer der Morgenröthe flog golden über den glänzend reinen Himmel und machte das Licht der Sterne erbleichen; hie und da wurde ein Vogel laut und die Krähen flogen vom Horſte auf,— da ploͤtzlich vernahm man ein Rauſchen des dürren Laubes vom Saume des Waldes her, und langſam, mit leichten Schritten, den feinen Kopf mit dem ſtattlichen Geweihe ſtolz erhoben, trat im nächſten Augenblicke ein prächtiger Zehnender auf die kleine Lich⸗ tung vor der Grafenbuche, und näherte ſich ihr mit der äußerſten Sorgloſigkeit bis auf etwa vierzig Schritte. Da erſt ſtutzte er, warf plötzlich das ſchöne Haupt zurück, und machte Miene, ſeitwärts in den Wald einzubrechen. Aber in demſelben Momente, wo er zum Sprunge anſetzte, krachte ein Schuß,— noch einen einzigen, mächtigen Satz that das edle Thier, dann brach es zu⸗ ſammen und tränkte mit ſeinem ſtrömenden Herzblute ddie Erde. „Gut geſchoſſen, dicht hinter's Blatt! Hurrah!« rief eine jubelnde Stimme vom Stamme der Buche her,— und gleich darauf traten haſtigen Schrittes die beiden Wildſchützen hinter den ſchattenden Zweigen her⸗ vor, und eilten auf den Hirſch zu, der in den letzten Zuckungen verendete. „O ja, ganz gut geſchoſſen, meine Burſchen,“ fagte jetzt auch der alte Waldhüter, indem er gleichfalls ſein Verſteck verließ, und ſich mit anſcheinend gleichgültiger Miene den Wildſchützen näherte.„Man ſieht wohl, es iſt nicht der erſte, den Ihr aus dem Hinterhalte nie⸗ derſchießt, indeß will ich hoffen, daß es der letzte ſein wird!“ Wie erſtarrt vor Schrecken ſtanden die Wildſchützen da und ihre Wangen wurden bleich, wie friſch gefallener Schnee. Doch der Eine ſchüttelte raſch das lähmende Entſetzen ab und wandte ſich zur⸗Flucht, indem er ſeinen Kameraden mit fortzureißen ſuchte. „Halt da!« donnerte aber der alte Wildhüter hinter ihnen drein.„Nicht von der Stelle! Ihr ſeid um⸗ ringt! Steht, Halunken! Vor, Waidgenoſſen! Laßt mir die Spitzbuben nicht entwiſchen, die mir meinen ſchönen Wildſtand ſo dreiſt gelichtet haben!“ Ringsum rauſchten die Büſche; die Mündungen von vier Gewehren drohten den Wilddieben; ſie ſelbſt ſtanden waffenlos, denn ſie hatten ihre Gewehre, an den Stamm der Buche gelehnt, ſorglos zurückgelaſſen, und es blieb ihnen alſo nichts uͤbrig, als ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. „Verdammt! Der Alte iſt alſo doch ſchlauer ge⸗ weſen als wir!« murmelte der Kerl, der den Hirſch niedergeknallt hatte, grimmig in den Bart.»Nun denn,“ fuhr er fort—„es hilft weiter nichts! Da habt Ihr uns! Widerſtand iſt doch unmöglich, wie ich ſehe,— 38 und am Ende: der Krug geht zu Waſſer, bis er bricht! Einmal hätten wir doch dran glauben müſſen!“ „Ich denk' es wohl, nun ich wieder auf den Beinen bin,“ ſagte der alte Andreas.„Jetzt die Hände her! Ihr müßt euch ſchon gefallen laſſen, daß wir ſie euch auf den Rücken binden. Und du, Peter, hole die Ge⸗ wehre der Spitzbuben, die ſie vermuthlich an der Buche gelaſſen haben.“ Peter wendete ſich nach der Buche um, während der alte Andreas einen dünnen Strick aus ſeiner Jagd⸗ taſche langte. In dem Augenblick aber, wo er den erſten Wildſchützen zu feſſeln Miene machte, fiel ein Schuß von der Buche her, der Alte ſtieß einen Schrei aus, drehte ſich immer um ſich ſelbſt herum, und ſtürzte dann zu Boden. Während noch Alle ganz entſetzt da⸗ ſtanden, ſchallte eine Stimme von der Buche her: „Flieht! Flieht! Die Büchſen hab' ich ſchon!«— und ein junger Burſche, in welchem Peter ſogleich den Hirtenjungen Philipp erkannte, ſprang in großen Sätzen hinter der Buche hervor und waldein. Die beiden Wilddiebe folgten ihm, und ehe noch Einer von den Begleitern des alten Andreas die Lähmung des Ent⸗ ſetzens hatte abſchütteln können, waren die Schurken bereits alle drei in dem dichten Unterholze verſchwun⸗ den, und konnten allen Nachſetzens ſpotten. Peter allein hatte Geiſtesgegenwart genug, den Flüchtlingen eine Kugel nachzuſchicken; aber ſeine Hände zitterten noch vor Schrecken, und ließen ihn kein ruhiges Ziel nehmen. Ein höhniſches Gelächter nur folgte dem ſchar⸗ fen Krachen der Flinte, welches bewies, daß die Kugel, ohne zu treffen, in's Leere geflogen war. Peter warf b 39 ſein Gewehr von ſich, und eilte zu ſeinem Pflegevater, an deſſen Seite er niederkniete. „Vater, um Gotteswillen, biſt du ſchwer verwun⸗ det?« rief er in Angſt und Schrecken, während Thränen aus ſeinen Augen ſtürzten und über ſeine todtenblaſſen Wangen rollten.„Antworte mir, lieber, lieber Vater! Wo traf dich die Kugel?“ Der alte Mann ächzte, und führte mühſam die Hand nach ſeiner Bruſt.»„Hier! Hier!“ murmelte er. „Der Schurke hat gut gezielt! Ich fuͤrchte, es geht mir an's Leben!“ „Das wolle Gott nicht!« rief Peter ſchluchzend, und riß den Jagdrock des Alten auf, aus welchem jetzt einige Tropfen Blut hervorquollen. Hemd und Weſte waren von Blut getränkt, und es zeigte ſich, daß eine Kugel nahe am Herzen in die Bruſt des Waldhüters eingedrungen war. Ob tödtlich oder nicht, konnte man noch nicht beurtheilten. Peter ſuchte zunächſt das rin⸗ nende Blut zu ſtillen, indem er ſein Taſchentuch auf die Wunde drückte, und da jetzt die Uebrigen ihm zu Hülfe kamen, legte man einen nothdürftigen Verband an, der für den Augenblick die dringendſte Gefahr be⸗ ſeitigte. Hierauf wurde aus den Gewehren und aus ſchnell geflochtenen Zweigen eine Art Tragbahre herge⸗ richtet, man legte Andreas darauf, und ſo trug man ihn vorſichtig nach ſeinem Hauſe, das glüͤcklicher Weiſe von dem Unglücksplatze nicht weit entfernt lag. Als man dort ankam, war der alte Waldhüter ohnmächtig, kam aber bald wieder zu ſich. Peter lief nach dem Schloſſe, um ein Pferd zu holen und in die Stadt nach einem Arzte zu eilen. Aber ein glücklicher Zufall be⸗ günſtigte ihn, der Arzt befand ſich ſchon in dem Schloſſe, 40 wohin er am frühen Morgen zu einem Kranken ge⸗ rufen war. Er folgte Peter auf der Stelle, und kaum eine Stunde nach der Verwundung lag Andreas bereits wohl verbunden im Bette, und der Arzt gab Hoffnung, daß er bei der ihm ſo ſchnell zu Theil gewordenen Hülfe wohl gerettet werden könne. Er ertheilte die nöthigen Verordnungen zur Verpflegung des Verwun⸗ deten, und Peter nahm an dem Bette deſſelben ſeinen Platz ein, mit dem feſten Entſchluſſe, nicht von der Seite ſeines Pflegevaters zu weichen, als bis alle und jede Gefahr beſeitigt ſein würde. Der Gutsinſpector traf indeſſen Anſtalten zur Er⸗ greifung der Wilddiebe. Dieſe aber hatten ſich ſchon längſt über die nahe Gränze geflüchtet und befanden ſich außer dem Bereiche der Verfolgung. „Laßt ſie laufen,“ ſagte der alte Andreas, als man 3 ihm dieſe Nachricht mittheilte.„Früher oder ſpäter wird ſie doch ihre Strafe treffen, und jedenfalls werden ſte nicht wieder wagen, mein Revier zu beunruhigen. Du wirſt deine Nächte jetzt wieder ungeſtört im Bette zubringen können, mein armer Peter. Die Spitzbuben haben dir Schererei genug gemacht!« „Wenn es blos das wäre!“ erwiederte Peter ſchmerz⸗ lich.»Aber daß ſie dich, dich geſchoſſen haben, Vater! Ach, ich wollte lieber die kälteſten Winternächte unter freiem Himmel zubringen, als hier an deinem Schmer⸗ zenslager ſitzen und dich leiden ſehen!“ „Geduld, mein Kind,“ antwortete der Alte tröſtend. „Wenn es der Schuft auch böſe genug mit mir meinte, fange ich doch an zu hoffen, daß mein letztes Stünd⸗ lein noch nicht ſo ganz nahe iſt. Nur Geduld mußt 41 du haben, Peter! Dann wird mit Gottes Hülfe auch dieſer Leidenskelch an uns vorüber gehen.“ Der alte Andreas zeigte ſich ſtandhaft und blieb immer guten Muthes, obgleich er heftige Schmerzen erleiden mußte; auch pflegte und wartete ihn Peter treulich als ein braver zärtlicher Sohn, und der Arzt bot ſeine ganze Kunſt auf, um den alten rechtſchaffenen Mann wiederherzuſtellen,— aber alle Sorgfalt, Ge⸗ duld und Pflege konnten dem alten Wildhüter doch nicht die frühere kernfeſte Geſundheit wiedergeben. Die Wunde heilte zwar und vernarbte, doch blieb eine Schwäche zurück, die, wie ſich allmählig mehr und mehr herausſtellte, den alten Mann unfähig machte, ſeinen anſtrengenden Poſten wie früher wieder zu ver⸗ ſehen. „Das iſt ein ſchlimmer Spruch,“ ſagte Andreas be⸗ kümmert, als der Arzt ihm dieſe Entſcheidung mitge⸗ theilt hatte.„Ich hoffte und glaubte, als Waldhüter leben und mein Amt verſehen zu köͤnnen bis zu meinem letzten Stündlein, und nun,— es iſt hart, ſich zur Ruhe ſetzen und unthätig zuſehen zu müſſen, wie An⸗ dere ihr Brod verdienen im Schweiße ihres Angeſichts! Und doch iſt es dieſes noch nicht, was mich am meiſten betrübt und bedrückt! Ich bin ein alter, und ich kann wohl ſagen, auch ein treuer Diener meines gnädigen Herrn, und da weiß ich wohl, er wird mich auf meine letzten Tage nicht verhungern laſſen; aber du, mein armer Peter, was ſoll aus dir werden? Ich hoffte, du würdeſt einſt mein Nachfolger ſein, und wenn du nur ein Jahr oder zwei älter wäreſt, ſo möchte ſich die Sache wohl machen laſſen, doch ſo, wie die Sachen jetzt ſtehen, biſt du freilich zu jung, und es iſt nicht 8 42 daran zu denken, daß der Graf ein volles Jahr warten könnte, bis du alt genug geworden biſt. Was ſoll nun geſchehen? Du weißt wohl, Peter, der alte Andreas theilt gern ſeinen letzten Biſſen Brod mit dir, — doch ich fürchte, ich fürchte, wir würden alle Beide dabei verhungern müſſen.“ Der alte Mann ſchüttelte betrübt den Kopf, aber Peter hielt ſich friſch und wohlgemuth.„Sorge du nicht um mich, Vater,“ antwortete er.„Ich habe etwas bei dir gelernt, das mir durch die ganze Welt helfen wird.“ „Und was wäre das, Peter? Was wäre das?« „Ei nun, das Wörtchen:„Tummle dich!« Ich bin jung, ich werde mich tummeln, und wer die Arbeit nicht ſcheuet, dem hängt der liebe Gott auch den Brod⸗ korb nicht ſo hoch, daß er ihn nicht erreichen könnte. Alſo um mich brauchſt du dir keine Sorge zu machen, Vater!“ „Hm, hm! Ja, ja! Gut geſagt, Peter, ganz gut geſagt!« erwiederte Andreas,—„und ich muß geſtehen, du haſt dich ganz wacker getummelt, ſeid du bei mir biſt, aber Peter, ſiehſt du, das reicht doch noch immer nicht aus. Ei ja doch, ja doch! Tummle dich, Peter! Aber, mein Junge, vor Allem, tummle dich auch recht⸗ ſchaffen! Du biſt arm, du haſt keine Stütze mehr an mir, du ſtehſt ſo zu ſagen allein in der Welt, ohne Freunde, ohne Verwandte, ohne einen Namen ſogar, Peter, denn du weißt ja nicht einmal, wer deine Ael⸗ tern ſind oder waren, mein armer Junge, und ſiehſt du, ſolchen hülfloſen, verlaſſenen Leuten, die nichts haben, als ſich ſelbſt, ihren Kopf, ihre Hände, ihre Arme, Solchen tritt die Verſuchung öfter nahe, als Solchen, 43 für die der liebe Gott ſchon geſorgt hat, ehe ſie nur das Licht der Welt erblickt haben. Da gilt es denn nun, im Kampfe des Lebens unter allen Umſtänden immer rechtſchaffen zu bleiben. Gewiß, gewiß, wer ſich wacker tummelt, und die Augen immer offen hat, und keine Arbeit ſcheut, und die Hände nicht in den Schooß legt, der findet ſein Brod; aber ob an dem Brode nicht der Schimmel der Sünde und Verderbniß klebt, der es bitter und ungenießbar macht, das iſt eine andere Frage. Ja, ja, tummle dich, mein Sohn, denn du mußt es, aber, unter allen Verhältniſſen, tummle dich rechtſchaffen, nur rechtſchaffen! Eine trockene Brodrinde, auf rechtſchaffene Weiſe erworben, ſchmeckt beſſer, als alle Leckerbiſſen der Welt, wenn du von dieſen dir ſagen mußt, daß ſie nicht redlich erworben ſind. Verſtehſt du mich, Peter?« „Ich verſtehe dich, Vater,“ antwortete der junge Burſche.„Du kennſt mich aber wohl, und weißt, daß ich mir eher die Hand abhauen, als meine Finger nach ungerechtem Gut ausſtrecken würde. Sei unbeſorgt, Vater! Ich werde mich tummeln— rechtſchaffen— und mich vor dem Schimmel an meinem Brode hüten, der es bitter macht.“ Dieſes Geſpräch führten Andreas und Peter in der Fliederlaube des Gärtchens, das hinter dem Häuschen des alten Waldhüters lag. Es war mittlerweile wieder Frühling geworden, die Blumen dufteten, bunte Schmet⸗ terlinge gaukelten um ihre glänzenden Kelche, und die Sonne ſchien warm und freundlich vom heiteren Him⸗ mel nieder. Der alte Andreas liebte es, im Freien wenigſtens zu ſitzen, ſeit er nicht mehr rüſtigen Schrit⸗ tes den freien Wald durchſtreifen konnte, und er pflegte 44 bei ſchönem Wetter täglich ein paar Stunden in ſeinem Gärtchen zuzubringen. Mittlerweile blieb das Haus vorn unverſchloſſen, und ein Jeder konnte eintreten, der Luſt dazu hatte. Andreas wie Peter achteten⸗nicht viel darauf, denn erſtens war im Hauſe nicht viel zu holen, und überhaupt war der alte Andreas nicht ſonderlich mißtrauiſch. Grade heute nun hatten er ſowohl, wie Peter, noch weniger als gewöhnlich Acht gegeben, wer ein⸗ und ausgehen mochte, und daher auch richtig nicht bemerkt, daß während ihres Geſprächs ein ſchlanker junger Mann von ſehr vornehmem Ausſehen in das Häuschen getreten war, und bereits eine gute Weile an der Hinterthür deſſelben ſtand, wo er jedes ihrer Worte hören konnte, und lächelnd ihre Unterredung belauſchte. Jetzt aber trat er plötzlich vor, und ſeine hohe ſchlanke Geſtalt verdunkelte den Eingang der Laube. „Grüß' dich Gott, Andreas!“ ſagte er.„Es freut mich, daß ich dich wieder ſo weit geneſen ſehe!“ Der alte Waldhüter ſchaute erſtaunt auf, und der Ausdruck freudiger Ueberraſchung glänzte in ſeinen Au⸗ gen, als er den jungen Mann erblickte. „Graf Julius!« rief er.„Tauſend Mal willkom⸗ men, mein lieber, gnädiger Herr! Verzeihen Sie nur, daß ich Ihnen nicht wie ſonſt entgegenkomme! Sie erſ hren wohl ſchon...« „Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn der junge Graf ſchnell, als der alte Mann Miene machte, aufzuſtehen und ihm entgegen zu treten. Bleibe ruhig ſitzen, mein braver, alter Andreas! Ja, ich weiß Alles: daß du in Erfüllung deiner Pflicht verwundet worden biſt und dich für das Intereſſe deines Herrn aufgeopfert haſt. Eben deßhalb komme ich, um dir zu danken und dich zu fragen, ob ich etwas für dich thun kann. Deinen Waldhuͤter⸗Dienſt wirſt du wohl nicht mehr verſehen können, wie?« „Nein, lieber gnädiger Herr,“« erwiederte der Alte wehmüthig.„Wenn ich mein Leben auch noch ein paar Jahre hinſchleppen mag, die rechte Kraft hat mir das lange Siechthum doch genommen. Ich werde mich ſchon an den Gedanken gewöhnen müſſen, mich zur Ruhe zu ſetzen.“ „Nun denn, Andreas, ſo müſſen wir dafür ſorgen, daß deine Ruhe nicht durch andern Kummer geſtört und verbittert wird,“ ſagte Graf Julius wohlwollend. „Ich habe meinem Rentmeiſter ſchon Befehl gegeben, dir nach wie vor deinen vollen Gehalt auszuzahlen und dir dein Häuschen und deinen Garten zu laſſen. Daß du dir Holz aus dem Forſte holen darfſt, ſo viel du gebrauchſt, nun, das verſteht ſich von ſelbſt. Und wenn du noch andere Wünſche haſt, ſo ſprich frei heraus! Du biſt meinen Aeltern und mir ein treuer Diener ge⸗ weſen, und treue Diener darf man nicht Noth leiden laſſen!“ Dem alten Waldhüter ſtanden Thränen der Rührung im Auge, und ehe es Graf Julius verhindern konnte, ergriff er die Hand ſeines jungen Herrn und führte ſie an ſeine Lippen. „Ich danke Ihnen aus Herzensgrunde, mein lieber gnädiger Herr!« ſagte er.„Sie machen mich alten Mann ganz glücklich und erquicken mir das innerſte Herz! Nein, ich habe nichts mehr zu bitten, gar nichts! — wenigſtens nicht für mich!“ „Und für wen ſonſt?« fragte Graf Julius.„»Frei 4 46 heraus mit der Sprache, Andreas! Ich kann mir ſchon denken, wohin du zielſt.“ „Ja, ja, Herr,“ ſagte der Waldhüter, als er den Seitenblick bemerkte, den Graf Julius auf Peter warf, welcher beſcheiden ganz in den Hintergrund der Laube getreten war.»Mache doch einen Gang nach dem Walde, Peter! Ich habe mit dem Herrn Grafen Ei⸗ niges zu beſprechen, wenn er mir alten Manne die Gunſt erzeigen will, mich anzuhören.“ 1 Peter machte ſeine Verbeugung und entfernte ſich. Mit freundlichem Blicke ſah Graf Julius ihm nach. „Du willſt über deinen Pflegeſohn mit mir reden, Andreas,“ ſagte er.„Der junge Menſch gefällt mir, und man wird ja ſehen, was ſich für ihn thun läßt. Zu deinem Poſten iſt er freilich noch zu jung; indeß, vor Allem erzäͤhle mir doch einmal ausführlich, wie du zu dem Burſchen gekommen biſt.“ Andreas erzählte, wie er Peter gefunden, wie er ihn zu ſich genommen und was er aus der früheren Zeit von ihm in Erfahrung gebracht; dann ſchilderte er mit beredten Worten die guten Eigenſchaften Peter's, die ſich mit jedem Tage mehr bei ihm entwickelt hätten, und zuletzt wagte er die Bitte an den Grafen, daß dieſer ſich des verwaisten jungen Burſchen annehmen möchte, da er, Andreas ſelber, doch nun nicht viel mehr für ihn thun könne. „Wir wollen ſehen, Andreas, wir wollen ſehen,« antwortete der junge Graf nachdenklich.»„Gewiß ſoll auf irgend eine Weiſe für ihn geſorgt werden, denn wie geſagt, er gefällt mir recht wohl, er hat ein offenes, hübſches Geſicht, und es iſt mir, als ob ich dieſes Ge⸗ ſicht ſchon einmal irgendwo geſehen hätte, obgleich ich 47 mich nicht darauf beſinnen kann, wo und wann. Doch gleichviel, das hat ja mit der Sache nichts zu thun. Und du haſt alſo keine Spur von ſeinem Herkommen, von ſeiner wirklichen Heimath, ſeinen Aeltern oder ſon⸗ ſtigen Angehörigen entdeckt?« „Keine Spur, gnädiger Herr!“ erwiederte Andreas. „Gewiß hatte auch Peter's früherer Pflegevater, der Waldfriedel, keine Kenntniß irgend einer Art, ſonſt würde er wohl davon geſprochen haben, ſo gut, wie von dem Ringe.“ 1 „Ach ja, der Ring!“ ſagte Graf Julius ſchnell. „Gut, daß du mich daran erinnerſt. Dieſer Ring iſt doch noch in deinem Beſitz?«.— „Gewiß, Herr Graf! Wenn Sie ihn zu ſehen wünſchen, ſo will ich ihn gleich aus dem Schranke holen.“ „Ja, ich möchte ihn wohl ſehen, Andreas. Viel⸗ leicht, wer weiß, könnte er uns auf eine Spur leiten.“ Andreas begab ſich in das Haus und holte den Ring. Der Graf betrachtete ihn aufmerkſam und ſtutzte, als er das in den rothen Stein eingeſchnittene Wappen genau in's Auge faßte. „Seltſam,“ murmelte er vor ſich hin.„Das Wap⸗ pen iſt mir ſo wenig fremd, als die Familie, der es angehört, und doch iſt es kaum möglich, daß der junge Menſch grade zu dieſer Familie in irgend einer Be⸗ ziehung ſtehen könnte. Der alte Herr— unmöglich! Und ſein Neffe— noch viel unwahrſcheinlicher!— Warum ſollte er ihn verläugnen und ausſtoßen, wenn er ſein Sohn wäre? Er iſt der einzige Erbe des alten Herrn und lebt mit ihm in Frieden und Freundſchaft! Es kann nicht? ſein!... Gleichwohl, man müßte Er⸗ 48 kundigungen einziehen, obſchon ich im Ganzen dem Ringe keine beſondere Wichtigkeit beilegen möchte. Wurde er denn unmittelbar bei dem Knaben, vielleicht in ſeiner Taſche gefunden?“ „Nein, das nicht,« erwiederte der alte Andreas. „Vielmehr erzählte mir Peter: ſein Pſtegevater, der Waldfriedel, habe geſagt, er ſei nicht weit von der Stelle, wo man Peter gefunden, aufgeleſen worden.“ „Dann,“ meinte Graf Julius,„könnte es ja mög⸗ lich ſein, daß der Ring ganz und gar keine Beziehung zu dem Findlinge hätte. Ein Ring kann verloren ge⸗ hen, und kann wieder gefunden werden.“ „Aber die Wagenſpuren, Herr Graf?“ wandte Andreas ein. „Wer kann behaupten, daß Peter in dieſem Wagen geweſen iſt?« entgegnete Graf Julius.„Nichts beweiſ't dies! Peter ſelber hat keine Erinnerung an ein ſolches Ereigniß aus ſeiner Kindheit bewahrt.“ „Er kann aber damals auch höchſtens nur drei oder vier Jahr alt geweſen ſein,“ antwortete Andreas. „Seltſam bleibt es immer, daß Waldfriedel zugleich den Knaben, den Ring und friſche Wagenſpuren auf einem Wege fand, der nur ſelten befahren wurde, wie aus der ganzen Erzählung hervorgeht, weil Waldfriedel ſonſt keine große Vrhugei auf dieſe Spuren gelegt, und dem Wagen ſchwerlich nachgeforſcht haben würde. Wer weiß auch, ob nicht das gefundene Kind ſelber von einem Wagen geſprochen, in dem es gefahren? Peter freilich erinnert ſich deſſen nicht, und ſein Pflege⸗ vater iſt leider todt! Wenn Waldfriedel aber keine Wichtigkeit auf das ganze Ereigniß geleg hätte, warum 8 49 würde er es dann noch in ſeiner letzten Lebensſtunde ſeinem Pflegeſohne mitgetheilt haben?« „Das iſt wahr!« ſagte Graf Julius nach kurzem Nachdenken.„Es ſcheint mir jetzt ſelbſt, als ob hier ein wichtiges Geheimniß verborgen liege. Weißt du, Andreas, vertraue mir den Ring auf heute an. Ich will ihn meiner Mutter zeigen, ihr mittheilen, was ich aus deinem Munde erfahren habe, und um ihren Rath bitten. Meine Mutter iſt ſcharfſinnig und vorurtheils⸗ frei; ihr Rath könnte uns, und vor Allem deinem Pflegeſohne von Nutzen ſein. Morgen früh beſuche ich dich wieder, Andreas, und wir werden dann weiter über die Sache reden. Du haſt doch nichts dagegen, daß ich den Ring mitnehme?“ „Nicht doch, nicht doch, Herr Graf!« erwiederte Andreas lächelnd.„Ueberhaupt will es mir dünken, als ob er in ihren oder in der Frau Gräfin Händen beſſer aufgehoben ſei, als in den meinigen. Ich bin ein alter Mann und kann über Nacht ſterben, und wenn dann Peter nicht zur Hand wäre, ſo könnte das Kleinod wohl gar verloren gehen oder in unrechte Hände kommen. Nehmen Sie den Ring nur mit und behalten ihn.“ „Ich ſage nicht ja, nicht nein,— ich will hören, was meine Mutter dazu meint, Andreas!« antwortete Graf Julius.„Auch muß vor allen Dingen Peter „darüber befragt werden, für den Fall, daß er den Ring etwa ſelber aufbewahren wollte. Vorläufig können wir das dahingeſtellt ſein laſſen, denn die ganze Sache eilt ja nicht. Morgen früh ein Weiteres. Bis dahin be⸗ hüte dich Gott, mein braver Alter!“ Am andern Morgen kam Graf Julius nicht ſondern 2 Die Sonne bringt es an den Tag. — 50 9 ſchickte einen Wagen und ließ den alten Waldhüter bitten, auf das Schloß zu kommen: ſeine Mutter wolle ſelber mit ihm ſprechen. Obgleich ein wenig verwun⸗ dert darüber, zögerte Andreas dennoch keinen Augen⸗ blick, der Einladung zu folgen, ſondern ſetzte ſich in den Wagen und ließ ſich nach dem Schloſſe fahren, wo er ohne Verzug in das Wohnzimmer der Gräfin geführt wurde. Er fand hier nicht nur die hohe Dame ſelber, ſondern auch den jungen Grafen, der ihm ent⸗ gegen eilte und freundlich die Hand ſchüttelte. „Verzeihe mir, Andreas, daß ich dich noch halb⸗ kranken Mann in deiner Ruhe ſtöre,“ ſagte er.„Aber meine Mutter wünſchte aus deinem eigenen Munde die Geſchichte des Ringes und deines Pflegeſohnes zu hören, und darum ließ ich dich bitten, uns zu beſuchen.“ „Ja, mein lieber Andreas,“ fügte die Frau Gräfin hinzu,—„es iſt, wie mein Sohn ſagt. Der Ring hat mich lebhaft beſchäftigt, denn ich kenne das Wappen und die Familie, der es angehört, ziemlich genau. Setze dich, mein Freund! So! Und nun wiederhole mir doch, was du meinem Sohne geſtern mittheilteſt.“ . Andreas erzählte unbefangen und ausführlich noch einmal die ganze Geſchichte. Die Frau Gräfin hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, und ſtützte ſinnend den Kopf in die Hand, als ob ſie über das Vernom⸗ mene tief nachdächte.. „Es wäre nicht unmöglich, daß hier ein Verbrechen verborgen läge, von dem bis jetzt Niemand eine Ahnung gehabt hat,« ſagte ſie endlich zu ihrem Sohne.„Du erinnerſt dich, Julius, was ich dir geſtern in Bezug auf dieſen Ring und die Familien⸗Verhältniſſe deſſen, den du kennſt, mittheilte. Aber was iſt in der Sache 51 zu thun? Den Verdächtigen offen anklagen? Das geht nicht! Erſtens iſt es nicht gewiß, ob überhaupt eine dunkle That geſchah, denn der Ring kann ja ganz zufällig verloren gegangen ſein und möglicher Weiſe in gar keinem Zuſammenhange mit dem Knaben ſtehen; — und ſelbſt angenommen, daß es der Fall wäre, wo ſind die Beweiſe dafür? Beinahe glaube ich, es ſei das Beſte, die ganze Sache ruhen zu laſſen.“ „Aber, beſte Mutter, ſollte nicht wenigſtens ein Verſuch gemacht werden, die Wahrheit zu erforſchen?« fragte Julius.„Bedenke nur, welch ein Glück für den alten Herrn, der ſich in Gram und Kummer verzehrt, und die traurige Geſchichte nicht vergeſſen kann, obgleich ſo viele Jahre zwiſchen damals und heute liegen.“ „Er iſt freilich ſehr zu bedauern,“ erwiederte die Frau Gräfin. „Und jener Knabe,“ wandte Graf Julius ein. „Wenn er nun wirklich der wäre, der... Soll auch der Schuldloſe ſeine ganze Lebenszeit hindurch unter einem unglücklichen Verhängniſſe leiden?“ „Aber iſt er es denn? Iſt er es? entgegnete die Frau Gräfin bewegt.»Es ſtimmt freilich Alles zu,— die Zeit, das Alter des Knaben, ſelbſt eine gewiſſe Aehnlichkeit, die mir ſelbſt ſchon mehrmals aufgefallen iſt,— aber trotz alledem, haben wir nicht die über⸗ zeugendſten Beweiſe in Händen gehabt, und haben wir nicht bis zu dieſer Stunde feſt geglaubt, daß jenes Kind längſt geſtorben ſei? Was beweiſ't dagegen das Auffinden eines Ringes und eines verlaſſenen Kindes? Beweiſe, Beweiſe, mein lieber Julius, und du ſollſt ſehen, daß Niemand eifriger das Recht vertheidigen wird, als ich ſelbſt. Aber ſo, wie die Verbaliniſe jetzt 5² ſtehen, iſt nichts zu thun, gar nichts. Man muß die Sache fallen laſſen. Es iſt in Wahrheit das Beſte. Sowohl der alte Herr, wie dieſer junge Menſch haben keine Ahnung von unſeren Vermuthungen! Laſſen wir ſie in ihrer Unwiſſenheit, ſo erſparen wir ihnen Kämpfe, Erwartungen und Hoffnungen, die ſich zuletzt vielleicht als ganz ungerechtfertigt und überflüſſig ausweiſen, und reißen Wunden auf, die kaum verharrſcht ſind. Nein, mein Julius! Ich ſehe dir an, daß du mir wider⸗ ſprechen willſt, aber ich habe meinen Entſchluß gefaßt und werde nicht davon abgehen, da ich ihn für den vorſichtigſten und beſten halte.“ „Alſo, wenn wirklich ein Verbrechen begangen iſt, ſoll es unentdeckt bleiben und der Verbrecher ſoll ruhig die Früchte ſeiner böſen That genießen dürfen?“ ſagte Julius.„Das kann deine Abſicht nicht ſein, beſte Mutter!“* —„Beweiſe das Verbrechen, und ich werde meinen Entſchluß ändern,“ antwortete die Frau Gräfin.„Doch bis dahin— kein Wort mehr von dieſer Angelegenheit, mmein Sohn! Sie regt mich auf, ängſtigt, erſchüttert, verfolgt mich, und dies Alles am Ende ganz ohne Grund. Ueberlaſſen wir Alles dem, der hoch über den Sternen die Geſchicke der Menſchen lenkt! Wenn es des Herrn Wille iſt, und es iſt wirklich eine dunkle That verübt worden, ſo wird Er wiſſen, ſie zu rechter Zeit und ohne unſer Zuthun an das Licht zu ziehen. Die Sonne bringt ja Alles an den Tag. Genug, mein Sohn! Mein Entſchluß iſt gefaßt, ich lege Alles in die Hände des Höchſten!“ Graf Julius ſchien diesmal nicht ganz zufrieden 9 mit der Entſcheidung ſeiner ſonſt hochverehrten Mutter. 5³ Nachdenkend, mit gerunzelter Stirn, das Auge zu Bo⸗ den geſenkt, ſchritt er unruhig einige Male im Zimmer auf und ab. Plötzlich verſchwanden jedoch die Falten von ſeiner Stirn, und ſein Blick leuchtete wieder hell auf. Irgend ein Einfall mochte ihm gekommen ſein, der ihn mit der Lage der Dinge ausſöhnte. „Ich füge mich, theure Mutter,“ ſagte er.»Es ſei nicht mehr die Rede davon, thatſächlich von unſerer Seite einzuſchreiten. Vergeſſen wir Alles, was uns ſeit geſtern beunruhigt und bewegt hat, und erwarten wir die Löſung aller Verwickelungen,— vorausgeſetzt, daß deren vorhanden ſind,— von einer höheren Hand. Nur um Eines bitte ich. Der junge Menſch gefällt mir; ich habe geſtern eine Unterredung zwiſchen ihm und unſerem alten Andreas belauſcht, die mir die Ueber⸗ zeugung gegeben hat, daß er brav und rechtſchaffen iſt. Geſtatte mir, liebe Mutter, daß ich ihn in meinen per⸗ ſönlichen Dienſt nehme, und du wirſt auch das Herz unſeres wackern alten Dieners einer Sorge entheben. Nicht wahr, Andreas, du würdeſt mir gern deinen Pflegeſohn uͤberlaſſen?« „Oh, gewiß, gnädiger Herr!“ antwortete der Alte. „Nichts Beſſeres könnte ich mir für Peter wünſchen, und ich darf wohl ſagen, daß er wirklich ein braves und rechtſchaffenes Herz hat.“ „Du hörſt es, liebe Mutter,“ ſagte Graf Julius. „Darf ich hoffen, daß du meinen Wunſch erfüllſt?« Die Frau Gräfin ließ einige Augenblicke auf eine Antwort warten, und ſchien zu überlegen. Endlich er⸗ wiederte ſie:„Sei es, mein Sohn! Ich glaube deine Abſicht zu verſtehen. Nimm ihn denn zu dir, beobachte, prüfe ihn, verſprich mir aber, nicht muthwillig Stürme 54 aufzuregen, die wahrſcheinlich nur ſchwer wieder zu beſchwichtigen ſein würden und die traurigſten Folgen haben könnten. Verſprich mir das.“ „Ich verſpreche es,“ entgegnete der junge Graf. „Ich verſpreche dir ſogar noch mehr; Niemand, nicht einmal mein alter Andreas, und am wenigſten ſein Pflegeſohn ſollen erfahren, welche Vermuthungen wir in Betreff des Ringes gehegt haben. Das Wenige, was Andreas aus unſerer Unterredung erfahren hat, wird er eben ſo unverbrüchlich verſchweigen, wie ich ſelbſt. Nicht wahr, mein Alter, ich kann mich auf dich verlaſſen?« „Zweifeln Sie daran nicht, lieber gnädiger Herr!« antwortete Andreas in einfachem, biederem Tone.„Ich glaube wohl zu merken, daß es ſich hier um ein Fami⸗ lien⸗Geheimniß handelt, aber ich kenne ja dieſes Ge⸗ heimniß nicht, und will weder meinen alten Kopf mit Vermuthungen quälen, noch auch meinem Pflegeſohne Hoffnungen einreden, die, wie die Frau Gräfin ganz richtig bemerkt hat, doch wohl nur thöricht ſind und ihn unglücklich machen würden. Ueber meine Lippen wird keine Sylbe von dem kommen, was ich hier ge⸗ hört habe.“ „ ‚Das erwartete ich von dir, mein Freund,“ ſagte die Frau Gräfin gütig.„Glauben, vermuthen, und hoffen wir nichts, als daß dein Pflegeſohn ein eben ſo braver Mann werde, wie du ſelbſt.“ Der alte Mann verneigte ſich tief, und die Unter⸗ redung war zu Ende. Graf Julius begleitete den treuen Diener bis an den Wagen und empfahl ihm, Peter noch heute auf das Schloß zu ſchicken, da ſeine Abreiſe nach der Reſidenz ſchon für den nächſten Tag beſchloſſen wäre. Andreas verſprach pünktlich zu ge⸗ horchen, und kehrte nach Hauſe zurück, wo er von Peter ſehr neugierig erwartet wurde. Andreas ſchloß ihn bewegt in ſeine Arme. „Dein Schickſal iſt entſchieden, lieber Sohn,“ ſagte er.„Graf Julius will dich in ſeine Dienſte nehmen, und du mußt dich bereit halten, mich noch heute zu verlaſſen!“ Halb erfreut, halb betrübt vernahm Peter dieſe Nachricht. Daß er zu dem jungen Grafen Julius kommen ſollte, den er bereits ſehr lieb gewonnen hatte, war ihm ſchon recht; daß er ſich aber von ſeinem Pflegevater trennen mußte, und ſo plötzlich, das dämpfte ſeine freudigen Empfindungen nicht wenig. Indeß hatte er wenigſtens die Beruhigung, daß er ohne Sorge um Andreas fortgehen konnte. Der alte Waldhüter war ſo ziemlich wieder zu Kräften und Geſundheit gelangt, und bedurfte ſeiner kindlichen Pflege nicht mehr ſo dringend, wie früher. Und außerdem hatte ja die Großmuth des Grafen Julius für alles Nöthige ge⸗ ſorgt, und Peter konnte ihn mit der tröſtlichen Gewiß⸗ heit verlaſſen, daß der alte Mann an keinem Bedürf⸗ niſſe Mangel zu leiden hätte. Am Abend ſchieden ſie. „Geh' mit Gott, mein Sohn,“ ſprach der ehrliche Waldhüter, indem er Peter zum letzten Male umarmte. „Mitgeben kann ich dir nichts, als meinen Segen aus väterlichem Herzen. Du biſt arm, ohne Rang, ohne Stand, ein namenloſer Findling, nun denn, ſo tummle 4 dich, damit du durch eigene Kraft, durch Fleiß und Arbeit in der Welt vorwärts kommſt. Aber, ich wie⸗ derhole dir, was ich erſt neulich und ſchon immer zu dir ſagte, tummle dich rechtſchaffen! Nur mit Solchen iſt der Herr, die mit Treue und Freudigkeit ſeinen Geſetzen folgen. Das bedenke, und der Himmel behüte dich!“ Peter ſchied mit Thränen in den Augen. Am an⸗ dern Morgen fuhr er, in eine ſchmucke Livrée gekleidet, mit dem jungen Grafen Julius in raſchem Trabe der fernen großen Reſidenz zu. Vor der Thür des Forſt⸗ häuschens ſtand der alte Waldhüter und blickte ihm nach. Zwei weiße Tücher, das eine von ſeiner, das andere von Peter's Hand geſchwenkt, flatterten in der Luft. Dann verſchwand der Wagen. Der alte Andreas murmelte:„Gott ſei mit dir, mein Kind!“ und begab ſich in ſein Haus. Ihm blieb die friedliche Stille und Einſamkeit; des armen Peter aber warteten ſchickſal⸗ ſchwere und wechſelvolle Stunden. Drittes Kapitel. Gott lenkt. Graf Julius machte in der Reſidenz ein großes Haus, und Peter ſah ſich daher nach ſeiner Ankunft in eine ganz neue Welt eingeführt. Es war ein an⸗ deres Leben da in dem ſchoönen, prächtigen Palaſte, welchen ſein junger Herr in Wien bewohnte, als—in dem Schloſſe ſeiner Mutter, das abſeits von der Welt ländlich und friedlich im Gebirge lag. Dort gieng 57 Alles ſtill und geräuſchlos ſeinen geregelten Weg, denn die Frau Gräfin liebte die Ruhe und Einſamkeit, und deshalb vermied es Graf Julius auch dann, wenn er ſeine Mutter auf längere Zeit beſuchte, ihre gewohnte Lebensweiſe zu ſtoͤren. Wenn er kam, kam er entweder allein, oder brachte höchſtens einen einzigen Diener mit, deſſen Anweſenheit in dem großen, weitläufigen Gebäude kaum bemerkt werden konnte. In der Reſidenz dagegen hielt es Graf Julius ſeinem Range und Reichthum angemeſſen, hinter ſeinen Standes⸗Genoſſen nicht zurück zu bleiben, und Peter wunderte ſich daher nicht wenig, als er ſich ſo plötzlich aus dem kleinen Häuschen ſeines Pflegevaters in einen Palaſt voll Glanz, Pracht und Lurus verſetzt ſah. Kammerdiener, Lakaien, Jäger drängten ſich in den Vorzimmern, jeden Winkes ge⸗ wärtig, den der Graf ihnen ertheilen könnte; in den Ställen tummelten ſich Kutſcher, Jokey's und Reit⸗ knechte, und prachtvolle Pferde engliſcher und arabiſcher Zucht fraßen aus marmornen Krippen; in der Küche handthierten die Köche und Küchenjungen, im Garten der Gärtner mit ſeinen Gehülfen,— kurz, der ganze Haushalt gab Zeugniß von einem Aufwande, von welchem Peter in ſeiner fruͤheren Beſchränkung ſich nie⸗ mals etwas hatte träumen laſſen. Ein paar Tage gieng er wie verdutzt und geblendet zwiſchen allen dieſen Herrlichkeiten herum, ſtaunte die prachtvoll möblirten Zimmer und Säle mit ihren reichen Teppichen, ihren deckenhohen Spiegeln, ihren Skulpturen, ihren koſtbaren Gemälden in goldenen Rahmen an; wan⸗ derte mit immer neuem Erſtaunen durch Küche, Stall und Garten, und wurde nicht ſelten von der Diener⸗ ſchaft ausgelacht, wenn er da oder dort ſeine Bemer⸗ kungen über den überall ſichtbaren, für ihn ſo uner⸗ hörten Lurus ausſprach. Allmählig gewöhnte er ſich indeß daran, und konnte zuletzt auch wieder an ſich ſelbſt denken. Zu was war er eigentlich bei dem jungen Grafen? Wozu bedurfte ihn dieſer? Was konnte er ihm nützen? Welche Dienſte ihm leiſten? So ſehr gern hätte er ſich hier und dort umhergetum⸗ melt, um ſich nützlich zu machen, und um nicht, wie er ſelber innerlich zu ſich ſagte, ſein tägliches Brod mit Sünden zu eſſen. Aber gieng es denn? Nein! Er war an allen Orten und Enden überflüſſig, und wurde überall von der anderen Dienerſchaft mit ſcheelen miß⸗ günſtigen Augen angeſehen. Im Vorzimmer ſchob ihn der Herr Kammerdiener auf die Seite; in der Küche wies ihm der Koch die Wege; im Stalle wurde nicht geduldet, daß er ein Pferd nur berührte, und im Gar⸗ ten wandte ihm der Gärtner den Rücken zu, wenn er ſich erbot, ihm behuülflich zur Hand zu gehen. Peter fühlte ſich einſam, verlaſſen und unglücklich.. „Vater Andreas will, ich ſoll mich tummeln,“ ſagte er eines Abends zu ſich ſelbſt, als er betrübt in einem Winkel der Bedienten⸗Stube ſaß;—»aber ich möchte wohl wiſſen, wie das hier anzufangen wäre, wo kein Menſch etwas von mir armem Burſchen wiſſen will. Ich muß ein Ende machen! Morgen früͤh gehe ich zum Herrn Grafen, und wenn der mir keine Beſchäf⸗ tigung anweiſ't, ſo ſchnüre ich mein Bündel, und wan⸗ dere weiter.“— Am andern Morgen klei ſprechen wäre, und begab ſi deſſelben, als er hörte, bei ihm drinnen ſei. Er fand den Grafen Julius an ſeinem Schreibtiſche, der mit Tabellen und Rechnungen wie beſäet war. Der Haushofmeiſter ſtand daneben und hatte noch einen anderen kleinen Vorrath von ähn⸗ lichen Rechnungen und Tabellen in der Hand. Als die Thüre geöffnet wurde, drehte der Graf ſich haſtig und ärgerlich um, als ob er dem unberufenen Ein⸗ dringlinge einen derben Verweis geben wollte, doch ſeine zornige Miene erheiterte ſich, als er Peter er⸗ kannte. „Ah, du biſt es!“ ſagte er.„Warte ein wenig, mein lieber Peter.“ Peter wartete an der Thur und Graf Julius wandte ſich wieder zu ſeinem Haushofmeiſter. „Aber dieſe Rechnungen ſind ungeheuer,« ſagte er in etwas gereiztem Tone.„Fünftauſend Gulden in Einem Monate! Das iſt noch nicht da geweſen, Schulze. Sie müſſen den Leuten mehr auf die Finger ſehen und ihre Rechnungen genauer prüfen!“ „Das iſt geſchehen, Euer Gnaden!“ erwiederte der Haushofmeiſter.„Ich habe Alles nachgerechnet und geprüft, und wenn der Herr Graf die Gnade haben und ſelber ſehen wollen, ſo....« „Aber wie kann ich mich durch dieſen Wuſt von Rechnungen und Tabellen durcharbeiten?« ſiel Graf Julius unwillig ein und ſchob den ganzen ſo genannten Wuſt der Papiere von ſich.„Und was würde es mir helfen? Wie kann ich wiſſen, ob dieſe Anſätze alle richtig ſind? Ich weiß nur, daß ich nie ſo viel Geld habe ausgeben müſſen, als jetzt, wo mit jedem Monats⸗ Abſchluſſe die Ausgaben größer werden!“ 8 „Das iſt kein Wunder, gnädiger Herr,“ antwortete — 60 der Haushofmeiſter geſchmeidig.„Wir leben in einer theuren Zeit, alle Bedürfniſſe ſind im Preiſe geſtiegen, Manches koſtet doppelt ſo viel, als im vergangenen Jahre, und ſo kommt es, daß auch der Haushalt des gnädigen Herrn mehr koſtet, als ſonſt. Ich möchte demüthigſt meine Bitte wiederholen, daß der Herr Graf Selber die Rechnungen und Tabellen genau nachzuſehen die Gnade hätten, um ſich zu überzeugen, daß...“ Deer Graf erhob die Hand zum Zeichen, daß der Haushofmeiſter ſchweigen ſolle. Zugleich entrunzelte ſich ſeine Stirn und ſein Auge glänzte, als er ſich raſch nach der Thür umwandte, wo noch immer Peter ſtand und wartete, daß die Reihe auch an ihn kommen werde. Sie kam ſchneller, als er hoffte. „Ha, mein lieber Peter,“ rief ihm Graf Julius zu, komme doch näher! Du kannſt rechnen, ſchreiben, leſen— wie?“ „Ja, Herr Graf!“ Im letzten Jahre habe ich ganz allein die ſämmtlichen Rechnungen meines Pflege⸗ vaters geführt!“ „Ah! Auch die Holzrechnungen?“ „Auch dieſe, Herr Graf!“ „Und der Rendant meiner Mutter? Was ſagte er dazu?“ Peter erröthete.»Ei nun, er ſagte nichts Beſon⸗ deres, Herr Graf,“ antwortete er,—„aber er gab mir noch andere Rechnungen in Ordnung zu bringen, und ich hatte manchen langen Abend damit zu thun!“ „Ah, brav, brav, mein lieber Peter!« ſagte Graf Julius erfreut.„Ich kenne den alten Brunner! Wenn er dich beſchäftigt hat, ſo muß er ſehr zufrieden mit dir geweſen ſein! Wie gut, daß ich den Einfall hatte, 35 —,— 61 dich zu fragen. Nimm dieſen ganzen Haufen Rech⸗ nungen und Tabellen, Peter! Ich ſelbſt habe keine Zeit dazu, ihn durchzuſehen, verſtehe es auch nicht, aber du wirſt dich ſchon durchfinden, denk' ich! Schulze, Sie werden ſich künftig hier an meinen jungen Freund wenden. Man ſoll ihm die Zimmer einräumen, die der Secretair meines ſeligen Herrn Vaters bewohnt hat. Und was dich anbetrifft, mein lieber Peter, ſo lege unverzüglich deine Livrée ab, und ziehe dafür einen ſchwarzen Frack an. Ich ernenne dich zu meinem Secre⸗ tair und Geſchäftsführer für häusliche Angelegenheiten. Sie verſtehen, Herr Haushofmeiſter! Ich wünſche, daß man meinen jungen Freund mit aller ſeiner neuen Stellung gebührenden Achtung behandelt.“ Der Haushofmeiſter zog ſein Geſicht um zwei Zoll in die Länge, wagte aber natürlich keinerlei Widerſpruch, ſondern begnügte ſich, eine tiefe Verbeugung zu machen. „Schon recht, Schulze,“ ſagte Graf Julius leicht⸗ hin.„Treffen Sie ohne Verzug die nöthigen Anſtalten, die Zimmer meines Secretairs wohnlich einzurichten. Du, Peter, bleibſt! Ich habe noch einige Worte mit dir zu ſprechen.“ Der Haushofmeiſter gieng, aber nicht, ohne einen ſcheelen Seitenblick auf Peter zu werfen, den dieſer indeß eben ſo wenig bemerkte, als der Graf.. „Jetzt ein Wort im Vertrauen, mein lieber Peter,“ ſagte Graf Julius, als die Thür hinter dem Haushof⸗ meiſter ſich geſchloſſen hatte.„Du haſt mit eigenen Ohren gehört, um was es ſich handelt. Ich will Nie⸗ mand anklagen, Niemand beſchuldigen, aber Thatſache iſt, daß der Aufwand für meine Haushaltung ſeit ein paar Jahren um das doppelte geſtiegen iſt, während 62 ich, ſeit ich vor Zeiten von der Univerſität kam, in meiner Lebensweiſe nicht das Mindeſte geändert habe. Suche den Grund davon zu erforſchen, Peter, und im Fall ſich alle Lebensbedürfniſſe wirklich ſo außerordent⸗ lich vertheuert haben, wie der Haushofmeiſter behauptet, ſo wirſt du mir einen geeigneten Plan zu Einſchrän⸗ kungen und Erſparniſſen vorlegen. Kommſt du dagegen irgend welchen Unterſchleifen auf die Spur, ſo warne die Schuldigen. Ich für meine Perſon will vorläufig nichts davon wiſſen. Im Wiederholungsfalle aber,— keine Nachſicht mehr. Ich will mich nicht mit ſehenden Augen betrügen laſſen. Tummle dich, mein lieber Pe⸗ ter. Zunächſt Erforſchung der Wahrheit,— nöthigen⸗ falls Ermahnung und Warnung,— und ſchlimmſten Falls augenblickliche Entlaſſung! Du haſt mich ver⸗ ſtanden?« 1 „Ich denke wohl, Herr Graf,“ erwiederte Peter. „Sie können ſich verſichert halten, daß ich mein Mög⸗ lichſtes thun werde.“ „Daran zweifle ich nicht, denn ich kenne dich ſchon, mein Lieber!“ ſagte Graf Julius gütig.„Nimm die Rechnungen zu dir! Alles Uebrige wird dir der Haus⸗ hofmeiſter übergeben. Und nun werden wir bald in Ordnung ſein, denk' ich!“ Peter raffte ſämmtliche auf dem Tiſche zerſtreuten Papiere zuſammen, empfahl ſich und ſuchte den Haus⸗ hofmeiſter auf, welcher ihm ſein Zimmer anweiſen ſollte. Mit kriechender Höflichkeit empfieng ihn dieſer Mann, und ließ es ſich nicht nehmen, den„hochgeſchätzten Herrn Secretair“, wie er Peter von Stund' an titu⸗ lirte, perſönlich in ſeine Gemächer einzuführen. Unſerem Peter fiel dieſe Zuvorkommenheit nicht wenig 63 auf, denn bisher hatte ihn der Haushofmeiſter ent⸗ weder gar nicht beachtet oder ihn doch nur mit einer gewiſſen wegwerfenden Nachläſſigkeit behandelt. „Was mag er wollen?« fragte er ſich.„Sollte der Graf am Ende recht haben und ſein angedeuteter Ver⸗ dacht nicht ohne Grund ſein? Ich werde es bald er⸗ fahren!“ „Hier, mein hochgeſchätzter Herr Secretair, ſind Ihre Appartements!“ ſagte der Haushofmeiſter, indem er eine Thuüͤr öffnete.„Hier das Wohnzimmer,— dort das Schlafgemach! Sie werden Alles in ſchönſter Ordnung finden, denn ich bin ein pünktlicher Mann, und laſſe mir nicht gern eine Nachläſſigkeit zu ſchulden kommen. Wenn der Herr Graf befiehlt, dann iſt es ſo gut, als ob Alles ſchon ausgeführt wäre. Sind Sie zufrieden mit dieſen Möbeln, mein verehrteſter Herr Secretair? Wo nicht, ſo brauchen Sie nur zu winken, und was das Schloß und mein Eifer vermag, ſoll herbei geſchafft werden, auf der Stelle!“ „Ich danke Ihnen, Herr Haushofmeiſter, danke!“ erwiederte Peter nach einem fluͤchtigen Blicke um ſich herum.„Dies Alles iſt mir ſchon viel zu koſtbar! Dieſe Lehnſtühle, dieſe Sopha's, dieſe Bilder, Spiegel, Teppiche,— ich bin nicht an dergleichen gewöhnt!“ „Oh, Sie werden ſich gewöhnen, recht bald ge⸗ wöhnen, mein hochgeſchätzter Herr Secretair,“ entgeg⸗ nete der Haushofmeiſter mit einem gleißenden Lächeln. „Und wie geſagt, wenn Sie irgend einen Wunſch haben, welcher es auch ſei, ſo rufen Sie nur den Schulze! Er wird ſtets bei der Hand ſein und ſich glücklich ſchätzen, dem Herrn Secretair dienen zu können.“ „Ich danke Ihnen für alle Freundlichkeit, Herr 64 Haushofmeiſter,“ ſagte Peter trocken, da ihm die allzu große Höflichkeit und Zuvorkommenheit des Mannes nicht ſonderlich gefiel.„Reden wir indeß von etwas anderem! Sie haben gehört, daß mich der Herr Graf mit der Prüfung Ihrer Rechnungen beauftragt hat, und ich bitte, daß Sie mir dieſelben einhändigen.“ „Hier ſind ſie, hier ſind ſie, Verehrteſter!“ erwie⸗ derte der Haushofmeiſter und zog ein dickes Packet aus der Taſche.„Oh, Sie werden Alles in der ſchönſten Ordnung finden, Alles bei Kreuzer und Heller notirt, ich bin ein pünktlicher Mann, Sie können ſich auf mein Wort verlaſſen.“ „Ich verlaſſe mich nur auf meine eigenen Augen,“ aantwortete Peter eben ſo trocken, wie vorhin.„Wenn ich auch nicht an Ihrer Rechtlichkeit zweifle, Herr Haus⸗ hofmeiſter, ſo können ſich doch Irrthüme und Fehler in ſo bedeutende Rechnungen einſchleichen, und es iſt meine Pflicht, wenn ich deren finde, ſie zu berichtigen.“ „Sie machen ſich's zu ſchwer, mein geſchätzter Herr, viel zu ſchwer,“ ſagte der Haushofmeiſter mit ange⸗ nommener Gutmüthigkeit.„Der Secretair des hoch⸗ ſeligen Herrn Grafen nahm das leichter. Er ſetzte einfach ſeinen Namen unter die Liſten, ſie wurden aus⸗ gezahlt, und kein Hahn krähte mehr danach. Machen Sie's auch ſo, Verehrteſter! Weshalb wollen Sie ſich zu Tode arbeiten? Um dem Herrn Grafen im glück⸗ lichſten Falle ein paar Gulden und Kreuzer zu ſparen? Das wäre wahrhaftig der Mühe nicht werth, und gräfliche Gnaden wurden es Ihnen nicht einmal Dank wiſſen.“ „Genug!“ entgegnete Peter kurz und ſcharf.»Ich kenne meine Pflicht und werde ſie erfüllen. Haben 65⁵ Sie ſonſt noch etwas in Bezug auf unſere Geſ chäfte zu bemerken?“ 8 Der Haushofmeiſter fuhr zurück, ſtammelte ein ver⸗ legenes„Nein!“« und gieng. „Naſeweiſer Burſche!« murmelte er hinter der Thür und ballte giftig beide Fäuſte gegen das ver⸗ laſſene Zimmer,—„du meinſt, du willſt uns den Daumen auf's Auge drücken, aber du wirſt dich täu⸗ ſchen! Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein, und wenn du nicht bald Vernunft annimmſt, dann ſollſt du ſo tief fallen, daß du das Aufſtehen vergiſſ't!« Peter hörte dieſe Drohungen nicht. Ruhig nahm er ſeine Arbeit vor, und begann die Liſten und Rech⸗ nungen durchzuſehen. Mehrere Stunden zählte, ver⸗ glich, ſummirte er in unabläſſigem Eifer. Sein Geſicht, anfänglich erſtaunt, nahm bald den Ausdruck von Ent⸗ rüſtung und Zorn an, und endlich ſprang er heftig von ſeinem Stuhle auf und gieng mehrmals in ſichtlicher Aufregung im Zimmer auf und ab. „Abſcheuliche Betrügerei!« rief er aus.„Und mit einer Keckheit und zugleich Sorgfalt durchgeführt, daß man nur bei recht genauer Nachforſchung hinter die Schliche kommt! Nicht allein die Zahlenreihen falſch ſummirt, ſondern auch die einzelnen Poſten höher an⸗ geſetzt, als ſie in Wirklichkeit betragen können! Ich muß das genau unterſuchen! Wie mich dünkt, wird der Herr Graf ärger betrogen, als er ſelber glaubt!« Von Neuem durchſpähte Peter die Rechnungen, machte ſich eine Menge Notizen, rechnete aber⸗ und abermals, und zog dann ſein Facit. „Dreitauſend Gulden in nicht mehr als ſechs bis Die Sonne bringt es an den Tag. 9 ſieben Wochen!“ ſagte er vor ſich hin, als er die Feder niederlegte.„Das iſt ſtark! Und leider ſcheint nicht der Haushofmeiſter allein, ſondern die ganze Diener⸗ ſchaft an dem Betruge Theil zu nehmen. Der Koch, der Kammerdiener, der Gärtner, Alle gehen unredlich zu Werke! Es iſt wahrhaftig hohe Zeit geweſen, daß man den Leuten einmal auf die Finger ſieht. Aber nur Geduld! Noch kann ich nicht alles beweiſen und muß daher erſt Beweiſe ſammeln, ſonſt werd' ich nicht nur belogen, ſondern auch verſpottet und verlacht noch obendrein!“ Die nächſten Tage tummelte ſich Peter wacker. Von früh bis ſpät wanderte er in der Stadt umher, beſuchte die verſchiedenſten Handwerker und Geſchäftsleute, Satt⸗ ler, Tapezierer, Fleiſcher, Bäcker, Kunſtgärtner, erkun⸗ digte ſich genau nach den Preiſen ihrer Verkaufs⸗Ge⸗ genſtände, notirte ſich Alles in ſeine Schreibtafel, nahm dann noch einmal ganz von vorn ſeine Rechnungen vor, und konnte nun endlich nach abermaliger mehrtägiger Anſtrengung ein letztes Facit ziehen. Jeder einzelne Betrug lag nicht nur klar zu Tage, ſondern konnte eben ſo klar bewieſen werden. Peter ließ den Haushofmeiſter kommen, der ſich ihm mit zuverſichtlicher Miene und ſeiner gewöhnlichen kriechenden Hoͤflichkeit näherte. „Herr,« ſagte Peter zu ihm,„Sie ſind ein Schurke und Betrüger!“« Der Haushofmeiſter wurde blaß und ſchnellte aus Beſchimpfung!“ ſtammelte er.„Welche Beſchuldigung! Herr Secretair, Sie werden mir dafür Rede ſtehen müſſen!«. „Eben das will ich und darum ließ ich Sie rufen,“ 3 ſeiner demüthig gebückten Stellung in die Höhe.„Welche 1 67 entgegnete Peter mit kaltem, ſtrafendem Ernſte.„Ich wiederhole, Sie ſind ein Schurke nnd Betrüger, und dieſe Ihre eigenhändigen Rechnungen beweiſen es. Se⸗ hen Sie hier,— hier,— hier— da— dort— jede Seite beweiſ't es! Sie haben den Herrn Grafen mit unglaublicher Frechheit beſtohlen!“ Der Haushofmeiſter warf nur einen ſchlauen, flüch⸗ tigen Seitenblick auf die Rechnungen, aber dieſer kurze Blick genügte ſchon, ihm die Gewißheit zu geben, daß Peter ſehr genau und ſorgſam zu Werke gegangen war. Niedergeſchmettert ſank er auf die Knie und mit fle⸗ yend aufgehobenen Händen bat er um Gnade. „Machen Sie mich nicht unglücklich, Herr Secre⸗ tair,“ jammerte er.„Ich habe Frau und Kinder, und wir müſſen Alle verhungern, wenn ich meines Dienzes entlaſſen und auf die Straße geworfen werde.“ „Sie haben nichts Beſſeres verdient, Herr!“ ent⸗ gegnete Peter.„Sie und Alle, der Kammerdiener, der Gäͤrtner, der Koch, Alle, Alle haben betrogen, geſtohlen und die vertrauende Leichtgläubigkeit des Herrn Grafen getäuſcht. Meine Pflicht gebietet mir, Alles dem gnä⸗ digen Herrn zu enthüllen! Er muß ſeine Leute kennen lernen und ſich uͤberzeugen, daß er, anſtatt von treuen Dienern von lauter Spitzbuben und Halunken umge⸗ ben iſt!« „Gnade! Gnade!“ wimmerte der Haushofmeiſter. „Ich geſtehe ein, ich bekenne unſere Vergehen,— aber nur dieſes Mal Verzeihung, und niemals, niemals wieder will ich mich vergeſſen! Denken Sie an unſere unſchuldigen Kinder, Herr Sfelniet Skürzen Sie nicht uns Alle in's Verderbens Laſſen⸗Sie nur dies eine Mal Gnade vor Recht ergehen!« A 68 „Peter nahm die Miene an, als ob er ſich durch die Zerknirſchung des Sünders erweichen ließe. Er befolgte aber nur die Weiſung des Grafen Julius, bei etwa vorgekommenen Unterſchleifen erſt zu ermahnen und zu warnen, und nur im Wiederholungsfalle ernſt⸗ liche Strenge anzuwenden. Zwar überſtiegen die ent⸗ deckten Betrügereien alles vermuthete Maß, indeß— — Peter war nicht grauſam, und er hoffte, bei fort⸗ geſetzter Wachſamkeit für die Zukunſt alle Unterſchleife verhüten zu können. „Wohlan,“ ſagte er,—„Sie haben wohl gethan, mich an Ihre unſchuldigen Kinder zu erinnern. Wenn Sie mir das feſte Verſprechen geben, ſich nie wieder dergleichen Unterſchleife zu ſchulden kommen zu laſſen, ſo will ich über das Geſchehene einen Schleier decken, und es ſoll nicht wieder die Rede davon ſein. Bei der nächſten Veranlaſſung aber, ſelbſt bei der geringſten Veruntreuung— keine Rückſicht und keine Nachſicht mehr! Merken Sie wohl auf, Herr! Keine aber⸗ malige Verirrung, oder Sie verlieren Ihren Dienſt unwiederruflich! Sie haben mich verſtanden?“ Der Haushofmeiſter verneigte ſich, ſehr zerknirſcht dem Anſcheine nach.. „Wohlan, ſo gehen Sie,“ fuhr Peter fort.»Uebri⸗ gens werden Sie den Kammerdiener, den Koch, den Gärtner und den Stallmeiſter des Herrn Grafen zu mir ſchicken, mit denen ich ebenfalls einige Worte zu reden habe..“. 3 Der Haushofmeiſter gieng, ohne noch ein Wort des Widerſpruchs oder der Vertheidigung zu wagen. Erſt draußen auf dem Corrithre machte er ſeinem Ingrimme durch halblaute Verwünſchungen Luft, was ihn jedoch 1 * 69 nicht verhinderte, die Aufträge Peters unverzüglich und pünktlich zu erfüllen. „Geht nur hinauf zu dem Gelbſchnabel,“« ſagte er zu der anderen Dienerſchaft, die er in der Küche beim Koche verſammelt fand.»Laßt Euch Eure Predigt halten, und dann kommt zu mir auf mein Zimmer. Der naſeweiſe Burſche ſoll ſchon bald genug merken, daß er auf die Dauer mit ſeinen großen Worten nicht durchkommt.“ „Aber was iſt geſchehen?« fragte der Kammerdiener und Stallmeiſter ängſtlich. „Was geſchehen iſt?« erwiederte grimmig der Haus⸗ hofmeiſter.„Nun, weiter nichts, als daß der Gelb⸗ ſchnabel uns auf die Schliche gekommen iſt! Das iſt das Ganze, aber es ſcheint mir auch grade genug!« Die Nachricht behagte der ungetreuen Dienerſchaft wenig. Alle ließen die Köpfe hängen, und begaben ſich in ſehr gedruͤckter Stimmung zu Peter. Wie arme Sünder ſtanden ſie vor ihm, und Peter hielt ihnen in der That eine ſo ſcharfe Strafpredigt, wie ſid in ihrem ganzen Leben noch keine gehört hatten. Zugleich wies er jedem Einzelnen ſeine Betrügereien nach, verwarnte ſie für die Zukunft, und entließ ſie endlich mit derſelben Drohung, daß ſie Knall und Fall ihren Dienſt ver⸗ laſſen müßten, ſobald ſie wieder Unterſchleife zu machen wagten. Aeußerlich zerknirſcht, innerlich wüthend nahmen ſte, wie der Haushofmeiſter, die wohlverdienten Vor⸗ würfe und Ermahnungen in Empfang, verſprachen Beſſerung, und begaben ſich nach erhaltener Verab⸗ ſchiedung zu ihrem Kollegen, um dort ihren Herzen Luft zu machen. „Das iſt nicht zu ertragen!“ rief der Kammer⸗ 70 diener,—„entweder dieſer Burſche muß fort, oder ich ſuche mir einen anderen Herrn, noch ehe das nächſte Quartal in's Land kommt. Solch ein Guck⸗in⸗die⸗Welt ſollte uns alte gediente Leute ungeſtraft chikaniren dür⸗ fen? Das laſſe ſich gefallen, wer Luſt hat, ich thu's nichts!« .„Ich auch nicht! Ich auch nicht!“ ſtimmten der Stallmeiſter, der Koch und der Gärtner ein.„Morgen ſagen wir dem Herrn Grafen unſeren Dienſt auf— heute noch!“ „Nicht doch, nicht doch, weder heute noch morgen werdet Ihr das thun, denn es würde ſehr thöricht ſein,« ſagte der Haushofmeiſter ganz gelaſſen und bedächtig. Er hatte Zeit gehabt, ſeinen Aerger nieder zu kämpfen, und gieng mit größerer Ueberlegung als die Uebrigen zu Werke.„Wir ſind Unſer fünf gegen Einen, und wenn wir nur treu zuſammenhalten, ſo müßte es ja ganz wunderbarlich zugehen, wenn wir des grünen Junzen nicht zuletzt Meiſter würden und ihn für immer Ein anderer Dienſt, ſo gut wie unſer jetziger, findet ith nicht alle Tage, und alſo, anſtatt in alberner Uebereilungezu handeln, laßt uns lieber ruhig über⸗ legen.“ Ddie Anderen horchten auf.„Aber was können wir thun?« fragte der Kammerdiener.„Der Menſch ſteht hoch in Gnaden bei'm Herrn, wie ich nur zu gut weiß, und ihn ſtürzen wollen, hieß uns ſelber eine Grube graben.“— „Fangen wir daher bei ihm ſelber an,« entgegnete der Haushofmeiſter.»Er iſt noch jung und dumm, und wird, wenn nicht zu verführen, doch gelegentlich einmal zu überliſten ſein. Fängt man den ſchlauen — 71 Fuchs in der Falle, warum nicht ſolchen albernen Jungen, der ganz grün und friſch vom Lande herein kommt. Nur feſt zuſammenhalten müſſen wir, und Keiner darf den Anderen verrathen. Ich haſſe den Jungen und fürchte ihn,— alſo iſt er mir unbequem, — alſo muß er fort! Verhalten wir uns acht Tage ſtill und ruhig. Dann, Kammerdiener, haſt du dafuͤr zu ſorgen, daß irgend eine Koſtbarkeit aus dem Juwe⸗ len-Käſtchen des Herrn verſchwindet, und es müßte mich Alles täuſchen, oder wir bringen den Verdacht ſo ſchwarz auf den Herrn Secretair, daß Alles Waſſer der Welt ihn nicht wieder von ihm abwaſchen ſoll. Hält er gleichwohl den erſten Stoß aus, ſo geben wir ihm einen zweiten und dritten, Alles aus dem Hinter⸗ halte, ſo daß kein Menſch uns im Spiele glauben kann, und— dieſe meine rechte Hand will ich verwetten, daß der Burſche aus dem Hauſe geworfen wird, ehe nur ein Vierteljahr hingeht. Er iſt ja nicht der Erſte, den wir expediren, Kinder!« „Ja, aber bei den Anderen hatten wir leichtes Spiel, der Herr kannte ſie kaum, und baute Häuſer auf unſere Treue,“ ſagte der Kammerdiener.„Ein Wort genügte, jeden Unbequemen bei Seite zu ſchaffen! Aber bei dem neuen Secretair iſt's ein anderes Ding. Er kennt unſere Schliche, und der Herr vertraut ihm mehr, als uns.“ „Darum jetzt keine Worte mehr, ſondern Thaten!“ entgegnete der Haushofmeiſter.„Befolgt nur meine Weiſungen, und ich ſtehe für Alles. Der Burſche muß fort! Ich haſſe ihn!“ „Und wir nicht minder!« fügte der Kammerdiener nachdrücklich hinzu.„Abgemacht alſo— fort muß erl“ 7² „Fort muß er!« ſprachen auch die Anderen, und die würdigen Genoſſen reichten einander die Hände zum Zeichen, daß der Bund beſchloſſen, das Complott be⸗ ſiegelt ſei. Darauf gieng Jeder an ſein Geſchäft, als ob nichts geſchehen wäre. Peter ahnte natüͤrlich von alledem nicht das Ge⸗ ringſte. Ruhig und ſicher gieng er ſeinen Weg, ohne ſich entfernt traͤumen zu laſſen, wie viel Haß und Furcht ſeine Wiederſacher gegen ihn hegten. Vielmehr achtete er ihrer kaum, und kam nur dann mit ihnen in Be⸗ rührung, wenn er Geſchäftsſachen mit ihnen abzumachen hatte. Auf ein vertraulicheres Verhältniß ließ er ſich nicht mit ihnen ein. So vergiengen acht Tage. Da vermißte der Graf Julius eine ſehr koſtbare Tuchnadel, welche ihm noch beſonders lieb und werth war, weil er ſie als letztes Andenken von ſeinem Vater geſchenkt bekommen hatte. Er fragte nach der Nadel, aber Niemand wußte davon. Am wenigſten Peter, der die Nadel gar nicht kannte und ſie vielleicht noch nie geſehen hatte. Plötzlich kam ſie, etwa vier oder fünf Tage nach ihrem Verſchwinden wieder zum Vorſchein. Ein Jude brachte ſie, und bot ſie dem Haushofmeiſter zum Kaufe an. Dieſer ließ den Juden auf der Stelle ergreifen und zum Grafen Julius führen. Man beſchuldigte ihn die Nadel ge⸗ ſtohlen zu haben, wogegen der Jude ſeine Unſchuld be⸗ theuerte und ſich verſchwur, daß er ſie ehrlich und red⸗ lich für viel Geld an ſich gebracht habe von einem jungen Menſchen, der ſo anſtändig ausgeſehen, daß man keinen Verdacht gegen ihn zu hegen gebraucht. „Und wie ſah dieſer junge Meriſch aus?“ frage Graf Julius, der nun auf den Gedanken kam, daß 7³ Einer von ſeinen Lakaien den Diebſtahl begangen haben könnte. „Genau kann ich's nicht ſagen,“ erwiederte der Jude.„Hab' ich den jungen Menſchen doch nur ge⸗ ſehen gegen Abend, wo es ſchon dämmerig wurde. Doch ſo und ſo ungefähr ſah er aus.“ Seine Beſchreibung paßte ſehr genau auf Peter, ſo genau, daß Graf Iulius ſelber ſtutzig wurde. Er ließ Peter kommen, ſprach einige Worte mit ihm, nnd ſchickte ihn dann wieder fort. „War es dieſer junge Menſch, der dir die Nadel verkauft hat?« fragte er den Juden. Dieſer zuckte die Achſeln.„Kann ſein, er i kann ſein, er iſt's auch nicht,“ erwiederte er.„ ſchwören mag ich's nicht, obgleich er hat gehabt gra ſolche Augen und ſolche Naſe und ſolche Stimme. Aber b beſchwören thu' ich's nicht!« „Und das iſt dein Glück, Jude!“ ſagte Graf Ju⸗ lius,—„denn eher würd' ich glauben, du ſelbſt habeſt die Nadel geſtohlen, als dieſer da. Genug! Ich will die Sache nicht weiter unterſuchen! Peter ſoll dem Juden ſein Geld geben und ihn laufen laſſen. Die Nadel behalt' ich natürlich.“ Mit dieſer Entſcheidung war der Gegenſtand erle⸗ digt, ohne daß die Widerſacher Peter's ihren Zweck, denſelben in den Augen des Grafen zu verdächtigen, erreicht hatten. Es braucht übrigens wohl kaum er⸗ wähnt zu werden, daß die ganze Intrigue vom Haus⸗ hofmeiſter angeſtiftet, und der Jude nichts als ein ge⸗ dungener Helfershelfer geweſen war, der Peter in's Unglück ſtürzen ſollte, ohne daß vermuthet werden konnte, von welcher Seite der Streich eigentlich ge⸗ ———— kommen ſei. Dies war mißlungen. Das Vertrauen, welches Graf Julius in ſeinen jungen Secretair ſetzte, hatte bereits feſte Wurzel geſchlagen, und konnte nicht leicht erſchüttert werden. „Ein Baum fällt nicht auf den erſten Hieb!“ ſagte der Haushofmeiſter zu ſeinen Spießgeſellen.„Fahren wir fort!« Es dauerte gar nicht lange, ſo fehlte wieder eine koſtbare Kleinigkeit in des Grafen Schatulle, und ſie war unter Umſtänden verſchwunden, welche allerdings einen Schatten von Verdacht auf Peter werfen konnten. Graf Julius und Peter bemerkten aber dieſe Umſtände gar nicht. „Wir müſſen ihm näher auf den Leib rücken,“ ſprach der Haushofmeiſter argliſtig. Wenige Tage nachher fehlten in der von Peter ver⸗ walteten Kaſſe ein paar hundert Gulden. Peter, nach⸗ dem er vergebens geſucht, gerechnet, hin und her ge⸗ ſonnen, meldete das Deficit dem Grafen. „Wer wird dich beſtohlen haben, Peter,“ ſagte dieſer.„Laß neue Schlöſſer an deine Kaſſe machen, denn zu den alten dürfte es Nachſchlüſſel geben.“ Der Haushofmeiſter kirichc vor Wuth mit den Zähnen, denn der Graf hatte richtig gerathen und nicht den mindeſten Verdacht gegen Peter aufkommen, und noch viel weniger merken laſſen. Peter ließ andere Schlöſſer machen, und der Haushofmeiſter warf die alten Nachſchlüſſel, als fortan unbrauchbar, in die Donau. Je unerſchütterlicher Peter in der Gunſt des Grafen zu ſtehen ſchien, deſto höher ſteigerten ſich der Haß und die Furcht ſeiner Widerſacher. 75 „Fort muß er, koſte es, was es wolle, und müßten wir die ganze Schatulle des Herrn ausräumen,“ ſagte der Haushofmeiſter ingrimmig, als er mit ſeinen Spieß⸗ geſellen wieder einmal zuſammen war und mit ihnen Rath hielt, wie Peter zu ſtürzen ſei.„Das Zaudern taugt nichts, ſo wenig wie die halben Maßregeln. Der Augenblick iſt günſtig. Der Graf iſt mit ſeinem Herrn Secretair ausgegangen. Vorwärts, Kammerdiener! Ein tüchtiger Griff in die Schatulle, das Geſtohlene dann in Monſieur Peter's Zimmer verſteckt, und es müßte doch wunderſeltſam zugehen, wenn das nicht endlich ſeine Wirkung thun ſollte.“ Man überlegte den Vorſchlag und es wurde zuletzt beſchloſſen, daß er ausgeführt werden ſolle. Man gieng ſogleich an's Werk. Haushofmeiſter und Kammerdiener begaben ſich in des Grafen Zimmer, und öffneten den Schreib⸗Secretair, das erſte, was ihnen, als ſie die Klappe aufſchlugen, in die Augen fiel, war ein ange⸗ fangener Brief des Grafen Julius mit der Ueberſchrift: „Meine theure, verehrte Mutter.“ Aus Neugierde nahm der Haushofmeiſter den Brief und überflog ihn mit den Augen, während der Kammerdiener ſich damit beſchäftigte, die Schmuckſachen in der Schatulle zu unterſuchen und einige paſſende Stücke zum Wegnehmen auszuſuchen. Plötzlich faßte ihn der Haushofmeiſter am Arme, und blickte ihn mit der Schadenfreude fun⸗ kelnden Augen triumphirend an. „Laß es gut ſein, laß liegen die Juwelen,“ ſagte er.„Graf Julius iſt uns zu geſcheut und hat uns bereits im Verdacht, daß wir eine Intrigue gegen ſeinen lieben Peter ſpielen. Hier im Briefe ſteht es mit dürren Worten, und wir können von Glück ſagen, daß wir ihn 76 gefunden haben. Lies, lies, was er hier geſchrie⸗ ben hat.“ In dem Briefe ſtand unter anderem Folgendes: „Was meinen Schützling anbetrifft, liebe Mutter, ſo habe ich zwar pünktlich Wort gehalten und ihm nicht die mindeſte Andeutung gegeben, welche Verhältniſſe 1 zwiſchen ihm und dem Grafen Niederberg und Brut⸗ terode obwalten dürften, aber ich habe ihn aus ſeiner unntergeordneten Stellung auf eine anſtändigere erhoben, indem ich ihn zu meinem Secretair ernannte. Ich beab⸗ ſichtige dabei einen doppelten Zweck. Zunächſt wollte ich dadurch den Betrügereien meiner Leute— Betrü⸗ gereien, wie ſie wohl manches Mal in einem großen Haushalte vorkommen,— gewiſſe Schranken ſetzen, und dann wollte ich mir auch die Möglichkeit eröffnen, den jungen Mann in Geſellſchaften einzuführen, wo er mit dem Grafen Niederberg zuſammentreffen kann, ohne daß es auffällt. Meinen Secretair kann ich in jede Geſellſchaft mitbringen, und man wird ihn, wenn auch nicht zuvorkommend behandeln, doch wenigſtens dulden. Ich bin begierig, ob Graf Niederberg die Familien⸗ Aehnlichkeit bemerkt, die uns Beiden ſogleich aufgefallen iſt. Zu dieſem Zwecke werde ich ihn bei dem erſten Zuſammenkommen mit Peter genau beobachten, und aus ſeinen Mienen und Geberden hoffe ich zu erkennen, ob wir uns in unſeren Vermuthungen täuſchten, oder ob mein junger Schützling wirklich berechtigt iſt, ge⸗ wiſſe Anſprüche auf die Verwandtſchaft mit dem alten Grafen Brutterode zu erheben. Die Erforſchung dieſes Umſtandes ſoll mir fr jetzt genügen, da ich dir das Verſprechen gegeben habe, keinen auffallenden Schritt 77 in dieſer Angelegenheit zu thun. Später wird man ja ſehen.. „Hier iſt ein Geheimniß,“ ſagte der Haushofmeiſter; —„ein Geheimniß, das Beziehung zu dem Grafen Niederberg hat. Das müſſen wir ausbeuten!« „Aber was wird es uns helfen?“ fragte der Kam⸗ merdiener. „Siehſt du das nicht ein, kurzſichtiger Menſch? Wenn das Verhältniß, in welchem nach dieſen Andeu⸗ tungen Peter zu dem Grafen Niederberg ſtehen ſoll, für den Letzteren ein wünſchenswerthes wäre, wozu dann das Geheimniß? Mir ſcheint aus Allem her⸗ vorzugehen, daß Graf Niederberg Urſache hat, Peter zu fürchten!“ „Und wenn auch? Was könnte das uns nützen?« „Einfältiger! Als ob Graf Niederberg, wenn meine Vermuthung gegründet iſt, nicht ſofort gemeinſchaftliche Sache mit uns machen würde. Einem ſolchen Herrn ſtehen aber ganz andere Mittel und Wege zu Gebote, einen unbequemen Burſchen ſpurlos verſchwinden zu laſſen, als unſer Einem! Geduld! Laß mich einen Augenblick überlegen! Richtig, das wird's thun! Ich werde die Stelle in dieſem Briefe, welche von Peter handelt, abſchreiben und die Abſchrift dem Grafen Nie⸗ derberg vorlegen. Wir werden dann ſehen, was weiter erfolgt, und ſehr täuſchen müßte ich mich, wenn nicht der naſeweiſe Grünſchnabel baldigſt vom Grafen hören würde.“ Geſagt, gethan! Papier, Tinte, Feder waren bei der Hand; der Haushofmeiſter ſchrieb die betreffende Stelle ab, wies den Kammerdiener an, vor der Hand die Schatulle des Grafen Julius unberührt zu laſſen, 78 verſchloß das Schreibpult wieder, und entfernte ſich mit dem Vorſatze, nächſten Tages den Grafen Niederberg aufzuſuchen. Dies konnte ſehr leicht geſchehen, ohne daß irgend Jemand im Palais ſeine Abſicht merkte. Der Haus⸗ hofmeiſter nahm einen Geſchäftsweg zum Vorwande, ſuchte die Wohnung des Grafen Niederberg auf, ließ ſich anmelden und wurde unverzüglich vorgelaſſen. Mit einer gewiſſen ängſtlichen Spannung in ſeinen Zügen eilte ihm der Graf bei ſeinem Eintritte in das Zimmer entgegen. „Was bringen Sie mir, Schulze?“ fragte. er haſtig.„Eine Botſchaft von Ihrem Herrn wahrſchein⸗ lich? Wie?“ „Verzeihung, Herr Graf— nein— mich führt eine ganz beſondere Angelegenheit zu Ihnen,“ erwie⸗ derte der Haushofmeiſter geheimnißvoll und zurückhal⸗ tend.„Aber bevor ich ſie mittheilen kann, muß ich mir ein Verſprechen von Euer Gnaden erbitten.“ „Welches, Schulze? Wir kennen ja einander! Sprechen Sie ganz offen zu mir!« „Gewiß, Herr Graf, ganz offen, ſobald Sie nur die Gnade haben, Niemanden in der Welt zu verrathen, daß Sie die Mittheilung, die ich Ihnen zu machen beabſichtige, von mir erhalten haben. Vielleicht iſt meine Nachricht von gar keiner Wichtigkeit für Sie, und dann hätten Sie alſo auch keinerlei Rückſicht auf mich zu nehmen! Vor allem Uebrigen alſo muß ich der ſtrengſten Verſchwiegenheit von Euer Gnaden ver⸗ ſichert ſein.“ „Wie konnen Sie zweifeln, Schulze! Mein Wort — 79 darauf, daß kein Wort von unſerer Unterredung über meine Lippen kommen ſoll.“ „Nun denn, Herr Graf, geſtern fiel mir zufällig ein Brief meines Herrn an ſeine Mutter in die Hände, — es war in dem Briefe von Ihnen die Rede,— von Ihnen und einem jungen Menſchen, der...“ Graf Niederberg erbleichte.„Wo haben Sie dieſen Brief?« ſagte er haſtig.„Sie haben ihn doch, Schulze? Heraus damit! Geſchwind!“ „Den Brief beſitze ich nicht, gnädiger Herr,“ ent⸗ gegnete der Haushofmeiſter.„Er würde ſofort vermißt worden ſein. Indeß, eine Abſchrift der betreffenden Stelle.... „Heraus damit, Schulze! Beſinnen und bedenken Sie ſich nicht!“« unterbrach ihn der Graf mit auffal⸗ lender, ängſtlicher Heftigkeit. Sie wiſſen wohl, daß ich Sie nicht verrathen werde.“ Schweigend reichte der Haushofmeiſter den Zettel hin, auf den er die Worte des Grafen Julius abge⸗ ſchrieben hatte. Graf Niederberg verſchlang ſie mit den Augen, erbleichte von Neuem, und ſank endlich kraftlos auf ein Sopha nieder. „Es iſt alſo wahr! wahr!“ ſtammelte er unwill⸗ kührlich und ganz die Gegenwart des Haushofmeiſters vergeſſend.„Mir ahnte es ſchon geſtern Abend! Dieſer ſchwarze Schatten des Grafen Julius kam mir unheil⸗ bringend vor, und ſeine Aehnlichkeit mit dem Grafen Siegmund war wirklich erſchreckend. Sei er's, oder nicht,— der Burſche muß verſchwinden!“ „Sie meinen doch unſeren neuen Secretair, Herr Graf?« fragte der Haushofmeiſter mit hämiſchem Lä⸗ cheln.„Wenn das der Fall iſt, ſo ſag' ich auch: fort 8⁰ mit dem Burſchen! Er muß verſchwinden! Eben die Hoffnung, Herr Graf, daß wir in dieſer Angelegen⸗ heit Hand in Hand gehen würden, fuͤhrte mich zu Ihnen.“ „Sie haben ſehr wohl gethan, mein Freund,“ ſagte Graf Niederberg, der mittlerweile ſeine Faſſung einiger⸗ maßen wiedererlangt hatte.„Aber erzählen Sie mir vor Allem, wer iſt jener Menſch? Wie iſt er zum Grafen Julius gekommen? Wie hat er ſeine Gunſt erlangt? Unterrichten Sie mich ſchnell, denn dieſe ganze Angelegenheit iſt in der That von der höchſten VWicchtigkeit fuͤr mich!“ Der Haushofmeiſter erzählte das Wenige, was ihm über Peter bekannt geworden war. Aber er wußte weiter nichts, als daß er der Pflegeſohn des alten Waldhüters Andreas ſei, der ihn einmal im Walde aufgeleſen habe.“ „Und wo geſchah dies?“ fragte Graf Niederberg geſpannt. „Nun, wo ſonſt, als in der nächſten Umgebung des Schloſſes Lindenberg, dem Stammſitze meines gnädigen Herrn.“ Der Graf athmete auf.„Schloß Lindenberg? Das kenne ich, da bin ich öfters geweſen, als der alte Graf noch lebte, Julius' Vater.„»Nein, dort war es nicht, wo ich... Am Ende beunruhige ich mich ganz ohne Noth! Wer könnte mir je beweiſen... Aber gleich⸗ viel! Dieſe Aehnlichkeit! Dieſe auffallende Aehnlich⸗ keit! Und des Grafen Julius Verdacht, denn Verdacht, ſchweren dringenden Verdacht hegt er, ich merke es ſchon an ſeinem ganzen Weſen und Benehmen,— und nun vollends dieſer Brief an ſeine Mutter... Nein, nein, 81 nein! Kein Zögern und Schwanken! Er muß fort, verſchwinden, in Dunkelheit untergehen! Noch weiß Niemand etwas Beſtimmtes... ſie ahnen, vermuthen nur... ein raſcher Entſchluß, eine ſchnelle That, und... der Schatten verſchwindet, der mich ſeit ge⸗ ſtern erſchreckt und mir dieſe Nacht den Schlaf ge⸗ raubt hat.« Schadenfroh rieb ſich der Haushofmeiſter die Hände. „Wie meinen Sie aber, daß es anzugreifen ſei, Herr Graf?« fragte er. 4 »„Anzugreifen? wie anders, als hurtig und ent⸗ ſchloſſen!« entgegnete Graf Niederberg.„Suchen Sie irgend einen Vorwand, um den jungen Menſchen zu mir in's Haus zu ſchicken. Auf meine Leute kann ich mich verlaſſen. Man wird irgend einen Vorwand fin⸗ den, ihn zurückzuhalten und... wenn er nicht zurück⸗ kehrt, ſo mögen Andere ſehen, wo er verloren ge⸗ gangen iſt.“ „Ah, ich verſtehe,— Sie wollen ihn einkerkern, Herr Graf!“ „Nun ja,“ antwortete dieſer mit einem Unheil ver⸗ kündenden Lächeln.„Ich habe in Steyermark, tief in den Schluchten des wilden Gebirges, ein ſtill gelegenes kleines, feſtes Schloß, das in fruͤheren Zeiten ein Fal⸗ kenneſt fuͤr Raubritter geweſen ſein mag. Es giebt da hübſche Gefängniſſe und unterirdiſche Gewölbe. Der Kaſtellan, der einzige Bewohner des Schlößchens, iſt ein alter Jäger, der von der Welt nichts weiß, und mir mit Leib und Seele zugethan iſt, da ich ihn nicht aus dem Schloſſe trieb, als es mein Eigenthum wurde. Außerdem war er auch nicht dabei, als ich.. Genug! Er weiß von nichts, er iſt mir ſicher, und wenn wir Die Sonne bringt es an den Tag. 82 den jungen Herrn Secretair nur erſt auf dem Geier⸗ ſtein haben und in der Obhut des alten Wolf, ſo mag er ſehen, wie er dieſem wieder aus den Klauen kommt.« „Wann ſoll ich ihn ſchicken?« fragte der Haushof⸗ meiſter. „Heute noch! Bei Dunkelwerden. Ich werde Alles bereit halten zu ſeinem Empfange.“ Der Haushofmeiſter verſprach, dem Plane des Gra⸗ fen pünktlich in die Hände zu arbeiten, und kehrte nach Hauſe zurück. Wider Erwarten fand er hier nichts, als Aufregung und Verwirrung. Ein Kourier war vom Schloſſe Lindenberg mit der traurigen Nachricht angekommen, daß die Frau Gräfin höchſt bedenklich er⸗ krankt ſei und vor ihrem wahrſcheinlich nahen Tode noch einmal ihren Sohn zu ſprechen wünſche. Alles rannte und ſchrie durch einander. Graf Julius wollie ohne Verzug abreiſen, und trieb zur höchſten Eile. Der Haushofmeiſter kam eben noch recht, um ein wenig Ordnung zu ſchaffen. Mit den Gewohnheiten ſeines Herrn vertraut, gab er die nöthigen Befehle, und fünf Minuten ſpäter hielt ein leichter Wagen vor dem Schloß⸗ portale, welcher den Grafen Julius davonführen ſollte. Kaum war Alles bereit, ſo kam er ſelbſt in Begleitung Peter's bleich und haſtig die Treppe herab und ſprang in den Wagen. Der Schlag klappte zu, die Peitſche des Poſtillon's knallte, und in ſcharfem Trabe raſſelte das Viergeſpant des Grafen über das Straßenpflaſter davon. „Gelegener konnte uns nichs kommen, als dieſe plötzliche Abreiſe,« ſagte der Haushofmeiſter zu ſich ſelbſt.„Jetzt iſt es unmöglich, daß unſer Plan fehl⸗ ſchläͤgt!« 83 Er wartete, bis es anfieng, dunkel zu werden. Dann begab er ſich zu Peter, und meldete ihm, daß der Herr Graf von Niederberg ſo eben geſchickt habe und ihn zu ſich bitten laſſe, um in Angelegenheiten ſeines Freundes, des Grafen Julius, eine nothwendige Beſprechung zu halten. Der Herr Graf von Niederberg laſſe um Ver⸗ zeihung bitten, daß er nicht ſelber komme, aber er ſei unpäßlich, und habe deshalb ſeinen Wagen geſchickt. Peter kannte zwar den Grafen kaum dem Namen nach, wußte aber, daß er zu den Bekannten und ſogar zu der Verwandtſchaft ſeines Herrn gehörte, und trug daher nicht das mindeſte Bedenken, der Einladung Folge zu leiſten. Ein Wagen wartete Seiner, er ſtieg ein, und fuhr zum Grafen, der ihn mit außerordentlicher Zuvorkommenheit und Freundlichkeit empfieng und mit ihm ſehr angelegentlich über ein anſcheinend höchſt wich⸗ tiges Geſchäft ſprach, das Graf Julius ihm geſtern Abend angetragen habe, wie er ſagte. Peter wußte zwar nichts davon, aber Graf Julius hatte ſich am geſtrigen Abende in der That eine geraume Zeit mit dem Grafen Niederberg unterhalten, und ſo trug er denn nicht das mindeſte Bedenken, alle Auskunft zu geben, die er geben konnte. Mittlerweile ward es dunkel, und der Kammerdiener des Grafen kam, um zu melden, daß der Tiſch ſervirt ſei. Peter mußte wohl der freundlichen Einladung des Grafen, mit ihm zu ſpeiſen, Gehör geben. Der Graf nöthigte ihn mit der zuvorkommendſten Guͤte zum Eſſen und Trinken, und Peter ließ es ſich ohne Arg ganz wohl ſchmecken, bis ihn plötzlich eine unwiderſtehliche Mudigkeit befiel, die ſich wie Bleigewichte an ſeine Glieder hieng. „Verzeihung, Herr Graf,“ ſtammelte 5— ich 84 vermag kaum die Augen noch offen zu halten,— ge⸗ ſtatten Sie, daß ich mich verabſchiede.“ „Nicht doch, nicht doch,“ wandte Graf Niederberg tückiſch⸗freundlich ein.„Ruhen Sie einen Augenblick auf dieſem Sopha aus, und nach zwei Minuten werden Sie friſch und munter ſein, wie vorher.“ 8. Peter ſank taumelnd in die weichen Kiſſen des Sopha's, zu welchem der Graf ihn führte, und kaum naeigte er den Kopf hinten über, ſo ſchloß er die Augen und blieb ohne Regung liegen. „Es iſt gelungen, der Schlaftrunk hat gewirkt,“ murmelte der Graf, indem er aufmerkſam den Schlum⸗ mernden betrachtete.„Jetzt iſt es ſo gut, als ob du ſchon im Grabe lägeſt, denn ehe du wieder zu dir kommſt, wirſt du für immer geborgen ſein.« Er zog zweimal die Klingel, und ſein Kammerdiener trat herein. „Iſt der Wagen bereit?« fragte er ihn. „Ja, gnädiger Herr!«— „Gut! Hilf mir dieſen jungen Mann hinunter tragen. Ich werde ihn ſelbſt in ſeine Wohnung brin⸗ geen, damit man ſeinen trunkenen Zuſtand nicht bemerkt. Zugegriffen! Aber nimm dich in Acht, daß ihm nichts geſchieht.“ 4 Vorſichtig wurde Peter von dem Grafen und ſeinem Diener die Treppe hinab getragen, in den Wagen ge⸗ hoben, der ringsum verſchloſſen, vor derſelben hielt, der Graf ſetzte ſich neben ihn, und die Pferde trabten davon. A „Noch eins!« ſagte der Graf, bevor er abfuhr, zu ſeinem Kammerdiener,— vich werde vielleicht einige Tage ausbleiben. Wer nach mir frägt, erhält den — 8⁵ Beſcheid, ich ſei zu meinem Onkel, dem Grafen Brut⸗ terode!“ Es war dunkle Nacht, als der Wagen durch die Straßen raſſelte. Aber anſtatt am Palais des Grafen Julius vorzufahren, rollte er weiter und weiter, kam unangehalten durch das Thor, und lenkte draußen auf die Landſtraße ein, die nach Steiermark führt. Im Galopp gieng es fort die ganze Nacht hindurch. An mehreren Orten wurden die Pferde gewechſelt, aber auch dieſer nothwendige Aufenthalt dauerte immer nur wenige Minute, dann jagte das friſche Geſpann mit verdoppelter Eile weiter. Der Morgen dämmerte, es wurde heller Tag, und Peter lag noch immer regungs⸗ los in die Ecke des Wagens gedrückt, mit geſchloſſenen Augen, und ſeiner Selbſt nicht bewußt. Erſt als um die neunte Morgenſtunde ein glänzender Sonnenſtrahl durch das Fenſter des Wagens auf ſein Geſicht fiel, machte er eine Bewegung, und dehnte ſich, als ob er im nächſten Augenblicke aufwachen würde. „Zu früh!« murmelte der Graf, der ihn aufmerk⸗ ſam beobachtete.„Wir müſſen dich nach einmal ein⸗ ſchläfern!“ Er nahm ein Leder⸗Futteral aus der Wagentaſche, das einen ſilbernen Becher und eine Flaſche mit Wein enthielt. Er ſchenkte den Becher halb voll, und träu⸗ felte dann aus einer kriſtallenen Phiole, die er ſchon bereit gehalten, drei Tropfen einer braunen zähen Flüſ⸗ ſigkeit in den Wein. Hierauf ſetzte er den Becher an des Schlafenden Lippen. Sie öffneten ſich unwillkühr⸗ lich. Peter trank den Becher aus. Für einen Moment ſchien der Wein ihn neu zu beleben. Er öffnete die Augen und warf einen ſtaunenden Blick um ſich her. — —— —,— 86 1 Aber dieſer Anreiz gieng ſchnell vorüber. Die braune Flüſſigkeit übte ihre Wirkung, und eine Minute ſpäter lag Peter wieder in ſo feſtem Schlafe, daß ihn ſelbſt der Knall einer neben ihm abgefeuerten Kanone nicht aus ſeiner tiefen Betäubung aufgeweckt haben würde. Der Graf betrachtete ihn, und ſagte ſpöttiſch:„Die Doſis wird ausreichen, bis wir dort ſind. Zugefahren, Mathias! Wir müſſen vor Einbruch der Nacht auf dem Geierſtein ſein!« Die Peitſche knallte, die Pferde flogen, der Wagen rollte ſtäubend über die Landſtraße. Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange, als die Reiſenden plötzlich von dem befahrenen Wege ab⸗ lenkten und eine ſchmale, mit Raſen bewachſene, augen⸗ ſcheinlich nur ſelten benutzte Straße einſchlugen, welche mitten durch einen dichten Wald und in eine der wil⸗ deſten Schluchten des Gebirges führte, das hier ſeine zum Theil mit Schnee bedeckten Gipfel bis an die Wolken erhob. Hier hörte das eilende, wilde Jagen auf. Nur langſam konnten die Pferde den Wagen hügelauf, hügelab durch Sumpf und Geſtrüpp ſchleppen, und volle zwei Stunden dauerte es, bis man, einen ſteilen, mit Geröll bedeckten Abhang hinunter fahrend, ein ziemlich weites, faſt ringsum von hohen Bergen umgebenes Thal erreichte, an deſſen jenſeitigem Ende man ein feſtes, kleines Schloß mit Thürmen, Zinnen und Ringmauern auf einem vorſpringenden Hügel er⸗ blickte. »Endlich der Geierſtein!« ſagte Graf Niederbeg. „Es iſt Zeit, denn bald wird die Nacht vollends da ſein. Vorwärts, vorwärts, Mathias! Hier hört nun 87 vollends Weg und Steg auf, und die geradeſte Rich⸗ tung iſt die beſte!« In der That fand man in dieſem ſtillen, einſamen Thale kaum noch die Spuren einer Fahrſtraße. Ob⸗ gleich ſie in früherer Zeit vorhanden geweſen ſein mochte, wie hie und da einige tiefere Geleiſe andeuteten, ſo war 3 ſie doch jetzt dermaßen von Gräſern, Mooſen und Sträu⸗ chern überwuchert, daß man jedenfalls beſſer that, ſie u verneiden als zu benutzen. Der Poſtillon fuhr da⸗ her in gerader Linie auf das kleine Schloß erreichte es in dem Augenblicke, als eben die mit ihren letzten goldnen Strahlen von den Spitzen des ſchroffen Hochgebirges Abſchied nahm. Thor ſtand offen. Ein alter Mann in ver hoſſenem A grünen Jagdrocke, mit einem Hirſchfänger und einer Büchſe bewaffnet, trat an den Schlag des Wagens, und legte die Hand zum Gruße an ſeine Jagdmütze. Uebrigens ſah er nichts weniger als freundlich aus Ein wild verworrener, dichter grauer Bart hüllte den ganzen unteren Theil ſeines Geſichtes ein, und finſtere, buſchige Brauen hiengen über ſeine Augen hinweg, die ſcharf und klar, wie der Blick eines Raubvogels da⸗ hinter hervor blitzen. Seine Haut war gebräunt wie die eines Indianers, der Ausdruck ſeiner Züge war ernſt, finſter, verſchloſſen. 8 „He, alter Wolf, du lebſt alſo noch,“ rief ihm der Graf zu, indem er aus dem Wagen ſprang.„Hoffent⸗ lich haſt du Platz für mich in dem Schloſſe, wenigſtens für eine Nacht.“ „Die Zimmer Euer Gnaden ſtehen bereit,“« erwie⸗ derte der alte Jäger.„Meine Urſula hat ſie erſt heute noch gelüftet und geſäubert.“* 8 88 „Urſula? Wer iſt das?« »Mein Weib, Herr!« „Ach ja, ich erinnere mich! Du feierteſt deine Hoch⸗ zeit vor zwanzig Jahren, kurz bevor wir aus Italien zurückkehrten. Hm! Urſula! Ich hatte das ganz ver⸗ geſſen. Doch gleichviel! Hauſ't außer Euch Beiden noch ſonſt Jemand in dem alten Geierneſte?« „Niemand, Herr Graf! Kinder haben wir nicht, und Diener brauchen wir nicht. Mein Weib beſorgt die Wirthſchaft, und ich liefere ihr das nöthige Fleiſch in die Küche.“ Aber wie iſt's, empfängſt du nicht manchmal Be⸗ ſuche von der Nachbarſchaft?« „Seit zwanzig Jahren iſt kein Menſch hier geweſen, als Euer Gnaden zuweilen. Ich kenne Niemanden hier herum, und das alte Schloß liegt ſo abſeits von der Welt, daß es wie ganz vergeſſen von ihr iſt. Aber wollen Euer Gnaden nicht eintreten?“ „Nicht ſo ſchnell! Siehſt du nicht, daß ich einen Begleiter bei mir habe?“ „Er ſchläft, wie ich ſehe!« „Ja, und ſo feſt, daß wir ihn herein tragen müſſen.“ Der alte Wolf ſtellte ſchweigend ſeine Büchſe auf die Seite, winkte dem Poſtillon und hob mit ſeiner Hülfe den Schlummernden aus dem Wagen. „Wohin mit ihm, Herr Graf?“ fragte er.„In Ihre Zimmer?“ „Nein, wir werden ihn weniger bequem betten müſſen,« erwiederte der Graf kalt.„Er bleibt hier,— als Gefangener.“ „Ah! Als Gefangener!“ ſagte Wolf, und ein ſcharfer Blick ſchoß unter ſeinen düſtern Augenbrauen 89 hervor.„Nun, das Gefängniß auf dem Geierſtein iſt in Ordnung, wie Alles Uebrige, obgleich ich nicht glaubte, daß es jemals gebraucht werden würde.“ „Tragt ihn hinein,“ befahl der Graf.„Ich folge.“ Man trug den Schlafenden in das Schloß, und Wolf öffnete hier, nachdem man einen ſchmalen Gang durchſchritten hatte, die mit Eiſen beſchlagene Thür eines Thurmes mit dicken und feſten Mauern. Ein rundes Gemach nahm den Gefangenen auf. Die klei⸗ nen Fenſter deſſelben lagen hoch über dem Boden und waren mit ſtarken Eiſenſtäben vergittert. Uebrigens war das Kerkerzimmer trocken und reinlich, und mit den nothdürftigſten Möbeln ausgeſtattet. Ein hölzerner Tiſch, ein Schemel und ein Bett ſtanden an den Wän⸗ den umher. Man legte den Gefangenen auf das Letz⸗ tere, und Wolf fragte, was nun geſchehen ſolle?« „Nichts weiter für jetzt,« antwortete der Graf. „Der Menſch bedarf nichts, denn er wird ſchlafen bis morgen früh. Schließe zu und begleite mich auf mein Zimmer. Du, Matthias, ſiehſt nach den Pferden und dem Wagen. Morgen mit Sonnenaufgang kehren wir nach der Reſidenz zurück. Gute Nacht.« Das Gefängniß verlaſſend, begaben ſich der Graf und Wolf in die bereit gehaltenen Zimmer. Die alte Urſula hatte hier bereits Licht angezündet, den Tiſch gedeckt und einige Erfriſchungen aufgeſetzt. Der Graf begrüßte ſie nur flüchtig und verabſchiedete ſie.— „Jetzt ſind wir allein,“ ſagte er zu Wolf,„und ich werde dir deine Inſtructionen hinſichtlich des Gefangenen ertheilen. Merke wohl auf. Bei der geringſten Ver⸗ nachläſſigung meiner Befehle wirſt du ſofort aus dem Schloſſe gejagt.“ 90 „Sehr wohl, Herr!“ entgegnete Wolf.„Was habe ich zu beobachten?« „»Hauptſächlich zweierlei. Erſtens darf der Ge⸗ fangene nie erfahren, wo er ſich befindet, und zwei⸗ tens darf er nie mit irgend einem Fremden zuſammen kommen.“. 3 „Dafür wird Sorge getragen werden, Herr Graf,“ erwiederte Wolf.„Was weiter?« „Du ſtehſt mir dafür ein, daß er nicht entwiſcht!“ „Ich ſtehe dafuͤr ein. Was weiter?« „Weiter bedarf es nichts. Ich wünſche nicht, daß der Gefangene hart und grauſam behandelt werde, denn dies wäre unnöthig und zwecklos. Nur ſtrenge Abge⸗ ſchiedenheit, Verheimlichung ſeines Aufenthaltes und Verhinderung jeden Fluchtverſuches. Der Gefangene iſt todt für die Welt, und dieſes Schloß muß ſein Grab ſein. Im Uebrigen verfahre ſäuberlich mit ihm. Du haſt mich begriffen?« Wolf nickte.„Darf ich fragen, wer der Gefangene iſt?« ſagte er zögernd. „Ja, er ſelber würde dir kein Geheimniß daraus machen. Er iſt der Secretair meines Freundes, des Grafen Lindenberg, und hat ſich als Solcher in ein wichtiges Familien⸗Geheimniß eingeſchlichen. Oeffentlich angeklagt kann er nicht werden, denn er würde das Geheimniß verrathen, darum habe ich ihn hier in Sicherheit gebracht. Noch ſicherer freilich wäre es, ihn zu tödten,— aber man will nicht das Schlimmſte an dem jungen Menſchen thun, und hat deshalb einen milderen Ausweg gewählt, da man ſich auf deine Treue verlaſſen zu können glaubt.“ „Der Herr Graf können ſich darauf verlaſſen,“ er⸗ 3— 3 — 91 wiederte Wolf in feſtem Tone.„Betrachten Sie den Gefangenen als begraben!“ „Das thu' ich, mein lieber Wolf, denn ich kenne dich! Du warſt immer ein treuer Diener unſeres Hauſes.« 1 „Ja, obgleich der alte Herr mich für immer von ſeinem Angeſichte verbannte und mich nicht einmal ſehen wollte, als ſein Sohn in Italien geſtorben war,“ ſagte Wolf düſter.„Wer weiß, wenn ich den kleinen Enkel des alten Herrn in die Heimath zurückgeführt hätte, er lebte vielleicht heute noch!“ „Was willſt du damit ſagen, Wolf?« fragte Graf Niederberg haſtiger, als die einfache Bemerkung Wolf's rechtfertigte.„Glaubſt du, daß wir es an der gehörige Pflege haben fehlen laſſen?«. „Ich weiß nicht, Herr, ich weiß nicht,“ erwiederte der Alte kopfſchüttelnd.„Aber erinnern Sie ſich nur. Auf der Schweizer Gränze mußte ich Sie verlaſſen, und auf dem Wege über Tyrol hierher in die Verban⸗ nung gehen. Bei Ihnen und dem Kinde blieb nur noch der alte Balſer, und Sie wiſſen vielleicht noch, daß ich den nie recht leiden mochte. Als ich ſpäter hören mußte, daß der kleine Graf Edgar an einem hitzigen Fieber geſtorben ſei, da konnte ich den böſen Gedanken nicht los werden, daß ihn Balſer nicht ge⸗ hörig gepflegt habe während der Krankheit. Und das glaube ich heute noch. Hätte ich nur mit gedurft nach Prag zum alten Herrn, dem kleinen Edgar wäre unter⸗ wegs gewiß nichts Schlimmes widerfahren!“ „Es könnte wohl ſein, vielleicht, ja,« ſagte Graf Niederberg.„Balſer war gewiß kein ſo guter Diener, als du, mein alter Wolf, und ich zweifle nicht, gewiß 92 hat er dich bei meinem Oheime, dem alten Grafen Brutterode, verklatſcht und verläumdet, ſo daß der alte Herr dich nicht ſehen wollte,— aber darin thuſt du Balſer unrecht, wenn du meinſt, er habe Edgar wäh⸗ rend des Fiebers vernachläſſigt. Nein, nein, ich war ja dabei und habe geſehen, wie er ihn pflegte. Uebri⸗ gens, der alte Balſer iſt todt und begraben, da ſollteſt du ihm keinen Groll weiter nachtragen, Wolf!« „Schon recht, Herr!“ entgegnete der finſtere Greis kurz abbrechend.„Aber einen, einen Wunſch hätte ich noch!« „Und welchen?« „Meinen alten gnädigen Herrn, den Grafen Brut⸗ 34 terode, noch einmal zu ſehen, und ihm zu ſagen, daß er mir ſchweres Unrecht zugefügt hat, als er mich für immer von ſeinem Angeſichte verbannte. Was hab' ich denn verbrochen? Ich weiß nichts, gar nichts, nicht das Mindeſte! Denn daß Graf Siegmund in Nizza ſtarb, war doch nicht meine Schuld? „Nicht doch, nicht doch, Wolf! Etwas der Art konnte ja auch kein Menſch glauben! Wer weiß, was den alten Herrn bewog, dich zu entfernen? Der Tod ſeines Sohnes und dann auch ſeines Enkels beugte ihn! Er fürchtete vielleicht, durch deinen Anblick zu leb⸗ haft an die Vergangenheit erinnert zu werden, dazu Balſer's Verläumdungen,— ei, mein lieber Wolf, da iſt gar nichts zu verwundern! Außerdem ſorgte er ja auch für dich, indem er dir den Poſten eines Kaſtellan's auf dem Geierſtein übertrug, wo du bis an dein ſpätes Ende ruhig leben kannſt, und ſo ſehe ich nicht ein, warum du dich beunruhigen willſt.“« 4 93 „„»Aber es kränkte mich doch, als er Ihnen Geierſtein ſchenkte, ohne meiner nur zu erwähnen! »„Was Wunder, Wolf! Du gehörteſt dazu, wie dieſe Tiſche und Stühle, und da ich ſo wie ſo der einzige Erbe des alten Herrn bin, ſo wäreſt du ja doch früher oder ſpäter in meine Dienſte gekommen. Sei nicht ſo ſonderbar, alter Kauz! Bin ich dir nicht immer auch ein guter Herr geweſen? Habe ich dich in deiner Ruhe geſtoͤrt? Nicht? Nun alſo, zu was dieſe finſtern Geſichter, Alter? Vergiß das Vergangene und halte dich an die Gegenwart! Und nun, gute Nacht! Die Reiſe hat mich ermüdet und ich bedarf einiger Stunden ruhigen Schlaf's!« Der alte Jäger verbeugte ſich und gieng. Nach⸗ ſinnend blickte Graf Niederberg hinter ihm her. „Der Alte hat die Treue eines Hundes,“ murmelte er.„Wenn er nun auch den Inſtinkt eines Hundes hätte, der nach Jahren den verlorenen Herrn wieder erkennt? Aber nein! Es iſt unmöglich! Für ihn und die ganze Welt iſt Edgar todt, und Balſer kann mich nicht verrathen. Er muß hier bleiben! Wo anders ſollte ich ihn verbergen? Hier allein bin ich Seiner ſicher, denn Keiner wird ihn ſo bewachen, wie der alte Wolf!“« 94 1 4 Viertes Kapitel.„ Der ä ch terr. Graf Niederberg hatte Alles richtig berechnet, nur nicht das gute Gedächtniß des alten Wolf, der aller⸗ dings mit wahrer Hundetreue das Bild und das An⸗ denken ſeines ehemaligen geliebten Herrn im Herzen bewahrte. Der Graf war bereits vor einigen Stunden wieder abgereiſt, als der Hüter des Gefangenen mit dem Früh⸗ ſtücke in das runde Thurmzimmer trat. Es war noch ziemlich dunkel darin, denn die hoch oben dicht unter der Decke angebrachten kleinen, vergitterten Fenſter gaben nur wenig Licht, das noch obendrein durch die unge⸗ woͤhnliche Dicke der Mauern gedämpft wurde. Wolf ſah daher kaum die Umriſſe des Gefangenen und konnte das Geſicht deſſelben nicht erkennen. Peter ſaß aufgerichtet auf ſeinem Bette. Erſt vor kurzem war er erwacht und glaubte noch zu träumen. Der Kopf war ihm wüſt und verwirrt, und vergebens ſuchte er ſeine Gedanken zu ſammeln und ſich zu er⸗ klären, wie er in dieſen Kerker gekommen ſei. Er be⸗ griff und errieth es nicht, und mit dem Rufe:„Endlich werde ich doch etwas erfahren!“ ſprang er ungeduldig von ſeinem Bette auf, als der alte Wolf zu ihm eintrat. „Um Gottes willen, was für eine Stimme ſprach hier!« ſagte der alte Jäger, und war ſo eftig er⸗ g g g 8 — 95 ſchrocken, daß die Taſſen und Teller in ſeiner Hand klirrten und faſt zu Boden gelitten wären. 4 „Ich war es, der ſprach,“ entgegnete Peter.„Wo befinde ich mich? Wie bin ich hierhergekommen? Ich bitte Sie, erklären Sie mir die ſeltſamen Räthſel, die mich umgeben!« Der alte Wolf hörte mit vorgebeugtem Haupte auf die weiche, klangvolle Stimme des Gefangenen, ſetzte plötzlich mit einer raſchen heftigen Bewegung ſein Ge⸗ ſchirr auf den Tiſch, und näherte ſich Peter mit haſti⸗ gen Schritten. „Hierher! Kommen Sie hierher!“ ſagte er in tief erſchüttertem, bebendem Tone, und zog Peter am Arme nach einer Stelle im Kerker, wohin das Licht von außen durch das kleine Fenſter am hellſten fiel.„Heben Sie den Kopf auf! Blicken Sie mich an! Herr mein Hei⸗ land, Graf Siegmund, mein gnädiger Herr, wie er in ſeiner Jugend ausſah!« Der alte Jäger war ſichtlich ergriffen. Noch ein⸗ mal und wieder ſchaute er in das edle, hübſche Geſicht ſeines Gefangenen, und ſchien jeden Zug in demſelben erforſchen und ergründen zu wollen. »Ja, ja, er iſt es!« murmelte er halblaut vor ſich hin.»Dies iſt die hohe, breite Stirn, die feine Naſe, der immer freundlich lächelnde Mund, das ſind die großen, ſchoͤnen Augen, mit denen er Einem bis in das Herz hinein ſehen konnte. O, mein Herr, ſprechen Sie, ſagen Sie mir, wer Sie ſind,— Ihren Namen, Ihren Namen, ich bitte darum!« Peter ſchüttelte lächelnd den Kopf, und nannte ſeinen Namen. Der alte Wolf ließ ſeinen Arm los und trat zurück. ———— — 1 96 „Thörichter, alter Mann, der ich bin!“ murmelte er.„Wie konnt' ich nur einen Augenblick glauben, daß...! Unſinn! Aber die Stimme, die Aehnlich⸗ keit, es war mir, als ob die längſt vergangenen Zeiten zurückgekehrt wären! Hm, was hilft es, daran zu denken? Man muß es vergeſſen, vergeſſen, ver⸗ geſſen, wie ich ſelber von aller Welt vergeſſen und in dieſer Einöde wie lebendig begraben bin.“ Verwundert ſah Peter den alten Mann an, deſſen Benehmen ihm höchſt ſeltſam vorkommen mußte.»Ich bitte,“ ſprach er,„ſagen Sie mir nur, was dies Alles zu bedeuten hat? Wie kam ich hierher, und wo bin ich? Ich kann mich durchaus nicht beſinnen, was mit mir vorgegangen iſt!“« „Um ſo beſſer!« entgegnete der alte Wolf barſch und rauh, da er ſich plöͤtzlich durch die Fragen des Gefangenen daran erinnert fand, welche Pflichten er in Bezug auf ihn übernommen hatte. Er fuhr ſich ein paar Mal mit der flachen Hand über Stirn und Augen, und zeigte dann wieder das ruhige, leidenſchaft⸗ loſe, verwitterte Geſicht, welches er für gewoͤhnlich zur Schau trug. „Fruͤhſtuͤcken Sie, junger Herr,“ fuhr er fort, indem er auf das Geſchirr deutete, das er auf den Tiſch ge⸗ ſetzt hatte.„Gegen Mittag werde ich zurückkommen und abräumen.“ „Aber ich bitte Sie, ich flehe Sie an,“ ſagte Peter, „beantworten Sie erſt meine Fragen! Wo bin ich, und wie kam ich hierher?“ 3 „Fragen Sie mich nicht, denn Sie werden nie eine Antwort erhalten,“ entgegnete der Alte.„Denken Sie, Sie wären hier, abgeſchnitten von der ganzen bewohnten. 97 Welt, auf einer einſamen Inſel im Weltmeere, deren Namen Sie nicht wiſſen, und den Niemand weiß. Im Uebrigen fürchten Sie nichts. Für alle Ihre Bedürf⸗ niſſe ſoll gewiſſenhaft geſorgt werden, und an nichts Nothwendigem ſollen Sie Mangel leiden. Alles, was ich ſelbſt habe, ſteht Ihnen zu Gebote, nur nicht die Freiheit.“ 8 Peter wollte von Neuem reden, aber der alte Wolf brach das Geſpräch kurz ab, indem er ſeinem Ge⸗ fangenen den Rücken zudrehte und den Kerker verließ. Peter war allein mit ſeinen Gedanken und Empfin⸗ dungen, die mit Heftigkeit auf ſeinen Kopf und ſein Herz einſtürmten. Seine ganze Lage ſchien ihm ein Räthſel, das er vergebens zu löſen verſuchte. Er ſtrengte ſich an, ſeine Erinnerungen an die letzt ver⸗ gangenen Tage zurück zu rufen; aber ſie reichten nicht weiter, als bis zu dem Beſuche bei dem Grafen Nie⸗ derberg und zu dem Mahle, das er in der Geſellſchaft deſſelben eingenommen hatte. Was von jener Stunde an mit ihm geſchehen ſein mochte, blieb ihm völlig im Dunkeln. Wer konnte ihn in das Gefängniß geworfen haben? Graf Niederberg? Unmöglich! In welcher Beziehung ſollte er zu ihm ſtehen? Was hatte er gegen ihn verbrochen, um eine ſolche Behandlung von ihm zu verdienen? Wer ſonſt aber konnte eine Ge⸗ waltthat ſo ungewöhnlicher Art an ihm verübt haben? — Vergebens grübelte Peter über dieſe Fragen nach, er fand keine Antwort darauf. Langſam ſchlichen ihm die Stunden dahin. Als die Sonne am höchſten ſtand, raſſelte wieder das Schloß ſeiner Kerkerthür, und Wolf trat ein. Seine Frau folgte ihm mit dem Mittagseſſen. Jetzt war es hell Die Sonne bringt es an den Tag. 7 —————— 98 geworden in dem Gefängniſſe. Es lag gegen Süden, und ein glänzender Sonnenſtrahl fiel durch das kleine Fenſter in das duͤſtere Gemach und ſpielte lieblich auf den Quadern der gegenüber liegenden Wand. Peter wendete ſein Geſicht den Eintretenden zu. Kaum er⸗ blickte ihn Urſula, die Frau des alten Jägers, ſo ſtieß ſie einen Schrei aus und fuhr ſo heftig zuſammen, daß der Korb mit den Speiſen ihren Händen entglitt und kaum noch von Wolf aufgefangen werden konnte. „Ja, ja,“ murmelte er vor ſich hin,—„es iſt ſchon ſo, wie ich mir dachte; Urſula erkennt ihn auf den erſten Blick, ſo gut wie ich. Hier liegt mehr ver⸗ borgen, als Graf Niederberg mir verrathen will, und ... Geh', gute Urſula,“ wendete er ſich plötzlich zu ſeinem Weibe,—„ich habe mit dem Gefangenen zu ſprechen.“ Urſula gehorchte der Weiſung, aber noch im Hinaus⸗ gehen war ihr Blick ſtarr und voll Erſtaunen auf Peter geheftet, welcher verwundert über dieſen Auftritt leiſe den Kopf ſchüttelte, als ob er ſagen wollte:„Was haben dieſe Leute nur, und wie ſonderbar ſind ſie!“« „Ja, ja, wundern Sie ſich immerhin über unſer Benehmen, Sie haben wohl ein Recht dazu,“ ſagte der Alte zu dem Gefangenen, als er ſich mit ihm allein befand.»Aber eſſen Sie nur erſt! Wenn Sie ge⸗ ſättigt ſind, ſoll Ihnen Alles erklärt werden.“ Peter nahm einige Löffel Suppe, und ſchob dann den Teller von ſich. „Jetzt reden Sie,“ ſagte er.„Sie haben meine Neugierde in hohem Grade erregt. „Sie wird befriedigt werden,« entgegnete der alte Wolf.„»Aber zunächſt: Sie können nicht der ſein, für 99 den Sie ſich ausgeben! Sie heißen nicht Peter, ſon⸗ dern müſſen einen andern Namen führen.“ Peter zuckte die Achſeln.„Ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt, als Sie mich heute früh um meinen Namen fragten,“ entgegnete er. „Nun denn, ſo müſſen wir wohl ein wenig in die Vergangenheit zurückkehren,« ſprach Wolf.»Lebt Ihr Vater noch?« „Mein Pflegevater, meinen Sie?“« „Nein! Ihr wirklicher Vater!“ Peter ſtutzte. Die Frage des alten Wolf erinnerte ihn an längſt vergangene Zeiten, an den Wald⸗Friedel, an die Forſthütte, wo dieſer geſtorben war, an die letz⸗ ten Worte, die er vor ſeinem Tode an ihn gerichtet hatte.„Mein wirklicher Vater?« ſagte er.„Ich erinnere mich Seiner nicht,— ich weiß uͤberhaupt nicht, daß ich ihn jemals gekannt hätte.« „Wie alt ſind Sie?“ „Etwa neunzehn Jahre oder zwanzig,— ich weiß es nicht genau.“ „Die Zeit trifft zu,“ murmelte Wolf vor ſich hin. „Grade ſo alt müßte auch Edgar ſein. Nun denn, weiter! Erinnern Sie ſich an gar nichts mehr aus Ihrer fruͤheſten Jugend?« Peter erzählte, wie er bei der Forſthütte von Andreas gefunden worden war. „Aber noch weiter zurück! Beſinnen Sie ſich, junger Herr!« Peter ſtrengte ſein Gedächtniß an. Genau und um⸗ ſtändlich erzählte er von Wald⸗Friedel und wie er von dieſem ſeiner letzten Angabe nach mitten im Walde als ——— 100 ein Kind von drei oder vier Jahren aufgefunden wor⸗ den ſei. Wolf hoͤrte in äußerſter Spannung zu. „Halten Sie einen Augenblick ein,“ unterbrach er die Erzählung.„In welcher Gegend war es, wo Sie gefunden wurden?“ „An der Böhmiſch⸗Bayriſchen Gränze vermuthlich,“ erwiederte Peter.„Dort hatte wenigſtens mein erſter Pflegevater ſeine Heimath.“ „Auch das trifft zu, auch das!“ ſagte Wolf zu ſich ſelbſt.„Edgar war etwas über drei Jahr alt, und ſein Großvater lebte damals in Prag. Graf Nieder⸗ berg mußte auf ſeinem Wege die Bayriſch⸗Böhmiſche Gränze paſſiren! Darum alſo wurde der alte Wolf auf die Seite geſchoben! Darum in dieſen abgelegenen Winkel verbannt! Darum durfte er nicht zu ſeinem Herrn zurückkehren! Darum mußte Balſer verläum⸗ deriſche Briefe an den Grafen Brutterode ſchreiben! Ah, natürlich, natürlich! Nun iſt Alles klar! Der Enkel mußte ſterben oder doch für todt gelten, weil ja ſonſt der Neffe nicht auf die reiche Erbſchaft hoffen konnte. Oh, oh, oh! Sie haben es ſchlau angefangen, Herr Graf Bodo von Niederberg, aber Gott lenkt, und Gott hat dafür geſorgt, daß die Wahrheit an das Tageslicht kommt, ehe der alte Wolf ſeine Augen zu⸗ macht! Du rechneteſt auf die Treue des alten Wolf, und, ſo wahr Gott lebt, du ſollſt dich in ſeiner Treue nicht getäuſcht haben. Nur wird er ſeinem rechten Herrn und Gebieter treu ſein, und nicht dem Betrüger und Erbſchleicher. Oh, wie ſehr hat dich doch Gott mit Blindheit geſchlagen, Graf Bodo! Du meinteſt, meine alten Augen würden die Züge des Vaters nicht in dem Antlitz des Sohnes erkennen! Darum brachteſt 101 du ihn hierher! Hier ſollte er aus dem Wege ge⸗ ſchafft, ſollte wie geſtorben und begraben ſein, gleich dem alten Wolf! Die Rechnung wäre ſchon richtig geweſen, aber du vergaßeſt, daß die Augen des alten Wolf noch hell und friſch ſind, ſo hell und klar und friſch, wie ſeine Erinnerungen an die früheren, beſſeren Zeiten! Das iſt der Fehler in deinem Exempel, Graf Bodo, und daß du dieſen Fehler überſaheſt, dafür dank' ich dem ewigen Gotte, der dich mit Blindheit ſchlug. Aber weiter, weiter!“ wandte er ſich wieder zu Peter, welcher von dem Selbſtgeſpräche des Alten nur ein⸗ zelne Worte ohne Sinn verſtanden hatte.»Erinnern Sie ſich an nichts mehr, was das Dunkel aufhellen könnte, welches über Ihrer Herkunft ruhet? Die ge⸗ ringſte Kleinigkeit iſt hier wichtig, und es handelt ſich um Ihre ganze Zukunft. Alſo beſinnen Sie ſich! Be⸗ ſinnen Sie ſich!« „Ich weiß nichts weiter,“ antwortete Peter.„»Nur allein der Ring,— ſollte der Ring vielleicht auf eine Spur leiten?“- „Ein Ring?« fragte Wolf.»Was für ein Ring?« „Ei nun, ein Ring, den mein Pflegevater, der Wald⸗Friedel, nahe bei der Stelle fand, wo er auch mich entdeckte.« „Was für ein Ring war es? Beſchreiben Sie ihn mir!“ „Sie können ihn ſelbſt ſehen und betrachten,“ er⸗ wiederte Peter.„Am Abend vor meiner Abreiſe in die Reſidenz, wohin mich Graf Julius von Lindenberg mitnahm, übergab ihn mir mein guter Pflegevater Andreas, und ſchärfte mir ein, daß ich ihn ſorgfältig — —— 10² aufbewahren ſolle. Ich trage ihn ſeitdem fortwährend bei mir, und— hier iſt er!“ Er löſte ein ledernes Beutelchen von einer feſten ſeidenen Schnur ab, die er unter ſeinen Kleidern um den Hals trug, öffnete es und gab den Ring an Wolf, der nur einen einzigen Blick auf den rothen Stein und das darin eingeſchnittene Wappen warf und dann einen Ausruf freudiger Ueberraſchung vernehmen ließ. „Ich kenne ihn, ich kenne ihn!“ ſagte er.„Es iſt der Siegelring des Grafen Siegmund, meines ſeligen Herrn, und mit meinen Augen habe ich geſehen, wie Graf Bodo ihn von der Hand des Entſchlafenen abzog und an ſeinen eigenen Finger ſteckte. Und dieſen Ring fand man in Ihrer Nähe?“ „Ja, ganz nahe bei mir,“ erwiederte Peter,„und der Wald⸗Friedel, mein erſter Pflegevater, legte großes Gewicht darauf, indem er mir noch in ſeiner Sterbe⸗ ſtunde ſorgfältige Aufbewahrung des Ringes anempfahl.“ „Er mochte ſich wohl denken, wie wichtig Ihnen dieſer Ring eines Tages werden dürfte,“ ſagte Wolf. »Mich überzeugt er vollends von ihren Rechten, und ich hoffe, bald werden dieſe auch von einem Anderen anerkannt werden, von deſſen Entſcheidung Ihre ganze Stellung in der Welt abhängt. Nur Geduld, noch ein wenig Geduld, Graf Brutterode muß benachrichtigt werden, und Gott gebe, daß die Nachricht ihn noch am Leben findet. Lange, lange Jahre habe ich nichts ge⸗ hört und geſehen von dem alten Herrn.“ .„Aber wer iſt dieſer Graf Brutterode?« fragte Peter. „In welcher Beziehung ſteh' ich zu ihm? Welche Ge⸗ heimniſſe und Räthſel überhaupt umgeben mich? Ich 103 bitte Sie, enthüllen Sie mir endlich die Umſtände, die Sie zu Ihren Fragen veranlaßt haben!“ „Ja, junger Herr, Sie ſollen Alles wiſſen,“ erwie⸗ derte Wolf nach kurzer Ueberlegung.„Einige Wochen früher oder ſpäter machen keinen Unterſchied, und er⸗ fahren müſſen Sie doch einmal, um was es ſich han⸗ delt. So hören Sie denn. „Der alte Graf Brutterode, einer der reichſten Herren im ganzen Lande, hatte nur einen Sohn und eine Tochter. Die letztere, Gräfin Adelheid, ſtarb kurz nach dem Tode ihrer Mutter. Dem alten Herrn blieb nur ſein Sohn Siegmund, auf den er alle Liebe und Zärt⸗ lichkeit ſeines Herzens übertrug. Graf Siegmund wurde auf das Sorgfältigſte erzogen. Er war ein guter, lieber, trefflicher Herr, hochherzig, edel, freigebig, wie Keiner, und deshalb von allen Menſchen in ſeiner Um⸗ gebung innig geliebt und verehrt. Als er einundzwanzig Jahre alt war, vermählte er ſich mit einer Gräfin von Lindenberg, vermuthlich der Tante jenes jungen Grafen Julius, welcher Ihnen, wie ſie mir ſagten, ſo viele Gunſt erwies. Bei der Vermählung trat ihm ſein Vater einen großen Theil ſeiner Güter ab, damit er unabhängig und ſelbſtſtändig in der Welt auftreten konnte. Bei dieſer Gelegenheit kam auch ich in den Dienſt des Grafen Siegmund. Der alte Herr, ich darf es wohl ſagen, hielt damals große Stücke auf mich.„Du biſt ein treues, rechtſchaffenes Blut,« ſagte er zu mir,„du mußt zu meinem Sohne und über ihn wachen und ihm eben ſo redlich dienen, als mir!“ Graf Siegmund machte mich zu ſeinem Leibjäger, und als ſolcher folgte ich ihm und ſeiner jungen Gemahlin nach Wien, wo er als Oberſt ein Regiment der kaiſerlichen Leibgarde 104 kommandirte. Der Herr Graf und ſeine Gemahlin lebten wie die Engel im Himmel zuſammen, und man konnte kein ſchöneres Familien⸗Leben in der ganzen großen Reſidenz finden, als in unſerem Palais. Wir machten ein großes Haus, wie es dem Reichthum des Herrn wohl anſtand, und unter den täglichen Gäſten, die bei uns aus und ein giengen, befand ſich auch der Graf Bodo von Niederberg, der Neffe des alten Grafen Brutterode, ſeiner Schweſter Sohn. Er brachte jeden Abend bei uns zu, wenn nicht die Herrſchaft außer dem Hauſe eingeladen war, und ich weiß ganz genau, daß mein Herr ihn mehrmals mit bedeutenden Geld⸗ ſummen unterſtützte. Ich fand es ganz in der Ord⸗ nung. Graf Bodo war nicht reich und des Grafen Siegmund, meines gnädigen Herrn, nächſter Verwandter und leiblicher Vetter. Verwandte aber müſſen einander unterſtützen, und der Reiche muß dem Armen aushelfen. Der alte Herr hatte es ſchon immer gethan, und der junge Graf folgte alſo nur dem Beiſpiele ſeines Vaters. Graf Bodo ſchien ſich auch zu aufrichtiger Dankbarkeit verpflichtet zu fühlen. Er war immer gefällig, heiter, zuvorkommend, und galt bei Jedermann für den beſten Freund meines jungen Herr. Auch ich ſelber ſetzte kein Mißtrauen in ihn. Lebten ſie doch wie Brüder mit einander. 1 „Da traf meinen armen Herrn ein ſchweres Un⸗ glück. Seine junge, ſchöne Gemahlin, die er über Alles in der Welt liebte und ſchätzte, ſtarb kaum ein Vierteljahr nachdem ſie ihm einen Sohn geſchenkt hatte. Der Schmerz des Grafen iſt nicht zu beſchreiben. Nichts vermochte ihn über ſeinen Verluſt zu tröſten, ſelbſt nicht der Anblick des kleinen Edgar. Ganze Tage, und Nächte 10⁵ ſogar brachte er in dem Gruft⸗Gewölbe zu, wo man die ſterbliche Hülle der jungen Gräfin beigeſetzt hatte, und weinte an ihrem Sarge. Ich bat, ich beſchwor ihn, ſich zu ſchonen, ſeines Knaben zu gedenken, ihm ſich zu erhalten,— aber er hörte nicht auf mich, alle meine Worte verweheten wie ein Hauch. So trieb er es fort, und ſchwand dahin wie ein Schatten, bis ich ihn eines Morgens nach einer kalten Herbſtnacht ohn⸗ mächtig von dem Marmorpflaſter der Gruft aufheben und nach Hauſe fahren mußte. Ein böſes Nervenfieber entwickelte ſich in dem erſchütterten Körper und Wochen lang ſchwebte er am Rande des Grabes. In dieſer trauervollen Zeit bewies ſich Graf Bodo wirklich als ein dankbarer und treuer Verwandter. Er und ich, wir wichen nicht von dem Lager des Kranken, bis end⸗ lich nach vielen langen, bangen eſen ann Beffrun eintrat, und Graf Siegmund für jetzt noch einmal dem Tode entriſſen wurde. Aber ſein Körper war zerrüttet, ein böſes Bruſtuͤbel blieb von der Krankheit zurück, und die Aerzte verordneten einen längeren Aufenthalt in einem milderen Klima. Graf Siegmund weigerte ſich zwar, Wien zu verlaſſen, doch wich er endlich den Bitten ſeines Vaters, und erklärte ſich bereit, nach Nizza abzureiſen. Nur die eine Bedingung knüpfte er an ſeine Einwilligung, daß man nicht den kleinen Edgat von ihm trennen dürfe. Ungern gab der alte Herr ihm nach, denn er fürchtete nicht ohne Grund, daß der kleine Knabe den Kranken allzu lebhaft an die Verſtorbene erinnere und immer von Neuem den Schmerz um die⸗ ſelbe rege machen würde. Gleichwohl mußte man dem bis zum Eigenſinn geſteigerten Willen meines jungen Herrn nachgeben. Der alte Herr hätte gern ſelber 1 ———— ———— — 106 uns begleitet, aber mancherlei Verhältniſſe machten dies unthunlich. So übergab er denn dem Grafen Bodo und mir die Pflege ſeines einzigen Sohnes, und ſchärfte mir beſonders ein, alle Treue und Sorgfalt ihm und dem kleinen Edgar zu widmen. Es bedurfte da eines Verſprechens von meiner Seite nicht. Liebte ich meinen jungen Herrn doch ohnehin ſchon von ganzer Seele! So reiſten wir denn ab. Graf Siegmund, ſein Vetter Graf Bodo, der kleine Edgar mit ſeiner weiblichen Be⸗ dienung, ich ſelber, und endlich der Kammerdiener des Grafen Bodo, welcher Balſer hieß. „Dieſer Balſer gefiel mir nicht. Ich wußte zwar nichts Böſes oder nur Nachtheiliges von ihm, und er war ſtets außerordentlich freundlich gegen mich,— aber trotzdem, ich konnte kein rechtes Herz zu ihm faſſen und hätte es lieber geſehen, wenn er in Deutſchland geblieben wäre. Ich glaube auch ganz beſtimmt, daß dieſer Balſer erſt den Grafen Bodo zu allen Ränken und Kniffen verleitet hat, denn bis zu jener Zeit war Graf Bodo gewiß ein aufrichtiger und guter Freund meines jungen Herrn geweſen. „Nun denn, in Näzza ſchien anfänglich Alles ganz nach Wunſch zu gehen. Graf Siegmund erholte ſich freilich nur langſam, aber er erholte ſich doch, und ſein Bruſtübel nahm allmählig einen milderen, weniger be⸗ ängſtigenden Charakter an, ſo daß ich dem alten Grafen die tröſtlichſten Briefe ſchreiben konnte,— da machte eine einzige, unglückliche Unvorſichtigkeit alle meine Hoff⸗ nungen mit Einem Schlage wieder zu ſchanden. Graf Siegmund ließ ſich verleiten, an einer Luſtfahrt auf dem See Theil zu nehmen. Das Unglück wollte, daß ein ſchweres Gewitter aufſtieg, ehe die Boote den Strand 107 wieder erreichen konnten. Vom Regen durchnäßt, von heftigem Winde bis auf das Mark der Knochen erkäl⸗ tet, halb ohnmächtig kehrte mein armer, gnädiger Herr zurück. Am anderen Tage lag er wieder im heftigſten Fieber. Drei Wochen ſpäter begruben wir ihn. „Ob nun Graf Bodo und der alte Balſer dieſe drei Wochen, während welchen ich nicht von der Seite meines Herrn kam, dazu benutzten, Ränke gegen mich zu ſpinnen und den alten Grafen Brutterode gegen mich aufzubringen, weiß ich nicht. Aber wahrſcheinlich genug kommt es mir vor. Genug, Thatſache war, daß ein Brief vom alten Herrn mit dem Befehle kam, ihm ſeinen Neffen, den verwaiſten kleinen Edgar nach Prag zu bringen. Graf Bodo ſollte die Obhut über den Knaben übernehmen. Mich aber, ſo ſchrieb der alte Herr, wie ich mit meinen eigenen Augen in dem Briefe las, mich wolle er nicht ſehen, ich ſolle mich hierher nach dem Geierſtein begeben und den Poſten als Ka⸗ ſtellan des alten Schloſſes verſehen. „Der Befehl ſchmerzte mich,— doch ich mußte ge⸗ horchen. In Nizza hatte ich mich mit meiner Urſula verheirathet, die zur Pflege des kleinen Edgar mitge⸗ nommen worden war. Mitt ihr trennte ich mich vom Grafen Bodo und dem damals etwa drei Jahr alten Edgar. Wir giengen durch Tirol hierher,— der Graf reiſte nach Prag. Später hörte ich, unſer kleiner Edgar ſei unterwegs auch geſtorben, wie ſein Vater. Damals glaubte ich die traurige Nachricht,— jetzt aber glaube ich ſie nicht mehr. Ich bin überzeugt, Edgar lebt, und Graf Bodo hat dem alten Herrn ſeinen Tod nur vor⸗ geſpiegelt, um nach deſſen Tode in den Beſitz ſeiner großen Guüter zu kommen.“ ———— — 108 „Und dieſer Edgar?“ fragte Peter in athemloſer Spannung.„Warum glauben Sie, daß er lebt?« „Weil ich ihn ſehe,“ erwiederte der alte Wolf mit feierlicher Stimme, und ergriff die Hand Peter's, auf die er eine Thräne fallen ließ, indem er ſie küßte. „Sie ſind Edgar, des Grafen Siegmund Sohn, und ein ächter Brutterode!“ „Mein Himmel, Mann, woraus ſchließen Sie das?“ rief Peter aus, nachdem er ſich von dem erſten über⸗ wältigenden Erſtaunen über dieſe Behauptung erholt hatte. „Ich ſchließe es aus Ihrer Aehnlichkeit mit Ihrem Vater, welche auch Urſula auf den erſten Blick erkannte,“ erwiederte der alte Wolf.„Ich ſchließe es aus Ihrem Alter, das genau zutrifft; ich ſchließe es aus der Ge⸗ gend, wo Sie gefunden wurden, wo man Sie ausge⸗ ſetzt hatte, weil man ſich denn doch der Sünde fürch⸗ tete, Sie zu tödten! Ich ſchließe es aus dieſem Ringe, dem Siegelringe des Grafen Siegmund! Ich ſchließe es endlich aus der Furcht vor einer Entdeckung, welche den Grafen Bodo von Niederberg bewogen hat, Sie hier einzukerkern, um Sie auf ewig den Blicken der Menſchen zu entziehen. Und darin grade erkenne ich den Finger Gottes! Hierher mußten Sie gebracht verden, grade hierher nach dem Willen des Herrn, 4. das Auge alter, treuer Diener Ihres Vaters Sie erkennen ſollte! Graf Bodo rechnete auf dieſe Treue, er glaubt, ich würde ſeinem Befehle folgen, wie die Dogge blind dem Befehle ihres Herrn folgt. Aber er iſt nicht mein Herr, Sie ſind es, und Ihnen ge⸗ hört der letzte Blutstropfen in meinen Adern! Graf 109 Edgar, mein theurer Gebieter, befehlen Sie über den alten Wolf und uͤber Alles was er vermag!“ Peter glaubte zu träumen. Tief erſchüttert ſtand er da. Der Wechſel des Schickſals, der ſich ihm eröff⸗ nete, blendete ihn. Er, der unbekannte, heimathloſe Waldſtreicher, ſollte auf einmal Familie, Rang, Reich⸗ thum und Ehren finden? Unmöglich! Und doch konnte er kaum an der offenen, treuherzigen Erzählung des alten Mannes zweifeln, deſſen Blicke mit rührender Treue und Innigkeit an ſeinen Zügen hiengen. „Du wirſt dich täuſchen., Wolf!“ rief er endlich aus.„Du erfüllſt meine Seele mit glänzenden Bil⸗ dern, die mit einem Male verſchwinden werden, wie ein Frühnebel vor der Sonne!“ „Ich täuſche mich nicht,« erwiederte der Alte.„Das Antlitz des Grafen Siegmund lebt in meinem Herzen, und das Ihrige gleicht ihm, wie ein Spiegelbild. Graf Brutterode, Ihr Großvater, muß benachrichtigt werden, und die Art und Weiſe, wie dies am beſten geſchehen könne, müſſen wir vor allen Dingen ſorg⸗ fältig überlegen. Folgen Sie mir, gnädiger Herr, zu meiner Urſula. Eine Frau weiß in ſolchen Dingen oft beſſeren Rath, als die Männer.“ „Ich bin alſo frei?« ſagte Peter,— vich darf das Gefängniß verlaſſen?“. „Frei und als Ihr eigener Herr!« entgegnete Wolf. „Doch wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, gnä⸗ 3 diger Herr, ſo verlaſſen Sie das Schloß nicht eher, als bis wir irgend eine Nachricht vom Herrn Grafen Brutterode, Ihrem Großvater, eingezogen haben. Graf Bodo darf nicht erfahren, daß wir ſein Spiel durch⸗ ——— —— 110 ſchauten, bevor Sie nicht von Ihrem Großvater als ſein Enkel anerkannt ſind.“ Peter erkannte dieſe Vorſicht als zweckmäßig an. Mit hoffnungsreichem Herzen verließ er den Kerker, und wurde auch von Urſula unter Freudenthränen als der Graf Edgar begrüßt, den ſie in ſeiner früheſten Kindheit gepflegt hatte. Eine Berathung folgte. Man beſchloß, zunächſt den jetzigen Aufenthaltsort des Grafen Brutterode auszukundſchaften, und dann ſollte der alte Wolf perſönlich ſeinen ehemaligen Herrn aufſuchen, und ihm mit groͤßeſter Vorſicht die Kunde von dem Leben des einſt als todt beweinten Enkels überbringen. Aber bevor es ſo weit kam, traten Ereigniſſe ein, welche eine raſchere Löſung herbeiführten, als ſich für den Augenblick vorausſehen ließ. Fünftes Kapitel. Zeralte Graf. — 7 Wir erinnern uns, daß Graf Julius, der wohl⸗ wollende Beſchützer Peter's, auf das Schleunigſte die Reſidenz verließ, als er die erſchreckende Nachricht von der plötzlichen ſchweren Krankheit ſeiner Mutter erhielt. Mit Kourierpferden reiſte er Tag und Nacht, und gönnte ſich keine Stunde Aufenthalt, bis er auf dem Schloſſe Lindenberg anlangte. Seine erſte Frage galt naturlich der Mutter. Sie lebte. Der heftige Krankheits⸗Anfall 111 war glücklicher, als man anfänglich zu hoffen gewagt, vorüber gegangen, und die Frau Gräfin befand ſich nicht nur auf der Beſſerung, ſondern ſogar außer aller Gefahr. „Dem Himmel ſei Dank dafür!“ ſagte Graf Ju⸗ lius tief aufathmend aus erleichtertem Herzen.„Be⸗ findet ſich der Arzt noch im Schloſſe?« „Gewiß, gnädiger Herr,“ erwiederte der Diener. „Er glaubte die Frau Gräfin nicht vor Ihrer Ankunft verlaſſen zu dürfen.“ „Wo iſt er? Ich muß ihn ſogleich ſprechen!“ „Er iſt im Zimmer der Frau Gräfin, mit dem Herrn Grafen von Brutterode!“ „Mit wem? Was ſagſt du?« fragte Graf Ju⸗ lius haſtig, da er ſeinen eigenen Ohren nicht traute. „Mit Seiner Erlaucht, dem Herrn Grafen von Brutterode,“« wiederholte der Diener.„Der Herr Graf kamen vorgeſtern auf der Durchreiſe nach Dresden, wohin Sie ſich begeben wollten, hier an, und als Seine Erlaucht hörten, wie krank die Frau Gräfin wäre, ſo blieben Sie hier, um die Kriſis abzuwarten.“ „Es iſt gut, Johann! Sehr gut!“ ſagte Graf Ju⸗ lius.„Aber vor allen Dingen zu meiner Mutter!« Raſch eilte er in das Schloß, und mit Freuden⸗ thränen umarmte er die Mutter, welche ihm lächelnd die Hände entgegenſtreckte und ihn zärtlich auf. die Stirn küßte. Einige Minuten genoſſen ſie ganz das Glück des Wiederſehens, und erſt als Graf Julius ſich vollſtändig überzeugt hatte, daß für ſeine Mutter nichts mehr zu fürchten ſei, wandte er ſich an den Arzt und an den alten Grafen Brutterode, die er Beide herzlich begrüßte. Er dankte dem Erſteren für ſeine —— — — 112 erfolgreichen Bemühungen, und dem alten Herrn ſchüt⸗ telte er mit Wärme die Hand. „Mein theurer verehrter Freund,“ ſagte er,„mit aufrichtiger Freude heiße ich Sie bei uns willkommen, nachdem wir ſo lange das Glück, Sie zu ſehen, ent⸗ behren mußten. Gewiß hat Ihre Gegenwart Vieles dazu beigetragen, die Geneſung meiner guten Mutter zu befördern.“ „Ja, das hat ſie,“ nahm die Gräfin mit noch etwas ſchwacher und zitternter Stimme das Wort,—„und deine Ankunft, mein lieber Julius, vollendet ſie. Als ich in der gefährlichſten Kriſis lag, ſtand immer und immer das Bild jenes jungen Mannes vor meinen Augen, den du zu dir genommen haſt, und ſeine bald drohenden, bald bittenden Blicke ſchienen mich anzutrei⸗ ben, ſeinem Glück nicht ferner entgegen zu ſein. Der Gedanke an ihn peinigte, ängſtigte, verfolgte mich! Ich machte mir bittere Vorwürfe, dich abgehalten zu haben, das auf ihm ruhende Geheimniß aufzuklären, und ſiehe da, grade als ich am fieberhafteſten durch meine Ge⸗ wiſſensbiſſe aufgeregt war, meldete man mir die An⸗ kunft unſeres Verwandten und Freundes. Dieſe ſo unerwartete Nachricht goß Balſam in mein aufgeregtes Herz. Ich wurde ruhig, denn nun konnte noch Alles gut gemacht, noch alles Verſäumte nachgeholt werden. Ein ſanfter Schlaf erquickte mich, und heute früh erwachte ich geſtärkt und gekräftigt zum vollen Be⸗ wußtſein.“ .„Und Sie erzählten dem Herrn Grafen Alles, liebe Mutter?“ 1 „Nichts bis jetzt, denn ich wollte deine Ankunft ab⸗ warten, und dir es überlaſſen, mit unſerem Freunde — — 4 über die Angelegenheit zu reden, die uns ſchon ſo viel⸗ fach beſchäftigt hat.“ Der Graf Brutterode, ein weißlockiger Greis von ſanftem, liebenswürdigem Ausſehen, heftete einen fra⸗ genden Blick auf Julius. „Sie werden Alles erfahren, Herr Graf,“ ſagte dieſer ſchnell.„Nur, glaube ich, wird es nothwendig ſein, die Mittheilung noch um kurze Zeit aufzuſchieben.“ „Warum das, mein Kind?“ fragte die Mutter. „Er muß ſelbſt ſehen, ſelbſt entſcheiden,“ flüſterte Graf Julius ihr in's Ohr, indem er ſich auf ſie nie⸗ derbeugte.„Nach einigen Tagen werden wir mit ein⸗ ander nach Wien reiſen, der Graf wird unſeren Schütz⸗ ling ſehen, und es wird ſich dann zeigen, ob eine Stimme für ihn in ſeinem Herzen ſpricht. Dann das Weitere, liebe Mutter.“ „Sei es ſo,“ erwiederte die Frau Gräfin, und lächelte zufrieden.„Verfahre nach deinem Gefallen, Julius. Ich bin ſchon ruhig, nun ich weiß, daß irgend eine Entſcheidung erfolgen muß. Uebrigens können wir ſchon jetzt den Grafen auf die Ueberraſchung vorbereiten, damit ſie nicht allzu überwältigend auf ihn einwirkt.“ Julius nickte der Mutter zu, und reichte dann dem Grafen Brutterode die Hand.„»Verzeihen Sie unſere Heimlichkeiten,“ ſagte er.„Sie beziehen ſich nur auf — ͦ—— Ihnen mit Vergnügen zu Gebote ſtehen, wenn Sie ge⸗ neigt ſind, ſie anzuhören.“ „Gewiß, mein lieber Julius,« erwiederte der alte Herr.„Ich kann nicht läugnen, daß ich ein wenig neugierig geworden bin.“ »Nun denn,“ ſagte Julius,„es handelt ſich um Die Sonne bringt es an den Tag. gewiſſe Vermuthungen, während die Thatſachen ſelbſt 1 114 einen Knaben, der vor etwa ſiebzehn Jahren im Ge⸗ birgswalde aufgefunden wurde, ohne daß man bis heute in Erfahrung bringen konnte, wer ihn dort ausge⸗ ſetzt hat.“ „Wie alt war der Knabe damals?« „Etwa drei Jahr alt.« „Der Graf Brutterode ſtutzte, und ſeine noch glü⸗ hende Wange erbleichte ein wenig.„Grade ſo alt, als mein Enkel Edgar!« murmelte er vor ſich hin.„Aber der iſt ja todt!— Und unter welchen Umſtänden wurde damals das Kind gefunden,“ fuhr er laut fort.„Konnte man aus ſeinen Kleidern, ſeiner Wäſche nicht auf ſeine Herkunft ſchließen?“ Julius erzählte ausführlich, was man von Peter wußte, nur von dem Ringe mit dem Wappen des Grafen von Brutterode ſagte er nichts.“. „Die Geſchichte des jungen Menſchen intereſſirt mich,“ ſprach der alte Herr,—„ich wäre neugierig, ihn zu ſehen. Ich fühle mich ganz ſeltſam bewegt. Er iſt in Wien, nicht ſo?« „In Wien, ja!“ „Nun denn, ſo werde ich Sie dorthin begleiten, wenn Sie zurückkehren!“ Das war grade, was Graf Julius wünſchte. Er ſowohl, wie ſeine Mutter bemerkten ſehr wohl den Ein⸗ druck, den ihre Erzählung auf den alten Herrn gemacht hatte, und daß ſie ihn lebhaft an ſeinen, vermeintlich längſt geſtorbenen Enkel erinnerte. Weiteres hatte Graf Julius vorläufig auch nicht beabſichtigt.. Drei Tage ſpäter, als die Frau Gräfin völlig her⸗ geſtellt war und das Krankenbett wieder mit ihrem Wohnzimmer vertauſchen konnte, reiſten Julius und erwiederte Julius ruhig.»Ich denke, wir werden ſehr 115 der alte Herr nach Wien ab. Hier angekommen, mußten ſie mit Erſtaunen die Nachricht vernehmen, daß Peter ſpurlos verſchwunden ſei,„und mit ihm zugleich ver⸗ ſchiedene Koſtbarkeiten von großem Werthe,« wie der Haushofmeiſter mit höhniſcher Schadenfreude hinzuſetzte. „Wie ſeltſam und überraſchend!“ ſagte Graf Ju⸗ lius, welcher augenblicklich durchſchaute, daß hier ein böſes Spiel getrieben worden ſei, aber ſich wohl in Acht nahm, ſeine Gedanken zu verrathen.„Sie haben ohne Zweifel die Polizei benachrichtigt, daß man auf der Stelle den Flüchtling verfolgen müſſe?« „Nein, Herr Graf,“ erwiederte der Haushofmeiſter beſtürzt.„Wir dachten nicht daran!“ „Das iſt ſchlimm! Nun wird er ſchon einen Vor⸗ ſprung gewonnen haben, der es ſchwierig macht, Seiner habhaft zu werden. Doch wollen wir's wenigſtens ver⸗ ſuchen. Gehen Sie ſelbſt, Schulze, und bitten Sie den Herrn Polizei⸗Director zu mir.« 3 Der Haushofmeiſter beeilte ſich, dem Befehle Folge zu leiſten, während Graf Julius ſich mit ſeinem Gaſte in ſein Zimmer verfügte. „Ihr Schützling hat mit eine ſchmerzliche Ent⸗ täuſchung bereitet,“ ſagte Graf Brutterode, als er mit Julius allein war.»Nach Ihrer Schilderung hielt ich ihn für einen rechtſchaffenen jungen Mann, und nun — iſt er ein gemeiner Dieb! Jetzt reuet es mich faſt, daß ich mit herkam!“ „Urtheilen Sie nicht zu ſchnell, theuerſter Freund,“ bald etwas Näheres erfahren.“ Es dauerte nicht lange, ſo kam der Polizei⸗Director. Julius ſprach heimlich einige Minuten mit ihm, und — —— — —— 116 der Director ſchickte hierauf eine verſiegelte Ordre an ſein Bureau ab. Eine halbe Stunde ſpäter wimmelte der Palaſt von Polizei⸗Dienern, und auf einmal brach⸗ ten zwei von ihnen den Haushofmeiſter herbei, welcher zitternd und blaß, das Bild eines armen Sünders, dem Grafen zu Füßen fiel. Die Polizei⸗Diener über⸗ gaben dieſem die koſtbaren Schmuckſachen, welche Peter entwendet haben ſollte und die man in des Haushof⸗ meiſters Stube gefunden hatte. „Es iſt ſo, wie ich mir dachte,“ ſagte Graf Ju⸗ lius, indem er einen Blick voller Verachtung auf den ſchurkiſchen Haushofmeiſter warf.„Sie ſehen wohl,« fügte er hinzu,„daß Sie durchſchaut ſind. Jetzt, kurz und bündig: wo iſt mein Secretair Peter? Nur eine offene Antwort kann Sie vor dem Zuchthauſe retten, alſo antworten Sie ſchnell!«.. Der Haushofmeiſter ſah ſich verloren.„Ich weiß es nicht,“ ſtammelte er.„Der Herr Graf Niederberg iſt an Allem ſchuld! Er hat ihn fortgeſchafft!« »Wohin? Sie müſſen es wiſſen?“ fragte Julius ſtreng, während der alte Herr von Brutterode abwech⸗ ſelnd erröthete und erblaßte. „ Ich beſinne mich nicht...“ »Nun denn, Herr Polizei⸗Director, ſo nehmen Sie dieſen Menſchen in Empfang,“ ſagte Graf Julius ruhig und kalt.„Vielleicht beſinnt er ſich im Zucht⸗ haufe!« 5 »Ach Gott, ach Gott, ich will Alles geſtehen!« jammerte der Haushofmeiſter, als er ſah, daß ſein Herr nicht zu ſpaßen gemeint ſei.„Der Herr Graf Niederberg hat ihn nach dem Geierſtein gebracht.“« „»Wo liegt der?« 117 „Ich weiß es,“ nahm Graf Brutterode das Wort. „Barmherziger Himmel, welche Ahnungen und Ge⸗ danken ſtuͤrmen auf mich ein! Wär' es möglich? Sollte ich in meinem eigenen Neffen eine Schlange an meinem Buſen genährt haben?« „Geduld, mein beſter Graf!“ ſagte Julius.„Die Sonne bringt Alles an den Tag! Wir werden ſehen. Herr Polizei⸗Director, dieſem Menſchen, mei⸗ nem Haushofmeiſter, ſtrenge Haft bis auf Weiteres. Hat er die Wahrheit geſprochen, ſo mag er laufen und ſeine Schande in irgend einem abgelegenen Winkel der Welt verbergen; hat er gelogen,— das Zuchthaus. Wir Beide aber, beſter Graf—— „Wir reiſen nach dem Geierſtein! Auf der Stelle. Ich muß den alten Wolf ſprechen!« erwiederte der Graf Brutterode ſchnell.„Ich fange an zu fürchten, daß ich zu viel vertraute, wo ich hätte mißtrauen ſollen, und daß ich dem ehrlichen, braven Wolf ſchweres Unrecht gethan. Hurtig, mein lieber Julius! Ich finde keine Fhe⸗ bis wir auf dem Wege nach dem Geierſtein ind.“ „Und Ihr Neffe?“ „Ich will ihn nicht ſehen, bevor ich mit dem alten Wolf geſprochen. Es wird dann noch Zeit ge⸗ nug ſein!“ Der Graf Brutterode drängte ſo ungeſtüm auf die ſchleunigſte Abreiſe, daß Julius Befehl gab, ſofort alle Vorbereitungen dazu zu treffen. Während der unge⸗ treue Haushofmeiſter von den Polizei⸗Dienern in ein feſtes Gewahrſam abgeführt wurde, raſſelte der Wagen vor, welcher die beiden Grafen nach dem Geierſtein bringen ſollte. Im Galopp jagten die Pferde davon, 118 und ſo eilig hatte es der alte Graf Brutterode, daß er ſich nicht einmal die nöthige Nachtruhe gönnen wollte. Nur den dringendſten Bitten des Grafen Ju⸗ lius gelang es, ihn zu einer Raſt von wenigſtens ein paar Stunden zu bewegen. Vor Sonnenaufgang fuhr man ſchon wieder weiter, und erreichte endlich am Morgen des dritten Tages das entlegene verſteckte Thal, in deſſen Hintergrunde der Geierſtein ſeine Mauern und Thürme erhob. »Nun werden wir ſehen! Wir werden ſehen!« murmelte der Graf ſich ſelbſt unbewußt mehrmals vor ſich hin, indem er ſeine Augen ſehnſüchtig auf die ma⸗ leriſch gelegene kleine Burg heftete. Julius ſchwieg, wie er bis jetzt immer über Peter geſchwiegen, ſeit er ſeinem Begleiter einfach die auf ihn bezuͤglichen Thatſachen mitgetheilt hatte. Seine Ver⸗ muthungen wollte er dem alten Herrn um ſo weniger aufdringen, als er ja deutlich genug erkannte, daß dieſer dieſelben Vermuthungen bereits ſagte. So erreichte man das Schloß. Wolf ſtand im Hofe, um den Beſuch zu empfangen, und ſchrie laut auf vor freudigem Schrecken und Erſtaunen, als er ſeinen vormaligen Herrn erblickte, den er trotz der weißen Locken und des weit vorgerückten Alters auf der Stelle wieder erkannte. „Mein lieber, theurer, gnädiger Herr 1« rief er und küßte die Hände des Greiſes.„Nun will ich mit Freuden in die Grube fahren, nun ich noch einmal Ihr Antlitz geſehen! Oh, Herr, der Himmel ſelbſt hat Sie hierher gefuͤhrt! Mit aller Kraft der Seele habe ich mich nach Ihnen geſehnt, und nun ſind Sie dal! 119 Wußten Sie denn, daß der alte Wolf nach Ihnen ver⸗ langte, mein gnädigſter Herr?« „Wenigſtens ahnte mir, daß ich dir willkommen ſein würde, mein treuer Wolf,“ erwiederte der Graf mit bewegter Stimme.„Aber wo iſt er, er,— Ihr Secretair Peter, mein lieber Julius?« In dieſem Augenblicke nahte Peter ſchon mit einem frohen Lächeln auf den Lippen, denn er hatte den Grafen Julius, ſeinen jungen Herrn erkannt und eilte herzu, ihn zu begrüßen. Starr heftete Graf Brut⸗ terode ſeinen Blick auf ihn, eine jähe Bläſſe entfärbte ſeine Wangen, und mit dem Ausrufe:„Er iſt es! Es iſt wahrlich der Sohn meines Siegmund!“ tau⸗ melte er ohnmächtig in die Arme Wolfs, der ihn an ſeiner Bruſt auffieng. Die mächtige Gemüthsbewegung hatte den Greis tief erſchüttert, aber zum Glück erholte er ſich ſchnell wieder, als man ihn in das Zimmer trug und ſanft auf einen Lehnſtuhl niederſetzte. „Es iſt Edgar, mein Enkel,“ waren ſeine erſten Worte, als er aus ſeiner Ohnmacht zum Bewußtſein zurückkehrte.»Ja, du biſt Edgar,“ wiederholte er, in⸗ dem er einen zweiten langen, forſchenden Blick auf das Geſicht des Jünglings heftete, der mit Thränen in den Augen vor ihm ſtand.„An mein Herz, du lange be⸗ weinter Knabe! Es ſagt mir, daß du mein Enkel biſt, und dieſe Stimme, wie dieſe Züge, die Züge meines Sohnes, können nicht lügen. Wolf, rede! Was weißt du von dem Betruge, der nothwendig hier verübt wor⸗ den iſt und mir altem Manne damals faſt das Herz gebrochen hat!« Wolf erzaͤhlte was er wußte. Der Siegelring, die 120 Gegend, wo man einſt das Kind gefunden, das Alter des Jünglings, Alles unterſtützte die Annahme, daß er wirklich der Enkel des Grafen ſei,— aber doch fehlte noch immer die Gewißheit. „Der Todtenſchein! Der Todtenſchein!« ſagte Graf Brutterode. »Er iſt gefälſcht, ohne Zweifel!« behauptete Wolf im Tone feſter Ueberzeugung,—„und es wird nicht ſchwer ſein, dem Betruge auf die Spur zu kommen. Ich werde ſelbſt nach dem Orte reiſen, wo angeblich Edgar geſtorben ſein ſoll, und dann muß ſich ja zeigen, ob der Tod des Kindes auch in die Kirchenbücher ein⸗ getragen iſt.« „»JIch glaube faſt, das wird nicht einmal nöthig ſein,“« ſagte Graf Julius, der biſt jetzt ſtill am Fenſter ge⸗ ſtanden hatte.„Wenn mich nicht Alles trügt, ſo nahet eben ein Zeuge, deſſen Ausſagen jeden Zweifel ſofort heben können.“ „Wer iſt es?« fragte der Greis haſtig. „Ihr Neffe, Graf Bodo von Niederberg! Eben ſprengt er auf ſchaumbedecktem Pferde durch das Thor!“« »„Das Gewiſſen! Das Gewiſſen jagt ihn!« rief Graf Brutterode aus.„Ohne Zweifel hat er erfahren, daß wir hierher gereiſt ſind, und die Angſt, ſeinen abſcheulichen Betrug aufgedeckt zu ſehen, treibt ihn uns nach. Laßt mich machen! Keiner von Euch rede ein Wort! Ich allein werde mit ihm ſprechen!« Herauf die Treppe kam es mit haſtigen Schritten. Die Thür wurde aufgeriſſen, und Bodo, bleich, athem⸗ los, Furcht, Angſt und Beſtürzung in den Zügen, ſtand auf der Schwelle. es iſt nicht wahr!« rief er, ehe noch Jemand das 121 Wort an ihn richtete.„Der Menſch iſt ein Lügner und Betrüger!“ „Du biſt es, der gelogen und betrogen hat,“ er⸗ wiederte Graf Brutterode ſtreng und ſtreckte drohend den Arm gegen ſeinen Neffen aus.„Hier ſteht Edgar, der Sohn meines Sohnes, der Erbe meines Namens!“ „Edgar iſt todt! Das Zeugniß der Kirche be⸗ weiſt es!« „Edgar lebt! Das Zeugniß, auf das du dich be⸗ rufſt, iſt falſch!« entgegnete der Greis.„Wir wiſſen Alles, und dir bleibt nichts übrig, als Bekenntniß und Reue!“ Graf Bodo erbleichte.„Sie wiſſen Alles!« ſtam⸗ melte er.„Ich kam alſo zu ſpät!“ „Ja, Gott ſei Dank, zu ſpät, um ein neues Ver⸗ brechen zu begehen!“ ſagte Graf Brutterode. Bodo wankte. Plötzlich warf er ſich dem Greiſe zu Füßen und flehte um Gnade. „Dir Gnade? Und wofür?“ erwiederte der Greis. „Nur der Reue kann Gnade folgen, und noch läugneſt du dein Vergehen!“ „Nein, nein!« rief Bodo aus:„Ich läugne nicht mehr, die Sonne bringt ja doch Alles an den Tag!« „Wohlan, ſo bekenne, was dich zu der That ge⸗ trieben hat!“ ſprach Graf Butterode.„ Bodo bekannte. Er geſtand, daß Balſer, ſein Die⸗ ner, ihm den erſten Gedanken zu dem Verbrechen ein⸗ gegeben habe, das um ſo leichter und ſicherer aus⸗ geübt werden könne, da man fern von der Heimath ſei und den einzigen Zeugen, den alten Wolf, ohne Müuhe beſeitigen koͤnne, wenn Graf Siegmund erſt ge⸗ ſtorben wäre. „Der Verſucher ſprach ſo lockend zu mir, daß ich endlich nicht mehr widerſtehen konnte,“ fuhr Bodo fort. „»Wir verläumdeten Wolf, indem wir ihm ſchuld ga⸗ ben, den Grafen Siegmund zu der Waſſerfahrt veran⸗ laßt zu haben, welche die nächſte Urſache zu ſeinem Tode werden ſollte. Die Liſt gelang; Wolf fiel bei Ihnen in Ungnade, mein Oheim, und wurde hierher in die Verbannung geſchickt. Nun waren wir, ich und der Verſucher, allein mit dem Kinde. Mitten im Walde auf der Böhmiſchen Gränze ſetzten wir es aus. Edgar ſchlief. Ich legte ihn auf das Moos unter einer Eiche nieder, und dann fuhren wir weiter, in der Hoffnung, daß wir den Knaben nie wiederſehen würden. Erſt ſpäter vermißte ich den Siegelring des Grafen Siegmund, der von meinem Finger geglitten ſein mußte, als ich Edgar unter die Eiche trug. Es war zu ſpät, den Ring zu holen, und außerdem mußten wir eilen, die Gegend zu verlaſſen. Bis auf dieſen kleinen Unfall glückte uns Alles. Balſer hatte ſchon in Nizza einen falſchen Todtenſchein mit ſo vieler Kunſt angefertigt, daß Sie, Herr Graf, gänzlich durch ihn ggetäuſcht wurden, und keinerlei Nachforſchungen an⸗ ſtellten. Balſer ſtarb bald darauf, und nun glaubte ich mich vor jeder Entdeckung geſichert. Da, plötzlich, nach vielen Jahren, tauchte der ausgeſetzte Knabe wie⸗ der auf. In dem Secretair Peter erkannte ich auf der Stelle den kleinen Edgar. Die Beſorgniß, daß noch jetzt Alles an den Tag kommen würde, machte mich ſinnlos. Ich bemächtigte mich des jungen Mannes durch eine Liſt, indem ich einen Schlaftrunk in ſeinen Wein ſchüttete, und brachte ihn hierher, wo ich ihn für immer geborgen glaubte. Nun hörte ich aber von 12³ der Verhaftung des Haushofmeiſters, und auf weitere Erkundigungen von Ihrer Reiſe nach dem Geierſtein. Ich eilte Ihnen nach, in der Hoffnung, Ihnen noch zuvorzukommen. Aber es gelang mir nicht, und ſo blieb mir nur noch die einzige Hoffnung, Alles abzu⸗ läugnen, und mich auf den Todtenſchein zu berufen. Auch das vergebens! Wer mag verrathen haben, daß er gefälſcht iſt? Wolf wußte doch nichts davon!“ „Du ſelbſt haſt es verrathen,« entgegnete Graf Brutterode.„Wir wußten noch nichts, ſondern ver⸗ mutheten nur, daß du ein ſolches Mittel zu meiner Täuſchung angewendet haben würdeſt, was übrigens ſehr leicht durch eingezogene Erkundigungen zu entdecken geweſen wäre. Dein Läugnen würde nur eine kurze Verzögerung, und nichts weiter veranlaßt haben. Edgar, umarme mich, mein theurer Knabe! Fortan biſt du mein Sohn, und ich werde dein Vater ſein!“ Edgar warf ſich an die Bruſt des Greiſes, und ihre Thränen vermiſchten ſich. Freudeleuchtend ſtand der alte Wolf daneben, und ſeine zitternde Lippe mur⸗ melte:„Die Sonne, die Sonne bringt Alles an den Tag! Möge ſie noch lange, lange freundlich leuchten über den Häuptern derer, die ſo viele Jahre hindurch einander entbehren mußten!...“ Der Wunſch des braven Alten gieng in Erfüllung. Noch manches Jahr erfreute ſich der würdige Graf Brutterode der zärtlichen Liebe ſeines Enkels, und dieſer, umgeben von Glück, ſuchte ſich deſſelben würdig zu machen durch herzliche Dankbarkeit für früher empfan⸗ gene Wohlthaten. Der gute alte Andreas und Wolf lebten und genoſſen jede Freude mit ihm. Er, und Graf Julius wurden die beſten, treueſten Freunde. 124 Bodo von Niederberg aber blieb auf den Geiſterſtein verbannt, und in der einſamen Wildniß hatte er Zeit, zu bereuen, daß er der Sünde erlegen war, ohne der Warnung zu gedenken: Die Sonne bringt Alles an den Tag! Lieber Leſer, wirſt du dich derſelben erinnern in der Stunde der Verſuchung? Bedenke, was du auch thuſt im Verborgenen, das ewig wache Auge des All⸗ mächtigen ſchaut es, und ſein leuchtender Sonnenſtrahl lichtet das Dunkel, grade, wenn du es am wenigſten erwarteſt.— —SS Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. eaanuumauumaumuuha 14 15 16 17 18