deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Sf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruͤckerſtattet wird. 1 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: fur nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————x— auf 1 Monat: 1 Pet.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 nr.— Pf. 3 7„—„„ 7„—„ 4„—„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkés, ſo iſt ——— 3 4 5 Ohnmacht des Reichthums. 5. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Hoffmann. Motto: Armuth und Reichthum gib mir nicht. Sprüchw. 30, 8. —. 6 Mit vier Stahlſtichen. 3 — 5— Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1859. —— —— —— Erſtes Kapitel. Es iſt beſſer ein Armer, der in ſeiner Frömmig⸗ keit gehet, denn ein Reicher, der in verkehrten Wegen gehet. Sprüchwörter 28, 6. * Arnold und Jonathan kehrten vom Friedhofe zurück, und betraten in ſehr ernſter und wehmüthiger Stimmung ihre kleine Wohnung. Sie hatten einem theuren Freunde das letzte Geleite gegeben, und ſtanden nun ohne Ver⸗ wandte und ſonſtige Angehörige ganz allein in der Welt da. Vater und Mutter waren ihnen ſchon vor Jahren geſtorben. Ein gutherziger Verwandter hatte ſich der beiden verwaisten Knaben angenommen, und ſie in Allem unterſtützt und gefördert, ſo weit ſeine nicht allzu reich⸗ lichen Mittel es irgend erlaubten. Jetzt ruhete der wackere Ehrenmann im Grabe, und hatte, außer ſeinem Segen, auch ſein kleines Vermögen den beiden Brüdern mit der ausdrücklichen Beſtimmung hinterlaſſen, daß ſie frei nach ihrem Gefallen und Belieben darüber verfügen könnten. Ohnmacht ꝛc. 1 Arnold und Jonathan waren Zwillinge, und hätten einander zum Verwechſeln ähnlich geſehen, wenn nicht die Farbe ihres lockigen Haares und ihrer Augen ver⸗ ſchieden geweſen wäre. Arnold war blond mit blauen Augen, Jonathan dagegen hatte dunkles, faſt ſchwarzes Haar, und funkelnde, braune Augenſterne. Auch im Charakter ähnelten ſie einander gar nicht, ſondern bil⸗ deten einen faſt vollkommenen Gegenſatz zu einander. Arnold war ſanft, geduldig und ſehr gleichmäßig in ſeinem Streben und Handeln. Jonathan war heftig, aufbrauſend und ſtolz, und dabei ſehr unſtät in ſeinen Neigungen. Was er erfaßte, trieb er mit großer Lei⸗ denſchaft, aber die rechte Ausdauer fehlte ihm, und oft blieb er auf halbem Wege zu ſeinem Ziele ſtehen, oder kehrte ihm verächtlich den Rücken zu, wenn es den Reiz der Neuheit für ihn verloren hatte. Nur eine Leiden⸗ ſchaft ſchien ihn vollſtändig zu beherrſchen, die Sucht, reich zu werden, ſo reich, wie die reichſten Leute ſeiner reichen Vaterſtadt, denen er mißgünſtig ihre ſchönen Häuſer, Gärten und ihren verſchwenderiſchen Lurus in der Lebensweiſe beneidete. Sein Sinn ſtand auf Glanz und Pracht, während Arnold nur die allerbeſcheidenſten Wünſche hegte, und von dem Leben nichts hoffte und erſehnte, als das tägliche Brod und eine nützliche, wenn auch untergeordnete Wirkſamkeit. Die beiden Brüder ſaßen einander gegenüber am Fenſter ihres Zimmers, und blickten durch die hellen Scheiben nachdenklich auf die Straße hinaus, welche ihren Augen ein buntes Gewimmel von Fußgängern, Reitern und Equipagen darbot. Beide achteten jedoch in dieſer Stunde nur wenig darauf, ſondern ihre Ge⸗ danken und Empfindungen verweilten alle bei ihrem Wohlthäter, deſſen treues Herz nun in der kühlen Erde ruhte. In Arnolds Zügen prägte ſich tiefe Betrübniß aus, und eine funkelnde Thräne rollte von Zeit zu Zeit über ſeine Wangen. Jonathan ſah mehr finſter aus als traurig, als ob er dem Geſchicke grolle, das ihm den väterlichen Freund auf immer geraubt hatte. 3 Draußen auf der Straße glänzte der goldene Son⸗ nenſchein, und wie ein blaues Zelt ſpannte ſich der wolkenloſe Himmel über Stadt und Gegend aus. Aber auch dies blieb von den beiden Brüdern unbeachtet, bis zufällig ein prächtiger Wagen, mit vier herrlichen Schimmeln beſpannt, gerade unter ihren Fenſtern vor⸗ über brauste. Ein von Gold⸗CTreſſen blitzender Kutſcher lenkte die feurigen Roſſe, und hinten auf dem Bedien⸗ ten⸗Sitze ſchaukelte ſich ein Mohr mit rothem Turban und in reicher orientaliſcher Kleidung. Im Innern des offenen, mit Sammt ausgeſchlagenen Wagens lehnte ein ältlicher, vornehm ausſehender Herr, und neben demſelben ſaß ein großer, ſchwarzer Hund, welcher mit gleichgultigen Blicken, wie ſein Gebieter, auf das Straßengewimmel ſchaute, an dem ſie in raſchem Trabe vorbei raſſelten.— Ein Seufzer entrang ſich bei dieſem ſchnell wieder verſchwindenden Anblicke Jonathans Bruſt. „»Wer es ſo gut hätte, wie der alte reiche Pfeifer, der eben vorüber fuhr,“ ſagte er mehr für ſich hin, als zu ſeinem Bruder.„Dem iſt ein glückliches Loos zu⸗ gefallen in dieſer Welt!« „Ob aber auch in jener?« erwiederte Arnold, in⸗ dem er den Bruder mit ſeinen offenen blauen Augen ſanft anſah.“ „Und wer weiß denn, ob überhaupt nur auch j n dieſer?« fuhr er ſinnend fort.„Meiner Anſicht nach iſt es nicht gerade Reichthum, der das Glück an ſich kettet. Ein zufriedenes Gemüth mag zuweilen mehr beglücken, als alle Schätze der Welt.“ Jonathan zuckte mit einem ſpöttiſchen Lächeln die Achſeln. 3 „Das iſt deine alte Redensart, die du bei jeder Gelegenheit im Munde führſt,« ſagte er faſt gering⸗ ſchätzig.„Ohne Reichthum kein Glück in der Welt. Wie ſoll ich ihre Freuden kennen und genießen lernen, wenn ich nicht die Mittel beſitze, mir ſie anzuſchaffen? Nur die Reichen wiſſen, was leben heißt!“« Jetzt war die Reihe an Arnold, die Achſeln zu zucken, und er that es, aber kaum bemerkbar, ohne ſich die Mühe zu geben, eine Einwendung gegen die Be⸗ hauptung des Bruders zu machen. Schon zu oft hat⸗ ten ſie über dieſes Thema ihre Anſichten und Meinun⸗ gen ausgetauſcht, und Arnold wußte aus Erfahrung, daß jeder Verſuch vergeblich ſein würde, ändernd und beſtimmend auf die Anſchauungen ſeines ſehr weltlich geſinnten Bruders einzuwirken. Darum ſchwieg er, und wiederum herrſchte geraume Zeit die tiefſte Stille in dem Gemache. Endlich nahm Jonathan das Ge⸗ ſpräch wieder auf. »Arnold,« ſagte er, indem er raſch mit der flachen Hand über ſeine Stirne fuhr, als ob er die unmuthigen Gedanken dort wegwiſchen wollte,— es nützt nichts, daß wir uns der Trauer über unſeren theuren verſtor⸗ benen Wohlthäter hingeben, denn alle Wünſche und Thränen werden ihn nicht aus ſeinem ſtillen Grabe zurückrufen. Das Leben hat ſein gutes, gebieteriſches Recht, und deßhalb müſſen wir uns ihm zuwenden. achtzehn Jahre alt, und ich hoffe, verſtändig genug, um über unſere Zukunft beſchließen zu können. Auch müſſen wir es, und zwar ohne fremden Rath und Beiſtand, denn das einzige Herz, welches noch warmen, aufrichtigen Antheil an uns nahm, ſchlägt nicht mehr. Haſt du ſchon ernſtlich darüber nachgedacht, welchen Beruf du wählen, welchen Lebenspfad für die Zukunft du einſchlagen willſt?« Arnold ſchüttelte den Kopf. »Noch nicht, lieber Bruder,“ antwortete er.„Alle meine Gedanken haben bis jetzt bei ihm geweilt, der nicht mehr unter uns iſt. Was du meinſt, hat ja auch keine ſo große Eile. Vorläufig iſt ja unſere nächſte Zukunft durch die Liebe unſeres Wohlthäters geſichert.« »Aber auf wie lange?« entgegnete Jonathan.„Der ſelige Onkel hat uns Beiden im Ganzen fünftauſend Thaler hinterlaſſen. Wie lange ſoll eine ſo kleine Summe reichen? Wir müſſen ſuchen, mehr damit zu erwerben, und was mich anbetrifft, ſo habe ich meine Beſtimmung getroffen.“ 5 »Was willſt du thun?« fragte Arnold geſpannt und faſt erſchreckt. »„Ich kaufe Waaren ein, und gehe damit nach Süd⸗ Amerika oder Oſtindien,“ verſetzte Jonathan haſtig und mit einer gewiſſen Gereiztheit im Tone, als ob er voraus wiſſe, daß der Bruder dieſen Entſchluß nicht billigen werde. In der That, Arnold erbleichte und ſtreckte unwillkürlich die Hand nach dem Bruder aus, als ob er ihn feſthalten wolle. 1 »Das kannſt du nicht thun, Jonathan,« rief er ſchmerzlich aus.„Du kannſt es nicht über's Herz Was ſoll nun werden und geſchehen? Wir ſind Beide — bringen, dich von mir loszureißen, mich ganz, ganz allein hier zurückzulaſſen! Du kannſt es nicht, und wirſt es nicht, Bruder, lieber Bruder!« „»èDie Trennung wird nicht ewig währen, Arnold,« erwiederte Jonathan beſchwichtigend.„Ich werde aus den eemden ndem mit andern Waaren zurückkehren, die ich hi leder vortheilhaft umſetzen kann, und in wenigen Jahren hoffe ich mein kleines Kapital verzehn⸗ facht zu haben.“ „»Oh, Jonathan,“ ſagte Arnold betrübt,„und be⸗ denkſt du nicht, welchen Gefahren du dich bei ſolchem raſtloſen Leben preisgibſt? Denkſt du nicht an die Stürme des Meeres, an die ſchrecklichen, verheerenden Krankheiten der tropiſchen Länder, die ſo oft tödtlich für die Europäer ſind? Bedenke, was Salomo ſagt: „Es iſt beſſer, ein Weniges mit der Furcht des Herrn, denn großen Schatz, darinnen Unruhe iſt!’ Das iſt ein wahres Wort, und nach ihm ſollteſt du handeln. Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ »Und was ſollte ich hier mit den paar hundert Thalern beginnen?“ fragte Jonathan ein wenig ſpöttiſch. „Es wird ſich manches Gute auch hier ausſindig machen laſſen,“ erwiederte Arnold mit Wärme.„Wenn du ein Kaufmann werden willſt, warum trittſt du denn nicht in ein hieſiges Handelsgeſchäft ein? Du haſt hübſche Kenntniſſe geſammelt, Bruder! Du ſprichſt franzöſiſch, engliſch, ſpaniſch, du haſt einen regen, ſchar⸗ fen Verſtand,— ſolche Leute ſind überall willkommen und wohl aufgenommen, es kann dir nicht ſchwer wer⸗ den, eine gute Stelle zu erhalten, und für bitere Shei haſt du dein kleines Kapital, womit du einmal ein eigenes Geſchäft hegründen kannſt.“ —. Jonathan lächelte und ſchüttelte den Kopf. „Alles gut fuͤr ſolche Leute, die ſich am Schlendrian genügen laſſen, aber nicht gut für mich, der ſich in die Welt hinaus ſehnt und gerüſtet iſt, einen tüchtigen Kampf mit dem Leben zu beſtehen. Nein, Arnold, ich muß meinen eigenen Weg verfolgen. Den ganzen Tag auf dem Comtore ſitzen, Zahlen Aeht Briefe ſchreiben, und das jeden Tag und alle Tage von vorn anfangen, das paßt nicht für mich. Auch dauert es mir zu lange, bis ich auf dieſem Wege an's Ziel komme. Und welches Ziel wäre es? Das, zuletzt ein ehrſamer Dütchenkrämer zu werden, der Kaffee und Zucker lothweiſe verkauft, und das Syrup⸗Faß mit der Kelle umrührt. Mir ſchaudert vor einer ſolchen Zu⸗ kunft! Nein, reich will ich werden, ſehr reich und ſchnell reich, damit ich dann die Herrlichkeit des Lebens in Fülle genießen kann. Das iſt mein Ziel, und ich fühle Kraft in mir, es zu erkämpfen!« Sein Geſicht glühte, ſeine Augen funkelten bei die⸗ ſen Worten, und ſtolz ſtreckte er die Arme aus, als ob die erſehnten Reichthümer ſchon im Bereiche ſeiner Hände lägen, und er nur zuzugreifen brauchte, um ſie feſtzu⸗ halten. Arnold heftete einen betrübten Blick auf ihn. »Und an mich denkſt du gar nicht, Bruder?“ ſagte er.„Wenn ein hartes Schickſal dich hinwegraffte, wie gränzenlos unglücklich würde das mich machen!“ „Das Leben iſt kein leichtes Spiel,« verſetzte Jona⸗ than.„Um hoch zu gewinnen, muß man hohe Einſätze wagen, und ich wage nicht nur mein Kapital, ſondern auch mein Leben. Das Uebrige walte Gott. Er wird mit dirmſein, wenn ich mein Spiel auch verlieren ſollte!« — 8 * „Ich ſehe wohl, daß ich mich deinem Willen fügen muß, denn was könnte ich dagegen thun?« verſetzte Arnold ziemlich niedergeſchlagen.„Aber es bangt mir um dich, Bruder, denn es ſtehet geſchrieben: ‚Wachen nach Reichthum verzehrt den Leib!⸗ und an anderem Orte: ‚Wen eilet reich zu werden, wird nicht unſchuldig bleiben.’ Hüte dich wenigſtens, Bruder, daß du bei dem Trachten nach Geld nicht dein beſſeres Theil, dein Herz und dein Seelenheil gefährdeſt!« »„Ich hoffe, du wirſt mir nicht zutrauen, daß ich jemals eine Unredlichkeit begehen koͤnnte,“ antwortete Jonathan finſter. »Nein, nein, verzeihe mir Bruder,« ſagte Arnold haſtig,—„nicht ſo meinte ich's. Aber ich weiß, und die Erfahrung hat es oft gelehrt, daß Reichthum die beſſeren Eigenſchaften des Herzens abſchwächt und ver⸗ mindert, und mich, zum Beiſpiel, würde es bitterlich ſchmerzen, wenn deine Liebe zu mir einmal geringer werden ſollte!« „Das fürchte nicht, lieber Arnold,“ verſetzte Jona⸗ than raſch und mit voller Herzlichkeit.„Glaube mir, auch mir geht die Trennung von dir ſehr nahe, aber ewig könnten wir ja duc nich zuſammenbleiben, und jeder Menſch muß zuletzt ſeinen Neigungen folgen. Und dann, es gibt ja noch immer einen Ausweg! Begleite mich, Bruder! Verlaß mich nicht! Ich will fur dich ſchaffen und arbeiten, wie für mich ſelbſt, und von jedem Gewinne, den wir machen, ſoll die Hälfte dein ſein!« dden Ron ächelnd den opf.* es gut,“« gab er zur Antvort, h, daß ich für ein ſolches Leben in ——’nn —— 9 der Welt, wie du eseefuch, nicht geſchaffen bin. Ich würde dir immer nur eine Laſt und ein Hinderniß ſein!“ »Niemals, niemals,“ verſicherte Jonathan mit Wärme, denn er empfand eine wahre und innige Liebe zu ſeinem Bruder.„Und wenn auch,— gewiß würde ich dich etwas der Art nicht empfinden laſſen!“ „Das brauchſt du mir nicht zu verſichern, Jona⸗ than,“ verſetzte Arnold eben ſo herzlich.„Dennoch würde ich ſehen und merken, wie und wo ich dir im Wege wäre, und das würde mich ſehr unglücklich und unzufrieden machen. Nein, da du einmal gehen willſt, ſo gehe allein, und ich werde für dich beten, und dir alles Gute und Glückliche wünſchen!« Jonathan nickte, als ob er freilich mit dieſer An⸗ ſicht der Dinge übereinſtimmen müſſe, und ſagte dann: »Was aber willſt du nun ergreifen, Bruder? Es wäre mir lieb, ſehr lieb, wenn ich in weiter Feme deiner ohne Unruhe und Sorge gedenken könnte.“« „»Oh, meinetwegen brauchſt du nicht bange zu ſein,“ erwiederte Arnold mit einem ſanften, ruhigen Lächeln.„Du kennſt ja meine Genügſamkeit und weißt, wie wenige Bedürfniſſe ich habe. Die Zinſen des klei⸗ nen Kapitals, welches der gute ſelige Onkel für mich beſtimmt hat, werden hinreichen, mich vor wirklicher Noth zu beſchützen, und im Uebrigen kann ich ja auch fleißig ſein in meiner Weiſe, und Kenntniſſe ſammeln, die ſpäter einmal Frucht tragen werden. Ich ſpreche mit Salomo: ‚Guter Gott, Armuth und Reichthum gib mir nicht; laß mich aber mein beſcheidenes Theil Speiſe dahin nehmen!« 8 „Du gutes, ſtilles, zufriedenes Gemüth!“ rief wenig, als ich, jemals mit kaufmänniſchen Geſchäften zu thun gehabt.“ „Doch ein wenig mehr, als du denkſt,« entgegnete Jonathan lächelnd und mit einer gewiſſen ſicheren Ueber⸗ legenheit.„Ich habe ganz nebenbei meine Handlungs⸗ ſtudien gemachſt, und mich möglichſt im ganzen Leben und Treiben ſher Handelswelt umgeſehen. Du weißt, daß ich viel ſit dem alten Kapitän Barens, einem Freunde unſe 18 verſtorbenen Vaters, verkehrt habe, und die ehrliche, treue Haut, die den Handelsverkehr in den fernen Indien ganz genau kennt, hat mir man⸗ chen guten Wink gegeben, und mir aus dem Schatze ſeiner langjährigen Erfahrungen das Beſte nicht vor⸗ enthalten. Er kennt meine Abſichten, und billigt ſie. Noch vor wenigen Tagen ſprach ich mit ihm, und er cht d forderte mich auf, ihn nach St. Domingo zu begleiten, wohin er in den nächſten Wochen mit ſeinem Schiß a abgehen werde. Damals konnte ich ihm noch Richte Beſtimmtes zuſagen, denn ich mußte doch vorher mit unſerem guten Onkel ſprechen, den ich nicht in ſo großer Lebensgefahr glaubte, als er ſich wirklich befand. Nun aber, da er von uns geſchieden iſt, hält mich nichts mehr zurück, und morgen werde ich den alten braven Barens aufſuchen, und nähere Rückſpracho mit ihm nehmen. Wenn du Luſt haſt, ſo begleite mich zu ihm, und dann wirſt du aus ſeinem eigenen Munde hören, daß Er wenigſtens mit meinem Vorhaben einverſtan⸗ den iſt.“ »„Ich werde mit dir hingehen,“ ſagte Arnold.„Recht wohl erinnere ich mich des alten Barens, und ich weiß, daß der ſelige Vater ihn oft die treueſte und beſte Seele von der Welt genannt hat. Wenn du mit ihm 3 4 1 6 gehſt, kann ich ein gutes Theil uußiger und unbeſorgter an dich denken, als wenn du dich an einen ganz Un⸗ bekannten anſchlöſſeſt.“ »Gut, morgen früh,« ſprach Jonathan, und die Brüder reichten einander die Hände, die ſie ſich gegen⸗ ſeitig herzlich drückten..„ 8s Am anderen Tage ſchlugen Arnold und Jonathan den Weg zum Hafen ein, und der Letztere wußte ſchon, wo er ſeinen alten Freund Barens aufzuſuchen habe. Sie fanden ihn in einem Gaſtzimmer, wo ſich täglich die Kapitäne der ein⸗ und auslaufenden Handelsſchiffe, in gemüthlicher Geſelligkeit zu verſammeln pflegten, und mit freundlicher Miene wurden die beiden Brüder von dem alten Barens empfangen. „Na, da biſt du endlich einmal wieder, mein Junge,“« rief er Jonathan entgegen.„Haſt dich ja in drei oder vier Tagen nicht blicken laſſen. Und wen bringſt du e ha Gewiß deinen Bruder, man ſieht's auf der Stelle an der Aehnlichkeit, denn zwei Eier können ein⸗ ander nicht mehr gleichen, als Ihr Euch. Aber nehmt Platz, Kinder, und ſeid willkommen! Kellner, noch zwei Gläſer! Und nun heraus, Jonathan, wo haſt du ſo lange geſteckt?« 4 Jonathan erzählte dem wackeren, alten Freunde, welchen Verluſt er durch den Tod des Onkels erlit⸗ ten hatte. X »Das entſchuldigt dich freilich, armer Junge,“ ſagte er theilnehmend.„Alſo der gute Onkel iſt todt und be⸗ graben? Da gibt es wieder ein braves Herz weniger in der Welt! Gott ſchenke ihm die ewige Seligkeit! Ihr Beiden aber ſeid nun wohl zum alten Barens ge⸗ kommen, um bei ihm zu bleiben, wie? Nun, das ſollte . 13 mir recht ſein, und mich herzlich freuen! So lange ich lebe, will ich rechte Vaterſtelle bei Euch vertreten!« „Nein, Kapitän, mein Bruder Arnold will nicht mit uns über's Meer, und wie ich ihn kenne, thut er wohl daran,“ entgegnete Jonathan.„Aber ich für mein Theil bin entſchloſſen, mit Ihnen zu fahren, Kapitän Barens.« „Das iſt mir lieb, mein Junge,“ ſagte der Alte ſichtlich erfreut.„Du mußt aber ſchnell dein Bündel packen, denn ſchon übermorgen, wenn der Wind anhält, denk' ich in See zu ſtechen, denn Ladung und Alles iſt ſchon ſo ziemlich an. Bord.“ Jonathan ſetzte nun dem väterlichen Freunde ſeine Abſicht aus einander, daß er für ſein Kapital Waaren einkaufen wolle, und Kapitän Barens nickte beifällig mit dem Kopfe.. „Recht,“« ſagte er,„ganz recht, und nicht beſſer hätte ſich's treffen können, als gerade jetzt. Eben ee mit Kapitän Lang, der geraden Wegs von Santt Do⸗ mingo kommt, und er warf ſo beiläufig hin, daß dort ſeidene Stoffe eben jetzt ſehr geſucht wären. Lege alſo dein Geld in Seide an, und wenn Alles geht, wie es ſoll, mußt du ein Heidengeld, daran verdienen.“ Jonathan's Augen funkelten bei dieſen Worten und er 1an dge Bruder einen zuverſichtlichen, faſt trium⸗ d phirende ck zu, als ob er ſagen wollte.»Hörſt du nun, daß iich recht hatte?« Aber er unterdrückte die Bemerkung, und wendete ſich wieder zu Kapitän Barens.* 3 »Ich danke ſagte er.„Mein wird, will ich ese nen für den guten Rath, Kapitän,“ d liegt bereit, und ehe es Abend ne Stoffe verwandeln.“. . 14. „Thu' das, mein Junge, und laß nur Alles an Bord der ‚Taube“ ſchicken,“ erwiederte Kapitän Ba⸗ rens.„Kannſt ohne Sorge ſein, in einer Stunde fahre ich ſelbſt hinüber und werde Befehl geben, daß Alles richtig in deine Kajüte geſtauet wird. Und du, mein lieber Arnold, willſt du nicht auch dein Glück verſuchen? Deinem Bruder kannſt du trauen, und daß ein hüb⸗ ſches Geld bei dem Handel verdient werden wird, da⸗ für ſteh' ich ein.“ »Und doch will ich's lieber nicht thun, Kapitän,“« verſetzte Arnold gelaſſen.„Mein Herz trachtet nicht nach Reichthum.“. „Nun, wie du willſt, lieber Junge,“ erwiederte der Kapitän.„Ich meinte nur, weil dein ſeliger Vater und ich gute Freunde waren, ich müßte dir einen Wink geben. Aber wie du willſt! Jeder Menſch muß ſeinen eigenen Weg gehen, und du mit deinen ſanften Augen ir freilich nicht darnach aus, als ob du Freude am Getümmel der Welt haben könnteſt. Na, aber nun iſt's genug geplaudert. Mach dich fort, Jonathan, und ſieh zu, daß man dich beim Einkaufen nicht über's Ohr hauet!“ Die beiden Brüder nahmen Abſchied vom Kapitän, und Arnold kehrte zu ehnn ſtillen Stübchen zurück, während Jonathan die Niederlagen von Seidan⸗Waaren aufſuchte, überall feilſchte und ausſucht ſeinn Handel abſchloß. Erſt ziemlich ſpät, mit einbrechender 6 Nacht, kam auch er nach Hauſe, und za augenſchein⸗ lich ſehr müde und erhitzt. „Himmel, wie du ausſilhſt, Jonißan« ſagte Ar⸗ nold zu ihm. „Glaub es wohl,“ erwienhn 8 .— ich bin ſo 15 erſchöpft, wie ein gehetzter Hirſch, aber das Geſchäft iſt gemacht, und ich denke, daß es gut gemacht iſt. Ich habe viel laufen und rennen müſſen, Arnold, aber ich habe auch billig eingekauft, und werde nun herrlich ſchlafen, denke ich. Gute Nacht, lieber Bruder! Ich bin wirklich todtmüde!« Ohne ſich weiter aufzuhalten, ging er in die Kam⸗ mer und legte ſich zu Bett. Arnold blickte ihm be⸗ trübt nach. »Da fängt es ſchon an,« murmelte er vor ſich hin. »Bisher plauderten wir jiden Abend noch ein Stünd⸗ chen nach des Tages Arbeit, und jetzt denkt er ſchon nicht mehr daran, weil ſein ganzer Sinn auf Geſchäft und Erwerb gerichtet iſt. Großer Gott, ich würde ihm alle Schätze der Welt gönnen, wenn ich nur wüßte, daß es ihn glücklich machte. Aber Mancher iſt arm bei allem Reichthum, und Mancher iſt reich bei ſeiner Armuth. Wie ohnmächtig iſt Gold in vielen Lagen des Lebens, und wie reich macht allezeit ein zufriedenes, Gott ergebenes Herz! Das erhalte mir, Vater im Himmel, und laß auch ihn es finden, der jetzt ſo raſt⸗ los und ruhelos iſt!« — Zweites Kapitel. 9 b Die Füll, des Reichen läßt ihn nicht ſchlafen. Die ſchwere Eiunde der Trennung war überſtan⸗ en, nicht ohne i des Schmerzes, den auch Jo⸗ 4 4 — & 16 nathan bei dem Abſchiede von dem Bruder empfand. Jetzt ſaß Arnold allein daheim und ſuchte Troſt in der Beſchäftigung mit ſeinen lieben Büchern. Aber ſeine Gedanken waren oft abweſend, und ſchweiften weit über die bedruckten Blätter hinaus auf das Meer, auf deſſen trügeriſchen Wogen das Theuerſte, was er auf Erden beſaß, in ferne Länder ſegelte. Mancher Seuf⸗ zer entquoll ſeiner gepreßten Bruſt, manche Thräne perlte aus ſeinen blauen Augen. Er fühlte ſich einſam und verlaſſen, es war ihm zu Muthe, als ob die lie⸗ bere Hälfte ſeines eigenen Selbſt von ihm geſchieden wäre, und viele Tage mußten erſt vergehen, ehe er einigermaßen das gewohnte ruhige Gleichgewicht ſeiner Seele wiederfand. Minder ſchwer überwand Jonathan die Trennung von ſeinem Bruder, obgleich er deſſelben ſtets mit herz⸗ licher Liebe gedachte. Aber es iſt ja immer ſo. Der Gehende empfängt täglich und ſtündlich neue, vielleicht noch nicht erlebte und empfundene Eindrüͤcke von der ſtets wechſelnden Außenwelt, die den Geiſt feſſeln und die Seele in ſteter Spannung erhalten. Der Zurück⸗ bleibende dagegen empfindet doppelt ſchmerzlich die Lücke, welche das Scheiden eines theuren Bruders oder Freundes zurückgelaſſen hat, da die gewohnten Umge⸗ bungen ihm keinerlei Erſatz bieten können, ſondern die Wunde nur immer von Neuem bluten. je oͤfter ſie die Erinnerung an das Geliebte wieder erwecken. Jonathans Thränen waren gefloſſegg ſo lange das Schiff auf den Wellen des Stromes glitt. Als aber die Ufer weiter und weiter zurüikiraten, als der unnendliche und großartige Anblick Meeres ſeinen Blicken ſich eröffnete, als der Wind friſcher und friſcher — 4 17* in die ſchwellenden Segel blies, als lang geſtreckte im Sonnenſchein blitzende Wogen plätſchernd die Borde ſchlugen und das Schiff auf und nieder ſtampfen lie⸗ ßen, und als ſich bei ihm nun Mſerien Anzeichen der Seekrankheit in höchſt unangenehmer Weiſe fühl⸗ bar machten, da erloſch die ſehnſuchtsvolle Erinnerung an den Bruder mehr und mehr, und machte ganz und gar ſelbſtſüchtigen Gefühlen Platz. Seine Thränen verſiegten, aber dagegen bedeckte Bläſſe ſein ſonſt blü⸗ hendes Geſicht, und kalte Schweißtropfen perlten auf ſeiner Stirn. Kapitän Barens lachte herzlich darüber, und klopfte ihn gutmüthig mit ſeiner breiten ſchwieligen Hand auf die Schulter. »Muth, mein Junge,“ rief er ihm mit einer Stimme zu, die hier auf dem offenen Meere doppelt an Kraft und Mark gewonnen zu haben ſchien,—„das ſind die erſten kleinen Leiden eines Seefahrers. In ein paar Tagen haſt du ſie überwunden, und wirſt dann nicht mehr ſo trübſelig in die Welt hinein ſchauen!“ Jonathan antwortete nicht, es war ihm zu hun⸗ denland zu Muthe. Nur mit einem beweglichen Blicke bat er den Kapitän, ihn mit ſeinen rauhen Scherzen zu verſchonen, und ſtreckte ſich dann in irgend einen ablegenen Winkel auf die Planken aus, um hier in übelſter Stimmung das Ende ſeiner Leiden abzuwarten. Nur zuweilen eine krampfhafte Bewegung, ein Wuͤrgen und Stöhnen gab Zeugniß davon, daß noch Leben in ihm ſei. Im Uebrigen lag er ſo ſchwach, hülflos und blaß da, wie ein Todter, und verwünſchte in innerſter Seele den Entſchluß, auf See gegangen zu ſein. »Ach, wär' ich daheim geblieben,“ murmelte er manchmal mit bläulichen, bebenden Lippen.„So ſchlimm K Ohnmacht ꝛe. 2 18 hab ich's uir nicht gedacht anf dem Schiſe; das iſ ein Zuſtand, ſchlimmer als Sterben!“ Kein Menſch kümmerte ſich um ihn, ſelbſt nicht Kapitän Barens, der wohl wußte, daß mit ſolchen Patienten nichts anzufangen, und daß ihnen weder zu rathen noch zu helfen ſei. Die roheren Schiffsmatroſen und Jungen lachten höchſtens über ſeine Qualen, die ihnen äußerſt poſſirlich vorkommen mochten, und Jona⸗ than empfand die ingrimmigſte Entrüſtung über ſie. Wie anders würde ſein Bruder Arnold ihn behandelt, wie ihn getroͤſtet, gewartet, gepflegt, ſich für ihn auf⸗ geopfert haben. Aber er hatte ihn verlaſſen, aus freiem Entſchluſſe und aus eigenem Willen,— nun mochte er das Bad nehmen, das er ſich ſelber bereitet. Auf alle Welt grollte er, ſogar auf ſeinen alten Freund, den Kapitän, der ihm ſo gar keine Zärtlichkeit oder nur Theilnahme bewies. Ein wirklicher Freund, der es aufrichtig mit ihm meinte, dachte er, würde ſich an⸗ ders benehmen. Er wußte aber nicht, der arme, ſee⸗ kranke Schelm, daß in der That ſeine Leiden in keiner Weiſe zu lindern waren, und ſich die Natur nur allein ſelber helfen konnte. Der Wind ging friſch, und„die Taube“ tanzte mit ihren ausgebreiteten Schwingen munter über die bewegten Wogen hin, die ſie pfeilſchnell mit ihrem Vorderbuge zertheilte und ſchäumend zur Seite ſchleu⸗ derte. Zwei Tage dauerte der beklagenswerthe Zuſtand Jonathan's an, bis endlich am dritten Tage die ſcharfe Briſe ſchwächer wurde, und die hochrauſchenden Wellen ein wenig ſich glätteten. Das Schiff ſtampfte nicht mehr auf und ab von vorn nach hinten, und ſeine Bewegungen wirkten minder empfindlich auf Jonathans 19 4 Nerven. Jetzt kam auch Kapitän Barens wieder ein⸗ mal in ſeine Nähe, und rüttelte ihn ziemlich derb aber gutmüthig am Arme. „Na, nun iſt's genug, mein Junge,“ ſagte er. „Steh auf und komm mit mir in die Kajüte. Ein kräftiges Frühſtück und ein Glas guter Wein werden dir Muth und Lebensluſt wiedergeben!“ „Meinen Sie, Kapitän?“ fragte Jonathan kläglich und blickte mit zweifelnder Jammermiene auf. „Gewiß, gewiß, mein Junge! Nur keine Umſtände mehr, wir müſſen ein Ende machen. Du haſt dem Meere redlich deinen Tribut bezahlt, und es wird da⸗ mit zufrieden ſein. Kannſt du ein Stück Schinken ver⸗ tragen, he?« Ein Lächeln überflog Jonathans matte Züge und hellte ſie ein wenig auf. „Faſt ſollt ich's denken!“ ſagte er. „Und ein Stückchen Roſtbeef?« „Auch!« „Und ein Glas Madeira?“ „Das müßte mir gut bekommen, mein' ich.“ „Nun, dann iſt'’s mit der Seekrankheit aus und vorbei, wie ich mir gedacht habe und dich plagt nur noch die Schwäche. Auf und ſtärke dich, mein Junge! Der Tiſch iſt ſchon gedeckt.“ Jonathan fühlte ſeine Beine unter ſich ſchwanken, als er ſich mit einiger Anſtrengung erhob, aber der gutmüthige Kapitän unterſtützte ihn, reichte ihm ſeinen Arm und führte ihn in die Kajüte hinunter, wo ein leckeres Frühſtück ihrer harrte. Der Anblick flößte Jo⸗ nathan neues Leben ein, er ſetzte ſich zu Tiſch, ſpeiste mit einem wahrhaft wunderbaren Appenie ttant ein paar Gläſer feurigen Weines, und fuhlte bald darauf mit wohlthuender Befriedigung, daß die Röthe auf ſeine bleichen Wangen, und die frühere Lebensluſt in ſein mattes Herz zurückkehrte. „ Jetzt iſt mir wieder wohl, Kapitän,« ſagte er, „aber die Zeit her war mir ſchlechter zu Muth, als einem Hunde!“ „Glaub's wohl,“ erwiederte der alte Barens lachend, „aber tröſte dich, es muß das faſt ein Jeder durch⸗ machen, der zur See geht, und nun iſt's hoffentlich für lange Zeit vorbei. Lege dich und ſchlaf ein wenig. Das wird dich vollends auf die Beine bringen, und die erfriſchende Seeluft mag dann ihr Uebriges thun.“ Jonathan folgte willig dem Rathe, denn die Augen fielen ihm faſt zu vor Müdigkeit. Ein paar Stunden ruhete er, und kam dann ſo munter und friſch auf das Verdeck, als ob er ein alter, abgewetterter See⸗ mann und in ſeinem ganzen Leben nicht krank geweſen wäre. „Alles gut!“ rief Kapitän Barens ihm entgegen, vich ſeh es ſchon, da haſt du nun gemeint, du müßteſt ſterben, und am Ende war Alles nur ein Spaß.“ „Ein ſchöner Spaß!« entgegnete Jonathan.„Mein Hab und Gut hätte ich darum gegeben, wenn ich ihn hätte bei Zeiten los werden koͤnnen!« Der Kapitän lachte. „Ja, dagegen hilft nicht Hab' und Gut und nicht Gold und Silber,“ ſagte er.„Auf meiner letzten Fahrt von Oſtindien herüber hatte ich einen Paſſagier an Bord, einen ſchwer reichen alten Burſchen, der mit den Armen bis zum Elenbogen im Golde wühlen konnte. Den packte auch die Seekrankheit, und das tüchtig, daß 21* ihm faſt Seele und Athem ausging. Tauſend Gold⸗ ſtücke bot er, wenn ihm Jemand Erleichterung verſchaf⸗ fen könnte, aber er hatte gut bieten. Gegen die See⸗ krankheit iſt auch das Mächtigſte auf Erden, das Gold, ohnmächtig, und der Alte mußte eben ſein Leiden er⸗ tragen und durchmachen, ſo gut oder ſo ſchlimm, wie der ärmſte Schiffsjunge. Damit tröſte dich. Vor dem Neckgeiſte des Meeres ſind wir alle gleich, Fürſt oder Bettler, reich oder arm. Der Schalk verſchont Keinen!« Das war nun freilich für Jonathan weiter nicht tröſtlich, indeß, da er nun einmal die Qual überwun⸗ den hatte, ſo dachte er nicht mehr daran, und ſchlug ſich auch die Erinnerung daran aus dem Sinne. Ue⸗ brigens hatte die Seekrankheit auch die letzten Spuren ſeiner vorherigen Abſchiedsſchwermuth in ihm ausge⸗ löſcht, und obgleich er dem Bruder Arnold die alte Liebe bewahrte, ſo empfand er doch auch nicht das mindeſte Heimweh weiter. Im Gegentheil, weit und weiter in die Ferne ſtrebte ſein Sinn, und mit jugend⸗ licher Ungeduld wünſchte er den ſchnellen Lauf des Schiffes zu beſchleunigen, um nur ſo bald als möglich die Küſte von Sanct Domingo zu erreichen, und ſich in das Gewühl des neuen, ihm noch ſo fremden Lebens ſtürzen zu können. Mittlerweile verfolgte„die Taube“ ſtetig ihren Kurs, und kein Unfall trat ihr hemmend in den Weg. Der Wind blieb günſtig, der Himmel lachte in unge⸗ trübter heiterer Lieblichkeit, und endlich tauchten eines Tages die in bläulichen Duft getauchten Bergſpitzen der Mornen Sanct Domingo's über den glänzenden Meeresſpiegel auf. Kapitän Barens machte Jonathan darauf aufmerkſam, und mit lautem Jubel begrüßte 22 5 derſelbe das Land, als ob es ein Land der Verheißung wäre und des Glückes. Die reiche und fruchtbare Inſel ſtand dazumal noch unter franzöſiſcher Herrſchaft, und war die blühendſte von allen überſeeiſchen Beſitzungen Frankreichs. Die reichen Kaufherren der Handelsſtädte, und die noch reicheren Eigenthuͤmer der zahlreich von Negern bevölker⸗ ten Pflanzungen wetteiferten mit einander in Dar⸗ legung von Pracht und Verſchwendung, und Jonathan konnte ſich daher mit gutem Grunde der Hoffnung hingeben, daß er ſeine koſtbaren Stoffe mit anſehnlichem Gewinn werde verkaufen können. Es waren Luxus⸗ Artikel, und gerade dieſe wurden am meiſten geſucht. Jonathan zitterte nur, daß noch vor dem Einlaufen in den Hafen von Cap Frangais dem Schiffe ein Unfall zuſtoßen, daß es noch, ſchon dicht am Ziele, mit Mann und Maus untergehen könnte. Aber dieſe Befürchtung war überflüſſig. Mit vollen Segeln lief die Taube in den Hafen ein, die ſchweren Anker raſſelten nieder auf den Grund des Meeres, und das lange erſehnte Ziel der weiten Reiſe war erreicht. Am liebſten wäre Jonathan noch am ſelbigen Tage an das Land geſprungen, denn er brannte darauf, ſo⸗ bald als möglich ſeine Geſchäfte zu beginnen, aber Ka⸗ pitän Barens hielt ihn zurück. „Der Abend iſt bald da,“ ſagte er,„die Läden in Cap Frangais werden frühzeitig geſchloſſen, ebenſo die Comtore, und es würde alſo auf jeden Fall zu ſpät ſein, noch heute einen Handel abzuſchließen. Außerdem biſt du fremd in der Stadt, und es fehlt dort nicht an allerlei verdächtigem Geſindel, das bei einbrechender Nacht aus ſeinem Schlupfwinkel kriecht, die Tavernen 2³ überſchwemmt, und beſonders auf die Fremden ſein lauerndes Auge heftet. Es wäre nicht das erſte Mal, daß Einer oder der Andere, wenn er in der Taverne einen gefüllten Beutel gezeigt hat, nach dem Verlaſſen derſelben ſpurlos verſchwunden wäre. Im Gegentheil, dergleichen kleine Unfälle kommen ſo oft vor, daß man gar nicht viel Aufhebens davon macht. Ein Stich mit dem großen Meſſer, das die Halunken ſtets bei ſich führen, den Leichnam ausgepluͤndert und in's Meer geworfen, und das Spiel iſt aus. Wer kennt den Moöͤrder? Wer will ihn ſuchen? Wie ein Raubthier verſchwindet er nach vollbrachter That wieder in ſeiner Höhle, man ſpricht ein paar Tage von dem Unfall, die Polizei macht einige in der Regel erfolgloſe Nach⸗ forſchungen, und die ganze Geſchichte iſt vergeſſen. Darum ſieh dich vor, mein lieber Jonathan. Sei auf deiner Hut, vermeide ſo viel als möglich in der Dunkel⸗ heit die Straßen, und laß keinen fremden Menſchen, ſei es Weißer oder Farbiger, merken, daß du Geld haſt. Dem Weißen iſt manchmal noch weniger zu trauen, als dem Neger oder Mulatten, denn er iſt oft noch liſtiger und heimtückiſcher als dieſe, und ſeine Farbe gibt ihm in dieſem Lande beinahe eine Art Frei⸗ brief gegen die Nachforſchungen der Polizei. Vertraue dich Niemanden an, den du nicht durch gute Empfeh⸗ lungen kennen gelernt haſt. Ich warne dich, ehe es zu ſpät iſt.“. „Ich danke Ihnen, Kapitän,“ erwiederte Jonathan „Aber ſeien Sie ganz unbeſorgt, ich will meine Augen ſchon offen halten.“ „Gut! Und in zehn Tagen, weißt du, ſegle ich —y weiter,“ fuhr der Kapitän fort.„Suche bis dahin deine Geſchäfte zu beendigen. Warten kann ich nicht.“« »„Ganz recht, Kapitän,“ verſetzte Jonathan.„Ich werde ja ſehen, wie ſich's hier macht. Sie ſegeln doch von hier nach den Küſten von Süd⸗Amerika?« »„Ganz ſo, wie mir mein Kurs von meinem Rheder vorgeſchrieben iſt,“ nickte Kapitän Barens.„Da wird keine Aenderung vorgenommen, außer wenn der Himmel einen Strich durch die Rechnung macht, mit Stürmen oder Windſtillen. Es bleibt doch dabei, daß du mich begleiteſt?« »„Ich weiß nicht, ich kann nichts verſprechen, Kapi⸗ tän,“ erwiederte Jonathan vorſichtig.„Erſt muß ich doch Land und Leute hier ein wenig kennen lernen, bevor ich einen feſten Entſchluß faſſen kann. Jeden⸗ falls, wenn ich nicht mitſegle, holen Sie mich doch auf der Rückfahrt wieder von hier ab.“ „Ja, das hab' ich dir ſchon verſprochen, und ich pflege mein Wort zu halten,“ verſetzte der Kapitän. „»Aber ſei um Gottes willen vorſichtig, mein Junge! Ich kenne dich, und habe wohl gemerkt, daß du ein bischen ſehr auf das rothe Gold brennſt. Laß dich nicht blenden vom Satan der Habſucht! Wer in ſeine Stricke fällt, kommt ſo leicht nicht wieder los!« »Unbeſorgt, Kapitän,“ ſagte Jonathan leichthin. »Natürlich will ich Geld verdienen, denn deßhalb habe ich ja die Reiſe herüber gemacht und die fatale See⸗ krankheit ausgeſtanden, aber die Stricke des Satans ſollen mir nicht viel anhaben. Allwegs redlich Spiel, das iſt die Hauptſache!“ 1 »„Das iſt ſie, und wenn du dabei bleibſt, ſo bin ich ruhig!« verſetzte der Kapitän.„Nur iſt manchmal — das Gewiſſen bei Manchem ſehr elaſtiſch, und der Eine hält ſchon nicht mehr für ſo ganz redlich, was dem Andern mit dem elaſtiſchen Gewiſſen keine Unruhe und Gewiſſensbiſſe macht. Ich mein' es gut mit dir, Jo⸗ nathan, und du wirſt mich verſtehen. Nicht ohne Grund ſagt ein Spruch in der Bibel: ‚„Der Reiche thut unrecht und trotzt noch dazu. Und nun, gute Nacht, und hüte dich allwegs vor einem zu elaſtiſchen Gewiſſen. Du biſt wohl ein ehrlicher, rechtſchaffener Burſche, aber die Verſuchung iſt groß. Denke zuweilen an dieſe Stunde, und nun, gute Nacht! Es wird bald dunkel, und ich muß morgen bei guter Zeit auf den Beinen ſein.“ „Gute Nacht,“ wünſchte Jonathan zurück, und wandte dann ſeine Augen nach der Hafenſtadt herüber, die im Glanze der untergehenden Sonne prächtig und funkelnd vor ihm lag. „Er meint es freilich gut, der brave Kapitän,“« murmelte er vor ſich hin,„aber er ſowohl wie Arnold verkennen mich. Reich will ich werden, ja, weil ich mir ohne Reichthum kein großes Glück in der Welt denken kann,— aber will ich es denn auf unredliche Weiſe werden? Gott ſoll mich behüten und bewahren! Arbeiten will ich, und keine Anſtrengung und keine perſönliche Gefahr ſcheuen, um mein Ziel zu erreichen, aber weder meine Hände will ich beflecken mit unrech⸗ tem Gut, noch mein Gewiſſen belaſten mit dem Be⸗ wußtſein von Schuld!“ Die Sonne ging ſchnell unter, und eben ſo ſchnell verwandelte ſich der Glanz des Tages in dunkle Nacht. Einzelne Lichter flimmerten aus der nahen Hafenſtadt herüber, und ein verworrenes Summen vermiſchte ſich * 4 26 mit dem Rauſchen der Meeresbrandung am Ufer. Jo⸗ nathan ſtand lange in tiefem Sinnen und Träumen, und dachte über ſeine Zukunft nach, als plotzlich ein greller Schrei vom Lande her über das Waſſer ertönte. Er ſchreckte auf, und blickte ſcharf nach dem Ufer hin⸗ über. Aber die Dunkelheit war zu dicht, als daß er etwas zu erkennen im Stande geweſen wäre. Der Schrei wiederholte ſich nicht. Wohl aber vernahm Jo⸗ nathan nach etwa einer Viertelſtunde das Geräuſch von Rudern ganz in der Nähe des Schiffes. Er bog ſich über Bord, und gewahrte beim ſchwachen Lichte der Sterne ein kleines Boot, welches von zwei Rude⸗ rern dem Meere zu getrieben wurde. Er folgte ihm mit den Augen, ſo lange er konnte. Die Taube, das an dieſem Tage zuletzt eingelaufene Schiff, lag von allen anderen Schiffen am weiteſten von der Stadt entfernt, und zunächſt an dem offenen Meere. In ge⸗ ringer Entfernung hielt das beobachtete Boot an, und gleich darauf wurde irgend ein ſchwerer Gegenſtand aus demſelben über Bord in das hoch aufplätſchernde Waſſer geſtürzt. Die beiden im Boote befindlichen Leute ſetzten hierauf wieder ihre Ruder ein, und kehrten in veränderter Richtung nach dem Lande zurück. Jona⸗ than, der ſie athemlos beobachtet hatte, verlor ſie ſchnell aus den Augen. „Gott erbarme ſich!« murmelte er entſetzt.„Der Schrei,— das Boot,— der Gegenſtand, der in's Meer geworfen wurde! Sollte hier ein Verbrechen der Art vorliegen, wie es Kapitän Barens mir vorhin an⸗ gedeutet hat?« Einen Augenblick ſchwankte er, ob er dem Kapitän auf der Stelle die gemachten Beobachtungen mittheilen 27 ſollte,— aber die Ueberlegung, daß es doch in keiner Weiſe etwas nützen könne, hielt ihn zurück. »Morgen ſoll er's erfahren,“ ſagte er zu ſich ſabſt, — vich aber bin jetzt doppelt gewarnt, und werde unter dieſem heimtückiſchen, mörderiſchen Volke auch doppelt auf meiner Hut ſein!« Am andern Morgen in aller Frühe erzählte er dem Kapitän, was er gehört und geſehen hatte, und dieſer zuckte die Achſeln. „Kann ſein, daß ein Mord geſchehen iſt, kann ſein, auch nicht,“ erwiederte er.„Verdächtig iſt die Sache jedenfalls, und ſie mag dir zu einer eindringlicheren Warnung dienen, als ich ſie dir geben konnte.« Weeiter war nicht die Rede von der Sache, denn Kapitän Barens hatte alle Hände voll zu thun, und auch Jonathan ſehnte ſich darnach, an's Land zu kom⸗ men, und ſeine Geſchäfte zu beginnen. Aber er mußte ſchon warten, bis der Kapitän das Nothwendigſte be⸗ ſorgt hatte, denn dieſer wollte ihn an's Land begleiten, und ihn perſönlich einigen der größten Kaufleute in Cap Francais vorſtellen. Endlich wurde das Boot ausgeſetzt, und eilig ſprang Jonathan mit ſeinen Pro⸗ ben und Muſtern hinein. Kapitän Barens folgte be⸗ dächtiger. „Wir haben noch Zeit genug übrig, mein Lieber,“ ſagte er, uͤber die Ungeduld ſeines jungen Freundes lächelnd.„Hier iſt es nicht, wie bei uns, wo auch die vornehmſten und reichſten Handelsherren pünktlich ihre Geſchäftsſtunden einzuhalten pflegen. Hier treibt man die Sache mit mehr Muße. Du wirſt das ſchon noch kennen lernen.“ Jonathan ſollte dieſe Bemerkungen bald beſtätigt 28 finden, und mußte ſeine Ungeduld noch eine volle Stunde zügeln, bevor man die Herren auf ihren Comtoren an⸗ traf. Kapitän Barens ſtellte ihn hie und da mit eini⸗ gen warmen empfehlenden Worten vor, und der blühende junge Mann mit dem offenen, hübſchen Geſichte wurde überall freundlich aufgenommen. Man gab ihm die wohlmeinendſten Rathſchläge zum Verkaufe ſeiner Waa⸗ ren, und Jonathan beeilte ſich natürlich, denſelben Folge zu leiſten, da ſeine neuen Bekannten Handel und Wan⸗ del auf der Inſel am beſten kennen mußten. Er benutzte die ihm gegebenen Adreſſen, und bereits nach einigen Tagen hatte er nicht nur ſeine ſämmtlichen Waaren⸗ Vorräthe abgeſetzt, ſondern dabei auch einen weit an⸗ ſehnlicheren Gewinn gemacht, als er ſelber in ſeinen verwegenſten Träumen zu hoffen gewagt hatte. Sein Anlage⸗Kapital war nahezu verdreifacht, und voller Freuden theilte er dieſes günſtige Ergebniß ſeinem alten Freunde mit. „Wünſche Glück dazu,“ ſagte Kapitän Barens freundlich.„Ich merke ſchon, du verſtehſt deine Sache. Was gedenkſt du nun zu beginnen? Begleiteſt du mich nach Caraccas?“ „Ich habe einen anderen Plan, Kapitän,“ erwie⸗ derte Jonathan.„Wie mir ſcheint, kann ich mein Geld hier beſſer anlegen, als in Sud⸗Amerika. Ich gedenke die Pflanzungen im Inneren der Inſel zu bereiſen, und dort an der Quelle Einkäufe zu machen, die ich in Europa mit Gewinn wieder losſchlagen kann. Bei Ihrer Rückkehr hierher verladen Sie meine Waaren auf Ihr Schiff, und dann ſegeln wir, ſo Gott will, mit gutem Wind und Wetter wieder nach Hauſe.“ „Der Plan iſt gut,“ erwiederte Kapitän Barens 29 nach kurzer Ueberlegung.„»Aber ſieh' dich vor, Jona⸗ than! Trau, ſchau, wem,— das iſt ein weiſes Wort, und beſonders hier darfſt du es keinen Augenblick ver⸗ eſſen.“ Als Kapitän Barens die Anker zur weiteren Fahrt lichtete, nahm Jonathan Abſchied von ihm, dankte ihm für alle genoſſene Güte, und beſtieg ein Boot, um nach Cap Frangçais zurückzukehren. Jetzt aber, da er nun ganz allein auf ſich ſelbſt angewieſen ſtand, als ſein einziger und beſter Freund ihn verlaſſen hatte, wie er ſeinen Bruder Arnold verlaſſen, kam er ſich auf einmal recht einſam und wie von aller Welt abgeſchieden vor, und allerlei Beſorgniſſe und Befürchtungen tauchten in ſeiner Seele auf. Bis jetzt hatte er ſein Quartier ſtets auf dem Schiffe gehabt, und dort in ſeiner Kajüte den kleinen Reichthum verborgen, den er ſich durch ſeine Betriebſamkeit erworben hatte. Dort lag er ſicher in des treuen Kapitäns Obhut, und er hatte ſich nicht die geringſte Sorge darüber zu machen brauchen. Wer aber ſollte jetzt über ſein Geld wachen, daß es ihm nicht geſtohlen wurde? Er ſelber mußte der Hüter ſein, und er entdeckte bald, daß dieſes Wächteramt mit großen Unannehmlichkeiten verbunden war. Er hatte auf Empfehlung eines der Kaufherrn, mit welchen ihn Kapitän Barens bekannt gemacht, eine Stube in der Stadt gemiethet, welche er nach der Ab⸗ fahrt des Schiffes bezog. Als er den Miethsvertrag mit dem Hausbeſitzer abſchloß, hatte er ſich nicht viel darum bekümmert, ob Fenſter und Thuͤren feſt genug ſeien, um Dieben den erforderlichen Widerſtand leiſten zu können, ſondern er war zufrieden geweſen, ein hübſch ausmöblirtes Gemach zu finden, aus deſſen Fenſtern 30 er eine freundliche Ausſicht auf das Getümmel des Hafens genoß. Jetzt aber, wo er ſeine Gelder bei ſich führte, betrachtete er das Zimmer mit ganz anderen, und zwar ſehr mißtrauiſchen Augen. Thür und Fenſter ſchienen zwar feſt genug, gleichwohl aber ließ er ſich noch beſondere Schlöſſer und Riegel machen, um vor jedem etwaigen Ueberfalle doppelt geſichert zu ſein. Dann unterſuchte er auf's Genaueſte die vorhandenen Möbel, und überlegte hin und her, wo er ſeinen klei⸗ nen Schatz am ſicherſten vor Diebesaugen und Diebes⸗ händen bergen könne. Er legte ihn hinter doppelte Schlöſſer und Riegel, und hütete die Schlüſſel dazu, wie ſeinen Augapfel. Noch nicht genug,— er kaufte ſichh auch ein Paar doppelläufige Piſtolen, die ſtets ge⸗ laden auf dem Tiſche vor ſeinem Bette lagen, und ein ſtarkes Dolchmeſſer, das weder bei Tag, noch bei Nacht von ſeiner Seite kam. Nach allen dieſen Vorſichts⸗ maßregeln fühlte er ſich einigermaßen beruhigt, aber dennoch nicht ſo ruhig, als er in früherer Zeit immer geweſen war. „Ich hätte Kapitän Barens nicht verlaſſen ſollen,“ ſagte er vorwurfsvoll zu ſich ſelbſt.„In Caraccas und Porto⸗Cabello gibt es ja auch Waaren mancherlei Art zum Kaufen, und ob ich mit Tabak oder mit Zucker und Baumwolle nach Hauſe zurückkehre, bleibt ſich am Ende ziemlich gleich, wenn auch der Gewinn nicht ganz egal groß ausfallen mag. Beſſer weniger gewinnen, als Alles verlieren!“ Dieſe Betrachtungen kamen indeß zu ſpät. Kapitän Barens ſegelte ſchon längſt wieder auf hoher See, und Jonathan mochte nun ſehen, wie er allein fertig 4 31 Von einem Tage zum anderen verſchob er ſeine Reiſe in das Innere der Inſel, wo er auf den Pflan⸗ zungen Einkäufe zu machen beabſichtigt hatte, und über⸗ haupt nur wenig ſein Zimmer, da er die großen baaren Geldſummen doch nicht überall hin mit ſich ſchleppen konnte, und ſie auf der anderen Seite doch auch nicht ohne Bewachung laſſen wollte. Er ſann hin und her, wie er dieſem Uebelſtande wohl abhelfen könne, aber er wußte ſich nicht Rath und Hülfe. Kapitän Barens hatte ihm gerathen, ſein Geld bei einem der geachtetſten Banquiers in Cap Francais niederzulegen, und ſich dafür Wechſel geben zu laſſen, aber auch gegen dieſen Ausweg verſpürte er eine gewiſſe Abneigung, da man ja nicht wiſſen konnte, ob der Banquier auch wirklich ein rechtſchaffener, ehrlicher Mann war. Wenn er es nun nicht war? Wenn er vielleicht morgen oder über⸗ morgen Bankerott machte? Wer erſetzte dann ihm, unſerem Jonathan, den verlorenen Reichthum? Nein, auch das ging nicht, es war ihm nicht ſicher genug, und er hoffte, noch irgend ein anderes, beſſeres Aus⸗ kunftsmittel zu finden. Indeſſen hatte er in der That Tag und Nacht keine Ruhe, und keine einzige, recht vergnügte Stunde, und manchmal wollte es ihn faſt bedünken, als ob der Reich⸗ thum, den er ſo lebhaft zu gewinnen ſtrebte, doch auch ſeine Schattenſeiten habe. Es fehlte ihm nicht an Bekanntſchaften, welche er während ſeiner Anweſenheit in Cap Frangais gemacht hatte, aber er wußte keinen Nutzen davon zu ziehen. Auf die Annehmlichkeiten des geſelligen Lebens mußte er gänzlich verzichten, da er die'ͤffentlichen Vergnü⸗ gungsorte nicht beſuchen konnte, ohne ſeine Sube au 32 verlaſſen, und ausgehen ohne einen Wächter für ſein Geld zu haben, ſchien ihm wieder zu gewagt. Oft be⸗ neidete er den ärmſten Bettler, der ſich mit Seines⸗ gleichen auf dem Hafenplatze auf das Gemüthlichſte unterhielt, während er die einſamen, langweiligen Stun⸗ den in ſeinem Zimmer verbrachte. Die reizenden Natur⸗ ſchönheiten der„Perle der Antillen“, wie die Inſel Sanct Domingo wegen der Pracht ihrer Vegetation und ihrer wunderbar herrlichen Gebirgs⸗Landſchaften oft genannt wird, waren für ihn wie nicht vorhanden, da er ſie nicht aufzuſuchen wagte, und wie ein Gefange⸗ ner lebte, der Sclave ſeines eigenen Geldes. Waren ſeine Tage ein Inbegriff aller Langeweile, ſo wurden dagegen ſeine Nächte von den ſchrecklichſten Träumen beunruhigt. Das geringſte Geräuſch, das Knacken einer Diele, ein Windſtoß gegen die Fenſter, der Fuß⸗ tritt eines Vorübergehenden ſcheuchte den Schlaf von ſeinen Augen und machte ihn nach ſeinen Piſtolen grei⸗ fen, weil er in ſeiner krankhaft mißtrauiſchen Stimmung üͤberall Räuber und Mörder vermuthete, die nach ſei⸗ nem Leben und Eigenthum trachteten. Er führte in Wahrheit ein elendes Leben, und er ſelber fand es nach einiger Zeit völlig unerträglich. „Was nützt mir alles Gold in der Welt, wenn es unberührbar im Kaſten liegt, und mir kein Vergnügen, keine Zerſtreuung, Nichts verſchaffen kann?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Das muß anders werden, mag auch geſchehen, was da wolle!“ Eines Tages faßte er einen muthigen Entſchluß, ſteckte einen guten Theil ſeines Geldes, ſo viel er ber⸗ gen konnte, ohne davon beläſtigt zu werden, zu ſich, legte das Uebrige hinter dreifache Schlöſſer und Riegel, 1. — BIöIö1öö , 33 und ſuchte einen jungen Mann auf, der ihm von allen bisher gemachten Bekanntſchaften am beſten gefallen hatte. Er hieß Bruno, war von Geburt ein Deutſcher, wie Jonathan ſelbſt, befand ſich aber ſchon ſeit mehre⸗ ren Jahren in Cap Français, wo er eine gute Stel⸗ lung in einem angeſehenen Handelshauſe einnahm. „Mein Himmel, Sie noch hier, lieber Jonathan! Ich glaubte Sie ſchon längſt im Innern der Inſel!“ ſagte er, als Jonathan zu ihm kam.„Oder ſind Sie wohl gar ſchon zurückgekehrt und haben Ihre Geſchäfte bereits abgeſchloſſen?“« Jonathan entſchuldigte ſich ein wenig verlegen mit Unpäßlichkeit, denn den eigentlichen Grund ſeiner völli⸗ gen Zurückgezogenheit mochte er nicht eingeſtehen. „Das hätten Sie mich wiſſen laſſen ſollen, lieber Freund,“ fuhr Bruno fort,—„ich würde Sie beſucht und vielleicht noch einige Bekannte mitgebracht haben, um Sie zu zerſtreuen und Ihnen die Zeit zu vertrei⸗ ben. Und was führt Sie jetzt zu mir? Kann ich Ihnen irgendwie behülflich oder dienlich ſein?« „Ich möchte nur eine Frage im vollen Vertrauen an Sie richten, und Sie um eine aufrichtige Antwort bitten,“ erwiederte Jonathan.„»Wie Sie wiſſen, beab⸗ ſichtige ich einige Pflanzungen zu beſuchen, und möchte weder mein baares Geld zu Hauſe unberührt liegen laſſen, noch es auch auf der Reiſe mit mir ſchleppen. Glauben Sie, daß ich es dem Bauquier Morel anver⸗ trauen kann?“ „Oh, gewiß, lieber Freund!“ verſetzte Bruno raſch und zuverſichtlich.„Millionen, wenn Sie deren beſitzen! Es gibt kein ſolideres Haus auf ganz Sanct Domingo. Darüber können Sie vollkommen ruhig ſein.“ Ohnmacht ꝛc. 1 34 „Ich danke Ihnen,“ ſagte Jonathan.„So werde ich mich an Herrn Morel wenden.« „Thun Sie das! Und heute Abend? Wollen Sie nicht ein paar Stunden in unſerer Geſellſchaft zubrin⸗ gen. Alle Bekannte werden ſich freuen, Sie zu ſehen!“ Jonathan hatte zu viele langweilige Stunden in ſeiner Abgeſchiedenheit verbracht, als daß er nicht mit Freuden der Einladung gefolgt wäre. Er verſprach zu kommen, verabſchiedete ſich einſtweilen von ſeinem Be⸗ kannten, um noch einige Andere aufzuſuchen. Denn obgleich er in Bruno das meiſte Vertrauen ſetzte, ſchenkte er ihm doch noch keineswegs ſein ganzes Vertrauen, ſondern richtete dieſelbe Frage, die er ihm vorgelegt, noch an vier oder fünf andere junge Leute aus ſeiner Bekanntſchaft. Erſt als er von Allen ganz gleichlautenden Beſcheid erhielt, überwand er ſein Miß⸗ trauen gegen das Haus des Banquiers Morel, und übergab demſelben ſein ganzes Vermögen gegen Quit⸗ tung und Wechſel. Nur eine kleine Summe zu Be⸗ ſtreitung der nöthigſten Ausgaben in den nächſten Wochen hatte er zurückbehalten, und athmete nun end⸗ lich ein wenig beruhigter auf. Quittung und Wechſel verwahrte er ſorgfältig in ſeinem Notizbuche, und ſteckte daſſelbe in die verborgenſte Taſche ſeines Rockes, die er doppelt und dreifach zuknöpfte. „Gott ſei Dank,“ ſeufzte er aus tiefſter Bruſt,„jetzt werde ich doch wenigſtens wieder ruhig ſchlafen können!“ † — 35 8 8 Drittes Kapitel. Die da reich werden wollen, fallen in Verſuchung und Stricke. 1. Tim. 6, 9. Als die kurze Dämmerung der ſchnell hereinbrechen⸗ den Nacht wich, begab ſich Jonathan in die Taverne, welche Herr Bruno ihm als den Ort der Zuſammen⸗ kunft bezeichnet hatte. Er fand in dem Hinterzimmer deſſelben, durch deſſen offene Fenſter eine kühle, duftreiche Luft hereinwehte, eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft von meiſt jungen Leuten ſeines Alters, von denen ihm die größte Mehrzahl bereits bekannt war. Man nahm ihn freundlich auf, begrüßte ihn mit Herzlichkeit, und machte ihm bereitwillig Platz an dem großen, runden Mahagoni⸗Tiſche, welcher verſchwenderiſch mit Wein, kühlenden Getränken und köſtlichen Früchten beſetzt war. Die Geſellſchaft beſtand meiſt aus Franzoſen, aber auch einige Deutſche befanden ſich darunter, und außer⸗ dem ein junger Mann mit gebräuntem Geſicht, kühnen, faſt wilden Zügen, tiefſchwarzem Haar, und Augen, welche Feuer zu ſprühen ſchienen, wenn er ſich, was aber nicht oft geſchah, mit einigen ſtets treffenden Be⸗ merkungen in die Unterhaltung der Uebrigen miſchte. Das Geſpräch wurde in franzöͤſiſcher Sprache geführt, welcher übrigens Jonathan vollkommen mächtig war, ſo daß er ſich ſehr bald ganz heimiſch in dem Kreiſe der munteren jungen Leute fühlte. 3* 36 Die Unterhaltung drehte ſich meiſt um die verſchie⸗ denen Hoffnungen, Pläne und Ausſichten, welche Die⸗ ſer und Jener der Anweſenden, die faſt Alle aus Europa herübergekommen waren, um auf der reichen Inſel ihr Glück zu ſuchen, zu verwirklichen gedachte. Der Eine) beabſichtigte eine Pflanzung zu pachten oder zu kaufen, 9 ein Anderer wollte ſich einen Platz in den entlegenen H Wildniſſen aufſuchen um ihn zu kultiviren, ein Dritter gedachte eine Zucker⸗Siederei anzulegen, ein Vierter Fabriken zu errichten, ein Fünfter und Sechster ihr Glück im Handel zu erhaſchen. „Und was gedenken Sie zu thun, mein Herr?« fragte plötzlich der junge Mann mit dem braunen Ge⸗ ſicht unſeren Jonathan, welcher bisher, ziemlich einſylbig, dem Geſpräche mehr zugehorcht, als an demſelben Theil genommen hatte. Jonathan zuckte die Achſeln. „Ich weiß es in der That nicht ganz beſtimmt,“ erwiederte er.„Bis jetzt war ich entſchloſſen, die Pflan⸗ zungen der Inſel zu bereiſen, und Producte einzukaufen, die in Europa leicht mit ſicherem Gewinn wieder ver⸗ kauft werden können. Aber die Mittheilungen unſerer Freunde haben mich unſchlüſſig gemacht, und ich glaube faſt, man braucht Europa nicht, um ſich eine angenehme Snuai zu ſichern. St. Domingo ſcheint Spielraum genug zu bieten zu einem thätigen und gewinnreichen Leben.“ „ Ohne Zweifel,“ verſetzte Don Eſtevan, der Creole, wie er von ſeinen Bekannten genannt wurde.„Wer arbeiten will, und einiges Kapital hat, braucht nur 4 irgend Etwas zu ergreifen, um des Erfolges ſicher zu 3 ſein, wenn ihm nicht etwa das gelbe Fieber allzu vor⸗ — 3 37 zeitig einen Strich durch die Rechnung macht. Wollen Sie eine Pflanzung kaufen? Ich köͤnnte Ihnen zwei oder drei nachweiſen, die im beſten Stande ſind, und von den jetzigen Beſitzern billig verkauft werden, da ſie gern nach Europa zurückkehren wollen.“ „Sie ſind ſehr gütig, Don Eſtevan, aber ich ver⸗ ſtehe nichts von Anbau und Pflege der Pflanzungen,“ verſetzte Jonathan. „Pah, das würde nichts verſchlagen,“ warf Don Eſtevan gleichgültig hin.„Zu was hat man ſeine Aufſeher und Schwarzen? Es iſt genug, wenn man ihnen ſcharf auf die Finger ſieht, und eine gute Peitſche führt. Wenn die Canaille den gehörigen Re⸗ ſpekt vor dem Herrn hat, macht ſich Alles wie von ſelbſt. Aber freilich, man muß Geduld haben, wenn man einigen Reichthum ſammeln will. Ein Pflanzer führt kein übles Leben, wenn er ein paar Dutzend Scklaven oder mehr hat, aber was die Pflanzung ein⸗ bringt, geht gewöhnlich auch wieder drauf, und zu baarem Gelde bringt es nur Einer, der die Wirthſchaft gründlich verſteht. Es gibt andere Geſchäfte, wo es ſich ſchneller macht. Zwei, drei Fahrten über das Meer, ein wenig Glück und Todesverachtung, und man iſt ein gemachter Mann.“ Jonathan ſpitzte die Ohren. Furcht vor dem Tode kannte er nicht, Gefahr war ihm ein Spiel, und auf ſein Glück vertraute er mit jugendlicher Sicherheit. Es gab alſo einen Weg, auf dem man ſchnell reich werden konnte, und ſein Herz pochte ſchneller bei dem Gedan⸗ ken, ihn kühnen Muthes zu betreten. „Was für Geſchäfte meinen Sie, Don Eſtevank“ fragte er geſpannt. „Der Handel mit Ebenholz,“ antwortete der Creole ganz ruhig.„Es gibt keinen beſſeren und vortheil⸗ hafteren Handel auf der Welt.“ „Ebenholz?« fragte Jonathan ganz erſtaunt.„»Iſt das ein ſo geſuchter Artikel, und wächst deren viel auf dieſer Inſel?« Alle lachten bei dieſer Frage Jonathans, ſo daß dieſer verwundert und ein wenig verlegen umherſchaute. „Ruhig,“ gebot Don Eſtevan mit ernſter Miene und ſeine Augen funkelten.„Vergeſſen Sie nicht, meine Herren, daß unſer neu gewonnener Freund erſt ſeit wenigen Wochen ſich hier befindet, und unmöglich ſchon in alle Verhältniſſe der Inſel eingeweiht ſein kann. Sie haben mich falſch verſtanden, Don Jonathan,“ fuhr er, zu dieſem gewendet, fort,„man verſteht hier unter dem Handel mit Ebenholze den Handel mit Schwar⸗ zen, welche man von den afrikaniſchen Küſten her⸗ überholt.« Jonathan fuhr unwillkürlich zurück.„Menſchen⸗ handel!“ rief er mit ſichtlichem Abſcheu aus. „»Nun ja, Sclavenhandel,“ verſetzte Don Eſte⸗ van.„Es iſt ein durchaus geſetzlicher Handel, und ſo gut, oder vielmehr beſſer, als jeder andere, weil er am ſchnellſten emporhilft. Und was ſind denn die Schwar⸗ zen? Eigentlich nur halbe Menſchen, die es für ein Glück erachten müſſen, wenn man ſie von ihrem Bo⸗ den auf dieſen verpflanzt, wo ſie milder und menſch⸗ licher behandelt werden, als in ihrer Heimath.“ „Ei, Don Eſtevan, das möchte wohl ſchwer zu be⸗ weiſen ſein!“ rief eine Stimme aus dem Kreiſe der jungen Leute.„Ich habe Dinge von einzelnen Plantage⸗ 39 behandeln ihre armen Sclaven ſchlimmer wie Thiere!“ „Einzelne, ja, Don Bruno,“ verſetzte Don Eſtevan ſcheinbar ganz ruhig und gleichgültig, obgleich ein auf⸗ merkſamer Beobachter an dem ſtechenden Blick, den er auf ſeinen Gegner warf, wohl eine gewiſſe Gereiztheit erkannt haben würde.„Aber dieſe Einzelnen, mein Lie⸗ ber, ſind Leute, die ihren Vortheil nicht verſtehen. Im Ganzen genommen iſt der Sclave auf Domingo unend⸗ lich glücklicher, als der Neger in ſeiner Heimath. Er iſt dort auch weiter nichts, als Sclave, Sclave ſeines Fürſten oder Königs, der ganz willkürlich über das Leben und die Habe ſeiner Unterthanen verfügen kann. Er läßt ſie köpfen, ſpießen, hängen, verbrennen oder ſonſt zu Tode martern, ganz nach ſeinem Gefallen. Hier iſt dem Sclaven wenigſtens das Leben geſichert, und er ſteht unter dem Schutze der Geſetze. Dort gibt es kein Geſetz, ſondern nur Laune und Willkür eines Herrſchers, der vielleicht zehn Schwarze todtſchlagen läßt, weil er eine ſchlechte Nachtruhe gehabt hat. Kein Hahn krähet darnach, und darum behaupte ich, daß es ein nicht nur gewinnreiches, ſondern ſogar wohlthätiges Thun iſt, wenn man ſo viele von den armen Teufeln aus Afrika herüber verpflanzt, als irgend möglich iſt. Hier finden ſie in den meiſten Fällen Nahrung, Klei⸗ dung, Pflege bei manchmal ein wenig rauher, oft aber auch milder Behandlung, während ſie in ihrer Heimath nur arme, elende, vogelfreie, hungernde Vagabunden ſind. Ich kenne das, meine Herren, denn ich war ſchon zweimal in Afrika.“ Beſitzern gehört, bei denen mir geſchaudert hat. Sie „Aber die Arbeit in der Gluth der tropiſchen Sonne, 40 auf den Kaſſee⸗ und Tabakfeldern, und in den Zucker⸗ Mühlen, Don Eſtevan?“« warf ein Anderer ein. »Arbeit iſt des Menſchen Beſtimmung,“« verſetzte der Creole mit einem Anfluge von Spott.„Und ohne Schwarze, meine Herren, woher Kaffee, Zucker, Baum⸗ wolle und Tabak nehmen? Sie würden nicht die feine Havannah⸗Cigarre rauchen können, deren Duft das Zimmer mit Wohlgeruch erfüllt, wenn nicht Negerhände die Felder bearbeitet, die Pflanzen geſäet, die Blätter geärndtet und zubereitet hätten. Was wäre das reiche, blühende Domingo ohne Sclaven? Eine unfruchtbare Wildniß! Der Weiße verträgt die Arbeit unter dem tropiſchen Himmel nicht, man muß den Schwarzen dazu abrichten, wenn nicht die köſtlichſten Erzeugniſſe der Kultur für die ganze Menſchheit verloren gehen ſollen.“ »Das läßt ſich allerdings nicht beſtreiten, wenig⸗ ſtens würde die Boden⸗Kultur in den tropiſchen Ländern bedeutend verlieren, wenn man die Schwarzen entbehren müßte,“ ſagte ein Dritter.„Aber das mindert immer nicht das Grauſame und Unmenſchliche des Sclaven⸗ handels. Mir ſind ſchreckliche Greuel darüber zu Ohren gekommen. Hunderte von armen Schwarzen, unbarm⸗ herzig in die engſten Räume der Sclavenſchiffe einge⸗ zwängt, ſterben bei der Ueberfahrt eines jammervollen Todes, und die Ueberlebenden werden mit einer Grau⸗ ſamkeit behandelt, gegen die ſich jedes fühlende menſch⸗ liche Herz empören muß!«. »Uebertreibung, mein Lieber, die handgreiflichſte Uebertreibung,“ verſetzte Don Eſtevan lächelnden Mun⸗ des.„Hie und da mag eine grauſame Einſchachtelung der ſchwarzen Geſchöpfe und auch wohl harte Behand⸗ lung vorkommen. Welcher Kaufmann wird aber ſo 41 1 ½ thöricht ſein, ſeine koſtbare Waare abſichtlich ſo ſchlecht zu verpacken, daß ſie zu Grunde gehen oder verderben muß? Solches wäre das Thun eines Wahnſinnigen. Und was iſt der Neger weiter als eine Waare, der Sclavenhändler anderes, als ein Kaufmann. Der Eine handelt mit Seide, der Andere mit Baumwolle, der Dritte mit Tabak und Zucker, der Vierte mit Ebenholz. Ich ſehe da keinen ſonderlichen Unterſchied. Wenn man einmal darüber einverſtanden iſt, daß die Kolonien nicht ohne Schwarze beſtehen können, ſo muß man auch mit dem Ebenholz⸗Handel einverſtanden ſein. Sie ſind ein unbefangener Beurtheiler, Don Jonathan! Sagen Sie aufrichtig, müſſen Sie mir recht geben oder geben Sie mir unrecht?« Jonathan war dem Gange des Geſpräches mit ge⸗ ſpannteſter Aufmerkſamkeit gefolgt, und die Anſichten, welche Don Eſtevan mit der äußerſten Unbefangenheit und Dreiſtigkeit ausſprach, hatten einen gewiſſen Ein⸗ fluß auf ihn nicht verfehlt. Er ſah den Menſchenhandel jetzt mit ganz anderen Augen an, als noch eine halbe Stunde vorher, wo er den gründlichſten Abſcheu da⸗ gegen empfunden hatte, und als Don Eſtevan jetzt ihn anredete, ſchreckte er nicht mehr, wie vorhin, ſchaudernd zurück.. „Wie mir dünkt, haben Sie recht, Don Eſtevan,“ gab er zur Antwort.„Nur muß ich zu bedenken geben, daß mein Urtheil keineswegs entſcheidend ſein kann, da ich die näheren Umſtände des Sclaven⸗Handels aus eigener Erfahrung nicht kenne.“ »Sie thun wohl, lieber Jonathan, einige Zurück⸗ haltung zu beobachten,“ miſchte ſich jetzt Bruno in's Geſpräch.„Der Handel mit Ebenholz mag geſetzlich 42 erlaubt, gewinnreich und ſogar nothwendig zum Ge⸗ deihen der Kolonien ſein, für ehrenvoll aber gilt er unter allen Umſtänden nicht. Nein, blicken Sie mich nicht ſo zornig an, Don Eſtevan! Sie wiſſen wohl, ich fürchte mich nicht leicht. Sie, als Creole, mögen über die Schwarzen anders denken, als ich, ein ehrlicher Deutſcher, aber das ſoll mich nicht abhalten, den Han⸗ del mit Menſchenfleiſch zu verabſcheuen. Zu viele Schändlichkeiten ſind damit verbunden. Die armen Schwarzen werden, wie ich aus dem eigenen Munde von Sclaven⸗Händlern gehört habe, häufig auf das Nichtswürdigſte gemartert, und mehr als die Hälfte von ihnen ſoll, wie man mit gutem Grunde behauptet, an dieſer grauſamen Behandlung zu Grunde gehen.“ „Mag ſein,“« entgegnete Don Eſtevan mit kalter Ruhe, unter welcher er ſeinen kochenden Grimm ver⸗ barg,— paber Sie vergeſſen, Don Bruno, daß die Schwarzen an dieſer harten Behandlung immer ſelber ſchuld ſind. Sie ſind nicht ſo zahm, wie Wachtel⸗ hündchen, ſondern wild, wie Tiger, und, ohne in heil⸗ ſamer Furcht erhalten zu werden, gar nicht zu bändi⸗ gen. Darum gehen Sie mir mit all' dieſen Redens⸗ arten von barbariſcher Grauſamkeit und unmenſchlicher Behandlung! Wollte man den ſchwarzen Beſtien nicht Ketten anlegen, ſo wuürden Sie die Weißen zerreißen. Es gilt alſo Leben gegen Leben, und der wäre ein Thor, der auf die Gutmüthigkeit und Zahmheit der ſchwarzen Raſſe bauen und ſeine Sicherheit in ihre Willkür ſtellen wollte. Ich bleibe dabei, ohne Sclaven keine Kolonien, und ohne Ebenholz⸗Handel keine Scla⸗ ven! Eines iſt ſo nothwendig, als das Andere, und der große Plantagen⸗Beſitzer und Sclaven⸗Halter iſt 43 4 um kein Haar ehrenwerther, als der Sclaven⸗ Händler, der bei ſeinem Geſchäft noch dazu jede Stunde ſein Leben in die Schanze ſchlagen muß, während der Pflan⸗ zer ſeine Tage in träger Ruhe und in vollkommener Sicherheit verbringt.“ „Ganz unrecht hat Don Eſtevan nicht,« ließ ſich eine und die andere Stimme vernehmen.„Jedenfalls, was brauchen wir um dieſe Schwarzen in Streit zu gerathen? Laſſen wir den Gegenſtand fallen, und plaudern von etwas Anderem.“ Das Geſpräch lenkte ſich auf andere Gegenſtände, und wurde bald wieder ſo lebhaft und allgemein, wie vorher. Nur Jonathan miſchte ſich nicht hinein, ſon⸗ dern blieb den ganzen Abend zerſtreut und nachdenklich. Als endlich die Geſellſchaft aufbrach, um ſich nach Hauſe zu begeben, zog ihn Don Eſtevan ein wenig auf die Seite, und fragte ihn leiſe:„Don Jonathan, wo wohnen Sie, und zu welcher Stunde treffe ich Sie am ſicher⸗ ſten? Ich möchte Einiges mit Ihnen beſprechen.“ Jonathan bezeichnete ſeine Wohnung, und fügte hinzu, daß er den ganzen folgenden Tag zu Hauſe bleiben würde. Don Eſtevan nickte zufrieden und empfahl ſich. Gleich darauf kam Bruno auf Jona⸗ than zu. »Trauen Sie dem Creolen nicht zu viel,“ ſagte er. „Er ſteht im Verdacht, mit Ebenholz Handel zu trei⸗ ben, und dies gilt nicht einmal hier, wo man doch der Sclaven ſo ſehr benöthigt iſt, für ein ehrenhaftes Ge⸗ werbe. Laſſen Sie ſich ja nicht durch ſeine Schein⸗ gründe verlocken, an ſeinen Geſchäften Theil zu nehmen. Man benutzt wohl den Sclavenhändler, weil man ihn nicht entbehren kann, aber trotzdem verachtet man ihn 44 auch, und das gründlich. Darum ſehen Sie ſich vor, mein lieber Jonathan.“ „Ich danke für den guten Rath,“ erwiederte Jo⸗ nathan ziemlich kühl.„Gewiß werde ich mich hüten, irgend Etwas zu unternehmen, was gegen mein Ge⸗ wiſſen wäre. Gute Nacht, Herr Bruno!« Die jungen Leute verabſchiedeten ſich von einander, und langſam ſchlenderte Jonathan ſeiner Wohnung zu. Er konnte die verlockenden Reden Don Eſtevans nicht aus ſeinem Gedächtniß los werden, ſondern mußte im⸗ mer und immer wieder darüber nachdenken. Unwill⸗ kürlich neigte er ſich den Anſichten deſſelben zu, und ſtimmte innerlich ſeinen Behauptungen bei. „Er hat recht,“ ſagte er nach einer Pauſe zu ſich ſelbſt, als er bereits ſein Lager aufgeſucht hatte.„Wenn die Kolonien nicht ohne Sclaven beſtehen koͤnnen, ſo muß es auch Leute geben, die ſie herbeiſchaffen. Ob ich einen Schwarzen kaufe und verkaufe, oder mich ſeiner Kräfte zur Arbeit bediene, ſcheint mir vollkom⸗ men gleich. Wenn der Sclaven⸗Handel wit Menſch⸗ lichkeit betrieben wird, ſo kann ihn kein⸗ vernünftiger Vorwurf treffen. Was nur Don Eſtevan von mir auch wollen mag? Ich bin wirklich neugierig darauf.“ Im Grunde genommen ahnte Jonathan recht gut, was jener Menſch für Abſichten hegte, aber er wollte es ſich nichtseingeſtehen, weil er doch immer noch eine geewiſſe Scheu vor dem Handel mit Menſchen empfand. Endlich ſchlief er ein, und ſchlummerte unruhig bis in den hellen, lichten Tag hinein. Wüſte Träume verſag⸗ ten ihm die rechte Erquickung des Schlummers, und mehrmals erſchien ihm das Bild ſeines Bruders Arnold, bleich und mit traurigen Geſichtszügen. Als er endlich 45 erwachte, befand er ſich in einer gedrückten, mißlaunigen Stimmung. »„Ich will doch lieber nichts von dieſem Don Eſte⸗ van wiſſen,“ murmelte er vor ſich hin.„Das Beſte wird ſein, wenn ich ausgehe, und auf dieſe Weiſe ein Zuſammentreffen mit ihm vermeide.“ Er kleidete ſich zu dieſem Zwecke an, war aber noch nicht ganz damit zu Ende, als an ſeine Thür geklopft wurde, und Don Eſtevan ſelber unmittelbar darauf in ſeine Stube trat. „»Verzeihen Sie, daß ich ſo früh komme, mein Herr,“ ſagte er höflich.„Aber es ließ mir keine Ruhe, und wie ich ſehe, ſind Sie ja auch ſchon beinahe völlig an⸗ gekleidet.“ Jonathan war nicht gerade angenehm von dem Be⸗ ſuche überraſcht, aber die Artigkeit gebot ihm, ſeinen Gaſt freundlich zu empfangen, und er bat ihn daher, Platz zu nehmen. »„Seien Sie mir willkommen, Don Eſtevan,“ ſagte er.„Es wird mir angenehm ſein, wenn ich Ihnen mit irgend Etwas dienen kann. Was führt Sie zu mir?« »„Eine Angelegenheit, welche hoffentlich zu unſerem beiderſeitigen Vortheile ausſchlagen wird,“ antwortete Don Eſtevan geſchmeidig.„Laſſen Sie mich offen und gerade ſprechen. Ich weiß, daß Sie hei dem Banquier Morel eine anſehnliche Summe baaren Geldes liegen haben. Ich kann etwa über eine gleiche Summe ver⸗ fügen. Sie ſind mir nicht erſt von geſtern her bekannt, ich habe Sie ſchon längere Zeit beobachtet, und weiß, daß Sie ein kühner und entſchloſſener Charakter ſind, der über die gewoͤhnlichen albernen Vorurtheile der Welt erhaben iſt. Treten Sie mit mir in Gemein⸗ „ 46 ſchaft. Ich beabſichtige eine Expedition nach dem Se⸗ negal zu machen und eine Ladung Ebenholz einzukaufen. Wenn Sie mit mir Compagnie machen wollen, werden wir Beide den doppelten Gewinn davon haben. Ich kenne den Handel, und kann Ihnen auf Ehrenwort die Verſicherung geben, daß Sie ein gutes Geſchäft machen werden.“ Jonathan ſchwankte. Die Schmeicheleien des Creo⸗ len und ſeine Verſprechungen reizten zugleich ſeine Eitel⸗ keit und ſeine Gewinnſucht. Der Vorſatz, ſich nicht mit dem fremden Manne einzulaſſen, wankte. Gleich⸗ wohl erinnerte er ſich der letzten Worte Bruno's am geſtrigen Abende, und Etwas in ihm ſträubte ſich, auf den Vorſchlag des Creolen einzugehen. Es war ſein Gewiſſen, das ihn warnte. Noch folgte er ſeiner Regung. „Nein, Don Eſtevan,“ ſagte er nach kurzem Be⸗ ſinnen.„Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir ſchenken, aber zugleich muß ich bedauern, kei⸗ nen Nutzen davon ziehen zu können. Sie wiſſen, daß ich andere Pläne mit meinem Gelde habe.“ „Pläne, welche nicht zum zehnten Theile ſo vor⸗ theilhaft ſind, als der Vorſchlag, den ich Ihnen mache,“ erwiederte Don Eſtevan.„Machen Sie wenigſtens eine einzige Reiſe mit mir, und laſſen Sie ſich nicht durch ein albernes Vorurtheil beſtimmen, Ihrer beſſeren Einſicht zu folgen. Ich verhehle Ihnen nicht, daß die Unternehmung ziemlich gefahrvoll iſt, aber mit kühnem Muthe und einigem Glüͤcke läßt ſich Alles überwinden. Fürchten Sie die Gefahr, Don Jonathan?« „Ich hoffe, Sie halten mich nicht für einen Feigling,“ erwiederte Jonathan ſtolz und mit blitzenden Augen. 49 „Gut, ſo laſſen Sie ſich die Summen heute noch in Geld auszahlen, und dieſen Abend, ſobald es dunkel geworden iſt, hole ich Sie ab. Unſer Schiff liegt ſchon bereit. Ein Boot wird uns an Bord deſſelben bringen, und ſchon in nächſter Nacht gehen wir unter Segel. Wir ſind alſo einig, und die Sache iſt abgemacht.“ »Abgemacht,“ antwortete Jonathan, und ſchlug in die dargebotene Hand Don Eſtevans ein. Der Abend hüllte bereits Alles in ſeine dunklen Schleier ein, als Don Eſtevan kam, um Jonathan abzuholen. Seinen Bekannten hatte Letzterer geſagt, daß er nach Europa zurückzukehren gedenke, ein Wort, das er erſt in ſpäterer Zukunft wahrzumachen gedachte. 1 Die beiden Abenteurer ſchritten zum Hafen hinab. Auf ein eigenthümliches Pfeifen Don Eſtevans ſchoß ſchnell ein Boot heran, und legte vor einer Treppe bei. Jo⸗ nathan und der Creole ſprangen hinein, und geräuſch⸗ los wurde das Boot über die glatte Meeresfläche ge⸗ rudert. Außerhalb des Hafens wartete das Schiff. Jonathan betrat es mit klopfendem Herzen, aber Don Eſtevan ließ ihn nicht viel zum Nachdenken kommen, indem er ihn überall umherführte, und ihm die Räume des Schiffes zeigte. Dieſes ging indeß unter Segel, und als Jonathan nach etwa einer Stunde wieder auf das Verdeck kam, ſchimmerten die Lichter von Cap Fran⸗ gais nur noch aus weiter Entfernung matt zu ihm herüber. 4 »Was wird Kapitän Barens ſagen, wenn er mich dort aufſucht und nicht wiederfindet?“ dachte er mit einem Seufzer, und ein Anflug von Reue wollte ihn beſchleichen. Aber er ſchüttelte ihn ſchnell wieder ab. Ohnmacht ꝛc. 4 50 „Es iſt nur ein Verſuch,“ troͤſtete er ſich ſelbſt. „Wenn mir der Handel nicht gefällt, kann ich mich ja täglich von Don Eſtevan losſagen. Jedenfalls werde ich machen, daß den armen Negern ſo wenig Uebles geſchieht, als irgend möglich und mit der eigenen Sicher⸗ heit vereinbar iſt.« Mit dieſem Vorſatze, der ſein Gewiſſen beruhigen und die leiſe Stimme deſſelben zum Schweigen bringen ſollte, ſuchte er ſeine Koye auf. Aber er ſchlief in dieſer Nacht noch ſchlechter, wie in der vorherigen, und wenn er ſeines Bruders Arnold gedachte, ſo war es ihm, als ob die ſanfte Stimme deſſelben ihm zuflüſterte: „Oh, Jonathan, du thuſt unrecht, und trotzeſt noch dazu!“«— Viertes Kapitel. Eine Ladung Ebenholz. Nach einer, im Ganzen ziemlich ſchnellen und glück⸗ lichen Fahrt erreichte das Schiff die Mündung des Senegal, und ſegelte eine gute Strecke auf dem Fluſſe ſtroman. Während der Ueberfahrt hatte Jonathan nähere Bekanntſchaft mit Don Eſtevan, mit dem Ka⸗ pitän des gemietheten Schiffes und den Matroſen ge⸗ macht, und ſich uͤberzeugt, daß der Creole, wenn auch ein rückſichtsloſer und verwegener Abenteurer, doch zu⸗ gleich ein Mann von Ehre war, welcher den Sclaven⸗ Handel in der That für ein ganz eben ſo ehrenwerthes 51 Geſchäft hielt, als den Handel mit Kaffee oder Ge⸗ würzen. Von Charakter heftig und aufbrauſend, be⸗ ſeelte ihn derſelbe leidenſchaftliche Durſt nach Gold, welcher auch Jonathan zu dem erniedrigenden Gewerbe eines Menſchenhändlers hatte greifen laſſen. Dabei war er jedoch ſtets höflich und artig gegen ſeinen Compag⸗ non, und nahm es demſelben auch gar nicht übel, wenn er zuweilen ſeine Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihrer V gemeinſchaftlichen Unternehmung ausſprach. Allen et⸗ waigen Bedenken begegnete Don Eſtevan ſtets mit den Worten:„Sie werden ja ſehen, mein Freund! Sagt Ihnen das Geſchäft auf die Länge nicht zu, ſo geben Sie es auf. Was Sie aber nun einmal angefangen haben, das müſſen Sie nothwendiger Weiſe nun auch durchſetzen!« Auf ſolche Bemerkung fand Jonathan keine Ant⸗ wort, ſondern mußte derſelben einfach zuſtimmen. An⸗ gefangen war nun einmal die Sache, ſie mußte auch, ſo gut es gehen wollte, zu Ende gebracht werden. Kapitän und Mannſchaft des Schiffes betrachteten den Sclavenhandel ſo ziemlich aus demſelben Geſichts⸗ punkte, wie Don Eſtevan, und waren im Ganzen tüch⸗ tige Leute, die ihren Dienſt verſtanden und ihre Pflicht in jeder Beziehung erfüͤllten. Ob ſie Reis, Tabak oder 1 Ebenholz im Raume führten, war ihnen vollkommen gleich, denn ſie betrachteten das Letztere eben ſo gut als Waare, wie Reis und Tabak. Für Fracht und „Mühewaltung wurden ſie gut bezahlt, und alles Uebrige, beſonders ob der Menſchenhandel vor Gott und Ge⸗ 4 wiſſen recht oder unrecht ſei, kümmerten ſie ſich ganz und gar nicht. Sie bekamen ihren Lohn und thaten dafür ihren Dienſt. Damit Baſta. Jonathan ſtand 4* 52 4 auf ſehr gutem Fuße mit ihnen, da er eines Tages einen Matroſen, welcher durch Unvorſichtigkeit über Bord gefallen war, mit eigener großer Lebensgefahr gerettet hatte, und weil er ſich überhaupt ſtets freund⸗ lich und artig gegen dieſe Leute benahm, die ſeine Freundlichkeit um ſo hoͤher aufnahmen, weil ſie ihn als einen muthigen und entſchloſſenen jungen Mann bewährt gefunden hatten. Als man ein paar Meilen oberhalb der Mündung des Senegal Anker ausgeworfen hatte, begaben ſich Don Eſtevan, der Kapitän und ein Theil der Mann⸗ ſchaft an das Land, und ließen Jonathan nebſt der üͤbrigen Mannſchaft zur Bewachung des Schiffes zurück. Mehrere Tage blieben ſie aus, und durchſtreiften das Innere des Landes, um ihre Einkäufe zu machen. Als ſie endlich zurückkehrten, brachten ſie gegen dreihundert Schwarze mit, Alle an Händen und Füßen gefeſſelt, ſo daß ſie keinen Verſuch zur Flucht machen konnten. Jonathan betrachtete die Armen mitleidig und mit blu⸗ tendem Herzen. Die wilden, wüthenden Blicke Einzelner, die erloſchenen Augen Anderer ſchienen ihm Vorwürfe zu machen, und ihn zu fragen:„Was haben wir dir gethan, daß du weit her über das Meer kommſt, um uns aus den Armen unſerer Aeltern, unſerer Kinder, unſerer Geſchwiſter und Freunde zu reißen? Wer gibt dir das Recht, uns in ein fernes, fremdes Land zu ewiger Knechtſchaft zu führen? Wir lebten ſtill und glücklich, bis du kameſt, und von jetzt an iſt unſer Le⸗ ben nichts weiter, als eine ununterbrochene Kette von Elend und Verzweiflung!“ Jonathan ſchauderte, und er erkannte jetzt erſt recht im vollen Umfange das Schmachvolle des Sclavenhandels. 5³ Die Haͤlfte ſeines Vermögens würde er in dieſem Augen⸗ blicke darum gegeben haben, wenn er die Berbindung mit Don Eſtevan ungeſchehen hätte machen können. Nun war es zu ſpät dazu. Er mußte geſchehen laſſen, was er auf keine Weiſe mehr ändern konnte. Don Eſtevan trat zu ihm, als er, bittere Gefühle im Herzen, die Schaar der armen Sclaven betrachtete. „Herrliche Waare, wie?“ ſagte er, indem er Jona⸗ than auf die Schulter klopfte.„Wir ſind zur glück⸗ lichſten Stunde hier angekommen, denn ein paar kleine Fürſten im Innern des Landes liegen im Kriege mit einander, und verkaufen gern und zu billigen Preiſen die meiſten Gefangenen, welche ſie machen. Da es auf beiden Seiten Ueberfluß davon gibt, ſo kaufen wir zu Spottpreiſen ein, und bekommen lauter tüchtige Leute, die kriegsfähig, alſo auch arbeitsfähig ſind. Freuen Sie ſich, Don Jonathan! Ihr Kapital wird ſich ver⸗ zwanzigfachen.“ „Ich kann mich nicht darüber freuen, wenn ich das Elend dieſer Unglücklichen ſehe,“ erwiederte Jonathan finſter. „Ah, mein Lieber, Sie ſind ein Thor mit Ihren ſentimentalen Gefuͤhlen,“ erwiederte der Creole laut lachend.„Uebrigens, zu Ihrer Beruhigung, will ich Ihnen nur ſagen, daß alle dieſe Schwarzen von ihren Ueberwindern geſchlachtet und aufgefreſſen werden wür⸗ den, wenn nicht der Klang unſeres Goldes mächtiger wäre, als ihr Appetit auf Menſchenfleiſch. Die armen Teufel ſehen eben darum ſo betrübt und verzweifelt aus. Sie glauben immer noch, daß ſie zur Schlacht⸗ bank geführt werden, und das iſt allerdings keine Aus⸗ 54 eſicht, welche zum Tanzen und Lachen reizt. In ein paar Tagen werden ſie ſchon munterer ausſchauen.“ „Aber wollen Sie alle dieſe armen Menſchen im Schiffe unterbringen, Don Eſtevan?“ fragte Jonathan. .„Dieſe da, lieber Freund?“ antwortete der Creole. „Das iſt ja erſt die Hälfte der Fracht! Die andere Hälfte holen wir, ſobald dieſe da eingeſchifft ſind, und in acht Tagen, hoffe ich, werden wir mit wenigſtens ſtebenhundert kräftigen, geſunden, ſchwarzen Burſchen wieder unter Segel gehen.“ „Unmöglich!« rief Jonathan aus.„Das Schiff hat nicht Raum genug für die Armen!“ „Laf en das meine Sorge ſein, Freund,— Sie verſtehen das nicht,“ erwiederte der Creole kühl. „Wo Sechshundert Platz haben, finden auch Sieben⸗ hundert Platz.“« „Aber das iſt Grauſamkeit,“ ſagte Jonathan mit unverhehltem Unwillen.„Sie haben mir verſprochen, menſchlich gegen die Armen zu verfahren.“ „Nun, ich ſehe da auch gar nichts Unmenſchliches,“ erwiederte Don Eſtevan kaltblütig.„Ein bischen enger werden ſich die Leutchen freilich befinden, aber bei guter Nahrung und dann und wann einem Spaziergange in freier Luft auf dem Verdeck werden ſie die Ueberfahrt ſchon aushalten. Nein, Don Jonathan, keine Un⸗ menſchlichkeit, denn ſie wäre gegen unſeren eigenen Vortheil. Die ſchwarzen Thiere ſollen gut behandelt werden, damit wir ſie geſund und überhaupt in mög⸗ lichſt beſtem Stande auf den Markt bringen. Laſſen Sie mich nur machen. Ihr Vortheil iſt auch der meinige, und ich werde ihn nicht muthwillig auf das Spiel ſetzen. Im Uebrigen aber geben Sie ſich keinen 5⁵ ſentimentalen Betrachtungen hin. Sie nützen nichts, 3 und verleiden Ihnen nur das Geſchäft. Aber an's Werk! Die Burſche müſſen eingepackt werden!«- Dies ging geſchwinder von ſtatten, als Jonathan erwartet hatte. Die Schwarzen folgten in ſtumpf⸗ ſinnigem Gehorſam den Winken, die ſie empfingen, und ließen ſich im unteren Schiffsraume ohne Wider⸗ ſtand die Ketten anlegen. Nur ein einziger großer, faſt rieſiger junger Kerl zeigte ſich ein wenig wider⸗ ſpenſtig, und wollte nicht die Schiffstreppe hinunter. Aber ein paar derbe Hiebe mit einem Tauende machten ihn geſchmeidig, und er gehorchte zuletzt, wie alle Uebri⸗ gen. Jonathan ſah die Mißhandlung, und wendete ſich mit Abſcheu davon ab. Aendern konnte er nichts, verhindern auch nichts, aber die klatſchenden Hiebe, die auf die nackten Schultern des armen Menſchen nieder⸗ hagelten, ſchnitten ihm durch die Seele. „Oh, wäre ich nie auf den Einfall gekommen, Sclavenhändler zu werden!“ ſeufzte er reumüthig, und begab ſich in ſeine Kajüte, um gar nichts mehr von den armen Schwarzen zu hören und zu ſehen. Am folgenden Tage brachen Don Eſtevan und die übrigen Mitglieder der erſten Expedition zu einem zwei⸗ ten Streifzuge auf, und überließen den Zurückbleibenden die Pflege der bereits eingebrachten Schwarzen. Jo⸗ nathan gab ſich alle mögliche Mühe damit. Er ver⸗ ſorgte ſie mit friſchem Waſſer und guten Nahrungs⸗ mitteln, und gab ihnen auf jede Weiſe zu erkennen, daß man ſie mild und menſchlich behandeln werde. Die Unglücklichen ſchienen ihn auch zu verſtehen. Ob⸗ gleich Viele von ihnen die Nahrung anfänglich ver⸗ weigerten, ließen ſie ſich endlich doch herbei, Speiſe 56 9 und Trank zu ſich zu nehmen. Auch auf das Verdeck ließ Jonathan ſie führen, und öffnete alle Luken des Raumes, damit möglichſt viel friſche Luft demſelben zu⸗ geführt wurde. Die Schwarzen befanden ſich ziemlich woohl dabei, und ſchienen ſich allmählig geduldig in ihr Schickſal ergeben zu wollen. 1 Nach acht Tagen kam Don Eſtevan mit einem neuen Transporte von Ebenholz zurück, und zeigte ſich mit ſeinem Einkaufe nicht minder zufrieden, als das erſte Mal. „Jetzt iſt unſere Ladung voll,“ ſagte er zu Jona⸗ than.„Wir haben gegen ſiebenhundert Stück, und würden kaum noch mehr unterbringen köͤnnen, ſelbſt wenn noch Waare zu haben wäre. Aber die Leutchen ſind des Krieges überdrüſſig geworden, und werden vermuthlich bald Frieden ſchließen. Dann hört natür⸗ lich auch das Machen von Gefangenen auf, und die Waare wird bedeutend im Preiſe ſteigen. Darum jetzt auf nach Jamaica, und das ſo ſchnell wie möglich.“ Obgleich der untere Raum des Schiffes ſchon ziem⸗ lich vollgepfropft war, wußte Don Eſtevan dennoch Rath zu ſchaffen, und packte den neuen Transport der Schwarzen noch dem erſten bei. Jetzt lagen die Un⸗ glücklichen freilich ſo eng beiſammen, wie Häringe in einer Pökeltonne, aber Don Eſtevan meinte ganz wohl⸗ gemuth, ſie würden ſich ſchon daran gewöhnen. Jona⸗ thans Vorſtellungen und Bitten, den Armen einige Erleichterung zu verſchaffen, indem man wenigſtens einen Theil der Ladung zurücklaſſe, fanden bei dem habſüchtigen Creolen kein Gehör. 8 „Sie verlangen das Unmögliche, Don Jonathan,“ ſagte er.„Nur einen Neger zurücklaſſen, hieße geradezu 57 fünfhundert Dollars über Bord werfen, und dazu ver⸗ ſpüre ich nicht die mindeſte Luſt. Es hat am Ende Geld und Mühe genug gekoſtet, die Burſche zu bekom⸗ men, und da wäre es reiner Wahnſinn, ſie von freien Stücken wieder laufen zu laſſen.“ „Aber bedenken Sie, Don Eſtevan, wenn nun Krankheiten einreißen, was bei den eng eingeſchachtelten Menſchen kaum ausbleiben kann, was dann?“ „Das findet ſich, und iſt jedenfalls erſt abzuwarten. Wenn Wind und Wetter uns günſtig ſind, wie bei der Herfahrt, wird unſer Verluſt kaum nennenswerth ſein. Freuen Sie ſich, mein lieber Jonathan! In ein paar Monaten ſind Sie ein ſchwer reicher Mann, und wer⸗ den noch manchmal mit mir die Fahrt zum Senegal machen.“ „Nein, niemals wieder,“ verſetzte Jonathan feſt und beſtimmt.„Ich habe vollauf genug an dem erſten Ver⸗ ſuche.“ „Nun, dann kaufen Sie ſich eine ſchöne Pflanzung auf St. Domingo,“ ſagte der Creole lachend.„Die ſchönſte ſteht Ihnen zu Gebot, wenn wir unſer Eben⸗ holz glücklich an den Mann gebracht haben werden.“ „Ich will mir das ſpäter überlegen,“ verſetzte Jo⸗ nathan.„Noch haben wir ja auch unſere gehofften Reichthümer nicht in der Taſche. Der Weg nach Ja⸗ maica iſt weit und das Meer trügeriſch. Wir werden ſehen,— ſpäter.“ Nachdem man Waſſer und Nahrungsmittel in ge⸗ nügender Menge eingenommen hatte, ein Geſchäft, für welches Jonathan ganz beſonders Sorge trug, ſegelte das Schiff wieder den Senegal hinunter, und in das ⁸¼ — 58 offene Meer. Die Schwarzen heulten und wehklagten, als ſie bei ihren Spaziergängen auf Deck die Kuſte ihres Vaterlandes nicht mehr erblicken konnten, und Etliche machten ſogar Verſuche, ſich über Bord in das Meer zu ſtürzen und in Verzweiflung ihrem Leben ein Ende zu machen. Aber die Wachſamkeit der Schiffs⸗ mannsſchaft, welche mit geladenen Flinten und mit Säbeln bewaffnet, jede Bewegung der Schwarzen be⸗ obachtete, wußte jeden derartigen Verſuch zu verhindern. Jonathan ſeinerſeits gab ſich unſägliche Mühe, die Ar⸗ men mit ihrem traurigen Schickſale auszuſöhnen, und pflegte und wartete ſie mit Geduld und Langmuth, welche ſogar Don Eſtevan bewundern mußte. Er ſelbſt brachte ihnen Speiſe und Trank, und ging nicht von der Stelle, bis jedem Einzelnen ſeine richtige Portion von der zu ſeiner Hülfe geſtellten Mannſchaft gereicht worden war. Rohheiten von Seiten der Matroſen duldete er nicht, und etwaige Widerſpenſtigkeiten der Neger ſuchte er mit Geduld und Ruhe zu beſeitigen. Er ſorgte dafuͤr, daß täglich ſämmtliche Eingeſchloſſene wenigſtens eine Stunde lang Luft und Sonne auf dem Verdeck genießen konnten, und beaufſichtigte ſelber die Luken, durch welche reine Luft in die unteren Räume eingeführt wurde. Dennoch konnten alle möglichen Vorſichtsmaßregeln nicht verhüten, daß einige Krank⸗ heits⸗ und Sterbefälle vorkamen, und es war ein trau⸗ riges Gefühl für Jonathan, als man die erſte Leiche eines Schwarzen ohne große Ceremonie und Umſtände über Bord in die See ſchleuderte. „Du biſt mit Schuld an ſeinem Tode,“ ſagte die mahnende Stimme des Gewiſſens zu ihm.„Wäreſt du nicht auf die Lockungen Don Eſtevans eingegangen, 4 —————— 59 würde die Fahrt zum Senegal vielleicht ganz unter⸗ blieben ſein!“ Noch ſchlimmer wurde es, als nach einer ſonſt glücklichen Fahrt von einigen Wochen plötzlich ein hef⸗ tiger Sturm das Schiff heimſuchte, und es länger als achtundvierzig Stunden auf den hochgehenden Wellen umherſchleuderte. Jetzt mußten die Luken geſchloſſen werden, damit nicht das Waſſer in den Schiffs⸗ raum eindrang und die Schwarzen erſäufte. Im Dun⸗ keln eingeſchloſſen mußten die Unglücklichen achtundvier⸗ zig Stunden lang ohne geeignete friſche Luft bleiben, und man konnte ſie nicht einmal von Zeit zu Zeit auf das Verdeck führen, weil die Schiffsmannſchaft alle Hände voll zu thun hatte, um das wild umherge⸗ ſchleuderte Fahrzeug vor dem Untergang zu bewahren. Das Geheul und Jammergeſchrei der armen Schwar⸗ zen, welches aus dem Raume zu Jonathans Ohre drang, zerriß ihm das Herz. Die Unglücklichen mußten ent⸗ ſetzlich leiden. Nicht allein der Mangel an friſcher Luft, peinigte ſie, ſondern auch Hunger und Durſt, da man in der ſchrecklichen Verwirrung keineswegs genü⸗ gend für ſie ſorgen konnte. Dazu kam die Angſt, daß das Schiff untergehen und ſie Alle in's Verderben reißen könne, und man konnte ſich daher nicht wundern, daß die armen Schwarzen ein jammervolles Geheul an⸗ ſtimmten, und verzweiflungsvolle Anſtrengungen mach⸗ ten, ihre Ketten zu ſprengen, um noch oben, an Luf und Licht zu gelangen. Auch jetzt that Jonathan ſein Möglichſtes, die Lei⸗ den der Sclaven zu lindern, aber leider reichte ſeine Kraft nicht weit, da er von den Uebrigen keinen Bei⸗ ſtand erwarten und in Anſpruch nehmen konnte. Doch — — 60 half er, ſo viel er vermochte, und benutzte jeden ruhi⸗ geren Augenblick, um wenigſtens von Zeit zu Zeit eine oder die andere Luke zu öͤffnen, und einen Athemzug friſche Luft einzulaſſen. Den ganzen Tag war er auf den Füßen, um den Hungrigſten Speiſe, den Durſtig⸗ ſten einen Trunk Waſſer zu bringen, und ſelbſt die verpeſtete Luft des Raumes, welche ihm faſt den Athem benahm und ihn zu erſticken drohte, konnte ihn nicht von ſeinem menſchenfreundlichen Thun zurückhalten. Tcrotz aller Anſtrengung und Mühe vermochte er aber doch nicht das Uebel ſo weit zu mildern, daß es ohne Opfer vorübergegangen wäre. Als endlich der Sturm aufhörte, die Luken wieder geöffnet, der Raum geſäubert und gereinigt, und die halb erſtickten Schwar⸗ zen wieder an die Luft gebracht werden konnten, fand man zwölf Leichen ſtarr ausgeſtreckt, und eine dreifache Anzahl von Kranken, die den Einflüſſen der verdorbenen Luft nicht hatten widerſtehen können. Jonathan be⸗ trachtete ſie mit traurigen Blicken. „He, mein Lieber, Sie brauchen den Kopf nicht hängen zu laſſen,“ ſagte Don Eſtevan zu ihm.„Ihnen verdankt es die Hälfte der armen Teufel, daß ſie noch am Leben ſind, und daran denken Sie, nicht aber an den kleinen Schaden, den der fatale Sturm ange⸗ richtet hat. Sie haben ſich vortrefflich gehalten, Don Jonathan, das muß ich ſagen!“ Die Lobſprüche des Creolen beruhigten ihn nur wenig. Jeder Kranke, jeder Sterbende kam ihm vor, wie ein Opfer ſeiner Sucht, nur recht ſchnell reich zu werden, und die Ausſicht auf den allerdings großen Gewinn, der ihm bevorſtand, konnte die Vorwürfe nicht erſticken, die ihm das Herz ſchwer machten. —,— 61 „Aller Reichthum vermag kein Unrecht ungeſchehen zu machen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,—„und ich habe nicht recht gehandelt, als ich der Lockung Don Eſte⸗ vans folgte, und der warnenden Stimme Bruno's mein Ohr verſchloß. Wie ohnmächtig iſt doch das Gold einem befleckten Gewiſſen gegenüber!«: Jonathan that Buße, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, indem er die Kranken pflegte, ihnen Arzneien und jede zu beſchaffende Erquickung reichte, und auch den Geſunden nach wie vor ſeine Sorgfalt angedeihen ließ. Die meiſten Kranken erholten ſich zu ſeiner Freude, und da das Wetter ſchön blieb, und der Wind friſch und günſtig in die Segel blies, ſo gelang es ihm auch, das weitere Umſichgreifen der Krankheit zu verhindern. Die Schwarzen befanden ſich, Dank ſeiner unermüd⸗ lichen Sorgfalt und Umſicht, verhältnißmäßig ſehr wohl, und Don Eſtevan überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Lobeserhebungen. Wahrhaftig, Sie handeln wie ein wahrer Vater den Negern,“ ſagte er,„und es iſt nicht mehr als billig, daß Sie auch Ihren Lohn dafür empfangen. Aufrichtig, anfänglich that es mir faſt leid, daß ich Sie zum Compagnon genommen hatte, da Sie ſo gar nichts für das Geſchäft thaten, es ſogar mit Abneigung und Widerwillen betrachteten, und mir und dem Kapitän Alles allein überließen. Aber jetzt denke ich anders. Ihrer Aufopferung verdanken wir Leben und Geſund⸗ heit von wenigſtens der Hälfte der Ladung, und Ihr Antheil am Gewinne kommt Ihnen daher jetzt mit vollem Rechte zu. Ich habe nie eine Bande ſo ge⸗ ſunder und wohlausſehender Burſche nach einer Ueber⸗ fahrt geſehen, wie die unſerigen, und wenn wir glücklich 62 noch bis Jamaica gelangen, werden ſie einen hübſchen „Haufen Geld einbringen. Darum friſch aufgeſchaut, Don Jonathan! Der Kapitän ſagt mir, daß wir bin⸗ nen drei Tagen die Küſte unſeres Eldorado erblicken werden!“ Und der Kapitän hatte ſich nicht in ſeinen Berech⸗ nungen getäuſcht. Das Sclavenſchiff erreichte glück⸗ lich den Hafen, und wenige Wochen darauf war die Ladung mit ſolchem ungeheuren Gewinne verkauft, daß Jonathan jetzt in der That für einen reichen Mann gelten konnte. Der Creole, in beſter Laune über das gemachte gute Geſchäft, forderte ihn auf, noch eine zweite Fahrt nach dem Senegal mit ihm zu machen, aber Jonathan wies den Antrag entſchieden zurück. „Ich kenne jetzt den Ebenholzhandel,“ ſagte er,„und mag nichts mehr damit zu thun haben. Auch konnte es mir nicht verborgen bleiben, daß man uns von Sei⸗ ten der Pflanzer mit einer gewiſſen Verachtung behan⸗ delte, obgleich ſie unſere Waare ſehr willkommen hie⸗ ßen. Ich mag mich dem nicht mehr ausſetzen. Außer⸗ dem, der Tod der armen Leute, die wir unterwegs ver⸗ loren, wird ewig als ein Vorwurf mein Gewiſſen be⸗ laſten. Ich weiß wohl, die Reue kommt zu ſpät, aber jedenfalls will ich nicht zweimal denſelben Fehler be⸗ gehen.“ Der Erſtere zuckte die Achſeln. „Das ſind Anſichten,“ erwiederte er.„Ich für meine Perſon betrachte die Sache aus einem anderen Geſichtspunkte, wie Sie wiſſen. Aber wir wollen nicht weiter darüber ſtreiten. Was gedenken Sie nun mit Ihrem Gelde zu beginnen?“ 1 „Ich beabſichtige nach Sanct Domingo, und von — · ——ö———— 6³ dort nach Europa zurückzukehren, wozu ſich dort wohl eher eine Gelegenheit darbieten wird, als hier.“ „Nun denn, Glück auf die Reiſe, Don Jonathan,“ ſagte der Creole.„Wie Sie auch ſonſt denken mögen, jedenfalls werden Sie mir recht geben, daß unſere Ex⸗ pedition uns ein hübſches Sümmchen Geld eingebracht hat, und das iſt die Hauptſache.“ 3 Jonathan antwortete nicht, ſondern zuckte nun die Achſeln, als ob er ſagen wollte:„Es iſt theuer genug erkauft mit meinem Seelenfrieden.“— Sie ſchieden und ſahen einander im Leben nicht wieder. Don Eſte⸗ van blieb noch in Jamaica, und Jonathan begab ſich wieder auf dem erſten abſegelnden Schiffe nach Sanct Domingo, feſt entſchoſſen, ſich in keinen ſo ſchmutzigen Handel, wie der Sclavenhandel, wieder einzulaſſen, ſondern baldmöglichſt nach Europa und zu ſeinem Bru⸗ der zurückzukehren. Aber das Schickſal wollte es an⸗ ders, und Jonathan ſollte zum zweiten Mal ein Opfer ſeiner nimmerſatten Habſucht werden. Fünftes Kapitel. Die Ppflanzung. Etwa ein Jahr war verfloſſen, ſeit Jonathan heim⸗ licher Weiſe und ohne Abſchied von ſeinen Bekannten zu nehmen, Cap Francais verlaſſen hatte. Als er wieder dort anlangte, ſchämte er ſich, ſeine Betheiligung 64 an dem Sclavenhandel einzugeſtehen, und gab vor, er habe eine Expedition durch die nördlichen Staaten Süd⸗ Amerika's und dort ſehr gute Geſchäfte gemacht. Viel⸗ leicht glaubte man ihm, vielleicht auch nicht. Jeden⸗ falls, da Jonathan viel Geld zeigte und gegen ſeine Bekannten nicht eben knickerig war, ſtellte man ſich an, als ob man keinen Zweifel in ſeine Ausſagen ſetze, und er war ſehr ſchnell mit ſeinen früheren Kameraden wieder gut Freund. Bruno allein zeigte ſich ein wenig zurückhaltend und betrachtete Jonathan zuweilen mit mißtrauiſchen Blicken, wobei demſelben recht unbehag⸗ lich zu Muthe war. Er vermied ihn, ſoviel es ohne Aufſehen geſchehen konnte, und wartete mit Ungeduld auf ein Schiff, das ſeinen Kurs nach Europa nehmen würde. Aber Wochen verſtrichen, ohne ihm eine Ge⸗ legenheit zur Abreiſe zu bieten, und Jonathan fühlte allmählig die Sehnſucht nach der Heimath wieder ſchwächer werden. Eines Abends, als er wie gewoͤhnlich im Kreiſe ſeiner Bekannten ſaß, trat ein junger Franzoſe zu ihnen, der nur eben erſt aus dem Innern der Inſel ange⸗ kommen war. „Was gibt's Neues, Jerome?“ fragte man ihn. „Nicht viel,“ erwiederte der junge Mann.„Auf den Pflanzungen iſt man luſtig und guter Dinge, denn es ſteht eine vorzügliche Aernte in Ausſicht. Kaffee, Zucker, Tabak, Baumwolle verſprechen einen unerhörten Ertrag.“ „Das wiſſen wir ſchon! Was ſonſt Neues?“ ant⸗ wortete man. „Nichts, das ich wüßte! Aber doch! Denkt Euch, der alte Leo Rividère iſt geſtorben, und die Verwandten 6⁵ wollen die ſchöne Beſitzung nicht behalten, weil ihnen das Klima nicht zuſagt, und ſie deßhalb nach Frank⸗ reich zurückkehren wollen. Da waͤre ein Geſchäft zu machen, wenn man baares Geld liegen hätte. Aber das iſt überall knapp, und darum bieten die Rivière's die Beſitzung um ein Spottgeld aus. Es iſt eine der ſchoͤnſten Pflanzungen auf der Inſel, und mit dem In⸗ ventar und der draußen ſtehenden Aernte, weit über eine Million Livres werth. Wer die Hälſfte bietet, kann ſie zu jeder Stunde bekommen, vorausgeſetzt na⸗ türlich, daß er baar bezahlt.“ Jonathan horchte auf, und die Blicke von mehreren Anweſenden richteten ſich auf ihn. „Das wäre etwas für unſeren Freund Jonathan,“ ſagte Einer aus der Geſellſchaft.„Schade, daß er Sanct Domingo verlaſſen will!« „Ich bin noch nicht ſo ganz gewiß darüber,“ ant⸗ wortete Jonathan zögernd.„Iſt die Pflanzung wirk⸗ lich ſo werthvoll, als Sie behaupten, Herr Jerome?« »Mindeſtens, mon ami, mindeſens e erwie⸗ derte der junge Franzoſe lebhaft.„Ich habe ſie noch vor drei Tagen ſelbſt beſehen. Stattliches Herrenhaus, der beſte Boden weit und breit, gegen achtzig Neger, und prachtvolle Einrichtung. Ah, der alte Leo Riviére wußte zu leben. Wenn ich fünfmal hunderttauſend Livres baar hätte auftreiben können, ich würde jetzt der Beſitzer der Pflanzung ſein. Wenn Sie Geld haben, ſo greifen Sie zu, mon cher! Eine beſſere Gelegen⸗ heit läuft Ihnen nicht wieder in den Weg.“ Alle, welche die Beſitzung kannten, onmten dieſer Anſicht des jungen Franzoſen bei, und Jonathan, in Ohnmacht ꝛe. 5 66 der Hoffnung, abermals einen großen Gewinn zu ma⸗ chen, vergaß ganz und gar Bruder und Vaterland. „Ich will mir's überlegen,“ ſagte er. „Ueberlegen Sie aber nicht zu lange,“ warf der Franzoſe hin.„Wenn die Sache bekannt wird, möch⸗ ten ſich noch mehr Käufer einfinden.“ „Wo liegt die Beſitzung?“« fragte Jonathan. „Zehn Lieues von hier an der großen Straße, die hart daran voruͤber führt,“ erwiederte Jerome.„Sie können nicht fehlen, wenn Sie nur immer gerade aus landeinwärts reiten. Jedes Kind im Umkreiſe von fünf Lieues kennt die Pflanzung La Riviere. Jonathan merkte ſich dieſe Angaben, und verſchwand bald darauf aus der Geſellſchaft. An den Plaudereien derſelben nahm er nicht mehr Theil, denn er war ganz und gar mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt. Wenn die Pflanzung wirklich ſo werthvoll war, wie der junge Franzoſe behauptete, warum ſollte er ſie nicht kaufen? Baares Geld in blanken Goldſtücken hatte er genug, noch mehr, als zum Ankaufe erforderlich war, und das bequeme Leben eines reichen Pflanzers kam ihm gar nicht verwerflich vor. Kaum dämmerte der Tag, ſo miethete er ein Pferd, und ritt auf der großen Straße der Pflanzung La Rivière zu. Die zehn Lieues waren in ſechs Stunden zurückgelegt, und Jonathan fand bei den Verkäufern der Pflanzung die freundlichſte und zuvorkommendſte Aufnahme, als er den Zweck ſeines Kommens zu ver⸗ ſtehen gab. Man führte ihn bereitwillig überall her⸗ um, zeigte ihm die Kaffee⸗, die Tabak⸗ und Baum⸗ wollen⸗Plantagen, die Zuckerfelder und Zuckermühlen, die Maſchinen und Baumwollen⸗Preſſen, die Neger 67 und Sonſtiges, was zu der Beſitzung gehörte. Es befand ſich Alles in wahrhaft vortrefflichem Zuſtand, und die Einrichtung des Herrenhauſes war geradezu prachtvoll. „Ich würde nicht daran denken, zu verkaufen,“ ſagte Herr Rigaud, der Neffe und Erbe des verſtor⸗ benen La Rivière,—„aber meine Frau kränkelt fort⸗ während, und ich muß eilen, ſie aus dieſem Klima zu führen, das ihrer zarten Natur verderblich iſt. Ich weiß ſehr wohl, daß die Beſitzung weit über eine Million Livres werth iſt, dennoch gebe ich ſie für die Hälfte hin, wenn ich baar bezahlt werde und auf der Stelle dieſes Land verlaſſen kann.“ „Gut, Herr Rigaud,“ antwortete Jonathan,„ich will Ihnen ſofort viermal hunderttauſend Francs in Wechſeln auf Banquier Morel in Cap Francais zahlen!“ Der Franzoſe trat einen Schritt zurück. „Fünfmalhunderttauſend,— nicht einen Livre we⸗ niger, mein Herr,“ ſagte er.„In vierzehn Tagen könnte ich vielleicht noch hunderttauſend mehr bekom⸗ men. Darum kein Feilſchen und Bieten, mein Herr! Entweder— oder! Mein Wort ſteht feſt.“ Jonathan ſah wohl, daß dies nicht eine leere Be⸗ hauptung war. Er ſchrieb die Anweiſung auf die ge⸗ forderte Summe, und händigte ſte dem Verkäufer ein, Herr Rigaud machte eine leichte Verbeugung, und ſteckte die Anweiſung in ſeine Brieftaſche. 6 „Herr Morel iſt mir ein guter und ſicherer Mann,“ ſagte er.„Ich wünſche Ihnen Glück, mein Herr! Von dieſer Stunde an ſind Sie Beſitzer einer der ſchönſten Pflanzungen nicht nur auf Sanct Domingo, ſondern auf den ganzen Antillen. Ich übergebe ſie Jönen ohne 68 Neid, denn das Glück meiner Familie ſteht mir hoͤher als Gold und Reichthum. Alles Gold kann meiner theuren Gattin die Geſundheit nicht erkaufen,— in dieſer Beziehung iſt es machtlos! Aber ich hoffe, die milde Luft meines ſchönen Frankreichs wird wohlthätig und heilkräftig wirken, und in dieſer Hoffnung verlaſſe ich Sanct Domingo mit Freuden!« Jonathan kehrte nun nach Cap Francais zurück, um ſeine Habſeligkeiten nebſt dem Reſte ſeines baaren Geldes zu holen, der ſich immer noch auf einige achtzig⸗ tauſend Livres belief, und um Abſchied von ſeinen Be⸗ kannten zu nehmen. Herr Rigaud begleitete ihn, um bei dem Banquier Morel ſeine Geſchäfte zu ordnen, und begab ſich dann noch einmal nach der Pflanzung La Rivière, wo er Jonathan der Dienerſchaft und den Sclaven als ihren neuen Herrn und Gebieter vorſtellte, und ihm ſodann förmlicher Weiſe alle Eigenthumsrechte auf die Beſitzung abtrat. Tags darauf verließ er mit ſeiner Familie die Pflanzung, um ſich auf einem be⸗ reits gemietheten Schiffe nach Frankreich zu begeben, und Jonathan war nun mit einem Male ein reicher Plantagen⸗Beſitzer auf Sanct Domingo geworden, ein Gegenſtand des Neides für die Meiſten, die ihn noch vor wenig mehr als einem Jahre in wenig bemittelten Verhältniſſen kennen gelernt hatten. Wunderbar war ihm Alles gelungen, was er unternommen und gewagt hatte, und ſein ſehnlichſter Wunſch, dermaleinſt ſehr reich zu werden, war auf unerwartet ſchnelle Weiſe in Erfüllung gegangen. Hatte er aber mit dem Reichthum zugleich auch das Glück gefunden, welches er früher für unzertrenn⸗ lich davon gehalten?. 69 Vielleicht nicht, oder wenigſtens nicht ganz, wenn man nach ſeinem äußeren Ausſehen einen Schluß ma⸗ chen durfte. Er, noch ſo jung, und früher, ſtets heiter, war jetzt oft ſehr ernſt und nachdenklich geſtimmt, und ſein fruͤher ſo ſanfter und erquickender Schlaf wurde nicht ſelten von häßlichen, dumpfen Träumen unter⸗ brochen. Lange Zeit konnte er die armen Schwarzen nicht vergeſſen, die er geholfen ihrem Vaterlande zu entführen, und die an Bord des Sclavenſchiffes einen ſo jämmerlichen Tod gefunden hatten. Sein Gewiſſen machte ihm Vorwürfe, die ſein ganzer Reichthum nicht zu beſchwichtigen vermochte. Die Ohnmacht des Gel⸗ des zeigte ſich hier in ihrer ganzen Klaͤglichkeit. Bald nachdem Jonathan die Pflanzung La Rivière gekauft hatte, ſchrieb er an ſeinen Bruder, und theilte ihm mit, daß er ſich in äußerſt günſtigen Verhältniſſen befinde, verſchwieg aber auch ihm, wie allen ſeinen Bekannten, auf welchem Wege er ſo ſchnell zu dem erlangten Reichthum gekommen. Er lud Arnold ein, zu ihm zu kommen, und alles erworbene Glück mit ihm zu theilen. Für den Fall aber, daß er ſich zu dieſem Schritte nicht entſchließen könne, möge er ihm wenigſtens ſchreiben, recht oft und ausführlich ſchreiben, und unbedenklich Geld von ihm verlangen, wenn er deſſen bedürftig wäre. Schließlich verſicherte er ihn ſeiner unverminderten Liebe und Zuneigung, und legte dem Brief eine Anweiſung auf tauſend Livres bei, welche Arnold in ſeiner Vaterſtadt leicht zu Gelde ma⸗ chen konnte. Ein halbes Jahr darauf kam eine Antwort von Arnold und zitternd vor Freude und Ungeduld erbrach Jonathan den Brief. Das Erſte, was ihm daraus 70 entgegen fiel, war die Anweiſung, die er dem Bruder geſchickt hatte. „Der boͤſe Arnold!« murmelte er.„Nicht einmal ſolche Kleinigkeit will er von ſeinem Bruder annehmen! Aber ich dachte mir's wohl! Er iſt eben immer noch der Alte, und ſtets zufrieden auch mit dem Geringſten.“ Er ſchob die Anweiſung ſeufzend bei Seite und las dann den Brief, der volle vier Seiten lang war, erſt mit fliegender Haſt, und dann wieder und noch einmal langſam und mit Bedacht. Als er ihn dann auf den Tiſch legte, ſchimmerte ein feuchter Glanz in ſeinen Augen, und er ſtützte die heiße Stirn in ſeine Hand. »Der gute, liebe Arnold!« murmelte er in Zwiſchen⸗ räumen halblaut vor ſich hin, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſo ſehr verweilten alle ſeine Gedanken bei dem fernen Bruder.„Er liebt mich noch, wie ich ihn! Er wünſcht mir auch ferner alles Glück und fröhliches Gedeihen! Er moͤchte gern zu mir kommen und mir ſein Herz voll treuer Bruderliebe bringen, aber— er ſcheuet den Reichthum, den ich mit ihm theilen will, und fürchtet, er moͤchte an ſeiner Seele Schaden leiden, wenn er ſich den Genüſſen deſſelben hingeben würde! Er iſt fleißig, er lernt, er ſtudirt das Wort des Herrn, und hat Ausſicht, dereinſt nach beendigten Studien eine gute Stellung als Hauslehrer in der Familie eines ſeiner Freunde zu erhalten.— Alles gut! Aber warum muß er denn dienen? Er kann ja zu mir kommen und braucht keines Menſchen Diener zu ſein!— Er ſchreibt, man liebe ihn und ſchätze ihn, und er habe gar viele Freunde, die es herzlich und gut mit ihm meinten!— Ei, das glaube ich recht gerne, denn wer ſollte ihn nicht lieben, ein ſo beſcheidenes Gemüth und 71* G ein ſo treues, gutes Herz!— Ja, ja, am Ende iſt es doch am beſten für ihn, wenn er drüben in der alten Welt bleibt. Er fühlt ſich glücklich, das leuchtet aus jeder Zeile ſeines Briefes hervor. Soll ich ihn in ſei⸗ nem Glücke, in ſeiner Zufriedenheit ſtören? Ich? Bin ich denn glücklich?— Hm!— So viel habe ich nun ſchon gelernt, daß Gold allein und an ſich keine Glückſeligkeit gewährt. Nicht einmal eine dunkle Erin⸗ nerung kann es aus der Seele verbannen. Die un⸗ glücklichen Schwarzen! Aber weg, weg mit dieſen Bildern! Es iſt Zeit, endlich die Vergangenheit zu vergeſſen und allein der Zukunft zu leben! Noch bin ich jung, ich bin reich,— laß doch ſehen, ob ich nicht auch auf meinem Wege das Glück finde, das dem Bruder ganz von ſelber und ohne weiteres Zuthun zu blühen ſcheint. Man muß es nur ſuchen und die Wege mit Gold beſtreuen, dann wird es am Ende doch irgendwo zu finden ſein!?« 3 Sechstes Kapitel. Mancher iſt reich bei ſeiner Armuth. Sprüchwörter 13, 7. Ein herrlicher Frühlingsmorgen voll Friſche und Lieblichkeit folgte einer milden, regenfeuchten Nacht. Millionen Thauperlen funkelten wie Diamanten auf Halm und Blatt. Die Sonne ſtrahlte ſchon eine er⸗ 7² quickende Wärme aus, obgleich ſie noch ziemlich tief am Horizonte ſtand. Flieder, Hollunder und Gold⸗ regen prangten in der vollſten Bluͤthe, und ſtrömten eine Fülle lieblichſten Duftes aus. Die ganze Natur war mit friſchem Grün geſchmückt, und das Auge wei⸗ dete ſich an dem Farbenreichthum der Millionen bunten Blumen, welche ihre glänzenden Kelche dem Lichte er⸗ ſchloſſen hatten. Der Finke ſchmetterte ſein helles Morgenlied; zwitſchernde Schwalben ſchoſſen pfeilſchnell durch die Luft; aus dem dichten Gebüſche vom nahen Bache herüber erklang in tiefen, vollen Toͤnen das rührende Lied der Nachtigall. Von breitwipfligen Linden überſchattet lag das Pfarrhaus noch ruhig und friedlich in der Morgen⸗ ſtille da. Nur ein leichtes, bläuliches Rauchwölkchen, aus dem Schornſtein aufſteigend, ließ errathen, daß in ſeinem Innern das Leben ſchon erwacht ſei. Bald darauf wurde die Hausthüre geöffnet, und ein hüͤb⸗ ſches junges Mädchen von etwa vierzehn Jahren trat heraus, und ging leichten Schrittes in den Garten nach der Hollunder⸗Laube, wo ſie den Gartentiſch mit einem weißen Tuche bedeckte, vier Taſſen im Kreiſe aufſtellte, und Stühle heranrückte. Die Laube ſtand auf einer Erhöhung, und gewährte durch einige Oeffnungen in der ſonſt dichten grünen Laubwand eine freundliche Ausſicht in die Umgebungen. Auf einer Seite überſah man das Dorf mit ſeinen meiſt kleinen, aber zierlichen Häuſern, und mit der hübſchen Kirche, deren ſchlanker Thurm hoch über Alles hinwegragte. Auf der andern Seite eröffnete ſich eine Fernſicht auf die große Handels⸗ ſtadt Hamburg über grüne Büſche und Wieſen hinweg, welche der Alſter⸗Fluß wie ein ſilbernes Band durch⸗ 7³ ſchlängelte. Auf der dritten Seite war die Ausſicht durch ein Wäldchen beſchränkt, aus deſſen grünem Laub⸗ meere lieblich der Morgengeſang von tauſend Vögeln heruͤberklang. „Welch' ein ſchöner Morgen, wie friſch und duftig!« ſagte das junge Mädchen leiſe vor ſich hin, nachdem ihr glänzendes Auge ſich ein Weilchen an dem Reiz der Gegend erquickt hatte.„Wie viel tauſend Mal hübſcher und lieblicher iſt es doch hier, als in den engen, geräuſchvollen Straßen der Stadt, wo man nichts ſieht, als hohe, ſteinerne Mauern und das ſtaubige Straßenpflaſter. Dieſe Wieſen, dieſe Buͤſche, dieſe Blumen und der glänzende Waſſerſpiegel,— das gibt doch ein ganz anderes, ein wahrhaft herzerquickendes Bild!“ „Anna! Anna!“ ſchallte jetzt der Ruf einer friſchen hellen Stimme vom Hauſe her. „Hier!« erwiederte das junge Mädchen.„Hier in der Laube bin ich, Bruder Heinrich, und richte den Frühſtückstiſch her. Sind Vater und Mutter wach?« „Sie werden gleich kommen, ich hoͤre den Vater ſchon auf der Treppe!“ rief es wieder von der Thüre her. „Dann geſchwind! Du kannſt mir ein wenig helfen, Heinrich!“ antwortete die Schweſter, und flog durch den Garten nach dem Hauſe zurück. Bald nachher erſchien ſie wieder in Begleitung eines munteren, etwa zehnjährigen Knaben mit rothen Wan⸗ gen und funkelnden Augen. Sie trugen das Frühſtück herbei, Kaffee, Milch, Weißbrod und Butter, und hatten kaum Alles auf dem Tiſche geordnet, als auch 74 ſchon der Vater und die Mutter kamen, denen ſie froͤh⸗ lich entgegen eilten und guten Morgen wünſchten. Alle nahmen darauf am Tiſche Platz, frühſtuͤckten, plauderten, und freuten ſich des einfachen Mahles, das trefflich mundete, des ſchonen, herrlichen Morgens, der jedes Herz zu frohen Gefühlen ſtimmen mußte. Die kleine Familie gewährte ein gar anmuthiges Billd ſtillen gemüthlichen Glückes. Der Vater war ein blühend ſchöner, kräftiger Mann noch in ſeinen beſten Jahren. Volle, glänzende Locken ringelten ſich um ſeine hohe weiße Stirn. Aus ſeinen hellen, klaren Augen ſtrahlte Wohlwollen und Freundlichkeit. Sein ganzes Weſen athmete Frieden, Ruhe und Herzensgüte. Die Mutter an ſeiner Seite war ſo recht der Wieder⸗ ſchein ſeines Weſens. Die Jahre ſchienen machtlos an ihrer Anmuth und Lieblichkeit vorübergegangen zu ſein, und man hätte ſie faſt eher für die Schweſter, als für die Mutter Anna's halten können, die ihr auffallend ähnlich ſah. Heinrich glich mehr dem Vater, doch blitzte aus ſeinen Augen ein gewiſſer Muthwille und eine Keckheit, von welchem bei Jenem keine Spur zu ent⸗ decken war.. „Mancher iſt reich bei ſeiner Armuth,“ ſagte der Vater im Laufe der Unterhaltung, indem er einen ſin⸗ nenden Blick über ſeine Umgebung ſchweifen, und zu⸗ letzt mit innigem Ausdruck auf den Seinigen ruhen ließ.„Täglich danke ich Gott von Neuem, daß Er mein Leben ſo reich ausgeſtattet hat mit Glück und Zufriedenheit. Die ſchönſten Träume, die ich in meiner Jugend hegte, ſind erfuͤllt, und mein Herz lobſinget und preiſet den Herrn.“. „Und doch, lieber Mann, könnteſt du es noch viel 75⁵ beſſer haben, wenn du nur wollteſt,“ ſprach die Mutter. „Haſt du deinen Entſchluß wirklich unwiederruflich ge⸗ faßt?« „Doch noch nicht ganz,“ erwiederte. Vater mit einem leiſen Lächeln.„Aber es iſt die höchſte Zeit, daß ich es thue, denn heute noch muß meine Antwort an das Conſiſtorium abgehen. Wir wollen noch ein⸗ mal mit einander überlegen. Ihr wißt Alle, daß mir eine Pfarrſtelle in der Stadt angetragen iſt. Sie ge⸗ währt bedeutende äußerliche Vortheile, denn mein Ein⸗ kommen würde ſich, wenn ich ſie annähme, mindeſtens verdoppeln. Dennoch will ich nicht allein darüber be⸗ ſtimmen. Was meinſt du dazu, gute Frau?“ Die Mutter blickte ihn zärtlich und liebevoll an. „Wenn ich wünſche, daß du die Stelle annehmen möchteſt, ſo wünſche ich es allein deinetwegen, lieber Mann,“ ſagte ſie.„Du würdeſt dort nur halb ſo viel Arbeit haben, als hier, und könnteſt dich beſſer pflegen. Sonſt freilich, ich geſtehe es, würde es mir ſchwer fallen, aus dieſer unſerer lieben Heimath zu ſcheiden, wo wir ſo manches Jahr recht von Grund aus glücklich ge⸗ weſen ſind.“ „Und du, Anna?“« fragte der Vater.„Sehnſt du dich nicht nach der großen Stadt und ihren Zerſtreuun⸗ gen und Luſtbarkeiten? Nicht nach ſchönen Kleidern und bunten Bändern? Nach Theater und Concerten, die man dort alle Tage genießen kann?“ „Nein, nein, beſter Vater!“ antwortete Anna raſch und ohne Beſinnen.„Erſt vorhin dachte ich darüͤber nach, wie ſchön es doch hier iſt, wie ſo viel ſchoͤner, als in dem weiten geräuſchvollen Häuſermeere der Stadt. Ein Blick hinaus auf dieſe reiche, ſchöne Natur iſt mir — 76 lieber, als alle Zerſtreuungen des großen, geräuſchvollen Lebens. Wenn ich einen Wunſch ausſprechen darf, ſo wünſche ich, daß wir hier bleiben in unſerem kleinen, gemüthlichen Dorfe.“ „Und jetzt deine Anſicht, Heinrich,« wendete ſich der Vater zu dem Knaben.. »Nun,“ antwortete dieſer,„es iſt wohl recht hübſch hier, aber in der Stadt gefällt es mir doch beſſer. Da iſt Glanz und Pracht und Reichthum, wohin man ſchaut, und wenn du ſo viel Geld bekommſt, Vater, ſo ſind wir ja auch reich, und können, wie die anderen Leute, in Herrlichkeit und Freuden leben.“ »Und leben wir denn hier in Traurigkeit und Herze⸗ leid?« fragte der Vater lächelnd.„Ich fürchte, du würdeſt in der Stadt Manches ſchmerzlich vermiſſen, was dich hier erfreut.“ »Das kann wohl ſein, Väterchen, aber ich würde dort auch wohl Manches finden, was ich auf dem Lande nicht habe,“ entgegnete Heinrich. »„Ja; es fragt ſich nur, ob du bei dem Tauſche gewinnen würdeſt,“ ſprach der Vater.„Die reine Land⸗ luft erhält Geiſt und Körper friſch und geſund,— du könnteſt ſte in der Stadt ſehr vermiſſen. Hier haſt du unſeren Garten, die Wieſen, die Felder, die Wälder, den erſten Morgengruß der Lerche, das letzte Abendlied der Amſel und Nachtigall,— dort nur die großen ſteinernen Häuſer und das lärmende Geräuſch der Welt, die raſtlos ihrem Götzen, dem Golde, nachjagt.“ „Aber reich zu ſein, iſt doch auch etwas Schönes, Vater! Was kann man nicht Alles für Geld haben?« »Aeußerliches, ja,— aber welchen wahren, ächten inneren Gewinn bringt der Reichthum, den ſich nicht auch der Arme verſchaffen könnte? Funkeln dem Rei⸗ chen die Sterne heller, als uns? Strahlt ihm die Sonne glänzender? Grünen ihm die Felder lieblicher? Nein! Man ſoll den Reichthum nicht verachten, aber man darf ihn auch nicht überſchätzen. Wie Mancher, der im Golde ſchwimmt, muß den Armen beneiden um ſeine Geſundheit, die er der Arbeit und der Mäßigkeit verdankt. Und wie ohnmächtig iſt das Gold in vielen Dingen! Es kann weder von Krankheit noch vom Tode retten, und alle Schätze der Welt können ein unzufrie⸗ denes Herz nicht zufrieden machen. Gold kann weder Liebe erkaufen, noch die Achtung der Nebenmenſchen. Dieſe erzwingt nur Tugend, Guͤte und Frömmigkeit. Und kannſt du für Gold kaufen, was allein Fleiß und Anſtrengung erwerben kann— Kenntniſſe und Kunſt⸗ fertigkeit? Nein, ich ſpreche mit Sirach: Es iſt beſſer, Einer ſei arm und dabei friſch und geſund, denn reich und ungeſund. Es iſt kein Reichthum zu vergleichen einem geſunden Leibe, und keine Freude des Herzens Freude gleich. Denn ein fröhliches Herz iſt des Men⸗ ſchen Leben, und ſeine Freude iſt ſein langes Leben. Wer aber Gold lieb hat, der bleibt nicht ohne Sünde, und wer Vergängliches ſucht, der wird mit vergehen. Darum bitte Gott nicht um Reichthum, ſondern bitte Ihn nur, daß er dir ein reines Herz gebe, Treue in deinem Berufe, und dein beſcheidenes Theil Speiſe. Verleihet der gütige Himmel dir dieſe Güter, ſo haſt du alle Urſache, dich zufrieden und glücklich zu fühlen.“ „Ja, das iſt gewiß wahr, lieber Vater,“ antwortete der Knabe.„Ich ſehe ein, daß ich thöricht geſproche habe, denn glücklicher, als wir hier ſind, koͤnnen wirr am Ende wohl nirgends leben!“ 78 „So bleiben wir denn alſo, wo wir ſind,“ ſagte die Mutter. Der würdige Pfarrer gab keine Antwort, dann aber wurde die Thür zum Garten geöffnet, und drei ſauber gekleidete Landleute traten herein, und gingen auf die Laube zu. Der Pfarrer ſtand auf, und begrüßte ſie herzlich. „Was führt euch zu mir, liebe Leute?« fragte er. Einer der Männer räuſperte ſich, und nahm das Wort. „Lieber Herr Pfarrer,“« ſagte er,—„wir kommen als Abgeſandte von ſämmtlichen Bewohnern des Dorfes, um Ihnen eine bewegliche Bitte vorzutragen. Wir haben nämlich vernommen, daß man Sie gerne als Pfarrer in die Stadt haben möchte, und dies hat das ganze Dorf in Beſtürzung verſetzt, denn wir würden Sie nur mit großem Schmerze von uns ſcheiden ſehen. Darum kommen wir, um Sie inſtändig zu bitten, daß Sie uns doch nicht verlaſſen wollen! Wir Alle lieben Sie, wie einen rechten Vater, von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Wir wiſſen aber auch, daß man Ihnen dort in der Stadt viel mehr Gehalt geben will, als hier, und darum haben wir beſchloſſen, wir wollen aus freien Stücken zuſammenlegen, daß Ihr Gehalt hier nicht weniger betragen ſoll, als in der Stadt. Nur durfen Sie uns nicht verlaſſen, ſondern müſſen bei uns bleiben, und bei unſeren Kindern, bis der liebe Gcott ſelber anders darüber beſtimmt. Darum bitten wir, lieber Herr Pfarrer, und hoffen, daß Sie uns nicht abweiſen werden mit unſerer Bitte!« Tiefe Rührung prägte ſich in den ſanften Zügen ℳ 8 7 7 79 des Pfarrers bei dieſer Anrede aus, und der Frau Pfarrerin ſtanden die hellen Thränen in den Augen. »Da ſei Gott vor, daß ich euch jemals verlaſſe, ehe der Herr mich ſelber abruft von meinem Amte,“ erwiederte der würdige Mann mit bewegter Stimme. „Ihr kommt, wie gerufen, Kinder, denn eben in dieſer Stunde beſprachen wir uns über unſer Bleiben oder 4 Gehen. Nein, ich werde nicht von euch ſcheiden, am wenigſtens nach einem ſolchen Beweiſe von Liebe und Anhänglichkeit. Wir bleiben bei einander, nach wie vor, aber vom Gelde ſei nicht mehr die Rede zwiſchen euch und uns. Ich laſſe mich genügen an eurer Liebe, und ſie wird mich erquicken, ſo lange ich lebe. Geht, gute Leute, und ſagt meinen lieben Kindern, ihr Vater werde ſie nicht verlaſſen! Nie und nimmer, bis ein Ruf erſchallt von dort Oben her!e Mit dieſen Worten drückte er die Hände der Män⸗ ner, welche mit Herzlichkeit ihren Dank und große Freude zu erkennen gaben, und ſich ganz glücklich wie⸗ der entfernten. Nicht minder glüuͤcklich wendete ſich der würdige Pfarrer wieder zu den Seinigen. »Was ſagt ihr nun?« ſprach er mit ſtrahlenden Augen.„Habe ich recht gehandelt und nach euren Wünſchen?« Frau und Kinder umſchlangen ihn mit liebenden Armen. »Du haſt uns aus der Seele geſprochen, liebſter Mann,“ antwortete die Mutter,„und der liebe Gott wird gewiß deinen Entſchluß billigen und ſegnen! Wie iſt die Liebe doch weit beſſer, als alles Gold! Sie iſt es, die Glück in das Haus trägt und zufriedene Her⸗ zen macht.“ 3 „Ich danke dir für dieſe Worte, herzliebſte Frau,“ ſagte der Pfarrer innig,—„und mit Sirach füge ich für uns Alle hinzu: ‚Siehe, daß du einen guten Na⸗ men behalteſt, der bleibt gewiſſer, denn tauſend Schätze Goldes!“ Den Augenblick, den wir jetzt erlebten, möchte ich nicht vertauſchen gegen großen Reichthum!“ G Es war wohl kein glänzendes Glück, deſſen die Pfarr⸗Familie ſich erfreute, aber ein volles, tiefes, in⸗ neres Glück war es, in welchem ſie reiches Genüge fand bei aller Beſchränkung der äußeren Verhältniſſe, zum lebendigen Zeugniß deſſen, was geſchrieben ſteht: „Mancher iſt reich bei ſeiner Armuth.“ Siebentes Kapitel. Geſund und friſch ſein iſt beſſer denn Gold. Sir. 30, 15. Um dieſelbe Zeit, wo der Dorf⸗Pfarrer,— Alle werden in ihm einen alten Freund, Jonathans Bruder, erkannt haben,— eine Stunde des reinſten Glückes im Kreiſe ſeiner Familie feierte, nur ſo viel ſpäter, als die Sonne brauchte, um auf der anderen Hälfte der Erde den Morgen zu verkünden, wurde auf der Inſel St. Domingo von einem alten Neger die Flügelthür eines ſchönen, ſchloßähnlichen Gebäudes eröffnet, welche auf eine breite, von üppigen Schlingpflanzen beſchattete Verandah führte. Ein Wink von ihm brachte noch — * 81 ein paar andere Schwarze herbei, und wie wenige Stunden vorher in der Fliederlaube des kleinen deut⸗ ſchen Dorfes, ſo wurde jetzt hier in der Verandah ein Frühſtuͤck hergerichtet,— nur freilich hier in ganz an⸗ derer Weiſe als dort. Ein koſtbarer Marmortiſch wurde von den Negern an das ſchattigſte und kühlſte Fleckchen getragen, darüber eine reich mit Goldſtickerei verzierte Dcecke, und über dieſe wieder eine Decke vom feinſten, blendend weißen Linnen gebreitet, und hierauf der Tiſch mit den ausgeſuchteſten Leckereien beſetzt, welche die „Perle der Antillen“ zu liefern vermochte. Köſtliche Fruͤchte, zartes Gebäck, ſüßer Honig, Kaffee, Chokolade und noch vieles mehr wurde aufgetragen zu einem Morgenmahle, welches den verwöhnteſten Gaumen rei⸗ zen zu müſſen ſchien. Der alte Neger trieb ſeine Unter⸗ gebenen an, flink Alles herbeizutragen, und ordnete dann eigenhändig mit ſorgſamer Hand das goldblitzende Geſchirr, die koſtbaren Taſſen, Teller, Kannen und andere Gefäße von der zierlichſten Arbeit und dem feinſten Material. Ein Fürſt hätte ſich dieſes Früh⸗ ſtückstiſches nicht zu ſchämen brauchen, ſo reich, ſo glänzend und ſo geſchmackvoll war er hergerichtet. »Tummelt euch, Kato und Juno!“« ſchrie der alte Neger in ſchlechtem Franzoͤſiſch den jüngeren Dienern entgegen, welche eben die letzten Schüſſeln herbeitrugen. „Maſſa iſt ſchon munter, und wenn er kommt, und iſt noch nicht Alles bereit, möchte euer breiter Rücken mit der Peitſche des Haushofmeiſters eine alte Bekannt⸗ ſchaft erneuern muͤſſen. Maſſa ſcheint mir ohnehin nicht in der beſten Laune aufgeſtanden zu ſein.. Die Neger eilten, und der alte Schwarze nuhm Ohnmacht ꝛe. — 8² ihnen die Schüſſeln aus der Hand, und ſetzte ſie zu den übrigen, die bereits auf dem Tiſche prangten. „So, jetzt geſchwind den Schaukelſtuhl! Rührt euch, mich duͤnkt, ich höre Maſſa ſchon durch den Cor⸗ ridor kommen!“ 5 Mit verdoppelter Schnelligkeit gehorchten die Scla⸗ ven, und gleich darauf trat, oder vielmehr ſchlich, von gwei rieſigen Negern unterſtützt, der Maſſa oder Herr der Pflanzung aus dem Inneren des Hauſes auf die Verandah zu, und ließ ſich von ſeinen Sclaven zu dem Schaukelſtuhle führen, in den er ſeufzend hineinſank. Es war Jonathan. Aber wie ſehr hatte er ſich verändert, ſeit er vor einer Reihe von Jahren die Beſitzung La Rivière angekauft hatte! Wer ihn zu jener Zeit geſehen in der Fülle jugendlicher Kraft und Geſundheit, würde ihn ſchwerlich jetzt wieder erkannt haben. Die damals kräftige, ſchlanke Geſtalt war faſt zu einem Gerippe zuſammengeſchrumpft; ſtatt der vollen, dichten braunen Locken ſchmiegte ſich nur noch dünnes, ſchon in's Grau ſpielendes Haaar um ſeine Schläfe; die blühenden Wangen waren pergamentartig vergilbt und eingefallen; die friſche Röthe der Lippen war ver⸗ ſchwunden; die ſonſt ſo feurig blitzenden Augen lagen tief in die Höhlen zurückgeſunken, und ihr funkelnder Strahl flackerte nur ſelten noch in einzelnen erregten Momenten auf. Jonathan war nur noch der Schatten ſeines einſtigen ſo friſchen und elaſtiſchen Selbſt. Als er ſich in den Stuhl niedergelaſſen hatte, warf er einen fluͤchtigen Blick über den ſo lockend arrangir⸗ ten Tiſch mit all' ſeinen Herrlichkeiten, und wendete dann verdrießlich die Augen wieder davon ab. „Hannibal!“ ſagte er mit matter Stimme. v 3 — 83 „Maſſa!“« antwortete der alte Neger, und ſtellte ſich ehrerbietig vor den Herrn hin. „Weg mit alle dem!“ befahl Jonathan.„Du weißt doch, daß der Arzt mir verboten hat, zum Frühſtück etwas Anderes, als ein wenig Fruchtſaft zu nehmen. Schäle mir eine Limone.“ „Oh, Maſſa, der Arzt weiß nicht, was Ihnen gut ſſt,“« erwiederte der alte Neger, der in beſonderer Gunſt bei dem Gebieter des Hauſes zu ſtehen ſchien.»Wie wollen Sie ſtark und geſund werden, wenn Sie immer und immer nichts genießen, als nur ein paar Früchte?“ Jonathan ſchüttelte hoffnungslos traurig den Kopf. „Ich ertrage nichts Anderes, eine reichlichere Mahl⸗ zeit könnte mein augenblicklicher Tod ſein,“ erwiederte er ſeufzend.„Auch widert mich Alles an! Ich mag nichts genießen! Laß abräumen!“ 4 Der alte Hannibal winkte Kato und Juno herbei, welche in ehrerbietiger Entfernung etwaiger Befehle harrten, und trug ihnen auf, die Schüſſeln fortzu⸗ tragen. „Armer, reicher Maſſa!“ ſagte Juno zu Kato, als ſie durch den Corridor des Hauſes nach der Küche gingen.„Was ihm nützen all' Silber und Gold, wenn er nicht kann eſſen, trinken und fröhlich ſein? Armer Maſſa! Juno nicht beneiden ihn! Iſt beſſer daran! Kann eſſen und lachen, und tanzen und ſpringen!“ Nach dieſen Worten gab ſie den Beweis, daß ſie nicht geprahlt hatte, denn ſie ſteckte die köſtlichſten Biſſen aus den gefüllten Schüſſeln in ihren großen Mund, und verſchlang ſie mit grinſendem Wohlbehagen. „Das ſchmecken gut, Kato! Eſſen du achd ſagte 84 ke zun huͤpfte und tanzte vor Vergnügen in der Kuͤche umher. Kato ließ ſich nicht lange zureden. Grinſend und feichſend, wie Juno, ſtopfte er ſich mit den guten Biſſen voll, die eigentlich für Maſſa beſtimmt waren, und Beide brachen dann in lautes, ſchallendes Gelächter aus, was ſie öfter als einmal wiederholten. „Armer, reicher Maſſa! Möchte nicht tauſchen mit ihm um all' ſein Geld! Leben Sclaven luſtiger, als Er!“ riefen ſite dazwiſchen, und aßen und tranken, und tanzten und lachten wieder, bis eine rauhe Stimme von außen her ihnen Ruhe gebot. „Verwünſchtes Geſindel! Kann keinen Augenblick vernünftig ſein,“ brummte der Haushofmeiſter, der den Spektakel der Beiden gehört hatte, und Kato und Juno ſchlichen verſtohlen aus der Küche hinaus, um dem ge⸗ ſtrengen Vorgeſetzten nicht zu begegnen, und etwaigen Peitſchenhieben möglichſt weit aus dem Wege zu gehen. Maſſa Jonathan verzehrte indeß einige Früchte, ſchob aber ſehr bald den Teller, auf welchen Hannibal ſie gelegt hatte, mit Ekel wieder von ſich. „Es ſchmeckt mir nichts,“ ſagte er ſeufzend.„Es iſt, als ob meine Zunge von Leder wäre. Cigarren, Hannibal!“ Der alte Sclave ſprang davon, um Maſſa's Befehl zu erfüllen, und kehrte im Nu mit einem Käſtchen zu⸗ rück, das reich mit Gold und edlen Steinen verziert, und mit den köſtlichſten Cigarren der Havannah gefüllt war. Jonathan züͤndete mit Hannibals Hülfe eine davon an, that ein paar Züge, und warf ſie dann mit dem Ausdrucke von Ueberdruß wieder von ſich. — 8⁵ „Schlechtes Zeug!“ grollte er.„Es gibt ſeit zehn Jahren keine guten Cigarren mehr!“ Ein Anderer würde mit Entzücken den aromatiſchen Wohlgeruch der weggeſchleuderten Cigarre eingeſogen haben, aber freilich, Jonathans Geruchs⸗Nerven waren ſeit Jahren ſchon bedeudend abgeſtumpft, und er konnte nicht genießen, was Andere hoch erfreut hätte. „Cyrus und Seneca ſollen kommen!“ ſagte er zu Hannibal,—„ich will eine Spazierfahrt durch die Pflanzung machen. Du begleiteſt mich.“ Hannibal rief, und eine Minute ſpäter ſtand ein bequemer Rollſtuhl auf dem geebneten Fußpfade vor der Verandah, und zwei Neger hinter der Lehne harr⸗ ten nur des Befehles, um den Gebieter an jeden be⸗ liebigen Punkt der Pflanzung zu fahren. Zwei Andere ſtellten ſich zu beiden Seiten des Rollſtuhles auf, und hielten einen ſeidenen Baldachin darüber, der den Herrn vor den brennenden Sonnenſtrahlen beſchützen ſollte, und Hannibal hielt ſich bereit, jede Frage des Gebieters zu beantworten und jeden Befehl deſſelben auszuführen. Jonathan wurde in den Rollſtuhl geſetzt, und mit großer Sorgſamkeit durch die Pflanzung gefahren, damit ja nicht etwa die Räder an einen Stein ſtießen oder in eine Vertiefung geriethen, was eine Erſchütterung hätte veranlaſſen können. 8 „Oh, Maſſa, was für ſchöner Garten, was fur ſchöne Blumen, was für ſchöne Bäume und Sträuche,“ ſagte Hannibal auf dem Wege zu Jonathan, um ihn wo moͤglich ein wenig aufzuheitern und ſeine mürriſche Laune zu verſcheuchen.„Sehen nur, Maſſa! Keine ſchönere Gärten auf ganzer Inſel!“ Jonathan gab ſich nicht einmal die Mühe, auch 86 nur einen fluͤchtigen Blick auf die Herrlichkeiten zu werfen, welche der alte Neger ihm anpries. Er kannte ſte ja längſt, er hatte ſie ja alle Tage geſehen, und ſie hatten auch nicht den mindeſten Reiz mehr für ihn. Er verzog nur die Lippen zu einem bitteren Lächeln, und der alte Hannibal zuckte betrübt die Achſeln. „Armer Maſſa,“ dachte er voll Mitleids, denn er liebte ſeinen Herrn wirklich und aufrichtig,—„armer Maſſa, kleine Piccanini von armſeligſten Sclaven hat mehr Freude in der Welt, als du! Was helfen aller Reichthum ohne Kraft und Luſt zu Leben!“ Weiter rollte der Wagen. Kolibris ſchwirrten wie funkelnde Edelſteine über großen, weit geöffneten duft⸗ hauchenden Blüthenkelchen, und tauchten ihre Zunge tief in den honigſüßen Kelch derſelben ein; große, von Gold und Purpur ſchimmernde Schmetterlinge wiegten ſich auf den Blumen; in brennenden Farben glänzende Vögel hüpften auf den Bäumen von Zweig zu Zweig, — Jonathan ſah nichts davon und beobachtete nichts. Der Rollſtuhl gelangte auf eine Anhöhe, von der man die herrlichſte Ausſicht genoß, nicht nur über die ganze Pflanzung, ſondern noch weit darüber hinaus über das blühende, farbenprangende, von blitzenden Bächen durchſtrömte Land bis zu den zackigen, maleriſchen Gi⸗ pfeln und Bergwänden der Mornen hinüber, und auf der anderen Seite bis auf das in der Ferne ſchimmernde Meer;— Jonathan würdigte die Herrlichkeit und Er⸗ habenheit der Natur kaum eines fluchtigen Blickes. „Weiter!“ ſagte er.„Zu den Zuckermühlen!« Weiter rollte der Stuhl, und hielt nach einigen Minuten vor großen, langen Gebäuden an, in welchen ein reges, raſtloſes Thun und Treiben bemerkbar war. 87 Der Ober⸗Aufſeher der Pflanzung befand ſich in der Nähe, und eilte ſchnell herzu, als er den Herrn und 1 Gebieter bemerkte. „Was gibt's Neues?“« fragte Jonathan, aber ſo ) matt und gleichgültig, als ob ihm an einer Antwort wenig oder gar nichts gelegen ſei. „Nur Gutes, Herr!« verſetzte der Aufſeher mit einer tiefen Verbeugung.»Die ganze Baumwollen⸗ Aernte iſt geſtern zu gutem Preiſe verkauft, und ich werde heute achtzigtauſend Livres an Ihren Kaſſier auszuzahlen haben.“. Keine Miene verzog Jonathan bei dieſer Nachricht. Was kümmerte ihn Geld? Er hatte genug und über⸗ genug,— ob noch ein Haufen dazu kam, oder nicht, war ihm vollkommen gleichguͤltig. Selbſt der Werth des Beſitzes hatte keinen Reiz mehr für ihn. Nur aus Gewohnheit richtete er noch einige Fragen an den Ober⸗ Aufſeher. „Die Schwarzen?“ „Alle geſund und friſch. Sie haben den beſten, gütigſten Herrn! Wie könnte es anders ſein!“ „Die Kaffee⸗Plantagen?“ „Im ſchönſten Stande!“ „Tabak 2 —„Verſpricht eine reichliche Aernte, und ein feines „Zuckerrohr?« „Zuckerreich, wie ſeit Jahren nicht, Herr!« „Es iſt gut! Nach Hauſe!“ Mit einem kaum merklichen Kopfnicken erwiederte . Jonathan die tiefen Bücklinge ſeines Ober ehers, 1 und ließ ſich mit gleichgültiger, unbeweglicher Miene, 88 in welcher ſich nichts, als unſägliche Langeweile und gränzenloſer Ueberdruß ausprägte, nach ſeinem ſchönen Hauſe zuruckfahren. Hier wurde er wieder in den Schaukelſtuhl gehoben, auf ſeinen Wink entfernten ſich die Neger, und Niemand blieb bei ihm zurück, als der alte Hannibal, der mit theilnehmender Miene das ſchlaffe, kränkliche Ausſehen Maſſa's beobachtete. Jo⸗ nathan ſaß in ſich ſelber verſunken da, den Kopf auf die Bruſt geneigt, die Augen halb geſchloſſen. »Armer Maſſa! Keine Freude, kein Leben mehr!“ murmelte Hannibal in ſich hinein.„Verdammte gelbe Fieber! Hat ihn entzwei gebrochen, Leib und Seele! Armer Maſſa!« 8 Vielleicht hatte Jonathan die leiſe geflüſterten Worte des treuen alten Burſchen gehört, wenigſtens wieder holte er, wie ein Echo, ſeufzend die letzten Worte des⸗ ſelben:„Armer Maſſale Ein Weilchen blieb er unbeweglich in ſeiner gebeug⸗ ten, zuſammengeſunkenen Stellung, plötzlich aber ſetzte er ſich mit einem Anfluge von Energie aufrecht, und blickte Hannibal mit großen, funkelnden Augen an. »Du haſt Mitleiden mit mir, Alter!“ ſagte er mit ungewöhnlich kräftiger Stimme.„Warum? Werde ich nicht von faſt allen Pflanzern der Inſel beneidet?« „Ja, Maſſa! Maſea ſehr reich!« verſetzte Hanni⸗ bal, beinahe erſchrocken über das ſtraffe Weſen ſeines ſonſt ſo hinfälligen Gebieters. „Reich, reich, reich!“ ſtieß Jonathan mit Bitterkeit heraus.„Immer nur reich! Als ob Reichthum ein Glück wäre! Bin ich glücklich, Hannibal?« »Maſſa ſehr, ſehr reich!« antwortete der Alte von 8 3 8 89 Neuem, augenſcheinlich ſehr verwundert über die ſonder⸗ bare Laune des Herrn. „Ja, reich, aber nicht gluͤcklich!“ rief Jonathan ſchmerzlich aus.„Thor, der ich war, daß ich vom Golde Alles hoffte, vom Golde, dieſem trügeriſchen, gleißenden Metall, das in Allem ſo ohnmächtig iſt, wo es gilt, ein Bedürfniß des Herzens zu befriedigen. Hannibal, ſchon lange habe ich nachgegrübelt über den wahren Werth des Goldes, und ihn, ach wie klein! gefunden. Denke daran, Hannibal, als vor zehn Jah⸗ ren meine Frau und mein Sohn vom gelben Fieber ergriffen wurden,— alles Gold der Erde hätte ich für ihre Geſundheit, ihre Rettung gegeben,— aber ich lernte nur die Ohnmacht des Goldes kennen! Mich erhielt die Kunſt der Aerzte, oder meine kräftige Natur! Aber was iſt aus mir geworden ſeit jenen Tagen? Ein wandelndes Geripp, das keine Freude mehr in der Welt hat! Mein Liebſtes iſt dahin— kann ich Liebe kaufen mit Gold? Mein Leib iſt zerrüttet— kann ich Geſundheit kaufen mit Gold? Alle Genüſſe der Welt kann ich mir verſchaffen, durch Reichthum,— aber kann ich die Fähigkeit zum Genuß kaufen mit Gold? Nicht einmal einen guten Magen kann ich erhandeln mit dieſem elenden Metall! Keine Freude, keinen Troſt, kein Gluͤck! Siehe da die Ohnmacht des geprieſenen Goldes, dem Tauſende nachjagen in unſeliger Verblen⸗ dung. Auch ich habe es erſehnt und darnach gerungen, — ich habe es erlangt, und— bin ärmer an wahrem Glück, als da ich arm an Gütern, aber reich an Hoffnung mein Vaterland verließ. Oh, mein Bruder, wie beneide ich dich um dein genügſames, zufriedenes Herz! Deine Anſicht war die richtige. Aechtes Glück 4 5 kann uns nur erblühen von Innen heraus, es muß wurzeln im Herzen, und kann nur gedeihen durch Tu⸗ gend, durch Liebe, durch Güte, durch Frömmigkeit. Gold ſchafft nur äußeres Glück, das innere Glück aber iſt das Einzige, das Aechte und Rechte. Wär' ich da⸗ heim geblieben! Ich würde zufriedener ſein in Armuth, als ich glücklich geworden bin durch Gold.“« Jonathan ſchwieg, und ein tiefer Schmerz prägte ſich in ſeinen Zügen aus. Der alte Hannibal betrach⸗ tete ihn mit traurigen Blicken. Plötzlich aber flog ein helles Freudenfeuer über ſeine tief gefurchten Züge. „Maſſa!“ ſagte er. „»Was gibt es, Hannibal?« »Maſſa, ich weiß, was gut für Sie!“ »Alter, närriſcher Kerl! Was weißt du?“« „»Wo Maſſa Glück finden!“ „Ich? Oh nein!“ lächelte Jonathan ſchmerzlich. „Hannibal weiß aber doch! Maſſa fahren in groß Schiff uͤber Meer, und beſuchen Bruder! Wird große Freude ſein für Maſſa und für Bruder, denken Han⸗ nibal.“ Jonathan zuckte zuſammen. „Welcher gütige Engel hat dir dieſen Gedanken eingeflößt!« rief er lebhaft aus.„Arnold wiederſehen! Die Heimath,— die alten Stätten der Kindheit! Ja . 3 wahrlich, wenn irgend Etwas, ſo kann dies mein ver⸗ dorrtes, nach Glück lechzendes Herz wieder auffriſchen! Warum hin ich nicht ſchon längſt auf dieſen Einfall gekommen? Arnold iſt glücklich! Sein Glück zu ſehen, wird auch mir Freude machen. Sei es, alter Hannibal! Wir fahren nach Europa, und wäre es auch nur, um meine müden Glieder in der heimath⸗ 91 lichen Erde zu betten. Du begleiteſt mich, und wir wollen nicht ſäumen. Mich drängt es, den Bruder in meine Arme zu ſchließen! Seine treue Liebe wird mich erfriſchen und ſtärken. Fort über das Meer, Hannibal! Wenn irgendwo, ſo finde ich dort vielleicht, wenn auch nicht Glück, doch wieder einmal einen frohen, zufriedenen Augenblick!« Hannibal freute ſich, Maſſa ſo bereitwillig zu ſehen, und Jonathan hielt ſeinen Einfall feſt, ganz und gar entſchloſſen, ihn auszuführen. Der Arzt widerrieth zwar die weite Reiſe in das rauhe Klima, das dem geſchwächten und verzärtelten Körper Jonathans ge⸗ fährlich werden könne, doch Jonathan wies ſtandhaft jeden Einwurf und jede Warnung zurück. „Sterb' ich, ſo ſterb' ich auf dem Boden der Hei⸗ math, und das iſt mir lieber, als hier noch länger ein freudloſes Leben hinzuſchleppen,“ ſagte er.»Trage Sorge um ein Schiff, Hannibal!“ Hannibal fand ohne große Mühe, was er ſuchte, denn er konnte das Gold mit vollen Händen aus⸗ ſtreuen, und miethete ein hübſches, ſchnell ſegelndes Fahrzeug für ſeinen Herrn. Jonathan für ſein Theil verſah ſich mit großen Geldſummen, und da er nicht wußte, wie lange ſeine Abweſenheit dauern werde, gab er ſeinem Ober⸗Aufſeher den Befehl, die Einkünfte der Pflanzung bis auf Weiteres halbjährlich an ein näher bezeichnetes Handlungshaus in Hamburg einzu⸗ ſchicken. Hannibal wunderte ſich darüber, daß Maſſa ſo große Geldſummen mitnahm. „Wenn nun Schiff untergeht, Maſſa?“ ſagte er. „Alter Narr,“ erwiederte Jonathan lächelnd.„Dann gehen wir ſelber auch mit unter, und brauchen kein 9² Geld mehr. Und wer weiß, vielleicht kann ich meinen Bruder erfreuen durch einigen Reichthum. Er ſelbſt braucht ihn wohl nicht, aber er hat Kinder, und ſeinen Kindern gibt man lieber als man ſelbſt nimmt!“ So wurden denn ein paar Tonnen Goldes auf das Schiff geladen, und beim erſten günſtigen Winde ſtach das leichte, flinke Fahrzeug in See. »Auf nach Morgen!“ ſagte Jonathan, als es vom Lande ſtieß.„Vielleicht erglänzt mir dort noch ein neuer, heller, freundlicher Tag!“ Achtes Kapitel. Die Heimkehr. An einem ſchönen, warmen, ſonnenhellen Tage zu Anfang des September ſegelte mit günſtigem Winde eine zierlich gebaute Brigg den Elbſtrom aufwärts nach Hamburg zu. Kapitän und Mannſchaft waren friſch und geſund, trotz einer ziemlich langen Seereiſe, die ſie glcklich beſtanden hatten. In der Staats⸗Kajüte aber ſaß am Fenſter die abgezehrte Geſtalt eines kranken, bleichen Mannes in einem bequemen Lehnſtuhle, und heftete ſehnſuchtsvolle Blicke auf das langſam vorüber gleitende Ufer. Ein alter Neger ſtand neben ihm, jeden Augenblick zu ſeiner Bedienung bereit. Als die Brigg gegenüber von Blankeneſe ankam, leuchtete das Auge des kranken Mannes helle a 1 4 93 und er wendete ſich mit einer Kraftanſtrengung ſeinem Begleiter zu. „Sieh, Hannibal,“ ſagte er mit matter und den⸗ noch freudig erregter Stimme,—„ſiehe da die ſchönen 4 Ufer meines heimathlichen Stromes! Wie oft habe ich als Knabe auf dem Gipfel jenes Hügels dort geſeſſen, und Stunden lang auf den Spiegel der Elbe geſchaut, wo ſtromauf, ſtromab die Schiffe mit ihren weißen Segeln zogen. Damals war ich glücklich! Und jetzt, — ach, wie gebrochen an Körper und Seele kehr' ich in mein Vaterland zurück! Es iſt nur zu wahr, was die Schrift ſagt: Wachen nach Reichthum verzehrt den Leib!“ „Maſſa wird wieder geſund werden,“ erwiederte der Neger tröſtend.„Maſſa nun bald zu Hauſe, Maſſa 4 den Bruder ſehen, und ganz vergnügt ſein.“ „Wir wollen es hoffen, Hannibal, obgleich meine Hoffnung nur ſehr gering iſt,“ entgegnete Jonathan mit einem Seufzer.„Aber warum bleib ich hier in der Kajüte am Fenſter ſitzen, das nur eine beſchränkte Ausſicht geſtattet? Bringe mich auf das Verdeck, Han⸗ nibal! Ich will die Heimath nicht nur ſehen, ich will auch ihre erquickende Luft einathmen.“ „Aber es wird zu kühl ſein, Maſſa,“ warnte Han⸗ niba beſorgt.„Maſſa nicht mehr gewöhnt an kalte uft.« „Sie wird mich erfriſchen und ſtärken,“ verſetzte Jonathan eigenſinnig.„Ich habe lange genug in die⸗ ſem dumpfen, engen Raume geſeſſen, und ſehne mich nach blauem Himmel und freier Luft,— Himmel und Luft meiner Heimath. Hurtig, Hannibal! Ich will nach Oben!“ 94 Dem wiederholten Befehle wagte der Alte nicht mehr zu widerſprechen, obgleich er es gern gethan hätte, wie ſeine beſorgte Miene deutlich verrieth. Er begab ſich hinaus, und kehrte bald darauf mit einigen Matroſen zurück, welche den Stuhl mitſamt Jonathan aufhoben und ohne große Anſtrengung auf das Verdeck hinauf trugen. Der Kapitän hatte ſchon einige Vor⸗ kehrungen getroffen, um den Kranken vor der Zugluft zu ſchützen, und Hannibal hüllte ihn noch außerdem ſorgfältig in Decken ein, die er aus der Kajüte mit⸗ genommen hatte. Gerührten Blickes betrachtete Jona⸗ than die ſchönen Ufer des Stromes, und eine Thräne netzte ſein Auge, als es über die noch grünen Hügel, und die herrlichen Villen und Gärten hinſchweifte, an welchen das Schiff vorüber ſegelte. „Das iſt ſchön, das iſt herrlich!« murmelte er vor ſich hin.„O Heimath, welche frohen und lieblichen Erinnerungen zauberſt du in mir herauf! Welch ein Thor war ich, daß ich dich verließ, um dem eitlen Reichthum nachzujagen! War das Ziel wohl der An⸗ ſtrengung und des Opfers werth? Wohl habe ich ge⸗ funden, was ich ſuchte, aber mein beſſeres Theil, die Friſche meines Geiſtes und die Geſundheit des Leibes iſt dabei verloren gegangen. Ein ſchlechter Tauſch, den ich da gemacht habe! Er ſchauerte plötzlich zuſammen. Nicht ohne Grund hatte der alte treue Hannibal vor der kühlen Friſche der Luft gewarnt. Jonathan war derſelben entwöhnt, und ſein ſchwacher Koͤrper konnte trotz aller Vorſicht ihrem Einfluſſe nicht wiederſtehen. Er wurde noch bleicher, als er ſchon war, und ſein Haupt ſank matt an die Lehne des Stuhles zurück. 95 „Es iſt genug,“ ſtammelte er.„Bringt mich wie⸗ der nach unten. O, Eitelkeit und Ohnmacht des Gol⸗ des! Nicht einmal ſo viel Kraft kannſt du elendes Metall erkaufen, als ich bedarf, um mich am Anblicke der Heimath zu erfreuen!« Ein Wink des Kapitäns rief die Matroſen wieder herbei, und Jonathan wurde in die Kajüte zurück ge⸗ tragen, wo er ſich begnügen mußte, wie vorhin nur vom Fenſter aus die in immer reicherer Schönheit prangenden Stromufer zu betrachten. Er hatte kaum Freude daran, denn ſein Gemüth war von Bitterkeit über ſeine körperliche Schwäche und Hinfälligkeit erfüllt. „Siehe, Hannibal,“ rief er ſchmerzlich aus,„meinen ganzen Reichthum wollte ich fröhlich hingeben, wenn ich damit meine Jugend zurück erkaufen könnte! Aber ach, alles Gold der Welt reicht nicht aus, um nur eine verlorene Minute, viel weniger ein verlorenes Leben zu bezahlen!« „Denken Maſſa nicht daran, denken lieber an Bru⸗ der und ſeine Familie,“ ſagte Hannibal beſchwichtigend. „Nun bald dort! Wird große Luſtigkeit ſein, wenn Maſſa kommen! Sehe ſchon tanzen und ſpringen Picca⸗ nini, kleine Kinder von Bruder!« „„Du haſt recht, daran wollen wir denken,“ verſetzte Jonathan etwas heiterer.„Bald, nach ſo langer Tren⸗ nung, werde ich meinen geliebten Bruder wieder in die Arme ſchließen!« Aber auch dieſe Freude, faſt die einzige, auf welche er noch hoffte, ſollte dem armen, reichen Jonathan nicht ungetrübt zu Theil werden. Das Schiff erreichte zwar gluͤcklich den Hafen von Hamburg und wurde ſicher vor Anker gelegt, aber Jonathan, von den ver⸗ 96 ſchiedenartigſten Gefuͤhlen, die bei dem Betreten des heimathlichen Bodens auf ihn einſtürmten, füͤhlte ſich ſo ſchwach, daß Hannibal Bedenken trug, die Reiſe zum Bruder heute noch zu beenden, obgleich kaum erſt die Mittagsſtunde vorüber war. Jonathan beſtand aber darauf, unverzüglich die kleine Wegſtrecke bis zu Arnolds Dorfe zuruckzulegen, und, wie immer, mußte Hannibal ſich den Befehlen des Herrn fügen. Ein bequemer Wagen wurde herbeigeſchafft, und hielt eine Stunde ſpäter vor dem Pfarrhauſe, aus deſſen Fen⸗ ſter neugierige Köpfe heraus lugten. „Alſo hier! Endlich am Ziele!« murmelte Jona⸗ than, und betrachtete klopfenden Herzens, mit glänzen⸗ den Blicken das zierliche Haus, den reinlichen Vorplatz und den geräumigen Garten, in welchem trotz des na⸗ henden Herbſtes noch Blumen blühten und die Bäume grünten.„Dort iſt Arnold! Mein Bruder! Oh, ich erkenne ihn! Aber wie ganz anders ſieht er aus, als ich! Und einſt war ich der Stärkere von uns Beiden. Geſchwind hilf mir aus dem Wagen, Hannibal, mein Herz treibt mich zu ihm.« Hannibal leiſtete Beiſtand, und auf ſeinen Arm ge⸗ ſtuͤtzt, ſchritt Jonathan langſam über den Vorplatz nich dem Garten, wo Arnold ihm verwundert und befrems det entgegen trat. »Mit wem habe ich die Ehre?« fragte er, denn in dieſer Jammergeſtalt konnte er freilich den früher ſo blühenden Jorathan nicht erkennen. Jonathan ſchwieg ein Weilchen, tief erſchüttert von dem Wiederſehen. Dann ſtreckte er ſeine Arme aus, und ſeine Lippe ſtammelte:„Arnold, mein Bruder, — —— 97 ſiehe hier, was von deinem Jonathan übrig geblie⸗ ben iſt!« Arnold ſtieß einen Schrei aus, und zog den Bruder an ſeine Bruſt. Die Mutter und die Kinder eilten herbei. „Es iſt Jonathan! Mein lieber, lieber Jonathan!“ rief er ihnen entgegen. Neue Ausrufe des Staunens und der Freude. Alle umringten und umarmten den Heimgekehrten. Jeder drängte ſich, ihm den Willkommensgruß zu bieten. Es war zu viel für Jonathan. Die Beſinnung verließ ihn,— er lag ohnmächtig in den Armen des Bruders.——— Welch ein Gegenſatz war das. Hier die kräftige, ungebeugte Geſtalt Arnolds, und da die abgezehrte und hinfällige Jonathans. Hier noch die volle Blüthe der Geſundheit, dort die nur zu ſichtlichen Spuren langer Kränklichkeit und Hinfälligkeit! Hier Alles ſtrahlend von Frieden und Glück, dort der welke Ueberdruß, Mißmuth und Gränlichkeit!— Hannibal ſeufzte, als er die beiden Brüder mit einander verglich, und leiſe flüſterte er vor ſich hin: »Armer, reicher Maſſa! Du nicht zu beneiden biſt von deinem Bruder trotz vieles Gold!“ Allmählig erholte ſich Jonathan wieder, und nahm mit gerührtem Herzen die vielen Beweiſe von Liebe hin, welche der Bruder und ſeine Familie ihm entge⸗ gen trugen. Lange, lange Zeit hatte er ſich nicht ſo glücklich gefühlt, als in dieſer Stunde, wo treue Her⸗ zen voll Zärtlichkeit ihn umringten. »Das iſt nicht mit Golde zu erkaufen, Hannibal!« rief er dem Schwarzen zu.»Wie weit üͤber allem Reichthum ſteht doch das Gold der ächten Liebe!« Ohnmacht ꝛe. 7 Jonathan wurde bald nach ſeiner Ankunft ernſtlich krank, und ſchwebte mehrmals am Rande des Grabes, aber die liebevolle Pflege ſeiner Verwandten, und ſeine im Grunde doch kräftige Natur erhielten ihn endlich dennoch dem Leben. Als der neue Frühling wieder grünte und blühete, feierte man das Feſt der Geneſung im duftigen Garten, und ſtrahlenden Blickes betrachtete Jonathan den Kreis der Theuren, die ihm ihre Glück⸗ wuͤnſche zur wiederhergeſtellten Geſundheit darbrachten. „Ich danke euch, danke euch von ganzem Herzen,“ ſagte er mit tiefem Gefühl.„Ich habe weit mehr ge⸗ wonnen durch euch, als nur einen geſunden Leib, denn auch meine Seele iſt geſund geworden durch eure Liebe und Treue, und das iſt mehr, als mein ganzes Leben euch lohnen kann! Ich bitte euch, laßt mich nun auch noch eine Weile in eurer Mitte leben und mich der Füͤlle eures Glückes freuen, neben der ich mich arm fühlen muß, gleich einem Bettler!“ Wie gern wurde dieſe Bitte gewährt, wie liebevoll zog Arnold den Bruder in ſeine Umarmung, wie herz⸗ lich drückte die Mutter ſeine Hand, wie zärtlich küßten Anna und Heinrich die blaſſe Wange des geliebten Onkels! Jonathan blieb alſo, und Wochen, Monate vergin⸗ gen, ohne daß er an die Rückkehr nach St. Domingo dachte. Sein Körper erſtarkte allmählig an der Liebe ſeiner Verwandten, und Ruhe, Frieden, Heiterkeit kehr⸗ ten in ſeine Seele zurück. Sein Reichthum freilich, half ihm nichts dazu. Das viele Gold, das er mit⸗ gebracht hatte, lag muſſig im Kaſten. Wie gern hätte er es mit vollen Händen über die Familie des Bru⸗ ders ausgeſtreut, aber er ſah wohl, ſie bedurften deſſe⸗ 99 ben nicht, und ihr zufriedenes Gluͤck wäre durch das gelbe Metall nicht erhöhet worden. Der Winter kam wieder, die Schneeflocken fielen, Jonathan verweilte noch immer bei ſeinem Bruder. „Sehr kalt, Maſſa,« ſagte Hannibal eines Tages zu ihm, als draußen die Fluren mit Eis und Schnee bedeckt waren. „Außen, ja,“ erwiederte Jonathan lächelnd.»Aber im Herzen iſt es mir um ſo wärmer.“ „Denken Maſſa nicht zurück zu gehen auf Pflanzung?“ „Behüte der Himmel, Hannibal! Ich bleibe, bis mein Bruder mich gehen heißt!“ „Und das wird er nie thun!“ ſagte Arnold herz⸗ lich, der ſich mit im Zimmer befand.„Wir halten dich feſt mit den Banden der Liebe, die du unmöͤglich zer⸗ reißen kannſt!“ Ein warmer Händedruck der Brüder drückte das Siegel auf dieſe Worte. Die Beiden verſtanden ſich, — ein neuer Bund war geſchloſſen für immer. ——— Jahre waren vergangen, da ſaß Jona⸗ than eines Tages in der Hollunderlaube des Gartens, und betrachtete mit ernſtem Sinnen einen eben an ihn eingelaufenen Brief. Sein Bruder ſaß neben ihm. „Doch keine ſchlimmen Nachrichten, Jonathan?“ fragte er. „Nein, nicht grade ſchlimme, aber wichtige,“ ver⸗ ſetzte Jonathan lächelnd.„Ein allgemeiner Selaven⸗ Aufſtand hat in St. Domingo ſtattgefunden, alle Wei⸗ ßen ſind vertrieben oder ermordet, all ihr Eigenthum iſt ihnen genommen. Auch meine Pflanzung iſt mir wohl für immer verloren.“. „Oh, wie bedaure ich dich,« rief Arnold erſchrocken aus. 3 7 10⁰0 Jonathan lächelte nun von Neuem. „Ich freue mich eher über den Verluſt, als ich ihn beklage, denn er überhebt mich nur einer Sorge,“ ſagte er.„Ich bin noch reich genug, um leben und Wohl⸗ thaten ſpenden zu können,— was bedarf ich noch mehr des Geldes? Es ſteht geſchrieben:„Der iſt reich, der da arbeitet und ſammelt Geld, und höret auf und genießt ſein auch.“ Ich will thun nach den Worten Sirachs, und aufhören, und genießen, was die Ohn⸗ macht des Goldes nicht erkaufen kann,— Eure Liebe! Liebe habe ich bei euch gefunden, und mit ihr Zufriedenheit und Genüge der Seele! Sie iſt mein höchſter Schatz, und unendlich mehr, als aller irdiſche Reichthum. Ich bleibe bei euch, denn bei euch iſt eine Stätte des ächten, wahren und reinen Glückes. Ein Thor wäre ich, wollte ich ſie verlaſſen. Ich habe ken⸗ nen gelernt die Ohnmacht des Goldes, und die Macht der Liebe. Im Beſttze dieſer, wie ſollte ich den Ver⸗ luſt beklagen jenes elenden Metalles?“ Die Brüder umarmten ſich. Jonathan aber ſehnte ſich auch ſpäter nie zurück in die frühere Fülle ſeines NReichthums, denn er hatte ſie in der That gründlich kennen gelernt, die Ohnmacht des Goldes. In der Liebe des Kreiſes, der ihn umgab, fand er tauſendfäl⸗ tigen Erſatz für die erlittenen Verluſte, fand er endlich das Glück, das er in der weiten Welt vergebens ge⸗ ſucht hatte, das einzige, wahre und ächte Glück, das Glück innerer Zufriedenheit, weiſer Beſchränkung und genüglichen Herzensfreudigkeit, das nur allein aus dem Herzen quillt, und von keinem Golde erkauft wer⸗ den kann. 1 gSe Druck von C. Hoffmann in Stuttgart . .Ott duunauunuaun 8 9