Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. JLeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —*hden angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und d beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Buchel. Eere Bilchel. auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 1 Mk. 50 PFf. 2 Mk. Pf. „ 3 7„—„„—=„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Laddenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſf 1 Dienſt um Dienſt. 4 Eine Erzählung für 8 meine jungen Freunde. Von Franz Voftmann. Motto:“ Ein treuer Freund iſt ein ſtarker Schutz und Troſt des ndendf Sir. 6, M 16. 6— 4. Mit vier Stahlſtichen. 3 3 ————„..— Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1852. Erſtes Kapitel. Der Sohn der Wüſte. Der Oberſt Dumourier war ein alter Soldat aus der Schule des Kaiſers Napoleon. Kaum zwanzig Jahre alt, hatte er die Drei⸗Kaiſer⸗Schlacht bei Auſter⸗ litz mitgefochten, und ſich da ſo tapfer gehalten, daß Napoleon ihn auf dem Schlachtfelde zum Offizier er⸗ nannte, und ihn mit dem Orden der Ehren⸗Legion be⸗ lohnte. Freilich verdankte er dieſe Auszeichnung nicht allein ſeinem allerdings verwegenen Muthe, ſondern wenigſtens eben ſo ſehr ſeinem guten Glücke. Hunderte von ſeinen Kameraden waren entſchieden nicht weniger muthig, als er, aber ſie hatten nicht das Glück, daß ihre tapferen Waffenthaten von den Augen des Kaiſers ſelber geſehen wurden. Dieſes Glück wurde dem jungen Dumourier zu Theil, als er an der Spitze einiger Kameraden mit Todes⸗Verachtung gegen eine ruſſiſche Feld⸗Batterie mit vier Kanonen losſtuͤrmte, welche ein verderbliches Feuer gegen die franzöſiſchen Linien unterhielt. Ehe ſich's die Ruſſen verſahen, befanden ſich die flinken Franzoſen Dienſt um Dienſt. 1 „ mitten unter ihnen, ſtießen die Kanoniere mit den Ba⸗ jonetten nieder, riſſen ihnen die brennenden Lunten aus den erſtarrenden Händen, und richteten die Mündungen der noch geladenen Geſchütze gegen eine Schwadron Dragoner, die im Galopp einherbrauste, um die ver⸗ wegene kleine Franzoſen⸗Schaar in die Pfanne zu hauen. Aber wie ſchnell ſie auch herzueilten, Dumourier war ſchneller. „Feuer!« ſchrie er. Die Kanonen donnerten, ein Kartätſchen⸗Hagel rauſchte vernichtend gegen die Schwadron, Mann und Roß ſtürzten, und die Ueberlebenden wandten um in wilder Flucht. Napoleon hatte den kecken Ueberfall, die Nieder⸗ metzelung der Kanoniere, und das entſchloſſene Beneh⸗ men ſeiner Soldaten gegen die feindliche Kavallerie ge⸗ ſehen, und einige Worte der Zufriedenheit gemurmelt. „Wackere Burſche! Man muß ihnen Hülfe ſen⸗ den,“ ſagte er. Und ehe die Ruſſen ſich zu einem zweiten Angriffe auf die Batterie ſammeln konnten, war dieſelbe ſchon hinlänglich gedeckt, und franzöſiſche Artilleriſten bedien⸗ ten die Geſchütze mit einer Behendigkeit, welche nichts zu wünſchen übrig ließ. Wenige Minuten ſpäter war Dumourier Offizier und Ritter der Ehren⸗Legion, denn der Kaiſer ließ ihn auf der Stelle zu ſich kommen und überraſchte ihn mit dieſen Beweiſen ſeiner Zufriedenheit. Von dieſem Augenblicke an war das Glück des jungen Mannes gemacht, denn wen der Kaiſer einmal bemerkt hatte, den verlor er nur ſelten wieder aus den Augen. In der Schlacht bei Jena rückte Dumourier zum Kapitän vor, bei Eylau wurde er Major, bei — 3 Wagram Oberſt. Seine kriegeriſche Laufbahn wuͤrde wahrſcheinlich noch glänzender geweſen ſein, wenn nicht einige Jahre ſpäter der Glücksſtern des Imperators erblichen wäre. Mit der Schlacht bei Belle⸗Alliance ſanken die franzöſiſchen Adler, und mit ihnen das fran⸗ zöſiſche Kaiſerthum. Treu dem Andenken an ſeinen hochverehrten Kriegs⸗ Herrn wollte der Oberſt nicht dem neuen Regimente dienen; ſondern legte die Waffen nieder, zog ſich in den Privatſtand zurück, und lebte allein ſeiner Familie. Eine liebenswürdige Frau und ein reizender Knabe, zu jener Zeit eben ein Jahr alt, und der Genuß eines mäßigen Vermögens, welches ihm ein genügendes Aus⸗ kommen ſicherte, bildeten die Grundlagen eines beſchei⸗ denen Glückes, deſſen ſich der Oberſt vermuthlich bis an ſein Lebensende erfreut haben würde, wenn ihm nicht in den letzten zwanziger Jahren ſeine Gemahlin durch den Tod entriſſen worden wäre. Dieſer ſchmerz⸗ liche Verluſt beugte ihn tief danieder, und er verſank in eine finſtere Traurigkeit, welche ſelbſt die Zärtlich⸗ keit ſeines Sohnes Francois nur auf kurze Augenblicke zu dämpfen und zu verſcheuchen vermochte. Da erſchien plötzlich am 20. April das franzöſiſche Kriegsmanifeſt gegen den Dey von Algier, und dieß vertrieb auf einmal die Wolken, welche die Seele des Oberſten beſchattet hatten. Während eines langen, thatenloſen Friedens hatte er die Waffen nicht führen mögen, jetzt aber, wo ein glänzender Feldzug gegen einen übermüthigen Feind zu erwarten ſtand, regte ſich die alte Thatenluſt wieder, und nicht ſelten hafteten ſeine Blicke verlangend auf ſeinem blanken Schwerte, das er ſo oft in ehrenvollem Kampfe unter ſeinem 1 Kaiſer geſchwungen hatte. Noch fühlte er ſich nicht zu alt, einen neuen Feldzug mitzumachen und ſeinem Vaterlande nützliche Dienſte zu leiſten, und nur der Gedanke an Francois, den geliebten Sohn, hielt ihn zurück, dem General Bourmont, einem alten Kamera⸗ den, welcher zum Befehlshaber der Landungs⸗Armee ernannt worden war, ſeinen Degen und ſeine Dienſte anzubieten. Frangois, ein kluger und muthiger Knabe, er⸗ rieth indeß bald die Wuünſche des Vaters. Er war um dieſe Zeit ſechszehn Jahre alt. In der polytech⸗ niſchen Schule erzogen, genoß er das Lob eines fleißi⸗ gen und kenntnißreichen Schülers, und erfreute ſich noch außerdem einer kräftigen, behenden Geſtalt und einer eiſenfeſten Geſundheit. „Vater,“ ſagte er eines Tages, als er den Oberſten bei der Rückkehr aus dem Inſtitute wieder einmal im Anſchauen der einſt geführten Waffen verſunken fand— „mein lieber Vater, du ſehnſt dich darnach, den Feld⸗ zug nach Algier mitzumachen! Warum es verheim⸗ lichen? Ich weiß es ſeit dem Augenblicke, wo du das Kriegs⸗Manifeſt in der Zeitung laſeſt.« „Sacrebleu, Junge, wer hat es dir verrathen?« fragte der Oberſt, indem er ſeinen noch immer glän⸗ zend ſchwarzen Schnurrbart ſtrich, und einen funkelnden Blick auf den Sohn heftete. „Du ſelbſt, Vater!« erwiederte Frangois keck.„Deine Augen blitzen damals, wie eben jetzt, und unwillkühr⸗ lich murmelteſt du vor dich hin. ‚Wer dabei ſein könnte!⸗ Seitdem habe ich dich oft angetroffen, wie du deinen Degen betrachteteſt, und Alles in Allem iſt es ja nicht ſchwer zu errathen, daß ein tapferer Soldat ſich nach 5 einer Beſchäftigung ſehnt, die ihm Ruhm und Ehre verheißt. Ich müßte ſehr blind ſein, Vater, wenn ich das nicht errathen hätte.“ „Nun denn, ja du haſt vielleicht richtig gerathen,“ entgegnete der Oberſt.„Aber was nützt es, davon zu reden. Es iſt unmöglich! Man muß es ſich aus dem Sinne ſchlagen und vergeſſen.“ „Warum das, Vater? General Bourmont iſt ein alter Kamerad und Freund von dir! Er wird ſich freuen, wenn du ihm deinen Arm anbieteſt. Oberſt Dumourier wird bei dergleichen Veranlaſſungen ſtets willkommen ſein, denk' ich! Alſo warum zögern, Vater? Der Oberſt betrachtete den Knaben mit zärtlichen Blicken. Der Stolz, welcher ſich in ſeinen Worten ausſprach, gefiel dem alten Soldaten, aber dennoch bil⸗ dete ſich ſchnell wieder eine tiefe Furche zwiſchen ſeinen buſchigen Augenbraunen. „Du verſtehſt das nicht, Burſche!“ entgegnete er barſch.„General Bourmont freilich, auf ihn könnte ich zählen. Aber was ſollte aus dir werden? Ich kann dich nicht allein dir ſelbſt überlaſſen. Ja, wenn deine arme Mutter noch lebte! Aber ſo.. unmöglich.« „Gewiß, Vater unmöglich. Ganz unmöglich!l“ „Nun alſo? Warum denn noch ſprechen? Es geht nicht! Genug!“ Mit einem Seufzer des Bedauerns zuckte der Oberſt die Achſeln, und wendete ſich ab. Frangois aber er⸗ griff ſchmeichelnd ſeine Hand. 9 „Ei, Vater, es geht!“ ſagte er.„Warum ſollte es nicht gehen, frage ich? Bin ich nicht groß und ſtark genug? Frage unſeren Fechtmeiſter, und er wird dir 6 antworten, daß ich in Fuͤhrung des Degens mit Hieb und Stoß nicht unter ſeine ſchlechteſten Schüler zähle, und auf fünfzehn Schritte das Herz im Aß mit der Piſtole ſo gut herausſchieße, wie ein Anderer. Frage ihn nur, Vater!« „»Sacrebleu!« erwiederte der Oberſt.„Was hat das damit zu thun, ob ich zur Armee gehe oder nicht.« „Grade genug, um zu beweiſen, daß ich nicht allein hier zu bleiben brauche, ſondern mit dir gehen werde!« entgegnete Frangois. Der Oberſt fuhr auf, als ob eine Kanone neben ihm abgefeuert wäre. Dann lachte er laut und machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung. »„Welche Thorheit! Ein Burſch von ſechszehn Jah⸗ ren,“ ſagte er. »Napoleon hatte Soldaten, die jünger waren, und ſich dennoch tapfer ſchlugen,« gab Frangois raſch zur Antwort. 1 »„Ja, weil die alten Soldaten zuſammengeſchmolzen waren und das Vaterland in Gefahr ſchwebte,“ ent⸗ gegnete der Oberſt.„Dieß hier iſt ein anderer Fall. Sprich nicht mehr davon, Frangois! Es iſt Thorheit!« Für dieſes Mal hatte Francois ſein Spiel ver⸗ loren. Dennoch gab er die Hoffnung nicht auf, daß ſein Vater ſich noch eines Anderen beſinnen werde, denn er ſah deutlich genug, wie ſehr der Oberſt ſich darnach ſehnte, den Feldzug mitzumachen. Der Knabe hegte denſelben Wunſch. Er war ein ächtes Soldatenkind, und in ſeiner Bruſt klopfte ein muthvolles Herz. Gleichwohl dachte er nur wenig an — — 7 ſich. Doch kränkte es ihn, daß er ein Hinderniß für den Vater abgeben ſollte. Das durfte nicht ſein. Noch mehrmals machte er den Verſuch, den Ober⸗ ſten ſeinen Wünſchen günſtig zu ſtimmen, wurde aber jedesmal barſcher zurückgewieſen, ſo daß ſeine Hoffnun⸗ gen bedeutend zu ſinken begannen. Da kam ihm ein Zufall zu Hülfe. Er wohnte mit dem Oberſten einer Heerſchau bei, welche der General Bourmont über einen Theil der nach Algier beſtimmten Truppen hielt. Die Revue war voruͤber und François ſtand noch ganz in Be⸗ wunderung über die vortreffliche Haltung der ſtattlichen Regimenter verſunken, als plötzlich ein mit Orden be⸗ deckter und von Gold funkelnder Offizier ſein ſchnau⸗ bendes Pferd dicht vor ſeinem Vater anhielt, und ihm von dem Sattel herab die Hand reichte. „Oberſt Dumourier!“ ſagte er.„Ich freue mich, Sie zu begrüßen, alter Kamerad! Sie ſehen die Trup⸗ pen! Wackere Soldaten, wie?— „Gewiß, mein General, ſchöne Truppen,“ entgeg⸗ nete der Oberſt.»Ich beneide Sie! Es iſt eine Ehre, ſolche Truppen zum Siege zu führen.“ „Eh bien, Oberſt, warum helfen Sie mir nicht? Wir kennen uns, und ich würde mich glücklich ſchätzen, Sie an die Spitze eines Regimentes zu ſtellen.« Der Oberſt erbleichte, während zugleich ſeine dun⸗ keln Augen Blitze ſprüheten. „Oh, mein General, welches Glück für mich!“ ſagte er mit erſtickter Stimme.»Aber, mein Sohn,— ſehen Sie dieſen Knaben,— er hat nur mich allein....« ..„Ah, c'est autre chose! Dann bedaure ich...“ „Nicht doch, mein General,“ nahm Francois jetzt 8 entſchloſſen das Wort.„Kümmern Sie ſich nicht um mich! Ich würde mich ſchämen, ein Hinderniß für den Oberſten, meinen Vater, zu ſein! Es iſt ſein heißeſter Wunſch, Ihnen zu folgen, und ich, ich werde ihn be⸗ gleiten.“ „Still, Burſche! Man ſpricht nicht in Gegenwart des Generals, ohne gefragt zu ſein!« fuhr ihn der Oberſt barſch an. Der General aber lächelte in der gewinnendſten Weiſe. »Oho, Oberſt, ich bitte!« fiel er ſchnell ein.„Er ſpricht gut genug für einen ſo jungen Menſchen, dünkt mich. Wie heißen Sie, mein Freund?« „Charles Marie Frangois Dumourier, mein General.« »Gut! Und Ihr Vater wünſcht alſo an dem be⸗ vorſtehenden Feldzuge Theil zu nehmen?« „Gewiß, mein General! Er würde eben ſo un⸗ glücklich ſein, zurückbleiben zu müſſen, als ich.“ „»Nun denn, ſo ſeh' ich kein Hinderniß weiter!« fuhr General Bourmont fort, denn er, der Befehls⸗ haber der bevorſtehenden Expedition war es, welcher ſeinen ehemaligen Kriegsgefährten angeſprochen hatte. „Ich werde Ihnen noch heute Ihre Ernennung aus⸗ fertigen laſſen! Es freut mich ſehr, einen tapferen Kameraden für die gute Sache gewonnen zu haben. Francçois kann Sie als Ordonnanz begleiten. Das wäre abgemacht! Alſo auf Wiederſehen! mein lieber Oberſt!« Der General winkte noch einen freundlichen Scheide⸗ gruß mit der Hand, nickte Frangois lächelnd zu, und ſprengte funkenſprühend davon. Francois ſtrahlte vor Freude über dieſes glückliche „— 9 Zuſammentreffen, und es fehlte nicht viel, ſo wäre er ſeinem Vater auf offener Straße um den Hals gefal⸗ len. Der Oberſt blickte noch ein wenig finſter, aber die Ausſicht, an der Spitze eines tapferen Regimentes wieder glänzende Waffenthaten verrichten zu können, erfüllte ihn gleichwohl mit freudigem Stolze, und über⸗ wog zuletzt ſelbſt ſeine Beſorgniß um Francois. „Wohlan, mein Sohn,“ ſagte er,„der Zufall be⸗ günſtigt deine Wünſche. Nehmen wir an, daß es. Got⸗ tes Wille iſt. Ich hoffe, er wird dich ſchützen und dein theures Haupt vor den Kugeln und Säbeln un⸗ ſerer Feinde bewahren.“ Von dieſer Stunde an ergab ſich der Oberſt in ſeine Beſtimmung, und es war keine Rede mehr davon, das Patent zuruckzuweiſen, welches ihn zum Comman— deur eines der ſchönen nach Algier beſtimmten Regi⸗ menter ernannte. Vielmehr erwachte der alte kriege⸗ riſche Geiſt des Oberſten in voller Stärke, und er be⸗ trieb die noch zu treffenden Vorbereitungen zum Feld⸗ zuge mit unermüdlichem und raſtloſem Eifer. Francois ging ihm dabei nach Kräften zur Hand, und als die Armee nach Toulon abmarſchirte, wo die Einſchiffung derſelben ſtattfinden ſollte, befand ſich kein Regiment in⸗ beſſerem Stande und in kriegeriſcherer Stimmung, als das des Oberſten Dumourier. Der Ober⸗General Bourmont ſelber konnte nicht umhin, ſeine volle Zu⸗ friedenheit mit dem guten Geiſte deſſelben auszuſprechen, und der Oberſt, ſtolz auf die empfangenen und wohl⸗ verdienten Lobſprüche, wünſchte bereits mit Sehnſucht den Tag herbei, wo er ſeine längſt bewährte Tapfer⸗ keit von Neuem würde entfalten können, als ein ganz 10 unerwartetes Ereigniß ſeine Hoffnungen in unbeſtimmte Ferne hinausſchob. Wenige Tage vor Einſchiffung der Truppen näm⸗ lich ſcheute ſein junges muthiges Pferd, und that einen ſo unglücklichen Seitenſprung, daß es ſtürzte und dem Oberſten eine ſchwere Verletzung zufügte, indem es ihm den unter ſeinen Flanken liegenden Schenkel zerquetſchte. Das Pferd richtete ſich zwar wieder auf und blieb zit⸗ ternd ſtehen; der Oberſt aber mußte in ſein Quartier getragen und der Obhut eines Arztes übergeben werden. Eine Unterſuchung zeigte, daß das Bein zwar nicht zerbrochen, aber doch ſehr bedeutend verletzt war. Der Doktor zuckte die Achſeln. »Nun, wie ſtets, mein Freund,« ſagte der Oberſt voller Ungeduld.»Hoffentlich wird in zwei, drei Ta⸗ gen Alles vorüber ſein?« »Ich bezweifle, Oberſt,« lautete die Antwort.„Vier⸗ zehn Tage werden Sie wenigſtens aushalten müſſen. Die Quetſchung iſt ein wenig arg.« Der Oberſt konnte ſich nicht enthalten, einen zor⸗ nigen Ausruf hören zu laſſen.„Das verwünſchte Pferd!« rief er.„Aber Sie übertreiben, Doktor! Hö⸗ ren Sie mich an: Am 25. Mai ſoll unſere Flotte aus⸗ laufen, heute haben wir den 19., und Sie müſſen mich in den ſechs Tagen ſo weit herſtellen, daß ich mich mit meinem Regimente einſchiffen kann.“ »Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt,« entgeg⸗ niete der Arzt.»Vorderhand muß ich aber darauf be⸗ ſtehen, daß Sie ſich vollkommen ruhig verhalten und ſich von Ihrem Sohne pflegen laſſen. Alles Uebrige wird ſich dann finden.«. Es blieb dem Oberſten nichts weiter übrig, als ſich —— 11 geduldig in ſein Schickſal zu ergeben. Zu einigem Troſte gereichte ihm, daß ihm General Bourmont, welcher von ſeinem Unfalle gehört hatte, perſönlich einen Beſuch machte, und ihm in herzlichſter Weiſe ſein Beileid ausdrückte. „Uebrigens beruhigen Sie ſich, Oberſt,“ fügte er hinzu:„Wenn auch, was ich ſehr bedauern würde, die Flotte ohne Sie abſegeln müßte, ſo haben Sie doch täglich Gelegenheit, auf irgend einem Transportſchiffe nachzukommen, und ſich der Armee wieder anzuſchließen, ehe noch ein entſcheidender Schlag in Afrika. geführt wird. Ganz unter uns, bis dahin können noch drei, ja vier Wochen vergehen. Alſo keine Ungeduld, mein Freund! Sie werden immer noch früh genug eintref⸗ fen, wenn Sie auch vierzehn Tage unthätig bleiben müßten!“ Dieſe Worte verfehlten nicht, einen günſtigen Ein⸗ druck auf den Oberſt zu machen, dennoch empfand er es ſehr ſchmerzlich, als nun wirklich am 25. Mai die Flotte ihre Anker lichtete, und unter dem lauten Zu⸗ jauchzen der Bevölkerung von Toulon in See ſtach. Er hatte das Sopha, auf welchem er ruhete, an das Fenſter tragen laſſen, von wo er das herrliche Schau⸗ ſpiel beobachten konnte. Es gewährte in der That einen prachtvollen Anblick. Fünf und ſiebzig Kriegs⸗ ſchiffe und zweihundert und vier und ſiebzig Transport⸗ Fahrzeuge entfalteten faſt zu gleicher Zeit ihre olken von Segeltuch, gleich Rieſenſchwingen, und glitten leicht wie Schwäne über die blaue Meeresfluth. Ka⸗ nonen donnerten, Wimpel und Flaggen wehten in den Lüften; die Soldaten jubelten, freudiger Zuruf erſchallte von Land zu Schiff und von Schiff zu Land; bis ein 12 günſtiger Wind das glänzende Geſchwader weiter und weiter auf die hohe See entführte, und zuletzt nur die weißen Segel noch glänzend aus der Ferne herüber ſchimmerten. Da erſt wendete der Oberſt Dumourier ſeufzend ſeine Blicke von der Flotte ab, und lehnte ſich mit finſterer Stirn in ſeine Kiſſen zurück. Frangois, der neben ihm ſtand, fand kein Wort des Troſtes für den Vater, denn er ſelber trauerte und die hellen Thränen getäuſchter Hoffnung perlten über ſeine Wangen. „Nun, mein Junge, laß es dir nicht allzuſehr zu Herzen gehen,“ ſagte endlich der Oberſt, welcher zuerſt einigen Gleichmuth wiederfand, als er die tiefe Betrüb⸗ niß ſeines Knaben bemerkte.„Du haſt ja ſelbſt ge⸗ hört, was der Ober⸗General zu mir ſprach. Noch we⸗ nige Tage, und wir werden auf ſchnellem Schiffe der Flotte folgen, ſie einholen und jedenfalls noch zu rech⸗ ter Zeit kommen, um an den bevorſtehenden Gefechten Theil zu nehmen. Bis die Armee an der afrikaniſchen Küſte ausgeſchifft wird, können noch Wochen vergehen. Alſo Muth, noch iſt nichts verloren, und die Hoff⸗ nung bleibt uns.“ Wie ſehr Francois den Unfall des Vaters beklagen mochte, welcher ihn am Lande zurückhielt, während die Kriegsgefährten in froher Zuverſicht dem erſehnten Ziele zueilten, ſo blieb eben doch nichts weiter übrig, als in Geduld auszuharren und ſich in das Unvermeidliche zu ergeben. Uebrigens begann auch die Beſſerung des Oberſten raſche Fortſchritte zu machen, und am vierten Tage nach Abfahrt der Flotte machte der Oberſt ſchon den Verſuch, aufzuſtehen, und mit Hülfe eines Krück⸗ 13 ſtockes und ſeines Sohnes ein paar Schritte durch das Zimmer zu thun.“ „Es geht, Francois! Es geht in Wahrheit beſſer, als ich hoffte,“ ſagte er zufrieden.„Weißt du, ich meine, du könnteſt nach dem Hafen laufen und dich nach einem Schiffe erkundigen.“ „Aber wird es nicht zu früh ſein, Vater?« fragte Francois mit Beſorgniß, obgleich er ſich lieber ſchon heute als Morgen eingeſchifft hätte.„Du empfindeſt noch Schmerzen, ich ſeh' es!“ „Unbedeutend, mein Kind! Ganz unbedeutend!“ erwiederte der Oberſt.»Außerdem, auf dem Schiffe, wird mir eben ſo wohl ſein, als hier, und die Beſ⸗ ſerung mag dort eben ſo raſch fortſchreiten. Geh' nun, und bringe mir Nachricht, wenn eine günſtige Gelegen⸗ heit zur Ueberfahrt da iſt.« Francois eilte nach dem Hafen und nahm eine Ordre des Generals Bourmont mit, welche jedem Ka⸗ pitän Befehl ertheilte, dem Oberſten Dumourier und ſeinem Sohne freie und bequeme Ueberfahrt nach der afrikaniſchen Küſte zu gewähren, falls dieſelben zur Armee zu ſtoßen beabſichtigten. Dieſe Ordre galt für einen ſehr guten Paß und nach kaum einer Viertel⸗ ſtunde hatte Francois ſchon eine hübſche ſchnell ſegelnde Brigg ausfindig gemacht, welche in der Frühe des nächſten Tages nach Algier unter Segel gehen ſollte. Der Kapitän Briant gab bereitwilligſt ſeine Zuſtim⸗ mung zur Einſchiffung des Oberſten, und erbot ſich ſogar, ihm ſeine Kajüͤte abzutreten und ihn von ſeinen Matroſen an Bord tragen zu laſſen. da⸗ nahm dieſe Anerbietungen vorläufig dank⸗ 14 barſt an, und bat nur, die Entſcheidung ſeinem Vater überlaſſen zu dürfen. Bei ſeiner Rückkehr zum Oberſten fand er dieſen vollkommen bereit, an Bord zu gehen. Er beſtand ſo⸗ gar darauf, ohne weiteren Verzug fortgebracht zu wer⸗ den; und François mußte, wenn auch widerſtrebend, von dem Anerbieten des Kapitän Briant Gebrauch machen und einige Matroſen mit einer Sänfte herbei⸗ ſchaffen. Trotz ſeiner Beſorgniß ging indeß Alles ganz gut von ſtatten. Die Matroſen trugen den Oberſt mit der größten Vorſicht die Treppe hinunter, betteten ihn be⸗ quem auf die Sänfte, und brachten ihn wohlbehalten auf das Schiff und in die Kajüte des Kapitäns Briant, wo ein weicher Divan zu ſeiner Aufnahme bereit ſtand. Der Kapitän empfing ihn mit warmer Herzlichkeit und bat ihn, frei über Alles zu befehlen, was ſein Schiff leiſten könne. Auch den Schiffsarzt brachte er mit, welcher ſofort nach dem kranken Beine des Oberſten ſah, und ihn durch ſeinen Ausſpruch in die beſte Stim⸗ mung verſetzte. »Es ſteht Alles ſehr gut, Herr Oberſt,“ ſagte er. »Nur noch ein paar Tage, und Sie werden ſo gut wie der Kapitän auf dem Verdeck umher ſpazieren koͤn⸗ nen; vorausgeſetzt natürlich, daß Sie meinen Anord⸗ nungen huͤbſch Folge leiſten.“ Dieß verſprach der Oberſt, und der Schiffsarzt lie⸗ ferte den Beweis, daß er nicht zu viel verſprochen hatte. Am vierten Tage nach ſeiner Einſchiffung konnte der Oberſt ohne weitere Hülfe, als nur eines Stockes, einen GSpoaziergang auf Deck machen, und zwei Tage ſpäter brauchte er auch den Stock nicht einmal W Bis 15 auf eine geringe Schwäche in dem verletzten Fuße, fühlte er ſich wieder friſch und geſund, und in Folge deſſen ſehnte er ſich mehr als je darnach, mit ſeinem Waffen⸗ gefährten wieder zuſammen zu treffen. Ungeduldig fragte er den Kapitän Briant wohl zehnmal des Tages, ob man denn immer noch nichts von dem vorausgeſegelten Geſchwader ſehen könne, und immer mußte der Kapitän, lächelnd über die Ungeduld des Oberſten, die Frage verneinen. „Uebrigens iſt noch gar nichts verſäumt, mein be⸗ ſter Oberſt,« tröſtete er.„Wir haben in den letzten Tagen widrigen Wind gehabt, und die Flotte hat ohne Zweifel ſo gut darunter leiden müſſen, als wir. Wer weiß, wo ſie jetzt kreuzt? Vielleicht ſteht ſie weiter von Algier ab, als unſere Brigg, und wenn uns das Glück günſtig iſt, können wir möglicher Weiſe noch zuerſt ankommen. Nur freilich, Wind und Wellen laſ⸗ ſen ſich nichts befehlen, und es bleibt uns nur die Be⸗ ruhigung, daß, was uns aufhält, auch die Ankunft der Flotte verzögert. Halten Sie ſich verſichert, Oberſt, daß ſchwerlich eine Kanone abgefeuert werden wird, ehe Sie an der Spitze Ihres Regimentes ſtehen. Im⸗ mer vorausgeſetzt natürlich, daß uns das Schickſal kei⸗ nen Strich durch die Rechnung macht, denn, wie ge⸗ ſagt, Wind und Wellen ſind ihre eigenen Herren, und recht launiſche noch obendrein.“ Mit dieſer Auskunft mußte ſich der Oberſt nun ſchon zufrieden geben, aber ſeine Ungeduld minderte ſich deßhalb doch nicht. Stundenlang ſtand er im Vor⸗ dertheile des Schiffes an den Fockmaſt gelehnt, und durchſpähte, ein Fernrohr in der Hand, den weiten Horizont des Meeres, immer in der Hoffnung, irgendwo ein Zeichen von der Nähe des Kriegs⸗Geſchwaders zu entdecken. Aber immer ſah er nichts als Himmel und Waſſer, und kein Segel wollte aus den blauen Fluthen auftauchen. „Mich dünkt, wir kommen gar nicht von der Stelle, Kapitän Briant,“ ſagte er.»„Ihre Brigg ſchleicht wie eine Schnecke über die See.“« »Wir machen zehn Knoten die Stunde, Oberſt,“ erwiederte der Befehlshaber des Schiffes.„Sie be⸗ merken wohl, es weht eine recht friſche Briſe, und wenn ſie noch ein paar Striche weiter nordweſtlich ſtünde, ſo würden wir bald genug die weißen Mauern von Algier in Sicht haben. Aber bei dem ewigen La⸗ viren kommt man freilich nicht raſch von der Stelle.“ »Sie ſollten mehr Segel ſetzen, Kapitän!« »Im Gegentheil, Oberſt. Die Brigg trägt faſt ſchon mehr Tuch als ihr gut iſt, und wenn die Briſe ſo fort macht, werden wir bald die Fichthörner ein⸗ ziehen müſſen. Der Himmel gefällt mir gar nicht, und es ſieht ganz ſo aus, als ob noch ein paar tüch⸗ tige Säcke voll Wind dort hinter der ſchwarzen Wol⸗ kenwand lauerten, um bei der nächſten beſten Gelegen⸗ heit die Stärke unſerer Leinwand auf die Probe zu ſtellen. In der That, ich glaube, wir werden die Segel kürzen müſſen.“ Ein brauſender Windſtoß, welcher tüchtig im Takel⸗ werk raſſelte, ſchien ſeinen rten Nachdruck verleihen zu wollen. Der erſte Lieutenant näherte ſich dem Ka⸗ pitän, und deutete mit bedenklichem Blicke auf die dro⸗ hende Wolkenwand, welche ſich, wie ein rieſiger Schleier, weiter und weiter über den Himmel ausbreitete. »Ja, bei Gott, Lieutenant Morel, Sie haben recht,« ſagte der Kapitän.„Wir dürfen keine Minute länger zögern. Geben Sie Befehl zum Segelkürzen! Alle Mann herauf! Keine Hand wird zu viel ſein! Selbſt der Oberſt, trotz ſeiner Ungeduld, that keinen Einſpruch, denn die Windſtöße folgten einander jetzt häufiger und nahmen raſch an Ungeſtüm und Heftig⸗ keit zu. Die See ging hoch und einzelne Schaumwellen ſpritzten über das Verdeck. „In einer Stunde bricht die Nacht herein, und ich fürchte, eine ſchlimme Nacht wird es geben,“ ſagte der Kapitän, während die Matroſen mit Blitzesſchnelle die Segel refften.„Sie würden gut thun, Oberſt, in die Kajüte zu gehen. Der Aufenthalt auf dem Verdeck wird bald nicht mehr ſehr behaglich ſein.« „Glauben Sie, daß wir eine ernſtliche Gefahr zu befürchten haben.“ „Nein, ich denke nicht, nur eine ziemlich unange⸗ nehme Nacht. Die Brigg iſt im beſten Stande, und wird leiſten, was irgend ein Schiff aus Holz und Eiſen zu leiſten vermag. So lange wir uns von der Küſte fern halten können, hat die Hand voll Wind nicht viel zu bedeuten, und jedenfalls werden wir auf unſerer Hut ſein, und unſere Schuldigkeit thun. Vor der Hand iſt nichts zu beſorgen als einige Sturzwellen, die uns recht tüchtig auswaſchen werden. Da ſehen Sie, es fängt ſchon an. Sie thäten wirklich beſſer, Oberſt, die Kajüte aufzuſuchen.“ Eine Woge höher als alle übrigen, war über das Verdeck geſchwappt, gerade als das Vordertheil der Brigg tief in eine Höhlung der Wellen eintauchte, und hatte ſowohl den Oberſten, wie den Kapitän tüchtig eingeweicht. „Dienſt um Dienſt. 28 18 Der Letztere ſchüttelte lachend das Waſſer von ſich ab, indem er ſagte:„das iſt nur der Anfang und es wird bald noch beſſer kommen!“ Der Oberſt aber fand es doch gerathen, der An⸗ deutung des Kapitäns nachzugeben und ſich in die Kajüte zurückzuziehen. „Dieſe Spritzwellen haben ihr Unangenehmes, und darum will ich ihnen lieber aus dem Wege gehen,“ ſprach er.„Aber ich verlaſſe mich darauf, Kapitän, daß Sie mich augenblicklich benachrichtigen, wenn wirk⸗ liche Gefahr eintreten ſollte.« „Mein Wort darauf, Oberſt! Aber ich wiederhole, für jetzt iſt nichts zu befürchten!“ Beruhigt verließ der Oberſt das Verdeck und begab ſich in die Kajüte. Auch Frangois, obgleich dieſer lie⸗ ber oben geblieben wäre, mußte ihm folgen, und ſie verbrachten trotz des Unwetters, welches keinen Augen⸗ blick nachließ, dennoch eine leidliche Nacht. Mit Tages⸗ anbruch kam der Kapitän. „Alles ſteht gut,“ ſagte er,„bis auf dieſen abſcheu⸗ lichen Wind, der uns näher und näher an die afrika⸗ niſche Küſte drängt, ohne daß es in menſchlicher Macht ſteht, es zu verhindern. Wenn ſich ſeine Richtung nicht bald ändert, ſo kann der ſchlimmen Nacht ein ſchlimmer Tag folgen. Ich ſage das zu Ihnen im Vertrauen, Oberſt! Die Mannſchaft darf nichts davon merken, damit ſie nicht läßig im Dienſte wird. Wenn wir dem Lande abſolut nicht ausweichen können, erfährt ſie es immer noch früh genug. Können Sie ſchwimmen, Oberſt?«— „Gut genug, denk' ich, um mich eine Zeit lang über dem Waſſer zu halten. Auch Francois kann es. Aber 19 hegen Sie wirklich Beſorgniß, daß wir auflaufen können?“ „Die Möglichkeit liegt nahe genug! Indeß wir müſſen eben unſer Beſtes thun, und was Menſchen⸗ hände und guter Wille gegen ſolches Unwetter leiſten können, wird ſicherlich geleiſtet werden. Doch machen Sie ſich immer darauf gefaßt, ein unfreiwilliges Bad nehmen und nöthigenfalls an's Land ſchwimmen zu müſſen. Wenn ich ſehe, daß das Schiff nicht zu ret⸗ ten iſt, ſo werde ich es an einem Punkte auflaufen laſſen, der uns die Möglichkeit bietet, wenigſtens das Leben der Mannſchaft zu retten. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, Oberſt, daß die großte Kaltblütigkeit im Augenblicke der Gefahr die beſte Ausſicht auf Er⸗ folg gewährt.« „Ich weiß das, und wenn ich Beſorgniß hege, ſo hege ich ſie nur für meinen Sohn. Du hoͤrſt, Francois, welche Kataſtrophe uns möglicher Weiſe bevorſteht. Wirſt du der Gefahr ruhig in's Auge ſehen können?« „Ich hoffe es, Vater,“ entgegnete Frangois mit feſter Stimme.„Möge geſchehen, was Gott über uns verhängt. Jedenfalls werden wir vorbereitet ſein. Fürchte nichts meinetwegen, Vater, und ſei nur auf deine eigene Sicherheit bedacht. Was liegt an mir? Aber wenn du untergingeſt, würde die Armee eines ihrer tapfer⸗ ſten Anführer beraubt ſein.« „Brav geſprochen,“ ſagte Kapitän Briant beifällig. „Ich ſehe ſchon, junger Herr, Sie ſind aus dem rech⸗ ten Holze geſchnitzt, und es wäre ja ein Jammer, wenn ein ſo friſches Leben ſo früh zu Ende gehen ſollte. Das darf nicht geſchehen. Sollte das Schlimmſte über uns kommen, ſo hören Sie nur auf mich! Auch Sie, 2 20 Oberſt! Ich bin ein alter Seemann und kenne mein Element. Indeß, noch habe ich keineswegs etwa ſchon alle Hoffnung aufgegeben, Gott behüte! Der Sturm kann nachlaſſen, er kann aus einer andern Richtung wehen, das gute Glück mag uns ſogar in irgend einen kleinen ſicheren Hafen treiben, deren es einige an der afrikaniſchen Küſte gibt, wo wir dann hübſch geborgen wären,— kurz es iſt noch ganz und gar nicht aus⸗ gemacht, daß wir ſcheitern müßten, und ich benach⸗ richtige ſie von der möglichen Gefahr nur deßhalb, da⸗ mit Sie im Falle der Noth darauf gefaßt ſind und einige Vorbereitungen treffen können. Kleiden Sie ſich ſo leicht als möglich, und dann in Gottes Namen laſſen Sie uns das Uebrige erwarten.“ Der Oberſt verſprach den empfangenen Rath zu befolgen, und der Kapitän kehrte auf das Verdeck zurück. Der Sturm dauerte während des ganzen Tages fort, und obgleich alles Menſchenmögliche aufgeboten wurde, konnte der Kapitän doch nicht verhindern, daß die Brigg ſich in der That allmählig mehr und mehr dem gefahrdrohenden Lande näherte. Mit der herein⸗ brechenden Dunkelheit mochte man kaum noch einige Meilen davon entfernt ſein. „Halten Sie ſich auf Alles gefaßt,“ ſagte Kapitän Briant leiſe zum Oberſten, als dieſer um Erkundigun⸗ gen einzuziehen, auf dem Verdeck erſchien.»Unſere Lage iſt ſehr ernſthaft, ich muß verſuchen, die Brigg irgendwo an einer flachen Sandküſte auflaufen zu laſ⸗ ſen. Das iſt die letzte Hoffnung, die uns bleibt, unſer Leben zu retten.“ —,— 21 „Koͤnnen Sie nicht Anker auswerfen und ſo das Weitere verhüten?“ fragte der Oberſt. Der Kapitän zuckte die Achſeln.»Kein Ankertau vermag einer ſolchen See zu widerſtehen,“ gab er zur Antwort.„Bei alledem ſoll auch dieſes Mittel verſucht werden, ſobald der rechte Augenblick gekommen iſt. Für jetzt würde es noch zu früh ſein.“ Mehr und mehr näherte man ſich dem Lande. Ploͤtz⸗ lich ſtieß das Schiff auf, und zwar ſo heftig, daß der Fockmaſt ſtürzte, und im Fallen zugleich das einzige Boot zertrümmerte; welches allenfalls zur Rettung der Mannſchaft und Paſſagiere hätte gebraucht werden können. „Das iſt ein ſchlimmer Unfall,“ ſagte der Kapitän zum Oberſten.„Wir ſind offenbar auf eine Sandbank gerathen und wenn wir nicht wieder loskommen, wer⸗ den dieſe furchtbaren Wellen unſere ſchöne Brigg bald in Trümmern zerſchlagen. Ah, aber ſie hebt ſich— ſie richtet ſich auf— ſie gleitet weiter! Dieſer Ge⸗ fahr wären wir noch einmal entronnen! Aber freilich, immer nur um einer andern entgegen zu gehen. Sehen Sie den weißen Streifen, der ſich dort in einer langen, matt ſchimmernden Linie vor uns hinzieht? Das iſt die Brandung der Küſte, und in wenigen Minuten werden wir mitten in ihr ſein, wenn unſer letztes Hülfs⸗ mittel fruchtlos verſucht wird.« „Was wollen Sie thun, Kapitän?“ „Die Anker auswerfen! Jetzt oder nie iſt der ge⸗ eignete Zeitpunkt dazu!“ Er nahm das Sprachrohr zur Hand und ertheilte die nöthigen Befehle. Die Mannſchaft, welche ſehr wohl wußte, daß die Rettung des Schiffes von dem 22 Gelingen des wichtigen Manövers abhing, gehorchte ſchweigend und that pünktlich ihre Pflicht. Die Ketten raſſelten, die Anker ſanken in die Tiefe und Alle ſtan⸗ den in athemloſer Erwartung des Erfolges. Ein Ruck, welcher einige Männer zu Boden warf, zeigte, daß die Anker Grund gefunden und ſich feſt gebiſſen hatten. Die bangen Geſichter heiterten ſich auf, und nur Ka⸗ pitän Briant fühlte ſein Herz noch keineswegs erleich⸗ tert. Das große Ankertau war ſo ſtraff geſpannt, wie eine Harfen⸗Saite, und keine fünf Minuten vergingen, ſo verkündete ein Knall, daß es zerriſſen ſei. Die klei⸗ neren Taue vermochten noch weniger Widerſtand zu leiſten, gleich Spinnenweben gaben ſie nach, und un⸗ aufhaltſam jagte die Brigg dem nahen Ufer zu, wie ein Renner, der nicht mehr vom Zügel ſeines Reiters zurückgehalten wird. Die Matroſen erkannten die Gefahr und warfen ihre Jacken ab, um im Augenblicke des Scheiterns nicht am Schwimmen gehindert zu ſein. Kapitän Briant aber griff in die Speichen des Steuerrades und lenkte das Schiff ſo, daß es gerade mit ſeinem Schnabel auf die Küſte auflaufen mußte. „Halten Sie ſich bereit, Oberſt! Aufgepaßt, mein lieber Francois,“ ſagte er,„der Augenblick der Kata⸗ ſtrophe iſt da!« Der Oberſt drückte ſeinem Knaben die Hand. »Muth! mein Sohn!“ rief er ihm zu.„Gott iſt bei uns auch in der äußerſten Gefahr.“ François erwiederte den Händedruck, fand aber keine Zeit, eine Antwort zu geben, denn eben jetzt ſchleuderten die Wellen das Schiff an den Strand, wo es mit einem heftigen Rucke aufſtieß und zugleich in 23 allen ſeinen Fugen krachte. Der Boden ſchwand den Geſcheiterten unter den Füßen. Vater und Sohn wur⸗ den von einander geriſſen, und mitten unter den Schiffs⸗ trümmern tauchten hie und da die Köpfe rüſtiger Schwimmer auf, welche mit Anſtrengung aller Kräfte dem nahen Rettungsufer zuruderten. Francois ſtieß im Schwimmen auf das Bruchſtück einer Schiffsplanke, umklammerte es mit beiden Hän⸗ den und hielt ſich krampfhaft daran feſt. Das Waſſer brauste, rauſchte und donnerte um ihn. Mehrmals ward er von einer Woge überfluthet, kämpfte ſich wie⸗ der empor, tauchte von Neuem unter, und fühlte ſchon ſeine Beſinnung ſchwinden, als plötzlich die Berührung des Landes ihm neuen Muth und neue Kraft einflößte. Seine Füße fanden Grund, eine Welle ſchleuderte ihn noch höher auf den Strand hinauf,— er ließ ſeine Planke fahren, und im nächſten Augenblicke fand er ſich geborgen auf dem Lande und in den Armen ſeines Vaters, welcher ſchon vor ihm das Ufer erreicht und François im entſcheidenden Momente, als eben eine rücklaufende Welle ihn wieder in's Meer reißen wollte, aus der Brandung gezogen hatte. „Gerettet! Dank dir, mein Gott,“ riefen Beide tief aufathmend, und genoſſen während einiger ſeligen Augenblicke die ganze volle Wonne des glücklichſten Wiederſehens. Dann aber löste der Oberſt die innige Umarmung, indem er ſich der Leidensgefährten erin⸗ nerte, welche, weniger glücklich, vielleicht noch um ihr Leben mit den Wellen kämpfen und ringen mußten. „Komm, Francçois!« ſprach er.„Wir müſſen ſehen, ob wir irgendwo Hülfe leiſten koͤnnen, wo ein anderer armer Schiffbrüchiger des Beiſtandes bedürftig iſt. Ich . 24 fürchte, nicht Alle haben, gleich uns, die rettende Küſte erreicht.“ Frangois war ſogleich bereit, die menſchenfreund⸗ lichen Abſichten ſeines Vaters zu unterſtützen. Er raffte ein Stück Tau vom Boden auf, wohin es die ſchäu⸗ mende Fluth geworfen hatte, und ging mit dem Ober⸗ ſten am Rande der Küſte entlang. Bald geſellten ſich noch einige andere glücklich dem naſſen Grabe Entron⸗ nene zu ihnen, und den vereinten Anſtrengungen Aller gelang es, noch vier oder fünf Menſchenleben dem beinahe ſicheren Untergange zu entreißen. Der Letzte, dem ſie Beiſtand leiſteten, war Kapitän Briant. Bei dem Scheitern des Schiffes hatte ihm eine ſtürzende Raa den linken Arm gelähmt, und er würde unzwei⸗ felhaft zu Grunde gegangen ſein, wenn es ihm nicht, wie Francois, gegluͤckt wäre, ſich an ein Trümmerſtück des Schiffes anzuklammern. Die Wellen trugen ihn dem Ufer zu, aber immer, wenn er den ſicheren Strand ſchon berührte, wurde er von der Brandung wieder zurückgeriſſen, weil er nicht Kraft genug hatte, höher hinauf an das Ufer zu klimmen. Das Erſcheinen der SFreunde machte dem verzweifelten Kampfe mit dem to⸗ benden Elemente ein Ende. Sie warfen ihm das eine Ende des Strickes zu, es gelang ihm, daſſelbe mit den Zähnen zu faſſen, er ließ die Planke fahren, ergriff das Tau mit der Rechten, und nun koſtete es nur noch eine geringe Anſtrengung, ihn vollends auf das trockene Land zu ziehen, wo er, auf's Aeußerſte erſchöpft, zu⸗ ſammenbrach. Erſt nach einigen Minuten gewann er Beſinnung und Sprache wieder. Mit einigen herzlichen Worten dankte er dem Oberſten für den ſo wirkſam geleiſteten 25 Beiſtand, und muſterte dann das kleine Häuflein der geretteten Mannſchaft. Ach nach wie Vielen ſuchte er vergebens. Nur eine geringe Zahl ſeiner Leute war den Fluthen entronnen, und der Tod hatte eine nur allzureiche Ernte gehalten. Sein Auge umflorte ſich. „Muth! Kapitän!« rief ihm der Oberſt zu, der ſeine Gedanken errieth.„Vielleicht ſind nicht Alle, die Sie vermiſſen, untergegangen, und wenn der Tag an⸗ bricht, wird ſich noch Mancher zu uns geſellen, der uns verloren glaubt, während wir doch rüſtig und am Leben ſind. Wenn es uns gelänge, ein Feuer anzu⸗ zünden, könnten ſogar noch während der Nacht Einige ſich einfinden.“ „Der Gedanke iſt gut,“ erwiederte der Kapitän mit etwas erheiterter Miene.„Friſch, meine Jungen, an's Werk! An Holz wird es nicht fehlen, da unſere arme Brigg den ganzen Strand mit ihren Trümmern beſäet hat, und Feuerzeug habe ich ſelbſt in meiner Taſche. Sucht einen Haufen Brennholz zuſammen, und wir, der Oberſt und ich, wollen indeß ein wenig dürres Reiſig ſuchen, um die Flammen gleich hübſch in Brand zu bringen. Munter, Kinder! Der Feuerſchein lockt wohl noch Einen und Anderen von unſeren Leuten in unſere Nähe.“ Die Mannſchaft zerſtreute ſich ſofort am Ufer, und brachte nach kurzer Zeit Holz genug herbei, um die ganze Nacht hindurch ein tüchtiges Feuer unterhalten zu können. Auch dürres Reiſig war in genügender Menge gefunden worden, und bald loderte eine mäch⸗ tige, glänzende Flamme auf, welche auf ſtundenweite Entfernung geſehen werden konnte. Außer daß ſie auf dieſe Art zum Wegweiſer diente, gewährte ſie auch noch die Annehmlichkeit, daß ſich die bis auf die Haut durch⸗ näßten armen Leute an ihr wärmen und trocknen konn⸗ ten. Dieß that ihnen ſehr wohl, denn die Luft war ziemlich kalt und überdieß durchfröſtelte der ſcharfe Nord⸗ oſtwind einen Jeglichen bis in das Mark der Knochen hinein. Um das lodernde Feuer gelagert, fühlten ſich Alle behaglicher und konnten mit einiger Ruhe und Beſonnenheit ſogar ſchon der Zukunft gedenken. Der Oberſt Dumourier warf zuerſt die Frage auf, was der Kapitän demnächſt für Maßregeln zu nehmen beabſichtige, und lenkte dadurch die Aufmerkſamkeit aller Uebrigen dieſem Punkte zu. Der Kapitän zuckte die Achſeln.. „Ich fürchte,“ erwiederte er—„daß ſich darüber im Voraus nichts beſtimmen läßt, ſondern daß wir uns müſſen von den Umſtänden leiten laſſen. Das Ein⸗ fachſte würde ſein, wenn wir an der Küſte entlang gingen, bis wir Algier erreichten, um uns dort mit unſeren Freunden und Landsleuten wieder zu vereini⸗ gen. Aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß wir in Feindes Land ſind und es daher ſchwerlich ohne Be⸗ läſtigung von Seiten der Araber durchſtreifen können. Das Beſte wäre, ein Boot zu bauen, und am Saume der Küſte entlang zu rudern. Aber dazu fehlt uns freilich nichts weiter, als Alles.“ „So möchte ich vorſchlagen,“ nahm der Oberſt das Wort:»wir ſuchten uns auf andere Weiſe ein Fahr⸗ zeug zu verſchaffen. Sie bemerkten ganz richtig, Ka⸗ pitän, daß wir uns in Feindesland befinden. Alſo trage ich nicht das mindeſte Bedenken, ein Boot zu nehmen, n wo ich es finde.« Alle Uebrigen ſtimmten dieſer Anſicht bei, und es 1 wurde beſchloſſen, mit Tagesanbruch aufzubrechen und in der Richtung nach Algier an der Küſte entlang zu marſchiren, bis man Gelegenheit gefunden haben wuͤrde, ſich in den Beſitz eines Bootes, oder ſonſt irgend eines brauchbaren Fahrzeuges zu ſetzen. Nachdem dieß feſt⸗ geſetzt war, lagerten ſich Alle um das Feuer herum, und verſuchten im Schlafe auf ein paar Stunden ihre hülfloſe Lage zu vergeſſen. Nur eine Wache blieb munter, um das Feuer zu ſchüren. Sie wurde von Stunde zu Stunde abgelöst, und die Nacht verg ing ohne weitere Störung, als daß noch einige Schiff⸗ brüchige eintrafen, welche von dem Scheine des Feuers geleitet, mit ihren Kameraden ſich wieder vereinigten. Als der Tag anbrach, zählte der Kapitän ſeine Mannſchaft. Die Hälfte beinahe von den Matroſen fehlte, und man mußte als traurige Gewißheit anneh⸗ men, daß ſie in den Fluthen ihr Grab gefunden hatten. Der Reſt beſtand aus ſiebzehn Mann, welche ſich be⸗ reitwillig wieder unter den Befehl des Kapitäns ſtell⸗ ten, obgleich ſie ſich nicht mehr an Bord des Schiffes befanden. Der in der Nacht vorgeſchlagene Plan, ein Boot zu ſuchen, wurde von Neuem angeregt und ge⸗ nehmigt, und die kleine Schaar ſetzte ſich in Bewegung. Kapitän Briant, Oberſt Dumourier und Frangois mar⸗ ſchirten an der Spitze, die Uebrigen folgten, nachdem ſie ſich, ſo gut es angehen wollte, mit Waffen ver⸗ ſehen hatten, welche die Truüͤmmer des geſcheiterten Schiffes ihnen lieferten. Einige von den Schiffbrüchi⸗ gen beſaßen noch ihre Meſſer, die Anderen mußten ſich mit tüchtigen Knütteln begnügen. Etwa eine Stunde Weges mochten ſie zurückgelegt haben, ohne eines lebenden Weſens anſichtig geworden 28 zu ſein, als François, der den Andern nur einige Schritte vorausgeeilt war, plötzlich ſtill ſtand, und mit dem Finger in die Ferne deutete. Einige leicht gebaute Hütten wurden in einer Vertiefung am Rande einer kleinen Bucht ſichtbar, welche ſich ſchmal in das Land hinein erſtreckte. Zwei, drei kleine Fiſcherboote lagen am Strande. Man hatte ſie ohne Zweifel auf das Land gezogen, um ſie vor den Wirkungen des Sturmes zu bewahren, aber es konnte nicht ſchwer halten, ſie von dem abſchüſſigen Ufer wieder in's Waſſer zu bringen. Der Sturm hatte ſich während der Nacht völlig gelegt, und obwohl die See außerhalb der Bucht noch ein wenig hoch ging, ſo brauchte man dennoch keine Gefahr zu fuͤrchten, wenn man ſich dem Waſſer wieder anvertraute, vorausgeſetzt, daß es überhaupt un⸗ ſeren Schiffbrüchigen gelang, ſich den Beſitz der Fiſcher⸗ boote zu ſichern. „Halt!“« ſagte der Kapitän, indem er ſtehen blieb und den Leuten winkte, ſich ruhig zu verhalten.„Ehe wir einen Verſuch machen, uns der Fahrzeuge zu be⸗ mächtigen, müſſen wir uns überzeugen, daß es ohne Gefahr geſchehen kann. Die Fiſcherhütten ſind ohne Zweifel bewohnt, und die Araber werden ſchwerlich ru⸗ hig zuſehen, wenn wir Anſtalt machen, ihre Boote zu nehmen. Ich ſchlage vor, wir verſtecken uns irgendwo, und warten den Einbruch der Nacht ab, um uns dann in die Nähe des Dorfes zu ſchleichen.“ Derr Oberſt ſtimmte dieſem Vorſchlage bei, denn es war leicht vorauszuſehen, daß es zu einem Kampfe mit den Bewohnern des Dorfes kommen müſſe, falls die: ſelben die Fremdlinge bemerkten. Der Ausgang eines ſolchen Kampfes aber war ſehr zweifelhaft, indem es 29 den Schiffbrüchigen an genügenden Waffen fehlte, und man that alſo jedenfalls beſſer, ihn zu vermeiden. Seit⸗ wärts, kaum fünf Minuten Weges vom Strande ent⸗ fernt, lag ein Gebuͤſch und nach kurzer Berathung wurde beſchloſſen, dort eine Zuflucht zu ſuchen, bis die wieder einbrechende Dunkelheit ein weiteres Vorrücken geſtatten würde. Man erreichte das Gehölz ohne Schwierigkeit, und fand es dicht genug, um ſich darin zu verbergen. Die Leute lagerten ſich am Rande einer Quelle, deren Waſſer nach der kleinen Bucht zu abfloß, und nur Frangois ſchlich bis an den Saum des Gehölzes, um von hier aus das Dorf und deſſen Umgebung zu be⸗ obachten. Zu dieſem Zwecke erkletterte er einen Baum, machte ſich einen Sitz auf den Zweigen zurecht und ließ ſeine ſpähenden Blicke nach der Richtung des Dor⸗ fes hinſchweifen. Dort war Alles ganz ruhig, und die Bewohner hatten augenſcheinlich keine Ahnung von dem kleinen Häuflein der Fremdlinge, welche, freilich ganz wider ihren Willen, in ihr Land eingedrungen waren. Frangois zählte ſiebzehn bis achtzehn Hütten, und im Verlaufe von zwei bis drei Stunden etwa vierzig Bewohner, von denen ein großer Theil mit langen Flinten und Yataghan's bewaffnet war. Nachdem er dieſe Beobach⸗ tungen angeſtellt hatte, kletterte er vom Baume wieder herunter und begab ſich in das Dickicht des Wäldchens zurück, um ſeinem Vater und Kapitän Briant Bericht abzuſtatten. „Demnach können wir alſo ſehr zufrieden ſein, daß wir hier ein Verſteck gefunden haben,“ ſagte der Ka⸗ pitän, als François ſeine Mittheilungen beendigt hatte. 30 „Da eine ſo anſehnliche Zahl von Bewaffneten ſich im Dorfe befindet, hätte es bei einem Verſuche, die Boote zu nehmen, ein blutiges Gefecht geben können, in wel⸗ chem wir ohne Zweifel den Kürzeren gezogen haben würden.“ „Gewiß war es nothwendig, eine ſolche Kataſtrophe zu vermeiden,“ ſprach der Oberſt nachdenklich.„Uebri⸗ gens bin ich ſehr verwundert über die verhältnißmäßig ſo große Anzahl von Kriegern in einem ſo kleinen Dorfe. Sollte man in dieſer Gegend eine Landung unſerer Schiffe befürchten? Dieß allein würde dieſen auffallenden Umſtand erklären können.“ „Es wird ſo ſein,“ erwiederte Kapitän Briant. „Wir dürfen nicht daran zweifeln, daß der Dey von Algier von der drohenden Annäherung unſerer Flotte unterrichtet iſt, und er wird die Aufſtellung von Küſten⸗ wachen an verſchiedenen Punkten ſeines Landes befoh⸗ len haben. Doch hoffe ich, daß wir deßhalb nichts zu befürchten brauchen, wenn wir uns nur ruhig verhal⸗ ten und bis zum Einbruch völliger Dunkelheit verbor⸗ gen bleiben.“ Dieſe Nothwendigkeit fühlte ein Jeder ſehr deutlich, und daher ließ man den Tag ruhig verſtreichen, ohne etwas vorzunehmen. Als ſich aber die Nacht dicht und dunkel über die Erde verbreitete, verließen Alle das Wäldchen, kehrten bis hart an den Saum des Meeres zurück, und ſchlichen nun am Ufer entlang der Bucht zu, wo die Boote auf dem Sande lagen. Alles ging gut von ſtatten, die Bewohner des Dor⸗ fes ſchienen im tiefſten Schlummer zu liegen, denn kein Laut wurde von da vernehmbar, und nicht der kleinſte Lichtſchimmer flimmerte durch die Finſterniß. Schon 31 hatten die rüſtigen Matroſen eines der Boote mit mög⸗ lichſter Vermeidung allen Geräuſches in's Waſſer ge⸗ ſchoben und gingen eben daran, auch das Zweite in See zu ſchaffen, als plötzlich ein lautes Hundegebell vom Dorfe her die tiefe Stille unterbrach, und unmit⸗ telbar darauf der Galopp eines Pferdes vernehmbar wurde. „ Sie haben eine Wache ausgeſtellt!“ flüſterte der Kapitän eiligſt ſeinen erſchreckten Leuten zu.„Kein Augenblick iſt zu verlieren! Wenn uns der Poſten bemerkt und Lärm ſchlägt, kommt die ganze Bande über uns. Rührt Euch, Burſche! Noch das zweite Boot in's Waſſer und dann hinein und fort, ſo raſch es eht.“ 3 Die Matroſen tummelten ſich, aber in der Eile ver⸗ gaßen ſie die nöthige Vorſicht und machten mehr Ge⸗ räuſch, als für ihre Sicherheit dienlich war. Ein Schuß knallte, eine Kugel pfiff über den Häuptern der Flüchtlinge dahin, und gleich darauf erſchallte vom Dorfe her ein lautes, vielſtimmiges Geſchrei. „Jetzt fort, ſo lieb Euch Euer Leben und Eure Frei⸗ heit iſt!« rief Kapitän Briant.»Die Schurken kom⸗ men ſchon den Strand herab!“ Eine letzte Anſtrengung, und auch das zweite Boot ſchaukelte auf dem Waſſer. Die Matroſen ſtürzten in wildem Getümmel hinein, um dem erſten Nachen zu folgen, welcher bereits vom Lande abgeſtoßen war; aber gerade ihre allzugroße Eile legte ihnen Hinderniſſe in den Weg. Kaum befanden ſich zwei Drittheile der Leute an Bord, als bereits die weißen Burnus der Araber durch die Dunkelheit ſchimmerten. Nun nahm die Verwirrung noch mehr überhand. Die Männer im 32 Boote vergaßen ſo ganz aller Beſonnenheit, daß ſie vom Lande abſtießen, ohne auf ihre noch am Strande befindlichen Kameraden zu warten. Einige von dieſen ſtürzten ſich in's Meer, um ſchwimmend dem Nachen zu folgen. Die Andern aber, noch fünf an der Zahl, unter ihnen Kapitän Briant und Oberſt Dumourier wurden von den Arabern ergriffen, und nach kurzem, vergeblichem Kampfe zu Boden geworfen und gefeſelt. Frangois war noch im letzten Augenblicke von ſei⸗ nem Vater gerettet worden, welcher ihn mit ſtarkem Arm ergriffen und in das Boot gehoben hatte, als daſſelbe gerade vom Ufer abſtieß. In der erſten Ver⸗ wirrung vergaß Francois ſich zu überzeugen, ob auch ſein Vater ihm gefolgt ſei. Als er ihn aber, ſchon zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, vergebens mit ſei⸗ nen Blicken ſuchte, ſtieß er einen Schreckensruf aus, und verlangte mit Ungeſtüm, daß man an die Küſte zurückkehren und den dort Gebliebenen Beiſtand leiſten ſolle. Aber ſeine Worte fanden kein Gehör. „Es wäre ja reine Tollheit, unſern Hals an das Meſſer der wilden Kerle zu liefern,“ gab man ihm barſch zur Antwort.„Denen drüben iſt doch nicht zu helfen, und ſo wollen wir uns wenigſtens in Sicher⸗ heit bringen.“ 1 „»Vater! Vater!“ ſchrie Francois nach dem Lande hinüber.„Um Gottes willen, Vater, gib Antwort! Lebſt du?« „ Ich lebe, mein Sohn,“ antwortete der Oberſt vom Ufer her,„Gott ſei Dank, daß du gerettet biſt. Der Himmel ſei mit dir und ſchütze dich!« »„Ihr hört Leute, mein Vater lebt,« wendete ſich Frangois von Neuem an die Matroſen.„Ihr werdet ½ 33 ihn und Euren Kapitän nicht feige in der Gefahr ver⸗ laſſen. Ein tapferer Angriff, entſchloſſen ausgeführt, kann ſie befreien! Ich beſchwöre Euch, kehrt um, und ich will mich an Eure Spitze ſtellen!“ „Unſinn!« rief eine rauhe Stimme.„Jeder mag ſehen, wie er ſich ſelbſt hilft! Rudert, Leute, damit wir von dieſer verrätheriſchen Küſte fortkommen!“ „Nun denn, ſo verzeihe Euch Gott!“ ſagte Francois. „Aber ich, ich theile das Schickſal meines Vaters!« Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er ſich über Bord in's Meer, ſchwamm dem Lande zu, erreichte das Ufer und warf ſich an die Bruſt des Oberſten, welcher einen ſchmerzlichen Ausruf nicht unterdrücken konnte. „Unglücklicher!« ſagte er vorwurfsvoll.„Konnteſt du mir nicht wenigſtens dieſen Kummer erſparen? Deine Gefangenſchaft wird meine eigenen Leiden ver⸗ doppeln!“ „Nein, Vater, nein,“ erwiederte Francois zärtlich. „Im Gegentheil, wir werden uns gegenſeitig tröſten und aufrichten, wenn wir jede Noth, jede Entbehrung und Gefahr mit einander theilen. Mein Herz trieb mich, ich konnte nicht anders, ich mußte dir folgen. Die Trennung von dir würde mich getödtet haben. Und wer kann ſagen, ob die feigen Flüchtlinge im Boote beſſer daran ſind, als wir? Der nächſten Gefahr ſind ſie freilich entronnen, aber welche andere Leiden mögen noch ihrer warten? Nein, zürne mir nicht, Vater! Ich konnte dich nicht allein in der Gefangenſchaft zu⸗ ruͤcklaſſen.“ Wie hätte der Oberſt der zäͤrtlichen Liebe ſeines Sohnes lange zürnen können? Dienſt um Dienſt. 3 34 „Nun denn, es kann nichts nützen, dir Vorwürfe zu machen, Francois!“ ſagte er.„Hoffen wir, daß Gott Alles zum Beſten lenkt! Armer Knabe! Noch ſo jung, mußt du ſchon die ſchweren Leiden der Ge⸗ fangenſchaft kennen lernen!“ „An deiner Seite fürchte ich ſie nicht, Vater!“ er⸗ wiederte Frangois.„Ich will lieber tauſendfache Lei⸗ den mit dir tragen, als von dir getrennt dein trauriges Schickſal beweinen.“ Die Araber machten dem Austauſche der Gefühle zwiſchen Vater und Sohn ein Ende, indem ſie Frangois wie die übrigen Gefangenen feſſelten, und dann die ganze kleine Schaar der Unglücklichen nach dem Dorfe führten, wo ſie von einander getrennt, und Jeder be⸗ 3 ſonders in eine der Hütten eingeſperrt wurden. Ob⸗ gleich man ſie ziemlich rauh und rückſichtslos behan⸗ delte, fügte man ihnen doch keine Mißhandl ungen zu, und ſie erhielten ſogar Jeder eine Schüſſel mit gekoch⸗ tem Reis und Waſſer zu Stillung ihres Hungers und Durſtes. Frangois wurde in einen Winkel der Hütte gewie⸗ ſen, in die man ihn brachte. Einige Krieger lagerten ſich um ihn her auf dem bloßen Fußboden, hüllten ſich in ihre weißen Burnus', zogen die Kaputzen derſelben über ihren Kopf, und ſchienen nach wenigen Minuten ſchon eingeſchlafen zu ſein. Der gefangene Knabe ſuchte ihrem Beiſpiele zu folgen, er lehnte ſich mit dem Rücken gegen die Ecke und es dauerte nicht lange, ſo ſenkte ſich der Schlaf auch auf ſeine Augenlider, und ſanfte Träume ließen ihn auf einige Stunden das Un⸗ glück ſeiner Gefangenſchaft vergeſſen. 35 Zweites Kapitel. Der Sohn des Häuptlings. Die aufgehende Sonne färbte den öſtlichen Himmel mit glänzenden Streifen, als die Arabere den Schlaf von ſich abſchüttelten, und ſich auf dem freien Platze inmitten der Zelte des Dorfes oder Duar's perſam⸗ melten. Hier wurde eine kurze Berathung abgehalten, und nach Beendigung derſelben führte man die Gefan⸗ genen herbei. Man theilte ſie in zwei Häuflein, und das Unglück wollte, daß bei der Theilung Frangois und ſein Vater von einander getrennt wurden. Doch ahnte Frangois noch nichts Böſes, bis endlich auch die Araber ſich in zwei Häuflein ſchieden, ihre Pferde beſtiegen, die Gefangenen in ihre Mitte nahmen, und Anſtalt machten, nach verſchiedenen Richtungen davon zu reiten. Jetzt erſt erkannte Francois die ſchreckliche Gewiß⸗ heit, daß man die Abſicht hatte, ihn von ſeinem Vater gänzlich zu trennen. In Verzweiflung darüber machte er ſich los, drängte ſich zwiſchen den Pferden der Ara⸗ ber hindurch und eilte zum Oberſten, den er mit bei⸗ den Armen umſchlang. „Sie wollen mich von dir reißen, Vater!“ rief er ſchmerzlich aus.„Aber eher will ich zu deinen Füßen ſterben, als von dir ſcheiden.“ Die Araber erhoben mittlerweile ein Geſchrei der Verwunderung, und Einige von ihnen kamen mit zor⸗ nigen Geſichtern herzu geeilt und riſſen mit rauher Hand und drohender Geberde Frangois von ſeinem Vater zurück. Der Knabe rang einige Augenblicke mit den wild blickenden Männern, und leiſtete den heftigſten Widerſtand. Schon zog ein Araber den Yataghan, und ſchwang ihn über dem Haupte des armen Knaben, als ganz unerwartet ein Beſchützer an ſeine Seite trat, und mit erhobenem Arme die Angreifer zurück winkte, indem er dazu einige Worte in ſeiner Sprache redete. Die Krieger, mit ihren grimmig ausſehenden, dunkel ge⸗ bräunten und bärtigen Geſichtern ließen ſofort von dem Angriffe ab, und Francois betrachtete, noch ſchwer ath⸗ mend von der Anſtrengung des Handgemenges, mit dankbarem Blicke ſeinen Retter. Er war überraſcht, in ihm einen Jüngling zu fin⸗ den, welcher kaum ein oder zwei Jahre älter ſein konnte, als er ſelbſt. Doch trug derſelbe einen koſtbareren Burnus, als ſeine übrigen Gefährten, und ſeine Waffen waren reich und prachtvoll mit Edelſteinen geziert. Dieſer Umſtand, verbunden mit der Unterwürfigkeit der anderen Krieger, ließ Francois leicht errathen, daß er den Häuptling, oder den Sohn eines Häuptlings irgend eines arabiſchen Stammes vor ſich ſehe. Sein Gefühl trieb ihn, dem freundlichen Beſchützer ſeine Dankbar⸗ keit zu bezeugen, und einer unwillkührlichen Regung folgend, ſtreckte er ihm die Hand entgegen. Der junge Araber wies ſie zwar mit einer ſtolzen Geberde zurück, doch war ſein Blick freundlich und ſein Mund lächelte. „Wer biſt du?« fragte er zu neuem Erſtaunen des armen Gefangenen in franzöſiſcher Sprache. Francois gab bereitwillig die geforderte Auskunft, und knüpfte die Bitte daran, daß man ihm geſtatten möge, ſeinen Vater zu begleiten. „Dieß kann nicht ſein, gab der junge Araber ſtrenge 37 zur Antwort.„Die Beute iſt getheilt, du mußt uns folgen.“ „Oh, mein edler Beſchützer,“ flehte Frangois,„wenn du ſelbſt einen Vater haſt, den du liebſt, ſo erhöre mich. Laß die Gefangenen noch einmal vertheilen, und reiße mich nicht von dem Herzen meines Vaters.“ „Es kann nicht ſein!« wiederholte der Araber. „Das Loos hat entſchieden. Aber ſei ruhig. Ich nehme Theil an dir und du wirſt gut behandelt wer⸗ den. Ich haſſe die Franzoſen nicht, wie meine Lands⸗ leute. Vielleicht ſpäter wirſt du deinen Vater wieder⸗ ſehen. Jetzt mußt du folgen, ohne Widerſtand zu leiſten!“ Dem armen Francois rollten Thränen über die bleichen Wangen, und er rang ſchmerzlich die Hände, als er ſehen mußte, daß mittlerweile die andere Ab⸗ theilung der Araber bereits ſeinen Vater und Kapitän Briant mit dem übrigen Gefangenen eine Strecke weit landeinwärts geführt hatten. Nur ein letztes Lebewohl konnten ſie einander noch zurufen, dann verſchwand der Trupp in einer Wolke von Staub, welcher unter den Hufen der Pferde aus dem Wüſten⸗Sande aufwirbelte. „Du ſiehſt, es iſt zu ſpät, noch einen Austauſch der Gefangenen vorzunehmen,“ ſagte der junge Araber zu dem troſtloſen Frangois.„Weigere dich alſo nicht län⸗ ger, gutwillig zu folgen. Man würde dich ſonſt bin⸗ den und mit Gewalt fortſchleppen müſſen. In dieſem Falle würde ich dich kaum vor den Mißhandlungen meiner Gefährten ſchützen können. Sei klug und er⸗ gib dich in das Schickſal, das Allah's Wille über dich verhängt hat.“ Frangois erkannte wohl, daß der Araber es freund⸗ 38 lich mit ihm meinte und ihm Güte zu bezeigen wünſchte. So ſuchte er denn ſeinen bitteren Schmerz über die Trennung vom Vater zu überwinden, und ſich der Nothe wendigkeit ohne längeren Widerſtand zu fügen. Noch einen letzten trauervollen Blick warf er der weiter und weiter in der Ferne verſchwindenden, kaum noch ſicht⸗ baren Staubwolke nach, und wendete ſich dann er⸗ gebungsvoll zu ſeinem Beſchützer. Du haſt Macht über mich,« ſagte er.„Befiehl,⸗ und ich werde gehorchen!“ 8 Wiillig folgte er ſodann dem jungen Araber, wel⸗ cher ſich auf ſein prachtvolles Pferd ſchwang, und dem Gefangenen Befehl ertheilte, ſich am Steigbügel feſt⸗ zuhalten. Durch dieſe Anordnung entging Frangois der Beläſtigung, gefeſſelt zu werden, wie ſeine beiden Gefährten, welche mit gebundenen Händen inmitten der NReeiiterſchaar einher gehen mußten. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung und verfolgte die Richtung nach dem Innern des Landes. Je weiter man vordrang, deſto mehr nahm die Ge⸗ gend den öden und troſtloſen Charakter einer baum⸗ und ſtrauchloſen Wüſte an. Nur dürrer Sand, wel chem kaum einige magere Gräſer und Stachelpflanzen entſproßten, deckte den Boden, und mehrere Stunden vergingen, ehe am Horizonte wieder einige Bäume, eine Gruppe ſchlanker, hochſtämmiger Palmen mit zier⸗ licher Wipfel⸗Krone, auftauchten. Der Morgen war heiß, den Stürmen der vergangenen Tage war voll⸗ kommene Windſtille gefolgt, kein Luftzug regte ſich, der Sand des Bodens erhitzte ſich unter den Strahlen der Sonne, welche vom tiefblauen, wolkenloſen Himmel er⸗ barmungslos auf die unbedeckten Häupter der Gefangenen 39 ihre glühenden Pfeile entſendete, und Francois fühlte bei dem ſchnellen Marſche bald ſeine Kräfte ſchwinden. Seine Füße brannten, ſeine Bruſt keuchte, und der Schweiß floß in Strömen über ſeine vor Erſchöpfung bleichen Wangen. „Muth,“ flüſterte ihm ſein Beſchützer zu.»Noch eine kurze Zeit halte aus. Jene Palmen in der Ferne ſind das Ziel unſeres Morgen⸗Marſches. Dort kannſt du dich erquicken und erholen. Ich darf dir nicht zu große Theilnahme bezeigen, ohne das Mißtrauen mei⸗ ner Gefährten rege zu machen. In meiner Heimath angelangt, wird es beſſer ſein.“« Der wohlwollende Zuſpruch des mitleidigen Jüng⸗ lings genügte, Francois zu neuer Anſtrengung anzu⸗ ſpornen. Er dankte durch einen jener innigen Blicke, welche ſelten verfehlen, ein freundliches Herz noch freundlicher zu ſtimmen, raffte ſeine ganze Kraft zu⸗ ſammen, und ſchritt noch eine gute Strecke neben dem Pferde her. Aber nun konnte er nicht weiter, ſeine Füße verſagten ihm den Dienſt und knickten unter ihm ein. „Ich ſterbe!« flüſterte er mit dem letzten Hauche der athemloſen Bruſt.„Ueberlaß mich meinem Schick⸗ ſale! Ich kann nicht mehr.“ „Nein, du ſollſt nicht in der Wüſte verſchmachten,“ erwiederte der junge Araber, als er die völlige Er⸗ ſchöpfung des armen Francois bemerkte.„Höre mich an! Setze deinen Fuß in meinen Steigbügel, wenn ich den meinigen herausziehen werde, klammere dich feſt an und fürchte nichts.“ Nach dieſer Weiſung rief er ſeinen Gefährten einige Worte in arabiſcher Sprache zu, und zog ſeinen Fuß aus dem Bügel. Francois gehorchte der empfangenen Weiſung, und umfaßte des Reiters ſchlanke Geſtalt. „Jetzt halte feſt!« flüſterte dieſer,— und plöͤtzlich einen lauten wilden Schrei ausſtoßend, ſchüttelte er die Zügel, ſtreckte den linken Arm aus, und wie ein Vogel durch die Lüfte flog ſein edles Roß, trotz der doppel⸗ ten Laſt über den Wüſten⸗Sand dahin. Zwei, drei andere Schreie hörte Francois noch gellend dem erſten folgen, dann verging ihm faſt die Beſinnung, und er fühlte nichts mehr, als das Wehen des Windes, der durch ſein lockiges Haar pfiff. Einige Minuten ſpäter und das ſchnellfüßige Roß hatte den ganzen Zwiſchen⸗ raum durchflogen, der es eben noch von den Palmen getrennt hatte. Nun ſtand es, und Frangois taumelte aus dem Steigbügel zu Boden. Der Fall war nicht gefährlich, denn der Boden war an dieſer Stelle mit einem weichen grünen Raſentep⸗ piche bedeckt, welcher die Gewalt des Sturzes brach. Francois richtete ſich auf, und ſah ſich im Schatten einer Palmengruppe in der Nähe eines Wüſten⸗Brun⸗ nens, über deſſen niedrigen Rand ein friſcher Waſſer⸗ quell ſtrömte, und den Boden auf eine ziemliche Strecke rings umher mit ſeiner fruchtbaren Feuchtigkeit tränkte. Sein Beſchützer ſchien ſich nicht mehr um ihn zu bekümmern, ſondern ſprach mit drei andern Arabern, welche faſt zu gleicher Zeit mit ihm bei der Quelle angelangt waren. Seine ſchwarzen Augen funkelten dabei, und in ſeiner ſtolzen Miene prägte ſich ein wil⸗ der Triumph aus, indem er den Hals ſeines herrlichen Renners ſtreichelte und liebkoſend den Kopf deſſelben an ſeine Bruſt druͤckte. Die Geſichter der andern Araber zeigten Verdruß, 41 und mit den Händen fochten ſie wild in der Luft. Doch galt ihr Zorn und Aerger jedenfalls nicht dem Gefangenen, den ſie nicht einmal eines Blickes wür⸗ digten. Sie mochten verdrießlich darüber ſein, daß ihr junger Anführer ihnen im Wettlaufen den Rang ab⸗ gewonnen hatte, obgleich ſein Pferd eine doppelte Laſt tragen mußte. Mittlerweile langte der Reſt der Schaar an, und die Krieger lagerten ſich um den Brunnen, ohne ſich weiter um ihre frei umherlaufenden Pferde zu beküm⸗ mern. Ein Gedanke an Flucht tauchte in Frangois auf. Bei der gänzlichen Sorgloſigkeit der Araber konnte es nicht ſchwer ſein, eines dieſer prächtigen Roſſe zu beſteigen und wie ein Blitzſtrahl davon zu fliegen. Aber ein anderer Gedanke verdrängte ſchnell dieſen erſten. Geſetzt auch, es gelang ihm, die Araber zu täuſchen und ſelbſt ihrer Verfolgung zu entgehen! Was denn? Wenn er nicht in der Wüſte aus Man⸗ gel umkam, ſo mußte er bei ſeiner völligen Unkenntniß des Landes fruͤher oder ſpäter wieder irgend einem an⸗ dern arabiſchen Stamme in die Hände fallen, und es war erſt ſehr die Frage, ob er dann auch wieder einen theilnehmenden freundlichen Beſchützer fand, wie er ihn in dem jungen Häuptlinge gefunden hatte. Nein, das Klügſte war, ſich für jetzt in das Unvermeidliche zu fügen, und alle Hoffnung auf die Zukunft zu ſetzen. Dieß that Francois und verhielt ſich ruhig. Nach einiger Zeit warf man ihm und ſeinen zwei Mitgefangenen ein paar Hände voll Reis und Datteln zu, und geſtattete ihnen, ſich an dem Genuſſe des fri⸗ ſchen Brunnen⸗Waſſers zu erquicken. Darauf überließ ſich Alles der Mittagsruhe im Schatten der Palmen, unnd auch Francois gab ſich, wie die Uebrigen, dem Schlafe hin, der ihn allmählig beſchlich. Erſt mit Sonnen⸗Untergang nahm die Sieſta ein Ende. Der junge Häuptling gab das Zeichen zum Aufbruch, die Araber lockten ihre Roſſe herbei, ſchwan⸗ gen ſich in die Sättel, nahmen, wie am Morgen, die Gefangenen in die Mitte und drangen von Neuem weiter in das Innere des Landes vor. Erſt nach drei Stunden wurde wieder Halt ge⸗ macht, dießmal an einem Bache, welcher von einigen nahe gelegenen Bergen, deren dunkle Umriſſe ſich von dem hellen Sternenſchimmer des Himmels deutlich ab⸗ hoben, herabzuſtrömen ſchien. Mancherlei Vorbereitun⸗ gen für die Nacht wurden getroffen. Man holte Holz aus einem nahe gelegenen Walde, und ſchichtete es in Haufen rings um das Lager. Inmitten dieſer Haufen wurden die Pferde angekoppelt und die Gefangenen untergebracht. Jeder Araber lagerte ſich bei ſeinem Roſſe, bis auf zwei, welche Wache halten und die an⸗ gezündeten Holzhaufen im Brande erhalten mußten. Das Letztere geſchah unzweifelhaft zum Schutze gegen die wilden Thiere, deren dumpfes Gebrüll von Zeit zu Zeit drohend genug, wenn auch aus weiter Ferne ver⸗ nehmbar wurde. Frangois beunruhigte ſich indeß nicht ſonderlich darüber. Das Gefühl der Trauer über die Trennung von ſeinem Vater ließen Furcht und Schrecken in ſei⸗ ner Seele nicht aufkommen. Seinen Lagerplatz fand er an der Seite des jungen Häuptlings, welcher ſich auch jetzt wieder freundlich gegen ihn erwies; indem er ihm eine Hand voll Datteln reichte. „Iß und ſchlafe, Fremdling,“ ſagte er dann.„Wenn 4³ der Schlummer das Auge ſchließt, ſchließt er auch die Pforte des Unglücks, und öffnet dagegen das himm⸗ liſche Thor der Träume. Schlafe, und Allah möge über dich wachen!“ Francois ſchlummerte wirklich ein, und wurde erſt gegen Tagesanbruch durch ein furchtbares Gebrüll ganz in ſeiner Nähe wieder aufgeweckt. Wie Rollen des Donners, dumpf und dröhnend hallte dieſes Gebrüll über die Ebene, und ſchreckte die ſchlafenden Krieger von ihrem Lager empor. Sie griffen nach ihren Waf⸗ fen und warfen ängſtliche Blicke um ſich her. Die Wachtfeuer brannten noch, aber nur ſchwach. Dagegen lichtete bereits ein ſchwacher Dämmerſchein des nahen Morgens die dunkeln Schatten der Nacht, und bei dieſem ungewiſſen Lichte konnte Frangois die Umriſſe eines majeſtätiſchen Löwen erkennen, welcher ſeine, wie feurige Kohlen glühenden Augen auf die erſchrockenen Krieger gerichtet hielt. Dieſe athmeten kaum. Keiner wagte ſein Gewehr auf den Löwen abzudrücken, denn Jeder wußte, daß der Tod Einiger von ihnen unvermeidlich war, wenn die entſendete Kugel nicht augenblicklich, wie ein Blitz⸗ ſtrahl das gewaltige Thier zu Boden ſtreckte. Sie kannten aus langer Erfahrung die Gewohnheiten des Königs der Wüſten. Eine leichte Wunde ſchreckt ihn nicht, ſondern reizt nur ſeinen Grimm. So ſtanden ſie Alle regungslos wie Bildſäulen, und erwarteten mit Zittern die nächſte Bewegung des Löwen. Einige ſchreckliche Augenblicke hindurch regte das Thier kein Glied, ſondern wedelte nur leicht mit dem buſchigen Schweife, und ſtarrte unverwandt ſeine Gegner an. Plötzlich duckte er ſich— ein mächtiger Satz, und die ganze Wucht ſeines Körpers ſtürzte ge⸗ gen den jungen Haͤuptling und warf ihn zu Boden. Im Fallen entlud ſich deſſen Gewehr, aber ohne den Löwen zu treffen, welcher jetzt ſeine breite Vordertatze auf die Bruſt des Niedergeworfenen ſtemmte, und dumpf brüllend den Kopf gegen die übrigen Feinde wendete, gleichſam als ob er fragen wollte: Wer von Euch Allen hat den Muth, mir meine Beute zu entreißen? Keiner hatte dieſen Muth, tödtliches Entſetzen ſchien die Krieger gelähmt zu haben, und auch nicht Einer von Allen wagte es, die Büchſe auf das grimmige Thier abzufeuern, aus Furcht, die Wuth deſſelben auf die eigene Perſon zu lenken. Da erhob ſich Frangois. Sein tapferes und un⸗ erſchrockenes Herz trieb ihn an, ſeinem Beſchützer zu Hülfe zu kommen und ihm durch eine kühne That ſeine Dankbarkeit zu beweiſen. Er raffte ein Gewehr vom Boden auf, das, im erſten Schrecken über den Angriff des Thieres, den Händen eines Kriegers entfallen war, erhob die Mündung gegen das mächtige Haupt des Löwen und zielte mit ſteter Hand. Der Löwe folgte jeder ſeiner Bewegungen mit flammenden Blicken. Ein wildes Gebrüll erſchütterte die Lüfte,— er duckte ſich von Neuem zum Sprunge, ohne weiter des bereits nie⸗ dergeworfenen Feindes zu achten, und jetzt, in demſel⸗ ben Momente, wo der Sprung geſchehen ſollte, brach ein Feuerſtrahl aus der Mündung des Gewehrs, mit dem Knall der Flinte vermiſchte ſich ein kurzes, gräß⸗ liches, markerſchütterndes Geheul und ein dumpfes Dröhnen folgte, wie vom Sturze eines ſchweren Kör⸗ pers auf den Boden. Wer war gefallen? Der Löwe oder der Menſch? 45 Einen Augenblick blieb es zweifelhaft, denn der Blitz des Pulvers hatte die Augen der entſetzten Zu⸗ ſchauer geblendet. Plötzlich aber erſcholl ein allgemeiner Freudenſchrei,— Frangois ſtand feſt und ſicher da, den Arm auf die Mündung des Gewehres geſtützt, und zu ſeinen Fuͤßen zuckten im letzten Todeskampfe die Rieſenglieder des erlegten furchtbaren Feindes. Auch der junge Häuptling erhob ſich jetzt von ſei⸗ nem Falle. Er war bleich und athmete ſchwer, aber ſeine leichten Bewegungen zeigten, daß er keineswegs verletzt war. Er nahm zunächſt die ſeinen Händen ent⸗ fallene Büchſe vom Boden auf, und näherte ſich dann Frangois, welchem er mit freundlichem Lächeln die Hand hinſtreckte. „Ich danke dir!“ ſagte er.„Du haſt mein Leben gerettet, und deine Tapferkeit wird nicht vergeſſen wer⸗ den. Du und Abdul müſſen Freunde ſein von dieſer Stunde an.“ Frangois erwiederte den warmen Händedruck des Jünglings. „Ich bin glücklich darüber, daß ich dir Beiſtand lei⸗ ſten konnte,“ entgegnete er.„Darum danke mir nicht. Aber wenn du gütig ſein willſt, ſo nimm dich meiner gefangenen Kameraden an.“. „Es wird geſchehen,“ antwortete Abdul.„Die Freunde des Löwen⸗Tödters ſtehen unter meinem Schutze.“ Auf einige Worte, die er hierauf zu ſeinen Gefähr⸗ ten in arabiſcher Sprache ſagte, wurden augenblicklich die Arme der Gefangenen von ihren Feſſeln befreit, ohne daß ein Zeichen von Unwillen merkbar geworden wäre. Im Gegegentheil ſchien die kühne That des jungen Franzoſen ihm die Achtung und Zuneigung aller arabiſchen Krieger gewonnen zu haben. Sie drückten Frangois die Hand, riefen ihm Worte zu, die unzwei⸗ felhaft ein Lob ſeiner Tapferkeit ausdrücken ſollten, und betaſteten ſeine Arme, deren noch jugendliche Muskeln ſchon ſolche eiſerne Feſtigkeit bewährt hatten. Hierauf wendete ihre Aufmerkſamkeit ſich auch dem erlegten Löwen zu, und ſie bewunderten mit lauten Ausrufungen und lebhaften Geberden den glücklichen Schuß, der ihn zu Boden geſtreckt hatte. Die Kugel war gerade zwi⸗ ſchen den Augen in die Stirne eingedrungen, und hatte dem Thiere den Schädel zerſchmettert. Der Tod mußte faſt augenblicklich im Momente des Sprunges erfolgt ſein, denn nur eine letzte krampfhafte Anſtrengung konnte den ſchweren Körper des Thieres fünfzehn Fuß weit bis zu den Füßen ſeines Beſiegers geſchleudert haben, wo er kraftlos zuſammengebrochen war. Alle ſtaunten das mächtige Thier an, befühlten ſeine Mähnoe, die gewaltigen Knochen, die furchtbaren Pran⸗ ken, deren Klauen eine Länge von mehr als drei Zoll hatten, und prieſen Allah, daß ſie nicht von dieſen ſcharfen Klauen zerriſſen, nicht von den langen Zähnen des mächtigen Rachens zerfleiſcht und zermalmt worden waren. Manches Triumphgeſchrei über den gefallenen Feind ertönte, bis man endlich daran ging, ihm die Haut abzuſtreifen, welche mit allen Zeichen der Achtung dem Sieger zu Füßen gelegt wurde. Aber Francois nahm ſie nicht, ſondern ſchenkte ſie Abdul. „Nimm du die Trophäe,“ ſagte er zu ihm—„und möge ſie dir als ein Andenken an die glücklich über⸗ ſtandene Gefahr gelten.“ Abdul nahm das Geſchenk an, und erwiederte freund⸗ lich:„Sie wird mich daran erinnern, wer mein tapferer Retter war. Ich werde es niemals ver⸗ geſſen!“ Mittlerweile war längſt der helle Tag angebrochen, und Abdul gab das Zeichen zum Aufbruch. Die Lö⸗ wenhaut wurde über ſein Pferd gebreitet und er ſchwang ſich in den Sattel. Die Uebrigen folgten ſeinem Bei⸗ ſpiele, bis auf einen der Krieger, welcher Francois ſein Pferd vorführte, und durch eine Geberde ihn einlud, es zu beſteigen. François zögerte, von dieſer Höflich⸗ keit Gebrauch zu machen. „Beſteige das Thier, mein Freund,“ rief ihm Abdul zu, der ſeine Unſchlüͤſſigkeit bemerkte.„Osman iſt mein Sklave, und weiß, was er dem Lebensretter ſei⸗ nes Gebieters ſchuldig iſt. Er wird mit den beiden Gefangenen folgen, unſere Heimath iſt nicht mehr fern.“ Nach dieſen Worten ſträubte ſich Francois nicht länger. Leichten Schwunges ſaß er im Sattel, ergriff die Zügel, und tummelte das edle Roß in einer Weiſe, welche nicht minder, wie die ſichere Handhabung der Büchſe, die Bewunderung der Araber erregte. „Du biſt ein guter Reiter, mein Freund,“ ſagte Abdul zu ihm.„»Du wirſt einſt ein vollkommener Krie⸗ ger werden.“ Das freundliche Schmeichelwort übte eine andere Wirkung auf Francois aus, als Abdul erwartet haben mochte, denn anſtatt heiter ſtimmte es ihn traurig, und dämpfte die Freude über den glücklichen Schuß auf den Löwen, weil es ihn an ſeinen tapferen, leider aber auch gefangenen Vater erinnerte. Ein Seußzer ſchwellte ſeine Bruſt und ſein Auge blickte trübe. 48 „An was denkſt du?« fragte Abdul raſch, als er die Wirkung ſeiner ſo wohlgemeinten Worte bemerkte. „An meinen Vater!“ antwortete Francois.„»Er war ein tapferer Krieger, und wo iſt er jetzt?« „Ich begreife deine Betrübniß,“ ſagte Abdul.„Aber ſei ruhig! Der Tag wird kommen, wo du ihn wieder⸗ ſiehſt.« „Wie ſollte das geſchehen?“ erwiederte Francois nicht ohne Bitterkeit.„Wir ſind Beide Sklaven, und Jeder muß einem anderen Herrn dienen.“ „Nicht du! mein Freund,“ entgegnete Abdul mit ſanftem Vorwurfe.„Der Retter meines Lebens, wenn auch Gefangener, wird nie ein Sklave ſein und Skla⸗ vendienſt verrichten. Habe Geduld und vertraue mir. Meine Heimath iſt nicht mehr fern und in wenigen Stunden, ſo hoffe ich, wirſt du nicht minder frei ſein, als der Adler, der ſich auf, glänzenden Schwingen hoch in den Lüften wiegt. Doch nicht ich, ein Höherer hat darüber zu entſcheiden. Aber fürchte nichts, der Scheikh unſeres Stammes iſt mein Vater, und du haſt ſeinen einzigen Sohn den Klauen des Löwens entriſſen. Alſo ſei getroſt und erheitere dein Herz! Mit dem Tapferen iſt Allah, und Er wird auch wachen über das Haupt deines Vaters.“ Dem liebreichen Zureden Abduls gelang es, Frangois in beſſere Stimmung zu verſetzen, und die düſteren Wolken von ſeiner Stirn zu zerſtreuen. Er blickte wie⸗ „ der hoffnungsreicher in die Zukunft, und der ſchnelle Ritt auf behendem Roß über die weite Ebene verlieh ſeinen Nerven friſche Spannkraft. Wenige Stunden nach dem Aufbruche aus dem Nachtlager hielt Abdul ſein Pferd auf einer Anhöhe an 49 und deutete in die Ferne. Eine heitere Landſchaft in friſchem Grün prangend und von einigen Bächen, gleich⸗ wie von Silberfäden durchſchnitten, breitete ſich vor Francois aus. Im Hintergrunde am Fuße einer Hü⸗ gelkette, lag ein Haufen von Zelten, deren weiße Lein⸗ wand glänzend herüber ſchimmerte. „Dort iſt der Duar(das Dorf) meines Vaters, des Scheikh⸗al Arab ben Ganah,« ſagte Abdul.„Wir werden ihm willkommen ſein. Eilen wir, mein Freund, ihn zu begrüßen!« Ein Schrei, den er ausſtieß, ſchien ſeinem Pferde Flügel zu verleihen. Wie der Sturmwind brauste es über die Ebene, und Frangois hatte Mühe, an Abduls Seite zu bleiben. Nach weniger als einer halben Stunde war aber auch die Entfernung bis zu dem Duar zurückgelegt, und vor einem der ſtattlichſten Zelte, vor deſſen Eingange ein Lanze, mit einem Wimpel an der Spitze, aufrecht in der Erde ſteckte, ſprang Abdul aus dem Sattel. „Warte ein wenig, mein Freund,“ ſagte er zu Francois.„Mein Vater iſt im Zelte. Ich muß mit ihm reden, und bald wird dein Schickſal entſchieden ſein.« Mit dieſen Worten verſchwand er im Zelte. Frangois ſtieg von ſeinem Pferde ab, lehnte ſich an den Sattel deſſelben, und harrte geduldig der Rückkehr ſeines Be⸗ ſchutzers. Die Unterredung deſſelben mit ſeinem Vater dauerte eine geraume Zeit, und alle übrigen Krieger hatten ſchon längſt ebenfalls den Duar erreicht, als endlich Abdul an der Seite eines hohen, ſchlanken, ſtattlichen Mannes mit ernſten Geſichtszügen und langem Dienſt um Dienſt. 4 6 — 50 Barte wieder aus dem Zelte trat, und mit freude⸗ ſtrahlenden Augen auf Francois zuging. „Siehe, dieß iſt mein Vater!“ ſagte er.„Er war gütig gegen mich und erhörte meine Bitte. Du biſt frei, und wenn du in unſer Zelt eintrittſt, ſo biſt du als theurer Gaſtfreund willkommen!“ Francois verneigte ſich tief vor dem Scheikh, wel⸗ cher zum Zeichen ſeiner Würde einen rothen, mit Seide geſtickten Burnus trug. Der Scheikh betrachtete ihn einige Sekunden lang mit mehr ernſtem, als wohlwol⸗ lendem Blicke, doch gewann endlich eine gewiſſe Freund⸗ lichkeit die Oberhand, und er reichte dem Schuͤtzlinge ſeines Sohnes die Hand. „Du biſt willkommen,“ ſagte er in ſeiner Sprache. „Der Segen Allah's ſei mit dir! Wir ſind Freunde!“ Abdul verdolmetſchte Frangois dieſe Worte, Frangois verbeugte ſich nochmals, um ſeine Dankbarkeit für den ihm zu Theil gewordenen Empfang auszudrücken, und wurde dann von Abdul in das Innere des Zeltes ge⸗ führt, während der Scheikh zu den übrigen zurückgekehr⸗ ten Kriegern trat und eine lebhafte Unterredung mit ihnen begann. Vermuthlich genügte ihm die Erzählung ſeines Soh⸗ nes noch nicht, und er ließ ſich noch näheren Bericht über das Abentheuer mit dem Löwen und der Gefan⸗ gennahme der Franzoſen abſtatten. Mittlerweile nahmen Abdul und Frangois auf wei⸗ chen Kiſſen im Zelte Platz, welche auf Teppichen, die den Fußboden bedeckten, ausgebreitet lagen. Auf einen Wink Abduls wurde eine große Schuſſel mit Cuscuſſu gebracht, das Lieblingsgericht der Araber, und über⸗ 51 haupt das Beſte, was ſie ihren Gäſten vorſetzen kön⸗ nen. Es beſteht aus Weizenmehl, welches, mit Waſſer angerührt, eine Art Graupen bildet, und mit Butter und etwas Gewürz in einem Gefäße mit ſiebartigem Boden über einem Topfe gekocht wird, in welchem ein Huhn brodelt. Die vom Letzteren aufſteigenden Dämpfe durchdringen die Graupen, und das Ganze wird zu gleicher Zeit gahr. Das gekochte Huhn bedeckt man hierauf mit den Graupen, bis das Ganze eine kleine Pyramide bildet, und in dieſer Form wird ſodann das wohlſchmeckende und zugleich nahrhafte Gericht ver⸗ ſpeist. Abdul und Francois ſtärkten ſich nach dem Morgen⸗ ritte, indem ſie die Schuͤſſel in ihre Mitte nahmen, und nach arabiſcher Sitte, mit bloßen Händen ſchweigend davon aßen. Dann wurde Waſchwaſſer gebracht, ſie wuſchen und trockneten ihre Hände, und nun erſt be⸗ gann Abdul ein Geſpräch. „Du ſiehſt, mein Bruder,« ſagte er,„daß ich dir nicht zuviel verſprochen habe. Darum laß die Trau⸗ rigkeit nicht wieder von deinem Herzen Beſitz nehmen, ſondern freue dich und blicke mit hellen Augen in die Zukunft.“ Francois ſchüttelte den Kopf.„Gewiß, ich danke dir für die Beweiſe deiner treuen Freundſchaft,“ er⸗ wiederte er,—„aber wie ſoll ich mich freuen und leichten Herzens ſein können, da ich nicht weiß, welches Schickſal meinen Vater betroffen hat. Könnteſt du fröhlich ſein und lachen, wenn du deinen Vater in der Gewalt grauſamer und erbitterter Feinde wüßteſt? Ver⸗ zeihe mir, Abdul, wenn meine Lippe nicht lächelt. Nicht 4* 52 an mich denke ich, ſondern nur an das traurige Loos meines Vaters.“ „Ich beklage es mit dir,“ ſagte Abdul in herzlichem Tone.„Aber es iſt nicht zu ändern, und in das Un⸗ abänderliche ſoll der Menſch in Ergebung ſich fügen. Seinem Schickſale kann Niemand ausweichen.“ „Aber du weißt ohne Zweifel, wohin deine Gefährten meinen Vater geſchleppt haben. Ich bitte dich, ver⸗ hehle mir nichts, ſondern gib auch mir Kunde davon. Wenn es mäöglich iſt, werde ich ihm folgen und ent⸗ weder ihn retten, oder mit ihm untergehen.“ Abdul machte eine ausdrucksvolle, abwehrende Be⸗ wegung mit der Hand.„Es iſt unmöglich, jetzt etwas zu thun,“ entgegnete er.„Die Gefangenen und mit ihnen dein Vater, werden nach Algier geführt, um in den Gefängniſſen des Dey die Entſcheidung unſeres Oberhauptes zu empfangen. Doch tröſte dich, Freund! Ich glaube nicht, daß man ihnen viel Böſes zufügen wird. Abderrahman, der Führer jenes Zuges, iſt mein Freund. Mich rührte deine Liebe zum Vater, und wenn ich dieſen auch nicht zurückfordern konnte, ſo bat ich doch Abderrahman, ihn nicht mit unnützer Grauſamkeit zu behandeln. Er hat meine Bitte gehört und ſie bewilligt.« „Oh, ich danke dir! Danke dir tauſend Mal mehr für das, was du meinem Vater Gutes gethan, als mir,“ rief Frangois aus.„Aber ſei gütig, mein Freund! Thue noch etwas für ihn und für mich! Oeffne die Thür ſeines Kerkers, und verlange dafür mein Leben.“ „Dieß iſt unmöglich,“ erwiederte Abdul.„Der Dey iſt allmächtig in ſeiner Hauptſtadt, und ſelbſt der Scheikh, mein Vater, obgleich er in hoher Achtung bei dem V b 53 Beherrſcher des Landes ſteht, könnte jetzt keine Gnade für die Gefangenen erwirken, ſondern würde nur den Unwillen des Dey auf ſein Haupt ziehen. Zu jeder anderen Zeit wäre es eher thunlich geweſen, aber du vergißt, mein Bruder, daß dein Volk unſerem Beherr⸗ ſcher den Krieg erklärt hat. Für einen Franzoſen Gnade verlangen, würde heißen: ‚Das eigene Haupt auf den „Block legen, und den Nacken dem Säbelſtreiche des Scharfrichters bieten Das kann nicht ſein. Mein Vater verabſcheut dein Volk, ſo wenig, als ich, denn meine Mutter ſtammt aus deinem Lande, und er liebte ſie als ſein treues Weib.— Dennoch wird er es nicht wagen, dem Zorne des Dey zu trotzen.“ „Aber kann denn nichts, gar nichts für meinen Va⸗ ter geſchehen?« fragte Francçois ſchmerzlich. „Nichts!« entgegnete Abdul entſchieden.„Wenig⸗ ſtens nichts jetzt. Aber hoffe auf die Zeit. Der Tag kann nicht mehr ferne ſein, welcher über das Schickſal deines und meines Volkes entſcheidet. Wir wiſſen, daß eine Flotte aus Frankreich auf dem Wege nach Algier iſt. Sie wird landen und ein heftiger Kampf muß entbrennen. Warten wir den Ausgang deſſelben ab. Bleiben wir Sieger, wie ich zu Allah hoffe, ſo iſt der Grimm des Dey verflogen, und er wird vielleicht ſein Ohr der Fürbitte meines Vaters leihen. Im andern Falle aber ſollte es durch den Willen Allah's deinen Landsleuten gelingen, Algier zu erſtürmen, ſo wird dein Vater befreit werden ohne un⸗ ſer Zuthun. Darum habe Geduld und betrübe mich nicht, indem du Unmögliches forderſt.“ „Aber wie lange wird es dauern, bis die Kunde 54 von den bevorſtehenden Ereigniſſen bis hierher tief in das Innere des Landes gelangt?« Abdul blickte ſtolz auf.„Meinſt du, wir würden ruhig hier warten und die Hände in den Schooß legen, während der Feind mit Macht wider uns andrängt?« entgegnete er.„»Mit jeder Stunde kann die Nachricht kommen, daß die Flotte deiner Landsleute vor Algier erſchienen iſt, und dann werden wir Alle die Roſſe be⸗ ſteigen und zum Kampfe eilen.“ „Und ich, was wird mit mir geſchehen?“ rief Frangois. „Du biſt ſicher unter den Zelten meines Stammes, denn dein Haupt iſt geheiligt durch die Gaſtfreund⸗ ſchaft,“ lautete die Antwort. „Nein, nein, ich werde nicht bleiben, Abdul!“ ent⸗ gegnete François mit Lebhaftigkeit.„Die Ungeduld würde mich verzehren. Du ſagſt, ich ſei frei, wie die Wolke, die am Himmel zieht, wohlan, ſo geſtatte, daß ich meine Freiheit benutze!« „Du ſprichſt ohne Ueberlegung, mein Bruder,“ er⸗ wiederte Abdul ruhig.„Viele Tauſende tapfere Krie⸗ ger aus allen Stämmen des Landes werden nach Al⸗ gier ziehen, und ihr Haß gegen die Fremdlinge iſt ſo groß, daß ich fürchten muß, ſelbſt meine Freundſchaft werde nicht ausreichend ſein, dich vor ihnen zu ſchützen. Hier biſt du ſicher. Dort in ſteter Gefahr.“ „Ich fürchte ſie nicht! Ich fürchte keine Gefahr, wenn ich nur in die Nähe meines Vaters gelangen kann,“« entgegnete François mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen.„Und dann, was hindert mich, mein Geſicht zu bräunen und die Tracht deines Stam⸗ 55⁵ mes anzulegen? Man wird mich nicht als einen Fremden erkennen.“ „Das erſte Wort aus deinem Munde würde dich verrathen, denn du ſprichſt nicht die Sprache unſeres Landes.“ „Ich werde gar nicht ſprechen, und du, Abdul wirſt deinen Landsleuten ſagen, daß ich ſtumm bin. Wer darf daran zweifeln?« Abdul dachte über den Vorſchlag ſeines Gaſtfreun⸗ des nach, und ſeine ernſthafte Miene erheiterte ſich ein wenig. „Es könnte gehen, vielleicht,“ ſagte er.„Doch muß ich zunächſt mit meinem Vater darüber ſprechen, und dieſer wiederum muß die Krieger unſeres Stam⸗ mes fragen, ob ſie das Geheimniß bewahren wollen. Sie kennen dich, und keine Verkleidung würde ſte täu⸗ ſchen können. Ihrer Verſchwiegenheit müſſen wir ſicher ſein, wenn dein Plan gelingen ſoll. Francois begnügte ſich vorläufig mit dem Ver⸗ ſprechen Abduls, und dieſer benutzte die nächſte Ge⸗ legenheit, den Wunſch des Freundes ſeinem Vater mit⸗ zutheilen. In Folge deſſen fand eine Beſprechung mit den Kriegern ſtatt, und ſchon am nächſten Tage erfuhr Francois zu ſeiner Freude von Abdul, daß er ſich dem Kriegszuge nach Algier anſchließen dürfe. Nur könne man nicht geſtatten, daß er die Stadt betrete, und es bleibe daher ihm ſelbſt überlaſſen, Mittel und Wege zu finden, zu ſeinen Landsleuten, den Franzoſen zu ge⸗ langen. Hiezu ſei ihm vollkommene Freiheit gegeben. Frangois vernahm mit Entzücken dieſe Entſcheidung; nur dauerte es ihn, daß die mit ihm gefangenen beiden Matroſen zurückbleiben ſollten. Er wagte auch für ſie 56 um Freiheit zu bitten, aber dieß Anſinnen wies Abdul mit Enkſchiedenheit zurück. „Verlange nicht das Unmögliche, mein Freund!« ſagte er ernſt.„Gegen den Retter meines Lebens konn⸗ ten wir nicht undankbar ſein, aber Jene ſind als Feinde in unſer Land gekommen, und das Schickſal hat ſte in unſere Hände geliefert. Auch haben wir, mein Va⸗ ter und ich, kein Recht an ſie. Sie ſind Sklaven und das Eigenthum unſerer Krieger. Nur ein Löſegeld könnte dieſe beſtimmen, ihnen die Freiheit zu geben. Kannſt du es ihnen bieten?« Francois ſeufzte. Er beſaß nichts, als das bloße Leben, und ſo ſehr es ihn ſchmerzte, mußte er doch die Hoffnung ſchwinden laſſen, das unglückliche Loos der armen Burſchen zu erleichtern. Später vielleicht, wenn es ihm glückte, zu ſeinen Landsleuten zu kommen und ſeinen Vater wiederzufinden, mochte er hoffen, ihre Be⸗ freiung durch das geforderte Löſegeld zu erlangen. Bis dain mußte er ſie nothgedrungen ihrem Schickſale über⸗ laſſen. Er nahm die nächſte Gelegenheit wahr, ihnen das Verſprechen zu geben, Alles, was in ſeinen Kräften ſtünde, zu ihrer Befreiung aufzubieten, ſobald er nur Gelegenheit dazu fände, und die beiden Leute fühlten ſich nicht wenig durch dieſes Verſprechen erleichtert. Wie gering auch, war es doch immer eine Hoffnung, und dieſe holde Tröſterin in allen Leiden des Lebens flößte auch ihnen Muth ein, ihre jetzige traurige Lage mit einiger Geduld und Faſſung zu ertragen. Sie dankten Frangois für ſeine Theilnahme, und fügten ſich in das Unvermeidliche, ſo gut es eben gehen wollte. Einige Tage verfloſſen, ohne daß etwas Beſonderes 57 vorgefallen wäre, außer daß Francois und Abdul mehr und mehr als Freunde ſich an einander ſchloßen. Da erſchien eines Abends der längſt erwartete Bote, welcher die Krieger der Wüſte zu den Waffen rief, um den Feind von den Gränzen des Landes zurückzuweiſen, und noch vor Einbruch der Nacht ſaßen alle Krieger des Duars zu Pferde, und ſchlugen unter der Leitung ihres Scheikh die Richtung nach Algier ein. Francois ritt mitten unter ihnen an der Seite Abduls, der ihm ein ſchönes Pferd nebſt Waffen und Kleidern zum Geſchenk gemacht hatte. Sein Geſicht, Hals und Hände waren künſtlich gebräunt, und er glich ſo vollkommen den arabiſchen Kriegern, daß er keine Beſorgniß zu hegen brauchte, als ein Fremdling erkannt zu werden. Mit froher Zuverſicht blickte er darum in die Zukunft, und die ſelige Hoffnung, nach wenigen kurzen Tagen wieder mit ſeinem Vater ver⸗ einigt zu ſein, machte ſein Auge hell und ſein Herz friſch und leicht. Drittes Kapitel. Das Bagno von Algier. — 8 Wahrend Francois an der Seite ſeines treuen und bewährten Freundes durch die Wüſte dahin reitet, gewinnen wir Zeit, uns auch mit dem Schickſale der andern Abtheilung der Gefangenen zu beſchäftigen, zu 58 welcher, wie wir uns erinnern, Oberſt Dumourier, Kapitän Briant und ein Matroſe von der geſcheiterten Brigg gehörten. Es war ein ſchmerzlicher Augenblick für den Ober⸗ ſten, als man ihm den Sohn aus den Armen riß, und ihn mit Gewalt zwang, ihm vielleicht für immer den Rücken zu kehren. Aber von alter Zeit her gewöhnt an die Wechſelfälle des Lebens, ertrug er mit dem un⸗ erſchütterlichen Muthe eines tapferen Kriegers das Un⸗ abänderliche, und ging mit gefaßtem Herzen und er⸗ hobenem Haupte der Zukunft entgegen. Selbſt die Feinde mußten ſeine feſte Haltung bewundern, und der Anführer derſelben, jener Abderrahman, von welchem Abdul zu Francois geſprochen, behandelte ihn mit einer Achtung, welche jeder Rohheit von Seiten der wilden arabiſchen Krieger vorbeugte. „Ich beklage Sie, Oberſt,« ſagte Kapitän Briant, nachdem ſie eine Weile ſchweigend und in traurige Ge⸗ danken verloren neben einander hingegangen waren. „Es iſt ein hartes Geſchick, was Sie trifft, härter als das von uns anderen Gefangenen, denn wenigſtens hat Keiner von uns, außer dem Verluſte der Freiheit, auch noch den Verluſt eines Sohnes zu beklagen.“ „Gewiß iſt es ein harter Schlag, der mein Herz getroffen hat,“ erwiederte der Oberſt,„aber ich ver⸗ zweifle deßhalb noch nicht daran, daß Gott Alles zum Beſten lenken werde Seinem Schutze empfehle ich das Haupt meines Kindes. Gott iſt uͤberall, auch in der Wüſte und mitten unter den Feinden. Zudem— jener junge Araber, der ſich meines Knaben gegen die Gewaltthätigkeit der Krieger annahm, er wenigſtens ſchien ein wackeres Herz zu haben. Er verlieh dem 59 Bedrängten Schutz, und der Beſchützer liebt immer ſeinen Schützling. Dieß läßt mich hoffen, die Gefan⸗ genſchaft meines François werde nicht allzu hart ſein.« »Und ihr eigenes Schickſal, Oberſt?« fragte der Kapitän.„Welcher Zukanft gehen wir Alle ent⸗ gegen!« „Keiner ſo traurigen, hoffe ich, als Sie zu be⸗ fürchten ſcheinen, mein Freund,“ entgegnete der Oberſt. „Wir ſind Kriegsgefangene und man muß uns als Solche behandeln. Wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo befinden wir uns jetzt auf dem Wege nach Algier. Wenigſtens glaube ich dieß aus einigen Worten der Araber und aus der Richtung, welche wir nehmen, ſchließen zu dürfen. Dort angelangt, wird man meinen Rang in der franzöſiſchen Armee reſpektiren, und mit uns nach Kriegsgebrauch verfahren.“ 3 „Gott gebe es,“« erwiederte Kapitän Briant.„Aber ich zweifle ſehr, Oberſt, ob wir mit Gewißheit darauf rechnen können. Wir haben es mit einem Volke zu thun, das bis in die neueſte Zeit hinein Seeräuberei betrieben hat, und jedenfalls nicht zu den civiliſirten Nationen gezählt werden kann. Unſer Leben hängt von einer Laune des Dey ab, und auf einen Wink von ihm wird man uns eben ſo willig den Kopf vor die Füße legen, als wenn wir zu ſeinen niedrigſten Skla⸗ ven gehörten.“ »Fürchten Sie etwas der Art nicht, Kapitän,“ ent⸗ gegnete Oberſt Dumourier zuverſichtlich.„Der Dey weiß ganz genau, daß eine franzöſiſche Flotte mit einer bedeutenden Armee gegen ihn unterwegs iſt, und eben ſo wohl wird er wiſſen, daß er, einem ſolchen Heere 60 gegenüber, auf die Dauer nicht Widerſtand leiſten kann. Im Falle ſeiner Niederlage, und dieſe halte ich für unvermeidlich, würde jede gegen uns ausgeübte Ge⸗ waltthat auf ſein eigenes Haupt zurückfallen. General Bourmont iſt mein Freund, und wenn er unſern Tod nicht verhindern kann, ſo wird er ihn jedenfalls rächen. Es bedarf, meiner Anſicht nach, nichts weiter, als den Dey dieß wiſſen zu laſſen, um in gebührender Weiſe behandelt zu werden.“ Man ſah es an der Miene des Kapitän Briant, daß er dieſe Anſicht keineswegs theilte, indeß ſprach er ſeine weiteren Befürchtungen nicht aus, ſondern be⸗ gnügte ſich mit der Antwort.„Hoffen wir, Oberſt, daß Ihre Anſicht von der Lage der Dinge die rich⸗ tige iſt.« 1 Während des Marſches, der mehrere Stunden lang ununterbrochen fortgeſetzt wurde, verſuchte der Oberſt, mit Abdexrahman, dem Führer der arabiſchen Krieger, eine Berffän igung herbeizuführen und redete ihn in franzöſiſcher Sprache an. Abderrahman ſchüttelte zum Zeichen, daß er den Oberſten nicht verſtehe, den Kopf. Auch von den übrigen Arabern verſtand Niemand fran⸗ zöſiſch, und ſo marſchirte man ſtillſchweigend weiter, bald ſich der Meeresküſte nähernd, bald ſich davon ent⸗ fernend, je nachdem es die Beſchaffenheit des Bodens mit ſich brachte. Mehrere Hügelketten, die mit friſchem Grün bedeckt waren, wurden überſtiegen, und man paſſirte einige Duars, deren Bewohner mehr neugierig, als wild die Gefangenen anſtarrten. Der Weg zeigte ſich weniger beſchwerlich, als der Oberſt erwartet hatte, denn der Trupp vermied ganz und gar die Wüſte, und in den Thälern der Gebirgs⸗ 61 zuͤge fand man Wälder mit ſchattiger Kühle und rie⸗ ſelnde Quellen genug zu labender Erfriſchung. Gegen Mittag endlich wurde in einem Duar Halt gemacht. Die Gefangenen ſperrte man in einen alten, halb zerfallenen Thurm ein, welcher noch aus den Zei⸗ ten der Karthager herrühren mochte, und keine Bequem⸗ lichkeiten weiter enthielt, als einige große Trümmer⸗ ſteine, auf denen man ſitzen und ausruhen konnte. Man brachte den Gefangenen gekochten Reis und Waſſer, und ſchien ſich dann nicht weiter um ſie zu bekümmern. »Man macht wenig Umſtände mit uns,« ſagte Ka⸗ pitän Briant, nachdem er ſeinen Hunger mit ein paar Händen voll Reis nothdürftig geſtillt hatte.„Ueber⸗ haupt bin ich der Gefangenſchaft ſchon herzlich müde, und möchte je eher je lieber dieſer arabiſchen Bande entſchlüpfen. Obgleich die Burſche nicht die ſchlimm⸗ ſten Abſichten zu haben ſcheinen, iſt man unter ihnen doch keinen Augenblick ſicher, denn ich habe mehr als einen verdächtigen Blick bemerkt, den Einzelne von ihnen uns zugeworfen haben. Was meinen Sie, Oberſt, ob wir einen Verſuch machten, unſere Freiheit wieder⸗ zuerlangen?“ Oberſt Dumourier ſchüttelte den Kopf. So gut wie Francois und jetzt der Kapitän hatte er ſchon den⸗ ſelben Gedanken gehabt, aber zugleich auch eingeſehen, wie unausführbar er ſei. »„In einem feindlichen Lande, ohne Waffen, ohne Ortskenntniß, ohne Mundvorrath, ohne Kenntniß der Sprache ſogar,— was könnte es uns helfen, wenn es uns auch wirklich glückte, die Wachſamkeit unſerer Hüter zu täuſchen?« erwiederte er.„Wir würden ſehr bald wieder ergriffen, und dann ohne Zweifel mit rück⸗ 6² ſichtsloſer Härte und Grauſamkeit behandelt werden, unſere ohnehin traurige Lage alſo nur verſchlimmern. Ein Anderes wäre es, wenn wir in die Nähe des Heeres gelangen könnten, dann hätten wir wenigſtens eine Ausſicht auf glückliches Entkommen. Aber wer mag wiſſen, wo unſer Geſchwader kreuzt, oder ob un⸗ ſere Waffengefährten bereits das Land betreten haben? Ohne irgend welche Kenntniß über dieſen Punkt thun wir beſſer, uns ruhig zu verhalten und auszuharren. Bietet ſich eine Gelegenheit zur Flucht, ſo werden wir gewiß nicht verſäumen, ſie zu benützen, aber auf's Un⸗ gewiſſe hin das Weite ſuchen, würde uns nur unver⸗ meidliches Verderben zuziehen.“ 4 Die Gründe des Oberſten waren zu ſchlagend, als daß Kapitän Briant dagegen hätte Einwendungen er⸗ heben können. Man beſchloß daher, zwar fortwährend die Augen offen zu halten, und keine etwa gebotene Gelegenheit zum Entwiſchen zu verſäumen, aber die Flucht keineswegs eher zu unternehmen, bevor man nicht mit einiger Sicherheit auf den glücklichen Erfolg des immerhin gefährlichen Wagniſſes rechnen könne. Nach einigen Stunden Ruhe wurde der Marſch wieder angetreten, und mehrere Tage hindurch ohne beſondere Eile fortgeſetzt. Die Duar's folgten einander jetzt häufiger, und der Oberſt ſchloß daraus, daß man nicht mehr ſehr weit von der Hauptſtadt des Landes entfernt ſein könne. Auch bemerkte er, je weiter man kam, eine immer wachſende Aufregung der Einwohner. Zuerſt hatte man die Gefangenen nur neugierig ange⸗ ſtaunt, jetzt aber warf man ihnen nicht ſelten drohende Blicke zu, und ſchien ſehr geneigt, ihnen Gewaltthätig⸗ keiten zuzufügen. Yataghan's wurden gegen ſie ge⸗ 63 ſchwungen, und die Mündungen von Gewehren auf ſie gerichtet. Ohne Zweifel wuͤrde man ſogar auf ſie ſchoſſen haben, wenn nicht Abderrahman dafür Sorge getragen hätte, ſie bei Paſſirung eines Duar's, deſſen Bevölkerung ungewöhnlich aufgeregt ſchien, dicht von ſeinen Kriegern umringen zu laſſen, ſo daß ſie den feindlich geſinnten Einwohnern keinen ſicheren Zielpunkt darboten. Auch gebrauchte er die Vorſicht, einzelne Dörfer ganz zu umgehen, und ſetzte endlich ſogar wäh⸗ rend der Nacht ſeinen Marſch fort, um das Leben der Gefangenen nicht durch den Fanatismus ſeiner Lands⸗ leute gefährden zu laſſen. »„Es iſt ſchon richtig,« ſagte der Oberſt, welcher alles Dieß mit Aufmerkſamkeit beobachtet hatte, zu Ka⸗ pitän Briant,—„Algier kann nicht mehr fern von uns liegen, und unſere Flotte muß entweder die Lan⸗ dung ſchon bewerkſtelligt haben, oder doch ganz in der Nähe der Hauptſtadt kreuzen. Das iſt ohne Zweifel der Grund aller Feindſeligkeiten, mit denen uns die Bevölkerung bedrohet, und wir haben alſo jetzt doppelte Veranlaſſung, uns auf Alles gefaßt zu halten.“ »Auch auf Flucht?« fragte Kapitän Briant. „Gewiß auch auf Flucht,“ entgegnete der Oberſt. „Keine Gefahr ſoll mich abhalten, wenn ich eine Mög⸗ lichkeit ſehe, zur Armee zu gelangen.« »Und ich folge Ihnen, Oberſt, mag daraus ent⸗ ſtehen, was will,“ ſagte der Kapitän. Auch der dritte Gefangene, ein Matroſe von der geſcheiterten Brigg, gab ſeine Bereitwilligkeit zu erken⸗ nen, ſich einem etwaigen Fluchtverſuche anzuſchließen, und mit geſpannter Erwartung ſetzten Alle ihren Weg fort. 64 Der Tag brach an, als man eben einen Hügel emporſtieg, und als man den Gipfel deſſelben erreichte, eröffnete ſich plötzlich eine weite Ausſicht über das Meer und die Küſte, welche ſich öſtlich nach Algier hinzog. Oberſt Dumourier warf einen Blick auf das Meer, und ein nur halb unterdrückter Schrei der Ueberraſchung ent⸗ glitt ſeinen Lippen. „Sehet!« rief er, indem er den Arm des Kapitän Briant ergriff, und nach dem Meere hinunter deutete. „Dort iſt Admiral Düperré mit ſeinem ganzen Ge⸗ ſchwader und unſerer tapferen Armee.“ Kapitän Briant betrachtete mit funkelnden Blicken den herrlichen Anblick, und der Matroſe konnte ſich nicht enthalten, laut aufzujauchzen. Bord an Bord lagen die Schiffe in prächtigem Halbkreiſe vor der Bai von Sidi Ferruch, und Einige davon waren bereits in die Bai ſelber eingedrungen, und begannen die Küſte mit ihrem ſchweren Geſchuͤtze zu beſchießen. Der Don⸗ ner der Kanonen erſchütterte die Luft weithin, und drang auch bis zum Ohr der Gefangenen, welche ſehn⸗ ſühnſüchtig ihre Arme den Freunden entgegen ſtreckten. Ach, ſie waren ſo nah und doch wieder ſo ganz unerreichbar! Zwiſchen ihnen lag noch die Küſte und ein Streifen des Meeres, und das Lager der arabiſchen Streitmacht breitete ſich weithin längs des Ufers aus. Ueberdieß waren auch ihre Wächter da, welche ſie mit feindſeligen und mißtrauiſchen Blicken betrachteten, und von allen Seiten dichter umringten, obgleich auch ſie das lebenvolle Schauſpiel zu ihren Füßen mit Span⸗ nung und lebhafter Theilnahme beobachteten. Gleichwohl warf Kapitän Briant einen fragenden Blick auf den Oberſten. Aber dieſer zuckte die Achſeln. 65 „Es geht nicht! mein Freund,“ antwortete er.„Ehe wir die Hälfte des Weges zum Ufer hinab zurücklegen könnten, wuüͤrden die Kugeln unſerer Wächter hinter uns drein ſauſen und geſetzt auch, wir entgingen ihnen, ſo wartet Unſerer drunten eine ganze Armee, welcher wir gerade in die Arme laufen müßten. Nein, es iſt unmöglich. Außerdem hoffe ich, mein Leben noch theu⸗ rer verkaufen zu können. Es wird nicht lange dauern, ſo haben unſere Freunde die Araber geſchlagen, Algier erobert und uns befreit. Dann iſt immer noch Zeit, zu den Waffen zu greifen, und wer weiß ob uns nicht vorher ſchon irgend ein glücklicher Zufall begünſtigt. Eines iſt nun gewiß, und dieſe Gewißheit erleichtert mein Herz und erfüllt es mit Freude. Unſere Freunde ſind da, ſie ſind uns nahe, und es hieße an ihrer Tapferkeit zweifeln, wenn wir an unſerer Befreiung durch ihre Waffen zweifeln wollten. Noch einige Tage der Erwartung, und Alles wird glücklich beendigt ſein. Aber ſehen Sie, Kapitän, man trifft Anſtalten zur Landung. Oh, nur jetzt nicht fort von dieſem Punkte, der uns Alles zu ſehen geſtattet. Es wäre hart, wenn wir dieſes herrliche Schauſpiel nicht ſehen dürften.“ „Ich fürchte nicht, daß wir ſo bald wieder auf⸗ brechen werden, Oberſt,“ erwiederte der Kapitän.„Un⸗ ſere Begleiter haben kaum weniger Intereſſe an dem Erfolge dieſer Unternehmung, als wir. Betrachten Sie nur ihre geſpannten Geſichter, ihre ſtarren Augen, wie ſie in die Tiefe hinab bohren. Sie werden gewiß nicht von der Stelle gehen, ehe nicht etwas Entſchei⸗ dendes dort unten geſchehen iſt.“ Kapitän Briant hatte recht. Die arabiſchen Krieger hielten unbeweglich auf ihren Dienſt um Dienſt. 5 66 Roſſen, und verſchlangen mit ihren dunkeln Augen das Schauſpiel der Landung. Die franzöſiſchen Schiffe näherten ſich, unter fortwährendem Kanonendonner, mehr und mehr dem Ufer, und plötzlich wurden Boote ausgeſetzt, welche ſich raſch mit franzöſiſchen Truppen füllten und an das Ufer gerudert wurden. Trupp auf Trupp folgte in ähnlicher Weiſe, und bald wimmelte der Strand von Soldaten, deren Bajonette hell in der Sonne blitzten. Ehe der Feind es verhindern konnte, war die ganze Vorhut, welche General Berthezone führte, an's Land geſetzt, und marſchirte in beſter Ord⸗ nung gegen das Lager der Araber. Die Flinten knall⸗ ten, Säbel blitzten, Kanonen donnerten, eine Wolke von Pulverdampf breitete ſich ſchwer über die Ebene. Der Feind leiſtete hartnäckigen Widerſtand, aber auf die Dauer konnte er der ungeſtümen Tapferkeit und der höheren Kriegskunſt der Franzoſen nicht widerſtehen, und wandte ſich in wilder, regelloſer Flucht. Unſere Gefangenen jubelten über den glänzend er⸗ rungenen Sieg, aber leider ſollte ihrer Freude ſchnell ein Ende gemacht werden. Ihre Wächter, wüthend uͤber die Niederlage ihrer Landsleute, fielen über ſie her, banden ihnen die Hände auf den Rücken und trie⸗ ben ſie unter Verwünſchungen fort. Selbſt einige Miß⸗ handlungen wurden ihnen zugefügt, ohne daß der Füh⸗ rer Abderrhaman es verhindern konnte, aber unſere Freunde ertrugen ſie ohne Murren und beachteten ſie kaum. Ihre Herzen waren von Freude und Stolz er⸗ füllt, und die funkelnden Blicke, welche ſie austauſch⸗ ten, gaben genugſam zu erkennen, welches Glück ſie über den Sieg ihrer Kameraden empfanden. „Wiſſen Sie vielleicht, Oberſt, welcher Tag heute „ 67 iſt?« fragte Kapitän Briant.„Es iſt ein herrlicher und ruhmvoller Tag für unſere Waffen, und man muß ihn ſich merken.“ „Sicherlich werde ich ihn nie vergeſſen,“ antwortete der Oberſt.„Es iſt der vierzehnte Juni, ein ſchöner Tag, dem hoffentlich noch viele ähnliche folgen werden.“ „Der vierzehnte Juni alſo! ſchön! Ich danke Ihnen, Oberſt! Jetzt iſt mir's noch einmal ſo leicht um's Herz, als geſtern noch, und ſelbſt das Gefuͤhl, gefan⸗ gen zu ſein, vermag meine Freude über den errungenen Sieg nicht zu dämpfen. Wie zum Tanze gingen un⸗ ſere Soldaten in den Kampf.« „Ja, es war ein Anblick, der an vergangene ſchöͤ⸗ nere Zeiten erinnerte,“ entgegnete der Oberſt.„Unſere Soldaten ſind immer brav, wenn ſie nur gut geführt werden, und eben dieß läßt mich zuverſichtlich hoffen, daß unſere Gefangenſchaft nicht mehr lange dauern könne, obgleich ſie härter als bisher ſein mag. Die Araber werden nicht verfehlen, ihren Zorn an uns auszulaſſen.“ Hierin täuſchte ſich der Oberſt allerdings nicht. Sie mußten auf dem fünf Stunden langen Wege bis Algier noch manche Mißhandlung erdulden, und es wäre ſogar faſt bis zum Blutvergießen gekommen, wenn nicht Abderrahman, treu dem Verſprechen, das er dem jungen Abdul gegeben, die Gefangenen mit Aufbietung ſeines ganzen Anſehens beſchützt hätte. Dennoch ließen ſeine Krieger es nicht an Verwünſchungen und Dro⸗ hungen fehlen, und öfter als einmal funkelte ein ſcharf geſchliffener Nataghan über dem Haupte des Kapitän Briant oder des Oberſten, welche indeß mit äußerſter Kaltblütigkeit dergleichen Kundgebungen des Ingrimms 68 begegneten. Ihre Ruhe und feſte Haltung imponirte endlich den wilden Kriegern, und man erreichte Algier, ohne daß eine der grimmigen Drohungen zur Ausfüh⸗ rung gekommen wäre. Die Gefangenen athmeten er⸗ leichtert auf. Innerhalb der Mauern der Stadt muß⸗ ten ſie endlich wenigſtens Ruhe, wenn nicht gar den Schutz finden, welchen das Kriegsrecht, wenigſtens un⸗ ter gebildeten Nationen, verleiht. 4 Gleichwohl war noch keineswegs alle Gefahr vor⸗ über. Die Kunde von dem Siege der Franzoſen bei Sidi Ferruch, hatte ſich bereits in der Stadt verbreitet und die Bevölkerung in die äußerſte Aufregung ver⸗ ſetzt. Die Straßen wimmelten von wild blickenden Männern, und Mancher ſchüttelte gegen die Gefange⸗ nen die Fauſt, oder drohte ihnen mit geſchwungener Waffe. Zwei oder drei Schüſſe wurden ſogar auf ſie abgefeuert, glücklicher Weiſe ohne zu treffen, und nur mit Noth und Mühe wurde endlich ein langes, niedri⸗ ges, düſter ausſehendes Gebäude erreicht, deſſen mit Eiſen beſchlagenes Thor knarrend ſich öffnete, um die Gefangenen aufzunehmen. Sie befanden ſich in dem weiten, geräumigen Hofe eines Kerkers. Hinter ihnen fiel die Thür wieder in's Schloß, Riegel klirrten, und zwiſchen ihnen und der Welt befand ſich eine Scheidewand, welche zu zertrüm⸗ mern oder niederzureißen ein Werk der Unmöglichkeit ſchien. Ein finſter blickender, weißbärtiger Türke hatte die Gefangenen in Empfang genommen und auf den Hof geführt, wo bereits eine Anzahl von hundert oder noch mehr Leidensgefährten in Gruppen umher ſtand, und die neuen Ankömmlinge theilnahmlos anſtarrte. Es 69 waren Galeeren⸗Sklaven, welche vielleicht ſchon Jahre lang die Laſt ihrer Ketten trugen, und augenſcheinlich keine Ahnung davon hatten, wie bald die Stunde ihrer Befreiung ſchlagen würde. Oberſt Dumourier muſterte die Armee mit ſeinen Blicken, und plötzlich einen Ent⸗ ſchluß faſſend, trat er ihnen ein paar Schritte näher und fragte mit lauter Stimme in franzöſiſcher Sprache: „Iſt kein Franzoſe unter Euch? Ich bin ſein Lands⸗ mann und habe eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen.“ Sofort entſtand eine Bewegung unter den verſchie⸗ denen Gruppen, und zehn, zwölf Männer kamen her⸗ bei und blickten den Oberſt neugierig an. Zwei oder drei reichten ihm die Hände, und ſchüttelte die ſeinige mit Wärme. „Was gibt es?« fragten ſie.„Wenn Sie uns et⸗ was Frohes mitzutheilen haben, werden Sie gewiß nicht darauf ausgehen, Unglückliche zu täuſchen, welche ein hartes Schickſal in die Gewalt der Seeräuber von Al⸗ gier und in dieſen Kerker brachte.« „Nein, meine Freunde!« erwiederte der Oberſt. „Wie Ihr ſeht, ſind wir ſelber Gefangene, und Un⸗ glückliche ſollen einander beiſtehen, nicht aber gegenſeitig ihr Loos noch trauriger machen. So hört denn. Iſt Euch bekannt, daß Frankreich eine Flotte und eine ſtarke Armee abgeſchickt hat, um Algier zu bekriegen?« Erſtaunen, Freude und Entzücken malte ſich in den Zügen der Galeeren⸗Sklaven. Die Nachricht kam ihnen gänzlich unerwartet. „Wir wiſſen nichts,« nahm Einer von ihnen das Wort.„Man hält uns hier in vollkommener Dunkel⸗ heit über Alles, was in der Welt vorgeht, und keine Kunde dringt jemals durch dieſe Mauren bis zu uns. 70 Frankreich im Kriege mit dieſem Raubſtaate! Welche begluͤckende Neuigkeit! Und hofft man, daß unſere Landsleute ſiegen werden?« »„Sie haben ſchon geſiegt!“ erwiederte der Oberſt. „Das Lager des Dey iſt bei Sidi Ferruch auseinander geſprengt und in die Flucht gejagt, und andere Siege werden ohne Zweifel dem erſten folgen. Darum freuet Euch! Die Waffen unſerer Brüder werden binnen Kurzem die Pforte dieſes Kerkers ſprengen und uns Alle der Freiheit zurückgeben.“ Ein lauter Ausbruch des Jubels folgte dieſen Wor⸗ ten, die wie eine Himmelsbotſchaft in das Ohr der armen Galeeren⸗Sklaven tönte. Einige weinten, An⸗ dere warfen ſich auf die Knie und beteten, noch Andere drückten die Hände des Oberſten an ihre Lippen, oder küßten den Saum ſeines Gewandes. Es dauerte einige Zeit, bis die Leute ſich wieder ſo weit gefaßt hatten, um ruhig anhören zu können, was ihnen der Oberſt noch ferner zu ſagen hatte. Er winkte ſie näher zu ſich heran, und ſprach mit leiſerer Stimme: „Ja, meine Freunde, unſere Landsleute ſind da, meine Augen ſahen, wie ihre Tapferkeit den Sieg er⸗ rang, und es iſt nicht daran zu zweifeln, daß ihre Waf⸗ fen überall triumphiren werden. Aber ſollen wir dar⸗ auf warten, daß ſie uns befreien und nicht ſelber we⸗ nigſtens einen Verſuch wagen, durch eigene Kraft oder Liſt unſere Ketten zu ſprengen? Antwortet mir! Ihr ſeid vertraut mit den Einrichtungen und Gewohnheiten dieſes Kerkers, und darum verlange ich, Eure Meinung zu hören.“ Alle ſchwiegen und blickten einander mit Verlegen⸗ heit, ja ſelbſt mit Beſtürzung an. 71 »Unmöglich!« antwortete endlich Einer, und zehn andere Stimmen murmelten ‚unmögliche nach. „Dem Tapferen iſt nichts unmöglich,« fuhr der Oberſt fort.„Wir ſind hier unſere ſechszehn bis zwan⸗ zig entſchloſſene Männer! Jetzt iſt die Verwirrung in der Stadt groß, und ſie wird ſich noch weſentlich ſtei⸗ gern, wenn die erſten Granaten und Bomben aus den Geſchützen unſerer Landsleute zerſchmetternd auf die platten Dächer niederpraſſeln. Dann iſt es Zeit, den Augenblick zu benützen. Wir ſprengen dasThor, ſtür⸗ zen auf die Straße, gewinnen den Ausweg aus der Stadt, und vereinigen uns mit unſern Brüdern.“ „Ja, wenn die Wachen nicht wären,“ erwiederten die Gefangenen.„Wir ſind fortwährend unter Aufſicht, und die Soldaten des Dey laſſen uns nicht aus den Augen. Sehen Sie ſelbſt! Eben kommt eine Abthei⸗ lung, um die gewöhnliche Runde zu machen.“ Der Oberſt wendete ſich um und erblickte eine Com⸗ pagnie Soldaten, welche durch das geöffnete Thor ein⸗ marſchirte und ſich im Eingange zu dem Hofe auf⸗ ſtellte. Der Fuͤhrer derſelben muſterte die Sklaven, mißhandelte Einigs, indem er ſie mit Fäuſten ſchlug und mit Füßen trat, kommandirte dann in arabiſcher Sprache rechts um, und verließ den Hof wieder. »„Jede Stunde kommt eine ſolche Abtheilung,“ fuhr der Mann fort, welcher vorhin zum Oberſten geſprocheu hatte.„Die Soldaten vertheilen ſich ringsum in den Gebäuden, welche den Hof einſchließen, und beobachten uns durch die Schießſcharten, welche ſie in den Mauern erblicken. Bei dem geringſten Verdachte einer Ver⸗ ſchwörung der Gefangenen, würden ſie ohne Bedenken Feuer auf uns geben, wie auf wehrloſes Wild, und 72 uns Mann für Mann zu Boden ſtrecken. Es wäre nicht das erſte Mal, daß etwas der Art geſchieht. Schon oft genug hat das Pflaſter dieſes Hofes von dem Blute Unſchuldiger geraucht.“ „Das iſt ſchlimm, ſchlimmer als ich dachte,“ ent⸗ gegnete der Oberſt nachdenklich.„Gleichwohl, dem Muthigen iſt nichts unmöglich, ich wiederhole es. Die wenigen Soldaten ſind nicht zu fuͤrchten. Ein kecker Angriff, wenn ſie Muſterung halten, wird ſie ohne große Mühe überwältigen, wenn nur die übrigen Gefangenen den Muth haben, ihn zu wagen. Glau⸗ ben Sie, mein Freund, daß man ſich wenigſtens auf Einige von ihnen verlaſſen kann?« „Gewiß auf die Meiſten, wenn nur einige Ausſicht auf Erfolg vorhanden iſt,“ lautete die Antwort.„Wir werden hier ſchlechter behandelt, als Hunde. Bei ſchwe⸗ rer Arbeit in den Arſenälen und im Hafen bekommen wir kaum ſatt zu eſſen, und unſere Schlafſtätte iſt das Pflaſter dieſes Hofes, unſere Decke der blaue Himmel. Wenn Sie es wünſchen, mein Herr, ſo will ich unſere Leidensgefährten aushorchen und ſie um ihre Meinung fragen. Ich bin ſchon mehrere Jahre hier und kenne ſie Alle. Auch trauen ſie mir und werden gegen mich ihre Meinung nicht zurückhalten. 4 »Ja, thun Sie das, mein Freund,“ erwiederte der Oberſt.„Wie heißen Sie? 28 „Calame. Ich war Steuermann an Bord eines Kauffahrers aus Marſeille. Die Piraten enterten uns während der Nacht, und ſäbelten die Hälfte unſerer Leute und den Kapitän nieder, ehe wir recht zur Be⸗ ſinnung kommen konnten.“ „Und unſere übrigen Landsleute da?« 73 „Sind meiſt Matroſen von unſerem Schiffe. Man kann ſich auf ſie verlaſſen, es ſind wackere Männer.“ „Deſto beſſer. So hören Sie denn, was die Uebri⸗ gen ſagen, und wir werden ſehen.“ 4 Der ehemalige Steuermann verſprach ſein Möglich⸗ ſtes zu thun, und miſchte ſich ſogleich unter einige Häuflein der Gefangenen, mit welchen er angelegent⸗ lich zu verhandeln ſchien. Bald brach übrigens die Nacht herein, und der Oberſt ſah ſich nach einem Plätz⸗ chen um, wo er von den Mühen des Tages ausruhen konnte. Die Wahl war nicht groß. An der Seite des Kapitän Briant warf er ſich auf das harte Stein⸗ pflaſter nieder, lehnte den Kopf gegen die Mauer und ſchlummerte ein. Es war freilich kein behagliches La⸗ ger, aber er hatte ja in früheren Zeiten ſchon manche Nacht im Bivouac unter freiem Himmel zugebracht, und ſein Körper war kräftig und abgehärtet genug, um ein weiches Bett und eine weiche Decke entbehren zu können.“ Am anderen Morgen erwartete er, mit den übrigen Gefangenen zu ſchwerer Arbeit abgeführt zu werden, aber wider Vermuthen wurde an dieſem Tage das Ge⸗ fängnißthor nicht zu dieſem Zwecke geöffnet. Die Ga⸗ leeren⸗Sklaven blieben im Hofe. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte der alte Steuermann Ca⸗ lame zu dem Oberſten.„Seitdem ich hier bin, iſt es das erſte Mal, daß man uns nicht in den Hafen es⸗ cortirt. Faſt muß ich glauben, man traut uns nicht, oder man fürchtet, daß wir etwas von den Ereigniſſen erfahren, die draußen vorgehen und vorbereitet werden.“ „So mag es ſein, mein guter Mann!“ erwiederte — 74 der Oberſt.„Aber was haſt du bei unſeren Mitgefan⸗ genen ausgerichtet?«“ »Alle, mit denen ich ſprach, ſind bereit, Ihrem Rufe zu folgen, ſobald einige Ausſicht auf Erfolg ſich dar⸗ bietet. Nur wünſchen ſie vorerſt zu wiſſen, wer eigent⸗ lich ihr Anführer ſein wird.“ »„Sagen Sie ihnen, es ſei der Oberſt Dumourier, zum Belagerungsheere von Algier gehörig, und durch einen Schiffbruch in die Gewalt der Araber und hier⸗ her gekommen.“ »Oh, mein Oberſt! Dieß genügt! Ihrem Befehle wird man mit Freuden gehorchen. Sie geſtatten alſo, daß ich es den Anderen mittheilen darf?« »Ich wünſche es ſogar. Nur wenn man mir voll⸗ kommenes Vertrauen ſchenkt, kann ich mit einiger Sicher⸗ heit auf den Erfolg unſeres Unternehmens hoffen.“ Der Steuermann verbreitete ſofort die empfangene Auskunft unter den übrigen Galeeren⸗Sklaven, wo ſie mit ſichtbarer Befriedigung aufgenommen wurde. Sämmt⸗ liche Gefangene ließen den Oberſt wiſſen, daß ſie ihn als ihren Führer betrachteten und jedes Winkes von ihm gewärtig ſein würden.— „So mögen ſie ſich bereit halten,“ ſagte der Oberſt. „Bis auf Weiteres aber ſollen ſie Alles vermeiden, was den Feinden und Wächtern Verdacht einflößen könnte. Dieſe müſſen, um den Erfolg zu ſichern, mög⸗ lichſt vollſtändig überraſcht werden.“ Auch dieſe Weiſung wurde den Leuten mitgetheilt, und ſie verſprachen, ſich darauf zu richten. „Aber wie, Oberſt,“ ſagte Kapitän Briant, als der Steuermann dieſe Meldung überbracht hatte,—„woll⸗ ten Sie denn nicht den Dey von Ihrem Range benach⸗ 75 richtigen laſſen und anſtändige Haft von ihm bean⸗ ſpruchen? Ich meine, es ſei kein beſonders angenehmer Aufenthalt hier.“ „Auch ich bin dieſer Anſicht,“ entgegnete der Oberſt, „aber trotzdem habe ich mich eines Andern beſonnen. Zunächſt glaube ich, daß bei der jetzt herrſchenden Ver⸗ wirrung jede Forderung von meiner Seite kaum berück⸗ ſichtigt werden würde, als in einem beſonderen Ge⸗ fängniſſe, wo wir Beide vielleicht allein bleiben würden.“ „Ich merke wohl, Sie verfolgen einen eigenthüm⸗ lichen Plan, aber was hoffen Sie zu erreichen? Darf man es nicht erfahren?« „Oh gewiß, Kapitän, Sie ſollen Alles wiſſen, aber geſtatten Sie mir nur Zeit, bis ich völlig mit mir im Reinen bin. Bis jetzt ſchwebt mir nur eine gewiſſe Idee vor, die noch nicht ganz zur Reife gelangt iſt. Auch hängt der Erfolg noch von den Ereigniſſen draußen ab. Warten wir noch einige Tage, und Sie werden Alles erfahren.« Die Tage ſchlichen langſam dahin, ohne daß ſich etwas Beſonderes zutrug. Nur wurden die Galeeren⸗ Sklaven ſtrenger als gewöhnlich überwacht, und nicht aus ihren Gefängniſſen zur Arbeit geführt. Außerdem konnte man wohl aus den Mienen der Wächter ſchließen, daß draußen die Sachen nicht zum Beſten für ſie ſtan⸗ den, aber was eigentlich vorging und geſchah, davon verlautete nichts. Vergebens bemühte ſich der Oberſt, einen oder den anderen von den Soldaten des Dey zum Sprechen zu bringen, man wies ihn jedesmal barſch zurück, und begleitete die Zuruͤckweiſung mit Schimpfworten und Drohungen. Als eine ganze Woche und noch einige Tage ver⸗ * ſtrichen, ohne daß ſich etwas veränderte, begann der Oberſt endlich unruhig zu werden, und er äußerte die Befürchtung gegen Kapitän Briant, daß die Operatio⸗ nen der Franzoſen auf unerwarteten Widerſtand ge⸗ ſtoßen ſein müßten. Der Kapitän theilte dieſe Anſicht, und bange Sorgen verdüſterten des Oberſten Stirn. Da plötzlich empfing er Nachricht, als er ſie am we⸗ nigſten erwartete. Eines Abends brachte man einen friſchen Trupp Gefangene in den Hof, und mit Ueberraſchung erkann⸗ ten der Oberſt und Kapitän Briant in ihnen die Mann⸗ ſchaft der geſcheiterten Brigg, welche ſich in den beiden Booten gerettet hatte. Die Leute drückten ihre herz⸗ liche Freude darüber aus, daß ſie ihren Kapitän noch am Leben fanden, und berichteten auf ſeine Fragen, wie ſie ſelber ebenfalls in die Hände der Araber ge⸗ fallen wären. Ihre Erzählung war kurz. Hunger und Durſt hatten ſie gezwungen, mehrmals am Ufer anzulegen, und bei einer ſolchen Landung waren ſie von einer arabiſchen Reiterſchaar überfallen und von ihren Boo⸗ ten abgeſchnitten worden. Man hatte ſie gebunden nach Algier abgeführt, und endlich in das Gefängniß abgeliefert. „»Aber unſere Flotte? Unſer Heer?“« fragte der Oberſt.„Habt Ihr unterwegs nichts davon gehört?« „Oh, genug mein Oberſt!« lautete die erfreuliche Antwort.„»Alles ſteht gut, und wenn wir nur noch einen einzigen Tag ausgehalten hätten, würden wir glücklich zur Flotte geſtoßen ſein. Admiral Duperré und General Bourmont ſind nicht müßig. Am neun⸗ zehnten Juni hat der General ein feindliches Heer von 77 vierzigtauſend Mann geſchlagen, das Ibrahrim Aga, der Kriegsminiſter des Dey, kommandirte, und außer⸗ dem das Lager bei Staruveli mit reicher Beute er⸗ obert. Geſtern erſt, am vierundzwanzigſten, ſchlug er die Truppen des Bei von Konſtantinieh, und nun wird es gar nicht lange mehr dauern, ſo werden wir das ſchwere Belagerungsgeſchütz hier ganz in der Nähe donnern hören. Wir erfuhren dieß Alles auf dem Marſche hierher, obgleich es die Araber gern vor uns verborgen gehalten hätten. Sie ſind äußerſt beſtürzt über ihre Schlag auf Schlag erfolgenden Niederlagen.“ „Das ſind vortreffliche Nachrichten!“ rief der Oberſt tief bewegt aus.»„Nur beklage ich, daß es mir nicht vergönnt war, an den Triumphen unſerer Freunde Theil zu nehmen. Aber noch hege ich die Hoffnung, daß es nicht völlig zu ſpät ſein wird, ein Reis aus dem Lorbeerkranze der Sieger zu gewinnen. Kapitän, kann ich mich auf Ihre Leute verlaſſen?“ „Wie auf mich ſelbſt! Die Burſche ſind treu, ob⸗ gleich ſie neulich bei dem Ueberfalle der Araber ein wenig die Beſinnung verloren, und uns auf dem Ufer im Stich ließen.« „Das war im Drange des Augenblickes und deß⸗ halb zu entſchuldigen. Aber ich rechne darauf, ſie wer⸗ den ihren Fehler wieder gut machen.“ „Ja, bei Gott! mein Oberſt,“ rief ein alter Matroſe aus.„Wir haben ſchon oft genug bereut, daß wir uns damals in der erſten Beſtuͤrzung ſo miſerabel be⸗ nahmen, aber es ſoll gewiß nicht zum zweiten Male vorkommen.“ 3 „Gut, mein Mann, ich erwarte das!“ ſagte der Oberſt.„Für den Augenblick können wir nichts thun, 78 aber wenn die Stunde ſchlägt, ſo müßt Ihr auf den Wink bereit ſein, über die Feinde herzuſtürzen.“ „Winken Sie nur, Oberſt! Oder Sie, Kapitän! Si ſollen ſehen, wir werden unſere Schuldigkeit thun.“ »Das iſt eine ſchöne Verſtärkung, die uns da durch Ihre Matroſen zu Theil geworden iſt,“ ſagte der Oberſt eine Stunde ſpäter zu Kapitän Briant, mit welchem er in den Gefangenen⸗Hofe auf und ab ſpazierte.„»Jetzt zweifle ich nicht mehr am Gelingen meines Planes, denn ich bin überzeugt, die Burſche werden wie die Löwen draufgehen, wenn es zum Kampfe kommen ſollte.«. »Gewiß! Aber darf man noch immer nicht wiſſen, was Sie beabſichtigen, Oberſt?« „Nichts Anderes, als dieß: Sobald der Donner der Kanonen uns benachrichtigt, daß die Belagerung Al⸗ giers begonnen hat, ſo fallen wir über die Soldaten her, welche uns bewachen ſollen, reißen ſie zu Boden, entwaffnen ſie, bewaffnen uns mit ihren eigenen Ge⸗ wehren und Säbeln und ſprengen das Thor. Dann im Sturmſchritt vorwärts. Wir gewinnen die Straße, ſchlagen uns durch, ſpringen über Wall und Mauern, und vereinigen uns mit unſeren Freunden. Bei der Verwirrung, welche ohne Zweifel das Bombardement der Stadt hervorrufen muß, wird es uns nicht ſchwer ſein, zu entkommen.“ »„Es kann gelingen, es kann fehlſchlagen,“ erwie⸗ derte der Kapitän mit leichtem Kopfſchütteln.„Die Wache zu überwältigen, das Hofthor zu ſprengen, wird nicht allzu ſchwierig ſein. Aber dann draußen! Wenn die Soldaten des Dey nicht ganz und gar den Kopf 79 verloren haben, ſo umzingeln ſie uns und machen uns nieder, wie man eine Hand umdreht. Aber gleichviel! Ich verlaſſe Sie nicht, und am Ende, dem Tapferen iſt Alles möglich. Wir müſſen uns von den Umſtän⸗ den leiten laſſen.“ „»Und ſie benützen,“ fügte der Oberſt entſchloſſen hinzu:„Wir ſind hier mehr als hundert Mann. Da⸗ mit läßt ſich ſchon etwas ausrichten.“ Noch mehrere Tage verſtrichen, ohne daß etwas von der Annäherung des franzöſiſchen Heeres verlau⸗ tete. Doch zeigten die ängſtlichen und beſtürzten Ge⸗ ſichter der Wachen deutlich genug, daß etwas Wichtiges ſehr nahe bevorſtehen müſſe. Und richtig, am neunund⸗ zwanzigſten Juni erſchuͤtterten endlich die erſten Kano⸗ nenſchuͤſſe auf Algier die Luft, und ihr Donner machte die Herzen der erwartungsvollen Gefangenen freudig erbeben. Die Franzoſen hatten ihren erſten Angriff auf das ſogenannte Kaiſerſchloß bei Algier gemacht, und die Flotte nahm Stellung, um auch den übrigen Fe⸗ ſtungswerken der Stadt ihre heißen Grüße zuzuſenden. So dauerte es noch bis zum Morgen des vierten Juli, ehe die allgemeine Beſchießung begann. Erſt jetzt brüllten von allen Seiten die ſchweren Geſchütze gegen die geängſtigte Stadt, und wie ein Hagelſchauer praſſelten die Bomben und Kanonenkugeln auf die plat⸗ ten Dächer von Algier nieder. Selbſt in den Hof der Gefangenen fanden Einige davon ihren Weg, ohne in⸗ deß beſonderen Schaden anzurichten.. »„Jetzt iſt's Zeit,“ ſagte der Oberſt.„Haltet Euch fertig, Leute. Beim erſten Rufe ſtüͤrzt Euch auf die Soldaten und entreißt ihnen ihre Waffen. Es muß gelingen, wenn Ihr mit Entſchloſſenheit zu Werke geht.“ 80 Mit Ungeduld warteten Alle auf die Ablöſung, aber mehr als eine Stunde über die gewöhnliche Zeit verſtrich, ehe die Riegel des Thores aufraſſelten. Mitt⸗ lerweile dauerte das Bombardement mit Heftigkeit fort, und hielt ununterbrochen mit gleichmäßiger Stärke an. Der Oberſt, verzehrt von Kampfluſt, ſtand ſchon im Begriffe, die Ablöſung nicht länger zu erwarten, und den Leuten das Zeichen zum Aufſprengen des Thores zu geben, als dieſes endlich in ſeinen Angeln knarrte, und eine Schaar Soldaten einſtrömen ließ. Ein Blick zeigte dem Oberſten, daß die Abtheilung doppelt ſo ſtark als gewöhnlich ſei. Aber dieß ſchreckte ihn nicht. Ein Wink führte den Kapitän Briant mit den Matroſen an ſeine Seite, und zu gleicher Zeit führte der Steuermann Calame die entſchloſſenen Männer aus der Schaar der übrigen Gefangenen herbei. Die Soldaten ſchöpften Verdacht aus dieſen un⸗ gewöhnlichen Bewegungen, und ein Kommandowort ihres Offiziers hieß ſie auf der Hut zu ſein. Sie er⸗ hoben die Gewehre, um ſie auf die Gefangenen anzu⸗ legen. In demſelben Augenblick aber rief der Oberſt mit Donnerſtimme:„En avant!« und im Sprunge, wie Löwen, die auf ihre Beute ſtürzen, warfen ſich die Matroſen des Kapitän Briant auf die erſchreckten Sol⸗ daten, entriſſen ihnen die Gewehre, drehten ſie um und ſchlugen mit den Kolben auf die Mannſchaft ein. Zu gleicher Zeit drang auch der Steuermann mit ſeiner Schaar vorwärts, ein wildes Handgemenge entſtand, einige Schüſſe krachten, aber nur wenige Minuten ver⸗ ſtrichen, ſo lag die Mehrzahl der Soldaten am Boden, und der Reſt warf die Waffen von ſich und bat um Gnade. 81 „Bindet ſie! Alle! Und ſchnell!« rief der Oberſt. Jeder nahm ſeinen Mann, und was nicht im Kampfe gefallen war, wurde im Nu gefeſſelt und ſo unſchädlich gemacht. Die Sieger entriſſen den Beſieg⸗ ten ihre ſämmtlichen Waffen, und ſtürmten nun, den Oberſten an der Spitze gegen das Thor, deſſen Riegel bald genug zertrümmert und zerſprengt wurden. „Jetzt in Reih' und Glied, und mir nach!« kom⸗ mandirte der Oberſt. Schnell ordneten ſich die Leute, und im Geſchwind⸗ ſchritt marſchirten ſie aus dem Thore, gewannen die Straße und bemerkten nicht ohne Verwunderung, daß ſie ganz menſchenleer war. „Hier gibt es kein Hinderniß weiter,“ ſagte der Oberſt.„Die geängſtigten Einwohner haben ſich ohne Zweifel in ihre Keller verkrochen, um vor den Kugeln geſichert zu ſein, und die Soldaten kämpfen auf den Wällen. Wer jetzt nur wüßte, wo man an leichteſten aus der Stadt kommen könnte. „Ich weiß es, mein Oberſt!“ ſagte der Steuermann Calame, welcher ſich dicht an der Seite des Führers gehalten hatte.„Die Stadt iſt mir nicht fremd, und ich kenne eine Stelle auf der öſtlichen Seite, wo die Mauer, halb zertrümmert, dem Ueberſteigen keine großen Hinderniſſe entgegenſetzt. Auf jener Seite ſcheint auch noch kein Angriff gemacht zu ſein, und es läßt ſich daher hoffen, daß wir ſie nicht ſtark beſetzt finden wer⸗ den. Wenn Sie mir Vertrauen ſchenken, ſo hoffe ich den Punkt ohne Mühe zu finden.« „Dann vorwärts, ohne weiteres Beſinnen,“ ent⸗ ſchied der Oberſt.„Gehen Sie voraus, mein Freund.« Dienſt um Dienſt.— 6 8² Der Steuermann wandte ſich rechts, führte die Schaar durch verſchiedene enge, ſtille, ganz verlaſſen liegende Straßen, und endlich durch einige Gärten, welche ſich bis an die Stadtmauer hin erſtreckten. Wie er geſagt hatte, lag ein Theil derſelben hier wirklich in Trümmern, und es koſtete nur geringe Mühe, ſie zu überſteigen und in's Freie zu gelangen. Wiederum führte der Weg eine kurze Strecke zwiſchen dichten Hecken durch Gärten dahin, und Calame eilte munte⸗ ren Schrittes immer voraus, bis er plötzlich ſtehen blieb, ſich umdrehte und mit dem Ausdrucke heftigen Erſchreckens vorwärts deutete. Ein Blick zeigte dem Oberſten, um was es ſich handelte. Quer vor dem Wege, welchen ſie zurückgelegt hat⸗ ten, war eine Schanze mit einer Batterie errichtet wor⸗ den, und eine Abtheilung von fünfzig bis ſechszig Sol⸗ daten hielt dieſelbe beſetzt. Um in's Freie zu gelangen, mußte zuerſt die Batterie genommen werden, und dieß war bei der ſtarken, gut bewaffneten Beſatzung der Schanze immerhin ein gewagtes Unternehmen. „Und dennoch bleibt uns kaum etwas Anderes übrig, als vorwärts zu gehen,“ ſagte der Oberſt.„Ohne Zweifel ſind alle übrigen Ausgänge von Algier in gleicher Weiſe beſetzt, und es würde uns alſo nichts nützen, wenn wir zurückweichen wollten. Ich ſtimme dafür, daß wir die Schanze zu nehmen verſuchen.“ Die Leute blickten ſich bedenklich an, und ſchienen keine rechte Luſt zu haben, mit dem Feinde anzu⸗ binden. „Könnte man nicht lieber verſuchen, ſich rechts oder 83 links an der Schanze vorbei zu ſchleichen?« fragte eine Stimme. »Das iſt unmöglich,« entgegnete der Steuermann Calame.„»Das ganze Terrain iſt hier von Gräben durchſchnitten, und zum Theil mit Mauern, zum Theil mit dichten Stachelhecken eingefaßt. Der Ingenieur des Dey hat dieß wohl gewußt, und darum gerade an dieſem Punkte, dem einzigen Durchgange, die Schanze aufgeworfen. Ich ſtimme dem Herrn Oberſten bei, wir müſſen entweder die Batterie nehmen, oder uns wieder in das Bagno einſperren laſſen.“ „Denn alſo! Friſch vorwärts!« ſprach der Oberſt. „Dem Tapferen lächelt das Glück. Meine Männer, wer von Euch den Sturm mit mir verſuchen will, trete vor.“ Augenblicklich traten zuerſt die Matroſen des Ka⸗ pitän Briant vor, die übrigen Franzoſen folgten, noch ein großer Theil der Andern ſchloß ſich, wenn auch ein wenig zögernd, an, und nur ein kleines Häuflein, meiſt alte und ſchwächliche Männer, blieb zurück. Der Oberſt ordnete ſeine ſtreitbare Mannſchaft, und gab ihr die nöthigen Anweiſungen, wie ſie zu verfahren habe. Zu⸗ erſt ſollte ein allgemeines Gewehrfeuer auf die Be⸗ ſatzung der Schanze eröffnet, und dieſe dann, wo mög⸗ lich, in raſchem Anlaufe durch Sturm genommen werden. „Achtung!« kommandirte er mit gedämpfter Stimme: „Legt an! Feuer!“ Die Flintenſchüſſe krachten, und ehe noch der Pul⸗ verdampf ſich verzogen hatte, donnerte der Oberſt, „Vorwärts,“ und in vollem Laufe ſtürmte die tapfere Schaar auf die Schanze los. 84 Hier herrſchte vollkommene Verwirrung, denn die Soldaten des Dey hatten am allerwenigſten einen ſo kräftigen Angriff von der Stadtſeite her vermuthet. Ein Theil von ihnen war bei der wohlgezielten Salve gefallen, die Andern warfen in paniſchen Schrecken ihre Waffen von ſich, und flüchteten nach allen Seiten, ohne ſich in einen Kampf einzulaſſen. Kaum zwei Minuten nach dem ſtürmiſchen Angriffe war die Schanze er⸗ obert, und der Weg nach dem offenen Felde war ge⸗ wonnen. „Vorwärts! Vorwärs!“ riefen mehrere Stimmen. „Hinunter den Wall! Wir ſind frei!« „Halt!« kommandirte dagegen der Oberſt, der mit dem Scharfblicke eines alten Kriegers ſogleich die ganze Wichtigkeit der Poſition erkannte, in deren Beſitz ein glücklicher Zufall ihn gebracht hatte.„Fliehe wer will! Wer aber treu zum Vaterlande hält, und ein kühnes Herz hat, der bleibe.“ „Aber was bezwecken Sie damit, Oberſt?« fragte Kapitän Briant. »Sehen Sie es nicht?“ erwiederte der Oberſt mit Feuer.„Dieſe Batterie beherrſcht nicht nur die ganze Ebene bis zur Küſte hinab, ſondern auch einen großen Theil der Stadt. Wenn wir die Kanonen umwenden und nach der Stadtſeite hin eine leichte Erdſchanze auf⸗ werfen, ſo können wir dem Feinde bedeutenden Scha⸗ den zufügen, und uns Stunden lang gegen ganze Re⸗ gimenter vertheidigen. Ein Angriff von der Stadt her kann nur auf der ſchmalen Straße geſchehen, welche wir paſſirt haben. Zwei Geſchütze genügen, ſie voll⸗ ſtändig zu beſtreichen und Alles wegzufegen, was heran zu kommen wagt. Mit den übrigen vier Geſchützen 8⁵ bombardiren wir die Stadt, und es ſollte mich ſehr wundern, wenn dieß dem General Bourmont nicht äußerſt willkommen wäre.“« „Beim Himmel! Oberſt, Sie haben recht,“ rief Kapitän Briant aus.„He, meine Männer,“ wandte er ſich dann zu den Matroſen,„ich rechne darauf, Ihr werdet Eure Pflicht thun. Ein Ehrloſer, wer dieſe Schanze verläßt. Ich ſelbſt ſtelle mich unter den Befehl des Oberſten, und ich hoffe, auch Ihr werdet ihm Gehorſam leiſten.“ »Vive le colonel!“ riefen zwanzig rauhe Stimmen, und frohen Muthes zeigten ſich die Leute bereit, jedem Befehle des Oberſten Folge zu leiſten. Auch die mei⸗ ſten Anderen weigerten ſich nicht, wacker mit zuzugrei⸗ fen, und ohne Zögern ging man an's Werk. Ein Theil der zum Aufwerfen der Schanze ge⸗ brauchten Geräthſchaften lag noch in der Nähe derſel⸗ ben aufgehäuft, und zwanzig, dreißig Hände griffen zu, einige Erdwerke nach der Stadt hin aufzuwerfen. Bei dem allgemeinen Eifer ging dieß raſch genug von ſtat⸗ ten, und man war ſchon ziemlich damit zu Stande ge⸗ kommen, als der wachſame Oberſt bemerkte, daß von der Stadt her im raſchen Trabe eine Truppe Soldaten des Dey angerückt kam. „Achtung!“ rief er.„Herum die Geſchutze.“ Im Nu war es geſchehen. Er ſelber richtete die Mündungen auf den ſchmalen Gartenweg, ergriff die brennende Lunte, und ließ die Soldaten auf hundert Schritte herankommen. Dann feuerte er. Die Kanonen donnerten und ein Hagel von Kar⸗ tätſchen ſchmetterte in die Reihen der Angreifer, welche ſofort unter wildem Geſchrei zurückwichen. Bevor ſie 86 ſich zu einem neuen Angriffe verſammeln konnten, hat⸗ ten die Matroſen die Geſchütze bereits wieder geladen, und ein zweiter Kartätſchen⸗Hagel verbreitete Tod und Verderben unter die Feinde, als ſie abermals zum Sturme heranrückten. 3 Jetzt aber ſchienen ſie auch genug zu haben. Sie zogen ſich zuruͤck, und man konnte ohne Beſorgniß wie⸗ der an das Aufwerfen der Schanzen gehen. In kur⸗ zer Zeit kam man vollends damit zu Ende, und nun ließ der Oberſt die übrigen Geſchütze an die geeigneten Plätze bringen. Er ſelber richtete und feuerte, die Matroſen beſorgten die Ladung und es zeigte ſich ſchnell genug, daß die Batterie dem Feinde bedeutenden Scha⸗ den zufügte. Noch mehrmals wurden in Folge deſſen Verſuche gemacht, ſie von der Stadt her zu nehmen, aber Ka⸗ pitän Briant, welchem die beiden Vertheidigungs⸗Ge⸗ ſchütze anvertraut waren, ſchlug jeden Angriff faſt ohne Verluſt von ſeiner Seite zurück. Die in aller Eile auf⸗ geworfenen Erdſchanzen gewährten hinlänglichen Schutz, wogegen die angreifenden Araber bei jedem Vorrücken von den Kartätſchen decimirt wurden. Bataillon auf Bataillon rückte an, aber eins nach dem anderen mußte bluttriefend zurückweichen. In dieſer Weiſe mochte der Kampf ſchon zwei Stunden gedauert haben, als im Rucken des Oberſten eine Schwadron Reiter erſchien, und im Galopp von der Meeresküſte her heran fegte. „Achtung, mein Oberſt!“ ſagte der Steuermann Calame, welcher den Reitertrupp zuerſt bemerkte.„Es ſcheint, als ob man uns im Rücken faſſen wolle.“ Der Oberſt drehte ſich raſch und nicht ohne Be⸗ 87 ſorgniß um. Aber er hatte kaum einen Blick auf die Reiter geworfen, als jeder Schatten von ſeiner Stirne verſchwand. „Es ſind Landsleute! Franzoſen!“ ſagte er.„Man wird dort drüben endlich gemerkt haben, daß wir hier unſere Schuldigkeit thun.“ Und ſich kaltblütig wieder umwendend, feuerte er abermals eine Kanone auf die Stadt ab, und blies dann ruhig die Lunte wieder an. „He, was iſt das hier?« fragte jetzt eine Stimme hinter ſeinem Rücken.„Wer kommandirt dieſe Bat⸗ terie? Der General Bourmont ſchickt mich, um Er⸗ kundigungen einzuziehen.“ 3 „Melden Sie dem General, der Oberſt Domourier habe ſich dieſer Batterie bemächtigt, und werde ſie hal⸗ ten, ſo lange noch ein Blutstropfen in ſeinen Adern fließt,« antwortete der Oberſt, indem er ſein pulver⸗ geſchwärztes Geſicht der Ordonnanz zudrehte.»Wie gehen drüben die Sachen, Kapitän Magnan?« „Sacrebleu! wahrlich unſer Oberſt!« rief der Ad⸗ jutant des Generals angenehm überraſcht aus.„Bei Gott, Sie ſind es! Aber wie kommen Sie hieher, Oberſt? Wir fürchteten, Sie ſeien gefangen, und der Himmel weiß, in welchen Winkel der Wüſte ge⸗ ſchleppt.“ „Alles richtig, Kapitän Magnan, aber wie Sie ſehen, bin ich wieder frei, und helfe ſo gut ich kann.“ „Und eine wackere Hülfe iſt es, Oberſt! General Bourmont iſt entzückt über die Wirkſamkeit dieſer Bat⸗ terie, nur konnten wir uns durchaus nicht erklären, wie um Alles in der Welt ſie daher gekommen ſei.« „Haben Sie ſonſt Aufträge für mich, Kapitän?“« 88 „Gewiß! Der General wünſcht, die Batterie möge ſo lange wie möglich Stand halten, und es freut mich, ihn über dieſen Punkt beruhigen zu können. Sie ſcha⸗ det dem Feinde außerordentlich. Brauchen Sie Unter⸗ ſtützung, Oberſt?«* „Nein, ich halte es ſchon eine Weile aus. Aber hören Sie, Kapitän Magnan. Dort nördlich von uns liegt ein Fort der Araber, das Schuß auf Schuß in der Richtung nach dem Meere zu abfeuert. Sie be⸗ merken es?« „Ei, gewiß! Es hat uns ſchon viele Mannſchaft weggeſchoſſen. Was iſt damit?« »öinfach dieß, daß meine Geſchütze bis hinüber reichen, und wenn alſo General Bourmont einen An⸗ griff auf das Fort unternehmen wollte, ſo könnte er auf meine Unterſtützung rechnen. Melden Sie ihm das? „Es ſoll geſchehen, Oberſt! Das iſt wirklich ein ooortrefflicher Einfall. Das verwünſchte Fort iſt uns äußerſt läſtig. Was ſonſt noch?“ „Meinen Gruß dem General! Und er möge nur raſch vorrücken, ich wäre bereit.« Die Schwadron raſſelte im Galopp wieder davon, und der Oberſt traf ſeine Vorkehrungen, um jeden Augenblick zum Bombardement des bezeichneten Forts bereit zu ſein. Die Geſchütze wurden geladen, gerichtet, und der Oberſt ſtellte ſich mit glimmender Lunte da⸗ neben, indem er mit ſpähendem Blicke die Anordnungen des Generals Bourmont zu erforſchen ſuchte. Nicht lange, ſo zeigten ſich einige Bataillone In⸗ fanterie dem Fort gegenüber, und gleich darauf kam in ſcharfem Trabe auch eine Batterie reitende Artillerie 89 heran, protzte zwiſchen der Infanterie und dem Fort ab, und begann das Letztere ſofort zu beſchließen. „Da ſind ſie! Jetzt iſt's Zeit,« murmelte der Oberſt, ſenkte die Lunte, und feuerte ebenfalls. Kaum hatte ſich das Geſchütz entladen, ſo erſchüt⸗ terte plötzlich ein mächtiger Donnerſchlag die Luft, eine Feuerſäule ſtieg von der Stelle auf, wo das Fort ſtand, und ungeheure Dampfwolken wälzten ſich über Stadt und Ebene hin. Eine Todtenſtille folgte dem Erd' und Himmel er⸗ ſchütternden Krache, und als ſich nachgrade die Rauch⸗ ſäule verzog, konnte man ſehen, daß ein großer Theil des Forts in Trümmern lag. „»Es muß ein Pulver⸗Magazin in die Luft geſprengt ſein,“ ſagte der Oberſt.„Aber ich begreife nicht, warum unſere Leute nicht vorrücken! Sie ſollten die Verwir⸗ rung benützen, und den Punkt beſetzen.“ Der Oberſt hatte kaum ausgeredet, als der Com⸗ mandeur der Belagerungstruppen auf den gleichen Ge⸗ danken gekommen zu ſein ſchien. Die Infanterie ſtürmte mit gefälltem Bajonett vorwärts, die Artillerie folgte, und nach wenigen Minuten ſchon verkündete der Don⸗ ner der Kanonen, daß man auf den Trümmern des zerſtörten Werkes Poſto gefaßt hatte. Von zwei Punkten aus faßte man nun die Stadt in der Flanke, und gleichzeitig bombardirte man von der Seeſeite her mit verdoppelter Heftigkeit das Kaiſer⸗ ſchloß und die See⸗Batterien von Algier. Unaufhör⸗ lich rollte der Donner der ſchweren Geſchütze, bis end⸗ lich, gerade ſieben Stunden nach Anfang des allgemei⸗ nen Bombardements, die Türken ſelbſt das hart be⸗ drängte Kaiſerſchloß in die Luft ſprengten. Gleichwohl 90 wurde die Beſchießung der übrigen Befeſtigungen mit Nachdruck fortgeſetzt, bis zuletzt die Nacht dem furcht⸗ baren Angriffe ein Ende machte. Auch der Oberſt Dumourier ließ jetzt vom Feuern ab, übergab das Kommando der Batterie an Kapitän Briant, und eilte nach dem franzöſiſchen Lager an der Küſte, um, wo möglich den General Bourmont zu ſprechen. Man wies ihn bereitwilligſt zurecht, und der Oberfeldherr empfing ihn mit lebhafter Freude. „Sieh da, unſer Freund Dumourier,« rief er aus, indem er dem Oberſten entgegen eilte.„Es macht mich ſehr glücklich, Sie lebend und geſund wielerzuſehen, und Ihnen für die trefflichen Dienſte danken zu kön⸗ nen, die Sie uns durch die Wegnahme jener Batterie geleiſtet haben. Sie haben ſehr weſentlich zu unſeren raſchen Erfolgen beigetragen. Die Stadt kann ſich unmöglich noch länger halten, und ich zweifle nicht, daß morgen Alles zur Entſcheidung kommen wird. Natürlich werden Sie jetzt das Kommando Ihres Re⸗ giments wieder übernehmen, und ich habe die betref⸗ fenden Befehle bereits erlaſſen. Aber wo iſt Ihr Sohn, jener lebendige, tapfere Knabe, der mir ſo wacker Bei⸗ ſtand leiſtete, als Sie ſich weigerten, unſeren Feldzug mitzumachen.« Eine Wolke der Trauer verdüſterte des Oberſten Stirn. „Doch nicht todt!« fuhr der General mit lebhafter Theilnahme fort.„Das würde mir ſehr leid thun.“ „Todt nicht, ſo viel ich weiß, aber gefangen iſt er und in das Innere des Landes abgeführt,“ entgegnete der Oberſt.„Gott allein weiß, ob ich den armen Jun⸗ gen jemals wiederſehen werde.“ 91 »Wir müſſen es hoffen, mein lieber Oberſt,“ ſagte General Bourmont tröſtend.»Jedenfalls, wenn wir hier fertig ſind, wollen wir Nachforſchungen anſtellen. Wir werden mit den Stämmen der Wüſte in Verbin⸗ dung treten, und ich zweifle nicht, daß wir unſere Ge⸗ fangenen ausfindig machen und befreien. Jetzt noch eine Frage: Glauben Sie mit Hülfe Ihres Regimen⸗ tes die Batterie bis morgen halten zu koͤnnen?“ „Ohne allen Zweifel,“ entgegnete der Oberſt raſch. »„Nicht nur bis morgen, ſondern ſo lange es überhaupt nothwendig iſt. »„Gut, ſo halten Sie ſich bereit, mit Tagesanbruch das Bombardement wieder zu eröffnen. Vielleicht iſt noch ein letzter Angriff nöthig, um den Starrſinn des Dey zu brechen, aber er wird ſehen, daß wir die Kraft dazu haben. Auf Wiederſehen, Oberſt! Mein Adjutant wird Sie zu Ihrem Regimente bringen.. Der Oberſt empfahl ſich, denn er ſah wohl, daß General Bourmont alle Hände voll zu thun hatte. Ein Adjutant brachte ihn zu der Stelle, wo ſein Regiment aufmarſchirt war, und mit lauten Zurufen wurde er von den Soldaten empfangen. Nach einer kurzen An⸗ ſprache, in welcher er ſeine Freude über die glückliche Wiedervereinigung ausdrückte, ſtellte er ſich an die Spitze ſeiner Leute und führte ſie zu der Schanze, wo ſie über Nacht kampiren ſollten. Einige Wachen wurden ausgeſtellt, um gegen einen etwa verſuchten Ueberfall geſichert zu ſein. Die Kanoniere lagerten ſich neben ihren Geſchützen, und der Oberſt ſelber ſetzte ſich auf eine Laffette, um jeden Augenblick zur Abwehr eines verwegenen Handſtreichs bereit zu ſein. Die Nacht verlief indeß vollkommen ruhig, und ehe 8 8 92 noch am andern Morgen das Geſchützfeuer von Neuem eröffnet wurde, wehete ſchon die weiße Fahne am Schloſſe des Dey, und verkuͤndete die Nachricht von ſeiner Unterwerfung. Schon in aller Frühe des fünf⸗ ten Juli hatte er kapitulirt, und am nämlichen Tage noch rückten die Franzoſen in Algier ein, und beſetzten ſämmtliche Forts und Batterien. Auch das Regiment des Oberſten erhielt Befehl, ſich in Bewegung zu ſetzen, und in die(Kasbah) das feſte Schloß des Dey, wel⸗ ches die ganze Stadt beherrſchte, einzumarſchiren. Mit klingendem Spiele und flatternder Fahne ging es vorwärts. Siegesfreude ſchwellte die Bruſt des Oberſten, als er die Straßen wieder betrat, die er erſt geſtern als Flüchtling verlaſſen, aber die Freude wurde gedämpft durch die Erinnerung an Frangois, und mit beklommenem Herzen fragte er ſich ſelbſt: Werde ich ihn jemals wieder ſehen, und den Verlorenen in meine Arme ſchließen?... Da plötzlich flog, wie ein Blitzſtrahl, auf glänzend weißem Roſſe ein junger arabiſcher Krieger an der langen Linie des Regimentes entlang, welches ſich wie eine rieſige Schlange durch die engen Straßen der Stadt nach der Kasbah des Dey vorwärts bewegte. Hundert Augen blickten erſtaunt auf den verwegenen Reiter, wie er mit bewunderungswürdiger Gewandtheit durch das Gedränge ſich Bahn brach, bis er an der Spitze des Regimentes angelangt war. Hier hielt er ſein Pferd an, ſprang leicht aus dem Sattel, und hing im nächſten Augenblicke mit dem Ausrufe:„Mein Vater! Oh mein theurer, lieber Vater!“ an dem Halſe des Oberſten. Befremdet ſtarrte der Oberſt den Jüngling an. Im 93 erſten Momente erkannte er ihn nicht mit ſeinem ſchwärz⸗ lich gebräunten Geſicht und der ungewöhnlichen Tracht, — dann aber verklärten ſich plötzlich ſeine Züge zum Ausdrucke der ſeligſten Freude, ſeine Augen ſtrahlten vor Entzücken, und mit Ungeſtüm preßte er den Wie⸗ dergefundenen in ſeine Arme. „Mein Gott, ich danke dir!« rief er aus.„Francois, mein Sohn, du biſt es! Du biſt mir wiedergeben!« Bruſt an Bruſt lagen ſie, ihren Augen entrollten Thränen, ihre Herzen pochten ſtürmiſch an einander. Erſtaunt ſchauten die Soldaten das ſeltſame Schau⸗ ſpiel, als ſie aber hörten, daß dieſer junge Araber, der in den Armen ihres Oberſten lag, deſſen verlorener und wunderbar wiedergefundener Sohn ſei, da ſchmet⸗ terte ein donnerndes:„Vive le colonel!“ durch die Lüfte, und Offizier wie Soldaten drängten ſich um die Glück⸗ lichen, und gaben in den herzlichſten Aeußerungen ihre Theilnahme und ihr lebhaftes Mitgefühl zu erkennen. Einige Minuten vergingen, ohne daß irgend Je⸗ mand daran dachte, weiter zu marſchiren und ſo den erhaltenen Befehl auszuführen. Endlich erinnerte ſich zuerſt der Oberſt ſeiner Pflicht, und machte ſich ſanft aus der Umarmung ſeines Sohnes los. „Ich danke Euch, meine Kinder, für Eure Theil⸗ nahme!“ ſprach er zu den Soldaten.„Dieß iſt ein glücklicher Tag für mich, aber ſelbſt im Vollgenuſſe der ſeligſten Augenblicke müſſen wir unſerer Pflicht ein⸗ gedenk ſein. Achtung alſo! Schließt Eure Reihen! Vorwärts!« Der Knäuel entwirrte ſich, jeder Soldat nahm wie⸗ der ſeinen Platz in den ſchnell geordneten Reihen ein, und das Regiment ſetzte ſeinen Marſch nach der Kasbah ———— 2 fort. François ging natürlich an der Seite ſeines Vaters, indem er ſein Pferd am Zügel führte. Nur wenige Worte wurden unterwegs ausgetauſcht. Erſt als das Regiment von dem feſten Schloſſe Beſitz ge⸗ nommen hatte, und die verſchiedenen Wachtpoſten ver⸗ theilt worden waren, fanden der Oberſt und Frangois eine ruhige Stunde und ein ſtilles Plätzchen, wo ſie ſich ihre Erlebniſſe ſeit der Trennung erzaͤhlen konnten. Wir haben nur Einiges davon nachzutragen. Die Schickſale des Oberſten ſind uns bereits bekannt, und auch von Francois iſt nichts weiter zu berichten, als daß er mit der kleinen Reiterſchaar, welche der Vater ſeines Freundes Abdul dem Dey zuzuführen beabſich⸗ tigte, glücklich in der Nähe von Algier angelangt war, ohne von den zum Zuge ſtoßenden Arabern als Fremd⸗ ling erkannt worden zu ſein. Die Ankunft war am geſtrigen Tage, während des heftigſten Bombardements erfolgt. Da der Scheikh ſo⸗ gleich erkannte, daß ſeine Zwiſchenkunft das Schickſal von Algier nicht abwenden konnte, ſondern nur ihn ſelber und ſeine Begleiter in's Verderben ſtürzen muͤßte, ſo wurde in einiger Entfernung von der Stadt Halt gemacht. Wie ſehr auch Francois ſich darnach ſehnte, zu ſeinen Landsleuten zu gelangen, deren Geſchütze er donnern hörte, deren Bajonette er in der Ferne blitzen ſah, konnte er ſich doch nicht davonſchleichen, ehe nicht die Nacht völlig eingebrochen war. Auch da noch mußte er auf ſeiner Hut ſein, denn die Araber hatten Wachen ausgeſtellt, und würden nicht das mindeſte Be⸗ denken getragen haben, ihn bei dem geringſten Ver⸗ dachte einer Flucht ihrer Rache zu opfern. Abdul ſelbſt duldete nicht, daß er ſich entfernte, bis endlich der Mor⸗ gen dämmerte und die Wachen abgelöst wurden. Unter dem Vorwande, perſönlich einen der äußerſten Poſten zu übernehmen, verließ der junge Araber das Lager und gab Francois einen Wink, ihn zu begleiten. Sie ritten davon, und Niemand ahnte, was ſie beabſichtig⸗ ten. Auf dem erwählten Poſten angekommen, welcher dem Heere der Franzoſen am nächſten lag, war es nicht mehr ſchwierig zu entrinnen. Abdul und Frangois nahmen Abſchied von einander. Sie ſchüttelten ſich die Hände, verſprachen einander treue Freundſchaft, und Frangois flog auf ſeinem vogelſchnellen Roſſe dem fran⸗ zöſiſchen Lager zu. Niemand als Abdul bemerkte ſeine Entfernung, alſo ſiel es auch Niemanden ein, ihn zu verfolgen. Unaufgehalten traf er bei ſeinen Lands⸗ leuten ein, gab ſich den Vorpoſten, durch Zuruf als Franzoſen zu erkennen, und zog, als man ihn paſſiren ließ, Erkundigungen nach ſeinem Vater ein. Da er die Nummer vom Regimente deſſelben kannte, erhielt er endlich Auskunft und zugleich die Nachricht, daß Oberſt Dumourier am Leben und gerade im Begriff ſei, mit ſeinen Bataillonen die Kasbah zu beſetzen. Er folgte der ihm angedeuteten Richtung, und ſein gutes Glück wollte, daß er den Vater noch auf dem Marſche erreichte. So wurden die Getrennten wieder vereinigt, und alle erduldeten Bängniſſe, Leiden und Schmerzen waren vergeſſen, wie ein böſer Traum, der von dem glänzen⸗ den Lichte der aufſteigenden Sonne verſcheucht wird. „Gott war mit uns und hat uns wunderbar be⸗ ſchützt!« ſprach der Oberſt mit inniger Rührung, als er Francois nach dieſen Mittheilungen zärtlich an ſeine 96 Bruſt drückte.„Dir ſandte er einen Freund, und mir wackere Genoſſen, durch deren Beiſtand ich die Frei⸗ heit erkämpfen konnte. Danken wir dem gütigen, gna⸗ denreichen Gott aus der Fülle unſerer Herzen!“ Viertes Kapitel. Ein Wiederſehen. In ſeinem Glücke vergaß Frangois die beiden Matro⸗ ſen, ſeine Leidensgefährten nicht, welche in der Gefan⸗ genſchaft der Araber zurückgeblieben waren. Er be⸗ nachrichtigte ſeinen Vater, daß man gegen ein Löſegeld ihre Freiheit erlangen könne, und der Oberſt ſäumte nicht, dem Kapitän Briant von dem Schickſale ſeiner Leute Kunde zu geben. Ohne Zoͤgern wurden die nö⸗ thigen Schritte gethan, die armen Burſche aus ihrer Sklaverei zu erloͤſen, und noch am nämlichen Tage begab ſich ein Parlamentär in Begleitung eines Of⸗ fiziers vom Gefolge des Dey zum Scheikh⸗el⸗Arab ben⸗ Ganah, um die geforderte Summe zu zahlen, und dafür das Verſprechen der Freilaſſung der Matroſen zu empfangen. Acht Tage ſpäter trafen die beiden Männer wohl⸗ behalten in Algier ein. Nachdem ſie ſich bei ihrem Kapitän gemeldet hatten, eilten ſie, Frangois aufzu⸗ ſuchen, dankten ihm mit Thränen in den Augen für ſeine Vermittlung, und brachten ihm außerdem einen 97 Gruß von Abdul, nebſt einem Damascener⸗Dolche mit koſtbarem Griffe, welchen der junge Araber ſeinem Freunde zum Andenken ſandte. Dieß war das letzte Lebenszeichen von Abdul, und Jahre vergingen, ohne daß Francois wieder irgend eine Kunde von ihm erhalten hätte. Mittlerweile befeſtigte ſich die Macht der Franzoſen in Algier mehr und mehr, breitete ſich immer weiter aus, und unterwarf ſich allmählig eine bedeutende An⸗ zahl arabiſcher Stämme, obgleich dieſelben mit uner⸗ warteter Tapferkeit Widerſtand leiſteten. Oberſt Du⸗ mourier und Francois hatten Afrika nicht wieder ver⸗ laſſen, ſondern zu allen Erfolgen der Armee das Ihrige beigetragen. Francçois war längſt zum Offizier ernannt worden, und hatte ſich bei verſchiedenen Gelegenheiten ſo ausgezeichnet, daß er im Jahre 1836 vom General⸗ Gouverneur Algiers, dem Marſchall Clauzel, das Kreuz der Ehren⸗Legion empfing. Kurze Zeit darauf, am 8. November deſſelben Jahres trat der Marſchall einen Kriegszug in das Innere des Landes an, um den Bey von Conſtantine zu züchtigen, welcher den Franzoſen hartnäckig den Gehorſam verſagte. Bei dieſer Gelegen⸗ heit war es, wo die Armee eine der empfindlichſten Niederlagen erlitt. Der Marſch, den ſie machen mußte, war höchſt ſchwierig und mühſam, anhaltende Regen⸗ güſſe hatte die ohnehin ſchlechten Wege vollſtändig auf⸗ geweicht und überſchwemmt, und eine empfindliche Kälte geſellte ſich noch zu dem herabſtrömenden Regen, wo⸗ durch die Leiden der Soldaten auf's Höchſte geſteigert wurden. Alrs die Armee nach unerhörten Mühen und An⸗ ſtrengungen das Ziel des Marſches endlich erreichte, Dienſt um Dienſt. 7 98 geſchah es in einem bedauernswürdigen Zuſtande. Den⸗ noch wurde zwei Mal der Sturm auf Conſtantine ver⸗ ſucht, aber beide Male mit großen Verluſten auf Sei⸗ ten der Franzoſen abgeſchlagen. Man ſah ſich bei der Ungunſt der Verhältniſſe genöthigt, die Belagerung auf⸗ zugeben und den Rückzug anzutreten. Die geſchlagenen Truppen kehrten erſchöpft und decimirt nach Bona, dem Ausgangs⸗Punkte der Unternehmung zurück, und die Folge des mißglückten Zuges war, daß die Araber ihr Haupt höher als je erhoben und ihrerſeits mit einer Keckheit zum Angriffe übergingen, welcher die Herr⸗ ſchaft der Franzoſen in Algier ſehr ernſtlich bedrohte. Unter dieſen Umſtänden hielt man es für zweck⸗ mäßig, mit einem Theile der arabiſchen Stämme einen Frieden abzuſchließen, um alsdann mit ganzer Kraft einen zweiten Stoß auf Conſtantine zu führen, die Fe⸗ ſtung zu erobern, und ſo die empfangene Scharte aus⸗ zuwetzen. Der mit dem Emir Abd⸗el⸗Kader im Mai 1837 abgeſchloſſene Vertrag gab dazu freie Hand, und alle orbereitungen wurden getroffen, um ein abermaliges Fehlſchlagen der Unternehmung unmöglich zu machen. Zehntauſend Mann ſtark rückte die Armee unter dem Befehle des General Damremont am erſten Oktober 1837 gegen Conſtantine vor. Francois begleitete den Zug in der unmittelbaren Umgebung des Ober⸗Befehlshabers, welcher ihn unter die Zahl ſeiner Adjutanten aufgenommen hatte und ihm großes Vertrauen ſchenkte. Ohne beſondere Hinderniſſe drangen die Franzoſen vorwärts, und erſchienen ſchon am ſechsten Oktober vor der Feſtung, wo ſämmtliche Regimenter in ihre Stellungen einrückten, ohne von dem Feinde dabei geſtört zu werden. Francois be⸗ 99 trachtete mit prüfenden Augen die Lage und Umgebung der Stadt, und eine Wolke trüben Ernſtes verfinſterte ſeine Stirn. „Das iſt ein feſtes Felſenneſt, und mancher Bluts⸗ tropfen wird fließen müſſen, ehe wir uns ſeiner be⸗ mächtigen!« murmelte er halblaut vor ſich hin. In der That war die Lage von Conſtantine wohl geeignet, ſolche Beſorgniſſe einzuflößen. Auf einen hohen Felſen erbaut, iſt es auf zwei Seiten von einer tiefen, von lothrechten Felswänden gebildeten Schlucht um⸗ geben, welche der kleine Fluß Ued Rummel durch⸗ ſtrömt; auf der dritten Seite erweitert dieſe Schlucht ſich zu einem tiefen Thale von romantiſcher Schönheit, in welches der Ued Rummel, einen prachtvollen Waſ⸗ ſerfall von achtzig Fuß Höhe bildend, hinabſtürzt. Nur die vierte Seite hängt mit dem übrigen Lande zuſam⸗ men, und von dieſer Seite allein konnte daher ein er⸗ folgreicher Angriff auf die Feſtung geſchehen. Aber dieſe Seite war auch am ſtärkſten befeſtigt, und ver⸗ mochte bei tapferer Vertheidigung einen langen und blutigen Widerſtand zu leiſten. Noch betrachtete Frangois die gewaltigen Mauern und Wälle, aus deren Schießſcharten drohend die Mün⸗ dungen zahlreicher Geſchütze gähnten, als der Galopp eines Pferdes hinter ihm erſchallte, und gleich darauf ein Offizier in reich geſtickter Uniform an ſeiner Seite hielt. Es war der General Damremont. Francois grüßte ihn ehrerbietig, und trat einen Schritt zurück. Der General muſterte, wie er vorhin, die Vertheidi⸗ gungs⸗Linien des Feindes mit ernſten Blicken. „Der Bey El⸗Hadji⸗Ahmed hat ſich gut verwahrt,“ ſagte er dann plötzlich zu Frangois.„»Was meinen 27* 100 Sie, Kapitän Dumourier, wird es gelingen, durch einen raſchen Anlauf dieſe Thore zu zertrümmern und die Mauern niederzuwerfen?“ „Es muß gelingen, mein General,“ erwiederte François,—„die Ehre unſerer Waffen verlangt es.“ »„Ja, es muß, und ſollten wir den Sieg mit un⸗ ſerem letzten Tropfen Herzblut erkaufen,“ entgegnete der General.„Gleichwohl, es wird ſchwere Opfer ko⸗ ſten! Wenn man ſie vermeiden könnte...« François ſtutzte und blickte den General verwun⸗ dert an. »Sie meinen doch nicht, General,“ fragte er,„daß wir unverrichteter Sache wieder abziehen ſollten? Das würde einen böſen Eindruck machen.“ „Gewiß, Kapitän! Ich denke an nichts dieſer Art! Wir müſſen, wie geſagt, Conſtantine haben! Nur, wenn Jemand den Muth hätte...« Francois trat einen Schritt vor und ſeine Augen blitzten.„General,“ ſagte er raſch,„Sie können nicht zweifeln an unſerem Muthe. Jeder Soldat wird freu⸗ dig bereit ſein, ſein Blut zur Ehre des Vaterlandes zu vergießen.“ „Oh, ich weiß, ich weiß!“« erwiederte der General. „Es handelt ſich nicht darum. Sie mißverſtehen mich, Kapitän.“ „Nun denn, General, darf ich mir erlauben, um Ihre Meinung zu fragen?“ „Hm, ich meine, wenn ſich Jemand fände, der den Muth hätte, Einlaß in die Feſtung zu verlangen, und dem Bey Ahmed gegenüber zu treten, ſo könnte viel⸗ leicht ein furchtbares Blutvergießen vermieden werden.“ François horchte auf.„Ich fange an, zu begreifen,“ ——— 101 ſagte er.„Der Dey ſoll zur Uebergabe der Feſtung aufgefordert werden?“ „Gerade das meine ich,“« erwiederte General Damre⸗ mont.„Aber es iſt ein gefährliches Unterfangen. El⸗ Hadji⸗Ahmed iſt wild und blutdürſtig, wie der Löwe der Wüſte. Bei ſchlechter Laune wuͤrde er kein Beden⸗ ken tragen, dem kühnen Eindringlinge den Kopf vor die Füße legen zu laſſen. Wenn man ihm freilich be⸗ greiflich machen könnte, daß doch jeder Widerſtand ver⸗ geblich iſt,— vielleicht würde er ſich beſinnen und es nicht zum Aeußerſten kommen laſſen. Ich würde ihm eine ehrenvolle Kapitulation bewilligen, um das Blut meiner Leute zu ſchonen.“ Frangois beſann ſich keinen Augenblick. „Mein General,“ ſagte er entſchloſſen,„der Mann, den ſie ſuchen, iſt gefunden. Ich will es wagen, in die Höhle des Löwen zu gehen.“ „Ja, ja, ich dachte mir's wohl,“ erwiederte Gene⸗ ral Damremont.„Sie ſind ein wackeres Herz, Kapi⸗ tän. Doch zuvor noch eine Frage: Sprechen Sie arabiſch?« „Hinreichend, um mich mit dem Bey zu ver⸗ ſtändigen.“ „Das wäre gut! Sie ſind ganz der Mann, den ich zur Ausfüͤhrung meiner Idee bedarf. Aber beden⸗ ken Sie wohl, mein Freund, der Auftrag iſt nicht leicht, und Ihr Leben hängt an einem ſeidenen Faden.“ „Es iſt ſchon hundert Mal den feindlichen Kugeln preisgegeden geweſen,“ antwortete Francois ruhig.„Der Soldat muß auf Alles gefaßt ſein, und in dieſem Falle gibt es einen edlen und hohen Zweck, das Leben von 10²2 Hunderten, Tauſenden zu erhalten! Ich bin bereit, mein General.“ »Nun denn, in Gottes Namen! Begleiten Sie mich in mein Zelt, Kapitän, wo ich Ihnen die nöthi⸗ gen Inſtruktionen ertheilen werde. Wir wollen dem Feinde eine goldene Brücke bauen— auf ſein Haupt komme, wenn er ſie nicht benützt.« Der Abend dämmerte, als ein Reiter in der Tracht der Spahi's Abd⸗el⸗Kaders, dieſes berühmteſten aller arabiſchen Häuptlinge, keck durch das franzöſiſche La⸗ ger ſprengte, und ſich im raſcheſten Roſſeslaufe dem Thore Bab⸗el⸗Cantarah näherte, welches von dem Pla⸗ teau Manſurah zum Innern der Feſte Conſtantine führt. Der rothe Burnus, die rothe Weſte, und das flatternde weiße Tuch unter dem Feß, das ſein Haupt bedeckte, machten ihn leicht als einen der gefürchteten„rothen Reiter“ des Emirs erkennbar, und mehrere Flinten⸗ ſchüſſe knallten hinter ihm her, als er wie ein Vogel * den Vorpoſten der Franzoſen vorüber flog. Aber keine Kugel traf den Verwegenen. Unverletzt langte er am Thore an, und forderte mit lauter Stimme in arabiſcher Sprache Einlaß. Der rothe Reiter war Frangois, welcher die ara⸗ biſche Kriegertracht angelegt hatte, um ohne Hinderniß in das Thor von Conſtantine einpaſſiren zu können. Die Liſt glückte vollkommen. Man öffnete ihm eine Seitenpforte, und, das Pferd am Zügel führend, betrat er die Stadt mit kühnem und furchtloſem Her⸗ zen. Hinter ihm ſchlug krachend die Pforte wieder zu, und er ſtand inmitten eines Haufens von Feinden, die ihn im Nu zuſammengehauen haben würden, wenn ſie —— — 103 eine Ahnung davon gehabt hätten, daß ein Franzoſe es ſei, dem der Einlaß geſtattet worden war. Francois wußte dieß ſehr wohl, aber nicht das geringſte Zeichen verrieth, daß er irgend eine Beſorg⸗ niß hegte. Ruhig, feſt und ſicher blickte er in die fun⸗ kelnden Augen der arabiſchen Krieger, die ihn halb mißtrauiſch, halb neugierig anſtarrten. „Wer biſt du?« fragte endlich einer der Krieger, deſſen reiche Kleidung und Bewaffnung einen höheren Rang andeuteten. „Du ſiehſt es,“ erwiederte Francois in arabiſcher Sprache.„Ein Reiter des großen Emir.« „Dein Name?“« „Muley Abd⸗-er⸗Rahman.“ „Du biſt willkommen!« Francois neigte zum Zeichen des Dankes ſein Haupt, und kreuzte die Arme über die Bruſt. Eine Pauſe von einigen Minuten entſtand, wäh⸗ rend welcher Frangois ſich ruhig auf den Sattel ſeines Pferdes ſtützte. „Was fuhrt dich zu uns?“« fragte endlich der Araber wieder. „Eine Botſchaft des Emirs an El⸗Hadji⸗Ahmed,“ antwortete François.»Es iſt dringend.“ 3 Die Araber zeigten einige Ueberraſchung. „Was iſt's?“ nahm ihr Führer wieder das Wort. „Iſt der Emir Abd-⸗el⸗Kader entſchloſſen, die grüne Fahne des Propheten zu erheben?“ „Mein Mund iſt verſiegelt,“ erwiederte Francois. „Nur El⸗Hadji⸗Ahmed kann das Siegel von meinen Lippen nehmen.“ G „Bey Ahmed iſt nicht in der Stadt“ ſagte der 104 Araber nach einigen Augenblicken zögernd, als ob er nur ungern die Kunde von der Abweſenheit des Bey mittheile. François war nicht wenig überraſcht. Anfangs glaubte er, man wolle ihn täuſchen, um ihn zu ver⸗ anlaſſen, ſein Schweigen über die ihm aufgetragene Botſchaft zu brechen, aber der Ernſt in den Mienen der Araber ſagte ihm, daß ihr Führer. die Wahrheit geſprochen. »Wohlan,“ erwiederte er,„ſo führt mich zu ſeinem Statthalter. Mein Auftrag lautet an den Ober⸗Be⸗ fehlshaber in der Feſtung. Wer iſt es?« »Ben⸗Aiſſa, der Lieutenant des Bey. Du ſollſt ihn ſprechen. Begleite mich.“ Nachdem der Befehlshaber der Thorwache ſeinen Untergebenen mit leiſer Stimme noch einige Befehle ertheilt hatte, ſchritt er in das Innere der Stadt voran, und führte François nach der Kasbah, oder Citadelle der Feſtung. Vor dem überwölbten Eingange derſel⸗ ben waren ſtarke Batterien Vierundzwanzigpfünder auf⸗ geführt, und überhaupt bemerkte Frangois, daß die ganze Feſtung ſich in ſehr gutem Vertheidigungs⸗Zu⸗ ſtande befand. Um ſo mehr wünſchte er den Befehls⸗ haber derſelben zur freiwilligen Uebergabe zu ſtimmen, und beſchloß ſeine ganze Beredſamkeit zu dieſem Zwecke aufzubieten. In den inneren Hof der Kasbah eingeführt, be⸗ deutete ihm ſein Begleiter, bis auf Weiteres zu war⸗ ten, indem er dem Gebieter vorher ſeine Ankunft mel⸗ den müſſe. Der Aufſchub war Francois willkommen, denn er gewann dadurch Zeit, noch einmal ſeine Ge⸗ 4———-— 105 danken zu ſammeln, und ſich auf ſeine Zuſammenkunft mit dem Lieutenant des Bey Ahmed vorzubereiten. Daß er den Letzteren in der Feſtung nicht gegen⸗ wärtig fand, ſchien ihm eher ein gutes als ein ſchlim⸗ mes Zeichen. Bey Ahmed galt für einen der wildeſten und grauſamſten Krieger, während Ben⸗Aiſſa, ſein Lieutenant, zwar den Ruf eines tapferen Mannes ge⸗ noß, aber keineswegs als blutdürſtig, oder auch nur unedelmüthig geſchildert wurde. Francois hatte ihn, ſeines Wiſſens, noch nie geſehen, obgleich ſie einander ſchon auf dem Schlachtfelde begegnet ſein mochten, und um ſo begieriger war er, ihn von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht kennen zu lernen.— Indeß verſtrich faſt eine Stunde, ehe ſein Begleiter zurückkehrte, und ihn aufforderte, mit ihm zu gehen. Der Araber führte ihn durch eine Reihe einfach aus⸗ geſtatteter Gemächer, bis zu einem grün ſeidenen, ſchweren Vorhange, den er zur Seite drückte, und ſo eine Thüröffnung enthüllte, welche den Einblick in ein reich verziertes Kabinet erlaubte. „Tritt ein!« ſagte er.»Hier wirſt du finden, den du ſuchſt.“ Raſchen Schrittes und mit feſter Haltung folgte Francois der Einladung. Der Vorhang fiel hinter ihm. Das Gemach war durch einige Ampeln, die an goldenen Schnüren von der Decke herabhingen, hell er⸗ leuchtet, und bei ihrem Scheine ſah er grade dem Ein⸗ gange gegenüber einen noch jungen Mann in orien⸗ taliſcher Kriegertracht mit untergeſchlagenen Beinen auf einem niedrigen Divan ſitzen. Er rauchte aus einer langen türkiſchen Pfeife. Seine Waffen lagen neben ihm auf einem Kiſſen, ſo daß er ſie jeden Augenblick 106 ergreifen konnte. Francois erblickte ein edles, ſtolzes Geſicht mit funkelnden, ſchwarzen Augen und dichtem, ſchwarzen Barte, welcher, wohl gepflegt, den unteren Theil des ſchönen, aber bleichen Antlitzes beſchattete. Die Augen des Arabers ruhten durchdringend auf François. Plötzlich glänzte blitzähnlich ein Anflug des Erſtaunens und der Verwunderung auf ſeinen Zü⸗ gen. Aber es war nur ein Moment, und ſo ſchnell nahm das edle Geſicht des Orientalen den gewöhnlichen Ausdruck unerſchütterlicher, eiſerner Ruhe wieder an, daß Francois zweifelhaft wurde, ob er auch recht ge⸗ ſehen habe, als er das wechſelnde Spiel der Züge be⸗ merkt zu haben glaubte. Er machte nach der Weiſe des Morgenlandes ſeine Verbeugung, und erwartete die Anrede des Arabers. Aber dieſer ſchwieg noch eine lange Minute hindurch, und hüllte ſich in eine ſo dichte Wolke von Tabaksdampf, daß François kaum noch die Umriſſe ſeiner Geſtalt zu erkennen vermochte. „Wer biſt du?« fragte endlich eine kräftige, wohl⸗ lautende Stimme aus der Wolke heraus. „Ehe ich dir offen dieſe Frage beantworte,« ent⸗ gegnete Francois,„muß ich wiſſen, wem ich gegenüber ſtehe. Meine Botſchaft gilt allein dem Befehlshaber dieſer Feſtung. Biſt du Ben⸗Aiſſa, der Lieutenant des Bey Ahmed?« »Ich bin hier an des Bey Ahmed Statt! So ſprich nun!« erwiederte der Krieger einfach und mit ruhiger Würde. „Wohlan,“ ſagte Francois, ſo wiſſe zuerſt, daß ich nicht ein Abgeſandter des Wüſten⸗Emir⸗Abd⸗el⸗Kader, ſondern ein Bote des Generals Damremont bin, deſſen Truppen vor dem Thor der Feſtung lagern.“ 107 Frangois war darauf gefaßt, irgend einem leiden⸗ ſchaftlichen Ausbruche der Ueberraſchung von Seiten des Arabers bei dieſer Eröffnung begegnen zu müſſen, aber wider alles Erwarten behauptete der junge Krie⸗ ger vollkommen ſeine ſtolze Ruhe und Selbſtbeherrſchung, und kein Zeichen, nicht das Zucken der Wimper, nicht Blick oder Miene, verrieth ſeine Gedanken. „Ich wußte dieß von dem Augenblicke an, wo du eintrateſt,“ entgegnete er nach einer kurzen Pauſe ſehr gelaſſen.„Welche Botſchaft haſt du mir von dem franzöſiſchen Heerführer mitzutheilen? Sprich ohne Furcht, wir ſind allein.“ „So höͤre,« ſagte Frangois.„Der franzöſiſche Feld⸗ herr, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden, fordert dich auf, du mögeſt ihm ohne Kampf die Thore der Stadt öffnen und die Feſtung an ihn übergeben. Du wirſt einſehen,— ſo ſpricht er zu dir, dem Befehls⸗ haber von Conſtantine,— daß jeder Widerſtand nutz⸗ los iſt. Unſer Heer iſt zahlreich und tapfer, die Mün⸗ dungen unſerer Geſchütze ſind auf Eure Wälle und Thore gerichtet, um ſie niederzuſchmettern, und Euer Untergang iſt gewiß, wenn Ihr Euch mit den Waffen in der Hand uns entgegenſtellt. Dagegen— ſo ſpricht mein Feldherr— wenn Ihr der Stimme der Vernunft Ge⸗ hör gebt, und in meine Forderung willigt, ſo ſollt Ihr die beſten Bedingungen empfangen, welche ein tapferer Feind dem Gegner zugeſtehen kann, nämlich freien Ab⸗ zug mit allen kriegeriſchen Ehren in Wehr und Waffen und mit allem Eigenthume, das Ihr fortbringen könnt. Selbſt als Kriegsgefangene ſollt Ihr Euch nicht erge⸗ ben müſſen, ſondern unbehindert in das Innere des Landes gehen können, wenn Ihr nur das Verſprechen 108 leiſtet, zwei Jahre hindurch die Waffen nicht gegen Frankreich zu führen. Dieß iſt die Botſchaft, deren Mittheilung mir aufgetragen wurde. Ich habe ge⸗ ſprochen.« „Du haſt geſprochen,“ erwiederte der Araber.„Ver⸗ nimm nun, was ich auf den Antrag deines Feldherrn zu erwiedern habe. Eher wird das Gewölbe des Him⸗ mels über uns zuſammen ſtürzen, ehe wir uns ohne Kampf Euren Bedingungen unterwerfen. Wir ſind entſchloſſen, zu ſiegen, oder uns unter den Trümmern unſerer Wälle zu begraben. Der arabiſche Krieger fürchtet die Schande mehr, als den Tod, und Keiner von uns würde ſein Antlitz wieder erheben dürfen, wenn er ſchimpflich von ſeinem Poſten gewichen wäre. Dieß iſt mein letztes Wort, und du hoffe nicht, durch irgend eine Drohung oder Lockung meine Standhaftig⸗ keit erſchüttern zu wollen. Sage deinem Feldherrn, er könne uns beſiegen, wenn dieß der Wille Allahs' ſei, aber nie werde es ihm gelingen, Schmach und Schande über unſere Häupter zu bringen.“ Frangois beklagte in ſeinem Herzen die Hartnäckig⸗ keit des Arabers; aber er konnte der Tapferkeit deſſel⸗ ben ſeine Achtung nicht verſagen, und beſchloß, noch einen Verſuch zu machen, den drohenden Untergang von ihm abzuwenden. „Ben⸗Aiſſa,“ ſprach er mit bewegter Stimme— „warum dieſen Trotz, der unfehlbar dein Verderben nach ſich ziehen muß? Ich ſchwöre dir bei meiner Ehre, daß die Feſtung unſerem Angriffe erliegen muß. Dein Schickſal, dein unbeugſamer Muth flößt mir Theilnahme ein. Ich meine es redlich mit dir. So folge denn meinem Rathe, und ſchone dein Blut und 109 das Blut deiner Krieger. Wenn du die Rache oder die Verachtung deiner Landsleute fürchteſt, ſo komme zu uns. Wir werden den tapferen Feind, der als Freund uns nahet, mit offenen Armen und allen Ehren empfan⸗ gen. Aber zögere nicht, denn binnen wenigen Tagen ſchon wird das Schickſal von Conſtantine in Erfuͤllung gehen.“ Der Araber machte eine abwehrende Handbewegung und ſchüttelte leiſe ſein Haupt. „Es kann nicht ſein!“ entgegnete er feſt und ernſt. „Unſere Ehre gebietet, auszuharren, und wenn der Tod uns beſchieden iſt, ſo werden wir als Krieger zu ſter⸗ ben wiſſen. Kein Wort weiter von dieſer Angelegen⸗ heit! Mein Ohr iſt verſchloſſen.“ „Dann iſt mein Auftrag erledigt und mein Ge⸗ ſchäft zu Ende,“ erwiederte Francois betrübt.»Aber glaube mir, Ben⸗Aiſſa, es ſchmerzt mich, ohne Hoff⸗ nung von dir ſcheiden zu müſſen.“ „So empfindeſt du alſo Trauer ſelbſt über den Untergang eines Feindes?“ fragte der Araber in etwas bewegtem Tone. „Ja, wenn dieſer Feind hochherzig, tapfer und edel iſt,« entgegnete François.„Doch genug! Geſtatteſt du mir unbehinderte Rückkehr in unſer Lager?“ „Würde es edel und hochherzig ſein, wenn ich dich zurückhalten wollte 2« lautete die Antwort des Arabers. „Wozu dieſe Frage? Dein Weg iſt offen, aber ich wünſche, du mögeſt noch einige Zeit bei mir ver⸗ weilen.“ Ein Hoffnungsſtrahl durchzuckte Frangois bei die⸗ ſen Worten. Sollte ſein Gegner ſich eines Beſſeren beſonnen haben? Sein Blick heftete ſich erwartungsvoll 110 auf die edlen Züge deſſelben, aber bald mußte er er⸗ kennen, daß er in ſeinen Erwartungen zu voreilig ge⸗ weſen ſei. Der Araber, ſeine Gedanken errathend, fügte lächelnd hinzu:„Nicht um über Krieg oder Frie⸗ den zu unterhandeln, wünſche ich noch länger deine Anweſenheit, ſondern nur um eine alte Freundſchaft zu erneuern.“ Und plötzlich von ſeinem Divan ſich aufrichtend, näherte er ſich Francois, reichte ihm ſeine Hand hin, und ſagte in franzöſiſcher Sprache: »Frangois Dumourier, erkennſt du wirklich deinen alten Freund und Gefährten nicht mehr? Siehe, mein Auge iſt ſchärfer geweſen als das deinige.“ Frangois fuhr unwillkührlich zurück,— eine Fluth von Erinnerungen drang über ihn herein, alte, halb verloſchene Bilder der Vergangenheit tauchten vor ihm auf; ein ſcheiterndes Schiff, ein Kampf mit den Rei⸗ tern der Wüſte, ein Zug durch die Küſten⸗Ebene Afrika's, ein arabiſcher Duar.. 4 »Abdul!“ rief er aus, und ſank an die Bruſt des jungen Kriegers, welcher ihn herzlich und innig in ſeine Arme ſchloß. »Abdul! Mein Freund! Du hier! Welche frohe und doch wieder traurige Ueberraſchung! Du alſo biſt Ben⸗Aiſſa, der berühmte tapfere Führer von Bey⸗ Ahmed's Kriegern! Wie hätte ich mir jemals das träumen laſſen können? Wie hätte ich errathen kön⸗ nen, daß ich dich als Befehlshaber von Conſtantine finden würde? Wie konnte ich in dieſer kriegeriſchen Geſtalt die Züge halb beſchattet von dichtem Barte, den zarten Juͤngling von damals vermuthen, wieder erkennen? Und doch biſt du es! Du biſt mein Freund 4 — *—*+— 111 Abdul, und ich fühle mich glücklich, daß mich ein gün⸗ ſtiges Geſchick zu dir führte. Oh, nun iſt Alles gut! Was der Ueberredungsgabe des Bevollmächtigten nicht gelang, das wird und muß der bittenden Stimme des Freundes gelingen! Abdul, du begleiteſt mich in unſer Lager?“ „Ruhig, mein Freund!“ erwiederte Abdul, welcher jetzt den ſtrengen Ernſt des Kriegers ganz bei Seite gelegt hatte, mit warmer Herzlichkeit.„Die Verhand⸗ lungen ſind zu Ende, der Beſchluß iſt gefaßt, und nichts, ſelbſt nicht die Bitte des Freundes vermag ihn zu ändern. Auch mußt du wiſſen, ich bin nicht Ben⸗ Aiſſa, der Lieutenant des Bey, ſondern nur ſein Ver⸗ trauter, ſein Günſtling vielleicht, denn er liebt und achtet mich, aber keineswegs bin ich es, in deſſen Hand das Schickſal von Conſtantine gelegt iſt. Ben⸗Aiſſa beauftragte mich, den Geſandten des Emir Abd⸗el⸗Kader anzuhören, und ich danke Allah, daß mir dieſer Auf⸗ trag zu Theil wurde. Wenn du ihm ſelbſt deine Ent⸗ hüllungen gemacht hätteſt, würde er dich unfehlbar als Spion dem Tode überliefert haben. Jetzt biſt du ſicher, der Freund Abduls kann nicht Spion ſein. Komm, François. Setze dich zu mir auf den Divan, und laß uns plaudern, wie in alter Zeit, wo wir unter dem 8 Zeltdache meines Vaters ſaßen und brüderliche Freund⸗ ſchaft mit einander ſchloßen. Erzähle mir, wie s dir ſeit jener Zeit ergangen iſt. Du haſt deinen Vater wiedergefunden,— lebt er noch? Und du ſelbſt, du biſt ein tapferer Offizier geworden, nicht wahr? Er⸗ zähle mir Alles, denn Alles, was dich betrifft, iſt mir von Wichtigkeit.“— Sie nahmen Platz auf dem Divan. Abdul klatſchte 11² in die Hände, und ein Diener eilte herbei, um Er⸗ friſchungen und mit köſtlichem Tabak gefüllte Tſchibuk's zu bringen. Bis zum anbrechenden Morgen ſaßen ſie Seite an Seite, und theilten einander ihre Schickſale mit, bis ſie endlich nach der Erzählung von mancherlei Kämpfen, Gefechten, Siegen und Niederlagen, welche die vergangenen Jahre ausgefüllt hatten, wieder der Gegenwart ſich erinnerten. François fand, daß es hohe Zeit ſei, zu ſcheiden. Aber er wollte nicht gehen, ohne noch einen letzten Verſuch zu machen, Abdul zum Mitgehen zu bewegen. Aber der Freund widerſtand ſeinen feurigſten Bitten. „Es kann nicht ſein, Frangois,“ ſagte er.„Sehr wohl weiß ich, daß wir im bevorſtehenden Kampfe un⸗ terliegen müſſen, und daß unſer Untergang und Tod faſt ſo gut als gewiß iſt. Aber die Ehre verbietet mir, mein Geſchick von dem Ben⸗Aiſſa's zu trennen. Seit mein Vater, wie ich dir erzählte, einen ehrenvollen Tod im Kampfe fand, nahm Ben⸗Aiſſa mich als Sohn an, und bezeigte mir ſtets die Liebe eines Vaters. Soll ich jetzt im Augenblicke der Entſcheidung zum Ver⸗ räther an ihm werden? Dieß kannſt du nicht fordern! Ueberlaß mich meinem Schickſale! Noch wenige Tage und Alles wird zu Ende ſein.“ Mit betrübten, tief erſchütterten Herzen trennten ſich die Freunde. Beide fürchteten, daß ſie einander in dieſem Leben nicht wiederſehen würden, und um ſo brennender war der Schmerz des Scheidens. Endlich riß Frangois ſich los. Allah ſei mit dir und ſchütze dich!« rief Abdul ihm nach. Einen Blick zärtlicher Liebe tauſchten ſie noch aus,— llſ adänluuunuu a aaunuuxuxuxEEEEVEEEEEEEEEEEEEE 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18