——-—— e e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Sduard Ottmann in Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſjedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 eih- und Jeſebedingungen. den angenommen. 4.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 77„,—„ ₰„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Kun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 — —— — — Kur immer brav. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Frunz Voftmann. Mit vier Stahlſtichen. 4 8 ———8 Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1852. 9 Erſtes Kapitel. Vater Lindemann und ſeine Kinder. Vater Lindemann bewohnte draußen in der Vor⸗ ſtadt, aber nur ein paar hundert Schritte weit vom Thore entfernt, und zwar an der belebten Landſtraße, welche zu einem viel beſuchten Vergnügungsorte führt, ein kleines, aber recht hübſches Haus, das ſchon man⸗ cher vorüber Wandelnde mit Wohlgefallen betrach⸗ tet hatte. Obgleich nur ein Stockwerk hoch, machte es doch einen angenehmen Eindruck durch ſeine ſauber ge⸗ haltenen Fenſter, die wie Spiegelſcheiben glänzten, und durch die Weinreben, welche an den Wänden hinauf⸗ gezogen waren, und im Sommer mit ihrem friſchen Grün ſelbſt bis über die Fenſter des aus dem Dache herausgebauten Erkerſtübchens hinauf rankten. Dabei lag es ein wenig zurück von der Landſtraße, durch ein Stacket davon getrennt, und den Zwiſchenraum füllte ein Gärtchen aus, welches vom Frühling an bis ſelbſt in den Spätherbſt hinein ſtets eine Fuͤlle hübſcher Blu⸗ men bot. Man ſah es ihm an, daß es von ſorgſamer Nur immer brav. 5 1 2 Hand gehegt und gepflegt wurde, und obgleich es keine koſtbaren ausländiſchen Gewächſe enthielt, fehlten dem Bluͤthenreichthume doch weder ſüßer Duft noch lebhaf⸗ tes Farbenſpiel, und jede Pflanze hielt ſich friſch und geſund, eben weil ſie einheimiſch und an's Klima ge⸗ wöhnt war. Hinter dem Hauſe erſtreckte ſich noch ein größerer Garten, in welchem Vater Lindemann allerlei Gemüſe für die Küche zog. Spargel, allerlei Salat, Mohr⸗ rüben, Kohlrabi, Bohnen, Erbſen, Blumen⸗ und an⸗ derer Kohl wuchſen ihm da in Fülle zu, ſo daß er nicht nur zum eigenen Bedarfe genug, ſondern auch noch zum Verkaufe übrig hatte, was im Laufe der ſchöneren Jahreszeit einen hübſchen und recht willkom⸗ menen Zuſchuß zur Wirthſchaftskaſſe gab. Dieſen Zu⸗ ſchuß konnte Vater Lindemann wohl gebrauchen, denn obgleich nicht grade arm, lebte er doch auch nicht in Ueberfluß oder gar in glänzenden Verhältniſſen. Er war Tiſchlermeiſter, und mußte ſich durch ſeiner Hände Arbeit ernähren. An Beſchäftigung fehlte es ihm aller⸗ dings nicht, denn er galt mit Recht für einen geſchick⸗ ten und pünktlichen Mann, aber aller Verdienſt reichte doch eben nur grade hin, die Koſten des Haushaltes zu beſtreiten, und von einem kleinen Ueberſchuſſe am Ende des Jahres war nur ſelten die Rede. Daß ſich dieß trotz allen Fleißes und aller Spar⸗ ſamkeit ſo verhielt, machte dem wackeren Meiſter manche nachdenkliche, wenn nicht gar ſorgenvolle Stunde. Er ſtand nicht allein in der Welt; ſeine Frau zwar hatte der liebe Gott ſchon vor Jahren zu ſich genommen, aber zwei Kinder waren ihm geblieben, denen ſeine ganze Zärtlichkeit und Liebe gehörte. Ihnen eine ſorgen⸗ freie Zukunft zu bereiten, war der höchſte Wunſch ſei⸗ nes Lebens, und unabläſſig ſann er darüber nach, auf welche Weiſe er dieſes Ziel am ſicherſten mit Gottes „Hülfe werde erreichen können. Heinrich, ſein Sohn, war bereits ein tüchtiger Burſch von achtzehn Jahren, und ſeine Tochter Marie, ein hübſches, flinkes, im Herzen recht frommes und gutes Mädchen, zählte nur zwei Jahre weniger. Bis jetzt hatte ſie Vater Lindemann erhalten, gekleidet, genährt und in ächter Gottesfurcht und Demuth erzogen. Aber er ſah ein, daß dieß nicht ſo fortgehen konnte, wenn er den ſchon erwähnten höchſten Zweck ſeines Lebens erreichen wollte, nämlich eben die ſorgenfreie Zukunft ſeiner Kinder. Wie das anfangen? Ueber Heinrich machte er ſich im Grunde noch die wenigſte Sorge, denn der reifte nachgrade zum Manne und verſtand ſein Handwerk. Er hatte bei einem tüch⸗ tigen Schloſſermeiſter gelernt, war vor Kurzem Geſell geworden, und ſtand im Begriffe, auf die Wanderſchaft zu gehen, um ſich die Welt anzuſchauen und haupt⸗ ſächlich, um noch neue Erfahrungen in ſeinem Gewerbe zu ſammeln und in der Fremde draußen noch recht zu vervollkommnen. Darüber mochten ein vier oder fünf Jährchen hingehen. Wenn er fleißig und ſparſam war, konnte er ſich neben gründlichen Kenntniſſen auch noch ein Kapitälchen bei ſeinen Meiſtern erwerbern, und Vater Lindemann dachte, wenn er nicht mehr für ihn zu ſorgen brauchte, würde er alljährlich wohl auch ein Sümmchen für ihn zurücklegen können. Die beider⸗ ſeitigen Erſparniſſe dann zuſammengenommen, reichten zuletzt wohl aus, Heinrich zum Schloſſermeiſter z 1⸗ machen und ihm eine Werkſtatt einzurichten oder zu kaufen, wo er ſich dann durch Fleiß und Geſchick ſein täglich Brod erwerben konnte. „Handwerk hat immer noch goldenen Boden,“ meinte Vater Lindemann bei ſich ſelber,—„man muß es nur recht verſtehen und es ordentlich betreiben! Alſo mit dem Heinrich hat es keine große Noth, wenn nur der liebe Gott ſeinen Segen gibt,— aber Marie!« Bei dem Gedanken an ſie ließ Vater Lindemann einen Augenblick die fleißige Hand und den Hobel ru⸗ hen, und ſchüttelte bedenklich den grauen Kopf. »„Es hilft Alles nichts,“ murmelte er nach einem Weilchen vor ſich hin, indem er den Hobel wieder feſter griff und mit doppeltem Eifer die unterbrochene Arbeit wieder aufnahm—„wenn es was Rechtes werden ſoll, muß ich mich eben ein paar Jahre allein behelfen. Heute noch, nach dem Feierabend, will ich mit den Kindern noch einmal ganz ernſtlich reden. Werde ja dann hören, was ſie dazu meinen!« Marie pflückte indeß draußen im Gemüſegarten die erſten grünen Bohnen, und ſang mit heller, friſcher Stimme ein Liedchen dazu, deſſen reine, volle Töne lieblich durch das offene Fenſter der Werkſtatt zum Ohr des Vaters erklangen. Der alte Mann hörte es mit ſtiller Freude ein Weilchen mit an, ſchüttelte aber dann doch wieder den Kopf, und wiſchte eine Thräne weg, die ihm das ſonſt noch helle und friſche Auge ver⸗ dunkelte. „Ja, ja, ja, es wird mir ſchwer werden, und recht einſam und verlaſſen werd' ich mich fühlen,“ ſprach er vor ſich hin,—„aber es hilft Alles nichts, es muß ertragen werden, denn es geſchieht ja zu ihrem Beſten. — ſchriebenes leſen konnte, und erbrach das Siegel 5 Ich wundere mich nur, daß die Marianne noch nicht geſchrieben hat! Sollte ſie denn ganz und gar den Bruder vergeſſen haben? Ich kann mir's doch kaum denken!“« 3 Nach dieſem Zwiſchengeſpräch fuhr der Hobel von Neuem quietſchend und pfeifend mit zwiefacher Schnel⸗ ligkeit über die rauhe Fläche der Bretter, um ſie zu glätten und ihnen die gewünſchte Form zu geben, bis nach einem Stündchen etwa, als die Sonne ſchon ziem⸗ lich tief am Himmel ſtand und ihre Strahlen ganz ſchräg in die Werkſtatt fielen, eine fremde Stimme auf dem Vorplatze ertönte, welche laut nach Meiſter Linde⸗ mann rief. „Nur in die Werkſtatt hinein!« klang es aus Ma⸗ ria's Munde vom Garten her.„Der Vater iſt noch fleißig, ob er gleich ſchon Feierabend machen könnte!“ „Hier bin ich ſchon!« ſagte Vater Lindemann ſelbſt, indem er aus der Werkſtatt auf den Vorplatz trat.„Ei, guten Abend, Herr Briefträger! Ein ſeltener Gaſt in meinem Häuschen! Was bringen Sie mir Gutes? Gewiß ein Schreiben aus der Reſidenz, wie?« „Richtig errathen, Meiſter!“ erwiederte der Brief träger.„Aus der Reſidenz! Koſtet aber auch zwei Groſchen Porto!« Die kleine Münze wurde hervorgeſucht, zuſammen⸗ gezählt, dem Poſtboten übergeben, und nachdem dieſer ſich mit freundlichem Gruße wieder entfernt hatte, rie⸗ gelte Vater Lindemann die Werkſtatt von innen zu, um nicht überraſcht und geſtört zu werden, ſetzte be⸗ dächtig ſeine Brille auf, weil er ſonſt nicht gut Ge⸗ Briefes, nachdem er ihn erſt mehrmals um und um gedreht und ihn von allen Seiten betrachtet hatte. „Es wird ſchon richtig ſein, er iſt von meiner Schweſter, von der alten Marianne,“« murmelte er da⸗ bei vor ſich hin.„Wenn man vom Fuchſe ſpricht, iſt er nicht weit entfernt! Nicht, daß die Marianne ein Fuchs wäre, behüte! Sie iſt ein braves, altes Mäd⸗ chen, und der Fuchs nur ſo eine Redensart! Ja, ja, ſie iſt immer brav geweſen, und wird's auch wohl auf ihre alten Tage geblieben ſein! Aber begierig bin ich doch, was ſie ſchreibt! Na, da ſteht es ja groß und breit, und mit ganz leſerlichen Buchſtaben. Alſo laß doch ſehen!« Er rückte die Brille noch einmal ordentlich zurecht, brachte den Brief in das rechte Licht, und dann las er halblaut vor ſich hin: Lieber Bruder Gottfried! Ich wünſche, daß dich mein Schreiben in guter Geſundheit antrifft, wie mich auch das deinige angetroffen. Mir ergeht es recht gut. Ich bin immer noch Wirthſchafterin bei meiner gnädi⸗ gen Frau Gräfin, und werd' es auch wohl bleiben, bis mich der liebe Gott auf einen anderen Poſten beruft. Wegen der Marie hab' ich's mir überlegt und auch mit der Frau Gräfin darüber geſprochen. Wir ſind auch ganz einig darüber, und ich habe mich gewundert, daß das kleine Ding, was noch ein Drei⸗Käſe⸗hoch war als ich dich das letzte Mal beſuchte, nun ſchon ſo groß geworden ſein ſoll. Die Frau Gräfin hat mit der Frau Kriegsräthin Berghuber bereits geſprochen, und Marie ſoll nun kommen, ſo raſch wie's angeht. Sie kann ja mit der Poſt herfahren, damit die Frau Kriegs⸗ räthin nicht ſo lange zu warten braucht, denn ſie hat 1 9 v- 7 Eile, weil ſie ihr Kammermädchen Knall und Fall fort⸗ geſchickt hat, aus dem Grunde, daß Mine eine ſchlechte Perſon war, die geſtohlen hat. Da iſt nun Marie recht willkommen, und die Frau Kriegsräthin will das Poſtgeld für ſie bezahlen. Sie wird es recht ſehr gut haben, wenn ſie nur immer brav iſt, was ich nicht an⸗ ders von deiner Tochter erwarte, und auch der Lohn iſt anſehnlich, vierundzwanzig Thaler außer den Ge⸗ ſchenken, was ſich nicht ſagen läßt. Die Frau Kriegs⸗ räthin iſt eine ſehr gute Herrſchaft, denn ich weiß es, weil ſie oft zu meiner gnädigen Frau Gräfin kommt. Alſo ſchicke ſie nur, und ſei auch vielmals gegrüßt von Deiner getreuen Schweſter Marianne Lindemännin. Nachſchrift. Aber nur immer brav muß ſie thun, ſonſt macht ſie mir Schande, und meiner gnädigen Frau Gräfin auch, weil wir ſie da hin empfohlen haben. Doch ich habe keine Bange, es liegt ja ſo in unſerer Art. Deine getreue Schweſter. „Ja, ja, es liegt ſo in unſerer Art, das iſt ſchon richtig! Nur immer brav!“ ſprach Meiſter Linde⸗ mann vor ſich hin, als er den Brief wieder zuſammen⸗ faltete.„Da ſieht man's ja, die Marianne iſt auch nicht aus der Art geſchlagen, ſie hat doch gleich für ihr Pathchen geſorgt. Na, nun iſt's entſchieden! An's Herz wird's freilich greifen, aber geſchehen muß es, es iſt das Beſte, und heute Abend noch ſollen ſie es erfahren!“ Er räumte nun ſein Handwerkszeug bei Seite, da⸗ mit es nicht unordentlich umherliegen möchte, und war kaum damit fertig geworden, als wiederum draußen raſche Schritte ertönten, und gleich darauf ein blühend friſcher, junger Burſch mit dunklem Haar, braunen 8 Augen und freundlich offenem Weſen in die Werk⸗ ſtatt kam. »Grüß dich Gott, Vater!“ ſagte er und reichte dem alten Manne die Hand hin.„Immer noch an der Arbeit! Du ſollteſt dir's doch ein wenig bequemer machen, Vater. Du haſt's ja, Gott ſei Dank, nun nicht mehr ſo nöthig, da ich dir nicht mehr zur Laſt zu fallen brauche.“ »Ja, ja, Heinrich! Guten Abend auch! Du ſprichſt eben, wie du's verſtehſt!« entgegnete Vater Lindemann. „Aber laß das nur gut ſein, wir haben heute von an— deren Dingen zu ſprechen. Iſt Marie ſchon fertig mit dem Eſſen?“ »„Ja, Väterchen! Eben wollt' ich dich zu Tiſch rufen, da ich Heinrich zu dir gehen ſah,“« rief eine Augen und reichem, blondem Haare nickte freundlich lächelnd zur Thür herein.„Kommt nur, der Tiſch iſt gedeckt, und ſchönere Kartoffeln habt Ihr im Leben noch nicht gegeſſen, als die heute in der Schüſſel dampfen.“ Es traf ſchon zu, die Kartoffeln waren vortrefflich, und die Speckbrühe, die Marie dazu gekocht hatte, mun⸗ dete gar nicht übel, aber dennoch ſchien es heute dem ter Lindemann nicht zu ſchmecken, und er lobte nicht ie gewöhnlich ſein Töchterchen, daß es in der Küche ſo fleißig geweſen. Die Kinder merkten wohl, daß dem Vater etwas ganz Abſonderliches im Kopfe herum⸗ gehen müſſe, und blickten einander verſtohlen, faſt ängſt⸗ lich an. »Nun denn, Kinder,“ ſagte Vater Lindemann end⸗ ich, nachdem er ſeinen mäßigen Appetit geſtillt hatte,— helle Stimme, und ein ſanftes Geſichtchen mit blauen ſ 9 „das wird nun wohl bald das letzte Mal ſein, daß wir beiſammen am Tiſche ſitzen. Du, Heinrich, gehſt über⸗ morgen auf die Wanderſchaft, und du, Marie,— für dich hat ſich auch etwas gefunden. Die Tante Ma⸗ rianne hat mir aus der Reſidenz geſchrieben, daß ſie einen guten Platz für dich weiß, und du ſollſt ſo ſchnell wie möglich dahin kommen.“ Marie wußte zwar ſchon, daß der Vater ſich ihret⸗ wegen an die Tante gewendet hatte, die Nachricht aber, daß ſie ſo ſchnell das Vaterhaus verlaſſen ſollte, überraſchte und betrübte ſie dennoch. Nicht um ihrer ſelbſt willen, ſondern hauptſächlich des Vaters wegen, der nun, wenn beide Geſchwiſter gingen, ganz allein und einſam in ſeinem Häuschen zurückblieb. „Ach, lieber Vater,“ ſagte ſie,„das iſt wohl eine gute Nachricht, aber doch kann ich mich nicht darüber freuen. Wie wird es dir zu Muthe ſein, wenn du Keines von deinen Kindern, die dich ſo herzlich lieben, mehr um dich ſiehſt. Ich möchte lieber bei dir blei⸗ ben, als in die große Stadt gehen!“ „Dem Menſchen wird nicht immer zu Theil, was er möchte, Marie,« erwiederte der Vater.„Ei ja, mir wär's auch lieber, wenn ich Euch Beide bei mir be⸗ halten könnte, und ich weiß wohl, es wird mir recht wunderlich vorkommen, wenn ich Eure freundlichen Ge⸗ ſichter nicht mehr um mich ſehe; doch darauf kommt es hier nicht an, ſondern auf das, was Euch wahrhaft dienlich und für die Zukunft nützlich iſt. Ich bin alt, und habe mein Leben hinter mir, Ihr ſeid jung und habt noch viele Jahre vor Euch. Ich verdiene nicht ſo viel, um Eure künftigen Tage ſorgenfrei zu machen. Da müßt Ihr nun ſelbſt ſorgen und arbeiten, daß Ihr rechtſchaffen und ohne große Noth durch's Leben kommt. Das lernt ſich draußen in der Welt am beſten, und darum bleibt's dabei; du, Heinrich, gehſt in die Fremde und wirſt mir ein tüchtiger Schloſſer, der einſt mit Ehren als Meiſter beſtehen kann, und du, Marie, ſchaueſt dich unter anderen Leuten ein bischen um, während ich in der alten Weiſe weiter arbeite, und mit Gottes Hülfe in ein paar Jahren ſo viel verdiene, daß Jeder von Euch einmal einen guten Anfang hat, und ſich dann ſelber rechtſchaffen weiter bringen kann. Das iſt meine Pflicht als Vater, und Eure Pflicht iſt, mich darin zu unterſtützen durch treuen Fleiß, durch Red⸗ lichkeit und Sparſamkeit. Ein Menſch, der fleißig, redlich und ſparſam iſt, den verläßt der liebe Gott nicht. Alſo nur immer brav, dann wird es uns Allen noch gut gehen!“ So ſprach der alte wackere Mann, und die Kinder wagten keine Widerrede, obgleich ihnen das Herz im Vorgefühle des Scheidens ſchon weh that, ſondern blickten nur ſtill vor ſich nieder, und eine Thräne perlte aus Marie's blauen Augen auf ihren Schooß. Vater Lindemann ſah ſie, und ergriff der Tochter Hand mit herzlichem Drucke. »Weine nicht, Kind, und mache mir den Abſchied nicht ſchwer,« ſagte er.„Denke, es handelt ſich nur um ein drei oder vier Jahre, dann ſehen wir uns wieder, und wohnen deſto glücklicher beiſammen, weil wir Alle unſere Schuldigkeit gethan haben. Nachher wird Heinrich ehrſamer Schloſſermeiſter, wozu ich ihm den Grund zu legen hoffe, und wenn es ihm dann eines Tages gut ergeht, nun, dann iſt ja auch für dich mit geſorgt, Mariechen, und ich kann meine Augen einſt 11 mit Ruhe ſchließen, wenn der liebe Gott droben mich abruft. Was ſind denn ein paar Jahre? Die gehen raſch vorüber, und was dann bleibt, wenn man ſeine Schuldigkeit gethan hat, das wächst gedeihlich fort, wie ein Samenkorn, der fruchtbaren Erde anvertraut. Aber freilich, nur immer brav, das iſt die Hauptſache, doch hoffe ich, darin kann ich mich auf Euch ver⸗ laſſen!« „Ja, Vater, das kannſt du,“ erwiederten die Ge⸗ ſchwiſter zu gleicher Zeit, wie aus Einem Munde, und reichten Beide dem Vater die Hand hin, wie zur Be⸗ kräftigung ihres Verſprechens. „Nun, dann iſt ſchon Alles recht!« ſprach Vater Lindemann herzlich.„Da, lest nun den Brief von Tante Marianne, und nachher wollen wir feſtſetzen, wie wir's mit der Abreiſe einrichten. Da es einmal ge⸗ ſchieden ſein muß, ſo geſchieht es je eher, deſto beſſer, denn es nützt nicht, noch lange mit betrübten Geſich⸗ tern um einander herum zu laufen.“ Heinrich und Marie laſen den Brief, und freuten ſich uͤber die Fürſorglichkeit der Tante. Nachher wurde beſprochen, wie es mit der Abreiſe gehalten werden ſollte, und man kam überein, daß die Geſchwiſter Beide am nächſtfolgenden Tage zu gleicher Zeit Abſchied neh⸗ men ſollten. Sie hatten dann Alle den Schmerz der Trennung nur ein einziges Mal, und leerten den bit⸗ teren Kelch mit Einem Zuge, anſtatt ihn tropfenweiſe auszuſchlürfen. Der nächſte Tag ging hin mit Vorbereitung zur Abreiſe, mit Einpacken und allerlei kleinen Beſorgungen für Haus und Wirthſchaft, wobei Marie noch Alles recht bequem für den Vater herrichtete, damit er in der 1² erſten Zeit die Pflege und Aufwartung der Tochter nicht allzu ſehr vermiſſen möge, weil er nun doch für ſich allein wirthſchaften mußte und keine Huͤlfe weiter hatte, als den Lehrjungen in der Werkſtatt. Der konnte aber freilich nicht allzu viel helfen, höchſtens Feuer an⸗ machen, Waſſer holen, und ein paar Wege laufen, wenn es nothwendig war,— kochen und wirthſchaften mußte Vater Lindemann für die Zukunft ſelber, da er abſolut nicht zu bewegen war, eine Magd oder nur eine Aufwärterin anzunehmen. „Wenn ich's mir ſo bequem machen wollte, brauch⸗ ten wir uns ja nicht zu trennen,“ ſagte er,„als Marie ihm einen Vorſchlag dieſer Art machte.»„Sparen will ich, ſparen! Für Euch ſparen, Kinder. Was iſt denn weiter mit dem bischen Kochen und Wirth⸗ ſchaften! Das krieg' ich nebenbei ganz gut fertig, wenn ich ein Stündchen früher aufſtehe, als ich's gewohnt bin. Als ich noch ein Junggeſell war und deine ſelige Mutter noch nicht geheirathet hatte, mußt' ich's auch thun, und es ging ganz ordentlich. Es wird nicht lange dauern, ſo habe ich mich wieder hinein gefunden. Ein Bett iſt bald aufgeſchüttelt, eine Stube bald aus⸗ gekehrt, eine Suppe bald zurechtgemacht und in den Ofen geſtellt. Man ſieht dann und wann einmal da⸗ nach hin, und Mittags iſt ſie dann von ſelber gahr geworden. Große Traktamente werden ja nicht ge⸗ macht.« „Aber das Gemüſe, Vater?“ „Ei, das wird nach dem Feierabend gepflückt, ge⸗ putzt und geſchält, da macht's am anderen Morgen auch nicht mehr Umſtände, wie eine Suppe. Müſſen ſo viele Leute ſich allein behelfen, werd' ich's auch können, 13 ¹ beſonders da ich noch aus alter Zeit her Uebung darin habe. Nein, Mariechen, uüber den Punkt brauchſt du dir keine Sorge zu machen.“ „Doch wenn du nun einmal krank würdeſt, Vater?« „Davor wird mich der liebe Gott behüten, und dann, ſchlimmſten Falls, iſt Chriſtoph, der Lehrjunge, da, und die Nachbarn werden mich auch nicht ganz im Stich laſſen. Nein, nein, ſei du nur meinetwegen ganz ruhig, und ſorge für dich allein.“ Dabei blieb es. Vater Lindemann ließ ſich keine Vorſchriften machen, die ſeine Abſichten und Pläne hin⸗ dern oder verzögern konnten, und Marie mußte ſich beſcheiden. Nur das mußte der Vater ihr verſprechen, daß er ſchreiben wolle, wenn er wirklich einmal, ent⸗ weder wegen Krankheit oder eines ſonſtigen Umſtandes willen, ernſtlichen Beiſtandes bedürfte. Das verſprach er dann auch, meinte aber ganz zuverſichtlich, es werde wohl niemals nöthig ſein. Am Abend vor der Abreiſe gaben ſich die Geſchwi⸗ ſter, als der Vater grade anderwärts beſchäftigt war, einen Wink, und gingen mit einander nach dem nahen Friedhofe, wo ihre ſelige Mutter in der kühlen Erde ſchlummerte. Sie wollten doch nicht aus der Heimath ſcheiden, ohne auch von ihr, der heiß geliebten, Ab⸗ ſchied zu nehmen. Am Grabhügel knieten ſie nieder und beteten aus vollem Herzen um ihren Segen. Ein paar Thränen fielen dabei wohl in die duftenden Blü⸗ thenkelche, unter denen das Mutterherz ruhete, aber dennoch fühlten ſich die Geſchwiſter innerlich recht er⸗ hoben und gekräftigt durch ihr Gebet. „Scheiden thut weh,“ ſagte Marie, als ſie ſich wie⸗ der von den Knieen erhoben und ſich gegenſeitig die 14 Hände über das Grab hin reichten,—„aber, weißt du, Heinrich, das iſt mein Troſt, daß uns der gute Vater doch nur aus Liebe von ſich gibt, um unſeres Beſten willen, und damit er ſo recht für uns ſorgen kann. Ich vermag es nicht auszuſprechen, wie ſehr mich das rührt, und wie innig dankbar ich ihm dafür im Herzen bin. Könnt' ich es ihm nur recht zeigen, wie ich ihn liebe und ihm danke!“ „Das kannſt du, Marie, ſo gut wie ich,“ entgeg⸗ nete ihr Bruder mit ſanftem Ernſte.»Siehſt du, ich habe viel darüber nachgedacht, weil ich wohl auch recht lebhaft empfand, wie groß und uneigennützig die Liebe des Vaters für uns iſt. Da können wir ihm nun nicht beſſer unſeren dankbaren Sinn bezeigen, als wenn wir uns recht fröhlich und entſchloſſen in ſeinen Willen fügen, und feſt an ſeinen Ermahnungen halten, damit er eines Tages Freude an ſeinen Kindern erlebe und ein recht ruhiges und ſorgenfreies Alter genieße. Hier, am Grabe der Mutter, wollen wir einander geloben mit Hand und Herz und Mund, nur immer brav zu ſein zu jeder Zeit und unter allen Umſtänden, wie ſchwer auch die Verlockung und Verſuchung zum Böſen uns nahe treten möge. Nur immer brav, Marie! Das heißt, nur immer fleißig, ſparſam und rechtſchaf⸗ fen, und allezeit Gott vor Augen und im Herzen, da⸗ mit wir dereinſt mit offenem Blicke und freier Stirn wieder vor den Vater hintreten können. Wollen wir uns das gegenſeitig verſprechen und geloben, Marie?« „Ja, das wollen wir,“ ſagte Marie mit heller, klarer Stimme, ſo recht voll aus dem Herzen heraus. „Nur immer brav, das ſei unſer Wahlſpruch für's ganze Leben, und unſer Schild, wenn uns etwas Böſes 15 nahet, unſer Sporn, wenn wir läſſig im Guten wer⸗ den wollten. Immer brav, Heinrich, das gelobe ich dir hier über dem Grabhügel der Mutter mit Hand und Herz und Mund!“ „Immer brav! Auch ich gelobe es!« ſprach dann Heinrich feierlich, und über dem Grabhügel ſanken die Geſchwiſter einander Bruſt an Bruſt und hielten ſich lange umfaßt in zärtlicher, liebevoller Umarmung. Noch einmal ſchüttelten ſie ſich dann herzhaft die Hände, wie zur letzten Bekräftigung ihres Gelübdes. Dann pflück⸗ ten ſie Jeder eine Blume vom Grabhügel der Mutter, bewahrten ſie ſorgfältig auf, und kehrten dann zu dem Hauſe des Vaters zuruck. Unterwegs ſprachen ſie nicht mehr, ihre Herzen waren zu voll, aber nur reine und gottgefällige Empfindungen bewegten ſie, und eine ſtille, muthvolle und freudige Ergebung glänzte aus ihren Augen, als ſie, heimgekehrt, dem Vater den Abend⸗ gruß boten. „Ei,« ſprach dieſer,„Ihr ſeht ja aus, als ob Ihr mit einem Engel geredet hättet, ſo klar und hell!“ „Vielleicht, Vater, war ein Engel bei uns,“ erwie⸗ derte Marie, ſtill im Herzen der ſeligen Mutter ge⸗ denkend,—„und gewiß, Böſes hat er uns nicht zu⸗ geflüſtert!“ Der Vater mochte ſie wohl verſtehen und ahnen, wo ſeine Kinder geweſen waren. Er forſchte und fragte nicht weiter, ſondern nickte nur zufrieden mit dem Kopfe. Der Abend verging in ſtiller, friedlicher, heiterer Gelaſſenheit. Man ſah, ein Jeder hatte ſich in die Trennung ergeben und war entſchloſſen, den Anderen das Scheiden ſo leicht als möglich zu machen. Am 16 anderen Morgen kamen dann die bitterſten Augenblicke. Die Geſchwiſter umarmten den Vater, der Vater ſeine Kinder zum letzten Mal auf lange Zeit. Thränen floßen in einander, die Herzen bebten und zitterten, die Lippen zuckten. Der alte Mann hielt ſich noch am beſtem aufrecht. »Nun iſt's genug!“ ſagte er, indem er ſich aus der Umarmung der Kinder losmachte, und Beiden ſegnend die Hände auf's Haupt legte.„Gehet jetzt mit Gott, und bleibt immer brav, damit die Stunde unſeres ein⸗ ſtigen Wiederſehens eben ſo froh ſein möge, als die Stunde des Scheidens traurig und ſchmerzenvoll. Geht, und Gott geleite Euch auf allen Wegen!« Noch eine letzte Umarmung, ein letzter heißer Kuß, ein letztes Lebewohl— und einſam ſtand Vater Linde⸗ mann in ſeinem kleinen Zimmer, den Kopf geſenkt, beide Hände auf das alte, aber immer noch lebhaft pochende Herz gedrückt, und flüſterte mit zitternder Lippe den eeliebten Kindern die innigſten Segenswünſche nach. Marie rollte mit dem Poſtwagen zum Thore hinaus; Heinrich wanderte, ſein Ränzchen auf dem Rücken, in entgegengeſetzter Richtung davon. Keiner von Allen dachte an ſich ſelbſt, Jeder wünſchte nur den Anderen, daß es ihnen mit Gottes Hülfe allezeit recht, recht wohl ergehen möge. Und ſo muß es ja immer ſein bei Solchen, die einander mit aufrichtiger Liebe zuge⸗ than ſind.—— 17 Zweites Kapitel. Ein ſchlimmer Nachbar. Wir haben ſchon erfahren, daß Meiſter Lindemann's Haus in einem Garten lag, der ſich nach hinten hin ziemlich weit erſtreckte und faſt anderthalb Morgen groß war. Am äußerſten Ende ſtieß ein anderer, aber weit kleinerer Garten daran, nur durch ein leichtes, niede⸗ res Stacket und eine lebendige Hecke davon getrennt, ſo daß man aus einem Garten bequem in den anderen hinüber ſehen konnte, da Hecke und Stacket kaum drei oder vierthalb Fuß hoch waren. Auch in jenem klei⸗ neren Garten ſtand ein Häuschen, deſſen Hausthür jedoch auf eine andere Straße hinausging, welche we⸗ niger von Spaziergängern belebt wurde und überhaupt ziemlich abſeits und einſam lag. War eß nun aus dieſem oder einem anderen Grunde, kurz, der kleinere Garten und das Haus darin ſahen lange nicht ſo freundlich, ſauber und ordentlich aus, als Wohnung und Garten Vater Lindemanns. Dort wuchs auf den Beeten faſt nur Unkraut und Ge⸗ ſtrüpp, während hier, trotz der Abweſenheit Marie's, Alles in ſchönſtem Gedeihen ſtand und die verſchieden⸗ artigen Gemüſe reich und uͤppig heranwuchſen. Dort, ſo bemerkte man auf den erſten Blick, fehlte alle Pflege, hier ſah man an jedem Beete, ja faſt an jeder einzel⸗ nen Pflanze, daß eine ſorgſame Hand und ein auf⸗ merkſamer Sinn unabläſſig fleißig und thätig war. Nur immer brav. 2 * 18 Freilich gewährte der Garten dem wackeren Meiſter Lindemann auch ſeine liebſte Erholung. Jeden Tag nach dem Feierabend ging er hinaus, wenn es nur irgend das Wetter erlaubte, und pflanzte, ſäete, ärndtete, grub den Boden um, raufte das Unkraut aus, oder begoß die Pflanzen, die des Waſſers bedurften, wie es eben die Jahreszeit mit ſich brachte. Wie ein gelern⸗ ter Gärtner hielt er Alles in beſter Ordnung, und wer in ſeinen Garten kam, mußte auch ſeine Freude daran haben. Anders drüben. Dort ließ ſich nur ſelten Jemand im Garten ſehen, und eben ſo ſelten fiel es Jemandem ein, Harke, Hacke und Spaten zur Hand zu nehmen. So ſah denn dort Alles wüſt und verwildert genug aus, und auch das Haus im Garten gewährte keinen freundlichen Anblick, ſondern erſchien eher öde und un⸗ heimlich. Auf dem Dache fehlten hie und da die Zie⸗ geln, andere waren zerbrochen, und zu den Dachluken drang ungehindert Wind, Schnee und Regen ein. Von den Wänden waren große Flecke Putz abgefallen, und an zehn, zwanzig Stellen blickte das bloße nackte Mauerwerk hervor. Die Scheiben in den Fenſtern fehlten zum Theil ganz, zum Theil ſahen ſte blind und ſchmierig aus, als ob ſie ſeit Jahr und Tag nicht blank geputzt worden wären. Auf dem kleinen Hofe zwiſchen dem Garten und Hauſe lag liederlich allerlei Gerüll, Gerümpel und Hausgeräth herum, ſo daß man, ohne darüber zu ſtolpern, kaum in den Garten gelangen konnte. Kurz, man erkannte aus dem Cinzelnen und dem Ganzen, daß da drüben eine verlotterte Wirth⸗ ſchaft ſein mußte, und daß der Nachbar nach hinten zu ſehr wenig zu unſerem wackeren und ordentlichen Mei⸗ ſter Lindemann paßte. 4 r — 19 Und in der That, obgleich die Gelegenheit ſo nahe lag, ſich über das Stacket hinweg zu ſehen und mit einander zu plaudern, ſo kam dieß doch nur äußerſt ſelten vor. Vater Lindemann, wenn er den Nachbar Peterling,— ſo hieß derſelbe und war ſeines Gewer⸗ bes ein Maurer,— drüben erblickte, hütete ſich ſorg⸗ fältig, ihm zu nahe zu kommen, ſondern hielt ſich dann möglichſt dicht an ſeinem Hauſe, bis wohin eine Stimme von drüben nur bei tüchtigem Schreien vernehmbar wurde. Erſt wenn der Nachbar wieder fort war, wendete er ſich auch den entfernteren Beeten des Gar⸗ tens zu und widmete ihnen die gewohnte Sorgfalt. Manches Mal ließ er ſich aber doch von Meiſter Pe⸗ terling überraſchen, und das geſchah denn auch eines Abends, als er gerade am hintern Ende des Gartens mit dem Pflücken gruͤner Bohnen beſchäftigt war, um ſte für den folgenden Mittag zum Eſſen vorzurichten. Während er dem Nachbargarten den Rücken zukehrte, kam Meiſter Peterling durch den Wald ſeines Unkrau⸗ tes an die Hecke vor, und rief ein lautes„Guten Abend!“ herüber. Vater Lindemann erwiederte gelaſſen und freundlich den Gruß, und fuhr dann ungeſtört mit dem Pflücken der Bohnen fort. „Ihr macht eine ſchöne Aerndte dieſes Jahr, Nach⸗ bar,“ begann Peterling von Neuem wieder.„Ich habe Euch ſchon lange um Euer gutes Gemüſe beneidet. Der Henker weiß, warum es bei mir nicht ſo wachſen und gedeihen will! Es muß ein ſchlechter Boden da hüben ſein.“ »„Am Boden liegt'’s wohl weniger, Nachbar!« ent⸗ gegnete Vater Lindemann. — —-—— ͤ —õõÿõʒ 20 „Aber an was denn ſonſt?“ ſagte Peterling.„Ich laſſe doch jedes Frühjahr den Garten umgraben und mit Pflanzen beſtecken, aber es kommt nichts fort, das Unkraut macht Alles todt.“« „Das iſt's eben! Ihr ſolltet das Unkraut todt machen, dann würden die Pflänzchen wohl gedeihen, ſo gut wie bei mir!“ „Ach, das iſt eine langweilige Arbeit, und wo ſollte man die Zeit dazu herkriegen!“ lachte Peterling ein wenig ſpöttiſch. „Die Zeit? Nun, ich finde ſie doch,“ erwiederte Vater Lindemann.„Und Ihr werdet mir nicht nach⸗ reden konnen, Nachbar, daß ich meine Werkſtatt dar⸗ über verſäumte oder vernachläſſigte. Aber ſo ein Feier⸗ abend in der ſchönen Jahreszeit iſt lang, und wenn man ſich ein wenig Muͤhe gibt, ſo läßt ſich viel thun in einem ſolchen Garten in ein paar Stunden.“ „Nun ja doch, das wäre ſo meine Freude,“ ſpöt⸗ telte Peterling.„Wenn ich mich den Tag über hunde⸗ müde gearbeitet habe, ſollte ich mich auch noch nach dem Feierabende im Garten abrackern. Nein, da liebe ich mir die Ruhe, und ein gutes Glas Bier und eine Pfeife Tabak!« „Aber Eure Frau und Eure Kinder,“ wandte Va⸗ ter Lindemann ein.„Ich ſollte meinen, die hätten doch immer wohl ein paar Stündchen Zeit übrig; beſonders die Kinder, die ſind ja wohl ſchon ſo ein dreizehn, vierzehn Jahre alt, da könnten ſie zugreifen und brauch⸗ ten nur ein wenig mit Ernſt und Liebe dazu angehal⸗ ten zu werden.“ „Ja, wer ſoll ſie anhalten!“ entgegnete Peterling. „Ich habe den Tag über zu mauern oder Steine zu 21 hauen, die Frau hat in der Wirthſchaft zu thun, und von ſelber thun die Kinder nichts, ſondern treiben ſich lieber auf der Gaſſe umher. Aber bei Gelegenheit, Nachbar, weil wir gerade davon reden, was machen denn Eure Kinder? Habt Ihr lange nichts von ihnen gehört?“ Vater Lindemann hatte bereits haſtig zwiſchen die Bohnen hinein gepflückt, augenſcheinlich in der Abſicht, bald möglichſt fertig zu werden und dann die Nähe Peterlings zu meiden, da er ihn nureinmal nicht ſon⸗ derlich hochſchätzen konnte,— aber die Frage nach ſei⸗ nen Kindern brachte ihn auf andere Gedanken. Nach⸗ bar Peterling hatte da eine Saite im Herzen des Alten getroffen, die leicht anſchlug und lange nachhallte. Von ſeinen Kindern zu plaudern und zu erzählen, konnte Vater Lindemann nicht müde werden. „Nun, Gott ſei Dank, denen geht es ja recht gut,« erwiederte er ganz freundlich, und trat ein paar Schritte näher an die Hecke heran, anſtatt nach ſeinem Hauſe, wie er erſt gewollt, zuruckzukehren.„Erſt in voriger Woche habe ich ein Schreiben gekriegt aus Wien von meinem Heinrich, wo er in Arbeit ſteht und bei einem braven Meiſter viel Geld verdient, und von der Marie weiß ich auch, daß ſie bei der Frau Kriegsräthin in der Reſidenz recht ſehr gut aufgehoben iſt. Ja, die Kinder machen mir große Freude, Meiſter Peterling, große, große Freude, und der liebe Gott mag nur geben, daß ſie ſich fortwährend ſo brav halten, dann kann ich einſt einem recht ruhigen und zufriedenen Alter entgegen ſehen.“ „Nun, das iſt mir lieb zu hören, Nachbar,“ ſagte Meiſter Peterling mit ſüßſaurer Miene.„Nur wun⸗ 22 dert es mich, daß Ihr Eure Kinder von Euch fortge⸗ laſſen habt, da Euer Herz doch ſo ſehr an ihnen hängt.“ „Ja freilich, es iſt mir auch hart genug angekom⸗ men, aber es hat eben ſein müſſen, und es reuet mich heute noch nicht. Drei Jahre ſind ſie nun fort,— jetzt noch zwei Jahre, und dann, denk' ich, ſind wir ſo weit, wie ich's wünſche.“ „Wie Ihr's wünſcht, Nachbar? Und wie wünſcht Ihr es denn?« „Das iſt bald geſagt. Mein größter Wunſch iſt, dem Heinrich einmal eine Schloſſerwerkſtatt herzurichten, und der Marie eine hübſche Ausſteuer zu verſchaffen. Wenn ich das erreicht habe, und noch mein Häuschen und den Garten mit in Anſchlag bringe, was Alles ſchuldenfrei iſt, ſo kann ich einmal mit Ruhe meine Augen zuthun. Ein hübſches Sümmchen habe ich ſchon beiſammen, und das Uebrige, was noch fehlt, wird ſich ja auch noch finden.“ Meiſter Peterling ſpitzte die Ohren und ein falſcher Blick aus ſeinen tiefliegenden, von dichten Brauen be⸗ ſchatteten Augen ſtreifte verſtohlen über das Beſitzthum Vater Lindemann's hin. „So, ſo, ſo!“ ſprach er dann.„Darum alſo habt Ihr die Kinder von Euch gethan und laßt es Euch noch auf Eure alten Tage ſo ſauer werden! Das iſt viel, das könnte ich nicht, es ginge über meine Kräfte! So allein wirthſchaften und auch noch vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend arbeiten, und nicht ein⸗ mal den lieben Sonntag ſich eine Erholung gönnen, das wäre nichts für mich!« „Ihr ſolltet's nur erſt einmal ordentlich verſuchen, Nachbar,« ſagte Vater Lindemann gutmüthig.„Frei⸗ 23 lich, freilich, ſo im Anfange, als mir die Kinder an allen Ecken und Enden fehlten, da iſt mir's recht hart angekommen,— aber wenn ich dann bedacht, daß es doch für ihr Wohl und ihr Beſtes iſt, wurde mir's wieder leichter um's Herz. Es trägt ſich zuletzt Alles, Nachbar, wenn man nur immer brav iſt und recht⸗ ſchaffen ſeine Schuldigkeit thut. Ein gutes Gewiſſen kräftigt Seele und Leib, und ſo habe ich zuletzt nicht nur den Schmerz der Trennung überwunden, ſondern mich auch immer recht rüſtig und aufgelegt zur Arbeit gefühlt. Nur immer brav, Meiſter Peterling,— alles Uebrige findet ſich dann von ſelbſt.“ „Ei ja doch, Ihr habt gut reden,“ erwiederte der Maurer nicht ohne Bitterkeit.„Bei Euren Verhält⸗ niſſen, da iſt es keine große Kunſt, immer brav zu thun. Wenn man ein eigenes Haus und Grundſtück ſchuldenfrei hat, und nicht alle Tage zwei oder drei Kindern den Magen zu füllen braucht, kurzum, wenn man's hat, wie Ihr es habt, da iſt's eine Kleinigkeit, ſich rechtſchaffen zu halten. Aber Ihr ſolltet nur ein⸗ mal in meiner Haut ſtecken, da würdet Ihr ganz anders reden!“ »„Ich glaub' es nicht, Nachbar, nein, nein, ich glaub' es nicht,“ entgegnete Vater Lindemann eifrig. „Erinnert Euch nur, ſo vor ein zwanzig Jahren iſt mir's eben ſo ergangen, wie jedem Andern, der einen ſchweren Anfang hat. Als ich das Häuschen und den Garten übernahm, konnte ich nur eine Kleinigkeit dar⸗ auf zahlen, und mußte das Andere ſchuldig bleiben. Seht, Nachbar, da galt es. Tag und Nacht arbeitete ich, ſparte, gab keinen Heller unnöthig aus, und ſehet, nach ein paar Jahren war das Häuschen bezahlt.« 24 „Ja, wer kann aber auch ſo arbeiten, ohne ſich eine Erholung zu gönnen!“« warf Meiſter Peterling mürriſch ein. „Wer's kann? Ein Jeder kann's, wenn er nur den rechten Willen hat,“ erwiederte Vater Lindemann nachdrücklich.„Ich kann Euch verſichern, Nachbar, doppelte Arbeit macht doppelte Fröhlichkeit, und eine Erholung, was Ihr ſo nennt, nämlich in's Wirths⸗ haus und auf den Tanzboden laufen, das iſt nie meine Neigung geweſen. Jeder Groſchen, dort ausgegeben, würde mich gedauert und auf der Seele gebrannt ha⸗ ben. Nein, nein, mir iſt am wohlſten, wenn ich tüch⸗ tig in meiner Werkſtatt herum handthiere, und dann nachher einen ſchönen Abend im Garten zubringe. Das iſt meine Erholung immer geweſen, und Ihr ſeht ja,“ Nachbar, Garten, Werkſtatt und ich ſtehen uns nicht ſchlecht dabei.“ 8 4 „Ja, ja, das ſeh' ich wohl,« ſagte Meiſter Peter⸗ ling mit neidiſchem Blicke.„Und Geld ſpart Ihr Euch noch obendrein! Habt wohl ſchon ein hübſches Sümm⸗ chen zuſammengeſcharrt in den drei Jahren, daß Eure Kinder fort ſind?« Vater Lindemann nickte vergnügt.„Es ſammelt ſich, ja, ja, es ſammelt ſich allgemach,“ gab er zur Ant⸗ wort. „Und Ihr tragt es wohl immer auf die Sparkaſſe, was Ihr ſo erübrigt und zurücklegt, wie?“ forſchte Peterling. 8 „Das nicht, ich heb' es mir ſchon ſelber auf, ich habe ein ſicheres Plätzchen in meinem Hauſe,“ lächelte der Alte. 3 25⁵ „Ha! Ach ſo! Gewiß in Eurer Schlafkammer, Meiſter! Wie?« „Nein, das wird nicht verrathen! Genug, wo es liegt, liegt es gut und ſicher genug!“ antwortete Vater Lindemann zurückhaltend.„Aber es wird ſpät, die Sonne iſt ſchon längſt untergegangen, und ich muß nach meinem Abendeſſen ſehen. Gute Nacht, Meiſter!“ Peterling erwiederte den Gruß, ging aber nicht nach ſeinem Hauſe zurück, ſondern ſchaute, auf das Stacket geſtützt, mit finſterem und unheimlichem Blicke dem alten Lindemann nach. »„Ich glaub' es ihm, ich glaub' es!“ murmelte er vor ſich hin.„Er muß Geld haben, der alte Kerl, denn er arbeitet von früh bis ſpät, und gibt faſt gar nichts aus. Da muß es ſich nachgerade anſammeln. Wenn man nur wüßte, wo das Thalerneſt liegt! Es wär' ein Hauptſpaß, dem alten Narren die ſilbernen Eier wegzuholen. Hm, ich habe ſchon manche Henne belauſcht und ihr abgeſehen, wohin ſie ihre Eier ver⸗ ſchleppt, und wenn man ſich die Mühe nicht verdrießen läßt, ſo.... Wollen doch ein wenig aufpaſſen! Ob er dann wohl auch noch ſo ſprechen wird,„nur immer brav, nur immer brav, lieber Nachbar?« Ha, ein einziger glücklicher Griff hilft weiter, als alle ſeine Narrheit! Was hat er denn von ſeinem dreijährigen Sparen und Arbeiten, wenn ich ihm den fetten Biſſen vor der Naſe weghole? Dummheiten! Spare du, und ich... nun, man wird ja ſehen!“ Von jener Stunde an, wo Vater Lindemann in ſeiner argloſen und offenen Weiſe das Geheimniß ſei⸗ nes ſo mühſam erworbenen kleinen Schatzes an den Nachbar verrathen hatte, lauerte dieſer ganz heimlich und verſtohlen ihm auf und beobachtete Alles, was drüben im Hauſe vorging. Oft auch, wenn ſchon die Dunkelheit der Nacht eingebrochen war, ſtieg er leiſe über das Stacket, welches ſeinen Garten von dem an⸗ dern trennte, und ſchlich wie eine Katze nach Vater Lindemanns Hauſe, um durch die Fenſter zu blicken und dem alten Manne aufzulauern. Indeß vergingen mehrere Wochen, ohne daß er durch dieſes heimliche Spioniren ſeinen Zweck erreichte. In der Regel traf er Vater Lindemann bei häuslichen Arbeiten, bei'’m Gemüſeputzen für den folgenden Tag, oder ſonſtigen dergleichen Vorbereitungen, oder er fand ihn mit einem Buche in der Hand, was nach dem Einband zu ſchlie⸗ ßen, irgend ein Andachtsbuch ſein mußte. Wenn er dann, nicht ſelten ganze Stunden lang, auf der Lauer geſtanden hatte, ſo klappte Vater Lindemann ſein Buch zu, oder ſchob Teller und Gemüſekorb zur Seite und begab ſich, anſtatt, wie Peterling gehofft hatte, endlich einmal nach ſeinem Verſtecke, ganz ruhig in ſeine Schlaf⸗ kammer, legte ſich zu Bett und loſchte ſeine Lampe aus. Meiſter Peterling aber mochte mit langer Naſe und innerlich voll Aerger und Grimm wieder abziehen. So kam allmählig der Herbſt heran, und der gie⸗ rige, heimliche Spion hatte noch immer nichts entdeckt. Da ſah er eines Nachmittags ein paar Tagelöhner einen großen, prächtigen Schreibtiſch aus Vater Lindemanns Werkſtatt ſchaffen, und ſchloß auf der Stelle, daß die⸗ ſes koſtbare Möbel an den Beſteller deſſelben ſollte ab⸗ geliefert werden. 5 „Jetzt aufgepaßt!é ſagte er zu ſich ſelbſt.“ Der alte Lindemann wird die Tagelohner begleiten, wird das Geld für den Schreibtiſch, gewiß ſo vierzig bis fünfzig 27 Thälerchen, in Empfang nehmen, wird nach Hauſe zu⸗ rückkehren, und jedenfalls die erhaltene Summe zu dem Uebrigen legen, was er ſchon geſammelt hat. Aber wie ihn dabei ertappen?“ Während er noch hinter der Hecke am Stacket hier⸗ über nachgrübelte, ſah er wirklich den Vater Lindemann im beſten Anzuge aus ſeinem Häuschen kommen, ſah ihn die Hausthür hinter ſich zuſchließen, und hierauf mit den Tagelöhnern in der Richtung nach der Stadt davon gehen. „Niemand zu Hauſe! Jetzt iſt's Zeit,“ murmelte Peterling. Und ohne ſich zu beſinnen, ſprang er über die Hecke, eilte dreiſt durch den Garten dem Hauſe zu, offnete ohne große Schwierigkeit die Hinterthür deſſel⸗ ben, welche nur durch einen unſchwer von außen weg⸗ zuſchiebenden Riegel geſchloſſen war, und trat ein. Mit ſpähenden, gierigen Blicken durchforſchte er ſämmtliche Räume der kleinen, aber ſaubern und netten Wohnung, und entdeckte hinter dem Ofen der Wohnſtube einen ziemlich gut verborgenen Wandſchrank, welcher ihm ganz zu einem Aufbewahrungsorte von Geld und andern dergleichen Koſtbarkeiten geeignet und paſſend ſchien. „Hier wird das Neſt ſein,« murmelte er vor ſich hin, und rieb ſich vergnügt die Hände.„Wollen doch ſchnell ſehen, bevor er wiederkommt. Haſtig langte er ein Bündel Dietriche aus der Taſche, und verſuchte das Schloß des Wandſchranks zu öffnen, was ihm wirklich nach wenigen kurzen Mi⸗ nuten auch gelang. Die Thür ging auf, und der triumphirende Blick, der aus ſeinen unheimlich blitzen⸗ den Augen ſchoß, verrieth nur zu deutlich, daß Peter⸗ 28 ling ſich in ſeiner Vermuthung nicht geirrt hatte. Der Wandſchrank enthielt in der That die mühſam geſam⸗ melten Erſparniſſe des ehrlichen Vater Lindemann nebſt einigen alten, vergilbten Papieren, und es bedurfte für Peterling nur eines einzigen Griffes, ſich in den Beſitz des kleinen Reichthums zu ſetzen. Wirklich ſtreckte er auch ſchon die Hand darnach aus, zog ſie aber doch zögernd wieder zurück. „Nein, daß ich ein Narr wäre!“ murmelte er vor ſich hin.„Er würde es auf der Stelle merken, ſo wie er zurückkommt, und dann wäre ein Mordſpektakel. Außerdem, warum ſoll ich ihm nicht Zeit laſſen, auch noch das Geld dazu zu thun, was er für den ſchoͤnen Schreibtiſch bekommen wird? Geduld! Geduld alſo! Du entgehſt mir doch nicht, und je reicher der Fund, deſto beſſer für den Finder!“ Mit feſter Hand ſchloß er den Wandſchrank wieder zu, ſchlich heimlich, wie er gekommen war, wieder aus dem Hauſe, und erreichte ungeſehen das Stacket an ſeinem Garten, welches er mit leichter Mühe überſtieg und ſich dort von Neuem hinter der Hecke auf die Lauer legte. Unverwandt behielt er die Eingangsthür von Vater Lindemanns Hauſe im Auge, bis es ſo dunkel wurde, daß man auf dieſe Entfernung hin nichts mehr zu erkennen vermochte. Jetzt erſt richtete er ſich wie⸗ der auf. „Er bleibt lange! Was hat er bis zum ſpäten Abend in der Stadt zu thun?« fragte er ſich ſelbſt. „Sollte der alte Burſche einmal von ſeinen Gewohn⸗ heiten abgegangen ſein und ein Wirthshaus beſucht haben? Deſto beſſer, denn um ſo feſter wird er dann ſchlafen!« 29 Trotz der Abendkühle, die ihn durchſchauerte, ver⸗ ließ Peterling immer ſeinen Garten noch nicht, ſondern lauſchte mit geſpanntem Ohr unverwandt nach dem Häuschen des Nachbars hinüber. Endlich, etwa nach einer Stunde, vernahm er Fußtritte, hörte die Haus⸗ thür aufſchließen, und ſah wenige Minuten ſpäter den Schimmer eines Lichtes durch das Fenſter dringen. „Jetzt iſt er daheim,— ſchnell hinüber!“ flü⸗ ſterte er. Einige Augenblicke ſpäter ſtand er hinter dem Fen⸗ ſter des Nachbars, verborgen von dem dichten Wein⸗ laube, welches daſſelbe umrankte, und ſchaute mit gie⸗ rigem Auge in die Stube hinein. Ein höhniſches, triumphirendes Lächeln verzog ſeinen Mund. Nur ein paar Minuten blieb er in ſeinem Verſtecke, dann zog er ſich unbemerkt wieder zurück und eilte mit leiſen, flüchtigen Schritten ſeinem Hauſe zu. „Es iſt Alles richtig!« murmelte er vor ſich hin. „Ich kam gerade zur günſtigen Zeit! Die neuen Eier liegen bei den alten! Wird er ſich morgen wundern, wenn er das Neſt leer findet! Noch in dieſer Nacht nehm' ich's aus!“ Vater Lindemann ahnte indeß nicht das Mindeſte von den finſtern und heimtückiſchen Plänen, welche ſein böſer Nachbar gegen ihn ſchmiedete. Im. Gegentheil war er dieſen Abend ſo hoffnungsfroh und wohlgemuth, wie ſeit langer Zeit nicht, denn der reiche Kaufmann, an welchen er den Schreibtiſch abgeliefert hatte, war ſehr zufrieden mit der ſchönen Arbeit und dem verhält⸗ nißmäßig billigen Preiſe geweſen, und hatte ihm ſofort nicht nur eine neue größere Beſtellung aufgetragen, ſondern ihm dazu auch noch einen Vorſchuß zu Holz⸗ 30 ankäufen an baaren hundert Thalern gegeben. Dieſen Vorſchuß, wie auch die empfangene Summe für den Schreibtiſch, verſchloß Vater Lindemann bei ſeiner Rück⸗ kehr nach Hauſe in den Wandſchrank zu ſeiner übrigen Baarſchaft, und vermuthete nicht entfernt, daß er da⸗ bei von einem böswilligen Auge beobachtet werden könnte. Und doch war es gerade dieſer Moment ge⸗ weſen, bei welchem ihn der ſchlimme Nachbar belauſcht hatte. Vater Lindemann dachte an nichts dergleichen, ſondern verzehrte wohlgemuth ſein einfaches Abendbrod, verlas dann ein Häuflein trockene Erbſen, um ſich für morgen den Mittagstiſch vorzubereiten, gedachte dabei ſeiner Kinder mit ſtiller Freude und herzlicher Liebe, rechnete aus, daß ſie nun bald, bald wieder mit ihm vereinigt ſein würden, und begab ſich endlich Schlag zehn Uhr in die Kammer, um zu Bette zu gehen. Seine Lampe erloſch, und bald verkündigten ſeine tie⸗ fen und regelmäßigen Athemzüge, daß er ſanft und ruhig ſchlief, den ächten Schlaf des Gerechten, der mit Gott und ſeinem Gewiſſen im Frieden lebt. Zwei Stunden ſpäter mochte es ſein, da hätte ein aufmerkſames Ohr ein leiſes kraſpelndes Geräu können, das von der Hinterthür des Hauſes Vater Lindemann hörte es nicht, ſondern ſchlummer ungeſtört weiter. Gleich nachher kniſterte draußen i Flur der geſtreute Sand unter leiſen, leiſen Fu welche kaum mehr Geräuſch machten, als i b 31 wirth war, denn eben am heutigen Morgen erſt hatte er die Thürangeln friſch eingeoͤlt, weil ſie ein wenig geknarrt hatten, und nun ging die Thuͤr zum Glück für den Spitzbuben ſo leicht und geräuſchlos auf, daß nicht einmal ein ſchlummerndes Mäuschen daran auf⸗ gewacht wäre, viel weniger alſo Vater Lindemann, der ſo ſicher und feſt und tief in den Armen des Schlafes ruhte. Vielleicht war's aber doch auch wieder recht gut, daß er ſo feſt ſchlief, denn der Eindringling trug ein großes ſtarkes Meſſer mit blanker Klinge in der Fauſt, als er mit einem Laternchen in die Stube trat, und dann einen Augenblick ſtehen blieb, um ſich umzuſehen und zu forſchen, ob auch Alles ſicher ſei. Sein Blick war wild, und ſeine Miene grimmig. Wer weiß, wenn er den alten Mann wachend getroffen hätte, zu welcher ſchrecklichen, furchtbaren That der Verbrecher durch ſeine Habgier ſich hätte hinreißen laſſen? Jetzt, da Alles ruhig blieb, da Vater Lindemann ſanft ſchlummerte, lächelte der Kerl zufrieden, ſteckte das Meſſer in ſeinen Gürtel und griff nach dem Dietrich, den er ſchon Nach⸗ mittags vorher probirt und ſeitdem mit einem dünnen Seidenfaden umwickelt hatte, damit das zu öffnende Schloß unter ſeinem Drucke nicht knirſchen ſollte. Ge⸗ räuſchlos, wie die Thür, öffnete ſich auch der Wand⸗ ſchrank, und mit gieriger Hand holte Peterling die Geldrollen heraus, die er in ſeine weiten und tiefen Taſchen verſenkte. Da auf einmal fuhr er zuſammen und wurde todten⸗ blaß. Ein Stimme aus der Kammer drang zu ihm. Ingrimmig biß er die Zähne zuſammen, runzelte die Stirne und packte den Griff des großen Meſſers in 32 ſeinem Gürtel. Aber gleich darauf milderte ſich der grimmige Ausdruck ſeines verzerrten Geſichtes wieder, und er nickte zufrieden mit dem Kopfe, während er auch den Meſſergriff fahren ließ, und mit der verbre⸗ cheriſchen Hand wieder nach dem Wandſchranke tappte. Vater Lindemann ſchien nur geträumt zu haben und hatte im Schlafe den Namen ſeiner Kinder geflüſtert. Das hielt Peterling nicht ab, ſeine ſchnöde That vol⸗ lends zu beendigen. Das Geld war nun ausgeräumt, aber noch lag das ſchon erwähnte kleine Päckchen vergilbter Papiere in dem Wandſchranke. Peterling bedachte ſich einen Au⸗ genblick, ob er ſie liegen laſſen oder mitnehmen ſollte, — dann ſiegte die Neugierde über ſeine Gleichgültigkeit gegen Etwas, was ja weder Gold noch Silber war, und mit einem raſchen Griffe bemächtigte er ſich auch noch der Papiere und ſchob ſie zu dem Uebrigen in ſeine Taſche. Hierauf, ohne den Wandſchrank wieder zu verſchließen, zog er nur den Dietrich aus dem Schloſſe, und entfernte ſich ſo ſacht, heimlich und ge⸗ räuſchlos, als er gekommen war. Vater Lindemann ließ ſich nicht träumen, was ſich mittlerweile dicht neben ihm zugetragen hatte. Die Nacht verging, der Morgen kam, und wie ge⸗ wöhnlich mit dem erſten Sonnenſtrahle wachte der fleißige Meiſter auf, und trat bald nachher völlig angekleidet aus ſeiner Schlafkammer in die Wohnſtube. Im erſten Augenblicke ſah er's nicht, daß der Wandſchrank an⸗ gelweit offen ſtand, denn er kehrte ihm den Rücken zu; als er ſich aber umwandte, ſchrack er auf einmal heftig zuſammen und wurde blaß. Doch hoffte er noch, er hätte geſtern Abend wohl nur aus Verſehen die Thür 33 nicht verſchloſſen, und trat raſch herzu. Da fand er den Schrank leer, vollſtändig ausgeplündert, Alles, bis auf das Geringſte daraus verſchwunden, und die ſchreckliche Wahrheit drang ſich vernichtend ſeinem ge⸗ preßten Herzen auf. »Ach, mein Gott, mein Gott!« ſtammelte er mit bebender Lippe und kreideweißem Geſicht, während zu⸗ gleich der Angſtſchweiß plötzlich in hellen Tropfen auf ſeine Stirne trat, und ſeine Kniee ſo wankten, daß er ſich kaum aufrecht erhalten konnte.„Wer hat mir armen Manne das gethan? Fort, Alles fort! Auch das anvertraute Gut, und die ganzen Erſparniſſe müh⸗ ſamer, entbehrungsvoller Jahre! O, mein Gott, das iſt hart!« Mit ſtarrem Blick ſchaute er auf den leeren Raum vor ſich hin, tappte vergeblich mit den zitternden Hän⸗ den darin herum, und fühlte ſich endlich ſo ſchwach, daß er eine Stütze für ſeinen wankenden Körper ſuchen mußte. Halb ohnmächtig ſank er auf einen Seſſel und faliete verzweiflungsvoll die Hände, auf welche große Thränen aus ſeinen Augen niederträufelten. »Meine armen, armen Kinder!« murmelte er mit halb erloſchener Stimme.„Beſtohlen! Beraubt! Der ganze ſchöne Traum meines Alters vergangen, wie Runh und Dunſt! Großer Gott im Himmet, das iſt art!« Wohl fünf oder zehn Minuten ſaß der alte Mann, von tiefem Schmerz und Kummer erfullt, ſo da, und ſeine Thränen floſſen, und über ſeine Lippen glitten abgebrochene Laute des Jammers und der Betrübniß. Aber nicht ſich ſelber beklagte er, ſondern nur ſeine armen Kinder und den großmüthigen Kaufherrn, wel⸗ Nur immer brav. 3 34 cher ihm im Vertrauen auf ſeine Redlichkeit einen ſo bedeutenden Vorſchuß gegeben hatte. „Was ſoll der Mann von mir denken, wenn er das erfährt?“« ſtammelte er.„Wird er nicht glauben, ich ſelber habe mich an ſeinem Eigenthum vergriffen und es veruntreut? Aber nein, das darf nicht ge⸗ ſchehen, und ſollte ich Haus und Garten verkaufen müſſen, um ſolchen ſchmählichen Verdacht von mir ab⸗ zuwälzen! Nur immer brav, das iſt die Hauptſache! Mag dann geſchehen, was Gott will!“ Allmählig erholte ſich der wackere alte Mann von dem ſchweren Schlage, der ihn anfangs niedergeworfen und betrübt hatte, und er konnte mit größerer Ruhe ſich von Neuem die Frage vorlegen:„Wer hat mir das gethan?“ Er ſtand auf, unterſuchte mit noch zitternder Hand, aber doch ſchon gefaßten Herzens den ausgeplünderten Wandſchrank, und ſah nun wohl, daß er mit einem Nachſchlüſſel oder Dietriche geöffnet ſein mußte. Wie aber war der Dieb in das Haus eingedrungen? Va⸗ ter Lindemann ging in den Flur, rüttelte an der Haus⸗ thür, an der Hinterthür, und fand beide verſchloſſen, wie gewöhnlich. Er öffnete, ging hinaus in den Gar⸗ ten, forſchte hier nach fremden Fußtritten oder ſonſt einer Spur, fand aber nichts, was ſeinem Verdachte eine beſtimmte Richtung hätte geben können. Bis an das Stacket des Nachbargartens unterſuchte er jeden Fuß breit Bodens,— nirgends eine Andeutung! Der Dieb mußte ſeine Maßregeln ſehr ſchlau genommen und ſehr gnaue Ortskenntniß gehabt haben, und mit ſor⸗ genvoller Seele kehrte Vater Lindemann in ſein Stüb⸗ chen zurück.. 3⁵ »Gott allein kennt den Thäter und Gott wird ihn ſtrafen, wenn die weltliche Gerechtigkeit ihn nicht zur Rechenſchaft zu ziehen vermag,“ ſagte er.„Aber gleich⸗ wohl, ich will nichts verſäumen, was zur Entdeckung führen könnte, wär' es auch nur um der armen Kin⸗ der willen!“ Er zog ſeinen Rock an, ſetzte die Mütze auf und ging nach der Polizei, um Anzeige von dem Diebſtahle zu machen und die Hülfe der Behörde zur Auffindung des Diebes in Anſpruch zu nehmen. Es war ihm ein Troſt, daß man ſeiner Angabe ſogleich allen Glauben ſchenkte und nicht das mindeſte Mißtrauen in ſeine Ehr⸗ lichkeit und Rechtſchaffenheit ſetzte. Unverzüglich wurden einige Beamte mit ihm geſchickt, um Hans, Garten und Alles in Augenſchein zu nehmen, und nach dem Reſultate die umſichtigſten Nachforſchungen anzuſtellen. Aber leider entdeckten auch ſie keine Spur, welche auf die richtige Fährte hätte leiten können, und Vater Lindemann, be⸗ fragt, ob er vielleicht gegen irgend Jemand einen gegrün⸗ deten Verdacht hege, mußte erklären, daß er nicht wüßte, wen er mit gutem Gewiſſen anſchuldigen ſolle. Sein Lehrjunge ſei eine ganz treue, ehrliche Haut, und ſonſt gehe kein Fremder in ſeinem Häuschen ein und aus. Freilich war ihm wohl ein Verdacht gegen den Nachbar Peterling in der Seele aufgeblitzt, weil er ſich erinnerte, demſelben von ſeinem kleinen Schatze erzählt zu haben, — aber er unterdrückte dieſe Vermuthung ſchnell wie⸗ der, um nicht einem Nebenmenſchen ohne allen beſtimm⸗ ten Grund und Beweis unrecht zu thun. Deutete doch nichts im Garten an, daß von jenſeits Jemand uͤber das Stacket geſtiegen und in das Haus eingedrungen ſei, obgleich man die Wege, die Hecke und auch das 3* 36 Stacket auf's Sorgfältigſte in Augenſchein genommen hatte. Nirgends entdeckte man Fußtapfen oder ſonſtige Spuren, die auf einen fremden Eindringling deuteten. Aber freilich dachte auch kein Menſch daran, daß der Dieb in bloßen Strümpfen gekommen ſein könne, die natürlich in den hart geſtampften Wegen keinen Ein⸗ druck hinterlaſſen konnten. Nun, die Beamten verſprachen, alles nur mögliche aufzubieten, dem Diebe doch noch auf die Spur zu kommen, und vertröſteten auf ein paar Wochen Geduld, im Verlaufe deren ſich wohl irgend ein Faden finden würde, der weitere Nachforſchungen geſtatte. Vater Lindemann mußte ſich wohl an dieſem Tage vorläufig genügen laſſen, und als die Polizeibeamten ſich entfernt hatten, ſäumte er nicht länger, noch einen Gang zu thun, der ihn freilich recht ſchwer und hart ankam. Aber er mußte gethan werden, und entſchloſſen machte er ſich auf den Weg zum Kaufmann Reinhold, um demſelben die Anzeige zu machen, daß bei dem Ein⸗ bruche auch die ihm anvertrauten hundert Thaler mit geſtohlen worden ſeien. „Ich weiß Alles, Meiſter Lindemann,« kam der reiche Kaufherr ihm ganz freundlich entgegen, ehe der alte Mann in ſeiner Angſt und Betrübniß nur Worte finden konnte.„Die ganze Stadt iſt ja bereits voll davon, und keiner bedauert Euch herzlicher und auf⸗ richtiger, als ich. Um die hundert Thaler, die ich Euch vorgeſchoſſen, macht Euch keine Sorge, Meiſter! Ich kenne Euch als einen braven Mann und weiß, daß Ihr mar den Schaden erſetzen werdet, wenn Ihr kön⸗ net. enn Ihr aber nicht könnt, nun, ſo ändert das auch nichts zwiſchen uns, und Ihr werdet nach 37 wie vor alle bei mir vorkommenden Tiſchlerarbeiten zu beſorgen haben.“ Dem alten Manne ſtürzten Thränen der Rührung aus den Augen und erleichterten ſein gepreßtes Herz. „Nein, nein, Herr Reinhold,“ ſagte er,„nur im⸗ mer brav, das iſt die Hauptſache, und in die Seele hinein würde ich mich ſchämen, wenn ich Ihre Groß⸗ muth mißbrauchen wollte. Sie haben mir altem Manne den größten Troſt gegeben, da Sie mich für recht⸗ ſchaffen und ehrlich hielten, ehe ich mich noch entſchul⸗ digte. Das erquickt und erhebt mein altes Herz. Nun iſt ſchon Alles gut! Ich werde mein Häuschen und meinen Garten verkaufen und dann ehrlich und redlich mit Ihnen abrechnen.“ „Nein, das werdet Ihr hübſch bleiben laſſen, Mei⸗ ſter!« entgegnete Herr Reinhold entſchieden, indem er dem Alten freundlich die Hand ſchüttelte.„Ich kann die hundert Thaler entbehren und werde Euch deshalb nicht aus dem Neſte werfen. Außerdem zweifle ich auch nicht, daß wir über kurz oder lang den Dieb noch er⸗ wiſchen mit ſammt ſeiner Beute, und dann wäre der Verkauf ja ganz und gar überflüſſig. Bleibt nur ruhig wohnen, Meiſter! Schlimmſten Falls rechnen wir nach und nach ab, und werden auf die Weiſe auch in's Reine kommen. Nur den Muth nicht verloren, lieber Mann! Es läßt ſich Alles erſetzen, wenn man nur hübſch den Kopf oben behält.« „Ja, Herr Reinhold, ja!“ erwiederte Vater Linde⸗ mann.„Ich muß eben wieder von vorn anfangen, aber ich ſehe wohl ein, es iſt beſſer, doppelt fleißig zu ſein, als verzweifelnd die Hände in den Schooß zu legen. Sie haben mir wieder Muth gemacht, und Gott 38 vergelte es Ihnen. Heute noch werden Ihre Möbel angefangen, und ich will mein Beſtes dabei thun, um Sie zufrieden zu ſtellen!“ „So iſt's recht, Meiſter, ſo höre ich Euch gerne reden,“ ſprach Herr Reinhold,—„und wenn Ihr wieder einen Vorſchuß braucht, ſo kommt nur ganz dreiſt zu mir. Verſtanden? Und ſomit Gott befohlen!“ Mit einem kräftigen Händedruck wurde Meiſter Lindemann entlaſſen, und kehrte erleichterten Gemüthes zu ſeinem Hauſe zurück. „Ja, ja,“ murmelte er unterwegs vor ſich hin,— „das iſt der Segen der Rechtſchaffenheit! Wenn Einen auch einmal ein Unglück trifft, ſo traut man Einem doch keine Schlechtigkeit zu, und ſo iſt es denn der beſte Schutz, nur immer brav zu ſein! Daran will ich feſthalten!“ Vater Lindemann kam indeß nicht ſo ſchnell zu Hauſe, als er gehofft hatte, denn wer ihm unterwegs begegnete, der redete ihn an und drückte ihm in herz⸗ licher Weiſe ſein Beileid aus. Auch an Anerbietungen zu Hülfe und Beiſtand fehlte es nicht, falls Meiſter Lindemann deſſen benöthigt wäre, und noch ehe er ſein Haus erreichte, waren ihm ſo viele Beſtellungen zu Theil geworden, daß er reichlich auf ein Jahr hinaus alle Hände voll zu thun hatte, und ſogar daran den⸗ ken konnte, einen Geſellen anzunehmen. Dieſe Theil⸗ nahme ſeiner Mitbürger erfreute ihn recht im innerſten Herzen, und erhob ihn ſo weit über ſein Unglück, daß er endlich ganz gefaßten Muthes ſein Häuschen erreichte und im Vertrauen auf Gott rüſtig von Neuem die Ar⸗ beit in ſeiner Werkſtatt begann. Im Laufe des Tages bekam er noch manchen recht wohlwollenden Beſuch und 39 auch noch einige recht anſehnliche Beſtellungen, und gegen Abend ließ ſich ſogar auch Meiſter Peterling blicken. Mit heuchleriſchen Worten beklagte er des Nachbars Verluſt, und ſuchte ihn auszuforſchen, ob er denn auf Niemand wegen des Diebſtahls Verdacht habe. Vater Lindemann verneinte es, ſprach aber ſeine Hoff⸗ nung aus, daß Gott, deſſen Auge die Frevelthat ge⸗ ſehen, ſie gewiß auch früher oder ſpäter an's Tages⸗ licht bringen werde. Peterling lächelte zweideutig dazu und zuckte die Achſeln. „Hoffen und Harren!“ ſagte er ſpöttiſch.„Da ſeht Ihr nun, Nachbar, was bei allem Sparen her⸗ auskommt! Was Ihr Euch abgedarbt habt in Jahr und Tag, nimmt Euch ein Anderer in Einer Minute. Was hilft da alles Bravſein? Ich meine, Ihr werdet nun wohl auch auf andere Gedanken kommen und Euch nicht länger unnöthig plagen, um für die ferne Zukunft oder— für kecke Spitzbuben zu ſorgen. Macht Euch lieber dann und wann einen luſtigen Tag, das iſt ge⸗ ſcheiter!“ „Geſcheit hin, geſcheit her, die beſte Geſcheitheit iſt rechtſchaffen handeln,“ entgegnete Vater Linde⸗ mann nicht ganz ohne Unwillen.„Eure Lehren taugen mir nicht und gefallen mir nicht, Meiſter Peterling. Verſchont mich lieber damit!“ „Ja, ja doch, recht gerne,“ entgegnete der böſe Menſch hoͤhniſch.„Wem nicht zu rathen, dem iſt auch nicht zu helfen. Ihr bleibt alſo bei Eurem ewigen: nur immer brav!l auch jetzt noch, wo Ihr ſeht, daß es doch nichts hilft.“ „Jetzt erſt recht und doppelt,“ erwiederte Vater Lindemann ernſt.„Jetzt gerade, wo es ſchon eher eine 40 Kunſt iſt, brav zu bleiben, nachdem man ſolche Er⸗ fahrung gemacht hat, jetzt ſoll mir mein alter Spruch gerade zum Prüfſtein dienen. Nur immer brav, das ſei mein Wahlſpruch, und mit Gottes Hülfe ſoll er's auch bleiben mein Lebenlang!“ Peterling zog ein höhniſches Geſicht und ging. Vater Lindemann aber ſetzte ruhig ſeine Arbeit fort, ohne weiter über die leichtfertigen Worte ſeines Nach⸗ bars nachzugrübeln. Er war feſt in ſich, da konnte ihn ſolches Geſchwätz nicht weiter anfechten. Drittes Kapitel. Jetzt iſt's noch mehr Kunſt. Wochen und Monate vergingen, die Polizei war unermüdlich wachſam und thätig, um den Urheber des Diebſtahls zu entdecken, welcher die ganze Stadt in Aufregung gebracht hatte, aber ein undurchdringliches Dunkel ſchien über der That zu ſchweben, und auch nicht die geringſte Spur konnte aufgefunden werden, die zur Enthüllung geführt hätte. Vater Lindemann, ſo bitter und ſchmerzlich der er⸗ littene Verluſt ihm auch ſein mußte, ergab ſich doch allmählig darein, ſuchte ihn ſich aus dem Sinne zu ſchlagen, und durch unabläſſigen Fleiß und verdoppelte Sparſamkeit das Verlorene wieder zu erſetzen. Seine 41 Bemühungen wurden auch wirklich von gutem Erfolge begleitet, und er hatte ſchon ziemlich die Hälfte ſeiner ganzen Schuld an Herrn Reinhold abgetragen und außerdem auch ſchon wieder einen kleinen Grund zu einer neuen Sparkaſſe gelegt, als ihn plötzlich, wie ein Blitz aus ganz heiterem Himmel, ein neues und großes Unglück treffen und aus ſeiner Ruhe und Sicherheit aufſchrecken ſollte. Im Frühjahre nach den erzählten Begebenheiten nämlich ſuchte ihn eines Tages Nachbar Peterling nach dem Feierabend in ſeinem Garten auf und grüßte ihn mit höhniſcher Freundlichkeit. „Guten Abend, Meiſter Lindemann,“ ſagte er. „Nun, das iſt mir lieb, daß Ihr doch immer noch ſo viel Sorge und Fleiß auf meinen Garten verwendet!“ „Auf Euern Garten?“ fragte Vater Lindemann und blickte ganz verwundert auf und ſah bedenklich den Nachbar an, als ob es in deſſen Kopfe nicht ganz rich⸗ tig ſein könne.„Auf Euern Garten?“ wiederholte er.„Nachbar, Ihr ſeid ſonderbar zerſtreut heute Abend!“ „Daß ich nicht wüßte,“ entgegnete Peterling mit einem ſeltſamen Lächeln heimlicher Schadenfreude.„Ich ſpreche ganz einfach von dieſem Garten als von mei⸗ nem Garten, weil er mir als Eigenthum zukommt. Das wundert Euch, Nachbar? Nun, ſeht, ich kann es Euch weiter nicht verdenken, weil Ihr ihn ſo man⸗ ches Jahr widerrechtlich in Beſitz gehabt habt, aber Recht muß Recht bleiben, Meiſter Lindemann, und ſo, wenn Ihr nicht gutwillig zurückſteht, wird eben das Gericht entſcheiden müſſen?« 3 „Das Gericht? Entſcheiden? Ueber was denn?⸗ 4² fragte Vater Lindemann völlig verdutzt und wie aus den Wolken gefallen. „Nun, über was anders ſonſt, als uͤber das Ei⸗ genthumsrecht des Gartens,« antwortete Peterling. „Ja, ja, Nachbar! Ihr braucht gar nicht ein ſo wun⸗ derliches Geſicht zu machen! Doch ich ſehe ſchon, ich muß Euch reinen Wein einſchenken. Alſo hört mir aufmerkſam zu.“ ¹ Vater Lindemann horchte hoch auf, und Peterling fuhr fort: „Als Ihr das Haus da kauftet, Nachbar, waret Ihr vermuthlich in dem guten Glauben, daß auch der Garten dazu gehörte. Das verhielt ſich aber nicht ſo, wie ich Euch aus guten Papieren beweiſen kann. In früherer Zeit gehörte der Garten zu meinem Hauſe, und der vorige Beſitzer dieſes Hauſes hier, alſo jetzt des Eurigen, hatte ihn von meinem Vater nur in Erb⸗ pacht. Wenn er ihn Euch alſo als Eigenthum ver⸗ kaufte, ſo hat er Euch ganz einfach betrogen.“ „Das iſt nicht wahr,“ entgegnete Vater Lindemann heftig und nicht ohne einige Unruhe. Der Kaufbrief weist es deutlich und mit klaren Worten aus, daß das ganze Grundſtuͤck zuſammen gehört und die vormalige Erbpacht ſchon längſt abgelöst war. Bringt doch nicht ſolche komiſche Sachen vor, Meiſter Peterling.“ „Ei, ſo laßt doch einmal Euren Kaufbrief ſehen,“ erwiederte dieſer kaltblütig.„Wenn es anders d'rin ſteht, als in meinen Papieren, die ich zufällig erſt vor ein paar Tagen einmal durchſtoͤberte, ſo würde ich frei⸗ lich Unrecht haben und Ihr im Rechte ſein. Aber erſt müßte man den Kaufbrief doch einmal ordentlich in Augenſchein nehmen.“ 43 Vater Lindemann wurde ſehr blaß und erſchrack heftig, denn er wußte ja, daß damals zugleich mit dem Gelde auch die Papiere geſtohlen waren, welche ſich auf ſein Eigenthumsrecht des Grundſtückes bezogen. In Betreff des Hauſes hatte dies nicht viel zu bedeuten, denn dieſes war in die gerichtlichen Hypotheken⸗Bücher eingetragen, aber was den Garten anbetraf, da konnte ihm allerdings ein böſer Streich geſpielt werden. Doch ſuchte er ſich möglichſt zu faſſen und antwortete: „Ich habe den Kaufbrief leider nicht bei der Hand, aber ich weiß ganz genau, daß dieſer Garten hier zu dem Hauſe gehört. Die Quittung über den Ankauf deſſelben von dem vorigen Eigenthümer lag in beſter Ordnung bei.“ „Ja, das iſt bald geſagt, aber nicht ſo bald be⸗ wieſen,“ entgegnete Peterling.„In meinen Papieren finde ich nichts vom Verkaufe, ſondern nur von der Pacht, die ſeit vielen Jahren bereits abgelaufen iſt. Wenn Ihr Euch überzeugen wollt, Nachbar, ſo kommt mit zu mir herüber, da will ich Euch Alles ſehen laſ⸗ ſen. Offenes Spiel, Meiſter! Ich liebe das.“ 1 Vater Lindemann, von lebhafter Beſorgniß ergriffen, ließ ſeine Arbeit einſtweilen liegen, und folgte dem Nachbar in deſſen Haus. Hier ſchloß dieſer ein Schub⸗ fach auf, langte einige alte Dokumente heraus, und deutete ſeinem Gaſte die Stellen darin an, welche ſei⸗ nen Behauptungen zum Stiützpunkte dienten. Vater Lindemann las mit klopfendem Herzen und ein leiſes Zittern rieſelte durch ſeine Glieder. Es war ſchon Alles richtig ſo, wie Peterling ausſagte, und wenn es dem alten Manne nicht gelang, die Quittung für das be⸗ zahlte Kaufgeld des Gartens herbei zu ſchaffen, ſo — 44 mußte er ſein hübſches, mit ſo großem Fleiße gepflegtes Grundſtück an den Nachbar abtreten. Das war wieder ein harter Schlag, härter noch als der Verluſt ſeiner Erſparniſſe, denn der Garten lieferte dem Vater Lindemann einen großen Theil ſeines Le⸗ bensunterhaltes, und wenn dieſe Quelle verſiegte, ſo konnte er leicht in Noth gerathen, oder mußte wenig⸗ ſtens alle Hoffnungen fallen laſſen, für ſeine Kinder nach ferner Erſparniſſe zu machen. Er ſaß da, wie ein Bild der Trauer. Doch bald raffte er ſich wieder auf.“ „Nachbar Peterling,« ſagte er in ernſtem und ein⸗ dringlichem Tone,„könnt Ihr vor Gott und Eurem Gewiſſen ſchwören, daß dieſes Dokument ächt und nicht gefälſcht iſt?“. „Ei, nun freilich,« lautete die freche Antwort, ob⸗ gleich Peterling dabei den Blick verlegen zu Boden ſenkte.„Ich beſchwöre Alles!« 1 „Wohlan denn,“ ſprach Vater Lindemann feierlich weiter,„ſo werdet Ihr einen Meineid leiſten, Nachbar Peterling, und Gott wird Euch dafür beſtrafen. Ich beſitze freilich die Quittung nicht mehr, welche klar be⸗ weist, daß der Garten mein unbeſtrittenes Eigenthum iſt, denn der Dieb, der mir mein Geld ſtahl, ſtahl auch meinen Kaufbrief;— gleichwohl aber habe ich dieſe Quittung in Händen gehabt, ich habe ſie geleſen, und mit dem Kaufpreiſe für das Haus auch den fuür den Garten geleiſtet. Das kann ich beſchwören vor Gott und meinem Gewiſſen, und wir werden ja ſehen, ob das Wort eines ehrlichen Mannes vor Gericht nicht mehr gilt, als ein Papier, das willkührlich beſchrieben werden kann.“ „Oho,“ rief Peterling aus,—„obgleich ich Euch 45 hier den deutlichen Beweis gebe, wollt Ihr es doch auf eine Klage vor Gericht ankommen laſſen?“« „ Ja, das will ich, im Vertrauen auf Gott,“ er⸗ wiederte Vater Lindemann mit einfacher Feſtigkeit.»Ihr aber, Nachbar, hütet Euch! Gott ſieht in das Verhor⸗ gene und läßt jede Miſſethat offenbar werden!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und verließ Peter⸗ lings Wohnung mit feſten Schritten und erhobenen Hauptes. Aber ach, dieſe äußerliche Feſtigkeit war nur das Ergebniß einer letzten innerlichen Anſtrengung. Als der alte Mann ſeine Stube erreichte, ſank er matt in einen Seſſel, verbarg ſein Geſicht in den Händen und ſchluchzte laut. Ach, er wußte wohl, daß er in ſeinem Eigenthum bedroht war, daß Peterling nicht ruhen wuͤrde, bis er es ihm entriſſen, und daß ihm, dem Angegriffenen, jede Waffe fehlte, den drohenden Schlag von ſich abzuwenden. Was konnte er thun? Die Quittung, von der Alles abhing, war verſchwunden! Wie ſollte er wieder in den Beſitz derſelben kommen? Ach, es ſchien ſo ganz unmöglich!——— Da auf einmal durchblitzte ihn ein Gedanke! Wie, wenn er nun ſelber eine andere Quittung ſchrieb und die Unterſchriften nachmachte, um ſich auf dieſe Weiſe ſein rechtmäßiges Eigenthum zu ſichern. Kaum lief er Gefahr dabei, entdeckt zu werden. Außer⸗ dem wußte er ja, konnte es bei Seele und Seligkeit beſchwören, daß die Quittung richtig vorhanden gewe⸗ ſen war. Auch andere Nachbarn erinnerten ſich wohl, daß er ſein ganzes Grundſtück ehrlich und redlich er⸗ kauft und bezahlt hatte. Das Gericht konnte kaum die Aechtheit der nachgemachten Quittung in Zweifel ziehen, denn wer war im Stande, zu beweiſen, daß die nach⸗ 46 gemachten Namen nicht die ächten ſeien? Vater Linde⸗ mann rettete dadurch ſein kleines Eigenthum, er rettete es fuͤr ſeine Kinder! War es nicht eigentlich ſeine Pflicht und Schuldigkeit, für dieſe zu ſorgen, die ihm am nächſten ſtanden? Wenn ſein Gegner falſche und ſchlechte Waffen gegen ihn brauchte, ſollte er nicht das Recht haben, ihn mit ähnlichen Waffen zu bekämpfen, da ihm die wirkliche, die ächte und ehrliche Waffe ge⸗ raubt war?“—— Vater Lindemann dachte lange darüber nach, erwog die Sachlage nach allen Seiten hin, und kämpfte einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt. Ach, die Verſuchung lag ſo nahe, ſein gutes Recht durch ein Unrecht zu ſchützen, und faſt, faſt wäre er der Verſuchung erlegen. Da, noch zu rechter Zeit, erinnerte er ſich ſeines alten Wahlſpruches: nur immer brav! und mit einem Male ſtand die Ueberzeugung in ihm feſt, daß er, um ein rechtſchaffener, braver Mann zu bleiben, auch nicht um eines Haares Breite von dem geraden Pfade offe⸗ ner Ehrlichkeit abweichen duͤrfe. Er ſprang haſtig auf, und ſtreckte beide Hände vor ſich hin, als ob er den Verſucher und alle böſen Einflüſterungen deſſelben ab⸗ wehren wollte. „Weiche von mir!« murmelte er.„Jetzt iſt's frei⸗ lich ſchon eher eine Kunſt, brav zu bleiben, aber es ſoll und muß geſchehen, und würde es auch ſo weit kommen, daß ich in meinen alten Tagen mein Brod als Bettler auf den Straßen ſuchen müßte! Nur immer brav! Alles Andere will ich Gott anheimſtellen! Er weiß, wo das Recht iſt, und Er iſt der Herr und Mei⸗ ſter aller Gerechtigkeit! Ja, auf dich, mein Gott, will 47 ich bauen, und meine Sache in deine Hände nieder⸗ legen!“—— Dabei blieb es. Die Verſuchung war überſtanden, und freien, offenen Auges konnte Vater Lindemann zum Himmel aufblicken. Was auch geſchehen mochte, von dort, als der Quelle ewigen Troſtes, kam ihm gewiß Kraft und Stärkung auch in den ſchwerſten Tagen. Nachbar Peterling indeſſen ſäumte ganz und gar nicht, ſein vermeintliches oder in Anſpruch genommenes Recht zu verfolgen, und da Vater Lindemann nach wie⸗ derholter Aufforderung den Garten nicht freiwillig ab⸗ trat, ſo wurde die Klage bei Gericht anhängig gemacht. Vergeblich ſuchte Vater Lindemann mit allen möglichen Gründen und Verſicherungen ſein Eigenthum zu be⸗ haupten; die Papiere Peterlings ſprachen gegen ihn, Peterling beſchwor die Aechtheit derſelben, und das Gericht konnte nicht anders, als nach den Beweis⸗ Stücken urtheilen, die ihm vorgelegt wurden. Man⸗ cher zweifelte freilich gar ſehr an dem Rechte Peter⸗ lings und hegte die innigſte Ueberzeugung, daß Vater Lindemann in vollkommen rechtmäßigem Beſitze des Gartens ſei,— aber dieſe gute Meinung von ſeiner Ehrlichkeit half dem alten Manne nichts. Er wurde durch den Spruch des Gerichtes verurtheilt, das Garten⸗ grundſtück an Meiſter Peterling heraus zu geben, und mußte noch dazu ſämmtliche Koſten des Prozeſſes, welche nicht ganz unbedeutend waren, allein bezahlen. Peter⸗ ling lachte ſich in's Fäuſtchen, und ging ſchon am näch⸗ ſten Tage daran, das Stacket weg zu nehmen und es bis ganz vor an Vater Lindemanns Haus zu rücken, ſo daß fortan deſſen Garten mit dem ſeinigen vereinigt war, während Vater Lindemann nun nichts weiter be⸗ 48 1 ſaß, als das Häuschen und das kleine, kleine Streif⸗ chen Garten vor demſelben, wo es an die Straße ſtieß. Das Herz blutete ihm, als er Peterling ſo mit ſeinem Eigenthume wirthſchaften ſehen mußte, und kaum konnte er ſich dabei der Thränen enthalten. Peterling aber, als er die traurigen Blicke des Nachbars bemerkte, ſuchte ſeinen Schmerz durch bittern Spott zu ſchärfen. »Eure Gemüſe ſollen mir gut ſchmecken!« rief er höhniſch dem alten Manne zu.„Ich ſagt' es Euch doch, es hat mich immer gefreut, wenn Ihr ſo viel Sorgfalt und Fleiß auf meinen Garten verwendetet.“ Vater Lindemann zuckte nur die Achſeln, gab keine Antwort weiter und wendete ſich ab. „Mir iſt's nur lieb,“ fuhr Peterling heiter fort, »daß Ihr Euch nicht groß viel aus dem Verluſte des Gartens macht, denn das Beſte bleibt Euch ja immer noch, Euer ſchöner Spruch: nur immer brav! Der tröſtet ja wohl über Alles!«.. „Ja, Meiſter Peterling, das thut er!« entgegnete Vater Lindemann nachdrücklich. „Aber ein Bischen ſchwerer, als ſonſt, wird's Euch doch werden, daran feſt zu halten,“ hoͤhnte Peterling weiter. 1 „Ja, es gehoͤrt ein Bischen mehr Kunſt dazu, jetzt brav zu bleiben, da man ſo manche Schlechtigkeit in der Welt triumphiren ſieht,“ antwortete der alte Mann, entrüſtet über den Spott.„Doch nur Geduld! Ihr ſelbſt habt einſt zu mir geſagt, Nachbar Peterling: Recht muß Recht bleiben! und ſo wahr ein Him⸗ mel über uns iſt, es lebt Einer, der den Spruch wird in Erfüllung gehen laſſen!“ 3 Jetzt war an Meiſter Peterling die Reihe, zu ver⸗ 49 ſtummen. Die feierlichen Worte des alten Mannes hatten ihn ſeltſam betroffen und erſchuͤttert, und er mußte ſich umdrehen, um ſeine Verwirrung zu verber⸗ gen. Als er ſich wieder geſammelt hatte und abermals höhniſche Worte an Vater Lindemann richten wollte, war dieſer verſchwunden, und er mußte ſich begnügen, ihm eine heimliche Verwünſchung nachzumurmeln. Va⸗ ter Lindemann hörte ſie nicht. Er ſaß ſtill in ſeinem Stübchen und betete zu Gott, daß er Licht in das Dunkel, und das gute Recht zur Geltung bringen möge. Viertes Kapitel. Jetzt iſt's aber erſt Kunſt. .5 Wie ſehr der alte, wackere Meiſter Lindemann ſich auch abmühete, die ihn treffenden Unglücksfälle zu überwinden und wieder ein wenig vorwärts zu kom⸗ men, es wollte ihm doch nicht gelingen. Auch ſtuͤrmte in dieſer ſchweren Zeit gar zu viel mit einem Male auf ihn ein. Erſt der Diebſtahl, die Schuld an den Herrn Reinhold, der Verluſt des Gartens, und jetzt auch noch die Bezahlung der Gerichtskoſten, die eine für ſeine beſchränkten Verhältniſſe ſehr bedeutende Summe ausmachten. Er konnte ſie nicht bezahlen, denn ſo viel Geld hatte er nicht vorräthig, und ſo blieb ihm denn nichts weiter übrig, als ſein Häuschen zu verkaufen Nur immer brav. 4 50 und von dem Erlös deſſelben alle ſeine Schulden zu decken. Dieß mußte geſchehen, und es geſchah. Herr Rein⸗ hold kaufte es, und das war noch ein Glück für Vater Lindemann, denn er brauchte nun wenigſtens das Häus⸗ chen nicht gänzlich zu räumen, ſondern durfte gegen einen billigen Miethzins darin wohnen bleiben. recht zurückgekommen war und kaum Hoffnung hegen konnte, ſich wieder, auch nicht beim außerſten Fleiße und größter Sparſamkeit, empor zu arbeiten. Dieß grämte und härmte ihn innerlich denn doch mehr, als er ſich äußerlich merken ließ. Der Gedanke an ſeine Kinder, die er ſo herzlich liebte, und denen er nun doch trotz aller Anſtrengungen, keine ſorgenfreie Zukunft be⸗ Geiſt, und grub in ſeine Stirne tiefe Wurzeln ein. Zwar hinderte dies nicht, daß er unverdroſſen fort⸗ kämpfte und niemals ſeine Arbeit vernachläßigte; im Gegentheile, er war immer noch ſo fleißig, wie nur je zuvor, aber— mit dem Sparen wollte es doch nicht mehr recht gehen, und er lebte nun eben ſo, wie man zu ſagen pflegt, von der Hand in den Mund. Die Nutzung des Gartens fehlte ihm ganz beſonders. Dort hatte er früher ſein ganzes Gemüſe, Kartoffeln, Erbſen, Bohnen und dergleichen mehr gezogen,— jetzt mußte len. Außerdem ſollte auch jedes Vierteljahr die Miethe So weit waren nun ſeine Angelegenheiten geordnet, aber bei aller Ergebung in ſein Schickſal mußte er ſich doch eingeſtehen, daß er durch die vielen Unglücksfälle —— reiten konnte, beugte ſeinen ſonſt ſtarken und friſchen er dies Alles einkaufen und mit baarem Gelde bezah⸗ fuͤr das Haus entrichtet werden, und da konnte es denn nicht ausbleiben, daß es je länger, je mehr mit dem 51 Wohlſtande des alten Mannes rückwärts ging. Bald kam auch der Zeitpunkt, wo er ſeine Holzvorräthe nicht mehr mit baarem Gelde beſtreiten konnte. Er mußte darauf ſchuldig bleiben, und in Folge deſſen höhere Preiſe als ſonſt bezahlen, während er ſeinen Kunden für gelieferte Arbeit nicht mehr, als früher, anrechnen durfte, wenn dieſelben ihm treu bleiben ſollten. Ueberall alſo geringere Einnahmen und größere Ausgaben; da war's kein Wunder, daß Meiſter Lindemann nicht wie⸗ der auf einen grünen Zweig kommen konnte. Er war betrübt darüber, recht ſehr betrübt, aber trotzdem verlor er weder den Muth, noch auch ſein Vertrauen auf Gott. Unverdroſſen verrichtete er ſeine Arbeit, und ſuchte überhaupt in jeder Beziehung ſeine Schuldigkeit zu thun. Nur immer brav, das war und blieb der Leitſtern ſeines Lebens. Nur ſchade, daß alle Bravheit und Rechtſchaffenheit nicht hinreichte, den alten Mann auf die Dauer über dem Waſſer zu halten. Da geſchah es eines Tages, gerade als eben ein unbarmherziger Gläubiger ihn recht hart gedrängt hatte, eine rückſtändige kleine Schuld für gelieferte Hölzer zu bezahlen, was ihm bei'm beſten Willen nicht möglich geweſen war, daß ganz unverhofft Nachbar Peterling bei ihm vorſprach und ſeine Niedergeſchlagenheit be⸗ merkte. »Nun, was hat es gegeben, Nachbar?« fragte er mit anſcheinender Theilnahme.„Gewiß hat der Holz⸗ händler, den ich aus dem Hauſe gehen ſah, Euch um Geld gedrängt und Euch eine böſe Stunde gemacht! Wie? Nun, geſteht es nur ein! Er ſelber hat es mir ſchon geſagt und noch manche Drohung hinzugefügt. Kaum, daß ich ihn beſchwichtigen konnte, wenigſtens 4* 5²2 4 nicht heute und morgen ſchon auf's Gericht zu laufen und Euch zu verklagen. Acht Tage will er nun noch warten, aber das, betheuerte er, wäre auch der letzte Termin.« „Es iſt hart, ſo gedrängt zu werden,“ erwiederte Vater Lindemann betruͤbt.„Ich weiß nicht, wie ich es möglich machen ſoll, den Mann in ſo kurzer Zeit zu befriedigen. Erſt, als ich die Hölzer bei ihm kaufte, zer mir verſprochen, zwei, drei Monate Geduld zu 8 iben, und nun auf einmal, da kaum vier Wochen oeergangen ſind, ſchimpft und droht er, daß ich ihn nicht bezahlen kann. Mag er nun in Gottes Namen ſein Schlimmſtes thun, ich weiß mir nicht mehr zu helfen.“ „Ha, ich wuͤßt' es ſchon, wenn ich an Eurer Stelle wäre, Nachbar,“ ſagte Peterling mit erheuchelter Freund⸗ lichkeit. Vater Lindemann horchte auf.„Und wie denn?« fragte er geſpannt. „Nun, das iſt doch ganz einfach,“ antwortete Pe⸗ terling leichthin.„Wenn man nicht hat, ſo ſucht man, wo man findet. Ihr kommt ja in mancher Leute Häuſer, Nachbar. Da beobachtet man die Gelegenheit, und wenn's gerade einmal paßt, ſo greift man zu.“ »Wie meint Ihr das eigentlich?“ fragte Vater Lin⸗ demann wieder mit niedergeſenktem Blicke.„Ich ver⸗ ſtehe Euch nicht recht.“ „Nun, ich dächte, ſo ſchwer verſtändlich wäre das gerade nicht. Man muß nur nicht ſo übermäßig ſtrenge Begriffe von mein und dein haben, wie Ihr, Nach⸗ bar. Ich ſehe keine große Sünde darin, wenn ich nichts habe, demjenigen ein wenig abzunehmen, der 4 * 5³ zu viel hat. Man muß es nur ein wenig geſcheit an⸗ fangen, daß man nicht dabei ertappt wird. Mit eini⸗ ger Vorſicht gelingt es wohl.“ Vater Lindemann erhob den Blick nicht vom Bo⸗ den, aber ſeine blaſſen Wangen überflog eine tiefe Röthe, und ein ſchmerzlicher Kummer prägte ſich in ſeinen Zügen aus. »So weit alſo iſt es ſchon gekommen, daß man keine Scheu trägt, mir ſolche Vorſchläge und Anträge zu machen?“ ſagte er.„Bin ich darum Zeit meines Lebens ein ehrlicher Mann geweſen, um in meinen letzten Jahren ein Spitzbube zu werden? O Armuth, das iſt dein grimmigſter und ſchwerſter Fluch, daß man dem, an deſſen Ferſen du dich hefteſt, alles Schlechte und Nichtswürdige zuzutrauen und anzumuthen wagt. Aber Gott ſei Dank,« fuhr er mit erhobener Stimme fort,„ich wenigſtens will allezeit brav bleiben, und lieber vor Hunger oder im Gefängniſſe ſterben, als meine Hände mit fremdem Gute beflecken. Geht, geht, Meiſter Peterling, und behaltet Eure guten Lehren für Euch! In mir werdet Ihr bei ſolchen Dingen immer einen unbeholfenen Schüler finden. Ich bin zu alt dazu, um jetzt noch meine Anſichten zu ändern, die mir mein ganzes Leben hindurch zur Nichtſchnur gedient haben! Geht, ſage ich! Und wenn Ihr Euch noch ein einziges Mal unterſteht, mir mit dergleichen Vor⸗ ſchlägen zu kommen, ſo werde ich Euch ein für alle Mal verbieten, meine Schwelle wieder zu betreten. Da iſt die Thür! Gott befohlen, Meiſter!« Ein Blitz des Haſſes brach aus Peterlings Augen. „Schon recht, ſchon recht!« ſagte er mit verbiſſenem Grimme.„Wer nicht hoͤren will, muß fühlen, und 54 wer dumm iſt, muß geprügelt werden. Man wird ja ſehen, wie es Euch gefällt, wenn ſtatt meiner die Hä⸗ ſcher kommen und Euch in den Schuldthurm bringen. Bis dahin ſag' ich auch Gott befohlen! Lange kann's nicht dauern, dann haben ſie Euch feſt!« Mit einem Giftblicke auf den alten Mann verließ er die Stube und ſchmetterte in ſeiner Wuth die Thür hinter ſich zu, daß das ganze kleine Haus ſchütterte und die Fenſterſcheiben klirrten. Vater Lindemann ach⸗ tete ſeines Zornes nicht viel. Er faltete ſeine Hände, und betete ſtill:„Herr, führe uns nicht in Verſu⸗ chung!“ Wieder verſtrich eine Reihe von ſorgen⸗ und kum⸗ mervollen Tagen, und es ſchien, als ob die üblen Vorausſagungen Meiſter Peterlings nur zu raſch in Erfüllung gehen ſollten. Er wurde mehrmals verklagt, mußte vor Gericht erſcheinen, nnd erhielt die Weiſung, ſchleunigſt ſeine Gläubiger zu bezahlen, wenn er nicht in das Schuldgefängniß wandern wolle. Er that ſein Möglichſtes, ſogar einen ſchweren Gang zu Herrn Reinhold, um ihn um ein Darlehen anzuſprechen, und konnte, da ſeine Bitte bereitwillig Gehör fand, dieſes Mal noch die Gefahr abwenden. Da auf einmal trat auch Nachbar Peterling als ſein Gläubiger auf, und mit Erſtaunen und heimlicher Angſt erfuhr der bedrängte alte Mann, daß ſein böswilliger Nachbar mehrere For⸗ derungen Anderer an ihn aufgekauft habe. Das be⸗ deutete nichts Gutes, und Vater Lindemann mußte ſich nun ſchon darauf gefaßt machen, das Schlimmſte zu erleben, nämlich in den Schuldthurm geworfen zu werden. 3 4 Das war ihm ein ſchrecklicher Gedanke, der ihm nicht bei Tage noch bei Nacht Ruhe ließ. Sein graues Haar mit Schande bedeckt, ſein Erwerb ihm vielleicht für immer abgeſchnitten, da ſeine Kunden gewiß nichts mehr mit einem Manne zu thun haben wollten, der im Gefängniß geſchmachtet hatte,— und dann, ſeine armen Kinder! Was wiürden ſie ſagen, wenn ſie die traurige Nachricht erführen! In ſeiner großen Herzensangſt faßte Vater Linde⸗ mann den Entſchluß, den Nachbar zu beſuchen und ſein Mitleid, ſeine Nachſicht anzuflehen, ihn um Geduld zu bitten, und zu verſprechen, ehrlich und redlich nach und nach ſeine Schuld abzutragen. Es koſtete ihn große Ueberwindung, ſich vor dem böſen Manne ſo tief zu demüthigen,— aber die Erinnerung an ſeine Kinder gab ihm Kraft und Muth dazu. Er ſuchte Peterling auf, begab ſich in ſein Haus und drang mit rührender Bitte in ihn, noch einige Monate Geduld zu haben, und nicht die Schande über ſein altes Haupt zu häu⸗ fen. Peterling hörte ihn kalt an und gab ihm eine harte Antwort. „Ich brauche mein Geld,“ ſagte er.„Iſt es nicht binnen acht Tagen in meinen Händen, ſo ſeid Ihr dann gefangen, und Ihr kennt mich, ich werde keine großen Umſtände mit Euch machen. Wer nicht hören will, muß fühlen, und wer dumm iſt, muß geprügelt werden! Das habe ich Euch ſchon einmal geſagt, und wiederhole es. Denkt an den Vorſchlag, den ich Euch gemacht habe. Das iſt mein letztes Wort. In acht Tagen— entweder das Geld, oder der Schuldthurm! Da iſt die Thür!« Der alte Mann ſchüttelte traurig den Kopf und ging mit gebrochenem Herzen. Ja, das ſah er ſchon 56 — von dieſem Menſchen hatte er nicht Gnade, nicht Erbarmen zu erwarten! Die Hand des Schickſals lag ſchwer auf ihm und drückte ihn zu Boden. Er mußte ſich beugen, die Kraft fehlte ihm, dem widrigen Ge⸗ ſchicke die Stirne zu bieten. Wohl dachte er daran, noch einmal Herr Reinholds Güte in Anſpruch zu nehmen,— aber er wagte es nicht. Der brave liebe Herr hatte ihm ſchon ſo manchmal geholfen, er ſchul⸗ dete ihm ſchon eine anſehnliche Summe, und da ſcheute er ſich, ihn ſchon wieder zu beläſtigen. Er muß mir's ja abſchlagen!“ dachte er.„Seine große Geduld muß ja zuletzt ein Ende nehmen! Und lieber, als ſeine gute Meinung und ſeine Gunſt verſcherzen, will ich doch in den Kerker gehen!“ So unterblieb der Gang, der übrigens gewiß dem Vater Lindemann Hülfe und Rettung gebracht hätte, und der Arme verbrachte ſeine Tage in Trauer und Hoffnungsloſigkeit.. Da ſchien ſich ihm noch einmal eine Ausſicht zu eröffnen, dem Schlimmſten zu entgehen, wenn es ihm nur gelang, dem harten Nachbar deterlis das Herz zu rühren, daß er ihm eine kurze Friſt gewährte. In der Stadt lebte ein reicher Banquier, Herr Commer⸗ zienrath Salomon, deſſen Tochter ſich verlobt hatte. Herr Salomon kannte die bedrängte Lage des ehrlichen alten Lindemann, und da er ihn ſeiner Rechtſchaffen⸗ heit wegen ſchätzte, beſchloß er, ihm einen tüchtigen Verdienſt zuzuwenden, und ließ ihn zu ſich kommen. »Meiſter Lindemann,“ ſagte er,„meine Tochter wird ſich über kurz oder lang verheirathen, und Sie ſollen ihr die ſämmtlichen Möbel liefern, die ſie zu, ihrer Ausſtattung gebraucht, vorausgeſetzt, daß Sie dieſelben binnen einem halben Jahre ſchaffen können.« Vater Lindemann ließ ſich ein Verzeichniß der ver⸗ langten Gegenſtände geben, überlegte, daß er mit Hülfe von ein paar geſchickten Geſellen die beſtimmte Zeitfriſt einhalten könnte, und übernahm alſo mit Freuden einen Auftrag, der ihm einen anſehnlichen Gewinn verſprach und ihn aus allen ſeinen Verlegenheiten reißen konnte. Herr Salomon erbot ſich ſodann, alle Auslagen für Holz und dergleichen zu beſtreiten, und ihm wöͤchentlich eine beſtimmte Abſchlagszahlung zu machen. Meiſter Lindemann fühlte ſich wie im Himmel. Jetzt war er ja ganz gewiß gerettet, denn die Abſchlags⸗ zahlungen waren ſo hoch feſtgeſetzt, daß er gut und gerne die Hälfte davon wochentlich an Peterling geben und ſo allmählig die Forderung deſſelben tilgen konnte. Mochte er ſelber dann auch die äußerſten Entbehrungen erdulden müſſen, das kümmerte ihn wenig, wenn es ihm nur gelang, die Schande des Gefängniſſes von ſich abzuwenden. Mit Thränen der Rührung dankte er Herrn Salomon für ſeine Güte. »„Schon gut, Meiſter!“ unterbrach ihn dieſer.„Ich weiß ja, Sie ſind fleißig und geſchickt, Sie werden mir gute Arbeit liefern, und ich zahle Ihnen dafür gutes Geld, da braucht ſich Keiner bei dem Andern zu bedanken. Aber noch eins. Die Möbel in meinen Privatzimmern müſſen aufpolirt werden, und zwar ſo⸗ gleich. Meine Frau und meine Familie ſind auf mei⸗ nem Landgute und kommen in drei oder vier Tagen wieder zuruͤck. Bei ihrer Ankunft möchte ich Alles in Ordnung haben. Können Sie mir's bis übermorgen fertig ſchaffen?« Meiſter Lindemann verſprach es, und wenn er Tag und Nacht arbeiten ſollte. Herr Salomon beſchied ihn auf den andern Tag in aller Frühe, und Meiſter Linde⸗ mann kehrte mit einem Gefühle in ſein Häuschen zu⸗ rück, wie er es ſeit langer Zeit nicht empfunden hatte. Er war glücklich! Die drohenden Gewitterwolken, welche über ſeinem Haupte ſchwebten, ſchienen ſich unſchädlich vertheilen zu wollen, und ſelbſt die Bosheit ſeines Ver⸗ folgers, des unbarmherzigen Peterling, glaubte er nicht mehr fürchten zu müſſen. Eine ſolche Grauſamkeit traute er ihm nicht zu, daß er auch jetzt noch eine Friſt ver⸗ weigern würde, wo die beſtimmte und ſichere Ausſicht zu Befriedigung ſeiner Schuldforderung vorlag. Noch am nämlichen Tage begab er ſich zu ihm, theilte ihm mit, was für einen guten Auftrag er von Herrn Sa⸗ lomon empfangen hatte, und erbot ſich, ihm allwöchent⸗ lich die Hälfte von den verſprochenen Abſchlagszahlun⸗ gen einzuhändigen, bis ſeine Forderung völlig gedeckt ſei. Wider alles Erwarten wies aber Peterling auch dieſen Vorſchlag mit Beſtimmtheit und Härte zurück. „In vier Tagen iſt der Zahlungstermin,“ ſagte er. „Bekomme ich da nicht mein Geld, und zwar die ganze Summe unverkürzt, ſo wandert Ihr in den Schuld⸗ thurm. Spart jedes Wort, Meiſter Lindemann! Da iſt die Thuͤr!« Vergebens bat und flehte der alte Mann,— Pe⸗„ terling blieb unerbittlich. „Nun denn, Gott möge Euch verzeihen,“ ſagte Vater Lindemann endlich, da er nun wohl merkte, daß der hartherzige Gläubiger ihn gerne völlig zu Grunde richten wollte,—„Ein Ausweg bleibt mir immer noch, * 59 und ich hoffe, daß Eure ſchändliche Abſicht doch nicht erreicht werden ſoll.“ „Wünſche viel Glück zu dieſem Auswege,“ höhnte Peterling.„Es wird wohl derſelbe ſein, den ich Euch einſt vorgeſchlagen habe. Der Commerzienrath Salo⸗ mon iſt ein reicher Mann, und wird nicht gleich mer⸗ ken, wenn ihm ein paar hundert Thaler in der Kaſſe fehlen. Gute Verrichtung, Nachbar!“ Meiſter Lindemann warf ihm einen Blick der Ver⸗ achtung zu und verließ das Haus. Sein Plan war natürlich ein ganz anderer, als ein ſolcher, auf welchen Peterling hingedeutet hatte. Er wollte am folgenden Tage, ſobald ſich eine paſſende Gelegenheit darbieten würde, Herrn Salomon ſeine ganze Lage entdecken, und ſein ganzes Herz vor ihm ausſchütten, und hoffte, ihn dadurch zu bewegen, ſich ſeiner gegen Peterling anzunehmen. Das nahm er ſich feſt vor, und begab ſich am nächſten Morgen in aller Frühe im Vertrauen auf guten Erfolg in Herrn Salomons Haus. Herr Salomon war noch nicht ſichtbar; aber das that ja nichts, Meiſter Lindemann hatte ja noch den ganzen Tag und auch den folgenden vor ſich. Er ging an ſeine Arbeit und polirte fleißig an den Möbeln herum. Gegen Mittag kam Herr Salomon, aber mit einem fremden Herrn in ſo angelegentlichem Geſpräch, daß Meiſter Lindemann ihn nicht zu ſtören wagte. Zwar entfernte ſich nach einem Stündchen der Fremde wieder, aber ehe ſich der alte Mann ein Herz faſſen konnte, trat ſchon wieder ein Anderer ein, und Herr Salomon ging mit ihm fort. Erſt gegen Feierabend kam er wie⸗ der, ſprach ein paar freundliche Worte mit Meiſter 60 Lindemann, ſchloß dann ſeinen Secretair auf und kramte einige Minuten in ſeinen Papieren umher. „Jetzt,“ dachte Vater Lindemann,„jetzt iſt der rechte Augenblick da!« Schon legte er ſeine Polir⸗Lappen bei Seite, um ſich Herrn Salomon zu nähern, als plötzlich ein Wa⸗ gen im Galopp vor das Haus fuhr, und gleich darauf ein Diener blaß und beſturzt in das Zimmer trat. »Herr Commerzienrath,« ſtammelte er,„erſchrecken Sie nicht, der kleine Rudolph hat Schaden genommen.“ »Was fuür Schaden?« rief Herr Salomon heftig erſchrocken.„Was iſt ihm begegnet? Mein einziger Sohn! Großer Gott! Was iſt mit ihm 2« »Er iſt vom Balkon geſtürzt! Madame ſchickt mich, Sie möchten ſogleich auf das Landgut hinauskommen!« Herr Salomon entfärbte ſich bis zur Leichenbläſſe. „Iſt er todt?« rief er aus.„Sage mir die Wahrheit, Johann!“ „Nein, Herr, nein,“ erwiederte der Diener.„Ganz gewiß nicht! Nur meinte Madame, es koͤnnte doch wohl gefährlich ſein.« »Den Arzt hinaus! Auf der Stelle!« befahl Herr Salomon. »Iſt ſchon geſchehen. Herr Doctor Hauff iſt ſchon auf dem Wege hinaus. Ich fuhr zuerſt bei ihm vor.“ »Das haſt du recht gemacht, Johann! Jetzt nur ſchnell fort! Mein armer Rudolph!«* Ohne in der Beſtürzung des erſten Schreckens noch nach Meiſter Lindemann zu ſehen, ohne nur daran azu denken, den offen ſtehenden Secretair zu verſchließen 4 und den Schlüſſel mit zu nehmen, ſtürzte Herr Salo⸗ mon fort, warf ſich in den harrenden Wagen, und 61 jagte im Galopp davon. Niemand als Meiſter Linde⸗ mann blieb in dem Zimmer zuruͤck, und Niemand im ganzen Hauſe bekümmerte ſich um ihn. Vater Lindemann hatte am Fenſter geſtanden und dem Wagen nachgeſchaut. Als er ſich jetzt umdrehte, fiel ſein Blick zufällig auf den Secretair. Die Klappe deſſelben war aufgeſchlagen und zwei Schubkaſten ſtan⸗ den offen; aus dem einen glänzten ihm Goldſtücke ent⸗ gegen, in dem andern lagen eine Menge kleine Packete Papiergeld. Mehrere Gold⸗ und Silbermünzen ſah er auch auf der offenen Klappe zerſtreut umherliegen. Welchem armen bedrängten Manne in der Lage, in welcher ſich Vater Lindemann gerade befand, wäre wohl nicht eine ſchwere Verſuchung in dieſer Stunde nahe getreten? Nur eines einzigen Griffes in den Ka⸗ ſten mit Goldſtücken bedurfte es, und der alte Mann wäre mit einem Male aller Sorgen und Aengſte ledig geweſen. Er war allein, Niemand ſah ihn, Niemand achtete auf ihn bei der Verwirrung und Beſtürzung, in welche die Nachricht von dem Unglücke des kleinen Rudolph das ganze Haus verſetzt hatte. Meiſter Linde⸗ mann brauchte nur das Geld zu nehmen, ſo viel er eben wollte, es in ſeine Taſche zu ſtecken, den Secre⸗ tair offen ſtehen zu laſſen und aus dem Hauſe zu gehen, ohne die Stubenthür hinter ſich zu verſchließen. Wenn dann auch der Diebſtahl bemerkt wurde, was immer noch zweifelhaft war,— wer konnte auftreten, und ihn, den allgemein als brav und rechtſchaffen bekannten Meiſter Lindemann des Verbrechens beſchuldigen, oder auch nur einen Verdacht gegen ihn auszuſprechen? Un⸗ möglich, wenn vielleicht, ja ſogar wahrſcheinlich, den ganzen Abend und die Nacht hindurch Zimmer und 6² Schrank offen ſtehen blieben. In dem Hauſe des rei⸗ chen Banquier gingen viel Leute ein und aus,— auf wen Alles konnte da nicht der Verdacht fallen. Alſo auf der einen Seite Sicherheit und Strafloſigkeit,— auf der andern: Abwerfung einer drückenden Schulden⸗ laſt, Vermeidung des Schuldthurmes, Abwenden der gefürchteten Schande und vor Allem,— allerdings die größte Verlockung,— Erfüllung des Lieblings⸗Wun⸗ ſches, den er ſo lange für ſeine Kinder im Herzen ge⸗ hegt, für den er ſo manches Jahr ſchwer gearbeitet, gedarbt und geſpart hatte. Ja, das konnte wohl für eine ſchwere, ſchwere Verſuchung gelten, und jetzt, jetzt war es wirklich eine rechte Kunſt, brav zu bleiben. Aber gerade daran dachte auch Vater Lindemann, jetzt gerade ſtählte es ſeine Kraft, daß er ſein Sprich⸗ wwort ſo recht mit ſeinem innerſten Weſen gründlich hatte verwachſen laſſen, ſo daß es ihm bei jeder Verſuchung als treuer Freund unfehlbar zur Seite ſtand. „Nur immer brav!“ ſagte er halblaut vor ſich hin.„Lieber ſterben wie ſtehlen!« Mit feſtem Entſchluſſe ging er auf den Secretair zu, raffte das Geld von der Klappe zuſammen, legte es in ein Fach, ſchob die Schubladen ein, verſchloß die Klappe, indem er zweimal den Schlüſſel herumdrehte, verließ auch das Zimmer, deſſen Thuͤr er gleichfalls hinter ſich verſchloß, und ging dann nach dem Ge⸗ ſchäftslokale des Herrn Salomon, um dort die Schlüſ⸗ ſel abzugeben. Wider Erwarten fand er jedoch das Lokal ſchon verſchloſſen, und überhaupt im Hauſe Nie⸗ manden weiter, als eine Magd. Er kannte ſie nicht, und trug daher Bedenken, ihr die Schlüſſel einzuhän⸗ ——— 63 digen. Alſo begnügte er ſich, ihr mitzutheilen, daß er den Schlüſſel zu des Herrn Stube eingeſteckt habe, um am andern Morgen bei Zeiten wieder hineinkommen und ſeine Arbeit fortſetzen zu können, und begab ſich dann, zufrieden mit ſich und den genommenen Maß⸗ regeln, nach ſeinem Häuschen. Am andern Morgen, als er ſich wieder zu dem Hauſe des Banquiers begab, erſtaunte er nicht wenig, hier Alles in Aufregung und Verwirrung zu finden. Auf Befragen erfuhr er, daß in der Nacht Diebe ein⸗ gebrochen ſeien, und man wiſſe noch gar nicht, was ſte Alles mit fortgenommen hätten. Nach dem Herrn Salomon, der über Nacht nicht heimgekommen wäre, ſei bereits geſchickt worden, und er könne jeden Augen⸗ blick von ſeinem Landgute eintreffen, da ihn dort nichts Wichtiges mehr feſthalte. Denn der Sturz ſeines Soh⸗ nes vom Balkon war glücklicher Weiſe nicht von ge⸗ fährlichen Folgen begleitet geweſen, und der Arzt hatte den Knaben bereits außer aller Beſorgniß erklärt. Seltſame Gedanken kreuzten ſich bei dieſen Nach⸗ richten im Kopfe Meiſter Lindemanns. Wenn er nun geſtern Abend einen kecken Griff in die offenen Schub⸗ fächer gethan hätte! Wer konnte denn gegen ihn Ver⸗ dacht ſchöpfen? Und doch— er fühlte keinen Augen⸗ blick Reue darüber, daß er ſeinen rechtſchaffenen Grund⸗ ſätzen treu geblieben war. Nur eine Befürchtung ängſtigte ihn und trieb ihm das Blut heiß durch die Adern. Er hatte geſtern den Schlüſſel des Secretairs mitgenommen! Wenn der Secretair erbrochen gefunden wurde, konnte da nicht doch auf ihn, den Unſchuldigen, ein Verdacht geworfen werden? Aber nein! Auf Be⸗ fragen hörte er, daß die Thür des Herrn Salomon 64 noch verſchloſſen gefunden und geblieben ſei, die Diebe alſo vermuthlich dort nicht eingedrungen wären. Das war ein Troſt. Hatten ſie nicht in das Zim⸗ mer gekonnt, dann ganz natürlich auch nicht an den Secretair. „Sehen wir doch gleich nach,“ ſagte die Magd, „mit welcher Meiſter Lindemann am Abend vorher ge⸗ ſprochen hatte.„Da iſt ja der Tiſchler, der geſtern den Schlüſſel mitgenommen hat.« »Nein, warten wir, bis Herr Salomon kommt,“ entgegnete Meiſter Lindemann.„In ſeine Hände will ich den Schlüſſel geben.“ Die Leute waren damit einverſtanden, da ja Herr Salomon jede Minute erſcheinen konnte, und mittler⸗ weile erfuhr Meiſter Lindemann, wie die Diebe im Hauſe gewirthſchaftet hatten. Sie waren von außen durch die Fenſter in die Zimmer der Hausfrau einge⸗ drungen, hatten ihren Schreibtiſch und mehrere Schränke und Kommoden erbrochen, und zwar allerdings einige Sachen von Werth entwendet, aber doch zum Gluͤck nicht die koſtbarſten Gegenſtände, als Schmuckſachen und dergleichen gefunden, weil Herr Salomon dieſe während der Abweſenheit ſeiner Gattin in dem ſehr feſten und ſichern Geſchäfts⸗Lokale aufbewahrte. Hier hatten die Spitzbuben zwar auch Verſuche gemacht, die Riegel und Schlöſſer zu ſprengen, aber ſie doch ein wenig zu ſtark gefunden. In den Bureau's wurde nichts vermißt. 3 Endlich, nach einer kleinen halben Stunde, traf Herr Salomon ein. Der Bericht ſeiner Leute und ein flüchtiger Ueberblick zeigten ihm, daß der angerichtete 65⁵ Schaden nicht ſehr bedeutend ſei, und nur für ſein eigenes Zimmer ſchien er Beſorgniß zu hegen. »Den Schlüſſel! Den Schluſſel!« ſagte er heftig. „Wo iſt er?« Vater Lindemann trat vor und übergab ihn, indem er zugleich erklärte, aus welchem Grunde er ihn geſtern mitgenommen habe. Herr Salomon blickte ihn ſcharf an, äußerte aber nichts, ſondern ging mit raſchen Schritten auf ſein Zimmer zu und öffnete es. »Gott ſei Dank!« rief er aus, als er nur einen Blick hineingeworfen.„Der Secretair i*ſt verſchloſſen, trotzdem daß ich hier ſehe, daß Meiſel und Hammer an dem Riegel thätig geweſen ſind. Aber wie iſt mir denn? Ich weiß doch mit Beſtimmtheit, daß ich geſtern in der Haſt und Eile ganz vergaß, den Secretair zu⸗ zuſchließen! Wer hat dies gethan?« »„Ich war es, Herr Salomon!« ſagte Vater Linde⸗ mann mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht.„Ja, ja, Sie ließen Alles auf, und da dacht' ich, es ſei beſſer, ich ſchlöße zu und nehme den Schlüſſel an mich. Hier iſt er!« »Ah, das war brav von Euch, Meiſter!« rief Herr Salomon aus.„Nun bin ich ruhig. Es wird Alles in Ordnung ſein.“ Ein Wink verabſchiedete die mit in das Zimmer eingedrungenen Leute, und nur Meiſter Lindemann mußte da bleiben. In ſeiner Gegenwart öffnete jetzt Herr Salomon den Secretair, warf einen Blick in die Fächer und Schubkaſten, und nickte zufrieden. »Alles in Ordnung,“« ſprach er.„Meiſter Linde⸗ mann, ich bin Euch großen Dank ſchuldig, daß Ihr meine Unvorſichtigkeit und Vergeßlichkeit gut gemacht Nur immer brav. 5 66 habt. Es liegt hier eine bedeutende Summe Geldes, und ſte war noch dazu anvertrautes Gut. Ihr habt ſte mir gerettet. Ohne Eure Vorſicht würden die Spitz⸗ buben mir keinen Pfennig übrig gelaſſen haben. Seht ſelbſt hier am Schloſſe die Spuren ihrer Diebshände. Wäre das Schloß nicht ein Meiſterſtuck, ſo... aber daran mag ich gar nicht denken, es würde mich in große Verlegenheit geſtürzt haben, während das An⸗ dere, was geſtohlen iſt, nicht der Rede werth ſcheint. Dank Euch, Meiſter Lindemann! Ich freue mich, in Euch nicht nur einen vorſichtigen, ſondern auch einen von Grund aus braven Mann kennen gelernt zu ha⸗ ben. Euch lag die Verſuchung näher, als den einge⸗ brochenen Schelmen. Und jetzt, Meiſter,— was kann ich für Euch thun! Meine Dankbarkeit ſoll ſich nicht blos in kahlen Worten äußern, und ich weiß, daß Eure Umſtände nicht die beſten ſind. Sprecht frei und offen, wie Ihr zu einem guten Freunde reden würdet, der Euer volles Vertrauen genießt.“ Dem alten Vater Lindemann ſtanden Thränen der Rührung und der Freude in den Augen. Er konnte lange nicht reden, und es ſträubte ſich etwas in ihm, gerade jetzt, wo er Herrn Salomon allerdings einen guten Dienſt geleiſtet, deſſen Beiſtand gegen ſeinen Verfolger Peterling anzuſprechen. Geſtern wär' es ihm leichter geworden, aber heute— nein, es wollte nicht heraus. Indeß, Herr Salomon war ein ſcharf ickender. Mann und erkannte wohl, daß irgend eine⸗Aaſt dis ⸗ Seele des alten Mannes bedrückte. So drang er denn weiter in ihn, lockte ihm durch Fragen und auf Um⸗ 5 67 wegen ſein Geheimniß ab, und ruhte nicht, bis er vollſtändig unterrichtet war. »Alſo nur um ein paar hundert Thaler handelt es ſich!“ ſagte er dann lächelnd.»Nun, Meiſter, um deswillen hättet Ihr nicht nöthig gehabt, mir ſo viele Mühe zu machen. Wie heißt der Menſch, dem Ihr das Geld ſchuldig ſeid?« »Peterling, Maurermeiſter Peterling!« „»Hm, der Name kommt mir bekannt vor,« ſprach Herr Salomon nachſinnend.»Ja, ja, ich erinnere mich, der Mann hat einmal bei mir gearbeitet, ein paar Ofen geſetzt oder ſo etwas, aber er gefiel mir ſchon damals nicht, und ſo ließ ich ihn nicht wieder rufen. Nun, jetzt iſt's was Anderes! Schickt ihn doch zu mir, Meiſter. Er ſoll ſeine ganzen Forderungen an Euch mitbringen, und auf der Stelle befriedigt werden. Wir Beide reden dann weiter über Eure Angelegenheiten, denn wir ſind noch keineswegs fertig mit einander. Einſtweilen Adieu, mein alter braver Meiſter! Ich muß doch die Polizei benachrichtigen, damit wir den Dieben wo möglich auf die Spur kommen. Die Schur⸗ ken! Seht nur! Vermittelſt einer Leiter ſind ſie hier, wie unten, heraufgeſtiegen, haben die Fenſter aufge⸗ brochen und ſo den Weg herein gefunden. Nun, Gott ſei Dank, ihnen hat ihre Verwegenheit nicht viel ge⸗ nützt, und mir hat ſie, Dank Eurer Umſicht, Meiſter, nicht viel geſchadet. Doch ich halte mich ſchon zu lange auf! Adieu, Adieu, Vater Lindemann! Nächſtens ein Weiteres!«— Fort war er, ehe der alte Mann Worte für ſeinen Dank und ſeine Rührung gefunden hatte. Aber jetzt 68 faltete er die Hände über der Bruſt, athmete tief und erleichtert auf, und blickte nach Oben. Was er betete mit flüſternder Lippe, wer weiß es? Aber gewiß ein recht inniges Dankgebet war es, was aus ſeinem tiefſten Herzen zum Throne des Ewigen aufſtieg. Dann nahm er ſein Polir⸗Geräth zur Hand, und arbeitete fleißig, wie er's gewöhnt war. Manch⸗ mal flüſterte er dabei halblaute Worte vor ſich hin, und öfter als einmal hätte man ihn können ſagen hören: »Nun war's doch recht gut, daß ich der Verſuchung nicht erlag! Ehre gerettet, gutes Gewiſſen und Frieden mit Gott gerettet, und erleichtert von ſchwerem Druck! Ach ja, ach ja, es bleibt doch das Beſte: Nur immer brav zu ſein!“ Fünftes Kapitel. Der barmherzige Samariter. Seit dem Diebſtahle bei dem Banquier Salomon waren etwa acht Tage verſtrichen. Obgleich ſich die Polizei alle Mühe gegeben, den Spitzbuben auf die Spur zu kommen, war doch eben ſo wenig etwas ent⸗ deckt worden, wie damals, als ein frecher Dieb den Meiſter Lindemann beſtohlen hatte. Herr Salomon machte ſich indeß nicht viel daraus, denn, wie ſich nach⸗ —y——õÿy— ſ 69 1 8 gerade herausgeſtellt, war der ihm verurſachte Schaden in der That von keiner Bedeutung. Vater Lindemann hatte mittlerweile den größten Vortheil von dem begangenen Verbrechen. Nicht allein, daß Herr Salomon, ſeinem Verſprechen gemäß, die Schuld des wackeren Meiſters an Peterling bezahlte, und ihn ſo deſſen Klauen entriß,— er ſorgte auch dafür, daß die Redlichkeit und das ganze gute und um⸗ ſichtige Benehmen Vater Lindemann's bei dieſer Ange⸗ legenheit in der ganzen Stadt gehörig bekannt und gewürdigt wurde. Die Folge war, daß der brave Tiſchlermeiſter mehr als je mit Aufträgen überhäuft ward, und nicht nur zwei, ſondern ſogar fünf tüchtige Geſellen annehmen mußte, um allen Anforderungen Genüge zu leiſten. Drei arbeiteten bereits in ſeiner Werkſtatt, und zwei Andere hoffte er in den nächſten Tagen noch zu bekommen. Auch mit Holzankäufen brauchte er ſich jetzt keine Noth weiter zu machen. Herr Salomon hatte ihm Kredit in ſeinem Banquier⸗Geſchäft eröffnet, und da ging nun Alles, wie am Schnürchen. Da er baar bezahlte, konnte er billig einkaufen, und es war alſo leicht zu berechnen, daß er in kurzer Zeit wieder auf einen grünen Zweig kommen mußte. Noch ein Jähr⸗ chen oder zwei, und es konnte gar nicht fehlen, ſo ſah er ſeinen Lieblingswunſch erfüllt und ſeine Kinder wie⸗ der im ſich. „hieſe Ausſichten ſtimmten das Gemüth Meiſter Lindenann's natürlich wieder heiter und vergnügt, und in ſolcher heiteren, vergnügten, glücklichen Stimmung ſaß ef eines Abends nach dem Feierabend noch ziemlich ſpät in ſeinem Wohnzimmer vor einem Buche, in das 4 70 er ſeine Ausgaben und Einnahmen pünktlich aufzu⸗ zeichnen gewohnt war, und rechnete emſig aus, was er wohl im Laufe des Jahres verdienen und für ſeine Kinder zurücklegen könnte. Das Ergebniß ſchien ein günſtiges zu ſein, denn ſein ganzes Geſicht trug das Gepräge innerlicher Herzensfreude, und mancher dank⸗ erfüllte Blick ſtrahlte aus ſeinen Augen nach oben. „Es wird gehen, es wird gehen!« murmelte er. „Höͤchſtens zwei Jahre noch, und mein Heinrich ſchwingt ſeinen Hammer in der eigenen Werkſtatt während meine Marie mir wie ſonſt die kleine Wirthſchaft führt. Nur das laß mich noch erleben, lieber, barmherziger Vater im Himmel! Nachher will ich mit Freuden hinab in die Grube fahren!“ Ddie ſtillen Gedanken Vater Lindemann's wurden jetzt,— es mochte gegen elf Uhr in der Nacht ſein,— durch ein wüſtes Geſchrei und Toben unterbrochen, welches vom Garten des Nachbars Peterling her in ſein Ohr drang. Er horchte auf, trat an das Fenſter, öffnete es ein wenig, und lauſchte in die Nacht hin⸗ qus. »Ja, ja,“ ſagte er.„Es iſt ſchon ſo. Nachbar Peterling kommt wieder einmal betrunken nach Hauſe und macht einen Lärm, daß man davor nicht einſchlafen kann. Aber was iſt das? Er ſcheint ja nicht allein zu ſein— ich hoͤre noch eine andere Stimme— und Beide in heftigem Streite, wie es ſcheint! Ach, zeſer Mann, dieſer Mann! Wenn er doch nur ein enig mehr ſein Seelenheil und das Wohl ſeiner Fumilie bedenken möchte! Wie ſie brüllen und toben, dieſe Menſchen! Aber das— was war das? Hecergott, es wird doch kein Unglück geſchehen ſein?“ i — emann war unwillkürlich heftig erſchrocken zuſammengefahren, denn ein gellender wilder Schrei je Luft erſchüttert, ein ſo wilder Schrei, wie ihn faſt nur Entſetzen und Todesangſt einem Men⸗ ermag. Er beugte ſich weit zum it geſpannteſter Aufmerk⸗ und Toben der zu haben. Als ſich auch nach einigen Minuten nichts mehr regte, ſchloß Vater Lindemann ſein Fenſter wieder zu, entkleidete ſich, löſchte ſein Licht aus, und ging zur Ruhe 5 er bei ſich ſelbſt.„Ich Wunderlicher Weiſe wollt ſonſt nie auf ſich warten ließ, heut ſich einfinden. Der ſchreckliche Schrei, d mann vernommen, gellte ihm immer noch in den Ohren nach, und verurſachte ihm eine unerklärliche Unruhe. Er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, irgend etwas Entſetzliches geſchehen ſein müſſe, und da dieſer Gedanke durchaus nicht weichen wollte, ſo faßte 87 er endlich den Entſchluß, wieder aufzuſtehen, und an des Nachbars Haus zu gehen, um ſich zu überzeugen daß er nur von unbegründeten Vorſtellungen gepeinige wüͤrde. „Gedacht, gethan! Er ſprang aus dem Bette warft die Kleider über, und war eben im Begriffe, d als er plötzlich im Gart Licht wieder anzuzünden, F draußen vor dem Fenſter Schritte vernahm. Schrecken durchrieſelte ihn. Das mußte Peterling ſei ¹ e aber der Schlaf, der edurchaus noch nicht — 72 Was hatte dieſer Mann zu ſo ſpäter Stunde noch im Garten zu ſchaffen?— Wenige Augenblicke ſpäter klopfte es von außen Peterling's Stimme, mochte aber nichts mit dem Men⸗ ſchen zu ſchaffen haben, und verhielt ſich deßhalb ganz ill. es recht, er ſchläft!« murmelte die Stimme draußen.»Nun bin ich ſicher!« Nach dieſen Worten entfernten ſich die Schritte wieder,— aber bald kehrten ſie von Neuem zurück. Meiſter Lindemann hörte Peterling ſchwer athmen und euchen,— dann, bei 1 fah er ſeine Geſtalt in dunkeln Umriſſen, und irgend etwas, wie einen Sack, was er auf ſeinen Schultern dann, als ſich nichts rührte und regte, eilte er Üchtigen ſcheuen Schritten durch den Garten nach ſeinem Hauſe zurück. Vater Lindemann öffnete wieder ſeei Fenſter ein wenig, und hörte bei der tiefen Stille Nacht deutlich, wie ſein Nachbar drüben die Haus⸗ üre öffnete, ſie wieder zumachte, und zweimal den chlüſſel im Schloſſe umdrehte. Nun wartete er noch ein Weilchen, bis er glaubte, daß Peterling wohl zur 24 Ruhe gegangen ſein möge, und endlich, da er ein leiſes Stöhnen draußen von ſeinem Hofe her vernahm, zün⸗ dete er eine kleine Laterne an und begab ſich hinaus, um zu ſehen, was für ein ſeltſames Geſchenk Meiſter Peterling ihm gemacht haben möge. Vorſichtig leuchtete er umher, aber ein jäher Schrecken ſchüttelte ihn, als das Licht auf den Gegenſtand ſchien, welchen der Nachbar über das Stacket geworfen hatte. Es war ein Menſch, der aus einer ſchweren Kopfwunde blutete und leiſe ſtöhnte, ein Beweis, daß noch Leben in ihm ſein müſſe. Andere Zeichen, als dieſes ſchwache Stöhnen, ſprachen indeß nicht dafür, denn die Geſtalt lag regungslos da, und ihr Geſicht, zum Theil von Blut überſtrömt, zeigte eine grauenhafte Bläſſe. Vater Lindemann, nachdem er den erſten jähen Schrecken über⸗ wunden, leuchtete näher hinzu, und erkannte den Men⸗ ſchen. Er hieß Greulich, und war ein ziemlich übel berüchtigtes Subject, eine Art von ſogenanntem Winkel⸗ Advokaten, der allerlei Schreibereien für unwiſſende Leute beſorgte, und im Rufe ſtand, daß er ſie dabei tüchtig zu rupfen und zu betrügen pflege. 2 Zunächſt hatte Vater Lindemann große Luſt, den Menſchen auf die Straße zu tragen, ihn da liegen zu laſſen und ſich mit der ganzen Angelegenheit gar nicht mehr zu befaſſen. Bald aber ſiegte das Mitleid über ſeinen anfänglichen Widerwillen, und er gedachte des barmherzigen Samariters, welcher den von Räubern überfallenen Mann verbunden und gepflegt hatte. Sollte er weniger thun, als Jener gethan? Nein! Er faßte den ſchwer Verwundeten unter die Arme, ſchleppte ihn ohne große Anſtrengung, da der Schreiber Greulich nur ein kleiner, ſchmächtiger Menſch war, in ſein Haus, Er ſchlug die Augen auf, und ſtarrte mit verwirrten, wilden Blicken umher. „Mein Gott, wo bin ich 2 ſtammelte er mit noch ſchwerer Zunge. „In guten Händen, Freund,« erwiederte Meiſter Lindemann.„Es iſt Ihnen übel mitgeſpielt worden, ich fand Sie auf meinem Hofe und trug Sie in mein „Ja, beſſer!« lallte er Mann.»Nur meine Kehle iſt ſo trocken/ Einen Schluck Waſſer, ich bitte!« Vater Lindemann ſetzte ihm ſogleich ein Glas Waſſer an die blaſſen Lippen, und mit Begierde leerte es der Verwundete bis zum letzten Tropfen aus. Der kühle Trunk ſchien ihn wunderbar zu ſtärken und zu erfriſchen. Sein ſtieres Auge erhielt wieder Glanz und Leben, und letzt überflog ein freudiges Zucken ſeine blaſſen Geſichts⸗ »Meiſter Lindemann, Sie ſind es!« ſagte er in feſterem Tone.»Ach ja, nun bin ich ſicher! Nun bin ich in guten Händen! Oh der Boſewicht/ Er gedachte das Schlimmſte an mir zu thun, aber Gott hat mich aus ſeinen Klauen gerettet. Doch nur Ge⸗ duld! Ich werde mich rächen!« Sie Gott, daß er Ihnen das Leben erhalten hat,« ſagte Meiſter Lindemann beſchwichtigend.»Ueberhaupt laube ich, daß die Aufregung bei Ihrem Zuſtande 7⁵ nicht gut thut. Beruhigen Sie ſich lieber und ſuchen Sie zu ſchlafen. Oder wollen Sie, daß ich gehe und einen Arzt hole?“. „Nein, nein, es wird mir ſchon beſſer,« entgegnete der Schreiber.„Der Schlag, obgleich er mir vermuth⸗ lich an's Leben gehen ſollte, hat mich nur betäubt, und der Blutverluſt mir eine tiefe Ohnmacht zugezogen. Jener Schurke hat mich ſicher für todt gehalten, aber, Gott ſei Dank, noch lebe ich und die Stunde der Ver⸗ geltung wird kommen! Ja die Stunde der Ver⸗ geltung, Meiſter Lindemann! Auch Ihnen ſoll ver⸗ golten werden, daß Sie mich nicht unter freiem Him⸗ mel haben liegen und verbluten laſſen, wie einen Hund! Nur Geduld! Nur Geduld! Wir ſprechen uns weiter!“ Ingrimmig ballte bei dieſen Worten der Menſch ſeine Hände und ſchoß wüthende Blicke aus ſeinen Augen. Doch dauerte die wilde Aufregung nicht lange. Sie erſchöpfte den ſchwachen Reſt ſeiner Kraft und er ſank ächzend wieder auf das Lager zurück, von dem er ſich eben erſt mühſam halb aufgerichtet hatte. Eine neue Anwandlung von Ohnmacht uͤberkam ihn. Meiſter Lindemann nahm ſich Seiner von Neuem mitleidig an, und es gelang ihm auch, das geſchwundene Bewußt⸗ ſein abermals zu wecken. Doch ein Zuſtand großer Schwäche blieb immer noch zurück. Greulich konnte nur mit Mühe ein paar Worte des Dankes ſtammeln, und verſank dann in einen tiefen, faſt todtähnlichen Schlummer. Meiſter Lindemann wächte bei ihm, kühlte ſeine brennende Wunde die ganze Nacht hindurch un⸗ aufhörlich mit kaltem, friſchem Waſſer, und pflegte ihn wie ein Pater ſein Kind. Die Folge war, daß der Schreiber, als er am andern? orgen bei hellem Tages⸗ lichte die Augen wieder öffnete, ganz frei von Schmer⸗ zen und Beſchwerden zu ſein ſchien. „Ach, Meiſter Lindemann, wie ſoll ich Ihnen für alle Sorgfalt danken!“ ſprach er mit wieder feſter und kräftiger Stimme.„Ich habe böſe an Ihnen gehandelt, und Sie vergelten es mir mit chriſtlicher Liebe durch Wohlthaten.“ „Nichts davon jetzt, denn ich habe nur meine Schuldigkeit gethan,“ erwiederte Vater Lindemann ruhig. „Auch wüßte ich nicht, Herr Greulich, daß Sie mir jemals Uebles zugefügt hätten. Wäre es aber doch der Fall, nun, ſo möchte ich lieber gar nichts davon erfahren. Gott ſei Dank, der Segen des Himmels ruht wieder auf mir, und da will ich nichts wiſſen, was mir das Herz verbittern könnte.“ „Sie ſind ein braver, guter Mann!“ ſagte Greu⸗ lich mit einem Blicke, in welchem ſich Erſtaunen und Bewunderung ausſprach, und verſank darauf in tiefes Nachdenken, während Meiſter Lindemann dem verwun⸗ deten Gaſte ein Süppchen kochte und ihm einige Er⸗ friſchungen bereitete, ſo weit dies ſeine kleine, beſchränkte Wirthſchaft erlaubte. Es war gerade Sonntag, die Werkſtatt wurde da⸗ her heute nicht geöffnet, und Meiſter Lindemann konnte ſich deßhalb ganz der Pflege des Schreibers widmen. Er brachte ihm die Suppe und die Erfriſchungen, ver⸗ band ihm dann noch einmal ſorgfältiger die Kopfwunde, und bemerkte dabei zu ſeiner Freude, daß ſie bei weitem nicht ſo gefährlich war, als es in der Nacht den An⸗ ſchein gehabt hatte. Auch verſicherte Greulich, daß er faſt gar keine Schmerzen verſpure, und gewiß ohne allen Nachtheil das Bett verlaſſen könne. Dies gab * 4 77 aber Meiſter Lindemann nicht zu, ſondern rieth vielmehr, doch lieber noch einen Arzt zuzuziehen, damit nicht etwa noch üble Folgen eintreten möchten. Dies verweigerte aber der Schreiber ganz entſchieden. „Es iſt ja nichts,« ſagte er.„Die Betäubung war das Schlimmſte, und ſie iſt Bberwunden. Die Schmarre am Kopfe wird in ein paar Tagen von ſelber wieder zugeheilt ſein.« Da Vater Lindemann im Grunde gleicher Meinung war, ſo fügte er ſich in den Willen ſeines Kranken, und ermahnte ihn nur, ſich möglichſt ruhig zu verhalten. Dies that denn auch der Schreiber. Er lehnte ſich in die Kiſſen zurück, und ſchloß die Augen, als ob er noch ein wenig zu ſchlafen ſuchen wollte. Vater Lindemann ſetzte ſich indeß in eine Ecke ſeines alten Sopha's, und dachte über die ſeltſame Begebenheit nach, welche ihm ſo ganz unerwartet einen Gaſt in's Haus gebracht hatte. Es war, wie geſagt, Sonntag, und ein heiterer, herrlicher Tag zugleich. Die Sonne ſchien hell und freundlich zum Fenſter herein, und malte die Schatten der Weinblätter von draußen auf den Fußboden, daß es ausſah, wie ein zierliches Gitter von Laubwerk. Und jetzt erklangen draußen die Kirchenglocken in harmoni⸗ ſchem Geläute, und ſchön und feierlich zugleich drangen die vollen Töne in bebenden Schwingungen in das ſtille Gemach. Vater Lindemann faltete unwillkürlich die Hände, und wendete ſeine Gedanken nach oben, bis das Geläut wieder verhallte. Greulich hatte ihn dabei, ohne daß er es merkte, verſtohlen hinter den halb ge⸗ ſchloſſenen Augenlidern beobachtet, und fragte ihn jetzt, 78 als das Nachſummen der Kirchenglocken völlig verklun⸗ gen war, ganz plöͤtzlich: 4 „Meiſter Lindemann, was dachten Sie eben, als die Glocken läuteten? Sagen Sie mir's aufrichtig, ich bitte Sie darum!« „Es war nichts Böſes, Herr Greulich,“« erwiederte Vater Lindemann ſtill freundlich.„Ich dachte an Sie, und bat Gott für Sie um Geneſung, und daß Er Ihnen die erlittenen Schmerzen zur Heilung und Läu⸗ terung möge dienen laſſen.“ Unverkennbare Rührung druckte ſich bei dieſen ein⸗ fachen Worten, die ſo ganz das Gepräge der Aufrichtig⸗ keit und Wahrheit trugen, in den Zügen des Schrei⸗ bers aus, und Meiſter Lindemann glaubte ſogar den Schimmer einer Thräne in ſeinem Auge erglänzen zu ſehen. Ein Weilchen blieb Greulich ſtill liegen, dann ſtreckte er auf einmal ſeine Hand aus, und ſprach mit etwas bebender Stimme: „Wackerer Mann, Ihr Gebet iſt erhört worden! Gott hat mir das verderbte Herz gerührt, und es zur Erkenntniß des Böſen und zu aufrichtiger Reue er⸗ ſchuͤttert! Kommen Sie her, Meiſter Lindemann! Setzen Sie ſich hier dicht an's Bett. Ich will mein Gewiſſen vor Ihnen entlaſten und Ihnen Alles bekennen, was ich geſündigt habe vor Gott und an Ihnen. Nein, keine Widerrede! Sie müſſen mich hören, damit ich Verzeihung von Ihnen erlangen kann!“« Der Mann ſprach ſo eindringlich, ſeine Sehnſucht, ein Bekenntniß abzulegen, klang ſo unverkennbar aus dem bebenden Tone ſeiner Stimme, ſeine Reue ſchien ſo tief und machtig aus dem Herzen hervorzubrechen, daß Vater Lindemann, obgleich er anfänglich nichts 79 hören wollte, der dringenden Bitte des Gaſtes nun doch nicht zu widerſtehen vermochte. Er ſetzte ſich an Greu⸗ lich's Bett, und ſagte freundlich:„So ſprechen Sie denn!« „»Vor Allem,“ begann Greulich,„muß ich Ihnen das Bekenntniß ablegen, daß ich Elender es bin, wel⸗ cher Sie um Ihren Garten hinter dem Hauſe gebracht hat. Allerdings war ich nur das Werkzeug zur Aus⸗ führung der Betrügerei, aber ohne meine Beihülfe wäre der wirkliche Betrüger doch nie zu ſeinem Zwecke ge⸗ langt, und ſo laſtet die Schuld nicht minder auf mir, wie auf Jenem.“ »„Aber dieſer Andere,“ unterbrach ihn Vater Linde⸗ mann,— pes kann anders Niemand ſein, als Peter⸗ ling!“ »Sie haben es getroffen, es iſt Peterling!“ beſtä⸗ tigte der Schreiber.„Er und ich kennen uns ſchon ſeit längerer Zeit, und es war ihm wohl bekannt, daß ich nicht ungeſchickt bin, Handſchriften nachzuahmen und im Nothfall deren auch zu fälſchen und zu verändern. Eines Tages ließ er mich zu ſich kommen und ver⸗ ſprach mir eine gute Belohnung, wenn ich mich dazu verſtehen wollte, ein altes Dokument, welches auf Ihren Garten ſich bezog, ſo zu ändern, das heißt natürlich, zu fälſchen, daß er, Peterling, Anſprüche an das Eigenthum des Grundſtückes erheben könne. Ich, ver⸗ lockt von ſeinen Verſprechungen, ließ mich nur zu be⸗ reit finden, ihm zu willfahren, aber ich machte ihn darauf aufmerkſam, daß ja die Fälſchung zu gar nichts führen könne, als zu ſeiner Beſtrafung, indem der Kaufbrief des jetzigen Beſitzers— das waren Sie dooch, Meiſter Lindemann— ſofort beweiſen würde, 80 daß ein Betrug verübt ſei. Da lächelte Peterling in ſeiner ſpöttiſchen Weiſe, und ſagte:„Ja doch, wenn dieſer Kaufbrief nebſt den andern darauf bezüglichen Papieren nicht bereits in meinen Händen wären!«— Ich ſtutzte natürlich und wollte ihm nicht glauben, bis er die Dokumente aus einer Schublade nahm und mir vorlegte. Nun war freilich kein Zweifel mehr, aber eben ſo wenig war nun auch noch ein Zweifel übrig, daß Peterling der Urheber des Diebſtahls ſein mußte, der in Ihrem Hauſe ausgeführt worden war, Meiſter Lindemann. Ich gab ihm dieß auf den Kopf ſchuld, und er konnte, da die Dokumente gegen ihn ſprachen, nicht läugnen.“ „Nun ja, es iſt ſchon ſo, Greulich,« ſagte er. „Aber Ihr ſollt die ganze Hälfte des Geldes davon haben, wenn Ihr mir zu dem Garten verhelft!« „Nun denn, er zeigte mir das Geld, wo er es verſteckt hatte, und der Böſe verblendete mich, ſo daß ich der Verſuchung unterlag. Die Fälſchung der Pa⸗ piere wurde ausgeführt, und Peterling gewann auf Grund derſelben das Garten⸗Grundſtück, welches Ihr rechtmäßiges Eigenthum war, Meiſter Lindemann, nur, daß Sie dies nicht beweiſen konnten.“ „So weit war für den Spitzbuben Alles gut ge⸗ gangen, aber als ich nun eines Abends zu ihm kam und meine Belohnung, die er mir hoch und theuer ver⸗ ſprochen hatte, von ihm verlangte, da wies er mir mit Hohnlachen die Thür, und weigerte ſich, mir auch nur einen Heller zu geben. Mir geſchah ganz recht, warum hatte ich mich mit dem Schurken eingelaſſen. Gleich⸗ wohl brachte mich damals ſeine Verrätherei in die grimmigſte Wuth, und ich drohte ihm, wenn er nicht 81 ſein Wort hielte, auf das Gericht zu gehen, und nicht nur die ganze Betrügerei zu enthüllen, ſondern auch ihn als den Dieb anzugeben, der ſeinen Nachbar be⸗ ſtohlen habe.“ »Das möchte Euch ſchwer zu beweiſen werden, Greulich,« entgegnete er mir ſpöttiſch.„Deſto ſicherer aber fallt Ihr ſelber dem Büttel in die Klauen, wenn Ihr die Fälſchung eingeſteht, die Eure Hand, nicht die meinige ausgeführt hat. Alſo geht nur ganz ruhig auf das Gericht und laßt Euch in's Zuchthaus ſperren, ich habe nichts dagegen einzuwenden. Wenn Ihr aber meint, von mir einen Pfennig zu kriegen, ſo ſeid Ihr in großem Irrthum!« »Damit wies er mir noch einmal die Thüre, und als ich nicht gutwillig gehen wollte, ſondern ſchimpfte, tobte und mein vermeintliches Recht forderte, da warf er mich aus dem Hauſe hinaus auf die Straße. In der erſten Wuth wollte ich wirklich auf das Gericht laufen und Alles angeben, was auch daraus entſtehen mochte. Wenn ich gleich ſelber beſtraft zu werden er⸗ warten mußte, ſo ſollte doch auch der eigentliche Spitz⸗ bube ſeine gerechte Strafe empfangen. Aber in der Nacht beſann ich mich anders, und am nächſten Mor⸗ gen, als mein heißes Blut ſich abgekühlt hatte, dachte ich nicht mehr daran, den Angeber ſpielen zu wollen. Peterling war ſicher. Er wußte wohl, daß ich mich zweimal beſinnen würde, ehe ich mich ſelber und ihn in's Zuchthaus lieferte. Seine Rechnung traf zu, und er verhöhnte und verſpottete mich ſeitdem noch oben⸗ drein, wo er mich ſah, ſo daß ich mich möglichſt fern von ihm hielt.“. »Jetzt aber, am geſtrigen Abende, traf ich ihn zu⸗ Nur immer brav. 6 8² fällig in einer Wirthsſtube, und wollte mich in aller Stille wieder entfernen, um ſeinen ſpitzen Reden aus dem Wege zu gehen. Aber er hatte mich ſchon be⸗ merkt, und da er halb betrunken war, ſo wollte er mich nicht entſchlüpfen laſſen, ſondern ſo recht einmal wieder ſein Müthchen an mir kühlen. Mit Gewalt hielt er mich feſt, und um ihn nicht wüthend zu ma⸗ chen, blieb ich. Seine höhniſchen Sticheleien und An⸗ ſpielungen regten mir das Blut auf und brachten mich in Zorn. Ich trank mehr, als ich vertragen konnte, wir geriethen in Streit, und es fehlte nicht viel, ſo hätten wir uns Beide in der Wirthsſtube vor allen Gäſten verrathen. Als Peterling indeß bemerkte, daß ich nahe daran war, alle Rückſichten auf meine eigene Sicherheit zu vergeſſen, da ward er von Beſorgniß er⸗ griffen, lenkte noch zu rechter Zeit ein, und ſuchte mich wieder zu beſchwichtigen. Ich ſah wohl, daß er Furcht hatte, und da es mir Ein Mal gelungen war, ihn einzuſchüchtern, ſo hoffte ich, es würde auch ein zwei⸗ tes Mal gelingen. Fuͤr den Augenblick ſchwieg ich, nahm mir aber feſt vor, ihn nach Hauſe zu begleiten, und ſo lange in ihn zu dringen, bis er mir meinen Sündenlohn ausgezahlt haben würde.“ „Dies geſchah, und ich erhielt auch meinen rich⸗ tigen Lohn, wie ich ihn verdient hatte, nur in ande⸗ rer Weiſe und Münze, als ich gehofft und vermuthet. Beim Fortgehen hing ich mich an Peterling an, ver⸗ folgte ihn bis an ſeine Wohnung, ſogar bis in ſein Haus, und gerieth hier in heftigen Streit mit ihm. Ich wiederholte meine Drohung, Alles zu verrathen und anzugeben, und mochte dabei wohl lauter ge⸗ ſchrieen haben, als er ſeiner Sicherheit für zuträglich 83³ hielt. Endlich ſchien er nachzugeben und führte mich in den Garten, unter dem Vorwande, daß er dort das geraubte Gut vergraben habe. Blind vor Wuth und Habgier folgte ich ihm, und als er nicht augenblicklich das Geld herausgeben wollte, ſondern wieder allerlei Ausflüchte ſuchte, ſo hieß ich ihn ohne alle Rückſicht ganz laut einen Dieb und Betrüger. Mochte er nun fürchten, daß die Nachbarn mich höͤren könnten, oder daß ich wirklich ſo ſehr gereizt und aufgebracht gegen ihn ſei, meine Drohungen ohne Rückſicht auf mich ſelbſt wahr zu machen, kurz,— er faßte ſeinen Ent⸗ ſchluß, ergriff einen Knuppel, der ihm gerade zur Hand lag, und führte damit, eh' ich's mir verſah, einen furchtbaren Schlag auf meinen Kopf. Wie von einem Blitzſtrahle wurde ich niedergeſchmettert und verlor das Bewußtſein. Hier im Hauſe erſt kam ich wieder zur Beſinnung, und die Wahrnehmung, daß grade Sie, Meiſter Lindemann, Sie grade, den ich beraubt und betrogen, als barmherziger Samariter an mir handel⸗ ten, fuhr mir wie ein Meſſerſtich durch das Herz. Mein Gewiſſen machte mir bittere Vorwürfe, und heute früh, als ich Sie beim Geläute der Kirchenglo⸗ cken ſo ſtill und fromm daſitzen ſah mit gefalteten Hän⸗ den, als Sie mir auf meine Bitte Ihre Gedanken offenbarten, als ich hörte, daß Sie gerade für mein Wohl gebetet hatten, da kam die Reue mit Macht über mich, und es drängte mich mit unwiderſtehlicher Gewalt, Ihnen ein offenes Bekenntniß abzulegen. Ohne Sie, ohne den Umſtand, der eine Fügung Gottes ſein muß, daß grade Sie mein Wohlthäter wurden, hätte vielleicht die Furcht vor dem Zuchthauſe meinen Zorn gegen Peterling wieder überwogen! So aber ſehe ich in dieſem Allen Gottes Finger, und geſchehe mit mir, was da wolle, Recht ſoll Recht bleiben, und nicht ruhen will ich, bis Sie wieder im Beſitze Ihres Eigenthums ſind. Vor Allem aber flehe ich Sie an, mir zu verzeihen. Gott weiß es, ich habe ſchwer ge⸗ fehlt gegen Sie, aber ich will wieder gut machen nach meinen beſten Kräften!“ Vater Lindemann reichte dem reuigen Sünder die Hand hin.„Ich verzeihe Ihnen Alles, Herr Greu⸗ lich, und von ganzem Herzen,“ ſagte er.„Ich will nicht läugnen, es würde mich freuen, wenn ich wieder zu meinem Gärtchen käme, deſſen Pflege, abgeſehen von dem Nutzen, den es mir gebracht hat, ſeit vielen Jahren ſtets meine liebſte Erholung geweſen iſt. Aber ich will nicht, daß Sie ſich deßhalb in's Unglück ſtür⸗ zen. Ich dränge Sie nicht, und es gibt vielleicht noch einen anderen Ausweg, mir zu meinem Rechte zu ver⸗ helfen. Warten wir mit Allem, bis Sie vollſtändig wiederhergeſtellt ſind. Nachher wollen wir mit einem verſtändigen Manne reden, vielleicht mit Herrn Salo⸗ mon, welcher mir ſtets ſo viele Güte bezeigt hat, und dann werden wir ja hören, was zu thun iſt. Einſt⸗ weilen aber verhalten Sie ſich ganz ruhig, und denken Sie nur daran, bald wieder geſund zu werden.“ Greulich nickte mit dem Kopfe und verſank in Nach⸗ denken.„Sie haben recht, Meiſter Lindemann,“ ſagte er nach einer Weile.„Wir brauchen nichts zu über⸗ eilen. Ohnehin,— mein Entſchluß ſteht feſt und iſt unerſchütterlich.“ Weiter wurde vorläufig nicht über die Angelegen⸗ heit geſprochen, denn der Schreiber fühlte ſich durch die gemachten Mittheilungen und die damit verbundene 8⁵ Gemüthsbewegung etwas angegriffen, und Meiſter Lindemann hatte einige häusliche Geſchäfte zu beſorgen, weshalb er aus dem Zimmer ging und ſeinen Gaſt einige Stunden lang ſich ſelbſt überließ. Er war ſehr glücklich über Alles, was er gehört hatte. Die Hoff⸗ nung, ſeinen Garten, und vielleicht gar auch die ihm geſtohlene Baarſchaft wieder zu erlangen, ſtimmte ihn froh und heiter. Wenn ſie in Erfüllung ging, ſo war ja das Ziel ſeines Lebens faſt erreicht, und er konnte ernſtlich daran denken, ſeinem Sohne einen Hausſtand zu gründen, und ſeine Tochter wieder zu ſich zu neh⸗ men, und zwar um ſo eher, als er ja ſein Gewerbe jetzt in weit größerer Ausdehnung betreiben konnte, als früher. Während ſein altes Herz in ſolcher Weiſe ſich an den frohen Ausſichten auf eine glückliche Zukunft er⸗ quickte, ließ es dem Schreiber im Bette drinnen keine Raſt und keine Ruhe. Bald erholte er ſich wieder von der Anſtrengung, die ihm ſeine Bekenntniß gekoſtet hatte, und er fuͤhlte ſich kräftig genug, aufzuſtehen und ſeine Kleider anzuziehen. Nach kurzer Ueberlegung machte er den Verſuch, und ſiehe da, er gelang. In aller Stille kleidete er ſich an, wuſch ſein Geſicht mit friſchem Waſſer, was ihn ſehr erquickte, ſetzte eine Mütze von Vater Lindemann auf, um den Verband ſeiner Kopfwunde zu bedecken, nahm einen Rock aus der Ecke, und ſchlich ganz heimlich, ſo daß ſein Gaſt⸗ freund es gar nicht bemerkte, aus dem Zimmer und aus dem Hauſe. »„Ich will ihn überraſchen!« murmelte er.„Je ſchneller es geſchieht, deſto beſſer!« Nach wenigen Minuten war er verſchwunden, und 8 4 v 86 als Vater Lindemann einige Zeit darauf wieder in die Stube trat, ſah er zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen das Bett leer. Der Gaſt war ausgeflogen,— der Himmel mochte wiſſen, wohin. „Er ſchämt ſich vielleicht und wird nach ſeiner Wohnung gegangen ſein,“« dachte Vater Lindemann. „Nun, mag er doch! Früher oder ſpäter wird er ja wieder von ſich hören laſſen.“ 3 Es fiel ihm nicht ein, dem Schreiber nachzugehen, denn dieſer hätte ja denken können, daß es aus eigen⸗ nützigen Abſichten geſchehe. So blieb denn Vater Lin⸗ demann ruhig zu Hauſe, und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Lange brauchte er nicht zu war⸗ ten. Während er ſich ruhig verhielt, waren Andere für ihn thätig, denn Gott wollte, daß das Verborgene jetzt an das Tageslicht kommen ſollte. Sechstes Kapitel. Aun iſt's keine Kunſt mehr, brav zu ſein. Es war ein Glück für Vater Lindemann, daß der Schreiber Greulich ſich aufgerafft und ſeinen Vorſatz, Alles zur Anzeige zu bringen, unverzüglich ausgeführt hatte. Zu dieſem Zwecke nämlich war er in aller Stille davon geſchlichen, und geraden Weges nach dem 4 4“ 87 Polizei⸗Amte gegangen, wo er ein offenes Geſtändniß ſeines Vergehens und zugleich Zeugniß gegen Peterling ablegte. Während er in ſolcher Weiſe ſein Gewiſſen ent⸗ laſtete, war aber auch Peterling keineswegs müßig ge⸗ weſen. Nachdem er den Schreiber in der Nacht nie⸗ dergeſchlagen, ihn aus ſeinem Garten in den Hof Nachbar Lindemann's geworfen, und dann in trootziger Verſtocktheit ſein Lager aufgeſucht hatte, fühlte er am Morgen darauf, als er aus dem wüſten Schlummer der Trunkenheit aufwachte, eine furchtbare Angſt und Beklemmung. Was war mit dem Schreiber geſchehen? Er entſann ſich ſehr wohl alles deſſen, was er an ihm verübt. Wenn er ihn getödtet hatte, ſo mußte ſeine Leiche nun ſchon gefunden worden ſein, und er wunderte ſich nur, daß Alles ſo ſtill davon war. Aber wenn er noch lebte, wie dann? Ddie Ungewißheit peinigte ihn. Er hätte gern, wer weiß was, darum gegeben, etwas Sicheres zu erfah⸗ ren. Aber wie es in Erfahrung bringen? Fragen mochte er nicht, denn er fürchtete ſich dadurch ſelbſt zu verrathen. Alſo blieb nichts weiter übrig, als ſelbſt zu gehen und mit eigenen Augen zu ſchauen. »Am Ende liegt er noch auf dem Hofe!“ dachte er. „Es iſt noch fruͤh, die Nachbarn ſchlafen wohl noch, vielleicht kann ich ihn fortſchaffen, verbergen, vergra⸗ ben, ohne daß es Jemand ſieht! Wer will dann Ver⸗ dacht auf mich werfen?« Die Angſt, die wie ein Alp auf ſeiner Seele lag, trieb ihn aus ſeinem Hauſe; mit unſicheren Schritten und ſcheuen Blicken eilte er durch den Garten, und 88⁸ näherte ſich dem Stacket, indem er ſich ſo viel als mög⸗ lich hinter Büſchen und Geſträuchen verbarg. Er ſchaute hinüber in des Nachbars Hof— der Hof war ſtill und leer, der Körper des Schreibers verſchwunden. Peterling athmete einigermaßen erleichtert auf. »„Er kann alſo nicht todt ſein!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Wenn man ſeine Leiche gefunden hätte, ſo würde man ſchon ſolchen Lärm gemacht haben, daß ich es nothwendig wiſſen müßte. Nein, er war nur be⸗ täubt, iſt während der Nacht wieder zur Beſinnung gekommen und wird nach Hauſe gegangen ſein. Ja, ja, ſo iſt es! Ich brauche mich nicht weiter zu äng⸗ ſtigen.“ Auf ſolche Weiſe beſchwichtigte er ſeine Angſt und kehrte durch den Garten nach ſeinem Hauſe zurück. Wenn der Schreiber noch lebte, was konnte ihm dann geſchehen? Nichts! Ohnehin, ſo dachte er, würde der⸗ ſelbe ſich wohl hüten, zu plaudern und ihn zu verra⸗ then, denn er gefährdete ſich ja dadurch ſelbſt. Hatte er bis jetzt geſchwiegen, würde er auch ferner ſchwei⸗ gen, um nicht in das Zuchthaus wandern zu müſſen. Trotz dieſer Betrachtungen, welche Peterling an⸗ ſtellte, nahm er ſich doch vor, dem Schreiber ein hüb⸗ ſches Geſchenk zu machen, um dadurch den Zorn deſſel⸗ ben zu beſchwichtigen, gewiſſermaßen ein kleines Schmerzengeld, und zugleich ein Siegel für ſeine Lippen. »„Dann iſt er ruhig, und ich bin ſeiner ledig für immer!“ dachte er.— Ein paar Stunden hielt es Peterling in ſeinem Hauſe aus, ohne weitere Erkundigungen über Greu⸗ lich einzuziehen. Dann auf einmal fiel ihm ein, daß 89 wohl gar Nachbar Lindemann ihn gefunden und bei ſich aufgenommen habe, und von Neuem ergriffen ihn lebhafte Beſorgniſſe. Wenn er grade an den ausplau⸗ derte, den er hatte betrügen helfen! Unmöglich ſchien dies nicht. Aber noch war es vielleicht Zeit, vorzu⸗ beugen, und abermals ſchlich Peterling durch den Gar⸗ ten, und näherte ſich heimlich dem Hauſe des Nach⸗ bars, um einen verſtohlenen Bligf durch die Fenſter hinein zu werfen. Er kam geradè in dem Augenblick, als Greulich eben das Zimmer verlaſſen hatte. Nur eine Viertelſtunde früher, und er würde ir Schreiber im Bette geſehen haben. Jetzt aber, da er daſſelbe leer fand, beſtärkte er ſich in der Anſicht, daß Greulich in der Nacht ſich aufgerafft und in ſeine Wohnung ge⸗ gangen ſei. War das geſchehen, wie er nun gar nicht bezweifelte, ſo konnte er vollkommen ruhig ſein. »„Alles ſteht gut!« murmelte er vor ſich hin und ſchlug ein Schnippchen in die Luft. Trotzdem aber will ich doch zu ihm gehen und zu rechter Zeit vor⸗ beugen, damit er mir keine dummen Streiche macht.“ In der feſten Zuverſicht, daß er unfehlbar den Schreiber in ſeiner Wohnung finden werde, ſteckte er⸗ ein paar Thaler Geld zu ſich, die er aus einem Ver⸗ ſtecke hinter dem Ofen nahm, machte ſich wohlgemuth auf den Weg, und ſchlug die Richtung nach dem klei⸗ nen Hauſe ein, wo der Schreiber eine Dachſtube ge⸗ miethet hatte. Das Haus lag am entgegengeſetzten Ende der Stadt, und Peterling hatte daher einen ziem⸗ lich weiten Weg zu machen. Endlich erreichte er ſein Ziel, ſtieg die Treppe hinauf, und klopfte an. Nie⸗ mand antwortete. Er klinkte am Drücker der Thür,— ſie war verſchloſſen. Er klopfte ſtärker, er rüttelte, er ſchrie, immer noch in der feſten Meinung, daß Greu⸗ lich nothwendig zu Hauſe ſein müſſe und vielleicht nur noch in feſtem Schlummer läge,— aber keine Stimme gab Antwort auf ſein Rufen. Endlich ſtieg er wieder hinunter, zog Erkundigung beim Hauswirthe ein, und erfuhr nun zu ſeiner Beſtürzung, daß der Schreiber Greulich die ganze Nacht ausgeblieben und bis zur Stunde noch nicht heimgekehrt ſei. Wo war er nun? Nicht auf dem Platze, wo ihn Peterling hingeworfen, nicht in Lindemann's Hauſe, nicht in ſeiner eigenen Wohnung,— wo konnte er ſein? Sollte man ihn vielleicht während der Nacht auf⸗ gegriffen und in Gewahrſam gebracht haben? Unmög⸗ lich ſchien dies nicht! Neue Beſorgniſſe ſtürmten auf Peterling ein. Wenn man den Schreiber arretirt, oder auch vielleicht in das Krankenhaus gebracht hatte, ſo mußte er nothwendig Auskunft ertheilen, wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen war, und dann konnte es kaum ausbleiben, daß er, einmal im Plaudern, auch Alles ausplauderte. Denn wie hätte er ſonſt den Angriff, den furchtbaren Schlag, den Peterling ihm verſetzt hatte, erklären ſol⸗ len? Er mußte doch eine Urſache angeben, und es ſchien kaum zweifelhaft, daß er die wirkliche und rich⸗ tige Urſache angab. „Das wäre ein ſchöner Streich!“ dachte Peterling, und die Angſt vor der Entdeckung ſeiner Schlechtigkei⸗ ten preßte ihm von Neuem das Herz zuſammen. Un⸗ willkuͤhrlich erinnerte er ſich grade in dieſem Augenblick der Worte, die Nachbar Lindemann ſo häufig im Munde führte, die Worte:„Nur immer bravle Ja, wenn er nur immer brav gehandelt hätte, ſo wãre 4 91 ihm dieſe Angſt und Sorge erſpart geweſen. Jetzt nun erinnerte er ſich ihrer zu ſpät. Aber was beginnen? Wie vorbeugen, wenn der Schreiber wirklich ihn verrieth? Wie der Strafe ent⸗ gehen, die ihn bedrohte? »Pah! Man muß Alles bei Seite ſchaffen, und Alles in Abrede ſtellen, was er auch ausgeſagt haben mag!“ dachte Peterling, indem er wieder friſchen Muth faßte.„Wenn ſie nichts finden, können ſie mir auch nichts beweiſen, eine Ausſage ſteht gegen die andere, und eine Lüge zu behaupten, iſt ja keine große Kunſt. Ja, ja, das ſoll geſchehen! Ich vergrabe, was mich verdächtigen kann, im Keller, und dann mögen ſie zu⸗ ſehen, daß ſie es finden!« Mit dieſem Vorſatze, der ihm wie ein Rettungsanker im Fall der ſchlimmſten Noth erſchien, eilte Peterling ſpornſtreichs wieder nach Hauſe. Seine Frau und Kinder entfernte er unter irgend einem Vorwande, verſchloß die Hausthür hin⸗ ter ihnen, um nicht überraſcht zu werden und um glau⸗ ben zu machen, daß Niemand zu Hauſe ſei, und ging dann raſch an's Werk. Zuerſt machte er mit Hülfe eines Spatens ein ziemlich tiefes Loch im Keller, wo er das geſtohlene Gut verbergen wollte, und als er damit fertig war, holte er einen Korb, um die Sachen darin einzupacken und hinunter zu tragen. Mit haſti⸗ ger Hand räumte er ſein Verſteck hinter dem Ofen aus, und lachte innerlich darüber, daß er nun ſicher wäre und daß man ihm nichts würde beweiſen können, ſelbſt wenn die Polizei Verdacht gegen ihn ſchöpfte und eine Hausſuchung bei ihm anſtellte. Mochten ſie ſuchen, finden würden ſie ſchwerlich etwas, meinte er. 92 Aber er jubelte zu früh. Schon hatte der Schrei⸗ ber Greulich ſeine Ausſagen auf dem Polizei⸗Amte ge⸗ macht, ſchon war Peterling auf dem Gange nach der Wohnung des Schreibers beobachtet worden, und ſchon war ſein Haus bereits ringsum von Polizei⸗ Dienern umſtellt, welche es nicht aus den Augen ließen, ehe er nur eine Ahnung davon hatte, daß man ſich jeden Augenblick ſeiner Perſon bemächtigen könne. Dies war bis jetzt nur deßhalb unterblieben, weil man von Greulich nicht hatte erfahren können, an welchem Orte er die geſtohlenen Sachen aufbewahre. Man beobachtete ihn deßhalb insgeheim, aber auf das Aller⸗ ſorgfältigſte, und grade, als er mit dem Ausräumen des Verſteckes beſchäftigt war, haftete das ſcharfe Auge eines Polizei⸗Beamten draußen vor dem Fenſter auf ihn, und gewahrte jede ſeiner Bewegungen, ohne daß er es wußte. Plötzlich, gerade, als Peterling den gefüllten Korb nach unten in den Keller tragen wollte, erſchütterte ein heftiger Stoß das Fenſter, es ſprang auf, und zu⸗ gleich erſchallte ein kräftiges:„Halt!“ in die Stube herein. Peterling, tödtlich erſchrocken, ſah ſich um, erblickte die Uniform des Polizei⸗Beamten, und ſank an allen Gliedern zitternd, mit kreideweißem Geſicht, auf ſeine Knie. „Gnade!“ ſchrie er,—„ich will Alles geſtehen! Ich bin unſchuldig!“ „Wenn du unſchuldig biſt, was haſt du dann zu geſtehen?« entgegnete der Beamte.„»Aber wir brau⸗ chen deine Bekenntniſſe nicht, denn wir wiſſen bereits Alles, und erwiſchen dich ja gerade bei den Früchten deines ſauberen Geſchäftes. Vorwärts, Leute! Nehmt 93 ihn feſt und bindet ihm die Hände auf den Ruͤcken, damit er ſich's nicht etwa einfallen läßt, einen Ver⸗ ſuch zur Flucht zu machen, der ihm übel bekommen würde.« Dieſe Beſorgniß war indeß unnöthig. Da ſich der Dieb einmal entdeckt und überraſcht ſah, ſchwand ihm ſogleich aller Muth aus dem Herzen, und er erwar⸗ tete mit ſchlotternden Knien die Polizeidiener, welche jetzt durch Thür und Fenſter bei ihm eindrangen und ſich, dem Befehle ihres Vorgeſetzten gemäß, im Nu ſeiner Perſon bemächtigt hatten. »Alſo hier haben wir endlich, was wir ſo lange 4 vergeblich ſuchten,“ ſagte der Polizei⸗Beamte, indem fer an den Korb trat und die darin befindlichen Gegen⸗ ſtände muſterte.„Sieh, ſieh, allerlei ſchöne Dinge! Geld, Papiere— aha, der Kaufkontrakt Meiſter Linde⸗ manns! Nun, der wird ſich freuen! Rufe ihn doch ſo⸗ gleich Jemand herüber! Das Geld gehört ſicherlich auch ihm! Aber die anderen Sachen da! Wie iſt mir denn? Sollten die nicht aus dem Hauſe des Commerzien⸗ Raths Salomon ſtammen? Ja, wirklich! Grade ſo iſt uns dies und das beſchrieben worden! Wie ſteht's da⸗ mit, Meiſter Peterling? Legt nur gleich ein offenes Bekenntniß ab, denn Läugnen würde unter dieſen Um⸗ ſtänden doch nichts helfen.“ Der zitternde Sunder bekannte. Ja, er hatte bei ſeinem Nachbar Lindemann geſtohlen, ja, er war nächt⸗ licher Weile in das Haus des Commerzienraths Salo⸗ mon eingebrochen, ja, er hatte mit dem Beiſtande des Schreibers Greulich eine Fälſchung begangen, um dem Nachbar Lindemann den Garten abzuſchwindeln, ja, er hatte ſeinen Helfershelfer, den Schreiber, zu Boden 94 geſchlagen und ihn auf den Hof des Meiſter Linde⸗ mann geworfen. Das Geſtändniß war vollſtändig und bereits zu Protokoll genommen worden, als Meiſter Lindemann erſchien und mit Freuden vernahm, daß er unverzüglich ſein Eigenthum zurückerhalten könne. Ab⸗ geſehen vom Garten war auch noch alles Uebrige faſt Alles noch beiſammen, und nur wenige Thaler fehlten an dem Gelde, welches Meiſter Lindemann ſo mühſam zuſammengeſpart hatte, weil der Dieb, um nicht. Ver⸗ dacht auf ſich zu lenken, vorſichtig genug geweſen war, keine ungewöhnlichen Ausgaben zu machen. So kam Vater Lindemann wieder in den unverkürzten Beſitz ſeiner Habe, und dankte Gott von ganzem Herzen, daß er die verborgene Miſſethat an das Licht gebracht hatte. Den überführten Dieb betrachtete er nicht ohne Mitleid. »Oh, Nachbar Peterling,“ ſagte er,—„nun ſeht Ihr, wohin es mit Euch gekommen iſt, weil Ihr nicht auf dem geraden Pfade der Rechtſchaffenheit gehen woll⸗ tet und mich verſpottetet meines Sprichwortes wegen. Wäret Ihr nur immer brav geweſen, ſo hätte Euch dieſe Schande nimmermehr treffen können!“ Peterling gab keine Antwort, ſondern wendete ſich beſchämt und verlegen von dem redlichen Manne ab, den er ſo vielfach gekränkt, beleidigt, verhöhnt und ver⸗ folgt hatte. Was hätte er auch antworten können oder ſollen? Der Augenſchein lehrte ja auf das Deutlichſte und Schlagendſte, daß Vater Lindemann mit ſeinem Sprichworte recht behielt. Jetzt erkannte es Peterling wohl, aber Erkenntniß und Reue kamen zu ſpät. Er wurde in das Gefängniß abgeführt, und eine mehr⸗ jährige Zuchthausſtrafe war der Lohn ſeiner Thaten. Auch der Schreiber Greulich mußte für ſeine Ver⸗ 95 gehen büßen; in Anbetracht indeß ſeiner aufrichtigen Reue ſowohl, wie ſeines freiwilligen Geſtändniſſes, durch welches man dem Hauptverbrecher auf die Spur kam, wurde er weit glimpflicher behandelt, und ſchon nach einem halben Jahre wieder auf freien Fuß geſetzt. Später ſoll er ſich gruͤndlich gebeſſert haben, und ein⸗ ehrlicher, fleißiger Mann geworden ſein. Doch blieb er nicht in ſeiner Heimath, ſondern wanderte nach Amerika aus, wie auch Peterling, nachdem er ſeine Strafe überſtanden hatte. Wie es dem Letztern in dem fremden Lande erging, darüber iſt nichts zur Kenntniß gekommen. Doch läßt ſich wohl hoffen, daß er nach aufrichtiger Buße und Reue fernerhin wohl einen beſ⸗ ſern Lebenswandel geführt und ſich ſein tägliches Brod auf rechtliche Weiſe durch ſeiner Hände Arbeit erwor⸗ ben hat. Was nun Meiſter Lindemann betraf, welcher noch am Tage der Gefangennahme Peterlings ſein Eigen⸗ thum zurück erhielt, ſo war ſein ehrliches Herz von lauter Freude und Dankbarkeit gegen die Vorſehung erfüllt. Mit glänzenden Augen betrachtete er ſeinen wieder gewonnenen kleinen Schatz, zählte ihn zwei, drei Mal, und berechnete faſt auf den Tag hin, wie lange er nun noch brauchen werde, um mit ſeinen Kin⸗ dern wieder vereinigt zu ſein. Dieſes ſchönſte Ziel ſei⸗ nes Lebens lag nun, nahe erreichbar, dicht vor ſeinen Augen, und erfüllte ihn mit unbeſchreiblicher Wonne. Jetzt war es Herbſt; wenn der Frühling wieder⸗ kehrte, dann, ja dann mochte es in Erfuͤllung gehen, was er ſo heiß erſehnte! Dieſe Hoffnung bewegte ſein Herz in ſtiller Seligkeit. In den nächſten Tagen beſchäftigte ſich Vater Lin⸗ demann nun damit, vor allen Dingen erſt wieder das Stacket ſeines Gartens auf die gehörige Stelle zu brin⸗ gen, und ſich auf dieſe Weiſe ſein kleines Grundſtück förmlich wieder anzueignen. Die hellen Freudenthränen ſtanden ihm in den Augen, als Alles fertig war, und er zum erſten Male wieder ſeine gewöhnliche Thätigkeit in dem Garten begann. Jeden Strauch, jeden Baum, jede Blume begrüßte er als einen wiedergewonnenen, alten Freund, und widmete ihm in alter Weiſe Pflege und Sorgfalt. Als er dann Alles wieder in gehörigen Stand ge⸗ bracht, begab er ſich zu Herrn Reinhold, ſeinem alten Gönner, und bat ihn, ihm das Häuschen wieder zu verkaufen, damit er ſeine letzten Lebenstage ungeſtört in den ihm ſo lieb gewordenen vier Wänden zubringen könne. Bereitwillig ging Herr Reinhold darauf ein, und gab das Häuschen fuͤr dieſelbe Summe zurück, die er ſelber dafür entrichtet hatte. Vater Lindemann bezahlte baar, denn die Wiedererlangung ſeines Eigenthums ſetzte ihn in den Stand, daß er es ohne Beſchwerde thun konnte und ſogar noch ein erkleckliches Sümmchen übrig behielt. Als auch dieſes Geſchäft geordnet war, fühlte er ſich recht vollkommen zufrieden und glücklich wieder. Mit liebevollen Blicken betrachtete er bei der Heimkehr die engen, aber freundlichen Räume, die nun wieder ſein Eigenthum geworden waren, und dann warf er einen Blick in die Werkſtatt, wo ſeine Geſel⸗ len ſägten, hobelten und leimten, daß es eine Freude für ihn war. „Jetzt iſt's keine Kunſt mehr, brav zu ſein!« murmelte er mit gefalteten Händen halblaut vor ſich hin.„Auf weſſen Haupte Gottes Segen ſo ſichtbar — 4 97 ruht, wie auf dem meinigen, der müßte ja ein ganz ſchlechter Menſch ſein, wenn er nicht brav und recht⸗ ſchaffen bleiben wollte! Ja, ja, jetzt iſt's keine Kunſt mehr, jetzt iſt's aber nur eine angenehme Pflicht und eine wahre Herzensfreude!« „Ganz recht, Meiſter!“ ſagte eine Stimme hinter ihm, und eine Hand legte ſich ſanft auf ſeine Schul⸗ ter.„Jetzt iſt's keine Kunſt, aber es war eine, als Euch das Unglück ſo hart verfolgte und als die Ver⸗ ſuchung zu Euch trat. Und das wollen wir doch nicht vergeſſen!« Vater Lindemann drehte ſich überraſcht um, und gewahrte Herrn Salomon, welcher in aller Stille ein⸗ getreten war und ſeine halblaut gemurmelten Worte vernommen hatte. „Herr Commerzienrath! Willkommen, tauſend Mal willkommen unter meinem Dache,“ ſagte er erfreut. „Ja, ja, unter meinem Dache, denn das alte, liebe, kleine Häuschen iſt wieder mein Eigenthum!“ „Ich weiß es ſchon, Meiſter,« entgegnete Herr Salomon freundlich,—„weiß überhaupt ſo Manches von Euch, möchte aber doch noch mehr wiſſen, und zumal auch Einiges von Euren Kindern hören. Da es gleich Feierabend iſt, ſo könnten wir ein Bischen beiſammen bleiben und ein Stündchen oder zwei ver⸗ plaudern. Wie?« Vater Lindemann war natürlich ganz dazu bereit, denn er that eben doch nichts lieber in der Welt, als von ſeinen Kindern ſprechen. So führte er denn den willkommenen Gaſt in ſein Stuͤbchen, und war bald in ein angelegentliches Geſpräch mit ihm vertieft, das bis gegen die zehnte Stunde hin dauerte. Von Allem 7 Nur immer brav. 98 ſprach er, von Allem plauderte er, was der Commer⸗ zienrath anregte, das Herz ſaß ihm auf der Zunge, und Herr Salomon lächelte manchmal recht vergnügt vor ſich hin. Als er endlich aufſtand und Abſchied nahm, ſchien er von den gemachten Mittheilungen voll⸗ ſtändig befriedigt zu ſein und Alles zu wiſſen, was er zu erfahren gewuͤnſcht hatte. Unter Anderem wußte er auch den Geburtstag des Alten, und den Aufenthalts⸗ ort ſeiner Kinder Heinrich und Marie. Der Geburts⸗ tag fiel auf die Mitte des Oktober, und jetzt war man noch im September. „Es wird ſich machen,“ ſagte Herr Salomon vor ſich hin, als er durch die ſtillen, dunkeln Straßen nach Hauſe zurückkehrte.„Die Entfernung iſt nicht groß, und mein Alter ſoll vollſtändig überraſcht werden. Er hat es verdient, und es gibt einen köſtlichen Spaß.“ Vater Lindemann hatte natürlich keine Ahnung von den Abſichten des Commerzienraths, ſondern verbrachte ſeine Tage wieder in alter Weiſe bei Fleiß und Arbeit. In ſeiner Werkſtätte war ein Leben und Treiben, wie es die vier Wände derſelben noch nicht geſehen hatten⸗ Die fünf Geſellen handthierten mit Luſt und Geſchick, denn der Meiſter ging ihnen mit gutem Beiſpiele vor⸗ an, und griff ſo wacker und rüſtig mit zu, wie nur der Jüngſte von ihnen. Manches ſchöne Stück Ar⸗ beit wurde geſchafft und an die Beſteller abgeliefert, und mancher ſchöne Thaler wanderte dafür bei Meiſter Lindemann ein und vermehrte allmählig ſeinen kleinen Schatz, welcher bald wieder zu einem reſpektablen Häuflein anwuchs. Meiſter Lindemann lächelte jetzt immer voll ſtillen Glückes vor ſich hin, und eines Abends, als gerade Meiſter Donner, ein alter Be⸗ 99 kannter von ihm, an ſeinem Garten vorüber ſpazierte, rief er ihn an und winkte ihn zu ſich. Meiſter Don⸗ ner hatte nämlich die ſchönſte Schloſſerwerkſtatt im Städtchen, und war ein alter Mann ohne Familie, der ſchon manchmal ein Wörtchen hatte fallen laſſen, als ob er nun genug verdient habe, ſein Geſchäft ver⸗ kaufen, ſich zur Ruhe ſetzen und ſein Alter im Frieden genießen wolle.. „Nun, Gevatter, jetzt kann's wahr werden!“ ſagte Vater Lindemann zu ihm, indem er ihn auf die Seite nahm.„Mein Heinrich iſt nun bald ſo weit, daß er ſelbſtſtändiger Meiſter werden kann, und wenn Ihr daher Eure Werkſtatt verkaufen wollt, Gevatter, ſo hätt' ich ein Wörtchen mit Euch im Vertrauen zu reden!“ Meiſter Donner lachte, nicht heimlich und ſchaden⸗ froh, ſondern ganz vergnüglich, obgleich er wußte, daß Vater Lindemann keine große Freude über ſeine Ant⸗ wort haben würde. „Ja, das thut mir leid, Gevatter!« ſagte er.„Ihr kommt zu ſpät! Die Werkſtatt iſt bereits verkauft, und nächſten Monat zieht der neue Meiſter ein. Ein recht geſchicktes Männchen, wär' es, hab' ich gehört.« Mit dieſen Worten ging er lachend davon, und ließ Vater Lindemann ſehr beſtürzt ſtehen. Die Schloſſer⸗ werkſtatt alſo bereits verkauft, auf die er ſo lange heimlich gerechnet hatte,— was ſollte nun mit ſeinem Heinrich werden? Der alte Mann ſchuͤttelte betrübt den Kopf. „Es iſt unrecht von Meiſter Donner!« dachte er. „Er wußte doch, wie ich's vorhatte, und nun— ver⸗ kauft er hinter meinem Rücken! Nun, Jeder iſt ſich 7* ſelbſt der Nächſte! Da müſſen wir eben ſehen, wo und wie wir etwas Anderes ſinden, was uns paßt. Kommt Zeit, kommt Rath! Vor der Hamd iſt's j noch nicht eilig.“— Die Nachricht ging ihm aber doch im Kopfe und er lächelte nicht mehr ſo ſtill vergnügt vor ſich hi wie in der letzten Zeit. Ohne daß er's merkte, ka auf dieſe Weiſe ſein Geburtstag heran. Er hatte ihn ganz vergeſſen, dachte mit keinem Gedanken daran, und 4 war daher nicht wenig überraſcht, als er am Morgen aus ſeiner Kammer in die Stube trat, und ſie ganz mit friſchen grünen Tannenzweigen ausgeſchmückt fand. 7 Ein weißgedeckter Tiſch ſtand in der Mitte, mit Krän⸗ zen und Guirlanden behangen, und in grünen, eben⸗ falls aus grünen Tannenſproſſen geflochtenen Buchſtaben leuchteten ihm von dem Tiſche die Worte entgegen: „Nur immer brav!“ »Wer hat mir das gethan?“ rief der alte Mann freudig überraſcht aus, und eilte auf die Thüre zu, um Erkundigungen einzuziehen. Aber ſchon wurde dieſelbe von außen geöffnet, und mit Ranzen und Wanderſtab, frohen Antlitzes, und friſch und geſund trat Heinrich ein, und mit ihm ſeine Schweſter Marie, die mit Blicken voller Liebe den Vater begrüßte und ihre Arme nach ihm ausſtreckte. „Heinrich! Marie! Meine Kinder!« rief der Alte. „Ihr hier! Gott im Himmel, welche Ueberraſchung! Ihr ſeid es alſo geweſen, die mir dies Feſt bereitet? Großer Gott, wie gluͤcklich machſt du mich!« Arm in Arm und Bruſt an Bruſt lagen ſich Vater und Kinder, und hinter ihnen ſtanden freundlich lächelnd Herr Salomon und ſeine Gantin, und betrachteten das „ 5* 101 rührend frohe Schauſpiel des Wiederſehens mit theil⸗ nehmenden Blicken. Eine gute Weile verging, ehe Vater Lindemann ihre Anweſenheit bemerkte, denn ſeine Freude und Ueberraſchung war zu groß, und Heinrich mußte ihn endlich aufmerkſam machen. „Sieh' doch Herrn Salomon, Vater!“ ſagte er. »„Ihm verdanken wir's, daß wir ſo glücklich wieder vereinigt ſind.« „Herr Salamon! Und die Frau Räthin!“« rief der glückſelige alte Mann aus.„Ach, nun verſteh' ich ſchon! Darum alſo haben Sie mich neulich ſo ausgefragt, Herr Commercienrath? Nun, ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Eine größere Freude hätten Sie mir nicht machen können. Herzlichen, herzlichen Dank!“ Herr Salomon ſchuttelte kräftig die dargebotene Hand des alten Mannes.„Es freut mich, daß ich das Rechte getroffen habe,“ ſagte er freundlich.„Ich mußte mich doch ein wenig für den guten Dienſt, den Ihr mir geleiſtet, erkenntlich zeigen, Meiſter Lindemann. Nun ja, da fragte ich Euch aus, und als ich wußte, was ich wiſſen wollte, ſchrieb ich an Eure Kinder da, und ließ ſie herkommen, damit ſie nun in Zukunft bei Euch bleiben ſollten!« „Herr, mein Heiland, auch dableiben ſollen ſie?« rief Vater Lindemann aus.„Aber, ich bin ja noch gar nicht ſo weit! Die Erſparniſſe reichen noch nicht aus, und Meiſter Donner hat ja auch ſeine Werkſtatt verkauft! Ihr macht mich ganz ſchwindlich mit all' Euren Neuigkeiten!« »Ihr werdet Euch ſchon wieder erholen, Meiſter, nur Geduld!« erwiederte Herr Salomon lächelnd. „Zuerſt, was die Erſparniſſe anbetrifft, die brauchen 10² wir weiter nicht, denn Eure Kinder haben doch nicht allzuſehr hinter ihrem Vater zurückſtehen wollen, ſon⸗ dern haben rechtſchaffen feſtgehalten an ſeinem Grund⸗ ſatze. Nur immer brav! Das war ihr Leitſtern in der Welt draußen, und ſo iſt es ihnen denn gut er⸗ gangen, und hier unſer junger Meiſter Heinrich hat ſich in der Fremde ſo viel erſpart, daß er nicht einmal meine Beihülfe brauchte, um ſich die Werkſtatt von Meiſter Donner zu kaufen!« „»Heinrich, du!« ſchrie Vater Lindemann voller Jubel heraus.„Und das ſo ganz in der Stille! Und Meiſter Donner ſagte mir doch...« »Er ſagte nichts, und zwar auf meinen Wunſch,“ fiel Herr Salomon ein;—„wir wollten Euch über⸗ raſchen, Meiſter Lindemann! Es iſt geglückt, und da iſt der Kaufbrief. Heinrich tritt morgen ſchon in die Werkſtatt ein, und ich habe bereits ein paar hübſche Beſtellungen für ihn, da ich hoͤre, daß er die beſten eiſernen Geldſchränke macht, die man finden kann. Wir müſſen uns doch ein wenig gegen die Peterlinge ſchützen.« „»Aber Marie! Wie kommt ſie denn her? Die macht doch keine Geldſchränke!“ ſagte Vater Lindemann ganz verwirrt. „Nein, aber ſie kann ihren alten Vater pflegen, da der Bruder verſorgt iſt, und ſie deßhalb nicht mehr unter fremden Leuten zu bleiben braucht. Es iſt ihr zwar ebenfalls recht gut ergangen, denn auch ſie war immer brav, aber daheim iſt daheim, und der Vater bleibt der Vater. Ihr könnt ſie wohl ernähren, Meiſter, und ein wackerer Mann wird ſich wohl auch für das wackere Mädchen finden, und am Ende— 103 ſind wir auch noch da, meine Frau und ich! Alſo freuet Euch des Wiederſehens, Leutchen, und Gott moͤge geben, daß Ihr noch viele Jahre in Liebe und Treue bei einander bleibt!“ „Und Sie moͤge er ſegnen mit ſeinem reichſten Segen, der liebe Gott!“ ſagte Vater Lindemann mit vor Rührung zitternder Stimme.„Ihnen verdanken wir dieſes große Glück, für das ich keine Worte zu finden vermag.“ „Nein, nicht mir,« entgegnete Herr Salomon. „Ich habe nichts gethan, als Euch nur ein wenig ſchneller zuſammengebracht, als es auch ohne mich ge⸗ ſchehen ſein würde. Gern hätte ich freilich hier für den Heinrich die Werkſtatt bezahlt,— aber er brauchte es nicht, ſondern ſchlug es mir ab, und ſo bleibt mir denn weiter nichts zu thun übrig, als einmal die Aus⸗ ſtattung für unſere Marie zu beſorgen, wenn ſich— der wackere Mann gefunden haben wird. Alſo mir keinen Dank weiter! Was Euer Glück machte, das iſt, nächſt dem Segen des Herrn, dieſer Spruch, der hier in immergrünen Zweigen auf dem Tiſche geſchrie⸗ ben ſteht. Nur immer brav! Das hat Euch ge⸗ halten und geholfen in aller Trübſal, das hat Euch die Gnade Gottes, wie die Achtung und Liebe aller Menſchen geſichert, die Euch kennen. Wo ein ſolcher Spruch im Hauſe das Regiment führt, da muß ja zuletzt Alles gut gehen. Alſo nur immer brav auch in den folgenden Tagen, und Gluck, Freude, Ruhe und Frieden werden ſtets mit uns Allen ſein!“ Und alſo war es. Noch erfreut ſich Vater Linde⸗ mann eines glücklichen Greiſenalters im Kreiſe ſeiner Familie und ſeiner Freunde. Kleine Enkel ſpielen zu 104 ſeinen Fuüßen, denn der wackere Mann für Marie, und eeine wackere Frau für Heinrich haben ſich richtig ge⸗ funden,— und oft wiederholte er ihnen, was er auch ſeinen Kindern ſchon eingeprägt, daß kein Segen in der Welt ſei, außer bei rechtſchaffenem Thun. „»Nur immer brav!«* Dies iſt und bleibt der Wahlſpruch des Hauſes, und aller Frieden ſtrömt von ihm auf die Mitglieder der glücklichen Familie. Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. f Ffffffffffſſfſf