———————.—=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vont Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 3„„ 7 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. dusoineamil. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 9 2* Erſtes Kapitel. — An einem heißen Sommertage des Jahres 17.. konnte man gegen die Abendſtunde hin in einer wil⸗ den Gebirgsgegend des Savoy'ſchen Hochgebirgs eine Gruppe Fußwanderer ſehen, welche Niemand, ſelbſt der Unbefangenſte nicht, ohne Verwunderung, ja ſelbſt nicht ohne einen heimlichen Verdacht, daß ſie irgend eine böſe That begangen haben mögten, be⸗ trachten konnte. Die kleine Truppe beſtand aus ei⸗ nem Manne, einer Frau und zwei Knaben von ziem⸗ lich gleichem Alter, welche letztere auf dem rauhen und holperigen Gebirgspfade kaum vorwärts kom⸗ men konnten. Mehr als einmal ſtolperten ſie über Steine, und entgingen nur mit genauer Noth einem ſchweren Fall, und ſo oft ſie an einem veichen grü⸗ nen Raſenfleckchen, oder an einem Banme vorüber kamen, unter deſſen breiten ſchattigen Zweigen eine natürliche Moosbank zur 5 enlud, 5 oft uneee Captal. ſie auch ſehnſuͤchtige Blicke darauf, und Einer von den beiden Knaben wandte ſich öfters zu dem Manne zurück, um ihn mit ziemlich trotzigen Worten um eine kurze Raſt zu bitten. „Ich bin müde, Vater,“ ſagte er in franzöſiſcher Sprache.„Zu was ſollen wir noch weiter wandern? Wir ſind weit genug gegangen ſeit heute Morgen.« „Schweig, oder ich werde dich auf das Maul klopfen,“ erwiederte der Vater mit barſcher Stimme, indem er jedes Mal einen ſo wilden Blick auf den jungen Knaben warf, daß dieſer ihn kaum auszu⸗ halten vermogte.„Noch dieſen Berg hinauf müſſen wir wandern, dann ſind wir auf italieniſchem Ge⸗ biet und brauchen nicht mehr ſo ſehr zu eilen. Im⸗ mer vorwärts, Pierre! Je mehr du dich ſputeſt, deſto eher kannſt du von deiner Müdigkeit aus⸗ ruhen.“ .„»Ich bin ſo müde nicht, Vater,“ antwortete der Knabe, welcher etwa das neunte Lebensjahr erreicht haben mogke.„Ich bin nicht müde, denn ich bin das Herumſtreifen gewöhnt. Aber hier Captal kann nur noch mit 1hah. vorwärts kommen, und um ſei⸗ naetwillen ſollten wir ein bischen ausruhen.“ „Schwatz⸗ nicht ſo thöricht!“ fuhr der Mann auf.„Gerade um ſeinetwillen müſſen wir vorwaͤrts. —— ——y— 3 Immer raſch! Schweig ſtill und reiche dem Jungen deine Hand, damit er eine Stütze hat und nicht fällt.« Pierre ſtreckte mit einem zugleich zärtlichen und mitleidigen Blicke ſeinem kleinen Begleiter die Hand hin. Dieſer ergriff ſie, und an ſeinem feſteren Schritte konnte man leicht ſehen, welche willkom⸗ mene Hilfe ihm die Unterſtützung ſeines gutmühigen Leidensgefährten gewährte. „Ich danke dir, Pierre,« flüſterte er dem Kna⸗ ben zu, indem er zugleich einen ſcheuen und düſte⸗ ren Blick hinter ſich warf, um ſich zu überzeugen, daß die Folgenden weit genug von ihm entfernt ſeien, um ſeine Worte nicht verſtehen zu können! »Warum biſt du nur ſo gut gegen mich, da doch dein Vater und deine Mutter immer mit mir zanken.“« „Sag' nicht, mein Vater und meine Mutter,“« erwiederte Pierre unwillig und eben ſo leiſe, zu ſeinem kleinen Begleiter.„Meine Eltern ſind beide geſtorben, und die dort«— er deutete mit der Hand hinter ſeinen Rücken,—„die dort haben mich nur zu ſich genommen, damit ich ihnen helfen ſoll, Geld zu verdienen.“ »Geld verdienen?« fragte der kleine Captal iͤber raſcht.„Wodurch denn? 4 4 aͤlter, als ich, und wollteſt ſchon Geld verdienen können? Das glaube ich nicht, Pierre!« „Ei ja, weil du es nicht verſtehſt!“ erwiederte Pierre.„Aber in Paris, da helf' ich meinem Pfle⸗ gevater bei'm Handwerk.“ „Was iſt denn das für ein Handwerk?“« fragte Captal neugierig. „ Ja, das darf ich eigentlich nicht ſagen,« er⸗ wiederte Pierre.„Wenn es Rollet hört, ſchlägt er mich zu Boden, denn Niemand darf wiſſen, was er in Paris thut.“ „Ach, mir kannſt du es wohl ſagen,“ fluſterte der kleine Captal.„Wem ſollte ich es wohl verra⸗ then?“ Pierre warf einen Blick auf die Folgenden zu⸗ rück, und da er den Mann und die Frau a⸗ nug entfernt ſah, daß ſie ſeine Worte nicht hören konnten, ſagte er raſch und leiſe:„Wir ſtehlen!« Captal fuhr erſchrocken auf die Seite und riß ſchnell ſeine Hand aus der Pierre's los.„Das iſt ſchlecht!« rief er aus.„Meine Mutter hat mich immer gelehrt, daß Lügen eine Sünde ſei, und Stehlen noch eine größere. Wenn du ſtiehlſt, Pierre, dann wirſt du nicht in den Himmel kommen.« „Was iſt das, Himmel?“ fragte Pierre,„davon — —— —— ſo große Sünde, daß der liebe Gott ſie dir niemals 5 hat mir mein Pflegevater noch nichts geſagt. Er ſagt nur immer, wenn ich nicht klug und geſcheid wäre, dann würde ich in's Gefängniß kommen, wo es nichts zu eſſen und zu trinken gäbe, als nur Brod und Waſſer. Ei ja, mich ſollen ſie wohl nicht kriegen, ich will ſchon klug und pfiffig ſein und mich niemals erwiſchen laſſen.“ Captal ſtarrte mit unverhehltem Abſcheu ſeinen Begleiter an, welcher vom Himmel nichts wußte und ſchon ſtehlen konnte. Am liebſten wäre er viel⸗ leicht davon gelaufen; aber das wagte er nicht, denn Pierre war ſchneller und kräftiger als er, und hätte ihn ſicherlich bald wieder eingefangen. Auch bedachte er, daß Pierre es jederzeit wohl mit ihm gemeint hatte, daß er immer gut und freundlich ge⸗ gen ihn geweſen war, und dieſe Betrachtungen ver⸗ mogten ſo viel über ihn, daß er ſich freiwillig ſeinem Begleiter wieder näherte. „Höre, Pierre,“ ſagte er,„das Stehlen iſt eine vergeben kann, wenn du dich nicht beſſerſt.“ »Wer iſt der liebe Gott?“ fragte Pierre ganz unſchuldig.„Was hat er mir zu vergeben⸗ lens 6 »Was? auch den lieben Gott kennſt du nicht einmal?“« ſchrie Captal entſetzt auf.„Das iſt ja der große Geiſt, der Alles geſchaffen hat in der Welt, der die Kinder vor allem Böſen behütet und ſeine Engel ausſchickt, damit ſie über uns wachen und uns in Schutz nehmen ſollen! Ach, meine Mut⸗ ter hat mir das oft erzählt, als ich noch bei ihr in dem ſchönen Schloſſe wohnte, und in dem ſchönen Garten ſpazieren gehen konnte, wo nicht ſo viele Steine auf dem Wege lagen, wie hier.« »Captal, ſchweig ſtill,« ſagte Pierre haſtig. „Du weißt, der Vater kann's nicht leiden, daß du von deiner Mutter ſprichſt und von einem Schloſſe, wo du gewohnt haben willſt. Er hat dir ja ſchon oft geſagt, all' das dumme Zeug haͤtteſt du nur ge⸗ träumt, und wenn du noch einmal davon anfängſt, wird er dich gewiß ſchlagen bis auf's Blut. Sei ſtill! Sei ſtill davon!« Scheu blickte Captal zurück, und als er den ſchwieg er ganz ſtill und ging traurig neben ſeinem Ruhe. Er forderte ihn auf, ihm noch ein wenig vom lieben Gott und vom Himmel zu erzählen, und Captal ließ ſich nicht lange nöthigen, den Wunſch Mann, welchen er fürchtete, dicht hinter ſich ſah,“ Kameraden her. Pierre aber ließ ihm nicht lange ſeines Begleiters zu erfüllen. Er erzählte, was er oft von ſeiner Mutter gehört zu haben behauptete, daß der liebe Gott ein allmächtiges Weſen ſei, das die Guten belohnt und die Böſen beſtraft, daß er alle Menſchen ſo lieb habe, wie ein Vater ſeine Kinder, und daß Alle, die ſich vor der Sünde ge⸗ hütet hätten, einſt in den Himmel kommen würden, um von dem lieben Gott für ihre Tugend belohnt zu werden. Freilich war ſeine Erzählung nur ſehr unvollkommen und kindiſch, aber Pierre hörte doch mit großer Aufmerkſamkeit zu, und die Worte ſei⸗ nes kleinen Freundes ſchienen einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. — „Aber woher weiß denn deine Mutter das Al⸗ les?« fragte er endlich. „Aus einem großen, großen Buche, was die Bi⸗ bel heißt,« erwiederte Captal.„Das hat der liebe Gott ſelber geſchrieben, um die Menſchen gut und 3 fromm zu machen, und die Mutter hat mir oft Et⸗ was daraus vorgeleſen. Ach, es ſtehen ſo wunder⸗ ſchöne Geſchichten darin vom Herrn Jeſus, der C Got⸗ tes Sohn war, und von ihm auf die Erde geſandt wurde, damit er die Menſchen von der Sünde er⸗ löſen ſolle!« „»Und es ſteht auch darin, daß ſtehlen eine Sünde iſt?« fragte Pierre. „Gewiß!“ erwiederte Captal,„das ſteht mehr als einmal in der Bibel, und der liebe Gott ſelber hat uns geboten, daß wir nicht ſtehlen ſollen.“« »Nun, dann wil ich auch gewiß nicht mehr ſtehlen und ſtehlen helfen,“ ſagte Pierre ernſthaft. „Wenn ich gewußt hätte, daß es eine Sünde wäre, würde ich es auch früher nicht gethan haben.« Captal lobte ſeinen jungen Freund ſehr um ſei⸗ ner guten Vorſätze willen, ergriff von Neuem ſeine Hand, und ſtützte ſich auf ihn, da eben der Weg wieder recht ſteil bergan ging und ſehr rauh und uneben war. Von Zeit zu Zeit blieben die beiden Knaben ſtehen und blickten nach ihren Begleitern zurück, welche langſamer, als bisher, ihnen nach⸗ ſchritten, und in ein lebhaftes Geſpräch vertieft ſchienen. Während Alle den hohen Berg beſteigen, haben wir Zeit genug, uns das äußere Anſehen der gan⸗ zen Geſellſchaft näher zu betrachten, und wollen ſie ohne Zögern in genauen Augenſchein nehmen. Auf den erſten Blick konnte man ſehen, daß der Mann, die Frau und der Knabe, welchen wir Pierre genannt haben, zu dem geheimnißvollen Menſchen⸗ ſtamme gehörten, deren Mitglieder bei uns zu Lande Zigeuner genannt werden. Der Mann war groß und ſtark gebaut, und mogte vielleicht dreißig Jahre zaͤhlen. Seine Geſichtsfarbe war braun, und ſeine Züge würden nicht häßlich geweſen ſein, wenn nicht ſein ſchwarzes, tief liegendes und tückiſch blitzendes Auge, und ein dichter, verworrener Bart ſie entſtellt hätte. Sein ſtraffes, glänzendes Haar hing wild über ſeine Stirn hinab, und vermehrte noch den düſteren Ausdruck ſeines Antlitzes, welches ganz ge⸗ eignet war, ſchwachen Kindern und muthloſen Er⸗ wachſenen Furcht und Schrecken einzuflößen. Auf dem Kopfe trug er einen runden, breitrandigen Hut, und in der ſtarken, knochigen Fauſt einen derben Knotenſtock, der im Nothfalle eine nicht zu verach⸗ tende Waffe abgeben konnte. Sein übriger Anzug beſtand in einem abgetragenen, bis an den Hals zugeknöpften Rocke und einem Paar weiten Bein⸗ kleidern, die an verſchiedenen Stellen mit Flicken beſetzt waren. An den Füßen trug er Schuhe, mit ledernen Riemen feſt gebunden und ziemlich roh ge⸗ arbeitet. Die dicken Sohlen waren mit kleinen Nä⸗ geln beſchlagen und ganz dazu geeignet, auf ſolchen rauhen und felſigen Gebirgspfaden, wie ſie in den 10 Savoy'ſchen Bergen häufig genug vorkommen, be⸗ nutzt zu werden. Seine Begleiterin war eine derbe, rüſtige Frau, mit einem Geſichte, in welchem ſich eher alles An⸗ dere, als die weiblichen Tugenden der Sanftmuth und Milde ausſprachen. Ihre Augen funkelten nicht minder grimmig, als die ihres Mannes, und eine feſte Entſchloſſenheit ſprach ſich in ihren Zügen aus. Ihr ſchwarzes Haar hing aufgelöst in kurzen, dicken Strängen um Geſicht und Nacken, und ein ähnlicher Hut, wie der ihres Mannes, ſchützte ſie vor dem glü⸗ henden Strahl der Sonne, wie vor etwaigen Regen⸗ güſſen. Ein Kleid von dunklem groben Wollenzeuge deckte ihre Blöße, und unter dem Arme trug ſie ein Biindel, in welchem mehrere Reiſebedürfniſſe befind⸗ lich ſein mogten. Um ſich das Bergſteigen zu erleich⸗ tern, ſtützte ſie ſich auf einen Stock, welcher kaum 3 minder ſchwer und lang war, als der ihres Mannes. Pierre war ein hübſcher, munterer Knabe von etwa neun Jahren. Sein Geſicht, obgleich nicht weniger braun, als das ſeines Pflegevaters, zeigte doch entſchieden hübſche Züge. Friſche, rothe Lip⸗ pen und ein helles, blitzendes Auge verſchönten es. Er war für ſeine Jahre ſehr groß und ſtark, und ſchien um ſechs oder ſieben Sommer älter zu ſein, 11 als ſein kleiner Begleiter Captal, deſſen Worten er beim Weiterſchreiten ſo aufmerkſam lauſchte. Pierre war ein Zigeunerkind, aber Gott hatte ihm nur das Aeußere eines ſolchen verliehen. Sein Herz und ſein Gemüth waren gut, und gewiß würde er ein vortrefflicher Knabe geweſen ſein, wenn er eine beſ⸗ ſere Erziehung genoſſen hätte. Aber ſeit ſeiner Ge⸗ burt von Sünde und Laſter umgeben, konnte es nicht ausbleiben, daß ſeine Seele von dem vergiftenden Hauche derſelben berührt werden mußte. Er hatte die Sünde bereits kennen gelernt und geübt, ohne nur zu wiſſen, was Sünde ſei. Doch bedurfte es bei ihm gewiß nur der Lehre und des Beiſpiels, um ihn dem Böſen abwendig zu machen, und ihn für immer dem Guten zuzuwenden. Captal war natürlich viel kleiner, als Pierre und auch viel feiner und zierlicher als er gebaut. Sein Geſicht glänzte eben ſo braun, wie das der Uebri⸗ gen, aber ein aufmerkſamer Blick zeigte ſogleich, daß dieſe Farbe bei ihm keine natürliche war; denn aus dem dunklen Geſicht ſchauten ein Paar ſo helle blaue Augen heraus, daß ſie nimmermehr einem Zi⸗ geunerkinde angehören konnten. Seine Haut war mit einer dunklen Flüſſigkeit gebeizt worden, und ſeltſam ſtach das lichte blonde Haar dagegen ab, das in natürlichen Ringellocken auf ſeine Schultern hinab⸗ fiel. Eine dunkle, lederne Kappe ſollte zwar dazu dienen, die verrätheriſchen Locken zu verbergen und den Augen der Menſchen zu entziehen; aber hier in der bergigen Wildniß wurde die gewöhnliche Vor⸗ ſicht außer Acht gelaſſen, da man nicht zu befürch⸗ ten brauchte, einem menſchlichen Weſen zu begeg⸗ nen. Trotz der Farbe, welche das Antlitz des Kna⸗ ben entſtellte, konnte man ſehen, daß Captal ein ausnehmend ſchönes Kind ſei. Die breite, hohe Stirn, der kleine, volle, roſige Mund, das weiche, runde Kinn ließen ſich nicht ſo leicht durch die braune Tünche verwiſchen, und der ſanfte Blick des freund⸗ lichen blauen Auges verrieth, das ein gutes und liebevolles Gemüth die ſchöne Hülle beleben müſſe. Er ſchritt mit Anſtrengung an Pierre's Seite vor⸗ wärts, und ſchien herzlich froh, als ſie beide end⸗ lich den Gipfel des Berges erklommen hatten, wel⸗ cher für heute das Ziel ihrer Wanderung zu ſein ſchien. Sie blickten zurück und ſahen noch tief un⸗ ten Rollet und ſeine Frau ſtehen, welche heftig mit den Händen in der Luft herumfochten, und ſich um ſie beide gar nicht mehr zu bekümmern ſchienen. Sie ſprachen laut und heftig mit einander, doch war die Entfernung viel zu groß, als daß die beiden * 13 Knaben den Inhalt ihres Geſpräches hätten verſte⸗ hen können. Sie lagerten ſich unter einem Baume, der hinlänglich dicht belaubt war, um ihnen Schat⸗ ten zu verleihen, und erwarteten hier geduldig die Ankunft ihrer Reiſegefäaͤhrten. ‧Q— Bweites Kapitel. Kehren wir indeſſen zu dem Zigeuner und ſeiner Frau zurück. Sie haben auf jeden Fall wichtige Dinge mit einander abzuhandeln, und wenn wir ihr Geſpräch belauſchen könnten, ſo würden wir viel⸗ leicht Manches hören, was uns eine beſondere Theil⸗ nahme einflößen müßte. Da bleiben ſie ſtehen; hin⸗ ter einem dichten Buſche, der uns vortrefflich ihren Augen verbirgt. Laßt uns hintreten und lauſchen! »Rollet,“ ſagt die Frau, ich gehe nun keinen Schritt weiter, wenn du mir nicht endlich ſagſt, was es für eine Bewandtniß mit dem blondhaarigen Jungen hat, den wir nun ſchon Wochen lang mit uns umherſchleppen. Wie heißt er? Wer iſt er? Woher kommt er? Was will er? Was ſoll er?« 3„Halt, halt, Weib!« erwiedert Rollet mit einem häßlichen heiſeren Lachen und grölzender Stimme,— „das ſind viele Fragen auf einmal, und es wird ——— 15 ſchwer ſein, ſie genügend zu beantworten. Aber habe nur Geduld, bis wir die italieniſche Grenze hinter uns haben, dann ſollſt du Alles erfahren, und wirſt über die Neuigkeiten gerade nicht böſe werden.“ „Ach was! Schwatze mir nicht von der italieni⸗ ſchen Grenze!« ſagt das Weib, indem ſie heftig mit dem Fuße auf die Erde ſtampft.„Ich gehe nicht von der Stelle, ehe du mir nicht haarklein Alles enthüllſt! Ich bin deine Frau, und bin eine kluge Frau, und habe alſo das Recht, deine Ge⸗ heimniſſe ſo gut zu wiſſen, wie du.« „Ja, ja, du wirſt ſie auch ſchon erfahren, nur immer friſch vorwärts,“ ſagt der Mann. Die Frau ſchoß einen wüthenden Blick auf ihn, und krümmte ihre Finger, als ob ſie ihm nach dem Geſichte fahren und daſſelbe tüchtig zerkratzen wolle. Aber dieß Wageſtückchen ſchien ihr doch wohl zu groß, denn plötzlich wendete ſie ihrem Manne den Rücken zu und ging auf dem Pfade zurück, welchen ſie eben erſt gekommen war. „Ella! Ella! Sage, Weib, was haſt du vor?« rief ihr der Mann nach, deſſen Gleichmuth jetzt zu wanken anfing.„Ella, in's Teufels Namen, ſo komm zurück!“ Die Frau wendete ſich wieder um und blieb ſte⸗ 16 hen. Ein triumphirendes Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen, das aber ihr Mann nicht ſehen konnte, da ſie ſchon zu weit von ihm entfernt war.„Entweder du erzählſt mir jetzt, was es mit dem Jungen für eine Bewandtniß hat, oder du ſiehſt mich nie wie⸗ der,« rief ſie ihm zu.„Ich mag nicht die Frau eines Mannes ſein, der Geheimniſſe vor mir hat.« „So komm doch nur her, Ella!« erwiederte der Zigeuner, der vielleicht die Entſchloſſenheit ſeines Weibes ſchon früher kennen gelernt hatte, mit bit⸗ tender Stimme.„Ich machte ja nur Spaß und wollte dich ein wenig necken. Immer komm zurück, Alte! Und wenn du ſo ſehr neugierig biſt, nun ſo kann ich dein Verlangen eben ſo gut hier befriedi⸗ gen, als drüben im italieniſchen Lande.« Die Frau ſchien durch dieſe Worte beſänftigt, und kehrte ſchneller zurück als ſie fortgegangen war. Das Ehepaar lagerte ſich auf die Erde, und der Mann frug nach einem kurzen Nachdenken:„Was glaubſt du von dem Jungen, Ella?« e „ch glaube von ihm, daß er vornehmer Leute Kind iſt, und daß du ihn geſtohlen haſt, um dir über kurz oder lang ein tüchtiges Löſegeld für ihn bezahlen zu laſſen.« „»Fehlgeſchoſſen, Ella! Mit dem Jungen hat es 17 eine ganz andere Bebandtniß⸗ Höre zu; ich will dir eine kurze Geſchichte erzählen. In Paris wohnte einmal ein reicher Graf, Namens Darville. Er hatte zwei Söhne. Der eine hieß Karl, der andere Cecil. Karl war ein edler, feuriger, d zen aber auch mildherziger Knabe; Cecil war ein heuchleriſcher Bube, der allen Leuten ſchön that, um ſie hinter⸗ her zu verſpotten und heimlich ſeine Tuͤcke an ihnen auszulaſſen. Als ſie erwachſen waren, ſtarb ihr Vater, und hinterließ ihnen ſeine Schlöſſer, ſeine Güter, ſeine Häuſer in Paris. Im Grunde erbte Karl allein, und Cecil nur einen geringen Theil al⸗ ler Reichthümer. Aber Karl war edelmüthig, und gab die Hälfte der Schätze dem Bruder, welcher nun nach der anderen Hälfte nur um ſo begieriger wurde. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging darauf hinaus, ſeinen Bruder zu berauben, ihn zu Grunde zu richten, ſeine Habe an ſich zu ziehen. Aber ſeine Ränke und Schliche halfen ihm nichts. Karl kam dahinter und warf den Schurken aus ſei⸗ nem Hauſe. Darauf vermählte er ſich, und ſeine Gattin ſchenkte ihm einen ſchönen Knaben, den er in der Taufe, einem alten Oheime zu Ehren, den ſonderbaren Namen Captal gab.“ „Ah, und unſer Captal, das iſt ſein Sohn.« Captal. 2 18 „Ja, er iſt es. Graf Cecil ſah mit Wuth, daß er jetzt, wo ſein Bruder einen Erben beſaß, nicht mehr auf die Güter deſſelben rechnen könne, und dieſe Gewißheit machte ihn um ſo begieriger nach ihnen. Sein Bruder ſtarb plötzlich, ohne vorher krank geweſen 4 ſein. Man munkelte von Ver⸗ giftung und dergleichen; aber wer durfte es wagen, den hochgebornen und ſtolzen Grafen Cecil Darville des Brudermordes zu beſchuldigen? Kurz, Graf Karl wurde begraben, und hinterließ eine trauernde Wittwe und ſein Söhnchen Captal, das damals kaum zwei Jahre alt war. Graf Cecil zeigte ſich ſehr theilnehmend, tröſtete ſeine Schwägerin, und kam faſt nicht aus ihrem Hauſe. Mir ſcheint es, als ob er ſeine Künſte damals auch an dem kleinen Captal hätte verſuchen wollen. Aber der Knabe wurde zu ſorgfältig bewacht, denn die verwittwete Graäfin Darville hütete ihn, wie ihren Augapfel. So wurde der Knabe beinahe fünf Jahre alt. Da beredete Graf Cecil ſeine Schwägerin, den Sommer auf einem ihrer Schlöſſer auf dem Lande zuzubrin⸗ gen. Er meinte, die Landluft werde dem kleinen Captal recht wohl bekommen. Er ſähe ſo blaß aus, und wenn er nicht grüne Bäume ſähe und ſich auf grünen Wieſen umher tummele, ſo muͤßte er über 19 kurz oder lang völlig ein Siechling werden. Die Mutter liebte, wie geſagt, ihren Sohn zärtlich, und da Graf Cecil immer und immer von ſeiner Schwäche redete, ſo glaubte ſie endlich daran, daß Captal wirklich ein ſchwaͤchliches Kind ſei, und fragte den Arzt, ob er einen Sommeraufenthalt auf dem Lande für gerathen fände. Der Arzt hatte nichts dagegen einzuwenden und die Mutter begab ſich mit ihrem Sohne und ihrer Dienerſchaft nach dem Schloſſe Montbris, nicht weit von der Savoy'ſchen Grenze gelegen. Graf Cecil begleitete ſie mit ſeinem Sohne Robert, der drei oder vier Jahre älter iſt als Cap⸗ tal. Natürlich, wie er ſagte, nur, damit die Frau Gräfin und ihr kleiner Liebling nicht ſo einſam und allein ſein mögten. Die Gräfin, obwohl ſie ihren Schwager nicht liebte, konnte ihn doch nicht zurück⸗ weiſen, und eine Zeitlang ging auf dem Schloſſe alles ganz vortrefflich. Captals Geſichtsfarbe wurde friſch und roth, und ſein Auge blitzte muthiger und lebhafter als jemals. Natürlich! Er tummelte ſich den ganzen Tag mit ſeinem Vetter Robert im Parke umher, jagte Schmetterlinge und Käfer, und ath⸗ mete mit Entzücken die freie Luft. Das bekam dem Knaben ſehr wohl, und ſein kleines hübſches Geſicht wurde von der Sonne ſo tief gebraͤunt, daß ſeine 2 ³6 20 — Augen in höherem Glanze funkeln mußten. Geſünder wurde er aber nicht, denn er war ja geſund, ehe er Paris verließ, und was kann der Menſch am Ende mehr verlangen, als Geſundheit. Aber um deßwillen hatte Graf Cecil auch gar nicht auf den Beſuch des Schloſſes gedrungen. Er wollte den kleinen Captal nur von Paris weg haben, um mit größerer Leich⸗ tigkeit ſeine tückiſchen Pläne ausführen zu können. In Paris war der Knabe immer behütet, immer bewacht; auf dem Lande,— nun, der Schloßgar⸗ ten war ſehr groß und es gab viele umfangreiche Fiſchteiche darin. Wie leicht konnte ein Kind darin ertrinken! Kinder ſind einmal leichtſinnig!« »Wie Graf Cecil geahnt hatte, ſo kam es, denn er iſt ein ſehr kluger Mann, und täuſcht ſich nur ſelten in ſeinen Berechnungen. Captal wurde von Tage zu Tage mit geringerer Sorgfalt bewacht, und obgleich ſeiner Wärterin befohlen war, daß ſie nie⸗ mals von ſeiner Seite weichen ſollte, ſo traf es ſich doch oft genug, daß der kleine Graf ganz einſam und allein in dem weitläufigen Parke umherlief, während die Mutter ihn unter ſorgfältiger Obhut glaubte.“ »Jetzt mogte der Graf wohl meinen, daß es Zeit ſei, ſeine Pläne zur Reife zu bringen und auszu⸗ —— 21 führen. Eines Tages bekam ich ein Schreiben von ihm, durch welches er mich mit wenigen kurzen Wor⸗ ten einlud, nach Montbris zu kommen, weil er mir ein wichtiges Geſchäft aufzutragen habe. Du erin⸗ nerſt dich, Ella, daß der Lakai des Grafen zu mir kam?“ »Ja, und ich wunderte mich, daß er uns in un⸗ ſerem Schlupfwinkel zu Paris aufgefunden hatte.“« „Mich wunderte es nicht, denn der Herr Graf Cecil und ich kennen uns ſchon ſeit geraumer Zeit, und ich habe ihm Mancherlei beſorgen müſſen, was kein Doctor und Apotheker ihm gegeben hätte. Wer holt auch gern Gift aus der Apotheke, wenn er es zu gewiſſen Zwecken anwenden will. Aber gleich⸗ viel! der Herr Graf bezahlte mich immer ſehr gut, und was er mit dem Gifte anfing, das kümmert mich nicht und geht mich auch nichts an! Ratten wird er wohl nicht damit vergiftet haben. Kurzum, er wußte immer, wo er mich finden würde, denn einem ſo treuen Kunden, der mich jederzeit gut be⸗ zahlte, konnte ich doch meine Schlupfwinkel nicht verhehlen. Ich wußte wohl, daß er mich niemals verrathen werde.“ »Nun, ſobald ich ſeinen Brief bekam, ſagte ich⸗ dem Lakai, daß ich binnen kurzer Zeit in Montbris eintreffen würde, und machte mich mit dir und Pierre ſchon am folgenden Tage auf den Weg. Während ihr nach unſerer Ankunft im Walde ein Obdach ſuch⸗ tet, ließ ich mich bei dem Herrn Grafen melden, der mich ſogleich in ſein geheimſtes Zimmer fuhrte und alle Thüren verſchloß, damit wir auch ja nicht belauſcht werden könnten. Ich war wirklich neugie⸗ rig, was er vorbringen werde, denn ohne Grund und Urſache traf er ſolche Vorſichtsmaßregeln nie⸗ mals.“ „Höre, Rollet,“ ſagte er, nachdem er mich eine Weile mit durchdringendem Blicke angeſchaut hatte, —„kann ich mich auf dich verlaſſen?« „Wie auf Euch ſelbſt, Herr Graf,“« erwiederte ich; denn ich war gar nicht abgeneigt, mir ein hüb⸗ ſches Stück Geld zu verdienen, was der Menſch immer und jederzeit gebrauchen kann.“ „»Nun wohlan, Rollet,« fuhr er fort,„wenn du klug und entſchloſſen biſt, ſo ſoll es dein Schade nicht ſein. Haſt du Muth?« „»Wie ein Löwe, Herr Graf!“ erwiederte ich keck.« „So iſt es recht, Mann,“« ſagte er, indem er mich auf die Schulter klopfte und recht gleißneriſch 23 lächelte.„Aber ehe wir von unſerem Geſchäfte ſpre⸗ chen, trinke einmal. Da iſt Wein.“ »Er ſtellte eine Flaſche Wein vor mich hin, ſchenkte mir ſelbſt davon ein, und nöthigte mich, raſch hinter einander, einige Becher voll zu trinken. Der Wein war ſtark und feurig, und ich merkte wohl, daß der Herr Graf damit umgehe, mich zu dem Geſchäfte anzufeuern, das ich für ihn übernehmen wollte. Er mogte wohl aus Erfahrung wiſſen, daß ein halb trunkener Menſch viel leichter ein Verbrechen begeht, als ein nüchterner. Uebrigens bei mir halfen ihm ſeine Ränke und Pfiffe nichts, denn ich wußte ihn ſchon zu nehmen, und hütete mich gar zu tief in's Glas zu ſehen. Was ich nicht trank, floß in meine Halsbinde, und dort war der Wein ſo gut aufge⸗ hoben, daß er mir nicht wohl in den Kopf ſteigen konnte.« „Als der Graf meinte, daß ich genug habe— ich ſtellte mich ſo, daß er dieß glauben mußte— rückte er mit ſeinem Vorſchlage heraus.« 1„Rollet,“ ſagte er, indem er ſeine Stirne run⸗ zelte und ſeine ſtechenden Augen zuſammenkniff, daß ich meinte, den giftigen Blick einer Viper zu ſehen, —„Rollet, mir iſt ein Menſch im Wege, ein elen⸗ der, erbärmlicher Knabe!« 24 „Und den ſoll ich aus dem Wege ſchaffen, Herr Graf?“« fragte ich. „Ja, mein Mann,“ rief er.„Und du kannſt es ohne Gefahr.“ »Erſt muß ich aber wiſſen, wen es betrifft,“ ſagte ich. yeEr brachte ſeinen Mund dicht an mein Ohr, und obgleich er wußte, daß Niemand in der Nähe war und ihn hören konnte, flüſterte er doch ganz leiſe den Namen Captal. Das überraſchte mich nicht im Mindeſten, denn ehe er ſprach, wußte ich ſchon, wem es galt.«. „Und woher wußteſt du es?“ fragte Ella. „Weil Niemand als der Knabe Captal zwiſchen dem ſchuftigen Grafen und den hinterlaſſenen Reich⸗ thümern ſeines Bruders ſtand,“ erwiederte Rollet mit ſeinem heiſeren Lachen, und fuhr dann in ſeiner Erzählung folgendermaßen fort. „Ich beſann mich keinen Augenblick, auf die Pläne Graf Cecil's einzugehen, denn ich ſah klar, daß ich viel, viel Geld dabei verdienen konnte. Aber mor⸗ den? Nein! Mein Geyiſſen iſt nicht eben ſehr eng; aber mit einem Morde mag ich doch nichts zu ſchaffen haben!“. K 25 „Nun, Herr Graf,“ fragte ich,„was ſoll mit dem Knaben werden?“ „Er muß ſterben,“« antwortete er flüſternd, aber mit einer ſo feſten Entſchloſſenheit, daß es mir eis⸗ kalt über den Rücken lief. „Aber wenn es entdeckt wird, Herr Graf?« fragte ich mit ein wenig zitternder Stimme, indem ich zu⸗ gleich fühlte, daß ich todtenblaß im Geſichte geworden war. „Dann iſt es deine Schuld allein,“ ſprach er kalt.„Du haſt weiter nichts zu thun, als einen günſtigen Augenblick abzuwarten, den Jungen in ei⸗ nem der vielen Fiſchteiche im Schloßgarten zu er⸗ tränken. Das kann dir nicht ſchwer werden; denn Captal läuft oft und viel ganz allein in dem weit⸗ läufigen Parke umher, und wenn du alles geſchickt anfängſt, ſo wird es natürlicher Weiſe den Anſchein haben, als ob er zufällig in den Teich gefallen und darin ertrunken ſei.« „Ich ſchauderte bei der kaltblütigen Grauſamkeit des Grafen, der nicht das Leben des unſchuldigen, zarten Knaben, nicht die unglückliche Mutter ſchonte, welcher der Schmerz über den Verluſt ihres Sohnes leichtlich ebenfalls das Leben koſten konnte. Doch beherrſchte ich mich hinlänglich, um meine Gefühle nicht den ſcharfen Blicken des Grafen zu verrathen, und ein Plan ſtieg in meinem Gehirne auf, von dem ich mir einen nicht geringen Vortheil verſprach.“ „Warte, mein feines Gräflein,« dachte ich,„ſo ſchlau auch der Fuchs iſt, er wird doch zuweilen in ſeinen eigenen Schlingen gefangen.“ „Wohlan, ich will's verſuchen,“ ſagte ich.„Aber was iſt der Lohn dafür?« „Dieſer Beutel voll Gold,“ erwiederte er haſtig und mit einer Stimme, aus welcher ſein inneres Frohlocken heraustönte.„Die Hälfte bekommſt du gleich jetzt; die andere Hälfte, ſobald der Streich geführt iſt. Alſo ſpute dich, Mann, denn es ge⸗ reicht zu deinem eigenen Vortheile.“ »Ich nahm das Geld in Empfang, zählte es und fand fünfzig gewichtige Stüͤcke. Ohne Beden⸗ ken ſteckte ich ſie ein und verſprach nun dem Gra⸗ fen, Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, um mich des kleinen Captal zu bemächtigen. Der Graf entließ mich mit übergroßer Freundlichkeit; ich aber ging lange im Walde umher, um reiflich zu über⸗ legen, was ſich in dieſer Sache am beſten thun ließe. So viel ſtand feſt, daß ich den Knaben auf keine Weiſe und unter keiner Bedingung ermorden würde; aber eben ſo feſt ſtand auch, daß ich den Vorfall 27 zu meinem Beſten ausbeuten wollte, ſo lang und ſo reichlich es nur irgend gehen würde.“« „»Und worin beſtand endlich dein Entſchluß?« fragte Ella, die mit geſpannter Aufmerkſamkeit bisher zugehört hatte. „Darin, den Knaben zu ſtehlen, und den Grafen Cecil wie die Mutter in dem Glauben zu laſſen, daß er verunglückt ſei,« erwiederte Rollet.„Aber höre nur weiter, bald wird dir alles klar werden. „Ich ſchlich Tag und Nacht um den Park herum, und hatte meine Augen überall, damit ich jederzeit eine günſtige Gelegenheit beim Schopfe faſſen konnte. Mehrere Tage blieb alle meine Mühe vergeblich. Endlich ſah ich eines Abends den kleinen Captal kommen— ganz allein— ein Schmetterlingsnetz auf der Schulter. Er ging in den Park. Niemand folgte ihm. Ich laufe ihm nach, packe ihn, halte ihm den Mund zu, daß er nicht ſchreien kann, und ſchleppe ihn nun an einen Teich, der am äußerſten Ende des Gartens liegt. Er iſt der größeſte von allen und wird von einem ziemlich breiten und tie⸗ fen Bache durchſtrömt. Hier warf ich des Knaben Netz und Mütze hinein, und floh nun davon, ſo ſchnell ich konnte. Ich brachte dir den Knaben, und eilte dann zu Graf Cecil, um die andern fünfzig 28 Goldſtücke in Empfang zu nehmen. Der Knabe wurde ſchon vermißt. Der Graf wußte es, und gab mir den bedungenen Blutlohn, indem er mir das ſtrengſte Stillſchweigen auferlegte.“ „Du weißt, daß du haͤngen mußt, wenn die That entdeckt wird,“ ſagte er.„»Alſo hüte dich!« „Ich verſprach ihm, reinen Mund zu halten, und ſäumte nun keinen Augenblick länger, mich aus der Gegend zu entfernen, wo ich jetzt vor der Hand nichts mehr gewinnen konnte und nur eine Entde⸗ ckung befürchten mußte. Bis hierher ſind wir glück⸗ lich gekommen und können jetzt ohne alle Sorge ſein.“ „Aber was willſt du nun mit dem Jungen an⸗ fangen?« fragte Ella nachdenklich. „Ei, ich will ihn ſorgſam aufbewahren und hü⸗ ten, wie meinen Augapfel,« erwiederte der Zigeuner lachend.„Er iſt mir ein ſehr theurer Knabe. Hun⸗ dert Louisd'ors hat er mir ſchon eingebracht, und das Zehnfache wird er mir einbringen, wenn die rechte Zeit gekommen ſein wird. Jetzt führe ich ihn nach Italien, wo keine menſchliche Seele ihn ſuchen wird. Ueber kurz oder lang ſuche ich aber meinen Herrn Grafen Cecil wieder auf, bringe ihm die Nachricht, daß Captal ſich im beſten Wohlſein be⸗ — 3 29 1 inde, und drohe, den Knaben der Mutter zu brin⸗ Ien, wenn er nicht mein Schweigen gebührend er⸗ kaufen will. Er muß zahlen und zahlen, und wenn er endlich nicht mehr zahlen kann oder will, ſo ver⸗ kaufe ich den Jungen an ſeine Mutter, die ihn ge⸗ wißlich mit Gold aufwiegen wird.— Nun, Ella, was meinſt du zu dieſem Plane?« »Daß es der beſte iſt, den nur jemals der kluge Kopf eines klugen Mannes erfunden hat!“ erwie⸗ derte Ella jauchzend.„Auf dieſe Weiſe werden wir ſo reich, daß wir für unſer Lebelang genug haben und in Herrlichkeit und Freude leben können.“ »Ja, das iſt ganz richtig und freut mich nicht wenig,« ſprach Rollet mit ſeinem heiſeren Lachen; „faſt eben ſo ſehr aber freut mich, daß ich den ſchlauen Fuchs, den Grafen Cecil, ſo herrlich über⸗ liſtet habe. Ha, was wird er wüthen, wenn er hinter meine Pläne kommt, und nun immer und immer mit der geizigen Hand tief in den Geldkaſten greifen muß. Ha ha ha, das drückt ihm gewiß das Herz ab!« Die Frau ſtimmte in ſein Gelächter ein, und beide ſtanden nun auf, um ſich zu den Knaben zu begeben, welche mittlerweile auf dem Gipfel des Berges ihre Ankunft erwartet hatten. 30 Die böſen Zigeuner freuten ſich ihrer Liſt, und hofften, daß ſie ihnen reichliche Frucht tragen werde. Aber der Menſch denkt und Gott lenkt! Es kam alles ganz anders, als wie ſie dachten. 2 Drittes Kapitel. Wir verließen die beiden Knaben, als ſie ſich unter einem Baume gelagert hatten, um daſelbſt von dem ziemlich beſchwerlichen Tagemarſche aus⸗ zuruhen. Still lagen ſie neben einander, den Kopf in die Hand geſtützt und auf die Gegend hinaus⸗ ſchauend, welche ſich in wunderbarer Pracht und Lieblichkeit vor ihnen ausbreitete. Eben jetzt befan⸗ den ſie ſich inmitten der Berge von Savoyen, und in der Nähe und Ferne rings um ſie her thürmten ſich die hohen Gebirge auf, deren zackige Spitzen mit ewigem Schnee und Eis gekrönt ſind. Die Sonne, welche ſich mehr und mehr dem Untergange näherte, vergoldete mit ihren gluthvollen Strahlen die himmelanſtrebenden Bergzinnen; leichte roſige Wölkchen zogen darüber hin, und obgleich die Luft ſtill und ruhig war, hörte man doch von Zeit zu Zeit aus der Ferne herüber ein dumpfes Krachen, welches dem Rollen des Donners oder auch dem ge⸗ dämpften Schalle eines entfernten Kanonenſchuſſes glich. Es wurde von ſtürzenden Lawinen verurſacht, welche faſt unaufhörlich den Sommer über von den hohen Abhängen der Alpen hernieder ſtürzen, ob⸗ gleich ſie nur ſelten die tieferen, von Menſchen be⸗ wohnten Thäler erreichen. In unmittelbarer Nähe rings um den Hügel her, auf welchem ſich die Kna— ben gelagert hatten, wechſelten waldbewachſene Thä⸗ ler ab mit düſteren Felsſchluchten; weiterhin erblickte man grüne glänzende Matten, ſpiegelklare Seen, rieſelnde Bäche, aber nirgends eine Spur von Men⸗ ſchen, welche dieſes irdiſche Paradies bewohnten. Die beiden Knaben, obgleich noch ſehr jung, em⸗ pfanden doch die Schönheit der Natur, die wie ein ungeheures Bilderbuch hier vor ihren Blicken auf⸗ 4 geſchlagen war. „Es iſt ſehr hübſch hier!« ſagte Pierre, indem er ſich umſchaute.„Hier mögte ich einen ganzen Tag bleiben, um mir alle die höhen Berge und tiefen Chäler recht genau anblicken zu können.« „Und ich mögte viele, viele Tage hier bleiben,« erwiederte Captal.„So ſchön iſt es nicht einmal in unſerem Garten, und wenn meine liebe Mutter 33 hier waͤre, ſo würde ich ſie bitten, daß wir uns hier oben ein Haus hinbauen ließen.“ „Ach, ſo ſchweig doch von deiner Mutter ſtill, Captal!“ ſagte Pierre ein wenig heftig.„So oft du an ſie denkſt und von ihr ſprichſt, fängſt du an zu weinen, und das mag ich gar nicht leiden. Siehſt du wohl, da ſtehen dir ſchon wieder Thränen in den Augen!“« „Ach laß mich doch weinen, Pierre!« bat der kleine Captal mit rührender Wehmuth.„Jetzt habe ich gerade Zeit dazu, weil Ella und Rollet nicht da ſind. Sieh, die ſchlagen mich doch immer, wenn ich eine Thräne vergieße, und das macht mich oft ſo traurig, daß ich am liebſten gleich ſterben mögte.“ Der Schmerz überwältigte den Kleinen. Er drückte ſein Geſicht in das Gras hinein, und ſchluchzte ſo heftig, daß es ſeinem kleinen Kameraden in der Seele weh that. Doch hatte er ſchon bei aͤhnlichen Gelegenheiten bemerkt, daß Captal ſich durchaus nicht tröſten ließ, ſondern bei allen freundlichen und liebevollen Worten, die er zu ihm redete, nur noch heftiger weinte und ſchluchzte. So ſaß er denn ganz ſtill neben dem weinenden Captal und ſtreichelte nur von Zeit zu Zeit ſeine weichen blonden Locken, um ihm ſeine Theilnahme zu bezeigen. Captal. 3 34 „Was du für ſchönes, langes Haar haſt, Cap⸗ tal!« ſagte er endlich.„So ſchön habe ich's noch in meinem ganzen Leben nicht geſehen.“ „Ach, meine gute Mutter machte es mir aber auch immer ſo lockig und glänzend,“ ſagte Captal, indem er ſich aufrichtete, und bei der Erinnerung an ſeine geliebte Mutter unter Thränen lächelte. „Jeden Abend ſetzte ſie ſich zu mir, oder nahm mich auf ihren Schooß, und ſtreichelte mein Haar, wie du, und küßte mich darauf, und liebkoste mich! Ach, meine gute, liebe Mutter, wenn ich doch nur wieder bei dir wäre!« Der Knabe ſtreckte ſehnſüchtig die Arme aus, und ſing dann wieder an zu weinen, da er wohl einſah, wie vergeblich dieſer ſein heißer Wunſch war. Pierre dachte darüber nach, wie er wohl ſei⸗ nen kleinen Gefaͤhrten tröſten könne, und da eben ein ſchöner glänzender Schmetterling vorüber flat⸗ terte, und ſich nicht weit von ihm auf eine Alpen⸗ blume ſetzte, ſo tippte er Captal auf die Schulter und fluͤſterte ihm zu:„Sieh, wie ſchön er iſt!“ „Wer?“« fragte der Knabe. „Dort der Schmetterling! Siehſt du ihn denn nicht?« 2 Captal wiſchte ſich die Thraͤnen aus den Augen, — 35 und nach Kinderweiſe vergaß er über das bunte In⸗ ſekt den Schmerz, der ihn noch eben ſo tief darnieder gebeugt hatte. „Den muß ich fangen, Pierre!“ ſagte er.„Gib nur Acht, er ſoll mir nicht entwiſchen!“ Leiſe ſtand er auf, näherte ſich dem Schmetter⸗ linge, und wollte ihn eben mit ſeiner kleinen Hand ergreifen, als das leichtbeſchwingte Thierchen ihn gewahr wurde, und durch ſchnelles Auffliegen der nahe drohenden Gefahr entrann. Er ſchwang ſich pfeilgeſchwind über die Blumen und flog dem Walde zu. Pierre lachte; Captal aber vergaß über den Aerger ſeine Müdigkeit und eilte mit leichtem Fuße dem Schmetterlinge nach. „Warte nur ein wenig!“ rief er Pierre zu.„Es ſoll nicht lange dauern, ſo ſiehſt du mich mit dem Schmetterlinge zurückkommen.“ Im Nu verſchwand er hinter den Gebüſchen, welche den Gipfel des Berges umkränzten und Pierre verlor ihn ganz aus den Augen, während er noch immer herzlich über den vergeblichen Eifer ſeines kleinen Kameraden lachte. Fünf Minuten vergingen, und noch fünf— Captal kehrte nicht zurück. Pierre achtete nicht darauf. Als aber endlich eine volle Viertelſtunde verſchwand, ohne 3** 36 daß Captal etwas von ſich hören und ſehen ließ, wurde er um den Knaben beſorgt und ſtand auf, um ihn zu rufen. „Captal!“ ſchrie er,„wo bleibſt du, Captal?“ Nichts antwortete, als nur ein Echo, welches deutlich den Namen Captal wiederholte. „Captal! Captal! So laß doch den Schmetter⸗ ling fliegen und komm wieder her!“ rief Pierre von Neuem.„Captal! Captal! Captal!“ Pierre beugte den Kopf vor und lauſchte, um eine etwaige Antwort des Knaben aufzufangen. Aber er hörte wiederum nichts, als nur das Echo, das ſpottend ſeinen Ruf nachäffte. Pierre wurde angſt. Er eilte dem Kinde nach in den Wald, ſuchte um⸗ her, rings umher, fand aber keine Spur von ihm. Er kehrte auf den Gipfel des Berges zurück, in der leiſen Hoffnung, daß der Geſuchte mittlerweile ſich ebenfalls wieder eingefunden habe;— aber die Hoff⸗ nung täuſchte ihn. Nochmals rief er, und als aber⸗ mals keine Antwort erfolgte, eilte er ſchnell den Berg hinab, um ſeinen Pflegevater von dem Ver⸗ ſchwinden Captals zu benachrichtigen. Rollet und Ella begegneten ihm, und der Zigeuner, der auf den Beſitz des Knaben eben noch ſo große Hoffnun⸗ gen gebaut hatte, ſtieß einen wüſten und wilden Fluch 37 aus, als er die Kunde von dem Verſchwinden deſ⸗ ſelben vernahm. In haſtigem Laufe ſtürzte er den Hügel hinauf, und rief, wie Pierre, mit lauter, weit ſchallender Stimme den Namen des Verlorenen. Aber vergebens ſchrie er und brüllte. Seine Frau kam und Pierre. „Helft mir ſuchen!« rief er ihnen zu.„Ich gehe nicht von der Stelle, ehe ich den Jungen nicht wie⸗ dergefunden habe. Du, Pierre, dringe dort ein, du, Ella, auf dieſer Seite, und ich will gerade hier hinab gehen. Haltet die Augen offen und ſchreit, ſo laut ihr könnt. Der Junge kann ſich noch nicht weit entfernt haben, denn er war müde, und große Schritte vermag er auch nicht zu machen.“ Die drei Zigeuner ſtürzten ſich in das Gebüſch und von allen Seiten hörte man ſie nun Captals Namen rufen. Aber von keiner Seite vernahm man eine Antwort. Die Sonne ging unter; Dämmerung breitete ſich über Berg und Thal; die Nacht brach ein; aber noch immer hatte ſich Captal nicht wie⸗ dergefunden, und die Zigeuner mußten endlich wegen der überhand nehmenden Dunkelheit ihre Nachfor⸗ ſchungen aufgeben. Rollet zuerſt kehrte auf den Hügel zurück, und ſeine hallende Stimme brachte auch die Uebrigen bald wieder an ſeine Seite. 38 „Es bleibt uns nichts Anderes übrig,“ ſagte er, „als hier ein tüchtiges Feuer anzuzünden und die Nacht über brennend zu erhalten. Wenn der Junge nicht in eine Felsſpalte geſtürzt oder ſonſt beſchädigt worden iſt, muß er den Flammenſchein ſehen und kann ſich wieder zu uns finden.“ „Er kann wohl, ob er es aber will, iſt eine andere Frage,“ erwiederte Ella giftig. „Warum ſollte er nicht wollen?“ fragte Rollet. „Ich habe ihn ja gut behandelt, und er würde ſelbſt dann nicht fliehen, wenn ich ihn halb todt geſchla⸗ gen hätte. Solch ein Kind und fliehen! Zu wem denn? Menſchen gibt es hier nicht Stunden weit in der Runde! Nein, nein, der kleine Captal ſehnt ſich gewiß eben ſo nach uns, wie wir uns nach ihm ſehnen!“ „Um ſo ſchlimmer denn, daß du ihn aus den Augen gelaſſen, und dem dummen Jungen, dem Pierre, anvertraut haſt!« rief die Frau zornig. „Aber warte, du abſcheulicher Bube! Wenn Captal morgen früh nicht wieder bei uns iſt, gerbe ich dir das Fell, ſo lange ich nur den Arm heben kann!“ Eine Fluth von Schimpfworten ergoß ſich jetzt über den unſchuldigen Pierre, der ſie übrigens ganz „ ————— 39 geduldig ertrug. Er half ſeinem Pflegevater Reiſig und Holz zuſammen ſuchen, und da hieran nicht eben Mangel war, ſo loderte bald ein tüchtiges Feuer auf, welches man meilenweit in der Runde ſehen mußte, „Sei ſtill, Ella!« befahl endlich Rollet finſter. „Das Schimpfen auf Pierre bringt uns Captal nicht wieder zurück. Wenn er morgen nicht hier iſt, will ich ſchon ſelber das Strafamt bei dem nachläſſigen Buben uͤbernehmen, und es ſo ausüben, daß er Zeit ſeines Lebens an mich denken ſoll.« Ella ſchwieg und Pierre zitterte. Aus dem Tone ſeines Pflegevaters konnte er abnehmen, daß eine fürchterliche Strafe ſeiner wartete, wenn Captal ſich nicht wieder einfand. „Hier komm her, Burſche!“« fuhr Rollet fort. „Die erſte Strafe für deine Nachläſſigkeit ſoll darin beſtehen, daß du während der Nacht das Feuer im Brande erhältſt. Der Himmel ſei dir gnädig, wenn du nicht aufpaſſeſt und es verlöſchen läͤßt!“ Rollet und Ella warfen ſich auf das weiche Moos nieder, welches die Erde zollhoch bedeckte, und wa⸗ ren binnen wenigen Minuten eingeſchlummert. Pierre ſaß nachdenklich am Feuer, warf immer neue Stücke Holz zu, wenn es dem Erlöſchen nahe war, und 40 — horchte bei jedem Geräuſche, das ſich vernehmen ließ, aufmerkſam in die Nacht hinaus, indem er noch im⸗ mer an der Hoffnung feſt hielt, daß Captal zurück⸗ kehren werde. Aber dieſe Hoffnung ward immer getäuſcht, und als endlich die Mitternacht heran⸗ kam, gab er ſie gänzlich auf und dachte an nichts weiter, als an die furchtbare Strafe, mit der Rollet ihn bedrohet hatte. In ſich zuſammengekrümmt hockte er auf der Erde, und ſchauderte vor Froſt und mehr noch vor Furcht. Er malte es ſich ſo lebhaft aus, wie Rollet ihn bei den Haaren faſſen und zerren, wie er ihn mit Stock und Fauſt prü⸗ geln werde, daß ſchon die bloße Vorſtellung ihm Thränen der Angſt auspreßte, und ſein Herz mit Beben und Schrecken erfüllte. Plötzlich aber ver⸗ ſiegten ſeine Thränen. Er richtete ſich in die Höhe, ſtrich das verworrene Haar aus ſeinem Geſicht, blickte bald auf die ſchlummernden Zigeuner, die kaum zehn Schritt weit von ihm entfernt lagen, ſtarrte bald in die flackernden, kniſternden Flammen, und murmelte halblaute Worte vor ſich hin. „Kann ich es denn nicht machen, wie Captal?“ ſprach er flüſternd.„Wenn ich fliehe, werden ſie mich eben ſo wenig finden, wie ihn, und ich entgehe der Züchtigung, welche Rollet mir zugedacht hat. Die 41 Nacht iſt noch lang, und ehe ſie aufwachen, kann ich ſchon weit weg ſein.« Er warf noch einen tüchtigen Haufen Holz in die Flammen hinein, heftete noch einen letzten Blick auf die ſchlummernden Zigeuner, und huſchte dann ſtill und lautlos davon, indem er den Weg ein⸗ ſchlug, den er geſtern Abend gekommen war. Er wollte nach Paris zurückkehren. Dort war er aufgewachſen, hatte Freunde und Kameraden, und hoffte ſich ſo gut durch die Welt zu ſchlagen, daß er weder Hunger noch Durſt zu leiden brauchte. Obgleich ermüdet und beinahe gänzlich er⸗ ſchöpft, rannte er doch hurtig durch die Nacht da⸗ von, achtete es nicht, wenn er über Felsſtücke und Baumwurzeln ſtolperte, und ruhete nicht eher, als bis er hinlänglich weit von ſeinen Pflegeeltern ent⸗ fernt zu ſein glaubte. Da erſt drang er in ein dich⸗ tes Gehölz ein, warf ſich auf den Boden nieder und ſchloß die Augen zum Schlummer. Als Rollet am nächſten Morgen erwachte, that er ſehr ungeberdig über das Entweichen des Knaben, und ſetzte mit ſeiner Frau mehrere Tage hindurch ſeine Nachforſchungen nach Pierre und Captal fort. Da er aber nicht die mindeſte Spur von ihnen fand, 42 ſo entfernte er ſich endlich ganz aus dieſer Gegend, die ihm ſo unheilbringend geweſen war, und meh⸗ rere Jahre hindurch vernahm man weder von ihm noch von ſeiner Frau irgend eine Nachricht. Viertes Kapitel. Jetzt iſt es wohl an der Zeit, daß wir uns wie⸗ der einmal zu Captal wenden, um zu ſehen, was aus dem Knaben geworden iſt. Captal eilte ſo raſch und flüchtig hinter dem Schmetterlinge her, daß er ſich ſchon ziemlich weit von dem Gipfel des Berges, wo er ſeinen Gefähr⸗ ten zurückgelaſſen, entfernt hatte, ehe er nur daran dachte, zu ihm zurückzukehren. Endlich verſchwand der Schmetterling ſeinen Augen, und der kleine Knabe ſah ſich in einer wildfremden Gegend, ohne zu wiſ⸗ ſen, ob er ſeine Schritte zur Linken oder zur Rechten wenden müſſe, um wieder zu ſeinem Kameraden zu gelangen. Es wurde ihm bange, daß er ſich am Ende gar nicht zurückfinden werde, und dieſes Schick⸗ ſal hatte ſo viele Schrecken für ihn, daß er in Thrä⸗ nen ausbrach. Wenn er auch Rollet und ſeine Frau nicht liebte, ſo zog er es doch immer vor, lieber in 4 ihrer Geſellſchaft zu bleiben, als einſam und allein in der Wildniß umher zu ſchweifen, wo Niemand ihm zu eſſen oder zu trinken gab, und wo er ge⸗ heimnißvolle Schrecken fürchtete, von denen er ſich gleichwohl keine Vorſtellung zu machen im Stande war. Raſch kehrte er um, in der Abſicht, Pierre wie⸗ der aufzuſuchen. Aber anſtatt ſich ihm zu nähern, entfernte er ſich nur immer weiter von ihm, da er eine ganz falſche Richtung eingeſchlagen hatte. Er lief, ſo ſchnell ſeine kleinen Beine nur vorwärts wollten; ſein Athem flog; der Schweiß perlte in großen Tropfen von ſeiner Stirne. Plötlich ſchrie er auf; man hörte das polternde Geräuſch rutſchen⸗ der und rollender Steine, und Captal kugelte einen ziemlich tiefen und ſteilen Abhang hinab, den er in ſeiner Haſt nicht gleich bemerkt hatte. Die Sinne ſchwanden ihm; und obgleich wenige Minuten ſpäter Pierre nicht weit von dem Orte, wo er lag, vor⸗ über ging und mit lauter Stimme ſeinen Namen rief, ſo vermogte er ihm doch keine Antwort zu ge⸗ ben, weil er ſich von ſeiner Ohnmacht noch nicht wieder erholt hatte. Noch lag er bleich und von Blut übergoſſen, das aus einer ziemlich tiefen Kopfwunde ſtrömte, 45 am Wege, als ein alter Mann in dem hübſchen Anzuge der Savoy'ſchen Gebirgsbewohner vorüber⸗ ging, und das arme Knäblein bemerkte. Verwun⸗ dert trat er näher, hob den Knaben auf, trug ihn auf ſeinen Armen zu einer friſchen Quelle, die nicht weit davon unter einem Felſen hervorſprudelte, und that an ihm nach dem Beiſpiele des barmherzigen Samariters. Er wuſch ſeine Wunde, verband ſie mit einem leinenen Tuche, und wunderte ſich dabei üͤber des Knaben hellblondes Haar, das ſo ſeltſam gegen die braune, ſchmutzige Zigeunerfarbe ſeines Geſichts abſtach. Endlich ſchlug Captal die Augen auf, und fuhr zurück, als er ſich in den Armen ei⸗ nes wildfremden Mannes erblickte, den er noch nie⸗ mals geſehen hatte. Das freundliche Antlitz deſſel⸗ ben flößte ihm aber bald Zutrauen und Muth ein, und er fragte,„wie er denn eigentlich hierher ge⸗ kommen ſei?« »Ja, mein Bübchen,« antwortete der Alte freund⸗ lich,„ich ſollte meinen, das müßteſt du beſſer wiſ⸗ ſen, als ich. Als ich vor etwa zehn Minuten drüben auf dem Fußſteige ging, der nach meiner Hütte lei⸗ tet, da ſah ich dich blutend am Wege liegen und hob dich auf, um dir nach Kräͤften, wie es die Chri⸗ ſtenpflicht gebietet, Beiſtand zu leiſten. Sage nun, 4 wer diſt du, kleiner Knabe? Du ſiehſt aus, wie ein Zigeuner, wenn ich nur deine Farbe betrachte, aber doch gehörſt du gewiß nicht zu dem Volke, bei dem ich noch niemals blaue Augen und blondes Haar erblickte.« „Nein, nein, ich bin kein Zigeuner, ich bin ein kleiner Graf,“ erwiederte der Knabe flüſternd, als ob er fürchte, daß Rollet ihn hören könne.„Ein böſer brauner Mann hat mich aus dem ſchönen Gar⸗ ten meiner Mutter fortgeſchleppt und mich oft be⸗ drohet und auch manchmal geſchlagen, wenn ich nur von meiner Mutter ſprach. Aber du wirſt mich nicht ſchlagen, du ſiehſt ſo gut und freundlich aus! Könnteſt du mich wohl wieder zu meiner Mutter bringen?“« „Vielleicht, wenn Gott will,« erwiederte der alte Savoyarde, welcher aufmerkſam auf das Geplauder des Knaben horchte. „Nun, dann gehe ich nicht wieder von dir fort, guter Mann,“ rief Captal lebhaft aus.„Nicht wahr, du bringſt mich nicht wieder zu dem böſen Zigeuner, der nicht ein einziges Mal ſo freundlich war, wie du? Aber zu meiner guten Mutter bringſt du mich⸗ und wenn wir dort ſind, will ich dir auch meine ſchönſten Spielſachen ſchenken!« 47 ———— „Wie heißeſt du denn, kleiner Knabe?« fragte der Savoyarde. „Captal heiße ich!“ „Und wie noch?“ „Junger Graf,“« erwiederte Captal nach kurzem Beſinnen, da er ſich erinnerte, von den Dienern ſeiner Mutter häufig ſo angeredet worden zu ſein. Der Savoyarde ſchüttelte lächelnd den Kopf.„So meine ich es nicht,“ ſagte er.„Ich meine, du ſollſt mir den Namen deines Vaters ſagen!“ „Den Namen meines Vaters? Ja, den weiß ich nicht,« erwiederte er. In dieſem Augenblicke horten die beiden den Ruf Rollets erſchallen, welcher ſtark und laut durch die Wildniß drang. Der Knabe ſchauderte zuſammen, drängte ſich dicht und furchtſam an den alten Savv⸗ yarden heran, und flüſterte ihm mit leiſer Stimme die Bitte zu, daß er ihn doch ja dem wilden Zi⸗ geuner nicht wiedergeben mögte. »„Sei unbeſorgt, lieber Knabe,« erwiederte der Savoyarde.„Dich hat Gott ſelber mir zugeführt, und ich werde dich nicht von meiner Seite laſſen, ehe ich dich nicht in die Arme deiner Mutter legen kann, oder du ſo weit herangewachſen biſt, daß du ſelbſt für dich zu ſorgen im Stande biſt.“ 48 „Aber horch, der Ruf kommt immer näͤher,“ flüͤ⸗ ſterte Captal aͤngſtlich.„Wenn Rollet uns findet, geht es mir ſchlimm, denn er wird mich gewiß ſchlagen.“ 44 „Sei unbeſorgt, lieber Knabe, er wird uns nicht finden,“ ſagte mit tröſtender Stimme der Alte.„Ich kenne hier Weg und Steg, und werde dich bald in Sicherheit bringen. Komm, halte dich an meiner Hand feſt und trabe neben mir her. Kannſt du?« „Ja, ja, ich kann!“ entgegnete Captal.»Geh' nur ſchnell, damit wir bald aus ſeiner Naͤhe kom⸗ men!“ Der Savoyarde ſchritt rüſtig vorwärts, merkte aber bald, daß der Kleine ſeine Kräfte überſchätzt hatte. Bald konnte dieſer nicht weiter, und der Alte nahm ihn freundlich auf den Arm und eilte durch das dichteſte und verſchlungenſte Geſtrüpp davon. Jetzt dauerte es nicht mehr lange, ſo vernahm man den Ruf Rollets nur noch aus weiter Ferne, und bald trat auch die Dämmerung ein, welche eine wei⸗ tere Verfolgung des Zigeuners unmöglich machte. Das Rufen höͤrte gänzlich auf, und der alte Sa⸗ voyarde ſetzte mit gemäßigtem Schritte ſeinen Weg durch das Gehoͤlz und über die Berge fort. „Jetzt kannſt du ganz ruhig ſein, Kleiner,“ ſagte 49 — er zu Captal.„Fürchte dich nicht mehr, bald ſind wir in meiner Hütte angekommen.“« »„So ſind ſie fort?« rief Captal.„Nun, da will ich dem lieben Gott recht danken, daß er mich zu dir geführt hat, guter Mann! Ach, wie wird ſich meine Mutter freuen, wenn ſie mich wieder⸗ ſieht!« ¹ „Ja, das will ich recht gern glauben, mein lieber Knabe, erwiederte der Savoyarde.„Aber wie ſollen wir deine Mutter finden, wenn du mir ihren Na⸗ men nicht ſagen kannſt? Weißt du denn wirklich nicht, wie ſie heißt?« »O ja, gnädige Frau oder Frau Gräfin heißt ſie, denn ſo habe ich ſie mehr als einmal nennen hören,« ſagte Captal. »Das iſt ja aber ihr Name nicht,« entgegnete der Savoyarde.„Gräfinnen gibt es viele in der großen weiten Welt, und wenn du weiter nichts von deiner Mutter weißt, ſo könnten wir lange nach ihr ſuchen, ehe wir ſie fänden. Aber ſieh, da ſchim⸗ mert ſchon das Licht aus meinem Häuschen herüber. Wenn wir dort ſind, ſollſt du mir mehr von deiner Mutter und von deiner Heimath erzählen.« Mit neuer Eile ſchritt der ehrliche Savvyarde vorwärts, und überlegte unterwegs, was er nun mit Captal. 4 30 —xãx; dem kleinen Captal anfangen ſolle. Daß der Knabe geſtohlen ſein müſſe, hatte er ſchon von ihm gehört; aber in ſeinem ſchlichten, einfachen Sinne vermogte er durchaus keinen 3randh finden, der eine ſolche Frevelthat veranlaßt haben konnte. Er hoffte das Nähere aus der Erzählung des Knaben zu entneh⸗ men, wenn er mit ihm zu Hauſe angekommen ſein würde. Endlich war die kleine Hütte erreicht und unſere Wanderer fanden die Thür bereits gaſtlich geöffnet. „Ei, lieber Mann,“ ertönte eine freundliche Stim⸗ me,„wo biſt du heute ſo lange geblieben? Ich habe mich ſchon recht um dich geängſtigt.““ „Geduld, Jeannette, du wirſt ſchon den Grund erfahren,“ erwiederte der Savoyarde, indem er raſch in das Haus trat.„Da ſieh, was ich unterwegs gefunden und mitgebracht habe!“ Mit Verwunderung ſtarrte die Frau den Knaben an und rief aus:„Ein Zigeunerjunge!“ „Nein, nein, ein Kind vornehmer Eltern, das von Zigeunern geſtohlen worden iſt, Frau!“ erwie⸗ derte der Savvyarde lächelnd.„Aber davon nach⸗ her, denn der Kleine wird hungrig ſein, und un⸗ ſere Milchſuppe gewiß nicht verſchmähen. Gelt, Captal?“ 51 „»Ach ja, recht hungrig bin ich, denn ſeit heuke Mittag habe ich nichts gegeſſen,“ ſagte der Kleine ſeufzend. »Ach du lieber Gott, das arme Kind!“« rief Frau Jeannette aus.„Dann wollen wir nur gleich den Tiſch decken und ihm ſein Mäulchen ſtopfen!« Hurtig ſprang ſie in die Küche hinaus und kehrte bald darauf mit einer tüͤchtigen Schüſſel voll Milch⸗ ſuppe zurück, die dem kleinen Grafen, der ſeither nur ſelten etwas anderes, als trockenes Brod gegeſ⸗ ſen hatte, nicht wenig mundete. Während er aß, blickte er freundlichen Auges den alten Savoyarden und die gutmüthige Frau deſſelben an, welche den hübſchen Knaben ebenfalls nicht ohne ein heimliches Wohlgefallen betrachten konnte. Mit Vergnügen ſah ſie, wie es dem Kleinen ſchmeckte, und legte ihm ſo lange von der ſüßen Suppe vor, bis Captal ſelber bat, daß ſie ihm nun nichts weiter geben mögte. Der Tiſch wurde abgeraumt, und der Savvpyarde erzählte nun, wie er den Knaben gefunden, und was er von ihm erfahren hatte. Das war aber freilich nur ſehr wenig, und Captal konnte eben auch nicht mehr viel hinzufügen. 4** 52 „Wo wohnte denn deine Mutter?“ fragte Gi⸗ roud, der alte Savoyarde. „In einem ſchönen Schloſſe, wo lauter ſchöne große Zimmer waren mit vielen Gemälden, und Spiegeln, und Teppichen, auf denen ich ſpielte,“ erwiederte Captal.„Meine Mutter ſpielte auch mit mir, und manchmal auch mein Vetter Robert, aber mein Oheim niemals. Der blickte mich immer ſo finſter und böͤſe an, wenn meine Mutter nicht zu⸗ gegen war, daß ich mich immer vor ihm fuͤrchtete⸗ Aber wenn meine Mutter da war, dann that er auch freundlich und gab mir Bonbons und Spiel⸗ ſachen genug.“ „Was du ſagſt? Und wie hieß denn dein Oheim?“ „Die Leute nannten ihn Herr Graf! Weiter weiß ich nichts von ihm.“ „Das iſt aber ſehr ſchlimm, kleiner Captal; denn wenn du dich auf keinen Namen beſinnen kannſt, ſo wirſt du deine Mutter wohl kanm wiederfinden,“ ſagte Giroud kopfſchüttelnd.„Aber erzähle uns doch, wie es kam, daß dich der Zigeuner mitnahm.“ „»Nun, eines Tages war die Mutter in ihrem ſchönen Wagen weggefahren und ich ſpielte mit mei⸗ nem Vetter Robert,“ erzählte Captal.„Da kam mein 53³ Oheim, und ſagte, ich ſolle in den Park hinaus laufen und mein Schmetterlingsnetz mitnehmen, denn er habe draußen eine ganze Menge ſchöner Schmet⸗ terlinge geſehen. Ich nahm ſogleich mein Netz und Robert wollte auch mit. Aber ſein Vater ſagte, Robert müſſe noch lernen und dürfe nicht mitgehen, und da lief ich denn allein fort. Sobald ich im Parke war, packte mich Rollet, zog mich fort, hielt mir den Mund zu, als ich ſchreien wollte, und brachte mich dann zu ſeiner Frau und zu Pierre, der ein recht guter Junge iſt. Nun ging es fort über Berg und Thal, und ſo oft ich anfing zu wei⸗ nen und nach meiner Mutter zu ſchreien, ſchlug mich Rollet und ſchimpfte mich aus, ſo daß ich mich nur noch des Nachts zu weinen getraute, wo es keiner ſah. Sonſt aber war keiner von Allen böſe auf mich, und Pierre war ſogar recht freundlich. Aber das viele Laufen gefiel mir gar nicht, und dann ärgerte mich auch die häßliche braune Farbe, mit der ſie mich bemalten, und die ſchlechten Kleider, die ſie mir anzogen. Meine ſchönen Kleider nahmen ſie mir weg, und ließen mir gar nichts, als ein kleines Bild, was mir meine Mutter geſchenkt hat, weil es meinen Vater vorſtellt, der ſchon lange geſtor⸗ ben iſt.« 54 „Haſt du denn das Bild noch?« fragte Girond, der Savoyarde. „Ja, ich habe es an eine Schnur gebunden und um den Hals gehängt,“« erwiederte Captal.„Willſt du es ſehen?“« Der Alte nickte, und Captal neſtelte ſogleich ſein Jaͤckchen auf und zog ein kleines Bild hervor, wel⸗ ches einen ſchönen Mann in reicher vornehmer Klei⸗ dung darſtellte. Das Bild war mit einem Glaſe verſehen und mit einem ſchmalen Rahmen von Gold eingefaßt. „Hebe es wohl auf, denn es kann einſt dazu dienen, dich deine Mutter wiederfinden zu helfen,“« ſagte der alte Savoyarde, nachdem er es von allen Seiten genau betrachtet hatte, in der leider vergeb⸗ lichen Hoffnung, vielleicht einen Namen oder einen andern Fingerzeig über Captals Herkunft zu ent⸗ decken.„Hebe es wohl auf, oder gib es mir lieber in Verwahrung, damit du es nicht verlierſt.« Captal band die Schnur ab, gab das Bild dem alten Girond, und ſprach dann den Wunſch aus, ſchlafen zu gehen. Der arme Kleine war ſo erſchöpft, daß ihm vor Müdigkeit die Augen zuſielen. Frau Giroud entkleidete ihn, trug ihn in ein weiches war⸗ mes Bettchen, das ſie ſchnell für ihn zurecht gemacht 5 hatte, und ſah mit Vergnügen, daß der Kleine, nachdem er ſeine Händchen gefaltet und ein kurzes einfaches Gebet zu Gott geſprochen hatte, in einen tiefen, geſunden Schlummer fiel. Sie ſchlug ein Kreuz über ihn, um alles Böſe von ihm ferne zu halten, und kehrte dann zu ihrem Manne zurück, der nachdenklich am Tiſche ſaß, und das Bildniß betrachtete, welches er in ſeiner Hand hielt. „Was iſt hier zu machen?« ſagte der alte Gi⸗ roud zu ſeiner Frau.„Wie ſollen wir die Eltern des Knaben auffinden, da wir auch gar keinen Fin⸗ gerzeig haben, der uns auf die richtige Spur helfen könnte.“ „Wir müſſen eben auf Gott vertrauen, der das Dunkle ſchon hell machen und das Verborgene an's Tageslicht bringen wird,« entgegnete die Frau.„Er hat uns den Knaben zugeſchickt, um ihn den böſen Händen zu entreißen, die ſich ſeiner bemächtigt ha⸗ ben, und unſere nächſte Pflicht iſt es nun, ihn in Froͤmmigkeit und Furcht Gottes zu erziehen, bis er ſelber nach ſeiner Mutter ſuchen kann.“ „Aber ſcheueſt du die Mühe und Arbeit nicht, die der Kleine dir verurſachen wird?« fragte der alte Giroud. „Ei, da müßte ich mich ja vor mir ſelber ſchä⸗ 56 men, wenn ich Muͤhe und Arbeit in Anſchlag brin⸗ gen wollte, wo es gilt, ein Gott wohlgefälliges Werk zu thun,“ ſagte Frau Giroud. Der Herr ſelber befiehlt uns, daß wir der Armen und Schwachen uns annehmen, daß wir mildthätig und barmherzig ſein ſollen, wie er mildthätig und barmherzig iſt, damit wir Gnade vor ſeinen Augen erlangen.“ „Amen! Amen!“ ſagte der Alte.„Alſo ſoll es geſchehen, und wir wollen den Knaben betrachten, wie ein uns von Gott anvertrautes Pfand, wollen ihn lieben, als ob er unſer eigenes Kind wäre. Da uns der Himmel die Freude verſagt hat, Kinder zu bekommen, ſo will er uns durch den kleinen Captal vielleicht einen Erſatz geben. Ja, ja, mag er hier bleiben! Aus ſeiner Erzählung ſchließe ich, daß er hier ſicherer iſt, als daheim, wo ein böſer Oheim nach ſeinem Leben trachtet aus Gründen, die wir weder zu erforſchen noch zu durchſchauen vermögen. Wenn es Gottes Wille iſt, daß der Knabe ſeiner Mutter zurückgegeben wird, ſo wird er ſie fin⸗ den, und wenn Länder und Meere zwiſchen ihnen lägen.“ „Alſo iſt Captal von Stund' an unſer Knabe, unſer Kind?“ fragte Frau Giroud. „Unſer Knabe, unſer Kind!« erwiederte der alte Savoyarde.„Der Herr ſegne ſeinen Eingang und laſſe ihn fröhlich in unſeren Bergen gedeihen!« Nach dieſen Worten ſuchte das gute, fromme, alte Ehepaar ſein Lager auf, und ſchlief den ruhi⸗ gen, erquickenden Schlaf des Gerechten. Fünftes Kapitel. Giroud, der alte Savoyarde, war ein armer, und doch auch ein ſehr reicher Mann. Der Him⸗ mel hatte ihn nicht mit zeitlichen Gütern geſegnet; denn ſeine ganze Habe beſtand in dem Häuschen auf den Bergen, einigen wenigen Morgen Ackerland, einem paar Dutzend Kühen und der Gerechtſame, ſein Vieh auf den fetten Alpentriften weiden zu laſ⸗ ſen, welche nah und fern ſeine Hütte umgaben. Aber dieß Wenige reichte hin zu ſeinem Auskom⸗ men, und Gott hatte ihm dazu einen ſo genügſa⸗ men, herzlich zufriedenen und frommen Sinn gege⸗ ben, daß er ſich ſelber glücklich pries und Niemanden beneidete um ſeines Reichthums willen. Seine Ge⸗ nügſamkeit machte ihn zu einem reichen Manne, und ſein treffliches Herz, das da voll war von Liebe, Dankbarkeit und Ehrfurcht gegen Gott, machte ihn zu einem glücklichen Manne. X 59 Seine Frau ſtand ihm getreulich zur Seite, be⸗ ſorgte fleißig ihre Wirthſchaft, und verſtand die beſte Butter und den beſten Käſe in der ganzen Ge⸗ gend zu machen. Um dieſer Eigenſchaft willen war ſie weit und breit berühmt, und Niemand wird es ihr übel nehmen, daß ſie auf ihre Geſchicklichkeit ein wenig ſtolz war. Trat ſie doch damit keinem Menſchen zu nahe, und war in jeder andern Be⸗ ziehung ſo beſcheiden und demüthig, wie es dem lieben Gott gewiß recht wohlgefällig iſt. Der kleine Captal wuchs fröhlich auf und gedieh zur Freude ſeiner Pflegeeltern auf das Beſte. Ob⸗ gleich er in der Abgeſchiedenheit, in welcher er lebte, nur wenig mehr Kenntniſſe erwerben konnte, als eben nur nothdürftig Leſen und Schreiben, worin ihn Vater Giroud ſelber unterrichtete, ſo lernte er aus der Lehre und dem Beiſpiele ſeiner Pflegeeltern doch etwas, das da beſſer iſt, als alles Wiſſen, nämlich er lernte Gott lieben und ſeine Gebote be⸗ folgen. Keine Lüge befleckte jemals ſeine Lippen; ſein Herz war rein und fromm, und ſein Gemüth voll von Liebe zum Höchſten und zu Allem, was er erſchaffen hat. Als Captal ſein vierzehntes Jahr erreicht hatte, ſpielte er eines Abends mit einem Murmelthiere auf 60 dem Platze vor dem Hauſe ſeiner Pflegeeltern. Er hatte das Thierchen ſelbſt eingefangen, gezähmt und abgerichtet, und es war ihm ſo gehorſam, wie ein Hund ſeinem Herrn. Der alte Giroud und ſeine Frau ſaßen auf der Steinbank vor dem Hauſe, und ſahen dem Spiele des Knaben mit innigem Vergnü⸗ gen zu. Vielleicht erinnerten ſie ſich der Zeit, wo ſie auch noch ſo jung waren, wie Captal, wo ſie ſpielten wie er, wo ſie ihre Freude an Gottes Ge⸗ ſchöpfen gehabt hatten, wie der Knabe. Captal war hoch und ſchlank aufgeſchoſſen, und für ſein Alter ungewöhnlich groß und ſtark. Die friſche, freie Bergluft, das Umherſtreifen in den Gebirgen hatte ſeine Glieder kräftig gemacht, und ſeinen Wangen die blühende Röthe der Geſundheit gegeben. Von der braunen Zigeunerfarbe, mit wel⸗ cher Rollet ihn bemalt hatte, war keine Spur mehr zu entdecken; wohl aber flogen noch immer ſeine blonden⸗Locken frei und glänzend um ſein Haupt, und ſeine blauen Augen blitzten noch heller und feu⸗ riger als zu jener Zeit unter den langen Wimpern hervor. „Vater,“« ſagte er plötzlich, indem er ſein Mur⸗ melthier auf den Arm nahm, und den Pflegeeltern näher trat, bis er dicht vor ihnen ſtand,—„Vater, 61 ich glaube, ich bin nun groß und ſtark genug, daß ich daran denken kann, ſelber für meinen Unterhalt zu ſorgen. Als ich da mit meinem Murmelthiere ſpielte, fiel es mir ein, daß ich mit ihm ja auch nach Paris gehen könne, wie ſo viele andere Savoyardenkna⸗ ben, und je mehr ich daruͤber nachdenke, deſto größer iſt meine Luſt, den Gedanken auszuführen.“ Der alte Savoyarde blickte den Knaben ein we⸗ nig erſtaunt an und ſenkte dann nachdenklich ſeine Augen zu Boden.„Um deines Unterhaltes willen brauchteſt du uns niemals zu verlaſſen, mein Cap⸗ tal,“ ſagte er.„Gott hat uns noch immer unſer tägliches Brod geſchenkt und wird es uns auch fer⸗ nerhin zukommen laſſen. Aber ich glaube, der Him⸗ mel ſelber hat dir heute den Gedanken eingegeben, in die Fremde zu ziehen, und wenn du darauf be⸗ harreſt, ſo will ich dir nicht hinderlich in den Weg treten. Wiſſe, gerade an dem heutigen Tage ſind es neun Jahre, daß ich dich armen Knaben hilflos und verwundet auf der Landſtraße fand. Vielleicht, wenn du davon gehſt, fügt es der Himmel, daß du deine Mutter wiederfindeſt.“ Captal horchte mit Verwunderung auf dieſe Worte ſeines Vaters. In der langen Reihe von Jahren hatte er gänzlich die Vergangenheit vergeſſen, da 62 ſeine Pflegeeltern ihn niemals an ſeine Herkunft er⸗ innert hatten. Er fragte, er forſchte weiter, und der alte Giroud erzählte ihm nun ausführlich, was er ſelber wußte, und was ſich aus dieſem geringen Wiſſen allenfalls ſchließen ließ. Jetzt wachte die Erinnerung in Captal, erſt ſchwach, dann immer lebhafter wieder auf, und als der alte Savoyarde ihm das Bildniß ſeines Vaters zeigte, ſchwebten ihm ſogar auch die Züge ſeiner Mutter wieder vor. Das heimathliche Schloß, der Zigeuner, Pierre, ſeine Entführung, Alles dämmerte wieder in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe, und lebhaft drängte es ihn, auszuziehen und ſeine Mutter aufzuſuchen. Er hielt es gar nicht für ſo ſchwer, ſie zu finden. Aber Vater Giroud erinnerte ihn daran, daß ſeit ſeiner Entführung gar manches Jahr verſtrichen ſei, daß ſeine Mutter ihn jedenfalls für geſtorben halten müſſe, und daß man gar keine Spur häͤtte, welche allenfalls zum Leitfa⸗ den dienen könne, das Geheimniß aufzukläͤren. „Die einzige Hilfe iſt bei Gott,“ ſagte er.„»Auf ihn mußt du bauen, und er wird deine Schritte zum Ziele lenken, wenn er es in ſeinem Rathe alſo de⸗ ſchloſſen hat. Zieh' hin nach Paris, mein Sohn. Ich glaube gewiß, daß du dort das Licht der Welt erblickt haſt. Biſt du einmal in deiner Vaterſtadt, 63 —/ͤ nun, ſo kann und wird der Himmel dir weiter hel⸗ fen durch Mittel und Wege, welche weder du noch ich zu erforſchen vermögen.“ Frau Girond miſchte ſich jetzt in das Geſpräch, indem ſie darauf drang, daß Captal wenigſtens noch ein paar Jahre warten möge, ehe er von ihnen ſcheide; aber Captal ließ ſich jetzt nicht mehr halten, und auch Vater Giroud ſtimmte dem Knaben bei⸗ »„Ich war nicht älter als er, da ich das Vater⸗ haus verließ, um mir in der Fremde mit Gottes Hilfe ein kleines Vermögen zu erwerben,“ ſagte er. »Gott ſtand mir bei, und wird auch Captal nicht verlaſſen, der noch etwas viel Höheres und Wich⸗ tigeres zu ſuchen geht, als ich. Morgen magſt du deine Vorbereitungen zur Reiſe treffen, Captal, und übermorgen kannſt du alsdann deinen Weg antreten.“ Mit dieſen Worten ſtand Vater Giroud auf und machte dadurch dem Geſpräche ein Ende. Am nächſtfolgenden Tage ſtand Captal reiſefertig da. Auf dem Rücken trug er ein kleines Bündel, in welches die beſorgte Pflegemutter mit eigenen Hän⸗ den ſeine geringen Habſeligkeiten gepackt hatte; in der Rechten hielt er einen tüchtigen Wanderſtab und in der Linken einen hölzernen Kaſten, in dem ſein 64 zahmes Murmelthier ſteckte. Auf der Bruſt trug er das Bildniß ſeines Vaters, das ihm der Pflege⸗ vater gegeben hatte, damit er ſich nie wieder davon trennen ſolle. Beim Abſchiede floſſen die Thraͤnen der Mutter und des Knaben, und auch der alte, wackere Vater war tief gerührt. „Zieh' hin in Frieden, Captal, und Gottes Se⸗ gen ſei mit dir,« ſagte er.„Ich kann dir nicht Geld und Gut auf den Weg mitgeben, denn an ir⸗ diſcher Habe bin ich arm, wie du weißt. Aber einen Spruch gebe ich dir mit, der dir Glück und Heil bringen wird, wenn du ihn feſt in Herz und Seele einprägſt. Dein Lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen, lieber Sohn, und hüte dich, auf daß du in keine Sünde willigeſt, noch handelſt wider Gottes Gebote! Willſt du den Spruch befolgen?« „Gewiß, Vater, ſo Gott mir helfe!“ ſchluchzte Captal. „Nun denn, ſo wird auch der Herr dich nicht verlaſſen, wie du ihn nicht verläſſeſt,« ſprach der Vater.„Geh' hin, meinen Segen haſt du!“ „Und auch den meinigen,“ ſprach Frau Giroud unter Thränen.„Den Segen einer Mutter, die dich von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe lieb hat!« 6⁵5 Noch einmal umarmte Captal die treuen Pflege⸗ eltern, dankte ihnen für alles Gute, was er von ihnen genoſſen, verſprach ihnen, immer mit kindli⸗ cher Liebe ihrer zu gedenken, und ihnen von Zeit zu Zeit Nachricht von ſeinem Schickſale zu geben, und eilte dann laut ſchluchzend von dannen. Mit naſſen Augen blickte das fromme Ehepaar ihm nach und kehrte erſt dann in das Häuschen zurück, als ſeine geliebte Geſtalt hinter dem nächſten Hügel ver⸗ ſchwunden war. „Der Herr geleite ihn,« ſprach Vater Girond, indem er ſich die Thränen von den Wangen wiſchte. „Er iſt ein frommer und guter Knabe geworden, und wird treu und feſt am Rechten halten in allen Stücken und in allen Lagen, in die Gott ihn verſetzen mag. So wenigſtens iſt mein Glaube, und ein tröͤſtlicher und ſänftigender Glaube iſt es!« Captat. 4 5— ——-— Sechstes Kapitel. — Die erſten Tage, welche Captal auf ſeiner Wan⸗ derſchaft zubrachte, vergingen ihm ziemlich traurig, da er fortwährend an ſeine Pflegeeltern denken mußte. Die Liebe zu ihnen, die er ſich ſelbſt unbewußt em⸗ pfunden hatte, wachte jetzt bei der Trennung recht klar und lebhaft in ihm auf, und ſein dankbares Gemüth rechnete ihm Alles vor, was er von den alten, wackeren Leuten Liebes und Gutes genoſſen hatte. Und gerade dadurch arbeitete er ſich immer tiefer in eine Wehmuth hinein, die ihm viele Thrä⸗ nen koſtete, und nicht eher aufhorte, als bis er aus den einſamen Gebirgen in bewohntere Gegenden ge⸗ langte. Hier, wo er ſo viele Menſchen ſah, und ſo viele neue Gegenſtände erblickte, wurde der Schmerz der Trennung bald minder lebhaft, und verwandelte ſich endlich in ein ſtill wehmüthiges Gefühl darüber, 67 daß er die Geliebten nun in ſo manchem Jahre nicht wiederſehen würde. Vater Girond hatte ihm ein kleines Beutelchen voll Geld mitgegeben, damit er unterwegs nicht Mangel leiden möge; aber Captal gebrauchte nur wenig davon, weil er in der Regel bei freundlichen Leuten übernachtete, die den hübſchen Knaben nicht von der Thür weiſen mogten. Wo er anklopfte, da wurde ihm aufgethan, und herzlich gern befriedigte man ſeine geringen Bedürfniſſe. Waren Kinder im Hauſe, ſo zeigte ſich Captal dankbar, indem ſein Murmelthier aus dem Kaſten herausſpazieren und ſeine Kunſtſtücke zeigen mußte. Das verurſachte im⸗ mer vielen Spaß, und obwohl der franzöſiſche Bauer an und für ſich ſchon ſehr gaſtfreundlich iſt, ſo ver⸗ mehrte doch Captals liebfreundliches und dankbares Weſen noch ihren Eifer, ihn zu erfreuen, und nach ſeiner manchmal recht tüchtigen Wanderung zu er⸗ quicken. Nahm er am folgenden Morgen in der Frühe Abſchied von ſeinen Gaſtfreunden, packte ihm die Hausmutter wohl gar noch die Taſchen voll Nahrungsmittel, ſo daß Captal auch während ſeiner Tagemärſche nur ſelten ſeinen kleinen Schatz anzu⸗ greifen brauchte. Als er erſt noch weiter von ſeiner Heimath ent⸗ . 5*⁸ 68 fernt war, ging es ihm noch beſſer; denn nun wurde ſein Murmelthier etwas Selteneres, und wenn er in den Gaſthäuſern die Künſte deſſelben ſehen ließ, öff⸗ neten ſich die Beutel der Zuſchauer und mancher Sous flog in die beſcheiden hingehaltene Mütze un⸗ ſeres huͤbſchen Knaben. Auf ſolche Weiſe kam Captal weiter und weiter, bis er endlich eines Tages die Thürme der großen Stadt Paris in bläulicher Ferne emporragen ſah. Sein Herz pochte freudiger bei dieſem Anblicke, und die Hoffnung, daß er nun bald ſeine Mutter wie⸗ derfinden werde, wachte lebhafter und ſtärker als jemals in ſeiner Seele auf. Er beflügelte ſeine Schritte, und hoffte, das Ziel ſeiner Reiſe binnen einer Stunde zu erreichen. Aber über die Entfer⸗ nung täuſchte er ſich, und nach einer Stunde ange⸗ ſtrengten Gehens ſah er wohl ein, daß er gewiß noch einmal ſo lange würde laufen müſſen. Dieß mäßigte ſeine große Eile, und da er überdieß müde und hungrig war, ſo beſchloß er, ein wenig aus⸗ zuruhen, und ſich von ſeinen Vorräthen, mit wel⸗ chen er in ſeinem letzten Nachtquartier verſehen wor⸗ den war, zu ſättigen. An ſeinem Wege ſtand eine Gruppe ſchöner Lindenbäume, in deren Mitte ſich ein Brunnen erhob, aus deſſen Röhren das klarſte, fri⸗ V 69 ſcheſte Waſſer ſprudelte. Der Schatten der Bäume hielt es den ganzen Sommer hindurch kühl, und im inneren Kreiſe rund um den Brunnen herum waren Bänke angebracht, welche ohne Worte und doch recht ſprechend zur Ruhe einluden. Captal beſann ſich nicht lange, der Einladung Folge zu leiſten. Er ſetzte ſich auf eine Bank, ſtellte ſeinen Murmelthier⸗ Kaſten neben ſich auf die Erde und holte ſeine Vor⸗ räthe aus der Taſche, um hier im Freien unter den ſchattigen Bäumen ſeine einfache Mahlzeit zu halten. Waͤhrend er aß und mit der hohlen Hand Waſſer von dem Brunnen ſchöpfte, um ſich mit dem kühlen Trunke zu erfriſchen, fand ſich unter den Bäumen Geſellſchaft ein. Ein hübſcher, junger Burſch von etwa achtzehn Jahren ſetzte ſich nicht weit von Captal auf die nächſte Bank, und betrachtete den Knaben mit ſeinen großen ſchwarzen Augen recht durchdrin⸗ gend und neugierig. Der Jüngling war einfach, ja dürftig gekleidet. Eine ſchon ziemlich verſchoſſene blaue Bluſe, ein paar leinene Beinkleider, und ein abgetragener, mit manchem Knicke verunzierter Hut machte ſeinen Anzug aus. Dennoch ſtand ihm alles ganz wohl, und man konnte ihn, wie geſagt, einen hübſchen Burſchen nennen, obgleich ſeine Geſichts⸗ farbe ein wenig ſtark von der Sonne gebräunt ſchien. 70 Der Fremde wandte kein Auge von Captal ab, und dieſer kam dadurch auf die Vermuthung, daß er wohl hungrig ſein möge, und gern ſeine Mahl⸗ zeit mit ihm theilen würde, wenn er ſie ihm an⸗ böte. „Willſt du mit eſſen?« fragte er ihn zutraulich. Der junge Mann war von dem freundlichen An⸗ erbieten ſichtlich überraſcht.„Hungrig bin ich, das läugne ich gar nicht,“ ſagte er. „Nun, ſo komm her und theile mit mir,“ ſprach Captal.„Es iſt für uns beide genug da.“ Der Fremde rückte näher, und Captal gab ihm von allem, was er beſaß, das Beſte. Er freute ſich, als er ſah, wie es ſeinem Gaſte ſo gut ſchmeckte, der ihn noch immer von Zeit zu Zeit neugierig an⸗ blickte, und beſonders ſeine langen blonden Locken und ſeine hellen blauen Augen betrachtete. Nach beendigter Mahlzeit ſagte er: „Du haſt meinen Hunger geſtillt und mich da⸗ durch zu deinem Freunde gemacht. Sage mir nun deinen Namen und wohin du gehſt. Vielleicht kann ich dir dienlich ſein.“ „Mein Name iſt Captal,“ erwiederte der Knabe. „Ich gehe mit meinem Murmelthiere nach Paris, um mir dort meinen Lebensunterhalt zu erwerben.“ 71¹ „Captal heißeſt du?« fragte der fremde Jüng⸗ ling höchlich überraſcht.„Captal? das iſt ein ſelt⸗ ſamer Name, und doch habe ich ihn ſchon gehört. Sage, wo kommſt du her?« „Aus Savoyen!“ „Aus Savoyen? Dann mußt du es ſein! dann mußt du mein kleiner Kamerad, mein kleiner ver⸗ lorener Captal ſein!“ rief der Fremde fröhlich aus, indem er aufſprang, den überraſchten Knaben um⸗ armte und mit herzlicher Liebe an die Bruſt drückte. „Sieh mich einmal recht genau an! Kennſt du mich nicht mehr?« Captal betrachtete den Fremden, ſchüttelte aber verwundert den Kopf.„Woher ſoll ich dich ken⸗ nen?“ fragte er.„Ich habe dich meines Wiſſens noch niemals geſehen.“ „Ei, Captal, kleiner Captal, erinnerſt du dich des Pierre nicht mehr, der mit dir durch Frankreich und Savoyen wanderte, als du noch ſo ein kleiner Junge wareſt!“« rief der Fremde voller Freude.„Habe ich dich nicht immer geführt, nicht oft unterſtützt, wenn es die ſteilen Berge hinan ging, nicht oft ge⸗ tragen, wenn du müde wareſt und nicht mehr fort konnteſt? Denke doch nur an Rollet, den Zigeuner, meinen Pflegevater, und an Ella, ſein böſes Weib, 72² das noch ſchlimmer war, als der Mann, nun aber ſchon lange geſtorben iſt!“ „Was?“ ſagte Captal verwundert und erfreut zugleich,—„du wäreſt der kleine Pierre von da⸗ mals?“ „Nun freilich bin ich's, nur ein bischen größer geworden und in die Höhe geſchoſſen,“ erwiederte Pierre lachend.„Du biſt auch nicht mehr ſolch ein kleiner Burſch wie zu jener Zeit, aber doch kamſt du mir gleich bekannt vor, als ich dein blondes Haar und deine blauen Augen ſah, die ich nimmer wieder vergaß. Ich wußte nur nicht recht, wo ich dich ſchon geſehen hatte, denn in neun Jahren läßt ſich man⸗ ches vergeſſen. Aber als ich deinen Namen hörte, da war Alles erklärt und es ging mir auf wie ein Licht, daß du mein Captal, mein kleiner, huͤbſcher Ausreißer ſein müßteſt.“ Nochmals umarmten ſich die beiden Jünglinge mit herzlicher Freude, und Captal war über das Wiederſehen vielleicht froher noch, als Pierre, da er durch ihn Nachricht von Rollet und durch dieſen wieder Kunde von ſeiner Mutter zu erhalten hoffte. Ehe er aber nach dem Zigeuner fragen konnte, mußte er Pierre erzählen, wie es ihm ergangen und wo er eigentlich damals bei der Jagd nach dem Schmetter⸗ 73 linge hingerathen ſei. Er berichtete alles ganz genau und ausführlich und Pierre hörte ihm mit der leb⸗ hafteſten Theilnahme zu. „Wie froh bin ich, daß du nicht zu Schaden ge⸗ kommen biſt, mein Jüngelchen,“ ſagte er.„Ich fürchtete immer, du wäreſt in irgend einen Abgrund geſtürzt, oder hätteſt wohl gar in den rauhen Ber⸗ gen verhungern müſſen! Und nun iſt es dir ſo gut gegangen, viel beſſer als mir.“ „Hat dich Rollet geſchlagen?“ fragte Captal. „Ja, er wollte,“ erwiederte Pierre.„Aber ich lief ihm davon, ehe er ſeine Wuth über dein Ver⸗ ſchwinden an mir auslaſſen konnte, und bettelte mich richtig bis nach Paris zurück.“« „Und wovon haſt du zeither gelebt?« fragte Cap⸗ tal.„Fand dich Rollet nicht wieder?« „Nein, er fand mich nicht, aber andere Freunde nahmen ſich meiner an, und ich friſtete mein Leben ſo nothdürftig durch allerlei kleine Künſte, durch Wahrſagen, durch Kartenſchlagen, durch Muſik und mancherlei andere Dinge. Nein, den Rollet habe ich nie wiedergeſehen und bin auch recht froh darum, denn ich glaube, er hätte mich auf dem Flecke todt⸗ geſchlagen. Jetzt freilich, wo ich ein ſtarker Burſch geworden bin, fürchte ich mich nicht mehr vor ihm.“ 74 „Ach, Pierre,« ſeufzte Captal,„das thut mir doch ſehr leid, daß du ihn nicht wiedergefunden haſt; ich mögte ihn gar gern ſehen und ſprechen.“ „Du, Captal? Und zu was?“ fragte Pierre verwundert. „Nun, du weißt doch, wegen meiner Mutter!« erwiederte der Knabe traurig.„Rollet hat mich doch geſtohlen, als ich noch klein war, und nun mögte ich gar gern meine Mutter auffinden.“ „Ach ja, das iſt auch wahr!« ſagte Pierre.„Ich weiß noch recht gut, wie er dich brachte, und wie man dir deine ſchönen Kleider auszog, und dein Geſicht färbte und dich in die ſchlechten häßlichen Lumpen ſteckte. Aber wo dieß geſchah, das weiß ich nicht mehr, denn ich war damals zu klein und noch viel zu unbeſonnen, um darauf zu achten. Ja, ja, Captal, du biſt gewiß vornehmer Leute Kind, und ein rechtes Glück wäre es für dich, wenn du deine Mutter ausfindig machteſt.“ „Wie ſoll ich ſie finden, wenn Rollet mir nicht hilft?« fragte Captal betrübt.„Weißt du denn gar nicht, wo er ſteckt?« „Nein, ich habe nie wieder etwas von ihm ge⸗ hört,“ entgegnete Pierre;„aber gleichwohl läßt ſich vielleicht erfahren, in welchem Lande und welcher 7⁵ Gegend er ſich herumtreibt. Wir Zigeuner ſtehen immer unter einander in Verbindung, und ich will die alte Mutter fragen, wenn ſie nach Paris kommt. Aber was willſt du indeſſen beginnen, Captal!“ „Nun, ich habe dir ja ſchon geſagt, daß ich nach Paris gehe mit meinem Murmelthiere. Dort laſſe ich mein Thierchen tanzen und ſpringen, und will mir dadurch mein Brod ſchon erwerben.“ „Wenn es nur wahr iſt,“ entgegnete Pierre. „Du kennſt Paris gar nicht, und wenn du ſo wild⸗ fremd hinkommſt, kann es dir herzlich ſchlecht erge⸗ hen. Bleibe lieber bei mir! Du haſt mich geſät⸗ tigt, als ich hungrig war, und das vergeſſe ich dir niemals, ſo lange ich lebe. Manchmal leide ich wohl auch Noth, wie eben jetzt; aber das kommt nur ſelten, wenn ich zu faul bin, mich nach einem Erwerb umzuſehen. Wenn du dein Murmelthier mitnimmſt, und wir ziehen in Paris und rings in den Dörfern umher, und ich mache Muſik mit mei⸗ ner Querpfeife dazu, dann verdienen wir Geld ge⸗ nug. Und wenn es dann doch einmal fehlt, nun, ſo weiß ich auch noch durch andere Mittel der Noth abzuhelfen.« „Und was ſind das für welche?“« fragte Captal. „Ach, ich verſtehe gar mancherlei,“ erwiederte der 76 Zigeunerburſch.„Ich kann ſchmieden, Keſſel und Pfannen ausbeſſern, hölzerne Löffel, Spindeln und Tröge ſchnitzen, und Vieh kuriren, das ich vorher krank mache.“ „Das du vorher krank machſt?« fragte Captal verwundert. „Nun ja doch!“« entgegnete Pierre lachend. „Schau, die Bauern hier in der Gegend ſind im Durchſchnitte herzlich dummes Volk. Wenn ich nun kein Geld habe, ſo ſchleiche ich mich in ihre Staͤlle oder an ihre Viehheerden heran, ſteche den Pferden Nähnadeln in die Feſſel, breche ſie ab, daß man keine Spur davon ſieht, und beſtreiche dem Vieh die Naſe mit Unſchlitt, wovon es krank wird. Nach ein paar Tagen gehe ich dann hin zu dem Bauer, und wenn er mir nun ſein Leid klagt wegen der kranken Thiere, ſo verſpreche ich ihm, ſie gegen eine gute Belohnung wieder geſund zu machen. Das iſt denn keine große Kunſt. Ich ziehe den Pferden die Nadeln wieder aus, mache ein bischen Hokuspokus mit dem kranken Rindviehe, waſche ihm den Un⸗ ſchlitt wieder ab, und ſiehe da, die Krankheit iſt verſchwunden, und der Bauer füllt mir den leeren Beutel mit Gelde an.“ „Aber, Pierre, das iſt ſchlecht,« ſagte Captal 77 ernſthaft.„Betrügen darf man nicht, und ich wollte lieber zehn Mal Hunger leiden, als mir auf ſolche Weiſe mein Brod verdienen. Nein, nein, wenn du nicht grade und ehrlich ſein willſt, dann mag ich mit dir nichts zu ſchaffen haben.“ „Ei, du närriſcher Burſche du, was ſchadet es denn groß, wenn man die Bauern ein bischen be⸗ ſchuppt?“ rief Pierre lachend.„Die Burſchen ha⸗ ben Geld genug, und können uns armen Teufeln woohl ein wenig von ihrem Reichthume abgeben. Thun ſie es nicht freiwillig, was ſelten genug ge⸗ ſchieht, nun, ſo muß man ſie dazu zwingen.“ „Ich nicht, ſo lange ich lebe!“ erwiederte Captal ernſthaft.„Nein, nein! Mein guter Pflegevater ſagte mir noch beim Abſchiede:„Hüte dich, Cap⸗ tal, daß du in keine Sünde willigeſt, noch thueſt wider Gottes Gebote! Ihm will ich folgen und ehrlich bleiben, ob ich auch dabei hungern müßte.“ Pierre zog ein ſpöttiſches Geſicht und eine leicht⸗ fertige Antwort ſchwebte auf ſeiner Zunge. Doch, da er den Knaben wirklich lieb hatte, ſo unterdrückte er ſie, und ſagte nur:„Wohlan, Captal, da du es nicht anders haben willſt, ſo mag es d'rum ſein. Ich trenne mich nicht wieder von dir, weil ich es mir in den Kopf geſetzt habe, dir zu deinem Glücke 78 zu verhelfen. So komm denn und laß uns unſer Glück in Paris verſuchen.“ Captal packte ſein kleines Bündel wieder zuſam⸗ men, nahm ſeinen Murmelthierkaſten wieder auf, griff nach ſeinem Stocke und wanderte an Pierre's Seite nach Paris. Nach etwa anderthalb Stunden hatten ſie die große, weitläͤufige Stadt erreicht, und unſerem Captal wollte faſt bange werden, als er das Wogen und Treiben in den vielen Straßen, und die Menſchen ſah, die ſich ſo haſtig und theilnam⸗ los darin umher trieben. War er doch an ſolches Getümmel nicht gewöhnt, und kam ſich nun mitten in dem brauſenden Geräuſch ſo einſam und hilflos vor, daß er gewiß allen Muth verloren hätte, wenn Pierre nicht an ſeiner Seite einhergeſchritten waͤre. Pierre aber wußte in Paris wohl Beſcheid und brachte ſeinen jungen Freund bald an einem ſicheren Plätz⸗ chen unter, wo er ſelbſt ſeinen Aufenthalt in Paris zu nehmen pflegte. Es war nur eine ganz aͤrmliche und erbärmliche Kellerwohnung, aber ſie war mit einigen Bunden Stroh ausmöblirt, und dieß gewaͤhrte unſerm müden Wanderer ein höchſt angenehmes und willkommenes Ruhelager. — Siebentes Kapitel. Da Pierre nochmals vergeblich ſeine Ueberre⸗ dungskunſt aufbot, Captal zu ſeinem umherſchwei⸗ fenden und gauneriſchen Leben zu bewegen, und Captal ihm ganz ernſtlich erklaͤrte, daß er ſich au⸗ genblicklich für immer von ihm trennen würde, wenn er noch einmal ſeine Betrügereien ausführte, ſo er⸗ gab ſich Pierre endlich in ſein Schickſal und ver⸗ ſprach, ſich fernerhin vor der Sünde zu hüten. „Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich dir in allen Stücken nachgeben muß,“ ſagte er zu Captal. „Du mußt es mir angethan und mich behext haben.“ „O nein,“ erwiederte Captal.„Du ſiehſt ein, daß dein bisheriges Leben ſündhaft und verwerflich war, und hörſt nun mehr auf die untrügliche Stimme deines Gewiſſens, als auf mich. Erſticke ſie nicht wieder, Pierre, und du wirſt ſehen, daß du viel froher und heiterer lebſt als bisher.“ 8 80 Pierre lächelte zweideutig und brach das Ge⸗ ſpräch ab, indem er Captal aufforderte, ſein Mur⸗ melthier zur Probe einmal tanzen zu laſſen, wäh⸗ rend er ſelbſt mit ſeiner Querpfeife dazu aufſpielen wolle. Captal lockte ſogleich ſein Thierchen aus dem Kaſten heraus, und es tanzte ſo ausgezeichnet nach dem Takte der Muſik, daß ſogar Pierre ſein Lob deſſelben ausſprechen mußte. „Ei ja, wenn deine Marmotte immer ſo gehor⸗ ſam iſt wie geſchickt, ſo können wir uns in Paris ſchon ein paar Wochen halten,“ ſagte er.„Die Stadt iſt groß und ehe wir in allen Straßen herum kommen, müſſen wir manch liebes Mal auf den Beinen ſein. Vorwärts, vorwärts, Captal! Wir können heute noch unſer gutes Glück verſuchen und ein halb Dutzend Francs verdienen!“« Captal zeigte ſich ſogleich bereit, mit Pierre aus⸗ zugehen und das Murmelthier ſeine Künſte öffentlich zeigen zu laſſen. Ueberall ſammelte ſich bei dem Schalle der Querpfeife eine große Menſchenmenge um ſie her, und ſchien mit Vergnügen das geſchickte Thierchen zu ſehen, wie den geübten Pfeifer zu hö⸗ ren. Pierre ſammelte Geld ein, wenn ſie weiter gehen wollten, und die Spenden fielen ſo reichlich aus, daß ſie bei der Nachhauſekunft ſich wirklich im 81 Beſitze von ſieben Francs ſahen. Dieß Geld wurde redlich getheilt, und bald darauf legte ſich Captal, nachdem er ein Stückchen Brod verzehrt hatte, zur Ruhe. Pierre aber ſchweifte noch die halbe Nacht hindurch in Paris umher, und kehrte nicht eher in ſeine Wohnung zurück, als bis er die Einnahme des Tages bis auf den letzten Heller wieder verthan hatte. Mehrere Wochen hindurch ging das ſo fort. Captal und Pierre machten treffliche Geſchäfte, und der Er⸗ ſtere hatte ſich ſchon einen hübſchen kleinen Schatz von ſeinen Erſparniſſen geſammelt, während von dem Letzteren richtig die ganze Einnahme bereits wieder verſchleudert worden war. Captal machte Pierre öfters Vorwürfe wegen ſeines großen Leicht⸗ ſinnes, aber Pierre hörte entweder gar nicht danach hin, oder gab ſeinem jungen Freunde ſo empfind⸗ liche und ſpitzige Antworten, daß derſelbe, tief ge⸗ kränkt, ſich endlich vornahm, Pierre in Zukunft ſei⸗ nen eigenen Weg gehen zu laſſen, und ſich um ſeine Verſchwendung nicht mehr zu bekümmern. Da geſchah es eines Tages, als die beiden Jüng⸗ linge gerade in einer ziemlich engen Straße ihre Vor⸗ ſtellung zeigten, daß ein prächtiger Wagen gefahren kam, in welchem ſich eine vornehm gekleidete Dame Captal. 6 „ 82 und ein ganz junges Herrchen befanden. Das Ge⸗ dränge um Pierre und Captal zwang den Kutſcher anzuhalten, und trotz dem Rufen deſſelben und dem Schreien des Jünglings rührte ſich das Volk nicht von der Stelle. Das Geſchrei der Beiden zog in⸗ deß Captals Aufmerkſamkeit nach dem Wagen hin, und mit Ueberraſchung ruhete ſein Blick auf der Dame, welche ſich im Wagen befand. Obgleich nicht mehr jung, zeigte ihr Geſicht doch noch viele Schön⸗ heit. Nur war es ſehr blaß, und dieſe Blaͤſſe wurde um ſo mehr hervorgehoben, als die Dame durchaus in ſchwarze Stoffe gekleidet war. Es durchfuhr Captal wie ein Blitz, daß er die Dame irgendwo ſchon einmal geſehen haben müſſe, und während er hierüber nachgrübelte, vergaß er ganz, dem Spiele Pierre's Einhalt zu thun, um den Wagen erſt vorbei zu laſſen. Pierre ſelbſt kümmerte ſich um denſelben gar nicht. Mogte er noch eine Stunde warten; wenn er nur einer guten Einnahme gewiß war.. Als der Jüngling, welcher im Wagen den Platz neben der Dame einnahm, bemerkte, daß auf ſein herriſches Geſchrei gar nicht geachtet wurde, ſo ſprang er heraus, drängte ſich haſtig durch die Volksmenge hindurch, und befahl Pierre, ſofort mit dem Pfeifen 83³ inne zu halten und ſich zum Henker zu packen, da⸗ mit Platz auf der Straße würde. Pierre ſchaute ſich den jungen Menſchen an, ließ ſich dabei aber nicht im mindeſten ſtoͤren. Jener mogte etwa in ſei⸗ nem Alter ſein; nur war er viel ſchmächtiger und ſchwächer gebaut, und eine krankhafte Bläſſe bedeckte ſein nicht übel gebildetes Geſicht. Er war ſehr pracht⸗ voll gekleidet, wie es die damalige Sitte unter den vornehmen und reichen Einwohnern von Paris mit ſich brachte, und eben dieſem prächtigen Anzuge hatte er es wahrſcheinlich zu danken, daß ihm das ver⸗ ſammelte Volk ſo leicht Platz gemacht hatte. Denn der Pöbel beugt ſich ja immer gar leicht vor dem blendenden Schimmer des Vornehmen, obgleich eben dieſer Schimmer ſo häufig nichts, als nur die jaͤm⸗ merlichſte Hohlheit verbirgt. »„Du, Burſche, hör' auf mit deinem Pfeiffen,“. ſchrie der vornehme Jüngling mit kreiſchender Stimme Pierre zu. Pierre ſah den geputzten jungen Herrn mit einem höhniſchen Blicke an, und ließ ſich in ſeinem Thun und Treiben keinen Augenblick ſtören. Das umſte⸗ hende Volk lachte, und dieß brachte den vornehmen Jüngling ſo in Wuth, daß er gänzlich alle Beſon⸗ nenheit vergaß. In ſeiner Hand trug er eine Reit⸗ 6* 84 gerte. Er erhob ſie, und verſetzte Pierre einen tüͤch⸗ tigen Schlag mit derſelben, indem er ausrief:„Ich will dich gehorchen lehren, du Hund!“ Bisher hatte Pierre ſich innerlich über den Zorn des jungen Edelmanns beluſtigt; jetzt aber, wo der naſeweiſe Burſche es wagte, ihn zu ſchlagen, ſprang er wild auf ihn zu, und vergalt den Schlag mit ei⸗ nem Hiebe ſeiner geballten Fauſt, der einen kräfti⸗ geren Menſchen, als den adeligen Jüngling zu Bo⸗ den geſtreckt haben würde. Er ſtürzte, und das ver⸗ ſammelte Volk theilte ſich alsbald in zwei Partheien, deren eine es mit dem niedergeſchlagenen Edelmann, die andere mit Pierre und dem Savoyardenknaben hielt. Eaptal, obgleich er innerlich Pierre's Beneh⸗ men nicht billigte, ſprang ſeinem Kameraden doch ſogleich zu Hilfe. Pierre kniete auf der Erde, und hielt den jungen Edelmann nieder, ohne ihm jedoch noch weiter ein Leides zuzufügen. Captal aber be⸗ muhete ſich, ihn von ſeiner Beute zu entfernen. „Laß ihn, Pierre, laß ihn,“ ſagte er.„Wenn er ſich gegen dich vergangen hat, ſo iſt er jetzt ge⸗ ſtraft genug. Ich bitte dich, laß ihn aufſtehen und komme.“ Pierre ſprang ſogleich in die Höhe, ſteckte einen 8⁵ Gegenſtand, welchen Captal nicht zu erkennen ver⸗ mogte, in die Taſche und lachte laut. „Komm,“ ſagte er zu ſeinem jungen Freunde, „nimm dein Murmelthier und komm! Wir haben hier nichts mehr zu thun.« Raſch und gewandt draäͤngte er ſich durch die Menge des umſtehenden Volkes, und war ſchon weit weg, ehe ſein Feind wieder auf den Füßen ſtand. Captal wollte ihm folgen; aber kaum hatte er ſein Murmelthier in den Kaſten verſchloſſen, ſo fühlte er ſich beim Arme ergriffen, und die vor Wuth keu⸗ chende Stimme des jungen Edelmanns ſchrie:„Die Spitzbuben haben mich beſtohlen!“« Unwillig machte ſich Captal von dem Griffe los, und wollte ſich entfernen. Aber jetzt verſchloß ihm das Volk ſelber den Weg, und ließ ihn nicht durch. „Was wollt Ihr von mir?« rief er dem jungen Edelmanne zu.„Wie kann ich Euch beſtohlen ha⸗ ben, da ich gar nicht in Berührung mit Euch ge⸗ kommen bin? Ich bin ein ehrlicher Knabe und kein Dieb.“. »Ein Gauner und Spitzbube biſt du, wie dein Kamerad, der ſich aus dem Staube gemacht hat!« rief der junge Menſch wüthend.„Iſt Niemand hier, der den Burſchen verhaften kann?“ 86 Der Lärmen hatte einige Polizeidiener herbei ge⸗ lockt, welche jetzt ſofort vortraten, und Captal er⸗ griffen, obgleich dieſer auf das Lebhafteſte ſeine Un⸗ ſchuld betheuerte. Durchſucht meine Taſchen!“ ſagte er, blutroth von Zorn und Scham.„Wenn ihr geſtohlenes Gut bei mir findet, ſo will ich mich ſelber für ſchuldig bekennen! Aber ich weiß, daß ich unſchuldig bin.“« „Deſto beſſer fuür dich, mein Söhnchen,“ erwie⸗ derte einer der Polizeidiener.„Aber hier iſt keine Zeit und kein Ort zu einer Unterſuchung. Geh' nur ruhig mit! Wenn du unſchuldig biſt, wird dich der Richter ſchon wieder laufen laſſen.“ Captal rang verzweifelt mit den Dienern des Ge⸗ ſetzes, die mit Gewalt ihn, den Unſchuldigen, ver⸗ haften wollten. Aber ſeine ſchwache Kraft erlag den rüſtigen Armen der Häͤſcher, und er erreichte weiter nichts, als daß in der Hitze des Gefechts ſeine Klei⸗ der zerriſſen wurden und ſein Murmelthierkaſten ihm abhanden kam. Die Polizeidiener nahmen ihn in ihre Mitte und führten den weinenden Knaben durch die verſammelte Menge davon, welche theilnamlos Alles geſchehen ließ. Wenn der arme Knabe nicht des Diebſtahls beſchuldigt worden wäre, hätte es ihm vielleicht nicht an Beiſtand gefehlt; aber einem 87 Knaben helfen, der von einem Reichen und Vor⸗ nehmen des Diebſtahls beſchuldigt worden war, nein, das ging nicht an. Als Captal an dem Wagen vorbeigeführt wurde, in welchem die Dame ſaß, die ihn ſo lebhaft be⸗ ſchäftigt hatte, ſchien er noch einen Verſuch machen zu wollen, dem Schickſale der Gefangenſchaft zu ent⸗ gehen. Flehend erhob er ſeinen Blick zu der Dame, die ihn nicht ohne Theilnahme betrachtete. „Ach, gnädige Frau,“ rief er,„helft mir! Euer Begleiter hat mich des Diebſtahls angeklagt, aber ich bin unſchuldig!« In dieſem Augenblicke trat der junge Edelmann an den Wagen. Die Dame winkte den Polizeidie⸗ nern, ſtehen zu bleiben und fragte den Jüngling: „Robert, biſt du auch gewiß, daß der Knabe da dich beſtohlen hat?« 3 „Ohne Zweifel,“ erwiederte der junge Menſch. „Wenn er es nicht that, ſo that es ſein ſauberer Kamerad, der leider entwiſcht iſt. Mir fehlt meine Uhr und meine Börſe, und ich will nicht ruhen, bis ich beides zurückbekommen habe. Fort mit dem Burſchen!“. „Nein, nein, Robert, laß den armen Jungen laufen, und ich will dir deinen Verluſt doppelt er⸗ 88 ſetzen,“ erwiederte die Dame.„Ich bin feſt davon überzeugt, daß er unſchuldig iſt.« „Gleichwohl muß er feſt gehalten werden, damit wir um ſo leichter den Schuldigen entdecken können,“ ſagte Robert gleichgültig.„Fort mit ihm, Leute! Ihr macht euch ſtrafbar, wenn ihr ſo lange zögert!« Captal wurde ſo ſchnell fortgeriſſen, daß er kein Wort mehr zu ſeiner Vertheidigung hervorbringen konnte. Aber ſein Blick dankte der Dame für ihre Theilnahme und ihre Verwendung. Der Blick drang ihr tief in die Seele, und es war ihr, als ob ſie durchaus dem Gefangenen nacheilen und befreien müſſe. Aber ihr Begleiter ſetzte ſich hurtig an ihre Seite, und da ſich mittlerweile das Volk verlaufen hatte, ſo rollte der Wagen raſch durch die Straße davon. Wiährend Captal, erzürnt und traurig zugleich, davon geführt wurde, peinigte ihn der Gedanke, daß wohl gar Pierre wirklich das Verbrechen aus⸗ geübt habe, deſſen Theilnahme man ihn beſchuldigte. Er erinnerte ſich, etwas Glänzendes in der Hand ſeines Kameraden geſehen zu haben, und überdem kam ihm die Eile ſehr auffallend vor, mit der ſich der Zigeuner von dem Kampfplatze entfernt hatte. Er beſchloß, in Zukunft allen Umgang mit ihm zu vermeiden, wenn ſein Verdacht ſich beſtätigen ſollte, und im Uebrigen geduldig ſein Schickſal zu erwarten. Mittlerweile hatten die Polizeidiener das Ge⸗ fängniß erreicht, führten ihn über einen ziemlich ge⸗ räumigen Vorhof, der rings mit hohen und ſtarken Mauern umgeben war, zu einem langen, düſter aus⸗ ſehenden Gebäude, zogen an einer Klingel, die ne⸗ ben der Thür befeſtigt war, und übergaben Captal dem Gefangenwärter, welcher ihn ohne viele Um⸗ ſtände in das Haus führte, eine ſtarke, mit Eiſen beſchlagene Thür öffnete, und ihn durch dieſelbe in einen düſteren, aber geräumigen Saal hinein ſtieß. Captal ſtand wie betäubt. Erſt nach einer langen Weile gewöhnte ſich ſein Auge an die Dunkelheit ſeines Gefängniſſes, und nun gewahrte er wohl an zwanzig Gefangene, welche entweder auf hölzernen Bänken an den Wänden herumſaßen, oder in dem finſteren Gemache einzeln und paarweiſe auf und nieder ſchritten. Still ſchlich er in dem dunkelſten Winkel, kauerte ſich dort zuſammen, und weinte, als ob ihm das Herz brechen ſolle. Achtes Kapitel. — Stumm und traurig blieb Captal in ſeinem Winkel ſitzen und grübelte über ſein Schickſal nach, ohne ſich um ſeine Mitgefangenen zu bekümmern. Dieſe betrachteten ihn indeß anfänglich nicht ohne Theil⸗ nahme, und Einer oder der Andere verſuchte es ſo⸗ gar, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. Da Captal aber zu ſehr mit ſeinem Schmerze beſchaͤftigt war, ſo gab er nur kurze und einſylbige Antworten, und ſah ſich deßhalb ſehr bald ganz allein und völlig unbeachtet. Der Tag verging, der Abend dämmerte, Captal merkte es nicht. Der Gefangenwärter kam, brachte die ſchmale Abendkoſt, welche in nichts, als Brod und Waſſer beſtand, reichte Jedem ſein Theil, auch Captal, aber dieſer ſah nicht einmal danach hin. Er legte das Brod neben ſich auf die harte Bank, und der Kummer in ſeiner Seele war ſo lebhaft, daß er ſelbſt das Gefühl des Hungers nicht — — 91¹ aufkommen ließ. Es war dem Knaben, der von Kindheit an in Frömmigkeit und Gottesfurcht erzo⸗ gen war, zu ſchrecklich, des Diebſtahls angeſchuldigt worden zu ſein, und der Gedanke, daß man auf ſeine Rechtfertigung am Ende nicht einmal hören werde, beugte ihn ſo tief darnieder, daß er ſich in ſeinem Schmerze gar nicht zu faſſen wußte. Er weinte ununterbrochen vor ſich hin, und achtete auf nichts, was um ihn her vorging. Plötzlich klopfte ihn Jemand auf die Schulter und eine rauhe Stimme ſagte:„He, du junger Burſche, jetzt iſt nicht mehr Zeit zum Heulen und Wehklagen. Wiſche deine Thränen ab, und komm mit mir zu den Andern. Ehe du eine Stunde älter geworden biſt, ſollſt du wieder ſo frei ſein, wie der Vogel in der Luft!« Captal richtete ſich auf, und ſah einen großen bärtigen Mann vor ſich ſtehen.„Laßt mich in Ruhe,“ ſagte er.„Ihr könnt mir meine Freiheit nicht zu⸗ rückgeben, denn Ihr ſeid weder der Richter noch der Gefängnißhüter.“ „Du wirſt ſchon ſehen, ob ich es kann oder nicht,“ erwiederte der Mann.„Steh' auf und folge mir zu den Uebrigen.“ Captal fühlte ſich von einer traͤftigen Fauſt er⸗ 9² griffen und von ſeinem Sitze emporgezogen. Obgleich er ſich unwillig ſträubte, fuͤhlte er doch bald, daß er der überlegenen Kraft nachgeben müſſe, und ſchickte ſich an, freiwillig den baͤrtigen Mann zu begleiten. Er wurde in den Kreis der übrigen Gefangenen ge⸗ führt und ſah ſich nun von lauter Menſchen umge⸗ ben, von denen gewiß kein Einziger ſo unſchuldig in's Gefängniß geführt worden, wie er. Das dü⸗ ſtere Licht einer brennenden Lampe warf ihren Schim⸗ mer auf lauter wild ausſehende Geſichter, deren Aus⸗ druck unſeren Captal mit einem geheimen Schauder erfüllte. „He, mein Burſche,“ ſagte der Mann, welcher ihn in den Kreis ſeiner Gefährten gebracht hatte, „ich frage dich, ob du mit uns aus dem Gefängniſſe entwiſchen willſt? Binnen einer Stunde iſt Alles bereit, der Gefangenwärter wird niedergeſtoßen, und kein Menſch wird uns aufhalten.“ Captal blickte verwundert um ſich her.„Ich fliehe nicht,“ ſprach er dann.„Ich bin unſchuldig, aber wenn ich heimlich davon liefe, würde man mich mit Recht für ſchuldig halten müſſen.“ Die übrigen Gefangenen wechſelten drohende Blicke mit einander, und Captal hörte, wie einer ſagte: 93³ „Wenn er nicht mit will, ſo muß er ſterben. Er würde uns Alle verrathen.⸗ »„Nein, nein,“ ſagte der Erſte,„kein Mord, wenn es nicht nöthig iſt.„Dann wendete er ſich wieder zu Captal, indem er ſprach:„Wenn du nicht gutwillig mit uns gehen willſt, ſo werden wir dich zwingen. Verſteheſt du? Wir haben nicht ſeit Wochen ſchon alle Vorbereitungen getroffen, um end⸗ lich durch einen Gelbſchnabel, wie du biſt, unſere Pläne vereitelt zu ſehen. Sprich, willſt du uns folgen oder nicht?« Captal ſah die drohenden Mienen und wilden Blicke der Gefangenen und konnte ſich einer heim⸗ lichen Todesangſt nicht erwehren. Beinahe hätte er eingewilligt, in die ihm gemachten Vorſchläge einzugehen, als er ſich noch zu rechter Zeit des Spruches erinnerte, den ſein frommer Pflegevater ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Immer ſollte er Gott vor Augen haben, und ſich huͤten, daß er in keine Sünde willige, noch thue wider Gottes Ge⸗ bote, und jetzt, das fühlte er klar, wurde er zu einem Verbrechen aufgefordert, das er weder vor Gott noch vor ſich ſelbſt verantworten konnte. So beſchloß er denn, lieber zu ſterben, als vom Piade des Rechten abzuweichen. „* 94 „Ich folge euch nicht,“ ſagte er mit feſter Stim⸗ me.„Macht mit mir, was ihr wollt, ihr werdet mich nicht dazu zwingen können, meine Freiheit auf unredlichem Wege zu gewinnen!“ „Die Gefangenen ſtießen wilde Flüche aus, und einige von ihnen ſtürzten ſogar auf Captal zu, und zückten verborgene Meſſer gegen ihn. Er würde ver⸗ loren geweſen ſein, wenn nicht der bärtige Mann ſich der wilden Rotte entgegen geworfen hätte. „Halt!“ rief er ihnen zu.„Keiner ſoll dem Kna⸗ ben ein Haar krümmen, ſo lange ich am Leben bin und ihn ſchützen kann. Der Junge gefällt mir, und ſein Muth verdient eine beſſere Belohnung, als der Tod.“ „Aber er wird uns verrathen!“ riefen mehrere Stimmen.„Er muß ſterben!“ „Er wird uns weder verrathen, noch wird er ſter⸗ ben,“ erwiederte Captals Beſchützer.„Wir müſſen den Jungen binden und ihm den Mund verſtopfen, daß er weder ſich rühren noch ſchreien kann. Dieß genügt zu unſerer Sicherheit vollkommen, und wir erſparen uns die Schande, einen ſchwachen Knaben gemordet zu haben. Wenn Blut fließen ſoll und muß, ſo iſt es an dem des Gefangenwaͤrters genug!“ Obgleich noch einige Stimmen brummten und 95 — grollten, fiel doch die Mehrzahl der Gefangenen Cap⸗ tals Beſchützer bei, und der Knabe ſah ſich fünf Minuten nachher geknebelt in einem Winkel liegen. Man hatte ihn ſo feſt gebunden, daß er kein Glied rühren konnte, und ſein Mund war ſo ſorgfältig verſtopft, daß er keinen Laut hervorzubringen ver⸗ mogte. Dennoch ſchlug ſein Herz jetzt leichter, als vorher, indem er ſich ſelber ſagen mußte, daß er recht und gut gehandelt habe. Er verhielt ſich ganz ſtill und ruhig, und beobachtete die anderen Gefan⸗ genen, welche mit einander flüſterten und lachten, bis die Stunde herannahte, wo der Wächter zum letzten Male das Gefängniß beſuchen mußte, um nach ſeinen Gefangenen zu ſehen. Als die Schlöſſer der Thüre knarrten, wurde raſch die Lampe, welche bisher im Gefängniſſe ge⸗ brannt hatte, ausgelöſcht, ſo daß völlige Dunkelheit herrſchte. Gleich darauf trat der Gefangenwärter mit einer Laterne herein, die er hoch in die Höhe hielt, um ſo leichter den inneren Raum des Gefaͤng⸗ niſſes zu überſehen. In demſelben Augenblicke aber fühlte er ſich ergriffen und ſtieß einen Schrei aus. Ein wilder Kampf erfolgte, der Captal mit Schrecken erfüllte. Er ſah, wie die Gefangenen auf den Wärter losſtürzten, ihm die Laterne aus der Hand rangen, 96 und ihn niederzuwerfen verſuchten. Der Wäͤrter aber war ein ſtarker Mann. Er ſchleuderte einige ſeiner Angreifer von ſich, und ſchrie um Hilfe. Aber nur ein einziges Mal. Dann erloſch das Licht der La⸗ terne, Captal vernahm einen ſchweren Fall, ein dum⸗ pfes Stöhnen, und dann wurde Alles ruhig. Die Gefangenen bemächtigten ſich mit leichter Mühe der Schlüſſel des Wärters, und ſchlichen geräuſchlos da⸗ von. Captal hörte noch einige Schlöſſer raſſeln, ei⸗ nige Thüren öffnen, und dann nichts mehr. Er wußte nicht, hatten die Entflohenen den Wärter ge⸗ tödtet, vder nur ihn gebunden und geknebelt, wie ihn. Gern hätte er Lärm gemacht und um Hilfe ge⸗ ſchrien; aber er konnte nur ein dumpfes Stöhnen hervorbringen, das nicht über die Mauern ſeines Gefängniſſes hinausdrang. Er lag wieder ſtill und unbeweglich, und horchte, ob er vielleicht irgend ein Lebenszeichen des Gefangenwärters erlauſchen könne. Aber er vernahm kein Geräuſch, als nur das, wel⸗ ches er ſelber verurſachte. Alles war todtenſtill, und Captal mußte nun glauben, daß der Gefangenwärter entweder todt, oder von den Entflohenen mit fort⸗ geſchleppt ſei. Obgleich ihm das letztere aber nicht wahrſcheinlich vorkam, ſo gewährte es ihm doch eine Beruhigung, daran zu glauben, und er redete 97 es ſich endlich feſt ein, daß es wirklich ſo ſein müſſe. Mittlerweile verſtrichen ihm die Stunden mit quälender Langſamkeit. Er ſehnte den Tag herbei. Seine Aufregung, durch die ſchrecklichen Auftritte, die er hatte mit anſehen müſſen, veranlaßt, ließen ihn nicht einſchlummern. Mit geſchloſſenen Augen, aber wacher Seele, lag er da, und zählte die Stun⸗ denſchläge, welche von einem nahen Thurme durch die Stille der Nacht ertönten. Es ſchlug zwölf Uhr, ein Uhr, zwei Uhr. Captal zaͤhlte jeden Schlag, bis endlich doch die Müdigkeit ihn beſchlich und über⸗ wältigte. Der Schlaf kam, aber mit ihm kamen auch fuͤrchterliche Träume, die ihn mehr als einmal wieder von ſeinen Augen verſcheuchten. Endlich aber vergaß er doch Alles um ſich her, und ſchlummerte gegen Morgen feſt ein. Zwei oder drei Stunden mogte er in einer todt⸗ ähnlichen Betäubung gelegen haben, als plötzlich laute Stimmen ihn wieder weckten. Er ſchlug die Augen auf, blickte verwildert umher, und ſah meh⸗ rere Polizeibeamte, welche raſche und heftige Worte mit einander wechſelten. Captal ſtöhnte, ſuchte ſich aufzurichten, und gab dadurch ſeine Anweſenheit zu Captal. 3 3 7 85 98 erkennen. Die Polizeibeamten näherten ſich ihm und einer derſelben erkannte Captal. „Das iſt der Junge, welcher vom Grafen Robert Darville geſtern des Diebſtahls beſchuldigt wurde,“ ſagte er.„Warum biſt du nicht mit den Uebrigen entflohen, Burſche? Und wie kammſt du in dieſe Lage?“ Captal bemühete ſich vergeblich zu antworten; der Knebel in ſeinem Munde verhinderte ihn daran. Man befreite ihn ſogleich von allen ſeinen Feſſeln, und nun gab er Red' und Antwort, ſo gut er ver⸗ mogte. Er erzählte, was vorgefallen ſei und wo⸗ von er Zeuge geweſen war, und ſagte einfach, daß er nur deßhalb nicht geflohen ſei, weil er ſich keiner Schuld bewußt wäre. „Haſt du geſehen, welcher von den Gefangenen den Wärter gemordet hat?« fragte ihn der Polizei⸗ diener. „Um Gotteswillen, alſo haben ſie ihn wirklich getödtet!“ rief Captal entſetzt aus.„Ich hörte wohl, wie er niederfiel und ſtöhnte, aber ich glaubte, ſie hätten ihn auch nur gebunden, wie mich. Sehen konnte ich nichts, denn das Licht der Laterne war ausgelöſcht.“ Die Polizeibeamten ſprachen leiſe mit einander, 99 während Captal ſeine ſteifen Glieder rieb, und ſie dadurch wieder gelenkig zu machen ſuchte. Dann wendeten ſie ſich zu dem Knaben und befahlen ihm, ihnen zu folgen. Captal ging willig neben ihnen her und wurde zu dem Präſidenten der Polizei ge⸗ führt, welcher ein ſehr genaues Verhör mit ihm an⸗ ſtellte. Captal wiederholte Alles, was er bereits erzählt hatte, auf das Genaueſte, und ſein ganzes Benehmen dabei gefiel dem Präſidenten ſo wohl, daß er den Knaben theilnehmend fragte, durch welche Schuld er ſelbſt denn in's Gefaͤngniß gekommen ſei? Captal gab auch hierüber den genaueſten Beſcheid, und überzeugte den Präſidenten ſehr bald von ſeiner völligen Unſchuld. „Armer Knabe,“ ſagte er,„du haſt gewiß recht viel gelitten. Aber bald wird Alles vorüber ſein.« Er winkte dem Polizeidiener, welcher Captal ge⸗ fangen genommen hatte, zu ſich, gab ihm mit leiſer Stimme einige Befehle, und wendete ſi ſich dann wieder zu dem Knaben. „Folge dieſem Manne,“ ſagte er freundlich.„Er wird für dich ſorgen, und du wirſt bald mehr von mir hören. Sei ganz unbeſorgt wegen des vermeint⸗ lichen Diebſtahls. Ich weiß, daß du unſchuldig biſt, 7* 100 was ſchon dein Zurückbleiben im Gefängniſſe zur Genüge darthut.“ 4 Der Polizeidiener, welcher jetzt viel freundlicher gegen Captal war, als geſtern, nahm den Knaben bei der Hand, und führte ihn in ein huͤbſches Zim⸗ mer, wo er ihn verließ, um wenige Minuten nach⸗ her mit Wein und kräftigen Speiſen beladen zu⸗ rückzukehren. „Da iß und trink, lieber Junge,“ ſagte er zu Captal.„Laß es dir ſchmecken, während ich fort⸗ gehe, um deine Unſchuld vollends an den Tag brin⸗ gen zu helfen und noch manches andere zu beſorgen. Du mußt mir aber verſprechen, dies Zimmer vor meiner Rückkehr nicht wieder zu verlaſſen.“ 1— . Captal gab dieſes Verſprechen ohne Bedenken, und der Polizeidiener ging davon, nachdem er ſich mit ſeinen eigenen Augen überzeugt hatte, daß Captal es ſich in Wahrheit ſchmecken ließ. Der arme Junge aß und trank von dem Weine und den Speiſen mit großem Appetite, denn er hatte ſeit geſtern Mittag gefaſtet. Als ſeine Mahlzeit beendigt war, ſtand er vom Tiſche auf, betrachtete die Bilder, welche an den Waͤnden des Zimmers hingen, las in einem Buche, das auf einem Seitentiſchchen lag, und ver⸗ trieb ſich auf ſolche Weiſe die Zeit, bis der Polizei⸗ 101 diener zurückkehrte und ihm ſein Murmelthier mit⸗ brachte. Mit Freuden nahm es Captal in Empfang. „Wo habt Ihr es gefunden?“ fragte er, indem er das Thierchen freundlich ſtreichelte und liebkoste. „Das Finden wurde mir nicht ſchwer,“ erwie⸗ derte der Polizeidiener.„Ich gab den Kaſten ge⸗ ſtern einem Kameraden von mir in Verwahrung, und habe ihn nun aus ſeinem Hauſe geholt, weil der Präſident es mir befahl. Aber halte dich be⸗ reit, noch einmal ein Verhör zu beſtehen. Graf Darville iſt in das Gericht beſchieden worden, und wird ſogleich kommen.“ Captal ſah dem Verhöre mit Ruhe entgegen, und folgte mit leichtem Herzen, als ein Bote kam und ihn in die Gerichtsſtube beſchied. Er fand da⸗ ſelbſt den jungen Grafen und mehrere Leute, welche bei dem geſtrigen Vorfalle zugegen geweſen waren. Der Präſident verhörte einen nach dem andern, und alle Zeugen ſtimmten darüber überein, daß Captal mit dem jungen Grafen gar nicht in Berührung ge⸗ kommen ſei, und ihn alſo gewiß auch nicht beſtohlen haben könne. „Wenn er nicht der Dieb iſt, ſo kennt er ihn doch wenigſtens,“ ſagte der junge Graf Darville heftig.„Sein Kamerad hat mich beraubt, und ich 102 trage darauf an, daß auch dieſer herbei geſchafft und verhört werde.“ Der Präſident wandte ſich an Captal, und fragte ihn, ob er wiſſe, daß ſein Kamerad des Verbre⸗ chens ſchuldig ſei? Captai gerieth dadurch in eine nicht geringe Verlegenheit, denn er hatte ſelbſt Pierre in dem Verdacht, daß er ſeine Hände nicht von fremdem Gute rein erhalten habe. Da er jedoch keine überzeugenden Beweiſe hatte, ſo wollte er Pierre nicht beſchuldigen, und gab daher zur Ant⸗ wort, daß er von der ganzen Sache nicht das Min⸗ deſte wiſſe. In dieſem Augenblicke trat ein Beamter in das Gerichtszimmer, näherte ſich dem Präſidenten und ſagte ihm einige leiſe geflüſterte Worte. „ Bringt ihn ſogleich herein,« erwiederte der Praäͤ⸗ ſident mit lauter Stimme, und wendete ſich dann an den jungen Grafen, indem er ſagte:„Der Be⸗ klagte befindet ſich draußen und wird ſogleich er⸗ ſcheinen.“ Die Thür wurde geöffnet, und zu Captals Er⸗ ſtaunen trat Pierre herein, der ſich mit kecker Miene dem Präſidenten näherte. „Ihr wolltet mich ſprechen,“ ſagte dieſer.„Was begehrt Ihr?« — ͦ—— 103 Pierre griff in ſeine Taſche, zog eine Uhr und eine Börſe heraus und legte Beides vor dem Prä⸗ ſidenten auf den Tiſch.„Dieſe Sachen gehören ver⸗ muthlich dem jungen Herrn da,“ ſprach er, indem er auf Robert Darville deutete.„Ich hatte geſtern einen kleinen Streit mit ihm, und fand nachher die Uhr und Börſe in meiner Taſche. Wie ſie hinein gekommen ſind, weiß ich nicht; doch ſaͤumte ich⸗ nicht, mich ihrer am gehörigen Orte wieder zu ent⸗ ledigen.« Der Praͤſident heftete einen durchdringenden Blick auf Pierre, den dieſer aber mit einem ſo ruhigen Lächeln aushielt, als ob er der unſchuldigſte, ehr⸗ lichſte und gewiſſenhafteſte Menſch von der Welt wäre. Graf Darrville ſtürzte mittlerweile raſch auf Uhr und Börſe los, welches Beides er ſogleich als ſein Eigenthum erkannte und in Beſchlag nahm. „Da ſich die vermißten Sachen wiedergefunden haben, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß der An⸗ geklagte Captal als völlig ſchuldlos ſeine Freiheit wieder erhält,“ ſagte der Präſident.„Sie, Herr Graf, mögen Ihr Eigenthum nehmen und ſich ent⸗ fernen; mit dir aber, mein Burſche, hab' ich noch ein Wörtchen zu reden.“ Pierre, an welchen dieſe letzten Worte gerichtet 104 waren, machte eine tiefe Verbeugung, über die der Präſident ſelber lachen mußte; die Uebrigen gingen davon, Captal in das Zimmer zurück, wo er bereits geweſen war. Hier ſpielte er mit ſeinem Murmelthiere, blieb aber nicht lange allein, da bald darauf auch Pierre hereingeführt wurde. „Hier bin ich,“ ſagte er;„frank und frei, wie der Vogel in der Luft. Es iſt doch eine ſchöne Sache um die Ehrlichkeit! Meinſt du nicht, Captal?« »„Ich fürchte, daß, in dieſem Falle wenigſtens, deine Ehrlichkeit nicht eben aus der reinſten Quelle fließt,« erwiederte Captal, indem er einen ernſten Blick auf ſeinen Kameraden warf.„Gewiß wirſt du nicht läugnen, daß du Uhr und Börſe des Gra⸗ fen geſtohlen haſt, um beides zu behalten, nicht aber, um es zurückzugeben.“ Pierre lachte.„Ich laſſe das dahin geſtellt ſein,« erwiederte er.„Meinen Worten und Verſicherungen würdeſt du doch nicht glauben, alſo will ich mich nicht unnöthigerweiſe anſtrengen. Aber den Gang in's Gericht that ich gewiß und wahrlich nur deß⸗ halb, um dich aus der Gefangenſchaft zu erlöſen; —— 105 alſo haſt du gar keine Urſache, mir Vorwürfe zu machen und mich auszuſchelten.“ „Ach, Pierre, wenn du ſo ehrlich waͤreſt, wie du wohlmeinend gegen mich biſt, dann wäreſt du der beſte Kamerad, den man ſich nur wünſchen kann,“ ſagte Captal.„Aber wirklich, wir werden uns tren⸗ nen müſſen, Pierre, denn ich kann es nun einmal nicht mit anſehen, wenn du ſo leichtfertig gegen Gottes Gebote ſündigeſt.« „Captal, ſei kein Narr!« erwiederte Pierre mit Wärme.„Ich verſpreche dir, in Zukunft noch ge⸗ wiſſenhafter zu werden als bisher, und das iſt ſo viel, wie du nur irgend verlangen kannſt.“ „Alſo haſt du wirklich den jungen Edelmann be⸗ rauben wollen?“ fragte Captal. „Nicht gerade das, o nein,“« entgegnete Pierre. „Ich wollte weniger ihn berauben, als vielmehr ihn recht aͤrgern, weil er ſich ſo grob und gemein gegen uns benahm. Ich beging einen Diebſtahl, nicht um des Gewinnes willen, ſondern nur um mich für den Uebermuth meines Angreifers zu rächen.“ „Das iſt aber noch ſchlimmer, als wenn du ihn einfach beſtohlen hätteſt,“ ſagte Captal.„In dieſem Falle hätteſt du nur eine Sünde begangen; ſo aber machteſt du dich zweier ſchuldig, indem du raubteſt 106 und zugleich Rache übteſt. Man ſoll aber weder ſtehlen, noch ſich an ſeinen Beleidigern rächen.« Pierre ſchüttelte verſtockt den Kopf.„Das ver⸗ ſtehe ich nicht,“ entgegnete er trotzig.„Und übri⸗ gens habe ich den Fehler wieder gut gemacht. Schelten mußt du mich nicht, Captal.“ „Ich ſchelte dich ja nicht,“ antwortete der Knabe. „Ich mögte dich nur beſſern, und dir deine ſchlech⸗ ten Zigeunergrundſätze aus Kopf und Herzen reden. Ehe du nicht in allen Stücken rechtlich denken lernſt, wirſt du immer meine Strafpredigten anhören müſſen.“ Pierre verzog ſeinen Mund zum Lächeln und wollte eben eine leichtfertige Antwort geben, als der Präſident hereintrat, und das Geſpräch der Beiden unterbrach. „Ehe ich dich entlaſſe, ſagte er zu Captal, „mögte ich dich bitten, mir deine ganze Lebensge⸗ ſchichte zu erzählen. Deine Offenheit und Ehrlichkeit hat mir ſo ſehr gefallen, daß ich dir nützlich zu ſein wünſche.“ Captal zögerte keinen Augenblick, den Präſiden⸗ ten von allen ſeinen Erlebniſſen, Befürchtungen und Hoffnungen zu unterrichten, und dieſer hörte ihm ſehr aufmerkſam zu. —-y— ——--y— 107 „Das iſt ja eine ſeltſame und abenteuerliche Ge⸗ ſchichte,“ ſagte er, als Captal ſchwieg.„Kannſt du dich denn keines Namens mehr erinnern?“ Captal ſchüttelte traurig den Kopf. „Nun, gleichviel,« fuhr der Präſident fort;„du ſollſt und mußt deine Mutter wiederfinden, wenn ſie noch am Leben iſt, und ich will dir dazu verhelfen, ſo weit meine Macht und meine Kräfte reichen. Vor allen Dingen müſſen wir des Zigeuners Rollet hab⸗ haft zu werden ſuchen, und dazu kann uns Niemand beſſer verhelfen, als Pierre. He, du mein Burſche, willſt du dir Mühe geben, deinen Kameraden zu ſeinem Glücke zu helfen.“ „Freilich will ich,“ erwiederte Pierre.„Ich ſuche ſchon längſt nach Rollet, habe ihn aber noch immer nicht finden können. Aber in dieſen Tagen hoffe ich die Zigeunermutter zu ſprechen, und dieſe wird mir wohl Auskunft zu geben im Stande ſein.“ „Suche ſie auf, und thue dein Möglichſtes,“ ſagte der Präſident.„Ich für mein Theil will indeſſen Nachforſchungen nach dem Schloſſe anſtellen, wo vor etwa neun Jahren der Erbe reicher Guͤter in einem Teiche ertrank. Ein ſolches Ereigniß geſchieht nicht alle Tage, und ich zweifle nicht, daß wir bald auf die rechte Spur kommen werden. Sei gutes Mu⸗ 108 thes, Captal, und laß dich von Zeit zu Zeit bei mir blicken, damit ich dir die gehörigen Nachrichten mit⸗ theilen kann.« Captal verſprach es, und nachdem ihm der Präͤ⸗ ſident noch ein ziemlich reiches Geſchenk gemacht hatte, entließ er die beiden Jünglinge, indem er Captal noch befahl, über ſeine Hoffnungen und Verhältniſſe noch das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten. „Ich würde dich bei mir im Hauſe behalten, bis dein Schickſal entſchieden iſt,« ſagte er;„aber mir ſcheint, daß du mächtige und gewiſſenloſe Feinde haſt, und dieſe wollen und dürfen wir nicht vor der Zeit herausfordern und aufmerkſam machen. Bleibe du einſtweilen Captal, der Savoyardenknabe; alles Andere wird ſich ſpäter finden. Damit du aber nicht Noth leideſt, werde ich dich bis zur Auffindung dei⸗ ner Familie mit Gelde verſehen.“ Mit Aeußerungen der herzlichſten Dankbarkeit ging Captal endlich davon, und Pierre begleitete ihn mit dem Entſchluſſe, nicht zu ruhen und zu raſten bis er Rollet würde aufgefunden haben. „Höre,“ ſagte er zu Captal, als ſich beide wieder in ihrem Stühchen befanden,„du brauchſt mich jetzt nicht mehr, Ba du von dem Präſidenten unterſtützt wirſt, und darum will ich mich heute noch auf die 109 Beine machen, um die Zigeunermutter aufzuſuchen. Sie wird und muß mir Nachricht von Rollet geben, ohne den wir gar nichts anfangen können.“ Captal war viel zu begierig nach der Entwicke⸗ lung ſeines Schickſals, als daß er ſich geweigert hätte, Pierre von ſeinem Vorhaben zurückzuhalten. Er wollte ihn ſogar begleiten, was ſein Kamerad aber nicht zugab. »Nein, nein, daraus wird nichts,“« ſagte er.„In die Geheimniſſe unſeres Stammes darf kein Fremder eindringen, und wenn er mein beſter Freund wäre. Auch würdeſt du mir dort nur hinderlich, nicht för⸗ derlich ſein. Bleibe ruhig hier; ehe drei oder vier Tage vergehen, wirſt du vermuthlich ſchon von mir hören.“ Captal gab nach, und Pierre, nachdem er noch einige heimliche Gaͤnge in Paris gemacht hatte, um mit Männern aus ſeinem Stamme eine Beſprechung zu halten, machte ſich vor Ankunft der Nacht auf den Weg. „Vor übermorgen Abend bin ich wieder zurück,“ ſagte er zu Captal.„Ich weiß jetzt, wo die Zigeu⸗ nermutter zu finden iſt, und brauche, aun ſie zu ſu⸗ chen, nicht erſt lange im Lande umherzuſchweifen. Alſo nur Geduld, Captal! Ich will nicht ruhen, ehe ich dich nicht im Beſitze deiner Mutter und deiner angebornen Rechte weiß!“ Mit dieſen Worten begab er ſich auf die Reiſe, und ließ ſeinen jungen Freund ſchwankend zwiſchen Hoffnung und Zweifel zurück. Ueuntes Kapitel. — Captal ſchlich herum, wie ein Traͤumender. Er vermogte ſich den Gedanken an ſeine Mutter nicht aus dem Kopfe zu ſchlagen, und immer ſchwebte ihm dabei die ſchöne, ſchwarz gekleidete Dame vor, welche er in Begleitung ſeines Anklägers, des jungen Grafen Robert Darville geſehen hatte. Er durch⸗ ſtreifte während Pierre's Abweſenheit ganz Paris, in der eiteln Hoffnung, die Dame vielleicht wieder⸗ zuſehen. Seine Blicke ſchweiften fleißig umher; aber nir⸗ gends fand er eine Spur von ihr, nirgends erblickte er das ſchöne, bleiche Geſicht, deſſen Züge ſich un⸗ auslöſchlich in ſeine Seele geprägt hatten. Am Abende des zweiten Tages kehrte Pierre zu⸗ rück, und ſein Geſicht leuchtete von. Hoffnung und Freude. 3 „Rollet iſt gefunden,« rief er Captal entgegen. 112 „Heute noch, in der nächſten Nacht wirſt du ihn ſprechen, wenn du willſt.« Captal jauchzte laut, Pierre aber dämpfte ſeine Freude ſogleich, indem er hinzufügte:„Juble nicht zu früh! Rollet iſt ein Menſch, dem man nicht trauen darf. Anſtatt dich aufzuklären, wird er dich zu ſeinem Vortheile benutzen wollen. Alſo hüte dich vor ihm. Am Beſten wäre es vielleicht, man unter⸗ richtete den Polizeipräſidenten von Allem. Aber ehe wir das thun, wollen wir wenigſtens einen Verſuch mit Rollet anſtellen. „Und wo ſoll ich ihn finden?“ fragte Captal. „Wird er uns hier in unſerer Wohnung aufſuchen?“« „Behüte der Himmel!“ rief Pierre.„Unſere Wohnung darf er nicht erfahren, denn dadurch wür⸗ den wir uns ganz in ſeine Gewalt geben. Verſprich ihm, was du willſt, zur Belohnung für ſeine Mit⸗ theilungen, aber dann laß dich auch auf nichts wei⸗ ter ein. Fordert er Bedenkzeit, ſo beſtimme ihm wieder einen Ort zur Unterredung, wo ihr euch zu einer gewiſſen Stunde treffen wollt. Im Uebrigen aber verbirg ihm Alles, was dazu dienen könnte, ihm deinen Aufenthalt zu verrathen.“ „Und warum das?“ fragte Captal.„Ich ſehe keinen Grund für dieſe übergroße Vorſicht.“ 113 „Ei, ſiehſt du denn nicht ein, daß Rollet alles Mögliche aufbieten wird, dich in ſeine Gewalt zu bekommen, um dich als ein Werkzeug für ſeine Pläne zu benutzen? Biſt du einmal in ſeinen Haͤnden, ſo wird er dich nicht wieder loslaſſen, ehe er nicht den größeſten Vortheil davon gezogen hat. Er wird deine Mutter betrügen, wird einen hohen Preis für deine Herbeiſchaffung fordern, und auf dieſe Weiſe dich dermaßen berauben, daß von deinen Gütern dir am Ende kaum ſo viel übrig bleibt, daß du mit deiner Mutter davon leben kannſt. Nein, nein, ich kenne den Fuchs, und wir müſſen durch Liſt allen Schlingen zu entgehen ſuchen, die er unzweifelhaft legen wird, um uns zu fangen.« „Ach, was kümmern mich alle Güter, wenn ich nur das höchſte und erſehnteſte Gut, meine Mutter, wiederfinde!« rief Captal tief bewegt aus. »„Ja, ja, ich ſehe ſchon, du ſprichſt wie ein Thor, der auf nichts hört, als auf die Stimme der Lei⸗ denſchaft,« erwiederte Pierre.„Wie nun, wenn Rollet dich verriethe? Schon der Präſident ſagte, daß du mächtige Feinde haben müßteſt, denen daran läge, dich aus dem Wege zu ſchaffen. Werden ſie nicht einen hohen Preis dafür zahlen, um Rollet zur Verrätherei zu bewegen? Nein, nein, gib dich Captal. 8 8 114 um's Himmels willen nicht in die Hände des Schur⸗ ken, der nur darauf ausgeht, ſich ſelbſt zu berei⸗ ſchern, wenn auch alles Andere darüber zu Grunde gehen müßte. Wenn er es ehrlich und aufrichtig mit dir meinte, warum hätte er dann nicht mir ſchon geſagt, was du zu wiſſen wünſcheſt?“ Captal ſah ein, daß Pierre nicht ſo ganz un⸗ recht habe, und gab ihm das Verſprechen, vorſichtig zu verfahren. Dann fragte er ihn,„wo er Rollet heute Abend treffen würde?“ „Bei dem Haupteingange der Kirche unſerer lie⸗ ben Frauen,“ erwiederte Pierre.„Rollet hatte ſich einen anderen Platz ausgewählt; aber ich beſtand auf jenem, und werde dich auch dahin begleiten. Er ſoll dir nichts zu leide thun, ſelbſt wenn er damit umging.“ „Aber, Pierre,« fragte Captal,„wie kommt es, daß du ſo viel Theil an mir nimmſt? Wirklich, ich -weiß nicht, wodurch ich das verdient habe.“ „Nicht? Nun ſo will ich es dir ſagen,“ lautete die Antwort.„Du haſt dein Brod mit mir getheilt, als ich hungerte und du mich noch nicht kannteſt. Und als du mich kennen lernteſt, haſt du mich ge⸗ liebt und mich zu beſſern geſucht. Dieß werde ich nie vergeſſen, und ſo lange ich lebe, wirſt du den 115 getreueſten Freund an mir beſitzen. Bin ich auch nur ein Zigeuner, den die meiſten Menſchen ver⸗ achten, ſo habe ich doch ein dankbares Herz, das* empfangene Wohlthaten niemals vergißt.“« Captal drückte dem Freunde mit Liebe die Hand, und obgleich er ſeine Fehler nicht verkannte, ſo fühlte er doch, daß ſie von ſeinen Tugenden weit überwo⸗ gen wurden. Auch hatte er, mit dem Pierre es ſo treu meinte, am wenigſten das Recht, ihm Vorwürfe zu machen und ihn zu verachten. Er ſprach ſeine Gefühle gegen Pierre aus, dieſer aber ließ ihn nicht viel zum Worte kommen, ſondern forderte ihn auf, ſich zu ſeinem Zuſammentreffen mit Rollet vorzube⸗ reiten. Es wurde zwiſchen den Beiden genau und ſorgſam überlegt, wie Captal ſein Benehmen gegen den Zigeuner einrichten ſolle, und dann machten ſie ſich auf den Weg. Nicht weit von der Kirche trenn⸗ ten ſie ſich, und Captal näherte ſich allein dem ho⸗ hen Portale, aus deſſen düſteren Schatten ihm ſo⸗ gleich die Geſtalt eines Mannes entgegen trat. Der Mond ſtand am Himmel und ſchien hell. Captal und der Fremde wechſelten einige Worte, welche als Erkennungszeichen verabredet waren, und dann zog Captal das Bildniß ſeines Vaters hervor, wel⸗ ches Rollet, aus dem Schatten in das volle Mond⸗ 8*½ licht hinaus tretend, einan Augenblick genau be⸗ ttrachtete. „Er iſt es, ich kann niht daran zweifeln,“ mur⸗ melte er, während ſeine finſteren Züge vor Freude zuckten.„Jetzt, Graf Darville, haben wir noch ein Wörtlein mit einander zu reden.“ Hierauf wendete er ſich wieder zu Captal, der dieſe leiſe gemurmelten Worte natürlich nicht ver⸗ ſtanden hatte, gab ihm das Bildniß zurück, und zog ihn dann wieder tiefer in den Schatten des Portals hinein. „Knabe,“ ſagte er zu ihm,„du ſuchſt deine Mutter?“ „Ja, Rollet, und reich will ich dich belohnen, wenn du mir hilfſt, ſie zu finden,“ erwiederte Cap⸗ tal.„Die Hälfte von Allem, was einſt mir gehören wird, ſoll dein ſein.“ „Gut! Aber wer ſteht mir dafür, daß du im Glücke die Verſprechungen halten wirſt, die du mir jetzt, wo du noch nichts beſitzeſt, ſo freigebig machſt? Ich bin kein Narr, der auf das bloße Wort eines Knaben traut.« „Was kann ich dir aber geben, als nur mein Wort?« fragte Captal.„Jetzt beſitze ich nichts, als die Kleider, die ich trage, und mein Murmelthier.“ .— 117 ——— »Ja, arm biſt du; aber ein Wort von mir, ein einziges kleines Wort kann dich reich machen und glücklich,“ ſagte Rollet.„Und ich will dir das Wort nennen, wenn du mir eine Bürgſchaft für deine Ver⸗ ſprechungen zu geben vermagſt.“ „Wodurch kann ich das?“ fragte Captal. »Durch deine Perſon. Gib dich ganz in meine Hände, bleibe bei mir, bis deine Mutter thut, was du mir verſprichſt, und dann will ich dich in ihre Arme führen. Die Hälfte deiner Güter, mehr verlange ich nicht, aber ich muß ſie beſitzen, bevor ich dich ausliefere.“ »Dieſe Bedingung gehe ich nicht ein,« erwiederte Captal raſch, der keinen Augenblick die Warnungen Pierre's vergeſſen hatte.„Da du mir ſo wenig Ver⸗ trauen ſchenkſt, wie ſollte ich ſo thöricht ſein, dir zu vertrauen?« »Weil du dazu gezwungen biſt, mein Bürſch⸗ chen!« erwiederte Rollet höhniſch.„Ich allein und ſonſt Niemand kann das Geheimniß deiner Abkunft enthüllen, und ein Thor wäre ich, wenn ich dies Geheimniß um einen Spottpreis verſchleudern wollte. Nein, nein, Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, und wenn du den Preis nicht zahlen willſt, den ich for⸗ dere, ſo geh' hin und bleibe, was du biſt, ein elen⸗ der, bettelnder Savoyardenknabe. Rang, Reichthum, die Liebe einer Mutter biete ich dir, und du willſt um den Preis feilſchen, den zu zahlen dir gar keine Ueberwindung koſten kann, da du ihn nicht einmal kennſt. Geh'! Geh', un⸗ beſinne dich! Ich laſſe nicht von meiner Forderung ab.“ „Und ich gebe mich nicht in deine Gewalt!“ rief Captal entrüſtet aus.„Behalte dein Geheimniß und laß es mit dir zu Grabe gehen, wenn du nicht auf mein Verſprechen vertrauen willſt. Wenn Gott mich in Dunkelheit laſſen will, ſo werde ich mein Schick⸗ ſal zu tragen wiſſen! Aber Gott bringt auch das Verborgenſte an das Tageslicht, und ehe du es ahnſt, wird er mir Wege zeigen, auf denen das Geheimniß ſich enthüllen wird. Geh'! rufe ich dir zu, wie du mir zuriefeſt. Geh'! Bleibe ein armſeliger Zigeuner, und tröſte dich, wenn du hungerſt, mit dem Gedan⸗ ken, daß du ein Geheimniß beſitzeſt, deſſen Preis⸗ geben eines Tages dich hätte mit Reichthum über⸗ ſchütten können. Geh'! Tcj habe nichts mehr mit dir ſchaffen!« Captal wendete ſich um, und machte Miene, ſich zu entfernen. Der Zigeuner hinderte ihn aber daran, indem er den Arm des Knaben ergriff und ihn feſt hielt. 1¹9 „Sei nicht ſo ungeſtüm, thörichter Junge!« ſagte er.„Vielleicht findet ſich noch ein anderer Weg, den wir einſchlagen können, um uns zu einigen.“ „Ich weiß keinen, als nur mein Wort,“ erwie⸗ derte Captal feſt. »Und wie nun, wenn ich ſo thöricht wäre, dem Worte eines Knaben zu vertrauen?“ „Dann würdeſt du dich nicht getäuſcht ſehen. Ehrlich war ich und ehrlich will ich bleiben. Um Geldes und Gutes willen mag ich nicht mit meinem Gotte und meinem Gewiſſen uneins werden.“ Der Zigeuner blickte den entſchloſſenen Knaben nicht ohne Bewunderung an, und ſchien die Worte deſſelben ſorgfältig zu erwägen. „Gut,“ ſagte er endlich.„Gib mir Bedenkzeit bis morgen Abend, dann will ich mich erklären. Verſprichſt du mir, morgen um dieſelbe Stunde und an demſelben Orte wieder zu erſcheinen?« „Ich werde kommen,“ erwiederte Captal. „Wohl, ſo geh' hin, du wirſt von mir hören.“« Captal entfernte ſich, anfangs zögernd, dann raſch. Der Zigeuner ſchaute ihm nach. „Ich glaube, daß ich ihm trauen kann,« mur⸗ melte er.„Aber vorher will ich doch ſehen, was Graf Cecil fuͤr den Buben bietet. Hunderttauſend Francs baar ſind eine ſchöne Summe und wiegen die Verſprechungen des Knaben auf.“« Er lachte laut, als ob er des Fanges ſchon ge⸗ wiß wäre, und ſchlüpfte dann hurtig und leiſe durch die Straßen davon. * Behntes Kapitel. In einer abgelegenen, ſtillen und öden Straße an dem Weſtende von Paris lag, und liegt heute noch, ein prächtiger Palaſt, welcher zur Zeit unſerer Erzählung von dem Grafen Darville und ſeinem Sohne Robert bewohnt ward, obgleich der Palaſt eigentlich der Schwägerin des Grafen gehörte. Dieſe hatte ihn dem Grafen zur Benutzung überlaſſen, und ſich nur ein Haus vorbehalten, welches in dem gro⸗ ßen und ſchönen Garten hinter dem Palaſte lag. Dort verlebte ſie in ſtiller und trauriger Zuruͤckge⸗ zogenheit ihre Tage, deren Glanz ihr verſchwunden war, ſeit ſie ihren geliebten kleinen Sohn Captal verloren hatte. Eines Morgens ſaß Graf Cecil in ſeinem hohen, von Gold und Marmor ſchimmernden Gemache, ſchlürfte ſeinen Kaffee und las die Zeitungen. Seine lange und hagere Geſtalt war in einen ſeidenen Schlafrock gehüllt; ein rothes Sammtkäppchen be⸗ deckte ſein ſpärliches weißes Haar, und ſeine ganze Stellung zeigte von Ruhe und Behaglichkeit. Es ſchien, als ob er die Früchte ſeines Verbrechens ohne Gewiſſensbiſſe zu genießen verſtehe. Plötzlich aber ſtieß er einen halblauten Schreckens⸗ ruf aus, warf die Zeitung vor ſich hin auf den Tiſch, ſprang von ſeinem Lehnſtuhle auf, und ging raſch ein paar Mal in dem großen Zimmer auf und ab. In ſeinen Zügen ſpiegelten ſich die Bewegungen ſei⸗ nes Innern. Die vorhin glatte Stirn zeigte ſich jetzt gerunzelt, die dichten weißen Augenbraunen wa⸗ ren finſter zuſammengezogen, und die ſchmalen, blaſ⸗ ſen Lippen feſt auf einander gepreßt. „Ein Geſpenſt ſteigt aus dem Grabe, um mich zu erſchrecken,“ ſagte er endlich vor ſich hin.„Aber vielleicht habe ich mich getäuſcht.“ Raſch griff er wieder nach den Zeitungen, blickte hinein und konnte lange ſeine Augen nicht wieder davon abwenden. „Sollte der Schurke mich betrogen haben und der Bube wirklich noch am Leben ſein?“ murmelte er.„Unmöglich wäre es nicht, denn der Leichnam iſt nicht gefunden worden. Wenn er nur hier wäre!“ Dieſer letzte Ausruf galt Rollet, und kaum war 123 er den Lippen des Grafen entglitten, als ein Diener eintrat und dem Grafen meldete, daß ein fremder, wild ausſehender Mann ihn durchaus zu ſprechen verlange und ſich nicht abweiſen laſſen wolle. „Vielleicht iſt er's!« dachte der Graf und befahl dem Diener, den Fremden zu ihm zu fuͤhren.„Aber halt, Jean!“ rief er ihm nach.„Noch eins! Wäh⸗ rend der Fremde bei mir iſt, laß ſich alle Diener im Vorzimmer verſammeln, damit ſie auf meinen Ruf bereit ſind. Hörſt du?« Jean verneigte ſich zum Zeichen des Gehorſams, und bald darauf führte er den Fremden herein, in welchem der Graf auf den erſten Blick ſeinen alten Vertrauten, den Zigeuner Rollet, erkannte. Der Diener hatte kaum das Zimmer verlaſſen, ſo näherte ſich der Graf mit zornfunkelnden Augen dem Zigeuner, und ſagte zu ihm:„Menſch, du haſt mich betrogen, der Knabe lebt!« „So wißt Ihr die Neuigkeit ſchon, Herr Graf?« erwiederte Rollet mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Ja, er lebt, aber in meiner Gewalt!« »Wo iſt er? Wo lebt er?« fragte der Graf ha⸗ ſtig.»Sprich, Schurke, oder ich laſſe dich auf die Folter ſpannen!« »„Damit ich unſer Geheimniß aller Welt aus⸗ 124 plaudern ſollte?« erwiederte Rollet höhniſch.„Nein, mein lieber Graf, das werdet Ihr nicht thun, wenn Ihr Euch beſſer beſonnen habt. Aber woher wißt Ihr ſchon?« „Da, lies!“ ſagte der Graf.„In den Zeitungen wird die Geſchichte auspoſaunt, die ich auf ewig in's Grab der Vergeſſenheit verſenkt glaubte. Ein wahres Glück iſt es, daß die Gräfin keine Zeitung liest, als nur die, welche ich ſelbſt ihr in die Hände gebe!“ Der Zigeuner blickte die Zeitung an, und ſagte: „Da ich ſelber nicht leſen kann, ſo müßt Ihr ſchon die Güte haben, mir die Geſchichte vorzuleſen, Herr Graf. Ich bin wirklich neugierig darauf.“« Der Graf las:„Einer unglücklichen Mutter, welche vor etwa neun Jahren ihr Kind, einen da⸗ mals fünfjährigen Knaben, Namens Captal, verlor, theilen wir mit, daß der Knabe lebt, und nicht, wie man ſie glauben machen wollte, in einem Teiche ihres Landgutes ertrunken iſt. Wenn ſie ſich bei dem Präſidenten der Polizei, C..., melden will, wird ſie die genaueſten ferneren Nachrichten em⸗ pfangen.“« „Ja, es iſt kein Zweifel, daß hier von unſerem Captal, von dem verſchwundenen kleinen Grafen Dar⸗ 125 — ville, dem Erben verſchiedener großen Landgüter und Paläſte die Rede iſt,“ ſagte Rollet kalt.„Aber was kümmert uns die Anzeige? Wir werden uns nicht ſelber verrathen, denke ich.“ „Aber Andere werden uns verrathen,“ ſchrie der Graf wüthend.„Und daran iſt Niemand Schuld, als du, Schurke, der du mir verſpracheſt, den Bu⸗ ben aus der Welt zu ſchaffen, und auch den Lohn dafür empfingeſt.“ „Ja, das iſt wahr,“ entgegnete Rollet.„Ich bin Euch auch heute noch ſo dankbar dafür, daß ich den Knaben ganz in Eure Hände geben will, wenn— „Nun, wenn?«—— „Wenn Ihr mich gut für meine Gefälligkeit be⸗ zahlt,« ſagte der Zigeuner mit frechem Lachen. Der Graf murmelte einige leiſe Worte vor ſich hin, die der Zigeuner nicht verſtand, und ging dann ein paar Male geſenkten Hauptes in dem Zimmer auf und ab.„Und was verlangt Ihr für die Aus⸗ lieferung des Knaben?“ fragte er endlich. „Hunderttauſend Francs, baar ausbezahlt. Kei⸗ nen Sous mehr, keinen weniger. Ihr werdet die Forderung billig finden, Herr Graf, wenn Ihr be⸗ 5 denkt, was für ſchöne Güter Ihr mit dem Jungen erkauft!“ „Hunderttauſend Francs, du Schurke!“ rief der Graf wüthend.„Woher ſoll ich ſie bekommen?“« „Ja, das iſt Eure Sache,“ erwiederte der Zi⸗ geuner mit großer Ruhe, welche den Zorn des Gra⸗ fen nur immer höher ſteigerte.„Ich habe bei der ganzen Angelegenheit nichts zu thun, als nur das Geld in Empfang zu nehmen.“ „Und wenn ich es dir nicht gebe?“ fragte der Graf lauernd. „Nun, dann werde ich mich an die Frau Gräfin wenden, ihr erzählen, was für einen vortrefflichen Schwager ſie beſitzt, und an ſie den Sohn verkau⸗ fen, nach welchem Ihr ſo wenig Verlangen zu tragen ſcheint.“ 8 Einen Blick des grimmigſten Haſſes ſchleuderte der Graf auf den frechen Zigeuner, und nur die Angſt, daß dieſer ſein Vorhaben ausführen und ihn an die Gräfin verrathen könne, hielt ihn ab, Rollet die Thür zu weiſen. Er bezwang ſeinen Zorn und warf ſich erſchöpft in ſeinen Lehnſeſſel. Dort ſaß er einige Minuten ganz in ſich ſelbſt verſunken, waͤhrend der Zigeuner ihn mit höhniſchen Blicken betrachtete. „Indeß Ihr Euch beſinnt, ob Ihr auf meinen 127 Antrag eingeht, werdet Ihr erlauben, daß ich es mir bequem bei Euch mache, mein theurer Herr Graf,“ ſagte er, und nahm ohne Umſtände einen Stuhl, welchen er dem Grafen gegenüber an den Tiſch rückte. Dann griff er nach dem vergoldeten Kaffeegeſchirr des Grafen, ſchenkte ſich von dem braunen Tranke ein, ſchlürfte ihn mit Behagen hin⸗ unter, und ſchien gar nicht zu wiſſen, daß außer ihm noch irgend ein Menſch auf der Welt ſei. Mit finſteren Augen bemerkte der Graf die Frechheit des Schurken, wagte es aber nicht, ihn zu ſchelten oder ihn in ſeiner Behaglichkeit zu ſtören. Düſter ſtarrte er vor ſich hin, und überlegte, auf welche Weiſe er ſich am Beſten aus dieſem Handel würde ziehen können. Plötzlich entrunzelte ſich ſeine Stirn, ſeine feſt zuſammenpreßten Lippen öffneten ſich zu einem Lä⸗ cheln, und ſein Auge blickte nicht ſo finſter mehr, wie vorhin. „Höre, Rollet, mein guter Burſch,« ſagte er, vich habe mich beſonnen und glaube es möglich ma⸗ chen zu können, dir die hunderttauſend Franes zu verſchaffen.„Ja, ja, du ſollſt ſie haben, du ſollſt ſie haben, und zwar beuſgen Tages noch.« „»Aha, ſeid Ihr nun ernünftig geworden, mein 128 lieber Herr Graf?« höhnte der Zigeuner.„Ich dachte mir wohl, daß ſich das Geld finden würde; denn ich habe Euch ja immer als einen klugen und verſtändigen Mann gekannt.“ „Ja, du ſollſt es haben, aber unter einer Be⸗ dingung.“ „Und die lautet?“ „Daß du nun und nimmermehr dem jungen Gra⸗ fen das Geheimniß ſeiner Geburt verräthſt! Du haſt es doch nicht etwa ſchon gethan?« „Ei, da müßte ich wohl ein rechter Eſel ſein!« erwiederte Rollet lachend.„Eher hätte ich mir ſelber die Zunge ausgeſchnitten. Nein, nein, darüber könnt Ihr Euch beruhigen, denn wenn ich's ihm geſagt haͤtte, ſo würde er ſeinen Weg zu der Frau Mutter gewiß auch ohne mich ſchon gefunden haben.“« „Wohlan, ſo bringt mir heute Abend den Kna⸗ ben und Ihr ſollt augenblicklich die geforderte Summe ausbezahlt erhalten.“ „O nein, ſo haben wir nicht gewettet, mein theu⸗ rer Herr Graf,“ entgegnete Rollet.„Ihr zahlt jetzt die Hälfte, jetzt auf der Stelle, und wenn ich den Jungen bringe, die andere Hälfte.« „Gut, auch das mag ſein,“« erwiederte Graf Ce⸗ cil.„Aber wer ſteht mir dafür, daß Ihr Wort 129 halten, und nicht mit der empfangenen Summe durchgehen werdet.“ „Ei, was ſonſt, als die Hoffnung, auch die an⸗ dere Hälfte zu bekommen!« erwiederte der Schuft. »Fünfzigtauſend Francs, ja, ſind ſchon ein hübſches Sümmchen; aber hunderttauſend— das klingt ſchon viel majeſtätiſcher! Ich muß die Hunderttauſend voll haben.« 3 »Und ich wünſche, daß ſie Euch wohl bekommen mögen, wenn Ihr mir den Knaben bringt,“ ſagte der Graf freundlich, indem er durch mehrere Corri⸗ dore und abgelegene Gemächer des großen Palaſtes ſchritt.„Wenn er nur ſeinen wirklichen Namen nicht weiß! Das iſt das Einzige, was ich fürchte!« »Und warum fürchtet Ihr es, Herr Graf?« fragte der Zigeuner. „Weil,« antwortete der Graf leiſe,„weil ich ihn in mein Haus nehmen und gut halten würde, wenn er von ſeiner Abkunft nichts erfahren hätte. Im anderen Falle wäre er entweder oder ich verloren.“ »Nun, ich fur mein Theil gebe keinen Sous für ſein Leben, wenn er erſt einmal in Eurer Nähe iſt, mein theurer Herr Graf,« ſagte der Zigeuner la⸗ chend.„Was dieſen Jungen betrifft, ſcheint Ihr ein ſehr weites Gewiſſen zu haben. Nun, was Captal.. 9 130 kümmert's mich, wenn ich meine hunderttauſend Fran⸗ ken bekomme! Aber wohin führt Ihr mich eigent⸗ lich?« „In, das Gewölbe des Hauſes, wo die Frau Gräfin ihre Kleinodien, ihr Gold und ihr Silber aufbewahrt. Ich habe den Schlüſſel dazu, und Ihr müßt Euch ſtatt des Goldes ſchon mit Diamanten und dergleichen begnügen. Geld beſitze ich nicht, aber Geldeswerth gilt ja eben ſo viel.“ Der Zigeuner blieb ſtehen und lachte laut.„Ihr ſeid wirklich ein geborener Gauner, mein lieber Graf,“« ſagte er.„Um den Sohn aus der Welt zu ſchaffen, kauft Ihr ihn für die Kleinodien der Mut⸗ ter. Wahrhaftig, das iſt ein Meiſterſtreich.« Der Graf, obwohl die Worte des Zigeuners ganz dazu geeignet ſchienen, ihn in die höchſte Wuth zu verſetzen, lächelte nur und ging dann weiter. Sie kamen an eine Treppe, ſtiegen etwa zwanzig Stufen hinab, und befanden ſich nun im Erdgeſchoß, wo der Graf eine in die Mauer eingefügte, ſtark mit Eiſen beſchlagene Thür aufſchloß. „Die Frau Gräfin hat ihre Schätze recht ſicher verwahrt,“ ſagte er.„Aher ein guter Nachſchlüſſel hat ſchon noch feſtere Thüren geöffnet.« Die Thür knarrte in ihren Angeln, und der 131 Zigeuner harrte mit Begierde, daß der Graf ſie vollends aufmachen werde. Aber dieſer zögerte noch. »Am Ende bin ich doch ein Thor, wenn ich Euch den Werth von fünfzigtauſend Francs gebe, ohne irgend eine Bürgſchaft zu haben, daß Ihr mir den Burſchen ausliefert,“ ſagte er. „Ach, dummes Zeug! Macht die Thür auf, Herr Graf, oder ich öffne ſie mit Gewalt!“ Indem der Zigeuner dieſe Worte rief, ſtieß er den Grafen auf die Seite, riß die ſchwere Thür auf, und ſprang mit einem Satze, gleich einem beutegie⸗ rigen Tiger, in ein dunkles Gemach hinein. Dieß war gerade, was der ſchlaue Graf beab⸗ ſichtigt hatte; denn kaum befand ſich der Zigeuner in dem Gewölbe, ſo ſchlug krachend die Thür hinter ihm zu, der Graf legte mit hurtiger Hand Schlöſ⸗ ſer und Riegel vor, und der Gauner war in der Falle gefangen, welche ſeiner Habgier gelegt wor⸗ den war. „»Beluſtige dich nun nach Gefallen an den Edel⸗ ſteinen und Silberſachen,« murmelte der Graf vor ſich hin, indem er ein höhniſches Gelächter ausſtieß. „Du ſollſt mir nicht wieder an das Tageslicht kom⸗ men, ſo lange ich es verhindern kann, und das ——— 13³² Gräfchen mag noch ein wenig warten, ehe es ſeine Mutter auffindet. Ein wahres Glück, daß der Bube ſeinen Namen nicht weiß, und daß mir die Liſt ein⸗ fiel, den ſchurkiſchen Zigeuner unſchädlich zu machen. He he he, nun will ich ſehen, wer mich aus dem ſchönen Erbe Captals vertreiben kann!“ Während der Graf dieſe Worte vor ſich hin mur⸗ melte, donnerte innen im Gewölbe der Zigeuner wie raſend gegen die Thür, ſchrie, heulte, fluchte, jam⸗ merte, und bat den Grafen um Erbarmen, indem er hoch und theuer ſchwur, den Knaben ohne irgend eine Entſchaͤdigung auszuliefern. Aber der Graf hörte nicht einmal nach ihm hin, ſondern entfernte ſich gemächlich von dem Gewölbe, ging durch die vielen Zimmer und Corridore zurück, und verſäumte nicht, jede Thür, durch welche er kam, auf das Sorgfäl⸗ tigſte hinter ſich zu verſchließen, bis er ſein eigenes Gemach wieder erreicht hatte. Dann ging er in das Vorzimmer, entfernte die Dienerſchaft aus demſel⸗ ben, indem er jedem Einzelnen einen Auftrag er⸗ theilte, der ihn auf laͤngere Zeit von dem Hauſe fern halten mußte, und gab ſich nun der Ueberzeu⸗ gung hin, daß ein Jeder glauben müſſe, der Zigeu⸗ ner habe ſich während ſeiner Abweſenheit entfernt. Dieſe Abſicht erreichte der Graf vollkommen. 133 Nun war er beruhigt. Kein Feind mehr ſchien ihn zu bedrohen, als nur die Zeitung mit der An⸗ zeige des Praͤſidenten, und auch dieſe vernichtete er, indem er das Blatt in tauſend kleine Stückchen zerriß, die er in dem Kamine verbrannte. Eilftes Kapitel. Als der Zigeuner ſich von dem ſchlauen Grafen überliſtet ſah, gerieth er in die grenzenloſeſte Wuth und geberdete ſich wie ein Wahnſinniger. Mit den geballten Fäuſten ſchlug und donnerte er gegen die feſte Thür, die ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, brüllte, wie ein gefangener Löwe, wälzte ſich auf den feuchten Steinplatten umher, welche den Fuß⸗ boden des Gewölbes bildeten, raufte ſich das Haar aus, und ſchalt ſich ſelbſt mit allen möglichen Schimpf⸗ namen. Aber dieſer ohnmächtige und raſende Zorn konnte nicht von langer Dauer ſein, und machte bald einer ruhigeren Ueberlegung Platz. Der erſte Ge⸗ danke, der lebhaft in ihm aufſtieg, zielte darauf hin, einen Verſuch zum Entkommen zu machen. Dazu war es nöthig, daß er ſein Gefängniß genau unter⸗ ſuchte. Er richtete ſich auf und blickte umher. — 13 5 Der Raum, in welchem Rollet eingeſchloſſen war, bildete ein hohes, ſchmales Gewölbe, welcher in früheren Zeiten unfehlbar zu einem Keller benutzt worden ſein mußte. Der Thür gegenüber, etwa zwölf Fuß über dem Boden, befand ſich ein kleines viereckiges, von außen mit ſtarken, eiſernen Stäben vergittertes Fenſter, welches zum Luftloche gedient haben mogte. Jetzt war es verſchloſſen, und über⸗ dieß ſchien es zu klein, als daß Rollet hätte hin⸗ durchſchlüpfen können, ſelbſt wenn außen die eiſer⸗ nen Stäbe nicht geweſen wären. Dennoch beſchloß der Zigeuner einen Verſuch zu machen, es zur Flucht zu benutzen, und ſah ſich im Gewölbe nach einem Werkzeuge um, mit deſſen Hilfe er die Höhe des Fenſterchens würde erklimmen können. Aber bei dem ſchwachen Schimmer, welcher in das düſtere Gefängniß hinab fiel, vermogte er nichts zu ent⸗ decken. Er tappte mit den Händen an den feuchten Wänden umher. Ueberall berührten ſeine Finger das moderige, ſchmutzige Geſtein, aber nirgends fand er eine Stange, eine wiſt einen Stuhl, ei⸗ nen Tiſch, der ihm zu ſeinem Zwecke verholfen hätte. Das Gewölbe war leer, ganz leer, und enthielt gar nichts, als die dumpfige, drückende, ſeit Jahren viel⸗ leicht ſchon eingeſchloſſene Luft, welche Rollet nur mit 136 Mühe einathmen konnte. Der Zigeuner unterſuchte nun die Thür. Vielleicht ließ ſie ſich erbrechen, oder aus ihren Angeln heben. Er rüttelte daran mit aller Kraft, die er aufzubieten vermogte, er ſtrengte ſeine Muskeln bis zum Zerſpringen an; aber die Thür war zu feſt in das ſtarke Gemäuer eingefügt; ſie wankte auch nicht um eines Haares Breite. Jetzt ergriff den Zigeuner die tödtlichſte Angſt. Er fing an zu fürchten, daß der Graf ihn hier ein⸗ geſchloſſen habe, um ihn den Hungertod ſterben zu laſſen. Sein Kopf ſchwindelte ihm, er ſchnappte nach Luft, die Angſt trieb all' ſein Blut nach dem Herzen, und es pochte ſo heftig, daß er meinte, es müſſe zerſpringen. Ein lauter, gellender Schrei ent⸗ rang ſich ſeinen Lippen, und von Neuem verfiel er in einen Anfall von Raſerei und Wuth, in welchem er ſich die Hände an den feuchten Mauern der un⸗ beweglichen, feſt gefugten Thür blutig ſchlug. Aber auch dieſer Anfall ging vorüber, und ließ nichts zurück, als den tödtlichſten und ingrimmigſten Haß gegen den Grafen, der ihn in dieſe fürchter⸗ liche Lage verſetzt hatte. Blutige Gedanken der Rache erfüllten ihn, und wer ihn geſehen hätte in dem düſteren Gewölbe, mit den blutigen Fäuſten, die drohend ausgeſtreckt waren, um den verhaßten 137 Feind zu ergreifen, mit den grimmig funkelnden Au⸗ gen, mit den bleichen, zornbebenden Lippen, über die wilde Flüche und entſetzliche Verwünſchungen glitten, er würde geſchaudert und mit Grauen ſein Auge von dem ſcheußlichen Anblicke abgewendet haben. Aber auch dieſer Wuthanfall dauerte nicht lange. Rollet erinnerte ſich, daß er ein ſtarkes Meſſer in ſeiner Taſche habe, und zog es heraus, um ſich mit dieſem einen Ausgang aus dem Gewölbe zu bahnen. Mit zitternden Händen tappte er an der Wand her⸗ um, in welcher das Fenſter befindlich war, und ſuchte nach den Fugen zwiſchen den Steinen. Hier kratzte er mit dem Meſſer und ſeinen Nägeln den Kalk heraus, der von der Feuchtigkeit durchweicht, ihm keinen großen Widerſtand darbot. Selbſt ein⸗ zelne Stückchen von den Steinen brach er mit ver⸗ zweifelter Anſtrengung los, und machte auf ſolche Weiſe mehrere Löcher, vermittelſt deren er, mit Hand und Fuß ſich anklammernd, die Mauer erklimmen konnte. Weiter aber ging die Arbeit freilich ſchwe⸗ rer von Statten, da er nur eine Hand dazu ge⸗ brauchen konnte, indem er ſich mit der andern feſt halten mußte. Aber ſein Rachedurſt und die fürch⸗ terliche Angſt vor dem Hungertode, den er vor Augen 138 ſah, gab ihm Kraft, das ſchwierige Werk zu voll⸗ enden. In wenig mehr als einer Stunde war es geſchehen, und mit der katzengleichen Gewandtheit, die in der Regel den Zigeunern eigen iſt, klimmte er bis zu dem Fenſter hinauf. Er ſchlug die blin⸗ den Scheiben in Stücke und ſchaute hinaus in's Freie. Sein Blick fiel auf einen weiten, mit tau⸗ ſend kleinen Hügeln beſäeten Platz, der ringsum von einer ziemlich hohen Mauer umgeben war. Dem Fenſter ſchräg gegenüber befand ſich eine verſchloſſene Thür, und ihr ganzes Ausſehen zeigte, daß ſie ſeit langer Zeit nicht geöffnet worden war. Rollet ſchaute auf einen verlaſſenen, unbenutzt liegenden Begräb⸗ nißplatz, und die Hoffnung, daß ſein Geſchrei ihm Hilfe und Rettung verſchaffen würde, verſchwand. Ueber dieſen weiten Raum hinweg drang ſeine Stimme nicht; und ſelbſt, wenn es der Fall gewe⸗ ſen wäre, was würde es ihm geholfen haben? In dieſe öde Gegend kam gewiß oft in Wochen kein Menſch, und Rollet ſah ein, daß er dem Hunger⸗ tode nicht entgehen würde, wenn es ihm nicht ge⸗ lang, die eiſernen Stäbe zu zerbrechen, wie er die Fenſterſcheiben zerbrochen hatte. Er rüttelte daran; aber ſie ſchienen unbeweglich, und die Stangen wa⸗ ren faſt einen halben Zoll dick. Schon wollte er verzweifelnd in das Gewölbe zurückſpringen, als er ſich noch zur rechten Zeit ſeines Meſſers erinnerte, und den Verſuch machte, den Kalk loszubröckeln, in welchen die Stäbe eingefugt waren. Es gelang, und beſſer, als er zu hoffen wagte. Der Kalk war morſch, verwittert, von Feuchtigkeit durchdrungen, und ließ ſich ſchneiden, wie naſſer Thon. Rollet arbeitete mit Haſt, und ſuchte ſich einen Ausweg aus ſeinem Gefängniſſe zu bahnen, wie eine Maus, die in der Falle gefangen iſt und mit den Zähnen ihren Käfig zernagt. Die Eiſenſtäbe wankten; er bog ſie hinüber und herüber; endlich fielen ſie; und jauchzend vor Freude zwängte ſich Rollet durch die Oeffnung. Sie war freilich nur eng und ſchmal; aber der Zigeuner achtete nicht der geſchundenen Haut, der zerriſſenen Kleider. Er ſchlüpfte hindurch, flog mit Windeseile über die zum Theil ſchon eingeſun⸗ kenen Graͤber hinweg, überkletterte mit leichter Mühe die Kirchhofsmauer, und ſah ſich nun glücklich im Freien. »„Jetzt, Graf Darville, zittere!“ ſagte er mit dem Ausdrucke unauslöſchlichen Haſſes und im Vor⸗ gefühle der befriedigten Rache.„Haſt du mich ver⸗ rathen, ſo will auch ich dich verrathen, und das Blutgerüſt ſoll der Lohn deiner Schändlichkeiten ſein!« 140 Mit flüchtigen Schritten eilte er davon, und war bald in dem Schatten eines nahen Gehölzes ver⸗ ſchwunden, das ihn hinter ſeinen grünen Zweigen verbarg. Während die erzählten Begebenheiten ſich im Palaſte des Grafen Darville zutrugen, ſaßen Captal und Pierre daheim in ihrem Kämmerlein, und plau⸗ derten von den Hoffnungen, die immer glänzender und lichter ſich vor Captals Augen ausbreiteten. „Wenn ich meine Mutter wiederfinde, Pierre,« ſagte er,„ſo darfſt du dich nie wieder von mir trennen, ſondern mußt mein glänzendes Loos mit mir theilen, wie du deine Armuth und Niedrigkeit mit mir getheilt haſt. Wir werden treue Freunde ſein.“ „Gewiß,“ erwiederte Pierre,„wenigſtens was mich angeht. Veränderte Verhältniſſe verändern aber manchmal auch den Menſchen, und wer weiß, ob du dich noch um mich, um Pierre, den armen Zigeuner kümmern wirſt, wenn du ein reicher Graf gewor⸗ den biſt, und anſtatt in einer Kellerwohnung, in den glänzenden Zimmern eines prächtigen Palaſtes wohnſt. „Pierre,« rief Captal heftig aus,„Pierre, wie magſt du nur ſo ſprechen! Wirklich, du kräͤnkſt [— mich tiefer, als du glaubſt! Nein, nein, Captal wird immer Captal bleiben, mag er in einer Hütte oder in einem Schloſſe wohnen.“ „Nun ja, ereifere dich nur nicht gleich,“ erwie⸗ derte Pierre lachend.„Wer weiß, wie lange wir noch bei einander wohnen! Die letzten Tage wollen wir nicht in Unfrieden verleben! Laß uns nicht mehr von der Sache reden! Heute Abend wird es ſich ja entſcheiden, nicht wahr, ob du ein Graf wirſt oder ein Murmelthierführer bleibſt?« »Ich hoffe es!« entgegnete Captal.„Rollet ver⸗ ſprach, Punkt zehn Uhr meiner an der Kirche zu. harren.« „»So? Nun wir wollen das Beſte hoffen!« ſprach Pierre.„Aber höre, ich muß eben jetzt einen Aus⸗ gang machen, und weiß nicht, wann ich zurückkehren werde.“ „Wohin willſt du gehen?« fragte Captal. „Zu einem Freunde, der uns vielleicht gute Dienſte 1 thut,“ antwortete Pierre lächelnd, indem er mit hur⸗ tigem Schritte davon eilte, um den weiteren Fragen des Knaben auszuweichen. 1 Captal ſah ihm ein wenig verwundert nach, griff dann nach ſeinem Murmelthierkaſten und ging auch 14² davon, um ſich in dem Getümmel der Menſchen ein wenig die Zeit zu vertreiben. Pierre ſchlug den Weg nach dem Hauſe des Po⸗ lizeipräſidenten ein, ließ ſich bei ihm melden, und wurde ſögleich vorgelaſſen. „Wir haben den Vogel,“ ſagte er.„Rollet iſt gefunden, und wenn Euer Gnaden ſich ſeiner bemäch⸗ tigen wollen, ſo bedarf es nur weniger Anſtalten dazu.« 3 „Und wo können wir ihn finden?“ fragte der Präſident lebhaft.„Ich nehme ſo viel Theil an dem Schickſale des armen Knaben, der auf eine ſo bü⸗ biſche Weiſe um ſein Glück betrogen worden iſt, daß ich alles Mögliche aufbieten werde, um ihn ſeiner unglücklichen Mutter zurückzugeben.“ „Ich will Alles ſagen, Herr Präſident, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr nicht zu ſcharf gegen Rollet verfahrt,“ ſagte Pierre.„Er iſt nicht ſo ſtrafbar, wie ſein Verführer, und überdieß gehört er zu meinem Stamme und nahm ſich einſt meiner an, als meine Eltern nicht mehr lebten, und ich ein hilfloſer Junge war.« „Seine Strafe wird nicht ſo ſtrenge ausfallen, da er nur einen Raub, nicht aber den Mord be⸗ ging, zu welchem man ihn, wie es ſcheint, einſt & — gedungen hat,« erwiederte der Präſident.„Ueber⸗ dieß wird die Strafe noch gemildert, wenn er ein . offenes Bekenntniß abgibt, und es wird ihm alſo auf keinen Fall an das Leben gehen.« »Nun, wohlan, für den Fall, daß er nicht frei⸗ willig den Namen von Captals Mutter nennt, laßt ihn gefangen nehmen,“« ſprach Pierre.„Heute Abend um zehn Uhr wird er am Hauptportale der Kirche Notre Dame mit Captal zuſammentreffen, und es wird Euren Leuten ein Leichtes ſein, ſich ſeiner dort zu bemächtigen. Ich weiß nicht, ob ich recht thue, indem ich einen Mann aus meinem Stamme ver⸗ rathe; aber Captal liebt mich, man hat ihn betro⸗ gen, und er ſoll glücklich werden, nicht aber ſein Vermögen ſich von einem Manne abgaunern laſſen, der gewiß nicht beſſer iſt, als er ſein ſollte.« »Wohlgeſprochen, mein Junge!« ſagte der Prä⸗ ſident.„Hier handelt es ſich nicht um den Verrath, ſondern um die Enthüllung eines Verbrechens, wel⸗ ches zwei Menſchen unglücklich gemacht hat. Geh' jetzt in Frieden, ſei aber heute Abend bei der Hand, weil ich deiner vielleicht bedarf.“— Pierre entfernte ſich, kehrte nach Hauſe zurück, und fand Captal nicht daheim, was ihm gar nicht unangenehm war, da er nun ungeſtört ſeinen Ge⸗ * 144 danken nachhängen konnte. Beinahe gereute es ihn, Rollet verrathen zu haben; aber nach genauer und reiflicher Erwägung aller Umſtände mußte er ſich endlich doch ſagen, daß er durchaus nicht anders verfahren konnte, wenn ihm einmal daran gelegen war, daß ſein junger Freund Captal glücklich werden ſolle. Der Abend dämmerte ſchon, als Captal nach Hauſe zurückkehrte. Er war ſehr aufgeregt, und ſein Auge glänzte lebhafter, ſeine Wangen glüheten höher, als gewöhnlich, als er zu Pierre in die Kam⸗ mer trat. Der junge Zigeuner ergriff ſeine Hand, und zog ihn mit ſanfter Gewalt neben ſich auf das Strohlager nieder. »Warum biſt du ſo unruhig, Captal?« fragte er.„Deine Hände brennen, wie im Fieber! Du wirſt doch nicht krank ſein?« »Nein, Pierre,“ lautete die Antwort,„aber du kannſt dir denken, daß ich nicht gleichmüthig bleiben kann, nun die Entſcheidung meines Schickſals ſo nahe bevorſteht. Wird Rollet die Wahrheit ent⸗ hüllen, oder nicht? Das iſt die Frage, die mir alles Blut aufregt und mir keinen Augenblick aus den Gedanken kommt. Verſetze dich nur in meine Lage, und du wirſt es natürlich finden, daß ich nicht 145 ſo ruhig, wie gewöhnlich bin. Den ganzen Tag bin ich in Paris umher gelaufen, und ſo oft ich ein weibliches Weſen ſah, das allenfalls meine Mutter ſein konnte, wallte mein Herz auf und ich zitterte. Wenn es nur erſt zehn Uhr wäre!« „„Beruhige dich!“ erwiederte Pierre, indem er theilnehmend Captals Hand drückte.„Ehe die Nacht herum iſt und ein neuer Tag dämmert, wirſt du in den Armen deiner Mutter liegen.“ »Haſt du Rollet geſprochen?« fragte Captal leb⸗ haft.„Hat er dir geſagt, daß er mir das Geheim⸗ niß enthüllen will? Mag er doch mein ganzes Ver⸗ mögen fordern, er ſoll Alles, Alles haben, wenn er mir nur meine Mutter zurückgibt!« „Ja, ja, das war eben, was ich fürchtete,“« mur⸗ melte Pierre.„Nein,“« fügte er lauter hinzu,„Rollet wird dich nicht berauben und doch die nöthigen Auf⸗ ſchlüſſe geben. Ich habe ihn nicht geſprochen, aber die gehörigen Schritte gethan, daß er Alles geſtehen muß.« Captal drang in Pierre, daß er ihn von dieſen Schritten unterrichten möge, aber der junge Zigeu⸗. ner fühlte ſich Nicht zur Mittheilung geneigt, da er fürchzete, daß Captal ſich vor der Beit Berzoihen würde. Captal. 10 146 „Warte geduldig Alles ab,“« ſagte er.„Du wirſt ſehen, daß ich dir nicht zu viel verſprochen habe.“« Dabei blieb es, und die Stunde der Zuſammen⸗ kunft mit Rollet kam endlich heran. Captal eilte davon, und Pierre folgte ihm auf dem Fuße nach. Captal verſchwand in dem tiefen Schatten des Por⸗ tals; der junge Zigeuner aber verbarg ſich hinter einem vorſpringenden Pfeiler, von wo er Alles be⸗ obachten, wo er Alles hören konnte, ohne von Je⸗ manden geſehen zu werden. Noch war es nicht zehn Uhr, und Captal ſah ſich vergebens nach dem Zigeuner Rollet um. Un⸗ ruhig ſchritt er auf und ab, und fürchtete ſchon, daß der Erwartete gar nicht kommen werde, als der erſte Schlag der zehnten Stunde vom Thurme erſcholl, und zu gleicher Zeit auch Rollet auf Captal zutrat. »Knabe,“ ſagte er,„du ſollſt Alles erfahren, Alles wiſſen. Folge mir nach!« „Und wohin?« fragte Captal. „Zum Gericht!“ rief der Zigeuner aus, indem er mit den Zähnen knirſchte.„Ja, zum Gericht; denn die Rache iſt ſüßer, als alles Gold, und ich will mich rächen an dem, der nicht zkinder dein Tod⸗ feind iſt, wie der meinige. Zögere nicht längansd komm!“ aäͤnnern, die ihn und ſeinen Begleiter ergriffen Der Zigeuner ergriff Captal bei'm Arme und eilte vorwärts; indem er den Knaben hinter ſich her zog. Aber noch war er keine zehn Schritte weit ge⸗ gangen, als plötzlich ein leiſer Pfiff ertönte, und mehrere bewaffnete Männer von verſchiedenen Seiten her auf Rollet und Captal eindrangen. Im Nu waren beide ergriffen, und Rollet fühlte ſich von ſo kräftigen Fäͤuſten umklammert, daß er nicht einmal einen Verſuch zur Flucht machte. „Haſt du mich verrathen, Knabe?“« fragte er wild, indem er Captal mit zornblitzenden Augen anſtarrte. „Nein, bei Allem, was heilig iſt, nein!« rief Captal, der nicht minder erſchrocken war, als der Zigeuner. „Gut denn, ich ſehe, daß du die Wahrheit ſprichſt,« entgegnete Rollet beſaͤnftigt.„Es iſt dein Glüück, denn wenn auch du mich betrogen hätteſt, würde ich. mich vielleicht eines Anderen beſonnen haben.« Pierre hörte dieſe Worte, und freute ſich heim⸗ lich, daß er Captal nicht von ſeinem Gange zum Präͤſidenten unterrichtet hatte. „Wohin Führt ihr uns?« wendete ſich Rollet zu hatten. 148 »„Zum Präſidenten der Polizei, der ein Wörtlein mit Euch zu reden hat,“ erwiederte einer von den Männern. „Vorwärts denn!“ rief Rollet.„Dorthin wollte ich eben auch mit dieſem Knaben!“ Raſchen Schrittes entfernten ſich die Männer mit ihren Gefangenen, und Pierre miſchte ſich unter ſte, ſehr begierig auf den Ausgang der ganzen Bege⸗ benheit. ——————— Zwölftes Kapitel. Die Gerichtsdiener führten ihre Gefangenen ge⸗ rades Weges in den Juſtizpalaſt, woſelbſt der Prä⸗ ſident ſeine Wohnung hatte, und Pierre folgte ihnen ſo raſch, daß er zugleich mit den Uebrigen in das hell erleuchtete Gerichtszimmer trat. Der Präſident, in ſeiner Amtskleidung, erwartete ſchon Rollet und die beiden Jünglinge, und ſäumte nicht, den Zi⸗ geuner ſogleich i in's Verhör zu nehmen. Ohne Zö⸗ ——— gern geſtand Rollet Alles ein, was wir bereits wiſ⸗ 4 ſen, und mit einer Freude, die ſich gar nicht be⸗ 4 3 ſchreiben läßt, vernahm Captal, daß die ſchöne blaſſe 4 Dame, welche bei ſeiner Gefangennahme vor weni⸗ V18 gen Tagen ſich ſo theilnehmend für ihn verwendet hatte, wirklich ſeine Mutter ſei. Geahnt hatte er es ſchon damals, aber dieſe Ahnungen immer, als etwas Thörichtes und Albernes, mit Gewalt von ſich fern gehalten. 2 150 „Alſo Darville, Gräfin Darville iſt der Name der Mutter, welcher Ihr den Knaben entriſſen habt?« fragte der Präſident. „Graͤfin Darville!« erwiederte Rollet.„Aber vergeßt nur den Grafen nicht, der der Anſtifter alles Böſen geweſen iſt. Ich klage ihn an des verſuchten Mordes an ſeinem Neffen und an mir, ſo wie des verübten Mordes an ſeinem Bruder, dem Vater Captals!« „Bedenkt Euch wohl, ehe Ihr einen Mann, wie den Grafen Darville, ſolcher Miſſethat anklagt,« warnte der Präſident den Zigeuner.„»Der Pfeil, welchen Ihr gegen ihn abſchießt, würde auf Eure Bruſt zurückfliegen, wenn er ſein Ziel verfehlte.“ „Gleichviel! Gleichviel!“ erwiederte Rollet hohn⸗ lachend und mit Augen, die vor Schadenfreude blitz⸗ ten.„Wenn ich meiner Sache nicht ſo gewiß wäre, würde ich ſie gar nicht vorgebracht haben!« Der Praͤſident ſchickte ſogleich einige Diener des Geſetzes ab, um den Grafen Cecil gefangen zu neh⸗ men, ſo wie, um die Frau Gräfin Darville einzu⸗ laden, bei ihm zu erſcheinen, weil er ihr eine wich⸗ tige und höchſt erfreuliche Nachricht mitzutheilen habe. Während ihre Ankunft erwartet wurde, begab er ſich mit Captal und Pierre in ſein Wohngemach, da ſich — — ₰ das Gerichtszimmer wohl kaum dazu eignete, zum Schauplatze des Wiederſehens zu dienen, und hier ſuchte er mit milden und guͤtigen Worten das ſtür⸗ miſch bewegte Gemüth Captals zu beſänftigen. Der Knabe war faſt außer ſich vor Entzücken über die glückliche Löſung des Räthſels, und wäre am lieb⸗ ſten gleich davon geſtuͤrzt, um ſich ohne weitere Er⸗ klärung ſeiner heißgeliebten Mutter in die Arme zu werfen. Doch bald that ihm der Präſident die Noth⸗ wendigkeit dar, daß die Gräfin auf ſeine Erſcheinung vorher vorbereitet werden müſſe, weil ſonſt die freu⸗ dige Ueberraſchung ihr leicht ſchaͤdlich werden, wo nicht gar ſie tödten könne. Auf dieſe Vorſtellungen hin ließ ſich Captal endlich geneigt finden, in einem Nebenzimmer zu harren, bis die Gräfin hinlänglich auf ſein Erſcheinen gefaßt ſei. „Was wird aber mit Rollet geſchehen?«“ fragte Pierre den Präſidenten. Dieſer wurde ernſt.„Der arme Teufel wird ein paar Jahre auf die Galeeren wandern müſſen,“ er⸗ wiederte er.„Doch läßt ſich der König vielleicht be⸗ wegen, ſeine Strafe zu mildern, wenn ich ihm vor⸗ ſtelle, daß Rollet freiwillig ſein Sündenbekenntniß abgelegt hat, um den begangenen Fehler wieder gut 15² zu machen. Ein Jahr oder zwei Feſtungsſtrafe, damit wird er am Ende durchkommen.“ „Und während ſeiner Gefangenſchaft, wie auch ſpäterhin, ſoll es ihm niemals an etwas fehlen,“ ſagte Captal.„»Ich muß ihm immer dankbar ſein, da er, anſtatt mir das Leben zu rauben, mich nur davon ſchleppte und mich im Ganzen nicht ſo ſehr böſe behandelte.“« Der Präſident lobte die Geſinnungen Captals, obgleich er wohl beſſer die Beweggründe des Zigeu⸗ ners zu würdigen wußte, als der junge Knabe. „Obgleich er nur aus Eigennutz ſo handelte, was deutlich genug aus ſeiner ganzen Erzählung hervor⸗ geht, ſo ſeid Ihr ihm dennoch Dank ſchuldig, weil er endlich von freien Stücken den Nebel gelüftet hat, welcher bisher das Geheimniß Eurer Geburt und Eures Herkommens verhüllte,“ ſagte der Präſident. »Aber ſtille, ich glaube, die Frau Gräfin kommt. Hurtig, hurtig in das Kabinet hier hinein!« Der Präſident öffnete eine Thür, ſchob die beiden Jünglinge hindurch, und ſchloß raſch hinter ihnen zu. Im nächſten Augenblicke trat die Gräfin Dar⸗ ville bleich und in lebhafter Bewegung in das Ge⸗ mach, und wurde von dem Präſidenten ſehr ehrer⸗ hieng empfangen. H —— ——.— — 9— 153 „Bitte, Frau Gräfin, nehmen Sie Platz,« ſagte er, indem er ihr einen bequemen Rollſeſſel hinſchob. „Ich würde nicht gewagt haben, Sie ſo ſpät noch zu bemühen, wenn die Angelegenheit, um die es ſich handelt, nicht ſo gar wichtig wäre.« „Und was habe ich damit zu thun, Herr Präſi⸗ dent?“ fragte die Gräfin mit einer ſanften und wohl⸗ lautenden Stimme, die den lauſchenden Captal mit Entzücken durchbebte.„Ich lebe ſeit dem Tode mei⸗ nes Gemahls und ſeit dem Verluſte meines kleinen Sohnes ſo eingezogen, daß ich nicht begreifen kann, wie, wie.. „Wie Sie mit mir, dem Polizeipräſidenten, ir⸗ gend in Berührung kommen könnten,“ fiel ihr der Präſident in die Rede.„Aber nur ein klein wenig Geduld, Frau Gräfin. Sie werden ſogleich ſehen, daß ich Sie nicht umſonſt zu mir bemühte. Es han⸗ delt ſich gerade um Ihren kleinen Sohn, der vor längerer Zeit auf ſo wunderbare Weiſe verſchwun⸗ den iſt.“ Die Gräfin ſprang auf, ergriff die Hand des Präſidenten und ſagte zitternd:„Wie? Mein Sohn? Captal? Lebt er?« „Beruhigen Sie ſich, Frau Gräfin,« erwiederte der Präſident.„So weit ſind wir noch nicht. Doch 154 will ich Ihnen geſtehen, daß wir in der That ei⸗ nige ſchwache Spuren von dem Verſchwundenen ent⸗ deckt haben.“ „Oh, mein Gott, mein Gott, wenn du mir ar⸗ men Mutter eine ſo hohe, himmliſche Freude aufbe⸗ wahrt häͤtteſt, mein ganzes Leben würde ein Dank⸗ gebet zu dir ſein,« rief die Gräfin aus, indem ſie unwillkührlich in die Kniee ſank und ihre gefalteten Hände empor hob. Dann ſank ſie in den Seſſel, verhüllte ihr Geſicht und weinte. Der Praͤſident ließ ihr Zeit, ſich zu faſſen, und bat ſie dann um Erlaubniß, ihr einige Fragen vor⸗ legen zu dürfen. „Hieß Ihr Sohn nicht Captal mit dem Vorna⸗ men?“ „Ja, Herr Präſident.“ „Würde er nicht jetzt zwiſchen vierzehn und fünf⸗ zehn Jahr alt ſein?“ „Ja,“ lautete die Antwort. „War er nicht fünf Jahre alt, als man ihn aus Ihrem Parke ſtahl?“ „Was ſagen Sie, Herr Präſident?“ rief die Graäfin, von ihren Gefuͤhlen beinahe überwältigt, mit erſtickter Stimme.„Geſtohlen hätte man ihn? Er iſt alſo nicht ertrunken. Oh, ſpannen Sie mich nicht 4 — e ——— 155 länger auf die Folter! Sagen Sie mir die Wahr⸗ heit!« Lächelnd ergriff der würdige Präſident die Hand der Gräfin und druͤckte ſie ſanft. „Ich will Sie nicht länger täuſchen, gnädige Frau,“ ſagte er.„Ja, wir haben gegründete Hoff⸗ nung, daß Ihr Sohn lebt, und bald in Ihre Arme zurückkehren wird.“ Die Gräfin ſtieß einen ſchwachen Schrei der Freude und des Entzückens aus und ſank dann ohnmächtig in die Kiſſen des Lehnſtuhles zurück. Zugleich wurde heftig an der Thür geraſſelt, hinter welcher Captal ſteckte, und der Präſident mußte den ungeſtümen Knaben ernſtlich bitten, ſich noch eine kurze Zeit ruhig zu verhalten. Dann bemühete er ſich um die Gräfin, und gewahrte mit großer Freude, daß ſie ſich ſehr bald wieder völlig erholte. „Herr Präſident,“ ſagte ſie mit ſchwacher Stim⸗ me, aber mit einer Entſchloſſenheit, welche deutlich bewies, daß ſie den Sturm überſtanden habe,— „Herr Präſident, ich zweifle jetzt nicht mehr, daß Sie genaue Kunde vom Schickſale meines theuren, geliebten Sohnes haben. Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, verhehlen Sie mir nichts mehr, und nennen Sie mir den Ort, wo er ſich befindet, damit ich zu. 156 ihm fliegen, ihn wiederſehen, ihn in meine Arme ſchließen kann.“ „Aber würden Sie ihn auch erkennen, Frau Grä⸗ fin?« fragte der Präſident lächelnd.„Er iſt nicht mehr der kleine Knabe von fünf Jahren, ſondern mittlerweile ein hübſcher, ſtarker Jüngling geworden.“ „Oh mein Gott, ſo haben Sie ihn geſehen!« rief die Gräfin außer ſich.“. „Ja, und wenn Sie ſich ſtark genug dazu füh⸗ len, ſo ſollen Sie ihn auch ſehen.“« „Oh, ich bin ſtark!« rief die Gräfin, indem ihre Wangen glühten und ihr Auge umherrollte, als ob es alle Winkel des Gemaches durchforſchen wollte, „Ich bin ſtark, wie eine Löwin. Wo, oo iſt mein Kind, mein Captal?« Der Präſident begab ſich an die Thür, welche wir kennen, öffnete ſie, und Captal, das ſchöne Ge⸗ ſicht von Thränen überſtrömt, ſtürzte hervor, und mit einem Freudenſchrei der beſeligten Mutter zu Füßen. Dieſe hob ihn auf, betrachtete mit fliegen⸗ den Blicken ſein Auge, ſeine Züge, ſeine blonden Locken, zog ihn an die Bruſt, drückte ihn an ſich, weinte, ſchluchzte, ſtammelte abgeriſſene Worte, bis ſie endlich, vor Freude erſchöpft, halb vhumähiig in den Armen ihres Sohnes hing. 9 ——— 157 Die Augen des Präſidenten wurden feucht, als er dieß rührende Schauſpiel betrachtete.„Komm,“« ſagte er zu Pierre, der ſprachlos neben ihm ſtand, und wie er, das Glück der Mutter und des Sohnes in ſeiner Seele fühlte,„komm, wir haben hier weiter nichts zu thun, und die beiden da werden auch lieber allein ihre Gefühle austauſchen wollen. Komm, komm, wir wollen aus dieſem Himmel der Gerechten in die Hölle der Sünder hinab ſteigen, deren Herzen Gnicht ſo freudig ſchlagen werden, wie die Herzen von dieſen hier!« Der Präſident begab ſich in die Gerichtsſtube zu⸗ rück, und befahl, daß ohne Zögern der Graf Dar⸗ ville vorgeführt werde. Er kam und wurde blaß, wie der Kalk an der Wand, als er den Zigeuner, den Zeugen ſeiner Schändlichkeiten, erblickte, welcher ihn mit dem frohlockenden Auge der befriedigten Rache durchbohrte. Der Präſident begann ſogleich das Verhör, und der Verbrecher verwickelte ſich bei ſeiner Verwirrung in ſo viele Widerſprüche, daß er endlich ſeine abſcheulichen Thaten ohne Rückhalt ein⸗ geſtehen mußte. Hierauf wurden er ſowohl wie ſein Todfeind, der Zigeuner, gefangen abgeführt, um in den nächſten Tagen ihr Urtheil aus den Händen des Königs zu empfangen. Waͤhrend dieß im Gerichtsſaale geſchah, erzählte Captal ſeiner Mutter die Begebenheiten ſeines Le⸗ bens, zeigte ihr das Bildniß ſeines Vaters, welches die Gräfin auf den erſten Blick erkannte, und wollte eben von ſeiner Ankunft in Paris berichten, als der Präſident mit Pierre zu den Glücklichen zurück⸗ kehrte. „Dieſer, theure Mutter,“ ſprach Captal, indem er auf den jungen Zigeuner deutete,„dieſer iſt Pierre, der ſo treulich zu mir gehalten und mich immer ſo„ lieb gehabt hat, daß ich mich niemals wieder von ihm trennen werde. Du mußt ihn lieben, wie ich, denn ohne ſeine Hilfe häͤtten wir uns vielleicht nie⸗ mals wieder gefunden.“ Er ſprang auf, eilte auf Pierre los, umſchlang ihn mit dem Arme und führte ihn mit freudeſtrah⸗ lendem Geſicht zu der Mutter, welche mit herzlichen Worten dem Jünglinge ihren Dank ausſprach. Dieſer aber wies ihn lächelnd zurück, indem er meinte, daß er Captal mehr Dank ſchuldig ſei, als dieſer ihm. „Wenn ich ihn nicht fand, ſo wäre ich gewiß ein recht nichtsnutziger und unverbeſſerlicher Taugenichts geworden,“ ſagte er.„So aber hat er mich durch ſeine Lehre und ſein Beiſpiel ſchon zu einem leid⸗ lichen Menſchen gemacht, und ich hoffe, es wird 1 159 ihm mit Gottes Hilfe gelingen, mich noch ganz und gar aus den Schlingen des Böſen zu reißen!“ „Aber nun erzählt mir nur,“ ſagte die Gräfin, „wie Gott Euch endlich auf die rechte Spur geleitet hat, ſo daß Ihr mich fandet und mich dadurch ſo glücklich machtet.“ „Das Wiederſehen,“ nahm der Präſident das Wort,„iſt ohne Zweifel der Lohn für Captals red⸗ A* e Tugend. Gott hat Alles wunderbar gefügt!« 4 id nun erzählte er, wie Captal unſchuldig ge⸗ 8 fangen genommen und in das Gefängniß geworfen (worden ſei, wie er es verſchmähet habe, mit den ubrigen Gefangenen zu entfliehen, und wie dadurch ſeine, des Präſidenten, Theilnahme ſo lebhaft auf den Knaben hingelenkt worden wäre, daß er ſich für das Schickſal Captals auf das Angelegentlichſte in⸗ 8 tereſſirt hätte. „Wenn Captal mit den Uebrigen die Flucht er⸗ griff, wenn er nicht Gott vor Augen und im Herzen hatte und in keine Sünde willigte, ſo würde er, nach menſchlicher Einſicht wenigſtens, niemals ſeine Mutter wieder gefunden haben. Er hätte Paris für immer — —+⸗ verlaſſen müſſen, und einmal abgewichen vom Pfade der Tugend, wäre er vielleicht, ja wahrſcheinlich, niemals wieder auf denſelben zurückgekehrt. Denn 160 nur zu oft habe ich das Sprichwort wahr erfunden, was da lautet: Hat dich der Teufel, das heißt, die Sünde, nur erſt bei einem Haare, ſo hat er dich bald auch ganz. So aber, da Captal ſtand⸗ haft duldete, und lieber Unrecht leiden als Unrecht thun wollte, hat Gott ihn mit der himmliſchen Freude begnadigt, daß er ſeine Mutter, und mit ihr ein hohes irdiſches Glück fand.« „»und ihm, dem Vater über den Wy ken, ſei Lob, Preis und Dank dafür dargebracht in Ewig keit« ſagte die Gräfin, indem ſie von Neuem ihren guten Sohn in die Arme ſchloß, und eine Th hrän der Freude auf ſein Haupt weinte. „Ja, ihm, dem gerechten Richter müſſen wir Demuth lobſingen,“ ſagte der Präſident mit einem Blicke nach oben.„»Er entlarvte den Verbrecher und ließ die Sünde ihren eigenen Herrn ſtrafen; er zog das Verborgene an das Licht; er zeigte uns Allen den Weg zur Freude, und belohnte den Guten und Frommen mit der Fülle der höchſten Glückſeligkeit! Beugen wir uns nieder in den Staub und beten ihn an, den allmächtigen Vater, der alle Dinge mit großer Weisheit zu dem beſten Ende führt.“ — 161 Während die beglückte Mutter und ihr nicht min⸗ der glücklicher Sohn in ſtiller Freude ihre Seligkeit genoſſen, ereilte die Verbrecher das Loos ihrer Tha⸗ ten. Graf Cecil wurde ſeiner Güter, welcher der Gräfin Darville und Captal als Eigenthum zuge⸗ ſprochen wurden, verluſtig erklärt, und er ſelber ward auf zeitlebens zu den Galeeren verurtheilt. Rollet aber kam mit einer gelinderen Strafe davon, indem er nur auf drei Jahre in die Feſtung geſperrt wurde, wo er Zeit genug hatte, ſeine Sünden zu vereueih. Captal unterſtützte ihn während ſeiner Ge⸗ fangenſchaft auf alle mögliche Weiſe, und verlieh ihm ſpäter, da er unverkennbare Zeichen von Beſſe⸗ rung gegeben hatte, die einträgliche Stelle eines „Forſtaufſehers auf einem ſeiner vielen Güter. Das Eigenthum des Grafen Cecil nahm Graf Captal zwar an, ſchenkte es aber gleich darauf dem Sohne des Verbrechers, welcher an den Thaten ſeines Vaters keine Schuld hatte. Pierre durfte ſich nicht wieder von ſeinem jungen Freunde trennen, und erhielt ſich nicht nur die Liebe Captals, ſondern erwarb ſich auch durch ſein un⸗ ausgeſetzt treffliches Betragen die Achtung und Liebe der Gräfin Darville. Captal ſetzte ihm einen reichen Jahrgehalt aus, und Pierre vergalt ihm das Ge⸗ Captal. 11 162 ſchenk, indem er mit vielem Geſchick den Hausver⸗ walter des jungen Grafen ſpielte, und den Ertrag der Güter deſſelben auf alle mögliche Weiſe zu er⸗ höhen ſuchte. Dieß gelang ihm auch recht gut, da er keine Mühe ſcheute, ſich die nöthigen Kenntniſſe zu dieſem Entzwecke zu erwerben. Als die häuslichen Angelegenheiten zwiſchen Cap⸗ tal und Pierre auf ſolche Weiſe einigermaßen ge⸗ ordnet waren, ſäumte Graf Captal keinen Augen⸗ blick länger, den Zoll der Dankbarkeit auch nen abzutragen, welche ihn gewiß am Meiſten reher ten. Ein bequemer Reiſewagen wurde zu einem ziemlich weiten Ausfluge zurecht gemacht, und an einem heiteren Sommertage ſetzten ſich die Grä Captal und Pierre hinein, um ſich in die Hochge⸗ birge von Savoyen zu begeben. So weit es ge⸗ bahnte Straßen gab, wurde die Reiſe zu Wagen fortgeſetzt. Als aber die ſteilen und engen Gebirgs⸗ pfade anhuben, beſtieg die Gräfin eine Sänfte, welche von Saumſthieren getragen ward, und die beiden Jünglinge ſchwangen ſich auf muthige Roſſe, welche ſie bald in die Gegend trugen, wo das wüuͤrdige Häuschen Vater Girouds, des Savoyarden, und ſeiner wackeren Frau Jeannette in ſeiner Einſamkeit auf den Bergen thronte. 1 163 Welche Freude gab es, als das würdige Ehe⸗ paar den geliebten Pflegeſohn wieder ſah und ver⸗ nahm, mit welchem Glücke Gott ihn geſegnet hatte! Vater Giroud lachte und Mutter Jeannette weinte vor Wonne, und lange dauerte es, bis die einfa⸗ chen treuen Leute mit Ruhe die Erzählung Captals von ſeinen Schickſalen anhören konnten. Als ſie aber Alles vernommen hatten, da lobten ud prieſen ſie Gott und dankten ihm, daß er Alles zu einem ſo guten Ende geführt habe. „Der Herr hat dich geſegnet, Captal, weil du ſeine Gebote befolgt und treulich am Guten und Rechten feſtgehalten haſt,« ſagte Vater Girond. ſuchung zur Sünde von dir, welche dir, obgleich du jetzt reich und mäͤchtig biſt, gewiß nicht ferne bleiben wird. Der Reichthum hat ſeine Gefahren, wie die Armuth, und man vermeidet ſie nur, wenn man immer zu dem emporblickt, von dem aller Segen und alles Heil auf die Welt herniederſtrömt!“ Captal verſprach dem alten treuen Manne, ſeine Lehre nicht zu vergeſſen, und verlebte mit ſeiner Mutter und ſeinem Freunde Pierre einige glückliche Tage bei den geliebten Pflegeeltern. Er ſuchte ſie zu überreden, ihm nach Frankreich zu folgen. Da 11 35 3 „ aß es dir zur Lehre dienen, und weiſe jede Ver⸗ 164 aber die alten Leute ſich nicht von ihrer Heimath trennen konnten, ſo kaufte er ihnen ein ſchönes Gut, welches nicht weit von ihrem Häuschen lag, und ſchenkte ihnen daſſelbe bei'm Abſchiede. Vater Giroud weigerte ſich zwar, die reiche Lie⸗ besgabe anzunehmen, aber Captal und ſeine Mutter beſtanden ſo herzlich und liebevoll auf ihrem Ent⸗ ſchluſſe, daß der Alte am Ende wohl oder übel nachgeben mußte. Die Trennung erfolgte endlich, und ob ohl dabei nicht an Thränen fehlte, ſo waren es do nur Thränen der Wehmuth und nicht des Schmer zes, welche den Augen entfloſſen. Captal verſpra 1 deen guten Pflegeeltern, ſie alljährlich wenigſtens ein Mal auf ein paar Wochen zu beſuchen, und dieß diente nicht wenig zur Sänftigung aller der bitteren Gefühle, welche immer den Abſchied von geliebten Freunden zu begleiten pflegen. Der junge Graf hielt Wort. So oft der Som⸗ mer wiederkehrte, flog er in die Gebirge von Sa⸗ ihn in ſeiner zarten Jugend aufgenommen und ge⸗ pflegt hatten. Die Lehren des alten wackeren Giroud vergaß voyen, und freute ſich des Wiederſehens derer, die — 165 er nimmer, und ſo lange er lebte, gedachte er des Spruches, der da lautet: „Habe Gott vor Augen und im Herzen dein Lebelang, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigeſt, noch thueſt wider Gottes Gebote.“ V — 12 14 15 16 17 18