Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. ——— wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für uchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Segen des Herrn macht reich. „Und wenn es nun auch nicht wäre, mein Sohn, würdeſt du es deiner Mutter, deiner Schweſter, deinem Vater zu Leid thun können, wirklich den Kopf und mit ihm Hoffnung, Muth und Freudigkeit zu verlieren?“ fragte Vater Ehrenfried, der alte Kanzleiſchreiber, in⸗ dem er, ſchon völlig zum Ausgange gerüſtet, noch ein⸗ mal den Stoß Akten, den er unter dem Arme trug, auf den Wachstuchtiſch legte, und mit wehmüthigem Ernſte ſeinen Erich anblickte.„Kopf in die Höhe, lie⸗ ber Junge! Brauchſt dich ja doch wahrhaftig nicht zu ſchämen, dem Herrn Superintendenten unter die Augen zu treten. Haſt die Schule mit Ehren verlaſſen, haſt gute Zeugniſſe und ein gutes Gewiſſen; wenn’s nach Recht und Gerechtigkeit geht, müſſen ſie dir das Sti⸗ pendium geben.“ Erich, ein blühender, friſcher Juͤngling, erhob das gebeugte Haupt ein wenig und antwortete mit einem leiſen Seufzer:„Ja, Vater, wenn! Aber es geht mehr nach Gunſt, als nach Recht! Ich habe nur ge⸗ ringe Hoffnung!“ 8 Der Segen. 3 1 —: ——J—:-— ———-ᷓ—„ eeeeeee— 4 1 2 2 Vater Ehrenfried ſtäubte den Rockärmel ab, auf welchem die vergilbten Akten einige Spuren ihres Al⸗ ters zurückgelaſſen hatten, legte die weiße Halskrauſe in zierliche Falten, richtete ſich ſtolz und gerade in die Höhe, und ſagte zögernd, aber mit der Entſchiedenheit eines feſten Entſchluſſes:„Nun gut, wenn denn wirk⸗ lich dein Gang vergeblich ſein ſollte, ſo muß das Aeußerſte geſchehen. Seit dreißig Jahren diene ich dem Staate getreu und unverdroſſen, und in dieſer ganzen Zeit habe ich nie den Mund geöffnet, um mir eine Gunſt zu erbitten. Jetzt aber ſoll es geſchehen, dir zu Liebe, Erich! Verlaß dich darauf, man wird dem alten Ehrenfried keinen abſchläglichen Beſcheid ertheilen. Aber ich thu' es ungern, und erſt, wenn du das Letzte verſucht haſt, will ich zum Aeußerſten ſchreiten. Vor⸗ wärts, Erich! den ſchwarzen Frack angezogen, die weiße Halsbinde dazu, und hin zu dem geiſtlichen Herrn. Das Ding muß ein Ende nehmen. Seit acht Tagen ſchon ſchleichſt du mir trübſelig herum, drückſt dich aus einem Winkel in den andern, und machſt ein Geſicht dazu, wie ein armer Sünder, deſſen letzte Aus⸗ ſicht eine hanfene Schlinge am Gevatter Dreibein iſt! Potz tauſend, meinſt du denn, daß deiner Mutter und mir wohl zu Muth iſt, wenn wir dich ſo umgewandelt ſehen müſſen? Marſch, Junge! Wenn ich heute Mittag von der Kanzlei komme, will ich wiſſen, was du ausgerichtet haſt, ſei's im Guten, ſei's im Schlim⸗ men! Verſtanden? Guten Morgen, Kinder!“ Entſchloſſen nahm Vater Ehrenfried das Aktenbün⸗ del wieder unter den Arm und ſchritt der Thuͤr zu. Aber auf der Schwelle wendete er ſich noch einmal um und ſah mit mildem, gutmüthigem Lächeln nach Erich 1 3 zurück, der, betroffen von der barſchen Entſcheidung des Vaters, die Augen zu Boden geſenkt, da ſtand. „Nimm dir's nicht zu ſehr zu Herzen, Junge!“ ſagte er ſanft—„die ſchlimmſte Gewißheit iſt nicht ſo ſchlimm, wie dieſe zaghafte, ängſtliche, peinliche Unge⸗ wißheit, dieſes Schwanken zwiſchen Wollen und Nicht⸗ wollen, bei dem die Seele keinen Augenblick zur Ruhe und Beſonnenheit kommt. Was iſt denn weiter verlo⸗ ren, wenn nun auch wirklich der geiſtliche Herr Nein ſagt? Weiter nichts als eine Hoffnung! Du lieber Gott, wenn die Menſchen über jeden vereitelten Wunſch trauern und klagen wollten, was ſollte am Ende aus der Welt werden? Mir ſind im Leben hundert Hoff⸗ nungen zu Waſſer geworden, und doch habe ich den Muth nicht verloren! Daran muß ſich der Menſch gewöhnen, daß ihm der liebe Gott nicht Alles auf dem Präſentirteller entgegen bringt, wo er nur zuzulangen braucht. Du haſt deine Sache gelernt, biſt an Arbeit gewöhnt, und wirſt alſo nicht verhungern, wenn's denn auch mit der Univerſität nichts wird. Im Nothfall arbeiteſt du mit auf der Kanzlei, unter meiner Leitung, und wundern ſollt' es mich, wenn du nicht dereinſt meinen Poſten kriegteſt! Nun, und dann haſt du dein Brod, ſo lange du lebſt! Und weiter braucht der Menſch nichts! Der Segen des Herrn iſt es, der reich macht, nicht die vollen Goldſäcke und die hohen Ehren, die von Menſchen verliehen werden!« „Du haſt Recht, Vater, und ich war ein Thor,“ antwortete Erich und richtete ſich ſtramm auf.„Sieh, ich will dir nur ſagen, es iſt ja auch nur deinetwegen und der Mutter wegen, daß ich ſo gern ſtudiren mögte. Schon ſeit Jahren habe ich mir das ſo lieblich aus⸗ 1* —:;:ℳ——— = —;—᷑—;—— 4 gemalt, daß ich dereinſt, wenn du alt biſt und der Pflege bedarfſt, dir ein Ruheplätzchen verſchaffen, und für dich und die Mutter ſorgen könnte in Eurem Al⸗ ter, wie Ihr in Eurer Jugend für mich geſorgt habt — nun, und da wird mir denn das Herz ſchwer bei dem Gedanken, daß das Alles nur Traͤume ſein ſoll⸗ ten, bloße Luftſchlöſſer, auf lockeren Sand gebaut! Um mich ſelber bangt mir nicht, das kannſt du mir glau⸗ ben, beſter Vater!“ „Hm, habe mir dergleichen wohl gedacht,“ antwor⸗ tete der ehrliche Kanzleiſchreiber, und drückte mit herz⸗ licher Liebe des Sohnes Hand.„Aber weißt du, lie⸗ ber Junge, kümmere dich um dergleichen zukünftige Dinge gar nicht! Unſere Geſchicke müſſen wir Gott anheimſtellen, und du, der du doch ein Geiſtlicher wer⸗ den willſt, ſollteſt nicht vergeſſen den Spruch, Matthäus ſechstes Kapitel, Vers vierunddreißig—“ „Sorget nicht für den anderen Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine ſorgen—“« fiel Erich dem Vater in's Wort.„Ja, Vater, ich wieder⸗ hole es dir, ich war ein Thor! Und nun geh' nur ruhig deines Weges— wenn du zu Mittag heim⸗ kommſt, ſollſt du den gründlichſten Beſcheid uͤber das Stipendium haben!“ Noch einmal drückte Vater Ehrenfried des Jüng⸗ lings Hand, und dann entfernte er ſich mit ruhigen Schritten und einem Lächeln auf den Lippen. Er wußte wohl, daß ſein Sohn Wort halten und den ſchweren Gang zum Herrn Superintendenten endlich antreten würde. Etwa eine Stunde nach Entfernung des Vaters rraf Erich ſeine Anſtalten, und die Mutter ging ihm —.,— Worte erzählt er, daß ſein Beſitzer keineswegs im Ueber⸗ 5 hülfreich dabei zur Hand. Eigenhändig knüpfte ſie ihm die Schleife in das weiße Halstuch, bürſtete ihm Hut und Frack aus, auf dem ſie auch nicht das kleinſte Stäubchen ſitzen ließ, und betrachtete, als Alles ſchmuck und fertig war, den hübſchen Jüngling mit mütter⸗ lichem Wohlgefallen. Nun war freilich der ſchwarze Frack keinesweges nach dem neueſten Schnitte, ſintemal Erich ihn ſchon vor vier Jahren bekommen hatte, als er zum erſten Male, ein junger Chriſt, zum Tiſche des Herrn gegangen war. Die Länge der Zeit hatte ihre Spuren auf ihm zurückgelaſſen. Hie und da, beſon⸗ ders an den Aermeln, ſah er ein wenig, oder vielmehr, um die Wahrheit zu geſtehen, bedeutend fadenſcheinig aus, die Nähte auf dem Rücken ſpielten aus dem Schwarzen ſtark in's Weißliche hinüber, und die Aer⸗ mel ſelber waren um eines guten Zolles Breite zu kurz geworden, weil Erich in der letztverfloſſenen Zeit um ein Anſehnliches in die Höhe geſchoſſen war— indeß, die Mutter meinte, er ſähe doch ganz leidlich in dem alten Fracke aus, was Schweſter Anna, als Erich jene Behauptung in beſcheidene Zweifel zu ziehen ſchien, mit großer Lebhaftigkeit beſtätigte. „Nun, es muß eben gehen, ſo gut es gehen will,“ ſagte frich, indem er ſich mitleidig im kleinen Spiegel betrach te und einen Seufzer, der ſich über ſeine Lip⸗ pen Angen zu wollen ſchien, mit Entſchloſſenheit unter⸗ drückte.»Uebrigens kommt ja auch auf die Kleider nichts an, und das Fräckchen, das mir hinten und vorn zu kurz und in den Aermeln viel zu eng iſt, wird mir zu meinem Zwecke am Ende beſſer das Wort reden, als ein neumodiſcher Rock vom feinſten Tuch. Ohne —;—’’O——;—’—ꝛ::——————— 6 fluſſe ſchwelgt, und ſo mag es wohl geſchehen, daß er meine ehrfurchtsvolle Bitte um geneigte Gewährung eines Stipendii beredtſam unterſtützt. Nun, wie Gott will!. Der ſaure Gang muß angetreten werden, ob⸗ gleich es mir wie Blei in den Füßen liegt. Adieu, liebſte Mutter, Adieu, Schweſter Anna!“« „Nun, ſo geh' mit Gott,« ſprach die Mutter— „und der Herr gebe ſeinen Segen zu deinem Gange!« Anna umarmte den Bruder, küßte ihn und flüſterte ihm in's Ohr:„»Und wenn der geiſtliche Herr Nein ſagt, Erich, dann denke hübſch an das, was dir der Vater verſprochen hat. Du weißt wohl, er wird es halten, und gewiß auf irgend eine Weiſe Rath ſchaffen. Adieu, Erich!“ Erich riß ſich von den Seinigen los, drückte den Hut tief in die Stirn, um die Leute nicht ſehen zu laſſen, wie zaghaft ſeine Augen blickten, und eilte da⸗ von. Anfangs ging er raſch, aber je näher er der Wohnung des geſtrengen Herrn Superintendenten kam, deſto langſamer wurden ſeine Schritte, deſto ſchwerer wurde ſein Herz. Einige Male blieb er ſogar ſtehen, ſchöpfte tief Athem, und überredete ſich ſelbſt, er zögere nur, um eine recht zierliche und eindringliche Anrede auszuſinnen, die er an den Herrn Superintendenten, von deſſen Ja oder Nein ſein zukünftiges Schickſal ab: zuhängen ſchien, richten wollte. In Gedanken ordnete er Alles ganz prächtig, überlegte und prüfte jedes Wort, was er zu ſagen gedachte, nahm ſich vor, recht ein⸗ dringlich die Lage ſeines Vaters zu ſchildern, der ja. bei den zwölf Thalern monatlichen Gehaltes, welchen er für ſeine längjährigen treuen Dienſte bezog, unmög⸗ lich ſo viel eruübrigen könne, um ſeinen Sohn, den er 7 ſchon auf der Schule nur mit Mühe erhalten hatte, ſtudiren zu laſſen— dann wollte er mit dem ſchweren Geſchütz ſeiner vortrefflichen Zeugniſſe vorrücken, die nichts wie Liebes und Gutes, nämlich großes Lob ſei⸗ ner Fähigkeiten, Anlagen und geſammelten Kenntniſſe enthielten— und wenn das Alles noch nichts half, ſo wollte er als letzten Angriff ſich auf ſeinen freundlichen Gönner, den Direktor des Gymnaſiums, berufen, der ihm ja verſprochen hatte, ihm bei jeder Gelegenheit kräftigſt das Wort zu reden. „Das ſind drei wackere Angriffe, die ich auf das Herz Seiner Hochwürden machen kann,“ ſprach Erich zu ſich ſelbſt, und athmete freier auf, indem er meinte, daß ſie kräftig genug ſeien, um den Sieg der guten Sache herbeizuführen.„Ja, ja, es muß Alles gut gehen, und recht tüchtig auslachen ſollte man mich, weil ich ſo lange gezweifelt, geſchwankt und gezögert habe, dieſen nothwendigen Gang zu thun, der am Ende gar nicht ſo ſchwer iſt. Gewitterwolken ſehen in der Ferne immer ſchwärzer aus, als in der Nähe. Vor⸗ wärts, Erich!“. Und munter vorwärts ging es wieder, ſo leicht, als ob Erich die Zuſtcherung des Stipendiums ſchon in der Taſche des Fräckchens hätte. Aber als er nun die gegitterte Eiſenthür des Gartens öffnete, in deſſen Mitte, umringt von grünen Büſchen und bunten Blu⸗ men, das Haus des Herrn Superintendenten lag, da ſank ihm von Neuem der Muth, das Herz wurde ihm wieder ſchwer, die Füße wieder wie Blei, und vor lauter Beklemmung konnte er kaum Athem ſchöpfen. Die Gruͤnde, auf welche er ſein Geſuch ſtützte, ſchienen ihm auf einmal, obgleich er ſie kurz vorher noch für 8 unwiderſtehlich gehalten, ungemein ſchwach und haltlos, und es fehlte nicht viel, ſo wäre er noch an der Thür des hochwürdigen Herrn umgekehrt und unverrichteter Sache nach Hauſe zurückgelaufen. Aber da fiel ihm noch zu rechter Zeit der Vater ein, und das Verſpre⸗ chen, das er ihm gegeben hatte. Nein, nein, nur mu⸗ thig vorwärts! Der peinlichen Ungewißheit, die ihn nun ſchon lange gequält hatte, mußte nothwendig ein Ende gemacht werden. Und dieſe Aengſtlichkeit war ja geradezu kindiſch! »Muthig, muthig!“ rief er ſich ſelbſt zu, faßte den blank geputzten Meſſinggriff des Klingelzuges und zog erſt leiſe, dann, als er das Töoͤnen der Glocke nicht vernahm, ſtärker daran. Jetzt klingelte es anhaltend, laut, durchdringend— es wollte gar nicht enden, und dem armen Bittſteller Erich wurde dabei ſiedend heiß, als ob er auf glühenden Kohlen ſtünde! Jeder Klang der bimmelnden Glocke traf geradezu ſein Herz. End⸗ lich, endlich wurde es aber doch ſtill im Hauſe, und nun lauſchte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf nahende Schritte. Es mußte doch Jemand kommen, der ihm die verſchloſſene Thuͤr öffnete. Aber nein— nur der Riegel klirrte und die Thür ſprang von ſelber auf. Mit ſchüchternem Schritte trat Erich in den küh⸗ len, mit rothen Steinen zierlich ausgelegten Hausflur; hinter ihm ſchlug dröhnend die ſchwere, eichene Thür wieder zu— der dumpfe Schall weckte den Wiederhall in dem großen, weitläufigen Gebäude, und Erich ſchrack ordentlich davor zuſammen. Auch das Echo verklang; Erich ſah umher; da war eine Thür auf dem geräu⸗ migen Vorplatze, dort noch eine, da eine dritte; aber nirgends ein menſchliches Weſen, das ſich um ihn be⸗ —— —— — ———— — —— 4———— — kümmerte, ihn nach ſeinen Abſichten gefragt, ihn will⸗ kommen geheißen, oder ihn wenigſtens bei dem Herrn Superintendenten gemeldet hätte. Unentſchloſſen blickte Erich umher, faßte ſich endlich, da doch alles Zögern nichts helfen konnte, ein Herz, ſchlich auf den Zehen der Thuͤr zu, die ihm am nächſten lag, und klopfte mit gekrümmtem Finger ſchüchtern an. Niemand öff⸗ nete, Niemand rief herein! Er klopfte noch einnal— etwas ſtärker— aber Alles blieb ruhig. Er drückte zuletzt auf die Klinke— die Thür war verſchloſſen. Er ging an eine andere, in welcher der Schlüſſel ſteckte. Es verdroß ihn nachgerade, daß ſich ſo gar kein Menſch um ihn bekümmerte, und der Aerger flößte ihm Muth ein, oder dämpfte wenigſtens ſeine Bangig⸗ keit. Er trat tapfer auf, ſo daß ſeine Schritte wohl vernehmbar waren, und pochte derb mit dem Knöchel an. Gleich darauf ward die Thur geöffnet, eine ge⸗ putzte Dame erſchien auf der Schwelle und maß den jungen Menſchen, der ganz beſtürzt eine tiefe, ehrer⸗ bietige Verbeugung machte, mit kaltem Blicke. „Was wuüͤnſchen Sie?« fragte ſie nicht eben freundlich. „Den Herrn Superintendenten..“ „Mein Mann iſt oben!“« unterbrach ihn die Dame, und klapp! flog ihm die Thuͤr vor der Naſe zu. Der arme Junge war höchlich beſtürzt. Oben! Ja, wie kam er nur erſt hinauf, und wie ſollte er denn in dem großen Hauſe grade das Zimmer des hochwuͤrdigen Herrn finden? Wieder ſtand er ein paar Minuten unſchlüſſig und ging endlich auf die dritte Thür los. Da auf ſein Klopfen Niemand hörte, öffnete er ſie, und ſtand vor der blank gebohnten, bre — —— —= — ————õÿõ—õ 10 ten, eichenen Treppe, die nach Oben führte.„Nun, das wäre nun doch Etwas!“ ſeufzte er aus beklomme⸗ nem Herzen und ſtieg ein wenig ermuthigt die Stufen hinauf. Oben kam er auf einen langen Corridor, mit Thüren zur Rechten und Linken— es waren ſteben oder acht. Welche führte nun zu dem Gegenſtande ſeiner Wuͤnſche, Hoffnungen und Befürchtungen? Das war eine ſchwer zu beantwortende Frage. Auf Gerathe⸗ wohl ging er den Corridor hinab, aber wieder, da er von Neuem eingeſchüchtert war, auf den Zehen, und ſo leiſe und vorſichtig, daß er kaum den Sand unter ſeinen Sohlen knirſchen hörte. Doch da ſteckte ein Schlüſſel— das mußte wohl das Studierzimmer ſein. Mit friſchem Muthe klopfte er— Alles ſtill. Leiſe drückte er auf die Klinke— die Thür ging auf— aber anſtatt vor dem Herrn Superintendenten ſtand der gute Erich vor einer erklecklichen Reihe geräucherter Würſte und Schinken, ein Anblick, der an und für ſich gar nicht üͤbel war, für den Augenblick aber in dem armen Erich nur das Gefühl getäuſchter Erwar⸗ tung erweckte. Eben wollte er ſich von der Vorraths⸗ kammer der Frau Superintendentin wieder zurückziehen, um ſeine Entdeckungsreiſe weiter fortzuſetzen, als eine barſche Stimme hinter ihm rief:„Herr, was haben Sie da zu ſuchen?« Erich erſchrack über die unverhoffte rauhe Anrede dermaßen, daß ihm der Hut aus der Hand fiel und geradesweges in die Speiſekammer hineinrollte. Hurtig ſprang er hinterher, faßte ihn zum Glück, ehe er ſich in die Irrgänge verſchiedener Tiſch⸗ und Bankbeine verlor, raffte ihn auf und wendete ſich dann zu dem Herrn der Stimme, die ihn ſo ſehr erſchreckt hatte. 3 — —— — — 11 Sein Geſicht war flammenroth, und verlegen ſtammelte er:„Ich ſuchte den Herrn Superintenden— man wies mich herauf— und..« „Kam in die Speiſekammer! Das kann ich mir denken, ohne daß Sie eine weitläufige Erzählung davon machen!“ unterbrach der Herr Superintendent— denn er war es— höchſt ungnädig den armen Jungen. „Nun, und was wollen Sie eigentlich? Treten Sie doch herein— aber ſtäuben Sie erſt Ihren Rock ab — Sie ſehen ja aus, wie ein Müllerburſche!« In der That— Erich glaubte geradezu in die Erde zu ſinken— die ganze rechte Seite ſeines Frackes war mit Mehl beſtäubt! Beim Aufheben ſeines Hutes hatte er ein Faß geſtreift, ohne viel auf den Inhalt deſſelben zu ſehen, und zufällig war daſſelbe das Mehl⸗ faß der Frau Superintendentin geweſen. Und auch der Hut ſah aus— oh! er konnte ſich gar nicht damit ſe⸗ hen laſſen! Eilig ſtäubte er Alles ab, ſo gut es eben gehen wollte, und folgte dann dem Rufe des geiſtlichen Herrn, der ihn nochmals, nach einem kurzen, forſchen⸗ 3 den Blicke auf ſeine übel zugerichtete Kleidung fragte, was für ein Geſchäft ihn denn herführe? Ja, mit alle den ſchönen Reden, die Erich ſich ausgedacht hatte, war es nun völlig vorbei. Es wir⸗ belte ihm Alles im Kopfe herum, und nur mit Mühe konnte er ſo viel Faſſung gewinnen, um ſeine Bitte um ein Stipendium hervorzuſtammeln. Mit unverhoh⸗ lenem Staunen ſah ihn der Herr Superintendent an. „Ein Stipendium?“ ſagte er in langgezogenem Tone— „Sie wollen doch nicht etwa ſtudieren?“ Der Nachdruck, welchen der geſtrenge Herr auf das Sie legte, der halb ſtaunende, halb verächtliche Blick, 8* 12 mit dem er es begleitete, brachte Erich vollends in Ver⸗ wirrung. Voller Schaam ſenkte er die Augen zu Boden und wünſchte ſich hundert Meilen entfernt. »Aber wie heißen Sie?« fragte der Herr Superin⸗ tendent kurz. „Erich Ehrenfried.« „Was iſt Ihr Vater?« „Kanzleiſchreiber.“ »Was wollen Sie ſtudieren?“ „Theologie.“ »Theologie! Gütiger Himmel, ſolche Leute könn⸗ ten wir gebrauchen! Bah, ich will Ihnen einen guten Rath geben, junger Mann. Werden Sie in Gottes Namen ein Schreiber, wie Ihr Herr Vater, oder noch beſſer, lernen Sie ein ehrliches Handwerk, das ſeinen Mann ernährt. Handwerk hat güldenen Boden— aber das Studieren ſchlagen Sie ſich aus dem Sinne! Jeder junge Menſch meint heutzutage zu einem Lehrer von Gottes Wort berufen zu ſein, wenn er ſein Bis⸗ chen Latein und Hebräiſch abſolvirt hat! Lächerliche Einbildungen! Thörichter Hochmuth! Nein, Lieber, die Gelegenheit allein thut's nicht, eben ſo wenig ein ſogenanntes gutes Herz und guter Wille; in jetzigen Zeiten brauchen wir Leute von feiner Weltſitte und Bildung, und dieſe Eigenſchaften bilden Sie ſich doch nicht ein, zu beſitzen? Behüte, lieber, junger Mann! Folgen Sie meinem Rathe, ſuchen Sie die mühſam eingelernte Schulgelehrſamkeit zu vergeſſen und ſtreben Sie nicht nach einer Stellung, zu welcher Sie durch⸗ aus nicht berufen ſind. Adieu, Lieber! Adieu!« Mit anmuthiger Höflichkeit öffnete der Herr Su⸗ perintendent die Thür ſeines Studierzimmers, machte 13 eine verabſchiedende Bewegung mit der Rechten, und komplimentirte auf dieſe Weiſe den völlig beſtürzten Jüngling hinaus. Die Thür ſchlug zu, und Erich ſtand auf dem Corridor— zitternd vor Scham und Schmerz, betäubt, ſinnlos, außer aller Faſſung. Was war aus der ſchönen Rede geworden, die er ſo ſorg⸗ * fältig ausgedacht, was aus den trefflichen Gründen, die er für unwiderſtehlich gehalten hatte? Er hatte kaum den Mund aufgeihan, ſeine Zeugniſſe ſteckten noch unberührt in der Seitentaſche des Fracks, der Name ſeines Gönners, des Herrn Direktors, war mit keiner Sylbe erwähnt worden. Der arme Erich fühlte ſich . niedergedrückt vor Scham, vernichtet, aller und jeder Hoffnung beraubt. Einige Augenblicke lehnte er ſich — an die Wand, um nicht niederzuſinken; ſein Kopf ſchwindelte, ſein Blut ſiedete, ſein Herz brannte— es war ihm, als ob er auf der Stelle ſterben müſſe. Endlich raffte er ſich zuſammen, mit verzweifelter Hef⸗ tigkeit drückte er den Hut in die Stirn, rannte über den Corridor, die Treppe hinunter, aus dem Hauſe hinaus, in die freie Natur. Erſt hier kam er wieder zu ſich, aber auch zum vollen Bewußtſein ſeiner zer⸗ 4 trümmerten Hoffnungen. Elend und verlaſſen von Allem, was ihn tröſten und aufrichten konnte, warf er 4 3 ſich im Schatten eines Wäldchens unter einen Baum, bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und weinte bit⸗ terlich. Die Thränen erleichterten ſein volles, gepreß⸗ tes Herz, ſein gebeugtes, ſchwer bedrücktes Gemüth. Der Sturm, den die herzloſe Zurückweiſung des Herrn Superintendenten in ihm hervorgerufen hatte, gab nach und nach milderen Gefühlen Raum, und wie die letzten Tropfen eines Frühlingsregens, mild und erquicklich, 14 verſiegte der Quell ſeiner Thränen. Er richtete ſich auf, blickte mit feuchten Augen umher, und lächelte. „Ungeſtümes thörichtes Herz,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „kannſt du noch immer nicht lernen, dich zu beherr⸗ ſchen? Was iſt denn weiter— eine Hoffnung weni⸗ ger! Der Vater würde mich belächeln, wenn er mich ſo geſehen hätte, wie ich noch eben da lag. Muth, Muth und Zuverſicht! Alles kommt aus den Händen des Herrn, und was von ihm kommt, muß ja wohl auf irgend eine Weiſe zum Segen gereichen! Ich will heimkehren, und keine Miene ſoll dem Vater verrathen, welchen Kampf ich mit dem Schmerze über meine ver⸗ nichteten Hoffnungen beſtanden habe. Warum auch? Bin ich denn nicht als Sieger aus ihm hervorgegan⸗ gen? War ich nicht ſtärker, als er, da ich ihn doch überwältigen konnte! Geduld, Geduld! Noch Eine Hoffnung— freilich die letzte und ſchwächſte— iſt ja geblieben. Laß ſehen, ob nicht dem Vater gelingt, was mir ſo gänzlich fehlgeſchlagen iſt. Hoffen auf Gott, und warten auf die Zeit— das ſei mein Wahlſpruch — ja, Hoffen und Warten!“ Beruhigt und gekräftigt im innerſten Gemüth erhob er ſich vollends und ſchritt durch das Wäldchen lang⸗ ſam der Stadt zu. Ueber ihm glänzte die Sonne, um ihn zwitſcherten die Vögel, und der Wind ſaäuſelte lieb⸗ lich in den rauſchenden Blättern. Die ganze Natur war voll Freude und Heiterkeit, und, ohne daß Erich es wußte oder ahnte, flößte ſie ihm dieſelben Empfin⸗ dungen ein. Ohne eine Spur von dem überwundenen Schmerze zu verrathen, konnte er bei der Heimkehr den Seinigen mittheilen, daß der Herr Superintendent ſeine Bitte um Verleihung eines Stipendiums rundweg ab⸗ geſchlagen habe. „Nun, ich konnt' es mir denken, da du ſo lange auf dich warten ließeſt,« ſagte Vater Ehrenfried nach einem Weilchen tiefen Schweigens mit Ruhe.»Glück fliegt, Schmerz kriecht— wenn du gute Nachrichten zu bringen gehabt hätteſt, wärſt du ſchon längſt zurückge⸗ kommen. Wo haſt du indeß geſteckt, Erich?“ „Ich machte einen Spaziergang im Walde,“ ent⸗ gegnete der Jüngling lächelnd.»Im Herzen ſtürmte es doch ein wenig, und das mußte austoben.“ „Richtig, mein Sohn,“ ſprach Vater Ehrenfried und drückte ihm die Hand.„Des Schmerzes muß der Mann allein Herr zu werden wiſſen, während er zur Freude nicht genug Theilnehmer haben kann. Wohlan, nun du das deinige gethan haſt, ſoll es auch an mir nicht fehlen. Gib mir den guten Rock, Mutter— ich will auf der Stelle zu meinem Herrn Präſidenten gehen.« „Aber der Präſident hat keine Stipendien zu verge⸗ ben, Vater!“ 3 „Nein, das nicht, aber du weißt wohl, ſein Wille i*ſt allmächtig in unſerem Lande, und was er wünſcht oder befiehlt, muß geſchehen. Deine Zeugniſſe her, Erich— ich will ſie mitnehmen, denn ſie ſind am Ende die beſte Unterſtützung meines Geſuchs.“ Der Vater zog den guten Rock an, ſteckte die Zeug⸗ niſſe ein, nahm das ſpaniſche Rohr mit dem Elfenbein⸗ knopfe, und machte ſich gemeſſenen Schrittes auf den Weg. Erich ſah ihm nach, bis er um die nächſte Ecke verſchwand. Dann wendete er ſich um und ſagte ſeuf⸗ 16 zend zur Mutter und Schweſter:„Es wird nichts nützen! Ich habe wenig Hoffnung.“ „Und warum?« entgegnete die Mutter.„Ich hoffe das Beſte, denn der Vater iſt beim Herrn Präſidenten gut angeſchrieben und hat ſchon manche Gunſt von ihm genoſſen. Getroſt, lieber Sohn! du wirſt ihn bald mit frohem Geſicht zuruͤckkommen ſehen!“ Erich ſchüttelte den Kopf und ſchien große Luſt zu haben, ſeine Zweifel noch unzweideutiger auszuſprechen; aber er beſann ſich raſch eines anderen, und erwiederte ſanft und gefaßten Muthes:„Nun, liebe Mutter, wie auch die Entſcheidung ausfallen möge, wir wollen uns auf keinen Fall von ihr entmuthigen laſſen, ſondern un⸗ ſer Vertrauen auf Gott ſetzen. Er weiß am beſten, was uns gut und heilſam iſt. Wenn der Vater un⸗ verrichteter Sache zurückkehrt, wollen wir uns mit der Ueberzeugung tröſten, daß Gott ſelbſt mir den Weg des Lebens vorzeichnet, den 1 gehen ſoll. In das Noth⸗ wendige und Unvermeidliche muß der Menſch ſich fügen, ohne zu klagen oder zu murren.“ „»Wohl geſprochen, lieber Sohn!“ entgegnete die Mutter.„Aber bei alledem wäre es doch gut, wenn deine Standhaftigkeit auf keine allzuharte Probe geſtellt würde. Ich für mein Theil fürchte das übrigens nicht, ſondern hoffe das Beſte.“ Erich gab keine Antwort, als ein leiſes Achſelzucken, woorauf er ſich ſtill an das Fenſter ſetzte und auf die Straße hinaus blickte Die Mutter verließ bald darauf das Zimmer, um einige häusliche Geſchäfte zu beſor⸗ gen, und Erich blieb mit ſeiner Schweſter allein. Anna deobachtete den Bruder einige Augenblicke; er ſaß in tiefem Sinnen, allein mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, 17 mit Träumen vielleicht von einer Zukunft, die ſeine Phantaſie gewiß nicht mit hellen Farben ausſchmückte, denn ſein Auge blickte ernſt und ein ſorgenvoller Aus⸗ druck lag wie eine Wolke auf ſeiner weißen, hohen Stirn. Plötzlich näherte ſich ihm Anna mit leichten Schritten, legte ihre Hand auf ſeine Schulter und ſagte ſanft:„Erich, über was denkſt du nach? Haſt du wirklich keine Hoffnung, daß der Vater mit erfreulichen Nachrichten zurückkehrt?“ Erich richtete das geſenkte Haupt auf, warf einen ſchnellen Blick durch das kleine Zimmer und erwiederte leiſe:„die Mutter iſt nicht da? Ich moͤchte ſte nicht vor der Zeit betrüben, aber dir, Anna, will ich Alles ſagen. Ja, ich habe nur geringe oder gar keine Hoff⸗ nung!“ „Und warum nicht?« fragte Anna beſtürzt.„Haſt du wirklich Grund, eine abſchlägliche Antwort des Prä⸗ ſidenten zu befürchten? Erich nickte.„Kleine Fehler, die wir in Raſchheit und Uebereilung begehen, rächen ſich zuweilen ſchwer,“ ſagte er.„So werde auch ich wohl dafür büßen müſſen, daß ich mich von einem unbewachten Augen⸗ blicke fortreißen ließ, etwas zu thun, was an und für ſich gewiß zu entſchuldigen war, mir aber doch die er⸗ bitterte Feindſchaft Jemandes zuzog, der ſich jetzt, wenn er will, auf das empfindlichſte an mir rächen kann. Der Präſident hat einen Sohn, Paul heißt er, dertin meinem Alter iſt und mit mir zugleich alle Klaſſen der Schule beſuchte. Ohne daß einer von uns darüber ſprach, beſtand ſeit Jahren ſchon ein gewiſſer Wetteifer zwiſchen uns. Einer ſuchte es dem Anderen in Fleiß und Tüchtigkeit zuvorzuthun, Jeder ſtrebte danach, den Der Segen. 2 18 Anderen zu überflügeln und der beſte Schuͤler in der Klaſſe zu ſein. Dieſer ſtille Kampf, dieſer unermüd⸗ liche Wetteifer erreichte bei der letzten Pruͤfung ſeinen höchſten Grad. Alle unſere Mitſchüler hielten ſich überzeugt, daß Paul und ich die Prüfung am beſten überſtehen würden— aber welcher von uns Beiden das günſtigſte Zeugniß erlangen würde, blieb Allen ungewiß, und die Stimmen darüber waren faſt gleich vertheilt. Paul und ich befanden uns in derſelben Ungewißheit, und gerade dieß ſpornte uns an, das Aeußerſte aufzubieten, um aus dem letzten Kampfe als Sieger hervorzugehen. Wir hatten Jeder eine deutſche Arbeit über daſſelbe Thema abzuliefern. Am Morgen, wo dieß geſchehen ſollte, trat Paul in die Schule an mich heran. Er war blaß und aufgeregt— ich merkte augenblicklich, daß ihm irgend etwas ſchwer auf dem Herzen liegen müſſe.„Ehrenfried,“ ſagte er zu mir mit leiſer Stimme, die vor innerer Aufregung zitterte —„ich habe ein paar Worte mit dir zu reden, aber allein. Geh' mit mir hinaus.“ Ich folgte ihm ſo⸗ gleich, und wie geſpannt und neugierig auf ſeine Mit⸗ theilung, kannſt du dir denken. Draußen ſagte er: „Mir iſt ein Unglück zugeſtoßen— ich kann meine deutſche Arbeit nicht abliefern— noch heute früh lag ſie guf meinem Tiſche, mein täppiſcher Hund ſtieß ihn F das Tintenfaß leerte ſeinen ganzen Inhalt über d Blätter aus, und die Frucht dreitägiger Mühe und Anſtrengung war in einem Augenblicke vernichtet.“ Mein Herz ſchwoll vor Stolz und Entzücken— denn nun hatte ich die Gewißheit erlangt, daß ich als Sieger aus dem ſtillen, aber mächtigen Kampfe mit Paul hervorgehen würde. In jenem Augenblicke— ſo groß war der Ehrgeiz, der mich beſeelte— dachte ich nicht daran, wie unedel es ſei, einen ungünſtigen Zufall, an dem mein Gegner noch dazu vollkommen unſchuldig war, zu meinem Vortheile zu benutzen. Ich fühlte meine Wangen brennen, meine Augen blitzten, und die Freude über den bevorſtehenden Triumph über⸗ wältigte mich ſo ſehr, daß ich kaum ſtammeln konnte: „Was nun, Helldorf? Ich kann dir den Schaden nicht erſetzen.“—„Du kannſt es, wenn du willſt,“ ſagte er und ergriff meine Hand, die er wie in einem Schraub⸗ ſtocke preßte.„Gib deine Arbeit nicht ab,„dann ſteht das Spiel wieder gleich.“ 4 „Nimmer!“ rief ich in der erſten Aufwallung aus. „Du verlangſt zu viel, Helldorf! Nimmer, nimmer⸗ mehr!“ Mit einem ſtolzen Blicke, einem Lächeln voll Ver⸗ achtung blickte mein Gegner mich an, während ſeine Wange bleich wurde, wie der Kalk an der Wand. Mit Heftigkeit ſchleuderte er meine Hand von ſich und ſagte:„Ich hätte dich für hochherziger und edler ge⸗ halten. Du biſt nur ein gemeiner Menſch und des herrlichen Kampfes nicht werth, den ich mit dir ge⸗ kämpft.“— Mit dieſen Worten drehte er mir den Rücken zu, und ließ mich in einer Aufregung zurück, von der ich dir keinen Begriff zu geben vermag. Nur zu tief empfand ich, daß Paul Recht hatte, denn ich fühlte mich im innerſten Herzen von ſeinen Women getroffen. Von ſeinem ſtolzen Blicke, ſeinem bitteren, verachtungswürdigen Lächeln war ich wie zu Boden geſchmettert. Mein erſter Gedanke, nachdem ich mich von meiner Verwirrung erholt hatte, trieb mich an, ihm nachzueilen, ihm offen meinen Fehler zu bekennen, 2* ihm meine Reue auszudrücken, ſeine Verzeihung anzu⸗ flehen. Es lag mir jetzt auf einmal nicht das Min⸗ deſte mehr an dem Triumphe, um welchen ich mühſam und mit Anſtrengung ſo manches Jahr gerungen hatte — nur daran lag beweiſen, daß nur ſeine Freundſchaft, wieder zu erlangen. mir, Paul zu verſöhnen, ihm zu Uebereilung mich fortgeriſſen habe, oder doch wenigſtens ſeine Achtung Als ich aufblickte, ſah ich ihn eben in das Schulgebäude treten. Ich ſtürzte ihm nach, ſuchte ihn überall, in allen Klaſſen, allen Gängen— er war verſchwunden, nirgends zu finden. Ich fragte meine Mitſchüler nach ihm— ſie konnten mir keine Auskunft geben, hatten ihn gar nicht bemerkt, gar nicht geſehen. Ich dachte, er ſei wohl nach Hauſe gegan⸗ gen, und verfolgte ihn auch dahin. Eine neue Täu⸗ ſchung— auch hier traf ich ihn nicht. Mißmuthig kehrte ich nach der Schule zurück. Mein Entſchluß war naturlich gefaßt— ich gab die Arbeit nicht ab, ſondern brachte eine Direktor genügte. nicht; ich ſagte nur Entſchuldigung vor, die dem Herrn Pauls Namen erwähnte ich dabei „beſondere Umſtände, die ich ſpäter erklären würde, verhinderten mich, ſie einzureichen. Dieſen Tag und den folgenden ſah ich Paul nicht. Endlich kam er wieder zur Schule, am Tage, wo die Entſcheidung erfolgte. Ich erhielt den erſten Preis, zu meiner eigenen von ſelbſt verſtand, während der Herr mein Name genannt wurde, entfärbte er ſich, biß die Zähne zuſammen, und runzelte die Stirn. Auf mich warf er keinen Blick. Als wir entlaſſen wurden, ſchritt ich raſch auf ihn zu, um ihn über Alles aufzuklären. Ueberraſchung— Paul, wie ſich den zweiten. Ich beobachtete ihn, Direktor ſeinen Vortrag hielt. Als — 21 Er ſah mich kommen und ſchien mich erwarten zu wol⸗ len. Ehe ich aber Zeit gewann, ein Wort an ihn zu richten, rief er mir zu:„Ein erbärmlicher Triumph, den du feierſt! Beneide ihn dir, wer will— ich für mein Theil möchte nicht Du ſein, ich verachte dich!“— „Paul!“ rief ich— um's Himmels willen, höre mich an, ich bin unſchuldig und verdiene es nicht, daß du mich ſchmäheſt!« Er aber wandte ſich kurz um und ging davon. Seitdem habe ich ihn nicht wieder geſe⸗ hen. Was aber von dem Vater deſſen zu erwarten iſt, der mich als ſeinen bitterſten Feind haſſen muß, das Anna, brauche ich dir wohl nicht auseinander zu ſetzen.« „Dieß iſt eine unglüͤckliche Geſchichte, ein trauriges Mißverſtändniß,“ ſagte Anna, als ihr Bruder ſchwieg. „Konnteſt du Paul denn nicht durch Einen Eurer Mit⸗ ſchuͤler benachrichtigen laſſen, daß du ſeine Verachtung nicht verdienſt?« „Nein, das durfte ich nicht, denn es würde ihn empfindlich gekränkt haben, wenn ich einen Dritten von der Sache unterrichtet hätte, beſonders, da ich trotz meiner Selbſtverläugnung den Preis gewann,“ entgeg⸗ nete Erich. „Aber ſchreiben konnteſt du doch an Paul, Bru⸗ der! Gewiß, gewiß, das hätteſt du thun ſollen!“ „Auch das habe ich gethan,“ erwiederte Erich. „Zwei Briefe habe ich an ihn geſchickt. Unerbrochen kamen ſie zurück, mit der Bemerkung, Paul wolle in keiner Beziehung ferner mit mir zu thun haben. Alle meine Verſuche, ihn mit mir zu verſöhnen, ſind völlig geſcheitert; er meidet mich, flieht mich, haßt mich, weil er natürlich glauben muß, daß ich unedel und ungroß⸗ müthig einen für ihn unglücklichen Zufall benutzt habe. Wenn ich das Mißverſtändniß aufklären könnte, würde Alles ſogleich anders und beſſer zwiſchen uns ſtehen. Aber auf welche Weiſe ſoll ich dieß erreichen? Ich ſehe keine Möglichkeit dazu, da Paul völlig entſchloſſen ſcheint, keinerlei Annäherung von mir zu geſtatten.“ „Nun, wo Menſchen nicht helfen können, hülft Gott, ſagte Anna hierauf nach kurzem Beſinnen. „Genug, daß du das Bewußtſein in dir trägſt, beſſer gehandelt zu haben, als Paul dir zutraut. Gräme und kümmere dich alſo weiter nicht, Bruder. Der Segen Gottes kann dir ja nicht fehlen, und du weißt wohl, Gottes Segen macht reich, reich an Kraft, reich an Hoffnung, reich an Vertrauen; dieß, meine ich, ſei der beſte Reichthum auf der Welt. Was hälfe es dir, wenn du die ganze Welt gewänneſt, und nehmeſt doch Schaden an deiner Seele? Nein, nein, ſei getroſt, mein guter Bruder! Dein gutes Gewiſſen haſt du gerettet, und daneben iſt alles Andere gering zu achten. Aber warum fährſt du plötzlich zuſammen 2 Was er⸗ ſchreckt dich?“ „Da kommt der Vater,“ antwortete Erich leiſe mit gepreßter Stimme.„Nun werden wir hören, was ſeine Fuͤrſprache geholfen hat.“ Anna warf einen hurtigen Blick durch's Fenſter, dem ſie bis jetzt den Rücken zugekehrt hatte.„Und du zweifelſt noch, daß Alles gelungen iſt?« ſagte ſie dann raſch und mit freudeſtrahlendem Blicke.„Sieh doch nur, wie ſtattlich der Vater einherſchreitet und wie freundlich er zu uns herauf lächelt! So freue dich doch, Bruder! Alles geht gut, und gewiß viel beſſer, als du gehofft haſt.“ In der That, mit raſchen, munteren Schritten eilte der Vater herbei, warf ſeinen Kindern einen Blick zu, der von lauter Glück und Zuverſicht ſtrahlte, ſtand we⸗ nige Augenblicke ſpäter im Zimmer, und ſagte:»Ge⸗ wonnen, Erich! Alles gewonnen! Richtig Alles ſo gekommen, wie ich's mir vorher dachte! Ja, ja, ein redliches Streben und treue Dienſte bleiben nicht un⸗ belohnt! Der Herr Präſident hat mir ein Stipendium von hundert und fünfzig Thalern jährlich für dich zu⸗ geſichert, und zwar für die ganze Zeit, welche du auf der Univerſität zubringen wirſt. Nun, Junge, was ſagſt du dazu?“ „Oh, ich vermag es nicht auszudrücken, wie glück⸗ lich du mich machſt!“ rief Erich aus und ſtürzte an die Bruſt ſeines Vaters.„Frage nur, Anna, ich hatte gar keine, auch nicht die kleinſte Hoffnung! Eben ſprachen wir noch darüber! Aber wie iſt es nur ge⸗ kommen, daß du ſo Großes erreicht haſt?« „Wie es gekommen iſt, Junge?“ ſagte der Vater, und blickte nach Oben—„»wie denn anders, als durch den Segen Gottes, den ich mir durch langjährige, red⸗ liche Dienſte zu erwerben geſucht habe! Er machte gar keine Umſtände, der Herr Präſident! Als ich meine Bitte vorgebracht hatte, forderte er mir deine Schulzeugniſſe ab, warf einen Blick hinein, richtete noch ein paar Fragen an mich, die ich der Wahrheit gemäß beantwortete, und dann klopfte er mich ſanft auf die Schulter, und ſagte:»Alles gut, lieber Ehrenfried! Die Vertheilung der Stipendien gehört zwar nicht zu meinen Geſchäften, aber Ihnen zu Liebe muß ich wohl mit dem Herrn Superintendenten reden. Sagen Sie Ihrem Sohne, er ſolle hundert und fünfzig Thaler jährlich bekommen, und müßte ſie der Fürſt, unſer gnä⸗ digſter Herr, aus ſeiner Schatulle bezahlen. Man ſoll mir nicht den Vorwurf machen können, daß ich den treuen Pflichteifer redlicher Beamten nicht zu würdigen wüßte. Seit vielen Jahren habe ich Sie beobachtet, und Sie immer als treuen, beſcheidenen Arbeiter be⸗ müht gefunden. Bei ſolchem redlichen Bemühen bleibt der Segen nicht aus. Die Sache iſt abgemacht, lieber Alter! Wenn der Sohn dem Vater ähnlich iſt, werde ich ihn auch ſpäter nicht vergeſſen!“ „Das waren die eigenen Worte des Herrn Präſi⸗ denten, und wie ſie mich erquickt und erfreut haben, das könnt ihr euch wohl denken!“ „ Und Paul, der Sohn des Präſidenten,“ fragte Erich geſpannt—„war er nicht zugegen?“ „Nein,“ erwiederte der Vater,„aber er begegnete mir nachher auf der Treppe. Haſt du etwas mit ihm vorgehabt, Erich? Sonſt war er immer ſehr artig und höflich, wenn er mich ſah, aber heute, es fiel mir gleich auf, hatte er mich kaum erblickt, ſo wurde er dunkelroth im Geſicht, und ſchoß ſo ſchnell an mir vorüber, daß ich nicht einmal Zeit gewann, ihn zu be⸗ grüßen. Gewiß habt ihr Streit mit einander— oder nicht?« „Nein, nicht grade Streit, nur ein unglückliches Mißverſtaͤndniß,“ entgegnete Erich und erzählte kurz, was ihm mit Paul begegnet war.„Wenn nur Paul nicht unſere Hoffnungen wieder vernichtet!« fügte er beſorgt hinzu. „Das glaube ich nicht, denn der Herr Präſident iſt ein Ehrenmann, auf deſſen Wort ſich zu verlaſſen iſt,« ſprach der Vater.„Gleichwohl rathe ich dir, mein Sohn, 25 das Mißverſtändniß aufzuklären, und zwar je eher, je lieber. Die Gelegenheit dazu wird ſich ſchon finden. Bis dahin ſorge nicht und kümmere dich nicht. Dein Bewußtſein ſpricht dich frei, und das iſt die Haupt⸗ ſache. Alles Uebrige wird ſchon der zum Guten len⸗ ken, deſſen Segen uns heute ſo reich an Glück und Freude gemacht hat. Ruft die Mutter, Kinder! Auch ſie muß die guten Neuigkeiten hören und ſich darüber freuen, wie wir!« Die Mutter kam und lieblich war es zu ſehen, mit welchem innigen Entzücken ſie ihren lieben Sohn an die Bruſt drückte. In ſtiller Glückſeligkeit verfloß der Tag. Keine Wolke trübte heute den Feſthimmel der glücklichen Familie. Wie wäre es auch möglich ge⸗ weſen? Der Segen des Herrn hatte ſie ja reich ge⸗ macht, reich an Freude, an Hoffnung, an Vertrauen und Zuverſicht. Zweites Kapitel. Bie Gottloſen trachten Schaden zu thun. Pſ. 36, 20. Mit leichtem Herzen wanderte eines Tages ein Jüngling der weitberühmten Univerſitätsſtadt Halle zu. Er trug ein wohlgefülltes Ränzel auf dem Rücken und einen derben Knotenſtock in der Hand. Sein helles Auge blickte munter umher, und obgleich die beſtäubten 26 Stiefeln und Kleider bewieſen, daß er heute ſchon einen tüchtigen Marſch gemacht haben müſſe, ſah man ihm doch keine Ermüdung an. Jedem Wanderer, der ihm begegnete, nickte er einen freundlichen Gruß zu, richtete auch wohl ein paar Worte an ihn, wie man ſte eben zu wechſeln pflegt, wenn man auf der Landſtraße mit einem Fremden zuſammentrifft, fragte nach der Länge des Weges, den er noch zurückzulegen habe, nach der Richtung, die er einſchlagen müſſe, und bekam überall genügenden und willigen Beſcheid. Fröhlich dankend eilte er dann weiter, zuweilen ein Liedchen anſtimmend, oder lauſchend auf das Zwiſchern emeß Vogela⸗ der auf einem Baume am Wege ſaß. Nichts entging ſei⸗ nem munter umherſchweifenden Blicke. Mit Wohlge⸗ fallen ruhte ſein Auge bald auf den einfachen Blumen, die am Wege blühten, bald auf der Thurmſpitze eines Dörfchens, das in der Ferne aus den freundlichen Um⸗ gebungen ſeiner Gärten und Obſtbaumpflanzungen auf⸗ tauchte, bald auf dem fleißigen Landmanne, der die Herbſtausſaat dem mütterlichen Boden anvertraute, bald auf den blauen Himmel, der wie eine ungeheure Kup⸗ pel auf der weiten, unbegränzten Ebene ruhte, bald auf den lärmenden, ſchreienden, wimmelnden Schaaren von mancherlei Zugvögeln, welche mit raſchem Flügel⸗ ſchlage wärmeren Himmelsſtrichen zueilten, um dem ſtrengen Froſte des nahenden rauhen Winters zu ent⸗ gehen. Am öfteſten aber ſchaute er doch grade vor ſich hin in die Ferne, wo nun bald die Thürme der Stadt erſcheinen mußten, wo er den bedeutendſten Ab⸗ ſchnitt ſeines Lebens, ſeine Studienjahre zuzubringen gedachte. Weit entfernt konnte ſie nun nicht mehr ſein, denn auf ſeine letzte Frage, die er vor einem Stüͤndchen 27 an einen Landmann auf dem Felde richtete, hatte er die Antwort empfangen, daß er kaum noch eine Stunde zu gehen habe. Nun war er freilich manchmal ſtehen geblieben, um den Flug der Störche und Kraniche mit den Augen zu verfolgen, bis ſie gleich dunklen Pünkt⸗ chen am Horizonte verſchwanden; auch hatte er wohl ein paar Minuten mit dieſem oder jenem Begegneten verplaudert; aber Alles in Allem genommen machte das ja doch nicht viel aus, und er fing ſchon an, die Be⸗ ſorgniß zu hegen, daß er in der Zerſtreuung einen fal⸗ ſchen Weg eingeſchlagen habe, als plötzlich, nachdem er eine wellenförmige Erhebung des Bodens erſtiegen hatte, die erſehnte Stadt in ihrer ganzen Ausdehnung, kaum noch ein Viertelſtündchen entfernt, vor ihm lag. Statt⸗ lich ragten die hohen Thürme über das Gewirr der Häuſermaſſen empor; der Duft des Abends ſchwebte über Straßen und Dächer; die vergoldeten Knäufe der Thurmſpitzen glänzten, wie Rieſenfackeln; und praͤchtige Streiflichter warf die Sonne über die glatten Wellen des Fluſſes, der in einem mächtigen Halbkreiſe die Stadt umſpannt. „Alſo dieß iſt Halle!“ murmelte der Jüngling, in welchem wir nun wohl bereits unſeren Freund Erich erkannt haben, vor ſich hin.„Ich habe es mir nicht ſo hübſch gedacht. Gebe nun Gott, daß mein Aufent⸗ halt dort ein geſegneter ſeil Was an mir liegt, ſoll wenigſtens nicht fehlen! Eine mächtig große Stadt das. Es wird ſchwer halten, da noch ein Quartier zu finden, denn ehe ich hineinkomme, wird mich der Abend ſchon überraſcht haben. Ich hätte mich unter⸗ wegs eben nicht ſo lange verweilen ſollen. Nun, im ſchlimmſten Falle muß ich eine Nacht im Gaſthofe 28 ſchlafen, und das wird auch nicht gleich das Leben koſten!“ Dieſe Worte hatte Erich halblaut vor ſich hin ge⸗ ſprochen. Als er nun ſeinen Wanderſtab erhob, um weiter zu gehen, fühlte er eine Hand auf ſeiner Schul⸗ ter, und eine freundliche Stimme ſagte:„Eile mit Weile! Vielleicht darf ich Ihnen mit Rath und That beiſtehen, da ſie ganz fremd in Halle ſind, und eine rechte Freude wird es mir machen, wenn ich Ihnen aus einer Verlegenheit helfen kann.“ Ueberraſcht drehte ſich Erich um, und erblickte einen anſtändig gekleideten, ältlichen Mann, der ihn unge⸗ mein freundlich mit gutmüthigen Augen anſchaute. „Nicht wahr, Sie ſind Student?« fuhr er fort, nach⸗ dem er unſeren jungen Freund mit höflicher Herzlichkeit begruͤßt hatte. Erich nickte. „Nun, ich dachte es mir wohl,“ ſagte der Fremde. »Auch will ich Ihnen nur geſtehen, daß ich zufällig Ihr Selbſtgeſpräch belauſchte und daraus erfuhr, daß Sie noch kein Quartier haben. Wenn Sie mir folgen wollen, will ich Ihnen eines anweiſen, wo Sie ſich ganz behaglich fühlen werden.“ Das ganze Weſen des Mannes war ſo herzlich und zutraulich, daß Erich ſich ganz geneigt fühlte, ſich der Führung deſſelben anzuvertrauen. Dennoch zögerte er, indem er vorſichtig überlegte, daß er vor Allem mehr auf ein recht wohlfeiles, als auf ein behagliches Quartier ſehen müſſe. Darum ſagte er:„Ich bin Ihnen ſehr dankbar,s lieber Herr— aber ich bin nicht reich, und muß mich einſchränken.“ „Eben deßhalb will ich Ihnen ja zum Führer die⸗ 29 nen,« entgegnete der Fremde.„Kommen Sie nur mit mir, übertheuert ſollen Sie nicht werden.“ „Nun in Gottes Namen,“ ſagte Erich.„Aber doch möchte ich wiſſen, warum Sie ſich grade meiner boie düi annehmen? Sie ⸗kennen mich ja gar nicht.« 4 16 „Kenne Sie, kenne Sie hinreichend,“ entgegnete der Fremde mit gutmüthigem Lächeln.„Wer ſo innig den lieben Gott um Segen bittet, wie Sie es vorhin gethan haben, iſt gewiß kein böſer Menſch! Als ich das hörte und nebenbei vernahm, daß ſie noch kein Quartier hätten, fiel mir eine würdige Freundin ein, die ein hübſches Stübchen leer ſtehen hat, ſchon ſeit Monaten, weil ſie, eine ſtille, fromme Wittwe, nicht All und Jeden in ihr Haus nehmen mag. Denn ſehen Sie, lieber Herr, die Studenten ſind nicht immer ſo ruhigen und geſetzten Weſens, daß man große Freude über ſie haben könnte. Da dachte ich denn gleich, Sie würden grade für das Quartier paſſen, und das Quartier für Sie. Sehen Sie ſich's an— wenn's Ihnen nicht gefällt, können Sie ja immer noch Nein ſagen.“ Dieſe Erklärung genügte dem Jünglinge vollkom⸗ men, und wohlgemuth ſchritt er neben ſeinem Führer her. Unterwegs hörte er, daß derſelbe ein wohlhaben⸗ der Schloſſermeiſter ſei, Namens Hellmuth, und künf⸗ tig, wenn er ſich nämlich bei Frau Günther einquar⸗ tirte, ſein nächſter Nachbar ſein würde. Dieß war ihm eine angenehme Neuigkeit, denn ſchon hatte er ſeinen Begleiter, deſſen treuherziges und verſtändiges Benehmen ihn ſehr wohlthuend anſprach, recht lieb ge⸗ wonnen. Meiſter Hellmuth erzählte ihm noch mancherlei Neues und Anziehendes über Halle und ſeine Bewoh⸗ ner, beſonders uͤber die Studenten, gab ihm mancherlei gute Rathſchläge und warnte ihn beſonders vor dem wilden, wüſten Treiben, in das ſo mancher Jüngling ſich zu ſtürzen pflegte, wenn er nicht Kraft und Selbſt⸗ ſtandigkeit genug hatte, der Stimme der Leidenſchaft und Verführung Widerſtand zu leiſten. „Es kommt mein Lebtag nichts Gutes bei ſolchem Toben und Tollen heraus!“ ſagte er.„Wer einmal in den Strudel hineingeriſſen iſt, geht auch gewöhnlich darin unter, und muß ein paar in Saus und Braus vergeudete Jahre mit einem langen Elende bezahlen. Die Geſundheit des Leibes und der Seele geht dabei zu Grunde, und das Ende von Allem iſt ein zerrütte⸗ ter Körper und eine verfehlte Zukunft. Hüten Sie ſich, lieber, junger Herr, in den Strudel hinein zu ge⸗ rathen, und laſſen Sie ſich vor Allem nie in eine der ſogenannten Verbindungen ein, die ohnehin geſetzlich verboten ſind. Das iſt eine Klippe, an der ſchon manches Lebensſchifflein zerſchellt iſt, auf das vielleicht von liebenden Eltern und Geſchwiſter große Hoffnun⸗ gen gebaut wurden. Aber da ſind wir an Ort und Stelle— folgen Sie mir nach— hier herein, lieber err!« Meiſter Hellmuth öffnete die Thür eines freund⸗ lich ausſehenden, kleinen Hauſes, und ſtellte ſeinen Begleiter einer ältlichen Frau vor, in deren bleichem, zartem Geſicht die Spuren von manchem Leidenstage, von mancher ſchweren Lebensprüfung ſich ausprägten. Mit milder Freundlichkeit und nicht ohne eine gewiſſe Anmuth hieß ſie Erich willkommen, zeigte ihm das Stübchen, das ſie zu vermiethen hatte, und forderte 31 einen ſo mäßigen Preis dafür, daß Erich, dem das ſaubere, überaus reinlich und nett gehaltene Zimmer ſehr gefiel, ohne Bedenken einſchlug. Meiſter Hellmuth gab ſeine Zufriedenheit damit zu erkennen, ſchüttelte kräftig Erichs Hand und ermahnte ihn, nun auch gute Nachbarſchaft mit ihm zu halten und ſich bei jeder Gelegenheit, wo er deſſen bedürfe, bei ihm Rath und Auskunft zu holen. Hierauf verließ er mit Frau Günther das Gemach; Erich aber machte es ſich nun erſt recht bequem darin und nahm mit großem Beha⸗ gen von dem Sopha Beſitz, mit welchem Frau Günther zur Annehmlichkeit ihrer Miether die Stube verſehen hatte. Unſerem Erich war ungemein wohl zu Muth, und er ſegnete den Zufall, welcher ihn mit Meiſter Hellmuth zuſammengeführt hatte. Mit Wohlgefallen betrachtete er die innere Einrichtung ſeines Stübchens. Nichts fehlte darin, was dazu dienen konnte, es wohn⸗ lich zu machen. Kommode, Kleiderſchrank, Stühle, Tiſche, ſelbſt ein Schreibepult am Fenſter, Alles hübſch und zierlich, fand er vor. Auch in die Kammer ging er. Wie ſauber und freundlich auch hier Alles! Das Bett mit ſchneeweißer Wäſche friſch überzogen, an den Fenſtern Vorhänge, ein Waſchtiſchchen am Kopfende des Bettes— Erich kam aus der Verwunderung gar nicht heraus, die ihm alle dieſe Wunder ablockten. Ei, hier wohnte er ja wie ein Fürſt oder Graf, und jeden⸗ falls bei weitem beſſer, als daheim, wo er ſich mit einem engen, kleinen, niedrigen Dachſtübchen hätte be⸗ helfen müſſen! Mit innigem Vergnügen ging er aus der Stube in die Kammer, aus der Kammer wieder in die Stube, betrachtete Alles aber⸗ und abermals, und gelangte endlich zu dem Schluſſe, daß er es unmoͤglich 32 mit dem Quartier beſſer hätte treffen können, wenn er auch durch die ganze Stadt von einem Hauſe zum anderen gelaufen wäre. Dem wackeren Meiſter Hell⸗ muth dankte er im Herzen noch tauſend Mal für ſeine Frreundlichkeit, und als er endlich, nachdem er ſeine Sachen ausgepackt und in die Kaſten und Schränke vertheilt hatte, zu Bette ging, war ſein letzter Gedanke: „Da werde ich große Freude erwecken zu Hauſe, wenn ſie meinen erſten Brief aus Halle bekommen! Wie viel habe ich zu erzählen! Und wie wird die Mutter ſich freuen, wenn ich ihr mein hübſches Quartier be⸗ ſchreibe! Gott gebe nun nur, daß ich der guten Frau Günther ſo wohl gefalle, wie mir ihre Wohnung ge⸗ fällt, dann wird die Herrlichkeit gewiß nicht ſo bald ein Ende nehmen!“ Hierauf betete er, wie er's nach gutem und frommem Brauch von klein auf gewöhnt war, und dann ſchlief er ſüß und ruhig bis in den hellen Morgen hinein, wo ihn die liebe Sonne mit ihren goldenen Strahlen erweckte, die ihm grade in die Augen blinkerten, weil er die Vorhänge herunter zu laſſen vergeſſen hatte. Erich führte von nun an ein ſtilles, fleißiges und frommes Leben. Mit anderen Studenten kam er faſt nur in den Hörſälen zuſammen, oder auf Spaziergän⸗ gen, die er in der Dämmerungsſtunde um die Stadt zu machen pflegte. Allen aber blieb er fremd. An⸗ fänglich ſuchte er einige Male mit Jünglingen, die gleiches Streben und gleiche Geſinnungen mit ihm zu haben ſchienen, ein näheres Verhältniß anzuknüpfen. Man kam ihm auch freundlich entgegen— aber das gute Einverſtändniß dauerte nie länger, als höchſtens einige Tage. Dann ſchien es, als ob die neuen Be⸗ 33 kannten gefliſſentlich das Zuſammentreffen mit Erich vermieden, und, wenn doch der Zufall ſie zuſammen⸗ führte, benahmen ſie ſich ſo kalt und abſtoßend, Einige ſogar mit ſo unverhohlener Geringſchätzung, daß Erich, der ſich davon ſchmerzlich berührt füͤhlte, bald alle Luſt verlor, den ferneren Umgang mit ihnen zu ſuchen. Das Mißgeſchick, welches ihn in dieſer Beziehung ver⸗ folgte, verhinderte ihn auch ſeine Bemühungen nach anderen, neuen Bekanntſchaften fortzuſetzen. Er blieb ganz für ſich, lebte nur ſeinen Studien, und fand ſeine Erholung in Spaziergängen und im Umgange mit ſei⸗ nem Nachbar Hellmuth, mit welchem er manchen lan⸗ gen Winterabend verplauderte. Ihm klagte er auch ſein Leid über die Kälte, mit der er von ſeinen Com⸗ militonen behandelt wurde. So unerklärlich ihm ſelber das Benehmen derſelben ſchien, ſo räthſelhaft kam es auch ſeinem Freund vor, und pergebens ſann Meiſter Hellmuth hin und her, um den Grund davon aufzu⸗ finden. Zugleich ließ er es aber auch nicht an Troſt und Ermuthigung fehlen, und ſeine treuherzigen, wohl⸗ gemeinten Worte trugen nicht wenig dazu bei, unſeren Erich mit ſeiner vereinſamten Stellung auszuſöhnen. Nicht lange, ſo ſollte er auch über die Urſache derſel⸗ ben aufgeklärt werden. Mittlerweile aber trug ſich ein Ereigniß zu, von ſo folgreicher und ſchmerzlicher Be⸗ deutung, daß Erich alles Andere darüber vergaß. Etwa ein halbes Jahr mochte ſeit dem Beginn ſei⸗ ner Studien vergangen ſein, als Erich an einem ſchö⸗ nen Frühlingsabende von einem Spaziergange nach ſeiner Wohnung zurückkehrte. Wie gewöhnlich trat er im Vorbeigehen in die Werkſtätte ſeines wackern Freun⸗ des, des Meiſter Hellmuth, ein, um ihm einen guten 3 Der Segen. 34 Abend zu wünſchen. Sonſt war ihm der Meiſter im⸗ mer mit frohem, lächelndem Angeſicht entgegen gekom⸗ men, heute aber erſchrak er faſt, als er Erich erblickte, und ſchien große Luſt zu haben, ihm den Rücken zuzu⸗ kehren. Aber ſeine natürliche Gutmüthigkeit änderte den bereits gefaßten Vorſatz, und ſogar ein Strahl der alten Freundlichkeit brach hervor, als er Erich beſtürzt und blaß in der geöffneten Thür ſtehen ſah. „Herr Ehrenfried,“ ſagte der wackere Meiſter vor⸗ wurfsvoll,„das hätten Sie uns nicht anthun ſollen, das haben wir nicht um Sie verdient, daß Sie uns muthwillig in Angſt und Beſorgniß ſtürzten, nachdem ich Sie doch ſo viele Male ernſtlich gewarnt habe.“ „Aber, um's Himmelswillen, was iſt denn geſche⸗ hen, Meiſter Hellmuth?« rief Erich betroffen aus. „Wie ſoll ich, ich denn dazu gekommen ſein, Ihnen Angſt und Sorge zu bereiten, ich, der ich Sie aus dankbarſtem Herzen liebe und werth halte!“ „Ach, reden Sie nicht ſo, Herr Ehrenfried!“ ent⸗ gegnete der ehrliche Schloſſer zürnend.»Mich können Sie ja doch nicht mehr täuſchen! Ja, wenn ich's nicht mit meinen eigenen Augen geſehen hätte! Nein, nein, lügen Sie nicht, Herr! Alles iſt entdeckt, und wenn Sie meinem Nathe folgen wollen, ſo machen Sie ſich ſchleunigſt aus dem Staube! Sehen Sie, das iſt das Ende von ſolchen Dingen! Ich habe es Ihnen ja immer vorausgeſagt!«„ Erich wußte in der That nicht, ob er wache oder träume. Die Vorwürfe ſeines wackeren Freundes kamen ihm wie lauter Räthſel vor, da er ſich nicht des mindeſten Unrechts bewußt war.„Aber ſo ſagen Sie mir doch nur wenigſtens, weſſen Sie mich be⸗ 3⁵ ſchuldigen,“ rief er aus.„Was ſoll ich denn begangen haben? Von welchen Dingen ſprechen Sie denn? Ich weiß ja wahrhaftig von gar in der Welt nichts!« Verwundert blickte Meiſter Hellmuth ſeinen jungen Freund an.„Sie wiſſen von nichts, von gar nichts?« ſagte er.„Und wie, haben wir denn nicht die Papiere in Ihrer Kammer, unter Ihrem Bette gefunden 2 War ich denn nicht zugegen, als der Pedell ſie hervorzog? Habe ich ſie denn nicht mit dieſen meinen Augen ge⸗ ſehen? Gehen Sie, Erich, gehen Sie! Hoffen Sie nicht, mich noch länger zu täuſchen! Geſtehen Sie lieber aufrichtig die Wahrheit, und dann will ich aus alter Freundſchaft für Sie thun, was in meinen Kräf⸗ ten ſteht, aber mit Ihrem Läugnen werden Sie mich noch vollends aufbringen! Du lieber Himmel, wer hätte das gedacht, als ich ihn zum erſten Male ſah, und er ſo ehrlich den lieben Gott anrief und um ſeinen Segen bat! Wer hätte gedacht, daß ſein gutes, ehrliches Geſicht nur eine Maske ſei, hinter der ſich Leichtſinn, Trug und Hinterliſt verbirgt. Ach, gehen Sie, Herr Ehrenfried! Ich mag gar nichts mehr mit Ihnen zu ſchaffen haben, am wenigſten jetzt, wo Sie auch noch mich, Ihren alten Freund, der es ſo treu und redlich mit Ihnen meinte, mit Lug und Trug hintergehen wollen.“ „Nein, nun gehe ich nicht, was auch daraus wer⸗ den mag!« rief Erich voll Schmerz, aber auch mit Entſchloſſenheit aus.„Ich bin mir keines Unrechts bewußt, und wenn Sie es, wie ich nicht zweifle, treu und redlich mit mir gemeint haben, ſo müſſen Sie mir auch offen ſagen, was für eine Sünde ich begangen haben ſoll. Die Lüge iſt mir fern, Vater Hellmuth, und ich ſollte meinen, Sie, mein einziger Freund, der Sie mich nun ſchon ſo lange kennen, müßten das wiſ⸗ ſen. Nein, nicht von der Stelle geh' ich, bevor ich nicht Ihre Beſchuldigungen vernommen und mich voll⸗ ſtändig gerechtfertigt habe!e „Sollte es denn möglich, könnte er wirklich unſchul⸗ dig ſein!« ſprach Meiſter Hellmuth mit neu wieder⸗ kehrendem Vertrauen vor ſich hin.„Er ſieht ſo ehrlich und rechtſchaffen aus— und doch, doch— der Be⸗ weis iſt ja zu unwiderleglich.“ Er ging ein paar Male in ſeiner Werkſtatt auf und nieder, wendete ſich dann plötzlich wieder zu Erich, ſchaute ihm voll in das bleiche, aber offene Geſicht, und ſagte langſam:„Sie hätten alſo nicht an einer Studentenverbindung Theil genom⸗ men, Herr Ehrenfried?« „An einer Studentenverbindung? Ich?“ erwiederte der Jüngling mit ſo ſichtlichem und unverhohlenem Erſtaunen, daß Vater Hellmuth trotz aller Beweiſe in ſeiner Ueberzeugung ſchwankend wurde.„Ich dächte, grade Sie wüßten am beſten, daß ich gar keinen Um⸗ gang mit Studenten gehabt habe.“ „Freilich wohl! Aber das kann ja Alles nur Ver⸗ ſtellung von Ihnen geweſen ſein!« entgegnete der ehr⸗ liche Schloſſer.„Ja, es muß Verſtellung geweſen ſein, denn der Pedell, der vom Univerſitäts⸗Gericht abgeſchickt worden war, um überall Hausſuchung zu halten, hat die ſämmtlichen auf die Verbindung bezüg⸗ lichen Schriften und Papiere auf Ihrer Kammer ge⸗ funden. Alles war darin enthalten, ausgenommen die Namenliſte der Theilnehmer. Wenn Sie nicht zu der Verbindung gehörten, wie ſollten dann die Papiere in Ihre Wohnung gekommen ſein?« 37 „Ja, das mag Gott wiſſen— ich weiß von nichts!« rief Erich ganz betroffen aus.„Auf welche Weiſe meine Unſchuld an den Tag kommen wird, auch das weiß ich nicht— aber an den Tag kommen wird ſie, ſo gewiß, wie wir Beide hier vor dem Angeſichte Got⸗ tes ſtehen, der in mein Herz ſchaut, und jedes meiner Worte hört. Ich will uͤbrigens auf der Stelle hin⸗ über und Frau Günther zu beruhigen ſuchen! Die arme Frau! Wie leid thut es mir, daß ſie um mei⸗ netwillen ſo erſchreckt worden iſt! Und eines weiteren Vergehens beſchuldigt man mich nicht, Vater Hell⸗ muth?“ „Nein, eines weiteren nicht,« entgegnete dieſer— „und wahrhaftig,« ſetzte er kräftig hinzu, indem er Erichs Hand ergriff und drückte,—„ich glaube jetzt daß Sie auch an jenem unſchuldig ſind! Blitz nicht einmal, da iſt Ihnen ein Streich geſpielt worden! Weiß auch gar nicht, wo ich meine Gedanken gehabt habe, daß ich den thörichten Unſinn nur einen Augen⸗ blick glauben konnte! Ich kenne ja jeden Schritt und Tritt, den Sie thun! Aber die Papiere, die Papiere! Da liegt eben der Haſe im Pfeffer! Wenn Sie mich ſchon ſo weit gebracht haben, daß ich feſt von Ihrer Schuld überzeugt war, wie müſſen Sie nun erſt bei dem Richter gegen Sie ſprechen, der Sie nicht kennt, Sie in Ihrem ganzen Leben vielleicht noch nicht ge⸗ ſehen hat. Schlimme Geſchichte das, Erich! Schlimme Geſchichte! Wiſſen Sie was? Das Geſcheiteſte wäre, Sie machten ſich auf und davon, gingen einſtweilen auf eine andere Univerſität, und überließen es den Leuten hier, ohne Sie fertig zu werden, ſo gut ſie können. In einem Jahre iſt Gras über die Geſchichte 38 gewachſen, und kein Menſch denkt mehr daran. Sie aber entgehen dem Karzer, dem Verluſt Ihrer Freiheit und einer Unterſuchung, die nicht nur langwierig wer⸗ den, ſondern möglicher Weiſe auch Ihre Relegation zur Folge haben kann. Und das ſind lauter unange⸗ nehme Dinge. Fliehen Sie, lieber Herr Ehrenfried, und wenn es Ihnen an Geld fehlen ſollte, ſo hat der alte Hellmuth genug für uns Beide. Bin Ihnen ohnehin eine Genugthuung ſchuldig für den falſchen Verdacht, in dem ich Sie gehabt, und für die Vor⸗ würfe, die ich Ihnen unrechtmäßig gemacht habe! Ich alter Narr, ich! Mich von einem Päckchen bekritzeltem Schreibpapier ſo verblüffen zu laſſen! Nun, Erich, was meinen Sie?« „Ich meine, daß ich bleibe und meine Unſchuld vertheidige,« verſetzte der Jüngling mit edlem Stolze. „Lieber will ich Unrecht leiden, als Unrecht thun! Meine Flucht aber wäre ein Unrecht nicht nur gegen mich, ſondern auch gegen meine lieben Eltern, die mich natürlich für ſchuldig halten müßten, wenn ich mich freiwillig und abſichtlich der Unterſuchung entzöge. Daß Papiere, von deren Daſein ich gar nichts weiß, in meiner Kammer gefunden worden, iſt kein Beweis meiner Schuld, denn jede andere Hand, als die mei⸗ nige kann ſie hingelegt haben. Wie leicht iſt es, von Außen in die Fenſter zu ſteigen, die ich den Tag und Abend über immer offen ſtehen laſſe. Gegen mich ſpricht alſo nur ein unbegründeter Verdacht— für mich aber das Bewußtſein meiner Unſchuld nicht nur, ſondern auch das Zeugniß ſtillen und eingezogenen Le⸗ bens, was weder Sie, Freund Hellmuth, noch Frau Günther mir verſagen werden. So will ich denn im 39 Vertrauen auf meine gute Sache den Spruch des Rich⸗ ters erwarten. Wie er auch ausfallen möge, wird er mir weniger Schaden thun, als eine unbeſonnene und übereilte Flucht, durch welche ich ſtillſchweigend das Geſtändniß meiner Schuld ausſprechen würde. Nein, Vater Hellmuth, ich verlaſſe mich auf meine Unſchuld und den Schutz Gottes! Das ſind Waffen, die mich wacker gegen alle ungerechten Anklagen vertheidigen werden!“ „Ja, beim Himmel, Sie haben den rechten Glau⸗ ben, lieber Erich!« entgegnete Vater Hellmuth.„Thor, der ich war, auch nur einen Augenblick an Ihrer Un⸗ ſchuld zu zweifeln! In Gottes Namen, gehen Sie, Erich! Und wenn auch das Schlimmſte geſchehen ſollte — ein Freund wenigſtens bleibt Ihnen, der Sie nim⸗ mer im Stich laſſen wird.“ Gefaßten Muthes begab ſich Erich nach ſeiner Woh⸗ nung, um auch Frau Günther von ſeiner Schuldloſig⸗ keit zu überzeugen und einige Zeilen an ſeine Eltern zu ſchreiben, die von Allem unterrichtet werden mußten, damit ihnen unnöthige Angſt und Sorge geſpart würde. Indeß kam Erich vor der Hand nicht dazu, dieſe Vor⸗ ſätze auszuführen. Sobald er ſeine Wohnung⸗ betrat⸗ kam ihm der Pedell mit einem Verhafts⸗Befehle ent⸗ gegen, und es blieb ihm kaum noch ſo viel Zeit übrig, Frau Günther an Vater Hellmuth zu verweiſen, wel⸗ cher ihn von allem Verdachte einer Schuld genügend reinigen würde. Ohne Widerſtand folgte er hierauf dem Pedell in das Karzer, und erwartete hier, nicht ohne alles Bangen freilich, aber doch mit dem Ver⸗ trauen und der hoffnungsreichen Zuverſicht, welche 40 ſein gutes Bewußtſein ihm einflößte, die Stunde der Unterſuchung und Entſcheidung über ſein ferneres Schickſal. Drittes Kapitel. Wir können nichts wider die Wahrheit. 2. Cor, 13, 8. Im Allgemeinen pflegt der Student nur ſelten ſehr niedergeſchlagen zu ſein, wenn er, vielleicht um eines geringen Vergehens willen, ſein Quartier für einige Tage auf dem Karzer aufſchlagen muß. Denn, wie geſagt, gewöhnlich empfängt er die Strafe nur für einen Ausbruch jugendlichen Uebermuthes, und ſeine Freunde verfehlen nicht, ihm die Zeit ſo angenehm wie möglich zu vertreiben. Leichten Herzens betritt er das Karzer, noch leichteren Herzens wendet er ihm nach überſtandener Strafe den Ruͤcken zu, und nicht ſelten nimmt er ſogar angenehme Erinnerungen aus der leich⸗ ten Haft mit— Beweiſe nämlich von Anhänglichkeit und Ergebenheit ſeiner Freunde, an die er noch viele Jahre nachher im Mannes⸗ und Greiſenalter mit Ver⸗ gnügen zurückdenkt. Anders unſer Erich. Wie wir wiſſen, hatte der arme Junge keine Freunde außer dem Vater Hellmuth, die ihm hätten die Zeit verkürzen können, und überdem war die Anklage, die 41 auf ihm ruhte, ſo ſchwer, daß er in ſtrengerer Haft als gewöhnlich und üblich war, gehalten wurde. Nie⸗ mand durfte ihn beſuchen, Niemandem war es geſtattet, die düſtere Einförmigkeit ſeiner Stunden durch freund⸗ liches Geplauder zu unterbrechen, und der geſtrenge Pedell verſagte ihm ſogar Feder, Dinte und Papier, die einzigen Mittel, durch welche er den langſamen, trägen Gang der Zeit hätte beflügeln können. Nicht einmal an ſeine Eltern durfte er ſchreiben, die er ſo gerne von der Prüfung, die ein hartes Schickſal ihm auferlegt, benachrichtigt haͤtte, und ſo blieb ihm denn nichts weiter übrig, als geduldiges Ausharren im Lei⸗ den und die tröſtende Hoffnung auf einen günſtigen *Ausgang der bevorſtehenden Unterſuchung. Für ihn, den einſam und verlaſſen Stehenden, hatte das Karzer nur Dornen ohne Blüthen, und von ganzem Herzen ſehnte er ſich deßhalb darnach, den engen Raum, der ihm doppelt unbehaglich erſchien, wenn er ihn mit ſei⸗ nem freundlichen, hübſchen, ſauberen Zimmer verglich, wieder verlaſſen zu dürfen.- Indeß, ſo ſchnell, als Erich wünſchte und hoffte, ſollte dieſer erſehnte Augenblick nicht eintreten. Meh⸗ rere Tage vergingen, ehe er nur aufgefordert wurde, vor ſeinen Richtern zu erſcheinen, und die tödtliche Langeweile, die er empfand, verzehrte ihn faſt und ver⸗ ſetzte ihn in einen Zuſtand fieberhafter Aufregung. Anfänglich vertrieb er ſich die Zeit damit, die Hunderte von Verſen, Sinnſprüchen und Bemerkungen zu leſen, welche ſeine Vorgänger im Karzer mit mehr oder min⸗ der Witz an die Wände gemalt hatten. Aber bald wußte er ſie alle auswendig, und der Reiz derſelben war daher für ihn verloren. Nun blieb ihm zu ſeiner 4² Unterhaltung nichts übrig, als ſeinen Gedanken Audienz zu geben. Wieder und immer wieder faßte er ſeine Lage in's Auge, betrachtete ſie von allen Seiten, erwog alle Möglichkeiten und Wahrſcheinlichkeiten, welche ſeine Hoffnung und Zuverſicht aufrecht erhalten konnten, und gelangte immer und immer wieder zu dem Ergeb⸗ niß, daß man ihn unmöglich für ſchuldig erklären könne. Und dennoch, trotz dieſer Ueberzeugung, die im Bewußtſein ſeiner Unſchuld wurzelte, konnte er einer bangen Ahnung, eines gewiſſen Vorgefühles von zukünftigen Leiden nicht Herr werden.„Wenn es denn nur wenigſtens erſt entſchieden wäre!“ ſeufzte er unzählige Mal.„»Dieſe Ungewißheit iſt geradezu uner⸗ träglich!« Was half alle Ungeduld! Die Entſcheidung ließ lange, lange auf ſich warten, und die Stimmung des armen Erich wurde mit jedem Tage, den er in ſeiner Abgeſchiedenheit zubringen mußte, trauriger und ge⸗ drückter. Anfänglich dachte er immer, ſo oft er die Schritte des Pedells auf dem Gange vernahm—„etzt wird er dich auffordern, vor Gericht zu erſcheinen!“ Aber wenn der Pedell kam, verſorgte derſelbe ihn nur mit Speiſe und Trank, ſprach kein Wort mit ſeinem Gefangenen, und entfernte ſich ſtumm und ſchweigend, wie er gekommen war. So verſtrichen Wochen, und Erich hatte Zeit genug, ſich auf ſeine Vertheidigung vorzubereiten. Endlich, endlich nahte der lang erſehnte Augen⸗ blick, der ſein Schickſal entſcheiden ſollte. Eines Mor⸗ gens kam der Pedell mit freundlicherem Geſicht, als gewöhnlich, und kündigte dem Gefangenen an, daß, er ſich ſogleich fertig zu machen häͤtte, vor ſeinen Richtern 43 zu erſcheinen. Erich athmete freudig auf.»Gott ſei Dank!“« murmelte er vor ſich hin.»Nun wird ja doch wenigſtens dieſe qualvolle Abſperrung ihr Ende errei⸗ chen! Mögen ſie mich verurtheilen— die ſtrengſte Strafe kann nicht härter ſein, als dieſe peinvolle, ſchreckliche, gedankentödtende Einſamkeit.“. »Hoffen Sie nicht zu viel, freuen Sie ſich nicht ſo früh, Herr Ehrenfried,“ ſagte der Pedell, der Erich's Worte gehört hatte.„Ihre Sache ſteht ſchlecht. Be⸗ vor Sie nicht ein vollſtändiges Bekenntniß ablegen und die Namen Ihrer Mitſchuldigen angeben, werden Sie das Karzer nicht verlaſſen.“ „Aber ich habe weder Mitſchuldige, noch überhaupt etwas zu geſtehen,“ entgegnete Erich.„Ich weiß we⸗ der, wie die Papiere in meine Kammer gekommen ſind, noch überhaupt von einer Verbindung, der ich ange⸗ hört haben ſoll. Auf einen völlig ungegründeten Ver⸗ dacht hin wird man mir doch nicht länger die Freiheit rauben!“ 3 „Verlaſſen Sie ſich darauf, man wird es!« ſagte der Pedell.„Es ſind von Oben her ſtrenge Befehle eingelaufen. Folgen Sie meinem Rathe, lieber Herr — ich meine es wirklich gut mit Ihnen und es jam⸗ mert mich, daß ein ſo junges Blut, wie Sie, ſeine beſten Tage hinter dieſen Kerkerwänden vertrauern ſoll. Geſtehen Sie Alles ein, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß Ihre Strafe ſo gelind ausfallen wird, wie die Geſetze es nur irgend geſtatten. Das Schlimmſte wird ſein, daß man Sie verurtheilt, den Aufenthalt auf hieſiger Univerſität mit einer anderen zu vertauſchen. Läugnen Sie aber, ſo müſſen Sie in's Karzer zurückwandern ohne Gnade und Barmherzigkeit, 44 und Gott allein weiß, ob und wann Sie Ihre Frei⸗ heit wieder bekommen. Schimpflich religirt werden Sie auf jeden Fall. Darum rathe ich Ihnen, ſein Sie klug! Und nun kommen Sie!“ Mit ſchwerem Herzen folgte Erich und ſtand we⸗ nige Minuten ſpäter vor ſeinen Richtern, die ihn mit feierlichem Ernſt empfingen, ihn mit ſtrengen Worten ermahnten, die Wahrheit zu ſagen, und dann das Ver⸗ hör begannen. Erich beantwortete alle ihm vorgeleg⸗ ten Fragen der Wahrheit gemäß, läugnete entſchieden, jemals einer verbotenen Verbindung ſich angeſchloſſen zu haben, rief Frau Günther und ſeinen alten Freund Hellmuth zu Zeugen ſeines unbeſcholtenen, ſtillen, zu⸗ rückgezogenen Lebenswandels auf, ſchilderte mit beredten Worten, wie er ſeine Zeit zugebracht habe, gab faſt von jeder in Halle verlebten Stunde Rechenſchaft, und forderte endlich mit Beſcheidenheit, aber auch mit jener Entſchiedenheit, die ihm das Bewußtſein der Unſchuld einflößte, Beweiſe des Unrechts, welches man ihm auf⸗ bürden wolle. „Der Beweis liegt vor,“ entgegnete der Richter. „In Ihrer Kammer hat man dieſe Papiere gefunden. Wollen Sie läugnen, daß dieſelben Ihnen bekannt ſind? Werfen Sie einen Blick hinein, ehe Sie ant⸗ worten!’“ Erich nahm das Packet, ſchlug einige Blätter um, und wurde plötzlich blaß, wie der Kalk an der Wand. Sein Erſchrecken, ſeine Beſtürzung entging den Rich⸗ tern nicht, und Alle, die bereits günſtig für ihn ge⸗ ſtimmt waren, weil jedes ſeiner bisher geſprochenen Worte den Stempel der Wahrheit getragen hatte, ſchüt⸗ telten jetzt bedenklich den Kopf. Erich ſuchte ſich indeß 45 ſchnell zu faſſen. Er ſchob das Packet von ſich und ſagte:„Ich habe dieſe Papiere nie vor dieſem Augen⸗ blicke geſehen!“ „Woher denn Ihr Erſchrecken beim Anblick derſel⸗ ben? Woher Ihr Erbleichen? Woher das Zittern, das jetzt noch Ihre bebende Hand nicht verlaͤugnen kann?“ fragte der Richter ſtreng.„Ich verlange und fordere von Ihnen, daß Sie die Wahrheit ſagen! Jede Lüge iſt nicht nur entehrend für Sie, ſondern würde Ihr Schickſal auch verſchlimmern. Geſtehen Sie die Wahrheit, nennen Sie uns Ihre Mitſchuldigen, und wir wollen uns bemühen, Ihr Vergehen als eine jugendliche Verirrung zu betrachten und als Solche mit Milde beſtrafen. Einzig und allein die größeſte Offenheit und Aufrichtigkeit kann Ihnen von Nutzen ſein— die Lüge würde Sie rettungslos verderben und Ihnen auf immer die kaum betretene Laufbahn der Wiſſenſchaft verſchließen. Um ihres eigenen Be⸗ ſtens willen bitte ich Sie, ſprechen Sie die Wahrheit. Und nun, welche Mittheilungen haben Sie uns zu machen?“ Dceer milde, väterliche Ton des Richters erſchütterte Erich's Herz, und ein ſchwerer Kampf war es, den er jetzt mit ſich kämpfte. Ein Wort, ein einziges Wort konnte die ſchwere Anklage von ſeinem Haupte neh⸗ men, konnte ſeine Unſchuld beweiſen und Verderben auf das Haupt deſſen ſchleudern, der, wie er nicht zweifelte, aus Haß und Rachſucht ihn ſelber dem Ver⸗ derben geweiht hatte. Sollte er reden? Faſt war er entſchloſſen dazu, ſein Auge flammte in gerechter Ent⸗ rüſtung, ſeine Wange brannte, und tauſend Stimmen in ihm riefen:„Er hat dich ſeiner Rache opfern wollen, 46 wende den Pfeil nun gegen ſeine eigene Bruſt!« Auf den erſten Blick, den er auf die Papiere warf, hatte Erich die Handſchrift eines vormaligen Mitſchülers er⸗ kannt, und dieſer Mitſchüler war kein anderer, als Paul von Helldorf, der ihm, wie der Augenſchein deutlich genug bewies, den einſt errungenen Sieg nicht vergeſſen und vergeben konnte, und ihn noch immer mit unverſöhnlichem Haſſe verfolgte. Wer anders, als Er, konnte die verdächtigenden Papiere in ſeine Kam⸗ mer gelegt haben? Ein Anderer hatte ja gar keinen Beweggrund dazu. Wenn Nachſtellung und Entdeckung zu fürchten war, brauchte man die Papiere ja nur den Flammen zu übergeben und ſie zu vernichten, wie man ohne Zweifel die fehlende Namenliſte vernichtet hatte. Kein Zweifel, es war auf Erich's Verderben abgeſehen, und der Verderber konnte kein anderer ſein, als Paul. Warum hätte Erich ihn nun ſchonen ſollen? Wenn er den Namen ſeines Feindes nannte, mußte man ihn freiſprechen. Und frei zu ſein— welches Glüͤck! Für Erich nun vollends, der wochenlang einſam im Karzer getrauert hatte. Sollte er noch länger darin ſchmachten, um denjenigen zu ſchonen, der alles Un⸗ glück über ſein Haupt gebracht hatte? Nein, dieſe Rückſicht verdiente Paul nicht. Raſch trat er einen Schritt vor, und öffnete ſchon den Mund, um den Namen ſeines Verfolgers auszuſprechen, als er plötzlich wieder ſeinen Entſchluß änderte, ſein Geſicht mit den Händen bedeckte, und leiſe mit gepreßter Stimme mur⸗ melte:„O Gott, ich darf es nicht! Ich darf es ja nicht! Die Wohlthat ſeines Vaters ſchützt ihn, und nimmer will ich die Schmach des Undanks auf mich laden!“ gehorchen,« antwortete Erich.„Gern will ich Ihnen 47 Die Richter, welche Erich genau beobachteten, be⸗ merkten ſeine tiefe Bewegung. Mitleidig vergönnten ſie ihm einige Minuten, ſich zu faſſen, und legten ihm dann erſt, als er die Herrſchaft über ſich ſelbſt wieder erlangt hatte, von Neuem die Fragen vor, welche Mit⸗ theilung er ihnen zu machen habe? „Keine!“ erwiederte Erich und ſchüttelte traurig den Kopf.„Keine, als die Verſicherung, daß ich un⸗ ſchuldig bin und nichts begangen habe, was Strafe verdiente.“.. „Aber, wollen Sie läugnen, daß Sie mehr von dieſen Papieren wiſſen, als Sie mitzutheilen geneigt ſcheinen?« fragte der Richter ernſt. „Ich läugne nicht, daß ich die Hand kenne, welche einen Theil dieſer Papiere geſchrieben hat,“ entgegnete Erich freimüthig.„Daß ich ſie erkannte, hat mich eben ſo tief erſchüttert.“ „Wohlan, ſo ſagen Sie uns den Namen deſſen, von welchem dieſe Schriftzüge herrühren, und machen Sie ſo Ihr Geſtändniß vollſtändig!“ ſagte der Rich⸗ ter.„Halten Sie ſich verſichert, daß wir Ihre Wahr⸗ heitsliebe zu ſchätzen wiſſen und Sie darnach beurthei⸗ len werden.“ Erich ſchüttelte den Kopf.„Den Namen kann ich, darf ich nicht nennen,“ entgegnete er einfach.„Drin⸗ gen Sie nicht in mich, ich bitte Sie. Nie, niemals werde ich ihn ausſprechen.“ „Aber es iſt Ihre Pflicht, es zu thun,“ ſprach der Richter. „Ich weiß, daß es meine Pflicht wäre, wenn mich nicht eine andere höhere Pflicht verhinderte, Ihnen zu 48 mittheilen, was ich vor meinem Gewiſſen verantworten kann, aber ein Weiteres verlangen Sie nicht von mir. Der, den ich kenne, aber niemals nennen werde, hat dieſe Papiere in meine Kammer getragen, um mich in's Unglück zu ſtürzen. Die Pflicht der Selbſtverthei⸗ digung würde mir alſo geſtatten, ohne daß ich mir deßhalb einen Vorwurf zu machen brauchte, ſeinen Namen der Schmach Preis zu geben. Aber, meine Herren, ſein Vater hat mir Gutes gethan, und die Dankbarkeit, welche ich ihm ſchuldig bin, verſchließt mir den Ausweg, der mich retten und meine Schuld⸗ loſigkeit beweiſen würde. Der Schein iſt wider mich, ich glaube, daß Sie mich verurtheilen müſſen, aber dennoch vermag ich nicht anders zu handeln. Gott, der in mein Herz ſieht, weiß, daß ich nicht anders kann!«* 1 In tiefer und mächtiger Er cütterung trat Erich nach dieſen Worten zurück, und erwartete ſchweigend ſein Urtheil. Die Richter flüſterten leiſe mit einander. Keiner befand ſich unter ihnen, der an Erich's voll⸗ kommener Unſchuld gezweifelt hätte, denn jedes Wort des Jünglings trug den Stempel der Wahrheit und drang zum Herzen. Dem Richter konnten ſeine Aus⸗ ſagen natürlich nicht genügen, den Menſchen aber muß⸗ ten ſie mit Achtung und Werthſchätzung für ihn erfül⸗ len. Die Berathung über Erich's Urtheil war bald beendigt. 1 „Herr Ehrenfried,“ ſprach der Richter, welcher bis⸗ her das Verhör geleitet hatte, mit ſtrenger Stimme, „Ihr eigener Verſtand muß Ihnen ſagen, daß der Verdacht, der auf Ihnen ruhet, zu dringend gegen Sie ſpricht, als daß wir ſie völlig freiſprechen könnten. 49 In Berückſichtigung jedoch, daß keine Beweiſe vorliegen, welche den Verdacht zur Gewißheit erheben, wollen wir nicht die ganze Strenge der Geſetze gegen Sie anwen⸗ den, ſondern verurtheilen Sie nur, das Consilium abeundi zu unterſchreiben, verhoffend, daß unſere Milde Sie veranlaſſen werde, in Zukunft vorſichtiger zu han⸗ deln. Unterzeichnen Sie dieſes Blatt— ſo— und nun ſind Sie frei!« Erich glaubte zu träumen. Daß ſein Urtheil ſo mild ausfallen würde, das hatte er nicht zu hoffen ge⸗ wagt, nachdem er ſich geradezu geweigert hatte, einem Befehle des Richters Gehorſam zu leiſten. Freudig beſtürzt ſtammelte er ſeinen Dank, und wollte ſich hierauf entfernen, als ihn der Richter noch einmal vor die Schranken rief. Erich zitterte. War vielleicht doch noch nicht Alles vorüber, ſollte ſein Urtheil wohl gar noch geſchärft werden? Aber nein! Ein Blick auf das bisher ſo ernſte und ſtrenge, und jetzt ſo milde und freundliche Antlitz des Richters, der ihm mit einem gütigen Lächeln die Hand entgegenſtreckte, beruhigte ihn ſogleich wieder. „Schlagen Sie ein,“ ſagte der Richter zu ihm. „Der Buchſtabe des Geſetzes hat Sie verurtheilt, nicht mein Herz und mein Wille. Ich freue mich, Herr Ehrenfried, daß ich Sie kennen gelernt habe, obgleich ich wohl eine angenehmere Veranlaſſung dazu gewünſcht hätte. Sie haben ſich meine volle Hochachtung er⸗ worben, und wenn Sie je den Rath eines wohlmei⸗ nenden Freundes bedürfen ſollten, ſo wenden Sie ſich nur geradezu an mich, Sie guter, edler Menſch!« Thränen der Rührung und Dankbarkeit ſtürzten aus Erich's Augen, als er dieſe lieben, gütigen Worte Der Segen. 4 8 50 hörte. Etwas darauf zu erwiedern, vermogte er nicht. Aber ſeine Blicke redeten lauter, deutlicher und ein⸗ dringlicher, als der beredteſte Mund. Auch die übrigen Richter und einige Profeſſoren, welche dem Verhöre beigewohnt hatten, näherten ſich ihm jetzt und richteten freundliche Worte an ihn.»Hören Sie, Ehrenfried,“ ſagte der Eine, ein berühmter Lehrer der Gottesgelahrt⸗ heit, indem er ihn lächend auf die Schulter klopfte— „wenn ich nicht irre, gehören Sie zu meinen Schülern. Wird mir lieb ſein, wenn Sie auch künftig meine Vor⸗ leſungen anhören, aber das Honorar dafür behalten Sie im Beutel. Verſtehen Sie mich?“ Noch Andere ſprachen nicht minder gütig zu ihm, und wie ein berauſchender Strom überflutheten die Ver⸗ ſicherungen des Wohlwollens den ganz beſtürzten und betäubten Jüngling. Er wußte ſich nicht zu faſſen und konnte ſich auch ſpäter nicht erinnern, was er auf alle dieſe Beweiſe und Anerbietungen von Güte und Liebe erwiedert haben mögte. Wie berauſcht verließ er den Gerichtsſaal, wie berauſcht kam er zu Hauſe bei Frau Günther an. „Großer Gott, was iſt Ihnen denn begegnet, lieber Herr Ehrenfried?“ rief dieſe ihm erſchrocken zu.„Sind Sie denn wirklich verurtheilt und relegirt? Sie ſehen ja ganz blaß und erbärmlich aus!“ „Vor Wonne und Freude, beſte Frau Günther!“ entgegnete Erich.„Dem lieben Gott Preis und Dank dafuͤr! Ich kann mich von meinem großen Glücke noch gar nicht erholen, kann noch gar nicht recht daran glauben! Ja doch! Ja doch! Frei und glüͤcklich bin ich!« 3 „Nun, das freut mich von ganzer Seele!“ ſagte 51 eine tiefe Stimme aus vollem Herzen! und ehe ſich Erich danach umſehen konnte, woher ſie kam, fühlte er ſich von den ſtarken Armen des wackeren Meiſter Hell⸗ muth umſchlungen, der Hammer, Zange und Alles von ſich geworfen hatte, als ſein Lehrburſch ihm verkündigt, daß eben Herr Ehrenfried wieder zu Hauſe gekommen ſei. Da war er hurtig herüber geſprungen, und herzte und küßte ſeinen jungen Freund mit einer Liebe und Innigkeit, als ob Erich ſein leibhaftiger Sohn wäre. „Hab' es mir wohl gedacht!“ rief er in vollem Jubel aus—„hab' es mir gedacht, daß die Herren ein Einſehen haben und nicht einen Unſchuldigen in's Unglück bringen würden! Bin auch allerwegen herum⸗ gelaufen und nicht faul geweſen, gut Zeugniß für mei⸗ nen lieben Herrn Erich abzulegen! Nicht wahr, Frau Günther? Mit dem Pedell habe ich mich auch herum⸗ gezankt, weil er mich nicht in's Karzer laſſen wollte! Und mit dem Prorector und Curator ebenfalls, kurz, ganz Halle habe ich rebelliſch gemacht. Wäre aber freilich Alles nicht von Nutzen geweſen, wenn nicht die Herren am grünen Tiſche das gehörige Einſehen ge⸗ habt hätten! Und ſeid Ihr denn ganz und gar frei⸗ geſprochen, Freundchen? Freilich ja, denn ſonſt wäret Ihr ja nicht hier! Und doch wollte man allerlei munkeln von Relegation und dergleichen, daß es mir öfter als einmal heiß und kalt über den Rücken ge⸗ laufen iſt. Alles dummes Zeug, nicht wahr, Herr Erich?« Während dieſes Schwalles von Worten, der wie ein Strom von den Lippen des ehrlichen Schloſſers floß, kam Erich nach und nach wieder zu vüllger Be⸗ * 5² ſinnung und vermogte dann nun auch Red' und Ant⸗ wort zu geben. 8 „Lieber, guter Meiſter Hellmuth,“ ſagte er und drückte herzlich die rauhe Hand des treuen Freundes, „ſo ganz ohne Grund war das Gemurmel, wie Ihr es nennt, denn doch nicht, und ich habe alle Urſache, dem lieben Gott zu danken, daß er die Herzen meiner Richter mehr zur Milde und Güte, als zur Strenge und Härte geleitet hat.« „ Aber, Menſchchen, Ihr ſeid doch ſo unſchuldig, wie ein Dreiwochenkind!“ eiferte der ehrliche Schloſſer⸗ meiſter.„Habt Ihr denn das den Herren nicht aus— einandergeſetzt, wie mir? Aber ich frage da hunder⸗ terlei durch einander! Erzählt einmal ordentlich nach der Reihe, wie's Euch ergangen iſt! Das wird das Beſte ſein, und kein Wort will ich dazwiſchen reden, bis ich Alles weiß!« Und Erich erzählte, erzählte Alles, was er gedacht, geträumt, gefürchtet, gehofft und gelitten hatte, bis er endlich vor die Verſammlung ſeiner Richter geführt worden war. Auch von dem Verhör verſchwieg er nichts, als nur den Namen Paul's, und ruhig hörte Freund Hellmuth zu, bis er erfuhr, welches Urtheil die Richter üͤber Erich gefällt hatten. Da konnte er ſeine aufwallende ftigkeit nicht mehr mäßigen, ſondern brach mächtig los, ſchalt die Richter tüchtig aus, und beruhigte ſich nicht eher wieder, als bis Erich ihm ſcherzhaft drohte, nun auch keine Silbe mehr zu erzäh⸗ len, wenn er nicht ganz ſtille ſchweige und mit ſeinen Schmähungen aufhöre, denn die Richter ſeien ja die beſten, wohlmeinendſten Gönner und Freunde von ihm, und den herzlichſten Dank wäre er ihnen ſchuldig. 8 habt!“ fiehlt, die zu lieben und denen Gutes zu thun, die uns „Schönen Dank für den freundſchaftlichen Rath, Euch von hier fort zu packen!« grollte der ehrliche Schloſſer.„Das wären mir meine Gönner und Wohl⸗ thäter! Hol' ſie der Henker!« Aber als nun Erich weiter erzählte und mittheilte, wie es ihm nach gefälltem Urtheil ergangen ſei, ja, da machte Vater Hellmuth ganz andere Augen, da ver⸗ ſchwanden die zornigen Runzeln von der Stirn, da athmete er fröhlich auf und rief aus voller Bruſt: „Ci, ich ausgemachter Eſel ich! Auf ſo wackere Herrennt zu ſchimpfen! In Gold ſollte man ſie faſſen laſſen, die braven Männer! Hoch ſollen ſie leben, und wenn der alte Hellmuth'mal Einem von ihnen etwas Rech⸗ tes zu Liebe thun kann, da wird er gewiß nicht lange fackeln und ſäumen. Na, Freund Erich, nun habt Ihr gewonnen Spiel hier zu Lande und ſo leicht wird Euch keiner mehr etwas zu Leide thun, nachdem Ihr Euch ſolche hohe Gönner und Freunde erworben habt. Aber das muß ich auch ſagen, ehrlich und redlich er⸗ worben habt Ihr ſie! Ich hätte nicht ſtille geſchwie⸗ gen, ja, ganz gewiß nicht! Der ſchleichende Spitzbube, der Euch die Papiere in die Kammer gelegt, der hätte mir vor gemußt vor den grünen Tiſch und ſeine Schande mit Löffeln auseſſen! Das habt Ihr nicht recht gemacht, Freund Erich, daß Ihr da geſchwiegen „Wohl hat er's recht gemacht, Herr Nachbar,“ ent⸗ gegnete Frau Günther, die mit ſtiller Freude den Be⸗ richt Erich's mit angehoͤrt hatte.„Wie ein xechter Chriſt hat er gehandelt an ſeinem erbitterten Feinde, und indem er das Wort Gottes befolgte, das uns be⸗ 5 * 54 haſſen, beleidigen und verfolgen, hat er ſich Gottes Segen erworben, der reich macht an allem Guten. Wäre er denn ſo reich an Frieden im Gemüth, ſo⸗ reich an Freude, ſo reich an Freunden und Goͤnnern, wenn er den böſen Gelüſten der Rachſucht und Scha⸗ denfreude mehr gefolgt hätte, als ſeinem dankbaren Herzen und der Stimme Gottes, die uns immer er⸗ mahnt, das Rechte zu thun um ſeines Segens willen? Nein, nein, Nachbar Hellmuth— Euer Herz meint id ſpricht anders, als Euer Mund, und ich müßte mich ſehr in Euch täuſchen, wenn Ihr an der Stelle unſeres guten Freundes nicht eben ſo gehandelt und ge⸗ redet hättet, wie Er!« 3 Meiſter Hellmuth wiegte lächelnd den Kopf hin und her, und blickte freundlich in die klaren Augen ſeiner Nachbarin.„Sie haben Recht, liebe Frau Gün⸗ ther, und ich ſchäme mich nicht, dieſes Geſtändniß ab⸗ zulegen! Ja, ja, ſo alt man wird, das hitzige Blut läuft Einem eben doch noch manches Mal mit dem Kopfe davon. Erich hat brav gehandelt! Und nicht nur brav, ſondern auch klug. Aus einem Feinde, der ihn haßte und verfolgte, hat er ſich gewiß einen Freund gemacht. wiß einen Freund! denn ſo ſchlecht iſt kein Menſch, daß er nicht in ſich ſchluüge und ſeine Sünde bereute, wenn der Beleidigte und Gekränkte, anſtatt Rache zu üben, das Böſe mit Gutem vergilt. Ich ſehe wohl ein, das Beſte iſt, rechtſchaffken zu handeln und in allen Stücken nach dem Reiche Gottes zu trachten. Darauf folgt Sehn. und der Segen des Heern allein iſt es, der den Reichthum achten und wahren Glückes über das Menſchenherz ausſtrömt!“ 5⁵ Viertes Kapitel. Ein treuer Freund iſt ein ſtarker Schutz. Sir. 6, 14. Recht häufig im Menſchenleben wohnen Freude und Schmerz ganz dicht neben einander. Wenn aber erſt ein recht großes Glück unſer Herz ſchwellte, ſo fügt es ſich wohl, daß gleich nachher ein bitteres Leid hinzutritt und den überſchäumenden Becher der Freude mit dem* herben Tropfen der Wehmuth und des Kummers ver⸗ giftet, gleichſam als eine Mahnung des Himmels, daß wir in jeglichem Augenblick einer Prüfung gewärtig und unſer Herz ſtark und feurig zum Kampfe mit den Uebeln und Mißgeſchicken des Lebens erhalten ſollen. Umgekehrt folgt auf großen Schmerz oft ein anmuthi⸗ ger Sonnenblick heller Freudigkeit, wie zum Troſte ge⸗ ſandt vom himmliſchen Vater, und zur Erinnerung, daß er auch in ſchwerem Herzeleid ſeiner Kinder nimmer vergißt.. 5 Erich hatte kaum den Becher der Freude geleert, als er wiederum eine Prüfung des Himmels beſtehen ſollte. Von einem Spaziergange heimkommend, hän⸗ digte ihm Frau Günther ein Schreiben ein, welches kurz vorher der Poſtbote für ihn gebracht hatte.„Ein Brief aus der Heimath!“ ſagte er fröhlich, und begab ſich in ſein kleines Zimmer, um ſich an den willkomme⸗ nen Mittheilungen aus dem väterlichen Hauſe mit Muße und recht ungeſtört zu erfreuen. Eine Stunde ſpäter, bei untergehender Sonne, trat Meiſter Hellmuth in das Zimmer. Frau Günther hatte 56 ihm ſchon mitgetheilt, daß Erich Nachrichten von ſeinen Eltern bekommen hatte, und ſo hoffte er denn ſeinen jungen Freund nicht nur vergnügt zu finden, ſondern auch die Freude deſſelben zu theilen und nebenbei man⸗ ches Angenehme von den Eltern deſſen zu hören, den er wie einen eigenen Sohn liebte und werth hielt. Aber wie erſchrack er, als er Erich in der größeſten Betrübniß fand! Traurig den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, ſaß der arme Junge da, und ſein blaſſes, ver⸗ ſtörtes Geſicht, ſeine trüben Augen und ſein ſchmerz⸗ n liches Lächeln ſagten ohne Worte deutlich genug, daß ihn irgend ein ſchweres Leid betroffen haben müſſe. Das eingelaufene Schreiben lag erbrochen vor ihm auf dem Tiſche, und tief, tief betrübt waren die Blicke, mit denen es Erich betrachtete. „Um's Himmels willen, was iſt geſchehen, lieber Herr Ehrenfried?“ fragte Meiſter Hellmuth erſchrocken. „Doch keine ſchlimmen Nachrichten von Hauſe? Es iſt dooch Ihren lieben Eltern nichts Böſes zugeſtoßen?“ „Nein, Gott ſei Dank, von den Meinigen kommt der Schlag nicht, der mich betroffen hat!“ entgegnete Erich leiſe und ſchmerzlich.„Es iſt immer dieſelbe Hand, die mich züchtigt, dieſelbe, von der mir alles Uebel zugefügt wird.“« „ci, ſo wollt' ich, dieſe Hand wäre wo der Pfef⸗ fer wächst!“ ſagte der ehrliche Schloſſer grimmig. „Gott ſei ihr gnädig, wenn ſie je einmal in den Be⸗ reich dieſer meiner Fäuſte kommt. Aber nur getroſt! Wenn daheim Alles wohl ſteht, ſo wird ja das Uebrige zaſernedn ſein. Darf ich wiſſen, was in dem Briefe ſteht?« „Da liegt er— leſen Sie ihn ſelber,“ antwortete 4 57 Erich.»Die wenigen Zeilen, ach, ſie ſind das Todes⸗ urtheil meiner beſcheidenen Hoffnungen!« „Nun, nun, nun, ganz ſo ſchlimm wird es ja nicht ſein, wie Sie ſagen, lieber Herr Ehrenfried,“ entgeg⸗ nete Meiſter Hellmuth, und zog die Brille aus der Taſche, ohne deren Hülfe er Geſchriebenes nicht mehr gut leſen konnte.„»Laſſen Sie ſehen, was drinnen ſteht. Hm— gar keine Ueberſchrift— das iſt freilich ein böſes Zeichen, denn wer Einem. Angenehmes zu melden hat, pflegt doch wenigſtens, ein„lieber“, oder „werther“, oder„wohlgeborner Herr«, oder ſonſt was 1 über die Zeilen zu ſetzen. Na, laß doch ſehen!« Mit halblauter Stimme las er:„Dem Studioſus der Theologie, Erich Ehrenfried, wird hiedurch in höhe⸗ rem Auftrag mitgetheilt, daß er fernerhin keine An⸗ ſpruͤche mehr auf das bis Dato aus Herzoglicher Pri⸗ vat⸗Schatulle bezogene Stipendium von jährlich hundert und fünfßzig Thalern zu machen berechtigt iſt, ſintemal ſich derſelbe nicht ſo betragen hat, daß eine Unter⸗ ſtützung dieſer Art gerechtfertigt ſtüͤnde. Präſident von Helldorf.« 1 „Ei, ſo ſchlage doch der Hammer meinen Ambos entzwei!« rief Meiſter Hellmuth, indem er das Schrei⸗ ben mit Verachtung und Ekel von ſich warf, als ob er eine Schlange oder Kröte berührt hätte.»Nicht ſo betragen, daß eine Unterſtützung dieſer Art zu rechtfer⸗ tigen wäre! Blitz, was für ein Betragen verlangen denn die Herren in Eurem Lande da! Wollen ſie mit ihrem Gelde Raufbolde, Faullenzer, Schlemmer und Tagediebe unterſtützen, oder fleißige, ehrbare, brave junge Leute, die das Ihrige zu Rath halten und recht⸗ ſchaffen ihre Zeit benutzen, wie ſie es vor Gott und 58 der Welt verantworten können! Ei ja doch, Ihr wä⸗ ret mir die rechten! Aber, Erich, wie Sie über den Wiſch da ſo traurig und niedergeſchlagen ſein können, das begreife ich denn doch nicht. Zornig, und meinet⸗ wegen auch ingrimmig mag man wohl darüber werden, aber betrübt— nein, wahrhaftig nicht. Laſſen Sie die großen Herren laufen! Iſt ohnehin nicht gut Kir⸗ ſchen eſſen mit ihnen! Fort, in's Feuer mit dem Pa⸗ piere, damit wir uns nicht mehr darüber ärgern. So — und nun lachen Sie die Leute aus und ſchlagen ihnen ein Schnippchen!“ Traurig ſchüttelte Erich den Kopf.»Bei der Lage, in der ich mich befinde, vergeht mir das Lachen!“ er⸗ wiederte er.„Was werden meine armen Eltern ſagen, wenn ich nun wieder nach Hauſe komme und alle Welt mich für einen Thunichtgut und Taugenichts halten muß! O Gott, dieſe Schande überlebe ich nicht!«“ „Ja, wie denn? Nach Hauſe gehen— Schande — nicht überleben? Was meinen Sie denn damit eigentlich, mein lieber Herr Ehrenfried?“ ſagte Meiſter Hellmuth ganz verwundert.„Wollen Sie denn nicht weiter ſtudieren?“ „Aber ich habe ja hier gar keinen Willen mehr!« antwortete Erich.„Ich muß nach Hauſe, muß die Univerſität mit dem Rücken anſehen, denn jenes Sti⸗ pendium war ja die einzige Hülfsquüͤelle, die mir den Aufenthalt möglich machte. Sie wiſſen ja, meine El⸗ tern ſind arm, ſo arm, daß ſie keinen Pfennig für mich erübrigen können!“ »Nun, und was weiter?« ſagte kaltblütig Meiſter Hellmuth.„Haben Sie nicht Freunde? Haben Ihnen nicht die Herren Profeſſoren erſt heute fruͤh ihre Vor⸗ 59 leſungen frei gegeben? Und iſt nicht der alte Hellmuth da, der Ihnen hier gegenüber ſitzt und ſeine ſtille Ver⸗ wunderung über Sie hat? Ei du meine Güte, wer wird wohl ſo kleinmüthig ſein! Ein ſo frommer Jüng⸗ ling noch dazu, wie Sie, der noch all' ſein Vertrauen auf den lieben Gott zu ſetzen gewöhnt iſt! Blitz, ich meine, ſo lieb könnten Sie den alten Hellmuth wohl haben, daß Sie ihm die Freude machten, ſein bischen Eſſen und Trinken mit ihm zu theilen. Stille, Herr! die Sache iſt abgemacht. Mit Frau Günther werde ich heute Abend noch reden, wegen der Wohnung näm⸗ lich! Sitzen geblieben, Herr Ehrenfried. Verſtehen Sie mich, hier bleibt Alles beim Alten! Denken Sie nicht mehr dran, nach Hauſe zu gehen, ſondern ſchrei⸗ ben Sie hübſch einen Brief an den Herrn Papa und melden ihm, daß Sie ſich keinen Pfifferling aus den hundert und fünfzig Thalern machten, die man Ihnen genommen hätte, und in Halle wären auch noch Leute, die gelernt hätten, was Kee9 und damit Punktum. Blitz, ich freue mich ordentlich, daß Alles ſo gekommen iſt, denn nun iſt mir erſt recht zu Muth, als ob Sie mein Sohn wären, und ſo recht eigentlich zu mir ge⸗ hörten. In Wahrheit, lieber Erich, Ihr eigener Vater kann keine größeren Stücke auf Sie halten, als ich, und wenn Sie nur halbwegs ein bischen Zuneigung zum alten Hellmuth haben, ſo müſſen Sie ſich auch darüber freuen, daß Sie die hundert und fünfzig Tha⸗ ler da los ſind! Da— eingeſchlagen, Herr Ehren⸗ fried! Sie bleiben hübſch hier, und betrachten mich als Ihren Freund und zweiten Vater! Nun? Sie wollen mich doch nicht ſo ſchwer kränken, und mir meine Freundſchaft vor die Füße werfen?« „Oh, nicht das, nicht das!“ ſtammelte Erich mit zitternder Stimme, und eine Thräne perlte in ſeinem Auge„Edler, theurer, gütiger, väterlicher Freund! Mein ganzes Leben hindurch werde ich dieſen Augen⸗ blick nicht vergeſſen, und bis an mein letztes Stündlein werde ich Ihrer mit inniger, dankbarer Liebe gedenken! Aber das iſt zu viel, unendlich zu viel! Wie könnte ich ſo unverſchämt ſein, Ihre Güte ſo zu mißbrau⸗ chen!“ 1 „Ach was Thorheit!« polterte Vater Hellmuth, indem er Erich in ſeine Arme ſchloß und ihn herzlich küßte.„Thun Sie mir den einzigen Gefallen und machen Sie nicht ſo viele Worte über eine Sache, die ſich von ſelbſt verſteht und bei der ich den größten Gewinn habe. Pah! Pah! Sie wiſſen, ich bin ein einſam ſtehender Mann ohne Kind und Kegel, wie man zu ſagen pflegt, und da dank' ich dem lieben Gott aus Herzensgrunde, daß er mir einen ſo guten, braven Sohn zugewieſen hat! Und nun kein Wort mehr da⸗ von, wenn Sie nicht den alten Hellmuth bitterlichſt kränken wollen. Sie wiſſen wohl, ich habe genug für uns Beide, und da müſſen Sie denn auch huübſch ver⸗ nünftig ſein! Gute Nacht, Lieber! Morgen, hoffe ich, werden Sie hübſch ein anderes Geſicht machen, als ſo ein niedergeſchlagenes, das grade ausſieht, als ob der liebe Gott alle Felder hätte verhageln laſſen. Gute Nacht, gute Nacht!« Und fort war er. Kaum, daß Erich nur ſo viel Zeit gewann, ihm ebenfalls gute Nacht zu wünſchen. Dem guten Jungen, der an dieſem Tage ſo Vieles er⸗ lebt hatte, war grade zu Muth, als ob er im Traume läge. Ueber eine Stunde ging er noch in ſeinem Zim⸗ 61 mer auf und ab, um ſein aufgeregtes Blut zu beruhi⸗ gen und ſeine gewohnte Beſonnenheit wieder zu erlan⸗ gen— aber es wollte ihm nicht gelingen. Kaum eines anderen Gefühles war er ſich bewußt, als der innigſten Dankbarkeit gegen die Vorſehung und den edeln, gütigen, liebevollen Freund, den Gott ihm in einer ſchweren Stunde der Prüfung zu ſeinem Troſte und zur Erhebung geſandt hatte. Endlich legte er ſich zum Schlafe nieder. Äber ehe er die Augen zum Schlum⸗ mer ſchloß, betete er zu Gott und flehte ihn an um Segen für ſeinen väterlichen Freund, und um ein Herz, das nie der Dankbarkeit vergäße, die er ihm und dem Schöpfer ſchuldig ſei. Fünftes Kapitel. Gehe hin und verſöhne dich mit deinem Bruder. Matth. 5, 24. Von jetzt an ſchien es, als ob die Stürme, welche Erich's ganze Zukunft zu vernichten gedroht, für einige Zeit ihre Wuth erſchöpft hätten und müde geworden wären, noch andere Blüthen von ſeinem Lebensbaume abzuſchütteln. Wenigſtens verſtrichen mehrere Wochen in ungetrübter Ruhe und Stille. Erich hatte natürlich alle Vorfälle und Begebenheiten, die er in der letzten Zeit erlebt, ſeinen Eltern in einem ausführlichen Briefe mitgetheilt und ihnen dadurch eine große Sorge vom 62 Herzen genommen. Denn weder die Anklage und Karzerhaft Erich's, noch auch die Entziehung des Sti⸗ pendiums war ihnen ein Geheimniß geblieben. Die erſte Hiobspoſt laſen ſie zu ihrem Schrecken in der. Zeitung, und die andere hatte der Präſident ſelber als eine Folge der erſten ſeinem beſtürzten Kanzleiſchreiber mitgetheilt. Die Nachrichten Erich's zerſtreuten indeß all' dieſen Kummer, und der Vater Ehrenfried machte ſeinem Sohne ſogar Hoffnung, daß er das verlorene Stipendium nun, wo er ja freigeſprochen worden ſei, über kurz oder lang wieder bekommen werde. Im Uebrigen ermahnte er zu Geduld, zu Ausdauer und zu inniger Dankbarkeit gegen Meiſter Hellmuth, an wel⸗ chen er übrigens ebenfalls ein beſonderes Schreiben bei⸗ geſchloſſen hatte. Erich lebte fortan nach gewohnter Weiſe ſtill für ſich, ohne weiteren Umgang zu ſuchen, als den mit ſei⸗ nem väterlichen Freunde. Wenn er nicht die Vorle⸗ ſungen ſeiner Profeſſoren beſuchte, ſaß er daheim in ſeinem Zimmer, mit ernſten Studien beſchäftigt, und gewiſſenhaft jede Stunde zu angeſtrengter Thätigkeit benutzend. Seine einzige Erholung blieb nach wie vor ein Abend⸗Spaziergang in Begleitung des Meiſter Hellmuth, von welchem ſie gewöhnlich erſt kurz vor dem Schlafengehen zurückkehrten. Um das Treiben der anderen Studenten bekümmerte ſich Erich gar nicht, und auch Jene ſuchten den armen, bleichen Jüngling nicht auf, von deſſen Geſellſchaft ſie ſich nur wenig Vergnügen verſprechen mogten. Seinen Feind und Verfolger, Paul von Helldorf, ſah Erich niemals und wußte kaum, ob er noch in Halle ſei oder eine andere Univerſität zu ſeinem Aufenthalte gewählt habe. Ihre ——— —— 2 6³ Wege liefen weit auseinander. Paul beſuchte andere Vorleſungen, als Erich, und das mogte denn wohl der Grund ſein, daß ſie ſich nie ſahen und begegneten. Uebrigens wünſchte Erich eine Begegnung auch gar nicht. Paul hatte ihm zu weh gethan, hatte ſeinem Herzen zu tiefe und ſchmerzliche Wunden geſchlagen, als daß er ſich jetzt noch nach einer Verſtändigung und Ausſoͤhnung mit ſeinem erbitterten Gegner geſehnt hätte. Vielmehr war es ihm lieb, daß er nicht mit ihm zuſammentraf. Mogte Jener ihn für ſchuldig hal⸗ ten oder nicht— was kümmerte es ihn?— Erich hatte ſeine Stärke in dem Bewußtſein, rechtſchaffen in jeder Beziehung gehandelt zu haben. Dieß Bewußtſein genügte ihm. Da geſchah es an einem ſchönen Herbſtabende, daß Vater Hellmuth, der heute vorzugsweiſe vergnügt und heiter geſtimmt war, während des gewöhnlichen Spa⸗ zierganges Luſt bezeigte, in einem Gaſthauſe am Wege einzukehren, und mit ſeinem jungen Freunde ein ein⸗ faches Abendeſſen im Freien einzunehmen. Erich war damit einverſtanden und machte keine Einwendungen. Sie fuhren über den Fluß, erſtiegen einen mäßigen Hügel jenſeits am Ufer und ſuchten ſich ein Plätzchen, wo ſie die ſchoͤnſte Ausſicht in das liebliche Thal zu ihren Füßen hatten. Die Wellen des Fluſſes plätſcher⸗ ten leiſe am Felſen, deſſen Gipfel ſie zu ihrem Ruhe⸗ ſttze erkoren hatten; zur Rechten und Linken dehnte ſich der breite, glänzende Waſſerſpiegel, wie ein großer Weiher aus; Schifferkähne mit ausgeſpannten, weißen Segeln glitten, rieſigen Schwänen ähnlich, ſtromauf und ſtromab; die ſinkende Sonne ſtreute Diamanten und goldene Lichter mit freigebiger Hand über die glitzern⸗ 64 4 den Wellen; ihr glühender Strahl brannte auf den röthlichen Truͤmmern der ſagenreichen Veſte Giebichen⸗ ſtein, deren letzte Ueberbleibſel trotzig vom hohen, ſchroffen Felſen in das liebliche Thal niederſchauen; die ſtille, friedliche Ruhe des Abends lag über Wieſe, Fluß und Wald; wurde ſie unterbrochen, ſo geſchah es auf anmuthige Weiſe durch das Zwitſchern eines Vo⸗ gels, durch das gedämpfte Rauſchen eines fernen Wehrs, durch das Säuſeln des Abendwindes im herbſt⸗ lichen Laube, oder durch den Geſang eines Fiſchers in ſeinem Nachen, der die Netze zum nächtlichen Fange auswarf. Kein Wunder, daß unſere Freunde ſich ganz in den Anblick des anmuthigen Naturgemäldes vertief⸗ ten. Sie ſaßen noch auf dem Felſen in traulichem Zwiegeſpräch, als die Sonne ſchon längſt hinter dem Horizonte verſchwunden war; weßhalb hätten ſie eilen ſollen? Stieg ja doch nun auch der Mond in voller Pracht am Himmel auf, und goß ſein ſilbernes Licht über Fluß und Berg und Thal, war die Luft doch mild und erquickend, und am Ende der Rückweg nach Hauſe nicht allzu lang. In einem halben Stündchen konnten ſie ihn, wenn ſie rüſtig ausſchritten, zurück⸗ legen. „Es iſt mir ſo friedlich und feierlich zu Sinne,“ ſagte Erich, als ob mir nothwendig noch ein ange⸗ nehmes Ereigniß dieſen Abend bevorſtünde. Wunder⸗ bar, wie ſolche Ahnungen zuweilen in der Seele auf⸗ ſteigen.“ „Und noch wunderbarer, wenn ſie eintreffen wuͤr⸗ den,« entgegnete lächelnd Meiſter Hellmuth.„Das ſind ſo jugendliche Träume, wie ich ſie wohl auch ge⸗ habt habe, als ich, ein junger, fröhlicher Handwerks⸗ burſch, mich in der weiten Welt draußen umſchaute. Da kamen mir mitunter dergleichen Ahnungen, aber mein Lebtag habe ich nicht gemerkt, daß die Folgen denſelben entſprochen hätten, obgleich es mir manches⸗ mal wunderlich ergangen iſt.«— Wenn Vater Hellmuth auf ſeine Wandertage zu ſprechen kam, dann gab es immer viel und mancherlei zu erzählen, und er konnte nicht müde werden, zu re⸗ den, wie Erich nicht müde, ſeinen Erzählungen zu lau⸗ ſchen. So ging es auch heute Abend. Ohne daß die Freunde es bemerkten, verrann Stunde an Stunde, und Mitternacht war nicht mehr fern, als endlich die kühlere Nachtluft ernſtlich zum Aufbruche ermahnte. „Nun wird's wahrhaftig Zeit, daß wir uns auf⸗ machen,“ unterbrach Vater Hellmuth ſeinen Redefluß, als die Thurmuhr vom Giebichenſtein herüber zwölf Mal ihre helle Glockenſtimme ertönen ließ.„Ge⸗ ſchwind, Erich! Hätte mein Lebtag nicht gedacht, daß wir Beide ſolche Nachtſchwärmer werden würden. Was mag Frau Günther ſagen, wenn wir ſo ſpät heim⸗ kommen!“ „Vermuthlich gar nichts,“ entgegnete Erich lächelnd, „denn ſie wird ſchlafen, und ich habe nicht nöthig, ſie aufzuwecken, weil ich zufällig den Hausſchlüſſel einge⸗ ſteckt habe. Sehen Sie, Vater Hellmuth, da hätten wir ja das angenehme Ereigniß, wie es mir ahnte!« „Ja freilich, wenn man ſo genügſam bei der Er⸗ füllung ſolcher Ahnungen iſt, dann will ich nichts mehr dagegen einwenden,“ antwortete lachend der ehrliche Schloſſer, und erhob ſich von ſeinem Sitze.„Nimm dich in Acht, Erich,— es geht mächtig ſteil hier hin⸗ unter und ich habe ſchon beſſere Wege geſehen, als Der Segen. 5 66 dieſen. So! Und nun den Fährmann geweckt. Hollah, Freund— hinüber!“ Bald befanden ſie ſich am jenſeitigen Ufer und ſchrit⸗ ten raſch weiter, am Fluſſe entlang. Die Nacht war hell und klar, denn die ſilberne Scheibe des Vollmon⸗ des ſtand leuchtend am wolkenfreien Himmel. Des Weges konnten alſo unſere Freunde nicht fehlen. Plötzlich blieb Vater Hellmuth ſtehen und lauſchte. „Still,“ ſagte er—„das iſt ja ein mörderliches Ge⸗ ſchrei. Was gibt es da noch ſo ſpät? Blitz, es ruft Jemand nach Hülfe— hörſt du's nicht, Erich?“ „Gewiß höre ich's«— entgegnete dieſer raſch.»Von dort herüber kommt es!“ „Num denn, geſchwind vorwärts,“ ſagte Vater Hell⸗ muth und packte ſeinen derben Ziegenhainer feſter. Die Freunde ſetzten ſich in Trab, und rannten hur⸗ tig die Anhöhe zur Linken hinauf. Keine Minute dauerte es, ſo ward ihnen ein Anblick, der ein ſchnel⸗ les Einſchreiten nothwendig zu erheiſchen ſchien. Beim hellen Mondlichte ſahen ſie vier oder fünf Burſche, die auf einen einzelnen Jüngling, der ſich mit dem Ruͤcken gegen einen Baumſtamm gelehnt hatte, um gegen einen Angriff von hinten gedeckt zu ſein, mit erbitterter Wuth losſchlugen. Der angegriffene Jüngling vertheidigte ſich mit Muth und Geſchick. Manchen Schlag wendete er mit ſeinem Stocke ab, manchen derben Hieb gab er kräftig zurück. Dennoch war es leicht vorauszuſehen, daß er nach kurzem Kampfe am Ende der Uebermacht erliegen müſſe. Er ſelbſt ſah dieß ein, denn obgleich er ſich wacker und ſtandhaft wehrte, ließ er doch auch zugleich von Zeit zu Zeit ſeinen lauten Ruf:„Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ ertoͤnen.. 67 „Blitz, fünf gegen Einen, da müſſen wir uns in's Mittel legen, obgleich das Raufen ſonſt unſere Sache nicht iſt!“« rief der ehrliche Schloſſer aus.„Ein tüch⸗ tiger Junge, das! Sahſt du wohl, wie er dem Langen da Eins verſetzte! Drauf!“ Im nächſten Augenblicke ſtanden unſere Freunde neben dem Jünglinge, welcher noch immer mit Muth, aber auch nur mit Mühe gegen die Uebermacht an⸗ kämpfte. „Zurück, ihr Strolche!« rief der wackere Schloſſer mit Donnerſtimme den fünf Burſchen zu.»Blitz und Hagel, iſt das auch in der Ordnung, daß Fünf gegen Einen ſtehen? Macht Euch davon, oder Ihr ſollt eine Schloſſerfauſt kennen lernen.“ Zugleich hieb Vater Hellmuth tüchtig mit dem Zie⸗ genhainer dazwiſchen, und Erich ſäumte auch nicht, eine Probe ſeiner jugendlichen Stärke abzulegen. Der angegriffene Jüngling jubelte fröhlich auf, als er ſah, daß ihm unerwartet ſo kräftiger Beiſtand kam, und neue Kraft ſchien in ſeine ſchon ermattenden Muskeln zu ſtrömen. „Auf ſie!« ſchrie er.„Und nicht geſchont, ſie haben es wohl verdient, daß ſie tüchtig geklopft wer⸗ den!“ Erich ſtutzte, denn die Stimme des Jünglings klang ihm bekannt. Für den Augenblick war aber keine Zeit da zum Umblicken und Fragen, denn der Kampf erfor⸗ derte ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Die fünf Burſche, die offenbar berauſcht waren, hielten Stand, als ſie ſahen, daß auf ihrer Seite an Zahl noch immer die Uebermacht ſei. Die Stoͤcke klapperten in raſchen Schlägen gegen einander. Plötzlich ſtieß Erich einen 68 unterdrückten Schrei aus, und taumelte, von einem derben Hiebe an den Kopf getroffen, zur Seite. Die trunkenen Burſche jauchzten und glaubten unfehlbar den Sieg nun ganz ſicher zu haben. Aber ſie täuſch⸗ ten ſich, und wurden ihres Irrthums bald und mit Schrecken inne. Bisher ſchien Vater Hellmuth nur geſcherzt zu haben. Jetzt aber richtete er ſich auf, wie ein Rieſe.„Die Buben!“ rief er aus—„haben ſie dich ſchwer getroffen, Erich? Wart, jetzt ſollt ihr es büßen!“ Es ſchien, als ob der Zorn die ohnehin ſchon große Leibesſtärke des Meiſter Schloſſer verdoppelte. Wie ein Hagelwetter rauſchten ſeine Schläge nieder. Dem Einen ſchlug er den Knittel aus der Fauſt, dem An⸗ dern lähmte er den Arm mit einem gewaltigen Hiebe, dem Dritten gab er eine Kopfnuß, die ihn Himmel und Erde ſchwarz ſehen ließ, den Vierten ſtieß er vor die Bruſt, daß er zwanzig Schritt weit zurücktaumelte, und der Fünfte, als er ſah, wie es ſeinen Kameraden erging, wartete gar keinen Angriff weiter ab, ſondern ergriff entſetzt das Haſenpanier und rannte davon, als ob er ſechs Beine hätte. Auch die Anderen rafften ſich auf, ließen Muͤtzen, Hüte und Stöcke zurück und mach⸗ ten ſich ſo ſchnell aus dem Staube, daß Vater Hell⸗ muth, obgleich ſein Zorn eben erſt noch in lichten Flam⸗ men gebrannt hatte, über den komiſchen Anblick der Flüchtlinge und ihr ſchreckenvolles Jammergeſchrei, in ein lautes Gelächter ausbrach. Aber plötzlich beſann er ſich und ſchaute nach ſeinem jungen Freunde aus, der ſchwer athmend an dem Baumſtamme lehnte. „Wie ſteht's, Erich?“ fragte er mit zärtlicher Theil⸗ nahme.„Haben die Buben dir ſehr weh gethan?« „Nein, nein, es iſt ſchon vorüber, Vater Hellmuth,« entgegnete Erich.„Laßt uns nur nach dem armen Burſchen da ſehen— aber wie, es ſind ja ihrer zwei!“ „Ja wahrlich, und der Eine, wie todt!“ ſagte der ehrliche Schloſſer beſtürzt.„Da war es doch gut, daß wir uns heute ein wenig länger, als ſonſt verweilt haben, denn ſonſt würde es übel hier ausſehen. Nun, junger Herr, wie iſt denn die ganze Geſchichte ge⸗ kommen?“ „Nachher nachher,“ antwortete der fremde Jüng⸗ ling.„Helft mir jetzt nur um's Himmels willen den rmen Jungen hier in's Leben zurückrufen! Ich glaube wirklich, die Elenden haben ihn gemordet— aber nein — ha, er ſchlägt die Augen auf! Gott ſei Lob und Dank— wie fühlſt du dich, Guſtav?“ „Alles gut,“ erwiederte der Angeredete und richtete ſich auf.„Nur der Kopf brummt ein wenig. Sind ſie fort? Wer ſind die da?“« „Nur ruhig, Guſtav— das ſind die wackeren Leute, die uns gerettet haben. Kannſt du aufſtehen? Ha, es geht— nun dann ſind wir noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Herzlichen Dank euch, ihr guten Leute— wir.. Der Jüngling verſtummte. Als er ſich umdrehte und Erich erblickte, auf deſſen Antlitz das volle Licht des Mondes fiel, verſagte ihm die Sprache, und erſt nach einer ganzen Weile ſtieß er mühſam hervor— wie? Erich Ehrenfried, du biſt unſer Retter? Das dämpft meine Freude bedeutend!“ „Und warum das?« fragte Vater Hellmuth trotzig. „Ich meine, er hätte wacker für Sie dreingehauen und 70 wohl Ihren Dank verdient. Wer iſt denn der Burſche, Erich?“ „Paul iſt es, Vater Hellmuth— Paul von Hell⸗ dorf! Komm, komm, laß uns gehen— es wird ihm eben ſo wenig, als mir, angenehm ſein, daß wir uns hier getroffen haben.“ Erich verſuchte es, ſeinen Freund mit fortzuziehen — aber dieſer wurzelte wie eine Eiche im Boden, und warf einen Blick von unausſprechlicher Verachtung auf Paul. „Nun,“ ſagte er,„wenn ich es gewußt hätte, daß die⸗ ſer armſelige Burſche es iſt, ſo hätte ich mich wohl beſonnen, ehe ich einen Finger zu ſeiner Vertheidigun gerührt hätte. Und du, Burſche, du haſt wohl Recht und Urſach', noch gar den Hochmüthigen und Aparten gegen meinen lieben, jungen Freund hier zu ſpielen, deſſen Fingerſpitze mehr werth iſt, als deine ganze Perſon, wie ſie da lang und breit und dick genug leib⸗ haftig vor mir ſteht. Ei, du miſerabler Junge, haſt du denn vergeſſen, was du Alles meinem Erich hier zu Leide gethan haſt? Weißt du nicht mehr wie übel du ihn auf der Schule behandelt, während mein lieber Erich mehr um deinetwillen gethan, als ſelbſt ein Bruder um den andern gethan hätte?— Nein, nein, Erich, laß du mich nur reden, denn ich fühle mich ganz berufen, dem hochmüthigen Burſchen ein bischen die Eſelsohren zu reiben! He, und haſt du denn ver⸗ geſſen, Männchen, daß dieſer wackere Junge zur Buße für deinen ſchlechten Streich Wochen lang im Karzer geſeſſen und ſogar ſein Stipendium verloren hat? Weißt du nicht, daß er lieber das Härteſte erdulden, als die Pflicht der Dankbarkeit gegen deinen Vater * 71 verletzen und deinen Namen nennen wollte? Weißt du das Alles nicht, daß du dich unterſtehſt, hier her zu treten und zu ſagen—„du biſt es Erich und das dämpft meine Freude bedeutend?“ Blitz nicht einmal, da läuft mir denn doch die Galle über, und die Wahr⸗ heit muß an den Tag! Ich bin freilich nur ein Hand⸗ werksmann, aber das muß ich dir ſagen, du ſchnoͤder Geſell, daß ich mich ſolcher Dinge ſchämen wuürde, wie du ſie gegen meinen jungen Freund hier ausgeübt haſt. Und damit Gott befohlen! Wenn ſich's noch einmal ſo trifft wie heute, ſo ſorge hübſch dafür, daß du an⸗ dere Hülfe in der Nähe haſt, denn der Schloſſermeiſter Hellmuth aus Halle rührt gewiß keinen Finger wieder um dich, ſondern goͤnnt dir eine rechtſchaffene Tracht Prügel von ganzem Herzen und von ganzer Seele! „Dämpft meine Freude bedeutend!« Ei, ſo hol' dich der Henker! Komm, Erich! Jetzt hab' ich's'runter vom Herzen und ordentlich leicht iſt mir danach ge⸗ worden.“ Ohne noch einen Blick auf Paul zu richten, der wie verſteinert da ſtand, umſchlang Vater Hellmuth den kaum minder beſtürzten Erich und riß ihn mit ſich fort, den Abhang hinunter. Die Stimme Pauls ſchallte hinter ihnen her— aber ſie waren ſchon zu weit ent⸗ fernt, um die Worte zu verſtehen, und Vater Hellmuth bezeugte auch nicht die mindeſte Luſt, noch einmal um⸗ zukehren. Schweigend ſchritt Erich neben ihm her. Es that ihm zwar leid, daß Vater Hellmuth ſo rück⸗ ſichtslos auf Paul eingedonnert hatte— aber geſche⸗ hen war es ja nun einmal, und Vorwürfe würden deßhalb zu nichts mehr genützt haben. Auch meinte er bei ſich ſelbſt, daß die kleine Lektion ſeinem Gegner 8 72 grade nicht ſchaden könne— nur hätte er gewünſcht, es wäre auf eine minder heftige und kräftige Weiſe geſchehen. Indeß, ſagen ließ ſich nun einmal nichts mehr darüber, und im Grunde genommen hatte Vater Hellmuth auch gar ſo unrecht nicht. Die ſchnöde Bemerkung wenigſtens, daß ſeine Freude durch das Erkennen Erich's gedämpft ſei, hätte Paul lieber ge⸗ ſpart. „Nun, gute Nacht, mein lieber Junge,“ ſagte Mei⸗ ſter Hellmuth, als ſie zu Hauſe anlangten.„Du ſtehſt, mit den Ahnungen iſt es ein boͤſes Ding. Die deinige zum Mindeſten, obgleich ſie viel Gutes ver⸗ ſprach, hat ſte grade nichts Angenehmes gebracht, es ſei denn, du müßteſt eine Hucke Schläge für ein anmu⸗ thiges Geſchenk des Schickſals halten. Na, ſchlafe wohl! Ein ander Mal geht's vielleicht beſſer. Gute Nacht!« Vater Hellmuth ſchlüpfte in ſein Haus und auch Erich ſuchte ſein Stübchen und Lager auf. Aber es dauerte lange, bevor er einſchlummern konnte. Die Aufregung des Kampfes und des heftigen, darauf fol⸗ genden Auftritts zwiſchen Paul und ſeinem väterlichen Freunde ließ ihn lange nicht zur Ruhe kommen. Als er endlich einſchlief, verwebten ſich die Bilder ſeiner lebhaft beſchäftigten Phantaſte auch noch in ſeine Träume, und unruhig warf er ſich in ſeinem Bette hin und her. Bilder der vergangenen Zeit zogen an dem inneren Auge ſeiner Seele vorüber, und noch einmal durchlebte er die Aufregung des geiſtigen Ringens, welches er als Schüler mit Paul beſtanden hatte. Wie ſtutzte er nun, als er am Morgen aufwachte, und die Geſtalt deſſen vor ſich ſah, deſſen Bild alle ſeine Träume er⸗ 73³ füllt hatte.„Es kann nicht ſein!« rief er aus und rieb ſich die Augen.„Himmel, biſt du es wirklich, Paul? „Gewiß bin ich's!« entgegnete dieſer und ſtreckte Erich ſeine Hand hin.„Weißt du, ich fürchte oder vielmehr ich hoffe beinahe, daß ein Mißverſtändniß, wie ein dunkler Schatten zwiſchen uns ſteht, und daß die Schuld davon allein auf meiner Seite iſt. Dein Freund von geſtern— ſo grob er auch gegen mich war, ich will ihm doch nicht böſe ſein, wenn dieſer Schatten hinweggeräumt wird, wenn ich meinem Her⸗ zen folgen und dir den hohen Platz wieder einräumen darf, den du bis zu jenem Augenblicke— du erinnerſt dich ſeiner wohl, in meiner Achtung einnahmeſt. Glaube mir, Erich, es iſt weder etwas Erfreuliches, noch etwas Erquickliches, einen Menſchen gering ſchätzen und verachten zu müſſen, den man lange Zeit werth gehalten, wie einen köſtlichen Edelſtein, den man viel⸗ leicht mit allen Kräften und Empfindungen des Herzens geliebt und geehrt hat. Das Herz wird krank davon. So iſt es mir mit dir gegangen. Trotz meiner Eifer⸗ ſucht liebte und achtete ich dich, bis zu dem Momente, wo du dich unedel zeigteſt und einen Zufall zu deinem Vortheile benutzteſt, den ein Lächeln des Glückes dir über mich gab. Das hat mich tief und bitter geſchmerzt damals.“ „Und doch thateſt du mir Unrecht“— entgegnete Erich.„Freilich, einen Augenblick lang ließ ich mich hinreißen und mein beſſeres Gefühl von der Ehrbegierde bezwingen. Aber, Paul, auch nur einen Augenblick. Der Direktor hat damals meine Arbeit nicht in die Hände bekommen, nicht geſehen, ja er weiß nicht ein⸗ 74 mal, daß ich ſie geſchrieben hatte. Glaubſt du mir nicht? Verlangſt du Beweiſe? Nun ſieh'— hier iſt der Schlüſſel zu jenem Pulte, öffne es— in dem Fache zur Rechten wirſt du die Arbeit finden, und nicht allein dieſe, ſondern auch zwei Briefe mit der Aufſchrift an dich, die du mir uneröffnet zurückſchickteſt. Du woll⸗ teſt meine Rechtfertigung nicht hören, und ſo mußte ich ſchweigend dulden, was nicht in meiner Macht ſtand, zu ändern.“ Beſtürzt und blaß zögerte Paul, den Schlüſſel zu nehmen. Erich warf indeß ſchnell einige Kleidungsſtücke über, öffnete das Pult und legte die bezeichneten Gegen⸗ ſtände in Pauls Hände. „Lies denn jetzt wenigſtens die Briefe, wenn du dich von meiner Schuldloſigkeit überzeugen willſt,« ſagte er mit dringender Bitte.„Jetzt, wo du dich überwunden haſt, den erſten Schritt zu einer Verſtän⸗ digung zu thun, liegt mir daran, vor deinen Augen gerechtfertigt zu ſtehen. Lies, lies! Dir gegenüber trifft mich keine Schuld, als die Uebereilung eines Augenblicks, und dieſe habe ich ſchwer büßen müſſen. Aber ſei's darum! Ich will dir gern Alles verzeihen, wenn du nur frei bekennen willſt, daß du mir Unrecht gethan haſt.“ Paul erbrach die Briefe und las ſie. Tief erſchüt⸗ tert legte er ſie dann auf den Tiſch und reichte Erich beide Hände hin. „Ja, Erich,“ ſagte er dann,„ich habe dir ſchweres Unrecht zugefügt, frei bekenne ich es und bitte um deine Verzeihung. Wahrlich, du haſt groß und edel gehan⸗ delt, und ich verblendeter Menſch hatte keine Ahnung davon! Kannſt du mir vergeben, Erich?«. 4 75 „Alles, und mit Freuden!“ entgegnete dieſer. Sein treues, von Freude ſtrahlendes Auge, der kräftige Druck ſeiner Hand, bewieſen, daß die Worte von Herzen kamen, und im nächſten Augenblicke lagen ſich die bei⸗ den Jünglinge in der Armen. Schweigend feierten ſie die ſchöne Minute ihrer Verſöhnung, und Jeder bat dem Anderen im Herzen ab, was er in Verblendung und Befangenheit des Herzens Unfreundliches gegen ihn gedacht und empfunden. „Und nun,“ brach Paul endlich das Schweigen, „nun, ſage mir auch, was dein Begleiter geſtern Abend mit den Vorwürfen meinte, mit denen er mich über⸗ ſchüttete. Wenn ich nicht mit meinem verwundeten Freunde zu thun gehabt hätte, wäre er mir nicht da⸗ von gekommen, ohne mir Rede zu ſtehen. Erkläre du mir nun, was ſeine heftigen Worte zu bedeuten hatten.“ „Nein, nein, laß uns davon ſchweigen,“ entgegnete Erich bittend.„Wenn du mich kränkteſt, ſo geſchah es ja nur, weil du Grund zu haben glaubteſt, mich zu haſſen, zu verfolgen, zu verachten. Jetzt iſt ja Alles vergeben und vergeſſen. Laß es ruhen!“ „Vergeben! Vergeſſen!“ rief Paul.„»Aber was haſt du mir zu vergeben, ausgenommen den falſchen Verdacht, den ich gegen dich hegte? Ich bin mir ſonſt keines Unrechtes gegen dich bewußt! Doch ja— eines einzigen, und auch das ſollſt du wiſſen. Unvorſichtig erzählte ich einmal, daß du dich ſehr egoiſtiſch und kleinlich gegen mich benommen, und bald darauf merkte ich, daß einige Studenten, die anfänglich ſich dir ange⸗ ſchloſſen hatten, ſpäter deinen Umgang vermieden. Aber das iſt auch Alles, was ich gegen dich verſchuldet habe.« Erſtaunt blickte Erich Paul an.„Alles?« rief er aus.„Und warſt du es nicht, der jene Papiere in meine Kammer legte, die mich in's Karzer führten, in eine ſchwere Unterſuchung verwickelten und mich zwan⸗ gen, das Conſilium zu unterſchreiben? Wareſt du es nicht, der darüber an deinen Vater berichtet hat, worauf mir das Stipendium entzogen wurde? Wenn du es nicht wareſt, dann freilich habe ich dir, wenn auch nur in Gedanken, ſchweres Unrecht gethan!« „Das ſind mir lauter neue Dinge, die du mir er⸗ zählſt,« entgegnete Paul einfach und mit dem Ausdruck der Wahrheit. Ich weiß von keinen Papieren. Was für welche meinſt du?« Erich erzählte raſch, was wir ſchon wiſſen. »Aber wahrlich, du biſt ja ein durch und durch edler Junge!“« rief Paul hierauf aus.„Alſo du ver⸗ ſchwiegſt meinen Namen, obgleich du mich für deinen Verderber halten mußteſt, was ich freilich, nebenbei ge⸗ ſagt, bei ſolchen Verdachtsgründen ebenfalls gethan haben würde— du ſchwiegeſt, ſage ich, nur um mei⸗ nen Vater zu ſchonen, dem du Dankhbarkeit ſchuldig zu ſein glaubteſt? Aber weißt du denn, daß ich ſo wenig wie du, irgend einer unerlaubten Verbindung ange⸗ hörte?“ „Und doch— deine Handſchrift— ich erkannte ſie auf den erſten Blick,« entgegnete Erich betroffen. „Glaube mir, ich täuſchte mich nicht.“ „Ich glaube dir ſehr gern, daß du ſie erkannteſt, aber geleſen haſt du die Zeilen ſicher nicht, denn ſonſt würdeſt du kein Bedenken getragen haben, mich zum Zeugen aufzufordern. Was ich an jene Verbin⸗ dung ſchrieb, iſt nichts und war nichts, als ein Brief, 77 in welchem ich jede Theilnahme an derſelben auf das Beſtimmteſte ablehnte. Heute noch, ja auf der Stelle kannſt du dich davon überzeugen, wenn du mich zum Univerſitäts⸗Richter begleiten willſt. Was aber das Stipendium anbetrifft, ſo erfahre ich heute das erſte Wort davon, daß man es dir entzogen hat. Dieſe Maßregel muß auf einem Irrthum beruhen, und ich verſichere dich, daß ich mein Möglichſtes thun werde, meinen Vater darüber aufzuklären. Sei getroſt, Erich, mein lieber Freund— es ſoll dir gewiß Gerechtigkeit werden. Und biſt du nun überzeugt, daß du mir eben ſo, wie ich dir, Unrecht gethan?“ „Gewiß bin ich es, und zu meiner großen Beſchä⸗ mung muß ich es geſtehen,“ antwortete Erich. „Nun wohlan, ſo ſind wir quitt und Keiner darf dem Anderen mehr einen Vorwurf machen,« rief Paul vergnügt aus.„Wie freue ich mich jetzt der derben Prügel, die ich in vergangener Nacht bekommen habe. Ohne ſie hätten wir uns vielleicht niemals wieder ge⸗ nähert und zeitlebens das bitterſte Mißtrauen gegen einander gehegt. Nur eine Schuld muß ich noch gut machen, nämlich, die unbeſonnene Aeußerung, daß du dich kleinlich gegen mich benommen. Und das kann ich am beſten, indem ich dich zu einem kleinen Feſte ein⸗ lade, das ich morgen meinen vertrauteſten Freunden gebe. Nicht wahr, du wirſt kommen, Erich?« „Nein, das werde ich nicht thun,“ antwortete Erich entſchieden.„Ein paar Worte genügen, deine Freunde über mich aufzuklären. Alles Uebrige. iſt überflüſſig. Du biſt reich, ich arm, daher müſſen unſere Wege ſich ſcheiden. Von Herzen wird es mich freuen, wenn du zuweilen eine Stunde unſerer neuen Freundſchaft widmen 78 willſt. Aber ich will ſie nicht dadurch wieder verſcher⸗ zen, daß ich mich zu deinen Beluſtigungen dränge, zu denen ich nichts beitragen kann.“ Dieſe und noch mancherlei andere Entſchuldigungen brachte Erich vor. Aber Paul ließ keine davon gelten, ſondern blieb dabei, daß er dem neugewonnenen Freunde öffentlich eine Genugthuung geben müſſe, wie er ihn auch öffentlich verläumdet habe, und nothgedrungen mußte Erich endlich nachgeben. „Abgemacht alſo,“ ſagte Paul—„und nun Adieu! Ich muß in die Vorleſungen.“ „Noch eins,“ bat Erich—„wie biſt du nur geſtern in die Schlägerei verwickelt worden? Du biſt doch kein Raufbold, Paul?« „Nein, wahrlich nicht,“ entgegnete dieſer.„Guſtav Werder und ich kehrten von einem Spaziergange zurück und wurden von den fünf Burſchen, die ohne Zweifel zu viel getrunken hatten, geradezu überfallen. Wir ſollten uns vor ihnen demüthigen und ſie höflichſt er⸗ ſuchen, uns den Weg frei zu geben. Darüber kam es zu harten Reden— denn Guſtav iſt ein Hitzkopf, und endlich zum Klopfen. Das iſt die ganze Bege⸗ benheit.« 8 Mit dieſen Worten entfernte ſich Paul und ließ unſeren Erich hocherfreut zurück. „Das hatte alſo meine Ahnung von geſtern Abend zu bedeuten!« ſagte er.„Nun freilich, etwas Ange⸗ nehmeres hätte mir nicht begegnen können, als dieſe Verſöhnung mit Paul. Wie viel Kummer, Leiden und Sorgen könnten ſich doch die Menſchen erſparen, wenn ſte jederzeit offen und redlich gegen einander wären. Eines einzigen Mittels bedarf es oft nur, um Miß⸗ 79 verſtändniſſe aufzuklären, die Einem das ganze Leben verbittern können. Aber mein wackerer, väterlicher Freund muß doch auch erfahren, was mir heute in aller Früh ſchon für ein großes Glück in den Schooß gefallen iſt.“ Raſch begab er ſich zu Meiſter Hellmuth hinuber und erzählte ihm, was geſchehen war. Der redliche Freund empfand eine herzliche Freude darüber. Sechstes Kapitel. Mancher iſt arm bei großem Gut, und Mancher iſt reich bei ſeiner Armuth. Sprw. 13, 7. Die Sonne neigte ſich bereits dem Untergange ent⸗ gegen, und noch ſaßen die Jünglinge bei dem Feſt⸗ mahle, zu welchem Paul ſie eingeladen hatte. Dicht belaubte Linden und Kaſtanienbäume bildeten eine na⸗ türliche Säulenhalle und wölbten ihre blätterreichen Kronen über der reich beſetzten Tafel zu einem köſtlichen Baldachin, den bisher kein Pfeil des leuchtenden Ta⸗ gesgeſtirns zu durchbrechen vermogt hatte. Jetzt aber, wo die Sonne ihre Strahlen in ſchräger Richtung auf die Erde ſandte, fanden ſie auch den Weg zwiſchen den Stämmen der Bäume hindurch, und funkelten hier und dort golden auf den gefuͤllten Pokalen und dem Ge⸗ ſchirr, das die lange, breite Tafel beſchwerte. 80⁰ Es war ein hübſcher Anblick, der ſich dem Auge darbot. Der ſchneeweiß gedeckte Tiſch unter den Bäu⸗ men, deren Laub im bunten Schmucke der bereits herbſtlichen Färbung glänzte; die ſchönen und kräftigen Geſtalten der blühenden Jünglinge in ihrer zum Theil maleriſchen und phantaſtiſchen Kleidung, mit den leich⸗ ten bunten Mützen, unter denen die braunen, ſchwarzen und blonden Locken in kaum zu bändigender Fülle her⸗ vorquollen; die kecken, fröhlichen Geſichter mit dem erſten Flaum um Kinn und Lippe; die da und dort umherliegenden Schläger und Rapiere, die vor dem Be⸗ ginn des Mahles zu einer fröhlichen Fechtübung gedient haben mogten, und dann, wie es eben der Zufall fügte, auf die Seite geworfen waren; das Alles bildete, über⸗ glänzt vom goldigen Lichte des ſcheidenden Tages, ein anmuthiges und lebensvolles Bild. Mitten in dem Geplauder, dem Scherz, dem Lachen und dem ganzen geräuſchvollen Treiben, dem ſich alle Jünglinge mit ungezügelter Fröhlichkeit hingaben, ſaß nur Erich ruhig und anſcheinend theilnahmlos da. Sein klares und glänzendes Auge ſchaute indeß recht klug in das laute Getümmel hinein, und ſein Ohr lauſchte aufmerkſam den Geſprächen, obgleich ſein eige⸗ ner, geſchloſſener Mund, den von Zeit zu Zeit nur ein leichtes Lächeln umſpielte, keinen Theil zu der Unter⸗ haltung beitragen zu wollen ſchien. Nach einiger Zeit wendete er ſich indeß von der Geſellſchaft, die nach und nach übermüthig und ausgelaſſen zu werden drohte, ab, und ſchaute hinaus in die prachtvolle Natur, die, von dem ſcheidenden Lichte der Sonne mit Gold und Purpur überſtrahlt, im göttlichen Glanze ſich ſeinen Blicken eröffnete. Der weſtliche Horizont ſchien in 81 rothen Flammenſtrömen zu brennen und über das ganze Himmelsgewölbe flog der Widerſchein der Gluth, nach Oſten hin in immer weichere und zartere Tinten ver⸗ ſchwimmend. Gedanken flogen bei dieſem überaus herrlichen An⸗ blicke durch ſeine Seele, die weniger zu dem Geplauder der aufgeregten Jünglinge um ihn her paſſen wollten. „Wie?“ murmelte er vor ſich hin,„hat Gott die Erde darum ſo köſtlich geſchmückt, daß wir über alle die Pracht, über all den Glanz achtlos hinweg ſehen ſollen. Iſt es nicht unrecht, ſolche feierliche Stunde mit unnützigem Geſpräch zu vergeuden, anſtatt die Seele an dieſem wonnevollen Bilde zu erfriſchen, und ſie zu Dem zu erheben, aus deſſen Händen alle Herr⸗ lichkeit der Welten gekommen iſt?« „Ja, Erich, mein lieber Freund,« unterbrach jetzt die Stimme Pauls die Gedankenfolge unſeres jungen Freundes,„ich muß mich beklagen, daß du dich ſo we⸗ nig um uns beküͤmmerſt. Laß uns ein Glas Wein zuſammen trinken— willſt du?“ „Nein, nicht jetzt, nicht in dieſem Augenblicke, den wir einer reineren und höheren Freude widmen ſollten,“ antwortete Erich, indem er mit einem ernſten Lächeln zu Paul hinüberblickte.„Sieh' dort hin,“ fügte er hinzu, und deutete mit der Hand auf den leuchtenden Sonnenball, der ſchon zur Hälfte, von purpurnen Wolken wie von einer Glorie umgeben, hinter den goldglänzenden Saum des Horizontes hinabgeſunken war.„Sieh' dort hin! Kann es einen erhabeneren Anblick geben und mögte man nicht Alles darüber vergeſſen, ſollte es auch ſelbſt das Gold der Reben. ſein?“. Der Segen. 6 8² „Du biſt ein Schwärmer, Erich!“ rief lachend eine muntere Stimme aus dem Kreiſe.„Wirklich, ein voll⸗ kommener Schwärmer! Denn nur ein ſolcher kann ſich romantiſchen Träumereien überlaſſen, während ihm von allen Seiten der volle Genuß der Freude winkt. Laß doch die Sonne laufen! Sie findet auch ohne dich ihren Weg. Komm, komm, und ſei luſtig mit uns, du trübſeliger Prediger!“ Meinſt du denn, man könne nur fröhlich ſein im Genuſſe dieſer Art von ſinnlichen Freuden,“ erwiederte Erich mit ſtrengem Ernſte.„Schlimm genug, wenn Ihr Eure Seele nicht zu Höherem und Edlerem be⸗ geiſtern könnt. Ich meine, ein einziger Blick in dieſe ſtrahlende Sonne verleiht köſtlicheren Genuß, als Ihr mit Allem Golde der Erde erkaufen könnt.“ Ein lautes, einſtimmiges Gelächter war die Ant⸗ wort auf dieſe Worte. »i, Erich,« nahm Paul dann das Wort,»auf ſolche Weiſe wirſt du uns noch beweiſen, daß es beſſer ſei, arm zu ſein und zu darben, als reich und im Stande, ſich jeden Lebensgenuß zu verſchaffen.“ „Darüber mit Euch zu ſtreiten, würde leeres Stroh dreſchen heißen,« antwortete Crich.„Was würde es mir helfen? Ihr Alle ſeid reich, und kennt weder die Freuden, noch die Leiden der Armuth. 4 Die Freuden?“ rief einer aus.„Nun wahr⸗ haftig, die mögte ich nicht kennen lernen! Ich fürchte faſt, daß mir die Haut dabei ſchauern würde.“ „ Vielleicht doch nicht,“ verſetzte Erich.„Paul weiß, daß ich ſelbſt ſehr arm bin und daher aus Erfahrung reden kann. Der Himmel hat, Dank ſeiner Güte, für alle erſchaffene Weſen mit völlig gleicher Weisheit ge⸗ 8³ ſorgt, und ich meine, die im Sonnenſtrahl tanzende Muͤcke empfindet, wenn auch unbewußt, dieſelbe Wonne, und zuweilen ſogar eine reinere und ungetrübtere, als der Menſch mit all' ſeinem irdiſchen Reichthum zu er⸗ kaufen vermag. Vergleiche ich den Armen mit dem Reichen, und frage mich, was der Letztere denn eigent⸗ lich vor Erſterem voraus hat, ſo empfange ich keine andere Antwort, als die, daß der Unterſchied nur ein ſehr unweſentlicher iſt und genau betrachtet, allein darin beſteht, daß der Reiche allerdings ſich Genüſſe verſchaf⸗ fen kann, die der Arme kaum dem Namen nach kennt, aber eben auch, weil er ſie nicht kennt, s Entbehren derſelben nicht empfindet. Ihr verſteht mich doch? Oder meint Ihr, ich müſſe den Tabaksraucher beneiden, weil er ſich einen Genuß verſchafft, den ich entbehre? Ich dächte nicht. Und nun zieht einmal die überflüſſi⸗ gen, unnützen Bedürfniſſe und Genüſſe der Reichen ab, was bleibt dann übrig? Am Ende nichts, als was der Arme ſo gut genieſen kann, wie Jener, nämlich der reinſte Quell aller irdiſchen Gluͤckſeligkeit: die Freude an Gott und an den unermeßlichen Schätzen der Natur, mit welchen der Allmächtige die Erde ge⸗ ſchmückt hat. Und ich meine, den Genuß dieſer Schätze empfindet der Arme faſt tiefer und inniger, als der Reiche bei ſeinen erkünſtelten, entnervenden Genüſſen. Nein, nein, wir Armen beneiden Euch nicht! Dem Himmel ſei Dank, die Sonne ſendet ihre wärmenden Strahlen aus für Reich und Arm! Das zahlloſe Heer der auf⸗ und niederſteigenden Sterne wandelt am Hime mel zum Entzücken eines jeglichen reinen Gemüthes! Die duftenden Blumen, das erquickende Grün des Wal⸗ des, der Geſang der Vögel, das Rieſeln des Wald⸗ 84 bachs, kurz, alle Wonnen der Natur, ſie ſind nicht allein für die Reichen und Gewaltigen, ſie ſind auch für den Armen, ſie ſind für jedes fühlende Herz ge⸗ ſchaffen, das ſich daran erfreuen und erheben mag! Schweigt doch von Euren Reichthümern ſtill und von dem Glücke, das ſie allein gewähren ſollen! Könnt Ihr denn mit allen Schätzen der Welt ein Schauſpiel hervorzaubern, das ſich der Pracht des Sonnenunter⸗ gangs vergleichen ließe? Geht Euch nicht eine Ahnung auf von der ſiegprangenden Herrlichkeit des Himmels, wenn Ihr aus Euren ſchimmernden, Lichterfüllten Sä⸗ len hinaustretet in die ſtille, heilige Nacht, und nun das weite Aethergewölbe ſich über Euch ausſpannt mit ſeinen ſtrahlenden Sternenwelten? Fühlt Ihr da nicht, wie klein Ihr ſeid bei all' Eurer erkünſtelten Herrlich⸗ keit? Wie alle Eure Pracht in Nichts zuſammen⸗ ſchrumpft, gegenüber der Pracht, an welcher der Arme ſich erfreuen kann, ſo gut wie Ihr, und vielleicht noch beſſer? Und ſoll Euch der Arme nun Eure Nichtig⸗ keiten beneiden, da Gott ihm Höheres und Schöneres gegeben hat?« Paul und die Uebrigen waren ernſt geworden, wäh⸗ rend Erich ſprach.„Es iſt etwas Wahres in deinen Worten,“ ſagte Paul nach kurzem Sinnen.„Trotzdem mögte wohl Keiner unter uns ſein, der ſich freiwillig ſeines Reichthums entledigte, um die Freuden der Ar⸗ muth kennen zu lernen.“ »Nun, ſo thöricht bin ich auch nicht, dergleichen zu erwarten,“ antwortete Erich lächelnd.„Ueberhaupt wollte ich Euch nur zeigen, daß auch der Arme glück⸗ lich ſein kann, wenn er die Gaben und Geſchenke Got⸗ tes mit Verſtand und Weisheit zu genießen verſteht. 8⁵ Der Segen des Herrn macht reich ohne Mühe, ſpricht der weiſe Salomo. Verſucht es, wenn Ihr es nicht glauben wollt,— vielleicht werdet Ihr dann lernen, daß der Arme zuweilen weniger zu bemitleiden und zu verachten iſt, als Ihr denkt. Merkt es, nur der Se⸗ gen des Herrn macht reich— nicht Gold, nicht Sil⸗ ber, nicht Edelſtein— reich nämlich an ächtem, wahr⸗ rem Glück, das auf dem unerſchütterlichen Grunde der Tugend und Frömmigkeit ruht.« Nach dieſen Worten erhob ſich ein großes Gelächter in dem Kreiſe der Jünglinge, und mancher Pfeil des Spottes und Hohnes wurde gegen Erich geſchleudert. Paul bemühte ſich vergebens, Einhalt zu thun. Erich hörte ein Weilchen ruhig zu, dann ſtand er auf und eentfernte ſich ſtill. Paul eilte ihm nach.„Du wirſt uns nicht verlaſſen, Erich,« ſagte er mit Herzlichkeit. „Ich wenigſtens, das glaubſt du gewiß, wollte dich nicht kränken. Komm zurück!“ 2 „ Nein,“ antwortete Erich ſanft aber feſt.»„Du ſiehſt ſelbſt, ich paſſe nicht in den Kreis, in welchen du mich aus freundlicher Abſicht gezogen haſt. Laß mich denn meines Weges gehen. Aber du, Paul, wenn jemals eine Stunde kommen ſollte, wo du eines treuen Freundes bedarfſt— ſo komm zu mir, und ein treues und theilnehmendes Herz wirſt du finden.“ Noch ein raſcher Händedruck, eine kurze Umarmung, und Erich war verſchwunden. Paul blieb ſinnend einen Augenblick ſtehen.„Kein Zweifel,“ ſagte er vor ſich hin,„ein redlicher, treuer Junge iſt er, und vielleicht mehr werth, als Alle da drüben, die ihn verhöhnten und ſeiner ſpotteten. Es gefällt mir, daß er ſtolz iſt bei ſeiner Armuth. Ein niedriges Gemüth würde dem 1 4 8 5 86 reichen Freunde ſchmeicheln, um von ihm Nutzen zu ziehen.— Er verſchmäht dergleichen Kunſtgriffe und läßt ſich an ſeiner Dürftigkeit genügen. Ein edler, hochherziger Burſch! Sollte er wohl wirklich Recht haben, daß allein der Segen des Herrn reich macht? Faſt möchte ich's glauben, und dennoch— zu beneiden iſt der arme Erich am Ende doch nicht. Nun gleich⸗ viel— morgen will ich an den Vater ſchreiben, damit der gute Junge ſein verlorenes Stipendium wieder be⸗ kommt. Das wenigſtens kann ich für ihn thun, wenn er denn auch weiter nichts von mir annehmen will.“ Paul kehrte zu ſeinen Freunden zurück, aber er blieb den ganzen Abend ſtill und ernſt, und konnte ſich nicht wieder in die frühere Luſtigkeit hineinfinden. Immer klangen ihm noch Erichs Worte im Ohre: „Der Segen des Herrn allein iſt es, der reich macht.“ Der Uebermuth ſeiner Freunde, die ungezügelten Ausbrüche ihres Muthwillens erregten ihm Ekel und Widerwillen.„Hm!« ſagte er, als er ſpät in der Nacht ſein Lager aufſuchte,„der vernünftige Gebrauch des Reichthums mag ſein Gutes haben, aber wenn Erich vom Mißbrauche deſſelben ſpricht, und ihm gegen⸗ über die Freuden der Dürftigkeit vorzieht, dann kann ich wahrlich nicht umhin, ihm völlig Recht zu geben! Ach, und wie oft muß der Reichthum unlöblichen Zwecken dienen!“ 87 Siebentes Kapitel. Es kommt Alles von Gott, Glück und Anglück, Armuth und Reichthum. Sir. 11, 14. Die Annäherung unſerer beiden jungen Freunde ſchien keine Folgen von Bedeutung zu haben, ausge⸗ nommen, daß Erich auf Verwendung Pauls kurze Zeit nachher ſein Stipendium wieder ausbezahlt bekam. Erich freute ſich doppelt darüber, einmal, weil er nun ſeinem braven Freunde, dem guten Meiſter Hellmuth, nicht mehr zur Laſt zu fallen brauchte, und dann, weil er wohl wußte, daß er die günſtige Wendung, welche ſeine Angelegenheit genommen, der Bemühung Pauls verdankte. Paul hatte ihm allerdings nichts davon geſagt, aber Erich war feſt überzeugt, daß er nicht fehl gehen würde, wenn er Paul ſeine Dankbarkeit bewieſe. Er beſuchte ihn, und lachend geſtand Paul denn auch Erich ſeine Vermittelung ein, indem er zugleich jede Aeußerung des Dankes zurückwies.„Ich habe nur einen Theil meiner Schuld gegen dich abgetragen und zudem nichts gethan, als meine Pflicht. Ich weiß ja, daß du unſchuldig biſt. Was lag näher, als auch mei⸗ nen Vater davon zu unterrichten. Kein Wort mehr davon, Erich, wenn du mich lieb haſt.“ Erich begab ſich zu Meiſter Hellmuth und theilte ihm mit, was er mit Paul geſprochen. Der wackere Mann freute ſich über das gute Benehmen Pauls, und es fehlte nicht viel, ſo wäre er mit Hammer und 88 Schurzfell zu ihm gelaufen, um ihm ſeine Geſinnung in ſchlichten Worten kund zu geben. „In der Seele leid thut es mir, daß ich den her⸗ zigen Jungen neulich ſo ausgeſcholten und ſchlecht be⸗ handelt habe!“ ſagte er.„Und doch iſt es auch wieder gut, weil Ihr Beide ſonſt mein Lebtage nicht wieder zuſammen gekommen wäret, und immer Einer den Anderen in Verdacht gehabt hätte, daß er es böſe meine und gemeint habe. Aber ſagen muß ich ihm doch, daß ich jetzt anders von ihm denke, als in der Nacht da⸗ mals. Ich habe ihn wohl recht grob und derb ange⸗ fahren, Erich? Was?“ »Nun, Schmeicheleien wenigſtens waren es nicht, die er zu hören bekam,“ entgegnete Erich lächelnd. „Aber es iſt ſchon Alles vergeben und vergeſſen, denn Ihr könnt Euch wohl denken, alter Freund, daß ich Paul nichts Böſes von Euch erzählt habe.« „Ja, das trau' ich dir zu,“ erwiederte Meiſter Hellmuth, und ſchüttelte kräftig Erichs Hand.„»Gleich⸗ wohl, ich möchte doch einmal Gelegenheit haben, ihm recht deutlich zu beweiſen, daß ich's von Herzen gut mit ihm meine! Nun, kommt Zeit, kommt Rath! Einſtweilen kannſt du ihm ja ſagen, Erich, daß der Wind jetzt aus einer ganz anderen Richtung blieſe, als dazumal.“ »Sobald ich ihn ſehe, will ich's gewiß nicht ver⸗ geſſen,« antwortete Erich, womit denn vorläufig die Sache abgemacht war. „Sobald ich ihn ſehe,“ ſagte Erich und meinte vielleicht, das würde wohl recht bald geſchehen. Aber viele Tage und Wochen verſtrichen, ehe er Paul wieder zu Geſicht bekam, und als es endlich geſchah, hatten 89 die Umſtände ſich ſo geändert, daß er an das gegebene Verſprechen nicht mehr dachte, und auch nicht mehr zu denken brauchte. Wie ſchon geſagt, fand keine weitere Annäherung mehr zwiſchen Paul und Erich ſtatt. Die äußeren Verhältniſſe bildeten eine Schranke, die Erich nicht uͤberſteigen oder niederreißen wollte. Wie in frü⸗ heren Zeiten lebte er ſtill und zurückgezogen, nur mit ſeinen Studien beſchäftigt. Es genügte ihm, Paul ver⸗ ſöhnt zu wiſſen und ihn von ſeiner Unſchuld überzeugt zu haben. Weiteren Nutzen von ſeiner Freundſchaft zu ziehen, fiel ihm nicht ein. Aber treulich bewahrte er ihm die Gefühle herzlicher Zuneigung, welche die ſchönſte Frucht ihrer Verſöhnung waren. Die glücklichſten Augenblicke verlebte Erich, wenn, was monatlich doch zwei oder drei Mal geſchah, Briefe aus der Heimath einliefen. Jeder Tag, der ihm ein ſolches Zeichen des Lebens von den Seinigen, die er über Alles liebte, brachte, war ihm ein Feſttag, der im Kalender roth bezeichnet wurde. Mit klopfendem Her⸗ zen erbrach er das Siegel, überflog mit raſchem Auge den ganzen Inhalt, um ſich zu überzeugen, daß ihm keine unangenehme Nachricht mitgetheilt würde, und dann ſetzte er ſich behaglich nieder, und ſtudierte Zeile für Zeile mit einem Eifer, als ob an jedem Buchſtaben das Heil der ganzen Welt hinge. Mancherlei Ange⸗ nehmes war ihm übrigens auch, abgeſehen von den Ausdrücken der Liebe und Zärtlichkeit, an denen in den Briefen kein Mangel war, aus der Heimath mitgetheilt worden. Einmal war es die Nachricht von einer Ge⸗ haltszulage, die dem Vater ſeiner treuen Dienſte wegen ertheilt worden, was ihm Freude machte; dann die Nachricht, daß der Vater vom ſimplen Kanzleiſchreiber 90 zum Archivarius befordert ſei, auf Verwendung des trefflichen Kanzleipräſidenten, der dem ehrlichen Diener fortwährend ſeine Gunſt bewahrte; dann die Nachricht von dem Glücke ſeiner Schweſter Anna, welche ſich mit einem braven Manne verheirathet hatte— und kurz, faſt jeder Brief meldete irgend ein angenehmes Ereig⸗ niß, das unſeren Erich oft für ganze Tage und Wochen glücklich machte. Auch heute war wieder ein Brief angekommen. Erich ſetzte ſich nach ſeiner Gewohnheit hoch erfreut auf das Sopha, um ihn mit voller Genüge und Be⸗ haglichkeit zu leſen. Aber ſchon bei den erſten Zeilen, die er mit raſchem Auge überflog, wurde er blaß, der Ausdruck der Freude ſchwand aus ſeinen ſtrahlenden Zügen, und tiefe Betruͤbniß und Beſtürzung nahm ſeine Stelle ein. War der Vater krank geworden? War ſeiner Schweſter, oder gar ſeiner theuren Mutter ein Unglück zugeſtoßen? Hatte der Vater das Unglück gehabt, bei dem Fürſten in Ungnade zu fallen? Oder war ſeinem Schwager etwas Unangenehmes begegnet? „Der Unglückliche!“ rief Erich aus, als er den Brief geleſen hatte, ihn vor ſich auf den Tiſch legte, und mit trüben Augen darauf ſchaute—„wie wird er dieſe ſchreckliche Nachricht ertragen? Das iſt ein harter Schlag, eine ſchwere Prüfung! Alles zu verlieren, alle Ausſichten und Hoffnungen, deren Erfüllung ſo gewiß und unfehlbar ſchien— ſchrecklich!“ Nach dieſen Worten ſchwieg er wieder, ſchüttelte nur zuweilen den Kopf, ſprang dann auf und ging unruhig, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, im Zimmer hin und her. „Aber was verzage ich wohl!“ rief er nach einigen 91 Minuten aus.„Wenn er unſchuldig iſt, wie ich nicht zweifle, ſo wird Gott ſchon helfen, daß die Unſchuld auch an den Tag kommt.“ Er nahm noch einmal den Brief zur Hand. Wäh⸗ rend er darin liest, wollen wir ihm über die Schulter blicken und auch hineinſchauen, damit wir erfahren, was für eine Nachricht unſeren jungen Freund ſo be⸗ trübt gemacht hat. Der Brief war von Vater Ehren⸗ frieds Hand geſchrieben, und lautete, wie folgt: „Lieber Sohn, ein ſchmerzliches Ereigniß iſt es, was ich dir heute, nachdem ich mit Gottes Hülfe immer nur Gutes zu ſchreiben gebraucht, mittheilen muß. Es betrifft zwar uns und dich nicht unmittelbar, aber den⸗ noch wird es dein ganzes Mitgefüͤhl rege machen, wenn ich dir ſage, daß meinen verehrten Herrn und Vorge⸗ ſetzten, den Präſidenten Helldorf, ein harter Schlag betroffen hat. Du wirſt dich erinnern, daß der Präſi⸗ dent ſeit langen Jahren der Liebling des Fürſten war und deſſen unumſchränktes Vertrauen genoß. Und dieß mit Recht, denn einen edleren Mann, einen Mann, der es beſſer und aufrichtiger mit Fürſt und Volk mei⸗ nen könnte und immer gemeint hat, findet man wohl im ganzen Lande nicht. Nun, und dieſer Mann— um es nur grade heraus und ohne alle Umſchweife zu ſagen, iſt von ſeiner Höhe herabgeſtürzt, in die tiefſte Ungnade gefallen, ſeiner Aemter und Würden entſetzt, ſeines Vermoͤgens verluſtig erklärt, und ohne Urtheil und Recht auf Befehl des Fürſten in's Gefängniß ge⸗ worfen worden! Vor wenigen Tagen noch auf der Sonnenhöhe des Glücks und der Ehre, ſchmachtet er heute im Gefängniſſe und iſt ärmer, als der ärmſte Bettler im Lande, der doch wenigſtens den Genuß der 9² Freiheit hat, den Genuß der friſchen Luft und den Aufblick zum blauen Himmel. Du wirſt fragen, wie das Schreckliche ſo ſchnell, ſo plötzlich gekommen iſt, und was ich davon weiß, will ich dir auf's Genaueſte mittheilen. Ganz unerwartet kam uns eigentlich der Schlag nicht, obgleich wir nicht die entfernteſte Ahnung davon hatten, daß er ſo ſchwer und vernichtend auf unſeren verehrten Gönner niederfallen würde. Seit einiger Zeit bemerkte ich nämlich, und auch meinen Kollegen in der Kanzlei entging es nicht, daß der Ge⸗ heimerath von Selbitz, deſſen Perſon du dich wohl erin⸗ nerſt, öfter als ſonſt und nicht ſelten allein in das Kabinet des Fürſten gerufen wurde. Anfänglich hatten wir Alle kein Arg daraus, indem Selbitz mit der Aus⸗ gleichung eines wichtigen Rechtsſtreites beauftragt iſt, den wir mit der Regierung des benachbarten Landes auszufechten haben. Die Sache iſt von der höchſten Wichtigkeit, indem ſie eine bedeutende Strecke Landes mit Städten, Dörfern und Domänen, kurz die ganze Provinz B... betrifft. Der benachbarte Staat macht Anſprüche auf den Beſitz dieſer Provinz, welche doch vor vielen Jahrzehnten ſchon durch Erbſchaft an unſer Land gefallen iſt und ſicher und gewiß rechtmäßig und ohne allen Widerſpruch unſerem Fürſten gehört. Sei dem nun, wie ihm wolle, kurz, wir Alle glaubten, Selbitz habe mit dem Fürſten über den Stand dieſes Rechtsſtreites zu reden, und Keinem von uns fiel es ein, daß er darauf denken und danach ſtreben könne, unſerem Präſidenten in der Meinung des Fürſten Scha⸗ den zuzufügen. Wer hätte auch eine ſolche Schänd⸗ lichkeit für möglich halten können, der da weiß, daß Selbitz allein durch die Fürſprache und Güte unſeres 93³ Präſidenten zu der Stellung gelangt iſt, die er jetzt inne hat. Arm und ohne Hoffnung auf ſchnelle Be⸗ förderung, trat er vor zehn Jahren in den Dienſt des Staates. Der Präſident bemerkte indeß Eifer und Fähigkeit bei ihm, und die Folge davon war, daß er ſchnell aus dem Haufen der Menge hervorgehoben und von einem Poſten zum anderen, bis zum Geheimenrath befördert wurde. Die ſchändlichſte, nichtswürdigſte Un⸗ dankbarkeit alſo, wenn er von Angeſicht zu Angeſicht gegen den Präſidenten freundlich und demüthig, hinter deſſen Rücken aber ein Verläumder, Lügner und Ehr⸗ abſchneider war. Kein Menſch konnte ſich eine ſolche Schlechtigkeit denken, und wir fuürchteten daher auch dann noch nichts, als unſer Präſident einige Male, und zwar in unſerer, ſeiner Untergebenen, Gegenwart, vom Fürſten höchſt ungnädig angelaſſen wurde. Be⸗ wunderungswürdig war mir dabei nur die Ruhe und Gelaſſenheit unſeres verehrten Herrn. Stolz und mit der Miene der Unſchuld hörte er die Vorwürfe des Fürſten an, als ob es lauter Lobſprüche wären, und es war Keiner unter uns, der ſich nicht im innerſten Herzen darüber gefreut hätte. Denn der Präſident hatte Recht, und der Fürſt Unrecht; das konnte der jüngſte Kopiſt in der Kanzlei merken. Nun, kurzum, dergleichen Auftritte fielen in kurzer Zeitfriſt mehrere Male vor. Das letzte Mal wurde der Präſident denn aber doch ungeduldig, und als ob er müde wäre, alle die Sticheleien und Vorwürfe, die er in keiner Bezie⸗ hung verdient hatte, anzuhören, richtete er ſich ſtramm auf, warf dem Fürſten einen unwilligen Blick zu, und ſagte dann ernſthaft:„Wenn Ew. Hoheit meinen, daß ich zur Führung der mir gnädigſt übertragenen Geſchäfte 94 nicht mehr befähigt bin, ſo bitte ich um meinen Ab⸗ ſchied. Der Präſident Helldorf kann wohl einen n Titel verſchmerzen, nicht aber Kränkungen ſeiner Ehre.“ Als der Präſident das ſagte, wechſelte der Fürſt mit Selbitz einen raſchen Blick, zuckte dann die Achſel und entfernte ſich, ohne weder ein Wort der Entſchuldigung, noch der Begütigung zu ſagen. Der Präſident wurde ein wenig blaß; Selbitz lächelte tückiſch vor ſich hin, und wir Anderen, die zugegen waren, ſahen jetzt ſo ziemlich, wie die Sachen ſtanden. Dennoch fürchteten wir noch nichts Ernſtliches; wir hielten alle den Prä⸗ ſidenten für einen Mann, der dem Lande und dem Fürſten unentbehrlich ſei, und glaubten daher nicht, daß der Fürſt die erbetene Entlaſſung aus dem Dienſte annehmen würde. Daß Selbitz aber undankbar gegen ſeinen Wohlthäter handelte, das war uns Allen nun deutlich genug. Jedoch, was hatte es groß zu bedeu⸗ ten? Selbitz und Helldorf! Welch ein Unterſchied! Aus dem Einen Helldorf laſſen ſich zehn Selbitze ſchnei⸗ den, dachten wir Alle. So verblendet wird der Fürſt nicht ſein, den Präſidenten jenem Selbitz aufzuopfern, dachten wir. Aber wir irrten uns. „Eines Abends ſpät, vor wenigen Tagen, klingelt es an unſerer Hausthür. Ich gehe hinaus, um zu öffnen. Eine hohe Geſtalt, feſt in einen weiten Man⸗ tel gehüllt, ſteht vor mir.„Lieber Ehrenfried, ich habe mit Ihnen ein paar Worte insgeheim zu reden,“ ſagte ſie, und ich erſchrak. Beim erſten Laute erkannte ich die Stimme— es war die Stimme des Präſidenten. „Excellenz, ſo ſpät noch,« ſtammelte ich.„Aber ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten, mit Gut und Blut, mit Leib und Leben.“ Er erwiederte einige freundliche * 95 Porte⸗ war aber ſichtlich befangen und ſchien ſo große — e zu haben, daß ich es nicht wagte, ihn lange auf⸗ zuhalten. Ich führte ihn in mein kleines Arbeitszimmer, rückte ihm einen Stuhl hin und harrte erwartungs⸗ voll der Dinge, die er mir zu eröffnen haben würde. Ganz erſchöpft ſank er auf den Stuhl und blickte ſin⸗ nend vor ſich nieder. Ich hatte Zeit, ihn genau anzuſehen und fand, daß er ungewöhnlich blaß und nie⸗ dergeſchlagen war.„Lieber Ehrenfried,“ begann er plötzlich,„ſagen Sie mir aufrichtig, kann ich mich auf Sie verlaſſen?“ „Bis in den Tod, Excellenz,“ antwortete ich aus vollem Herzen.„Nie werde ich vergeſſen, welche Jroße Schuld der Dankbarkeit ich Ihnen abzutragen habe« „Sein Geſicht hellte ſich ein wenig auf.»Sie ſind ein braver Mann,“ ſagte er.„Wollte Gott, es däch⸗ ten Andere, wie Sie, denen ich größere Dienſte geleiſtet habe. Nun gleichviel, ich ſchenke Ihnen alles Ver⸗ trauen, aber vorher muß ich Ihnen noch ſagen, daß Sie Gefahr laufen, Ihre Stelle zu verlieren, wenn Sie ſich feſt an mich anſchließen. Ueberlegen Sie da⸗ her noch einmal, ob Sie es darauf hin wagen wollen, mir den verlangten Dienſt zu leiſten.“ „Excellenz kränken mich durch ſolchen Zweifel,“ antwortete ich raſch und entſchloſſen.„Ihrer Gunſt allein verdanke ich meinen jetzigen Poſten, verdanke ich, daß mein Sohn meiner Unterſtützung nicht mehr bedarf. Verliere ich meine Stelle, ſo verliere ich nichts, als was ich von Ihnen bekommen habe, und übrigens wird der liebe Gott ſelbſt für den ſchlimmſten Fall wohl weiter helfen. Vertrauen Sie mir ohne Rückhalt, Excellenz, Sie koͤnnen es ohne Gefahr.“ „Nun, mein lieber Archivarius, wie ſich auch die Dinge geſtalten mögen, nie werde ich Ihnen dieſe Stunde vergeſſen,“ ſagte der Präſident hierauf und drückte mir die Hand.„Und jetzt mögen Sie wiſſen, daß es der Hinterliſt eines undankbaren Menſchen ge⸗ lungen iſt, mich der Gnade unſeres Fürſten zu berau⸗ ben. Heute Abend habe ich meinen Abſchied in höchſt ungnädigen Ausdrücken nicht nur, ſondern auch Haus⸗ arreſt bekommen. Mein Haus wird von Soldaten bewacht, und ich hätte nicht entſchlüpfen können, wenn ich nicht einen geheimen Ausgang durch meinen Gar⸗ ten benutzt hätte. Man beſchuldigt mich, gewiſſe Do⸗ kumente und Papiere an die Regierung ausgeliefert zu haben, mit welcher wir über die Provinz B... im Rechtsſtreite liegen. Die Behauptung derſelben hängt vom Beſitz dieſer Dokumente ab. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß dieſe ganze Beſchuldigung nichts weiter als eine freche Lüge und Verläumdung iſt. Indeß bin ich verloren, wenn es mir nicht ge⸗ lingt, jene Dokumente herbeizuſchaffen. Um mich in die Unmöglichkeit zu verſetzen, dieß zu thun, hält man mich gefangen. In Ihrem Archive liegen die Doku⸗ mente. Laſſen Sie uns gehen, ſie aufzuſuchen, und ich bin gerettet.“ 1 „Schweigend langte ich die Schlüſſel zum Archive von der Wand und hing meinen Mantel um.„Ich bin bereit, Ercellenz,“ ſagte ich. „Ein Blitz der Freude erhellte die kummervollen Züge des Präſidenten. Dennoch zögerte er.„Ehren⸗ fried, Sie retten mich von Verderben und Schande,“ 97 ſagte er mit zitternder Stimme.»Aber ich will Ihre Ergebenheit nicht mißbrauchen, ohne Sie auf die mög⸗ lichen Folgen Ihres Schrittes nochmals aufmerkſam zu machen. Sie wiſſen, ich bin Ihr Vorgeſetzter nicht mehr, habe Ihnen alſo auch keine Befehle mehr zu ertheilen und die Verantwortlichkeit liegt allein auf Ihnen. Kommt es heraus, daß Sie mir die Doku⸗ mente eingehändigt haben, ſo gehen Sie unzweifelhaft Ihres Amtes verkuſtig und verlieren alle Ausſicht auf Wiederanſtellung im Staatsdienſte. Bedenken Sie wohl, was Sie thun!“ „Habe ſchon Alles bedacht, Excellenz!“ ſagte ich ganz entſchloſſen.„Ich weiß wohl, daß ich meine Pflicht gegen den Staat verletze, aber indem ich es thue, folge ich einer ſicheren Pflicht. Sie ſind fälſchlich angeklagt, und um Ihnen Ihr gutes Recht zu verſchaffen, wage ich Alles. Die Bosheit und Lüge ſoll nicht trium⸗ phiren, ſo lange ich es in der Gewalt habe, ihre ſchnö⸗ den Netze zu zerreißen.“. „Wir gingen. Unbemerkt kamen wir im Archive an.„Dieſen Schrank öffnen Sie,“ ſagte der Präſident. „Hier im oberſten Fache rechts liegen die Dokumente.“ Ich öffnete raſch, leuchtete mit der Laterne in die Höhe — das Fach war leer! Kein Blatt Papier darin zu ſehen! „Verloren!“ rief der Präſident ſchmerzlich aus. „Mein Feind iſt mir zuvorgekommen! Jetzt ſehe ich keine Rettung mehr. Oh, oh! die Schande, die uͤber mein Haupt kommt, das in Ehren grau geworden iſt, wird mich tödten! Großer Gott, das iſt eine harte Prüfung!“. „Ich war ſelbſt auf's Höchſte aiſchroten Doch Der Segen. 98 ſuchte ich mich zu faſſen und ſprach die Hoffnung aus, daß die Dokumente vielleicht an einem andern Orte liegen mögten. Der Präſident ſchüttelte zwar zweifelnd den Kopf, aber doch wehrte er mir nicht, als ich an⸗ fing, den ganzen Schrank auszukramen. Ja, er ging mir ſogar ſelbſt hülfreich zur Hand. Nichts wurde undurchſucht gelaſſen; jedes Heft, jedes Blatt Papier in dem Schranke wurde um und um gewendet. Nichts fand ſich. Wir durchforſchten auch die anderen Schränke — und ach, mit welchem angſtvoll pochenden Herzen, mit wie zitternden Händen, mit welcher fliegenden Haſt! In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht ſo gear⸗ beitet. Der Schweiß floß uns von der Stirn, unſere Pulſe jagten, unſer Athem flog. Ehe der Morgen anbrach, hatten wir das ganze Archiv um und um ge⸗ wendet! Leider vergebens, ach, ganz vergebens! Die Dokumente waren verſchwunden bis auf die letzte Spur. Der Präſident hatte wohl recht; ſein Feind war ihm zuvorgekommen. Mit einem Nachſchlüſſel mußte er Archiv und Schrank geöffnet und ſich der wichtigen Papiere bemächtigt haben. Einmal im Beſitz derſelben, war es ihm ein Leichtes, den Präſidenten zu verderben. Er brauchte ſie nur an den Nachbarſtaat auszuliefern, und die Schuld des Präſidenten mußte erwieſen ſchei⸗ nen. Seiner Obhut waren ſie übergeben— kein An⸗ derer, als er, konnte ſie zum Verrath des Vaterlandes benutzt haben. „Alles iſt klar,“ ſagte er ſchmerzlich.„Selbitz hat die Dokumente geſtohlen, ſie an den Nachbarſtaat ver⸗ kauft, den Sundenlohn dafür eingeſtrichen, und mich als den Schuldigen bezeichnet. Hier iſt keine Ret⸗ tung mehr, lieber Ehrenfried. Ich muß mein Schickſal 99 tragen, wie ein Mann! Gott allein kann hier noch helfen!“ „Aber,“ ſagte er raſch— indem mir ein glücklicher Gedanke durch den Sinn flog—„Sie werden doch nicht in Ihr Haus zurückkehren, Excellenz? Die Ge⸗ legenheit iſt günſtig— fliehen Sie dieſes Land, in welchem Ihre Dienſte mit ſchändlichem Undanke belohnt worden.“ „Soll ich durch meine Flucht den Schein erwecken, als ob ich wirklich des Verrathes ſchuldig wäre?“ ent⸗ gegnete der treffliche Mann einfach.„Nein, lieber Ehrenfried— einen ſolchen Rath können Sie mir nicht im Ernſte ertheilen. Was auch geſchehen möge, ich will nicht vom Platze weichen, und bis zum letzten Hauche meine Schuldloſigkeit behaupten. Das Uebrige ſtelle ich Gott anheim. Um mich ſelbſt bangt mir nicht, denn mein Haupt iſt grau geworden und die Tage meines Lebens ſind gezählt. Aber mein Sohn, mein Paul, o Gott, wie wird er den Schlag ertragen, der alle Blüthen von ſeinem Leben abſtreift, ihm alle und jede Hoffnung vernichtet. Gott gebe ihm Kraft, zu dulden und auszuharren! Nur, wenn ich an Ihn denke, will mein Herz verzagen!“ Er ſank in einen Stuhl und verbarg ſein bleiches Geſicht mit den Händen. Ich fürchtete, er werde dem Schmerze erliegen, und doch fand auch ich keine Worte, die ihm Troſt und Stärkung hätten einflößen können. Aber es bedurfte deſſen auch nicht. Nach einigen Mi⸗ nuten richtete ſich der edle Greis wieder auf. Sein Antlitz war blaß, aber ruhig.»Kommen Sie, Chren⸗ fried,“ ſagte er mit feſter Stimme.„Das Beſte iſt, wir ſtellen Alles dem da droben anheim, in deſſen 100 mächtiger Hand die Schickſale der Menſchen ruhen. Er kennt meine Unſchuld und an ihn will ich mich halten. Ich hoffe, er wird mich nicht verlaſſen, noch verſäumen in meinem Elende.« „Nach dieſen Worten wickelte er ſich wieder dicht in ſeinen Mantel, und wir verließen das Archiv. Noch war der Morgen nicht angebrochen. Ich begleitete den Präſidenten bis an ſein Haus.„Der Himmel ſegne Sie für die Treue und Liebe, die Sie mir bewieſen haben,“ ſagte er beim Abſchiede zu mir. Im nächſten Augenblicke ſchlüpfte er durch eine enge Pforte in ſei⸗ nen Garten und ich kehrte mit ſchwerem Herzen nach Hauſe zurück. Zwei Tage darauf war das Unglück entſchieden. Der Präſident ſchmachtet im Gefängniß⸗ und der Bube, der ihn und das Land verrathen hat, herrſcht als unumſchränkter Gebieter. Ich kann nicht mehr ſchreiben, lieber Sohn. Suche Paul auf und tröſte ihn, wenn du kannſt. Der beſte Troſt für ihn wird ſein, daß du ihm ſagſt, wie alle Guten im Lande um ſeinen Vater trauern und wie Keiner auch nur im Entfernteſten an ſeine Schuld glaubt. Gott behüte dich, lieber Sohn! Dein treuer Vater.“ Eine kurze Nachricht war dem Briefe noch hinzu⸗ gefügt.„Auch mich hat der Blitzſtrahl getroffen,“ lau⸗ tete ſie.„So eben empfange ich meine Dienſtentlaſ⸗ ſung, weil ich auf das Archiv ſorgfältiger hätte Acht geben müfſen. Laß es dich nicht kümmern, Erich. Ich und die Mutter ſind jetzt allein, wir bedürfen nur wenig, und daher wird es uns an Brod nicht fehlen, ſollte ich's auch nur durch Abſchreiben verdienen. Der alte Gott lebt noch, mein Junge, und auch ſein Segen ſehlt nicht. Ich fuͤhle mich keiner Schuld 101 bewußt; das tröſtet, und macht mich fröhlich in dem errn!“ Erich las den Brief wieder und wieder. Je mehr er ſich mit den Unglücksnachrichten, die er enthielt, ver⸗ traut machte, deſto ruhiger wurde er in ſeinem Gemüth. Was war denn am Ende Alles auch weiter, als eine neue Prüfung Gottes? Sie mußte mit Geduld und Ergehung getragen werden.»Ich will zu Paul gehen,“ ſagte er vor ſich hin.„Niemals bedurfte er eines Freundes nöthiger, als jetzt, und darum ſoll ihm der Freund auch nicht fehlen.“ Ohne Zögern machte er ſich auf, ſteckte den Brief ſeines Vaters in die Taſche und begab ſich zu Paul. Das verſtörte Ausſehen deſſelben zeigte ihm ſogleich, daß der arme Jüngling ſchon Alles wußte. Das war ihm lieb, brauchte er doch nun nicht der Erſte zu ſein, der ihm die traurigen Mittheilungen machte. „Mein guter, theurer Paul!« ſagte er, indem er ihn in ſeine Arme ſchloß,„das iſt ein großes Ungluͤck! Nicht wahr, da braucht man Kraft von Oben, um es zu tragen!“ „Weißt du es auch ſchon?« rief Paul aus.„Oh, mein Vater! Mein theurer Vater! Er iſt unſchuldig, er ſelbſt ſchreibt es mir, und doch, doch wagt es die Bosheit, Hand an ſein graues Haupt zu legen!« Seine Stimme brach in Thränen und voll Ver⸗ zweiflung warf er ſich auf das Sopha und ſtöhnte zum Herzbrechen. Erich ſprach ihm freundlich zu, erzählte ihm von dem Briefe ſeines Vaters, las ihm denſelben vor, und ſuchte ihn auf jede Weiſe zu tröſten und auf⸗ zurichten. Lange blieben alle ſeine Bemühungen frucht⸗ los. Der Schlag war zu unerwartet gekommen und 10² hatte das Herz des unglücklichen Jünglings zu ſchwer getroffen, als daß er die verlorene Faſſung ſogleich hätte wieder gewinnen können. Allmälig aber ſänf⸗ tigte ſich der brennende Schmerz, den Paul empfand, und die innige, unerſchütterliche Ueberzeugung von der Schuldloſigkeit ſeines Vaters, die auch durch Ehren⸗ frieds Brief beſtätigt wurde, gab ihm endlich ſo viel Kraft, daß er ſeine Lage ruhiger in's Auge faſſen konnte. „Was ſoll ich thun, Erich, was kann ich thun?« fragte er.„Meines Bleibens iſt natürlich hier nicht länger. Sie haben mir Alles, Alles genommen, und ich bin ſo arm, daß ich mir durch meiner Hände Ar⸗ beit mein Brod verdienen muß. Ach, und wie gern wollte ich dieß thun, wenn ich nur meinem Vater hel⸗ fen, zur Linderung ſeines Elends etwas beitragen könnte! Aber Er und ich, wir ſind Beide verloren! Ich ſehe nirgends Rettung, nirgends einen Schimmer von Hoffnung!“ „Und bin denn Ich nicht da, Paul, mein Freund? ſagte Erich mit ſanftem Vorwurf.„Meinſt du, ich könnte vergeſſen, was ich deiner Freundſchaft verdanke? Was mein iſt, iſt ja auch dein! Mein Zimmer, ſo klein es iſt, hat Raum für dich und mich, und mein Stipendium reicht für uns Beide aus, wenn wir auch freilich nicht in Saus und Braus leben können. Dei⸗ nem Vater aber wird Gott helfen. Glaube mir, Paul, wenn auch die Böſen zuweilen einen kurzen Triumph feiern, ihre Herrlichkeit währet nicht lange, denn der Segen Gottes, der allein reich macht an Kraft und Beſtändigkeit, fehlt ihnen. Sei getroſt, Paul! Die Prüfungen Gottes, wenn wir ſie nur mit Freudigkeit 103 tragen und uns nicht von ihnen überwältigen laſſen, führen am Ende immer zu einem herrlichen Ziele. Ge⸗ denke an Hiobs Worte:„So du nur rein und fromm biſt, ſo wird der Herr wachen über dich und wird dich aufrichten um deiner Gerechtigkeit willen“— und an die Worte des Pſalmes:„Der Herr richtet auf die Elenden und ſtößt die Gottloſen zu Boden?« Darum verzage nicht, ſondern getröſte dich: der Herr werde ſchon Alles wohl machen!“ „Du haſt Recht,“ ſagte Paul jetzt, indem er ſich plötzlich zuſammenraffte und mit raſchem, feſtem Drucke Erichs Hand ergriff.„Wunderbar haben deine Worte mein Herz ergriffen und gekräftigt!“ „Nicht meine Worte, ſondern die Worte der Schrift, die uns zum Segen vom Herrn gegeben ſind,“ entgeg⸗ nete Erich.„In ihnen freilich liegt ein unermeßlicher Schatz der Tröſtung und Heiligung.“ Paul ſtutzte.„Ha,“ ſagte er dann langſam,„ich fange nachgerade an zu verſtehen, was die Worte, die du ſchon manchmal zu mir geſprochen, die Worte: „Der Segen des Herrn macht reich,“ für eine tiefe Bedeutung haben. Ich fühle mich wahrlich auf einmal reich an Hoffnung und Freudigkeit. Erich, wie dürfen wir verzagen, wenn der Himmel uns verheißt, er wolle die Gottloſen zu Boden ſtoßen und der Elenden ſich erbarmen! Sage mir nichts mehr, Erich! Es bedarf deſſen nicht— mein zerſchlagenes Gemüth iſt wunder⸗ bar getröſtet, und ich denke jetzt ſchon weniger an mein Unglück, als auf Mittel und Wege, die Ränke unſeres Feindes unſchädlich zu machen und die Wahr⸗ heit an's Licht zu bringen. Mein Vater iſt unſchuldig, 194 Erich! Wohl mir, daß ich feſt daran glauben darf. Doppelte Kraft flößt dieſe Gewißheit ein.“ „Das ſind die Folgen eines reinen Wandels vor Gott und den Menſchen, der ſeine Früchte trägt früher oder ſpäter,“ antwortete Erich.„Auch das iſt ein Se⸗ gen für dich, daß du dich eines ſolchen Vaters rühmen darfſt. Wie macht auch er dich reich ohne Mühe! Komm denn, und laß uns überlegen, was du thun kannſt, um der Lüge die ſchnöde Larve vom Antlitz zu reißen. Auch mein Freund Hellmuth muß mit im Rathe ſitzen. Er iſt ein verſtändiger, wackerer Mann, auf deſſen Meinung ich großes Gewicht lege.“ Paul war ſogleich bereit, mit Erich zu gehen. Sie theilten Hellmuth die Lage der Dinge mit. Aber auch eer wußte keinen Rath in der Sache und ſann verge⸗ bens auf Mittel und Wege, die eine Ausſicht, zum Ziele zu kommen, eröffneten. Den Entſchluß Pauls, in die Reſidenz zu reiſen, ſich dem Fürſten zu Füßen zu werfen und die Gnade und Gerechtigkeit deſſelben anzuflehen, billigte er zwar, verſprach ſich aber keinen großen Erfolg davon.„Vermuthlich wird man Sie gar nicht vorlaſſen,“ ſagte er.„Denn warum? Weil ſchon das böſe Gewiſſen den Geheimerath da anſpor⸗ naeen wird, jeden Verſuch, den Fürſten aufzuklären, im Keime zu erſticken. Indeß, warum ſorgen wir und quälen uns ohne Noth? Macht denn nicht der Segen des Herrn reich ohne Mühe? Warten wir ruhig und mit Geduld ab, was uns die Zukunft bringen wird, da wir ja doch in die Unmöglichkeit verſetzt ſind, etwas Vernünftiges zu thun. Reiſen Sie in Gottes Namen, Herr von Helldorf! Laſſen Sie ſich aber auch nicht niederſchlagen, wenn Weg und Mühe umſonſt iſt 105 und nicht zum Ziele führt. Sie haben dann doch we⸗ nigſtens die Beruhigung, gethan zu haben, was in Ihren Kräften ſtand. Damit kann ſich der Menſch am beſten zufrieden geben. Die Pflicht gethan treu und gewiſſenhaft und das Uebrige Gott anheimgeſtellt, das iſt ſo meine Maxime, und ich habe mich immer wohl dabei gefunden. Reiſen Sie in Gottes Namen! Das Uebrige wird ſich wohl machen, denn Ihre Sache iſt gut.“ Noch am nämlichen Abende fuhr Paul mit dem Poſtwagen nach der Reſidenz ab. Mit Spannung ſahen Erich und Vater Hellmuth ſeiner Rückkehr ent⸗ gegen. Groß freilich war ihre Hoffnung nicht— aber immerhin— man konnte ja den Ausgang nicht vorher wiſſen, und jedenfalls war der Schritt, den Paul ge⸗ than, der einzige, der überhaupt gethan werden konnte. Kein Wunder, daß ſeine Freunde mit Begierde auf die Entſcheidung harrten. Achtes Kapitel. Fürchte dich nicht, denn du ſollſt nicht zu Schanden werden. Eſa. 54, 4. Acht Tage vergingen. Am neunten kam Paul end⸗ lich. Seine betrübte Miene ſagte den Freunden ohne Worte, daß er nichts ausgerichtet habe. 106 „Konnt' es mir wohl denken!“ rief Vater Hell⸗ muth aus.„Aber nur den Muth nicht gleich verloren! Laßt uns harren und hoffen. Manchmal fügt ſich Alles wider Erwarten und ohne unſer Zuthun ganz wunderbar herrlich. Einſtweilen habt Ihr ja Beide Einer am Anderen Troſt, und ich hoffe, Ihr laßt auch mich das Meinige dazu thun, Eure gebeugten Herzen durch ehrliche Theilnahme zu ſtärken. Das Unvermeid⸗ liche muß getragen werden, und zwar ohne Murren gegen den, der es uns auferlegt hat. Bah, die Zeit bringt zuletzt Alles an's Tageslicht. Haben Sie Ihren Herrn Vater geſprochen, Paul?« „Nein, auch dieſe Wohlthat wurde mir verſagt, ob⸗ gleich ich mich ſelbſt ſo weit demüthigte, unſeren Feind darum zu bitten. Doch hörte ich, man habe meinem armen Vater aus Rückſicht auf ſein hohes Alter und ſeine langjährigen, treuen Dienſte nicht ganz ſo ſchlimm behandelt, als ich anfangs fürchtete. Sein Gefängniß ſoll hell, geſund und geräumig ſein.« „Und von den verſchwundenen Dokumenten verlau⸗ tet noch nichts Näheres?“ fragte Erich.„Konnte auch mein Vater dir nichts darüber mittheilen?“ „Nichts!« entgegnete Paul.»Man glaubte, der benachbarte Staat würde ſie ſogleich geltend machen, um ſich den Beſitz der ſtreitigen Provinz zu ſichern, aber auch von dort iſt noch nichts erfolgt. Alle Welt wundert ſich darüber. Dein Vater, Erich, iſt übrigens gutes Muthes und hat auch mir guten Muth einge⸗ ſprochen. Er trug mir auf, dir zu ſagen, daß du dir keine Sorge um ihn machen ſollteſt; es ginge ihm wohl, da er beim Magiſtrate der Stadt einſtweilen als Schrei⸗ ber angeſtellt und ſein ſpärliches Auskommen alſo ge⸗ 107 ſichert ſei. Mit der Zeit würde ſich's auch ſchon noch beſſer machen.“ „Nun, das iſt mir eine ſehr erfreuliche Nachricht,« ſagte Erich.„Das Schickſal meines armen Vaters hat mir doch viele und ſchwere Sorge gemacht!“ „Ja, und wie ſich nun herausſtellt, ganz unnöthiger Weiſe!“ ſprach Meiſter Hellmuth.„Daß Ihr doch noch immer nicht das rechte, ächte Gottvertrauen gewin⸗ nen könnt, Ihr lieben Leutchen! Nun, mit der Zeit, hoffe ich, wird ſich's wohl beſſer machen. Hm, alſo von den Papieren noch keine Spur! Das bringt mich auf wunderliche Gedanken.“ 3 Nachdenkend ſchüttelte Vater Hellmuth den Kopf, und ſprach dann weiter:„Verloren gegangen können ſie nicht ſein, da ſie, wie aus Allem hervorgeht, alle⸗ zeit unter ſicherem Verſchluß, hinter Thür und Riegel geweſen ſind. Fortgelaufen können ſie auch nicht ſein, da ich mein Lebtage noch nicht gehört habe, daß Papie⸗ ren und Dokumenten lebendige Beine gewachſen wären! Dein Vater, Paul, kann ſie auch nicht genommen haben, aus tauſend Gründen nicht, und vorzugsweiſe ſchon deßhalb nicht, weil er ein rechtſchaffener Mann iſt. Wer hat ſie alſo genommen? Der Nachbarſtaat gewiß nicht, denn ſonſt würde er damit herausrücken. Nun, Kinder, wer hat ſie alſo im Beſitz?“ „Ja nun, das iſt ja eben die Frage,“ ſagten Paul und Erich.„Wenn wir das wüßten, ließe ſich am Ende wohl Rath ſchaffen,“ fügte Erich hinzu. 4 „Nun, was gebt Ihr mir, wenn ich's Euch ſage!“ ſprach Meiſter Hellmuth lächelnd.„Seht, ich habe mir da ſo ein Geſchichtchen zuſammengedacht, das manchen dunkeln Punkt aufklärt, und es ſollte mich wundern, * wenn ich den Nagel nicht auf den Kopf getroffen hätte. Liegt ja ſchon in meinem Handwerk, daß ich ihn treffen muß; wäre ein ſchlechter Schloſſer, wenn ich immer vorbei ſchlüge. Nun, rathet einmal, was ich meine.“ 3 Paul und Erich ſannen hin und her, konnten aber das Rechte nicht treffen. „Wohlan, ſo hört mir zu, und entſcheidet dann, ob ich mit meinen Vermuthungen nicht allzuweit vorbei⸗ ſchieße,“ ſagte Meiſter Hellmuth.„Das ſteht einmal feſt, daß die Dokumente verſchwunden ſind, und es handelt ſich nur noch um die Frage, wo ſtecken ſie? Ich behaupte aber, nicht allein, daß der Geheimerath da, Schweritz oder Selbitz oder wie er heißt, die Pa⸗ piere entwendet hat, er beſitzt ſie noch zu dieſer Stunde und geht mit dem Gedanken um, ſie gegen ein gutes Stück Geld an den Nachbarſtaat zu verkaufen. Auf⸗ gepaßt, wie ich zu dieſer Vermuthung komme. Erſtens hat der Selbitz da durch den Rechtsſtreit von den Do⸗ kumenten Nachricht bekommen und kennt die Wichtigkeit derſelben ohne Zweifel eben ſo genau, oder vielmehr noch viel genauer, als wir. Da hat er gedacht: „Wenn es dir gelänge, ſie heimlich an dich zu bringen, ſo gewännſt du Folgendes: Zunächſt die erſte Stelle im Lande nach dem Fürſten. Denn, da der Verdacht einer Entwendung nicht auf dir, ſondern auf dem Präſidenten ruhen müßte, ſo müßte der Präſident in Ungnade fallen, ſeines Amtes entſetzt, und du an ſei⸗ ner Stelle zum Präſidenten ernannt werden. Zweitens gewänneſt du ein gutes Stück Geld. Denn du wür⸗ deſt ohne Gefahr für dich ſelbſt die bewußten Doku⸗ mente an den benachbarten Staat verkaufen können, 109 der ſie, weil er einen ungeheuren Vortheil davon hat, ohne Zweifel mit Tonnen Geldes aufwiegen wird. Die Schmach des Verrathes aber fällt auf den Präſi⸗ denten, der auf keine Weiſe ſeine Unſchuld darthun kann, indem der Nachbarſtaat ſich hüten wird, unſere Verhandlung zu veröffentlichen. Du aber, Scherwitz oder Selbitz, du haſt den Gewinn davon!« So hat der Schelm gedacht, und nach dem Gedanken gehan⸗ delt. Ein Nachſchlüſſel läßt ſich bald herbeiſchaffen. Hat man ihn, ſo öffnet man die Thüren des Archivs, ſteckt die Papiere in die Taſche, und ſchleicht davon, wie die Katze, wenn ſie Milch geleckt hat. Alles Uebrige findet ſich dann von ſeloſt. Ein gelegentlicher Wink an den Fürſten veranlaßte eine Unterſuchung— die Papiere werden nicht gefunden— der Herr Prä⸗ ſident wird verhaftet und kann ſie nicht herbeiſchaffen — wird verurtheilt— und der Spitzbube hat gewon⸗ nen Spiel. So hat er gedacht, und Alles iſt richtig auch ſo eingetroffen. Der Schurke iſt Präſident ge⸗ worden und der redliche Mann verhaftet. Der Schurke verhandelt jetzt mit dem Nachbarſtaat, um ſich einen guten Preis für ſeinen Schandſtreich zu ſichern, und der redliche Mann ſchmachtet im Kerker und iſt ſeiner Habe beraubt. So weit iſt dem Schurken Alles ge⸗ lungen— aber nun wollen wir abwarten, was der liebe Gott dazu ſagen wird, denn zu Ende ſind wir noch nicht. Wären wir's, ſo hätte der Nachbarſtaat mit den Dokumenten bereits Lärm geſchlagen. So aber hängt die Sache noch in der Schwebe und Alles kann noch gut für uns ablaufen, wenn ich auch noch nicht ſehe, wie und auf welche Weiſe. Aber ich habe es ſchon ſo manchmal erlebt, daß dergleichen Spitzbuben 110 ſich in ihren eigenen Schlingen fangen, daß ich noch lange nicht alle und jede Hoffnung aufgeben mögte, wenn auch die Sachen noch ſchlimmer ſtünden. Macht Ihr's auch ſo! Oder meint Ihr, daß ich mit meinen Berechnungen und Vorausſetzungen in's Blaue hinein ſchieße?“ „Nein, nein und tauſend Mal nein?« rief Paul aufgeregt aus.„Die Sache verhält ſich ſo, wie Sie ſagen, Meiſter, denn nur ſo allein klärt ſich das völlige Stillſchweigen über die Dokumente und das ſpurloſe Verſchwinden derſelben auf. Ha, wer jetzt einen Freund, der's ehrlich meinte, drüben im Nachbarſtaate hätte! Aber auch das würde ja nichts helfen! Die Lockung iiſt zu verführeriſch, der Gewinn zu groß! Sie werden den Schurkenlohn bezahlen und dafür die ſchöne Pro⸗ vinz in die Taſche ſtecken. Was kümmert ſie's, daß ſie dabei den ehrlichen Namen meines Vaters an den Pranger ſchlagen!“ „Nicht ſo heftig und voreilig, Freund!“ ſagte Mei⸗ ſter Hellmuth bedächtig.„Ja, die Jugend, die Ju⸗ gend! Immer läuft ihr das Herz mit dem Kopfe da⸗ von, wenn das junge Blut einmal ſchäumt und über⸗ wallt. Laßt uns die Sache ruhig abwarten, Kinder. Zweierlei kann ſich zutragen. Entweder iſt der Staat drüben ſo ehrenhaft, auf die Spitzbüberei gar nicht einzugehen— oder, er geht darauf ein. Tritt das Letztere ein, ſo bleibt uns freilich nur geringe, oder, die Wahrheit zu ſagen, gar keine Hoffnung, indem bei⸗ den Theilen daran liegen muß, die Schelmerei möglichſt geheim zu halten. Im erſteren Falle aber haben wir Alles für uns. Sie, Paul, brauchen dann nur den benachbarten Fürſten davon zu unterrichten, wie man — 111 Ihren Vater behandelt hat, und die Folge davon wird ſein, daß man, um die Unſchuld deſſelben zu beweiſen, die Briefe des Herrn Geheimerath Selbitz an Sie aus⸗ liefert. Was Sie dann damit beginnen, iſt Ihre Sache — aber ich glaube, verbrennen werden Sie ſie nicht. Warten wir ruhig ab, was geſchieht. Das iſt das Beſte, was wir vorläufig thun können.“ Erich nicht nur, ſondern auch Paul ſah ein, daß Meiſter Hellmuth Recht hatte, und ſuchte ſeine Aufre⸗ gung zu bewältigen. Was würde es ihm auch gehol⸗ fen haben, wenn er vielleicht den Geheimerath zur Rede geſtellt, oder ihn öffentlich des Verraths angeklagt hatte? Der Schelm würde natürlich Alles geläugnet, jede Beſchuldigung zurückgewieſen und vielleicht ſich ſchwer nnd bitter an dem ſchutzloſen Paul gerächt 3 haben. Nein, das Beſte war und blieb, ruhig auszu⸗ harren und zu erwarten, ob der Nachbarſtaat den* Bubenſtreich des Geheimeraths unterſtützen würde oder nicht; bis dahin aber keine Andeutung oder Beſchuldi⸗ gung irgend einer Art laut werden zu laſſen. Erich und Paul führten von nun an ein ſtilles und zurückgezogenes Leben, wie Erich es ſchon immer gewohnt war. Paul kündigte ſeine Wohnung auf und zog mit auf Erichs Stube. Seine koſtbarſten Habſeligkeiten, Uhren, Ringe, Ketten, Tuchnadeln und all dergleichen Pretioſen verkaufte er für ein paar hundert Thaler, die nun ſein ganzes Vermögen aus⸗ machten. Er gab ſie Erich, der ſie lächelnd in ſein Pult einſchloß und den kleinen Schatz wohl aufzube⸗ wahren verſprach.— „Vor der Hand brauchen wir ihn nicht, da wir an meinem Stipendium genug haben, wenn wir uns 4 112 einſchränken,“ ſagte er.„Anfänglich wird dir das freilich ſchwer fallen, mein guter Paul, aber mit der Zeit, wenn du die Leiden überſtanden haſt, wirſt du auch die Freuden der Dürftigkeit kennen lernen, über die du dereinſt mit deinen reichen Kameraden ſpotteteſt. dn wirſt dich überzeugen, daß ſie gar ſo übel nicht ſind.« 3 Paul erröthete und wollte nicht zugeben, daß die Summe unbenutzt liegen bliebe. Wie kannſt du ver⸗ langen, daß ich dich auch des Wenigen noch beraube, was du beſitzeſt,“ ſagte er. „Was ich beſitze, verdanke ich dir,s entgegnete Erich.„Erinnere dich nur, wer mir das verlorene Sti⸗ pendium wieder verſchaffte. Doppelt freut es mich jetzt, da ich es mit dir theilen kann. Du ſiehſt, Paul, keine gute That bleibt am Ende ohne Lohn! Wäre damals deine freundliche Theilnahme an meinem Schickſale nicht geweſen, ſo würde es uns jetzt gewaltig knapp gehen. Aber ſo, mit jährlichem Hundert und fuͤnfzig ſind wir ja ſteinreiche Leute. Nur munter, Paul! Es wird ſchon gehen!“ Und es ging— wirklich, es ging ganz ordentlich! Freilich im Anfange kam es unſerem Paul, der von Jugend auf an Reichthum und Ueberfluß gewoͤhnt war, wunderſeltſam vor, wenn er zum Frühſtück und Abend⸗ eſſen oft nur ein Stück ſchwarzes Brod mit etwas Salz, anſtatt des vormaligen Bratens verzehren konnte, aber nicht lange, ſo hatte er ſich mit dieſer einfachen Koſt befreundet, als ob er von Kindheit an nichts Anderes gehabt hätte. Er lernte den Ueberfluß des Lebens mit Gleichmuth betrachten, und erklärte ſelbſt, daß er ſich, was ſeine körperliche Geſundheit anbeträfe, noch nie ſo wohl befunden habe, als bei der jetzigen, beſchränkten Lebensweiſe. Die Freuden Erichs wurden bald auch die ſeinigen. Er fand Genuß an der Arbeit, doppelten Genuß an einem Spaziergange, den er ſich täglich in Geſellſchaft Erichs und des Meiſter Hell⸗ muth zu machen gewöhnte, und wie ſein Reichthum an Kenntniſſen, an Kraft und Geſundheitsfülle zunahm, lernte er auch den Reichthum jener kleinen Freuden kennen, die Erich ihm dereinſt ſo geprieſen hatte. Mit anderen Augen, als früher, ſah er die Schönheiten der Natur, den Aufgang und Untergang der Sonne, das funkelnde Heer der Sterne, den grünen Wald, die blitzenden Wellen des Fluſſes. Die Selbſtüberwindung ſogar, zu der er ſich in Folge ſeiner beſchränkten Um⸗ ſtände gezwungen ſah, wurde für ihn zu einer unge⸗ trübten Quelle der reinſten Freude. Mäßigkeit zu üben, wurde ihm zum Genuß; die Arbeit, vor der er ſonſt wohl zuweilen eine gewiſſe Scheu gehabt, wurde ihm ein Vergnügen. Er ſah ein, daß der eigentlichen Bedürfniſſe der Menſchen nur wenige ſind; denn die Natur, ſo lange ſie einfach und unverdorben iſt, läßt ſich an Geringem genügen, und die Geſundheit, der außeren Güter köſtlichſtes, iſt und bleibt um ſo friſcher und blühender, je regelmäßiger und frugaler die Lebens⸗ weiſe iſt. Man kann dabei nur gewinnen; denn dem geſunden Armen und Hungrigen mundet und ſchmeckt die gewöhnliche alltägliche Speiſe beſſer, als die ſeltene, viel gewürzte dem Reichen und Mächtigen. Die Natur gleicht jeden Unterſchied aus, und Luther ſagt eben ſo wahr als einfach:„Was der liebe Gott nicht am Bette gibt, gibt er am Schlafe.“« Sattheit und Trägheit fühlt ſich unbehaglich, und kein Menſch iſt ärmer und 8 3 Der Segen. 114 genießt weniger das Leben, als der Begüterte an koſt⸗ barer Tafel, der zu ſeinem Bauche ſagt:„Du biſt mein Gott!« Wer alle Tage im Ueberfluſſe lebt, hat keine Feſttage mehr und wird verdrießlich und mißmu⸗ thig. Aus der Kunſt des Entbehrens geht die Kunſt des Genuſſes hervor. Kein Menſch iſt froher und vergnügter, als der Geſunde und Genügſame, mag er 4 auch mit den kleinen Leiden der Dürftigkeit zu kämpfen haben; nur der iſt glücklich und frei, der die wenigſten Bedürfniſſe hat. Dieſe Wahrheiten ſah Paul wohl ein, und hielt ſte hoch im Werthe. Aber freilich, die beſten Schätze, die er in Folge der Dürftigkeit gefun⸗ den hatte, blieben doch immer die Herzen ſeiner Freunde, das liebevolle Gemüth Erichs, das ſich in ſeiner ganzen Füͤlle und Tiefe ihm öffnete, und die treue Gutmüthigkeit Meiſter Hellmuths, die ſich bei jeder Gelegenheit bethätigte und beſtätigte. „Wahrlich!« rief er zuweilen aus—„wenn nicht der Gedanke an das unglückliche Geſchick meines Va⸗ ters wäre, ich würde mich glücklicher bei meiner Armuth fühlen, als jemals bei allem Reichthum. Die beſten Schätze ſind doch die, welche uns Gott in unſer eige⸗ nes Herz gelegt hat. Wenn wir nur immer verſtünden ſie auszubeuten!“ Keinen Tag verſäumten übrigens unſere Freunde, die öffentlichen Blätter zu leſen, um über den Rechts⸗ ſtreit der beiden Länder etwas Näheres zu erfahren. Mit beſorgtem Gemüth überflogen ſie die Zeilen und athmeten erleichtert auf, wenn ſie nichts berichteten, was dazu dienen konnte, ihre Befürchtungen zu beſtä⸗ tigen. Der ganze Handel ſchien zu ruhen— von der ſtreitigen Provinz wurde nichts erwähnt, und nach⸗ 115 gerade gaben ſich unſere Freunde der Hoffnung hin, daß wenigſtens Eine Frucht der Bosheit nicht zur Reife gekommen, daß der benachbarte Staat zu ehrlie⸗ bend ſei, um auf die verrätheriſchen Anträge des Ge⸗ heimerath Selbitz einzugehen. Aber wie ſollten ſie nun Gewißheit darüber erlangen, ob denn auch in der That dergleichen Anträge gemacht worden waren? Das ſchien unſeren Freunden eine ſchwierige Aufgabe, und je genauer ſie alle Möglichkeiten einer Löſung derſelben in Ueberlegung zogen, deſto unglücklicher erſchien ihnen dieſelbe. Meiſter Hellmuth kam immer auf ſeinen ſchon früher gemachten Vorſchlag zurück und drang in Paul, ſeine Lage dem edlen Fürſten des Nachbarlandes anzuvertrauen. Aber Paul zögerte, dieſen Schritt zu thun, als ob er ſich fürchtete, auch die letzte Hoffnung zu zerſtören, die ihm noch geblieben war. Was ſollte geſchehen, wenn man ſeine Bitte nicht berückſichtigte, ſein Schreiben gar keiner Antwort würdigte? Der Gedanke an, eine ſolche Folge des gewagten Schrittes ſchien ihm ſchrecklich. Und doch, was blieb ihm am Ende weiter übrig? Die Würfel mußten geworfen werden— wie ſie fielen, das konnte Gott allein wiſſen wie Er allein auch das Schickſal unſerer Freunde len⸗ ken konnte. Paul ſchrieb an den Fürſten. Lange Tage und Wochen harrte er auf Antwort. Mit ſchwe⸗ rem Herzen ſah er täglich den Poſtboten kommen und vorübergehen. Für ihn brachte derſelbe nichts. Paul gab endlich jede Hoffnung auf, und es bedurfte in der That der treueſten Anhänglichkeit und Theilnahme ſei⸗ ner Freunde, um ihn in dieſen kummervollen Tagen der getäuſchten Erwartung aufrecht zu erhalten.„Die Bosheit und Schlechtigkeit triumphirt!“« ſagte er ſchmerz⸗ 8* lich, und Erich, ſonſt immer voll Muth, Standhaftigkeit und Ausdauer, fand in dieſem Falle keine Worte zum Widerſpruch. Vater Hellmuth allein verlor die Hoff⸗ nung nicht. Seine Rede war und blieb:»Nur Ge⸗ duld, Kinder! Harret aus in Trübſal und ſeid ge⸗ troſt! Der Herr wird Euch nicht verlaſſen noch ver⸗ ſäumen! Sein Segen wird über Euch kommen, wie † ein warmer Regenſchauer über die dürſtenden, verſeng⸗ ten Felder, die lange vergeblich warteten, daß die Schleuſen des Himmels ſich öffneten. Nur nicht gezagt — Gott wird es wohl machen, wenn die rechte Zeit gekommen iſt!“ So ſprach er, während die Herzen ſeiner jungen* Freunde voll Sorge und Kleinmuth waren. Wenn er. auch nicht ganz die Abſicht erreichte, ſie zu erheben 1 und hoffnungsfrendig zu erhalten, ſo erreichte er doch wenigſtens ſo viel, daß ſie nicht gänzlich widerſtandlos ihrem Kummer ſich hingaben. Das Uebrige werde dann ſchon die Zeit thun, meinte der wackere Mann, und verließ ſich in ſicherem Vertrauen völlig auf Gott und die gute Sache. Neuntes Kapitel. Der Segen des Herrn macht reich. An einem ſchönen Sommerabende gingen Paul und Erich am Ufer der Saale entlang. Auf dem Wellen⸗ 5** ſpiegel des Fluſſes fuhr langſam ein kleiner Nachen. Ein hübſcher Jüngling ſaß darin, zu ſeinen Füßen ein großer Hund von ausnehmender Schönheit, und am anderen Ende des Kahnes ein Knabe, der mit leichtem Ruderſchlage das kleine Fahrzeug lenkte. Die ſcheiden⸗ den Lichter der Sonne lagen hell und glänzend auf dem Waſſer. In den Büſchen am Uferrande ſangen die Vögel. Ein höchſt anmuthiger und erquicklicher Abend war es, und Paul ſowohl wie Erich empfanden ſeine ruhige, ſtille Schönheit tief in Herz und Gemüth. Einen Augenblick betrachteten ſie den langſam hinglei⸗ tenden Nachen, und wechſelten einige Worte über den Jüngling, der darin ruhte und träumeriſch den Kopf in die Hand geſtützt hielt. „Auch er freut ſich der Abendſchöne,“ ſagte Paul leiſe zu ſeinem Freunde.„Gewiß iſt er ein guter Menſch— ſieh, wie freundlich er den Knaben anlächelt — ah, er kehrt noch einmal um, um noch länger dieſe köſtliche Luft zu athmen— aber, mein Gott! Was iſt das? Raſch, Erich!“ Ein gellender Schrei klang vom Waſſer herüber. Mochte der Knabe ungeſchickt gewendet, oder eine Be⸗ wegung des Jünglings und ſeines Hundes den klei⸗ nen, winzigen Nachen aus dem Gleichgewicht gebracht haben, kurz, das Fahrzeug ſchlug um und Knabe, Jüngling und Hund plätſcherten im Waſſer und ran⸗ gen mit haſtigen Bewegungen gegen den Strom. Auf den erſten Blick ſahen Paul und Erich, daß wenigſtens der Jüngling nicht ſchwimmen konnte. Aber ſie Beide waren tuͤchtige Schwimmer. Im Nu warfen ſie die Röcke ab, ſtuͤrzten ſich in den Fluß, und theilten mit raſchen Armen die Wellen. Bald hatten ſie die Stelle 118 erreicht, wo der Jüngling nur noch mühſam und mit der verzweifeltſten Anſtrengung um ſein Leben kämpfte. Schon verließ ihn Athem und Kraft, und es war hohe Zeit, daß Hülfe kam.„Angegriffen, Paul!“ ſchrie Erich.„Um den Jungen kümmere dich nicht, er ſchwimmt wie eine Ente. Aber hier— ha, er taucht ſchon unter— haſt du ihn?“ „Feſt genug,“ entgegnete Paul.»Nur geſchwind, daß wir ihn erſt an's Ufer ſchaffen.“ Vorſichtig und mit großer Geſchicklichkeit hielten Paul und Erich den Kopf des Verunglückten über dem Waſſer und ſteuerten dem Ufer zu, das zum Glück an dieſer Stelle nicht ſteil war. Der große Hund ſchwamm dicht hinter ihnen her. Glücklich kamen alle an's Land. Paul und Erich zogen den Geretteten hinauf und be⸗ mühten ſich, ihn in's Leben zurückzurufen. Rührend war es zu ſehen, wie der Hund ſie dabei zu unter⸗ ſtützen ſuchte, indem er Geſicht und Hände ſeines Herrn leckte, und nur zuweilen inne hielt, um ein kläg⸗ liches Geheul auszuſtoßen. Es dauerte indeß nicht lange, ſo ſchlug der Jüngling die Augen auf, und er⸗ munterte ſich ſchnell zu vollem Bewußtſein. Der Hund bellte und jauchzte ordentlich vor Freuden. Mit großen Sprüngen tanzte er um ſeinen Herrn her, und gab fi nicht eher zufrieden, als bis er einige Liebkoſungen von der Hand deſſelben erſchmeichelt hatte. Nun erſt legte er ſich ſtill nieder, und geſtattete großmüthig, daß ſein Herr ſich auch zu Paul und Erich wenden durfte. „Wie ſoll ich Ihnen danken, meine Herren!“ ſagte dieſer.„Sie haben mir das Leben gerettet! Großer —— 119 Gott, wenn ich bedenke, was mein Vater.. Wie, wie kann ich Ihnen danken!“ Mit lebhafter Innigkeit ergriff der Jüngling die Hände ſeiner Retter, und ſchaute ſie mit einem Blicke an, der von der herzlichſten Dankbarkeit ſtrahlte. „Aber Sie haben wirklich nicht nöthig, ſo großen Werth auf den kleinen Dienſt zu legen, den wir ſo glücklich waren, Ihnen leiſten zu können,“ ſagte Paul. „Ihr Hund hat das Beſte bei der Sache gethan, in⸗ dem er Sie über dem Waſſer hielt, bis wir kamen. Wir brauchten dann weiter nichts zu thun, als das vaniſenäen zu vollenden. Ein prächtiger Burſch, Ihr und!“ „Ja, gewiß, ein treues, gutes Thier, der Nero!« antwortete der Jüngling.„Aber ſein Beiſtand mindert die Schuld der Dankbarkeit nicht, die Sie mir aufer⸗ legt haben. Gewiß, wir müſſen Freunde werden, denn nur durch treue Freundſchaft kann ich Ihnen einiger⸗ maßen vergelten!“. Paul zuckte die Achſeln.„Nicht ſo ſchnell!« ſagte er lächelnd.»Mit unſerer Freundſchaft wäre Ihnen am Ende wenig gedient, denn wir Beide ſind ein paar ganz blutarme Studenten, während Sie, nach Allem zu urtheilen, reich und..“ „Ah, ich bitte— nichts von dergleichen,“ fiel ihm der Jüngling raſch in das Wort.„Ich bin hier auch nichts weiter, als Student, und wenn Sie die Hand verſchmähen, die ich Ihnen biete, ſo werden Sie mich tief und ſchmerzlich betrüben!« Freundlich nickte Paul ihm zu, ſchuͤttelte ihm die Hand, und ſagte, indem er gutmüthig ſchalkhaft Erich anblickte:„Nun, ich meine, wenn die Sachen ſo ſtehen dürfen wir's ſchon wagen, ihn in unſeren Freund⸗ ſchaftsbund als den Dritten oder eigentlich Vierten aufzunehmen. Aber lieber, neuer Freund, verſprechen Sie ſich weiter nichts von uns, als höchſtens zuweilen eine leidliche Unterhaltung und nebenbei treue Anhäng⸗ lichkeit. In dieſen beiden, in den Augen der meiſten Menſchen ſehr überflüſſigen Schätzen beſteht unſer beſtes Hab und Gut!“ „Nach meiner Anſicht aber iſt treue Anhänglichkeit überhaupt der beſte Schatz, den man gewinnen kann!“ entgegnete der Jüngling herzlich.„Alſo Freunde für immer!“ „Gewiß, wenn Gott ſeinen Segen dazu gibtl« ſag⸗ ten Paul und Erich, und eine innige Umarmung be⸗ kräftigte den geſchloſſenen Bund. „Aber wo iſt denn der kleine Schifferjunge geblie⸗ ben?« fragte Paul plötzlich, um der allzu feierlichen Stimmung eine andere Richtung zu geben. „Hier bin ich, liebes Herrchen!“ antwortete eine Stimme vom Waſſer her, und mit hellen Augen blickte der muntere Burſch, dem ſie angehörte, zum Ufer auf. † Seinen Kahn hatte er bereits wieder eingefan⸗ gen und ſchien ganz vergnügt, daß Alles ſo gut abge⸗ laufen war.„Wollen Sie wieder einſteigen?« fuhr er fort.„Zum zweiten Male werfen wir gewiß nicht um!« „Nein, nein, ich will gehen, um wieder warm zu werden,“ erwiederte der Fremde, und gab dem Knaben ein Stück Geld. Dieſer fuhr luſtig davon, und unſere Freunde kehrten raſch nach der Stadt zurück. Es that ihnen Allen Noth, daß ſie die Kleider wechſelten, denn ſie waren natürlich naß bis auf die Haut. Erſt, als „ 121 ihr Weg ſich ſchied, fragten ſie einander nach dem Namen. Der junge Fremde nannte ſich Graf Saldern. Als er zum letzten Male ſeinen Lebensrettern die Hände ſchüttelte, verſprach er, ſie am nächſten Morgen in aller Frühe zu beſuchen, und eilte dann raſch davon. Paul und Erich aber kehrten, ehe ſie nach Hauſe gin⸗ gen, noch einmal bei Meiſter Hellmuth ein, um dieſem von dem erlebten Abentheuer Kunde zu bringen.»Al⸗ les gut!“ ſagte er.„Ihr ſeid wackere Jungen Beide — aber nun packt Euch nach Hauſe und legt Euch zu Bett, damit Ihr nicht noch eine Erkältung davon tragt. Thee will ich Euch kochen und hinüber bringen. Marſch!“ Lachend gingen Paul und Erich davon, um den empfangenen Rath, der allerdings gut und zweckmäßig war, pünktlich zu befolgen. Später kam Vater Hell⸗ muth mit einer mächtigen Theekanne anmarſchirt, und bei dieſem labenden Tranke wurde denn noch bis in die Nacht hinein erzählt und geplaudert. Vater Hell⸗ muth war ſehr neugierig auf die Bekanntſchaft des neuen Freundes, und Erich mußte ihm verſprechen, denſelben am nächſten Morgen hübſch ordentlich vorzu⸗ ſtellen. Erich ſagte es zu, und zufrieden ging Meiſter Hellmuth nach Hauſe. Die Sonne ſchien bereits hell zum Fenſter herein, als Paul und Erich von einem leiſen Klopfen an ihre Thur erwachten.„Herein!“ rief Paul— und herein trat Graf Saldern, der mit fröhlichem Angeſicht die Langeſchläfer begrüßte. „Aber nun auch auf!“ ſagte er.„Der Morgen iſt ſo ſchön, daß wir ihn nothwendig im Freien zubringen müſſen. Es plaudert ſich noch einmal ſo gut mitten im Grün der ſchönen Natur!« „Alles gut und ſchön,« ſagte Paul—„aber Sie bedenken nicht, Freund, daß unſere Kleider von geſtern her noch klitſchnaß ſind.“ »Nun, ſo ziehen Sie andere an!“ erwiederte Graf Saldern lächelnd. „Ja, wenn wir hätten!“ entgegnete Paul lachend. „Da ſiehſt du nun, Erich, wie gut es geweſen wäre, wenn du mir gefolgt hätteſt! Schon ſeit Wochen habe ich ihm zugeredet, daß wir uns einen neuen Anzug kaufen müßten, und nie wollte er darauf eingehen! Da haben wir's nun!“ „Freilich!“ ſagte Erich erröthend.„Wenn nur nicht das Beſte gefehlt hätte, nämlich Geld!« „Ach, Thorheit!« rief Paul, und wendete ſich zu Saldern.„Sehen Sie, lieber neuer Freund, das iſt nun nichts wie der pure Eigenſinn von ihm Den ganzen Kaſten da haben wir voll Geld, und er iſt nur zu geizig, um etwas davon zu nehmen!“ Erich vertheidigte ſich gegen dieſe Anſchuldigung, und das Ende davon war, daß Graf Saldern auf's Genaueſte von der Lage und den Verhältniſſen ſeiner neuen Freunde unterrichtet wurde. Mit tiefem Ernſte hörte er auf die Erzählung von Pauls Schickſalen. Erſtaunt, verwundert, betroffen, und dann wieder froh⸗ herzig ſchaute er drein, und wußte manches wohlge⸗ meinte, tröſtende Wort an Paul zu richten.„Harren Sie aus in Geduld,“ ſagte er.„Die Hülfe Gottes iſt manchmal näher, als Sie denken. Bis ſie kommt, laſſen Sie uns treu zuſammenhalten i in Liebe und Freund⸗ ſchaft. Davon genug jetzt. Vor allen Dingen müſſen wir nun Kleidungsſtücke herbeiſchaffen. Haben Sie nicht Jemand in der Nähe, den man einen Weg aus⸗ ſchicken kann?« „Oh gewiß, klingeln Sie nur,“ ſagte Erich.»Unſere treffliche Frau Günther wird uns augenblicklich einen Boten beſorgen.“ Graf Saldern ging hinaus. Kaum eine halbe Stunde ſpäter kam ein Burſche mit einem mächtigen Packen Kleidungsſtücke anmarſchirt, und Saldern for⸗ derte Paul und Erich auf, ſich nach Belieben das Nöthige auszuſuchen. Erich zögerte und warf einen unſchlüſſigen Blick auf Paul. Saldern bemerkte es. „Die Sachen ſollen nicht von Pauls Gelde bezahlt werden,“ ſagte er lächelnd.„Gewiß werdet Ihr Beide mir geſtatten, Euch wenigſtens den Schaden zu erſetzen, den Ihr durch mich erlitten habt.“ Erich zauderte noch immer, aber Paul ſagte raſch: „Saldern hat Recht! Ich fühle, daß ich an ſeiner Stelle eben ſo handeln und mich ſchwer beleidigt füh⸗ len wurde, wollte man meine gute Abſicht verkennen. Uebrigens wird Saldern auch bald einſehen, daß wir, obgleich arm, doch keine Schmarotzerpflanzen ſind. Zu⸗ gegriffen, Erich!“ Erich überwand ſeine falſche Scham, und nahm mit frohem Herzen das Geſchenk an, was von einem dankbaren Herzen gegeben wurde. Raſch kleideten ſich nun die beiden Freunde an, und begaben ſich mit Saldern zu dem wackeren Meiſter Hellmuth, der keine kleinen Augen machte, als er auf einmal die geputzten Jünglinge in ſeine Stube treten ſah. Er hieß indeß Alle, auch Saldern, herzlich willkommen, und war mit dieſem Letzteren bald eben ſo vertraut, als mit Erich und Paul. Man konnte recht ſehen, daß hier lauter gute Menſchen beiſammen waren, da ſie ſich gleich ſo recht von Herzensgrunde lieb gewannen. Seit dieſer Zeit verging nicht leicht ein Tag, an welchem die vier Freunde nicht wenigſtens auf einige Stunden beiſammen waren. Näher und näher ſchloſſen ſie ſich an einander, je mehr ſie gegenſeitig ihren inne⸗ ren Werth kennen und ſchätzen lernten. Der glücklichſte von Allen war ohne Zweifel Graf Saldern, deſſen inniges Gemüth die Segnungen der Freundſchaft, die ihm ſo plötzlich wie aus dem Himmel in den Schooß gefallen waren, in ihrem ganzen Umfange zu würdigen wußte. Auch Erich und Meiſter Hellmuth waren hei⸗ ter und frohen Muthes, und nur Paul allein hatte Stunden tiefer Schwermuth und Betrübniß, deren Bit⸗ terkeit ſelbſt die treue Liebe ſeiner Freunde nicht ver⸗ ſüßen konnte. Der Arme! Er litt weniger für ſich ſelbſt, als für den geliebten Vater, deſſen hartes und trauriges Schickſal mit beugender Wucht auf ſeinem Herzen lag. In ſolch' einer ſchwermuthsvollen Stunde war es, als Graf Saldern eines Tages mit freudeſtrahlendem Antlitz in das kleine Gemach unſerer Freunde trat. Ein Blick von Erich und deſſen trauriges Achſelzucken ſagte ihm ſogleich, daß man heute ſchonend mit Paul umgehen müſſe— aber dennoch ſchwand der Ausdruck von Glück und herzinniger Freude nicht aus ſeinen Zügen. »„Erich! Paul!“ ſagte er—„hört mich an, ich habe Euch eine wichtige Mittheilung zu machen. Weg mit der Trauer aus deinen Augen, Paul— glaube mir, ſie werden, ehe eine Stunde vergeht, von Wonne 3. 4 4 2— und Seligkeit ſtrahlen. Aber vor Allem muß ich erſt Eines wiſſen. Seid Ihr mir wirklich in aufrichtiger und unerſchütterlicher Freundſchaft zugethan? Ich ſage abſichtlich in unerſchütterlicher Freundſchaft, und bedenkt Euch wohl, bevor Ihr antwortet.“ „Wie magſt du nur fragen?“ entgegnete Erich und Paul, indem ſie Saldern ihre Hände hinſtreck⸗ ten.„Treu und unerſchütterlich iſt ja unſer Wahl⸗ ſpruch.« „Aber wie, wenn ich Euch belogen und betrogen hätte? Wenn ich nicht bin, was ich ſcheine? Wenn ich Euch unter falſchem Namen hintergangen und ge⸗ täuſcht hätte? Wie denn?« fragte Saldern. Paul ſtutzte und warf einen ſcharfen Blick auf den Fragenden. Dann ſagte er raſch:„Dein Auge lügt nicht! Was auch dein Mund geſprochen haben mag, dein Herz iſt treu! Hier meine Hand zu unerſchütter⸗ licher Freundſchaft!“« „Und du, Erich?« wandte ſich Saldern an dieſen. „Ich habe ja immer nur dich geliebt, nicht deinen Namen,“ erwiederte Erich.„Wenn du ein Bettler wäreſt, ich würde den Grafen leicht darüber vergeſſen. Unſere Stube hat noch Raum für einen Dritten.“ „Alſo wirklich! Wirklich unerſchüttert und treu!“ rief Saldern mit ſtrahlendem Auge und glühender Wange aus.»Nun, Freunde, ich halte Euch beim Wort, und verpfände Euch das meinige dagegen. Treue Freundſchaft trotz Rang und Stand und Welt und Menſchen! Schlagt Ihr ein?“ „Wir ſchlagen ein!« entgegneten Paul und Erich, und legten ihre Hände in die dargeſtreckte des Freun⸗ des.»Und nun, was haſt du uns zu entdecken?“ 126 fuhr Paul fort.„Es muß wohl etwas Wichtiges ſein, da du ſo feierlich zu Werke gehſt!« »Ja, etwas Wichtiges, aber auch recht etwas Freu⸗ diges!“ ſprach Saldern.„Nimm hin, Paul! Es iſt die Ehre, die Freiheit deines Vaters— die Vernich⸗ . tung ſeines Verfolgers. Ich aber, Ihr Lieben— ich . bin nicht der Graf von Saldern, ſondern Friedrich, Kronprinz von.... Euer Freund! Halt da! Ver⸗ geßt nicht, was Ihr mir eben verſprochen habt— unerſchütterliche Freundſchaft trotz Rang und Stand und Welt und Menſchen! Wahrlich, nicht für ein 2 Königreich möchte ich dieſen Schatz miſſen!« Paul und Erich waren ſprachlos vor Ueberraſchung und Staunen. Paul faßte ſich zuerſt. Der Gedanke* an den geliebten Vater rüttelte ihn auf. Er öffnete das Packet, welches Prinz Friedrich ihm gegeben hatte. Verſchiedene Briefe und Dokumente fielen ihm in die Hände. Er jauchzte laut auf— die Briefe waren von dem Verderber ſeines Vaters geſchrieben, und ent⸗ hielten die ſonnenklaren Beweiſe des verübten Betru⸗ ges— die Dokumente aber waren die Abſchriften von denen, deren Verſchwinden den edeln Präſidenten in's Unglück geſtürzt hatten. Die ganze ſchmachvolle Tücke 8 und Verrätherei des Geheimeraths Selbitz lag offen zu Tage— ſo offen, wie die völlige Schuldloſigkeit des Präſidenten. 4 „Großer, barmherziger Gott, welch' ein Glück! Welch' ein Segen!« rief Paul aus und ſtürzte dem 8 Prinzen um den Hals.„Wie haſt du das bewirkt, treuer, edler, hochherziger Freund?“ »Nichts war leichter, als dieß,« antwortete der Prinz.„Die ganze Angelegenheit war mir ſchon be⸗ 1 27 kannt, als ich deine Geſchichte erfuhr. Ich meldete ſo⸗ fort meinem Vater den wahren Hergang der Sache, und bat ihn dringend, von dem Verrathe jenes Selbitz, der ſich allerdings an unſer Kabinet gewandt hatte, um die Dokumente zu verwerthen, keinen Nutzen zu ziehen. Ehe ich nicht Nachricht erhielt, wollte ich Euch nichts 85 mittheilen. Heute endlich kam ſie, und ganz ſo, wie ich ſie von der ſtrengen Gerechtigkeitsliebe meines Vaters erwartete. Man hatte an Selbitz geſchrieben und die Dokumente zur Durchſicht verlangt, um dar⸗ K aus zu erſehen, ob ſie wirklich von der Wichtigkeit wären, die jener Menſch ihnen beilegte. Er ſchickte die Abſchriften hier ein. Sie bewieſen vollſtändig, daß der Nachbarſtaat im rechtmäßigen Beſitz der ſtreitigen * Provinz iſt, und mein Vater gab deßhalb ſofort jeden Anſpruch an dieſelbe auf. Auf meine Bitte ſandte er mir die betreffenden Papiere hierher, und da ſind ſie nun, mein theurer Paul, in deinen Händen, für die ich ſie von Anfang an beſtimmte. Eile nach Hauſe, entlarve den Böſewicht und benimm dem Fürſten ſeinen beklagenswerthen Irrthum. Er wird einſehen, daß er nie einen treueren und beſſe eren Diener beſaß, als dei⸗ — nen Vater!“ Noch am ſelbigen Tage reiste Paul mit Extrapoſt ab. Der Fürſt überzeugte ſich ſofort von der Schuld⸗ loſigkeit des Präſidenten, von der Ehrloſigkeit des Geheimeraths Selbitz. Der Präſident wurde zum 4 Jubel des Landes nicht nur in alle ſeine Ehren und Würden wieder eingeſetzt, ſondern empfing auch noch andere Beweiſe von des edlen nur getäuſchten Fürſten Gnade und Gerechtigkeit. Der Geheimerath buͤßte ſeine Verrätherei und Schlechtigkeit mit lebenslänglicher 128 Kerkerhaft. Wonnetrunken kehrte Paul nach Halle zurück, und erſtattete den Freunden Bericht über das Geſchehene. „Und mein Vater?“ fragte Erich. »Hier ein Brief von dem getreuen Manne!« ant⸗ wortete Paul— per wird dir ſelbſt mittheilen, daß der Fürſt ihn in Anerkennung ſeiner vielfachen Dienſte zum Kanzleirathe in Gnade zu ernennen geruht hat. Die Zeit der Trübſal iſt voruͤber, Freunde, und der Segen des Herrn hat uns Alle reich gemacht ohne Mühe! Reich an Freude, an Glück und— ich hoffe— auch an Dankbarkeit gegen ihn, deſſen Gnade die Fülle des Segens über uns ausgoß!« Die vorliegende einfache Geſchichte erzählte mir der verehrungswürdige Ober⸗Conſiſtorial⸗Rath Ehrenfried mit eigenem Munde.„Sie ſehen,“ fügte er hinzu, „daß ich nicht unrecht hatte, als ich ſagte:„Der Se⸗ gen des Herrn macht reich ohne Mühe.“ Wie unend⸗ lich reich hat er uns gemacht, die wir jetzt noch wie ehemals, in unerſchütterlicher Treue und Freundſchaft an einander halten. Prinz Friedrich, jetzt mein gnä⸗ digſter Landesherr, hat mir bis auf den heutigen Tag ſeine Huld und Gnade bewahrt; Paul von Helldorf, unſer allgemein verehrter Premier⸗Miniſter, liebt mich noch eben ſo herzlich, wie ich ihn; und Vater Hell⸗ muth, der würdige Direktor der Königlichen Maſchinen⸗ Fabrik, läßt keinen Tag verſtreichen, ohne wenigſtens ein Stündchen bei mir vorzuſprechen, und von den alten Zeiten zu plaudern. Herzlich und innig iſt die 129 Liebe, die wir zu einander hegen. Sie iſt der ſchönſte Schatz, den wir aus den Tagen der blühenden Jugend in das reife Mannesalter mit herübergenommen haben, der herrlichſte Segen Gottes, für den ich täglich dem Herrn aus vollem Herzen mein innigſtes Dankgebet bringe.“ „Aber Sie haben den Segen auch reichlich verdient, würdiger Herr,“ ſagte ich. Doch er fiel mir ſchnell in die Rede, indem er ſprach:„Nichts davon, Lieber! Ach, wenn wir gerich⸗ tet würden nach der Gerechtigkeit, ſo würde es übel um uns ſtehen, auch um die Beſten von uns. Der Gnade des Ewigen verdanken wir Alles, und uns . bleibt nichts übrig, als unſeren Dank zu bringen durch Befolgung ſeiner Gebote, durch Tugend und Gebet, 1 und durch unabläſſiges Streben nach dem, was recht⸗ ſchaffen und fromm iſt. Dann aber, Lieber, dann wird uns auch der Segen des Herrn nicht fehlen, denn Er, der Herr, iſt ja freundlich und ſeine Güte währet ewiglich!“ —. —OOEEn Der Segen. 6 5 — 5 — — H Druck von C. dllaaadtaaaataauauuauauauaaauauaaaaaaauuaawamawmwmawammmmmmmmw 13 14 15 16 17 18 2