——— Leihbibliothek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von„. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Nk.—f 2 33 2 Pf. 3 5. Auswärtige Abonnente Zurückſ endung Aeih- und Ceſebedingungen. 5 t ſ 2* V für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: 3 — — Der verlorne Sohn. o—CQCOQCQ——————— 9=s Eine Erzählung für. die Jugend und Jugendfreunde. Von Franz Hoffmann. . Motto: Es wird Freude ſein von den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße thut. Mit vier Stahlſtichen. 4½ Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 6 1846. Erſtes Kapitel. Kobert und ſeine Eltern. — In einem Landſtädtchen, nicht weit von Dresden, wohnte ein Kaufmann, Namens Hartmuth. Herr Hartmuth war ein glücklicher Mann. Er beſaß ein treues, liebevolles, wirthſchaftliches Weib, eine vor⸗ trefflich erzogene Tochter, welche Mathilde hieß, und ein blühendes Geſchäft, deſſen Ertrag ihn nicht nur vor allen Nahrungsſorgen ſchützte, ſondern ihm, außer einem ſehr bequemen Leben, auch noch alle Jahre ein kleines Kapital zurückzulegen geſtattete. Kurz, Herr Hartmuth würde ein vollkommen glück⸗ licher Mann geweſen ſein, wenn nicht Robert, ſein einziger Sohn, ihm unabläſſig Urſache zur Unzufrie⸗ denheit gegeben hätte. Robert hatte ſchon von klein auf einen bedenten. den Hang zum Müſſiggange verrathen. Seitdem 4. Der verlorne Sohn. 1 in die Schule geſchickt worden war, klagten ſeine Lehrer über ihn, und kein Einziger von Allen fand ſich, der über Robert etwas Rühmliches häͤtte berichten kön⸗ nen. Keine Ermahnungen halfen, kein Bitten, keine Vorſtellungen, ſelbſt nicht einmal ernſte Züchtigungen. Freilich faßte Robert unzählige Male die beſten Vorſätze und war auch immer in dem Augenblicke, wo er ſie faßte, feſt entſchloſſen, dieſelben zu halten — aber ſein Leichtſinn verhinderte ihn immer daran, ernſtlich an ſeiner Beſſerung zu arbeiten. Die Bü⸗ cher ekelten ihn an, und keine Stunden vergingen ihm ſo langſam, als die Schulſtunden. Während der Lehrer unterrichtete, lauſchte er auf den Schlag der Uhren, anſtatt auf die Worte des Lehrers, und erſt dann athmete er fröhlich auf, wenn die Glocke den Schluß der Schule verkündigte. Daß er unter ſolchen Umſtänden nicht viel lernen konnte, wird jeder natürlich finden, und er würde ganz arm an nöthigen Kenntniſſen geweſen ſein, wenn ihn der liebe Gott nicht mit einem trefflichen Gedächtniſſe und einem hurtig auffaſſenden Geiſte begabt hätte. So blieb denn doch dann und wann etwas in ſeinem Kopfe haften, womit er ſich gegen Keinen mehr brüſtete, als gegen die alte Johanna, die Dienſtmagd in Herrn Hartmuths Hauſe, welche beide Kinder, den leicht⸗ 8 kinem pfiffigen Lächeln.„Wi gehen hübſch nach 3 ſinnigen Robert und ſeine Schweſter Mathilde, von Kindheit an auf ihren Armen getragen, und ſpäter⸗ hin, wie es denn gewöhnlich ſo geht, auf alle mög⸗ liche Weiſe verhätſchelt hatte. Sie wollte es nie glauben, daß Robert ein nachläſſiger, leichtſinniger und fauler Burſche ſei, ſondern hielt gar große Stücke auf ihn, hatte gewaltigen Reſpekt vor ſeinen mangelhaften und ſchlecht geordneten Kenntniſſen, und ſuchte es immer zu vertuſchen, wenn Robert dumme Streiche machte. Und Robert machte leider nicht nur viele dumme Streiche, ſondern der Muͤſſiggang, der bekanntlich aller Laſter Anfang iſt, brachte ihn Huch dazu, ſchlechte Streiche zu machen. Eines Tages, Robert war bereits vierzehn Jahre alt, ging er nach dem Schluſſe der Schule mit eini⸗ gen Kameraden, die hinſichtlich des Leichtſinns mit ihm auf ziemlich gleicher Stufe ſtanden, nach Hauſe. Es war ein heißer Tag, und die Sonne, welche glühende Strahlen verſandte, ſtand noch hoch am wolkenloſen Himmel. „He, Robert,“ ſagte Ernſt, indem er ſich zu jenem wandte,„der Tag iſt noch lang. Wie ver⸗ treiben wir uns die Zeit bis der Abend heranrückt? „Das will ich dir ſagen,“ ſprach Robert mit 14 4 legen uns hinter die Bücher und machen die Arbei⸗ tten, die der Lehrer uns aufgetragen hat. Ernſt ſah höchlich überraſcht ſeinen Kameraden an, und die Aeußerung deſſelben machte ihn ſo be⸗ troffen, daß er ein wahres Schafsgeſicht zog. Ro⸗ bert wollte ſich vor Lachen darüber ausſchütten. „Ei du Narr, denkſt du denn, daß es mein Ernſt iſt, mich mit den dummen Buͤchern herum zu quälen,“ rief er aus.„Da wäre ich ein rechter Eſel! Nichts da! Sobald ich die Bücher auf die Seite geworfen und mein Veſperbrod in der Taſche habe, geht's hinaus an den Fluß zum baden. Wer will mit?« „Ich!“ ſchrie Ernſt, und„ich! ich! ich!« ſchrieen noch drei andere Buben, indem ſie Roberts Vor⸗ ſchlag beifällig beklatſchten. Niemanden fiel es ein, daß es ihnen allen nicht nur von ihren Eltern, ſondern auch von den Lehrern ſtrenge verboten war, ſich zu baden, ehe nicht ein Platz dazu angewieſen war, was bis jetzt, ganz im Anfange des Sommers, noch nicht hatte geſchehen können. Es wurde verabredet, daß ſich die Knaben vor dem Thore treffen wollten, und jeder eilte nun, daß er nach Hauſe kam, um ſo ſchnell als möglich mit den Uebrigen wieder zuſammen zu treffen. Binnen 5 einer halben Stunde waren ſie verſammelt und liefen durch ein grünes Gehölz dem Fluſſe zu. Alle waren voll Luſt und Fröhlichkeit, und Keiner dachte daran, daß er eine Sünde begangen hatte. Und doch hatten ſie Alle geſündigt, indem ſie lügenhafter Weiſe den Eltern vorgeſpiegelt, daß ſie nur einen Spaziergang in den nahen Wald machen wollten, um dort Schmetterlinge zu fangen und Käfer zu ſuchen. Von Allen am lebhafteſten zeigte ſich, wie ge⸗ wöhnlich, Robert, welcher bei allen dummen Strei⸗ chen der Anführer war und durch ſeine Keckheit ein „gewiſſes Uebergewicht über ſeine Schulkameraden be⸗ hauptete. Wenn er an ihrer Spitze war, ergöͤtzten ſie ſich zuverläſſig, obgleich ſich keiner von ihnen verhehlen konnte, daß Robert ſie nicht zum Guten hinleitete. 1. So auch heute. Die Knaben plätſcherten mit Vergnügen im Waſſer umher, hüteten ſich wohl, die Naͤhe des ſichern Ufers zu verlaſſen und trieben tau⸗ ſenderlei Muthwillen. Sie beſpritzten ſich, tauchten einander unter, ſpielten ſich allerlei Poſſen im naſſe und vertändelten auf ſolche Weiſe eine Stunde, de ihnen wie ein Augenblick verging. Auch würde Mie mand gegen dieſes Vergnügen etwas eingewendet haben, wenn ſie, um es zu erlangen, nicht zweifach geſündigt hätten. Erſtens, indem ſie logen, und zweitens, indem ſie das ſtrenge Verbot des Lehrers ſowohl, wie auch das ihrer Eltern leichtſinniger Weiſe überſchritten. „Was beginnen wir nun?« fragte Heinrich, als die Knaben ſich wieder angekleidet hatten.„Noch lange dauert es, bis der Abend kommt, und die Zeit würde uns lang währen, wenn wir derweilen müſſig ſitzen ſollten.« »Ja, das iſt wahr, Heinrich,« nahm Carl das Wort.„Was ſchlägſt du vor, Robert?« „Hört zu,“ ſagte der.„Drüben am Buſche ſteht ein großes Erbſenbeet. Die Schoten ſind eben recht zum eſſen! Laßt uns hin, und ein wenig plündern!« Dieſer Vorſchlag Roberts fand großen Beifall, und Keiner dachte daran, daß abermals eine Sünde, und zwar eine recht große Sünde, die des Stehlens begangen würde. Die Buben trabten hurtig quer durch den Wald, fielen, wie ein Heer Sperlinge in die Schoten ein, und aßen ſich tüchtig ſatt. Einer ſtand indeß abwechſelnd Wache, um ſobald ſich etwas Un⸗ gewöhnliches zeigen würde, Allarm zu ſchlagen. Aber für diesmal blieb Alles ruhig, und die leichtſinnigen 95 Knaben hatten ſich ſatt gegeſſen, ehe noch die Sonne hinter den Horizont hinabgeſunken war. 7 „Was fangen wir aber nun an, Robert?« ſprach Carl.„Wollen wir ein Bischen Räuber ſpielen, oder ſo etwas?“« „Nein, nein, dergleichen macht nur müde und matt, und überdieß haben wir ja eben ſchon Spitz⸗ buben geſpielt,“ erwiederte Robert lachend.„Habt ihr Geld?“« Drei von den vier andern Knaben hatten einige Groſchen bei ſich, und dem vierten borgte Robert etwas. „So,« ſagte er,—„nun kommt wieder in den Wald, dort wollen wir um Geld würfeln!“« Die Bereitwilligkeit der leichtſinnigen Burſchen, in dieſen Vorſchlag einzugehen, bewies, daß ſie nicht zum erſtenmale ſich dem Laſter des Spieles hinga⸗ ben, und wirklich hatten ſie ſchon längſt heimlicher Weiſe öfters um Geld gewürfelt. Die Folgen davon waren geweſen, daß ſchon Dieſer und Jener ſeine Eltern beſtohlen hatte. Robert hatte dieß noch nicht gethan, obgleich auch Er vor dieſem Verbrechen wohl nicht zurückgeſchaudert wäre, wenn er ohne daſſelbe ſeine Leidenſchaft nicht hätte befriedigen können. Aber Reobert hatte in der Regel Glück im Spiel, und wenn er ja einmal verlor, wußte er der alten Magd, oder ſeiner Schweſter, oder auch ſeiner allzugütigen Mutter immer unter allerhand Vorwänden Geld 8 abzuſchmeicheln, mit dem er dann weiter ſpielte, um in der Regel was er verloren wieder zu gewinnen. Wie es unter Knaben ſo geht— ſie ſpielten kaum ein einziges Mal, ohne ſich im Zank zu tren⸗ nen, und ſich wohl gar auch tüchtig zu raufen und zu prügeln. Wer verlor beſchuldigte den andern des Betrugs, und von ſolchen Beſchuldigungen kam es zu Schimpfworten, von dieſen zu Thätlichkeiten. Auch heute ſpielten ſie kaum eine halbe Stunde, ſo ging das Streiten los. Robert und Heinrich gewannen, wurden von den Uebrigen ausgeſcholten, und gaben im Aerger darüber das Spiel auf. Carl und ſeine Leidensgenoſſen nahmen das übel, und das Ende vom Liede war, wie gewöhnlich, eine Rauferei. Erſt nachdem es blutige Köpfe geſetzt, trennten ſich die Parteien, aber nur um den ſchnell entſtandenen Groll eben ſo ſchnell wieder zu vergeſſen, und ſich am nächſten Tage wieder zuſammen zu finden. Mit einem tüchtigen Schmarren im Geſicht kam Robert nach Hauſe, um ſein Abendbrod zu verzehren. Die erſchrockene Mutter fragte, was er denn gemacht, und wo er ſich ſo verletzt habe? und Robert erwie⸗ derte mit frecher Stirn, er ſei beim Verfolgen eines Schmetterlings über eine Wurzel geſtolpert, und habe ſich gegen einem Baumſtamme die Stirn aufgeſchla⸗ 9 gen. Die zärtliche Mutter bedauerte den Unfall des Knaben, und Robert nahm ihre Tröſtungen mit einer ſo unbefangenen Miene hin, als ob er wirklich an ſeiner Wunde ganz unſchuldig ſei. Doch genug von dieſem Gewebe von Lügen und Laſtern, das den verdorbenen Knaben allen Guten und Tugendhaften verächtlich machen muß. Wir wollen nur erwähnen, daß Robert ſtandhaft auf der Bahn der Sünde fortſchritt, und alle ſeine Streiche eine lange Zeit vor den Augen ſeines Vaters verber⸗ gen konnte. Aber endlich kam dennoch Alles an den Tag. Robert beleidigte eines Tages ſeinen Genoſſen Heinrich, und dieſer, in ſeiner Wuth über den Kna⸗ ben, an dem er ſich, da er ihm an Stärke über⸗ legen war, nicht thätlich rächen konnte, ging zu deſſen Vater, und enthüllte ihm Alles. Da kam denn an den Tag, daß Robert nicht nur fort und fort gelogen, geſpielt und geſtohlen, ſondern daß er dieſen Laſtern auch noch andere beigeſellt, und öfters heimlich Tabak geraucht und berauſchende Getränke getrunken hatte. Dieſer Schlag traf den armen Va⸗ ter, die betrübte Mutter hart, und Mathilde weinte die bitterſten Thränen über den ungerathenen Bru⸗ der. Selbſt die alte Johanna wagte ihn nicht mehr. zu vertheidigen, und Robert, der ganz in Reue 10 aufgelöst ſchien, empfing eine harte körperliche Züch⸗ tigung, und wurde mehrere Tage einſam in ein ent⸗ legenes Gemach geſperrt, wo er bei Waſſer und Brod über ſeine laſterhafte Aufführung nachdenken konnte.. Mittlerweile überlegten die Eltern, was mit dem Knaben zu beginnen ſei. Die Mutter wünſchte, Ro⸗ bert ſollte die Schule fernerhin beſuchen, um ſich ſpäterhin dem Studium einer Brodwiſſenſchaft zu widmen; der Vater aber zeigte ſich nicht geneigt, dieſem Wunſche ſeiner Gattin nachzugeben. »Wenn der Burſche hier bleibt, ſo wird er ſehr bald wieder auf dem Pfade der Sünde wandeln,« ſagte er,„und alle unſere Vorſicht wird nicht hinrei⸗ chen, ihn gegen den Einfluß ſeiner leichtſinnigen Schulkameraden zu bewahren. Ich ſtimme dafür, ihn mein Geſchäft erlernen zu laſſen und will ihn zu Herrn Redlich, meinem guten Freunde in Dresden, in die Lehre thun. Herr Redlich iſt ein braver, rechtlicher und ſtreng ſittlicher Mann, und wird jederzeit ein wach⸗ ſames Auge auf Robert haben. Wenn Einer noch den verderbten Knaben zu einem ordentlichen Men⸗ ſchen machen kann, ſo iſt er es.« Obgleich die Mutter, die den Knaben allzu zaͤrt⸗ lich liebte, ſich nur ungern und mit Widerſtreben „,— — 11 von ihm trennte, ſo ſah ſie doch ein, daß es ihr Gemahl nur gut mit Robert meinte, und legte da⸗ her der Ausführung ſeiſtes wohl überlegten Planes kein Hinderniß in den Weg. Roberts Koffer ward gepackt, und ſobald die Nachricht aus Dresden ein⸗ gelaufen war, daß Herr Redlich den Knaben zu ſich nehmen wollte, beſtiegen Vater und Sohn ein leich⸗ tes Korbwägelchen und rollten hurtig der ſchönen Re⸗ ſidenzſtadt zu. Robert weinte bitterlich, als er ſich von ſeiner Schweſter, von ſeiner Mutter, von der alten treuen Magd trennte; denn trotz ſeines übergroßen Leicht⸗ ſinns beſaß er ein gutes und weiches Herz. Tau⸗ ſendmal verſprach er unter Thränen der Mutter, nun „wirklich ein ordentlicher und braver Menſch zu wer⸗ den, und war auch feſt entſchloſſen, fortan das La⸗ ſter und beſonders den Müſſiggang zu meiden und ſeinen guten Vorſätzen getreu zu bleiben; aber wir werden ſogleich ſehen, auf welche Weiſe er ſeine Verſprechungen hielt. Zweites Kapitel. Robert kommt in die Lehre. »Und nun, Robert, lebe wohl!« ſagte Herr Hartmuth, indem er zum letztenmale ſeinen reuigen Sohn in die Arme ſchloß.„Hier mein Freund Red⸗ lich wird fortan Vaterſtelle bei dir vertreten, und ich befehle dir, ihn zu achten, zu lieben und ihm zu gehorchen, als ob er wirklich dein Vater wäre. Wenn du ihm folgſt und ein fleißiger und rechtlicher Menſch wirſt, dann ſollen alle deine früheren Fehler ver⸗ geſſen ſein, und Niemand wird dich jemals wieder daran erinnern, oder wohl gar ſie dir vorwerfen. Eine neue Bahn, ein neues Leben liegt vor dir. Hüte dich, daß du wiederum vom rechten Pfade ab⸗ weichſt, und bedenke, wie vielen Kummer du uns durch deine früheren Verirrungen gemacht haſt. Be⸗ denke auch, welche große Freude es für mich, für —.— 13 deine gute Mutter ſein wird, wenn wir in Zukunft nur gute Nachrichten über dich empfangen. Sage, mein Sohn, willſt du mir verſprechen, fortan brav und ordentlich zu ſein?« „Ja, theurer, beſter Vater, ja das will ich!« ſagte Robert ſchluchzend, indem er den Vater unge⸗ ſtüm an ſeine Bruſt drückte.„Nie wieder ſollſt du eine Klage über mich vernehmen.“ „Und ich,“ nahm Herr Redlich das Wort,„ich will ihm beiſtehen, daß er auf dem Pfade der Recht⸗ ſchaffenheit nicht ſtrauchelt oder fällt. Wie ein Freund will ich für ihn ſorgen, und ihn jederzeit, ſo weit meine Kräfte reichen, zur Erkenntniß des Wahren und Guten hinlenken. Ich hoffe, daß Robert noch brav werden wird, denn alle ſeine bisherigen Fehler ſind, wie ich gar wohl einſehe, nur aus einem allzu⸗ großen Leichtſinne entſproſſen. Wenn er den Ernſt des Lebens erſt kennen lernt, wird er auch ſelber mit der Zeit ernſter und geſetzter werden.« Herr Hartmuth drückte herzlich die Hand des wohlmeinenden Freundes, umarmte noch einmal ſeinen Sohn und beſtieg dann wieder ſein Wägelchen, um in die Heimath zurückzukehren. Robert aber wurde von Herrn Redlich in das Comptoir gefͤhrt, wo er in 14 ſeinen ferneren Berufsgeſchäften treulich und freundlich unterwieſen ward. Mehrere Wochen vergingen, und Robert that jederzeit getreulich ſeine Pflicht. Immer war er der Erſte auf dem Platze, arbeitete mit Aufmerkſamkeit und Umſicht, und nie konnte Herr Redlich Klage über ihn führen. Jeder Brief, den er an Roberts Eltern ſchrieb, ſprach ſeine vollkommene Zufriedenheit mit dem Knaben aus, und er gab ſich ſogar ſchon der Hoffnung hin, daß Robert ſeinen Hang zum Leichtſinn völlig überwunden habe. Und in der That dachte Robert anfänglich nur mit Abſcheu an ſein vergangenes Leben, und bildete ſich ſogar ein, mit ſeiner jetzigen Lage völlig zufrie⸗ den zu ſein. Aber nur zu bald wuͤrde ihm die Ein⸗ förmigkeit ſeines Berufes zur Laſt, und kaum war ein Vierteljahr vergangen, als er ſchon nicht mehr mit einem ſo großen Widerwillen an die Zeit im väterlichen Hauſe zurück dachte. Freilich verabſcheute er noch immer ſeine begangenen Fehler und glaubte ſich weit davon entfernt, jemals wieder in dieſelben zurück zu verfallen; doch aber meinte er, man bürde ihm gar zu viel Arbeit auf, und es ſei wenigſtens nicht angenehm, vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abende in dem düſtern Comptoir zu ſitzen und Briefe 15 4 zu kopiren oder Waarenpoſten in die Bücher einzu⸗ tragen, oder ſonſtige Geſchäfte zu verrichten. Oft ſtarrte er in die Bücher hinein, und ſchien eifrig mit Rechnen und Zählen beſchäftigt; aber anſtatt an die Arbeit zu denken, ſchweifte ſein Geiſt in die Heimath zurück, und er malte es ſich aus, wie es doch ſo ſchön geweſen wäre, als er noch frank und frei in den Wäldern hatte umherſchweifen und ſo gar nichts thun dürfen, als nur was ihm eben ge⸗ fällig geweſen ſei. Er verglich jenes Leben mit dem jetzigen, und der Vergleich fiel natürlich ſehr zum Nachtheil des Letztern aus. Er fing an zerſtreut zu werden, und ſich Fehler zu Schulden kommen zu laſſen, die von Herrn Redlich ſanft aber ernſt gerügt wurden. Das machte ihn mißmuthig, und mit jedem Tage fühlte er ſich unbehaglicher und beengter. Da⸗ zu kam, daß er auch dann nicht ausgehen durfte, wenn das Comptoir geſchloſſen war. Er wohnte in Herrn Redlichs Hauſe, und dieſer nahm ihn jederzeit des Abends mit in ſeine Stube hinauf, wo Mobert nachdem ſeine Berufsgeſchäfte abgethan waren, ſich mit dem Studium der franzöſiſchen und engliſchen Sprache beſchäftigen mußte. „Denn,“ ſagte Herr Redlich,„ein tüchtiger Kauf⸗ mann, der ſeine Geſchäfte nicht auf einen kleinen Kreis beſchränken, ſondern mit ſeinem Geiſte die ganze Welt umfaſſen will, muß wenigſtens einiger Sprachen mächtig ſein, und beſonders jener, die in allen Welttheilen geſprochen werden, und mit deren Hilfe man die ganze Welt durchwandern kann. Du aber ſollſt mir kein Krämer werden, Robert, ſondern ein Kaufherr, vor dem alle Leute Reſpekt haben müſſen; denn du haſt alle Anlagen dazu, und kannſt das höchſte Ziel erreichen, wenn du nur recht ernſtlich willſt und beharrlich biſt!« Robert freute ſich anfänglich, wenn Herr Redlich auf ſolche Weiſe zu ihm ſprach, und ihm ſo viel Großes und Tüchtiges zutraute. Er lernte fleißig, und machte in kurzer Zeit große Fortſchritte; aber ach! die Beharrlichkeit fehlte, und wie er in ſeinen Comptoirgeſchäften läſſig ward, ſo ließ auch ſein — in Erlernung der Sprachen nach. Herr Red⸗ lich bemerkte es wohl, und ſprach dem Jünglinge eernſt in's Gewiſſen. Aber das half immer nur für kurze Zeit, und Robert wurde immer nachläſſiger, immer mürriſcher und immer weniger eifrig. Jetzt wünſchte er ſich ſchon weit aus dem Hauſe Herrn verſchwunden wie ein Hauch. Redlichs weg, und alle ſeine guten Vorſätze waren Um dieſe Zeit geſchah es, daß Herr Redlich eine 17 nothwendige Geſchäftsreiſe unternehmen mußte, die ihn auf ein paar Wochen aus ſeinem Hauſe ent⸗ fernte. Sein Geſchäft konnte er ohne Sorgen ver⸗ laſſen, da er einen tüchtigen Geſchäftsführer hatte, auf welchen er in jeder Beziehung Vertrauen ſetzen konnte. Nur der Gedanke an Robert war es, der ihm einige Sorgen verurſachte. Am Abend vor ſeiner Abreiſe ließ er den Jüng⸗ ling zu ſich kommen und ſagte zu ihm: „Robert, wie du weißt, werde ich dich von mor⸗ gen ab einige Wochen hindurch allein laſſen müſſen. Willſt du mir verſprechen, dich während dieſer Zeit ordentlich zu betragen? An deinem Benehmen ſoll es liegen, ob ich dir bei meiner Rückkehr eine große Freude bereiten darf oder nicht. Biſt du fleißig ge⸗ weſen, haſt redlich deine Pflicht im Comptoire, wie bei deinen Sprachſtudien gethan, ſo ſollſt du auf eine ganze Woche deine Eltern beſuchen dürfen, wo nicht, ſo werde ich nicht nur ſehr unzufrieden ſein, ſondern auch wirkliche Strenge anwenden, um dich unter jeder Bedingung auf dem rechten Wege zu erhalten. Alſo überlege wohl was du thuſt. Auf der einen Seite Ausſicht auf eine Belohnung der Pflichterfüllung, auf der andern Ungufriedenheit dei⸗ Der verlorne Sohn. 2 3 18 nes Lehrherrn, der dich liebt und dich nur mit Trauer beſtrafen würde.« „Sein Sie ohne Sorge um mich, Herr Redlich,“ erwiederte Robert, deſſen Herz vor Freuden hüpfte, als er hörte, daß er auf eine Zeitlang in die Hei⸗ math zurückkehren und bei ſeinen Eltern verweilen dürfe.„Ich will Ihnen gewiß keine Veranlaſſung zur Unzufriedenheit geben! Ganz gewiß nicht! Sie ſollen nichts wie Gutes von mir höron. wenn Sie zurückgekommen ſind!« Herr Redlich glaubte der Verſicherung Roberts, und reiste beruhigt ab. Robert hatte mit ſo vieler Treuherzigkeit geſprochen, daß man ihm leicht an⸗ ſehen konnte, wie er in der That entſchloſſen ſei, ſich in jeder Beziehung anzuſtrengen, und Herr Redlich vergaß nur, daß Robert leider zu ſchwach war, auf ſeinen guten Vorſätzen zu beharren. Wie es gewöhnlich ging, ſo auch diesmal. In den erſten Tagen nach Herrn Redlichs Abreiſe konnte man keinen geſchäftigeren, eifrigeren Lehrling ſehen, als unſern Robert. Er übertraf ſich ſelbſt, that hurtig und geſchickt ſeine Arbeit, ſo daß der Ge⸗ ſchäftsführer Herrn Roberts ihm ſeine volle Zufrie⸗ denheit bezeigte. Des Abends las er ſeine franzöſt⸗ ſchen und engliſchen Bücher, wie angenagelt. Aber 3 4 19 auch nur wenige Tage. Ehe eine Woche vergangen war, hatte ſich der alte Schlendrian wieder einge⸗ funden, und Robert, anſtatt auf ſeine Pflichterfül⸗ lung bedacht zu ſein, grübelte darüber nach, wie er Herrn Redlichs Abweſenheit zu ſeinem Vergnügen benützen könnte. Er hatte durchaus nichts Böſes im Sinne, wie er meinte; behüte! Er wollte nur einen oder den andern Abend im Freien zubringen, anſtatt ſich mit den fremden Sprachen herumzuquaͤlen, wie er es nannte, wollte er einen Spaziergang zu ſeiner Erholung machen und das Verſäumte ganz gewiß an den andern Abenden nachholen. Das waren ſeine Gedanken, und ſie ſchienen ihm ſo unſchuldig, daß er gar kein Bedenken trug, ſie auszuführen, obgleich die leiſe Stimme ſeines Gewiſſens ihm deutlich genug zuflüſterte, daß er im Begriff ſtehe, unrecht zu thun. Er wußte ſie zum Schweigen zu bringen. Eines Tages, der Geſchäftsfuͤhrer des Herrn Redlich hatte eben das Comptoir auf eine halbe Stunde verlaſſen, trat ein Lehrling aus einem be⸗ freundeten Handlungshauſe herein, um eine Beſtel⸗ lung auszurichten. Als er Robert, mit welchem er ſchon öfters einige Worte geweohſelt hatte, allein ſah, 2** 20 ſetzte er ſich vertraulich neben ihn und fing an mit ihm zu plaudern. „Warum ſieht man dich nur gar nicht außer dem Hauſe, Robert?« fragte er.„Bisher glaubte ich immer, dein Alter(hiemit meinte er Herrn Redlich) ſei daran Schuld, aber der iſt doch jetzt fort, und dennoch läßt du dich nie unter uns blicken. Ich, und mehrere von meinen Bekannten treffen uns alle Abend in einem Kaffeehauſe, rauchen da unſere Ci⸗ garre, ſpielen Billard, oder machen ein anderes Spielchen und ſind da oft kreuzfidel bis tief in die Nacht hinein. Wahrhaftig, es würde dir bei uns recht gut gefallen, denn wir ſind lauter nette Kerls, wie wir da beiſammen ſind.“ „Dürft Ihr denn alle Abende ausgehen, Anton?“ fragte Robert. „Nun, freilich!« entgegnete Anton.„Bei uns iſt jeder ſein eigener Herr, ſobald das Comptoir ge⸗ ſchloſſen iſt. Und wer doch nicht fort darf, nun, der ſucht heimlich davon zu kommen! Ich habe mich ſchon lange gewundert, daß du es nicht auch ſo machſt.« 3 »„Ja, ich thäte es wohl,« ſagte Robert;„aber wie ſoll ich fortkommen. Um ſieben Uhr Abends darf ich erſt das Comptvir verlaſſen; dann muß ich „ 21 hinauf zu Herrn Redlich, und bis neun Uhr lernen, und darauf muß ich zu Bett.“ 1g „Ei, du närriſcher Kerl, warum legſt du dich denn ſo früh zur Ruhe?« fragte Anton.„Kannſt du denn nicht heimlich aus dem Fenſter ſteigen? wenn du um neun Uhr kommſt, ſo triffſt du gerade zur rechten Zeit ein, denn da geht das Leben erſt ordentlich an. Wahrhaftig, Robert, du ſollſt den Spaß einmal mitmachen? Willſt du? Gerade jetzt, wo dein Alter fort iſt, haſt du die beſte Gelegenheit dazu.“ „Nun ja, ich will's verſuchen, hole mich heute Abend um ſieben Uhr ab,« erwiederte Robert, der einer ſo günſtigen Gelegenheit, Bekanntſchaften an⸗ zuknüpfen und einen vergnügten Abend zu verbringen, bei ſeinem Leichtſinne nicht widerſtehen konnte. Er war klug genug, ſeinen Verführer zu durchſchauen und vollkommen genau zu wiſſen, daß man ihn zu etwas Strafwürdigem verlockte; aber er beruhigte ſich ſelbſt mit dem Gedanken, daß er ja jederzeit den Umgang mit Anton wieder würde meiden kön⸗ nen, und daß er nur ein einziges, oder höchſtens ein paar Mal die Geſellſchaft beſuchen wolle. „Wenn Herr Redlich wieder zurück iſt, ſo hört es ja von ſelbſt wieder auf,“ dachte er,„und einige . 22 vergnügte Stunden kann man ſich ja wohl einmal ver⸗ goͤnnen!« Nach Art aller leichtſinnigen Menſchen beſchönigte er ſein Vergehen und ſuchte auf jede Weiſe ſein Ge⸗ wiſſen zum Schweigen zu bringen, anſtatt daß er als ein rechtlicher Jungling auf die Warnung deſſel⸗ ben hätte hören und den Verführer fliehen ſollen. Mittlerweile kehrte der Geſchäftsführer Herrn Red⸗ tichs in das Comptoir zurück; Anton richtete ſeine Beſtellung aus, empfing ſeinen Beſcheid, und ent⸗ fernte ſich, indem er Robert noch einmal verſtohlen mit den Augen winkte. Robert ſah es; aber auch Herr Martin, der Geſchäftsführer, bemerkte den Wink und blickte Robert ernſt an. »„Ich will hoffen, daß ihr Beiden nichts Unrech⸗ tes im Schilde führt,“« ſagte er. „Gewiß nicht, Herr Martin,“ verſicherte Robert eifrig, während eine glühende Röthe, die ſeine Wan⸗ gen dunkler faͤrbte, in ſein Geſicht ſtieg. „Hüte dich vor dem Burſchen, Robert,“ ſagte Herr Martin.„Ich habe nicht viel Gutes über ihn gehört, und warne dich, Umgang mit ihm anzu⸗ knüpfen. Du würdeſt nichts wie Thorheiten, wenn nicht gar noch etwas Schlimmeres von ihm lernen!« Nach dieſen Worten ging Herr Martin wieder 23 an ſeine Arbeit und Robert dachte:„Plaudere du nur! Dich werde ich wohl nicht fragen, mit wem ich mich abgeben will!« Mit Ungeduld erwartete er die Stunde, zu welcher das Comptoir geſchloſſen wurde. Als ſie endlich, viel zu ſpät für ſeine Sehn⸗ ſucht, ſchlug, eilte er raſch in ſein Stübchen hinauf, warf ſich in ſeine beſten Kleider, ſteckte Geld zu ſich, und wartete nur auf Anton, deſſen Ankunft nur zu früh für ſein wahres Wohl erfolgte. Drittes Kapitel. Kobert und ſeine Verkührer. »Du biſt ja ſchon fix und fertig,“ ſagte Anton, indem er ſeinem neuerworbenen Bekannten die Hand ſchüttelte.„Komm nun raſch! Die Meiſten von uns werden ſchon verſammelt ſein!« Robert, deſſen Sehnſucht größer war, als die Antons, ließ nicht lange auf ſich warten, ſondern ſprang hurtig die Stufen der Treppe hinab. Anton führte ihn durch mehrere Straßen in ein ſchmales Gäßchen, ſtieß plötzlich eine Thür auf und lud Ro⸗ bert ein voranzugehen. „Aber mein Gott, dieß iſt doch kein Kaffeehaus!“ rief Robert, der ſich unter einem ſolchen Gebäude den Inbegriff aller Eleganz und Pracht vorſtellte. »Geh' nur vorwärts, es wird dir ſchon gefallen, wenn wir erſt oben ſind.« 25 In dieſem Augenblicke ward oben eine Thür ge⸗ öffnet, und ein breiter Lichtſtrom quoll, wie der Schimmer eines Blitzes, über die ganze Hausflur. Robert, der dicht vor ſich eine Treppe ſah, ſtieg hinauf, und fühlte gleich darauf ſeine Hand von Anton ergriffen, welcher ihn raſch und ſicher in ein hell erleuchtetes, großes Gemach führte. Staunend ſah Robert hier umher. Es ſtanden zwei Billards in dem Saale, auf welchem geſchickte Spieler ihre Künſte zu meſſen ſchienen, da eine große Menge Zu⸗ ſchauer umherſtanden und mit lebhafter Aufmerk⸗ ſamkeit dem Gange des Spiels zu folgen ſchienen. Obgleich viele Lampen in dem Saale brannten, konnte dennoch Robert Nichts deutlich erkennen, indem eine dichte Wolke von Tabaksdampf Alles, das Lebendige ſowohl wie das Todte, wie mit einem Scheine ein⸗ hüllte, und unſerem Robert dermaßen die Bruſt be⸗ engte, daß er huſten mußte. „Aha, du biſt das Ding noch nicht gewöhnt!“ lachte Anton.„Stecke dir auch eine Cigarre in den Mund, und du wirſt weniger von dem Dampfe be⸗ läſtigt werden. Uebrigens haben die Kerls heute wirklich gequalmt wie die Beſenbinder.“ Anton belachte ſeinen erbärmlichen Vergleich aus vollem Halſe und reichte ſeinem Begleiter eine 26 Cigarre, welche dieſer ohne Bedenken anzündete, da es nicht die erſte war, welche er in Rauch und Dampf auf⸗ löste. Hierauf wurde er von Anton an einer Reihe von Tiſchen vorbeigeführt, an denen Etliche aßen, Etliche tranken, Etliche Zeitungen laſen, und noch Andere Schach oder auch Domino und Karten ſpielten. Am Ende des Saales ſtand eine ziemlich lange Tafel, um welche mehrere junge Leute ſaßen, welche mäch⸗ tig qualmten, alſo daß ſie lebendigen kleinen Schorn⸗ ſteinen glichen. Ueberdieß hatten ſie gewaltig große Humpen vor ſich ſtehen, aus denen ſie in vollen und durſtigen Zügen Bier tranken. Anton begrüßte ſie vertraulich und als alte Bekannte, und ſtellte ihnen ſodann Robert vor, der, wie er ſagte, fortan öfter das Vergnügen haben würde, mit ihnen Allen zuſammen zu ſeirn. „Das machſt du recht,“ alter Junge, nahm Einer von Jenen das Wort.„Es taugt nichts für einen jungen Burſchen, daß er, wenn er den ganzen Tag geſeſſen hat, auch noch den lieben langen Abend zu Hauſe hockt. Da ſetz' dich hier mitten unter uns, und ſei fidel wie wir! Uns biſt du willkommen, und ich denke auch, es wird dir bei uns recht wohl gefallen.“ Robert erwiederte einige kecke paſſende Worte, 27 welche ihm ſogleich eine gewiſſe Achtung unter den ſittenloſen jungen Leuten verſchafften, und begann darauf die verſchiedenen Geſichter ſeiner neuen Be⸗ kannten zu muſtern. Die Meiſten, obſchon noch ſehr jung, wie denn kein Einziger von ihnen über achtzehn Jahre alt war, hatten blaſſe, eingefallene Geſichter, in denen Ausſchweifungen und nächtliche Schwelge⸗ reien ſchon die ſichtbarſten Spuren in den matten Augen und den welken Zügen zurückgelaſſen hatten. Nur wenigen blühte noch das friſche Roth der Ge⸗ ſundheit auf den Wangen, und auch dieſe Wenigen mußten über kurz oder lang den Uebrigen ähnlich werden, wenn ſie nicht bei Zeiten von dem Pfade der Völlerei und der Ausſchweifungen ablenkten. Ach, wenn doch nur alle Jünglinge, die im Ge⸗ fühle der Geſundheit und Kraft, verführt durch Bei⸗ ſpiel und Gelegenheit, wild auf ihren Körper ein⸗ ſtürmen, bedächten, daß ſie die wenigen Jahre eines unerquicklichen Rauſches mit ewigem Siechthum be⸗ zahlen müſſen, ſie würden, wahrlich! ſich huten, den Giftbecher unedler Vergnügungen bis auf die Hefen zu leeren. Seht ſie doch nur an, Ihr, die Ihr in einem geſunden Körper noch eine geſunde Seele bewahrt, ſeht ſie doch an, jene jungen Greiſe, denen das Laſter der Trunkenheit und Wolluſt in ſo leſerlichen 28 Zügen auf der bleichen Stirne geſchrieben ſteht! Mögtet Ihr ihnen dann gleichen? Mögtet Ihr Eure hellen Augen, Eure pfirſichrothen Wangen, die Schnellkraft und Friſche Eures jugendlichen Körpers gegen den trüben Blick, die eisfahlen Geſichter und die ſchlaffen Muskeln jener Schwächlinge vertauſchen? Und um welchen Preis vertauſchen? Um den Preis durchwachter Nächte, die dem erquickenden Schlum⸗ mer gewidmet ſein ſollen! Um den Preis eines Rauſches, der Euch unter das Thier herabwürdigt; um den Preis noch abſcheulicherer Vergügungen, die ich nur andeuten, nicht nennen kann, weil ſich meine Seele dagegen empört! Ich weiß es wohl, daß Viele, die dieſe Worte leſen, im Gefühle ihrer noch ungeſchwächten Geſundheit denken:„das iſt übertrie⸗ ben!« O, mein Gott, übertrieben! Ich ſage Euch, daß die Wirklichkeit ſo ſchrecklich iſt, daß die Phan⸗ taſie mit all' ihrem Schwunge nicht im Stande iſt, ſie zu erreichen und ein treffendes Bild von ihr zu geben. Die Völlerei in der Jugend, die Ausſchwei⸗ fungen der Jugend, das iſt die wahre Erbſünde, welche die Völker vergiftet, und die ſtärkſten Ge⸗ ſchlechter zu elenden Siechlingen macht. Die geſunde Vernunft muß Euch ja ſagen, daß ich Recht habe, und wenn Ihr mit Aufmerkſamkeit umherſchaut, muß 29 die Erfahrung die Schlüſſe Eurer Vernunft beſtäti⸗ gen. Wenn Ihr einen Mann ſeht in den Jahren, wo er noch auf dem Gipfel ſeiner Kraft ſtehen müßte, und doch ſchon mit tauſendfachen, namenlo⸗ ſen Leiden des Körpers zu kämpfen hat, die ihm faſt jede Stunde des Lebens verbittern und in jeden Becher der Freude einen Gifttropfen träufeln, ſo fragt ihn:„Was iſt der Grund, daß dein Körper zerrüttet, deine Geſundheit zerſtört iſt?« Und in neunundneunzig Fällen von Hunderten werdet Ihr hören, daß Ausſchweifungen in der Jugend der Grund und die Wurzel all' ſeiner Uebel ſind. Wenn Euch die böſen Buben locken, ſo folgt ihnen nicht! Wenn Euch die Sünde anlächelt in ihrem reizenden Gewande, das nur Verweſung und Peſt bedeckt, ſo fliehet ſie! und was Ihr auch thut und beginnt, be⸗ denkt immer das Ende! Wohl weiß ich, daß die Verführung maͤchtig iſt, aber ich weiß auch, daß es etwas Gewaltigeres gibt, als alle Verführung, und das iſt der unveränderliche Hinblick auf den, der ſtark iſt in dem Schwachen, der die wankende Seele ſtützt, und den Fallenden aufrecht erhält mit ſtarker Hand. Gott iſt es, der allein Euch vor dem Ver⸗ derben behüten kann! Zu ihm erhebet jederzeit in kindlicher einfacher Frömmigkeit Herz und Hand, und 30 glaubt immer, daß alsdann die Sünde immerdar fern von Eurer Seele bleiben wird. Robert in ſeinem Leichtſinne hatte den Schild von ſich geworfen, der ihn vor den Strudeln des Böſen bewahren ſollte, und er taumelte blind und ahnungslos dem Verderben zu. Nach wenigen Minuten ſtand vor ihm, wie auch vor Anton ein Humpen ſchweren Bieres, und Ro⸗ bert gab ſich alle mögliche Mühe, es den Uebrigen im Trinken gleich zu thun. Das berauſchende Ge⸗ tränk ſtieg ihm, ſo wie allen Andern zu Kopfe, und eine tolle, lärmende Luſtigkeit nahm mehr und mehr an der Tafel überhand. Unzüchtige Scherze wurden ausgeſprochen, die ein unſchuldiger Jüngling nicht ohne Erröthen würde angehört, haben. In dieſer Ge⸗ ſellſchaft aber wurden ſie belacht und mit ſo lebhaftem Beifalle belohnt, daß bald Einer den Andern in un⸗ fläthigen Redensarten zu überbieten ſuchte. Alle achtbaren Leute, welche mit Unwillen das Treiben jener Burſche bemerkten, hatten ſich erſt nach und nach aus der Nähe ihres Platzes zurückgezogen, und ſich endlich ganz entfernt. Jetzt ſtieg der Muthwil⸗ len der Buben immer höher, denn mehr und mehr umnebelte die Trunkenheit ihren Verſtand, und mit Schmerz müſſen wir ſagen, daß Robert, deſſen 31 Leichtſinn an dieſer Geſellſchaft Behagen fand, ſich als Einer der Lärmendſten und Ungeſittetſten in der Schaar zeigte. Die Buben fingen endlich gar an, unzüchtige Lieder zu ſingen, und trieben ihren Leicht⸗ ſinn ſo weit, daß der Wirth ihnen zuletzt unwillig ankündigte, ſie mögten ſich anderswo einen Tum⸗ melplatz ihres Vergnügens ſuchen. Dieß reizte die Wuth der berauſchten jungen Leute, und um den Wirth zu ärgern zerſchlugen ſie Gläſer und Flaſchen, bezahlten den Schaden, den ſie angerichtet hatten, und ſtürmten unter lautem Gelächter zum Hauſe hinaus. Singend und laͤrmend zogen ſie noch ein Weilchen in der Stadt umher, richteten allerlei Un⸗ fug an, und ruheten nicht eher, als bis Einige von ihnen ergriffen und auf das Polizeigefängniß abge⸗ führt wurden, um dort auf harter, hölzerner Pritſche ihren Rauſch auszuſchlafen. Unſerem Robert war es mit Hilfe Antons geglückt, der Schaarwache zu entkommen. Er taumelte nach Hauſe, riß nur die Hälfte ſeiner Kleider vom Leibe, und warf ſich dann auf ſein Bett, wo er den unruhigen, von ſchweren Traͤumen beängſtigten Schlummer des Trunkenen ſchlief. 5 Beim Erwachen fühlte Robert heftiges Kopfweh und konnte ſich lange nicht auf die Begebenheiten 32 des geſtrigen Abends beſinnen. Endlich aber kehrten alle die häßlichen Auftritte in ſein Gedächtniß zu⸗ rück, und er fühlte eine Anwandlung von Reue. „Nein,« murmelte er vor ſich hin,„dergleichen ſoll nicht wiederholt werden! Die Nachwehen ſind doch gar zu übel.“ Er wuſch ſeinen Kopf mit kaltem Waſſer, um die Schmerzen ein wenig zu lindern; aber es half uur wenig. Es war ihm zu Muthe, als ob eine bleierne Kugel über ſein Gehirn hin und her rollte, und der Geiſt war ihm ſo dumpf und gelähmt, daß er keinen zuſammenhängenden Gedanken zu faſſen vermogte. Dazu ärgerte ihn das viele Geld, was er in den wenigen Stunden des Rauſches vergeudet hatte, und noch einmal faßte er den Entſchluß, ſich von der Geſellſchaft jener laſterhaften jungen Leute zurückzuziehen. Aber hat dich der Teufel nur erſt bei Einem Haar, ſo hat er dich gewiß auch bald ganz! Am Abend, als das Comptoir geſchloſſen war, und Ro⸗ bert mißmuthig auf ſeinem Zimmer ſaß, ohne Nei⸗ gung und Kraft zur Arbeit zu ſpüren, kam wie ge⸗ ſtern Herr Anton anſpaziert, und forderte Robert auf, ihn von Neuem in die luſtige Geſellſchaft zu begleiten. Robert weigerte ſich deſſen; ſein Ver⸗ führer aber wußte ihn ſo ſchlau zu überreden, wußte ihm ſo ſüß vorzumalen, welches Vergnügen ihn erwarte, daß Robert erſt ſchwankte, und dann, mehr um den Vorwürfen, die ihn innerlich beſtürmten, zu entgehen, als dem Andringen Antons nachgebend, wirklich ſich entſchloß, ihn noch einmal zu begleiten. Aber gewiß zum letzten Male! Er ſteckte ſein Geld zu ſich, ſetzte ſeinen Hut auf, und folgte dem Verführer in eine ſchlechte Kneipe, wo er von einem großen Theile der Geſellſchaft mit fröhlichem Zurufe bewillkommt wurde. Robert aber nahm die Frendenbezeigungen kalt auf, denn noch immer ſchmerzte ihn der Kopf zum Zerſpringen und er fühlte ſich daher ſehr verſtimmt. Die Uebrigen merkten es ſogleich und ſuchten ſeine üble Laune durch Neckereien zu vertreiben. „Der arme Junge!“ ſagte der Eine mitleidig. „Er hat ſich geſtern ein Bischen zu viel gethan und laborirt nun am Katzenjammer.“ „Ja, ja, ſeht nur, welch' ein jämmerliches Geſicht er zieht, als ob tauſend Maikäfer in ſeinem Kopfe herumkrabbelten,“ rief lachend ein Anderer. „Ach, und ſo blaß ſieht er aus,« ſprach ein Dritter mit angenommenem Mitleiden.„Wir müſſen eigentlich zum Doktor ſchicken und ihn kuriren laſſen.“ Der verlorne Sohn. 3 34 „Was da Doktor!“ ſchrie ein Vierter, indem er Robert ein großes Glas voll Rum und Waſſer reichte.„Trink das, Bruder, und dein Katzenjammer iſt weg, wie Schnupftabak!“ „Ja, trink, Robert,« ſtimmten die Uebrigen bei, —„trink! dann wirſt du wieder ein anderer Kerl!“ Robert empfand einen unbeſchreiblichen Ekel vor dem berauſchenden Getränk. Da aber die Uebrigen nicht nachließen, ihm zuzureden, ſo leerte er endlich das Glas mit Einem Inge bis auf den Grund. Die Uebrigen ſahen es jauchzend, und es erfolgte darauf eine Scene, die mit der geſtrigen zu viele Aehnlich⸗ keit hatte, als daß wir Neigung fühlten, ſie zu be⸗ ſchreiben. Es möge die Bemerkung genügen, daß Robert eben ſo trunken, wie am vergangenen Abend uach Hauſe zurückkehrte, und beim Abſchiede ſeinen glorreichen Genoſſen verſprach, fortan bei keiner ihrer Verſammlungen mehr zu fehlen. Er hielt leider Wort, aber die Folgen machten ſich ihm bald genug fühlbar. Viertes Kapitel. Kobert wird immer lafterhaſter. Dem Geſchaͤftsführer des Herrn Redlich entging es nicht, daß Robert von der Zeit an, wo er den Einflüſterungen und der Verführung Antons nachge⸗ geben hatte, ein ganz anderer Menſch geworden war. Die durchwachten Nächte, die berauſchenden Getränke, die Vorwürfe des Gewiſſens, welche ſich noch dann und wann geltend machten, verfehlten ihre zerſtö⸗ rende Wirkung auf Roberts Geſundheit nicht, und traurig ſchüttelte Herr Martin den Kopf, wenn er den verführten Jüngling des Morgens in das Comptoir treten ſah. Seine bisher friſchrothen Wangen waren bald bleich und aſchfarben, bald brannten ſie in fieberhafter Gluth, und ſeine hellen blitzenden Augen wurden trübe und immer trüber. Dazu kam, daß er, der ſonſt nie die Arbeitsſtunde 3*⁸ 3 36 zu verſchlafen pflegte, jetzt oft viel zu ſpät in das Comptoir kam, und ſeine Geſchäfte mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Nachläſſigkeit beſorgte. Er ſchien immer im halben Traume zu ſein, und ſeine Gedanken gar nicht beiſammen zu haben, ſo daß ihm Herr Mar⸗ tin gar keine Arbeit anvertrauen konnte, zu der ein wenig Nachdenken und Aufmerkſamkeit gehörte. Dieß war eine natürliche Folge des Trunks, welche immer, und beſonders bei jungen Leuten, wie Robert, die fürchterlichſten Zerſtörungen am Geiſte und Kör⸗ per anrichtet. Wohl verſuchte Herr Martin mehrere Male mit Güte und Freundlichkeit, ihn von dem Pfade des Laſters abzubringen. Aber Robert, in ſeiner hals⸗ ſtarrigen Verblendung läugnete entweder ſeine Aus⸗ ſchweifungen, oder fertigte Herrn Martin, wenn er leicht läugnen konnte, ſo kurz und naſeweis ab, daß dieſer endlich die Hoffnung aufgab, den Ver⸗ blendeten zu beſſern. Fortan ſchwieg er, und ſehnte die Rückkehr Herrn Redlichs herbei, welchem er einen größern Einfluß auf den irregeleiteten Jüngling zutraute. Was Herr Martin herbeiſehnte, fürchtete Robert. Er fürchtete die ſtrengen Vorwürfe ſeines Lehrherrn, 37 fürchtete, daß dieſer ſeinem Vater einen genauen Bericht über ſeinen Lebenswandel abſtatten würde. Und trotz dieſer Furcht, die gegründet genug war, hatte der Unglückliche dennoch nicht die Kraft, inne zu halten und umzulenken. So wahr iſt der Aus⸗ ſpruch, daß die Sünde nur ſchwer den wieder frei läßt, den ſie einmal in ihren Haaren gefangen hat. Oft verſuchte es Robert, von Gewiſſensangſt dazu getrieben, die Abende zu Hauſe zu bleiben, und wo möglich die bis dahin verſäumte Arbeit nachzuholen; aber entweder war er zu ſchwach, ſeine eigene Faul⸗ heit zu überwinden, oder Anton kam, um ihn von ſeinen ernſteren Beſtrebungen abzuziehen. Robert folgte dem lockenden Rufe zur Sünde, und— ließ die Sachen gehen, wie ſie wollten. Mit unbegreif⸗ lichem Leichtſinne dachte er:„es kann höchſtens einen tüchtigen Sturm ſetzen, wenn Herr Redlich kommt,“ und vergaß, daß er ja nur ſich ſelbſt den größeſten Schaden zufügte, indem er die Gelegenheit ver⸗ ſäumte, ſich nothwendige und nützliche Kenntniſſe zu erwerben. Dieß iſt übrigens ein ſehr gewöhnlicher Fehler, vor welchem ſich jugendliche Gemüther beſon⸗ ders zu hüten haben. Eure Eltern, Lehrer, Freunde halten Euch, liebe Kinder, ja nicht zur Arbeit an, damit ſie Vortheil davon ziehen; nein, Ihr allein 38 ſollt den Nutzen davon haben und habt ihn, und nur zu Eurem eigenen Beſten dient es, wenn man, wo Güte nicht hilft, Strenge anwendet. Ach, nur zu oft habe ich die Bemerkung gemacht, daß Kna⸗ ben ſich freuten, wenn ſie eine Arbeit verſäumt und der Strafe dafür zu entgehen gewußt hatten! Sie freuten ſich in ihrer Unwiſſenheit über ihre eigenen Verluſte. Schadet es denn dem Lehrer, wenn Ihr faul und nachläſſig ſeid? Keineswegs! Nur Euch ganz allein ſchadet es, wenn Ihr das doch immer bedächtet, liebe kleine Freunde! Heerr Redlich kam nach Ablauf einiger Wochen von feiner Reiſe zurück, und ſah ſchon aus dem Armenſündergeſicht, mit welchem Robert ihn empfing, daß der Jüngling ihm Urſache zur Unzufriedenheit gegeben habe. Und mit herzlichem Bedauern fand er ſpäter ſeine ſchlimmſten Muthmaßungen beſtäͤtigt. Er vernahm den Bericht ſeines Geſchäftsführers, ſah die Arbeiten durch, welche Robert ihm vorlegen mußte, und zog daraus den Schluß, daß der Jüngling ſeine Zeit ſo übel wie möglich angewendet, daß er ſie auf das Gewiſſenloſeſte vergeudet haben müſſe. Zit⸗ ternd ſtand Robert vor ihm und erwartete mit Za⸗ gen den Sturm, welcher, wie er meinte, nun un⸗ fehlbar gegen ihn losbrechen müſſe. Aber Herr Red⸗ 39 lich ſah ihn nur ſtill und traurig einige Sekunden lang an, und ging ſodann mit großen Schritten, in tiefes Nachdenken verſunken, auf und ab. „Robert,“ ſagte er endlich weich, indem er vor dem Jüngling ſtehen blieb und ſeine Hand ergriff, „Robert, du haſt mich tief betrübt, haſt mir einen großen und ſchmerzlichen Kummer bereitet! daß ich dich ſo, ſo wieder finden würde nach einer Abweſen⸗ heit von nur wenigen Wochen, das habe ich mir nicht träumen laſſen! Daß du ſobald die Verſpre⸗ chungen, die du mir, die du deinem würdigen Vater aufs Feierlichſte machteſt, ſo bald, ſo leichtſinnig vergeſſen, und dich in blinder Wuth ſo haſtig auf die Bahn des Verderbens ſtürzen würdeſt, das konnte, das mogte ich nicht glauben. Du haſt ſchwere Strafe verdient, aber ich will dich nicht ſtrafen, da ich noch immer hoffe, daß du den ſtrengſten Richter in deiner eigenen Bruſt finden wirſt, wenn du erſt wieder zur Beſinnung und zu dir ſelbſt gekommen biſt. Aus der Reiſe in die Heimath freilich, die ich dir verſprach, kann natürlich unter den vorliegenden Umſtänden nichts werden, denn du haſt ſo viele edle Zeit verſäumt, daß du jede Stunde benutzen wirſt und mußt, um die Verſäumniß wieder einzubringen. Ich werde deinem Vater ſchreiben, daß er dich nicht 40 vergeblich erwarten ſolle, und dieß mag die einzige Strafe ſein, die dich unmittelbar betrifft.« Robert ſühlte ſein Herz im Buſen ſchmelzen, als er die ſanften Vowürfe Herrn Redlichs vernahm, und weinend warf er ſich vor ihm nieder, um ſeine Verzeihung anzuflehen. „Schreiben Sie nur dießmal meinem Vater nichts,« bat er mit gerungenen Händen.„Nur dieß einzige Mal vergeben Sie mir, und Sie ſollen ſehen, daß es fortan beſſer mit mir gehen wird. Ja, ich will umkehren, ich will allen ſchlechten Umgang vermeiden, und nie ſollen Sie wieder eine Klage über mich führen können!« Herr Redlichs weiches und ſanftes Gemüth hielt Roberts Ausbrüche der Leidenſchaft für Reue, obgleich ſie doch nur von der Angſt vor ſeinem Vater her⸗ vorgelockt waren. Reue empfand Robert noch nicht, und ſchwere Schickſale mußten ihn erſt noch treffen, bis ihre heilſame Macht ſein Herz von den Schlacken des Leichtſinns reinigte. Aber Herr Redlich ließ ſich nur zu leicht täuſchen, und weil er ſelbſt ein Herz voll Güte beſaß, traute er auch Andern nichts wie Gutes und Liebes zu. Ihm ſelbſt zitterte eine Thräne im Auge, als er den Jüngling aufhob und verzeihend an ſeine Bruſt ſchloß. 4 »Ja,“ ſagte er,„ich will dir vergeben und will 41 deinem Vater verhehlen, was ihm nur Schmerz und Kummer bereiten würde. Aber wehe dir, Robert, wenn du mich täuſchteſt! Der gerechte Himmel würde ſolche Sünde nicht unbeſtraft laſſen!« Noch einmal ſah ſich Robert auf einen Standpunkt erhoben, wo ihm die Wahl zwiſchen Gutem und Böſem leicht gemacht worden war. Er brauchte fortan nur ſeine Pflicht zu thun, und ſein ganzes vergangenes Leben wurde vergeſſen und eine glück⸗ liche, ſorgenloſe und kummerfreie Zukunft lag vor ihm. Aber dennoch ſtrauchelte er wieder und fiel tiefer als je zuvor., Er hatte den ſüßen Giftkelch des Laſters nun einmal gekoſtet und war zu ſchwach ihn von ſeinen Lippen zu reißen, bevor er ihn bis auf die Hefen geleert hatte. Darum hüte dich doch ja, mein freundlicher Leſer, der du noch voll Unſchuld in das Leben hinein ſchauſt, den erſten Schritt auf dem Wege des Böſen zu thun. Einmal gethan, zieht er den zweiten nach ſich und den dritten, bis du unrettbar dem Verderben in die Arme ſinkſt. Lauſche auf die Stimme Gottes in deiner Bruſt, und wovor ſie dich warnt, das fliehe, und ſollte es dich den härteſten Kampf koſten. Dann kannſt du dereinſt, Friede und Ruhe im Herzen, auf dein vergangenes Leben zurückſehen, und kein Wurm 42 nagt an deiner Seele, der die Fülle des Glücks ver⸗ giftete, womit der allliebende Vater jedes Menſchen⸗ leben, das rein und tugendhaft bleibt, noch immer geſegnet hat. Eine kurze Zeit nur blieb Robert ſtandhaft und wies die Stimme der Verführung von ſich, welche bald wieder lockend in ſein Ohr tönte. Endlich erlag er ihr doch, und Alles, was vorhergegangen war, diente zu weiter nichts, als nur dazu, ihn vorſichti⸗ ger zu machen, damit ſein Lebenswandel, der das Licht ſcheuen mußte, im Verborgenen bliebe. Heim⸗ lich ſtieg er, wie Anton ihm einſtens gerathen hatte, aus dem Fenſter ſeines Kämmerleins, und während Herr Redlich ihn in den Armen des Schlafes glaubte, taumelte er auf der Bahn des Laſters dahin und verſank immer tiefer und tiefer im Schlamme der Sünde. Wie eine ſchlechte That die andere nach ſich zieht, ſo auch hier. Bald reichte Roberts Geldbeu⸗ tel nicht aus, ihm die Vergnügungen zu verſchaffen, an die er ſich nun ſchon gewöhnt hatte, und er ließ ſich, um ſeine Börſe wieder zu füllen, zum Spiele um Geld verleiten. In heimlichen Kammern ſaß er bei den Würfeln oder andern Glücksſpielen, und gewann bald, bald verlor er. Das gewonnene Geld 43 war immer ſchnell genug wieder verſchleudert, und das verlorene erſetzte er, indem er nach und nach ſeine Habſeligkeiten verkaufte, und endlich bei ſeinen Ge⸗ noſſen, die gehört hatten, daß ſein Vater ein wohl⸗ habender Mann ſei, Schulden machte. Begünſtigte ihn einmal das Glück am Spieltiſche wieder, ſo bg⸗ zahlte er die gemachten Schulden, und ſchleppte ſich auf ſolche Weiſe ein Jahr lang hin, ohne daß Herr Redlich nur eine Ahnung davon hatte, wie ſein Lehr⸗ ling ſeine Nächte vergeudete. Wohl bemerkte er den immer ſichtbarer werdenden Verfall von Roberts Geſundheit, ſchrieb denſelben aber eher jeder andern Urſache zu, als der wahren, indem der Jüngling ſich mächtig zuſammen nahm, Herrn Redlich wenigſtens im Geſchäfte keine Veranlaſſung zu Klagen zu geben. Herr Redlich zeigte ſich ganz zufrieden mit ſeinem Lehrlinge, und ſah durch die gleißende Außenſeite deſſelben nicht, daß ſein Inneres vom Wurme der Sünde angefreſſen war. Aber der Krug geht ſo lange zu Waſſer bis er bricht. Robert hatte eine Zeitlang viel Unglück im Spiel gehabt und nach und nach bedeutende Schulden ma⸗ chen müſſen, um ſein verabſcheuenswürdiges Leben fortführen zu können. Ein volles Jahr hindurch 44 hatte er die Gelder, welche er von ſeinem Vater empfing, um ſeine Kleidung und manches andere Nothwendige zu bezahlen, unterſchlagen, und die Handwerksleute von einem Tage zum andern ver⸗ tröſtet und hingehalten; und endlich hatte ihm Herr Redlich einige Vorwürfe gemacht, weil er in ſeiner Kleidung anfing nachläſſig zu werden. Dieß letztere aber hatte ſeinen guten Grund, denn Robert hatte alle ſeine Kleider bis auf einen einzigen Anzug, der natürlich mit der Zeit immer ſchlechter wurde, verkauft. Eines Abends ſpät ſaß er auf ſeinem Zimmer und in ſeinem bleichen, abgezehrten Geſichte malte ſich die lebhafteſte Angſt. Einige ſeiner Gläubiger hatten ihm nämlich gedroht, ihn bei Herrn Redlich zu verklagen, und Robert fürchtete natürlich, daß dadurch endlich ſeine lange verhehlte ſchlechte Auf⸗ führung an den Tag kommen und ſein Gewebe von Lügen, welches er um Herrn Redlich geſponnen, zerriſſen werden würde. Die Folgen dieſer Entdeckung ſchienen ihm ſo unerträglich, daß er vor Angſt bei⸗ nahe ſinnlos war, und die abenteuerlichſten Pläne ausheckte, um derſelben zu entgehen. Lange ſtarrte er nachdenkend auf einen Fleck hin, bis endlich ein heller Glanz ſein Geſicht überflog, der bezeugte, 45 daß er einen Ausweg aus dem Irrſale gefunden habe. „Ja!« rief er aus, indem er aufſprang und ha⸗ ſtig in ſeiner Kammer hin und her rannte,—„ja, das geht. Ich will fliehen und Schauſpieler werden. Da kann ich ein luſtiges Leben führen, brauche mich nicht den ganzen Tag mit den verwünſchten Hand⸗ lungsbüchern herumzuquälen, und, was die Haupt⸗ ſache iſt, entgehe dieſem Meere von Schulden, deſſen Wellen, wenn ſie über mich zuſammenſchlagen, mich erſticken müſſen.“ Je länger Robert dieſen Einfall überlegte, deſto beſſer gefiel er ihm, da er ſich nur die glänzendſte Seite deſſelben vormalte. Die Schattenſeite kannte er ja nicht, und war der Meinung, daß des Schau⸗ ſpielers Leben eine ununterbrochene Kette von Wohl⸗ leben und Triumphe ſei. Bis zum Morgen blieb er wach und überlegte die Schritte, die er zu thun habe, um ſeinen beab⸗ ſichtigten Zweck erreichen zu können. Vor der Hand brauchte er für nichts zu ſorgen, als für Geld und einen Paß unter fremdem Namen, und Beides wußte er ſich zu verſchaffen. Das Erſtere von ſeinem Vater unter dem Vorwande einiger außerordentlicher nothwendiger Ausgaben; den Paß aber durch Ver⸗ 46 mittlung eines ſeiner Sündengenoſſen. Seinen Vater konnte der Elende leicht täuſchen, da dieſer nichts über ihn gehört hatte, als nur Liebes und Gutes und daher dem Ungerathenen großes Vertrauen ſchenkte. Fünftes Kapitel. Kobert wird Komödiant. Es war eine finſtere Herbſtnacht, als Robert mit allem Nöthigen verſehen, aus dem Fenſter ſtieg, um ſeine Flucht anzutreten. Er empfand keine Spur von Gewiſſensbiſſen, und nur die Angſt fuhr ihm manchmal durch den Sinn, daß er von Steckbriefen verfolgt und gefangen nach Dresden geführt werden mögte. Doch wußte er auch dieſes bängliche Gefühl bald zum Schweigen zu bringen, indem er ſich da⸗ mit tröſtete, daß er ja einen ganz richtigen Paß unter fremdem Namen habe, und alſo nicht ſo leicht erkannt werden könne. Die Folge bewies, daß er recht hatte; denn un⸗ geſtört reiste er eine Zeitlang in Deutſchland umher, ohne beläſtigt zu werden, bis er endlich in eine kleine Stadt kam, wo eine wandernde Theatergeſell⸗ 48 ſchaft für einige Zeit ihren Kunſttempel aufgeſchlagen hatte. „Jetzt,“ dachte Robert,„jetzt biſt du weit genug von Hauſe und von allen Bekannten entfernt, und kannſt es ſchon wagen, dein Glück auf den Brettern zu verſuchen.“ Ohne Säumen bürſtete er ſeine Kleider recht ſauber, machte ſich blank und ſtattlich wie er nur irgend konnte, ließ ſich die Wohnung des Theater⸗ direktors zeigen, und machte ſich mit klopfendem Herzen zu ihm auf den Weg. Schüchtern pochte er an die Thüre des Gewaltigen, und betrat zierlich auf den Zehen das Gemach, als eine donnernde Stimme innerhalb des Zimmers„herein!« rief. Robert machte ein verwundertes Geſicht, als er den Herrn Direktor und ſeine Umgebung muſterte; denn ein ſolches Bild von Unordnung war ihm noch nie⸗ mals vor die Augen gekommen. Das ziemlich ge⸗ räumige Gemach war von Möbeln faſt ganz entblößt, nur an dem einen Fenſter ſtand ein alter wackeliger Tiſch, der nur noch drei Beine hatte, und deßhalb, damit er nicht umfallen möge, gegen die Wand ge⸗ lehnt und dort mit Nägeln und Bindfaden noth⸗ dürftig befeſtigt worden war. Auf dieſem Tiſche zeigte ſich ein Töpfchen von gebranntem Thon, welches 49 am Mangel eines Henkels litt, der bei irgend einer Gelegenheit verloren gegangen ſein mußte. Im Uebrigen aber gewährte das Töpfchen keinen üblen Anblick, indem es bis an den Rand mit einer brau⸗ nen Flüſſigkeit angefüllt war, die ein Unerfahrener für Kaffee, ein Erfahrener aber als Cichorienabſud angeſprochen haben würde. Neben dem Töpfchen ſtand eine Taſſe, ganz complet bis auf einen Riß, welcher dieſelbe von oben bis unten hin ſpaltete, weß⸗ halb man ſie auch mit einem feinen Drahte umgürtet hatte, um das zu frühe Auseinanderfallen deſſelben zu verhüten. Und neben dieſem dreibeinigen Tiſche mit dem zerbrochenen Töpfchen und der bedrahteten Taſſe ſaß auf einem etwas wurmſtichigen Stuhle der König und Gebieter der reiſenden Schauſpieler⸗Geſellſchaft, und ſchaute mit einem ſcharfen und durchdringenden Blicke unſeren Robert an, der mittlerweile die vielen Kiſten und Kaſten, welche an den Wänden und auch in der Mitte des geräumigen Zimmers umherſtanden und mit allerlei Plunder bedeckt waren, mit raſchem Auge muſterte. „Was wünſchen Sie?“« fragte der Direktor barſch, indem er die Abſicht des angehenden Schauſpielers, bei ihm engagirt zu werden, bereits errathen haben mogte. Der verlorne Sohn. 4 50 Robert maß den Direktor vom Kopfe bis zu den Füßen, und gewahrte ein dürres kleines Männchen, das von einem ſchmutzglänzenden und zerriſſenen Schlafrocke dicht eingehüllt war. Dann machte er eine tiefe Verbeugung und ſprach ſeinen Wunſch aus, bei der berühmten Schauſpielergeſellſchaft des Herrn Direktors Rehberg angeſtellt zu werden. Jaetzt war die Reihe der Muſterung wieder an dem Theaterkönige, und er betrachtete ſtillſchweigend und mit ſcharfem Auge den jungen Mann, welcher unter ſeiner hohen Leitung das Publikum mit künſt⸗ leriſchen Darſtellungen beglücken wollte. Die Muſte⸗ rung ſchien übrigens für Robert nicht ganz ungünſtig auszufallen; der bisher finſter ſchauende Direktor zog ſein hageres Geſicht nach und nach in freundliche Falten und ſchien mehr und mehr geneigt, den ver⸗ irrten Jüngling in Gnaden anzunehmen. Robert ſchöpfte die beſte Hoffnung, denn er war ſich bewußt, daß ſeine hoch aufgeſchoſſene und ſchlanke Geſtalt nicht übel ausſah, und überdieß bildete er ſich, wie alle junge Leute, die zum Theater gehen wollen, ſteif und feſt ein, daß er ein mehr als gewöhnliches Ta⸗ lent für die Bühne habe. Der Direktor aber dachte weder an Roberts ſchlanke Geſtalt noch auch an ſeine muthmaßlichen 51 Talente. Er ſah nur auf ſeine für einen umher⸗ ſchweifenden Schauſpieler noch ziemlich anſtändige Kleidung, und ſchloß aus dieſem, ſowie aus Roberts keckem und unbefangenen Benehmen, daß er noth⸗ wendiger Weiſe mit einigem Gelde verſehen ſein müſſe. Und Geld war eine Macht, vor welcher Herr Rehberg jederzeit ſich zu beugen pflegte. „Was hat man fuͤr ein Rollenfach?« fragte er ſanfter und freundlicher als bisher.„Wahrſcheinlich jugendliche Helden?« „Ei ja, dies Fach würde ich mich wohl getrauen auszufüllen;« erwiederte Robert keck. Des Direktors Geſicht zog ſich bei dieſer Antwort wieder etwas in die Laͤnge.„Alſo man hat noch niemals geſpielt?« fragte er gedehnt.„Man will die erſten Verſuche machen? Da wird es ſchwer halten, bei mir ein Engagement zu bekommen, denn ich kann nur tüchtige und wohl routinirte Subjekte gebrauchen.“ Roberts Herz ſchlug bei dieſen Worten des Di⸗ rektors ein wenig ängſtlich, und ſeine Hoffnungen, die ſich ſchon zu einer ziemlichen Höhe erhoben hatten, ſanken um ein Bedeutendes wieder herab.„Wenn Sie doch nur einen Verſuch mit mir machen wollten,“ ſagte er ſchüchtern.„Ich glaube Talent zu haben 4** 52 und will mir gewiß alle mögliche Mühe geben, Sie und die Zuſchauer zu befriedigen.& Der Direktor ſchüttelte den Kopf, als ob er dieſe Hoffnung des Jünglings durchaus nicht theilen könne. „Das iſt viel ſchwieriger, als man ſich einzubilden ſcheint,“« 1 gte er bedächtig. Doch einen Verſuch 1 man ja allenfalls machen, nur müßte ich da⸗ möglichem Schaden geſichert ſein. Sehen junger Herr, das hieſige Publikum iſt an die iſtungen meiner Geſellſchaft gewöhnt und damit ſo ufrieden, ds ih an jedem Spielabende ein volles kann. Brächte ich nun aber auf wildfremden Menſchen auf die Bühne, Rolle aus, die Ihnen gefällt und treten Sie auf, zurück, wenn ich an der gewöhnlichen Einnahme kei⸗ enen Verluſt erleide; für den Nothfall aber, und das werden Sie billig finden, muß ich gegen etwaigen Verluſt gedeckt ſein.« te können ſich das denken,— ſo mögte das Haus leer bleiben und ich erlitte einen beträchtlichen Verluſt. Aber hören Sie mich an, ich will Ihnen 1 einen Vorſchlag machen. Hinterlegen Sie bei mir zwanzig Thaler, die wenigſtens die Koſten eines Spielabends decken, und dann ſuchen Sie ſich eine wenn Sie wollen. Natürlich erhalten Sie Ihr Geld 53 Robert, im Vertrauen auf ſein großes Talent, von dem er ſich den beſten Erfolg verſprach, ging ohne Bedenken dieſe Bedingung ein, bei welcher der ſchlaue Direktor auf alle Fälle ſeinen Vortheil vor Augen ſah. Bisher hatte ihm noch kein einziger Abend zwanzig Thaler eingebracht; alſo ſicherte ihm Roberts Auftreten eine Einnahme, die ſeine kühnſten Erwartungen weit überſtieg. Mit Schmunzeln nahm er die harten Thaler in Empfang, ſchloß ſie in ein kleines Käſtchen und richtete dann noch einige freund⸗ liche Worte an Robert. „Sie ſcheinen wirklich ein recht talentvoller junger Mann zu ſein,“ ſagte er,„und wenn Sie eine kurze Zeit als Freiwilliger bei meiner Geſellſchaft bleiben könnten, ſo wollte ich bald ein tüchtiges Kerlchen aus Ihnen machen. Aber freilich, dazu gehört Geld, denn Sie können ſich denken, daß ich einem Anfänger keine Gage geben kann.“ „J nun, am Gelde fehlt's mir juſt nicht,“ erwie⸗ derte Robert, der des Direktors ſchöne Worte für baare Münze nahm, während derſelbe nur darauf ausging, Roberts Kaſſenbeſtand näher kennen zu ler⸗ nen.„Ich habe noch etwa zweihundert Thaler in der Taſche, und würde davon wohl eine Zeitlang 54 leben, wenn ich gewiß wäre, ſpäterhin bei Ihnen ein Engagement zu bekommen.“ „Oh, Freundchen, das fehlt ſich gar nicht;« ant⸗ wortete der Direktor mit aller nur möglichen Ver⸗ bindlichkeit.„Bei Ihrem vortheilhaften Aeußern kann es gar nicht ausbleiben, daß Sie Furore ma⸗ chen, und dann engagire ich Sie ohne Weiteres mit dreißig Thalern Gehalt monatlich. Lernen Sie nur fleißig Ihre Rolle und geben ſich recht Mühe, dann wird es ſchon gehen.“ Robert war ganz entzückt über dieſe Ausſichten, die der Direktor ihm ſo freigebig eröffnete, und ſeg⸗ nete insgeheim ſeinen Entſchluß auf's Theater zu gehen. Er glaubte ſchon alle Schwierigkeiten über⸗ wunden zu haben, und ſah mit der größten Zuver⸗ ſicht, mit dem unerſchütterlichſten Selbſtvertrauen der Zukunft entgegen. Als er ſich dem Direktor empfeh⸗ len wollte, hielt ihn dieſer zurück, indem er ihn auf⸗ forderte, mit ihm die Probe des Stückes zu beſuchen, welches am Abende deſſelben Tages gegeben werden ſollte. „Meine Leute ſind darin alle beſchäftigt,« ſagte er,„und alſo werden wir die beſte Gelegenheit fin⸗ den, Sie mit Ihren zukünfeigen Genoſſen bekannt zu machen.“ 4 4 Robert, dem dieſer Vorſchlag ganz willkommen war, wartete geduldig, bis der Direktor ſich zum Ausgehen angekleidet hatte, und folgte ihm dann mit heimlicher Freude zu dem Schauſpielhauſe. „Wenn Sie mit Ihren Kollegen gute Freund⸗ ſchaft halten wollen, ſo rathe ich Ihnen, Sie durch irgend eine Kleinigkeit zu erfreuen,“ ſagte unterwegs der Direktor zu Robert.„Freundſchaft iſt bei einer Bühne viel werth, da ſie Ihnen über alle Intriguen, Ränke und Neckereien hinweghilft, welche außerdem vielleicht Ihre Laufbahn hemmen würden. Zum Glück für Sie, haben Sie gerade in Ihrem Rollen⸗ fach keinen Nebenbuhler zu fürchten, da ich meinen jugendlichen Helden vor ein paar Tagen verabſchiedete. Er konnte ſich mit der erſten Sängerin nicht vertra⸗ gen, und um dieſe nicht zu verlieren, war ich ge⸗ zwungen, ihn laufen zu laſſen. Sein Sie freundlich gegen die Leutchen, laden Sie die ganze Geſellſchaft zu heute Abend nach dem Schluß der Bühne zu einem Gläschen Punſch ein, und Sie werden nie Unan⸗ nehmlichkeiten von Ihren Kollegen zu befürchten haben.“ Robert freute ſich ſelbſt darauf, einen vergnügten Abend mit den Künſtlern und Künſtlerinnen hinzu⸗ bringen, und zeigte ſich daher ſogleich bereit, dem 56 Rathe des Direktors, der es anſcheinend ſo wohl mit ihm meinte, zu folgen. Mittlerweile erreichten ſie das ſogenannte Schau⸗ ſpielhaus, und Robert ſah ſich unangenehm über⸗ raſcht, als er bemerkte, daß es nur ein leer ſtehen⸗ der großer Schafſtall war, den man nothdürftig zu einem Kunſttempel umgeſchaffen hatte. Auf der Bühne, welche über einigen leeren Fäſſern errichtet war, trieben ſich etwa zwanzig Männer und Frauen⸗ zimmer umher, und ſchienen eher an alles Andere, als an die Probe zu denken, zu der ſie ſich ver⸗ ſammelt hatten. Sie plauderten, lachten, und trie⸗ ben allerlei Poſſen, während Robert mit Verwun⸗ derung ihr Aeußeres betrachtete, das bei den Meiſten ein Gemiſch von Unſauberkeit und Nachläſſigkeit war. Nur Wenige von den Vielen ſahen ein wenig ordent⸗ lich und anſtändig aus, obgleich man auch an dieſen die Spuren eines ruchloſen und abenteuerlichen Lebens I bemerken konnte. Der Direktor ließ dem erſtaunten Robert jedoch nicht viel Zeit, über das, was er ſah, nachzudenken, ſondern ſtellte ihn mit bedeutenden Seitenwinken jedem einzelnen Mitgliede der Geſellſchaft vor. Die Winke des Direktors waren nicht unbemerkt geblieben, und darum kamen Alle unſerem Robert mit 57 einer Herzlichkeit und freundſchaftlichen Liebe entgegen, von welchen er durchaus entzückt und bezaubert war. Man wünſchte ihm Glück, daß er die vergnügliche Lauſbahn eines Schauſpielers zu ſeinem Berufe er⸗ wählt habe, man bot ihm bereitwillig alle möglichen Dienſte an, und verſprach ihn, bei Ausbildung ſeiner Talente in jeder Beziehung gewiſſenhaft zu unter⸗ ſtützen. Von dieſen Verſicherungen ganz berauſcht, überſah Robert Alles, was ihm anfänglich mißfallen hatte, und erwiederte die Freundlichkeit ſeiner zukünf⸗ tigen Kollegen im vollſten Maße. Nach beendigter Probe, welcher Robert mit leb⸗ hafter Theilnahme beiwohnte, lud er ſeine neuen Freunde und Freundinnen ein, den Abend bei ihm zuzubringen und ein Glas Punſch mit ihm zu trin⸗ ken, und bemerkte mit Vergnügen, daß auch kein Ein⸗ ziger von der ganzen Geſellſchaft ſeine Einladung aus⸗ ſchlug. Selbſt der Direktor verſprach auf ein Stünd⸗ chen zu kommen, und überließ alsdann Robert Eini⸗ gen ſeiner Freunde, welche mit ihm, natürlich auf ſeine Koſten, zu Mittag ſpeisten, und ihm dann be⸗ hilflich waren, eine Wohnung aufzufinden und in der⸗ ſelben, die ſogleich bezogen ward, einen tüchtigen Napf voll Punſch zu bereiten. Ehe der Abend däm⸗ merte, waren ſchon alle Vorbereitungen zu der Feſt⸗ 58 lichkeit getroffen, und um ein gutes Theil ſeiner Baarſchaft leichter ging Robert in das Theater, um von dem erſten Platze aus die Vorſtellung mit anzu⸗ ſehen. Mit Vergnügen betrachtete er die zahlreich verſammelten Zuſchauer, und ſein Herz klopfte höher, wenn er daran dachte, daß auch Er über kurz oder lang Zeichen des Beifalls von ihnen erringen würde. Daß er den Zuſchauern mißfallen könnte, fiel ihm gar nicht ein. Sechstes Kapitel. Wie RKobert zum erſten Male auktritt. Bei der Geſellſchaft des Herrn Direktors Rehberg befand ſich ein junger Menſch, Namens Wilhelmi, welcher nur wenige Jahre älter als Robert war, und ſich mit beſonderer Zärtlichkeit an dieſen anſchloß. Schon während des Abends, an welchem Robert die ganze Schauſpielergeſellſchaft mit Punſch bewirthete, hatte ſich Wilhelmi vorzugsweiſe um ſeine Freundſchaft bewor⸗ ben, und es war ihm ohne Mühe gelungen, das leichtſinnige Gemüth Roberts für ſich einzunehmen. Wilhelmi war immer freundlich, immer heiter, immer zuvorkommend, und ſchien dabei auch ganz uneigen⸗ nützig zu ſein. Er gab Roberten, der ſich anfaͤng⸗ lich nicht recht in das neue Leben finden konnte, alle⸗ zeit die beſten Rathſchläge, ſorgte dafür, daß er 60 nicht zu viel Geld ausgab, und, was für Robert beſonders angenehm war, unterrichtete ihn in den kleinen Kunſtgriffen, mit denen geübte Schauſpieler die Augen der Zuſchauer zu blenden pflegen. Na⸗ türlich zeigte ſich Robert für ſo viele Freundſchaft dankbar, und litt es nicht, daß Wilhelmi anderswo ſpeiste, als nur bei ihm und auf ſeine Koſten. An⸗ fänglich weigerte ſich Wilhelmi, das Anerbieten Ro⸗ berts anzunehmen; endlich aber gab er doch nach, obgleich mit unverkennbarem Widerſtreben und trennte ſich von Stund an nicht wieder von ſeinem Freunde. Robert, der im Allgemeinen bei der ganzen Ge⸗ ſellſchaft recht beliebt war, hatte ſich mittlerweile eine Rolle ausgeſucht, in welcher er zuerſt öffentlich vor dem Publikum aufzutreten beabſichtigte. Es war eine lange und glänzende Rolle, nur für einen Anfänger von Roberts Schlage viel zu ſchwierig. Robert meinte dieß jedoch nicht, und die Lobeserhe⸗ bungen ſeines guten Freundes Wilhelmi beſtärkten ihn in ſeiner Meinung nicht wenig. Ganze Tage lang, mehrere Wochen hindurch, ſtudirte er an ſeiner Rolle und prägte ſie bis auf's und ſeinem Gedaͤcht⸗ niſſe ein. Dazu ſtellte er ſich vor den Spiegel, ſtu⸗ dirte ſein Mimenſpiel, geſtikulirte mit Armen und Beinen, und brachte es endlich ſo weit, daß er mit 61 gutem Gewiſſen zum Direktor ſagen konnte, er ſei jeden Augenblick zum Auftreten bereit. Bisher hatte ſich der Direktor gar nicht mehr um Robert bekümmert und ihn auch nicht einmal gefragt, welche Rolle er zu ſeinem erſten Auftreten gewählt habe. Jetzt aber fragte er ihn, und machte ein bedenkliches Geſicht, als er Roberts Antwort vernahm. 1 „Lieber, junger Mann,“ ſagte er,„da haben Sie ſich ein ſchweres Stück Arbeit aufgebürdet, und, auf⸗ richtig geſtanden, kann ich Ihnen nicht rathen, in einer ſo großen und ſchwierigen Parthie zum erſten Male aufzutreten.“« „Oh, ſein Sie nur nicht aͤngſtlich,“ entgegnete Robert mit der größten Zuverſicht und Selbſtgefäͤl⸗ ligkeit.„Ich bin der Rolle ganz mächtig und Wil⸗ helmi hat mir geſagt, es würde gewiß Alles ganz gut gehen. Bitte, ſetzen Sie mir nur einen Tag an, an welchem das Stück gegeben werden kann.“ „Ei, lieber Freund, das geht ſo ſchnell nicht, wie Sie meinen,« ſagte der Direktor, wie es ſchien, ein wenig verdrüßlich und verlegen.„Wenn wir das Stück geben wollen, müſſen noch mancherlei Vorbe⸗ reitungen getroffen werden, und ich fürchte, ich fürchte, es wird mir ſo viele Koſten verurſachen, daß 62 am Ende nur deßhalb die Sache unterbleiben muß. Wir müſſen neue Garderobe dazu haben, neue De⸗ korationen und noch ſo manches Andere, was mir nicht einmal ſo gleich einfällt.“ Robert, glühend vor Eifer, ſich nur erſt im Glanze ſeiner Rolle zu zeigen, erbot ſich ſogleich, alle außerordentlichen Koſten aus ſeiner Taſche zu bezahlen, und das war gerade, was der Direktor beabſichtigt hatte. Ein triumphirender Blick funkelte aus ſeinen Augen, den er aber ſogleich unter einer ſcheinheiligen Miene verbarg. „Nun, wenn es ſo iſt, dann wollen wir ſehen,“ ſagte er.„Kommen Sie heute Abend noch einmal zu mir. Ich will indeß eine Berechnung anſtellen, und Sie mögen ſich dann entſchließen, zu was Sie wollen. 4 Fröhlich, nun ſeinen Zweck erreicht zu haben, ſtürmte Robert davon, und nachdem er am ſelbigen Abende noch dem Direktor eine ziemlich beträchtliche Summe eingehändigt hatte, wurden die Proben zu dem von ihm erwählten Stücke eingeſetzt, und Robert ſah mit Freude funkeluden Augen bald da⸗ rauf die öffentliche Ankündigung von ſeinem erſten Auftreten gedruckt in dem allwöchentlich erſcheinen⸗ den Klatſchblättchen des Städtchens. 1 63³ Die erſte Probe ward abgehalten, und ging ſo ziemlich. Robert ſprach ganz vortrefflich, ſo daß Wilhelmi ihn mit Lobeserhebungen überhäufte, und ſelbſt die übrigen Schauſpieler ihm ihren Beifall zu erkennen gaben. Der junge, angehende Künſtler ſchwamm in einem Meere voll Wonne, und in ſei⸗ nem Entzücken über den guten Erfolg, den er errun⸗ gen hatte, lud er alle ſeine Kollegen, die in dem Stücke mitwirkten, zu einem Abendeſſen ein, wo es natürlich ſehr luſtig herging. Robert war der Fröh⸗ lichſte von Allen, und ließ ſich von den Lobſprüchen ſeiner Kunſtgenoſſen berauſchen, die gar lieblich in ſein Ohr klangen, während ſeine Gäſte ſich an den treff⸗ lichen Weinen labten, die er ihnen vorſetzte. Ach, er wußte nicht, daß man ihm nur in's Geſicht Schmei⸗ cheleien ſagte und hinter ſeinem Rücken ihn belachte und verſpottete. Am meiſten machte Wilhelmi ſich über ihn luſtig, Wilhelmi, den er doch für ſeinen redlichſten, ſeinen treueſten Freund hielt. Endlich wurden die Theaterzettel ausgetragen, auf welchen zum erſten Male Roberts Name prangte, und der Abend der Vorſtellung rückte heran. Mit Ungeduld erwartete Robert die Stunde ſeines Auf⸗ tretens, und hörte im Geiſte ſchon die Bravos, die ihm, wie er nicht zweifelte, zugerufen, das Hände⸗ 64 klatſchen, womit ſeine Anſtrengungen belohnt werden würden. Sein Blut war in Wallung, Begeiſterung ſtrahlte aus ſeinen Augen, und mit Siggerſchritten, im Bewußtſein des Triumphes, der ihm unfehlbar zu Theil werden mußte, ging er auf der kleinen Bühne hin und her. Die übrigen Schauſpieler lä⸗ chelten, ob aus Spott oder aus anderen Gründen, war zweifelhaft; Robert aber legte es ſich aufs Beſte aus. Unzählige Male lief er zum Vorhange und blickte hindurch, um zu ſehen, ob ſich auch recht viele Zuſchauer verſammelten, und ſein Herz hüpfte vor Freuden, als er die Räume unten dicht gedrängt voll Menſchen erblickte. Kopf reihete ſich an Kopf, und jeder Anweſende ſchien mit Begierde den Anfang des Stückes zu erwarten. Von dem Vorhange lief Robert in's Garderobe⸗ zimmer, um ſich noch einmal im Spiegel vom Kopf bis zu den Füßen zu betrachten, und zu ſehen, ob auch jede Schleife und jedes Bändchen an ſeinem Anzuge in Ordnung ſei. Dann, nachdem er ſich hievon überzeugt und mit ſelbſtgefälliger Eitelkeit ſeine geputzte Geſtalt betrachtet hatte, rannte er wie⸗ der auf die Bühne, plauderte mit dieſem und jenem einige Augenblicke, und lief dann wieder zum Vor⸗ hange, um nach den Zuſchauern zu ſehen. Eine ſo . 4 —6⁵ lebhafte Aufregung hatte er noch nie empfunden, als an dem heutigen Tage. Endlich ſpielten die Muſikanten die Ouverture, welche dem Aufziehen des Vorhangs vorherging, und Robert mußte ſeinen Platz hinter den Couliſſen ein⸗ nehmen, um im rechten Augenblicke bereit zu ſein, die Bühne zu betreten. Jetzt, wo der Augenblick der Entſcheidung herannahte, jetzt erſt klopfte ein ängſtliches Gefühl an ſein Herz und ein Anflug von banger Furcht ſtimmte ſeine bisherige Zuverſicht be⸗ deutend herab. Doch faßte er wieder friſchen Muth, als er ſich erinnerte, daß er ja ſeiner Rolle völlig mächtig ſei, und verließ ſich im Uebrigen auf ſein gutes Glück. Jetzt ertönte die Klingel, die Muſik ſchwieg, und der Vorhang wurde in die Höhe gezogen. Die Lampen vor demſelben warfen ein blendend helles Licht über die ganze Bühne, und wieder überſiel den ſonſt ſo kecken Robert ein Schauer von Angſt, wenn er daran dachte, daß er hervortreten, und in dieſem Glanzſtrome der Augen ſo vieler Zuſchauer ſich dar⸗ ſtellen müſſe. Dießmal blieb ihm aber nicht viel Zeit, ſeine Beklommenheit niederzukämpfen, und ehe er ſich wieder völlig gefaßt hatte, ertönte ſein Stich⸗ wort und er mußte vortreten. Der verlorne Sohn. 5 66 —— Im erſten Augenblicke, wo er auf der Bühne ſtand und nun beweiſen ſollte, ob er wirklich Talent zum Spielen habe, ſchwindelte ihm. Es ſauste ihm vor den Ohren, das Licht ſeiner Augen verdunkelte ſich, und nur ſtammelnd vermogte er die erſten Worte, welche er ſagen mußte, hervorzubringen. Doch kam er noch glücklich genug an dieſer Klippe vorbei, und als er ſich erſt an den Klang ſeiner eeigenen Stimme gewöhnt hatte, bewegte er ſich viel unbefangener auf den Brettern und benahm ſich ſo t, daß er bei ſeinem Abgange ſogar einige Zeichen von Beifall errang. Ganz glücklich kehrte er hinter die Couliſſen zurück, und nahm es als einen ihm gebührenden Tribut hin, als der Direktor zu ihm trat, ihn auf die Schulter klopfte und einige aner⸗ kennende Worte zu ihm ſprach. „MRecht gut, recht gut für den Anfang, lieber Robert!“ ſagte er.„Führen Sie Ihre Rolle ſo durch, wie Sie dieſelbe begonnen haben, ſo behalte ich Sie mit vierzig Thalern monatlich.“ Dieſe Worte gaben Robert neuen Schwung, und ſeine Begeiſterung war ſo groß, daß er gewiß ſeine Parthie glücklich zu Ende geſpielt haben würde, wenn ihm nicht ein unglücklicher Zufall in die Quere ge⸗ ommen wäre. Er hatte nämlich, im Bewußtſei 67 daß er ſeine Rolle ganz genau inne habe, dem Souffleur befohlen, ganz ſtill zu ſchweigen, ſo oft er zu ſprechen habe, und der Souffleur gehorchte dieſem Befehle aufs Pünktlichſte. Nun traf es ſich, daß Einer der Mitſpielenden ein falſches Stichwort vorbrachte, und Robert vergaß darüber, daß die Reihe zum Sprechen an ihm ſei. Es entſtand eine lange Pauſe, die Niemand auszufüllen vermogte; die Zuſchauer wurden unruhig; Robert gerieth in Beſtürzung; der Souffleur half ihm nicht aus der Klemme, und der arme Jüngling ſtürzte plötzlich aus allen ſeinen erträumten Himmeln herab. Ver⸗ gebens ſuchte er den Fehler auszugleichen und das unterbrochene Spiel wieder in Gang zu bringen. Ihm ſelbſt fehlte es dazu an Gewandtheit, und die übrigen Schauſpieler wollten ihm nicht helfen. In ſeiner Augſt machte er Fehler auf Fehler, die Zu⸗ ſchauer überſchütteten ihn mit einem unauslöſchlichen Gelächter, und wohl oder übel mußte Robert die Bühne verlaſſen. Verzweiflungsvoll ſtͤrmte er hinter die Couliſſen, riß ſich wüthend die Kleider vom Leibe und brach dann in einen Strom der bitterſten Thränen aus. Obgleich er fühlte, daß er ſelbſt die geringſte Schuld an dem Unfalle hatte, vermogte er doch keinen Troſt zu 5* 68 finden, und wies auch die tröſtlichen Worte ſeines Freundes Wilhelmi mit Unwillen zurück. Das Stück konnte nicht beendet werden, man mußte einen Lücken⸗ büßer geben, und Robert, feſt entſchloſſen, nie in ſeinem Leben wieder die Bühne zu betreten, rannte voll Verzweiflung in ſeine Wohnung, und warf ſich ſchluchzend auf ſein Bett, um Vergeſſenheit ſeiner Leiden im Schlummer zu ſuchen. Aber lange dauerte es, ehe der freundliche Schlaf kam, und ihm die verweinten Augen zudrückte. Am andern Morgen in aller Frühe kam Wilhelmi, um den unglücklichen Freund zu bemitleiden und zu beruhigen. „Kümmere dich doch nicht ſo ſehr über den Un⸗ fall,“ ſagte er.„Schon geſtern Abend wußte alle Welt, daß du an der ganzen Geſchichte nicht ſchuld warſt, und man bedauerte allgemein, dieß nicht früher erfahren zu haben. Das nächſte Mal, wenn du auftrittſt, wird es jedenfalls beſſer gehen.« „Ich werde nie wieder auftreten,“ antwortete Robert.„Ich habe vollkommen an dem einen Male genug.« „Ei, ſei kein Narr!« rief Wilhelmi lachend.„Bei deinem ſchönen Talente, das du im Anfange ſo ſieg⸗ reich entwickelteſt, kann es dir als Schauſpieler nim⸗ 69 mermehr fehlen. Wenn du hier nicht mehr auf⸗ treten willſt, ſo geh' anderswo hin, nach Hamburg zum Beiſpiel. Dort bin auch ich für den nächſten Monat engagirt, und wir könnten zuſammen reiſen.“« Robert ließ ſich noch lange nöthigen, ehe er dem Zureden Wilhelmi's nachgab und ihm verſprach, noch einen Verſuch als Schauſpieler zu wagen. Als er aber einmal dahin gebracht war, wurde er von Wil⸗ helmi auch bald überredet, mit nach Hamburg zu gehen, und die beiden beſchloſſen ſchon nächſte Woche dahin abzureiſen. Nachdem dieß feſtgeſetzt war, beſuchte Robert den Direktor, um ihm ſeinen Entſchluß anzuzeigen und das Geld von ihm zurückzufordern, welches er ihm gegeben hatte. Der Direktor aber, als er ſah, daß Robert nicht zu halten und nichts mehr von ihm zu gewinnen ſei, wies ihm die Thüre und ſchalt ihn noch obendrein aus, weil er geſtern Abend ſeine Rolle nicht fertig geſpielt habe. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden, meinte er, könne von Rückerſtattung des Geldes gar nicht die Rede ſein, und Robert möge ſich doch ja nicht wieder bei ihm blicken laſſen, wenn er nicht ohne Umſtände aus dem Hauſe hinaus ge⸗ worfen ſein wolle. Robert war empört über das plötzlich veränderte 7⁰ Betragen des Direktors und ſah den Grund davon wohl ein. Eine leiſe Anwandlung von Reue beſchlich ihn, und ſchon dachte er, daß er doch wohl beſſer gethan haben würde, wenn er in Dresden bei Herrn Redlich geblieben, und daſelbſt geziemend ſeine Pflicht gethan hätte. Aber hurtig ſchlug er ſich ſolche Gedanken wieder aus dem Sinne. Sie waren ihm unangenehm und konnten ihm, wie er meinte, doch nichts helfen. Alſo wozu grübeln und bereuen und ſich mit Selbſt⸗ vorwürfen quälen, ehe es nöthig wäre? Noch hatte Robert guten Muth, denn ſein Geld war wenigſtens zur Hälfte noch vorhanden. Siebentes Kapitel. Fehlgeſchlagene Hoffnungen. Da Robert ſah, daß er in der kleinen Stadt, wo er ſich eben befand, nichts beginnen und thun konnte, als nur allenfalls die Zeit mit unnützen Dingen tödten, ſo erkläͤrte er ſeinem Freunde Wilhelmi kurz⸗ weg den Entſchluß, am Abende des folgenden Tages ſich nach Hamburg auf den Weg zu machen. „Was ſoll ich hier, wo alle Kinder mit Fingern auf mich zeigen, und mich den ausgelachten Komö⸗ dianten nennen? Die Langeweile würde mich um⸗ bringen, wenn ich noch drei Tage hier zubringen müßte, und vollends noch drei Wochen! Nein, Wilhelmi, daraus wird nichts. Ich ſchnüre me nen Bündel und heute Abend geht es fort.“ „Zu Fuß?« fragte Wilhelmi. 4 7² „Ja, gewiß,“ erwiederte Robert.„Du wirſt auch ſchwerlich Extrapoſt nehmen, wenn du nach Hamburg reiſen willſt.“ „Nun wohlan,“ ſprach Wilhelmi,„ſo will ich dir einen Beweis meiner Freundſchaft geben und will mit dir gehen. Ja, ich will dem Direktor durch⸗ brennen, und das mag ſeine Strafe für die Betrügerei und ſchlechte Behandlung ſein, die er dir hat ange⸗ deihen laſſen. Aber Bruder, ein paar Louisd'ors mußt du mir vorher borgen, damit ich meine Schul⸗ den bezahlen kann. In Hamburg gebe ich dir ſie wieder.« Robert war noch zu jung und unerfahren, um die ſchlauen Worte eines ſo glatten Heuchlers, wie Wilhelmi, nach ihrem ächten Werthe würdigen zu können. Er hielt Wilhelmi für ſeinen beſten Freund, ſein beabſichtigtes Durchgehen für ein kühnes Freund⸗ ſchaftsſtückchen, und zog aus Dankbarkeit ſeine noch anſehnlich gefüllte Geldbörſe hervor, um ſeinem Freunde die verlangte Summe hinzureichen. Mit lüſternem Blicke ſah Wilhelmi auf die glänzenden Goldſtücke, welche in Roberts Taſche zurückkehrten, und ſein ſchlaues Auge ſchien zu ſagen:„Wartet nur, ich werde ſchon mit euch allen noch nähere Berannt⸗ ſchaft machen.« 73 Mittlerweile aber lief er davon, packte, wie Robert, ſein Bündelchen, holte ſich ſeinen Paß und kehrte dann zu ſeinem Freunde zurück. Seine Schul⸗ den zu bezahlen, fiel ihm gar nicht ein. Die Gläu⸗ biger mogten ſehen, wie ſie zu ihrem Gelde kamen! Er ſelber befriedigte ſie gewiß nicht. Mit einbrechender Nacht machten ſich die beiden reiſenden Schauſpieler auf den Weg, und ruheten nicht eher, als bis der Morgen wieder durch die Wolken ſchimmerte. Mit Aufgang der Sonne er⸗ reichten ſie eine Stadt, wo eben die Poſt nach Hame burg abgehen ſollte. „Laß uns mitfahren, Robert!« ſagte Wilhelmi, der den jetzigen Augenblick, wo ſein Begleiter von dem zurückgelegten Wege ſehr ermüdet war, ganz geeignet hielt, ſolch' eine Aufforderung ergehen zu laſſen. Und Robert ließ ſich nicht lange bitten. Er be⸗ zahlte für ſich und Wilhelmi, der es ihm in Ham⸗ burg zurück zu erſtatten verſprach, das Poſtgeld, und die beiden ſetzten ſich in den Wagen, um ihn erſt in Hamburg wieder zu verlaſſen. „Nun komm und folge mir, Bruder, ich weiß hier prächtig Beſcheid,« ſagte Wilhelmi, indem er durch ein Labyrinth von breiten und engen, von rein⸗ 74 lichen und ſchmutzigen Straßen ging, und ſeinen Freund Robert durch dick und dünn hinter ſich her zog. „Aber wohin führſt du mich?« fragte Robert, der hungrig war und gern etwas gegeſſen hätte. „Der Weg iſt entſetzlich lang.“ „Bleibt aber auch nicht unbelohnt,“ antwortete Wilhelmi.„Ich bringe dich in ein Gaſthaus, wo alle reiſenden Schauſpieler einzukehren pflegen, und kann dich verſichern, daß es dir dort vortrefflich ge⸗ fallen wird. Was dein Herz begehrt, ſteht dir jeden Augenblick zu Dienſten, und du brauchſt nur die Hälfte von dem zu bezahlen, was du in anderen Gaſthöfen blechen müßteſt. Billig iſt es im Hotel zu den Couliſſen, ſo billig, daß du darüber erſtau⸗ nen wirſt.« Nach einem langen und ziemlich ermüdenden Marſche ſtand Wilhelmi endlich vor einem Hauſe ſtill, deſſen Aeußeres wenigſtens nicht viel Gutes erwarten ließ. Doch lag es nicht weit vom Hafen entfernt, und die hübſche Ausſicht auf den Maſten⸗ wald der vielen Schiffe, welche vor ſeinen Augen lagen, beſtimmten Robert, dem Andringen ſeines Freundes nachzugeben, und in der Spelunke zu den Couliſſen einzukehren. Natürlich ſchloß Robert vom ——— 75 Aeußeren auf das Innere, und erwartete eine ſchmutzige, unſaubere und unbehagliche Wirthſchaft zu finden. Um deſto angenehmer aber ward er über⸗ raſcht, als er ſah, daß, in der Gaſtſtube wenigſtens, die äußerſte Sauberkeit herrſchte. Einige flinke Kellner waren ſogleich zur Hand, um nach ſeinen Bedürfniſſen zu fragen, und Robert, in eine fröh⸗ liche Stimmung verſetzt, forderte ſogleich ein gutes Abendeſſen, nebſt einer Flaſche Wein für ſich und Wilhelmi, ließ ſich ſodann eine Stube mit zwei Betten anweiſen, und begab ſich darauf in das Gaſt⸗ zimmer zurück, um ſein Abendeſſen mit Wilhelmi zu verzehren, und, wo möglich, angenehme Bekannt⸗ ſchaften anzuknüpfen. Als der Abend dämmerte, verſammelten ſich viele Gäſte, deren Keiner jedoch ſich um Robert beküm⸗ merte, welcher, die Cigarre im Munde, mit Behag⸗ lichkeit auf das lebhafte Treiben, welches ſeinen Au⸗ gen ſich darbot, hinblickte. Das weite, große Gaſt⸗ zimmer war gedrängt voll von Menſchen der verſchieden⸗ ſten Art; Kaufleute, Handwerker, Künſtler, Alles ſaß bunt durch einander und plauderte und ſcherzte und lachte mit der größten Fröhlichkeit, ohne jedoch die Schranken des Anſtandes zu Pherſchreiten. Ein ſolches buntes Getümmel hatte Robert ſelbſt in 76 Dresden noch nicht geſehen, und es machte ihm da⸗ her Vergnügen, daſſelbe zu betrachten. Er tauſchte ſeine Gedanken mit Wilhelmi aus, und die Zeit ver⸗ ging ihm auf ſolche Weiſe ſehr angenehm. „Sieh' da den hübſchen Seemann,“ ſagte Wil⸗ helmi plötzlich, indem er auf einen jungen Mann deutete, der ſich durch das Getümmel drängte und ſeine hellen Augen hurtig umherſchweifen ließ, um noch ein Plätzchen zu finden, wo er ſich niederlaſſen könnte. Es zeigten ſich aber alle Tiſche bereits be⸗ ſetzt, und nur an Roberts Seite war noch ein Plätz⸗ chen übrig, wenn er und Wilhelmi ein wenig näher an einander rückten. Robert betrachtete den hübſchen Seemann, und da ihm ſein ganzes Ausſehen gefiel, ſo lud er ihn durch einen Wink ein, näher zu kommen und ſich zu ihm zu ſetzen. Der Wink ging nicht verloren, und einen Augenblick ſpäter ſaß der junge Seemann neben Robert, der ihm mit zuvor⸗ kommender Höflichkeit ein Glas von ſeinem Weine anbot. Der Fremde nahm es an, trank es auf Roberts Geſundheit, und ſagte dann: „Der Wein iſt gut, aber wir werden ihn ſchon noch beſſer bekommen. Die Herren werden hoffent⸗ lich nicht verſchmähen, eine Flaſche mit mir zu lee⸗ ren, He, Kellner!« 77 Der Seemann, welcher hier im Hauſe ſehr bekannt zu ſein ſchien, beſaß eine geſegnet ſtarke Stimme, und ſein heller Ruf führte alsbald einen der dienſtbaren Geiſter an ſeine Seite. „Jean,“ befahl er demſelben,„bringe eine Flaſche von meinem! Du verſtehſt mich ſchon.“ Der Kellner ſprang davon, und brachte wenige Minuten nachher den verlangten Wein, welcher den drei jungen Leuten nicht übel mundete. „Ja, meine Herren,“ ſagte der Seemann mit herzlichem Lachen, als er ſah, wie Robert ſich den feurigen Trank ſchmecken ließ,„das iſt ein Gewächs, wie es nur ſelten einer Landratte vor den Schnabel kommt. Die Flaſche iſt aus einer Kiſte, die ich ſelber vom Kap der guten Hoffnung mitgebracht und meinem guten Freunde, dem Wirthe zu den Couliſſen, zur Aufbewahrung übergeben habe. Er ſchenkt Nie⸗ manden davon ein, als nur mir und natürlich guten Freunden, die ich zu Zeiten mit her bringe. Trinken Sie, meine Herren! Trinken Sie! Der Vorrath iſt noch ſo groß, daß wir ihn in einer Nacht nicht erſchöpfen werden.« Robert trank und unterhielt ſich ſehr lebhaft und an⸗ genehm mit dem Seefahrer, welcher ihm erzählte, daß er Daniel Maſter heiße, Steuermann auf einem prächtigen 78 Kauffahrer ſei, und ſchon gar manche große und lange Reiſe über das Meer gemacht habe. Mit feurigen Worten ſchilderte er das herrliche Leben eines Seemanns, erzählte von den ſchönen Gegen⸗ den, die er in allen fremden Welttheilen geſehen, von den Abenteuern, die er erlebt, von den Stürmen, die er durchgemacht und abgewittert habe, und unterhielt unſern Robert dabei ſo vortreſſlich, daß er bis tief in die Nacht hinein ſitzen blieb, und dem wackern Steuer⸗ mann eine Flaſche nach der anderen leeren half. Endlich, erſt ſpät nach Mitternacht, trennten ſie ſich, und Robert mußte dem Seemanne verſprechen, ihn morgen im Gaſthauſe zu den drei Maſten, deſſen Lage ihm von Jenem genau beſchrieben wurde, zu beſuchen. Darauf ſchüttelten ſie ſich die Hände, und Robert verfügte ſich, ein wenig betäubt und wan⸗ kend von dem reichlich genoſſenen ſtarken Weine, mit Wilhelmi in ſein Zimmer. Die Sonne ſtand ſchon ſehr hoch, als Robert am nächſten Morgen die Augen wieder aufſchlug. Er weckte Wilhelmi, der noch im ſüßen Schlafe lag, und die beiden überlegten nun, was ſie am bevorſtehen⸗ den Tage anzufangen hätten. „Ich für meinen Theil,« ſprach Wilhelmi,„ich rathe dazu, daß wir uns ohne Säͤumen auf den V 79 Weg machen, um für dich ein Engagement zu finden. Vor allem Andern wollen wir zu meinem zukünfti⸗ gen Direktor gehen, und ich zweifle nicht, daß er dich auf meine Empfehlung hin behalten wird. Zu⸗ erſt aber müſſen wir frühſtücken, denn mit leerem Magen machen ſich Geſchäfte nicht gut ab.“ Wilhelmi ſchellte, befahl dem Kellner, ein gutes Frühſtück zu bringen, ſpeiste mit Robert auf deſſen Koſten wie ein Fürſt, und machte ſich dann, beglei⸗ tet von den beſten Hoffnnngen, zu dem Direktor auf den Weg. Aber die guten Hoffnungen wurden ſammt und ſonders zu ſchanden; denn als ſie in die Woh⸗ nung des Direktors kamen, wurde ihnen die nieder⸗ ſchlagende Neuigkeit zu Theil, daß der Herr Direktor Bankerott gemacht und ſich ſeinen Gläubigern durch die ſchleunigſte Flucht zu entziehen gewußt habe. Der neue Direktor aber konnte die beiden jungen Herren nicht gebrauchen, weil, wie er ſagte, alle Fächer ſchon ueag⸗ beſetzt ſeien. „Das iſt eine ime Geſchichte, Robert,“ ſprach Wilhelmi ärgerlich, als ſie das Haus des Direktors verlaſſen hatten.„Wir müſſen nun eben unſer Glück bei den anderen hieſigen Theatern verſuchen, und uns, wenn es uns nicht gelingt, morgen wieder auf die Beine machen. Wie viel Geld haſt du noch?« 2 80 „Ich habe es heute noch nicht gezaͤhlt,« erwie⸗ derte Robert,„aber mehr als fünfzig Thaler ſind gewiß nicht in meiner Börſe.“ „Oh! damit können wir noch weit kommen,“ ent⸗ gegnete Wilhelmi ermuthigend.„Ehe dieſe Summe ausgegeben iſt, haben wir beſtimmt hier oder dort ein Engagement gefunden. Nur nicht den Muth verloren, Freundchen! Ein paar ſo pfiffige Kerls, wie wir, helfen ſich ſchon durch!« Robert ward bald über die fehlgeſchlagene Hoff⸗ nung getröſtet, und ſein Muth hielt ſelbſt dann noch Stand, als er und Wilhelmi vergebens bei allen Theaterdirektoren Hamburgs ihre Dienſte an⸗ geboten hatten. „Was iſt's denn auch mehr?« ſagte Wilhelmi. „Was hier nicht glückt, macht ſich anderswo viel⸗ leicht um ſo beſſer, und auf jeden Fall haben wir noch fünfzig Thaler im Beuteiö Komm denn in die drei Maſten zu unſerem luſtigen Steuermann. Heute wollen wir noch einmal mit ihm zechen, und morgen dem alten Hamburg mit Verachtung den Rücken zukehren. Die Stadt verliert mehr als wir! Wir haben nur ein paar Hoffnungen ver⸗ loren, Hamburg aber verliert den Genuß, ein Künſt⸗ V b 81 lerpaar zu bewundern, das dir und mir ſo ähnlich ſieht, wie ein Ei dem andern.“. Auf ſolche Weiſe ſcherzte Wilhelmi mit Robert, während er im innerſten Herzen über einen ſchlechten Streich brütete. Dies verbarg er aber ſo gut, daß Robert keine Ahnung davon bekam, und ganz auf⸗ geheitert und fröhlich dem vermeintlichen Freunde in die drei Maſten folgte, wo ſie von dem Steuer⸗ mann, ihrem neu gewonnenen Bekannten, ſchon erwartet und mit derber Freundlichkeit bewillkommt wurden. „Freut mich, Ihr Jungen, freut mich herzlich, daß Ihr kommt,“ rief Daniel Maſter, indem er den Beiden kräftig die Hand ſchüttelte.„Ihr habt mir geſtern ein Plätzchen bei Euch eingeräumt, und heute will ich Euch dafür Erſatz geben! Heda, Kellner, tragt auf vom Beſten, was Ihr habt!“ 3 Wie geſtern blieben die neuen Freunde bis ſpät in die Nacht b men, und Robert war ſo trun⸗ ken, daß er ſich Abſchiede kaum auf den Füßen halten konnte. Anders Wilhelmi. Er hatte ſich vor dem Weine gehütet und ſeine vollkommene Nüchternheit behalten. Mit ſcheinbarer Theilnahme führte er Robert in ſein Quartier, kleidete ihn aus, Der verlorne Sohn. 6 82² legte ihn in ſein Bett, und wartete geduldig, bis er feſt eingeſchlafen war, was eben nicht lange dauerte. Dann machte er ſich in aller Eile noch ein kleines Geſchaͤft, verließ leiſe die Stube und verſchwand, um nicht wieder zurück zu kehren. Achtes Kapitel. Kobert wird aut ein Schifk geſchleppt. Als Robert am andern Morgen erwachte, konnte er ſich nur dunkel in's Gedächtniß zurückrufen, auf welche Weiſe er in ſein Zimmer und in das Bett gekommen war. Doch erinnerte er ſich, daß Wil⸗ helmi ihn freundſchaftlich unterſtützt hatte und wen⸗ dete ſeine Augen nach dem Bette deſſelben, um ihm mit gerührtem Herzen ſeinen Dank auszuſprechen. Aber nicht wenig verwundert rieb er ſich die Augen, als er bemerkte, daß das Bett leer und unbe⸗ rührt war. „Wilhelmi!“ rief Robert. Aber Alles blieb ſtill und von Wilhelmi war nichts zu ſehen und zu hören. Eine heimliche Angſt befiel Robert. Er ſprang aus dem Bette, durchſuchte die Taſchen ſeiner Kleider, durchſuchte ſie haſtig noch 6 38 84 einmal, und forſchte vergebens nach ſeiner Börſe⸗ Er ſah unter das Bett, in ſeinen Waſchtiſch, durch⸗ ſtöberte jeden Winkel des Zimmers nach ſeiner Börſe, aber ſie war weg und blieb weg, und auch nirgends zeigte ſich eine Spur von ihr, ſo wenig wie von Wilhelmi. Robert ächzte und fühlte ſich einer Ohn⸗ macht nahe. Ganz betäubt von dem fürchterlichen Schlage, der ihn ſo unverhofft betroffen, wankte er mit gerungenen Händen im Zimmer hin und her, und murmelte nur von Zeit zu Zeit:„Wo iſt mein Geld! Wo iſt meine Börſe! Ich Unglücklicher, was ſoll ich beginnen!« Als er ſich ein wenig ruhiger fühlte, ſtieß er tauſend wilde und verworrene Verwünſchungen gegen Wilhelmi aus, der ihn ſo ſchändlich getäuſcht und betrogen hatte, und ſchwur ihm in ſeiner Wuth tauſendfältige Rache. Aber weder ſeine Schwüre, noch ſeine Verwünſchungen brachten den Entflohenen zurück, und erſchöpft ſank er endlich auf einen Stuhl und brach in einen Strom von bittern Thränen aus. Dieß erleichterte ihn, und nachdem er ſich recht ſatt geweint hatte, konnte er mit einiger Beſonnenheit über die Schritte nachdenken, die er in ſeiner jetzigen ver⸗ laſſenen und hilfloſen Lage allenfalls thun könnte. Aber wie er auch ſann und ſein Gehirn zermartete, um einen Ausweg zu finden, er ſah nirgends Troſt, unigende Rath, nirgends Hilfe und Rettung. Jetzt, in dieſer ſchrecklichen Lage, trat rieſenhaft das Geſpenſt der Reue vor ihn hin, und mit Sehn⸗ ſucht dachte er an das väterliche Haus, und an die liebevolle Behandlung zurück, die er von Herrn Redlich genoſſen hatte. Jetzt ſah er ein, daß er wie ein Wahnſinniger ſein wirkliches Glück mit Füßen getreten und von ſich geſtoßen habe, jetzt, wo es zu ſpät war, um es zurück zu rufen und wieder zu er⸗ langen. Jetzt ſchalt er ſich ſelbſt einen unſinnigen Thoren, und würde gern ſeine linke Hand darum gegeben haben, wenn er in ſeine früheren Verhält⸗ niſſe hätte zurückkehren können. Aber es war zu ſpät! zu ſpät! Einen Augenblick wohl flog ihm der Gedanke durch den Kopf, nach Hauſe zurückzukehren, ſich reuig ſeinem ſchwer gekränkten Vater zu Füßen zu werfen und ſeine Vergebung anzuflehen. Aber als er es recht bedachte, daß er nur wie ein Verworfe⸗ ner empfangen werden könne, übergoß die Röthe der Schaam ſein Antlitz, und er murmelte vor ſich hin, daß er lieber ſterben, denn als ein Verſtoßener aus ſeines Vaters Hauſe getrieben werden wolle. Plötzlich fiel ihm ſein neuer Freund Daniel Ma⸗ ſter ein, und er beſchloß, dieſen ehrlichen, treuherzigen 86 4 Burſchen um Rath und Hülfe anzugehen. Wenn Einer dir hilft, ſo iſt Der es, dachte er, und zögerte nicht, ihn aufzuſuchen. Obgleich er in Hamburg nur wenig Beſcheid wußte, fragte er ſich doch bald genug zu den drei Maſten hin, und erkundigte ſich bei einem Kellner, wo der Steuermann zu finden ſei. „Vor einer Stunde erſt iſt er nach Amerika ab⸗ geſegelt, junger Herr,“ lautete die Antwort.»Heute in aller Früh machte ſich ein günſtiger Wind auf, und Herr Maſter erhielt Befehl, ſogleich auf das Schiff zu kommen. Doch hat er mir noch viele Grüße an Sie und Ihren Freund aufgetragen.“ Robert, deſſen letzter Hoffnungsſtern ſich verdun⸗ kelte, hatte nur die erſten Worte des Kellners ge⸗ hört, die ihn ſo ſehr betaͤubten, daß er ſich gegen die Wand lehnen mußte, um nicht auf der Stelle umzuſin⸗ ken. Wild ſtarrte er vor ſich hin, murmelte ein paar unverſtändliche Worte, und ſtürzte ſodann wie raſend davon. Verwundert ſchaute der Kellner ihm nach, und glaubte nichts Anderes, als der junge Herr müſſe plötzlich verrückt geworden ſein. Verrückt war Robert nun zwar nicht, aber ſo völlig muthlos und verzweifelt, daß ihm der Tod ein willkommenes Geſchenk geweſen ſein würde. Plan⸗ 87 los lief er in den lebhaften Straßen Hamburgs umher, und vermogte weder einen vernünftigen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, noch auch nur ſeine Gedanken zu ſammeln. Halb bewußtlos rannte er umher, bis ihn der Hunger endlich daran mahnte, daß er wenig⸗ ſtens ſeine körperlichen Bedürfniſſe befriedigen müſſe. In ſeiner Brieftaſche hatte er noch ein paar Thaler Papiergeld, welche der ſchurkiſche Dieb nicht gefun⸗ den hatte. Er lächelte bitter, als er an dieſen klei⸗ nen Reſt der Summe dachte, um die er ſelbſt ſeinen Vater betrogen, und trat dann in die erſte beſte Kneipe hinein, um Eſſen und Trinken zu fordern. Man brachte es ihm, und er ſetzte ſich zur Seite an ein Tiſchchen, wo er gedankenlos ſeinen Hunger ſtillte, und dann in rathloſer Verzweiflung ſitzen blieb, den Kopf in die Hand geſtützt und über ſein Elend nachgrübelnd, das er ſich durch ſeinen grenzen⸗ loſen Leichtſinn ſelbſt zugezogen hatte. „He, Kamerad, warum ſitzt Ihr ſo traurig da, als ob ein Donnerwetter Euren Mittelmaſt zerſchla⸗ gen und zertrümmert hätte!“ rief plötzlich eine rauhe Stimme in Roberts Ohr, während zugleich eine ſchwere Hand gewichtig auf ſeine Schulter niederſank. „Schon ſeit einer Stunde ſehe ich Euch zu, und habe mir den Kopf darüber zerbrochen, warum Ihr wohl 88 den Krug Bier nicht anrührt, deſſen beſter Geiſt in der Luft verdampft. He, ſprecht, alter Junge!“ Robert, auf eine ſo rauhe Weiſe aus ſeiner Ver⸗ ſunkenheit empor geſchreckt, blickte auf, und ge⸗ wahrte das wettergebräunte Geſicht eines alten Ma⸗ troſen, der ihn mit ſeiner Anrede beglückt hatte. Der Matroſe lächelte ihn freundlich an, aus ſeinen Augen aber ſtrahlte ein ſo liſtiger und forſchender Blick, daß Robert gar keine Luſt empfand, ſich mit ihm in ein Geſpräch einzulaſſen. „Laßt mich in Frieden, ich habe nichts mit Euch zu ſchaffen,« ſagte er barſch und wendete dem Matroſen wieder den Rücken zu. „Oho, Ihr ſeid ja gewaltig kurz angebunden, junges Fäntchen,“« erwiederte der Matroſe, indem er laut lachte.„Aber das wird ſich ſchon geben, mein Männchen, wenn wir erſt eine Pinte Ale mit ein⸗ ander geleert haben.“ Und ohne auf eine unwillige Bewegung Roberts zu achten, rückte er einen Stuhl an den Tiſch, ließ ſich eine gewaltig große Kanne voll ſtarken Bieres bringen, und trank Roberten zu, der aufſprang und ſich entfernen wollte. „Halt! Halt, du kratzbürſtige Landratte!“ rief der Matroſe, indem er mit ſeiner gewaltigen Fauſt Robert packte und ihn, als ob er nur ein Kind wäre, wieder auf ſeinen Stuhl niederdrückte.»So geht man nicht mit einem alten Matroſen um, der ſich ſchon manchen Wind hat um die Naſe wehen laſſen! Hier den Krug genommen und mir ehrlichen Beſcheid gethan, oder ein heiliges Donnerwetter ſoll dir, Landratte, auf den Kopf fahren. Da trink!« Robert ſah dem alten Matroſen in das Geſicht, und der Ausdruck deſſelben zeigte ihm, daß er beſſer thue, nachzugeben, als auf ſeinem Willen zu be⸗ harren. Eine eiſerne Entſchloſſenheit lag in den rauhen Zügen des Seemanns, der aber ſogleich freundlicher wurde, als Robert einen tüchtigen Zug aus ſeiner Kanne that. „So iſt's recht,“ ſagte er,„und nun ſind wir gute Freunde! Nun wickle dein Garn ab, und ſage mir, was dir im Kopfe herumgeht.“ „Was kümmert's Euch,« erwiederte Robert trotzig. „Ich brauche nicht Jedem, der darnach fragt, meine Gedanken zu erzählen, und habe auch gar keine Luſt dazu.“ „Oho, Landratte, die Luſt will ich dir bald machen, denn ſieh, was ich einmal will, das will ich, und muß auch meinen Willen haben. Von 90 hier kommſt du nicht wieder fort, bis du dein Garn gehörig abgeſponnen haſt. Alſo lege los!« Mit einem grimmigen Blicke ſchaute der barſche Matroſe Robert an, und Robert zitterte. Jetzt zum erſten Male ſah er in dem Zimmer umher und erblickte es angefüllt von Matroſen, welche meiſt eben ſo roh und grimmig drein ſchauten, wie ſein Peiniger, der auf ſo kurz angebundene Weiſe jenes Verhör mit ihm anſtellte, das ihm ſo gar nicht ge⸗ fiel. Einige von den Matroſen ſahen höhniſch nach ihm hin, und nirgends traf er auf ein Geſicht, von dem er ſich allenfalls Beiſtand hätte verſprechen können. So viel ſchien ihm klar geworden, daß er ſich in Einer jener verrufenen Spelunken befinden mußte, in welche zu jener Zeit mancher verlockte Jüngling hin⸗ ein ging, ohne jemals frei und ungehindert zurück⸗ kehren zu dürfen. Wer ſich in Eine dieſer Löwenhöhlen verlor, ſah das Licht des Tages gewöhnlich nur erſt auf einem Schiffe wieder, wohin er mit Güte oder Ge⸗ walt geführt worden war, um gezwungen zu werden, Matroſendienſte zu thun. Dieß aber war ein Schick⸗ ſal, mit welchem Robert ſich nie befreunden zu kön⸗ nen glaubte, und die Gefahr ſeiner Lage rief in ſo weit ſeine Beſonnenheit zurück, daß er auf eine Liſt dachte, um den Fängen dieſer Seelenverkäufer zu — entgehen. Mit Gewalt, das ſah er wohl ein, war hier nichts auszurichten, weil er gewiß bei dem erſten Verſuche von ſeinen Verfolgern niedergeſchlagen wor⸗ den wäre. So machte er denn gute Miene zum böſen Spiele, und verſuchte ein ſorgloſes und unbe⸗ fangenes Weſen anzunehmen, was ihm auch wider Erwarten ſo ziemlich gelang. 6 Er erzählte, daß er von einem falſchen Freunde beſtohlen worden ſei, und dadurch in große Verle⸗ genheit gekommen wäre, weil er in Hamburg keine Bekannten habe, die ihm allenfalls aus ſeiner Noth helfen können. Mit anſcheinender, vielleicht auch wirklicher Theil⸗ nahme hörte der alte Matroſe ihn an, und über⸗ ſchüttete den Spitzbuben Wilhelmi mit einer Fluth von Schimpfworten. „Wenn der Hallunke hier wäre,« ſchrie er,„ſo wollte ich ihn für ſeine Niederträchtigkeit in kochmil⸗ lionen Stücke ſchlagen! Aber laß dich's nicht küm⸗ mern, Kamerad! Einen falſchen Freund haſt du verloren, und einen wahren und ächten wiedergefun⸗ den. Da ſchlag ein,“ ſetzte er hinzu,„ich will dein Freund werden, und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's nicht ehrlich meine. Komm mit auf mein Schiff, laß dich einſchreiben als Matroſenlehrling und 92 werde ein ordentlicher Kerl, wie die alle ſind, die du hier ſiehſt. Schau nur hin, wie luſtig ſie ſind! Solch ein luſtiges Leben ſollſt du auch fuͤhren, wenn du meinem Rathe folgſt. Willſt du das thun, he?« Robert hielt es für das Klügſte nachzugeben und ſich anzuſtellen, als ob er gern dazu bereit ſei, ſein Glück als Seefahrer zu verſuchen. „Topp!“ ſagte er, indem er kraͤftig in die darge⸗ reichte Hand des Matroſen ſchlug,—„topp, ich bin dabei! Als ich hier allein ſaß, und über mein Schickſal nachdachte, fiel es mir ſchon ein, meine Dienſte einem Kapitän anzutragen; aber ich dachte nicht, daß man mich annehmen würde!“ „Fehl geſchoſſen, alter Junge!“ rief lachend der Matroſe.„Solche Burſchen, wie du, ſind jedem rechtlichen Kapitän willkommen, wenn ſie nur ordent⸗ lich ihre Pflicht thun! Du biſt ein ſtraffer Burſch, wie ich ſehe, und es kann mit der Zeit etwas aus dir werden. Wart's nur ab, unſer Kapitäͤn iſt ein ganzer Kerl, und unſere Victoria ein Schiff, das ſeines Gleichen in allen Meeren ſucht. Schlag' ein, Junge, ich nehme dich unter meine beſondere Obhut, und der gelbe Jack*) ſoll mich holen, wenn ich nicht . *) Das gelbe Fieber. 93 den hübſcheſten und flinkeſten Matroſen aus dir mache, ehe ein Jahr vergeht!« In ſeiner Herzensfreude that der alte Seemann einen tiefen Zug aus ſeinem Kruge und reichte dieſen dann Robert, der ihn vollends auf gute Kamerad⸗ ſchaft leeren mußte. Darauf ſchüttelten ſich die bei⸗ den noch einmal traulich die Hände, und Robert fragte, wie ſein neuer Bekannter denn eigentlich heiße. „Nenne mich Martin, den alten Martin, mein Junge,“ erwiederte der Seemann.„Ich bin Steuer⸗ mannsmaat auf der Victoria, und du ſollſt mein Topgaſt werden und es gut bei mir haben, wenn du dich ordentlich beträgſt. Aber nun ſteh' auf, muß dich den Andern auch als neuen Kameraden vorſtellen. Denn wie du uns hier verſammelt ſiehſt, ſind wir alle von der Victoria.“ Ein lauter Ruf des alten Martin, der gewaltig durch die ganze Stube hallte, lenkte die Aufmerkſam⸗ keit der zechenden Matroſen auf ihn hin, und mit wenigen Worten verkündigte er ihnen, daß er Robert als ſeinen Topgaſt angenommen habe. Ein dreimali⸗ ges Hurrah, brüllend von den rauhen Kehlen aus⸗ geſtoßen, war die Antwort auf des alten Martin Rede, und im Nu ſah ſich Robert von einigen 94 dreißig ſtämmigen Matroſen umringt, welche ihm ſo kräftig die Hände ſchüttelten, daß er vor Schmerz beinahe laut aufgeſchrieen hätte. Der alte Martin befreite ihn aber bald von dieſen qualvollen Freund⸗ ſchaftsbeweiſen, und zog ihn an den Tiſch, wo er vorher mit ihm geſeſſen hatte, zurück, um eine friſch beſtellte Pinte Ale zu leeren und noch nähere Bekanntſchaft mit ſeinem neuen Topgaſte zu ſchließen. „Nun, Kamerad,“ ſagte er zu ihm,„es freut mich nur, daß du dich freiwillig in den Seedienſt begeben willſt. Verſtehſt du wohl, es freut mich um deinetwegen; denn behalten hätten wir dich auf jeden Fall, und wenn es mit Gewalt hätte geſchehen müſſen. Aber wehe dir, wenn du dich nicht gefügt hätteſt. Die Matroſen haben eine vortreffliche Me⸗ thode, flinke Arme und Beine zu machen; denn ſie laſſen Einem nur die Wahl, entweder ob man ſie gebrauchen will, oder ob man es vorzieht, ſie kurz und klein gebrochen zu ſehen. Denn das Letztere tritt ein, wenn es ſich vergeblich gezeigt hat, dem neuen Matroſen Luſt und Liebe zu ſeinem Geſchäͤfte einzu⸗ flößen. Sieh du nur die Männer da an, betrachte ihre Arme, ihre Fäuſte, die Schmiedehämmern gleichen und dann ſage ſelbſt, ob es nicht gefährlich ſein mag, ihnen zu widerſtreben, die ſtaͤrkſte Landratte 95 müßte ihnen zuletzt unterliegen, und weil du nun gerade nicht zu den Stärkſten gehörſt, ſo iſt es mir lieb, daß du durch deine gutwillige Gefügigkeit allen Plackereien der Neulinge entgehſt. Aber trink, mein Junge! mir wird die Kehle vom Sprechen trocken, und dir gewiß vom Zuhören. Noch lange ſaßen die Beiden zuſammen und ſpra⸗ chen von dieſem und Jenem, während Robert auf eine Gelegenheit lauerte, um mit einiger Sicherheit ſeine Flucht bewerkſtelligen zu können. Mogte er es aber nicht in ſeiner Gewalt gehabt haben, ſich hinreichend zu verſtellen, oder war es ſo Sitte in dieſen Spelunken, kurz, Einige von den verſammel⸗ ten Matroſen ließen ihn keine Sekunde hindurch aus ihren Augen. Und ſelbſt als er einmal aufſtand und hinausgehen wollte, vermogte er ſich ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit nicht zu entziehen. Zwei von ihnen folgten ihm auf dem Fuße, ſo daß er wohl einſah, daß es die größeſte Dummheit geweſen wäre, nur einen — Verſuch zur Flucht zu wagen. Denn es wäre jeden⸗ falls unglücklich abgelaufen, und was er alsdann zu erwarten hatte, war ihm ja vom alten Martin deut⸗ lich genug geſagt worden. So blieb er denn ruhig ſitzen, als ob er nicht entfernt daran dächte, ſeinem Schickſale, das ihm ganz willkommen ſchien, zu ent⸗ 96 rinnen. Es mogte etwa Mitternacht ſein, als der alte Martin die abermals geleerte Bierkanne von ſich ſchob und erklärte, daß es nun Zeit ſei, auf das Schiff zurückzukehren. Ein wenig mühſam er⸗ hob er ſich von ſeinem Stuhle und mußte ſich an der Lehne feſthalten, um nicht zu taumeln, denn er hatte ein wenig zu oft und zu tief in ſeine Kanne geſchaut, und war, wie die Matroſen ſich ausdrücken, halb über Bord, das heißt betrunken. Sein Geſicht glühte, wie der feurige Mond, wenn er eben über den Horizont in die Höhe ſteigt, und ſeine Bewegungen waren ſo unſicher, daß er ein kleines Geldbeutelchen von Otternfell, was er aus der Taſche gezogen hatte, um den Kellner zu bezah⸗ len, nicht aufneſteln konnte. „Bezahle du, Maat!“ rief er Robert zu, indem er ihm den Geldbeutel zuwarf.„Deine Zeche iſt natürlich in der meinigen mit inbegriffen!« Während Robert den Befehl des alten Martin befolgte, zitterte er nicht minder, als jener, aber nur von Hoffnung, jetzt endlich dem Looſe entgehen zu können, welches ihm von den Matroſen zugedacht worden war. Denn obgleich er ſich ſeit dem Dieb⸗ ſtahle Wilhelmi's in einer ganz elenden Lage befand, wollte er doch lieber betteln gehen, als unter ſo 4 97 rohem Schiffsvolke Dienſte thun, und ſich zum Spiel⸗ ball ihrer Launen erniedrigt ſehen. Er meinte, in Begleitung des alten Martin würde man ihn wohl ſich entfernen laſſen, und dann mögte es ihm nicht ſchwer werden, der obwohl ſtarken, doch jetzt vor Trunkenheit unſichern Hand ſeines Begleiters zu ent⸗ ſchlüpfen. Aber Robert war ſehr im Irrthum, wenn er ſich ſelber für klüger gehalten hatte, als jene Matroſen, denen alle Liſten und Ränke der gepreßten Mann⸗ ſchaft nicht unbekannt geblieben ſein konnten. So⸗ bald der alte Martin ſeine Zeche bezahlen wollte, ſtanden zwei andere Bootsmänner auf, berichtigten auch ihre Zeche, und erklärten dabei zugleich, daß ſie den Alten begleiten und ebenfalls zu dem Schiffe zurückkehren würden. Sie nahmen Martin und Nobert in die Mitte, und nun ging es fort, gera⸗ deswegs dem Hafen zu. 3 Die Nacht war ſehr finſter. Nur die Sterne verliehen ein ſchwaches Licht, das noch dazu oft genug von fliegenden Wolken, die ein heftiger Sturm vor ſich her trieb, verdunkelt wurde. Die Finſterniß erweckte in Robert neue Hoffnung, denn mit ihrer Hülfe, ſo dachte er, würde er ſelbſt den begleiten⸗ den Matroſen entwiſchen können. Um nichts unver⸗ Der verlorne Sohn. 7 8 98 ſucht zu laſſen, bat er den alten Martin, mit ihm in ſein Gaſthaus zu gehen, damit er von dort ſeine Kleider und ſonſtigen Habſeligkeiten abholen könne. Heimlich dachte er dabei, wenn er erſt im Gaſthauſe zu den Couliſſen angelangt wäre, wolle er den Fäu⸗ ſten des Alten wohl entrinnen. Aber Martin, mogte er nun die Abſicht des Jünglings durchſchauen oder nicht, wollte von Erfüllung ſeines Wunſches nichts hören. „Zu alldem haben wir Zeit bis morgen,“ ſagte er mit ein wenig lallender Stimme.„Jetzt ſehne ich mich nach meinem Schiffe und nach meiner Hänge⸗ matte, und mag alſo nicht um deiner Lumpen willen, die du bei uns doch nicht gebrauchen kannſt, noch lange in der Stadt umhertrollen. Immer vorwärts, mein Junge!“ Seine Hand umklammerte Roberts Arm ſo feſt, wie eine Schraube, und der Alte ließ nicht los, bis ſie den Hafen erreicht hatten, wo er mit lauter Stimme über das Waſſer hinweg, und nach einem Boote ſchrie, welches ihn an Bord ſeines Schiffes führen könnte. Bald genug war ein Solches gefunden, und Robert, der recht wohl einſah, daß er ſich nicht würde befreien können, wenn er erſt einmal auf das Schiff geſchleppt worden ſei, faßte den Entſchluß jetzt 99 das Aeußerſte zu wagen. Mit einem heftigen Rucke befreite er ſeinen Arm aus der Fauſt Martins, als dieſer eben im Begriffe war in das Boot zu ſteigen, und rannte dann mit der größeſten Hurtigkeit davon. Ein wilder Fluch ſchallte ihm nach, und kaum hatte er etwa zwanzig Schritte Vorſprung erreicht, ſo hörte er, daß die beiden Matroſen, welche ihn bisher nicht aus den Augen gelaſſen hatten, ihm nachſetzten. Von Angſt und Hoffnung angeſpornt, ſtrengte Robert alle ſeine Kräfte an, um den Ver kolgern zu entrin⸗ nen, und mit Hülfe der Dunkelheit würde es ihm auch wohl gelungen ſein, wenn nicht ein beſonderer Unſtern über ihm gewaltet hätte. Eben als er um eine Ecke bog, rannte er gegen einen Haufen Män⸗ ner, die dicht gedrängt die Straße herunter kamen, warf Einen von ihnen durch den heftigen und uner⸗ warteten Anprall über den Haufen, ſtürzte dann ſelbſt über ihn her, und ſchlug mit ſolcher Gewalt auf die Erde, daß er für einige Augenblicke die Be⸗ ſinnung verlor, und ſich nicht ſchnell genug wieder aufrichten konnte. 3 „Oho, wer rennt denn da wider uns, wie ein wilder Stier!“« rief Einer aus der Schaar, indem er Robert faßte und von der Erde aufhalf. Im nämlichen Augenblicke kamen die Verfolger 7 35 100 —— an, und nach wenigen Worten, die ſie mit den Mäannern wechſelten, erkannte Robert, daß ſein Schickſal für jetzt beſiegelt und unabwendbar war. Der Himmel hatte es gewollt, daß er einem Haufen Matroſen in die Hände fiel, welche, wie der alte Martin und ſeine Verfolger, zu ein und demſelben Schiffe gehörten. Triumphirend nahmen die rohen Männer den unglücklichen Flüchtling in die Mitte, und ſtießen ihn unter höhniſchem Gelächter vorwärts, indem ſie eine Fluth von Schimpfreden und Flüchen über ihn ausſchütteten. Still und traurig ſtolperte Robert vorwärts. Es war ihm ſo elend zu Muthe, daß er ſich geduldig, wie ein Schaf zur Schlachtbank, fort⸗ ſchleppen ließ, und kein Wort auf alle die Verwun⸗ ſchungen erwiederte, mit denen man ihn ſo freigebig bedachte. Am Hafen angelangt nahm ihn der alte Martin, deſſen Rauſch mittlerweile verflogen war, in Empfang, indem er grimmig murmelte:„Warte, Burſche, das ſoll dir übel bekommen! Du ſchuftige Landratte willſt einen alten Haifiſch, wie mich, über⸗ liſten! Gib Acht, Burſche, das verſuchſt du nicht zum zweiten Male!« Ohne Umſtände zog er ein paar ziemlich lange Tauenden aus den Taſchen ſeiner weiten betheerten K —— ————— ——— 101 Hoſen, band dem unglücklichen Robert Hände und Füße zuſammen, und warf ihn dann, wie einen Sack, in das Boot hinein, welches gleich darauf vom Lande abſtieß. Robert biß die Zähne zuſammen, um die Thränen zurückzuhalten, die ſich unwillkür⸗ lich in ſeine Augen drängten. Noch immer blieb ihm ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung. Er gedachte, auf dem Schiffe angekommen, mit dem Kapitän des⸗ ſelben zu ſprechen, und glaubte, dieſer würde ihm wohl ſeine Freiheit zurückgeben, wenn er ihm offen und ehrlich ſagte, daß er nur gezwungen und der Gewalt nachgebend auf das Schiff gekommen ſei. Eine gar trügliche Hoffnung war dieß. Sobald das Boot an dem Schiff anlegte, deſſen Umriſſe groß und düſter aus den lichteren Wellen hervor⸗ ragten, wurde Robert an Bord gehißt, und ehe er noch Zeit hatte, mit irgend Jemand zu ſprechen, gebunden wie er war, in den unterſten Raum des Schiffs geworfen. Die Luke ward hinter ihm zuge⸗ klappt, und ohne daß man auf ſeinen Hülferuf ge⸗ achtet hätte, ließ man ihn allein unter den Waaren⸗ ballen, welche die Fracht des nach England beſtimm⸗ ten Schiffs ausmachten. Jetzt, als Robert ſich, von aller Welt abge⸗ ſchloſſen, in der Gewalt gefühlloſer roher Menſchen 1⁰2 ſah, die er uoch dazu durch ſeine Flucht höchlich be⸗ leidigt hatte, kam eine furchtbare nicht zu bewälti⸗ gende Angſt über ihn, die ihn beinahe zur Verzweif⸗ lung brachte. Er raste und tobte, brüllte wie ein Thier, wälzte ſich wüthend auf dem Boden umher, und ſuchte mit den Zähnen die Stricke zu zernagen, welche ſeine Glieder gefeſſelt hielten. Aber alle ſeine Anſtrengungen, ſich zu befreien, waren vergeblich, und in dumpfer Betäubung blieb er endlich liegen, nach⸗ dem er alle ſeine Kräfte in nutzloſer Raſerei vergeu⸗ det hatte. Der Himmel, mitleidiger, als die Men⸗ ſchen, erbarmte ſich endlich ſeiner und ſchickte ihm den ſüßen Troſt aller Unglücklichen, den Schlaf, der ihn auf einige kurze Stunden ſein Elend vergeſſen machte „Neuntes Kapitel. Des verlornen Sohnes Reue. Robert erwachte am nächſten Morgen mit dem ganzen Gefühle ſeiner Verlaſſenheit, und ſein Herz ſchwoll von Kummer und Wehmuth, wenn er die Lage bedachte, in welche ein ungünſtiges Geſchick ihn verſetzt hatte. Doch konnte er nicht ungeſtört ſich ſeinem Grübeln überlaſſen, denn das Schiff, auf welchem er ſich befand, ſchwankte heftig hin und her, und er wurde zuweilen ſchmerzhaft gegen die Kiſten und Ballen geſchleudert, die ſein nächtliches Lager gebildet hatten. Die völlige Dunkelheit, welche im Raume herrſchte, obgleich ohne Zweifel der Tag ſchon angebrochen ſein mußte, der häßliche Geruch, der den ganzen untern Schiffsraum erfüllte, und das laute Geräuſch, welches die an die Seiten des Fahrzeugs anſchlagenden Wellen verurſachten, ver⸗ 104 mehrte noch das Schreckliche von Roberts Lage. Von Neuem dachte er darauf, ſich wenigſtens von ſeinen Banden zu befreien, und nach manchem miß⸗ lungenen Verſuche, nach mancher vergeblichen An⸗ ſtrengung, brachte es endlich ſo weit, daß er ſeine Arme ungehindert bewegen konnte. Die Stricke von den Füßen waren nun auch bald gelöst, und nach⸗ dem er ſeine Glieder, die ganz ſteif geworden waren, eine Zeit lang gerieben hatte, um ſie wieder geſchmei⸗ dig zu machen, tappte er in der Finſterniß umher und ſuchte nach einem Plätzchen, wo er wenigſtens feſt und ſicher ſitzen konnte und nicht von jedem Rollen und Schwanken des Schiffes hin und her ge⸗ ſchleudert zu werden fürchten mußte. Ueber die Ballen und Fäſſer und Kiſten hinwegkriechend, fand er endlich zwiſchen zwei großen Tonnen einen leeren Raum, klemmte ſich dazwiſchen, und befand ſich jetzt, im Vergleiche zu ſeiner früheren Lage wenigſtens, ziemlich behaglich und ſicher. Aufmerkſam lauſchte er auf jedes Geräuſch, vernahm aber nichts, als das eintönige Anſchlagen und Klatſchen der Wellen, und dann und wann ein lautes Knarren, welches vom Maſtbaum herrührte, welcher, wie bekannt, im Kiele jedes Schiffes eingeſenkt und befeſtigt iſt. Dies Kuarren brachte Robert zuerſt auf den Gedanken, 10⁵ daß ſein ſchwimmendes Gefängniß wohl gar ſchon den Hafen verlaſſen haben möge, und ein wahrer Todesſchrecken überfiel, wie ein gewappneter Feind⸗ ſein ſchon tief gebeugtes Herz. Noch immer hatte er bisher an der Hoffnung feſtgehalten, daß er durch den Kapitän des Schiffs ſeine Freiheit wieder erlan⸗ gen würde; aber dieſe Hoffnung mußte gänzlich da⸗ hin ſchwinden, wenn das Fahrzeug die heimathliche Küſte bereits verlaſſen hatte. Wie ſehnte er ſich jetzt wieder zu Herrn Redlich zurück! Wie beklagte er von Neuem ſeine Verir⸗ rungen! Wie bereute er mit bitterem Schmerz, den Ermahnungen ſeines Vaters nicht gewiſſenhafter Folge geleiſtet zu haben! Jetzt erſchien ihm die Vergangenheit im roſigſten Lichte, und Thränen, wahrhafte und ächte Reuethränen netzten ſeine Augen, wenn er ſich den Kummer vorſtellte, den er ſeinem Vater, ſeiner Mutter, ſeiner Schweſter verurſacht haben mußte. Die ehrwürdige Geſtalt ſeines Vaters ſchwebte ihm vor Augen und alle Worte der Liebe, der Warnung, der Ermahnung fielen ihm ein, die er zu jeder Zeit ſeines Lebens an ihn, den ungerathenen Sohn, ver⸗ ſchwendet hatte. Ach, wie hatte er dieſe Liebe ſo ſchändlich mit Undank vergolten, wie hatte er die treu gemeinten Warnungen ſo leichtſinnig in den 106 Wind geſchlagen, wie hatte er die väterlichen Er⸗ mahnungen ſo ſchlecht befolgt! Und ſeine Mutter, ſeine fromme gute Mutter! Welche ſchmerzliche Thränen mogte ſie über ihn weinen, über ihn, den ſie doch jederzeit auf Gott hingewieſen, den ſie ſo gern zu einem guten, frommen und chriſtlichen Menſchen gemacht hätte! In den Tagen ſeines Leicht⸗ ſinns hatte er oft ihre liebevollen Worte verlacht und nie war es ihm eingefallen, bei Allem, was er that, an Gott zu denken, obgleich ihn die Mutter ſo oft darum gebeten hatte. Jetzt aber, in ſeinem Leiden, jetzt fühlte er, daß er thöͤricht gehandelt hatte, jetzt fühlte er, wie böſe all' ſein Thun gewe⸗ ſen war, und mit einem Herzen voll Bekümmerniß rief er aus:„Gott, mein Gott, ich habe geſündigt vor dir, und bin nicht werth, daß du deine Hand ausſtreckſt, um mich zu halten, und mich zu er⸗ retten!“ Mit gewiſſenhafter Strenge rief er alle ſeine leichtſinnigen und ſchlechten Thaten und Beſtrebungen in ſein Gedächtniß zurück, und verhehlte ſich nicht, daß er ganz allein an alle dem Unheil Schuld ſei, welches jetzt ſo ſchwer und drückend auf ſeinen Schul⸗ tern laſtete. Gern hätte er die Tage, die er in frevelhaftem Leichtſinn vergeudet hatte, zurückgerufen, um die verlorne Zeit beſſer und edler anzuwenden; aber dazu war es zu ſpät, und es blieb ihm weiter nichts übrig, als, von nun an wenigſtens, ernſtlich an ſeiner ſittlichen Beſſerung zu arbeiten, und durch Rechtlichkeit, Treue und Fleiß, wo möglich die Flecken abzuwaſchen, die ſeine noch ſo junge Seele bereits beſchmutzt hatten. „Hilf du mir dazu, mein Gott,“ betete er, als ihm völlig klar geworden war, auf was es eigent⸗ lich ankomme,„hilf du mir dazu, daß ich auf dem Pfade nicht ſtrauchle, welchen ich von jetzt an mit dem Vertrauen auf deine Gnade einſchlagen will. Hilf mir, meinen Leichtſinn zu überwinden, hilf mir, mein Herz in wohlthätiger Reue zu erhalten, und gib mir Kraft, den Gelübden treu zu bleiben, die ich in deiner Gegenwart, wo Niemand mich hört, als du, ausſpreche. Keine Lüge ſoll fortan über meine Lippen kommen! Täglich will ich zu dir be⸗ ten um Kraft zum Guten und um Erleuchtung mei⸗ ner verfinſterten Seele, und alle Uebel, die mir noch bevorſtehen mögen, will ich in dem Glauben ertra⸗ gen, daß deine Hand ſie mir ſendet, um mich zu reinigen und mich wieder zu dir, du Urquelle alles Lichts, hinzuleiten!« So betete er und fühlte ſeine bedrückte Seele * 108 erleichtert, ſeine gebeugte Kraft wieder neu geſtärkt. Er war entſchloſſen, Alles mit Geduld zu tragen, was man ihm aufbürden würde, und willig die Dienſte zu verrichten, welche man ihm auf dem Schiff übertragen könnte. Er fing ſogar an, ſich mit ſeiner jetzigen Lage auszuſöhnen, und betrachtete ſie als eine Prüfungszeit, welche des Himmels weiſer Rathſchluß über ihn verhängt habe. „Gewiß,“ dachte er,„gewiß hat Gott ſelbſt mich hieher geführt, damit ich zur Beſinnung kommen und die Sünden erkennen möge, deren ich mich ſchuldig gemacht habe. Nur, wenn ich mit Erge⸗ bung die Buße trage, kann ich wieder Gnade vor Gottes Angeſicht erlangen, und Er wird mir Kraft verleihen, daß ich ſtandhaft bleibe und entſchloſſen der Sünde den Rücken zukehre.“« Selbſt an Wilbelmi, der ihn ſo treulos verra⸗ then und beraubt hatte, dachte er ohne Groll zurück und vergab ihm, da er ihn ebenfalls für ein Werk⸗ zeug anſah, das dazu mitgewirkt habe, ihn von der Bahn des Verderbens abzulenken. „Wenn ich bei ihm geblieben wäre, ſo würde ich vielleicht noch tiefer gefallen, noch weiter auf dem Wege der Sünde vorgeſchritten ſein,“ dachte er. „Hier auf dem einſamen Schiffe kann mir die Ver⸗ ſuchung nicht nahen, und Gott wird geben, daß mein Geiſt ſtark genug geworden iſt, ſie zu fliehen, wenn ich jemals das Schiff wieder verlaſſen darf.“ Während er ſo ernſtlich an ſeiner inneren Beſſe⸗ rung arbeitete, vernahm er über ſeinem Haupte ſchwere dröhnende Schritte, und gleich darauf ward die Luke geöffnet. Ein ſchwacher Schimmer des Ta⸗ geslichts fiel in den düſteren weiten Raum, wurde aber ſogleich wieder von der breiten Geſtalt des alten Martin verdunkelt, welcher durch die Luke in den Raum hinabſtieg. „He!« rief er,„he, du Ausreißer, wo ſteckſt du? Gib ein Lebenszeichen von dir, damit ich dich in dieſer Finſterniß finden kann!« Robert, obgleich die Furcht vor der Rache des alten Matroſen in ſeinem Herzen wieder erwachte, kroch dennoch ſogleich aus ſeinem Verſtecke hervor und ging ihm entgegen. „Hier bin ich,« ſagte er ſanft.»Was verlangt Ihr von mir?“ „Das wirſt du bald ſehen, mein Junge,“ erwie⸗ derte der Alte.„Aber ſchau doch, haſt du dich von den Stricken befreit, mit denen ich dich band, damit du mir nicht noch einmal entwiſchen ſollteſt? Nun, es ſchadet nicht, denn jetzt haben wir dich ſicher 110 genug, und wollen ſchon Mittel finden, einen guten und flinken Matroſen aus dir zu machen.“ „Ich will gern und ohne Zwang thun, was man mir befehlen wird,“ entgegnete Robert mit feſter Stimme.„Ihr habt nicht zu befürchten, daß ich wieder davon laufen werde.“ „Ei, was du ſagſt!« rief der alte Martin ganz verwundert, da er ſeinen Gefangenen in einem ganz andern Zuſtande zu finden gedacht hatte.„Biſt du ſchon ſo zahm geworden, du wilde Landratte? Aber komm nur, wir werden bald ſehen, was wir von dir zu halten haben. Zum zweiten Mal laß ich mich nicht von dir Gelbſchnabel anführen. Marſch auf's Verdeck! Der Kapitän will dich ſprechen.“. Ohne Zögern ſtieg Robert eine ſteile Schiffsleiter hinauf und wurde von dem alten Martin in die Kajüte des Kapitäns geführt, welcher den jungen Mann mit finſterem Blick betrachtete. „Wie heißt du?« fragte er ihn rauh, als der alte Martin auf ſeinen Wink die Kajüte wieder verlaſſen hatte. 1 „Robert Hartmuth!« erwiederte der Jüngling mit beſcheidenem Anſtande. 3 „Was iſt dein Gewerbe?« fragte der Kapitän wieder. Robert zögerte mit der Antwort, da er die auch keine Lüge über ſeine Lippen bringen mogte. Endlich faßte er ſich aber ein Herz und beſchloß, dem Kapitän offen ſeinen ganzen Lebenslauf und ſeine Verirrungen mitzutheilen. Obgleich der Kapitän ſehr unfreundlich auf ihn blickte, lag doch eine gewiſſe Gutmüthigkeit im Geſicht deſſelben, und Robert hoffte milder von ihm behandelt zu werden, wenn er ihm zeigte, daß er in Wahrheit ſeine Fehler bereut habe und feſt entſchloſſen ſei, ſich willig und gedul⸗ dig in ſein jetziges Schickſal zu fügen.. So beichtete er denn alle ſeine Vergehungen, verhehlte nichts, beſchönigte nichts, und ließ den Kapitän, der ihn ruhig und ohne eine Miene zu verziehen anhörte, in die geheimſten Falten ſeines Herzens blicken. Robert ſprach mit dem Ausdrucke vollkommener Wahrhaftigkeit, und der Kapitän war ein kluger, und dabei trotz ſeines anſcheinend barſchen Weſens, auch ein guter alter Mann. Als Robert ſeine Beichte vollendet hatte, ſchritt er einige Male nachdenklich in ſeiner Kajüte auf und ab und warf zuweilen einen forſchenden Blick auf den Jüngling, deſſen redliche Offenheit ſichtlich einen guten Eindruck auf ihn ge⸗ macht hatte. Endlich ergriff er eine Klingel, welche Wahrheit nicht gern eingeſtehen wollte, und doch —— . — 11² auf einem Seitentiſchchen ſtand, ſchellte ein paar Mal, und befahl dem alten Martin, welcher ſogleich wieder in die Kajüte trat, Robert mit auf das Ver⸗ deck zu nehmen und ihn dort als Matroſen einzu⸗ kleiden. An Robert ſelbſt richtete er kein Wort und traurig folgte dieſer ſeinem Führer, indem er ſehr geneigt ſchien, ſich ſelbſt Vorwürfe über ſeine offene Erzählung zu machen. Doch bald dachte er wieder: Ehrlichkeit iſt die beſte Tugend, und faßte von Neuem den Entſchluß, durch die That zu beweiſen, daß er es wirklich redlich mit ſeiner Beſſerung meine. Als er auf das Verdeck kam, ſah er nichts rings um ſich her, als Himmel und Meer. Das Schiff, von einem ſtarken und günſtigen Winde getrieben, ſchoß hurtig durch das Waſſer, und nur fern im Oſten deutete noch ein dunkler Streifen die Küſte an. Traurig ſah Robert hinüber, und ſeine gänz⸗ liche Verlaſſenheit von Allem, was ihm wieder lieb und theuer geworden war, ſtimmten ihn ſo wehmü⸗ thig, daß er von Neuem in Thränen ausgebrochen wäre, wenn er ſich nicht derſelben vor dem alten Martin und den andern Matroſen, welche ſich auf dem Verdecke befanden, geſchämt hätte. Ohne die mindeſte Rückſicht auf ſeine Gefühle zu nehmen, zog man ihm ſeine Kleider aus, reichte ihm das Gewand eines Schiffsjungen, und wies ihm dann die kleinen Geſchäfte an, welche er für die Folge zu beſorgen haben ſollte. Willig folgte Ro⸗ bert dem alten Martin hierhin und dorthin, und achtete ſo aufmerkſam auf die Belehrungen deſſelben, daß die rauhe Außenſeite des Matroſen immer freundlicher ward. „Höre, mein Junge,“ ſagte er endlich, indem. er von der Willfährigkeit Roberts überraſcht, dieſen zutraulich auf die Schulter klopfte,„höre, warum wollteſt du uns eigentlich ausreißen? Wie mir ſcheint, haſt du doch wirklich Luſt und Liebe zum Matroſenleben!“« „Ja, jetzt habe ich ſie, oder bin doch wenigſtens feſt entſchloſſen, meinen Dienſt ehrlich und treu zu verſehen,“ erwiederte Robert.„Geſtern aber hielt ich es für ein großes Unglück, gepreßt worden zu ſein, und ſuchte Euch auf jede Weiſe zu überliſten.“ „Und haſt es ſchlau genug angefangen,“ ſagte der alte Martin lachend.„Wenn man dir trauen könnte, ſo mögte es dir bald an Freunden nicht fehlen, und vielleicht würdeſt du es niemals bereuen, auf das Schiff geſchleppt und zum Dienſte gezwun⸗ gen worden zu ſein. Das Seemannsleben iſt ein friſches und fröhliches Leben, und wenn man keine Der verlorne Sohn. 8 —— — —— — — — 114 Sünde auf dem Gewiſſen hat, ſo iſt es Einem auf dem weiten Ocean recht inniglich wohl. Faſt iſt Einem zu Muthe, als ob man dem lieben Gott hier näher wäre, als auf dem Lande, weil man durch das Endloſe des Meeres ſo recht auf ſeine endloſe Fürſorge und Güte hingewieſen wird.« Verwundert blickte Robert den alten Martin an, und traute beinahe ſeinen eigenen Ohren nicht. War es denn wirklich der alte, rauhe, barſche, mürriſche Seemann, der eben jetzt ſo mit recht herz⸗ licher Frömmigkeit vom lieben Gott ſprach? Der Alte ſchien ſeine Gedanken zu errathen, und ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Wenn du uus beſſer kennen lernſt,“ ſagte er,„ſo wirſt du vielleicht auch eine beſſere Meinung von uns bekommen, als du jetzt hegen magſt. Der Menſch iſt nicht vollkommen, und am allerwenigſten iſt ein Matroſe ohne Fehler. Wenn man Monate lang auf dem Meere umherge⸗ ſchwommen iſt, ſo ſchlaͤgt man leicht einmal über die Schnur, wenn endlich die Freuden des Landes wieder einmal winken. So ging es mir geſtern, und obgleich die Reue immer der That auf dem Fuße folgt, ſo iſt man doch nicht immer ſtark genug, der Verſuchung zu widerſtehen. Der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach! Ja, ſündhafte Menſchen 115 ſind wir Alle, aber vom lieben Gott haben wir uns denn doch nicht abgewendet, obgleich du das oder etwas Aehnliches zu glauben ſcheinſt.« „Aber iſt es denn nicht gottlos, Menſchen aus allen ihren Verhältniſſen zu reißen und ſie zu einem Gewerbe zu zwingen, zu denen ſie oft weder Nei⸗ gung fühlen, noch auch die Kräfte beſitzen?« fragte Robert.„Oft genug habe ich ſchon von Seelenver⸗ käufern gehört, und jedes Mal hat mir das Herz im Leibe geſchaudert, wenn ich an das Schickſal von ſo armen, betrogenen Menſchen dachte.“ 3 Der alte Martin zuckte die Achſeln.„Freilich,« ſagte er,„eine Sünde iſt es, und ich mögte wohl ſagen, eine recht große und ſchwere Suͤnde! Aber was ſoll man machen? Der Seedienſt verlangt Leute, und wenn ſie ſich nicht von ſelber finden, ſo muß man ſie eben ſuchen! Uebrigens iſt es mit dem Matroſenpreſſen nicht ſo arg, als du meinſt, und ſchwaͤchliche Leute laſſen wir ſchon von ſelber wieder laufen. Ueberhaupt ſieht ein redlicher Kapi⸗ tän ſich vor, daß er nicht gerade ein Unglück an⸗ richtet und behält nur Leute, die am Ende auf ſei⸗ nem Schiffe beſſer aufgehoben ſind, als anderswo. Wenigſtens iſt das ſo unſeres Kapitäns Art und Weiſe. Bei alle dem iſt's Unrecht und bleibt Un⸗ 4 116 recht, das will ich nicht läugnen, aber es läßt ſich einmal nicht vermeiden!“« Robert konnte dieſer Anſicht nicht beiſtimmen, denn er dachte ganz richtig, daß Sünde immer Sünde bleibe, und ein Unrecht auf keine Weiſe zu entſchuldigen ſei. Eben wollte er dieſe Anſicht zu erkennen geben, als ein Bote vom Kapitän kam, welcher den alten Martin unverzüglich in die Kajüte beſchied. Robert blieb auf dem Verdeck und ſchaute nachdenklich über die Brüſtung auf die Küſte ſeines Vaterlandes hinüber, welche mehr und mehr zuruͤck⸗ wich, und bald nur noch wie ein ſchwacher Nebel am Horizont zu erkennen war. Schwermüthige Gedan⸗ ken zogen durch ſeine Seele, aber ohne ſeine neu ge⸗ faßten guten Grundſätze zu erſchuttern. Vielmehr war er Angeſichts ſeines Heimathlandes mehr als je geneigt, nie wieder, auch nur um eines Haares Breite von dem Pfade des Rechten und Guten ab⸗ zuweichen. Zehntes Kapitel. Kobert und der Kapitän. „Martin,“ ſprach der Schiffskapitän zu dem alten Matroſen, der ehrerbietig vor ihm ſtand und ſich mit der Linken das Haar glatt ſtrich, um ſo ſchmuck wie möglich vor ſeinem Befehlshaber zu erſcheinen „Martin, an dem Burſchen, den Ihr geſtern an Bord gebracht habt, ſcheint Ihr nicht den beſten Fang gemacht zu haben. Ich fürchte, er iſt zu ſchwach zum Matroſen, und würde bald den Mühſe ligkeiten des ihm ungewohnten Seelebens unterlie⸗ gen, wenn man ihn mit Gewalt zu Allem zwingen wollte.“« „Sehr wohl Herr!« erwiederte Martin.„Freilich ſieht er ein wenig ſchwächlich aus, woran wohl ſein frü⸗ heres lockeres Leben Schuld ſein mag, aber im Grunde 2 2 118 hat er doch eine gute Natur. Der iſt zähe, Herr, und kann viel aushalten.« „Wenn es ſich ſo verhält, deſto beſſer,« ſagte der Kapitän.„Auf alle Fälle wünſche ich, daß er von der ſchwerſten Arbeit befreit bleibe. Der Junge iſt nicht von dem Stoffe, aus dem man Matroſen macht, und wenn ich ſehe, daß er brav und ordent⸗ lich iſt, ſo kann mit der Zeit wohl etwas Beſſeres aus ihm werden. Aber hört, Martin, Ihr behaltet ihn unter Eurer Aufſicht, und bringt mir jeden Abend einen Bericht über ſein Betragen.“ Nach dieſen Worten wurde der alte Matroſe entlaſſen, und begab ſich wieder zu Robert, welcher noch immer nachdenklich bald in die Fluthen, bald hinüber auf die Küſte ſchaute, welche jetzt kaum noch zu erkennen war. „Mögteſt wohl gern wieder auf freien Füßen ſein und in der Welt umherlaufen können,“ ſagte Martin, als er die Richtung von Roberts Blicken, und des Jünglings Schwermuth bemerkte. Robert ſchüttelte den Kopf.„Ich habe Euch ja ſchon geſagt, daß ich jetzt recht gern mich in mein Schickſal fügen will,“ ſprach er.„Ich denke, der Himmel hat mich in Eure Gewalt gegeben, damit ich beſſer und frömmer werden, und überdieß den 119 Verſuchungen der Sünde entgehen ſoll, welche auf dem Lande nur zu lockend vor Augen liegen. Hier⸗ auf der Einſamkeit des Meeres kann ich in meinen guten Vorſätzen erſtarken und die Sünde ſo tief verabſcheuen lernen, daß es ſpäter mir leichter wer⸗ den wird, ihr zu entgehen, als es jetzt vielleicht der Fall wäre. Und überdieß, ich finde ja hier auf ehr⸗ liche Weiſe mein Brod; wie ſollte ich nicht darnach ſtreben, es redlich zu verdienen.“ Die Worte Roberts ſchienen dem alten Seemanne baß zu behagen, und er blickte Robert mit freund⸗ lichem Lächeln an. „Wir wollen ſehen, wie's geht,« ſagte er dann. „Wenn du bei ſolchen guten Geſinnungen verharrſt, wird es dir überall wohl zu Muthe ſein, warum alſo nicht auch auf dem Schiffe? Aber wir haben nun ſchon genug geplaudert; fort jetzt an die Arbeit!“ Willig folgte Robert, und that unverdroſſen, was man ihm befahl. Der alte Martin trug ihm nur ſolche Geſchäfte auf, die er leicht begreifen und ohne große körperliche Anſtrengung verrichten konnte, und ſo verging ihm der Tag ziemlich ſchnell. Ermü⸗ det kroch er Abends in ſeine Hangematte, betete zum erſten Male nach langer Zeit wieder einmal ſein Abendgebet, empfahl ſeine Seele dem Höchſten, bat 120 ihn von Neuem um Verzeihung ſeiner Sünden, und ſchlief dann mit dem angenehmen Gefühle ein, daß ihm der vergangene Tag in nützlicher Thätigkeit ver⸗ ſtrichen ſei. Dieſes Gefühl bettete ihn ſanft, und er ſchlief auf ſeinem ungewohnten Lager ſo ruhig, wie auf den weichſten Daunenkiſſen. Das Plättſchern der Wellen ſang ihm ein Schlummerlied, und ange⸗ nehme Träume umgaukelten ihn, ſo daß er am Mor⸗ gen mit Heiterkeit erwachte, und ein herzliches Dank⸗ gebet zu Gottes Throne empor ſandte. Das Schiff, auf welchem ſich Robert befand, war zunächſt nach England beſtimmt, und ſollte ſo⸗ dann von dort ſeine Fahrt nach Oſtindien antreten. Aber ehe es die engliſche Küſte noch erreichte, wur⸗ den Roberts gute Vorſätze noch auf manche harte Probe geſtellt. Zunächſt ward er ſeekrank, und fühlte ſich mehrere Tage hindurch ſo elend, daß er ſeine Hangematte nicht verlaſſen und auch faſt gar keine Nahrung zu ſich nehmen konnte. Dieſer Zuſtand ging jedoch endlich vorüber, und er konnte wiederum ſeine Geſchäfte verſehen. Hier mußte er aber bald mehr leiden, als von ſeiner Krankheit, denn es gab unter den Matroſen des Schiffes manchen böſen Menſchen, der ſich ein Vergnügen daraus machte, Robert mit Verachtung zu behandeln und ihn ſogar zu peinigen, wenn ſich dergleichen gerade ungeſtraft thun ließ. Robert empfing manchen Stoß und man⸗ chen Schlag von roher Hand, und ſehr oft auch dann, wenn er ſich bewußt war, nichts Unrechtes begangen zu haben. Finſtere Blicke ruheten oft auf ihm, und alle ſeine Freundlichkeit wurde meiſt mit kalter Verachtung zurückgewieſen. Robert aber, obgleich ihn dieſe Behandlung ſchmerzte, klagte dennoch nicht, ſon⸗ dern verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit, und hütete ſich, irgend Einem von jenen brummigen Seebären zu nahe zu treten. Er wußte recht gut, daß man ihn nur deßhalb nicht liebte, weil er in den beſonderen Schutz des alten Martin gegeben war, und weil man vielleicht auch ſein ganzes Benehmen noch immer für Heuchelei hielt. So hielt er es denn für das Beſte, den Schutz des alten Martin gegen die ſchlechte Behandlung niemals in Anſpruch zu nehmen, und hoffte mit Zuverſicht darauf, daß ein ſolches ſanftes und geduldiges Benehmen den Grimm ſeiner Feinde endlich beſänftigen werde. Und dieſe Hoffnung täuſchte ihn auch keineswegs. Man wurde es müde, ihn mit Mißhandlungen zu verfolgen, und da er jederzeit ſeine Geſchäfte mit der pünktlichſten Aufmerkſamkeit verrichtete, verwandelten ſich ſogar die finſteren, mißtrauiſchen Blicke der Matroſen nach und nach erſt 122 in gleichgültige und endlich in herzliche und freuud⸗ liche. Ehe das Schiff England erreichte, hatte Ro⸗ bert die Abneigung ſeiner jetzigen Kameraden bereits ganz überwunden, und Niemand mehr legte ihm noch etwas in den Weg. Mittlerweile hatte der alte Martin das gute Be⸗ nehmen ſeines Schützlings genau beobachtet, und dem Kapitän an jedem Abende einen ſehr günſtig lauten⸗ den Bericht über ihn abgeſtattet. Es war ihm nicht ent⸗ gangen, auf welche kluge Weiſe Robert ſich gegen ſeine Schiffsgenoſſen verhielt, und es freute ihn, daß der Jüngling alle Häͤrte geduldig ertrug, ohne ihm je⸗ mals in Worten und Blicken ſein Leid zu klagen. Daß er auch dieß getreulich dem Kapitän rapportirte, verſtand ſich bei der Zuneigung, die er mehr und mehr für Robert fühlte, ganz von ſelbſt, und der Kapitän ſah mit Freuden, daß er ſich in Robert nicht getaͤuſcht habe. Endlich, nach einer mühſamen und langen Fahrt, welche durch widrige Winde ſehr verzögert worden war, warf das Schiff im Hafen von Plymouth Anker, und ſobald die nothwendigſten Geſchäfte beſorgt worden waren, forderte Martin ſeinen Schützling Ro⸗ bert auf, ſich bei dem Kapitän die Erlaubniß auszu⸗ 123 bitten, an's Land gehen zu dürfen. Robert aber zeigte keine große Luſt dazu. 98 „Es gefällt mir auf dem Schiffe ſo gut,« ſagte er,„daß ich gar kein Verlangen nach den Freuden des Landes verſpüre, und das um ſo weniger, da ich es leider verſäumt habe, mich, als ich Gelegen⸗ heit dazu hatte, in der engliſchen Sprache zu vervoll⸗ kommnen. Ich würde auf dem Lande unter wild⸗ fremden Menſchen ſein, deren Sprache ich nicht ver⸗ ſtehe. Was ſoll ich bei ihnen?« „Aber willſt du dir nicht einmal einen luſtigen Tag machen?“ fragte der alte Martin.„Wenn wir England wieder verlaſſen haben, dauert es manche Woche, bis wir an unſerem Beſtimmungsorte an⸗ langen, und während der ganzen Reiſe wird ſich kaum wieder eine ſo gute Gelegenheit zum Vergnü⸗ gen zeigen, als hier.“ „Nein, nein, ich ſehne mich nicht mehr nach ſol⸗ chen Freuden, wie ſie mich am Ufer drüben erwar⸗ ten würden,“ antwortete Robert kopfſchüttelnd.„Sie ſind es, die mich auf die Bahn des Laſters geführt haben, und ferne ſei es daher von mir, ſie jemals in meinem Leben wieder aufzuſuchen.“ 1 124 Ein freundliches Lächeln flog bei dieſen Worten Roberts über des alten Martin wettergebräuntes Geſicht. „So gefäaͤllſt du mir, mein Junge,“ ſagte er, indem er des Jünglings Hand ergriff und treuherzig ſchüttelte.„Wenn du ſo ſtandhaft die Klippen ver⸗ meideſt, an denen das Schifflein deiner guten Grund⸗ ſätze zerſchellen könnte, ſo wird es dir fernerhin ge⸗ wiß noch recht gut gehen auf der Welt. Bleibe in Gottes Namen auf dem Schiffe! Damit du nicht ganz allein biſt, will ich alter verhärteter Sünder auch von meiner Gewohnheit abgehen und die Planken nicht verlaſſen. Schau, mein Junge, du bringſt am Ende gar auch mich noch in meinen alten Tagen auf den rechten Weg!« Als die Matroſen vom alten Martin hörten, daß Robert, obgleich ihm der Urlaub nicht verweigert worden wäre, es dennoch vorgezogen hätte, auf dem Schiffe zu bleiben, ſchwand auch der letzte Schatten von Mißtrauen gegen ihn dahin, und Robert merkte an manchem derben Händedruck, daß man ihn jetzt erſt als rechten treuen Kameraden anſehe. Um ſo mehr freute ihn nun ſeine Enthaltſamkeit, und von Neuem ermuthigte er ſich ſelbſt, nicht wieder in ſeine früheren Fehler zurück zu verfallen, ſondern vielmehr 125 immer ernſtlicher über ſich zu wachen und ſich im Guten immer mehr zu befeſtigen. Am nächſten Tage ließ ihn der Kapitän zu ſich beſcheiden, und empfing ihn ganz anders als das erſte Mal. Sein Blick war nicht finſter wie damals, ſondern recht hell und freundlich, und ein gutmüthi⸗ ges Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. „Robert,“ ſagte er,„ich habe bisher nur Lobens⸗ werthes über dich gehört, und bin geneigt, dich für dein gutes Benehmen zu belohnen. So biete ich dir denn zweierlei an: deine Freiheit, und einen ehren⸗ werthen Poſten auf meinen Schiffe. Ja, du magſt frei an das Land gehen, und wirſt für deine bisher geleiſteten Dienſte ſo viel Geld empfangen, daß du mit demſelben deine Rückfahrt in die Heimath be⸗ ſtreiten kannſt. Wenn du es aber vorziehſt, auf dem Schiffe zu bleiben, ſo ſollſt du Schiffsſchreiber werden und einen recht guten Gehalt für deinen Dienſt empfangen. Ueberlege nun, welche Wahl du unter dieſen meinen beiden Anerbietungen treffen willſt.“ Robert wußte nicht, ob er auch wirklich recht gehört habe, und ſchaute den Kapitän mit einem zweifelvollen Blicke an.„Ach, Herr Kapitän, wo⸗ durch habe ich ſo viele Güte verdient?« fragte er. 126 „Durch deine wahrhafte Reue und dein ernſtli⸗ ches Beſtreben, dich zu beſſern und die Flecken zu vertilgen, welche deine leichtſinnige Jugend beſchmutzt haben,« erwiederte der Kapitän ernſt.„Es iſt Pflicht jedes Chriſten, ſolches Beſtreben zu unterſtützen, ſo weit die Kräfte reichen und es in unſerer Macht ſteht. Reue verſöhnt, mein Sohn, und dem ehrli⸗ chen Wollen verſagt man die Achtung nicht. Geh' hin, und überlege in Ruhe, was du jetzt thun willſt. Der Himmel möge dich erleuchten, daß du das beſte Theil erwähleſt.“ Robert drückte tief gerührt einen Kuß auf die Hand des trefflichen Mannes, und ſuchte dann ein ſtilles Plätzchen auf, wo er in Ruhe Alles erwägen und einen Entſchluß würde faſſen können. Seine Wahl war übrigens bald entſchieden. Er entſchloß ſich, auf dem Schiffe zu bleiben, da er es noch nicht wagte, ſeinem beleidigten Vater unter die Augen zu treten. Freilich ſehnte er ſich nach Hauſe, und dachte mit inniger Liebe des Vaters, der Mutter, der Schweſter und ſelbſt auch der alten treuen Magd, aber er fühlte auch, daß ein baldiges Wiederſehen ihm keine reine Freude würde gewähren können. „Erſt muß ich wahrhaft beſſer geworden ſein, bevor ich es wagen darf, meine Augen wieder zu den Gu⸗ ten und Frommen zu erheben,« dachte er.„»Noch lange Zeit kann vergehen, bis ich es werth bin, mich dem Vater zu Füßen zu werfen, und ſeine Verzeihung anzuflehen, und dieſe Zeit will ich be⸗ nutzen, einiges Böſe wieder gut zu machen, deſſen Gewicht jetzt noch meine Seele belaſtet.« Als er am andern Tage zum Kapitän ging und ihm ſeinen Entſchluß und die Gründe dazu mittheilte, freute ſich der edle Mann von Herzen, und über⸗ reichte ihm ſogleich das bereits für ihn ausgefertigte Patent als Schiffsſchreiber. „Ich habe es mir wohl gedacht, mein lieber junger Mann, daß Sie dieſe Wahl treffen würden,“ ſagte er.„Ich habe in Ihrer Seele geleſen und lobe die Schaam, die ſie abhält, in die Heimath zurück zu kehren. Bleiben Sie fleißig und fromm, erfüllen Sie pünktlich Ihre Pflicht und ſtreben Sie immer redlich vorwärts nach dem Guten, ſo wird die Schaam bald einem edlen Stolze weichen, und einſt werden Sie vor Ihren Vater treten und ſagen können:„Vater, ich habe geſündiget vor Gott und vor dir, aber der Himmel hat mich geſegnet, daß ich umkehren konnte vom Wege des Verderbens.“ Das wird ein ſchöneres und erhabeneres Wiederſehen ſein, als es Ihnen jetzt bevorſteht.“« 128 Tief gerührt verließ Robert den Kapitän, ging hinab in ſein Kämmerlein, und betete unter Thränen der Dankbarkeit zu Gott, der ihn ſo wunderbar zu ſeinem Heile geführt hatte. Eilftes Kapitel. Eine Prükung. Wenige Tage, nachdem Robert zum Schifssſchrei⸗ ber ernannt worden war, bekam er ſeinen Lohn für die geleiſteten Dienſte ausbezahlt, und wog ihn unter ernſten Gedanken in ſeiner Hand. „Das erſte Geld, welches ich mir ſelber durch eigene Anſtrengung verdient habe!“ ſagte er leiſe. »Das wenigſtens ſoll nicht vergeudet, ſondern zu einem beſſeren Zwecke verwendet werden.« Schuell entſchloſſen, ging er zum Kapitän, wel⸗ chem er die kleine Summe übergab. „Ich gebrauche auf dem Schiffe kein Geld,« ſagte er.„Bitte, nehmen Sie es, und bewahren Sie es mir, wie auch meinen künftigen Gehalt.“ »Und was ſoll damit geſchehen?« fragte der Kapitän.„Sie ſind jung, und obgleich ich nicht Der verlorne Sohn. 9 130 wünſche, daß Sie ſich wieder blind in einen wil⸗ den Strudel von Zerſtreuungen ſtürzen, ſo wird Ihnen doch Jedermann ein erlaubtes Vergnügen gönnen.“ „Ach, Herr Kapitän,“ antwortete Robert,„ge⸗ rade die Sucht zum Vergnügen hat mich in das Verderben geſtürzt, und darum will ich jetzt alles Unnöthige entbehren lernen, bis meine Seele einiger⸗ maßen von der Laſt ihrer Sünden befreit iſt. Ich will keinen Pfennig von meinem Gehalte für mich ſelbſt verwenden, bis alle die Schulden bezahlt ſind, welche ich früher machte, um meinen unſeligen Hang zu unnützer Zerſtreuung befriedigen zu können. Ich kenne den Betrag derſelben und will jede Entbehrung mit Frenden ertragen, bis alle meine Gläubiger be⸗ friedigt ſind« Dieſer Entſchluß behagte dem Kapitän zu wohl, als daß er Robert hätte davon abwendig machen können, und ohne fernere Weigerung nahm er da⸗ rum das Geld in Empfang. „Es wird Ihnen gute Zinſen tragen,“ ſagte er, indem er es in ein Käſtcheu ſchloß.„Der beſte Schatz des Menſchen iſt Achtung vor ſich ſelbſt, und dieſen werden Sie bald völlig erworben haben.« Recht von Herzen froh darüber, daß der Kapitän ſeinen Entſchluß billigte, kehrte Robert zurück in ſeine kleine Kajüte, die ihm angewieſen worden war, ſeitdem er ſeinen neuen Poſten angetreten hatte, und ſetzte ſich dort nieder, um an ſeine Eltern zu ſchrei⸗ ben. Er meldete ihnen, wie es ihm ergangen war, ſchrieb von ſeinen Hoffnungen für die Zukunft und verſicherte, daß er nie wieder ſo unwürdig handeln wolle, wie früher. Dann flehte er ſeine geliebten Eltern um Verzeihung an, und ſchloß endlich den Brief mit dem Verſprechen, daß er bald wieder Nachricht von ſich geben wollte. Als er aber ſein ganzes Herz ausgeſchüttet hatte, gereute ihn das Schreiben, und er zerriß den Brief wieder. „Nein!“ rief er aus,—„noch bin ich nicht wür⸗ dig, um Verzeihung zu bitten! Erſt wenn ich fühle, daß ich wirklich beſſer geworden bin, will ich den Eltern den Gang meiner Schickſale erzählen!« Er begnügte ſich, ihnen eine kurze Nachricht von ſeinem Leben und Wohlergehen zu geben, und ver⸗ ſprach, ihnen wieder zu ſchreiben, ſobald er hoffen dürfe, für ſeine großen begangenen Fehler ihre Ver⸗ zeihung zu erlangen. Dieſen Brief ſandte er ab, und ſah nun der Zukunft mit mehr Ruhe und Ver⸗ trauen, als bisher, in's Auge. Mittlerweile waren die Geſchäfte des Kapitäns „„ in England beendigt, die Schiffsräume von Neuem befrachtet, und man wartete nur noch auf guten Wind, um wiederum in See zu ſtechen und zu einem weit entfernten Welttheile abzuſegeln. Nach manchem in vergeblichem Harren hingebrachten Tage machte ſich endlich ein günſtiger Wind auf, und das Schiff fuhr hinaus auf den unendlichen Ocean. Die Fahrt dauerte lange, und obwohl man hie und da an einer Inſel anlegte, um friſches Waſſer oder auch Lebensmittel einzunehmen, hatte Robert doch Zeit genug, ſich mit nützlichen Arbeiten zu beſchäftigen. Und er verſäumte dieſe Zeit keineswegs. Unter An⸗ leitung ſeines Kapitäns, welcher ihn von Tage zu Tage lieber gewann, ſtudierte er alle Wiſſenſchaften, welche ein tuͤchtiger Seemann inne haben muß, und machte bei ſeinem eiſernen Fleiß bedeutende Fort⸗ ſchritte. Oft ſagte der Kapitän ſcherzend, daß er ſich über kurz oder taug zur Ruhe ſetzen, und feinen Poſten an Robert abtreten wolle. Leider gingen dieſe Worte nach einigen Jahren in Erfütlung, aber in ganz anderer Weiſe als der gute Kapitän gemeint hatte. Nach einer mehrmonatlichen Fahrt kam das Schiff in Oſtindien an, und Robert ſah, als ihm ſein Gehalt ausbezahlt wurde, daß er bei ſeiner Rückkehr nach Deutſchland ſeine ganzen Schulden 133 würde bezahlen können. Er ſprach dieſe Hoffnung mit großer Freude gegen den Kapitän aus, und dieſer verſchloß wieder das Geld mit lächelnder Miene in das Käſtchen, wo bereits die erſte kleine Summe in guter Sicherheit lag. „Sie ſind alſo noch immer entſchloſſen, Ihr ent⸗ haltſames Leben fortzuführen und das Land nicht zu beſuchen?« fragte er Robert. „Gewiß, Herr Kapitän,“ erwiederte der Jüngling ohne Bedenken.„Kein Genuß wiegt die Freuden auf, mit der ich eines Tages meine Erſparniſſe in die rechten Hände legen werde.“ „Aber es iſt doch eine harte Strafe, die Sie ſich da ſelber auferlegen,« ſagte der Kapitän.„Sie ſind hier in einem ganz fremden Lande, eine andere Natur umgibt Sie, tauſend Herrlichkeiten, von deren Ge⸗ nuß Sie noch keine Ahnung haben, winken Ihnen ſo nahe, daß Sie nur die Hände darnach auszu⸗ ſtrecken brauchen, und dennoch wollen Sie ſtandhaft bleiben, um nur die Fehler eines zu entſchuldigen⸗ den Leichtſinns wieder gut zu machen? Das iſt viel!« „O, Herr Kapitän, mein Leichtſinn iſt nicht zu entſchuldigen, und die Buße, die ich mir auferlege, noch viel zu gering,“ erwiederte Robert mit Waͤrme. 134 „Wenn ich bedenke, welchen Kummer ich den Mei⸗ nigen gemacht habe, ſo iſt mir immer, als wenn ein ganzes langes Leben voll Reue und Buße nicht hinrei⸗ chend wäre, um mich mit Gott und meinen theuren Eltern auszuſöhnen. Gewiß, Sie halten mich nicht mehr für ſo leichtſinnig, daß Sie meinen, ich könne Ihre Worte für Ihre wahre, ernſtliche Meinung halten!« „Nein, lieber Robert,“ erwiederte der Kapitän mit Rührung,„für ſo leichtſinnig halte ich Sie jetzt nicht mehr, und freue mich, daß Sie die Prüfung, der ich Sie unterwerfen mußte, um Sie ganz kennen zu lernen, ſo gut beſtanden haben. Sie thun Recht, und die Früchte Ihrer Geſinnung werden nicht außen bleiben. Ihr Gehalt iſt wohl aufgehoben und ſoll nicht wieder aus meinem Käſtchen kommen, als bis Sie ſelbſt ihn zu Erfüllung Ihres Vorhabens mir wie⸗ der abfordern. Aber,«“ fügte er hinzu, ihm eine Banknote von ziemlich hohem Werthe reichend,„die⸗ ſes Geld, welches ein Freund Ihnen ſchenkt, der Ihnen von Herzen wohl will, müſſen Sie benützen, Ihre Kenntniſſe durch Erforſchung eines Ihnen frem⸗ den Welttheils zu vermehren. Nehmen Sie, und empfangen Sie zugleich einen Urlaub auf acht Tage, welchen Sie am beſten zu einer Streifpartie in der Umgegend anwenden können. Der alte Martin wird Sie begleiten, er iſt ſchon von Ihrer Abſicht unter⸗ richtet. Alſo leben Sie wohl, und genießen Sie Ihre kurze Freiheit, ſo gut Sie können!« Robert konnte ſich vor Rührung der Thränen nicht enthalten. Wider ſeinen Willen floſſen ſie aus ſeinen Augen und tropften heiß auf die Hand des gütigen Mannes, der eß ſo wohl mit ihm meinte, und ſeine Beſtrebungen, ſein Ringen nach dem Gu⸗ ten ſo überſchwenglich belohnte. Er ſtammeltte einige Worte des Dankes, und obgleich ſie nur ſchwach die Gefühle ſeines Innern ausdrückten, ſo verſtand doch der Kapitän Alles, was er damit ſagen wollte. „Ihre Freude iſt mein ſchönſter Lohn für die kleine Ueberraſchung, die ich Ihnen bereitet habe,« ſagte er, indem er ſogleich Roberts Hand drückte. „Reiſen Sie in Frieden, und kommen Sie friſch und geſund wieder zurück!« Robert ſtammelte noch einige Worte des Dankes, und eilte dann zum alten Martin, der ihn mit fröh⸗ lichem Geſichte empfing.„Ich weiß ſchon Alles,“« rief er dem Jünglinge zu.»„Der Kapitän hat mich ſchon von der Sache unterrichtet, und ich bin jeden Augenblick zur Abfahrt bereit.v“ Mit freundlicher Geſchäftigkeit half er Robert die 136 wenigen Vorbereitungen zur Reiſe treffen, und fuhr dann mit ihm in einem Boote an's Land. Es war, als ob der alte Marin recht darauf aus⸗ ginge, der Verführer des Jünglings zu werden. Erſt als ſie an's Ufer kamen, überließ er ſich den Ausbrüchen der heftigſten Freude, und jauchzte ſo gewaltig, daß die braunen und ſchwärzlichen Bewoh⸗ ner Oſtindiens verwundert nach ihm hinblickten. „Heda, Herr Robert,“ rief er aus,„nun haben wir Geld genug, Sie und ich, und darum wollen wir uns heute noch einen vergnügten Abend machen. Juchhe! ſoll das eine Freude und eine Luſt werden! Sie wiſſen doch noch, in Hamburg, wo ich zuerſt Ihre Bekanntſchaft machte, waren wir doch gewiß luſtig genug! Aber das iſt gar nichts gegen hier! Hier gibt's andere Köſtlichkeiten, als das ſchwere Bier, das unſer Einen ganz dämiſch macht! Kom⸗ men Sie nur mit, Sie ſollen's ſchon koſten.“ Der alte Martin ſprach ſo haſtig, daß Robert ihn nicht zu unterbrechen vermogte. Anſtatt ihm aber zu folgen, blieb er ruhig ſtehen, ſchlug die Arme übereinander, lehnte ſich an eine Palme, die nicht weit vom Meeresufer ſtand, und blickte mit Freude auf die prächtige Stadt hinüber, welche er bisher, wegen der Hafenecke, noch gar nicht deutlich 137 geſehen hatte. Der alte Martin, als er merkte, daß ſein junger Begleiter fehlte, trabte ſogleich zu⸗ rück, und ſah Robert fragend an. „Warum folgen Sie mir denn nicht?“ rief er. „Ich weiß hier ganz genauen Beſcheid.“ „Martin,“ erwiederte Robert ernſt,„ich habe von unſerem Kapitän nicht Geld und Urlaub bekom⸗ men, damit ich das Erſtere hier verſchleudern, den Letzteren mißbrauchen ſolle. Treibt es Euch in Wirthshäuſer, ſo geht in Gottesnamen; ich aber werde Euch nicht begleiten.« „Ei zum Henker, warum denn nicht? Sie ſind doch gewiß lang genug auf dem Schiffe geweſen, um die Freuden des Landes ſchmackhaft zu finden!« „Ei, freilich, alter Seebär,« erwiederte Robert lächelnd.„Keiner kann mehr, als ich, entzückt ſein über dieſe herrlichen Wunder der Natur, die vor meinen Blicken ſich ausbreiten. Dieſe Wälder, überragt von den ſchwankenden Kronen ſchlanker Palmen! Dieſe fremdartigen, praͤchtigen Blumen und Geſträuche ringsum, dieſe Fülle von Blüthen und Früchten, die allüberall das Auge entzücken! Dieſe Menge bunter Inſekten, prachtvoll ſchillernde Schmet⸗ terlinge und Käfer, ſetzt mich in Erſtaunen, und flößt mir Gefühle der Bewunderung und Aubetung 138 ein! Gewiß, alter Martin, ich freue mich von gan⸗ zem Herzen der Mutter Erde und ihrer herrlichen Wunder, und kann Euch gar nicht ſagen, wie dank⸗ bar ich unſerem guten Kapitän bin, deſſen unendlicher Güte ich dieſen Genuß verdanke!«“ „Ja, das iſt Alles recht ſchön und gut,“ erwie⸗ derte Martin,—„aber von all' dem Genuß kommt nichts, gar nichts, im Mindeſten nichts in unſeren Magen. Alſo halten Sie ſich nicht ſo lange mehr hier im Freien auf, ſondern kommen Sie und ver⸗ ſuchen auch die andern mehr fühlbareren und ſchmack⸗ hafteren Genüſſe, welche das geſegnete Indien uns weit hergereisten Europäern zu ſpenden vermag!« „Martin, alter Martin!« ſagte Robert,„muß ich denn wirklich glauben, daß Ihr uur auf dem Schiffe fromm und tugendhaft ſeid? Daß Ihr nur da, wo die Verſuchung Euch nicht erreichen kann, Eure Gelüſte zu bekämpfen verſteht? Wirklich, Martin, das betrübt mich, da ich Euch herzlich lieb habe!« „Nun ſehe Einer ſolchen Gelbſchnabel!“ rief Martin lachend.„Will einem alten Matroſen in's Gewiſſen reden und ihm ordentlich eine Strafpredigt halten! Aber das nützt nichts, junser Feu Und wenn Sie jetzt nicht mit mir komme wollen, ſo 2 bleiben Sie in Gottes Namen hier und reiſen mor⸗ gen allein in der Welt umher. Ich gehe!« Und entſchloſſen wendete er Robert den Rücken zu und ging zur Stadt hinab. Robert, um ſeinen Begleiter nicht zu verlieren, ſah ſich gezwungen, ihm zu folgen, und ging alſo nachdenklich neben Martin hin, der ihn zuweilen mit einem pfiffigen Seiten⸗ blicke anſchaute. Schweigend gingen ſie durch mehrere Straßen, bis Martin endlich vor einem Hauſe ſtehen blieb, welches er als eine Herberge bezeichnete. Sie traten hinein, und während Martin mit lauter Stimme nach dem Aufwärter ſchrie, ſetzte Robert ſich ſtill an einem Fenſter nieder und beobachtete das Wogen und Treiben der Menſchen, welche auf dem Platze vor der Herberge auf und ab gingen. Es war ihm ein ganz neuer Anblick, ſo viele farbige Menſchen in den verſchiedenſten Trachten zu ſehen, und obgleich er mit Martin nicht zufrieden war, weil er durchaus heute der Ausſchweifung fröhnen wollte, konnte er ihm doch nicht darüber zürnen, daß er ihn hieher in die Herberge geführt hatte. „Nun, was wollen Sie trinken, junger Herr?« fragte Martin, den Gedankengang Roberts unter⸗ 8 brechend.„Hier iſt der Aufwärter, und ic habe mir ſchon etwas beſtellt.«— ₰2 ☛☚ 140 „Ich trinke nur Waſſer,« erwiederte Robert, in⸗ dem er ſich zum Aufwärter wandte.»Bringen Sie mir einige Fruͤchte und Waſſer.“ Der alte Martin ſchüttelte den Kopf und läͤchelte verſtohlen, indem er Robert einige Verweiſe wegen ſeiner Enthaltſamkeit machte. Als aber der Auf⸗ wärter zurückkehrte, ſiehe, da brachte er nichts, als eben Früchte und Waſſer. Verwundert ſah Robert ſeinen Begleiter an. „Habt Ihr beſondere Abſichten gehabt, Martin, mich zur Unmäßigkeit zu verleiten, da Ihr doch ſel⸗ ber jetzt ſo mäßig zu leben gedenkt?« fragte er ernſt. „Es iſt nicht ſchön von Euch, mit der Stimme der Verführung zu mir zu reden!« „Nur ſtill, nur ſtill, lieber junger Herr!« erwie⸗ derte Martin.„Was iſt Tugend, die nicht geprüft worden iſt? Ich muß Ihnen nur geſtehen, daß der Kapitän ſelber mir Befehl gab, Sie wo möglich wieder zur Sünde zu verlocken, um zu ſehen, ob Sie auch wirklich und wahrhaft gebeſſert wären. Nun, die Probe iſt ja ganz ſo ausgefallen, wie ich es vor⸗ herſagte, und Sie dürfen daher dem Kapitän auch nicht böſe ſein. Glauben Sie mir, er liebt Sie, wie ein Vater, und wenn er Sie weniger liebte, würde er ſich nicht ſo viel um Ihr wahres Seelen⸗ heil bekümmern!“ „O mein Gott, wodurch habe ich ſchlechter, ſund⸗ hafter Menſch nur ſo viel herzliche und treue Liebe verdient?« rief Robert innig gerührt aus.„Gewiß, ich weiß nicht, wie ich es unſerem edlen Kapitän vergelten ſoll, daß er ſich fo treulich meiner annimmt.“ „Die Vergeltung wird ihm ſchon einmal werden, wenn wir in den Himmel kommen,“ erwiederte der alte Martin.„Wenn Sie ſo gut und fleißig blei⸗ ben, wie bisher, ſo bereiten Sie übrigens dem Ka⸗ pitän ſchon eine ſo große Freude, daß er ſich für alle Mühe belohnt fühlt.« Robert antwortete nicht auf dieſe Worte Martins, und blickte lange nachdenklich vor ſich nieder. In ſeinen Geſichtszügen ſpiegelte ſich eine tiefe innere Bewegung ab, und mehrere Male ſchüttelte er, als ob er ſich uͤber irgend Etwas ſehr verwundere, den Kopf. „Was haben Sie nur vör, Herr Robert? fragte der alte Martin endlich.„Mit wem oder was unterhalten Sie ſich inwendig ſo le bhaft?« „Martin,“« ſagte Robert,„ich will es Euch mit⸗ theilen! Wie iſt es möglich, daß ein Mann, wie der Kapitaͤn, der, wie ich ihn doch nun kennen ge⸗ lernt habe, ein wahrer und ächter Chriſt iſt, ſich mit Seelenverkäuferei abgeben kann? Dies wird mir ewig unerklärbar bleiben!« „Nun, mein Junge, ich muß Sie nun darüber aufklären,« erwiederte Martin.„Haben Sie irgend einen Matroſen auf unſerem Schiffe kennen gelernt, der nicht jederzeit treulich ſeine Pflicht gethan hätte?“ „Nein,“ erwiederte Robert. „Nun wohlan, dieſer Umſtand hätte Ihnen ſchon zeigen können, daß wir entweder keine Seelenverkäu⸗ fer ſind, oder daß es mit dem Menſchenraube nicht eine ſo ganz ſchlimme Bewandniß hat. Uebrigens befin⸗ den wir uns im erſtern Falle, und ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß wir nie einen Matroſen gepreßt haben, ſo lange Jahre ich auch ſchon mit unſerem trefflichen Kapitän gefahren bin. Als Sie damals in die Schenke kamen, bemerkte ich, daß es mit Ihnen nicht ſo ganz klar ſtehen könne. Ich ſah Ihren Kummer, Ihre Thränen, Ihre Verzweif⸗ lung, und darum machte ich mich an Sie, um Ihnen, wo möglich, meine Hilfe zu leihen. Aus ihrer Er⸗ zaͤhlung, die ich Ihnen durch mein barſches We⸗ ſen abzwang, erkannte ich, daß Sie ein lockeres Früchtchen wären, und beſchloß bei mir, Sie ein * wenig in die Kur zu nehmen. Doch hätte ich Sie, trotz meiner guten Abſicht, nicht gezwungen, zu Schifſe zu gehen, wenn Sie ſich nicht ſogleich erklärt hätten, mir zu folgen. Ich merkte recht gut, daß Sie ſich nur aus Liſt ſo bereitwillig zeigten, aber das küm⸗ merte mich weiter nicht. Ich gab meinen Kamera⸗ den verſchiedene Winke, die Sie nicht bemerkten, ſtellte mich viel berauſchter an, als ich wirklich war, und hielt mich immer Ihnen zur Seite, als wir nach dem Hafen gingen. Ihr Entſpringen kam uns ganz unerwartet; doch gelang es, Sie wieder einzufangen, und nun mußten wir Sie, um uns nicht ſelber zu verrathen, ein wenig rauh behandeln. Auf dem Schiffe angekommen, wurden Sie in den Kielraum geſchafft, und ich begab mich zum Kapitän, um ihm mein Abenteuer der Wahrheit gemäß vorzutragen. Da ſetzte es einige Vorwürfe, lieber Herr Robert, und der Kapitän ſchalt mich ſogar recht tuchtig aus. Doch ſagte er endlich:„An's Land können wir ihn nicht mehr bringen, da er in dieſer Nacht wirklich noch Seelvenverkäufern in die Hände fallen könnte, und deßhalb wollen wir ihn in Gottes Namen bis Eng⸗ land mitnehmen, und mittlerweile ſeine Geſinnungen zu erforſchen ſuchen.“ „Dieß geſchah, und als Sie dem Kapitaͤn auſ⸗ richtig Ihre Geſchichte erzählten, gewannen Sie ſein Herz, und er gab mir heimlich Befehle, über Sie zu wachen. Ihr gutes Benehmen während der Ueberfahrt nach England nahm ihn noch mehr für Sie ein, und er bot Ihnen deßhalb den Poſten an, welchen Sie jetzt mit Ehren bekleiden. Der Kapitän meinte es immer herzlich gut mit Ihnen. Er ſah ein, daß Sie auf dem Lande leicht in neue Verir⸗ rungen würden ſtürzen können, während Sie auf dem Meere Zeit und Muße hatten, über ſich ſelbſt zur Beſinnung zu kommen und gute Vorſätze zu faſſen. Der Erfolg hat gelehrt, wie richtig ſeine Anſicht war, und wir Alle hoffen, daß Sie nie wie⸗ der daran denken werden, das Seemannsleben mit einem andern zu vertauſchen.« Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hatte Robert dieſe Erklärungen angehört, und er ſah nun Manches im rechten Lichte, was er bisher gar nicht hatte erfor⸗ ſchen können. „Ich dummer Menſch!“ rief er aus.„Das alles liegt ja klar auf der Hand, und ich begreife nicht, wiie ich ſo verblendet ſein konnte, es nicht von An⸗ fang an zu erkennen! Alter Martin, ſo habe ich 83 denn immer Unrecht gethan! Ihr wolltet mein 145 Beſtes, und ich glaubte Ihr trachtetet nach Böſem! Könnt Ihr mir verzeihen, alter treuer Freund?« „Ei, da iſt ganz und gar nichts zu verzeihen, lieber Herr Robert!« erwiederte Martin.„Sie konn⸗ ten mich ja für gar nichts anderes, als einen See⸗ lenverkäufer halten! Nein, nein, ich habe Ihnen das keinen Augenblick übel genommen, und mich nur jederzeit im Stillen von ganzem Herzen gefreut, daß unſere gute Abſicht mit ſo gutem Erfolge belohnt ward. Ja, Herr Robert, Sie, der Sie dicht am Rande des Abgrundes ſtanden, haben ſich wacker zuſammengenommen, und mit Kraft das Böſe be⸗ ſiegt und das Unkraut ausgerottet, welches in ihrem Herzen wucherte. Jetzt können Sie mit gutem Ge⸗ wiſſen in Ihre Heimath zurückkehren, mit hellem offenem Auge Ihrem Vater in's Angeſicht ſehen. Reue verſöhnt, und wie Gott Ihnen Ihre Fehler vergeben hat, ſo wird auch das liebende Vaterherz dem verirrten, aber wiedergewonnenen Sohne ver⸗ zeihen!“ „Gott gebe es! Gott gebe es!« rief Robert aus, indem eine Thräne in ſein Auge ſtieg.„Meine Sehnſucht nach Vergebung iſt ſehr groß, und ſobald wir Europa wieder erreichen, will ich meinem lieben Vater einen recht reuevollen Brief ſchreibent Erſt, Der verlorne Sohn. 10 146 wenn er mich wieder fuͤr ſeinen Sohn erkennt, werde ich mich ganz glücklich fühlen können.“ Der alte Martin beſtaͤrkte ihn in ſeinem Vorſatze und machte ihm auch Hoffnung, daß der Kapitän ſein Schreiben an den Vater mit einigen gewichtigen Worten begleiten werde. Dann genoſſen die Beiden ihre Früchte, ſuchten ihr Nachtlager auf, und ſchlum⸗ merten bald ein, um mit dem Fruͤheſten wieder zu erwachen und ihre kleine Reiſe in die umgebungen der Stadt bei Zeiten anzutreten. Zwölftes Kapitel. Die Heimkehr und das Wiederlehen. Wir müſſen jetzt einen Zeitraum von einigen Monaten überſpringen, in welchem ſich weiter nichts Merkwürdiges ereignete, als daß Robert, der ſo ſtandhaft an ſeinen guten Grundſätzen feſt gehalten und jegliche Verſuchung zurückgewieſen hatte, immer höher in der Gunſt ſeines Kapitäns ſtieg. Das Schiff war auf der Rückfahrt nach Europa begriffen, und der Kapitän hoffte, daß man binnen drei Tagen, wenn der Wind immer günſtig bliebe, in den Ham⸗ burger Hafen würde einlaufen können. Robert, der während ſeiner küleinen Landreiſe in Oſtindien die Wunder des fremden Welttheils mit Entzücken betrachtet hatte, war auf der Rückreiſe nach Europa zu ſeinen gewöhnlichen Arbeiten und Geſchäften zurückgekehrt, und hatte ſolche bedeutende 10 ⁸ * Fortſchritte gemacht, daß der Kapitän ihm ernſtlich zuredete, kein anderes Gewerbe mehr zu erwählen, ſondern fernerhin als Seemann zu leben und zu ſterben. „Wenn Sie noch ein paar Jahre bei mir geblie⸗ ben ſind, lieber Sohn,“ ſagte er zu Robert,„dann kann es Ihnen gar nicht fehlen, als Kapitän einen ſchönen Kauffahrer zu befehligen. Meine Für⸗ ſprache wird Ihnen zu einigem Vortheile gereichen, und Sie können alsdann der Zukunft ruhig in's Auge ſchauen und jederzeit auf die Hilfe und den Beiſtand Ihres Gottes rechnen, wenn Sie nur fort⸗ „während darauf bedacht ſind, ſo wie jetzt, auch fer⸗ nerhin Ihre Pflicht zu thun. Robert zeigte ſich ſehr geneigt, dem Wunſche des Kapitäns nachzugeben, denn er hatte das Seemanns⸗ leben ſogleich lieb gewonnen. Doch erwiederte er, daß er ohne die Erlaubniß ſeines Vaters ſich zu nichts feſt entſchließen könne. „Ohne Zweifel,“ fügte er hinzu,„wird mein theurer Vater mir geſtatten, bei Ihnen zu bleiben, wenn ich ihm erzäͤhle, auf welche liebevolle Weiſe Sie für mein Beſtes beſorgt geweſen ſind. Und wenn er es thut, ſo erfüllt er nur den Wunſch, welchen ich jetzt am liebſten und innigſten erfüllt zu ſehen wünſche.“. Der Kapitaͤn beſtärkte ihn darin, nichts ohne die Erlaubniß ſeines Vaters zu thun, und begab ſich dann in ſeine Kajüte, um an Roberts Eltern einen langen und ausführlichen Brief zu ſchreiben. Was darinnen ſtand, mogte wohl dazu dienen, Roberts Neigungen Vorſchub zu leiſten, doch erfuhr Robert ſelbſt den Inhalt deſſelben erſt ziemlich ſpät. Mittlerweile verging ein Tag und noch einer, und bei Aufgang der Sonne am dritten Tage ſah Robert die Küſte des Vaterlandes aus dem Meere tauchen.. Er ſaß auf dem Vordertheile des Schiffes, und ſein Herz ging ihm auf, als er den ſchmalen nebligen Streifen erkannte, welchen er bei der Abfahrt von Europa unter ſo traurigen Gefühlen hatte verſchwin⸗ den ſehen. Jetzt war er nur von Freude erfüllt, und ſo gewaltig war der Andrang ſeiner Gefühle, daß er in Thränen ausbrach, und mit einem Rufe des Ent⸗ zückens ſeinen Arm nach dem Vaterlande ausſtreckte. Noch nie hatte er ſo lebhaft ſeiner geliebten Eltern gedacht, als an dieſem Morgen, und eine unendliche Sehnſucht trieb ihn, den Vater, die Mu die Schweſter wieder zu ſehen. Im Drange ſeiner( n⸗ pfindungen betete er ſtill zu Gott, flehte Heil und Segen auf die Theuren herab, und dankte dem lie⸗ bevollen Schöpfer für ſeine gnädige und väterliche 150 Führung. Was er damals, als er gewaltſam von dem Vaterlande geriſſen wurde, für ein großes Un⸗ glück angeſehen hatte, das war ihm nun ſo recht zum Heile geworden, und der leichtſinnige, verderbte Jüngling kam als ein neuer, ein wiedergeborener Menſch zurück. Hier, im Angeſichte der heimathli⸗ chen Küſte wiederholte er ſeine Gelübde zur Beſſerung und fühlte ſich innig überzeugt, daß er dieſe Gelübde nie wieder brechen werde, wenn auch die Verführung im reizendſten Gewande ſich ihm wieder nahen ſollte. Dies Gefühl erhob und ſtärkte ihn, und gab ſeiner Seele Kraft, an das Wiederſehen der geliebten Eltern ohne Zagen und Bangen zu denken. „Ja,“ rief er aus,„ja, ich will zu ihnen pilgern, ich will als ein reuiger Sohn mich meinem Vater zu Füßen werfen, ich will mich demüthigen bis tief in den Staub und ſeine Vergebung anflehen, bis er ſein Herz gerührt fühlt, und mich, den verlornen Sohn, wieder an ſeine Bruſt aufnimmt. Ich will ſeinen Zorn ertragen in der Hoffnung, daß meine ernſtli Reue das Vaterherz doch endlich beſänftigen wird Je näher das Schiff dem Ufer kam und je deutli⸗ cher die Küſte aus dem Meere empor ſtieg, deſto feſter wurde Roberts Entſchluß, deſto eifriger brannte er darnach, ihn auszuführen. Er begab ſich hinab zum Kapitaͤn und erzaͤhlte ihm, was zu thun er geſonnen ſei. „An Urlaub zu der Reiſe oll es nicht fehlen, denn ich werde ihn gern geſtatten,“ erwiederte der Kapi⸗ tän.„Nur iſt zu überlegen, ob es nicht beſſer wäre, den Vater vorher von Ihrer Ankunft zu benach⸗ richtigen.“ „Nein, nein, Herr Kapitän, laſſen Sie mich ziehen!« antwortete Robert.„Ich würde vor Angſt krank werden, ehe die Antwort meines Vaters ein⸗ trifft, und dann glaube ich auch, eher ſeine Ver⸗ zeihung zu erlangen, wenn ich mich ſelbſt zu ſeinen Füßen werfe, als wenn ich meine Gefͤhls dem Pa⸗ pier anvertrauen muß. 5 „Das mag ſein,“ erwiederte der Kapitän,„und wenn ich es recht bedenke, ſo iſt dein Verlangen am Ende ein ſehr natürliches. Ja, ja, reiſe in Gottes Namen, lieber Sohn, und ſei ver ichert, daß meine herzlichen Gebete dich begteiten werden habe ich einen Brief an deine Eltern geſchri wollte ihn von Hamburg aus mit der Poſt a enden; aber jetzt ſollſt du ſelber der Bote ſein, der ihn überbringt. Nimm ihn hin, und bewahre ihn wohl, ₰ 8ℳ 1 152 denn ich hoffe, ſein Inhalt wird dir keinen Schaden thun!“ Robert empfing den Brief und war von der Güte ſeines trefflichen Kapitäns ſo gerührt, daß er ihm zu Füßen ſank, und glühende Worte des Dan⸗ kes ausſprach. Der Kapitän aber hob ihn ſogleich wieder auf, und entzog ſich den Dankesäußerungen des Jünglings, indem er auf das Verdeck ging, und mit Wort und Blick den Lauf des ihm anver⸗ trauten Schiffes lenkte. 3 Gegen Abend erreichte die Victoria den Hafen von Hamburg, warf den Anker aus und ſchaukelte nun ſanft und ruhig auf den heimathlichen Gewäſſern. Ohne Zögern beſtieg der Kapitän ein Boot, und Robert, mit den nöthigen Schiffspapieren verſehen, folgte ihm, um dem Eigenthümer des Schiffes Re⸗ chenſchaft von der Fahrt abzulegen. Dieß war bald geſchehen, und Robert wollte nun auf das Schiff zurückkehren, um über das Ausladen des Schiffes die nöthige Aufſicht zu führen. Der Kapitän aber hielt Ssde n zurück. „Ich höre ſo eben, daß in wenigen Stunden die Poſt nach Ihrer Heimath abgeht,“ ſagte er zu Ro⸗ bert.„Zögern Sie denn nicht, ſie zu beſteigen und zu den Eltern zurückzukehren, welche Sie gewiß mit Frenden aufnehmen werden. Hier iſt Reiſegeld, und hier eine Anweiſung auf ihren geſparten Sold. Die Summe des Letztern iſt ziemlich bedeutend, und wird, wie ich hoffe, zu Ihren Zwecken hinreichen.“ „Aber die Geſchäfte?“« fragte Robert, deſſen Gewiſſenhaftigkeit ſelbſt die Freude ſeines Herzens überwog.„Ich habe noch gar viel zn thun und zu beſorgen.“ „Wir wollen ſchon ohne Sie fertig werden reiſen Sie ganz ohne Sorgen!« erwiederte der Kapitäͤn freundlich.„Vierzehn Tage haben Sie Urlaub!« Nach herzlichem Abſchiede vom Kapitän flog Ro⸗ bert davon, packte ſchnell das Nothwendigſte ein, und begab ſich dann eiligſt auf die Poſt, wo er eben noch zu rechter Zeit ankam. Durch Nacht und Duͤnkel rollte der Wagen dahin, in Roberts Herzen aber leuchtete der Stern der Hoffnung, und mit Entzücken gedachte er des Augenblicks, wo er den lange entbehrten Va⸗ ter an ſein gebeſſertes Herz ſchließen würde. Ein milder, köſtlicher Sommerabend lag über der Erde, als ein kräftiger, junger Mann, ein leichtes Ränzlein auf dem Rücken, mit munteren Schritten dem Landſtädtchen zuwanderte, in welchem Herr Hartmuth, Roberts Vater, wohnte. Der junge Wandersmann hatte um die Mittagsſtunde des näm⸗ 154 lichen Tages das ſchöne Dresden erreicht, und, kaum aus der Poſt geſtiegen, ſich ſchon auf den Weg nach dem erwähnten Landſtädtchen gemacht, ohne ſich um die Herrlichkeiten der prächtigen Hauptſtadt im min⸗ deſten zu bekümmern. Auf ſeiner Stirne perlten Schweißtropfen, und ſeine glühenden Wangen gaben den Beweis, daß er rüſtig zugeſchritten ſein mußte, um vor Anbruch der Nacht das Ziel ſeiner Reiſe zu erreichen. Wir wiſſen ja, was ihn ſo ſchnell vorwärts trieb, denn gewiß hat Jeder meiner freundlichen Leſer in dem jungen Wandersmann einen alten Be⸗ kannten, unſern vormals ſo leichtſinnigen, jetzt ge⸗ beſſerten Robert wieder gefunden. Die Sonne neigte ſich eben dem Untergange zu, und warf ein prächtig funkelndes, in glühenden Farben brennendes Lichtmeer über Himmel und Erde, als Robert den Kirchthurm ſeiner Vaterſtadt aus den grünen Gebüſchen auftauchen ſah. Er jauchte laut auf, als er ihn erblickte, im nächſten Augen⸗ blicke aber verdunkelte eine Thräne ſein helles Auge, und mit hoch erhobenen Händen ſtammelte er ein inniges Dankgebet zum Himmel empor. Als ob der Anblick der bekannten Gegenſtände ihm neue Kraft verlieh, eilte er hierauf rüſtig weiter und begrüßte⸗ je näher er der Heimath kam, jeden Baum, 155 Strauch, deſſen er ſich noch aus ſeiner Jugendzeit erinnerte. Bald lachte er in der Erinnerüng an ſeine jugendlichen Streiche, bald ſchüttelte er wieder wehmüthig den Kopf, wenn er an eine Stelle kam, wo er vormals geſündigt hatte. Endlich aber ſchienen alle ſeine Gedanken in dem Einen unterzugehen, daß er nach einer kurzen Viertelſtunde die ſchwer gekränkten, tief beleidigten Eltern wieder erblicken werde. Eine große Angſt ſchien über ihn zu kommen, und die Eile ſeiner Schritte zu mäßigen. Doch aber faßte er wieder Hoffnung und friſchen Muth, wenn er des Briefes ſeines Kapitäns gedachte, in welchem gewiß nichts Nachtheiliges über ihn geſchrieben ſtand. Von Neuem beflügelte er ſeine Schritte, und erreichte endlich in der Abenddämmerung das Thor. Ohne ſich aufzuhalten ſchritt er hindurch, eilte durch die bekannten Straßen, und ſtand endlich, athemlos vom raſchen Laufe und mit beklommenem Herzen vor der Thür des väterlichen Hauſes. Seine Bruſt hob und ſenkte ſich in raſchem Wechſel, ſein Athem flog und der Kopf ſchwindelte ihm. Jetzt war ja der Augenblick der Entſcheidung ſo nahe gerückt, jetzt mußte es ſich zeigen, ob er Verzeihung erlangen, oder ob er aus dem väterlichen Hauſe verſtoßen werden würde. Es war ihm ſo bange, ſo angſtvoll zu Muthe, daß er — —156 ſich kaum auf den Füßen zu halten vermogte, und beinahe wieder umgekehrt wäre, um das Wiederſehen bis auf den folgenden Tag zu verſchieben. Doch überwog endlich die Liebe zu den theuren Eltern, die Freude auf das Wiederſehen, die bange Furcht, und mit zitternder Hand öffnete er die Haüsthür, und ſchlich die wohlbekannte Treppe hinauf zu den Zim⸗ mern des Vaters. 4 Wie klopfte ſein Herz, wie jagte ſein Blut durch die Adern! Jetzt öffnete ſich die Thür, und heraus trat mit einem Lichte die alte Magd, welche im erſten Augen⸗ blicke, obgleich ſie den Knaben tauſend und aber tauſend Mal auf den Armen getragen hatte, dennoch den Jüngling nicht wieder erkannte. Im nächſten Augenblicke aber, als der Schimmer des Lichts recht voll auf ſein Antlitz fiel, da ſchrak ſie zuſammen und ſchrie laut auf, indem ſie Robert mit unver⸗ holenem Entzücken in die Arme ſchloß. „Ach, mein Gott, lieber Herr Robert, wo kom⸗ men Sie denn her?“« rief ſie aus.„Ach, was für eine Freude für die Frau Mutter! Ach, wie wird ſich das Schweſterchen freuen! Kommen Sie, Herr Robert, kommen Sie nur ſchnell herein! Nun iſt ja Alles wieder gut, nun Sie lebendig wieder da ſind! 157 Robert erwiederte die Liebkoſungen der alten Magd, zog ſie aber, anſtatt ihr in's Wohnzimmer zu folgen, in ihr eigenes Stübchen hinein und ſchloß die Thüre hinter ſich. Es war ihm ein Gedanke gekommen, den er auszuführen beſchloß, ehe er ſelber es wagen wollte, ſeinem Vater unter die Augen zu treten. „Johanne,“ ſagte er, als der erſte Freudenrauſch der alten treuen Magd vorüber war,„Johanne, du haſt es immer gut mit mir gemeint, und deßwegen habe ich Vertrauen zu dir. Sage mir aufrichtig, wie der Vater gegen mich geſinnt iſt.« Johanne ſchüttelte traurig den Kopf.„Ach, lie⸗ ber Herr Robert,« ſagte ſie!„der Herr Vater iſt freilich recht böſe, und wollte im Anfange, als Sie von Dresden weggegangen waren, gar nichts von Ihnen hören. Auch ſpäter, als Ihr Brief von Hamburg kam, war er noch recht böſe auf Sie, und die Frau Mutter und wir Anderen durften gar nicht von Ihnen ſprechen. Jetzt aber, da wird ja wohl Alles wieder gut werden! Gehen Sie nur hinein, und wenn er Sie ſo geſund und rothbackig ſieht, wird ihm das Vaterherz ſchon aufgehen. Die Mutter iſt Ihnen immer noch gut! Die hat nur immer geweint und für Sie gebeten beim Vater, wie 158 Mathildchen auch! Gehen Sie nur hinein, Robert⸗ chen, und fallen Sie dem Vater um den Hals! Dann wird er wieder gut, ganz gewiß!“« „Nein, Johanne, das wage ich nicht,« antwor⸗ tete Robert, der von Herzensangſt ganz blaß gewor⸗ den war.„Da nimm den Brief, er iſt von meinem jetzigen Herrn, den trage in die Stube, und hoͤre zu, was der Vater ſagt, wenn er ihn geleſen hat. Ich will indeß vor der Thüre warten, und wenn der Vater nicht ſo ſehr böſe mehr auf mich iſt, ſo kannſt du mich ja hereinlaſſen. Willſt du, Johanne?« „Ach freilich! freilich!« ſagte die Alte.„Nur her den Brief! Es wird ja wohl nichts als Liebes und Gutes darinnen ſtehn?« „Ich hoffe es, Johanne! Aber geh' nur jetzt, geh'! Ich halte dieſe Angſt nicht lange mehr aus!* Die alte treue Magd zögerte nicht länger. Sie begab ſich in die Stube, und Robert folgte ihr ſachte nach bis vor die Thüre. Innen hörte er die alte Johanne ſprechen, vernahm einen halb aͤngſtlichen, halb freudigen Ruf von ſeiner Mutter, und blieb dann athemlos ſtehen, um das Weitere zu erwarten. Folgen wir indeſſen der alten Johanne in das Gemach, wo wir die Mitglieder von Roberts Fa⸗ milie beim hellen Schein der Lampe zuſammen am Tiſche ſitzen ſahen. Die Mutter ruhete in ihrem Lehnſtuhle und las in einem Buche, das man auf den erſten Blick für eine Bibel erkennen konnte; ſie ſah bleich aus, und Spuren von Kummer und Gram zeigten ſich auf ihrem feinen, zarten Geſicht. Ma⸗ thilde arbeitete an einer Stickerei, und der Vater ſchrieb mancherlei Bemerkungen und Zahlen in eins ſeiner großen Handlungsbücher. Auch er ſah ſehr ernſt aus, und man konnte leicht aus ſeinen Zügen er⸗ kennen, daß er die Verirrungen ſeines einzigen Soh⸗ nes mit tiefem Schmerze betrauert hatte. Als die Thür ſich öffnete und die alte Johanne eintrat, ſah er ſogleich an ihrer nur wenig verhehlten Aufregung, daß ſie irgend eine wichtige Nachricht brin⸗ gen müſſe, und ſtand ſogleich auf, um ſie zu befragen. „Es hat Jemand einen Brief gebracht!“ ſagte die alte Magd in einem Tone, der ſogleich der Mutter verrieth, daß der Brief ihren verlornen Sohn betreffen müſſe. Während ein leiſer Schrei über ihre Lippen glitt, nahm der Vater den Brief in Empfang, brach ihn haſtig auf und erforſchte mit beflügeltem Auge ſeinen Inhalt. Die Blicke der Mutter, ſo wie die Mathildens hafteten auf ſeinen Zügen, die bald den ernſten und ſtrengen Ausdruck verloren und ſich mehr und mehr erheiterten und auf⸗ 160 hellten. Zuletzt ſpielte ein freudiges Lächeln um ſeinen Mund, und nun konnte die Mutter ihre mächtig bewegten Gefühle nicht länger unterdrücken. „Was haſt du für Nachrichten von meinem Ro⸗ bert, von meinem Sohne empfangen, beſter Mann!« rief ſie haſtig mit dem Ausdrucke der innigſten Liebe. Der Vater nahm ſein Käppchen vom Haupte, faltete ſeine Hände und ſagte mit zitternder, aber lauter und freudiger Stimme:„Der Name des Herrn ſei gelobet und geprieſen! Er hat unſern Robert wieder zu einem guten Menſchen gemacht!« In dieſem Augenblicke ward die Thür aufgeriſſen, und Thränen im Auge ſtürmte Robert herein und warf ſich ſeinem Vater zu Füßen. „Oh, mein Vater,“ rief er,„ich habe geſündiget im Himmel und vor dir, und bin nicht werth, daß ich dein Sohn heiße! Aber, Gott weiß es, daß ich mich beſſern will, und darum komme ich, um deine Verzeihung anzuflehen!« Bleich ſtand der Vater und ſtarrte auf den Sohn nieder, deſſen Nähe er nicht vermuthet hatte; die Mutter ſtreckte nach ihrem Robert die Arme aus, war aber von freudigem Schrecken ſo ſchwach gewor⸗ den, daß ſie ſich nicht zu erheben vermogte, und nur abgebrochene Worte der Liebe ſtammeln konnte. Die alte — ——— —— 161 Magd ſtand, weinend und lächelnd zugleich, an der Thür, und Mathiilde allein flog auf Robert zu, um den wie⸗ der gewonnenen Bruder in ihre Arme zu ſchließen. Da hob endlich der Vater ſeine naſſen Augen auf zum Himmel und rief aus:„Freuet Euch, freuet Euch Alle mit mir, denn dieſer mein Sohn war todt und iſt wieder lebendig geworden; er war ver⸗ loren und iſt wieder gefunden worden!“ Und dann beugte er ſich zu Robert nieder, hob ihn auf von dem Boden und drückte ihn feſt und feſter an ſeine Bruſt. Und aus ſeinen Armen flog Robert in die Arme der Mutter, und in die Arme der Schweſter, und es war ein Freuen im Hauſe, daß die Engel darüber jubelten im Himmel. Viele, viele Thraänen floßen, aber es waren die ſüßeſten Thränen der Freude, die je das Auge menſchlicher Weſen benetzten. Laſſen wir einen Voͤrhang über dieſe Ausbrüche des Entzückens fallen! Wie es unmöglich iſt, mit der Feder den tiefſten Schmerz zu ſchildern, der ein Menſchenherz zermalmen mag, eben ſo unmög⸗ lich iſt es, die Freude zu malen, welche ein Mutter⸗ ein Vaterherz empfinden muß, wenn das verloren gegebene Kind reuig und gebeſſert in das heimath⸗ liche Haus zurückkehrt. Der verlorne Sohn. Dreizehntes Kapitel. Der letzte Sturm. Die nächſten Tage verfloſſen der wiedervereinigten Familie im reinſten Genuß der ihnen von Gott ver⸗ liehenen Freude. Robert beſonders hatte ſich noch nie ſo glücklich gefühlt, als eben jetzt, wo die Eltern, die Schweſter alle Schätze der Liebe über ihn ausgoſſen. Das hatte er nicht gedacht, nicht geahnt, daß ein ſo herrlicher Lohn ſeine Rückkehr zum Guten auf dem Fuße folgen werde, und um ſo feſter ſtand der Entſchluß in ſeiner Seele, die betre⸗ rene Bahn im Vertrauen auf Gott mit Ernſt und Gewiſſenhaftigkeit auch fernerhin zu verfolgen. 4 Bis jetzt hatte der Vater noch nicht mit Robert über die Zukunft geſprochen. In einer ſtillen Stunde aber, als Robert dem Vater alle ſeine früheren Verirrungen mit der größten Aufrichtigkeit bekannt 163 hatte, fragte ihn dieſer, ob er denn wirklich Neigung habe, das mühſame und gefahrvolle Gewerbe eines Seemanns auch fernerhin zu betreiben? „Dieß, mein theuerſter Vater, häͤngt nur von dir ab,« erwiederte Robert beſcheiden.„Läugnen mag ich nicht, daß ich eine große Neigung und Liebe zu dem Seemannsleben empfinde, indem ich eben durch daſſelbe zur Erkenntniß des Böſen gekommen bin. Wenn Gott mich nicht auf das Schiff zu meinem theuren, herrlichen Kapitän geführt hätte, ſo tau⸗ melte ich jetzt vielleicht noch auf dem Wege des La⸗ ſters fort, oder wäre wohl gar von dem Abgrunde des Verderbens ſchon verſchlungen worden. Mein guter Kapitän hat mich lieb gewonnen und wünſchte mich in ſeiner Nähe zu behalten, und ich, ich wüßte Niemand, dem ich mit mehr Luſt und Liebe, mit mehr Hingebung folgen würde, als ihm. Freilich iſt das Gewerbe eines Seemanns ſcheinbar ein ſehr ge⸗ fahrvolles; aber, beſter Vater, dir brauche ich ja nicht zu ſagen, daß wir immer in Gottes Hut ſtehen, und daß der allliebende Vater, ohne deſſen Willen kein Sperling vom Dache fällt, uns jederzeit nahe iſt. Doch entſcheide du, lieber Vater. Wie du auch über meine Zukunft beſtimmen magſt, du wirſt fortan immer einen gehorſamen Sohn in mir finden.“ 11 38 Der Vater blickte nachdenklich vor ſich nieder, als ob er Roberts Worte und Zukunft recht ernſtlich in Erwägung zöge. Endlich ſtand er auf und ſagte: „Robert, wir haben noch Zeit genug, dieſe An⸗ gelegenheit mit Muße zu beſprechen. Vierzehn volle Tage haſt du Urlaub von deinem Kapitän; ehe ſie vergangen ſind, werde ich Alles mit der Mutter in's Reine gebracht haben.“ „Noch eins, lieber Vater,« nahm Robert das Wort, indem er den Wechſel, welchen der Kapitän beim Abſchiede ihm zugeſtellt hatte, aus der Taſche nahm.„Ich habe dich und manchen braven Hand⸗ werksmann in Dresden um vieles Geld betrogen! Dieſe Sünde hat mir ſchwer auf dem Gewiſſen ge⸗ legen, und ich ruhete nicht, bis ich den began⸗ genen Fehler wieder gut machen konnte. Sieh' hier den Wechſel; er beträgt etwas mehr als ich ſchuldig bin, und ich bitte dich, ihn hinzunehmen, und damit meine Gläubiger zu befriedigen.“ Ueberraſcht blickte Herr Hartmuth den Sohn an. „Auf welche Weiſe haſt du es möglich gemacht, dir eine ſo große Summe zu erſparen?“ fragte er. „Es iſt mein Sold, lieber Vater!“ antwortete Robert.„Ich gab ihn dem Kapitän, ſobald ich ſelbſt 0 — 8 8 165 ihn empfangen hatte, und treulich hat ihn der gute Mann aufbewahrt.« „Alſo haſt du Entbehrungen getragen, um deine Fehler wieder gut zu machen, lieber Sohn,“ ſprach der Vater gerührt.„Sieh', das freut mich, freut mich ſo von ganzer Seele, daß ich dir meine ganze Zufriedenheit ausſprechen muß. Aber, du armer Junge, es iſt dir wohl recht ſauer geworden, alle Vergnügungen zu entbehren?« „O nein, liebſter Vater!« antwortete Robert. „Die Wahrheit zu geſtehen, muß ich dir ſagen, daß es mir faſt gar kein Opfer gekoſtet hat. Waͤhrend der Ueberfahrt auf dem Schiffe hätte ich das Geld doch nicht gebrauchen können, und ſpäter— ſorgte mein guter Kapitän dafür, daß ich die herrlichen Gegenden des fremden Welttheils durch eigene An⸗ ſchauung kennen lernen durfte. Er machte mir ein Geſchenk und gab mir ſogar einen alten bärbeißigen, aber doch gar treuen und guten Mann zum Beglei⸗ ter mit, auf daß ich nicht ohne Rath und Hilfe ſei, wenn mir je etwas Schlimmes begegnen ſollte. Alſo, lieber Vater, mein Opfer iſt nicht der Rede werth, und ſteht in gar keinem Verhältniſſe zu dem wahr⸗ haften Vergnügen, was es mir bereitet hat.« Der Vater nahm den Wechſel in Enpſang; d 8 166 anſtatt aber das Geld dafür einzuziehen, ſchrieb er an den Kapitän, und bat ihn, die Summe als einen Noth⸗ pfennig für Robert zu behalten, und ihm dann erſt zu ſagen, daß ſie in ſeinen Händen ſei, wenn Robert glücklich und geſund wieder bei ihm angekommen wäre. Zugleich ſchrieb er aber auch einen Brief an Herrn Redlich, ſeinen Freund, nach Dresden, deſſen Inhalt wir weiter unten ſogleich kennen lernen werden. 1 Endlich rückte denn der Tag der Abreiſe Roberts immer näher und näher heran, und Robert wußte noch immer nicht, wie der Vater über ſein ferneres Schickſal entſcheiden werde. Da rief ihn Herr Hart⸗ muth eines Abends in ſein Zimmer und ſagte: »„Robert, ich habe mir ſorgfältig überlegt, welche Schritte ich hinſichtlich deiner würde thun müſſen. So bin ich denn zur Ueberzeugung gekommen, daß es am beſten iſt, wenn du vorläufig zu deinem alten Lehrherrn nach Dresden, zu Herrn Redlich zurück⸗ kehrſt. Morgen in aller Frühe mache dich auf den Weg und ſei verſichert, daß ich gewiß nach beſtem Ermeſſen meinen Entſchluß gefaßt habe.« Robert wurde ein wenig bleich, als er dieſe Entſchei⸗ dung ſeines Vaters vernahm; denn er hatte im Stillen immer gehofft, daß er ſeinen herzlichen Wunſch, auf —— — — — —— 167 das Schiff zurückkehren zu dürfen, erfüllen würde. Doch zeigte er, als dieſe Hoffnung getäuſcht war, nicht das mindeſte Widerſtreben, ſondern küßte die Hand ſeines Vaters und gab in wenigen Worten zu erkennen, daß er bereit ſei, den Befehlen des Va⸗ ters gern zu gehorchen. „Thuſt du es aber auch wirklich gern?« fragte Herr Hartmuth, indem er einen zärtlichen Blick auf ſeinen Sohn heftete. „Ja, mein Vater, von Herzen gern folge ich deiner Beſtimmung,“ erwiederte Robert mit feſter Stimme. „Aber gewiß würdeſt du mir noch lieber gehor⸗ chen, wenn ich dich zu deinem Kapitän zurück geſandt hätte?* 3 Robert erröthete.„Ich will es nicht laͤugnen, meine Sehnſucht zog mich zu ihm,“ ſagte er.„Aber du weißt beſſer, als ich, was mir gut und dienlich iſt, mein theurer Vater, und darum gehorche ich dir mit wahrer Freudigkeit.“ 4 Heerr Hartmuth, gerührt von dieſer Selbſtverläͤug⸗ nung ſeines gebeſſerten Sohnes, drückte einen väͤter⸗ lich liebevollen Kuß auf die Stirn deſſelben, und führte ihn dann an ſeiner Hand in das Zimmer der Mutter, wo die Familie noch einen Abend voll ſtiller, 168 glückſeliger Freude mit einander feierte. Freilich wußte ein Jedes, daß der Abſchied nahe ſei, und eine ſtille Wehmuth miſchte ſich daher in die tau⸗ ſend Beweiſe der gegenſeitigen herzlichen Liebe; aber das allgemein empfundene feſte Vertrauen auf Gott überwog alle Beſorgniſſe, und ließ einen Zwei⸗ fel auch an dem ferneren Glücke aller Familienmit⸗ glieder gar nicht aufkommen. Dieſes ſelbe feſte Ver⸗ trauen machte auch am nächſten Morgen Allen den Abſchied leicht, und obwohl viele Thränen floſſen, ſo waren es doch nur Thränen der Wehmuth, welche den ſüßen Schmerz des Herzens eher kühlen als vermeyhren. Glück und Heil wurde dem davoneilen⸗ lenden Robert gewünſcht, und es folgten ihm auf ſeinem Wege die Gebete der zaͤrtlichen Mutter, der Segen des verſöhnten, jetzt wieder glücklichen Vaters. Sobald Robert Dresden erreicht hatte, begab er ſich zu Herrn Redlich, der ihn mit herzlicher Freude empfing, ohne ihm über ſein früheres Betragen den mindeſten Vorwurf, ja ohne nur eine Anſpielung darauf zu machen. Robert ſelbſt öffnete endlich ſein Herz, und bat den wackeren Mann ernſtlich um Ver⸗ zeihung ſeiner früher begangenen Fehler. „Schweigen Sie ſtill, lieber Robert, ſchweigen Sie ſtill!« erwiederte Herr Redlich auf die Bitte des —— 169 Jünglings.„Ihr ſpäteres Betragen hat alle Ihre früheren Flecken ausgelöſcht und Ihre ernſte Reue Jeden verſöhnt, der Urſache haben konnte, Ihnen zu zürnen, oder doch wenigſtens Ihre Verirrungen zu betrauern. Ich danke Gott, daß er Sie ſo gnä⸗ dig geführt hat, denn welches Ende in der Regel ein laſterhafter Lebenswandel nimmt, das haben wir zu unſerem Schrecken an Ihrem einſtigen Verführer erfahren.“ „Und welches Ende hat er genommen?“ fragte Robert ängſtlich. „Nachdem mehrere kleinere und größere Dieb⸗ ſtähle, die er an der Kaſſe ſeines Herrn verübt hatte, zu Tage gekommen waren, wurde er mit Schimpf und Schande davon gejagt, und trieb ſich einige Zeit hindurch in den gemeinſten Schenken und ſo recht im Pfuhle des Laſters herum. Späterhin, als ſeine Geldmittel zu Ende gegangen ſein mogten, beging er die größte Sünde, die es gibt, die einzige, die nicht wieder gut zu machen iſt. Um den Vorwürfen ſei⸗ nes Gewiſſens zu entgehen, ſtürzte er ſich in die Elbe und wurde erſt einige Tage ſpäter todt aus dem Waſſer gezogen.“ Robert ſchauderte, als er dieß Schickſat ſeines ehemaligen Freundes vernahm und dankte inbruͤnſtig 170 Gott, daß er ihn vor ſolchem Ende in Gnaden bewahrt habe. Er war ſo erſchuͤttert, daß ſeine tiefe Bewegung Herrn Redlich nicht entgehen konnte, welcher darum das Geſpräch ſogleich auf eine andere Bahn lenkte. „Alſo Sie wollen nun Ihre Lehrzeit vollends bis zum Ende bei mir durchführen, lieber Robert?“ nahm er wieder das Wort.„Haben Sie wohl über⸗ legt, ob Sie es auch mit Freudigkeit, mit Luſt und Liebe werden thun können?« „Gewiß, Herr Redlich, werde ich ernſtlich darnach ringen, Ihre Zufriedenheit zu erwerben,« entgegnete Robert. „Aber Sie ſind nun ſchon an ein gewiſſes ſelbſt⸗ ſtändiges Leben gewöhnt!« warf Herr Redlich ein. „Ich denke es mir für Sie ſehr ſchwierig, ſich nun nun wieder an das enge und kleine Treiben in der Comptoirſtube zu gewöhnen.“« „Gott wird ſchon helfen, daß ich treulich meine Pflicht erfülle,“ erwiederte Robert.„Gewiß will ich Alles zu vermeiden ſuchen, was Ihnen Anlaß zu Klagen geben könnte.“ „Ja, das iſt Alles recht gut,“ ſagte Herr Redlich; „wie aber, wenn ich Sie gar nicht mehr in mein Geſchäft aufnehmen mag?« Robert ſah Herrn Redlich betroffen an.„Das 171 würde meinen guten Vater ſehr ſchmerzlich betrüben, ſagte er. „Ich ſollte nicht denken,« ſprach Herr Redlich lächelnd. Einem Briefe zufolge, den ich von ihm erhielt, hat er ganz andere Pläne für Sie gemacht. Leſen Sie doch!« Robert, dem eine freudige Ahnung der Wirklich⸗ keit in der Seele dämmerte, nahm den Brief und es wurde ihm klar, daß ihn der Vater nur einer Prüfung unterworfen hatte, indem er ihn zu Herrn Redlich zurückſchickte. Einige Zeilen, die an ihn ſelbſt gerichtet waren, lauteten alſo: „Ziehe hin, lieber Sohn, wohin deine Sehnſucht dich treibt. Kehre zu deinem wackern Kapitän zurück und beſtrebe dich, ſeine Liebe zu erhalten und dich ihrer würdig zu machen. Indem du dich bereit zeig⸗ teſt, in deine fruͤheren Verhältniſſe zurückzukehren, erkannte ich, daß ich dich für die Zukunft ruhig dir ſelbſt überlaſſen konnte, und gebe dir mit Freuden meinen väterlichen Segen auf deine ſelbſt erwählte Laufbahn mit. Magſt du auf dem Lande, oder auf dem Meere weilen, ſo ſtehſt du immer in Gottes Hut, und zu ihm, dem ewigen Vater, flehe ich, daß er auch fernerhin väterlich deine Schritte leiten und 172 dich immer mehr im Guten und Rechten beſtärken möge.“« Schwindelnd vor Freude drückte Robert dieſe liebevollen Zeilen ſeines Vaters an ſeine Lippen, und dankte Gott, daß er ihm geholfen habe, auch dieſe Prüfung zu beſtehen. Herr Redlich freute ſich mit ihm, und während Robert einige Zeilen kindlichen Dankes an den geliebten Vater richtete, beſorgte er alles Nöthige zur unverzögerten Abreiſe Roberts nach Hamburg. Glücklich kam der Jüngling dort an und wurde von ſeinem trefflichen Kapitän mit der alten herzlichen Liebe und Freundſchaft empfangen. Mehrere Jahre hindurch begleitete Robert den wackern Kapitän auf allen ſeinen Reiſen in die entfern⸗ teſten Welttheile, und ward unter ſeiner Anleitung ein tüchtiger Seemann. Da geſchah es einſt bei einem brauſenden Sturme, daß von der Gewalt des Windes eine Segelſtange abgeriſſen und mit ſolcher Heftigkeit gegen die Bruſt des Kapitäns geſchleudert wurde, daß dieſer ſogleich ohnmächtig niederſtürzte und gefäͤhrlich krank in ſeine Kajüte getragen werden mußte. Das Kommando des Schiffs ward auf Ro⸗ bert übertragen, und er verſah ſein Amt ſo wohl, daß er das ihm anvertraute Fahrzeug durch Sturm —— —y—,— 173 und Wellen glücklich an ſeinen noch weit entfernten Beſtimmungsort führte. Hier wurde ſein wackerer Kapitän durch die Hilfe der Aerzte und Roberts treue Pflege zwar ſo weit hergeſtellt, daß ſie für ſein Leben keine Befürchtung mehr zu hegen war; aber dennoch fuͤhlte er ſich bei weitem zu ſchwach, noch fernerhin ſein beſchwerliches Amt zu verwalten. „Ich ſehe wohl,“ ſagte er eines Tages zu Robert, „ich ſehe wohl, meine Zeit der Ruhe iſt gekommen, und ich muß mich ernſtlich nach einem Plätzchen um⸗ ſehen, wo ich den Reſt meiner Tage in Frieden ver⸗ leben kann. Oft habe ich geſcherzt, indem ich ſagte, ich wolle mich zur Ruhe ſetzen und dich zu meinem Nachfolger ernennen. Jetzt iſt aus dem Scherze Ernſt geworden, früher als ich dachte, und ich darf nicht länger zögern, meine Beſtimmungen zu treffen. So behalte denn du, lieber Sohn, das Kommando der Victoria, und führe mich als Paſſagier in die Heimath zurück. Dort wollen wir die nöthigen Schritte thun, daß du von den Schiffseignern in dem dir einſtweilen von mir verliehenen Amte beſtätigt wirſt, und alsdann will ich mir ein Neſt ſuchen, woo ich von den Erinnerungen eines langen und viel⸗ fach bewegten Lebens zehren will.“ 3 Und wie der Kapltän ſagte, ſo geſchah es. Glück⸗ 7 — 174 lich führte Robert die Victoria in den Hafen von Hamburg, wurde mit Freuden von den Eigenthümern des Schiffs als Kapitän beſtätigt, und verſieht heu⸗ tigen Tages noch dieſes ſchwierige Amt zur vollen Zufriedenheit ſeiner Vorgeſetzten ſowohl, wie ſeiner Untergebenen. Sein alter guter Kapitän wählte die Stadt, wo Roberts Eltern wohnen, zu ſeinem Ruhe⸗ plätzchen, und oft ſpricht er mit dieſen von dem wackern Sohne, der ſich ſo kräftig aus den Schlin⸗ gen des Verderbens losgeriſſen hat. So oft es Ro⸗ berts Geſchäfte erlauben, fliegt er in die Arme ſeiner Eltern, und ſeines Wohlthäters, für welchen er jeder⸗ zeit den Kapitän anſieht, und die glücklichſten Stun⸗ den ſeines Lebens ſind die, welche er in ihrer Mitte zubringt. Der Himmel hat ihn bisher wunderbar in allen Gefahren beſchützt, und wir wollen hoffen, daß der gütige Gott ihn auch fernerhin noch lange eerhält zur Freude ſeiner alten Eltern und des wackern Kapitäns, deren Gebete alltäglich für ſein Wohl über die Wolken empor ſteigen.— — ,