85 Leihbibiiorhet deutſcher, engliſcher und nirunzbſi iſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: e 1 anf 4 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. 5.„ Auswärtige Khonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir 2e he ee auch dafür zu ſeehen haben. —— X — —— Eine Erzählung 4. 1 für meine jungen Freunde. z 4 Von Franz Hoffmann. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1862. Erſtes Kapitel. Der Betteljunge. Ja freilich, 9 ſehr trübe und ſchwere Zeit war gekommen, ſo daß die Noth bei den armen Leuten kaum noch höher ſteigen konnte. In Schleſten näm⸗ lich, wo die Jahre vorher erſt noch ein fleißiger We⸗ ber mit ſeiner Hände Arbeit reichlich ſein täglich Brod verdient hatte, und dann und wann ſogar auch noch ein Stückchen gutes Rindfleiſch zum Mittageſſen dazu. Das hatte aber mit einem Male aufgehört. Die fleißigen Weber waren nicht ſchuld daran;— ſondern daran waren die klugen Diplomaten ſchuld, die allezeit Alles wiſſen, und Alles kennen, nur nicht den Fleck, wo das arme Volk der Schuh drückt. Nun, dieſe klugen Diplomaten hatten es durch allerlei weiſe Maßregeln richtig dahin gebracht, daß ddie Einfuhr von Leinen nach dem Königreiche Spa⸗ nien mit Einem Schlage aufhören mußte, und mit ſieſem Einen Schlage hörte auch faſt die ganze Fa⸗ rikation von Leinen in der Provinz Schleſten auf. 1 in Silbergroſchen. Das war nun ſchon ein großes Unglück für die armen Schleſiſchen Weber, aber ein noch größeres V1 Unglück ſollte ſich gleich zu dem großen geſellen, denn, wie das Sprichwort ſagt: Ein Unglück kommt ja niemals allein; es muß noch ein ſchlimmeres da⸗ bei ſein. Je weniger die armen Weber zu verdienen Ge⸗ legenheit hatten, deſto höher ſtiegen die Preiſe für die gewöhnlichſten und nothwendigſten Lebens⸗Bedürf⸗ aiiſſſe. Ein naſſes Jahr hatte eine ſchlechte Aerndte gebracht, und der Preis für das liebe Brod ſchlug täglich mehr auf, bis zu einer ſeit langer Zeit uner⸗ hörten Höhe.. Geringer Verdienſt aber und theures Brod,— das ſind Dinge, die nur ſchlecht zu einander paſſen. Und dennoch, wenn man ſie nicht ändern kann, ſo müſſen ſie eben ertragen werden, ſo gut es gehen will. Oder vielmehr, ſo ſchlecht es gehen will. Denn gut wenigſtens erging es dem armen We⸗ ber Mittaſch nicht. Da ſaß er eines Tages, den Kopf in die Hand geſtützt, betrübt und traurig anf ſeinem Holzſchemel, und blickte auf den Webſtuhl, der nun ſeit Wochen ſchon ſein fröhliches Geklapper nicht wie ſonſt hatte hören laſſen. Das Weber⸗Schifflein flog nicht mehr luſtig hin und wieder, wie der Pendel an einer Uhr; — es ruhete,— ruhete traurig und beſtäubt auf dem Sims,— und Gott allein konnte wiſſen, wenn es ieder ſeine gewöhnlichen Dienſte würde leiſten müſſen. Mich hungert, Vater!“ ſagte da eine ſchwache 8 Stimme aus dem finſterſten Winkel der ärmlichen klei⸗ nen Stube. Ein Seufzer war die einzige Antwort des Vaters, der die abgemagerten Hände, mit dem Ausdruck bit⸗ terſten Schmerzes in ſeinen hageren Zügen, auf ſein Herz preßte. 1 Ein Knabe ſtand aus dem Winkel auf, und ging langſam auf ſeinen Vater zu. „So kann es nicht mehr fortgehen, Vater,“ ſagte er leiſe, aber mit einem ſeltſam feſten und beſtimm⸗ ten Tone, der bei einem Burſchen von kaum fünfzehn Jahren überraſchen mußte.„Wenn du mir nicht ge⸗ ſtatteſt, bei unſeren Nebenmenſchen Hülfe zu ſuchen, ſo werden wir Beide, wie meine arme Mutter, der ſchrecklichen Krankheit, den ſie Hunger⸗Typhus nennen, zum Opfer fallen. Darum laß mich gehen, Vater. Es iſt keine Schande, die Mildherzigkeit fremder Men⸗ ſchen anzuflehen, wenn man durch redliche Arbeit nicht mehr ſich ſelber helfen kann, und wenn Einem alle Mittel zu ehrlichem Verdienſt abgeſchnitten ſind. Wir ſind nicht ſchuld daran, Vater, daß wir unter der all⸗ gemeinen Arbeitsloſigkeit mit leiden und— hungern müſſen,— verhungern ſogar, ohne deine Einwilli⸗ gung, mich betteln gehen zu laſſen!“ 4„Betteln! Es iſt ein ſchrecklicher Gedanke für mich, betteln zu müſſen!“ ſeufzte der Vater. Drei⸗ ßig Jahre lang habe ich fleißig gearbeitet, um uns ehrbar durch die Welt zu bringen! Und nun betteln! Welche Schande!“ „Nicht Schande, Vater, ſage lieber, welches Un⸗ glück!“ erwiederte der Knabe.„Wer dich kennt, der weiß, daß es nie einen fleißigeren Arbeite 84— 5 ————— 4 ben hat, als du ſeit Jugend auf geweſen biſt. Da⸗ rum ſchäme ich mich jetzt, im Unglück, nicht im ge⸗ ringſten, mit dem Bettelſacke das Land zu durchziehen. Wohin ich komme, will ich den Leuten erzählen, auf welche Weiſe wir in's tiefſte Elend gerathen ſind; will ihnen erzählen, wie man ohne Rückſicht auf uns plötzlich die Quelle verſchüttet hat, aus welcher wir früher unſeren Lebens⸗Unterhalt zogen; will ihnen er⸗ zählen, daß meine arme Mutter bereits vor Hunger geſtorben iſt, und daß nun auch mein Vater, wegen Mangel an Nahrungsmitteln am Rande des Grabes ſteht. Und glaube mir, Vater, die Menſchen werden mich hören, ſie werden Mitleid mit uns fühlen, und mich nicht hart und unbarmherzig von ihrer Schwelle weiſen, wenigſtens die Meiſten nicht, denn nur We⸗ nige können ſo ſchlecht ſein, daß ſie keine Theilnahme für unſer trauriges Loos empfinden ſollten. Da⸗ rum laß mich gehen, Vater! Noch iſt es Zeit,— heute noch,— morgen vielleicht könnte es zu ſpät ſein.“ Die Beredſamkeit des Knaben wirkte eindringlich auf ſeinen Vater, und ſie wurde ſo weſentlich durch die Umſtände unterſtützt, daß der ehrliche Weber Mit⸗ taſch ihr endlich nachgeben mußte. Freilich kam es ihm hart an, denn er hegte tief im Herzen den edel⸗ ſten Stolz, den es geben kann, den rechten Arbei⸗ ter⸗Stolz, der auf den eigenen Füßen ſteht, und nichts verlangt und begehrt, als was er dem Fleiße ſeiner Hände und raſtloſer, unermüdlicher Anſtrengung und Ausdauer verdankt. Aber die Liebe zu ſeinem wackeren Sohne beſiegte dieſen Stolz; er konnte es nicht über's Herz bringen, den Knaben vor ſeinen gehen laſſen.“ ehen, und beugte darum ſein Haupt in Demuth unter das ſchwere Joch, das eine höhere Hand ihm auf Nacken gelegt hatte. „Sei es denn,“ ſprach er nach einem langen Kampfe mit ſich ſelbſt, indem er ſegnend ſeine abgezehrte Rechte auf das lockige Haupt des Knaben legte.„Gott will es, daß ich den Stolz meiner Seele unter die Füße trete, denn unter unſeren jetzigen Verhältniſſen würde es nichts weiter ſein, als Trotz und Hartnäckigkeit. Hinweg alſo mit ihm, und werden wir Bettler, da wir nicht länger fleißige Arbeiter ſein können. Ziehe hin, mein Benjamin, und Gott ſei mit dir auf dei⸗ nen ſchweren Wegen, und rühre die Herzen der Men⸗ ſchen, deren Mildthätigkeit du anfleheſt!“ „Ich danke dir, Vater, für deine Einwilligung und deinen Segen,“ antwortete der Knabe.„Nun iſt uns geholfen, wenigſtens für die erſte Zeit. Ich weiß, wo mir aufgethan wird, wenn ich anklopfe.“ „Wo, mein Sohn? Ach, wenn du dich nur nicht einer Täuſchung hingiebſt! Die Herzen vieler Men⸗ ſchen ſind härter gehämmert, als Stahl und Eiſen! Ich kenne ſie beſſer als du, aus langer Erfahrung.“ „Ich täuſche mich nicht, Vater,“ verſetzte Benja⸗ min mit der größten Zuverſicht.„Herr Haller, der große Fabrikant in der Stadt, für den du ſchon ſo manche ſchöne Webe Leinwand verfertent haſt, wird mich nicht mit leeren Händen aus ſeinem Hauſe fort⸗ Augen verſchmachten zu „Herr Haller, ja der iſt ein braver Mann mit einem Herzen von Gold,“ ſprach der Vater.„Er hilft gewiß gern, wenn er helfen kann! Aber auf ihm laſten die traurigen Zeitverhältniſſe eben ſo ſchwer, 6 wenn nicht noch ſchwerer, 3 ter, und wenn er Allen he wollte und könnte, die ſeine Hülfe in Anſpruch en, ſo müßte er die Schätze eines Königs beſitzen. Trotzdem will ich dich nicht abſchrecken, zu ihm zu gehen. Was er auch thun oder nicht thun mag, jedenfalls wird er nicht hart und barſch gegen dich ſein.“ „So will ich denn gehen, Vater, und zwar ſo⸗ gleich,“ ſagte Benjamin.„Es iſt ein weiter Weg bis in die Stadt, und wenn ich vor Abends wieder bei dir ſein ſoll, ſo muß ich mich ſputen.“ Der Vater umarmte ihn, und ließ ihn dann ziehen. Frohgemuth trabte Benjamin ſeines Weges, ob⸗ gleich die Sonne ſehr heiß ſchien und er weder Kopf⸗ noch Fußbekleidung hatte. War er doch ſchon längſt daran gewöhnt, baarhäuptig und barfüßig zu laufen, ſo daß er weder die glühenden Sonnenſtrahlen noch die ſpitzen Kieſel des Fußpfades zu fürchten brauchte. Nach zwei Stunden langte er in der Fabrikſtadt an, wo Herr Haller ein großes, prächtiges Haus be⸗ wohnte, und trat ohne Schüchternheit durch die Thür in daſſelbe ein. Er wußte ſchon Beſcheid da, denn ſehr oft ſchon war er in früheren, beſſeren Zeiten dort geweſen, um die Leinwand⸗Stiegen abzuliefern, die ſein Vater im Auftrage des Herrn Haller gewebt hatte, und um den Arbeitslohn dafür in Empfang zu nehmen. Dieſes Mal freilich kam er nur mit leeren Hän⸗ den und mit einigermaßen ſchwerem Herzen. Wohl hatte er ſchon oft die Bemerkung machen können, daß der reiche Fabrikant ein freundlicher, wohlwollender Herr war; aber, die Zeiten hatten ſich ſeitdem geän⸗ auf dem armen Arbei⸗ — ☛ ——— —— dert, und er konnte nicht n, ob ſich nicht auch die Gemüthsart Herrn Hallen ändert hatte. Unten im Hauſe lag Comptoir und die übri⸗ gen Geſchäftsräume, vom Flur nur durch eine Glas⸗ thüre getrennt. Benjamin guckte durch die blanken Fenſterſcheiben hinein, fand aber Niemanden darin. Comptoir und Magazin waren wie ganz verlaſſen, und als der Knabe die Thür zu öffnen verſuchte, fand er ſie verſchloſſen. Ein ſchlimmes Zeichen! die Geſchäfte mußten wohl ganz darnieder liegen, da man die ſonſt von Leuten wimmelnden Geſchäftsräume ganz und gar nicht mehr zu benutzen ſchien. Benjamin ſchaute ſich ſchüchtern nach allen Seiten um. Ueberall herrſchte Stille und tiefes Schweigen; nirgends war ein Menſch zu ſehen, der ihn hätte zu⸗ recht weiſen können. Die Hinterthür des ſchönen, geräumigen Hauſes ſtand offen. Benjamin konnte durch dieſelbe in den großen, parkartigen Garten bli⸗ cken, in deſſen ſchattigen Laubgängen Herr Haller gern einen Spaziergang zu machen pflegte. Der Knabe wußte das, denn manchmals ſchon hatte er ihn hier aufgeſucht. Darum durchſpähte er mit verſchärfter Aufmerkſamkeit die dunkeln Alleen, und da ſchien es ihm, als ob er wirklich im Hintergrunde eines dicht überwachſenen Buchen⸗Weges eine männliche Geſtalt auf und ab ſchreiten ſähe. Ganz genau konnte er es aber, der dunkeln Baumſchatten wegen, nicht erken⸗ nen, und trat deßhalb ſchüchtern näher. Er ging über den Hof, fand die Gartenthüre of⸗ fen, und faßte ſich ein Herz, durch ſie in den Garten zu treten. Bald erkannte er nun, daß wirklich ein 8 Mann im Hintergrun s Baumganges ſpazieren ging, und daß dieſer aann der geſuchte Herr Haller war. 3 Nun verſchwand ſeine Schüchternheit, und er nä⸗ herte ſich dem Fabrikanten mit leichten, flüchtigen Schritten. Herr Haller kam ihm entgegen, und ſtreifte ihn mit einem flüchtigen Blicke.. „Wer biſt du, mein Sohn? Was willſt du von mir?“ fragte er mit ſanfter Freundlichkeit.„Suchſt du mich hier im Garten auf?« „Ja, Herr Haller,“ verſetzte der Knabe beſcheiden, „ich bin der Benjamin Mittaſch, und habe Ihnen früher oft die Leinwand⸗Weben meines Vaters ge⸗ bracht.“ »Ja, ja, ich entſtnne mich,« ſagte der Fabrikant raſch, aber gütig.„Dein Vater iſt ein fleißiger, braver Mann. Er befindet ſich hoffentlich wohl, wie?« „Ach Gott, nein, leider nein, lieber Herr,« gab Benjamin zur Antwort.„Es fehlt ihm ſeit längerer Zeit nicht nur an Arbeit, ſondern ſeine Geſundheit hat auch ſehr gelitten, ſeit wir meine arme Mutter, die am Hunger⸗Typhus geſtorben iſt, zu Grabe tra⸗ gen mußten, und, was das Schlimmſte iſt,— wir haben ſchon ſeit mehreren Tagen keinen Biſſen Brod in unſerer Hütte gehabt, und unſer Leben nothdürf⸗ tig durch Wurzeln und Kräuter zu friſten ſuchen müſ⸗ ſen. Aber das geht nun nicht länger mehr ſo, und es iſt nur zu gewiß, daß auch mein Pater der herr⸗ ſchenden Seuche erliegen muß, wenn ich ihm nicht ſchleunigſt beſſere Nahrungsmittel verſchaffen kann.“ »Undeda kommſt du nun zu mir, um mich aufzu⸗ — fordern, dir Hülfe zu leiſten?* fragte Herr Haller mit ——— einem leichten Seufßer. „Ja, lieber Herr, Sie haben es errathen,“ ver⸗ ſetzte Benjamin treuherzig.„Ich weiß, Sie ſind ein guter Mann, ein wahrer Vater ihrer Arbeiter, und wenn auch mein Vater uicht unmittelbar in Ihrer Fa⸗ brik beſchäftigt geweſen iſt, ſo hat er Ihnen doch auf Ihre Beſtellung die feinſten und ſchönſten Leinwand⸗ Weben geliefert. Jetzt iſt er dem Hungertode nahe, und hat keinen Freund und Gönner, der ihm Bei⸗ ſtand leiſten könnte, als nur Sie allein. Nicht wahr, Sie werden ſich unſeres gränzenloſen Elendes erbar⸗ men?« Herr Haller ſeufzte noch viel tiefer und ſchwerer, als vorhin; eine Thräne funkelte in ſeinem klaren, mildem Auge, und er wandte ſich von dem bittenden Knaben ab, damit derſelbe dieſes Zeichen ſeines innig⸗ ſten Mitleides nicht bemerken möge. Dann ging er, die Hände auf den Rücken gekreuzt, das Haupt tief auf die Bruſt niedergebeugt, einige Male in der Bu⸗ chen⸗Allee auf und ab. 1 3 40 ſen müſſen, Viele von uns haben auch durch die plötz⸗ liche Unterbrechung der Geſchäfte bedeutende Geldſum⸗ men eingebüßt, die ſehr wahrſcheinlich erſt nach Mo⸗ naten, vielleicht auch gar nicht wieder erſetzt werden. Ich ſelbſt befinde mich in einem ähnlichen Falle. Der bei weitem größte Theil meines Vermögens iſt in den Händen einiger großen Spaniſchen Handlungshäuſer; der Reſt deſſelben reicht kaum aus, meine eigenen Ver⸗ bindlichkeiten in Deutſchland zu decken, und Gott al⸗ lein weiß, ob und wenn die Handelshäuſer in Spa⸗ nien ihren Verpflichtungen gegen mich nachkommen. Wenn ſie es nicht thun, und ſo lange ſie es nicht thun, habe ich ſelbſt mit Schwierigkeiten zu kämpfen, welche ich kaum zu überwältigen im Stande ſein werde. Mein Herz iſt alſo von Sorgen bedrückt, deren Wucht du nicht zu ermeſſen vermagſt; und wie ſoll ich nun Anderen helfen, dn Mmn ſelber kaum zu helfen im Stande bin? Wir leben wahrlich in einer ſo trauri⸗ gen Zeit, wie ſie kaum trauriger und hoffnungsloſer gedacht werden kann. Und doch, wenn ich mir die gränzenloſe Noth deines Vaters vorſtelle, den ich ſeit vielen Jahren als einen braven, fleißigen und geſchick⸗ ten Webermeiſter kenne, ſo fühle ich den unwiderſteh⸗ lichen Drang in mir, ihm Hülfe zu leiſten und Bei⸗ ſtand zu bringen. Nur, fragt es ſich, wie ſoll, wie kann es geſchehen?“ Er drückte die Hand auf ſeine Stirn, und ſtand 4 lange Minuten in tiefes Nachdenken verloren, welches Benjamin auf keine Weiſe zu unterbrechen wagte. Plötzlich riß der Fabrikant mit einer raſchen Bewe⸗ gung ſeine goldene Uhr mit goldener Kette aus der Taſche, und reichte ſie dem Knaben hin. —— „Da nimm!“ ſagte er.„Es iſt für den Augen⸗ blick das Einzige, was ich dir geben kann, doch hoffe ich, der Verſatz der Uhr wird dir hinlängliche Mittel verſchaffen, um deinen Vater auf einige Wochen vor Nahrungsſorgen zu ſchützen. Aber verkaufe die Uhr unicht, ſondern verpfände ſie nur auf dem Ver⸗ ſatzamt, und bringe mir den Pfandſchein darüber. Ich werde ſie ſelbſt früher oder ſpäter wieder einlö⸗ ſen, denn die Uhr iſt mir lieb und werth als ein Andenken. Mehr kann ich für jetzt nicht für Euch thun. Nimm und geh' alſo, denn das Verſatzamt wird bald geſchloſſen werden.“ „Oh, mein Gott, wie gut Sie ſind, Herr Haller!“ ſtammelte Benjamin mit hellen Thränen in ſeinen Augen.„Unſere Noth iſt zu groß, als daß ich Ihre Hülfe zurückweiſen dürfte, und doch betrübt es mich, daß Sie ſich, wenn auch nur auf kurze Zeit, von einem Gegenſtande trennen wollen, der Ihnen lieb iſt.“ „Laß dich das weiter nicht kümmern, erwiederte der Fabrikant.„Geh' nur, damit du nicht zu ſpät kommſt.“ „Aber, Herr,“ ſagte Benjamin in bedenklichem Tone,—„wird man mir auf dem Verſatzamte auch glauben, daß ich ein Recht dazu habe, ein ſo koſtba⸗ res Pfand zu verſetzen?“ „Du haſt Recht, daran habe ich nicht gedacht,“ ſagte Herr Haller.„Vorſichtshalber werde ich dir eine ſchriftliche Beglaubigung mitgeben, daß du auf recht⸗ mäßige Weiſe in den Beſitz der Uhr gelangt biſt. Das wird genügen.“ Er ging mit Benjamin in das Haus, ſchrieb im — 7 8* M. 4 12 Comptoir ein paar Zeilen nieder, und händigte die⸗ ſelben Benjamin ein. „So, dies wird Alles in Ordnung bringen,“ ſprach er.„Nun aber ſpute dich.“ Der Knabe ließ ſich dieſe Weiſung nicht zweimal ſagen. Mit flinken Schritten eilte er davon, und kehrte ſchon nach einer halben Stunde wieder zurück. „Hier iſt der Pfandſchein, Herr Haller,“ ſagte er, „und hier,“ fügte er hinzu, indem er ein paar Hände voll Silbergeld auf den Tiſch legte,„hier iſt, was man mir auf die Uhr gegeben hat. Es ſind fünfund⸗ zwanzig Thaler, Herr.“ „Behalte das Geld,“ entgegnete Herr Haller, in⸗ dem er nur den Pfandſchein nahm und in ſeinen Pult verſchloß, die Silbermünzen aber dem Knaben zuſchob. „Für einige Zeit werdet Ihr nun geſichert ſein, und, wenn ich ſpäter mehr für Euch thun kann, ſoll es mir zu herzlicher Freude gereichen.“ Ueberglücklich ſtrich Benjamin das Geld ein, dankte ſeinem großmüthigen Wohlthäter mit feurigen Wor⸗ ten, und eilte dann ſpornſtreichs davon, um ſeinem Vater die frohe Kunde zu bringen, daß ſie nun auf lange Zeit hinaus keine Sorge mehr zu fürchten brauchten. Herr Haller ſah dem Knaben nach, bis er in einer Seitenſtraße verſchwand, und ſchüttelte ſchmerz⸗ lich ſein ſorgenvolles Haupt. „Vielleicht habe ich eine Thorheit begangen, indem ich mich von dem mir ſo lange lieb geweſenen Klein⸗ ode getrennt habe,“ murmelte er vor ſich hin.„Aber wie hätte ich ungerührt bleiben können bei den Kla⸗ gen des armen Jungen? Nein, nein, keine Reue! Meine alte ſilberne Uhr wird mir dieſelben Dienſte —— —— anlaſſung, die Großmuth Herrn Haller's zu preiſen, denn er verdankte ihm die augenblickliche Rettung vom 13 leiſten, wie die goldene, und— hätte ich noch hun⸗ dert goldene Uhren, ich würde ſie mit Freuden hin⸗ geben, wenn ich dadurch allen unſeren unglücklichen, hungernden Weber⸗Familien helfen könnte. Aber frei⸗ lich, denen kann nur Gott allein helfen,— für menſchliche Kräfte iſt die Löſung der Aufgabe zu groß. Erbarme du dich deßhalb der Armen, du unſer Vater droben im Himmel!“ Zweites Kapitel. Der 5ilbergroſchen. Die Freude und Dankbarkeit des ehrlichen Meiſter Mittaſch, als Benjamin mit vollen Taſchen zu ihm zurückkehrte, überſteigen jede Beſchreibung. Er ſeg⸗ nete ſeinen Wohlthäter, den braven Fabrikanten, und flehte zu Gott, daß dieſer dem großmüthigen Mann tauſendfach vergelten möge, was er ihm und ſeinem Sohne Gutes gethan. Und in der That, Vater Mittaſch hatte volle Ver⸗ Hungertode, der ihn ſchon näher bedroht hatte, als er ſelber gefürchtet haben mochte. Seine Geſundheit war bereits auf's Tiefſte erſchüttert und zerrüttet, und ſelbſt die reichlichere und beſſere Nahrung, welche Ben⸗ 14 jamin für ihn herbeiſchaffte, gab ihm nur langſam einen Theil der durch langes Faſten und bitteres See⸗ lenleiden verlorenen Kräfte wieder. So groß war ſeine Erſchöpfung, daß eine Woche nach der anderen verſtrich, ohne daß er ſich vollkommen erholen konnte. Ja, als der Herbſt kam und die Blätter von den Bäumen ſtreifte, fühlte er ſich noch immer ſo ſchwach, daß er nicht im Stande war, ſeine kleine Hütte zu verlaſſen, oder ſich mit irgend einer, wenn auch nur leichten Handarbeit zu beſchäftigen. Dies verurſachte ihm großen und ſchweren Kum⸗ mer, der ſelbſt nicht dem tröſtenden Zureden ſeines Sohnes weichen wollte, und der natürlich auch nicht dazu beitrug, ſeine wankende Geſundheit zu kräftigen. Doch hoffte Benjamin noch immer, daß es mit der Zeit ſchon wieder beſſer werden würde, und verlor da⸗ her den Muth nicht, wenn ihm freilich auch manchmal recht ſchwer und bang um das Herz herum wurde. Der arme Junge,— er hatte wohl Grund und Urſache genug dazu. Die fünfundzwanzig Thaler, die Herr Haller ihm geſchenkt hatte, ſchmolzen, ſo ſparſam er auch damit umging, doch von Woche zu Woche mehr zuſammen, und er konnte ſchon ungefähr ausrechnen, wie lange er noch damit würde haushalten können. In Voraus⸗ ſicht deſſen hatte er ſich ſchon längſt Mühe gegeben, um irgendwo einige, wenn auch nur ſpärlich lohnende Beſchäftigung zu bekommen, aber leider war es ihm damit nicht geglückt, wenigſtens nicht in der nächſten Umgebung ſeiner Heimath, wo leider überall, mehr oder weniger, die tiefſte Armuth herrſchte, und ein Jeder Mühe hatte, nur für ſich ſelber zu ſorgen. — 15 Einen Dienſt auswärts zu ſuchen, davon hielt ihn die Liebe zu ſeinem kranken Vater ab. Unmöglich konnte er ihn bei ſeinem kränklichen Zuſtande ganz allein und ohne jegliche Pflege laſſen, und ſo war er denn wohl ge⸗ zwungen, auf andere Mittel zu ſinnen, um dem völ⸗ ligen Nothſtande in der Hütte des Vaters vorzubeu⸗ gen, ehe er den letzten Thaler von dem großmüthi⸗ gen Geſchenke des Herrn Haller verausgabte. Er entſchloß ſich kurz. Es blieb ihm abſolut nichts Anderes übrig, als wieder, wie vor ein paar Mona⸗ ten, zum Bettelſtabe zu greifen, und ſo nahm er die⸗ ſen denn ohne falſche Scham von Neuem zur Hand. Dem Vater verheimlichte er es aber, um ihn nicht unnöthiger Weiſe aufzuregen. Allerdings wohl mußte es dem Kranken auffallen, daß ihn Benjamin häufig Stunden lang, ja manche Nachmittage hindurch bis ſpät Abends allein ließ; aber Benjamin war klug ge⸗ nug, ſeine Abweſenheit zu bemänteln und allerlei trif⸗ tige Ausflüchte und Vorwände zu finden. Heute mußte er Reiſig und Tannenzapfen im Walde zuſam⸗ men leſen, damit man für den Winter mit dem noth⸗ wendigen Heizungs⸗Material verſorgt war; morgen mußte er Pilze auf den Triften ſuchen, um dafür eini⸗ ges Geld in der nächſten Stadt zu löſen; übermorgen gab es einen Brief oder ſonſt Etwas für einen Nach⸗ bar zu beſorgen; kurz, jeden Tag hatte er angeblich irgend eine Beſchäftigung, die ſeine Abweſenheit ent⸗ ſchuldigte. Auf dieſe Weiſe wurde es ihm nicht ſchwer, in der beſten Meinung ſeinen Vater zu täuſchen und jede eſorgniß und Unruhe von ihm fern zu halten. Auch war er klug genug, ur Vorwände zu erſinnen, 16 ſondern auch handgreifliche Beweiſe für die Ausfüh⸗ rung derſelben beizubringen. Nie kehrte er von ſeinen Ausflügen mit leeren Händen heim. Heute brachte er eine tüchtige Hucke Holz mit, morgen eine Taſche voll wohlſchmeckender Pilze und Schwämme, aus denen er ſich mit ein wenig Salz und Schmalz eine köſtliche Abendmahlzeit bereitete; übermorgen ein paar Gro⸗ ſchen baares Geld, das er als Botenlohn für irgend einen beſorgten Auftrag empfangen zu haben vorgab. Auf dieſe Weiſe merkte ſein Vater nie, daß Ben⸗ jamin aus Liebe zu ihm betteln ging, ſondern er freute ſich nur über des wackeren Sohnes unermüdliche Thä⸗ tigkeit, welche ſo erfolgreich die kleine Haushaltung unterſtützte. Wenn er freilich geahnt hätte, daß Ben⸗ jamin oft Stunden weit lief, um vor den Thüren reicher Leute ein Almoſen zu erbitten, ſo würde dies ihn bitter gekränkt und bekümmert haben. Benjamin aber wußte das wohl, und darum ging er äußerſt be⸗ hutſam und vorſichtig zu Werke. Er liebte ſeinen Vater, und hütete ſich deßhalb, ihm Betrübniß zu be⸗ reiten. 3 Etwa eine Stunde von der Fabrikſtadt entfernt, in welcher Herr Haller wohnte, lag auf einem Hügel ein ſchönes, ſtattliches Schloß, welches Benjamin ſchon mehrmals geſehen und mit Bewunderung angeſtaunt, aber noch nie ſich in die unmittelbare Nähe deſſelben gewagt hatte. Und doch mußten, dem äußeren An⸗ ſcheine nach zu ſchließen, ſehr reiche Leute in dem Schloſſe wohnen. Indeß, Benjamin empfand eine ge⸗ wiſſe Scheu, ſich dieſen reichen und gewiß auch vor⸗ nehmen Leuten aufzudrängen, weil eine unbeſtimmte Ahnung ihm ſagte, daß er gewiß ſehr unſanft von 47 ihnen abgewieſen werden würde, wenn er käme und ſie um ein Almoſen anſpräche. Eines Tages jedoch, als er vergeblich an mehrere Thüren gepocht hatte, und unwirſch abgewieſen wor⸗ den war,— was freilich auch gar nicht ſelten vor⸗ kam,— faßte er ſich ein Herz, und nahm die Rich⸗ tung nach dem Schloſſe zu, um die Mildthätigkeit der Bewohner deſſelben auf die Probe zu ſtellen. Sein Weg führte zwiſchen fruchtbaren Ländereien hin, die ſich rechts und links von der mit Obſtbäu⸗ men eingefaßten Fahrſtraße ausdehnten, und Alle, ſo weit das Auge reichte, zu dem Schloſſe gehörten. Auf die Felder folgten herrliche Wieſen, von einem klaren Bache durchſchlängelt, und dann ein ſchöner Park mit wundervollen Baum⸗ und Blumengruppen, und viel⸗ fach verſchlungenen, ſich kreuzenden Wegen, welche in⸗ deß alle auf das Schloß zuführten. Der Park war von einem eiſernen Gitter mit vergoldeten Pfeilſpitzen rings eingefriedigt; aber das Park⸗Thor ſtand weit offen, und Benjamin wagte es daher, durch daſſelbe einzurreten, und langſamen Schrittes ſich mehr und mehr dem Schloſſe zu nähern. Es arbeiteten an ver⸗ ſchiedenen Stellen Leute im Parke, aber Niemand hielt ihn auf, Niemand bekümmerte ſich um ihn. So kam er endlich dicht in der Nähe des Schloſſes an, und bewunderte mit nicht geringem Reſpekte die ho⸗ hen Bogenfenſter deſſelben, die prachtvolle, ſteinerne Freitreppe, welche zum Eingange hinaufführte, und das kunſtreiche, mit vielfachen Verzierungen ausgeſtat⸗ tete Marmor⸗Portal, welches ſich über der breiten Flügelthüre wölbte. Noch ſtand er, in Bewunderung verſunken, vor Ein Silbergroſchen. 2 3. ——— 18 dem ſtattlichen Gebäude, als eine Nebenthür im Erd⸗ geſchoß deſſelben geöffnet wurde und ein Knabe in's Freie heraustrat, der ungefähr in gleichem Alter mit Benjamin ſtehen mochte. Ein paar große Hunde folgten ihm auf dem Fuße. Der Knabe war ſehr gut und reich gekleidet, und Benjamin zweifelte nicht daran, daß er den Sohn des Schloßherrn vor ſich habe. Eben ſchickte er ſich an, den Junker um ein Almoſen zu bitten, als in gleichem Augenblicke die Hunde ſeiner anſichtig wurden, und ſofort ein furcht⸗ bares Gebell erhoben. Der Junker ſah ſich um, und bemerkte nun Benjamin, der, von dem gräßlichen Ge⸗ heul eingeſchüchtert, keinen Schritt näher zu treten wagte. „Wer biſt du?“ rief ihm in herriſchem Tone der Junker zu, indem er ihn mit hochmüthiger und ge⸗ ringſchätziger Miene von oben bis unten betrachtete. „Ein armer Knabe, deſſen Vater krank und ſchwach darnieder liegt, ſo daß er durch Arbeit nichts verdienen kann,“ verſetzte Benjamin demüthig.„Erbarmen Sie ſich meiner, junger Herr, und ſchenken ſie mir eine kleine Gabe!“ „Was, ein Bettelbube biſt du?“ ſchrie ihn der Junker an.„Und du haſt dich unterſtanden, den Park zu betreten und hieher zu kommen? Schläge ſollſt du haben, aber kein Almoſen!“ „Verzeihung, junger Herr,“ ſagte Benjamin de⸗ müthig;„ich habe wahrhaftig nicht gewußt, daß man nicht durch den Park gehen darf, und da das Gatter⸗ Thor weit offen ſtand, ſo wagte ich es herein zu kom⸗ men. Es waren Leute in der Nähe, aber Niemaud wies mich zurück.“ 19 „Nun, ſo werde ich thun, was jene nichtsnutzigen Halunken verſäumten,“ ſprach der Knabe hochmüthig. „Packe dich fort! Auf der Stelle,— oder meine Hunde ſollen dir flinke Beine machen.“ Benjamin zögerte, dem rauhen Befehle ſofort Ge⸗ horſam zu leiſten. Er hoffte vielleicht, durch eine abermalige demüthige Bitte den ſtolzen, herriſchen Uebermuth des Junkers zur Milde herabzuſtimmen, ſah ſich aber ſogleich ſehr unangenehm getäuſcht. „Du willſt wohl gar nicht pariren!“ rief der Jun⸗ ker.„Warte, ich will dich auf den Weg bringen. Hetz, Caro! Faß ihn, Simſon! Juno, beiß! Hetz! Hetz!“ Gleich wüthenden Ungethümen, heulend und bel⸗ lend, ſprangen die Hunde mit glühenden Augen und weit aufgeriſſenem Rachen auf Benjamin los, und würden ihn vielleicht in wenigen Augenblicken nieder⸗ geriſſen und mit ihrem ſcharfen Gebiß übel zugerich⸗ tet haben, wenn ihm nicht noch zu rechter Zeit ein barmherziges Weſen zu Hülfe gekommen wäre. Die Geſtalt eines kleinen Mädchens von vielleicht zehn Jahren, in weißem Kleide, mit blauen Bändern ge⸗ ſchmückt, warf ſich zwiſchen Benjamin und die auf ihn losſtürzenden Hunde, und ſcheuchte die Letzteren, laut und drohend ihre ſilberne Stimme erhebend, zurück.* „Pfui, Hans,“ wandte ſie ſich dann zu dem Jun⸗ ker,„ſchämſt du dich nicht, auf einen armen Knaben, der dir nie etwas zu Leide gethan hat, deine wilden Hunde zu hetzen? Du biſt doch wirklich ein abſcheu⸗ licher Menſch, und ich werde es dem Vater ſagen, wie grauſam und gefühllos du eben gehandelt und dich 2 6 Aber er thut es nicht, weil Hans ſein einziger Sohn —„Da nimm den Silbergroſchen! Es iſt leider Alles, betragen haſt. Pfui und nochmals pfui! In deine Seele hinein ſollteſt du dich ſchämen!“ „Ei, was iſt denn da weiter, Schweſter Theres⸗ chen,“ verſetzte Junker Hans mit lautem Lachen.„Ich wollte dem frechen Bettelbuben für ſeine Unverſchämt⸗ heit, hieher zu kommen, nur einen kleinen Schrecken einjagen und ihm das Wiederkommen verleiden. Die Hunde würden ihn nicht gleich in Stücke zerriſſen ha⸗ ben. Und was den Vater anbetrifft, ſo ſag' ihm, was du willſt. Er wird mich eher loben, als ſchel⸗ ten, denn du weißt ſo gut als ich, daß er kein Bet⸗ telvolk im Parke und um das Schloß herum dulden will!“ „Nach dieſen Worten ſchlug er noch eine höhni⸗ ſche Lache auf, pfiff ſeinen Hunden, und ſchlenderte mit ihnen davon, ohne ſeine Schweſter oder Benjamin noch eines Blickes zu würdigen. »Armer Burſche,“ wandte ſich das kleine Fräulein jetzt theilnehmend zu Benjamin, der vor Angſt und Entſetzen über den drohenden Anfall der wüthenden Hunde noch am ganzen Leibe zitterte,—„armer Burſche, es thut mir herzlich leid, daß mein böſer, abſcheulicher Bruder dich ſo erſchreckt hat. Wenn ihn nur der Vater einmal recht ordentlich abſtrafen wollte! iſt. Warum aber war denn Hans eigentlich ſo böſe auf dich?“ Benjamin erzählte es der Kleinen, und erregte da⸗ durch deren inniges Mitgefühl. »Armer Burſche! armer Schelm,“ ſagte ſie mit⸗ leidig, und griff eilig in die Taſche ihres Kleides. was ich habe, ſonſt würde ich dir von Herzen gern mehr geben. Aber warte noch einen Augenblick! mein Vesperbrod ſollſt du auch noch bekommen! Zum Glück hab ich's noch nicht angerührt, weil mich nicht hun⸗ gerte. Warte nur einen Augenblick!“ Leichtfüßig, wie eine Gazelle, ſchlüpfte ſie in das Schloß hinein, und kehrte nach kaum einer Minute eben ſo eilig zurück, indem ſie mit froher Miene ein großes Butterbrod und ein paar rothwangige Aepfel hoch in den Händen ſchwenkte. „Nimm! nimm!“ ſagte ſie haſtig. Mein Bruder Hans wird gleich wieder kommen, und wenn er ſieht, daß du noch da biſt, fängt er gewiß von Neuem Streit mit dir an. Darum laufe fort, ſo ſchnell du kannſt.“ „Nicht eher, als bis ich mich bei Ihnen bedankt habe, liebes, kleines, gnädiges Fräulein,“ erwiederte Benjamin.„Sie ſind ſo gut, daß ich Sie nie ver⸗ geſſen, und alle Tage zu dem lieben Gott für Sie beten werde! Den Silbergroſchen aber, den will ich zum ewigen Andenken an Sie aufbewahren, und ihn allezeit an einer Schnur auf dem Herzen tragen!“ „Möge er dir Segen bringen,“ verſetzte gütig das kleine Fräulein.„Jetzt aber fort! Ich höre ſchon die Hunde meines Bruders von weitem bellen!“. „Nun denn, noch einmal tauſend, tauſend Dank für Ihre Güte, Sie herziges Fräulein!“ erwiederte Benjamin.„Gott behüte und bewahre Sie allezeit!“ Einen raſchen Kuß drückte er noch auf die ihm freundlich zugereichte Hand des kleinen Mädchens, warf ihr noch einen Blick voll heißer Dankbarkeit zu, und flog dann in ſchnellem Laufe nach der Eingangspforte 4 8 des Parkes zurück. Er erreichte ſie eben noch, um den ſcharfen Biſſen der ihm nachfolgenden Hunde zu entgehen, die Junker Hans hinter ihm drein hetzte. Einmal im Freien, kümmerten ihn aber die wüthen⸗ deen Beſtien nicht mehr, und ſie wagten es auch nicht, ihn bis außerhalb der Pforte zu verfolgen. Alſo ging Benjamin fröhlich von dannen, verzehrte mit gu⸗ tem Appetite ſein Butterbrot nebſt den Aepfeln, und verwahrte dann ſorgfältigſt den Silbergroſchen, den er als einen koſtbaren Schatz betrachtete, auf ſeiner Bruſt. Nie, das beſchloß er feſt in ſeinem Herzen, nie im Leben wollte er ſich wieder von ihm trennen. Drittes Kapitel. Bei'm alten Waldhüter. Benjamin fuhr fort, die Mildthätigkeit fremder Menſchen in Anſpruch zu nehmen, da er durch den hülfloſen Zuſtand ſeines Vaters dazu gezwungen wurde. Der alte Mann kränkelte fortwährend, und als der 6 Winter kam, konnte er kaum mehr ſein hartes Lager verlaſſen. Der Frühling ſchien ihm, wie der ganzen. Natur, neues Leben zu bringen; aber es ſchien auch nur ſo. Denn eines Abends, als Benjamin von eineer ſeiner Streifereien zurückkehrte, fand er ſeinen Vater todt auf dem Bette. Er ſchien ſanft zu einem beſſe⸗ 23 ren Leben entſchlummert zu ſein; wenigſtens lag auf ſeinen Geſichtszügen der Ausdruck einer friedlichen, faſt heiteren Ruhe, die er im Leben ſchon längſt nicht mehr gekannt hatte. Benjamin beweinte ſeinen Vater mit heißen und aufrichtig gemeinten, ſchmerzlichen Thränen. Weinend ſaß er an dem Sterbelager, weinend begleitete er die erkaltete Hülle des Vaters auf dem letzten Gange nach dem Kirchhofe, weinend warf er ein paar Hände voll Erde auf den Sarg in die Gruft. Als die Begräbnißfeierlichkeit zu Ende war, nahm der Herr Pfarrer den armen Benjamin bei der Hand, und lud ihn ein, mit ihm zu gehen. Der Knabe ge⸗ horchte ſchweigend, und folgte dem geiſtlichen Herrn auf ſeine Studierſtube. „Setze dich,“ ſagte dieſer hier zu ihm,— und nun laß mich hören, ob du ſchon an deine Zukunft gedacht haſt, und dann, wie du in der Folge dein Leben ein⸗ richten willſt?“ „Oh ja, Herr Pfarrer,“ verſetzte Benjamin ſo⸗ gleich.„Jetzt, wo mein armer Vater todt iſt, und ich nicht mehr für ihn zu ſorgen brauche, jetzt will ich nicht mehr wie früher betteln gehen, ſondern mir durch meiner Hände Arbeit mein tägliches Brod zu verdienen ſuchen. Es wird mir nicht ſchwer werden, Herr Pfarrer, denn ich bin einfach gewöhnt und brauche nur ein Geringes zu meinem Lebens⸗Unterhalt.“ „Das iſt recht, und ich lobe es, daß du das Va⸗ gabondiren und Betteln aufgeben willſt,“ ſprach der Herr Pfarrer.„Es hat mir nie gefallen, daß du als Landſtreicher deine Tage hingebracht haſt.“ „Aber ich konnte ja nichts Anderes thun, als bet⸗ ſetzte der geiſtliche Herr.„Gehe denn in Frieden, teln,“ verſetzte Benjamin einfach.„Ich mußte doch für meinen hülfloſen Vater ſorgen. Wenn er geſund geweſen wäre, hätte ich mich ſchon längſt als Arbei⸗ ter oder Taglöhner verdingt.“ „Ja, ja, nun verſtehe ich dich, mein Sohn, und freue mich deßhalb doppelt, daß ich dir eine, hoffent⸗ lich willkommene, Nachricht mittheilen kann,“ ſagte der Pfarrer.„Kennſt du den alten Waldhüter Knorring, der drüben im Gebirge die großen Forſten des Herrn Grafen von Haldenbruck beaufſichtigt?“ „O ja, den kenn' ich recht gut,“ verſetzte Benja⸗ min.„Sehr oft ſchon habe ich ihn beſucht, und habe mit ihm vor ſeiner Hütte geſeſſen und ſein Mittags⸗ brod getheilt. Ich dachte ſchon daran, daß ich ihn aufſuchen und um Arbeit bitten wollte, denn ich weiß, daß es gerade jetzt viel zu thun gibt drüben im Walde wegen der neuen Forſt⸗Kulturen.“ „So, ſol das trifft ſich ja prächtig,“ ſagte der Herr Pfarrer.„Der alte Knorring war nämlich ge⸗ ſtern bei mir, und bat mich, dir mitzutheilen, daß er dich in ſeiner Holzhütte erwartet. Er wäre ſelbſt zu dir gekommen, aber er wollte dich nicht ſtören in der Trauer um deinen Vater. Nun denn, ſo kann ich alſo jetzt unbeſorgt ſein deinetwegen, denn der alte Knorring iſt mir als ein Ehrenmann ſchon ſeit vielen Jahren bekannt. In ſeiner Hut und in ſeinem Schutze wirſt du wohl aufgehoben ſein, Benjamin.“ „Ja daran zweifle ich nicht, Herr Pfarrer,“ erwie⸗ derte Benjamin.„Gleich morgen werde ich mich auf⸗ machen und zu ihm gehen.“ „Du wirſt wohl daran thun, mein Sohn,“ ver⸗ 25 und bringe dem wackeren alten Knorring meine freund⸗ lichſten Grüße.“ Am Abend des folgenden Tages ſchritt Benjamin leichten Fußes durch den Wald dahin, welche zu den Beſitzungen des reichen Grafen Haldenbruck gehörte. Bei den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, welche die mächtigen Stämme der Kiefern wie in Feuerflammen einhüllten, ſtieg er einen nicht ſehr ho⸗ hen, aber die ganze Gegend beherrſcherden Hügel hinan, auf deſſen Rücken die Wohnung ſtand., welche ihm für die nächſte Zeit zur Heimath dienen ſollte. Bald erreichte er die einfach aus Birkenſtämmen errichtete Waldhütte. Der alte Knorring ſaß auf der Holzbank vor dem Eingange, und rief dem nahenden Knaben einen laut ſchallenden Gruß entgegen. Der große, graue Wolfshund, der zu ſeinen Füßen lag, ſtieß ein mächtiges Gebell aus, und ſprang mit wei⸗ ten Sprüngen dem Ankömmling entgegen. „Das nenne ich mir einen freundlichen Empfang,“ ſagte Benjamin, indem er den gewaltigen Kopf des großen Wolfhundes, der ſich vertraulich an ihn ſchmiegte, ſtreichelte.„Da ſieht man gleich, daß man willkom⸗ men iſt!“ „Du haſt es errathen Benjamin, du biſt will⸗ kommen, und Gott ſegne deinen Eingang!“ ſagte der alte Waldhüter, und ſchüttelte dem Knaben die Hände. „Wir werden uns wohl vertragen mit einander, denk' ich, und Noth ſollſt du auf keinen Fall bei mir lei⸗ den, ſo lange ich ſelber noch einen Biſſen Brod in meiner Hütte habe.“— Benjamin dankte für den freundlichen Empfang, und fühlte ſich bald heimiſch in der Hütte und bei ſeinem gutmüthigen Pflegevater. Da es ihm nicht an Beſchäftigung fehlte, ſo verging ihm die Zeit ſchnell, und er wünſchte ſich kaum ein beſſeres Loos, als ſein ganzes Leben ſo im tiefen Walde, fern von der be⸗ wohnteren Welt, hinzubringen und zu beſchließen. Auch glaubte er, und hoffte er auch nichts Anderes, bis ſich ein Ereigniß zutrug, welches einen nachhalti⸗ gen Einfluß auf ſeine ganze Zukunft ausüben ſollte. Benjamin war eines Tages an einer von der Waldhütte fern gelegenen Stelle beſchäftigt geweſen, und kehrte gegen Abend nach ſeiner Behauſung zu⸗ rück. An ſeiner Seite ſchritt getreulich Türk, der große Wolfshund des alten Knorring, einher, welcher ihn ſtets zu begleiten pflegte, und überhaupt eine große Anhänglichkeit gegen den jungen Burſchen be⸗ zeigte. Der alte Knorring ſah es übrigens gern, wenn der Hund mit Benjamin ging, denn in der letze ten Zeit war es mehrfach vorgekommen, daß einſame Wanderer im Walde von Strolchen überfallen und ausgeplündert worden waren. Auch hatten ſich dann und wann Wilddiebe verſpüren laſſen, und auch von Einbrüchen in abgelegene Gehöfte war dem alten Knorring mehrfach Etwas zu Ohren gekommen. Benjamin fürchtete ſich zwar nicht im geringſten vor Spitzbuben und anderen Strolchen, denn er beſaß nichts, was ihre Raubluſt hätte herausfordern können, aber gleichwohl ſah er es gern, wenn Türk ihn be⸗ gleitete, weil er ihn als einen ſehr angenehmen Ge⸗ ſellſchafter betrachtete. Und das mit Recht. Der ehr⸗ liche Türk hatte einen beinahe menſchlichen Verſtand, und ſeine Treue, ſeine Anhänglichkeit an Benjamin war über jeden Zweifel erhoben. 27,* 4 nunsſchleſtderten Benjamin und ggleiter gemächlich unter den dichten nächtigen Waldbäume dahin, und e Stimmen der Singvögel in den zuf einmal die friedliche Ruhe des Wal⸗ en Knall eines Schuſſes und durch ein lau⸗ ſchrei unterbrochen wurde. Benjamin er⸗ uber, raffte ſich aber ſogleich wieder zuſam⸗ ud eilte nach der Richtung hin, aus welcher der böhnliche Lärm erſchollen war. Türk folgte ihm lich dicht auf dem Fuße. 4 Nach etwa fünfhundert Schritten erreichten ſie eine traße, welche mitten durch den Wald führte, aber ur ſelten von Reiſenden benützt wurde, weil ein be⸗ nemerer Fahrweg am Saume des Forſtes angelegt ar. Als Benjamin aus dem Schatten des Waldes uf die Straße heraustrat, ſah er mit Einem Blicke Ks Geſchrei und Schießen erklärr. Ein Wagen näm⸗ lich ſtand auf der Straße, umringt von vier Kerlen, welche den Kutſcher vom Bocke geriſſen und niederge⸗ ſchlagen hatten, und eben damit beſchäftigt waren, einen Herrn mit Stricken zu binden, der ſich mit ver⸗ zweifelter Anſtrengung, aber ohne Erfolg, gegen die Uebermacht wehrte. In einem Nu war er gefeſſelt und lag nunmehr wehr⸗ und widerſtandlos auf dem Raſen. Die Kerle aber fielen über den Wagen her, um ihn zu durchſuchen und jedenfalls auch zu plün⸗ dern. 54 Benjamin überlegte blitzſchnell, was er thun ſollte. Gefährlich erſchien es jedenfalls, ſich in einen Kampf mit den vier Spitzbuben einzulaſſen, die ſämmtlich kraftvolle Männer waren; aber Benjamin wollte lie⸗ 42 ber jeder Gefahr Trn bictan, a im Stiche laſſen, den die Strolche ſe zu berauben im Begriff waren. „Hans! Karl! Frieder! Heran! 9. Benjamin, ſo laut er konnte.„Hier d 8 Schlagt ſie nieder! Fangt ſie! Vorwärts, an! Faß aul So ſchreiend, ſchwang Benjamin ſeinen Knotenſtock um den Kopf, und ſtürzte in eil. 1 Laufe auf den Wagen zu. Türk, ein wüthendes bell ausſtoßend, rannte ihm noch voraus, und h bereits Einen von den vier Strolchen zu Boden g riſſen, als Benjamin auf dem Schauplatze erſchien. „Faß an! Faß an, Türk!“ rief er von Neuem d. 1— Hunde zu, und ſchlug zu gleicher Zeit ſo wacker. ſeinem Knotenſtocke auf die Spitzbuben los, daß nm. ſogleich allen Muth verloren, und nicht einmal⸗ Mia, machten, Widerſtand zu leiſten. Vor Angſt ſchreie 56 ſuchten ſie das Dickicht des Waldes zu gewinnen, und liefen davon, ſo ſchnell ihre Füße ſie tragen wolltee. Türk ſetzte heulend und bellend hinter ihnen her, und ließ erſt von der Verfolgung ab, als der Ruf Benja⸗ min's und ein gellender Pfiff ihn zurückrief. Benjamin ſah ſich nun nach dem Herrn des Wa⸗ gens, und nach dem Kutſcher um, welche Beide auf dem Boden lagen. Der Kutſcher ſchien durch einen ſchweren Schlag auf den Kopf ohnmächtig niederge⸗ worfen zu ſein, und auch ſein Herr hatte die Beſin: nung verloren. Benjamin löste zunächſt die Feſſeln des Letzteren, und gewahrte nun, daß er durch einen Schuß verwundet worden war. Die Kugel war in die linke Schulter eingedrungen, und die Wunde blu⸗ tete heftig. Benjamin verband ſie, ſo gut er konnte, mit dem ſeidenen Taſchentuche des Herrn, und blickte ihm dann erſt ſcharf in's Geſicht. „Großer Gott, iſt es möglich,“— rief er plötz⸗ lich aus.„Herr Haller, mein gütiger Wohlthäter! Welches Glück, daß ich ihm Hülfe bringen konnte!“ Benjamin verſuchte Herrn Haller wieder zum Be⸗ wußtſein zu bringen; da ihm dies aber eben ſo wenig gelang, wie den Knecht aus ſeiner Betäubung zu er⸗ wecken, ſo hob er mit Aufbietung aller ſeiner Kräfte beide Verwundete in den Wagen, nahm ſelbſt auf dem Kutſchenſitze Platz, und trieb die Pferde an, um ſo ſchnell als möglich die Wohnung des alten Knorring, ſeines Pflegevaters, zu erreichen. Hier angelangt, kand er die beiden Ohnmächtigen noch immer ohne Beſinnung im Wagen, aber mit Hülfe des alten Knorring gelang es ihm ohne große Mühe, ſie in die Waldhütte zu tragen, und dort auf einen Haufen trockenen Laubes weich zu betten. Wäh⸗ rend dann der alte Knorring ſich um die Gäſte be⸗ mühte, ſpannte Benjamin die Pferde aus, und brachte ſie in einem nahe gelegenen Schuppen unter, wo wäh⸗ rend des Winters das Wild mit Heu gefüttert zu werden pflegte. Zum Glück für die müden und hung⸗ rigen Pferde lag noch ein ziemlicher Vorrath davon auf dem Boden über der Raufe aufgeſpeichert, und Benjamin warf ihnen ein tüchtiges Bündel davon vor. Nachdem er ſo für die Thiere geſorgt hatte, eilte er zu dem Wagen zurück, um etwa drin verwahrte Sa⸗ chen herauszunehmen und zu größerer Sicherheit in der Hütte zu bergen. Wie groß war da ſein Erſtaunen, als er den Ka⸗ ſten unter dem Rückſitze aufklappte, und ihn ganz und gar mit Geldrollen vollgeſtopft fand, welche ſorgfäl⸗ tig übereinander geſchichtet drin lagen. Heiß und kalt überlief es Benjamin bei dem An⸗ blicke dieſes Schatzes von mehreren tauſend Thalern, nach dem er nur die Hand auszuſtrecken brauchte, um ſich in den Beſitz deſſelben zu ſetzen, ohne die geringſte Gefahr, daß auch nur ein Schatten von Verdacht auf ihn geworfen werden konnte. Denn wenn er die Thaler⸗Rollen unter irgend einem Baum vergrub,— wer ſollte dann eine Ahnung davon haben, wer nur die Vermuthung hegen dürfen, daß er ſie auf die Seite gebracht hatte. Mußte nicht Jedermann annehmen, daß die Räuber, welche Herr Haller überfallen und wahrſcheinlich gefährlich verwun⸗ det hatten, den Wagen ausgeplündert und das Geld mit fortgeſchleppt haben möchten Eine ſchwere Verſuchung trat Benjamin nahe; ſein Herz pochte heftig, und vor Begierde funkelnd, hafteten ſeine Augen an dem vor ihm ausgebreiteten Schatze. Unwillkührlich fuhr er mit der Hand nach dem Herzen, um das ungeſtüme Klopfen deſſelben zu dämpfen. Da berührte er den Silbergroſchen, den ihm einmal das kleine Fräulein Thereſe geſchenkt und den er ſeit jener Zeit fortwährend zum Andenken auf der Bruſt verwahrt hatte, und im nämlichen Augen⸗ blicke tauchte das Bild des freundlichen kleinen Mäd⸗ chens, wie es ſo lieb und gütig gegen ihn geweſen war, vor ſeinem inneren Seelenauge auf. Sofort ſchien alles Blut aus ſeinem Herzen in ſeine Wangen zu ſteigen. „Oh, oh!“ murmelte er vor ſich hin,“ ich müßte 31 mich ja ewig ſchämen, und dürfte es nie wagen, wie⸗ der vor das kleine Fräulein zu treten, wenn ich der Verſuchung nachgeben und mich an fremdem Gute bereichern würde. Nein, nein, nimmermehr! Ehrlich bin ich, und ehrlich will ich bleiben, wenn ich auch alle Schätze der Welt durch einen einzigen Griff gewinnen könnte. Pfui über dich, Benjamin, daß du auch nur für einen einzigen Augenblick einen ſchlechten Gedan⸗ ken faſſen konnteſt. Ohne ſich länger zu beſinnen, ohne zu wanken und ohne zu ſchwanken, belud er ſich mit den Thaler⸗Rol⸗ len, ſo viel er deren im Arme tragen konnte, und trug ſie in die Hütte, wo er ſie an einem ſichern Ort niederlegte. Dies wiederholte er ſo oft, bis der Kut⸗ ſchen⸗Kaſten ausgeleert war, und nun fühlte er ſich ſo leicht und ruhig im Gemüthe, wie nie zuvor. Als er ſich jetzt, wo die nothwendigſten Geſchäfte beſorgt waren, zum alten Waldhüter wendete, um ihm bei der Wiederbelebung der beiden mit Ohnmacht ringenden Männer Beiſtand zu leiſten, fand er den Kutſcher bereits wieder in's Leben zurückgekehrt, ob⸗ gleich er noch ein wenig verdummt vor ſich hinſtarrte. Herr Haller dagegen, wahrſcheinlich von großem Blut⸗ verluſte ſehr erſchöpft, hatte die Augen noch nicht aufgeſchlagen, und nur ein kaum bemerkbares Heben und Senken der Bruſt ließ erkennen, daß das Leben noch nicht aus ſeinem Körper entwichen ſei. Der alte Knorring hatte ihn ſeiner Oberkleider entledigt, und war gerade mit einem neuen Verbande der Wunde fertig geworden, als Benjamin zu ihm trat. 1 „Iſt er gefährlich verwundet, Vater Knorring 2* fragte er. 32 „Nein, nein, die Kugel hat keine edleren Theile verletzt, ſondern nur ein großes Blutgefäß zerriſſen, in Folge deſſen die tiefe Ohnmacht eingetreten iſt, verſetzte der alte Waldhüter ganz ruhig und ſeiner Sache gewiß.„Nicht einmal der Knochen iſt zerſchmet⸗ tert, und ein paar Tropfen kaltes Waſſer werden die ſchlummerde Beſinnung ſchnell genug wieder aufwecken. Nimm den Topf, Benjamin, und hole friſches Waſſer von der Quelle!“ Benjamin gehorchte auf der Stelle, und kam nach wenigen Minnten, mit dem Verlangten zurück. Der alte Knorring ſpritzte dem Ohnmächtigen einige Tro⸗ pfen des eiskalten Quellwaſſers in's Geſicht, benetzte ihm Stirn und Schläfe damit, und hatte die Freude, faſt unmittelbar nach Anwendung dieſes einfachen Mit⸗ tels den Verwundeten die Augen aufſchlagen zu ſehen. „Um Gottes willen,“ ſtammelte Herr Haller,— die Räuber! Sie haben mir Alles genommen! Ich bin ein verlorener, ein völlig zu Grunde gerichteter Mann!“ „Nein, nein, Herr,“ ſagte Knorring in tröſtendem Tone;„beruhigen Sie ſich nur! Wagen und Pferde ſind in Sicherheit, und Sie ſelbſt und Ihr Kutſcher befinden ſich bei einem ehrlichen Mann.“ „Aber mein Geld,“ rief der Fabrikant mit Zeichen und Geberden äußerſter Aengſtlichkeit.„Wenn die Spitzbuben es mir genommen haben, bin ich ein völ⸗ lig geſchlagener Mann.“ „Ja, von Gelde weiß ich allerdings nichts,“ ver⸗ ſetzte der ehrliche Waldhüter.„Ich weiß nur, daß mein wackerer Junge, der Benjamin, mit Hülfe mei⸗ nes großen Wolfshundes die Spitzbuben vertrieben, und Sie nebſt dem Kutſcher in ſehr hülfloſem Zuſtande hierher gebracht hat. Von Geld habe ich nichts ge⸗ hört noch geſehen.“ „Aber ich weiß davon,“ nahm jetzt Benjamin ha⸗ ſtig das Wort, um den bangen Beſorgniſſen Herrn Hallers ein ſchleuniges Ende zu machen.„Ich fand eine große Geldſumme in Rollen, als ich den Wagen durchſuchte, und habe dieſelben herein getragen.“ „Wo ſind ſie?“ fragte der Fabrikant aufgeregt. „Es müſſen fünfzehntauſend Thaler ſein! Ich kann mich nicht zufrieden geben, ehe ich nicht mit meinen eigenen Augen geſehen, daß ſie völlig vorhanden ſind. Mein eigenes Wohl, und das Wohl und das Wehe vieler armer Familien hängt von dem Gelde ab, ohne das ich nimmermehr mein Fabrik⸗Geſchäft wieder in Gang bringen könnte. Hätten die Räuber es genom⸗ men, ſie hätten nicht allein mich, ſondern auch noch zahlreiche Familien⸗Väter unglücklich gemacht. Wo iſt das Geld? Wo iſt es ²“ „Einen Augenblick Geduld, Herr,“ nahm der alte Knorring das Wort.„Sie ſehen ja, daß es beinahe Nacht geworden iſt. Wenn Sie ſich durch den Au⸗ genſchein vom Vorhandenſein des Geldes überzeugen wollen, dann muß ich vorher ein paar Kienſpähne anzünden. Das Feuerzeug, Benjamin, mit dem Schwe⸗ felfaden. Ah, ſo! Gut! Aber Sie können ganz ruhig ſein, Herr! Wenn Benjamin ſagt, ‚das Geld iſt da!'“ ſo iſt es da, und nicht ein Pfennig wird fehlen an der großen Summe. Aber hier iſt eine Kienfackel,“ fügte er hinzu.„Nehmen Sie, Herr! Und du, Ben⸗ jamin, zeige den Platz, wo du die Rollen niederge⸗ legt haſt.“ Ein Silbergroſchen. 3 34 „In dieſem Winkel liegt es, Rolle bei Rolle, ſehen Sie, Herr Haller,“ ſagte Benjamin. Der Fabrikant wankte, auf Knorrings kräftige Schultern geſtützt, dem Winkel zu, und ein tiefer Athemzug bewies, daß bei dem Erblicken des Schatzes ein ſchwerer Stein von ſeinem Herzen gefallen war. „Dank! Tauſend Dank, Ihr lieben Leute,“ ſagte er mit vor Freude glänzenden Blicken.„Das iſt ein ſehr beruhigender Anblick für mich. Glauben Sie mir, nicht aus Geiz und Habſucht ſprach ich ſo! Was mich ſo ängſtlich machte, iſt der Umſtand, daß von der Erhaltung dieſes Geldes das Wohl meiner armen Fabrikarbeiter abhing. Es ſind die letzten Mittel, die mir zu Gebote ſtehen. Geſtern erhielt ich die Nach⸗ richt aus der Stadt, daß bei einem dortigen Banquier⸗ Hauſe bedeutende Zahlungen aus Spanien für mich eingelaufen und ſofort zu erheben wären, und in aller Eile begab ich mich auf die Reiſe, um das Geld in Empfang zu nehmen, und dann unverzüglich den Be⸗ trieb meiner Fabrik wieder zu beginnen. Die Nach⸗ richt, daß ich Geld aus der Stadt holen wolle, muß aber, ich weiß nicht wie, unter die Leute gekommen ſein, und einige entſchloſſene Böſewichter auf den Ge⸗ danken gebracht haben, mir aufzulauern und mich aus⸗ zuplündern. Dem Himmel ſei Dank, der mir zu rech⸗ ter Zeit Beiſtand ſendete; und Dank auch dir, wacke⸗ rer Knabe, für deinen Muth und deine Entſchloſſen⸗ heit! Ich werde mich gewiß erkenntlich dafür bewei⸗ ſen!“ „Oh, das iſt gar nicht nothwendig, lieber Herr Haller,“ verſetzte Benjamin lächelnd.„Ich habe nur eine alte Schuld an Sie abgetragen, und daß gerade — 35 Sie es waren, dem ich Hülfe bieten konnte, freut mich deßhalb doppelt.“ „Aber wer biſt du, junger Menſch?“ fragte der Fabrikant, indem er Benjamin ſchärfer als bisher in's Auge faßte.„Du kennſt mich, und auch mir kommt dein Geſicht jetzt bekannt vor!“ „Ja, ja, lieber Herr,“ nickte Benjamin vergnüg⸗ lich,—„denken Sie nur an den Jungen, dem Sie vor längerer Zeit Ihre goldene Uhr und Uhrkette an⸗ vertrauten, um ihn und ſeinen Vater dem Hunger, wenn nicht gar dem Hungertode zu entreißen. Der Junge war ich, lieber Herr!“ 1 „Ah, jetzt weiß ich Alles!“ rief der Fabrikant mit Lebhaftigkeit aus;—„du biſt Benjamin, der Sohn des braven, ehrlichen Mittaſch! Ja, ja, jetzt weiß ich's! Der arme Mittaſch iſt, wie ich hörte, mittler⸗ weile geſtorben. Nun, wir werden noch ein paar Worte mit einander zu ſprechen haben, mein lieber Benjamin. Vorläufig nochmals meinen Dank für dei⸗ nen Muth, der mich gerettet hat. Jetzt aber will ich eilen, nach Hauſe zu kommen. Meine Frau wird in ſchweren Sorgen um mich ſein.“ „Ich glaube, Herr, Sie würden beſſer thun, bis morgen früh ruhig in meiner Hütte zu bleiben,“ ſagte der alte Knorring bedächtig.„Hier ſind Sie ſicher, denn meine Flinte und mein braver Hund werden die Spitzbuben ganz gewiß in Reſpect halten, ſo daß ſie nicht wagen, einen erneuerten Angriff auch nur zu verſuchen. Draußen können noch andere Strolche lauern,— die Zeiten ſind ſchlecht, und in ſchlechten Zeiten fehlt es auch nicht an ſchlechten Menſchen. Außerdem wird es auch für Ihre Wunde gut ſein, 3* 36 wenn Sie ſich Ruhe vergönnen. Ich ſtehe dafür, daß Sie auf dem Laublager hier ſo ſanft und ſüß ſchlafen werden, wie zu Hauſe in Ihrem Matratzen⸗Bett!“ In der Aufregung über ſeinen befürchteten Ver⸗ luſt hatte Herr Haller ſeine Wunde ganz vergeſſen; jetzt aber erinnerten die Schmerzen derſelben ihn wie⸗ der daran, und er fühlte ſich, ohnehin ſehr geſchwächt durch den Blutverluſt, gar nicht abgeneigt, die freund⸗ liche Einladung ſeines einfachen, aber biedern Wirthes anzunehmen.“ „Ich fürchte nur, meine Frau wird ſich ſehr ab⸗ ängſtigen, wenn ich die Nacht ausbleibe,“ ſagte er zögernd. 8 „Nun, ſo will ich gehen, und Ihre Frau Gemah⸗ lin beruhigen,“ ſprach Benjamin.„Bleiben Sie nur hier, Herr Haller. Das iſt das Beſte für Sie, und, was mich anbetrifft, ſo werde ich die paar Stunden Wegs bald zurückgelegt haben, und werde jedenfalls kurz nach Mitternacht wieder zurück ſein.“ „Ja, ſo iſt's am beſten,“ nahm der alte Knorring ſelbſt das Wort, ehe Herr Haller Einſprache thun konnte.„Geh' nur in Gottes Namen, Benjamin! Ich muß hier bleiben, um mit Türk Wache zu halten, und der Kutſcher iſt, wie ich ſehe, noch nicht fähig und im Stande, die Botſchaft zu übernehmen, denn er iſt, von Müdigkeit überwältigt, ganz feſt einge⸗ ſchlafen.“ 3 „Wohlan, ſo ſag' auch ich, geh' in Gottes Na⸗ men, wackerer Knabe,“— ſprach der Fabrikant ſicht⸗ lich gerührt.„Wir werden eine ſchwere Rechnung mit einander abzuſchließen haben, denn du häufſt im⸗ mer neue Verbindlichkeiten auf mich,— aber ich hoffe, ——— der Saldo ſoll zuletzt zu deiner Zufriedenheit aus⸗ fallen!“ „Nichts davon, lieber Herr,“ entgegnete Benjamin. „Was ich thue, thue ich von Herzen gern in der Er⸗ innerung an der mir bewieſenen außerordentlichen Güte!“ 2 Im nächſten Augenblicke war er aus der Hütte verſchwunden, und eilte in friſchem Laufe durch Nacht, Nebel und Mondſchein dem Wohnorte des Fabrikan⸗ ten zu. Herr Haller äußerte die Beſorgniß, daß er wohl gar unterwegs von böſen Menſchen angefallen werden könnte, aber der alte Knorring wies dieſe Beſorgniß lächelnd zurück. „Sein Sie ohne Sorge,“ ſagte er.„Benjamin iſt ein flinker Burſche, und die müßten lange Beine haben, die ihn einholen und einfangen wollten. Ueber⸗ dies, wem ſollte etwas der Art einfallen? Bei Ben⸗ jamin wird kein Menſch Schätze ſuchen, und ſchon darum allein wird ihn Jedermann ungeſchoren laſſen. Verbannen Sie alſo alle und jede Beſorgniß, und ge⸗ ben Sie ſich Mühe, lieber recht gut zu ſchlafen, damit Sie morgen mit friſchen Kräften erwachen. Hegen Sie auch keine Furcht vor Dieben! Türk und ich bleiben munter. Alſo, gute Nacht, und laſſen Sie Ihren Schlummer nicht durch bange Träume ſtören!“ Herr Haller merkte wohl, daß er der Rechtſchaffen⸗ heit dieſes braven Mannes vollkommen vertrauen konnte. Ohne Sorgen ſtreckte er ſich daher auf ſein Laublager aus, und war, wie ſeine tiefen und ruhi⸗ gen Athemzüge bewieſen, ſchon wenige Minuten nach⸗ her ganz feſt eingeſchlafen. Viertes Kapitel. Lin Wiederſehen. Ils Herr Haller am nächſten Morgen aus ſeinem ſanften und erquickenden Schlummer erwachte, ſah er den alten Knorring und ſeinen jungen Gehülfen be⸗ reits geſchäftig, am Herdfeuer der Hütte ein Frühſtück zu bereiten. Ein froher, freundlicher Morgengruß wurde ihm zu Theil. Benjamin brachte gute Nach⸗ richt von Frau Haller, die durch ſeine Botſchaft aus großer Unruhe geriſſen worden war, und Knorring gab den Beſcheid, daß der Kutſcher ſich vollkommen wieder wohl befinde, und draußen bei ſeinem Geſchirr und den Pferden beſchäftigt ſei. Dann kann ich alſo ohne weiteres Hinderniß meine Reiſe nach Hauſe fortſetzen!“ fragte der Fabrikant. „Gewiß, wann und wenn es Ihnen beliebt,“ er⸗ wiederte Knorring.„Nur werden Sie vorher eine Taſſe Kaffee mit uns trinken, und unſer, einfaches Frühſtück mit uns theilen,— Brod und Schinken, was die Vorrathskammer hergiebt. Viel iſt es nicht, aber von Herzen gern gegeben wird es. Und nun vor Allem: wie befindet ſich Ihre verwundete Schulter, lieber Herr?“. „Ich fühle Sie kaum,“ verſetzte der Fabrikant. „Faſt möcht' ich glauben, daß die Wunde ſchon völlig geheilt iſt.“ 39 „Das nun wohl nicht,“ erwiederte Knorring mit— vergnügtem Kopfnicken;—„aber wahr iſt's, mein Wund⸗Balſam verrichtet beinahe Wunderdinge. Nun wir müſſen nach der Wunde ſehen, und einen neuen Verband anlegen, dann werden Sie bei der kurzen höm nach Hauſe keine große Beſchwerde zu erdulden aben.“ Der Verband wurde erneuert; die Wunde befand ſich in überraſchend gutem Zuſtande, und Herr Haller entwickelte bei'm Frühſtück einen ſo guten Apetit, daß der alte Knorring lächelnd äußerte, dieſer Umſtand allein reiche hin zum Beweiſe, daß die Verwundung keinerlei bedenkliche Folgen nach ſich ziehen werde. Nach dem Frühſtücke zählte Herr Haller ſeine Geld⸗ rollen, fand ſie in der beſten Ordnung, und ſorgte dann dafür, daß Alles wieder in den Wagen gepackt wurde. „Bei hellem, lichtem Tage werden wir ja wohl vor einem neuen Ueberfalle ſicher ſein,“ ſagte er. „Gewiß,“ ſtimmte der alte Knorring bei, und zwar um ſo ſicherer, als ich und Benjamin Ihnen bis auf dir offene Landſtraße hinaus das Geleit geben wer⸗ en. „Was ich dankbarſt annehme,“ verſetzte der Fa⸗ brikant.„Sie, Knorring, mögen nachher in die Wald⸗ hütte zurückkehren, was aber Benjamin anbetrifft, ſo habe ich Anders über ihn beſchloſſen. Er wird mich bis nach Hauſe begleiten, und dort bis auf Weiteres bleiben. Ich will ihn zu einem tüchtigen Kaufmann und künftigen Fabrikherrn heranbilden.“ Der alte Knorring und auch Benjamin ſchauten Herrn Haller verwundert an. 40 „Das iſt wohl Ihr Ernſt nicht, lieber Herr,“ ſagte nach einer Pauſe der Waldhüter in zweifelndem Tone. „O doch, gewiß iſt es mein vollſtändiger Ernſt,“ verſetzte Herr Haller.„Ich hoffe Benjamin eine ge⸗ ſegnete Zukunft in meinem Hauſe anbahnen zu kön⸗ nen; welche Zukunft hätte er aber hier zu erwarten, wenn er noch ferner und auf unbeſtimmte Zeit hinaus bei Euch bliebe?“ „Freilich kein ſehr glänzendes Loos,“ gab der alte Knorring nach einigem Bedenken zur Antwort.„So lang ich lebe, würde ich's freilich dem Jungen an nichts fehlen laſſen; ſobald mir aber der Tod die Au⸗ gen zudrückt, ſetzt mein Herr einen Nachfolger an meine Stelle, und da läßt ſich denn freilich nicht vorausſetzen, ob der unſern Benjamin bei ſich dehat⸗ ten wird, oder nicht.“ „Nun, ſo ähnlich habe ich mir die Verhältniſſe gedacht,“ nahm der Fabrikannt wieder das Wort. „Hier hat alſo Benjamin nur geringe Ausſichten auf eine gute Zukunft, während er in meinem Geſchäfte etwas Tüchtiges lernen und ein gediegener Mann werden kann, dem bei ſeinen Kenntniſſen und ſeiner tanr n Rechtſchaffenheit ſpäter die ganze Welt offen eht.“ „Das iſt einleuchtend, und ich bin damit zufrie⸗ den,“ ſagte der alte Knorring,—„nun fragt ſich's nur noch, wie unſer Benjamin darüber denkt, und ob er geneigt iſt, Ihr wohlwollendes und großmüthiges Anerbieten anzunehmen. Sag' uns deine Meinung, Benjamin.“ „Vater Knorring, es wird mir nicht leicht, mich von Euch zu trennen, aber gleichwohl halte ich es für 41 meine Pflicht, Herrn Haller's Vorſchlage zu folgen,“ antwortete Benjamin offen und ohne Rückhalt.„Bei Euch kann ich nichts lernen, was mir in der Welt forthelfen würde. Grade dazu bietet mir aber Herr Haller Gelegenheit, und dieſe muß ich benutzen, auch Euretwegen mit. Wenn es mir einmal gut geht, Vater Knorring, dann ſeid gewiß, daß es Euch nicht übel gehen wird, wenigſtens ſo weit es in meiner Macht ſtehen würde, Euch ein recht behagliches Leben zu bereiten. Hier dagegen würde ich immer nur eine Laſt für Euch bleiben. Alſo habt Dank, herzlichen Dank für Eure mir bewieſene Güte, und ſeid ſicher, daß ich ſie fein im Herzen bewahren werde, ſo lange ich lebe!“ 1 „Du haſt das beſte Theil erwählt, mein Sohn,“ erwiederte Vater Knorring, und ſchloß den Knaben zärtlich in ſeine Arme.„Geh' mit Gott! Er wird dich leiten und zu deinem Glücke führen, wenn du ſo brav bleibſt, wie du bisher immer geweſen biſt!“ Sobald Benjamin ſeine geringen Habſeligkeiten zuſammengepackt hatte, wurden die Pferde eingeſpannt, und der Wagen rollte mit unſeren Freunden auf der holperigen Waldſtraße davon. Als man auf die große Chauſſee kam, ſtieg Knorring aus, ſchüttelte noch ein⸗ mal Herrn Haller und ſeinem lieben Benjamin die Hände, und kehrte ſich dann kurz um, um der Weh⸗ muth des Abſchiedes ein ſchnelles Ende zu machen. Mit rüſtigen Schritten eilte er dem nahen Walde zu, während Benjamin und ſein edler Beſchützer ſchnell auf der glatten und ebenen Landſtraße dahin rollten, und nach einer kurzen Stunde das Städtchen erreich⸗ 42 ten, wo Benjamin fortan eine neue Heittath in einer achtbaren Familie zu finden ſo glücklich ſein ſollte. Für Benjamin begann von jener Zeit an ein ganz neues Leben. Frau Haller, nachdem ſie von ihrem Mann erfahren, wie muthig und entſchloſſen ihm Ben⸗ jamin zu Hülfe gekommen war, wendete ihm ſchnell ihre Gunſt zu, und hieß ihn auf das Herzlichſte unter ihrem Dache willkommen. Da ſie ſelbſt keine Kinder beſaß, ſo betrachtete ſie Benjamin bald wie einen Sohn, und widmete ihm um ſo mehr Liebe und Sorg⸗ falt, je mehr auch Herr Haller mit ſeinem Betragen und ſeinen Fortſchritten im Geſchäft zufrieden war, und täglich Benjamins Fleiß und Anſtelligkeit lobte. Benjamin ſeinerſeits verſäumte nichts, was dazu beitragen konnte, die ihm ſo freiwillig zugewendete Gunſt auch wirklich zu verdienen. Sein Betragen war ſtets gleichmäßig beſcheiden, offen und herzlich; in der Fabrik zeichnete er ſich durch Wißbegierde und bald auch durch außergewöhnliche Geſchicklichkeit aus; im Comptoir beſorgte er gewiſſenhaft die Arbeiten, welche Herr Haller ihm übertrug. Nebenbei lernte er und übte ſich in Allem, was ſpäter ihm ſelbſt und auch ſeinem väterlichen Lehrherrn zum Nutzen dienen konnte, mit einem wahrhaft unermüdlichen Fleiße, der nicht wenig von ſeinen angeborenen Talenten unterſtützt wurde. Nach wenigen Jahren ſchon galt er als einer der beſten Modell⸗- und Muſter⸗Zeichner in der Fa⸗ brik, und als der beſte Comptoiriſt, den Herr Haller je in ſeinem Hauſe beſchäftigt hatte. Dabei war ſeine Treue und Redlichkeit, wie ſich bei einem ſo gut ge⸗ arteten jungen Manne ganz von ſelbſt verſteht, über jedes Lob und jede Anerkennung erhaben. —,— 43 „Wahrlich, Mutter,“ ſagte Herr Haller ſo manches Mal zu ſeiner Frau,—„unſer Benjamin iſt ein wah⸗ rer Schatz für mich! Ich glaubte, ihm eine Wohl⸗ that zu erzeigen, als ich ihn von dem ehrlichen Waldhüter weg zu mir in's Haus nahm,— aber es zeigt ſich von Tag zu Tage mehr, daß ich mir ſelber den größten Dienſt damit geleiſtet habe. Benjamin iſt ein wahres Juwel, und ich achte und ſchätze ihn nicht nur, ſondern liebe ihn auch, als ob er mein leibhaftiger Sohn wäre!“ „Ich weiß, er verdient das, und ich liebe ihn wahr⸗ lich nicht minder,“ pflegte Frau Haller auf derartige Lobſprüche ihres Mannes zu antworten. Und in Wahrheit, wenn Herr Haller Benjamin lieb hatte, wie einen Sohn, ſo ſorgte ſie dagegen für ihn, wie eine rechte Mutter. Sie verſäumte keine Gelegenheit, ihm irgend ein paſſendes Geſchenk zu machen, wie Benjamin deſſen gerade bedurfte; und wenn er wirklich der Sohn des Hauſes geweſen wäre, ſo hätte er nicht beſſer in Kleidern und feiner Wäſche ausgeſtattet ſein können, als er es wirklich war durch die Güte ſeiner liebevollen und ſorgſamen Pflege⸗ Mutter. Ihre Wohlthaten machten aber auch den tiefſten Eindruck auf Benjamin's dankbares und weiches Ge⸗ müth. Für Herr Haller wäre er zu jeder Stunde be⸗ reit geweſen, durch Waſſer und Feuer zu gehen; und was ſeine Pflegemutter betrifft, ſo blickte er faſt zu ihr auf, wie zu einer ſegnenden Gottheit. Kein Wunder! Benjamin war in der That ein braver Menſch, und ein Solcher iſt vor allen Dingen 44 dankbarer für empfangene Wohlthaten, mögen ſie von Gott kommen oder von Gottes Geſchöpfen. So verſtrich eine Zeit nach der Anderen, ohne in den Verhältniſſen Etwas zu ändern, außer daß Ben⸗ jamin mit jedem Jahre ein Jahr älter geworden, und jetzt ein ſtattlicher junger Mann von fünfundzwanzig Jahren war. Da geſchah es, daß wieder ein Mal, wie das von Zeit zu Zeit zu geſchehen pflegt, eine Ge⸗ fahr drohende Kriſis in der Geſchäftswelt eintrat, von welcher auch das Haus Haller ſehr hart und empfind⸗ lich getroffen werden könnte. Dies Ungewitter brach zuerſt in England aus und verbreitete ſich von dort ſchnell über Frankreich, Deutſchland und ganz Europa. Herr Haller, und an ſeiner Seite Benjamin, ſtreng⸗ ten ſich auf das Aeußerſte an, den ſchnell auf einander folgenden Schlägen Widerſtand zu leiſten, und es war ihnen bisher auch ziemlich geglückt, empfindlichen Ver⸗ luſten vorzubeugen, ſo daß allmählig Herr Hallers ſorgenvolle und gewitterſchwere Stirn ſich wieder auf⸗ heiterte, und er die ganze drohende Gefahr für immer beſeitigt glaubte. Er ließ in ſeiner Wachſamkeit nach, und gab ſich den froheſten Ausſichten in die Zukunft hin. Nicht ſo Benjamin. Er wußte, daß der Sturm noch nicht ausgetobt hatte, ſondern noch heftig genug wehte, um noch manches für ganz ſicher gehaltene Handlungshaus zu Boden zu werfen. Herr Haller lachte zwar nur, wenn Benjamin ſeine Beſorgniſſe zu äußern wagte, aber trotzdem hielt der junge Mann an dem Vorſatze feſt, allezeit wachſam zu bleiben und im⸗ mer ſeine Augen offen zu halten. Auf dieſe Weiſe ſah er weiter und bemerkte ſo mehr, als Herr Haller ſelber, und ſein Herr Prinzipal ſollte ſich bald genug davon überzeugen. 45 Als derſelbe eines Morgens im Comptoir die ein⸗ gelaufenen Briefe erbrochen und flüchtig durchgeſehen hatte, ſchob er einen Theil derſelben zur Beantwortung Benjamin hin, der mit ihm am nämlichen Pulte ar⸗ beitete. „Wilſon, Moore und Compagnie in London mel⸗ den hier, daß ſie dreitauſend Thaler auf unſre Firma gezogen haben,“ ſagte Herr Haller gleichgültig, als er die Briefe über das Pult hinüberreichte.„Sorge da⸗ für, Benjamin, daß Geld in Caſſa iſt, und wir den Wechſel am Verfalltage einlöſen können.“ „Mit Erlaubniß, Herr Haller,“ antwortete Benja⸗ min, indem er mit funkelnden Blicke ſeim Haupt er⸗ hob,—„das werde ich wohl bleiben laſſen!“ „Wie? Verſteh' ich wohl?“ verſetzte Herr Haller, —„du willſt einen Wechſel von Wilſon, Moore und Compagnie nicht einlöſen?“ Nein, Herr Haller, ich werde das ganz gewiß nicht thun,“ entgegnete Benjamin feſt.„Im Gegen⸗ theil, ich fordere von Ihnen und bitte um das Drin⸗ gendſte darum, daß Sie ſofort Anſtalten treffen, alle Summen, die Sie bei Wilſon, Moore und Compag⸗ nie ſtehen haben, heraus zu ziehen!“ „Aber Benjamin, was ficht dich an? Jenes Haus iſt das Sicherſte in London?“ rief Herr Haller aus. Und ich, Herr Haller, gebe Ihnen die feſteſte Verſicherung, daß es in kürzeſter Friſt zuſammenbre⸗ chen wird, um ſich nie wieder zu erheben,“ antwor⸗ tete Benjamin.„Schon längſt, wenigſtens einige Wochen ſchon habe ich gegen die Firma Wilſon, Moore und Compagnie einen Verdacht geſchöpft, und meine Maßregeln dagegen getroffen. Um Sie nicht zu be⸗ 46 unruhigen, ſchrieb ich hinter Ihrem Rücken an einige Geſchäftsfreunde in London, Paris und Hamburg. Heut iſt die letzte Antwort zugleich mit Ihren Ge⸗ ſchäftsbriefen eingelaufen, und nun kann ich offen re⸗ den. Leſen Sie dieſe drei Briefe, Herr Haller.“ Er reichte ſie dem Prinzipal hin, der ſie einen nach dem anderen mit immer ſichtbareren Zeichen von Ueberraſchung und Beſtürzung durchlas. „Du haſt Recht, Benjamin,“ ſagte er dann mit ſorgenvoll gerunzelter Stirn.„Kein Zweifel, das Haus wankt, ſonſt würde es nicht zu gleicher Zeit auf den drei größten Handelsplätzen Europa's ſeinen ganzen Kredit bis zur Ueberſpannung angeſtrengt ha⸗ ben. Es muß ſtürzen, und die Folge wird ſein, daß auch wir nnſer Geſchäft ſchließen müſſen. Wilſon, Moore und Compagnie haben zwei Drittheile meines Vermögens in ihren Händen!“ „Weil ich es weiß und wußte, Herr Haller, traf ich bei Zeiten meine Vorſichts⸗Maßregeln,“ erwiederte Benjamin,— und ich hoffe zu Gott, daß es noch nicht zu ſpät ſein, ja, daß ſich vielleicht noch Alles retten laſſen wird.“ „Aber wie, auf welche Weiſe, Benjamin?“ „Sie müſſen augenblicklich nach London gehen, und perſönlich Ihre Forderungen einkaſſiren!e. „Ich? Unmöglich, Benjamin! Ich bin zu alt und zu gebrechlich zu einer ſo weiten Reiſe über Land und Meen Aber du, Benjamin, du wirſt reiſen und das auf der Stelle, denn ich ſehe wohl, daß ein einziger Tag Unterſchied uns von größtem Nutzen oder Nache theil werden kann. Du wirſt alſo reiſen, mein Sohn, mir zu Liebe! Nicht wahr?“ 47 „Mit tauſend Freuden, Herr Haller, wenn Sie ſo viel Vertrauen in mich ſetzen wollen, die Ordnung einer Angelegenheit von dieſer Wichtigkeit in meine Hände zu legen,“ gab Benjamin zur Antwort.„In einer Stunde kann ich reiſefertig ſein.“ „Und ich will mittlerweile deine Vollmachten aus⸗ fertigen laſſen,“ erwiederte Herr Haller. Die Stunde war noch nicht ganz verfloſſen, da ſaß Benjamin ſchon im Wagen und eilte mit Kourir⸗ pferden nach Hamburg. Obgleich er todtmüde an⸗ langte, ſchiffte er ſich doch ohne Verzug auf einem Poſt⸗Dampfer ein, der kaum zwanzig Minuten nach ſeiner Ankunft nach London abfuhr. Wind und Wet⸗ ter begünſtigten die Fahrt, ſo daß ſie mit ungewöhn⸗ licher Schnelligkeit zurückgelegt wurde, und das Schiff einige Stunden früher als ſonſt, mitten in der Nacht, in Dover ankam. Von hier aus benutzte Benjamin den erſten Eiſenbahn⸗Zug, und erreichte London, ehe noch die goldenen Strahlen der Morgen⸗Sonne die Nebel der großen Welthandels⸗Stadt durchleuchteten. Auch jetzt vergönnte ſich Benjamin noch keine Raſt, ſondern er ſuchte, anſtatt das Bett, einen berühmten Rechtsgelehrten auf, an den er durch ein beſonderes Schreiben ſeines Prinzipales empfohlen worden war. Der Advokat ſchlief noch; Benjamin aber erklärte, warten zu wollen, bis er aufgeſtanden wäre. Nach einer Stunde, die dem ungeduldigen Benjamin wie eine Ewigkeit vorkam, erſchien endlich der Rechtsge⸗ lehrte. Benjamin ſetzte ihm auseinander, zu welchem Zwecke er nach London gekommen ſei, und der be⸗ rühmte Rechtsgelehrte hörte ihn mit einem ungläu⸗ bigen Lächeln an. 48 „Ich bin der Meinung, Herr, daß Sie ſich eine ſehr überflüſſige Mühe gegeben haben, indem Sie mit ſo großer Eile hierher gereist ſind,“ ſagte er kalt⸗ blütig.„Moore und Compagnie zählen zu den Ban⸗ quier⸗Häuſern erſten Ranges in London, und wenn ſie in Verlegenheiten gerathen wären, ſo müßte mir ſchon Etwas davon zu Ohren gekommen ſein.“ „Gleichviel!“ verſetzte Benjamin dringend und un⸗ geduldig.„Iſt das Haus ſicher, ſo wird es ihm keine Verlegenheit bereiten, der Forderung meines Princi⸗ pals Genüge zu leiſten; iſt es aber nicht ſicher, ſo wird es gerathen ſein, ſo ſchnell wie möglich die For⸗ derung geltend zu machen. Ich erſuche Sie, mir da⸗ zu Ihren Beiſtand zu leihen.“ „Nun, wie Sie wollen, wie Sie wollen,“ entgeg⸗ nete der Rechtsgelehrte.„Ich ſtehe ſogleich zu Ihren Dienſten, obgleich es mir wirklich faſt lächerlich vor⸗ kommt, irgend welches Mißtrauen gegen Moore und Compagnie zu hegen.“ „Lächerlich oder nicht lächerlich,“ erwiederte Ben⸗ jamin,—„ich will, muß und werde meine Pflicht er⸗ füllen, und dieſe beſteht darin, unverzüglich meines Prinzipals Gelder einzukaſſiren.“ „So kommen Sie denn, Sie hartnäckiger Menſch,“ ſagte der Advokat.„Das Comptoir wird jetzt wohl ſchon offen ſein.“ Sie gingen zu dem Banquier, wo ſie vielleicht zwanzig Schreiber in voller Thätigkeit fanden, und überhaupt nichts bemerkten, was den nahen Sturz des Hauſes auch nur entfernt hätte andeuten können. Ben⸗ jamin wünſchte Herrn Moore zu ſprechen. Während 49 der angemeldet wurde, warf ihm der Advokat einen ſpöttiſchen Blick zu und fragte leiſe: „Sieht es hier wohl nach Bankerutt aus, Herr?“ Benjamin zuckte die Achſeln. „Es iſt möglich, daß ich falſch berichtet worden bin,“ flüſterte er zurück,—„trotzdem will ich nicht eher von hier fort gehen, bevor ich nicht bei Heller und Pfennig das Geld meines Principals bekommen habe!“ Der Advokat murmelte etwas vor ſich hin, was ungefähr wie„querköpfiger Deutſcher’ lautete, aber Benjamin ſtellte ſich, als ob er nichts gehört hätte. In dieſem Augenblicke fehrte auch der Comtoir⸗Die⸗ ner, der ihn angemeldet hatte, zurück, und theilte ihm mit, daß Herr Moore ihn empfangen wolle. Benja⸗ min wurde zu einem ältlichen Herrn geführt, welcher ihn mit kalter, gemeſſener Höflichkeit begrüßte. „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ fragte Herr Moore. „Die Einlöſung dieſer Wechſel im Betrage von zwanzigtauſend Pfund Sterling, ausgeſtellt von Ihrem Hauſe auf Herrn Fabrikant Haller, und von dieſem Letzteren mit baarem Gelde bezahlt.“ . Es ſchien Benjamin, als ob eine leichte Bläſſe das Geſicht des Herrn Moore überzöge, aber die Züge deſſelben blieben unverändert, und kalt wie Stein. Er ſah die Wechſel durch, und ſagte dann ruhig: Alles in Ordnung, Herr! Indeß, die Summe iſt bedeutend, und ich werde kaum im Stande ſein, ſie vor morgen zu bezahlen.“ „Das ſollte mir ſehr leid thun, Herr Moore,“ verſetzte Benjamin mit Ernſt und Feſtigkeit;—„aber Ein Silbergroſchen. 4 50 ich muß darauf beſtehen, daß Sie mir ohne Aufſchub und unverzüglich Zahlung leiſten.“ „Aber warum ſolche Eile, Herr?“ fragte der Ban⸗ quier ſtolz und empfindlich. .„Weil ich das Geld brauche,“ erwiederte Benja⸗ min. „Und wenn ich Ihnen erkläre, daß ich nicht im Stande bin, augenblicklich eine ſolche Summe aufzu⸗ bringen?“ „So zwingen Sie mich, die entſchiedenſten Maß⸗ regeln zu ergreifen,“ ſagte Benjamin.„Draußen im Comptoir befindet ſich Mr. Barnum, der Rechtsge⸗ lehrte. Wenn Sie mir die Zahlung meiner Forde⸗ rung verweigern, ſo bin ich genöthigt, ihn von Amts⸗ wegen einſchreiten zu laſſen. Sie wiſſen, daß ich auf Grund dieſer Wechſel hin Sie jeden Augenblick ver⸗ aften und in's Schuldgefängniß abführen laſſen ann!“ Als Benjamin den Namen Barnum ausſprach, wurde Mr. Moore's Geſicht von Leichenbläſſe über⸗ zogen, und er zitterte ſo heftig, daß er ſich an ſeinen Pult lehnen mußte, um nicht zu Boden zu ſinken. Nach einigen Augenblicken erlangte er indeß ſeine Faſ⸗ ſung wieder, und ſeine erſchlafften Züge nahmen die vorige ſteinerne Starrheit an. „Sie ſollen Ihr Geld haben,“ ſprach er mit hei⸗ ſerer Stimme. Folgen Sie mir zu meinem Kaſ⸗ ſterer. Mit feſtem Schritte ging er voraus in ein beſon⸗ deres Kabinet, das mit eiſernen Truhen und Geld⸗ ſchränken ausmöblirt war, und ſagte zu einem darin beſchäftigten Herrn:* 51 „Zahlen Sie dieſem Manne zwanzigtauſend Pfund Sterling aus, eine Quittung iſt nicht nöthig.“ Hierauf wandte er Benjamin den Rücken zu, ohne ihn nur noch eines Grußes zu würdigen. Benjamin kümmerte ſich indeß wenig um dieſe Unhöflichkeit; er begab ſich, während der Kaſſierer die für ihn beſtimmte Geldſumme in Banknoten abzählte, in das Comptoir, und bat den Advokaten, ihn in das Kaſſenzimmer zu begleiten. „Und zu welchem Zwecke?“ fragte Mr. Barnum. „Weil ich die Noten der Engliſchen Bank nicht genau kenne, und ſicher ſein will, daß ich nicht falſche bekomme, verſetzte Benjamin.„Sie werden die Güte haben, das Geld zu zählen und dabei die Aechtheit der Noten zu prüfen.“„ „Lächerliche Vorſicht!“ murmelte Herr Barnum. „Wie kann man denken, daß ein Haus, wie Moore nd, Compagnie mit falſchen Banknoten bezahlen wer⸗ enle Da er indeß das Verlangen Benjamin's nicht gut ablehnen konnte, ſo begleitete er denſelben in das Kaſſenzimmer, und zählte die auf einem Tiſche auf⸗ gehäuften Noten nach. Plötzlich ſtutzte er, und hielt eine der Noten gegen das Licht. „Sir, dieſes Papier iſt falſch,“ ſagte er zum Naſerer„Und auch dieſes, und dieſes, dieſe Alle ier!“ „Unmöglich!“ ſtammelte der Kaſſierer mit ſichtba⸗ rer Verlegenheit. „Meberzeugen Sie ſich ſelbſt,“ ſprach Mr. Barnum 345 ernſt.„Ein Irrthum meinerſeits iſt nicht mög⸗ 1 4 4 52 Der Kaſſterer prüfte die Noten, und mußte zuge⸗ ben, daß ſie falſch wären. Faſt die Hälfte der ganzen Summe beſtand in ſolchen falſchen Papieren, und der Kaſſierer tauſchte ſie gegen ächte Noten aus, indem er irgend eine Entſchuldigung murmelte, die von Mr. Barnum ziemlich kalt aufgenommen wurde. Benjamin ſteckte ſein Geld ein, und nach flüchtigem Gruße be⸗ gab er ſich mit dem Advokaten hinweg. „Was ſagen Sie nun?“ fragte er, als ſie wieder auf der Straße ſtanden. „Allerdings, ein ſtarkes Stück, mit falſchen Noten zu zahlen,“ verſetzte Herr Barnum.„Aber die Chefs des Hauſes wiſſen wahrſcheinlich nichts von der Fäl⸗ ſchung, von der ich übrigens nothgedrungen Anzeige machen muß. Uebrigens haben Sie ja Ihr Geld er⸗ halten,— was wollen Sie mehr?* „Ja, ich habe es, Gott ſei Dank,“ erwiederte Benjamin,—„aber ich erhielt es erſt, nachdem ich Mr. Moore mitgetheilt hatte, daß der berühmte Ad⸗ vokat, Mr. Barnum, in meiner Begleitung gekommen wäre. Was meinen Sie dazu?“ Der Rechtsgelehrte ſtutzte allerdings ein wenig bei dieſer ihn überraſchenden Mittheilung, doch ſchien er keineswegs ſo großen Werth darauf zu legen, wie Benjamin vielleicht erwartet hatte. „Wer weiß,“ gab er zur Antwort,—„das Haus iſt vielleicht in augenblicklicher Verlegenheit,— das kommt wohl vor,— aber an Bankerutt iſt auch nicht im Entfernteſten zu denken! Thorheit, Thorheit, mein Freund!“ Benjamin gab ſich nicht die Mühe mehr, die An⸗ ſicht des hartnäckigen Advokaten zu beſtreiten. Da⸗ 53 gegen war er im Stillen hocherfreut, daß er die be⸗ deutenden Kapitalien für Herrn Haller gerettet hatte. Nach Verabſchiedung von Mr. Barnum traf er un⸗ verzüglich Anſtalt, die in Empfang genommenen Sum⸗ men in ſichere Wechſel auf die engliſche Bank umzu⸗ ſetzen, und ſchickte dieſelben noch am nämlichen Tage an Herrn Haller ein. Zugleich bat er um noch einige Wochen Urlaub, um, da er doch einmal in London ſei, die Merkwürdigkeiten dieſer großen Weltſtadt in Augenſchein nehmen zu können. Nachdem er ſeinen Brief mit den Wechſeln eigen⸗ händig auf die Poſt gegeben, und einen Empfangſchein darüber bekommen hatte, ſuchte Benjamin endlich mit zufriedenem Herzen die ſo lang entbehrte Ruhe auf. Behaglich ſtreckte er ſich auf ſein Lager in dem Zim⸗ mer eines vortrefflichen Gaſthauſes aus, welches Mr. Barnum ihm empfohlen hatte, und augenblicklich war er auch in jenen erquickenden Schlummer verfallen, den nur ein Menſch mit reinem Gewiſſen zu finden vermag. Er ſchlief die ganze Nacht hindurch, ſchlief ſogar noch, als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, und erwachte erſt, als von außen her heftig an ſeine Thür gepocht wurde. „Was giebt es? Wer iſt da?“ rief er noch halb ſchlaftrunken. „Ich bin es, Barnum!“ tönte es zurück.„Machen Sie mir auf, ich habe Ihnen eine merkwürdige Neuig⸗ keit mitzutheilen!“ „Sogleich, Herr,“ antwortete Benjamin, und warf haſtig die nöthigſten Kleider über, um dann die Thür aufzuſchließen.“ 54 „Was giebt es denn ſo Eiliges?“ fragte er, als Mr. Barnum in das Zimmer hereinſtürzte. „Danken Sie Gott, Herr, daß Sie geſtern ſo ei⸗ genwillig geweſen ſind,“ ſagte Herr Barnum, noch ſchwer athmend von raſchem Gehen.„Denken Sie um's Himmels willen, Moore und Compagnie ſind bankerutt, und die Chefs des Hauſes in dieſer Nacht mit allem Gelde entflohen, was ſie in ihren Kaſſen hatten. Ohne Ihre Hartnäckigkeit geſtern würden Sie nicht einen Penny von Ihren zwanzigtauſend Pfund gerettet haben!“ „Meine Ahnung! Meine Ahnung!“ rief Benjamin freudetrunken aus.„Gott ſei geprieſen, daß er mir Kraft gab, ohne Aufenthalt und Unterbrechung die Reiſe bis hierher zu machen! Ganz glückſelig fühle ich mich, daß es mir gelungen iſt, Herrn Haller, meinem väterlichen Wohlthäter, einen guten Dienſt zu leiſten. Aber erklären Sie mir, Mr. Barnum, warum ſchickte mich Moore nicht fort und bezahlte mich, da ja doch heute der Bankerutt zu Tage kommen mußte!“ „Begreifen Sie das nicht?“ verſetzte Barnum. „Er bezahlte Sie, weil Sie ſo geſcheidt geweſen wa⸗ ren, mich mit zu ihm zu nehmen, und weil er wußte, daß ich ihn, im Fall er die Zahlung verweigert hätte, ſofort in's Gefängniß befördert haben würde. Seine Freiheit aber war ihm lieber, als die geforderten zwanzigtauſend Pfund. Ohne ſie hätte er dieſe Nacht nicht entwiſchen können. Auch hat er jedenfals größere Summen in Sicherheit gebracht, als Sie bekommen haben. Seine Gläubiger ſind um Huntertauſende be⸗ trogen, und Sie haben wahrhaftig Urſache dem Him⸗ mel zu danken, daß Sie Ihres Prinzipals Geld ge⸗ 5⁵ rettet haben. Wer hätte aber geſtern denken ſollen, daß der Bankerutt eines ſolchen Hauſes ſo nahe be⸗ vorſtände?“ „Ich hatte meine Anzeichen, und eilte deshalb ſo ſchnell aus Deutſchland herüber,“ erwiederte Benja⸗ min.„Aber, lieber Herr, alle meine Eile würde mir nichts genützt haben, wenn Sie nicht ſo gütig gewe⸗ ſen, mir Ihren Beiſtand zu leihen. Wahrlich, ich bin Ihnen zu innigſtem Danke verpflichtet!“: „Danken Sie mir nicht, ja nicht,“ wehrte Mr. Bar⸗ num ab.„Ich hatte in Wahrheit nicht die mindeſte Luſt, mit Ihnen zu gehen, und ärgerte mich innerlich ſchwer über Ihre Hartnäckigkeit und Ihren dicken deutſchen Eiſenkopf. Uebrigens bin ich nur froh, daß Sie meinen Worten in Bezug auf die ſauberen Herren Moore und Compagnie keinen Glauben ſchenkten; nimmermehr würde ich's mir vergeben haben, wenn Sie durch mein Abmahnen und Abreden einen ſo be⸗ deutenden Verluſt erlitten hätten. Nun aber von etwas Anderem. Ich habe Sie lieb gewonnen, Herr, weil Ihr Eigenſinn mir bittere Vorwürfe meines Ge⸗ wiſſens erſpart hat, und wünſche mich Ihnen nützlich zu machen, ſo lange Sie in London bleiben. Wie viel Zeit gedenken Sie noch hier zuzubringen?* „Vierzehn Tage etwa,— heißt das, wenn Herr Haller auf meine Bitte um verlängerten Urlaub Rück⸗ ſicht nimmt,“ antwortete Benjamin. Das wird er, Mann, das wird er ohne Zweifel,“ ſagte Mr. Barnum wohl gelaunt.„Einem jungen Menſchen, dem man die Rettung eines ganzen Ver⸗ mögens verdankt, ſchlägt man nicht leicht eine ſo be⸗ ſcheidene Bitte ab. Heute Mittag werden Sie alſo 56 bei mir ſpeiſen, und morgen wollen wir einen Aus⸗ flug nach New⸗Market machen, wo ein großartiges Wettrennen ſtattfinden wird, zu welchem halb London zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen hinaus wallfahrtet. Da werden Sie etwas zu ſehen bekommen, was Sie noch nirgends geſehen haben, und auch nirgends wei⸗ ter in der Welt ſehen können, als bei uns in Eng⸗ land. Alſo abgemacht. Jetzt aber muß ich gehen, um meine Geſchäfte zu beſorgen,— Mittags um vier Uhr erwarte ich Sie jedoch zu Tiſch in meinem Hauſe. Guten Tag, Sir!“ „Nach dieſen Worten ging er eiligſt davon, und Benjamin ſah ihn erſt bei Tiſche wieder, wo der würdige Rechtsgelehrte eine Fülle der beſten Laune entwickelte, und ſich als den munterſten Geſellſchafter erwies, der Benjamin noch jemals vorgekommen war. Als Benjamin ſpät Abends ſich empfahl, ſchüttelte Mr. Barnum ihm herzhaft die Hand, und ſagte: „Auf Morgen denn alſo zum Wettrennen! Sie werden ſehen, es wird eine luſtige Fahrt abgeben. Halten Sie ſich zu rechter Zeit bereit. Punkt ſechs Uhr früh bin ich mit dem Wagen an Ihrem Gaſt⸗ hauſe.“ 3 „Mr. Barnum hielt pünktlich Wort; aber auch Benjamin ließ nicht auf ſich warten. Bei dem ſchön⸗ ſten Wetter fuhren ſie nach New⸗Market, und langten daſelbſt kurz vor der Stunde an, wo das Wettrennen auf einem weiten, eigens dazu beſtimmten, eingezäun⸗ ten Platze beginnen ſollte. Eine unermeßliche Men⸗ ſchenmenge wimmelte um dieſen Platz herum, und er⸗ warteten mit Begierde den Anfang des Rennens. Mr. Barnums Kutſcher lenkte ſeine Pferde mit Ge⸗ 57 ſchick durch die Hunderte von Reitern und Equipagen, bis er einen Platz gefunden hatte, von welchem aus man auf das Bequemſte den Wettlauf und die Renn⸗ bahn überſchauen konnte. Eben als der Wagen ſtill hielt, erklangen laut die Töne eines Waldhorns, und auf dieſes Zeichen ritten ſechs Jokeys auf edlen Renn⸗ pferden in die Bahn und ſtellten ſich dort vor einem aufgeſpannten Seile neben einander in gerader Linie auf. „Jetzt halten Sie hübſch Ihre Augen offen, Mr. Mittaſch,“ ſagte der Advokat.„Das Rennen wird ſogleich losgehen. Dreimal müſſen die Pferde, ohne anzuhalten, um den ganzen Plan herumrennen. Wel⸗ ches von ihnen zuerſt an jenem bunt bemalten Pfahle ankommt, neben dem dort das Zelt der vereideten Schiedsrichter ſteht, das iſt der Sieger. Ah, da er⸗ klingt das Waldhorn zum zweiten Male,— das Seil fällt,— das Rennen beginnt! Sehen Sie, ſehen Sie, wie der Pfeil von der Sehne fliegen die edlen Thiere über den Platz, und ſcheinen den Raum vor ſich zu verſchlingen! Glorios! Glorios! Schauen Sie, Mr. Mittaſch, der goldbraune Hengſt gewinnt die Spitze, — der Schimmel folgt in zweiter Linie;— dort der Fuchs bricht aus, er hat verloren;— ja, ja, der Jo⸗ key gibt den Wettlauf auf;— Schade, ſchade, da ſtürzt der herrliche Rappe, der nur kaum eine Kopfes⸗ länge hinter dem Goldbraunen zurück war.— Hur⸗ rah, die übrigen Vier ſauſen heran,— ſehen Sie, ſehen Sie, Mr. Mittaſch!— Der Goldbraune iſt noch der Erſte!— Hurrah, wie ſie fliegen, die edlen Vollblut⸗Thiere!“ Mit lauter Stimme ſtieß Mr. Barnum dieſe ab⸗ 58 gebrochenen Sätze hervor, und noch hunderttauſend andere Menſchen ließen ähnliche Ausrufe hören, und gewaltige Hurrah's rauſchten von allen Seiten brau⸗ ſend aus den Kehlen der dichtgedrängten Volksmenge hervor. Benjamin betrachtete das ungewöhnliche Schau⸗ ſpiel mit lebhafter Theilnahme, die immer höher ſtieg, je näher der Wettlauf ſeinem Ende kam. Zweimal bereits waren die vogelſchnellen Renner vor ſeinem Platze vorüber gebraust, und jetzt galt es das letzte Rennen um die Bahn herum. Immer geſpannter folgten die Augen der Tauſende von Zuſchauern dem Wettrennen, immer lauter donnerten die Hurrah's aus den Kehlen der umſtehenden Menge. Auch Mr. Bar⸗ num ſchien die allgemeine Aufregung zu theilen; er ſtreckte ſeinen Hals aus, ſo lange er konnte, und ſeine gleichſam Feuer ſprühenden Augen ſchienen aus ihren Höhlen ſpringen zu wollen. „Der Goldbraune bleibt zurück!« ſchrie er laut. „Beim Jupiter, der Schimmel ſchlägt ihn! Hurrah! Hurrah dem Schimmel! Er iſt eine ganze Pferdelänge vor! Noch zwanzig Sätze, und er iſt der Gewinner! Aber, ha! was iſt das? Sehen Sie, ſehen Sie, Mr. Mittaſch, den ſtahlgrauen Hengſt! Der Jokey hat ihn bis jetzt nur geſchont! Er fliegt, wie der Blitz! Er überholt den Goldbraunen! Da iſt er am Schimmel! Er ſchlägt auch ihn! Hurrah, er iſt auf Kopfeslänge voraus! Hurrah, der Stahlgraue! Er iſt Sieger!“ Ein lautes Hurrah wie rollender Donner aus der Menſchenmenge ringsum zum Himmel ſchallend, ver⸗ ſchlang die Stimme des Advokaten, der ſchwer athmend auf den Sitz ſeines Wagens zurück ſank. „Das war ein Schauſpiel, wie man es nur ſelten 59 erblickt, Mr. Mittaſch!“ rief er ſeinem jungen Freunde zu.„Sie werden mir Recht geben! Ja, nur in Eng⸗ land findet man ſolche Pferde und ſolche Reiter. Die⸗ ſer ſtahlgraue Hengſt iſt ein Kapital⸗Thier! Wer das vorher gewußt hätte, daß er den Sieg gewinnen würde! Zehntauſend Pfund Sterling hätt' ich auf ihn gewettet!“ „Ei ja, Mr. Barnum, wenn man's hätte wiſſen können, würden wohl andere Leute eben ſo geſchickt geweſen ſein, wie Sie,“ verſetzte Benjamin lächelnd. „Aber wahr iſt's, ich habe noch nie einer Feſtlichkeit beigewohnt, die nur halb ſo viel Aufregung in mir hervorgebracht hätte, als dieſes Wettrennen. Indeß, die Sache ſcheint zu Ende zu ſein! Sehen Sie, die Menge drängt ſich nicht mehr an die Barrieren, ſon⸗ dern lockert und löst ſich auf,— das Schauſpiel iſt aus, der Vorhang fällt!“ „Behüte, Herr Mittaſch, behüte!“ verſetzte Herr Barnum.„Nur eine kleine Pauſe tritt ein, welche von den Zuſchauern benutzt wird, ihre Wett⸗Bücher hervorzuziehen, den Verluſt oder Gewinn der erſten Wette zu notiren, und neue Wetten auf das nächſte Rennen einzugehen. Sie blicken mich erſtaunt an? Ja, ja, es iſt ſchon ſo! Wenigſtens die Hälfte der zu Tauſenden hier verſammelten Menſchen iſt durch Wetten von höherem oder minderem Betrage bei jedem Wettlaufe intereſſirt. Man wettet unter einander, ob dieſes oder jenes Pferd Sieger bleiben wird, und die⸗ ſer Umſtand wird Ihnen die ungeheure Theilnahme erklären, welche das Volk dem Wettrennen widmet. Es werden an einem Tage, wie der heutige, Sum⸗ men gewonnen und verloren, die in's Unglaubliche 60 gehen. So weiß ich zum Beiſpiel, daß der Lord Exe⸗ ter bei einem einzigen Rennen vor ein paar Jahren, an einem einzigen Tage durch Wetten fünfundzwan⸗ zig tauſend Pfund Sterling gewann, ein Suͤmmchen, was ja wohl nach Ihrem Gelde ſo Etwas wie hun⸗ dert und ſiebzig tauſend Thaler beträgt, oder beinahe dreimal hunderttauſend Gulden. Was ſagen Sie da⸗ zu? Und doch iſt es nur eine Kleinigkeit im Verhält⸗ niſſe zu den ungeheuren Summen, welche durch das Publikum im Großen und Ganzen umgeſetzt werden, denn faſt ein Jeder wettet hier nach ſeinen Vermö⸗ gens⸗Verhältniſſen, vom Lord und Grafen an bis ſelbſt zum Bettler hinunter!“ „Und Sie, Mr. Barnum, Sie wetten nicht?“ fragte Benjamin ein wenig verwundert.„Nach Ihrer vori⸗ gen Aufregung zu ſchließen, mußte und muß ich glau⸗ ben, daß kaum Einer von den anderen Zuſchauern eine leidenſchaftlichere Theilnahme empfinden könne, als Sie.“ „Sie haben Recht, mein junger Freund,“ verſetzte Mr. Barnum.„Die Theilnahme an der Luſtbarkeit empfinde ich noch, aber die Luſt zum Wetten iſt mir für immer vergangen, ſeit ich eines ſchönen Tages ein hübſches rundes Sümmchen auf ein Pferd verlo⸗ ren habe, das nach der Meinung der tüchtigſten Ken⸗ ner jeden Nebenbuhler hätte ſchlagen müſſen. Seit jener Zeit begnüge ich mich, Zuſchauer zu ſein, und befinde mich ganz wohl dabei. Mag wetten, wer will,— ich nicht! Denn wo viel gewonnen wird, da wird natürlich eben ſo viel verloren. Doch horch, da ertönt das Waldhorn wieder! Ein neues Rennen beginnt!“ 61 In der That ritten wiederum ſechs Jokey's auf edlen Vollblut⸗Pferden in die Schranken vor das Seil, und flogen, als auf das gegebene Signal das Seil fiel, blitzſchnell, wie die erſten Renner, durch die Bahn dahin. Barnum folgte ihrem Laufe mit demſelben Intereſſe, wie dem Wettkampfe der erſten Pferde; Benjamin's Theilnahme war aber nicht mehr ſo aus⸗ ſchließlich, und er vergnügte ſich mehr damit, die ge⸗ ſpannten Mienen der ihm zunächſt ſtehenden Zuſchauer zu beobachten, als den lang geſtreckten, über den Sand hinweg jagenden, Pferden mit den Augen zu folgen. Da auf einmal ſtutzte er. Am Saume der dicht gedrängten Menge hielt, kaum fünfzehn Schritt von ihm entfernt, ein junger Mann auf einem ſehr ſchö⸗ nen Pferde, der nur für das Rennen allein Auge und Sinn zu haben und darüber alles Andere zu vergeſſen ſchien. Ein anderer Reiter hielt dicht an der Seite des Erſten, und drängte ſein Pferd vorſichtig noch immer näher und näher an ihn heran. Niemand ach⸗ tete auf die Beiden, als Benjamin, da die Blicke aller übrigen Leute von dem Schauſpiele in der Rennbahn gefeſſelt wurden. „Ich möchte darauf ſchwören, daß er es wäre,“ murmelte Benjamin vor ſich hin, indem er unverwandt nach dem erſten Reiter hinüber ſah.„Ja, ja, ich täuſche mich nicht, er iſt es! Es iſt Junker Hans von Eggenberg, der mich einmal mit ſeinem Hunde vom Schhlloßhofe und aus dem Parke hetzte! Keine Frage, er iſt es! Aber was mag der Menſch von ihm wol⸗ len, der ſich, ohne daß es der Junker merkt, ſo dicht an ihn anſtellt. Ah— alſo das! 62 Das leiſe Gemurmel Benjamin’s verſtummte, aber er wendete ſeine Augen nicht mehr von den Reitern ab, ſo daß keine Bewegung derſelben ihm entgehen konnte. Er ſah, daß der zweite Reiter, ein Menſch mit einem ſchlauen Spitzbuben⸗Geſicht, ein Meſſer zog, mit der ſcharfen Klinge deſſelben den Rock des ganz in Schauen verſunkenen Junker Hans aufſchlitzte, mit einer raſchen Bewegung eine Brieftaſche aus der gemachten Oeffnung zog, und im gleichen Augenblicke ſein Pferd einen Seitenſprung machen ließ. Junker Hans hatte von dem ganzen Experimente nichts bemerkt. Nur, als der zweite Ritter den Platz an ſeiner Seite verließ, blickte er ſich ganz flüchtig um, und wendete dann wieder ſein Geſicht der Renn⸗ bahn zu. Benjamin ließ den Spitzbuben, welcher den Junker ſo liſtig und gewandt beſtohlen hatte, nicht aus den Augen. Er ſah, wie derſelbe vom Pferde ſtieg, die⸗ ſes einem eben ſo ſchurkiſch, wie er ſelber, ausſehen⸗ den Geſellen überließ, und hierauf einfach zu Fuß, auf ähnliche Weiſe, wie den Junker, die dicht gedräng⸗ ten Zuſchauer plünderte, welche ihm, dem Spitzbuben nämlich, den Rücken zukehrte, und auf Nichts achte⸗ ten, was hinter ihnen vorging. Verſchiedene Taſchen⸗ tücher, Uhren, Börſen gelangten auf dieſe Weiſe in die Hände des gewandten Beutelſchneiders, ehe Ben⸗ jamin zu einem Entſchluſſe kommen konnte. Sollte er den Halunken ergreifen und ihn der Gerechtigkeit überliefern, oder nicht? Junker Hans hatte ihn eines Tages ſchmählich behandelt und beſchimpft, und bei ſeinem Anblicke erwachte in Benjamin's Herzen der alte Groll wieder gegen ihn. „Warum ſoll ich das Böſe, das er mir angethan, durch Gutes vergelten?“ fragte er ſich ſelbſt.„Ver⸗ dient er etwa, daß ich mich überhaupt um ihn küm⸗ mere? Nein! mag er verlieren, was man ihm geſtoh⸗ len hat! Ich wenigſtens will mich nicht in ſeine An⸗ gelegenheiten miſchen!“ Trotzig wandte er ſich bei dieſem Gedanken von Junker Hans und dem Diebe ab, und preßte, wie um ſeinem Entſchluſſe das Siegel aufzudrücken, feſt die ge⸗ ballte Fauſt auf ſein Herz. Da fühlte er, wie ſchon einmal in einem entſchei⸗ denden Augenblicke, einen Gegendruck,— den Druck des Silbergroſchens, den der junge Mann, wie einſt der Knabe, noch immer in treuem Andenken auf ſei⸗ nem Herzen trug, und ſofort erfolgte eine Umſtimmung ſeiner Gefühle. „Er iſt ihr Bruder, und ſie iſt gütig gegen mich geweſen,“ flüſterte er leiſe.„Um ihretwillen ſoll dem Junker geholfen werden.“ Hören Sie mich, Mr. Barnum,“ wendete er ſich hierauf an den Advokaten, und ſchüttelte ihn hierauf am Arm.„Vergeſſen Sie, ich bitte dringend darum, für einige Augenblicke das Wettrennen, und helfen Sie mir einen Spitzbuben entlarven. Sehen Sie dort! Eben jetzt leerte er wieder einem ehrlichen Land⸗ mann die Taſchen aus.“ Ich ſehe, ich ſehe!“ verſetzte Mr. Barnum eifrig. Denken Sie aber nicht etwa daran, den Kerl perſön⸗ lich anzugreifen, er würde Ihnen, wie ein Aal aus den Händen ſchlüpfen.“ „Aber wer anders, als ich, ſoll ihn faſſen?“ 64 „Ueberlaſſen Sie die Entſcheidung mir! Nur einen Augenblick Geduld!“« Mit dieſen Worten verließ Herr Barnum geſchwind und leiſe den Wagen und eilte auf eine Gruppe von drei Männern zu, welche kaum fünfzig Schritte vom Wagen entfernt ſtanden. Benjamin ſah, wie er Ei⸗ nem von dieſen Männern Etwas in's Ohr flüſterte, ſah, wie dieſer Mann Herrn Barnum zunickte, und dann, nachdem er ſich an die beiden anderen Männer gewendet hatte, in Begleitung derſelben der Stelle zu⸗ ſchritt, wo der ſchlaue Beutelſchneider noch immer in Ausübung ſeines Diebeshandwerks begriffen war. Ehe ſie ihn erreichten, ſchlüpfte Mr. Barnum ſchon wieder. in den Wagen herein, und nickte Benjamin mit einer ganz vergnügten Miene zu. „Es ſind Konſtabler, die drei,“ ſagte er.»War⸗ ten Sie nur eine Minute, Mr. Mittaſch, und Sie werden ſehen, wie die wackeren Polizeidiener den Spitz⸗ buben am Kragen haben werden!“ Benjamin verfolgte mit geſpannter Erwartung die Bewegungen der drei Polizei⸗Beamten. Von verſchie⸗ denen Seiten ſchlichen ſie dem Taſchendiebe näher und näher, bis ſie ihn, der von ihrer Anweſenheit nichts ahnte, auf drei Seiten dicht einſchloſſen. Nun war jedes Entrinnen des ertappten Gauners unmöglich; denn durch die eng in einander gekeilte Menſchen⸗ menge konnte er nach vorne hin nicht durchkommen, und hinten, wie rechts und links, ſtanden die ſtäm⸗ migen Geſtalten der Konſtabler. Einen von dieſen ſah Benjamin plötzlich die Hand aufheben, und im ſelben Augenblicke wurde der Spitzbube auch von ſechs 65 kräftigen Fäuſten, wie von eben ſo vielen eiſernen Schraubſtöcken, gefaßt. Unter dem Eindrucke des erſten Schreckens machte der Gauner einen Verſuch, ſich loszureißen und zu ent⸗ rinnen. Er mußte aber wohl ſchnell die Nutzloſigkeit jeder Anſtrengung zu ſeiner Befreiung erkennen, denn nach einigen Worten des erſten Conſtabler's begab er ſich zur Ruhe, und ließ ſich ohne ferneren Widerſtand die Handſchellen anlegen. So gefeſſelt wurde er an den Wagen Mr. Barnum's geführt. „Da haben wir den Vogel,“ ſagte der Konſtabler zu dem Advokaten.„Wir werden ihn wohl in das Polizei⸗Gefängniß abliefern müſſen?“ „Nein, ich bitte um einige Augenblicke Verzug,“ nahm Benjamin ſchnell das Wort.„Sie ſehen doch den Herrn dort auf dem Grauſchimmel, mit rundem Hute und im Jagdrocke? Dieſer Herr iſt ein Bekann⸗ ter von mir, und ich habe geſehen, wie dieſer Menſch ihm den Rock aufſchnitt und ihn ſeiner Brieftaſche be⸗ raubte. Ich wünſche ſehr, daß dieſe Brieftaſche dem Herrn unverzüglich zurückgegeben werde.“ „Das kann wohl geſchehen, wenn ſich der Herr durch Angabe des Inhalts als den Eigenthümer der Brieftaſche legitimirt,“ ſagte der erſte Conſtabler.„Eine Brieftaſche iſt allerdings hier im Rocke des Verhafte⸗ ten. John, rufe den Herrn.“ Der zweite Conſtabler, jedenfalls ein Untergebe⸗ ner des erſten, näherte ſich ſchnell dem Junker, und berührte ſeinen Arm. Unwillig drehte ſich der junge Menſch um. „Was wollen Sie von mir,“ fragte er barſch, als er das Geſicht eines Unbekannten gewahr wurde. Ein Silbergroſchen. 5 66 „Ich möchte Sie nur fragen,“ erwiederte der Po⸗ lizeibeamte ein wenig ſpöttiſch:„ob Sie eine Brief⸗ taſche wieder zu erlangen wünſchen, die man Ihnen vor ein paar Minuten geſtohlen hat?“ Junker Hans wurde todtenbleich, und fuhr mit der Hand nach ſeiner Bruſttaſche. Sie war in der That leer. „Um Gottes willen, wie konnte das geſchehen, ohne daß ich es bemerkte?“ rief er im höchſten Schre⸗ cken aus.„In der Brieftaſche befindet ſich mein gan⸗ zes Geld, und ſehr wichtige Papiere! Ich glaubte ſie an meinem Körper am ſicherſten geborgen zu haben, und nun...“ „Kommen Sie, kommen Sie an jenen Wagen,“ unterbrach ihn der Polizei⸗Mann,—„dort wird ſich's ausweiſen, ob es Ihre Brieftaſche iſt, die man bei dem Langfinger gefunden hat.“ Junker Hans, für den das Wettrennen auf ein⸗ mal allen Reiz verloren zu haben ſchien, folgte auf der Stelle dem Konſtabler an den Wagen. „Sie ſind der Herr, der beraubt wurde?“ fragte ihn der Polizei⸗Beamte. „Ja, Sir, eines für mich ſehr werthvollen Gegen⸗ ſtandes beraubt,“ verſetzte der Junker, noch zitternd vor Aufregung.„Einer Brieftaſche! Ich bin in bit⸗ terſter Verlegenheit, wenn ich ſie nicht wieder er⸗ lange.“ „Machen Sie mir eine Beſchreibung dieſer Brief⸗ taſche, und geben Sie mir den Haupt⸗Inhalt derſel⸗ ben an,“ ſagte der Konſtabler.„Aber leiſe! Es iſt nicht nöthig, daß Jedermann hört, was wir ſpre⸗ chen!“ Junker Hans flüſterte dem Beamten einige Worte in's Ohr, und empfing dann ſofort die Brieftaſche aus den Händen deſſelben. Durch einen Blick über⸗ zeugte er ſich, daß ihr Inhalt vollſtändig noch vor⸗ handen war, und fing dann an, den Beamten mit leidenſchaftlichen Dankſagungen zu überſchütten. „Still, ſtill, ich habe keine Zeit, dergleichen anzu⸗ hören,“ unterbrach ihn der Konſtabler.„Uebrigens wenden Sie ſich auch an eine ganz falſche Adreſſe. Den Herren da im Wagen verdanken Sie die Wider⸗ Erlangung Ihres Eigenthums. Mr. Barnum,“ wen⸗ dete er ſich hierauf an den Advokaten,—„haben Sie mir ſonſt noch Mittheilungen zu machen?“ „Nichts weiter, Sir, verſetzte der Advokat.„Sehen Sie, das Rennen iſt vorbei, und es würde im Ge⸗ dränge unmöglich ſein, die übrigen Beſtohlenen aus⸗ findig zu machen. Sie werden ſich ſchon auf der Po⸗ lizei melden.“ „Dann empfehle ich mich Ihnen,“ ſagte der Po⸗ lizeimann,„um meinen Gefangenen an gehöriger Stelle abzuliefern!“ Höflich grüßend ging er, und nun wandte ſich Junker Hans an den Advokaten, um gegen die⸗ ſen ſeine Dankgefühle auszudrücken. Aber auch hier wurde er zurückgewieſen. „Hier mein junger Freund hat den Dieb geſehen, als Sie beſtohlen wurden,“ ſagte der Advokat.„Und ihm ſind Sie allerdings zu innigem Danke ver⸗ pflichtet.“ „Den ich aus vollſtem Herzen hiermit ausſpreche,“ rief Junker Hans, noch immer leidenſchaftlich erregt, aus.„Wer ſind Sie, lieber Herr? Es uüngt mich, Ihre nähere Bekanntſchaft zu machen, um Ihnen auch Beweiſe meiner Erkenntlichkeit zu geben!“ „Sie kennen mich ſchon, Junker Hans von Eggen⸗ berg,“ verſetzte Benjamin kühl und ablehnend. „Unmöglich!“ rief der Junker aus. „Ja, ja,“ fuhr Benjamin fort.„Erinnern Sie jich nur des Jungen, den Sie einſt mit Ihren großen, wilden Hunden aus dem Parke Ihres Vaters jagen wollten, und der nur durch die Vermittlung Ihrer Schweſter frei ausgehen durfte. Jener Betteljunge bin ich!“ „Oh, mein Herr, Sie beſchämen mich auf's Tiefſte,“ erwiederte Junker Hans in großer Verlegenheit;— „wenn Geld, eine anſtändige Summe, meine dama⸗ lige Uebereilung wieder gut machen könnte, ſo... min.»Ich bin jetzt kein Bettler mehr. Ihr Ueber⸗ muth von jener Zeit ſei Ihnen vergeben, nachdem ich jetzt meine Rache an Ihnen genommen habe. Leben Sie wohl, Sir, und danken Sie es Ihrer Schweſter, daß Sie heute wieder in den Beſitz Ihres geſtohlenen Gutes gelangt ſind. Guten Tag, Herr! Kutſcher, vorwärts!“ Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein; ſie ſetzten ſich in ſchnellen Trab, und bald war der Wagen un⸗ ter der Menge der hin⸗ und her fahrenden Kutſchen und Kaleſchen den Augen des ihm verdutzt nachſchauen⸗ den Junkers Haus entſchwunden. Mr. Barnum ließ ſich von Benjamin den eben vorgefallenen ſeltſamen Auftritt erklären, und als er Alles erfahren hatte, drückte er mit Wärme Benjamin's Hand.“ „Sie ſind ein wackerer junger Mann, ſagte er, e „Nichts von Geld, Herr,“ unterbrach ihn Benja⸗ „und haben auf eine wackere Art und Weiſe Ihre Rache genommen!“ Weiter war nicht die Rede von dem Vorfalle; aber die Güte, welche Herr Barnum ſeinem jungen Freunde während ſeines ferneren Aufenthaltes in Lon⸗ don bezeigte, ließ Benjamin deutlich genug erkennen, daß er ſich die ganze Achtung Mr. Barnum's erwor⸗ ben habe. Und Benjamin war ſtolz darauf!“ Fünftes Kapitel. In Sturm und Drang. Als Benjamin von London in das Haus des Herrn Haller zurückkehrte, wurde er, wie ein Kind des Hauſes, mit großem Jubel empfangen, und mit Be⸗ weiſen von Dankbarkeit förmlich überſchüttet. Herr Haller ſchenkte ihm von Stund an das unumſchränkteſte Vertrauen, und überließ die Leitung ſeiner Fabrik und ſeiner ausgedehnten Geſchäfte faſt ihm allein. Er ſtand ſich nicht ſchlecht dabei. Benjamin hatte ſeinen mehrwöchentlichen Aufenthalt in England nicht allein dazu verwendet, allerlei Zerſtreuungen und Be⸗ luſtigungen nachzugehen, ſondern er hatte vielfach auch die Werkſtätten berühmter Fabriken und anerkanuter Techniker beſucht, und brachte den ganzen Kopf voll neuer Verbeſſerungen aus der Fremde mit in die Hei⸗ math. Indem er dieſe Verbeſſerungen zweckmüßig in Herrn Haller's Fabrik anwendete, bewirkte er einen neuen bedeutenden Aufſchwung derſelben, und brachte ſie in immer beſſeren und ausgebreiteteren Ruf. Die Geſchäfte mehrten ſich von Tag zu Tage, und wurden von Tag zu Tage gewinnreicher. Alles ging gut, als mit einem Male eine neue Kriſis, ſchlimmer als jede frühere, eintrat, welche alle gewonnenen Vortheile wieder zu vernichten drohte. Die Revolution vom Februar des Jahres 1848 brach in Paris aus, wälzte ſich wie ein verheerender Strom über halb Europa hinweg, und brachte Gefahren mit ſich, deren Abwen⸗ dung kaum ermöglicht werden konnte. Herr Haller war ein vortrefflicher Menſch mit dem beſten Herzen; dennoch fehlte es nicht an Leuten, die ihn haßten, oder wenigſtens ſeinen Reichthum mit neidiſchen Augen betrachteten. Zu dieſen Menſchen gehörte eine nicht geringe Anzahl von kleinen Hand⸗ werks⸗Meiſtern, welche ihren Verdienſt durch die Fa⸗ brik Herrn Hallers beeinträchtigt glaubten, während ihre armſeligen Verhältniſſe doch eigentlich nur in ihrer Trägheit, oder in gränzenloſem Leichtſinn ihre Wur⸗ zel hatten. „Wenn die Fabrik nicht wäre,“ ſagten ſie bei einer großen Volksverſammlung, und predigten es tauſend Ohren,—„wenn die Fabrik nicht wäre, dann könnte es ein ordentlicher Mann wohl zu Etwas bringen! Aber die verwünſchte Fabrik nimmt uns Allen das Brod vor dem Munde weg, und ihr Beſitzer mäſtet ſich mit unſerem ſauren Schweiße!“. „Fort mit der Fabrik!“ ſchrien hundert Stimmen im Taumel des Wahnſinn's! 71 „Der Haller, obgleich er eigentlich kein ſchlechter Kerl iſt, braucht doch nicht allein der reiche Mann auf Meilen weit in der Runde zu ſein,“ ſchrie ein Baumwollen⸗Weber, der ſeit vielen Jahren nichts als Wohlthaten von dem Fabrikanten empfangen, und recht eigentlich ſeine ganze Exiſtenz ihm zu verdanken hatte.„Er hat das Geld lange genug allein gehabt, jetzt ſollten wir es mit ihm theilen, damit Jeder Et⸗ was davon bekäme!“ „Theilen! Theilen!“ brüllte die immer mehr auf⸗ geregte Menge. „Ja, aber gutwillig wird er ſchwerlich die auf⸗ geſpeicherten harten Thaler herausgeben,“ ſchrie ein Anderer. „So zwingt man ihn!“ brüllte eine Rotte zer⸗ lumpter Burſchen.„Man muß die Fabrik ſtürmen, und Alles niedermachen, was ſich widerſetzen will!“ „Oho, das wird ſo ſchnell nicht gehen,“ warf ein alter Arbeiter aus der Fabrik Herrn Haller's hin. „Müßt Euch nicht einbilden, daß man ſich nicht weh⸗ ren wird drüben. Und in der Fabrik gibt es treue und entſchloſſene Männer genug, die feſt zu ihrem Herrn halten, und im Fall eines Angriffs Euch böſe empfan⸗ gen würden. Ueberhaupt, ſchämt Euch, Ihr Leute, ſolche Drohungen auszuſtoßen, und das noch dazu ge⸗ gen einen Mann, der als ein rechter Wohlthäter in der ganzen Gegend bekannt und hochgeachtet iſt.“ Dieſe ernſt und eindringlich geſprochenen Worte des alten Mannes ſchienen die Menge ſchnell umge⸗ ſtimn haben. Aber die Rädelsführer der ſchlech⸗ Bande, welche am liebſten rauben und plündern 72 wollte, wußten durch aufreizende Reden das Volk bald wieder aufzuſtacheln. „Ein Spion!“ brüllte ſie.„Nur ein Spion kann ſolchen Unſinn reden! Schlagt den alten Schurken nieder! Jagt ihn zum Teufel! Er will uns nur neue Ketten und Feſſeln zu den anderen anſchmiegen, und gönnt dem armen Volke den Biſſen Brod nicht. Jagt ihn fort!“ „Fort, fort mit ihm!“ fielen hundert Stimmen mit wildem Gebrülle ein, und hundert Knittel wur⸗ den drohend hoch in die Luft geſchwungen. Der alte Mann hielt es für räthlich, einer ſo auf⸗ geregten Stimmung des Volkes, oder eigentlich des aufgehetzten Pöbels aus dem Wege zu gehen, da er ihr doch keinen Widerſtand zu leiſten vermochte. Er drückte ſich alſo ſtill auf die Seite, verſäumte aber dann keinen Augenblick, Benjamin außzuſuchen, und ihm mitzutheilen, welche gefährliche Dinge gegen Herr Haller und die Fabrik im Schilde geführt würden. „Die Sache iſt allerdings ſehr ernſt,“ ſagte Ben⸗ jamin, als der alte Mann ſeinen Bericht erſtattet hatte.„Ich ſelbſt habe ſchon von verſchiedenen Sei⸗ ten her gehört, daß einige habgierige Menſchen das Volk gegen uns aufzuhetzen ſuchen, aber ich habe nicht geglaubt, daß die Gefahr ſo nahe und ſo dringend wäre. Begleiten Sie mich zu Herrn Haller, Traut⸗ mann. Wir müſſen ihm Alles mittheilen, und in ihn dringen, Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Gott gebe, daß es nicht ſchon zu ſpät iſt. Auf Sie kann ich mich doch verlaſſen, Trautmann?“ „Ja, Herr Mittaſch, das können Sie,“ verſetzte der Alte treuherzig.„Und auf ein zwanzig bis drei⸗ 73 ßig andere Arbeiter aus der Fabrik auch. Sie wer⸗ den ſich eher zerreißen und in Stücke hauen laſſen, ehe ſte zugeben, daß Herrn Haller oder Ihnen, Herr Mittaſch, etwas zu Leide geſchieht.“ „Gut, ſo können wir uns vielleicht ſo lange hal⸗ ten und vertheidigen, bis man uns von anderer Seite her zu Hülfe kommt,“ ſagte Benjamin.„Und jetzt zu Herrn Haller,— es iſt keine Minute Zeit zu ver⸗ lieren.“ Der alte Trautmann mußte ihm erzählen, was er draußen bei der Volksverſammlung gehört hatte, aber Herr Haller ſchüttelte den Kopf und lächelte nur dazu. „Sie werden nicht ſo undankbar ſein, die Leute,“ ſagte er.„Sie haben ja nichts als Wohlthaten von mir empfangen, und nie iſt es mir eingefallen, irgend Jemandem, auch dem Geringſten nicht, nahe zu treten. Sie raiſonniren und ſchreien ein wenig, und nachher laufen ſie ganz einfach auseinander, wie das ſchon einige Male geſchehen iſt.« „Da muß ich Ihnen wiederſprechen, Herr Haller,“ ſagte Benjamin.„Dieſes Mal ſcheint mir die Sache ernſthaft zu werden, und ich beſchwöre Sie, ſie nicht auf die leichte Achſel zu nehmen.“ „Aber was ſoll, was kann ich thun, beſter Ben⸗ jamin?“ „Sie müſſen ſofort hier unſeren Trautmann fort⸗ ſchicken, und durch ihn alle treuen Arbeiter auffordern laſſen, ohne Verzug zum Schutze der Fabrik in derſelben zu erſcheinen, und ſie vor morgen früh nicht wieder zu verlaſſen. Dann müſſen Sie mir erlauben, augenblicklich nach der nächſten Garniſon⸗Stadt zu 74 reiten, und den dortigen Kommandanten aufzufordern, uns eine Truppen⸗Abtheilung zum Schutze und zur Abwehr eines etwaigen, ſehr wahrſcheinlichen Angriffs zu ſchicken. „Was die Fabrikarbeiter betrifft, ſo will ich dir nachgeben, Benjamin,“ verſetzte Herr Haller.„Eilen Sie, Trautmann, rufen Sie meine treuen Leute zu⸗ ſammen, und fordern Sie ſie auf, ſich den Befehlen meines Pflegeſohnes zur Verfügung zu ſtellen.“ Trautmann eilte ſogleich davon, um der Weiſung Herrn Hallers nachzukommen, welcher, nach ſeiner Entfernung, ſich ruhig wieder zu Benjamin wendete. „Iſt es wirklich dein Ernſt, daß ich militäriſchen Schutz in Anſpruch nehmen ſoll?“ fragte er.„Nach meiner Anſicht würden wir uns dadurch nur lächerlich machen.“ „Nein, und tauſend Mal nein,“ erwiederte Ben⸗ jamin ſehr aufgeregt.„Sie wiſſen ja, Undank iſt der Welt Lohn! Ich zweifle ganz und gar nicht daran, daß das aufgehetzte Volk einen Angriff auf die Fabrik machen wird, und die Folgen davon kön⸗ nen ſchrecklich ſein, wenn wir der Gefahr nicht bei Zeiten vorbeugen. Denken Sie an Ihre Frau, Herr Haller! Sie können unmöglich ſie und Ihr ganzes Vermögen einer bis zur Wuth erhitzten Menge preis⸗ geben. Laſſen Sie mich reiten, ohne Verzug!“ Herr Haller ſchüttelte noch immer den Kopf, und wollte weder an die Gefahr glauben, noch weitere Vorbereitungen dagegen treffen. „Du ſelber könnteſt Gefahr laufen, in die Hände der erbosten Menſchen zu fallen, wenn ich dich allein reiten ließe,“ ſagte er.„‚Bleibe daher ruhig hier. 75 Deine Anweſenheit wird zu Hauſe vielleicht nöthiger ſein, als anderswo!“ „Ich kann gegen zehn Uhr Abends aus der Stadt zurück ſein,“ erwiederte Benjamin.„Vor dieſer Zeit wird die Pöbelrotte den Angriff nicht wagen. Darum bitte ich nochmals auf das Dringendſte, Herr Haller, laſſen Sie mich reiten.“ „Nun denn, wenn du nicht anders willſt, ſo reite in Gottes Namen,“ ſagte Herr Haller, endlich nach⸗ gebend.„Verſprich mir aber, jedes Zuſammentreffen mit dem unzufriedenen Volke zu vermeiden.“ „Das werde ich gewiß thun,“ verſetzte Benjamin. „Ich will mich weder durch überflüſſiges Geſchwätz, noch durch Gewalt aufhalten laſſen, meine Botſchaft in der Stadt auszurichten. Sorgen Sie einſtweilen nur dafür, daß unſere Fabrikleute mit Waffen ver⸗ ſehen werden. Jagdflinten und Münition ſind glück⸗ licher Weiſe vorhanden. Und nun Adieu, Herr Hal⸗ ler, ich muß tüchtig zureiten, und darf das Pferd nicht ſchonen, wenn ich um zehn Uhr wieder hier ſein will!“ Herr Haller drückte ſeinem Pflegeſohne herzlich die Hand, und fünf Minuten ſpäter trabte Benjamin auf dem beſten Pferde aus dem Stalle des reichen Fabrikanten der drei Stunden entfernten Garniſons⸗ ſtadt zu, wo er um ſieben Uhr Abends ankam. Ohne Zögern ließ er ſich vom erſten beſten Soldaten zur Wohnung des Oberſten führen, und demſelben ſeine Ankunft mit der dringenden Bitte vermelden, ihm ohne Zögern eine Audienz zu gewähren. Der Oberſt ließ ihn eintreten und fragte nach ſeinem Begehr. Mit fliegenden Worten ſchilderte Benjamin die 76 Gefahr, von welcher die Fabrik bedroht wurde, und erſuchte den Kommandirenden des Regimentes, ihm ein Bataillon davon als Escorte mitzugeben. Der Oberſt zuckte die Achſeln. „Ich weiß ſchon,“ ſagte er,„die Stimmung in Ihrer Gegend iſt nicht die beſte, aber dennoch kann ich ohne höhere Ermächtigung nichts für Sie thun. Auch an anderen Orten noch fürchtet man Aufſtände, und ich habe deshalb Befehl, meine Truppen concen⸗ trirt zuſammen zu halten, damit ſie bei einem wirk⸗ lichen Ausbruch von Krawallen gleich bei der Hand ſein können. Kommt es bei Ihnen zu Unordnungen, ſo laſſen Sie es mich wiſſen, und ich werde Ihnen ſofort Unterſtützung ſchicken.“ „Aber, bedenken Sie, Herr Oberſt, dann wird ſie zu ſpät kommen,“ verſetzte Benjamin.„Die Entfer⸗ nung bis zu unſerer Fabrik beträgt drei Stunden; ehe ein Bote zu Ihnen geſchickt, ehe das Bataillon marſchfertig gemacht werden, und auf dem Schau⸗ platze des Kampfes anlangen kann, müſſen wenigſtens fünf Stunden vergehen, und eine ſo lange Zeit kön⸗ nen wir unmöglich die Fabrik gegen die Tumultuan⸗ ten halten. Ich beſchwöre Sie, Herr Oberſt, hier auf den Knieen beſchwöre ich Sie, laſſen Sie die Soldaten ſogleich und ohne allen Verzug abmar⸗ ſchiren!“ Der Oberſt war ſichtbar gerührt und ergriffen. „Wahrhaftig, es thut mir herzlich leid, daß ich Ihnen nicht willfahren kann, junger Mann,“ erwie⸗ derte er.„Ich darf nicht auf eigene Verantwortung handeln, ohne mich der Gefahr auszuſetzen, einen r 41 Verweis, wenn nicht gar etwas Schlimmeres von mei⸗ nem Vorgeſetzten zu bekommen.“ „So ſind wir denn verloren,“ ſagte Benjamin, und ſtand da, wie ein Bild der Verzweiflung.„Die Verweigerung Ihrer Hülfe koſtet wahrſcheinlich viele Menſchenleben. Sei es denn! Wir müſſen thun, was in unſeren Kräften ſteht, und uns wehren bis auf den letzten Blutstropfen. Leben Sie denn wohl, Herr Oberſt! Gott verzeihe Ihnen, daß Sie meine flehentliche Bitte verworfen haben!“ „Nicht ſo, nicht ſo, junger Mann,“ entgegnete der Oberſt.„Mit Freuden würde ich Ihre Bitte er⸗ füllen, wenn ich dürfte. Aber ich bin Soldat, und muß den Befehlen Folge leiſten, die mir von meinen Vorgeſetzten gegeben werden. Nicht mit mir hadern Sie, ſondern mit der ſtrengen Disciplin, welcher wir Soldaten Alle ohne Ausnahme unterworfen ſind.“ „Oh, Herr Oberſt, Sie ſind ſehr gütig, daß Sie ſich noch bei mir entſchuldigen,“ erwiederte Benjamin. „Verzeihen Sie meine unbeſonnenen Worte. Aber ich weiß kaum, was ich ſpreche, denn unſere Lage iſt in der That eine äußerſt gefährliche. Ich fürchte, Keiner von uns, die wir zur Fabrik gehören, wird den morgigen Tag erleben. Nun, ſei es denn in Gottes Namen! Wir wollen uns wehren, wie Män⸗ ner, ſo lange wir können. Noch einmal,— leben Sie wohl, Herr Oberſt!“ Er verbeugte ſich tief, und verließ mit bitterer, ſchwerer Sorge das Haus. Hier beſtieg er ſein Pferd wieder, ſchenkte dem Soldaten, der es mittlerweile gehalten hatte, ein Trinkgeld, und wollte eben davon reiten, als er noch einmal die Stimme des Oberſt 78 vernahm, der durch das geöffnete Fenſter zu ihm ſprach. „Hören Sie, junger Mann,“ rief er Benjamin zu, —„Sie würden beſſer thun, wenn Sie hier in der Stadt blieben, anſtatt nach der Fabrik zurück zu rei⸗ ten. Der einzelne Menſch kann da doch nichts helfen, und Sie opfern, wenn ein Angriff von Seiten des Pöbels geſchieht, wahrſcheinlich ganz nutzlos Ihr Leben!“ „Verzeihen Sie, Herr Oberſt, wenn ich Ihrem Rathe nicht folgen kann,“ erwiederte Benjamin,„aber ich will zehnmal lieber mein Leben verlieren, als un⸗ dankbar gegen meinen theuren Wohlthäter erſcheinen. Leben Sie wohl, Herr Oberſt!“ Mit den letzten Worten ſetzte er ſeinem Pferde die Sporen ein, und ſprengte im Galopp davon, ohne noch zu hören, was der Oberſt ihm nachrief. Es war mittlerweile ganz finſter geworden, und der Himmel zeigte ſich noch dazu mit Wolken bedeckt, aber dies hielt Benjamin nicht ab, in möglichſter Eile ſeinen Weg zu verfolgen. Er kannte nur zu gut die Nothwendigkeit ſeiner Anweſenheit in der Fabrik. Er wußte, daß die treu gebliebenen Leute mit Liebe und Achtung an ihm hingen, und wenn es ihm gelang, ſie zu tapferem und ausdauerndem Widerſtande anzu⸗ feuern, ſo konnte es immer noch gelingen, die Fabrik zu halten bis zum Anbruch des Tages. Um dieſe Zeit aber, hoffte er, konnten die Soldaten da ſein, wenn er zu rechter Zeit einen Boten zu Pferde an den Oberſten abſandte. Dieſer Gedanke trug nicht wenig dazu bei, ſeinen eigenen Muth aufrecht zu erhalten und zu ſtärken, 79 und ſo jagte er denn im Galopp weiter, um nur ſo bald als möglich wieder in der Fabrik anzukommen. Sein braves Pferd hielt aus, und Benjamin konnte kaum noch eine Viertelſtunde von der Fabrik entfernt ſein, als er, ein kleines Gehölz durchreitend, ein Ge⸗ murmel vieler Stimmen und das dumpfe Stampfen zahlreicher Fußtritte vernahm. Augenblicklich hielt er ſein Pferd an, und horchte mit Spannung in die Nacht hinaus. Seine erſte Vermuthung, daß er einen Haufen aufrühriſchen und blutdürſtigen Pöbels einge⸗ holt habe, beſtätigte ſich, denn er konnte in der Stille der Nacht deutlich hören, wie eine rauhe Stimme ſagte: „Jetzt haben wir kaum noch eine Viertelſtunde bis zur Fabrik! Wenn wir das Wäldchen hinter uns haben, müſſen wir uns links wenden. Nur dreiſt voran, Leute! In einer Viertelſtunde klimpern die harten Thaler des alten Haller in unſeren Taſchen, heißt das, wenn ihr Courage habt.“ „Daran fehlt's nicht,“ verſetzte eine andere Stimme. „Aber der Mittaſch, der Teufelskerl, wird uns wohl zu ſchaffen machen, ehe wir in die Fabrik hinein kom⸗ men!“ „Fürchte dich vor dem nicht,“ erwiederte die erſte Stimme mit höhniſchem Lachen,„der junge Burſche muß Lunte gerochen haben, und er iſt ausgekniffen, weil er für ſeine Haut gefürchtet hat. Mit meinen eigenen Augen habe ich ihn gegen Abend wie beſeſſen davon reiten ſehen!“. „Dann iſt Alles recht,“ ſagte die zweite Stimme. „Mit dem alten Haller und ſeinen paar Fabrikarbei⸗ tern werden wir bald fertig werden. Vorwärts alſo!“ „Ja, ja, nur vorwärts,“ murmelte Benjamin grim⸗ mig vor ſich hin.„Ihr ſollt empfangen werden, wie Ihr es verdient!“ Vorſichtig ritt er noch ein Stückchen Wegs im Walde vorwärts, lenkte dann ſein Pferd ſeitwärts durch das Gebüſch, und gelangte bald auf einen ihm wohlbekannten Fußſteg, der wie die Landſtraße, nur auf einem kleinen Umwege, nach der Fabrik führte. Hier gab er ſeinem Pferde die Sporen, und langte wenigſtens zehn Minuten vor der Ankunft des Pöbel⸗ haufens in der Fabrik an. „Hollah, Leute!“ rief er, als er auf dem Hofe von dem dampfenden Roſſe ſprang;—„ſchnell her⸗ bei! Schließt Thor und Thür! Der Feind nahet, und wird ſogleich hier ſein.. Mehrere Leute eilten auf ſeinen Ruf herbei, und vollzogen, ohne weiter zu fragen, Benjamins Befehle. Er ſelbſt übergab ſein Pferd der Ob t eines Die ners, und eilte in das Fabrikgebändgt wo er einige wwanzig Arbeiter fand, die ihrem 1 tren geblie⸗ ben, und feſt entſchloſſen waren, ihn und ſeine Habe bisauf das Aeußerſte zu vertheidigen. Herr Haller 5 ſich mitten unter ihnen, und empfing Benjamin mit freudigem Zurufe. 2. „Sie kommen, Herr Haller, Sie kommen, Ihr Leute, eine ganze Räuberbande, wohl hundert Mann ſtark,“ ſagte Benjamin.„Seid Ihr ganz feſt ente ſchloſſen, meine Braven, der plünderungsluſtigen Rotte Widerſtand zu leiſten?“ 8— „Ja, Herr Mittaſch, ja!“ lautete die kräftige Ant⸗ wort. „Nun denn, ſo ſollen uns die Buben keinen großen 8* u. — b * 841 Schaden zufügen,“ fuhr Benjamin fort.„Ihr ſeid doch Alle bewaffnet?“ „Alle, mit Flinten und Piſtolen!“ „Gut, haltet die Waffen bereit, ſchießt aber auf keinen Fall, ehe ich nicht Feuer kommandire. Aber vor Allem,— iſt Einer unter Euch, der reiten kann, und den Weg nach M.... kennt?“ „Ich, Herr Mittaſch, ich war früher Reitknecht, und weiß auch den Weg,“ ſagte ein junger Menſch mit offenem, ehrlichem Geſicht, indem er aus der Gruppe der Leute vortrat. „Gut! So beſteige ſchnell ein friſches Pferd, reite auf Tod und Leben nach M...., und melde dort dem Oberſt, daß wir angegriffen ſind, und auf ſeine Hülfe zählen. Schnell, denn in einer Minute kann es ſchon zu ſpät ſein.“ Der junge Menſch eilte fort, und wenige Augen⸗ blicke nachher hörte ihn Benjamin aus dem hinteren Thore der Fabrik hinaus galoppiren. „Und jetzt, meine wackeren Leute, müſſen wir uns fertig halten, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen,“ wendete ſich Benjamin zu den Fabrikarbeitern.„Die Schurken werden uns vermuthlich von verſchiedenen Seiten angreifen, und jedenfalls das Fabrikgebäude und das Wohnhaus zuerſt zu nehmen ſuchen. Wir müſſen daher Beide beſetzen. Herr Haller, das Wohn⸗ haus iſt am leichteſten zu vertheidigen. Ich bitte Sie, den Befehl dort zu übernehmen, ſofort, wenn es noch nicht geſchehen ſein ſollte, die Thür und die Fenſter⸗ läden ſchließen zu laſſen, und aus den Fenſtern des oberen Stockwerkes auf die Schurken zu feuern, ſo bald ſie Miene machen, Gewalt zu gebrauchen. Zwölf Ein Silbergroſchen. 6 82 Mann gehen mit Herr Haller! Geſchwind! Es iſt keine Zeit zu verlieren!“ Herr Haller marſchirte an der Spitze ſeiner Mann⸗ ſchaft ohne Zögern davon, und hatte noch Zeit genug, die von Benjamin anempfohlenen Vorſichtsmaßregeln zu treffen. „Wir Uebrigen,“ wendete ſich Benjamin zu den zurückgebliebenen Leuten,„haben die Aufgabe, die Fabrik zu vertheidigen, und zugleich das eiſerne Gitter zu überwachen, das den freien Platz zwiſchen dem Hauſe und der Fabrik nach außen abſchließt. Sie werden jedenfalls verſuchen, das Thor zu ſprengen, 4 aber unſere Flinten werden ſie wohl in Reſpekt hal⸗ teen. Von hinten her können ſie nicht eindringen,— denn dort ſchützen uns die feuerfeſten hohen Mauern unſeres Magazines. Alſo nur Muth, Freunde! Wenn wir feſt zuſammen ſtehen, können wir bis zum Mor⸗ gen Widerſtand leiſten, und dann ſind ohne Zweifel die Soldaten da. Jeder von Euch beſetzt ein Fenſter. Ihr, Trautmann, und ich wollen uns an das vorderſte. poſtiren, weil wir von dort aus zugleich das Gitter 3 überwachen können. Alſo— Jeder an ſeinen Poſten, und Gott ſtehe uns bei, wenn es wirklich zum Kampfe kommen ſollte.“ Die Anordnungen Benjamins wurden pünktlich ausgeführt, und Alles war bereit, den Feind energiſch zu empfangen, wenn er es wirklich wagen ſollte, zum Angriff zu ſchreiten. Wider alles Erwarten Benja⸗ mins blieb aber draußen Alles ſtill, und mehrere Mi⸗ nuten verſtrichen, ehe man den Laut einer Stimme hor außen her, oder die Fußtritte fremder Menſchen örte. 5 83 „Sollten ſich die Burſche eines Beſſeren beſonnen haben, und wieder umgekehrt ſein?* flüſterte Benjamin dn alten Trautmann zu, der neben ihm am Fenſter ſtand. Das glaube ich nicht,“ verſetzte dieſer.„Wahr⸗ ſcheinlich haben ſie nur Halt gemacht, um einen An⸗ griffsplan zu berathen. Ich denke mir, ſie haben ſich eingebildet, daß ſie hier Alles im tiefſten Schlafe überraſchen würden, und nun ſind ſie ſtutzig geworden, weil ſie gemerkt haben werden, daß wir auf unſerer Hut ſind. Ablaſſen aber werden ſie deshalb von ihrem Vorhaben nicht.“ „Ich höre ein dumpfes Geräuſch,“ ſagte Einer von den Arbeitern.„Wenn mich nicht Alles trügt, ſo kommen ſie.“ „Ja, ja, ſie ſind es,“ ſtimmte Benjamin bei, als er einige Augenblicke gehorcht hatte.„Schnell alle Lichter ausgelöſcht bis auf Eines, und auch dieſes in einem Winkel zugedeckt, damit uns die Halunken von außen nicht ſehen können.“ Im Nu war auch dieſer ſehr nothwendige Befehl befolgt, und nun harrten die Leute, mit pochendem Herzen, der Dinge, die da kommen würden. Jeder hielt ſeine Flinte, Büchſe oder Piſtole zum Schießen fertig, obgleich ihnen Benjamin noch einmal einſchärfte, auf keinen Fall abzudrücken, bevor er nicht den Befehl dazu ertheilen würde. Noch ein Weilchen blieb es draußen ziemlich ruhig; dann aber vernahm man plötzlich ein lautes Gebrüll aus hundert Kehlen, und das Klirren und Schmettern ſchwerer Aexte gegen das eiſerne Hauptthor des Hof⸗ gitters. 6 2 — 84 „Oeffnet!“ ſchrie jetzt, als auf e einen Augenblick tiefe Stille eintrat, eine donnernde Stimme aus dem Pöbelhaufen;—„öffnet ohne Verzug, und es ſoll Niemanden ein Schaden an Leib und Leben zugefügt werden. Wagt Ihr es aber, Euch zu weigern oder gar Widerſtand zu leiſten, ſo ſollt Ihr es Alle mit Eurem Leben bezahlen!“ „Lang⸗Hennerich,“ rief Benjamin zurück,„ich kenne deine Stimme, und warne dich! Gib die verruchte Abſicht auf, die dich hierher geführt hat, und es ſoll dir und allen deinen Spießgeſellen verziehen ſein. Wo nicht, ſo mögt Ihr wiſſen, daß wir bis auf den letzten Mann Widerſtand leiſten werden. Ich warne Euch, Ihr Leute! Wir ſind Alle mit Schießgewehren bewaffnet!“ „Mit den paar Schlüſſelbüchſen wollen wir bald fertig werden,“ verſetzte der Menſch, den Benjamin Lang⸗Hennerich genannt hatte.„Ergebt Euch, oder wir ſtürmen, und machen Alles nieder, was eine Hand gegen uns aufzuheben wagt.“ „Wir ergeben uns nicht!“ erwiederte Benjamin feſt. „Drauf denn!“ brüllte Lang⸗Hennerich.„Brecht das Thor auf! Greift ſie von allen Seiten an! Vor⸗ wärts, und keinen Pardon!“ 86 Mehrere Schüſſe krachten und zerſchmetterten die Fenſter; zugleich raſſelten wieder die ſchweren Häm⸗ mer gegen das eiſerne Thor, um daſſelbe zu ſprengen. Ein furchtbares Geſchrei erſchallte draußen. „So ſei uns denn Gott gnädig,“ ſagte Benjamin. 5 „Wir ſind gezwungen, uns zu vertheidigen, und alles Blut, was vergoſſen wird, komme über das Haupt 8⁵ jener Verblendeten. Gebt Feuer, Leute! Trautmann, Feuer auf die Wahnſinnigen am Gitterthore!“ Zwölf bis fünfzehn Schüſſe donnerten zu gleicher Zeit auf den wüthenden Haufen in die Nacht hinaus, und unmittelbar darauf ertönte das Schmerzensgeſchrei mehrerer Verwundeten von verſchiedenen Seiten, das aber augenblicklich durch ein gellendes Wuthgebrüll der Maſſen übertönt wurde. Die Männer am Thore waren aber zurückgewichen, wenigſtens war der Schall der dröhnenden Hammerſchläge gänzlich verſtummt. Dagegen ſtürmte jetzt die angreifende Bande ge⸗ gen alle Fenſter heran. Sie waren mit Leitern ver⸗ ſehen, auf denen ſie keck emporklimmten, um in das Innere der Gebäude zu gelangen. Zehnmal wurden ſie zurückgeworfen, zehnmal kehrten ſie mit neuer Wuth zum Angriffe zurück. Die Belagerten wehrten ſich mit verzweifelter Anſtrengung; aber die Hälfte von ihnen war nach ein paar heißer Stunden bereits kampfunfähig gemacht, und Benjamin ſelbſt blutete aus ein paar leichten Fleiſchwunden, die grade nicht gefährlich waren, aber doch dazu beitrugen, ſeinen Muth niederzubeugen. Gleichwohl focht er mit An⸗ ſtrengung weiter, und ſeine Stimme feuerte auch ie noch übrige Mannſchaft zum Widerſtande an. Da auf einmal verbreitete ſich ein heller Feuer⸗ ſchein vom Dache des Magazines her über den ganzen Schauplatz des Kampfes. Die Stürmenden begrüßten ihn mit lautem Jubel; die Belagerten mit Entſetzen und Schrecken. „Wir ſind verloren, Herr Mittaſch,“ ſagte der alte Trautmann betrübt und niedergeſchlagen.„Die Schurken haben jedenfalls auf langen Leitern das *⁴ 86 Magazin erſtiegen und den Dachſtuhl in Brand ge⸗ ſetzt. Ergeben wir uns auf Gnade und Ungnade. Halten können wir uns jetzt keine fünf Minuten mehr!“ „So fallen wir, aber fechtend und mit Ehren,“ entgegnete Benjamin mit Energie.„Ich ergebe mich nicht! Muth, ihr braven Leute! Kämpfen wir bis zum letzten Athemzuge!“ Seine Anrede hatte den gewünſchten Erfolg. Die wackeren Arbeiter luden von Neuem ihre Gewehre und ſchoſſen ſie auf die Stürmenden ab, welche beim hellen Scheine des Feuers ihre Angriffe verdoppelten, und immer hitziger die Leitern empor ſtürmten. Viele wurden zwar mit Kolbenſchlägen zurückgetrieben, aber Andere drangen vor trotz der verzweifeltſten Gegen⸗ wehr Benjamins, und ſchon ſprangen Einzelne durch ddie Fenſter in das Innere herein, um auch den letzten Widerſtand zu überwältigen,— da auf einmal hörte man das Raſſeln von Trommeln ganz in der Nähe der Fabrik erſchallen, und der laute Ruf:„Soldaten kommen!“ verbreiteten einen paniſchen Schrecken unter den Angreifenden, während er die Herzen Benjamins und ſeiner treuen Anhänger mit Entzücken erfüllte. „Gerettet!“ rief Benjamin freudetrunken aus. „Dem Himmel ſei Dank, daß er uns dieſe Hülfe ſchickt in der größten Gefahr!“ Mit frohem Jubel wurden die Soldaten von den treuen Arbeitern begrüßt. Sie erwiederten das laute Freudengeſchrei mit einem donnernden„Hurrah!“ und dann fegten ſie mit ihren Bajonetten die räuberiſchen Banden wie Spreu auseinander. Im Nu waren ſie. nach allen Richtungen hin im Dunkel der Nacht ver⸗ 87 ſchwunden, die ihre eilige Flucht begünſtigte, ſo daß nur wenige Gefangene gemacht werden konnten. Benjamin hatte ſich mittlerweile vollſtändig gefaßt, und forderte ſeine Leute auf, mit ihm nach dem Ma⸗ gazine zu eilen und wo möglich das Feuer zu löſchen. Sie warfen freudig ihre Gewehre weg, und griffen nach Waſſereimern. Schon nach wenigen Minuten war der Brand, der zum Glück noch nicht weit um ſich gegriffen hatte, wieder erſtickt, und nun endlich konnte Benjamin ſeinem Herzen folgen, das ihn zu ſeinen Wohlthätern hinzog. Er fand ſeine Pflege⸗ ältern friſch und geſund, und, zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung, an ihrer Seite den Oberſten, den er wenige Stunden vorher vergeblich um Schutz angefleht hatte. Herr Haller umarmte Benjamin, die Mutter küßte ihn, und der Oberſt ſchüttelte ihm die Hand. „Das iſt er! Das iſt der brave junge Mann, deſſen wackeres Benehmen ihm meine höchſte Achtung gewonnen hat,“ ſagte der Oberſt.„Bedanken Sie ſich bei ihm, Herr Haller! Sein ganzes Auftreten bei mir hatte einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht, daß — ich beſchloß, ihn auf keine Weiſe im Stich zu laſſen. Auf die Gefahr hin, von meinem General eine tüch⸗ tige Naſe zu bekommen, ließ ich ſofort nach ſeinem Davonreiten Allarm trommeln, und ſetzte mich mit einem Bataillon meines Regimentes in Marſch. Unter⸗ wegs begegnete uns Ihr Bote, und nun beſchleunig⸗ ten wir unſere Schritte dermaßen, daß wir, dem Him⸗ mel ſei Dank dafür, noch im rechten Augenblicke hier anlangten. Sie haben ſich tapfer gewehrt, junger Mann, aber ich fürchte, Sie hätten ſich nicht lange mehr halten können gegen die Schurken.”n 88 „Keine fünf Minuten länger, Herr Oberſt,“ er⸗ wiederte Benjamin.„Gott ſegne Sie für ihre recht⸗ zeitige Hülfe! Es war wahrlich Hülfe in der höchſten Noth.“ „Die Sie verdient haben durch Ihre treue Anhäng⸗ lichkeit an Ihren Prinzipal,“ verſetzte der Oberſt. „Ich war ſo ſehr von Ihrer Aufopferung gerührt, daß ich mich ſofort entſchloß, Ihnen nachzueilen. Eine ſolche Treue, die ſelbſt den Tod nicht ſcheute, durfte doch nicht unbelohnt bleiben!“ „Tauſend Dank für ſolche Geſinnung, die uns ge⸗ rettet hat, Herr Oberſt,“ nahm jetzt der Fabrikant das Wort.„Glauben Sie mir, auch ich weiß meines Benjamin's Treue zu ſchätzen, und ich will ihm ge⸗ wißti vergelten, ſo weit es in meinen Kräften eht!“ „Er war immer mein lieber Sohn,“ ſagte Frau Haller gerührt,„und die Liebe einer Mutter wird er bei mir finden, ſo lange das Herz noch in meiner Bruſt ſchlägt.“ „Und das iſt der ſüßeſte Lohn, der mir irgend zu Theil werden kann!“ rief Benjamin tief ergriffen aus, indem er zartlich ſeine mütterliche Freundin in die Arme ſchloß. A 89 Sechstes Kapitel. Was ein Hilbergroſchen für Zinſen tragen kann. Die Zeit des Sturmes und Dranges war vorüber; die Schuldigen hatten ihre Strafe, die Getreuen ihren Lohn empfangen, und Friede und Ruhe herrſchten wieder im Vaterlande, zur Freude aller redlichen Menſchen. Die Fabrik des Herrn Haller beſchäftigte und ernährte wieder Hunderte von fleißigen Arbeitern. Herr Haller kümmerte ſich aber jetzt gar nicht mehr um ſeine Geſchäft; ſondern hatte die Leitung derſel⸗ ben ganz unumſchränkt in ſeines getreuen Benjamin Hände gelegt, den er zum Compagnon angenommen, 88 als ſeinen Sohn und Erben feierlichſt adoptirt atte. Benjamin war nun ein reicher Mann; aber trotz⸗ dem bewahrte er noch immer den Silbergroſchen, den ihm einſt das kleine Fräulein Thereſe von Eggenberg geſchenkt hatte. Nach wie vor trug er ihn an einem Schnürchen auf ſeinem Herzen, und gedachte oft mit feierlicher Rührung der Güte und Freundlichkeit, we das kleine Mädchen ihm vor Jahren erwieſen atte. Wieder geſehen hatte er ſie ſeit dem erſten Begeg⸗ nen nicht mehr, wohl aber gehört, daß ihr Vater ge⸗ ſtorben wäre, und daß ihr Bruder ein ſehr leichſin⸗ niges und verſchwenderiſches Leben im Ausland führe. Daher überraſchte es ihn nicht ſehr, als er eines Morgens in der Zeitung las, daß Schloß und Herr⸗ ſchaft Eggenberg dann und dann mit allen Rechten, Zu⸗ behörungen ꝛc. ꝛc. öffentlich verſteigert werden ſollte. „Hm! hm! das wäre ja morgen ſchon!“ murmelte Benjamin vor ſich hin.„Eggenberg iſt eine ſchöne Beſitzung! Wenn ich ſie kaufte! An Geld fehlt es mir nicht, und meine guten Aeltern würden gewiß gern jährlich ein paar Monate in dem ſchönen Schloſſe zubringen. Vater Haller ließ neulich ſo eine Andeu⸗ tung fallen! Hm! Ich kann ja morgen hinüberreiten, und der Verſteigerung beiwohnen, wenn ich die Be⸗ ſitzung auch nicht kaufe.“ „Gedacht, gethan. Ohne ſeinen Pflegeeltern ein Wort von ſeinem Vorhaben zu äußern, ritt er am nächſten Morgen nach Eggenberg hinüber, und kam gerade an, als die erſten Gebote von den anweſenden Kaufluſtigen gethan wurden. Sie waren unverhält⸗ nißmäßig gering. Benjamin wußte das. Er hatte am vorigen Tage die genaueſten Erkundigungen über den wahren Werth der Herrſchaft Eggenberg eingezo⸗ gen, und bot deshalb ohne Bedenken eine ſehr bedeu⸗ tende Summe mehr. „Das freut mich,“ ſagte ein alter Herr mit ganz eisgrauem Kopfe und einem ſehr gutmüthigen Geſichte leiſe zu dem Auktionator,—„das freut mich! Es iſt ein anſtändiges Gebot! Nun können die Schulden bezahlt werden, und es bleibt immer noch ein Kapi⸗ tälchen übrig, von deſſen Zinſen unſer liebes gnädiges Fräulein anſtändig leben kann. Das gute Kind! Ich hatte wirklich ſehr Angſt um ſie. Aber kennen Sie den Herrn, der das Gebot gethan hat? Iſt er auch zahlungsfähig?“ „Ohne Sorgen, Herr Amtmann,“ verſetzte der Auctionator,—„es iſt Herr Benjamin Mittaſch, ge⸗ nannt Haller, ein ſehr reicher, und zugleich ſehr bra⸗ ver Mann! „Ah, den kenn' ich, wenn auch nur dem Rufe nach,“ ſagte der Amtmann ſehr zufrieden.„Nun iſt Alles gut und in Ordnung. Da Niemand ein höheres Gebot that, als Benja⸗ min, ſo wurde die Herrſchaft ihm zugeſchlagen, und er bezahlte ſie ſofort mit vollgültigen Kaſſenſcheinen. Hierauf wandte er ſich an den alten Herrn, und ſagte höflich: „Wäre es Ihnen wohl gefällig, Herr Amtmann, mir ein kurzes Geſpräch mit Ihnen unter vier Augen zu vergönnen?“ „Mit tauſend Freuden, lieber Herr! Mit tauſend Freuden!“ verſetzte der Amtmann, und ſprang von ſeinem Stuhle auf.„Wenn es Ihnen recht iſt, ſo gehen wir in den Park,— dort ſind wir ungeſtört.“ Sie gingen dahin,— in denſelben Park, aus welchem Benjamin vor Jahren mit Hunden gehetzt worden war, und der jetzt ihm gehörte, mitſammt dem Schloſſe und den umliegenden Ländereien, Waldun⸗ gen, Wieſen und Teichen.. „Welch' ein Wechſel des Geſchickes!“ dachte Ben⸗ jamin unwillkührlich, als er an der Seite des Amt⸗ mannes einher ſchritt, der ihn in einen ſchattigen Bu⸗ chenweg führte. „So, mein Herr,“ ſagte er.„Hier ſind wir un⸗ geſtört. Mit was kann ich Ihnen dienen?“ „Mit zweierlei,“ verſetzte Benjamin freundlich. „Zunächſt damit, daß Sie nach wie vor Amtmann auf Eggenberg bleiben, und das Gut wie früher be⸗ wirthſchaften. Wollen Sie das?“ „Oho, ob ich will?“ rief der alte Mann hocher⸗ freut aus.„Sie können mir kaum eine größere Freude machen. Seit vierzig Jahren habe ich dieſe Felder bebaut und gepflegt, und nur mit tiefer Trauer konnte ich daran denken, ſie einſt verlaſſen zu müſſen. Dieſer Sorgen ledig, danke ich Ihnen von ganzem Herzen!“ „Still, ſtill,“ ſagte Benjamin,—„keinen Dank! Ich weiß, daß ich keinen beſſeren Verwalter des Gutes finden kann, als Sie. Vielmehr bin ich Ihnen dank⸗ bar, daß Sie mein Anerbieten nicht ausgeſchlagen haben. Und nun eine Frage, Herr Amtmann. Wie geht es dem fruheren Beſitzer von Eggenberg?« „Sie meinen Fräulein Thereſe?“ „Nein, den Junker Hans!“ „Ah, Sie wiſſen nicht? Er iſt todt, erſchoſſen bei einem Duell in Paris, nachdem er durch ſein ver⸗ ſchwenderiſches Leben die Herrſchaft dermaßen mit Schulden belaſtet hatte, daß ſie nothwendiger Weiſe verauctionirt werden mußte. Ich danke Gott, daß Sie gekommen ſind, und das ſchöne Gut zum wahren Werthe bezahlt haben. Fräulein Thereſe iſt nun we⸗ nigſtens vor Mangel geſchützt, wenn ſie auch freilich das Schloß, ihre bisherige Heimath, verlaſſen muß.“ „Nimmermehr ſoll ſie das, ſo lange ich es ver⸗ hindern kann,“ rief Benjamin aus.„Gern möchte ich das Fräulein ſprechen, wenn ich nicht fürchten müßte, ſie zu beläſtigen!“ „Dies nicht im geringſten,“ ſagte eine junge Dame, — 8—— — 2 93 welche mit ſchwebenden Schritten herangekommen war, und die letzten Worte Benjamin's gehört hatte.„Ich ſuche ſie eben, Herr Haller, da ich gehört habe, daß Sie der Käufer von Eggenberg ſind. Ich wünſche eine Bitte an Sie zu richten,— die, daß Sie mir geſtatten mögen, das Bildmeiner Mutter aus dem Schloſſe mit fort zu nehmen. Für Sie hat es keinen Werth, wohingegen es für mich ganz unſchätzbar iſt.“ Benjamin verbeugte ſich tief vor der jungen Dame und betrachtete ſie mit tiefer Rührung. „Mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er dann,— „ich kann Ihnen das Bild nur unter Einer Bedingung überlaſſen.“ „Und welche wäre das?“ „Daß Sie nach wie vor auf dem Schloſſe bleiben, und ſich ganz als Herrin deſſelben betrachten, als ob es noch Ihr Eigenthum wäre,“ erwiederte Benjamin. „Aber wie kann, wie darf ich das, Herr Haller?« fragte das Fräulein faſt erſchrocken.„Wie kann ich von einem Fremden ein ſolches Anerbieten annehmen?“ „Ich bin Ihnen nicht fremd, mein gnädiges Fräu⸗ lein,“ verſetzte Benjamin, und brachte ſeinen treu bewahrten Silbergroſchen zum Vorſchein.„Erinnern Sie ſich nicht dieſer kleinen Geldmünze?“ Das Fräulein verneinte ganz verwundert und er⸗ ſtaunt. 1 „Nun denn, Fräulein Thereſe,“ ſagte Benjamin, „dieſem Silbergroſchen, oder vielmehr der Erinnerung, die ſich an ihn knüpft, verdanke ich, daß ich geworden, was ich bin,— ein rechtſchaffener, von Gott mit Glücksgütern geſegneter Mann. Dieſer Silbergroſchen behütete mich vor böſen Verſuchungen und beſtärkte 94 mich in meinen Beſtrebungen zum Guten.„Ohnd ihn würde ich nie die väterliche Liebe eines herrlichen Mannes, meines Wohlthäters und Pflegevaters ge⸗ wonnen haben, nie als ſein Kind in ſein Haus auf⸗ genommen worden ſein. Mein ganzes Lebensglück iſt verknüpft mit dieſem Stlbergroſchen, und dieſen Silbergroſchen, mein Fräulein, reichten Sie mir einſt aus Güte und Barmherzigkeit. Er hat mir herrliche Zinſen getragen, und ich bin deßhalb auf's Tiefſte in Ihrer Schuld!“— Wenige Worte reichten hin, Fräulein Thereſe die nöthigen Aufſchlüſſe zu geben, und nun weigerte ſie ſich nicht länger, Benjamin's Anerbieten anzunehmen. 8 Noch heute wohnt ſie auf dem Schloſſe, aber nicht mehr als Fräulein Eggenberg, ſondern als die geliebte Gattin unſeres Benjamin, der nach wie vor 3 ſeinen Silbergroſchen auf der Bruſt trägt, und gern 1 die Geſchichte deſſelben unter Freunden und Bekann⸗ ten erzählt. Auch ich habe ſie aus ſeinem Munde vernommen, und wenn ſie dir gefallen hat, lieber Leſer, ſo danke 1 dafür nicht mir, ſondern unſerem guten Freunde Bene jamin, dem einſtigen Bettler, jetzt reichen Gutsbeſitzer von Eggenberg, der, in Erinnerung an ſeine frühere Armuth, keinen Durftigen unbeſchenkt von ſeiner Schwelle gehen läßt. Friede und Segen ſei mit ihm, wie mit Dir, freundlicher Leſer, allezeit.— Lebe wohl!« 1 ſ dlättaduu dluataagaau ſſſſff 1 8 9 10 11