3 Schmulche⸗Leben. „* Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Vafkmann. Motto: In allerlei Volk, wer Gott fürchtet und rech der iſt ihm angenehm. A. G. 10, 34 Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. —— Erſtes Kapitel. Ein Stückchen Brod. — Seltſam, wie zuweilen eine an ſich höchſt unbe⸗ deutende Kleinigkeit den Gang eines Menſchenlebens beſtimmt. 3* Eine Schneeflocke fällt vom Himmel nieder auf die Waſſerſcheide eines Gebirgskammes nach der Seite hin, 4 wo die Gewäſſer gegen Süden abfließen. Ihr Schick⸗ ſal hat ſie alſo für das mittelländiſche Meer beſtimm Aber ein Rabe kommt geflogen, ſucht nach Futter, ſto⸗ mit dem Schnabel ein Häufchen Schnee zur Seite, und der Waſſertropfen, in den ſich beim erſten Frühlings⸗ Sonnenſtrahl die Schneeflocke verwandelt, rinnt, anſtatt nach Süden, nach Norden hin. Anſtatt in das mittel⸗ Aandiſche Meer, läuft er in den atlantiſchen Ocean,— und daran iſt allein der Schnabel des Raben ſchuld, der gewiß ſich nichts davon träumen ließ, welchen er zufäͤllig mit ſeinem Schnabel im Sch um wühlte. 1 Schmulche⸗Leben. mächtigen Einfluß er auf den Waſſertropfen uͤbte, als 2 Aehnliches kommt, und zwar öfter, als man ge⸗ wöhnlich glaubt, im Menſchenleben vor. König Ludwig der Vierzehnte von Frankreich ſpazierte einſt mit ſeinem Kriegsminiſter Louvois, der zugleich die Oberaufſicht über die königlichen Gebäude führte, im Garten des Luſtſchloſſes Trianon umher. Ein Fenſter bes Schloſſes fiel dem Könige auf. Er behauptete, es ſei nicht ganz ſo groß, als die übrigen Fenſter. Lou⸗ ooie behauptete das Gegentheil. Es erfolgte ein Wort⸗ wechſel, in welchem ganz natürlich der Miniſter gegen den König den Kürzeren ziehen mußte. Der ärgerliche Louvois ſagte:»Der König fängt an, ſich um Alles zu bekümmern, man muß ihm durch einen Krieg etwas zu thun geben.“« Und dieſes Nichts, dieſer geringfügige —Viertelszoll, um den das Fenſter zu Trianon zu groß oder zu klein ſein mochte, gab die Veranlaſſung zu einem gräulichen Kriege, in dem Hunderttauſende ihr Leben durch das Schwert einbüßten, in dem ganze Laänder verwüſtet und volkreiche Städte in trauervolle Einöden verwandelt wurden. Die Rheinpfalz, Heidel⸗ K Mannheim, Worms, Speier und viele andere idte mehr können erzählen von den Gräuelen des Krieges im Jahre 1689, der durch das Fenſter zu Trianon herbeigeführt wurde. So im Großen;— wie nun erſt im Kleinen! Welche geringfügige Urſachen oft, und wie oft, welche nachdauernden, lange anhaltenden Wirkungen! Eine trockene Brodrinde entſchied einmal über das ganze Le⸗ ben zweier Knaben, eine einfache, trockene Brodrinde. Du glaubſt es nicht, lieber Leſer. Nun denn, ſo höre. Im Jahre 1789 gab es eine Hungersnoth in Paris. Das Brod war theuer, für die armen Leute kaum zu i Jeiten langſam dunch eine Straße von Paris ſchleichen ſehet unerd ehnugige erſchwingen. Taufende von unglücklichen Arbeitern gingen jeden Abend mit hungrigem Magen zur Ruhe, und vertröſteten ihre Frauen, ihre Kinder auf den fol⸗ genden Tag, wenn ſie weinten, ſchluchzten und um ein Stückchen Brod wimmerten. Manche ſtarben vor Hunger; andere, trotzigere Gemüther ließen ſich durch den Mangel zu Verbrechen hinreißen; und noch Andere verkauften ſich zu den ſchnödeſten Dienſten, um nur dieſem ſchrecklichen Geſpenſte des Hungers zu entgehen, das ihnen aus jeder hohlen Wange, aus jedem glanz⸗ loſen, matten Auge, aus jeder abgemagerten Geſtalt drohend entgegen grinste. Es war eine böſe, traurige, unheilvolle Zeit; der Hunger lockerte die Bande der menſchlichen Geſellſchaft; die Herzen verhärteten ſich gegen einander; die ſanften Regungen des Mitleids und Erbarmens verſtummten; und an die Stelle chriſtlicher Nächſtenliebe und Theil⸗ nahme am Unglück Anderer traten Mißtrauen, Neid, „Haß und Furcht. Die Reichen fürchteten die Armen; die Armen beneideten und haßten die Reichen; und Beide beobachteten ſich mit gegenſeitigem Mißtrauen. Während dieſer tr urige n Sherzloſen und ſelbſtſüche au e n vaſeken Aactobertage, konnte man Regen rieſelte ſtaubartig vom Himt. nagte die jungen Burſche bis auf h 55 erab, und dirch. häßliche Wetter verhinderte ſie nicht, ihr.. traurigen Weg fortzuſetzen. Sie ſchlichen von einer 2 hür de anderen, klopften mit ſchüchterner Hand an oden 3 in die Häuſer ein, wenn die Thüren offen ſte und bettelten um ein Stügichen Brod. Man an 8 H . 4 ihnen an, daß Einer wie der Andere einer Stärkung dringend bedurften; aber ſo oft ſie auch anklopften, und mit flehender Geberde, mit zitternder Stimme ihre beſcheidene Bitte vorbrachten,— ſie wurden immer hart und trocken von der Thür gewieſen, und mußten weiter wandern, immer weiter, die ganze Straße hinauf, bis ſie zu einem größeren, freien Platze gelangten, wo nur ein paar Reihen von Troͤdelbuden mit alten Kleidern, alten Möbeln und ſonſtigem altem Kram den Raum verengten. Sie erreichten Beide faſt zu gleicher Zeit dieſe Ausmündung der engen Straße. Der Eine ging auf dieſer, der Andere auf jener Seite. Als ob ſie ſich verabredet hätten, ſetzten ſich Beide, Jeder auf den Eckſtein an ſeiner Seite, nieder, falteten die Hände in ihrem Schooße und ließen matt, traurig und erſchöpft die Köpfe auf ihre Bruſt niederſinken. So ſaßen ſie mehrere Minuten, ohne daß Einer auf den Anderen geachtet hätte, troſtlos, unbeweglich, ein Bild ſtummer, verzweifelnder Ergebung in ein hartes und unerbittliches Schickſal. 9 mie Mnaben. fanden apgenſcheinlich ein jiemeh gleichem Alter; Jeder v., ht. hafzehn oder lede hen zerlum efun 1 zse den Kleider; Beide gingen baarfuß ur baarh digene jſahen verhungert, elend, bleich und verkommen mie. So weit glichen ſie einander zum Verwelt, u, oer wenn man ſie nun ein wenig ſchäͤrfer in Auge faßte, ſo fand man in ihrem Aeußeren ſehr bal⸗ weſentliche Verſchiedenheiten. Der Eine von hnen, Hatte hellbraunes Haar und blaue Augen; der de ſchwarzes Haar, wie das Gefieder des Raben, » ſchwarze Augen. In ſ einem Geſichte ſprach ſich mehr Trotz und Entſchloſſenheit, als banges Zagen aus, während der Andere gänzlich hoffnungslos ſchien und in ſtiller Wehmuth heiße Thränen vergoß, die aus ſeinen blauen Augen auf ſeine abgemagerten Hände niedertropften. Der Knabe gegenüber, welcher nach einigen Minuten ſchweigſamer Raſt den Kopf wieder erhob, bemerkte dieſe Thyänen, und ſein ſchwarzes Auge ſprühete einen Blitz, indem er es mit ſichtlicher Theil⸗ nahme auf ſeinen Leidensgenoſſen heftete. Neugierig blickte er ihn faſt eine ganze Minute lang an, dann ſagte er plötzlich:„Du, warum weinſt du denn? Hat dich Jemand geſchlagen?« Die beiden Knaben ſaßen kaum fünf Schritte aus einander, denn die Straße war eng und ſchmal, alſo mußte der Blauäugige wohl die Anrede ſeines Gegen⸗ über vernommen haben. Er richtete ſich langſam auf, zeigte ſein blaſſes, hübſches, trauriges Geſicht, und antwortete:„»Nein, geſchlagen hat mich Niemand. Mich hungert nur! Und meine arme Mutter! Oh mein Gott!« »Du haſt eine Mutter?“ fragte der Erſte wieder. „Da biſt du reicher, als ich! Ich habe Niemand, dem ich angehöre. Ich bin nur ein armer Judenjunge, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geſchwiſter, ohne Ver⸗ wandte, ohne Freunde. Du aber biſt ein Goy(Chriſt) und reicher als ich, denn du haſt eine Mutter! Die Gojim ſind immer glücklicher, als wir Juden, auch wenn ſie arm ſind,“ ſetzte er mit Bitterkeit hinͤ uu. „»Wenigſtens verachtet und verfolgt un Keiner, wie uns!« „Glücklich? Ich? Oh, du ſpotteſt meine derte der Andere mit einem ſolchen rü der Troſtloſigkeit, daß augenblicklich das höhniſch⸗bittere Lächeln von den Lippen des Judenknaben verſchwand, und dem früheren Ausdrucke des Mitleids und der Theilnahme Platz machte. Er ſtand auf, ſetzte ſich neben den Chriſtenknaben und reichte ihm die Hand. „Sei nicht böſe, ich wollte dich nicht kränken,“ ſagte er.„Du biſt arm, wie ich, un lücklich, wie ich, hungrig und elend, wie ich, und die Armen, die Unglücklichen, die Elenden ſollten immer und überall Freunde ſein, denn das Unglück macht Alles gleich, auch die Chri⸗ ſten und Juden. Aber du haſſeſt die Juden! Nicht ahr? 3 „Haſſen? Warum ſollte ich ſie haſſen? Die Juden haben mir nichts zu Leide gethan!“ „Aber du, du haſt ihnen etwas zu Leide gethan! Läugne es nicht! Früher, als du noch nicht ſo arm wareſt, als jetzt. Geſteh' es nur, da haſt du die Judeniungen geſchimpft, gehöhnt, geſchlagen, getreten! Wie?“ MNiemals, niemals!“ erwiederte der blauäugige Knabe ſanft.„Warum klagſt du mich an, und be⸗ ſchuldigſt mich ſolcher Dinge? Ich bin mir keiner Bos⸗ heit bewußt, die ich jemals verübt hätte, ſei es gegen Juden oder Chriſten. Sind wir nicht Alle Menſchen und gleich vor den Augen des Herrn, der uns er⸗ ſchaffen hat?« „Oh, das iſt wahr, und ich glaube dir, daß du aauch denkſt, was du ſagſt!“ ſprach der Judenknabe lebhaft. Wie heißt du 2 , Ich heiße Andreas Romieu.“ 3„Gut, Andreas! Laß uns gute Freunde ſein, An⸗ dreas. Willſt du?« ———C—’—’————— ———n—— ſich indeß auf ſeine gegenwärtige traurige „Ja, recht gern, von Herzen gern!« erwiederte der⸗ Knabe, und drückte die Hand des Juden, die ihn hingereicht wurde.„Und wie heißt du?« „Samuel heiß' ich, Samuel Friedländer,— aber wenn du mich erfreuen willſt, ſo nenne mich Schmulche, Schmulche⸗Leben! Ich hab' es lange nicht gehört, daß Jemand Schmulche⸗Leben zu mir geſagt hat! „Schmül⸗ke Le⸗ben,“« brachte Andreas nicht ohne Mühe lächelnd hervor,—„Schmül⸗ke Le⸗ben! Das iſt ein ſchwerer Name, Samuel.“ „Ja, ſchwer für eine franzöſiſche Zunge,“ entgeg⸗ nete der Judenknabe.„Es iſt aber auch ein deutſcher Name. Ich bin nicht in Frankreich geboren, André. Mein Vater nahm mich mit aus Preußen nach Paris, als ich war fünf Jahr alt, und hier ſtarb er vor zwei Jahren ganz in Armuth und in Betrübniß, weil er war betrogen worden um all' ſein Gut und Geld. Wenn er mich rief, ſo rief er mich Schmulche⸗Leben, und darum hör' ich ſo gern, wenn mich Jemand nennt bei dieſem Namen. Verſuch' es noch einmal, Andre, ob du ihn nicht heraus bringſt mit deiner franzöſiſchen Zunge. Schmul⸗che Le⸗ben!“— Andreas verſuchte es zehn, zwanzig Mal, aber es gelang ihm nicht, den Namen richtig auszuſprechen. Es wurde immer Schmül⸗ke Le⸗ben daraus, bis Schmulche ſelber den Verſuch endlich als hoffnungslos aufgab. Inſofern alſo hatte die Unterhaltung der beiden Knaben zu nichts geführt; dagegen war ihnen die Zeit zi raſch vergangen und André's tiefe Niedergeſ ein wenig zurückgedrängt worden. Plöt blaſſes Geſicht nahm wieder den bed ückte 8 Ausdruck an, den es anfänglich gezeigt hatte, Schmulche bemerkte es auf der Stelle. „Warum ſiehſt du ſo betrübt aus?« fragte er. „Du weißt es ja! Ich ſagte dir es ja ſchon,« erwiederte Andreas.„Mich hungert, und meine arme Mutter hat ſeit geſtern früh nichts genoſſen. Oh, ſie wird ſterben, wenn ich mit leeren Händen zu ihr zurück⸗ komme.“ „Nein, ſie ſoll nicht ſterben!« rief Schmulche Fried⸗ länder aus, in deſſen Zügen ſich einige Augenblicke hindurch ein innerer, lebhafter Kampf abgeſpiegelt hatte. „Hier nimm hin!« fuhr er fort, und zog ein Stück Brod unter ſeiner zerlumpten Jacke hervor.„Bringe das deiner Mutter! Es iſt zwar nur eine Brodrinde, aber ſie wird doch verhüten, daß deine Mutter ſtirbt, und morgen,— bis morgen kann ſich viel geändert haben. Da nimm!«— »Aber du?« ſagte Andreas erſtaunt, und zögerte, das Stück Brod zu nehmen, obgleich ſeine Augen vor Begierde funkelten und ſeine Finger unwillkürlich dar⸗ nach zuckten, wie nach einem großen unermeßlichen Schatze.„Aber du?“ „Ich?« antwortete Schmulche gleichgültig.„Ich habe heute zu Mittag gegeſſen, und kann einmal ohne Abend⸗ brod ſchlafen. Das thut mir nichts, ich bin daran ge⸗ woͤhnt. Nimm, oder ich werde böſe, denn ich geb' es dir Hern, das Brod!« 4 Andreas zögerte nicht länger, ſondern griff haſtig 3u, und ſteckte das Stück Brod in die Taſche. Dank, tauſend Dank!« ſtammelte er mit halb er⸗ ſtickter Stimme, und Thränen der Rührung und des Entzückens ſtürzten ihm aus den blauen Augen.„Meine 34 9 Mutter iſt gerettet. Ich muß zu ihr! Schmül⸗ke Le⸗ben, ich danke dir, und nie, niemals werde ich dir dieſe Großmuth vergeſſen!“ „Soll mir Gott, was du ſprichſt, Andreas!“ ſagte Schmulche lächelnd.„Lauf' hin, und des Herrn Segen ruhe auf der Brodrinde! Wir werden einander wieder⸗ ſehen, hoffe ich, und dann wirſt du vielleicht mir helfen können, wie ich dir geholfen habe.“ „Mit tauſend Freuden!« rief Andreas aus.„Aber jetzt,— meine Mutter ſtirbt vielleicht vor Hunger,— ich muß fort! Adieu, Schmül⸗ke!“ „Gott mit dir!« ſagte Schmulche, und Andreas rannte davon. Plötzlich ſchien ſich der Judenknabe auf etwas zu beſinnen.„»Andreas! Andreas!“ ſchrie er dem hinweg Eilenden nach.„Andreas!“ Andreas hörte ihn nicht mehr, und als Schmulche nach ihm aufſchaute, konnte er keine Spur mehr von ihm entdecken. „Das iſt dumm!« murmelte er vor ſich hin.„Wir haben vergeſſen, uns zu verabreden, wo wir uns treffen wollen, und nun werden wir lange in Paris umher⸗ laufen können, ehe wir einander wieder einmal begegnen. Nun denn, hoffen wir auf einen günſtigen Zufall, und vor der Hand will ich einmal zuſehen, ob ich nicht doch irgendwo noch ein Stückchen Brod auftreibe, denn der Hunger thut weh, und mein Magen weiß nichts davon, daß ich Mittagsbrod gegeſſen habe, wie ich zu Andreas ſagte, um ihn zu bewegen, daß er die Brodrinde neh⸗ men ſollte. Aber gleichviel! Schlimmſten Falls bin ich an's Faſten gewöhnt und werde nicht gleich Hungers 39th ſterben, wie die arme Mutter Andrê's. Vorn Betteln wir wieder ein bischen!“ 8 3 5 6 5 1 Der Knabe ſtand auf von denr Eckſteine, auf dem er geſeſſen hatte. Es wurde ihm ſchwer, denn er hatte in der That während des ganzen Tages noch nichts genoſſen, und bei einem leeren Magen ſchwinden raſch die Kräfte dahin. Mühſam ſchleppte er ſich fort, hatte aber kaum zehn Schritte zurückgelegt, als er plötzlich wieder wie angewurzelt ſtehen blieb und ſich mit be⸗ troffener Miene umwandte. „Schmulche⸗Leben,“ ſagte eine Stimme in deutſcher Sprache,—„komm hier herein! Ich habe mit dir zu ſprechen..“ „Aber, Gott meiner Väter, wer ſpricht jetzt mit mir?« rief Schmulche aus.„Ich ſehe ja Niemanden!“ 46 „Ach ja, ich vergaß,“ ſagte die vorige Stimme. 4 „Sieh' nur hierher, an das vergitterte Fenſter, ich funkelten. Siehſt du mich nun?« fragte er. Ja, ich ſehe, Herr! Was befehlt Ihr?« Geh' nach vorn, da iſt die Thuͤr. Oeffne ſie, und komm herein,“ ſprach der Alte, und verſchwand von dem Fenſter, deſſen Eiſengitter ſogleich wieder vorge⸗ ſchoben wurde. Schmulche näherte ſich indeß neugierig „der ihm bezeichneten Hausthür, öffnete ſie, und trat in einen engen, finſteren, mit tauſenderlei Trödel ange⸗ füͤllten Laden, der ihm keinen hohen Begriff von dem Wohlſtande des Beſitzers einflößte. Er wurde indeß nicht lange ſeinen Betrachtungen überlaſſen. Eine Thür im Hintergrunde des Ladens wurde geöffnet, und auf der Schwelle erſchien der alte Mann, welcher Schmulche hereingerufen hatte. 4„Komm hierher, hier herein, Schmulche⸗Leben,“ — ſagte er und winkte ihm. Der Knabe folgte dem Winke, denn ſo eigenthüm⸗ lich und ungewöhnlich das Ausſehen des alten Mannes 3l mit ſeinem langen weißen Barte und ſeiner hageren, in einen buntgeblümten Schlafrock gewickelten Geſtalt auch ſein mochte, ſo hatte ſie doch weder etwas Ab⸗ ſchreckendes, noch auch Furcht Einflößendes. „Der Schem boruch hu(der, deſſen Name gelobt ſei), behüte Euch,“ ſagte er beim Eintreten, und der Väter, ſegne deinen Eingang und deinen Ausgang! Du biſt hungrig, Schmulche⸗Leben?« 4 „So hungrig, wie ein Menſch ſein kann, der in vierundzwanzig Stunden nichts hat gegeſſen,“ erwiederte Schmulche.. „Ich hab' mir's gedenkt! Darum, ſo iß! Hier iſt Brod!« ſagte der Alte, und ſchob ihm über den Tiſch außer dem Brode auch ein Meſſer hin.„Iß, wie ſchmeckt, und kümmere dich nicht um mich. W— nachher noch Zeit genug zum Schmuſen Alte erwiederte ſogleich:„Jehovah, der Gott unſerer 12 8 Schmulche⸗Leben folgte buchſtäblich dem empfangenen NRathe, und kümmerte ſich nichts um den alten Juden, aber deſto mehr um das Brod. Er ſchnitt ſich ein tüchti⸗ ges Stuͤck ab, verzehrte es mit Behagen, ließ dem erſten ein zweites, ein drittes Stück folgen, und legte dann erſt das Meſſer auf die Seite. Der alte Jude hatte ihn mittlerweile verſtohlen, aber ſehr ſcharf beobachtet, und ſchien mit dem Ergebniſſe ſeiner heimlichen For⸗ ſchung ganz zufrieden zu ſein. Wenigſtens nickte er ein paar Mal lächelnd mit dem Kopfe, ſtreichelte ſeinen langen Bart, und murmelte vor ſich hin:„Es wird gehen! Das Geſicht iſt ehrlich und kein Falſch darin. Ich glaub', ich werd' ihm können trauen.“ „Dank Euch, Herr,“ ſagte jetzt Schmulche.»Ich bin geſättigt und bereit zu Allem, was Ihr von einem armen Knaben verlangen könnt.“ „Gut, Schmulche⸗Leben,“ erwiederte der Alte, in⸗ dem er den Tiſch abräumte, und Brod und Meſſer in einen Schrank ſchloß, aus dem er Beides vorhin her⸗ ausgenommen hatte.„Antworte mir offen auf ein paar Fragen. Zuerſt, wer und was biſt du?« „Was ich bin, Herr? Nichts bin ich, weniger als nichts, ein Betteljud' vor der Hand! Aber ich will werden etwas mit der Zeit und mit feſtem Willen. Ich habe mir vorgenommen, daß ich ein Babym(tüch⸗ tiger Burſch) und ein hoch angeſehener Mann werden 1 will, bevor daß ich ſterbe.“ „Boruch Dajin emes(gelobt ſei der gerechte Rich⸗ ter), das haſt du dir vorgenommen, Schmulche⸗Leben!« rief der alte Jude aus.„Biſt du meſchuge(närriſch) in deinem Kopf? Der Schnorrer(Bettler) will werden ein Szrore! Und wenn ich dich nicht hätte gerufen von 4 der Straße? Wenn ich dir nicht gegeben hätte zu eſſen? Wenn du hätteſt müſſen ſchlafen mit leerem Magen? Wie dann, Schmulche⸗Leben?« „Wie dann? Wie dann?« erwiederte der Knabe. „Nun, dann wär' ich vielleicht geſtorben vor Hunger noch dieſe Nacht und wär' auf der Himmelsleiter des Erzvaters Jakob geſtiegen in Gan Eden(das Paradies). Hoch würd' ich dann ſein genug, und brauchte nicht höher zu ſteigen. Wenn ich aber lebe, ſo will ich vor⸗ wärts, bin ich auch gleich nur ein armer Jud'.“« »Du haſt große Gedanken, Schmulche,“« ſagte der Alte.„Da wirſt du wohl nicht einmal wollen an⸗ nehmen, was ich bin geſonnen dir anzubieten.“ »Und warum nicht?« antwortete der Knabe.„Spre⸗ chen Sie nur. Aber ſagen Sie mir auch zuerſt, wer Sie ſind.“ »Das iſt bald geſagt. Ich bin Baruch, Mendel Baruch, Händler und Pfandleiher, gebürtig aus der Judengaſſe in Frankfurt am Main, und wohnhaft in Paris ſeit dreißig Jahren.“ 3 „Gut, Herr Baruch! Und nun?« »Und nun? Was meinſt du mit deinem: ‚und nun? Schmulche.“ »Ich will nur fragen, was Sie meinen, Herr Bruch, das ſie mit mir anfangen wollen?« Das ſollſt du erfahren, Schmulche. Du mußt wit ſer. daß ich dich brauchen will zum Auslaufen, zum Aufwaͤrer, zum Schameß(Diener), mit einem Wort, wozu ich be gebraucht deinen Vorgänger, der mir vor ein paar Tagen davon gelaufen iſt, ich weiß nicht, warum. Der Tienſt iſt nicht ſchwer, und du ſollſt werden gut gehaten dafür in reichlichem Eſſen, guter —— 14 warmer Kleidung und Allem ſonſt, was du brauchſt. Jetzt beſinn' dich, Schmulche, ob dir mein Vorſchlag gefällt.“— Der Knabe dachte ein paar Augenblicke nach; dann ſagte er:„Gefallen? Warum ſoll er mir nicht ge⸗ fallen, da ich, wenn ich ihn annehme, finde Nahrung, Kleidung und Obdach. Aber Rebbe Baruch, ſeien Sie mir's mochel(verzeihen Sie mir), darf ich fragen, wmarum Sie gerade mich ausſuchen zu dieſem Dienſt?“ „Du darfſt fragen, und ich will dir Antwort geben. Ich habe dich ausgeſucht, weil ich geſehen, daß du haſt ein gutes Herz. Du wareſt arm und hungrig, und du gabeſt dem Goy(Chriſten), der noch ärmer, noch hungriger war, als du, dein letztes Stück Brod. Darum rief ich dich herein zu mir in meinen Laden. Jetzt hab' ich gehört, daß du haſt einen offenen, klugen Kopf, und habe gedenkt bei mir, ich könnt' es verſuchen mit dir. Denn ich will dir ſagen, Schmulche, einen Am⸗ horetz(Dummkopf) kann ich nicht brauchen in meinem Geſchäft. Endlich hab' ich gehört aus deinem eigenen Munde, daß du willſt vorwärts im Leben, und hab' mir gedacht: wer da will vorwärts und ſtrebt darnach, zu werden ein Barjen, der wird's nicht fehlen laſſen am Eifer! So iſt's gekommen, Schmulche, und nun gib Antwort, ob du bei mir bleiben willſt, oder dih 6 wieder herumtreiben als Schnorrer auf den Straßen „Bleiben will ich, bleiben!“ antwortete Schmuche gruch, ich bin Ihr Schameß und will immen redlich für meine Rettung danken) früh und ſpät. Hier iſt ohne weiteres Bedenken.„Es iſt abgemacht, Rebbe dienen nach beſten Kräften, und Gomel benſchen(Gott de Hand, Rebb' Baruch! Ich bin der Ihrige. 4 1 Muß doch ein Jeder klein anfangen, wenn er zulett werden will groß!« „So geh' ein in mein Gemach, Schmulche,“ ſagte deine Kammer, dein Bett und dein Stuhl! Dort und hier und im Laden draußen iſt künftig dein Aufenthalt. Sieh' zu, daß du's gewöhnt wirſt.“ „Ich will ſehen,“ antwortete Schmulche, dem es bei dem Alten gefiel, obgleich alle Räume, die er ſah und betrat, eng und dunkel erſchienen. Aber Alles war aauch reinlich und ordentlich, ſein Bett mit friſchem Linnen überzogen, und Tiſch und Stuhl ſauber ge⸗ ſcheuert. ils auf der Straße ſchlafen und vor den Thüren betteln „Es wird mir nicht ſchwer werden, mich zu ge⸗ wöhnen,« murmelte er vor ſich hin, als er ſich nach dem Abendgebet in ſein Bett legte.„Alles iſt beſſer, 16 gehen. Der Schem boruch hu hat mich gut geleitet, und ich will es dem hochgelobten Gott danken durch Rechtſchaffenhenheit und Fleiß und Treue gegen Rebb' Baruch! Wie gut iſt's geweſen, daß ich die Brodrinde gab dem Goy! Möchte ſie ihm ſo wohl bekommen, wie mir! Das wünſch' ich!« Mit dieſem Gedanken ſchlief er ein, und ſein Schlaf war ſo ſüß, wie ſeit lange nicht. Er träumte von Andreas Romieu, und angenehme Träume mußten es ſein, denn ſein Auge war klar und hell, der Ausdruck ſeiner Züge der offenſte und heiterſte, als er am ande⸗ ren Morgen früh aufſtand, um ſein Geſchäft beim alten Baruch anzutreten. 5 4 Zweites Kapitel. Eine arme Mutter. Wir müſſen jetzt zu Andreas Romieu zurückkehren, der uns aus den Augen gekommen iſt, als er mit eiligen Schritten Schmulche⸗Leben verließ, um ſeiner armen Mutter eine Erquickung zu bringen. Mit unauf⸗ haltſamer Haſt rannte er durch die Straßen von Paris, bis er eine ärmliche, enge Winkelgaſſe erreichte, wo Elend, Hunger und Entbehrung mit ihrem ganzen Ge⸗ folge von Troſtloſigkeit ihren bleibenden Wohnſitz auf geſchlagen zu haben ſchienen. Hier, faſt am Ende der Gaſſe, ſchlüpfte er in eines der am meiſten verwahrlosten 17 Häuſer hinein, tappte durch eine finſtere Hausflur, huſchte über den engen düſteren Hof hinweg, und trat in ein kleines Hintergebäude, das mehr einem Stalle, als einer menſchlichen Wohnung ähnelte. Hier öffnete er leiſe eine Thür und ſchaute mit ängſtlich forſchendem Ausdrucke und ſcheuem Blicke in ein Zimmer,— nein doch, nicht in ein Zimmer, ſondern in einen von vier nackten, kahlen Wänden eingerahmten, durch ein kleines Fenſter mit blinden Scheiben kaum erhellten Raum, der außer Staub und Spinnengeweben nichts weiter enthielt, als ein Bund Stroh, dem Fenſterchen gegen⸗ eüber in einem Winkel, auf welchem die bleiche, abge⸗ —— zehrte, kaum athmende Geſtalt einer Frau ausgeſtreckt lag. Ihre Augen waren geſchloſſen, ihre Hände hingen ſchlaff an der Seite nieder, und bei dem ſchwachen Lichte, das durch die erblindeten Scheiben einfiel, ließ ſich nur ſchwer erkennen, ob die Frau nur eingeſchlafen oder bereits dem Tode verfallen ſei, der augenſcheinlich ſeine dunkeln Fittiche über ſie ſchwang. »Mutter! Liebe Mutter!« flüſterte André leiſe. »Hörſt du mich?« Der dringende, ängſtliche Ruf ſchien die matten Lebensgeiſter der armen Frau aus einem todtenähnlichen Schlummer aufzuwecken. Sie öffnete die Augenlider und wendete mühſam ihr bleiches Geſicht der Thüre zu. „André! Mein Sohn!“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme.„Der Herr ſei gelobt, daß Er mich noch ein⸗ mal dein Angeſicht erblicken, daß Er mich in deinen Armen verſcheiden läßt.« Um Gottes willen, nein, Mutter, liebe Mutter!« 1 rief André aus, und eilte raſch an die Seite des arme l ſeligen Lagers, wo er ſich auf ſeine Kniee niederwarf Schmulche⸗Leben.“ 2 18 „Ich bringe Hülfe, Mutter! Brod! Sieh' hier, ein ganzes Stück!« 4 „Brod! Brod!« rief die Frau mit ſchwacher, zittern⸗ der Stimme, und ein Strahl zurückkehrenden Lebens flammte aus ihren ſchon halb erloſchenen Augen.„Gib, mein Kind! Mich hungert! Drei Tage, drei Tage nichts genoſſen! Gib! Gib! Gib!« Mit Begierde ſtreckte ſie ihre Hände nach dem Brode aus, mit Begierde führte ſie es zum Munde und verzehrte mit Haſt einige Biſſen. Plötzlich aber hielt ſte wieder inne, und heftete einen fragenden, be⸗ ſorgten Blick auf ihren Knaben.„Und du, André?« forſchte ſie.„Und du? Haſt du gegeſſen?« „Mich hungert nicht ſehr, Mutter,« antwortete er und wendete ſcheu die Augen zur Seite.„Iß nur du! Iß, Mutter! Ich bedarf das Brod nicht!“ „Du lügſt!« rief die arme Frau heftig aus.„Ich ſehe, du lügſt, André!“« wiederholte ſie.„Nimm hin! Ich genieße keinen Biſſen mehr von dieſem Brode!« „Oh, Mutter, du ſchmachteſt länger, als ich,“ ſagte der Knabe.„Fürchte nichts für mich. Ich kann ſchon noch faſten bis morgen.“ „Nein, nein, nein, du ſollſt wenigſtens theilen mit mir!« rief die Frau in feſtem entſchiedenem Tone, wenn auch mit bebender Stimme.„»Zerbrich es! Iß vor meinen Augen! Oh, ich will lieber zehnfachen Tod ſterben, als dich, mein Kind, leiden ſehen!« André wußte, daß der Entſchluß ſeiner Mutter un⸗ erſchütterlich war. Er nahm das Brod, brach es in zwei Hälften, reichte der Mutter die größere Hälfte hin, und behielt die kleinere, in die er herzhaft hin⸗ ein biß. 19 „Da, Mutter, nun ſiehſt du, ich gehorche dir, K ſprach er.„Aber jetzt nimm auch du! Du bedarfſt der Stärkung wahrlich mehr, als ich.“— Die Mutter ſah kaum, daß André gehorchte, als ſie mit neuer Begierde zu dem Stückchen Brode griff und es ſtumm, mit Haſt, mit unbeſchreiblichem Wohl⸗ behagen verzehrte. André griff indeſſen nach einem irdenen Krügelchen, das zu Häupten des Strohlagers ſtand, und machte Miene, fort zu gehen. „Wohin, mein Kind?“ rief die Mutter ſogleich aus. „Nur Waſſer vom Brunnen holen, Mutter,“ er⸗ wiederte der Knabe.»Ein friſcher Trunk zur Speiſe wird dir wohl thun.« Die Mutter nickte.„Geh',“ ſagte ſie,„du biſt ein gutes Kind, ein braver Sohn! Aber kehre unverzüglich zurück! Hörſt du wohl?« „Ich werde ſogleich zurückkommen,“ erwiederte André und ging. Am Brunnen auf der Straße füllte er den Krug, trank von dem friſchen, kalten Waſſer, füllte den Krug von Neuem, und begab ſich dann wieder in das Haus. Auf dem Hofe verweilte er einige Augenblicke in tiefem Nachſinnen. 1 „Noch einen Biſſen!“ murmelte er vor ſich hin. „Die Mutter wird mir ſonſt nicht glauben!“ Er brach ein Stückchen von ſeiner Hälfte des Bro⸗ des ab, ſteckte es in den Mund, und den Reſt des Brodes in ſeine Taſche. „Es wird ihr morgen früh eine Erquickung ge⸗ währen,“ ſagte er.„Dann erträgt ſie wohl wieder die Entbehrung bis zum Abend, und— morgen habe ih vielleicht mehr Glück, als heute!« Nach dieſen Worten kehrte er zu ene 2 ⁸ 20 zurück, blickte ſie ganz heiter und mit hellen Augen ganz freundlich an, und kaute dazu mit vollen Backen. »Hier iſt Waſſer, Mutter, wenn dich dürſtet,« ſprach er liebevoll.„Willſt du trinken?« Die arme Frau ſtreckte den zitternden Arm nach dem Kruge aus, und führte ihn an ihre Lippen.„Das erquickt! Das erfriſcht!“ ſagte ſie.„Ich werde den Reſt meines Brodes hinein tauchen,“ fuhr ſie fort. „Mach' es auch ſo, André! Aber du haſt nichts mehr?« „Nichts, Mutter,“ erwiederte der Knabe.„Ich bin deinem Rathe zuvorgekommen und habe ſchon am Brun⸗ nen meine Mahlzeit gehalten. Nun hungert mich gar nicht mehr.“ Die Mutter glaubte ihm. Sie hatte ja geſehen, daß er noch im Hereintreten gegeſſen hatte, und das eigene Bedürfniß, der eigene nagende Hunger machte ſich mächtig wieder geltend. Schweigend tauchte ſie den Reſt ihres Brodes in das Krüglein mit Waſſer ein, und verzehrte ihn bis auf die letzte Krume mit ſichtbarem Wohlbehagen. Geſtärkt, gekräftigt und er⸗ friſcht blickte ſie nun ihren Sohn an. „Weißt du, André,“ ſagte ſie,„daß du mir das Leben gerettet haſt? Ich hätte dieſe Nacht nicht erlebt ohne dieſe Erquickung! Ich fühlte es, daß ich ſterben würde, wenn du mit leerer Hand zu mir zurückkämeſt, und dann, armer Knabe, was wäre aus dir geworden? Gott ſegne die Hand, die dir das Stückchen Brod ge⸗ geben hat!« „Ja, Mutter, Gott ſegne ſie!« erwiederte André gefühlvoll, indem er eine Thräne dankbarer Rührung aus ſeinen Augen wiſchte.»Aber du erſchreckſt mich, Mutter! Du haſt dich nicht ſo ſchwach gefühlt!« 2 - —— „ So ſchwach, mein Kind, daß ich mich ſchon ganz in das Schickſal ergeben hatte, auf ewig von dir ge⸗ trennt zu ſein,“ entgegnete die Mutter.„Der Hunger verzehrt die Kräfte, mein armer Knabe! Aber jetzt, jetzt fühl' ich mich wieder ſtark! Ich hoffe wieder, da Gott mir heute ſeine Hülfe geſendet hat! Es iſt mir ein Zeichen, daß der Allbarmherzige uns nicht ganz verlaſſen wird. Wir ſind an der Gränze unſeres Elen⸗ des angekommen! Die Wüſte liegt hinter uns, und vor uns ſehe ich lachende Fluren und blühende Gefilde. Ich ahne es, ich weiß es, mein Kind! Dein Stüͤckchen Brod hat uns gerettet, und unſer Leben für beſſere Tage gefriſtet!« „Mutter, Mutter, aber von woher ſollte uns, die wir allein ſtehen und von Allen verlaſſen ſind, Hülfe und Beiſtand kommen?« „Von wo, André? Von wo? Weißt du, von wo der Wind kommt? Und ſiehe, doch iſt er da! Weißt du von wo die Wolke kommt, die Segen und Frucht⸗ barkeit auf die dürre Erde hernieder träufelt? Du weißt es nicht, und doch iſt ſie da! Gott ſandte ſie, und Gott wird auch uns Hülfe und Rettung ſenden, wenn ich auch nicht ſagen kann, von wannen ſie kom⸗ men wird. Sei getroſt, mein Knabe! Die Tage der Leiden gehen zu Ende!« Gern hätte André den Verheißungen der Mutter geglaubt, aber er hatte leider nur zu gegründete Ur⸗ ſachen, die Wirklichkeit derſelben zu bezweifeln. Als ſein Vater vor zwei Jahren geſtorben war, geſtorben aus Gram über eine unglückliche Spekulation, die ihn ſeiner ganzen Habe beraubt hatte, war ſeiner Mutter nichts uͤbrig geblieben, als der Bettelſtab, an dem ſie 22 8 aus ihrem Hauſe hatte gehen müſſen. Armuth und Elend hatten ſie bis auf's Aeußerſte verfolgt. Ver⸗ wandte, die ihr hätten helfen können, beſaß ſie nicht, einen einzigen Bruder ihres Gatten ausgenommen, wel⸗ cher in der Nähe von Paris ein Landgut bewirthſchaf⸗ tete. An ihn hatte ſie ſich um Unterſtützung gewendet, aber ohne Erfolg. Herr Romieu der Aeltere hatte ſie ſchnöde zurückgewieſen, weil bei dem Schiffbruche, der ſeines Bruders ganzes Glück verſchlungen hatte, auch ein kleines Kapital verloren gegangen war, das ihm gehörte. Dieſer Verluſt erbitterte ihn ſo ſehr, daß er von ſeinem Bruder und deſſen Familie nichts weiter ſehen und hören wollte. Sein Entſchluß war oder ſchien unerſchütterlich. Obgleich, von der äußerſten Noth gedrängt, Frau Romieu ſich noch mehrmals bittend an ihn wendete, hielt er es nicht einmal der Mühe werth, ihr eine Antwort zu geben, bis ſie endlich die Hoffnung aufgab, ſein erbarmungsloſes Herz zu rühren. Andreé kannte dieſe Verhältniſſe, und darum ſchüttelte er leiſe den Kopf, als er hörte, wie ſeine arme Mutter ſich Hoffnungen hingab, die wahrſcheinlich niemals in Erfüllung gingen. Gleichwohl gab er ſich den Anſchein, als ob er ihre Zuverſicht theilte, und hütete ſich wohl, ſie durch ſeine Zweifel zu entmuthigen. Sie war ja ſo glücklich in ihren Träumen, die arme, unglückliche Mutter! Er konnte es nicht über's Herz bringen, ſie durch eine Hindeutung auf die kalte, traurige Wirklich⸗ keit zu enttaͤuſchen und niederzudrücken. So ging er denn äußerlich bereitwillig auf die tröſt⸗ lichen Hoffnungen und Zuſicherungen der Mutter ein, obgleich es ihm Mühe machte, ſeine eigenen traurigen Gedanken zu verbergen, bis die Arme, erſchöpft von 23 langen Leiden und Entbehrungen, Aif ihr Lager zurück⸗ ſank und bald in einen feſten Schlummer verfiel. André wachte an ihrer Seite in düſteren, trüben Gedanken, bis die Nacht vollends einbrach. Da neigte auch er ſein Haupt und bettete es auf den Rand des Stroh⸗ bundes, das ſeiner armen Mutter zum Lager dienen mußte. So entſchlummerte er. Nacht war um ihn und in ihm; nur Ein wohlthuendes Gefühl begleitete ihn ſanft in den Schlummer hinüber, und verwebte ſich ſogar in ſeine Träume,— die Freude, daß er noch ein Stüͤckchen Brodrinde beſaß, welches die Mutter am anderen Morgen erquicken konnte. Der Morgen kam, und mit ihm neue Sorgen, neues Elend, neuer nagender, peinigender Hunger. Dennoch freute ſich André, als er die Mutter mit Be⸗ hagen ſeine Brodrinde verzehren ſah, und vergaß ſeinen eigenen Hunger bei dieſem Anblicke. Der Mutter, die ihn fragte, warum Er nichts genöße, gab er zur Ant⸗ wort, daß er bereits mit ſeinem Fruͤhſtuͤck fertig ſei. Sie glaubte ihm, denn er ſah ja froh und zufrieden aus, und ſie ahnte nicht, daß er nur froh war, weil ſie nicht zu hungern und zu leiden brauchte. Ein Trunk Waſſer beſchloß ihr kärgliches Mahl, und nun nahm André von ihr Abſchied, um, wie alle Tage vor⸗ her, an die Thüren fremder Leute zu gehen und um ein Almoſen, ein Stück Brod oder eine kleine Münze zu bitten. Die Mutter reichte ihm wehmüthig die Hand. André drückte ſie herzlich und eilte fort, auf die Straße hinaus, weil er fürchtete, daß ſeine Mutter noch einmal das Geſpräch vom geſtrigen Abend aufnehmen könne. Und heute hätte er kaum die Kraft gehabt, ſie bei ihren Hoffnungen zu laſſen, oder gar ſie darin zu beſtärken. 24 Als er aus den Hausthür trat, blieb er einige Augenblicke ſtehen und blickte ſich um. »„Wohin ſoll ich mich wenden?“ fragte er ſich ſelbſt. „Geſtern ging ich rechts und fand lauter verſchloſſene Thüren; heute will ich es einmal zur Linken verſuchen. Gott gebe, daß mir aufgethan wird, wo ich anklopfe! Noch ein Hungertag, wie die letzten, und mit meiner Kraft geht es zu Ende!« Sich umdrehend, ſchlug er alſo den Weg links ein, und ging langſam die enge Gaſſe hinauf. Noch hatte er aber kaum hundert Schritte zurückgelegt, als er einen fein gekleideten, ältlichen Herrn bemerkte, welcher ihm entgegen kam, mehrmals ſtehen blieb, kopfſchüttelnd die Häuſer betrachtete, an einige Vorübergehende kurze Fragen richtete, die immer mit einem Achſelzucken be⸗ antwortet wurden, und ſich endlich geradezu an Andreas wendete, als dieſer ihm nahe genug gekommen war, um ſeine Anrede zu verſtehen. 3 „He, mein junger Freund,“« rief er ihm zu,„ich ſuche die Wohnung der Wittwe Romieu. Sie ſoll in dieſer Gaſſe liegen,— kannſt du mir nicht ſagen, wo ich ſte finde?“ Anndreas fühlte eine Art von Schauder durch ſeine Glieder rieſeln, und traute ſeinen eigenen Ohren kaum. „Wen ſuchen Sie?« fragte er. „Eine Frau Romieu, mein Freund! Romieu! Iſt dir der Name vielleicht bekannt?« „Ja, ich kenne ihn,“ erwiederte Andreas,—„Frau Romieu iſt meine Mutter!«“ »Ah, iſt's möglich? Das hätte ſich gut getroffen!« rief der Fremde aus.„Ich bitte Sie, mich augenblicklich — 25 zu ihr zu führen, denn ich habe Sachen von der höch⸗ ſten Wichtigkeir für ſte mit ihr zu ſprechen.“ „Sind ſie erfreulicher Art, mein Herr?« fragte Andreas zitternd vor Erwartung.„Ich muß Ihnen ſagen, meine arme Mutter iſt ſehr geſchwächt, ſie würde kaum eine traurige Nachricht ertragen können.“ „Nein, nein, ich bringe nichts der Art,— im Gegentheil,“« gab der Fremde raſch zur Antwort.„Ich glaube, meine Nachrichten werden ſehr willkommen ſein, wenn, wie ich beinahe vermuthen muß, Ihre Frau Mutter ſich nicht in den beſten Verhältniſſen befindet.“ „Oh nein, oh nein,“ ſagte Andreas.„In den ſchlechteſten, den allerſchlechteſten, mein Herr! Wir haben Hunger gelitten, und auch in dieſem Augenblicke nicht ein Stückchen Brod in unſerer elenden Wohnung!“ »Mein Gott, Sie erſchrecken mich, junger Freund, kommen Sie ſchnell! Ich bringe Hülfe, gründliche, vollſtändige Hülfe. Warum zögern Sie? Himmel, Sie ſind ja todtenblaß geworden!« „Die Ueberraſchung, mein Herr!« ſtammelte An⸗ dreas, der ſich kaum auf den Füßen zu halten ver⸗ mochte, und ſich gegen die Mauer eines Hauſes lehnen mußte, um nicht nieder zu ſinken.„Die Ueberraſchung, die Freude, und— Erſchöpfung! Ach, mein Herr, ſeit mehreren Tagen habe ich faſt nichts genoſſen!« Der Fremde zeigte in ſeinen Zügen den Ausdruck des Schreckens und des Mitleidens.„Großer Gott,“ ſagte er,„das iſt weit ſchlimmer und trauriger, als ſelbſt ich gedacht habe, obgleich allerdings die Briefe der armen Frau andeuteten, daß ſie ſich in ſehr ſchlech⸗ ten Umſtänden befinde. Faſſen Sie ſich, junger Freund! Ermannen Sie ſich! Alle Noth iſt vorüber! Aber 26 kommen Sie! Zett nicht zu Ihrer Frat Mutter, ſon⸗ dern dorthin. Ich habe da zufällig eine Garküche ge⸗ ſehen, und wir müſſen füͤr ein Frühſtück ſo gen. Nehmen Sie meinen Arm! Stützen Sie ſich auf mich! So! Es geht ja, wie ich ſehe!“ „Ja, es geht wieder, die Erſchütterung iſt vorüber,“ ſagte Andreas, wieder völlig gefaßt, obwohl noch ein wenig bleich.»Ihr Einfall iſt gut, mein Herr. Be⸗ Haus erreicht, und der Fremde beſtellte eiligſt einige warme Speiſen nebſt einer Flaſche Wein. Im Nu war Alles beſorgt, ein Gargon mußte es in einen Korb packen, und fort ging es nach der ärmlichen Behauſung der Frau Romieu. „Gehen Sie allein hinein,“ ſagte der Fremde zu Andreas.„Bereiten Sie Ihre Mutter ein wenig vor. Laſſen Sie ſie zuerſt eine Stärkung zu ſich nehmen, und wenn Sie meinen, daß ſie meine. Nachrichten ohne zu große Erſchütterung hören kann, ſo rufen Sie mich. Ich werde hier auf dem Hofe warten.“ Andreas nickte, nahm dem Kellner den Speiſekorb ab, und verſchwand in dem Hintergebäude. „Ein glücklicher Tag, Mutter!« rief er lächelnd. „Ich habe einen Wohlthäter gefunden. Da ſieh'!“ Er öffnete den Korb, aus welchem der Geruch der „Was es auch ſei, ich kann Alles hören.“ kräftigen Speiſen lieblich emporduftete, und breitete raſch die Schüſſeln vor der Mutter aus. »Träum' ich, oder wach' ich!“« rief die arme Frau Romieu aus.„Erzähle mir André, geſchwind, wie...“ »Nein, nein, Muͤtterchen, erſt eſſen, dann erzählen!“« fiel ihr André in's Wort.„Es iſt Alles redlich und ehrlich erlangt, das ſei dir für jetzt genug!« Es bedurfte keines langen Zuredens, um die Mutter zu bewegen, ihre Neugierde vorläufig zu unterdrücken. Sie aß mit André, trank ein Glas Wein, und fühlte ſich nun wunderbar gekräftigt.“ »Ich bin wie neugeboren, André,“« ſagte ſie.„Aber nun auch raſch. Wie heißt unſer Wohlthäter, daß wir für ihn beten können!“ »Er mag es dir ſelbſt mittheilen, liebe Mutter,« antwortete Andreas.„Draußen auf dem Hofe wartet er, und du magſt dich nun auf ganz beſondere Neuig⸗ keiten guter Art gefaßt machen. Soll ich ihn rufen?« »Rufe ihn, mein Sohn,“ erwiederte Frau Romieu. „Ich begreife Alles! Die Wüſte liegt hinter uns! Oh, ich wundere mich nicht, daß meine Ahnung zur Wahr⸗ heit geworden iſt! Sie ſprach zu lebendig und deutlich in meinem Herzen!“« Ihre Augen glänzten, ihr Mund lächelte, und eine ſchwache, feine Röthe färbte ihre Wangen. Dennoch zögerte André noch einen Augenblick, weil er fürchten mochte, daß trotz der äußeren Faſſung, welche ſeine Mutter zeigte, die Nachricht des Fremden allzu er⸗ ſchütternd und überwältigend auf ſie einwirken werde. Sie beſeitigte jedoch alle ſeine Beſorgniſſe. faßt. „Geh', mein Kind,« ſagte ſie ſanft und 5 3 Jetzt ſchwankte André nicht länger. Er eilte hinaus und rief den Fremden. 18 „Sprechen Sie ohne Rückhalt,“ rief ihm Frau Ro⸗ mieu entgegen.„»Nicht wahr, der Bruder meines ſeligen Mannes hat ſich endlich unſeres Elendes erbarmt? Er will uns unterſtützen? Er will ſich meines Sohnes annehmen? Ja, ja, ich errathe Alles! Segen über ſein Haupt, obgleich er uns lange hat ſchmachten und verzweifeln laſſen.« „Von ihm kommt allerdings die Hülfe, die Ihnen zu Theil wird, Madame,“ erwiederte der Fremde.„Ich werde Ihnen alle nöthigen Mittheilungen machen, muß mich aber erſt überzeugen, daß Sie die Frau Romieu ſind, die ich zu ſuchen beauftragt wurde. Ihr Gatte war... „Kaufmann. Rue Richelieu Nr. 15. „Richtig! Ihr Schwager?« „Gutsbeſitzer, zwei Lieues von Paris. Das Gut heißt Remblay.“ „Ganz recht! Und dieſe Briefe?“« Er zog drei oder vier aus ſeiner Taſche. „Es ſind die meinigen!“ rief Madame Romieu ſchmerzlich aus.„Oh, ich kenne ſie wohl! Jedes Wort darin iſt von einer Thräne befeuchtet.“ „Theilen Sie mir kurz den Inhalt mit.“ Madame Romieu wiederholte faſt buchſtäblich den Inhalt derſelben. „Es iſt genug,“ ſagte der Fremde.„Ein Irrthum nicht mehr möglich. Madame Romieu, meine Mitthei⸗ lungen ſind ſehr ernſter Art. Vernehmen Sie, daß Ihr Schwager Godefroi Romieu vor acht Tagen das Zeit⸗ liche geſegnet hat. Ein Schlagfluß raffte ihn hinweg.« —yy—-— „Großer Gott!“ rief Frau Romieu aus.„Das habe ich nicht ahnen können! Aber weiter! Er hat uns einen Theil ſeines Reichthums vermacht?« „Er hat kein Teſtament hinterlaſſen, Madame. Ich wurde beauftragt, ſeine Angelegenheiten zu ordnen. Ich fand, daß Sie die einzige Erbin waren, und Ihre Briefe gaben mir einen Wink, wo ich ſie ſuchen müſſe. Ich wünſche Ihnen Glück, Madame! Sie können jeden Augenblick Ihre Erbſchaft antreten.“. Große Thränen rollten aus den Augen der Frau Romieu.„Das habe ich nicht geahnt!« wiederholte ſie.„Ich hoffte nur auf eine brüderliche Unterſtützung. Er war ſehr hart gegen uns,— aber der Tod löſcht jede Schuld aus, und ich vergebe ihm von ganzem Herzen! Friede ſeiner Aſche und die Erde ſei ihm leicht! Andreas, mein Kind! Gott ſei Dank, daß Er dich vor dem Aeußerſten behütet hat!“ Mutter und Sohn umarmten ſich in ſtummer Rüh⸗ rung. Der fremde Herr überließ ſie ſich ſelbſt, indem er die Abſicht ausſprach, einen Wagen zu beſorgen, in welchem ſie ihre elende Wohnung verlaſſen könnten, um ſie mit ihrem neuen Wohnſitze, dem ſchönen Gute Remblay, zu vertauſchen. Nach einer halben Stunde kehrte er mit dem Wagen zurück, und Alle verließen das ärmliche Gemach, in welchem ſo viele Thränen des Kummers, der Sorge und des Hungers geweint worden waren. 1 Abends Andre und Schmulche⸗Leben getroffen hatten! Eine Frau mit ſanftem, zartem, etwas bleichem Antlitz pflegte ihn zu begleiten. Beide ſchienen Jemande — 8 3 Acht Tage ſpäter ſah man öfter einen wohlgekleideten lungen Menſchen an der Ecke des Platzes, wo ſich eines n zu 30 ſuchen, denn ſie ließen ihre Blicke überall umherſchweifen, und ſpazierten halbe Stunden lang auf dem Platze auf und ab, während eine kleine Strecke davon ein eleganter, mit zwei ſchönen Pferden beſpanter Wagen hielt, in welchen ſie einſtiegen, wenn ſie ihren Spaziergang be⸗ endigt hatten. Zwanzig Mal ſchon hatten ſie vielleicht dieſen Be⸗ ſuch an der Ecke wiederholt, ohne zu einem Reſultate gekommen zu ſein. „Du ſiehſt, es nützt nichts, André,“ ſagte eines Tages die Dame zu dem jungen Menſchen,—„dein Freund iſt verſchwunden, und wir können nun hoffen, daß er irgendwo ein Unterkommen gefunden hat.“ „Oh, Mutter, es ſchmerzt mich, daß er fuͤr mich verloren iſt,“ erwiederte André traurig.„Gern hätte ich meinen Reichthum mit dem braven Schmül⸗ke Le⸗ ben getheilt, denn ohne ihn, ohne ſein mitleidiges Herz, ohne das Stückchen Brod, das er ſich entzog, um es mir für dich zu geben,— Mutter, wären wir Beide in Jammer und Elend geſtorben!“ „Es iſt ſo, mein Kind,“ erwiederte Madame Ro⸗ mieu.„Aber du mußt dich endlich überzeugen, daß unſere Nachforſchungen vergeblich ſind. Beten wir für ſein Wohl, und hoffen, daß irgend ein Zufall Euch wieder zuſammenführt! Komm, André, und gräme dich nicht! Ich zweifle nicht, Gott hat für deinen Freund wohl geſorgt, wie für uns, denn keine gute Handlung entgeht ja dem ewig wachen Auge des Vergelters!“ Andreas ſeufzte und ſtieg mit ſeiner Mutter in den Wagen, der raſſelnd davon rollte. Er kehrte nicht wieder an die Ecke zurück. Wenn André gewußt hätte, wie nahe Schmulche⸗ — eeben ihm immer geweſen war! Aber er ahnte es nicht, und eben ſo wenig ahnte es Schmulche⸗Leben, der drinnen im Laden des Juden Baruch beſchäftigt war, und ſich ſelten die Zeit gönnte, einen flüchtigen Blick auf die Straße hinaus zu werfen. Eine höhere Macht ſchien beſchloſſen zu haben, daß Andreas und Schmulche einander nicht wiederſehen ſollten. Gleich⸗ wohl gedachte André immer mit Liebe und Dankbarkeit ſeines Wohlthäters, und bewahrte ihm ein warmes Plätzchen in ſeinem unverdorbenen, wackeren Herzen. Drittes Kavitel. Der Schnorrer. Drei Jahre verſtrichen, und Schmulche⸗Leben befand ſich noch immer im Hauſe des alten Juden Baruch. Er war aber nicht der ſchwächliche, halb verhungerte, zerlumpte Knabe mehr, wie wir ihn im Anfange unſerer Erzählung kennen gelernt haben, ſondern er war zu einem ſtattlichen jungen Manne emporgewachſen, dem Kraft, Geſundheit und Geiſt aus den großen, ſchwarzen Augen ſprühten. Der alte Baruch und Schmulche ſtanden im beſten Einvernehmen mit einander. Der Erſtere wurde, nachdem er den Knaben aus Barm⸗ herzigkeit bei ſich aufgenommen hatte, bald gewahr, daß ihm Schmulche in ſeinem Geſchäft weſentliche Dienſte leiſten konnte, und Schmulche dagegen machte bald ebenfalls eine Bemerkung, nämlich die, daß der alte Baruch weit größere und wichtigere Geſchäfte betrieb, als der elende Kramladen mit ſeinen Trödelwaaren ver⸗ muthen ließ. Baruch machte ihm auch gar kein Hehl daraus, ſondern weihte ihn allmählig zum Theil in ſeine weitreichenden Spekulationen ein. Als ſich Schmulche einſt herausnahm, ſeine Verwunderung darüber auszu⸗ ſprechen, daß Baruch ſo gar unſcheinbar einhergehe, da er doch in einem großen Hauſe wohnen, ein großes Comptoir haben, und ſo gut wie die übrigen reichen Geſchäftsleute in zeinem prächtigen Wagen zur Börſe ſahren könne, da lächelte der Alte und ſchüttelte den opf. „Vergißt du ganz, Schmulche,“ erwiederte er,„daß wir Juden in Goles(Bedrückung) leben? Vergißt du, daß der Sturm, wenn er mit Macht einherrast, nur die hohen Bäume niederwirft und über die niedrigen verächtlich hinwegfährt? Vergißt du, daß wir in ſchwe⸗ ren Zeiten leben, wo es nur eines Winkes von einem Moßerer(Verräther) bedarf, um den unſchuldigſten Menſchen in's Gefängniß und unter das Fallbeil der Guillotine zu bringen? Was thu' ich damit, wenn ich ſtolz einherfahre in einer Karoſſe? Würd' ich ange⸗ ſehen darum auf der Börſe? Gilt mein Geld weniger auf der Börſe, weil ich dahin gehe beſcheiden zu Fuß? Nein, Schmulche⸗Leben! Der Baruch bleibt bei ſeinen Gewohnheiten, wie er ſie gehabt von Jugend auf. Das weckt den Neid nicht, und nicht den Haß und die Ver⸗ folgung. Ich eſſe mich ſatt, ich leide kein' Noth, ich laſſe mir nichts abgehen am Schabbes⸗Abend und Jontef 3 (Feſttag), ich gebe den Armen, was recht iſt, und da mit begnüg' ich mich, und beneide Keinen um ſeine „ A Karoſſen und allen äußeren Glanz. Hüt' dich Schmulche⸗ Leben, und laß dir nicht merken, ob der alte Baruch 4 i*ſt reich oder arm! Was weißt du auch, ob ich reich din Mit Geſchäften iſes ein eigen Ding. Cs wird gewonnen heut', und verloren morgen! Laß uns froh ſein, daß wir's Leben haben und der Talles(das Ge⸗ ſpenſt der Armuth) mit ſeiner hohlen Geſtalt nicht her⸗ einſchaut zur Thür!“ S Schmulche⸗Leben merkte ſich die Worte des alten Baruch, obgleich er die Ueberzeugung beſaß, daß Baruch reicher, viel reicher ſei, als er ſelbſt gegen ihn ſcheinen wollte. Genau wußte er nicht, wie reich; denn in das eigentliche Geſchäftszimmer, wo der alte Herr ſeine Kaſſe aufbewahrte und die wichtigſten Geſchäfte abſchloß, kam er nicht. Baruch hatte ihm gleich von Anfang an ein für alle Mal verboten, dort einzutreten, und Schmulche⸗Leben war viel zu gewiſſenhaft, um nicht den pünktlichſten Gehorſam zu leiſten. Dazu kam, daß die Unſicherheit der Perſon und des Eigenthums in der Hauptſtadt Frankreichs allmählig den höchſten Grad erreichte. Ein Menſchenleben wurde für nichts mehr geachtet, und vollends das Leben eines Juden, deſſen Schätze als eine gute Beute betrachtet werden konnten. Tauſende büßten ihr Leben auf dem Schaffotte ein, und es wurde nicht viel darnach gefragt, ob das Loos, von Henkershand zu ſterben, den Schul⸗ digen oder Unſchuldigen traf. So näherte ſich das ſchrecklichſte Jahr der Revolu⸗ tion, das Jahr 1792, ſeinem Ende, und die Zeit kam heran, wo von den Juden das Sukoth, das Uebliche Laubhüttenfeſt, feierlich begangen wird zum Andenken an die Zeit, wo die Juden aus Aegypten zoge um Schmulche⸗Leben. 1 3 das gelobte Land zu erobern. Baruch hatte Sorge getragen, im Hofe ſeines Hauſes eine Laubhütte zu erbauen aus grünen Zweigen, und Schmulche⸗Leben war ihm fleißig dabei zur Hand gegangen. Feſtlich geſchmückt wölbte ſich das gruͤne Dach über den Tiſchen und Stühlen, die den inneren Raum der Laube aus⸗ füllten, um am Abend mit köſtlichen Leckerbiſſen beſetzt zu werden. Zwiſchen den grünen Blättern der Zweige glänzten und ſchimmerten bunte Blumen in farbenreichem Schmucke, und goldene Orangen glühten, wie in den Hainen der ſüdlichen Wälder, Palmenzweige winkten, und farbige Lampen in reicher Zahl ſchmückten, Licht und Glanz verheißend, außen und innen den luftig zierlichen Bau. Baruch und Schmulche⸗Leben hatten ſich keine Mühe verdrießen laſſen, die Laubhütte an⸗ muthig und zierlich auszuſtatten, und mit Wohlgefallen betrachteten ſie das Werk ihrer fleißigen Hände, als es gegen Abend vollendet und gelungen vor ihnen ſtand. „Ich freue mich zum Abend, Schmulche,“ ſagte Baruch lächelnd.„Wenn die Lampen erſt brennen und ihren bunten Schimmer hell über Blätter, Blumen und Fruͤchte ausgießen, wird mir recht feſtlich zu Muthe werden im Herzen, hoffe ich.« „Maſel Tow zum Jontef(gut Glück zum Feſttage), Herr,“ entgegnete Schmulche ebenfalls mit vergnügtem Lächeln.„Es iſt ein ſchönes Feſt, ein rechtes Simches Thora(Freudenfeſt), unſer Laubhüttenfeſt!“ „Ja, Schmulche, und daß wir's auch recht genießen, wollen wir nun ausruhen von den Mühen des Tages,“ ſagte Baruch.„Die Luft iſt mild und ſchön, ſetzen wir uns auf die Steinbank vor die Thür und warten 35⁵ dort ab, bis die Dämmerung in Nacht übergeht und die goldenen Sterne am Himmel glänzen.« Sie verließen den Hof und begaben ſich hinaus vor die Thür, wo ſie ſich niederſetzten auf die Bank von Stein, und in das bewegte Leben hinein ſchauten, das ſich dicht vor ihren Augen entfaltete. Der Abend war mild und warm, die Luft weich, wie Baruch geſagt hatte, und das lockte zum Spazierengehen. Die Straße und der Platz waren bedeckt von Menſchen, die ſich bunt durch einander drängten und ſich der Lieblichkeit der Dämmerſtunde erfreuten. Da näherte ſich über den Platz her mit langſamen Schritten ein Menſch, welcher ſich in Kleidung und Ausſehen ſo auffallend von der übrigen Menge unter⸗ ſchied, daß Viele ihn verwundert anſchauten und auch Baruch ſeine Blicke mit einem Anfluge von Erſtaunen auf ihn heftete. „Sieh' da, Schmulche,“ ſagte er und deutete auf den Fremdling,—„das iſt Einer von unſere' Leut', wenn mich nicht Alles trügt, aus dem fernen Polen⸗ land. Man ſieht's am langen ſchwarzen Talar, und am langen Bart, der ihm über die Bruſt herunter hängt. Siehſt ihn auch? Jetzt kommt er grad' auf uns zu.“ „Ich ſeh' ihn,« erwiederte Schmulche, indem er einen ſcharfen, forſchenden Blick auf den Fremden hef⸗ tete,—„ich ſeh' ihn, aber lügen müßt' ich, wenn ich wollte ſagen, ich haͤtte Gefallen an ihm. Sein Auge verſpricht nichts Gutes, wie es ſo irr und unſtät ſeine Pfeile umherfliegen läßt.«. „Man muß nicht urtheilen nach len S nis oles, entgegnete der alte Baruch ernſt.„Wir leben i und noch mehr als wir fühlen den Druck unſere Leut⸗ in Polen. Aber da iſt er; er hat uns geſehen.“ In der That ſchien der polniſche Jude ſeine Glau⸗ bensgenoſſen bemerkt und als Solche erkannt zu haben, denn ohne ſeine Augen weiter umherſchweifen zu laſſen, richtete er ſie feſt auf Baruch und näherte ſich ihm mit raſchen Schritten. Dicht vor ihm blieb er ſtehen. „Salem Alekem!“ ſagte er mit tiefer Stimme, die etwas Rauhes und Duſteres hatte.„Salem Alekem (Friede ſei mit Euch)!« „Salem Alekem!“ ſagte auch Baruch und erhob ſich von ſeinem Steinſitze.„Habt Ihr ſchon ein Bal⸗ bos(Haus, Obdach), wo Ihr zu Schabbes eſſen könnt?« „Nein,« erwiederte der Schnorrer.„»Ich komme eben an von langer Wanderung, müde und hungrig, und weiß nicht, wo ich ſoll niederlegen mein Haupt.“ „Wohlan, ſo ſeid Ihr mein Gaſt zum Jontef!« ſagte der alte Baruch freundlich und lud ihn in ſein Haus ein, wo er ihn noch einmal nach jüdiſcher Art bewillkommnete. Schmulche⸗Leben dagegen hielt ſich fern von dem Gaſte und richtete kein Wort an ihn. Den alten Baruch kümmerte es nicht, und er bemerkte es auch wohl nicht einmal. Er folgte blos ſeiner Pflicht, die ihm gebot, gaſtfreundlich zu ſein gegen einen Glaubensgenoſſen. Nachdem er ihn in ein kleines Ge⸗ mach geführt hatte, wo er es ſich bequem machen und ſeinen Körper von den ſichtbaren Spuren der Wande⸗ rung ſäubern konnte, geleitete er ihn nach der Laube und forderte ihn auf, unter dem grünen Dache am Tiſche Platz zu nehmen. Der Gaſt ließ ſich nicht nöthi⸗ gen, denn die Laube gewährte einen äußerſt lieblichen 37 und einladenden Anblick. Die Wachskerzen auf den ſilbernen Armleuchtern, welche auf dem Tiſche prangten, waren angezündet, und auch die vielen bunten Laternen verbreiteten ihr zauberhaftes Licht, und übergoßen Blät⸗ ter, Blumen und Fruchte mit einem ſeltſam feenartigen Schimmer. Außerdem war die mit einem weißen Tuche gedeckte Tafel reichlich beſetzt mit Speiſe und Trank, und mit Begierde heftete der fremde Gaſt ſeine lüſter⸗ nen Blicke darauf. Bevor jedoch Baruch zu Tiſche ging, wuſch er ſich die Hände und ſprach dann über das Brod die Segnung aus. Hierauf erſt wurde ge⸗ ſpeist, und der fremde Gaſt that dem Mahle große Ehre an, wie die leeren Schüſſeln bewieſen, deren rei⸗ cher Inhalt den Weg durch ſeinen Mund gefunden hatte. Baruch freute ſich ſeines guten Appetites und nöthigte ihn immer von Neuem, wacker zuzugreifen und tief in die Schüſſeln zu langen. „Denn ich ſehe ſchon,“ ſagte er,„Ihr ſeid weit gegangen dieſen Tag und habt Euch unterwegs nicht viel aufgehalten mit Eſſen und Trinken in den Wirths⸗ häuſern am Wege. Sprecht auch, Gaſt, von wo kommt Ihr?« „Von Jeruſchalaim(Jeruſalem), der Stadt unſerer Väter,“ antwortete der Fremde.„Weit bin ich ge⸗ wandert gen Miſrach(Oſten), um die heiligen Stätten zu ſchauen.“ Dieſe Antwort erfüllte Baruch mit Ehrfurcht, wäh⸗ rend Schmulche noch mißtrauiſcher als bisher den Fremd⸗ ling muſterte und ſeinen Worten nur geringen Glauben zu ſchenken ſchien. „Wo heißt?« dachte er bei ſich in ſeinen Gedanken. „Sieht mir der Fremde doch ehender(eher) aus, wie —õõö ööö Poſche Jiſroel, denn wie ein Zaddick! Ich will doch Acht auf ihn geben und horchen, ob er ſich nicht ver⸗ räth und ſich ſelber fängt in ſeinem Gewebe von Lügen.“ Das Mißtrauen, welches Schmulche im Herzen hegte, theilte Baruch augenſcheinlich nicht. Nun erſt, als abgeſpeist war, und er dem Gaſte das„Benſchen“ (den Tiſchſegen) verehrte, und dieſer dabei einen Fehler beging, da ſtutzte er und faßte den Fremden ſcharf in's uge. „Schmah Jiſroel(höre Iſrael),“ ſagte er ganz ver⸗ wundert,„Gaſt, Ihr wollt kommen von Jeruſchalaim, aber, ſeid mir's mochel(verzeiht mir), mich dünkt faſt, Ihr wäret ein Amhoretz(Unwiſſender), und kaum werth, daß Euch ein guter Jüd' zum Eſſen einladet!« Der Gaſt machte eine verwirrte Miene und ent⸗ ſchuldigte ſich, daß er mit ſeinen Gedanken abweſend geweſen ſei. Aber Baruch ſchenkte ihm nur halben Glauben, und in Schmulche verſtärkte der Vorfall den Verdacht, den er ſchon gegen den Gaſt gefaßt hatte, nämlich, daß dieſer ſo wenig in Jeruſalem geweſen ſei, wie er ſelber, und daß er überhaupt nichts weiter wäre, als ein gewöhnlicher Schnorrer, der ſich nur ein An⸗ ſehen geben wolle durch ſeine Lügen bei ſeinen Gaſt⸗ freunden. „Genug, Gaſt,“ ſagte Baruch nach einer kurzen Pauſe des Nachdenkens, indem er vom Tiſche aufſtand, —„Ihr werdet müde ſein von langer Wanderung und 3 Euch nach Ruhe ſehnen. Nur Euren Namen noch, damit ich weiß, wen ich beherberge, und dann geht zur Ruhe.“ 39 „Mein Nam' iſt Salmon, und ich ſtamme aus Warſchau,“ erwiederte der Fremdling. „Gut, Salmon,“ fuhr Baruch fort,—„ſo wünſch ich Euch ſüße Ruhe unter meinem Dache! Schmulche mein Schameß(Diener), wird Euch Eure Schlafſtelle zeigen, und ihm folgt. Gute Nacht!“ Baruch ging, der Fremde ſchien aber nicht geneigt, ſich ſchon zur Ruhe zu begeben, denn er blieb ſitzen, und betrachtete Schmulche, dem er bis jetzt nur geringe Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, mit forſchenden, neu⸗ b gierigen, faſt prüfenden Augen. „Alſo du biſt nicht der Sohn vom Hauſe, ſondern nur der Schameß!“ ſagte er.„Gib mir auch Red' 1 und Antwort, was iſt dein Herr für ein Herr?« 1„Ich mein', Ihr mußt bemerkt haben, daß er ein guter Herr iſt,“« erwiederte Schmulche kalt.„Hat er Euch doch eingeladen zum Jontef(Feiertage), ohne Euch zu kennen, oder nur Euren Namen zu wiſſen.“ „Das war Schuldigkeit von ihm,“ antwortete Sal⸗ mon.„Kein braver Jüd' läßt den Anderen an ſeiner Thür vorübergehen am Sukoth(Laubhüttenfeſt), ohne ihn in ſein Haus zu laden. Aber iſt dein Herr reich?« „Ich weiß nicht, und mag es nicht wiſſen,“ ent⸗ gegnete Schmulche.„Was kümmert's mich? Ich dien' ihm treu, und er gibt mir meinen Lohn.“ „Doch was für ein Geſchäft treibt er?« „Pfandleiher iſt er und handelt mit alten Kleidern,“ ſagte Schmulche kurz.„Was geht's Euch an, Gaſt? Geht zur Ruhe, und dankt dem Herrn, daß er Euch hat geführt in ein gaſtfreundliches Haus!“ Deer polniſche Jude verſuchte es noch einmal, durch zudringliche Fragen aus Schmulche Dieß und Jenes 40 uͤber die Verhältniſſe Baruchs herauszulocken; aber Schmulche war auf ſeiner Hut und ließ den Polen nicht wiſſen, ob Baruch arm oder reich ſei. Endlich mußte der Fremdling wohl merken, daß Schmulche keine Luſt habe, ihn aufzuklären, und gab ſeine vergeblichen Bemühungen auf. Schmulche führte ihn in die für ihn beſtimmte Kammer, die neben ſeiner eigenen lag, und forderte ihn auf, zu Bett zu gehen. Schweigend willfahrte ihm der Gaſt, und eine Stunde ſpäter ſchie⸗ nen alle Bewohner des Hauſes feſt eingeſchlummert. Aber Schmulche ſchlief nicht. Wachend lag er in ſeinem Bette, und dachte ſtill über die Ereigniſſe des Tages nach, als er plötzlich zu ſeiner Verwunderung ein leiſes Geräuſch in der Nebenkammer hörte, wo der Fremde ſchlief. Die Verbindungsthür zwiſchen beiden Kammern ſtand offen, und Schmulche vernahm daher jede Bewegung, welche der Fremde machte, obgleich er denſelben nicht ſehen konnte. „Was mag er vorhaben?“ dachte er. Gewiß nichts Gutes! Ich will mich ſtellen, als ob ich in feſtem Schlafe läge, und ihn heimlich beobachten, ſo gut ich kann bei der Finſterniß.“ So lag Schmulche mit offenen Augen und geſpann⸗ tem Ohr, und hoffte, es werde ihm gelingen, trotz der Dunkelheit die Abſichten des polniſchen Juden zu er⸗ rathen. Aber es ſollte ihm noch beſſer werden. Ein leiſes Ziſchen wurde aus der Rebenkammer vernehmbar, ein blaues Flämmchen zuckte blitzähnlich empor, und Schmulche bemerkte mit neuem Erſtaunen, daß der Fremde eine kleine Blendlaterne anzündete, die er wahr⸗ ſcheinlich in ſeinem weiten Kaftan verborgen bei ſich getragen hatte. Der Fremde nahm ſich in Acht, daß ging, und beobachtete von hier aus den ſellſamen Gaſt. der Schein der Laterne nicht unmittelbar in die Neben⸗ kammer fiel, wo Schmulche ſchlief. Doch näherte er ſich mit leiſen, verſtohlenen Schritten dieſer Kammer, trat an Schmulche's Lager, und ließ einen Strahl ſei⸗ ner Laterne auf das Antlitz des jungen Menſchen fallen. Schmulche rührte ſich nicht, athmete tief und regelmäßig, und ſchien feſt zu ſchlummern. „Dacht' es mir,“ murmelte Salmon leiſe vor ſich hin.„Die Jugend hat den feſteſten Schlaf, und ich bin muftech(ſicher). Er wird nicht aufwachen.“ Auf weichen Socken glitt er von Schmulche's Bette wieder hinweg und in den Laden hinaus, deſſen Lage er ſich genau gemerkt zu haben ſchien. Schmulche's Kammer führte unmittelbar hinein. Die Thür knarrte ein wenig, als der Fremde ſie öffnete, aber Schmulche ſchien von dem Geräuſche nicht zu erwachen. Der Fremde trat in den Laden, und leuchtete überall umher, wie Schmulche deutlich ſah, da er ſich jetzt ohne Be⸗ denken in ſeinem Bette aufgerichtet hatte. Jeden Schritt des polniſchen Juden verfolgte er mit ſeinen wachſamen Augen. Nachdem ſich der Fremde mit dem Inneren des Ladens vertraut gemacht hatte, ſuchte er auch die Thür zu öffnen, welche nach dem Kaſſenzimmer Baruchs führte. Dieſe aber fand er verſchloſſen. Schmulche ſah ihn höhniſch lächeln. Der Fremde machte indeß keinen Verſuch, die Thür zu öffnen, ſondern wendete ihr den Rücken zu, und begab ſich durch eine zweite Thür, welche auf den Hausflur führte, in die übrigen Räume des Hauſes. Schmulche ſprang aus dem Bette und an ein kleines Fenſter, das auf den Flur hinaus Dieſer ſpionirte und ſtöberte Alles durch, kehrte aber doch endlich zurück und trat wieder in den Laden. Mit Einem Satze war Schmulche in ſein Bett zurückge⸗ ſprungen. Er hatte wohl daran gethan, nicht zu zöͤ⸗ gern; denn der Fremde, ohne ſich weiter im Laden umzuſehen, ſchlich wieder leiſe in ſeine Kammer hinein, ließ dabei einen zweiten Strahl ſeiner Laterne über Schmulche hingleiten, um ſich zu überzeugen, daß er nicht aufgeſtört ſei und noch im Schlafe liege, und löſchte dann ſeine Laterne wieder aus. „Weiß ich doch nun Hausgelegenheit,“ hörte ihn Schmulche vor ſich hin murmeln.»Die verſchloſſene Thür führt zu ſeinem Geld, wenn er Geld hat. Ob er hat, muß ich erfahren, ehe ich ſeine Schwelle wieder überſchreite. Hat er mich geſchimpft Amhoretz, ſo ſoll er ſehen, daß ich's ihm nicht vergeſſe.“ Nach dieſen leiſe geflüſterten Worten hörte Schmulche, wie der Fremde ſich wieder auf ſein Bett warf. Bald darauf verkündigte ihm das laute Schnarchen deſſelben, daß er eingeſchlummert ſei, und jetzt machte ſich auch bei ihm ſelbſt die Müdigkeit geltend, und er vergaß Alles, was er geſehen und beobachtet, in einem feſten, geſunden, traumloſen Schlafe, wie ihn nur die Jugend und ein gutes Gewiſſen ſchläft. Am folgenden Morgen aber erinnerte ſich Schmulche gleich beim Aufwachen wieder an Alles, was in der Nacht vorgegangen war, und er warf einen ſchnellen Blick in die Nebenkammer, wo der Gaſt ſchlief. Dieſer war ſchon außer dem Bett, kniete in einem Winkel, hatte die Tefillin(den Gebetriemen) um Haupt und Arme gewunden und ſchien eifrig in ſein Morgengebet vertieft zu ſein. 43 »Sollte ich mich getäuſcht haben in ihm?« fragte Schmulche ſich ſelbſt.„Sollte er wirklich ein Zaddick ſein, während ich ihn für einen Lügner und Heuchler hielt? Aber warum ſpionirt er im Hauſe herum? Kann er dabei gute Abſichten gehabt haben? Oder iſt er wohl gar ein mondſüchtiger Nachtwandler, der ſelber nicht weiß, was er thut im Schlaf?« Schmulche ſchuttelte den Kopf, weil er nicht mit ſich ſelber in's Klare kommen konnte. Die Frömmig⸗ keit des Polen ſchien wirklich aufrichtig, ſein Gebet voll ſolcher Andacht und Innigkeit, daß er alles Andere darüber vergaß. Dennoch ſchwand das einmal rege Pwerdene Mißtrauen nicht gänzlich aus Schmulche's eele. »Ich will ſchweigen für jetzt gegen Baruch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,—„aber zugleich will ich auch auf der Hut ſein gegen den fremden Mann, und jedenfalls ſoll er nicht glauben, daß Baruch ein reicher Mann iſt und viel Gold und Silber in ſeiner Kammer auf⸗ bewahrt.“ Mit dieſem Gedanken ſprang er aus dem Bette, folgte dem Beiſpiele des Fremden, indem er ſein ge⸗ wöhnliches Morgengebet verrichtete, und grüßte dann Jenen mit unbefangener Miene. Der Fremde ſchoß einen ſcharfen Blick auf ihn, aber Schmulche hielt ihn ruhig, ohne einen Zug ſeines Geſichts zu verändern, aus, und ſchüttelte kräftig die ihm dargebotene Hand. Eifrig beſorgte er dann das Frühſtück für den Gaſt, und plauderte mit ihm über gleichgültige Dinge, wobei er geſchickt allerlei Bemerkungen über die Bedürftigkeit Baruchs einflocht, bis Baruch ſelber kam. Bei ſeiner Erſcheinung ſtand Salmon auf, grüßte ehrerbietig, und 44 dankte in wohlgeſetzten Worten für die genoſſene Gaſt⸗ freundſchaft. 8 „Was ſoll das heißen?“ fragte Baruch.„Ihr ſeid mein Gaſt heute wie geſtern.“ Der Fremde gab jedoch vor, daß er ſeinen Wander⸗ ſtab um eines gewiſſen Geſchäftes willen weiter ſetzen müſſe, und ſchnürte ſein Bundel. Baruch gab ihm noch ein Almoſen auf den Weg, und Salmon ging davon. Schmulche war froh über ſeine Entfernung. Doch verſchwieg er gegen Baruch, was er in der Nacht geſehen hatte, und acht Tage ſpäter hatten er ſowohl wie ſein Herr den Beſuch des Fremden vergeſſen. Ganz unerwartet ſollten aber Beide wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages trat Salmon haſtig in den Laden. Obgleich ſein Aeußeres gegen früher ſehr verändert erſchien, denn er trug nicht mehr den langen Kaftan, ſondern modiſche Kleider, hatte ſeinen dichten Bart glatt am Kinne abgeſchnitten, und ſein ſtruppich⸗ tes Haar in zierliche Locken gekräuſelt, ſo daß er eher einem Szrore(vornehmen Herrn), als einem armen polniſchen Schnorrer gleichſah, erkannte ihn Schmulche mit ſeinem ſcharfen Auge doch auf den erſten Blick, ließ ſich aber nichts merken davon, weil er abwarten wollte, ob Salmon ſich abſichtlich unkennbar zu machen verſucht habe. Gleich die erſten Worte des Polen gaben ihm dieſe Gewißheit. „Seid Ihr der Pfandleiher Baruch?“ wendete er ſich nämlich fremd gegen den alten Herrn, welcher richtig voon ſeinem Ausſehen getäuſcht wurde. „Der bin ich,“ erwiederte er.„Was wünſchen Sie?« „Geld, Jude, viel Geld!« ſagte Salmon kurz. „Auf gutes Pfand, das ich bei mir trage.“ — —— „So kommen Sie,“ erwiederte Baruch, und wandte ſich zur Thür ſeines Kaſſenzimmers. Vergebens be⸗ mühte ſich Schmulche, die Aufmerkſamkeit ſeines Herrn auf ſich zu lenken, um ihm einen Wink zu geben. Leider ſtand er gerade in der fernſten Ecke des Ladens, und Baruch dagegen dicht an der Thür ſeines Kabinets. Ehe Schmulche zuſpringen konnte, war Baruch ſchon hinter der Thür verſchwunden, und Salmon folgte ihm auf dem Fuße nach, indem er raſch die Thür hinter ſich zuſchmetterte. Einen Augenblick war Schmulche verdutzt; aber ſogleich faßte er ſich wieder.„Was macht's aus?« dachte er.„Ich werde dem Herrn nachher die Au⸗ gen öffnen.“.. Geduldig wartete er die Rückkehr der Beiden ab, die ſich übrigens faſt eine halbe Stunde verzögerte. Als Baruch endlich mit Salmon wieder erſchien, zeigte der Letztere ein zorngeröthetes Geſicht und vor Aerger funkelnde Augen. »„Ihr wollt alſo nicht? Wirklich nicht?« fragte er Baruch. 4. „Nein, Herr!“« entgegnete dieſer feſt.„Zuerſt müßt Ihr mir beweiſen, daß der Schmuck wirklich Euer recht⸗ mäßiges Eigenthum iſt, ſonſt leihe ich Euch darauf nicht einen Centime. Ich kenne Euch nicht, Herr, und mit Unbekannten mache ich nicht Geſchäfte dieſer Art.« »Aber ich kenne den Herrn,“ ſagte jetzt plötzlich Schmulche, indem er aus ſeinem Winkel vortrat und Salmon feſt anblickte.„Seht Ihr nicht, Rebb' Baruch, trotz der ſchönen Kleider und den Ringen an den Fin⸗ gern und der goldenen Uhrkette, daß der Mann unſer 46 Gaſt iſt vom Sukoth her? Salmon, es ſcheint Euch gut ergangen zu ſein, ſeit ihr hier ſeid in Paris.« „Gott's Wunder!“ rief Baruch aus.„Salmon! Jaſ, jetzt kenn' ich ihn auch, den Gaſt aus Jeruſcha⸗ laim! Salmon, wo habt Ihr Euren Kaftan gelaſſen und Euren langen Bart?« „Was kümmert's Euch?« erwiederte der Pole giftig. „Ja doch, bin der Salmon! Nun kennt Ihr mich, Baruch! Und noch einmal frage ich Euch, wollt Ihr mir geben Geld auf mein Pfand, oder nicht?« „Ich thu's nicht, Salmon, nun erſt recht nicht, da ich Euch kenne,“ entgegnete Baruch.„Einmal habt Ihr mich belogen, Mann! Entweder damals, wo Ihr ſagtet, Ihr ſeiet arm, oder jetzt, wo Ihr ſagt, Ihr ſeiet reich! Ich will nichts wiſſen von Leuten, die zweierlei Worte im Munde führen. Geht, Salmon! Ich will nicht fragen, wie Ihr ſeid gekommen zu dem koſtbaren Schmuck und den ſchönen Kleidern, aber ich will auch nicht machen Geſchäfte mit zweideutigen Leuten!“ „Und das iſt dein letztes Wort, Baruch?“ „Mein letztes!“ „Nun denn,“ ſprach der Pole mit finſterem Droh⸗ blicke,„ſo hüt' dich, alter Jude, daß du nicht bereueſt eines Tages dein letztes Wort! Der Salmon wird dir's gedenken!“ Noch einen letzten Wuthblick auf Baruch und Schmulche ſchleudernd, ſtürmte er aus dem Laden, und verſchwand ſchnell in dem Getümmel der auf dem Platze wogenden Menſchenmenge. Schmulche wollte ihm nach⸗ eilen, aber Baruch hielt ihn zurück. 1 „Laß ihn laufen, er iſt ein Schuft, wenn mich nicht Alles trügt,“ ſagte er.„Einmal abgewieſen, wird er nicht wiederkommen.“ „Wenn er nur nicht ein Moßerer(Verräther) iſt,« erwiederte Schmulche mit Beſorgniß.„Ich traue ihm nicht.« „Was kann er verrathen von mir, dem unbeachteten Juden?“ entgegnete Baruch lächelnd.„Ehender möcht' ich glauben, daß er ſich bei uns einſchleichen könne, um zu ſtehlen, denn auf geradem, ehrlichem Wege iſt er gewiß nicht gekommen zu den Juwelen, die er mir angeboten hat zum Verſatz.« „Wer kann errathen, was er hat für Abſichten?« ſagte Schmulche kopfſchüttelnd.„Kann er nicht auch ſpionirt haben, um zu ſehen, ob ſich's lohnt, einen Verrath zu üben? Einem ſchlechten Menſchen iſt Alles zuzutrauen, und was ich geſehen habe, hab' ich ge⸗ ſehen.“ E „Was haſt du geſehen, Schmulche?“ „Es iſt vielleicht unrecht von mir, daß ich's Euch nicht geſagt habe ſchon früher, aber jetzt ſoll's ge⸗ ſchehen,“ erwiederte Schmulche erzählte, wie Sal⸗ mon ſich bei ſeinem erſten Beſuche im Hauſe benommen hatte. Aufmerkſam hörte Baruch ihm zu, ſchüttelte manchmal bedächtig das graue Haupt, machte aber ſei⸗ nem Diener keinen Vorwurf. „Ich ſehe keinen Unterſchied, ob du mir das früher geſagt hätteſt oder jetzt ſagſt, Schmulche,“ erwiederte er auf die gemachte Mittheilung. Wenn der Schuft will werden zum Verräther an mir, ſo konnt' ich's damals nicht verhindern, ſo wenig als jetzt. Aber was kann er verrathen? Was ſoll er verrathen? Laß ihn laufen, Schmulche! Er wird nicht wiederkommen, 48 denk' ich, da er gemerkt haben muß, daß er nun iſt erkannt.“ Schmulche hatte zwar noch manche Bedenklichkeiten, aber Baruch redete ſie ihm aus. „Er kann ja nichts unternehmen gegen mich, der Schnorrer,“ ſagte er.„Wenn er auch kein Dankgefühl empfindet für die gaſtliche Aufnahme, die wir ihm ha⸗ ben gewährt am Sukoth, ſo muß er doch fürchten, daß ich den Mund aufthue, und rede, und frage, auf welche Weiſe er iſt gekommen zu den Juwelen, die er mir hat angeboten zum Verſatz. Nein, nein, nein, Schmulche! Mach' mir den Gaul nicht ſcheu! Den Salmon ſind wir los, und für immer!“ Mit dieſen Worten brach der alte Baruch die Unter⸗ redung ab, und begab ſich in ſein geheimes Kabinet. Er kam während des ganzen übrigen Tages nicht wie⸗ der heraus; was er aber im Stillen dort vornahm, konnte Schmulche nicht wiſſen. Doch hoffte er, daß der kluge Alte wenigſtens einige Vorſichtsmaßregeln auf alle möglichen Fälle treffen werde, und mit dieſer Hoffnung beruhig ſich über die Schritte, welche der polniſche Jude zum Nachtheile ſeines Herrn etwa thun könne. Viertes Kapitel. Der Moßerer. Welcche Beſorgniſſe Schmulche auch gehegt habe mochte, ſie verſchwanden allmählig, als eine gand Woche verſtrich, ohne daß man von Salmon irgend etwas geſehen oder gehört hätte. Der Schnorrer ſchien verſchwunden, oder hatte es doch jedenfalls aufgegeben, ſein Müthchen an dem alten Manne zu kühlen, der ihm nur Freundlichkeit erwieſen und nicht das geringſte Böſe zugefügt hatte. „Siehſt du wohl, Schmulche, daß ich recht hatte?“ ſagte Baruch eines Abends, als zufällig einmal wieder die Rede auf Salmon kam.»Er muß mich mehr fürchten, als ich ihn, und darum verkriecht er ſich.« „Mag er bleiben, wo er iſt,“ antwortete Schmulche. „Ich ſehne mich nicht nach ihm, nachdem ich zwei Mal ſeine Bekanntſchaft gemacht habe.« 5 Der alte Mann und ſein Diener begaben ſich zur Ruhe. Die halbe Nacht verſtrich, ohne daß ſich irgend etwas Ungewöhnliches zutrug; um die Morgenſtunde aber pochte es plötzlich von außen an den Laden des Kämmerchens, in welchem Schmulche ſchlief, und er fuhr haſtig aus dem Schlafe und von ſeinem Bette auf. „Wer iſt da? Wer wreſn er, noch halb ſchlaftrunken. 4 des Geſetzes!« lau⸗ „Oeffnet! Oeffnet, im Na tete die barſche Antwort. Schmulche fühlte, wie er bleich wurde und am gan⸗ zen Leibe zitterte vor Schreck, denn ſein erſter Gedanke war, daß Salmon, der Schuft, jetzt ſeine Rache an Baruch auszuüben komme. „ Aber doch ſoll's ihm nicht gelingen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt und raffte mit einem energiſchen Entſchluſſe nen ganzen Muth zuſammen.„Ich werde ſie täuſchen hinhalten, und mittlerweile kann Rebb' Baruch uucch die Hinterthür flüchten.. Schmulche⸗Leben. 3 4 Ladenthür geführt wurden.„Ich komme ſchon, und zur Thür, und muß vor allen Dingen wecken meinen „Geduld, wenn's beliebt! Ein wenig Geduld!« ſchrie er laut, als außen mit verdoppelter Heftigkeit an den Laden gepocht und wüthende Kolbenſtöße gegen die will nur ein paar Kleidungsſtücke überwerfen zum Schutz gegen die Kälte.“ „So mache geſchwind, Jude!“ rief es von außen zurück.„Es iſt nicht angenehm, hier außen im Freien zu ſtehen und Maulaffen feil zu haben! Oeffne ſogleich, oder wir brauchen Gewalt!« Schmulche hatte mittlerweile überlegt und ſeinen Entſchluß gefaßt. Er trat an's Fenſter, öffnete den Laden, und blickte auf die Straße hinaus. Er erblickte Uniformen und Bajonette, die mit mattem Schimmer durch die Dunkelheit blitzten. „Was wollen Sie, meine Herren?« fragte er ganz höflich.„Hier bin ich, Ihre Befehle anzuhören! Sagen Sie mir, mit was ich Ihnen dienen kann.“ „Oeffnen ſollſt du, Jude! Die Ladenthür auf⸗ ſchließen und uns einlaſſen! Geſchwind!« „Oeffnen ſoll ich?« erwiederte Schmulche.„Ich will Ihnen öffnen, aber ich habe nicht den Schluſſel — Herrn.“ „Sacre bleu!« rief der Soldat ärgerlich,„ſo lauf' und wecke ihn! Ihn brauchen wir grade! Hurtig, hurtig!“— Schmulche verſchwand vom Fenſter und eilte nac der Kammer, wo Baruch ſchlief, um ihn zu benacht tigen. Aber der alte Herr mußte den Lärmen ſcs gehört haben, denn ehe Schmulche noch anklopfte, er bereits völlig angekleidet mit einem brennenden Lichte aus ſeinem Schlafzimmer. 8* „Hochgelobter Gott, Schmulche, wie ſiehſt du aus? Wie eine Leiche, aus dem Grabe geſtiegen!“ ſagte er beſtürzt.„Was gibt's denn, daß du ſo erſchrocken biſt? Wer pocht draußen?« „Balmachom an Balmachom(Soldat an Soldat) ſteht draußen mit Säbel und Flinte, Herr!« entgegnete er.„Sie ſind gekommen, Euch zu verhaften. Denkt an Salmon, Herr! Ich habe ihnen geſagt, ich wolle holen den Schlüſſel! Gebt ihn mir, Herr, und wäh⸗ rend ich vorn die Thür aufſchließe, ergreift durch die Hinterthür die Flucht. Beeilt Euch, Herr, und ich will 3 mittlerweile ſchon ſehen, daß ich ſie ſo lange wie mög⸗ lich aufhalte. Che ſie eindringen, könnt Ihr ſchon weit entfernt ſein.“ „Aber du, Schmulche? Was wird aus dir? „Fragt nicht nach mir, Herr!“ entgegnete Schmulche. „Man ſucht nicht mich, ſondern Euch, und wenn man Euch nicht findet, ſo wird man auch mir nichts zu Leide thun. Aber beſinnt Euch nicht! Hört nur, wie die Schergen ſchon wieder pochen? Sie werden die Thür ſprengen, wenn Ihr nicht eilt.« „Nun, ſo will ich's verſuchen,“ ſagte Baruch nach kurzem Bedenken.„Dir vertraue ich Haus und Ge⸗ ſchäft an, Schmulche, und,— höre mir wohl zu,— wenn mir etwas Menſchliches begegnet, ſo biſt du mein Erbe. Nimm dieſen Schlüſſel und ſiehe nach dem eiſer⸗ Wandſchrank hinter der Kaſſe, da wirſt du etwas en, was ſich der Mühe lohnt Schon recht, ſchon recht, Herr!« rief Schmulche eduldig.„»Nur fort, ſo ſchnell Ihr Pmu; Ihr hört ja doch, die Thür kracht und ſplittert unter den wüthenden Stoͤßen, die ſie dagegen führen!« Scchmulche drängte, und Baruch entfernte ſich raſch nach dem Hintergebaͤude ſeines Hauſes, von wo eine kleine Pforte in eine Nebenſtraße führte. Schmulche dagegen begab ſich an die Ladenthür und machte An⸗ ſtalten, ſie zu öffnen. „Ruhig, ruhig!“« rief er den ungeberdigen Soldaten zu, welche draußen noch immer gegen die Thür ſchmet⸗ terten.„Hört Ihr denn nicht, daß ich ſchon am Werke bin? Es wird ſogleich Alles offen ſtehen für Euch!« Deer Zuruf half. Schmulche raſſelte mit den Schlüſ⸗ ſeln am Schloſſe, ſchob die eiſernen Riegel auf die Seite, und ſtellte ſich ſo geſchäftig, als ob er nicht ſchnell genug mit dem Oeffnen der Thür fertig werden könne. Gleichwohl ſchob er die Riegel ſo lange auf, oder auch wieder zu, bis er glaubte, daß Baruch nun in Sicherheit ſein könne, und achtete wenig auf das Schimpfen der Soldaten, das durch die Thür zu ſeinen Ohren drang. „Nur Geduld, meine Herren!« rief er.„Die Thür iſt wohl verwahrt, und die Riegel und Schlöſſer wollen Alle geöffnet ſein!« Endlich ſchien er mit ſeinem Werke zu Stande zu kommen; die Thür ſprang auf, und ein Trupp von fünf oder ſechs Soldaten drang ungeſtüm in den Laden ein. Zwei von ihnen beſetzten den Eingang; die An⸗ deren, als ob ſie ſchon im Voraus genau unterrichtet wären, näherten ſich Baruchs Schlafzimmer, ohne weiter auf Schmulche zu achten oder nur eine Frage an ihn zu richten. „Sucht nur!« murmelte dieſer mit heimlichem Lächeln 5 in ſich hinein.„Der Vogel iſt ausgeflogen! Ihr werdet ihn nicht finden!« Ein Ausruf der Ueberraſchung, der aus dem Kabi⸗ nette ertoͤnte, ſchien die ſichere Hoffnung Schmulche's zu bekräftigen. Die Soldaten kehrten in den Laden zurück, und fragten ungeſtüm nach Baruch. »Wo iſt der Jude? Wo hat er ſich verſteckt 2« ſchrie ein Sergeant mit großem Barte und grimmig blitzenden Augen Schmulche zu.„Du mußt es wiſſen! Geſtehe, oder wir ſchneiden dir die Ohren vom Kopfe ab.« „Was weiß ich?« erwiederte Schmulche kalt.„Hah; ich doch meinen Herrn verlaſſen im Kabinet, als ich holte den Schlüſſel, und hab' ihn nicht wieder geſehen ſeitdem. Mußt' ich denn nicht aufmachen die Thür? Wie kann ich wiſſen, wohin indeſſen Herr Baruch ge⸗ gangen iſt?“ »Er iſt entflohen! Jedenfalls!“ ſchrie der Sergeant. »Verfolgt ihn, Soldaten! Durchſucht das ganze Haus von oben bis unten! Weit kann er nicht ſein, und wird uns alſo auch nicht entwiſchen. Dieſen da aber haltet feſt! Er ſoll bürgen für den Entwichenen, und beim Himmel, wenn wir den Alten nicht faſſen, ſo ſoll der Junge dafür auf der Guillotine büßen!“ »Es iſt nicht nöthig, daß Ihr Euch bemühet, meine Herren,“ ſagte jetzt ganz unerwartet die Stimme des alten Baruch.„Hier bin ich, den Ihr ſucht!« Schmulche ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und fiel ſeinem Herrn zitternd um den Hals. Barmherziger Gott!“ rief er,„ſeid Ihr iinnedig Sinnen), Herr? Warum habt Ihr den günſtigen enblick unbenutzt verſtreichen laſſen?« „Zu ſpät!« flüſterte Baruch in Schmulche's Ohr. „Vor der Hinterthür lauerte Salmon, der Moßerer, mit ſeinen Helfershelfern. Ich hörte ſeine Stimme, und wußte nun, daß ich nicht fliehen könne vor der Gewalt. Aber ſei ruhig, Schmulche. Ich bin unſchuldig und ein alter Mann! Sie werden mich hören und mich wieder freilaſſen nach Recht und Gerechtigkeit. Alſo fürchte nichts! Im Uebrigen aber bleibt's bei dem, was ich dir geſagt. Vergiß nicht den eiſernen Wand⸗ ſchrank!« So leiſe und haſtig waren dieſe Worte geſprochen, daß Niemand als Schmulche ſie verſtehen konnte, auch wenn ſich Baruch nicht der deutſchen Sprache bedient hätte. Uebrigens wurde ſeiner Rede bald ein Ende gemacht, denn die Soldaten bemächtigten ſich auf einen »Der Schem Boruch hu(der, deſſen Name gelobt ſei) behüte dich!« rief der alte Mann noch zurück, dann ihm Hülfe bringen, ihn retten, wenn ich nicht weiß, wo ich ihn ſuchen ſoll?« 6 Hurtig ſchlug er die noch offen ſtehende Ladenthür zu, verriegelte ſie von innen, und eilte nach der Hinter⸗ thür des Hauſes. Am Geräuſche der Fußtritte hatte er beobachtet, daß die Soldaten beim Abmarſchiren den Weg durch die kleine Straße genommen hatten, nach welcher die Hinterthür hinaus fuͤhrte,— wahrſcheinlich, um ihre dort lauernden Kameraden abzuholen. Dort⸗ hin ſtuͤrzte er. Die Thür war nur von Innen ver⸗ riegelt. Er öffnete raſch, glitt auf die Straße hinaus und horchte. Richtig! Die taktmäßigen Schritte der Soldaten waren noch vernehmbar. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, verfolgte er in ſchnellſtem Laufe die hörbare Spur, und hatte nach wenigen Minuten den Trupp erreicht. Eine Entdeckung brauchte er nicht zu befürchten, denn die Nacht war dunkel, und über⸗ dieß hielt er ſich immer fünfzig bis ſechzig Schritt zu⸗ rück, um auf keine Weiſe bemerkt zu werden. Nach einer Wanderung von einer halben Stunde machten die Soldaten Halt. Auf den Anruf des Sergeanten wurde das eiſerne Gitterthor eines langen düſteren Gebäudes geöffnet. Die Soldaten verſchwanden, das Thor raſſelte wieder zu, die Riegel und Schlöſſer klirrten, und ſtill wmar's, als ob die Ruhe der Nacht keinen Augenblick * geſtört worden wäre. 4 Scchmulche kauerte ſich in einen Winkel, dem Ge⸗ bäude gegenüber, in welches man Baruch geführt hatte, auf den kalten Erdboden nieder, hüllte ſich ſo gut er unte in ſeine Kleider, und wartete hier, zitternd vor oſt, bis der Tag anbrach. Nach langem Harren wurde es endlich hell und einzelne Leute gingen vorüber. 8 5 4 . Schmulche fragte den erſten Beſten, was das für ein großes Gebäude ſei mit dem Gitterthore, und erhielt zur Antwort: Die Conciergerie, ein Gefängniß für die Angeklagten. „Gut!“« ſagte er zu ſich ſelbſt.„Die Conciergerie alſo. Man wird zuſehen, ob man nicht hineinkommen kann.“« Hierauf ſchlug er wieder die Richtung nach Baruchs Hauſe ein, erreichte es ohne weitere Abenteuer, ſchlüpfte durch die Hinterthür hinein, und begab ſich in den Laden, wo er lange in tiefem Nachdenken verweilte. Er grübelte über die Urſachen der Verhaftung Baruchs nach, und ſuchte die Beweggründe Salmons zu erfor⸗ ſchen, der unzweifelhaft zum Verräther geworden war, wie ſchon der Umſtand bewies, daß er an der Hinter⸗ thür auf der Lauer geſtanden hatte, um die Flucht Baruchs zu verhindern. Er allein konnte von dieſem Fluchtwege wiſſen, den er unzweifelhaft in der Nacht ausſpionirt hatte, als er gaſtfreundlich von Baruch in deſſen Hauſe aufgenommen worden war. „Der undankbare Poſche Jiſroel!“ ſagte Schmulche. „Baruch hat ihm bereitet ein Simches Thora(Freuden⸗ feſt), und zum Lohn dafür wird er ein Moßerer. Mag er fahren zum Gehinnim(Hölle)! Aber es kann nicht ſein, daß er nur aus Rachſucht gehandelt hat. Er muß noch einen anderen Zweck verfolgt haben, wenn es mir auch nicht ſogleich gelingt, ihn zu errathen. Aber ich will ſein auf der Hut! Vielleicht kommt er ſelbſt, und dann... ich werd' ihn empfangen. Er ſoll mich nicht noch einmal überliſten.“ Schmulche hatte richtig gerathen. Kaum eine halbe Stunde, nachdem er wie gewöhnlich den Laden geöffnet — hatte, trat Salmon herein, und näherte ſich Schmulche mit einer ſo unbefangenen und ſorgloſen Miene, als ob er kein Waſſer getrübt hätte und den Vorfällen der vergangenen Nacht gänzlich fremd ſei. G „Salem Alekem, Schmulche⸗Leben!“ ſagte er.„Wo iſt Baruch? Ich muß ihn ſprechen!“ „Du mußt ihn ſprechen?« erwiederte Schmulche kalt.„So ſuch' ihn; du wirſt wiſſen, wo er zu finden iſt! Verſtelle dich nicht, ich weiß, wer gelauert hat auf den Fang dieſer Nacht an der Hinterthür.“« Der Pole zeigte einige Verwirrung in ſeinen Zügen. „Soll mir Gott!« rief er aus,„woher weißt du...“ „Wie ſoll ich nicht wiſſen, da du doch laut genug geredt mit den Balmachoms an der Thur?“ entgegnete Schmulche.„Mich kannſt du nicht täuſchen, alſo ſpare deine Lügen.“ Salmon verſuchte ein gezwungenes Lächeln.„»Nun denn, Schmulche,“ ſagte er,„was nützt's, zu läugnen, da du doch mehr weißt, als ich dachte. Ja denn, ich war dabei, als ſie den alten Mann verhafteten, weil ich bin gegangen um's liebe Brod unter die Soldaten, dim weiter hab' ich nichts mit der ganzen Sache zu thun.“ „Und wer hat die Balmachom an die Hinterthür geführt?« fragte Schmulche. Wer anders, als du? Mienſt du, ich weiß nicht, wie du in jener Nacht biſt auf Socken durch's ganze Haus geſchlichen, wie ein Dieb? Du kachteſt, ich ſchliefe, aber meine Augen waren offen!“ „Schmah Jiſroel, was ein kluges Jüngel!“ rief Salmon höhniſch aus.„Nun, was weiter? Was ich auch habe gethan, ich denke du wirſt zufrieden damit ſein, wenn du hörſt, daß ich auch deiner dabei gedacht habe. 1 „Meiner gedacht?« entgegnete Schmulche miß⸗ trauiſch.„Ich wüßte nicht, wie und warum.“ „Das Warum ſollſt du hören,“ ſagte der Pole vertraulich.„Ich ſehe ſchon, ich muß offen mit dir ſprechen und ohne Rückhalt. Was gibſt du mir, wenn ich dich mache in Einem Augenblicke zu einem reichen Mann? Schmulche ſtutzte. Eine Ahnung dämmerte in ihm auf. Nicht aus Rachſucht, nein, aus Habſucht hatte Salmon den Verräther geſpielt. Schmulche durchſchaute mit Einem Blicke den ganzen Plan des Elenden. Ba⸗ ruch mußte angeſchuldigt und verhaftet werden, um dann ſeine Reichthümer als gute Beute den raubgierigen Händen des Verräthers zu überlaſſen. Aber dieſer Plan,— Schmulche ſchwor es in ſeinem Herzen,— dieſer Plan ſollte dem Elenden nicht gelingen! „Du mich machen zum reichen Mann?“ fragte er ſpöttiſch.„Was biſt du denn? Ein Schnorrer biſt du! Und wenn du Geld haſt, ſo mußt du es haben geganft(geſtohlen)! Weiß ich etwa nicht, daß du als Bettler eingewandert biſt in Paris?“ „Du verſtehſt mich nicht, und weißt nicht, was ich meine, Schmulche,“ erwiederte Salmon mit heuchleri⸗ ſchem Grinſen.„Ich will dir verhelfen zu einer Erb⸗ ſchaft, zu einer großen Erbſchaft, unter Einer Bedin⸗ ung!“ „Eine Erbſchaft? Wer iſt geſtorben, den ich ſollte beerben?« fragte Schmulche.„Ich habe keine Ver⸗ wandten in der Welt, und keine vollends die reich wären. Geh' von mir, ich will nichts hören!“ „Du ſollſt hören und wirſt hören,“ entgegnete der Pole.„Wenn ich ſpreche von einer Erbſchaft, ſo weiß ich auch, wo ſie zu finden iſt, und ſie liegt dir nahe genug. Stelle dich nicht an, als ob du mich auch jetzt noch nicht verſtanden hätteſt. Dir iſt wohl bekannt, daß der alte Baruch hinterlaſſen hat viel Geld!“ „Was ſprichſt du von Baruch?« fragte Schmulche. „Baruch iſt, Gott ſei Dank, nicht todt!« „Wie heißt!« rief Salmon lachend.„Er iſt ſo gut, wie ein todter Mann! Wen ſie erſt geſchleppt haben in die Conciergerie, der kommt nicht wieder heraus, außer um zu gehen auf das Schaffot. Baruch iſt ein todter Mann, Schmulche! Ein todter Mann! Darum, ſo laß uns Beſitz ergreifen von der Erbſchaft, bevor kommen die großen Herren vom Blutgericht, und räu⸗ men aus, und nehmen uns Alles, Alles unter den Händen weg, daß uns auch nicht ein Centime übrig bleibt vom ganzen großen Vermögen. Ich mein' es gut mit dir, Schmulche! Ich will theilen mit dir, und du wirſt ſelber ſagen muͤſſen, daß der Salmon ein großmüthiger Mann iſt, da er doch nehmen könnte das Ganze! Was beſinnſt dich, Schmulche? Komm, laß uns öffnen die Thür zum Kabinet! Da ſteht die Kaſſe, und ich weiß, wo das Geld liegt.“ Schmulche ſchaute jetzt mit klarem Auge den Ver⸗ ſucher durch und durch. Salmon war in der That ſchlau genug zu Werke gegangen. Um in den Beſitz von Baruchs Reichthümern zu kommen, durfte er nicht auch Schmulche verhaften laſſen, weil ſonſt in dem leer tehenden Hauſe Alles verſiegelt oder weggenommen worden wäre. Sicherer ging er, wenn er Schmulche auf freiem Fuße ließ, und ihm einen Theil der Beute abgab. Aber Schmulche blieb auf ſeiner Hut, und war ſo leicht nicht zu fangen.. „Geh', geh', Salmon!“ ſagte er.„Ich bin ein treuer Diener meines Herrn, und verkümmern ſoll dieſe Hand, wenn ſie ſich befleckt mit unrechtem Gut. Der Schem Boruch hu(der, deſſen Name gelobt ſei) wird mich behüten vor aller Sünde!« 3 „Biſt meſchuge(närriſch), Schmulche,« erwiederte Salmon dringender.„Es iſt ja kein Diebſtahl, den du ſollſt begehen, es iſt nur eine Erbſchaft, die du ſollſt nehmen und theilen mit mir, da ich dir habe ver⸗ holfen dazu. Sei kein Schlemiehl, Schmulche! Greif' zu und nimm, was daliegt! Nimmſt du's nicht, ſo nimmt's ein Anderer! Der alte Baruch iſt ein todter Mann, es iſt grade ſo, als ob er die Tachrichim (Sterbekleider) ſchon angelegt hätte und würde getragen an den guten Ort(Kirchhof). Was nützt ihm alſo ſein Geld? Er kann's nicht mitnehmen in's Grab und in Gan Eden(das Paradies). Er hat keine Frau und keine Kinder und keinen Menſchen ſonſt, der ihm angehört, als dich! Du biſt ſein Erbe, denn du haſt ihm geſtanden am nächſten im Leben. Alſo was be⸗ ſinnſt dich? Greifſt du nicht zu, ſo greifen die großen Herren zu, die Gewalt haben über Alles, weil ſie Ge⸗ walt haben über die Guillotine. Alſo bedenk' dich nicht, Schmulche⸗Leben! Komm da hinein, und laß uns theilen! Jeder die Hälfte! Du ſiehſt, ich mein' es ehrlich mit dir.“ 1 „Ich will nicht! Ich thu' es nicht!“ antwortete Schmulche mit Feſtigkeit.„Noch iſt Baruch nicht ge⸗ ſtorben, und ich will Gomel benſchen(Gott für ſeine Rettung danken), wenn es ihm gelingt, ſich frei zu machen aus den Händen der Gewaltigen. Geh', Sal⸗ mon! Ich bin zum Hüter hier geſetzt über Alles von Baruch, und ich will ihm beweiſen, daß ich ein treuer üter bin!“ Ein Blitz boshaften Grimmes zuckte aus den Augen des polniſchen Juden, als er Schmulche ſo unerſchütter⸗ lich in ſeiner Tugend und Treue ſah.„Amhoretz, der du biſt,« ſagte er mit unterdrücktem Zorne,—„ich hab' es gut mit dir gemeint und habe dich wollen ſchonen, aber ſiehſt du, wenn du nicht nachgibſt und thuſt nach meinem Willen, ſo ſchwör' ich's bei Gehin⸗ nim(der Hölle), daß du ſollſt untergehen und verder⸗ ben, wie Baruch ſelber. Merkſt du nicht, daß ich Ein⸗ fluß habe auf die Gewaltigen? Merkſt du nicht, daß ſie hren auf Salmons Stimme? Ich brauche ihnen zu flüſtern nur ein kleines Wort in's Ohr, und die Balmachom kommen und holen dich, wie ſie haben ge⸗ holt Baruch! Alſo ſei klug, Schmulche! Sei geſcheidt! Denkſt du, es ſei ein Vergnügen, zu ſterben auf dem Schaffot? Du haſt die Wahl, Schmulche! Entweder will ich dich machen reich und du ſollſt frei gehen, wohin du willſt, oder ich will dich unter die Guillotine bringen und dein Haupt abſchlagen und dein Blut ver⸗ gießen laſſen, ſo wahr ich ſtehe hier vor dir,— jetzt noch als guter Freund. Entſchließ' dich! Was willſt du wählen, Schmulche?“ Schmulche hatte blitzſchnell überlegt und ſeine Wahl getroffen. Er ſah wohl, daß es gefährlich war, den Polen zu reizen, der nach Baruchs Gelde lechzte, wie ein Wolf nach dem Blute des Lammes. „èDu machſt mir bange, Salmon,“ ſprach er.»Wenn du mich zwingſt, ſo kann ich mir freilich nicht helfen, 62 ſondern muß dir geben, was du findeſt. Aber, Sal⸗ mon, dazu ſollſt du mich nicht zwingen, daß ich ſelber nehme von dem Geld, das nicht mein iſt. Nimm du Alles, nimm das Ganze, aber mich laß aus und meine Hände rein von ungerechtem Gut!« „Ah,“« rief der Pole und ſein Auge leuchtete auf, —„jetzt, Schmulche⸗Leben, jetzt ſprichſt du, wie der König Salomo, und Weisheit trieft von deinen Lippen, wie Honigſeim vom Bienenſtock. Thu', was du nicht laſſen kannſt! Willſt du nehmen nichts, ſo nehm' ich das Ganze! Mein Geyiſſen iſt nicht ſo zart, wie das deine! So komm denn und öffne das geheime Kabinet des alten Baruch!« Schmulche näherte ſich bereitwillig der Thuͤr. Er hatte ſeinen Plan entworfen. Wenn Salmon ſich im Kabinette befand und im Golde Baruchs wühlte, ſo wollte er hurtig die Thür hinter ihm zuſchlagen und ihn ſo fangen. Der Plan konnte recht wohl gelingen. Das geheime Kabinet war ein feuerfeſtes Gewölbe und die Thüren deſſelben ſo ſtark, daß die Kraft von mehr als einem Menſchen dazu gehörte, um ſie zu erbrechen. Was dann aus dem Gefangenen werden mochte, dar⸗ über war ſich Schmulche noch nicht klar bewußt. Jeden⸗ falls war er ſicher, Zeit zu gewinnen, und Zeit ge⸗ wonnen, ſchien ihm viel gewonnen vor der Hand. Die Schlöſſer raſſelten, die Thür des geheimen Kabinets ſprang auf, und wie ein Tiger auf ſeine Beute ſtürzte Salmon hinein. „Das iſt die Kaſſe!« ſagte er, auf einen feſten eiſernen Kaſten deutend, der im Hintergrunde des Ge⸗ wölbes ſtand.„Haſt du den Schlüſſel, Schmulche? Gib ihn her!« 63 „Sie ſteht ja offen, wenigſtens ſchließt der Deckel nicht,“ entgegnete Schmulche. Richtig! Dieß hatte Salmon überſehen. Haſtig ſchlug er den ſchweren Deckel zurück, um ſeine Augen an dem Anblicke der erwarteten Schätze zu weiden, die er ſchon für ſein unbeſtrittenes Eigenthum hielt,— aber mit einem Aufſchrei des Schreckens fuhr er wieder zurück. Die Kaſſe war leer! „Schmah Iiſroel, irgend ein Schurke iſt mir zuvor⸗ gekommen!« rief er aus.„Schmul, Hund, Ganfter (Dieb), du haſt den Schatz geraubt!« „Soll mir Gott meine Sünden nicht vergeben, Salmon, und ſoll Gras vor meiner Thür wachſen und meine Seele nicht ſelig werden, wenn ich habe ange⸗ rührt die Kaſſe oder einen Heller von dem, was darin war!“ ſagte Schmulche; und ſo überzeugend lag der Ausdruck der Wahrheit auf ſeinen Zügen, daß der Pole ſelber ihm Glauben ſchenken mußte. In der That war Schmulche über die leere Kaſſe nicht weniger erſtaunt und überraſcht, als Salmon ſelber; denn wenn er auch nicht wußte, wie reich Baruch ſein mochte, ſo wußte er doch mindeſtens, daß er jederzeit ziemlich bedeutende Geldvorräthe liegen hatte, und er vermochte ſich nicht zu erklären, wohin ſie und wie ſie verſchwunden ſein konnten. „Ich bin beſtohlen, beſtohlen, ſchändlich beſtohlen!“ ſchrie Salmon, indem er ſich wüthend die Haare raufte, und wie ein Verrückter in dem Kabinette umherraste. „Hab' ich doch erſt vor wenigen Tagen den eiſernen Kaſten voll geſehen von Gold und Silber bis an den Rand, und jetzt iſt Alles leer und aufgeräumt bis auf 64 den Grund! Schmulche, du mußt wiſſen, wer genom⸗ men hat das Geld! Du mußt's wiſſen! Sag's, oder ich zerreiße dich in Stücken, wie ein grimmiger Löwe!“ „Soll mir Gott, Salmon, ich weiß von nichts!« erwiederte Schmulche.„Vielleicht haben es genommen die Balmachom, als ſie kamen, zu verhaften den Herrn! Ich hab' es nicht geſehen, denn ich bin gar nicht da herein gekommen mit keinem Schritt. Vielleicht hat es auch Baruch ſelber fortgeſchafft das Geld, weil er be⸗ forgte, daß... „Nun? Was beſorgte er?« „Daß Alles kommen würde ſo, wie es gekommen iſt,« ſagte Schmulche dreiſt. Salmon ſchlug ſich mit der geballten Fauſt wuͤthend vor die Stirn.„Das wäre möglich! Dummkopf, der ich bin! Daran nicht zu denken!“ rief er aus.„Aber wer konnte auch wiſſen, daß man mich würde erkennen in ganz anderer Geſtalt? Ja, ja, ja, es iſt ſchon ſo! Der alte Fuchs hat ſchlau gewittert, was ihm bevor⸗ ſtand, und ich bin der Geprellte! Fluch über meine Dummheit!— Doch halt?« fuhr er plötzlich mit ver⸗ änderter Stimme fort, und eine neue Hoffnung blitzte aus ſeinen gierigen Blicken.„Wo kann er verborgen haben ſein Geld? Doch nirgends anders, als in ſeinem Hauſe? Man muß ſuchen! Schmulche, du kennſt jeden Winkel hier! Sag' mir geſchwind: wo kann er ver⸗ ſteckt haben den Schatz?« „Ich weiß nicht,« erwiederte Schmulche und zuckte die Achſeln.„Ich habe nichts geſehen und nichts be⸗ merkt. Suche Salmon! Suche durch's ganze Haus, ich will dich nicht hindern, aber ſagen kann ich bie nichts!« 9 1 1 ebenfalls hinter ſich verriegelte. Nun ſicher, daß er 65 „Gib mir die Schlüſſel,“ befahl der Pole kurz. Schmulche gab ſie ihm, bis auf den einzigen, wel⸗ chen ihm Baruch kurz vor ſeiner Gefangennahme zuge⸗ ſteckt hatte. Er vermuthete bereits, daß dieſer Schluͤſſel ſehr wichtig ſei, huͤtete ſich aber wohl, dem getäuſchten Verräther eine Andeutung davon zu geben. Salmon hielt ſich nicht länger in dem Kabinette auf. Er durchſtöberte das ganze Haus von oben bis unten, ſuchte mit Falkenaugen auf dem Boden, in dem Keller, uͤberall nach einem Verſteck, wo der geſuchte Schatz verborgen ſein konnte, fand aber nirgends auch nur eine Andeutung, die ihn hätte auf die Spur bringen können. Verdrießlich kehrte er nach mehreren Stunden vergeb⸗ lichen Suchens endlich zu Schmulche zurück und warf ihm die Schlüſſel wieder hin. „Nichts iſt da!“ ſagte er.„Der alte Fuchs hat mich wirklich geprellt! Aber es thut nichts! Glücklicher⸗ weiſe habe ich ihn gefangen in der Falle, und ich will ihn ſo einſchüchtern, daß er beichten ſoll haarklein Alles bis auf's Geringſte!“ Mit dieſen Worten eilte er ohne weiteren Gruß und Abſchied davon, und mit zufriedenem, vergnügtem Lächeln ſchaute Schmulche ihm nach. „Da läuft er hin,“ ſagte er.„Fort iſt er! Gott gebe, für immer! Es iſt nichts Angenehmes, das Ge⸗ ſicht eines Verräthers zu ſchauen. Aber jetzt will ich doch ſehen, ob ich beſſer zu ſuchen verſtehe, als der Poſche!“ Um ungeſtört zu ſein, ſchloß Schmulche die Laden⸗ thür und begab ſich in das Kabinet, deſſen Thür er auf keine Weiſe geſtört werden konnte, unterſuchte er Schmulche⸗Leben. genau die Hinterwand, an welcher die eiſerne Kaſſe mit maſſiven Schrauben an den Fußboden befeſtigt war. Lange ſpähte er vergeblich nach dem Wandſchranke, welchen er der Andeutung Baruchs zufolge dort finden ſollte. Endlich entdeckte er im Mörtel eine kleine Oeff⸗ nung, ähnlich ſo, als ob ein wenig Kalk dort abgefallen ſei, ſteckte den Schlüſſel hinein, und nahm mit Erſtau⸗ nen wahr, daß derſelbe tief bis faſt an den Handgriff hinein fuhr. Er drehte ihn,— es knackte, und plötzlich öffnete ſich ein Fach in der Wand, ſo genau und ſorg⸗ fältig darin eingefügt, daß wer das Geheimniß nicht kannte, es unmoͤglich entdecken konnte. Noch mehr er⸗ ſtaunte Schmulche aber, als er den Raum überblickte, welcher ſich ſo überraſchend vor ihm aufgethan hatte. Ein wirklicher Schatz lag vor ſeinen Augen; gemünztes Gold und Silber in glänzenden Maſſen aufgehäuft; es mochte mehr als eine Million ſein, was er ſo mit Einem Blicke in dem kleinen Verſtecke überſehen konnte. „Boruch Dajin emes(gelobt ſei der gerechte Rich⸗ ter), daß er die Augen des Poſche geſchlagen hat mit Blindheit!« Dieß war der erſte Ausruf, der nach der Entdeckung des Schatzes ihm jetzt unbewußt über ſeine Lippen glitt. Dann aber flogen ihm andere Gedanken durch den ſchwindelnden Kopf: er wurde bleich, und athmete ſchwer. „Eines Tages hab' ich geſagt, ich wolle werden ein Barjen(ein tüchtiger Menſch) und ein hoch angeſehener Mann!« murmelte er vor ſich hin.„Jetzt iſt die Stunde gekommen; ich brauche nur zuzugreifen, und ich bin es. Das Gold iſt die gewaltigſte Macht! Vor dem Gold lles, Hoch und Nieder, Vornehm und Ge⸗ beugt ſich ring! Das Gold zwingt ſie, daß ſie ſelbſt ſchmeicheln 67 müſſen dem Juden, den ſie verachten und in den Staub treten, wenn der Talles(das Geſpenſt der Armuth) über ſeine Schwelle geſchlichen iſt. Und was hat Sal⸗ mon geſagt? Er hat geſagt: ‚es iſt kein Diebſtahl, denn der alte Baruch wird getödtet werden durch das Fallbeil, und wenn er todt iſt, was nützt ihm ſein Geld?« Salmon hat recht! Er kann das Geld nicht mitnehmen in's Grab, und ich kann ihn beerben, ſo gut wie ein Anderer!“ Seine Augen glänzten und blitzten in unheimlichem Feuer, als er unter dieſen Gedanken die Blicke auf den vor ihm ausgebreiteten Schatz richtete, nach welchem er nur die Hände auszuſtrecken brauchte, um ihn in ſeinen unbeſtrittenen Beſitz zu bringen. Wenn Baruch guilllo⸗ tinirt war, wer fragte dann noch nach ſeinem Gelde? Schmulche konnte es nehmen, nach Deutſchland fliehen, — wer hinderte ihn?...... Plötzlich aber ſprang er wieder zurück von dem Schranke, ſchlug ihn zu, ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche, und wendete dem verführeriſchen Anblicke den Rücken zu. „Bin ich nicht ein Narr?« ſagte er leiſe, und lächelte vor ſich hin.„Ich habe mir vorgenommen, daß ich will werden ein Barjen, das iſt wahr! Aber ich habe auch gelobt und geſchworen, es zu werden nur auf gradem Wege! Iſt das der grade Weg, zu über⸗ laſſen ſeinen Wohlthäter einem grauſamen Schickſale, und ihn zu beſtehlen hinter ſeinem Rücken? Schmulche⸗ Leben, Schmulche⸗Leben, was haſt du gedenkt(gedacht)? Biſt du nicht ein eben ſo großer Sünder, als der Poſche Jiſroel Salmon, den du ſo tief verachtet ha e Herzen! Pfui ſchäm' dich, Schmulche, daß auch nur einen einzigen Augenblick blenden ließeſt vom Mammon und vom falſchen Schmus(Geſchwätz) des Verräthers! Will ich doch lieber zeitlebens mit dem Talles auf du und du ſtehen, als mein Gewiſſen mit Schimpf und Schande belaſten! Auf gradem Wege will ich gehen, und nicht auf dem Wege zum Gehin⸗ nim! Der gerade Weg iſt der beſte, und ehrlich währt am längſten! Sagen ſie doch immer, ein Jüd' koͤnne nicht ſein ehrlich! Ich werd' es ihnen beweiſen!« So ſprach Schmulche, und öffnete ruhigen Gemüthes die Ladenthür wieder, die er vorher ſo ſorgfältig ver⸗ ſchloſſen hatte. Dann verſank er von Neuem in tiefe Gedanken, nur daß er nicht mehr an das Gold und Silber dachte, ſondern nur an Baruch, ſeinen Herrn, und an die ſchlimme, gefahrdrohende Lage, in welcher der Unglückliche ſich befand. Schmulche zweifelte nicht daran, daß ſein Leben ernſtlich bedroht ſei,— aber zugleich grübelte er auch ſchon darüber nach, ob er nicht irgend ein Mittel finden könnte, ihn zu retten. „Gold vermag viel!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Darf ich den Schatz nicht nehmen für mich, ſo darf ich ihn doch nehmen für den, dem er gehört.“ Noch war ſeine ganze Seele von Entwürfen und Plänen, die ſich blitzſchnell in ſeinem Kopfe kreuzten, erfüllt, und der Tag war beinahe vergangen, als noch einmal Salmon, der polniſche Jude, in den Laden her⸗ einſtuͤrmte. Er ſah grimmig und ärgerlich aus, und Schmulche zog daraus den Schluß, daß ihm ſein Ver⸗ — den alten Baruch einzuſchüchtern, mißlungen ſein müſſe. lche,« ſagte er,„beantworte mir Eine Frage, ttig! — Mit wem hat Baruch in den letztee ſagen, ein treuer Menſch dazu! Laß ſehen, ob Treue nicht gut macht, was Habſucht und Bos eit haben 69 Tagen vorzugsweiſe in Geſchäften verkehrt? Sprich die Wahrheit, ich rath' es dir!« „Mit Wolf und Compagnie,“ entgegnete Schmulche ohne Beſinnen, denn er errieth auf der Stelle, warum Salmon dieſe Frage an ihn richtete, und kannte das Banquierhaus, mit welchem Baruch hauptſächlich Ge⸗ ſchäfte machte.„Es iſt viel Verkehr geweſen zwiſchen Baruch und Wolf geſtern und vorgeſtern.“ „Soll Gras wachſen vor ihrer Thür!“ rief Salmon giftig aus.„So iſt's alſo wahr, was mir der alte Schurke geſagt hat! Sein ganzes Geld hat er dort in Sicherheit gebracht, und ich kann's nicht erreichen! Aber deſto ſchlimmer für ihn! Jetzt rettet ihn Keiner vom Verderben!“ Mit dieſen Worten rannte er davon, und ſchmetterte wild die Thür hinter ſich zu. Schmulche aber freute ſich der Liſt des alten Baruch, der den Spitzbuben ſo glücklich auf eine falſche Spur geleitet hatte. „Laß ſehen, ob ihn nicht doch noch rettet Einer vom Verderben, wenn der Eine auch nur Schmulche⸗ Leben iſt und kein Anderer!« ſagte er.„Hat eine Maus doch einmal einen Löwen gerettet, und iſt Schmulche doch mehr als eine Maus, weill er iſt ein Menſch. Und außerdem: ein goldener Schlüſſel öffnet gar manche Thür, und drin im Kabinet liegt Gold genug, um mehr als Einen Schlüſſel daraus zu ſchmie⸗ den. Wollen doch ſehen und abwarten! Bin ich keine Maus, ſo bin ich doch ein Menſch, und ich kann wohl verdorben!“ G—— 18 Fünftes Kapitel. Im Kerker. Schmulche kannte ganz genau das Ziel, welchem er zuſtrebte, denn dieſes Ziel war einfach die Rettung Baruchs aus dem Gefängniſſe. Aber auf welchem Wege, durch welche Mittel und Kräfte es erreicht wer⸗ den ſollte, darüber befand er ſich noch am anderen Morgen ſehr im ÜUnklaren. Nur ſo viel ſtand feſt bei ihm, daß was auch geſchehen möge, ſchnell geſchehen muſſe. Die damaligen Gewalthaber Frankreichs liebten keine langwierigen Proceſſe, insbeſondere wo es ſich um nichts, als um Menſchenleben, und in dieſem be⸗ ſonderen Falle noch dazu nur um ein armſeliges, ver⸗ achtetes Judenleben handelte, und Schmulche wußte dieß. Somit zögerte er denn auch nicht. Er ſuchte ſeine beſten Kleider aus, füllte ſeine Borſe mit Gold⸗ ſtucken, verſchloß und verriegelte alle Zugänge des Hauſes auf das Sorgfältigſte, gab ihm das Ausſehen, als ob es ganz unbewohnt und verlaſſen ſtände, und ſchlug dann ohne weitere Umſtände den Weg nach dem Gefängniſſe Baruchs ein, wo er unter jeder Bedingung Einlaß zu ſuchen und zu erlangen entſchloſſen war. Um den Schatz, den er im Hauſe zurückließ, machte er ſich keine Sorgen. Niemand vermuthete ihn in dem alten verlaſſenen Gebäude, und ſelbſt wenn man ihn ver⸗ ſo war er doch gut genug verborgen, um aige Nachforſchung vergeblich zu machen. Wer ätte auf den Gedanken verfallen ſollen, irgend — — 71 eine Nachforſchung anzuſtellen? Der vollkommen ge⸗ täuſchte Salmon gewiß nicht, und gerade Er wäre noch am meiſten zu fürchten geweſen. Ueber dieſen Gegenſtand alſo war Schmulche ganz ruhig. Der Schatz lag ſicher hinter Schloß und Riegel, und er wünſchte nur, daß er den Beſitzer deſſelben ſchon eben ſo ſicher geborgen hätte. Bis dieſer Wunſch in Erfüllung ging, mochte ſich noch Manches zutragen, und manches Hinderniß zu überwinden, manche Gefahr zu beſtehen ſein. Indeß, was der Menſch recht lebhaft und mit ganzer, voller Seele wünſcht, das hofft er auch in der Regel zu er⸗ reichen, und ſo war denn auch Schmulche keineswegs jeder freundlichen Hoffnung baar, ſondern rechnete mit faſt zu großer Sicherheit darauf, daß Jehovah, der Gott ſeiner Väter, ihm beiſtehen werde bei ſeinem Vor⸗ haben. War es doch ein gutes Werk, das er ver⸗ richten wollte, ein Werk treuer Liebe, herzlicher Anhäng⸗ lichkeit und Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten. Nach halbſtündiger Wanderung erreichte Schmulche die Conciergerie, ein langes Gebäude, deſſen Ausſehen ihm düſter und unheilverkündend erſchien. Gleichwohl änderte dieß ſeinen Entſchluß, einzudringen, keineswegs. Mit feſtem, ſorgloſen Schritte näherte er ſich dem ver⸗ gitterten Eingange, und war im Begriffe, dreiſt an dem wachthaltenden Poſten vorüber zu ſchreiten, als er plötzlich deſſen Fauſt am Kragen ſpürte und mit Einem Rucke zurückgeſchleudert wurde. 5 „Man paſſirt hier nicht,« rief ihm der Soldat mit harſcher Stimme zu. 35— chmulche keck. “ Aber ich muß hinein,“ antwortete S „Warum haltet Ihr mich auf?“ „Haſt du vielleicht eine Einlaßkarte?« fragte der Soldat.„Dann wär' es freilich etwas Anderes. Zeige die Karte.“ „Eine Karte? Ich habe keine!“ ſagte Schmulche etwas kleinlauter.„Aber, Kamerad, wenn du ein Gold⸗ ſtück verdienen willſt, ſo laß es für dieſes Mal als Einlaßkarte gelten! Da ſieh'! Es iſt dein, wenn du ein Auge zudrücken willſt.“ „Beſtechung, Burſche?« erwiederte der Soldat finſter. „Ein guter Republikaner läßt ſich nicht durch den Mam⸗ mon blenden! Merke dir das! Zurück jetzt, oder ich werde dich verhaften, und du weißt wohl, von der Verhaftung bis zur Hinrichtung iſt nur ein kleiner Schritt.“ Sich verhaften zu laſſen, dazu hatte Schmulche nicht die geringſte Luſt, denn ſo viel war ihm klar, daß er nur dann ſeinem Wohlthäter nützlich ſein konnte, wenn er in die Conciergerie frei ein⸗ und auspaſſiren durfte. Alſo wich er vor dem grimmigen Soldaten zurück, indem er vorgab, daß er nur einen Freund im Gefängniſſe habe beſuchen wollen, einen ganz ſchuldloſen Freund, der ein guter Republikaner ſei und keinerlei Verrath gegen die Regierung geſponnen habe. „So geh' und hole dir eine Einlaßkarte,“ erwiederte der Soldat in etwas milderem Tone.„Ich weiß wohl, daß nicht ein Jeder ſchuldig iſt, der hinter dieſen Mauern ſitzt, indeß— ich kenne meine Pflicht und muß ihr gehorchen.»Geh', hole die Karte! Man wird ſie dir nicht verweigern, wenn du dich als unverdächtig ausweiſen kannſt.“ Schmulche fragte, wo die Karte zu bekommen wäre, und der Soldat gab ihm bereitwillig Beſcheid. 6 73 „Ich kann's ja verſuchen,“ dachte Schmulche bei ſich ſelbſt, und folgte der Weiſung des Soldaten, der ihn an einen hohen Beamten der Republik verwies. Als er aber deſſen Wohnung erreichte, ſah er den Ein⸗ gang von einem Haufen Soldaten beſetzt, und gewahrte mit Verwunderung den Verfolger und Angeber Baruchs, den elenden Salmon, mitten unter ihnen. Schnell drückte er ſich in eine Nebengaſſe und verſchwand, ehe er von Salmon hatte bemerkt werden können. „Der Moßerer alſo wirklich unter den Balmachom!« murmelte er vor ſich hin.„Nun nimmt mich's nicht Wunder mehr, daß ihm die Verhaftung Baruchs ge⸗ gluckt iſt. Gut, daß ich ihn ſah, bevor ich die Karte verlangte, denn ich würde ſie ſchwerlich bekommen ha⸗ ben. Aber was jetzt thun? Hinein muß ich in das Gefängniß, und ſollt' ich Tage lang vor der Thür auf der Lauer liegen!“ In Gedanken verſunken kehrte Schmulche zur Con⸗ ciergerie zurück, und drückte ſich in der Nähe deſſelben in eine Ecke, von wo er alle aus und ein Gehenden betrachten konnte, ohne die Aufmerkſamkeit auf ſeine Perſon zu ziehen. Hier ſaß er, in ſich ſelber zuſammen⸗ gekauert, Stunden lang. Die Schildwache wurde ab⸗ gelöst, Gefangene wurden gebracht, Andere wurden herausgeführt und auf Wagen, von Soldaten zu Pferde umringt, davon gefahren,— wahrſcheinlich zum Tode, denn die Wagen ſchlugen die Richtung nach dem Greve⸗ platze ein. Schmulche ſchauderte, ſo oft ein ſolcher Transport Verurtheilter erſchien, und mit ängſtlichen Blicken durchforſchte er die Reihen der Gefangenen, immer in zitternder Furcht, das bleiche Geſicht des alten Baruch unter ihnen zu erblicken. Aber ſeine Beſorgniſſe 74 erwieſen ſich als überflüſſig. Der Abend kam, und Baruch war nicht zum Vorſchein gekommen. Eben ſo wenig hatte aber auch Schmulche eine Ge⸗ legenheit gefunden, unbemerkt in das Gefängniß zu ſchlüpfen, und er gab ſchon die Hoffnung auf, daß es ihm heute noch gelingen werde. Da, als die Nacht ſchon dunkel hereingebrochen war, öffneten ſich noch ein⸗ mal die eiſernen Thorflügel, um einen letzten Trans⸗ port von Gefangenen einzulaſſen, welcher, von beritte⸗ nen Soldaten geleitet und bewacht, außen vor dem Thore wartete. Ein Gedanke blitzte durch Schmulche's Seele.„Wie, wenn du mit den Gefangenen einzu⸗ dringen ſuchteſt?« dachte er.„Sie ſagen immer, ein Jüd' hab' kein' Muth! Ich werd' es ihnen beweiſen!“ Unmöglich war es nicht, ſogar eher wahrſcheinlich, daß ſein dreiſtes Wagſtück gelingen würde, und die Beſorgniß, was nachher geſchehen könne, wenn er ſich innerhalb der Kerkermauern befand, ſchreckte Schmulche nicht zurück. Mit leichtem Schritte näherte er ſich dem dicht zuſammengedrängten Haufen, ſchlüpfte gewandt unter dem Pferde Eines der Reiter hindurch, und ſtand im Kreiſe der Gefangenen, ohne daß irgend Jemand von ſeinem Eindringen Notiz genommen hätte. Faſt in dem gleichen Augenblicke öffneten ſich die Thorflügel, die Gefangenen wurden hindurch getrieben, knarrend ſchloßen ſich die Eiſenpforten wieder, und Schmulche ſah ſich auf einem hell von Laternen erleuchteten Raume, wo die Eingebrachten von den Aufſehern des Gefäng⸗ niſſes gemuſtert wurden. Einer derſelben hielt eine Namenliſte in der Hand, las mit lauter Stimme jeden einzelnen Namen vor, und nöthigte den Gefangenen, dem der Name angehorte, aus der Reihe der Uebrigen 3„Ah, zu J heraus zu treten. Er wurde von Einem der übrigen Aufſeher in Empfang genommen, und dann die ganze Menge in verſchiedene Kerker vertheilt, wohin ſie von den Aufſehern begleitet wurden. »Die Liſte iſt richtig, es fehlt Keiner,“ ſagte der Vorleſer, indem er ſein Papier zuſammenfaltete.„Wie⸗ der neues Futter für die Guillotine! Aber wen haben wir da noch? Es iſt ja Einer zu viel! Ha, Burſche, komm einmal her!« Schmulche, denn er war es, den der Aufſeher an⸗ rief, trat unbefangen auf ihn zu. »Wer biſt du? Was willſt du hier?« fragte der Mann.„Gehörſt du zu den Gefangenen? Ich habe doch deinen Namen nicht auf der Liſte geſehen!« »Ich glaub' es wohl, Herr,“ antwortete Schmulche dreiſt.„Ich bin kein Gefangener, ſondern nur mit den Uebrigen hereingeſchlüpft.« »Aber was haſt du hier zu ſuchen? Seltſam! Andere Leute wünſchen ſich heraus aus dieſen Mauern, und der da drängt ſich herein! Nun, antworte! Was willſt du?« »Nur einen guten Freund beſuchen, Herr!« »Einen Freund? Wen? Einen von den Aufſehern vielleicht?«— „Ja, Herr!“ erwiederte Schmulche. „Wie heißt er?« „Jaques, Herr,“— antwortete Schmulche, dem grade dieſer Name einfiel, weil er ſehr gewöhnlich war. Wider alles Erwarten hatte er's damit beſſer getroffen, als er ſelbſt wiſſen oder nur ahnen konnte. 8 1 »Jaques Briant!« fiel der Oberaufſeher ſchnell ein. Briant willſt du, mein Burſche! Ja, ſieh', da kommſt du zu ſpät; Jaques Briant iſt vor⸗ geſtern begraben! Den kannſt du alſo nicht mehr ſpre⸗ chen, mein Junge, du müßteſt ihm denn einen Beſuch im Jenſeits abſtatten wollen.“ Schmulche hatte Mühe, ſeine Freude uͤber das Miß⸗ verſtändniß zu verbergen, das ihn in den Augen des Hüters der Gefangenen als vollkommen unverdächtig erſcheinen ließ. Mit raſcher Beſonnenheit ſuchte er den möglichſten Vortheil aus ſeiner Lage zu ziehen, und hoffte, daß es ihm wohl gelingen werde, den Oberauf⸗ ſeher noch ferner in ſeiner Täuſchung zu erhalten. Sein Plan war blitzſchnell entworfen. Er nahm eine beſtürzte Miene an, und ſenkte traurig die Augen zu Boden. „O mon Dieu, das iſt ein harter Schlag für mich,“ ſagte er.„Ich hoffte, Jaques würde mir eine An⸗ ſtellung, irgend einen kleinen Poſten hier verſchaffen, und dachte, er würde es um ſo eher thun, als ich nicht mit leeren Händen komme. Sein Bruder Simon, der ein guter Patriot iſt, gab mir zehn Louisd'ors für ihn mit, als ich ihm ſagte, daß ich nach Paris zu Jaques gehen wollte, und nun iſt Jaques todt, ich werde nicht angeſtellt, und die zehn Louisd'ors muß ich wieder mit in mein Dorf nehmen!“ „Hm, hm!“« machte der Aufſeher, deſſen Augen hell auffunkelten, als er von den zehn Louisd'ors hörte,— „hm, vielleicht, man kann nicht wiſſen, vielleicht ließe ſich da helfen, obgleich Jaques geſtorben und begraben iſt. Seine Stelle iſt noch nicht wieder beſetzt, und am Ende, da du nun doch einmal deine Hoffnung auf einen kleinen Poſten geſetzt haſt,— wie wär's, wenn du für Jaques einträteſt? He?“— 4 „Oh, Herr, nichts könnte mir lieber ſein!“ rief Schmulche aus.„Ja, das möcht' ich! Ich würde Ihnen von ganzem Herzen danken, Herr, wenn Sie ſich meiner annehmen wollten.“ „Ei, warum denn nicht, mein Lieber,« erwiederte der Oberaufſeher.„Du mußt ein guter Patriot ſein, da Jaques, der ehrliche, brave Jaques, ein guter Freund von dir war, und ſo ſehe ich alſo kein Hinderniß weiter! Doch die zehn Louisd'ors! Da fällt mir ein, daß wir die doch wohl ſeinem Bruder zuſchicken müſſen, weil du ſie dem armen Jaques nicht mehr einhändigen kannſt, und ich dächte...“ „Ach, Herr,“ fiel Schmulche hurtig ein,—„ſchrei⸗ ben kann ich leider nicht! Wenn Sie nun die Güte haben wollten,.. es iſt freilich ſehr unverſchämt von mir, Sie darum zu bitten,.. aber, da ich nicht ſchrei⸗ ben kann, ſo...“ „Genug, genug, mon cher!“ unterbrach ihn der Oberaufſeher äußerſt freundlich.„Ich betrachte es als meine Pflicht, gefällig zu ſein, und will mit Vergnügen das kleine Geſchäft uͤbernehmen. Uebergib mir nur das Geld! So! Zehn Louisd'ors! Ganz recht! Und nun — wie heißt der Bruder?“ „Simon, Herr! Simon! Das Uebrige wiſſen Sie wohl?« „Weiß es, weiß es!“ ſagte der Oberaufſeher, und nickte höchſt gnädig und wohlwollend.»Ich will ſchon Alles beſorgen und den braven Simon benachrichtigen. Ja, ja! Komm nur jetzt, ich werde dich den Anderen als den neuen Aufſeher vorſtellen, und morgen magſt du dann Jaques' ſrühere Obligenheiten beſorgen. Viel haſt du nicht zu thun. Nur die Gefangenen zu bewachen, ein wenig aufzupaſſen, daß keine Complotte geſchmiedet werden, den Tiſch zu beſorgen,— lauter Kleinigkeiten, die du bald begriffen haben wirſt. Doch wie heißt du eigentlich? Sieh' da, ich kenne deinen Namen noch gar nicht.“ „Rodin.. Louis Robin, Herr!“ „Louis Robin! Gut. Ich werde den Namen in die Liſte eintragen, und die Sache iſt abgemacht.“« In der That, ſie war abgemacht, und zwar unend⸗ lich viel glücklicher, als Schmulche in ſeinen kühnſten Träumen zu hoffen gewagt hatte. Er wurde ſeinen Kollegen vorgeſtellt, der Oberaufſeher empfahl ihn ſogar auf das Nachdrücklichſte, und nun hatte Schmulche nicht nur auf unverdächtige Weiſe Eingang in die Concier⸗ gerie gefunden, ſondern er war auch ſogar in eine Stellung getreten, die ihm erlaubte, ziemlich ungehin⸗ derten Verkehr mit den Gefangenen zu pflegen. Eine Entdeckung ſeiner Liſt fürchtete er nicht, ſondern fühlte ſich ſicher. Die dem Oberaufſeher übergebenen zehn Louisd'ors konnten freilich zum Verräther an ihm wer⸗ den, aber Schmulche dachte lächelnd, daß ſein neuer Gönner ſich wohl kaum allzu ſehr beeilen würde, ſte an Simon abzuſchicken. Nur Salmon verurſachte ihm einige Beſorgniſſe. Aber am Ende kam dieſer wohl gar nicht in die Conciergerie, und mit einiger Vorſicht konnte er ihm ja, ſelbſt wenn der Verräther einmal kommen ſollte, ausweichen und ſich ſeinen Blicken ent⸗ ziehen. Im Ganzen genommen fühlte ſich alſo Schmulche ſehr glücklich uber ſeine ſo unerwartet errungenen Vor⸗ theile, und als er ſich zur Ruhe niederlegte, beſchloß er bei ſich ſelbſt, kein Mittel unverſucht zu laſſen, Baruch unter der Zahl der Gefangenen ausfindig zu machen 3 8 Frühſtücke ſein!“ und ihn, ſelbſt mit Gefahr des eigenen Lebens, aus ſeinem Kerker zu befreien. Um keinerlei Verdacht zu erregen, ließ Schmulche mehrere Tage verſtreichen, ohne Erkundigungen über Baruch einzuziehen. Bei der Abtheilung der Gefange⸗ nen, die ihm ſelber zur Beaufſichtigung übertragen war, befand ſich der Geſuchte nicht. Deßhalb aber brauchte er noch nicht die Befürchtung zu hegen, daß er über⸗ haupt nicht im Gefängniſſe befindlich ſei, denn die Zahl der Eingekerkerten war groß, und kein Tag verging, ohne daß nicht noch neue hinzugekommen wären. Am vierten Tage endlich, als er ſich die Gunſt ſeiner Kameraden durch freundliches Weſen und einige wohl angebrachte kleine Geſchenke geſichert hatte, ſprach er den Wunſch aus, einmal ſämmtliche Abtheilungen des Gefängniſſes in Augenſchein nehmen zu können. „Wer hindert dich daran, Louis?“ wurde gefragt. „Jeder von uns kann ſtündlich die Runde machen, wenn es ihm beliebt; und du darfſt es alſo ebenfalls thun.“« „Gewiß,“ ſagte ein junger Burſche, Namens Ber⸗ ryer;„wenn du willſt, Louis, ſo begleite ich dich, ich weiß Beſcheid in der Conciergerie.“— „Ich nehm' es mit Dank an,“ erwiederte Schmulche lächelnd.„Und nachher, wenn wir die Runde vollendet haben?“ 6 „Was dann?« „Ei, ich denke, dann werden wir einigen Appetit verſpüren, und du wirſt hoffentlich mein Gaſt zu einem „Mit Vergnügen, mon ami!“ lachte Berryer. „Halten die Mutterpfennige, die du aus der Heimath mitgebracht haſt, noch ein Weilchen vor?« „Ein paar Francs finden ſich wohl noch, wenn ich ſuche,“ erwiederte Schmulche.„Und ich theile ſie gern mit einem braven Kameraden.“ „Du biſt der bravſte Kamerad von uns Allen!“ ſagte Berryer herzlich.„Aber komm, laß uns gehen, die Ausſicht auf das verheißene Frühſtück hat mich ſehr hungrig gemacht.“ Schmulche folgte bereitwillig ſeinem raſch erworbe⸗ nen Freunde, und Beide gingen aus einem Kerker in den andern. Das Gefängniß hatte weitläufige Räume, und der Gefangenen waren Viele, die Schmulche mit forſchendem Auge muſterte. Aber wie er auch ſpähte, er fand nicht, den er ſuchte, bis endlich ſein Begleiter die letzte Thür wieder zuſchloß und ſagte:„Nun ſind wir durch.“ Schmulche erbleichte. Sollte man ſo raſch mit Baruch verfahren, ſollte er ſchon zur Guillotine geführt worden ſein? Ein Todesſchrecken durchrieſelte die Ge⸗ beine Schmulche's, und er hatte Mühe, in gleichgülti⸗ gem Tone zu antworten:„Schon? Ich dachte, es müßten mehr Kerker, als die wir geſehen, in dieſem großen Gebäude vorhanden ſein.“« „Nur ein einziger kleiner Saal noch,“ erwiederte Berryer.„Er liegt dort drüben! Doch ich denke, du wirſt genug haben, Kamerad, und ich geſtehe, daß ſich mein Hunger durch unſere Wanderung bedeutend ge⸗ ſteigert hat.« ‚Nicht doch, mein Freund,“ entgegnete Schmulche. „Einmal bis hierher, wollen wir auch Alles ſehen. Wir ſind nun ſchon auf dem Wege. I Berryer ſchien zwar nicht ſehr zufrieden mit der Hartnäckigkeit ſeines Begleiters, indeß, um ein gutes Frühſtück konnte man ſchon ein kleines Opfer bringen, und er ſchlug die angedeutete Richtung nach dem letzten Saale ein. „Geh' hinein,“ ſagte er.»Der Saal hat nur dieſen einzigen Eingang, und du mußt alſo wieder hierher zurückkommen, wenn du ihn durchlaufen haſt. Mach' ſchnell, ich werde indeß hier auf dich warten.“ Nichts konnte Schmulche willkommener ſein, als daß Berryer draußen bleiben wollte. Er verſprach, ſchnell zurückzukehren, und eilte in den Saal. Raſch durchflog er ihn mit den Augen, und— oh des Ent⸗ zückens!— da ſaß, den er ſuchte, in einem Winkel, das graue Haupt auf ſeine Hand geſtützt und theil⸗ nahmlos vor ſich hinſtarrend. Mit zwanzig Schritten ſtand Schmulche an ſeiner Seite. „Baruch, mein Wohlthäter, erſchrecke nicht,“ ſagte er leiſe und in deutſcher Sprache zu ihm.„Ich bin es, Schmulche, und gekommen, dich zu retten.“ Baruch ſchaute bei dem erſten Tone der wohlbe⸗ kannten Stimme auf, und ein raſch wieder verlöſchender Blitz der Freude entſtrahlte ſeinen Augen. Sofort aber bückte er ſich, und ſtützte den Kopf wieder, anſcheinend gleichgültig, auf ſeine Hand. „Boruch habo(geſegnet ſei der Kommende)!“ ſagte er. „Boruch Joſchwim(geſegnet ſeien, die da ſitzen)!“ erwiederte Schmulche den üblichen Troſt.„Sei getroſt, mein Vater! Ich muß dich jetzt verlaſſen, um keinen Verdacht zu erwecken, aber ich wache über dich, und kein Haar ſoll auf deinem Haupte gekrümmt werden. Morgen ſiehſt du mich wieder.“ Schmulche⸗Leben. 8 6 „Der Schem Boruch hu ſei mit dir, mein Sohn!« antwortete Baruch.„Geh' und meide die Gefahr. Ich werde warten und hoffen. Geh'!“ Schmulche ſelbſt kannte die Gefahr, der er ſich und Baruch bei längerem Bleiben ausſetzte, zu genau, um nicht der Aufforderung Baruchs Folge zu leiſten. Es war auch wirklich hohe Zeit, daß er ging, denn Einige der Gefangenen wurden bereits aufmerkſam auf ihn, und eben jetzt ſteckte auch ſein draußen harrender Be⸗ gleiter Berryer den Kopf durch die Thuͤr und warf einen ungeduldigen Blick in den Saal. Schmulche kam ihm jedoch ſchon entgegen. „Endlich!“ rief ihm Berryer zu.„Was treibſt du ſo lange hier, Kamerad? Ich dächte, die Kerker wären nicht grade ein angenehmer Aufenthalt, insbeſondere wenn ein gutes Frühſtück auf die Gäſte wartet!« Schmulche entſchuldigte ſich ſo gut er konnte, und da er nun keinen Aufenthalt weiter wünſchte, ſondern. Berryer ſelber zur Eile antrieb, ſo gab dieſer ſich ſchnell zufrieden und zeigte bald wieder eine heitere Miene. Das Frühſtück that das Uebrige, um ſeine gute Laune wiederherzuſtellen, und bald waren Kerker und Zöge⸗ rung mit allem Zubehör von Verdruß und Aerger gänzlich vergeſſen. Louis Robin und Berryer verzehr⸗ ten ihr Frühſtuͤck als die beſten Freunde von der Welt, wozu des Erſteren frohe Laune ein Weſentliches beitrug. Schmulche fühlte ſich ſehr glücklich. Er hatte Baruch gefunden, und ſeine erſten guͤnſtigen Erfolge flößten ihm neuen Muth, neue Hoffnungen und Zuverſicht ein. Sechstes Kapitel. Ein alter Freund. Schmulche⸗Leben wußte nun allerdings, daß Baruch noch innerhalb der Kerkermauern eingeſchloſſen war; aber auf welche Weiſe er ihn befreien ſollte, darüber befand er ſich noch ſehr im Unklaren. Nach genauer Ueberlegung ſchien es ſogar nahe an die Unmöglichkeit zu gränzen, unbemerkt eine Flucht zu bewerkſtelligen; denn jede Thür der Conciergerie wurde auf das Ge⸗ naueſte bewacht, und Niemand durfte das Gebäude verlaſſen, ohne einen beſondern Erlaubnißſchein des Gefängniß⸗Oberaufſehers empfangen zu haben. Außer⸗ dem glaubte Schmulche zu bemerken, daß ſelbſt die Aufſeher ſich gegenſeitig beobachteten und bewachten; und endlich wußte er ganz genau, daß der geringſte Verdacht, der auf ihn geworfen wurde, ihn äußerſt leicht aus einem Hüter und Wächter der Gefangenen ſelber zu einem Gefangenen machen konnte. Alſo war die äußerſte Vorſicht nothig bei Allem, was er auch zu unternehmen wagte, und trotz der äußerſten Vorſicht, welche er bei jedem Schritte beobachtete, ſtand er doch immer auf einem Vulcan, deſſen finſtere Gewalten jeden Augenblick losbrechen und ihn in unrettbares Verderben ſtürzen konnten. 24 Dennoch verzagte Schmulche nicht, dennoch wankten ſeine Entſchlüſſe nicht.„Ich werd' ihnen beweiſen!“ murmelte er öfter leiſe vor ſich hin, wenn er durch die düſteren Säle und Corridore des Gefinuiſſs ilih und über die Verſuche zur Rettung ſeines Wohlthäters nachgrübelte.„Ich werd' ihnen beweiſen! Qui vivra, verra(wer es erlebt, wird ſehen)!“ „Was wird er ſehen?“ fragte lachend eines Mor⸗ gens ſein College Berryer, der ihm auf dem finſteren Corridore begegnete. „Daß alle Verräther ſterben müſſen?« erwiederte Schmulche ſchnell gefaßt. „Wir wollen es hoffen!« ſagte Berryer lachend. „Wär' es nur ſchon geſchehen, ſo brauchten wir unſere 4 Gefangenen nicht länger daß ich heute zur Aufſicht über den am äußerſten Ende gelegenen Saal kommandirt bin? Nun hab' ich doppelte Mühe und Verantwortlichkeit!“ „Warum das?“ „Weil der Saal am Die Gefangenen brauch ſpringen und über eine im Freien.“ „Aber die Fenſter ſind vergittert! Ich habe mit meinen eigenen Augen die feſten Eiſenſtäbe geſehen?« „Was ſind Eiſenſtäbe gegen eine gute engliſche Feile? Und noch dazu ſteht nur eine einzige Schild⸗ wache unter den Fenſtern. Ich darf den Saal kaum auf einige Minuten verlaſſen, weil ich immer fürchten muß, die Gefangenen brechen durch. Und du weißt wohl, mein Freund, wenn das geſchähe, ſo wär' es grade ſo viel, als ob. getrennt wäre.“ „Da haſt du allerdings nicht den beſten Poſten, guter Kamerad!“ ſagte Schmulche mitleidig.„»Du dau⸗ erſt mich! Ich wollt, — 84 zu bewachen! Du weißt doch, Giebelende des Gebäudes liegt. en nur aus dem Fenſter zu Mauer zu klettern, ſo ſind ſie mein Kopf ſchon vom Rumpfe ich könnte dir helfen.“ „Ernſtlich, Kamerad? Sprichſt du im Ernſte?« fragte Berryer haſtig. „Gewiß!“« erwiederte Schmulche.„Warum ſollt' ich nicht? Ich möcht' es dir nur beweiſen können. „Braver Louis!“« rief Berryer aus und klopfte Schmulche freundſchaftlich auf die Schulter.„Du kannſt es beweiſen! Tauſche mit mir! Gib mir deinen Saal und nimm den meinen, dann will ich dir glauben.“ Schmulche fühlte all' ſein Blut zum Herzen ſtrömen und ſeinen Athem ſtocken, denn keinen heißeren Wunſch hegte er, als das Anerbieten Berryers annehmen zu können, ohne den Verdacht ſeines Kameraden zu wecken. Unwillkürlich, um das Spiel ſeiner Geſichtszüge nicht zu verrathen, trat er einen Schritt zurück. Die Stimme verſagte ihm, er konnte nicht antworten. Berryer be⸗ merkte ſeine Verwirrung, verſtand aber die Quelle der⸗ ſelben nicht, ſondern nahm an, daß ſein Kamerad nur deßhalb ſo beſtürzt ſei, weil er ihn ſofort beim Worte enommen hatte. „Ah, ich ſehe ſchon!“ rief er aus.„Du biſt auch nur ein guter Freund mit Worten! Wenn es ſich darum handelt, die Worte zur Wirklichkeit zu machen, ſo ziehſt du dich zurück.“ „Nein, Berryer,“ erwiederte Schmulche, der ſich mittlerweile wieder gefaßt hatte, voll Herzlichkeit, und reichte ſeinem Kameraden die Hand.»Geſagt iſt ge⸗ ſagt! Wenn dir eine Gefälligkeit damit geſchieht, nun denn, ſo tauſchen wir!“«“ „Du biſt in Wahrheit ein braver Junge!“ ſagte Berryer verwundert und drückte mit Wärme die Hand, die ihm geboten wurde.„Willſt du, Louis, ich nehm' es an! Aber nicht für immer, ſondern wir wollen wechſeln! Uebernimm du jetzt eine Wache auf acht Tage, und dann will ich wieder auf acht Tage ein⸗ treten. Biſt du's zufrieden?“ „Ich bin es! Die Sache iſt abgemacht,“ ſagte Schmulche.„Wenn du es verlangſt, will ich auf der Stelle meinen Poſten antreten.« 4 „So komm,“ erwiederte Berryer ohne Beſinnen, denn er war herzensfroh darüber, daß er einen Leidens⸗ hirhrien bei ſeinem abſcheulichen Wächteramte gefunden atte. „Aber der Ober⸗Aufſeher?« fragte Schmulche noch einmal zögernd, um dadurch Berryer noch mehr in Sicherheit einzuwiegen.»Wird er einwilligen, daß.. „Meine Sorge, meine Sorge!“ erwiederte Berryer raſch.„Ich ſtehe für Alles. Komm nur!“ Nun endlich folgte Schmulche ohne weiteres Wider⸗ ſtreben, und wurde in den Saal geführt. Ein Blick ſagte ihm, daß Baruch zugegen war, ein zweiter Blick warnte denſelben vor jeder Unvorſichtigkeit. Berryer rief zwei Unter⸗Aufſeher herbei, ſtellte ihnen„Monsieur Louis“ als ihren Vorgeſetzten vor, empfahl ſeinem Freunde Wachſamkeit an, und entfernte ſich hierauf, ohne Zweifel ſehr froh darüber, daß er zur guten Stunde einen Stellvertreter gefunden hatte. Schmulche nun, ohne ſich um Baruch zu bekümmern, ließ es ſeine erſte Sorge ſein, das Gefängniß ſelbſt auf das Sorgfältigſte zu unterſuchen. Er machte die Runde, beſichtigte jedes Fenſter und jeden Eiſenſtab der Gitter vor demſelben, rüttelte mit Macht daran, und fand, daß einige Stangen loſe geworden waren. „Welche Nachläſſigkeit!“ wandte er ſich mit finſterer Stirn zu den Unter⸗Aufſehern, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten.»Ein kräftiger Mann iſt im Stande, ohne weiteres Handwerkszeug mit den bloßen Armen dieſe Stäbe loszubrechen. Man muß ſofort Sorge tra⸗ gen, dieß zu verhüten. Was hindert die Gefangenen, die Flucht zu ergreifen, wenn einmal die Gitter vor den Fenſtern entfernt ſind?“ „Oh, ſie ſind dann noch nicht heraus!« wandte Einer der Unter⸗Aufſeher ein.„Unter den Fenſtern ſteht eine Schildwache mit geladenem Gewehr, die jeden Flüchtling ubel empfangen würde, und außerdem ſehen Sie ja dort die Mauer! Man müßte ein Vogel ſein, um darüber hinweg zu kommen, ohne Leiter oder an⸗ dere Hulfsmittel.« „Wohl wahr!« entgegnete Schmulche.„Die Mauer i*ſt ziemlich hoch, und wenn eine Schildwache unter den Fenſtern ſteht, ſo kann man ruhiger ſein. Gleichwohl müſſen die Gitterſtangen neu eingeſetzt werden! Daß ſie loſe ſind, iſt eine unverantwortliche Nachläſſigkeit, die ich eigentlich zur Anzeige bringen müßte.“ „Pardieu, Monsieur, ich bitte darum, thun Sie es nicht,“ ſagte der Unter⸗Aufſeher erſchrocken.„Eine ſolche Anzeige würde uns in's Verderben ſtürzen. Ich will dafür ſorgen, daß Sie morgen ſchon Alles in Ordnung finden.« „Nein, nein, ich werde das ſelbſt beſorgen,“ erwie⸗ derte Schmulche kalt und mit einem ſtrengen Blicke auf die eingeſchüchterten Unter⸗Aufſeher.„Die Sache iſt zu wichtig, als daß ich ſie Ihren Händen anvertrauen könnte. Im Uebrigen— beruhigen Sie ſich! Ich werde ſchweigen! Aber ich muß ſehr bitten, keine Nach⸗ läſſigkeit dieſer Art mehr; ſie würde ſtreng gerügt wer⸗ den müſſen.“ wechſeln! Uebernimm du jetzt eine Wache auf acht Tage, und dann will ich wieder auf acht Tage ein⸗ treten. Biſt du's zufrieden?“ „Ich bin es! Die Sache iſt abgemacht,“ ſagte Schmulche.„Wenn du es verlangſt, will ich auf der Stelle meinen Poſten antreten.“ 3 1 „So komm,“ erwiederte Berryer ohne Beſinnen, denn er war herzensfroh darüber, daß er einen Leidens⸗ Pidheien h ſeinem abſcheulichen Wächteramte gefunden atte. „Aber der Ober⸗Aufſeher?“ fragte Schmulche noch einmal zögernd, um dadurch Berryer noch mehr in Sicherheit einzuwiegen.„Wird er einwilligen, daß..« „Meine Sorge, meine Sorge!“ erwiederte Berryer raſch.„Ich ſtehe für Alles. Komm nur!“ Nun endlich folgte Schmulche ohne weiteres Wider⸗ ſtreben, und wurde in den Saal geführt. Ein Blick ſagte ihm, daß Baruch zugegen war, ein zweiter Blick warnte denſelben vor jeder Unvorſichtigkeit. Berryer rief zwei Unter⸗Aufſeher herbei, ſtellte ihnen„Monsieur Louis“ als ihren Vorgeſetzten vor, empfahl ſeinem Freunde Wachſamkeit an, und entfernte ſich hierauf, ohne Zweifel ſehr froh darüber, daß er zur guten Stunde einen Stellvertreter gefunden hatte. Schmulche nun, ohne ſich um Baruch zu bekümmern, ließ es ſeine erſte Sorge ſein, das Gefängniß ſelbſt auf das Sorgfältigſte zu unterſuchen. Er machte die Runde, beſichtigte jedes Fenſter und jeden Eiſenſtab der Gitter vor demſelben, ruͤttelte mit Macht daran, und fand, daß einige Stangen loſe geworden waren. „Welche Nachläſſigkeit!“ wandte er ſich mit finſterer Stirn zu den Unter⸗Aufſehern, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten.„Ein kräftiger Mann iſt im Stande, ohne weiteres Handwerkszeug mit den bloßen Armen dieſe Stäbe loszubrechen. Man muß ſofort Sorge tra⸗ gen, dieß zu verhüten. Was hindert die Gefangenen, die Flucht zu ergreife den Fenſtern entfernt ſind?“ „Oh, ſie ſind dann noch nicht heraus!“ wandte Einer der Unter⸗Aufſeher ein.„Unter den Fenſtern ſteht eine Schildwache mit geladenem Gewehr, die jeden Fluͤchtling übel empfangen würde, und außerdem ſehen Sie ja dort die Mauer! Man müßte ein Vogel ſein, um darüber hinweg zu kommen, ohne Leiter oder an⸗ dere Hülfsmittel.« „Wohl wahr!“ entgegnete Schmulche.„Die Mauer iſt ziemlich hoch, und wenn eine Schildwache unter den Fenſtern ſteht, ſo kann man ruhiger ſein. Gleichwohl müſſen die Gitterſtangen neu eingeſetzt werden! Daß ſie loſe ſind, iſt eine unverantwortliche Nachläſſigkeit, die ich eigentlich zur Anzeige bringen müßte.“ „Pardieu, Monsieur, ich bitte darum, thun Sie es nicht,« ſagte der Unter⸗Aufſeher erſchrocken.„Eine ſolche Anzeige würde uns in's Verderben ſtürzen. Ich will dafür ſorgen, daß Sie morgen ſchon Alles in Ordnung finden.« „Nein, nein, ich werde das ſelbſt beſorgen,“ erwie⸗ derte Schmulche kalt und mit einem ſtrengen Blicke auf die eingeſchuchterten Unter⸗Aufſeher.„Die Sache iſt zu wichtig, als daß ich ſie Ihren Händen anvertrauen könnte. Im Uebrigen— beruhigen Sie ſich! Ich werde ſchweigen! Aber ich muß ſehr bitten, keine Nach⸗ läſſigkeit dieſer Art mehr; ſie würde ſtreng gerügt wer⸗ den müſſen.“ en, wenn einmal die Gitter vor 88 Die Unter⸗Aufſeher waren vollſtändig überzeugt, daß ſie es mit einem wahren Argus zu thun hätten, der ſeine Augen überall haben und ſie ſelber ſcharf kontroliren wuͤrde. Das war es eben grade, was Schmulche wollte. Um Anderer Wachſamkeit einzu⸗ ſchläfern, mußte er ſich ſelber den Anſchein geben, als ob ſeiner Wachſamkeit nichts zu entgehen vermöge. Nur wenn er nicht mißtrauiſch beobachtet wurde, konnte er hoffen, mit Baruch heimlich aus dem Kerker zu ent⸗ fliehen. Nachdem er die Wächter in dieſer Weiſe abgefertigt hatte, zog er ſich in einen Winkel zurüͤck, von wo aus er den ganzen Saal überſehen konnte, und gab hier ſeinen Gedanken Audienz. Er überlegte, in welcher Art und Weiſe er die Umſtände zu ſeinen Abſichten benutzen könne, doch durfte er ſich nicht verhehlen, daß er immer noch ziemlich weit von ſeinem Ziele entfernt ſei. Daß er in die Conciergerie eingedrungen war, daß er eine Stellung daſelbſt genommen und durch ein Zuſammentreffen glucklicher Umſtände ſogar die Aufſicht uͤber den Saal bekommen hatte, in welchem Baruch gefangen gehalten wurde, waren allerdings Erfolge, die er nicht beſſer wünſchen konnte. Aber das Schwierigſte ſtand noch bevor: das Gefängniß auch wieder zu ver⸗ laſſen. Nicht ohne Grund hatte Schmulche die eiſernen Stangen vor den Fenſtern des Saales genau unter⸗ ſucht. Durch die Fenſter ging der nächſte Weg zur Flucht, und ein Plan ſchwebte ihm vor, der einige Hoffnung zum Gelingen verſprach, wenn er mit Vorſicht und Behutſamkeit in's Werk geſetzt wurde. Schmulche beabſichtigte, einen Schloſſer kommen zu laſſen, unter dem Vorwande, die Gitter neu zu verfeſtigen. Heimlich K wollte er aber den Schloſſer zu bewegen ſuchen, eine oder zwei Stangen ſo weit durchzufeilen, daß man ſie mit leichter Mühe vollends ausbrechen könne, und außen vor dem Fenſter eine Leiter ſtehen zu laſſen, welche er dann in der erſten günſtigen Nacht zur Flucht benutzen wollte. 1 Der Plan an ſich war nicht übel; nur gehörte zur Ausführung eine bedeutende Summe Geld, um erſtens den Schloſſer, und dann den unter dem Fenſter Wache haltenden Soldaten zu beſtechen. Schmulche rechnete ziemlich ſicher auf das Gelingen eines ſolchen Beſte⸗ chungs⸗Verſuches, wenn er nur Baruch bewegen konnte, ſeine Reichthümer oder doch wenigſtens einen Theil davon aufzuopfern. Um darüber Gewißheit zu erlangen, bedurfte es aber einer Unterredung mit Baruch, und Schmulche ſehnte daher mit Ungeduld einige ungeſtörte Augenblicke herbei, die ihm Gelegenheit bieten konnten, ſich Baruch zu nähern. Der ganze Tag verging, ohne eine ſolche Gelegen⸗ heit zu bringen. Die Unter⸗Aufſeher verließen den Saal nicht, und ſo lange ſie anweſend waren, mußte Schmulche auf ſeiner Hut ſein. Endlich kam die Nacht, und die Wachen mußten vertheilt werden. Schmulche übernahm die erſte Wache. Die zweite und dritte ſoll⸗ ten ſeine Untergebenen abhalten. Dieſe entfernten ſich und warfen ſich auf ihr Lager in der Nähe der Thür. Schmulche wartete unbeweglich, bis ſie feſt eingeſchlafen waren, und nun erſt näherte er ſich Baruch, noch immer die äußerſte Vorſicht beobachtend, um keinen Schlum⸗ mernden aufzuwecken, kein wachſames Auge auf ſich zu richten. Dicht neben Baruch kauerte er ſich nieder und 90 ergriff mit leiſem Drucke ſeine Hand. Der Druck wurde erwiedert. »Baruch, mein guter Vater,“ ſagte Schmulche leiſe, vich muß mit dir reden. Aber ſprich leiſe, wie ich, wenn du mir antworteſt, denn Niemand darf hören oder nur ahnen, was wir zu beſprechen haben.« „Ich verſtehe, der Verrath ſchläft nicht,« antwortete Baruch mit ebenfalls gedämpfter Stimme.„Aber Je⸗ hovah, der Gott unſerer Väter, wird uns ſchützen, und ihre Augen mit Blindheit, ihre Ohren mit Taubheit ſchlagen. Vor Allem, mein Sohn, erzähle mir, was iſt geſchehen ſeit meiner Verhaftung, und wie du biſt gekommen hierher?“ Mit kurzen Worten und in flüſterndem Tone theilte Schmulche das Wichtigſte von ſeinen Abenteuern dem Alten mit. „Fluch über den Verräther Salmon,“ ſagte dieſer, als er von dem Vorgefallenen in Kenntniß geſetzt war. „Er ſuchte mich hier auf, er verſprach, mich zu retten, wenn ich ihm wollte abkaufen mein Leben mit Gold, aber ich ſchickte ihn heim, Schmulche⸗Leben, ich ſchickte ihn heim! Will ich doch lieber zehntauſendfachen Tod ſterben, als dem Poſche Jiſroel die Taſchen füllen mit meinem Gold. Wo iſt aber der Schatz, Schmulche? Wo iſt er?« „Er iſt muftech(ſicher), wo du ihn haſt geborgen im Schranke,“ erwiederte Schmulche.„Nichts iſt davon gekommen, als ein Beutel mit Goldſtücken, wie ich dir ſchon habe geſagt.“ »Segen über dich, Schmulche⸗Leben!“ ſprach der alte Baruch.„Segen über dich! Du biſt ein braver, treuer Menſch! Ein Anderer hätte vielleicht genommen — 91 das Geld, und wäre geflohen weit von hier, ohne zu fragen nach Baruch, ohne ihm beizuſtehen und ihn zu beſuchen im Kerker. Gold iſt eine ſchwere Verſuchung, und du haſt ſie beſtanden, wo tauſend Andere wären erlegen. Ich vergeſſe dir es nicht, Schmulche⸗Leben, nicht hier und nicht dort, wenn mein Kopf gefallen iſt unter dem Beil!“ „Er ſoll nicht fallen, dein Kopf, Tate Baruch(Va⸗ ter Baruch)! Deßhalb bin ich hier, und nun höre mich an.“ „Sprich, mein Kind, ich höre!“« Leiſe ſprach Schmulche die Hoffnung aus, durch Aufopferung eines Theiles der Schätze Baruchs deſſen Befreiung zu ermöglichen, aber Baruch ſchuͤttelte mehr⸗ mals mit verſchloſſener Miene den Kopf. „Es geht nicht,“ ſagte er.„Ich thu's nicht. Es iſt zu gefaͤhrlich. Wenn du auch beſtichſt den Schloſſer, und der Balmachom(Soldat), der Wache ſteht, macht Lärm, ſo ſind wir verloren und das Gold iſt ver⸗ loren. Es geht nicht, Schmulche⸗Leben; du mußt auf etwas Anderes denken.“ „Aber der Soldat wird auch zu gewinnen ſein,“ erwiederte Schmulche.„Sprichſt du doch ſelbſt: Gold iſt eine ſchwere Verſuchung.“ „Iſt richtig,« entgegnete Baruch in trockenem Tone. „Ich will aber nicht! Ich will den Schatz behalten ſelber! Hab' ich ihn doch ſauer erworben durch ein langes Leben voll Fleiß und Arbeit. Schweig mir ſtill, Schmulche⸗Leben, vom Schatz! Der Schatz iſt mein, und ich geb' ihn nicht heraus, müßt' ich auch ſterben auf der Gulllotine. Ich thu's nicht, Schmulche!“ „Schmah Jiſroel, was muß ich hören!« rief Schmulche mit mühſam unterdrückter Stimme.»Tate Baruch, was nützt dir aller Reichthum und alles Gold der Welt, wenn du biſt todt? Kann Gold dich machen lebendig, wenn dein Kopf abgeſchlagen iſt? Kannſt du das Gold Fitnehmen in Gan Eden? Laß fahren da⸗ hin den Rettſthum und denke nur an dein Leben! Sind wir erſt frek, neß laß mich ſorgen! Ich bin jung, ich kann arbeiten, Aind Jehovah wird mir helfen, daß ich den Talles fein halte von deinem ehrwürdigen Haupte!« „Du willſt arbeiten für mich? Du willſt mich nicht verlaſſen, Schmulche⸗Leben? Du⸗ willſt den alten Raben ernähren, der zu ſchwach iſt, um zu ſorgen für ſich ſeine zitternde Stimme ‚bebte.„Schau, das iſt ſchön as freut mich in der Seele und doch ſag' ich, es ſoll nicht gt frei me gkommen von den Händen ſelbſt?« ſagte Jheue mit einer Rührung, die durch von dir, Schmulche! wärmt mir das Herz! ſein! Wenn ich nicht k Geld, ſo will ich lieber der Gewaltigen. um! ich abkaufen ein Jahr oder zwei Jahr meines Lebens mit ſo großen Opfern? Warum, frag' ich? Warun ſoll ich die Frucht meines Fleißes verſchleudern an fremde Leut'? Warum, frag' ich? Warum ſoll ich mich berauben, mich plündern, mir den Talles auf die Ferſen heften? Warum? Ich thu's nicht! Ein Wort für tauſend! Und nun ſchweig mir ſtill, Schmulche⸗Leben, oder du wirſt mich böſe machen mit deinem Geſchmuſe!“ Schmulche wunderte ſich im Stillen, wie doch der alte Mann ſo ſehr an ſeinem Reichthume hängen könne, da er ſchon mit einem Fuße im Grabe ſtand. Gleich⸗ rden mit meinem wohl ſah er, daß Baruchs Entſchluß unerſchütterlich — — = Aeußerſte zur Befreiung des a 93 war, und daß nichts in der Welt ihn davon abzubrin⸗ gen vermochte. 3 „Sei es denn!“ ſagte er mit ſor oller Miene. „Wir müſſen auf einen andere gleich ich noch nicht ſehe, wie machen ſein, die wachſamen Au täuſchen.“ „Nimm dir Zeit, Schmulche, und überlege dir's,“ antwortete Baruch.„Nur laß mi chts wieder hören von Vergeudung meines Vermögens. Was gelingen kann mit Geld, das kann auch gelingen ohne Geld.“ „Man muß es verſuen erwiederte Schmulche mit ſchwerem Herzen.»„Für jetzt ſchlaf' wohl, Tate Baruch. Meine Wache wird zu Ende ſein, und f inden.“ ich!« ſagte Baruch, auf des Jünglings 72 f gling lange lag er da mit offenen Augen, und dachte über den ſeltſamen, hartnäckigen und zähen Geiz Baruchs nach, der lieber dem Tode durch die Guillotine trotzen, als ſich von ſeinen Schätzen trennen wollte. Trotz dieſem Hinderniſſe, das alle ſeine Berechnungen kreuzte, wankte er aber doch nicht in ſeinem Entſchluſſe, das lten Mannes aufzubieten. . früh muß der Alte ſterben, und das Geheimniß ſtirbt mit ihm!“ „Ah, jetzt verſteh' ich,“ ſagte der Ober⸗Aufſeher, deſſen Augen von Habſucht funkelten.„Warum haſt du mich nicht früher von der Sache unterrichtet, Louis? Es hätte ſich vielleicht thun laſſen! Wie viel hat er dir denn verſpochen, der Alte?“ „Hundert Louisd'ors, Herr.“ „Hundert Louisd'ors! Sacre bleu, ein hübſches, rundes Sümmchen! Es wäre nicht übel, wenn du es einſtecken könnteſt, Louis! Hm! Laß doch ſehen! Viel⸗ leicht... Komm doch einmal mit mir, Louis! Wir müſſen das Ding in Ueberlegnng ziehen, aber in meiner Stube,— hier läßt ſich dergleichen nicht be⸗ ſprechen.“ Schmulche, der die Habgier des Ober⸗Aufſehers bereits kennen gelernt und darauf einen ſchnell in ihm entſtandenen Plan gebaut hatte, folgte willig, und ſah ſich wenige Minuten ſpäter mit dem Ober⸗Aufſeher in deſſen Stube allein. „Louis,“« ſagte derſelbe,—„der Jude muß ſterben, ſo viel ſteht feſt; aber wenn du klug und mir ergeben biſt, ſoll er wenigſtens nicht ſterben, ohne vorher ſein Geheimniß entdeckt zu haben.“ „Auf meine Ergebenheit dürfen Sie zählen, Herr,“ antwortete Schmulche.„»Aber ich fürchte, wir kommen zu ſpät.“ 3 „Nein, nein, noch iſt's Zeit, denn wir haben noch eine ganze Nacht für uns,« ſagte der Ober⸗Aufſeher haſtig.„Der Jude muß fliehen, und du mußt ihm zur Flucht verhelfen.“ Schmulche ſtellte ſich erſchrocken und trat einen 97 Schritt zurück.„Nicht um alles Geld der Welt!“ rief er aus.„Mein Kopf iſt mir lieber, als die Louisd'ors des Juden.“ „Dein Kopf ſoll nicht in Gefahr kommen, Louis!« erwiederte der Ober⸗Aufſeher.„»Ich ſtehe für Alles. Siehſt du, es dauert mich, daß du den Verluſt erleiden ſollſt, und— jedenfalls hat der Jude mehr Geld, als er jetzt verrathen will, und ich ſehe nicht ein, warum wir es nicht nehmen ſollten, da er doch einmal ſterben muß. Ich hoffe, Louis, du wirſt nichts dagegen haben, mir auch einen Theil der Beute zukommen zu laſſen!“ „Oh, nicht doch, Herr! Nicht doch! Aber es iſt zu gefährlich,“ ſträubte ſich Schmulche.„Um Ihnen gefällig zu ſein, würde ich gern auf meinen eigenen Antheil verzichten, aber es läßt ſich nicht thun! Die Gefahr iſt zu groß!« „Ich nehme ſie auf mich! Die ganze Gefahr!« entgegnete der Ober⸗Aufſeher.„Du kennſt die Macht nicht, die ich habe. Ich brauche dir nur einen Paſſier⸗ ſchein zu geben, und du kannſt zu jeder Stunde das Gefängniß verlaſſen.“ „Aber der Jude?« fragte Schmulche. „Der Jude begleitet dich auf meinen Befehl. Du biſt beauftragt, ihn zum Verhöre zu fuhren. Das Re⸗ volutions⸗Tribunal ruhet nicht, es hält auch während der Nacht ſeine Sitzungen. Mein Paſſierſchein oöffnet dir das Thor des Gefängniſſes, und beſeitigt jedes Hinderniß. Du geleiteſt den Juden nach dem Orte, wo er ſein Geld verſteckt hat, und ſobald du den Ort weißt, kehrſt du mit ihm hierher zurück.“« „„Der Plan iſt gut,« ſagte Schmulche nach kurzem Schmulche⸗Leben. „Aus Bedenken.„Aber wie, wenn der Jude ſich ſträubt, zurückzukehren?« „So rufſt du die erſte beſte Patrouille an! Ueber⸗ dieß iſt er alt, ſchwach, ein Greis, und du biſt jung und kräftig. Da iſt keine Gefahr. Außerdem wird es leicht ſein, ihn zu täuſchen. Anſtatt zu Fuß zurückzu⸗ kehren, wirſt du einen Wagen nehmen. Es halten deren immer auf der Straße. Du ſagſt ihm, der Wa⸗ gen werde Euch vor die Barrièren bringen, und der Jude wird keinen Anſtand nehmen, einzuſteigen. An⸗ ſtatt vor die Barriéren ſchaffſt du den Juden mit ſei⸗ nem Golde hierher, und morgen Mittag kräht kein Fon mehr nach dem Alten. Ich ſehe da keine Ge⸗ ahr.“ Das Zureden des Ober⸗Aufſehers ſchien über die Bedenken ſeines Untergebenen allmählig obzuſiegen. Schmulche zeigte ſich, allerdings immer noch mit eini⸗ gem Widerſtreben, doch endlich geneigt, nachzugeben. „Aber wenn nun doch Alles entdeckt würde?« fragte er.„Ihnen wird man nichts thun, aber mit einem armen Teufel, wie ich bin, macht man wenig Um⸗ ſtände!“ „Ich wiederhole dir, daß ich für Alles ſtehe,“ ent⸗ geegnete der Ober⸗Aufſeher.»Und was deine Sicherheit anbetrifft, ſo ſchützt dich mein Paſſierſchein und Befehl. Geh', Louis, und beſinne dich nicht länger. Hundert Louisd'ors ſind für dich, das Uebrige für mich. Für hundert Louisd'ors kann man ſchon einen nächtlichen Spaziergang durch die Straßen von Paris machen.“ „ Doch warum gehen Sie nicht ſelbſt, Herr?« fragte Schmulche. 4 dem einfachen Grunde, weil der Jude dir 99 und nicht mir Vertrauen geſchenkt hat, und weil ich unter keiner Bedingung zur Nachtzeit die Conciergerie verlaſſen darf. Du ſiehſt alſo ein, daß du das Ge⸗ ſchäft beſorgen mußt. Erkläre dich nun: willſt du oder willſt du nicht?« „Eh bien, wenn Sie durchaus darauf beſtehen, ſo mag es ſein,« erwiederte Louis.„Geben Sie mir den Befehl und den Paſſierſchein.“ Der Ober⸗Aufſeher warf ſchnell einige Zeilen auf ein Blatt Papier und händigte es Louis ein.„Hier!« ſagte er.„Wenn du irgendwo angehalten wirſt, brauchſt du dieſe Ordre nur vorzuzeigen, und man wird dich überall frei gehen laſſen. Um elf Uhr halte dich bereit, und gib dem Juden einen Wink, damit auch er vor⸗ bereitet iſt. Ich ſelbſt werde dir das Gitterthor öff⸗ nen, und alles Uebrige iſt ja leicht. Auf Wiederſehen, mon ami!“ Das Herz geſchwellt von Freude und Entzücken kehrte Schmulche nach dem Saale der Gefangenen zu⸗ rück.„Gelungen!“ jauchzte es in ſeinem Innern.„Der Ober⸗Aufſeher ſelbſt öffnet uns Thür und Thor, und einmal draußen, werden wir uns hüten, in den Kerker zurückzugehen! Die Flucht aus Paris wird nicht ſchwer ſein, denn der Paſſierſchein bahnt uns den Weg. Der Schem Boruch hu(der, deſſen Name gelobt ſei) iſt mit uns, und ich rufe aus voller Seele: Boruch Dajin emes(gelobt ſei der gerechte Richter)!“ Ein Wink und einige leiſe geflüſterte Worte benach⸗ richtigten Baruch, daß der Augenblick der Befreiung nahe ſei, und Gott dankend in ſtillem Gebete faltete der Greis ſeine Hände. Mit Ungeduld harrte Schmulche der elften Stunde. Der Boden ſchien unter ihm zu 3 7*²⁸ 100 brennen und die Mauern des Kerkers wie ein Alp auf ihn zu drücken. Endlich verkündigte ein Geräuſch die Ablöſung der Wachen im Gefängniſſe, und nun ſtand er auf und winkte Baruch, ihm zu folgen. Baruch gehorchte, aber der Wacht haltende Unter⸗Aufſeher des Saales ſtellte ſich in den Weg und machte Miene, Schmulche und ſeinem Begleiter den Ausgang zu ver⸗ wehren. „Geheimer Befehl!« raunte Schmulche ihm zu und hielt ihm den Paſſierſchein vor. Etwas erſtaunt, aber willig machte der Mann jetzt Platz, und ungehindert verließen die Flüchtlinge den Saal. Auf dem Gange durch die Corridore, über den Hof und zur Ausgangspforte wurden ſie noch mehr⸗ mals angehalten, doch der Paſſierſchein that jedes Mal ſeine Wirkung, und am Ausgange erwartete ſie der Ober⸗Aufſeher ſelbſt, und öffnete ihnen das Thor. „Beeile dich, Louis,“ flüſterte er ſeinem Vertrauten zu.„»Vor drei Uhr Morgens mußt du jedenfalls zurück ſein!« Schmulche nickte. Dann trat er mit Baruch in's Freie,— die Pforte des Gefängniſſes ſchloß ſich hinter ihnen,— ſie waren frei!— „Laß uns Gomel benſchen(Gott für unſere Rettung danken), Schmulche!“ ſagte Baruch, als ſie raſchen Schrittes durch die nächtlichen Straßen von Paris hin⸗ ſchritten.„Der Herr Jehovah, unſer Gott, hat ſich Unſer erbarmet in der elften Stunde, und ihm muß Dank und Anbetung dargebracht werden aus voller Seele!“ 8 „Danke dem Herrn im Stillen,“ erwiederte Schmulche. „Bete auch, daß er uns ferner möge beiſtehen, denn ehe 1 1⁰1 nicht die Barrièren dieſes Gomorrah hinter uns liegen, können wir nicht ſagen, daß wir ganz gerettet ſind.“ Eilig zog er bei dieſen Worten den alten Mann mit ſich fort, und raſtete nicht, bis ſie endlich Baruchs Haus erreichten, das ſie noch verſchloſſen und überhaupt ganz in dem Zuſtande fanden, wie es Schmulche ver⸗ laſſen hatte. „Alles in Ordnung!“ ſagte dieſer nach einer flüch⸗ tigen Unterſuchung der Fenſterladen und Thüren.»Kein fremder Fuß ſcheint hier eingedrungen zu ſein, ſeit ich fort bin.“ „Schließ' auf, Schmulche, ſchließ' auf!« drängte Baruch.„Mich verlangt darnach, zu ſehen, ob auch drinnen Alles in Ordnung iſt.“ Schmulche öffnete die Thür, ſie traten ein, und zündeten Licht an. Der erſte Gang Baruchs war an den geheimen Schrank in der Wand. Ein Blick zeigte ihm, daß auch hier keine fremde Hand thätig geweſen war, und ein„Gott der Gerechte ſei gelobt!“ glitt über ſeine Lippen.: „Was nun, Schmulche? Was nun?“ wandte er ſich dann lebhaft an ſeinen Befreier.„Das Geld muß gebracht werden in Sicherheit.““. „Gewiß wollen wir es nicht zurücklaſſen, da dein Herz daran hängt, Vater Baruch,“ entgegnete Schmulche. „Ich will laufen, einen Wagen zu holen, und mittler⸗ weile packe Alles ein in verſchiedene kleine Kiſtchen, deren ja genug hier herum ſtehen. Säume nicht, Va⸗ ter Baruch, denn die Zeit drängt, und die nächſte Stunde darf uns nicht mehr im Hauſe und in Paris treffen.“ Baruch verſprach, ſich zu beeilen, und Schmulche 10²2 lief davon, um für den Wagen zu ſorgen. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er gefunden, was er ſuchte, ſetzte ſich auf den Kutſcherbock und fuhr vor das Haus Baruchs. „Warte hier!« befahl er dem Kutſcher.„Du wirſt ein gutes Geſchäft machen dieſe Nacht!“ In das Haus zurückgekehrt, half er Baruch, ſeine Habe vollends einpacken, und ſie waren Beide noch in vollem Eifer damit beſchäftigt, als plötzlich eine wohl⸗ bekannte und verhaßte Stimme ihnen zurief:„Schmah Jiſroel, wünſche Maſel Tow(gut Gluͤck) zum Geſchäft, möͤcht' aber auch ein wenig dabei ſein!« Wie vom Blitze getroffen, die Wangen bleich, die Augen ſtarr auf den unwillkommenen Gaſt geheftet, ſtand Schmulche da. Baruch rang die Hände und brach in lautes Wehklagen aus.— „Salmon, der Moßerer, der Poſche Jiſroel!“ ſchrie er auf.„Weh' mir, daß ich ſehen muß noch einmal ſein Angeſicht! Wollt' ich doch, daß du verkümmerteſt, und die Schinne(der Todeskampf) käm' über dich! Was willſt du hier in meinem Hauſe! Geh' zum Gehinnim mit deinem verſchwärzten Angeſicht!« Höhniſch lachte Salmon, der polniſche Jude, auf. „Was thu' ich mit dem Schmus(Geſchwätz)?“ fragte er.„Du ſollteſt Gott danken, Alter, daß ich es bin, der hier ſteht, und nicht ein Anderer. Ich will nur dein Geld! Ein Anderer würde dein Geld nehmen und dich dazu, um dich wieder einzuſperren in den Kerker! Mach' keine Umſtände, Baruch! Laß dein Geld hier und lauf', ſo ſchnell du kannſt, dann haſt du wenigſtens deinen grauen Kopf in Sicherheit ge⸗ bracht!« 103 „Aber welcher böſe Engel führt dich hierher, du ſchändlicher Menſch?« rief Baruch.»Wer hat dir ge⸗ ſagt, daß du mich finden wirſt hier in meinem Hauſe?« „Das erräthſt du nicht? Nun, ſo will ich dir's ſagen,“ erwiederte der Pole.„Meinſt du der Ober⸗ Aufſeher würde allein deinem Schmulche trauen, wenn es gilt, zu machen ein Geſchäft? Der Mann iſt zu klug! Ich war auf Wache in der Conciergerie, und da ſchickt' er mich hinter Euch drein, um Euch zu ſehen auf die Finger. Jetzt bin ich da, und draußen ſtehen zwei Balmachom als Wache über mich. Jetzt weißt du Beſcheid, Baruch! Laß hier das Geld, dann magſt du laufen zur Hinterthür hinaus, und ich will nicht fragen, wohin du gelaufen biſt.« „Thu' es, Vater Baruch!“ flüſterte Schmulche. „Laß fahren dahin den ſchnöden Mammon, und rette dein Leben! Ich werde dich nicht verlaſſen, und Gott der Gerechte wird uns helfen, daß wir nicht umkommen vor Hunger!« „Schmulche⸗Leben gibt dir einen guten Rath, alter Tate(Vater)!“ ſagte Salmon.„Befolge ihn, oder morgen fällt dein Haupt unter'm Beil!“. „Und du nimmſt mein Geld und machſt dich aus dem Staube!“ ſchrie der alte Baruch in zornigem Jam⸗ mer.„Oh, Schmulche, dir war Alles zugedacht von mir, deinetwegen wollte ich nichts hoͤren von Be⸗ ſtechung zur Flucht, und wollte lieber ſterben auf dem Schaffot, als dich berauben, und nun kommt der Moßerer, und will nehmen die Frucht meiner Arbeit und meiner lebenslänglichen Mühen und Sorgen! Leid's nicht, Schmulche! Wirf den Schuft nieder und binde ihn und laß uns fliehen!?“ 8 1⁰4 Schmulche ſchien wirklich Luſt zu haben, dieſer Auf⸗ forderung Folge zu leiſten, denn ſeine Augen flammten auf und ſeine Fäuſte ballten ſich,— aber Salmon ſchien auf etwas dieſer Art vorbereitet zu ſein, denn er zog kaltblütig ein Piſtol aus der Taſche und richtete die Mündung auf Baruch. „Nichts der Art,“ ſagte er,„oder beim erſten Ver⸗ ſuche ſchieß' ich den Alten nieder. Was wollt Ihr? Ich mein' es gut mit Euch, ich laß Euch fliehen!“ „Ganz recht, weil du dieſes Geld herausgeben müß⸗ teſt, wenn wir in den Kerker zurückkehrten,“ entgegnete Schmulche.„Deine Güte durchſchau' ich! Rechne auf keinen Dank! Aber gleichviel,— es gilt das Leben! Vater Baruch, komm, und laß den Mammon dem Ungerechten!“ Der alte Mann rang die Hände und flehte Gottes Zorngericht über den Moßerer herab. Aber ſein Jam⸗ mer nützte zu nichts, und Salmon ſpottete nur darüber. Schmulche drängte deßhalb zum Gehen, und war ſchon im Begriff, mit ſanfter Gewalt den alten Baruch nach der Hinterthür zu drängen, als ganz unerwartet eine neue Erſcheinung auf dem Schauplatze auftauchte. Ein junger Officier trat in das Gemach, und fragte ruhig: „Was geht hier vor?“ 8 Kaum hatte Schmulche den jungen Officier erblickt, ſo ſtürzte er mit Ungeſtüm auf ihn zu, ergriff ſeine Hand, und rief aus:„Gott meiner Väter, Andreas! Andreas! Nach ſo vielen Jahren ſeh' ich endlich wieder das geſegnete Antlitz!“ Der junge Officier ſtutzte, heftete einen forſchenden, durchdringenden Blick auf Schmulche, und zog ihn dann plötzlich freudeſtrahlend an ſeine Bruſt. 105⁵ „Schmül⸗ke⸗Leben! Du erkennſt mich wieder!« ſagte er.„Auch ich habe dich nie vergeſſen, niemals. Stets hab' ich deiner gedacht, und jener Brodrinde, die meiner guten Mutter das Leben rettete! Doch da⸗ von nachher! Was geht hier vor? Du und dieſer Greis werdet bedrängt, wie es ſcheint. Was will jener Mann von Euch?“ „Rette uns von ihm, Andreas!“ ſagte Schmulche leiſe.„Er will meinen Wohlthäter berauben.“ „Das ſoll er nicht!« erwiederte Andreas Romieu eben ſo leiſe.»Sei ganz ruhig, Schmül⸗ke⸗Leben.“ Hierauf, zu Salmon gewendet, fragte er barſch, was er in dieſem Hauſe zu ſuchen habe? „Oho, mein Herr Officier,“ gab Salmon mit frecher Miene zur Antwort.„Ich bin hier auf Befehl, um dieſe Leute zu verhaften!“ „Es iſt nicht wahr, er lügt!« rief Schmulche.»Er iſt nur gekommen, uns zu beſtehlen! Sehen Sie, Herr, hier iſt der Paſſierſchein vom Ober⸗Aufſeher der Con⸗ ciergerie, und hier die Orde, dieſen Greis zu geleiten.“ „Die Papiere ſind in Ordnung und der Paſſier⸗ ſchein richtig,“ ſagte Andreas, nachdem er einen flüch⸗ tigen Blick darauf geworfen hatte.„Beunruhigen Sie dieſe Leute nicht. Gehen Sie!« „Gehen Sie ſelbſt, Herr Officier!“ ſchrie Salmon, wüthend vor Beſorgniß, daß ihm ſeine ſchon ſicher ge⸗ glaubte Beute abermals wieder entriſſen werden könnte. „Was miſchen Sie ſich hier ein? Sie haben nichts hier zu ſuchen, und ich kenne meine Befehle.“ „Wo ſnd ſie⸗ Zeigen Sie ſie vor, dieſe Befehle,“ erwiederte Romieu mit militäriſcher Kürze. „Hab' ich doch den Befehl bekommen mündlich, nicht 1 5 106 ſchriftlich, rief Salmon.„Was haben Sie zu fragen darnach? Ich werde Sie verhaften laſſen, Herr Officier!“ „Sie haben keinen ſchriftlichen Befehl, hier einzu⸗ ſchreiten, wogegen hier ein ganz in der Ordnung be⸗ findlicher Paſſierſchein iſt!“ ſagte Romieu kalt.„Das iſt verdächtig, mein Herr! Patrouille, vor! Nehmt dieſen Menſchen in Eure Mitte und führt ihn auf die Wache! Was Sie anbetrifft, meine Herren, ſo ſind Sie frei,— du kannſt gehen, wohin du willſt, Schmül⸗ke⸗ Leben!“ Salmon ſchrie und ſträubte ſich, drohte, Romieu beim Revolutions⸗Tribunal anzuklagen, und geberdete ſich wie ein Toller. Die Patrouille, ſechs Mann hoch, machte indeß keine Umſtände mit ihm. Im Nu war der wüthende Menſch ergriffen und, da er Widerſtand leiſtete, mit Stricken gebunden. Um ſich vor jeder Verantwortlichkeit ſicher zu ſtellen, zeigte Romieu den Paſſierſchein Schmulche's den Soldaten vor, und dieſe marſchirten mit Salmon ab, indem ſie ihn, als er ſich ſträubte, unſanft mit Kolbenſtößen vorwärts trieben. Die zwei Mann ſeiner eigenen Begleitung ſchloßen ſich der Patrouille an, und wenige Augenblicke ſpäter ſah ſich Schmulche mit Romieu und Baruch allein. Einige raſche Aufklärungen wurden gegenſeitig mit⸗ getheilt, und Schmulche erfuhr dadurch, welch' ein großer Segen ſeine armſelige Brodrinde vor Zeiten für Andreas Romieu geweſen waerr. „Was jetzt?« fragte er.„ „Jetzt, wie du ſiehſt, Schmül⸗ke, hin ich Officier im Dienſte der Republik und dan o daß ich an dir vergelten kann, was du mir einſt aus mitleidigem 107 Herzen Gutes gethan haſt,« erwiederte Andreas lächelnd. „Geſchwind, was hat der Auftritt zu bedeuten, bei dem ich zu ſo gelegener Stunde einſchreiten konnte 2⁴ 1 Schmulche verhehlte nichts. Ohne Rückhalt erzählte er in kurzen Worten, was und warum Alles geſchehen war. Romieu höͤrte aufmerkſam zu, und machte ein ernſtes Geſicht. „Ihr müßt fliehen, auf der Stelle aus Paris flie⸗ hen,“ ſagte er.„Fort mit dem Gelde in den Wagen. Ich werde Euch geleiten, weil Ihr ſonſt trotz dem Paſſierſchein ſchwerlich durch die Barrièren kommen würdet. Das Landgut meiner Mutter iſt nicht weit entfernt; dort könnt Ihr Euch ein paar Tage verborgen halten, und ich werde die Zeit benutzen, um Euch einen Paß zu beſorgen. Hurtig, Schmül⸗ke! Beſinne dich nicht.« „Ich beſinne mich nicht,« erwiederte Schmulche. „Ich frage mich nur, ob du nicht ſelber dein Leben in Gefahr bringſt, indem du uns beiſtehſt.« „Nein! Für mich brauchſt du nichts zu fürchten,« antwortete Romieu.„Ich habe Freunde genug, die mich ſchützen, und überdieß trifft mich kein Vorwurf, da dein Paſſierſchein in Ordnung iſt. Daß ich Euch aus Paris bringe, braucht Niemand zu erfahren.“ ſei der Herr mit dir, wie du biſt mit uns, den un⸗ ſchuldig Bedrohten und Verfolgten! Da liegt mein ganzer Reichthum! Nimm ihn hin! Theile mit mir und Schmulche, und Gottes Segen ſoll auf jedem Gold⸗ ſtücke ruhen, das auf dein Theil fällt!“ „Nichts dadon, alter Herr,“ entgegnete Romieu lächelnd.„Ich bedarf deines Geldes nicht, denn ich Geſegneter Jüngling!« rief Baruch aus.„Allezeit 108 bin reich genug, um zufrieden ſein zu können. Ge⸗ ſchwind, Schmül⸗ke! Eingepackt, was Ihr mitnehmen wollt! Wir müſſen uns eilen!« Schmulche ſäumte nicht länger. Hurtig wurden die Kiſtchen mit den Goldſtücken in den Wagen geſchafft, die Flüchtlinge und Romieu ſtiegen ein, und in ſcharfem Trabe ging es vorwärts. Romieu's Uniform öffnete ihnen die Barrièren, und lange bevor der Morgen tagte, befanden ſich Baruch und Schmulche zu Remblay in Sicherheit. Romieu jagte auf ſeinem ſchnellſten Pferde nach Paris zurück. Erſt nach ein paar Tagen kam er wieder, aber mit einem Paſſe nach Deutſchland für den Handelsmann Simon und ſeinen Diener. Dankbar nahm ihn Baruch in Empfang. In der näch⸗ ſten Nacht reiste er mit Schmulche der deutſchen Gränze zu. Sie wurde glücklich erreicht, und auf deutſchem Boden angelangt, umarmte Baruch ſeinen Begleiter mit den Worten:„Gerettet, Schmulche⸗Leben! Gerettet mit Hab' und Gut, Boruch Dajin emes(gelobt ſei der gerechte Richter)! Und wem verdanken wir's, Schmulche? Deiner Brodrinde! Wenn du nicht wäreſt barm⸗ herzig geweſen an jenem geſegneten Tage, was wäre aus dir geworden, und aus ihm, deinem Freunde, und aus mir? Die Brodrinde hat wahrlich Großes gethan an uns Allen durch den Segen Gottes des Herrn, der geruhet hat auf ihr!« Siebentes Kapitel. Vergeltung. Eine Reihe von Jahren war verſtrichen ſeitdem, und wieder einmal kam das ſchöne, liebliche Laubhütten, und wieder, wie vor Jahren zu Paris, feierten es Baruch und Schmulche⸗ Leben mit frohen, zufriedenen Herzen, und zwar in Frankfurt am Main, wohin ſie ſich nach ihrer Flucht aus Paris gewendet hatten. Aber ſie feierten es nicht allein. In der großen, köſtlich ge⸗ ſchmückten und Abends mit ſilbernen Kronleuchtern er⸗ hellten Laube ſaßen am Tiſche um Baruch herum auch fröhliche, friſche Kinder mit rothen Wangen und blitzen⸗ den ſchwarzen Augen, und Schmulche gegenüber ſaß eine ſchöne Frau mit lächelndem Angeſicht, und die Frau war Schmulche's Frau, die Kinder wa ſeine Kinder, und man brauchte nur hinein zu ſcha in die Laube, um auf den erſten Blick zu lehe 6 Gottes Segen auf Allen ruhete, und Glück und Frieden heimiſch waren in dem Kreiſe der guten Menſchen, die ſich um Baruch verſammelt hatten. Die Jahre waren freilich nicht ſpurlos an ihm und Schmulche vorüber gegangen; Baruchs Haar und Bart glänzten ſilberweiß, aber noch färbte die Röthe der Geſundheit ſeine Wangen, und ſeine Augen ſchau⸗ ten noch hell aus dem ſanften, ehrwürdigen Antlitz. Schmulche dagegen war ein Mann geworden, und ſui in der vollen Blüthe ſeiner Kraft. 110 Wohl hatte er Urſache, ſich ſeines Lebens zu freuen. Er war geworden, was er ſich einſt in jugendlichem Sinne zum Ziele geſetzt hatte, nämlich ein Barjen, ein tüchtiger Mann, der in hoher Achtung ſtand, nicht nur bei ſeinen Leuten und Glaubensgenoſſen, ſondern auch bei den chriſtlichen Leuten, die ſeine ſtrenge Recht⸗ ſchaffenheit im Laufe der Jahre kennen gelernt und er⸗ probt hatten. Der Name Samuel Friedländer hatte ſich einen guten Klang erworben, und redlich war dieſer gute Klang verdient worden durch die Tugenden des Geiſtes und Herzens, welche Samuel vor vielen anderen Menſchen auszeichneten. So ſaßen ſie eines Tages in der Laube, zu der ſie genommen hatten, wie das Geſetz vorſchreibt,„Früchte von ſchönen Bäumen, Palmenzweige und Maien und Bachweiden,“ und waren fröhlich vor dem Herrn, als von außen die Klingel gezogen wurde, zum Zeichen, daß ein Fremder Einlaß begehrte. Eſther, die älteſte Tochter Samuels, lief raſch hin, um zu öffnen, kehrte aber gleich darauf ganz bleich und verwirrt mit der Meldung zurück, es ſei ein abſchreckend ausſehender Mann draußen, mit ſo wildem Bart, daß ſie ſich ent⸗ ſetzt habe und eiligſt fortgeſprungen ſei von ihm. Du biſt ein Maͤdchen, und darum furchtſam,« ſprach der alte Baruch.„Moſes, geh' du hin und führe den Fremden her, daß wir ihm Gaſtfreundſchaft erzeigen.« MNoſes, ein hübſcher Knabe mit offenen Zügen, eilte davon, und es dauerte nicht lange, ſo kehrte er wieder it dem Manne zurück, vor welchem ſich Eſther entſetzt atte. Jetzt, wo er ſelber den Fremden erblickte, wun-⸗ derte der alte Baruch ſich deſſen nicht mehr, denn ————õ— 111 abſchreckend genug ſah der fremde Gaſt aus, ſo daß ſich ein Kind wohl grauen konnte vor ihm. Seine Klei⸗ dung war zerlumpt, Elend und Hunger ſprach aus ſeinen Zügen, und ſeine Stimme klang hohl, als er beim Eintreten in die Laube ſprach:„Salem Alekem (Friede ſei mit Euch)!“ „Gut Jontef(Feiertag)!« erwiederte Baruch, deſſen Züge beim Erſcheinen des Fremden ein ſeltſames Er⸗ ſtaunen überflog.»Setzt Euch, Fremder! Eſſet von unſerem Brode und trinkt von unſerem Weine!“ Der Schnorrer ließ ſich nicht zweimal nöthigen. Gierig fiel er uͤber Speiſe und Trank her, obgleich die Kinder ſcheu von ihm fortrückten und Keines ihm die Hand zum Willkommen reichte. Schmulche aber be⸗ trachtete den Gaſt mit forſchendem Blicke, und plötzlich ſprang er auf und ſchaute betroffen auf Baruch. Ein Wink von dieſem genügte jedoch, um ihn zu beſtimmen, ſich ruhig wieder hinzuſetzen. Der Fremde aß und trank, bis er geſättigt war. Dann ſagte er:„Ich danke Euch im Namen Jeho⸗ vahs des Gerechten!« und ſtand auf, um weiter zu wandern. 8 „Der Herr geleite Euch!“ erwiederte Baruch.„Sa⸗ muel, geh' mit ihm, er wird eines Reiſepfennigs be⸗ dürfen.“ Bei dieſen Worten legte er zugleich die Finger zum Zeichen des Schweigens auf die Lippen, und Samuel verſtand wohl, was er meinte. Er ging mit dem frem⸗ den Schnorrer, und an der Thür überreichte er i zwanzig Goldſtücke zum Reiſegeſchenk. Betroffen ſchaute der Schnorrer ihn an. 112 „Was ſoll das heißen?« fragte er.„Wie komm ich dazu, daß...« „Fragt nicht,“ unterbrach ihn Schmulche,—„das Gold iſt Euer! Es iſt eine alte Rache, die ich an Euch übe.« Jetzt erſt heftete der Schnorrer einen durchdringen⸗ den Blick auf Samuel; aber der Schmulche von da⸗ mals hatte ſich ſehr verändert, und der Fremde ſchüttelte den Kopf, da er ihn nicht erkannte.„Ich habe viel Böſes gethan in meinem Leben,“ ſagte er,„und der Herr ſtraft mich dafür, daß ich muß heimathlos ſchweifen uͤber die Erde, wie Kain, den der Fluch Gottes ge⸗ zeichnet. Aber Eurer erinnere ich mich nicht mehr, Herr!« „Es iſt nicht nöthig, daß Ihr Euch erinnert,“ er⸗ wiederte Schmulche.„Möge Gott Euch vergeben, wie wir es gethan haben ſchon längſt. Geht, Fremder, und forſchet nicht mehr!« Der Schnorrer ging geſenkten Hauptes. Samuel kehrte in die Laubhütte zurück. „Er war es,“ ſagte Baruch. „Ja, Salmon war es!« beſtäͤtigte Samuel.„Friede auf ſeinen Weg!“ „Friede ſei mit ihm!“ ſagte Baruch ernſt und ſinnend. Weiter war nicht die Rede von dem Moßerer(Ver⸗ räther), und niemals hoͤrte man wieder von ihm. Ba⸗ ruch und Samuel waren zufrieden in ihrem Herzen; ſie hatten die Bosheit des Elenden vergolten mit einer Wohlthat. Noch ein letztes Ereigniß aus dem Leben Samuels muſſen wir erzählen, welches ſich etwa ein Jahr nach dem 113 Beſuche des Schnorrers Salmon zutrug. Samuel war nämlich auf einer Geſchäftsreiſe in Gelnhauſen geweſen, und ſuchte am zweiten November 1813 üher Hanau nach Frankfurt zurückzukehren. Sein Weg ſüßrte ihn über das Schlachtfeld, wo zwei Tage vorher die Franzoſen mit den Bayern gekämpft hatten. Traurig und betrü⸗ bend war der Anblick, den das blutgetränkte Gefild darbot. Ueberall Verwüſtung und Tod. Die Leichen lagen noch unbegraben auf der nackten Erde; man hatte noch nicht Zeit gehabt, das Feld des Entſetzens aufzu⸗ räumen. „Fahr' zu, ſo ſchnell du kannſt,“ rief Samuel ſei⸗ nem Kutſcher zu, und dieſer hieb ſo kräftig auf die munteren Braunen ein, daß ſie im ſchnellſten Trabe den leichten Wagen über den von Kugeln durchfurchten, von ſchwerem Geſchütz zerfahrenen Weg hinwegriſſen. Plöͤtz⸗ lich aber machten ſie einen heftigen Sprung zur Seite und riſſen den Wagen ſo gewaltſam mit herum, daß er beinahe in den Chauſſee⸗Graben geſtürzt wäre. „Was gibt's?« fragte Samuel ein wenig er⸗ ſchrocken. „Ein Menſch liegt mitten auf dem Wege,“ erwie derte der Kutſcher.„Ich ſah ihn zu ſpät, und die Pferde ſcheuten vor ihm!“ „Ein Todter?« 3 „Nein! Es ſcheint noch Leben in ihm! Er hob den Arm auf, und das war's eben, was die Thiere zur Seite prallen machte.“« „Halt' einen Augenblick!“ rief Samuel.„Ich will nach ihm ſehen!« Raſch ſprang er aus dem Wagen, und beugte ſich üͤber den Mann hin, der lang ausgeſtreckt mitten auf Schmulche⸗Leben. 8 ſſſ 114 dem Wege lag. Sein Geſicht war blaß, wie das eines Todten; Blut rieſelte von ſeiner durch einen Säbelhieb geſpaltenen Stirn und aus einer Wunde in der Bruſt, wo eine Kugel ihn getroffen hatte. Aber augenſchein⸗ lich lebte der Mann noch, denn ſeine Lippen beweg⸗ ten ſich. „Erbarmen!« flüſterte er in franzöſiſcher Sprache. „Ich habe mich aus dem Graben hierher geſchleppt! Mitleid mit einem Verwundeten!“ Samuel ſchaute, ſtarrte, bohrte mit ſeinen Augen in die bleichen Züge des Unglücklichen, und ſtieß plötz⸗ lich einen Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens aus. „Romieu!« rief er.„Barmherziger Gott, muß ich dich ſo wiederfinden, mein Freund!“ Der Verwundete riß weit die Augenlider auf. Ein Lächeln trat auf ſeine Lippen.„Schmül⸗ke⸗Leben!“ ſagte er ſchwach.„Ich bin gerettet!“ „Ja, gerettet, wenn Menſchenhülfe noch retten kann, wie ich zu Gott hoffe!« ſagte Samuel.„Geſchwind, Friedrich,“ wandte er ſich an ſeinen Kutſcher.„Hilf 1 mir den Verwundeten in den Wagen heben. Es iſt ein Freund, mein beſter Freund auf der ganzen Welt, ußer Baruch.« Friedrich ſprang zu. Romieu wurde ſanft in den Wagen getragen, Samuel ſtützte ſein blutendes Haupt mit den Armen, und fort ging es im Galopp nach Hanau, das zum Glück nur eine halbe Stunde noch entfernt lag. Hier wußte Samuel Beſcheid. Der 5 ſchickteſte Arzt in der Stadt wurde geholt, und bald waren die Wunden Romieu's auf das Sorgfältigſte unterſucht und ein Verband angelegt. „Iſt Hoffnung da?“ fragte Samuel angſtlich. „Mehr, als das,“ erwiederte der Arzt beruhigend. „Der Kranke wird ſicher geneſen, wenn es ihm nicht an Pflege mangelt!“ G „Ich werde ihn pflegen! Ich geh' nicht von der Stelle, eh' er nicht geſund iſt!« ſagte Samuel ent⸗ ſchloſſen.„Aber hier kann er nicht bleiben; die Stadt iſt voll von Kranken,— kann ich ihn nicht nach Frank⸗ furt bringen in mein Haus?« „Mit der nöͤthigen Vorſicht, ja,“ ſagte der Arzt, und ohne Zögern wurden Anſtalten getroffen, den Ver⸗ wundeten mit der äußerſten Sorgfalt nach Frankfurt zu ſchaffen. Alles ging gut von Statten, und zur Freude Samuels beſtätigten ſich ſpäter die Vorausſa⸗ gungen des Hanauer Arztes, welcher völlige Geneſung verſprochen hatte. Sechs Wochen nachher konnte Ro⸗ mieu wieder das Bett verlaſſen, und erholte ſich nun vollends im Kreiſe der Familie Samuels, welche ihn voll Liebe umringte und jedem ſeiner Wünſche zuvor⸗ zukommen ſuchte. Als die erſten Veilchen blühten, war er geſund, und in warmen Worten ſprach er beim Geneſungsfeſte, das Samuel ihm zu Ehren veranſtal⸗ tete, ſeine Dankbarkeit für alle Liebe aus, die ihm im Hauſe ſeines alten Freundes zu Theil geworden war. Samuel aber wies lächelnd alle dieſe Aeußerungen zurück. 3 „Wozu rechnen unter Freunden?“ ſagte er.„Es gibt Wirkungen und Wechſelwirkungen im Leben. Wer gut handelt, dem ergeht es gut. Wem verdank' ich mein Glück? Deinem Beiſtande, Romieu! Hätteſt du mir nicht geholfen in Paris, hätt' ich dir nicht helfen können in Hanau!“ 1 . Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. 1 24. g9. 87 8 DPran a(5) f ümmminmm udaaqamqun, fffffſſſifffffsſ 8 9 10 11 12 13 14 1 16 17 18 L 9 9 v L l elelalalel2lalaLelalalalcl u 1ILLIIL