Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 N. 50 Pf. 2 Nk. Pf. „„ u„ 5„—. 1,—» 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— — 1 1 8 4 X —————— — ——*ꝙ————C— Hoch im Norden. — Eine Erzählung für V meine jungen Freunde. . Von runz Hoffmann. — Mit vier Stahlſtchen. e e* 8 Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1859. ——— — —— Erſtes Kapitel. 4 Der Walfiſchfahrer. den, vornehmſten Handelsſtadt der vereinigten Staaten von Nordamerika, lebte Kapitän Griffin mit ſeiner Familie im behaglichſten Wohlſtande. Viele Jahre hatte er als tüchtiger Seemann die Meere aller Erd⸗ theile durchkreuzt, und ſich in der letzten Zeit ſeiner Thätigkeit als Schiffs⸗Eigenthümer ein anſehnliches Vermögen erworben. Beſonders ſeine Fahrten nach dem hohen Norden waren ſehr gewinnreich geweſen, und ſeine Schiffe kehrten von dort ſchwer befrachtet mit Walfiſch⸗Thran und Fiſchbein zurück. Er verkaufte die Ladungen vortheilhaft, und nun drang ſeine Gattin mit Bitten und Vorſtellungen in ihn, ſein mühevolles und an Gefahren reiches Gewerbe aufzugeben, und ſich fortan den Freuden und dem Frieden der Häuslichkeit zu widmen.. Ob auch Kapitän Griffin wenig Luſt verſpürte, den Wünſchen ſeiner Gattin nachzugeben, weil er noch in den beſten Jahren ſtand und ſich vollkommen geſund Soch im Norden. 3„ 5 In New⸗York, der immer mächtiger empor blühene: und rüſtig füͤhlte, konnte er ihren Bitten auf die Länge doch nicht widerſtehen. Er trat von dem Schauplatze ſeiner Thätigkeit zurück, machte ſeine Schiffe zu Geld, und bezog ein ſchönes Haus auf dem Broadway zu New⸗York, das er bei Heller und Pfennig baar bezahlte. Es war ein ſehr hübſches Haus, und die Einrich⸗ tung deſſelben äußerſt geſchmackvoll, ſo daß man recht behaglich darin wohnen konnte. Kapitän Griffin brauchte keine Koſten zu ſcheuen, und ſtreute Gold mit vollen Händen aus. Wer in das Haus trat, mußte es be⸗ wundern, und gar Mancher beneidete den Kapitän, welchen der Himmel mit Allem geſegnet zu haben ſchien, was einem Menſchenherzen begehrenswerth er⸗ ſcheinen kann. Denn abgeſehen von ſeinem wirklich großen Reichthum an Geld und Gut, beſaß er auch Schätze, welche noch weit höher ſtehen, als das gelbe Metall, nach dem ſo viele Menſchen trachten und jagen. Vor Allem erfreute er ſich, wie ſchon geſagt, einer wahrhaft eiſernen Geſundheit, welche im Kampfe mit dem Leben gehärtet war, und jede Probe ſiegreich be⸗ ſtanden hatte. Dann ſtand ein edles, liebevolles Weib ihm zur Seite, und zwei geſunde, hübſche, wohlgeartete Kinder, ein Knabe von vierzehn und eine Tochter von zehn Jahren, wären der Stolz eines jeden zär Vaters geweſen. Auch Kapitän Griffin liebte ſie lich, und hatte große Freude an dem gewandten und Lieblichkeit ſeiner Lucie.„ „Das gibt einmal einen wackern Seefahrer,“ ſagte er manchmal zu ſeiner Gattin, wenn ſein Blick froh und ſtolz auf dem ſchlanken, kräftigen Knaben ruhte. „Schade nur, daß nicht ich ſelber ihn zu dem ſchönen 8 * kecken Weſen ſeines Robert, wie an der zarten Anmuth 4 Gaſt bei ihm ein, der ſich Gewerbe anlernen kann. Ich habe mich zu früh in die träge, thatenloſe Häuslichkeit eingeſponnen, liebes Weib!“« „Oh, nichts davon,“ antwortete dann ſeine Gattin. „Du haſt die Ruhe, die du jetzt genießt, redlich ver⸗ dient durch Jahre voll Arbeit, Mühe und Gefahr. Habe nur Geduld, und du wirſt dich noch recht glück⸗ lich in deiner Häuslichkeit fühlen. Laſſen wir es denn an Liebe zu dir fehlen, beſter Mann?« „Nein, nein, ich wäre undankbar, hoͤchſt undankbar, wenn ich etwas der Art ſagen wollte,“ verſetzte Kapi⸗ tän Griffin.„Du biſt ein braves Weib, wie kein Seemann ſich ein beſſeres wünſchen kann, und die Kinder ſind herzensgut,— aber bei alledem, ich bin noch nicht alt genug zum Ausruhen— erſt einige Vierzig— das iſt nichts! Ich könnte noch wirken und ſchaffen! Die Ruhe bekommt mir nicht!“ Mit einem Seufzer pflegte dann der Kapitän der⸗ artige Geſpräche abzubrechen, und ſeine Gattin war es wohl zufrieden, da ſie es gar nicht liebte, daß der Kapitän eine ſo lebhafte Sehnſucht nach ſeinem frühe⸗ ren geſchäftigen, unſtäten und gefahrvollen Leben mer⸗ ken ließ. Indeß, obwohl Kapitän Griffin dieſe Sehnſucht moͤglichſt zu unterdrücken und zu verbergen ſuchte, em⸗ pfand er ſie doch, und ſie ließ ihm bei Tag und bei Nacht keine Ruhe. Im Anfange, als er alle Hände voll mit der Ordnung ſeiner Angelegenheiten, mit dem Kaufe des Hauſes und deſſen innerer Ausſchmückung und Einrichtung zu thun hatte, da ging es. Als aber Alles fertig und beendigt auie ſtellte ſich ein vertreiben ließ, die Langeweile nämlich. Und das ging ſehr natürlich zu. An ein Leben voller Aufregung und Thätigkeit gewöhnt, wollte dem Kapitän die jetzige träge Ruhe nicht ſchmecken. Er ſuchte ſich zu zerſtreuen, ſich zu beſchäftigen, las viel, unterrichtete ſeinen Sohn in Allem, was zum Seeweſen gehört, machte häufig kleine Reiſen zu Waſſer und zu Lande, beſuchte die mannigfaltigſten Vergnügungsorte,— aber nichts konnte auf die Dauer den Dämon der Langeweile bannen. Wenn er zwiſchen den vier Wänden ſeines Zimmers ſaß, das er völlig wie eine Kajüte eingerichtet hatte, unnd die vielen Andenken und Erinnerungszeichen aus ſeinem früheren Leben betrachtete, welche als Schmuck und Zierde an der Wand hingen, ſo ſeufzte er. Ging er ſpazieren und erblickte einen Matroſen, deren ſo Viele in New⸗York auf und ab laufen, ſo ſeufzte er. Traf er einen alten Kameraden, ſo klagte er ihm ſeuf⸗ zend ſein Leid. Kurz des Seufzens und Sehnens war kein Ende, und Kapitän Griffin wurde alle Tage trü⸗ ber und mißgeſtimmter. Eine finſtere Wolke des Miß⸗ muthes lagerte ſich auf ſeiner Stirne, und der ſonſt ſo heitere Mann zeigte ſich faſt immer mürriſch, reizbar und ärgerlich. Seine beſte Zerſtreuung war noch, wenn er nach dem Hafen ging, und das wimmelnde Leben und Treiben daſelbſt beobachtete. Ganze Stun⸗ den lang konnte er hier ſitzen, auf die ein⸗ und aus⸗ laufenden Schiffe achten, und mit alten Kameraden von der ſchönen Vergangenheit plaudern, um zuletzt doch mißmuthig und mit einem Seufzer auszurufen:„»Ja, die herrliche Zeit kehrt nicht wieder!« ie Frau des Kapitäns, wie auch ſeine Kinde in Herz bedruͤckte, und a e —— — die Frau ſchluchzend. 4 35 Frohſinn aus ſeinem Gemüthe ſcheuchte, doch hofften ſie, der Kapitän würde ſich allmählig an das neue ruhige Leben gewöhnen, und ſich zuletzt dabei zufrieden und glücklich fühlen. Aber ſie täuſchten ſich. Kapitän Griffin's heiße Sehnſucht, noch eine Fahrt auf den blauen Wogen der See zu machen, wurde immer grö⸗ ßer und ſtärker, und zuletzt ganz unwiderſtehlich. Eines Tages im Monat Mai, zur Zeit, wenn die meiſten Walfiſchfahrer nach dem hohen Norden abzugehen pfleg⸗ ten, kam er mit frohem, entſchloſſenem Geſicht, feſten Schrittes und hoch aufgerichteter Geſtalt nach Hauſe. Seine Gattin bemerkte auf den erſten Blick die Verände⸗ rung und eine bange Ahnung tauchte in ihrer Seele auf. „Oh, Griffin!“ rief ſie aus.„Du haſt einen ſchlimmen Entſchluß gefaßt!“ „Nein, liebes Weib, einen guten!« verſetzte der Kapitän mit volltönender Stimme.„Du ſiehſt, ich verzehre mich hier in Gram und Elend, und ſo groß meine Liebe zu dir und den Kindern iſt, meine Sehn⸗ ſucht nach Thätigkeit läßt ſich nicht erſticken. Ein Zu⸗ fall hat mich heute beſtimmt, wenigſtens noch Eine Reiſe nach dem Norden zu machen. „Weine nicht, ich bitte dich,“ fuhr er fort, als ſeine Gattin in Thränen ausbrach, und ſchloß ſie an ſeine Bruſt.„Ich verſpreche dir, es ſoll meine letzte Reiſe ſein. Aber laß mich ohne Kummer und Sorge ziehen, und bedenke wohl, daß mich über kurz oder lang dieſes träge, faule Leben auf der Bärenhaut aufreiben müßte, wenn ich ihm nicht durch einen kräftigen Entſchluß ein Ende mache.“ „Aber was fehlt dir bei uns, beſter Mann 2 fragte 6 »„Aufregung und Thätigkeit, liebe Frau. Ich werde von der Langeweile wie ein alter Pelz von Motten verzehrt. Wenn du mich nicht vor deinen Augen lang⸗ ſam willſt vergehen ſehen, ſo laß mich in Frieden und mit deinen Segenswünſchen ziehen.“ Frau Griffin ſah wohl ein, daß der Kapitän ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, und fügte ſich in das Unver⸗ meidliche. »Nun denn, in Gottes Namen,“ ſagte ſie mit mög⸗ lichſter Faſſung.„Ich ſehe wohl, du verkümmerſt und vergrämſt, und da ſollen denn meine Thränen dich nicht zurückhalten. Aber wird es auch ganz gewiß die letzte Reiſe ſein, Francis?« 8 „Gewiß, die allerletzte, theure Ellen,« verſicherte der Kapitän.„Aber Einmal muß ich meine Luſt noch büßen, Walfiſche harpuniren und die friſche Seeluft mit durſtigen Zügen athmen.“ »Sei es denn, ſei es,“« erwiederte die Frau.„Aber wie iſt ſo plötzlich der Entſchluß in dir entſtanden und reif geworden?“ »Oh, ganz einfach! Ich war im Hafen, und be⸗ trachtete die ſchöne Brigg Ellenor, Kapitän Becker, welche völlig ausgerüſtet und zum Auslaufen fertig dort vor Anker liegt. Ein herrliches Schiff und eine tüchtige Mannſchaft! Lauter wackere, wetterfeſte Bur⸗ ſchen, von denen Einige ſchon früher mit mir gefahren ſind. Ich beneidete den Kapitän Becker in tiefſter Seele und von ganzem Herzen, als auf einmal der Steuermann von der Ellenor— ich kenne den braven Mann von alter Zeit her— ganz niedergeſchlagen und traurig an mir vorüber ging. 4 7 „He, was gibt's John?“ rief ich ihn an. ‚Was fehlt Euch Mann?“. „Ach, Kapitän Griffin, ſagte er und faßte an ſeinen Hut. ‚Ein Unglück!“ „Was für ein Unglück, John? Wenn es kein Ge⸗ heimniß iſt, ſo...“ „Kein Geheimniß, Sir! fuhr der Burſche traurig fort. ‚Es iſt nur, daß Kapitän Becker nicht auslaufen kann. Er iſt gefallen und hat das Bein gebrochen. Nun liegt er zu Haus, und ſeine Frau weint und jammert, und die Ellenor liegt hier, und der Himmel mag wiſſen, was aus ihr werden ſoll. Kapitän Becker iſt ein ruinirter Mann, denn ſein ganzes Vermögen ſteckt in der Brigg da, und wo ſoll ich gleich den Käufer finden, der ihm Schiff und Ausrüſtung gegen baare Münze abnimmt?“ „Mir faͤhrt's wie ein Blitz durch den Kopf, liebes Weib,“ fuhr Kapitän Griffin fort.„Das war etwas für mich. Ich konnte meinen alten Freund Becker be⸗ ruhigen und ſorgenfrei machen, und zugleich mir ſelber helfen von dem brütenden Unmuthe, der mir ſo ſchwer auf der Seele laſtete. „„John,“ ſagte ich nach raſcher Ueberlegung. ‚Der Käufer iſt gefunden, und wird bei Heller und Pfennig die ganze Ausrüſtung bezahlen, ſo daß mein Freund Becker in aller Ruhe ſeine Geneſung abwarten kann.“ „„Das wäre ein großes Gluͤck für ihn und ſeine Familie, erwiederte der ehrliche Burſche ſeelenfroh. ‚Wer iſt der Mann, Sir, wenn ich fragen darf?“ „„Ich bin es ſelbſt, John!“ ſagte ich „Hurrah!e ſchrie er und ſchwenkte ſeinen Hut. ‚Und werden ſelber commandiren, Kapitän?“ 4 — ———õ——. —— »Verſteht ſich, ſagte ich. ‚Binnen heute und drei Tagen ſegeln wir! „ Nochmals und noch lauter ſchrie der wackere Junge ſein„Hurrah dem Kapitän Griffin!’ und wußte nicht Worte genug zu finden, ſeine Freude auszudrücken. Nun denn, ich ſchickte ihn endlich an Bord, damit er den Leuten das Nöthige mittheilen und Alles zur Ab⸗ fahrt vollends in Stand ſetzen ſollte, und ich ſelber ging zu meinem alten Becker, und machte mit wenigen Worten das Geſchäft ab. Der arme Kerl ſegnete mich und es fehlte nicht viel, ſeine brave Frau, hätte mir die Hand geküßt. Es that mir wohl, einem alten Freunde aus der Noth helfen zu können, und es kam mir faſt wie eine heilige Pflicht vor, ſelbſt wenn es nicht mit meinen eigenen Wünſchen übereingeſtimmt hätte. Ich denke, der liebe Gott wird ſeinen Segen dazu geben, und ſeinem Schutz vertrauend, will ich am dritten Tage von heute unter Segel gehen!« »Und mich nimmſt du mit, Vater,“ ſagte feurig Robert, welcher unbemerkt in das Zimmer getreten war und den ganzen Bericht des Kapitän's mit ange⸗ hört hatte.„»Mich nimmſt du mit, ich begleite dich, Herzensvater! Nicht wahr? Bitte, bitte!“ »Ei, warum nicht gar, närriſcher Junge,« antwor⸗ tete der Kapitän lächelnd.„Eine Polar⸗Fahrt iſt keine Vergnügungsreiſe, und du biſt auf alle Fälle noch viel zu jung für die Strapazen und Gefahren, die den Walfiſchjäger im hohen Norden erwarten.“ „Oh, Vater, ich bin jetzt fünfzehn Jahr und der ſtärkſte von allen meinen Kanieraden und Freunden,« erwiederte der kecke Knabe und richtete ſich ſtramm auf. 9 „Sieh' nur, wie groß und kräftig ich bin. Es gibt Schiffsjungen genug, vor denen ich mich nicht zu fürch⸗ ten brauche. Bitte, laß mich mitfahren, Vater! Es iſt deine letzte Reiſe, laß es meine erſte ſein. Ich will mich gewiß brav und tapfer halten, und nie klagen, was ich auch werde zu leiden und zu überſtehen haben!“ Mit ſichtlichem Wohlgefallen ruhte des Kapitäns Auge auf dem ſchlanken, friſchen Knaben, und faſt ſchien er Luſt zu verſpüren, ſeiner Bitte zu willfahren, als noch zu rechter Zeit die beſorgte Mutter dazwi⸗ ſchen trat. „Nein, Francis, das wirſt du mir nicht zu leide thun,“ ſagte ſie.„Es iſt genug des Kummers, daß ich dich auf viele Monate entbehren und mit Angſt im Herzen die Stunden bis zu deiner Rückkehr zählen ſoll, — du wirſt mir nicht auch noch den Knaben entführen und meine Leiden verdoppeln! Du wirſt das nicht thun, Francis!« „Nein, beruhige dich, liebes Weib,“ verſetzte der Kapitän mit einem Ausdrucke, der jeder Hoffnung des Knaben ein Ende machte.„Schlage dir das aus dem Sinn, Robert! Du biſt in der That noch zu jung, und trotz aller Geſundheit und Kräftigkeit, wofür wir Gott danken wollen, noch lange nicht abgehärtet genug für ſolche Reiſe. Und ſelbſt, wenn du es wäreſt, könnte ich dich nicht mit mir nehmen. Deine Mutter hat auch ein Recht auf dich, und wir dürfen ſte nicht betrüben. Kommt Zeit, kommt Rath! Es wird dir ſchon noch mancher Wind um die Naſe wehen, wenn — du mit Gottes Hülfe ein Seemann geworden bhiſt. „ Alſo kein Wort mehr von deinen thörichten Wünſchen. ffentlich Du bleibſt bei der Mutter, und wirſt ihr h zum Troſt und zur Freude gereichen, wenn ich fern von Euch bin!« »Ja, das hoffe ich,« ſprach die Mutter, und ſchloß den ſchlanken Knaben in ihre Arme.„Willſt du, daß ich mich zu Tode betrüben ſoll, Robert?« »Nein, Mutter, nein!“« verſetzte der Knabe warm und herzlich, als er die Thränen in ihrem Auge ſah. »Mein Wunſch war unüberlegt und voreilig! Verzeihe mir! Ich werde bei dir bleiben, und Beide werden wir beten für das Wohl des Vaters, und daß Gott ihn geſund in unſere Mitte zurückführen möge!“« „Das iſt geſprochen, wie es einem guten Sohne geziemt, und wie es mir Freude macht,“ ſagte Kapitän Griffin.„Um ſo ruhiger kann ich nun ſcheiden, da ich mich überzeugt habe, daß du ein verſtändiger Knabe biſt!« Die Lobſprüche des Vaters thaten Robert im Her⸗ zen wohl, und obgleich er gern mit ihm geſegelt wäre, in die fernen nordiſchen Regionen, von denen ihm der Vater ſchon ſo manches Merkwürdige erzählt hatte, ſo unterdrückte er dennoch kräftig jeden Wunſch und jede Betrübniß über die Vereitelung deſſelben, und zeigte der Mutter ein ruhiges und frohes Geſicht. Kapitän Griffin ordnete mittlerweile ſeine ſämmt⸗ lichen Angelegenheiten, unterſuchte auf das Genaueſte ſein Schiff, muſterte die Mannſchaft deſſelben, und be⸗ zeigte ſich äußerſt zufrieden damit. »„Du kannſt ganz ruhig ſein, liebe Frau,“ ſagte er zu ſeiner Gattin.„Ein beſſeres Schiff und eine tüch⸗ tigere Bemannung hat noch niemals eine Polarfahrt 4 angetreten. Wenn nun Gott mit uns iſt, ſo haben 1. wir nichts zu fürchten. Die Ausrüſtung iſt vortrefflich, 8 —y——— 11 für Proviant auf ein ganzes volles Jahr und länger hinaus geſorgt, und wir ſind mit Allem verſehen, was uns Schutz gegen die Grimmigkeit der nordiſchen Kälte verleihen kann. Ja, mein alter Freund Becker verſteht ſich darauf. Sogar für Hütten, ſchnell aufzuſchlagen, und warm und dicht, hat er geſorgt, und es fehlt nicht an Gewehren und Munition für den Fall des äußer⸗ ſten Unglücks, daß wir etwa Schiffbruch erlitten, oder im Eiſe einfrören. Ein Obdach würden wir haben, und die Jagd müßte uns mit den nothdürftigſten Le⸗ bensmitteln verſorgen. Indeß hoffe ich, daß alle dieſe Vorkehrungen überflüſſig geweſen ſein werden. Verlaß dich darauf, daß ich mit Vorſicht und Bedachtſamkeit zu Werke gehen, und nicht tollkühn mein Leben und das Leben meiner braven Mannſchaft in Gefahr brin⸗ gen werde. Ich bin vielleicht ſchneller wieder zurück, als du denkſt, und dann, will's Gott, werden wir uns nie wieder trennen!“. „Der Himmel gebe es, und verleihe dir ſeinen himmliſchen Beiſtand und Schutz,“ verſetzte die fromme Frau.„Ich werde die Tage zählen bis zu deiner Wiederkehr, und dich täglich in meine Gebete ein⸗ ſchließen.“ Der Tag der Abreiſe kam heran, und Kapitän Griffin begab ſich, begleitet von ſeiner Gattin und ſei⸗ nen Kindern, an Bord der ſchönen Brigg Ellenor. Er führte die Seinigen überall in dem Schiffe umher, zeigte ihnen, wie ſtark und feſt und zugleich wie leicht und zierlich es gebaut war, zeigte ihnen die anſehnlichen Proviant⸗Vorräthe, die Waſſerkammer, die reichliche Anzahl von Pelzen, welche den beſten Schutz gegen die Kälte zu geben verſprachen, die Nothhütten, und über⸗ haupt Alles, was die Zurückbleibenden beruhigen und tröſten konnte. In der That trug dies dazu bei, den Abſchied zu erleichtern. Der Kapitän umarmte ſeine Frau und ſeine Kinder, ein„Gott ſegne dich!« flüſter⸗ ten die Lippen,— die Zurückbleibenden ſtiegen in ein bereit gehaltenes Boot,— das Kommando auf dem Schiffe ertönte,— die Segel ſchwellten, und majeſtätiſch wie ein Schwan mit ausgeſpannten Fittichen, flog das ſchöne Fahrzeug über die Wellen dahin. „Gott führe es glücklich zurück!« betete Frau Griffin aus bewegtem Herzen, während ſie dem Schiffe mit feuchten Augen nachſchaute. Ihr Herz war nicht pöllig frei von bangen Sorgen und Ahnungen, aber ſie ſetzte ihr Vertrauen auf den Herrn, und legte ihr und der Ihrigen Schickfal kindlich fromm in des Ewigen Hand. Was Gott auch thun mochte, es war wohl gethan! Zweites Kapitel. Erwartung. Ein Monat nach dem andern verging, und jeden Tag betete Miſtreß Griffin zu Gott, daß er ihren Ge⸗ mahl beſchützen, und ihn wohlbehalten aus allen Ge⸗ fahren wieder in die Heimath zurück geleiten möge. Langſam ſchlichen ihr die Tage dahin, und mit banger Ungeduld harrte ſie der Zeit entgegen, in welcher ge⸗ wöhnlich die Walfiſchfahrer zurückzukehren pflegten. In 13 der Nacht ſchreckten ſie häufig wilde Träume von wuͤ⸗ thenden Stuͤrmen und zerſchmetternden Eisbergen aus dem Schlummer auf, und bei Tage konnte ſie oft ihrer Unruhe nicht Meiſter werden, bis ſie zuletzt endlich doch Alles wieder in Gottes Hände legen mußte. Robert indeſſen zeigte ſich ſtets ſorglos und wohlge⸗ muth. Er vergaß den Vater keineswegs, ſondern ſeine Gedanken waren, ganz im Gegentheil, faſt immerwäh⸗ rend mit ihm beſchäftigt; aber er gedachte Seiner nicht, wie die Mutter, in Sorgen und Angſt. Er las viel und mit beſonderer Spannung und Aufmerkſamkeit ſolche Bücher, deren Inhalt ihn mit den hohen nordiſchen Gegenden, ihren Eigenthümlichkeiten und Gefahren, ver⸗ traut zu machen geeignet war, und dabei ſchwebte ihm immer das Bild ſeines Vaters vor, wie er mit ent⸗ ſchloſſenem, kühnem Muthe und mit bewährter Seemanns⸗ Geſchicklichkeit alle Hinderniſſe zu überwinden, alle Ge⸗ fahren zu beſiegen oder zu vermeiden wußte. Oefters beſuchte er den Kapitän Becker, einen erfahrenen Wal⸗ fiſchjäger, wie er vom Vater gehört hatte, und ließ ſich von ihm erzählen, was nicht in ſeinen Büchern ſtand. Kapitän Becker, welcher ſeinem Freunde Griffin für deſſen kameradſchaftliches Benehmen ſehr dankbar war, plauderte gern mit dem Sohne deſſelben. Roberts munteres, offenes und aufgewecktes Benehmen gefiel ihm, es zerſtreute ihn während ſeines mehrwöͤchentlichen Krankenlagers, und gern theilte er ihm die vielfachen Erfahrungen und Erlebniſſe ſeiner früher unternommenen Polarfahrten mit. Auch als er wieder geſund war, liebte er es, den jungen wißbegierigen Burſchen um ſich zu haben, ließ ſich von ihm auf ſeinen Spaziergängen begleiten, beſuchte mit ihm den Hafen, beſtieg mit ihm — 14 manches Schiff, machte ihn mit der Einrichtung deſſelben bekannt, und freute ſich dabei der ſchnellen Faſſungs⸗ gabe ſeines aufmerkſamen jungen Freundes. Er ſetzte gewiſſermaßen den theoretiſchen Unterricht von Roberts Vater praktiſch fort, und Robert erlangte dabei, ſpielend gleichſam, eine ſo genaue Kenntniß vom Seeweſen, als 5 er bereits mehrere Seefahrten wirklich mitgemacht ätte. Als die Zeit allmählig herankam, wo die im Früh⸗ jahre ausgelaufenen Walfiſchfahrer Einer nach dem Andern ſchwer befrachtet mit Thran⸗Tonnen und Fiſch⸗ bein wieder in den Hafen einliefen, wurden die Be⸗ ſuche der beiden faſt unzertrennlichen Freunde daſelbſt immer häufiger, und faſt täglich zogen ſie Erkundigun⸗ gen bei den Kapitänen der ankommenden Schiffe ein, ob ſie nicht auf ihrer Reiſe den Kapitän Griffin mit der Ellenor angetroffen haͤtten? Man gab ihnen be⸗ reitwillig Red' und Antwort, denn Kapitän Becker kannte die meiſten Walfiſchfahrer perſönlich, aber die Ausbeute ihrer Erkundigungen und Nachforſchungen zeigte ſich im Ganzen doch nur ſehr gering und unbe⸗ deutend. Einer oder der Andere wollte wohl die Brigg Ellenor in der Ferne geſehen haben, aber geſprochen hatte den Kapitän Griffin Niemand. »Du brauchſt dich darüber nicht zu beunruhigen,« ſagte Kapitän Becker zu Robert.„Das Polar⸗Meer iſt groß und weit, und dein Vater ein kühner Seemann. Vermuthlich iſt er weiter nach Norden vorgedrungen, als alle übrigen Schiffe, und dies erklärt nicht nur, daß man ſo wenig von ihm geſehen hat, ſondern auch ſeine längere Abweſenheit und verzögerte Ankunft. Er wird vielleicht Einer der Letzten, wenn nicht gar der Letzte 15 ſein, der eintrifft, aber er wird gewiß auch eine höchſt werthvolle Schiffsladung mitbringen.“ Robert beruhigte ſich bei dieſen Andeutungen Ka⸗ pitän Beckers, und ſuchte mit ihnen auch die Beſorg⸗ niſſe der Mutter zu beſchwichtigen. Aber dies gelang ihm nur halb, und zuletzt, als die Jahreszeit immer weiter vorrückte, gar nicht mehr. Selbſt Kapitän Becker machte nachgerade eine bedenkliche Miene, und es wollte ihm gar nicht gefallen, daß nach und nach die Walfiſch⸗ fahrer immer ſpärlicher einliefen, und zuweilen mehrere Tage verſtrichen, bevor man wieder ein von Thran glänzendes Deck zu Geſicht bekam. Im December kam endlich das letzte Schiff aus dem Polar⸗Meere an, und es hatte kaum Anker geworfen, als Kapitän Becker und Robert auch ſchon mit einem Boote ſeitlings an⸗ liefen, und die Schiffstreppe zum Deck hinaufklimmten. „Was für ein Kapitän?“ fragte Becker. „Kapitän Carter!“ „Ach mein alter Carter! Ihm werden wir will⸗ kommen ſein, Robert.“ Sie ſuchten ihn auf und fanden nicht nur herzlichen Empfang, ſondern auch, was noch beſſer war, einige Auskunft über die Ellenor. Kapitän Carter hatte ſie und ihren Befehlshaber hoch im Norden, in der Nähe des Cap Thakeray getroffen, als er auf der Heimreiſe begriffen war, und ſogar einige Worte durch das Sprach⸗ rohr mit Kapitän Griffin gewechſelt. „Griffin rief mir zu,« ſagte er,„daß er in ſpäteſtens acht Tagen nachkommen wolle. Sein Schiff ſei zwar ſchon gut gefüllt, aber einen oder den andern Fiſch könne aufzutreiben.“ er wohl noch beiſtauen, und er hoffe ihn ſehr baldd ——yͤͤͤ nun wenigſtens, daß der Letzte, welcher den Kapitän * 16 »Und forderten Sie ihn nicht auf, Carter, ſich Ihnen anzuſchließen?“ fragte Kapitän Becker.. »Ei, gewiß,“ lautete die Antwort.„Aber Sie kennen ja Griffin,— was er einmal will, will er, und Nichts vermag ihn von ſeinen Entſchlüſſen abzu⸗ bringen. Auch war das Wetter ſchön, trotz der ſchon etwas vorgerückten Jahreszeit. So wünſchte ich ihm denn ‚Glück zue, und ſteuerte ſüdwärts, während er weiter kreuzte.“« „»Und wie wurde das Wetter ſpäter, Carter?« »Nun, gerade ſchlimm genug, daß ich mit genauer Noth noch das offene Fahrwaſſer erreichte. Einmal ſaßen wir ganz feſt in treibenden Eisſchollen, und wenn uns nicht ein friſcher Nordoſt frei gemacht hätte, lägen wir vielleicht noch da.“ „Das klingt bedenklich,“ ſagte Kapitän Becker kopf⸗ ſchüttelnd.„Wenn Griffin nur nicht zu lange gezögert hat. Er iſt wahrlich manchmal tollkühn.“« »Nun, man muß das abwarten, Becker,“ entgegnete Kapitän Carter.„Sie wiſſen ja, wie oft Wind und Strömung im Norden wechſeln, und von welchen un⸗ berechenbaren Zufällen zuweilen Wohl und Wehe eines Schiffes dort abhängt. Während ich im Eiſe feſtſaß, hatte Griffin vielleicht vollkommen freies Fahrwaſſer, und ſegelte bei gutem Winde. Hoffen wir, daß er in den nächſten Tagen mir nachkommt.“ Es ließ ſich weiter nichts thun, als zu hoffen und zu warten. Robert theilte der Mutter die im Ganzen doch guten Nachrichten des Kapitän Carter mit, und verlieh ihrem ängſtlichen Gemüthe dadurch wieder einige Ruhe und einigen Troſt. So viel wußte man doch 17 Griffin geſehen, ihn und das Schiff im beſten Stande und wohlbehalten getroffen hatte. Allerdings war ſeit⸗ dem eine geraume Zeit verſtrichen, denn Kapitän Carter hatte ſich unterwegs mehrere Wochen in beſonderen Geſchäften aufgehalten; gleichwohl flößten ſeine Aus⸗ ſagen Hoffnung ein, und erhielten die Zuverſicht auf⸗ recht, daß Kapitän Griffin endlich doch noch eintreffen würde. Indeß, auch der December verſtrich, und von der Ellenor brachte kein Tag eine weitere Kunde. Miſtreß Griffin gab ſich nun den traurigſten Be⸗ fürchtungen hin und wurde gänzlich muthlos. Viele Thränen weinte ſie um ihren Gemahl, da ſie ihn für immer verloren zu haben glaubte. „Das Schiff deines Vaters iſt untergegangen, Ro⸗ bert,“ ſagte ſie eines Tages ſchmerzlich,„und wir wer⸗ den nie ihn wiederſehen. Gott hat meine Gebete nicht erhört.“ Robert wußte nichts darauf zu antworten, aber Kapitän Becker, der eben eintrat und die letzten Worte der trauernden Frau vernommen hatte, kam ihm zu Hulfe. „Verzweifeln Sie nicht zu früh, Madame, und ſparen Sie Ihre Thränen noch vorkäufig auf,“ ſagte er gutmüthig und tröſtend.„»Für jetzt haben wir noch gar keine Urſache, ernſtliche Befürchtungen zu hegen. Es iſt ſchon öfter als einmal vorgekommen, daß Schiffe in den Polar⸗Meeren eingefroren ſind, daraus folgt aber noch ganz und gar nicht, daß ſie deßhalb mit Mann und Maus verloren geweſen wären. Gott bewahre! Und was nun vollends meinen Freund Griffin und die Ellenor anbetrifft, ſo können wir uns leidlich beruhigen. Griffin iſt kein Neuling und kennt alle Hülfsquellen, Hoch im Norden. 2 18 welche der hohe Norden darbietet, und die Ellenor habe ich ſelbſt ausgerüſtet, Madame. Für ſie ſtehe ich und verbürge, daß ſie Alles leiſten wird, was ein vernünf⸗ tiger Menſch von Holz und Eiſen verlangen kann. Geſetzt wirklich den Fall, ſie wäre im Eiſe eingefroren und müßte den Winter über vor Anker liegen bleiben, — was wäre dabei groß Gefährliches? An Proviant mangelt es nicht, und außerdem haben ſie auf dem Schiffe ſicherlich Walfiſch⸗Speck genug, um Jahre lang davon leben zu können. Ein Polar⸗Winter iſt freilich nichts ſehr Angenehmes, aber im Beſitze eines guten Schiffes und genügender Mund⸗Vorräthe wettert ihn ein tuͤchtiger Mann ſchon ab. Und Kapitän Griffin iſt ganz ein ſolcher Mann, will ich meinen!« »Aber wenn ſein Schiff untergegangen iſt, zwiſchen Eisſchollen zermalmt oder von ſtürzenden Eisbergen zer⸗ trümmert und begraben?« fragte Miſtreß Griffin mit Thränen in den Augen. „Wer ſagt uns, daß es ſo iſt?« erwiederte Kapitän Becker eifrig.„Warum ſollten wir gleich das Schlimmſte denken? Warum nicht ſo lange wie möglich das Beſte hoffen? Sie müſſen dieſe traurigen Ahnungen bekäm⸗ pfen, Madame! Wapitän Griffin iſt ein ganzer See⸗ mann,— vertraͤuen wir auf ſeine Erfahrung, ſeine Entſchloſſenheit, ſeine oft bewährte Tüchtigkeit. Warum „ſich unnöthiger Weiſe abängſtigen? Wir werden er⸗ leben, daß unſer Freund im Laufe des nächſten Som⸗ mers friſch und munter hier ankommt, und dann wollen wir Gott danken und froöhlich ſein. Einſtweilen aber, — vertrauen wir ſeinem allmächtigen Schutze!« Es gelang ihm, Miſtreß Griffin wenigſtens ſo weit zu beſchwichtigen, daß ſie in ihrem Herzen wieder der 19 Hoffnung Raum gab, und er verließ ſie weit ruhiger, als da er gekommen war. Alle faßten ſich in Ergebung und Geduld, und erſehnten mit Schmerzen die mildere Jahreszeit. Der Sommer kam denn auch, freilich ſehr langſam und zögernd für die heiße Ungeduld der Harrenden, aber er kam doch. Wieder liefen die Schiffe aus auf den Walfiſchfang, und wieder begannen Kapitän Becker und Robert ihre täglichen Wanderungen nach dem Ha⸗ fen, um der Ankunft der Ellenor entgegen zu ſchauen, oder Erkundigungen über ſie einzuholen. Aber der Som⸗ mer verging, die Tage wurden wieder kürzer, die Schiffe kehrten zuruͤck, der erſte Schnee fiel, und weder erſchien die Ellenor, noch wußte irgend Jemand Beſcheid über ſie zu geben. Die arme Miſtreß Griffin gab wieder jede Hoffnung auf, verzweifelte faſt, und beweinte ihren Gatten als einen Todten. Kapitän Becker hatte große Mühe, ſie nur einigermaßen aufrecht zu erhalten, und erſchöpfte ſich in Muthmaßungen, die der gebeugten Frau zum Troſte dienen konnten. „Ich gebe zu,“ ſagte er eines Tages zu ihr, als gerade die Winterſtuͤrme draußen heftig brausten und tobten, und klirrend an den Fenſtern rüttelten,— hich gebe zu, daß wir Urſache haben, nicht allzu feſte und ſichere Hoffnungen zu hegen, jetzt, da der zweite Som⸗ mer verſtrichen iſt, ohne unſeren Freund wieder zu bringen. Aber nimmermehr werde ich zugeben, daß wir alle und jede Hoffnung verlieren. Es ſind unzählige Möglichkeiten da, welche die Rückkehr des Kapitäns haben hindern können. Vielleicht iſt der Sommer nicht warm genug geweſen, um das Eis zu ſchmelzen, in dem die Ellenor eingefroren liegt. Vielleicht hat Kapitän 2 Griffin wohl gar das Schiff verlaſſen und über das Eis hin irgend eine Kolonie Grönländer oder Eskimo's aufgeſucht, wo er den Winter über zubringt. Vielleicht, — nun, es gibt noch viele Vielleicht, auf die wir un⸗ ſere Hoffnung ſtützen können. Jedenfalls dürfen wir noch nicht verzweifeln, ſondern müſſen eben noch ein wenig Geduld haben und warten!“ „Aber können wir nicht etwas noch Beſſeres thun 2 fragte Robert, welcher ſtillſchweigend und tief nachſin⸗ nend dageſeſſen hatte.„Wie nun, wenn der Vater das Schiff verloren, aber ſich ſelbſt und die Mannſchaft an das Land gerettet hätte? Dies iſt auch ein Vielleicht, das nicht jeder Möglichkeit widerſpricht. In einer Eis⸗ wüſte eingeſchloſſen, ohne Schiff, ohne andere Mittel, in mildere Gegenden zu gelangen, kämpft und ringt er wohl gar mit Hunger und Kälte, und das Einzige, was ihn aufrecht erhält, iſt vielleicht die Hoffnung, daß unſere Liebe uns antreiben würde, ihn aufzuſuchen und aus ſeiner ſchrecklichen Lage zu befreien. Oh, Mutter, wenn es ſo wäre! Der Gedanke läßt mir keine Ruhe mehr. Es iſt mir, als ob der Vater nach mir riefe und die Hände nach mir ausſtreckte. Mutter, wir müſſen etwas thun! Ewige Vorwürfe würde ich mir machen, wenn wir müſſig die Hände in den Schooß legen wollten!“ „Beim Himmel, der Junge hat recht!« rief Kapi⸗ tän Becker aus, während ein neuer Hoffnungsſtrahl aus den Augen der ſorgenvollen Mutter blitzte.„Ja, das iſt allerdings auch ein Vielleicht, das ſich hören läßt. Gott ſei Dank, Madame, Sie ſind reich genug, um die Koſten nicht ſcheuen zu müſſen, und ich,— Goddam, ein ſchlechter Freund wäre ich, wenn ich nicht halten? War es nicht wirkich eine Pflicht, wa he d 21 bereit wäre, mein Beſtes für Griffin zu thun! Ja, Madame, Sie kaufen ein Schiff, und ich werde es aus⸗ rüſten und das Kommando übernehmen. Sobald der Frühling in's Land kommt, gehen wir an's Werk, und ich will nicht ruhen, bis ich das ganze Polar⸗Meer durchforſcht und meinen alten Freund aufgeſtört habe. Es iſt nur eine Pflicht der Dankbarkeit, die ich erfülle, denn wenn Griffin mir nicht hätte aus der Noth helfen wollen, wäre er vielleicht gar nicht auf den Einfall gekommen, gerade auf den Walfiſchfang auszufahren. Abgemacht, Madame! Nächſtes Frühjahr ſuche ich Griffin auf, und Gott wird geben, daß ich ihn finde!« „»Und ich begleite Sie natürlich, Kapitän Becker!« ſagte Robert lebhaft und voller Feuer. Seine Augen glänzten und ſeine Wangen glühten von den edlen Em⸗ pfindungen, welche ſein Herz ſchwellten.„Oh, dieſes Gluck, dieſe Seligkeit, den Vater zu finden, und ihn vielleicht aus tödtlicher Gefahr, aus Noth und Elend zu befreien! Du wirſt mich nicht hindern, mich nicht zurückhalten wollen, Mutter! Wenn Einer die Pflicht hat, den Vater zu ſuchen, ſo bin Ich es, ſein Sohn!« Miſtreß Griffin ſaß ſtill und kämpfte einen ſchweren Kampf mit ſich ſelber. Gewiß war ſie mit Freuden bereit, die größten Opfer zu bringen, um ihrem Gemahl zu Hülfe zu kommen;— aber ſollte ſie auch den Sohn allen jenen ſchrecklichen Gefahren preisgeben, denen der Vater vielleicht ſchon unterlegen war? »Nein! Nein! Nein!“ rief ihr Mutterherz. Aber auf der anderen Seite, durfte ſie ihn zurück⸗ Robert zu erfüllen forderte? Er war jetzt kein mehr, ſondern ein kräftiger Jüngling voll Muth, Feuer 22 und Entſchloſſenheit, wohl fähig und geeignet, der Ge⸗ fahr zu trotzen und Widerſtand zu leiſten. Sein Herz trieb ihn, es war ein edler Zweck, den er verfolgte,— das Mutterherz mußte ſchweigen. „Wohlan, mein Sohn,“ ſagte ſie endlich mit zittern⸗ der Stimme, und legte ihre gefalteten Hände auf ſein Haupt,—„ziehe hin, und Gott, der Herr, ſei mit dir! Nein, ich wehre dir nicht, und halte dich nicht zurück, denn es gilt deinen Vater! Gott wird mich ſtärken und mir Kraft geben, deine Abweſenheit zu er⸗ tragen! Gott wird Erbarmen mit mir haben! Gott wird mir nicht den Gatten und zugleich den Sohn vom Herzen nehmen! Ziehe hin, mein Kind! Und Sie, Kapitän, wachen Sie über ihn und hüten ihn. Sie ſind ein wahrer Freund, Ihnen vertraue ich meinen Sohn an!“ „Das können Sie, Madame! Das dürfen Sie!“ erwiederte der wackere Mann treuherzig.„Ich ſchwöre Ihnen, ich will über ihn wachen, wie über meinen Augapfel, und kein Unglück ſoll ihn treffen, wenn es ein Menſch verhüften kann. Es iſt brav von Robert, daß er nicht müſſig zu Hauſe ſitzen und zuſehen will, wie Andere ſeinem Vater zu Hülfe eilen. Ich würde mich in ihm getäuſcht haben, wenn er das über's Herz hätte bringen können. Er thut ſeine Pflicht, und dies iſt genug, um alles Andere ſchweigen zu machen. Ja, Robert, wir ſegeln, ſobald es die Jahreszeit geſtattet, und mein Herz ſagt mir, daß wir nicht unverrichteter „Dinge zurückkehren werden. Hoffen Sie, Madame! Gott wird mit uns ſein, und uns die Wege bahnen zu ihm, den wir ſuchen!“ „Ich hoffe es und vertraue auf Ihn!“ ſagte die Mutter ergeben und mit ſtiller Demuth.„Wir ſtehen in der Hand des Höchſten,— möge Alles geſchehen nach Seinem Willen!“ Drittes Kapitel. Auf nach Norden. V— 2 Sofort und ohne alles Zögern traf Kapitän Becker die nöthigen Vorbereitungen zu der in Ausſicht ſtehen⸗ den Reiſe, und Miſtreß Griffin ſpendete freigebig und mit vollen Händen die erforderlichen Geldmittel. Sie war reich genug, daß ſie nicht zu ſparen brauchte, aber auch den letzten Schilling ihres Vermögens würde ſie mit Freuden geopfert haben, wenn es eines ſolchen bedurft hätte. Kapitän Becker kaufte zunächſt ein Schiff, wie es ſeinen Zwecken am beſten entſprach, und rüſtete es ſorgfältig mit Allem aus, was möglicher Weiſe ge⸗ braucht werden konnte. Das Schiff war nicht groß— weil ein kleineres Schiff lenkbarer iſt, als größere Fahrzeuge, und eben deßhalb den eigenthümlichen Ge⸗ fahren des Eismeers beſſer ausweichen kann,— aber von ungewöhnlich feſter Bauart war es, und ſein Rumpf buchſtäblich verdoppelt, um ihn fähig zu machen, den Druck der mächtigen Eismaſſen erfolgreich auszu⸗ 5 halten. An den Außenſeiten vom Vorderbug bis zum 4 Segelbalken verſah man das Schiff mit ſtarken Eiſen⸗ 24 ſtreifen. Das Verdeck war doppelt und durch eine Zwiſchenlage von getheertem Filz waſſerdicht gemacht. Im Innern war es vollſtändig mit Korkplatten aus⸗ gekleidet, um der furchtbaren Polen⸗Kälte möglichſt das Eindringen zu verwehren,— kurz, es wurde ſo voll⸗ kommen ausgerüſtet, wie Vorſicht und menſchlicher Scharfſinn, verbunden mit gediegener Erfahrung, dies zu bewerkſtelligen vermögen. Die Ladung des Schiffes beſtand außer den nöthi⸗ gen Pelzen und anderen Kleidungsſtücken, welche der Mannſchaft Schutz gegen die Kälte gewähren ſollten, hauptſächlich aus luftdichten Blechkapſeln, welche mit ſorgfältig zubereiteten Nahrungsmitteln gefüllt waren. Hinſichtlich dieſes Proviantes und verſchiedener anderer Vorräthe, welche der Bemannung des Schiffes Schutz gegen das verheerende Uebel des Skorbutes verleihen konnten, ſcheute Kapitän Becker keine Koſten, denn er wußte wohl, daß er durch geſunde und kräftige Nah⸗ rung die Geſundheit ſeiner Leute zu erhalten vermochte. „»Wundern Sie ſich nicht über die ungeheure Maſſe der Vorräthe,“ ſagte er zu Miſtreß Griffin.„Es könnte ſehr leicht kommen, ja es iſt ſogar hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß wir einen Winter im Eismeer zubringen müſſen, und gegen dieſen Fall müſſen wir geſichert ſein. Auch könnten die Nahrungsmittel, welche ſich in den Blechkapſeln Jahre lang ſo friſch erhalten, als ob ſie eben erſt aus dem Kochofen genommen wären, meinem Freunde Griffin, wenn wir ihn auffinden, höchſt ge⸗ legen kommen, denn ich zweifle zum Beiſpiel ſehr da⸗ ran, daß er ſich in der Nähe des Nordpols wird friſche Gemüſe verſchaffen können, welche ſich ſo wirk⸗ ſam gegen den Skorbut erweiſen. An Fleiſch mag es ihm nicht fehlen, aber grüne Bohnen und Kohl wachſen nicht auf dem Polen⸗Eiſe!“ „Kaufen Sie, Kapitän Becker, immer kaufen Sie,“ erwiederte Miſtreß Griffin lebhaft.„Ich verlange, daß Sie ohne alle Rückſicht auf meine Kaſſe zu Werke gehen, denn es fehlt mir, Gott ſei Dank, nicht an Mitteln, ſogar verſchwenderiſch zu werden. Sorgen Sie für Alles doppelt und dreifach, Kapitän! Um ſo ruhiger kann ich Sie dann mit meinem Robert ziehen laſſen!“ Kapitän Becker ſchonte denn auch wirklich nichts, und als nun der Frühling endlich kam mit ſeinen mil⸗ deren Lüften, war die Hoffnung,— dieſen Namen hatte Miſtreß Griffin dem Schiffe gegeben,— ſo voll⸗ ſtändig mit Allem verſehen, daß man im Nothfalle die Reiſe auf drei, vier Jahre hinaus ausdehnen konnte, ohne Mangel an irgend einem Bedürfniſſe fuͤrchten zu müſſen. Mit ruhiger Zuverſicht konnte deßhalb Kapi⸗ tän Becker der Zukunft in's Auge ſchauen, und ſein Vertrauen flößte auch der Miſtreß Griffin Muth und Hoffnung ein. Obgleich ihr das Herz blutete, und ihre Thränen reichlich floßen, als nun der Augenblick des Scheidens von ihrem geliebten Sohne gekommen war, ertrug ſie dennoch die Trennung mit größerer Faſſung und Standhaftigkeit, als ſie geglaubt hatte. Sie umarmte Robert und ſegnete ihn. Dem Kapitän Becker legte ſie noch einmal die Sorge um Robert ein⸗ dringlich an's Herz, und der Kapitän gab ihr in ſeiner ehrenfeſten, treuherzigen Weiſe die beruhigendſten Zu⸗ ſicherungen. Robert küßte ſeine Mutter und Schweſter Lucie, dann machte er ſich los und folgte dem Kapitän an den Hafen, wo ein Boot für ſie bereit lag, um ſie 4 26 an Bord der Hoffnung zu bringen. Mutter und Schweſter wollten ihn, wie früher den Vater, begleiten, Kapitän Becker gab es aber nicht zu, damit der Schmerz des Abſchiedes nicht noch einmal erneuert werde. Ein letztes„Lebewohl“ und„der Himmel ſei mit Euch und ſchütze Euch!« und Robert nebſt ſeinem Begleiter, waren in dem Gewuͤhl der Menge ver⸗ ſchwunden, welche ſich in den Straßen von New⸗York drängte. Die heißeſten Segenswünſche und Gebete der Mutter und Schweſter folgten ihnen nach. »Nun denn, Robert, das wäre überſtanden,“« ſagte Kapitän Becker, als Beide auf Deck der Hoffnung ſtiegen,„und es iſt nicht das Leichteſte von Allem, was wir noch werden überſtehen müſſen. Scheiden thut weh! Aber nur Muth, mein Junge! Wir befinden uns auf einem graden Wege, dem Wege einer heiligen Pflicht, und auf ſolchem Wege wird der allmächtige Gott überall mit uns ſein. Nur Muth, Robert! Dies ſei von jetzt an unſer Beider Wahlſpruch, und er wird uns Kraft und Ausdaner auch in den bedenk⸗ lichſten Lagen und Umſtänden gewähren. Ich verhehle dir nicht, Robert, und habe dir nie verhehlt, daß wir muthmaßlich, ja gewiß, ſchwere Mühen und Leiden werden ertragen müſſen, und daß wir Gefahren ent⸗ gegen gehen, gegen welche weder Klugheit, noch Ge⸗ ſchicklickkeit, gegen welche nur Gottes Beiſtand und ſtarke Hand uns ſchützen kann. Darum frage ich dich wohlmeinend zum letzten Male: Biſt du auch wirklich freudig bereit, Alles zu dulden und zu ertragen, und ſelbſt Untergang und Tod nicht zu ſcheuen, wenn es die Rettung deines Vaters gilt? Noch iſt es Zeit, noch kannſt du zurücktreten, dort ſchaukelt noch das Boot, 27 das dich in fünf Minuten an das ſichere Land zurück⸗ führen wird, wenn du über deinen Entſchluß die min⸗ deſte Reue verſpüren ſollteſt,— darum entſcheide dich, ſo lange es noch Zeit iſt!« „Oh, Kapitän!“« entgegnete Robert mit einem vor⸗ wurfsvollen Blicke.»Welche elende Feigheit trauen Sie mir zu. Sehen Sie unſere Leute an, ſie wagen für weniges Geld ihr Leben, und ich, ich ſollte mich ſcheuen und feige zurückweichen? Das können Si unmöglich von mir denken 19 „Die Leute da erfüllen nur ihren Berufe ellbie derte Kapitän Becker. 4 „Und ich nur meine Pflicht, die einfache, chlichte Pflicht eines Sohnes, der ſeinen Vater liebt, ſagte Robert.„Nein, ich bitte, kein Wort mehr, Kapitän! Sie werden mich immer an Ihrer Seite finden, wenn es gilt, Tod und Gefahr kühn die Stirne zu bieten! Nur immer Muth! Nur Muth, Kapitän! Es iſt Ihr Wahlſpruch, er ſei auch der meinige!« „Brav, mein Junge!“ antwortete Kapitän Becker, und rieb ſich vergnügt die Hände.„Du ſprichſt genau ſo, wie ich es erwartet habe, nur hielt ich es für meine Schuldigkeit, dir im letzten entſcheidenden Augen⸗ blicke noch einmal die Wahl frei zu laſſen. Du haſt dich, meiner Anſicht nach, für das Beſte entſchieden, und ſo denn nun, in Gottes Namen, vorwärts. Auf Eure Poſten, Leute!“ Die Mannſchaft gehorchte, der Kapitän gab mit ruhiger, feſter Stimme ſeine Befehle, und nach wenigen Minuten gliet die Hoffnung mit geſchwellten Segeln aus dem Hafen in die hohe See hinaus. 3 4 Die Fahrt ging anfänglich glücklich von ſtatten. N Nach ein paar Tagen aber wurde die Hoffnung von einem heftigen Sturm überraſcht, welcher die Geſchick⸗ lichkeit und Tüchtigkeit der Mannſchaft auf keine ge⸗ ringe Probe ſetzte. Aber ſchon bei dieſer erſten Ge⸗ legenheit zeigte es ſich, daß Kapitän Becker ſeine Leute gekannt, und nur ganz tüchtige und erfahrene Männer an Bord genommen hatte. Lieutenant Lowell, ein jun⸗ ger Mann von einigen zwanzig Jahren, ſtand ihm ährend der ganzen Daer des Sturmes treu und ttlos zur Seite. e Steuerleute Wilſon und ey bewährten ſich als wackere Männer auf ihrem en, und die ganze übrige Mannſchaft that uner⸗ ſchrocken und unverdroſſen ihre Pflicht. Selbſt Doktor Hayes, der Schiffsarzt, welcher Kapitän Becker aus Rückſicht auf die Geſundheit der Leute mitgenommen hatte, zeigte ſich während des Sturmes thätig, und half, wo er irgend Hülfe leiſten konnte; und was Robert anbetrifft, ſo blieb er natürlich nicht zurück. Der Sturm dauerte volle drei Tage, aber als er end⸗ lich wieder in einen guten, ſteten Wind umſchlug, zeigte es ſich, daß die Hoffnung ihn vortrefflich abgewettert hatte, und nicht den geringſten Schaden weder an Rumpf noch an Tau⸗ und Segel⸗Werk gelitten hatte, ein glücklicher Umſtand, welchen man hauptſächlich, nächſt der Umſicht und kalten Unerſchrockenheit der Offtziere, der Tüchtigkeit, Kühnheit und Ausdauer der Mann⸗ ſchaft verdankte. „Es ſind wackere Leute, brav und willig,« äußerte Kapitän Becker mit zufriedener Miene gegen Robert und Lieutenant Lowell, als er im Begriff war, zum erſten Male wieder ſeit achtundvierzig Stunden in ſeine Kajüte zu gehen und einen kurzen, erquickenden Schlum⸗ 29 8 mer zu genießen.„Wirklich wackere Leute, an denen man Freude haben, und in die man volles Vertrauen ſetzen kann. Mit ſolchen Männern braucht man die Schrecken des Polarmeeres nicht ſehr zu fürchten!“ Die Nachrichten, welche Kapitän Becker zuletzt über ſeinen Freund Griffin erhalten hatte, beſtimmten natürlich die einzuſchlagende Richtung. Der Plan, welchen man zur Aufſuchung der Ellenor oder ihrer Mannſchaft entworfen hatte, war einfach. Man wollte in der milderen Jahreszeit ſo hoch wie möglich gegen Norden vordringen, überall nach Spuren der Ver⸗ ſchwundenen ſuchen, bei den Eingebornen Wen ſande⸗ den Eskimo's, nach ihnen forſchen, und nöthigen Fall's ſelbſt den Winter in dem unwirthlichen Lande zubrin⸗ gen. Man war darauf vollkommen vorbereitet und 4 eingerichtet. Irgend ein geeigneter Ort ſollte dazu ausgewählt werden, um eine förmliche, kleine Nieder⸗ laſſung zu begründen. Man wollte ſich Hütten, nach Art der Eskimo's bauen, und von hier aus Streifzüge zu Lande nach verſchiedenen Richtungen zu veranſtalten. Kapitän Becker war der Anſicht, daß dieß der einfachſte und ſicherſte Weg wäre, die Verlornen ausfindig zu 3 machen, wenn ſie noch am Leben ſeien, und er ver⸗ ſprach ſich beſonders von dem Verkehre mit den Ein⸗ gebornen die günſtigſten Erfolge. Ein Schiff, wie die Ellenor, konnte nicht leicht unbemerkt geblieben ſein, wenn es irgendwo in einem Hafen an der Küſte einen Zufluchtsort geſucht und gefunden hatte, und die Es⸗ kimo's, dieſe Nomaden des Nordens, welche bei ihren Jagdzügen oft weite Länderſtrecken durchſtreifen, konnten hoffentlich die beſte Auskunft ertheilen.“ Man näherte ſich nach einer dreiwöchentlichen Fahrt 30 der Küſte von Grönland, und Kapitän Becker hoffte in den nächſten Tagen ſchon den Hafen von Fiskernäs, eine däniſche Hauptſtation für den Fang und die Be⸗ reitung des Stockfiſches, zu erreichen, als ein eigen⸗ thümlicher Vorfall ihn veranlaßte, von der geraden Richtung dahin abzuweichen. Robert ſtand eines Morgens auf dem Maſtkorbe und durchforſchte mit einem trefflichen Fernrohre die weite Fläche und den Horizont des Meeres. Er be⸗ merkte nichts Außergewöhnliches. Einige mächtige Eis⸗ berge ſchwammen weit in der Ferne, aber weder ein fremdes Segel, noch die Spur von irgend einer Küſte war zu entdecken. Schon wollte er, des fruchtloſen Spähens müde, wieder auf das Deck hinabſteigen, als er bei einem letzten, flüchtigen Blicke über die Meeres⸗ wüſte einen kleinen, dunklen Gegenſtand bemerkte, den er ganz zuerſt für einen Walfiſch zu halten geneigt war. Als er ihn aber ſchärfer in's Auge faßte, wurde er zweifelhaft. Der Gegenſtand blieb unbeweglich auf derſelben Stelle liegen, wo er ihn zuerſt geſehen. Wenn es ein Walfiſch war, ſo konnte es höchſtens der Leichnam eines Solchen ſein. Robert ſchaute und ſchaute noch einmal, und ploͤtz⸗ lich ſchien es ihm, als ob eine Art von Flagge über dem fremdartigen Dinge hin und her geſchwenkt würde. Er richtete das Glas ſo ſcharf als möͤglich, und ein heller Sonnenblick, der jetzt gerade den wolkenſchweren Himmel durchbrach, begünſtigte ſeine Forſchung. Es war richtig,— in dem ſchwarzen Punkte zeigte ſich Leben zund Bewegung, obgleich Robert ihn nur unvollkommen beobachten und nicht genau die Beſchaffenheit deſſelben erkennen konnte. Aber ſeine Neugierde war auſ's 31 Höchſte erregt, und er rief den Kapitän Becker an, welcher mit Lieutenant Lowell auf dem Hinterdeck hin und her ſpazierte. „Sehen Sie doch, Kapitän,« ſagte er,„dort in Nordweſt ſchwimmt ein ſeltſames Ding, aus dem ich nicht klug werden kann. Iſt es ein Fiſch, ein großer Vogel, ein Stück Holz oder ein kleines Boot? Ich vermag es nicht genau zu erkennen.“ Kapitän Becker ſchaute nach der bezeichneten Rich⸗ tung, ſah aber mit unbewaffnetem Auge nichts. Lieu⸗ tenant Lowell brachte ihm ſchnell das beſte Fernrohr, welches an Bord befindlich war, und der Kapitän hatte es kaum an das Auge gebracht, als er einen Ausruf der Ueberraſchung laut werden ließ. „Es iſt ein Kajak!“ rief er.»Und weiß Gott, ich glaube, es ſitzt ein Menſch darin, der Nothzeichen macht!“ 3 „Ein Kajak? Was iſt das, Kapitän?“ fragte Ro⸗ bert, der mittlerweile auf das Deck hinabgeklettert war. „Ein Kajak iſt ein leichtes Boot, deſſen ſich die Eskimo's bedienen, wenn ſie auf den Fiſchfang gehen, oder weitere Reiſen auf dem Meere machen,“ erwiederte der Kapitän.„Es beſteht aus nichts, als aus einem leichten Rahmenwerk in Geſtalt eines Kahnes, das ſorgfältig mit ſtraff angeſpannten Seehundshäuten über⸗ zogen iſt. Mit Ausnahme eines faſt in ſeiner Mitte befindlichen runden Loches, in welchem der Ruderer ſitzt, iſt das Kajak überall luft⸗ und waſſerdicht. Bei ſeiner Leichtigkeit gleitet es ungemein ſchnell über das Waſſer, und ich kann nicht begreifen, warum jenes Ding dort ſo unbeweglich wie ein Stück Holz auf den Wellen liegt.“ „Dem armen Menſchen, der darin ſitzt, iſt vielleicht ein Unfall begegnet,“ ſagte Robert mitleidig.„Er winkt immer noch mit ſeiner Nothflagge, die aus, Gott weiß was, beſteht. Wir müſſen ihm zu Hülfe kom⸗ men, Kapitän!“ „Ja, gewiß,“ antwortete Kapitän Becker,—„ob⸗ gleich das Ding ganz und gar außer unſerem Kurs liegt. Der arme Teufel ſchwenkt verzweifelt ſeine Jacke aus Seehundsfell. Auf mit dem Steuer! Ja, ja, wir wollen ihn nicht ſeinem Schickſale überlaſſen! Er muß ſein Ruder zerbrochen oder verloren haben, ſonſt wäre er ſchon wie eine Moͤve auf uns zu geflogen!“« Der Steuermann gehorchte ſchnell dem Befehle des Kapitän's, das Schiff glitt mit dem Vorderbuge herum, die Matroſen brachten die Segel vor den Wind, und die Hoffnung flog in gerader Richtung auf den fremden Gegenſtand zu. „Es iſt ſchon ſo, wie ich mir gedacht habe,“ nahm der Kapitän, welcher das Kajak fortwährend durch das Fernrohr beobachtete, von Neuem das Wort.„Er hat kein Ruder, der arme Burſche, und befindet ſich deß⸗ halb in einer ſehr hülfloſen Lage. Er wird ſeinem Gotte danken, daß wir ihn bemerkt haben und ihm zu Huͤlfe kommen. Ah, er ſieht uns jetzt ſchon näher kommen, denn er ſchwenkt ſein Signal nicht mehr! Nun, freue dich, armer Kerl, daß es dir beſſer ergeht, wie manchem andern Mann, der in einem elenden, ſchwachen Kajak ein Spiel von Wind und Wetter ge⸗ worden iſt. Es kommt gar nicht ſelten vor, daß die Leute in den leichten Dingern verunglücken!“ 1 „Mich wundert nur, daß ſie ſich damit ſo weit in's offene Meer hinaus wagen,“ ſagte Robert. —— — -— 3³3 „Ja, ja, ſie ſind Wagehälſe, dieſe Burſche,“ ſprach der Kapitän weiter.„Aber wenn ſo ein Eskimo ein⸗ mal drin in ſeinem Kahn ſitzt, deſſen Rand er feſt um ſeine Hüften guͤrtet, wenn er in ſeinen waſſerdichten Anzug von Robbenfell gehüllt iſt, der eng um den Hals anſchließt, und dann ſeine Ruderſtange ergreift, die an beiden Enden mit Ruderblättern verſehen iſt, dann glaubt er ſich ſo ſicher, wie die Möͤve, die auf ihren Fittichen über die Wellen hin ſchießt. Und doch, welchen Gefahren ſind die Armen fortwährend preisge⸗ geben! Zwei boſe Feinde ſind es beſonders, die ihnen oft den Untergang bereiten, das Treibeis nämlich und das Treibholz. Ein einziger Zuſammenſtoß, der oft ganz unvermeidlich iſt, zerreißt den dünnen Ueber⸗ zug des Kajak's, und ſein Führer, feſt eingekeilt in ſein elendes Fahrzeug, muß ohne Gnade zu Grunde gehen, und ſein Kajak wird zugleich ſein Sarg. Ich erinnere mich von meiner letzten Reiſe in dieſe Gegen⸗ den her, die ich vor vier Jahren machte, eines trauri⸗ gen Ereigniſſes. Drei Eskimo's fuhren in Geſellſchaft auf den Fiſchfang aus. Ihre Kajak's waren gut und ſeetuchtig. Sie wollten nach etlichen Tagen von ihrem Ausfluge zurückkehren, aber Wochen vergingen, ehe man von ihrem Schickſale irgend eine Kunde vernahm. Endlich, eines Tages, kehrten ſie zurüͤck,— aber todt. Zwei Kajaks wurden von dem Winde an die Küſte getrieben. In Jedem ſaß ein Eskimo erfroren oder verhungert. Beide Fahrzeuge waren feſt an einander gebunden, und zwiſchen ihnen kniete ſtarr und ſteif der dritte Eskimo, welcher vermuthlich ſein Kajak durch eeiinen Zuſammenſtoß mit Treibeis verloren hatte, und ieſe Weiſe von ſeinen Kameraden gerettet werden im Norden. 3 ſollte, indem ſie ihn in ihre Mitte nahmen. Verſchiedene Spuren zeigten, daß ſie zwiſchen Treibeis gerathen ſein mußten. Wahrſcheinlich hatten ſie keinen Ausweg fin⸗ den können, und waren ſo vor Hunger und Kälte um⸗ gekommen. Ihr Schickſal erregte allgemeine Theilnahme, und ſie wurden mit größter Feierlichkeit begraben. „»Anderen ergeht es zuweilen beſſer,“ fuhr er fort. „Eskimo's, die ihre Huͤtten mit dem Kajak und dem Schlitten verließen, wurden als Todte betrauert, bis nach Jahren Kunde durch die Walfiſchfahrer einlief, daß ſie noch am Leben ſeien, und nach unerhörten Mühen und Anſtrengungen die unbekannten Gegenden des Weſtens erreicht hatten. Ja, die armen Teufel müſſen zuweilen viel ausſtehen. Vor fünf oder ſechs Jahren fuhren ein Paar Eskimo's in ihren Schlitten auf die Robbenjagd aus. Die große Eisebene bildete eine ununterbrochene Fläche von der grönländiſchen Küſte abwärts, ſo weit das Auge reichte. Mitten in der Nacht erwachte der Eine aus ſchwerem Schlafe auf, und be⸗ merkte, daß der Wind nach Oſten umgeſprungen war. Er wehte ſanft und konnte noch nicht lange eingeſetzt haben. Beide ſchirrten ſogleich ihre Hunde an, trieben ſte zur größten Eile, und ſuchten die Küſte wieder auf, welche ſie verlaſſen hatten. Zu ſpät! Eine breite Kluft von offenem Waſſer lag ſchon zwiſchen ihnen und dem rettenden Strande. Ein Tag verging in hoffnungs⸗ loſer, wahnſinniger Verzweiflung. Ein Sturm erhob ſich, ein vom Lande wehender Suͤdoſt. Der Nebel ſtieg auf, der Wind wehte fortwährend aus Oſten, das Land war verſchwunden.. „Die beiden Eskimo's ſchirrten die Hunde wieder an und wendeten ſich weſtwärts, hundert und dreißig — 35 pfadloſe Meilen Eis vor ſich. Am dritten Tage konn⸗ ten die Hunde nicht weiter, und Einer der Eskimo's erlag den unſäglichen, grauſamen Leiden, welche ſie aus⸗ ſtehen mußten, der Andere konnte nicht verhindern, daß die ausgehungerten Hunde ſich an dem Fleiſche ſeines todten Gefährten ſättigten. Hätte er ſie hindern wollen, würden ſie ihn ſelber vielleicht zerriſſen haben. Die ſchreckliche Mahlzeit ſtärkte die Thiere. Der Eskimo ſetzte ſeine Reiſe fort, und erreichte endlich lebend die nordamerikaniſche Küſte in der Nähe der Kaufmanns⸗ bucht. Viele Jahre ſpäter erſt gelangte dieſe Kunde auf einem Umwege nach der grönländiſchen Nieder⸗ laſſung. Der Mann hatte ſich verheirathet, eine neue Heimath, ein neues Vaterland gefunden, und wollte nicht zurückkehren. Aber die Schilderung ſeiner ausge⸗ ſtandenen Leiden ſoll herzergreifend geweſen ſein.“ Ein lauter Zuruf vom Meere aus unterbrach jetzt den Kapitän, über Bord ſchauend, gewahrte man das einſame Kajak, in deſſen unmittelbare Nähe man mitt⸗ lerweile gelangt war. Ein junger Menſch, ein Eskimo, dem Anſcheine nach neunzehn oder zwanzig Jahre alt, ſaß darin, und ſtreckte flehend ſeine Arme den Rettern entgegen. Er ſah ſehr bleich und elend aus, und die hellen Thränen liefen über ſeine Wangen. „»Muth, mein Junge!“ rief der Kapitän freundlich ihm zu.„Deine Leiden werden in wenigen Minuten zu Ende ſein. Helft ihm, Leute! Bringt ihn und ſein Kajak an Bord! Uebergebt ihn dem Doctor, und wenn er ſich erholt hat, ſo bringt ihn in meine Kajüte, da⸗ mit wir erfahren, wie er in ſeine hülfloſe Lage gera⸗ hen iſt.« Mehrere Leute von der Mannſchaft Kilien. dem 36 Befehle zu gehorchen, und nach etlichen Minuten befand ſich der Eskimo an Bord, aber in einem faſt ohnmäch⸗ tigen Zuſtande, welcher den Beiſtand des Doctors er⸗ forderlich machte. Robert nahm ſich des armen Burſchen freundlich an, und ſeinen und des Doctors Bemühungen gelang es bald, den Ohnmächtigen wieder in's Leben zurückzurufen. Man reichte ihm, da er ſehr ausge⸗ hungert war, Speiſe und Trank, und überließ ihn dann einem erquickenden Schlummer, welcher ſeine Kräfte vollends wiederherſtellte. Am folgenden Morgen konnte er von Robert zum Kapitän gefuͤhrt werden, der ihn mit ſeinem gewöhnlichen Wohlwollen empfing. „Nun, mein Sohn,“ ſagte er,„du ſcheinſt nicht die beſte Fahrt gehabt zu haben, wie der Zuſtand bezeugt, in welchem wir dich auffiſchten. Wie heißt du?« „Hans Chriſtian aus Fiskernäs an der Küſte von Grönland,“ erwiederte der Burſche. „Da biſt du ziemlich weit von deiner Heimath ver⸗ ſchlagen worden, Hans,“ verſetzte der Kapitän.„Wie iſt das zugegangen?“ »„Ich fuhr auf die Robbenjagd aus, Herr,“ erzählte der Burſche.„Ich bin ein Jäger, und meine Lands⸗ leute ſagen, ich wäre der ſicherſte Schütze unter ihnen. Büchſe und Kugelbeutel hatte ich bei mir, und auch Mundvorrath auf drei oder vier Tage. Ich ruderte ziemlich weit in's Meer hinaus, einer Inſel zu, auf der ſich gewoͤhnlich die Robben zu ſonnen pflegen. Da, mitten in der Nacht, ich mußte wohl ein wenig einge⸗ ſchlafen ſein, weckte mich ein heftiger Stoß auf, und mein Kajak wurde mit mir um und um gewirbelt, ſo daß ich glaubte, mein Ende wäre gekommen. Aber zum Glück richtete ſich das Fahrzeug wieder auf, und V 37 obgleich ich von Waſſer triefte, war doch wenigſtens mein Leben gerettet. Was die Urſache meines Unfalls geweſen ſein mochte, konnte ich nicht erkennen, denn die Nacht war ſehr dunkel. Faſt glaube ich, daß ich mit einem Walfiſch oder einer großen Robbe zuſammenge⸗ ſtoßen bin, und daß mich das Thier uͤber den Haufen gerannt hat. Damals, als es mir geſchah, dachte ich nicht lange darüber nach, denn mich beunruhigten ganz andere Dinge. Bei dem Umſtürzen meines Kajaks war meine Buͤchſe in die Tiefe des Meeres geſunken, und das Ruder meinen Händen entglitten. Die Flinte mußte ich natürlich verloren geben, aber das Ruder ſchwamm vielleicht noch in meiner Nähe umher, und von ſeiner Wiedererlangung hing meine Rettung ab. Was ſollte ich anfangen ohne Ruder in einer ſo großen Entfernung vom Lande? Mit Angſt ſuchte ich darnach, aber, war nun die Finſterniß zu dicht, oder war das Ruder ſchon zu weit abgetrieben, ich konnte es nicht entdecken. Nach allen Richtungen kreuz und quer fuhr ich, indem ich mich meiner Hände zum Rudern bediente, aber auch dies war vergeblich und vielleicht gar grade verderblich, da ich mich eben ſo gut von dem Ruder entfernen, wie ich mich ihm nähern konnte. Als mir dies einfiel, ließ ich ab, und beſchloß, den Anbruch des Tages zu er⸗ warten. Wenn die Sonne aufging, entdeckte ich viel⸗ leicht, was ich ſuchte, und wenn ich das Ruder nur ſah, ſo gelangte ich auch gewiß in den Beſitz deſſelben, denn mein Kajak iſt leicht, und mit den Händen konnte ich mich ſchon eine Strecke weit auf dem Meere fort⸗ arbeiten. Mit Ungeduld ſehnte ich den Tag herbei, und hatte mittlerweile nur den einzigen Troſt, daß wenigſtens mein Kajak unverletzt geblieben war. Ich 38 unterſuchte es genau, und konnte mich darüber be⸗ ruhigen. „»Die Nacht wurde mir ſchrecklich lang, obgleich nur noch wenige Stunden bis zum Aufgange der Sonne ſein mochten. Endlich malte ſich ein Schimmer der Morgenröthe am Himmel, und nun gebrauchte ich meine Augen. Aber wie ich auch ſpähete und ſchaute, und obgleich der Morgen immer heller und lichter anbrach, ich entdeckte das erſehnte Ruder nicht, es war und blieb⸗ verſchwunden, und mochte, Gott weiß wo, auf den Wellen umhertreiben. Jetzt erfaßte mich eine tödtliche Angſt. Ach, Herr, welche Hoffnung blieb mir noch übrig? Ich ſah keine Ausſicht auf Rettung mehr, ſondern mußte mich darauf gefaßt machen, elendiglich vor Hunger zu ſterben. Ein Theil meiner Lebensmittel) war zwar gerettet, aber wie lange konnte er vorreichen? Und wenn Alles verzehrt war, was ſollte dann ge⸗ ſchehen? Ich weinte, und jammerte, und wehklagte, Herr! Aber zuletzt mußte ich mich doch beruhigen, und hielt mich an der Hoffnung aufrecht, daß vielleicht ein Landsmann mit ſeinem Kajak mich auffinden, oder ein Walfiſchfahrer mich entdecken und erlöſen würde. Mitt⸗ lerweile trieb mein Kajak, ein Spiel von Wind und Wellen, wohin es wollte. Ich konnte es nicht ändern, denn zu hoffen, mit den Händen rudernd die heimiſche Küſte zu erreichen, wäre eine lächerliche Thorheit ge⸗ 1 weſen. Drei Tage und drei Nächte vergingen, keine Hoffnung auf Erloͤſung eröffnete ſich mir. Mein kleiner Vorrath von Lebensmitteln war verzehrt, obgleich ich möglichſt ſparſam damit umging, und der Hungertod zeigte ſich mir in drohender Geſtalt. Wieder ſank die Sonne in's Meer, und wieder ging ſie auf. Ich war 39 ſo ſchwach geworden, daß ich kaum noch den Kopf auf⸗ recht erhalten und umherſpähen konnte,— ich ergab mich ſchon in mein Schickſal, fern von der Heimath zwiſchen Himmel und Waſſerwüſte elendiglich verſchmach⸗ ten zu müſſen,— da, im Augenblicke der äußerſten Verzweiflung, ſah ich Ihr Segel auftauchen, Herr, und bemerkte, daß es mir, wenn auch nicht in gerader Rich⸗ tung, doch allmählig näher und näher kam. Wie ich da mit der letzten Kraft aufjauchzte, Herr! Wie ich weinte und betete! Wie ich dann verzweifelt meine Jacke in der Luft ſchwenkte, und mit Todesangſt auf ein Zeichen wartete, ob ich auch geſehen wäre, und ob man mir Hülfe bringen würde! Das läßt ſich nicht mit Worten beſchreiben, Herr, ſo wenig wie das Wonne⸗ gefühl, welches mich durchzuckte, als ich endlich, endlich ſah, daß Ihr Schiff eine Wendung machte, und gerade auf mich zuſegelte. „Alles Andere, was mit mir geſchehen iſt, wiſſen Sie beſſer, als ich, Herr, denn nachdem ich meiner Rettung gewiß und an Bord gebracht worden war, ſchwand mir die Beſinnung. Dank, Herr, aus Grund der Seele, daß Sie ſich eines armen Burſchen, wie ich, hülfreich annahmen. Sie haben mir das Leben gerettet, und es gehört von jetzt an Ihnen bis zum letzten Bluts⸗ tropfen!“?—. Dem ehrlichen Jungen ſtanden die Thränen in den Augen, als er die letzten Worte ſprach, und man ſah wohl, daß ſie vom Herzen kamen. Der Kapitän klopfte ihn gütig auf die Schulter. „Danke dem jungen Herrn da,“ ſagte er, auf Robext deutend;„wenn der dich nicht vom Maſtkorbe her aus⸗ findig gemacht hätte, würden wir ſicher an dir vorüber Acquiſition gemacht haben,“ erwiederte der Kapitän. 40 gefahren ſein, ohne dich in deinem kleinen Kajak zu bemerken. Ihm allein verdankſt du deine Rettung!“ Hans heftete einen langen zärtlichen Blick auf Ro⸗ berts lächelndes Geſicht. »Herr,« ſagte er dann, und küßte den Saum von Roberts Jacke,—„ich bin nur ein armer Menſch, und ſtehe ganz allein in der Welt, ohne Vater, Mutter und Geſchwiſter, aber ich habe ein treues, anhängliches Ge⸗ müth! Nehmen Sie mich zu Ihrem Diener an, und ein rechtſchaffener Diener will ich Ihnen ſein. Ich ver⸗ ſtehe nicht viel, aber mit der Büchſe, mit der Harpune, mit Netzen und Schlingen weiß ich umzugehen, und vermag eben ſo gut ein Walroß zu überliſten, wie den Eisbären zu bekämpfen. Laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben als Ihr Jäger, oder als was Sie ſonſt wollen!« Robert ſah den Kapitän fragend an, und dieſer nickte. »Wohl denn, Hans,“ ſagte er hierauf zu dem Eskimo, v„ich nehme dein Anerbieten an für die Zeit, die wir in dieſen Gegenden verweilen werden. Diene mir treu, und es wird dich nicht gereuen. Für deine Ausrüſtung werde ich ſorgen. Du ſollſt eine gute Kugelbüchſe, Meſſer, Hirſchfänger und Alles haben, was ein Jäger braucht. Jetzt geh' und laß dir ein Frühſtück geben. Später wollen wir weiter mit ein⸗ ander reden.“ Der junge Eskimo verließ die Kajüte, und Robert wendete ſich lächelnd dem Kapitän zu. »Was halten Sie von dem Burſchen?“« fragte er. „Ich halte dafür, daß wir da eine vortreffliche 41 „Wenn der Burſche ſo treu und ehrlich iſt, als es den Anſchein hat, ſo kann er uns möglicher Weiſe ſehr weſentliche Dienſte leiſten. Ein guter Jäger unter dieſem Himmelsſtriche iſt immer willkommen. Außerdem wird uns der Burſche das Vertrauen ſeiner Landsleute verſchaffen, was ſehr viel werth iſt, wenn wir den nächſten Winter hier zubringen müſſen, und endlich kann eer beſſer, als wir ſelber, Erkundigungen über deinen Vater einziehen,— vorausgeſetzt immer, daß er den guten Willen dazu hat. Und daran zweifle ich kaum, denn der Burſche ſieht ehrlich und bieder aus. Ich vermuthe, Robert, daß du unſerem Unternehmen mit deinem Ausſpähen vom Maſtkorbe aus einen guten Dienſt geleiſtet haſt.« „Deſto beſſer!« erwiederte Robert zufrieden.„Ich nehme alſo Hans zu meinem Diener und Jäger an, und werde demnächſt, ſo bald ſich eine Gelegenheit bietet, ſeine Geſchicklichkeit auf die Probe ſtellen.“ Wenige Tage ſpäter erreichte die Hoffnung ohne weiteren Unfall und Aufenthalt den Hafen von Fisker⸗ näs, und großes Aufſehen in dem kleinen Orte erregte das Erſcheinen des ehrlichen Hans Chriſtian, welchen man dort bereits verloren gegeben hatte. Kapitän Becker zog Erkundigungen über den Burſchen ein, und erhielt von allen Seiten befriedigende Auskunft. Hans galt für einen redlichen, braven Jungen, und man be⸗ zeichnete ihn allgemein als den geſchickteſten und kühn⸗ ſten Jäger in der ganzen Umgegend. Robert war nun doppelt zufrieden, daß er ihn zu ſeinem Diener ange⸗ nommen hatte, und ſuchte ihm ſelber die beſte Kugel⸗ büchſe aus, welche ſich in der Waffenkammer der Hoff⸗ nung befand. Hans ſchoß damit auf zweihundert „ 42 Schritt eine Möve. Luft herunter, und dieſer Beweis ſeiner Geſchicklichkeit genügte, für die Zukunft in dieſelbe volles Vertrauen zu ſetzen. Auch nach Kapitän Griffin erkundigte man ſich ſehr ſorgfältig, doch fand ſich Niemand, welcher über ihn hätte Auskunft geben können. Man 15 ſich daher⸗ auf die in New⸗York eingezogenen Nachrichken verlaſ und ſie zur Richtſchnur der ferneren Fahrt machen. Wenige Tage nach der Ankunft in Fiskernäs wür⸗ den die Anker wieder gelichtet, und der Kurs nacheter Melville⸗Bucht eingeſchlagen. Der Plan war, die gang Küſte von Grönland zu durchforſchen, ſo lange der kurze Sommer die Fahrt in dem Polar⸗Meere verſtatten würde. Kapitän Becker hielt. feſt an der Hoffnung, irgendwo wenigſtens irgend welche Kunde über ſeinen alten Freund zu erlangen, und ſo ſetzte man in Gottes Namen und auf Seinen Schutz vertrauend, die gefahr⸗ und mühevolle Entdeckungsreiſe immer nach Norden zu weiiter fort. 8 Viertes Kapitel. Die Spuren. Von einem Hafen zum andern ſegelte die Hoffnung, und ſo weit es noch Niederlaſſungen von Ekimo's gab, ſetzte man ſich mit ihnen in Verkehr, theils um ver⸗ ſchiedene kleine Bedürfniſſe einzukaufen, theils um die Eingeborenen nach Kapitän Griffin zu fragen. Hans 43 Chriſtian, welchen Robert mit dem Zwecke der Reiſe bekannt gemacht hatte, leiſtete dabei gute Dienſte, und zeigte ſich immer willig und bereit, mit ſeinen Lands⸗ leuten zu verhandeln und ſie auszuforſchen. Ohne ſeine Vermittlung hätte man vermuthlich gar nichts ausge⸗ richtet, durch dieſelbe erfuhr man aber doch Einiges, was als ein Fingerzeig dienen konnte. Einige Einge⸗ borene ſagten auf Hans Chriſtians Fragen aus, daß ſie ein Schiff, wie er es ihnen beſchrieb, bei einem ihrer Jagdzüge auf Cap Riley hätten vor Anker liegen ſehen, ringsum von Eis umgeben, aber mit Nahrungsmitteln und allem Nothbedarf reichlich verſehen. Die Mannſchaft ſei geſund und guter Dinge geweſen, und habe nur auf das Aufgehen des Eiſes gewartet, um die Fahrt dann weiter fortzuſetzen. Ob es nun gerade Kapitän Griffin geweſen, der das Schiff kommandirt, könnten ſie freilich nicht mit ganzer und voller Sicherheit be⸗ haupten, doch die Beſchreibung des Schiffes treffe zu, und eine ſchwere Ladung Walfiſchthran und Fiſchbein habe es auch gehabt. Es könne etwa neun Monate her ſein, daß ſie es geſehen hätten. Ob es noch an dem bezeichneten Orte läge, wüßten ſie nicht, denn ſie ſeeien ſeit jener Zeit nicht wieder in jene Gegend ge⸗ kommen, und hätten ſich überhaupt nur ein paar Stunden bei dem Schiffe nhtanee e die Jahres⸗ zeit bereits ziemlich weit vorgeſchritten geweſen ſei. Dieſe Nachricht war freilich nur enügend, indeß flößte ſie doch neue Hoffnung ein. Vor neun Monaten hatten alſo Kapitän Griffin und ſeine Manpſchaft noch gelebt, und waren mit allem Nothbedarf verſehen ge⸗ weſen. Vielleicht lag das Schiff gar noch an der be⸗ zeichneten Stelle, und ohne lange Berathung wurde einſtimmig der Beſchluß gefaßt, Cap Riley aufzuſuchen, und, wenn nicht das geſuchte Schiff, doch wenigſtens Gewißheit zu erlangen, ob es wirklich die Ellenor, das Schiff des Kapitän Griffin, geweſen ſei, welches die Eskimo geſehen haben wollten. Es war noch eine weite Strecke bis zu Cap Riley, aber Entfernung ſo wenig wie Gefahr vermochte Kapi⸗ tän Becker und ſeine Begleiter zurück zu ſchrecken. Un⸗ verzüglich ſchlug man die Richtung nach dem Cap ein, ſelbſt auf die Wahrſcheinlichkeit hin, vom Winter über⸗ raſcht zu werden, der muthmaßlich nicht allzu lange mehr auf ſich warten ließ. In der That, je weiter man nach Norden vordrang, deſto größer wurden die Schwierigkeiten, welche man zu überwinden hatte. Zuweilen lagerten ſich dichte Nebel über das Meer, ſo dicht und undurchdringlich, daß man auf wenige Schritte Entfernung keinen Gegen⸗ ſtand zu unterſcheiden vermochte, und mehrmals mußte ſich auch die Hoffnung durch ungeheure Maſſen von Treibeis Bahn brechen, welche ſie nicht ſelten mit au⸗ genblicklichem Untergange bedrohten. Furchtbar war der Druck, den die gewaltigen Eisſchollen auf das Schiff ausübten, und nur ſeiner vortrefflichen Bauart verdankte man es, daß es nicht in Stücke zermalmt wurde. Die de Bas be hatte fortwährend zu thun, 1 um mit Haken und Brecheiſen die Trümmer der unge⸗ heuren Eisſchollen wegzuſchaffen, welche über dem Schiffe zuſammen zu brechen drohten, und hatte dabei häufig noch mit Finſterniß, Schneetreiben und Kälte zu käm⸗ pfen. Den äußerſten Grad von Gefahr erreichte das Schiff, als eines Tages ſich auch noch ein heftiger Sturm erhob, und die Eismaſſen in furchtbarem Jagen 45 an dem Schiffe vorüber trieb. Die Hoffnung be⸗ fand ſich bei dem Ausbruche deſſelben in der Nähe des Landes, und Kapitän Becker gab ſogleich Befehl, das Schiff in eine ſchmale Bucht einlaufen zu laſſen, wo man Sicherheit gegen das Wüthen des Sturmes zu finden hoffte. Mit drei Ankern wurde es feſtgelegt, und man gab ſich bereits einem Gefühle der Sicherheit hin, als plötzlich die Eismaſſen ſo heftig in die Bucht eindrangen und ſo ſchwer gegen das Schiff wuchteten, daß mit einem ſchrillen, ſchwirrenden Klange ein's von den drei ſtarken Ankertauen zerriß. Nach einer halben Minute riß auch das zweite, und das Schiff lag nur noch vor dem letzten feſt, welches ein zehnzoͤlliges Tau aus dem beſten Manila⸗Hanf war. Geraume Zeit leiſtete daſſelbe dem vereinigten Drucke des Eiſes und des Sturmes Widerſtand, aber es war ſo ſcharf an⸗ geſpannt, wie eine Violin⸗Saite, und ſein tiefes Singen und Summen erklang durch das Geraſſel des Tauwerks und das Geräuſch des tobenden Meeres, wie das Getön einer ungeheuern Aeols⸗Harfe. Plötz⸗ lich erſchallte ein Knall, als ob eine Kanone abge⸗ ſchoſſen wäre, auch das letzte Tau zerriß, und das Schiff wurde von dem vorüberjagenden Treibeiſe mit 2 in das offene Meer hinaus geſchleudert. Das waren gefährliche und ſchreckensvolle Augen⸗ blicke. Gleichwohl verlor Kapitän Becker nicht einen Mooment ſeine ruhige Haltung und Faſſung, und das gute Beiſpiel, das er gab, verfehlte nicht ſeinen Ein⸗ druck auf die ganze Mannſchaft. Die Leute arbeiteten mit Eifer und Beſonnenheit, bald gehorchte das Schiff wieder dem Steuer und es gelang den vereinzelten An⸗ —— ſtrengungen Aller, ihm in dem Gewirbel und Getümmel 46 der Schollen ein ſicheres Lager zu bereiten. Trotzdem war die Gefahr nicht gänzlich vorüber, und erſt als am folgenden Morgen das Schiff aus dem Treibeiſe heraus kam, und der Sturm ſich zu legen anfing, konn⸗ ten die Leute ruhiger aufathmen, und ſich durch einen kurzen Schlummer von den Aengſten und Mühen der vergangenen Nacht wieder erholen. Kapitän Becker, Lieutenant Lowell und Robert hat⸗ ten während der ganzen Dauer des Unwetters das Verdeck nicht verlaſſen, und bewachten auch jetzt noch das Schiff, während der größte Theil der Mannſchaft Erquickung im Schlummer ſuchte. Mit ernſtem Blick und ſorgenvoller Miene blickte der Kapitän auf Meer und Himmel, und ſchwere Gedanken ſchienen ihm durch den Kopf zu gehen. „Das war eine böſe Nacht,“ ſagte er nach einer Weile.„Du weißt nun, Robert, was es heißen will, gegen die Schrecken des Polenmeeres anzukämpfen.“ „Ja, und ich geſtehe, daß ich ſie mir nicht ſo furcht⸗ bar vorgeſtellt habe, wie ſie ſind,« antwortete Robert. „Mehr als einmal glaubte ich während der Nacht un⸗ ſeren Untergang unvermeidlich, und nur Ihr Muth und Ihre Geſchicklichkeit konnten uns retten, Kapitän Becker.“« »Nein, nein, unſere Rettung verdanken wir einem Höheren, der uns wunderbarlich beſchützt hat,“ ſagte Kapitän Becker mit einem Blicke zum Himmel.„Es fragt ſich nun, ob wir unſere Fahrt nach Cap Riley noch fortſetzen, oder irgendwo einen Zufluchtsort ſuchen wollen, wo wir für den Winter unſer Quartier auf⸗ ſchlagen können. Grade heraus geſagt, ich fürchte, wir gehen Gefahren entgegen, die noch größer und furcht⸗ 47 barer ſind, als die wir eben jetzt mit Gottes Hülfe üͤberſtanden haben!« „O nein, Kapitän, es kann nicht Ihr Ernſt ſein, jetzt ſchon ruhig in irgend einem Winkel liegen zu bleiben,“ verſetzte Robert eifrig.„Gott wird uns fer⸗ ner ſchützen, wie er uns bisher geſchützt hat, und ich könnte den ganzen Winter hindurch keine ruhige Stunde haben, wenn wir nicht wenigſtens Cap Riley aufgeſucht und Gewißheit über die Angabe des Eskimo's erlangt hätten. Nur Muth, Kapitän! Wir dürfen ihn nicht verlieren, wo es der Rettung meines Vaters gilt!“ »Nun denn, in Gottes Namen,“ ſagte Kapitän Becker.„Gehen wir zu Grunde, ſo haben wir wenig⸗ ſtens unſere Schuldigkeit gethan. Aber, weiß Gott, ein tapferes Herz ſchlägt in deiner Bruſt, mein Junge, da du nach einer ſolchen Nacht noch ſo ſtandhaft ausharren willſt. Gut denn, gut! Thun wir, was in unſern Kräften ſteht.“ Das Schiff ſegelte weiter, und wider alles Erwar⸗ ten des Kapitäns wurde das Meer immer freier vom Eiſe, je höher man nach Norden hinauf kam. »„Der Sturm muß alle Buchten und Bayen gründ⸗ lich ausgefegt haben,“ ſagte er einige Tage nach der letzten Berathung.„Deſto beſſer für uns. Jedenfalls hoffe ich, daß wir Cap Riley noch zu guter Zeit er⸗ reichen, und was nachher geſchehen ſoll, nun, das hängt von den Umſtänden ab und den Entdeckungen, die wir möglicher Weiſe machen werden.“ Das Wetter blieb fortwährend günſtig, die Sonne ſchien hell und klar vom wolkenfreien Himmel, und die genauen Berechnungen des Kapitäns zeigten an, daß Cap Riley nicht mehr weit entfernt liegen konnte. 48 „Morgen, denke ich, werden wir es erreichen,“ ſagte er zu Robert, welcher mit ſehnſüchtiger Ungeduld die Ankunft herbei wünſchte. In lebhafter Spannung verbrachte Robert die nächſte Nacht, und nur wenig Schlaf kam in ſeine Augen. Dem Ziele ſo nahe, wo er, wenn nicht den Vater ſelbſt, ſo doch irgend welche Lebenszeichen von ihm zu finden hoffte, fand ſein Herz keine Ruhe. Mit dem erſten Morgengrauen eilte er aus ſeiner Kajüte wieder auf das Deck, beſtieg den Maſtkorb und richtete ſein Fernrohr nach der Gegend, wo nach der Bezeichnung Kapitän Becker's die grauen Umriſſe von Cap Riley 4 aus dem Meere auftauchen mußten. „Du biſt zu früh am Werke, Robert,“ rief Kapitän Becker ihm zu, als er einige Zeit ſpäter das Verdeck betrat und, nach Wind und Wetter ausſchauend, den ungeduldigen Jüngling auf ſeinem Poſten bemerkte. „Noch mehrere Stunden können vergehen, ehe wir dem Lande ſo nahe kommen, daß wir die Küſte entdecken können.“ „Thut nichts, Kapitän,“ entgegnete Robert.„Je⸗ denfalls will ich der Erſte ſein, der das Land ſieht, und Niemand ſoll mir zuvorkommen. Die Luft iſt rein und der Horizont frei von Nebel, man muß die Küſte alſo ſchon aus großer Entfernung bemerken.“ Der Kapitän lächelte über den Eifer Roberts, und überließ ihn ſeinen Beobachtungen. Robert dachte nicht an Frühſtück, nicht an Eſſen und Trinken, ſondern ſpähete mit dem Fernrohr nur immer in die Weite. Mit dem vorrückenden Tage verdüſterte ſich indeß der Horizont, und ein nur halb durchſichtiger Nebel ſtieg aus dem Meere auf. Trotzdem verließ Robert ſeine 49 Ausguck nicht, indem er hoffte, daß die höher ſteigende Sonne die Dünſte bald zerſtreuen werde. Dieß ge⸗ ſchah in der That gegen die Mittagsſtunde hin. Die Nebel zerflatterten und verſchwammen in der reinen Luft, und der Horizont ſtach wieder klar und durch⸗ ſichtig gegen die gruͤne Fläche des Meeres ab. Ein Freudenſchrei erſcholl gleichzeitig vom Maſtkorbe her⸗ unter, und jubelnd ſchwenkte Robert ſeine Mütze. „Land, Kapitän Becker!“ rief er dieſem zu.„Deut⸗ lich erkenne ich die Küſte, und auf ihr zwei große Steinhaufen! Wird es Cap Riley ſein?« „Ich denke, ja,“ erwiederte der Kapitän, nachdem er die Küſte mit dem Fernrohre gepruͤft hatte.„Das iſt die niedrig aufſpringende Zunge von weißem Kalk⸗ ſteine, die ich ſchon früher einmal geſehen habe, und hinter ihr erheben ſich die ſchneebedeckten Klippen, auf denen im Sommer die Taucher und Eidergänſe niſten. Es iſt Cap Riley, kein Zweifel mehr!“ Dieſer Ausſpruch erregte die allgemeinſte und leb⸗ hafteſte Theilnahme, und wer ein Fernrohr im Beſitz hatte, brachte es zum Vorſchein, um durch daſſelbe die Küſte zu beobachten. Bei dem günſtigen Winde kam man derſelben raſch näher, und wieder ertönte ein Schrei Roberts aus dem Maſtkorbe herunter. „Auf dem einen Steinhaufen, dem größern von weiden iſt ein Flaggenſtock mit einer Kugel aufgepflanzt,“« rief er. Alle ſahen zu gleicher Zeit die Stange, und immer höher ſtieg die Aufregung, immer lebhafter wurde die Spannung, je näher man der erſehnten Küſte kam, denn Jeder erkannte klar genug, daß der erwähnte Flaggenſtock noch nicht ſehr lange Zeit auf den Stein⸗ Hoch im Norden. 50 haufen geſtanden haben konnte. Endlich legte das Schiff hart an der niedrigen Küſte bei, ein Boot wurde ausgeſetzt, und Kapitän Becker, Robert, Lieutenant Lowell und einige Schiffsleute nebſt Hans Chriſtian ruderten an's Ufer. Robert, in ſeiner Ungeduld, war der Erſte, der aus dem Boote an das Land ſprang, und zu den Steinhaufen hineilte. Die Andern folgten ihm raſch, und ließen mit lebhafter Neugierde ihre Au⸗ gen umherſchweifen. Bei den Steinhaufen fand man außer der Signal⸗Stange, die offenbar nicht von Es⸗ kimo's herrühren konnte, weiter nichts Bemerkenswer⸗ thes. Eine kurze Strecke davon entfernt aber, auf einer Landzunge, die nach Weſten in eine kleine Bucht auslief, und gegen Norden durch ſteile Klippen geſchützt war, entdeckte das ſcharfe Auge des Kapitän Becker füͤnf deutliche Reſte von ehemaligen Wohnungen. Den Klippen zunächſt lagen vier kreisrunde Haufen von verwittertem Kalkſtein, am äußeren Rande von größeren Steinen umgeben, wie um das Dach eines Zeltes feſt⸗ zuhalten. Zwei groͤßere Steine mit einem Zwiſchen⸗ raume von zwei Fuß bezeichneten den Eingang, und verſchiedene große viereckige Steine hatten wahrſchein⸗ lich als Herd gedient. Etwas weiter von den Klippen entfernt, aber in gleicher Linie mit den Ueberbleibſeln der erwähnten Wohnungen, fand ſich eine größere Ein⸗ hegung. Der Eingang war ſüdwärts nach der Straße zu gerichtet, und beſtand lediglich aus über einander gelegten großen Steinen. Der eingeſchloſſene Raum ſelbſt war dreieckig, an der Nordſeite ungefähr achtzehn Zoll hoch und von flachen Steinen aufgebaut. Einige Vogelknochen und eine Rippe von einem Seehund lagen genau im Mittelpunkte dieſes Dreiecks, und 51 eben daſelbſt fand man den ſtark verroſteten Deckel einer Blechbüchſe, in welcher vermuthlich Fleiſch aufbewahrt geweſen war. Am Fuße der Klippe entdeckte Hans ein vom Wetter ſtark mitgenommenes Stückchen Segel⸗ tuch; am Strande, zwanzig bis dreißig Schritte von dem Dreieck, fand man mehrere Stücke Fichtenholz von ungefähr vier Zoll Länge, ſchwarz, grün und weiß an⸗ geſtrichen,— offenbar Theile eines Bootes und allem Anſcheine nach zu Brennholz beſtimmt. Mit ernſtem Schweigen betrachteten Alle dieſe we⸗ nigen Ueberbleibſel, und fuͤhlten ſich ſehr enttäuſcht, da ſie nicht mehr fanden. Kapitän Becker unterbrach end⸗ lich die traurige Stille. „Die Anzeichen ſind ſpärlich genug,“ ſagte er,„aber gleichwohl beweiſen ſie unwiderleglich, daß ein Schiff längere Zeit hier vor Anker gelegen hat. Von Es⸗ kimo's koͤnnen dieſe Ueberbleibſel nicht herrühren, und es fragt ſich nun, ob das Schiff die Ellenor Kapitän Griffin's, oder ein anderes geweſen iſt. Hoffen wir das Erſtere, ſo lange wir keinen Beweis vom Gegen⸗ theile entdecken.“ 32 „Aber was können wir thun?« fragte Robert be⸗ trübt.„Nichts deutet an, welche Richtung mein Vater von dieſem Orte aus eingeſchlagen hat.“ „Wir müſſen vor Allem dieſe Küſte erſt noch wei⸗ ter unterſuchen,“ entgegnete Kapitän Becker.„Je mehr ich überlege, deſto lebhafter drängt ſich mir die Ueber⸗ zeugung auf, daß dieſer Punkt nur zu einem einſtwei⸗ ligen Aufenthalte benutzt worden iſt. Wir wollen uns in drei Theile zerſtreuen, und jede Partie mag ihre be⸗ ſondere Richtung verfolgen. Die Einen rechts und links weiter am Ufer entlang, die dritte landeinwärts. 5² Vor Sonnenuntergang treffen wir hier wieder zu⸗ ſammen.“ Dieſer Vorſchlag wurde mit allgemeiner Befriedi⸗ gung vernommen, und auf der Stelle in's Werk geſetzt. Kapitän Becker mit einigen Leuten wendete ſich rechts, Lieutenant Lowell links, und Robert mit Hans ſchritten landeinwärrs über eine mit Eis und Schnee bedeckte öde Fläche. Nicht lange, ſo vernahm man von der Richtung her, welche Kapitän Becker eingeſchlagen hatte, den Knall eines Schuſſes. Ein zweiter folgte; endlich ein Dritter. Dies war das verabredete Signal für den Fall, daß Jemand eine beſondere Entdeckung machen würde. Robert und Lieutenant Lowell kehrten um, und eilten ſo raſch wie möglich der Richtung der ab: gefeuerten Schüſſe zu. „Gefunden! Gefunden!« rief ihnen Kapitän Becker ſchon von weitem entgegen.„Jetzt haben wir Gewiß⸗ heit! Kapitän Griffin war hier, und die zuerſt entdeck⸗ ten Wohnungen können nur Nothbehelfe für den Augen⸗ blick geweſen ſein. Seht hier, meine Freunde! Seht dieſe Spuren und Ueberbleibſel!“ Der erſte Anblick, welcher den ſchnell herbei Eilen⸗ den zu Theil wurde, erweckte in ihnen ein Gefühl von Trauer. Es waren drei Gräber, inmitten einer un⸗ fruchtbaren Einöde von Schnee, Eis und Steingeröll. Die kleinen Grabhügel waren mit Sorgfalt angelegt, und mit Kalkſchiefertafeln eingefaßt. Inſchriften bezeich⸗ neten ſie als die Ruheſtätte von drei Seeleuten,— ihre Namen waren Braim, Hartnell und Torrington. Bei dem erſten und bei dem letzten war der Todestag hinzugefügt: 1. Januar und 3. April, mit dem Zuſatze: geſtorben an Bord der Ellenor. 53 „Das redet klar und deutlich genug!« ſagte Kapi⸗ tän Becker.„Ich kannte die drei wackeren Matroſen, die hier den ewigen Schlaf ruhen, und die Inſchrift: an Bord geſtorben, beweist, daß am 3. April das Schiff noch wohlbehalten geweſen ſein muß. Ein gro⸗ ßer Troſt für dich, Robert, und für uns Alle! Wir ſahen keine Trümmer von ihm, alſo hat es nicht Schiff⸗ bruch gelitten, ſondern iſt vom Eiſe losgekommen und hat ſeine Fahrt von hier aus irgend wohin weiter ver⸗ folgt. Aber ſeht weiter, wir werden noch mehr finden!« Ein wenig links von den Gräbern waren zwei große Steine in den verwitterten Kalkfelſen eingeſenkt, und daneben lag ein Stück Holz von mehr als einem Fuß im Durchmeſſer, und zwei Fuß, acht Zoll hoch, das offenbar als Unterlage zu einem Ambos gedient hatte. Die Spuren waren nicht zu mißdeuten. Ein wenig weiter öſtlich, näher dem Strande zu, befand ſich ein großer, ſchwarzer Fleck, bedeckt mit Steinkohlen⸗Schlacken, eiſernen Nägeln, eiſernen Ringen und anderem Eiſen⸗ werk; dieß mußten alſo die Ueberreſte einer Schmiede⸗ werkſtatt ſein. Noch näher dem Strande, aber ein wenig mehr ſüdlich, hatte nach eben ſo unverkennbaren Merkmalen der Zimmermann ſeine Werkſtatt aufge⸗ ſchlagen. Ungefähr vierhundert Schritte von den Grä⸗ bern erkannte man deutlich die Stelle, wo ein kleines Haus geſtanden hatte, und nicht weit davon die Ueber⸗ reſte einer kleinen Garten⸗Anlage. Noch fünfhundert Schritt weiter lag ein Haufen von mehr als ſechshun⸗ dert Blechbüchſen, früher mit Fleiſch, jetzt mit Steinen angefüllt, vermuthlich, um als Ballaſt für die Boote zu dienen. Außer dieſen auffallenden Spuren, welche auf einen 8 ſein. längeren Aufenthalt Kapitän Griffins hindeuteten, fan⸗ den ſich eine Menge anderer Anzeichen vor, Fetzen Segeltuch, Tauenden, Reſte von Fäſſern, Eiſenſtücke, bearbeitetes und unbearbeitetes Holz, Kleidungsſtücke, eine Bettdecke, Papierſtückchen, ein kleiner Schlüſſel, ein Meſſing⸗Beſchlag, der wahrſcheinlich von einem Schiffs⸗ kaſten herrührte, kurz, eine Menge Dinge, welche auf ein langdauerndes Winterlager hindeuteten. Schlittenſpuren nach verſchiedenen Richtungen hin deuteten darauf, daß mehrfach Jagd⸗ oder andere Aus⸗ flüge gemacht ſein mußten. Die Geleiſe waren nicht nur in den weichen Kalkſtein des Bodens eingeſchnitten, ſondern auch weiter nördlich auf ſchneebedeckten Flächen zu verfolgen. Noch andere Einzelheiten des verlaſſenen Lagerplatzes wurden aufgefunden, und darunter einige, welche man nicht ohne Rührung betrachten konnte. So bemerkte man in dem Gärtchen noch die Mooſe und Anemonen, welche eine fleißige Hand dahin gepflanzt hatte. Der Garten deutete den Vorſatz an, entweder zu bleiben, oder zu ihm zurückzukehren; wer ihn anlegte, dachte jedenfalls weiter auf die Zukunft. Das gefrorene Bett eines alten Waſſer⸗Kanals hatte der Mannſchaft der Ellenor zur Zuführung von Waſſer in das Waſchhaus gedient. Die Waſchfäſſer ſtanden noch gerade ſo da, wie die Waſchenden ſie vor unbe⸗ ſtimmter Zeit verlaſſen hatten. Auch ein paar Buckskin⸗ Handſchuhe fand man, ſorgfältig zum Trocknen hinge⸗ legt, und ſie waren auf der Handfläche mit Steinen beſchwert, damit der Wind ſie nicht fortnehmen konnte. In der Eile der Abreiſe mußten ſie vergeſſen worden 5⁵ „So viel ſteht feſt,“ ſagte Kapitän Becker nach ge⸗ nauer Beſichtigung aller dieſer Spuren,„daß wir hier auf dem Platze ſtehen, wo unſer Freund Griffin ſein letztes Winterlager gehalten hat. Da nur drei Leute 7 von der ganzen Mannſchaft der Ellenor im Laufe des Winters geſtorben ſind, ſo läßt ſich mit gutem Grunde . ſchließen, daß der Geſundheitszuſtand ein vortrefflicher war, und daß es an Lebensmitteln jeder Art nicht ge⸗ fehlt haben kann. Die aufgefundenen Handſchuhe und andere Merkmale deuten auf eine ſchnelle und plötzliche Abreiſe. Vermuthlich hatte ein warmer Wind oder irgend eine andere Urſache das Schiff von ſeinen Eis⸗ feſſeln befreit, und Kapitän Griffin nahm hurtig die Gelegenheit wahr, Anker zu lichten und das offene Meer aufzuſuchen. Ich kann mir die Eile denken, mit der Häuſer, Zelte, Schmiede und Alles abgebrochen, und das Lager geräumt worden iſt. Was werthlos war, ließ man am Ufer zurück, und ſo ſchnell muß die Abfahrt ſtattgefunden haben, daß Einer die Handſchuhe, ein Anderer ſeine Bettdecke, ein Dritter ſeinen Schlüſſel im Stich laſſen mußte, um rechtzeitig an Bord zu ge⸗ langen. Es fragt ſich jetzt nur noch, wohin Kapitän Griffin ſeinen Kurs genommen hat? Aber gerade darüber ſind wir leider völlig im Dunkeln, und ich weiß nicht, was uns darüber Licht geben könnte. Mei⸗ ner Anſicht nach müſſen wir eben die Nachforſchungen an der Küſte entlang gegen Norden hin fortſetzen, da 1 wir im Süden keine Spur von der Ellenor gefunden haben. Aber freilich iſt die Jahreszeit ſchon ſehr weit vorgerückt, und wir müſſen uns darauf gefaßt machen, ebenfalls einen Winter im Eiſe zubringen zu müſſen. Ob dies geſchehen ſoll, mag ich nicht allein entſcheiden, * 56 ſondern Jeder muß ſeine Meinung darüber abgeben. Lieutenant Lovell, ſprechen Sie zuerſt.“« »Ich ſtimme für die Weiterfahrt,“ lautete die raſche Antwort.„Nur durch ſtetiges Verfolgen unſeres Zieles dürfen wir es zu erreichen hoffen.“ Die Steuerleute, der Doctor, und Robert nun vollends ſprachen die gleiche Meinung aus, und ſo wurde die Weiterfahrt auf jede Gefahr hin beſchloſſen. Jeder machte ſich nun darauf gefaßt, mancherlei Entbehrungen und Leiden erdulden zu müſſen, aber Jeder war auch feſt entſchloſſen, ſie ſtandhaft und ohne Murren zu er⸗ tragen. 1 Die Anker wurden gelichtet, und muthigen Herzens ſegelte man weiter, immer höher hinauf in die eiſigen Regionen des Nordens. Fünftes Kapitel. Das winterlager. Einige Tage nach der Abfahrt von Cap Riley gelangten unſere Reiſenden zu einer Bucht, welche ſie zu allgemeiner Ueberraſchung von mehreren Familien Eskimo's bewohnt fanden. In ſo entlegener Gegend hatte Niemand mehr eine Niederlaſſung vermuthet, und es wurde beſchloſſen, den Leuten einen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Kapitän Becker ging mit Robert, Hans Chri⸗ ſtian und einigen Matroſen an's Land, und Hans mußte eine Unterhaltung mit ſeinen Landsleuten an⸗ knüpfen, um, wie gewöhnlich, nach Kapitän Griffin zu fragen. Von Letzterem wußten die Leute nichts, beant⸗ worteten aber ſonſt alle Fragen bereitwillig. Es waren wandernde Eskimo's, Jäger und Fiſcher mit ihren Familien, die ſich auf unbeſtimmte Zeit in dieſer Gegend niedergelaſſen hatten, und mit eintretender Strenge des Winters ihre Wanderung weiter nach Süden fortzu⸗ ſetzen gedachten. Kapitän Becker machte ihnen einige Geſchenke, und war ſchon im Begriff, ſich wieder von ihnen zu verabſchieden, als Hans ihn noch einmal zurückhielt. „Herr,“ ſagte er,„dies iſt wahrſcheinlich die letzte Gelegenheit, die ſich uns darbietet, um Hunde und Schlitten zu erlangen. Ich möchte Ihnen rathen, ſie nicht unbenutzt vorübergehen zu laſſen.“ „Hunde und Schlitten?“ erwiederte der Kapitän. „Was ſollen wir damit?« „Ei, Herr, wir werden ſie ſchwerlich entbehren können, wenn wir den Winter hier zubringen wollen,“ verſetzte Hans.„Zu weiteren Jagd⸗Ausflügen ſind ſie . durchaus nothwendig.“ »Das iſt richtig, ich habe nicht daran gedacht,⸗“ ſagte Kapitän Becker nachdenklich.„Auch zu anderen Zwecken würden die Thiere gut zu gebrauchen ſein, denn ich denke nicht, daß wir in unſerem Winterlager müſſig her und auf der Bärenhaut liegen wollen. Aber wie Pren wir die Thiere erhalten? Es fehlt uns an Futter 8 fü ſie.& Das laſſen Sie meine Sorge ſein, Herr,“ erwie⸗ derte Hans.„An Futter ſoll es nicht fehlen, ſo lange ich Pulver und Kugeln habe. Es gibt Wild aller Art 58 genug da herum, und wenn Sie nur einen Tag war⸗ ten wollen, werde ich einen Vorrath herbeiſchaffen, der für längere Zeit ausreichen ſoll. Die Eskimo⸗Hunde ſind nicht lecker, ſie freſſen Alles, vom Fleiſche des Eis⸗ bären und der Robben, bis zu Fiſchköpfen und anderen Abfällen. Nur Salzfleiſch genießen ſie nicht.“ „Aber werden deine Landsleute Hunde und Schlit⸗ ten an uns verkaufen?“ fragte der Kapitän. „Ich will mit ihnen reden, Herr! Sie haben genug, und können recht gut ein vierzig bis fünfzig Thiere entbehren.“ Hans unterhandelte ſofort mit dem Führer der Eskimo⸗Geſellſchaft, und fand ihn geneigt, auf ſeine Vorſchläge einzugehen. Ein mäßiger Preis wurde feſt⸗ geſetzt, und Hans ſuchte eine Anzahl Schlitten und fünfzig der beſten Hunde aus der Schaar heraus, welche in einem beſonderen Verſchlage des Schiffes unterge⸗ bracht wurden. Hierauf nahm er ſeine Büchſe über die Schulter, und ſprach ſeine Abſicht aus, auf die Jagd zu fahren und Futter für die Thiere herbeizuſchaffen. Robert erbot ſich ſogleich, ihn zu begleiten, und auch der Doctor ſchloß ſich dem kleinen Streifzuge an. Von den Eskimo's hatte Hans in Erfahrung ge⸗ bracht, daß in nicht großer Entfernung von ihrer Nieder⸗ laſſung eine Bucht läge, in welcher häufig Narwale geſehen würden. Er veranlaßte den Kapitän, ein Boot bemannen zu laſſen, und fuhr mit ſeinen Jagdgenoſſen nach der Bucht hinüber. 3 Die Eskimo's hatten nicht gelogen. Als man etwa nach einer Stunde die Bucht erreichte, ſah man fünf oder ſechs mächtige Narwale ihr Spiel darin treiben. Ungehindert ruderte man dicht an ſie heran. Die großen 4 —,— — —— —— — 59 Thiere verriethen nicht die geringſte Scheu. Sie wälz⸗ ten ſich im Waſſer, ſchoſſen um einander herum, peitſch⸗ ten mit ihren Schwänzen die Wellen zu Schaum, und blieben dann wieder faſt unbeweglich liegen, ohne das Boot irgendwie zu beachten. Hans ließ die Leute in nächſter Nähe von ihnen Halt machen, erhob ſeine Büchſe und ſchoß. Faſt im nämlichen Augenblicke ſchnellte der Rieſenleib eines Narwals hoch über das Waſſer auf, fiel ſchwer und plump wieder zurück, zuckte. noch ein paar Mal krampfhaft, und wälzte ſich dann auf den Rücken. „Den haben wir, er iſt todt,“ ſagte Hans vergnügt, indem er eine andere Kugel in den Lauf ſeiner Büchſe hinunter trieb.„Ich habe ihn durch das Auge in das Gehirn geſchoſſen. Verſuchen Sie nun auch einmal Ihr Glück, Herr Robert, aber zielen Sie nur nach dem Kopfe. Wenn Sie dem Thier nicht den Schädel zer⸗ ſchmettern, achtet es eine Kugel ſo wenig wie eine Erbſe.“ Robert und auch der Doctor zitterten ſchon vor Jagdluſt, und fürchteten nun, daß die erſchreckten Nar⸗ wale untertauchen und davon ſchwimmen würden. Aber dazu machten ſie nicht die geringſten Anſtalten. Sie ſchwammen langſam um ihren todten Kameraden herum, als ob nichts geſchehen wäre. „ Jetzt, Herr!“ ſagte Hans, als eines der Thiere den Kopf ganz ſchußrecht aus dem Waſſer hob.„Schießen Sie Beide zu gleicher Zeit!“ Noch hatte er nicht ausgeſprochen, ſo krachten ſchon beide Schüſſe, und ein Zuſammenzucken des Narwals, welches einen wahren Schaumwirbel im Meere erregte, verrieth deutlich genug, daß die Kugeln getroffen hatten, 60 — aber nicht tödtlich. Mit einem Male ſchoß das verwundete Thier mit dem Kopfe voran in die Tiefe, und verſchwand. »Nur ruhig, ruhig!« ſagte Hans, der im Anſchlage ſtehen blieb.„Er wird bald wieder in die Höhe kom⸗ men, um Luft zu ſchöpfen.« In der That verging kaum eine Minute, ſo hob ſich das Waſſer wie eine Welle, und der rieſige Koͤrper des Narwals tauchte gleich einem Felſen daraus her⸗ vor. Faſt im nämlichen Augenblicke krachte auch wie⸗ der eine Büchſe, und mit wohlgefälligem Lachen ließ Hans das Gewehr ſinken. »„Er hat ſein Theil, meine Kugel gab ihm den Reſt,“ ſagte er. In der That, das mächtige Thier wälzte nur noch ein paar Mal ſeinen Rieſenleib im Waſſer um⸗ her, und blieb dann unbeweglich auf dem Rücken liegen, wie ſein Kamerad, der die erſte Kugel em⸗ pfangen hatte. „Ich denke, nun iſt's genug,« fuhr Hans fort. „Die beiden Narwals werden zuſammen wohl ein zwölf⸗ hundert Pfund wiegen, und auf ein paar Wochen reicht ihr Fleiſch für die Hunde aus. Wir müſſen ſie in's Schlepptau nehmen, und nach dem Schiffe hin bugſiren, um ſie dort zu zerlegen.« Dies geſchah. Allerdings nicht ohne bedeutende Anſtrengung. Aber ein anderes wohlbemanntes Boot eilte ihnen dabei zu Hülfe, und ſo kam man noch vor Einbruch der Nacht ſeitlängs der„Hoffnung« an. Die Narwals wurden in Stücke zerhauen, und dieſe in leere Fäſſer gepackt. An Futter für die Hunde fehlte es nun nicht, und man konnte wieder an die Weiterfahrt 61 denken. Man nahm Abſchied von den ehrlichen und gut⸗ müthigen Eskimo's, und mit günſtigem Winde ſteuerte das Schiff nach Norden weiter. Mit jedem Tage wurde jetzt aber die Reiſe müh⸗ ſamer und gefahrvoller, denn mehr und mehr machten ſich die Einflüſſe der vorgerückten Jahreszeit in dieſen hohen nordiſchen Breiten bemerkbar. Die Eismaſſen vermehrten ſich wieder, und mit ihnen die Wahrſchein⸗ lichkeit, von Eisfeldern eingeſchloſſen zu werden. Einige Male blieb man auch wirklich feſtſitzen, und es koſtete ſchwere Arbeit, das Schiff mittelſt Säge und Eismeißel wieder loszumachen. In den erſten Tagen des Septem⸗ ber mußte man vollends jede Hoffnung aufgeben, noch höher nach Norden vorzudringen, denn eine unüberſeh⸗ bare Eisfläche verſperrte den weiteren Weg. Eine kurze Berathung wurde gehalten, und einſtimmig der Beſchluß gefaßt, einen Hafen aufzuſuchen, wo man das Schiff vor Anker legen und die Winter⸗Quartiere einrichten wollte. Dies geſchah; die„Hoffnung“ ſteuerte einen mehr ſüdlichen Kurs, und ſchon am nächſten Tage wurde eine Stelle entdeckt, welche zu den beabſichtigten Zwecken vortrefflich zu paſſen ſchien. Man erreichte eine ziem⸗ lich große Bucht, mit einer herrlichen, ganz offenen Waſſerfläche, welche einen erfreulichen Gegenſatz zu dem Eiſe draußen bildete. Die Urſache des eisfreien Waſſers war ein brauſender Strom, der im Hintergrunde der Bucht über ein Bett von Felsgetrümmer mit dem Un⸗ geſtüm eines Gebirgsbaches aus einem Fjord hervor⸗ ſchoß. Am Ufer dieſes Fluſſes zeigte ſich friſches Grün von Pflanzen, und gewährte einen dem Auge wohle thuenden Anblick. Unweit der ſüdweſtlichen Ece der 62 Bucht ließen breite Eisſtröme, verbunden mit den Waſſergerinnen des Fluſſes, hoffen, daß man im näch⸗ ſten Sommer zeitig aus dem Eiſe befreit werden würde. Auch war die Bucht vor dem Treibeiſe geſchützt; ſee⸗ wärts umringten ſie hohe Vorgebirge, und ſchloſſen einen Ankergrund von mäßiger Tiefe ein; dem Mittag⸗ Sonnenlicht ſtand ſie offen,— es konnte kein beſſerer Platz zum Ueberwintern gefunden werden. Dies war die einſtimmige Meinung der ganzen Schiffsgeſellſchaft, und Kapitän Becker gab daher Be⸗ fehl, das Schiff in die Bucht hinein zu führen. Es gelang. Man fand einen guten Ankergrund, ſo wie durch einige kleine, vorliegende Inſeln vollkommenen Schutz vor dem äußeren Eiſe, und nun lag die„Hoff⸗ nung“ ſicher in dem Hafen, welchen ſie und ihre Be⸗ wohner jedenfalls vor dem kommenden Frühjahre nicht wieder verlaſſen ſollten. In Betreff der Sicherheit des Schiffes brauchte man nun keine Beſorgniſſe mehr zu hegen, wohl aber gab es noch viel zu thun, um ſich gegen die Einfluͤſſe der furchtbaren Kälte zu ſchuͤtzen, auf deren Eintritt man ſich natürlicher Weiſe, ſo hoch im Norden, gefaßt machen mußte. Kapitän Becker traf unverzüglich die nöthigen Vorbereitungen. Zu allererſt mußte der Schiffs⸗ raum ausgeladen, und ſein Inhalt in einen großen Speicher geſchafft werden, welchen man zu dieſem Zwecke am Ufer an einer gut geſchützten Stelle errichtet hatte. Die ganze Schiffsmannſchaft war dabei thätig, und mehrere Tage hindurch fuhren unabläſſig die Boote herüͤber und hinüber, um die Ladung an's Land zu bringen. Hierauf handelte es ſich darum, das Schiff behaglich 63 und wohnlich einzurichten. Kapitän Becker benutzte dabei die Erfahrungen, welche er bei den Eskimo's, den Eingeborenen des Landes, gemacht hatte. Er war durch genaue Beobachtungen zu dem Schluſſe gekommen, daß die Einrichtung ihrer Wohnungen, und die Eigen⸗ thümlichkeit ihrer Nahrungsweiſe, abgeſehen von ihrer gewöhnlichen Unreinlichkeit, die ſicherſte und beſte für das eiſige Klima ſei. Daher wurde auch die Winter⸗ wohnung ziemlich nach der Weiſe der Eskimo's einge⸗ richtet, und die„Hoffnung“ in eine Art von Eskimo⸗ Hütte verwandelt. Zu dieſem Zwecke mußten mittelſt Schlitten große Mengen Moos und Raſen herbeige⸗ ſchafft werden, womit die Schanze ſo gut ausgefüttert wurde, daß ſie der Kälte mit gutem Erfolge Trotz bie⸗ ten konnte. Unter dem Deck wurde ein Raum von achtzehn Fuß im Quadrat eingeſchloſſen, und die inne⸗ ren Wände deſſelben vom Fußboden bis zur Decke eben⸗ falls mit einer Schicht Moos und Raſen bekleidet. Der Fußboden ward ſorgfältig mit Gips und Kleiſter überzogen, darüber eine zwei Zoll dicke Decke von Manilla⸗Werg gelegt, und dieſe wieder mit einer Decke von Segeltuch überzogen. Der Eingang war im Schiffs⸗ raume, und beſtand in einem niedrigen, mit Moos aus⸗ gefüllten Tunnel, mit ſo viel Thüren und Vorhängen dun Abhalten der Kälte, als ſich nur irgend anbringen jeßen. 1 Das Sammeln des Mooſes zur Herſtellung dieſes Winter⸗Quartieres erforderte große und anſtrengende Arbeit, denn der aus niedrigen Winden, Gräſern und Moos gemiſchte Raſen war in der nächſten Nähe vom Ufer bereits feſt gefroren, und mußte weiterhin an ſon⸗ nigen Fels⸗Teraſſen geſucht werden, wo man ihn mit Brecheiſen vom Geſtein löste, und dann auf den Schultern zu den Booten trug. Gleichwohl ward die Arbeit glücklich vollendet, da Jedermann redlich ſeine Schuldigkeit that, da die Offiziere, wie auch Robert, der Mannſchaft mit beſtem Beiſpiele vorangingen, und keineswegs den Leuten müſſig zuſchauten, und dabei die Hände in den Schooß legten. Es war aber auch hohe Zeit, daß man mit dieſen nothwendigen und wichtigen Vorbereitungen fertig wurde, denn der Winter ſtand vor der Thuür und näherte ſich raſch. Alle Anzeigen deuteten darauf hin. Vögel, welche bei der Ankunft des Schiffes noch in großer Menge die Gegend belebt hatten, verſchwanden mit einem Male und waren nach Süden gezogen. Zwei Tage darauf kam der erſte heftige Froſt, und obgleich man ſich noch in der erſten Hälfte des September befand, gefror doch in einer einzigen Nacht das Waſſer ſo dicht und feſt, daß man am Morgen darauf zu Fuß rings um das Schiff herumgehen, und mit den Schlitten zum Ufer hinüberfahren konnte. „Da haben wir's,« ſagte Kapitän Becker.„Wir liegen im Eiſe feſt, und werden viele lange, dunkle Monate hindurch unbeweglich ausharren müſſen.“ Die Winterwohnung war nun fertig, aber nun mußten auch Vorkehrungen getroffen werden, längs der grönländiſchen Küſte, ſo weit man irgend vordringen konnte, Magazine von Lebensmitteln anzulegen. Kapi⸗ tän Becker verlor nie den eigentlichen Zweck aus dem Auge, der ihn zur Fahrt in das Nord⸗Polar⸗Meer getrieben hatte, nämlich die Aufſuchung des Kapitäns Griffin. Zu Waſſer konnten keine Nachforſchungen. mehr angeſtellt werden, wohl aber konnte dies zu Lande 6⁵ geſchehen, und zu dieſem Ende hauptſächlich hatte er eben die Zughunde und die Schlitten angeſchafft. Es bedurfte dazu fernerhin nur des guten Willens und der Ausdauer der Mannſchaft, und daran fehlte es zum Glück nicht. Die Leute waren geſund und rüſtig, zu jeder Anſtrengung bereit, und feſt entſchloſſen, keine Mühe zu ſcheuen, das Ziel ihres edlen und hochherzigen Strebens zu erreichen. 1 „Irgendwo an der grönländiſchen Küſte,“ ſagte Kapitän Becker bei einer Berathung, welche über dieſen wichtigen Punkt abgehalten wurde,„irgendwo muß unſer Freund Griffin eine Zuflucht gefunden haben, wenn Gott ihm und ſeinen Leuten, was ich zuverſicht⸗ lich hoffe, das Leben erhalten hat. Tiefer im Süden kann dieſer Zufluchtsort nicht liegen, alſo muß er mehr gegen Norden zu ſein. Es handelt ſich nun darum, ſo weit als irgend möglich gegen Norden vorzudringen, und zu dieſem Zwecke müſſen Stationen eingerichtet werden, welche mit Vorräthen von Lebensmitteln ver⸗ ſehen ſind. Von dieſen Stationen aus können dann immer weitere und ausgedehntere Reiſen zur Aufſuchung Kapitän Griffins unternommen werden, denn die Leute haben an ihnen einen Zufluchtsort, und brauchen nicht immer wieder nach dem Schiffe zurückzukehren. Auf dieſe Weiſe können wir noch ſechzig, ſiebzig, achtzig Meilen noch Norden vordringen, und ſehr unglücklich müßte es zugehen, wenn wir auf eine ſolche Entfer⸗ nung hin unſeren Freund nicht ausfindig machten. Weiter hinauf kann er kaum verſchlagen ſein, und unſere Hoffnung auf ſeine Entdeckung iſt daher gewiß gerechtfertigt, wenn wir unſeren Plan ſo ausführen, wie ich es im Sinne habe.“« Hoch im Norden. 5 66 „Alle ſtimmten der Anſicht des Kapitäns bei, und es wurde der Beſchluß gefaßt, gleich in der nächſten Zeit die Stationen einzurichten. Man durfte auch in der That nicht ſäumen damit, denn die Tage wurden immer kürzer, und man mußte annehmen, daß die Kälte von jetzt an ſtrenger und ſtrenger werden würde. Schon jetzt war ſie heftig genug, um einen durchſchnittlich hundert Schritt breiten Gürtel von Eis an der Küſte zu bilden. Dieſer Gürtel konnte vortrefflich zu einer Fahrſtraße benutzt werden, denn ſie war ſo glatt wie ein Spiegel, und wurde nur von einer Gefahr bedroht, welcher jedoch leicht ausgewichen werden konnte: Der Zertrümmerung nämlich, durch Stürme und Spring⸗ fluthen, welche die mächtigen Eisſchollen des hohen Meeres dagegen ſchleudern und den Gürtel zerbrechen oder unwegſam machen konnten. Ein ſolches Ereigniß konnte aber nicht ſo ſchnell eintreten, daß ihm nicht zu begegnen geweſen wäre. Man brauchte nur bei Zeiten die ganz nahe Küſte aufzuſuchen, und hatte dann weiter nichts von der Zertrümmerung der Eisbahn zu befürchten. So ging man denn an's Werk, die Schlitten mit den Lebensmitteln zu bepacken, welche zu den Stationen geführt werden ſollten. Dieſe Schlitten eigneten ſich ſehr gut zu ihrem Zwecke. Sie waren aus zähem Holze verfertigt, und die Kufen mit ſtählernen Be⸗ ſchlägen verſehen. Außer dieſen Beſchlägen war, um der Leichtigkeit keinen Eintrag zu thun, nichts von Me⸗ tall an ihnen. Alle ihre Theile wurden von Riemen und Seehundsfell zuſammengehalten, ſo daß ſie bereit⸗ willig den Unebenheiten des Bodens und plötzlichen Erſchütterungen nachgaben, ohne an ihrer Feſtigkeit zu⸗ 67 verlieren. Sie vereinigten in ſich zwei wichtige Eigen⸗ ſchaften: Leichtigkeit und Dauerhaftigkeit, und man durfte daher erwarten, daß ſie ihrer Beſtimmung vollkommen entſprechen würden. Die Ladung für die Reiſe beſtand, außer den Le⸗ bensmitteln für die Schlittenlenker, faſt ausſchließlich aus Pemmican, getrocknetem und pulveriſirtem Fleiſche. Ein Theil davon war in Cylinder von Zinnblech, mit an beiden Seiten zugeſpitzten Enden, gepackt, die darauf berechnet waren, etwaigen Angriffen von Eisbären zu widerſtehen; der größeere Theil befand ſich jedoch in hölzernen Kiſten und Fäſſern mit ſtarken eiſernen Reifen. Die Ausrüſtung der Mannſchaft beſtand aus einem NRock von Büffelfell, aus einem Schlafſack von Bären⸗ elz, um bei der Nacht, wo man unter freiem Himmel ampiren mußte, hinein zu kriechen, aus verſchiedenen waſſerdichten Decken zum Schutz vor dem Schnee, und einem Zelte aus Segeltuch. Im Beſitze dieſer Hülfs⸗ mittel durfte man wohl hoffen, daß man von der Kälte, auch wenn ſie mit Heftigkeit eintrat, nicht allzu ſehr würde leiden müſſen. Es handelte ſich nun noch darum, wer der Expe⸗ dition beiwohnen ſollte. Robert hatte von Anfang an erklärt, daß er unter keiner Bedingung zurückbleiben würde, und daß Hans mitfuhr, verſtand ſich von ſelbſt, da Keiner ſo gut wie er mit den Hunden umzugehen, ſie zu lenken, abzuwarten und zu pflegen verſtand. Aus der Mannſchaft wurde nun die noͤthige Anzahl ihrer Begleiter ausgewählt, und am 20. September war Alles zur Abreiſe bereit. Um halb 1 Uhr verließ die Expedition das Schiff, und ein Hurrah der Zurück⸗ bleibenden ſchallte ihnen nach. Voran fuhr Hans mit 3 ſeinem mit ſechs Hunden beſpannten Schlitten, dann folgten fünf andere eben ſo beſpannte Schlitten mit je einem Matroſen zum Lenker, und zuletzt Robert, der gar Alles im Auge behalten wollte. Faſt geräuſchlos und äußerſt ſchnell flogen die leichten Fuhrwerke über dden blanken glatten Eisgürtel dahin, und die Hunde bellten luſtig in die winterliche Luft hinaus, als ob ihnen der Äusflug nach ſo langer, träger Ruhe zu einem wahren Vergnügen gereichte. Sechstes Kapitel. 4 Die Schlittenparthie. Kapitän Becker hatte Robert ſehr genaue Weiſungen gegeben, wie und wo die Vorräthe der mitgenommenen Lebensmittel unterzubringen ſeien. Drei Stationen ſollten angelegt werden, und zwar in möglichſt gleicher Entfernung von einander. Die erſte etwa fünfund⸗ zwanzig bis dreißig Meilen vom Schiffe, die zweite eben ſo weit von der erſten, und die dritte wieder in derſelben Entfernung von der zweiten. Ganz genau ließen ſich freilich die Entfernungen nicht ausmeſſen, und ſie mußten eben nach ungefährer Schätzung beſtimmt werden, doch konnte man immerhin hoffen, auf dieſe Weiſe die Nachforſchungen etwa noch ſechszig bis ſiebzig Meilen weiter nach Norden auszu⸗ dehnen. Entdeckten die Reiſenden durch gutes Glück unterwegs das Schiff Kapitän Griffin's, ſo war damit natürlich die Reiſe zu Ende, und ſie mußten zu dem 69 Schiffe zurückkehren. Wo nicht aber, ſo hatte Kapitän Becker beſchloſſen, bei günſtiger Jahreszeit die äußerſte Station aufzuſuchen, und von hier aus, erneuerte Nach⸗ forſchungen anzuſtellen. Guten Muthes zogen die muthigen Leute ihre un⸗ gebahnte Straße. Die Hunde hielten wacker aus, und bewährten ſich als kräftige Thiere und ſchnelle Läufer. Au ings hatte ſie Hans aber auch ſeit der Ankunft cht trefflich gepflegt, und immer für richtige de Nahrung Sorge getragen. Seines Schuſſes hatte er öfters Jagdausfluͤge in der Umgebung agers gemacht, und war ſelten ohne gute Beute zurückgekehrt. Auch auf der gegenwärtigen Reiſe führte er ſeine vortreffliche Kugelbüchſe und den nöthigen Schießbedarf mit ſich, nicht nur zum Schutze gegen die Cisbären und andere wilde Thiere, ſondern hauptſäch⸗ lich, um auch unterwegs das Futter für die Hunde herbei zu ſchaffen, womit man die Schlitten unmöglich beſchweren konnte, wenn der eigentliche Zweck der Er⸗ pedition nicht verfehlt werden ſollte. Nächſt Hans waren auch Robert und die Matroſen mit Gewehren und langen, ſtarken Meſſern verſehen. Eisbären waren nichts Seltenes an den ſchneebedeckten Küſten von Grönland, und man mußte ſtets auf eine Begegnung mit dieſen grimmigen und furchtbaren Beſtien gefaßt ſein. 4 Mehrere Stunden bis zu anbrechender Dämmerung wurde die Reiſe ununterbrochen fortgeſetzt. Als aber die erſten Sterne am Himmel funkelten, lenkte Hans ſeinen Schlitten ſeitwärts dem Ufer zu, wo er einige überhängende Felſen bemerkt hatte, welche Schutz gegen den ſich erhebenden, ſcharfen und ſchneidenden Nord⸗ weſtwind gewährten. Die übrigen Schlitten folgten dem Seinigen auf dem Fuße, und nach wenigen Augen⸗ blicken befanden ſich Alle zu ihrem nicht geringen Er⸗ ſtaunen auf einem Platze, wo mehrere kleine aus über⸗ einander geſchichteten Steinen erbaute Hütten umher ſtanden. „Was bedeutet dieß, Hans?« rief Robert dem Eskimo zu.„Führt uns der Zufall zu einer Nieder⸗ laſſung deiner Landsleute?« 8 „Nein, nein, dieſe Hütten ſind nicht bewohn gegnete Hans, indem er einen forſchenden Blick ri umher warf.„Sehen Sie nur, Herr, es ſind keine durch den Schnee getretenen Wege vor den Eingängen vorhanden, und nur ein paar alte, abgenagte, In Wind und Wetter gebleichte Walroß⸗ und Elennthier⸗ Knochen liegen umher. Die Hütten ſind einmal be⸗ wohnt geweſen, aber manches Jahr kann ſeitdem ver⸗ ſtrichen ſein. Aber laßt uns eine Lampe anzünden und hinein treten.“.— Er ſelber fuͤgte die That zu dem Worte, indem er eine große, blecherne, mit Walfiſchthran gefüllte Lampe von ſeinem Schlitten nahm, und den Docht in Brand ſetzte. In Begleitung Roberts betrat er ſodann die Hütten. Wie er vorausgeſagt hatte, waren die beiden erſten bis auf einiges werthloſe Geräth völlig leer, als er aber den ledernen Vorhang am Eingange der dritten Hütte erhob, und den Schimmer ſeiner Lampe in das Innere derſelben fallen ließ, ſtießen er und Robert zu gleicher Zeit einen Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens aus, blieben wie eingewurzelt im Eingange ſtehen, und ſchauten einander mit bleichen Geſichtern an. „Um Gottes willen,“ ſtammelte Robert endlich,— ——— „ſollte hier in der entlegenen Einöde ein ſchändlicher Mord begangen ſein?« »Nein, ſo ſchlimm iſt's nicht,“ erwiederte Hans nach einem zweiten Blick in das Innere der Hütte. „Laſſen Sie uns näher treten, Herr! Die armen Ge⸗ ſchöpfe da thun uns nichts zu Leide!« Robert hatte ſich mittlerweile gefaßt und trat in die Hütte. Hans folgte ihm, und erleuchtete mit er⸗ hobener Lampe den Schauplatz. Ein trauriges Schau⸗ ſpiel gewahrten ihre Augen. Um einen roh gearbeite⸗ ten Tiſch herum, auf deſſen Mitte eine Lampe ohne Oel ſtand, ſaßen, als ob ſie noch lebten, fünf menſch⸗ liche Leichname mit ſchwarz gewordenen Lippen und ge⸗ ſchloſſenen, tief in den Höhlen liegenden Augen. Ihre Körper, von dem ewigen Froſte erſtarrt, waren völlig unverändert geblieben. Auf den erſten Blick konnte es ſcheinen, als ob ſie ſchlummerten. Zurückgelehnt, die Arme ſchlaff niederhängend, die Füße ausgeſtreckt, ſo ſaßen ſie da. Ein gefrorner Hund kauerte zu den Füßen ſeines gefrornen Herrn, und ein kleines Kind lag ſtarr und ſteif in eine Rennthier⸗Kapuze eingehüllt, in den Armen ſeiner ebenfalls ſtarren und ſteifen Mutter. Mehrere Minuten lang betrachtete Robert und Hans die traurige Gruppe... »Welches Unglück iſt hier geſchehen, und wie mag es ſich zugetragen haben?« fragte Robert endlich mit gedämpfter Stimme. Hans deutete mit dem Finger auf die kleinen Löcher in der Hütte, durch welche der Rauch der angezündeten Feuer abzuziehen pflegt. Sie waren dicht verſchloſſen von Schnee und Eis. „Das iſt die wahrſcheinliche Urſache,“ gab er zur Antwort.„Vor Hunger ſind die Armen nicht geſtorben, denn ſehen Sie, Herr, dort an der Wand hängt noch ihr Jagdgeräth, und es mangelt in dieſer Gegend, wie ich ſchon auf der Herfahrt bemerkt habe, nicht an See⸗ hunden, welche uns Eskimo's Nahrung, Licht und Feuer geben. Vermuthlich ſind dieſe armen Menſchen während der Nacht und im Schlafe von einem furcht⸗ baren Schneeſturm überraſcht worden, der die Zug⸗ löcher verſtopft hat, und ſie ſind erſtickt. Dies iſt die einzige Erklärung ihres gemeinſamen Todes, der, wie ihre Lage beweist, zu ganz gleicher Zeit erfolgt ſein muß.“ Robert ſtimmte dieſer Anſicht bei, und ſchlug vor, die Toden zu begraben. Hans zeigte ſich ſofort bereit dazu, und nach einigen Stunden wölbte ſich ein Grab⸗ hügel von Steinen über die lebloſen Körper, an wel⸗ chem Alle ein andächtiges Gebet für das Heil ihrer Seele beteten. Am folgenden Tage legte man nur eine kurze Strecke zurück, da Hans Futter für die Hunde herbei⸗ ſchaffen mußte. Die armen Thiere hatten bereits vier⸗ undzwanzig Stunden gefaſtet, und bedurften einer gründ⸗ lichen Stärkung. Man machte alſo ſchon vor Mittag 2 an einer geeigneten Stelle Halt, und Hans behauptete zuverſichtlich, daß man auf einem gewiſſen Punkte in 6 41 nicht großer Entfernung von dem Haltplatze Robben* finden werde, die man ohne große Muͤhe ſchießen könne. Es wurde alſo raſch ein Schlitten abgeladen, Robert und Hans, Beide mit ihren Gewehren verſehen, ſetzten ſich hinein, und im Galopp fuhren ſie über die glatte h 3 Eisbahn dahin. 9 3 * 73 Im Anfange ging die Fahrt vortrefflich, bald aher Feerreichten ſie einz Stelle, wo das Eis bedeutend dünner wurde, und den Schlitten nur eben tragen konnte. In ihrem Jagdeifer achtete jedoch Keiner von Beiden ſon⸗ derlich auf dieſen Umſtand, denn eben jetzt ſchrie Hans ſo laut er konnte:„Puſey! Puſey! Robben! Robben!« Und auch Robert erblickte ſie am Rande eines Baſſins, welches ſich mitten im Eiſe, wie ein kleiner Teich, ge⸗ bildet hatte... »Wir kriegen ſie!« ſagte Hans und rieb ſich die Hände vor Freuden.„Vorwärts! Vorwärts!« Im Galopp jagten die Hunde weiter, plötzlich aber bemerkte Robert zu nicht geringem Schrecken, daß ſie eine neue Eisſtrecke befuhren, welche offenbar höchſt unſicher war. Er machte Hans darauf aufmerkſam, und dieſer erſchrack ſichtlich darüber. „Es iſt nur eine kurze Strecke,« ſagte er.„Um⸗ kehren können wir nicht, wenn wir nicht einbrechen wollen. Die einzige Rettung iſt, daß wir in gerader Richtung ſo ſchnell wie möglich weiter fahren, und das feſtere Eis weiter drüben zu erreichen ſuchen. Viel⸗ leich gelingt es, wenn die Hunde ihre Schuldigkeit thun.“ Robert widerſprach nicht, denn auch ihm ſchien dies der einzige Ausweg. Mit Stimme und Peitſche trieb Hans die Hunde zu größter Eile, und, als ob die Thiere gewußt hätten, daß vonsihrer Schnelligkeit Tod und Leben abhing, jagten ſie im geſtreckteſten Laufe über die ſchwankende Bahn. Das dünne Eis bog ſich wie Leder unter den Schlittenkufen und öfters drangen kleine Waſſerpfützen daraus hervor. Es waren Augenblicke der äußerſten Gefahr, und die Spannung * war faſt unerträglich. Beide, Hans und Robert, wuß⸗ ten, daß ſie verloren ſeien, wenn ſie das feſtere Eis⸗ feld nicht erreichten, und dieß hing lediglich von der Schnelligkeit der Hunde ab. Ein Stocken von nur wenigen Sekunden mußte den Schlitten in das Meer einbrechen laſſen, und dann konnte weder Geiſtesgegen⸗ wart noch Gewandtheit die Fahrenden retten. Mit verwunderter Neugier ſahen die Robben, deren Köpfe nun ſchon ganz deutlich zu erkennen waren, auf das in wuͤthender Eile dahin fliegende Geſpann. Nur noch etwa fünfzig Schritte, und die Jäger konnten ſich für gerettet halten. Beide athmeten tief auf, ſchon glaubten ſie ſich in Sicherheit, da plötzlich ereignete ſich Etwas, was ſie am wenigſten erwartet hatten. Die Hunde, geängſtigt von der wellenförmigen Bewegung des dün⸗ nen, zähen Eiſes, machten ploͤtzlich Halt und blieben unbeweglich ſtehen. Kein Zuruf, ſelbſt nicht die Peitſche konnte ſie weiter bringen, und nach wenigen Augen⸗ blicken war es auch ſchon zu ſpät. Die linke Schlit⸗ tenkufe brach durch das Eis, dann auch der vorderſte Hund, und in einem Nu befanden ſich die ganze linke Seite des Schlittens unter Waſſer. „Retten Sie ſich, Herr!“« kreiſchte Hans.„Vor⸗ wärts, vorwärts! Kriechen Sie auf dem Bauche über das Eis, und überlaſſen ſie mir den Schlitten und die Hunde. Noch iſt nichts verloren, nur retten Sie ſich!“ Inſtinktartig folgte Robert der Weiſung, warf ſich aus dem Schlitten platt auf das Eis nieder, empfing einen tüchtigen Stoß von Hans, der ihn mit Einem Rucke wohl zehn Schritte weiter brachte, und ſtand nach weniger als einer halben Minute wieder auf feſtem Eisboden. . —— —— —— o— 75 Hans mittlerweile bemühte ſich mit verzweifelter Annſtrengung, die Zugſtränge der Hunde zu zerſchneiden, um vor Allem auch die armen Thiere in Sicherheit zu bringen. Er beugte ſich nach vorn, und ſchwamm im nächſten Augenblicke in einem kleinen Tümpel von ſchwammigem Eiſe und Waſſer. Eine kurze Sekunde war Alles Verwirrung, und Todesangſt im Herzen, fürchtete Robert ſchon, Hans, mitſammt dem Schlitten und den Hunden werde unter das Eis gerathen, da gelang es dem rüſtigen Schwimmer endlich, die Zug⸗ leine zu zerſchneiden, und den Hunden auf das Eis hinauf zu helfen. Der Schlitten ſchwamm nun von ſelbſt, und konnte leicht nachgeholt werden, wenn nur erſt Hans auch noch in Sicherheit gekommen war. Kaltblütig befeſtigte er eine Leine an dem Vordertheile des Schlittens, nahm dieſelbe zwiſchen die Zähne, und ſchwamm nun dem Rande des Eiſes zu, um ſich aus dem Waſſer hinauf zu ſchwingen. Er verſuchte es, aber das mürbe Eis gab treulos nach und zerbröckelte unter ſeinen aufgeſtemmten Armen. Noch einmal und wieder mit verzweifelter Anſtrengung wiederholte er den Verſuch, aber immer wieder brach das Eis, und der Waſſertümpel, in dem er umher ſchwamm, wurde im⸗ mer größer. Der arme Burſche erſchöpfte ſchnell ſeine Kräfte, und war augenſcheinlich dem Unterſinken nahe. »Den Schlitten!“ ſchrie Robert ihm zu.„Nimm den Schlitten zu Hülfe!« Hans vernahm den Zuruf und verſtand ſofort ſeine Bedeutung. Er brachte den Schlitten bis dicht an den Nand des Eiſes, ſtemmte ſich mit einem Knie dar⸗ auf, hielt den Athem an, um ſein Gewicht ſo viel als 76 möglich zu vermindern, und ſchob ſeine Bruſt gegen den Eisrand; dann ſtreckte er vorſichtig und langſam die Arme breit über das Eis aus, gab ſich einen plötz⸗ lichen raſchen Schwung, indem er den Schlitten mit den Beinen zurückſtieß, und ſchnellte auf dieſe Weiſe glücklich über den Eisrand hinweg. Robert jubelte laut auf: der ehrliche Hans war gerettet. Ja, gerettet aus ſchwerer Todesgefahr! Aber halb ohnmächtig lag er auf dem Eiſe, erſchöpft von An⸗ ſtrengung und faſt erſtarrt von der Eiskälte des Waſſers. Roberk rieb ihm tüchtig die Haut, flößte ihm ein paar Schluck Wein ein, den er in einem Fläſchchen bei ſich trug, und brachte ihn allmählig wieder zur Beſinnung. Hans dehnte ſich, ſchüttelte ſich, und ſprang dann auf einmal wieder auf die Füße. „Alles iſt gut, Herr!“ ſagte er.„Ich danke Ihnen, für Ihre Hülfe,— aber jetzt müſſen wir vor Allem unſeren Schlitten in Sicherheit bringen.“ Zum Glück hatte er die Leine nicht losgelaſſen, und es erforderte daher nicht viel Mühe, den noch auf dem Waſſer umhertreibenden Schlitten auf das Eis zu ziehen. Hans brachte das Geſchirr wieder in Ordnung, ſpannte die Hunde von Neuem vor, und war nun wie⸗ der ſo wohlgemuth, wie vorher. „So,“ ſagte er,„das wäre geſchehen, und nun wollen wir ein bischen nach den Robben ausſchauen.“ Robert blickte ihn verwundert an.„Iſt dir die Luſt nach dem kalten Bade nicht vergangen?“ fragte er. „Ei, behüte Gott,“ erwiederte Hans lachend.„Wir Eskimo's ſind ſchon an dergleichen kleine Unfälle ge⸗ wöhnt, und ich will nicht für nichts und wieder nichts den Schrecken und die Angſt ausgeſtanden haben. Die 9 77. Jagd wird mein Blut vollends wieder in Bewegung brin⸗ gen, und außerdem, wir müſſen eine Robbe oder zwei er⸗ legen, wenn unſere armen Hunde nicht verhungern ſollen.“ Zum Glück waren die Gewehre bei dem Unfall nicht verloren gegangen, wenn auch gleich ein wenig naß geworden. Hans trocknete und putzte ſie, lud ſie mit neuer Ladung, ſchüttete friſches Pulver auf die Pfannen, und blickte nach den Thieren aus. Da lagen ſie noch, kaum hundert Schritte entfernt, theils auf dem Eiſe, wohin ſie aus Neugierde gekrochen waren, theils im Waſſer, aus welchem ſie nur ihre Köpfe mit den glotzen⸗ den Augen herausſtreckten. „Alles in Ordnung,“ ſagte Hans zufrieden.„Wir werden ſie beſchleichen, und zwei gut gezielte Schüſſe werden der Sache ein ſchleuniges Ende machen. Aber ſchießen Sie nur, Herr Robert, wenn Sie Ihres Zieles ganz ſicher ſind. Bei dem erſten Knalle, den ſie hören, tauchen die Robben unter, und hüten ſich dann wohl, wieder zum Vorſchein zu kommen.« Robert verſicherte, ſein Beſtes thun zu wollen, und Beide machten ſich auf den Weg, um ſo nahe als ir⸗ gend möglich an die Robben heran zu kommen. Hans wußte ihnen klüglich den Wind abzugewinnen und ſich hinter Schneehügeln zu decken, welche der Wind hier und da auf dem Eiſe zuſammengetrieben hatte. Bis auf einige Schritte näherten ſie ſich, ohne daß die Rob⸗ ben Miene machten, ihnen auszuweichen. »Jetzt, Herr,« flüſterte Hans.„Zielen Sie auf den trägen, feiſten Burſchen, der uns zunächſt auf dem Eiſe liegt, und ich will ſeinen Nachbar auf's Korn nehmen. Sind Sie fertig?« 1„Fertig!“ 4 78 * „Dann Feuer!“ Beeide Schüſſe krachten zu gleicher Zeit, und faſt im nämlichen Augenblicke verſchwanden die Köpfe der Rob⸗ ben im Waſſer und wälzten ſich die auf dem Lande befindlichen Thiere in die See. Nur zwei Stück blie⸗ ben regungslos liegen; es waren die, welche ein Jedes eine Kugel in den Kopf bekommen hatte. „Das war ein guter Schuß, Herr,“ ſagte Hans. „Grade in's Auge hinein. Ich ſehe ſchon, Sie haben eine feſte Hand, und werden es bei einiger Uebung noch weit bringen. Laſſen Sie uns jetzt die Thiere auf den Schlitten laden und zu unſeren Gefährten zurückkehren.“ Da das Eis an dieſer Stelle feſt genug war, ſo konnte man mit dem Schlitten bis dicht an den Ort fahren, wo die Robben lagen. Hans weidete ſie ſchnell aus, warf die Eingeweide den Hunden vor, welche ſie mit Begierde verzehrten, und zerſtückte die Robben mit Hülfe eines kleinen Beiles, das er in ſeinem Gürtel mit ſich führte. Die Stücke wurden auf den Schlitten gelegt, und die geſättigten Hunde ſchleppten die Laſt ohne große Anſtrengung über die glatte Eisbahn hin⸗ weg. Ohne weiteren Unfall kam man bei den Uebrigen wieder an, und die ausgehungerten Hunde heulten vor Freuden, als ihnen die fetten Leckerbiſſen der Jagdbeute vorgeworfen wurden. Man hätte dieſe Reiſe noch weiter fortſetzen können, aber der kurze Tag neigte ſich ſchon ſeinem Ende zu, und es wurde daher beſchloſſen, auf der Stelle, wo man ſich eben befand, zu übernachten. Die Schlitten wurden an einander geſchoben, daß ſie einen Kreis bildeten, und in die Mitte dieſes Kreiſes lagerten iis 4 5* — 79. nun die Hunde und die Menſchen. Jeder kroch in ſeinen Schlafſack, deckte ſich möglichſt warm mit Pelzen zu, und legte ſich nieder, um die lange Nacht mit Schlafen zu verbringen. Bald regte ſich nichts mehr in dem Lager, und kein anderes Geräuſch war hörbar auf der weiten, weiten Eisfläche, als das tiefe Athmen der Schlummernden, und zuweilen das Knurren eines Hundes, der vielleicht von ſeinem Nachbar beläſtigt wurde. Bis zum anbrechenden Morgen, der ſich durch einen röthlichen Schimmer im Oſten verkündigte, wurden ſie nicht im Schlafe geſtört. Um dieſe Zeit aber ſchnoberte etwas von außen an den Schlitten herum und zerrte daran, wie um dieſelben umzuſtoßen und aus dem Wege zu räumen. Ein dumpfes Schnauben ließ ſich dabei hören, welches zuerſt die Hunde, und dann den wach⸗ ſamen Hans aus dem Schlummer weckte. Die Unruhe der Thiere bewies, daß etwas Beſon⸗ deres und Ungewöhnliches vor ſich gehen müſſe, und Hans griff daher ſogleich nach ſeiner Büchſe, von wel⸗ cher er ſich auch während des Schlafes nicht zu trennen pflegte. Mit geſpanntem Ohre lauſchte er hierauf ein Weilchen auf das Geräuſch draußen, und kroch dann hurtig aus ſeinem Schlafſacke heraus, um in ſeinen Bewegungen nicht gehindert zu ſein. Nur einen einzi⸗ gen Blick warf er über die Schlitten hinweg nach Außen, und erkannte ſofort, was die Störung veran⸗ laßt hatte. Ein gewaltiger Eisbär mit ſeinem weißen zottigen Pelze ſchlich um das Lager herum, und verſuchte hier und da die Schlitten mit ſeinen breiten Tatzen Wegiuſchiehen, um in den inneren Kreis gelangen zu onnen.. B fen. Jetzt aber, da wir wach ſind, iſt ſie willkommen. 80⁰ „Gut, daß ich ſie feſt genug an einander gebunden habe,“ murmelte Hans vor ſich hin.„Die Beſtie hätte uns böſe überraſchen können, während wir ſchlie⸗ Warte, warte, ich werde dir Eins auf den Pelz bren⸗ nen, daß du dich wundern ſollſt.« Die Dämmerung des Tages war ſchon weit genug vorgeſchritten, um die Umriſſe des Bären deutlich er⸗ kennen zu laſſen. Hans nahm einen Moment wahr, als die mächtige Geſtalt des Thieres durch eine Lücke ſichtbar wurde, zielte ſchnell und gab Feuer. Ein wü⸗ thendes Bäumen des Bären bewies, daß er getroffen worden war, aber vermuthlich nicht tödtlich, denn er machte einen neuen heftigen Angriff auf die Schlitten, und erſchütterte ſie ſo gewaltig, daß er ſie beinahe aus einander geriſſen hätte. Aber jedenfalls würde er beſſer gethan haben, wenn er Reißaus genommen hätte, denn der Knall des Schuſſes hatte natürlich alle Schläfer aufgeſcheucht. »Was gibt es? Was iſt vorgefallen?« fragten die Stimmen in buntem Gewirre. »Auf, auf, und nehmt die Büchſen zur Hand!« erwiederte Hans.„Ein Eisbär macht uns ſeinen Be⸗ ſuch, und ein tüchtiger Burſche ſcheint er zu ſein.“ Das wilde Gebrull des Bären, welches ſelbſt das laute Heulen der Hunde übertönte, gab ſeinen Worten den gehörigen Nachdruck. Die Schläfer rafften ſich auf, und die Läufe von ſechs Büchſen bedrohten einén Augen⸗ blick nachher das grimmige Thier, welches ſich indeß nicht im Geringſten einſchüchtern ließ. Ein ſcharfes Feuer ward eröffnet, und wo der Bär durch eine Lücke 1 ſichtbar wurde, ward er auch von einer Kugel begrüßt. 81 Eine Zeitlang hielt er das Feuer aus, ſchüttelte ſich nur, als ob er die Kugeln aus dem Pelze ſchütteln wollte, und machte noch mehrere verzweifelte Angriffe auf die Schlitten⸗Verſchanzung. Da deren Feſtigkeit aber genügenden Widerſtand leiſtete, ſchien er zuletzt doch die Parthie zu ungleich zu finden, und trabte davon. »Seht da, er hat ein Junges bei ſich!« rief Hans, indem er ihm nachſchaute.„Es iſt alſo eine Bärin! Nun erklärt ſich ihre Wildheit und Hartnäckigkeit. Sie hat das Robbenfleiſch gewittert, und wird ihr Junges damit haben füttern wollen. Aber Bären⸗Schinken ſchmeckt auch nicht übel! Hinaus zur Verfolgung!« Im Nu ſetzte er über einen der Schlitten hinweg, und Robert in vollem Jagdeifer ſprang dicht hinter ihm her. Im raſcheſten Laufe verfolgten ſie die Bärin, welche anfänglich zwar eifrig zu entfliehen ſuchte, aber in ihrer Schnelligkeit durch das Junge verhindert wurde. Als ſie ſah, daß dieſes ihr unmöglich nachkommen konnte, hielt ſie Stand und machte Kehrt, indem ſie ihren blutrothen Rachen gegen ihre Verfolger aufriß, und ihnen zwei furchtbare Reihen glänzender Zähne zeigte. Mittlerweile war es vollends Tag geworden, und man konnte deutlich ſehen, daß man es mit einer un⸗ gewöhnlich großen und ſtarken Beſtie zu thun hatte, deren Grimm noch durch die Gefahr verdoppelt wurde, von welcher nicht nur ſie ſelbſt, ſondern auch ihr Jun⸗ ges bedroht war. Hans und Robert ließen ſich indeß durch das furchtbare Ausſehen des Thieres nicht ſchrecken. Beide zugleich feuerten ihre Büchſen ab, und bemerkten auf der Stelle, daß ihre Kugeln getroffen hatten, den die Bärin zuckte zuſammen, ſchlug mit ihren Vorder Hoch im Norden. 6 tatzen wild in der Luft herum, und ſtieß ein halb wü⸗ thendes, halb ſchmerzliches Gebrüll aus. Einen Augen⸗ blick ſchien es, als ob ſie ſich auf die beiden verwegenen Schützen ſtürzen wollte. Aber das laute Bellen einiger Hunde, welche jetzt mit weiten Sprüngen herbeigerannt kamen, machte ſie anderen Sinnes. Sie packte ihr Jun⸗ ges mit der Schnauze, warf es ein Stuͤck vorwärts, und trabte dann hinter ihm her. Die Hunde jagten ihr nach, holten ſie ein, umringten ſie mit lautem Gebell, und griffen ſie muthig an. Die Bärin achtete zuerſt nicht auf ſie, ſondern war nur um ihr Junges beſorgt. Wieder ergriff ſie es mit der Schnauze, und warf es eine Strecke voraus, und dann erſt wendete ſie ſich gegen die Hunde, um die Verfolgung des kleinen Thie⸗ res zu hindern, und demſelben Zeit zum Davonlaufen zu verſchaffen. Aber das dumme Ding blieb immer da ſtehen, wo es die Mutter hinwarf, und dachte nicht daran, ſich in Sicherheit zu bringen. Ganz ruhig war⸗ tete es, bis die Alte nachkam, und es abermals eine Strecke weit fortſchleuderte. Manchmal, wenn dieſe die Hunde zurückgetrieben hatte, lief ſie ein paar Schritte voraus, gleichſam um das Junge zu locken, ihm nach⸗ zukommen, und wenn die Hunde ſie wieder einholten, wendete ſie ſich gegen dieſe und trieb ſie zurück. Wichen die Hunde ihren Schlägen aus, ſo lief ſie wieder zu dem Jungen, ſtieß es mit dem Kopfe vorwärts, und packte es manchmal mit der Schnauze beim Genick. Das Alles ging im Anfang ziemlich ſchnell von ſaatten, ſo daß Robert und Hans, welche mittlerweile ihre Gewehre wie konnten. Nach einiger Zeit aber trieben die Hunde die der geladen hatten, kaum nachkommen ſchmales, ſteiniges Thal, deſſen ungünſtige 83 Boden⸗Beſchaffenheit ihrem raſchen Laufe weſentliche Hinderniſſe entgegenſetzte. Ihre Eile verminderte ſich mehr und mehr, ihr Schritt wurde langſamer, und end⸗ lich, als ihr Junges vor Müdigkeit nicht mehr weiter konnte, mußte ſie ſtehen bleiben. Im Nu war ſie wie⸗ der von den Hunden umringt, und Robert und Hans beeilten ſich, an Ort und Stelle zu kommen. Sie ſahen einen verzweifelten Kampf. Die alte Bärin wich nur ſchrittweiſe zurück, und verlor nie ihr Junges aus dem Auge. Wenn die Hunde ihr zu nahe kamen, ſetzte ſie ſich aufrecht, nahm das Junge zwiſchen die Hinterbeine, ſchlug mit den Vordertatzen nach den Hunden, und brüllte ſo laut, daß man ſie eine halbe Stunde weit im Umkreiſe hören konnte. In ihrer Wuth ſchnappte ſie mit ihren glänzenden Zähnen nach dem Hunde, der ihr gerade am näͤchſten war, und fuhr mit ihren Pranken im Kreiſe durch die Luft, faſt wie die Flügel einer Windmühle. Schlug ſie fehl, ſo brüllte ſie in erbitterter Wuth, da ſie nicht wagen durfte, einen Hund zu verfolgen, weil dann die Anderen über das Junge hergefallen wären. So ging ſie denn, immer mit den Tatzen um ſich ſchlagend, zuweilen auf die Hunde zufahrend, und ſtets ihnen die Stirne bietend, langſam weiter, und grinste ihre bellenden Angreifer mit weit aufgeriſſenem Rachen an. Als Robert und Hans nach einem ziemlich anſtren⸗ genden Laufe die Kämpfenden erreichten, hatte das Junge wahrſcheinlich etwas ausgeruhet, denn es konnte wieder mit der Mutter im ſchnellſten Gange Schritt halten. Die Hunde ließen aber nicht von dieſer ab, ſondern ſprangen beſtändig um ſie herum, und umſchwärmten ſie wie Bremſen. Hans rief ſie mit Nlamen, um ſie 84 von der Bäͤrin abzuziehen, aber in der Hitze des Kam⸗ pfes hörten ſie nicht auf ſeine Stimme. „Die dummen Thiere!« ſagte er ärgerlich.„Man kann nicht ſicher auf die Bärin ſchießen, wenn ſie wie Kobolde um ſie herum ſpringen. Und doch muß es geſchehen, ſonſt ſchlägt die Beſtie doch noch Einen oder den Anderen zu ſchanden. Es muß geſchehen, auf die Gefahr hin, daß ich Eins von den albernen Thieren verwunde. Wir können in unſerer Lage keinen von den Hunden entbehren.“ Hans erhob das Gewehr, zielte mit größter Sorg⸗ falt, und nahm einen günſtigen Moment wahr, um abzudrücken. Die Bärin ſtiktz eine Art wilden Krei⸗ ſchens aus, und ſank dann, wie vom Blitze getroffen, zu Boden. Hans hatte ſie mitten durch den Kopf ge⸗ ſchoſſen, ohne einen von den Hunden zu verletzen. Dieſe riſſen nun auch das Junge zu Boden, und machten ihm ſchnell den Garaus. Nach beendigtem Kampfe kamen noch einige von den Matroſen herzu, und halfen der Bärin das Fell ab⸗ ziehen und ſie zerſtückeln. Das Fleiſch war eine er⸗ wünſchte Zugabe zum Futter für die Hunde; und der kleine junge Bär lieferte einen köſtlichen Braten für die Mannſchaft, welche ſich denſelben vortrefflich munden ließ. Erſt gegen Mittag konnte die Reiſe weiter nach Norden fortgeſetzt werden. Je weiter man kam, deſto durchdringender wurde die Kälte, aber Alle trotzten ihr ſtandhaft, und waren feſt entſchloſſen, ſo weit als irgend moͤglich vorzudringen. Zwei Proviant⸗Niederlagen hatte man bereits in der gehoͤrigen Entfernung von einander und vom Lager an⸗ gelegt, und es blieben nur noch die Vorräthe für das — 8⁵ dritte unterzubringen. Robert zögerte damit, ſo viel er konnte, denn er hoffte immer und immer, irgend eine Spur von ſeinem Vater zu entdecken, wenn man nur recht weit nordwärts drang. Endlich aber gelangten die Reiſenden an den Fuß eines ungeheuren Gletſchers, der ſich wie eine unüberſteigliche Wand vor ihnen er⸗ hob, und ihnen das weitere Vordringen verſperrte. Robert verſuchte zwar, ihn zu umgehen, aber ſeine Aus⸗ dehnung war zu groß, und man mußte ſich entſchließen, am Fuße deſſelben das letzte Depot anzulegen. Die Vorräthe wurden, wie auf den beiden anderen Statio⸗ nen, ſorgfältig in einer natürlichen Höhle zwiſchen Klippen begraben, und ſchwere, mit großer Mühe her⸗ beigeſchaffte Felsſtücke daruͤber gewälzt. Auf die großen Stücke wurden nun kleinere Steine gehäuft, und dann das Ganze durch eine Miſchung von Sand und Waſſer zu einer einzigen feſten Maſſe verbunden. Hans war der Meinung, daß auf dieſe Weiſe die Vorräthe genug⸗ ſam gegen die Angriffe der Eisbären geſchützt ſeien, die ohne Zweifel den Stationen einen Beſuch machen, und ſich in den Beſitz der Nahrungsmittel zu ſetzen ſuchen wurden. Aber gegen die feſt gefrorene Miſchung von Sand und Waſſer konnten ihre Krallen ſchwerlich et⸗ was ausrichten, ſondern mußten ſich eher daran ab⸗ ſtumpfen. 4 »Wir können ganz ruhig über dieſen Punkt ſein,“« ſagte Hans zuverſichtlich, als Robert einige Bedenklich⸗ keiten äußerte.„Die Bären werden ſich den Appetit darnach vergehen laſſen müſſen, und ich ſtehe dafür ein, daß wir nächſtes Frühjahr, wenn wir wieder herkom⸗ men, Alles unberührt und in beſter Ordnung finden werden.“ Der Zweck der Reiſe war nun erreicht, und man durfte an die Rückkehr nach dem eigentlichen Winter⸗ lager denken. Ehe ſich aber Robert auf die Rückreiſe begab, durchforſchte er mit Hans noch einen ganzen Tag lang die Umgegend nach Spuren von ſeinem Va⸗ ter, jedoch ohne irgend Etwas zu entdecken. Man mußte ſich endlich entſchließen, die Ruͤckfahrt anzutreten, und alles Weitere auf das nächſte Fruͤhjahr zu ver⸗ ſchieben. Natürlich ging die Heimreiſe ſchneller von ſtatten, als die Herkunft, weil die Schlitten nicht mehr beladen waren. Die wohlgefütterten und ausgeruhten Hunde jagten leicht und ſchnell über die glatte Eisbahn hin⸗ weg, und legten jeden Tag bedeutende Wegſtrecken zu⸗ rück. Die Mannſchaft war guter Dinge, und hatte nur von der immer heftiger werdenden Kälte Manches zu leiden. Endlich erreichten die Reiſenden das Schiff wieder, und wurden mit lautem Jubel empfangen. Die Expedition war vollſtändig gelungen, und Keiner hatte dabei erheblichen Schaden erlitten. Nur einige Froſtſchäden brachten die Leute mit, welche aber bald den Mitteln des Doctors weichen mußten. Nach we⸗ nigen Tagen waren die Leute wieder friſch und ge⸗ ſund. 87 Siebentes Kapitel. Winter-Leiden und Freuden. Die zweite Hälfte des Oktober war nun allmählig herangekommen, und mit ihr nahte ſich mit heimtückiſcher Sicherheit die lange halbjährige Winternacht. Anfangs November tauchte die Sonne nicht mehr über den Hori⸗ zont auf, ſondern ſchien daran kleben zu bleiben. Die Tageshelle war jedoch manchmal von eigenthümlicher Schönheit. Zuweilen lagerte ſich auf Alles ein roſiger Hauch, am blaſſeſten im Zenith, allmählig aber von Roth in Violet, und von Violet in ſchimmernden Pur⸗ pur übergehend, welcher den ganzen Horizont einfaßte. Wenn der Mond aufging, ſah er zuerſt aus, wie ein ungeheures Freudenfeuer, und dann hoͤher ſteigend, verſilberte er die glänzenden Eismaſſen, und verbreitete einen milden lieblichen Glanz weit über die Schnee⸗ flächen hinweg. Die Sterne funkelten und flimmerten nicht mehr, ſondern leuchteten in unbeweglichem Glanze, als wären Löcher durch das tiefblaue Himmels⸗Gewölbe gebohrt. Immer näher kam die Winternacht. Ende Novem⸗ ber zeigte die Sonne ihr Daſein nur durch einen rothen Wolkenſtreifen, und der Tag beſtand nur in wenigen Stunden trüber Dämmerung, bei welcher man ſelbſt um Mittag, wo es am hellſten war, nur mit Anſtren⸗ gung etwas Gedrucktes leſen konnte. 3 Obgleich man die Wohnung für den Winter mit großer Sorgfalt eingerichtet hatte, drang dennoch die . 88 furchtbare Kälte durch Thüren und Wände ein. Zwei Oefen wurden im Raume fortwährend geheizt, und dennoch gefror den Leuten das Bettzeug an den Füßen, und auf ihren Kopfkiſſen fanden ſie häufig des Mor⸗ gens das blanke Eis, welches ſich aus dem Hauche ihres Athems niedergeſchlagen hatte. Immer heftiger wurde die Kälte, von der ſich die Bewohner wärmerer Gegenden kaum einen Begriff machen können. Die Waſſerfäſſer auf dem Schiffe froren ein, die Spundlöcher wurden von Eiszapfen ver⸗ ſchloſſen, und ſetzte man einen Trinkbecher mit Waffer en nur fünf Minuten aus der Hand, ſo konnte man ſicher ſein, daß der ganze Inhalt deſſelben ſich in Eis ver⸗ wandelt hatte. Bisher hatte man immer noch fließen⸗ des Waſſer gefunden; aber jetzt hoͤrte dies auf, und wenn man trinken wollte, mußte man vorher ſteinharte, glasartige Eisſtücke in blechernen Gefäßen am heißen Ofen zerſchmelzen laſſen. Spo oft ein Thürvorhang gehoben wurde, fuhr ein Strom rauchähnlichen Dunſtes aus dem Raume, der ſich faſt augenblicklich in Schnee verwandelte. Jedes Ofenrohr entſendete Wolken purpurrothen Dampfes, und der Hauch eines Menſchen glich dem Dampfe einer abgeſchoſſenen Piſtole. Alle Eßſachen auf dem Schiffe und in dem Vor⸗ rathshauſe wurden merkwürdig feſt, jede in ihrer Art, und es bedurfte in der That einiger Erfahrung, ehe die Leute mit den Eigenthümlichkeiten ihrer ganz umge⸗ ſtalteten Beſchaffenheit fertig werden konnten. Ge⸗ trocknete Aepfel, zum Beiſpiel, gefroren zu einer feſten Maſſe von zuſammengebackenen, eckigen Stücken. Eben ſo getrocknete Pfirſiche, dieſe von dem Faſſe loszumachen, 89 oder das Faß von ihnen, war völlig ein Ding der Unmöglichkeit. Erſt nach vielen verunglückten Verſuchen fanden die Leute, daß die kürzeſte und beſte Art die ſei, das Faß, ſammt den darin enthaltenen Pfirſichen mit einer ſchweren Axt zu zerhauen, und die Stücke mit in die Kajüte zu nehmen, um ſie dort aufzuthauen. Eingemachtes Sauerkraut glich täuſchend ähnlich dem Talkſchiefer. Ein Brecheiſen mit ſcharfer Schneide löste die Blättchen nur unvollkommen los, und doch war es vielleicht das beſte Werkzeug, das man zum Zerſtücken anwenden konnte. Der braune Zucker wurde zu einer ſeltſamen Maſſe umgebildet, die einer ſteinharten Miſchung von Kork⸗ ſchnitzeln und Kautſchuck ähnelte. Man mußte ihn mit einer ſcharfen Säge von ſeiner Einpackung löſen oder zerſtücken. Nichts, als die Säge, half. Butter und Speck, die ſich weniger verändert hatten, verlangten gleichwohl einen ſchweren Meißel und Hammer zur Trennung, und zeigten eine muſchelartige Bruchfläche. Mehl blieb ziemlich unverändert, und Syrup konnte allenfalls mit einem eiſernen Löffel aus dem Faſſe halb herausgegraben, und halb herausgeſchnitten werden. Schweine⸗ und Rindfleiſch erſtarrten zu einer Art Marmor. Sie verlangten Brecheiſen und Handſpake, denn mit der Art gelang es kaum Spähne davon ab⸗ zuhauen. Ein Faß Lampen⸗Oel ſtand, als man die Dauben davon losgeſchlagen hatte, wie eine Walze von gelbem Sandſteine da, die ohne Bedenken zum Glatt⸗ rollen eines ſandbeſtreuten Weges hätte benutzt werden können. Gefrorenes zum Nachtiſch bei der Mittagstafel wurde zwar niemals verlangt, war aber ſtets vorhan⸗ 90 den. Eingemachte Beeren aller Art mit etwas Butter und heißem Waſſer gaben ein treffliches Eis. Dieſe Eiſe wurden auf einer Eisſtange aufgetragen, die man erſt zum Umrühren und dann als Gabel gebrauchte. Dieſe Eisſtange war ſo hart, daß man damit einen Ochſen hätte erſchlagen können. Hatte man das Frucht⸗ eis nun auf dem Teller, ſo war damit noch keines⸗ wegs das Schwerſte geſchehen, denn es gehörte Zeit und Anſtrengung dazu, mit dem Meſſer einen Eindruck darauf zu machen, und mit dem Löffel mußte man auch ſehr geſchickt umzugehen wiſſen, wenn er nicht an der Zunge kleben bleiben ſollte. Ein Matroſe ließ ſich eines Tages von der kryſtallenen Durchſichtigkeit eines Eiszapfens verleiten, ihn im Munde zu zerbrechen; die unmittelbare Folge davon war, daß ein Stück an ſeiner Zunge, zwei andere an ſeinen Lippen feſtfroren, und alle drei beim ſchmerzhaften Abloͤſen die Haut mitnahmen. Zum Glück hatte Kapitän Becker dafür geſorgt, daß es nicht an warmer, zweckmäßiger Kleidung fehlte. Jeder Mann an Bord trug an den Füßen ein Paar baumwollene Socken unter ſtarken, gerippten, wollenen Strümpfen, die bis über die Hälfte des Beines hin⸗ aufreichten, darüber waſſerdichte Eskimo⸗Stiefel mit einem Socken von Hundefell, die Haarſeite nach innen gekehrt, der Schaft war von gegerbter Seehundshaut, und die Sohle mit den Ränden ſo aufgekrämpt, daß ſie eine Art von waſſerdichter Schüſſel bildete. Dazu kam noch ein Streifen Hundepelz als Einfaſſung, und eine Lage reines Stroh, innen auf der Sohle, welche die ſchnelle Verdünſtung der Wärme verhindern ſollte. Als Beinkleider dienten grobe wollene Unter⸗ und 91 darüber noch ein Paar andere Beinkleider, mit Renn⸗ thierſehnen genäht. Ein jackenartiger, kurzer Rock von Seehundsfell, mit Rennthierpelz gefüttert, und mit einer Kapuze ver⸗ ſehen, die man uͤber den Kopf ſtülpen konnte, ſchuͤtzte den Leib, und den Kopf bedeckte ein dicker Ring von Wolfsfell, welcher den Scheitel frei ließ, aber Stirn und Ohren vortrefflich vor der Kälte bewahrte. Pelz⸗ mützen würden nicht die gleichen Dienſte geleiſtet haben, da ſie ſtets voll von gefrorenem Waſſer gefunden wur⸗ den, ſo oft man die Mütze abnahm. Bei ſehr kaltem Wetter ſchlug man die Kaputze in die Höhe; wurde es noch kälter und vielleicht windig dabei, ſo hatten die Leute eine elaſtiſche, ſeidene Nachtmütze, die an eine Maske von Wolfsfell genäht war, welche ſie dann über Kopf und Geſicht ziehen konnten. Dies war der gewoͤhnliche Anzug, der nur bei etwas wärmerer, oder ungewöhnlich kalter Witterung ein wenig verändert wurde. Im erſteren Falle trug man tuchene, ſtatt der Pelzbeinkleider, und im letzteren noch ein Paar dicke, wollene Ueberſtrümpfe, die faſt bis an die Hüften hinauf gingen, nebſt einer langen Schärpe um die Hüften, welche Schutz beim Gehen gewährte, und die Kälte nicht in die Taſchen eindrin⸗ gen ließ. Man bedurfte in der That einer ſo warmen Be⸗ kleidung, beſonders wenn ſich die Leute bei den regel⸗ mäßigen, täglichen Spaziergängen oder anderen Be⸗ ſchäftigungen der freien Luft ausſetzen mußten. Wenn ſie die Kajüte verließen, ſo gebot es ihnen die Vorſicht, in den erſten paar Minuten den Mund nicht zu öffnen, und die Luft nur durch die Naſenlöcher einzuathmen. Nicht lange dauerte es, ſo wurden Bart, Augenwim⸗ pern und der weiche Flaum an den Ohren mit einer zarten, weißen Decke von Reif überzogen, an Schnurr⸗ bart und Zwickelbart hingen ſich ganze Reihen von Eiszapfen. Wenn Jemand unvorſichtiger Weiſe die Zunge herausſtreckte, ſo fror ſie unfehlbar an dieſer Eiskruſte feſt, und es gehörte ein raſcher Ruck und einige Nachhülfe mit der Hand hinzu, ſie wieder los⸗ zumachen. Sprechen durfte man nicht viel, denn es geſchah ſehr leicht, daß mittelſt des Bartes das Kinn an die obere Kinnlade anfror. Selbſt öfteres Augen⸗ blinken war bedenklich, denn oft genug geſchah es, daß ſelbſt die Augen durch den erſtarrenden Froſt zugeklebt wurden. Bei raſcher, lebhafter Bewegung, und wenn man nicht gegen den Wind ging, gewöhnte ſich der Körper an die Kälte, und gerieth bei nicht ungewöhnlicher niedriger Temperatur wohl gar in Schweiß. Aber ſo⸗ bald man gegen den Wind marſchiren mußte, trat ſtets eine ploͤtzliche Veränderung ein. Mit eiſigem Athem verwehte der Wind jede Spur wohlthuender Wärme; durchdringend kroch die Kälte am Rücken hin⸗ unter und in alle Taſchen und Ritzen hinein. Ein Taſchenmeſſer, das bis dahin vielleicht unangenehm warm, in der Hoſentaſche ſteckte, ward nun auf einmal kalt wie Eis, und verurſachte gleichwohl eine Empfin⸗ dung heiß wie Feuer. Wer eine Flinte trug, fühlte allmählig, daß die metallenen Theile derſelben mit einer Empfindung wie von heißem Waſſer durch doppelte, dicke, wollene Handſchuhe hindurchdrangen, und wenn er die Finger nicht erfrieren wollte, ſo mußte er eilen, nach dem Schiffe zurück zu kommen. 9³3 Für Robert, welcher die eigenthümlichen Wirkungen großer Kälte noch nicht kennen gelernt hatte, war es üͤberraſchend, ſie dieſelbe Empfindung hervorbringen zu ſehen, wie ſehr große Gluthhitze. Ein Stück kalter Stahl fühlte ſich mit bloßer Hand genau ſo an, wie ein anderes Stück Eiſen oder Stahl in weißglühendem Zuſtande, und Beides erzeugte die gleiche Wirkung, indem nach der Beruͤhrung die Haut ſich von den Fin⸗ gern löste. Robert litt im Anfange einigermaßen unter dem Einfluſſe der grimmigen Kälte, aber allmählig, da er ſich moͤglichſt dagegen zu ſtählen ſuchte, gewoͤhnte er ſich daran. Gleichwohl war das Leben an Bord ein⸗ förmig und langweilig genug. Um ſechs oder ſieben Uhr ſtand Robert, wie auch die Mannſchaft, jeden Morgen auf, trank noch in ſeinem Bett ein Glas kaltes Waſſer, und reinigte den ganzen Koͤrper, indem er ihn mit Hülfe eines rauhen groben Handtuchs und einer Art wäſſrigen Schneemußes abrieb. Dann zog er ſich ſchleunigſt an und eilte auf das Verdeck, wo die ſcharfe Luft ihm gewoͤhnlich einen Huſtenanfall erpreßte und die Kälte ihm faſt den Athem verſagte. Deſto ange⸗ nehmer erſchien ihm dann aber die Temperatur der Kajüte, obgleich auch ſie unter dem Gefrierpunkt des Thermometers ſtand. Heißer Kaffee, Kuchen aus Maismehl, oder was es ſonſt zum Frühſtück gab, wurde mit gutem Appetit verzehrt, und dann wieder ein Spa⸗ ziergang auf Deck gemacht, bis die gar zu arge Kälte wieder zum Hinuntergehen zwang. In der Regel um halb elf Uhr Morgens verſam⸗ melten ſich die Offiziere und ein Theil der Mannſchaft draußen auf dem Eiſe, um ſich der Geſundheit wegen — 2 94 eine kräftige Bewegung zu machen. Erſt gab es ge⸗ wöhnlich ein Fußballſpielen, bis die Beine ſchmerzten, dann ein Glitſchen auf dem Eiſe, ſo lange es die Kräfte geſtatten wollten, und endlich machte man wohl mit der Büchſe auf der Schulter einen Jagdausflug in die nächſten Umgebungen. Nach der Heimkehr wartete um zwei Uhr das Mittageſſen, und dann beſchäftigte ſich ein Jeder, ſo gut er konnte, bis die Müdigkeit zum Schlafengehen einlud, und einen Theil der lan⸗ gen Nacht in ſüßer Vergeſſenheit zugebracht werden konnte. 3 Auffallend und faſt unheimlich war für Robert die tiefe Einſamkeit und Stille, welche ſeit Anfang des Winters in der Natur herrſchte. Alles Leben ſchien völlig erſtorben, als wenn es nie wieder erwachen könnte. Monate lang ſah man in der Umgebung des Schiffes nichts Lebendiges weiter, als dann und wann einen Polarfuchs oder eine Robbe. Die Tauſende regſamer Weſen, welche während des kurzen Polar⸗ ſommers das Land bevölkerten, waren verſchwunden. Die entenartigen Voͤgel ſchnatterten jetzt an den großen Buchten und an den Strömen des milderen Südens. Die Möven hatten das offene Waſſer aufgeſucht. Die Taucher und Alke hielten die nördlichen Küſten der Vereinigten Staaten Amerika's beſetzt. Der krächzende Rabe, ſonſt überall der ſchwarze Wintervogel, hauste jetzt in den Wüſten des ſüdlicheren Binnenlandes. Kurz, kein Lebens⸗Atom funkelte mehr in der ſonnen⸗ loſen Nacht, kein Ton des Lebens durchwirrte die Luft, nicht die mindeſte Spur, nicht die leiſeſte Ahnung eines lebenden Weſens war zu entdecken. Hans hatte viele Muhe, Futter für die Hunde her⸗ 95 bei zu ſchaffen, und Robbenfleiſch war das Einzige, was man den hungrigen Thieren vorwerfen konnte. Der Winter ſchlich langſam dahin. Am 21. Jan. ſah man endlich um die Mittagsſtunde die erſten Spu⸗ ren des wiederkehrenden Lichtes. Es war nur eine ſchwache, orangen⸗gelbliche Färbung des ſüdlichen Hori⸗ zontes, aber jedes Herz an Bord begrüßte das hoff⸗ nungsfrohe Zeichen mit freudig klopfendem Herzen, denn die lange Nacht war auf die Stimmung der Leute nicht ohne nachtheiligen Einfluß geblieben. Sie ſchli⸗ chen traurig, mißmuthig und in gedrückter Stimmung umher, und, obgleich jede nur erdenkbare Vorſichts⸗ maßregel ergriffen wurde, zeigten ſich doch bei Einzel⸗ nen aus der Mannſchaft Spuren von Skorbut, welche nur mit Mühe beſeitigt werden konnten. Robert bewahrte unter dieſen Verhäͤltniſſen eine große Feſtigkeit, und zeigte ſtets eine heitere Laune, um die Leute aufzumuntern, und auch ihnen frohen Muth einzuflößen. Er veranlaßte, daß kleine Schau⸗ ſpiele, lebende Bilder und andere Luſtbarkeiten von Zeit zu Zeit an Bord veranſtaltet wurden, und war immer der Erſte und Munterſte dabei. Kapitän Becker ver⸗ hehlte ihm ſeine Bewunderung nicht, aber Robert ſchüttelte bei dem Lobe nur lächelnd den Kopf. »Was iſt da zu rühmen, Kapitän?« gab er zur Antwort.„Mein Vater iſt es, um den wir Alle dulden und leiden,— muß ich da nicht den Uebrigen mit gutem Beiſpiele vorangehen. Und wenn Alle zag⸗ ten, ich dürfte es nicht thun.« Der 12. Februar war der kälteſte. Tag, welchen man bis dahin erlebt hatte, denn das Thermometer ſtand 75 Grad unter Null, eine Kälte, bei welcher der 96 Chlor⸗Aether eine feſte Geſtalt annahm. Die Luft brachte beim Athemholen ein ſtechendes Gefühl hervor, und Jedermann athmete vorſichtig mit feſtgeſchloſſenen Lippen. Aber ſelbſt dieſe grimmige Kälte wurde ſtand⸗ haft ertragen, denn, dem Himmel ſagte man Dank da⸗ für, das Tageslicht kehrte immer länger und glänzen⸗ der zurück, und erfuͤllte die Herzen mit Hoffnung naher Erlöſung. Die düſteren Geſichter der Mannſchaft hei⸗ terten ſich wieder auf, und der Zuſtand der Kranken beſſerte ſich. Am 17. April konnten auf dem Schiffe die Kajütenlampen ausgelöſcht werden, und man be⸗ gnügte ſich an Bord wie die übrige Welt mit dem Tageslicht. Die Zeichen des wiederkehrenden Frühlings mehrten ſich. Eine einſame Schnee⸗Ammer erſchien als der erſte Vorbote des Sommers. Andere Vögel folgten. Die Möven kreiſchten wieder über den Eisſchollen, und ſtürzten über die Küchenabfälle vom Schiffe her, welche ſie als Leckerbiſſen verzehrten. Aber erſt in der zweiten Woche des Mai begann die eigentliche große Polar⸗ Wanderung der Thiere. Vom 16. dieſes Monats an, konnte man zu jeder beliebigen Stunde vom Verdeck des Schiffes aus ſehen, wie kleine Züge von Vögeln nach ihren unbekannten Waide⸗ und Brüteſtrichen flo⸗ gen. Alke und Eidergänſe zogen in ganzen Schaaren vorüber. Immer lag aber das Schiff noch ringsum im Eiſe feſt, und es hatte gar nicht den Anſchein, als ob es jemals daraus befreit werden wuͤrde. Da, am letzten Mai, brach ein heftiger Sturm aus, und wehte Schnee in ſolchen Maſſen und mit ſolcher Gewalt vor ſich her, daß er durch die kleinſten Ritzen 97 und Spalten drang, und nicht nur das Verdeck über⸗ ſchüttete, ſondern wie ein feiner Staub oder wie Mehl ſelbſt in den Kleidern ſich feſtſetzte. So dicht war die⸗ ſes Schneetreiben, daß man im Freien trotz des hellen Tageslichtes nicht fünf Schritte weit ſehen konnte. Den ganzen Tag hielt es an, und auch noch die Nacht hin⸗ durch, bis gegen Morgen die Mannſchaft der»Hoff⸗ nung“ durch ein ungeheures Krachen und eine gewal⸗ tige Erſchütterung von außen in allgemeinen Schrecken und Beſtürzung verſetzt wurde. Das Schiff ſchwankte, hob und ſenkte ſich, wie beim wildeſten Sturme auf offener See, und der Boden ſchien den Leuten unter den Füßen zu weichen. Allle eilten mit bleichen Geſich⸗ tern auf das Verdeck, und hier ſahen ſie nun auf den erſten Blick die Urſache der ungewöhnlichen Erſchütte⸗ rung. Ringsum war das Eis in ungeheure Schollen zerbrochen, welche ihr Spiel mit dem Schiffe trieben und es zu Staub zu zermalmen drohten. Angſtvoll erwarteten Alle den Untergang. Da, plötzlich, ſchob ſich eine mächtige Scholle unter den Kiel des Schiffes, hob es mitten aus dem Getuͤmmel der krachenden Eis⸗ trümmer heraus, und ſchob es mit unwiderſtehlicher Gewalt auf die Eismaſſen zunaͤchſt dem Ufer hinauf, wo es unbeweglich liegen blieb. Wie durch ein Wunder war das Schiff gerettet. Am nächſten Tage hatte der Sturm die Eisſchollen weiter nach Süden hinab gefegt, und das Meer lag eben, glatt und ruhig da. Durch eine gemeinſame An⸗ ſtrengung gelang es, das Schiff von der glatten, etwas geneigten Eisbahn wieder in das Waſſer zu bugſiren, und nun ſchaukelte es ſich unbeſchädigt und ſo ruhig Hoch im Norden.. 7 98 auf dem Wellenſpiegel, daß man jeden Augenblick mit ihm unter Segel konnte. Achtes Kapitel. Die letzte Reiſe. Der Fruͤhling näherte ſich jetzt immer fuhlbarer, und nicht nur die Vögel, ſondern auch Pflanzen und Inſekten, welche nach und nach zum Vorſchein kamen, verkündigten, daß die Gewalt des Winters gebrochen ſei. Am ſechsten Juni fing Robert eine Fliege, die ihm um den Kopf herum ſummte, und Hans brachte eine Schmetterlingspuppe, aus der ſich eben ein bunter Tagfalter herausarbeitete. Auf beſonders günſtigen La⸗ gen ſproßten Flechten, Riedgräſer und Haidekräuter aus dem Boden und erquickten das Auge durch ihr Hoffnung verkündendes, friſches Gruͤn. Schneehuüͤhner, Schnepfen und kleine Schneeammern flatterten in Schaaren um das Schiff herum, und ihr munteres Gezwitſcher drang lieblich zu den Ohren der Leute, welche Töne dieſer Art ſo lange hatten entbehren müſſen.. Alles dieſes waren ſichere Anzeichen von der An⸗ kunft des Sommers, obgleich allnächtlich noch immer ſcharfe Fröſte eintraten, und die Küſte, wenige Stellen ausgenommen, noch immer, ſo weit das Auge reichte, mit Schnee bedeckt war. Man hätte nun, da die See vom Eiſe frei war, 99 unbehindert die Rückfahrt nach Amerika antreten kön⸗ nen, aber daran dachte natürlich Niemand. Kapitän Becker benutzte die erſten Tage des Juni, um zunächſt das Schiff wieder in den früheren Stand zu ſetzen, und als dies geſchehen war, berathſchlagte man ernſt⸗ lich über die Art und Weiſe, wie die Nachforſchungen nach Kapitän Griffin wieder aufgenommen werden ſoll⸗ ten. Hunde und Schlitten befanden ſich in gutem Zu⸗ ſtande, und die Mannſchaft erholte ſich ſchnell von den glücklich überſtandenen Leiden des Winters. Kapitän Becker ſuchte vier der Tüchtigſten aus, und beſtimmte, daß ſie mit ihm, mit Robert, der ſich natürlich nicht zurückhalten ließ, und mit Hans die Reiſe unternehmen ſollten. Auch der Doktor war von der Parthie. Die übrige Mannſchaft aber ſollte auf dem Schiffe bleiben, deſſen Kommando während der Abweſenheit Kapitän Beckers in die Hände des Lieutenants Lowell gelegt wurde. Er empfing den Befehl, an dem Orte, wo das Schiff lag, die Ruͤckkehr der Reiſenden zu erwarten, und ſich auf keinen Fall aus dem Hafen zu entfernen. Nun wurden die Schlitten in Bereitſchaft geſetzt, und an einem hellen Juni⸗Morgen die Reiſe zur Auf⸗ ſuchung angetreten. Kapitän Becker nahm dieſelbe Richtung, welche vor Monaten Robert und Hans ein⸗ geſchlagen hatten, um die Proviant⸗Magazine anzulegen. Damals war Alles, Meer und Land, von ſtarrem Eiſe bedeckt geweſen, jetzt aber hatte das Eis ungeheuern Schneemaſſen weichen müſſen, welche zuweilen das Fort⸗ kommen nicht wenig erſchwerten. Manchmal konnten ſie nur mit größter Sorgfalt überſchritten werden, weil die Sonnenwärme ſchon Einfluß auf ſie gewonnen und ſie ſo erweicht hatte, daß man fußtief darin einſank; 7 100 und an anderen Stellen fand man Schneewehen von ſolcher Höhe angehäuft, daß man oft große Umwege machen mußte, um ſie, da ſie unmöglich zu überſteigen waren, zu umgehen. Aber dieſe Hinderniſſe wurden von den wackeren Seeleuten nicht viel geachtet, ſondern mit Geduld, Aus⸗ dauer und Standhaftigkeit überwunden. Ohne bemerkenswerthen Unfall erreichte die Reiſe⸗ geſellſchaft nach einigen Tagen die erſte Station, wo man Lebensmittel niedergelegt hatte. Man hoffte zu⸗ verſichtlich, daſelbſt Alles noch in gutem Zuſtande zu finden, aber nicht ohne Erſtaunen und ſelbſt Schrecken bemerkte man bei der Ankunft auf dem Platze, daß die Eisbären übel daſelbſt gehaust hatten. Die Felsblöcke, die Stein⸗ und Sand⸗Maſſen, welche man zum Schutze gegen den Angriff ihrer Krallen darüber gehäuft hatte, lagen zerſtreut umher, und das ganze ſo feſte Verſteck war vollſtändig zerſtört. „Das iſt eine ſchlimme Ueberraſchung,“ ſagte Kapi⸗ tän Becker, als er die Verwüſtung überſchaute.„Wenn die beiden andern Verſtecke nicht beſſer Widerſtand ge⸗ leiſtet haben, werden wir nicht viel ausrichten können. Dieſe Tiger des Nordens haben uns ja aber auch gar nichts übrig gelaſſen. „Doch, Etwas ſchon,“ verſetzte Robert, der auf⸗ merkſam umherblickte,—„die Cylinder von Eiſenblech mit ihren kegelförmigen Enden haben ihren Klauen und Zähnen Trotz geboten. Da liegen ſie auf dem Schnee umher, Alle mit Riſſen und Einige verbogen, aber kein Einziger ſeines Inhalts beraubt. Die Hälfte davon wird ausreichen, uns vierzehn Tage mit Lebensmitteln zu verſehen.“ V 2 — 101 »Du haſt recht; es verhält ſich, wie du ſagſt,“ er⸗ wiederte Kapitän Becker erfreut.„Die Cylinder enthal⸗ ten Alles, was wir gebrauchen, und ſo wollen wir uns nicht grämen, daß das Uebrige dahin iſt. Aber wie ſie gewirthſchaftet haben, die Beſtien! Außer den Cylindern und ein paar Fäßchen mit Salzfleiſch, die dort aus dem Schnee hervorragen, haben ſie doch aber auch gar nichts verſchont.“ Eine nähere Unterſuchung ergab, daß es ſich in der That ſo verhielt. Von den Tonnen und Fäſſern fand man nur noch Holzſplitter, ſogar ein mit ſtarken eiſer⸗ nen Reifen verſehenes Faß war in kleine Truͤmmer zerſchlagen, und eine große zinnerne Kanne mit Spiri⸗ tus faſt zu einer Kugel zuſammengedreht. Kaffee, altes Segeltuch, Brod, Mehl, Alles hatten die Bären ver⸗ zehrt oder zerriſſen und zerſtreut, und im Uebermuthe der Zerſtörung die Brodfäſſer ſogar bis hinein in's Mhet gekollert, wo ſie noch zwiſchen den Eisſchollen agen. Man mußte ſich begnügen, die Cylinder auf die Schlitten zu vertheilen, und konnte noch zufrieden ſein, ſie wenigſtens gefunden zu haben, denn ohne ſie hätte man, da man nicht mehr mit Lebensmitteln verſehen war, zu dem Schiffe zurückkehren müſſen. Das zweite Depot, welches die Geſellſchaft erreichte, befand ſich in ähnlichem Zuſtande, wie das erſte, das dritte aber wurde zur großen Freude Aller noch ganz unverſehrt gefunden. Auch hier zeigten ſich zwar Spu⸗ ren von den Angriffen der Eisbären, aber die Feſtigkeit des Verſteckes hatte ihren Krallen Widerſtand geleiſtet. An dem Verluſte der beiden Andern war nun nicht viel gelegen. Die Vorräthe des Letzten waren groß 2 10² genug, um die Reiſegeſellſchaft auf Monate hinaus vor Hunger zu ſchützen. Dicht neben dem Depot wurde nun ein Zelt aufge⸗ ſchlagen, welches bei der jetzigen minder ſtrengen Jah⸗ reszeit genügenden Schutz vor der Unbill des Wetters gewährte, und einige Tage verſtattete man ſich, um den von der langen Reiſe denn doch etwas ermüdeten Hun⸗ den eine Friſt zur Erholung zu gönnen; dann aber ließ Robert den Uebrigen keine Ruhe mehr. »Die Zeit iſt koſtbar, und wir müſſen ſie benutzen,“ ſagte er zu Kapitän Becker.„Jede Stunde, die wir hier unthätig verharren, kann eine Stunde ſchrecklichen Leidens für meinen Vater ſein. Vergönnen Sie we⸗ nigſtens mir, ſeinem Sohne, die Nachforſchungen zu beginnen.« »Nein, nicht du allein, wir Alle wollen ſie begin⸗ nen, und zwar morgen zu fruͤher Stunde,“« entgegnete Kapitän Becker.„»Wir werden uns in zwei Partheien theilen, und nach verſchiedenen Richtungen hin die Ge⸗ gend durchſuchen. Jede Parthei wird ſich auf acht Tage mit Lebensmitteln verſehen, und nach dieſer Friſt hierher zurückkehren.“ „Gut,« ſagte Robert.„Ohne Zweifel wird die Parthei, welche in nöordlicher Richtung vordringt, die größten Schwierigkeiten zu überwinden haben. Geſtat⸗ ten Sie mir, Kapitän, dieſe Richtung zu verfolgen. Sie wiſſen wohl, daß ich das Aeußerſte aufbieten werde, um meinen Vater zu finden. Hans wird mich beglei⸗ ten, und wir Beide ſind uns grade genug.“ Kapitän Becker machte einige Einwände gegen die⸗ ſen Vorſchlag Roberts, indem er ſich des Verſprechens erinnerte, das er vor der Abreiſe ſeiner Mutter gege⸗ 103 ben hatte, aber Robert beharrte ſtandhaft auf ſeiner Forderung. »Nun denn, da du ſo hartnäckig biſt, mag es in Gottes Namen geſchehen,“ ſagte der Kapitän endlich. „Aber ich will dich nicht Gefahren preisgeben, die ich nicht zu theilen entſchloſſen wäre. Ich begleite euch!« „»Aber, Kapitän— Sie ſind nicht mehr jung,“ er⸗ wiederte Robert.„Haben Sie wohl daran gedacht, daß wir, um vorwärts zu kommen, jene ungeheuren Eis⸗ berge und Gletſcher⸗Maſſen überſteigen müſſen, die ſich eine halbe Stunde Wegs vor uns erheben? Das wird über Ihre Kräfte gehen, Kapitän!“ »Kuͤmmere dich nicht um mich, Knabe,“ verſetzte Ka⸗ pitän Becker.„Ich bin kein Neuling in dieſen Gegen⸗ den. Kein Wort mehr, es bleibt dabei. Wir werden die Gletſcher zu überſteigen ſuchen, und der Doctor mag mit den uͤbrigen Leuten einen Verſuch machen, ſie zu umgehen. Im Norden liegt unſer Ziel, und ich hoffe, wenigſtens eine Parthei von uns wird es er⸗ reichen.“ Bei dieſer Beſtimmung blieb es. Noch am Abend wurden die Schlitten ausgerüſtet, und am frühen Mor⸗ gen des andern Tages brach man auf, wohl verſehen mit Lebensmitteln, Hauen, Schaufeln, Stricken und an⸗ deren Werkzeugen, welche man benutzen zu konnen glaubte. Der Doctor mit ſeinen. Begleitern wendete ſich rechts; Kapitän Becker, Robert und Hans fuhren gerades Weges auf die Gletſcher zu. Anfänglich ging Alles leicht und gut, bis man am Fuße der Bergkette ankam. Hier aber begann das Steigen, und wahrlich, ein beſchwerliches, muͤhſames Steigen war es. An Weg und Steg war gar nicht 104 zu denken, und bald gelangte man auf die Eisregion der Gletſcher, welche ſich meilenweit ausbreiteten, und an einzelnen Punkten faſt ſenkrecht zu fünf⸗ bis ſechs⸗ hundert Fuß hohen Wänden anſtiegen. An Abgründen vorüber, wo ein einziges Ausgleiten ſicheren Tod brin⸗ gen mußte; über Schneefelder hinweg, unter denen vielleicht verrätheriſche Spalten klafften, welche den Durchbrechenden zu verſchlingen drohten; über Kluͤfte hinweg, wo man ſich der ſchwankenden Brücke eines ſchmalen Bretes anvertrauen mußte, drangen die küh⸗ nen Reiſenden aufwärts. Mehrmals mußten ſie große Umwege machen, weil die leichte Brücke nicht lang ge⸗ nug war, die beiden Ränder von dergleichen Kluͤften zu verbinden; mehrmals mußten ſie auch Stufen in das Eis hauen, wo die glatte Eiswand ſo ſteil anſtieg, daß der Fuß keinen Halt darauf fand. Am beſchwerlichſten war es, die Hunde mit den Schlitten vorwärts zu bringen. Oefter als einmal mußte man die Ladung auspacken und ſtückweiſe über die Eiswand tragen, weil die Hunde ſonſt die Schlit⸗ ten nicht fortgebracht hätten. Es koſtete ungeheure Anſtrengung, uͤber die wechſelnde Geſtaltung der Eis⸗ felder vorwärts zu kommen, und als unſere Reiſenden einige Stunden gegangen, geklettert, gerutſcht und ge⸗ fahren waren, wurden ſie von Gliederzittern und Athem⸗ Beſchwerden überfallen, und fühlten ſich der gänzlichen Erſchöpfung nahe. Noch eine Stunde mehr, und ſie konnten nicht weiter. Kapitän Becker wurde faſt ohn⸗ mächtig, und Hans ſaß zitternd auf einer Schneewehe, und bot ein Bild äußerſter Ermüdung dar. Auch die Hunde hatten ſich niedergelegt, ihre Weichen flogen, und die Zunge hing ihnen aus dem Munde. Robert allein ſtand noch aufrecht, denn der Gedanke an ſeinen Vater flößte ihm Energie und Muth ein. »„Es geht nicht mehr,« ſagte Kapitän Becker nach einer Weile des Ausruhens mit ſchwacher Stimme. »Wir müſſen es aufgeben! Ich kann keinen Schritt weiter gehen.« Hans nickte betrübt, und man ſah es ihm an, daß er ganz derſelben Meinung war. »Nun denn,“ ſagte Robert mit feſter Entſchloſſen⸗ heit,„bleibt ihr zurück oder kehrt um,— ich gehe weiter. Sollen wir den ganzen Winter umſonſt ge⸗ duldet und gelitten haben? Nein, und wenn es mein Leben koſtet, ich will dieſen Berg überſteigen, und die jenſeitigen Buchten durchforſchen.“ Vergebens drang Kapitän Becker in ihn, das Un⸗ mögliche nicht erſt noch zu verſuchen. Robert füllte ſeine Taſchen mit Proviant an, hing Büchſe und Jagd⸗ taſche über, und ſteckte ein Beil in ſeinen Gürtel. „»Leben Sie wohl, Kapitän,“ ſagte er.„Lebe wohl, Hans! Wenn ich nicht zurückkehre, ſo betet für mich, und Sie, Kapitän, tröſten Sie meine arme Mutter. Ich will mein Werk vollbringen, oder ſterben!« Mit dieſen Worten ſchüttelte er ſeinen Begleitern zum Abſchiede die Hände, und drang muthig weiter vorwärts. Der Kapitän und Hans machten, da ſie ihn ſo feſt entſchloſſen ſahen, einen verzweifelten Ver⸗ ſuch, ihm zu folgen, aber ihre Erſchöpfung ließ es nicht zu. Sie mußten den kühnen Jüngling allein gehen laſſen, und konnten nichts weiter thun, als für ihn beten. Roberts Muth wankte indeſſen keinen Augenblick. Nachdem er noch etwa eine Stunde geſtiegen war, be⸗ 106 merkte er zu ſeiner angenehmen Ueberraſchung, daß die Eiswand minder ſteil wurde, und daß er mit größter Leichtigkeit ausſchreiten konnte. Plötzlich that ſich vor ihm eine Art ganz ebenen Weges auf, der, wie es ſchien, um den höchſten Gipfel des Gletſchers herum⸗ führte. Er verfolgte denſelben mit neuem Muthe, und erreichte bei einer ſcharfen Biegung des Weges ganz unverhofft einen Punkt, von wo aus er einen weiten Blick auf die nördlich vom Gletſcherberge gelegene Ge⸗ gend werfen konnte. Er hatte den Gletſcher wirklich umgangen, und ſein Muth war von dem ſchönſten Er⸗ folge gekrönt worden. Wie betäubt von ſeinem guten Glücke ſtand er ein Weilchen regungslos da; dann aber ſtieß er einen Schrei des Entzückens aus, und fiel auf die Kniee nie⸗ der, um zu beten. Hierauf überlegte er. Sollte er zurückkehren, um den Kapitän und Hans zu benachrichtigen? Aber nein! Es war ſchon zu ſpät dazu, und wenn er heute noch den nördlichen Fuß des Gletſcherberges erreichen wollte, ſo mußte er ſich beeilen. Entſchloſſen ſetzte er ſeinen Weg weiter fort, und ſtieg ziemlich ſchnell den Abhang hinunter, der auf dieſer Seite weit minder ſteil war, als auf der ſüdlichen. Weiter und weiter ging, glitt, rutſchte und ſprang er, bis er bei einer abermaligen Biegung, welche eine breit vorſtehende Eiswand ihn zu machen nöthigte, eine freie Ausſicht in weſtlicher Richtung gewann. r ſtutzte und blieb ſtehen. Offenes Waſſer lag vor ihm, eine ſpiegelnde glänzende Fläche, die ſich weit⸗ hin nach Norden und Nordoſten erſtreckte, in der letzte⸗ ren Richtung aber von einem unabſehbaren Eisfelde 107 begränzt war. Seine Augen ſchweiften über das Waſſer und ſeine Ufer hin, ſo weit er dieſelben überſehen konnte. Alles ſchien öde und verlaſſen, als ob noch nie ein menſchlicher Fuß dieſe Gegend betreten hätte. Ein banges Gefühl, als ob er auch hier vergebens nach ſeinem Vater forſchen werde, beſchlich Robert und erweckte in ihm tiefe Wehmuth. Thränen verdunkelten ſein Auge, und er merkte es kaum, wie ſie über ſein Geſicht rannen, um dann vor ſeinen Füßen zu Eis zu erſtarren. Mechaniſch ging er wieder weiter, obwohl ohne Hoffnung und von Trauer erfüllt. Auf einmal ſtand er am Rande einer Eiswand, die faſt ſenkrecht zu dem Meere abfiel. Erſchreckt wich er einen Schritt zurück, denn er wäre bei einem Haare in die furchtbare Tiefe geſturzt, die er jetzt mit den Augen maß. Plötzlich ſchrie er laut auf, taumelte zur Seite, und mußte ſich mit beiden Händen an der kalten Eiswand anklammern, um nicht nieder zu ſtürzen. Einem zweiten Blicke in die Tiefe folgte ein neuer Schrei, ein Schrei des Ju⸗ bels, des Entzückens, des unſäglichſten Glückes, welches Robert faſt ſeiner Sinne beraubte. Unter ihm, dicht am Ufer, lag ein Schiff, eine ſchöne, große Brigg, und am Ufer gingen und ſtanden Menſchen, und auch auf dem Verdeck eilten Einige geſchäftig hin und her, und Andere fuhren in einem Boote über das Waſſer dem Ufer zu. 4 Das war ein überraſchender Anblick für Robert! War dies— konnte dies die„Ellenor«, die Brigg ſeines Vaters ſein? Die Entfernung war zu groß, um es deutlich zu erkennen. Aber Robert beſann ſich; er hatte ja ein Fernrohr in ſeiner Jagdtaſche. Er 108 nahm es heraus und brachte es an's Auge. Aber er konnte nichts ſehen, ſeine Hand zitterte, wie ein Blatt im Winde. Endlich warf er ſich auf das Eis nieder, und legte das Rohr auf ſeine Jagdtaſche. Jetzt hatte er einen Stützpunkt und vermochte das Fernrohr zu richten. Ein Blick ſagte ihm Alles:— ja, es war die„Ellenor«, die da auf dem Waſſer lag, es war das Schiff ſeines Vaters,— und heiße Thränen ent⸗ ſtürzten Roberts Augen, während er mit gefalteten Händen auf ſeinen Knieen lag, und, von ſeinen Ge⸗ fuͤhlen ganz und gar überwältigt, kein Wort weiter ſtammeln konnte:„O Gott, mein Gott! Ich danke Dir! Es iſt die Ellenor, das Schiff meines Vaters!« Es dauerte geraume Zeit, bis Robert ſich ſo weit wieder gefaßt und erholt hatte, um ſeinen Weg fort⸗ ſetzen zu können. Endlich erhob er ſich, und ſuchte nach einem gangbaren Pfade in die Tiefe. Eine Strecke weiter hin fand er den Berg minder ſteil und abſchüſſig, und eilte ihn mit aller Schnelligkeit, die er aufbieten konnte, hinunter. Athemlos, keuchend, ſchweißbedeckt kam er bei ſeinem Ziele an. „Kapitän Griffin! Mein Vater! Lebt er?« rief er den Leuten zu, die ihm aufſtießen. Eine bejahende Antwort erfolgte,— dann ein lau⸗ tes Geſchrei von Seiten der Leute,— und weiter hörte Robert nichts mehr. Ohnmächtig vor Erſchöpfung und Gemüthsbewegung ſtürzte er zu Boden. Als Robert wieder erwachte, fand er ſich in den Armen ſeines Vaters, welcher ihn mit den zärtlichſten Liebkoſungen überhäufte und ihn mit Fragen über ſein unerwartetes Erſcheinen beſtürmte. Aber es währte ziemlich lange, bis Robert hinreichend ſeiner Gefühle * ——y—yy 109 Meiſter wurde, um eine zuſammenhängende Nachricht geben zu können. Mit freudigem Erſtaunen lauſchten Kapitän Griffin und ſeine Leute der Erzählung, und brachten am Ende derſelben dem Kapitän Becker und Robert ein dankbares und herzliches Lebehoch aus. »Wenn wir auch bis jetzt nicht eigentlich Mangel gelitten haben,“ ſagte dann Kapitän Griffin,„ſo ver⸗ danken wir doch ohne Zweifel allein Eurer Ankunft unſere Erlöſung. Wir ſind ſeit zwei Wintern in dieſer Bucht eingefroren, und wie es ſcheint, wird unſer Schiff nie aus ſeiner Gefangenſchaft befreit werden. Jene Eis⸗ fläche, welche ſich in nordweſtlicher Richtung meilenweit erſtreckt, iſt der unzerbrechliche Wall, der uns von dem offenen Meere geſchieden hat, und den wir nimmermehr würden durchbrechen können. Wahrſcheinlich öffnet er ſich nur in ungewöhnlich warmen Sommern, und wer kann wiſſen, wie lange ein ſolcher auf ſich warten läßt. Wir hätten längſt das Schiff ſeinem Schickſale über⸗ laſſen und den Rückzug zu Fuße angetreten, aber wir wußten nur zu gut, daß ein ſolcher Verſuch hoffnungs⸗ los ſei und uns nur in's Verderben geführt haben wuüͤrde. Die nächſten Niederlaſſungen ſind Hunderte von Meilen entfernt, und wir hatten weder Hunde noch Schlitten, um Lebensmittel in genügender Menge mitnehmen zu können. Alſo wäre Tod durch Hunger oder Kälte unſer unvermeidliches Loos geweſen. Darum harrten wir lieber hier aus, in der Hoffnung, durch irgend einen glücklichen Zufall erlöst zu werden, und friſteten einſtweilen unſer Leben mit den Vorräthen des Schiffes und durch die Jagd. Aber, Gott ſei Dank, daß Ihr gekommen ſeid! Länger wie noch einen Win⸗ ter hätten wir wohl nicht den Leiden des rauhen nor⸗ 110 diſchen Klima's widerſtanden, denn unſere Vorräthe gehen zu Ende, und die Jagd allein würde uns nicht erhalten haben. Darum willkommen, tauſend Mal willkommen, mein lieber Sohn, und Segen über dich für deine Treue. O mein Gott, wenn du nicht den 3 Muth und die Ausdauer gehabt hätteſt, allein deinen Weg fortzuſetzen, ſo würdet ihr uns gewiß niemals entdeckt haben, und von uns Allen wäre vermuthlich im nächſten Frühjahre nichts weiter übrig geweſen, als unſere erfrorenen Leichen.“— Eine neue Umarmung folgte dieſen Worten, und Freudenthränen entfloſſen den Augen des Vaters und des Sohnes, während die Mannſchaft dem Letzteren 4 abermals ein Hurrah ausbrachte, ihn umringte, und ihn als ihren Retter vom Tode pries. Robert lehnte jedoch alle Lobſprüche beſcheiden ab.. „Gott allein die Ehre!« ſagte er demuthsvoll. „Den Herrn laßt uns preiſen und zu Ihm beten, denn Er lenkte meine Schritte und gab mir Kraft, weiter zu gehen, als meine Freunde der Anſtrengung erlagen. Dem gnadenreichen Gott allein Dank, Preis und An⸗ betung!« Für heute war es natürlich zu ſpät, noch die Wan⸗ derung über den Gletſcherberg anzutreten, um ſich mit den zurückgebliebenen Freunden zu vereinigen, aber noch nmn der Nacht wurden alle Vorbereitungen zur Abreiſe für den nächſten Morgen getroffen. Früh ſchon brach man auf. Die Leute trugen ihre beſten Habſeligkeiten auf den Schultern mit ſich, alles Uebrige aber mitſamt dem Schiffe mußte verlaſſen und ſeinem Schickſale preis⸗ gegeben werden. Niemand klagte darüber,— Jeder⸗ mann war vielmehr froh, und dankte Gott im innerſten —— 111 Herzen, daß die lange und traurige Gefangenſchaft noch ein ſo glückliches Ende genommen hatte. Der Marſch über die Gletſcher dauerte ſechs volle Stunden und war ſehr ermüdend, aber doch gab es ein freudiges Wiederſehen und ein inniges Begrüßen, als man endlich bei der Station anlangte. Die beiden alten Freunde, die Kapitäne Griffin und Becker, ſanken tiefgerührt einander in die Arme, und das reinſte Glück ſtrahlte aus Aller Augen. Da man nun keine Veranlaſſung zu längerem Ver⸗ weilen hatte, wurde Hans mit den ſchnellſten Hunden ausgeſchickt, um den Doctor mit ſeiner Streifparthei zurückzuholen, und als ſie am Abend des nächſten Ta⸗ ges ankamen, gab es ein neues frohes Begrüßen und Händedrücken. Allen erſchien es wie ein Wunder, daß man die ſo lange Verlorenen endlich wiedergefunden hatte, und Keiner war, der nicht Gott aus voller Seele dafür gedankt hätte.——— Wir haben nicht viel mehr mitzutheilen. Unſere Freunde erreichten ſämmtlich wohlbehalten das Schiff, welches ruhig und unverſehrt vor Anker lag, und durchſchnitten bald nachher mit vollen Segeln das weite Meer, das ſie noch von den Küſten Amerika's trennte. Hans wurde mit einem reichen Geſchenke in ſeiner Hei⸗ math abgeſetzt, trennte ſich aber nur ſchwer, namentlich von Robert, den er herzlich liebgewonnen hatte. Nach gluͤcklicher Fahrt lief die„Hoffnung“ endlich wieder in den Hafen von New⸗York ein, und eine Stunde ſpäter umarmte Miſtreß Griffin ihren Gatten und ihren heldenmüthigen Sohn, welcher ſo redlich das Seinige zur Befreiung des Vaters beigetragen hatte. Glück und Frieden kehrten wieder in die Behauſung * * 112 Kapitän Griffins ein. Sein Drang nach ferneren Aben⸗ theuern zur See war geſtillt, und er widmete ſich fortan ganz ſeiner Familie, welche ſeine Zärtlichkeit mit der hingebendſten Liebe vergalt. Kapitän Becker blieb der treue Freund des Hauſes, geehrt, geachtet und geſchätzt von allen Mitgliedern deſſelben. Oft rühmte er Ro⸗ berts Muth und Ausdauer bei der Expedition im hohen Norden, und ſprach es frei aus, daß dieſelbe ohne ſeine letzte heldenmäßige Anſtrengung ſchwerlich einen glück⸗ lichen Ausgang gehabt haben würde; aber Robert lehnte beſcheiden alles Lob ab. „Gott allein die Ehre,“ ſagte er.„Ich war nur das Werkzeug in der Hand des himmliſchen Va⸗ ters, und Er war es, der meine ſchwache Kraft ſtärkte und meine Schritte leitete. Beſchämen Sie mich nicht, Kapitän Becker. Ich that nichts weiter, als meine Schuldigkeit. Dem Herrn aber ſei ewiger Dank, Und Ihm allein auch Preis, Ehre und Ruhm!“—— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. ö 4 8 3 3. fffffffffffffffffffffffffffff