—— ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet X₰ 3 — wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 1— 1. M„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Pächter Anger ſtand mit ſeiner Frau vor der Einfahrt ſeines Hofes, und ſchaute mit vergnügten Blicken über die geſegneten Fluren, deren herrlicher Stand ihm reichen Lohn für alle Mühen und Arbeiten des Jahres zu verſprechen ſchien.. „Eine wahre Pracht iſt es, Mutter!“ ſagte er. mals, ſeit wir dieſe Pachtung von unſerem Herrn Gra⸗ fen erlangten, und in dieſem Jahre wenigſtens wird uns die Bezahlung unſeres Pachtſchillings keine Sorge machen. Im Gegentheil! Ich denke, wir können ein hübſches Sümmchen für unſeren Joſeph zu ücklegen, damit er einſt, wenn mir der liebe Gott auf immer die Augen zuthut, das kleine Gut käuflich uberneh auf ſeinem eigenen Grund und Boden ch kann. Das iſt der liebſte Wunſch, den i ——— Mutter. Eigener Grund und Boden iſt doch ein ander Ding, als zur Pacht ſitzen, aus der man jede Stunde getrieben werden kann, wenn es dem Grundherrn ein⸗ fällt und beliebt. Da freu' ich mich nun auf die Aerndte, Mutter! Die wird einen Haufen Geld einbringen, Herzen.„Ja, es iſt ſchon wahr, daß der liebe Gott unſeren Fleiß reichlich geſegnet hat, aber ich weiß nicht, immer noch liegt mir's trotzdem wie ein Stein auf dem Herzen, und ich kann des Segens noch nicht recht froh werden. Es iſt mir immer, als ob uns noch etwas dazwiſchen kommen würde.“ „Ei, ſo ſei doch nicht wunderlich, Lisbeth 1« lachte der Pächter und klopfte ſeine Frau gutmüthig auf die Schulter.»Was ſollte jetzt wohl noch kommen und uns Schaden thun? Uebermorgen fangen wir an zu mähen, und die Senſen ſind ſchon ſo ſcharf geſchliffen, wie Raſirmeſſer, und brauchſt dir alſo keine Sorgen weiter und keine Gedanken zu machen.“ „Nun, Gott geb' es, daß Alles gut geht!« ant⸗ wortete die Frau mit einem nur halb unterdrückten Seufzer.»Aber ehe wir nicht Alles unter Dach und Fach haben, werd' ich meiner Sorge nicht ledig.“ 6 1—* 3 —— freien Beſitzer auf eigenem Grund und Boden ſehen 3 Burſche, unſer Junge, und er wird einmal einen rich⸗ tigen Landwirth abgeben. Sieh' nur, wie er ſchon die Gäule zu lenken weiß, und iſt doch kaum erſt in ſein ſechszehntes Jahr getreten! Schau', wie ſcharf er um die Ecke biegt— haarſcharf— das macht kein Knecht im ganzen Hofe beſſer, Mutter, und du mußt doch deine Freude an dem Joſeph haben.“ „Ja, das hab' ich, das hab' ich,“ ſagte Frau Anger aus vollem Herzen, und über ihr eben noch etwas ſchwermüthiges Geſicht flog es wie ein leuchtender Sonnenſtrahl;—„meine ganze Freude und mein Stolz iſt der Joſeph, und jede Mutter würde ſich eines ſolchen Sohnes freuen. Hat er uns wohl ſchon jemals Ver⸗ druß gemacht, der gute Junge? Immer fleißig, immer thätig und umſichtig für ſeine Jahre. Sogar der Herr Schulmeiſter mußte ihn loben, obgleich es ihm gar nicht recht war, daß unſer Joſeph ſeinen Franz ſo in Schatten ſtellte. Und nun jetzt vollends, ſeit er aus der Schule und in der Wirthſchaft thätig iſt,— man muß ſich ordentlich darüber verwundern, wie geſchickt und brav er ſich bei Allem benimmt und anſtellt.“ 4 „Ja, ja, Lisbeth, er hat die rechte Art und das rechte Geſchick zum Landwirth,« ſtimmte der Vater bei, und nickte zufrieden mit dem Kopfe.»Darum eben eegt mir's ja ſo am Herzen, daß ich ihn einmal als möchte... „Das könnt Ihr ja leicht genug haben, ſagte jetzt eine fremde Stimme, welche die l des Pächters gehört hatte.„Ihr braucht 1 es ſo viele Tauſende machen, dort hin zu g der Boden nicht theuer iſt, und man ſo 4 Rittergut für einen Pappenſtiel haben kann. Nach Amerika iſt's nicht ſo weit, daß man nicht in ein paar Wochen hinüber kommen könnte, und einmal drüben, iſt's ſchon ſo gut, als ob man ein Freiherr wäre. Ja, ja, ſchaut nur auf, Nachbar,— es iſt mein völliger Ernſt, und ich habe ſchon ſelber manches Mal darüber nachgedacht, ob ich nicht den Schulmeiſter an den Nagel hängen, und mit meinem Franz in die neue Welt aus⸗ wandern ſollte. Es iſt doch ein ganz anderes Leben dort drüben, als bei uns.“ Der Pächter ſchüttelte den Kopf.„Würde es Euch ſo leicht werden, Euch von dem Boden loszureißen, auf dem Ihr aufgewachſen ſeid, Schulmeiſter?« erwie⸗ derte er auf die Anrede.„Ich weiß nicht, aber ich glaube, mir müßt' es das Herz brechen, wenn ich der lieben Heimath, die mir mein tägliches Brod gegeben hat, für immer den Rücken kehren ſollte. Mein Grund⸗ ſatz iſt: Bleibe im Land und nähre dich redlich.“ „ Und der meinige lautet: Ubi bene, ibi patria, zu deutſch, wo mir's wohlgefällt, da iſt meine Hei⸗ math!“ entgegnete der Schulmeiſter mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln über die altväteriſchen Anſichten des Pächters.„Mein Franz denkt, wie ich, denn er iſt ein vernünftiger Burſche, dem es nicht an Pfiffigkeit und Anſtelligkeit fehlt. Ich möchte nur nicht ganz allei„ hinuͤber, denn in Geſellſchaft macht ſich eine neue An-⸗ 3 ſiedelung in fremden Landen immer leichter und beſſer, als allein. Was meint Ihr, Nachbar, hättet Ihr nicht auch Luſt zum Auswandern? Ihr und vielleicht noch ein oder der andere Pächter in der Gegend dall erum?* Der Pächter Anger ſah lächelnd ſeine Frau an und fragte:„Was meinſt du, Lisbeth? Richtig iſt ſchon, N 5 was der Nachbar Schulmeiſter über die Wohlfeilheit des Landes drüben ſagt, denn ich ſelbſt habe ſchon manches gute Buch über die Auswanderung geleſen und überall beſtätigt gefunden, daß man fuͤr ein paar hundert Thaler einen ſchönen Strich Landes kaufen kann. Eigener Herr zu werden, hält alſo da nicht ſchwer.“— „Ich will es wohl glal beth eifrig,—„Alles glat meiſter Schönes von der n it über dem Meere drüben uns ſchon mitgetheilt unterzählt hat,— aber ich ſage, wer gut ſitzt, der ſoͤll nicht rücken. Was fehlt uns denn hier in der Heimath, Vater, daß wir unzu⸗ frieden ſein und uns etwas Beſſeres wünſchen ſollten? Es iſt wohl Mancher wohlhabender und reicher, als wir, aber macht das ihn deßhalb glücklicher? Nein, Vater! Laß uns zufrieden ſein, mit dem, was der liebe Gott uns gegeben hat, denn es iſt völlig genug zu unſerem Glücke. Wir ſind geſund, wir haben eine Pachtung, die uns ernährt, einen guten Pachtherrn, der uns nicht drückt, und Gott hat unſeren Fleiß ge⸗ ſegnet,— was verlangen wir mehr?« Pächter Anger nickte zufrieden mit dem Kopfe.„Du vortete Frau Lis⸗ der Herr Schul⸗ ähaſt gut und verſtändig geſprochen, Frau, und mir ſo cht aus dem Herzen,“ ſagte er.„Ihr habt es ge⸗ hört, Nachbar, was meint Ihr dazu?“ »Nun, ich meine,“ antwortete der Schulmeiſter, „daß das Alles wohl gut iſt, aber wer ſteht uns dafür, daß es ſo bleibt? Es kann Mißwachs und Vieh⸗ ſterben eintreten, der Pachtzins kann Euch aufgeſetz werden, ſo hoch, daß Ihr ihn kaum erſchwingen könnt, und, hauptſächlich und vor Allem, Ihr ſeid doch nie 2 4 6 ſicher, daß nicht einmal ein neuer Herr Euch ganz und gar von der Pachtung vertreibt. Wer weiß, was wir ſchon in den nächſten Tagen erleben? Ich habe Nach⸗ richten aus der Reſidenz; unſer Herr, der alte Graf, liegt ſchwer krank, und wenn er ſterben ſollte, ſo wird ſich hier Manches ändern. Zwar kenne ich den Erben des alten Grafen rr einen ſo guten Pachtherrn, wie dieſen, wert ſo leicht nicht wieder be⸗ kommen.“ 3 chtig und wahr,“ ſagte der raf war uns immer ein will nur hoffen, daß es Bei alledem, wenn wir unſere Schuldigkeit thun, und die Pachtgelder redlich und pünktlich bezahlen, ſo wird uns auch ein neuer Herr nicht gleich von Haus und Hof verjagen.“ Nun, ich will es wünſchen,“ erwiederte der Schul⸗ meiſter.„Was mich anbetrifft, ſo ſtehen jedenfalls die Sachen noch viel ſchlechter, als bei Euch. Mein Dienſt ernährt kaum mich ſelbſt, und nun ſoll und muß ich auch noch für meinen Franz ſorgen. Was ſoll aus dem Jungen hier zu Lande werden? Das kleine Ver⸗ viel wie nichts, während es drüben in der neueft Welt. mögen von ſeiner ſeligen Mutter her nützt ihn hier 3 gut angewendet, reichliche Zinſen tragen wird. Und dann, wer hindert Einen, in die alte Heimath zurück⸗ zukehren, wenn man drüben einen tüchtigen Sack voll Geld erworben hat? Ganz im Ernſt, Nachbar Anger, ich denke wirklich an Auswanderung, und es dünkt mich, es würde auch Euer Schade nicht ſein, wenn Ihr Euch an mich anſchlößet gemeinſame Sache mit 7 mir machtet. Ueberlegt's Euch! Kommt Zeit, kommt Rath!«“ „Nein, nein, Nachbar,“ entgegnete der Pächter ab⸗ lehnend,—„rechnet in dieſer Sache nicht auf mich. Meine Seele verlangt nicht nach Reichthum, ſondern nur nach einem redlichen Auskommen, und ſo lange 1. mich der liebe Gott mein täglich Brod in der Heimath finden läßt, ſo lange ſehne ich mich nicht weder nach den Fleiſchtöpfen Aegyptens noch Amerika's. Mein Spruch iſt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ „Nun, vielleicht werdet Ihr eines Tages einmal anders ſprechen,“ ſagte der Schulmeiſter.»Und wenn dieſer Fall eintritt, ſo denkt an mich, Nachbar. Gott mit Euch bis dahin!“ Er grüßte zum Abſchiede mit einem leichten Kopf⸗ nicken, und ging davon. Nachdenklich blickte Pächter 1 Anger hinter ihm drein. „Wenn er recht hätte, wenn wir einen anderen Herrn bekämen, einen ſchlimmen, harten, grauſamen Herrn, der kein Herz für uns arme Leute hat, wie unſer guter Graf, es wäre doch recht ſchlimm,“ nahm 3 die Frau Pächterin nach einer Weile das Wort.»Denke mal dran, Anger, wie vor drei Jahren die große Dürre war urnd eine Mißäͤrndte eintrat, ſo daß wir den Pacht⸗ iins Aicht bezahlen konnten,— was hätte geſchehen können, wenn nicht der Herr Graf ſo nachſichtig ge⸗ weſen wäre? Ein Anderer hätte uns vielleicht ohne Barmherzigkeit ſogleich die Pacht gekündigt. Und was dann, Anger, was dann?« „Nun, dann hätten wir eben doch auf den liebe Gott vertrauen müſſen,“ entgegnete der Pächter. verläßt Keinen, der glä u ihm aufſchaut; er 8 auch uns nicht verlaſſen haben. Laß dir nur keine dummen Dinge vom Schulmeiſter einreden, Mutter. Ich kenne ihn! Wenn er uns gerne mit hinüber haben möchte in das fremde Land, ſo wünſcht er's mehr ſeinet⸗ als unſertwegen. Er allein kann drüben nicht viel aanfangen, denn er müßte doch Landwirthſchaft betreiben, und die verſteht er nicht. Laß dich darum nicht blen⸗ dden mit eitlen Vorſpiegelungen. Wie eine Wolke in der Nähe nie ſo ſchwarz ausſieht, wie in der Ferne, A ſo iſt auch das Gluck nie ſo blendend in der Nähe, wie es aus der Ferne erſcheint. Darum laß uns ge⸗ nuügen an dem, was wir haben. Wenn es auch nicht mviel iſt, ſo reicht es doch hin für unſere einfachen Ge⸗ woohnheiten und Bedürfniſſe.“ Ddie verſtändige Sprache des Pächters blieb nicht Woohne Einwirkung auf ſeine Frau.„Ja,“ ſagte ſie, „ich will recht zufrieden und im innerſten Herzen dank⸗ bar ſein, wenn Gott uns nur Alles ſo erhält, wie wir's haben. Ein Weiteres verlang' und wünſch' ich gar nicht, lieber Mann.“ Hiermit hatte die Unterhaltung ein Ende. Der Abend ſenkte ſich auf die Erde nieder, Magd und Knecht ka⸗ men von den Wieſen zurück, wo ſie Grummet geſichelt hatten, und die Hausfrau mußte an die Küche denken, Der Ruf zum Nachteſſen ertönte bald darauf aus dem Innern des Hauſes, der Pächter warf noch einen zu⸗ friedenen Blick auf die vom rothen Glanze des Him⸗ mels angeglühten Aehrenfelder und begab ſich dann in Stube, um nach alter Väter Sitte den Vorſtitz bei ſche einzunehmen. Die Nacht dunkelte tief herein, man begab ſich zeitig zur Ruhe, um anderen Tages und für die Hungernden und Dürſtenden Sorge ſtagen. 8 1 zu neuer Arbeit früh bei Kräften zu ſein, und der gute Pächter Anger ließ ſich's nicht träumen, welch ein ſchwerer Tag ihm bevorſtand. 8 Mit Sonnen⸗Aufgang war er ſchon wieder auf dem Platze, und ſah nach ſeinen Leuten und den Ställen, um ſich zu überzeugen, daß das liebe Vieh auch richtig verſorgt wäre. Er hatte keinen Anlaß zur Unzufrieden⸗ 6 heit, gleichwohl war ſeine Miene nicht heiter, als er 6— aus den Ställen in's Freie trat, und einen prüfenden Blick uͤber Himmel und Erde gleiten ließ. Kein Lüft⸗ chen regte ſich, die Sonne hing wie ein rieſiger blenden⸗ der Silberſchild über dem Horizonte, der Himmel war 1 blau und wolkenlos, aber trotz der frühen Stunde hauchte die Luft nicht jene köſtliche Friſche eines heite⸗ F ren Sommer⸗Morgens, ſondern lag ſchwül und drückend über der Erde. »Das wird einen heißen Tag geben heute,“ mur⸗ melte der Pächter vor ſich hin,„die Leute werden ſaure Arbeit haben in der Sonnengluth!« Gegen Mittag bedeckte ſich der Himmel mit weiß⸗ lichgrauen Dünſten, welche ſich immer dichter und mächtiger anhäuften, und die Sonne einhüllten, ſo daß ſie nur wie eine blaſſe Scheibe am Himmel ſtand. Eine Stunde ſpäter verſchwand ſie gänzlich hinter den Dunſtſchleiern, und eine breite, fahlgraue Wolkenwand zog vom Weſten her ſchwer und düſter heran. Die Schwüle der Luft wurde faſt unerträglich, und mit bangen Blicken beobachtete Frau Lisbeth den drohenden Himmel. 1„Gott ſchütze uns, lieber Mann,“ ſagte ſie.„D 3 4 ſcheint ein ſchweres Gewitter zu runeden a „Wenn es nur nicht noch etwas Schlimmeres iſtes erwiederte der Pächter mit beſorgter Miene, aus wel⸗ cher die geſtrige heitere Zuverſicht gänzlich verſchwunden war.„Gott ſteh' uns bei,— es kommt näher und näher, und ſchon fallen die Tropfen. Nur gut, daß wenigſtens das Vieh in den Ställen iſt. He, Joſeph, ſteh' nach den Fenſtern im Hauſe, ich will durch das Gehöfte gehen, und ſchauen, ob dort Alles in Ord⸗ nung iſt.« Joſeph, der mit den Aeltern vor dem Hofthore ſtand, gehanchte ſogleich dem Befehle des Vaters, und die Mutter ging mit ihm. Der Vater begab ſich nach den Ställen, ſah nach dem Rechten und ermahnte die Leute, aufzupaſſen und bei der Hand zu ſein, wenn je etwas Außergewöhnliches geſchehen ſollte. Als er den Hof wieder betrat, und in das Haus zu den bangen Seinigen eilte, zuckte ein greller Blitz⸗ ſtrahl über den dunkeln Himmel hin, wie eine rieſige glänzende Schlange, und ein krachender Donner folgte, der die Erde in ihren Grundveſten erſchüttern zu wollen ſchien. Zugleich fielen große Regentropfen und plätſcherten ſchwer auf das Steinpflaſter des Hofes nieder Wenige Augenblicke ſpäter ſtrömte der Regen, und ein jäher, mächtiger Sturm ſchleuderte ihn klat⸗ ſchend gegen die Fenſter auf der Wetterſeite des Hauſes. Plötzlich raſſelte es, als ob Hände voll Kies gegen die „Herr Gott, ſchütze uns, ein Hagelwetter!“ mit beben⸗ der, bleicher Lippe ausrufen konnte, klirrten ſchon die von Hagelkörnern zerſchmetterten Fenſterſcheiben in die große Schloßen, vermiſcht mit einer „ ſtrömten rauſchend nach. In weni⸗ die ganze Stube unter Waſſer, und Fenſter geworfen würden, und ehe noch Pächter Anger: 11 zitternd, weinend und wehklagend hing Frau Anger an ihres Mannes Halſe, welcher mit ſtarrem, entſetztem Blicke in das Toben des Unwetters hinaus ſchaute. Bleich und mit gefalteten Händen ſtand Joſeph zur Seite. Wohl war es ein entſetzliches Schauſpiel, welches die entfeſſelten Gewalten der Natur draußen aufführten. Der Hagel raſſelte in ſchweren Maſſen hernieder, der Sturm brauste und heulte wild um das Haus, das Krachen des Donners miſchte ſich mit dem Rauſchen der lothſchweren Hagelkörner, und Himmel und Erde ſchienen ſich im Wirbel zu drehen. Doch nicht lange dauerte es, ſo war das Verderben und Vernichtung ſchleudernde Gewitter vorüber gezogen und das Licht der Sonne brach wieder glänzend durch die zerriſſenen Wolken. Aber ach, welche traurige, troſtloſe Verwü⸗ ſtung enthüllte ſie den thränenvollen Augen der armen Pächter⸗Familie! Vater, Mutter und Sohn traten hinaus vor das Hofthor, und ſchauten mit bangen Blicken umher. „Oh, mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte die Mutter. „Wir ſind verloren!“ murmelte der Vater mit zuckendem Munde, und Joſeph weinte laut. Ach, es war wohl ein Anblick zum Weinen! Meh⸗ rere Zoll hoch, an einzelnen Stellen fußhoch ſogar be⸗ deckten die eiſigen Hagelkörner Wieſen und Feld, die goldenen Saaten lagen zerknickt, zermalmt, zerſchmettert und in Grund und Boden geſchlagen; jede Ausſicht auf eine fröhliche Aerndte war dahin, und Entbehrun Noth und Elend grinsten der unglücklichen Pächie Familie von den verwüſteten Fluren enngegen noch vor wenigen Stunden den lachendſten Segen ver⸗ ſprachen. „Ach, meine Ahnung, meine bange Ahnung!“« jammerte Frau Lisbeth mit gerungenen Händen.„Wel⸗ ches entſetzliche Unglück! Wenige Minuten haben uns zu huͤlfloſen Bettlern gemacht!« Der Pächter hatte mittlerweile nach Faſſung ge⸗ rungen, und in ſtillem Gebete ſein ſchwer bedruͤcktes und gebeugtes Herz zu Gott erhoben. Freilich ſtand auch er noch bleich da von dem kaum überſtandenen Schrecken, aber ſein mannhafter Muth kehrte allmählig zurück, und er fühlte ſich ſtark, der ſchwachen Frau wieder Troſt und Hoffnung zu ſpenden. „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genom⸗ men, der Name des Herrn ſei gelobet!« ſprach er feierlich.„Klage nicht und verzweifle nicht, liebes Weib, ſondern vertraue auf den Herrn, daß er uns wieder aufrichten werde, nachdem er uns ſo tief gebeugt und ſo ſchwer geprüft hat. Was aus ſeiner Hand kommt, ſei es Gutes oder Schlimmes, muß demüthig und mit geduldiger Ergebung getragen werden. Wer iſt, der die Gedanken und Abſichten Gottes zu durch⸗ ſchauen oder nur zu errathen vermöchte? Darum ge⸗ troſt, der Herr macht Alles wohl, wenn gleich es uns blinden Menſchen nicht alſo erſcheinen will!« „Aber was, was ſoll aus uns werden?“ klagte die Frau.„Die ganze geſegnete Aerndte iſt hin, das BBrod iſt uns genommen, und wir müſſen Alles ver⸗ kaufen, was wir beſitzen, wenn wir das Pachtgeld zu⸗ ammenbringen wollen. Und wovon ſollen wir denn feelber leben? Oh, mein Gott, du biſt ſchwer mit uns in's Gericht gegangen!“ Stirn. 13 „Sorge nicht um das Eſſen, noch um das Trinken, noch um die Kleidung,“ erwiederte Vater Anger, ge⸗ faßten Muthes,„der Herr, der die Vögel unter dem Himmel ernährt und die Lilien des Feldes kleidet, der wird auch uns nicht vergeſſen in unſerer großen Noth! Morgen ſchon will ich mich aufmachen und zu unſerem Gutsherrn gehen. Wenn er hört, was uns wider⸗ fahren iſt, ſo wird ſein Herz der gewohnten Güte nicht verſchloſſen bleiben. Darum aufgeſchaut zum Himmel, Frau! Der alte Gott lebt noch, und auf ihn wollen wir unſere Hoffnung ſetzen!« Frau Anger athmete ſchwer, und ihre Thränen floſſen weiter und tropften auf die Erde nieder. Sie konnte ſich nicht ſo geſchwind von dem harten Schlage erholen, der ſie getroffen hatte, und die tröſtenden Worte ihres Mannes richteten ſie nicht auf. Den ganzen Tag verbrachte ſie mit Weinen und Wehklagen, und konnte ſich nicht zufrieden geben, wie ſehr auch ihr Mann und Joſeph bemüht waren, neue Hoffnung und getroſte Zuverſicht in ihr zu erwecken. Auch am andern Morgen noch, als Pächter Anger Abſchied nahm, um nach der nur ein paar Stunden entfernten Reſidenz hinüber zu reiten, und ſeinen Pachtherrn um Nachſicht anzuſprechen, waren ihre Augen noch von Thränen umflort, und eine truüͤbe Wolke ſchwebte auf ihrer „Du wirſt ſehen,“ ſagte ſie traurig,„dein Weg iſt vergeblich! Wie gut es der Herr Graf auch immer mit uns gemeint hat, dieſes Mal wird er dir nicht die Hand zur Hülfe und Rettung bieten. Ich weiß e ſchon, ein Unglück kommt ſelten allein, und auf unſer armes Haupt hat der liebe Gott die Schaale ſeines Zornes noch nicht völlig ausgeleert. Ich fühle es hier, ich habe dieſelbe bange Ahnung, die mich ſchon vorge⸗ ſtern bedrückte, und nur zu ſehr bin ich überzeugt, daß ſte nicht täuſcht. Dein Gang iſt vergebens, mein armer lieber Mann!« Pächter Anger ſchüttelte betrübt den Kopf.„Es ſchmerzt mich, Lisbeth,“ ſagte er,„daß du ein ſo ge⸗ ringes Vertrauen auf Gott und die Güte unſeres Gra⸗ fen haſt. Aber habe nur Geduld, vor Abend bin ich wieder zurück, und hoffe zuverſichtlich, daß ich gute Nachrichten mitbringen werde. Der Graf iſt nicht hart und unerbittlich, wie du zu denken ſcheinſt, ſondern ein gütiger, liebreicher Herr. Ich bin überzeugt, er wird mir meine Bitte nicht abſchlagen, da wir ja nicht durch eigene Schuld in's Unglück gerathen ſind. Hoffe und ſei getroſt! Bald bin ich wieder bei dir!«. Nach dieſen Worten drückte er ihr die Hand, be⸗ ſtieg ſein Pferd, und ritt davon. Nach zwei Stunden kam er in der Reſidenz an, und ſtieg vor dem Hauſe des Grafen ab, das er ſchon von fruͤheren Zeiten her wohl kannte. Unterwegs hatte er reiflich und ſorgfältig überlegt, was er Alles ſeinem Pachtherrn ſagen wollte, und war in ſeinem Herzen voll guter Zuverſicht, daß der Graf ſeine Bitte gerne und bereitwillig gewähren werde. Er wollte ja nichts weiter, als nur eine Friſt bis zum nächſten Jahre mit der Bezahlung ſeines Pacht⸗ zinſes. Der Graf war ein reicher, ſehr reicher Herr, er war immer gütig gegen ihn und gegen ſeine übrigen Pächter geweſen,— da konnte er ja die beſcheidene hitte gewiß nicht zurückweiſen. So trat denn Pächter Anger getroſt in das ſchöne Haus ein, nachdem er ſein Pferd außen angebunden 15 hatte, und fragte den erſten beſten Diener, der ihm im Hausflur begegnete, ob er nicht den Herrn Grafen ſo⸗ gleich einmal ſprechen könne? Der Diener ſah ihn mit großen Augen an. „Aber mein Gott, Anger, wißt Ihr denn noch nicht draußen auf dem Dorfe, daß unſer gnädiger Herr ge⸗ ſtern Morgen verſchieden iſt?« antwortete er.„»Wir haben doch gleich einen reitenden Boten hinausgeſchickt, um den Guts⸗Inſpektor zu benachrichtigen.« Der arme Pächter ſtand da wie vom Blitze getroffen. Eine ſchlimmere Nachricht hätte ihm kaum zu Theil werden können, denn einmal liebte er den verſtorbenen Grafen aufrichtig und aus voller Seele, und dann mußte er auch noch befürchten, daß ſeine Bitte bei dem Erben des ſeligen Herrn vielleicht keine günſtige Auf⸗ nahme finden würde. Die duüſteren Ahnungen und Befürchtungen ſeiner Frau fielen ihm ſchwer auf's Herz, und nicht ohne Bangen fragte er, an wen er ſich denn nun wenden müſſe, um Erlaß des Pachtzinſes oder wenigſtens um Zahlungsfriſt zu erlangen? „Pacht⸗Erlaß oder Zahlungsfriſt, mein armer An⸗ ger?“ ſagte der Diener mitleidig.„Das wird ſchwer zu bekommen ſein. Unſer neuer Herr iſt nicht wie der alte. Er iſt hart, ſtolz und geizig, wie wir hier, die Dienerſchaft des Hauſes, ſchon ſchwer genug haben empfinden müſſen. Die Hälfte der Leute hat er ſogleich verabſchiedet, kaum, daß der ſelige Herr die Augen ge⸗ ſchloſſen hatte, und uns Andern hat er ſchon angekün⸗ digt, daß wir im Lohn verkürzt werden würden. Er nennt uns nicht anders, als unnützes Geſindel und faule Tagdiebe. Die Meiſten von uns wollen auch itt nicht länger bleiben, als bis ihre Dienſtzeit um iſt, und ich gehöre ebenfalls zu dieſen. Ja, Anger, die guten Zeiten ſind vorbei, ſeit unſer lieber, gnädiger 4 Graf geſtorben iſt. Aber wie kommt es denn, daß Ihr in Noth ſeid? Ich dächte, Ihr müßtet eine herrliche Aerndte auf dem Felde ſtehen haben!“« Pächter Anger erzählte das Unglück, das ihn heim⸗ geſucht, und mitleidig drückte ihm der Diener die Hand. „Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm!« ſagte er.„Unſer alter Herr hätte Euch, das weiß ich, nicht nur die ganze Pacht erlaſſen, ſondern Euch gewiß außerdem noch manche Wohlthat dazu erwieſen. Aber der neue, — da zweifle ich, ob Ihr eine gute Aufnahme finden werdet. Er iſt ein harter, böſer Menſch. Trotzdem, verſuchen muͤßt Ihr's, Anger, und ich will Euch an⸗ melden, ſollt' ich auch darum aus dem Dienſte gejagt weerden.“ „Aber ſagt doch nur, Johann, wer iſt der neue Herr fragte der Pächter.„»Und wo ſtammt er eigentlich?« her?“« „Er iſt ein entfernter Verwandter unſeres ſeligen Herrn, ein Baron Syltberg aus dem Däniſchen,“ ant⸗ wortete der Diener.»Wir haben ihn früher gar nicht gekannt, und erſt dieſen Sommer iſt er hierher in die Reſidenz gekommen und hat bei dem Herrn Grafen ſein Quartier aufgeſchlagen. Nun iſt er der Erbe aller ſchönen Güter des Grafen, weil keine nähere Ver⸗ b wandtſchaft vorhanden iſt. Uebrigens werdet Ihr ihn bald perſönlich kennen lernen, Anger. Wartet nur ein wenig, ich melde Euch auf der Stelle an.“ 3 Der Diener begab ſich in die inneren Gemächer des Hauſes, kehrte aber kurz darauf zurück und winkte dem Pächter, näher zu treten. Mit ſchwerem Herzen 17 folgte der arme Mann, und ſtand wenige Augenblicke ſpäter vor dem Baron, welcher ihn mit ſtolzem Blicke von oben bis unten maß. Sein Geſicht zeigte harte, abſtoßende Züge, und die Stimme, welche fragte:„Wer ſeid Ihr, Mann, und was wollt Ihr?“ toͤnte nichts weniger als freundlich zum Ohre des Pächters. Den⸗ noch faßte ſich dieſer ein Herz, ſchilderte in wenigen beredten Worten ſein Unglück, und bat um freundliche Nachſicht wegen Zahlung der Pachtgelder. Der Baron runzelte tiefer die Stirn. »Lauter Spitzbüberei und Lügen,« gab er barſch und rauh zur Antwort.„Ich kenne das! Ihr Päch⸗ ter ſucht immer den Gutsherrn zu betrügen. Aber ſo einfältig bin ich nicht, um mich auf ſolche Sachen ein⸗ zulaſſen. Ein für alle Mal hier Euer Beſcheid: Zahlt Ihr den Pachtzins nicht bei Heller und Pfennig am Verfalltage, ſo werdet Ihr Tags darauf aus der Pach⸗ tung geworfen. Verlaßt Euch darauf, ich mache keine Umſtände. Und damit Gott befohlen!“« Ein Wink nach der Thür begleitete die letzten Worte, aber Pächter Anger in Schrecken und Todesangſt ver⸗ ſtand ihn nicht, ſondern flehte noch einmal mit Thränen in den Augen um Stundung, indem er zugleich ſeine Chrlichkeit und Rechtſchaffenheit betheuerte. »Ein fuͤr alle Mal,“ ſchrie der Baron ihn an,— »wenn Ihr nicht zahlt, werdet Ihr aus dem Neſte ge⸗ * worfen, und damit Punktum! Ich bin nicht hierher gekommen, um mir von Euch Spitzuben eine Naſe drehen zu laſſen. Und jetzt packt Euch! Ich habe har zu thun, als Euer heuchleriſches Gewinſel anzu bren.“ 3 Der Schatz des Inka. 2 1 18 „Nun dann, ſo verzeihe Ihnen Gott, daß Sie eine arme Familie von Haus und Hof verjagen und in ſchreckliches Elend ſtuͤrzen,“ ſagte Pächter Anger, im Innerſten empört über die ſchnöde Behandlung, die er erdulden mußte.„Möchten Sie nie vor einem Höheren und Mächtigeren ſo ſtehen, wie ich jetzt vor Ihnen ſtehen muß!« „Hinaus, hinaus, unverſchämter Kerl!“ brüllte der Baron wuthend.„Auf der Stelle hinaus, oder ich rufe meun Leute, und laſſe Euch hinaus werfen! Marſch ort!“« Der arme Pächter ſah wohl, daß es ihm nicht ge⸗ lingen würde, dieſes erbarmungsloſe Herz zu rühren. Er drängte die Thränen zurück, die heiß aus ſeinem Herzen in die Augen herauf quollen, und entfernte ſich mit wankenden Schritten und wie betäubt. Der Diener wartete draußen auf ihn und klopfte ihn mitleidig auf die Schulter. „Ich ſehe ſchon, es iſt Alles ſo gekommen, wie ich im Voraus fürchtete,“ ſagte er.„Armer Anger! Aber nur Muth, Freund! Es gibt noch mehr Pachtungen in der Welt, und auch Ihr werdet eine andere finden, wo es Euch zuletzt wohl ergeht.“ Pächter Anger ſchüttelte traurig den Kopf.»Ohne Geld und ohne Fürſprache niemals!“ erwiederte er. „Ich bin ein ruinirter Mann! Gott helfe meinem un⸗ glücklichen Weibe und meinem Knaben!“ Muthlos und tief gebeugt beſtieg er ſein Pferd wieder und kehrte nach Hauſe zurück. Sobald ſeine Frau ſein Geſicht erblickte, wußte ſie auch, daß ihre bangen Ahnungen in Erfüllung gegangen waren. Mit ſchmerzlichem Lächeln reichte ſie ihm ihre Hand, und . 3 19 . ſagte nur:„Muth, lieber Mann! Gott wird weiter helfen!« Sonderbar. Die ſchwache Frau, welche keines Troſtes und keiner Erhebung fähig geweſen war, ſo lange die Entſcheidung ihres Schickſals im Ungewiſſen ſchwebte, wurde jetzt, als das Schlimmſte eingetreten war, auf einmgl muthig und ſtark, ſtärker ſelbſt als ihr Mann, welchen zu tröſten und aufzurichten jetzt an ſie die Reihe gekommen war. 8 „Es muß irgend ein Entſchluß gefaßt werden, lieber Mann,“ ſagte ſie einige Tage ſpäter, als der Pächter, in trübe Gedanken und dumpfes Hinbrüten verloren, auf dem Lehnſtuhle neben dem Ofen ſaß, und mit glanzloſen Augen vor ſich hin auf den Erdboden ſtarrte. »Da wir die Pachtung ohne Unterſtützung nicht behal⸗ ten können, ſo müſſen wir eben auf etwas Anderes denken. Mir iſt eingefallen, was der Schulmeiſter neulich zu uns redete, und ich habe im Stillen weiter darüber nachgedacht. Wenn wir alle Habe, die wir beſitzen, verkauften, ſo würde eine genügende Summe daraus gelöst werden, daß wir nicht nur die fällige Pacht bezahlen könnten, ſondern auch noch ein paar hundert Thaler übrig behielten. Dieſe reichen freilich nicht aus, unſer jetziges Pachtgut oder auch ein anderes wieder zu übernehmen, aber vielleicht reichen ſie dazu, uns eine neue Heimath auf fremder Erde zu gründen. Man vertreibt uns von Haus und Hof, im Vaterland blüht uns keine Hoffnung mehr, da halt' ich es nicht für unrecht, ihm den Rücken zu kehren, und mich dort⸗ hin zu wenden, wo wir hoffen dürfen, auf rechtſchaffe Weiſe unſer tägliches Brod zu verdienen. Wenn G uns gnädig iſt, ſo wird er uns dieſes Ziel erreich 2* 4 laſſen, und vielleicht erſtreckt ſich des Herrn Segen ſo weit, daß wir, wenn auch erſt in ſpäteren Jahren, in die Heimath zurückkehren und hier unſere letzten Tage beſchließen können. Denke darüber nach, lieber Mann! Auf mich kannſt du zählen; welchen Entſchluß du auch faſſen mögeſt, du wirſt mich immer getreulich an deiner Seite finden!« Der Pächter horchte hoch auf, als ſeine Frau in ſo gefaßter und verſtändiger Weiſe zu ihm ſprach, ſeine ſchlaffen Züge belebten ſich, ſeine müden Augen funkel⸗ ten wieder, und mit warmer Herzlichkeit ergriff er die Hand ſeiner Frau. „Lisbeth,« ſagte er,„haſt du denn vielleicht in meiner Seele leſen können? Siehe eben jetzt dachte ich über denſelben Plan nach, den du mir vorſchlägſt, und ich fürchtete nur, daß er deine Zuſtimmung nicht finden würde. Nun kommſt du mir ſelber zuvor. Ja, du haſt recht, der Zeitpunkt iſt eingetreten, den der Schul⸗ meiſter vorherſah,— wir ſind ſo gut wie vertrieben von Haus und Hof,— im Vaterlande können wir nicht nach unſeren Wünſchen für die Zukunft unſeres Sohnes und unſerer eigenen wirken,— ſo meine ich denn, es ſei an der Zeit, einen andern Schauplatz für unſere Thätigkeit zu ſuchen. Ich werde mit dem Schul⸗ meiſter darüber ſprechen. Noch ſind wir, du und ich, nicht ſo alt, um nicht noch rüſtig ſchaffen und arbeiten zu können, und ich weiß, unſer Joſeph wird uns wacker zur Hand gehen, und ſo gut druͤben über dem Meere, wie hier, ſeine Schuldigkeit thun. Du haſt recht, Lis⸗ beth! Die Zeiten haben ſich verändert, und ſo müſſen auch wir denn im Vertrauen auf Gottes Beiſtand an⸗ dere Wege einſchlagen. Ich gehe zum Schulmeiſter!“ 2* 21 Seeſagt, gethan. Der Pächter begab ſich nach dem Schulhauſe, eröffnete dem Schulmeiſter, wie es um ihn ſtehe, und ſprach ſeine Bereitwilligkeit aus, ſich ihm zum Auswandern nach Amerika anzuſchließen. Der Schulmeiſter konnte ſein Vergnügen darüber nicht ver⸗ bergen, und rieb ſich unter zufriedenem Lächeln die Hände. „Ihr kommt gerade zur rechten Stunde, Nachbar Anger,“ ſagte er.„Seht, eben habe ich da ein Buch über Peru in Süd⸗Amerika geleſen, und das hat mir die größte Luſt eingeflößt, meine kunftige Heimath dort am Fuße der Andes aufzuſchlagen. Das Land iſt fruchtbar, koſtet ſo viel wie nichts, und das Klima wird als lieblich und geſund geſchildert. Für des Leibes Nahrung und Nothdurft iſt dort leicht geſorgt, und wem das Glück hold iſt, den läßt es wohl gar eine Silber⸗Mine finden, die ihn binnen wenigen Jahren zum reichen Manne macht. Fälle der Art ſind ſchon häufig vorgekommen, und mancher Bettler iſt als Millionär von dort heimgekehrt. Nehmt das Buch mit und leſet es, Nachbar Anger. Wenn Ihr Euch mit ſeinem Inhalte vertraut gemacht habt, wollen wie das Weitere uͤberlegen. Mein Entſchluß ſteht übrigens feſt, ich gehe nach Peru! Denkt nur, wenn wir dort eine Silber-Mine entdeckten, Nachbar! Welch' ein Gluͤck!« »Mich verlangt nicht nach Schätzen, wenn ich nur mein ehrliches Auskommen durch Fleiß und Thätigkeit finde,“ entgegnete der Pächter.„Dies, und eine glück⸗ liche Ausſicht auf die Zukunft meines Sohnes iſt Alles, was ich von Gott erbitte.“ »Nun, Eure Wünſche ſind beſcheiden, ſehr beſcheiden, Nachbar, und ich zweifle nicht daran, daß ſie bald drü⸗ ben in Erfüllung gehen werden,“ antwortete der Schul⸗ meiſter.„Ich für mein Theil denke, je mehr, deſto beſſer. Gold und Silber kann der Menſch nie genug haben!“— „Ich für mein Theil aber ſage, nie Zufrieden⸗ heit genug, denn dieſe iſt beſſer, als todtes Metall,“ entgegnete der Pächter mit feſtem Ernſte.„Indeß, Jeder nach ſeiner Weiſe! Ich werde das Buch mit⸗ nehmen, Herr Schulmeiſter, und wenn wir es daheim geleſen haben, wollen wir weiter reden.« Abends laſen der Pächter und Joſeph abwechſelnd der Mutter das Buch vor, und als Alle den Inhalt genau kennen gelernt hatten, ſo berathſchlagten ſie, was zu thun ſei. Nach manchem Hin⸗ und Herreden faßte man den Entſchluß, nach Peru auszuwandern. Im Grunde genommen wäre der Vater mehr für Nord⸗ Amerika geweſen, aber da er die Geſellſchaft des Schul⸗ meiſters doch dem Alleingehen vorzog, und auch im Süden Land und Klima günſtig ſchienen, ſo beſtimmte man ſich für den letztern. Anderen Tages theilte der Pächter dem Schulmeiſter dieſen Entſchluß mit. »„So ſind wir denn alſo einig,“« ſagte dieſer zufrie⸗ den.„Mit nächſtem Frühjahre kann es fortgehen, und bis dahin müſſen wir die Zeit benutzen, ein wenig ſpa⸗ niſch zu lernen, damit wir uns drüben mit den Ein⸗ wohnern gleich verſtändigen können. Dies iſt eine Hauptſache.“. Pächter Anger war hiermit vollkommen einverſtan⸗ den, und traf nun allmählig ſeine Vorbereitungen zur Auswanderung. Der Schulmeiſter beſorgte die nöthigen 23 Bücher, und ſelten verging ein Abend, den er nicht mit ſeinem Sohne Franz bei der Pächter⸗ Familie zu⸗ brachte, wo man ſich gegenſeitig ſehr eifrig mit dem Erlernen der ſpaniſchen Sprache beſchäftigte. Als der Frühling kam und den Schnee auf den Bergen ſchmolz, verſtanden Alle wenigſtens ſo viel, daß ſie ihre Gedanken nothdürftig in der fremden Sprache aus⸗ drücken konnten. Der Schulmeiſter hatte dabei gute Dienſte geleiſtet, und der Fleiß der Uebrigen ſeine Be⸗ mühungen unterſtützt. Vater Anger war mit ſeinen Verhältniſſen im Rei⸗ nen. Er hatte nach und nach ſeine Habe verkauft, von dem Erlöſe redlich und pünktlich den Pachtzins bezahlt, und noch ein Sümmchen von ein paar hundert Thalern übrig behalten, welche hinreichten, die Koſten der Ueber⸗ fahrt nach Amerika zu decken und drüben ein Stück Land zu erwerben. Der Schulmeiſter hatte ſeinen Po⸗ ſten einem Nachfolger übergeben, und ſo ſtand denn der Abreiſe kein Hinderniß mehr entgegen. Die Familie des Pächters nahm Abſchied von ihren Freunden, und mancher herzlich gemeinte Segenswunſch wurde ihnen zu Theil. Alle bedauerten die Abreiſe der wackeren Leute und hätten ſie gern verhindern mögen. Aber helfen konnten ſie leider nicht, und ſo mußten ſie denn die Freunde ziehen laſſen. Dieſe gingen mit ſchwerem Herzen, und die Trennung vom Vaterlande, von der heimathlichen Scholle, von Haus und Herd, von Allem, was ihnen lieb und theuer war, betrübte und bedrückte ſchwer ihr Gemüth. Die Mutter vergoß heiße Thrä⸗ nen, als ſie zum letzten Male über die Schwelle des Hauſes dahinſchritt, und auch der Vater konnte ſich eines beklemmenden Gefühles nicht erwehren. Doch * 24 behielt er wenigſtens äußerlich ſeine Faſſung und mußte auch der Mutter noch Troſt zuſprechen. „Sei ruhig, Lisbeth,“ ſagte er ſanft,„nicht Ueber⸗ muth oder Leichtſinn treibt uns von hinnen. Es iſt Gottes Wille, daß wir gehen ſollen, und in die Schi⸗ ckungen des Himmels muß man ſich fuͤgen mit Geduld und Ergebung. Der Herr weiß, was er will, und auch mit uns wird er es wohl machen.“ Der Schulmeiſter nahm die Trennung von der Heimath leichter, als ſeine Gefährten. Ihn kümmerte „nichts, was er hinter ſich ließ, und ſeine Gedanken verweilten nur auf der Zukunft, die er ſich mit den glänzendſten Farben auszumalen bemühete. Er baute die herrlichſten Luftſchlöſſer, träumte von nichts als von großen Beſitzungen und ausgiebigen Silber⸗Minen, die zu entdecken ihm gewiß ein Leichtes ſein wurde, und zweifelte anſcheinend nicht im mindeſten daran, daß er nach einigen Jahren als ein ſchwer reicher Mann in das Vaterland werde zurückkehren können, wenn es ihm beliebte. Sein Sohn Franz theilte dieſe ausſchwei⸗ fenden Hoffnungen, und ſeine Augen funkelten von Habgier, wenn ſein Vater den Silber⸗Reichthum ſchil⸗ derte, welcher, nach deſſen Behauptung, überall in Peru unter der Erde verborgen lag, und nur geſucht und gehoben zu werden brauchte. Pächter Anger dagegen lächelte zu all' dieſen Behauptungen, die er für nichts als leere Luftſchlöſſer hielt. Ihm fiel es nicht ein, in die Hoffnungen und Wünſche des Schulmeiſters mit einzuſtimmen, ſondern er hegte nur die beſcheidenſten Erwartungen. »Hütet Euch, Freund,“« ſagte er manchmal zu dem Schulmeiſter, wenn derſelbe von den unermeßlichen V —— 25 Schätzen des fremden Landes ſchwärmte,—„hütet Euch vor ſolchen Hirngeſpinſten, denn Ihr könntet ſpäter vielleicht bitter enttäuſcht werden. Auf Gott vertrauen und redlich arbeiten, das bringt Zufriedenheit und zu⸗ letzt auch wohl Segen. Alles Andere iſt eitel Tand. Wohl ſteckt Silber und Gold in jeder fruchtbaren Erde, man muß es nur auf die rechte Weiſe durch Fleiß und Beharrlichkeit zu gewinnen wiſſen, und nicht durch eitle Schatzgräbereien.“ Der Schulmeiſter und ſein Sohn ließen ſich indeß durch dieſe kühlen Betrachtungen nicht irre machen, ſon⸗ dern bauten ihre Luftſchlöſſer immer weiter aus, bis endlich der Vater Anger jede Einrede ſparte, da er doch wohl merkte, daß alle ſeine verſtändigen Worte in den Wind geſprochen waren. So beſtand denn wohl äußer⸗ lich Friede und Freundſchaft zwiſchen den beiden Fami⸗ lien, in ihren inneren Anſichten aber und in ihren Ab⸗ ſichten wichen ſie weit von einander ab. Welches die beſſeren waren, konnte natürlich erſt die ſpätere Erfah⸗ rung lehren. Vorläufig glaubte ein Jeder das beſte Theil erwählt zu haben. Zweites Kapitel. Auf fremder Erde. Nach einer glücklichen Seefahrt kamen unſere Aus⸗ wanderer an der Küſte von Peru an, ſtiegen im Hafen von Callao an das Land, und begaben ſich ohne Auf⸗ 26 enthalt nach Lima, der Hauptſtadt Peru's, wo ſie einſt⸗ weilen einen Aufenthalt zu nehmen und Erkundigungen über die anzukaufenden Ländereien einzuziehen beabſich⸗ tigten. Ein glücklicher Zufall begünſtigte ſie. In dem Gaſthauſe, wo ſie einkehrten, fanden ſie im Wirthe einen Landsmann von deutſcher Herkunft, welcher ſie mit Wohlwollen empfing. Er hatte kaum ihre Abſicht gehört, ſich in Peru als Landwirthe niederzulaſſen, als er freudig in die Hände klatſchte, und mit Lebhaftig⸗ keit ausrief:„Ich kann Euch helfen. In meinem Hauſe wohnt ſeit einigen Wochen ein ſpaniſcher Don, Namens Ramiro, der einen ſchoͤnen Landſtrich im Thale von Jauja, in der Nähe des Dorfes Mito beſitzt. Er wünſcht ihn zu verkaufen mit Haus und Hof, mit Vieh und Allem, weil er in der Nähe von Pasco eine Silber⸗Mine entdeckt hat, die er ausbeuten will. Das Gut würde für Euch paſſen. Es hat eine ſchöne Lage am Fuße der Anden, der Boden iſt fruchtbar, das Klima gehört zu den geſündeſten von ganz Peru. Wenn Ihr wollt, will ich den Handel mit Don Ramiro richtig machen.“. Der Schulmeiſter, den eine raſtloſe Ungeduld weiter trieb, beſonders, da er aus dem Munde des Wirthes ſchon wieder von einer entdeckten Silber⸗Mine reden hörte, hatte große Luſt, ohne Weiteres Auftrag zum Ankaufe der Pflanzung zu geben. Pächter Anger aber ging etwas bedächtiger zu Werke, und erkundigte ſich erſt ganz genau nach der Lage und Entfernung des Thales, und nach der Größe des Gutes, welches ihm angeboten wurde. Herr Keller, der Gaſtwirth, gab bereitwilligſt Auskunft, ſo viel er konnte, und holte zu⸗ letzt den Verkäufer ſelber herbei, damit man ſich des 27 Weiteren mit ihm verſtändigen könnte. Don Ramiro kam, ein Mann von offenem, einfachem und edlem We⸗ ſen. Mit deutlichen, klaren Worten machte er eine Beſchreibung von dem Gute und ſeiner Lage, gab die Größe deſſelben an, welche mehr als tauſend Morgen Landes betrug, und forderte endlich einen ſo geringen Preis für das ganze Beſitzthum, daß ſelbſt Vater Anger darüber erſtaunte. Die ihm noch gebliebenen Gelder in Verbindung mit dem des Schulmeiſters geſtatteten den Ankauf ſehr wohl, und es blieb ihnen immer noch eine Summe üuͤbrig, für welche ſie ſich einige nothwen⸗ dige Geräthſchaften, ſowie Waffen kaufen konnten, um ſowohl zur Jagd als zur Abwehr der Wilden vorbe⸗ reitet zu ſein, falls die Letzteren etwa gelegentlich einmal einen Angriff unternehmen würden. „Es kommt dies zwar nur äußerſt ſelten vor,“ äußerte Don Ramiro,„doch iſt es immer beſſer, jeder⸗ zeit darauf gefaßt zu ſein. Fehlt es nicht an Waffen, ſo wird man mit einiger Entſchloſſenheit und Tapfer⸗ keit ſtets die wilden Banden zurückweiſen, beſonders wenn man mit den Nachbarn im Dorfe Mito in gutem Einvernehmen ſteht. Dieſe ſind brave Leute, und ich habe mich nie über ſie zu beklagen gehabt, obgleich ich zehn Jahre neben ihnen wohnte. Auch iſt in dieſen zehn Jahren nur ein einziges Mal der Fall eingetreten, daß wir uns eines räuberiſchen Anfalles der Indianer erwehren mußten. Einige wohlgezielte Flintenſchüſſe zeigten ihnen unſere Wachſamkeit und vertrieben ſie,— vielleicht auf immer, da ſie ſich ſeit jener Zeit nicht wieder blicken ließen.“. Trotz dieſer Verſicherung Don Ramiro's zeigte ſich Frau Lisbeth bei Erwähnung der Indianer ein wenig 28 unruhig, gleichwohl ſchien der Ankauf des Gutes ſo vortheilhaft, daß ſie die Furcht vor den Indianern bald wieder vergaß. Der Schulmeiſter drang darauf, den Handel abzuſchließen, auch die Andern bezeigten Luſt dazu, und nur Vater Anger zögerte noch, ſeine Ent⸗ ſchließung kund zu thun. »Wenn ich das Gut nur vorher wenigſtens einmal ſehen könnte,“ ſagte er.„Man kauft doch nicht blind in den Tag hinein, was Einem zuletzt vielleicht doch nicht paßt, und dann vielleicht zu einer drückenden Laſt wird.« »Ihr habt recht, Sennor,« nahm Don Ramiro wie⸗ der das Wort.„Geht hin und ſchauet Euch um. Ge⸗ fällt Euch das Gut, ſo nehmt Beſitz davon, und ich werde Euch, damit Ihr kein Hinderniß findet, zu die⸗ ſem Ende ein Schreiben an meinen Verwalter mitgeben. Gefällt es Euch nicht, ſo könnt Ihr Euren Stab wei⸗ ter ſetzen. Geld verlange ich jetzt nicht von Euch, ſon⸗ dern erſt dann, wenn Ihr nach der Prüfung des Gutes entſchloſſen ſeid, es zu behalten. In vier Wochen werde ich ſelbſt nach Mito kommen, und dann können wir den Kauf in Ordnung bringen.“« Dieſer offene und uneigennützige Vorſchlag Don Ramiro's beſeitigte die letzten Bedenken Vater Anger's. »Wohlan, ſo ſei es,« ſagte er,„in vier Wochen ſchließen wir entweder den Handel ab, oder Ihr ver⸗ zeihet, daß wir Euch unnöthige Mühe gemacht haben.“ »„Es iſt gut,« erwiederte Don Ramiro.„Ich bin überzeugt, daß ich Euch zufrieden mit dem Gute in Mito finden werde. Auf Wiederſehen bis dahin. Den Brief an meinen Verwalter ſollt Ihr binnen einer Stunde empfangen.“ * 29 Höflich grüßend, entfernte ſich der Spanier nach dieſen Worten, und die Zurückbleibenden ſäumten nicht, unverzüglich ihre Anſtalten zur Weiterreiſe zu treffen. Herr Keller, der Wirth, ging ihnen dabei freundſchaft⸗ lich zur Hanp, geleitete ſie an die Orte, wo ſie am beſten und billigſten ihre Einkäufe bewerkſtelligen konn⸗ ten, ſorgte dafuͤr, daß ſie von den ſchlauen Händlern nicht betrogen oder übervortheilt würden, und gab ihnen die beſten Rathſchläge zu ihrem Fortkommen. Am Abend war alles Nothwendige beſorgt, auch der Brief Don Ramiro's an ſeinen Verwalter fand ſich nach der Ruckkehr in den Gaſthof vor, und ſo ſtand nun der Abreiſe nach der zukünftigen Heimath am folgenden Morgen nichts mehr entgegen. In aller Frühe ſchon brachen ſie auf, und erreichten noch einer mehrtägigen Reiſe ohne Unfall das Thal von Jauja, in deſſen fruchtbaren, von einem ſilberklaren Bache bewäſſerten und von hohen Bergen eingeſchloſſenen Ebenen ſie ihren Wohnſitz aufſchlagen wollten. Gegen Mittag langten ſie im Dorfe Mito an, wur⸗ den nach der Pflanzung des Don Ramiro zurecht ge⸗ wieſen, welche nur eine Viertelſtunde von dem Dorfe entfernt lag, und hier vom Verwalter des Gutes, nach⸗ dem man ihm den Brief ſeines Herrn eingehändigt hatte, auf die gaſtfreundlichſte Weiſe empfangen und aufgenommen. Das Haus, in welches ſie geführt wur⸗ den, war allerdings weder ſehr groß, noch auch ſehr ſchön und bequem, aber es fanden ſich in den verſchie⸗ denen Räumlichkeiten deſſelben doch wenigſtens Plätze zu Schlafſtellen, und in den Vorrathskammern Speiſe und Trank zur Genüge, um unſere müden und hung⸗ rigen Reiſenden zu ſättigen und zu erquicken. 6 30 Da der Abend ſchon dunkel hereingebrochen war, konnten für heute die Umgebungen des Hauſes, die Ländereien und Heerden, natürlich nicht in Augenſchein genommen werden, und Vater Anger ſparte ſich dies für den folgenden Tag auf. Doch ſchon ſah er aus der Antwort auf die Fragen, welche er an den Ver⸗ walter richtete, daß deſſen Gebieter keineswegs zu viel von der Fruchtbarkeit und der ſchönen Lage des Gutes berichtet hatte, und begab ſich deßhalb zufrieden mit den Seinigen zur Ruhe. Aber der Schulmeiſter und ſein Sohn Franz blieben noch wach und leiſteten dem Ver⸗ walter Geſellſchaft, um ihn über die Umgebungen des Thales auszuforſchen und hinzuhorchen, ob wohl eine Hoffnung da ſei, in der Nähe eine erzreiche Silber⸗ Ader zu entdecken. Die Begierde, mit welcher ſich der Schulmeiſter darnach erkundigte, lockte dem Verwalter ein Lächeln ab, doch ſtand er bereitwillig Rede und gab ſo viel Auskunft, als er konnte. »Der Silber⸗Reichthum ſcheint in dieſer Gegend nicht ſo groß zu ſein, als an manchen anderen Orten Peru's, wie zum Beiſpiel auf dem Cerro de Pasco,« ſagte er,„wo die ergiebigſten Adern gefunden werden, und zuweilen die blanken Silberſtufen frei zu Tage tre⸗ ten. Gleichwohl iſt kaum daran zu zweifeln, daß auch unſere Berge hier rund umher manchen Schatz bergen für den, deſſen Auge ſcharf genug iſt, ihn zu entdecken und an das Tageslicht zu bringen. Einem und dem Andern iſt es wohl ſchon gelungen, aber immer wird man beſſer thun, ſich um ſeine Aecker und Heerden zu kümmern, als auf den Hochebenen, in den Schluchten und Seitenthälern nach Erzen zu ſuchen. Selten, und faſt immer nur durch einen glücklichen Zufall wird ein 31 ſolches Nachforſchen belohnt. Ein Anderes wär' es freilich, wenn man die in der Umgegend zerſtreut woh⸗ nenden Indianer zutraulich machen und zum Ausplau⸗ dern ihrer geheimen Kenntniß der Erz⸗Lager⸗Stätten bewegen könnte. Unter ihnen ſind Viele, denen manche reiche Grube bekannt iſt, ſie wollen ſie aber niemals an einen Weißen verrathen. Die Leute wiſſen wohl, welche Nachtheile ihnen aus dem Bergbau entſpringen, daß er ihnen nur ſchwere Arbeit und wenig Genuß bringt, und ziehen es daher vor, der Erde ihre Schätze zu laſſen, und ſie auch für ſich ſelbſt nur im äußerſten Nothfalle zu benutzen. Seit Jahrhunderten hat ſich bei ihnen die Kenntniß der reichſten Silber⸗Minen von Vater auf Sohn als unverbrüchliches Geheimniß ver⸗ erbt, aber, wie geſagt, noch iſt es keinem Weißen ge⸗ lungen, dem verſchloſſenen Indianer ſein Geheimniß zu entlocken, und ſelbſt der Branntwein, den ſie ſo gern und leidenſchaftlich trinken, bleibt in dieſem Falle er⸗ folglos. Darum ſpart jede Mühe, Sennor, nach Silber⸗Adern zu forſchen. Warum auch? Bei einigem Fleiße bringt der Boden hier ſo reiche Frucht, daß er Euch gemächlich ernähren wird.« Der Schulmeiſter lauſchte mit beiden Ohren und haſchte dem Verwalter jedes Wort von den Lippen. Mächtiger und immer mächtiger erwachte die Begierde nach Reichthum in ſeinem Herzen, und ebenſo erging es ſeinem Sohne Franz, der mit athemloſer Spannung gelauſcht hatte. Beide drangen mit Bitten in den Ver⸗ walter, daß er ihnen noch mehr von gefundenen Silber⸗ Minen und großen Reichthümern erzählen möge, aber dieſer lehnte es mit höflicher Feſtigkeit ab. „Heute Nacht nichts mehr davon, Sennors, wenn 32 es Euch gefällig iſt, ſagte er.„Es iſt ſchon ſpät, Sie bedürfen der Ruhe, und es wird noch mancher Tag kommen, wo wir unſere Unterhaltung wieder auf⸗ nehmen können. Gute Nacht, Sennors! Gute Nacht!« Die Habgierigen mußten ſich fügen und für heute wenigſtens ihre Leidenſchaft zu bezwingen ſuchen. Der Verwalter wies ihnen ihr Lager an, und verließ ſie mit dem Wunſche, daß ſie angenehme Ruhe finden moͤchten. Aber dieſer Wunſch ging nicht in Erfüllung. Die auf⸗ geregte Phantaſie des Schulmeiſters und ſeines Franz ſchwelgte in luftigen Bildern fabelhaften Reichthums, zu deſſen Auffindung es nur eines glücklichen Zufalls bedurfte, und verſcheuchte den wohlthätigen Schlummer von ihren Augen. Spät erſt fanden ſie einigen Schlaf, und auch dieſer noch wurde von wilden, phantaſtiſchen Träumen geſtört, die ihr Blut entzündeten und ihre Nerven erzittern machten. Als am andern Morgen Angers kräftige Stimme ſie weckte, fühlten ſie ſich müder und erſchöpfter als geſtern, und erſchienen mit blaſſen, abgeſpannten Geſichtern im Verſammlungszim⸗ mer, wo die Uebrigen ſchon ihrer Ankunft warteten, um gemeinſchaftlich ein Frühſtück einzunehmen, für wel⸗ ches der Verwalter in aller Frühe ſchon Sorge getra⸗ gen hatte. „Beeilen wir uns ein wenig,« ſagte Vater Anger. »Ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich die Pflanzung voon einem Ende bis zum anderen durchlaufen habe. Ihr ſeid doch gewiß auch neugierig, darauf, Freund Wagner, unſer zukünftiges Eigenthum in Augenſchein zu nehmen.“ 4 Der Schulmeiſter nickte nur, verzehrte ſchnell ein paar von den heißen Tortillas, flachen, gebackenen ————— 33 Maiskuchen, und trank wortkarg ſeine Chokolade dazu. Dann folgte er mit ſeinem Sohne und der Familie Anger dem Verwalter, welcher ſich freundlich zum Be⸗ gleiter durch die Pflanzung angeboten hatte. Mit aufmerkſamen Blicken beobachtete der erfahrene Landwirth, Vater Anger, Alles, was ihm auf dem Spaziergange durch die Felder aufſtieß. Er fand, daß Don Ramiro mit ſeinen Lobeserhebungen keineswegs übertrieben hatte. Der fruchtbare Boden erzeugte Kaffee, Mais, Tabak, Apfelſtnen, Bananen und Ananas in reichlicher Fülle, und Anger erkannte ſehr wohl, daß es nur einer geringen Anſtrengung bedurfte, um den bis⸗ herigen Ertrag des Gutes auf das Doppelte und Drei⸗ fache zu erhöhen. Der Verwalter machte ihn außerdem noch darauf aufmerkſam, daß man in den benachbarten Wäldern leicht einen guten Vorrath von Chinarinde, Balſamen, wohlriechenden Harzen, Honig und Wachs ſammeln könne, welche in Lima eben ſo gern als die Erzeugniſſe der Aecker gekauft würden, unddaß dadurch ohne beſondere Beſchwerde die Einkünfte des Pflanzers weſentlich erhöht werden könnten. Der ehemalige Päch⸗ ter ver pürte daher mehr und mehr Neigung, ſich auf dieſem Gute niederzulaſſen, und ſprach ſeine Meinung rückhaltslos gegen den Schulmeiſter aus. „ Ich bin geſonnen, zu bleiben,“ ſagte er,—„was iſt Eure Anſicht, Nachbar Wagner?« 4 »Sie iſt ganz die Eurige,“« erwiederte der Schul⸗ meiſter ohne Beſinnen, obgleich er auf dem Wege durch die Pflanzung kaum einen zerſtreuten Blick auf die be⸗ arbeiteten Felder geworfen hatte.„Wir bleiben hier, das ſteht feſt.“ Der Schatz des Inka. 4 3 34 4 Auf dem Rückwege nach dem Wohnhauſe kam man bei einigen leicht aus Rohr gebauten Hütten vorüber, deren Wände mit einer lehmigen Erde beworfen waren. Das Dach beſtand aus Maisſtroh mit Palmölättern gemiſcht. „Was für Hütten ſind dies?“ fragte Anger den Verwalter. „Es ſind die Wohnungen der chriſtlichen Indianer, welche bisher für Don Ramiro im Tagelohn gearbeitet haben,“ antwortete der Verwalter.„Ich würde Ihnen rathen, Sennor, ebenfalls einen Vertrag mit den Leuten abzuſchließen. Sie kennen den Boden der Pflanzung und die zweckmäßigſte Art der Bearbeitung. Wenn man ſte gut behandelt, ſo ſind ſie treue und rechtſchaffene Arbeiter, und ihr Lohn iſt gering im Verhältniß zu den Leiſtungen, da ſie wenig Bedürfniſſe für ſich ſelber haben. Man gibt ihnen ein Stück Land, wo ſie ihren Uebrige, was ſie empfangen, iſt kaum der Rede merth.“ „Ich werde mit den Leuten ſprechen,“ ſagte Anger. „Und auch ich,“ fügte Wagner hinzu, deſſen Augen bei der Erwähnung der Indianer funkelten. „Ha!“ dachte er bei ſich ſelbſt,„wenn die Indianer unmöglich ſchwer werden, ſie durch Güte oder Gewalt zur Enthüllung ihrer Geheimniſſe zu bringen. Nur Ge⸗ duld! Einer oder der Andere ſoll mir ſchon verrathen, wo die Silberſtufen in der Erde verborgen ruhen.“ Sie gingen weiter. Bis jetzt hatten ſie nur Kaffee⸗ Bäumchen geſehen, welche das Wohnhaus und die Nebengebäude umgaben, ferner Fruchtbäume, welche längs den ausgedehnten Maisfeldern ſtanden, deßgleichen Bedarf an Mais und Coca erzielen knnen, und das 4 auf unſerem Grund und Boden arbeiten, ſo kann es 9 4 3⁵ Bananenſtöcke am Ufer des Flüßchens, welches das Thal durchſtrömte, und endlich, höher hinauf auf trock⸗ nen, der Sonne recht ausgeſetzten Abhängen, ganze Reihen von köſtlichen Ananas, deren Saft in den heißen Ländern ſo geſund und erfriſchend iſt. Jetzt nun, nach⸗ dem ſie an den Indianer⸗Hütten vorübergegangen wa⸗ ren, betraten ſie einen Strich tiefer liegenden Bodens, und hier dehnten ſich auf ſumpfigen, von dem Flußchen bewäſſerten Stellen grüne Schilf⸗Felder aus, welche Anger mit Verwunderung anſtaunte. „Was iſt dies?« fragte er.„Es iſt kein gewöhn⸗ liches Schilfrohr! Sollte es gar Zuckerrohr ſein?« »„Sie haben es errathen, Sennor,« erwiederte der Verwalter,„und etwas weiter hin, dort, höher am Abhange, werden Sie auch die Gebäude ſehen, wo das Rohr gepreßt und der ſüße Zuckerſaft gewonnen wird. Es iſt Alles in gutem Stande. Don Ramiro ſetzte ſtets einen gewiſſen Stolz darein, ſeine Pflanzung in beſter Ordnung zu erhalten, und Sie werden daher nicht ſchlecht fahren, wenn Sie dieſelbe erkaufen, Sennor.“ „Ich bin ganz feſt entſchloſſen dazu, denn meine Erwartungen ſind mehr als übertroffen,“ erwiederte Anger mit dem Ausdrucke voller Zufriedenheit.„Was meinſt du, Lisbeth? Glaubſt du, daß du dich hier ge⸗ woͤhnen und glücklich fuͤhlen könnteſt?« „Gewiß,« erwiederte ſie herzlich.„Ueberall, wo du zuſtieden biſt, lieber Mann, werde auch ich glücklich ein.“ „Und du, Joſeph?“ fragte der Vater. »Oh, mir gefällt es ſehr in dieſer reichen, ſchoͤnen Natur,« antwortete Joſeph raſch.„Zwar ſieht mich 36 Alles noch mit fremden Augen an, und ich glaube, es wird einige Muͤhe koſten, ſich an die ganz neue Art des Anbau's und der Bearbeitung der Felder zu ge⸗ wöhnen,— aber glaube mir, lieber Vater, an Fleiß und gutem Willen wird es mir nicht fehlen, und ich werde dir allezeit nach beſten Kräften treu zur Seite ſtehen.“ »Nun, dann bin ich, im Vertrauen auf Gott, ganz unbeſorgt,“ ſprach der Vater.„Hier finden wir Alles, was wir zu unſerer Unterhaltung gebrauchen, und bei Fleiß und Thätigkeit, ſo hoffe ich, werden wir bald auch noch mehr, vielleicht gar genug gewinnen, um dereinſt in die Heimath zurückkehren zu koͤnnen, die uns doch ewig unvergeßlich bleiben wird.“ „Ich wünſch' es Ihnen, Sennor, und ich glaube auch, daß Sie das Ziel erreichen werden,« ſagte der Verwalter, welcher das Geſpräch mit angehöͤrt hatte. Fleiß, Sparſamkeit, und nur einige Vorſicht und Klug⸗ heit ſind hier in der Regel eines guten Erfolges gewiß. Hüten Sie ſich nur vor ausſchweifenden Hoffnungen! Dieſe freilich werden äußerſt ſelten befriedigt.“ „Selten vielleicht, aber doch manchmal,“ murmelte der Schulmeiſter in ſich hinein.„Es kommt auch auf die Leute an, die ſie hegen. Nur Geduld! Erſt werd' ich den Verwalter noch vollends ausforſchen, und mei⸗ nen Witz dann bei den Indianern verſuchen. Seltſam müßte es kommen, wenn mich nicht der Eine oder der Andere auf eine Fährte brächte, die ſich erfolgreich be⸗ nutzen läßt.« Man hatte nun die ganze Hacienda beſichtigt, und die Geſellſchaft kehrte nach dem Wohnhauſe zurück. Noch an demſelben Tage wurden Anger und der Schul⸗ 37 meiſter über die Theilung der Aecker handelseinig. Wagner überließ Jenem die größere Hälfte derſelben, obgleich ſie Anger nicht vollſtändig bezahlen konnte, was Anger jedoch ſpäter zu bewerkſtelligen hoffte, ſobald er nur erſt die Ernte hereingebracht hatte. Das Wohn⸗ haus ſollte einſtweilen gemeinſchaftlich benutzt werden, bis ſich Anger ein anderes auf ſeinen Grundſtücken ge⸗ baut haben würde. Auf Zureden Angers verſprach der Verwalter, einſtweilen noch auf der Beſitzung zu blei⸗ ben, und die neuen Anſiedler gewiſſermaßen in die Lehre zu nehmen, und vom nächſten Tage an gingen nun Anger, Joſeph und Frau Lisbeth an die Arbeit. Auch die Indianer wurden gewonnen, nach wie vor Dienſte für den gewoͤhnlichen Lohn zu leiſten, und es dauerte nur wenige Wochen, ſo waren Vater Anger und ſein Sohn ſchon ziemlich mit der Behandlung der Aecker und Früchte vertraut. Ihre frühere Erfahrung kam ihnen dabei zu ſtatten, und die wohlgemeinten Winke und Lehren des Verwalters thaten das Uebrige. Als Don Ramiro zu der von ihm beſtimmten Zeit auf der Hacienda anlangte, fand er Alles in beſter Ordnung, empfing die Kaufſumme für das Gut, und beſichtigte den Stand der Felder. Da fiel es ihm auf, daß die eine Hälfte derſelben in ſchönſter Ueppigkeit und ſorgfältigſter Pflege ſtand, während die andere auf Schritt und Tritt deutlich ſichtbare Spuren größter Ver⸗ nachläſſigung zeigte. „»Wie kommt es?« fragte er. Vater Anger zuckte die Achſeln, der Verwalter aber ſagte ganz trocken:„Ein Wunder iſt's wohl nicht, daß es ſo ausſieht. Dieſe Aecker gehören dem Sennor Wagner, der mit ſeinem Sohne mehr nach Silber⸗ Adern ſucht, als ſich um die Landwirthſchaft beküm⸗ mert. Wenn er's noch lange ſo treibt, wird er wenig zu erwarten haben.“ 15 Drittes Kapitel. Der Schatz des Inka. — In der That verhielt es ſich ſo, wie der Verwalter ſagte. Während die Familie Anger fleißig auf dem Felde arbeitete, durchſtreifte der Schulmeiſter mit ſeinem Sohne die Berge und Thäler der Umgegend, und ließ ſich oft mehrere Tage lang nicht zu Hauſe blicken. Gleich von Anfang hatte er ſich nicht viel um ſeinen Antheil an der Hacienda beküͤmmert, ſondern zuerſt den Verwalter und dann die Indianer auf dem Gute uber den Erzreichthum der benachbarten Berge ausgeforſcht, und dabei Manches in Erfahrung gebracht, was ſeine Habgier immer mehr anreizte. Weder der Verwalter noch die Indianer machten ein Hehl daraus, daß im Gebirge der Umgegend einige Gänge von faſt maſſivem Silber vorkämen, aber der Erſtere wußte nicht, wo ſie zu finden wären, und die Letzteren waren weder durch Bitten noch Verſprechungen dahin zu bringen, auch nur eine Andeutung über die Lage der Erze zu geben. Sie machten ſich nur luſtig über die Habgier des Sen⸗ nor Wagner, und fanden ſogar Vergnügen daran, ſie immer von Neuem anzuſtacheln und ihn faſt bis zum Wahnwitz anzuſpornen. Wunderſame Geſchichten er⸗ 39 zaͤhlten ſie ihm von dem Reichthum ihrer Berge, und Einer oder der Andere zeigte ihm wohl gar auch dann und wann eine Stufe reichhaltigen Erzes, das er erſt Tags zuvor in der Nähe gebrochen zu haben verſicherte, — aber keine Bitte konnte dann ihn bewegen, den Ort zu bezeichnen, wo es gebrochen war. Der Schulmeiſter verſuchte endlich das Aeußerſte. Er lud eines Tages einige Indianer in ſeine Wohnung ein, ſetzte ihnen Speiſe und Trank vor, und gab ihnen ſo viel Rum, als ſie nur trinken mochten, in der Hoffnung, daß Einer oder der Andere in der Trunkenheit ſich doch einmal vergeſſen und ſein Geheimniß ausplaudern werde. Die Indianer kamen, erzählten, wie gewoͤhnlich, Wunderdinge von den verborgenen Schätzen des Ge⸗ birgs, als das feurige, berauſchende Getränk ihre Zunge löste, aber vergebens horchte der Schulmeiſter auf, um irgend einen Fingerzeig zu erwiſchen, der ihn auf die richtige Spur bringen koͤnnte. Als es ihm nicht ge⸗ lingen wollte, die vorſichtigen Zungen ganz zu entfeſſeln, verſuchte er es, die Indianer durch Widerſpruch zu reizen, und behauptete geradezu, es ſeien Alles nur Luͤgen, was ſie vorbrächten, und es gebe gar keine Silbererze in ihren Bergen. Wenn er gehofft hatte, daß die Indianer ſich durch ihren Eifer wuͤrden hinreißen laſſen, ihre feſt verſchloſſe⸗ nen Geheimniſſe zu enthüllen, ſo ſchlug auch dieſe Hoff⸗ nung fehl. „Was wollt Ihr, Sennor?“ erwiederte ein alter, grauhaariger Indianer auf ſeine Behauptung.„Ich kann Euch Dinge erzählen, die Euch noch mehr als alles Andere, was Ihr ſchon gehört habt, in Erſtaunen ſetzen werden. Horcht auf. In Huancayo, dem großen 40 Dorfe, das mehrere Meilen weit von der Hacienda entfernt liegt, wohnte vor Jahren ein Franziskaner⸗ Moͤnch. Er war ein guter Mann, und ſtets freundlich gegen unſere Brüder, welche ihm ihre Liebe ſchenkten, und ihm häufig Geflügel, Wild, Butter und Käſe brachten. Aber er hatte dabei einen großen Fehler, er ſpielte leidenſchaftlich und verlor oft ſein ganzes Geld bis auf den letzten Real. Eines Tages verlor er auch noch ihm anvertrautes Geld dazu, und die Furcht vor der Schande, die ihn nothwendig ereilen mußte, wenn ſein Vergehen entdeckt wurde, machte ihn trübſinnig und ſchlug ihn tief darnieder. So fand ihn Einer von unſeren Brüdern und hatte Mitleid mit ihm. Er fragte den Pater nach der Urſache ſeines Kummers, und dieſer klagte ihm ſeine Noth. „„Wenn es weiter nichts iſt, Gevatter, ſo ſeid ge⸗ troſt, ſagte er, ‚Euch kann geholfen werden, ehe der folgende Abend heran kommt.⸗ »Der Pater zweifelte; aber richtig am folgenden Abend brachte ihm der rothe Mann, wie er verſprochen, einen großen Sack voll der reinſten Silbererze. Der gute Pater war von ſeiner Sorge befreit, und ſeine Freude äußerte ſich ſo laut, daß unſer Bruder mehr⸗ mals ſein Geſchenk wiederholte. „Aber damit war der Pater noch nicht zufrieden ge⸗ ſtellt, und je mehr er empfing, deſto mehr wollte er haben. So bat er eines Tages inſtaͤndigſt den rothen Mann, er möge ihn doch einmal zur Grube mitnehmen, und ſeiner Ueberredungskunſt gelang es, daß ihm ſeine Bitte bewilligt wurde. In der Nacht kam der rothe Mann mit zwei Kameraden nach der Wohnung des Paters, hob ihn mit verbundenen Augen auf ſeine 4 6 Schultern und trug ihn, abwechſelnd mit ſeinen Ge⸗ fährten, mehrere Stunden weit in's Gebirge. Endlich war die Grube erreicht, und der Pater wurde in einen nicht ſehr tiefen Schacht hinabgelaſſen, wo ihm die herrlichſten Silberſtufen entgegen glänzten. Seine Au⸗ gen weideten ſich mit Luſt an dem verlockenden Anblicke, und der rothe Mann ſah wohl, daß er über eine Liſt nachdachte, um ohne den Indianer die reiche Grube wiederzufinden. Der Pater war ſchlau, aber der rothe Mann war noch ſchlauer. Er behielt den Gevatter ſcharf im Auge, und bemerkte, wie der Liſtige auf dem Rückwege von Zeit zu Zeit ein Kügelchen von ſeineen Roſenkranze fallen ließ, das ihm am nächſten Tage zum Wegweiſer dienen konnte. Aber der rothe Mann hob jedes Kügelchen ſorgfältig auf, und bei der Wohnung des Paters angelangt, übergab er ihm eine ganze Hand voll davon, indem er ſprach: ‚Vater, du haſt deinen Roſenkranz verloren, aber zum Glück habe ich ihn ge⸗ funden.“ »Ihr ſehet alſo, Sennor Wagner, daß es verbor⸗ gene Minen in unſeren Bergen gibt, denn der Pfarrer von Huancayo kann es Euch bezeugen.“ »Und doch glaube ich nicht daran, ich müßte denn mit meinen eigenen Augen ſehen,“ verſetzte der Schul⸗ meiſter trotzig. Der Indianer ſchüttelte den Kopf. »Ich könnte Euch noch etwas Anderes zeigen, als nur erbärmliche Silber⸗Adern,“ entgegnete er,—„denn ich weiß, wo der Schatz des Inka verborgen liegt.« »Der Schatz des Inka, was iſt das?“ fragte der Schulmeiſter haſtig.»Erzähle mir davon, Mann!« »Ihr wollt es, Sennor?« entgegnete der Indianer * ernſt.„Wünſchet es lieber nicht,“ es möchte Euch ge⸗ reuen. Euer Durſt nach Gold würde den äußerſten Gipfel erreichen und würde doch nun und nimmer be⸗ friedigt werden. Darum laßt mich ſchweigen, Sennor!« „Nein, nein, erzähle Alles, was du von dem Schatze weißt,“ ſagte der Schulmeiſter haſtig und dringend. „So höre,“ ſprach der Indianer.„Zu der Zeit, als die weißen Fremdlinge über das große Waſſer aus fernem Lande in das Reich der Inka's herüber kamen, herrſchte Atahuallpa über ſeine Kinder. Die Fremd⸗ linge waren mächtig und ſtark, und obgleich unſere Väter tapfer und hartnäckig gegen ſie ſtritten, vermoch⸗ ten ſie doch nichts auszurichten gegen die ſchrecklichen Feuerwaffen und die flammenden Schwerter der frem⸗ den Krieger. Atahuallpa ſammelte ſeine Krieger zu einer letzten Schlacht bei Caramarca; ſie fochten mit Todesverachtung, den Inka an ihrer Spitze, aber wie⸗ derum, ſo wollten es die Götter, mußten ſie erliegen. Viele wurden erſchlagen, der Inka ſelber fiel in die „Hände der e de⸗ und wurde zu Caramarca gefangen gehalten. In dieſer großen Noth verſprach er dem Anführer der Fremden, dem zornigen Don Franzisko Pizarro, für ſeine Freiheit ein unermeßlich großes Löſe⸗ geld. Sein Kerker war zweiundzwanzig Fuß lang und ſiebzehn Fuß breit, und Atahuallpa erbot ſich, ihn ſo hoch mit gediegenem Golde anzufüllen, als ein Strich reiche, den Pizarro mit ſeinem Schwerte an der Wand mache. Der golddurſtige Anführer der Weißen ging den Vertrag ein, und Atahuallpa beauftragte ſeine Ge⸗ treuen, das Löſegeld herbeizuſchaffen. Aber alles Gold, was der Inka und ſeine Getreuen in Caxamarca und der Umgegend auftreiben konnten, reichte kaum hin, den 43 beſtimmten Raum zur Hälfte anzufüllen. Nun ſchickte der Inka Boten nach Cuzko, um das Fehlende aus dem Fköniglichen Schatze zu ergänzen, und auf ſeinen Befehl gingen elftauſend Lama's, ein jedes mit hundert Pfund Gold beladen, von Cuzko nach Caxamarca ab. Da geſchah das Unerhörte, das die Weißen mit ewiger Schmach bedeckt. Ehe die Lama's anlangten, brachen ſte den abgeſchloſſenen Vertrag, und der Inka Atahu⸗ allpa wurde ſchimpflich ſeines Lebens beraubt und er⸗ hängt. Dies geſchah auf Anrathen des Don Diego de Almangra und des Dominikaner⸗Moͤnchs Vicente de Valverde. Wundert Euch nicht, Sennor, über un⸗ ſere genaue Kenntniß von dieſen Umſtänden. Die Kunde davon ging von Mund zu Munde, und unſere ſpäte⸗ ſten Enkel werden eben ſo genau davon unterrichtet ſein, wie wir ſelbſt. Genug, das Entſetzlichs war ge⸗ ſchehen, und die Schreckensnachricht verbreitete ſich wie ein Lauffeuer durch das ganze Land, bis ſie auch die Abgeſandten des ermordeten Inka traf, als ſie ihre ſchwer beladenen Lama's über die Hochebenen von Mittelperu trieben. Es war in dieſer Gegend, Sen⸗ nor, nicht fern von dem kleinen Dorfe Mito. An der Stelle, wo die Trauerbotſchaft ſie erreichte, luden ſie ſofort ſämmtliche Maulthiere ab, verſcharrten die koſt⸗ baren Ladungen an einem ſicheren Orte, und zerſtreuten ſich erſchrocken durch das ganze Land.— Dieſes, Sen⸗ nor, iſt die Geſchichte vom Schatze des Inka.“« „Elftauſend Maulthiere, jedes mit hundert Pfund Gold beladen, es iſt unmöglich, du lügſt!« rief der Schulmeiſter bleich und kaum athmend, ſo mächtig er⸗ griff ihn die Kunde von dieſem ungeheuren Reichthum, von dem er ſich kaum eine Vorſtellung machen konnte. Du lügſt! Es gibt nicht ſo viel Gold auf der ganzen Welt!« »Matteo lügt niemals,“ entgegnete mit einem An⸗ fluge von Stolz der Indianer.„Das Gold liegt ſicher geborgen auf der Hochebene von Mito, und Viele von uns kennen den Ort, wo unſere Vorfahren es im Schooße der Erde bargen.“ „ Aber wenn Ihr es wißt, warum hebt Ihr dann nicht dieſen unermeßlichen Schatz?“ warf der Schul⸗ meiſter hin.„Es iſt Lüge, Alles Lüge! Und ſelbſt, wenn es wahr wäre, daß damals das Gold vergraben wurde, ſo wird es längſt von anderen Händen wieder ausgeſcharrt ſein.“ „»Du biſt im Irrthum,“ erwiederte Matteo, der rikalt,—„Keiner von uns wird das Gold an dem das Blut unſeres letzten Inka klebt; aber eben ſo wenig wird es auch jemals in die Hände von Weißen gelangen, deren Väter unſeren König er⸗ mordet haben. Es iſt genug! Reden wir nicht mehr davon.“ Vergebens ſuchte mit dieſen Worten der Indianer das Geſpräch abzubrechen. Die Begierde des habſüch⸗ tigen Schulmeiſters war zu mächtig erregt, und ſeine Seele dürſtete darnach, mehr und immer mehr von dem Schatze des Inka zu hören. Faſt fußfällig flehte er den Indianer an, ihm noch Weiteres darüber mitzu⸗ theilen, und verſprach ihm ganze große Fäſſer voll Feuerwaſſer, wenn er ihm die Stelle näher bezeichnen wolle, wo der Schatz vergraben ſei. Mit feſtem Blicke las Matteo in den leidenſchaftlich bewegten Zügen des Schulmeiſters, und ſchüttelte abwehrend den Kopf. — 45 Ploͤtzlich jedoch zuckte ein grimmiges Lächeln büizatig über ſeine Züge, und er erhob ſeine Hand. „Haltet inne, Sennor,“ ſagte er.»Nie wird Mat⸗ teo verrathen, was ſeine Väter als heiliges Geheimniß bewahrt haben,— aber Ihr ſeid freundlich gegen die armen rothen Männer, Ihr gebt ihnen Speiſe und Trank, Ihr redet mit ihnen, wie mit Euresgleichen, und Matteo will nicht undankbar ſein. Ihr zweifelt an der Wahrheit ſeiner Worte,— wohlan denn, wenn Ihr den Schatz des Inka ſehen wollt, Matteo wird ihn Euch zeigen.“ 3 Der Schulmeiſter ſtieß einen Schrei des Entzückens aus. Den Schatz ſehen, hieß ihm ſchon faſt ſo viel, als ihn beſitzen. Funkelnde Träume unermeßlichen Reichthums berauſchten ſeine Seele. Ja, er mußte den Schatz ſehen, er mußte ſeine ganze Liſt aufbieten, um den Platz, wo er lag, auszukundſchaften, und es ſchien ihm nicht allzu ſchwierig, wenigſtens nicht unmöglich, den Indianer zu hintergehen, zu täuſchen, zu überliſten, ſeine ganze Wachſamkeit zu ſchanden zu machen. Und ſchlimmſten Falls, wenn er wirklich den Schatz mit ſeinen Augen erblickte, wer konnte ihn hindern, Gewalt gegen Matteo anzuwenden, ihn niederzuwerfen, zu kne⸗ beln, zu tödten ſogar, wenn er es wagte, Widerſtand zu leiſten? Wer fragte hier zu Lande nach einem elenden Indianer? Sein Plan ſtand blitzſchnell feſt. Erſt wollte er Matteo trunken machen, und dann dar⸗ auf beſtehen, daß Francesco, ſein Sohn, ihn begleiten ſente So, Zwei gegen Einen, und Beide heimlich mit Waffen verſehen, mußte es ihnen ein Leichtes werden, Matteo zu überwältigen, und mit Worten überſtrömen⸗ 74 den Dankes ſprach er jetzt ſein Entzücken gegen Matten 46 Der Indianer beobachtete ihn ſcharf, als ob er feeheimſten Gedanken ſeiner Seele leſen wollte, und n9 e J3 ein ſeltſam zweideutiges Lächeln ſeine üge. ſtt gut,« ſagte er.„In drei Tagen haben keumond. Nachts um zehn Uhr halte dich bereit, de dich abholen. Doch mußt du dir gefallen lit verbundenen Augen zu gehen, und mir ver⸗ Nnichts zu thun, und keine Liſt anzuwenden, ale zum Wiederfinden des Ortes zu ver⸗ Der Schulmeiſter verſprach und gelobte Alles, mit :m ichen Hintergedanken, nur gerade ſo viel da⸗ behalten, als es ihm ſpäter belieben würde. gab Matteo den übrigen Indianern einen Wink, d erließen die Behauſung des Sennor Wagner, m ſich in ihre Hütten zu begeben. Mit duͤſterem licke ſchaute der Schulmeiſter ihnen nach, und wandte cch dann zu ſeinem Sohne. „Du haſt gehört, Franz!“ ſagte er. Kein Wort und keine Sylbe iſt mir entgangen,« keerwiederte der junge, für ſeine Jahre große und kräftige B rurſche mit funkelnden Augen, aus denen nicht gerin⸗ ggere Habgier blitzte, als aus den von Leidenſchaft ge⸗ rötheten Augen ſeines Vaters. 4 3„Und was denkſt du über den unermeßlichen Schatz. des Inka?« fragte der Schulmeiſter. »Unſer muß er werden,“ verſetzte Franz mit grim⸗ miger Entſchloſſenheit.„Unſer, und wenn Matteo nie wieder in ſeine Hütte zurückkehren ſollte. Ich be⸗ gleite dich auf dem Gange, Vater.“ So ſoll es ſein, mein Sohn!« entgegnete dieſer, 47 und theilte Franz mit kurzen Worten den Plan mit, den er bereits entworfen hatte. Franz gab ſeine volle Zuſtimmung zu erkennen, und Beide beſtärkten ſich gegenſeitig in ihrem Vorſatze, um jeden Preis und trotz jeden Wagniſſes den Schatz des Inka an ſich zu bringen. 4 Die folgenden drei Tage ſchienen dem Schulmeiſter von endloſer Länge, denn mit einer wahrhaft krankhaf⸗ ten Gier ſehnte er ſich nach dem Anblicke der Reich⸗ thümer, welche Matteo ihm zu zeigen verſprochen hatte. Endlich, gegen Abend des dritten Tages verſah er ſich und ſeinen Sohn mit kleinen geladenen Piſtolen, die ſie leicht in den Taſchen ihrer Kleider bergen konnten, und mit ſcharfen Dolchmeſſern, welche ſie in den Gürtel ſteckten. So bewaffnet, erwarteten Beide mit Ungeduld die Ankunft Matteo's.. »„Sollten wir nicht zu groͤßerer Sicherheit Anger und ſeinen Sohn Joſeph zur Begleitung auffordern?“ fragte Franz, als die erſehnte zehnte Stunde näher und näher heranrückte. „Nein,“ erwiederte der Schulmeiſter barſch.„Sie brauchen gar nichts vom Schatze des Inka zu wiſſen. Warum? Wir werden auch allein mit dem alten Kerl von Indianer fertig, und dann gehört der ganze Schatz uns allein, und wir brauchen mit Niemandem zu theilen.“ „Da haſt du recht, Vater!“ verſetzte Franz.„Es war auch nur ſo ein flüchtiger Einfall von mir. Nein, nein! Ungeſchmälert muß der ganze Schatz in unſeren Händen bleiben.“ Der Schulmeiſter nickte, ohne weiter Antwort zu geben, und horchte durch das geöffnete Fenſter in die 48 cht hinaus. Nach langem vergeblichen Lauſchen nahm er endlich Tritte, und gleich darauf erblickte er 1 Sternenſchimmer die dunkeln Umriſſe n männlichen Geſtalt. 3 ſagte er mit gedämpfter Stimme.„Du auf dich warten laſſen.“ länger, als ich verſprach,« entgegnete der „Das Auftauchen jenes Sternes über die et die zehnte Stunde. Seid Ihr bereit, lin Sohn uns begleitet.“ iſt gegen die Abrede,“ verſetzte der Indianer m kurzen Zögern.„Doch gleichviel, er kann ig iſt. Erfreut über die Einwilligung des Indianers ver⸗ ließen Beide das Haus, und traten in's Freie. Nicht wenig aber erſtaunten ſie, als ſtatt des einen Matteo plötzlich, wie aus der Erde emporgeſtiegen, noch fünf andere baumſtarke Indianer ihnen entgegen traten, und ſie umringten. Verrath!“ ſagte der Schulmeiſter mit nur mühſam unterdrückter Wuth.„Du verſpracheſt allein zu kom⸗ men, Matteo!“ „Ich verſprach nur, Euch den Schatz des Inka zu zeigen, und ich bin bereit dazu,“ entgegnete der India⸗ ner kalt.„Noch mehr, ich geſtatte Eurem Sohne, Sen⸗ gen Euch nicht!“ nor Francesco, Euch zu begleiten. Wo iſt da ein Ver⸗ rath? Wollt Ihr nicht gehen, ſo bleibt,— wir zwin⸗ 49 „Nein, nein, guter Matteo, ich habe mich übereilt,« ſagte der Schulmeiſter ſchnell.„Laßt uns nur auf⸗ brechen, wir ſind bereit.“ „Aber erſt die Augen verbinden,“ ſagte der India⸗ ner.„Und wehe Euch, wenn Ihr es wagt, die Binde abzunehmen oder nur zu berühren, bevor Ihr dazu auf⸗ gefordert werdet. Sicherer Tod wäre Euer Loos. Zum Werke!“ Vater und Sohn fuhlten ploͤtzlich eine Huͤlle über ihrem Kopfe, wie einen Sack, den man über ſie ge⸗ ſtülpt hatte, und das Licht der Sterne verſchwand ihnen in uidarchinglicher Finſterniß. Waffen!“ ſagte jetzt die dumpfe Stimme eines Indianers. „Ich dacht' es mir wohl,“ ſprach Matteo mit einem Anfluge von Spott und Hohn.„Nehmt ſie ihnen.“ In einem Augenblicke war es geſchehen, und mit heimlichem Zähneknirſchen ſah der Schulmeiſter ſeinen Plan vollſtändig vereitelt. Die Wachſamkeit Matteo's ließ ſich, das ſah er nun wohl, nicht ſo leicht überliſten, und faſt wollte ihn Furcht beſchleichen, als er ſich ſo gänzlich huͤlflos in die Gewalt der Indianer gegeben ſah, faſt wandelte ihn die Luſt an, die Unternehmung aufzugeben und, anſtatt den Schatz des Inka zu ſehen, in ſein Haus zurückzukehren. Aber die dämoniſch er⸗ wachte Habſucht überwog bald wieder alle Furcht, und er ſchmeichelte ſich noch immer mit der Hoffnung, daß irgend ein günſtiger Zufall eintreten und ihn auf die richtige Spur bringen könnte. Er ſelber trieb nun zur Eile an, und in der Mitte der Indianer, welche ihn und Franz ſorgſam am Arme führten, wurde der Weg nach den Hochebenen von Mito angetreten. Schweigend Der Schatz des Inkg. 4 2 ——— “ — in tiefer Stille ging es vorwärts. Der Schul⸗ e auchte die Liſt, ſeine Schritte zu zählen, und bald, daß dieſes Mittel ihn nichts helfen Pfad wendete ſich bald rechts bald links ugs ziemlich ſteil bergan, bis er wieder und fortlief. Man mußte alſo auf dem Plateau angelangt ſein. Jetzt marſchirte man . und ls nach geraumer Zeit der Schulmeiſter daß es nicht mehr fern von Mitter⸗ Inne, gebot plötzlich die Stimme Matteo's ianer blieben ſtehen, und Matteo wen⸗ an ſeine beiden weißen Begleiter. „»Ruhet ein wenig, Sennores!« ſagte er.„Wir id am Ziele, aber wir muͤſſen erſt einige Vorberei⸗ tungen treffen und Fackeln anzünden, bevor wir den Schaß Euern Augen enthüllen können.„Verhaltet Euch ruhig, und vergeßt nicht die Warnung, Eure Binde zu lüften. Ihr werdet bewacht!« Ddite letzten Worte waren in ſo ernſtem und drohen⸗ dem Tone geſprochen, daß es Thorheit geweſen wäre, in der Wahrheit derſelben zweifeln zu wollen. Franz und ſein Vater hüteten ſich daher wohl, die Binde an⸗ zurühren; Beide aber ſpitzten die Ohren, um vielleicht irgend ein Geräuſch zu vernehmen, das ihnen ſpäter zum Wiedererkennen des Ortes dienen könnte, Der Schulmeiſter betaſtete auch den Erdboden, auffben er ſich, ermüdet vom nächtlichen Marſche, niedergeworfen hatte, aber ſeine Hände entdeckten nichts, als einige Büſchel Gras, von welchem die ganze Hochebene be⸗ deckt war. Er kam auf den Gedanken, zwei oder drei Büſchel davon auszuraufen, aber die Ausführung ſchob * 51 er des Wächters wegen auf, bis zu dem Augenblicke, wo er von Matteo wieder aufgerufen werden würde. Dies geſchah erſt nach geraumer Zeit, und wohl eine Stunde mochte ſeit der Ankunft verſtrichen ſein, als endlich die Stimme Matteo's ſich wieder hören ließ. „Kommt,“ ſagte er,„der Zugang zum Schatze iſt eröffnet.“ Der Schulmeiſter und Franz ſtanden auf, und Er⸗ ſterer unterließ nicht, ſeines Vorſatzes zu gedenken, und die nächſten Grasbüſchel um ihn her auszuraufen. Aber kaum war es ihm mit zweien oder dreien gelun⸗ gen, ſo fühlte er ſeine Hand ergriffen, und eine ernſte Stimme raunte drohend die Worte in ſein Ohr:„»Bei Eurem Leben, Sennor,— wagt keinen ſolchen Ver⸗ ſuch mehr.“ Hierauf wurde er an beiden Armen ergriffen und ſchnell davon geführt. Nachdem er etwa hundert Schritte zurlgelegt hatte, athmete er plötzlich eine an⸗ dere Luft, als die freie, reine Himmelsluft ein,— ſie war dumpfigt und feucht, als ob ſie lange eingeſchloſ⸗ ſen geweſen wäre. Zugleich wehte ihn eine ſchaurige Kühle an, und ein leichter Schauder rieſelte über ſeine Haut. Er vermuthete, daß er ſich in dem Stollen⸗ artigen Zugange zu einer Höhle befinden müſſe, und dieſe Vermuthung wurde gleich darauf durch den Augen⸗ ſchein beſtätigt. »Wir ſind zur Stelle,« ſagte Matteo.„Ihr könnt Eure Binden abnehmen, Sennores.“ Mit einem Rucke riſſen ſie der Schulmeiſter und Franz herunter, und ſahen ſich in einer weiten, hohen, geräumigen Höhle, welche durch zahlreiche Fackeln er⸗ leuchtet wurde. Der Schulmeiſter ſtieß anrn Schrei * 1 * 5 3 * aus, ſein Sohn wankte und fiel auf die Knie nieder. Der Indianer Matteo hatte nicht gelogen,— vor ihren ſehenden Augen lagen ungeheure Maſſen des koſtbaren gelben Metalles aufgehäuft, zum Theil in Barren und gemünztem Golde, zum Theil in goldenen Gefäßen mannichfachſter Form, welche wie ein Haufen tauben, weerthloſen Geſteines übereinander und durcheinander ggeworfen waren. „Gold, Gold, Alles Gold!“ ſtammelte der Schul⸗ meiſter mit keuchendem Athem.„Aber nein! Es iſt eine Täuſchung, ein Blendwerk der Hölle! Dieſe Maſſen können nicht Gold ſein, denn man würde ein Koönigreich dafür kaufen können!“ „Geht näher, Sennor, und überzeugt Euch, daß Alles Gold iſt, gediegenes, reines Gold,“ ſagte Matteo mit einem Lächeln, welches nicht ganz den Hohn ver⸗ barg, welchen er in ſeinem Innern über den habſüch⸗ tigen weißen Mann hegte. ⸗’Ihr könnet dieſe Barren, dieſe Münzen, dieſe Ge⸗ fäſſe prüfen, wie Ihr wollt, nur vergreifen dürft Ihr Euch nicht daran. Der Schatz des Inka iſt heilig unnd darf nicht durch Diebſtahl entweihet werden.“ Der Schulmeiſter bückte ſich, nahm einige Barren von dem Goldhaufen, wog ſie in der Hand, betrachtete ſie von allen Seiten, und konnte nun nicht länger zweifeln, daß er wirklich den Schatz des Inka vor Augen habe. Schwere und Glanz des Metalls ließen keinen Zweifel mehr üͤbrig. Dieſer Berg von Metall war in der That Gold, reines, gediegenes Gold, und auch einige große koſtbare Edelſteine blitzten und ſchim⸗ merten im hellen Lichte der Fackeln an den zahlreichen Gefäßen von ſeltſamer Form, die wie gemeine irdene Töpfe umherlagen. „Gold! Wirklich und wahrhaftig Gold!« ſtammelte er, und ſtie“ mit verwilderten Blicken den unermeß⸗ lichen Reicht)am an, der greifbar vor ſeinen Augen lag. Franz, ſein Sohn, befand ſich in gleicher Ver⸗ wirrung, Aufregung und Betäubung. „Vater, nur Ein Griff in dieſes Goldmeer, und wir wären glücklich für alle Zeiten!“ ſtammelte er in deutſcher Sprache, welche die Indianer nicht verſtanden. „Beſinne dich, Vater! Wir müſſen ein Mittel finden, uns den Beſitz dieſes Schatzes zu ſichern. Schändlich, daß Matteo uns überliſtet, und unſere Waffen genom⸗ men hat. Mit ihm allein wären wir fertig geworden, und, im Beſitz der Waffen, auch wohl mit allen Uebri⸗ gen. Aber jetzt— ich möchte aufſchreien vor Wuth, — jetzt, umringt von ſo Vielen, ſind wir in ihrer Macht!« „»Ruhig, ruhig, mein Sohn,“ antwortete der Schul⸗ meiſter leiſe, während er immer noch den reichen Schatz mit gierigen Augen verſchlang,—„mit Gewalt läßt ſich freilich nichts ausrichten, am wenigſtens jetzt, wo die Uebermacht gegen uns iſt, aber Klugheit und Liſt wird uns doch endlich zum Ziele führen. Wir wiſſen jetzt, daß der Schatz vorhanden iſt, und wenn wir nicht durch eigene Nachforſchungen dieſe Höhle wieder entdecken, ſo wird doch Matteo nicht immer, wie heute, die Oberhand haben. Geduld und Ruhe! Früher oder ſpäter werde ich ihn in die Hände bekommen, und dann— keine Marter ſoll geſpart werden, die ihm ſein Geheimniß zu erpreſſen vermag; Geduld, Geduld! Die Reihe wird auch an uns kommen.“ 8 54 Händen in dem Goldberge herum, verſchlang noch al mit gierigen Blicken dieſe funkelnden Gefäße, eſe zahlloſen Barren und Haufen gemünzten Goldes, d warf ſich dann plötzlich vor Matteo nieder. ſtatte mir, nur einen geringen Theil des Schatzes ſehmen! Warum ſoll er todt und nutzlos in der dergraben liegen? Der tauſendſte Theil von Reichthümern würde mich glücklich machen! Ich dich an, Matteo, ſchenke mir, was du und deine der zu nehmen verſchmähen!« „Spart jedes Wort, Sennor,“ erwiederte der In⸗ dianer äußerlich kalt, während er ſich innerlich voller Shadenfrende an der Qual waidete, die er dem hab⸗ gierigen Weißen durch den Anblick des Schatzes, der ihm ewig unerreichbar bleiben ſollte, bereitet hatte. Natteo haßte die Weißen, die ſeine Stammgenoſſen unterdrückt, mißhandelt und faſt zu Sclaven erniedrigt hatten, und die Rache, die er an Einem von dem ver⸗ haßten Geſchlechte nehmen konnte, erfüllte ſein Herz mit Wonne. „Sehet, ſo viel Ihr wollt, Sennor,“ fuhr er fort, „berauſcht Euch im Anſchauen dieſes Goldes, aber gebt jede Hoffnung auf, daß jemals auch nur eine Unze davon in Eure Hände kommen werde. Ich wie⸗ derhole Euch, der Schatz des letzten Inka iſt ein Hei⸗ ligthum, und darf nie durch die Hand eines weißen Mannes entweihet werden, eines Nachkommen derer, welche den Inka ſchändlich ermordet haben!« „Aber ich bin kein Nachkomme jener blutdürſtigen Spanier 3 ie dein Volk unterdrückten,“ betheuerte der „Matteo,“ keuchte er aus ſchwer athmender Bruſt,. 5⁵ Schulmeiſter heftig.»Meine Väter wohnten im deut⸗ ſchen Lande, fern von Spanien, und Keiner von ihnen hat Euch jemals ein Leid angethan. Ich aber, ich, Matteo, ich liebe die Indianer, ich liebe dein Volk, ich liebe dich, und habe dir immer Beweiſe von Freundſchaft und Güte gegeben, habe gern Alles mit dir getheilt, was ich ſelber beſaß. Beſinne dich nur, guter Matteo! Erinnere dich, wie manches Glas Rum du aus meiner Hand ſchon empfingeſt, und zögere nicht länger, nun auch das Gute mit mir zu theilen, über das du verfugen kannſt. Höre mich, guter Mat⸗ teo! Nur einen kleinen Theil dieſer Schätze uͤberlaſſe mir, und ich werde ewig dein Freund ſein und dich vor meinen weißen Brüdern ſchützen, wenn ſie gewalt⸗ thätig gegen dich handeln wollen!“ „Matteo kann ſich ſelbſt ſchützen und bedarf des Schutzes eines weißen Mannes nicht,“ antwortete der Indianer ſtolz.„Aber genug! Ihr habt geſehen, Sennor und die Zeit verrinnt. Vor Anbruch des Tages müſſen wir wieder auf der Pflanzung ſein. Vorwärts, vorwärts alſo! Legt ihnen die Binden wie⸗ der an. Die Stunde drängt!“— Vergebens ſuchte der Schulmeiſter noch einmal durch die flehendſten Bitten das ſteinerne Herz des India⸗ ners zu rühren. Dieſer drehte ihm kalt den Rücken zu, und auf ſeinen Wink wurden den beiden Weißen die Kappen von Neuem über den Kopf geworfen und ſie ſelber mit ſanfter, aber unwiderſtehlicher Gewalt aus der Höhle geführt. Der Schulmeiſter erſtickte faſt vor Wuth und Grimm, und auch Franz ſchäumte vor Zorn und ſpürte nicht übel Luſt, ſeine Fäuſte gegen die vielfach uͤberlegene Zahl der Indianer zu gebrau⸗ „ 1 56 chen. Doch die vollkommene Hoffnungsloſigkeit eines Verſuches, Gewalt anzuwenden, lag zu ſehr auf der Hand, als daß er es gewagt hätte, ſeinem Gelüſte nachzugeben, und ſo folgte er denn, wie ſein Vater, ohne Widerſtand ſeinen Führern. Bald umfächelte ſie wieder die reine Luft unter freiem Himmel, ſie muß⸗ ten, wie bei ihrer Ankunft, eine Weile niederſitzen, bis die Indianer den Zugang zur Höhe ſorgfältig wieder verborgen hatten, und dann ging es zurück zur Pflan⸗ zung. Wie bei'm Herwege wurden die Weißen von den Indianern geführt, und als der erſte Schimmer des Tages im Oſten erglänzte und die funkelnden Sterne des Himmels zu erbleichen anfingen, kamen Alle wohlbehalten vor dem Hauſe des Schulmeiſters an. Matteo nahm den Weißen die Binden ab, wünſchte ihnen höhniſch gute Ruhe nach dem ermüdenden nächt⸗ lichen Gange, und entfernte ſich raſch mit ſeinen Be⸗ gleitern. 4 „Geh' nur!“ murmelte der Schulmeiſter ingrimmig ihm nach,—„die Reihe des Hohnlächelns wird eines Tages auch an mich kommen, und dann wehe dir, wenn du nicht das Geheimniß enthüllſt.“ Drohend die Hand hinter ihm her ſchüttelnd trat er hierauf mit Franz in's Haus, und warf ſich auf ſein Bett nieder. Aber weder Vater noch Sohn fan⸗ den den ruhigen Schlummer, den ſie ſuchten. Der Schatz des Inka funkelte noch immer vor ihren Augen und regte ihr Blut auf. Selbſt in ihre Träume verwob er ſich, und ſtöhnend wälzten ſie ſich auf ihrem Lager, indem ſie vergebens die vor Gier zittern⸗ den Hände nach den unermeßlichen Reichthümern aus⸗ ſtreckten. Der Schatz des Inka war das Erſte, wo⸗ 57 von ſie ſprachen, als ſie von ihrem unerquickliche Schlummer ſich aufrafften, und:„mein muß er den!« ſagte der Schulmeiſter mit einem ſo grimm Nachdrucke, daß leicht zu erkennen war, wie df entſchloſſen ſei, Leib und Leben an die Gewinnun Schatzes zu ſetzen.— Wenn es die Abſicht Matteo's geweſen wa Habſucht der beiden Weißen bis auf's Aeußer ſteigern, ſo hatte er vollkommen dieſen Zweck Die Qual des unbefriedigten Golddurſtes Herzen des Schulmeiſters und ſeines Sohnes, dete ihr Blut, und entflammte ihr Gehirn fa zum Wahnſinn. Sicher fanden ſie fortan keine d als bis ihre Habſucht völlig geſättigt war. Vielle. mochte es grade dieſes ſein, was Matteo bezweckt hatte, um ſeinen heimlichen Grimm an den verhaßten Weißen auszulaſſen. Viertes Kapitel. Eine böſe That. Sie fanden keine Ruhe, weder der Vater noch der Sohn. Ihr ganzes Thun und Trachten bezog ſich auf nichts, als auf die Entdeckung des Ortes, wo der Schatz des Inka verborgen lag. Hatten ſie früher nach Silber⸗Adern geſucht, ſo durchſtreiften ſie jetzt die ganze 58 Hochebene von Mito nach der Höhle, in welche Mat⸗ teo ſie geführt hatte. Keine Felswand blieb ununter⸗ ſucht, mit Hammer und Spitzhacke zerſchlugen und zer⸗ ſprengten ſie das harte Geſtein, oder räumten mit Schaufeln angehäuftes, loſes Geröll zur Seite, wo ſie iggend vermuthen konnten, daß es den Eingang zur Höhle verbarg. Hätten ſie nur halb ſo fleißig ihre Aecker bearbeitet, wie das taube Geſtein, ſo würden ſie, freilich nicht grade große Reichthümer, aber doch jedenfalls ein genügendes Einkommen erzielt haben, und ein ſorgenfreies Leben haben führen können. Aber etwas der Art fiel ihnen gar nicht ein. Im Schweiße ihres Angeſichtes ihr tägliches Brod erwerben, und all⸗ mählig auch erſt kleinere, dann größere Erſparniſſe zu⸗ rückzulegen, das dünkte ihnen viel zu langweilig. Der Dämon der Habſucht hatte ſie in ihren Krallen und beherrſchte ſie vollſtändig. Reich wollten ſie werden, reich mit Einem Schlage, unermeßlich reich, ſo reich wie kaum ein Koönig der Erde,— das war ihr Ver⸗ langen, ihr Streben, ihr Zweck und einziges Ziel. Nichts Anderes, Beſſeres und Vernünftigeres konnte dagegen aufkommen. Die Warnungen und Vorſtellun⸗ gen des braven Vater Anger, ſowie des wohlmeinenden und ehrlichen Verwalters ſchlugen die Golddurſtigen entweder in den Wind, oder wieſen ſie barſch mit den Worten zuruck, daß ſich Jeder um ſich ſelber beküm⸗ mern ſolle. Von dem Schatze des Inka ließen ſte kein Wort gegen ihre wohlmeinenden Freunde verlauten, aus Furcht, daß wohl gar Vater Anger und Joſeph ebenfalls Nachforſchungen anſtellen möchten, und um ſo unbegreiflicher mußte daher dieſen das raſtloſe Um⸗ 59 herſchweifen und Suchen der beiden verblendeten Men⸗ ſchen ſein. Gleich wohl thaten ſie, was in ihren Kräften ſtand, die gänzliche Verarmung des Schulmeiſters zu verhin⸗ dern und in die Zukunft zu rücken, eine Verarmung, welche unvermeidlich eintreten mußte, wenn ſich Franz und ſein Vater nicht mehr, als bisher, um die Be⸗ wirthſchaftung ihrer Aecker bekümmerten⸗ Nach der erſten Erndte, die einen ziemlich reichen Ertrag geliefert atte, dachten weder der Schulmeiſter noch der Sohn daran, neuen Samen zu legen, und die Wartung der jungen Bäume und Pflanzen zu beſorgen. Anger und Joſeph thaten es an ihrer Statt, aber da ſie mit ihren eigenen Zucker⸗ und Maisfeldern, ihren Baumwollen⸗ und Kaffee⸗Plantagen alle Hände voll zu thun bekamen, ſo mußten ſie freilich zuletzt ebenfalls die Pflanzungen des Nachbars vernachläſſigen, und die natürliche Folge war, daß ſie verkümmerten, und die Felder allmählig vom üppig aufſchießenden Unkraut überwuchert wur⸗ den. Die Familie Anger ſah ein, daß es in d Weiſe unmöͤglich noch lange gehen konnte, und Vater nahm ſich vor, ein ernſtes und verſtänd Wort mit dem Schulmeiſter zu reden. Er ging ein Morgens zu ihm, und fand ihn im Begriff, mit Hammer und Spitzhacke, wie das ſeine tägliche Ge⸗ wohnheit geworden war, auf die Hochebene hinauf zu ſteigen. „Laßt einmal heute das unnütze Umherlaufen, lie⸗ ber Nachbar,“ ſagte er zu ihm:„Legt Eure Werkzeuge zur Seite, und thut mir den Gefallen, mir auf die Pflanzung hinaus zu folgen, und ſie zu beſichtigen.“ Der Schulmeiſter zeigte zwar nur geringe Bereit⸗ 60 willigkeit, der Aufforderung Vaters Angers nachzugeben, dieſer aber beſtand mit ſanfter Feſtigkeit, auf ſeinem Begehren, und der widerwillige Nachbar mußte ſich fügen. Vater Anger zeigte ihm erſt ſeine eigenen Pflanzungen, wo Alles in herrlichſtem Gedeihen ſtand und den köſtlichſten Ertrag hoffen ließ, und dann führte er den Schulmeiſter auf deſſen eigenen Grund und Boden, und forderte ihn auf, einen Vergleich zwiſchen beiden Feldern anzuſtellen. »Was iſt da zu vergleichen?« gab der Schulmeiſter mürriſch zur Antwort.»Hier kann es freilich nicht ausſehen, wie bei Euch, da ſich kein Menſch um meine Aecker bekümmert. Es liegt mir auch gar nichts dran! Ich bin nicht zum Bauer geboren. Wenn ich nur erſt gefunden habe, was ich ſuche, dann mag den ganzen Bettel hier nehmen, wer Luſt hat, und ich glaube, ich abermals getäuſcht ſehe, nun dann, ſo wird das Au⸗ ßerſte verſucht. Adieu, Nachbar! Ich habe ſchon viel zu viel Zeit mit dem Geſchwätz über Mais⸗ und Kaffee⸗ Erndte verloren, und muß fort in's Gebirge!« Nicht alſo, lieber Nachbar,“ wendete Vater Anger indem er ihn mit ſanfter Gewalt feſt hielt.„Hoͤrt mich nur ein einziges Mal ruhig an, werft einen Blick auf Euer vergangenes Treiben hier im fremden Lande, und dann einen andern auch auf die Zukunft. Was, um Gotteswillen, ſoll daraus werden, wenn Ihr ſo fortlebt, wie bisher? Bedenkt wohl, Ihr waret reicher als ich, als wir hierher kamen, und jetzt habt Ihr nicht nur ſchon einen guten Theil Eures Vermoͤgens zugeſetzt, ſondern auch das Geld für Eure Beſitzung hier ganz nutzlos weggeworfen. Denn was hilft Euch bin auf der Spur. Wenn aber nicht, wenn ich mich 61 die fruchtbare Erde, wenn Ihr nichts dafür thut, ſie nutzbar zu machen? Außerdem, Nachbar, erinnert Euch, daß Ihr mir auch für manchen Buſhel Mais und manchen Sack Kaffee, den ich Euch in die Wirthſchaft geliefert habe, ein ziemlich bedeutendes Summchen ſchul⸗ dig ſeid; wie auch fuͤr die Beſtellung Eurer Aecker, die jetzt freilich von Unkraut überwuchert ſind. Werdet nicht heftig, Nachbar, ich ſage dies nicht, um Euch zu mahnen, ſondern nur, um Euch darauf aufmerkſam zu machen, zu welchem Ende zuletzt Euer Treiben führen muß. Ihr werdet mehr und mehr in Schulden ge⸗ rathen, Euer noch vorräthiges Geld wird Euch unter den Händen zerrinnen, und unvermeidliche Armuth muß endlich Euer Loos ſein. Darum rafft Euch zu⸗ ſammen, Nachbar! Noch iſt es Zeit, Alles wieder gut zu machen. Werft Hammer und Spitzhaue weg, greift zum Spaten, bewirthſchaftet Euer ſchönes Land, wie es ein rechter Pflanzer thun ſoll, unds Ener Wohlſtand wird allmählig wachſen und gedeihen zu Eurer und unſer Aller Freude. Ich bitte Euch, Nachbar, geht in Euch!“. 8 Vater Anger hatte ſo herzlich geſprochen, daß der Schulmeiſter unmöglich eine barſche Antwort gebem konnte. Er blickte finſter zu Boden und ſchuüttelte den Kopf. „Ihr verſteht das nicht, Nachbar Anger!“ ſagte er. „Laßt mich nur ganz ruhig meinem Ziele zuſteuern. Wenn ich es erreicht habe,— und erreichen muß ich es— dann lache ich aller Eurer Beſorgniſſe. Zuletzt, wenn auch Alles verloren wäre, das Land läuft mir nicht davon, und es wird mich auch ſpäter ernähren, ſo gut wie das Eure Cuch jetzt ernährt. Kein Wort mehr, Nachbar! Spart Eure Mühe! Ich weiß, was ich will, und das iſt etwas, wovon Ihr freilich keine Ahnung habt. Lebt wohl, ich muß auf die Hochebene!« Ohne dem Nachbar noch einen Blick zu goͤnnen, wendete er ihm den Rücken zu, und entfernte ſich mit raſchen Schritten. Vater Anger ſah ihm nach, ſo lange er ſeine Geſtalt erkennen konnte. »Unglücklicher Mann,“ ſeufzte er,—„auf dieſen Wegen gehſt du ſicherlich dem Verderben entgegen. Wenn es dann ſpäter nur nicht zu ſpät iſt, ein neues Leben zu beginnen. Wie traurig iſt es doch, ſo voll⸗ ſtändig einer elenden Leidenſchaft, der niedrigen Hab⸗ ſucht, verfallen zu ſein. Iſt es denn nicht beſſer, an zufriedener Beſchränkung ſich genügen laſſen, als immer und immer mit raſtloſer Unruhe nach dem Unmöglichen zu ſtreben? O Gott, erhalte mir ein beſcheidenes Herz, damit ich nicht in die Schlingen der Verſuchung verfalle!« „Betrübt über die Hartnäckigkeit und den Eigenſinn des Nachbars kehrte er zu den Seinigen zurück und theilte ihnen mit, wie erfolglos ſeine Unterredung mit Wagner geweſen ſei. „Der Unglückliche iſt vollſtändig geblendet,« ſagte er.„Wenn Gott ihm nicht die Augen öffnet, den Menſchen wird es ſchwerlich gelingen. Er läuft einem unſicheren Gewinne nach, und verſchmähet das ſichere Brod, das er mit einigem Fleiße doch leicht gewinnen könnte. Laß uns ein Beiſpiel an ihm nehmen, Joſeph, und unſere Anſtrengungen verdoppeln. Wer weiß, ob nicht bald eine Zeit kommt, wo der Nachbar unſerer Unterſtützung und Hulfe bedarf, wenn er nicht ganz zu Grunde gehen ſoll, und darum müſſen wir uns zu⸗ 63 ſammen nehmen, daß wir auch helfen koͤnnen, wenn dieſer Zeitpunkt gekommen iſt.“ Joſeph, der wackere fleißige Burſch, bedurfte einer ſolchen Ermunterung nicht. Er arbeitete ſchon von ſelbſt aus eigenem Antriebe und aus Liebe zu ſeinen Aeltern, ſo viel er vermochte, und Gott ſegnete dann auch ſeinen und der Aeltern Fleiß. Beſſer und immer beſſer lernten ſie die Behandlung des Bodens und der Produkte kennen, welche in dieſem Klima angebaut werden, und die zweite Erndte ſiel noch weit ergiebiger aus, als die erſte, die ſchon einen reichlichen Ertrag geliefert hatte. Auch die Heerden gediehen bei der auf⸗ merkſamen Pflege der tüchtigen Landwirthe, und immer mehr und mehr Indianer mußte Vater Anger in Dienſt und Lohn nehmen, um ſeine ſtetig weiter ausgebreiteten Pflanzungen gebuͤhrend im Stande zu erhalten. Er befand ſich wohl dabei. Die Indianer arbei⸗ teten für geringen Lohn, und da er ſie ſtets mit Güte und Freundlichkeit behandelte, und ihnen nie etwas Un⸗ „gebührliches zumuthete, ſo gewannen ſie ihn und be⸗ ſonders auch den freundlichen Jüngling Joſeph lieb, und ließen ſich nur ſelten eine Verſäumniß oder Ver⸗ nachläſſigung zu ſchulden kommen. Beſonders Matteo, welcher ſonſt die Weißen nichts weniger als liebte oder achtete, empfand eine gewiſſe Zuneigung zu dem flei⸗ ßigen, beſcheidenen jungen Manne, der überall mit Hand anlegte und vor keiner Arbeit, ſelbſt nicht vor der ſchwerſten und unangenehmſten, zurückſcheute. Er gab ihm manchen vortrefflichen Rath, und Joſe,— ſo wurde Joſeph von den Indianern genannt,— hütete ſich wohl, ihn zu verſchmähen. Der alte Matteo kannte ganz genau die Vortheile und Nachtheile des Land⸗ 64 ſtriches und des Klima's in dieſer Gegend, und wußte immer den rechten Augenblick anzugeben, wenn das Zuckerrohr und der Mais gepflanzt oder geſchnitten, die Baumwolle gepflückt, oder von den Kaffeebäumchen die koſtbaren Fruͤchte geſammelt werden mußten. Auch Schlingen legen und Fallen ſtellen zum Einfangen man⸗ cherlei ſchmackhaften Wildes lehrte er Joſe, und zeigte ihm die fiſchreichſten Stellen in dem Bache und einigen vom Dorfe nicht weit entfernten Teichen und kleinen Seen. Joſeph wunderte ſich über dieſe Beweiſe von Zu⸗ neigung und ſprach ſeine Bewunderung offen gegen Matteo aus, aber dieſer machte nicht viel Weſens davon. »Was iſt es weiter?« gab er zur Antwort.„Ihr Don Joſe, und Euer Vater ſeid nicht hochmüthig und golddurſtig, wie die Mehrzahl der andern Weißen, und das gefällt mir. Meine Brüder auf Eurer Hacienda haben es beſſer, als die meiſten Uebrigen auf anderen Gütern, und Ihr betrügt ſie nicht um den Lohn ihrer Arbeit, wie andere Hacendero's. Ihr ſeid ſelbſt fleißigen rührt wacker Eure Hände, und laßt nicht Alles die armen Indianer allein thun. Wenn ihrer Viele ſo wären, wie Ihr, es würde Manches anders und beſſer in dieſem geſegneten Lande ſtehen. Arbeitet nur weiter in dieſer Weiſe, Don Joſe, und Matteo wird Euch immer freundlich geſinnt ſein, obgleich er ſonſt ein Feind der weißen Eindringlinge iſt.« Joſeph begnügte ſich mit dieſer Erklärung, und verſäumte nicht, jetzt noch williger von den Rathſchlä⸗ gen des alten Indianers Gebrauch zu machen. Beide wurden nachgrade wirkliche gute Freunde, und plau⸗ derten zuweilen Stunden lang mitſammen. Joſeph 6⁵ erzählte dem aufhorchenden Indianer von ſeiner Hei⸗ math weit jenſeit des großen Oceans, und Matteo be⸗ richtete dagegen von der einſtigen Größe und Macht ſeines Volkes, das im Laufe der Jahrhunderte durch den Druck und die immerwährende Verfolgung der Weißen ſo tief geſunken war. Seltſamer Weiſe aber ſprach er zu Joſe niemals von dem Schatze des Inka, obgleich er denſelben doch ſo bereitwillig dem Schul⸗ meiſter gezeigt hatte. Noch ein paar Jahre vergingen in dieſer Weiſe unter ſteter, emſiger Thätigkeit der Familie Anger, während Schulmeiſter Wagner und ſein Sohn Franz noch immer mit hartnäckiger Ausdauer dem Schatze der Inka's nachjagten und darüber alles Uebrige vernach⸗ läſſigten. Die Folgen blieben nicht aus. Vater Anger er⸗ langte nachgrade einen wirklich behäbigen Wohlſtand, indem er den leberſchuß ſeiner Erndten nach Lima zum Verkaufe ausführen konnte, und bei dem Schulmeiſter trat ein, was der bedächtige Nachbar längſt voraus⸗ geſagt hatte. Sein Geld war ihm allmählig unter den Fingern zerronnen, und ſeine Grundſtücke befanden ſich in ſo traurigem Stand, daß ſie ihm kaum noch den täg⸗ lichen Lebensbedarf lieferten. Vater Anger konnte be⸗ rechnen, daß er nach vielleicht fünf bis ſechs Jahren unausgeſetzter Anſtrengung ernſtlich an die Rückkehr in die immer noch heiß geliebte Heimath werde denken können, während der Schulmeiſter einen jeden ſolchen Gedanken jetzt ſchon als hoffnungslos für immer auf⸗ geben mußte. Er war zu Ende mit ſeinen Mitteln, die er aus Europa mitgebracht hatte, und immer duſterer ſchlich er umher, immer wildere und finſterere Blicke Der Schatz des Inka. 3 4 5 —— 66 warf er auf Matteo, der ihm durch ein Wort, einen einzigen Wink aus aller Noth helfen konnte, wenn er nur wollte. Eines Abends hatte er ein Zwiegeſpräch mit ſeinem Sohne, und bis tief in die Nacht hinein ſchimmerte Licht aus ſeiner Stube in das ſtille Dunkel hinaus. Seit jener Nacht ſchienen Vater und Sohn plötzlich ganz anderen Sinnes geworden, wenigſtens ſtellten ſie von dieſer Zeit an ihre unnützen Ausflüge ein, und hielten ſich mehr in ihrem Hauſe auf. Anger freute ſich ſchon dieſer Aenderung, und baute Hoffnungen dar⸗ auf, die aber leider nicht in Erfüllung gehen ſollten. Denn anſtatt ſich, wie Anger mit Beſtimmtheit erwartet hatte, fortan vorzugsweiſe mit der Bebauung ihres Landes zu beſchäftigen, lungerten ſie nur müſſig umher, und ſchienen ſich beſonders gern in der Nähe der In⸗ dianer⸗Hütten aufzuhalten, wo ſie mit den Frauen und Kindern plauderten. Nur ſelten einmal nahm Einer oder der Andere von ihnen Spaten oder Schaufel zur Hand, und auch dann nur, um ſie mit ſichtlichem Ueber⸗ druß bald darauf wieder von ſich zu werfen. Dem braven Anger kam dies ganz unbegreiflich vor, aber freilich, er wußte auch nicht, was für Pläne die beiden verfolgten. Der Schulmeiſter, des fruchtloſen Umherſchweifens und Nachforſchens müde, hatte ſich ein Verfahren er⸗ ſonnen, durch welches er trotz der Verſchwiegenheit Mattey's und der übrigen Indianer doch noch hinter ihre Geheimniſſe zu kommen hoffte. Was er von den Alten nicht zu erfahren vermochte, wußte er vielleicht den Jungen, den unbefangeneren Kindern, vielleicht auch den Frauen zu entlocken. Mehrmals ſchon hatte er 4„— 67 bemerkt, daß Matteo, oder auch wohl ein anderer In⸗ dianer, zuweilen ganz heimlich in der Nacht ine Hüne verließ und dann vor Tagesanbruch mit großen Bün⸗ deln oder gefüllten Säcken zurückkehrte. Zu gleicher Zeit hatte er beobachtet, daß nach jedem ſolchen Aus⸗ fluge mehr als gewöhnlicher Wohlſtand in der betref⸗ fenden Indianer⸗Hütte herrſchte, und nicht mit Unrecht ſchloß er daraus, daß die nächtlichen Ausflüge dazu dienen müßten, die armen Indianer entweder durch Silber⸗Erze aus verborgenen Gruben, oder wohl gar mit Gold aus der Schatz⸗Höhle des Inka's zu be⸗ reichern. Er beſchloß, in Gemeinſchaft mit ſeinem Sohne, den Indianern aufzulauern, ihnen gelegentlich einmal zu folgen, und ſich bei einem ſolchen Anlaſſe wo möglich Matteo's zu bemächtigen, und dann ihn, wenn er allein und hülflos in ihrer Gewalt war, ent⸗ weder durch Drohungen oder durch Martern dahin zu bringen, ſeinen ſchweigſamen Mund endlich zu öffnen und das Geheimniß des Inka⸗Schatzes zu enthüllen. Dies war der eigentliche Grund ihres Verkehrs mit den Indianer⸗Hütten, und obgleich es ihnen nicht ge⸗ lingen wollte, die Frauen oder Kinder zum Verrathe an ihren Gatten und Vätern zu verlocken, ließen ſie doch nicht in ihrer Wachſamkeit nach, ſondern beobach⸗ teten bei Tag und bei Nacht fortwährend die Ein⸗ und Ausgänge der Hütten. Eines Nachts, der Mond ſtand am wolkenloſen Himmel und ſchien ziemlich hell, hatte Francesco die Wache, und lag ganz in der Nähe von Matteo's Woh⸗ nung im tiefen Schatten eines dichten Gebüſches ver⸗ ſteckt. Plötzlich hörte er ein leiſes Geräuſch, blickte auf und ſah Matteo aus ſeiner Thür in's Freie treten, 5 25 68 9½ 1- Vorſichtig ſchaute der alte, ſchlaue Indianer rings um⸗ her, nickte, als er nichts Verdächtiges bemerkte, zufrie⸗ t dem Kopfe, ließ ſeine dunkeln Augen noch ein eilchen auf dem Hauſe des Schulmeiſters ruhen, melte ein paar unverſtändliche Worte vor ſich hin, ſchlug dann, nachdem er ſeine Hausthür hinter ſich t, mit gemächlichen Schritten die Richtung nach ebene ein. Francesco blieb unbeweglich liegen, olgte den Indianer nur mit den Augen. Er e, daß derſelbe eine ſtarke, ſpitzige Eiſenſtange f der Schulter trug und einen oder einige leere Säcke bei ſich hatte. Nur ſo lange indeß wartete er, bis Matteo einen der verſchiedenen Pfade erreicht hatte, lche zu verſchiedenen Punkten der Hochebene führten, unnd ſobald er ſich hievon verſichert hatte, kroch er leiſe und ſchnell unter dem Gebüſche entlang nach ſeines Vaters Hauſe und ſchlüpfte geräuſchlos hinein. »Vater!“ ſagte er haſtig und ſchuͤttelte ihn an der Schulter,„Vater, wache auf! Matteo iſt ſo eben auf ddie Montana geſtiegen, mit Brecheiſen und Säcken ver⸗ ſehen! Mit einem Rucke ſtand der Schulmeiſter auf den Füßen.. „War er allein?« fragte er. »Ganz allein, Vater! Ich ſah ihn, wie er den Weg hinan ſtieg, den wir den Guanaco⸗Pfad nennen!« »Gut, ſehr gut!« rief der Schulmeiſter frohlockend aus.„Nun kann er uns nicht mehr entgehen. Der Guanaco⸗Pfad leitet zur entlegenſten Wildniß der Mon⸗ tana, wo es keine Huͤtte, und nicht einmal einen Berg⸗ hirten giebt, der ihm zu Hülfe kommen könnte. Auf, mein Sohn! Wir wollen ſeiner Fährte folgen, wie ein 69 Paar gut abgerichtete Spürhunde, und nicht lange, ſo ſoll er unſere Zähne in ſeinem Nacken ſpüren. Ha, Matteo, dieſes Mal ſind wir es, die dich 3 haben!“ Indem er dieſe Worte haſtig hervor ſtieß, griff er nach Meſſer und Piſtolen, welche letztere bereits geladen an der Wand hingen, und Francesco folgte ſeinem Beiſpiele, indem er ſich gleichfalls mit Waffen verſah. Hierauf verließen Beide die Hütte, und koppelten einen Hund los, der in der Nähe derſelben an einer Kette lag, der Schulmeiſter nahm denſelben an die Leine, und nun eilten Beide in der Richtung davon, welche nach Francesco's Ausſage Matteo eingeſchlagen hatte. Sobald ſie den aufwärts ſteigenden Pfad betraten, brachte der Schulmeiſter den Hund auf die Fährte des Indianers. Der Hund nahm ſie ſofort an, da er ſchon ſeit längerer Zeit dazu abgerichtet war, und drängte, an der Leine zerrend, haſtig vorwärts. So ſchnell es der ſteile Pfad erlaubte, folgten der Schulmeiſter und Francesco, und nach einem anſtrengenden Marſche er⸗ reichten ſie die Hochebene, über welche der Mond ſein bleiches Licht ergoß. Hier blieben ſie einige Augenblicke. Athem ſchöpfend, ſtehen, und ließen ihre Blicke ſpähend über die weite Fläche ſchweifen. Der Schulmeiſter zu⸗ erſt bemerkte in einiger Entfernung eine dunkle Geſtalt, welche wie ein Schatten über die Ebene hinglitt. »Siehe da,“ ſagte er zu ſeinem Sohne,„das iſt er, wir müſſen ihm vorſichtig folgen, damit er, einen Blick zurückwerfend, uns nicht entdeckt. Kuſch, Caro! Gieb keinen Laut von dir, kluger Hund! Es muß uns ge⸗ lingen, Franz, den Indianer am Eingange ſeiner Silber⸗ grube oder der Höhle zu erwiſchen und nieder zu wer⸗ 70 fen. Er kann uns nicht entgehen, wenn wir nur nichts übereilen und auf der Hut ſind. Vorwärts, Franz, und bücke dich, ſo tief du kannſt!«. Ein leiſer Zuruf trieb den Hund wieder vorwärts; das kluge Thier, die Naſe zu Boden geſenkt, blieb immer dicht auf der Fährte Matteo's, und der Schul⸗ meiſter konnte ſicher ſein, daß man ſie nicht wieder ver⸗ lieren wuͤrde. Aus dieſem Grunde ſchaute er faſt gar nicht mehr nach dem Indianer aus, ſondern eilte ge⸗ bückt hinter dem Hunde her, und richtete ſich nur manch⸗ mal vorſichtig auf, um die Gewißheit zu erlangen, daß Mattev's Geſtalt immer noch ſichtbar ſei. Plötzlich war ſie verſchwunden. r hat ſein Verſteck erreicht und iſt hineingeſchlupft,“ ſagte der Schulmeiſter, zitternd vor Habgier und vor Freude über ſeine glücklich gelungene Liſt.„Nur raſch vorwärts! Vorſicht iſt nicht mehr nöthig, denn er kann uns nicht ſehen. Munter, Caro! Munter! Wir müſſen ihn überfallen, wie ein Panther die graſende Antilope!“ Beide richteten ſich aus ihrer gebückten Stellung auf, und ohne weitere Vorſichtsmaßregeln, im raſcheſten Laufe, eilten ſie auf der Fährte des Indianers weiter. Etwa fünfhundert Schritte mochten ſie auf dieſe Weiſe zurückgelegt haben, als der Hund plötzlich ſtehen blieb, einen Felsblock beſchnüffelte und leiſe knurrte. Auf den Zuruf des Schulmeiſters, weiter zu gehen, hörte er nicht, ſondern drehte ſich nach ihm um, und blickte ihn mit funkelnden Augen an. »Aha, ich verſtehe dich, Caro,“« ſagte der Schul⸗ meiſter.„Wir ſind am Ende der Fährte, und in der Naͤhe dieſes Ortes muß der Indianer verſchwunden ſein, 71 obgleich man keine Spur von der Stelle entdeckt, wo er ſich verborgen hat.“ Er rüttelte mit aller Macht an dem Felsblocke, aber dieſer ruckte nicht von der Stelle. Vergeblich unter ſuchte und durchforſchte er mit Franz die nächſte Um⸗ gebung, es fand ſich keine Oeffnung, keine Vertiefung in welcher Matteo Eingang zur Ünterwelt gefunden haben konnte. Er ſchien ſpurlos verſchwunden, als ob die Erde ſich nur geöffnet hätte, um ihn zu verſchlin⸗ gen, und dann wieder über ihm ſich zu ſchließen. „Die ſchlauen Schurken haben ihre Vorſichtsmaß⸗ regeln gut getroffen,“ flüſterte der Schulmeiſter ſeinem Sohne zu.„Ich weiß, wir waren ſchon öfter an die⸗ ſer Stelle, und niemals haben wir auch nur das Ge⸗ ringſte gemerkt, daß hier ein Schatz verborgen ſein könne. Und dennoch muß es der Fall ſein. Hier iſt Matteo verſchwunden, hier muß er wieder zu Tage kommen. Wir müſſen uns auf die Lauer legen und warten. Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß ein wenig Geduld ſich herrlich belohnen wird. Geh' du zwanzig Schritte ſeitwärts von dieſem Felsblocke, Franz! Ich werde auf die andere Seite gehen, und Beide dür⸗ fen wir den Block und die nächſte Umgebung rings herum nicht aus den Augen laſſen. Sobald der In⸗ dianer erſcheint, ſtürzen wir zu gleicher Zeit über ihn her, reißen ihn zu Boden und feſſeln ihn mit dieſen Stricken, die ich zur Fürſorge mitgenommen habe. Gieb Achtung, Franz! Sobald ich rufe: ‚Auf ihn!' wirfſt du dich ihm entgegen.“ 1 „Zweifle nicht, Vater, daß ich es thun werde,. entgegnete Franz.„Ich haſſe den alten Schurken, der 7² uns nur an der Naſe herum geführt und verhöhnt hat. Er ſoll meine Fauſt ſpüren!“ Beide nahmen jetzt ihre Poſten ein, kauerten ſich ſprungfertig auf den ſteinernen Boden nieder, und hiel⸗ ten ihre Blicke unverwandt auf den Felsblock gerichtet. Beider Herzen, von raſender Habgier erfüllt, pochten erwartungsvoll. Beide waren entſchloſſen, das äußerſte zu thun, wenn der Indianer bei ſeinem Erſcheinen ſich zur Wehre ſetzen ſollte, und mit Sorgfalt unterſuchte Franz ſeine Piſtolen, ſchüttete friſches Pulver auf die Pfanne, und lockerte ſein Dolchmeſſer in der Scheide. So weit ſchon hatte ihn und ſeinen Vater die unge⸗ bändigte Gier nach Gold und Schätzen gebracht, daß ſie nicht einmal vor einem Verbrechen zurückſchreckten, wenn es die Befriedigung ihres Durſtes nach Reich⸗ thum galt. Mittlerweile blieb auf der weiten, vom ſanften Mondlicht ſilbern üͤberfloſſenen Ebene Alles ſtill; kein Laut nah und fern war zu vernehmen, als die keuchen⸗ den Athemzüge der lauernden Weißen; kein Lüftchen regte ſich; die ganze Gegend weit und breit lag ſo öde und ohne Leben da, als ob ſie eben erſt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen wäre. Wohl eine Stunde ſchon war vergangen, ſeit der Schulmeiſter und Franz dieſen Ort erreicht hatten, und noch immer verkündigte kein Zeichen, daß Matteo in ihrer Nähe ſei. Schon ergriff ſie die Beſorgniß, daß er wohl gar durch einen unterirdiſchen Stollen auf an⸗ derem Wege heimlich ſich entfernt haben möge, als plötzlich der Hund Zeichen von Unruhe und Aufmerk⸗ ſamkeit gab und mit glühenden Augen nach dem Fels⸗ blocke hin ſtarrte. Gleich darauf vernahm der Schul⸗ 7³ meiſter ein leiſes Geräuſch, das unter der Erde hervor zu dringen ſchien, und jetzt ſahen er und ſein Sohn, wie der ſchwere Felsblock, den er mit Anſtrengung aller Kräfte nicht zu erſchuttern vermocht hatte, langſam und geräuſchlos gehoben und zur Seite geſchoben wurde, wodurch ſich eine Oeffnung unter demſelben bemerkbar machte. Aus dieſer dunklen Oeffnung tauchte zuerſt der Kopf des Indianers Matteo auf, dann ſeine breiten Schultern, dann ſeine muskulöſen Arme, welche einen ſchweren Sack über den Rand der Oeffnung hoben und ſeitwärts davon niederlegten. Noch einmal verſchwand die Geſtalt des Indiauers in dem dunkeln Loche, aber nur, um ſogleich wieder zu erſcheinen, und ein Brechh eiſen neben den Sack zu werfen. Hierauf ſchwang er ſelber ſich leicht und gewandt heraus, und, nichts Böſes ahnend, bückte er ſich zu dem Felsblocke nieder, augen⸗ ſcheinlich in der Abſicht, mit demſelben die Oeffnung wieder zu verſchließen. Dies war aber grade, was der Schulmeiſter um jeden Preis zu verhindern ſuchen wollte. „Auf ihn!« ſchrie er wild ſeinem Sohne zu, und im gleichen Momente fühlte ſich Matteo plötzlich von zwei Seiten angegriffen, von vier kräftigen Fäuſten gepackt und mit unwiderſtehlicher Gewalt zu Boden geriſſen. Ein Ausruf des Schreckens und der Ueberraſchung glitt über ſeine Lippen. Im nächſten Augenblicke hatte er ſich aber ſchon wieder gefaßt und mit Löwenkraft ſeine beiden Angreifer von ſich geſchleudert. Vom Bo⸗ den aufſpringen, auf den Block losſtürzen und ihn durch irgend eine mechaniſche Kraft wieder uͤber die Oeffnung decken, ſein Brecheiſen ergreifen und ſich drohend ſeinen 74 Angreifern entgegen ſtellen, war das Werk weniger Sekunden. Schon ſchwang er ſeine furchtbare Waffe drohend gegen den Schulmeiſter um ihn niederzuſchmet⸗ ern, und einen Augenblick ſpäter würde es um deſſen Leben vielleicht geſchehen geweſen ſein,— da krachte ein Schuß dicht hinter dem Indianer, der ſtarke Mann teaumelte, die ſchwere Brechſtange entfiel ſeinen Händen, und er ſelber ſtürzte mit einem dumpfen Stöhnen ſchwer auf den Boden nieder. „ um Gottes willen, du haſt ihn erſchoſſen, Franz!« 8 rief der Schulmeiſter aus. Sa, zu deiner eigenen Rettung, Vater!« entgegnete der Burſche kaltblütig und warf die Piſtole zur Seite, um ſich zu ſeinem Opfer nieder zu beugen und zu ſehen, ob noch Leben in ihm ſei.„Er iſt todt, völlig todt, wie es ſcheint!« fuhr er fort.„Deſto beſſer für uns, denn da er uns einmal erkannt hatte, wären wir von Stund an unſeres Lebens nicht mehr ſicher ge⸗ weſen. Du weißt ja, Vater, was er ſelber uns von der heimtückiſchen Rache der Indianer erzählt hat, wenn ſie, wie dieſer, von einem Weißen bei einem ihrer ſo ſorgfaltig geheim gehaltenen Erzgänge überraſcht wur⸗ den. Matteo fiel im Kampfe, wir brauchen uns des⸗ halb keine Vorwürfe zu machen.“ Der Anblick des Leichnams zu ſeinen Füßen ſchien dennoch das ſonſt durch Habſucht verhärtete und ver⸗ wilderte Herz des Schulmeiſters einigermaßen erſchüttert zu haben. »Mein Gott, wir haben unrecht gethan!« ſtammelte er.„Dies war kein ehrlicher Kampf— es iſt ein Mord.« 7⁵ „Nichts von Mord, Vater,“ entgegnete Franz trotzig. „Er hätte dich getödtet, wenn ich ihn nicht niederſchoß.. „Aber wir haben ihn zuerſt überfallen, und ſo ruhet die Blutſchuld dennoch auf uns!“ antwortete der Vater mit einem Anfluge von Reue.„Oh, hätten wir unſere Habſucht beſſer gezügelt, es wäre nicht ſo weit mit uns gekommen. Ich wollte nicht ſeinen Tod, nur ſeine Schätze!« „Gleichviel, Vater, geſchehen iſt geſchehen!« ent⸗ gegnete Franz.„Seine Schätze, wenigſtens einen Theil davon, haben wir, und den Tod hat er ſich ſelber zu⸗ gezogen. Warum ergab er ſich nicht, da er doch ſah, daß wir Zwei gegen Einen waren? Auch iſt es nur ein elender Indianer. Wer fragt nach ihm? Wir muüſ⸗ ſen nur Sorge tragen, ſeinen Leichnam zur Seite zu ſchaffen.“«. „Aber wohin mit ihm? Wenn man ihn fände! Wenn die Indianer erführen, daß wir es ſind, die ihn tödteten!“ „öSie werden es nicht erfahren, Vater! Eine halbe Stunde von hier iſt eine Schlucht, die ſelten oder nie⸗ mals von einem Menſchen betreten wird. Wir tragen den Körper dorthin und werfen ihn hinein. Wenn man ihn dann auch durch einen Zufall auffände,— wer dürfte behaupten, daß wir ihn erſchoſſen haben? Niemand kann auch nur Verdacht gegen uns hegen. Friſch zu, Vater! Einmal in der Schlucht, iſt er für immer verſchwunden!“ „Die Nothwendigkeit gebot, dieſen Vorſchlag Fran⸗ cesco's auszuführen. Obgleich mit geheimem Grauen, faßten doch Beide zu, und ſchleppten den regungsloſen 76 Körper Matteo's über die Hochebene hinweg bis zu der Schlucht, in deren Grunde ein Waldbach rauſchte.“« „»Hinunter mit ihm!« fluͤſterte der Schulmeiſter mit heiſerer Stimme. Ein Schwung, und der Leichnam flog über den Rand des ſteilen Abhanges. Kurz darauf vernahm man ein dumpfes Poltern aus der Tiefe— ein Knacken und Brechen von Zweigen— ein Plätſchern des Waſ⸗ ſers,— dann war Alles ſtill, todtenſtill. Mit ange⸗ haltenem Athem lauſchten die beiden Weißen nach dem Abgrunde hinunter. Ihre Geſichter ſahen todtenbleich aus im blaſſen Schimmer des Mondes. „Laß uns zurückkehren,« ſagte der Schulmeiſter end⸗ lich zu ſeinem Sohne.„Hier iſt unſer Geſchäft voll⸗ bracht, aber wir haben noch mehr zu thun, ehe die Nacht verrinnt. Wir müſſen den Sack und das Brech⸗ eiſen Matteo's auf die Seite ſchaffen.“ Franz nickte, und Beide wendeten der Schlucht den Rücken zu, um ſich wieder nach dem Felsblocke zu be⸗ geben. Stumm, Jeder in Gedanken vertieft, ſchritten ſie neben einander her. Sie fanden am Felsblocke Alles wie ſie es verlaſſen. 8 »Wollen wir heute noch einen Verſuch machen, den Block zur Seite zu wälzen und in die Grube einzu⸗ dringen?« fragte Franz ſeinen Vater. »Nein,« erwiederte dieſer.„Für heute, iſt es zu ſpät. Wir müſſen vor Anbruch des Tages in unſerem Hauſe ſein, damit Niemand unſere Abweſenheit bemerkt. Nimm den Sack auf, Franz. Das Brecheiſen laß lie⸗ gen. Wir köͤnnten es vielleicht gebrauchen, wenn wir an dieſe Stelle zurückkehren.“ 1 „Aber erſt laß uns ſehen, Vater, was der Sack 77 enthält,“ ſagte Franz.„Es wäre ſchrecklich, wenn wir in ihm nicht fänden, was wir erwarten und ſuchen.“ Mit zitternden Händen löſte er das Band, welches die Oeffnung des Sackes verſchloß, griff hinein und zog einige Erzſtuͤcke heraus. Ein Ausruf der Freude entglitt ihm. „So war unſer Gang hierher doch nicht vergebens,“ ſagte er.„Sieh', Vater, es iſt faſt gediegenes Silber!“ Ein Blitz befriedigter Habgier funkelte aus des Schulmeiſters Augen, als er das im Mondlichte glän⸗ zende Stück Erz betrachtete. „Gediegenes Silber, wahrlich!« ſprach er mit be⸗ bender Stimme.»Das muß eine reiche Grube ſein, wo ſolche Erze gefunden werden. Schütte den Sack aus, Franz.“ Der Sohn gehorchte und ein Häuflein blanken Me⸗ talls lag vor ihnen auf der Erde. Der Sack war nicht groß, aber deſto werthvoller war ſein Inhalt. „Endlich am Ziele!“ rief der Schulmeiſter aus. „Das Wenige ſchon iſt mehrere hundert Thaler werth, und wie viel mag noch unter dem Blocke verborgen liegen! Wir ſind reich, Franz! Gewiß, unermeßlich reich, und wir brauchen nur die Schätze zu heben, um alsdann nach Europa, in unſere Heimath zurück zu kehren. Jetzt gilt es nur noch Vorſicht und Verſchwies genheit, damit Niemand unſer Geheimniß entdeckt. Komm, mein Sohn. Morgen bei Tage werden wir dieſe Stelle wieder aufſuchen und im hellen Lichte wird es uns nicht ſchwer fallen, den Felsblock auf die Seite zu bringen.“ Sie fullten erſt die Erzſtücke wieder in den Sack, wobei ſie ſorgfältig Acht gaben, daß auch nicht ein 78 Bröckelchen davon auf dem Boden liegen blieb, das zum Verräther werden konnte, Franz lud den Sack auf ſeine ſtarken Schultern, der Schulmeiſter nahm den Hund wieder an die Leine, und ſo traten ſie mit ſchnellen ſchritten den Heimweg nach ihrem Hauſe an. Sie chten es noch eine Stunde vor Tagesanbruch. ſchwieg und ſchlummerte noch, als ſie an den aner⸗Hütten vorüber eilten. Kein menſchliches bemerkte ſie. Aber die tauſend und aber tauſend nen⸗Augen ſahen noch hell und glänzend vom Fünftes Kapitel. Die Silbergrube. Als der Morgen nach der verhängnißvollen Nacht die Welt wieder mit ſeinem glänzenden Lichte erfüllte, traten der Schulmeiſter und Franz, anſcheinend ganz ſorglos, aus dem Hauſe, und ſchritten nach der Pflan⸗ zung Angers hinüber, wo dieſer mit ſeinem Sohne und einigen Indianern fleißig bei den Kaffeebäumchen be⸗ 79 ſchäftigt war. Sie hatten Flinten über den Schultern und trugen außerdem ihre gewöhnliche Ausrüſtung, mit Hammer und Spitzhacke, als ob ſie zugleich ihr Glück auf der Jagd und im Suchen von Erz erproben woll⸗ ten. Vater Anger ſchüttelte den Kopf, als er ſie kom⸗ men ſah. „Habt Ihr immer noch nicht Eure thörichten Hoff⸗ nungen aufgegeben, Nachbar?“ ſagte er zum Schul⸗ meiſter.„Ich ſollte meinen, Ihr müßtet doch endlich einmal den Muth ſinken laſſen, nachdem Ihr ſchon ſo viele Monate hindurch den Boden und die Felſen ver⸗ geblich nach Silber durchwühlt habt. Wann, wann werdet Ihr einmal vernünftig werden, und das Rechte ergreifen, um zu Wohlſtand und innerer Zufriedenheit zu gelangen? Seht Euch doch nur um, thut doch nur Eure Augen auf! Habt Ihr denn nicht an uns ein Beiſpiel vor Augen, daß ſtiller Fleiß und Beharrlichkeit endlich dem ſchönſten Ziele zuführen? Nachbar, ich bitte Euch, legt Spitzhacke und Flinte auf die Seite, greift nach dem Spaten, und ich, der alte Anger, aus deſſen Munde wiſſentlich noch nie ein unwahres Wort ge⸗ kommen iſt, ich ſtehe Euch dafür, daß Eure Pflanzung nach Jahr und Tag in demſelben Stande ſein ſoll, wie meine eigene, denn wir Alle, wie wir hier ſind, werden Euch freundnachbarlich ſtets huͤlfreiche Haͤnd leiſten. Geht in Euch, Nachbar, denkt an die alte Heimath und an den Abend Eures Lebens, den Ihr einmal dort in Frieden verbringen könnt, wenn Ihr nur einige Anſtrengung und Stetigkeit nicht ſcheuet, und daß wir bis dahin möglichſt glücklich und zufrieden auf dieſem Boden leben!“ 1 Er reichte ihm bei dieſen Worten treuherzig die 4 n⅓ 80 SHand hin, aber der Schulmeiſter ſchlug ſie mürriſch aus. »Das iſt mir Alles viel zu langweilig,“ ſagte er mit einer Art von Trotz.„Eines Tages werde auch ich zum Ziele gelangen, und dann werden wir ja ſehen, wer eher und reicher in die alte Heimath kommt, Ihr oder ich! Auch bin ich jetzt nicht zu Euch ge⸗ kommen, um Eure Predigten anzuhören, ſondern nur, uum Euch zu ſagen, daß ich mit meinem Sohne viel⸗ leicht ein paar Tage lang ausbleiben werde. Wir wol⸗ len einen größeren Streifzug machen. Wundert Euch aalſo nicht, wenn Ihr uns in den nächſten Tagen nicht ſehet. Bis auf Weiteres Gott befohlen!« Damit wandte er ſich kurz ab, und ſchritt mit Franz davon. »Er geht nicht auf guten Wegen!« ſagte Vater Anger bekümmert, machte aber keinen weiteren Ver⸗ ſuch, den Nachbar zurück zu halten, da er deſſen Eigen⸗ ſinn genugſam kennen gelernt hatte, ſondern fuhr flei⸗ ßig in ſeiner Arbeit fort. Der Schulmeiſter und Franz ſtiegen rüſtig zur Soochebene hinauf, wohin ſie in der Nacht vorher den Indianer verfolgt hatten, und fanden leicht den Block wieder, welcher den Eingang zu den gehofften Schätzen bedeckte. Es galt zunächſt, den Felſen auf die Seite zu ſchaffen, aber keiner Anſtrengung wollte es gelingen, ihn nur einen Zollbreit von der Stelle zu bewegen. »Es muß ein künſtlich verborgener Mechanismus vorhanden ſein,“ ſagte der Schulmeiſter, und gab ſich alle mögliche Mühe, denſelben zu entdecken. Doch auch dies war umſonſt, und nach mannichfachem vergeblichen Spähen und Taſten ſprach er endlich ſeinen Entſchluß Augen der Habgierigen. Jubelnd ſtürzten ſie einander 81 aus, die äußerſte Gewalt anzuwenden, um den Ein⸗ gang zur Silbergrube zu erzwingen. „Wir müſſen den Stein unterhöhlen, Franz, und ihn mit Pulver zur Seite ſprengen,“ ſagte er.„Ich bin ſchon darauf vorbereitet, und habe einen anſehnli⸗ chen Vorrath von Schießpulver in meiner Jagdtaſche mitgenommen.“ Geſagt, gethan. Beide gingen unverzüglich an's Werk, und hatten mit ihren Spitzhacken bald genug eine Höhlung unter dem Felsblocke gemacht, welche zu ihrem Zwecke ausreichend ſchien. Sie wurde mit Pul⸗ ver gefüllt, die Oeffnung genau wieder geſchloſſen, und nur ein ganz kleines Loch für die Zündruthe übrig ge⸗ laſſen. Das äußere Ende derſelben wurde in Brand geſetzt, und nun entfernten ſich der Schulmeiſter und Franz ſchnell von der gefährlichen Stelle, um aus ſicherer Entfernung den Erfolg der Sprengung abzu⸗ warten. Nach kurzer Zeit hatte die glimmende Zünd⸗ ruthe das Pulver erreicht, ein Krachen, wie der Don⸗ ner eines Geſchützes, erſchuͤtterte die Luft, und eine Wolke von Dampf und Staub hüllte den Platz ein, wo die Exploſion erfolgt war. Nun eilten die Schatz⸗ gräber ſchnell hinzu, und ihr Freudengeſchrei verkün⸗ digte, daß die Sprengung vollkommen gelungen war. Der Felsblock war auf die Seite gewälzt, und offen lag der Eingang zu einem dunkeln Schachte vor den in die Arme. „Wenn nur Niemand das Krachen der Mine ver⸗ nommen hat,“ ſagte Franz hierauf beſorgt. „Ohne Sorge!“ erwiederte der Schulmeiſter.„Sie Der Schatz des Inka. 6 1 8²2 wiſſen unten, daß wir auf die Jagd gegangen ſind, und wenn ſie wirklich etwas vernommen haben, ſo wer⸗ den ſie denken, es ſei nur ein Schuß gefallen. Schnell hinunter, Franz! Wir müſſen endlich ſehen, was das gute Glück uns beſcheert hat.“ „Aber es iſt dunkel unten, Vater!“ ſagte Franz. „»Ganz recht, mein Sohn, dafür habe ich dieſe zwei Grubenlichter und ein Fläſchchen voll Oel mitgenom⸗ men,« antwortete der Schulmeiſter.„Du ſiehſt, ich habe an Alles gedacht.“ Die Grubenlichter wurden angezündet, und man leuchtete in den dunkeln Schacht hinein. Eine roh ge⸗ arbeitete hölzerne Leiter zeigte ſich. Franz betrat ſie zuerſt und ſtieg hinab. Sein Vater folgte ihm un⸗ mittelbar. Nachdem ſie etwa zwanzig Sproſſen hin⸗ unter geklimmt waren, kamen ſie auf einen Abſatz, und fanden hier außer verſchiedenen Werkzeugen, a als Hauen und Hämmern, auch noch einige mit Oel ver⸗ ſehene Grubenlichter. „Sieh' da, Matteo hatte ſich gut vorgeſehen,“ ſagte der Schulmeiſter.»Man findet hier Alles beiſammen, was zum Losbrechen des Erzes nöthig iſt. Doch da wir unſere eigenen Hauen haben, brauchen wir dieſe nicht. Weiter, Franz!“— Eine zweite Leiter zeigte ſich dem ſuchenden Auge, dann eine dritte, und von dieſer gelangte man in einen roh ausgearbeiteten Gang oder Stollen, welcher ſich, nur langſam ſchräg abfallend, in die Tiefe ſenkte. »Dies iſt der Weg, der uns zu den Schätzen füh⸗ ren muß,“ ſprach der Schulmeiſter erfreut, und drang haſtig vorwärts. Franz mit ihm, denn der Stollen war breit genug, um zwei Perſonen neben einander d 8³ gehen zu laſſen. Die Luft in ihm war friſch und rein, woraus ſich ſchließen ließ, daß der Stollen öfters be⸗ nutzt werden mußte, oder wohl gar durch geheime Ka⸗ näle mit der freien Luft außen in Verbindung ſtand. Nach einem Gange von mehreren Minuten erwe terte ſich der Stollen nach oben und beiden Seiten und gleich darauf erreichten die Schätzeſucher eine g.⸗ räumige Höhle, deren Wände an verſchiedenen Stellen den Schimmer ihrer Grubenlichter blitzend und funkelnd zurückwarfen. Der Schulmeiſter und Franz blieben wie geblendet ſtehen. Dann ſtießen Beide zu gleicher Zeit einen Schrei des Entzückens aus, eilten mit ihren Grubenlichtern einer Stelle zu, von der der Glanz am reinſten und ſtärkſten wiederſtrahlte, und ſtanden nun vor einer der reichſten Erzadern, welche, durch das taube Geſtein geſprengt, faſt lauter gediegenes Silber enthielt. „Gefunden!“ ſchrie der Schulmeiſter jauchzend und außer ſich vor Entzücken aus.„Dieſe Adern ſind un⸗ erſchöpflich! Wir ſind reich, wie Koͤnige, Franz! Ein paar kräftige Schläge mit der Spitzhacke, und das Sil⸗ ber fliegt in großen Stücken um uns herum. Auf ſie, Franz! Wir müſſen ſie ſprengen, damit wir unſer Glück mit Händen greifen können!“ Indem er noch ſprach, erhob er auch ſchon ſeine Spitzhacke, und hieb wuͤthend auf das taube Geſein neben der Silber⸗Ader ein, um dieſe letztere bloß zu legen, und um ſo leichter davon abſprengen zu können. Franz ſtellte ſein Grubenlicht auf den Boden, und ver⸗ einigte ſeine Anſtrengungen mit denen des Vaters. Die Hiebe wurden ſo kräftig geführt, daß die Stücke flogen, und nach der Arbeit von einer halben Stunde 84 1 V ſchon ſtand der Schulmeiſter vor einem Haufen köſtli⸗ chen Silber⸗Erzes, bei deſſen Anblicke ihm das Herz im Leibe lachte. „Das iſt unſer, Alles unſer, Franz!“ rief er aus, indem er mit zitternden Händen den Reichthum beta⸗ ſtete.„Und nicht nur dieſes allein, ſondern auch Alles, was uns noch von dieſen Wänden entgegen blitzt, Alles was noch dieſe zahlreichen Adern an unermeßlichen Schätzen enthalten. Alles iſt unſer! Alles, Alles, Alles! Die ganze Welt!“ Der Mann war wie wahnſinnig, ſo berauſchte ihn der allerdings reiche Fund, den er gethan hatte. Daß er durch ein ſchweres Verbrechen erlangt worden war, daran dachte er in dieſem Augenblicke nicht, und eben ſo wenig dachte Franz daran, der mit vor Gier und ggeſättigter Habſucht funkelnden Augen über den Schatz geebeugt ſtand, und die losgeſprengten Stücke des Sil⸗ ver⸗Erzes in ſeinen Händen wog. Miicht für ein deutſches Herzogthum möchte ich dieſe Höhle vertauſchen!“ rief er aus.„Ja, Vater, wiir ſind reich, unermeßlich reich, und alles Glück der Erde ſteht uns nun zu Gebot. Wer wird jetzt noch wagen, über uns ſpotten und uns gute Lehren geben zu wollen! Niemand, am wenigſten der armſelige An⸗— ger, der ſich im Schweiße ſeines Angeſichts abmühen 1 muß, um ſein erbärmliches Leben zu friſten und ein paar Thaler jährlich zuſammen zu klauben!“ Der Schulmeiſter zuckte verächtlich die Achſeln. „Der arme Schlucker!« ſagte er.„Aber, mein Sohn,“ fuhr er fort und wendete ſich ab, um einen forſchenden Blick durch die Höhle zu werfen.„Noch kennen wir 8⁵ nicht den Umfang unſeres Reichthums. Laß uns auch die andern Adern betrachten!“. „Sie nahmen ihre Grubenlichter zur Hand und leuchteten an den Wänden der Höhle umher. Wie ein ſilbernes Netz verzweigten ſich die Erzadern durch das taube Geſtein, und es bedurfte augenſcheinlich nur weniger Anſtrengung, ſie auszubeuten und reichen Ge⸗ winn davon zu ärndten. Indem ſie noch dieſe Schätze anſtaunten und bewunderten, entdeckte das ſcharfe Auge des Schulmeiſters in einem Winkel der Höhle eine nie⸗ drige Wölbung. „Was iſt das?“ rief er aus.„Es ſcheint ein Gang zu ſein, der noch weiter in das Innere der Erde hin⸗ ein führt. Wir müſſen ihn unterſuchen, Franz! Ich gehe voran!“ Vorſichtig mit dem Grubenlicht voraus leuchtend, betraten ſie in gebückter Stellung den Gang, konnten ſich aber bald wieder gerade aufrichten, da er ſich all⸗ mählig erhöhte und etwas breiter wurde. Nur etwa fünfzig Schritte mochten ſie gegangen ſein, da erreichten ſie eine zweite Höhle, und mit einem Aufſchrei grän⸗ zenloſen Entzückens ſah der Schulmeiſter darin den ſo lange vergeblich geſuchten Schatz des Inka aufgehäuft. 84 Franz ſtand neben ihm, und ſtarrte ſprachlos auf die Maſſen des gelben blitzenden Goldes. „Alles unſer!« rief er nach einer Weile mit vor Leidenſchaft erſtickter Stimme aus.„Der Tod des In⸗ dianers macht ſich reichlich bezahlt! Welch ein Glück, daß wir ihm aufpaßten und ihn verfolgten!“ „Ja, welch ein Glück!« ſtammelte der Schulmeiſter. „Es iſt zu viel! Kaum vermag ich's zu faſſen.“ »So ſieh' denn, ob dein Verderben dir die Faſſung 86 zurückgibt,“ ſprach eine dumpfe Stimme von der oberen Wölbung der Höhle herab.„Habgierige, blutige Mör⸗ der, Euer Golddurſt iſt jetzt geſtillt, aber indem Ihr Entzuücken in vollen Zügen zu trinken glaubtet, leeret ihr nun den Becher Eurer Vernichtung. Nicht lebend weerdet Ihr dieſe Höhle verlaſſen!« 3„Heiliger Gott, Matteo's Stimme!“ ſtöhnte der Schulmeiſter entſetzt. „Ja, Matteo's Stimme!“ wiederholte der Indianer höhniſch.„Matteo, den Ihr todt in der Schlucht lie⸗ gend glaubtet. Aber Eure Kugel traf nur ſchlecht, die dicht belaubten Zweige eines Baumes milderten die Gewalt meines Sturzes in den Abgrund, und das friſche Waſſer des Baches gab mir meine Beſinnung unnd einen Theil meiner Kräfte wieder. Wo Ihr zu finden waret, konnte nicht zweifelhaft ſein. Ihr habt den Schatz des Inka entdeckt, ſättigt Euch denn an ſeinem Beſitze, ſo lange der Athem noch ein⸗ und aus⸗ geht aus Eurem Munde. Der Augenblick der Vergel⸗ tung iſt gekommen— horcht, wie Euch die Pforten zur Rückkehr verſchloſſen werden!“ — Ein Krachen und Poltern, als ob der Erdball zu⸗ ſammen bräche, dröhnte mächtig durch die Höhlen und Gänge,— dann plötzlich wurde es wieder todtenſtill. „Es iſt geſchehen!« rief Matteo hinab.„»Euer Verderben iſt beſiegelt. Die Zugänge zur Höhle ſind verſchüttet. Nie wieder erblickt Euer Auge das Licht der Sonne!“ „Gnade! Um Gottes willen Gnade, Matteo!« ſchrie der Schulmeiſter in Todesangſt und Verzweif⸗ lung, während Franz ſtöhnend und zitternd auf die Knie ſank. —— bendig im Schooße der Erde begraben, und nicht ein aufmerkſames Ohr den Schall von wüthend geführten 87 „Wo war Gnade für mich bei Euch?“ tönte Mat⸗ teo's Stimme ſtreng zuruͤck.„Ihr habt, was Ihr wolltet! Warum hoörtet Ihr nicht auf meine War nungen? Immer ſprach ich zu Euch:„Der Schatz des Inka iſt heilig! Wehe dem, der ihn uncsuerd Wehe nun Euch!“ Mit den letzten Worten, welche der Indianer ſprach, verſchwand ein dunkler Schatten von der oberen Wöl⸗ bung der Höhle, und durch eine kleine, kaum hand⸗ breite Oeffnung brach ein Schimmer des Tageslichtes durch die dichte Finſterniß in den unterirdiſchen Raum. „Matteo! Matteo!« kreiſchte in gellenden Toͤnen der Schulmeiſter.„Schone nur unſeres Lebens und behalte alle dieſe Schätze! Wir wollen dir ſchwören, daß wir nie wieder darnach trachten werden Keine Antwort folgte auf dieſen verzweifelten Angſt⸗ ruf, und mit einem keuchenden Schrei ſank der Schul⸗ meiſter neben ſeinem Sohne auf den Boden nieder. Da lagen nun die unermeßlichen Schätze im Be⸗ reiche ihrer Hand, nach denen ſie ſo eifrig und raſtlos getrachtet. Aber was nützte ihnen nun aller Reich; thum und die Befriedigung ihrer Habgier? Die Aus⸗ gänge nach oben waren verſchüttet, ſie ſelbſt waren le⸗ Schimmer von Hoffnung blieb ihnen übrig, denn ſie kannten Matteo und ſeinen unverſoͤhnlichen Haß und Ingrimm gegen die habſüchtigen Weißen. Klagen, Jammern, verzweiflungsvolles Geſchrei und Stöhnen erfüllte den Raum der Höhle, und zuweilen häͤtte ein Schlagen hören können, welche mit Spitzhacke und 88 Hammer gegen die unterirdiſchen Wände der Höhle geführt wurden. „Es gab ein ſolches Ohr, welches darauf lauſchte und horchte. Der Indianer Matteo lag oben auf der Hochebene matt und kraftlos auf dem ſteinigen Erd⸗ boden ausgeſtreckt, unfähig, eine Anſtrengung zu ſeiner eigenen Rettung zu machen. Kaum, daß er zuweilen den Kopf erhob, ihn zur Seite beugte und das dumpf erklingende unterirdiſche Getöſe aufzufangen ſuchte. Nicht Erbarmen, nicht Mitleid prägte ſich in ſeinen verwitterten, von Schmerzen abgezehrten Zügen aus, welchen ſchon das Siegel des Todes aufgeprägt zu ſein ſchien; nur ein höhniſches Lächeln verzerrte zuwei⸗ len ſeine bläulichen Lippen, wenn ein recht wilder, durchdringender Angſtſchrei aus der Tiefe empor er⸗ ſcholl. Die Kugelwunde, welche Franz ihm beigebracht hatte, war nur flüchtig verbunden, und das Ausſehen der Umgebung derſelben ließ klar erkennen, daß auf eine Heilung derſelben nicht zu zählen ſei. Die abge⸗ magerten Glieder Matteo's waren zerſchunden und zer⸗ quetſcht, er hatte nicht mehr die Kraft, ſich ihrer zu bedienen und nur ein paar Schritte weit vom Flecke zu kriechen. Die letzte Anſtrengung, die er gemacht zu haben ſchien, war eine äußerſte Anſtrengung zur Be⸗ friedigung ſeiner Rache, und zum Schutze des Schatzes des Inka geweſen. Er hatte ſein Ziel erreicht, aber mit ihm auch das nahe Ende ſeines Lebens. Er fuͤhlte es, und machte nicht einmal einen Verſuch, das un⸗ vermeidlich ſcheinende Schickſal von ſich abzuwenden. Faſt regungslos blieb er liegen über dem Grabe ſeiner Opfer, und zählte nicht die Tage, nicht die Nächte, die über ſeinem Haupte dahin gingen. Nicht lange mehr, —x —— machen, Vater?« 89 ſo mochten die Geier und Adler von ſeinem Fleiſche ſich mäſten, und ſeine Gebeine über die wüſte Fläche der Hochebene zerſtreuen.—— „Seltſam,“« ſagte einige Tage ſpäter Vater Anger. zu ſeinem Sohne Joſeph,—„ſeit vier oder fünf Tas⸗ 4 gen ſind unſere Nachbarn verſchwunden, und mit ihnen zugleich Matteo, den meine Augen ſeit jener Zeit nicht geſehen haben. Ich denke mir, ſie ſind mit einander auf die Jagd gegangen, und fange an zu fürchten, daß ihnen ein Ungluck zugeſtoßen ſei.“ 8 „Unmöglich wär' es nicht,“ antwortete Joſeph. „Aber was können wir dabei thun? Wir wiſſen nicht, wo wir ſie aufſuchen ſollen, ſonſt wäre ich gern bereit, nach ihnen umher zu ſtreifen.“ 8 „Auch ich habe ſchon daran gedacht, und auch an den Hund, den ſie zurückgelaſſen haben,“ verſetzte Anger. „Vielleicht, wenn wir ihn von der Kette losmacht 4 fände er ihre Fährte. Wenn wir dann noch ein p Indianer zur Begleitung mitnehmen und die Hochebene durchſtreifen, ſo haben wir wenigſtens nach beſten Kräf⸗ ten unſere Pflicht gethan.“ „Ich bin auf der Stelle bereit dazu,« ſagte Joſeph. »Auch die Indianer werden nicht zurückbleiben, da es einem ihrer Genoſſen gilt. Wann wollen wir uns auf⸗. „Sogleich, ohne allen weiteren Verzug,“ entſchieb dieſer.„Bewaffne dich, mein Sohn, und ich will in⸗ deſſen mit unſeren Freunden, den Indianern reden. Eine Stunde ſpäter ſchon war ein kleines Häuflein wohl bewaffneter und mit mancherlei Vorräthen ver⸗ ſehener Männer marſchfertig, und ſchlug die Richtung nach der Hochebene ein. Vater Anger hatte den Hund 90 losgekettet und an die Leine genommen, und mit Un⸗ geſtüm drängte das Thier vorwärts. Geraden Weges geleitete er die Männer zu dem Felsblocke, wo Franz e Blut Matteo's vergoſſen hatte, und plötzlich ſtießen Indianer einen Ausruf des Erſtaunens aus, als faſt Alle zu gleicher Zeit die matte und kraftloſe Ge⸗ ſtalt Matteo's, nicht weit von dem Blocke entfernt, auf dem nackten Erdboden liegen ſahen. Matteo! Du? Und in ſolchem Zuſtande!“ rief Anger, indem er auf den Sterbenden zueilte.„Was iſt dir begegnet, mein Freund? Welche Verletzungen und Wunden!“ Joſeph ſprach nicht viel. Er kniete bei dem India⸗ er nieder, unterſuchte ſeinen Zuſtand, und ſchüttelte rig den Kopf.„Es ſteht ſchlimm! Wir müſſen in nach Hauſe ſchaffen und ſehen, ob noch Rettung öͤglich iſt,« ſagte er endlich.„Nehmt ihn auf Eure Arme, Freunde, und tragt ihn hinunter.“ Matteo machtéè eine ſchwache, abwehrende Bewe⸗ gung. 8„Rührt mich nicht an!“ ſprach er.„Mir iſt nicht mehr zu helfen. Der Tod rieſelt durch meine Ge⸗ beine, und ich will hier ſterben, gerade hier, auf dieſer Stelle. K Seine Stimme, obgleich leiſe und ſchwach, klang boch ſo entſchieden und gebieteriſch, daß man ſeiner Weiſung keinen Widerſtand entgegen ſetzte. Doch ver⸗ ſuchte Joſeph, die zahlreichen Wunden an ſeinem Kör⸗ per zu verbinden, und entdeckte dabei auch die Schuß⸗ wunde in ſeinem Rücken. „Mein Gott, wer hat das gethan?“ rief er aus. „Don Francesco!« antwortete Matteo mit Anſtren⸗ — —— — 91 gung.„Er und ſein Vater ſind meine Mörder, aber — bei den Gebeinen meines Vaters— ich ſterbe nicht ungerächt!« „Wo ſind ſte? Sprich, wo ſind ſie, Matteoln fragte Anger dringend.„Und was iſt geſchehen? Ich ahne Schreckliches! O, Matteo, ſind auch ſie todt?⸗ „Noch nicht,“ entgegnete der Indianer.„Aber beſſer für ſie, ſie wären es. Das Grab iſt über ihren Häup⸗ tern geſchloſſen, und wird ſich ihnen nicht wieder öffnen.« Anger wollte heftiger in ihn dringen, um etwas Näheres zu erfahren, aber der verſtockte Indianer ver⸗ weigerte jede Antwort. Dagegen wendete er ſich in indianiſcher Sprache, welche Anger und Joſeph nicht verſtanden, an ſeine Landsleute, und ſprach eine Weile mit ihnen. Die Männer lauſchten mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit auf ſeine Worte, und Beſtuͤrzung, Muth, Grimm, Trotz und zuletzt wilder Triumph malten ſich in ihren Zügen. Als Matteo geendet hatte, ſtießen ſie ein lautes Freudengeſchrei aus und umtanzten Matteo in wilden Sprüngen. Der Verwundete lächelte zufrie⸗ den; plötzlich aber zuckte ein Krampf durch ſeine Glie⸗ der, ein halb unterdrücktes Stöhnen kam aus ſeinem Munde, ſeine Augen rollten geſpenſtiſch umher, und nun, ehe noch Jemand ihm zu Hülfe eilen konnte, ſtreckte er ſich lang aus und war verſchieden. Das Geſchrei der Indianer verſtummte, und betrübt blickte Anger und Joſeph auf den Leichnam des Mannes, der, wie er auch ſonſt gegen die Weißen geſinnt gewe⸗ ſen ſein mochte, ihnen wenigſtens ein treuer und hulf⸗ reicher Gefährte geworden und bis zu ſeinem Tode geblieben war. »Er iſt dahin!« ſagte Anger.„Friede ſeinem Staube! Aber wo ſollen wir nun die Andern finden, die zu ſuchen wir gegangen ſind?« Ihr werdet ſie niemals finden, Sennor!« ſagte Juan Santos, ein Verwandter Matteo's, ſehr ernſt. „Gehet heim, Sennor! Fragt nicht und forſchet nicht. Die Lippen, welche das Geheimniß allein enthüllen öFnnten, ſind für immer verſtegelt. Matteo war ein gerechter Mann, er hat vergolten nach Verdienſt. Ent⸗ hert Euch! Ihr ſehet, Eure weißen Brüder ſind nicht ier.« „Aber ſie müſſen in der Nähe ſein,“ verſetzte Anger. aund ich werde nicht gehen, ohne wenigſtens einen Verſuch gemacht zu haben, ſie zu finden.“ „So ſucht, Sennor!« antwortete Juan Santos kalt. „Wir hindern Euch nicht.“ Anger und Joſeph durchſtreiften mit dem Hunde mehrere Stunden lang die Hochebene, während die Indianer Anſtalten trafen, Matteo's Ueberreſte zu be⸗ ſtatten. Aber auch mit Hülfe des Hundes fanden ſie keine Spur der Verſchwundenen, welche tief im Schooße der Erde begraben waren. Traurig kehrten ſie endlich mit einbrechender Nacht nach Hauſe zurück, ohne über das hiſut ihrer Landsleute und Nachbarn aufgeklärt zu ſein.“ Erſt drei oder vier Tage ſpäter kamen auch die andianer wieder von der Hochebene zu ihren Hütten. Sie beobachteten ein finſteres, unverbrüchliches Schwei⸗ gen über die Vorfälle auf der Hochebene, obgleich ſie ohne Zweifel genau von dem Schickſale des Schulmeiſters und ſeines Sohnes unterrichtet waren. Keine Bitte Joſephs oder ſeines Vaters vermochte ſie, auch nur die —— 93³ Stelle anzudeuten, wo die Aſche der Verſtorbenen ihre Ruheſtätte gefunden habe. „Sie ſind todt!“ gaben ſie auf alle Fragen zur Antwort.„Vergeßt ſie, Sennores, und ſeiet überzeugt, daß ſie das Schickſal, welches ſie ereilte, ſich ſelbſt be⸗ reitet und zugezogen haben. Sie ſind gefallen als Opfer ihrer böſen Begierden und ihrer ſchlechten, verrätheriſchen Handlungen. Genug davon! Unſere Lippen ſind verſiegelt. Ein Weiteres war von den Indianern nicht zu er⸗ fahren, und weder der Schulmeiſter noch ſein Sohn kehrten zu der Pflanzung zurück, welche als herrenloſes Gut mehr und mehr verwilderte, und in Geſtrüpp und Unkraut erſtickte. Die Familie Anger betrübte ſich tief über das Ver⸗ ſchwinden der ehemaligen Nachbarn; denn obgleich Nie⸗ mand dieſelben beſonders hoch achten und ſchätzen konnte, ſo waren es doch immer Freunde und Landsleute ge⸗ weſen, die Einzigen, mit denen man von alten Zeiten vertraulich hatte plaudern können. Mit ihrem Verluſte erwachte die Sehnſucht nach der Heimath, die uͤberhaupt nie geſchlummert und geruht, mit erneuter Stärke in den Herzen der Ausgewanderten, und manchen ſehn⸗ ſuchtsvollen Blick richteten ſie nach der Himmelsgegend, wo weit, weit hinter dem Meere die Küſte lag und das Land, wo ihre Sprache geredet wurde, wo die Eichen⸗ wälder rauſchten und die grünen Tannen von den Gipfeln der Hügel herab nickten. „Wer dort ſein könnte!“ ſeufzte Jeder ſtill im Herzen, und immer ſtärker und mächtiger mit jedem Tage erwuchs die Sehnſucht nach dem Vaterlande in den Seelen der Aeltern, wie auch des Sohnes.— 8 94 Sechstes Kapitel. Juan Santos. Eines Tages, es mochte ein Jahr nach dem Ver⸗ ſchwinden des Schulmeiſters und ſeines Sohnes ſein, ſaß Joſeph, in tiefe Gedanken verloren, auf einem Hügel nahe bei der Pflanzung, von deſſen runder Kuppe aaus man die ganzen Felder uͤberſehen konnte. Aber er hatte heute keinen Blick für die geſegneten blühenden Fluren, ſondern berechnete im Geiſte, wie lange Zeit er und die Aeltern noch arbeiten und ſparen müßten, um endlich den Weg nach der Heimath antreten zu können. Das Ergebniß ſeiner Berechnung war kein freudiges, denn noch manches Jahr mochte vergehen, bevor man eine hinlängliche Summe geſammelt hatte, um die Ueberfahrt nach Deutſchland zu beſtreiten und dort ein kleines Beſitzthum zu erwerben, und ſenkte deßhalb traurig die Augen zu Boden. Da weckte ihn ein ſanfter Schlag auf die Schulter aus ſeiner träumeriſchen Verſunkenheit, und aufſchauend, gewahrte er Juan Santos, welcher ſeit Matteo's Tode deſſen Stelle bei Joſeph vertreten hatte. Ihr ſeid betrübt, Sennor,“ ſagte Juan freundlich, ſchon ſeit vielen Wochen betrübt, ich ſehe es wohl. Zuan Santos iſt Euer Freund,— warum theilt Ihr ihm den Kummer nicht mit, der Euch drückt?« „Weil du mir und uns Allen doch nicht helfen könnteſt, guter Santos,“ erwiederte Joſeph mit einem Seufzer. „Quien Sabe— wer weiß,“ antwortete der Indianer lachelnd.„Sprecht nur offen mit mir, Sennor Joſe.“ Joſeph fühlte ſich durch die Herzlichkeit, mit welcher 8 9⁵ Juan Santos zu ihm redete, zum Vertrauen angeregt und ohne Rückhalt theilte er ihm mit, was ihn dru »Mein Vater wird älter und älter,“ ſagte er zu „meine Mutter iſt auch nimmer ſo rüſtig, wie früheren Zeiten, und ich fürchte, der Tod wird ihner die Augen ſchließen, ehe ihr letzter und heißeſter Wunſch erfüllt werden kann, der Wunſch, das Land unſerer Heimath wieder zu ſchauen, und ihre letzten Tage dort in ſtiller Zufriedenheit zu verleben. Wenige tauſend Thaler wüuͤrden hinreichen, ihnen jenſeit des Meeres im alten Lande ein beſcheidenes Loos zu ſichern,— aber bei allem Fleiße und aller Sparſamkeit haben wir noch nicht die Hälfte einer ſolchen Summe zu ſammeln ver⸗ mocht, und wer weiß, wie lange es noch dauern mag bis wir ſie beiſammen haben.“— Juan Santos lächelte wieder. 1 „Was klagt Ihr, Sennor?“ ſagte er.„Vergeßt 3 Ihr denn, daß der Werth dieſer Eurer Pflanzung ſich durch Euern Fleiß mehr als verzehnfacht hat? Wenn Ihr ſie verkaufen wollt, würdet Ihr gewiß die Summe bekommen, deren Beſitz Ihr Euch wünſcht.“ „Ja, wenn ſich ein Käufer fände!« entgegnete Joſeph 4 ſeufzend.„I Ich habe wohl ſchon daran gedacht, aber immer wieder habe ich mir ſagen müſſen, daß es thöricht wäre, 5 eine ſolche Hoffnung zu hegen. Ein wohlhabender Mann wird ſich nicht in dieſer entlegenen Gegend niederlaſſen, und ein armer könnte ja die Kaufſumme nicht erlegen.« „Nun denn, Sennor, ich weiß einen Käufer,“ ſagte jetzt Juan Santos.„Wenn es Euer ernſter Wunſch iſt, unſer Land zu verlaſſen, ſo will ich Euch binnen heute und einer Woche den vollen Werth der Pflan⸗ zung mit blanken Silber⸗Barren bezahlen.“ FZage.“ 96 Joſephs Auge blitzte fröhlich auf, aber dann ſchüt⸗ telte er wieder traurig den Kopf. „Unmöglich, guter Santos! Unmöglich!“ erwiederte er.„Du willſt meiner nur ſpotten.“ „Ich werde Euch beweiſen, daß ich nicht ſpotte, Sennor,“« entgegnete Juan.„Geduldet Euch nur wenige Mit dieſen Worten entfernte er ſich, ohne weitere CErklärungen zu geben, und wurde in den nächſten Ta⸗ gen nicht auf der Pflanzung geſehen. Joſeph wußte iicht, ſollte er glauben und vertrauen, oder Zweifel in die Zuſage des Indianers ſetzen. Jedenfalls verſchwieg er vorläufig ſeinen Aeltern die Unterredung mit Santos, um nicht auch ſie in Unruhe zu ſtürzen, und that mittler⸗ weile unverdroſſen, wie ſonſt, ſeine Pflicht. Sechs Tage vergingen, Juan Santos kehrte nicht wieder. Da, am ſiebenten, erſchien er plötzlich mit mehreren Begleitern in Angers Wohnung, als die Familie grade beim Mittagstiſche verſammelt war. „Hier bin ich, Sennor Joſe,“ ſagte er,„und hier“ r deutete auf mehrere Barren gediegenen Silbers, woelche ſeine Begleiter auf einen Wink von ihm vor Zoſeph niederlegten,—„hier iſt der Kaufpreis für CEuer Gut, wenn Ihr noch geſonnen ſeid, es zu ver⸗ ufen. Ihr könnt die Barren wiegen,— ſie ſind ſwer und werthvoll genug, um Eure beſcheidenen Wuüuͤnſche zu erfüllen.“ Die Aeltern blickten ſtarr bald auf Joſeph und Juan, bald auf die Silberbarren, und konnten ſich den ganzen Auftritt nicht enträthſeln, bis Joſeph ſich von ſeinem Erſtaunen erholte und die nöthigen Erklärungen gab. 5 * 8 97 Mit unſäglicher Freude wurden dieſelben von Vater und Mutter vernommen, und Wonnethränen vergießend, ſanken ſie einander in die Arme. Ihr lange heimlich genährter Wunſch war erfüllt, ſie ſollten die Heimath wiederſehen und ihre letzten Jahre auf dem geſegneten Boden derſelben verleben. „Aber wer iſt der Käufer, der eine ſolche Summe für unſer Gut zahlt?“ fragte Joſeph endlich ſeinen in⸗ dianiſchen Freund.„Wir müͤſſen ihm Dank ſagen, denn er erweist uns eine große Wohlthat durch den Ankauf.“ „Dank wäre überflüſſig,“ entgegnete Juan Santos ruhig.„Er bezahlt Euch nur den vollen Werth für dieſe Ländereien, die Ihr durch Euren emſigen und unabläſſigen Fleiß zu einer der ſchönſten Hacienda's Peru's erhoben habt. Dieſem Fleiße alſo verdankt Ihr es, wenn Ihr Euch glücklich fühlt, denn dieſe Barren ſind die Frucht deſſelben. Nehmt Euer Silber, kehrt in Eure Heimath zurück, und lebet dort froh und zu⸗ frieden!« Joſeph vermuthete wohl, daß Juan Santos aus Liebe zu ihm ſelber die Pflanzung angekauft hatte, aber Juan ſtellte es in Abrede, und die Familie Anger er⸗ fuhr nie etwas Sicheres darüber, ſo wenig, wie über das Ende ihrer vormaligen Nachbarn, die mit ihnen aus Europa herübergekommen waren. Juan Santos verweigerte jede Erklärung. „Laßt es Euch nicht kümmern, Sennor Joſe, woher das Silber gekommen iſt,“ ſagte er.„Es möge Euch genügen, zu wiſſen, daß Ihr es Euren kigenen Anſtren⸗ gungen allein verdankt. Von Euren Freunden laßt mich ſchweigen, ſie waren ihres Schickſales Schmiede, 7 Der Schatz des Inka. 98 wie Ihr die Schmiede Eures Glückes. Jeder hat ge⸗ arntet, wie er geſäet, und gewiß werdet Ihr niemals die Lehre vergeſſen, die Euch in dieſem Lande die Er⸗ fahrung gegeben hat, die Lehre: daß ſtiller, ruhiger, uuunverdroſſener Fleiß weiter bringt und glücklicher macht, als gieriges Jagen nach Gold und Schätzen. Wären Cure Freunde geweſen, wie Ihr, Sennor, ſo würden e auch nicht minder glücklich ſein, als Ihr. Der große Geiſt gibt aber zületzt Jedem, was er verdient, denn ſeine Gerechtigkeit iſt ſo groß, wie ſeine Macht!“« Wenige Wochen ſpäter verließ die Familie Anger Peru wieder, und ſchiffte ſich ein nach der Heimath. Glücklich erreichten ſie den deutſchen Boden, den ſie mit inniger Dankbarkeit gegen Gott betraten und küßten. Vater Anger kaufte von ſeinem Gelde ein hübſches kleines Bauerngut ganz nahe bei ſeiner ehemaligen Pachtung, und wurde mit den Seinigen von den alten Freunden und Bekannten herzlich willkommen geheißen. Sein liebſter Wunſch war nun erfuͤllt: Er baut den Boden ſeiner Heimath und weiß, daß ſein Sohn dereinſt ein freier Herr auf dieſem Boden ſein wird, voon welchem kein unbarmherziger Gutsherr ihn vertrei⸗ ben kann. Mehr hat er nie erſehnt, gehofft und von Gott erbeten, und die Befriedigung ſeiner beſcheidenen Wünſche machte ihn glücklich und ſeine Familie. Kei⸗ ker von ihnen ſehnt ſich nach dem Schatze des Inka, henn ſie wiſſen, daß Beſcheidenheit und treuer Fleiß glücklicher machen, als der Durſt nach Reichthum und Gold.— 22 Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. 4 6 w 2 ehi te, Au See fffffffffff 8 9 10 12 13 14 15 „ 8