Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für echentlich 2 Bücher: 4 Bücher:„ 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mcr.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 wtr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. dür beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe t auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8. Ritter und Bauer. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. 4 Von Franz Hoffmann. — Mit vier Stahlſtichen.“ 8 4 Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1862. Erſtes Kapitel. Die zwölf Artikel. In der Gaſtſtube des Wirthshauſes zu Dorf Bockin⸗ gen, eine halbe Stunde von der Reichsſtadt Heilbronn in Schwabenlande gelegen, ging es an einem Sonntage im Monat März des Jahres 1525 luſtig zu. In der Unterſtube ſaßen muntere Zecher beim Schoppen, tran⸗ ken den bernſteinfarbenen Wein, und plauderten mit einander von den ſchweren Zeiten und von den ſchweren Laſten, die ihnen von Geiſtlichkeit und Adel aufgebürdet ſeien. „Es kann aber doch wohl nicht ſo ſchlimm ſein, wie ihr es macht,“ ſagte ein hübſcher junger Mann mit blonden Locken und blauen Augen, der, auf ein breites Schwert geſtützt, der Unterhaltung der Gäſte, welche meiſtens Bauern aus Böckingen und den nächſten Dör⸗ fern waren, zugehört hatte.„Man ſieht euch keine Noth an, und die Schöpplein werden recht fleißig geleert, wie ich bemerke.“ „Ach, junger Herr,“ erwiederte einer von den älte⸗ ren Bauern,„Ihr dürft nicht nach dem Scheine ur⸗ Ritter und Bauer.— 1 8 — * 2 theilen, der allerdings wider uns ſpricht. Aber heute iſt Sonntag! Ein Mal in der Woche muß es ja wohl erlaubt ſein, auf ein paar Stunden Elend, Noth und Sorge zu vergeſſen. An Wochentagen kommt kein Tro⸗ pfen Wein über unſere Lippen, und kein Stückchen Fleiſch auf den Tiſch. Wein, Braten und Fiſch gehört den Herren, den adeligen und den geiſtlichen, und wir armen Bauern müſſen uns ſchinden und plagen für ſie. Fragt nur den Wirth hier im Hauſe, den Jakob Rohr⸗ bach oder Jäcklein, wie wir Bauern ihn kurzweg nennen, der hat ein flinkes Mundwerk und kann Euch erzählen und beweiſen, wie kreuzübel der arme Bauer hier zu Lande geſtellt iſt. Frohnden und Abgaben muß er lei⸗ ſten, daß ihm kaum mehr als das nackte Leben übrig bleibt. Fragt ihn nur, Herr, und Ihr werdet richtigen Beſcheid bekommen, und dann gewiß Mitleiden mit uns fühlen, und keinen Stein auf uns werfen, daß wir uns Sonntags einmal ein Schöpplein Wein ver⸗ gönnen.“ »„Das ſei ferne von mir, euch deshalb zu tadeln,« verrſetzte der freundliche Jüngling.„Ich weiß es wohl, daß euch armen Böckingern ein ſchweres Loos beſchieden iſt. Leibeigene ſeid ihr doch?« „Ja wohl, Alle, wie wir da ſind,“ lautete die Ant⸗ wort.„Welche von uns gehören dem benachbarten Adel, welche der Reichsſtadt Heilbronn, und die Meiſten den Herren vom Deutſchorden, dieſem Mitteldinge von Pfaf⸗ fen und Rittern, in hieſiger Gegend reich begütert.“ Der Junker nickte.„Dacht' es mir wohl,“ ſagte er.„Aber nur Geduld, es werden für euch andere und beſſere Zeiten kommen, und vielleicht ſind ſie ſchon näher, 5 2 ϑ »Ach, Herr, das habt Ihr vom Jäcklein,“ erwie⸗ derte der Bauer.„Schon lange ſingt er uns ein feines Liedchen von Befreiung der Leibeigenſchaft und von an⸗ deren Freiheiten in die Ohren. Aber ich kann ihm nicht Glauben ſchenken, ob er gleich ein geſcheiter Kopf iſt, und ein trutziger, verwegener Geſell, der keinen Reſpect, nicht vor Pfaff und nicht vor Edelmann kennt. Ja, ja, ſelbſt von Obrigkeit und Gericht läßt er ſich nichts bie⸗ ten und gefallen, hat er doch noch erſt vor ein paar Jahren die Keckheit gehabt, an Schultheiß und Gemeinde von Dürrenzimmern auf eigene Hand einen Fehdebrief zu ſchicken, und man hat ihm trotzdem nichts anhaben können. Ja, ja, er iſt ein verwegener Geſell, und ich glaube ſchon, was man von ihm munkelt von wegen des Schultheißen von Böckingen, dem adeligen Herrn Jakob von Oberhauſen.“ »Was munkelt man?“ fragte der Junker.„Sprecht frei heraus, Mann, ich bin der Bauern Freund, nicht ihr Feind.“ „St! Man darf nicht laut davon reden,“ verſetzte der Bauer, und warf einen vorſichtigen, mißtrauiſch for⸗ ſchenden Blick herum.„Der Jäcklein will nicht gern daran erinnert ſein, aber,“— fügte er flüſternd hinzu, —„wahr iſt's doch, daß er den Schultheißen, der ihm feind war, mit eigener Hand erſtochen hat. Beweiſen hat's Keiner können, dazu hat's der Jäcklein zu fein angeſponnen, aber es weiß trotzdem doch Jedermann, daß kein Anderer, als er, die That begangen hat.“ »Hm, da iſt's in Wahrheit viel, daß er nicht hinter Schloß und Riegel ſitzt, ſondern frank und frei umher⸗ gehen darf,“ meinte der Junker. »Ja, das macht, weil ſich die Richt herrn fürchten vor ihm,“ ſprach der Bauer leiſe weiter. „Er ſteckt tieß in Schulden, und doch wagt es kein Gläu⸗ biger, ihn zu drängen. So der Stiftsvicar in Wimpfen z. B., Wolf Faber heißt er, dem ſchuldete der Jäcklein auch ſeit mehreren Jahren die Gült, und verſuchte es, ihn zu drängen. Der Jäcklein aber lachte, und behaup⸗ tete, der Vicar überfordere ihn. Da klagte der Vicar, und der Schultheiß von Böckingen lud Jäcklein vor Ge⸗ richt. Jäcklein lachte abermals, und da er eines Tages den Vicar auf der Straße traf, ſo lief er ihm nach und ſchrie ihm zu:„Pfaff, Pfaff, ſpar' dich nit, ich will mich auch nit ſparen, und ruf' alle die an, die dir nutz und gut ſein; denn ich will mich auch nicht ſäumen.“ Da fragte ihn der Vicar erſchrocken, wie er das meine? —„Wirſt es ſchon merken, Pfaff, am angeſetzten Rechts⸗ tag,“ rief der Jäcklein höhniſch, und drehte dem Vicar den Rücken zu. Am Rechtstag aber, wo der Jäcklein verurtheilt werden ſollte, was geſchah? Des Jäckleins Anhänger und Freunde, die er zuſammenberufen, lauer⸗ ten in hellen Haufen dem Vicar auf, und drohten ihn todt zu ſchlagen, wenn er ſich zum Rechtstage ſtellen würde. Der Vicar rief zwar den Heilbronner Rath und den Dechanten ſeines Stifts um Hülfe an, aber es nützte ihm nichts. Die Herren fürchteten ſich ſelber ſehr vor dem Jäcklein, und riethen dem Vicar, die Sache fallen zu laſſen. Das geſchah, und Jäcklein war der Schuld ledig.«. „Ein verwegener Geſell der, in der That,« ſprach der Junker mehr für ſich hin, als zu dem Bauer.„Man wird ein Auge auf ihn haben müſſen?« Indem ging die Stubenthür auf, und ein Mann trat herein,— noch jung, breitſchultrig, und mit einem † —.— 42— —— —. — — 5 kecken Geſicht, aus welchem ein Paar gläſerne Augen blitzten. „Da iſt er,“ ſagte der Bauer,—„das iſt der Jäck⸗ lein ſelber.“ Der Junker drehte ſich um und nickte. „Ich kenne ihn ſchon,“ erwiederte er. Jäcklein ließ ſein Auge durch die Stube ſchweifen, bis ſie auf der Geſtalt des Junkers haften blieben. »„Junker Egbert, auf ein Wort!“ rief er ihm zu. Der junge Mann ſchritt ſogleich auf die Thür zu und mit Jäcklein durch dieſelbe hinaus. »„Geht nach oben, Herr,“ ſagte letzterer.»Alle ſind verſammelt, und auch ich folge ſogleich. Ich will nur Vorkehrung treffen, daß wir nicht geſtört werden.“ Der Junker ſtieg eine Treppe in das obere Stock⸗ werk hinauf, öffnete hier eine Thür, und trat in ein geräumiges Gemach. Drei Herren befanden ſich bereits in demſelben: Einer davon im Bruſtharniſch und mit dem Schwerte an der Hüfte; die Anderen im gewöhn⸗ lichen Bürgergewande. Der Mann im Harniſch, ein ſchöner, ſtattlicher Herr in noch jugendlichen Jahren, mit edlen, gewinnenden Geſichtszuͤgen, mit hoher, von ſchwarzen Locken umwall⸗ ter Stirn, mit glänzenden ſchwarzen Augen, und wohl⸗ gepflegtem Schnurr⸗ und Knebelbart, nickte dem Junker beim Eintreten freundlich zu. „Komm näher, Egbert,“ ſagte er,„damit ich dich mit dieſen Herren bekannt mache.“ Dceer Junker verneigte ſich gegen die um einen großen Tiſch herum ſitzenden Männer und nahm dann ſelbſt an dem Tiſche Platz. „Dieſer da,“ fuhr der Ritter fort,„iſt Herr Jörg 7 Metzler, der Gaſtwirth von Ballenberg, ein vom Bauern⸗ ſtande viel geliebter und geachteter Mann;— das da iſt der hochgelehrte Herr Wendel Hippler, vormals Kanz⸗ ler der Grafen von Hohenlohe, ein feiner und geſchickter Herr, wie man nur Einen im Reiche finden mag; und das der churmainziſche Keller, Herr Weigand zu Mil⸗ tenberg im Odenwald, der fürtrefflichſte Berather und Beiſtand zu unſerem Vorhaben. Das aber,“ fügte der Ritter hinzu, indem er dem Junker zutraulich auf die Schulter klopfte,„das iſt mein guter Freund und Waf⸗ fengenoſſe, Junker Egbert von Hoheneck, dem ihr Alle vollkommenes Vertrauen ſchenken könnt, denn er iſt treu wie Gold, und tapfer, wie Keiner mehr! Er wird feſt und unerſchütterlich zu uns ſtehen bei unſerem großen Werke der Befreiung.“ „So ſeid uns herzlich willkommen, Junker,« nahm der ehemalige Kanzler Hippler das Wort, indem er dem jungen Herrn über den Tiſch hinüber die Hand entgegen⸗ ſtreckte. Wen der Ritter Florian Geyer von Geyers⸗ berg auf Burg Giebelſtadt uns zuführt und mit ſo viel Wärme empfiehlt, der muß ein wackerer und zuverläßi⸗ ger Menſch ſein. Ich heiß' Euch willkommen!« „Auch ich! Auch ich!« ſprachen die anderen Herren, indem ſie des Junkers Hände ſchüttelten.„Willkommen zum großen Werke!« Der Jüngling verneigte ſich nochmals vor den Her⸗ ren, und die Ceremonie der gegenſeitigen Vorſtellung war zu Ende. »Und nun zur Berathung,“ ſagte der Ritter von Geyersberg.„Wo bleibt Jäcklein? Wir müſſen hören, was er gewirkt hat und auf welchen Zuzug wir mit Sicherheit zählen können.“ — — 1 „Er wollte gleich mir nachkommen,“ ſprach Junker Egbert,—„und wie mich däucht, höre ich Fußtritte auf der Treppe.“ Alſo war es. Wenige Augenblicke nachher trat Jäck⸗ lein in die Stube und ſetzte ſich zu den Uebrigen an den Tiſch, „Jetzt werden wir ungeſtöͤrt ſein, ihr Herren,“ ſagte er.„Was habt ihr mittlerweile beſchloſſen?« „Noch nichts,“ verſetzte Florian Geyer.„Wir war⸗ teten auf Euch. Was habt Ihr geſchafft ſeit unſerer letzten Zuſammenkunft?« „Vieles, Herr!“ lautete die Antwort.»Die Leute hier und im Hohenlohe'ſchen ſind uns ſicher, und er⸗ warten mit Ungeduld das Zeichen zum Aufſtande. An die zehntauſend Mann werden in's Feld rücken auf den erſten Ruf von mir. Aber wie ſteht es bei Euch in Franken?“ „Wie es ſoll,“ erwiederte der Ritter.„Meine Lands⸗ leute ſind bereit, und jeden Tag kann ich meine tapfere ſchwarze Schaar zu Eurem Heerhaufen ſtoßen laſſen. Wir brauchen den Tag nur zu beſtimmen.“ „Dann auf ohne langes Säumen, und wie ein Don⸗ nerwetter über die Häupter unſerer Peiniger her,“ rief Jäcklein mit grimmiger Freude.„Nieder mit den Schlöſ⸗ ſern und Zwingburgen der adeligen Blutſauger! Den Feuerbrand in die Klöſter und Abteyen der Biſchöfe und Pfaffen! Tod und Verderben über Alle, die ſich von unſerem Schweiße gemäſtet und den armen Bauer unter die Füße getreten haben, ohne ſeinen Schmerzensſchrei zu hören, ohne einen Funken Mitleid fuͤr den Verhun⸗ gernden, den Verſchmachtenden, den unglücklichen leib⸗ eigenen Knecht zu empfinden. Nieder mit ihnen, und aauf mit dem Bundſchuh!“ „Nicht zu hitzig, Jäcklein,“ ſagte Jörg Metzler von Ballenberg, eine mächtige, breitſchultrige Geſtalt, mit gelaſſener Ruhe.„Noch iſt nicht Alles fertig und be⸗ reit in den Gauen. Ich erwarte noch Nachrichten und † Botſchaften von verſchiedenen Orten her, und bevor ich ſie nicht erhalten, kann ich wenigſtens nicht mithelfen am Werke. In acht bis vierzehn Tagen vielleicht,— eher nicht.“ Jäcklein zog ein mürriſches Geſicht. »Warten und immer warten!“ ſprach er unwillig. Mittlerweile gewinnt der Feind Zeit, ſich zu rüſten, und begegnet uns am Ende mit Uebermacht.“ „Nein, fürchtet das nicht,“ wendete Hippler ein. „Ich habe das Land durchreiſt auf und nieder, und Ritterſchaft und Geiſtlichkeit überall in rathloſer Beſtüͤr⸗ zung gefunden. Sie ahnen wohl, daß ein ſchoͤeres Ge⸗ witter über ihnen ſchwebt, aber ſie wiſſen nicht, wo es zuerſt einſchlagen wird. Warten wir alſo noch kurze Zeit, dann wird die Frucht reif ſein.“ »„Ich ſtimme dem bei,“ ſagte jetzt im ruhigſten, trotz⸗ dem aber ſehr eindringlichen Tone Herr Weigand.„Noch ſind die zwölf Artikel nicht verbreitet im Lande, und wir ſind ja doch heute abſichtlich hier zuſammen getroffen,* um ſie noch einer letzten Erwägung zu umierziehen. Das 1 muß vor Allem geſchehen.“ Alle ſtimmten bei, Jäcklein ausgenommen, der mit verdrüßlicher Miene ſchwieg und an den Nägeln kaute. Er hätte am liebſten ſogleich losgeſchlagen, und ſein Haß⸗ und Rachegelüſte an den Bedrückern des Volkes ausgelaſſen. Aber er mußte ſich der Mehrzahl fügen. 1 9 „Hier ſind die zwölf Artikel,“ nahm der Kanzler Hippler das Wort.„Wir wiſſen Alle den Inhalt der⸗ ſelben, wir wiſſen, daß die darin aufgeſtellten Forderun⸗ gen nur der Billigkeit und chriſtlichen Mäßigung ent⸗ ſprechen, und ich trage deßhalb darauf an, daß wir ſie ohne Weiteres ſo, wie ſie ſind, annehmen und zu un⸗ ſerem Panier erheben, falls es die Gewaltherren auf einen Kampf wollen ankommen laſſen.“ „Auch ich bin dieſer Meinung,“ ſtimmte Ritter Flo⸗ rian Geyer bei.»Nur möchte ich, daß Ihr uns den Inhalt der Artikel noch einmal kurz und bündig vor⸗ haltet, damit Jeder zum Letzten mit ſeinem Gewiſſen Abrechnung halten kann.“ „Wohl!, ſo ſei es,“ ſagte der Kanzler.„Höret denn. Artikel I. lautet: Zum Erſten iſt unſere demüthige Bitte und Begehr, auch unſer Aller Wille und Meinung, daß wir nun fürhin Gewalt und Macht haben wollen, eine ganze Gemeine ſoll einen Pfarrer ſelbſt erwählen und kieſen(1. Timoth. 3.), auch Gewalt haben, denſel⸗ ben wieder zu entſetzen, wenn er ſich ungebührlich hielte. Der erwählte Pfarrer ſoll uns das Evangelium lauter und klar predigen, ohne allen menſchlichen Zuſatz, Men⸗ ſchenlehr' und Gebot. „Artikel II. lautet: Zum Andern, nachdem der rechte Zehent aufgeſetzt iſt im alten Teſtament und im neuen als erfüllt, wollen wir nichts deſto minder den rechten Kornzehent gern geben, doch wie es ſich gebührt. Demnach man ſolle ihn Gott geben und den Seinen mittheilen.(Hebräerbrief. Pſalm 109.) Gebührt er einem Pfarrer, der klar das Wort Gottes verkündet, ſo ſind wir Willens: es ſollen hinfür dieſer Zehent unſere Kirchenpröpſte, welche dann eine Gemeine ſetzt, einſam⸗ meln und einnehmen, davon einem Pfarrer, der von einer ganzen Gemeine gewählt iſt, ſeinen ziemlichen ge⸗ nüglichen Unterhalt geben, ihm und den Seinen, nach Erkenntniß einer ganzen Gemeine, und was überbleibt, ſoll man armen Dürftigen, ſo in demſelben Dorf vor⸗ handen ſind, mittheilen, nach Geſtalt der Sache und Erkenntniß einer Gemeine. Ob Geiſtlichen oder Welt⸗ lichen, den kleinen Zehent wollen wir gar nicht geben. Denn Gott der Herr hat das Vieh frei dem Menſchen erſchaffen.(1. Moſe 1.). „Dritter Artikel. Zum Dritten iſt der Brauch bisher geweſen, daß man uns für Eigenleute gehalten hat, welches zum Erbarmen iſt, angeſehen, daß uns Chriſtus Alle mit ſeinem koſtbaren, vergoſſenen Blut erlöſt und erkauft hat(Jeſaj. 53. Petr. 1. 1. Korinth. 7. Römer 13.), den niederen Hirten eben ſo wohl, als den Aller⸗Höchſten, keinen ausgenommen. Darum er⸗ findet ſich in der Schrift, daß wir frei ſind, und wir wollen frei ſein.(Weish. 6. 1. Petr. 2.). Nicht, daß wir gar frei ſein, keine Obrigkeit haben wollen; das lehrt uns Gott nicht. Wir ſollen in Geboten leben, nicht in freiem fleiſchlichem Muthwillen(5. Moſ. 6. Matth. 4.), ſondern Gott lieben als unſeren Herrn, in unſeren Nächſten ihn erkennen, und alles das ihnen thun, was wir auch gern hätten, wie uns Gott am Nacht⸗ mahl geboten hat zu einer Letze.(Luk. 4. 6. Matth. 5. Joh. 13.). Darum ſollen wir nach ſeinem Gebot leben. Dieſes Gebot zeigt und weist uns nicht an, daß wir der Obrigkeit nicht gehorſam ſeien. Nicht allein vor der Obrigkeit, ſondern vor Jedermann ſollen wir uns demüthigen.(Röm. 13.) Wie wir auch gerne unſrer erwählten und geſetzten Obrigkeit, ſo uns von Gott — 41 geſetzt iſt(Apoſtelgeſch. 5.), in allen ziemlichen und chriſt⸗ lichen Dingen gehorſam ſind; wir ſind auch außer Zwei⸗ fel, ihr werdet uns der Leibeigenſchaft als wahre und rechte Chriſten gern entlaſſen, oder uns aus dem Evan⸗ gelium deſſen berichten, daß wir leibeigen ſind. „Vierter Artikel: Zum Vierten iſt bisher im Brauch geweſen, daß kein armer Mann Gewalt hat, das Wildpret, Geflügel oder Fiſche im fließenden Waſſer zu fangen, was uns ganz unziemlich und unbrüderlich dünkt, eigennützig und dem Worte Gottes nicht gemäß. Auch hegt in etlichen Orten die Obrigkeit das Gewild uns zu Trutz und mächtigem Schaden, weil wir leiden müſſen, daß uns das Unſrige, was Gott dem Menſchen zu Nutz hat wachſen laſſen, die unvernünftigen Thiere zu Unnutz muthwillig verfreſſen, und wir ſollen dazu ſtillſcchweigen, was wider Gott und den Nächſten iſt. Denn als Gott der Herr den Menſchen erſchuf, hat er ihm Gewalt gegeben über alle Thiere, über den Vogel in der Luft und über den Fiſch im Waſſer.(1. Moſ. 1. Apoſtelg. 19. 1. Timoth. 4. 1. Cor. 10. Coloſſer 2.). Darum iſt unſer Begehren: wenn einer ein Waſſer hätte, daß er es mit genugſamer Schrift, als unwiſſentlich er⸗ kauft, nachweiſen mag; ſolches begehren wir nicht mit Gewalt zu nehmen, ſondern man müßte ein chriſtliches Einſehen darein haben, von wegen brüderlicher Liebe. Aber wer nicht genugſame Beweiſe dafür anbringen kann, ſoll es ziemlicher Weiſe an die Gemeinde zuruͤck⸗ geben. „Fünfter Artikel: Zum Fünften ſind wir auch beſchwert der Beholzung halb, denn unſere Herrſchaften haben ſich die Hölzer alle allein zugeeignet, und wenn der arme Mann etwas bedarf, muß er's um's doppelte — Geld kaufen. Unſere Meinung iſt, was für Hölzer Geiſtliche oder Weltliche, die ſie immer haben, nicht er⸗ kauft haben, die ſollen einer ganzen Gemeinde wieder anheimfallen, und einem Jeglichen aus der Gemeinde ſoll ziemlicher Weiſe frei ſein, daraus ſeinen Bedarf ins Haus umſonſt zu nehmen; auch zum Zimmern, wenn es von Nöthen ſein ſollte, ſoll er es umſonſt nehmen dürfen, doch mit Wiſſen derer, die von der Gemeinde dazu erwählt worden, wodurch die Ausreutung des Hol⸗ zes vermieden werden wird. Wo aber kein Holz vor⸗ handen wäre, als ſolches, das redlich erkauft worden iſt, ſo ſoll man ſich mit den Käufern brüderlich und chriſt⸗ lich vergleichen. Wenn aber Einer anfangs das Gut ſich ſelbſt zugeeignet und es nachmals verkauft hätte, ſo ſoll man ſich mit den Käufern vergleichen nach Geſtalt der Sache und Erkenntniß brüderlicher Liebe und hei⸗ liger Schrift. „Sechster Artikel. Zum Sechsten iſt unſere harte Beſchwerung der Dienſte halb, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen. Wir begehren, daß man darin ein ziemlich Einſehen thue, und uns dermaßen nicht ſo hart beſchwere, ſondern uns gnädig hierin anſehe, wie unſere Aeltern gedient haben, allein nach Lant des Wortes Gottes. „Siebenter Artikel. Zum Siebenten wollen wir hinfür uns von einer Herrſchaft nicht weiter beſchweren laſſen, ſondern wie es eine Herrſchaft ziemlicher Weiſe einem verleiht, alſo ſoll er es beſitzen, laut der Verei⸗ nigung des Herrn und des Bauern. Der Herr ſoll ihn nicht weiter zwingen und dringen, nicht mehr Dienſte noch Anderes von ihm umſonſt begehren(Luc. 3. Theſſ. 6.), damit der Bauer ſolch Gut unbeſchwert, alſo geruh⸗ —— ¹ — V— 13 lich brauchen und genießen möge; wenn aber des Herrn Dienſt von Nöthen wäre, ſoll ihm der Bauer willig und gehorſam vor anderen ſein, doch zu Stund und Zeit, da es dem Bauern nicht zum Nachtheil diene, und ſoll ihm um einen ziemlichen Pfennig den Dienſt thun. „Achter Artikel. Zum Achten ſind wir beſchwert, und derer ſind viele, ſo Guͤter inne haben, indem dieſe Güter die Gült nicht ertragen können, und die Bauern das Ihrige darauf einbüßen und verderben. Wir be⸗ gehren, daß die Herrſchaft dieſe Güter ehrbare Leute beſichtigen laſſe, und nach der Billigkeit eine Gült er⸗ ſchöpfe, damit der Bauer ſeine Arbeit nicht umſonſt thue; denn ein jeglicher Tagwerker iſt ſeines Lohnes würdig. (Matth. 10.). 9 „Neunter Artikel. Zum Neunten ſind wir be⸗ ſchwert der großen Frevel halb, indem man ſtets neue Anſätze macht, nicht daß man uns ſtraft, nach der Ge⸗ ſtalt der Sache, ſondern zu Zeiten aus großem Neid und zu Zeiten aus großer parteilicher Begünſtigung An⸗ derer. Unſere Meinung iſt, uns nach alter geſchriebe⸗ ner Straf zu ſtrafen, je nachdem die Sache gehandelt iſt, und nicht parteiiſch.(Jeſajas 10. Eph. 6. Luc. 3. Jer. 16.). „Zehnter Artikel. Zum Zehnten ſind wir be⸗ ſchwert, daß Etliche ſich haben zugeeignet Wieſen und Aecker, die doch einer Gemeinde gehoͤren. Selbige wer⸗ den wir wieder zu unſerer Gemeinden Handen nehmen, es ſei denn die Sache, daß man es redlich erkauft hätte; wenn man es aber unbilliger Weiſe erkauft hätte, ſoll man ſich gütlich und brüderlich mit einander vergleichen nach Geſtalt der Sache. „Elfter Artikel. Zum Elften wollen wir den 14 Brauch, genannt der Todfall, ganz und gar abgethan haben, nimmer leiden noch geſtatten, daß man Wittwen und Waiſen das Ihrige wider Gott und Ehren alſo ſchändlich nehmen und ſie berauben ſoll, wie es an vie⸗ len Orten in mancherlei Geſtalt geſchehen iſt. Von dem, was ſie beſchirmen und beſchützen ſollten, haben ſie uns geſchunden und geſchaben, und wenn ſie ein wenig Fug hätten gehabt, hätten ſie dies gar genommen. Das will Gott nicht mehr leiden, ſondern das ſoll ganz ab ſein, kein Menſch ſoll hinfür beim Todfall ſchuldig fein, etwas zu geben, weder wenig noch viel.(5. Moſ. 13. Matth. 8. 23. Jeſ. 10.). „Beſchluß. Zum Zwölften iſt unſer Beſchluß und endliche Meinung: Wenn einer oder mehrere der hier geſtellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären, ſo wollen wir, ſo uns ſelbige Artikel mit dem Worte Gottes als unziemlich nachgewieſen werden, davon ab⸗ ſtehen, ſobald man uns es mit Grund der Schrift er⸗ klärt. Und ob man uns gleich etliche Artikel jetzt ſchon zuließe, und es befände ſich hernach, daß ſie unrecht wären, ſo ſollen ſte von Stund an todt und ab ſein, nichts mehr gelten. Desgleichen wenn ſich in der Schrift mit der Wahrheit mehr Artikel fänden, die wider Gott und dem Nächſten zur Beſchwerniß wären, wollen wir uns dieſe auch vorzubehalten beſchloſſen haben, und uns in aller chriſtlichen Lehre üben und brauchen, darum wir Gott den Herrn bitten wollen, der uns daſſelbige geben kann, und ſonſt Niemand. Der Friede Chriſti ſei mit uns Allen.“ Ein längeres Schweigen folgte der Vorleſung. Die Männer blickten ernſt und beriethen ſich mit ihren Ge⸗ 15 danken. Da nahm der Ritter, Herr Florian Geyer von Geyersberg, das Wort und ſprach: „So wahr mir Gott helfe, keiner von den Artikeln verlangt etwas Unbilliges. Ich will ſie vertreten und an ihre Durchführung Leib und Leben wagen. Es muß und ſoll ſein! Das arme Volk ſchmachtet ſo tief im Elende, daß es nur gewinnen kann, ſelbſt durch den Tod.“* „Ich denke wie Ihr,“ ſagte Herr Weigand.„Kann ich auch nicht helfen und fechten auf dem Schlachtfelde, ſo will ich doch zu Euch ſtehen mit meinen beſten Rath⸗ ſchlägen.“ „Auch ich,« ſprach der ehemalige Kanzler, Herr Wippler.„Ich ſchwöre Treue und Anhänglichkeit der guten Sache.“ „Und ich,« nahm Jörg Metzler von Ballenberg das Wort,„ich will neue Botſchaften ſenden an meine An⸗ hänger, damit ſie eiligſt rüſten und zur Durchführung der Artikel ſich bereit halten. Zum Sonntag Judica ſoll Alles fertig ſein, wenn nicht noch früher!« „Das iſt ein Wort, wie ich es gern vernehme,“« rief der wilde Jäcklein mit ſtürmiſchem Jubel. Wir hier ſind bereit! Alſo ſendet nur Botſchaft, an welchem Tage Eure Schaar zu uns ſtoßen kann, und wir wer⸗ den Euch mit offenen Armen empfangen.“ „Sei es ſo,“ ſagte Florian Geyer.„Und wo wol⸗ len wir uns treffen?“ „Im Tauberthale, ſo Gott will,“ erwiederte Jörg Metzler.„Und dann— auf nach Heilbronn! Die Stadt muß unſer werden, als ein feſter und guter Stütz⸗ punkt für unſer ferneres Vorſchreiten.“ 16 »„Es bleibe dabei,“ ſagten die Andern, und die ge— heime Sitzung war beendigt. Kurze Zeit nachher verließen die Männer in aller Stille das Wirthshaus, Einer nach dem Andern. Flo⸗ rian Geyer und Egbert gingen zuletzt, und beſtiegen ihr Roß, die Jäckleins Knecht ihnen auf dem Hofe vor⸗ führte.* „Gluck auf den Weg und ein fröhliches Wieder⸗ ſehen!“ rief Jäcklein den ritterlichen Geſtalten nach, als ſie ihre Roſſe zu ſcharfem Trabe anſpornten. Bald waren ſie in der freien, brechenden Abend⸗ Dämmerung verſchwunden. Zweites Kapitel. Die Brüder. „Und jetzt,“ ſagte Ritter Florian zu ſeinem Gefähr⸗ ten, als ſie auf der vom Monde hell beleuchteten Land⸗ ſtraße langſam neben einander hinritten,—„jetzt, mein lieber Egbert, wollen wir, nachdem wir die gemein⸗ ſamen Angelegenheiten geordnet haben, uns ein wenig mit deinen eigenen beſchäftigen. Haſt du Nachricht von deinem Bruder Rolf auf Hoheneck?« »Leider ja, denn ſie lautet nicht günſtig und zufrie⸗ denſtellend,“ antwortete der Jüngling mit einem Seufzer. »Nach wie vor weiſt Rolf alle meine Anſprüche auf 17 einen Antheil an der väterlichen Erbſchaft zurück, und will ſelbſt nicht einmal die Guter meiner Mutter an mich ausliefern, auf die er doch nicht die geringſten An⸗ ſprüche beſitzt.“ „Das iſt, ſo wie ich die Sachen kenne, im hoͤchſten Grade unredlich gegen dich gehandelt,“ verſetzte Florian. „Aber ich bin eigentlich noch nicht völlig eingeweiht in deine Verhältniſſe. Als du in mein Fähnlein Lanzknechte eintrateſt und ich dich in meine Nähe zog, ſprachſt du nichts darüber, und erſt vor wenigen Tagen erzählteſt du mir mit kurzen Worten nur, daß du mit deinem Bruder Rolf in Streit wegen hinterlaſſenen Erbes lägeſt. Näheres erfuhr ich nicht.“ „Mögt Ihr denn Alles hören, mein edler, väter⸗ licher Freund,“ erwiederte Egbert mit Wärme.„Es iſt eigentlich mit wenigen Worten geſagt. Mein Vater war zweimal vermählt. Das erſte Mal mit einer Freiin von Hammerſtein, welche ihm einen Sohn, Rolf, ſchenkte, und fünf Jahre nach der Geburt des Knaben ſtarb. Mein Vater,— ich weiß es aus ſeinem eigenen Munde,— fühlte ſich nach ihrem Tode ſehr verlaſſen auf der ein⸗ ſamen Burg Hoheneck, und ſuchte deshalb einen Erſatz für die verlorene Gattin. Auf einer Feſtlichkeit bei dem Grafen Hohenlohe lernte er ein Fräulein von Selten⸗ berg kennen, und ihre Schönheit, ſowie ihr ſittſames und tugendhaftes Weſen nahmen ihn ſehr für ſie ein. Er bewarb ſich um ihre Gunſt, und, da er noch immer ein ſchöner, ſtattlicher Herr war, tootz ſeiner vierzig Jahre, ſo wurde es ihm nicht ſchwer, Herz und Hand des Fräuleins zu gewinnen. Adelheid von Seltenberg war eine Waiſe, aber nicht unbegütert. Die ſchöne Herrſchaft in Franken, die ihren Namen trägt, gehörte Ritter und Bauer. B— 4* 2 1 18 ihr eigen. Ein Bruder ihrer verſtorbenen Mutter, der alte Graf Treutlingen, war ihr Vormund. Er machte keine Einwendungen gegen die Ehe ſeiner Mündel mit dem reichen Freiherrn von Hoheneck, aber in den Ehe⸗ pakten bedung er ausdrücklich aus, daß die Herrſchaft Seltenburg im freien und ungeſtörten Beſitze ſeiner Mündel bleiben, und dereinſt, im Fall ſie Kinder hin⸗ terlaſſen ſollte, das unangefochtene Erbtheil dieſer Kin⸗ der bleiben müſſe. Nur in dem Falle, daß ſie ohne Kinder ſtürbe, ſollte der Sohn des Freiherrn Hoheneck, Rolf, als Erbe von Seltenberg eintreten. Die darüber abgeſchloſſene Urkunde iſt in dem Archive von Hoheneck, und eine Abſchrift davon war bei dem Grafen Treut⸗ lingen niedergelegt. Ich weiß das Alles von einem alten Diener meiner Mutter, der mir von Kindheit an zu⸗ gethan war und mit Treue an mir hing. Leider hat mir dies Wiſſen aber bis jetzt nichts genützt. Nun denn, meine gute Mutter ſtarb vor ſechs Jahren, mein Vater folgte ihr bald darauf nach in's Grab, und faſt zu glei⸗ cher Zeit verſchied auch der alte Graf Treutlingen. Rolf und ich waren Waiſen. Er zählte damals fünfund⸗ zwanzig Jahre, ich erſt zwölf, und ſchlimm genug war das für mich, denn Rolf behandelte mich keineswegs als ſeinen Bruder. Von jeher hatte er feindliche Geſinnun⸗ gen gegen mich gehegt, wahrſcheinlich weil durch mein Daſein ihm das väterliche Erbe verkürzt wurde. Indeß ſo lange meine Mutter und Vater lebten, war er klug genug geweſen, ſeinen Widerwillen gegen mich zu ver⸗ bergen. Er wußte wohl, daß es die Aeltern nicht ge⸗ duldet haben würden, wenn er mich ſchnöde zu behan⸗ deln gewagt hätte. Aber nach dem Tode derſelben warf er ſeine Maske ab, und zeigte ſich in ſeiner wahren 19 Geſtalt. Er duldete mich nicht mehr in den Wohnzim⸗ mern der väterlichen Burg, ſondern jagte mich mit Scheltworten hinaus, und drohte mir mit Peitſchenhie⸗ ben, wenn ich mich jemals wieder darin blicken ließe. Was konnte ich thun gegen die Gewalt? Er war ein ſtarker Mann, ich ein ſchwacher hülf⸗ und ſchutzloſer Knabe. Verwandte von mütterlicher Seite lebten nicht mehr, und die väterliche Sippſchaft ſcheuchte Rolf mit rauhem Wort und Benehmen von ſich, ſo daß Niemand ſich um mich kümmerte, als der gute alte Chriſtoph, meiner ſeligen Mutter Diener. Als mich Rolf aus dem Zimmer gejagt hatte, fand er mich weinend im Burg⸗ garten,— weinend und rathlos, denn ich wußte nicht, was ich thun ſollte. Er redete mich an und fragte, was denn geſchehen ſei? Ich erzählte es ihm unter Schluchzen und Wehklagen. „Der Unmenſch!« rief er aus.„Er mißbraucht ſchändlich ſeine Gewalt über dich. Aber nur Geduld, die Zeit wird kommen, wo du mächtiger ſein wirſt, als er, und ſelber dein Recht fordern und nehmen kannſt, denn du biſt der rechtmäßige Beſitzer der ſchönen und reichen Herrſchaft Seltenberg in Franken, nicht Rolf, und außerdem haſt du noch gegründeten Anſpruch an die Hälfte der hinterlaſſenen Beſitzungen deines in Gott ruhenden Vaters. Ich glaub' es gern, daß du dem Rolf ein Dorn im Auge biſt, aber dennoch wird er nicht wagen, ernſtlich Hand an dich zu legen, wenig⸗ ſtens ſo lange ich lebe. Du ſtehſt von jetzt an unter meinem Schutze, und wehe deinem unbrüderlichen Bru⸗ der, wenn er in feindlicher Abſicht ein Haar auf deinem Haupte zu krummen wagt.“ »Der Zuſpruch des braven alten Chriſtoph gab mir 2* 20 Troſt, aber nur für einen Augenblick, denn plötzlich ſtand Rolf mit furchtbar drohendem Geſicht hart neben uns, packte Chriſtoph wild am Arm, und ſchrie ihm heftig zu:„Alter Schurke, willſt du dich gegen dei⸗ nen Herrn auflehnen? Mit den Hunden laß ich dich aus der Burg hetzen, niederträchtiger Schleicher!“— So ingrimmig verzerrte Rolf bei dieſen Worten ſein Geſicht, daß mir vor Schrecken das Blut in den Adern zu erſtarren ſchien. Der alte Chriſtoph aber blieb ganz ruhig, ſah Rolf feſt in's Auge und ſprach gelaſſen, in⸗ dem er auf mich deutete:„Dieſer Knabe iſt mein Herr, nicht Ihr, denn ich bin ein Dienſtmann von Seltenberg, und Seltenberg gehört ihm. Ihm will ich dienen, über ihm wachen, und ihn beſchützen, ſelbſt gegen Euch. Wiſſet das, Junker Rolf von Hoheneck! Der alte Chri⸗ ſtoph fürchtet Euch nicht, und läßt ſich von Euch nicht einſchüchtern. Ihr könnt mich freilich mit Gewalt von der Burg jagen, aber Ihr werdet es nicht thun, wenn ich Euch ſage, daß ich dann von Burg zu Burg im ganzen Frankengau reiten, und jeden rechtſchaffenen Rit⸗ ter zum Schutze für Euren Bruder, den Junker Egbert, aufrufen würde. Ueberlegt Euch das, Junker von Hoheneck!« „Und wer hindert mich, daß ich dich nicht in's tiefſte Verließ werfe, wo dich weder Sonne noch Mond be⸗ ſcheint?« entgegnete Rolf, immer noch trutzig, aber doch mit etwas unſicherer Stimme. „Geht doch, geht,“ verſetzte Chriſtoph,— was würde Euch das nützen, alle Dienſtmannen von Junker Egberts Mutter denken wie ich, und würden im Nah fall auch handeln, wie ich. Ihr wißt das wohl. Alſe gebt Euch zur Ruhe. Der Knabe Cgbert bleibt hier 5 241 unter meinem Schutze, bis er mundig geworden iſt, und dann wohl ſein gutes Recht von Euch fordern wird. Ihr ſeid ſein natürlicher Vormund,— da Ihr aber nicht ſein Beſchützer ſein wollt, ſo muß ſchon ein An⸗ derer als Solcher eintreten! Thut nun, was Euch gut dünkt.“— Mein Bruder, ohne zu antworten, drehte dem alten Chriſtoph den Rücken zu und kehrte in die Burg zurück. Mich aber nahm der alte Chriſtoph mit in ſeine Wohnung, wies mir zwei Zimmer neben den ſeinigen an, und da lebten wir ganz ruhig und unge⸗ ſtört in einem Nebengebäude der Burg. Rolf kuͤmmerte ſich nicht mehr um mich; er ſchien mich gänzlich ver⸗ geſſen zu haben. Wenn wir uns zufällig auf dem Burg⸗ hofe oder ſonſtwo trafen, ſo wandte er ſeine Augen von mir ab, wie von dem gleichgültigſten Gegenſtande in der Welt. Der gute alte Chriſtoph aber unterrichtete mich und ſorgte für mich, wie ein Vater. Er lehrte mich reiten, ſchießen und die Waffen handhaben als der beſte Waffenmeiſter, und unterwies mich fleißig in allen rit⸗ terlichen Dingen. So lebte ich froh und ſorglos, bis vor drei Monaten mein alter treuer Chriſtoph ganz plötzlich vom Tode hinweg gerafft wurde. Am Abend hatte er ſich munter und geſund, wie immer, zur Ruhe begeben,— am andern Morgen fand ich ihn kalt und leblos in ſeinem Bette.“ „Das war ein harter Schlag fuͤr mich, Ritter Flo⸗ rian. Aber ich war nun kein Knabe mehr, ich fühlte die Kraft in mir, meinem unnatürlichen Bruder entgegen treten und von ihm mein Eigenthum fordern zu können. Und dies that ich, ſobald die Leiche des guten alten Chriſtoph in die Gruft verſenkt worden war. Von ſeinem Grabe ging ich in die Burg, und trat in das 22 Zimmer meines Bruders. Mit höͤhniſcher Miene em⸗ pfing er mich.—„Dacht' ich mir's, daß du kommen würdeſt,“ ſagte er.„Dein Beſchützer iſt todt, und du ſuchſt einen andern. Nun, wenn du fein demüthig und folgſam biſt, und mich nicht weiter mit deiner Geſell⸗ ſchaft behelligſt, ſo magſt du in Gottes Namen hier bleiben und das Gnadenbrod aus meinen Speiſen em⸗ pfangen.“—„Ich verlange kein Gnadenbrod von dir, Bruder Rolf,“ gab ich ihm zur Antwort,—„ich ver⸗ lange nur mein Recht. Liefere mir das Erbe von mei⸗ ner Mutter aus, und ich werde dich nicht mehr mit meiner Gegenwart behelligen.“— Er lachte ſpöttiſch auf.„Das Erbe von deiner Mutter verlangſt du?« rief er voller Hohn.„Thörichter Knabe, denkſt du nicht daran, daß ich der ältere Sohn menes Vaters bin, und daß auf mich allein ſeine ganze Hinterlaſſenſchaft über⸗ gegangen iſt? Ich allein bin der Erbe von Hoheneck und Seltenberg, und wenn ich dir das Gnadenbrod zu eſſen gebe, ſo magſt du Gott und mir für meine Milde danken.« »Du lügſt, Rolf,“ entgegnete ich entrüſtet.„Selten⸗ berg gehört mir nach gut verbrieftem und verſiegeltem Recht.“ »Und wo ſind die Briefe? Wo ſind die Siegel? Zeige ſie vor!“ ſagte er.„Wo haſt du ſie?« „Ich habe ſie nicht,“ gab ich zur Antwort,„aber ich weiß, daß das Dokument hier im Archiv niedergelegt iſt, und daß der Graf Treutlingen, meiner Mutter Oheim, eine Abſchrift davon empfangen hat.« „Wohl, ſo geh' in's Archiv und ſuche das Doku⸗ ment,« erwiederte er mit einem Lächeln voller Hohn. 23 „Hier iſt der Schlüſſel,— geh' und ſuche! Ich will dich nicht daran hindern.“ „Mit Begierde ergriff ich den Schlüſſel und eilte fort nach dem Archiv, das in einem feuerfeſten Gewölbe in einem der dicken Thürme, die Schloß Hoheneck flan⸗ kiren, beſteht. Ich ſah noch im Hinausgehen, daß Rolf mir einen höhniſch triumphirenden Blick nachſchickte, und mit Schrecken dachte ich daran, daß Rolf wohl gar die Urkunde vernichtet haben könnte. Aber der Gedanke, daß die Abſchrift davon im Treutlingen'ſchen Archive liegen müſſe, gewährte mir wieder Troſt. Als ich das Gewölbe betrat, wo die alten Pergamente und Briefe aufbewahrt wurden, überlief mich ein kalter Schauder. Es war kein Wunder; die widrige, feuchte, eingeſchloſ⸗ ſene Luft berührte mich unangenehm. Doch achtete ich nicht weiter darauf, denn ich hoffte noch immer, das Dokument zu finden, welches meine Anſprüche begrün⸗ det. Die feuerfeſte, eiſenbeſchlagene Thür des Archivs ließ ich hinter mir offen ſtehen, damit stwas beſſere Luft in das Gewölbe eindringen könne, und ging mit Eifer an das Durchſuchen der Pergamente. Da auf einmal ſchlug die Thür krachend hinter mir zu, das Schloß raſſelte, und ein lautes Hohngelächter erſchallte draußen. Mein Bruder war es, der mich verlachte, weil ich ſo blind in die von ihm geſtellte Falle gegangen war. Als eine ſolche glaubte ich das feſte Archiv natürlich be⸗ trachten zu müſſen. „Gleichwohl gewann ich ſchnell meine ruhige Faſ⸗ ſung wieder. Ich wußte, daß ein paar Dutzend Dienſt⸗ leute von Seltenberg auf Burg Hoheneck anweſend waren, und auf deren Beiſtand konnte ich mit Sicher⸗ heit zählen. Alſo ſetzte ich unbeſorgt meine Nachfor⸗ 24 ſchungen nach dem mir ſo werthvollen Dokumente fort. Nach ſtundenlangem Suchen war es noch nicht gefun⸗ den. Ich hatte jedes einzelne Blatt im Archive um und um gewendet,— das Dokument befand ſich nicht dar⸗ unter. Es mußte an einem anderen Orte verborgen liegen, oder— mein Bruder hatte es vernichtet. Zu— zutrauen war ihm eine ſolche That, denn er haßte mich und trachtete nach meiner Habe. „Als ich noch ſinnend da ſaß und überlegte, was ich thun könne, um zu meinem Rechte zu gelangen, raſ⸗ ſelten wieder die eiſernen Schlöſſer und Riegel an der Thür des Archivs, und gleich nachher trat mein Bruder herein, begleitet von einem großen Wolfshunde, der mich knurrend beſchnoberte. In Rolfs Zügen prägten ſich Hohn und Schadenfreude aus.“. »Nun haſt du den geſuchten Wiſch gefunden?« fragte er mich.—„Nein,“ gab ich zur Antwort,— „Gott allein vielleicht außer dir weiß, wo es verborgen ſein mag. Aber Gott wird nicht dulden, daß mir un⸗ recht geſchehe. Gib das Dokument heraus, Rolf, und ich will freiwillig auf alle Anſprüche verzichten, die ich, außer an mein mütterliches, auch an mein väterliches Erbe machen könnte.« »Ein Hohnlachen Rolfs folgte meinen Worten.„Un⸗ bärtiger Knabe,“ ſagte er,„du haſt keine Rechte, außer ſolche, die ich dir freiwillig zugeſtehen möchte. Nicht eine Handbreit Landes iſt dein, wie auch kein rother Heller. Von meiner Gnade mußt du leben als Troß⸗ bube unter Troßbuben, oder du magſt als Bettler durch die Lande ziehen. Welches von Beidem willſt du?« „»Keines von Beiden, mein Recht will ich,« ſagte ich feſt.„Du wirſt es mir nicht vorenthalten, denn ich 25 werde meine Seltenberger Leute zu meinem Beiſtande auffordern, und dann wollen wir ſehen, wer von uns Beiden der Stärkſte iſt!“ „Rolf lachte wie vorhin.„Dacht' ich mir's doch, die junge Natter will ſtechen,« ſagte er.»Rufe nur deine Seltenberger. Keiner wird dich hören, ſie ſind Alle fort. Damit mir ihre Beſeitigung um ſo leichter gelänge, ſperrte ich dich auf ein paar Stunden in das Archiv ein. Wer hilft dir nun?« „Ich werde Hülfe finden, wenn ich auch noch nicht ſagen kann, wo,“ verſetzte ich. „So ſuche ſie!« rief mir Rolf höhniſch zu.„Du kannſt gehen, Thür und Thor ſind dir geöffnet, und ich will froh ſein, wenn ich endlich dein verhaßtes Antlitz nicht mehr ſehen muß. Aber hüte dich, je wieder hier⸗ her zuruckzukehren, oder dich auf der Herrſchaft Selten⸗ berg blicken zu laſſen. Du würdeſt fuͤr immer in dem tiefſten Verließe verſchwinden.“ „Mit dieſen in finſterem, drohendem Tone geſproche⸗ nen Worten wies er mich nach der Thür. Ich wollte antworten, aber er litt es nicht.„Fort! Fort!“ ſchrie er,„oder ich hetze den Hund auf dich und laſſe dich von ihm in Stücke zerreißen! Fort!“ „Ich mußte dem Wütherich weichen, und verließ die Burg. Doch gab ich noch immer die Hoffnung nicht auf, mein Recht zu erlangen. Ich ging nach Treut⸗ lingen. Der Gerichtsamtmann dort empfing mich wohl⸗ wollend, aber mit hoffnungsloſem Achſelzucken. Rolf war mir längſt zuvorgekommen und hatte ſich gleich nach dem Tode des Grafen Treutlingen in den Beſitz der Abſchrift des für mich ſo wichtigen Dokumentes geſetzt. Daß er ſie nicht wieder herausgeben würde, ließ ſich 26 denken. Unverrichteter Sache verließ ich Treutlingen und wendete mich nach Seltenberg, feſt entſchloſſen zu einem Verſuche, Beſitz von der Herrſchaft zu nehmen. Ich zählte dabei auf die Anhänglichkeit der Seltenberg'⸗ ſchen Gutsleute, die mir ſtets Zuneigung und Liebe dargebracht hatten. Doch auch hier hatte mein Bruder Rolf vorgebeugt. Die Bauern und Dienſtmannen waren von der eiſernen Strenge eines von Rolf eingeſetzten Schloßverwalters unter ein unzerhrechliches Joch ge⸗ zwungen, und Niemand wagte es, mir Beiſtand zu lei⸗ ſten, oder gar mich als rechtsmäßigen Eigenthümer der Herrſchaft anzuerkennen. Nur mit Noth und Mühe entrann ich der Gefangenſchaft auf Seltenberg, denn ſchon hatte der Schloßverwalter ſeine Schergen gegen mich ausgeſandt, denen ich nur durch eiligſte Flucht in der Dunkelheit entrann. So blieb mir denn, von aller menſchlichen Hülfe verlaſſen und in's Elend getrieben, nichts weiter übrig, als irgendwo ein Unterkommen als reiſiger Knappe zu ſuchen. So fand ich Euch, Ritter Florian; Ihr nahmet Euch des armen, vertriebenen Jüͤnglings an, und jetzt beruhen alle meine Hoffnungen einzig und allein auf Eurem Schutze und Beiſtande.“ »Beides ſoll dir gewährt ſein,“ erwiederte der Ritter nachdrücklich.„Dein Bruder hat abſcheulich an dir ge⸗ handelt, aber ich werde ihn zu zwingen wiſſen, ſeine dir abgejagte Beute wieder heraus zu geben. Gewalt wider Gewalt! Mit meiner Hülfe biſt du jetzt mächtiger, als Rolf. Nur eine kurze Zeit noch Geduld, und du wirſt Herr auf deinem Eigenthum ſein.“ „Aber glaubt Ihr nicht, daß es gut wäre, erſt noch einmal im Guten mit Rolf zu reden?« fragte der Jun⸗ ker.»Vielleicht wenn er erfährt, daß ich mich Eures * 2 Schutzes erfreue, gibt er freiwillig nach, und es iſt dann nicht nöthig, Gewalt gegen ihn anzuwenden.“ „Willſt du einen Verſuch machen, ſo habe ich nichts dagegen einzuwenden,“ verſetzte Florian.„Nur bedenke, daß ich dich nicht begleiten kann. Meine Pflicht ruft mich zu meinen Leuen. Wenn dein Bruder ſeine Dro⸗ hung wahr machte vnd dich, anſtatt die Hand der Ver⸗ ſöhnung zu ergreifen, in den Kerker werfen ließe?« „Er wird es nicht wagen, er wird es nicht,“ gab der Junker zur Antwort.„Euer Name iſt berühmt weit und breit, auch Er wird ihn kennen und ſich ſcheuen, Euch Trotz zu bieten.« „So ſuch' ihn auf, in Gottesnamen,“ erwiederte Florian.„Was auch daraus erfolgen möge, ich werde dich nie verlaſſen.“ Junker Egbert ſprach ſeinen Dank mit warmen Wor⸗ ten aus, und bald darauf erreichten die beiden Reiter den Ort, wo ſie ihr Nachtquartier zu nehmen beabſich⸗ tigten. Am andern Morgen ſchieden ſie von einander. Der Ritter von Geyersberg ſchlug die Richtung nach Franken ein, wo ſein kleines Heer, die ſchwarze Schaar genannt, des Führers harrte; Egbert aber lenkte ſein Roß der Burg ſeiner Väter zu. Mit einem warmen Händedrucke trennten ſich die Freunde. Drittes Kapitel. Der Sturm bricht los. In den erſten Tagen des April, im Jahre 1525, ſtanden die Bauern in Schwaben auf, und zu gleicher Zeit die in Franken und im Odenwald. Aus Ober⸗ ſchüpf zog Jörg Metzler von Ballenberg mit einer Trom⸗ mel und einem Schuh auf einer Stange aus, und in großen Haufen, wie die Bienen, wenn ſie ſchwärmen, ſtürmten von allen Seiten die Bauern herzu. Das reiche Ciſterzienſerkloſter Schönthal im Jartgrunde nahm er in Beſitz und erklärte es auf eine Zeitlang für ſein Standquartier. Hier ſtießen die Bauern aus dem Halliſchen zu ihm, und brachten Kunde, daß Jäcklein Rohrbach als erwähl⸗ ter Hauptmann den Aufſtand auch im Neckarthale be⸗ gonnen und ſich bereits im Städtchen Böckingen feſt⸗ geſetzt habe. Den Schultheißen habe er gefangen ge⸗ nommen und in den Thurm geworfen, und brandſchatze nun die ganze Umgegend. Kurze Zeit nachher kam Jäcklein ſelbſt mit ſeinem Gewaltshaufen, und hier traf dann auch Florian Geyer ein mit ſeiner ſchwarzen Schaar, um ſich dem„hellen Haufen“ Odenwalds und Neckarthals anzuſchließen. Paniſcher Schrecken erfüllte bei dem allgemeinen mächtigen Aufſtande die Herzen des Adels und der Geiſt lichkeit. Viele von ihnen, ſo die Grafen von Hohen lohe, erwählten das beſte Theil und traten, indem ſie 29 die zwölf Artikel beſchworen, als Mitglieder in die ſo⸗ genannte chriſtliche Brüderſchaft ein, wodurch ſie ihre Güter, vielleicht auch Freiheit und Leben erretteten. Wer nicht dem Bunde beitrat, mußte das Schlimmſte befürch⸗ ten, denn immer mächtiger ſchwollen die Schaaren der Bauern an und verwüſteten, brannten nieder und töd⸗ teten, was ihnen Widerſtand zu leiſten wagte. Von Böckingen wälzte ſich der Zug nach Oehringen. Hier trennten ſich einige Fähnlein von dem hellen Hau⸗ fen, um nach der Tauber zurück zu gehen; Florian Geyer aber zog mit ſeiner ſchwarzen Schaar, die er aus dem Kerne der Franken, faſt lauter gedienten Kriegsleuten, gebildet hatte, und mit dem Hauptheere unter Georg Metzler und Jäcklein Rohrbach weiter im Neckarthale vorwärts, denn der Haupt⸗Angriff ſollte auf die Stadt „Heilbronn und auf das feſte Schloß Weinsberg gerich⸗ tet werden. Stadt und Feſte mußten fallen, um als Stützpunkte für die weiteren Unternehmungen zu dienen. In Neckarſulm, einem Städtchen, zwei Stunden von Weinsberg gelegen, angekommen, forderten die Haupt⸗ leute der Bauern Weinsberg und die Ritter darin auf, in ihre chriſtliche Brüderſchaft zu treten. Aber der Ober⸗ vogt von Weinsberg, der junge Graf Ludwig Helferich von Helfenſtein, zog die Unterhandlungen in die Länge, weil er Hülfe von Stuttgart her erwartete, und übte ſogar Verrath, indem er während der Unterhandlun⸗ gen mit ſeinen Reiſigen den Bauern Abbruch that, ſo viel er konnte, dem Haufen von hinten in den Nachtrab fiel, und eine Menge Bauern erſtach und verwundete. Da dies ruchbar wurde, entbrannte der Bauern Zorn; ſie brachen die Unterhandlungen ab und ſchwuren, furcht⸗ bare Rache zu üben. In hellen Haufen zogen ſie gegen 30 Weinsberg, über achttauſend Mann, mit kochendem Blute und in großer Furie. In der erſten Frühe des 16ten April, am Oſter⸗ feſte, brachen ſie auf, ſtellten ſich auf dem Schemelberge, der Stadt Weinsberg gegenüber, in Schlachtordnung, und ſchickten zwei Herolde, an einem Hute kenntlich, den ſie auf einer hohen Stange trugen, zur Stadt hin⸗ ab, um dieſelbe zur Uebergabe aufzufordern. Graf Ludwig von Helfenſtein war indeſſen nicht müßig geweſen, ſondern hatte, von dem drohenden An⸗ griffe der Bauern benachrichtigt, ſeine Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen. Schon vor Tagesanbruch waren ſeine Ritter und Reiſigen gerüſtet, und zur Verſtärkung der geringen Beſatzung auf dem Schl oſſe f fünf Reiſige ab⸗ geſchickt. Mehr konnte man nicht auf das Schloß legen, obgleich die Gräfin Helfenſtein mit ihrem Kinde und vielen Koſtbarkeiten darin waren. Der Graf verachtete auch die Bauern zu ſehr, als daß er es für möglich gehalten hätte, daß ſie ein ſo feſtes Schloß erſtürmen würden. Es galt ihm vorzüglich, die Stadt gegen den erſten Angriff zu vertheidigen, und er traf daher hier die nöthigen Anordnungen zur Vertheidigung der Thore und der Wehren. Er verſammelte ſeine Krieger und die Bürgerſchaft auf dem Markt, ermunterte ſie, herzhaft zu ſein und ihr Beſtes zu thun, und verſprach ihnen dagegen, treulich bei ihnen auszuharren, obgleich er Weib und Kind auf dem Schloſſe zurückgelaſſen habe. Auch gab er ihnen die beſtimmte Verſicherung, daß ihnen heute noch eine große reiſige Schaar von Stuttgart her zu Hülfe eilen werde. Darauf hin gelobten die Anweſenden, den Bauern 34 mannhaften Widerſtand zu leiſten, und beſetzten Thore und Wälle. Um neun Uhr Morgens rückten die Bauern an, und ihre Herolde näherten ſich dem Thore. Hier hatte ein Ritter, Dietrich von Weiler, den Befehl, ein ſtolzer Mann, der in den Bauern nur„Roßmucken“ ſah. Er trat vor auf die Mauerbrüſtung, und ſchrie den Herol⸗ den mit barſcher Stimme entgegen: „Was begehrt ihr?« „Eröffnet Schloß und Stadt dem hellen chriſtlichen Haufen,“ riefen die Herolde an die Mauer hinauf,— „wo nicht, ſo bitten wir um Gotteswillen, thut Weib und Kind hinaus; denn beide, Schloß und Stadt, wer⸗ den den freien Knechten zum Stürmen gegeben, und es wird dann Niemand geſchont werden!“ „Elende Roßmucken,“ ſchrie der von Weiler mit Verachtung zuruͤck,„eine Schande wäre es, wenn ein Ritter mit Geſindel, wie ihr ſeid, Unterhandlung pflegen wollte. Nur durch Kugeln will ich zu euch ſprechen!“ „Gebt Feuer auf die Buben,“— ſchrie er dann den nächſten Schützen zu,—„Feuer! Schont die erbärm⸗ lichen Hunde nicht! Nieder mit ihnen und all ihren Spießgeſellen!“ Mehrere Schüſſe krachten. Einer der beiden Herolde ſank getroffen zu Boden, raffte ſich aber wieder auf und rannte, auf ſeinen Gefährten geſtützt, ſo ſchnell wie mög⸗ lich zu den Brüdern zurück. Das Hohngelächter Diet⸗ richs von Weiler ſchallte ihnen nach. 8 „Da laufen ſie, wie die Haſen,“ rief er.„Gebt Acht, bei Adam, Alle werden bald eben ſo laufen, wenn ſte ihre harten Schädel an unſeren Mauern blutig ge⸗ rannt haben!« Die Bauern hatten mittlerweile von dem Schemel⸗ berge aus geſehen, was vor dem Thore von Weinsberg geſchehen war, und ein allgemeiner Wuth⸗ und Rache⸗ ſchrei ſtieg aus der Menge zu den Wolken empor. „Auf ſie, die Schurken, die Verräther!« brüllte Jäck⸗ lein Rohrbach in wildem Grimme.„Rennt die Thore ein! Schlagt ſie nieder! Tödtet ſie! Alle, Alle, Alle!« In voller Erbitterung und unter lautem Kriegsge⸗ ſchrei drängte die Maſſe der Bauern voraus. Allen voran eilte ein hoch gewachſenes, hageres Weib mit flatterndem, grauem Haar, das aufgelöſt um ihre Schul⸗ tern flog,— die ſchwarze Hofmännin, und feuerte die Wuth der Menge durch ihre Zurufe zu noch wil⸗ derem Grimme an. »Tödtet!« rief auch ſie mit gellender Stimme, die allen Lärmen übertönte.„»Mordet ſie Alle, es muß ſein, denn Gott will es ſo haben! Immer auf ſie, die adeligen Verräther, ihre Büchſen werden euch nichts ſchaden!“ So geſchah der erſte Angriff auf das untere Thor, und die Bauern ſtürmten auf mitgenommenen Leitern die Mauern hinan. Aber die Bürger der Stadt mit dem Grafen Helfenſtein leiſteten tapferen Widerſtand, warfen mit großen Steinen von den Mauern und Weh⸗ ren, ſchoſſen durch die Schießſcharten, und ſtachen mit langen Spießen und Hellebarden nach ihren Gegnern. Etliche davon ſanken todt nieder, Viele wurden verwun⸗ det, doch die Uebrigen ließen ſich nicht ſchrecken. Ihre Aexrte zertrümmerten das Thor, ihre Kugeln lichteten die Reihen der Bürger und Reiſigen, und Jäcklein, allen Anderen voran, ſchwur den Weinsbergern Mord und Brand zu. Als die Thore nicht weichen wollten, ſchleppten 33 die Bauern Sturmböcke und Balken herzu, und fuhren mit donnerndem Gepraſſel dagegen. Mittlerweile waren auch die anderen Thore beſtürmt worden, und zuerſt vom kleinen Thore her an der Kirche erſcholl der Bauern lautes Triumphgeſchrei. Sie hatten mit Huͤlfe von innen die Pforte geſprengt, und ergoſſen ſich wie ein Strom in die Gaſſen der Stadt. „Sehet, ſehet, der Herr hat die Verräther in unſere Hand gegeben!“ ſchrie jetzt plötzlich die durchdringende Stimme der ſchwarzen Hofmännin, und ihr ausgeſtreckter Arm deutete nach dem feſten Schloſſe von Weinsberg.„Unſere Fahnen wehen von den Zin⸗ nen der Burg; es ſind die Siegeszeichen Florian Geyers und ſeiner ſchwarzen Schaar! Die Braven haben die Veſte erſtürmt, und unſer iſt der Sieg!“ Ein mächtig donnerndes Jubelgeſchrei der Bauern flößte den Belagerten Todesſchrecken ein, und lähmte ihnen Kraft und Muth. Wohl ritt Dietrich von Weiler noch in der Stadt herum, und ermunterte Bürger und Reiſige zum Widerſtande; wohl warf ſich Graf Helfen⸗ ſtein mit Todesverachtung den immer wüthender anſtür⸗ menden Bauern entgegen, wohl fochten die Ritter mit äußerſter Anſtrengung, doch vermochten ſie nicht länger auf die Dauer mit Erfolg Gegenwehr zu leiſten. Die Bürger ſtiegen von den Wällen und warfen die Waffen weg. Selbſt Graf Helfenſtein erkannte die Nutzloſigkeit noch längeren Blutvergießens, und gab es zu, daß ein Bürger mit dem Hut auf einer Stange den Bauern über eine Zinne des Unterthors hinaus„Friede!« zu⸗ rief, und das Anerbieten machte, ihnen die Stadt zu übergeben, wenn ſie Alles am Leben ließen. Auch An⸗ dere ſchrieen:„Friede! Friede, um Gottes willen!« Ritter und Bauer. 3 34 Da trat Jäcklein Rohrbach vor, und rief: „Wohlan, die Bürger ſollen am Leben bleiben, die Reiter aber müſſen Alle ſterben!« „Oh, ſeid barmherzig Leute,“ bat der Schwabhan⸗ nes, der am erſten den Frieden angeboten hatte und neben welchem Graf Helfenſtein auf der Mauer ſtand. »Schont wenigſtens dieſen edlen Herrn!“« »Nichts von Schonung, am wenigſten gegen den Helfenſteiner,“ donnerte Jäcklein zurück.„Hat er etwa der Unſrigen geſchont? Er muß ſterben, und wenn er auch von Gold wäre!« Da erfaßte den Grafen, als er dieſe Worte hörte, ein Grauſen, und er beſchloß, ſein Heil in eiligſter Flucht zu ſuchen. Viele Ritter ſchloſſen ſich ihm an. Da ſie aber auf dem Markte ſich in die Sättel ſchwingen woll⸗ ten, wurden ſie von Weibern und Kindern umringt, die ihnen den Ausweg verſperrten. „Wollt ihr uns allein in der Bruüche ſtecken laſſen!“ riefen ſie den Rittern zu.„Durch euch iſt das Unglück über unſere Stadt gekommen, und ſo ſollt ihr es auch tragen gleich wie wir!“« „Gebt Raum!“ rief Graf Helfenſtein zurück und ſpornte ſein Roß, um mit Gewalt durch den Haufen zu dringen. Zu ſpät! Von vier Seiten her ſtürmten die Bauern unter wildem Geſchrei und Mordjo in die Stadt, die keinen Widerſtand mehr leiſten konnte, und überall ſah man die grimmigen Geſichter der Wüthenden, ihre von Blut⸗ durſt heißen, gerötheten Augen. An Flucht konnten die Ritter nicht mehr denken. Gleichwohl richtete ſich nur auf ſie die Wuth der Bauern. 35 Den Bürgern riefen dieſe zu:„Geht in eure Häuſer mit Weib und Kind, ſo ſoll euch Nichts widerfahren!“ Die Bürger gehorchten; Graf Helfenſtein aber mit ſeinen Rittern und Reiſigen ſuchten die höher gelegene Kirche und den Kirchhof zu erreichen, um ſich hier noch ihres Lebens zu wehren, oder ſich im Innern der Kirche zu retten. Auch der Graf flüchtete hinein. Ein Prie⸗ ſter trat ihm entgegen⸗ „Hierher, edler Herr,« ſagte er zu ihm,„auf dieſer Schneckentreppe könnt Ihr auf die Plattform des Thur⸗ mes gelangen und dort noch vielleicht Euer Leben retten.“ Der Graf ſäumte nicht, dieſem Winke zu folgen, und etwa achtzehn Ritter und Reiſige eilten mit ihm auf den Thurm hinauf. Schon aber drängten die Bauern mit Gewalt nach. Die wenigen Tapferen, welche auf dem Kirchhofe noch Widerſtand zu leiſten wagten, wurden theils niederge⸗ hauen, theils verjagt, und mit Sturmböcken wurde ſo⸗ dann die Kirchthür aufgeſprengt. Mit wildem Halloh brachen die Bauern herein, und erſchlugen bis auf den letzten Mann, wer ſich im Schiff der Kirche verborgen hatte. Selbſt in die Gruft hinein drangen ſie, und tödteten, die ſich dorthin gerettet. Noch aber fehlten ihnen Graf Helfenſtein, Dietrich von Weiler und Andere von Adel. Jäcklein Rohrbach dürſtete nach ihrem Blute, und brüllte vor Wuth, als er ſie nicht fand. Da entdeckte er den Zugang zur Wen⸗ deltreppe, und ein allgemeines Freudengeſchret erſcholl. „Hier haben wir das ganze Neſt beiſammen; ſchla⸗ get ſie Alle todt!« ſchrie Jäcklein. Ungeſtüm drängten die Bauern vorwärts, doch die Treppe war ſo eng, daß nur immer Einer nach dem 3* 8.. Andern durchkommen konnte. Gleichwohl mußten ſich die Flüchtlinge auf dem Thurme nun verloren geben. Dietrich von Weiler trat auf den Kranz des Thurmes und redete die unten ſtehenden Bauern an. „Hört mich, ihr Leute,“ rief er ihnen zu,„wir wol⸗ len uns gutwillig gefangen geben und euch noch dreißig⸗ tauſend Gulden zahlen, falls ihr uns unſeres Lebens verſichert!“ „Und wenn ihr auch eine Tonne Goldes geben woll⸗ tet,“ tönte es zurück,„ſo müßtet ihr doch ſterben, der Graf und ihr Alle; da iſt keine Gnade!“ „Keine Gnade!“ riefen andere Stimmen.„Rache! Rache für das Blut unſerer Brüder! Rache für die Siebentauſend bei Wurzach Erſchlagenen!“ Jene Siebentauſend hatte nämlich kurz vorher Graf Truchſeß von Waldburg mit großer Macht überfallen und Alle getödtet bis auf den letzten Mann, ſelbſt die, welche die Waffen wegwarfen und um Gnade gebeten hatten. „Rache! Rache!“ hallte tauſendſtimmiges Geſchrei, und indem krachte eine Hakenbüchſe, und Dietrich von Weiler, durch den Hals geſchoſſen, ſtürzte von dem Kranze auf die Plattform des Thurmes zurück. Mittlerweile waren die Bauern in großer Zahl die Wendeltreppe hinauf geſtiegen und fielen mit Grimm über die Ritter und Reiſigen her. Es gab ein fürch⸗ terliches Gedränge auf dem engen Raume, und an ernſt⸗ lichen Widerſtand von Seiten der Ritter nicht zu den⸗ ken. Viele von ihnen ſanken, zum Tode getroffen; Andere, unter ihnen der ſchon halb todte Dietrich von „Weeiller, wurden über die Thurmzinnen auf den Kirchhof hinabgeſtürzt; nur Graf Helfenſtein mit einem kleinen 37 Häuflein Tapferer wehrte ſich noch. Auch ſie mußten ſicher nach kurzem Kampfe nothgedrungen erliegen. Da kam Hülfe. „Haltet ein!« rief eine gewaltige Stimme, und ein gewaltiger Mann warf ſich mit Todesverachtung zwi⸗ ſchen die Kämpfenden.„Haltet inne, Jäcklein! Zurück, ihr Leute! Zurück, oder eure Hellebarden müſſen ſich erſt durch meinen Leib Bahn brechen!« „Jörg Metzler, du?« ſchrie Jäcklein blauroth im Geſichte vor Zorn.„Du ſchützeſt dieſe Henkersknechte 2 Hinweg! Laß unſerer Rache freien Lauf!“ „Nein, keinen Mord!“ verſetzte Jörg Metzler mit Entſchiedenheit.„Nehmet dieſe Leute gefangen! Man wird ehrlich Gericht über ſie halten, und ſie werden ge⸗ rechten Lohn empfangen, aber ermorden ſoll man ſie nicht, ſo lang ich am Leben bin und es verhindern kann!“ Obgleich ſchäumend von Blutdurſt und Grimm mußte Jäcklein es dennoch geſchehen laſſen, daß die Bauern den Befehlen Jörg Metzlers Folge leiſteten, denn dieſer war beliebter, als er, und noch dazu erwählter oberſter Feldhauptmann. So wurden Graf Helfenſtein und ſeine Gefährten entwaffnet und gebunden, und von dem Thurme hinabgeführt. Wildes Geſchrei empfing ſie unten; man erhob die Waffen gegen ſie, und ehe es noch Jörg Metzler verhindern konnte, ſtieß ein Bauer den Grafen mit einer Hellebarde in die Seite und ein Anderer verwundete einen ſeiner Genoſſen, den Ritter Georg von Kaltenthal, am Kopfe. Beide Verletzungen waren indeß nicht gefährlich und vor weiterem Unfug wußte Jörg Metzler die Gebundenen energiſch zu ſchützen. Man führte ſie ab und ſperrte ſie ein. Jäcklein Rohr⸗ bach erbot ſich, ihre Bewachung zu übernehmen, und 38 ſchwur, daß Keiner von ihnen ihm entrinnen ſollte. Jörg Metzler hielt ſich deſſen verſichert und überließ die Gefangenen Jäckleins Wachſamkeit,— wie ſich ſpäter zeigte, zu ihrem Unglück. Kaum zehn Uhr Morgens war es, und Alles ſchon vorüber. Die ganze Stadt befand ſich in den Händen der Bauern, und es gab Niemand mehr, der ihnen hätte noch Widerſtand leiſten können. Während nun das Volk plündernd in die Häuſer der vornehmſten Anhänger des Adels, die ihm wohl bekannt waren, und in die Kirche, ſowie in das Schloß eindrang, verſammelten ſich die Führer und Hauptleute, um Kriegsrath zu halten. Alle kamen, auch der vor⸗ malige Kanzler Wendel Hippler, der ſich nicht unmittel⸗ bar am Kampfe betheiligt hatte, wohl aber die Frucht des Sieges mit zu koſten gedachte,— nur Ritter Flo⸗ rian Geyer ließ auf ſich warten. Als er endlich er⸗ ſchien, ſchwebte eine finſtere Wolke auf ſeiner Stirn, und ſein dunkles Auge brannte von düſterem Feuer. Ohne der Glückwünſche und der Lobpreiſungen zu achten, welche die bereits Anweſenden ihm für die ſchnelle Er⸗ oberung des feſten Schloſſes entgegen trugen, ſprach er mit Entrüſtung von dem wüſten Gebahren der Bauern, die wie wilde Thiere in die Häuſer der Bürger ein⸗ drängen und Alles raubten, was irgend ihre Habgierde reizen könnte. „Und grade Eure Leute ſind es, Jäcklein Rohr⸗ bach, die am frechſten ſtehlen und rauben und plündern,« ſagte er mit wüthendem Vorwurf.„Schämt Euch, Mann, daß Ihr nicht beſſer Zucht haltet in Eurem Haufen. Selbſt in das Schloß hinein ſind Eure Ban⸗ den gedrungen, und wollten ſogar der Gräfin Heifenſtein 8 39 und ihren Frauen die Ketten und Ringe von Hals und Fingern reißen. Das allerdings konnt' ich verhüten und Euer Geſindel zu Paaren treiben, nicht aber konnt' ich verhüten, daß die Schurken Feuer in die Gebäude warfen! Seht ſelbſt hinaus! Das Schloß ſteht in lichten Flammen, und was uns ein feſter Stützpunkt hätte werden können, wird in wenigen Stunden nur ein elender Trümmerhaufen ſein! Und das verdanken wir Euch, Jäcklein! Ihr ſolltet Euch ſchämen!“ Jäcklein biß ſich auf die Lippen, ſprang auf und ſchien eine heftige Antwort geben zu wollen. Aber Jörg Metzler legte ſich auch hier in's Mittel, drückte Jäcklein auf ſeinen Stuhl zurück, und ſagte barſch: »Ritter Geyer hat nur die Wahrheit geſprochen! Leider habe ich mit meinen eigenen Augen geſehen, wie Eure Leute ſelbſt die ruhigen Bürger ſchinden und pla⸗ gen, ſogar Solche nicht ausgenommen, die zu unſerer Parthei gehalten. Ich rathe Euch, Jäcklein, ſeht Euren Leuten auf die Finger, oder man wird Euch auf die Eurigen klopfen!“ „Ihr ſprecht mit mir, als ob ich Euer Diener und Untergebener wäre, aber das ſollt Ihr Euch vergehen laſſen,“ antwortete Jäcklein trotzig.„Thut Ihr, was Ihr wollt,— ich werde thun, was mir beliebt, und ſomit Gott befohlen!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und verließ die Verſammlung, indem er krachend die Thür hinter ſich zuſchmetterte. Metzler wollte ihm nacheilen, um ihn ſeines ungebührlichen Betragens wegen zur Rede zu ſetzen; die übrigen Hauptleute hielten ihn jedoch zurück, und Wendel Hippler ſagte: „»Laßt ihn laufen. Er wird ſich ſchon wieder zur 40 Ruhe geben, wenn wir ihn nicht noch mehr aufreizen. Er iſt freilich ein gewaltthätiger Mann, der keine Scho⸗ nung kennt; indeß, ſeine Leute hängen ihm ſehr treulich an, und darum iſt es gefährlich, ihn auf's Aeußerſte zu bringen.“ „Schlimm, daß wir mit ſolchen Menſchen ſollen Nachſicht uͤben,« ſprach Ritter Florian finſter.„Am beſten wär' es, ihn ganz aus dem Heere auszuſtoßen, wenn er nicht beſſere Mannszucht halten kann oder will!« „Das geht nicht, er iſt zu mächtig,“ verſetzte Hipp⸗ ler.„Und außerdem, der uͤbermüthige Adel und die ſtolze Geiſtlichkeit haben wohl eine tüchtige Zuchtruthe verdient. Und jetzt laßt uns von anderen Dingen reden, Ihr Herren, wenn es euch gefällt. Zuerſt, Ritter Flo⸗ rian, wohin habt Ihr die Gräfin Helfenſtein gebracht?« »Sie ſteht unter meinem Schutze, ſie, ihr Söhnlein und ihre Dienerinnen,“ verſetzte Florian kalt und ſtolz. „Ich hoffe doch, daß wir nur gegen Männer, nicht auch gegen Damen Krieg führen?« „Gewiß,“ antwortete Hippler nachgiebig und ge⸗ ſchmeidig,—„die Gräfin iſt Eure wohl erworbene Beute und Ihr mögt Euch ein ſchönes Löſegeld für ſie zahlen laſſen. Und jetzt,— was iſt zu thun? Wir dürfen nicht hier liegen bleiben und müßig die Hände in den Schooß legen, mein' ich.“ „Gewiß nicht, ſondern vorwärts müſſen wir ſagte Metzler.„Alle Klöſter in den Gauen ringsum müſſen abgethan werden, und die Mönche ſollen hacken, graben und reuten, ſo gut wie die Bauern.“ »Vorerſt,« nahm Florian das Wort,»muͤſſen wir auf Heilbronn ziehen, und dann durch das Mainziſche V ehrlich gemeinſame Sache machen, ſondern ſich des armen 41 auf Würzburg losgehen. Haben wir das gewonnen, müſſen wir alle Domherren, Pfaffen und den geiſtlichen Fürſten ſelber hinaus jagen, und alle Herrenſitze zer⸗ ſtören. Denn,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „wenn das Volk in der Wahrheit und auf die Dauer frei werden ſoll, ſo muß der Adel wie die Pfaffen den Bauern gleich gemacht werden, ſo daß es nur einen Stand gibt auf deutſchem Boden, den Stand der Gemeinfreien!“ Vor ſolchem Vorſchlage, der das Uebel der Volks⸗ unterdrückung an der Wurzel packte und mit Stumpf und Stiel ausrieß, erſchracken aber die Uebrigen und ſchloſſen ſich der Meinung des geſchmeidigen Wendel Hippler an, welcher den Adel in das Intereſſe der Bauern zu ziehen vorſchlug. »Auch ich will,“ ſagte er,„alle die Laſten, welche die Volksfreiheit niederdrücken, aufheben, aber die welt⸗ lichen Herren und Edelleute für das, was ſie an Zoll, Umgeld, Schatzung, an vielen anderen Rechten verlieren, aus den eingezogenen Gütern entſchädigen, und dadurch ihre Beiſtimmung und ihren Beiſtand zu der neuen Volksfreiheit gewinnen. Warum ſollen wir nicht den Adel in unſeren Bund eintreten laſſen? Er hat eben ſo viel Urſache zur Klage gegen die Fürſten, wie die Bauern, und darum ſoll Einer dem Andern, Bauer und Edelmann, ſich von den Fürſten befreien helfen!“ Jörg Metzler ſtimmte lebhaft dieſen Anſichten bei, und auch die übrigen Hauptleute neigten ſich dem Vor⸗ ſchlage Hippler's zu, welcher ſchließlich angenommen wurde gegen die Warnungen des Ritters Florian. »Nie,« ſprach dieſer,„wird der Adel mit dem Bauern 42 Volkes nur als eines Werkzeuges bedienen, das er ſpä⸗ ter nach geleiſteten Dienſten beliebig wegwerfen oder zerbrechen kann. Ich kenne den Adel beſſer als ihr, denn ich ſtamme ja ſelbſt von einem adeligen Geſchlechte. Darum hört auf mich, ehe es zu ſpät iſt.« „Aber die Anderen ſchlugen ſeine Worte in den Wind und beharrten auf dem Vorſchlage Hippler's. „Wohl denn, ſo thut, was euch reuen wird,“ ſagte Florian ernſt.„Als ich meinen Rittermantel abwarf und mein Schwert für das Wohl des bedrückten Volkes zog, that ich es für die Freiheit des allgemeinen Gan⸗ zen; nicht um den Sturz von einem Theile der Herr⸗ ſchaft, ſondern um Abſchaffung des ganzen Herrſcher⸗ thums. Ihr wollt nicht Alles gewinnen, ſo ſehet denn, ob ihr nicht Alles wieder verliert!“ Nach dieſen Worten, welche theilnahmlos angehört wurden, verließ Florian Geyer die Verſammlung, von ſchweren Ahnungen bedrückt, die leider nur zu bald in Erfüllung gehen ſollten. Die Uebrigen beriethen weiter, bis die Nacht kam, wo dann Jeder ermüdet ſein Lager ſuchte. Stille und friedliche Ruhe herrſchte nun über das Städtchen. Nur Einen Ort gab es, wo man noch wachte, und dorthin müſſen wir uns im Geiſte ver⸗ ſetzen. Viertes Kapitel. Jäckleins Rache. Als Jäcklein in vollem Grimme der Rathsverſamm⸗ lung den Rücken zugekehrt hatte, ſuchte er ſein Quartier auf, und berief dorthin für den Abend auch die ſchwarze Hofmännin und Viele von den Unter⸗Hauptleuten, auf deren wilden Blutdurſt ſowohl, wie auf ihre treue An⸗ hänglichkeit an ihn er ſicher zählen konnte. „Wartet, ihr Narren,“ murmelte er mit verbiſſener Wuth vor ſich hin,—„ich will euch einmal zeigen, wie ich den Krieg gegen unſere übermüthigen Unter⸗ drücker zu führen gedenke. Weder der hochnaſige Ritter Florian, noch der Dummkopf Metzler, der nur dem ſchlauen Wendel Hippler als ſeinem Leithammel folgt, ſollen mich daran verhindern. Wie der Blitz aus blauem Himmel herab ſoll es ſie treffen, und dann werden ſie einſehen, daß wir nicht anders den Sieg erringen kön⸗ nen, als wenn wir bis über die Knöchel im Blute un⸗ ſerer Unterdrücker waten. So ſoll es geſcheßen, nach meinem Willen!“ Als es dunkel und ſtill im Städtlein Weinsberg wurde, fand ſich erſt die ſchwarze Hofmännin ein, und ihr folgten nach und nach die geladenen Bauernführer. Jäcklein hieß Alle willkommen, und bewirthete ſie reich⸗ lich mit Wein. Dann enthüllte er ihnen einen von ihm ausgeſonnenen Plan, der ſelbſt die wildeſten von den Bauern ſchaudern und erbleichen machte, und nur von 44 der ſchwarzen Hofmännin mit wahrhaft hölliſchem Jubel aufgenommen wurde. „So iſt's recht, Jäcklein,“ rief ſie und klatſchte in ihre knochendürren Hände.„Du biſt der einzige Mann im ganzen großen Haufen, und darum zieh' ich dir auch voran als Dämon und Rache⸗Furie. Sterben müſſen ſie Alle, dieſe Junker und Pfaffen! Und darum laß dich nicht irre machen und gib dein Vorhaben nicht auf, Jäcklein, denn Gott, der die Buben in unſere Hand gegeben, will es ſo.“ Ihre grimmige Beredtſamkeit riß auch die noch ſchwankenden und zagenden Bauern mit fort. Sie be⸗ ſchloſſen, Jäcklein's Plan auszuführen. Erſt gegen Mit⸗ ternacht trennten ſie ſich. »Aber ſtill geſchwiegen!“ ſagte Jäcklein noch zuletzt zu ihnen. Niemand darf darum wiſſen, als wir, denn wenn Jörg Metzler oder gar Florian Geyer Wind be⸗ kommen, würden ſie uns hindern und unſere Beute uns entreißen. Darum Schweigen! Sie dürfen erſt davon erfahren, wenn Alles vorüber iſt!“ Die Bauern gelobten Verſchwiegenheit, und die ſchwarze Hofmännin, welche ſie Alle für eine Zauberin und Meiſterin aller ſchwarzen Künſte hielten, bedrohte ſte mit den furchtbarſten Strafen, wenn ſie es wagen würden, ihre Zuſage zu brechen. So ſchieden ſie, doch nur auf wenige Stunden. Lange vor Sonnenaufgang ſchon raſſelten die Trommeln in Jäcklein's Lager und riefen ſeine Leute unter Waf⸗ fen. Die anderen Haufen vernahmen den Lärmen nicht, denn Jäcklein's Heerhaufen lag vor der Stadt. Jäcklein redete die Leute an, und ſagte ihnen, daß die gefange⸗ nen Edelleute ſterben müßten, ſammt und ſonders, und man müſſe ſie in die Spieße jagen. Das Volk jauchzte dem Redner Beifall zu und ver⸗ langte die ſofortige Hinrichtung. Da winkte Jäcklein, daß man die Gefangenen herbei führen ſolle, und ſie kamen in Ketten und Banden, umringt von brüllenden Bauern, die die Armen höhnten und ſie mit Schimpf⸗ worten überhäuften. Es waren Graf Ludwig von Hel⸗ fenſtein, Burkhard von Ehingen, Hans Konrad Schenk von Winterſtetten, Friedrich von Neuhauſen, Jörg Wolf von Neuhauſen, Hans Dietrich von Weſterſtetten, der Burgvogt auf Neuffen, Philipp von Bernhauſen, Hans Spät von Höpfigheim, Bleikard von Riexingen, Rudolf von Hirnheim, Wolf Rauch von Helfenberg, Jörg von Kaltenthal, Felix Eigen von Eigenhofen, und Weitbrecht von Riexingen. Außerdem wurden noch mehrere Knechte mit hinaus geführt, junge Reiterknaben. Man ſtellte ſte Alle auf eine Wieſe, wo jetzt Gartenland iſt, und die Bauern ſchloſſen einen Ring um ſtie. „Höret mich, ihr Mörder, Verräther und Tirannen,“ rief ihnen Jäcklein mit Donnerſtimme zu,—„Jahre, viele Jahre hindurch habt ihr die unglücklichen Bauern vor euch hergehetzt mit Hunden, wie Hunde, und habt auf ihre durch Hunger und Frohnen abgemagerten Schul⸗ tern die Peitſche erbarmungslos geſchwungen; um ge⸗ ringen Fehles willen habt ihr ſie in das Verließ hinab geſtoßen und bei Waſſer und Brod in Elend dahin ſiechen laſſen; mit Füßen habt ihr uns getreten und uns in das Antlitz geſpien; und erſt in dieſen Tagen noch habt ihr unſere Brüder verrätheriſch gemordet, während euer Mund von Worten des Friedens und der Verſöhnung heuchleriſch überfloß. Aber Gott hat euch jetzt in die 46 Macht und Gewalt der Bauern gegeben, und aus mei⸗ nem Mund ſollt ihr euer Urtheil empfangen. Ehrlos, wie ihr gelebt, und erbarmungslos, wie ihr geweſen, ſollt ihr ſterben. In die Spieße ſollt ihr laufen, wie gemeine niedrige Knechte, euch zu Schande, zu Schmach und Spott! Denn einen ritterlichen Tod habt ihr nicht verdient.“ „Bildet eine Gaſſe, ihr Leute,“ ſprach er dann zu ſeinen Bauern, und mit wildem Geſchrei gehorchten dieſe. „Jäcklein,“ ſagte Graf Helfenſtein, während die Bauern ſich aufſtellten,„dreißigtauſend Gulden gebe ich dir, wenn du mich frei ausgehen läſſeſt.« „Und gäbeſt du zwei Tonnen Goldes, ſo müßteſt du dennoch ſterben,« verſetzte Jäcklein.»Nicht wahr, ihr Männer?“ „Sterben, ſterben müſſen ſie! Alle ſterben!“ brüll⸗ ten die Bauern, deren Rachegefühl nach Blut lechzte. „Ihr Leben wollen wir, das Geld holen wir uns ſchon ſelbſt!« Mittlerweile war die Gaſſe gebildet worden. Jäck⸗ lein's Trabanten waren vorn daran, die Bauern ſtreck⸗ ten ihre Spieße vor, und Hans Weldner, ein Mann aus Neckargartach, ſchlug die Trommel, wie es in frü⸗ heren Zeiten bei Hinrichtungen der Brauch war. Un⸗ geſtüm drängten die Bauernhaufen von hinten, um die Verurtheilten dem grauſamen Tode in die Arme zu jagen. Der Anfang des ſchrecklichen Trauerſpiels ſollte beginnen. Da plöͤtzlich zerriß ein gellender Schrei die Luft, und ein junges, ſchönes Weib in prachtvollen Gewän⸗ dern, ein zartes Knäblein auf dem Arme tragend, zwängte ſich durch die Menge und warf ſich Jäcklein zu Füßen. 47 „Erbarmen! Gnade, wenn du ſelbſt auf Gottes Gnade rechnen willſt im ewigen Leben!“ rief ſie im Tone der Verzweiflung dem ſchrecklichen Jäcklein zu. „Mit Freuden will ich dir meine ganze irdiſche Habe opfern! Nimm meinen Schmuck, meine Güter, mein Gold, nimm Alles, was mir gehört, und ſchenke mir nur das Leben meines unglücklichen Gemahles und ſei⸗ ner Leidensgefährten!« „Und wer iſt dein Gemahl, Weib?« fragte Jäcklein barſch. „Es iſt der Graf Ludwig von Helfenſtein! O ſchone ſein Leben! Wir wollen ewige Urfehde ſchwören und nie wieder eine Waffe gegen Euch wenden!« Ungerührt und unbewegt ſtarrte Jäcklein die edle, vor ihm im Staube ſich krümmende Frau an; unge⸗ rührt und unbewegt, mit kalten Blicken und verſteinten Geſichtern blickten die Bauern auf ſie; die ſchwarze Hofmännin betrachtete ſie mit teufliſchem Hohnlächeln und erbarmungsloſer Härte. „Könnt Ihr jetzt bitten und flehen, während Ihr ſonſt die armen Bauern nur mit Flüchen und Verwün⸗ ſchungen überſchüttetet?« ſagte ſie, und ihre Stimme klang fühllos, hart und trocken, wie fühlloſes Metall. „Ihr kommt zu ſpät! Höre nicht auf die Thörin, Jäck⸗ lein! Iage ſie fort, oder treibe ſte mit ihrem Manne zugleich in die Spieße! Keine Gnade und kein Erbar⸗ men für die adelige Brut!“ „Keine Gnade! Kein Erbarmen!« ſchrieen die Bauern,— und Einer aus ihrer Mitte ſtach mit ſei⸗ nem Spieße nach dem Knäblein auf dem Arme der un⸗ glücklichen Mutter, daß es leicht verwundet wurde und laut aufweinte vor Schrecken und Schmerz. Die Un⸗ 48 menſchen lachten darüber, und ohne ſich weiter um die verzweifelnde Gräfin zu kümmern, ſchoben ſie wieder die Gefangenen, um ſie in die vorgehaltenen Spieße zu jagen. Da entrang ſich ein neuer Schmerzensſchrei der un⸗ glücklichen Frau; mit unbegreiflicher Kraft drängte ſie die Bauern zurück und warf ſich an die Bruſt ihres zum ſchrecklichen Tode verurtheilten Gatten. „Ludwig, Ludwig!“ rief ſte in Jammertönen.„Kann Gott ruhig zuſehen, wie dieſe Unmenſchen verfahren? Möchten ſeine Blitze doch auf ihre Häupter hernieder ſchmettern!“ „»Faſſe dich, liebes Weib,“ antwortete Graf Helfen⸗ ſtein.„Sei ſtill und demüthige dich weiter nicht mehr vor dieſen Leuten. Mein Loos iſt geworfen, Rettung unmöglich, ſo laß mich wenigſtens ſtandhaft in den Tod gehen!“ »Genug des Geſchwätzes!“ rief die ſchwarze Hof⸗ männin, riß die Gräfin aus den Armen ihres Gemah⸗ les und ſchleuderte ſie zurück unter die ſie verhöhnenden Bauern.„Laß ein Ende machen, Jäcklein, damit nicht Jörg Metzler oder Florian Geyer uns den Spaß ver⸗ derben!“ „Ja, ja, vorwärts!« ſchrie Jäcklein.„Treibt ſie in die Spieße! Vorwärts!“ Die Bauern gehorchten heulend vor Luſt und Blut⸗ gier. Der Erſte, der unter Trommelſchlag in die Gaſſe gejagt wurde, war Hans, ein Knechtt des Conrad Schenk von Winterſtetten. Er wurde ſogleich niedergeſtochen. Der Zweite, an den die Reihe kam, war ſein Herr. Auch er ſank ſofort zum Tode getroffen. „Jetzt kommt an dich die Reihe, Gräflein,“ rief ein 49 wuͤſter, hagerer Kerl von verwildertem Ausſehen, und trat dicht an den Grafen Helfenſtein heran.„Kennſt du mich noch?« „Wohl kenne ich dich, Melchior Nonnenmacher, Pfeifer von Ilsfeld,“ verſetzte der Graf.„Drängſt du dich an mich, um dich noch einmal bei mir zu bedanken, daß ich dich ſo manches Mal an meinem Tiſche geſpeiſt und dir deine immer leeren Taſchen mit Geld gefüllt habe?« „Oho, rühmt Euch nur nicht Eurer an mir geüb⸗ ten Wohlthaten,“ entgegnete trotzig der Spielmann. „»Hab' Euch dafür aufgeſpielt zu Tanz und Luſtbarkeit, und ſo ſind wir quitt. Sind auch andere Zeiten jetzt, wie früher, und ich will dir's beweiſen.“ Nach dieſen Worten nahm er dem Grafen Hut und Feder vom Kopfe und ſetzte ihn auf ſein eigenes ſtrup⸗ piges Haar. „Da ſieh' mich an, Gräflein,“ ſagte er dann höh⸗ niſch,— das haſt du lange genug gehabt, und ich will nun auch einmal Graf ſein! Und jetzt paſſ' auf! Habe ich dir einſt lange genug zu Tanz und Tafel gepfiffen, ſo will ich dir jetzt erſt den rechten Tanz pfeifen.“ Damit ſchritt er unter dem rohen Zujauchzen der Bauern vor ihm her und blies luſtig die Zinke, bis ſie dicht vor die Gaſſe kamen. „Nun tanze weiter!« rief er ihm zu und gab ihm einen Stoß, daß er in die Gaſſe hinein taumelte. An⸗ dere halfen ihm, und unter dem herzzerreißenden Jammer⸗ geſchrei der unglücklichen Gräfin, das aber von dem wilden Gebrüll der Bauern übertönt wurde⸗ hauchte Graf Helfenſtein ſein Leben aus.“— 3 Den Erſten folgten die übrigen Opfer. Alle ver⸗ Nitter und Bauer. 4 50 bluteten ſie unter den Spießen der Bauern, deren Rache⸗ durſt aber noch immer nicht ganz geſättigt war, denn ſie mißhandelten auf die roheſte Weiſe auch die fuͤhl⸗ loſen Leichname noch. Jäcklein ſelber blieb nicht zurück. Er riß dem todten Grafen Helfenſtein das blutige Koller und die damaſtene Schaupe ab, ſchmückte ſich damit und trat dann frech vor die in Thränen zerfließende Gräfin, indem er ſprach: „Nun, Frau, wie gefall' ich Euch jetzt in der da⸗ maſtenen Schaupe?« Die Gräfin hatte keine Antwort auf die entſetzliche Anrede, ſondern verging faſt vor Schrecken und Betrüb⸗ niß, als ſie den Mörder ihres Gemahls in deſſen Ge⸗ wande vor ſich ſah. Doch die Bauern achteten wenig ihres Schmerzes und ihrer Betrübniß. Sie riſſen ihr mit gieriger Hand allen Goldſchmuck und alles Ge⸗ ſchmeide vom Leibe, zerfetzten ihr ſogar die Kleider und ſetzten ſte dann zum allgemeinen Hohne mit ihrem ver⸗ wundeten Söhnlein und einer Dienerin auf einen Miſt⸗ wagen, um ſie darauf nach Heilbronn zu führen. „So muß es kommen!“ rief ihr die ſchwarze Hof⸗ männin mit gellendem Lachen nach.„In einem golde⸗ nen Wagen biſt du nach Weinsberg eingefahren; in einem Miſtwagen fährſt du hinaus!“ Geſchrei und Hohngelächter ſchallte der unglücklichen Frau nach, und die aufgeregte Menge freute ſich noch jubelnd der begangenen Frevelthaten, als plötzlich mitten unter ihnen eine hohe, ſchwarz gepanzerte Reitergeſtalt erſchien und dicht vor dem erſchrockenen Jäcklein die Zügel anzog. Hier ſchlug er das Viſier ſeines Helmes zurück und warf einen Blick voller Zorn, Schmerz und Abſcheu auf Jäcklein und ſeine blutigen Genoſſen. 51 „Mörder, elender Mörder und Verräther,“ ſprach Florian Geyer,— denn er war der Ritter— in dum⸗ pfem Tone zu dem in ſeinem Grimme zitternden Bauern⸗ Anführer,—„du haſt deine Hände in Blut getaucht und eine Schandthat veruͤbt, die Gottes und der Men⸗ ſchen Rache auf unſer Aller Haupt herabziehen muß. Elender Mörder, ſage ich nochmals, wer gab dir Auf⸗ trag, unſere Gefangenen zu morden?« Jäcklein hatte ſich indeß einigermaßen wieder gefaßt, 8 da er ſah, daß ſeine Bauern den Ritter mit feind⸗ lichen Blicken anſtarrten, ſo faßte er wieder friſchen Muth und ſeine gewöhnliche kecke Frechheit kehrte zurück. „Wer gibt Euch das Recht, mich zu ſchimpfen, zu ſchmähen und Rechenſchaft von mir zu verlangen?« er⸗ wiederte er trotzig.»Was ich that, ich habe es kraft meines Amtes als Bauern⸗Hauptmann gethan, und bin Niemandem Rechenſchaft dafür ſchuldig, als höchſtens dem ganzen verſammelten Kriegsrathe. Und auch dieſem nur, wenn es mir ſo beliebt, denn meine Macht und mein Einfluß ſind größer und ſtärker, als der von euch Allen! Nicht wahr, ihr lieben Leute, die ihr zu mir haltet? Hab' ich recht geſprochen und nach Eurem Herzen?« Laute, zuſtimmende Zurufe, vermiſcht mit Droh⸗ gemurmel gegen den Ritter, erſcholl aus dem Haufen der Bauern, und die Mündungen mehrerer Hakenbüchſen wurden auf Florian Geyer gerichtet. „»Verblendete Menſchen, euch beklage ich mehr, als ich euch zerabicheneie ſagte Florian mit erhobener Stimme zu dem Haufen. Ihr ſeid nur verführt von dieſem Buben, dem Jäcklein Rohrbach, und ſeine Werkzeuge. Dich aber, Jäcklein, dich verabſcheue und verachte ich 4* bis auf den Grund der Seele, und bitte Gott, daß er dich richten möge für deine blutige Schandthat nach ſeiner Gerechtigkeit. Fortan will ich nichts mehr mit dir und deiner heulenden Wolfſchaar zu ſchaffen haben, ich will nicht länger der Genoſſe von Henkern und Mördern ſein. Das aber ſage ich euch, dieſes hier ſchändlich vergoſſene Blut dampft Rache heiſchend zum Himmel auf, und in dieſem Blute wird die gerechte Sache, die Befreiung des geknechteten Volkes, elend er⸗ ſticken. So ſeid ihr doppelte Moͤrder: die Mörder dieſer Unglücklichen und die Mörder der deutſchen Freiheit. Darum fluche ich euch, wie jedes edle Herz, jedes recht⸗ ſchaffene Gemüth ebenfalls euch fluchen muß und fluchen wird!« Nach dieſen ſtrengen Worten warf er ſein Pferd herum und verließ in langſamem Schritte die Blutſtätte. Niemand wagte es, ihm eine Schmähung nachzurufen. Die Bauern blickten voll Beſtuͤrzung hinter ihm her, und ſelbſt Jäcklein und die wilde ſchwarze Hofmännin mochten etwas wie Reue uber das Geſchehene empfin⸗ den. Ohne Zweifel rief ihnen ihr Gewiſſen zu, daß Florian Geyer's Fluch an ihnen in Erfüͤllung gehen werde, in Erfüllung gehen müſſe, und das erfullte ihre Seele mit bangem Schaudern vor einer, vielleicht ſchon nahe bevorſtehenden, entſetzenvollen, rächenden Zukunft. Fünftes Kapitel. 2 Florian's nächſte Schritte. Florian war im innerſten Herzen empört über das unmenſchliche Verfahren Jäcklein's. Er ſah die Folgen davon voraus, und ſie erfüllten ihn mit tiefer Trauer um das Schickſal des armen, unglücklichen Volkes, deſſen Wohl er ſein ganzes Leben gewidmet, dem er die höͤch⸗ ſten Opfer gebracht hatte. Konnte, durfte er mit ſol⸗ chen Leuten die gleiche Straße ziehen? Unmöglich! Dagegen ſträubte ſich ſein ritterlicher Sinn, ſein ehr⸗ liches Herz, ſein durchaus braves Gemüth! Aber konnte, durfte er die Sache verlaſſen, für die er kämpfte? Nimmermehr! Alle Standesvorurtheile hatte er abgeſtreift, vom Ritter hatte er ſich freiwillig zum Mann des Volkes herabgelaſſen;— um ein ehrlicher Mann zu bleiben, mußte er bei'm Volke aushalten! „Wohl denn, bei'm Volke alſo, aber nicht bei die⸗ ſen Führern— Verführern des Volkes!« murmelte er vor ſich hin, indem er langſam ſeines Weges ritt. »Welches Ende mir denn auch beſchieden ſei, ich kämpfe für eine gerechte Sache, und Gott wird mich nimmer verlaſſen!« Am nämlichen Tage noch kündigte er ſeinen getreuen Landsknechten an, daß er ſich von dem hellen Haufen Jäcklein's trennen werde. Als er ihnen die Gründe üeſes Schrittes mittheilte, ging ein Schrei der Entrüſtung 54 durch die tapfere Schaar, und Alle billigten Wort und That des ritterlichen Anführers. Auch Jörg Metzler und die übrigen Bauern⸗Hauptleute geriethen in heftigen Zorn gegen Jäcklein, und ſchalten uͤber ſein einſeitiges gewaltthätiges und ſchändliches Verfahren. Jäcklein wurde dadurch bewogen, ſich nach einigen Tagen mit ſeinem Haufen von den übrigen Aufſtändiſchen zu tren⸗ nen, und zog fortan ſeine eigene Straße. Mittlerweile erinnerte ſich Ritter Florian einer Pflicht, die er in der Aufregung des Tages gänzlich hintan ge⸗ ſetzt, der Pflicht nämlich gegen die unglückliche Gräfin Helfenſtein, welcher er ſeinen Schutz und Schirm ver⸗ ſprochen hatte. Die ſchnell eingezogenen Erkundigungen ergaben, daß die Gräfin nebſt ihrem Söhnlein und ihrer Kammerfrau nach Heilbronn geſchafft worden ſei, und ſofort beſchloß Florian, mit ſeiner ganzen Schaar ihr zu folgen. Denn, obgleich Heilbronn bis jetzt noch nicht dem Bunde der Bauern beigetreten war, wußte doch Jedermann, daß die Bürger gemeinſchaftliche Sache mit ihnen zu machen ſehr wünſchten, um ſich dadurch dem Druck und der Herrſchaft der Deutſch⸗Ordens⸗Ritter zu entziehen, welche große Güter und Reichthümer beſaßen und ſich oft genug mit brutaler Willkühr gegen die bür⸗ gerliche Einwohnerſchaft benommen hatten. Zweifellos war es, daß Jäcklein die Gräfin gerade an die unzu⸗ friedenſten Bürger ausgeliefert hatte; und ſie aus deren Händen zu befreien, mußte Florian's ernſtliche Ritter⸗ pflicht ſein. Er war entſchloſſen, ſie ungeſäumt auszuüben. An nämlichen Tage noch benachrichtigte er Jörg Metzle von ſeinem Vorhaben, und forderte dann ſeine Heerſchaſc auf, ſich in der erſten Frühe des nächſten Tages marſch⸗ fertig zu halten. Am ſelbigen Abende aber ereignete ſich noch ein anderer Vorfall, der von beſonderer Wichtigkeit für ihn war. Es kam nämlich ein Bote in ſein Lager, der unverzüglich ihn zu ſprechen begehrte. Die Wache führte ihn in des Ritters Zelt. „Wer biſt du? Und was willſt du?« fragte Florian den Boten, einen einfachen, ſchlichten Mann in bäuer⸗ lichem Kleide. „Herr,“ lautete die Antwort,— ich bin Einer von den Dienſtmannen des edeln Junkers Egbert von Ho⸗ heneck.“ „Egberts?« fuhr Florian auf.„Wo iſt er? War⸗ um iſt er nicht zu mir zurückgekehrt?“ „Weil er nicht konnte, gnädiger Herr,“ verſetzte der Dienſtmann und zog ein Brieflein aus der Taſche ſeiner Jacke, das er dem Ritter überreichte.„Wenn Ihr dieſes leſen wollt, ſo werdet Ihr erfahren, wie es dem Junker ergangen iſt, und weshalb er nicht ſchon ffüher hat Nachricht von ſich geben können. Er liegt gfangen in einem feſten Thurme der Burg Hoheneck!“ „Gefangen?“ fragte Florian erſchreckt. Er ließ mir doch ſagen, daß ihn ſein Bruder Rolf wohl empfangen um aufgenommen habe.“ „Ja, aber nur zum Sbeine und um ſich des Bru⸗ ders ganz unfehlbar und ſicher zu bemaͤchtigen,“ gab der Baur zur Antwort.»Er wußte ihn durch die Bewil⸗ ligunz ſeiner Forderungen auf Burg Hoheneck von einem Tage um andern feſtzuhalten, ſuchte aber unter allerlei Vorwaͤnden die ihm treu anhängenden Dienſtleute von der Herſſchaft Seltenberg aus ſeiner Nähe zu entfernen, und warf ihn dann, als er nichts mehr fürchten zu müſſen glaubte, in den Kerker, wo er ihn ſtreng abge⸗ ſchloſſen und gefangen hält. Aber die Freunde des Jun⸗ kers Egbert, welche Rolfs Heimtücke beſſer kannten, als deſſen allzu vertrauender Bruder, erfuhren bald den Ver⸗ rath, und ſuchten ſich mit dem Junker in Verbindung zu ſetzen. Dies gelang erſt nach Wochen, denn Rolf hatte ſeine Leute ſorgfältig ausgewählt, und nur Solche zu Wächtern des Junkers beſtellt, denen er unbedingt vertrauen konnte. Durch ſie konnte man nicht zu dem Gefangenen gelangen, aber einen Küchenknecht gewann man endlich durch große Verſprechungen, und machte ihn willig, dem Junker eine Nachricht zukommen und ihn wiſſen zu laſſen, daß ſeine Getreuen gute Wache hielten und nur ſeine Befehle erwarteten, um auf irgend eine Weiſe handelnd und thatkräftig für ihn aufzutreten. Dieſe Nachricht wurde auf einen Streifen Pergament niedergeſchrieben, den der Kuͤchenknecht in ein ausge⸗ höhltes Stück Brod geſchickt verbarg. Auf dieſelbe Weſſe gelangte die Antwort des Junkers zurück. Sie enthelt nur die Mahnung, den edlen Ritter Florian Geyer alf⸗ zuſuchen und ihm das beiliegende Schreiben einzuhän⸗ digen. Dieſes Geſchäft wurde mir übertragen, und ich danke Gott, daß es mir gelungen iſt, Euch, edler Herr, aufzufinden.“ Mittlerweile hatte Florian das Schreiben Echerts erbrochen und geleſen. Es enthielt nur die folgenden wenigen Worte, welche mit Blut geſchrieben und kaum zu entziffern waren: „Zu Hülfe, mein Beſchützer! Rolf hält nich ge⸗ fangen und ſinnt auf mein Verderben!“ „Ich werde kommen, ſchnell wie der Blitz und den 57 unnatürlichen Bruder züchtigen,“ murmelte Florian vor ſich hin und zerknitterte in zorniger Entrüſtung das Schreiben Egberts. Dann wandte er ſich zu dem Bauer und ſagte: „Bleibe bis auf Weiteres in meinem Lager. Dei⸗ nem Junker ſoll geholfen werden. Kennſt du die näch⸗ ſten Wege nach Burg Hoheneck?“ „Jeder Fuß breit Weges dahin iſt mir bekannt,“ ver⸗ ſetzte der Vauer. „Gut, ſo wirſt du nns zum Führer dienen,“ erwie⸗ derte Florian.„Jetzt aber geh' und erquicke dich mit Speiſe und Trank. Meine Leute werden es dir an nichts fehlen laſſen.“ Der Bauer entfernte ſich. Ritter Florian gab ſich noch einige Minuten ſeinen Gedanken hin; hierauf ſprach er:„Zuerſt das Nächſte! Ich hoffe trotzdem zu rechter Zeit zu kommen, Egbert!« und warf ſich dann auf ſein hartes Lager, um einige Stunden ruhigen Schlafes zu genießen. 3 Noch ehe am folgenden Morgen die Sonne aufging, zeigte ſich rühriges Leben und Bewegen in Florian's kleinem Heere. Es ordnete ſich in Reih und Glied. Als Ritter Florian erſchien, um ſich an die Spitze zu ſtellen, wurde er mit lautem, allgemeinem Zujauchzen empfangen, und gleich darauf bewegte ſich der Heerhau⸗ fen in der Richtung auf Heilbronn zu vorwärts. Der Metzler'ſche Haufe ſollte eine Stunde ſpäter nachkommen. Ohne Widerſtand öffneten die Heilbronner den her⸗ anziehenden Schaaren ihre Thore, und es wurde Flo⸗ rian nicht ſchwer, den Aufenthaltsort der Gräfin von Helfenſtein zu entdecken, da ihre Einbringung großes Aufſehen in der Stadt erregt hatte. Die Gräfin ſtellte 58 ſich mit Freuden wieder unter den Schutz des edlen Mannes, und dankte ihm unter Thränen für ſeine treue Sorge um ſie. Florian lehnte jeden Dank ab. „Denken wir lieber an die Zukunft, gnädigſte Frau,“ ſagte er.„Habt Ihr ſchon einen Plan entworfen, wie und wo Ihr eine ſichere Zuflucht finden könntet? Hier in Heilbronn, das in die Gewalt der Bauern gefallen iſt, kann Eures Bleibens nicht lange ſein. Eure Feinde, vor Allen der böſe Jäcklein, würden gewiß nicht an⸗ ſtehen, Euch von Neuem zu verfolgen und Alles auf⸗ zubieten, um Euch wieder in ihre Gewalt zu bekommen, wäre es auch nur, um ein erkleckliches Löſegeld von Euch zu erpreſſen!“ „Aber was habe ich zu fürchten, wenn ich unter Eurer Obhut ſtehe, Ritter Florian?“ fragte die Gräfin ängſtlich und beſorgt. „Nichts, ſo lange ich hier bin,“ erwiederte der Rit⸗ ter.„Aber eine heilige Pflicht ruft mich weiter. Ein junger Freund von mir iſt an Leib und Leben bedrohet, und ich muß eilen, ihm Beiſtand und Rettung zu bringen.“ „Ihr wollt fort von hier? Nun denn, ſo laßt mich mit Euch ziehen,“ ſagte die Gräfin in dringend bitten⸗ dem Tone.„Lange ſoll Euch meine Gegenwart nicht beläſtigen. Ich beabſichtige, zu meinem Bruder Georg von Oeſtreich, dem Fürſt⸗Biſchof von Lüttich, zu gehen, und bin gewiß, bei ihm eine ſichere und wohlanſtändige Zufluchtsſtätte zu finden. Nur verlaßt mich nicht, ſo lange ich noch Gefahr laufe, wieder in die Hände der wüthenden Bauern zu fallen!“ „Ich will Euch gewiß und wahrhaftig nicht ver⸗ laſſen, edle Frau,« verſetzte Florian.»Es iſt vielleicht 59 ſogar am beſten, wenn Ihr mir auf meinem Zuge folgt, denn ich zweifle nicht, daß Ihr entweder auf Burg Hoheneck, oder im Schloſſe Seltenberg ſo lange Schutz und Obdach finden werdet, bis Ihr ohne Gefahr die Reiſe nach Brüſſel antreten könnt.“ „Auf Hoheneck? Oder Seltenberg?“ fragte die Gräfin überraſcht. Sind dieſe Orte das Ziel Eures Marſches?« Florian bejahete dies und ſetzte kurz aus einander, welche Verhältniſſe daſelbſt ſeine ſchleunigſte Anweſen⸗ heit erheiſchten. Die Gräfin hörte ihn mit ſichtlichem Erſtaunen an. „Mein Gott,“« ſagte ſie,„welch' ein abſcheulicher Menſch, dieſer Rolf! Egberts Mutter war eine meiner beſten Freundinnen, und ich weiß ganz genau, daß ihre Güter, namentlich die Herrſchaft Seltenberg, ihrem Sohne als Eigenthum zugeſchrieben wurden. Ihr thut wahrlich ein gutes Werk, Ritter Florian, wenn Ihr dem Junker Egbert zu ſeinem Rechte verhelft!“ „Das will ich, ſo wahr ich auf Gottes Beiſtand zähle,“ verſetzte Florian.„Auch zweifle ich nicht am Gelingen meines Werkes. Ich bin zu ſtark durch meine ſchwarze Schaar, als daß Rolf es wagen könnte, mir Widerſtand zu leiſten. Egbert wird Euch doppelt freu⸗ dig bei ſich aufnehmen, wenn er erfährt, daß Ihr eine Freundin ſeiner verſtorbenen Mutter geweſen ſeid, und auch noch Zeugniß für ſein gutes Recht ablegen koͤnnt, in ſeinem Schutz werdet Ihr ganz ſo ſicher und ge⸗ borgen ſein, wie in dem meinigen. So laßt uns denn in Gottes Namen gen Hoheneck aufbrechen!“ Dies geſchah bereits am folgenden Tage, nachdem Ritter Florian an Jörg Metzler eine Botſchaft des In⸗ 60 haltes erlaſſen hatte, daß er in Würzburg mit der ſchwar⸗ zen Schaar wieder zu dem hellen Haufen ſtoßen werde. Inmitten der tapferen Landsknechte ritt die Gräfin auf Feinem prächtigen Zelter, den Ritter Florian mit beſon⸗ derer Sorgfalt für ſeinen hohen Gaſt und Schützling ausgeſucht hatte. Das verwundete Söhnlein der Gräfin nebſt der Wärterin deſſelben wurden in einer Sänfte getragen. Die Kammerfrau dagegen ritt an der Gräfin Seite. So ging der Zug vorwärts. Der Bauer, welcher dem Ritter Florian das Brieflein Egberts überbracht hatte, führte ihn auf den nächſten und verborgenſten Pfaden dem Ziele zu, und am Abend des zweiten Tages nach dem Aufbruche von Heilbronn ſah man die ſtolzen Thürme von Burg Hoheneck in der Entfernung von kaum einer halben Stunde auf dem Rücken eines Hügels in die Höhe ragen. »Das iſt Hoheneck,“ ſagte der Bauer zu Florian, indem er auf die Burg hinüber deutete, welche, vom Golde der ſinkenden Sonne röthlich überfloſſen, ſtattlich da lag.„Es iſt ein feſtes Schloß, Herr!“« »Und wenn es noch zehnmal feſter wäre, wir müß⸗ ten's mit ſtürmender Hand erobern,“ verſetzte Florian feſt und entſchieden.„Ein Freund von mir ſoll nie vergebens auf meine Hülfe rechnen. Aber, bevor wir ſtürmen, müſſen wir den Einbruch der Nacht abwarten, und uns bis dahin verborgen halten. Die Waldung hier herum wird uns dazu gute Dienſte leiſten.“ »Und auch ich hoffe Euch noch gute Dienſte leiſten zu können, edler Herr,“ ſagte der Bauer mit gedämpfter Stimme.„Ich kenne genau die Stelle, wo die Burg ‿ am leichteſten zu erſteigen iſt und am wenigſten bewacht wird. Zu dieſer Stelle werde ich Euch fuühren.“ „Wenn meiner braven Lanzknechte Blut geſpart werden kann, um ſo beſſer,“ verſetzte Florian. Er wendete ſich hierauf zu ſeinen Reiſigen und er⸗ theilte ihnen den Befehl, ſich möglichſt verſteckt und ruhig zu verhalten. Die Leute gehorchten gern, denn ſie wußten als erfahrene Krieger ſehr wohl die Vortheile einer Ueberrumpelung zu ſchätzen, welche hinwiederum nur durch äußerſte Vorſicht zu erreichen waren. Wie Schatten verſchwanden ſie im Dickicht der Waldungen, die nach wie vor ſo ruhig und ſchweigſam dalagen, als ob ſie keine anderen, als ihre gewöhnlichen Bewohner unter ihrem, nur erſt zum Theil hervor ſproſſenden Laub⸗ dache beherbergten. Die Sonne ſank, tiefer und tiefer ſenkte ſich die Nacht auf die Erde nieder. Noch immer blieb Alles ſtill im Walde, bis die Stellung der Sterne die Zeit gegen Mitternacht andeutete. Da erſchallte das ge⸗ dämpfte Kommandowort Florian's, und ein Rauſchen, wie das Rauſchen des Windes in den Baumwipfeln, wurde vernehmbar fern und nah. Die Landsknechte ſtanden auf und verſammelten ſich um ihren Führer. „Es iſt Zeit,“ ſagte dieſer.„Rücken wir vorwärts. Ihr, edle Gräfin,“— wandte er ſich dann zur Dame von Helfenſtein,—„bleibt einſtweilen unter guter Be⸗ deckung zurück. Ehe der Morgen tagt, hoffe ich Euch gute Botſchaft ſenden zu können. Harret, ich bitte, bis dahin in Geduld.“« Die Gräfin verſprach geduldig zu warten, und Flo⸗ rian, den Bauer zur Seite, ſetzte ſich mit ſeinen Trup⸗ pen in Marſch. Die Nacht war dunkel, und die Sterne, 62 ſo wolkenfrei der Himmel auch war, ſpendeten doch nur ſpärliches Licht. Aber der Bauer kannte genau jeden Fußbreit Boden in der Gegend, und leitete Florian mit unfehlbarer Sicherheit ſeinem Ziele zu. Mitternacht war noch nicht lange vorüber, da hielt der Kriegshaufen am Fuße des nicht hohen, aber ſehr ſteilen Berges, auf deſſen Rücken die Burg ſich erhob. „Dies iſt die ſteilſte Stelle zum Hinaufkommen,“ flüſterte der Bauer dem Ritter zu;—„es iſt aber zu⸗ gleich auch die ſicherſte, indem ſie von oben her nicht bewacht wird. Wenn wir hinauf geklettert ſind, ſo können wir leicht in den Burggarten und von dort in das Innere der Burg gelangen, da die Gartenpforte nur ſelten verſchloſſen wird, ſondern Tag und Nacht offen zu ſtehen pflegt.“ „Es iſt gut,« erwiederte Florian.„»Wir werden von dieſer Seite ſtürmen, aber auch noch an zwei an⸗ deren Punkten. Dann ſind wir des Erfolges um ſo gewiſſer, und kein Mann in der Burg kann uns ent⸗ rinnen.“ Er theilte ſofort ſeine Schaar in drei Haufen, ſtellte ſich an die Spitze des Einen, und vertraute die Führung der beiden Anderen bewährten Männern. „Ihr dringt vor, ſo weit es geht, ohne Aufſehen und Lärmen zu erregen,“ ſagte er.„Dann bleibt Ihr ſtehen, und erwartet meine ferneren Befehle. Wer aus der Burg entfliehen will, wird feſtgehalten, aber Nie⸗ mandem ein Leid angethan. Und nun vorwärts, ruhig, ſtill und beſonnen. Marſch!« Die beiden Haufen ſchwenkten rechts und links ab. Florian aber klimmte, der Erſte voran, die ſteile Höhe 63 des Berges hinan. Der Bauer blieb ihm zur Seite; ſeine Leute folgten,— Keiner blieb zurück. Bald zeigte ſich's, daß das Erklimmen des Berges von dieſer Seite, namentlich bei der herrſchenden Dun⸗ kelheit, ein ſchweres Stück Arbeit war, und gefährlich dazu. Aber die tapferen und gewandten Landsknechte helfen Einer dem Andern, und ihrer Ausdauer gelang es zuletzt, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Florian war der Erſte oben auf der Plattform, und reichte den Nachkommenden hülfreiche Hand. Keine halbe Stunde war vergangen, ſo ſtanden Alle auf dem Bergrücken, — ſchwer athmend freilich in Folge der Anſtrengung, aber ungebrochenen Muthes und ſtolz auf das Gelingen des ſchwierigen Werkes. Florian lauſchte hinüber nach der Burg. Kein Ge⸗ räuſch irgend einer Art erſchallte von dorther, nicht ein⸗ mal der Schritt einer Wache. Alles ſchien im tiefſten Schlafe zu liegen. Vor den Stürmenden lag eine Mauer von etwa zehn Fuß Höhe. Sie mußte erſtiegen werden, wenn man in den Burggarten gelangen wollte. Für die rüſti⸗ gen Landsknechte war das nur eine Kleinigkeit. Einer ſprang auf die Schultern des Andern, ſchwang ſich auf die Mauer hinauf, und ließ ſich von dort in den Garten hinab. In weniger als einer Viertelſtunde war es ge⸗ ſchehen, und die Schaar drüben. Noch immer regte ſich in der Burg kein Laut. Erſt als Florian ſeine Leute geordnet hatte, und nun durch die unverſchloſſene Pforte in den Burghof eindrang, wurde es dort lebendig. Ein paar große Hunde ſchlu⸗ gen laut an, und gleich darauf ertönte das laute»Wer da?“ eines Wächters über den Hof. 64 „Halt!« kommandirte Florian leiſe,— und ſein ganzer Haufe ſtand lautlos und unbeweglich, wie aus Stein gehauen. Die Hunde verdoppelten aber trotzdem ihr wüthendes Gebell, und raſche Schritte, die Schritte des Wächters näherten ſich. „Wer da?« rief der Mann zum zweiten Male barſch und heftig.„Was ſchleicht hier herum. Suche, Packan! Suche, Dohna!«“ Zugleich ließ er die Hunde los, die er bisher an einem Stricke feſtgehalten, und mit großen Sätzen, fort⸗ während heftig bellend, ſprangen die gewaltigen Beſtien auf die eingedrungene Schaar zu. Florian hob ſein Schwert, um ſie niederzuhauen, ſobald ſie heran wären. Der Bauer aber wehrte ihm. „Laſſet mich gewähren, edler Herr!“ ſagte er haſtig. „Das Sterbegeheul der Thiere könnte uns vor der Zeit verrathen. Ich werde ſchon in Güte fertig mit ihnen.“ Raſch ein paar Schritte vortretend, ging er den Hun⸗ den entgegen und warf ihnen ein paar Stücke Fleiſch hin, die er zu dieſem Zwecke vorſorglich mitgenommen. „Ruhig, Dohna! Kuſch dich, Packan,“ rief er zu⸗ gleich den Hunden zu. Dieſe mußten ſeine Stimme kennen, denn augen⸗ blicklich verſtummte ihr Geheul, und ſie fielen mit Gier über die leckeren Fleiſchſtücke her, um ſie zu zerreißen und zu verſchlingen. Mittlerweile nahte aber auch der Wächter, tobend und fluchend über die Unthätigkeit ſei⸗ ner Doggen. 5 „Sei doch nur ruhig, alter Eckard,“ rief ihm der Bauer entgegen.„Erkennſt du denn den Martin Rü⸗ dinger nicht? Dunkel genug iſt's freilich, ſo daß man ſich nicht darüber verwundern kann.“ 45 65 „So biſt du es alſo, der die Hunde rebelliſch ge⸗ macht hat?“ verſetzte der Wächter in ärgerlichem Tone. „Wie zum Henker kommſt du denn da herein, und zu welchem Zwecke?“ „Das will ich dir ſagen, Eckard,“ verſetzte Martin der Bauer, indem er dicht an den Wächter heran trat, —„ich komme über die Gartenmauer, um den Junker Egbert zu befreien. Nun weißt du Alles!“ „Verrath!« brüllte der Wächter, ein treuer Anhän⸗ ger des böſen Rolf, und böſe und heimtückiſch, wie er, — Verrath! Auf! Zu den Waffen!“ Aber er hatte kaum dieſe Worte herausgeſtoßen, da packte ihn Martin, und zu gleicher Zeit fielen drei, vier Landsknechte über ihn her, riſſen ihn zu Boden und verſtopften ihm den Mund mit einem Tuche. Die bei⸗ den Doggen ließen es geſchehen, auch wehrten ſte nicht, daß man dem Wächter Hände und Füße mit Stricken band, ſondern ließen ſich in aller Ruhe ihre Fleiſchſtücke ſchmecken. Das Bellen der Hunde, ſowie das Geſchrei des Wächters hatte indeſſen doch einige Schläfer aufgeweckt, und es wurde lebendig im Innern der Burg. Wind⸗ lichter flackerten an den kleinen Fenſtern hin und her; der laute Ruf zu den Waffen wurde vernehmbar. Flo⸗ rian traf ſchnell ſeine Maßregeln, ſchickte einen Theil ſeiner Mannſchaft an das Burgthor, um es zu öffnen und die Zugbrücke nieder zu laſſen, und er ſelbſt ſtellte ſich an die Spitze der Uebrigen, um das Hauptgebäude der Burg mit einem raſchen Anlaufe zu erobern. Im Nu war die Eingangsthüre zertrümmert, und ſchnell wurden alle Gänge und Korridore beſetzt. Ritter und Bauer. 5 66 Nirgends wurde ernſthafter Widerſtand geleiſtet. Die meiſten Gegner warfen nach kurzer Gegenwehr freiwillig die Waffen weg, und die übrigen wurden ohne große Mühe gefangen genommen. Schon glaubte ſich Florian Sieger und Herr über die Burg, ſchon traf er Anſtalten, um das Verließ erbrechen zu laſſen, in welchem Egbert als Gefangener ſchmachtete, da erſchallte von Neuem Waffengetöſe in dem breiten Korridore der Burg. Rolf von Hohneck war es, der eiligſt ſeine noch übrigen Mannſchaften geſammelt hatte und durch einen unge⸗ ſtümen Angriff die Eingedrungenen zurück zu werfen verſuchte. Er ermuthigte die Seinen durch kräftigen Zuruf, und es gelang ihm wirklich, für einige Augen⸗ blicke Florian's Landsknechte zum Weichen zu bringen. Da aber ſprang Florian ſelbſt vor, und ſein breites Schwert kreuzte ſich mit der blanken Klinge des un⸗ natürlichen Bruders. „Haltet ein!“ rief er dem Gegner zu.„Wir wollen weder Euer noch Eurer Anhänger Leben! Nur Gerech⸗ tigkeit verlangen wir, und die Freilaſſung Egberts, den Ihr ſchändlicher Weiſe in den Kerker geworfen!“ „Da habt Ihr, was Euch an Gerechtigkeit gebührt,“ verſetzte Rolf zornig, und führte einen furchtbaren Hieb gegen Florian, den dieſer aber geſchickt mit ſeinem Schwerte auffing. „Ergebt Euch! Ergebt Euch!“ rief er Rolf zu. „Meine Macht iſt der Eurigen hundertfach überlegen, und Ihr könnt bei fernerem Widerſtande nichts gewin⸗ nen, als Wunden und Tod!« 8 Rolf hörte nicht oder wollte nicht hören. In blinder Wuth hieb er auf Florian ein, ſeine Leute drängten nach, und es entſpann ſich ein wildes Handgemenge, deſſen Ausgang indeß bei der Uebermacht Florian's nicht lange zweifelhaft bleiben konnte. Schwerter und Hellebarden klirrten auf Helm und Harniſche, einzelne Schüſſe aus Feuerrohren krachten, auf und ab wogte der Kampf in dem nur ſpärlich von einigen Fackeln und Windlichtern erhellten Korridor. Florian, fortwährend in perſönlichem Kampfe mit Rolf, ſchonte das Leben deſſelben, und wehrte ſogar die Lanzenſtöße ſeiner eige⸗ nen Leute von ihm ab; denn er wollte nicht den Tod von Egberts, ſeines Freundes, Bruder, der ſich ja noch immer zum Beſſern bekehren konnte. Da aber krachte wieder ein Schuß vom Hintergrunde des Korridors her, und plötzlich brach Rolf zuſammen. Die auf Gerathe⸗ wohl blind abgefeuerte Kugel mußte ihn ſchwer, wenn nicht tödtlich verwundet haben. Sofort hörte jeder weitere Kampf auf. Der Fall ihres Führers entmuthigte die Leute Rolfs, ſo daß ſie keinen Widerſtand mehr leiſteten. Sie warfen, wie früher ſchon ihre Kameraden, die Waffen von ſich und baten um Gnade, die ihnen Florian ſofort gewährte. Hierauf befahl er, den verwundeten Rolf aufzuheben und in das erſte beſte Gemach zu tragen. Rolfs Leute griffen zu, und eine Minute ſpäter lag der Stöhnende auf einem weichen Todtenbette. Ein kieiner Blutſtrom rieſelte unter ſeinem Bruſtharniſche hervor. Florian ſelbſt entledigte ihn mit möglichſter Schonung ſeiner Waffen, und es zeigte ſich nun, daß die Kugel den Bruſtharniſch durchſchlagen hatte und nahe am Herzen in die Bruſt eingedrungen war. Der Tod hatte ſchon ſeine Signa⸗ tur auf die breite, bleiche Stirn Rolfs gedrückt. Florian erkannte, daß hier keine Hoffnung mehr auf Rettung des Lebens ſei; dennoch bemühte er ſich, das der Wunde 5* — 68 entſtrömende Blut zu ſtillen und einen nothdürftigen Verband aufzulegen. Unter dieſer Bemühung ſchlug der Verwundete noch einmal die Augen auf, und ſeine Be⸗ ſinnung kehrte auf einige Minuten zurück. „Laßt, laßt!“ ſagte er mit ſchwacher Stimme zu Florian.„Mir iſt nicht mehr zu helfen! Gottes ſtra⸗ fende Hand hat mich ereilt! Mir iſt geſchehen, wie ich es verdient! Oh, Egbert, mein Bruder, könnteſt du mir verzeihen, was ich freventlich an dir verübt!« „Wo iſt Egbert?“« fragte Florian, durch den Anblick des Sterbenden und durch deſſen Reue bewegt und ge⸗ rührt;—„ich zweifle nicht, daß er Euch gern verzeihen und Alles vergeſſen wird, was Ihr gegen ihn geſündigt.“ „Im Verließ! Kurt hat die Schlüſſel!“ ächzte Rolf, und wand ſich unter grimmigen Schmerzen.„Könnte ich ihn noch einmal ſehen vor meinem Ende, ich würde ruhiger ſterben!“ „Ihr ſollt ihn ſehen,“ erwiederte Florian.„Wo iſt der Mann, der Kurt heißt?« „Hier iſt er,“ verſetzte eine Stimme, und zwei Ge⸗ ſtalten traten raſch in das Gemach.„Und hier iſt auch Junker Egbert, den ich aus dem Verließ herbei geholt habe!« 4 Egbert trat raſch und haſtig an das Lager ſeines Bruders, der ihn mit ſchon verlöſchenden Augen flehend anblickte. 1 „Verzeihung!« ſtammelte Rolf.„Ich habe übel an dir gehandelt, aber ſterbend fühl' ich die bitterſte Reue!« „Ich verzeihe dir, Bruder, von ganzem Herzen ver⸗ zeihe ich dir,« verſetzte Egbert warm und ergriff die kalte Hand des Sterbenden. Daß ich dich ſo wieder⸗ — — 69 ſehen muß! Oh, Florian, konntet Ihr nicht ſeines Lebens ſchonen? Er war ja doch immer mein Bruder!« „Nicht er, nicht er iſt ſchuld, daß ich ſterbe,“ ſagte Rolf haſtig, obwohl kaum noch vernehmbar.„Ich ſelbſt — Gott ſtraft mich— Er erbarme ſich meiner armen Seele!« Noch ein Seufzer, ein Stöhnen entrang ſich ſeiner gequälten Bruſt, dann rieſelte ein leichter Schauer durch ſeine Gebeine, er ſtreckte ſich lang uus, und— der letzte Hauch entfloh von ſeinen Lippen. Traurig blickte Egbert auf die Leiche nieder. Er hatte freilich ſeinen Bruder nie lieben können, da er von demſelben immer nur ſehr unbrüderlich behandelt worden war; gleichwohl beklagte er aber in ſeinem Her⸗ zen das gewaltſame und plöͤtzliche Ende deſſelben, und würde ihn gern in's Leben zurückgerufen haben, wenn er die Macht dazu beſeſſen hätte. Da legte ſich eine Hand ſanft auf ſeine Achſel, und Florian ſagte: »Mit deiner Verzeihung iſt er geſchieden, das muß dich tröſten und beruhigen. Er ſuchte ſelbſt den Tod, und durch ihn hat er ſeine Fehler ſchwer gebüßt. Gott wird ihm vergeben, wie du. Laß jetzt die Todten ruhen! Es gibt noch Lebende, die Anſpruch auf deinen Beiſtand und deine Hülfe machen. Komm, geh' mit mir!« Er führte den nicht Widerſtrebenden hinweg aus dem Trauergemache, und theilte ihm mit kurzen Worten mit, welches Unglück die Gräfin Helfenſtein betroffen, und daß er ihr zugeſichert habe, daß Egbert ihr ein Aſyl auf ſeinen Gütern gewähren werde. Egbert ſagte natürlich freudig zu, und begab ſich mit Florian nach dem Walde, um die unglückliche Gräfin zu begruͤßen und auf die Burg einzuladen. Gern folgte die Gräſtn der Einladung, und bald darauf war ſie mit ihrem kleinen Sohne und ihrer weiblichen Dienerſchaft in den beſten Gemächern der Burg wohl verſorgt und unter⸗ gebracht. Auch Florian, Egbert und die Landsknechte ſuchten jetzt Ruhe und Schlaf, und der anbrechende Morgen fand die ganze Beſatzung und Einquartierung des Schloſ⸗ ſes im friedlichſten Schlummer.„ Sechstes Kapitel. Der Wendepunkt des Geſchickes. Nach der Beerdigung Rolfs ſprach Egbert gegen Florian den Entſchluß aus, ſich mit den Beſten ſeiner zahlreichen Dienſtleute wohlbewaffnet der Schaar des Ritters anzuſchließen, und beharrte bei dieſem Vorhaben, obgleich Florian ihm daſſelbe auf's Ernſtlichſte wider⸗ rieth. So brachen ſie denn, nachdem Egbert in jeder Weiſe für die Sicherheit der Gräfin Helfenſtein Sorge getra⸗ gen hatte, eines Tages in vereinigten Haufen aaf und wandten ſich nach Würzburg, um dort mit dem Heere Jörg Metzlers zuſammenzutreffen. Die Stadt Würzbueg befand ſich bereits in der Gewalt der Bauern; das ſehr feſte Schloß aber wurde nooch von den Rittern und Reiſigen des Biſchofs gehalten und auf das Tapferſte vertheidigt. Mehrere Sturm⸗ Angriffe wurden, mit großem Verluſte der Bauern, von ihnen zurückgeſchlagen, und man mußte ſich begnügen, die Veſte ringsum eingeſchloſſen zu halten, um ſie viel⸗ leicht durch Hunger endlich zur Uebergabe zu nöthigen. Dies würde zuletzt wohl zum Ziele gefuͤhrt haben, wären nicht mittlerweile andere Ereigniſſe geſchehen, die dem ganzen Aufſtande und Kriege eine ganz neue Wendung gaben. Bis dahin waren die Bauern überall ſiegreich ge⸗ weſen, hatten zahlreiche Burgen in Franken und Schwa⸗ ben gebrochen, eine Menge Abteien und Klöſter zerſtört und ausgeplündert, von vielen Städten und Ortſchaften Brandſchatzungen erhoben, und im freien Felde allezeit die ihnen entgegen tretenden Feindeshaufen niedergewor⸗ fen oder in die Flucht geſchlagen. Jetzt aber kam die Zeit, welche Ritter Florian mit nur zu richtigem Blicke vorhergeſehen hatte. Die abſcheuliche, mörderiſche Blut⸗ that Jäcklein's in Heilbronn trug ihre Früchte. Die Fürſten und Herren, Alle von Abſcheu ergriffen, woll⸗ ten jetzt nichts mehr von einer gütlichen Ausgleichung und Verſöhnung mit dem Bauernheere wiſſen, zu welcher ſte,— zum großen Theile wenigſtens,— vor der Ver⸗ übung der Schandthat ganz geneigt geweſen waren. Jetzt hieß es nicht mehr Frieden, ſondern Rache um jeden Preis. Von Schloß zu Schloß, von Burg zu Burg von Stadt zu Stadt erſcholl der Racheſchrei. Fürſ.en, Ritter und Edle zogen gewappnet mit ihren Haufen von Reiſigen in's Feld und ſchloſſen ſich dem Ritter Truchſeß von Waldburg an, der mit ſchnell ge⸗ ſammelter Macht kühn und ſiegesgewiß gegen die Bauern anrückte. Gleich im erſten Anlaufe erlangte er glückliche 72 Erfolge, und dieſe Erfolge hatten eine um ſo größere ichtigkeit, als die Bauern bereits unter ſich uneinig waren, und als nun auch der Reformator Luther ſich gegen den Aufſtand erklärte, und Fuͤrſten und Adel aufforderte, ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen und niederzuwerfen. Dazu kam, daß die Bauern⸗Hauptleute den Ritter Götz von Berlichingen zu ihrem Oberſten erwählt hatten, daß Götz es aber keineswegs ehrlich mit den Bauern meinte, ſondern ſchon mit dem Truchſeß von Waldburg verrätheriſche Unterhandlungen pflog, während er noch oberſter Feldherr der Bauern war, und bis zum letzten Athemzuge bei ihnen und mit ihnen auszuhalten betheuerte. Noch nicht genug;— geſchah es nun aus Eiferſucht oder aus irgend welchen anderen Gründen,— Götz von Berlichingen wußte es im Kriegs⸗ rathe zu Würzburg durchzuſetzen, daß Ritter Florian Geyer, der einzige tüchtige und ehrliche Führer im Bauernheere, von ſeiner ſchwarzen Schaar auf Wochen hinaus entfernt wurde, um in Heilbronn und anderen Orten Verhandlungen anzuknüpfen und zu leiten, deren Durchführung piel beſſer dem Kanzler Wendel Hippler oder ſonſt einem Mann der Feder anvertraut worden wäre Wohl eilte Ritter Florian, ſtch wieder an die Spitze ſeiner Schaar zu ſtellen, als von allen Seiten Unglücks⸗ Nachrichten eintrafen. Aber ſchon war es zu ſpät, das Unglück abzuwenden, oder auch nur aufzuhalten. Es kam die Kunde von der Niederlage der Bauern bei Böblingen, wo an viertauſend Mann unter dem Schwerte des Truchſeß von Waldburg Blut und Leben laſſen mußten; die Kunde, daß Jäcklein Rohrbach in der Gegend von Hohen⸗Asberg in die Hände des Truchſeß gefallen ſei; die Kunde von der völligen Zerſprengung der württembergiſchen Bauernſchaaren; die Kunde von furchtbaren Gräuelthaten, welche von den Herren und Rittern gegen die niedergewoefenen Bauernſchaaren aus⸗ geübt wurden. Das ſchreckte die Anderen. Und als nun gar Götz von Berlichingen, der oberſte Feldherr, in der Nähe von Adolzfurth heimlich mit zehn Beglei⸗ tern vom Heere der Bauern entwich, da warfen viele Tauſende die Waffen weg, und es blieb nur noch ein kleines Häuflein übrig, welches von Jörg Metzler be⸗ fehligt wurde. Auch dieſes ward in dem Treffen bei Königshofen nach heftigem Kampfe theils verſprengt, theils niedergemetzelt, und Metzler ſelbſt gelang es nur ſchwer, ſich durch eiligſte Flucht der grimmigen Rach⸗ begier des Truchſeß von Waldburg zu entziehen, die natürlich am ſchwerſten grade die oberſten Anführer treffen mußte. So ſtanden die Dinge, als eines Tages Florian ſeine Officiere um ſich verſammelte und ihre Meinung über die zunächſt vorzunehmenden Schritte zu hören be⸗ gehrte. Aber Keiner von Allen wußte Rath; ſie ſchwie⸗ gen, achſelzuckend und mit finſteren Geſichtern. Da nahm Florian ſelber das Wort und ſprach: »Unſere Sache iſt verloren, und wir mit ihr. Die Frage iſt nur: wollen wir die Waffen niederlegen und uns wehrlos der ſchonungsloſen Willkühr und Grau⸗ ſamkeit unſerer Feinde überliefern? Oder wollen wir kämpfen wie Männer, und als Männer unſeren letzten Blutstropfen auf dem Schlachtfelde vergießen? Hier Tod und Schande in Schmach,— dort ein rechter Heldentod in Ehren und Treuen für unſere gerechte Sache! Wählet 16 „Da gibt es kein Wählen,“ ſprach ein alter Haupt⸗ mann ernſt und feſt.„Führt uns, Florian, wir folgen Euch in den Tod bis auf den letzten Mann!« »So ſei es!« ſtimmten die Anderen bei, und der Kriegsrath war zu Ende. Kurz nach dem Pfingſtfeſt traf die ſchwarze Schaar Florians mit dem Heere des Truchſeß von Waldburg bei dem Flecken Sulzdorf zuſammen. Die Bauernhaufen, welche ſich noch im Gefolge Florian's befanden, wurden vom Fürſtenheere ſchnell geworfen und in die Flucht gejagt. Des Ritters Florian Sache war Flucht aber nicht. Sein Fähnlein war bis auf ſechshundert Mann zuſammengeſchmolzen. Sie hielten tapfer bei ihm aus, und zogen ſich fortwährend fechtend in geſchloſſener Hal⸗ tung gegen Dorf und Schloß Ingolſtadt zurück. Immer wieder und wieder raſſelten die Reiſigen gegen das kleine Häuflein heran und immer und immer wieder prallten ſte zurück vor den guten Schüſſen der ſchwarzen Schützen und ihren langen Spießen. Hinter der Dornhecke des Doörfchens Ingolſtadt ſetzte ſich die tapfere Schaar. Pfalzgraf Ludwig von Baiern führte jetzt in eigener Perſon zwölfhundert Ritter und Reiſige gegen ſie heran. Da warfen ſich, dem übermächtigen Andrange nach⸗ gebend, zweihundert von den braven Landsknechten in den Kirchhof, die Kirche und den Kirchthurm; die Uebri⸗ gen, drei⸗ bis vierhundert, unter Führung Florian's erreichten das Schloß. Die Männer im Kirchhofe muß⸗ ten auch hier nach verzweifelter Gegenwehr weichen und ſich in die Kirche zurückziehen. Vom Thurme, vom Dach der Kirche herab krachte und blitzte jetzt Schuß auf Schuß. Wer kein Pulver mehr hatte, riß Ziegeln und Mauerſtücke los und ſchleuderte ſie auf die Kopfe —— * 75 der Stürmenden, ſo daß deren Viele erlagen und die Anderen den Sturm nicht zu erneuern wagten. Da befahl der Pfalzgraf, man ſolle Feuerbrände in die Kirche werfen. Kirche und Thurm loderten in raſchem Brande auf, aber noch aus der Flammengluth heraus warfen und ſchoſſen die Landsknechte auf die Feinde, tödteten noch viele von ihnen, und hörten erſt auf, ſich zu weh⸗ ren, bis der letzte Athem in ihnen erloſchen war. Keiner von der tapferen Schaar blieb am Leben; Keiner ergriff die Flucht; Keiner bat um Gnade; ſie ſtarben— Alle, — bis auf den letzten Mann! Jetzt kam an Florian die Reihe, an Florian und die wenigen Getreuen, die das Schloßchen Ingolſtadt beſetzt hielten. Dieſes lag ſchon halb in Truͤmmern, hatte aber noch hohes und gutes Gemäuer, einen großen ſtarken Thurm und tiefen Graben. Florian hatte ſchnell die Zugänge verbauen und verrammeln laſſen, und als die Feinde heran rückten, ſagte er frohen Muthes: „Laßt euch nicht irren, ihr Männer, durch ihre große Zahl! Schießet nur weidlich hinaus und wehret euch wacker, denn Gnade noch Frieden begehren wir ja doch nicht!“ Ein freudiger Zuruf antwortete auf die Anrede und bewies deutlich, daß die Tapferkeit der Männer nicht Noth gelitten hatte. Nur drei Feiglinge gab es in der ſich ſelbſt dem Tode weihenden Schaar. Sie liefen hin⸗ aus, um Gnade zu erlangen, aber die Trabanten des Pfalzgrafen erſtachen ſie auf der Stelle. Die Zurüͤck⸗ gebliebenen ſahen wohl, es gebe da keine Gnade, und um ſo grimmiger und kampfluſtiger funkelten ihre Augen. Der Pfalzgraf, mit faſt dem ganzen bündiſchen und fürſtlichen Zeug, häufte ſich vor der Ruine und richtete ————— alles Geſchütz auf ſie, großes und kleines. Nach einem kurzen furchtbaren Feuer ſtürzte ein Stück Mauer ein von vierundzwanzig Schuh Breite, und krachte in den Graben hinunter, ſo zugleich eine Brücke zu der ge⸗ ſchoſſenen Breſche bildend. Mit wildem Geſchrei ſahen das die Bündiſchen, und ſogleich rannten die Fußknechte zum Sturm. Mit ihnen ſtuͤrmten viele Grafen, Herren, Ritter und Reiſige, die Alle von ihren Pferden abſtiegen. In Unordnung drangen ſie durch einen wüſten mooſigen Graben und rannten unter lautem Geſchrei gegen die Breſche an, in der Meinung, die feindlichen Landsknechte durch ihre große Ueberzahl leicht uͤberwältigen zu können. Aber ſie kannten nicht Florian, nicht ſeine ſchwarze Schaar. Auf der Breſche ſtanden Männer, entſchloſſen, vor der ſchweren Stunde zu beſtehen und ihren Feinden und dem Schickſal Achtung abzuzwingen. Unter den Vorderſten ragte Florian's Heldengeſtalt hervor; an ſeiner Seite focht Junker Egbert. Als die Stuͤrmenden mit Toben und Geſchrei heran kamen, wurden ſie mit einem Kugelregen und einem Hagel von Steinen ſo übel empfangen, daß ſie ſtutzten und nicht weiter wollten. Da rief Florian mit Don⸗ nerſtimme:„Auf ſie!“ und auf ſie ſtürzten ſich die Landsknechte, trieben ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt wieder hinter ſich, über die geſchloſſene Mauer hinaus bis in den Graben, und hieben mit ſolcher Wucht und Gewalt auf ſie los, daß über Hundert von den Stür⸗ menden getödtet und verwundet wurden, darunter viele Grafen und Herren. Das Wiederkommen war dadurch den Bündiſchen bitter verleidet. Sie weigerten ferneren Sturm, und der Pfalzgraf, in ſchlecht verbiſſenem Grolle, mußte ſich 77 A△ begnügen, wieder das ſchwere Geſchütz ſpielen zu laſſen, um die gemachte Breſche noch zu vergrößern. Die im Schloſſe waren aber auch nicht müßig. Ein Theil von ihnen erwiederte das Geſchützfeuer mit ihren langen Hakenbüchſen, Andere trugen Steine herbei, um Schäden auszubeſſern und um Bruſtwehren zu erbauen. Die Hakenbüchſen räumten ſcharf auf unter den Bündiſchen, ſo daß ſie nothgedrungen zu einem zweiten Sturme ſich entſchließen mußten, um nicht allzu viele Mannſchaft zu verlieren. Wiederum rennten ſie in hellen Haufen an, und viele Grafen und Herren, Edle und ÜUnedle kamen zu der Breſche herein und freuten ſich, die größte Noth überſchritten zu haben. Kein Schuß von Innen heraus fiel mehr; die Belagerten hatten faſt ihr ganzes Pulver verſchoſſen, und mit Jubel drangen die Herren vor. Aber da fing der Kampf und die Wuth erſt recht an. Inwendig vor ihnen, zwiſchen der eingeſchloſſenen Mauer und dem Hof des Schloſſes, in welchem die tapferen Landsknechte ſtanden, ragte noch eine Mauer etwa auf Spießes Länge empor, durch welche man nur mittelſt eines Fenſters und einer ſchmalen, engen Thür gelangen konnte. Von hier aus, durch Fenſter und Thuͤr und von oben herab wehrten ſich die tapferen Landsknechte mit Werfen, Stechen und gut gezielten Schüſſen aus ihren Handrohren. Da mußten die Bün⸗ diſchen wieder zurück, wenn ſie nicht Alle wollten den Tod finden. Ihrer Viele lagen bereits erſchlagen auf dem Trümmerhaufen, und nur weniße Knechte wollten nicht weichen und nachlaſſen, ſondern krallten ſich wie Katzen an der Mauer feſt, bis die Landsknechte ſie mit ihren Spießen niederſtachen. Abermals mußten die Bündiſchen, um ein Ende zu machen, ihre Kanonen vorfahren. Sie richteten ſie durch die zerſchoſſene Mauer hinein an die innere Mauer und legten ſie zum Theil in Trümmer. Die Landsknechte drinnen konnten es nicht verhindern, denn ſie hatten ihr Pulver bis auf das letzte Korn verſchoſſen. Jetzt nun ſchritten die Bündiſchen zum dritten Mal zum Sturme, mit aller Macht und allem Zorn über das zweimalige Mißlingen. Nach ſchwerem Kampfe drang endlich die Uebermacht in das Innere des Schloſ⸗ ſes und warf die ſchwarzen Helden in die letzten Ruinen zurück. Ein Kampf auf Tod und Leben war es. Nie⸗ mand gab, Niemand verlangte Gnade. In wildem, ſchrecklichem Getümmel und Grimme des Todeskampfes kreuzten ſich Schwerter, Hellebarden und Lanzen, und immer enger ward der Schauplatz des Schlachtens, immer ſchlüpfriger vom rinnenden Blute wurden die ſteinernen Flieſen des Bodens. Ueber die Hälfte der ſchwarzen Schaar ſank dahin. Bei fünfzig Mann zogen ſich in den tiefen Schloßkeller zuruck, und wehrten ſich auch dort noch mit der Wuth der Verzweiflung. Die Feinde konnten ihnen nicht beikommen; da warfen ſie brennendes Stroh in den Keller und Pulverfäßchen hin⸗ terdrein, ſo daß Alle elendiglich ſterben mußten. Florian ſah es mit Trauer, aber ganz ungebeugten Muthes. Noch ſtand er hoch und gewaltig da, der ritterliche Mann, und ſein langes Schwert räumte furchtbar auf unter den Stürmenden. Junker Egbert focht, wie immer, an ſeiner Seite. Noch etwa zweihundert der tapferſten und ſtärkſten Männer hielten dem ſchrecklichen Andrange der Bündiſchen Stand. Alle Uebrigen lagen todt oder tödtlich verwundet. Florian ſah, es war keine Rettung mehr, als in einem kühnen Entſchluſſe. „Brüder,“ ſprach er zu den Seinen,—„ſie ſollen uns nicht ſchlachten wie Wölfe in einer Falle! Brechen wir hindurch! Ich will voran, Euch eine Gaſſe bahnen!« Einem Löwen gleich, der ſeine Verfolger nicht zählt, ſondern nur tödtet und niederwirft, warf ſich Florian auf die Bündiſchen. Dicht auf dem Fuße folgten ihm ſeine Getreuen. Rechts und links ſchmetterte ſein Schwert nieder, was ihm in den Weg zu treten wagte; rechts und links riſſen die Aexte und Spieße der tapferen Landsknechte blutige Lücken im dicht gedrängten Haufen der Bündiſchen. Vor ſolcher übergewaltiger Tapferkeit hielten dieſe nicht Stand. Siegreich ſchlug ſich Florian mit ſeinem Häuflein durch die Maſſen der Bündiſchen durch, und es gelang ihm, ein nahes Gehölz zu erreichen, das ihm eine ſichere Zuflucht für die Nacht gewährte. Niemand wagte es, ihn zu verfolgen, obgleich der Pfalz⸗ graf das ganze Wäldchen mit Reiſigen umſtellen ließ, um den kleinen Reſt der ſchwarzen Schaar um ſo ſiche⸗ rer am nächſten Morgen in ſeine Gewalt zu bekommen. Dennoch täuſchte ſich der Feldherr der Bündiſchen. Ehe noch der Morgen anbrach, begann Florian ſelbſt wieder das Gefecht, und brach bald hier, bald dort vor, bis er Raum gewonnen hatte, mit einer Zahl der Sei⸗ nigen durchzubrechen und das Weite zu gewinnen. Florian hätte es wohl kaum geſucht, wenn ihm nicht noch eine einzige Hoffnung geblieben wäre, die Hoff⸗ nung nämlich, ſich mit einer Schaar von Bauern zu vereinigen, welche, an ſiebentauſend Mann ſtark, ein Lager bei Thann gebildet hatten. Nach Thann hin alſo zog er mit den Wenigen, die ihm von ſeiner ſchwarzen Schaar noch übrig geblieben waren. Freilich hatte er faſt Alles verloren an Einem Tage des Zornes; faſt ganz allein ſtand er; aber er ſtand feſt, und trug ſchwei⸗ gend ſein Unglück. Zweierlei hatte er noch nicht ver⸗ loren: ſich ſelbſt und die Hoffnung. So lang ihm ſein Arm blieb und ſein Schwert, ſo lange blieb ihm auch der Wille, ſeinen unterdrückten deutſchen Brüdern zu helfen, und der Glaube an den Erfolg. Aber trotz aller Zuverſicht nahmen die Ereigniſſe einen anderen Gang, als den Florian hoffte und auf den er rechnete. In der Gegend von Thann angelangt, fand Florian keinen Heerhaufen der Bauern mehr, ſon⸗ dern Alles zerſtreut, aufgelöſt und entmuthigt. Dagegen ſtand eine ſtarke Heeres⸗Abtheilung der Bündiſchen unter dem Befehl von Florian's eigenem Schwager, dem jun⸗ gen Wilhelm von Grumbach, in der Nähe, und ſchon hatte dieſelbe die Ankunft Florian's ausgeſpürt, und begann ſofort Jagd auf ihn und ſeine wenigen Getreuen zu machen. Florian zog ſich auf den ſogenannten„Spaltich“ zurück, eine Waldhöhe, die zwiſchen den Schloͤſſern Vell⸗ berg und Limburg unweit Hall in Schwaben gelegen iſt, und hier breitete er ſich zum letzten Kampfe vor. Zum letzten! Nach den bitteren Erfahrungen der letztvergangenen Tage konnte er auf keine Erhebung des Volkes mehr zählen. Der Feind war ihm hart auf den Ferſen. Fliehen und ſich verbergen widerſtrebte ſeinem Sinne. So galt es denn alſo, den letzten Kampf zu fechten, und der Sache, der er ſein Leben geweiht, auch ſein Leben zu opfern. In dieſem Sinne ſprach er am 84 Abend des achten Juni zu Egbert und ſeinen wenigen treuen Landsknechten: „Das Spiel iſt aus,“ ſagte er.„Wir haben es verloren, und es bleibt uns nichts übrig, als zu ſterben, oder das Vaterland zu meiden auf ewig. So verlaßt ihr mich denn, ihr meine tapferen und getreuen Brüder. Gehet, fliehet, verbergt euch! Noch ſonnige Tage kön⸗ nen euch beſchieden ſein!“ »Und Ihr, Ritter Florian? Was gedenkt Ihr zu thun?« fragte Egbert. „Zu kämpfen— bis an das Ende!“ verſetzte der Ritter.„Nichts Anderes ziemt mir!« „Wohlan, ſo werden wir mit Euch kämpfen— bis an das Ende,“ ſprach Egbert, und lagerte ſich entſchloſ⸗ ſen auf dem ſchattigen Gipfel des Spaltich. Die wenigen Landsknechte, in den Waffen ergraute ernſte Männer, folgten ſtumm ſeinem Beiſpiele. In ihren Mienen las Florian, daß jedes fernere Wort der Mahnung und Ueberredung überflüſſig ſein würde. So ließ er denn geſchehen, was er nicht ändern konnte, und legte ſich neben ſeine lieben Getreuen in das thauige grüne Gras,— zum letzten Schlafe vor der letzten Schlacht. Am neunten Juni, mit Anbruch des Tages, drangen von allen Seiten die Bündiſchen gegen den„Spaltich“ heran. Mit blanken Waffen, aber lautlos wurden ſie von Florian und den Seinen empfangen. Ein heißes Fechten, ein blutiges Ringen begann. Da floß das Blut in zahlreichen kleinen Bächlein an den Rändern des Hügels hinab. Ein Landsknecht nach dem andern ſank neben Florian in ſein Todesblut, aber nicht, ohne im Voraus den Tod gerächt zu haben. Ein Keulen⸗ Ritter und Bauer. 6 ſchlag auf Junker Egberts Haupt warf auch dieſen letzten der Getreuen zu Boden. Noch ſtand Florian. »Auf Wiederſehen drüben, ihr wackeren Freunde!« murmelte er mit einem zugleich bewundernden und zärt⸗ lichen Blick auf ſeine todten tapferen Genoſſen. Dann focht er weiter mit hoch geſchwungenem Schwerte, der einzelne Mann gegen Tauſende. Fechtend ſank er endlich dahin, von zahlloſen Wunden durchbohrt, vom eigenen und fremden Herzblute überſtrömt. Seine letzten Worte lauteten:„Freiheit! Vaterland!“« Dann ſchloß ſich ſein Auge für immer.—— Der heldenhafte Tod auf dem Schlachtfelde rettete ihn vor dem Schafeot ſeiner erbitterten Gegner, und erwarb ihm die ewige Freiheit. Noch über der gefal⸗ lenen Sache des Volkes hielt er, ungebrochen verfechtend, den Ritterſchild. Nicht gegen den Lebenden ſollte der Feind des Sieges ſich rühmen,— kaum gegen ſeine Leiche.— ——— Unſere Erzählung iſt zu Ende. Mit wenigen Worten ſei nur noch erwähnt, welches Loos die hervorragendſten Häupter des Bauern⸗Aufſtandes traf. Jäcklein Rohrbach, der Anſtifter des Heilbronner Blutbades, wurde furchtbar geſtraft für jene Schand⸗ that. Er ſiel in die Gewalt des Truchſeß von Wald⸗ burg, und dieſer befahl, ihn braten und röſten zu laſſen. In Neckargartach und Fürfeld lagerte des Truchſeß Heer, und hier wollte er dem Andenken der ermordeten Standesgenoſſen ein furchtbares Sühnopfer bringen. Im Angeſichte der Truppen wurde Jäcklein im Weidach an eine Felbe mit eiſerner Kette gebunden, und mit bren⸗ nenden Scheitern umlegt, ſo daß er langſam bratend bei 83 lebendigem Leibe den gräßlichen Todestanz in dem Feuer⸗ kreiſe um den Baum tanzen mußte, unter Trommeln und Pfeifenſchall. Kinder auf den Achſeln der Kriegsknechte ſahen zu, und umher ſtanden viele Herren vom Adel, bis ſein letzter Jammerſchrei, ſein letztes Todesröcheln verhallte, und er am Ende, keine menſchliche Geſtalt mehr, ſon⸗ dern nur noch ein formloſer Klumpen, zuſammen ſank. Wendel Hippler, Jörg Metzler und Andere retteten ihr Leben, als Alles verloren war, durch heimliche Flucht, und entzogen ſich ſo des Adels Rache. Schwer aber traf dieſe das arme, zu Boden getretene Landvolk. Zu Hunderten wurden die Unglücklichen hingerichtet; zu Hunderten von Haus und Hof in's Elend getrieben; Hunderten wurde der letzte Pfennig abgepreßt; Hun⸗ derten der rothe Hahn auf das Dach geſetzt. Berthold Aichelin, des Truchſeß erſter Profoß, übte in furcht⸗ barer Weiſe ſein Amt.„Der fuhr,“ wie ein Zeitgenoſſe berichtet,„um in Schwaben, Franken, dem Schwarz⸗ wald, in Württemberg, Hegau, Allgau, weit und breit, zu henken, zu verbrennen, Augen auszuſtechen und zu brandmarken; einen beſonderen grimmigen Haß hatte er auf das Evangelium; wo er einen evangeliſchen Prädi⸗ kanten erhaſchen konnte, der hatte bei ihm den Hals verloren; er fing's, beraubt's, ſchätzt's, henkt's an die Bäume elendiglich; da hatte alles menſchliche Erbarmen ein Ende.“ Wohl war dieſes am Ende, und ſo Alles. Die gerechten Klagen der Bauern mußten nach ihrer Nieder⸗ lage wohl verſtummen. Aber auch der ſiegreiche Adel hatte von ſeinem Siege keinen rechten Genuß, ſondern nur Schaden und Nachtheil. 6* „Einzelne Frevel der Bauern,“ ſagt ein geſchätzter Geſchichtſchreiber, dem wir die hiſtoriſchen Daten dieſer Erzählung entnommen,—„hatten die Herren mit un⸗ erhörten und allgemeinen Miſſethaten vergolten. Solche Miſſethaten aber ſind in der Geſchichte nie begangen worden, ohne daß die ſie begingen oder begehen ließen, an ihren Folgen mitlitten, und durch die Strafen, die ſte anthaten, ſelbſt geſtraft wurden. Ein großer Theil des Adels hat ſich ſeitdem nicht wieder erholt; und es kamen die Tage, da die ſpäten Enkel jener Sieger über die Bauern— ſich ſagen mußten, daß die Sünden der Väter ſich gerächt haben nach Jahrhunderten an den Nachkommen.— Es geht ein ſtilles Walten, eine hei⸗ lige Nemeſis, durch die Weltgeſchichte; und die Ver⸗ gangenheit ruft es der Zukunft zuu Fürchtet Gott und üͤbet Gerechtigkeit!⸗— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. G 8 fffffffff 14 15 16