deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Otlmann in Gießen, b Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt.. 1 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung — Eine Erzählung für meine jungen Freunde. 83 Von Franz Hoffmann. „Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1861. 4 1 4 — 1 —————— Erſtes Kapitel. Auf dem Gletſcher. N Redinger bewohnte mit ſeiner kleinen Familie, ſeiner Frau Elsbeth und ſeinem zwölfjährigen kräftigen und munteren Sohne Toni eine kleine Hüͤtte am Fuße des Matterhorns, in der Nähe des, an gewaltigen Glet⸗ ſchern überreichen, mächtigen Gebirgsſtockes des Monte Roſa. Seine Hütte lag in einem lieblichen Thale, welches vor den rauhen Nord⸗ und Oſtwinden durch mächtige Felswände geſchützt, und deshalb nicht ſo gänz⸗ lich unfruchtbar war, als man bei ſeiner ſchon ziemlich hohen Lage hätte vermuthen können. Die Thalſohle und die nächſten Berghänge waren von grünen Raſen, untermiſcht mit aromatiſch⸗kräftigen Alpenkräutern, be⸗ deckt, welche für zahlreiche Ziegen⸗Heerden hinreichendes und nahrhaftes Futter lieferteen. 4 3 Noch ein halbes Dutzend andere Hütten außer der Uly's lagen da und dort einzeln im Thale zerſtreut, und auch ſogar eine kleine pelle mit vergoldetem Kreuze erhob ſich auf einem Hügel ziemlich in der Mitte des Thales, in welcher zwei oder drei Mal des Jahres Gottesdienſt gehalten w rde,— ſonſt aber fand Keine Rückkehr. ſich weit und breit keine Menſchenwohnung weiter, und das nächſte Alpendorf, welches man nur vermittelſt eines ſchmalen, rauhen Saumpfades erreichen konnte, lag volle drei Stunden von dem Matter⸗Thale entfernt. So lebten die Bewohner des Thales faſt abgeſchie⸗ den von aller übrigen Welt, gleichwohl aber zufrieden in ſtiller häuslicher Genügſamkeit. Sie kannten weder Ueberfluß noch Mangel. Ihre vorzüglichſte Nahrungs⸗ Quelle bildeten die Ziegen⸗Heerden. Die Ziegenkaͤſe aus dem Matterthal waren berühmt weit und breit wegen ihres feinen Wohlgeſchmacks, und wurden ſtets gern gekauft und theuer bezahlt. Der Erlös reichte hin, die beſcheidenen Bedürfniſſe der Thalbewohner zu decken. Uly Redinger befand ſich in der gleichen Lage und ein denſelben Verhältniſſen, wie ſeine Nachbarn, wußte ſie aber zeitweilig noch zu verbeſſern, indem er Reiſen⸗ den, welche das beſchwerliche Matterjoch, den höchſten Alpen⸗Uebergang aus der Schweiz nach Italien, über⸗ ſteigen wollten, zum Führer diente, oder indem er, mit dem fernhin ſicher treffenden Stutzen bewaffnet, die mächtigen Gletſcher des Monte Roſa erſtieg, um Jagd auf Gemſen und Steinböcke zu machen. Er war ein kühner, feſter und zuverläſſiger Mann, dieſer Uly Re⸗ dinger, deſſen biederes und offenes Benehmen den Rei⸗ ſenden unbedingtes Vertrauen einflößte, während ſeine Gewandtheit und Unerſchrockenheit im Erklimmen der Felſen und im Ueberſchreiten der Gletſcher, ſowie ſeine tödtliche Sicherheit im Handhaben des Stutzen ihn zum Schrecken des flüchtigen Wildes machte. Selten wan⸗ derte er mit Fremden über das Matterjoch nach Val Tourmanches, ohne freigebig belohnt zurückzukehren; ſelten 3 ſtieg er von den hohen Gletſcherfeldern zu ſeiner kleinen Hütte hernieder, ohne eine Jagdbeute, eine Gemſe oder einen Steinbock, auf den breiten, ſtarken Schultern mit heimzubringen. Was er nicht ſelbſt davon bedurfte, verkaufte er an den Wirth im Gaſthauſe des nächſten Dorfes, der ihm ſtets⸗einen guten Preis für das ſchmack⸗ hafte Wildpret bezahlte. 3. Uly hätte eigentlich dieſe Neben⸗Verdienſte für ſeine und ſeiner Familie Bedürfniſſe nicht nöthig gehabt, denn ſeine Ziegen⸗Heerde warf genug Gewinn ab zur Beſtrei⸗ tung und Erhaltung ſeiner kleinen Wirthſchaft; aber einmal liebte er den Verkehr mit den Fremden und die Jagd auf den hohen Bergen und Gletſchern an und fuͤr ſich, und dann verfolgte er auch noch einen beſtimmten Zweck bei dem Erwerb jener kleinen Geldſummen, welche er gewiſſenhaft ſparte und aufbewahrte. Im Matterthale gab es nämlich keine Schule, und überhaupt konnte kein Einziger von ſeinen Bewohnern leſen und ſchreiben. Die Kinder wuchſen daher in Unwiſſenheit auf, und Uly's Toni machte dabei keine Ausnahme. Dies be⸗ kümmerte Uly, welcher durch den Verkehr mit Reiſenden nützliche Kenntniſſe ſchätzen gelernt hatte, und um ſeines Toni willen ſammelte und ſparte er, damit er Mittel in die Hand bekomme, ihn auf ein Jahr oder zwei zu dem Herrn Pfarrer im nächſten Dorfe zu thun, und von demſelben ſeinen Sohn unterrichten zu laſſen. Die⸗ ſes Ziel war nahezu erreicht, und Uly ließ hievon ſchon dann und wann eine Aeußerung fallen, welche auf eine bald bevorſtehende Trennung deutete;— Andeutungen, die Toni mit Freuden vernahm, weil er ſelber den Trieb und Drang in ſich verſpürte, Kenntniſſe zu erlangen. r ſich we das ne ſchmal volle 1 S den v in ſtil Ueberf Quell aus d wegen gern hin,. decken 5 U in der den, Alpen ſteigen dem mächl auf G kühne dinge ſender gew 3 Felſe todili derte die hier im einſamen, abgelegenen Thale Niemand ihn lehren konnte. 3 „Zweihundert und dreißig Francs, Mutter,“ ſagte eines Tags Uly mit lächelnder Miene zu ſeiner Frau, als er wieder einmal ſein kleines, mühſam erworbenes und erſpartes Kapital durchgezählt hatte.„Wenn die Jagd in dieſem Herbſte nur einiger Maßen günſtig aus⸗ fällt, ſo können wir Toni ſchon nach Weihnachten zum Herrn Pfarrer in Randa bringen, der ein ſo kluger, gelehrter und guter Herr iſt.« »„Ich will dir's wünſchen,“« verſetzte Frau Elsbeth herzlich,—„aber denke nur auch daran, daß es ja keine ſo große Eile hat, und ſetze dich nicht unnöthiger Weiſe Gefahren aus. Beſſer iſt's, zu warten, als zu Schaden kommen, und der Toni iſt noch jung, es kommt bei ihm auf ein Jahr früher oder ſpäter nicht an.“ »Haſt ſchon Recht, gutes Weib,“ antwortete Uly, —„ich werde mich nicht tollkühn in Gefahren ſtürzen, aber ich muß auch das Meinige thun, damit ich endlich einmal meinen beſten Herzenswunſch erfüllen kann. Morgen will ich hinauf auf den Monte Roſa. Ich habe geſtern dort an einer gewiſſen Stelle die Fährte eines Steinbocks entdeckt, und wenn mich nicht Alles trügt, wird mir die gute Beute nicht entgehen. Das giebt wieder einen Zuſchuß zu meinem kleinen Schatze.“ »Wollte Gott, daß dir Alles wohl gelänge, Uly,« erwiederte Frau Elsbeth.„Aber mir iſt immer bange, wenn du auf den Gletſchern des Monte Roſa umher⸗ ſchweifſt. Mein Vater ſchon, der manches Mal hoch droben war, erzählte mir, wie furchtbar es ſei in der eiſigen Wüſte, und daß auf jedem Schritte dem verwe⸗ genen Jäger Tod und Verderben droht.“ 5 „Ei ja, liebe Frau, ein Spaß iſt's nicht, die höch⸗ ſten Regionen der Gletſcher zu erſteigen,“ antwortete Uly.„»Aber ein feſter Fuß und ein ſchwindelfreies Auge helfen Vieles überwinden. Außerdem ſtehen wir ja überall in Gottes Hand,— ohne Seinen Willen fällt kein Haar von unſerem Haupte! Darum ſei nur ru⸗ hig, und ängſtige dich nicht ohne Noth.“ Frau Elsbeth, die ſchon oft ihren Mann auf die gefahrvolle Jagd hatte ausziehen, und immer wieder ihn geſund und friſch hatte zurückkehren ſehen, ließ ſich durch ſeine Worte beſchwichtigen, und unterdruckte ihre vorahnende Herzens⸗Bangigkeit. Ehe noch der Tag am andern Morgen dämmerte, ſtand ſie ſchon am Küchen⸗ Herde, um ihrem Manne eine warme Suppe zu kochen, dann füllte ſie ſeinen Jagd⸗Ranzen mit Brod und Käſe für mehrere Tage, ſteckte auch ein Fläſchchen Wein noch daneben, und ſtopfte einen kleinen Lederbeutel voll Taback. Uly brachte mittlerweile ſein Jagd⸗Geräth in Ordnung, verzehrte die Morgen⸗Suppe, und machte ſich dann be⸗ reit zum Aufbruche. „Sei nicht ängſtlich, wenn ich etwa heute nicht von der Jagd zurückkehre,“ ſagte er bei'm Abſchiednehmen zu ſeiner Frau.„Ich werde ſehr hoch hinauf müſſen auf das Gebirg, und wer weiß, wie weit ich den flüch⸗ tigen Steinbock über die Gletſcherfelder verfolgen muß? Deshalb habe ich auch meine wollene Decke mit einge⸗ packt, für den Fall, daß ich die Nacht unter freiem Himmel zubringen müßte. Lebe wohl alſo, und Gott behüte dich und den Knaben, ſo lange ich fern von Euch bin.“ „Und dich, mein Uly, auch dich behüte der himm⸗ liſche Vater,“ verſetzte die Frau bewegt,—„du bedarfſt 6 auf deinem gefährlichen Wege Seines Schutzes mehr, ſich w als wir!« das ne Noch eine herzliche Umarmung, noch ein Kuß, den ſchmal der Vater auf die Stirn ſeines ruhig ſchlummernden volle Toni drückte, und dann ſchritt Uly in den aufdämmern⸗ S den Morgen hinaus. Frau Elsbeth ſchaute ihm nach, den v ſo lange ſie ſeine ſtattliche und elaſtiſche Geſtalt unter⸗ in ſtil ſcheiden konnte Jetzt verſchwand dieſelbe bei einer Krüm⸗ Ueberf mung des Pfades, und Frau Elsbeth, noch einen Segens⸗ Quell wunſch für den Gatten leiſe vor ſich hin murmelnd, aus begab ſich wieder in die Hütte. Es froͤſtelte ſie, und wegen ein leichter Schauer durchrieſelte ihre Glieder. Sie gern ſchrieb es der Einwirkung der kalten und friſchen Mor⸗ hin, genluft zu; vielleicht war es aber auch eine Folge des decken heimlichen Bangens, das noch immer nicht ganz aus U ihrem Herzen gewichen war. Sie eilte an das Bett in der ihres Knaben, und in ſeinem Anſchauen ſuchte und fand ſie ah ſie endlich einige Beſchwichtigung ihres aufgeregten Ge⸗ en, müthes. Alpen hur ſchritt indeſſen leichten Fußes ſeines Weges da⸗ ſteigen in. Noch deckte tiefes Dunkel den Grund des Thales dem aber hoch über ihm ſchimmerten bereits die weißen mächh Gletſcherhörner in bleichem Morgenlichte, und die fun⸗ auf 9 kelnden Sterne des Himmels fingen an zu erblaſſen. kühne Immer bergan ſteigend, ließ Uly das heimathliche Thal dinge mehr und mehr hinter ſich, und als die Sonne, in vue Gold und Purpur gehüllt, endlich mit ſiegprangender zerrlichkei Horizont emporſtieg und ihr ver⸗ Hütte entfernt, daß ſein Auge Er ging weiter. Immer Wr rauher und ſteiler wurde Weg, und bald hörte er b 7 gänzlich auf. Uly mußte ſich ſelbſt einen Pfad ſuchen uͤber zertrümmertes Geſtein, an ſteilen Felswänden und Berghängen hinauf, über Eis und Schnee, bis er nach beſchwerlichem und angeſtrengtem Steigen endlich den oberen Rand eines weiten Gletſcherfeldes erreichte, welches in unabſehbarer Oede vor ſeinen Blicken ſich ausbreitete. Hier ſetzte er ſich auf einen Felsblock am Rande der Eis⸗Wüſte nieder, um ein wenig auszuruhen und Athem zu ſchöpfen. Er fühlte Mudigkeit und Hunger, was nach fünf Stunden ununterbrochenen Steigens eben kein Wunder war. Außerdem befand er ſich noch nicht am Ziele ſeiner Wanderung. Um zu der Stelle zu gelangen, wo er die Fährte des Stein⸗ bockes wahrgenommen, mußte er erſt noch über das ganze breite Gletſcherfeld hinüber gehen,— eine Wan⸗ derung, die nicht nur friſchen Muth, ſondern auch friſche Kräfte erforderte. Uly öffnete alſo ſeinen Jagdranzen, nahm Brod und Käſe heraus, verzehrte mit gutem Ap⸗ petite einen Theil davon zum Frühſtück, trank einen Schluck Wein dazu, und dünkte ſich nun hinlänglich erquickt und geſtärkt, um ſeine Wanderung fortſetzen zu können. Bevor er ſie aber von Neuem antrat, unter⸗ ſuchte er ſorgfältig ſeine Alpenſchuhe, ſah nach der eiſer⸗ nen Spitze ſeines Alpenſtockes, und überzeugte ſich, daß ſich Beides in gutem Zuſtande befand. Als erfahrener Bergſteiger wußte er ſehr gut, daß bei mangelhafter Beſchaffenheit der Schuhe und des Stockes der lieber⸗ gang über das Gletſcherfeld nicht nur äußerſt mühſam, ſondern auch äußerſt gefährlich war, und aus dieſem Grunde ſah er ſich vor. Indeſſen fand er keinen An⸗ laß zu irgend welcher Bedenklichkeit; die Schuhe waren ſtark und feſt, die eiſerne Spitze des Stockes hatte von 8 der Wanderung des Morgens nicht gelitten. Noch über⸗ zeugte ſich Uly, daß ſein Stutzen in ſchußfertiger Ord⸗ nung war, daß das Pulverhorn und das kleine Beil, welches die Gemſenjäger beim Erſteigen der Gletſcher gewöhnlich im Gürtel tragen, ſich an Ort und Stelle befanden, und dann ſtand er auf, und trat ſeinen müh⸗ ſamen Weg über das breite Gletſcherfeld an. Langſam, vorſichtig und bedächtig ſchritt er vorwärts, mit ſcharfem und geübtem Blick jede Stelle muſternd und prüfend, wohin er ſeinen Fuß ſetzen wollte. Manch⸗ mal mußte er über lockeren Firn hinweg ſchreiten, in den er mit jedem Schritte bis über die Knöchel einſank; dann wieder mußte er Stellen paſſiren, wo das Eis, blank, glatt und ſtarr, wie Stahl, ſeinem feſten Tritte kaum einen Halt gewähren zu wollen ſchien; und manch⸗ mal wieder ſah er ſich gezwungen, einen Sprung über unergrundlich tiefe, klaffende Eisſpalten zu machen, von deſſen Erfolge Tod und Leben abhing. Ein Ausgleiten des Fußes am jenſeitigen Rande hätte unfehlbar den Sturz in die Tiefe, und mithin Zerſchmetterung ge⸗ bracht.— Uly kannte aber alle Gefahren, die ihn auf Schritt und Tritt umringten, und er beſaß Uebung und Geiſtes⸗ gegenwart genug, ihnen auszuweichen, oder ſie zu über⸗ winden. Langſam, aber mit ausdauernder, zäher Kraft arbeitete er ſich durch den lockeren Firn; gewandt und leicht überwand er die furchtbare Glätte einzelner Eis⸗ ſtrecken, und ſchwang ſich mit Hülfe ſeines ſtarken Alpen⸗ ſtockes kühn über die breiten Eisſpalten hinüber. Wo die gewöhnliche Sicherheit und Feſtigkeit des Schrittes nicht ausreichte, gebrauchte er Kniee und Hände, um weiter zu rutſchen, wie eine Schlange, platt auf dem 9 Bauche liegend, kroch er vorwärts, und ſo, watend, ſchreitend, ſpringend, rutſchend und kriechend, legte er nach und nach, jedes Hinderniß bewältigend, den furcht⸗ baren Weg über die ganze Breite des Gletſcherfeldes zurück. Nun war er drüben, aber noch keineswegs am Ende ſeiner mühſeligen Wanderung. Vor ihm ſtieg der Glet⸗ ſcher gleich einem ungeheuren, breit ausgedehnten Eis⸗ walle in die Höhe, und dieſen Wall mußte er noch hin⸗ auf, um in den Bereich des Steinbocks zu gelangen. Zum Glück war der Wall nicht ſehr ſteil und auch nicht ſehr hoch, und Uly konnte ſich daher der Hoffnung hingeben, auch dieſe letzte Schwierigkeit noch zu über⸗ winden. Nach kurzer Raſt begann er das Erſteigen des Walles, und ſtand nach einer ſchweren halben Stunde endlich am oberen Rande deſſelben. Das beſchwerliche Steigen hatte nun ein Ende, aber nun begann erſt die Hauptſache, die eigentliche Jagd. Jetzt galt es, die Fährte des Wildes ausfindig zu ma⸗ chen, ihr nachzugehen, ihr über Klippen, Eis⸗ und Schneefelder zu folgen, und nicht zu raſten, bis endlich der flüchtige Bock geſtellt, in die Enge getrieben, und eine Beute des ausdauernden Schützen geworden war. Uly bereitete ſich zum ſchwierigen Werke vor. Mit ſcharfen Blicken ſpähte er umher, und entdeckte bald in dem lockeren Schnee, welcher die Hochebene bedeckte, die Spur des Wildes, dem er nachſtellte. Bedächtig folgte er ihr, denn er wußte, daß ſie ihn zum Lagerplatze des Steinbockes führen mußte. Weiter und weiter ging es, auf und ab, bald über Schnee, bald über Eis, bald über nackten Fels, jetzt auf ſchmalem Pfade an einer Bergwand entlang, neben Abgründen hin, deren Tiefe ſch w das nä ſchmal volle i S den v in ſtil Ueberf Quell aus d wegen gern hin, deten in de ſie ab den, Alpen ſteiget dem —I——— —— kaum das Auge erreichte, bald wieder auf ſcharfem Grate hin, wo der Fuß kaum Platz zum Auftreten fand. Unverdroſſen und muthig verfolgte Uly die Spur, bis ſie plötzlich auf nacktem elſengrunde verſchwand, ner Rechten breitete ſich wieder unabſehbar ein Gletſcher⸗ derſelben zu finden, was er dieſſeits vergeblich geſucht hatte. Er zweifelte nicht daran, ſeiner Beute endlich habhaft zu werden, betrat entſchloſſen das Gletſcher⸗Eis, uind legte ohne Mühe die kurze Strecke bis zur Spitze des Vorſprungs zurück. Kaum hatte er dieſelbe erreicht und unmittelbar darauf, kaum zehn Schritt entfernt, die Geſtalt eines alten i 11 die Wange, zielte nur einen Moment und drückte ab. Unmittelbar nach dem Krachen des Schuſſes bemerkte Uly mit Freuden, daß er getroffen haben müſſe. Der Steinbock machte einen hohen Satz, lief dann langſamer weiter, und ließ den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite niederſinken, ein ſicheres und untrüg⸗ liches Zeichen, daß er tödtlich verwundet ſein mußte. „Er wird ſich bald niederlegen, um zu ſterben,“ dachte Uly, indem er mit frohem Blicke ihm nachſah. In der That, kaum waren zwei Minuten nach dem Schuſſe verſtrichen, ſo brach der Steinbock zuſammen, und blieb, vermuthlich in einer Vertiefung, liegen, in⸗ dem er aus den Augen Uly's verſchwand. Uly kümmerte ſich wenig darum; er wußte, daß ihm jetzt ſeine gute Beute nicht mehr entgehen konnte, und lud vor Allem mit Bedacht ſeine Büchſe wieder, bevor er an das Aufſuchen des erlegten Wildes dachte. Zur Rückkehr nach Hauſe war es für heute ohnehin zu ſpät geworden. Die Sonne ſtand bereits tief am Horizonte, und die Nacht mußte ſehr bald hereinbrechen. Anſtatt nach dem Wilde blickte ſich deshalb Uly, nach dem Laden des Gewehres, vorläufig nach einer leidlichen Lagerſtatt um, wo er einigermaßen behaglich die bevor⸗ ſtehende Nacht zubringen könnte, und fand dieſelbe ganz nahe in einer Höhle, die jedenfalls auch dem erlegten Steinbocke als Zufluchtsort gedient hatte. Sie war nicht groß, aber ziemlich geſchützt gegen Kälte und Wind, und er beſchloß, ſie zum Nachtquartiere zu benutzen. Als er ſie unterſucht hatte und wieder in's Freie trat, erſchrak er. Die Nacht konnte noch nicht gekom⸗ men ſein, und dennoch vermochte er kaum zehn Schritte weit zu ſehen. Ein dichter Nebel hatte ſich plötzlich, ſich w das nä ſchmal volle den v in ſtil Ueberß Quell ausd wegen gern hin, decken uU in der ſie ab den, Alpen ſteiget dem wie das nicht ſelten hoch in den Alpen geſchieht, über die ganze Gegend gelagert, und huüllte Felſen und Gletſcher in ſeine feuchtkalten, grauen, unheimlichen Schleier ein. Der erſte Gedanke Uly's war, in die Höhle zurück⸗ zukehren, und dort in ruhiger Sicherheit den Anbruch des folgenden Tages zu erwarten. Dann aber beſchlich ihn die Furcht, daß ſeine ſo mühſam erworbene Jagd⸗ beute von Adlern und Lämmergeiern verzehrt werden könne, und nach kurzer Ueberlegung faßte er den Ent⸗ ſchluß, den Steinbock aufzuſuchen und ihn nach der Hoͤhle zu ſchleppen, um ihn dort in Sicherheit zu brin⸗ gen. Er hatte ſich genau die Richtung, in welcher der Steinbock geflohen war, gemerkt, und hoffte, daß es ihm, trotz des Nebels, nicht ſchwer fallen würde, ihn aufzu⸗ finden, da er kaum vier⸗ oder fünfhundert Schritte von der Höhle entfernt liegen konnte. Alſo machte er ſich nach kurzem Zögern auf, und ſchlug vorſichtig die eben erwähnte Richtung ein. Je weiter er aber vordrang, deſto dichter wurde der Nebel, zu dem ſich nun auch noch die Schatten der Abend⸗Dämmerung geſellten. Uly wurde an ſeinem Vorhaben irre, und ſein Entſchluß fing an zu wanken. Faſt wäre er nach der Höhle zurückgekehrt, aber die Hoffnung, daß er nur noch we⸗ nige Schritte zu machen habe, um ſeine Jagdbeute zu erlangen, ermunterte ihn wieder zum Vorwärtsgehen. Er tappte weiter, beobachtete aber die Vorſicht, erſt im⸗ mer mit ſeinem Alpenſtocke die Stelle zu betaſten und zu unterſuchen, auf die er ſeinen Fuß zu ſetzen beab⸗ ſichtigte. Auf einmal ſtieß er einen Freudenſchrei aus. Zwei Schritte nur vor ſich ſah er auf dem Schnee einen dunklen Körper liegen, an deſſen mächtigen ge⸗ 13 wundenen Hörnern er den erlegten Steinbock erkannte. Haſtig ſtürzte er auf ihn zu, beugte ſich zu ihm nieder, und machte eine Anſtrengung, den ſchweren Körper auf⸗ zuheben und auf ſeine Schultern zu laden. In dieſem Augenblicke knickten und knatterten Eis und Schnee unter ſeinen Füßen, Uly ließ einen gellenden Ausruf des Entſetzens hören, und dann verſchwand er unmittel⸗ bar darauf unter der trügeriſchen Decke, die eine Glet⸗ ſcherſpalte von unberechenbarer Tiefe verborgen hatte. Sie war dicht und feſt genug geweſen, den Körper des Steinbockes zu tragen, aber unter der durch Uly ver⸗ doppelten Laſt brach ſie ein, und Wild und Jäger wur⸗ den von einem Abgrunde verſchlungen, von dem Nie⸗ mand ſagen konnte, ob eine Rückkehr daraus möglich ſein würde. Zweites Kapitel. Daheim. Drei bis vier lange Tage waren ſeit dem Auszuge Uly's verſtrichen, und noch war keine Kunde von ſeinem Schickſale in ſeine Heimath zu Frau und Kind gedrun⸗ gen. In den erſten Tagen fühlte Frau Elsbeth keine beſondere Unruhe über das Ausbleiben ihres Mannes, oder, wenn eine trübe Ahnung in ihr auftauchen wollte, ſo wendete ſie abſichtlich ihre Gedanken davon ab, und ſuchte ſie mit aller Anſtrengung ihrer Seele zu verban⸗ nen. Sie wußte, daß die Gemſen⸗ und Steinbock⸗Jäger — 5 S —x häufig nicht nur Tage, ſondern ſogar Wochen lang der Fährte ihres Wildes folgen mußten, ehe ſie zu einem ſicheren Schuſſe gelangten, und ſie durfte daher wohl annehmen, daß Uly in einer ähnlichen hartnäckigen Ver⸗ folgung begriffen ſei. Als aber auch der fünfte Tag ohne Nachricht von Uly verſtrich, vermochte ſie ihre tödtliche Angſt und Unruhe nicht länger zu beherrſchen. Sie hatte ihrem Manne nur auf zwei, hoͤchſtens drei Tage Lebensmittel mitgegeben, oben in der eiſigen, er⸗ ſtarrten Gletſcher⸗Welt konnte er nichts finden, ſeinen Hunger zu ſtillen, und alſo— ſchloß ſie— mußte er entweder ſchon verunglückt ſein, oder unfehlbar eine Beute des Hungertodes werden. Ihre bis daher er⸗ zwungene Faſſung löste ſich jetzt in einen Strom bitterer Thränen auf. Weinend und ſchluchzend rang ſie die Hände, und bejammerte mit wilden Klagetönen den Tod ihres Beſchützers und Ernährers. Toni, ihr Sohn, ſuchte Alles hervor, um ſie zu tröſten, und ihr Hoffnung und Muth einzuflößen. „Weine doch nicht ſo ſehr, Mutter,“ ſagte er.„Du kennſt ja den Vater, du weißt, daß er die Gefahren der Alpen geſchickt zu vermeiden verſteht. Wie oft er auch ſchon von uns fortgezogen und Tage lang ausgeblieben iſt, immer iſt er friſch und geſund wieder heimgekehrt, und ſo wird es auch diesmal der Fall ſein. Wer weiß, er hat vielleicht ein Unterkommen in der Hütte eines Bekannten aufgeſucht, die ſeinem Jagd⸗Reviere näher liegt, als die unſrige. Vielleicht iſt er auch mit noch anderen Schützen zuſammengetroffen, und ſetzt mit ihnen gemeinſchaftlich die Jagd fort. Darum faſſe friſchen Muth und verliere das Vertrauen auf Gottes Hülfe nicht. Der Vater iſt ein tuͤchtiger Alpenjäger, und er willig zeigen würde. kindlichen Flehen nachgab, mit der Bedingung, daß er wird ſich zu helfen wiſſen, welche Gefahren ihn auch umringen mögen!“ Die Mutter antwortete dem Knaben nicht, ſte weinte und ſeufzte nur fort und fort, und gab ſich rückhaltslos ihrem Schmerze hin. Toni konnte das nicht länger ru⸗ hig mit anſehen, ſondern faßte einen kecken Entſchluß. »Mütterchen,“ ſagte er,„das Weinen nützt nichts, man muß handeln. Ich will auf die Berge hinauf, und den Vater ſuchen. Ich kenne ungefähr die Gegend, wo er jagen wollte, und wenn er wirklich in Gefahr iſt, will ich ihm Rettung bringen.« Die Mutter erſchrak über die verwegene Abſicht des kaum zwölfjährigen Knaben, und umſchlang ihn mit beiden Armen, als ob ſie nicht von ihm laſſen wollte. »Nein, nein, Toni,« ſagte ſie haſtig.„Du biſt zur Ausführung eines ſolchen Vorhabens noch viel zu jung, und wenn den Vater das Verderben ereilt hat, ſo wür⸗ deſt du unfehlbar nur dem gleichen Schickſale entgegen gehen. Soll ich denn Gatten und Sohn zu gleicher Zeit verlieren? Nein, ich laſſe dich nicht von mir!« Toni liebte ſeinen Vater und ſeine Mutter viel zu ſehr, um auf die erſte Weigerung der Letzteren ſeinen Plan aufzugeben. Er glaubte ebenfalls den Vater in Gefahr, obgleich er ſich den Anſchein des Gegentheils zu geben verſuchte,— er ſah die Thränen, hörte die ſchmerzlichen Klagen der Mutter, und befeſtigte ſich mehr und mehr in ſeinem Entſchluſſe. So lange und inſtän⸗ dig drang er in die Mutter, bis dieſe endlich ſeinem nicht allein, ſondern in Begleitung eines Nachbars müſſe, wenn irgend Einer von ihnen ſich! ——— 2 ———————— 46 „Oh, es werden gewiß Alle mitgehen, die Kraft und Gewandtheit genug haben,“ verſetzte Toni, glühend vor Eifer.„Ich kenne ſie Alle, ich weiß, daß es nur einer Aufforderung bedürfen wird, um ſie meinen Wünſchen geneigt zu machen. Auf der Stelle werde ich von Hütte zu Hütte eilen, und die Hülfe der Nachbarn anſprechen!“ Die Nachbarn wußten bereits Alle von dem langen Ausbleiben Uly's, und auch bei ihnen waren Befürch⸗ tungen wach geworden, welche der Wahrheit ziemlich nahe kamen. Sie achteten und liebten Alle den braven, rechtſchaffenen Mann, und als Toni kam, um ihren Beiſtand zum Aufſuchen ſeines Vaters anzuſprechen, er⸗ hielt er von keinem Einzigen eine ablehnende Antwort, ſondern Jeder und Jeder zeigte ſich willig und bereit, eine ſorgfältige Nachſuchung nach dem Verſchwundenen anzuſtellen. Es wurde ſofort eine allgemeine Zuſammen⸗ kunft gehalten, und in derſelben feſtgeſtellt, daß man in der Frühe des andern Morgens nach den Gletſchern des Monte Roſa aufbrechen, und ſie ſo genau als irgend möglich durchſuchen wolle, müßte man auch mehrere Tage darauf verwenden. Der armen Frau Elsbeth gereichte die hochherzige Bereitwilligkeit der Nachbarn zu nicht geringem Troſte, und ſie hatte nun auch nichts mehr dagegen einzuwen⸗ den, daß Toni an dem Verſuche zur Auffindung, und hoffentlich Rettung, des Vaters Theil nahm. Sie ſorgte mütterlich für ſeine Ausrüſtung zu dem keineswegs ge⸗ fahrloſen Ausfluge, und gab ihm ihren herzlichſten Segen mit auf den Weg. Schlag vier Uhr des Morgens brachen die Thal⸗ bewohner auf, und erklimmten die ſteilen Gänge 1d. zerkluͤfteten Felswände, welche hinauf in die gewaltige 47 Gletſcherwelt des Monte Roſa führen. Alle hatten ihre Büchſen und Flinten mitgenommen, um nöthigenfalls dem wahrſcheinlich verungluͤckten Kameraden durch Alarm⸗ ſchüſſe ihre Anweſenheit und Hülfs⸗Bereitwilligkeit kund zu thun, und ihn zur Erwiederung ihrer Schüſſe zu ver⸗ anlaſſen. Einige von ihnen führten auch Seile, Stricke, kleine Leitern und Stangen mit ſich, welche als nütz⸗ liche Werkzeuge zur Rettung Uly's beitragen und ſogar nothwendig werden konnten, und Alle hatten in ſich den guten Willen, keine Anſtrengung und keine Gefahr zu ſcheuen, wenn es galt, ihren Freund und Nachbarn ir⸗ gend einer gefährlichen Lage zu entreißen. So ging es muthig vorwärts, und auch Toni blieb hinter den Anderen nicht zurück. Als ſie an dem erſten großen Gletſcherfelde anlangten, wo Uly geraſtet und ſich durch Speiſe und Trank erquickt hatte, bemerkten ſie die Spur ſeiner Fußtapfen im Schnee, und ein all⸗ 5 gemeiner Freudenruf war die Folge dieſer willkommenen Entdeckung. Sie erſahen aus dieſem günſtigen Umſtande, daß ſie ſich auf der richtigen Fährte befanden, und ſie hatten jetzt nichts weiter noͤthig, als nur der Spur nach⸗ zugehen, die ſie zuletzt unfehlbar an's Ziel führen mußte. „ Vorwärts! Vorwärts!“ riefen die wackeren Leute, und betraten ohne Zögern das breite Gletſcherfeld, immer den Spuren folgend, die Uly zurückgelaſſen hatte. Manch⸗ mal gingen dieſelben verloren, aber immer fand man ſie wieder auf, bald auf dem Eiſe, wo die ſcharfen Nä⸗ gel unter den Schuhſohlen deutlich erkennbare Eindrücke zurückgelaſſen hatten, theils in dem lockeren Firn, wo d. Fuß bis über den Knöchel hinein geſunken war. Glzichwohl kam man auf dem Gletſcherfelde nur langſam Keine Ruͤckkehr. 1 vorwärts, und als man den jenſeitigen Rand deſſelben erreichte, war es bereits ſo dunkel geworden, daß man die Fährte nicht mehr zu erkennen vermochte, und noth⸗ gedrungen Halt machen mußte. Doch geſchah dies in der Hoffnung und feſten Zuverſicht, am anderen Morgen die Nachforſchungen mit erneuertem Eifer wieder auf⸗ zunehmen. Eine geſchützte Stelle zum Uebernachten war bald gefunden, und da Jeder wenigſtens eine warme wollene Decke mitgenommen hatte, ſo konnte man einer leidlichen Nachtruhe entgegen ſehen. Bevor man ſich jedoch zur Ruhe begab, wurden noch neun oder zehn Flintenſchüſſe abgefeuert, und zwar in regelmäßigen Zwiſchenräumen, ſo daß Uly, wenn er den Knall der Gewehre vernahm, ſicher ſein konnte, daß Hülfe nahe ſei. Nach dem Abfeuern lauſchte jedes Ohr, ob viel⸗ leicht eine Antwort vernehmbar würde. Aber nichts unterbrach die tiefe Stille der eiſigen Gletſcherwelt, und Toni ſeufzte aus bangem Herzen tief auf. „Kein Lebenszeichen!“ murmelte er traurig vor ſich hin.„Ach, ich fürchte, wir kommen zu ſpät.“ Die Nachbarn ſchienen ſeine Anſicht zu theilen, we⸗ nigſtens wußte ihm Niemand ein Wort des Troſtes zu ſagen; Alle wickelten ſich ſchweigſam in ihre Decken, wuͤnſchten einander gute Nacht, und legten ſich nieder, indem ſie ihre Jagdtaſchen als Kopfkiſſen benutzten. Die Nacht verging ruhig und ohne Störung, am anderen Morgen aber wurden die Nachbarn durch einen lauten Schreckensruf Toni's ihrem Schlummer entriſſen. Toni, den überhaupt Angſt und Beſorgniß um den Vater wenig hatten ſchlafen laſſen, war bei der erſten Morgen⸗Dämmerung erwacht, und hatte die betrüben Entdeckung machen müſſen, daß während der Nacht ein fußhoher Schnee gefallen war. »„Das iſt allerdings ſehr ſchlimm für uns und für Uly,« ſagte Einer von den Nachbarn.„Der Schnee hat natürlich jede Spur des Verlorenen bedeckt, und nun wird es zehnfach ſchwer halten, ihn aufzufinden. Gleich⸗ wohl duͤrfen wir den Muth nicht verlieren, Freunde! Jedenfalls ſind wir ſicher, daß Uly bis hierher gelangt iſt, und mit Recht können wir vermuthen, daß er ſeinen Weg in gerader Richtung weiter genommen hat. Er hat jedenfalls den Eiswall erſtiegen, an deſſen Fuße wir hier ſtehen. Wir müſſen ihm folgen, und, oben ange⸗ langt, uns nach verſchiedenen Richtungen vertheilen, um unſere Nachforſchungen fortzuſetzen.“ Dieſe Anſicht des erfahrenen Mannes wurde von den Uebrigen gebilligt, und nach eingenommenem Früh⸗ ſtück klimmte man den glatten und ſchlüpfrigen Wall empor. Mancher rutſchte und glitt aus auf dem lockeren Schnee, welcher das Eis bedeckte, aber Jeder raffte ſich immer wieder auf, und die ganze Geſellſchaft erreichte endlich, ohne Schaden genommen zu haben, das obere Plateau, wo Uly den Steinbock geſchoſſen hatte. Wenn die braven Nachbarn gewußt hätten, wie nahe ſie dem Verunglückten bereits gekommen waren! Aber Niemand hatte eine Ahnung davon, und nach kurzer Raſt und nachdem ſie wiederum, wie am Abend zuvor, eine Anzahl Schüſſe abgefeuert, aber vergeblich auf eine Erwiederung derſelben gewartet hatten, wurde der Beſchluß gefaßt, daß man eine weit ausgedehnte Linie bilden, und auf dieſe Weiſe das ganze vor ihnen liegende Gletſcherfeld überſchreiten ſollte. In Zwiſchenräumen von je zehn Minuten ſollte ein Jeder ſein Gewehr abfeuern. W . 8 2* X½ Uly noch am Leben war, mußte er das Krachen der Schüſſe vernehmen, und man hoffte, daß er endlich durch ſein eigenes Feuerrohr eine Antwort ertheilen würde. Die Leute trennten ſich alſo, und verfolgten jeder Einzelne ſeinen Weg. Ausgemacht wurde vorher noch, daß bei irgend einer wichtigen Entdeckung drei raſch hinter einander abgefeuerte Schüſſe das Zeichen ſein ſollten, die zerſtreuten Kameraden zu benachrichtigen, und daß man, wenn eingetretene Umſtände nichts Anderes erheiſchten, am Abend bei der Felsſpitze, von welcher aus man die Wanderung über den Gletſcher antrat, wieder zuſammentreffen wollte. Vorwärts ging es. Je weiter ſich die Männer von der Felſenſpitze entfernten, deſto größer wurden die Zwi⸗ ſchenräume zwiſchen ihnen, ſo daß ſie ſich gegenſeitig kaum noch mit bloßen Augen erkennen konnten und nur wie ſchwarze Punkte auf der ungeheuren weißen Decke von Schnee und Eis erſchienen. Jeder that ſein Beſtes, um Uly, oder wenigſtens ſeine irdiſchen Ueberreſte aus⸗ findig zu machen, aber leider blieben alle Bemühungen ganz umſonſt. Wenn ſte gewußt hätten! Kaum fuͤnf⸗ oder ſechshundert Schritte von ihnen lag der ſo ängſtlich geſuchte Mann in ſeinem tiefen Grabe,— aber leider! kein Ruf, kein Laut irgend einer Art, kein Krachen eines Schuſſes verrieth den Freunden ſeine Nähe. Wei⸗ ter und weiter entfernten ſich dieſe von der Stelle, wo die trügeriſche Eisdecke unter ihm zuſammengebrochen war, und auch dieſer Tag verſtrich, ohne irgend eine erfreuliche oder wichtige Entdeckung zu bringen. Am Abend fanden ſich die Gefährten bei der Felſenſpitze auf's Aeußerſte ermüdet und abgemattet, wieder zuſam⸗ men, und theilten einander gegenſeitig den ſchlechten Erfolg ihrer Nachforſchungen mit. Jede Hoffnung ſchwand damit ſo ziemlich vollends dahin. Uly war nun ſieben volle Tage von Hauſe abweſend, während er doch nur auf zwei Tage mit Nahrungsmitteln verſehen geweſen war. Er mußte alſo entweder verunglückt ſein oder in irgend einer Alpen⸗ hütte einen Zufluchtsort gefunden haben. Jedenfalls konnte man nicht länger darauf rechnen, ſeine Spur auf den Gletſcherfeldern des Monte Roſa ausfindig zu machen. Die Männer ſtanden düſter und ernſt beiſammen; Toni ſaß auf einem Felsblocke in ihrer Nähe, und weinte bitterlich. Die wackeren Leute betrachteten ihn mit ſchmerzlicher Theilnahme. »Nun, Toni,“ nahm Einer aus ihrer Mitte das Wort,„es hilft nichts, du und wir Alle müſſen uns in den Rathſchluß des Himmels ergeben. Was auch ſich zugetragen haben möge,— Gott hat es ſo gewollt, und gegen Gottes Fügungen ſoll der Menſch nicht murren und klagen. Auch brauchſt du noch nicht allen Muth zu verlieren, nicht jegliche Hoffnung aufzugeben, denn manches Mal iſt es ſchon vorgekommen, daß man einen Verſchwundenen für immer verloren glaubte, der ſpäter doch, nach wochenlanger Abweſenheit, zurückkehrte. Mit deinem Vater kann ja ein Gleiches der Fall ſein. Darum faſſe dich, Knabe, und bedenke, daß, angenom⸗ men, das Schlimmſte wäre geſchehen, alsdann du dei⸗ ner Mutter einzige Stütze und einziger Troſt biſt. Wir haben Alle gethan, was wir konnten, um deinen Vater aufzufinden,— du ſelbſt haſt dich ſogar über deine Aefi angeſtrengt,— laſſ' auch dies zu deiner Ber higung beitragen. Unſere Pflicht iſt redlich erfüllt,— alles Uebrige müſſen wir Gott anheimſtellen!« „Trotzdem, Freunde,“ ſagte ein Anderer von den Männern,„und obgleich wir unſere Schuldigkeit gewiß nach beſten Kräften gethan haben, bin ich doch ent⸗ ſchloſſen, wenigſtens noch einen Tag die Nachforſchungen fortzuſetzen.“ „Auch ich! Auch ich!“ ſtimmten die Uebrigen bei. Niemand ſoll uns nachreden dürfen, daß wir einen Freund in der Noth verlaſſen hätten, ſo lange nicht der letzte Hoffnungsſtrahl erloſchen iſt.« Toni dankte den treuen Männern, und ſeine Thrä⸗ nen verſtegten, ſeine Augen leuchteten wieder in hellem Glanze. Es wurde beſchloſſen, daß man am nächſten Tage die Nachforſchungen nach einer anderen Richtung fortſetzen wollte, und dann ſuchte Jeder ſein hartes und kaltes Lager auf. Aber ſo hart und kalt es auch ſein mochte, ſuͤßen Schlummer fanden die braven Leute doch. Sie waren ermüdet von den Beſchwerden des vergan⸗ genen Tages, und nicht umſonſt ſagt das Sprichwort: Ein gutes Gewiſſen iſt das beſte Ruhekiſſen. Auch dieſe Nacht verſtrich in ununterbrochener Ruhe, aber der nächſte Morgen brachte leider nichts Erfreu⸗ liches. Dichter Nebel, der keinen Strahl der Morgen⸗ ſonne durchdringen ließ, bedeckte wieder einmal die ganze weite Gletſcherwüſte, und machte es den Männern voll⸗ kommen unmöglich, die beabſichtigte Wanderung anzu⸗ treten. Die braven Leute ſtanden in rathloſer Be⸗ ſtürzung. „Es iſt ein böſes Ereigniß, daß dieſer Nebel uns in den Weg tritt,« unterbrach endlich der Aelteſte und Erfahrenſte von ihnen das traurige Stillſchweigen der — 2* 23 Anderen.„Ihr Alle wißt, was dem Nebel folgen wird, nämlich ein heftiges Schneegeſtöber, deſſen Dauer kein Menſch zu berechnen vermag. Alle Anzeichen ſprechen dafür, und die Frage iſt nur, ob wir den Ausbruch deſſelben abwarten, oder ſchleunigſt den Rückzug in die Heimath antreten wollen? Sehr zu bedenken iſt, daß wir nur noch für einen Tag mit Lebensmitteln verſehen ſind. Dauert der Schneefall ſo lange oder noch länger, ſo ſind wir Alle verloren, denn der Rückweg wird uns verſperrt ſein.“ Die Nachbarn ſchauten einander mit ängſtlichen und 4 beſorgten Blicken an, aber Jeder zögerte, zuerſt das Wort auszuſprechen, welches den Rückzug in die Hei⸗ math zur Folge haben mußte. Und doch ſahen Alle ſehr wohl ein, daß der erſte Sprecher vollkommen Recht hatte, und daß ſie einem wahrſcheinlichen Tode entgegen ſehen mußten, wenn ſie zauderten, den Entſchluß zur Umkehr zu faſſen. »Bedenkt Euch nicht zu lange, Nachbarn,“ ſprach der vorige Redner weiter.„Ihr wißt, daß es ſchon ſchwierig und halsbrechend genug iſt, in ſolchem Nebel den Heimweg zu finden,— fängt aber das Schnee⸗ geſtöber erſt an, ſo iſt es unmöglich. Alſo faßt Euren Entſchluß.“« g»Und welchen Rath gebt Ihr uns, Nachbar?« fragte iner. „Den, unverzüglich nach Hauſe zu eilen,“ lautete die Antwort.„Unſerem armen Uly zu helfen, iſt bei dieſem Wetter ein Ding der Unmöglichkeit. Uns bleibt nur Eine Wahl, entweder unſer Leben in Sicherheit zu bringen, oder es ganz nutzlos in die Schanze zu ſchlagen.“ 8 * Jeder erkannte dieſe nicht zu beſtreitende Wahrheit, und die Wahl konnte daher nicht länger zweifelhaft bleiben. Man beſchloß einſtimmig, ohne Verzug den Rückweg anzutreten, und ſelbſt Toni, ſo bitter ſchmerz⸗ lich es ihm war, ſeine letzten Hoffnungen auf die Ret⸗ tung des Vaters aufgeben zu müſſen, konnte nicht an⸗ ders, als den Nachbarn Recht geben. Mit ſchmerzlichen Gefühlen brach die ganze Geſellſchaft auf. Die Rück⸗ kehr über den Eiswall und den unteren Gletſcher war keineswegs leicht und gefahrlos; aber mit Hülfe der mitgenommenen Stricke und Leitern wurde ſte ohne ernſt⸗ lichen Unfall überſtanden. Jenſeits des Gletſchers war der Weg beſſer, und man kam ſchneller vorwärts. Nach⸗ mittags endlich erreichten Alle wohlbehalten das Dorf, aber freilich ohne einen Troſt für die arme Frau Els⸗ beth zu bringen, welche mit unſäglicher Angſt unter Hoffen und Zweifeln ihre Heimkehr erwartet hatte. Jetzt erfuhr ſie nun das Schlimmſte. Ihr Gatte Uly war ſpurlos verſchwunden, und es konnte kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß ihn irgendwo auf ſeiner gefährlichen Jagd der Tod ereilt hatte. Frau Elsbeth's Thränen floſſen, denn ihr Schmerz war ſtark und tief. Endlich aber mußte ſie dennoch Ergebung und Ruhe im Aufblicke zu Gott ſuchen, und ſich Seinen unerforſch⸗ lichen Rathſchlüſſen unterwerfen. Ihre Thränen riefen ja doch den Verſchwundenen nicht zurück. Was die Nachbarn anbetrifft, die ſo redlich ihre Freundesflicht erfüllt hatten, ſo konnten ſie dem Himmel danken, daß er ihnen den dichten Nebel als eine War⸗ nung zugeſendet. In der nächſten Nacht ſchon nach ihrer Rückkehr löste ſich der Nebel in Schnee auf;— die Flocken fielen in dichten Maſſen, und es ſchneite 25 ununterbrochen vier volle Tage hindurch. Alle Straßen waren verwehet, von ellenhohen Schneemaſſen verſchüttet und für längere Zeit durchaus ungangbar. Hätten die braven Leute nur noch einen einzigen Tag mit der Ruͤck⸗ kehr gezaudert, ſo würde Keiner von ihnen Allen dem Tode entronnen ſein. Drittes Kapitel. Anter dem Siſe. Kehren wir nun zu Uly zurück, den ſeine Angehö⸗ rigen und die Nachbarn verunglückt glaubten und als einen Todten beweinten. Geraume Zeit mußte nach dem Sturze des Jägers in die Tiefe verſtrichen ſein, als derſelbe nach einer tiefen Ohnmacht allmählig wieder zur Beſinnung ge⸗ langte, und eine dunkle Ahnung von ſeiner Lage in ihm aufdämmerte. Mit einem ſchmerzlichen Seufzer ſchlug er ſeine Augen auf, und ſuchte ſeine Umgebung zu er⸗ forſchen, aber undurchdringliche Finſterniß hüllte ihn ein. Er tappte mit den Händen umher, und fühlte nichts, als die feuchte Kälte von Eis und Schnee. Jetzt er⸗ innerte er ſich des jähen Sturzes in eine unbekannte Tiefe, und ein banges Stöhnen entrang ſich ſeiner Bruſt. Er machte einen verzweifelten Verſuch, ſich auf⸗ zurichten, aber die von der furchtbaren Erſchütterung des Falles gelähmten Glieder verſagten ihm den Dienſt. Aechzend ſank er in ſeine frühere Lage zurück. In halb wachem, halb träumendem Zuſtande brachte er einige Zeit zu. Traurige Bilder zogen an ſeiner Seele vor⸗ über. Er dachte mit unendlicher Wehmuth an ſeine Frau, an ſeinen Knaben, und troſtloſe Betrübniß er⸗ füllte ihn bei dem Gedanken, daß er ſie niemals wieder⸗ ſehen würde. Er dachte an ſein eigenes trauriges Schickſal, dem er nur durch ein Wunder entrinnen konnte, an ſeine Verlaſſenheit, ſeine gänzliche Hülfs⸗ loſigkeit. Wie lange konnte es dauern, ſo mußte er eine Beute der Kälte, des Hungers werden; aber welche qualvollen Augenblicke hatte er noch zu durchleben, ehe endlich der mitleidige Tod Seiner ſich erbarmte! Uly ſchauderte vor Entſetzen bis in's innerſte Mark hinein bei den gräßlichen Vorſtellungen, die ſo auf ihn ein⸗ ſtürmten, und eine Wohlthat war es zu nennen, daß er aus ſeinem halb wachen Zuſtande bald wieder in eine Art von Betäubung verfiel, die freilich mehr einer Ohnmacht, als erquickendem Schlafe glich. Der Tag war angebrochen, als Uly wieder er⸗ wachte. Das Licht der Sonne fiel in ſeine Gruft, und ſcheuchte den Schlummer von ſeinen huen Er öffnete die Lider, und blickte ſchaudernd umher. Jetzt, endlich zu vollem Bewußtſein gekommen, konnte er das ganze Elend ſeiner furchtbaren Lage erkennen. Uly lag auf dem mit hohem Schnee bedeeckten Grunde einer Gletſcherſpalte, welcher etwa zwanzig Fuß Länge und zwölf Fuß Breite haben mochte. Der Schnee war locker, und ohne Zweifel von beträchtlicher Tiefe, denn Uly's ganzer Körper war darin verſunken, ſo daß nur Kopf und Arme aus ihm hervorragten. Zu ſeiner Rechten und Linken ſtarrten glatte, ſchroffe, in blauem Glanze ſchimmernde Eiswände, nach oben zu ſich etwas 27 erweiternd, wie kriſtallene Mauern, an hundert Fuß hoch, vielleicht noch höher, empor, und ſchloſſen ihn als Gefangenen in einen undurchdringlichen Kerker ein. Ueber der etwa zwanzig Fuß breiten, oberen Oeffnung der Spalte entdeckte Uly's Auge nichts, als ein Stück des blauen Himmels⸗Gewölbes, das gleichſam den Deckel zu ſeinem Sarge von Eis bildete. Uly kam ſich vor, wie lebendig begraben, und die tiefſte Entmuthigung wollte ſich ſeiner Seele bemächtigen. „»O Gott,« ſeufzte er,—„warum haſt du mich nicht gleich bei dem Sturze in dieſe Tiefe den Tod finden laſſen? Wie iſt es nur möglich, daß ich bei ſolchem Sturze ihm entgehen konnte?« Er betrachtete die Felswände, maß ſie mit den Augen, und fand nur Eine Erklärung für die faſt wunderbare Erhaltung ſeines Lebens, nämlich das lockere Schnee⸗ lager, das ihn wie ein weiches Bett aufgenommen, und das bei aller Schroffheit doch etwas ſchräge Abfallen der hohen Eiswand. Er mußte mehr an ihr hinabge⸗ glitten, als grade in die Spalte hinein gefallen ſein, und dieſes Gleiten hatte ohne Zweifel die heftige Ge⸗ walt des Sturzes weſentlich gebrochen. »Wunderbar!« ſprach er vor ſich hin.„Gott hat nicht gewollt, daß ich ſterben ſollte, will der Allmächtige vielleicht auch, daß ich am Leben bleibe, daß ich den Meinigen erhalten, aus meiner ſchrecklichen Lage viel⸗ leicht durch die Hülfe der Nachbarn errettet werde?« Dieſer Gedanke flößte ihm einigen Muth ein, und entzündete einen Hoffnungsſtrahl in ſeinem umnachteten Herzen. Es war in der That faſt ein Wunder, daß er dem Tode durch Zerſchmetterung entgangen warz3— konnte ihn Gott nicht durch ein ähnliches Wunder be⸗ freien? Dem Allmächtigen iſt ja nichts unmöglich, und! Uly wendete ſich mit unbeſchreiblicher Inbrunſt zum Höchſten, um Seinen Beiſtand, Seine Hülfe in demü⸗ thigem Gebete anzuflehen. Es liegt eine wunderbare Kraft der Erquickung und Stärkung in einem Gebete, wie es aus Uly's Herzen zum Throne des Höchſten emporſtieg. Dieſe Kraft wurde auch an ihm offenbar. Bis dahin hatte er ſich unſäglich matt und wie an Leib und Seele gebrochen gefüͤhlt, jetzt durchrieſelte eine wohlthätige Wärme vom Herzen aus ſeinen ganzen Körper, und löste allmählig die Starrheit ſeiner Glieder. Er machte einen neuen Verſuch, ſich aus der Schnee⸗Maſſe, in die er verſunken war, aufzurichten, und nach einigen Anſtrengungen ge⸗ lang es ihm wirklich, auf die Füße zu kommen. Die Anſtrengung war ſchmerzhaft, und als er endlich auf⸗ recht ſtand, fühlte er ſich wie zerſchlagen am ganzen Leibe; aber ein erneuerter kurzer Gebrauch ſeiner Glied⸗ maßen überzeugte ihn wenigſtens, daß er weder Etwas zerbrochen, noch ſonſt einen erheblichen und ernſten Schaden erlitten habe, und dieſer glückliche Umſtand war wohl geeignet, ihm neue Hoffnung einzuflößen und ſei⸗ nen gebeugten Muth wieder außzurichten. „Gottes Wille iſt, daß ich lebe,“ murmelte er mit einem Blicke nach Oben.„Warum hätte Er ſonſt Seine ſchützende Rechte über mich gehalten?« Uly, vor Kurzem noch der düſterſten Verzweiflung verfallen, ſuchte jetzt, geſtuͤtzt auf den Glauben an die allmächtige Hand des himmliſchen Vaters, ſchon nach Mitteln zu ſeiner Erhaltung und Rettung, und konnte mit immer ruhigerer Ueberlegung die ihm gebliebenen Hülfsmittel in's Auge faſſen. 29 V Zuerſt dachte er an ſeine Büchſe. Er zweifelte natürlich nicht daran, daß nach Ver⸗ lauf von einigen Tagen, wenn er nicht in ſeine Hütte zurückkehrte, von den Nachbarn jedenfalls eine Anſtren⸗ gung gemacht werden würde, ihn aufzuſuchen. Wenn ſie nun kämen, ſo hatte er keine anderen Mittel, ſich ihnen in ſeinem tiefen Grabe bemerkbar zu machen, als das Rufen ſeiner Stimme, und den Knall ſeiner Büchſe. Das Erſtere kam aber nicht viel in Betracht, denn aus der Tiefe herauf und durch die Eiswände eingezwängt, konnte ſeine Stimme unmöglich in weite Ferne dringen, wogegen das Krachen der Büchſe ſicher die nahenden Retter herbeilocken mußte. Alſo ſuchte er zunächſt ſein Gewehr, das ihm beim Herabſtürzen jedenfalls aus der 8 Hand oder von der Schulter geglitten war,— aber nirgends fand er davon eine Spur. Dies erſchreckte ihn jedoch nicht. Da es nicht auf der Oberfläche lag, mußte es natürlich unter dem Schnee liegen, und er begann unverzüglich, die lockere Maſſe deſſelben mit Häaͤnden und Füßen umzuwühlen. Das Gewehr fand er fürerſt nicht, wohl aber machte er einen anderen Fund, den erlegten Steinbock, welcher mit ihm zugleich in den Abgrund geſtürzt und tief in den loſen Schnee eingeſunken war. Er zog ihn mit einiger Anſtrengung hervor und legte ihn ſorgfältig zur Seite, denn er kannte ſehr wohl den hohen Werth dieſes willkommenen Fun⸗ des, der von unberechenbarer Wichtigkeit für ihn werden konnte, indem er ihn auf längere Zeit hinaus vor den Qualen des Hungers beſchützte. Hierauf ſetzte er mit erneuetem Eifer das Suchen nach ſeinem Gewehre fort, und hatte endlich die Freude, es, faſt vier Fuß unter der Oberfläche des Schnee's wiederzufinden. Er be⸗ trachtete es wie einen alten Freund, und drückte es in überwallender Freude faſt mit Zärtlichkeit an die Bruſt. Bei näherer Unterſuchung fand er freilich, daß die Ladung vollkommen verdorben war. Die Feuchtigkeit des Schnee's hatte das Pulver auf der Pfanne in eine klebrige Maſſe verwandelt, und jedenfalls war auch das Pulver im Innern des Laufes unbrauchbar geworden.. Aber das machte weiter nichts aus. Uly entlud das Gewehr mit Hülfe des Kugelziehers, den er auf der Jagd ſtets bei ſich führte, und ſchickte ſich an, die Büchſe von Neuem zu laden. Da durchzuckte plötzlich ein jähes Erſchrecken den ſtarken Mann mit ſolcher Heftigkeit, daß er erbleichte und am ganzen Leibe zitterte. Als er nach ſeinem Pulverhorne griff, fand er es nicht. In wilder, athem⸗. loſer Angſt ſuchte er es überall, in ſeinem Jagdranzen, in ſeinen Kleidertaſchen, an allen Orten, wo er irgend 3 Hoffnung hegen durfte, es ausfindig zu machen,— ver⸗ gebens! Das Pulverhorn war verloren! Uly weinte beinahe vor Schmerz und Kummer. In ſeiner traurigen Lage däuchte ihm der Verluſt ſeines Schießbedarfs faſt ſchlimmer, als ſelbſt der Verluſt eines Armes, denn er ſah ſich dadurch des hauptſächlichſten Mittels beraubt, den etwa nahenden Helfern ein Zeichen zu geben. Ohne Pulver war ſeine gute Büchſe nicht mehr werth, als ein armſeliger Stecken, und die bitterſte Betrübniß erfüllte deshalb ſein Herz. Aber wo und bei welcher Gelegenheit mochte er nur das Pulverhorn verloren haben? Er beſann ſich! Deutlich erinnerte er ſich, daß es noch an ſeinem Gür⸗ tel gehangen hatte, als er, nach Erlegung des Stein⸗ bockes, die Ladung ſeiner Büchſe erneuert hatte. Er 31 wußte gewiß, daß er es nach der Ladung wieder in den Gürtel geſteckt hatte. Alſo waren nur zwei Fälle mög⸗ lich. Entweder war es auf dem Wege von der Höͤhle bis zu dem Steinbocke verloren gegangen,— und dieſer Fall erſchien ihm kaum wahrſcheinlich,— oder es war ihm während des Sturzes in die Tiefe aus dem Gürtel gefallen. War dieſes Letztere geſchehen,— und man konnte es mit gutem Grunde annehmen,— dann durfte er hoffen, wieder in den Beſitz des unſchätzbaren Pulver⸗ hornes zu gelangen, denn es mußte eben ſo, wie Flinte und Steinbock, im lockeren Schnee verſteckt liegen. Allerdings wurde das Suchen wegen der Kleinheit des Gegenſtandes ein mühſames Stuͤck Arbeit, aber Uly, von neuer Hoffnung beſeelt, ſcheute keine Mühe noch Anſtrengung. Um und um wühlte er den Schnee, bis ſeine Hände brannten wie Feuer, bis der Schweiß in großen Tropfen von ſeiner Stirn perlte, bis ſeine Arme erlahmten und ihm den Dienſt verſagten. Er mußte endlich, vollkommen erſchöpft, von den unfruchtbaren A beit ablaſſen, und zugleich auch faſt alle Hoffnung auf geben, daß erneuerte und fortgeſetzte Bemühungen von günſtigerem Erfolge gekrönt werden würden. Die Maſſe des Schnee's war zu groß; ohne Werkzeuge, mit bloßen Händen konnte er ſie unmöglich bewältigen. Wie tief der lockere Firn in der Spalte noch liegen mochte, ließ ſich weder beſtimmen, noch nur annäherungsweiſe erra⸗ then. So ſehr ſich Uly dagegen ſträubte, er mußte wohl die Nutzloſigkeit jedes ferneren Verſuches aner⸗ kennen, wieder in den Beſitz ſeines Pulverhornes zu gelangen. Faſt bis zum Tode ermattet, ſetzte er ſich auf dem Schnee nieder, lehnte ſich mit dem Rücken gegen die kalte Eiswand, und ſtarrte mit traurigen Blick ſein Gewehr an, während ein paar ſchwere Thränen über ſeine bleichen Wangen ihm in den Bart rollten. So ſaß er lange, in dumpfes Hinbrüten verloren, bis ihn ein gellender Schrei hoch über ſeinem Kopfe aus ſeiner düſteren Erſtarrung aufweckte. Er blickte in die Höhe, und erblickte in grader Linte über dem Ab⸗ grunde einen großen Lämmergeier, der mit breit entfal⸗ teten Schwingen durch die Luft ſegelte und weite Kreiſe um die Gletſcherſpalte beſchrieb. Uly lächelte bitter. „Du kommſt zu früh,“ flüſterte er mit zuckender Lippe. Noch einige Tage mußt du ſchon Geduld haben, ehe du dich an meinem Gebeine letzen kannſt! Gleichſam als Antwort ertönte von Neuem ein lang gezogenes, ſchrilles, faſt höhniſches„Pfyii— Pfyii— des mächtigen Vogels aus der Höhe hernieder. Un⸗ willkührlich griff Uly nach der Flinte, um den läſtigen Schreier zu verjagen, ließ ſie aber ſogleich, ihrer Un⸗ brauchbarkeit gedenkend, mit einem Seufzer wieder auf — fenne Schooß ſinken. Faſt unmittelbar darauf ver⸗ ſcchwand indeß der Geier, und ſein fortgeſetztes, durch⸗ dringendes Geſchrei verhallte allmählig in weiter Ferne. Als Uly es nicht mehr hörte, verſank er wieder in ſeine vorige ſtumpfſinnige Gefühlloſigkeit. Dieſer Zuſtand dauerte lange, und Uly ſelbſt wußte ſich ſpäter kaum Rechenſchaft darüber zu geben, was er während deſſelben Trauriges und Schmerzliches empfun⸗ den hatte. Endlich meldete ſich bei ihm ein unabweis⸗ bares körperliches Bedürfniß: er empfand Hunger. In ſeiner Jagdtaſche hatte er noch einigen Mundvorrath, etwas Brod und Käſe. Er nahm ihn heraus, und fand außer demſelben auch noch eine hölzerne Büchſe mit Salz. Sie war aus Zufall von früher her in dem 33 Ranzen ſtecken geblieben. Die Gemſen lieben das Salz, und er hatte es eines Tages als Lockſpeiſe an einen Ort ſtreuen wollen, den ſie öfters zu beſuchen pflegten. Irgend ein Umſtand hatte jedoch die Ausführung dieſer Abſicht verhindert, und jetzt fiel ihm die Salzbüchſe als ein ſehr willkommener Fund in die Hand. Auch die kleine Weinflaſche war noch da, und zwar, wie durch ein Wunder, unzerbrochen. Uly aß einige Biſſen Brod und Käſe, trank einen Schluck Wein, und fuhlte ſich bald darauf ſehr erquickt und in friſcherer, muthigerer Stimmung. Der Wein kräftigte ſeine Nerven und machte ihn fähig, ſeiner allerdings ſehr traurigen und faſt hoffnungsloſen Lage wieder eine minder düſtere Seite abzugewinnen. Seine Gedanken nahmen eine hellere Färbung an, und er überredete ſich, daß es eine verwerfliche Zaghaftigkeit wäre, wenn er an jeder und jeder Ausſicht auf Rettung verzweifeln wollte. Er wen⸗ dete von Neuem ſeine Gedanken zu Gott, und erflehete von Ihm Hülfe und Beiſtand. Dann überlegte er hin und her, ob ihm nicht irgend eine Möglichkeit gegeben ſei, ſich durch eigene Kraft aus ſeinem ſchaurigen Grabe zu befreien. Außer ſeiner, für jetzt freilich unbrauch⸗ baren, Büchſe, beſaß er noch ſein Jagdmeſſer und ein kleines Handbeil, wie es häufig die Gemſenjäger mit ſich führen, um im Falle der Noth ein Werkzeug zu haben, das zum Einhauen von Stufen in das Eis und zu ſonſtigen Zwecken dienlich ſein konnte. Die kühne Idee blitzte in Uly's Geiſt auf, ſich mittelſt des Beiles einen Weg durch den Gletſcher zu öffnen, und er hielt an ihr feſt, obgleich das Unternehmen die ausdauerndſte Anſtrengung erforderte, und kaum einen günſtigen Er⸗ folg hoffen ließ. Die ungeheuren Eismaſſen um ihn Keine Rückkehr. 3 4 her hatten mindeſtens eine Dicke von hundert und fünfzig Fuß; das Eis war zudem ſehr feſt, und es ließ ſich vorausſehen, daß Meſſer und Beil ſehr bald ſich daran abſtumpfen müßten. Aber der Verſuch war immer das einzig Mögliche, was Uly thun konnte, um ohne fremde Hülfe dem ſicheren Untergange zu entrinnen, und er faßte daher den Entſchluß, ſich durch die Schwierigkeit des Unternehmens nicht abſchrecken zu laſſen. Er nahm ſich vor, zu arbeiten, ſo lange er Kraft und Athem be⸗ ͤße, mochte der Verſuch nun glücken oder nicht. Kein anderer Ausweg bot ſich ihm dar— er mußte den Gletſcher durchbrechen, oder darauf gefaßt ſein, durch Hunger und Kälte elendiglich umzukommen. Vorläufig hatte er allerdings weder das Eine noch das Andere zu fürchten, denn der feiſte Steinbock leiſtete im Nahrung auf mehrere Wochen hinaus, und gegen die Kälte war er durch ſeine Kleidung und ſeine dicke wollene Decke genügend geſchützt, wenigſtens ſo lange, bis der erſtarrende Froſt der ſtrengſten Winter⸗Monate eintrat. Bis dahin aber konnte ſchon ein tüchtiges Stück Arbeit gethan ſein, und endlich hatte er auch noch das Fell des Steinbocks, das ihm zu einer wär⸗ menden Hülle dienen konnte. Füͤr heute war es indeß zu ſpät, das ſchwierige Werk zu beginnen, denn ſchon war die Sonne unter⸗ gegangen, und die Schatten der Nacht breiteten ſich über die Erde aus. Uly wickelte ſich alſo in ſeine Decke, und ſuchte den Schlaf, der ihm auch⸗ balb mitleidig die Augen zudrückte. Als er am anderen Morgen erwachte, fuͤhlte er zwar nur wenig korperliche Schmerzen mehr, aber eine äußerſt empfindliche Kälte hatte ſeine Gebeine ganz ſtarr und 8 und dazu kam, daß ſein Beil nur kl halb keine große Wirkung ausuͤben konn ſteif gemacht und ihnen die gewöhnliche Beweglichkeit genommen. Uly mußte ſich erſt tüchtig recken und ſtrecken, wiederholt die Arme um die Bruſt ſchlagen und mit den Füßen den Boden ſtampfen, bevor einige Wärme in ſeine Gliedmaßen zurückkehrte. Um für die Folge dem Einfluſſe der Nacht⸗Kälte beſſer widerſtehen zu können, machte er es zu ſeinem erſten Geſchäft, dem Steinbocke die Haut abzuſtreifen, was ihm mit Hülfe ſeines Jagd⸗ meſſers ohne große Mühe gelang. Das Fell legte er ſorgfältig bei Seite, und bereitete ſich dann ein Früh⸗ ſtüc, indem er ein Stück Fleiſch aus der Keule des Steinbockes ſchnitt, und es roh, nur mit ein wenig Salz aus ſeiner Büchſe gewürzt, verzehrte. Das noch blu⸗ tige Fleiſch hatte freilich keinen ſonderlich guten Ge⸗ ſchmack, aber es gab eine kräftige Nahrung ab, und Uly dankte Gott im Herzen, daß er wenigſtens Etwas hatte, um ſein Leben zu friſten. Nach eingenommenem Frühſtück begann Uly ohne 4 Zögern das kühne Unternehmen, das er zu ſeiner Be⸗ freiung ausgeſonnen hatte. Er hieb mit dem Beile auf das Eis des Gketſchers ein, um zuerſt eine Höhle ſeit⸗ wärts in die Wand zu hauen, und ſich dann von hier aus in ſchräger Richtung den mühſamen Durchbruch nach Oben zu bahnen. Die Eisſplitter flogen nach allen Richtungen unter den kräftigen Hieben Uly's, aber den⸗ noch ſchritt ſein Werk nur langſam vorwärts, und nach Verlauf von mehreren Stunden hatte er erſt eine etwas mehr als mannshohe Grotte von etwa anderthalb Ellen Tiefe in die Eiswand eingehauen. Die Här Eiſes leiſtete ſeinen Anſtregungen zähen W arbeitete er, nach mehrmaligen kurzen Unterbrechungen zum Ausruhen, immer von Neuem ruſſtig weiter, bis die eintretende Dunkelheit ihn zwang, ſeine Anſtren⸗ gungen zu unterbrechen. Ermüdet ſtreckte er ſich auf das Eis nieder, gebrauchte aber die Vorſicht, vorher die Haut des Steinbockes unter ſich auszubreiten, deren beide Seiten⸗Enden er dann um ſich herum wickelte. So befand er ſich ziemlich behaglich, und litt während der Nacht faſt gar nicht von der Kälte, ſondern ſtand am anderen Morgen erquickt und geſtärkt von ſeinem Lager wieder auf. Dieſer und die nächſten Tage vergingen Uly in ggleichförmiger Eintönigkeit. Fort und fort arbeitete er unverdroſſen an dem Aushöhlen ſeiner Grotte in der Eiswand, und bemerkte mit Vergnügen, daß ſie all⸗ mählig immer tiefer und weiter wurde. Am vierten Tage war ſie ſchon groß genug, daß er darin ſchlafen konnte, und ſie gewährte ihm immerhin beſſeren Schutz, als er draußen unter dem freien Himmel gefunden hatte. Dieſer, wenn auch nur geringe Schutz war ihm um ſo willkommener, als ſeine, ſonſt nicht leicht zu erſchuͤtternde Geſundheit denn doch einigermaßen unter dem Einfluſſe der erſten Nächte mit ihrer Kälte und Feuchtigkeit ge⸗ litten hatte. Ein heftiger Katarrh machte ihn zwar nicht arbeitsunfähig, beläͤſtigte ihn aber ſonſt einiger⸗ maßen durch Bruſtſchmerzen, Huſten und ein unange⸗ nehmes Gefühl allgemeiner Zerſchlagenheit des Körpers. Uly ließ ſich das kleine Uebel weiter nicht anfechten, ſondern arbeitete, wie geſagt, ohne Unterbrechung, Tag für Tag fort, war dabei aber doch froh, daß er in ſei⸗ ner Grotte nicht mehr ſo unmittelbar den Einflüſſen des Wetters ausgeſetzt war. Wenn er Abends vor * dem Schlafengehen einen Wall von Schnee und Eis vor dem Eingange der Grotte anhäufte, fand er es in derſelben ganz warm und behaglich, und ſelbſt die Feuch⸗ tigkeit darin beläſtigte ihn nicht, da die Haut des Steinbockes ihm ein gutes Schutzmittel dagegen ge⸗ währte. Jeden Abend, wenn Uly ſein armſeliges Lager ein⸗ genommen hatte, gedachte er mit ſchmerzlicher Sehnſucht ſeines Weibes und ſeines Kindes daheim, und fragte ſich ſelbſt, ob auch ſie wohl Seiner gedächten, ob ſie wohl eine Ahnung von ſeinem Schickſale hätten, oder ob ſie ihn für verunglückt und todt hielten? Wahrſcheinlich das Letztere! Denn ſeit er in die Eisſpalte geſtürzt war, waren bereits fünf oder ſechs Tage vergangen, ohne daß man eine Nachforſchung nach ihm angeſtellt, nach ihm geſucht hätte. Oder forſchte man, ſuchte man wirklich, aber nur in einer anderen Gegend, nicht in der, wo ihn das Unglück ereilt hatte? Uly ſträubte ſich dagegen, dies anzunehmen, denn vor ſeinem Weggange von Hauſe hatte er ziemlich deutlich bezeichnet, in welche Gletſcher⸗ Region er ſich begeben wolle, und wenn man ſich um ſein Schickſal bekümmerte, mußte man ſich doch vor Allem eben nach dieſer Region wenden. Aber vielleicht gab es Hinderniſſe, die Uly nicht kannte. Vielleicht waren die Wege verſchneit oder ſonſt ungangbar geworden. Er konnte das ja nicht wiſſen in ſeinem engen Kerker, der ihm nur ein kleines Stück⸗ chen vom Himmels⸗Gewölbe zu ſehen geſtattete. „Sie werden ſchon kommen,“ tröſtete er ſich von einem Tage zum anderen, und hielt mit harmaalget 4 Zähigkeit an dieſer Hoffung ieſt Endlich, endlich ſollte ſie auch wirklich erfüllt wer⸗ den, dieſe Glück und Erlöſung verheißende Hoffnung! Uly arbeitete eines Morgens mit gewohntem Eifer an der Erweiterung ſeiner Grotte, als er plötzlich den dumpfen Knall mehrerer abgefeuerter Gewehre vernahm. Sein Athem ſtockte vor Erſchütterung und ſeliger Ueber⸗ raſchung, das Beil entfiel ſeinen Händen, ſein Herz pochte faſt hörbar, und ſeine Kniee wankten unter ihm. Endlich faßte er ſich, ſtürzte heraus aus ſeiner Grotte, und ſuchte den Nachbarn und Freunden ein Zeichen ſei⸗ ner Anweſenheit zu geben. Aber was konnte der Un⸗ glückliche thun? Sein Flinte war für ihn ein völlig nutzloſes Ding, da er aus Mangel an Pulver keinen einzigen Schuß damit abfeuern konnte. Er verſuchte zu ſchreien, aber ſeine Stimme war heiſer, und er ver⸗ mochte keinen lauten Ton hervorzubringen. So blieb ihm nichts übrig, als aus Leibeskräften in die Hände zu klatſchen, und dies that er. Er klatſchte, bis ihm die Hände wie Feuer brannten, und ihm faſt unerträg⸗ liche Schmerzen bereiteten; aber leider mußte er ſich. bald überzeugen, daß der ſchwache Schall kaum über den Bereich der Eisſpalte hinaus dringen konnte. Nie⸗ mand von ſeinen hülfbereiten Freunden vernahm ihn, und, tödtliche Verzweiflung im Herzen, mußte Uly end⸗ lich mit ſeinen vergeblichen Bemühungen aufhören. Ach, was er litt in dieſen qualvollen, entſetzlichen Augenblicken! Immer und immer wieder vernahm er das Krachen der Flinten, glaubte ſogar einmal den Ruf einer Freundes⸗Stimme zu vernehmen, und konnte in ſeiner Ohnmacht nichts, aber auch gar nichts thun, ſich ſeinen Rettern bemerkbar zu machen. Der arme 8 rang die Hände, er weinte, er ſchluchzte, er betete zu 4 Gott, daß Er die Schritte ſeiner Freunde lenken und ſie an den Rand ſeines Grabes fuͤhren möchte! Alles vergebens! Nach und nach, je weiter die Schützen über das Gletſcherfeld vordrangen und ſich mehr und mehr von der Schlucht Uly's entfernten, deſto ſchwächer drang der Knall der Schüſſe zu ihm, bis ſie endlich gar nicht mehr vernehmbar wurden. Die letzte Hoffnung ſchwand für Uly dahin. Die Freunde waren dageweſen, ſie hatten vielleicht kaum fünfhundert Schritte von der Gletſcherſpalte entfernt ge⸗ ſtanden, ſie waren ganz nahe bei ſeinem Grabe vor⸗ üͤbergegangen, aber keine Ahnung hatte irgend Einem von ihnen eingegeben, an den Rand der Spalte zu gehen, und einen Blick hinunterzuwerfen!— Uly fühlte ſich dem Wahnſinne nahe, ſeine Gehanken verwirrten ſich, ohnmächtig, betrübt, ganz und gar uͤber⸗ wältigt von den bitterſchmerzlichſten Gefühlen, brach er zuſammen, und lag lange beſinnungslos auf dem kalten, feuchten Schneelager, das aller Wahrſcheinlichkeit nach früher oder ſpäter auch ſein Sterbebett werden mußte. Als nach geraumer Zeit Uly's Beſinnung zurück⸗ kehrte, kam er ſich wie gebrochen an Leib und Seele vor, und fühlte ſich unfähig, die Arbeit des Tages fort⸗ zuſetzen. Er kroch in ſeine Grotte, kauerte ſich hier in einen Winkel nieder, verbarg ſein Geſicht mit beiden Händen, und überließ ſich willenlos und ohne Wider⸗ ſtand den wildeſten Schmerzen, die ſein Herz noch je⸗ mals im Leben zerfleiſcht hatten. Er ſah nicht, er hörte nicht, er dachte nicht,— er fuͤhlte nur, fühlte ſich als das unglücklichſte und erbarmungswürdigſte Geſchöpf in Gottes ganzer weiter Welt. Er vernahm nichts mehr von den Nachbarn, die ihn zu ſuchen ausgezogen „ 4 4 40 waren,— nicht ihre Rückkehr am Abend, nicht ihren Abzug am folgenden Morgen, als der dichte Nebel jeder weiteren Nachforſchung gebieteriſch ein Ende machte und ſie zur Heimkehr zwang. Er aß nicht, er trank nicht viele Stunden lang. Mit fieberndem Herzen und bren⸗ nendem Gehirn lag er regungslos, wie ein verwundeter Hirſch, der ſeinen Tod erwartet, im Winkel ſeiner Grotte, und nur ein krampfhaftes Schluchzen oder ein tiefer Schmerzens⸗Seufzer verrieth von Zeit zu Zeit, daß noch nicht alles Leben in ihm erloſchen war. Viertes Kapitel. Anter dem Liſe. (Fortſetzung.) Der Menſch kann nur ein gewiſſes Maß von Leiden ertragen. Erreichen ſie den äußerſten Grad, ſo unter⸗ liegt er entweder, und die befreite Seele ſchwingt ſich himmelan, oder grade das Uebermaß der Schmerzen ſtumpft ihren Stachel ab, und der Leidende gewinnt Kraft, entweder die Laſt ganz abzuwerfen, oder doch ſie zu tragen. Im letzteren Falle befand ſich Uly, als er endlich aus ſeiner Betäubung wieder zu neuem Leben erwachte. Ein furchtbarer Schlag hatte ihn getroffen, aber ſeine Lebenskraft nicht zu zerſchmettern vermocht. Die Nach⸗ wehen deſſelben waren nun überwunden, und Uly fühlte neue Kraft in ſich, wiederum auf längere Zeit den Kampf mit ſeinem ſchweren Schickſale aufzunehmen. 41 „Gott hat es nicht gewollt, daß ich jetzt ſchon be⸗ freiet würde,« murmelte er, als er den letzten Reſt ſei⸗ ner Zaghaftigkeit von ſich abſchüttelte.„Alſo gilt es, weiter zu kämpfen und zu arbeiten, bis zuletzt doch meine Hoffnungen gekrönt werden. Dann werden Triumph, Freude und Entzücken um ſo größer ſein!« Als Uly dieſe Worte ſprach, war es ſtockdunkel in ſeiner Höhle, und er mußte daher vermuthen, daß es Nacht und der Tag noch nicht angebrochen ſei. Dies hinderte aber nicht, daß er einen wahrhaft nagenden Hunger empfand, und er ſuchte deshalb den Ausgang der Grotte zu gewinnen und hinaus zu gehen, um ſich ein Stück Fleiſch von ſeinem Steinbocke abzuſchneiden, den er im Freien liegen gelaſſen hatte. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen fand er aber den Ausgang der Grotte nicht. Sie ſchien von außen her völlig verſchloſſen zu ſein. Uly tappte mit beiden Händen umher, und ſuchte. Ringsum traf er auf feſtes, glattes Eis; nur an einer Stelle gab weicher Schnee dem Drucke ſeiner Hand nach, und nun ſtieg die ganz richtige Vermuthung in ihm auf, daß es tüchtig geſchneit haben müſſe, und daß durch den maſſenhaft fallenden Schnee der Eingang zu ſeiner Höhle verſchüttet worden ſei. Er ging ohne Ver⸗ zug an das Werk, ſich einen Weg zu bahnen, und dies gelang ihm auch ohne ſonderliche Mühe und Kraftan⸗ ſtrengung. Den lockeren Schnee zur Seite ſchiebend und zuſammenſtampfend, gewann er bald Licht und Luft, und ſah nun, daß es draußen heller Tag war. Noch immer aber fiel der Schnee in großen Flocken, und der Aufenthalt außerhalb der Grotte kam Uly des⸗ halb nicht ſonderlich angenehm vor. Er ſuchte ſich des⸗ halb möglichſt ſchnell in den Beſitz des Steinbockes zu 42 ſetzen, fand ihn auch nach kurzem Suchen, und ſchleppte ihn in ſeine Grotte, wohin er ſchon früher ſeine weni⸗ gen Habſeligkeiten in Sicherheit gebracht hatte. Vor Allem ſtillte er nun ſeinen nagenden Hunger mit dem Fleiſche des Wildes, und trank dazu den letzten Schluck Wein, der ſich noch in der Flaſche befand. Er trank ihn mit Bedauern, aber ohne Furcht, ſpäter Durſt lei⸗ den zu müſſen. An Eis und Schnee hatte er Ueberfluß, und dieſer genügte, die Qualen des Durſtes von ihm abzuwenden. Es ſchneite noch fortwährend, und ſo dicht gedrängt rieſelten die Flocken in die Spalte hinab, daß nach kur⸗ zer Zeit der Eingang zur Grotte wieder verſchloſſen wurde. Dies war nun eben nichts Gefährliches weiter, indem Uly mit Leichtigkeit den Schnee immer wieder beſeitigen und niederſtampfen konnte, aber doch hinderte es ihn an der Fortſetzung ſeiner hauptſächlichſten Ar⸗ beit, nämlich dem Sprengen des Gletſcher⸗Eiſes, durch das er ſich den Weg nach Oben zu bahnen gedachte. Seine Grotte war nicht ſehr groß, und würde bald mit den abgeſprengten Eisſplittern, die er wegen des Schnee's nicht beſeitigen konnte, angefüllt worden ſein. Er mußte ſich alſo nothgedrungen in Geduld faſſen, und ruhig das Aufhören des Schneefalles abwarten. Drei Tage und drei Nächte dauerte das Schneien ohne Unterbrechung fort, und die Schneemaſſen erreich⸗ ten allmählig in der Spalte eine ſolche Höhe, daß Uly wirklich in Sorge ſchwebte, verſchüttet zu werden. Aber dieſe Sorge wurde am Morgen des vierten Tages be⸗ ſeitigt. Als er ſich, jetzt ſchon mit nothwendig gewor⸗ denem größeren Kraftaufwande, als an den fruͤheren Tagen, durch die waͤhrend der Nacht wiederum gefallene — 43 Schneedecke hindurch gearbeitet hatte, erblickte er mit Freuden den blauen Himmel über ſich, und kein Wölk⸗ chen verdüſterte mehr die heitere Luft. Uly drückte, preßte und ſtampfte den Schnee ſo viel wie möglich zu⸗ ſammen, und nahm dann ſeine Minir⸗Arbeit in der Eiswand wieder auf. Von Neuem erſchallten wieder die kräftig geführten Schläge ſeiner kleinen Axt, und von Neuem flog das Eis in Splittern und fauſtgroßen Stücken um ihn herum. Freilich rückte er trotz ſeines Fleißes nur langſam vor, denn nicht nur war die Arbeit ſelbſt ſehr beſchwer⸗ lich, ſondenn auch das Hinwegräumen des Eiſes aus der Höhle, um dieſe frei und bewohnbar zu erhalten, nahm viel Zeit und Anſtrengung in Anſpruch. Aber Uly„ließ ſich dadurch von ſeinem Unternehmen nicht ab⸗ ſchekecken. Was hätte er auch ſonſt mit ſeiner Zeit an⸗ angen ſollen? Die Arbeit, ganz abgeſehen von ihrem Neigentlichen Zwecke, gewährte ihm nebenbei noch eine Zerſtreuung, und verkürzte die langſam hinſchleichenden 8 Stunden, die außerdem unſerem Uly vermuthlich die tödtlichſte Langeweile gebracht hätten. Alſo arbeitete er raſtlos weiter, Tag für Tag, und gewahrte mit Freu⸗ — das Gletſcher⸗Eis, in ſchräger Richtung nach oben, 6 eindrang. So verſtrich eine ganze Woche in ſorgloſer, faſt hei⸗ terer Ruhe, und Uly beſtärkte ſich immer mehr in der Beſtrebungen, die Befreiung aus dem Grabe, erreichen wurde, als eine, bis jetzt niedergehaltene Befürchtung ſich endlich nicht länger abweiſen ließ. Das Fleiſch des Steinbockes nämlich, den, daß er allmaͤhlig doch immer tiefer und tiefer in ſicheren Hoffnung, daß er zuletzt doch das Ziel ſeiner das ihm die ganze Zeit her 6 44½ zur Nahrung gedient hatte, ging nachgerade zu Ende, und war faſt bis auf die Knochen ſchon abgenagt. Noch wenige Tage mochte der Reſt allenfalls vorhalten; — was aber dann? Wie ſollte ſich Uly andere Nah⸗ rungsquellen verſchaffen? Was ſollte er beginnen, dem Hungertode zu entrinnen, der ihn aus nächſter Nähe ſchon angrinste? Nur einige Tage noch Speiſe,— und dann, dann? Uly ſchauderte, und eine unſägliche Angſt krampfte für einige Minuten ſein Herz zuſammen. Aber dann erwachte ſein Vertrauen zu Gott wieder, und muthiger erhob er ſeine Augen und Hände zum Himmel. „Du wirſt mich liſch Vater,“ betete er ſtill im Herzen.„Deine alln nächtige Hand hat mich gehalten bis zu dieſer Stunde, undr mich aus den größten Gefahren errettet, Du wirſt meein Leben nicht aufgeſpart haben, um es dem Hunger zuler ₰ Beute zu laſſen. Du, der Du die jungen Raben er⸗ nährſt und jedem Würmlein ſein Futter giebſt, Du wirſt auch mich nicht in furchtbarem Elende verſchmachten laſſen. Niemand kann mir helfen, als Du, mein Gott und Vater, ſo flehe ich denn, höre meine Bitte und er⸗ rette mich, Amen!« Dieſes Gebet beſchwichtigte die grauſame Angſt ſei⸗ ner Seele und erleichterte ſein Herz. Er konnte wieder an ſein Geſchäft gehen, und arbeitete, wie faſt immer, bis zum Einbruche der Dunkelheit. In der nächſten Nacht wurde Uly durch ein ſelt⸗ ſames und ungewöhnliches Getöſe aus dem Schlummer geweckt. Er richtete ſich von ſeinem Lager auf und horchte. In der Luft hoch über ihm rauſchte, brauste, pfiff und heulte es mit furchtbarer Gewalt, und ein nicht verlaſſen, mein huͤmmliſcher 45 lautes Plätſchern bewies, daß der Regen in Strömen vom Himmel herunter fiel. Uly ſprang vollends auf, und trat vor ſeine Grotte. Es war dunkle Nacht, aber er bedurfte kein Licht, um zu erkennen, daß der Föhn, dieſer warme Wind aus dem Süden, mit unglaublicher Wuth über die Gletſcher und die ungeheuren Schneefelder der Hochalpen fegte, unendliche Regenmaſſen aus den Wolken herab ſchüttelte, und mit ſeinem heißen Athem ungeheure Maſſen von Eis und Schnee zu Waſſer zerſchmolz. Der Regen ſtürzte mit ſolcher Heftigkeit und ſolchem Ungeſtüm in die Eisſpalte hinunter, daß das Waſſer ſchon eine fuß⸗ tiefe Lache auf dem Boden derſelben gebildet hatte. Von Zeit zu Zeit fegte ein heißer Windſtoß bis auf den Grund des Schlundes hinab, und füllte ihn mit ſchwüler Wärme an,— dann ſtrömte das Waſſer von Neuem, und fiel rieſelnd und plätſchernd in die Tiefe hernieder. In weniger als einer Minute fühlte ſich Uly bis auf die Haut durchnäßt, und war eben im Bigriff, wie⸗ der in ſeine ſchützende Eisgrotte zurück zu weichen, als ein neues Ereigniß ihn noch für wenige Augenblicke auf ſeinem Standpunkte feſthielt und ihn mit einem jähen Schrecken erfüllte. Bis daher war der Regen allerdings mit großer Heftigkeit, aber doch nur in großen Tropfen gefallen; jetzt aber, grade in dem Mo⸗ mente, als Uly ſich der Grotte zuwenden wollte, goß das Waſſer plötzlich in Strömen herab, und bildete einen förmlichen Katarakt, der mit furchtbarer Wucht über die Eiswände hernieder fluthete und Uly beinahe um⸗ geriſſen hätte. Nur mit Mühe hielt er ſich aufrecht, ndem er ſich mit beiden Händen an die Eiswand an⸗ 46 klammerte; dann nahm er alle ſeine Kräfte zuſammen, und ſuchte durch einen Sprung das Innere der Grotte zu gewinnen. Es gelang, und tief aufathmend, mit ängſtlicher Spannung, horchte Uly auf das tobende Ge⸗ räuſch des Waſſerſturzes, in welches ſich zuweilen von oben her das dumpfe Donnern und Sauſen des raſen⸗ den Orkans miſchte, und ſo ein Concert bildete, wie es ein menſchliches Ohr nur ſelten in ſo furchtbarer und erſchreckender Majeſtät vernehmen mag. Es ſchien, als ob der gewaltige Sturm Gletſcher und Berge umſtür⸗ zen und die Erde in einen einzigen Trümmerhaufen ver⸗ wandeln wollte. Plötzlich ſchrak Uly heftig zuſammen. Er fühlte Waſſer üͤber ſeine Füße hinweg rieſeln, und die bedenk⸗ liche Urſache davon wurde ſeinem Geiſte auf der Stelle klar. Es konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß die herab ſtürzenden Waſſermaſſen den Grund der Spalte bis zum Niveau der Höhle vollſtändig ausge⸗ füllt hatten, und daß ſie in Folge deſſen in die Höhle ſelbſt eindrangen. Uly wich erſchrocken zurück, raffte ſeine wenigen Habſeligkeiten und die geringen Ueber⸗ bleibſel des Steinbockes zuſammen, und flüchtete damit auf den höchſten Punkt des ſchräg anſteigenden Stol⸗ lens, den er, um ſeine Befreiung zu erlangen, in die Eismaſſe des Gtetſchers eingehauen hatte. Hier war er ſicher, denn das Waſſer mußte noch wenigſtens zehn Fuß hoch ſteigen, bis es ihn an dieſem geſchuͤtzten Punkte erreichen konnte; aber dennoch be⸗ klemmte eine unabweisbare Todesangſt ſein Herz. Seine große Erfahrung in Allem, was die Gletſcherwelt an⸗ betrifft, lehrte ihn ziemlich richtig ſeine neue Lage be⸗ urtheilen. Er wußte, daß draußen der Föhn mit une 4 47 wöhnlicher Heftigkeit wehete, und daß ſeine Wärme in kurzer Zeit unberechenbare Maſſen von Schnee und Eis ſchmelzen mußte, welche dann von den Höhen in die Tiefe ſtürzten und vielleicht, wie es nicht ſelten vor⸗ kommt, zu ſolcher Gewalt anſchwollen, daß ſie in den unteren Berg⸗Regionen Bäume entwurzelten, Felſen umſtürzten, und Hütten, Häuſer und Ställe hinweg⸗ riſſen. Ein Theil dieſer Fluthen ſchäumte aber jetzt von höher gelegenen Theilen des Gletſcherfeldes in Uly's Eisſpalte hinab, und zwar mit ſolcher Fülle und Hef⸗ tigkeit, daß er leicht berechnen konnte, wie viele Zeit dazu gehörte, um die ganze Gletſcherſpalte bis zu etwa fünfzehn Fuß Höhe mit Waſſer anzufüllen. In fünf bis ſechs Stunden konnte dies geſchehen ſein, und dann war Uly unrettbar verloren. Er mußte in ſeiner Grotte entweder erſticken oder ertrinken, wenn Gott nicht dem Sturme Einhalt gebot, oder den rieſelnden Maſſen nicht einen anderen Abfluß eröffnete. Mit Zagen und Bangen lauſchte Uly auf jedes Ge⸗ räuſch, das ihm die immer größere Annäherung der Ge⸗ fahr verkündigte. Fort und fort plätſcherte der Waſſer⸗ fall in die Tiefe herunter, fort und fort rieſelte Welle auf Welle in die Höhle hinein. Nach ein paar Stun⸗ den qualvoller Todesangſt war es bereits ſo hoch geſtie⸗ gen, daß es abermals Uly's Füße befeuchtete. Der Angſtſchweiß brach ihm aus allen Poren! Nur kurze Zeit, vielleicht nur eine einzige Stunde noch, und er war unrettbar den Schrecken des Todes verfallen. Schon ſuchte ſich Uly mit dieſer furchtbaren Gewiß⸗ heit vertraut zu machen, ſchon rang er nach ergebener aſſung in das ihm drohende Schickſal, und befahl ſeine zele dem Herrn,— da ſchallte plötzlich durch das 48 Rauſchen und Brauſen des Waſſerſturzes und das Heu⸗ len des Windes noch ein anderes Geräuſch zu ſeinem Ohre, und erfüllte ſein Herz im erſten Augenblicke mit Entſetzen, bald nachher aber mit unbeſchreiblichem Ent⸗ zücken. Ein Krachen und Poltern ertönte mit einer Gewalt, als ob die Grundfeſten der Erde unter ſeinen Füßen zuſammenbrächen, denn auf einmal ließ das laute Plätſchern des Waſſerſturzes nach und hörte faſt ganz auf, und endlich bemerkte Uly, daß das Waſſer, welches in ſeine Höhle gedrungen war, mit faſt unbeſchreiblicher Schnelle wieder hinaus ſtrömte, und nach kurzer Zeit gänzlich daraus verſchwunden war. Uly überzeugte ſich von dieſer Thatſache, indem er vorſichtig mit beiden Händen umher taſtete, und obgleich er ſich die Urſache davon kaum mit einiger Gewißheit deuten konnte, war war er doch ſo glücklich darüber, daß er einen lauten Freudenſchrei ausſtieß. Zweifellos ſtand feſt, daß er aus einer ſchrecklichen und nahe drohenden Gefahr, wie durch ein Wunder des Himmels, gerettet worden war. Auf welche Weiſe es geſchehen, konnte er genauer erſt unterſuchen, wenn das Tageslicht wieder anbrach. Noch immer rauſchten die Waſſer und heulte der Sturm, aber ſie hatten jetzt keine Schrecken für Uly mehr. Er wußte, daß ſich das Waſſer auf irgend eine Weiſe irgend einen Ausweg aus der Schlucht geöffnet haben mußte, unb daß es ihn nun nicht weiter in der Höhle beläſtigen konnte. Alſo that er, was in ſeiner Lage das Geſcheiteſte war: er ſuchte den Schlaf wie⸗ der, aus dem das Unwetter ihn ſo rauh aufgeſchreckt hatte. Er hüllte ſich in ſeine wollene Decke, welche zum Glück völlig trocken geblieben war, ſtreckte ſich auf der Haut des Steinbockes aus, horchte noch, aber mg 4 49 mit halben Sinnen, auf das Toben der Elemente, und verſank dann bald darauf wieder in einen geſunden und tiefen Schlaf. 3 8 Als er am nächſten Morgen erwachte, fühlte er ſich wohl und behaglich. Seine in der Nacht durchnäßten Kleidungsſtücke waren wieder trocken geworden, und einé weiche, warme, faſt lauliche Luft, die den Raum ſeiner Grotte anfüllte, hatte ihn wahrſcheinlich vor einer tüch⸗ tigen Erkältung bewahrt. Er richtete ſich von ſeinem Lager in die Höhe, legte ſeine Wolldecke ab und trat an den Eingang ſeiner Grotte. Das tobende Unwetter hatte ſich waͤhrend der Nacht gelegt, nur einzelne Waſſer⸗ tropfen rieſelten noch an den Eiswänden nieder, und der lichte Tag ſchaute hell von oben in die Schlucht hinein. Uly warf einen haſtigen Blick ringsumher, um die Urſache ſeiner Rettung vom Tode des Ertrinkens zu erforſchen, und ſofort ward ihm das Räthſel gelöst. Nur wenige Schritte von der Grotte entfernt, gähnte zu ſeinen Füßen ein mehrere Ellen breiter Spalt, den ohne Zweifel der Druck des von faſt hundert Ellen Höhe herabſtürzenden Waſſers ausgehöhlt hatte. Vor⸗ ſichtig näherte ſich Uly dem Rande deſſelben, beugte ſich ein wenig vor, und ſchauete hinunter. Etwa vier Ellen tiefer verengerte ein Vorſprung von blankem Gletſcher⸗ Eiſe die Spalte bis zur Breite von höchſtens einem Fuß, und durch dieſe ſchmale Rinne mußte das Waſſer ſeinen Abfluß genommen haben. Wie tief dieſe Rinne ſein mochte, konnte Uly von oben aus nicht ermeſſen; jedenfalls erkannte er aber nach einem kurzen Ueberblicke, welchem Umſtande er eigentlich ſein Leben zu verdanken hatte. Die Eisſpalte war bis zu einer gewiſſen Tiefe, wahrſcheinlich bis zum Vorſprunge, unten mit Firn⸗Eis Keine Rückkehr. 14 und Schnee angefüllt geweſen; dieſe lockere Maſſe war von dem Waſſer hinweggewaſchen und aufgelöst worden, und nun hatte die ſchmale, nur fußbreite Spalte, welche ohme Zweifel bis auf den Grund des Gletſchers hin⸗ water klaffte, das Waſſer aufgenommen, und es endlich zzu irgend einem unbekannten Ausgange geleitet. Für Uly war die Sache klar. Das Verſchwinden des Waſ⸗ ſers ließ ſich auf keine andere Weiſe erklären, als auf dieſe. Seine unverhoffte Rettung aus einer ſo ſchrecklich drohenden Todes⸗Gefahr flößte Uly eine wunderbare Zuverſicht ein. „Der alte Gott lebt noch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Er will nicht, daß ich ſterben ſoll! Er wird mich er⸗ retten, und ich werde ihn preiſen mein ganzes Leben lang!« 7 Fünftes Kapitel. Anter dem Liſe. (Fortſetzung.) Abermals verging ein Tag, und noch Einer, und wieder Einer. Uly arbeitete rüſtig weiter an ſeinem Eis⸗Stollen, ſo viel es ſeine Kräfte erlaubten. Aber dieſe ſchwanden allmählig dahin, denn es fehlte ſeinem Körper an genügender Nahrung. Der Steinbock war aufgezehrt; ß hatte mit ſeinem Beile ſogar die Kno⸗ chen zerſchlagen, und ſich an ihrem Marke zu ſättigen geſucht; aber auch dieſe letzte ſpärliche Hülfsquelle war ** „ — 4 Hülfe aus. Uly lag ſtarr und unbewegli er beſaß nun nichts mehr zur Stillung ſeines nagen at. Hungers. Zwei volle Tage vergingen, ohne daß er ur einen einzigen Biſſen zu ſeinem Munde führte. Er nagte wohl an den Knochenſtücken herum, aber ſie boten ihm keine Nahrung mehr. Der kraftvolle, rüſtige Mann magerte ſchnell zu einem Skelette ab, und er war faſt nicht mehr Stande, ſein Beil aufzu⸗ heben und ſich auf den Füßen zu erhalten. Dennoch unterlag er nicht, ſondern kämpſte fort und fort tapfer gegen ſein Schickſal an. Von Zeit zu Zeit machte er immer wieder von Neuem verzweifelte Verſuche, ſich durch das Eis weiter hindurch zu arbeiten,— jedoch immer nach wenigen Schlägen ſchon ermattete ſein Arm, und das Beil entglitt ſeiner kraftloſen Hand. Er mußte es endlich wohl aufgeben, ſeine Anſtren⸗ gungen fortzuſetzen. Froͤſtelnd hüllte er ſich in ſeine Wolldecke, legte ſich in einen Winkel ſeiner Grotte nie⸗ der, und erwartete ſo in erzwungener Unthätigkeit, was der liebe Gott nun ferner über ihn beſchließen werde. Ein anderer, weniger frommer und Gott ergebener Menſch hätte vielleicht ſeine furchtbare und hoffnungs⸗ loſe Lage nicht länger ertragen, ſondern ihr durch einen Meſſerſtoß in's Herz ein kurzes und verhältnißmäßig ſchmerzloſes Ende gemacht. Aber ein ſolcher Gedanke kam dem frommen Manne nicht entfernt in den Sinn. So lange er noch denken konnte, dachte er an ſein Weib und ſein Kind, und an den barmherzigen Gott, auf deſſen Hülfe er mit einer wahrhaft rührenden Zu⸗ verſicht rechnete. Aber wieder ein Tag und eine Nacht verging, und immer noch blieb die Hülfe, die ſo dringend nöthige ch in ſeinen — 4* 8 verſtegt, und 52 Winkel, und ſeine glanzloſen, ſchon halb erloſchenen Augen öffneten ſich nur noch von Zeit zu Zeit, um einen wirren Blick auf ſeine traurigen Umgebungen zu werfen. Bald ſchloſſen ſie ſich wieder, und dann ſah er aus, als ob der Tod ihn bereits alles irdiſchen Lei⸗ dens enthoben hätte. Die Stirne bleich, die Augen tief in ihre Höhlen geſunken und ſchwarz umrändert, die Wangen farblos und eingefallen, die Lippen bleifarben und feſt auf einander gepreßt,— bot er einen trauri⸗ gen Anblick dar. Eine Stunde mochte er an dieſem Morgen ſo ge⸗ legen haben, als wieder, wie früher ſchon einmal, ein lang gedehntes, durchdringendes„Pfy-i-i! Pfy-i-i,« das Geſchrei des gewaltigen Geieradlers, weithin durch die Lüͤfte ſchallte, und ſelbſt bis in das tiefe, ſtille Grab des armen Uly drang. Uly achtete nicht darauf, oder hörte es auch wohl gar nicht, denn er verharrte unbe⸗ weglich in ſeiner Stellung und keine Wimper zuckte an ihm. Das Geſchrei tönte fort, bald näher, bald fer⸗ ner, bis es plötzlich, gellend, unmittelbar am oberen Rande der Schlucht, in die Tiefe derſelben hinein zu dringen ſchien. Jetzt erſt ſchlug Uly die Augen auf, und es kam etwas Leben in ſeine erſtarrten Glieder. Das Kreiſchen des mächtigen Raubvogels erſchallte von Neuem, immer ſchneidender und durchdringender, und Uly glaubte ſogar das Rauſchen von heftigen Flügelſchlägen zu vernehmen. Seine Neugierde ward rege. Er ſchüttelte ſich, richtete ſich in die Höhe, und näherte ſich mit ſchwan⸗ kenden Schritten dem Eingange. ſeiner Grotte. Hier richtete er ſeine Augen nach dem oberen Rande der Schlucht empor, und ein ſeltſames Schauſpiel war es, 53 was ihn hier überraſchte. Dicht am Rande der Schlucht ſtand, feſt auf ſeine Vorderfüße geſtemmt, ein Gemsbock, und wehrte ſich mit verzweifelter Anſtrengung gegen die Angriffe zweier alter Lämmergeier, die ihn in nächſter Nähe umſchwärmten, wüthend auf ihn losſtießen, und ihn mit Flügelſchlägen, mit Schnäbeln und Krallen in die Schlucht hinunter zu drängen ſuchten. Der Gems⸗ bock ſchien bereits ſehr ermattet und blutete aus meh⸗ reren Wunden. Offenbar war ihm die Schlucht zu breit, um einen kühnen Sprung darüber hin zu wagen, — und die Umkehr vom Rande derſelben verſperrten ihm die beiden Geier, die mit verdoppelter Heftigkeit auf ihn zufuhren, wenn er Miene machte, ſeine Stel⸗ lung zu verändern. Jedenfalls hatten ihn die beiden Geier abſichtlich an dieſe Stelle hingejagt, wo er ihnen nicht mehr entgehen konnte, ſondern endlich, ihren fort⸗ geſetzten hartnaͤckigen und wilden Angriffen erliegend, in die Schlucht hinabſtürzen, und ſo ihnen zur Beute wer⸗ den mußte.. Uly kannte die Gewohnheit des Lämmergeiers, der immer, wenn er ein größeres Thier, einen Steinbock, eine Gemſe, ſelbſt auch einen Ochſen erbeuten will, in engen Kreiſen das Thier umſchwebt, und es ſo lange zu ängſtigen und zu ſchrecken ſucht, bis er es an den Rand einer Schlucht oder eines Abgrundes getrieben hat. Iſt ihm dies gelungen, ſo fährt er in ſauſendem Fluge fort und fort auf das geängſtigte Geſchöpf los, und ſtößt⸗ 1 es zuletzt gewöhnlich mit ſcharfen Flügelhieben in die Tiefe, wo er ſich dann auf die zerſchmetterte Beute her⸗ nieder ſchwingt und ſie in Ruhe verzehrt. Mit äußerſter Spannung erwartete Uly den Aus⸗ gang des ungleichen Kampfes, der unfehlbar mit der 1. 1 3 —x———————ʒ—— ———— 2—— — —— Niederlage des Gemsbockes endigen mußte. Nur fragte es ſich, ob die Gemſe in die Schlucht herabſtürzen, oder, auf's Aeußerſte gedrängt, den Sprung über die Schlucht wagen, oder endlich eine verzweifelte Anſtren⸗ gung machen würde, den Rückweg über den Gletſcher wieder zu gewinnen. Im erſteren Falle mußte die Gemſe Uly's Beute werden; in den beiden anderen war ſie ihm verloren und fiel den Geiern anheim. Sein Herz klopfte daher in ſtarken Schlägen gegen ſeine Rippen und ſeine Augen beobachteten jede Bewegung der im heftigſten Kampfe begriffenen Thiere. Plötzlich ſtieß er einen Schrei aus. Der Gemsbock vermochte den wüthenden Flügelhie⸗ ben der beiden Geier nicht länger Widerſtand zu leiſten, und eben ſo wenig ſich einen Rückzug zu bahnen. So verſuchte er denn das Letzte zu ſeiner Rettung. Er ſetzte zu einem gewaltigen Sprunge über den Abgrund an, und flog wie ein Vogel über die Spalte hinweg. Er erreichte glücklich den jenſeitigen Rand, aber mit Blitzesſchnelle, ehe er noch feſten Fuß faſſen konnte, ſchwangen die beiden Geier ſich ihm nach, und ein in nächſter Nähe geführter, kraftvoller Flügelhieb ſchleuderte ihn unaufhaltſam in den Abgrund hinunter. Uly ſah ihn plötzlich zu ſeinen Füßen liegen. Ehe das vom jähen Sturze betäubte Thier ſich wie⸗ der erholen konnte, warf ſich Uly mit einem Freuden⸗ ſchrei darüber her, zog ſein Meſſer aus dem Gürtel, ſtieß es bis an's Heft in die Bruſt der Gemſe, und machte ſo der Angſt und den Qualen des armen ge⸗ hetzten Geſchöpfes ein raſches Ende. Die Geier um⸗ xrreisten mittlerweile in blitzſchnellem Fluge den oberen Nand der Schlucht, welche ihnen die ſchon ſicher ge⸗ „ 5⁵ glaubte Beute entriſſen hatte, und ließen in wildem Jorne ihr pfeifendes grelles Geſchrei hören; aber in die Tiefe hinunter wagten ſie ſich nicht, da ſie ſahen, daß ein Stärkerer, als ſie, bereits den Gemsbock in Beſitz genommen hatte. Nach einigen Minuten lauten, anhaltenden unwilligen Kreiſchens ſchienen ſie ihrem Zorne Luft gemacht zu haben, ſchwangen ſich plötzlich hoch in das Himmelsgewölbe hinauf, und waren nach wenigen Sekunden in weiter Ferne verſchwunden, um vielleicht nach der erlittenen Täuſchung ihre Jagd von Neuem auf ein anderes Thier zu beginnen. Uly hatte wenig oder vielmehr gar nicht auf die erbitterten Raubvögel geachtet. Er ſah nichts, als den Gemsbock zu ſeinen Fußen, und fühlte nichts, als un⸗ ſägliches Entzücken uͤber die herrliche Beute, die der Himmel ſelbſt ihm aus Erbarmen in der Stunde der höchſten Noth zugeſchickt zu haben ſchien. Mit der Gier eines halb Verſchmachteten, der Tage lang ſchon die Qualen des Hungers hatte erdulden müſſen, ſchlürfte er das warme Blut, das der Todeswunde der Gemſe entquoll, und verſuchte dann den ſchweren Körper des feiſten Wildes in ſeine Grotte zu ſchleppen, um es ge⸗ gen jeden etwa erneuert werdenden Angriff der Raub⸗ vögel in Sicherheit zu bringen. Aber in dem Ueber⸗ maße des Entzückens hatte er ganz vergeſſen, wie ſehr ſeine Kräfte durch das lange Faſten geſchwächt worden waren. Der Gemsbock entſchlüpfte ſeinen ſchwachen Händen, als er ihn an den Läufen vorwärts zu ziehen verſuchte, rutſchte auf der glatten, etwas nach der Spalte zu geneigten Ebene weiter, und fiel über den Rand de ſelben auf den Vorſprung hinunter, welcher von der 4 8 ————— —— — — neulichen Ueberſchwemmung der Schlucht zurückgeblie⸗ ben war. Im erſten Augenblicke durchrieſelte Uly ein tödt⸗ licher Schrecken, denn er fürchtete, als ſeine koſtbare Beute ſeinen Fingern entglitt, daß ſie von dem Vor⸗ ſprunge noch weiter in die ſchmale, offene Spalte neben demſelben in unergründliche Tiefe hinab gerutſcht ſein könnte; aber ein Blick hinunter überzeugte ihn, daß die⸗ ſes Unglück ihn nicht betroffen hatte. »„Gott ſei Lob und Dank!“ ſtammelte er mit beben⸗ der Lippe.„Es wäre doch zu ſchrecklich geweſen, wenn ich durch meine eigene Unvorſichtigkeit eine Gabe des Himmels in demſelben Augenblicke wieder verloren hätte, wo Gottes gnadenreiche Barmherzigkeit ſie mir geſchenkt hat. Aber ich will mir den Vorfall zur Warnung die⸗ nen laſſen!« Anſtatt ſogleich auf die Platte hinab zu ſteigen und ſich wieder in den Beſitz des Gemsbockes zu ſetzen, zog Uly weislich vor, noch ein wenig zu warten, bis er wieder beſſer zu Kräften gekommen ſein würde. Er ſetzte ſich vor dem Eingange in ſeine Grotte auf einen Eisblock nieder, und verweilte da faſt eine volle Stunde. Nun fühlte er aber auch, daß durch den Genuß des Blutes und durch das Ausruhen, das er ſich vergönnt hatte, ein guter Theil ſeiner verſchwundenen Kräfte zurückgekehrt ſei, und er glaubte es wagen zu können, auf die Eisplatte hinunter zu ſteigen. Mit ſeinem Beile bahnte er ſich ein paar Stufen hinab, und erreichte auf ihnen mit Leichtigkeit und ohne Unfall das kleine Pla⸗ teau. Hier verſuchte er den Gemsbock aufzuheben, aber dazu reichte ſeine Kraft doch noch nicht aus; das Thier Liegen laſſen wollte er es nicht, und war zu ſchwer. weiſe in ſeine Grotte zu ſchaffen. 57 ſo kam er auf den Gedanken, es zu zertheilen und ſtück⸗ Ohne Zögern ging er an's Werk, zog dem Bocke zuerſt die Haut ab, und zerhackte ihn dann mit ſeinem Beile. Einige Schnitte von dem ſaftigen Fleiſche mun⸗ deten dem armen ausgehungerten Manne ganz vortreff⸗ lich. Er warf nach dem Genuſſe derſelben die zerhack⸗ ten Fleiſch⸗Stuͤcke auf die obere Platte und machte hier⸗ auf Anſtalt, ſelbſt wieder hinauf zu ſteigen. Plötzlich ſtutzte er. In der feſt zuſammen gefrorenen Miſchung von Eis und Schnee, welche eine Art Plateau vor ſeiner Grotte bildete, und nur theilweiſe von den herabſtür⸗ zenden Waſſern aufgelöst und hinweggeſchwemmt wor⸗ den war, bemerkte er etwas Glänzendes, das augen⸗ ſcheinlich weder Eis noch Schnee ſein konnte. Uly blickte ſchärfer hin, und erkannte in dem ſchimmernden Gegenſtande ein Metall⸗Knöpfchen. Eine freudige Ahnung durchzuckte ihn. Einige mit Vorſicht und Sorg⸗ falt geführte Beilhiebe in das Eis lockerte das Metall in ſeiner ſtarren Hülle; Uly zog es vollends mit der Hand heraus, und ein lauter Freudenruf drang aus ſeinem Munde. Er hatte ſein⸗ Pulverhorn wieder ge⸗ funden, das ihm bei'm Hinabſtuüͤrzen in die Schlucht verloren gegangen war, und das er unter Todesängſten und doch vergeblich in dem Schnee geſucht hatte. Es war, wie er jetzt ſehen konnte, ſehr tief in den Schnee eingeſunken, und aller Wahrſcheinlichkeit nach würde es nie wieder in ſeinen Beſitz gelangt ſein, wenn nicht di herabſtrömenden Waſſer es theilweiſe blosgelegt hätte Mit vor Freude zitternder Hand unterſuchte er den J halt deſſelben, und fand das Pulver darin vollkomme 58 trocken und unverſehrt. Sein Entzücken darüber war gränzenlos. Jetzt beſaß er das Mittel, ſich bemerkbar zu machen, wenn je die Nachbarn noch einmal ſo viele Aufopferung zeigten, nach ihm zu ſuchen, oder wenn der Zufall einen einzelnen Schützen grade in dieſe Gegend führte, wo Steinböcke und Gemſen nicht zu den Selten⸗ heiten gehörten, und deshalb manchen Jäger herbei lockten. Und dann konnte ihm der Beſitz des Pulvers auch noch in anderer Weiſe von groößeſtem Nutzen ſein. Schon mehrmals war es nämlich vorgekommen, daß ſich am oberen Rande der Schlucht ein Steinbock oder eine Gemſe gezeigt, und neugierig in den Abgrund hin⸗ unter geſchaut hatte. Mit der nöͤthigen Munition ver⸗ ſehen, wäre es Uly ein Leichtes geweſen, einen Schuß hinauf zu thun, und ſich in den Beſitz der willkomme⸗ nen Beute zu bringen, aber in Ermangelung des Pul⸗ vers war dies natürlich ein Ding der Unmöglichkeit geweſen. Dennoch hatte er ſich ſtets gehütet, das Wild zu ſchrecken und zu verſcheuchen, und zwar aus zwie⸗ fachem Grunde. Der hauptſächlichſte Grund beſtand in der Hoffnung, daß ein Gemſenjäger in die Nähe kom⸗ men, und durch einen glücklichen Schuß Eines der Thiere erlegen konnte. Entweder ſtürzte dieſes dann in die Schlucht hinab, oder es blieb am Rande derſelben liegen. In beiden Fällen hatte Uly die Gewißheit, mit dem Jäger in Verkehr treten zu können. War dies aber einmal geſchehen, hatte er ſich einem anderen Menſchen bemerkbar gemacht und ihm ein Zeichen gegeben, daß er ſich noch am Leben befand, dann konnte er ſeine end⸗ liche Rettung als geſichert betrachten. Der zweite Grund, der ihn bewog, die Thiere nicht 59 zu verjagen, beruhte auf der, allerdings nur ſehr ſchwa⸗ chen, Hoffnung, daß er eines Tages doch noch ſein Pul⸗ verhorn finden könne. Jetzt, wo er es wider alles Er⸗ warten wirklich gefunden, empfand er die tiefſte Be⸗ friedigung über ſein zweckmäßiges Verhalten, und nahm ſich vor, möglichſt viele Frucht davon zu ziehen. Dies konnte indeß erſt ſpäter geſchehen. Vor der Hand begnügte er ſich, wieder nach ſeiner Grotte hin⸗ auf zu klimmen, und das ſo glücklich erbeutete, ihm wie vom Himmel zugefallene Stück Wild in Sicherheit zu bringen. Er trug die einzelnen Stücke in ſeine Grotte, und verwahrte ſie mit äußerſter Sorgfalt. Dann lud er mit einem ſchwer zu beſchreibenden Ge⸗ fühle inneren Glückes ſeine ſo lange nutzlos geweſene Büchſe, und drückte ſie mit Entzücken, wie einen alten treuen, vertrauten Freund, an ſein Herz. Das noch zu zwei Drittheilen gefüllte Pulverhorn ſteckte er in ſeine Jagdtaſche, wo es ihm am trockenſten und ſicherſten aufgehoben ſchien. Nun erſt machte er ſich daran, wie⸗ der einmal nach langer Zeit eine ordentliche Mahlzeit zu halten, und verzehrte ein gutes Stück aus der Keule der Gemſe, das ihm, trotzdem es ungekocht und unge⸗ braten war, vortrefflich mundete. Nach dem Eſſen ru⸗ hete er, ſchlummerte ein, und ſchlief ununterbrochen fort bis zum anderen Morgen, wo das Licht des Tages ihn wieder weckte. Nun befand er ſich aber auch wieder ganz friſch und bei guter Kraft, ſo daß er muthiger als je den Ereigniſſen der Zukunft entgegen ſehen konnte. 60 Sechstes Kapitel. Anter dem Liſe. (Fortſetzung.) Nachdem Uly durch eine glückliche Fügung des Himmels wieder zu einigem Mundvorrathe und in den Beſitz ſeines Pulverhornes gelangt war, konnte er ſeine durch die Schwäche des Hungers unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen. Allerdings mußte er ſich ſelbſt ſagen, daß dieſelbe ziemlich hoffnungslos ſei, denn es konnte in der That nicht als eine Kleinigkeit gelten, durch eine Eismaſſe von mehr als hundertundfünfzig Fuß Dicke einen Tunnel zu bahnen, und zwar mit keinen anderen Hülfsmitteln, als zwei kräftigen Armen, und einem klei⸗ nen Beile. Indeß,— warum müßig ſitzen? Erreichte Uly auch nicht ſeinen letzten und hauptſächlichſten Zweck, die Befreiung aus der tiefen Eisgruft, ſo war ihm die Arbeit trotzdem doch nicht ganz ohne Nutzen. Sie hielt die Langeweile von ihm fern, zog ihn von traurigen Gedanken ab, und kräftigte durch die anhaltende und anſtrengende Bewegung ſeine Geſundheit. Seit den erſten Tagen ſeines erzwungenen Aufenthaltes unter dem Eiſe, wo er unglücklicher Weiſe an einem heftigen Katharre gelitten hatte, war er nicht wieder eigentlich krank ge⸗ weſen. Denn die Leiden und die Schwäche, welche im Gefolge des Hungers auftraten, konnten natürlich als Krankheit nicht betrachtet werden. Er gebrauchte alſo rüſtig ſein Beil weiter, und ſchaffte jeden Abend den Eis⸗Schutt, den er losgehauen, nach der Spalte, welche der vom Föhnwinde verurſachte — 8 Nande der Schlucht, und hoben ſich wie ſchwarze Punkt 64 Waſſerſturz geöffnet und zurückgelaſſen hatte. Polternd rollten die Eisſtücke in eine anſcheinend unergründliche Tiefe, und verſchwanden darin ſpurlos. Wieviel Uly auch hinab warf, die Spalte verſtopfte ſich nie und wurde niemals zugeſchuͤttet. Er hatte alſo hinreichenden Grund, aus dieſem Umſtande auf eine beträchtliche Tiefe der Spalte zu ſchließen. Neben der Beſchäftigung des Eishauens verſäumte Uly natürlich nicht, ſich auch mit der geladenen Büchſe fleißig auf den Anſtand zu begeben, und den Gemſen und Steinböcken aufzulauern, welche von Zeit zu Zeit am oberen Rande der Schlucht erſchienen. Er kannte genau die Gewohnheiten dieſer Thiere, und wußte, daß ſte ſich nur ſelten zu anderer Zeit, als in der erſten Morgen⸗ und in der letzten Abendſtunde blicken ließen. Zu dieſen Stunden ſtand er denn auch ſtets auf ſeinem Poſten, und lugte ſcharfen Blickes nach Oben, um ſich keine Beute entgehen zu laſſen. Des Abends pflegten die ſcheuen Thiere die oberen Berg⸗Regionen zu ver⸗ laſſen und in den tieferen Gegenden ihr Futter zu ſuchen, worauf ſie dann Morgens zu ihren hoch gelegenen Schlupfwinkeln zurückkehrten. Zuweilen geſchah es denn wohl, daß ſie im Vorübergehen einen neugierigen Blick in die Schlucht hinab warfen, und eine ſolche Gelegen⸗ heit mußte Uly zu benutzen ſuchen, um das Wild zu erlangen. Mehrere Tage lag er vergeblich auf der Lauer, ver⸗ lor aber deshalb nicht die Geduld, ſondern harrte un⸗ verdroſſen und ruhig aus. Endlich, am fünften oder 5 ſeehsten Tage nach dem Auffinden des Pulverhornes, zeigten ſich eines Morgens einige Köpfe hoch oben a 62 von der tiefen Bläue des Himmels ab. Uly wählte mit ſcharfem Auge ſein Ziel und drückte ab. Wie ein Donnerſchlag krachte der Schuß in der engen Schlucht. Uly achtete aber gar nicht auf den Knall, ſondern üchm nach Oben, um zu ſehen, ob ſeine Kugel getroffen habe. Der Erfolg des Schuſſes konnte nicht glänzender ſein. Faſt unmittelbar nach dem Abfeuern deſſelben ſah Uly einen dunklen Körper vom Eisrande ab hoch in die Luft ſchnallen, und dann in jähem Sturze an der Wand hernieder gleiten. Er mußte hurtig auf die Seite ſpringen, um nicht von der Wucht des ſchweren Körpers niedergeworfen und vielleicht ſchwer beſchädigt zu werden. Als er ſich dann nach ſeiner Beute um⸗ wandte, ſah er einen prächtigen, feiſten Steinbock, bei deſſen Anblick ihm das Herz im Leibe lachte. Er wei⸗ dete ihn aus und ſchleppte ihn in ſeine Grotte, wo er neben den Ueberbleibſeln der Gemſe aufbewahrt wurde. In den nächſten Tagen hatte Uly wiederum Glück. Binnen einer Woche ſchoß er noch zwei Steinböcke und drei Gemſen, ſo daß er nun, was ſeine leibliche Nah⸗ rung anbetraf, vollkommen ohne Sorgen ſein konnte auf viele, viele Wochen hinaus. In ſeiner Eisgrotte hielt ſich das Fleiſch vortrefflich und konnte unmoͤglich verderben, da die Kälte dem Eintreten der Fäulniß wehrte. Alſo beſchloß er, für jetzt ſeinen kleinen Pulver⸗ Vorrath zu ſchonen, und ihn für die Fälle der drin⸗ gendſten Noth aufzuſparen. Es wurde jetzt von Tage zu Tage kälter, und Uly konnte ſich glücklich ſchätzen, daß er die Häute der er⸗ legten Thiere beſaß, deren dichter, wärmender Pelz ihn namentlich während der langen Nächte vor dem Froſte 63 beſchützte. Bei Tage war ihm die Kälte weniger em⸗ pfindlich, denn unausgeſetzte Bewegung erhielt ihn warm genug, und nebenbei auch fortwährend geſund. Uly hatte ſich nun ſchon mit dem Gedanken ver⸗ traut gemacht, daß er jedenfalls den ganzen Winter über in ſeiner Gefangenſchaft werde ausharren müſſen, als ſich ihm ganz unerwartet eine neue Ausſicht auf bal⸗ dige Erlöſung eröffnete. Er war eines Morgens da⸗ mit beſchäftigt, ſein gewöhnliches Vriihſtin, einen Strei⸗ fen Gemſenfleiſch, zu verzehren, als er einen dumpfen Knall vernahm, der ihn bis in das innerſte Herz hin⸗ ein erſchütterte. Bei dem geübten Waidmanne konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß der gehörte Knall von einer Büchſe herrührte, welche in geringer Entfer⸗ nung von ſeiner Schlucht auf dem Gletſcherfelde abge⸗ feuert ſein mußte. Einige Augenblicke ſtockte ihm der Athem vor freudigem Schrecken; dann aber griff er haſtig nach ſeinem eigenen Gewehre, lud es, und feuerte es, die Mündung nach Oben gerichtet, ab. Eine Minute oder zwei, die Uly vorkamen, wie Ohre auf jedes Geräuſch lauſchte. Dann vernahm er den Schall einer laut rufenden Stimme, und jauchzte aus voller Bruſt fröhlich auf. Noch einmal lud er mit vor Erregung zitternder Hand ſein Gewehr, und feuerte zum zweiten Male ab. Jetzt dauerte es nur noch penige Augenblicke, und hoch oben am Rande der ” Schlucht wurde die Geſtalt eines Mannes ſichtbar, der ſch in die Tiefe hinunter beugte. »Halloh!« ſchrie er mit kräftiger Stimme hinab,— viſt hier Jemand, der der Hülfe bedarf?« „Ich bin es! Ich!« rief lli irendeanchiehd iu Ewigkeiten, verſtrichen, während er mit geſpanntem —— einmal einen Strick, den ich auf.„Um Gottes Barmherzigkeit willen, wer Ihr auch ſein möget, ſteht mir bei in meiner ſchrecklichen Noth und Verlaſſenheit!“ „Seid ruhig, Mann,“ verſetzte die vorige Stimme. „Was ich thun kann, um Euch beizuſtehen, ſoll gewiß geſchehen! Aber wer ſeid Ihr eigentlich, und wie iſt es gekommen, daß Ihr in dieſe ſchauerliche Schlucht ge⸗ fallen ſeid?« „Ich bin der Uly Redinger aus dem Matterthale,“ verſetzte der verunglückte Mann.„Und Ihr?“ Heiliger Gott,« rief der oben aus,—„der Uly Redinger ſeid Ihr? Ich habe ſchon von Euch gehört! Alle Eure Nachbarn ſind vor Monaten ausgezogen, Euch zu ſuchen, und weil ſie nichts von Euch gehört und geſehen, ſind ſie zurückgekehrt in dem Glauben, daß Ihr todt wäret. Und nun lebt Ihr noch, und ich muß Euch finden? Da muß Gott Euch wunderbar beſchütlz haben, Mann!“ 4 „Oh, gewiß, gewiß iſt es faſt ein Wunder, daß ich noch am Leben bin,“ verſetzte Uly, und machte dem oben harrenden Schützen eine kurze Schilderung von ſeinen Erlebniſſen, Leiden und Schickſalen. „»Das iſt wahrlich wunderſam, Uly, und Gottes große Güte hat ſich herrlich an Euch offenbart!“ ſage hierauf der Mann oben.„So bleibet denn jetzt nur frohen Muthes, Uly! Ich bin der Hans Spruͤngli von Zermatt, und ich verſpreche Euch, daß ich Alls* thun werde, was in meinen Kräften ſteht, um El Rettung zu ſchaffen und Euch aus der Eisgrube zu löſen. Für den Augenblick kann ich Euch aber wii nicht helfen, denn ich bin ganz allein, und habe nich Euch zuwerfen könnte. —jj 65 Aber ich werde nicht ſäumen, nach dem Matterthale hinab zu ſteigen, und Eure Nachbarn aufzubieten. Sie werden gewiß nicht verfehlen, Euch zu Hülfe zu kom⸗ G men, obwohl das Heraufſteigen grade jetzt furchtbar ge⸗ 1 fährlich und beſchwerlich iſt. Aber es gilt die Rettung eines Menſchenlebens, und da iſt ein braver Schweizer allezeit zur Hand.« »Dank Euch, tauſend Dank, Hans Sprüngli,« rief Uly hinauf.„Und vergeßt nicht, mein Weib zu grüßen und meinen Buben, den Toni! Herr Gott, was wer⸗ den ſie ſich wundern, daß ich noch am Leben bin!« „Soll Alles rechtſchaffen beſorgt werden, Uly, wenn ich ſelber glücklich in's Matterthal hinab gelange,“ ſprach der wackere Mann oben.„Und jetzt tretet einmal ein wenig auf die Seite! Ich habe da einen Steinbock er⸗ legt, der bei Euch unten beſſer aufgehoben iſt, als hier, wo ihn die Lämmergeier bald ausſpüren würden. Komme ich mit Euren Nachbarn wieder zurück, ſo nehm' ich ihn wieder in Anſpruch. Werd' ich aber durch ir⸗ ggend ein Zwiſchen⸗Ereigniß an der Rückkehr verhindert, ſo verzehrt ihn geſund, Uly. Und nun ſei Gott nach wie vor mit Euch und bei Euch in Eurem ſchauerlichen Grabe! Ich muß eilen, daß ich hinab komme, denn der Himmel umzieht ſich mit ſchwerem Gewölk, und die Spitzen der Firnen deuten auf baldigen Schneefall. Alſo, gehabt Euch wohl, Ully, und rechnet feſt auf mei⸗ — 1 nen Eifer und guten Willen, Euch baldigſt Beiſtand zu leiſten!« H„Der Himmel laſſe Euch Euer gutes Werk gelin⸗ gen und lohne Euch dafür mit reichſtem Segen, Hans Sprüngli,« verſetzte Uhy.„Ich will für Euch beten, S Keine Rückkehr. 5 5ö ———— — für Euch, für mich, für die Meinen! Und ſo ge⸗ leite Euch Gott!“ „Schönen Dank für den frommen Wunſch,“ erwie⸗ deerte Hans Sprüngli.„Und jetzt Platz, der Steinbock kommt!“ In der That polterte unmittelbar nachher das er⸗ legte Thier an der Eiswand herunter. Die Männer tauſchten hierauf noch ein letztes Lebewohl mit einander aus, und dann entfernte ſich Hans Sprüngli mit eiligen A Schritten. 5 Uly aber, mit tief bewegtem und erſchüttertem Her⸗ zen, ſank auf die Kniee, und betete zum Höchſten, daß Seine ſtarke Hand den Mann ſchützen und leiten moͤge, der ſich ſo uneigennützig und bereitwillig eines Unglück⸗ lichen angenommen hatte. Siebentes Kapitel. Anter dem Fiſe. (Fortſetzung.) Uly konnte leicht berechnen, wie viele Stunden ver⸗ gehen mußten, ehe die Nachbarn zu ſeiner Befreiung aanlangen konnten. Für heute war es jedenfalls zu ſpät, ddenn Hans Sprüngli konnte kaum kurz vor Einbruch ſdder Nacht das Matterthal erreichen. Aber morgen! Wenn die Nachbarn ſogleich benachrichtigt wurden, wenn ſie dann in den erſten Morgenſtunden uunbrachen i mußten ſie vor Abend⸗Anbruch des nächſten Tages an Ort und Stelle ſein, und, einmal angekommen, erfor⸗ 67 derte es nur wenige Minuten, um ihm ein Seil in die Tiefe hinabzulaſſen, und ihn mittelſt deſſelben aus ſei⸗ nem Grabe hervorzuziehen. Wie Uly die Stunden und Minuten zählte bis zu dieſem letzten beglückenden Augenblicke! Sein Kopf brannte, ſein Herz pochte, und er war heute nicht im Stande, die gewohnte Arbeit wieder aufzunehmen. Er ſetzte ſich nieder, ſtarrte zum Himmel empor, und über⸗ ließ ſich willenlos glänzenden Träumen von Glück und Erlöſung. Nach dem Stande der Sonne berechnete er, wie Hans Sprüngli allmählig ſeiner Heimath und ſei⸗ nen Lieben näher kam. Jetzt mußte er den Eiswal hinunter geſtiegen ſein,— jetzt überſchritt er das weite Gletſcherfeld,— jetzt erreichte er die Fels⸗Region,— jetzt ſtieg er an den ſteilen Berghängen nieder,— jetz mußte er die Stelle erlangt haben, wo ſich ihm die erſte Ausſicht in das Matterthal eröffnete, wo er, wenn er ſie gekannt hätte, Uly's friedliche kleine Hütte lieger ſehen konnte;— wie ihm das Herz ſchlug und das Blut in den Adern hüpfte bei dem Gedanken, wenn Er Er ſelber dort ſtände an Sprüngli's Statt!— Und jetzt ging dieſer weiter, hinab in das Thal,— jetzt er reichte er die erſte Hütte mit beginnender Dämmerung, — er klopfte an,— er fragte nach Uly's Haus,— er verkündigte, daß Uly nicht geſtorben, daß er noch gnf Leben und ganz friſch und wohlauf ſei, ein Freudenge⸗ ſchrei ging dann durch das ganze Dorf,— jetzt ver⸗ ſammelten ſich die Nachbarn, ſee drängten ſich um Sprüngli, ſie riſſen ihnPrr ſore nach der ſo lange vater⸗ los geweſenen Hütten Frall und Kinder vernahmen die Wunderkug 7.— Ulnyy, der glückliche Uly ſah in Gedanken re ldenthränen der braven Gattin, er ₰ 5* 68 hörte das laute, frohe Jauchzen ſeines Toni, er ver⸗ nahm den Freudenruf der Nachbarn, die unverzüglich ihre Vorbereitungen zu ſeiner Befreiung, zu ſeiner Er⸗ löſung trafen!—— Der glückliche Uly! Ach, glüͤcklich nur auf wenige lichte, ſonnenhelle Stunden, denen bald wieder die düſtere Nacht der Hoff⸗ nungsloſigkeit folgen ſollte. Als die Sonne untergegangen war, ſaß Uly noch immer im Freien vor ſeiner Grotte, und blickte noch immer unverwandt zum Himmel hinauf. Er hoffte, daß die freundlichen Sterne ihm Himmelsgrüße hoch von Oben her bringen würden, aber gegen alles Er⸗ warten nahm die Finſterniß mehr und mehr überhand, und nicht ein einziges funkelndes Himmelslicht zeigte ſich ſeinen Augen. Dagegen fühlte er plötzlich eine Empfindung prickelnder Kälte in ſeinem Geſicht, und im nächſten Augenblicke erkannte er, daß es ſchneite, und zwar ſtark. Der Schnee wirbelte dicht in die Schlucht hinab, und hatte ihn ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten in einen weißen Mantel eingehüllt. Er erſchrak. „Gebe nur Gott,“ murmelte er vor ſich hin,„daß wenigſtens der brave Hans Sprüngli das Matterthal erreicht, ehe er von dem Schneeſturm überfallen wird.« — Uly wußte, daß der Mann verloren ſein mußte, wenn ul die Wirbel des Schnee's hinein gerieth. Selbſt der der Gagend kundigſte Wanderer findet bei ſolchem Unwetter en Gebirgen nur ſchwer ſeinen Weg,— wie viel wezager e findet ihn Einer, der ganz fremd in der Gesend iſt, wie es unzweifelhaft Hans Sprüngli war. Aber Uly benphigte ſich nach kurzer Ueberlegung wieder. Der wack Mann mußte 69 jetzt ſchon im Matterthale angelangt ſein, vielleicht ſeit einer Stunde ſchon. Alſo um ihn brauchte er weder Angſt noch Sorge zu haben. Aber wie ſtand es um ihn ſelbſt? Uly zitterte davor, ſich dieſe Frage aufrichtig und ehrlich zu beantworten, und doch rief ſie ihm ſeine Er⸗ fahrung unerbittlich zu, und erfüllte ſein Herz mit Schrecken. Hielt das Schneien nur einen oder zwei Tage an, ſo mußte er jede Hoffnung ſchwinden laſſen, vor dem nächſten Frühlinge befreit zu werden, ob nun Hans Sprüngli die Nachbarn benachrichtigte oder nicht. Der Winter war da, in ſeiner vollen Strenge. Hatte nun einmal der Schnee die Zugänge zum Hochgebirge ausgefüllt, ſo ſchmolz er nicht mehr vor dem Eintritte der warmen Jahreszeit, und keine menſchliche Kraft war im Stande, ſich durch dieſe ungeheuren Schnee⸗ maſſen einen Weg zu dem oberen Gletſcher zu bahnen. Demnach blieb dem armen Uly nur noch ein einziger Hoffnungsfunken übrig, nämlich, daß der Schneefall bald aufhoͤren und die Zugänge nach den Gletſchern nicht verſchütten könne. An dieſe letzte Hoffnung klam⸗ merte er ſich an, wie der Ertrinkende an einen Stroh⸗ halm. Seine Träume von Glück und Wonne aber waren gänzlich verſchwunden, und er fühlte jetzt nichts Anderes mehr, als eine entſetzliche Bangigkeit. An Schlaf und Ruhe in dieſer Nacht war für ihn nicht zu denken. Die Sorge ſcheuchte den Schlummer von ſeinen Augenlidern. Wohl hundert Mal während der Nacht trat er aus ſeiner Grotte in die Schlucht hinaus, und ſah, ob es noch ſchneite. Und es ſchneite noch; immer noch, immer fort ſchneite S8, und die 70 Flocken flogen ſo dicht, daß ſie ſich ſchon zu großen Maſſen in der Schlucht anhäuften. Der Morgen dämmerte matt herauf, und fortwäh⸗ rend rieſelte lautlos der weiße, glänzende Schnee vom grauen Himmel nieder. So war es noch am Mittag, — ſo war es noch, als es wieder dunkel wurde, und die Nacht kam. Jetzt ſchwand Uly's letzte Hoffnung dahin. Auf die Hülfe Hans Sprüngli's, auf die Rettung durch die Nachbarn durfte er vor Ablauf des Winters nicht mehr rechnen. Sein Herz war betruͤbt, Thränen, heiß und bitter, floſſen aus ſeinen Augen und rollten über ſeine 8 Wangen,— dann aber faßte er ſich, und mit einer kräftigen Anſtrengung ſchwang er ſich empor über ſeinen Schmerz, und fluͤchtete ſich zu den Stufen des Thrones Gottes. „Du willſt es ſo, Herr und Vater,“ ſagte er.„Ich ergebe mich, und will noch weiter ausharren in Demuth und Geduld.»Wenn es auch jetzt noch zu früh iſt, einſt wird doch die Stunde ſchlagen, die mich in die Arme der Meinigen zurückführt, und um ſo größer wird alsdann mein und ihr Glück, ihre und meine Freude ſein. Dein Wille geſchehe, Herr! Amen.“ So betete der fromme Mann, und mit dem Gebete fand er auch wieder, was er am meiſten bedurfte in einer traurigen Lage: Ruhe, Geduld und neue Hoff⸗ nung. Im Gefühl, daß er trotz ſeiner Vereinſamung dooch nicht allein, daß um ihn und bei ihm ein gütiger 3 Vater und mächtiger Beſchützer ſei, ſuchte er ſein Lager auf, und fand faſt augenblicklich tiefen, erquickenden Schlaf. Die Furcht vor dem Uebel hatte ihn geſtern nicht ſchlummern laſſen,— jetzt, wo das Uebel da —, war, ſchloſſen ſich ſeine Augen. Das machte, weil er zu Dem ſeine Zuflucht genommen, der auch das äußerſte Elend zu lindern, und dem Stachel des bitterſten Schmer⸗ zes die Spitze zu brechen weiß. Am nächſten Morgen ſchneite es noch immer, und ſo ununterbrochen faſt drei Tage hinter einander. Jetzt konnte Uly nichts mehr ſehen, denn die Schlucht war ſo weit zugeſchneiet, daß er die Schneedecke nicht mehr, weder mit ſeiner Flinte, noch mit ſeinem Alpenſtocke durchbohren konnte. Im Ganzen genommen, konnte es ihm nun auch gleichgültig ſein, ob der Schnee noch weiter fiel oder nicht. Jedenfalls waren ſchon längſt alle Wege und Stege, die aus dem Matterthale zur Gletſcherhöhe führten, vollſtändig verwehet und verſchüt⸗ tet, und es blieb ſich nun gleich, ob die Schneedecke noch ein paar Ellen dicker wurde oder nicht. Jedenfalls war für Uly keine Ausſicht auf Befreiung mehr da vor dem Beginne der warmen Jahreszeit, und es galt da⸗ her bis dorthin auszuharren, und die wenigen Hülfs⸗ mittel, die ihm in ſeiner traurigen Lage geblieben wa⸗ ren, möglichſt zu benutzen und zu verwerthen. Uly überlegte ruhig, was er zu thun habe. In Folge ſeiner glücklichen Schüſſe und des großmüthigen Einfalles Sprüngli's, ihm den erlegten Steinbock in die Schlucht hinab zu werfen, brauchte er den Hunger nicht zu fürchten. Seine Vorräthe, die in dem Gletſchereiſe dem Verderben nicht unterworfen waren, reichten auf Monate aus zur Erhaltung ſeines Lebens. Den Durſt löſchte er mit Schnee, den er in ſeinem Munde ſchmel⸗ zen ließ und dann verſchluckte. Vor der Kälte ſchuͤtzten ihn hinreichend die Häute der Gemſen und Steinböcke, und ſo hatte er, im Grunde genommen, nicht viel zu 5 57 72 fürchten, außer etwa eine Krankheit und die Langeweile ſeiner traurigen Gefangenſchaft. Erſtere hoffte er indeß durch Mäßigkeit und Vorſicht abzuhalten, und die Letztere dadurch zu vertreiben, daß er das Sprengen ſeines ſchon 4 ziemlich weit gediehenen Tunnels wieder aufnahm. Zwar konnte er mit der außerſten Zuverſicht darauf rechnen, 4 daß ihm ſofort Hülfe von den Nachbarn zu Theil wer⸗ 4 den würde, ſobald nur erſt die Erſteigung des Gebirger wieder möglich geworden war,— vorausgeſetzt nämlich, daß die Nachbarn eine Kunde über ihn erlangt hatten. Aber wußte denn Uly ganz gewiß, daß Sprüngli in's Matterthal gelangt war? Er durfte dies hoffen und glauben, aber wiſſen konnte er es nicht, und in Folge deſſen ſagten ihm Klugheit und Vorſicht, daß er wohl thun würde, wenn er nicht allein auf andere Leute, ſondern auch ein wenig auf die eigene Thatkraft ver⸗ traute und baute. Alſo nahm Uly ſeine Arbeit von Neuem auf, und ſetzte ſie unermüdlich Woche nach Woche fort. Sein Leben war natürlich im höchſten Grade einförmig, und bot faſt keinen anderen Wechſel dar, als das Losbrechen der Eisſtücken, das Wegſchaffen derſelben, das Eſſen und Schlafen. Zum Gluͤck fuͤr Uly war es, obgleich weder Sonne, noch Mond und Sterne in ſeine tiefe Schlucht ſtrahlten, doch nicht ganz finſter in derſelben. Durch die Schneedecke und das Gletſchereis ſchimmerte immer eine allerdings nur ſchwache Tages⸗Dämmerung, die ihm aber hinlängliches Licht zur Arbeit gab, und ihn außerdem den Wechſel von Tag und Nacht erken⸗ nen ließ. Fort und fort handhabte Uly ſeine Art, und weiter 73 und weiter wühlte er ſich in das Eis ein, wie der Maulwurf ſeine unterirdiſchen Gänge wühlt. So verging ein Monat,— noch Einer,— wieder Einer. Ulyn berechnete, daß ſo etwa das Ende des Monats März gekommen ſein müſſe, und ſein Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, daß nun auch das Ende des Winters nicht mehr fern ſein könne. Neue Hoffnung zog in ſein Herz ein, und ließ ihn fröhlicher aufathmen. Näher und näher rückte ja nun der Tag ſeiner endlichen Erlöſung, entweder durch die Ankunft der Nachbarn, oder durch ſeine eigene Thätigkeit. Uly ſchloß aus der Länge und der Höhe ſeines ſchräg anſteigenden Tunnels, daß er nun bald die ganze Gletſchermaſſe durchbrochen haben und endlich auf die Oberfläche deſſelben kommen müſſe. Er arbeitete daher um ſo rüſtiger weiter; bis auf einmal eines Tages ſein Beil keinen Widerſtand mehr fand, durch eine dünne Eisdecke hindurch fuhr, und bei der Wucht des Schwun⸗ ges beinahe ſeiner Hand entglitten wäre. Er ſtutzte einen Augenblick, erweiterte dann die kleine, nur fauſt⸗ große Oeffnung mit erneuten, aber vorſichtig geführten Schlägen, und entdeckte nun bald, daß er allerdings den Gletſcher durchbrochen hatte, anſtatt aber auf die Ober⸗ fläche deſſelben, ſeitwärts aus ihm heraus gekommen war. Ein Blick durch die gemachte Oeffnung zeigte ihm eine Schlucht, vielleicht ſechs Mal ſo breit, als die, in welche er hinabgeſtuͤrzt war, und ſo tief, daß er bei dem nur ſchwach dämmernden Lichte kaum den Grund der⸗ ſelben erkennen konnte. Nach oben zu ragten in ſchroffer Glätte die Eiswände, von einem bläulichen Schimmer leicht angehaucht, und darüber hin wölbte ſich eine †. Schneedecke, welche ihm den ferneren Aufblick zum Him⸗ melsgewölbe benahm. 9 Uly fuhlte ſich in ſeinen Hoffnungen allerdings ſehr in getäuſcht, aber doch nicht vollkommen entmuthigt. Seine 1 Arbeit mußte er nun allerdings bis auf Weiteres ein⸗ t ſtellen, aber er hoffte, daß ſich nun bald die Föhnwinde des Frühjahrs einſtellen und die während des Winters gefallenen Schneemaſſen mit ihrem heißem Athem weg⸗ ſchmelzen würden. Erſt, wenn dies geſchehen war, konnte er beurtheilen, was weiter zu ſeiner Rettung zu thun ſein würde, und ſo kehrte er denn vor der Hand ruhig in ſein gewoͤhnliches Wohnzimmer, nämlich die tief unter dem Eiſe liegende Grotte zurück. Achtes Kapitel. Anter dem Liſe. (Schluß.) Uo wurde diesmal nicht in ſeiner Erwartung ge⸗ täuſcht. Wenige Tage nach dem Einſtellen ſeiner Ar⸗ beit, die einen ſo zweifelhaften Erfolg gehabt hatte, er⸗ wachte er mitten in der Nacht wieder von dem Brauſen des Föhnwindes, der unter wildem Geheul mit furcht⸗ barer Heftigkeit über die Berge einher ſtuͤrmte, und mit gluͤhendem Hauche die Schnee⸗ und Eismaſſen der Glet⸗ ſcher ſchmolz. Regengüſſe auf Regengüſſe ſtürzten dabei aus den Wolken hernieder, und unterſtützten den Sturm in ſeinem Bemühen, die Arbeiten des vergangenen Win⸗ ters zu zerſtören und jede Spur davon zu beſeitigen. 8 75 (y vernahm in ſeiner Grotte, anfänglich nur ſchwach d undeutlich, dann allmählig ſtärker und ſtärker, das P tſchern der fallenden Regentropfen, das Rieſeln und Ka ſchen der fließenden Waſſermaſſen über ihm, das Sauſen des Sturmes in den erregten Lüften. Er trat an den Eingang ſeiner Grotte, und wenn er ja noch einen Zweifel gehegt hätte, daß der heiße afrikaniſche 2 Wind wieder einmal in wirkſamſter Thätigkeit begriffen oar, ſo mußte jetzt dieſer Zweifel ſchwinden. An den Fiswänden ſeines Kerkers rieſelten ſchon verſchiedene tleine Waſſerbäche hernieder und ſuchten ſich den be⸗ cannten Ausweg durch die tiefer liegende ſchmale Spalte. Nach einigen Stunden, als der Morgen anbrach, war ſſchon faſt die ganze Schlucht von dem Schnee befreit, der bis dahin angefüllt hatte, und mit ſtillem Ent⸗ ücken begrüßte Uly das Tageslicht, das er ſo lange Zeit hatte entbehren müſſen. Ein Strom warmer Luft drang nach dem Verſchwinden des Schnee's in die Eis⸗ ſpalte, und Uly zog ſie mit tiefen Athemzügen ein. Um die Mittagsſtunde regnete es noch immer. Das „Regenwaſſer miſchte ſich mit den Waſſern des geſchmol⸗ zenen Schnee's und Eiſes, und immer maſſenhafter ſtürzten ſie über die oberen Ränder der Schlucht in die Tiefe herab. Uly beobachtete die ſchnellen und mächtigen Wirkun⸗ gen des Föhn mit lebhafter Spannung. Wenn dieſer Sturm mit gleicher Heſtigkeit nur vierundzwanzig Stun⸗ en hindurch andauerte, ſo mußten die Päſſe aus den rhälern zu den Gletſchern hinauf vom Schnee befreit inen Nachbarn endlich aufgeſucht und erlöst zu we kerden, und er durfte ſich der Hoffnung hingeben, von 3 t — Waſſer ſchienen ſich voöllig verlaufen zu haben. W den. Vorausgeſetzt natürlich, daß ſte von Hans Sprüngl benachrichtigt worden waren. Der Sturm tobte fort, die Waſſer ſtürzten immer heftiger hernieder, und verwandelten ſich endlich in einen gewaltigen Gießbach, der mit ununterbrochener Wucht in die Tiefe hinab donnerte. Uly freute ſich deſſen; mit der anwachſenden Waſſermenge wuchſen auch ſeine Hoffnungen. Gegen Abend vernahm er ein heftiges Praſſeln und Poltern, welches durch den Tunnel her zu ſeinem Ohre“ drang. Begierig, die Urſache davon zu erfahren, eilte er hinauf, und bemerkte, daß auch die Schneedecke über dieſer zweiten, breiteren Schlucht dem Andrange des Waſſers nicht hatte widerſtehen können, ſondern in ſich ſelbſt zuſammengebrochen war. Durch die Oeffnung ſtrömte, wie in der vorderen Schlucht, ein Katarakt in die Tiefe, und erfüllte ſie mit ſo toſenden Donnern, daß Uly die Eismaſſen unter ſeinen Füßen zittern zu fühlen glaubte. Zum Glück drang das Waſſer nicht in ſeinen Tunnel ein, da der Zugang deſſelben durch überhängende Eismaſſen vollkommen geſchützt war. Die Nacht kam; der Föhn dauerte fort, und durch ihn das Schmelzen der Schnee⸗ und Eismaſſen. Als es dunkel wurde, legte ſich Uly in ſeinen gewohnten Winkel zur Ruhe, und ſchlief bis zum hellen Morgen. Als er aufwachte, brauste noch immer der Sturm, und ſtrömten rauſchend die Waſſer. Dies hielt fortwährend an noch achtundvierzig Stunden hindurch. Erſt dann beruhigte ſich der Aufruhr in der Natur; die Wol ſchwanden, der blaue Himmel lächelte hernieder, und ſtens rieſelten nur noch Tropfen an den Eisw ſe der Schlucht herab, und der rauſchende Donner der Katarakte war vollkommen verſtummt. Uly begab ſich nach der zweiten, breiteren Schlucht. Auch hier fand er Alles ruhig und keine Ueberſchwem⸗ mung mehr. „Gut,“ dachte er,„jetzt werden die Nachbarn kom⸗ men,— heute ſchon vielleicht, ſpäteſtens morgen 1«. Er ſchätzte die Höhe der Eismauern, welche die Schlucht bildeten, und fand ſie von ſeinem Standpunkte aus immer noch an vierzig bis fünfzig Fuß hoch. „Das wäre ein ſchweres und gefährliches Stück Arbeit, wenn ich mich noch da hinauf arbeiten müßte,“ murmelte er.„Wie gut, daß es nicht nothwendig iſt! Wie gut, daß die Nachbarn endlich, endlich zu meiner Befreiung ſchreiten werden!“ Uly hegte nicht den leiſeſten Zweifel, daß ſie wirk⸗ lich kommen würden, kommen müßten. Den ganzen Tag ſaß er am Eingange vor ſeiner Grotte, und lauſchte auf jedes Geräuſch, das ihm die Ankunft von Menſchen verrathen konnte. Aber der Tag verging, und kein Schuß wurde abgefeuert, keine menſchliche Stimme wurde vernehmbar. Nur die Lämmergeier ſchwebten hoch über der Erde in freier Luft, und ließen von Zeit zu Zeit ihr höhniſches, grelles Kreiſchen ertönen. So verſtrich der erſte Tag,— ſo der Zweite,— ſo der Dritte.— Jetzt erkannte Uly, daß ſeine Hoff⸗ nungen eitel ſeien. Ohne Zweifel war Hans Sprungli entweder verunglückt, oder ein Verräther. Das Letztere ſträubte ſich Uly zu glauben; er nahm das Erſtere a und betrauerte den wackeren Mann aufrichtig. Aber was ſollte nun aus ihm ſelber werden? ganze Seele ſchmachtete nach Befreiung. 78 endlich aus ſeinem Grabe erlöst ſein, wollte endlich ſein Weib und Kind wiederſehen! Der Gedanke, noch länger, vielleicht noch Monate lang in der Grube zu⸗ bringen zu müſſen, erfüllte ihn mit Entſetzen. Als er nun zu der traurigen Ueberzeugung gekom⸗ men ſein mußte, daß er auf die Hülfe der Nachbarn nicht weiter rechnen könne, begann er wieder in ſich ſelbſt nach Mitteln zu ſeiner Rettung zu forſchen. Er verzweifelte nicht, er vertraute immer noch auf Gottes Beiſtand, der ihn den ganzen Winter hindurch ſo wun⸗ derbarlich erhalten hatte. Nach mannichfachem Hin⸗ und Her-Ueberlegen kam er eines Morgens endlich zu dem Reſultate, daß ſeine Befreiung ohne fremden Bei⸗ ſtand nur möglich ſei, wenn er ſich vollends einen Weg durch das Eis auf die Oberfläche des Gletſchers bahnte. Er ſtieg im Tunnel hinauf zu der Oeffnung in der Eiswand, und betrachtete ſeine Umgebungen. Ueber ihm hing, wie ein vorſpringendes Dach, eine compakte Maſſe bläulichen Gletſcher⸗Eiſes. Dieſe mußte er zu durchbrechen ſuchen, aber er konnte leicht berechnen, daß er dazu der Arbeit von mehreren Wochen bedurfte. Faſt muthlos ließ er den Kopf auf die Bruſt niederſinken, und ſtarrte trüben Blickes in die Tiefe der Schlucht hinab. Sehnſucht, Schmerz und Trauer hüllten ſein Herz in ſchwarze Wolken ein. Plötzlich leuchtete ſein Auge heller auf; er beugte ſich uͤber den Rand der Oeffnung hinweg, und blickte in die Tiefe hinunter. Ein neuer Hoffnungsſtrahl litzte in ſeiner Seele auf, und erwärmte ihm das Blut den Adern. Die Schlucht hatte eine Tiefe von viel⸗ vierzig Fuß. Wohin war alle das Waſſer ge⸗ ches während des Thauwindes da hinab —— ——— geſtrömt war? Irgend einen Ausweg mußte es doch nothwendig gefunden haben! Uly ſchaute mit ſcharfem Blicke, und entdeckte auf dem Grunde der Schlucht eine Oeffnung, die wie eine Hoͤhle in das Innere der einen Eiswand zu fuͤhren ſchien. Die Vermuthung lag nahe, daß durch dieſe Höhle der Abfluß des Waſſers ſtatt gefunden haben müſſe. Wo es in ſo gewaltigen Maſſen hatte durch⸗ brechen können, da konnte am Ende auch ein Menſch durchkommen! Uly's Blut ſiedete, ſein Gehirn brannte, ſein Herz pochte hörbar. Vielleicht lag da, auf dem Grunde der Schlucht, dicht vor ihm, der Weg zu ſeiner Befreiung! Aber wie hinab gelangen in die Tiefe? Uly dachte an die Häute der von ihm erlegten Thiere. Wenn er ſie in Streifen ſchnitt und zuſammenknüpfte, ſo mußte er ein feſtes Seil von mindeſtens dreißig Ellen Länge bekommen, und ſo lang brauchte er es nuht einmal. Mit fieberhafter Eile kehrte er in ſeine rotte zurück, und begann auf der Stelle ohne allen erzug die Felle in Streifen zu ſchneiden. Die Arbeit gſing ihm raſch von der Hand, denn ſein Meſſer war ſocharf und ſein Eifer groß. Binnen einer Stunde hatte ent ſein Seil fertig, und fand es ſtark genug, die dop⸗ pelte Laſt ſeines Koͤrpers zu tragen. Die Knoten in mſelben gewährten ihm beim Hinabrutſchen einen pyeren Halt. Er trug es hinauf an die Oeffnung der peiten Schlucht, und maß hier an Ort und Stelle die nge deſſelben. Es reichte bequem zwei Mal bis auf An Grund der Schlucht. Nun hatte er leichtes Spiel. Mit ſeinem Beile hieb e ein tiefes Loch in das Eis, und befeſtigte darin ſeinen 80 zes in die Tiefe beſeitigte. Dann ließ er die beiden Enden des Seiles auf den Grund hinunter gleiten, ſchlang die Mitte oben um den Stock, und glitt nun ohne Mühe und Gefahr an dem Seile hinunter. Flinte, Jagdtaſche und Beil hatte er natürlich mitgenommen. Auf dem Grunde der Schlucht angelangt, unterſuchte er vor Allem die Höhle. Sie ging ſeitwärts, ſchräg abfallend unter dem Gletſcher hin. Uly fand ſie über Manneshöhe, und den Boden felſig und vollkommen trocken. Neue Hoffnungen ſtuͤrmten auf ihn ein. Nach⸗ dem er ſich wieder in den Beſitz ſeines Seiles geſetzt und es um ſeinen Körper gewickelt hatte, drang er mu⸗ thig in die Höhle ein, und ging ſchnellen Schrittes darin entlang. Nirgends fand er ein Hinderniß ſeines Vordringens. Ueberall war die Höhle trocken, und das Gletſcher⸗Eis ließ Licht genug hindurch dringen, um ihn den Weg erkennen zu laſſen. Zuweilen ging es ſehr ſteil hinab; zuweilen verengerte ſich die Grohe, doch nicht in dem Maße, daß er nicht hätte weiter kom⸗ men können. Weiter und weiter drang Uly vorwärts. Vier oder fünf Stunden mochten nun ſchon ver⸗ gangen ſein, ſeit er den Höhlengang betreten hatte, und noch immer konnte er das Ende deſſelben nicht abſehen. Aber er ermattete nicht, er raſtete nicht. Plötzlich ſtand er vor einem ſteilen Abgrunde, deſſen Tiefe er nicht zu ermeſſen vermochte. Auch der Abgrund ſchreckte ihn nicht. Er befeſtigte ſein Seil an einem vorſpringenden Felszacken, und ließ ſich muthig in die Tiefe hinunter. Gott ſei Dank, er gelangte wieder auf feſten Bodeli! Den größten Theil des Seiles mußte er freilich hier zurücklaſſen, aber er konnte doch wieder weiter eilen. 8* Alpenſtock in einer Weiſe, die jede Gefahr eines Stur⸗ — 841 Jetzt machte der Höhlengang plötzlich eine ſcharfe Biegung nach links,— er erweiterte ſich mit jedem Schritte, und bald glaubte Uly in der Ferne das helle Tageslicht ſchimmern zu ſehen. In athemloſer Haſt ſturmte er vorwärts,— ein Freudenſchrei entrang ſich ſeiner Bruſt,— er hatte ſich nicht getäuſcht,— er erreichte den Ausgang des Höhlenganges,— ein im erſten Grün des Frühlings ſchimmerndes Thal lag vor ihm, hinter ihm die rieſigen Gletſchermaſſen, aus denen Gott ihm den Ausgang geöffnet und gezeigt hatte,— über ihm wölbte ſich das blaue Himmelsgewölbe, und aus nicht weiter Ferne glänzten die ſonnebeſtrahlten wohlbekannten Gipfel der Berge herüber, welche das Matterthal, ſeine Hütte, ſein Weib und Kind in ſchützen⸗ der Umarmung umgaben. Uly ſchaute wie trunken um ſich, über ſich! Dann ſank er im Uebermaße ſeiner Gefühle auf die Kniee, betete ein Dankgebet zu Gott, und wehrte den Freuden⸗ thränen nicht, die ſeinen Augen entſtrömten. Er war gerettet! Frei lag der ſichere Pfad vor ihm, der ihn in die Arme ſeiner Liebe führen mußte. Er gebrauchte eine kurze Raſt, um den Sturm ſei⸗ ner Gefuͤhle austoben zu laſſen; dann aber machte er ſich auf, und eilte der Heimath zu. Mit beflügelten Schritten ging er dahin. Jetzt erkannte er die erſten Häuſer ſeines Dorfes, jetzt ſah er ſeine kleine Hütte, jetzt erreichte er ſie und öffnete athemlos die Thür, und da,— da ſtand ſein Weib, da ſaß ſein Toni am höl⸗ zernen Tiſche,— und jetzt, jetzt lagen ſte einander in den Armen, und die Ueberfülle des Glückes äußerte ſich in halb erſtickten Ausrufen unſäglichen Entzuͤckens, und Keine Ruͤckkehr. 6 8 82 in den ſüßeſten Thraͤnen, die jemals menſchliche Augen vergoſſen haben! Einen Schleier über dieſes Wiederfinden nach ſo langer, ſchrecklicher und hoffnungsloſer Trennung. Später kamen die Nachbarn; ſie ſahen, ſie hoͤrten, ſie ſtaunten, ſie riefen Wunder über Wunder. Auch Uly hörte und erfuhr, was geſchehen und nicht ge⸗ ſchehen war. Er vernahm, daß ihn der ehrliche Hans Sprüngli nicht vergeſſen, ſondern richtig die Kunde von ſeinem Leben nach dem Dorfe gebracht hatte. Obgleich man ſie kaum hatte glauben können, ſo würden die Nachbarn gleichwohl nicht geſäumt haben, ihm Hülfe zu bringen, wenn der ungeheure Schneefall es nicht verhindert hätte. Unter Hoffen und Bangen war all⸗ mählig der Winter vergangen, und endlich dann auch der Frühling auf den Flügeln des Sturmes gekommen. Aber trotzdem war es noch nicht möglich geweſen, bis zur oberen Gletſcher⸗Region vorzudringen. Obgleich der Föhn ungeheure Maſſen von Schnee geſchmolzen hatte, lagen doch noch größere Maſſen in den Schluchten und auf den Abhängen, und konnten dort vielleicht noch Wochen lang liegen und unüberſteigliche Wälle bilden. Darum freute ſich Uly jetzt doppelt ſeiner Erlöſung, und Weib und Kind, ſo wie die Nachbarn, Alle, Alle 8 freuten ſich mit ihm und lobten den Herrn. Uly aber, als er die Geſchichte ſeiner Leiden aus⸗ führlich erzählt hatte, umarmte mit Zärtlichkeit Weib und Kind, und ſprach: „Siehe, liebe Frau, und du, Knabe, aus ſo ſchwerem Geſchicke, wie es uns beſchieden geweſen, wollen wir eeine feine Lehre ziehen, und ſie nie vergeſſen, was für K mmer, Nvi und Sorge noch auch die Jaengſee* 2 4 ——— 83 uns in ihrem Schooße bergen möge. Dort oben, in der gräßlichſten Einſamkeit, abgeſchnitten von aller Welt, und faſt jeder Hoffnung bar, habe ich kennen gelernt die Kraft Gottes, die mich gehalten, gehoben und ge⸗ tragen hat. Dort ſagte ich mir: Gott i*ſt überall bei dir, und überall, auch in den ſchwerſten Gefahren, ſpricht Seine mächtige Stimme tröſtend zu dir:„Rufe mich an in der Noth, und ich will dich erretten, und du ſollſt mich preiſen. Amen!« »Amen!« ſprachen Mutter und Sohn leiſe nach, und Alle prieſen Gott in ihrem Herzen, und dankten dem Allmächtigen jeden Tag im Gebete für die wunderbare Kettung des theuren Familien⸗Hauptes aus ſo uner⸗ hörten und großen Gefahren.— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. — 3 9 * 3* * ff ffffffffff 18