— ————= X Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. 4 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet k wird. 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus⸗ bezahlt werden und ſ eeträgt: 1 3 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— Pf. K „ --— 5 7 2„ 7 1—„ 7— 82 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. — 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 4. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 Zeiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. *9 5 *⁴ — ——— W Nemeſis. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Boffmann. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1863. Erſtes Kapitel. Führe uns nicht in Verſuchung. An einem düſteren Herbſt⸗Nachmittage befanden ſich zwei Männer in einem ziemlich geräumigen, mit anſtändigen Möbeln verſehenen Zimmer. Der Eine von ihnen lehnte ſich bequem und nachläſſig in die weichen Polſter eines Armſtuhles zurück, und heftete ſeine Augen mit Blicken voll Hohn und ſchlechtver⸗ hehlter Schadenfreude auf den Andern, welcher von ſichtlicher Seelenqual gefoltert, bald mit unruhiger Haſt im Zimmer auf und abſchritt, bald, hier oder dort inne haltend, verzweiflungsvoll die Hände rang, und mit unſäglicher Traurigkeit jetzt die Augen zu Boden ſenkte, dann wieder ſie, Jammer im Blick, zum Himmel emporhob. Plötzlich blieb er dicht vor dem Manne im Lehnſeſſel ſtehen, und faßte die Hände des⸗ ſelben mit krampfhaftem Griffe. „»Du mußt mir helfen, Solms,“ ſagte er mit ge⸗ preßter Stimme.„Meine Lage iſt verzweifelt; ein Abgrund gähnt zu meinen Füßen, der mich unfehlbar verſchlingen wird, wenn du mir nicht die rettende Nemeſis. 4 2 Hand reichſt. Oft haſt du mir geſchworen, wenn du mein Gaſt wareſt und an meiner Tafel ſchwelgteſt, daß du unter allen Umſtänden treu und bis zur Auf⸗ opferung mein Freund bleiben würdeſt. Jetzt mahne ich dich an deine Schwüre! Beweiſe jetzt, daß du mein wahrer Freund biſt, und ſchütze mich vor dem Verderben!“ „Aber, liebſter Peters,“ erwiederte der Bank⸗Buch⸗ halter Solms äußerſt ruhig, und, allem Anſcheine nach, nicht im Mindeſten erregt durch die Verzweif⸗ lung ſeines Collegen, des Bank⸗Kaſſierers Peters;— in welcher Weiſe ſoll ich dir helfen? Seit einer Vier⸗ telſtunde rennſt du wie verrückt hier in meinem Zim⸗ mer herum, fichſt mit den Armen, läßt allerlei unarti⸗ kulirte Laute hören, gleich einem wilden Thiere in ſeinem Eiſenkäfig, und verräthſt mit keiner Sylbe, wo dich eigentlich der Schuh drückt. Sprich in klaren Worten zu mir, Menſch, und dann wollen wir ſehen, was ſich für dich thun läßt.“ „Und biſt du wirklich geneigt und bereit, mich meiner ſchrecklichen Lage zu entreißen?“ „Gewiß,— wenn es in meiner Macht ſteht,“ ver⸗ ſetzte der Buchhalter, aber in ſo kaltem und nachläſſi⸗ gem Tone, daß der Kaſſierer eiſig davon berührt zu werden ſchien. Der Angſtſchweiß ſtand in großen Perlen auf ſeiner Stirn, und ſein Blick wurde ſtier und wild, beinahe irrſinnig. Dennoch faßte er ſich wieder. „Es hilft nichts, ich muß ihm Alles bekennen,“ murmelte er vor ſich hin. „Nun, ſo ſprich endlich,“ drängte der Buchhalter in ärgerlichem Tone. * — „Höre denn,“ ſagte der Kaſſierer, indem er ſeinen Mund dicht an das Ohr des Buchhalters legte, in unheimlichem Flüſtertone;—„ich bin ruinirt, und habe keinen Pfennig Geld mehr in meinem Hauſe.“ „So? Das wundert mich eben nicht,“ erwiederte der Buchhalter, und ein häßliches Lächeln ſpielte um ſeine ſchlaffen, ſchmalen Lippen, während ſein Auge für einen kurzen Moment ſchadenfroh aufleuchtete. „Bei deinem verſchwenderiſchen Leben, bei deiner Affen⸗ liebe zu deinen Kindern, die du durchaus nicht als ſparſamer Kaſſierer, ſondern wie ein Fürſt erzogen haſt, konnte unmöglich dein Gehalt die unſinnigen Luxusausgaben decken.“ „Ach, meine Kinder! Meine armen unglücklichen Kinder!“ ſeufzte der Kaſſierer aus ſchwer bedrücktem Herzen.„Mein ehrlicher Benjamin! Meine liebe ſüße Emma! Wie werdet Ihr den Schlag ertragen, den Eures eigenen Vaters unſelige Schwäche auf Eure ſchuldloſen Häupter gelenkt hat! Solms, ſchon um der armen Kinder wegen mußt du mir helfen!“ „Ei ja, warum denn nicht!“ verſetzte der Buch⸗ halter phlegmatiſch.„Auf ein zwanzig, dreißig Thäler⸗ chen ſoll's mir bei einem alten Freunde nicht an⸗ kommen!“ Der Kaſſierer machte eine heftige Bewegung des Unwillens, und heiße Gluthröthe überflog ſeine blei⸗ chen, kummervollen Züge. „Dreißig Thaler!“ rief er aus,—„was ſoll eine ſolche Kleinigkeit nützen?“ „Aber du haſt ja ſelber Vermögen,“ ſprach Solms weiter.„Ich weiß doch, daß fünftauſend Thaler von dir bei der Bank ſtehen!“ 5 1* 4 „Fort! Alles fort!“ ächzte der Kaſſierer, und preßte die Hände zuſammen, als ob das Blut unter den Nä⸗ geln hervorſpringen müßte. Solms lächelte in der früheren häßlichen Weiſe, als ob er ſchon lange vorher gewußt hätte, daß von den erwähnten fünftauſend Thalern nicht ein rother Heller mehr vorhanden war. »Schlimm!“ ſagte er.»Da wirſt du dich ein⸗ ſchränken müſſen, wenn du auf deinen Gehalt allein angewieſen biſt.“ „Aber, Menſch,“ brauste der Kaſſierer auf,— „willſt du mich denn gar nicht verſtehen? Ich habe Schulden, und muß ſie bezahlen, wenn ich nicht er⸗ warten ſoll, aus dem Dienſte gejagt zu werden?“ „Pah, ſo ſchnell geht das nicht! deine Gläubiger müſſen Geduld haben und warten. Du biſt nicht der einzige Menſch in der Welt, der in Schulden bis über die Ohren ſteckt. Schulden, ich geb' es zu, ſind ein Unglück, aber noch lange kein Verbrechen. Schulden halber verliert ein Kaſſierer bei der königlichen Bank noch lange ſeinen Poſten nicht!“ „Und doch ſchwör' ich dir, Solms, daß ich ſchimpf⸗ lich aus der Bank entlaſſen werde, wenn ich nicht bis morgen Mittag zweitauſend Thaler herbeiſchaffe,“ ſagte der unglückliche Kaſſierer mit bebender Stimme.„Hilf mir, Solms!“ rief er dann, von Todesangſt ergriffen, aus, und ſtürzte vor dem Buchhalter nieder, um ſeine Kniee zu umfaſſen.„Zweitauſend Thaler, oder ich muß — in das Zuchthaus wandern!« Abermals blitzte eine wahrhaft teufliſche Schaden⸗ freude in des Buchhalters Augen auf, und ein trium⸗ phirendes Hohnlächeln verzerrte auf einen Moment &☛ ſeine Lippen. Dann neigte er ſich zu dem verzwei⸗ felnden Manne nieder, und ſagte leiſe: „Zweitauſend Thaler! Unglücklicher, haſt du eine Veruntreuung begangen, weil du dich vor dem Zucht⸗ hauſe fürchteſt?“ „Ich habe Schlimmeres gethan,“ verſetzte der Kaſ⸗ ſierer dumpf,—„ich habe falſche Wechſel gemacht und in Umlauf geſetzt, um mich für den Augenblick aus dringenden Verlegenheiten zu retten. Morgen werden die Wechſel mit den nachgemachten Unterſchriften prä⸗ ſentirt. Wenn ich ſie nicht einlöſe, ehe ſie dem Bank— direktor zu Geſicht kommen, bin ich rettungslos lebens⸗ länglicher Schmach verfallen!“ „»Armer Freund! Armer geſchlagener Freund!“ ſagte der Buchhalter mit gut geheucheltem Mitleiden. „Das iſt freilich eine ſehr traurige, ich möchte ſagen, eine wirklich verzweifelte Lage, in der du dich befindeſt! Du ſelbſt im Zuchthauſe, deine beiden armen Kinder am Bettelſtabe und mit beſudelt von der Schande ihres Vaters,— wahrlich, das iſt hart, ſehr hart! Du dauerſt mich im Grunde meiner Seele!“ „Oh, Solms, wenn du wirklich Mitleid mit mei⸗ nem gräßlichen Unglücke haſt, ſo wirſt du mir auch helfen, wirſt du mich retten!“ rief der unglückliche Kaſſierer halb zerknirſcht, halb hoffnungsfreudig aus. Aber der Buchhalter zuckte die Achſeln. „Ich wiederhole, Peters, deine Lage jammert mich,“ ſagte er kalt,—„aber ich kann dich nicht retten!“ „Du mußt es! Ich weiß, du haſt für mehr als zweitauſend Thaler Werthpapiere da in deinem Schranke liegen. Vertraue ſie mir an, und ich gelobe dir, ſie redlich und in kürzeſter Friſt zurück zu erſtatten.“— 6 „Armer Freund, wie ſchmerzt es mich, daß ich deine Hoffnungen täuſchen muß,“ entgegnete der Buch⸗ halter.„Jene Werthpapiere, ſie ſind nicht mehr vor⸗ handen. Unglückliche Spekulationen haben ſie ver⸗ ſchlungen. Wie geſagt, ein dreißig, vierzig, ſelbſt fünfzig Thaler kann ich dir geben,— aber mehr ſteht nicht in meiner Macht.“ „So bin ich verloren! Rettungslos verloren!“ murmelte der Kaſſierer mit dumpfer Stimme vor ſich hin.„Wohl denn! Lieber den Tod, als die Schande! Lebe wohl, Solms!“ Er ſtand auf, wandte ſich um, und ſchritt der Thüre zu. Als er ſie öffnen wollte, hielt ihn ein An⸗ ruf des Buchhalters wieder zurück. „Bleibe noch einen Augenblick, Peters, und ſetze dich hierher, mir gegenüber auf das Sopha. Vielleicht iſt dir noch zu helfen. Ueberlegen wir!“ Peters kehrte um, und ließ ſich mechaniſch auf das Sopha nieder, von wo er den Buchhalter mit irren Blicken anſtierte. „Wie ſoll mir noch zu helfen ſein?“ fragte er heiſer, als ob ihm innere Angſt die Kehle zuſchnürte. „Durch Muth und Entſchloſſenheit!“ verſetzte der Buchhalter.„Höre mich an! Das Meſeer ſitzt dir alſo wirklich vor der Gurgel? Du ſiehſt keine Aus⸗ ſicht, auch nicht eine entfernteſte, auf Rettung mehr?“ „Keine!“ „Nun aber,“ fragte Solms leiſe, als ob er in je⸗ dem Lüftchen einen Horcher fürchtete,—„biſt du denn nicht Kaſſierer der Königlichen Bank? Haſt du denn nicht die Schlüſſel zu den Geldſchränken und zu den Gewölben, wo Gold und Silber in ſolchen Maſſen 7 aufgehäuft liegen, daß man Kaiſer und Papſt damit auskaufen könnte? Fortgejagt wirſt du nun doch einmal,— da wirſt du doch nicht ein ſolcher Thor ſein, mit leeren Händen zu gehen, und wohin zu gehen? Geradeswegs aus dem Bankgebäude in das Zuchthaus!“ Peters wurde, indem er dieſe Worte des Ver⸗ ſuchers anhörte, ſehr bleich, ſo bleich, wie die geweißte Decke der Stube, und ein furchtbarer Kampf des Bö⸗ ſen mit dem Guten entſpann ſich in ſeiner Seele. Bis jetzt hatte er allgemein für einen unbeſcholtenen Mann gegolten, und in allgemeiner Achtung geſtan⸗ den. Nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden war dies vorüber, und Schmach und Schande auf ſein Haupt gehäuft, wenn er den Einflüſterungen des Buch⸗ halters Gehör gab. Seine Ehre konnte er nicht mehr retten, wohl aber ſeine Freiheit. Er rang entſetz⸗ lich mit ſich ſelbſt. „Denke an deine Kinder!“ flüſterte ihm der Ver⸗ ſucher von Neuem zu. Sollen ſie als Bettler vor den Thüren zurückgewieſen werden, und auf einem Kehricht⸗ haufen oder in einem Straßenwinkel vor Hunger und Elend umkommen?“ Peters rang die Hände; das Herz in der Bruſt ſchien ihm zu zerſpringen, ſo ſtöhnte und ächzte er. Aber noch unterlag das gute Princip in ſeinem In⸗ nern nicht dem Principe des Böſen. 3 „Es iſt ja ein Leichtes für dich, dieſen Abend, wenn die Bank geſchloſſen iſt, wieder in das Kaſſen⸗ zimmer zu kommen,“ ziſchelte der Verſucher weiter. „Jedermann weiß ja, daß du häufig die Abende bis nach zehn Uhr dort zubringſt, um deine Geſchäfte zu 8 ordnen, und da wird ein Mal mehr nicht auffallen. Entſchließe dich, Mann, oder du biſt unrettbar dem Zuchthauſe, und deine Kinder ſind dem gränzenloſeſten Elende verfallen.“ 8 »Meine Kinder! Meine armen Kinder!“ ſtöhnte der Kaſſterer.„Ja, ſie wenigſtens ſollen nicht in Schmach und Schande untergehen! Die Erinnerung an ſie würde mich tödten, wenn ich im Zuchthauſe ſäße. Ich ſehe ein, es muß geſchehen, ich muß mei⸗ ner Kinder willen meine Seele der Hölle verſchreiben.“ »Thorheit!“ höhnte der Buchhalter.„Was iſt Hölle? Was iſt Himmel? Wer weiß etwas Gewiſſes davon zu erzählen? Jedenfalls ſteht feſt, daß ein Le⸗ ben im Zuchthauſe der Himmel nicht iſt! Raffe dich auf, Menſch! Dieſe Nacht noch müſſen wir die That vollbringen, und die Flucht ergreifen, um uns und unſere Beute in Sicherheit zu bringen.“ „Ja, ja, es muß ſein,“ ſtammelte der Kaſſierer. „Meine Kinder! Ich kann meine Kinder nicht dem Verderben preisgeben. Wir fliehen, fliehen weit hin⸗ weg über Land und Meer, bis wir ein Aſyl gefunden haben, wo Niemand meine Schande kennt, Niemand mit Fingern auf mich deuten kann. Aber,“— ſetzte er erſchrocken hinzu und ſtarrte ſeinen Genoſſen mit unſicherem Blicke an,—„ich vergeſſe ganz,— die Geldſchränke haben zwei Schlöſſer, und ich habe nur einen Schlüſſel; der andere befindet ſich in Verwah⸗ rung des Bankdirektors. Verloren! Unrettbar ver⸗ loren! Ich kann der Schmach und dem Zuchthauſe nicht mehr entrinnen!“ „»Und was meinſt du zu dieſem Schlüſſel hier, he?“ fragte der Buchhalter mit triumphirendem Blicke, — —— ᷣ⸗———— — 9 indem er einen ſeltſam geformten Schlüſſel aus der Taſche zog, und ihn dem Kaſſierer hinreichte. „Bei Gott, es iſt der zweite Schlüſſel, der mir fehlt!“ rief dieſer aus, nachdem er das Inſtrument genau betrachtet hatte.„Wie war es möglich, daß er in deinen Beſitz gelangen konnte?“ „Genug, der Schlüſſel iſt hier! Wie ich ihn be⸗ kommen habe, braucht dich weiter nicht zu kümmern. Uebrigens iſt keinerlei Hexerei im Spiele. Ein Stück⸗ chen Wachs iſt ſchmiegſam. Ich drückte gelegentlich, als der Bankdirektor einmal ſein Pult verlaſſen und den Schlüſſel mitzunehmen vergeſſen hatte, denſelben in Wachs ab, und feilte ſpäter nach dem Abdrucke dieſes Ding da zurecht.“ »Alſo haſt du ſchon ſeit längerer Zeit daran ge⸗ dacht, die That zu begehen?“ fragte der Kaſſierer be⸗ troffen. „Gewiß habe ich daran gedacht von der Zeit an, wo du dein Leben der Verſchwendung beganneſt, ver⸗ ſetzte Solms mit hämiſcher Miene.„Als ich ſah, daß du dein Geld mit vollen Händen wegwarfeſt, und daß du heimlich ganz unſinnige Spekulationen machteſt, um die Mittel zu Saus und Braus herbeizuſchaffen, da war mein Plan entworfen und reif. Glaubſt du denn, ich hätte Luſt und Neigung, hier ewig zu büf⸗ feln für lumpige achthundert Thaler Gehalt? Das ſollte mir einfallen! Ich lauerte auf den Moment, wo du bankerott wareſt an Geld und Ehre, und— dieſer Moment iſt jetzt gekommen. Allein konnte ich den Streich nicht ausführen, in Verbindung mit dir dagegen iſt die Ausführung nur eine Kleinigkeit, denn du haſt den einen, ich habe den andern Schlüſſel.⸗ 10 Der Kaſſierer athmete tief und ſchwer auf. „Jetzt verſtehe ich Alles,“ ſagte er dumpf mit ge⸗ preßter Stimme.„Auf mein Elend ſpekulirteſt du, darum beſtärkteſt du mich in meinem Hange zur Ver⸗ ſchwendung, darum hiengeſt du dich an mich, wie eine Klette, und drängteſt dich immer weiter und weiter auf den Weg des Verderbens, anſtatt als ein wahrer Freund behütend, warnend und ſchützend an meiner Seite zu ſtehen. Oh, ich durchſchaue jetzt Alles, auch deine Falſchheit und Niederträchtigkeit.“ „Nun, nun, ereifere dich nicht ſo ſehr,“ ſagte der Buchhalter ſpöttiſch.„Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern, und du ſollteſt mir eigentlich Dank wiſſen, daß ich dazu geholfen habe, dich in's Malheur zu brin⸗ gen. Ich ſollte meinen, daß es ſich im freien Amerika mit einem Vermögen von hunderttauſend Thalern an⸗ genehmer leben laſſen müſſe, als hier in Deutſchland mit einem kümmerlichen Jahresgehalt, welchen man noch obendrein durch eine unerträgliche Knechtſchaft verdienen muß. Friſch auf, Peters! In Amerika blüht unſer Glück! Den goldenen Samen dazu nehmen wir von hier mit.“ Der Kaſſierer ſchüttelte wehmüthig den Kopf. „Auf Glück rechne ich nicht mehr,“ ſagte er.„Ich muß, meiner armen Kinder halber, ein Verbrechen be⸗ gehen und die Flucht ergreifen, aber das Glück werde ich nirgends finden, wie weit auch meine Füße mich bringen mögen. Was mich erwartet, iſt Kummer und Reue; darüber täuſche ich mich nicht. Aber meinen Kindern bin ich jedes Opfer ſchuldig, ſelbſt das Opfer meines ganzen zukünftigen Lebens.“ Der Buchhalter machte eine wegwerfende Geberde. 11 „Du biſt ein Narr, und einem Solchen iſt nicht zu rathen, noch zu helfen,“ ſprach er.„Aber jetzt zur Sache. Um welche Stunde treffen wir im Bankge⸗ bäude?“ „Um elf Uhr Nachts wird die beſte Zeit ſein,“ verſetzte Peters.„Ich werde heute Abend bis zehn Uhr im Kaſſenlokale arbeiten, und ehe ich mich ent⸗ ferne, Sorge tragen, die Riegel der eiſernen Fenſter⸗ laden zurück zu ſchieben. Der Aufwärter pflegt ſich kurz nach zehn Uhr zur Ruhe zu begeben und wird uns alſo nicht im Wege ſein.“ „Gut, um elf Uhr bei der Bank,“ erwiederte. Solms.„Und wie wollen wir unſere Flucht ſichern? Welche Richtuug werden wir einſchlagen, um am ſicher⸗ ſten unſeren Verfolgern zu entgehen?“ „Nach vollbrachter That muß Jeder von uns für ſich ſelber ſorgen,“ entgegnete Peters finſter.„Deine und meine Wege ſcheiden ſich von nächſter Nacht an. Ich haſſe dich, denn du haſt mit teufliſcher Bosheit mich auf die Irrwege getrieben, die mich in einen Ab⸗ grund von Verbrechen und Schande geſtürzt haben.“ „Wie du willſt,“ verſetzte Solms. ‚Trennen wir uns alſo. Ohnehin hoffe ich meine Flucht leichter bewerkſtelligen zu können, wenn ich ſie allein antrete, als mit dir und deinen beiden Kindern. Nimm dich nur in Acht, daß dieſe nicht zu Verräthern an dir werden.“ ¹ „Sie ſind bereits entfernt und in Sicherheit, da ich ſte auf keinen Fall hier laſſen konnte, um Zeugen meiner Schmach und meines Verderbens zu ſein. Sie befinden ſich ſchon ſeit einiger Zeit bei ihrer Tante 12 in einer Seeſtadt, die ich dir nicht nennen werde, da ich um jeden Preis von dir loskommen will.“ „Oh, ich bin gar nicht neugierig, ihren Aufent⸗ haltsort zu erfahren. Helfe ſich Jeder von uns, ſo gut er kann.“ „So ſei es!“ erwiederte Peters, und entfernte ſich ohne weiteren Gruß und Abſchied. Solms blickte ihm hohnlachend nach. „Narr!“ rief er aus, und rieb ſich ſchadenfroh die Hände.—„Narr mit deinen Reuegefühlen und ſenti⸗ mentalen Gewiſſensbiſſen! Meinetwegen härme dich zu Tode! Ich für meinen Theil will klüger handeln und ein luſtiges Leben führen,— nicht jenſeit des Meeres, in dem öden, unwirthlichen Amerika, ſondern im Mittelpunkte der reizendſten Zerſtreuungen, in dem großen, herrlichen, prachtvollen Paris! Einmal dort, wer wird in dem reichen Chavalier Briſſot den ehe⸗ maligen armſeligen Bankbuchhalter Solms wieder er⸗ kennen! Es lebe Paris! Es lebe die Freiheit, der Reichthum, die Luſt und der Taumel der Freude!“ Er griff nach einer Brieftaſche, die auf dem Tiſche neben ihm lag, öffnete ſie, und nahm ein Papier her⸗ aus, das er entfaltete und mit behaglicher Zufrieden⸗ heit überlas. „Es war ein geſcheiter Gedanke von mir,“ mur⸗ melte er dabei,„daß ich neulich dem betrunkenen jun gen Franzoſen dieſen Paß aus der Taſche nahm. Er ſichert meine Flucht, und bin ich nur erſt über Frank⸗ reichs Gränze, ſo mögen die Verfolger lange ſuchen, ehe ſie den Buchhalter Solms ausfindig machen!“ Sorgfältig faltete er dann den Paß wieder zu⸗ 13 ſammen, und ſchloß ihn nebſt der Brieftaſche in einen Schrank ein. Hierauf ergriff er ſeinen Hut und ent⸗ fernte ſich aus ſeiner Wohnung, um ſich zu ſeinen gewohnten Geſchäften nach der Bank zu begeben. „Zum letzten Male!“ brummte er vor ſich hin. „Morgen iſt die Sclaverei vorüber, und ein neues Leben der Wonne und des Glückes beginnt.“ Am folgenden Tage erſchienen weder der Kaſſierer Peters, noch der Buchhalter Solms in dem Bank⸗ Gebäude. Als der Bank⸗Direktor nach ihnen ſchickte, und der Bote mit dem Beſcheid zurück kam, daß er die beiden Herren vergebens in ihrer Wohnung und an anderen Orten aufgeſucht habe, ſchien eine Ahnung des Geſchehenen im Kopfe des Direktors aufzudäm⸗ mern. Er ordnete ſofort eine Reviſion der Kaſſe an, und machte die unerfreuliche Entdeckung, daß eine Summe von über zweimalhunderttauſend Thalern in Gold und Papieren fehlte. Dazu kam der falſche Wechſel, welchen der Kaſſierer ausgeſtellt und in Um⸗ lauf geſetzt hatte, und drückte vollends das Siegel auf den Verdacht, daß Peters und Solms die Kaſſe be⸗ raubt haben müßten. Augenblicklich wurden Anſtalten getroffen, der ent⸗ flohenen Verbrechern wieder habhaft zu werden. Durch öffentliche Blätter, durch Polizei und Gensdarmen wurde auf ſie gefahndet, aber ſie waren und blieben ſpurlos verſchwunden. Keine Nachforſchung führte zum Ziele, und nach einigen Monaten ſchien der freche Diebſtahl in das Meer der Vergeſſenheit verſunken zu ſein. Nur der Bank⸗Direktor murmelte noch zuweilen mit einer Verwünſchung: 14 „Die Halunken! Ueber zweimalhunderttauſend Tha⸗ ler! Man könnte den Verſtand darüber verlieren!“ Zweites Kapitel. Im fernen Weſten. Am Ufer des Miſſiſſippi, in einer der fruchtbar⸗ ſten Gegenden Amerika's lag das Haus und die weit ausgedehnte Beſitzung des Mr. Wilſon, der ſich vor etwa fünfzehn Jahren hier niedergelaſſen hatte. Da⸗ mals war viele Meilen weit im Umkreiſe noch keine Spur von Civiliſation ſichtbar geweſen, und vielleicht gerade deßhalb hatte ſich Mr. Wilſon, ein ernſter, ſtiller, ruhiger, faſt ſchwermüthiger Mann, in dieſe einſame Wildniß zurückgezogen. Sein Grundbeſitz, wie er ihn von der Regierung der Vereinigten Staa⸗ ten angekauft, hatte eine Ausdehnung von mehreren deutſchen Quadratmeilen, und war größer, als manche große deutſche Grafſchaft und manches kleine Fürſten⸗ thum. Nur der kleinſte Theil der Beſitzung war im Laufe der Zeit durch Mr. Wilſon cultivirt worden obgleich er eine Anzahl von mehr als hundert Scla⸗ ven beſaß, welche unter der Aufſicht ſeines etwa acht⸗ zehnjährigen Sohnes Benjamin die Aecker beſtellten und die Früchte des Bodens einerndteten. Rings um das ſtattliche, nicht wie gewöhnlich von Baumſtämmen, ſondern ſolid, beinahe prachtvoll aus Stein aufgeführte * 15 Wohnhaus des reichen Grundeigenthümers herum er⸗ ſtreckten ſich weithin bis an den Saum des Urwaldes ſeine Tabak⸗ Mais⸗ und Baumwollen⸗Pflanzungen. Auf dem Miſſiſſippi ſchaukelten ſich mehrere Schiffe, welche ebenfalls dem Pflanzer Wilſon gehörten, und die Beſtimmung hatten, den Ertrag der jährlichen Erndten nach New⸗Orleans zu führen, wo ſie am leichteſten und vertheilhafteſten verwerthet werden konnten. Herr Wilſon galt in der ganzen Gegend weit und breit für einen höchſt achtbaren und reſpektabeln Mann. Seine Nachbarn,— denn im Laufe der Jahre hatten ſich deren mehr und mehr an den Gränzen ſeines Be⸗ ſitzthumes herum angeſiedelt,— ſchätzten und liebten ihn, und hatten allerdings jeden möglichen Grund da⸗ zu, indem Mr. Wilfon Jeden von ihnen mit Herzlich⸗ keit aufgenommen und ihm in aller Weiſe Hülfe und Beiſtand geleiſtet hatte. Er half, wo er konnte. Dem Einen gab er Geld, dem Anderen Zuchtvieh, dem Dritten lieh' er ſeine Sclaven zur Lichtung und Klä⸗ rung der Wälder, und zum Aufbau der Blockhäuſer, den Vierten unterſtützte er mit Sämereien und Lebens⸗ mitteln, und dies Alles ſo vollkommen uneigennützig, daß alle Welt ihn deßhalb anſtaunte, bewunderte und hochſchätzte. Der Erkenntlichkeit ſeiner Nachbarn ver⸗ dankte er es, daß er’ durch einſtimmige Wahl zum Friedensrichter der Gegend ernannt, und daß ihm mannichfache Ehren bezeigt wurden, wie ſie ſonſt in Amerika nicht vorzukommen pflegen. Er übte auf ſeine zahlreichen Nachbarn einen Einfluß aus, der faſt unwiderſtehlich zu nennen war. Bei Meinungs⸗Ver⸗ ſchiedenheiten entſchied allemal ſein Ausſpruch, und 16 keine der Partheien wagte dagegen zu murren, und noch viel weniger dagegen ſich aufzulehnen. Sogar die roheſten und wildeſten Burſchen in jener, zum Theil noch heute ziemlich uncultivirten Wildniß wag⸗ ten es nie, den gehörigen Reſpekt gegen Mr. Wilſon aus den Augen zu ſetzen, und beugten ihr Haupt tiefer vor ihm, als ſie es vor irgend einem Fürſten in der alten Welt gethan haben würden. Und doch buhlte Mr. Wilſon keineswegs um alle dieſe Ehrenbezeigungen; im Gegentheil, ſie ſchienen ihm eher unangenehm zu ſein, als ihn zu erfreuen, und nicht ſelten gerieth er in Verlegenheit, wenn er ſie nicht ablehnen, oder ihnen aus dem Wege gehen konnte, was er am liebſten immer gethan hätte. Allgemein galt Herr Wilſon nicht allein für einen äußerſt achtbaren, ſondern auch für einen äußerſt glück⸗ lichen Mann. Es mangelte ihm allerdings nichts, was das Leben irgend angenehm machen und ver⸗ ſchönern kann. Er war reich an Geld und Gut, und beſaß noch obendrein zwei liebe Kinder, denen er, und die ihm mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit zugethan waren. Seinen Sohn Benjamin haben wir bereits erwähnt. Er war ein herrlicher, in Kraft, Gewandtheit und Körperſchöne hervorragender Jüngling mit zugleich zartem und ſtolzem Gemüth. Die Seclaven hatten an ihm einen Aufſeher, wie ſie ihn ſich nicht beſſer wün⸗ ſchen konnten. Allerdings hielt er mit Strenge da⸗ rauf, daß ſie mit Fleiß und gehöriger Achtſamkeit ihre Arbeit verrichteten, aber er gönnte ihnen auch die nöthige Ruhe und Erholung, verſchaffte ihnen manche Ergötzlichkeit an Sonn⸗ und Feiertagen, und duldete 17 nie, daß ſie von den ihm untergebenen Unter⸗Auf⸗ ſeher mit Härte, oder gar mit erbarmungsloſer Grau⸗ ſamkeit behandelt wurden. Daher kam es, daß er von den Schwarzen nicht nur reſpektirt, ſondern auch wahrhaft geliebt wurde. Jeder von ihnen hätte mit Freuden ſein Leben für ihn geopfert. Wie Benjamin außerhalb des Hauſes, ſo ſchaltete ſeine nur ein Jahr ältere Schweſter Emmy im Innern deſſelben. Sie führte die Oberleitung des ganzen Haushaltes, und wurde von den Haus⸗Sclaven als immer freundliches, immer wirthſchaftliches, immer hülfsbereites Hausmütterchen faſt angebetet und auf den Händen getragen. Ihre Lieblichkeit und Anmuth, ihr gütiges Herz und ihr ſanftes Weſen nahm Jeder⸗ mann, der in ihre Nähe kam, für ſie ein. Die Be⸗ ſitzer der umliegenden Pflanzungen nannten ſie unter ſich nie anders, als die Blume des Miſſiſſippi, und wie eine Blume war Emmy in der That, eine Blume, ebenſo friſch, ſo lieblich, und anmuthig, wie die Königin aller Blumen, die jungfräuliche Roſe. Reichthum, Familien⸗Glück, Geſundheit,— braucht es mehr zu vollkommener Zufriedenheit?— Ach ja! Noch Eines gehört dazu, ohne welches alles Uebrige illuſoriſch wird: ein gutes Gewiſſen! Nun freilich, der geehrte, der gefeierte, der allge⸗ mein geachtete Mr. Wilſon, er mußte doch ein gutes Gewiſſen haben. Wer ſonſt konnte es haben, wenn nicht er, der Mann, auf welchen jeder Nachbar ſtolz war; der Mann, welcher ſeit vielen Jahren als der Erſte dageſtanden hatte, als der Erſte, der Vor⸗ derſte, wenn es galt, irgend ein gemeinnütziges Un⸗ ternehmen auszuführen, oder irgend einen guten Zweck Nemeſis. 2 18 zu erreichen. Wer hatte das Hoſpital geſtiftet, in welchem die Kranken unentgeltlich verpflegt wurden? Wer das Aſyl für arme alte Leute geſchaffen, die nicht mehr im Stande waren, ihr tägliches Brod zu ver⸗ dienen? Wer die Schulen in der ganzen Gegend ge⸗ gründet? Wer beſoldete die Lehrer? Wer bekleidete und verköſtigte die armen Schüler und Schülerinnen? — Alles Mr. Wilſon! Er war gewiſſermaßen die Vorſehung aller Bedürftigen, welche ſeinen Beiſtand, ſeine Hülfe anſprachen. Wenn irgend ein Menſch, ſo mußte Mr. Wilſon das Glück, das wahre ächte Glück gefunden haben, das ſo ſelten einem lebenden Weſen zu Theil wird. ——— Die Sonne ging eines Morgens ſtrah⸗ lend auf, und beſtreute die Welt mit Diamanten, wel⸗ che an jedem Grashalm, an jeder Blattſpitze, in jedem Blüthenkelche funkelten und Farben ſprühten. Reges Leben wurde wach auf Mr. Wilſon's Pflanzung. Die Neger traten aus ihren Hütten, und mitten auf die Tabaksfelder, welche heute abgeblattet werden mußten; die Aufſeher folgten gemächlicher ihnen nach; der junge Benjamin überblickte von der Verandah des väterlichen Hauſes aus das ganze lebendige Treiben. Vorläufig brauchte er ſich nicht in das rege Getümmel zu miſchen; ſeine Gegenwart genügte ſchon, um den Selaven und Aufſehern zu ſagen, daß ihr Thun und Treiben von einem aufmerkſamen Auge beobachtet und gehütet wurde. 1 Die Verandah, von ſchlanken, eiſernen Säulen ge⸗ tragen, und von blühenden Schling⸗Gewächſen, wie eine Laube, dicht umwuchert, zog ſich in einer Breite von zehn Ellen am Hauſe entlang, und gewährte nicht 19 nur Schutz vor Sonne und Regen, ſondern auch die unbeſchränkte Ausſicht auf die urbar gemachten Felder, und den glänzenden Spiegel des Miſſiſſippi, welche nach der weſtlichen Seite hin die Gränze der weit ausgedehnten Pflanzung bildete. „Guten Morgen, Benjamin!“ ertönte eine Stimme, und ein ältlicher Herr mit ergrautem Haar und Bart trat aus dem Hauſe. „Mein Vater! Gott grüße Sie!“ Der alte Herr nahm den Gruß ziemlich kalt auf, ſchüttelte aber doch des Sohnes Hand, als dieſer die Seinige ergriff und an die Lippen führen wollte. „Wo iſt Emmy?“ fragte er dann mit einem ſuchen⸗ den Blicke,—„ich meinte vorhin ihre Stimme gehört zu haben.“ „Sie war auch noch eben hier, beſter Vater, und iſt nur zu der alten Neger⸗Mutter Pappi gegangen, um ihr Etwas zum Frühſtück zu bringen,“ gab Ben⸗ jamin in achtungsvollem Tone zur Antwort.„Du weißt, Vater, die alte gute Frau iſt krank, und Schwe⸗ ſter Emmy hat ein mitleidiges Herz!“ „Ja, dem Himmel ſei Dank dafür, das hat ſie,“ verſetzte Mr. Wilſon.„Gleichwohl möchte ich, daß ſie hier wäre, denn mir ſchmeckt mein Kaffee nicht, wenn ich ihre freundlichen Augen und ihr liebliches Lächeln entbehren muß.“ „Oh, ſie wird bald kommen, Vater,“ ſagte Ben⸗ jamin.„Aber ich kann ja auch ſchnell nach der Hütte der alten Papyi hinüber laufen, und Emmy rufen!« „Nein, das iſt nicht nöthig! Emmy iſt ſchon da!“ entgegnete eine glockenhelle Stimme von wunderbarem Wohllaut, und aus dem Hauſe eilte mit leichten 2* 20 Schritten ein junges, blühendes Mädchen, und um⸗ armte den Vater, welcher ſie lächelnd,— aber ein melancholiſches Lächeln war es doch,— und mit zärt⸗ lichem Ausdruck in den meiſtens umflorten Augen, an ſein Herz drückte.„Guten Morgen, lieber, lieber Va⸗ ter!“ fügte ſie hinzu.„Verzeihe mir, daß ich auf mich warten ließ, aber ich glaubte nicht, daß du ſo früh kommen würdeſt.“ „Ich bin früher als ſonſt aufgeſtanden, weil ich eine unruhige, faſt ſchlafloſe Nacht gehabt habe,“ er⸗ wiederte Mr. Wilſon mit einem Seufzer, und fuhr mit der flachen Hand über die Stirn, als ob er den Stempel düſterer Sorge, der ihr ſichtbar aufgeprägt war, hinwegwiſchen wollte. „Armer Vater! Armer guter Vater,“ flüſterte Emmy, indem ſie ſich noch zärtlicher als vorher an ihn anſchmiegte.„Wie beklage und bedaure ich dich! Du biſt der beſte Vater, der beſte Mann auf der ganzen Welt, und mußt trotzdem ſo viel von S hlafloſigkeit und böſen Träumen leiden. Ich kann das gar nicht begreifen.“ „Ja, ich auch nicht, lieber Vater,“ ſagte Benjamin, indem er die Hand des alten Herrn ergriff und mit warmer Herzlichkeit drückte.„Wenn irgend ein Menſch, ſollteſt doch du eine erquickende Nachtruhe haben. Sagt doch das Sprichwort: zein gut Gewiſſen iſt das beſte Ruhekiſſen.“ Und du, der Helfer jedes Bedräng⸗ ten, der Wohlthäter jedes Armen, du grade bringſt ſo viele Nächte ſchlaflos zu! Oh, ich weiß, es iſt eine Pein, eine wahre Qual, den Schlaf entbehren zu müſ⸗ ſen, oder mit ſchrecklichen Träumen kämpfen zu müſſen. Wenn auch nur ſelten, habe ich doch auch ſchon manch⸗ 21 mal darunter gelitten. Du ſollteſt den Arzt zu Rathe ziehen, Vater!“ „Nein, nein, das iſt nicht nöthig,“ fiel Mr. Wil⸗ ſon haſtig ein.„Nein, keinen Arzt! Ich werde mir ſchon ſelbſt helfen. Es beſſert ſich auch wohl allmäh⸗ lig, ohne Medicin. Nein, laßt es nur gut ſein, Kin⸗ der. Benjamin, du wirſt wohl einmal nach den Scla⸗ ven ſehen wollen, oder haſt du noch nicht gefrühſtückt? In dieſem Falle bleibe und leiſte mir und Emmy noch ein Weilchen Geſellſchaft. Geſchwind, meine Liebe, den Kaffee!“ Emmy glitt leichten Schrittes in das Haus zurück, Benjamin aber ſetzte einen koſtbaren, leichten Panama⸗ Hut auf, der auf einem Tiſche in der Nähe gelegen hatte. „Ich habe bereits gefrühſtückt, lieber Vater,“ ſagte er.„Schönſten Dank für deine Einladung, jetzt aber ruft mich die Pflicht!“ „Gehe denn, mein Sohn, und Gott ſei mit dir,“ antwortete Mr. Wilſon, und Benjamin ging nach herz⸗ lichem Abſchiedsgruß davon. Mr. Wilſon war allein. Mit trauriger Miene blickte er ſeinem Sohne nach, und ſetzte ſich dann auf einen bequemen Armſtuhl in der Nähe des Frühſtück⸗ Tiſches nieder. „Wackerer Knabe!“ murmelte er leiſe vor ſich hin; „— gutes, herziges Mädchen! Wie beſorgt Beide um mich ſind! Ich ſoll den Arzt zu Rathe ziehen! Ach, welcher Arzt in der Welt kann das ſchreckliche Gebre⸗ chen heilen, das an meinem Leben zehrt, mich vor der Zeit zum ſilberhaarigen Greiſe gemacht hat, und mir jede Freude im Leben, ſelbſt die Freude über meine 2₰ braven Kinder vergiftet? Wenn ſie wüßten! Barmherziger Gott, würden ſie Mitleid mit mir füh⸗ len? Nimmer! Nimmer! Eher Ver... Doch ſtill, Emmy kommt. Hinweg mit der Falten von der Stirn! So lange wie möglich will ich, muß ich meinen Theuer⸗ ſten verbergen, welch ein Wurm in meinem Herzen nagt!“ 3 Im nächſten Augenblicke erſchien Emmy wieder in Begleitung einer Sclavin, welche das Frühſtück auf dem Tiſche arrangirte. Während Mr. Wilſon eine Taſſe Kaffee trank und eine Cigarre dazu rauchte, ſtattete ihm Emmy Bericht ab über die Vorkommen⸗ heiten und Begebniſſe des vergangenen Tages, und Mr. Wilſon traf danach ſeine Anordnungen für den vorliegenden Tag. Er war faſt damit zu Ende, und ſchien dabei ganz ſeine bisherige trübe und gedrückte Stimmung vergeſſen zu haben, weil es ſich zwiſchen ihm und Emmy meiſtens um zu ſpendende Wohlthaten an arme Nachbarn oder alte und gebrechliche Neger handelte,— da erregte das laute und wüthende Ge⸗ bell einiger großen Haushunde, welche da und dort auf dem weiten freien Platze vor der Verandah lagen, ſeine Aufmerkſamkeit. Die Hunde ſprangen auf, und ſtürmten unter grimmigem Geheul auf einen Fremden zu, welcher eiligen Laufes aus dem Walde heraus kam und ſich raſch dem Wohnhauſe Mr. Wilſon's näherte. Dieſer rief ſofort die Hunde zurück, und blickte ge⸗ ſpannt dem Ankömmlinge entgegen. „Beſonderes Vertrauen erweckend ſieht der Menſch nicht aus,“ bemerkte er dann, zu ſeiner Tochter ge⸗ wendet.„Seine Kleidung iſt zerlumpt und zerriſſen, einen Hut und Schuhe oder Stiefeln trägt er gar nicht.“ —— 23 „Mir ſchaudert vor ihm,“ ſagte Emmy haſtig.„Er hat das Anſehen eines Mannes, der irgend ein Ver⸗ brechen begangen hat, und auf der Flucht iſt, um ſei⸗ nen Verfolgern zu entrinnen.“ Der Menſch kam näher und näher, indem er zu⸗ weilen ſcheue ängſtliche Blicke hinter ſich und um ſich her warf. Sein ergrautes Haar hing in wirren Strän⸗ gen um ſeinen Kopf; ſeine Züge waren verzerrt und augenſcheinlich von innerer Angſt entſtellt; ſeine Lippen bebten und ſeine Zähne ſchlugen klappernd auf einan⸗ der, als ob er Fiebenfroſt hätte, während doch der Schweiß in großen Tropfen auf ſeiner niedrigen, tücki⸗ ſchen Stirn perlte. „Geh' in das Haus, liebe Emmy,“ ſagte Mr. Wil⸗ ſon zu ſeiner Tochter, als der Fremde an der Veran⸗ dah erſchien, und zögernd, unſchlüſſig, wilde, bange Blicke um ſich ſchleudernd, vor derſelben ſtehen blieb. „Geh' hinein, mein Kind! Dies iſt kein Anblick und keine Geſellſchaft für dich.“ „Aber, Vater, wenn der ſchreckliche Menſch ein Räuber, gar ein Mörder wäre?“ erwiederte Emmy ſcheu und zagend. „Fürchte nichts um mich,“ beruhigte ſie der Vater lächelnd.„Hier die treuen Hausfreunde genügen zu meinem Schutze, und außerdem ſind ja unſere Leute nicht fern. Geh', mein Kind, und ſei unbeſorgt.“ Ein flüchtiger Blick auf die drei großen Doggen, welche neben ihrem Vater ſtanden, und den Fremd⸗ ling nicht eben mit den freundlichſten Augen anſtarr⸗ ten, ſchien Emmy vollſtändig zu beruhigen. Die treuen Thiere waren von ungewöhnlicher Größe und Stärke. Jeder von ihnen hätte ohne ſonderliche Anſtrengung 24 den ſtärkſten Mann niedergeriſſen und am Boden feſt⸗ gehalten. Emmy ging alſo in das Haus, und erſt, als ihre ſchlanke Geſtalt verſchwunden war, wagte es der Fremde näher zu kommen. Er trat in die Veran⸗ dah, und warf ſich in flehender Stellung dem Beſitzer derſelben zu Füßen. „Erbarmen!“ rief er mit heiſerer Stimme aus keuchender Bruſt.„Retten Sie mich, Herr! Die Ver⸗ folger ſind mir auf der Ferſe! Verbergen Sie mich, oder ich bin verloren!“ „Was für ein Verbrechen haben Sie begangen?“ entgegnete Mr. Wilſon in etwas ſtrengem Tone.„Da Sie auf der Flucht ſind und Ihre Verfolger fürch⸗ ten, ſo müſſen Sie ein Verbrechen begangen ha⸗ ben!“ Der Fremde fuhr bei dem Klange von Mr. Wil⸗ ſon's Stimme zuſammen, und hob die zur Erde ge⸗ ſenkten Augen zu ihm auf. Ein Strahl unſäglicher Freude brach aus ihnen hervor. Er ſprang in die Höhe, ſtieß ein heiſeres Gelächter aus, und reichte Mr. Wilſon grinſend ſeine rechte Hand hin. „Das nenne ich ein glückliches Zuſammentreffen und Wiederfinden,“ ſagte er, während der Pflanzer mit einer Geberde des Abſcheues die dargebotene, ſchmutzige Hand zurückwies,—„ein herrliches Wieder⸗ finden, und zu keiner gelegeneren Zeit hätte es kom⸗ men können. Alter Freund, ich bin überaus glücklich, dich wiederzuſehen!“ „Wer ſind Sie, Menſch?“ fragte Mr. Wilſon, empört und entrüſtet über die freche Annäherung und Vertraulichkeit des wüſten Geſellen. Dieſer lachte hämiſch und ſpöttiſch vor ſich hin. 2⁵ „Glaub' es, glaub' es, daß du mich nicht ſo auf den erſten Blick wiedererkennſt,“ ſagte er.„Unglück und mannichfache Leiden haben meinem ehemaligen blühenden Ausſehen einigen Eintrag gethan. Trotz⸗ dem,— ſieh' mich an,— beſinne dich nur— wie, du erkennſt mich immer noch nicht?— Ei, Wilhelm Peters, vormals Kaſſierer der Königlichen Bank, er⸗ innerſt du dich deines beſten Freundes, des ehemaligen Buchhalters Solms, nicht mehr?“ Mit einem Wehelaute fuhr Mr. Wilſon von ſei⸗ nem Stuhle in die Höhe, und ſtarrte ſchneebleich den unverſchämten Fremdling an. Seine ganze Geſtalt zitterte und bebte, und Schrecken, Furcht und Entſetzen prägten ſich in ſeinen ſtarren Augen aus, als er un⸗ willkührlich die Worte vor ſich hin murmelte: „Er iſt es! Es iſt der Genoſſe meines Verbre⸗ chens!“ Halb ohnmächtig, wie innerlich vernichtet und zer⸗ brochen, ſank er hierauf in ſeinen Stuhl zurück. „Ja, ich bin es, bin es, Freundchen,“ nahm der Andere wieder das Wort.„Wirſt mich hoffentlich willkommen heißen, und dich eben ſo ſehr über unſer Wiederfinden freuen, als dein alter glücklicher Kamerad. Na,— keinen Gruß, keine Umarmung? Wie ſoll ich es verſtehen?“ Mr. Wilſon hatte mittlerweile einige Faſſung wie⸗ dererlangt. „Entferne dich, Elender,“ herrſchte er ſeinem Ver⸗ ſucher zu und ſtreckte gebieteriſch die Hand aus,— „geh', und wage es nie wieder, die Schwelle meines Hauſes, oder nur die Gränzen meines Beſitzthumes zu übertreten. Zwiſchen uns kann keine Gemeinſchaft 26 8 mehr ſein. Entferne dich, ſage ich, oder ich laſſe dich durch meine Selaven hinweg bringen!“ Solms, der einſtige Bank⸗Buchhalter, ſchlug eine höhniſche Lache auf. „Entfernen ſoll ich mich?“ ſagte er;—„wohl, damit ich deinen lieben Nachbarn und Freunden er⸗ zählen kann, wie man aus einen ſchlecht beſoldeten Kaſſierer in Europa ein reicher Gutsbeſitzer in Ame⸗ rika werden kann? Nun, mir iſt's recht! Sollſt dei⸗ nen Willen haben, Peters! Adieu!“ Wiederum bedeckte Leichenbläſſe das Geſicht Mr. Wilſon's, als Solms mit höhniſch verzogenen Lippen die ſchreckliche Drohung ausſtieß, den Schleier lüften zu wollen, unter welchem der reiche und doch ſo arme Pflanzer ſein Verbrechen und die daraus erwachſende Schande bisher ſo ſorgſam verborgen hatte. „Bleibe, bleibe noch einen Augenblick,“ ſtieß er mühſam hervor.„Wir werden, wir müſſen uns ver⸗ ſtändigen, um jeden Preis!“ „Ach, das klingt aus einer anderen Tonart,— ſo hör' ich es gern,“ verſetzte der ehemalige Buchhalter hämiſch und triumphirend.„Jetzt erſt erkenne ich rich⸗ tig meinen alten Freund wieder. Deine Hand her, braver Junge! So! Jetzt ſind wir wieder die Alten!“ Widerſtrebend reichte Mr. Wiſſon, der angeſehene, hoch geachtete, reſpektable Bürger ſeine Hand dem fre⸗ chen Strolche, der ſie mit unverſchämter Cordialität ſchüttelte. „Und nun ſchnell! Sage, was ich für dich thun kann,“ ſprach der Pflanzer.„Verlange die Hälfte mei⸗ nes Vermögens; ich will ſie dir geben,— verlaß aber 27 dann für immer dieſes Haus, dieſe Gegend, ganz Amerika!“ „Daß ich ein Narr wäre, mich ſo ſchnell wieder von einem alten, zärtlich geliebten, und immer ſchmerz⸗ lich vermißten Freunde zu trennen!“ erwiederte Solms mit höhniſcher Ironie.„Nein, Freundchen! Recht lange will ich deine Geſellſchaft genießen, deine Gaſt⸗ freundſchaft recht gründlich auskoſten, und mit mög⸗ lichſter Mäßigung deinen Geldbeutel plündern. Das mußt du ſchon einem alten Freunde geſtatten und zu gut halten. Vor allen Dingen aber muß ich darauf dringen, daß du mich in ein ſicheres Vejſteck bringſt, denn ich ſehe da eben einige Leute aus dem Walde treten, deren nähere Bekanntſchaft zu machen ganz und gar nicht in meinem Intereſſe liegt. Alſo, verbirg mich, Peters, oder— ich erzähle den Leuten da, wie man in den Beſitz von hunderttauſend Thalern ge⸗ langen kann. Entſcheide dich ſchnell, die Leute kom⸗ men näher und die Zeit drängt!“ Mr. Wilſon's Widerſtandskraft war vollſtändig ge⸗ brochen; die Ausſicht, daß ſein vor Jahren begange⸗ nes Verbrechen enthüllt werden könnte, erfüllte ihn mit unſagbarem Schrecken;— ſein guter Ruf auf im⸗ mer vernichtet, er und ſeine Kinder der Verachtung der Nachbarn preisgegeben,— das war mehr als der un⸗ glückliche Mann ertragen konnte, der ohnedies ſchon von Reue und Geviſſensbiſſen gebeugt und gefoltert worden war. „Nemeſis! Nemeſis!“ murmelte er vor ſich hin. „Folge mir,“ ſagte er dann lauter zu ſeinem früheren Bekannten, und ging ihm raſch voran in ſein Haus. Solms folgte natürlich, indem er innerlich froh⸗ 28 lockte, und ſein Glück pries, das ihn aus den Stür⸗ men des Lebens in einen ſicheren Hafen gerettet hatte. Nach einigen Minuten erſchien Mr. Wilſon wieder in der Verandah, und ſetzte ſich, als ob nichts geſchehen wäre, in ſeinen Schaukelſtuhl am Frühſtücktiſch. Gleich darauf kamen einige Männer, die ihn ehrerbietig be⸗ grüßten. „Seiet mir willkommen, Nachbarn!“ redete Mr. Wilſon ſie mit etwas unſicherer Stimme an.„Ich freue mich Eures Beſuches, und bin nur verwundert, Euch ſchon ſo früh zu ſehen,“ „Ja, das hat ſeine eigene Bewandtniß,“ erwie⸗ derte Einer von den Leuten.„Wir verfolgen einen Verbrecher, der geſtern Nacht in das Wohnhaus des Farmers Wolf eingebrochen iſt, und ihn zu berauben verſucht hat. Zum Glück wurde er von Wolf in ſei⸗ nem Vorhaben geſtört. Der freche Dieb feuerte eine Piſtole auf ihn ab, und ergriff dann eiligſt die Flucht. Wolfs Frau ſchrie uns wach, und wir ſetzten dem Flüchtlinge nach, leider, ohne bis jetzt ihn erwiſcht zu haben. Einige Spuren deuten darauf hin, daß er ſeinen Weg hierher genommen, und ſich vielleicht in der Nähe Eurer Pflanzung verſteckt hat. Iſt Euch nicht ein zerlumpter Strolch zufällig vor die Augen gekommen, Mr. Wilſon?“ „Nein!“ verſetzte dieſer mit anſcheinender Gleich⸗ gültigkeit und Ruhe.„Habt. Ihr den Kerl geſehen, und werdet Ihr ihn wieder erkennen, wenn⸗Ihr ihn erwiſchen ſolltet?“ „Leider nein,“ verſetzte der Farmer.„Der arme Wolf ſelber wäre das nicht im Stande. Er ſelber ſah den Kerl nur bei dem Pulverblitze der von demſelben 29 abgefeuerten Piſtole, und ſchilderte ihn als einen Menſchen in zerlumpten Kleidern und mit einer wah⸗ ren Galgen⸗Phyſiognomie.“ „Der arme Wolf, ſagt Ihr?“ fragte Mr. Wilſon, der jetzt leichter aufathmete, da er nun überzeugt ſein konnte, daß man ſeinen ehemaligen Spießgeſellen nicht leicht wieder erkennen werde,—„ich will doch hoffen, daß dem ehrlichen, braven Wolf nichts Böſes paſſirt iſt 2** „Weiter nichts, als daß die Kugel des Schurken in ſeine Bruſt eingedrungen iſt und ihm eine ſchwere Wunde beigebracht hat,“ verſetzte der Farmer achſel⸗ zuckend. „Aber die Verletzung iſt doch hoffentlich nicht tödt⸗ lich?« rief Mr. Wilſon ganz entſetzt aus. „Gott ſei Dank, nein, ſo ſchlimm iſt es nicht,“ gab der Pflanzer zur Antwort.„Aber ein paar Wo⸗ chen werden wohl vergehen, ehe die Wunde wieder zu⸗ heilt. Doch wir dürfen uns nicht länger aufhalten, Mr. Wilſon. Der Halunke kann nicht ſehr weit von hier ſein, denn wir waren ihm ziemlich auf den Fer⸗ ſen. Vorwärts, Nachbarn, wir müſſen den Kerl auf⸗ ſpüren. Lebt wohl, Herr!“ „Aber wollt Ihr nicht wenigſtens erſt noch eine Erfriſchung, einen Imbiß zu Euch nehmen, Nach⸗ barn?“ ſagte Mr. Wilſon.„Ich bitte, beeilt Euch nicht allzuſehr.“ „Dank' Euch, Mr. Wilſon,“ verſetzte der Farmer. Ein anderes Mal werden wir von Eurer wohlbekann⸗ ten Gaſtfreundſchaft Gebrauch machen, für jetzt aber gilt es, unſere Pflicht zu erfüllen.“ Sie ſchieden, und Mr. Wilſon gab ihnen das Ge⸗ —— 2 ——— 30 leit, indem er Jedem die Hand ſchüttelte und zu einem baldigen, ruhigeren und längeren Beſuche aufforderte. Gedankenvoll ſchaute er dann den forteilenden Män⸗ nern nach. „Gott ſchütze mich, und ſei mir gnädig,“ flüſterte er aus bangem Herzen vor ſich hin.„Das Unglück iſt mit jenem Menſchen unter mein Dach eingekehrt, und ich fürchte, ich fürchte, er wird ſo bald nicht wie⸗ der von meinem Herde weichen. Ach, wie wahr iſt, was geſchrieben ſteht: ‚Und nähmſt du die Flügel der Morgenröthe und flöheſt an's äußerſte Meer, ſo würde dennoch meine Rechte dich finden, und meine Linke dich halten.“ Die ſchlechte That iſt begangen, und die Nemeſis ſchwingt ihre Geißel über mir? Gott ſtehe uns Allen bei!“ Drittes Kapitel. Der Dränger. Mehrere Wochen und Monate waren ſeit den zu⸗ letzt geſchilderten Auftritten vergangen, und noch im⸗ mer befand ſich Solms im Hauſe des Mr. Wilſon, keineswegs als allgemein geachteter, ſondern als all⸗ gemein gefürchteter Gaſt. Er übte eine auffallende, eine faſt dämoniſche Gewalt über Mr. Wilſon aus, und ſchaltete und waltete in deſſen Hauſe, als ob er der alleinige Herr darin wäre, und Jeder, ſelbſt die V 31 Kinder des reichen Pflanzers nach ſeiner Pfeife tan⸗ zen, und ſeiner Willkühr ſich fügen müßten,— ganz unbedingt und ohne alle Widerrede. Mr. Wilſon hatte Solms, den Genoſſen des in Deutſchland verübten Verbrechens, für einen nahen Verwandten aus der Heimath ausgegeben, und ihn als Solchen auch ſeinen Kindern vorgeſtellt. Seit je⸗ ner Zeit war aber der unglückliche Mann noch weit unglücklicher geworden, als er ſich jemals gefühlt hatte, und wagte kaum noch ſeine Augen vom Boden zu er⸗ heben. Wie ein Schatten ſchwand er dahin. Seine Geſtalt ſchrumpfte zuſammen; nur gebückt ſchlich er umher, und kein Lächeln, nicht einmal das alte melan⸗ choliſche mehr, erheiterte zuweilen den düſteren Aus⸗ druck ſeiner gerunzelten Stirn, ſeiner eingefallenen, vergrämten und verkümmerten Züge. War er in früheren Zeiten ein ernſter, ſtiller, melancholiſcher Mann geweſen,— jetzt war er ein finſterer, faſt ver⸗ zweifelnder Hypochonder geworden. Solms dagegen lebte flott und luſtig in die Welt hinein, und ſtreuete, wohin er kam, das Geld mit vollen Händen aus. Den Tag über trieb er ſich in verrufenen Schenken und Kneipen der Umgegend her⸗ um, verbrachte die Stunden mit liederlichen Geſellen in Spiel und Trunk, und kehrte gewöhnlich erſt in ſpäter Nacht in das Haus ſeines Gaſtfreundes zurück. Da ihn Mr. Wilſon reichlich mit anſtändigen Kleidern verſehen hatte, ſo erkannte Niemand in ihm den die⸗ biſchen Strolch, der in die Wohnung des Farmers Wolf eingebrochen war. Trotzdem machte er ſich bald in der ganzen Gegend, wenigſtens bei allen recht⸗ ſchaffenen und ehrlichen Leuten verhaßt; von jedem 32 Ehrenmanne wurde er gemieden und verachtet, und nur eben das ſchlechteſte Geſindel gab ſich mit ihm ab, weil er es traktirte, in Eſſen und Trinken frei⸗ hielt, und im Würfel⸗ oder Kartenſpiel manche runde Summe an die Halunken verlor. Achtung gewann er freilich dadurch bei dieſen Strolchen auch nicht, aber ſie leiſteten ihm doch wenigſtens Geſellſchaft, und hal⸗ fen ihm Zeit und Geld todtſchlagen. Der abſcheuliche, verſchwenderiſche ſowohl wie ſitten⸗ loſe Lebenswandel des elenden Solms erweckte nach und nach die allgemeine Entrüſtung der Pflanzer, und weit und breit in der Gegend ſprach man mit dem größeſten Unwillen darüber. Wenn der liederliche Pa⸗ tron, der allen jungen Leuten mit ſchamloſer Frechheit ein ſo ſchlechtes Beiſpiel gab und Manchen von ihnen zu ſeinem ſittenloſen Leben verführt, nicht unter dem Schutze des allgemein geachteten und verehrten Mr. Wilſon geſtanden hätte, ſo würde man ſchon längſt kurzen Prozeß mit ihm gemacht, ihn getheert und ge⸗ federt, und ihn mit Peitſchen und Steigbügelriemen in's Weite gejagt haben; aber der ſchuftige Solms pochte und trotzte auf die Gaſtfreundſchaft des würdi⸗ gen Mr. Wilſon, und aus Reſpekt vor dieſem ließ man ihn gewähren, und hütete ſich nur, mit dem elenden Strolche in Berührung zu gerathen. Jeder ehrliche Menſch vermied ihn, und wendete ihm mit Verachtung und Abſcheu den Rücken zu. Mr. Wilſon ſah das Treiben des wüſten Geſellen mit tiefſtem Schmerze und bitterſten Kummer, und beſchwor ihn unzählige Male, einen beſſeren Wandel zu führen, und nicht blind und toll dem Urtheile der guten Geſellſchaft Trotz zu bieten. Aber Solms ver⸗ 33 lachte alle Bitten und Warnungen, und lebte nach wie vor in Saus und Braus. Er vergeudete dabei man⸗ che Geldſummen, die er natürlich ſammt und ſonders ſeinem unglücklichen Gaſtfreunde erpreßte, da kein an⸗ derer Menſch dem elenden Kerl auch nur einen Pfennig gegeben hätte. Seufzend, und ſein unſeliges Loos innerlich beklagend, gab Mr. Wilſon die trotzig und frech geforderten Summen her, und wagte nur ſelten eine Weigerung, eine ſchüchterne Einrede, eine ſanfte Warnung, die übrigens jedesmal von Solms mit höhniſchem Lachen zurückgewieſen und von ihm nicht weiter geachtet wurde. „Bezahle, bezahle, mein Alter,“ ſagte er wohl ein⸗ mal kurz,—„du weißt ja, daß du eigentlich mir deinen ganzen Reichthum verdankſt, und darum iſt es nicht mehr als billig, daß du ihn mit mir theilſt.“ „Ich will ihn mit dir theilen,“ entgegnete da einmal Mr. Wilſon.„Nimm die Hälfte meines Ver⸗ mögens, aber geh' dann fort, weit fort von hier, und kehre nie wieder hierher zurück!“ „Daß ich ein Narr wäre,“ warf hierauf Solms ſpöttiſch hin.„Hier gefällt es mir! Ich bleibe!“ Wilſon mußte ihn dulden, mußte ſich dies, und noch Schwereres von dem Schurken gefallen laſſen. Seine Hausgenoſſen wunderten ſich nicht wenig dar⸗ über, wenn auch Niemand es wagte, ſeinem Erſtaunen und Unwillen Worte zu verleihen. Auch die Nach⸗ barn ſchüttelten die Köpfe darüber, daß der hochacht⸗ bare Mr. Wilſon einen ſolchen Gaſt unter ſeinem Dache duldete, und es konnte nicht ausbleiben, daß Allerlei gemuthmaßt und gemunkelt wurde, was nicht Nemeſis. 3 34 dazu beitragen konnte, den guten Ruf Mr. Wilſons zu befeſtigen. Dieſer aber, völlig von Solms einge⸗ ſchüchtert, ließ widerſtandslos die Dinge gehen, wie ſie wollten, und, Dank der Liederlichkeit des ehemali⸗ gen Buchhalters, gingen ſie endlich ſo ſchlecht, wie möglich. In Jahr und Tag war der reiche Mr. Wilſon zu einem armen Manne geworden; ſeine Be⸗ ſitzungen waren mit Schulden überlaſtet, ſo daß Nie— mand ihm mehr einen Dollar darauf borgen wollte; ſeine Sclaven waren zum größten Theile verkauft,— und nebenbei war Mr. Wilſon tief in der Achtung ſeiner Nachbarn geſunken, die ihn ſonſt ſo hoch ver⸗ ehrt und werth gehalten hatten. Mit Schmerz und tiefſter Trauer ſahen die Kin⸗ der Mr. Wilſons den Verfall des Hauſes, und die Schwäche ihres unglücklichen Vaters. Benjamin faßte ſich manchmal ein Herz und forderte den Vater auf, doch dem unſeligen und unheimlichen Gaſte die Wege zu weiſen; aber Mr. Wilſon wies jede ſolche Mah— nung entſchieden zurück. „Du kennſt die Verhältniſſe nicht, mein Sohn,“ ſagte er.„Solms iſt einer meiner älteſten Freunde, und ich bin ihm großen Dank ſchuldig. Deßhalb kann ich ihn nicht von meiner Schwelle jagen.“ Und ſo blieb Alles beim Alten, bis der Tag kam, wo Mr. Wilſon die frechen Forderungen des elenden Solms nicht mehr befriedigen konnte. „Sieh' her,“ ſagte er, als dieſer wieder eine an⸗ ſehnliche Summe von ihm verlangte, und ſchloß ſeinen Geldſchrank auf,—„nimm, was du findeſt, und über⸗ zeuge dich, daß du mich zu einem Bettler gemacht haſt.“ 35 Solms fand den Geldſchrank leer, und ſtaunte, tobte und wüthete, wie ein Beſeſſener. „Du haſt das Geld auf die Seite geſchafft! Du willſt mich betrügen!“ brüllte er.„Aber ich durch⸗ ſchaue deine Kniffe, und werde ſie zu vereiteln wiſſen. Wohin haſt du das Geld verſteckt? Geſteh' es, oder ich mache deine Schande aller Welt offenbar!“ Mr. Wilſon ſchüttelte traurig den Kopf. „Ich beſitze nichts mehr, als mein Grundſtück, und auch dies iſt ſchwer verſchuldet,“ erwiederte er. Wenn ich die Zinſen dieſer Schulden bezahlt habe, wird mir und meinen Kindern wenig mehr übrig bleiben, als was zur nothdürftigen Friſtung unſeres Lebens gehört. Wir werden fleißig arbeiten müſſen, um nur unſer tägliches Brod zu verdienen.“ Solms biß die Zähne zuſammen, und ſtarrte düſter vor ſich nieder. Er ſah und erkannte ſehr wohl, daß Mr. Wilſon die Wahrheit ſprach, und daß es mit ſeinem bisherigen flotten Wohlleben vorüber war. Gleichwohl dachte er nicht daran, die Farm zu ver⸗ laſſen. Sie gewährte ihm immer noch wenigſtens Ob⸗ dach und Nahrung. Wenn er fort ging, mußte er ſich als Strolch und Bettler in der Welt umhertreiben. So blieb er denn lieber,— zum äußerſten Mißver⸗ gnügen Mr. Wilſon's und ſeiner Kinder. Unbehagliche, finſtere Tage waren es, die fortan unter Mr. Wilſon's Dache verlebt wurden. Mr. Wil⸗ ſon ſelber ſchlich betrübter und gebeugter, als je, um⸗ her; Benjamin und Emmy trauerten mit ihm und über ihn; Solms behandelte Jeden, der ihm in den Weg trat, mit brutaler Grobheit und Unverſchämtheit. Benjamin, der wackere junge Mann, hätte ſchon längſt 3* das väterliche Haus verlaſſen, um anderwärts ſein täg⸗ liches Brod durch redliche Arbeit zu verdienen; aber die Rückſicht auf ſeinen unglücklichen Vater hielt ihn immer wieder zurück. Er war der Einzige, vor wel⸗ chem der freche Solms einigen Reſpekt hatte. In ſeiner Gegenwart wagte es der Schurke nicht, Mr. Wilſon brutal zu behandeln, und hatte es auch nur ein einziges Mal verſucht. Da war ihm aber Benja⸗ min mit ſo drohender Entſchloſſenheit entgegen getre⸗ ten, daß er augenblicklich das Feld geräumt hatte. „Noch einmal ſolche Reſpectswidrigkeit gegen mei⸗ nen Vater,“— hatte der junge Menſch dem frechen Schurken zugerufen,—„und ich vergeſſe, daß Sie der Gaſt dieſes Hauſes ſind, das durch Ihre Anweſenheit beſchimpſft wird. Wäre mein Vater nicht, ich hätte Sie ſchon längſt mit der Peitſche über unſere Schwelle getrieben. Alſo Reſpekt vor ihm, oder ich mache weniger Umſtände mit Ihnen, als ich mit einem tollen Hunde machen würde!“ Solms ward durch dieſe Worte und die flammen⸗ den Blicke des jungen Mannes vollſtändig eingeſchüch⸗ tert; er ſtammelte eine Entſchuldigung, und hütete ſich künftig, in Gegenwart des wackeren Benjamin ſeine gewöhnliche Unverſchämtheit zu zeigen. Auch ging er ihm ſo viel als möglich aus dem Wege. Gleichwohl gab es kein Glück mehr unter Mr. Wilſon's Dache. Düſter und traurig floßen die Tage dahin; man vernahm kein heiteres Geſpräch mehr, man ſah kein freundliches Geſicht mehr, ſondern nur finſter gerunzelte Stirnen, und ſcheue, verlegene Blicke. Selbſt das heitere Lachen und Plaudern der ſonſt immer ſo munter und fröhlich geweſenen Emmy war 37 reine Stirn, und mit tiefſter Wehmuth ruhte oft ihr Auge auf ihrem gebeugten, mehr und mehr verfallen⸗ den Vater. Die Nemeſis ſchwang ihre Geißel über dem unglücklichen Hauſe.. Viertes Kapitel. Ein Beſuch. Selten nur noch geſchah es, daß die Nachbarn bei Mr. Wilſon vorſprachen, um irgend einen guten Rath von ihm einzuholen, ihn um eine Gefälligkeit anzu⸗ ſprechen, oder in harmloſer Gemüthlichkeit ein Stünd⸗ chen mit ihm zu verplaudern. Wie ſie früher das gaſtfreundliche Haus gefliſſentlich geſucht, ſo vermieden ſie es jetzt eben ſo gefliſſentlich. Eines Tages aber, nachdem man Wochen lang kein fremdes Geſicht im Familienkreiſe Mr. Wilſon's ge⸗ ſehen, ritt ein ſtattlicher Mann von mittleren Jahren vor die Hausthür, ſprang von ſeinem ſtarken braun⸗ Pferde, warf die Zügel einem herbeieilenden Nee knaben zu, und fragte nach Mr. Wilſon. „Hoffentlich iſt mein alter Freund daheim und wohlauf?“ fragte er wohlgelaunt „Ja, Maſſa zu Haus,“ ga er Knabe zur Ant⸗ wort, aber in einem ſo traurigen Tone, daß der Fremde aufhorchte und ſtutzte. verſtummt; Sorge und Gram umwölkten auch ihre 4 38 „He, Mr. Wilſon wird doch nicht etwa krank ſein?“ fragte er haſtig. „Nicht krank, nicht geſund, Maſſa Hamilton,“ erwiederte der Burſche wie vorhin.„Sehen ſelber, Maſſa! Nicht mehr, wie früher, hier ſein! Sehr viel ſchlimm! Sehen ſelber.“ „Gut, das will ich thun,“ ſagte Mr. Hamilton. „Aber höre, Burſch, trage meinen Mantelſack auf mein Zimmer, und führe dann das Pferd langſam umher, bis es ſich gehörig abgekühlt hat. Verſtehſt du?“ Ja, Maſſa, ich gut verſtehen,— Mantelſack auf Zimmer tragen, und Braunen umher führen— er⸗ wiederte der Burſche, indem er flink an's Werk ging, den Mantelſack losſchnallte, die Zügel des Pferdes über einen dazu beſtimmten Haken hing, und dann zu⸗ gleich mit Mr. Hamilton in das Haus trat.„Mantel⸗ ſack viel ſchwer,“ ſagte er ſtöhnend. „Darum eben ſollſt du ihn auf das Zimmer brin⸗ gen,“ verſetzte Mr. Hamilton lächelnd.„Aber wo finde ich Mr. Wilſon?“ „In altes Zimmer, wie ſonſt, Maſſa,“ antwortete der Burſch und ſprang die Treppe hinauf in das obere Stockwerk des Hauſes, wo die Gaſtzimmer lagen. Mr. Hamilton aber, der genau Beſcheid im Hauſe zu wiſſen ſchien, öffnete im unteren Stockwerk eine Thür, und trat in ein geräumiges, mit ſchlichten Möbeln verſehenes Gemach. In einem Fenſterbogen deſſelben ſaß, trübſinnig vor ſich niederſtarrend, die abgehagerte Geſtalt eines Greiſes. Die Hände lagen in einander gefaltet auf ſeinem Schooße; das ergraute Haar hing wirr um ſeine Schläfe; eine unſägliche Trauer und Lebens⸗ 39 müdigkeit prägte ſich in der gebeugten Haltung des Mannes aus. Mr. Hamilton betrachtete ihn einige Augenblicke mit leiſem Kopfſchütteln, mit Erſtaunen und Mitleiden. „Wilſon!“ ſagte er endlich mit einer tiefen und kräftigen Stimme, die ganz ſeinem Aeußeren entſprach, das von ungewöhnlicher Lebensfülle zeugte,—„Wil⸗ ſon, biſt du es wirklich, mein alter Freund?“ Beim erſten Tone der wohlbekannten Stimme hatte ſich Mr. Wilſon aufgerichtet, und ein Strahl herzlicher Freude erhellte vorübergehend ſein finſteres Antlitz. Er ſprang auf, und eilte auf den Eingetretenen zu, dem er beide Hände entgegen ſtreckte. „Hamilton! Mein lieber Hamilton!“ rief er aus, und zog den lang entbehrten Freund in ſeine Umar⸗ mung.„Geſegnet ſei dein Kommen! Es erquickt meine Seele, wie den dürſtenden Hirſch die kryſtallklare Quelle. Sei mir tauſend, tauſend Mal von Grund meiner Seele willkommen!“ „Danke, danke, lieber Wilſon, für den freundlichen Empfang,“ erwiederte Mr. Hamilton herzlich.„Habe ihn gerade ſo erwartet, und deßhalb einen Umweg von zwanzig Meilen nicht geſcheut. Ich komme aus dem Süden, wo ich meine Baumwollen⸗ und Tabaks⸗Erndte verkauft habe, und mußte noch einen Abſtecher zu ei⸗ nem alten Bekannten, der mir gern eine alte Schuld von ein paar tauſend Dollars abtragen wollte, und mich eintud, ſie perſönlich einzukaſſieren. Einmal ſo nahe bei deiner Farm, wollte ich nicht vorüber reiten, ſondern deine Gaſtfreundſchaft auch ein paar Tage in Anſpruch nehmen. Aber, ich bin erſchrocken, wie du ausſiehſt! Biſt du krank geweſen, Menſch? Ich hätte 40 dich kaum wiedererkannt, und doch war ich erſt vor zwei Jahren hier.“ „Ach ja, ich bin krank geweſen,“ verſetzte Mr. Wil⸗ ſon, und fiel in ſeine alte Schwermuth zurück,—„ſehr krank, geiſtig und körperlich, habe auch bedeutende Verluſte gehabt, aber— nun, es wird ja wohl wie⸗ der einmal beſſer werden!“ „Bedaure ſehr, wahrhaftig ſehr, mein alter Freund,“ erwiederte Mr. Hamilton.„Doch, wenn du Verluſte hatteſt, warum dachteſt du nicht an deinen alten Freund in Kentucky? Ein Wort von dir, und meine Kaſſe hätte dir offen geſtanden. Du weißt das ja!“ „Ja, ja, ich weiß es,“ verſetzte Mr. Wilſon ge⸗ rührt.„Aber ſo weit iſt es noch nicht, daß ich meine Zuflucht zu meinem beſten Freunde hätte nehmen müſ⸗ ſen. Nein, nein, ich erhole mich ſchon wieder.“ „Zwiſchen uns Beiden keine leeren Redensarten,“ ſagte Mr. Hamilton in ſeiner treuherzigen, offenen Weiſe.„Ich führe da in meinem Mantelſack einige dreißigtauſend Dollars in Gold und Papieren mit,— wenn ſie dir etwas nützen können, ſo greife zu, und nimm meinetwegen das Ganze. Ich für mein Theil gebrauche den Plunder für's erſte nicht.“ „Treuer, edler, hochherziger Freund!“ rief Mr. Wilſon aus, und eine Thräne der Rührung funkelte in ſeinem Auge.„Du biſt der Alte geblieben, der du immer warſt: immer freigebig, immer aufopfernd für deine Freunde! Aber ich danke dir für deine Güte, denn ich bedarf ihrer nicht. Und nun noch Eines: ich bitte dich, rede nicht von dem Gelde, das du mit dir führſt! Sprich zu keinem Menſchen davon! Ich beſchwöre dich darum. Bei mir iſt nicht mehr Alles 41 wie es geweſen iſt. Darum ſtill! Hein Wort von deinem Reichthum, außer zu mir!“ 1 „Was, um des Himmels willen, ſimd dies für räthſelhafte Worte und Andeutungen?“ ſagke Mr. Ha⸗ milton.„Haſt du Mißtrauen gegen irgend Jemanden in deinem Hauſe?“ „Leider, ja, dies iſt der Fall!“ verſetzte Wilſon, ſchwer aufſeufzend aus tiefſter Bruſt. „Großer Gott,“ rief Hamilton aus,—„doch nicht etwa dein Sohn iſt es, der...“ „Nein, nein, Gott verhüte, daß ich je Urſache habe, meinen wackeren Knaben zu verdächtigen! Nein, nein, er iſt brav bis in den Kern des Herzens hin⸗ ein. Aber ein Anderer... nun, reden wir nicht mehr davon, es iſt einmal nicht zu ändern.“ „Das iſt freilich ſchlimm, vorausgeſetzt, daß es ſich wirklich ſo verhält,“ erwiederte Mr. Hamilton voller Theilnahme.„Wir werden ja ſehen, werden ſehen. Ein paar Tage bleibe ich jedenfalls hier, wenn du mir nicht ſelber die Wege weiſeſt. Und nun erzähle, — wie befindet ſich meine Prairie⸗Blume, die lieb⸗ liche Emmy, und Benjamin, der bravſte Burſch in den Colonien?“ Mr. Wilſon gab bereitwillig Auskunft, und die Freunde vertieften ſich in ein vertrauliches Geſpräch, das erſt nach geraumer Zeit durch den Eintritt des früheren Buchhalters Solms unterbrochen wurde. Als Mr. Hamilton ihn anſah, ſtutzten Beide, und Solms zeigte eine augenſcheinliche Verwirrung. Ohne ein Wort zu reden, drehte er ſich kurz auf dem Stiefel⸗ Abſatze herum, und verließ das Zimmer wieder. „Jetzt durchſchaue ich Alles,« ſagte Mr. Hamilton. 42 „Dieſer Menſſh iſt der gewiſſenloſeſte und durchtrie⸗ benſte Schurke, der mir noch je auf dem Lebenswege begegnet iſt.“ t„Du kennſt ihn alſo?“ fragte Mr. Wilſon be⸗ ürzt. „Ich kenne ihn ſeit länger als fünf Jahren, wo ich, wie du dich erinnern wirſt, einen Winter in Paris zubrachte,“ erwiederte Mr. Hamilton.„Dort trieb ſich dieſer ſogenannte Chavalier Briſſot in den er⸗ bärmlichſten Spielhöhlen und den gemeinſten Spelun⸗ ken umher, die ich aus Neugierde einmal in Geſell⸗ ſchaft einiger Freunde beſuchte, um das große Paris auch nach dieſer Richtung hin kennen zu lernen. Jener Schuft, als er uns gewahr wurde, trat mit unver⸗ ſchämter Miene auf uns zu, und redete einen meiner Gefährten, den Baron Vitry, in frech vertraulicher Weiſe an. Dieſer ſchlenderte einen verächtlichen Blick auf ihn, kehrte ihm den Rücken zu, und gab uns ei⸗ nen Wink, das Lokal zu verlaſſen, in welchem ich mich ohnehin nicht behaglich fühlen konnte. Im Freien angelangt, erzählte uns Vitry von dem Leben und Treiben jenes Schuftes. Er war, um es kurz zu wie⸗ derholen, bereits vor Jahren in Paris angekommen, und hatte ſich, da er reich mit Geld verſehen zu ſein ſchien, unter dem Namen eines Chavalier Briſſot in die beſſere Geſellſchaft einzuſchmuggeln gewußt. Junge Leute pflegen in Paris nicht beſonders wähleriſch in ihrem Umgange zu ſein. Jener Briſſot trank und ſpielte mit ihnen, brachte viel Geld durch, und wurde deßhalb, da man nichts Nachtheiliges über ihn wußte, von den jungen, lebensluſtigen Lebeleuten geduldet, bis man ihn eines ſchönen Tages, oder vielmehr Nachts, 43 darüber ertappte, daß er mit falſchen Würfeln ſpielte. Der Halunke hatte immer viel Glück im Würfelſpiel gehabt, ein Umſtand, der jetzt vollſtändig aufgeklärt war. Vitry, der die falſchen Würfel entdeckt hatte, ließ ſich jedoch, ſeinen Freunden gegenüber, nichts da⸗ von merken. Aber er beobachtete fortan den ſoge⸗ nannten Chavalier Briſſot auf das Allergenaueſte, und gelangte dadurch zu noch weiteren Enthüllungen. Er überzeugte ſich, daß der Schuft auch beim Kartenſpiel betrog, und, noch nicht genug, auch die jungen Leute in der Geſellſchaft beſtahl, indem er ihnen, wenn ſie ganz auf das Spiel erpicht waren, mit gewandter Hand die Taſchen ausleerte. Nun winkte Vitry einen Freund zu ſich, flüſterte ihm leiſe die Kunde von den gemach⸗ ten Entdeckungen zu, und machte ihn darauf aufmerk⸗ ſam, wie gewandt und ſicher der Herr Chavalier Briſ⸗ ſot die Volte zu ſchlagen, und ſeinen nächſten Nach⸗ barn Hände voll Geld und Banknoten zu entwenden verſtand. Eben, da dies Letztere geſchah, und Briſſot noch ſeine diebiſchen Finger in der Rocktaſche ſeines Nachbars hatte, ſprang der Graf Lamarg, Vitry's Freund, auf den Halunken zu, packte mit Rieſenkraft den Arm deſſelben, und hob ihn ſammt dem Rock⸗ flügel des beraubt werden ſollenden jungen Mannes in die Höhe. „Sehet,“ rief er ſeinen Freunden zu,„dieſer Menſch iſt ein Betrüger und Dieb! Er ſpielt nicht nur mit falſchen Würfeln und Karten, ſondern raubt und plün⸗ dert auf noch direkterem Wege!“ Die Sache machte natürlich ungeheures Aufſehen. Alle Spieler ſprangen von ihren Sitzen auf, und um⸗ 44½ ringten Briſſot, der, todtenbleich und zitternd, kaum im Stande war, eine Entſchuldigung zu ſtammeln. „Vertheidige dich nicht, Schurke,“ herrſchte der Graf ihm zu.„Baron Vitry hat dich ſchon lange genau beobachtet, und auch ich habe mit meinen eige⸗ nen Augen geſehen, wie du geſtohlen haſt. Vitry, be⸗ zeuge, daß ich die Wahrheit rede!“ Vitry beſtätigte nicht nur Alles, was der Graf ausgeſagt hatte, ſondern er häufte noch mehr und ſchlagendere Beweiſe gegen den diebiſchen Be⸗ trüger. Knterſucht die Karten, mit denen er ſpielt,“ ſagte er,—„Ihr werdet ſie ſammt und ſonders mit Nadel⸗ ſtichen bezeichnet finden. Leert ihm die Taſchen aus, und die falſchen Würfel werden zum Vorſchein kom⸗ men!“ Briſſot ſchrie, tobte, wüthete, betheuerte ſeine Un⸗ ſchuld, weinte ſogar, aber es half ihm nichts. Die Karten wurden unterſucht und jede davon marquirt gefunden; man durchſuchte ſeine Taſchen, und brachte nicht nur die falſchen Würfel, ſondern auch noch eine koſtbare goldene mit Diamanten beſetzte Doſe zum Vorſchein, die vor einigen Tagen ſpurlos aus der Taſche eines reichen alten Herrn verſchwunden war. Ein Schrei allgemeiner Entrüſtung hallte durch den Saal, wo dieſe Scene ſich zutrug. Briſſot wurde ge⸗ ohrfeigt, mußte ſeine Diebesbeute herausgeben, und wurde ſchließlich, da die vornehmen jungen Herren nicht mit der Polizei in Berührung kommen wollten, aus dem Lokale hinaus und die Treppe hinunter auf die Straße geworfen. In guter Geſellſchaft durfte er ſich natürlich von Stund' an nicht mehr ſehen laſſen. 45 So ſchloß er ſich denn den zahlreichen, gewöhnlichen Glücksrittern in Paris an, und ſuchte ſie auszuplün⸗ dern, wie er die vornehmen jungen Leute ausgeplün⸗ dert hatte. Aber jene Schurken waren feiner und ſchlauer, als er. Er wurde geplündert, anſtatt zu plündern, ſeine Reichthümer verſchwanden erſchreckend ſchnell in alle Winde, und Briſſot ſank immer tiefer auf der Stufenleiter der Geſellſchaft, bis er endlich bei der verworfenſten Hefe anlangte, wo ich ihn zu⸗ fällig kennen gelernt hatte. Später hörte ich einmal, er ſei wegen Diebſtahl verhaftet worden, und es hätte ſich bei der Unterſuchung herausgeſtellt, daß er keines⸗ wegs ein wirklicher Chavalier Briſſot, ſondern ein elender deutſcher Abentheurer ſei, der einer Königlichen Bank eine namhafte Summe Geldes geſtohlen, und eine Zuflucht in Paris geſucht und gefunden habe. Er wurde zur Deportation nach Cayenne verurtheilt, muß ſich aber auf irgend eine Weiſe der Gefangenſchaft entzogen haben, da ich ihn, kaum ein Jahr ſpäter, wiederum antraf, und zwar hier in Amerika, in unſe⸗ rer guten Stadt New⸗York. Bei einem Volksauflaufe brachte man nämlich inmitten des ſchreienden Haufens einen Menſchen in Feſſeln geſchlagen. Auf den erſten Blick erkannte ich ihn. Es war der falſche Chavalier Briſſot. Man hatte ihn bei Anfertigung von falſchen Banknoten erwiſcht, und war eben im Begriff, ihn in das Gefängniß abzuführen. Jetzt finde ich ihn hier wieder, und ich frage dich, Wilſon: was haſt dumit einem ſolchen Menſchen zu ſchaffen? Mr. Wilſon hatte die Erzählung ſeines Freundes mit heimlichem Entſetzen angehört. Daß Hamilton ſeinen ſauberen Gaſt kannte, war ihm ſchon unange⸗ nehm genug: aber noch ſchrecklicher war es ihm, daß der alte treue Freund auch ſo ziemlich die ganze ſchmutzige Laufbahn des Verbrechers enthüllen konnte. „Von alledem habe ich nichts gewußt,“ ſtammelte Mr. Wilſon endlich mit mühſam wieder errungener Faſſung.„Der Menſch hat mir einſt in Deutſchland weſentliche Dienſte geleiſtet,— ich konnte ihn nicht von meiner Schwelle jagen, als er, im tiefſten Elende, mich um Hülfe anſprach. Jetzt freilich, wo ich weiß. weß Geiſtes Kind er iſt, werde ich ihn fortſchicken, ſo⸗ bald als möglich.“ „Daſſelbe würde auch ich dir rathen, mein Freund,“ ſagte Mr. Hamilton.„Es muß ein unbehagliches Ge⸗ fühl ſein, mit einem ſchlechten Menſchen, einem noto⸗ riſchen, mehrmals beſtraften Verbrecher unter ein und demſelben Dache zu ſchlafen.“ „Ja, gewiß, du haſt vollkommen Recht,“ verſetzte Mr. Wilſon.„Verlaſſe dich darauf, ich werde mich des Menſchen entledigen. Aber jetzt begleite mich zu meinen Kindern, welche im Speiſeſaale ſchon auf mich warten werden. Benjamin und Emmy werden ſich ſehr freuen, ihren alten Freund und Gönner begrüßen zu können.“ Mr. Hamilton, der die Kinder ſeines Freundes herzlich liebte, folgte bereitwillig deſſen Aufforderung, und folgte ihm nach dem Speiſeſaale. Benjamin und Emmy, die bereits anweſend waren, begrüßten den werthen Gaſt mit lautem Frohlocken. „Herr Hamilton!« rief Benjamin freudig aus;„ich danke Gott, daß Er Sie zu uns geführt hat. Oh, nun kann noch Alles wieder gut werden!“ Mr. Wilſon warf einen ſcheuen Blick im Saale 47 umher, und athmete erleichtert auf, als er So nicht bemerkte. Auch ſpäter kam derſelbe nicht. Er mochte Furcht und Scheu vor Mr. Hamilton verſpüren, der ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle war. Spitzbuben meiden gewöhnlich das Zuſammenſein mit ehrlichen Leuten, und befinden ſich nur wohl unter Ihresgleichen. Der Abend verfloß raſch in vertraulichem Geſpräch, und heiterern Gemüthes, als ſeit langer Zeit, begaben ſich ſchließlich, nachdem Mr. Hamilton ſich zuerſt zu⸗ rückgezogen hatte, die übrigen Hausbewohner zu Bette. Alle ſchlummerten ſanft ein; nur Zwei fanden keine Ruhe: es waren dieſe Beiden Mr. Wilſon und Solms. Böſes Gewiſſen ſcheuchte den Schlaf von ihrem Lager. Fünftes Kapital. Der Verſucher. Es mochte in der zwölften Stunde derſelben Nacht ſein, da huſchte eine Geſtalt mit leichten flüchtigen Schritten über den Corridor, welcher zu Mr. Wilſon's Schlafzimmer führte, und pochte leiſe an die Thür deſſelben. „»Wer iſt da?“ fragte der Pflanzer von innen. „Gut, daß du noch wach biſt,“ lautete die Ant⸗ wort, die mit gedämpfter Stimme gegeben wurde. „Mach' auf! Ich bin es, dein alter Freund Solms! Ich habe dir eine wichtige Mittheilung zu machen.“ „Verſchieb' es auf Morgen,“ antwortete Mr. Wil⸗ ſon unwirſch.„Ich bin müde.“ „Unſinn, Unſinn!“ rief Solms zurück.„Oeffne auf der Stelle, oder ich mach' einen Spektakel, daß man's im ganzen Hauſe hören ſoll! Aufgemacht! So⸗ gleich!“ Wilſon ließ ſich, wie gewöhnlich, von dem Böſe⸗ wichte einſchüchtern. Er ſtand auf, warf einen leich⸗ ten Anzug über, und ſchloß die Thür auf. Solms drängte ſich haſtig in das Zimmer und verriegelte ſo⸗ gleich die Thür wieder. Dann warf er ſich in einen Armſeſſel, und winkte Mr. Wilſon, auf einem anderen, im Fenſterbogen ihm gegenüber, Platz zu nehmen. Mr. Wilſon gehorchte. Stumm ſaßen die Beiden eine Zeitlang da, während der helle Vollmondſchein durch das Fenſter drang, und jede andere Beleuchtung über⸗ flüſſig machte. Mr. Wilſon ſah bleich und abgeſpannt aus, wie gewöhnlich; Solms war ſehr aufgeregt, ſeine Augen funkelten wild, und er athmete ſchwer. Das lange Schweigen ſchien endlich Mr. Wilſon peinlich zu werden. Er nahm das Wort und fragte: „Warum überfällſt du mich mitten in der Nacht, Solms?“ Dieſer ſchien die Frage zu überhören, wenigſtens beantwortete er ſie nicht, und fragte ſeinerſeits heftig: „Wer iſt der Mann, der heute zum Beſuch ge⸗ kommen iſt, und den ich in deinem Zimmer traf ꝛ* „Ein Freund von mir, Mr. Hamilton aus Ken⸗ tucky,“ erwiederte Mr. Wilſon. V b 49 „Er hat dir von mir erzählt?“ fragte Solms haſtig weiter. „So iſt's,“ verſetzte Wilſon.„Er kennt ſo ziem⸗ lich deine Vergangenheit, und hat eine Mittheilung über deinen Lebenswandel in Paris und New⸗York gemacht.“ Solms murmelte eine Verwünſchung zwiſchen den Zähnen. „Alſo hat er mich wirklich erkannt,“ ſagte er hier⸗ auf.„Dann bin ich nicht ſicher mehr hier. Er wird Sherif und Conſtabler gegen mich aufhetzen.“ „Ich glaube wohl, daß du Urſache haſt, dieſe Leute zu fürchten,“ warf Mr. Wilſon etwas ironiſch hin. Solms blickte ihn mit einem boshaften Blicke durch⸗ bohrend an. „Wohl noch manch' Anderer hat ſie zu fürchten,“ entgegnete er ſcharf.„Aber jetzt keine Redensarten! Weißt du, daß Hamilton ein ſehr reicher Mann iſt?“ „Ich weiß es.“ 3 „Er wird nicht mit leerem Beutel reiſen, wie?“ „Das kümmert mich nicht, und ich habe ihn nicht danach gefragt.“ „Nun,“ ſagte Solms höhniſch,„mich kümmert's deſto mehr, ſeit ich heute Abend Tommy, den Neger⸗ knaben, in der Küche erzählen hörte, daß er den Mantelſack des Mr. Hamilton in deſſen Zimmer ge⸗ tragen habe, und daß dieſer Mantelſack ungemein ſchwer geweſen ſei. Mit Baumwolle wird ihn Hamil⸗ ton wohl nicht ausgeſtopft haben. He?“ Mr. Wilſon erſchrak. Ich errathe deine Gedanken, Solms,“ ſagte er heftig.„Du ſinnſt, wie ſchon oft, auf einen neuen Nemeſis. 4 50 Raub. Aber vergiß nicht, daß Hamilton mein beſter Freund iſt und unter meinem Dache als hochgeſchätzter Gaſt verweilt. Nimmermehr werde ich es dulden, daß du deine Diebeshand nach ſeinem Gute ausſtreckſt. Nimmer! Mag daraus werden, was da wolle!“ Solms lächelte höhniſch. „Dein Eifer beweiſt mir, daß ich richtig gerathen habe, als ich eine bedeutende Summe Geldes in Ha⸗ milton's Mantelſack vermuthete,“ entgegnete er.„Dieſes Geld muß mein werden, und damit es mein werde, und damit meine Sicherheit nicht länger gefährdet iſt, muß dieſer Hamilton ſterben. Er darf nicht lebend dieſes Haus wieder verlaſſen!“ Leichenbläſſe bedeckte bei dieſen Worten Mr. Wil⸗ ſon's gramdurchfurchtes Antlitz, und, entſetzt beide Arme vor ſich ausſtreckend, als wollte er etwas Fürch⸗ terliches von ſich abwehren, ſprang er von ſeinem Sitze auf. Kimmer! Nimmermehr!“ rief er keuchend aus. Jedes Haar auf ſeinem Haupte iſt mir heilig, und du müßteſt erſt mich ermorden, ehe ich dir geſtattete, Hand an meinen verehrten Gaſtfreund zu legen.“ „Pah! Pah!“ verſetzte Solms.„Denke nur daran, daß ich nicht nur deine und deiner Kinder Ehre, ſon⸗ dern auch dein und ihr Leben in meiner Gewalt habe. Oder glaubſt du vielleicht, Benjamin würde die Schande ſeines Vaters überleben wollen? können? Ich denke anders von ihm, denn er iſt durch und durch ein ehren⸗ werther Burſche. Alſo beſinne dich,— entweder der fremde Mann da, oder du und deine unſchuldigen Kinder!“ Mr. Wilſon rang in Verzweiflung ſich faſt den 51 Baſt von den Händen, warf ſich ſogar dem Peiniger zu Füßen, und flehte ſeine Barmherzigkeit an. Solms wies ihn höhniſch zurück. „Wohlan denn,“ ſagte Mr. Wiſſon, indem er ſich wieder aufrichtete und würdevoll vor dem Schurken Solms ſtehen blieb,—„wohlan denn, ſo mag ge⸗ ſchehen, was ich mir ſchon längſt im Geiſte überlegt habe. Ich verlaſſe mit meinen Kindern dieſe Pflan⸗ zung, und ziehe mich in die äußerſte Wildniß zurück. Schalte und walte dann du hier nach deinem Gefallen. Ich will lieber in Armuth und Elend verkommen, als mich von dir zu einem ſo ſchändlichen Verbrechen ver⸗ leiten laſſen.“ „Gehe hin, Thor!“ entgegnete Solms trotzig. „Mir und meiner Rache würdeſt du doch nicht ent⸗ gehen. Ich würde mich an deine Sohlen heften, und überall, überall den Leuten in's Ohr ſchreien, wer eines ſchönen Tages eine Königliche Bank beſtohlen hat. Die Leute werden es hören, und deine Kinder werden es hören, und die Folgen davon magſt du dir ſelber ausmalen. Geh', du Narr, wenn du jetzt noch den Muth dazu haſt. Sei aber verſichert, daß ich dich und deine Kinder in's tiefſte Elend bringe und unſäglich unglücklich mache, wenn du dich unterſtehſt, meinen Befehlen Widerſtand entgegen zu ſetzen! Mor⸗ gen Nacht um dieſe Stunde ſtirbt Hamilton. Wir theilen ſein Geld, und nachher magſt du thun, was dir gut dünkt. Ich für meine Perſon werde dich dann nicht länger beläſtigen, ſondern weiter nach Weſten gehen. Keinen Widerſpruch mehr! Morgen um dieſe Stunde wirſt du dich bereit halten, mich in Hamil⸗ 1 4* 52 ton's Zimmer zu führen, oder— Wehe über dich und deine Kinder!“ Ohne noch ein Wort hinzu zu fügen, oder eine Erwiederung abzuwarten, verließ der Schurke hierauf Mr. Wilſon, und kehrte leiſe und verſtohlen, wie er gekommen war, in ſein Schlafgemach zurück, ſeinen ehemaligen Collegen in einem Seelenzuſtande zurück⸗ laſſend, den keine Feder zu beſchreiben im Stande iſt. Mr. Wilſon fühlte ſich in der That vollkommen niedergeſchmettert, jede Kraft ſeiner Seele war gelähmt, ſein betäubtes Gehirn keines klaren Gedankens mächtig. Den Kopf mit beiden Händen haltend, leiſe wimmernd, von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer ausſtoßend, ging er ſchwankenden Schrittes ruhelos in ſeinem Zimmer hin und her. Große Thränen rollten über ſeine Wangen,. er zitterte am ganzen Leibe, und ſtöhnte kläglich. Wer ihn ſo geſehen hätte, würde ihn zweifellos für wahn⸗ ſinnig gehalten haben, und aller Wahrſcheinlichkeit war Mr. Wilſon Stunden lang in dieſer furchtbaren Nacht dem Wahnſinne ſo nahe, daß nur wenig, ſehr wenig fehlte, um ihn in den Abgrund ewiger Geiſtesnacht zu ſtürzen. 4 Allmählig kehrte jedoch die ihm faſt ſchon für im⸗ mer abhanden gekommene Vernunft wieder zurück; das wilde regelloſe Pochen ſeines gequälten Herzens be⸗ ruhigte ſich nach und nach ein wenig, das ſtürmiſche Hämmern ſeiner Schläfe, das ihm den Schädel zu ſprengen und die Faſern ſeines Gehirns in Brei zu verwandeln drohte, ließ nach, und er vermochte wieder klar zu ſehen und einen klaren Gedanken zu faſſen. Aber leider fand er nirgends einen Troſt, einen Halt, eine Ausſicht auf Rettung in ſeinen Gedanken. Solms 53 hatte ihm eine zu gräßliche Alternative geſtellt; die, entweder einen theuren Gaſtfreund zu ermorden und auszurauben, oder Mr. Wilſon ſelbſt mit ſeinen Kin⸗ dern in gänzliches Verderben zu ſtürzen. Welche Wahl für den unglücklichen Freund, für den noch unglück⸗ licheren Vater! Was ſollte er wählen? „Keines von Beiden!“ ſchrie eine Stimme laut auf aus ſeinem Gewiſſen. Aber wenn er keine Wahl traf, was dann? Durfte er daran zweifeln, daß Solms ſeine furchtbaren Dro⸗ hungen verwirklichen würde, wenn Mr. Wilſon ſeinen Anſchlag auf Mr. Hamilton's Leben und Vermögen vereitelte? Nein! Wilſon kannte den Schurken zu genau, um ihm nicht das Allerſchlimmſte und Schlech⸗ teſte zuzutrauen.— Und was dann, wenn ſein früher in Europa be⸗ gangenes Verbrechen bekannt wurde, auch ſeinen Kin⸗ dern bekannt wurde? Mr. Wilſon wußte, daß weder Benjamin noch Emmy einen ſolchen Schlag überleben würden; Verzweiflung und Gram mußten ſie dem Tode in die Arme ſtürzen. Armuth, gänzliche Beſitz⸗ und Hülfloſigkeit hätten ſie mit ſtarkem Herzen wohl ertragen und muthig dagegen angekämpft und gerun⸗ gen,— aber auch Schande und Ehrloſigkeit? Die Schande und Ehrloſigkeit eines theuren, über Alles geliebten Vaters, der bis dahin in ſo reinem und edlem Lichte vor ihnen geſtanden, zu dem ſie ſtets mit vertrauender, kindlicher Ehrfurcht empor geblickt hatten? Mit gränzenloſem Schmerze mußte Mr. Wilſon ſich geſtehen, daß ſie, wie vom Blitze getroffen, von ſol⸗ cher Kunde würden danieder geſchmettert werden, um ſich nie wieder zum Leben aufzurichten. 54 Wilde, furchtbare Vorſätze wechſelten ſchnell im Geiſte des tief gebeugten Mannes. Bald wollte er heimlich die Flucht ergreifen, bald ſeinem elenden Le⸗ ben in frevelhafter Weiſe durch Selbſtmord ein Ende machen, bald dachte er daran, über den Schurken Solms herzufallen und ihn ſeiner wohl verdienten Rache zu opfern. An dieſem letzten Gedanken hielt Mr. Wilſon am längſten feſt, über ihn brütete er am tiefſten nach. Was hatte er noch zu fürchten, wenn jener Schurke für immer aus dem Wege geräumt war? Und was war an dem Leben eines Verworfenen, eines Elenden gelegen, der ſchon tauſendfaches Unrecht und Unheil angeſtiftet, und ſchon öfter als einmal den Tod von der Hand der Gerechtigkeit verdient hatte,— ei⸗ nes Schurken, der eben jetzt wieder den blutigen Plan verfolgte, mit kaltblütiger Ueberlegung einen Mann zu ermorden, den Mr. Wilſon ſeit Jahren als einen Ehrenmann, als einen wahren Freund und braven Familienvater kannte. Konnte es nicht für eine wahre Wohlthat für die ganze Welt gelten, wenn ſolch ein mörderiſcher Schurke aus dem Wege geräumt wurde? Mr. Wilſon ſah nach ſeinen Piſtolen, die geladen über ſeinem Bette hingen, und ſtreckte mit einer ſchnel⸗ len, haſtigen Bewegung die rechte Hand danach aus. „Ich thue es!“ murmelte er leiſe vor ſich hin. „Noch in dieſer Stunde! Und Gott mag mir ver⸗ geben, wenn ich dadurch eine Sünde begehe!“ Der Griff an das kalte Eiſen des Piſtolenlaufes ſchien ihn aber wieder zur Beſinnung zu bringen; ſchaudernd ließ er die ausgeſtreckte Hand wieder ſinken. „Nein, nein, nein, kein Mord!“ ſagte er leiſe in traurigem Tone.„Wozu noch ein Verbrechen auf meine 5⁵ Seele laden, ein ſchwereres, viel ſchwereres noch, als ich früher begangen! Nein, ich will nicht morden un⸗ ter meinem Dache, aber nimmermehr werde ich dulden, daß von einem Andern ein Mord begangen wird, noch dazu ein Mord an dem edeln, vertrauenden Freunde. Mag dann über mich kommen, und mit mir geſchehen, was Gottes Wille iſt. Noch nicht genug habe ich be⸗ reuet und gebüßt für die begangene Sünde,— möge denn der Becher der Buße gefüllt werden bis zum Rande,— ich will den bitteren Kelch austrinken bis auf den Grund!“ Dieſer letzte Entſchluß, alles Weitere Gott anheim zu ſtellen, wirkte wunderbar beruhigend auf Mr. Wil⸗ ſon ein. Zwar ging er noch lange, bis der Morgen dämmerte, in ſeinem Zimmer auf und ab, jedoch die ſchweren Falten der Sorge verfinſterten nicht mehr ſeine Stirn, und er hielt ſich aufrecht, als ob eine furchtbare Laſt von ſeinen Schultern genommen wäre. Mit Sonnen⸗Aufgang legte er ſich, von Ermüdung überwältigt, wieder auf ſein Bett nieder, und verfiel faſt augenblicklich in einen tiefen, ruhigen Schlaf. War er doch verſöhnt mit Gott, und ſomit auch ver⸗ ſöhnt mit ſeinem Gewiſſen. 56 Sechstes Kapitel. Nemeſis. Als Mr. Wilſon wieder erwachte, fühlte er ſich, wie ſeit langer Zeit nicht, erfriſcht und geſtärkt, und eine heitere Ruhe ſtrahlte aus ſeinen ſonſt immer trübe verſchleierten Augen. Er kleidete ſich an, zog eine Klingel, und fragte einen unmittelbar darauf ein⸗ tretenden Neger nach Mr. Solms. „Ausreiten Maſſa,“ antwortete der Schwarze,— „hier Papier da laſſen für Maſſa Wilſon.“ Der Pflanzer nahm das Billet, entfaltete es, und las folgende wenige Worte:„Dieſe Nacht um zwölf Uhr. Gehorche oder— zittere!“ Ein verachtungsvolles Lächeln ſpielte um Mr. Wil⸗ ſon's Lippen. Er ſteckte das Papier in ſeine Taſche, und fragte den Neger, ob Mr. Hamilton bereits auf⸗ geſtanden ſei? „Ja, Maſſa,“ lautete die Antwort.„Maſſa Ha⸗ milton einen Spaziergang machen durch die Tabak⸗ felder, aber ſchon ſeit einer halben Stunde wieder zu Hauſe.“ „Gut,“ ſagte Mr. Wilſon,„ſuche ihn auf und be⸗ ſtelle an ihn, daß ich ihn ein Stündchen allein auf ſeinem Zimmer ſprechen möchte. Ich würde ſogleich kommen.“ Der Neger eilte hinweg, um den empfangenen Auftrag auszurichten, und kehrte ſchon nach wenigen 57 Minuten mit dem Beſcheid zurück, daß Mr. Hamilton mit Vergnügen ſeinen Freund erwarte. Mr. Wilſon begab ſich ſofort zu ihm. Hamilton kam ihm einige Schritte entgegen, und reichte ihm die Hand, welche von Mr. Wilſon herzlich gedrückt wurde.. „Was bringſt du mir Neues, Freund?“— fragte Hamilton, als Beide auf dem Sopha Platz genommen hatten. „Neues und Altes bringegich dir,“ verſetzte Wil⸗ ſon.„Ich fühle mich gedrungen, ein offenes Geſtänd⸗ niß meiner Vergangenheit und Gegenwart vor dir ab⸗ zulegen, und erwarte dann von dir Rath und Troſt. Willſt du mich anhören?“ „Du ſiehſt mich bereit dazu,“ erwiederte Hamilton, und ein Freund iſt es, der dir zuhört.“ „Das weiß ich, und darum ſchütte ich die Laſt meines Kummers in deinen Schooß aus,“ ſagte Wil⸗ ſon mit einem Blicke voller Dankbarkeit.„So ver⸗ nimm denn ein Geheimniß, das die letzten ſtebenzehn Jahre meines Lebens vergiftet hat, und verdamme mich nicht, ehe du mich nicht zu Ende gehört haſt.“ Nun begann Mr. Wilſon zu erzählen von ſeinen früheren Verhältniſſen in Deutſchland, von ſeiner da⸗ maligen Bekanntſchaft mit Solms, von den furchtbaren. Verlegenheiten, in die er ſich geſtürzt hatte, von den teufliſchen Rathſchlägen, die Solms ihm ertheilt, und von dem Diebſtahle, den er in Gemeinſchaft mit dem Verführer begangen. Seine Stimme klang anfänglich wankend und gepreßt, aber ſie wurde nachgrade feſter, und zitterte nur erſt wieder, als er das von ihm be⸗ gangene Verbrechen dem Freunde enthüllen mußte. 58 Als es geſchehen war, holte er tief Athem, und blickte voller Angſt den Freund an, der übrigens mit unbe⸗ wegter Miene daſaß, grade, als ob ihm Wilſon eine Geſchichte von ganz wildfremden Perſonen erzählte. „Weiter,“ ſagte er kurz, als Mr. Wilſon inne hielt. „Was thateſt du mit dem unrecht erworbenen Gute?“ „Solms und ich trennten uns,“ fuhr Wilſon fort, — eer ging nach Paris, ich nach Hamburg, wohin ich meine Kinder vorausgeſchickt hatte. Oh, ſie wenig⸗ ſtens ſind völlig ſchuldigs. und haben nicht die ent⸗ fernteſte Ahnung davon, daß ihr beklagenswerther Va⸗ ter ein gemeiner Dieb, ein vom Geſetze gebrandmarkter Verbrecher iſt. Unentdeckt verließ ich Hamburg mit meinen Kindern, und gelangte nach New⸗York, wo ich meinen jetzigen Namen Wilſon annahm. Von New⸗ York ging ich weiter und weiter dem Innern des Landes zu. Mein Gewiſſen trieb mich aus den be⸗ wohnten Landſtrichen, wo ich jeden Augenblick erkannt zu werden fürchten mußte, tiefer und tiefer in die Wildniſſe des Weſtens, bis ich eines Tages deine Farm erreichte, und wohlwollend und gaſtfreundlich von dir aufgenommen wurde. Das Uebrige brauche ich nur mit wenigen Worten in dein Gedächtniß zu⸗ rück zu rufen. Du behielteſt mich bei dir, du lehrteſt mich das Leben der Anſiedelungen kennen, du machteſt mich auf dieſe prächtige Farm aufmerkſam und ver⸗ mittelteſt für mich den Ankauf derſelben. Du halfeſt mir bei meiner Einrichtung, du kaufteſt mir Neger, Hausthiere und die nöthigen Geräthſchaften, du leite⸗ teſt die ſchwierigſten Arbeiten, kurz, du ſtandeſt mir als der beſte, treueſte Freund zur Seite, und unter deiner Leitung gedieh Alles ſo vortrefflich, daß ich 59 nach wenigen Jahren mit Recht zu den reichſten Pflan⸗ zern in der Gegend gezählt wurde. Nie kann ich dir genug für deinen treuen Beiſtand danken, ohne wel⸗ chen ich vielleicht lange Jahre mühſam hätte kämpfen müſſen, um an das Ziel zu gelangen, das ich durch deine Mithülfe ſo leicht, faſt ſpielend erhalten habe.“ Mr. Hamilton machte eine abwehrende Handbe⸗ wegung, als Wilſon bei den letzten Worten inne hielt, und einen tiefen innigen Blick auf den Freund heftete. „Weiter, weiter,“ ſagte er.„Ich that meine Schul⸗ digkeit, wie ich ſpäter dich die deinige thun ſah, wenn es galt, achtbare Einwanderungen zu unterſtützen. Wei⸗ ter alſo.“ „Nun denn,“ begann Mr. Wilſon von Neuem, „der Ankauf dieſer meiner Farm, die Einrichtung, die Verbeſſerungen, die Anſchaffungen hatten, Dank deiner Beihülfe, noch nicht die volle Hälfte des Kapitals ver⸗ ſchlungen, das ich aus Europa mit nach Amerika her⸗ über gebracht hatte. Die übrige Hälfte nahm ich und ſchickte ſie an die Königliche Bank zurück, die ich da⸗ rum beſtohlen hatte,— natürlich, ohne daß ich mich als Abſender nannte...“ „Ah, das haſt du gethan?“ unterbrach Mr. Hamil⸗ ton die Erzählung.„Das freut mich mehr, als ich mit Worten ausdrücken kann!“ „Sieh' hier den Beweis,“ fuhr Mr. Wilſon fort, indem er ein Blatt Papier aus einem Portefeuille nahm, und es ſeinem Freunde überreichte.„Es iſt die Quittung über ſechszigtauſend Thaler, von einem New⸗Yorker Handlungshauſe an die Königliche Bank in B. ausgezahlt, auf Rechnung eines Mannes, der unbekannt zu bleiben wünſcht.“ 60 „Gut! Sehr gut!“ murmelte Mr. Hamilton mit hellerem Blicke und aufgeheiterter Stirn.„Weiter, lieber Wilſon.“ Wilſon fuhr fort: „Daß ich mich keinen Augenblick glücklich fühlte, obgleich ich mich in behaglichen Umſtänden befand und keine Nahrungsſorge mich drückte, wirſt du mir glau⸗ ben. Das von mir begangene Verbrechen vergiftet jeden Genuß, jede Freude, die mir hätte zu Theil werden können, ſelbſt die Freude an meinen Kindern, die ſich ſo herrlich entwickelten und die ich ſo innig liebte und liebe. Gleichwohl war mein Zuſtand da— mals noch erträglich zu nennen, im Vergleiche mit dem jetzigen. Die wahre Höllenqual fing erſt an, als ein unglückliches Verhängniß jenen Solms in mein Haus führte. Er war das Werkzeug der rächenden Nemeſis, die mich bis in die Wildniſſe Amerika's verfolgte. Seine Gegenwart vernichtete auch die letzten kleinen Glücksreſte, die noch in einem Winkel meines Herzens vegetirten und blüheten. In ewiger, unſäglicher Angſt ſchwebend, von dem Genoſſen meiner ſchlechten That verrathen zu werden, verlor ich allen Muth, alle Wil⸗ lens⸗Feſtigkeit, und wurde wie weiches Wachs in den Händen dieſes Böſewichts. Der Schurke verſchwendete mein Geld, verſchleuderte den Ertrag meiner Erndten, und tiraniſirte nicht nur mich, ſondern auch mein Haus⸗ geſinde, meine Sclaven, ſelbſt meine Kinder. Oh, großer Gott, was habe ich leiden und dulden müſſen unter der eiſernen Fauſt dieſes Elenden, der mich durch ein unſeliges Geheimniß völlig in ſeiner Gewalt hatte, wie ein Gefangenwärter ſeinen Gefangenen. Hamilton, du mußt nicht glauben, daß ich durch die Rückerſtattung 61 der größeren Hälfte meines Raubes mein Verbrechen geſühnt wähnte. Nein, nein! Ich arbeitete raſtlos ich ſparte jeden Dollar, den ich irgend erübrigen konnte, um nach und nach meine Schuld vollends abtragen zu können. Sieh' hier noch andere Quittungen, als jene erſte. Ueberzeuge dich, daß ich Jahr für Jahr einen Theil meiner Schuld abtrug, daß ich die Gelder, über deren Verbrauch du mich manchmal fragteſt, ohne mir eine Erklärung abgewinnen zu können, ſammt und ſon⸗ ders nach Deutſchland ſendete! Kaum noch zehntauſend von hunderttauſend Thalern hatte ich zu bezahlen, um völlige Deckung geleiſtet zu haben,— nur zwei Jahre noch brauchte ich meine Erſparniſſe zurückzulegen und nach Europa zu ſchicken, um der drückenden Schuld meines Lebens ledig zu werden,— da ſchleudert mir die ewige Vergeltung dieſen Solms in den Weg, und — durch ſeine maßloſe Verſchwendung verhinderte er mich nicht nur, die letzte Spur meines Verbrechens auszulöſchen, ſondern er hat mich auch zu einem armen Manne gemacht und nebenbei meinen guten Ruf, oder doch wenigſtens den größeren Theil davon, bei meinen Nachbarn vernichtet.“ Hier ſchwieg Mr. Wilſon tief erſchüttert und rang in ſtummer Verzweiflung die Hände. Mr. Hamilton, ebenfalls bis in das Herz hinein bewegt, ſtand von ſeinem Stuhle auf, ging einigemal mit ſchweren Schrit⸗ ten im Gemache auf und ab, und legte endlich ſanft ſeine Hand auf Wilſon's Schulter. „Mein Freund, mein theurer Freund,“ ſagte er mit Innigkeit,„ich beklage auf das Tiefſte die ſchreckliche Lage, in der du dich befunden, in der du dich noch befindeſt. Aber du haſt, von falſchem Ehrgefühl ge⸗ 62 täuſcht und verblendet, unzweckmäßig, faſt möchte ich ſagen, unvernünftig gehandelt. Du hätteſt, als jener Schurke dich zu drängen verſucht, zu mir kommen, mir deine Verhältniſſe klar und rückhaltlos auseinander ſetzen müſſen. Dann wäre dem ſchlimmen Thun jenes Menſchen ſofort ein Ende gemacht worden.“ „Ich habe daran gedacht, oft daran gedacht, dich einen Blick in meine Hölle thun zu laſſen,“ verſetzte Mr. Wilſon traurig.„Aber durfte ich es denn? Konnte ich es, ohne meine Vergangenheit zu enthüllen, die mir auf immer deine Achtung entriſſen hätte?“ „Mit dieſer Vorausſetzung biſt du im Irrthum,“ erwiederte Hamilton herzlich.„Durch Rückerſtattung der Summen, die du, gedrängt von Verlegenheiten und Nöthen, rechtswidrig dir aneigneteſt, haſt du dir auch die Achtung aller rechtſchaffenen Menſchen wieder gewonnen. Kein Zweifel, du haſt ſchwer gefehlt, aber deine Buße war auch eine ſchwere, und deine aufrich⸗ tige Reue iſt erwieſen durch die Quittungen dort. Oh, warum haſt du nicht früher geſprochen? Und warum ſprichſt du denn jetzt, wo ſich deine Verhält⸗ niſſe doch eigentlich in Nichts verändert haben, und wo du namentlich Solms gegenüber genau ſo ſtehſt, als bisher?“ „Nicht genau ſo mehr,“ erwiederte Mr. Wilſon, während ein Schauder des Abſcheus ſeinen Körper durchrieſelte, ſo daß er am ganzen Leibe zitterte.„Höre weiter! Solms drang geſtern Nacht mit Gewalt in mein Zimmer ein, und wollte mich, da er große Geld⸗ ſummen in deinem Mantelſack vermuthet oder aus⸗ ſpionirt hat, durch die gräßlichſten Drohungen zwingen, 63 dich nächſte Nacht ermorden zu helfen? Stehe ich nun noch ſo, wie früher, zu dieſem Menſchen?“ „Ermorden? Mich? Unter deinem eigenen Dache? Entſetzlich!“ rief Mr. Hamilton aus.„Und du, Wil⸗ ſon? Was antworteteſt, was ſagteſt, was thateſt du?« „Solms verließ mich, ehe ich ihm meine Ent⸗ ſchließung mittheilen konnte, unter erneuerten, gräu⸗ lichen Drohungen,“ verſetzte Mr. Wilſon.„Vor kaum einer Stunde ſchickte er mir dieſes Billet. Lies es. Was mich anbetrifft, oder vielmehr meinen Entſchluß, ſo faßte ich nach ſchweren Kämpfen den, dir Alles zu enthüllen und mich von deinem Rath leiten zu laſſen.“ „Daran haſt du wohl gethan,“ verſetzte Mr. Ha⸗ milton zufrieden.„Der Schurke zweifelt alſo nicht daran, daß du ihm zum Morde Beiſtand leiſten wirſt?“ „Er rechnet darauf, daß ſeine Drohungen mich zu jedem Schritte treiben werden, den er mir vorſchreibt,“ erwiederte Mr. Wilſon. „Wohlan denn,“ ſagte Mr. Hamilton,„ſo hoffe ich, daß wir ihn in ſeiner eigenen Schlinge fangen und für alle Zukunft unſchädlich machen werden. Willſt du die Leitung der ganzen Angelegenheit alſo mir überlaſſen?“ „Gewiß, mit Freuden!“ „Dann müſſen wir vor allen Dingen Sorge tra⸗ gen, deine Kinder von hier zu entfernen,“ nahm Mr. Hamilton wieder das Wort.„Wir ſchicken ſie mit allen dir noch gebliebenen Sclaven auf meine Farm, und zwar ohne allen Verzug. Binnen einer Stunde müſſen ſie fort ſein.“— 64 „Aber unter welchem Vorwande ſoll ich ſie fort⸗ ſchicken?“ fragte Mr. Wilſon beſtürzt. „Unter dem ganz einfachen, daß ich dir deine Pflanzung abgekauft habe,“ gab Mr. Hamilton kalt⸗ blütig zur Antwort.„Dein Sohn wird an dieſer That⸗ ſache ganz und gar nicht zweifeln, und deinen Befeh⸗ len um ſo williger gehorchen, wenn du ihm die Mit⸗ theilung machſt, daß du und ich ihm nach wenigen Tagen auf meine Farm folgen werden. Du verſtehſt mich, Wilſon? Deine Kinder müſſen entfernt werden, damit jener Schurke ihnen keine Enthüllungen machen kann.“ „Ich verſtehe, ja,“ verſetzte Mr. Wilſon mit war⸗ mer Dankbarkeit.„Aber die Neger? Wenn wir auch ſie fortſchicken, wer ſoll uns Beiſtand leiſten, wenn es gilt, den Böſewicht zu fangen und zu entlarven?“ „Dafür laß mich ſorgen,“ entgegnete Mr. Hamil⸗ ton.„Mein Freund Ellis, der ja kaum zwei Meilen von hier wohnt, wird mir gern ein paar handfeſte Leute herüber ſchicken. Die Entfernung deiner eigenen Neger iſt aus doppeltem Grunde nothwendig, einmal um Solms ſicher zu machen, der ſich leicht einreden laſſen wird, daß du die Burſche nur fortgeſchickt haſt, um jeden Zeugen bei meiner beabſichtigten Ermordung zu beſeitigen; und dann,— auch ſie brauchen die Anklage nicht zu hören, welche Solms jedenfalls ge⸗ gen dich ſchleudern wird, wenn er ſeinen ſchändlichen Plan vereitelt ſieht.“ „Ja, ja, ich begreife,“ ſagte Mr. Wilſon.„Du biſt ſehr vorſichtig, Freund! Und was nun noch?“ „Nun, vor der Hard, nichts weiter mehr, als daß ich einen Spazierritt mache,“ erwiederte Mr. Hamilton. 65 „Wenn ich zurückkehre, hoffe ich, daß deine Kinder und Sclaven auf dem Wege nach meiner Farm ſind. Im Uebrigen verhalte dich ruhig in deinem Zimmer. Wenn Solms dich aufſuchen ſollte, was übrigens vor Ein⸗ bruch der Nacht ſchwerlich geſchehen wird, ſo bleibſt du dabei, daß du deine Farm an mich verkauft, und deine Kinder fortgeſchickt haſt, weil du dich tiefer im Weſten anſiedeln willſt. Und nun, Adieu! Endlich, ſo hoffe ich, wirſt du der Laſt entledigt werden, die ſo lange dein Herz gepreßt und dich zu Boden gedrückt hat!“ Die Freunde drückten ſich die Hände. Mr. Hamil⸗ ton ging ſodann, ſein Pferd zu beſteigen, und Mr. Wilſon begab ſich zu ſeinen Kindern. Eine Stunde ſpäter befanden ſich dieſe und die Neger Mr. Wilſon's auf dem Wege nach der Farm des Mr. Hamilton. Niemand von Allen ſetzte nur den geringſten Zweifel in die Wahrhaftigkeit des Vorwandes, unter welchem Mr. Wilſon ſie fortgeſchickt hatte. Benjamin und Emmy waren ſogar höchſt erfreut darüber, eine Gegend und eine Heimath verlaſſen zu können, in der ſie ſich ſchon lange nicht mehr wohl und heimiſch gefühlt hatten. 3 Mr. Wilſon verweilte den Tag über in ſeinem Zimmer, und hing abwechſelnd bald ſchwermüthigen, bald heiteren Gedanken nach. Nemeſis. 5 66 Siebentes Kapitel. Die Ermordung. Stunde um Stunde verrann. Eine tiefe Stille, eine wahre Todtenſtille herrſchte auf der Farm und in dem Hauſe Mr. Wilſon's. Kein menſchliches Weſen ließ ſich daſelbſt blicken. Die Tabaks⸗ und Baumwollen⸗ Felder lagen öde da im Glanze des heiße Strahlen vom Himmel hernieder ſendenden, Tagesgeſtirns. Erſt als die Sonne dem Untergange nahe war, erſchallten Hufſchläge vor dem Hauſe Mr. Wilſon's. Dieſer blickte aus dem Fenſter und ſah, daß Mr. Ha⸗ milton in Begleitung zweier baumſtarken Neger zurück⸗ gekehrt war. Wenige Augenblicke ſpäter trat er zu Mr. Wilſon in das Zimmer. „Guten Abend, Freund!“ ſagte er herzlich.„Alles ſteht gut. Ellis hat mir zwei Sclaven anvertraut, die weder engliſch noch deutſch verſtehen, ſondern nur ihre Mutterſprache und ein Bischen franzöſiſch plappern. Da mag denn Solms in Gottes Namen ſeine Ankla⸗ gen gegen dich vorbringen; er könnte ſie eben ſo gut den Bäumen des Waldes erzählen. Hat er ſich wäͤh⸗ rend des Tages bei dir blicken laſſen?“ „Nein, du guter und treuer Freund,“ verſetzte Mr. Wilſon.„Vielleicht, ach, dürfte ich es hoffen! hat er ſeinen finſteren Plan aufgegeben.“ „Das glaube ich nicht, und ich wünſche es ſogar auch nicht einmal,“ verſetzte Mr. Hamilton.„Der G 8 — 67 Schurke iſt längſt ſchon reif für den Galgen, und muß endlich, zu Nutz und Frommen beſſerer Leute, als er, ſeine wohlverdiente Strafe erhalten. Ich zweifle nicht, daß er pünktlich um die Stunde der Mitternacht an deine Thür anklopfen wird. Und dann mache, was dir beliebt. Fürchte in keiner Beziehung etwas für meine Sicherheit. Ich habe meine Maßregeln ſo vor⸗ ſichtig genommen, daß mir Solms, und wäre er der kühnſte und ſchlaueſte Böſewicht, nun und nimmermehr beikommen kann!“ Nach dieſen Worten ſchüttelte er dem Freunde die Hand, und wollte ſich entfernen. Mr. Wilſon aber hielt ihn feſt. „Aber was ſoll ich, was kann ich thun?“ fragte er in Todesängſten.„Natürlich werde ich entſchieden meinen Beiſtand bei dem Morde verweigern. Doch iſt dies auch genug? Soll ich dem elenden Buben nicht entſchieden in den Weg treten, nicht ihn im Nothfalle ſelbſt über den Haufen ſchießen?“ „Nein, nein, auf keinen Fall,“ verſetzte Mr. Ha⸗ milton nachdrücklich.„Der Menſch ſoll das Verbrechen begehen, und ſoll im Augenblicke der That ergriffen und verhaftet werden. Nur ſo iſt es möglich, ihn in die Arme des ſtrafenden Geſetzes zu ſchleudern. Fürchte meinetwegen nichts; ich bin unter allen Umſtänden in vollkommener Sicherheit. Laſſ' den Buben ſeinen Gang gehen, und verhalte dich für deine Perſon ganz paſſiv. Und nun, vorläufig gute Nacht! Ohne Sorge, alter Freund! Du ſollſt noch Tage der Zufriedenheit und des Glückes erleben! Ich ſtehe dir dafür.“ Noch einen warmen Händedruck, und Mr. Hamil⸗ ton ging. Von Zweifel und Bangen erfüllt, warf ſich 5 68 Mr. Wilſon in einen Lehnſtuhl, und blieb dort Stun⸗ den lang faſt unbeweglich ſitzen. Die Nacht rückte vor, es ſchlug zehn, es ſchlug elf, es ſchlug zwölf auf der Wanduhr in Mr. Wilſon's Stube. Dieſer athmete erleichtert auf. Mitternacht war vorüber,— jetzt durfte er hoffen, daß Solms nicht mehr kommen würde. Vergebliche Hoffnung! Traurige Täuſchung! Noch tönte das Summen der Wanduhr in leiſen Schwin⸗ gungen nach, da öffnete ſich die Stubenthür, und lei⸗ ſen Schrittes trat Solms ein. Seltſam düſter und verwildert ſah er aus. Seine Augen funkelten in un⸗ heimlichem Glanze, und Todtenbläſſe bedeckte ſein Ge⸗ ſicht. In der Fauſt hielt er ein ſchweres Beil; ein großes Bowie⸗Meſſer ſteckte an ſeinem Gürtel. „Biſt du krank?“ fragte er mit vor innerer Er⸗ regung heiſerer Stimme, und ſchleuderte einen drohen⸗ den Blick auf Mr. Wilſon. „Ich bin weder dazu vorbereitet, einen Mord an meinem beſten Freunde zu begehen, noch werde ich zu⸗ geben, daß du es thuſt,“ verſetzte der Pflanzer mit Feeſſtigkeit.„Bedenke, Solms,— unſchuldig vergoſſenes Blut ſchreit zum Himmel, und keine Buße kann das Verbrechen des Mordes ſühnen. Ich beſchwöre dich, — laß' ab von deinem entſetzlichen Vorhaben.“ „Albernes Geſchwätz!“ entgegnete Solms verächt⸗ lich.„Iſt Hamilton in ſeiner Stube?“ „Dort iſt er!“ „Und deine Kinder? Wo ſind ſie? Schlafen ſie ſchon?“ „Sie ſind nicht hier; ich habe ſie mit den Sclaven nach Hamilton's Farm geſchickt.“ „Ah, darum war Alles ſo ſtill in und außer dem 22 g „Was liegt mir daran?“ rief Solms hohnlachend. 69 Hauſe, als ich mich ſachte herein ſchlich!„Ein guter Gedanke, die Zeugen aus dem Wege zu ſchaffen! In der That ſehr gut.“ „Ich ſchickte ſie nicht deßhalb fort.“ „Und aus welchem Grunde ſonſt?“ „Weil Hamilton mir meine Pflanzung abgekauft hat, und ich mich tiefer im Weſten wieder anſiedeln will.“ „Dir die Farm abgekauft? Auch ſchon ſie be⸗ zahlt?“— „Nein, die Zahlung wird ſpäter erfolgen.“ „Ah, gut! So hat Hamilton alſo ſein Geld noch,“ murmelte Solms in ſich hinein.„Ich werde es ihm abnehmen, und nie wird er in den Beſitz dieſer Farm gelangen.— An's Werk!“ fügte er dann laut hinzu. „Nimm eine Axt! Wir müſſen ein Ende machen!“ „Nimmermehr!“ verſetzte Mr. Wilſon mit einer Geberde des Abſcheues.„Nimmermehr will ich meine Hände um elenden Geldes willen mit Blut beflecken!“ „Weigere dich nicht, oder morgen ſchreie ich in der ganzen Gegend aus, was für ein Spitzbube der ehrenwerthe, tugendhafte Mr. Wilſon iſt!“ „Thu' es,“ erwiederte dieſer.„Ich verlaſſe dieſe Gegend auf immer!“ 2 „Aber ich werde dir auf den Ferſen folgen, und überall dieſelbe Geſchichte erzählen,“ ſagte Solms drohend. „Auch das magſt du thun,“ entgegnete Mr. Wil⸗ ſon gelaſſen und gefaßt.„Du wirſt dann nicht nur eine, ſondern auch deine eigene Schande verkündi⸗ n.“—. . ſ——õ— 70 „Meine Perſon hat mit gutem Rufe und Ehre ſchon lange nichts mehr zu ſchaffen! Ich ſpotte der Thoren, die ſich vor ſolchen Geſpenſtern fürchten. Aber du biſt ein ſolcher Thor, und deßhalb wirſt du meinem Befehl gehorchen. Vorwärts! die Zeit drängt!“ „Ich bleibe, und laſſe auch dich nicht von der Stelle,“ erwiederte Mr. Wilſon, indem er ſich ent⸗ ſchloſſen vor die Stubenthür ſtellte.„Du wirſt dich nicht aus dieſem Zimmer entfernen, bevor nicht die Nacht vorüber iſt!“ „Wahnſinniger Thor,“ ziſchte Solms, und ſprang auf Mr. Wilſon zu.„Aus dem Wege mit dir, oder ich ſchlage dich nieder wie einen Hund!“ Mr. Wilſon hielt Stand. Da packte ihn Solms bei der Bruſt, und ſchleuderte ihn mit ſolcher Gewalt zur Seite, daß der alte, ſchwache Mann niederſtürzte, und ſich im Fallen am Kopfe verwundete. Ohnmächtig lag er auf den Dielen ausgeſtreckt. „Deſto beſſer!“ murmelte Solms in ſich hinein,— „der tugendhafte Spitzbube wäre im Stande geweſen, ſeinem Freunde Beiſtand zu leiſten, anſtatt ihn nieder zu ſchlagen. Bleibe du liegen! Wenn du zur Be⸗ ſinnung zurückkehrſt, wird die That gethan, und ich werde mit der guten Beute längſt über alle Berge ſein. Jetzt zu ihm! Ein Schlag mit der Axt, ein Stich mit dem Meſſer, und es iſt geſchehen. Wie gut, daß der Narr ſeine Kinder und Neger fortge⸗ ſchickt hat! Nun mag Hamilton wachen oder ſchlafen, ich werde bald mit ihm fertig werden!“ Er packte den Stiel ſeines Beiles feſter, lockerte das Meſſer in der Scheide, und verließ dann mit 71 ſchleichenden Schritten, aber entſchloſſener Miene Wil⸗ ſon's Stube, die er hinter ſich abſchloß. „Beſſer ſo!“ flüſterte er vor ſich hin.„Jetzt kann ich auf keine Weiſe geſtört werden!“ Wie ein Schatten, unhörbar, glitt er durch das Haus, ſtieg hinauf in das obere Stockwerk, und ſtand im nächſten Augenblicke vor Mr. Hamilton’s Zimmer. Hier blieb er ſtehen, legte vorſichtig ſein Ohr an die Thür, und horchte geſpannt. „Er ſchläft!“ murmelte er nach einem Weilchen. „Seine Athemzüge ſind tief und regelmäßig. Ich werde leichtes Spiel mit ihm haben.“ Mit feſter Hand drückte er auf die Thürklinke. Sie war nicht verſchloſſen, auch von innen kein Riegel vorgelegt. „Dacht' es mir wohl,“ ſagte er wie vorhin mit faſt unhörbarem Flüſtern.„Dieſe ſogenannten ehr⸗ lichen Leute ſind nicht mißtrauiſch, und der da nun vollends glanbt unter dem Dache eines Freundes ganz ſicher zu ſein. Nun, er ſoll in ſeiner Sicherheit meinetwegen zum Himmel oder zur Hölle fahren.“ Er öffnete die Thür ein wenig, und ſtreckte noch einmal lauſchend den Kopf vor. Alles ruhig! Eine Nachtlampe ſtand auf dem Tiſche in der Mitte des ziemlich großen Gemaches, und erhellte es ein wenig mit ſeinem bleichen, ſchwachen Schimmer. Auf dem Bette, in leichte Tücher eingehüllt, lag ein Mann,— anſcheinend in tiefem, feſten Schlafe. Er athmete ſchwer und hörbar. Kein anderes Geräuſch unterbrach die lautloſe Stille im Zimmer. Solms zögerte nicht länger. Er öffnete die Thür ſo weit, daß er mit Leichtigkeit hindurch ſchlüpfen 72 konnte, und ſchloß ſie dann wieder, als er ſich im Zimmer befand. Hierauf umklammerte er den Griff ſeiner Axt mit krampfhafter Gewalt, und ſchlich ſich auf den Zehen nach dem Bette Mr. Hamilton's. Hier holte er weit aus,— einen Augenblick ſchwebte das blitzende Beil hoch in der Luft, und— dann ſchmet⸗ terte es mit furchtbarer Wucht auf den Kopf der im Bette liegenden Geſtalt nieder. Schädelknochen krach⸗ ten und ſplitterten, aber kein Tropfen Blut färbte die weiße Hülle des Kopfkiſſens. Ehe ſich Solms von ſeinem Erſtaunen darüber erholen, und zu einem zwei⸗ ten Axthiebe ausholen konnte, ſtürzten die Geſtalten zweier rieſigen Schwarzen aus den dunkelſten Winkeln des Zimmers auf ihn los, packten ihn mit ihren ſtar⸗ ken Fäuſten, entriſſen ihm die tödtliche Hiebwaffe, warfen ihn zu Boden, und knebelten ihm Hände und Füße mit Stricken. Während dies geſchah, erhob ſich von der anderen Seite des Bettes, hinter welchem er verborgen gekauert hatte, Mr. Hamilton, und trat mit kaltem ſpöttiſchen Lächeln vor Solms hin. „Der Beilhieb war vortrefflich geführt, mein Herr Mörder und Todtſchläger,“ ſagte er.„Wenn er mei⸗ nen Kopf getroffen hätte, wie er den leeren Schädel eines armen längſt geſtorbenen Indianers getroffen, ſo würde ich jetzt ſchwerlich mehr unter den Lebendi⸗ gen wandeln.“ „Verrath!“ heulte Solms voller Wuth und Ver⸗ zweiflung.„Wilſon, der Schurke, hat mich in dieſe Falle gelockt!“ „Behüte Gott, mein Lieber,“ verſetzte Mr. Hamit ton;—„Sie ſind vollſtändig im Irrthum. Sie ſelbſt haben die Falle erſonnen und aufgeſtellt, und Sie — ——— 73 waren es, der meinen Freund Wilſon verlocken wollte, in Ihrer Geſellſchaft den Kopf hinein zu ſtecken. Mein Freund war klug genug, nicht in die Falle zu gehen!“ „Aber mich ließ er hinein gehen, ohne mich zu warnen!“ entgegnete Solms giftig.„Der falſche Hund! Er ſoll es mir büßen! Ich will ſeinen guten Namen öffentlich an den Pranger Falagen, und die Verachtung der ganzen Welt auf ihn herab ziehen!“ „Ei, ei, das wollten Sie wirklich thun?“ ſagte Mr. Hamilton ſpöttiſch.„Wenn man Ihren Worten nur Glauben ſchenkt! Faſt bezweifle ich dies, denn Ihr Leumund iſt nicht der beſte in dieſer Gegend.“ „Thut nichts!“ verſetzte Solms grimmig.„Ich kann beweiſen, daß Wilſon, Alias Peters, ehemals Buchhalter bei der Königlichen Bank, dieſe ſelbe Bank um mehr als hunderttauſend Thaler beſtohlen hat. Hört Ihr wohl, Ihr beiden ſchwarzen Halunken, um mehr als hunderttauſend Thaler!“ Mr. Hamilton lachte mit einer Geberde der Ver⸗ achtung. „Warum lachen Sie, Herr?“ fuhr Solms ihn an. „Glauben Sie mir etwa nicht?“ „O, wohl, ich glaube Ihnen,“ erwiederte Mr. Ha⸗ milton in ſpöttiſchem Tone,—„hat mir Mr. Wilſon doch ſelber die ganze ſchmutzige Geſchichte erzählt. Aber lachen muß ich, weil Sie zu dieſen gutmüthigen Schwarzen reden. Die armen Burſche verſtehen Sie nicht, denn ſie ſprechen nur die Sprache ihrer afrika⸗ niſchen Heimath!“ Solms ſtieß eine wilde Verwünſchung aus. „So bin ich denn vollſtändig überliſtet,“ preßte 74 er wuthſchäumend hervor.„Aber dennoch, dennoch ſoll er mir's büßen?“ „Wer ſoll büßen?“ „Der Verräther Wilſon!“ ſagte zähneknirſchend Solms. DOh, der hat ſchon längſt gebüßt,“ entgegnete Mr. Hamilton äußerſt kaltblütig.„Sehen Sie hier, lieber Herr, dieſe Papiere! Wiſſen Sie, was dieſelben zu bedeuten haben?“ „Wie ſoll ich dies wiſſen?“ „Sie werden es, wenn ich Ihnen ſage, daß es die uittungen über mehr als hunderttauſend Thaler ſind, welche mein Freund Mr. Wilſon nach und nach an die Königliche Bank zurückbezahlt hat. Ihre Ent⸗ hüllungen würden alſo auf alle Fälle zu ſpät kommen, denn Mr. Wilſon iſt nach Rückerſtattung der von der Bank entlehnten Summen nach unſerem amerikaniſchen Geſetze nicht mehr ſtrafbar. Uebrigens werden Sie dieſe Enthüllungen, mit denen Sie ſo lange ſchon meinen Freund bedrohet und eingeſchüchtert haben, nimmermehr und nirgends in der Welt machen!“ „Oh ja, ich werde es,“ ſchäumte Solms.„Kann ich den Verräther auch nicht der Strafe des Geſetzes überliefern, ſo kann ich doch ſeinen Namen mit Schmach bedecken, und kein Ehrenmann wird nachher noch län⸗ ger Umgang mit einem gemeinen Verbrecher pflegen, einem elenden Spitzbuben, der die Hand nach frem⸗ den Geldern ausgeſtreckt hat.“ „Still, ſtill, Menſch! Keine Drohungen weiter!“ unterbrach ihn Mr. Hamilton mit gerunzelter Stirn und verächtlich zuckender Lippe.„Sie ſelbſt ſind ja der Mitſchuldige meines Freundes, ja, der eigentliche V 75 Urheber des Verbrechens, und was haben Sie denn gethan, Ihre Schuld durch Reue und Rückerſtattung der entwendeten Summe zu ſühnen. Pfui, ſchämen Sie ſich, Menſch, einen Mann zu bedrohen und zu verfolgen, der durch ſeine ganze Handlungsweiſe be⸗ wieſen hat, daß er trotz eines leider begangenen Fehl⸗ tritts immer noch den Namen eines ehrlichen Mannes verdient, während Sie, da Sie ihn ſchmähen, nichts find, als ein gemeiner Dieb, und ein noch viel ge⸗ meinerer Mörder. Haben Sie denn das ganz ver⸗ geſſen, Menſch? Wiſſen Sie denn nicht, daß ihr Le⸗ ben in meine Hände gegeben iſt, und daß Sie an den erſten beſten Baum aufgeknüpft werden, wenn ich Sie in die Gewalt der Gerechtigkeit abliefere! Haben Sie denn ganz vergeſſen, wer in das Haus des Farmers Wolf einbrach, und den Mann beinahe durch einen Piſtolenſchuß tödtete? Dies Verbrechen allein bricht Ihnen den Hals, und, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, ich liefere Sie in das Grafſchaftsgefängniß ab, wenn Sie ſich nur einen Augenblick weigern, auf die Bedingungen einzugehen, welche ich Ihnen vorſchreiben werde.“ „Und welche Bedingungen ſind dies?“ fragte Solms eingeſchüchtert, da er recht wohl erkannte, daß ſein Schickſal vollſtändig von den Entſchließungen Mr. Hamilton's abhing.„Was ſoll ich thun, um Sie zu⸗ frieden zu ſtellen?“ „Sie werden unweigerlich die Worte niederſchrei⸗ ben, die ich Ihnen zu diktiren gedenke, und dann werden Sie noch in dieſer Nacht auf immer dieſe Ge⸗ gend verlaſſen, um nie wieder zurückzukehren.“ „Und wenn ich mich weigere, auf ſolche Bedingun⸗ 76 gen einzugehen?“ antwortete Solms mit einem An⸗ fluge des ihm ſonſt gewöhnlichen Trotzes. „So ſind Sie dem Richter, und in Folge deſſen, als Mörder, dem Galgen verfallen,“ verſetzte Mr. Hamilton mit ruhiger Entſchloſſenheit.„Die Wahl ſteht bei Ihnen, und ich meine, ſie könnte Ihnen nicht ſchwer werden. Solms krümmte ſich unter der Seelenqual, die ihn bei dem Gedanken folterte, daß er nicht nur gezwun⸗ gen war, ſeinen Raub, ſondern auch noch ſeine böſen Abſichten gegen Wilſon aufzugeben. Auch ihn hatte endlich die Nemeſis ereilt, und er mußte ſein tücki⸗ ſches Haupt unter ihren Schlangenzähnen beugen. »„Ich gehorche!“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe des Nachſinnens mit verbiſſener Wuth.„Diktiren Sie, ich werde ſchreiben und unterſchreiben, was Sie wollen. Auf einen Wink des Mr. Hamilton löſten die Schwarzen die Bande, welche Solms Hände feſſelten, und trugen ihn an einen Tiſch, auf welchem die nöthi⸗ gen Schreibmaterialien lagen. „Schreiben Sie alſo,“ ſagte Mr. Hamilton.„Ich, der eigenhändig Unterzeichnete— bekenne hiemit— daß ich derjenige Menſch bin,— welcher in des Mr. Wolf Blockhaus nächtlicher Weile einbrach,— und, da ich geſtört wurde,— Mr. Wolf durch einen Piſto⸗ lenſchuß verwundete.— Ich bekenne ferner,— daß ich in der Nacht vom 13. zum 14. Mai in das Schlaf⸗ gemach des Mr. Hamilton, des Gaſtes des achtbaren Mr. Wilſon, mit der Abſicht eindrang, beſagten Mr. Hamilton mit einer Axt zu erſchlagen, und mich als⸗ dann in den Beſitz ſeines Geldes zu ſetzen. Ich führte na dieſe Abſicht ſo weit aus, daß ich einer kunſtlich her⸗ gerichteten Puppe im Bette durch einen Axthieb den Schädel zerſchmetterte, worauf ich bei der That er⸗ griffen wurde. Um ſofortiger Ablieferung an das Ge⸗ richt zu entgehen, ſtelle ich dieſen vorliegenden Schein aus, und unterzeichne denſelben eigenhändig. Richard Solms.“ Der armſelige Verbrecher knirſchte mit den Zähnen vor Wuth, als er dies ſchmachvolle Bekenntniß nieder⸗ derſchrieb, und es alsdann dem Mr. Hamilton über⸗ reichte, der es ſorgfältig durchlas, und eben ſo ſorg⸗ fältig in ſeine Brieftaſche legte. „Well,“ ſagte er,„für's Erſte wären wir nun mit einander fertig. Sie können ſich entfernen, Mr. Solms, und je weiter Sie von hier fortgehen, deſto beſſer wird es für Sie ſein. Bindet ihn los,“ wandte er ſich dann an die beiden Sclaven, deren Sprache er redete,—„bindet ihn los, und führt ihn aus der Pflanzung bis an den Saum des Waldes. Dort mögt ihr ihn ſich ſelber überlaſſen, und wieder hier⸗ her zurückkehren.“ Die Neger gehorchten. Solms, kaum von den Feſſeln befreit, ſtürzte mit wildem Wuthgeſchrei aus der Thür, und ſprang mit weiten Sätzen davon. „Laßt ihn laufen,“ ſagte Mr. Hamilton lächelnd zu den Sclaven.„Ich ſehe ſchon, der Halunke findet ſeinen Weg allein. Gott ſet Dank, dieſes Gewürm wären wir denn endlich los, und hätten es für immer unſchädlich gemacht. Der gerechte Richter aller Leben⸗ digen und Todten wird ihn ſchon zu finden wiſſen, wenn ſeine Stunde gekommen iſt. Und nun zu Wil⸗ ſon! Der unglückliche Mann muß erfahren, daß er 78 den Schurken und Blutſauger nicht länger zu fürchten braucht.“ Er ſchickte die beiden Schwarzen zu Bett, und eilte in das Zimmer ſeines Freundes hinüber, der ihn mit freudigem Aufſchrei empfing, und in die Arme ſchloß. „Dem Höchſten Dank und Preis, ich ſehe dich un⸗ verletzt wieder!“ rief er aus.„Schreckliche Seelen⸗ qualen habe ich ausgeſtanden, ſeit mich Solms ver⸗ laſſen hat. Der Schurke war von ſeinem ſchändlichen Vorhaben nicht abzubringen!“ „Und hat ſeine Strafe dafür empfangen,“ fügte Mr. Hamilton lächelnd hinzu.„Hier lies das eigen⸗ händig von ihm niedergeſchriebene Bekenntniß ſeiner Sünden, das ihn ſofort an den Galgen bringt, wenn er ſich je wieder in dieſer Gegend ſehen läßt.“ Tief aus der Bruſt athmete Mr. Wilſon auf, als er die Schrift geleſen, welche Solms nothgedrungen aufgeſetzt hatte, und ein lange nicht gefühltes Glück nahm von ſeinem Herzen Beſitz. „Dank! Dank!“ ſtammelte er, indem er ſeinem Freunde die Hand drückte,—„du haſt meine Seele von ihrer ſchwerſten Laſt befreit! Wie kann ich dir je dieſen Freundſchaftsdienſt vergelten?“ „Nichts von Vergeltung und ſolchem Schnack,“ er⸗ wiederte Hamilton.„Freue dich, daß du den Alp los biſt, der dir ſo lange die Bruſt zuſammen preßte, und ich bin reichlich für mein kleines, glücklich beſtandenes Abenteuer belohnt. Und nun,— gute Nacht! Ich denke, ein paar Stunden ſüßen Schlafes werden uns erquicken und wohlthun. Morgen ein Weiteres! Noch ſind wir nicht ganz im Reinen, wenn auch allerdings das Schwierigſte hinter uns liegt.“ 2 —— — 79 Sie gingen Beide zur Ruhe, und wohl mußten ſie einen ſüßen Schlaf gefunden haben, denn Beide trafen am anderen Morgen mit hellem Auge und hei⸗ terem Antlitze in der Verandah wieder zuſammen, wo Mu Wilſon gewöhnlich ſein Frühſtück einzunehmen pflegte. Achtes Kapitel. Verſöhnung. Lange ſaßen die beiden alten Freunde unter zu⸗ gleich vertraulichem wie tief ernſtem Geſpräch unter der ſchattigen Verandah bei einander. Obgleich Mr. Hamilton keineswegs daran zweifelte, daß er den Schurken Solms gründlich eingeſchüchtert und für im⸗ mer verſcheucht hatte, ſprach er doch ſeine Meinung aus, daß es für Mr. Wilſon und ſeine Kinder beſſer ſein würde, wenn auch ſie für immer die bisher be⸗ wohnte Gegend verließen, und weiter im Weſten eine neue Anſiedelung begründeten. Mr. Wilſon ſtimmte dieſer Anſicht ohne Rückhalt bei. Er fühlte wohl, daß es ihm nie gelingen würde, das verlorene und erſchütterte Vertrauen ſeiner Nach⸗ barn wieder in der alten Weiſe zu gewinnen und zu befeſtigen, und er ging um ſo lieber in die Vorſchläge ſeines erprobten Freundes ein, als dieſer ihm die großmüthigſten Anerbietungen machte. Mr. Hamilton 80 erklärte, ſofort das ganze bisherige Beſitzthum Wil⸗ ſon's für eine anſehnliche Summe übernehmen zu wollen,— eine Summe, welche nicht nur vollſtändig alle auf dem Beſitzthum haftenden Verbindlichkeiten Wilſon's deckte, ſondern dieſem auch noch einen Ueber⸗ ſchuß gewährte, welcher einen bedeutenden Ländereien⸗ Ankauf, ſowie die Anſchaffung von ein paar Dutzend Schwarzen ermöglichte. Schon in den nächſten Tagen brachen die alten Freunde, nachdem der Käufer der Farm dieſelbe in die Obhut eines tüchtigen Mannes gegeben hatte, nach dem Wohnſitze Mr. Hamilton's auf, und trafen hier Mr. Wilſon's Kinder, welche mit nicht geringer Freude vernahmen, daß Solms für immer beſeitigt ſei, und daß er es nie wagen würde, ſich wieder in ihrer Nähe blicken zu laſſen. Benjamin beſonders war hoch entzückt darüber, und freute ſich darauf, bald wieder einen Wirkungskreis zu bekommen, wo ſeinem Thätigkeitstrieb Raum und Gelegenheit zur Entfaltung gegeben war. Seit jener Zeit und ihren Ereigniſſen ſind zwei Jahre verſtrichen. Mr. Wilſon hat ſie in Frieden und Ruhe verlebt; aber doch waren die früheren tie⸗ fen Gemüthsbewegungen nicht geſänftigt worden, ohne ſehr merkbare Spuren hinterlaſſen zu haben. Er kränkelte, ſeit er ſeine alte Farm verlaſſen hatte; ſeine Körperkräfte nahmen von Tag zu Tag mehr ab, und es kam zuletzt die Stunde, wo er ſich ſelber ſagen mußte, daß er ſich auf den Abſchied vom irdiſchen Daſein vorbereiten müſſe.. Die Sonne ſtand noch am Himmel, neigte ſich aber ſtark dem Untergange zu. An einem geöffneten —4³ 81 Fenſter ſeines Hauſes ſaß Mr. Wilſon's verfallene Geſtalt, und ſchaute mit mattem ſterbendem Blick in die von goldenen Lichtern überſtrahlte Gegend hinaus. Vor ihm knieeten ſeine Kinder, und benetzten ſeine abgemagerten Hände mit ihren Thränen. Zur Seite ſtand Mr. Hamilton, und hatte ſeine Linke leicht auf die Achſel des alten Freundes gelegt. „Könnt Ihr mir verzeihen, meine Kinder?“ fragte der ſterbende Mann mit ſchwacher Stimme,“— könnt Ihr mir vergeben, was ich vor vielen Jahren ſchwer geſündigt habe?“ „Vater, armer lieber Vater,“ verſetzte Benjamin mit vor Rührung bebender Stimme,—„ja, du haſt ſchwer gefehlt, aber deine Kinder haben nicht das Recht, dir einen Vorwurf daraus zu machen. Uns biſt du immer ein liebevoller, ſorgſamer und zärtlicher Vater geweſen, und dafür möge Gott dich ſegnen im Jenſeits, wo wir uns einſt wiederſehen werden. Und haſt du denn nicht gebüßt, was du geſündigt haſt? Oh, Vater, hier im innerſten Herzen fühle ich, daß Gott dir verziehen hat, und daß du getroſt eingehen kannſt zum Herrn!“ „Benjamin ſpricht Wahrheit,“ fügte Mr. Hamil⸗ ton hinzu.„Es ſteht geſchrieben: Größere Freude iſt im Himmel über den Sünder, der Buße thut, als über den Gerechten, der ſelbſtgefällig iſt.“ „Aber ich habe noch nicht völlig meine Schuld ab⸗ getragen, Ihr wißt es ja,“ erwiederte Mr. Wilſon mit leiſem Stöhnen.„Noch zweitauſend Thaler fehlen an der Rückerſtattung! Der Gedanke daran macht mir ſchweren Kummer.“ d „Solcher Kummer ſoll dich nicht drücken, nicht 6 Nemeſis. 82² deine letzten Lebensſtunden erſchweren und verbittern,« ſagte Benjamin.„Hier in deine Hände gelobe ich feierlich, daß ich nicht ruhen und raſten will, bis ich die letzte Spur deines Vergehens ausgelöſcht und ver⸗ tilgt habe!« „Auch ich, auch ich,“ ſtammelte die weinende Em⸗ my, und küßte die Hände des Vaters.„Oh, ich will ſparſam ſein, um das Andenken meines theuren Vaters von jedem, auch dem kleinſten Flecken zu reinigen. Das gelobe ich, Vater! Liebſter, beſter Vater!“ „Wohl, ſo kann ich in Frieden und mit danker⸗ fülltem Herzen von hinnen gehen,“ ſprach Mr. Wilſon, und ſein Auge flammte noch einmal hell und leuchtend in einem Blick voll unendlicher Liebe auf.„Gott ſegne Euch Alle mit ſeinem reichſten Segen. Lebt wohl, lebt wohl! Ich danke Euch für alle Eure Liebe und.... Die Worte verſtummten auf ſeinen Lippen. Ein Seufzer Hamilton's, das laute Schluchzen Benjamin's und Emmy's thaten kund, daß die Seele ihres Vaters und Freundes eingegangen war in den Schooß des Herrn,— eingegangen, verſöhnt mit der Welt, ver⸗ ſöhnt mit ſeinem Gewiſſen, verſöhnt mit Gott. „Er hat ſchwer gefehlt, aber noch ſchwerer ge⸗ büßt!“ ſagte Mr. Hamilton leiſe.„Ihm iſt vergeben, und eine Stätte ihm bereitet im Himmel. Leicht ſei ſeiner irdiſchen Hülle die Erde!“——— Wieder waren einige Jahre vergangen, da kam eines Tages ein Bote von Mr. Hamilton auf Benja⸗ min Wilſon's Farm, und überbrachte zwei Zeitungs⸗ blätter, ein amerikaniſches und ein deutſches, zur Durch⸗ ſicht für die Kinder ſeines verſtorbenen Freundes. In 83 jedem Blatte war eine Stelle mit Rothſtift dick ange⸗ ſtrichen. Die im amerikaniſchen Blatte lautete, als Benjamin ſie ſeiner Schweſter vorlas, wie folgt: „Im Staate Miſſouri wurde heute ein Verbrecher gehängt, der ſich verſchiedener Mord⸗ und Raubanfälle ſchuldig gemacht, und auf friſcher That ergriffen wor⸗ den iſt. Der Mann war ein Deutſcher, Namens Solms. Ein arger Böſewicht, hat er ſeinen wohlver⸗ dienten Lohn gefunden.“ „Nemeſis!“ hatte Mr. Hamilton neben dieſe Zeitungs⸗Notiz geſchrieben. In dem deutſchen Blatte fanden Mr. Wilſon's Kinder folgende ebenfalls roth angeſtrichene Stelle: „Eine ſeltſame faſt unglaubliche Nachricht geht uns von der Königlichen Bank zu B... zu. Vor einer Reihe von Jahren wurde der erwähnten Bank eine namhafte Summe Geldes von zwei Beamten derſelben entwendet. Beide Verbrecher ergriffen die Flucht und blieben ſpurlos verſchwunden. Einer von ihnen, der ehemalige Bank⸗Kaſſierer Peters, ließ jedoch von Jahr zu Jahr auf indirektem Wege der Bank Nachricht über ſich zukommen, und erſtattete nach und nach den Be⸗ trag des von ihm begangenen Diebſtahls zurück. Vor einigen Jahren ſtarb er in Amerika. Trotzdem hörten die Geldſendungen an die Bank nicht auf. Die hinter⸗ bliebenen Kinder meldeten den Tod ihres Vaters zu⸗ gleich mit dem Bemerken, daß ſie die Verpflichtungen des Verſtorbenen übernommen hätten, und ſie pünkt⸗ lich erfüllen würden. Dies iſt in der That geſchehen. Vor Kurzem traf die letzte Geldſendung aus Amerika ein, und wurde dadurch der ganze Schaden, den die Bank erlitten hatte, mit Zins und Zinſes Zinſen bis 6* 84 auf den letzten Heller erſetzt. Gewiß ein ſeltenes Bei⸗ ſpiel aufrichtiger Reue und Gewiſſenhaftigkeit. Ehre den Kindern eines ſolchen Vaters, der zwar gefehlt zaut⸗ aber redlich ſeinen Fehler wieder gut gemacht at!—“ Neben dieſe Zeilen hatte Mr. Hamilton geſchrieben; „Vergebung! Verſöhnungl!⸗ Benjamin und Emmy aber ſanken einander in die Arme, und Thränen ſüßer Rührung und Zufriedenheit entſtrömten ihren Augen.——— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. * ————— 6 7 . 5 * P5 5 3—,