——— = ſſſſſſ“ — 9½ - 8 2 * —— 7 —— Leihbibliothek von. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 ¹ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus beträgt: zur Em⸗ Morgen: bei Entgegennahme entſprchende Summe von mir zurückerſtattet bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 7— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 ——,— Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausfeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ 7— II ⸗ und Zurückſendung „————-——— —j s 3 Selig ſind die garmherzigen, denn ſie werden Barmherzigkeit erlangen. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Batfmann. Mit vier Stahſſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1854. —— 4 4 3 4 5 8 —— Erſtes Kapitel. Ein barmherziger Samariter. Der Tag neigte ſich ſeinem Ende zu, und die Sonne näherte ſich allmälig dem weſtlichen Himmels⸗ rande. Die Schatten der Bäume wurden länger und länger; in die tieferen Thäler und Schluchten fiel ſchon kein Sonnenſtrahl mehr, und nur die Höhen noch glänz⸗ ten in goldenem Lichte, als eine alte Frau langſamen Ganges, auf einen derben Knotenſtock ſich ſtützend, in einem einſamen und rauhen Gebirgsthale des Thürin⸗ ger Waldes einherſchritt. Man ſah es der Armen an, daß ſie ſich kaum weiter zu ſchleppen vermochte. Oft ſtrauchelte ihr wankender Fuß über einen ſcharfkantigen Stein oder über eine glatte Fichtenwurzel, die feucht und ſchlüpfrig quer über den ſchmalen Weg hinlief; oft blieb ſie auch ſtehen, ſtemmte ſich mit beiden Hän⸗ den auf ihren Knotenſtock, und hob ihre matten, halb erloſchenen Augen zum Himmel auf, als ob ſie von Oben herab Gnade, Hülfe und Barmherzigkeit erflehen wolle. Barmherzigkeit. 1 Ihr Geſicht war bleich, und trug in tiefen Furchen und Runzeln den Ausdruck ſchwerer Leiden, nagenden Grames und herzbrechenden Kummers zur Schau. Da⸗ zu zeigte jede ihrer matten, kraftloſen Bewegunn und ihr kurzer, fieberiſcher Athem, daß ſie bis auf's äußerſte erſchöpft ſein müſſe, und gleichwohl mußte die Arme noch ein Bündel auf ihrem gekrümmten Rücken tragen, und auf dem Bündel ſaß noch eine andere Laſt, ein Kind von drei oder vier Jahren, das durch ein grobes, unter der Bruſt ver Frau in einen Knoten verſchlun⸗ genes Leintuch auf ſeinem Sitze feſtgehalten wurde. Das Kind ſchlief, wahrſcheinlich ebenfalls von ſchwe⸗ rer Ermattung überwältigt, denn die kleinen nackten Beinchen und Füßchen, die unter dem groben Tuche hervorſahen, zeigten deutliche Spuren, daß es nicht min⸗ der wie die Frau auf rauhen und beſchwerlichen We⸗ gen gegangen ſein mußte. Die Frau hatte es wohl 3 erſt auf ihren Rücken genommen, als es ſich auf keine Weiſe mehr weiter zu ſchleppen vermocht hatte. Der ſchmale, tief ausgefahrene Weg, welcher ſich zwiſchen hohen bewaldeten Bergen hinſchlängelte, ſchien zu einem bewohnten Orte zu führen, denn die arme Frau, welche ſich nur ſehr langſam weiter ſchleppen konnte, wurde von mehreren einzelnen Wanderern ein⸗ geholt, welche die gleiche Richtung mit ihr verfolgten. Es mochten Holzfäller ſein, welche tief im Walde ihr Tagewerk verrichtet hatten, und nun mit dem ſinkenden Tage, die blinkende Art auf der Schulter, in ihre hei⸗ mathliche Hütte zurückkehrten. Keiner von ihnen ach⸗ tete der armen, ſchwachen Frau. Stumm gingen ſie an ihr vorbei, kaum einen Blick des Mitleids auf ſie wer⸗ fend, kaum einen kurzen Gruß ihr zurufend. Fremd, *—I —. E 2½ —— 4 2 — 7 3 kalt und theilnahmlos ſchritten ſie vorüber, und Nie⸗ mand fragte:„Armes Weib, was fehlt dir, und kann ich dir helfen oder dir Beiſtand leiſten?« Sie gingen vorüber, und mit kummervollem Blicke ſchaute die Frau ihnen nach, und bittere, bittere Gefüͤhle mochten es ſein, welche die kalte Gleichgültigkeit der fremden Leute in ihrem Herzen erregte. Weiter ging ſie, weiter wankte ſie und ſchleppte ſich fort, bis endlich, endlich ihre Kräfte verſagten. Ihre zitternden Füße trugen ſie nicht mihr, erſchöpft tau⸗ melte ſie zur Seite, und ſank am Stamme einer alten Eiche nieder, welche ihre knorrigen Aeſte weit über den ſchmalen Weg hinweg erſtreckte. Hier, dicht am Rande des Weges blieb ſie liegen, nahm das ſchlummernde Kind vom Rücken auf ihren Schooß, beugte ihr blaſ⸗ ſes, gramvolles Antlitz über ſein eben ſo bleiches, eben ſo erſchöpftes Geſichtchen, und bethaute es mit ihren Thränen, die heiß und ſchwer aus ihren Augen nie⸗ dertropften. »Armes, armes Kind,“ ächzte ſie,„was ſoll aus dir werden, wenn Gott auch mich noch von deiner Seite nimmt? Oh, dir und mir, uns Beiden wäre beſ⸗ ſer, wir lägen im Grabe und die kühle Erde deckte alle unſere Schmerzen und Leiden zu!« Jetzt wachte das Kind auf, rieb ſich die Augen mit den kleinen Händchen, verzog den Mund zum Weinen und wimmerte laut.„Mich hungert!“ ſagte es ſchmerz⸗ lich.„Ach, mich hungert und dürſtet ſo ſehr!« »Armes, armes Kind!« jammerte die Frau und rang die abgezehrten, mageren Hände.»Dich hungert, und ich habe nicht einen Biſſen Brod, deinen Hunger zu ſtillen! Aber warte, warte, mein liehes kleines —— er . — —— Engelchen! Trinken ſollſt du, trinken vom kühlen Berg⸗ waſſer, das erquickt dich wohl für den Augenblick! Und nachher— es werden ja noch Leute kommen— ich will betteln, will ſie anflehen und ihr Herz zu rühren ſuchen— habe nur Geduld, nur kurze Zeit noch Ge⸗ duld, mein armes, armes Kind!« Und den Kleinen ſorgſam auf das Tuch niederle⸗ gend, das ſie über weiches Moos gebreitet hatte, ſtand ſie mühſam auf. Kaum zwanzig Schritte von der Eiche entfernt rieſelte eine Quelle klaren Waſſers. Dorthin ging ſie, füllte einen alten, kleinen Becher von Blech aus dem kryſtallhellen, rieſelnden Bache, kehrte zurück und ſetzte ihn an die brennenden Lippen des Kindes. Gierig ſchlürfte der Knabe das friſche Waſſer ein, und noch einmal, und wieder mußte die Frau zur Quelle ge⸗ hen, bis es endlich geſättigt war, das arme, dürſtende Kind. Es weinte nicht mehr, ſondern lächelte aus hel⸗ len Augen ſeine ſorgſame Pflegerin an, und war nach wenigen Minuten wieder eingeſchlummert. Die Frau aber wachte, wachte mit brennenden Augen und fieberiſch jagenden Pulſen, den thränenvol⸗ len Blick auf das ſchlafende Kind geheftet, indem ſie halblaute Worte, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, vor ſich hin murmelte.„Unglückliches Kind! Verlaſſen! Im Walde! Und deine letzte Stütze ſterbend! ſterbend! ſter⸗ bend! Oh, mein Gott, erbarme dich unſer! Erbarme dich!« Horch, da tönte Hufſchlag trabender Roſſe durch den Wald. Die Frau fuhr auf und lauſchte. Die Hufſchläge kamen näher— laute, fröhliche, kräftige Stimmen erſchallten— drei oder vier Reiter ritten auf ſchnaubenden Roſſen daher, Jagdtaſche und Büchſe über 9 —— — 1 .“— — 5 der Schulter; den Hirſchfänger an der Seite;— es waren Jäger, die vom luſtigen Pürſchen kamen und munter plaudernd der Heimath zueilten, der traulichen Heimath, dem ſchützenden Dache, wo Friede, Ruhe, Erholung und Freude ihrer harrten. Die arme, hei⸗ mathloſe, erſchöpfte, ſterbende Frau raffte ſich auf, warf ſich den Reitern in den Weg, und ſtreckte ihnen flehend die Arme entgegen. „Erbarmen!“ rief ſie ihnen zu.»Erbarmen! Ich kann nicht weiter! Ich erliege dem Hunger, dem Elende, der Ermüdung! Und mein armes Kind! Die Nacht iſt nahe! Oh, laßt uns nicht hülflos im kalten, dunkeln Walde umkommen!“ „Weib, was willſt du?« entgegnete eine barſche Stimme ärgerlich.„Aus dem Wege, aus dem Wege da! Komme nach dem Schloſſe, wenn du betteln willſt, aber halt' uns nicht hier auf, hier auf der offenen Straße. Aus dem Wege da, fort!« Die arme Frau ging nicht.„Erbarmen! Ich ſterbe!“ rief ſie und ſank auf die Knie nieder.„Mein Kind! Mein armes Kind! O Gott, erbarmt Euch unſer!« „Bettelvolk, unverſchämtes!“ ſchallte die rauhe Ant⸗ wort zurück.„Ich ſage dir ja, Weib, du ſollſt nach dem Schloſſe kommen, aber jetzt fort, oder mein Pferd rennt dich über den Haufen!“ Sie ging nicht, die Unglückliche, ſie konnte nicht gehen, ihre Kraft war zu Ende. Indem ſie ohnmäch⸗ tig ihr ſchwaches Haupt zu Boden ſinken ließ, gebrauchte der Reiter die Sporen, ſein Pferd ſetzte über die Frau hinweg, und die Anderen folgten in gleicher Weiſe. Im Galopp ſprengten ſie davon, und ließen das arme Weib, —4— r ½ — —— mit Koth beſpritzt, gebrochenen Leibes und gebrochenen Herzens, hülflos auf der offenen Landſtraße liegen. Der Abend dunkelte allmälig herein. Die Sonne vergoldete nicht einmal mehr die höchſten Spitzen der Berge, nicht mehr die höchſten Wipfel der uralten Eichen und Buchen. Kein Wanderer kam mehr des Weges. Die Purpurgluth des Abendhimmels ſtarb in eine kalte, graue Färbung dahin. Im Grunde des „Thales ſtiegen weiße Nebeldünſte auf und lagerten ſich wie ein Schleier uüber die feuchten Wieſenflächen. Alles Geräuſch im Walde verſtummte, nur einzelne Raben flogen noch krächzend über das Thal und ſuchten ihr Neſt auf. Fledermäuſe flatterten durch die Luft, und mit leiſem, weichem Flügelſchlage ſtrich die Eule am Saume des Waldes hin. Einzelne Sterne blinkten ſchon mit ſchwachem Scheine durch die immer dichteren Schatten der Dämmerung, der Mond zeigte ſein Sil⸗ berhorn in bleichem Lichte über der Bergkuppe— und noch immer lag die arme, kranke Frau regungslos auf dem feuchten Waldpfade ausgeſtreckt, und Niemand, Niemand war gekommen, der einen theilnehmenden Blick auf ſie geworfen, der eine mitleidige Hand nach ihr ausgeſtreckt hätte. Endlich ſchien Gott ihr Huͤlfe zu ſenden. Raſche, kräftige Fußtritte ertönten durch die ſtille Dunkelheit der anbrechenden Nacht, und wenige Augenblicke nach⸗ her konnte man die Umriſſe einer ſchlanken, jugendlichen Männergeſtalt ſehen, welche ſich ſchnell dem Orte nä⸗ herte, wo die arme Frau auf der Erde lag. Aber der verſpätete Wanderer ſah ſie entweder nicht, oder er hielt ſte nicht für ein hülfsbedürftiges menſchliches Weſen, denn er ging an ihr voruͤber, und war wohl ſchon 7 zwanzig Schritte weiter geeilt, als ein ſchwacher Klage⸗ ton ihn plöͤtzlich aufhorchen machte und an die Stelle feſſelte. „Was gibt's hier?« fragte er laut.„Bedarf Je⸗ mand des Beiſtandes?“ 2 „Mutter! Mutter, wo biſt du?« rief die jammernde Stimme eines Kindes.„»Mutter, ich fürchte mich!« „Großer Gott, ein Kind, und zu ſo ſpäter Stunde allein im Walde!“ murmelte der junge Mann, und näherte ſich raſch dem Orte, von wo die Klagelaute er⸗ tönten.„Ruhig, ruhig, armes Würmchen!“ ſprach er laut weiter.„Fuͤrchte dich nicht, ich bin da, ein Freund, ein guter Freund! Aber, mein Himmel, was iſt dieß?“ Er hatte in dieſem Augenblicke den lebloſen Körper der Frau entdeckt, und eilte, des Kindes vergeſſend, raſch darauf zu. Während er ſich bemühte, die Un⸗ glückliche aufzuheben, kam der kleine Knabe gelaufen und weinte laut. „Still, ſtill, mein Kind,“ tröſtete der junge Mann den Kleinen,„deine Mutter wird ſich wieder erholen, und du mußt nur ein wenig Geduld haben. Sieh', da ſchlägt ſie ſchon die Augen auf! Armes Weib, wie blaß und elend ſie ausſieht! Fühlt Ihr Euch jetzt et⸗ was beſſer, gute Frau?« „Mein Kind,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme, —„wo iſt Alli, mein Knabe?« „Hier, Mutter! Hier bin ich ja!“ erwiederte der Kleine, und ſchmiegte ſich an ſie.„Mich hungert ſchon wieder, Mutter! Ach, mich hungert ſo ſehr!« „Armer Kleiner!“ nahm der junge Mann, der ſich ſo liebreich der Unglücklichen annahm, mitleidig das Wort—„deinen Hunger können wir, Gott ſei Dank, ———— 5 7.* eree 8 — — * * — ——. ſtillen! Da, nimm und iß und laß es dir ſchmecken, während ich deiner Mutter beiſtehe! Ein wahres Glück, daß ich die paar Brödchen einſteckte! Aber Ihr, gute Frau, wie fühlt Ihr Euch?« „Oh, ich danke, ich danke!« erwiederte ſte.„Fra⸗ gen Sie nicht nach mir! Nur der Kleine, mein Alli! Helfen Sie ihm erſt, lieber Herr!« »Pah, dem iſt geholfen, er ſchmaust wacker, Ihr ſeht es ja, gute Frau,« entgegnete der junge Mann. „Aber ich merke wohl, Ihr ſeid ſehr ſchwach, und krank wohl auch! Mein Gott, wie kommt es, daß ich Euch hier ſo verlaſſen und hülflos im Walde finde? Warum habt Ihr nicht das Dorf zu erreichen verſucht? Es iſt kaum noch eine halbe Stunde entfernt!« »Ich konnte, konnte nicht weiter,“ antwortete die Arme, indem ſie von Neuem unter die alte Eiche nie⸗ derſank, die ihr vorhin ſchon zum Ruheſitze gedient hatte.„Meine Kräfte verſagten, und ach, ach mein Gott, ich fühle, daß mein Ende nahe iſt. Gram und Kummer haben das Mark meiner Gebeine aufgezehrt! Oh, barmherziger Vater im Himmel, und was ſoll dann, dann aus meinem Kinde werden!« „Beruhigt Euch, gute Frau, beruhigt Euch,“ ſagte der junge Mann mit ſanfter Stimme und in tröſten⸗ dem, theilnehmenden Tone.„Ihr ſeid krank, ich ſeh' es wohl, aber hoffen wir, daß es vorübergeht, wenn Ihr nur erſt ein wenig ausgeruht ſeid und Euch wie⸗ der erholt habt. Fühlt Ihr Euch kräftig genug, auf meinen Arm geſtützt, die kurze Strecke bis zu dem Dorfe zurückzulegen? Dort werdet Ihr Ruhe und Er⸗ quickung finden! Ich werde für Alles ſorgen, für Alles, bis Ihr wieder ganz hergeſtellt, und geſund und kräftig ſeid! Alſo beruhigt Euch, gute Frau! Kommt, ſteht auf, ſtützt Euch auf meinen Arm, verſucht es, zu ge⸗ hen— verſucht es, ich bitte Euch!« Ach ja, ſie verſuchte es, die arme, kranke, bis auf den Tod erſchöpfte Frau, aber ihre Kräfte waren bis auf's Aeußerſte aufgezehrt; kaum aufgerichtet, brach ſie wieder zuſammen, und ihre ſchwachen, zitternden Füße verſagten ihr den Dienſt. »Es geht nicht, geht nicht!« ächzte ſte, und lehnte ſich wieder halb ohnmächtig gegen den rauhen Stamm der Eiche.„Dank für Ihre Güte, lieber Herr, aber Sie ſehen es wohl, ich kann, kann nicht weiter!“ »Ja, ich ſehe es, ſehe es freilich,« erwiederte er und ſtand rathlos vor der Unglücklichen.„Aber was iſt da zu thun? Wißt Ihr, gute Frau, ich will nach dem Dorfe eilen und einen Wagen herbeiſchaffen! Wenn Ihr wollt, nehm' ich Euer Kind auf meinen Armen mit.« »Nein, nein, oh nein!“ rief ſie matt, und preßte den Kleinen an ihr Herz.„Nein, ich kann mich nicht von ihm trennen! Ich müßte ſterben, wenn er nicht bei mir wäre. Laſſen Sie ihn mir, ich bitte Sie!« »Ja doch, ja doch, gute Frau, ich will Euch ja das Kind nicht rauben!« erwiederte der junge Mann beruhigend.„Wartet denn nur eine kurze Weile noch, und entfernt Euch nicht von dieſer Stelle. Ehe eine Stunde vergeht, komm' ich mit einem Wagen zurück.« »Haben Sie Dank, Dank aus Herzensgrunde!« ſtammelte die arme Frau und preßte ihre bebenden Lippen auf die Hand des barmherzigen Samariters. „Und hören Sie noch die letzte, flehende Bitte aus dem Munde einer ſterbenden Mutter! Wollen, ach, wollen nn * Sie ſich meines armen Kindes annehmen, wenn— wenn— ich ſelbſt nicht mehr im Stande bin...“ „Ja, ja doch, ich verſpreche es Euch, gute Frau,“ erwiederte er.„Aber warum denn das Schlimmſte fürchten? Gott wird Euch ſchon Kraft und Geſundheit wiedergeben! Verzweifelt nicht, gute Frau! Hoffet und betet, und Alles wird wieder gut werden und gut ge⸗ hen. Aber laßt mich jetzt! Die Nacht iſt da, und wir dürfen nicht ſäumen, Euch und dem kleinen Knaben ein ſchirmendes Obdach zu verſchaffen. In ſpäteſtens einer Stunde bin ich zurück, alſo harret getroſt aus!“ „Ja, ich will ausharren, und zu Gott beten, auch für Sie, meinen Wohlthäter, der Sie wie ein Engel des Himmels zum Troſte meiner verzweifelten Seele gekommen ſind!“ erwiederte die Frau.„Gottes Segen und Seine Gnade ruhe auf Ihrem Haupte!“ Der junge Mann riß ſich los, ermahnte noch ein⸗ mal mit liebevollen Worten zu Hoffnung und Geduld, und eilte mit beflügelten Schritten davon. Noch war keine halbe Stunde vergangen, ſo hatte er das Dorf erreicht und trat in eines der nächſtgelegenen Häuſer hinein. Er mußte hier ſchon bekannt ſein, denn ob⸗ gleich kein Licht auf dem Hausflur brannte, fand er ſich doch mit Leichtigkeit zurecht, und öffnete eine Thür, aus welcher ihm heller Lampenſchimmer entgegenquoll. „Martens,“ ſagte er im Hereintreten,„Ihr müßt mir den Gefallen thun, augenblicklich einen Wagen an⸗ zuſpannen und mir einen Knecht nach dem Walde mit hinauszugeben. Eine arme, unglückliche Frau liegt dort mit ihrem Kinde ſterbenskrank auf der feuchten Erde, und muß ſo ſchnell wie möglich herein geſchafft werden, zu mir, in mein Haus natürlich!« 11 „Herrje, was Sie ſagen, Herr Pfarrer,« antwor⸗ tete der Bauer, der bei dem Eintritte des jungen Man⸗ nes ehrerbietig aufgeſtanden war und ſein Käppchen gelüpft hatte.„Ja, ja, es ſoll gleich geſchehen! He, Gottlieb, ſpanne die beiden Braunen vor, und kannſt auch ein paar Bund Stroh auf den Wagen werfen, daß es nicht ſo ſchüttert und ſtaukert auf dem holpri⸗ gen Waldwege! Mache geſchwind, Gottlieb, hörſt du wohl?“ Der Knecht war ſchon aufgeſprungen und eilte in den Hof hinaus. Bald darauf hörte man das Ge⸗ trappel der Pferde, der Wagen fuhr vor das Haus, der junge Pfarrer ſtieg auf, und in raſſelndem Trabe ging es in den Wald hinein. Der Knecht hatte kluger Weiſe eine Laterne mitgenommen, und ſo hielt es nicht ſchwer, den ſchmalen Weg aufzufinden und zu ver⸗ folgen. „Jetzt halt!« rief der Pfarrer dem Knechte zu— „hier iſt die Eiche, und hier muß auch die arme Frau am Fuße derſelben liegen.“ Die Pferde ſtanden und der junge Pfarrer ſtieg vom Wagen. Mit der Laterne in der Hand ſuchte er den Ort auf, wo er die kranke Frau verlaſſen hatte. Ja, da lag ſie noch, mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, und das Kind ruhte ſchlummernd auf ihrem Schooße. Aber ach, ihr Geſicht war ſo blaß, ſo ſchreck⸗ lich blaß, als der Schein der Laterne hell auf ſie fiel. Ihre Augen waren geſchloſſen, ihre Hände wie im Ge⸗ bet über dem Haupte des ſchlafenden Kindes gefaltet. Die Arme, ſie blickte nicht auf, als der Pfarrer näher trat, ihre Lippen blieben ſtumm, ſie regte ſich nicht... „Barmherziger Gott,“ ſagte der Pfarrer und fuhr — A ———= — 2 ——— — 12² erſchrocken zurück,„ſie iſt todt! Der Herr hat ſie zu ſich genommen, ehe ich ihr Hülfe bringen konnte! Un⸗ glückliches, bedauernswerthes Weib!« Er ergriff ihre Hand— ſie war kalt! Er ſuchte ſte in's Leben zurückzurufen, indem er Waſſer an der Quelle holte und ihr blaſſes, ſtilles Geſicht beſprengte — ſeine barmherzigen Bemühungen blieben erfolglos. Ja, die arme Frau war geſtorben, geſtorben vielleicht in dem Augenblicke, wo ſie ein letztes Gebet für ihr Kind, für ihren hülfloſen Knaben zu Gott, dem All⸗ mächtigen, aus der Tiefe eines brechenden Herzens ge⸗ richtet hatte. Der junge Pfarrer betrachtete ſie mit einem mitlei⸗ digen Blicke, und eine Thräne trat in ſein Auge. „»Arme Frau,“ ſagte er,„wer du auch ſeieſt, Gott laſſe dich eingehen zu ſeiner Herrlichkeit, und verleihe dir die ewige Ruhe nach den Stürmen und Mühen deines gewiß leidensreichen und kummerſchweren Lebens. Und dein Kind, das in den Armen des Todes, in dei⸗ nen kalten Armen ſo ruhig ſchlummert— es ſoll nicht verlaſſen und hülflos, ohne Schutz und Schirm durch die Welt irren,— ich will ſein Vater ſein, und Gott gebe ſeinen Segen zu dieſem Werke chriſtlicher Barmherzigkeit!« Mittlerweile war auch der Knecht herangetreten, und betrachtete mit verſtörtem Blicke bald den Pfarrer, 8 die blaſſe Frau, die im ewigen Todesſchlafe ruhete. „Ach Gott, Herr Pfarrer, was ſollen wir nun machen?“ ſagte eer endlich.„Das iſt ja ein ſchreckliches Unglück hier!« »Ja, mein Freund, es iſt ein Unglück,“ erwiederte — der junge Mann,»obgleich doch auch wieder vielleicht nur eine Gnade von Gott! Die arme Frau hat nicht das Ausſehen, als ob ihr noch viele frohe Tage im Leben beſchieden geweſen wären. Doch wie dem auch ſei, hier im Walde darf ſie nicht liegen bleiben, wir müſſen für ein chriſtliches Begräbniß ſorgen, Gottlieb! Hilf mir, die Arme auf den Wagen betten! Aber warte, ich will erſt den Kleinen zu mir nehmen.“ Leiſe und vorſichtig, um das Kind nicht aufzuwecken, nahm er es aus den kalten Armen der Mutter, hüllte es in die leinene Decke, die noch am Boden lag, und trug es zum Wagen. Dann hob er mit Hülfe Gott⸗ liebs die entſchlafene Frau auf, bettete ſie auf das Stroh im Wagen, ſetzte ſich neben ſie, und nahm das Kind auf ſeinen Schooß, wo es warm und weich lag. Lang⸗ ſam fuhr der Knecht nach dem Dorfe zurück. Zweites Kapitel. Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Matth. 19, 14. — Die Verſuche, welche der Pfarrer Robin— ſo hieß der junge Mann, der in chriſtlicher Liebe das Amt des barmherzigen Samariters übernommen hatte— mit Sorgfalt in ſeiner Pfarrwohnung anſtellte, die arme Frau wieder in's Leben zurück zu rufen, zeigten ſich erfolglos. Gott hatte ihre unſterbliche Seele zu — —— —— “ 5 S — — Frau 14 ſich genommen, und nur die lebloſe Hülle war zurück⸗ geblieben. Er mußte von ſeinem Werke der Liebe ab⸗ ſtehen, und deckte ſeufzend ein weißes Tuch über die ruhig ſchlummernden, irdiſchen Ueberreſte der armen „Was nun, Chriſtine?“ ſagte er zu ſeiner alten Magd, die ihm geſchäftig zur Hand gegangen war. Die Alte zuckte die Achſeln.„Da iſt keine Hoff⸗ nung weiter, Herr Pfarrer,“ entgegnete ſie.„Sehen Sie nach, ob die arme Frau vielleicht Schriften und Papiere bei ſich führt, aus denen man ihre Herkunft erſehen und vielleicht Auskunft bekommen kann über etwaige Anverwandte des Kindes. Das arme Würm⸗ chen dauert mich! Was ſoll aus ihm werden, wenn Sie keine Angehörigen ausfindig machen, denen man es übergeben kann?“ „Oh, was das Kind anbetrifft, ſo mache dir keine Sorgen, Chriſtine,“ erwiederte Pfarrer Robin.„Ich behalte es bei mir! Das habe ich der armen, ſterben⸗ den Mutter verſprochen, und würde es thun, auch wenn ich es nicht verſprochen hätte. Das arme Kind! Gott ſelber hat es in mein Haus geführt, und es ſoll nicht daraus verſtoßen werden. Nein, o nein! Ich würde mich der Sünde fürchten!“ Die alte Chriſtine ſchüttelte den Kopf.„Ach, lieber Herr Pfarrer, haben Sie auch wohl daran gedacht, was eine ſchwere Laſt Sie ſich mit dem Kinde aufbür⸗ wen?“ ſagte ſie.„Es geht ohnehin ſchon knapp her mit den dreihundert Thalern Gehalt, wovon die Hälfte noch obendrein immer in die Hütten der Schwachen, der Kranken und Greiſe wandert! Wie ſoll das wer⸗ den, wenn Sie auch noch für ein fremdes Kind ſorgen wollen? Ach, Herr Pfarrer, bedenken Sie doch wohl, was Sie thun!« „Du willſt alſo, Chriſtine, ich ſoll das arme Kind, die hülfloſe, verlaſſene Waiſe auf die Straße hinaus⸗ ſtoßen, um damit ich ſelber an meinem Wohlleben nichts einbüße?« entgegnete der Pfarrer Robin.„Nicht doch, Chriſtine! das kann unmöglich dein Ernſt ſein!« »Behüte Gott, Herr Pfarrer! Ach, behüte Gott!« entgegnete die alte, treue Magd in vollem Eifer. „Wohlleben! Ach, wer ſpricht denn von Wohlleben? Sie, und Wohlleben, wo Sie ſich doch den Biſſen vom Munde abſparen, um ihn den Armen zu reichen! So mein' ich's ja nicht, Herr Pfarrer! Ich meine nur, wenn Sie irgend einen Nachweis finden bei der armen Frau, vielleicht den Namen von Verwandten oder ſo etwas, daß Sie dann lieber das Kind in deren Hände geben möchten, anſtatt es ſelber zu behalten! Sie wiſ⸗ ſen ja doch, wie knapp es manchmal bei uns zugeht! Sie wiſſen's ja!« »Wohlan denn, ſehen wir nach!« erwiederte der Pfarrer.„Durchſuche du die arme Frau, Chriſtine, und wenn du etwwas findeſt, ſo bringe mir's auf mein Studierzimmer.“ »Ja, das will ich, gehen Sie ganz ohne Sorge, Herr Pfarrer,“ ſagte die alte Magd.„Und nach dem Kleinen will ich auch ſehen. Ja doch, ja doch! Wenn wir ihn behalten müſſen, dann ſoll's ja auch an der alten Chriſtine nicht fehlen! Nur, wenn's nicht noͤthig wäre, Herr Pfarrer! So mein' ich's!« Pfarrer Robin kannte ſie ſchon, ſeine alte, treue Chriſtine, die bereits ſeinen Aeltern gedient und ihn von Kindesbeinen an auf den Armen getragen hatte. Er S*= — — —— — — A. — 16 wußte ſchon, daß ihr Herz weicher war, zehnmal wei⸗ cher, als ihre mitunter harten Worte, die niemals böſe gemeint waren, und darum ließ er ſie getroſt bei dem armen Kinde zurück und ging in ſeine Stube, feſt über⸗ zeugt, daß er es keinen beſſeren und ſorgſameren Hän⸗ den anvertrauen könne. Nach zehn Minuten folgte ihm die alte Chriſtine nach und brachte ihm, was ſie bei der verſtorbenen Frau gefunden hatte. Es war nicht viel, nur ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, ein kleines Meſſer mit Horn⸗ griff und einem Silberplättchen, auf welches die Buch⸗ ſtaben A. B. eingegraben ſtanden, ein Fingerhut, ein Nadelbüchschen, ein Zwirnknäuel, und endlich das Wich⸗ tigſte, ein Brief, oder vielmehr nur das Bruchſtück eines Briefes, ſorgſam zuſammengefaltet, aber hie und da in den Falzen ſchon zerriſſen und einzelne Worte halb weggelöſcht, von Thränen wahrſcheinlich, die darauf ge⸗ fallen ſein mochten, und eben, wie geſagt, nur ein Bruchſtück, die Hälfte eines Briefbogens, von welchem die andere Hälfte abgeriſſen war. Dennoch griff Pfar⸗ rer Robin mit Begierde darnach, in der Hoffnung, ir⸗ gend eine Auskunft über den kleinen Knaben und ſeine arme, geſtorbene Mutter zu finden. Er überflog das Schreiben mit haſtigem Blicke, legte es dann aber mit einem Seufzer auf den Tiſch vor ſich hin. „Es iſt nichts, Chriſtine,“ ſagte er.„Meine Er⸗ wartung iſt getäuſcht. Gerade der wichtigſte Theil des Briefes fehlt— iſt abgeriſſen— wahrſcheinlich verlo⸗ ren gegangen. Dieß hier enthält nichts, oder doch nur wenig, was uns auf die Spur helfen könnte.“ „Wer weiß?“ erwiederte die alte Chriſtine.„Laſ⸗ ſen Sie mich auch einmal leſen, lieber Herr Pfarrer! Oder leſen Sie mir's lieber vor, wenn Sie ſo gut ſein wollen. Geſchriebenes kann ich nicht ſo gut entziffern, beſonders Abends bei der Lampe,— es blendet mich ſo, das Lampenlicht.“ Pfarrer Robin willfahrte der treuen Dienerin, griff noch einmal nach dem Briefe, und las, oft unterbrochen von der alten Chriſtine, laut und langſam vor, wie folgt: Mein armes, unglückliches, theures Weib! Nach jahrelanger, unter wechſelnden Schickſalen ver⸗ lebter Abweſenheit wird mir endlich das Glück zu Theil, dir eine gute und hoffnungsreiche Nachricht von mir geben zu können. Ich habe endlich eine Zuflucht ge⸗ funden, ich kann dir endlich eine neue Heimath bieten, nachdem ich ſo ungerechter Weiſe aus unſerer früheren vertrieben worden bin. „Vertrieben?« ſagte die alte Chriſtine.„Ei Herrje, der Vater des Kleinen wird doch kein Verbrechen be⸗ gangen haben?« »Behüte,“ ſagte Pfarrer Robin,„du hörſt ja, daß er ſchreibt, ungerechter Weiſe vertrieben! Alber laß mich nur weiter leſen.“ Und weiter las er: Ja, ich ſchwör' es im Ange⸗ ſichte Gottes, und du weißt es ja auch, unſchuldig vertrieben, unſchuldig verdächtigt und angeklagt, und Hunſchuldig hingerichtet wahrſcheinlich auch, wenn ich nicht noch zur rechten Zeit mein Pferd geſattelt und die 7 Flucht ergriffen hätte. Du weißt, daß es meine Ab⸗ ſicht war, nach England zu entfliehen, und ich wählte den Weg über Hamburg, weil mir dort ein guter Freund lebte, dem ich mich anvertrauen konnte. Mit Barmherzigkeit. 2 ſeiner Huͤlfe glaubte ich leicht ein Schiff zu finden, um die Ueberfahrt zu machen, und einmal an Bord eines engliſchen Fahrzeuges, durfte ich mich für geſichert hal⸗ ten. Aber mein Freund war verreist, und aus einer Zeitung, die ich in einem Kaffeehauſe las, erſah ich mit Schrecken, daß man mich mit Steckbriefen verfolgte, und ſogar der Richtung meiner Flucht auf der Spur war. Wenn man mich entdeckte, erkannte, ſo war ich verloren. Es blieb mir keine Zeit zum Beſinnen, ich durfte die Rückkehr meines Freundes nicht abwarten, denn jeden Augenblick mußte ich gewärtig ſein, in die Hände meiner Verfolger zu fallen. Heimlich ſteckte ich das Zeitungsblatt ein, damit es nicht noch Andere leſen ſollten, die vielleicht Luſt hätten, den Preis zu verdie⸗ nen, der auf meinen Kopf geſetzt war; heimlich ſchlich ich aus dem Kaffeehauſe davon, und eilte zum Hafen, um auf Gerathewohl eine Zuflucht an Bord des erſten beſten abſegelnden Schiffes zu finden. In der Ferne ſah ich ein Schiff die Elbe hinab ſegeln und ſprang in ein Boot, deſſen Führer ein junger Burſho. Helgo⸗ land war.„»Sieh' dort das Schiff,“ ſag⸗ ut ihm. „Ich habe die Abfahrt verſäumt, zwei G ſind dein, wenn du es einholſt!« Ich ließ dar vor ſeinen Augen funkeln, und der junge Burſch ch dem Ruder.„Setzen Sie ſich nieder, Herr,“ an. tete er.„Sie ſollen an Bord gelangen, und wenn i bis nach Kuxhaven fahren müßte!« Der junge Menſch ruderte wacker, und wie ein Pfeil ſchoß das Boot die Elbe hinunter. Hinter Blan⸗ keneſe holten wir das Schiff ein, ich verlangte an Bord gelaſſen zu werden, die Schiffstreppe fiel, ich warf mei⸗ nem Bootsführer den redlich verdienten Lohn zu, und in der nächſten Minute ſtand ich an Bord. Der Ka⸗ pitän des Schiffes war ein braver Mann. Ich ent⸗ deckte ihm meine Lage und bat ihn um Schutz. »Den ſollen Sie haben,« ſagte er,„aber mein Schiff geht nicht nach England, ſondern nach Oſtindien, und meine Pflicht verbietet mir, an der engliſchen Küſte an⸗ zulegen.« Das war ſchlimm; indeß hatte ich wenigſtens vor der Hand Freiheit und Leben gerettet, und der Kapi⸗ tän meinte, es ſei nicht unmöglich, daß wir irgend ein Schiff einholten, welches mich aufnehmen und nach England bringen könne. Auf dieſe Hoffnung verließ ich mich, und blieb. Was hätte ich anders thun ſol⸗ len? Der Kapitän räumte mir eine Kajüte ein, und das Schiff ſetzte ſeinen Kurs, die Elbe hinunter, fort. Wir erreichten Kurhaven, gewannen die offene See, fuhren an Helgoland vorüber, kamen glücklich in den Kanal, und Tag für Tag ſtand ich mit dem Fernrohr in der Hand im Vordertheile des Schiffes und ſpähte nach einem Fahrzeuge, welches mich an die engliſche Küſte führen könne. Seltſamer Weiſe fand ich keines. Unſer Schiff glitt raſch dahin, und wir überſegelten manches ſchwerfälligere Fahrzeug, aber nicht Eines von Allen war nach England beſtimmt. Es ſchien beinahe, als ob die Hand der Vorſehung hier im Spiele ſei. Wir gelangten in den atlantiſchen Ocean, und immer noch befand ich mich auf meinem Schiffe, und die eng⸗ liſche Küſte verſank weit hinter mir in blauem Nebel⸗ dunſt. Gleichwohl gab ich noch nicht alle Hoffnung auf, und auch der Kapitän ſprach mir guten Muth ein. »Wir würden ja wohl noch einem Schiff begegnen,⸗ meinte er. Wir ſegelten weiter, ein Tag, eine Woche nach der andern ſchwand dahin, kein Fahrzeug kreuzte unſeren Weg. Mein Verhängniß ſchien es zu wollen, daß ich nach Oſtindien verſchlagen werden ſolle, und obgleich mir dieſer Gedanke anfangs ſchmerzlich war, gewoͤhnte ich mich doch allmälig daran. Der Kapitän tröſtete mich.„Am Ende,“ meinte er,„ſei ich in Oſt⸗ indien beſſer daran, als in England. Dort habe ſchon Mancher ſein Glück gemacht, dem es in ſeiner Heimath nie geblühet haben würde, und Leute, die Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hätten, pflege es ſelten fehlzuſchlagen.“ Nun denn, ich mußte mich in mein Schickſal erge⸗ ben, und am Ende, blieb es ſich denn nicht gleich, wo, an welchem Orte, in welchem Lande ich eine neue Hei⸗ math ſuchte? Wenn es mir nur gelang, irgend eine Zufluchtsſtätte zu finden, eine Zuflucht für dich, theu⸗ res Weib, und für unſeren Alli, unſeren lieblichen Knaben! Mit Euch wieder vereinigt, und die Heimath, das Vaterland, das Glück iſt wieder mein! »Ach, der arme Mann,“ ſagte die alte Chriſtine, als Pfarrer Robin einen Augenblick inne hielt.„Wie er ſich nach den Seinigen ſehnt! Der iſt gewiß kein Böſewicht, der mit ſolcher Liebe an Weib und Kind hängt! Aber wie geht'’s denn weiter, Herr Pfarrer? Iſt es ihm denn geglückt in dem fernen Lande?« »Höre ſelbſt,“ erwiederte der Pfarrer, und las weiter: Nach langer Fahrt endlich tauchte die Küſte von Aſien vor uns auf und wir liefen in den Hafen ein, von dem ich noch nicht wußte, ob er mir ein Hafen des Friedens und Glückes werden ſollte. Den geringen Reſt der Baarſchaft, der mir noch übrig geblieben war, theilte ich mit meinem wackeren Kapitän, nachdem er ſich entſchieden geweigert hatte, das Ganze anzunehmen. Mit herzlichem, warmem Händedrucke ſchied ich von ihm und ging an's Land. Da ſtand ich nun auf der fremden Erde, fern vom Vaterlande, fern von Allem, was mir theuer war, und kein Blick begrüßte mich, keine Stimme hieß mich willkommen, keine befreundete Hand ſtreckte ſich nach der meinigen aus. Ein bitteres Gefühl des Verlaſſenſeins beſchlich mein Herz und beugte mich nieder; aber der Gedanke an Euch, die Hoffnung, daß Ihr mir einſt nachfolgen würdet, richtete mich wieder auf. Ich raffte mich zuſammen, und ſuchte vor allen Dingen Arbeit und Beſchäftigung. Nach manchem, vergeblichen Schritte gelang es mir endlich, ein Unterkommen als Schreiber bei einem engliſchen General zu finden. Es war nur ein niedriges, ſchlecht beſoldetes Amt, das kaum ſo viel einbrachte, mich ſelbſt kümmerlich zu ernähren. Dennoch nahm ich es an, in der Hoffnung, allmälig zu einem höheren Poſten vorzurücken, und erfüllte nach Kräften meine Pflicht. Gleichwohl hätte noch lange Zeit vergehen können, ohne daß meine Hoffnung erfüllt worden wäre, wenn nicht ein beſonderer Umſtand die Aufmerkſamkeit des Gene⸗ rals auf mich gezogen hätte. Ein Aufſtand der Mah⸗ ratten brachte uns Krieg. Unſere Truppen⸗Abtheilung mußte mit den Uebrigen in's Feld rücken, und alle Untergebenen des Generals folgten ihm in's Lager. Blutige Schlachten wurden geſchlagen, und in einem hitzigen Gefechte hatte ich Gelegenheit, mich auszuzeich⸗ nen. Der General, nur ſeiner ungeſtuͤmen Tapferkeit folgend, war mit einem kleinen Gefolge zu weit vor⸗ gedrungen, und ſah ſich plötzlich von einer weit über⸗ legenen Truppenzahl des erbitterten Feindes umringt. Sein Leben ſchwebte in der höchſten Gefahr, wenn ihm nicht die ſchnellſte Hülfe zu Theil wurde. Alle unſere Truppen befanden ſich gerade im hitzigſten Gefechte, nur einzelne Reiter, die in die Flucht geſchlagen waren, ſprengten regellos über das Feld. Zum Glück hatte ich ein gutes Pferd, und mein Entſchluß war raſch ge⸗ faßt. Ich warf mich den Flüchtigen entgegen, drohete ſie aus dem Sattel zu hauen, wenn ſie nicht Stand hielten, und hatte in wenigen Augenblicken ein Häuf⸗ lein von zehn oder zwölf Mann um mich verſammelt. „Der General iſt in Gefahr!« rief ich ihnen zu.„Ein Feigling, wer ihn verläßt! Ein einziger kräftiger An⸗ griff, und er iſt gerettet!« Die braven Soldaten lieb⸗ ten ihren General, und ihr alter Muth kehrte in ihre Herzen zurück. Sie folgten mir. Im Galopp ſtürz⸗ ten wir auf die Feinde, unſere Säbel brachen uns Bahn, der Knäuel, der den General in ſeine Mitte eingezwängt hatte, wurde geſprengt, wir hieben nieder, was ſich widerſetzte, und der Feind hielt nicht länger Stand. Der General hatte mich bemerkt.„Nach der Schlacht!« rief er mir zu.„Behaupten Sie nur we⸗ nige Minuten dieſen Punkt! Sie werden Hülfe be⸗ kommen!« Mit dieſen Worten jagte er davon, aber gleich nachher kehrte er an der Spitze eines Reiter⸗ Regimentes zurück. Sein ungeſtümer Angriff entſchied das Gefecht zu unſeren Gunſten, die Mahratten räum⸗ ten in wilder Flucht das Feld und wurden vollſtändig aus einander geſprengt. Der General hatte mich in der That nicht vergeſ⸗ ſen; er ernannte mich zum Offizier, bald darauf zu ſei⸗ 23 nem Adjutanten, endlich, um das Maß ſeiner Güte voll zu machen, zum Rittmeiſter. Mein Herz jauchzte, denn das gluckliche, das erſehnte Ziel war endlich er⸗ reicht, ich konnte nun ernſtlich daran denken, dich und meinen Alli nachkommen zu laſſen, ich durfte mich der begründeten Hoffnung hingeben, Euch nach ſo ſchweren Tagen wieder an mein Herz drücken, Euch eine neue Heimath bieten zu können. Aber es ſollte noch beſſer kommen; das Glück, das mir zulächelte, war noch nicht müde, mich mit neuen Gunſtbezeugungen zu über⸗ ſchüͤtten. Die Mahratten, verwildert durch ihre Niederlagen, plünderten auf ihrem Rückzuge Freund und Feind. Der Palaſt eines indiſchen Fürſten, der ſich bei dem Auf⸗ ſtande ruhig verhalten, und an keiner Gewaltthätigkeit irgend einer Art Theil genommen hatte, wurde von einer räuberiſchen Streifſchaar ſeiner eigenen Landsleute überfallen, und wäre unzweifelhaft vollſtändig ausge⸗ plündert worden, wenn es nicht ein günſtiges Geſchick gewollt hätte, daß ich mit meiner Schwadron in der Nähe geweſen wäre. Wir eilten Hülfe zu bringen, und kamen glücklicher Weiſe noch zur rechten Zeit. Das Geſindel wurde niedergehauen, gefangen und in die Flucht gejagt, ehe es großen Schaden hatte anrichten können. Der Fürſt überſchüttete mich mit Dankſagun⸗ gen, und drang ſogar in mich, als ich jede andere Be⸗ lohnung zurückwies, die Stelle eines oberſten Beamten in ſeinem Hausweſen anzunehmen. Ich ſchlug den Antrag nicht aus, bat aber um Bedenkzeit, weil ich vorher meinen väterlichen Gönner, den General, um Rath befragen wollte. Er war ſehr überraſcht und er⸗ freut über meine Mittheilung.„Nehmen Sie an, neh⸗ — ——— ————ſ-- 8 — —— * * men Sie auf der Stelle an,« ſagte er.„Sie wiſſen nicht, können nicht wiſſen, welch ein glänzendes Loos Ihnen das Glück da in den Schooß wirft. Dieſe in⸗ diſchen Fürſten, obgleich ſie unter engliſcher Oberhoheit ſtehen, ſind dennoch ſehr mächtig, und zum Theil, wie Ihr neuer Freund, unermeßlich reich. Sie können Schätze in ſeinem Dienſte ſammeln, denn er iſt als der freigebigſte Mann bekannt. In der That, es iſt ein großes Glück, mein Freund, das Ihnen da geboten wird!« Ich beſann mich nicht länger, ſondern zeigte dem Fürſten meine Bereitwilligkeit an, nach beendigtem Kriege in ſeine Dienſte zu treten. Seine Antwort be⸗ ſtand darin, daß er mir ein prachtvolles Pferd ächt arabiſcher Rage mit goldenem Zaume und perlengeſtick⸗ ter Schabracke zum Geſchenke machte. Hierauf wurden wir vorläufig getrennt, bis die Mahratten völlig un⸗ terworfen waren, und ich mit Ehren um meinen Ab⸗ ſchied einkommen konnte. Ich erhielt ihn, kurz bevor mein trefflicher General an den Folgen des beſchwer⸗ lichen Feldzugs und ſeinen nur ſchlecht geheilten Wun⸗ den dem Tode erlag, durch ſeine Vermittlung. Die Woche darauf reiste ich in's Innere des Landes ab, und habe ihn nicht wieder geſehen. Seit einem Vierteljahre bin ich nun hier in meiner neuen Stellung, und nachdem ich ſie während dieſer Zeit genau kennen gelernt habe, kann ich Euch getroſt einladen, zu mir, in meine Arme zu eilen. Mein Fürſt iſt der freigebigſte, gütigſte Herr. Er überſchüttet mich mit Gnaden und Geſchenken, und ich fange an zu glauben, was mein alter General mir ſagte, daß es nämlich nicht ſchwierig ſein wird, in ſeinem Dienſte 25 Reichthümer zu ſammeln. Kommt und ſeht ſelbſt. Du haſt nichts zu thun, liebe Frau, als genau die Anwei⸗ ſungen zu befolgen, die ich dir aufſchreiben werde. Zu⸗ nächſt verkaufſt du unſer kleines Gut zu jedem Preiſe, und vor allen Dingen ſo ſchnell als möglich. Dann nimmſt du einen Wagen, in welchem du bequem deine Reiſe⸗Effekten unterbringen kannſt, und gehſt nach Ham⸗ burg zu.... »Nun, zu wem denn, Herr Pfarrer?« fragte die alte Chriſtine lebhaft.„Leſen Sie doch weiter, weiter!« »Hier bricht das Schreiben ab, gerade an dem wich⸗ tigſten Punkte,« antwortete Pfarrer Robin.„Kein Name, kein einziger iſt in dem Briefe genannt, der uns einen Anknüpfungspunkt bieten könnte. Gerade die fehlende Hälfte des Briefes enthält wahrſcheinlich die Löſung aller Räthſel. Wenn wir nur wenigſtens die Aufſchrift, die Adreſſe hätten, ſo wuͤßte man doch die Heimath der unglücklichen Frau, und könnte dort weitere Erkundigungen einziehen— aber auch ſie iſt mit dem fehlenden, augenſcheinlich abgeriſſenen halben Bogen verloren gegangen. Es iſt kaum denkbar, daß die arme Frau gerade den wichtigſten Theil des Brie⸗ fes verſchleudert haben ſollte. Sieh' noch einmal nach, Chriſtine, durchſuche Alles ganz genau, wir müſſen das fehlende Stück finden, denn das Glück des armen, ver⸗ waisten Knaben hängt vielleicht davon ab. Nach Allem zu ſchließen, erwartet ihn das glänzendſte Loos, wenn es uns gelingt, den Aufenthaltsort ſeines Vaters aus⸗ findig zu machen, und dieſen ſo ſehnſuchtsvoll nach Weib und Kind verlangenden Vater zu benachrichtigen. Geh', Chriſtine! Suche! Es handelt ſich hier um die ganze Zukunft des hülfloſen Kindes, und uns hat Gott die heilige Pflicht auferlegt, für die arme Waiſe zu ſorgen, zu handeln, an ihr Vaterſtelle zu vertreten! Suche, Chriſtine! Du mußt den Brief finden!« Chriſtine ging, durchſuchte auf's Genaueſte die gan⸗ zen Kleidungsſtücke der armen Frau, fand aber trotz allen Suchens nichts mehr, nicht das geringſte. Mit leeren Händen mußte ſie zu ihrem Herrn zurückkehren. Pfarrer Robin befand ſich in der lebhafteſten Un⸗ ruhe, denn in der That ſchien das ganze künftige Glück des verwaisten kleinen Knaben von dem Stückchen Pa⸗ pier abzuhängen, welches ſo auffallender Weiſe ver⸗ ſchwunden war. Der Brief, das heißt, das vorgefun⸗ dene Bruchſtück deſſelben, ließ kaum eine entfernte Hoff⸗ nung aufkommen, den Vater des Kindes ausfindig zu machen. Das Kind ſelbſt war zu klein, um irgend eine Auskunft von ihm erwarten zu können— was ſollte geſchehen, was konnte geſchehen, um die wich⸗ tigen Nachweiſe in Erfahrung zu bringen, von welchen die Auffindung des Vaters abhing? „Können Sie denn nicht nach Hamburg ſchreiben, Herr Pfarrer?« fragte Chriſtine.„Hamburg iſt ja nicht aus der Welt!« „Aber an wen ſoll ich mich wenden?« erwiederte er.„Ein Name iſt nicht genannt— Hamburg iſt groß— ſelbſt wenn ich den Fall in den Zeitungen veröffentlichte, bleibt es noch ſehr zweifelhaft, ob er in die rechten Hände gelangt! Und doch iſt dieß noch der einzige Weg, der uns übrig bleibt! Haſt du denn auch ganz, ganz genau Alles nachgeſehen, Chriſtine?« „Alles, Herr Pfarrer, verlaſſen Sie ſich darauf,“ entgegnete ſie mit einer Zuverſicht, daß Pfarrer Robin nicht länger zweifeln konnte.»Drei, vier Mal habe ich jede Taſche und jede Falte umgewendet, und ſelbſt die zerriſſenen Schuhe der armen Frau durchſucht. Nein, bei ihr iſt nichts mehr zu finden!“ »Nun denn, ſo müſſen wir Gott walten laſſen, der in's Verborgene ſchauet und das Geheime an's Tages⸗ licht bringt,“ ſagte Pfarrer Robin mit ſtiller Ergebung in das Unabänderliche.„Was auch kommen möge, das arme Kind ſoll wenigſtens nicht gänzlich verlaſſen ſein. Gute Nacht, Chriſtine! Geh' zur Ruhe! Die Nacht bringt uns vielleicht guten Rath.— Die alte Magd entfernte ſich, und auch Pfarrer Robin ſuchte, erſchöpft von den Gemüthsbewegungen des ereignißreichen Abends, ſein Lager auf. Aber ver⸗ gebens ſann er über eine Löſung des Räthſels nach, das ſo dunkel und unbeſtimmt in ſein ſtilles, beſchränk⸗ tes Leben getreten war. Die Nacht brachte ihm keinen Rath. Die kleine Waiſe war am folgenden Morgen friſch und geſund, aber, wie Pfarrer Robin im voraus be⸗ fürchtet hatte, wußte das arme Kind keinerlei Auskunft über ſeine Aeltern und ſein Herkommen zu ertheilen. Eine letzte Hoffnung drängte ſich dem Pfarrer auf: die arme Frau, im Todeskampfe ringend, hatte vielleicht in ihren letzten Augenblicken den Brief ihres Gatten an ihr Herz gedrückt und ihn dann bewußtlos ihrer Hand entgleiten laſſen. Wenigſtens war dieß noch eine Mög⸗ lichkeit, und er machte ſich am frühen Morgen auf, um die alte Eiche zu ſuchen, an deren Stamme die Unglück⸗ liche verſchieden war. Er fand den Platz— aber von dem mit Schmerzen geſuchten Briefe keine Spur. Ge⸗ beugten Hauptes und hoffnungslos kehrte er nach Hauſe zuruͤck. Auch Chriſtine hatte noch einmal die ärmlichen Kleidungsſtücke der Verſtorbenen Stück für Stück nach⸗ geſehen— jedoch ebenfalls ohne den erwünſchten Er⸗ folg. Pfarrer Robin mußte jede Hoffnung aufgeben, in den Beſitz der verlorenen, für die kleine Waiſe ſo wichtigen Hälfte des Briefes zu gelangen. Sie war ſpurlos verſchwunden, und die verſchloſſenen, bleichen Lippen der unglücklichen verſchiedenen Frau verriethen kein Geheimniß mehr. Es mußte mit ihr begraben werden. Gleichwohl unterließ Pfarrer Robin keineswegs, noch andere Schritte zu thun, den Vater der hülfloſen Waiſe ausfindig zu machen. Er ſchrieb nach Hamburg und nach London, ſchickte an die Herausgeber zweier weit verbreiteten Zeitungen Abſchriften des vorgefunde⸗ nen Briefes ein, erzählte die Umſtände, unter welchen er die Frau mit dem Kinde gefunden hatte, und bat um eine Mittheilung der Thatſachen in ihren Blättern. Seine Bitte wurde bereitwillig erfüllt, aber der Erfolg auch dieſes Verſuches entſprach keineswegs den Erwar⸗ tungen, welche der würdige Pfarrer Robin vielleicht gehegt hatte. Ein Monat, ein halbes, ein ganzes Jahr verſtrich, und keine Nachricht, keine Aufklärung irgend einer Art verbreitete Licht über das ſcheinbar undurch⸗ dringliche Dunkel, in welches die Herkunft des kleinen Alli eingehüllt war. Pfarrer Robin fügte ſich endlich in das Unvermeidliche, und ließ es ſich angelegen ſein, gewiſſenhaft das Verſprechen zu erfüllen, das er der gterbenden Mutter des Kindes gegeben hatte. „Armes Kind!“ ſagte er eines Tages leiſe vor ſich hin, während der kleine Alli zu ſeinen Füßen ſpielte, gerade ein Jahr nach jenem Tage, wo er ihn in ſein Haus aufgenommen hatte,—„armes Kind, verlaſſen, 29 vergeſſen vielleicht von aller Welt, Schätze wie dein wahrer Vater kann ich dir nicht bieten, aber, was auch geſchehen möge, das Herz und die Liebe eines Va⸗ ters ſollſt du, ſo lange ich lebe, niemals vermiſſen!« Er nahm den Kleinen auf ſeine Kniee und drückte einen Kuß auf ſeinen friſchen, roſigen, lächelnden Mund. Der kleine Alli erwiederte ſeine Zärtlichkeit, indem er ſich kindlich an ihn ſchmiegte und die ſchwachen Aerm⸗ chen um den Hals ſeines Wohlthäters ſchlang. »Alli lieb haben!“ ſagte er. »Ja, das will ich, mein Sohn!“ erwiederte der brave Pfarrer mit gerührtem Herzen, und von Neuem wiederholte er das ſtille Gelübde, nie ſeine Hand von der armen Waiſe abzuziehen, und wie ein rechter Va⸗ ter für das künftige Wohl derſelben Sorge zu tragen welche Opfer er auch deßhalb bringen, welche Entbeh⸗ rungen auch er ſich auferlegen müſſe. Drittes Kapitel. Ein großes Unglück. Die Jahre kommen und gehen, aber wie viele ihrer auch kamen und gingen im ewigen Wechſel, der wür⸗ dige Pfarrer Robin blieb unwandelbar treu dem Worte, das er in ſchweren Stunden der ſterbenden Frau und ſich ſelbſt gegeben hatte. Der kleine Alli, von ſorgſa⸗ mer Hand gepflegt und behütet, wuchs fröhlich heran, und vermißte in Wahrheit niemals das Herz und die Liebe eines Vaters. Der allbarmherzige Gott, ohne deſſen Zulaſſung kein Sperling vom Dache und kein Haar von unſerem Haupte fällt, hatte einen Strahl ſeiner ewigen Güte auf die arme, vaterloſe Waiſe her⸗ nieder leuchten laſſen, und ſie aus der kalten Oede der Verlaſſenheit, von einem gebrochenen Herzen weg an ein anderes warmes, liebevolles und zärtliches Herz gebettet. Da war es wohl aufgehoben, das arme Kind, in ſtiller, friedlicher Heimath, und kein Schatten dunk⸗ ler Erinnerung trübte mit düſteren Wolken den heite⸗ ren blauen Himmel ſeines Jugendlebens. Alli hielt den Pfarrer Robin für ſeinen wirklichen Vater, und dieſer ließ ihn nicht nur gern bei dieſem Glauben, ſondern bedeutete auch die alte Chriſtine, bis auf Weiteres den Schleier der Vergangenheit nicht vor dem Knaben zu lüften. Chriſtine gehorchte, und Alli trat in das Jünglingsalter ein, ohne daß ihm je eine entfernte Ahnung gekommen wäre, daß er nicht das Kind des Hauſes, ſondern nur der Pflegeſohn des wackeren Pfarrers ſei. Die Enttäuſchung hätte ihn wielleicht betrübt, verwirrt, unglücklich gemacht; warum ihn alſo vor der Zeit über Verhältniſſe aufklären, die vor der Hand ja doch nicht zu ändern waren. Frei⸗ lich mußte einmal die Zeit kommen, wo es die Pflicht erheiſchte, Alli mit der wahren Sachlage bekannt zu machen; aber dieſer Zeitpunkt brauchte, wie Pfarrer Robin mit zarter Rückſicht meinte, doch erſt dann zu kommen, wenn Alli körperlich und geiſtig ſo weit heran⸗ gereift war, um unabhängig und ſelbſtſtändig den Gang ſeines künftigen Lebens beſtimmen zu können. Dieſe Abſicht war gewiß gut und zweckmäßig; aber 31 es traten Umſtände ein, welche ſie früher, als Pfarrer Robin hoffte und wünſchte, vereitelten, Umſtände, die abzuwenden leider nicht in ſeiner Macht lag. Zwölf oder dreizehn Jahre waren ſeit dem Hin⸗ ſcheiden von Alli's Mutter verſtrichen, als einſt mitten in der Nacht der ſchreckliche Ruf:„Feuer! Feuer!« durch das Dorf erſcholl. Pfarrer Robin war Einer von den Erſten, die ihn vernahmen, und immer bereit, zu retten und zu helfen, ſprang er von ſeinem Lager auf, warf mit zitternder Haſt ſeine Kleider über, und ſtürzte in's Freie. Ein greller, rother Schein leuchtete ihm furchtbar entgegen. Mächtige Rauchwolken, mit einem ſtiebenden Funkenregen vermiſcht, qualmten zum Himmel empor und verdunkelten das reine, glänzende Licht der Sterne. Einzelne Männer und Frauen eil⸗ ten mit bleichen, entſetzten Geſichtern, Rufe der Angſt und des Schreckens ausſtoßend, dem Flammenherde zu, und Pfarrer Robin war im Begriffe, ihnen zu folgen, als er ſich plötzlich eines Anderen beſann und nach ſei⸗ nem Hauſe zurückeilte. An der Thür ſtürzte ihm Alli entgegen. „Was gibt's, Vater?“ rief er. 8 »Die Dorfmühle brennt, Alli! Alles rennt dorthin, und Niemand denkt daran, nach dem Schloſſe zu eilen und die Feuerſpritze herbeizuſchaffen. Laufe hinauf, Alli, ſo ſchnell du kannſt! Wecke die Leute, die Knechte des Grafen, die von dem Feuerlärmen noch nichts ge⸗ hört haben müſſen, da Alles noch todtenſtill oben iſt! Siee ſollen die Spritze herbeiſchaffen, ſo ſchnell als mög⸗ lich! Fliege, Alli, denn noch kann vielleicht etwas ge⸗ rettet werden.“ Alli flog ſchon und verſchwand in der Finſterniß; — * —— ———— ——— — — ——— 8 Pfarrer Robin eilte mit ſchnellen Schritten der Brand⸗ ſtelle zu. Es war richtig die Dorfmühle, die bereits in hellen Flammen ſtand, welche mit rothen und gelben Zungen aus dem geſprengten Dache hervorbrachen. Der Schein des Feuers ſpiegelte ſich in den Wellen des Fluͤßchens, das die Mühlräder trieb, und warf ein grauenhaftes, unheimliches Licht über das brauſende Wehr, deſſen ſchäumende Waſſer wie von Blut übergoſſen glühten. Von der Mühle ſelbſt, das ſah man im erſten Augen⸗ blicke, war nichts mehr zu retten. Selbſt die großen Schaufelräder, welche noch immer vom Waſſer umge⸗ trieben wurden, brannten ſchon in lichter Lohe, und ſeltſam war es zu ſehen, wie ſogar das Waſſer ohn⸗ mächtig war gegen die Gewalt der Glut, welche das brennende Gebäude ausſtreuete. Zwar erloſchen die Flammen der Räder, wo die Schaufeln unmittelbar in's Waſſer eintauchten, aber kaum tauchten ſie wieder auf, ſo faßte die Flamme ſie auch von Neuem, und im feu⸗ rigen Kreiſe drehten und wirbelten die mächtigen Rä⸗ der ſich um und um, und ſprühten raſtlos einen Schwall von glühenden Funken und blitzenden Waſſerperlen von ſich. Und ringsum ſtanden rathlos die Männer und Frauen, und ſtarrten, wie gelähmt vor Entſetzen, mit bleichen Geſichtern auf das furchtbare und doch pracht⸗ volle Schauſpiel, ohne eine Hand zur Rettung zu rühren. Und doch war noch ſo Manches zu retten! Das Wohnhaus des Müllers, obgleich in der höchſten Ge⸗ fahr, war noch nicht von den Flammen ergriffen; hier konnte zugegriffen, gerettet, geholfen werden. Aber noch mehr. Aus den Ställen des weitläufigen Gehöftes ren, denn ſchon leckt die Flamme nach den Ställen gen. Die Gefahr wuchs mit jedem Augenblicke; ſchon 33 drangen ſchreckliche, klagende Töne hervor. Die Rin⸗ der brüllten, die Pferde wieherten, die Schafe blöckten, und kläglich miſchte ſich das Jammergeſchrei der armen Thiere mit dem Kniſtern des Feuers, mit dem Krachen der ſtuͤrzenden Balken und dem Sauſen der ſprühenden Flammenräder. »Um Gottes Willen, helft, rettet, Leute!« rief der Pfarrer Robin den müßigen, wie erſtarrten Männern zu, als er eilig herbeiſtürzte und mit Einem Blicke den Umfang der drohenden Gefahr erkannte.„Folgt mir, meine Kinder! Ich gehe Euch voran! Helft mir die Pferde und Rinder loskoppeln, die Schafe aus den Ställen treiben! Eilt, es iſt kein Augenblick zu verlie⸗ hinüber, und, großer Gott, da fangen ſie ſchon an zu brennen! Hurtig, Leute! Zuerſt das arme, hülfloſe Vieh gerettet, und mittlerweile kommt auch die Spritze vom Schloſſe und ſichert das Wohnhaus!« Die Stimme des allgemein geliebten und verehrten Pfarrers brachte Leben und Bewegung in die todten, ſtarren, von Schrecken gelähmten Geſtalten. Er ſelber eilte voraus, gerade auf die brennenden Ställe zu, und ſieben oder acht der entſchloſſenſten Männer folgten ihm nach. Die brüllenden Rinder zuerſt wurden mit kundiger Hand hurtig losgekoppelt; aber anſtatt nun durch die offen ſtehende Stallthüre zu fliehen und den Ausweg zur Rettung zu ſuchen, drängten die verwil⸗ derten Thiere ſich ſtampfend, ſchnaubend und zitternd vor Angſt in einen Winkel zuſammen, und waren we⸗ der mit Güte noch mit Gewalt von der Stelle zu brin⸗ fielen einzelne glimmende Funken von dem brennenden Barmherzigkeit. 3 3 e —— —— . —— * — Dache in den Stall herunter, und noch immer ſtanden die Thiere ſchnaubend und brüllend an einander ge⸗ drängt, wühlten geſenkten Hauptes mit den Hörnern den Boden auf, und warfen ſcheue, wilde, wüthende Blicke umher. „Sie ſehen die Flamme, ſie haben Furcht, die Angſt verwirrt ſie!« rief der Pfarrer.„Verbindet, verhuͤllt ihnen die Augen, werft ihnen die Röcke, die Jacken über den Kopf! Schnell!“ Die Leute gehorchten. Muthig drängten ſie ſich zwiſchen die armen, zitternden, verwilderten Geſchöpfe, warfen ihnen die Oberkleider über die Hoͤrner, und nun endlich folgten die Thiere dem Zurufe und der leiten⸗ den Hand. Es war die höchſte Zeit. Kaum erreich⸗ ten ſie das Freie, und flogen nun, mit weit geöffneten Nüſtern die friſche Nachtluft einſaugend, im Galopp über die Wieſen hin, als krachend das Dach des Stal⸗ les zuſammenſtürzte, welchen ſie eben erſt verlaſſen hatten. Die Rettung der Mferde und Schafe gelang leich⸗ ter, da man nun das Mittel kannte, ſie zum Gehorſam zu bringen. Dennoch hatte die Sicherung der Thiere eine geraume Zeit hinweg genommen, wäahrend welcher die verzehrende Gluth mit reißender Schnelligkeit wei⸗ tere Fortſchritte gemacht und gierig um ſich gegriffen hatte. Als Pfarrer Robin mit der kleinen, aber thäti⸗ gen und entſchloſſenen Schaar ſeiner Begleiter ſich dem Wohnhauſe des Müllers zuwendete, ſah er auch hier ſchon die Flammen aus dem Dache und den oberen Fenſtern herausſchlagen, und noch immer war die Spritze vom Schloſſe nicht angekommen, und deßhalb auch nicht an Löſchen und Dämpfen der Feuersbrunſt zu denken. 3⁵ Es blieb nichts weiter übrig, als das Haus auszu⸗ räumen, und ſo viel von den Habſeligkeiten des Mül⸗ lers zu ſichern, als noch geſichert werden konnte. Pfar⸗ rer Robin verlor keine Zeit. Er drang, der Erſte, in das brennende Haus ein, und muthig folgten ihm ſeine Begleiter, die ihm ſchon ſo wacker beigeſtanden hatten. Der arme Müller, der ſein Hab und Gut von dem wilden Elemente verzehren ſah, rang jammernd die Hände, und wußte ſich nicht zu rathen und zu helfen. Pfarrer Robin ermuthigte ihn mit ein paar Worten, und forderte ihn auf, mit Hand anzulegen. Er ſelber ordnete und leitete das Rettungswerk, indem er Sorge trug, daß erſt das Wichtigſte und nachher die weniger wichtigen Habſeligkeiten und Geräthſchaften dem verzeh⸗ renden Elemente entriſſen wurden. Trotz Qualm und Hitze hielt er in dem brennenden Hauſe aus, und ver⸗ ließ es nicht eher, als bis die glühenden Funken wie ein Regenſchauer von oben herab auf ſein Haupt nie⸗ derfielen. Da endlich wich er der Uebermacht des ent⸗ feſſelten Elementes und ſuchte den Ausgang aus dem Hauſe zu gewinnen. Noch war dieſer frei. Im Augen⸗ blicke aber, wo er über die Schwelle trat, krachten uͤber ihm die brennenden Dachbalken, und mit donnerndem Gepolter, ein Wolke von glühenden Funken von ſich ſtiebend, ſchmetterten ſie auf die dröhnende Erde herab. Ein jammervoller Weheſchrei erſchütterte die Luft einen Augenblick nach dieſer Kataſtrophe, denn ein brennender Balken hatte den braven Pfarrer Robin geſtreift, und er, welcher bisher überall gerathen und geholfen hatte, er lag jetzt ſelbſt hülflos und ohnmächtig mitten unter den brennenden Trümmern. 34 ——————— 36 Es war ein Glück, daß kurz vor dem Einſturze des Daches endlich die Spritze vom Schloſſe angekommen war, und bereits mächtige Waſſerſtrahlen über das brennende Haus ergoſſen hatte. Als Alli das Dach ſtürzen und ſeinen Vater davon niedergeſchmettert wer⸗ den ſah, eilte er mit einem Aufſchrei des Entſetzens auf die Spritze zu, riß den Schlauch an ſich, und lei⸗ tete den Strahl auf die glühenden Holztrümmer. Im Nu waren ſie gelöſcht, und der Pfarrer Robin wenig⸗ ſtens vor dem Verbrennungstode geſchützt. Mit Hülfe einiger entſchloſſener Männer räumte Alli Schutt und Balken auf die Seite und zog den ſchwer verletzten Vater darunter hervor. Noch war Leben in ihm, aber ſein Geſicht war ſchrecklich verbrannt und ſein linker Arm ſchien zerbrochen. Man trug ihn nach der Pfarr⸗ wohnung. Die alte Chriſtine that unter Schluchzen und Thränen, was ſie konnte, um die Schmerzen ihres armen Herrn zu lindern, und Alli beſtieg das erſte beſte Pferd, um in das nächſte, zum Gluͤck nur eine Stunde entfernte Städtchen zu jagen und einen Arzt herbei zu holen. Vor Tagesanbruch kehrte er mit ihm zurück, ein kunſtgerechter Verband wurde angelegt, und der Doktor gab Hoffnung, daß er mit Gottes Hülfe wenigſtens das Leben des braven Pfarrers erhalten werde. Bange und ſchwere Tage der Angſt und Sorge folgten der ſchrecklichen Nacht. Alli und Chriſtine über⸗ nahmen abwechſelnd die Pflege des armen Kranken, und wichen nicht von ſeinem Schmerzenslager. Pfar⸗ rer Robin genas endlich, ſeine furchtbaren Wunden und Verletzungen wurden geheilt, er konnte das Bett wie⸗ der verlaſſen,— aber ach, das Licht ſeiner Augen war —— 8 4— 4 ——————— 37 erloſchen, die glühende Flamme hatte ſeine Sehkraft zerſtört, der Unglückliche war blind. Welch ein Schmerz für Alli, für die treue, alte Chriſtine! Wochen lang zweifelten ſie noch an dem Ent⸗ ſetzlichen, Wochen lang hofften ſie noch und baten Gott, dieſes Unglück von ihnen abzuwenden, aber nicht Thrä⸗ nen noch Gebet konnten endlich die ſchreckliche Gewiß⸗ heit noch länger in Frage ſtellen, auch die letzte Hoff⸗ nung ſchwand allmälig dahin, der arme Pfarrer Robin ſelbſt konnte die Jammernden zuletzt nicht mehr täuſchen, und der theilnehmende, mitleidige Arzt mußte achſel⸗ zuckend eingeſtehen, daß, für jetzt wenigſtens, keine Hülfe für das erloſchene Augenlicht zu finden ſei. Doch gab er einigen, wenn auch nur geringen und entfernten Troſt. Vielleicht war die Sehkraft nicht gänzlich zer⸗ ſtört, vielleicht konnte die Zeit noch Hülfe bringen, vielleicht noch Alles gut werden, nur würden freilich Monate vergehen müſſen, ehe man darüber Gewißheit erlangen könne, und endlich, wenn man ſie erlangt habe, werde es immerhin noch geraume Zeit dauern, bis die kranken Augen wieder gaͤnzlich hergeſtellt und geheilt ſein würden, ganze Jahre vielleicht, und jedenfalls duͤrfe man nicht allzu feſt darauf rechnen, daß Alles gelingen und jede Hoffnung in Erfüllung gehen werde. Ach, das war wohl ein Troſt, aber nur ein kärg⸗ licher, geringer, ſchwacher Troſt, und das Unglück ſelbſt war ſo groß, ſo unermeßlich groß. Und dazu kam noch, daß der arme, gute, blinde Pfarrer nicht länger ſein Amt verſehen konnte; außer dem Augenlichte, dieſer köſtlichſten, göttlichen Himmelsgabe, mußte er auch noch ſeine Stelle verlieren und ſich auf eine traurige Zukunft voll Entbehrungen und Leiden gefaßt machen. Sein jährliches Einkommen war immer nur gering geweſen, hatte immer nur kaum zur Nothdurft zugereicht, und jetzt ſollte er auch noch die volle Hälfte deſſelben an einen Stellvertreter abgeben. Dieſer Stellvertreter war ſchon da, verſah ſchon ſeinen Poſten, und bei der Un⸗ möglichkeit für den armen Pfarrer Robin, ihm ſelber wieder vorzuſtehen, mußte Jener wohl bleiben, und ſeinen ſchmalen Gehalt noch mehr ſchmälern. Da war keine Hülfe! Der gute Pfarrer mochte noch froh ſein, daß man ihn nicht ganz und gar auf die Seite ſchob, daß man G nicht ſein Amt auf einen wirklichen Nachfolger über⸗ trug, und ihm nur die kärgliche Penſion auszahlte, auf b die er geſetzlichen Anſpruch machen konnte, und die ſich auf kaum achtzig Thaler im Jahre belief. Freilich, ſo hart war der Gutsherr nicht, um dieſes Aeußerſte an ſeinem armen, ſo ſchwer heimgeſuchten Pfarrer zu thun, aber hart, ſehr hart war's immerhin, auch nur die — Sereeeu Häͤlfte von dem kleinen Gehalte zu verlieren, und da⸗ r bei keine, oder nur eine ſehr entfernte Ausſicht zu ha⸗ 8 ja, ſehr, ſehr hart war dieß für den armen Pfarrer, und für Alli, und für die gute, treue, alte Chriſtine, ben, je wieder in eine beſſere Lage zu kommen. Ach die ihre bitterſten Thränen über das große Unglück f — 2 8 weinte. Indeß, alles Weinen und Wehklagen vermochte nichts gegen das unvermeidliche und unerbittliche Schick⸗ ſal, man mußte es in ſtiller Ergebung und mit gelaſ⸗ ſenem Muthe zu ertragen ſuchen. Pfarrer Robin er⸗ trug es auch wirklich mit wahrhaft chriſtlicher Faſſung und Demuth. „Was nützt es, gute Chriſtine, ſich gegen den .——— 39 Willen der Vorſehung aufzulehnen,“ ſagte er zu der alten, treuen Magd, die ſeine von Krankheit und Kum⸗ mer abgemagerte Hand mit bitteren Thränen benetzte. „Das Joch, das Gott uns auferlegt, müſſen wir mit Geduld auf uns nehmen! Du weißt ja, daß geſchrie⸗ ben ſteht:„vwelchen der Herr lieb hat, den züchtiget er!“« Warum ſollen wir nicht ſprechen wie Hiob: „„Selig iſt der Mann, den Gott ſtraft, darum weigere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht!«« Und ſei nur getroſt, Chriſtine, und hoffe auf die Verheißung, die ein rechter wahrer Balſam iſt für ein wundes Herz, die herrliche Verheißung:„„Wer Gott dienet, der wird nach der Anfechtung getröſtet, und aus der Trübſal erlöſet, und nach der Züchtigung findet er Gnade!«« Warum willſt du überhaupt weinen und klagen? Einer ſo treuen Seele, wie du biſt, wird es bald gelingen, einen anderen Dienſt zu finden, und einen beſſeren, als du jemals bei mir gehabt haſt! Sei alſo ruhig, Chri⸗ ſtine, Gott wird ſchon Alles wohl machen für dich!« Ach, wenn der gute Pfarrer jetzt hätte ſehen, den Blick des Schreckens und der Verwunderung hätte ſe⸗ hen konnen, den die alte Chriſtine auf ſein erblindetes, noch von Brandwunden entſtelltes Antlitz heftete! »Ich gehen?« rief ſie aus und hob zitternd ihre Hände auf—„ich von Ihnen gehen, Herr Pfarrer? Ich Sie verlaſſen, Herr Pfarrer? Ich, die alte Chri⸗ ſtine, die nie von Ihnen gewichen iſt, die Sie als kleines Kind auf den Armen getragen, die jedes Glück, jede frohe Stunde, jeden frohen Augenblick mit Ihnen getheilt hat. Ich ſollte gehen, Sie verlaſſen, jetzt, wo ich Ihnen endlich einmal beweiſen kann, daß auch die alte Chriſtine ein treues, dankbares Herz hat, ein dank⸗ —— * 40 bares Herz für alle Güte und Liebe und Freundlichkeit, die Sie ihr von Kindesbeinen an täglich und ſtündlich bewieſen haben! Ach, Herr Pfarrer, das ſchmerzt mich, daß Sie ſo etwas nur einen Augenblick denken konn⸗ ten! Nein, nein! Die alte Chriſtine bleibt! Sie läßt ſich nicht fortjagen! Oh, ſie kann ſich wohl nützlich machen, die alte Chriſtine! Sie kann ihyen Herrn, ih⸗ ren guten, lieben Herrn pflegen, ſie kann ſeine unſiche⸗ ren Schritte leiten, ſie kann arbeiten, ſie kann kochen, ſie kann waſchen, ſie kann ſpinnen für ihren Herrn! Das kann ſie, und noch mehr kann ſie, und das will ſie auch, die alte Chriſtine, und kein Menſch in der Welt, nicht einmal der Herr Pfarrer ſelber, ſoll ſie daran verhindern! Das werden wir ſehen, ja, das werden wir, oder ich will nicht mehr die alte Chriſtine heißen!“ „Wackeres, treues, uneigennütziges Herz!“ ſagte Pfarrer Robin tief ergriffen, indem er die rauhe, von mancher ſchweren Arbeit hart gewordene Hand der treuen Magd zwiſchen den ſeinigen drückte.„Ja, der Herr ſendet Trübſal, aber er troͤſtet auch! Wohl, bleibe bei mir, Chriſtine, und Gott wird ja geben, daß auch wieder beſſere Tage kommen, wo ich dein Herz erfreuen kann, wie du jetzt das meinige erfreut haſt.« „Gute oder ſchlechte Tage, Sonnenſchein oder Re⸗ gen, Traurigkeit oder Fröhlichkeit, die alte Chriſtine wird immer dieſelbe bleiben,“ antwortete die alte Magd. „Bei Ihnen iſt mein Platz, Herr Pfarrer! Da hat der liebe Gott mich hingeſtellt, und von dieſem Platze will ich nicht wanken und weichen, bis der liebe Gott ſelber mich auch wieder abruft!“ Und ſie blieb, die alte Chriſtine, wie ſich das im 41 Grunde ganz von ſelber verſtand, und wacker rührte ſie die Hände, um ihrem lieben Herrn manche kleine Be⸗ quemlichkeit zu verſchaffen, deren Entbehrung er viel⸗ leicht ſchmerzlich empfunden haben würde. Es geſtal⸗ tete ſich auch Manches beſſer, als Pfarrer Robin und die treue Chriſtine zu hoffen gewagt hatten. Der neue Vikar, der die Obliegenheiten des Pfarrers zu verſehen hatte, war ein beſcheidener junger Mann, der ſich mit einem Stübchen im Pfarrhauſe begnügte, und es nicht zugab, daß Pfarrer Robin das Haus verließe, was ein Anderer vielleicht verlangt haben würde. Außerdem zeigte ſich auch jetzt, wenigſtens in der erſten Zeit nach dem Unglücke, welche herzliche Liebe die kleine Gemeinde⸗ zu ihrem Pfarrer hegte. Kaum war es bekannt ge⸗ worden, daß er ſein Amt nicht mehr verſehen könne, und ſich ſehr kümmerlich mit der Hälfte ſeines bisheri⸗ gen kleinen Gehaltes behelfen müſſe, als auch aus je⸗ dem Hauſe wohlgemeinte kleine Geſchenke und Gaben einliefen, die mit ſo vieler Herzlichkeit angeboten wur⸗ den, daß man ſie unmöglich ausſchlagen und zurückwei⸗ ſen konnte. Der Eine brachte Butter, der Andere Wurſt, der Dritte Schinken, der Vierte ein fettes Huhn, der Fünfte dieß, der Sechste das, und Frau Chriſtine hatte noch nie in ihrem Leben einen ſolchen Ueberfluß in ih⸗ rer Speiſekammer gehabt, als gerade in dieſen Tagen der Schmerzen und Betrübniß. Selbſt der arme, gänz⸗ lich abgebrannte und verarmte Müller kam, und bot mit Thränen in den Augen dar, was er aus den Trümmern ſeines früheren Wohlſtandes gerettet hatte. »Nehmen Sie Alles, lieber Herr Pfarrer!“« ſagte er ſchluchzend.„Ich bin ja doch die Urſache von Ihrem ganzen Unglück, und in die Welt hinaus wandern und mein Brod, wie früher in meiner Jugend, als Mühl⸗ burſche verdienen, muß ich ja auch ſo wie ſo! Nehmen Sie's hin, Herr Pfarrer, was mir übrig geblieben iſt! Es iſt nur wenig, aber doch Alles, was ich noch be⸗ ſitze, und könnt' ich mit meinem Leben Ihr Unglück wieder gut machen, ich wollt es Ihnen mit Freuden noch dazu geben! Das iſt noch mein ſchwerſter Kum⸗ mer bei all' meinem Elende, daß ich daran ſchuld ſein muß, daß Sie nun die liebe Sonne und die goldenen Sterne nicht mehr ſehen!“ „Nicht doch, nicht doch, mein braver Freund,“ ent⸗ gegnete Pfarrer Robin tröſtend und liebevoll.„Ich weiß ja, daß Ihr nicht an dem Brande ſchuld ſeid, ſondern ein unglückliches Verhängniß, dem Niemand zu entgehen vermag! Nicht Ihr, der liebe Gott, hat mir mein Joch auferlegt, und ferne ſei es von mir, daß ich Euch noch des Wenigen berauben ſollte, was Gott Euch in Eurem Unglücke übrig gelaſſen hat! Geht, mein Freund, geht, und nehmet Euer Geld wie⸗ der mit! Für mich wird der da droben ſorgen nach ſeiner väterlichen Barmherzigkeit, und ebenſo wird er auch Euch weder verlaſſen noch verſäumen. Geht in Frieden, und ſeid verſichert, daß in meinem Herzen kein Groll noch irgend ein Vorwurf gegen Euch iſt, ſon⸗ dern nur herzliche Theilnahme an dem großen Unglück, das Euch, wie mich, betroffen hat. Geht, mein Freund, geht in Frieden, und mein Segen wie der Segen Got⸗ tes begleite Euch!“ Es half nichts, der brave arme Müller mußte ſein Geld wieder mitnehmen, aber er that es nur widerſtre⸗ bend und nach nochmaliger entſchiedener Weigerung des Pfarrers, es zu behalten. Gleichwohl rührte der gute Wille des armen Müllers den Pfarrer im Herzen, und wenn er ja eine bittere Empfindung gegen den unſchul⸗ digen Urheber ſeines Unglücks gehegt hatte, ſo war ſie von nun an gewiß für immer verwiſcht. Bei alledem kamen allmälig aber doch Tage und Stunden, wo die anfängliche, in Gott freudige Hoff⸗ nung, banger Niedergeſchlagenheit und zaghaften Ge⸗ fühlen weichen mußte. Die Bewohner des Dörfchens, wenigſtens bei weitem die meiſten von ihnen, waren ſelbſt arm, hatten Mühe, ſich und ihre Familien recht⸗ ſchaffen durch die Welt zu bringen, und konnten nicht immer Spenden der Liebe bringen, wie ſie beim erſten Antriebe der Theilnahme mit Freuden und Selbſtauf⸗ opferung gethan hatten. Die brave alte Chriſtine mühte ſich zwar ab und arbeitete Tag und Nacht, um das geringe Einkommen ihres geliebten Herrn durch ihrer Hände Fleiß zu vermehren, und ſo viel wie mög⸗ lich zuſammenzuhalten, aber auf die Dauer wollte es doch nicht immer ausreichen, und der gute Pfarrer mußte manchen kleinen Genuß entbehren, der ihm bei ſeinem leidenden Zuſtande gleichwohl faſt unentbehrlich war. Das machte die gute Chriſtine betrübt und trau⸗ rig, obgleich Pfarrer Robin ſelber ſtill und geduldig Alles ertrug, und niemals ein Wort der Klage laut werden ließ. Die arme Chriſtine! Ach, ſie hatte wohl gehört, was der Doktor eines Tages zu ihrem Herrn geſagt hatte, hatte gehört, wie er geſagt hatte: Pflegen Sie ſich nur recht, lieber Herr Pfarrer! Laſſen Sie ſich nichts abgehen, eſſen Sie täglich eine gute Suppe, ein gutes Stückchen Fleiſch, und wenn Sie es machen kön⸗ nen, trinken Sie auch ein Gläschen alten, guten Wei⸗ * — nes dazu! Das wird Ihnen wieder zu Kräften ver⸗ helfen, und wenn der ganze Körper geſund und rüſtig iſt, wird es ſich auch mit den armen, kranken, erblin⸗ deten Augen wieder beſſern! Alſo pflegen Sie ſich, leiblich und geiſtig, ſo viel Sie koͤnnen!“ Das hatte er geſagt, und die alte Chriſtine hatte es gehört und nicht wieder vergeſſen. Die Worte ſummten ihr früh und ſpät in den Ohren herum, und am allermeiſten gerade dann, wenn ſie ihren armen lieben Herrn am wenigſten pflegen konnte. Dann wollte ihr das Herz brechen, wenn ſie ihm ſtatt einer kräfti⸗ gen Fleiſchbrühe nur ein mageres Waſſerſüppchen, ſtatt eines ſaftigen Stückchens Braten nur ein paar armſe⸗ lige Kartoffeln, ſtatt einem Gläschen guten alten Wei⸗ nes nur ein Glas Waſſer aus dem Brunnen hinter dem Hauſe vorſetzen konnte! Zwar that ſie Alles, daß ſolcher mageren Tage ſo wenige wie möglich vorkamen, aber ſie kamen doch, und kamen mit der Zeit immer öfter, und ſo war es nicht zu verwundern, daß die gute alte Chriſtine auch immer öfter traurig, betrübt und niedergeſchlagen war. Selbſt Alli mußte es end⸗ lich merken, obgleich er ſonſt das Vorrecht der Jugend hatte, ſorglos und unbefangen in die verhüllte Zukunft hinein zu ſehen. Eines Tages kam er aus dem Walde nach Hauſe, und fand, wie neuerdings öfters, die alte Chriſtine allein in der Küche, wo ſie mit der Schürze ihre bit⸗ terlich fließenden Thränen abtrocknete. Alli hatte ein gutes, weiches Herz. Er konnte die treue Magd nicht weinen ſehen, ohne ſie um die Urſache ihrer Betrübniß zu. fragen. .₰ »Was fehlt dir, Chriſtine?« ſagte er.„Du biſt traurig! Kann ich dir nicht helfen?“ Sie ſchüttelte den Kopf, und ohne daran zu den⸗ ken, was ſie that, antwortete ſie:„Ach, Alli, wer weiß, du könnteſt vielleicht, wenn wir nur wüßten, wo dein rechter Vater zu finden wäre!« 8 Alli ſtutzte.„Mein rechter Vater!« rief er aus. „Was meinſt du denn damit, Chriſtine? Mein rechter Vater?« Die alte Chriſtine erſchrak, erſchrak aber auch ſo heftig über ihre Unbeſonnenheit, daß ſie am ganzen Leibe zitterte.»Ach, Herr Jeſus, um Gotteswillen, Alli, ſag's nur dem Vater nicht!“ entgegnete ſie in äußerſter Beſtürzung.„Ach, daß ich auch ſo thöricht ſein mußte! Alli! Kein Wort zum Vater, ich bitte dich um Alles in der Welt!“ Alli war kein Kind mehr, er war ein verſtändiger, kluger Jüngling von fünfzehn oder ſechszehn Jahren, und merkte wohl, daß hier ein Geheimniß verborgen lag, das ihn ſehr nahe, angehen mußte. Sein Herz erbebte und er wurde bleich. „Chriſtine,“ ſagte er und ergriff ihre Hand,— „Chriſtine, um Gotteswillen, was iſt das? Was be⸗ deutet dieß Alles? Was willſt du mit meinem rech⸗ ten Vater ſagen? Ich muß jetzt Alles wiſſen, Chri⸗ ſtine, Alles, oder ich gehe hinein und frage den Vater ſelber!« »Ach Gott, ach Gott, nur das nicht, Alli! Thu“ mir nur das nicht zu Leide,« bat die alte Chriſtine flehentlich.»Wenn es der Herr Pfarrer hört, daß ich mich vergeſſen, daß ich geplaudert habe, ach Gott, er —— . —y—— nööö—- 7 2 8 iſt im Stande und jagt mich fort aus dem Hauſe! Schweige nur ſtill, liebſter Alli, ſchweige ſtill!« Alli ſann ein Weilchen nach.»Gut, Chriſtine,“ ſagte er endlich,„ich will ſchweigen, will dem Vater keine Sylbe verrathen, aber unter der einzigen Bedin⸗ gung, daß du mir auch nichts mehr, nicht das Min⸗ deſte länger verhehlſt, ſondern mir Alles mittheilſt, was dir ſelber bekannt iſt. So ſprich denn: warum habe ich dich in letzter Zeit ſo oft in Thränen gefun⸗ den, und was haſt du damit ſagen wollen, daß ich vielleicht helfen könne, wenn wir nur wüßten, wo mein rechter Vater zu finden wäre! Mein rechter Vater? Großer Gott, was werde ich hören müſſen 2 Aber Eins nach dem Andern! Geduld, mein Herz! Warum weinſt du, Chriſtine? Sage mir zuerſt, warum du weinſt?« „Ach, Alli, lieber Alli, ſiehſt du es denn nicht ſelbſt?« antwortete Chriſtine.„Du warſt ja doch da⸗ bei, als der Herr Doktor aus der Stadt ſagte, der Vater müſſe gut eſſen undalten Wein trinken, wenn ſeine Augen wieder geſund werden ſollten! Du mußt es ja gehört haben! Und bei unſerer Armuth, du ſiehſt ja wohl, wo ſoll ich denn immer Wein und Braten herkriegen? Ich habe ja kein Geld dazu, und verdienen kann ich's auch nicht, wenn ich mir auch gern den Baſt von den Händen herunter arbeiten wollte! Und ſoll ich denn da nun nicht heimlich einmal eine Thräne weinen dürfen? Soll ich meinem gepreßten Herzen nicht im Stillen einmal Luft machen dürfen? Ach Gott, ach Gott, ich kann ja nicht anders, es drückt mir ja ſonſt das Herz ab! Das ſiehſt du wohl ein, Alli?« „Ja, gewiß, das begreife ich,“ entgegnete Alli nach⸗ denklich.„Wenn man gern helfen moͤchte, und kann doch nicht, das ſchmerzt. Aber nun von meinem rech⸗ ten Vater, Chriſtine! Was iſt mit ihm? Drinnen der Vater iſt alſo mein rechter Vater nicht?« »Nein doch, Alli, nein, ſo wenig wie ich deine Mutter bin. Aber das iſt eine lange Geſchichte, Alli! Ich erzähle ſie dir lieber ein ander Mal.« „Nicht doch, Chriſtine, ich muß wiſſen, und ſogleich, was das für Geheimniſſe ſind. Du meinſt alſo, wenn wir wüßten, wo mein rechter Vater iſt, und wir könn⸗ ten uns an ihn wenden, ſo wäre uns geholfen? Du hältſt ihn alſo für ſehr reich, Chriſtine?« „Ja, das thu' ich, freilich thu' ich's,« erwiederte ſie. „Es ſtand ja im Briefe!“ „In welchem Briefe?« fragte Alli haſtig. Die alte Chriſtine ſah wohl, daß ſie nun ſchon zu viel geſagt hatte, um mit dem Reſte der Geſchichte noch länger zurückhalten zu können. So erzählte ſie denn haarklein, unter welchen Umſtänden Alli in's Haus ge⸗ kommen war, holte ſogar auch den Brief herbei, wel⸗ chen ſie bei der Mutter des Knaben gefunden hatte, und unterrichtete ſomit Alli auf's Genaueſte von allen Umſtänden und Geheimniſſen der Vergangenheit. Alli horchte mit Begierde auf jedes Wort, prägte jedes Wort unvergeßlich und auf's Genaueſte ſeinem Gedächt⸗ niſſe ein, las das Bruchſtüͤck des Briefes drei, vier Mal durch, und eilte dann, überwältigt von den auf ihn einſtuͤrmenden Gefühlen, aus dem Hauſe in den kleinen Garten. Erſt nach einer guten Weile kehrte er mit verweinten Augen in die Küche zurück, und reichte der alten Chriſtine die Hand. „Ich danke dir,« ſagte er,„daß du mir Alles er⸗ zählt haſt, Chriſtine, denn ich weiß nun, was ich zu thun habe.« „Und was willſt du thun, Alli? Willſt doch wohl nicht hinein gehen, und dem Vater ſagen..?« »Nein, Chriſtine, das nicht, aber darauf denken will ich, ob ich nicht auch Geld verdienen kann, wie du. Und nachher will ich ſehen, ob es nicht möglich iſt, meinen rechten Vater zu finden! Ja, das will ich! Ich bin nun groß und ſtark genug, um ſelber für mich zu ſorgen, und darf dir und dem Vater nicht länger zur Laſt fallen, denn es wär' eine Sünde und Schande, wenn ich's thäte. Ihr habt nun ſo viele Jahre für mich geſorgt, habt mich genährt, gekleidet, geſpeist und getränkt, und ich habe das gedankenlos immer ſo hin⸗ genommen, als ob es ſich ganz von ſelbſt verſtände und gar nicht anders ſein könnte. Aber nun ſeit mir die Augen aufgegangen, nun habe ich eingeſehen, was fuͤr eine große Schuld der Dankbarkeit ich abzutragen habe, und was in meinen Kräften ſteht, will ich thun, ſie abzutragen, ſo Gott mir helfe. Auf welche Weiſe ich's machen und angreifen ſoll, weiß ich freilich in dieſem Augenblicke noch nicht, aber kommt Zeit, kommt Rath, und Gott wird mir ſchon einen guten Gedanken ein⸗ geben!“« „Aber, Alli, biſt du wunderlich!“ rief die alte Chri⸗ ſtine aus.„Was ſprichſt du da für thörichtes Zeug durch einander! Du willſt Geld verdienen, du? Ei, du biſt ja noch ein halbes Kind! Und gar deinen Va⸗ ter aufſuchen! Meinſt du denn, wenn er ſo leicht zu finden wäre, der Herr Pfarrer hätte ihn nicht längſt ſchon gefunden? Meinſt du, er hätte die Hände in den Schooß gelegt? Er hat's ja in den Zeitungen bekannt 49 machen laſſen, und Alles iſt vergebens geweſen! Schlage dir doch ſolche Gedanken aus dem Sinne, Alli! Es kommt im Leben nichts dabei heraus, Alli! Was dem Herrn Pfarrer nicht geglückt iſt, wird dir noch weniger glücken, das kannſt du mir glauben, Alli!« »Der Vater konnte nicht ſelber nach Indien gehen, aber ich kann's,« erwiederte Alli.„Indien iſt nicht aus der Welt!“ „Aber weit von hier iſt's, Alli, mehr als tauſend Meilen weit, wie mir der Herr Pfarrer geſagt hat! Das iſt eine weite Reiſe, zu der viel Geld gehört, wenn man ſie machen will! Sei geſcheut, Alli! Setze dir nicht ſolche Dinge in den Kopf! Es kommt im Le⸗ ben nichts Gutes dabei heraus! Und wenn du wirk⸗ lich hinkämeſt nach dem fernen Lande, was wäre dir damit geholfen? Indien iſt groß, hat mir der Herr Pfarrer geſagt, wo willſt du nun da deinen Vater ſu⸗ chen? Du weißt ja nicht einmal ſeinen Namen, Alli!« „Das iſt wahr, das iſt freilich wahr,« murmelte der arme Knabe, indem von Neuem Thränen in ſeine Augen drangen.„Ach mein Gott, was iſt da zu thun? Bleiben kann ich nicht länger, kann dem Vater nicht länger zur Laſt liegen, denn jeder Biſſen, den ich eſſe, würde mir durch den Gedanken verbittert werden, daß ich ihn meinem Vater, meinem Wohlthäter abſtehle! Nein, jetzt, wo ich Alles weiß, kann ich, darf ich nicht länger hier bleiben! Das mußt du ſelber einſehen, Chriſtine!« »Ach, biſt nicht klug, Alli,« erwiederte die gute Alte.„Wo du ſo viele Jahre her ſatt geworden biſt, wirſt du's auch ferner werden! Der liebe Gott wird uns ſchon durchhelfen, und wenn der Vater nur erſt Barmherzigkeit. 4 wieder ſehen und ſein Amt wieder vertreten kann, was haben wir dann noch für Noth? Ruhig, Alli, ganz ruhig, und keine dummen Streiche gemacht! Was meinſt du, was der Vater ſagen würde, wenn du ihm ſolches thörichtes Zeug vorſchwatzen wollteſt! Nichts davon, Alli! Bleibe im Lande, und nähre dich redlich! Gib das auf, Alli, gib es auf, wenn du mich lieb haſt. Du mußt ja ſelber einſehen, daß daraus nichts werden kann, wenn du ordentlich darüber nachdenkſt! Und Alli, hörſt du wohl, verrathe mich nicht! Du haſt mir's ver⸗ ſprochen, in die Hand verſprochen, Alli, und darfſt dein Wort nicht brechen, wenn du ein rechtſchaffener Junge ſein willſt.“ »Nein, nein, Chriſtine, ſei ganz ruhig, ich werde dich nicht verrathen, gewiß nicht,« antwortete Alli mit zerſtreuter Miene.„Behüte, ich werde doch nicht! Aber laß mich jetzt! Ich muß nachdenken! Ueber ſo Vieles nachdenken! Aber verrathen, dich verrathen? Oh nein!“ Er verließ die Küche und ging in die Stube. Da ſaß Pfarrer Robin, eine ſchwarze Binde über den er⸗ loſchenen Augen, und es ſchnitt dem Knaben durch die Seele, als er ihn betrachtete, und ſein bleiches, von ſtillem, verborgenem Grame abgezehrtes Antlitz ſah. Laut ſchluchzend ſank er vor ihm auf die Knie nieder und umſchlang ihn mit ſeinen Armen. „Aber Alli, was fehlt dir?« ſagte Pfarrer Robin, indem er mit ſeiner Hand ſanft über die Locken des Knaben ſtrich.„Warum weinſt du? Du biſt ja außer dir, Alli? Was iſt dir begegnet?“ „ Ach, nichts, Vater, nichts,“ erwiederte der Knabe. „Es ſchmerzt mich nur ſo ſehr in der innerſten Seele, 51 daß ich ſo gar, gar nichts thun kann, nichts, um deine Leiden zu mildern, nichts, um dir eine Freude zu ma⸗ chen, nichts, um deinen Zuſtand zu erleichtern! Das Herz bricht mir, Vater, wenn ich dich ſo leiden und dulden ſehe, ohne je eine Klage von deinen Lippen zu hören!“ „»Ruhig, mein Sohn! Ruhig! Man muß Geduld haben,“ entgegnete Pfarrer Robin mit ſanftem Lächeln. »Wenn die Zeit gekommen iſt, wird Gott ſchon helfen. Wir können ja nichts dazu thun, Alli!« „O doch, Vater, ich könnte, wenn ich nur duͤrfte,« ſagte Alli. „Und was könnteſt du, Alli?« „Ich könnte ſuchen, Geld zu verdienen, Vater! Siehſt du, ich bin groß und ſtark für mein Alter, ich könnte für dich arbeiten, ſo gut wie Chriſtine! Wenn du mir's nur erlauben wollteſt, Vater! Nur deiner Er⸗ laubniß dazu bedarf ich!“ Pfarrer Robin ſchüttelte leiſe den Kopf.„Du biſt noch zu jung, Alli,“ ſagte er.„Wenn du dich auch anböteſt, man würde dich zurückweiſen. Glaube mir!« „Aber einen Verſuch könnt' ich doch machen, Va⸗ ter! Nur einen Verſuch! Glückt er nicht, ſo kann er doch auch nichts ſchaden. Laß mich den Verſuch ma⸗ chen, Vater! Ich würde ſo glücklich ſein, wenn ich ir⸗ gend etwas, ſelbſt das Geringſte nur, zu deiner Erleich⸗ terung beitragen könnte!« »Nun denn, verſuch' es, Alli,« erwiederte Pfarrer Robin.„Aber verſprich mir, dich nicht grämen und kränken zu wollen, wenn der Verſuch, wie ich fuͤrchte, mißglücken ſollte.“ 42 „Ja, das verſprech' ich dir, Vater!“ rief Alli er⸗ leichtert aus.„Ich darf alſo machen, was ich will?« „Ja, du darfſt, vorausgeſetzt natürlich, daß du nichts Unrechtes thuſt, Alli!“ „Oh, gewiß, niemals,“ erwiederte der Knabe, und ſtand erleichtert auf. Sein Entſchluß war gefaßt und ſtand feſt, nachdem er die Billigung ſeines Vaters erlangt hatte. Was auch ſeiner warten mochte, jedenfalls wollte er lieber die niedrigſte Arbeit verrichten, lieber ſogar betteln gehen, als noch länger die kargen Biſſen ſeines Pflegevaters und Wohlthäters ſchmälern. Am Abend ſuchte er das Grab ſeiner armen Mutter auf, welches Chriſtine ihm hatte bezeichnen müſſen, und verweilte dort wohl eine Stunde lang. Als er zurückkehrte, lag ein ſtiller Friede auf ſeinem Geſicht, und eine ruhige, feſte Entſchloſſen⸗ heit leuchtete aus ſeinem Auge. Inniger und zäͤrtlicher als ſonſt ſagte er ſeinem Vater und Chriſtinen gute Nacht. Am andern Morgen aber fand Chriſtine in ſeiner Kammer nur einen Zettel mit einigen kurzen, herzlichen Abſchiedsworten; Alli ſelbſt war verſchwunden. „Mein theurer Vater, gute Chriſtine,“ lauteten die Worte auf dem Zettel,„ich ſcheide von Euch mit einem Herzen voll Liebe und Dankbarkeit, um irgendwo mei⸗ nen Lebensunterhalt zu ſuchen. Wenn ich gefunden habe, was ich ſuche, ſo kehre ich— hoffentlich bald— zu Euch zurück! Bis dahin flehe ich den Segen des Himmels auf Dich, mein geliebter Vater, und auf Dich, gute Chriſtine, herab! Lebt wohl, und Gott behüte Euch, wie mich!« Pfarrer Robin nahm den Zettel und drückte ihn an ſeine Lippen.„Geh' in Frieden, mein Sohn, und der 53 Herr leite deine Schritte, daß ſie zum Guten führen!« murmelte er. Meinen Segen haſt du!« Die gute, alte Chriſtine verwunderte ſich ein wenig über die ſchnelle Abreiſe Alli's, und ſchüttelte bedenklich den Kopf. Da ſie aber ihren geliebten Herrn mit dem Schritte Alli's einverſtanden ſah, ſo gab ſie ſich eben⸗ falls zufrieden, und ſchickte ihm im Geiſte, wie ſein Pflegevater, die herzlichſten Segenswünſche auf ſeinen Weg nach. Viertes Kapitel. Ein neuer Freund. ALi war alſo verſchwunden. Schon in früher Stunde, als kaum die erſte Morgenröthe im Oſten den Himmel lichtete, hatte er ſein Lager verlaſſen und ſich ſtill aus dem Hauſe entfernt, das ihm ſo lange ein wahres Vaterhaus geweſen war. Nichts hatte er mit ſich genommen, als das kleine Meſſer, das bei ſeiner ſeligen Mutter gefunden war. An der Thür ſeines liebevollen und zärtlichen Pflegevaters war er noch ein⸗ mal auf ſeine Knie gefallen und hatte für ſein Wohl zu Gott gebetet. Dann war er hinaus getreten in die friſche, kühle Morgenluft, hatte noch eine Blume von dem Grabe ſeiner armen Mutter gepflückt, und nun ging er rüſtigen Schrittes der nächſten Stadt zu, wo er irgendwo ein Unterkommen zu ſuchen beabſichtigte. 54 In welcher Weiſe er ſich durch die Welt helfen wollte, das war unſerem Alli im Grunde noch nicht ganz klar. Zunächſt ſtand ihm nur das als unverrück⸗ tes Ziel vor Augen, daß er ſeinem Pflegevater durch ſeine Entfernung aus deſſen Hauſe eine Erleichterung verſchaffen müſſe. Dieß ſchien ihm nach dem, was die alte Chriſtine ihm mitgetheilt hatte, eine heilige Pflicht. Jetzt wanderte er nun rüſtig vorwärts, und obgleich ſeine Gedanken unabläſſig bei dem ſtillen Pfarrhauſe verweilten, obgleich er mit inniger Liebe an den guten Pflegevater und die alte, treue Magd zurückdachte, fühlte er ſich im Herzen dennoch frei und leicht. Mußte es doch ihnen nun etwas beſſer gehen nach ſeiner Entfernung! Brauchte ſich doch nun die alte Chriſtine nicht mehr ſo viele und ſchwere Kümmerniſſe um das liebe tägliche Brod zu machen! War ihr doch nun ein ganzes Drittheil ihrer Sorgen abgenommen! Was aus ihm ſelber werden, ob er ſelber Brod und Unterhalt finden, ſich verſchaffen würde, daran dachte Alli nur leichthin und flüchtig, wohl auch gar nicht. War er doch jung, und iſt doch Jugend ſo viel, als Hoffnung, Vertrauen und Zuverſicht! Friſcher Muth und Geſund⸗ heit fehlten ihm nicht, und was bedurfte er außerdem mehr, als etwa noch guten Willen zur Arbeit? Arbei⸗ ten wollt' er ja gern, von Herzen gern! Und am Ende, — ſangen denn nicht die Vögel munter und luſtig um ihn her? Fanden nicht auch ſie ihre tägliche Nahrung? Und, was mehr war, als alles Andere, hatte ihm denn ſein Pflegevater nicht von Kindheit auf ein feſtes Gott⸗ vertrauen in das Herz eingepflanzt? Alli war heiter im Herzen und fröhlichen Sinnes, denn Gott, ſo hoffte 5⁵ er, Gott würde ſchon Alles wohl machen mit ihm und den Anderen, die er in der friedlichen Heimath zurück⸗ gelaſſen hatte. So wanderte er fort über Berg und Thal, auf wohlbekannten ſchönen Waldpfaden, die er ſchon oft betreten und durchmeſſen hatte, bis zur letzten Höhe, von welcher er die kleine Stadt im Thalgrunde unten hell und freundlich vor ſeinen Blicken ausgebreitet ſah. Hier blieb er ſtehen, mit dem Rücken gegen den Stamm einer Buche gelehnt, die ihr gewölbtes Blätterdach, wie eine grüne Laube, ſchattend uͤber ihn ausbreitete, und ſchaute ſinnend in die Tiefe hinunter. So ſtand er ſchon einige Minuten, ausruhend, in ſtillem Nachdenken, als ſeine Aufmerkſamkeit durch na⸗ hende Schritte in Anſpruch genommen wurde. Er wendete ſich um, und ſah zwei ziemlich zerlumpte Ge⸗ ſtalten aus dem Waldesdickicht hervortreten und lang⸗ ſamen Ganges näher gegen ihn heran kommen. Etwa vierzig Schritte von ihm entfernt hielten ſie an, ſtützten ſich auf derbe Knotenſtöcke, die ſie in den Händen tru⸗ gen, und ſchienen, wie Alli, in's Thal hinab zu blicken. Ihre Geſichter konnte Alli nicht ſehen, denn ſie wende⸗ ten ihm den Rücken zu. Ihr ganzes Aeußere aber ge⸗ fiel ihm nicht, und, ohne ſich eigentlich klar bewußt zu ſein, warum, zog er ſich ein wenig zurück, um, falls ſie ſich umdrehen würden, nicht von ihnen bemerkt zu werden. Er mochte vielleicht fürchten, daß ſie ihn, wenn ſie ihn ſähen, auffordern könnten, ſeinen Weg mit ihnen gemeinſchaftlich fortzuſetzen, und dazu em⸗ pfand er nicht die mindeſte Luſt. „Sieh' da,“ hörte er nach einigen Augenblicken Ei⸗ nen von den Burſchen zu dem Anderen ſagen,„ſieh da, ein Scheerenſchleifer mit ſeinem Karren, und ich glaube gar, der Kerl ſchläft! Dort liegt er im Graſe!« „Ich ſeh' ihn wohl, hab' ihn gleich geſehen, als wir ſtehen blieben,“ erwiederte der Andere.„Du denkſt doch nicht etwa, daß ich mich wegen der ſchönen Aus⸗ ſicht hier feſtgepflanzt habe? Ich wollte nur ſehen, ob der Kerl wirklich ſchläft, oder ſich nur ſo ſtellt. Aber er rührt ſich nicht, und...« „Nun, und? Was meinſt du, was willſt du?« „Nun, ſolch ein Scheerenſchleifer führt mitunter einen hübſchen Beutel Geld bei ſich, und ich möchte drauf wetten, daß dieſer Geldbeutel in dem Bündel be⸗ findlich iſt, das er ſich als Kopfkiſſen untergelegt hat.“ Alli horchte hoch auf. Ein Verdacht blitzte durch ſeine Seele, der ihn bewog, ſich noch ſorgfältiger zu verbergen, damit er von den beiden Strolchen nicht ent⸗ deckt würde. Dabei ſtreckte er aber doch lauſchend ſein Ohr vor, um keine Sylbe von der Unterhaltung der Burſchen zu verlieren. »Meinſt wohl,« hörte er den Einen wieder zum Andern ſagen,„daß da was zu machen iſt?« „Freilich mein' ich das,“ lautete die Antwort.„Wir brauchen nur hin zu ſchleichen, leiſe, daß er nicht auf⸗ wacht, dann mit Einem Ruck das Bündel unter dem- Kopf hervor, und dann ausgeriſſen, wie ein Donner⸗ wetter in den Wald hinein. Soll wohl lange laufen, bis er uns einholt.“ „Aber wenn er aufwacht vor der Zeit?« »Dann hauſt du ihm eins über'n Schädel, daß er's Aufſtehen vergißt, und wir ſind um ſo ſicherer, daß wir davon kommen. Nun, was meinſt du? Wollen wir?« ——— 57 „Mir iſt's recht! Vorwärts denn!« Einen ſchlauen, forſchenden Blick warfen die beiden „Burſche erſt rings umher, um ſich zu überzeugen, daß kein Lauſcher und Verräther in der Nähe ſei, dann ſchlichen ſte, ihre Knüppel in der Fauſt, vorſichtig auf den ruhig ſchlummernden Scheerenſchleifer zu, welchen jetzt Alli, verſtohlen hinter dem ihn verbergenden Bu⸗ chenſtamme vorlugend, ebenfalls neben ſeinem Karren unter einer Eiche liegen ſah. Er rührte ſich nicht, der Mann, und die beiden Burſche ſchlichen ihm näher und näher, bis ſie kaum noch zwanzig Schritte von ihm entfernt waren. Jetzt ſchien Alli der Augenblick gekommen, um han⸗ delnd einzuſchreiten, denn er hatte von Anfang an kei⸗ neswegs die Abſicht gehabt, die Spitzbuben ihr böſes Werk vollbringen zu laſſen. Er trat alſo hinter der Buche hervor, ſchwang ſorglos ſeinen Stock in der Hand und rief laut:„Heda, ihr Leute, was für ein Ort iſt das, der da unten im Thale liegt?« Die Strolche fuhren zuſammen bei dem Klange der menſchlichen Stimme und blieben erſchrocken einen Au⸗ genblick ſtehen. Dieſer Augenblick des Zögerns genügte indeß, um ihr Vorhaben zu vereiteln, denn Alli's Stimme hatte glücklicherweiſe den Schläfer aufgeweckt, der ziemlich verwundert die beiden ſehr verdächtig aus⸗ ſehenden Geſellen dicht in ſeiner Nähe erblickte. Sie ſehen und aufſpringen war eins, und ein Gluͤck für ihn war's, daß er ſich nicht lange beſonnen hatte. Denn mittlerweile hatten auch die beiden Strolche den erſten Schrecken wieder abgeſchüttelt, und der wildeſte von ih⸗ nen war mit geſchwungenem Knüppel auf den Schee⸗ renſchleifer losgeſprungen, um ihm einen tüchtigen 58 Schlag beizubringen. Nun aber ging der Schlag fehl, und traf ſtatt ſeiner nur das Buͤndel, dem es keinen großen Schaden zufügen konnte. Zwar bückte ſich trotz⸗. dem der böſe Geſell, um das Bündel aufzuraffen und damit das Weite zu ſuchen; ein derber Fußtritt des Scheerenſchleifers vereitelte indeß dieſe Abſicht und ſchleuderte den Halunken auf die Seite. Da ſein Be⸗ gleiter jetzt die Flucht ergriff, und außerdem auch Alli ſchnellen Laufes herzu eilte, ſo fand der Spitzbube es wahrſcheinlich nicht gerathen, ſich Einer gegen Zwei in einen Kampf zu verwickeln, ſondern zog es vor, ſeinem Spießgeſellen ſo ſchnell zu folgen, als ſeine Beine ihn tragen wollten. Der Scheerenſchleifer ließ die Spitz⸗ buben laufen und wendete ſich mit frohem Geſichte Alli zu, dem er mit treuherzigem Weſen die Hand hin⸗ reichte.. „Schönen Dank, mein junges Herrchen,“ ſagte er. „Sie haben mir da einen guten Dienſt erwieſen! Ohne Ihren Zuruf wäre ich ſchwerlich aufgewacht, und die Schurken hätten mich wahrſcheinllch bis auf's Hemde ausgeplündert, wenn nicht gar am Ende gleich todtge⸗ ſchlagen.“ „Oh nein, lieber Mann, ganz ſo ſchlimm hatten ſte's nicht im Sinne,«“ erwiederte Alli.„So viel ich hörte, war's nur auf das Bündel abgeſehen, das da neben Ihnen liegt. Sie wollten's ſtehlen und ſich da⸗ von machen, weil ſie vermutheten, daß Ihre Baarſchaft darin ſtecken würde.“ „Und ſie hätten ſich in Wahrheit nicht getäuſcht,“ antwortete der Mann, indem er hurtig nach ſeinem Bündel griff und es von der Erde aufnahm.„Wenn's nicht viel iſt, ſo iſt's halt eben doch mein ganzer Ver⸗ dienſt vom vorigen halben Jahr, und ſie hätten wohl lachen ſollen, die Schurken, wenn ihnen ihr Anſchlag gelungen wäre. Danke Ihnen nochmals, junger Herr! Wahrhaftig, ein harter Schlag wär' es für mich gewe⸗ ſen, das Geld zu verlieren! Ich bin nicht reich, und daheim warten Frau und Kind auf mich und auf mei⸗ nen redlich erworbenen Verdienſt, und wär's ein bös Ding geweſen, hätt' ich müſſen mit leeren Händen kom⸗ men! Gott vergelt's, junger Herr! Wahrhaftig, wenn mein Weib und mein Guſtel hier wären, mein Büble mein' ich, ſo müßten's Ihnen auch danken! Ja, das müßten's!« „Das wäre zum Ueberfluß, lieber Mann,“ entgeg⸗ nete Alli.„Es freut mich, daß ich zu gelegener Stunde hier war, und Sie brauchen mir deßhalb nicht zu dan⸗ ken! Genug davon! Ich muß weiter!« „Und wohin, junger Herr?« „Dort hinunter, nach der Stadt!“ »Nun, da warten's halt noch ein wenig, denn das iſt juſt mein Weg auch, und wenn's Ihnen recht iſt, gehen wir mitſammen hinab. Haben's auch ſchon ge⸗ frühſtückt, junger Herr?« „Noch nicht, werde wohl unten etwas finden, denk' ich!“ „Warum erſt weit danach gehen, wenn man's gleich haben kann?« ſagte der Scheerenſchleifer gutmüthig. „Setzen's ſich mit daher! Es iſt halt ſchön im Freien, und ſchmeckt einem doppelt gut unter den Bäumen im grünen Wald. Ja, ja, Sie dürfen's mir nicht aus⸗ ſchlagen, ſonſt mein' ich, Sie verachten mich, da ich nur ein gemeiner Mann, ein hauſirender Scheerenſchlei⸗ fer bin!“ 60 „Soll mich Gott behüten,“ antwortete Alli lächelnd. „Bin ich doch noch viel weniger, und eigentlich gar nichts. Nun, wie Sie wollen; ich nehme dankbar an, was Sie mir reichen.“ „Wären nichts, lieber Herr? Noch weniger wären's, als ein armer Scheerenſchleifer? Hm!“ ſagte der Mann und betrachtete Alli mit einem theilnehmenden, aber zugleich ſcharfen und durchdringenden Blicke.„Hm! Darüber müſſen wir doch noch ein Wort mehr reden, wenn's Ihnen recht iſt. Aber jetzt erſt eſſen! Neh⸗ men's an!'s iſt nicht viel, aber herzlich gern ge⸗ reicht!« Der Scheerenſchleifer langte Butter, Brod und Käſe aus ſeinem Karren, legte Alles auf ein ſauberes Lein⸗ tuch, das er über den grünen Raſen ausgebreitet hatte, und das Ganze ſah ſo reinlich und appetitlich aus, daß Alli nicht länger zögerte, ſondern wacker zugriff und ſeinen Appetit befriedigte, den die friſche Morgen⸗ luft, und der Spaziergang vom Dorfe her, ſo ziemlich geſchärft hatte. Auch der Scheerenſchleifer ließ es ſich wohlſchmecken, und verzehrte ſtillſchweigend ſein Mahl, wobei er aber nicht unterließ, Alli von Zeit zu Zeit forſchend und aufmerkſam zu betrachten. Endlich hat⸗ ten Beide ihren Hunger geſtillt, der Scheerenſchleifer packte die Ueberreſte der Mahlzeit wieder ein, und ſetzte ſich dann, anſtatt Anſtalten zum Aufbruch zu machen, vertraulich wieder an Alli's Seite hin. „Haben's viel zu verſäumen in der Stadt drinn?« fragte er. Alli verneinte und ſagte, er komme zu jeder Stunde wohl zeitig genug. „Nun denn,“ fuhr der Scheerenſchleifer fort, ves iſt noch fruͤh am Tag, und ſo können wir ſchon hier im Wald noch ein Wörtle plaudern mitſammen. Was wollen's eigentlich in der Stadt drunten, wenn ich fra⸗ gen darf?« „Arbeit, Beſchäftigung, einen Dienſt ſuchen,“ er⸗ wiederte Alli mit offenem Blicke und offenem Herzen, dene er hatte ja keine Urſache, irgend etwas zu ver⸗ hehlen. „Sehen halt gar nicht darnach aus,“ ſagte der Scheerenſchleifer und ſchüttelte den Kopf.„Sehen doch aus, als ob Sie guter Leute Kind wären, obgleich freilich nicht gerade reicher Leute Kind.“« „Wer weiß,“ erwiederte Alli träumeriſch, indem er an ſeinen rechten Vater dachte.„Aber das iſt eine lange Geſchichte, und eine recht traurige obendrein. Sie würden ſich nur dabei langweilen.“ „Ei warum nicht gar!“ rief der Scheerenſchleifer. „Ich hör' für mein Leben gern erzählen, und wenn's daher kein Geheimniß iſt, fangen's nur ohne Umſtänd, an. Will Ihnen ſagen, liebes Herrchen, hab⸗ auch meine Abſicht dabei. Scheerenſchleifer kommen weit herum in der Welt, und hören ſo Manches, erfahren ſo Manches, was andere Leute nicht hören und nicht erfahren, und ſo mag's kommen, daß auch mitunter ein einfältiger Mann, wie ich bin, einen guten Rath er⸗ theilen kann. Darum nun mein' ich, Sie dürften mir wohl vertrauen, und dürften dabei gewiß ſein, daß ich nie kein Sterbenswörtle nicht verrathen thäte.“ Alli überlegte einen Augenblick. Er ſahr wohl, daß der Scheerenſchleifer es gut mit ihm meinte, und ſich für den ihm geleiſteten Dienſt gern dankbar bezeigen wollte. Zu verſäumen hatte er im Grunde nichts, und am Ende, aus welchem Grunde hätte er ſeine Geſchichte verheimlichen ſollen? So berichtete er dann und er⸗ zählte haarklein, was er von der guten alten Chriſtine erfahren hatte. Der Scheerenſchleifer verlor kein Wort von der Geſchichte, unterbrach Alli auch nicht, ſondern hörte ihn ruhig an, bis er genau ſo viel wußte, wie Alli ſelber. Jetzt erſt that er mit einem tiefen Athem⸗ zuge den Mund auf. „Ei, das iſt ja eine gar verwunderliche und ſelt⸗ ſame Geſchichte,“ ſprach er,„und iſt mir am allerwun⸗ derlichſten, daß auch gar kein einziger Name genannt iſt. Aber freilich, wenn nur Einer, nur ein Einziger genannt wär', ſo würd' Ihr Pflegevater wohl das Uebrige herauskriegt haben. Hören's, junger Herr, das muß ein braver, braver Herr ſein, Ihr Pflegeva⸗ ter, das ſeh' ich aus Allem!«. „Ja, Gott weiß es!“ beſtätigte Alli aus Grund der Seele.„Wenn er mein rechter Vater wäre, ich könnte ihn nicht mehr lieben in meinem Herzen!“ „Haben wahrlich auch alle Urſache dazu,“ fuhr der Scheerenſchleifer fort,„und wär's wohl ein großes Glück für Sie, wenn Sie dem braven, braven geiſt⸗ lichen Herrn ſeine vielen Wohlthaten vergelten und ihm helfen könnten! Ich kann mir das wohl denken. Nun aber, wie wollen Sie's anfangen, junger Herr? Haben Sie's ſchon recht überlegt?“ „Nun, vorerſt will ich mir irgend ein Unterkommen ſuchen, wie ich Ihnen ſagte, damit ihn doch eine Laſt weniger drückt,“ erwiederte Alli,„und nachher, wenn ich's je ſo weit bringen kann, will ich ſehen, daß ich meinen rechten Vater auffinde. Vielleicht lebt er noch, 63 wohl gar im Ueberfluß, und wenn es mir glückte, ach Gott, ſo waͤre ja uns Allen geholfen!“« „Ja, ja, wäre ſchon richtig das!« meinte der Schee⸗ renſchleifer.„Nur wird's ſchwer halten, ſo ohne alle Namen auf's Ungewiſſe hin..., mein' ich doch, man müſſe die Sache beim rechten End' anfangen, und ſcheint mir das nicht das rechte End', junger Herr, das Sie erwiſcht haben. Oſtindien iſt weit von hier, und will mich's bedünken, bevor Sie dort hingehen, ſoll⸗ ten's halt lieber erſt mit mir gehen, und hab' ich auch meinen guten Grund dazu. Die Geſchicht' iſt halt ſchon lang her, ich kann mich aber doch noch ſo dunkel erinnern,— ſag' Ihnen, junger Herr, wir könnten wohl gar der Sach' auf die Spur kommen, könnten wohl gar den Anfang finden, und dann die Sach' am rechten End' anfangen! Will's nicht geradezu behaup⸗ ten! Könnte aber doch ſein, und erinnere mich, ſo vor eilf oder zwölf Jahren iſt doch in meiner Gegend ſo eine Art von Geſchicht' paſſirt, und muß mein Katherl, mein Weib mein' ich, die Geſchicht' noch beſſer kennen, als ich, weil ich dazumal auf der Wanderſchaft war, und mein' ich, Sie gingen halt mit mir, junger Herr, und wir ließen uns von meiner Katherl die Geſchicht' erzählen! Zu verſäumen haben's nichts, und iſt mir doch ganz erinnerlich, als ob mir dazumal mein Katherl geſagt hätte,— es war zur Franzoſenzeit, und die Franzoſen machten wenig Federleſens,— als ob mir die Katherl erzählt hätte, ſag' ich, daß dazumal die Franzoſen übel gehaust, und hätten wegen Spionerie oder ſo etwas manchen braven Mann in's Unglück ge⸗ ſtürzt, und kann mich auch noch ſo dunkel erinnern, daß Der und Jener entwiſcht ſei, und hätte man nach⸗ gehends all' ihr Hab' und Gut in Beſchlag genommen, — griffen dreiſt zu, die Franzoſen,— und könnte doch wohl möglich ſein, oder wäre doch wenigſtens nicht un⸗ möglich, daß mein Katherl noch den und jenen Namen im Gedächtniß aufbewahrt hätt', und mein' ich drum, Sie ſollten doch mit mir gehen in meine Gegend dro⸗ ben im Reich, wo ich daheim bin, und könnt' es nicht ſchaden, wenn Sie auch mein Katherl reden hörten, und könnt' uns das Katherl wohl gar auf die rechte Spur bringen! Nun, was ſagen's dazu, junger Herr?« Alli hatte in lebhafter Spannung dem ſeltſamen, abgebrochenen Sermon des Scheerenſchleifers zugehört, und ganz bleich und aufgeregt ergriff er nun die Hand des Mannes, und drückte ſie mit verzweifelter Heftig⸗ keit, indem er mit zitternder Stimme ausrief!„Sie wiſſen mehr, als Sie ſagen wollen! Sie haben wohl gar meinen Vater, meine Mutter gekannt! Um Gottes⸗ willen, verhehlen Sie mir nichts!“ „Nein, nein, nein, junger Herr,“ entgegnete der Scheerenſchleifer abwehrend,„Sie gehen zu raſch! Ich geb' Ihnen mein Wort darauf, daß ich nicht mehr weiß, als ich Ihnen geſagt habe! Meine aber, es ſei nicht unmöglich, daß mein Katherl uns auf eine Spur hilft, und bin darum der Anſicht, daß Sie mit mir ge⸗ hen, und ſelbſt hören, mit eigenen Ohren, und ſelbſt ſehen, mit eigenen Augen, denn ſelbſt iſt der Mann, das iſt ein gutes, altes Sprichwort, in dem eine tiefe Wahrheit liegt.“ „Aber wie kann ich?“ rief Alli aus.„Es fehlt mir an Geld, an Allem, um eine ſo weite Reiſe zu machen!“ 8 „Pah, Geld!« entgegnete der Scheerenſchleifer. 65 „Haben Sie mir nicht heute früh erſt meinen Geldbeu⸗ tel gerettet? Wir reiſen mit einander, und wenn Sie ſonſt wollen, können Sie unterwegs auch die paar Groſchen verdienen, die Sie täglich als Zehrungskoſte gebrauchen.“ „Wie, auf welche Weiſe?« fragte Alli haſtig. „Nun, Sie helfen mir Scheeren ſchleifen und Meſ⸗ ſer ſchärfen! Das iſt bald gelernt, und wenn's auch kein hoher Beruf iſt, ſo iſt's doch ein rechtſchaffener Erwerb. Wenn Sie alſo Luſt haben, ſo ſchlagen's dreiſt ein!« Und er ſchlug ein, der Alli, mit dankbarem Herzen ſchlug er ein, und wurde ſodann als Scheerenſchleifer⸗ Junge förmlich angeſtellt. Ehe er's gedacht und gehofft hatte, war ihm das gute Glück günſtig geweſen, und zwar günſtiger, als er im erſten Augenblicke ſelber glaubte. Bei näherer Be⸗ kanntſchaft mit Valentin Pepperle, ſo hieß unſer Schee⸗ renſchleifer, mußte er den wackeren, offenen, treuherzi⸗ gen Mann immer lieber gewinnen, und bald machte er auch die Erfahrung, daß Valentin Pepperle nicht nur ein gutes Herz, ſondern auch einen recht geſunden Ver⸗ ſtand, einen guten Kopf und ein frommes, gottesfürch⸗ tiges Gemüth beſaß. Zudem war die Reiſe weder langweilig, noch auch ermüdend, und Alli merkte bald, daß Valentin ziemlich viel Geld verdiente. Kreuz und quer ſtrichen ſie in den Landen umher. In größeren Städten hielt ſich Valentin immer nur kurze Zeit auf, und am liebſten übernachtete er auf Dörfern, wo er freilich weniger verdiente, aber auch nur ſelten für Koſt und Nachtlager zu bezahlen brauchte. Dagegen ſchliff er der Frau Wirthin die abgenutzten Scheeren und Barmherzigkeit. 5 machte die ſtumpfen, ſchartigen Meſſer wieder ſcharf. Das koſtete nicht viel Mühe und brachte außerdem noch ein„ſchön' Dank« ein. Wenn's auch nur Gro⸗ ſchen und Sechſer waren, die Valentin von Einzelnen einnahm, ſo merkte Alli doch, daß aus den Groſchen allmälig Gulden und Thaler wurden, und aus man⸗ chem Dorfe nahm Valentin Pepperle zwei, drei Thaler mit fort, ohne einen Heller für ſich und Alli ausgege⸗ ben zu haben, obgleich ſie keineswegs ſchlecht oder kärg⸗ lich bewirthet worden waren.. „Das iſt halt nicht anders auf dem Lande,“ ſagte Valentin Pepperle.„Man achtet da ein biſſel Butter, Brod und Schinken nicht eben hoch, während doch die Leut' froh ſind, wenn ſie wieder mit einem ſcharfen Meſſer ſchneiden können. In den Städten iſt's anders. Da gibt's zu viel Conkurrenz, und drum ſuch' ich am liebſten die Dörfer auf. Merk' dir's Alli, magſt viel⸗ leicht ſpäter einmal die Lehre benutzen können.“ Seit Alli Scheerenſchleifer⸗Junge war, dutzte ihn Valentin, und Alli mußte Meiſter und Ihr zu ihm ſagen.»Von wegen,“ ſagte der kluge Pepperle,„weil die Leute ſonſt neugierig ſein und fragen würden, und wir nur immer erzählen könnten. Das wär' auf die Dauer langweilig, und wenn man’'s umgehen kann, ſpart man viele Worte. Als mein Lehrburſch läufſt du mit durch, und fällt's Keinem ein, zu fragen. Und wahr iſt's, Alli, ein wackerer Lehrburſch biſt du, und bringſt mir reichlich ein, was du mir koſteſt, wohl auch noch mehr. Verſtehſt ja das Schleifen ſchon faſt ſo gut, als ich ſelbſt, und wirſt dir auch ſelbſt einmal da⸗ mit forthelfen können. Iſt auch nothwendig, das, Alli! Mußt bedenken, wenn du einmal wirklich nach Indien gehſt, ſo gehört Geld dazu. Das mußt du verdienen. Biſt du erſt einmal über'm Meer drüben, dann hat's keine Noth mehr mit dir, denn Meſſer und Scheeren brauchen's in Indien ſo gut wie hier, und ſcharf wollen's die Leut' auch haben, und mein' ich halt, es könne drüben noch nicht einmal ſo viel Schee⸗ renſchleifer geben, als bei uns im Land! Da magſt du dir nachgehends wohl leicht durchhelfen, denk' ich« Alli's Augen blitzten auf.„Da habt Ihr Recht, Meiſter,“ ſagte er.„Und ich, ich habe noch nicht ein⸗ mal an alles Das gedacht. Mein Gott, wie viel Dank bin ich Euch ſchuldig!“ »Keinen Dank! Iſt ja blos meine Schuldigkeit! Du haſt dein Lehrgeld im Thüringer Wald bezahlt, Alli, weißt, wo die Spitzbuben mich im Schlaf pluͤn⸗ dern wollten, und dacht' ich mir nachher gleich, als du mir deine Geſchichte erzählteſt, du müßteſt das Schee⸗ renſchleifer⸗Gewerb' erlernen, von wegen der Ueberfahrt nach dem fernen Lande, wo dein rechter Vater wohnt, und von wegen, weil du als Scheerenſchleifer doch in viele Häuſer kommſt, wohin du ſonſt nicht kommen würdeſt, und von wegen zuletzt, weil du bei dieſem ſelbigen Gewerb' rechtſchaffen dein Brod verdienen kannſt, auch wohl noch ein paar Groſchen drüber, die du wohl für'n Andern auch noch brauchen kannſt! Das dacht ich mir damals, und überlegt' es mir, und ich meine, du gibſt mir Beifall, Alli, gelt?« Das that er freilich, der Alli, und von Stund' an gab er ſich erſt recht noch Mühe, im Scheerenſchleifer⸗ Gewerbe ſehr geſchickt und vollkommen zu werden, und weil er mit Klugheit und Nachdenken zu Werke ging, ſo glückt' es ihm ſo wohl, daß ſelbſt Meiſter Pepperle 5* 68 ſeine Verwunderung nicht bergen konnte. Schon Wo⸗ chen vorher, ehe die Beiden in Pepperle's Heimath ankamen, beſorgte Alli das Geſchäft ſo ziemlich allein, und Pepperle konnte ſich pflegen und ausruhen. Er that's auch, nicht etwa aus Trägheit, nein, ſondern damit Alli recht viel Fertigkeit und Gewandtheit durch die Uebung erlangen ſolle, denn die Uebung macht den Meiſter, ſagte er. So ging denn Alles ganz wohl, und Alli war wirklich ſchon ein rechter Meiſter in ſeinem Gewerbe geworden, der es mit dem geſchickteſten Scheerenſchlei⸗ fer aufnehmen konnte, als ihm endlich nach langer Wanderung der brave Valentin Pepperle eines Tages in der Ferne einen ſchlanken Kirchthurm zeigte, und mit vor Rührung zitternder Stimme ſagte:„Sieh’ da, Alli, dort wo der Thurm ſteht, da iſt meine Heimath, da wohnt mein braves Weib, mein Katherl, und mein Guſtel, das herzige Büble, und nun wird's eine Freud' geben, wenn wir heut' Abend einmarſchiren mit Sack und Pack! Wirſt dann auch hören, Alli, was die Ka⸗ therl zu deiner Geſchicht' ſagt, und werden ja ſehen, ob wir deine Sach' am rechten End’ anfangen können! Jetzt aber vorwärts, Alli, denn es drängt und treibt mich halt mit Gewalt da hinunter, nachdem ich einmal wieder mit Gottes Hülfe den lieben alten, wohlbekann⸗ ten Kirchthurm geſchaut habe!“ Alli blieb nicht zurück— es trieb ihn ſelbſt etwas vorwärts, etwas wie eine Hoffnung, daß er nicht ganz umſonſt den Pepperle durch ganz Deutſchland begleitet habe. Eilig rollte er den Scheerenſchleiferkarren vor ſich her, endlich den letzten Abhang hinab, und nun langſamer über das holprige Straßenpflaſter hinweg. Pepperle hielt ſich nur mit Mühe zurück, daß er mit ihm gleichen Schritt hielt, und zuletzt, als ſie mit ein⸗ ander um eine Ecke bogen, konnt' er ſich nicht mehr bezähmen. „Schau, Alli, dort drunten das kleine, gelb ange⸗ ſtrichene Haus iſt's!“ ſagte er.„Du kannſt nicht feh⸗ len, folge mir nur nach!« Und im Sturmſchritt zog er aus, mit weiten Sätzen üͤber die Straße, und huſch wie der Wind in's Haus hinein. Als zwei Minuten ſpäter Alli anlangte, er⸗ tönte frohes Jauchzen aus dem kleinen Hauſe. „Gott ſei Dank,« murmelte er vor ſich hin,—„der gute Pepperle hat Weib und Kind wohlauf gefunden! Wollte Gott, ich fänd' auch meinen Vater endlich! Aber, wer weiß, ob ich ihn jemals, jemals finde?“ Faſt wollte er betrübt werden, und etwas wie eine Thräne drängte ſich in ſein Auge, aber der brave Pep⸗ perle kam noch zu rechter Zeit, um ihn ſeinen trauri⸗ gen Gedanken zu entreißen.„Herein, Alli!« rief er ihm mit fröhlicher Stimme zu.„Herein, Alli, und Gott ſegne deinen Eingang wie deinen Ausgang. Biſt von ganzem Herzen willkommen geheißen unter meinem kleinen aber friedlichen Dache!“ Und Alli trat über die Schwelle, und Frau Pep⸗ perle, eine muntere, rüſtige, wohl ausſehende Frau, reichte ihm mit freundlichem Lächeln die Hand, und der kleine Guſtel, ein ſchmuckes Büble für ſein Alter, ſprang luſtig an ihm in die Höhe,— und für den Augenblick vergaß Alli ſeine Hoffnungen und Sorgen in der Mitte dieſer treuen und wohlwollenden Herzen, die ihm mit ſo warmer Liebe faſt wie einem Sohne des Hauſes entgegen kamen. Fünftes Kapitel. Was der Alli bei Pepperle erfuhr. Am erſten Tage der Ankunft war von Alli's An⸗ gelegenheiten natürlicher Weiſe nicht viel die Rede, denn da gab es zunächſt mancherlei zu erzählen und zu ordnen zwiſchen Pepperle und ſeiner Frau. Aber am anderen Morgen brachte Pepperle das Geſpräch auf Alli's eigenthüͤmliches Schickſal, und erzählte der Ka⸗ therl in kurzen, runden Worten, wie er mit Alli zu⸗ ſammengetroffen, und was er von ihm über ſeine Ver⸗ gangenheit erfahren. Die Katherl ſtutzte nicht wenig und horchte hoch auf. „Ei du mein Gott,« ſagte ſie, als Pepperle ſeinen Bericht abgeſtattet hatte,„wär's denn um's Himmels willen möglich?« „Was denn möglich, Frau?“ fragte Pepperle, wäh⸗ rend Alli nun ſeinerſeits faſt athemlos aufhorchte. „Ei, von wegen!“ erwiederte ſie.„Merkwürdig waͤr's! Aber ich muß vor allen Dingen die Sophie holen, die in früheren Zeiten da gedient und den Herrn ſelber geſehen hat.“ „Wen geſehen?« „Nun, den Herrn, der wohl der rechte Vater von Alli ſein wird. Sie hat ihn geſehen, ſag' ich.“ „Wann geſehen, Katherl? Gib auch Antwort, lieb's Weible! Siehſt ja, der Alli ſitzt da, wie eine Leiche ſo blaß! Wann geſehen?“ 71 „Ei, vor kaum einem Vierteljahr! Er war ja hier der Herr! Und ließ die Sophie rufen! Laßt mich nur gehen und ſie holen, ſie weiß ja doch Alles viel beſſer als ich, und wohnt nur fünfhundert Schritt von uns in der Brandgaſſe! Weißt es ja, Pepperle!“ „Nun, ſo lauf' und hol' uns die Sophie! Aber geſchwind, Katherl, denn du ſiehſt wohl, der Alli ver⸗ geht ſchier vor Ungeduld.“« „Ich ſpringe ſchon,« erwiederte ſie, und ſprang wirk⸗ lich mit einer Eile davon, mit welcher Alli ganz zu⸗ frieden ſein konnte. Dennoch dünkte es ihn eine halbe Ewigkeit, bis ſie wieder zurückkehrte. Endlich ſchoß ſie um die Ecke hervor und zog eine Frau am Arm hin⸗ ter ſich her, ſo ſchnell, daß ſie kaum folgen konnte. Athemlos kam ſie an. „Da iſt die Sophie!“ rief ſie,„und war zum Glück noch daheim. Nun könnt ihr ſie fragen. Schau, das iſt der Alli, Sophie! Iſt er's denn? Iſt's der Rechte? Schau' ihn dir recht an, Sophie, ob du meinſt, daß er's iſt!« Sophie ſtutzte, als ſie Alli in's Geſicht ſah, und trat ihm näher, und ſtutzte wieder, und ſchlug endlich vor Verwunderung die Hände zuſammen.„»Ach du mein Heiland,“ ſagte ſie endlich,„faſt glaub' ich wahr⸗ haftig, daß er's iſt! Der Name trifft zu, und gerade ſo groß und ſo alt müßte der kleine Alli nun auch ſein, den ich ſo manchmal auf den Armen getragen und auf den Knien geſchaukelt habe, und das ganze Geſicht, das ganze Geſicht von der Mutter hat er auch. Ja wahr⸗ haftig, ich glaube, er iſt's!“ „Aber wer iſt's, Sophie?“ fragte Pepperle unge⸗ duldig.„Heraus damit, Sophie! Wer iſt's 26 „Ei, der Alli! Branders Alli! Meines guten Herrn wirklicher und leibhaftiger Sohn!“ rief Sophie. „Schau' mich an, Alli, kennſt mich nimmer? He?“ Alli, ganz bewegt und erſchüttert, hing mit den Blicken an den ſchon ältlichen, aber gutmüthigen Zügen der Frau, und ſuchte in ſeinem Gedächtniſſe nach Er⸗ innerungen, die aber nicht mehr aus ihrem Grabe her⸗ aufſteigen wollten.„Nein, nein, ich beſinne mich nicht,“ ſagte er kopfſchüttelnd.»Aber, wie könnt' es auch mög⸗ lich ſein? Ich war ja damals kaum drei oder vier Jahre alt, und ſeitdem ſind ja wohl zwölf Jahre ver⸗ floſſen!“ „Zwölf Jahre und etwas! Die Zeit trifft zu!“ ſagte Frau Sophie triumphirend.„Ja, ſo ungefähr zwölf Jahre ſind es, als meine arme Herrſchaft ſich aufmachte mit dem letzten Reſte ihrer Habe, um nach Hamburg zu gehen! Ach Gott, ach Gott, ich werde es nie und nimmermehr vergeſſen! Die arme Frau! Die Franzoſen hatten ihr Alles weggenommen, weil Herr Brander abſolut ein Spion und Verräther ſein ſollte, wovon doch gar kein Gedanke war! Sie wohnte ja damals bei mir im Hauſe, oder eigentlich im Hauſe meiner Mutter, als der Brief kam vom Herrn, weit über's Meer her, ſie möge kommen mit dem Kleinen, ſo bald wie möglich! Und da trieb es ſie fort! Wir konnten ſie nicht zurückhalten. Nur ſo viel erlangten wir durch vieles Zureden, daß ſie erſt nach Hamburg ſchrieb um Reiſegeld, wie es der Herr angeordnet hatte. Bis die Antwort zurückkam, wartete ſie. Aber es war keine gute Nachricht, die ſie bekam. In dem Briefe aus Hamburg ſtand, der Herr, der das Geld ſchicken ſolle, ſei geſtorben, und ſein Erbe wollt' es wohl 73 ſchicken, aber er muſſe vorher den Brief von Herrn Brander haben, von wegen, daß er auch ſicher ſei, daß das Geld in die rechten Hände komme. Ja, von dem Briefe des Herrn hätte ſich ja die gnädige Frau nicht getrennt, eher vom Leben!„Ich will ſchon hinkom⸗ men!« ſagte ſie. Und da nahm ſie ihre geringe Baar⸗ ſchaft und verkaufte, was ſie noch entbehren konnte, und dann ging ſie. Ich gab ihr noch zwei Meilen weit das Geleit und trug den kleinen Alli, und dann nahmen wir Abſchied, und ich wünſchte der guten gnädigen Frau alles Glück und Gottes Segen mit auf den Weg, und ſeitdem habe ich nun nichts mehr wie⸗ der von ihr gehöͤrt, als jetzt. Ach, die arme Frau, daß ſie ſolches trauriges Ende hat nehmen müſſen!« Sie weinte, die gute Sophie, aber Pepperle ließ ihr keine Ruhe, ſie mußte noch mehr erzählen. „Wie war's nun mit dem Herrn?“ fragte er.»Mit dem Herrn Brander, mein' ich? Er war alſo hier? Wirklich hier?“ „Nein doch, nicht hier,“ antwortete Sophie.„Drü⸗ ben war er, in dem Ort, wo er früher das Gut be⸗ ſeſſen hatte, und da ließ er mich hinkommen, als er erfuhr, daß ich verheirathet und mit meinem Manne hierher gezogen war. Er hatte ſich wohl verändert und ein ganz braunes Geſicht bekommen, aber ich er⸗ kannte ihn doch auf der Stelle wieder, und fragte auch nach der gnädigen Frau, und ob ſie mit dem kleinen Alli glücklich angekommen ſei? Ja, da halt' ich's ſchlecht getroffen. Nun erfuhr ich erſt, daß ſie und der Kleine wie von der Welt verſchwunden wären, und daß Herr Brander ſelber nichts von ihr wußte, gar nichts. Ich konnte ihm auch nichts ſagen, als was ich eben erzählt habe, und es that mir in der Seele leid, als ich ſah, wie betrübt der Herr darüber war. Zuletzt ließ er mich wieder gehen, oder vielmehr herüber fahren, und machte mir beim Abſchiede noch ein ſchönes Geſchenk. Nach⸗ her weiß ich nun nicht, was aus ihm geworden iſt. Nur ſo viel vernahm ich aus ſeinen Reden, daß er nicht bleiben wolle. Die Heimath ſei ihm verleidet, ſagte er.“ „Und weißt auch nicht, Sophie, wohin er gegangen iſt?“ fragte Katherl. „Nein, kein Wort! Aber über's Meer, denk' ich, wird er wohl wieder ſein.“ Weiter erfuhr Alli von Sophie nichts, denn ſie hatte nun Alles geſagt, was ihr bekannt war. Seine Betrübniß war groß, denn erſtens blieben noch immer Zweifel zurück, ob Herr Brander auch wirklich ſein Vater ſei, und dann wußte er doch auch nicht, in wel⸗ cher Gegend der Welt er ihn aufſuchen ſollte. Indeß Pepperle ſprach ihm friſchen Muth ein. „Warum läßt den Kopf hängen, Alli?« ſagte er. „Munter aufgeſchaut! Wenn's auch nicht viel iſt, was wir erfahren haben, iſt's doch immer mehr, als du vor⸗ her gewußt haſt. Weißt nun den Namen, Alli, und wollen wir hoffen, daß es der rechte Name ſei. Haſt den Anfang, Alli, und einen gar ſchönen Anfang, mit dem du wohl mit Gottes Huͤlfe zu einem guten Ende gelangen kannſt. Mußt doch einſehen, Alli, daß der liebe Gott da droben dich hierher geführt hat, damit du vorerſt den Anfang finden ſollſt! Haſt ihn nun ge⸗ funden, Alli, und magſt wohl Gott dankbar ſein, daß du ihn ſo ſchnell gefunden haſt. Jetzt müſſen wir halt ſehen, wie wir's weiter machen, und das wollen wir 75 mitſammen recht ordentlich überlegen, damit wir die Sach' am rechten End' anfangen. Zu übereilen brauchſt du nichts, Alli! Du bleibſt einſtweilen bei uns, und nachher— werden ja ſchauen!“ Der freundliche Zuſpruch Pepperle's beruhigte Alli's aufgeregte Gefühle ein wenig, und allmälig ſah er auch ein, daß die empfangenen Nachrichten denn doch nicht ſo gering anzuſchlagen ſeien, als er ſie anfänglich ge⸗ ſchätzt hatte. Er kannte den Namen, und durfte ſich mit einiger Zuverſicht der Hoffnung hingeben, daß die⸗ ſer Name der rechte ſei. Wenn es aber der rechte war, ſo folgte daraus die andere Gewißheit, die, daß ſein Vater noch lebte! Welch ein Glück für ihn lag in die⸗ ſer Gewißheit! Freilich mußte er ſich darauf gefaßt halten, daß er noch lange ſuchen könne, bis er die rechte Spur, und endlich, endlich den Vater fand! Aber am Ende, dieſer Vater lebte, dieſer Vater war nicht mehr namenlos für ihn, dieſer Vater mußte irgendwo verweilen, und Alli war feſt entſchloſſen, nicht eher zu ruhen, als bis er ſeinen Aufenthaltsort entdeckt habe. Die ganze Welt wolle er zu dieſem Zwecke durchwan⸗ dern, nahm er ſich vor. Mittlerweile fragte er Sophie um tauſend Kleinig⸗ keiten, die auf ſeinen vermeintlichen Vater Bezug hat⸗ ten, und Sophie ihrerſeits fragte ebenfalls nach jeder Kleinigkeit, die Alli wußte, und aus der Zuſammen⸗ ſtellung der beiderſeitigen Antworten ſtellte ſich immer klarer heraus, daß Brander wirklich und wahrhaftig der Vater Alli's ſein müſſe. Schon der Brief, den er vor nun bald dreizehn Jahren aus Oſtindien geſchrie⸗ ben, und den Alli faſt wörtlich auswendig gelernt hatte, bewies es, und alles Andere beſtätigte dieſen Beweis. Alli konnte kaum noch Zweifel daran hegen, daß der rechte Name gefunden ſei, und ſogar Pepperle, der in allen dergleichen Dingen der ungläubigſte Thomas war, meinte doch auch, hier wäre ein Irrthum kaum noch möglich, und Herr Brander müſſe der rechte Va⸗ ter ſein. Aber wie nun ihn auffinden? Frau Katherl ſchlug vor, Herrn Brander in den Zeitungen aufzurufen; aber Pepperle meinte, das werde viel Geld koſten, und nütze am Ende doch nichts, weil der Herr Brander vielleicht bereits wieder nach Oſtin⸗ dien gegangen ſei. Beſſer wär's, ſich in ſeinem Hei⸗ mathsort zu erkundigen, ob da vielleicht Jemand von ſeinem Aufenthalt Nachricht geben könne. Dagegen meinte Sophie, das werde nichts nützen, denn ſie habe ſich ſchon ſelbſt erkundigt, um Herrn Brander für das ſchöne Geſchenk zu danken, das er ihr gemacht, aber es habe ihr Niemand Auskunft zu geben vermocht. „Nun, ſo bleibt denn nichts übrig, als ich mache mich ſelbſt auf den Weg,“ ſagte Alli.„Zuerſt nach Hamburg und dann nach Oſtindien. Wenn's nicht an⸗ ders geht, ſo bettle ich mich durch von Ort zu Ort, und verdinge mich dann auf eineSchiff zur Ueberfahrt!« „Das wird nicht noͤthig ſein, daß du betteln mußt, Alli,« ſagte Freund Pepperle bedächtig.„Biſt ja ein richtiger Scheerenſchleifer geworden, und mußt das nicht vergeſſen.“ „Aber den Karren, Pepperle?“ „Für den Karren laß du mich ſorgen, Alli! Meinſt denn, du hätteſt kein Geld? Haſt mir ja genug verdienen helfen unterwegs hierher! Nur Geduld, Alli! Wir werden ſchon ſehen, wie wir's einrichten. Erſt 77 müſſen wir nur gewiß ſein, ob es auch wirklich das Beſte iſt, wenn du nach Hamburg und ſo weit über's Meer gehſt. Das muß recht genau überlegt werden, Alli!« Und ſie überlegten es hin und her, von allen Sei⸗ ten, dachten auch noch über manches Andere nach und beſprachen ſich darüber, verſäumten auch nicht, nach dem ehemaligen Heimathsort Branders hinüber zu wandern, der fünf Meilen von Pepperle's Wohnort entfernt lag, um daſelbſt Erkundigungen einzuziehen,— kamen aber doch immer wieder auf Alli's Entſchluß zurück, als den beſten und zweckmäßigſten, der ausgeführt werden könne. „Wohl denn, ſo geh' und wandere in Gottes Na⸗ men,“ ſagte Pepperle eines Tages zu Alli.„Ich ſeh' ſchon, du haſt keine Ruhe mehr bei uns, und wenn ich's mir recht überdenke, ſo kann ich dich nicht ſchelten drum. Dein' Sach' iſt gerichtet, der Karren iſt fir und fertig, und ich meine, du kannſt zufrieden ſein damit. Hab' ihn ſelbſt ſchon probirt, und drauß' auf dem Hof ſteht er, wenn du ihn beſchauen willſt.« »„Nicht möglich! Ihr macht Scherz mit mir, Mei⸗ ſter!« rief Alli ganz überraſcht aus, und blickte zwei⸗ felnd in das ehrliche, biedere Geſicht Pepperle’s, das ihn mit der treuherzigſten Miene von der Welt an⸗ lächelte. „Geh' nur hinaus, und ſchau' ihn dir an,“ erwie⸗ derte Pepperle.„Er iſt da, ſag' ich dir, mit Schleif⸗ ſteinen und Riemen und Allem.“ Alli eilte hinaus, und lächelnd folgten ihm Pep⸗ perle und Katherl nach. Ja, da ſtand der Karren, gut und feſt gezimmert, und die Schleifſteine von der beſten Art, denn Pepperle hatte ſie ſelbſt ausgeſucht, und er verſtand ſich darauf, und indem Alli voll Freuden das Rad drehte, ſchnurrte und flog nur Alles ſo, gerade wie er ſich's wünſchen konnte. „Dank' Euch, Meiſter,“ ſagte er herzlich.„Gott wird Euch vergelten, was Ihr mir Gutes und Liebes erzeigt habt, und ich, glaubt mir, ich werd' es im Le⸗ ben nicht vergeſſen!« „Pah, nicht Urſach',“ antwortete Pepperle.„Höch⸗ ſtens ſind wir nun quitt mit einander, Alli! Der Kar⸗ ren iſt von dem Geld' bezahlt, das du dir ſelber ver⸗ dient haſt, und was das Biſſel Müh' und Arbeit be⸗ trifft, was ich damit gehabt, ei, ſo wiegt das noch nicht auf, was du damals für mich im Thüringer Wald ge⸗ than haſt. Uebrigens ſind noch ein paar Gulden übrig zum Reiſegeld für dich, und wenn du ſie nicht brauchſt unterwegs, ſo kannſt du ſie doch aufheben und zu dem Uebrigen thun, was du hoffentlich noch verdienen wirſt. Und nun mach' mir kein Geſchrei weiter, Alli! Es iſt dein Geld, und damit Punktum!“ Alli mußte wohl ſchweigen, um den Meiſter Pep⸗ perle nicht zu erzürnen, aber was er mit Worten nicht ſagen konnte, das drückten ſeine Blicke voll Dank und Rührung aus. Der Pepperle dagegen ſchaute nicht nach den Blicken; er war ſtill in ſich vergnügt, daß er Alli mit dem Karren zu ſeiner Zufriedenheit überraſcht atte. ) Der Abend ging ſchnell dahin, und in der Frühe des andern Morgens ſollte Alli ſeine Wanderung an⸗ treten. Pepperle ſchrieb ihm ſeine Reiſeſtraße vor, und gab ihm noch manche wohlgemeinte Lehre und Weiſung mit auf den Weg. Alli merkte ſich jedes Wort, denn 79 Meiſter Pepperle war ein Mann von Erfahrung und geſundem Verſtande. Es war ſchon ſpät, als man ſich zu Bette begab. Gleichwohl ſchlief Alli unruhig, und ſprang mit dem erſten Morgengrauen aus ſeinem Bette. Nun ging's zum Abſchiede, denn Pepperle und ſein gutes Weib waren ebenfalls ſchon munter, und das Katherl hatte ihm noch einen braven Kaffee zum Schutz gegen die rauhe Morgenluft gekocht. Alli ſchlürfte ihn langſam und zögernd; denn ſo ſehr es ihn geſtern noch gedrängt hatte, fort zu wandern und ſeinen Vater zu ſuchen, ſo ſchwer fiel es ihm jetzt, wo der Augenblick der Trennung wirklich gekommen war, von dieſen treuen Freunden zu ſcheiden, die ſich ſeiner ſo liebreich ange⸗ nommen hatten. Pepperle merkte wohl den Kampf, den Alli mit ſeinem Herzen beſtehen mußte, und ob⸗ gleich er ſich darüber freute, weil er die Liebe ſah, die daraus hervorleuchtete, machte er dem Auftritte doch mit raſcher Entſchloſſenheit ein Ende. „Ausgetrunken, Alli!« ſagte er. Alli gehorchte. „So! Und nun die Hand her!“ fuhr er fort. „Gott behüte dich, Alli, und ſei mit dir auf deinen Wegen, und leite dich zu allem Guten und Glücklichen! Und nun gib auch der Katherl die Hand! Recht ſo! Und nun endlich marſch! Dort hinaus geht's, Alli, und zu jeder Stunde, wo du zurückkehrſt, ſollſt du uns wie ein lieber Sohn willkommen ſein!“ Mit ſanfter Gewalt drängte er ihn fort. Alli mußte wohl gehen. Draußen ein letztes Händeſchüt⸗ teln, dann rollte der Karren über das Steinpflaſter. Der gute Pepperle ſah ihm nach bis an die Ecke, wo der Weg links abbog. Noch einmal winkten ſich Meiſter 80⁰ und nun war für's erſte Alles vor⸗ und Lehrling zu, bei. Pepperle kehrte in ſein Haus zurück, und(Alli ging hinaus in die weite, fremde Welt, die im hellen Morgenglanze vielverſprechend und hoffnungverheißend vor ihm lag. Sechstes Kapitel. Gott lenkt. Aui hatte ſeine Lehrzeit ſo gut benutzt, daß es ihm nicht fehlen konnte, die Vorausſagungen Pepperle's wahr zu machen. Muthig ſteuerte er auf Hamburg zu, machte dabei aber ſo viel Abſtecher bald nach rechts, bald nach links, daß er, obgleich er fleißig auf der Wanderung war, doch nur langſam vorwärts kam. In⸗ deß, wenn der Menſch ein feſtes Ziel ſtetig und unver⸗ rückt im Auge hat, ſo erreicht er's endlich, wenn auch auf Umwegen. So ging's auch dem Alli, wobei noch⸗ beſonders zu bemerken, daß die Umwege für ihn noth⸗ wendig und nützlich waren, indem es bei ihm nicht allein darauf ankam, nach Hamburg zu gelangen, ſon⸗ dern hauptſächlich darauf, mit Geld hinzukommen. Alli hatte nicht vergeſſen, wie Pepperle es anfing, Geld zu verdienen und Geld zu ſparen, und er folgte ganz genau deſſen Beiſpiele. Die größeren Städte ver⸗ mied er ſo viel als möglich, und ſuchte jederzeit in einem Dorfe ſein Nachtquartier zu bekommen. Dieß 81 gelang ihm auch faſt immer, mit nur wenigen Aus⸗ nahmen. Sein hübſches Geſicht, ſeine Jugend, ſeine Freundlichkeit und ſeine ſanfte Stimme gewannen ihm überall die Herzen der Menſchen, und überall fand er ein Nachtlager, ſo gut es gute Menſchen ihm bieten konnten. Da er nun nebenbei außerordentlich fleißig war, ſo ging es ihm, wie früher ſeinem Meiſter Pep⸗ perle. Die Geldſtuͤcken in ſeinem Lederbeutelchen, das er immer bei ſich trug, vermehrten ſich raſch, und mit jedem Thaler, oder wohl gar Goldſtücke, mehrten ſich ſeine Hoffnungen, daß er endlich nach Oſtindien kom⸗ men, endlich ſeinen Vater aufſuchen und finden werde. Im Herbſt war Alli von Pepperle mit ſeinem Kar⸗ ren ausgezogen, und ſchon fingen die Birken an zu gruͤnen und die Blumen zu blühen, als er in Ham⸗ burg, der ſchönen, großen Welthandelsſtadt ankam. Wohlgemuth ſchob er ſeinen Karren durch die Straßen, und fragte ſich nach dem Hafen hin, wo er ein Schiff aufſuchen wollte, das ihn als Paſſagier aufnehmen und dem fernen Ziele ſeiner Pilgerfahrt zuführen ſollte. Es fiel ihm nicht ſchwer, den Hafen zu finden, aber ſchon ſchwieriger wurde es, eine Herberge zu entdecken, die ihm ein ſicheres und dabei wohlfeiles Unterkommen ver⸗ ſprach. Uebrigens war es noch früh am Tage, und Alli brauchte ſich nicht zu übereilen. Er ſuchte ein ſtilles Plätzchen aus, von wo er ungeſtört das rege Treiben und Schaffen im Hafen überblicken konnte, ſetzte hier ſeinen Karren nieder, ſich ſelber daneben, und betrachtete nun ſeine Umgebungen, die ihn mit Er⸗ ſtaunen und Bewunderung erfüllten. Etwas dieſer Art hatte Alli auf allen ſeinen Wan⸗ derungen noch nicht geſehen. Der breite, lhöhe Strom; Barmherzigkeit. ——ÿÿÿöÿmÿmÿÿõäõäü⅓uöu³ʒ——— 4ℳ 8 1— die Hunderte von Schiffen, welche ihn mit ihrem Ma⸗ ſtenwald bedeckten; die gleich Pfeilen über den ruhigen Wellenſpiegel hin und her ſchießenden kleinen Fahrzeuge; das Gewimmel von Menſchen, das ſich geſchäftig durch einander bewegte; die fremdländiſchen Geſtalten und Trachten, welche an ſeinem Auge vorüberglitten,— Alles das war ihm neu und gewährte ihm die ange⸗ nehmſte Unterhaltung. Ganz ſtill ſaß er ſo da, ſchaute dem bunten Treiben zu, und verzehrte dabei ganz ge⸗ müthlich ſein Mittagsbrod, das er noch von dem letzten Dorfe her bei ſich führte, wo es ihm eine gutmüthige Bauersfrau in die Taſche geſteckt hatte. So ſaß er eine Stunde oder zwei, bis es ihm end⸗ lich einfiel, daß es doch wohl Zeit ſei, ſich nach einem Quartier zu erkundigen. Er ſah umher, um irgend ein wohlwollendes Geſicht zu finden, das ihm Ver⸗ trauen einzuflößen geeignet ſei, und entdeckte bei dieſer Gelegenheit eine fremdartige Geſtalt, deren Ausſehen ſogleich ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Es war ein Mann mit dunkel gebräuntem Geſicht, in koſtbare fal⸗ tige Gewänder gekleidet, und ſtatt eines Hutes einen prachtvollen Turban auf dem Kopfe. Er ſchritt lang⸗ ſam und ſtattlich einher, und näherte ſich allmälig der Stelle, wo Alli noch immer neben ſeinem Karren ſaß und ihn anſtaunte. Plötzlich, als der Fremde kaum noch zwanzig Schritte von Alli entfernt war, erſchallte dicht hinter ihm der laute Ruf:„Vorgeſehen! Vorge⸗ ſehen!“« und ein Matroſe, mit einem ſchweren Balken auf der Schulter, kam mit etwas wankenden Schritten daher gegangen. Alle Leute auf ſeinem Wege wichen ihm aus, nur der fremde Mann nicht, welcher den Ruf entweder nicht gehört, oder ihn nicht verſtanden hatte. 83 Er lief in Folge deſſen Gefahr, einen derben Stoß zu bekommen, denn der Matroſe war augenſcheinlich ein wenig betrunken, und fragte ſicherlich nichts danach, ob er auf ſeinem Wege Jemanden niederrannte oder nicht. Aber Alli ſah glücklicherweiſe noch zu rechter Zeit die Gefahr, und ſprang blitzgeſchwind in die Höhe, um ſie abzuwenden. Mit zwei Sätzen war er neben dem Fremden, ergriff ihn ohne Umſtände am Arm, und riß ihn in dem Augenblicke auf die Seite, als der ſchwere Balken kaum noch einen halben Zoll von der Schulter des Fremdlings entfernt war. Der Matroſe lachte, während Jener drohend die Stirn runzelte und ihn fin⸗ ſter anſchaute. „Was da!“ ſchrie der Matroſe.„Ihr koͤnntet Euch nicht beſchweren, wenn ich Euch niedergerannt hätte, denn ich habe laut genug geſchrieen Vorgeſehen!“ „Ja, das hat er, Herr,“ beſtätigte Alli treuherzig. „Sie dürfen ihn nicht ſchelten, ich hab' es ſelbſt ge⸗ hört.« Der Fremde lächelte Alli mit einer freundlichen Ver⸗ neigung des Hauptes zu, und als er ſich wieder um⸗ drehte, war der Matroſe ſchon weiter gegangen, indem er nach wie vor ſeinen Ruf:„Vorgeſehen! Vorgeſehen!« erſchallen ließ. „Ich danke, Sirrah!« ſagte jetzt der Fremdling in gebrochenem Deutſch zu Alli.„Ich begreife! Sie ſchützen mich vor grober Mann! Wir danken Ihnen? Dal. Er zog ein Geldſtück aus der Taſche ſeines weiten Gewandes und reichte es Alli hin, welcher es aber nicht annahm.„Nicht doch,“ ſagte er,„ſolchen kleinen Dienſt läßt man ſich nicht bezahlen. Sehen Sie ſich in Zukunft nur beſſer vor, denn ich habe ſchon be⸗ merkt, daß Vorſicht bei ſolchem Gedränge, wie im Ha⸗ fen hier, keineswegs überflüſſig iſt. „Ah, ſehr gut!“ erwiederte der Fremdling.„Ich werden merken das in Kopf. Danke, Sirrah!“ Mit dieſen Worten ſteckte er ſein Geldſtück wieder ein, nickte noch einmal Alli freundlich zu und ging ſei⸗ nes Weges weiter. Alli ſah ihm nach, bis er unter der Menge ver⸗ ſchwand, und fragte nun endlich nach einem Quartier. Eine alte Frau mit wohlwollendem Geſicht wies ihn zurecht, und Alli fand ganz in der Nähe des Hafens, was er ſuchte. Der Handel mit dem Wirthe war bald abgeſchloſſen. Alli bekam für billige Miethe ein Käm⸗ merchen mit einem ſauberen Bette, und ſein Karren wurde in einen Stall geſchoben, wo er vor unberufe⸗ nen Händen in Sicherheit war. Bis hierher befand ſich nun Alles in Ordnung, und es handelte ſich nur noch darum, ein Schiff zur Ueberfahrt zu finden. Er wandte ſich an ſeinen Haus⸗ wirth, in der Hoffnung, daß dieſer ihm einen guten Rath ertheilen könne, und erlangte von ihm allerdings eine Auskunft, die ihn aber nicht ganz befriedigte.„Für den Augenblick läge kein Schiff im Hafen, das nach Oſtindien beſtimmt geweſen wäre, und Alli werde wohl ein paar Tage warten müſſen,“ meinte der Wirth. „Aber was machen Sie deßhalb für ein verdrieß⸗ liches Geſicht?« fügte er hinzu.„Hamburg iſt eine große Stadt, wo es viel zu ſehen gibt. Schauen Sie ſich fleiß=ig um, und die Zeit wird Ihnen gewiß nicht lang werden.“ Das war unter den obwaltenden Umſtänden aller⸗ 8⁵ dings das Beſte, was Alli thun konnte, und er befolgte alſo den Rath ſeines Hauswirthes, indem er ſich mit einem hinlänglichen Vorrathe von Geduld verſah. Flei⸗ ßig durchwanderte er die Straßen, blieb ſtehen, wo es irgend etwas Merkwürdiges oder Schönes zu ſehen gab, und ſah denn auch wirklich ſo viel Neues und Intereſſantes, daß er nur ſelten einige Augenblicke der Langeweile verſpürte. Eines Tages dehnte er ſeine Wanderung auch außer⸗ halb der Stadt aus, und hier bemerkte er im Umher⸗ blicken eine Inſchrift an einem Hauſe, welche plöͤtzlich ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelte. Die Inſchrift lau⸗ tete:„Heilanſtalt für Blinde“, und zog ſich in großen, goldenen Lettern quer über das Haus hinweg, welches übrigens ein hoͤchſt freundliches und einladen⸗ des Ausſehen hatte. „Großer Gott,“ dachte Alli,„wenn mein guter, lie⸗ ber Pflegevater hier wäre, welch ein Glück!« Er konnte ſich von dem Hauſe lange nicht wieder trennen. Immer kehrte er dahin zuruͤck, wenn er ſich von ihm losgeriſſen hatte, und öfter als einmal mur⸗ melte er die Worte vor ſich hin:„Wäre er nur hier, es würde ihm vielleicht geholfen!« Zum zehnten Male vielleicht war er ſchon gegan⸗ gen, zurückgekehrt, wieder gegangen und wieder umge⸗ kehrt, bis er endlich einen herzhaften Entſchluß faßte und auf einen jungen Mann zutrat, welcher aus der Thür des Hauſes kam, das ſeine Gedanken ſo lebhaft beſchäftigte. „Bitte, lieber Herr, nur ein Wort,“ ſagte er ſchüchtern. „Was wuüͤnſchen Sie?“« fragte der junge Mann. 86 „Ach, lieber Herr,“ fuhr Alli fort,„ſagen Sie mir doch, werden in dieſem Hanſe wirklich die Blinden ge⸗ heilt?« 7 „Ja, gewiß, mit Gottes Hülfe, wenn die Heilung irgend möglich iſt. Es gibt auch unheilbare Blinde, mein Freund, und dieſen freilich kann Niemand helfen.« „Oh, unheilbar iſt er nicht!« rief Alli aus.„Der Doktor hat geſagt, er könne und werde geheilt werden, wenn er nur die richtige Pflege fände!“ „Von wem ſprechen Sie denn?“ „Von meinem armen Pflegevater, der bei einem Brande blind geworden iſt, indem er zu retten und zu helfen im Begriff war.“ „Und ſein Arzt hat alſo geſagt, daß ihm geholfen werden könne?“ „Ja, das hat er! Die alte Chriſtine hat es gehort, und ich auch.“ „Nun, ſo bringen Sie ihn her! Wenn Hülfe mög⸗ lich iſt, ſo wird ſie ihm hier gewiß zu Theil.« „Aber, lieber Herr,“ ſagte Alli ſchuͤchtern—„das koſtet wohl vieles, vieles Geld? Wir ſind arm, lieber Herr, ſehr arm! Mein Pflegevater hat nur das Noth⸗ wendigſte, und ich, ich bin nur ein armer Scheeren⸗ ſchleifer. Bitte, ſagen Sie mir, würde es ſehr viel Geld koſten, ihn wieder geſund zu machen?« Der junge Mann ſchüttelte den Kopf und betrach⸗ tete Alli's offenes, freundliches Geſicht mit theilnehmen⸗ dem Blicke.„Freilich, Geld koſtet es,“ antwortete er nach einem Augenblicke des Zögerns,—„obgleich wohl manche Erleichterung gewährt werden könnte! Hi! Hoͤre, du gefaͤllſt mir! Begleite mich eine Strecke, und erzähle mir einmal ausführlich von deinen Verhältniſſen. 87 Vielleicht kann man ſehen, ob nicht irgendwie Rath zu ſchaffen iſt.“ Alli hatte nichts zu verſäumen, und folgte daher mit Freuden der Aufforderung des jungen Mannes, deſſen gütiges und liebreiches Weſen ſogleich ſein gan⸗ zes Herz gewann. Ohne Rückhalt theilte er ihm die Lage der Dinge mit, und ſeine einfache Erzählung ſchien den Zuhörer ſichtlich zu rühren. Gleichwohl ſchüttelte derſelbe von Neuem bedenklich den Kopf, und ſein Auge drückte eher Mitleiden und Theilnahme, als irgend eine Hoffnung aus. „Böſe Sache, mein Sohn,“ ſagte er.„Wenn man den Patienten nur ſehen könnte! Aber am Ende,— die Kur erfordert vielleicht lange Zeit, und je länger ſie dauert, deſto koſtſpieliger iſt ſie natürlich. Hm! Wenn wir für den Anfang nur ein achtzig oder hundert Tha⸗ ler hätten! Die Behandlung ſollte ihn nicht einen Schilling koſten, ich würde ſie ſelber übernehmen, und mit Vergnügen umſonſt, um einem ſo wackeren Manne zu helfen, wie dein Pflegevater nach deiner Schilderung wohl ſein muß,— aber Wohnung, Pflege, Eſſen,— ganz ohne Geld kommen wir nicht zum Ziele, mein lie⸗ bes Kind! Du ſiehſt das ein!“ Alli verſank in Gedanken. Hundert Thaler! So viel und wohl noch etwas mehr hatte er ſich auf ſei⸗ ner Kreuz⸗ und Quer⸗Reiſe mit Meſſer⸗ und Scheeren⸗ ſchleifen endlich verdient, aber, wenn er ſie hergab, wo⸗ zu ihn die erſte Regung ſeines Gefühles drängte, wo⸗ von ſollte er dann die Koſten ſeiner Ueberfahrt be⸗ ſtreiten? „Hundert Thaler!« ſagte er endlich.»Und Sie meinen, lieber Herr, daß mit dieſer Summe meinem 88 guten Pflegevater das Augenlicht wieder verſchafft wer⸗ den könnte?“ „Wenigſtens hoffe ich es, mein Sohn! Mit Be⸗ ſtimmtheit läßt ſich darüber natürlich nichts ſagen, ehe ich den Kranken nicht ſelber geſehen habe. Es kann ſein, daß die Kur nur wenige Zeit erfordert, und für dieſen Fall würde das Geld gewiß ausreichen, aber bei längerer Dauer? Wir haben Kranke, mein Kind, zu deren Heilung viele Monate erforderlich ſind. Bei alledem, eine Beſſerung des Zuſtandes iſt unzwei⸗ felhaft zu erwarten, und wenn dieſe erſt einmal einge⸗ treten iſt, ſo.... wird ſich ja das Weitere finden!« ſetzte er nach kurzem Zögern hinzu.„Verſprechen läßt ſich da nichts, Kind! Nun freilich, einen halb geheil⸗ ten Kranken entläßt man nicht gern aus der Anſtalt, und wenn dein Pflegevater erſt einmal hier iſt, ſo.. nun ja, ich glaube ſagen zu können, ſo wird man ihn auch wohl bis zu ſeiner völligen Herſtellung dabehal⸗ ten, wenn auch das Geld nicht ganz zureichen ſollte.« „Das würde man thun?« erwiederte Alli nachdenk⸗ lich.„Ach, lieber Herr, wenn ich mir das doch einen oder zwei Tage überlegen könnte!“ „Ueberlege dir's, Kind,“ antwortete der Arzt freund⸗ lich.„Und wenn du einen Entſchluß gefaßt haſt, ſo komm zu mir, du wirſt mir jederzeit willkommen ſein. Ich bin der Doktor Jünken, und wohne Wallſtraße Nr. 70, eine Treppe hoch. Adieu, mein Kind.“ Der Doktor bog in eine Gaſſe ein, und Alli kehrte tieffinnig zum Hafen zurück. Die verſchiedenartigſten Gefühle kämpften in ſeiner Seele. Sollte er mit Hülfe ſeines erworbenen Geldes ſeinen urſprünglichen Plan verfolgen und nach Oſtindien gehen, um dort Nach⸗ 89 forſchungen nach ſeinem rechten Vater anzuſtellen, oder ſollte er das Geld ſeinem Pflegevater, dem wackeren Pfarrer Robin, überſenden, um ihn von der traurigen Nacht ſeiner Blindheit zu befreien? Er wußte nicht, welche Wahl er treffen ſollte, der arme Alli. Hier wie dort lockte ihn eine Hoffnung, hierhin wie dorthin drängte ihn ſein Herz. Stunden lang irrte er durch die Straßen, und waͤr noch zu keinem Entſchluſſe ge⸗ kommen, als er endlich mit anbrechender Daͤmmerung ſeine Wohnung wieder betrat. Hier kam ihm ſein Hauswirth mit einer Miene entgegen, die ihm eine frohe Nachricht verſprach. 4 „Endlich gefunden!« rief er ihm zu.„Morgen oder übermorgen geht die Brigg„Karolina“, Kapitän Schnei⸗ der, nach Bombay unter Segel. Ich ſprach zufällig den Steuermann, und wenn Ihr die Gelegenheit be⸗ nutzen wollt, Freund, ſo ſucht morgen früh den Kapi⸗ tän auf und ſprecht mit ihm. Auf ſeinem Schiffe wer⸗ det Ihr ihn finden.“ Dieß war allerdings eine lange erſehnte Nachricht, aber gerade in dieſer Stunde diente ſie nur dazu, Alli's zwißzen zwei Entſchlüſſen ſchwankende Seele noch un⸗ entſchloſſener zu machen. Welche Entſcheidung ſollte er treffen? Die Wahl war ſchwer fuͤr den armen Alli. Da auf einmal fiel ein lichter Gedanke, wie ein Blitzſtrahl, in ſeine Seele. Konnte er denn nicht das Eine thun, ohne das Andere zu laſſen? Konnte er denn nicht dem Pflegevater ſein Geld überlaſſen, und ſeine Perſon an den Kapitän zum Schiffsjungen oder Koch⸗ gehülfen oder zu ſonſt einem Dienſt vermiethen? War denn in dieſer Weiſe nicht einem Jeden geholfen? Sein trübe umflortes Auge leuchtete wieder hell auf, denn es eröffnete ſich ihm wieder eine Hoffnung. „Ich danke Ihnen für die Nachricht, Herr Wirth,“ ſagte er vergnügt.»Morgen mit dem Früheſten will ich zum Kapitän gehen! Iſt er Ihnen bekannt?« „Gewiß kenne ich ihn, und einen beſſeren Schiffs⸗ kapitän gibt es nicht im Hamburger Hafen,“ antwor⸗ tete der Wirth.„Ihr könnt von Glück ſagen, junger Mann, daß Ihr's ſo gut getroffen habt.“ Alli, von der ſchweren Laſt des Zweifels befreit, die ihn nicht wenig niedergedrückt hatte, begab ſich ver⸗ gnügt auf ſeine Kammer, zog den ſorgſam verwahrten Geldbeutel aus ſeiner Taſche und zählte den Inhalt deſſelben. Er fand, daß er im Beſitze von zwanzig Goldſtücken war, zu welchen noch ſechszehn Thaler ka⸗ men, die er in verſchiedenen Silbermünzen bei ſich führte. Die Theilung dieſer Summe machte ihm nicht viele Mühe. Hundert Thaler that er wieder in ſeinen Geldbeutel, den er an den früheren Ort ſteckte, und den Reſt von einigen zwanzig Thalern verſchloß er in den Schrank, von dem er den Schlüſſel abzog und ebenfalls zu ſich ſteckte. Hierauf begab er ſich zur Ruhe, und ſchlief nach einigen Augenblicken, zufrieden mit ſeinen gefaßten Vorſätzen, feſt ein. Kein böſer Traum beunruhigte ihn; ſein ſanfter Schlummer war eben ſo ruhig, wie ſein Gewiſſen. Am nächſten Morgen eilte er zuerſt nach dem Ha⸗ fen, und ließ ſich von einem Bootsführer an Bord der „Karolina“ bringen. Der Kapitän war bereits mun⸗ ter und beaufſichtigte die Verpackung der Güter, welche nach Oſtindien ausgeführt werden ſollten. Alli trat beſcheiden auf ihn zu, und wartete geduldig, bis der 91 Kapitän ihn bemerken werde. Dieß dauerte nicht lange, denn das fremde Geſicht fiel ihm bald auf. „Was willſt du, mein Kind?“ fragte er. „Mit nach Oſtindien ſegeln, wenn Sie es erlauben, Herr Kapitän!« „Ah, nach Oſtindien willſt du ſegeln,“ wiederholte der Kapitän Schneider mit einigem Erſtaunen, und blickte Alli mit ſchärferem Blicke an.„Als Paſſagier?“ „Das hängt von Ihrer Entſcheidung ab, Herr Ka⸗ pitän,“ entgegnete Alli.„Ich möchte Alles darum ge⸗ ben, was ich habe, um mit hinüber zu kommen, nur fürchte ich, daß es nicht zureicht.« Der Kapitän zuckte die Achſeln.„Wie viel haſt du?« fragte er kurz. „»Beinahe dreißig Thaler,“ antwortete Alli ſchüch⸗ tern.„»Langt es?« »Nein, mein Kind, das iſt kaum hinreichend zur Ueberfahrt! Und wie ſteht es mit der Verprovianti⸗ rung? Unſere Reiſe kann fünf bis ſechs Monate dauern, vielleicht kürzer, vielleicht länger, das hängt von Wind und Wetter ab.« Alli ließ den Kopf hängen und ſchaute betrübt zu Boden.„Ich hoffte,“ ſagte er ſchüchtern,„daß ich mei⸗ nen Unterhalt während der Reiſe vielleicht verdienen könnte. Gern würde ich jede Arbeit verrichten, wenn Sie mich nur mitnehmen wollten. Ach, bitte, nehmen Sie mich mit, Herr Kapitän!“ „Aber, Kind, was willſt du drüben?« „Meinen Vater ſuchen!“ „Deinen Vater? Wie heißt er?« „Brander, Herr Kapätän.“ „Kenne ihn nicht! Indeß... liegt dir ſehr viel daran, hinüber zu kommen?“ „Oh, mein ganzes Glück hängt davon ab!« ſagte Alli mit Thränen in den Augen. „Nun denn wir wollen ſehen, ich werde mit mei⸗ nem Rheder, dem Schiffseigenthümer mein' ich, ſpre⸗ chen. Und du willſt Dienſte leiſten unterwegs?« „Ja, herzlich gern! Alles, was in meinen Kräften ſteht, will ich thun!« „Das wird freilich noch immer nicht viel ſein!« ſprach der Kapitän lächelnd.„Gleichwohl, der Koch und der Proviantmeiſter können dich vielleicht verwen⸗ den. Es iſt gut, du zahlſt fünfundzwanzig Thaler, und hilfſt, wo du kannſt und wo es nöthig iſt. Der Rhe⸗ der wird nichts dagegen einwenden, denk' ich. Haſt du Gepäck?« „Nur meinen Scheerenſchleifer⸗Karren!“ „Ah, du biſt Scheerenſchleifer! Da wirſt du dem Koche um ſo willkommener ſein, wegen ſeiner Meſſer, die mitunter jämmerlich ſtumpf ſind. Wohlan, bis Mittag mußt du hier ſein mit deinem Karren, denn mit eintretender Ebbe lichten wir Anker. Wenn du alſo noch etwas zu beſorgen haſt, ſo beeile dich, denn es iſt ſchon acht Uhr, und Wind und Ebbe warten auf Niemand.“ I Wer war froher, als Alli? Beide Wünſche, die ſich in ſeinem Herzen geſtritten hatten, waren erfüllt. Er konnte ſeinem braven Pſlegevater helfen, und brauchte deßhalb doch die Reiſe nach Oxvredlen nicht aufzugeben. Mit erleichtertem Herzen ließ er ſich an's Ufer zurück⸗ rudern, und eilte mit ſchnellen Schritten in die Stadt, um den freundlichen Augenarzt aufzuſuchen und ihm die Geldſumme zu übergeben, die er zur Heilung des guten Pfarrers Robin beſtimmt hatte. Athemlos kam er in der Wallſtraße an, ſuchte die Hausnummer 70, trat in das Haus, ſprang die Treppe hinauf, und fragte nach dem Herrn Doktor. „Eben ausgegangen,“ erwiederte der Burſche, an welchen Alli ſich gewendet hatte;—„wird aber in einer Stunde zurückkehren.“ »So will ich auf ihn warten,“ entgegnete Alli. »Wiſſen Sie auch ganz gewiß, daß er kommt?“ »„Der Herr Doktor hat es wenigſtens hinterlaſſen, für den Fall, daß nach ihm gefragt würde.«e „»Ah! Dann bleibt mir noch Zeit genug,“ ſagte Alli, und trocknete ſich den Schweiß von der Stirn. „Wir haben ja bald noch vier Stunden bis Mittag und früher ſegelt die„Karolina“ nicht.“ Er wartete alſo. Eine Zeitlang ſetzte er ſich ſtill hin, aber bald gönnte ihm die innere Aufregung keine Ruhe mehr, und er maß mit haſtigen Schritten das Vorzimmer des Doktors, wobei er häufige Blicke aus dem Fenſter warf, um zu ſehen, ob der Erſehnte nicht die Straße herauf käme. Aber es ſchlug halb, drei⸗ viertel, neun Uhr ſogar, der Doktor kam nicht. Alli wurde von Ungeduld verzehrt, der Angſtſchweiß brach ihm aus, er fürchtete ſchon, daß er die Abfahrt ver⸗ ſäumen werde. Endlich kamen raſche Schritte die Treppe herauf. Der Doktor war es. „Gott ſei Dank!« murmelte Alli.„Noch zu rechter Zeit!« Und er eilte ihm mit frohem Geſicht entgegen. „Da biſt du ja, mein Sohn,“ ſagte der Doktor, welcher ihn auf den erſten Blick wieder erkannte.„Zu was haſt du dich entſchloſſen?« „Hier ſind hundert Thaler, Herr Doktor!“ entgeg⸗ nete Alli.„Nehmen Sie! Und Gott möge geben, daß die Summe ausreichend iſt!“ „Sie wird es wohl, hoffe ich,« ſprach der Doktor freundlich.„Und wo nicht, ſo habe ich bereits die nöthigen Schritte gethan, daß die Kur, einmal ange⸗ fangen, keine Unterbrechung erleidet. Wir müſſen nun die Ankunft deines Pflegevaters abwarten, um vorerſt zu ſehen, ob ſeine Blindheit heilbar iſt oder nicht. Iſt Erſteres der Fall, wie ich hoffen will, ſo wird er die Anſtalt nur völlig geheilt verlaſſen; wäre aber keine Hoffnung vorhanden, ſo wird er nur die Reiſekoſten hieher, und in ſeine Heimath zurück, zu tragen haben, was am Ende nicht von großer Bedeutung iſt. Alſo kannſt du ganz rühig ſein, mein Sohn. Das Geld iſt ja doch auf alle Fälle für ihn beſtimmt. Nicht wahr?“ „Ja, auf alle Fälle, Herr Doktor!« erwiederte Alli.„Ich bitte, ſchicken Sie es ihm und tauſend Grüße von mir dazu.“ „Warum wilſſt du nicht ſelbſt ſchreiben?« „Ich kann nicht, ich habe keine Zeit übrig, da ich dieſen Mittag noch nach Oſtindien gehe,— ich ſagte Ihnen ja, um meinen rechten Vater zu ſuchen. Ich werde ſpäter ſchreiben, gewiß, aber für jetzt... „Gut denn, wenn du ſolche Eile haſt, will ich die Beſorgung übernehmen! Jetzt nur noch die Adreſſe deines Pflegevaters, geſchwind.“ Alli gab Namen und Wohnort an, der Doktor ſchrieb Alles ſorgfältig auf, und nun endlich nahm Alli Abſchied. „Gott ſei mit dir, Knabe,“ ſagte der Doktor freund⸗ lich, indem er ihm mit Wärme die Hand drückte.„Ich denke, dir muß es wohl noch gut ergehen auf der Welt, und Gottes Segen wird dir gewiß nicht fehlen. Ein ſo treues und dankbares Gemüth, wie das deine, findet immer ſeinen Lohn, wenn auch nicht von außen her, ſo doch in ſich ſelbſt. Lebe wohl, mein Sohn, und Gott geleite dich!« Alli eilte hinweg. Das Wichtigſte war geſchehen, und er hatte nichts weiter zu beſorgen, als ſeinen Kar⸗ ren und den Reſt ſeines Geldes zu holen, ſeinen Haus⸗ wirth zu bezahlen, und endlich ſich auf das Schiff zu begeben. In weniger als einer halben Stunde konnte das Alles abgethan ſein. Glühend vom raſchen Laufe langte er auf ſeinem Kämmerchen an, und ſchloß den Schrank auf, in wel⸗ chem er ſein Geld aufbewahrt hatte. Als er aber den Kaſten aufzog, fand er ihn leer. Das Geld war ſpur⸗ los verſchwunden. Bleich und zitternd ſtand der arme Alli da, und glaubte ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen. Er riß eine andere Schublade auf, in der Meinung, daß er vielleicht die unrechte ergriffen habe, — aber auch dieſe war leer. Von ſeinem Gelde war ihm nicht ein Pfennig übrig geblieben, mit welchem er den Wirth und ſein Paſſagiergeld hätte bezahlen können. „Beſtohlen!“ rief er jammernd aus, und rang die Hände. Welcher ſchlechte Menſch hat mir dieß Herze⸗ leid zugefügt? Beſtohlen! Ach mein Gott, was ſoll ich nun anfangen?« Faſt beſinnungslos vor Schrecken ſank er auf einen Stuhl nieder, und machte ſeinem gepreßten Herzen durch einen Thränenſtrom Luft. Endlich raffte er ſich auf, um den Wirth zur Rede zu ſtellen, der ſeiner Anſicht nach für den Schaden haften müſſe. Bleich und mit verweinten Augen ſtürzte er in die Stube deſſelben. „Ich bin beſtohlen, Herr Wirth!« rief er ihm zu. „Ein Dieb iſt in meine Kammer eingedrungen und hat meinen Schubkaſten erbrochen! In Ihrem Hauſe iſt es geſchehen, und Sie müſſen daher für den Schuldi⸗ gen einſtehen! Schaffen Sie mir mein Geld, Herr, oder die Karolina ſegelt ohne mich ab, und ich bin der unglücklichſte Menſch auf der Welt!« „Der unverſchämteſte, willſt du wohl ſagen, Bürſchchen,“ entgegnete der Wirth zornig.»Dieſe Schliche kennen wir! Du gibſt dich für beſtohlen aus, um mich betrügen und mit deiner Zeche durchgehen zu können. Aber da biſt du an den Rechten gekommen! Auf der Stelle bezahlſt du mich, oder ich nehme deinen Scheerenſchleifer⸗Karren in Beſchlag, und liefere dich ohne Umſtände als Betrüger an die Polizei ab. Ei ja doch, dergleichen ſollte mir paſſiren! Mein Haus iſt ein ehrliches Haus, und mein Lebtage hat noch Keiner geſagt, daß Spitzbuben darin wohnten. Keine Umſtände gemacht, Bürſchchen! Heraus mit der Zeche, und dann packe dich, ſo ſchnell deine Füße dich tragen wollen. Fünf Mark und ſechs Schilling biſt du mir ſchuldig! Geſchwind bezahlt, oder es geht nicht gut!“« Alli ſtand ſprachlos vor Schrecken und Entrüſtung vor dem zornigen Manne, der ihn mit funkelnden Au⸗ gen anblitzte, und große Luſt zu haben ſchien, ihn mit ſeinen derben Fäuſten zu ergreifen und vor die Thüre zu werfen.„»Mein Gott, mein Gott,“ rief er voll Verzweiflung aus, vich ein Betrüger, ich ein Lügner und Dieb! Oh, Sie wiſſen wohl, Herr Wirth, daß ich 97 lieber ſterben als Sie betruͤgen wuͤrde! Ich bin beſtoh⸗ len! Kommen und ſehen Sie ſelbſt! Nicht ein Heller von dem Gelde iſt mehr da!« „Ja, ja, glaub' es wohl, nachdem du es auf die Seite gebracht haſt!“« ſagte der Wirth höhniſch.„Und nun kommſt du daher, und willſt mich vor allen Gäſten und Hausleuten der Spitzbüberei beſchuldigen, willſt mich an meinem ehrlichen Namen angreifen, willſt mein Haus in Verruf bringen! Ei, ſo ſoll doch gleich auf der Stelle... Packe dich, Burſche, oder du fliegſt aus dem Hauſe hinaus, ehe dir's lieb iſt!« „Gut, ich gehe, ich gehe ſchon,« antwortete der arme Alli mit ſchluchzender Stimme.„Aber geben Sie mir wenigſtens meinen Karren heraus, Herr Wirth! Er iſt mein Letztes, und wenn ich ihn nicht hätte, dann müßte ich verhungern oder betteln gehen! Meinen Kar⸗ ren, Herr Wirth! Geben Sie mir wenigſtens meinen Karren, und ich will alles Andere vergeſſen und ſtill ſchweigen dann.“ „Du willſt ſtill ſchweigen, du willſt vergeſſen?« fuhr ihn der Wirth an.„Das iſt ja noch beſſer! Danke du Gott, wenn ich dich nicht auf die Polizei bringe, wo Burſchen deines Gelichters hingehören! Be⸗ zahle, was du mir ſchuldig biſt, und dann geh' mit deinem Karren meinetwegen zum Henker! Aber bevor ich mein Geld nicht habe, kommt mir der Karren nicht aus dem Hauſe! Das iſt mein letztes Wort!“ Alli, der arme Alli, rang verzweiflungsvoll die Hände. Wenn er den Karren bekam, durfte er viel⸗ leicht noch die Hoffnung hegen, daß Kapitän Schnei⸗ der ihm die Ueberfahrt geſtattete, denn der Karren war wohl mehr werth, als die kleine Summe, welche Jener Barmherzigkeit. 7 98 als Paſſagiergeld gefordert hatte, und er konnte ihm den Karren als ein Pfand bieten, das er ſpäter bezah⸗ len würde. Wenn er dagegen mit leeren Händen kam, dann hatte er auch nicht die geringſte Ausſicht, ſeinen Zweck zu erreichen, denn der Kapitän wies ihn gewiß ohne Barmherzigkeit zurück. Darum wich Alli nicht von der Stelle, ſondern bot furchtlos dem Zorne des Hauswirthes Trotz. „Ich muß den Karren haben, und ohne ihn weiche ich nicht von der Stelle!“ ſagte er mit verzweifelter Entſchloſſenheit.„Blicken Sie mich nicht mit ſo grim⸗ migen Augen an, Herr Wirth! Ich kann es vor Gott und Menſchen beſchwören, und den heiligſten Eid dar⸗ auf ablegen, daß ich in Ihrem Hauſe beſtohlen worden bin, und darum ſo will ich wenigſtens meinen Karren heraus haben. Ich bitte Sie, Zerr Wirth, auf mei⸗ nen Knien bitte ich Sie, geben Sie mir wenigſtens mei⸗ nen Karren wieder.“ 4 „Daß ich ein Narr wäre,“ entgegnete barſch der Wirth, und wendete Alli den Rücken zu.„Erſt Geld, dann den Karren!“ Alli weinte und ſchluchzte, daß es zum Erbarmen war, und kein gutes Herz den armen Jungen ohne Mitleiden ſehen konnte. Zum Glück befand ſich ein Mann mit ſolch einem Herzen in der Stube. „Herr Wirth,“ ſagte eine rauhe Stimme,„auf ein Wort.“ Der Wirth drehte ſich um und ſtand einem rauhen, alten Matroſen gegenüber, der bei einem Glaſe Grog mit ruhiger Aufmerkſamkeit den ganzen Vorgang beob⸗ achtet hatte. Es war nur ein gemeiner Mann in gro⸗ 4 99 ber Matroſenjacke, aber unter der groben Jacke ſchlug ein warmes, theilnehmendes Herz. „Was wollt Ihr?“ rief ihn der Wirth an. „Ich will wiſſen, was Euch der arme Junge da ſchuldig iſt,“ antwortete der Matroſe mit rauher Stimme und kurz angebundenem, entſchiedenem Weſen. „Fünf Mark und ſechs Schilling!“ entgegnete der Wirth mürriſch.„Habt es ja gehort. Wieder einmal Geld, um das ich betrogen werde!“ »„Still da, Mann!« ſagte barſch der Matroſe.„Von Betrug iſt hier keine Rede! Das ſieht ja ein Jeder, daß der arme Junge da die Wahrheit ſpricht, ein Je⸗ der, ſag' ich, der ſich nur ein bischen auf Menſchen⸗ natur verſteht. Der Junge iſt beſtohlen, das iſt die Wahrheit, und weder Ihr, noch ſonſt Jemand, ſoll mir das ausreden! Und nun um ſolche Lumperei, wie fünf Mark und ſechs Schilling, einen ſolchen Spektakel zu machen! Pfui, ſchämt Euch in die Seele hinein, Mann! Hier habt Ihr Euer Geld, und nun laßt mir den ar⸗ men Jungen ungeſchoren und gebt ihm auf der Stelle ſeinen Karren heraus. Macht fort, hier liegt das Geld!« Mit Verachtung warf er die kleine Summe auf den Tiſch, trank ſein Glas aus, und machte Miene zu ge⸗ hen. Aber Alli ſtürzte auf ihn zu und drückte ſchluch⸗ zend die rauhe Hand des braven Matroſen an ſeine Lippen. »Ach, närriſcher Junge, laß doch das!« ſagte der Matroſe gutmüthig.„Die paar Schillinge ſind ja der Rede nicht werth. Nimm deinen Karren in Empfang, und bewahre dein Geld künftig beſſer auf. In der Welt gibt's überall Spitzbuben, und da muß man ſich Ihr aber, Freund Wirth, haliet künftig beſ⸗ ſere Ordnung in Eurer Wirthſchaft, ſonſt wird bald kein ehrlicher Mann mehr bei Euch einſprechen. Und damit Gott befohle Mit Einem Ru war mit drei große wollte ihm nach, ule cke machte er ſich von Alli los und n Schritten zur Thür hinaus. Alli um wenigſtens den Namen ſeines Wohlthäters zu erfahren und ihm für ſeine Großmuth zu danken, aber der Matroſe war ſchon im Gedränge draußen verſchwunden, und Alli mußte unverrichteter Sache in das Haus zurückkehren. Mürriſch gab nun der kein Recht mehr hatte, den Karren zu⸗ rückzuhalten, denſelben heraus, und Alli, ganz glücklich darüber, dieß wenigſtens erlangt zu haben, fragte nicht weiter nach ſeinem geſtohlenen Gelde, ſondern eilte fort, um noch zu rechter Zeit bei dem Kapitän Schneider ſchon war es zu ſpät! Die Karolina die Anker gelichtet und ſegelte mit gutem hatte bereits der eingetretenen Ebbe den Elbeſ trom hin⸗ Alli ſah nur eben noch die weißen, ausgebrei⸗ l in der Ferne wie die Schwingen einer Möve über dem Waſſer ſchweben. Das war ein harter Schlag für den armen Alli, ein härterer ſelbſt, als der Verluſt ſeiner kleinen Baar⸗ ſchaft, und troſtlos ſank er neben ſeinem Karren nie⸗ der, ſchaute der auf den Flügeln des Windes enteilen⸗ den„Karolina“ nach, und vergoß bittere Thränen über die ſchmerzliche Vereitelung ſeiner Hoffnungen. Auf lange Zeit war die Erfüllung derſelben nun wie⸗ der hinaus geſchoben. Lange mochte es dauern, ehe wieder ein Schiff nach Oſtindien unter Segel ging, —— 101 lange, ehe er wieder einen freundlichen, gutherzigen Kapitän fand, der ihm unter ſo günſtigen Bedingungen, wie Kapitän Schneider, die Ueberfahrt geſtattete, und noch länger, ehe er wieder einiges Geld verdient und erſpart hatte, ſo weinte der arme Alli, weinte, als ob ihm das Herz brechen müſſe! Plötzlich klopfte ihm eine Hand ſanft auf die Schul⸗ ter, und eine weiche, theilnehmende Stimme fragte ihn: „Warum traurig und vergießen Thränen, Sirrah?« Alli erhob ſeine feuchten Augen und ſah dieſelbe fremdartige Geſtalt vor ſich, die ſchon einmal vor meh⸗ reren Tagen ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte. Daſ⸗ ſelbe dunkel gebräunte Geſicht, von einem prachtvollen Turbane beſchattet; dieſelbe ſtattliche Figur, in koſtbare, weite, faltige Gewänder gekleidet. „Ah, Sie ſind es,“ ſagte er.„O Gott, ich habe wohl Urſache, betrübt zu ſein!« „Und warum Sirrah betrübt?“« fragte der Fremd⸗ ling von Neuem.„Hat Sirrah nicht Freund, zu hel⸗ fen, zu tröſten ihm?“ „Nein, ach nein, keinen Freund, auch nicht Einen,“ erwiederte Alli, dem bei dem Gefühle ſeiner Verlaſſen⸗ heit und Armuth von Neuem Thränen in die Augen ſchoſſen.„Keinen, keinen Freund!“ „Sirrah nicht ſprechen gut,“ entgegnete der fremde Mann. Sirrah hat mehr Freund, als einen, hat zweil Zwei ſehr gute Freunde!« „Ich? Und wer wären dieſe?“ „Ein ſehr guter Freund oben in Himmel, und ein ſehr guter Freund hier auf Erde, Sirrah!“ antwortete der Fremdling mit gütevollem Ernſte.„Guter Freund in Himmel heißt Gott, ſehr guter Gott; und guter Freund auf Erde heißt Tali, bin ich! Wollen helfen, tröſten Beide Sirrah, ſehr gern! Wenn Tali auch nur ein Wurm gegen Gott, nur ein armer Laskar aus fremder Welt, er doch gern helfen Sirrah, ſehr gern, wenn in ſeiner Macht. Jetzt Tali ſagen, was fehlt Sirrah? Tali gern möͤchte wiſſen!“ Alli's Herz wurde tief gerührt von der Freundlich⸗ keit dieſes fremden Mannes, der ſich ſo theilnehmend nach ſeinen Leiden und Schmerzen erkundigte. Er er⸗ zählte ihm von ſeiner Hoffnung, nach Indien gehen zu können, und wie dieſe Hoffnung durch den an ihm ver⸗ übten Diebſtahl im Wirthshauſe vereitelt worden ſei. Der Laskar Tali hörte ihn ſchweigend an. „Jetzt nicht klagen und weinen mehr, Sirrah,“ ſagte er, als Alli ihm ſein Herz ausgeſchüttet hatte.»Sir⸗ rah will gehen nach Indien, er geyhen wird nach In⸗ dien. Tali es verſpricht Sirrah, und iſt gut ſchon wie geſchehen. Was weiter? Schlechter Menſch Sirrah Geld ſtehlen? Gut! Wie viel Geld? Tali möchte wiſ⸗ ſen! Wird nicht ſein die ganze Welt.« Alli nannte die kleine Summe, die ihm entwendet worden war, und mit gutmüthigem Lächeln ſchüttelte der Laskar den Kopf. „Das Alles iſt?« ſagte er.»Und um ſo Kleinig⸗ keit Sirrah Thränen vergießt? Ah, ganz uhig, es wird Sirrah wiederbekommen all' ſein Geld! Wir jetzt gehen zu meinem Sirrah, wir ſprechen mit ihm! Er ſeyen wird jung Sirrah, heißen willkommen ihn, neh⸗ men mit ihn nach Indien, ſchenken ihm Geld wieder, Alles, weil jung Sirrah gut geweſen gegen Tali. Tali hat ſeinem Sirrah erzählt dieſes, und mein Sirrah zanken, weil nicht gleich mitbringen jungen Sirrah! Jetzt gut! Jetzt junger Sirrah mitkommen.“ Alli zögerte.»Aber Ihr Sirrah, wie Sie ihn nen⸗ nen, wird verwundert ſein, wenn ich zu ihm komme,“ erwiederte er.„Er kennt mich ja nicht.« „Er nicht etwa kennt Tali?« antwortete der Laskar lächelnd und zuverſichtlich.„Tali muß wiſſen, was zu thun! Kommen ganz dreiſt! Sirrah Brander ſehr gu⸗ ter Herr!« „Brander?!“ rief Alli aus und ſprang todtenblaß in die Höhe, als ob eine Kugel ihn mitten in's Herz getroffen hätte.„Brander ſagten Sie?“ rief er und packte krampfhaft den Arm des Laskaren.„Um Gottes⸗ willen, welchen Namen nannten Sie?“ „Brander! Sirrah Brander, mein Sirrah,“ wie⸗ derholte Tali mit verwundertem Blicke, indem er ſich die plötzliche Aufregung Alli's nicht zu erklären ver⸗ mochte.„Was Sie wollen, Sirrah? Ich ſehr er⸗ ſtaunt!“ „Oh mein Gott, wär' es möglich?« murmelte Alli. Koͤnnte er es ſein? Sollte ich ihn in dem Augenblicke finden, wo ich für lange Zeit jede Hoffnung aufgab? Sollte der barmherzige Gott ſo väterlich meine Schritte gelenkt haben?— Hören Sie, Tali,“ wandte er ſich plötzlich mieder zum Laskaren, der immer und immer wieder den Kopf über Alli's ſeltſames Benehmen ſchüt⸗ telte,—„hören Sie, iſt das derſelbe Brander, der vor zwölf oder dreizehn Jahren aus ſeiner Heimath flüchten mußte und nach Oſtindien ging?« „Ja, das iſt! Was damit?« erwiederte Tali. „Derſelbe, der in Indien Kriegsdienſte nahm, und einem indiſchen Fürſten gegen räuberiſche Mahratten Beiſtand leiſtete?« „Ja doch, Sirrah! Woher Sie wiſſen das?« „Derſelbe,« fuhr Alli zitternd vor Aufregung fort, „der in die Dienſte dieſes Fürſten trat?« „Ja, ja, woher wiſſen das Sirrah?“ „Derſelbe,“ ſprach Alli, faſt überwältigt von ſeinen Gefühlen, weiter,—„derſelbe, der erſt vorigen Som⸗ mer ſeine Heimath aufſuchte, um nach Weib und Kind zu forſchen, der die treue Sophie, die frühere Dienerin des Hauſes, zu ſich kommen ließ, um ſie zu befragen? Der aber endlich unverrichteter Sache wieder abreiſen mußte, ohne ſeine Angehörigen gefunden zu haben? Derſelbe, Tali?« „Derſelbe! Ja! Mein Sirrah!“ erwiederte Tali, immer mehr in Verwunderung geſetzt.„Doch wie weiß junger Sirrah das Alles ſo gut?« Alli gab keine Antwort. Er taumelte gegen ſeinen Karren, auf den er ſich ſtützen mußte, um nicht nieder zu ſinken.„Oh, mein Gott, mein Gott!« ſtammelte er, „darum alſo wollteſt du nicht, daß ich in das ferne Land hinüber fuhr! Darum ſandteſt du mir dieſe Widerwärtigkeiten! Darum vereitelteſt du meine Hoff⸗ nungen, um mein Herz mit der ſüßeſten Gewißheit zu begluͤcken! Oh, mein Gott, mein Vater im Himmel, wie ſoll ich beten zu dir, um dir zu danken Und ich Kurzſichtiger, ich klagte, ich murrte, ich weinte, wo ich dir Preis und Dank auf den Knien im Staube hätte darbringen ſollen! Oh, verzeihe mir, du Urquell aller Gnade und Barmherzigkeit, verzeihe mir!« Seine Stimme erſtickte in Thränen, und Minuten vergingen, ehe er ſich wieder faſſen konnte. Tali be⸗ trachtete ihn mit beſorgten Blicken, denn er glaubte wirklich, daß der junge Sirrah den Verſtand verloren habe, ein Irrthum, der ihm indeß bald wieder genom⸗ men werden ſollte. Alli beruhigte allmälig ſein tief⸗ fhütte aufgeregtes Gemüth und reichte Tali ſeine and. „Dank!« ſagte er,„Dank für alles Gute, was du mir mitgetheilt haſt, Tali! Du ſiehſt, ich bin ſehr Kctich darüber, oh, der glücklichſte Menſch auf der elt.« „Junger Sirrah glücklich, und doch weinen?“ entk⸗ gegnete Tali.„Wie zu erklären das?« „Alles ſoll dir erklärt werden, Tali! Ahnſt du denn nicht, welche ſelige Hoffnung mein Herz ſchwellt? Komm, laß uns zu deinem Herrn gehen! Ja, jetzt muß ich ihn ſehen und ſprechen, denn wenn nicht Alles mich täuſcht, Tali, ſo habe ich gefunden, was ich ſo lange ſuchte, habe ich meinen Vater gefunden!“ Jetzt war die Reihe an Tali, dem Eindrucke der mächtigſten Ueberraſchung zu erliegen. „Was ſagen Sirrah?“ rief er aus.„Wie möglich das? Wir glauben, Alle todt, und nun lebendig? Das ſehr großes Glück wäre für meinen Sirrah, der voll Traurigkeit iſt. Aber wie beweiſen das, Sirrah? Wenn nun Irrthum? Wenn Täuſchung iſt Alles? Dann die Traurigkeit noch viel mehr groß!« „Oh, ich fürchte keinen Irrthum, keine Täuſchung,“ entgegnete Alli.„Führe mich nur zu ihm! Begreife doch, Tali! Um ihn aufzuſuchen, wollte ich fort nach Indien, aber Gott duldete es nicht, weil ich ihn hier finden ſollte. Komm, Tali! Sage deinem Sirrah, Allt 106 wäre gefunden, und er könne ihm viel erzählen von ſeiner Mutter! Komm, komm!“ Tali zögerte noch.„Alles gut!“« erwiederte er. „Werden ſehen! Hören ich erſt aber, was junger Sir⸗ rah weiß von ſeiner Mutter. Dann gehen.“ „Oh Gott, Tali, bringe mich nicht zur Verzweif⸗ lung,“ rief Alli aus, den er mit Ungeſtüm vorwärts drängte.„»Laß uns gehen! Ich will dir verſprechen, nicht mit dir zugleich bei meinem Vater einzutreten. Bereite ihn erſt vor. Nenne ihm meinen Namen, ſage ihm, daß ich in ſeiner Heimath geweſen ſei, und was ich dort gehört und dir erzählt habe, und endlich, gib ihm dieß kleine Meſſer! Vielleicht erkennt er's wieder, denn es gehörte einſt meiner armen Mutter, und wurde nach ihrem Tode bei ihr gefunden. Oder gib ihm auch nur das Meſſer, und höre, was er ſagt. Ich will ja gern warten, bis er ſelber mich ſehen will.“ „Ach, gut, ſehr gut!« antwortete Tali.»Kleines Meſſer iſt viel werth! Wollen ſehen! Kommen denn Sie, junger Sirrah!“ Mit klopfendem Herzen folgte Alli dem Laskaren zu dem Hauſe, welches der Herr deſſelben bewohnte. Tali führte ihn in ein prachtvolles Vorzimmer, und er ſelbſt öffnete eine Flügelthüre, durch welche er in ein nebenan gelegenes Gemach eintrat. Alli's Herz ſchien ſpringen zu wollen, ſo heftig klopfte es gegen ſeine Bruſt. Ohne einen Blick auf ſeine Umgebungen zu werfen, heftete er ſein ſtarres Auge nur allein auf die Thür, durch welche Tali verſchwunden war. Ein letz⸗ ter Zweifel kämpfte noch mächtig gegen die Hoffnungen an, die ſein Gemüth beſtürmten. Noch wußte er ja nicht, ob jener Brander wirklich ſein Vater war. Aller⸗ — 107 dings vereinigten ſich viele Umſtände, die ſämmtlich dazu beitrugen, dieſen Glauben in ihm zu beſtaͤrken und zu befeſtigen; aber die Gewißheit, die letzte Gewißheit mangelte ihm gleichwohl noch immer; nämlich die An⸗ erkennung deſſen, den er für ſeinen Vater hielt. Bange Minuten harrte Alli, Minuten, deren jede ihn eine Ewigkeit dünkte. Er vernahm den Laut von Stimmen, Tali's Stimme, und eine zweite, welche ihn bis in das innerſte Herz hinein erzittern machte. Aber er verſtand nicht, was ſte ſprachen, denn ſie redeten die Sprache von Tali's Heimath. Trotzdem lauſchte Alli mit geſpannter Erwartung. Sein Blut war ſo aufge⸗ regt, daß es ihm die Augen verdunkelte und in den Ohren brauste, wie ferne Meeresbrandung. Jetzt wur⸗ den die Stimmen lauter, lebhafter, aber auf einmal war Alles ſtill, todtenſtill— kein Laut drang mehr durch die verſchloſſene Flügelthür. Alli zitterte, denn der Augenblick der Entſcheidung mußte nahe ſein. Großer Gott, welche Entſcheidung! Plötzlich drang ein Schrei, ein lauter, markerſchüt⸗ ternder Aufſchrei an Alli's Ohr und in ſein Herz, das wie von einem Schlage getroffen wurde. »Alli, mein Sohn!« rief eine Stimme. Nicht die Stimme Tali's, ſondern die andere, deren Klang den lauſchenden Alli bei ihrem erſten Laute ſo mächtig er⸗ griffen hatte.„Alli! Wo iſt er? Tali, wo iſt mein Sohn?“ „Vater, mein Vater!« ſchrie Alli draußen auf, und plötzlich wurde die Flügelthür aufgeriſſen, ein ſtattlicher Mann mit gebräuntem Geſicht und blitzenden Augen ſtürzte in das Voreimmer, heftete einen, nur einen ein⸗ zigen zärtlichen, lebevollen, durchdringenden Blick auf 108 Alli's erbleichendes Antlitz, und dann breitete er weit die Arme aus, und rief mit brechender Stimme:„Er iſt es! Es iſt das Antlitz ſeiner Mutter, meines un⸗ vergeßlichen, theuren, geliebten Weibes!“ „Vater und Sohn ſanken Bruſt an Bruſt, ihre Her⸗ zen ſchlugen an einander, und ihre Thränen floßen in unauflöslicher, ſtummer, heiliger Umarmung. Tali ſtand mit gefalteten Händen zur Seite, und ſeine bebenden Lippen ſtammelten unwillkürlich die Worte:„Oh, Sir⸗ rah, Sirrah, welch ein Glück iſt das, wenn Vater fin⸗ det Sohn, und Sohn findet Vater wieder. Ach, Sir⸗ rah, Sirrah, welch ein Glück!« * Siebentes Kapitel. Schluß. „Ja, mein Kind, ja, der Finger Gottes iſt es, der dir deine Bahn vorgezeichnet hat,“ ſagte Alli's Vater, der Oberſt Brander, nach einer langen Unterredung mit ſeinem Sohne.»Wie wunderſam hat ſich nicht Alles gefügt! Und wie reich belohnt ſich nicht deine treue Liebe und Dankbarkeit gegen deinen würdigen Pflege⸗ vater, nach deſſen Bekanntſchaft und brüderlicher Freund⸗ ſchaft mein ganzes Herz verlangt. Mein armer Alli, wenn Er ſich deiner nicht angenommen hätte, was wäre aus dir geworden! Und ohne dein da akbares Herz, das freudig den kleinen Schatz, den du durch deiner Hände Arbeit erworben, für ſein Wohl opferte— hätten wir uns wohl jemals gefunden? Du würdeſt nach Bom⸗ bay gegangen ſein, und ich vielleicht nach Calcutta oder nach Madras. Und wie hätteſt du mich, ich dich dort auffinden ſollen? Vielleicht, ja ſogar wahrſcheinlich, wäre es niemals geſchehen, denn ich glaubte dich und deine Mutter todt, weil ich ſo gar keine Nachricht von Euch erhielt, obgleich ich der Mutter doch ausführlich Alles geſchrieben hatte, was auf die leichteſte Weiſe zu meiner Auffindung führen mußte. Daß die arme Mutter nach mannichfachen ſchweren Leiden dich als eine hülfloſe Waiſe in der Welt zurückgelaſſen— wie konnte ich es ahnen? Unglücklicherweiſe ſtarb auch noch zu jener Zeit hier in Hamburg mein Freund, dem ich alle meine Aufträge in Bezug auf dich und die ſelige Mutter ertheilt hatte, und die Erben deſſelben ſchienen die Summen veruntreut zu haben, welche ich meinem Freunde anvertraut hatte. Auch von ihnen erhielt ich erſt nach langer Friſt eine Nachricht, und zwar eine ſehr ungenügende.„Du und die Mutter wäret ver⸗ ſchollen, auf der Wanderung aus der Heimath nach Hamburg ſpurlos verſchwunden,“ ſchrieben ſie mir. »Eine Lüge, eine recht abſcheuliche Lüge,“« fiel Alli ein.„Ich weiß, daß Vater Robin damals die Er⸗ zaͤhlung des ganzen Vorfalls in die Hamburger Zei⸗ tung ſetzen ließ. Jene Leute müſſen ſie wohl geleſen haben!“ »Ja, ja, ich ſelbſt bin überzeugt davon, daß ſie nur ſchwiegen, um unbehindert ihren Betrug ausführen zu können,“ fuhr Oberſt Brander fort.„Ich ſchickte ihnen bedeutende Summen aus Indien, damit ſie an allen 110 Orten und Enden Deutſchlands Nachforſchungen an⸗ ſtellen möchten, und die Elenden behielten das Geld, ohne ſich um die Verſchwundenen zu bekümmern. Zu ſpät gingen mir die Augen auf, als die Nachricht kam, daß die Betrüger Bankerott gemacht und ſich durch die Flucht der Beſtrafung entzogen hätten. Nun erſt ſchöpfte ich Verdacht, und da um dieſelbe Zeit mein indiſcher Fürſt geſtorben war, ſo daß mich nichts mehr im In⸗ dien feſthielt, raffte ich meine ganze Habe zuſammen und ſegelte mit meinem treuen Tali nach Europa zu⸗ rück. Was ich hier für Schritte that, Euch, dich und die arme gute Mutter aufzufinden, weißt du. Aber alle meine Nachforſchungen blieben umſonſt. Die alten Hamburger Zeitungen nachzuſehen, daran dachte ich nicht; und, jede Hoffnung ſchwinden laſſend, war ich ſchon entſchloſſen, mit trauervollem Herzen wieder nach Indien, meiner zweiten Heimath, zu gehen, als Gott dich, mein Alli, noch zu rechter Zeit in meine Arme führte. Ach, wahrlich, wahrlich, eine wunderbare Schickung war es. Doch freilich, Gottes Wege ſind ja immer die Wege der Weisheit und Güte! Aber jetzt laß hoͤren, Alli, was beginnen wir nun, um deinem wackeren, frommen, guten Pflegevater zu helfen?« „Du weißt ja, Vater, er wird kommen,“ antwor⸗ tete Alli.„Wir müſſen auf ſeine Ankunft warten, da⸗ mit er hier von ſeiner Blindheit geheilt werde.“ „Nein, nein, das dauert mir Alles zu lange,“ ſagte Oberſt Brander.„Ich ſehne mich danach, ihn in meine Arme zu ſchließen! Und nicht minder ſehne ich mich danach, an dem Grabe meiner armen Frau zu beten. Was meinſt du, Alii, ſollten wir nicht lieber nach dem Dorfe eilen? Wie heißt es doch?“ 111 „Wildenſtein, Vater! Aber das wird viel Geld koſten!“ „Geld, mein Kind? Ach, mein Gott, er ſpricht von Geld, Tali,“ erwiederte der Oherſt lächelnd.„Aber weißt du denn nicht, daß ich reich bin, daß mein Fürſt mich mit Schätzen überſchüttet hat? Freilich, auch ich achtete den Reichthum nicht, als mein Herz noch arm an Liebe war, und mit Freuden hätte ich alle meine Schätze für eine Nachricht von dir und der Mutter hingegeben. Aber jetzt freue ich mich, daß ich nicht mit leeren Händen komme, da es dir und deinem Pfle⸗ gevater zum Segen gereichen kann. Laß uns ohne Zö⸗ gern zu ihm eilen!« »„Aber, du vergißt, Vater,— er iſt blind— auf dem Dorfe gibt es keine Aerzte...« »Das iſt wahr,“ ſagte der Oberſt.„Indeß, wenn keine da ſind, können wir ja einen mitnehmen. Nicht wahr, Tali?« „Ich es denke wohl, Sirrah,« erwiederte der Las⸗ kar.„Mit Geld man viel kann machen. Sprechen Sirrah mit junger Doktor, vielleicht er geht mit. Sehr guter Mann, ſagt Sirrah Alli!« „Wahrhaftig, Tali, das iſt ein trefflicher Einfall von dir!“ rief der Oberſt vergnügt.„Schnell hin zu ihm! Du weißt doch ſeine Wohnung, Alli? Geſchwind laß anſpannen, Tali!« Der Laskar verſchwand, und wenige Minuten nach⸗ her fuhr eine prächtige Karoſſe vor das Haus. Der Dberſt, Alli und Tali ſtiegen ein, und der Wagen raſ⸗ ſelte davon. In ſeiner Wohnung fanden ſie den Doktor nicht, aber in der Blinden⸗Heilanſtalt. Er machte große Au⸗ gen, der Doktor, als Alli in einem ſo ſchönen Wagen mit ſo vornehm gekleideten Leuten ankam. „Beim Himmel,“ rief er,„ich glaubte dich ſchon weit auf offener See, und ſtatt deſſen..“ „Habe ich meinen Vater ſchon hier gefunden,“ fiel ihm Alli in's Wort.„Hier iſt er, der Oberſt Brander!“ Die beiden Männer begrüßten ſich herzlich, und Doktor Jünken zeigte ſich nach einigem Bedenken bereit, die Reiſe nach Thüringen mitzumachen. Die Abreiſe wurde, da der Oberſt drängte, gleich auf den folgenden Morgen feſtgeſetzt, und der Doktor verſprach, ſich pünkt⸗ lich bereit zu halten, um ſo mehr, da ſchon deßhalb Eile vonnöthen ſei, weil Pfarrer Robin die hundert Thaler Alli's ſonſt vor ihrer Ankunft bekommen und wohl gar abreiſen könne, ehe man bei ihm einträfe. Dieß war alſo abgemacht, und man trennte ſich wie⸗ der, um ohne Zögern die nöthigen Vorbereitungen zur Reiſe zu treffen. Verlaſſen wir jetzt für eine kurze Zeit unſeren Alli und ſeinen glücklichen Vater, um ihnen in das kleine Dörſchen Wildenſtein vorauszueilen. Es war drei Tage ſpäter. Die Sonne ſtand hoch am Himmel, und lockte mit ihren warmen Strahlen das junge Grün aus den Birken und Buchen, und die bunten duftigen Frühlingskinder, die Veilchen und Mai⸗ glöckchen, aus der ſchwarzen Erde. Die Amſel ſchlug im nahen Walde, die Lerchen wirbelten in den Lüften, und der muntere Fink ſchmetterte vom Apfelbaum ſein frohes Lied. Pfarrer Robin, die erblindeten Augen mit einem ſchwarzen Tuche verhüllt, ſaß auf der Bank in dem kleinen Garten hinter dem Pfarrhauſe, athmete — 113 mit ſtiller Freude die milde Frühlingsluft, freute ſich an dem Zwitſchern und Singen der Vögel, und ſog den Duft der Veilchen ein, welche die gute alte Chriſtine an der Gartenhecke gepflückt und ihrem lieben Herrn gebracht hatte, der ſie ja nicht ſelber mehr ſuchen und pflücken konnte. Neben ihm auf der Bank ſaß ein al⸗ ter, wohlbekannter Freund, unſer braver Pepperle, der Scheerenſchleifer, der auf ſeiner jährlichen Wanderung wieder einmal in die Nähe des Dorfes gekommen und bei dem Pflegevater ſeines jungen Freundes Alli ein⸗ geſprochen war, um ein Wörtchen mit ihm zu plaudern und ihm von Alli und deſſen weitreichenden Plänen zu erzählen. Pfarrer Robin und Pepperle waren ſchnell gute Freunde geworden, und jetzt ſaßen ſie ſo vertrau⸗ lich neben einander, als ob ſie ſich ſeit vielen, vielen Jahren ſchon gekannt hätten. Das machte aber, weil ſie Beide den Alli ſo gar lieb hatten, ſo recht von Herzensgrunde lieb. Jetzt kam nun auch noch die alte Chriſtine zu den Beiden, gerade wie ſie wieder einmal von Alli zu ſpre⸗ chen anfingen, und natürlicherweiſe miſchte ſie ſich auch mit in's Geſpräch. „Ach ja, du lieber Gott, wo mag er jetzt ſein, un⸗ ſer Alli!« ſagte ſie mit einem Seufzer.„Vielleicht ſchon mitten auf dem Meere, wo die großen Wallfiſche und Hayfiſche herum ſchwimmen!“ „Wo er auch ſein mag, mein guter Alli, auf Got⸗ tes Wegen geht er gewiß!« ſprach Pfarrer Robin. „Und ſicherlich, der liebe Gott wird ihn auch behü⸗ ten und die Hand über ihn breiten,“ ſagte Pepperle, Barmherzigkeit. 8 „denn das brave Bürſchel hat es wohl verdient. Weiß Gott, meinen eigenen Guſtel kann ich nicht lieber ha⸗ ben, wie ihn, und mein Katherl ſogar hat ihn ganz in's Herz eingeſchloſſen.“ „Ach ja, brav iſt er, der Alli,“ ſagte die alte Chri⸗ ſtine mit einem neuen Seufzer,—„nur hätt' er nicht ſo weit hinaus in die Welt fortlaufen muſſen!“ „Hat er's doch aus Liebe gethan,“ ſprach Pfarrer Robin mit ſanfter Rührung;— vaus Liebe zu mir, um mir zu helfen, mir eine Laſt zu erleichtern! Und du biſt ja ſelbſt ſchuld daran, Chriſtine, daß er fort iſt! Warum haſt du ihm verrathen, daß ich nicht ſein rech⸗ ter Vater bin? Hätte er das nicht erfahren, ſo wäre er heute noch bei uns.“ „Ach Gott, ich that's ja nicht aus böſem Willem, Herr Pfarrer,“ erwiederte Chriſtine.»Sie wiſſen es wohl! Ich hatte mich nur verſchnappt, und da ließ er mir denn keine Ruhe mehr, bis ich Alles geſagt hatte. Und wer weiß, Herr Pfarrer, ob's nicht am Ende doch gut iſt? Wenn er ſeinen Vater nun wirklich wieder⸗ fände? Nicht wahr, dann hätte zuletzt die alte Chri⸗ ſtine doch recht gethan!“ „Ja, ja, wenn auch wider Willen, Jungfer Chri⸗ ſtine,“ ſagte Pepperle mit ſchalkhaftem Lächeln.„Indeß, warum grämen und kümmern und ſorgen wir uns um den Alli? Er iſt überall in Gottes Hut, und wie ihn die Liebe davon getrieben hat, ſo wird ihn die Liebe auch wieder heimbringen. Horchet nur, Jungfer Chri⸗ ſtine, da kommt er wohl gar ſchon, wenigſtens bläst ein Poſtillon gar luſtig in ſein Horn! Horchet nur, horchet!“ 115⁵5 In der That, vom Walde herüber klang es in ſchmetternden, luſtigen Horntoͤnen, und jetzt erſchien auch ein Wagen mit vier Pferden, der in raſchem Trabe von der Anhöhe herab rollte. „Ei ja doch, wenn er ſo angefahren käme, unſer Alli,“ erwiederte Chriſtine.„Es wird vornehmer Be⸗ ſuch ſein für die gnädige Herrſchaft auf dem Schloſſe droben.“ „Mag wohl ſein,« ſprach Pepperle.„Die Pferde treten luſtig auf. He, da ſind ſie ſchon im Dorf! Aber was iſt das? Sie laufen ja daher und nicht rechts den Berg hinauf. Blitz ja, Chriſtine, am End' iſt's doch der Alli!« „Ei, lieber gar, vierſpännig,“ ſagte die alte treue Magd.„Wäre mir recht!« „Blitz ja, mir ebenfalls!“ rief Pepperle, der dem Wagen geſpannt mit den Augen folgte.„Aber, weiß Gott,“ fuhr er fort,—„da hält er ja wirklich am Hauſe! Chriſtine, ſehet auch nach, was für Beſuch kommt!“ „Jeſus! Gott! Er iſt's ja wahrhaftig!“ ſchrie Chri⸗ ſtine plötzlich laut auf.„Da ſpringt er ja leibhaftig aus dem Wagen! Herr Pfarrer, der Alli! Vierſpän⸗ nig! Und noch ein Herr! Und noch Einer! Herr Je⸗ ſus, er iſt's ja, wie er leibt und lebt! Alli! Alli!“ „Hier, Chriſtine!“ rief eine frohe, friſche Stimme vom Hauſe her, und jetzt kam er ſelbſt geſtürzt, der Alli, mit glühenden Wangen und feuchten Augen, und „Vater!“ rief er,„lieber Vater! Und auch Ihr, Pep⸗ perle! Hier bin ich ja! Liebſter Vater, da halt' ich dich ja wieder in den Armen! Und auch der Meſer Pep⸗ perle! Und die gute Chriſtine! Ach Gott, ich bin ja zu glücklich, daß ich Euch Alle wiederſehe! Vater, ſieh' doch! Dieß iſt er, dieß iſt Pfarrer Robin, mein lieber, lieber Pflegevater! Und dieß iſt Chriſtine! Und dieß Meiſter Pepperle, der mir den Karren... aber ſagt nur, Meiſter Pepperle, wie kommt Ihr zu ſo guter Stunde gerade hierher 98 Ja, der Alli fragte wohl, aber er erhielt keine Ant⸗ wort, denn ſie waren ja Alle gar zu ſehr gerührt und überraſcht. Nur Thränen floſſen, ſüße Freudenthränen, und die alte Chriſtine ſchluchzte und heulte ordentlich, und der Pepperle konnte ſich gar nicht faſſen, und ſo⸗ gar Pfarrer Robin vermochte nur ein paar Segens⸗ worte zu ſtammeln, während er den Alli mit inniger, heißer Liebe an ſein Herz drückte. Es war eine Freude und eine Verwirrung und ein Glück, das ſich gar nicht beſchreiben läßt. Und wie nun erſt Oberſt Brander an die Reihe kam, und der Alli ſagte, daß der wirklich ſein rechter Vater ſei, und wie er ihn mit Gottes Hülfe gefunden habe, und wie ſich nun der Oberſt und der Pfarrer, und der Oberſt und Pepperle, und der Oberſt und Chriſtine, und dann wieder der Pepperle und der Alli, und Chriſtine und⸗ Tali, und wiederum Tali und der Pfarrer, Einer um's Andern, in den Armen lagen— Kinder, ich kann es nicht erzählen, Ihr muͤßt Euch das ſelber denken! Müßt Euch auch denken, wie es nachher wurde, als nun allmälig ein Jeder wieder ruhiger wurde, und wie es dann an's Erzählen ging, und an's Fragen, und wieder an's Er⸗ zählen, bis denn zu allerletzt endlich ein Jeder im Klaren darüber war, in welcher Weiſe der liebe Gott in Gnaden Alles ſo herrlich und wunderbar gefügt 117 hatte. Das ſo weitläufig auseinander zu ſetzen, das geht ja gar nicht, und Ihr könnt's Euch ja ſelber viel beſſer vorſtellen. Nur ſo viel kann ich Euch ſagen, daß große Freude und Glückſeligkeit in Aller Herzen war, und daß ein Jeder dem lieben Gott droben im Himmel aus freudiger Seele ein Loblied ſang, ein Lob⸗ lied, wie er's in ſeinem ganzen Leben noch nicht geſun⸗ gen hatte. Nun, was noch übrig iſt von der Geſchichte, das wird bald erzählt ſein. Noch eine große große Freude ſtand unſeren Freunden bevor. Doktor Jünken erklärte am nächſten Tage, nachdem er die Augen des guten Pfarrers genau unterſucht hatte, daß mit Gottes Hülfe die Blindheit bald weichen, und bald wieder das gol⸗ dene Licht des Tages und die Pracht der Farben das Herz des geliebten Pflegevaters erquicken werde. Und er ſprach die Wahrheit. Nach vier Wochen ſchon konnte er ſehen, der gute Pfarrer Robin, konnte ſehen, und ſah ſeinen Alli wieder und die alte Chriſtine, die nun ſtatt ſeiner blind war— vor Freudenthränen; ſah Alli's Vater und den wackeren Pepperle, ſah Tali und den Doktor, ſah die Blumen draußen im Garten, und den blauen Himmel, ſah Alles, Alles wieder, was ihm lieb und theuer war. Ein herrlicher, ein ge⸗ ſegneter Tag war das fur ihn und für die Uebrigen, beſonders aber für Alli, der ſein Glück und ſeine Freude kaum zu ertragen wußte. Pfarrer Robin ſelbſt aber nahm das neue Licht hin in Demuth und tiefin⸗ niger Dankbarkeit als ein köſtliches, gnadenreiches Ge⸗ ſchenk des höchſten Herrn, und, aufblickend zum blauen Himmel, und den glücklichen Alli und ſeinen Vater feſt an ſeine Bruſt drückend, ſagte er mit zitternder ———— Stimme:„Das, Alli, das iſt der Segen dei⸗ ner ſeligen, guten Mutter und die Barm⸗ herzigkeit des Herrnl Laßt uns Ihn prei⸗ en, den Allmächtigen, denn es iſt ein köſt⸗ liches Ding, dem Herrn danken, und lobſin⸗ gen deinem Namen, du Höchſter!— Druck der C. Hoffmann'’ ſchen Offein in Stuttgart. Duuuunuunmuxunwnwuu 16 — 1 8.—* 3 4 4— 5 3— 1* 3 88 8— 8 5 3 4 3 1 4½ 2 S 4 — 3* * 8*“ 5