gliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von. Sduard Oltmann in Gießen, Schhloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 3 5 t9- Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 6 4 4 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: deutſcher, en —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„—„ 3„—.„—— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecke Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpfflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. g b t B » f 2 A n, S Bu E„— . 2, Sildrn. — 2 1 lag g, e 2 2,2 4 Erſtes Kapitel. Der Geburtstag. An einem herrlichen Sommermorgen hatte ſich eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft auf dem anmuthig gele⸗ genen Landſitze des Landrathes von Werder eingefun⸗ den, um dem allgemein beliebten und geſchätzten Manne zu ſeinem fünfzigſten Geburtstage Gluck zu wünſchen. Die meiſten Gäſte waren Gutsbeſitzer aus der Nach⸗ barſchaft, aber auch aus der etwa fünf Meilen ent⸗ fernten Kreisſtadt hatten ſich einige höhere Beamte und Offiziere eingeſtellt, und gegen die Mittagsſtunde moch⸗ ten wohl ein zwanzig bis fünfundzwanzig willkommene Beſucher verſammelt ſein. Der Landrath ging von Einem zum Andern, plau⸗ derte in ſeiner freundlichen, gemüthlichen Weiſe mit Jedem, und ſuchte ſeine Geſellſchaft in der heiterſten 4 Stimmung zu erhalten, bis Einer von ſeinen Dienern in dem Empfangsſaal trat, und ihm mit leiſer Stimme einige Worte in's Ohr flüſterte. Da runzelte er ein wenig die Stirn, und ein Anflug von Verdruß w einen Schatten auf ſeine eben noch ſo freundlichen Züg Ein Mann, ein Wort. 1 2 „Das iſt ärgerlich,“ erwiederte er dem Diener halb⸗ laut.„Aber ich hätte es vorausſehen ſollen. Sage dem Koche, er ſolle wenigſtens noch eine halbe Stunde warten. Wenn der Baron dann nicht da iſt, ſo kön⸗ nen wir uns weiter nicht helfen, und der gnädige Herr muß mit dem fürlieb nehmen, was übrig bleibt!“ „Auf wen warten Sie, Landräthchen?« fragte der Gerichtspräſident aus der Kreisſtadt, ein alter Jugend⸗ freund und Kriegskamerad des Herrn von Werder, welcher, wie das eiſerne Kreuz auf ſeiner Bruſt beſagte, ein tapferer Mitkämpfer in dem deutſchen Befreiungs⸗ kriege geweſen war.„Auf wen warten Sie? Man darf doch fragen, oder iſt es ein Geheimniß?« „Oh nicht doch, nicht im entfernteſten,“ erwiederte der Landrath, halb lachend, halb noch ein wenig ver⸗ drießlich.„Der Herr von Birkenfeld iſt noch nicht da, der Einzige von meinen lieben Gäſten, der uns auf ſeine Gegenwart harren läßt. Aber es geſchieht mir recht! Ich hätte das Mittagseſſen auf eine Stunde ſpäter beſtellen ſollen! Sie kennen mich, Präſidentchen, ich bin ein bischen eigen, vielleicht zu eigen und pünkt⸗ lich, und nun läßt mir mein Koch ſagen, die Schüſſeln ſeien fertig zum Auftragen, und ſiehe da, der Herr von Birkenfeld läßt uns im Stich. Es iſt wirklich ärger⸗ lich! Um ein Uhr war Alles beſtellt, und wir haben ſchon zehn Minuten darüber. Wenn uns der Braten verbrennt, ſo iſt allein der Haſenfuß daran ſchuld.“ „Aber warum auf ihn warten, Landraͤthchen?“ ent⸗ gegnete der Präſident.„Wer nicht da iſt, der nicht mit ißt, ſagt das Sprichwort, und er hat es ſich ſelber zuzuſchreiben, wenn er zum Deſſert ſtatt zur Suppe kommt.« »Alles recht, lieber Präſident, wenn ich ihm nur nicht mit Hand und Mund verſprochen hätte, ſeine Ankunft zu erwarten, bevor wir uns zu Tiſche ſetzen. Er war geſtern ſelber hier, und bat mich ſo lange darum, bis ich ihm zuſagte. Ich wollte nicht daran, denn ich kenne ihn ja, er iſt grade wie ſein Vater, ein guter, lieber, hHohherger Junge, aber leider unzuver⸗ läſſig, Präſident, ganz unzuverläſſig. Man iſt nie bei ihm ſicher, ob er Wort hält, wenn er Verſprechungen gibt. Ich gab ihm das auch ganz trocken zu verſtehen, aber da wurde er gleich ſo empfindlich und ſetzte einen ſolchen Trumpf darauf, daß er heute wenigſtens ſein würde, wie eine Schwarzwälder Uhr, daß ich mich end⸗ lich doch verleiten ließ, nachzugeben. Es war eine Thorheit, wie geſagt, denn ſehen Sie, jetzt iſt es ſchon ein Viertel über Eins, und immer noch bleibt unſer Baron aus! Es iſt wirklich ärgerlich, recht ſehr är⸗ gerlich! Aber was ſoll man machen?« „Freilich, wenn Sie zu warten verſprochen haben, ſo bleibt eben nichts weiter uͤbrig, als zu warten,“ ſagte der Präſident lächelnd.„Indeß, hart iſt es doch, daß wir übrigen Alle für den Fehler des Einen leiden müſſen. Eine kleine Strafe könnte dem jungen Spring⸗ insfeld gar nicht ſchaden.“ Das Geſicht des Landrathes heiterte ſich plötzlich auf, wie eine anmuthige Landſchaft, welche, eben noch von Wolken verdüſtert, plötzlich vom glänzendſten Son⸗ nenſchein überfluthet wird.„Sie haben recht, Präſi⸗ dentchen!“ rief er fröhlich aus und ſchüttelte dem alten Freunde die Hand.„Er ſoll geſtraft werden, und das auf doppelte Weiſe. Zunächſt habe ich nur verſprochen, daß ich mit dem Eſſen warten will, und daraus folgt 1* 4 noch keineswegs, daß auch meine Gäſte warten müß⸗ ten, und dann, wenn es meinen lieben Freunden ſonſt nicht unangenehm iſt, will ich nachher beim Kaffee eine kleine Geſchichte erzählen, an der ſich der Herr Baron erbauen mag. Ja, ja, Sie haben mich da auf einen guten Ausweg gebracht, Präſidentchen!— He, Fried⸗ rich!« rief er dem Bedienten zu, welcher eben wieder mit beſorgter Miene in der Thür erſchien,—„ſage dem Koche, man ſolle anrichten, auf der Stelle und ohne weiteren Verzug. Wer nicht da iſt, der nicht mit ißt! Ja, ja, ganz recht, Präſidentchen! Mag der junge Herr die kleine Lektion hinnehmen und ſie ver⸗ dauen, ſo gut er kann!“ Fünf Minuten ſpäter ſchon wurde angekündigt, daß angerichtet ſei, und ſämmtliche Gäſte begaben ſich in das Speiſezimmer, um ihre Plätze bei der Tafel ein⸗ zunehmen. Auch der Landrath ſetzte ſich an der Seite des Präſidenten nieder, aber, während ſeine Gäſte ſich's wacker ſchmecken ließen, rührte er ſelber kein einziges der wohlſchmeckenden Gerichte an, ſondern ließ alle Schüſſeln unberührt vorüber gehen. Einige Worte reich⸗ ten hin, den Anweſenden dieſe Beſonderheit zu erklären, und Keiner war, der nicht den unverantwortlichen Leicht⸗ ſinn des zögernden Gaſtes mit ſcharfen Worten getadelt hätte. Doch der Landrath wußte den allgemeinen Un⸗ willen zu beſchwichtigen. „Ruhig, ruhig, Leutchen!“ entgegnete er auf die allgemeine Fluth der Vorwürfe.„Laßt den Baron nur kommen, er wird ſeiner Strafe nicht entgehen. Er mag ſich beſchämt genug fühlen, wenn er endlich ein⸗ trifft und mit den Ueberbleibſeln unſerer Mahlzeit für⸗ lieb nehmen muß, und dann nachher, beim Kaffee! —— — Nun, Ihr werdet's Alle hören! Doch für jetzt laßt Euch den Appetit um des Barons willen nicht ver⸗ derben, Kinder, ſondern greift zu und macht meinem Koche keine Schande! Der arme Kerl würde ſich vier Wochen lang grämen, wenn er volle Schüſſeln in ſeine Küche zurück bekäme!“ „Aber Sie müſſen mit eſſen, liebſter Landrath!« ertönte es von verſchiedenen Seiten.„Es ſchmeckt nicht halb ſo gut, wenn der Wirth nicht mit einem guten Beiſpiele vorangeht!“ „Seht den Präſidenten einſtweilen für den Wirth an, Kinder!« antwortete der Landrath wohlgelaunt. „Er iſt nicht übel zu Fuß unter der Naſe, wie Ihr wißt, und wird meine Stelle, mir zu Liebe, ſchon wacker vertreten. Ich aber muß mein Verſprechen halten, und daß ich es thue, wird eine neue Strafe für den Baron ſein.« Der letzte Grund gewann die allgemeine Geltung und Billigung, und das Gaſtmahl fand daher unge⸗ ſtörten Fortgang. Der Präſident, als Vice⸗Wirth, machte ſeinem Poſten alle Ehre, was übrigens Nie⸗ manden Wunder nahm, da es männiglich bekannt ge⸗ nug war, daß er nichts weniger als die Freuden der Tafel verſchmähete,— und ſo ſaß man denn bereits beim dritten oder vierten Gange, als plötzlich die Thuͤr zum Speiſeſaale haſtig aufgeriſſen wurde, und ein hübſcher junger Mann mit glühendem Geſicht und in ſichtlicher Haſt und Verwirrung herein ſtürmte. „Oh mein Himmel!“ rief er aus, indem er mit einem kläglichen Blicke die Tafel üͤberflog, und ſein Auge zuletzt vorwurfsvoll auf den Landrath heftete,— „alſo doch zu ſpät eingetroffen! Beſter Landrath, das iſt nicht ſchön von Ihnen! Sie verſprachen mir doch&& »Was ich verſprach, habe ich pünktlich gehalten, denn wie Sie ſehen, iſt mein Gedeck noch unberührt,« fiel ihm Herr von Werder in die Rede.„Aber was Sie anbetrifft, mein lieber Baron, ſo wollen Sie ſich gaben, ſpäteſtens um ein Uhr hier zu ſein. Und jetzt ſehen Sie nach der Uhr und überzeugen ſich, daß der Zeiger bereits auf ein Viertel über zwei ſteht. Neh⸗ men Sie mir's nicht übel, Herr von Birkenfeld, aber Sie müſſen zugeben, daß es unhöflich von mir geweſen ſein würde, wenn ich die ganze Geſellſchaft uns Beider allein wegen hätte halb verſchmachten laſſen!« »Uebel nehmen?« erwiederte der Baron ganz de⸗ müthig und zerknirſcht.„Mein Gott, beſter Herr Land⸗ rath, ich ſehe ja wohl ein, daß die ganze Schuld allein auf meiner Seite iſt, und bitte tauſend Mal um Ver⸗ zeihung! Aber meine kleine Ueberraſchung iſt mir nun vollſtändig verdorben.“ »Was für eine Ueberraſchung hatten Sie mir denn zugedacht?«, „ Ach, es iſt nicht der Mühe werth, noch ein Wort darüber zu verlieren, da ich ja doch nun einmal post festum gekommen bin,“ ſagte der Baron erröthend. »Gleichviel, wir müſſen's erfahren! Beichten Sie Buße an.“ ſchuldigung meines Verſpätens dienen,“ erwiederte Baron Birkenfeld.„So hören Sie denn, meine Herrſchaften. Ich wünſchte zur Feier des Geburtstages unſeres all⸗ gütigſt erinnern, daß Sie mir das feſte Verſprechen alſo, und ſehen Sie dieſe Beichte als einen Theil ihrer »Nun ja, und zugleich mag ſie mir zu einiger Ent⸗ — 7 gemein verehrten und geliebten Landrathes einen ge⸗ ringen Theil beizutragen, und ſetzte ein paar Verſe auf, um die Tafel damit zu eröffnen. Es war unge⸗ wohnte Arbeit für mich, das Verſemachen, und Sie können mir glauben, ſie wurde mir ſauer genug. Doch kam ich wohl oder übel damit zu Stande, und in mei⸗ ner Herzensfreude darüber ritt ich geſtern hierher und bat unſeren Freund, mit Eröffnung der Tafel auf mich zu warten. Er verſprach es unter der Bedingung, daß ich Punkt ein Uhr eingetroffen wäre, und ich, natür⸗ lich, verſicherte, noch vor dieſer beſtimmten Zeit da zu ſein. Aber wie es einem Menſchen gehen kann, wenn er Unglück haben ſoll. War mir ſchon das Schmieden der Verſe ſauer geworden, das Auswendiglernen wurde mir noch ſaurer. Ich lernte heute den ganzen Mor⸗ gen, und doch wollten die Verſe nicht in meinem Ge⸗ dächtniſſe haften. Eine Stunde nach der anderen ver⸗ ging, ohne daß ich es merkte, und mit einem Male kam mein Johann und meldete, daß es Zeit ſei, fort zu reiten. Ich hieß ihn zum Henker gehen, noch eine halbe Stunde zu warten, mich nicht zu ſtören, und ging wieder an das Lernen! Wie es nachher gekommen iſt, daß es auf einmal ſo ſpät geworden war, weiß ich ſelber nicht. Kurz, als ich endlich meine Verſe im Gedächtniſſe hatte, war mehr als eine Stunde über die rechte Zeit vergangen. Meinen Schrecken können Sie ſich denken. Ich warf mich auf's Pferd, jagte im Galopp heruber, und... da haben wir's nun! Die Herrſchaften ſitzen bei Tafel, und ich mit all' meinem guten Willen, muß als demüthiger und reuevoller Sün⸗ der um Vergebung bitten. Gnade, Herr Landrath! Gnade, verehrteſte Tafelrunde! Ich verſpreche Ihnen, 8 daß ich mir in meinem ganzen Leben kein ſolches Ver⸗ gehen wieder zu ſchulden kommen laſſen will!« 3 Der arme Baron ſah wirklich ſo beſchämt und reuig aus, er trug ſeinen Unfall ſo offenherzig und ehrlich vor, daß die Geſellſchaft ſich geneigt fühlte, Gnade für Recht ergehen zu laſſen. Der Landrath, ſchon längſt ausgeſöhnt mit ſeinem jungen Freunde, bemerkte die Stimmung und nahm das Wort. ſGut denn, Barönchen,“ ſagte er.„Sie ſollen Verzeihung erhalten, aber nur unter der Bedingung, daß Sie uns Ihre Verſe vortragen!« »„Ja, die Verſe vortragen!« riefen verſchiedene Stimme„»Wir beſtehen darauf!« 8„Aber es iſt ja zu ſpät! Der richtige Augenblick iſt verſaͤumt!« ſagte der Baron kläglich. „Thut nichts!“ lautete die unbarmherzige Antwort. »Wir müſſen die Verſe hören! Ohne Verſe kein Eſſen! Strafe muß ſein!« Es half nichts, der arme Baron mußte ſich be⸗ „Hunger thut weh,“ ſprach er,„darum alſo in Gottes Namen. Wenn Sie mich auslachen, ſo muß ich's ertragen, denn Schmach und Schande hab' ich allerdings verdient!“ Die Verſe wurden geſprochen, aber zum Glück für den Baron fanden ſie Beifall. Den Schluß bildete ein Lebehoch auf das fünfzigjährige Geburtstagskind, und alle Anweſenden erhoben ſich von ihren Sitzen, um es mit klingenden Gläſern auszubringen. In An⸗ ſehung des glücklich gelungenen, kleinen Intermezzo wurde dem armen Sünder Verzeihung zu Theil, und 9 er durfte ſogar einen Ehrenplatz an der Seite des Landrathes einnehmen. „Und nun wollen wir Beide nachholen, was wir verſäumt haben,“ ſagte der Letztere zu ihm. „Herzlich gern!“ erwiederte der Baron;—„aber ehe ich einen Löffel Suppe zu mir nehme, noch eine Gewiſſensfrage, beſter Herr Landrath: ſind Sie auch völlig mit mir ausgeſöhnt?“ „Vollkommen, lieber Baron,“ entgegnete der Land⸗ rath freundlich und drückte ſeinem Gaſte die Hand. „Wie ſollte ich nicht, da Sie ja doch im Grunde nur meinetwegen die Zeit verſäumten! Aber— eine kleine Lektion iſt Ihnen gleichwohl noch zugedacht, doch nur in der beſten Abſicht, und Sie dürfen ſich daher Ihren Appetit nicht verderben laſſen. Da iſt die Suppe! Eſſen Sie, Barönchen! Eſſen Sie!« Unter Heiterkeit, Scherz und Lachen verging noch eine angenehme Stunde, und kein weiterer Zwiſchen⸗ fall trübte die fröhliche Stimmung der Geſellſchaft. Nach Aufhebung der Tafel zerſtreuten ſich die Gäſte. Die älteren Herren ſuchten ein ſtilles Plätzchen, wo ſie ungeſtört einer kurzen Mittagsruhe genießen konnten, und die Jüngeren begaben ſich in den herrlichen, ſchat⸗ tenreichen Park des Landraths, wo ſie in den Laub⸗ gängen freie Luft ſchöpften, und ſich an dem zahlreichen, faſt ganz zahmen Wilde ergötzten, deſſen Hegung zu den kleinen Liebhabereien des Landrathes gehörte. Nir⸗ gends fand man ſtattlichere Rehe und Hirſche, als in ſeinem Parke, und es bedurfte nur eines Rufes, um ſie aus den entlegeneren Dickichten heran zu locken. Ohne Scheu kamen ſie herbei, fraßen aus der Hand, was man ihnen reichte, ließen ſich ſtreicheln, und flogen 10 dann, wenn es nichts mehr zu naſchen gab, in mäch⸗ tigen Sätzen zu ihrer gewöhnlichen Lagerſtätte zurück. Einige von den Gäſten beluſtigten ſich in dieſer Weiſe mit den edeln, ſchönen Thieren; Andere wieder fütterten die Schwäne und wilden Enten auf dem Wei⸗ her; und noch Andere begaben ſich in die Gewächs⸗ häuſer des Landrathes, welche weit und breit in der Gegend berühmt waren. Auch ſie zählten zu ſeinen beſonderen Liebhabereien, und da er reich genug war, um keine Ausgabe dafür zu ſcheuen, ſo befanden ſie ſich allerdings in einem höchſt vortrefflichen Zuſtande. Man erfreute ſich an der Pracht und Blüthenfülle der Tauſende von Blumen und Pflanzen, zu denen alle Himmelsſtriche der Erde ihren Beitrag geliefert hatten, bis endlich ein Trompetenſtoß von dem Wohnhauſe her verkündigte, daß der Landrath ſeine Gäſte zum Kaffee erwarte. In der großen, luftigen und ſchattenkühlen Verandah vor dem Hauſe traf die ganze Geſellſchaft wieder zuſammen, und ſetzte ſich um den runden Tiſch, auf welchem die vergoldeten Taſſen funkelten. Es war hier ein gar behaglicher und gemüthlicher Platz mit der reizendſten Ausſicht auf den Park mit ſeinen ſchönen Baumgruppen, ſeinen grünen Wieſen⸗ flächen und dem ſilbernen Waſſer⸗Spiegel des Weihers, auf welchem die Schwäne ihre glänzenden Furchen zo⸗ gen. Man freute ſich dieſer köſtlichen Ausſicht, man ſchlürfte den vortrefflichen Kaffee, der aus ſilbernen Kannen in die Taſſen ſtrömte, man rauchte eine duf⸗ tende Havannah⸗Cigarre dazu, man plauderte in der vergnüglichſten Weiſe, bis bei einer kleinen Pauſe im Geſpräch plötzlich der Gerichtspräſident ſeine Stimme erhob und über den Tiſch hinweg fragte:„Aber wie * * —— — —— 11 iſt's denn nun mit der verſprochenen kleinen Geſchichte, Landräthchen, die Sie uns beim Kaffee zum Beſten geben wollten? Ich dächte, jetzt wäre ſo grade die rechte Zeit dazu, und ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn nicht alle unſere anweſenden Freunde der gleichen Meinung wären.“ „Ja, gewiß, gewiß!“ erſchallte es von allen Sei⸗ ten.„Unſer Landrath muß erzählen! Er hat es ver⸗ ſprochen!“ „Ja doch, ja doch, Kinder!« fiel der Landrath lächelnd ein.„Seid nur ſtill, und hört ruhig zu. Ihr kennt mich ja hinlänglich, um zu wiſſen, daß ich an gegebenen Verſprechungen nicht zu deuteln pflege, und das will ich grade jetzt um ſo weniger, als meine ſchlichte Erzählung nur eine Variation auf das gute alte Sprichwort iſt, das zu meinen liebſten gehört, welche unſer deutſcher Sprachſchatz aufweiſen kann. Dieſes Sprichwort iſt Euch Allen bekannt genug, Kin⸗ der, denn es heißt: Ein Mann, ein Wort!« Verſchiedene Blicke ſtreiften bei dieſen Worten des Landrathes über das Geſicht des Baron von Birken⸗ feld hin, und manche Lippe verzog ſich zu einem halb ſpöttiſchen, halb ſchalkhaften Lächeln, als bemerkt wurde, daß der Baron mit erglühenden Wangen die Augen zu Boden ſenkte; der Landrath aber nahm durchaus keine Notiz davon, ſondern ſprach nach kurzer Samm⸗ lung ruhig weiter: Die erſte Variation meines The⸗ ma's heißt Ein guter Kamerad. Die Meiſten von uns haben's erlebt, wie damals im Jahre dreizehn unſer König und Herr ſein Volk zu 1² den Waffen rief, damit es ſich das Heiligſte wieder⸗ erobern ſollte, was Gott den Völkern der Erde ver⸗ liehen hat, nämlich ſeine Ehre, ſeine Freiheit und Un⸗ abhängigkeit. Es war ein Ruf, der wie ein erſchüt⸗ ternder Donner über das ganze Vaterland hin rollte, und in jedem Herzen einen Wiederhall erweckte. Ein Gefühl entflammte Alle: der heilige Drang, das Joch der Fremdherrſchaft abzuwerfen und blutige Rache für den tauſendfachen Schimpf zu nehmen, den der über⸗ müthige Sieger auf unſer Haupt gehäuft hatte. Ob⸗ gleich wir Alle wußten, daß der demnächſt entbrennende Kampf ein Kampf auf Tod und Leben werden mußte, daß es keinen anderen Ausweg gab, als einen ehren⸗ vollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang, zö⸗ gerte doch Keiner, der die Waffen tragen konnte und noch einen Funken Ehrgefühl hatte, dem Aufrufe des Königs zu folgen und zu ſeiner Fahne zu eilen. Unter den Tauſenden, welche freudig bereit waren, Blut und Leben auf dem Altare des Vaterlandes zum Opfer zu bringen, befand auch ich mich. Wie hätte ich zurückbleiben können, wo Alles zu den Waffen griff, das ganze Volk aufſtand! Ich war damals kaum acht⸗ zehn Jahre alt, aber noch Jüngere, als ich, trieb die Begeiſterung zum Kampfe gegen den Todtfeind. Die Univerſitäten löſten ſich auf, weil Studenten und Pro⸗ feſſoren gemeinſchaftlich die Waffen ergriffen; ſelbſt die oberen Klaſſen der Gymnaſien wurden leer, weil die Maſſe der jungen Schüler nicht zurück zu halten war; die Regierungs⸗Collegien und die Gerichtshöfe ſchmolzen zuſammen, denn Räthe, Referendare und Auskultatoren zogen in's Feld; der Landmann verließ ſeinen Pflug, der Handwerker ſeine Werkſtatt, der Kaufmann ſeine 13 Handelsbücher, um ſich in die Reihen der Krieger zu ſtellen. Aller Unterſchied der Stände ſchien vergeſſen, denn unter der Zahl der Freiwilligen ſtand der Prinz neben dem Bürgerſohn, der Junker neben dem Bauern⸗ burſchen, die Selbſtſucht ſchwieg; Stolz und Eigennutz gingen unter in dem einen Gefühl, dem einen Willen, freudig zu ſterben, um die Macht des Feindes zu brechen, und die Sonne der Freiheit wieder über das Vaterland empor zu führen. Selbſt Familienväter verließen Weib und Kind, und ihre Frauen waren ſtolz darauf, ſie zum heiligen Kampfe eilen zu ſehen. Jeder wußte: Welche ungeheuere Opfer der Kampf auch fordern mochte, ſie wogen die heiligen Güter nicht auf, für welche ge⸗ ſtritten und der Sieg errungen werden mußte. Es war damals eine große Zeit, und Jeder iſt glücklich zu preiſen, der ſie mit erlebte. Sogar die Frauen und Jungfrauen blieben in heiliger Opferfreu⸗ digkeit nicht zurück. Es fehlte bei dem Zuſtrömen der Mannſchaften an Geld, an Waffen, an Kleidung und Ausrüſtung. Es bedurfte nur einen Aufruf an die Töchter des Vaterlandes, und ſogleich gaben ſie Alles her, woran ſonſt ihr Herz mit Liebe gehangen haben mochte, ihren Schmuck, ihre Kleinodien, ihre Erſparniſſe. Wittwen brachten einen Theil ihrer dürftigen Penſion zur Opfergabe, und die Aermſten wenigſtens ihre Ar⸗ beitskräfte, indem ſie nähten, ſtrickten, Charpie zupften. Ein rührender Zug von Vaterlandsliebe wurde mir er⸗ zählt, als ich kaum in Breslau angelangt war, wo ich mich unter die freiwilligen Jäger wollte einreihen laſſen. Ein junges Mädchen, blutarm, beſaß nichts, als ihr ſchönes, reiches Haar, für welches ihr ſchon öfters eine Summe Geldes vergebens geboten worden war⸗ Jetzt 4* 14 opferte ſie es, um den Erlös armen Freiwilligen zu⸗ kommen zu laſſen. Sie erreichte ihren edlen Zweck herrlicher, als ſie geahnt hatte. Schnell verbreitete ſich die Kunde von ihrer ſchönen That; ihr Haar wurde in Ringe, Nadeln und andere goldene Zierrathen gefaßt, und Viele drängten ſich herzu, um ein ſolches Andenken zu erhalten. Der Verkauf brachte eine anſehnliche Summe ein, welche zur Freude der hochherzigen Pa⸗ triotin zu dem beſtimmten Zwecke verwendet wurde. Gpoldene Trauringe wurden außerdem aus allen Gegenden des Landes zu Tauſenden hergegeben, und Jeder, der einen brachte erhielt dafür einen eiſernen Ring mit der Inſchrift: Gold gab ich für Eiſen 1813. Frauen und Mädchen aus allen Ständen, ſelbſt aus den hoöchſten, nähten Uniformen, Mäntel, Hoſen, Hemden und zupften Wundfäden für die Verwundeten, und überhaupt waren unſere edlen deutſchen Frauen mit einem Feuer für die Sache des Vaterlandes ent⸗ brannt, dem an Glanz und Gluth kaum etwas gleich⸗ kommt, was die Geſchichte der Völker berichtet. Doch genug von dieſen Tagen des Ruhmes und der Ehren! Uns Allen leben ſie noch friſch in der Er⸗ innerung, und ich wollte ja auch nicht von ihnen, ſon⸗ dern von etwas Anderem erzählen, das eben nur eine kleine Epiſode in dem Gange jener Bewegungen bildet. Nur wird man unwillkührlich, wenn man jener großen Zeit gedenkt, wieder von der alten Begeiſterung er⸗ griffen und fortgeriſſen. Nun denn, als der Ruf des Königs unſere Herzen bis auf den Grund erſchütterte, ſäumte ich natürlich keinen Angenblick, ihm Folge zu leiſten. Anſtatt zur Univerſität zu gehen, wo ich, der Anordnung meines 8 —— 1 2 15 Vaters gemäß, meine Studien beginnen ſollte, eilte ich vom Gymnaſium nach Hauſe, um hier die Mittel zu meiner Ausrüſtung zu erlangen. Mit Bereitwilligkeit wurden ſie gegeben, denn der Vater freute ſich meines Entſchluſſes und lobte ihn. Vollſtändig bewaffnet und uniformirt, und genügend mit Gelde verſehen, verließ ich auf einen prächtigen Rappen, den der Vater ſelber mit Kenner⸗Augen mir auserleſen hatte, die Heimath, und eilte ſo ſchnell ich konnte, ohne mein Pferd zu ruiniren, nach Breslau. Schon am dreißigſten März kam ich dort an, meldete mich ſofort zum Eintritt in ein Corps der freiwilligen Jäger, und wurde ohne Umſtände eingereihet. Unverzüglich begannen auch die Waffenübungen, und bereits nach vierzehn Tagen konnte unſere Abtheilung, wohl einexercirt, nach Sachſen ab⸗ gehen, um zu dem Blücher'ſchen Heere zu ſtoßen. Wohlgemuth rückten wir aus, und Keiner befand ſich unter unſerer ganzen Schaar, deſſen Herz nicht mit heißer Sehnſucht nach dem Zuſammentreffen mit dem Feinde geduürſtet hätte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir Alle mit ein⸗ ander als gute Kameraden treu zuſammen hielten, doch befand ſich unter den Hunderten meiner wackeren Kampf⸗ genoſſen beſonders Einer, mit welchem ich die innigſte Freundſchaft geſchloſſen hatte. Er hieß Fels, Heinrich Fels, und ein eigenthümlicher Zufall hatte uns ſchnel⸗ ler miteinander bekannt und vertraut gemacht, als es bei ſeinem äußerlich kalten und verſchloſſenen Weſen ſonſt wohl der Fall geweſen ſein würde. Er war einige Jahr älter als ich, an demſelben Tage mit mir in Breslau angekommen und mit derſelben Jäger⸗Ab⸗ theilung einexercirt worden, welcher auch ich zugewieſen 16 Während wir Anderen plauderten und lachten, ging er in der Regel abſeits, zog ein Buch aus der Taſche, ſetzte ſich auf einen Feldſtein, und las, oder hing ein⸗ ſam ſeinen Gedanken nach, bis wieder zum Antreten geblaſen wurde. Denn freilich, wie immer im Dienſte, ſahen wohl, daß er ihn wirklich verdiente. Gern hätten wir ihn auch näher heran gezogen, aber ſeine ſſttets ernſte und ſtrenge Miene, welche nur ſelten durch ein Gleichwohl nahm ich lebhaftes Intereſſe an ihm. Seine männlich ſchöne Geſtalt, ſein dunkles, feuriges Auge, ſeine Geſchicklichkeit in allen Waffenubungen er⸗ regten meine Bewunderung und Theilnahme, ſo daß ich mich bewogen fühlte, nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen. Aber ich erfuhr von Anderen weiter nichts, als ſeinen Namen, und daß er ſich in ziemlich guten Verhältniſſen befinden müſſe, indem er vollſtän⸗ dig gerüſtet zu unſerer Abtheilung geſtoßen ſei und, wie der Augenſchein lehrte, die trefflichſten Waffen, wie 17 auch ein Pferd beſaß, das von keinem anderen, ſelbſt nicht von meinem Rappen, an Schönheit, Kraft und Feuer übertroffen wurde. Das war Alles, was man mir mittheilen konnte, und obgleich ich gern mehr über ihn gewußt hätte, wagte ich doch nicht, ihn ſelber zu befragen, weil ich eine zurückweiſende Antwort befürch⸗ tete. Da fügte es, wie geſagt, ein Zufall, daß wir uns einander mehr näherten, und ſehr bald nachher die allerinnigſten Freunde wurden. Eines Tages hatten wir bis zum Einbruch der Dämmerung unſeren Waffen⸗Uebungen obgelegen, und es war ſchon ziemlich dunkle Nacht geworden, ehe ich mein Quartier erreicht, mein Pferd beſorgt, und meine Waffen für den folgenden Tag in Ordnung gebracht hatte. Nach erfüllter Pflicht hing ich meinen Mantel um, und begab mich durch die nächtlichen Straßen nach einem Orte, wo mehrere Bekannte Abends zuſammen zu kommen pflegten, um in vertraulicher Unterhaltung ihre Anſichten und Meinungen, ihre Hoffnungen und Befürchtungen über den Gang der naͤchſten, großen Begebenheiten auszutauſchen. Sorglos eilte ich mit raſchen Schritten vorwärts, bis der Klang einer Stimme mein Ohr traf, welche augenblicklich meiner Eile Zügel anlegte und mich zwang langſamer zu gehen. Es war die Stimme unſeres ſonſt ſo ſchweigſamen Kameraden Fels, und er ſprach eben jetzt mit einer Lebhaftigkeit, welche ihn ganz vergeſſen ließ, daß er auf der offenen Straße leicht Zuhörer finden konnte. „Armer Junge!“ ſagte er in mitleidigem Tone zu einem Begleiter, der an ſeiner Seite langſamen Schrit⸗ tes dahin ging,—„da kann ich freilich deine Betrübniß Ein Mann, ein Wort. 2 18 begreifen. Aber verliere nur den Muth nicht, es wird Alles noch gut gehen.“ „Ach, ich kann es nicht glauben, Herr Fels,“ er⸗ wiederte der Andere in betrübtem Tone.„Alle mög⸗ liche Mühe habe ich mir ſchon ſeit drei Tagen gege⸗ ben, von Pontius zu Pilatus bin ich gelaufen, aber überall abgewieſen worden. Die Herren Offtziere ſag⸗ ten, das Geld ſei zu knapp, um alle Freiwilligen aus⸗ zurüſten; es fehle noch am Nöthigſten, ſogar an Ge⸗ wehren, und wenn ich daher nicht aus eigenen Mitteln Waffen und Montur beibringen könne, ſo ſei man in die Nothwendigkeit verſetzt, meine Dienſte zurückweiſen zu müſſen.“ „Das iſt freilich nur zu wahr,“ ſagte Fels langſam und bedächtig.„Unſer guter König kann unmöglich für Alles ſorgen, da muß das Lunze Land und jeder Einzelne nach ſeinen Kräften helfen Doch gleichviel, Rath geſchafft muß werden.„Leute, wie du biſt, kann das Vaterland gebrauchen. Sei gutes Muthes, mein Junge. Ich werde morgen zu meinem Hauptmann gehen und mit ihm ſprechen. Er iſt mir zugethan, und vielleicht gelingt es mir, ihn günſtig für dich zu ſtimmen.“ „Welcher Hauptmann iſt es, Herr Fels?« „Der Hauptmann Waldenburg, ein braver Mann!« „Ach, bei dem war ich ſchon, Herr Fels! Aber er hat mich eben ſo gut, oder vielmehr eben ſo ſchlimm abgewieſen, wie die anderen Herren. Das wird Ihnen nichts helfen, Herr Fels!“ „Ich ſage ja auch nicht, daß ich für den Ausgang bürge, ſondern nur, daß ich einen Verſuch machen will, und das ſoll auf alle Fälle geſchehen.“ 19 3„Aber wenn er's Ihnen nun auch abſchlägt, Herr els?2 Es dauerte einige Augenblicke, bis eine Antwort auf dieſe ängſtliche Frage erfolgte.„Nun denn, Mar⸗ tin,« ſagte Fels endlich in entſchloſſenem Tone,„ſo müſſen wir auf andere Weiſe zu helfen ſuchen. Du haſt mein Wort, und damit genug. Ein Mann, ein Wort, du kennſt mich.« »Oh, nun bin ich ſchon ganz ruhig und zufrieden, Herr Fels!“ ſagte der Burſche voller Freude.„Ich weiß wohl, daß eher der Himmel einſtuürzt, als daß Sie Ihr Wort nicht halten. Nun iſt Alles gut! Und Sie ſollen ſehen, Herr Fels, daß ich Ihnen als Sol⸗ dat keine Schande machen werde!“ »Das hoffe ich, mein Junge, ſonſt würde ich mir keine Mühe geben, dich anzubringen. Aber was haſt du für heute Abend vor?“ „Nichts, Herr Fels. Ich werde mir nur wieder eine Schlafſtelle hinter einer Gartenmauer oder ſonſtwo auswählen, und morgen ſuch' ich Sie dann wieder auf.“ „Armer Junge, armer Junge!“ murmelte Fels vor ſich hin.„Mit leerem Magen im Freien ſchlafen, das iſt hart. Leider kann ich dich nicht in mein Quartier mitnehmen, denn es iſt nur klein und meine Wirthin iſt außerdem ein zänkiſches, altes Weib und würde es nicht leiden, daß ich einen Schlafkameraden mitbrächte, — aber da nimm, es ſind vier Groſchen, die Hälfte von meinem ganzen Vermögen. Kaufe dir ein Abend⸗ eſſen und ſieh' zu, daß du noch einen Groſchen zur Schlafſtelle uͤbrig behältſt. Man hat mir geſagt, daß es Quartiere dieſer Art hier gäbe. Und morgen früh komm zu mir. Wir müſſen dann ſehen, wie wir Rath 20 ſchaffen. Sei ganz unbeſorgt, du ſollſt ſo gewiß Sol⸗ dat werden, wie ich es bin. Und nun gute Nacht— hier wohne ich.“ Er ſchüttelte ſeinem Begleiter die Hand, und ſchlüpfte dann in die Thür eines kleinen Hauſes. Martin blieb noch einige Augenblicke vor der Thür ſtehen, und ſchien unſchluͤſſig, was er thun ſollte. „Der gute Herr!« hörte ich ihn murmeln.„So war er immer! Das Letzte gibt er her, wenn er hel⸗ fen kann!« Plötzlich machte er rechtsum und kam die Straße wieder herauf. Er mußte dicht an mir vorbei, und da grade an der Stelle, wo ich ſtand, eine Straßenlaterne brannte, ſo konnte ich nicht nur ſeine Geſtalt, ſondern auch ſein Geſicht deutlich ſehen. Es war ein junger, etwa zwanzigjähriger Burſche mit hübſchem, gutmüthi⸗ gem Geſicht, aber bleichen Wangen, die von Noth und Entbehrung zeugten. Seine Kleidung war alt und abgetragen, aber doch reinlich und in ziemlich gutem Stande erhalten. Nur paßte der leichte Pnn nenn aus dem ſie gefertigt worden, wenig für die noch im⸗ mer kalte und rauhe Jahreszeit. Mein Entſchluß, als der Burſche an mir vorüber⸗ gegangen war und ich ihn gemuſtert hatte, ſtand im Nu feſt. So viel hatte ich ſchon errathen können, daß Fels Antheil an dem Burſchen nahm, und ihn offen⸗ bar in früheren Zeiten ſchon gekannt haben mußte. Daß er Soldat werden wollte, und daß ihm ſowohl, wie Fels, die Mittel fehlten, ihn auszurüſten, hatte ich gehört. Daß der Verſuch, den Hauptmann Walden⸗ burg zur Annahme und Ausrüſtug des Burſchen zu bewegen, Pehlſcage wirde, vermuthete ich ſehr ſtark, 4 21 denn Viele waren ſchon abgewieſen worden, und eine Ausnahme wurde daher ſchon deßhalb ſchwerlich ge⸗ macht. Auf der anderen Seite, mein Geldbeutel war noch wohl gefuͤllt, und wie konnte ich ſeinen Inhalt beſſer anwenden, als wenn ich ihn dazu benutzte, dem Könige einen braven Krieger zu verſchaffen. »Martin!“ rief ich, als der junge Menſch ſich auf etwa zwanzig Schritte von mir entfernt hatte. Der Burſche blieb auf der Stelle ſtehen und ſchaute ſich um.„Wer rief mich? Sind Sie es, Herr Fels? „Nein, nicht Fels, aber ein Kamerad von ihm,“ antwortete ich.„Warte ein wenig; ich habe ein paar Worte mit dir zu reden.“ Neugierig trat der Burſche auf mich zu, und mu⸗ ſterte mich mit einem etwas mißtrauiſchen Blicke. Als er aber die Uniform unter meinem Mantel bemerkte, verſchwand jede Scheu aus ſeinen Zügen, und er nickte mir zutraulich zu. »Ah, ich ſehe, Sie ſind wirklich ein Kamerad von Herrn Fels!“ ſagte er.„Was wünſchen Sie von mir? Wenn ich Ihnen einen Dienſt erweiſen kann, bin ich gern dazu bereit, denn die freiwilligen Jäger ſind ja lauter brave Herren. Alſo, was befehlen Sie?« »Nichts weiter vor der Hand, als daß du mir in das erſte beſte Gaſthaus folgſt, und dort mit mir ein Abendbrod einnimmſt!“ „Oho,“ lachte er gutmüthig,—„wenn's weiter nichts iſt, das läßt ſich machen! Aber wollen wir nicht Herrn Fels auch dazu einladen?“« „Heute nicht! Er läßt ſich nicht gern in ſeinem Quartiere ſtören. Komm' nur!“ 22 Bereitwillig ſchritt der Burſche jetzt an meiner Seite hin, und ſchwieg eine Minute nachdenkend ſtill, bis er auf einmal mit der Frage kam: „Aber, lieber Herr, woher kennen Sie mich denn eigentlich? Das iſt doch merkwürdig, denn ich habe Sie meines Wiſſens noch nie vor dem heutigen Abende geſehen.“ „Das will ich wohl glauben,“ antwortete ich,„denn es geht mir mit dir genau eben ſo. Doch laß dich das nicht kümmern. Ich hörte einen Theil deines Ge⸗ ſpräches mit meinen guten Kameraden, und da ver⸗ nahm ich genug, um zu wiſſen, daß du in unſere Reihen eintreten willſt, aber nicht die Mittel zu deiner Equipirung haſt und deßwegen zurückgewieſen biſt. Fels verſprach dir ſeinen Beiſtand, um dir dennoch zum Ziele zu verhelfen, und da ich ihn ſchätze und hochachte, ſo will auch ich das Meinige zu dieſem Zwecke bei⸗ tragen.“ „Das freut mich! Das freut mich ſehr,“ erwie⸗ derte er.„Sie glauben nicht, lieber Herr, wie ſchreck⸗ lich es mir geweſen ſein würde, zurückbleiben zu müſ⸗ ſen, wenn ſo viele Tauſende gegen den Feind in's Feld gerückt wären!« „Sei ruhig, du ſollſt mitziehen!“ ſagte ich.„Aber hier iſt ein Wirthshaus. Treten wir ein!“« Eine reinliche, freundliche Gaſtſtube nahm uns auf, und als ich den Mantel ablegte und der Wirth meine Uniform erblickte, kam er ſogleich herzu geeilt, und fragte zuvorkommend nach meinen Befehlen. Wir frei⸗ willigen Jäger waren zu jener Zeit ſehr beliebt in Breslau und wurden überall, wo wir uns blicken ließen, gut empfangen. Keine fünf Minuten nach unſerem 23 Eintreten waren wir Beide bedient, und mit ſtillem Vergnügen bemerkte ich, wie mein Begleiter ſich ſeinen Braten ſchmecken ließ. Ich ſah ihm an, daß ſein Appetit noch keineswegs geſtillt war, als er ſeinen Teller geleert hatte, und ließ noch eine Portion nebſt einer Flaſche Wein bringen. Der arme Burſche hieb von Neuem tapfer ein, und in ſeinen glänzenden Augen las ich, wie köſtlich ihm der Wein mundete, der in ſeinem Glaſe perlte. Ich war ſehr neugierig, über ſein Verhältniß zu Fels nähere Auskunft zu erlangen, aber gleichwohl gönnte ich ihm volle Zeit, vor allem Anderen aber ſei⸗ nen Hunger zu ſtillen, und ermunterte ihn, immer noch einmal zuzugreifen. Er ließ ſich auch nicht lange nö⸗ thigen; endlich jedoch legte er Meſſer und Gabel weg, und blickte mich mit ſeinen hellen, treuherzigen, blauen Augen dankbar an. „Sie wiſſen nicht, was für eine Wohlthat Sie mir erwieſen haben,“ ſagte er.„Seit ſechsunddreißig Stun⸗ den hatte ich nichts genoſſen, als eine trockene Brod⸗ rinde, und war alſo recht tüchtig hungrig. Jetzt danke ich Ihnen von Grund meiner Seele!“ „Gar nicht Urſache,“« erwiederte ich.„Kameraden müſſen einander immer beiſtehen, und ich betrachte dich bereits als einen Solchen. Aber wie biſt du in eine ſo bedürftige Lage gekommen, Martin?“« „Ach, Herr, das iſt bald erzählt,« antwortete er. „Als bei uns der Aufruf des Königs bekannt gemacht wurde, da hielt es mich nicht mehr zu Hauſe, und ich mußte hierher, um mich zu dem Heere zu ſtellen. Herr Fels war auch nach Breslau gegangen, und ich dachte, 24 er würde mir wohl behuüͤlflich ſein, wenn es mir nur gelänge, ihn ausfindig zu machen.“. »„Du kannteſt ihn alſo damals ſchon ziemlich genau?« unterbrach ich ihn.. »Nun, freilich wohl! Ich war ja Markthelfer im Handelshauſe ſeines Onkels, und wußte die ganzen Geſchichten, die zwiſchen dieſem und ſeinem Neffen vor⸗ gefallen waren.“ „Was für Geſchichten denn? Sind es Ge⸗ heimniſſe?“ „J Gott bewahre! Wir wußten's Alle, die Buch⸗ halter, die Ladendiener, die Markthelfer und Auslaufer, Jeder wußt' es. Der alte Herr war nämlich ſehr böſe auf den Herrn Heinrich, weil der durchaus unter Die freiwilligen Jäger und in den Krieg gehen wollte. Das gab verſchiedene Male harte Auftritte. Der alte Herr ſagte:„Ich kann dich nicht entbehren, das Ge⸗ ſchäft geht zu Grunde!“ Und Herr Heinrich ſagte: »„Das Vaterland verlangt unſeren Arm, und das Va⸗ terland geht dem Geſchäft vor!“ Sie konnten nicht einig darüber werden, und der Alte drohte ſogar, ſei⸗ nen Neffen zu enterben, wenn er ſich nicht in ſeinen Willen fügen würde. Aber das machte gar keinen Eindruck auf Herrn Heinrich.„Sie können thun und laſſen, und mit Ihrem Eigenthum ſchalten und walten, wie Sie wollen, Onkel,“ ſagte er.„Aber wenn Sie glauben, daß alle Reichthümer der Welt mich dazu be⸗ wegen könnten, meine Ehre in die Schanze zu ſchla⸗ gen, ſo täuſchen Sie ſich in mir. Mein Platz iſt in den Reihen der Vertheidiger des Vaterlandes, und ich⸗ werde gehen, mag darauf erfolgen, was da wolle! Nun werden Sie ſchon wiſſen, Herr, da Sie unſeren 25 jungen Herrn kennen, wenn er einmal ein Wort ge⸗ ſprochen hat, ſo ſteht das für die Ewigkeit. So nun auch in dieſem Falle. Bei ihm kann man recht ſagen: Ein Mann, ein Wort! Als der Onkel ihn ſo entſchloſſen ſah, ſo gab er endlich jeden Widerſtand auf, traf in ſeinem Zorne aber auch Maßregeln, die hart genug waren. Er verſagte dem Neffen jede Unter⸗ ſtützung, verſicherte ihm, daß er keinen Heller jemals von ihm zu erwarten habe, und hieß ihn zum Henker gehen. Es war hart, wie geſagt, denn der alte Herr iſt ein ſchwer reicher Mann, und da er keine Kinder hat, ſo galt der junge Herr Heinrich bis dahin für ſeinen einzigen Erben. Gleichguͤltig mochte ihm das wohl nicht ſein, dem Herrn Fels, aber er hielt es für ſeine Pflicht, dem Vaterlande zu dienen, und ſo ging er. Acht Tage ſpäter folgte ich ihm, und kam matt, hungrig und müde in Breslau an. Die wenigen Tha⸗ ler, die ich vom Hauſe mitgenommen, waren bald aus⸗ gegeben, und zum Unglück wollte es mir nicht gelin⸗ gen, Herrn Fels ausfindig zu machen. Auch zum Soldaten wollte man mich nicht haben, und ſo ging es mir denn die letzte Zeit über herzlich ſchlecht, bis ich heute Abend meinem jungen Herrn auf der Straße begegnete. Das war eine Freude! Nun wußte ich, daß mir geholfen werden würde, und Sie haben ja ſelbſt gehört, daß ich mich in meiner Hoffnung nicht täuſchte. Er hat verſprochen, mich anzubringen, und das iſt ſo gut, als ob es ſchon geſchehen wäre!“« „Wer weiß,“ entgegnete ich mit bedenklicher Miene. »Seine Empfehlung iſt zwar nicht ohne Einfluß, aber man wird immer darauf beſtehen müſſen, daß du deine Ausrüſtung aus eigenen Mittel beſorgſt. Iſt Herr 26 Fels reich genug, die nöthigen Auslagen für dich zu machen?“ 22 Der ehrliche Burſche ſah mich etwas verblüfft an. „Nein, Geld hat er nicht,“ erwiederte er ganz klein⸗ laut,„denn er hat nur eben erſt ſeine letzten acht Groſchen mit mir getheilt. Aber,“ fuhr er zuverſicht⸗ lich fort,—„das thut nichts! Wenn er's nicht hat, ſo ſchafft er's. Er hat's verſprochen, und das wäre gewiß das erſte Mal, wenn er ſein Verſprechen nicht hielte.« Das felſenfeſte Vertrauen des Burſchen war wirk⸗ lich rührend, hob aber auch Fels nicht wenig in mei⸗ ner Achtung. Was für ein Mann mußte das ſein, der ein großes Vermögen in die Schanze ſchlug, nur um der einmal erkannten Pflicht Genüge zu leiſten, und welche Feſtigkeit des Charakters mußte er ſtets bewie⸗ ſen haben, um ein Vertrauen einzuflößen, das ſo un⸗ erſchütterlich war, wie Martin's Zuverſicht. Dieſen Mann mußte ich nothwendig näher kennen lernen, und Martin's Verlegenheit ſchien mir den nächſten Weg dazu zu bahnen. „Es iſt gut, mein Burſche,“ ſagte ich.„Auch ich zweifle nicht daran, daß Fels Mittel und Wege finden wird, ſein Wort einzulöſen, aber ich denke, wir wollen ihm die Sache ein wenig erleichtern. Du haſt kein Quartier für dieſe Nacht?« „O ja, ein ſehr großes— unter freiem Himmel!“ „Das möchte für die Behaglichkeit ein wenig zu groß ſein. Geh' mit mir! Ich habe Platz, und mor⸗ gen früh wollen wir weiter reden!“— Wir brachen auf und begaben uns in meine Woh⸗ nung. Mein guter Vater hatte mich ſo reichlich mit allem Nothwendigen ausgeſtattet, daß ich am anderen Morgen unſerem Martin eine vollſtändige Uniform ab⸗ treten konnte. Da wir ziemlich von gleicher Größe und Figur waren, ſo paßte ſie ihm beſſer, als wenn ſie ihm ein ſchlechter Schneider auf den Leib gemeſſen hätte, und königlich ergötzte ich mich über ſeine kindiſche Freude, als er ſich, zum Soldaten umgewandelt, im Spiegel betrachtete. Piſtolen, Seitengewehr und Büchſe hatte ich gleichfalls zur Hand, und nur ein Pferd fehlte noch, um ihn vollſtändig zum berittenen Jäger zu machen. Aber auch dafür gab es Rath. Ein Ka⸗ merad von mir hatte ſich wenige Tage vorher ein neues Pferd angeſchafft, und beabſichtigte, ſein altes zu ver⸗ kaufen. Wir gingen zu ihm, und wurden ohne Mühe handelseinig. Das Pferd war ein hübſcher Brauner mit weißer Bläſſe. Aber erſt, als ich es gekauft hatte, fiel mir ein, daß ich noch gar nicht einmal wußte, ob Martin auch reiten könne, und fragte ihn haſtig danach. „»Ei freilich, Herr!« antwortete er zu meinem Troſte. „Ehe ich zum alten Herrn Fels kam, war ich Jokey beim franzöſiſchen Geſandten, und auch nachher kam ich nicht aus der Uebung, da ich oͤfters das Pferd des jungen Herrn Fels reiten mußte, wenn er verreist war oder ſonſt keine Zeit hatte. Ja, darüber können Sie ruhig ſein!“ In der That, als er ſich in den Sattel ſchwang und das Pferd umher tummelte, ſah ich wohl, daß er die Wahrheit geſprochen hatte. Sitz, Haltung und Zügelführung ließen nichts zu wünſchen übrig. „Bravo! Bravo! mein lieber Martin!“ rief ich, ganz zufrieden geſtellt.„Und jetzt reiten Sie ſo ſchnell als möglich zu Fels, und grüßen Sie ihn ſchönſtens von mir. Auf Wiederſehen auf dem Exercier⸗Platze!“ „Aber, mein Gott, ich weiß ja noch nicht einmal Ihren Namen!“ antwortete er. „Der thut auch nichts zur Sache! Nur fort, und alles Andere wird ſich finden!“ Ich ging nach dieſen Worten ſchnell davon, und ließ Martin ziemlich verblüfft zurück. Zuletzt mochte er denken, daß Fels wohl mehr als er wiſſen werde, und ſprengte in der Richtung nach deſſen Wohnung davon. Eine Stunde ſpäter ritt ich nach dem Exercier⸗ Platze. Fels und Martin waren noch nicht da, aber nicht lange, ſo kamen ſie mit dem Hauptmann Wal⸗ denburg. Maritin ſtrahlte vor Freude und innerlicher Siiccherheit; Fels dagegen ſah eher finſter und mürriſch als fröhlich aus. Als ſie ſich uns näherten, wendete er ſich zu Martin und ſagte ihm einige Worte, wor⸗ auf dieſer mit hurtigem Blicke unſere bereits verſam⸗ melte Maunſchaft uͤberflog, und dann, als er mich in's Auge faßte, plötzlich auf mich zuſprengte. „Da ſind Sie ja!“ rief er herzensvergnügt.„Alles iſt gut abgelaufen! Ich bin in die Liſten eingetragen und in Ihre Schwadron mit eingereihet. Herr Fels hat es durch ſein Fuͤrwort bewirkt, und er war nur böſe darüber, daß ich ihm Ihren Namen nicht nennen konnte.“ 3 „Thut, nichts, Martin! Er weiß ihn ja jetzt, denn ſtehſt du, er kommt eben auf uns zu“... In der That kam er. Dicht vor uns hielt er ſein Pferd an, grüßte mich kameradſchaftlich, aber ernſt, und ſagte:„Ich habe mit Ihnen zu ſprechen, Herr von Werder. Doch nicht hier. Nach der Uebung auf Ihrem Zimmer, wenn es Ihnen gefällig iſt.“« Ohne eine Antwort abzuwarten, ſpornte er ſein Pferd, ritt davon und nahm ſeine Stelle in Reih' und Glied ein. Nach dem Erxercieren geſellte er ſich wie⸗ der zu mir, ſprach aber keine Sylbe, bis wir auf mei⸗ nem Zimmer angelangt waren. Hier endlich brach er ſein hartnäckiges Schweigen. „Herr von Werder,; fragte er kalt,„darf ich Sie erſuchen, mir die Beweggründe mitzutheilen, die Sie zu einer ſo außerordentlichen Freigebigkeit gegen Mar⸗ tin veranlaßten?“ „Ja, Kamerad, das dürfen Sie, und ich will Ihnen offen und ohne Rückhalt Ihre Frage beantworten,“ entgegnete ich.„Ohne Abſicht war ich geſtern Abend Ohrenzeuge von einem Theile Ihres Geſpräches mit dem wackeren Burſchen, und wollte mir in Folge deſſen die Gelegenheit nicht entgehen laſſen, ihn dem Dienſte des Vaterlandes zu erhalten.“ „Und vermuthlich ſtatteten ſie ihn aus, weil Sie glaubten, daß meine Mittel dazu nicht ausreichen würden?“ Er ſah mich bei dieſer Frage ſo ſcharf an, als ob er in meiner Seele leſen wolle. Aber das machte mich keinen Augenblick irre. „Nun ja, Kamerad, es iſt ſo!« erwiederte ich.„Ich weiß, daß Sie ſtets bereit ſind, das Letzte mit ihren Freunden zu theilen, und ſo nahm ich mir einmal die⸗ ſelbe Freiheit.« „Aber wir ſind nicht Freunde!« gab er mir ſcharf zur Antwort. „Jedenfalls ſind wir Kameraden,“ entgegnete 30 ich,„und wer, wie Martin, ſo freudig bereit iſt, dem Vaterlande ſein Alles darzubringen, wird in mir ſtets einen Freund finden. Ich habe ihn ausgerüſtet, nicht Sie!« „Das bleibt ſich gleich, in dieſem Falle vollkommen gleich!« erwiederte er.„Da Sie unſer Geſpräch be⸗ lauſchten, müſſen Sie auch gehört haben, daß ich für Martins Ausrüſtung ſorgen wollte. Daß Sie es den⸗ noch thaten, iſt eine Beleidigung für mich, denn es verräth Mißtrauen gegen mein Verſprechen. Damit Sie übrigens ſehen, daß ich wohl im Stande war und bin, mein Wort zu halten, ſo nehmen Sie dieß, und machen Sie ſich davon für Ihre Auslagen bezahlt.“ Er legte bei den letzten Worten eine goldene, mit edeln Steinen beſetzte Uhr und eine ſchwere goldene Kette auf den Tiſch, welche den Werth der Martin gegeben Ausrüſtung bei weitem überſtieg. Unwillig ſchob ich ihm die Kleinodien wieder zu. „Halten Sie mich für einen Schacherjuden?“ fragte ich in gereiztem Tone, denn der Stolz des hartnäckigen Menſchen hatte endlich mein Blut in Wallung gebracht. „Nehmen Sie Ihr Eigenthum an ſich! Wie kommen Sie überhaupt dazu, mir ein Anerbieten ſolcher Art zu machen? Wir Beide haben gar nichts mit einander zu ſchaffen, und wenn ich noch zehn Freiwillige aus eigenen Mitteln equipire, ſo geht Sie das gar nichts an!“ Ein Blitz des Unwillens flammte aus ſeinen Augen, und er runzelte die Stirn. Aber nur einen Moment ſpäter, und der Mann war wie umgewandelt. „Sie hatten alſo nicht die Abſicht, mir eine Krän⸗ kung zuzufügen? Sie wollten mich nicht demüthigen? . 87 31 Nicht meiner Armuth ſpotten oder einen Zweifel in mein gegebenes Wort zu erkennen geben?« fragte er. „Etwas der Art iſt mir auch nicht im Entfernte⸗ ſten eingefallen,“ entgegnete ich.»Meine Abſicht war, Ihnen eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, und dadurch vielleicht eine Annäherung zwiſchen uns herbei zu führen. Ich ſchätzte und achtete Sie, ich wünſchte Sie zu meinen Freunden zählen zu dürfen. Dieſe Ab⸗ ſicht iſt vereitelt, und es thut mir leid, obwohl es nicht durch meine Schuld geſchehen iſt.“ „Es thut Ihnen leid? Wirklich und aufrichtig leid?« fragte er.„Auch jetzt noch leid, nachdem Sie durch Martin erfahren haben müſſen, daß ich wenig mehr als ein Bettler bin?« „Frägt denn die Zuneigung nach Geld und anderen ſolchen Aeußerlichkeiten,“ entgegnete ich vorwurfsvoll. „Ich ſah in Ihnen nur den braven Kameraden, und fühlte mich zu Ihnen hingezogen. Das iſt Alles, und ich habe nur zu bedauern, daß bei Ihnen, mir gegen⸗ über, nicht das Gleiche der Fall iſt. Aufdrängen wollte ich mich übrigens keineswegs, Herr Fels!« Er ſchlug die Augen zu Boden, legte die Hände auf den Rücken, und ging zwei, drei Mal in meiner Stube auf⸗ und nieder. Plötzlich blieb er vor mir ſtehen, ſah mir voll und offen in das Geſicht, und ſtreckte mir ſeine Hand entgegen. „Herr von Werder,“ ſagte er,„ich hatte unrecht und bitte Sie um Verzeihung. Köoͤnnen Sie mir mei⸗ nen falſchen Verdacht vergeben?« „Von ganzem Herzen,“ antwortete ich und ergriff mit Wärme die dargebotene Hand, denn ſeine eben noch ſo barſche, jetzt ſo weiche und innige Stimme 32 drang mir in die Seele. Warum können wir nicht Freunde ſein, Fels?« Ein ſanftes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen.„Ich betrachte mich als Ihren Freund von dieſer Stunde an,“ erwiederte er. „Und ich mich als den Ihrigen!“ fiel ich raſch ein. „Nicht ſo haſtig, Lieber,“ fuhr er fort.„Erſt müſ⸗ ſen Sie erfahren, was ich unter Freundſchaft verſtehe. Würden Sie jede Stunde, jede Minute bereit ſein, Ihr Leben für Ihren Freund zu opfern?“ „Ja, jede Stunde, und jede Minute!“« „Können Sie verſprechen, mit. Ihrem Freunde Alles theilen zu wollen, ſelbſt Ihr ganzes Vermögen, Ihr letztes Stück Brod, Ihren letzten Heller?« „Ich kann es!« „Ein Mann, ein Wort?« „Ein Mann, ein Wort!« „Wohlan,“ ſprach er,„ſo nimm mich hin! In dieſem Sinne will ich dein Freund ſein, und nichts wird mich je von dir trennen! Ich habe geſprochen! Ein Mann, ein Wort!« Wir ſanken einander in die Arme, und ich will nicht läugnen, daß mir eine Thräne der Freude in's Auge trat, weil es mir gelungen war, dieſen Mann mir zum Freunde zu erwerben. Ich ahnte, ich fühlte, ich wußte damals ſchon, daß dieſes eine Freundſchaft 4 für's Leben war, die nichts zu trennen vermochte, als eine ehrloſe Handlung. Und einer ſolchen Handlung konnten weder er noch ich jemals fähig ſein, denn Beide würden wir lieber den Tod der Schande vorgezogen haben! Ja, wir waren Freunde im ächten Sinne des Wortes, ——;ʒÿ—;— 3³3 und daß ich mich in dieſer meiner innigſten und uner⸗ ſchütterlichſten Ueberzeugung und Gewißheit nicht täuſchte, hat die Folge genugſam beſtätigt. Damals, als der Bund geſchloſſen wurde, bewies mir Fels einfach da⸗ durch ſein rückhaltloſes Vertrauen, daß er mir offen ſeine ganzen Verhältniſſe mittheilte. Seine Angaben ſtimmten ziemlich genau mit denen Martin's überein, nur fügte er noch hinzu, daß ſein Onkel ihn wirklich enterbt, und einen anderen entfernten Verwandten zum Nachfolger in ſeinem Geſchäfte beſtimmt und ernannt habe. Ich beklagte ihn wegen dieſes großen Verluſtes, er aber ſchien gar kein Gewicht darauf zu legen, und ſprach ſo gleichgültig von der Sache, als ob es ſich nur um eine Bagatelle gehandelt hätte. „Die halbe Million des Onkels kümmert mich we⸗ nig oder eigentlich gar nicht,“ ſagte er.„Wenn man jung, geſund und willig zur Arbeit iſt, findet man überall ſein Brod, und weiter braucht der Menſch nichts, — aber es thut mir weh, daß der alte Herr auf mich erzürnt iſt, weil er durchaus nicht begreifen kann, daß Vaterlandsliebe und Ehre höher ſtehen, als Gold und Silber. Indeß, wenn es mir vom Himmel vergönnt iſt, ihn noch einmal wiederzuſehen, ſo hoffe ich, ihn wieder mit mir auszuſöhnen, und wenn er mir dann ſeine väterliche Liebe wieder ſchenkt, ſo mag er ſein Geld hinterlaſſen, wem er will. Mich ſoll's nicht an⸗ fechten!« „Das iſt auch nicht nöthig,« gab ich zur Antwort. „»„Zum Glück bin ich reich genug für uns Beide!“ Er lächelte, und ſeitdem war nicht mehr die Rede von der halben Million des Onkels. Ein Mann, ein Wort. 3 34 Von jenem Tage unſeres Bündniſſes an herrſchte zwiſchen uns, wie ſich von ſelbſt verſteht, die rückhalts⸗ loſeſte Offenheit und Vertraulichkeit. Ohne alle Um⸗ ſtände ging Fels auf meinen Wunſch ein, ſeine unbe⸗ queme und entlegene Wohnung zu verlaſſen, und die meinige mit mir zu theilen, und ebenſo ohne alle Um⸗ ſtände ließ er es geſchehen, daß ich unſere gemeinſchaft⸗ lichen Ausgaben bis auf Weiteres aus meiner Taſche beſtritt. Kurz vor unſerem Abmarſche erhielt er übri⸗ gens einen Brief von ſeinem Onkel, des kurzen In⸗ haltes, daß ſeine Angelegenheiten jetzt geordnet ſeien, und er jederzeit ein Kapital von dreitauſend Thalern von ihm, dem Onkel, beziehen könne. „So iſt alſo dein Onkel mit dir wieder ausgeſöhnt?« ſagte ich erfreut. „Nichts weniger als das,“ erwiederte er ruhig. „Dieſe Summe iſt das kleine Erbtheil, das meine El⸗ tern mir nach ihrem Tode hinterlaſſen haben, und das mein Onkel bisher verwaltete. Daß er es grade jetzt zu meiner Verfügung ſtellt, beweist mir deutlicher, als alles Andere, ſeinen fortdauernden Groll. Er will eben nichts mehr mit mir zu ſchaffen haben. Mag er! Er wird ſich noch beſinnen, denk' ich.“ Gleichgültig pfiff er ein Liedchen, ging aus, und kam nach einer Stunde mit einem Geldpackete zurück, das er mir einhändigte. „Das iſt die Summe,“ ſagte er.„Ich habe ſie von einem hieſigen Bankierhauſe erhoben, um den Onkel nicht weiter zu beläſtigen. Schicke ſie deinem Vater, daß er ſie mir aufbewahrt, bis der Krieg zu Ende iſt. Zwanzig Louisd'or habe ich davon zuruͤckbehalten füͤr den Nothfall. Das Uebrige brauchen wir nicht.“ 3⁵ „Aber welche Beſtimmung haſt du ſonſt noch über das Geld zu treffen?“ „Gar keine. Ich ſage dir ja, dein Vater ſoll's mir aufheben!“ „Wenn aber, was Gott verhüten moͤge, eine feind⸗ liche Kugel dich träfe, was dann?« „Dann biſt du mein Erbe, natürlich.“ „Doch wenn auch ich bliebe? Du ſcheinſt gar nicht daran zu denken, Fels, daß wir ſchweren Kämpfen entgegen gehen.“ „O doch, ich weiß wohl, darum ſollſt du ja eben dieſe Summe deinem Vater ſchicken. Wie oft muß ich dir wiederholen, daß du mein Erbe biſt, wenn mir et⸗ was Menſchliches begegnet. Fallen wir Beide, nun, ſo bleibt das Geld deinem Vater.« „Aber deine Verwandten?“ „Ich habe keine, an denen ich irgendwie Antheil nähme, meinen Onkel ausgenommen, und der iſt reich genug, würde auch die Erbſchaft nicht antreten, ſo lange er mit mir grollt. Alſo ſpare deine Worte und ſchicke das Geld fort.« Ich mußte ſeiner Weiſung wohl Folge leiſten, und übergab ihm einige Tage nachher den Empfangſchein meines Vaters. Er machte einen Fidibus daraus und brannte ſeine Pfeife damit on. „Poſſen!« ſagte er.„»Zwiſchen uns bedarf es der⸗ gleichen nicht. Was dein iſt, iſt mein, und was mein iſt, iſt dein!“ So war er. Sein Vertrauen, wenn er einmal vertraute, ging in's Unbeſchränkte, denn er beurtheilte alle Menſchen nach ſich ſelbſt. Wie er lieber zehn Mal ſein Leben weggeworfen, als nur ein einziges Mal ſein 3 1s 36 Wort gebrochen hätte, ſo müßten's auch Andere thun, glaubte er. Und er hatte freilich recht. Als ich ihm andeutete, daß man doch nicht ſo viel Geld ohne alle Sicherheit weggeben dürfe, lachte er mir grade in's Geſicht. „Oh, Werder, Kindskopf!“ ſagte er.„Du furchteſt alſo, daß dein Vater uns um die paar Thaler betrügt?“ „Unſinn! Was fuͤr ein Einfall das iſt!“ erwiederte ich.„Mein Vater iſt ein Ehrenmann.“ „»Nun alſo!“ antwortete er.»Einem Ehrenmanne vertraue ich Millionen an, ohne eine Quittung zu ver⸗ langen, während ich einem Schufte nicht hundert Thaler geben wuͤrde, wenn er mir auch ein Dutzend Empfang⸗ ſcheine ausſtellte. Verſtehſt du mich nun? Laß alſo dieſe Geſchichte ruhen bis auf Weiteres. Kehren wir lebendig aus dem Feldzuge zurück, ſo habe ich an der kleinen Summe einen Anfang zu irgend einem Unter⸗ nehmen, das mir das tägliche Brod ſichert; bleiben wir, ſo mag auch das Geld bleiben, wo es iſt. Wer frägt nach dem Bettel, wenn man ſechs Fuß tief unter der Erde liegt!«. Er hatte wohl recht, und ich fügte mich alſo ohne weiteren Widerſpruch. Wußt ich doch, daß mein Vater, wenn wir nicht zurückkehrten, ſicher die geeigneten Wege einſchlagen würde, die Verwandten meines Freundes auszumitteln, um ihnen ſein Eigenthum einzuhändigen. Uebrigens blieb uns auch gar nicht viel Zeit übrig, noch andere Dispoſitionen zu treffen, denn wenige Tage nach dem erwähnten Auftritte lief der Befehl ein, daß wir unverzüglich in Eilmärſchen nach Sachſen aufzu⸗ brechen hätten, um uns dort mit der Blücher'ſchen Armee zu vereinigen. 37 „Jetzt geht's los, Werder!“ ſagte Fels zu mir. „Der alte Blücher ſchont nicht, und ſtehen wir erſt dem Feinde gegenüber, ſo wird er uns bald genug in's Feuer ſchicken.“ „Wie Gott will,“ antwortete ich.„Jedenfalls wer⸗ den wir unſere Schuldigkeit thun.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt!“ erwiederte er leicht⸗ hin.„Was aber auch geſchehen möge, wir ſtehen treu vereint im Leben wie im Tode!“ Am erſten Mai trafen wir bei der Armee Blücher's ein, und am zweiten, Mittags um zwölf Uhr, hörten wir die erſten feindlichen Kanonenkugeln über unſere Köpfe hin ſummen. Die Schlacht bei Lützen nahm ihren Anfang, und wir wurden beordert, nach Groß⸗ Görſchen vorzudringen und die Franzoſen aus dieſem Dorfe zu vertreiben. Wir gingen tapfer vorwärts, und es iſt bekannt genug, daß die Preußen bei jener Ge⸗ legenheit mit einer Todesverachtung kämpften, welche eines glänzenderen Erfolges würdig geweſen wäre. Doch auch die Franzoſen wehrten ſich aus allen Kräf⸗ ten, und mehrere Stunden dauerte der Kampf in dem Dorfe Groß⸗Görſchen mit ſteigender Erbitterung fort. Die Truppen waren einander dabei ſo nahe, daß wir das Weiße in unſeren Augen ſehen konnten, und in Folge davon fielen auf beiden Seiten unglaublich viel Leute. Fels an meiner Seite focht mit einer Kaltblü⸗ tigkeit und Ruhe, die meine hoöchſte Bewunderung er⸗ regte. Nach einer Stunde lag ſchon mehr als die Hälfte unſerer Leute todt oder ſchwer verwundet auf der blutgetränkten Erde, und der Reſt ſollte zurückge⸗ zogen werden, um friſchen Truppen Platz zu machen. Aber Fels ging nicht, und da er aushielt, wollte ich 8 38 natürlich auch nicht von ſeiner Seite weichen. So ſtanden wir fuͤnf, ſechs Stunden im Gefecht, und wunderbarer Weiſe wurden wir Beide von den feind⸗ lichen Kugeln verſchont. Mit mehr Hingebung und Aufopferung zu kämpfen, als hier von den Preußen geſchah, war nicht möglich. Aber dennoch mußten wir endlich der überlegenen Kriegskunſt des franzöſiſchen Kaiſers weichen, und die Schlacht ging verloren. Nicht mit Worten vermag ich es auszudrücken, welcher Zorn und Schmerz uns Alle über die Vereitelung unſerer Hoffnungen ergriff. Ich weinte faſt vor Ingrimm, und beneidete die Todten auf dem Schlachtfelde, die mit verklärtem Angeſicht umher lagen, da ſie mit dem Gefühl aus der Welt gegangen waren, daß ſie ihr Vaterland und ſich ſelbſt geräͤcht hatten. Fels indeß blieb ganz gelaſſen und ruhig. „Geduld, Bruderherz,“ ſagte er zu mir, als wir bei einbrechender Nacht mit den aufgelösten, verwirrten Maſſen unſerer braven Truppen das Schlachtfeld räum⸗ ten,—„die erſte Schlacht hat nicht ganz gut getroffen, aber die zweite wird's beſſer thun. Und wenn wir noch zehn Mal unterliegen müßten, zuletzt werden wir doch oben auf ſein. Du haſt geſehen, wie unſere Leute in's Feuer gingen! Solcher Tapferkeit vermag auf die Dauer nichts zu widerſtehen!“« Ach, ich fand nur einen ſchwachen Troſt in dieſen Worten. Ja, wir hatten mit unerhörter Wuth und Ausdauer gekämpft. Auf mehreren Quadratmeilen Lan⸗ des waren die jungen, eben emporkeimenden Saaten zertreten, zerſtampft, niedergefahren, das Erdreich von zahlloſen Kugeln aufgeriſſen, der blutgetränkte Boden von Tauſenden von Todten und Sterbenden bedeckt, * 39 welche Zeugniß von unſerem hartnäckigen Widerſtande gaben. Das Feuer der brennenden Doͤrfer Eisdorf, Groß⸗ und Klein⸗Görſchen, Caja, Rahna und Starſiedel ſchlug zum Himmel, und bewies die zähe Ausdauer unſerer tapferen Soldaten, die ſich bis auf's Aeußerſte gehalten hatten,— und doch hatte der Tag zum Nach⸗ theile unſerer Truppen geendet! Das war zu viel des Unglücks. Mein Herz war ſchwer und mein Auge blickte trübe in die Zukunft. Es war mir unmöglich, die unerſchütterliche Zuverſicht zu erringen, welche Fels unzweifelhaft beſaß. Schweigend ritt ich an ſeiner Seite hin. Wir ſuch⸗ ten nach einem Platze, welcher uns einige Behaglich⸗ keit während der Nacht gewähren konnte, und Fels deutete mir eben ein vereinzelt liegendes Gehöft an, wo wir vielleicht ein Obdach erwarten konnten, als wir plötzlich den dröhnenden Hufſchlag einer im ſchönſten Trabe herankommenden, ſtarken Reiter⸗Abtheilung ver⸗ nahmen. Fels hielt augenblicklich ſein Pferd an. Die Schwadronen kamen näher, Helme und Küraſſe blitzten durch die Finſterniß. „'Es ſind unſere Truppen!“ ſagte er.„Ich möchte faſt darauf wetten, daß ſich der alte Blücher noch einen Streich ausgedacht hat, den er Napoleon ſpielen will. Schließen wir uns an Werder!“ » Mir war Alles recht in meiner verzweifelten Stim⸗ mung. Die Sporen einſetzend, erreichten wir nach we⸗ nigen Augenblicken den Reitertrupp. Er beſtand meiſt aus Kuüraſſieren, neun Schwadronen ſtark, und zwei Jäger⸗Schwadronen. „Ach, das trifft ſich herrlich!« rief Fels aus.„Ka⸗ meraden von uns, Werder! Und Bekannte dazu!“ 40 Im Nu waren wir an der Seite der Jäger, und Fels erkundigte ſich nach dem Zwecke des nächtlichen Unternehmens. „Ei, der alte Blücher will den Franzoſen beweiſen, daß wir noch nicht ſo eingeſchüchtert ſind, wie ſie ſich einbilden mögen. Wir wollen noch einen Angriff ma⸗ chen und ein bischen Verwirrung unter ſie bringen.“ 3 19'ube ſind wir auch! Nicht wahr, Werder?« ſagte els. Natürlich zeigte ich mich bereit, und in raſchem Trabe ritten wir in der Richtung zwiſchen Sonheſten und Groß⸗Görſchen vorwärts gegen den Feind, welcher einen ſolchen Ueberfall gewiß nicht erwartete. Alles ging gut, denn die Leute waren voll Feuer und Eifer, bis wir in der ſtark dunkeln Nacht an einen tiefen Hohlweg kamen, welcher bei der Finſterniß leider nicht früh genug bemerkt wurde. Viele Reiter ſtürzten mit ihren Pferden den ſteilen Abhang hinab, und mir ſelbſt wäre bei einem Haare das gleiche Schickſal zu Theil geworden, wenn nicht noch im letzten Augenblicke Fels die Zügel meines Pferdes ergriffen und zurückgeriſſen hätte. Einmal gewarnt, fanden wir es nicht mehr ſchwierig, über den Hohlweg zu kommen, doch waren die Schwadronen durch den unglücklichen Zwiſchenfall durcheinander gerathen, und konnten ſich nicht gleich wieder ordnen.. Ddiieſer Umſtand trug weſentlich dazu bei, daß der Angriff keinen vollſtändigen Erfolg hatte. Zwar jag⸗ ten die Schwadronen vorwärts, erreichten die Vierecke der kaiſerlichen alten Garde, hieben ein paar hundert Mann nieder und hätten beinahe die franzöſiſchen Maſſen durchbrochen, aber der Zuſammenhalt fehlte 41 und der Feind gewann dadurch Zeit, Kanonen vorzu⸗ ziehen und uns mit einem Kartätſchen⸗Hagel zu be⸗ gruͤßen. Nun mußten wir zurück, um nicht gänzlich aufgerieben und gefangen zu werden. Der Rückzug vermehrte die Verwirrung, Roß und Reiter ſtürzten über einander, ich kam von der Seite meines Freundes ab, Schüſſe krachten hinter uns her, und eh' ich mir's verſah, bäumte mein Pferd plötzlich hoch auf, machte noch ein paar verzweifelte Sätze und brach dann unter mir zuſammen. Das Thier und ich rollten einen Ab⸗ hang hinunter, ich fuͤhlte einen kurzen, heftigen Schmerz an Kopf und Schultern, und im nächſten Augenblicke verlor ich die Beſinnung. Mein letzter Gedanke war: „Gott erhalte dich, mein Vaterland! So bin denn auch ich den Tod für dich geſtorben!“ Indeß, ganz ſo ſchlimm war es nicht. Nachdem ich eine geraume Zeit ohnmächtig gelegen hatte, weckte mich der kalte Nachtwind, über mein Geſicht ſtreichend, wieder aus der Betäubung. Ich kam zu mir, und ge⸗ wahrte nun, daß ich in denſelben Hohlweg geſtürzt ſei, welcher ſchon beim Angriffe ſo vielen unſeren Leuten verderblich geworden war. Um mich her lagen Roß und Mann in wüſtem Durcheinander, und das Aechzen und Stöhnen armer Verwundeter drang herzzerreißend zu meinem Ohr. Ich verſuchte eine Anſtrengung, um mich aus meiner Lage empor zu richten, aber jetzt merkte ich erſt, daß der ſchwere Körper meines Pferdes über meinem rechten Beine lag, und daß ich eine hef⸗ tige Quetſchung meiner rechten Schulter erlitten haben mußte. Denn bei dem Verſuche, mich unter dem Pferde hervor zu arbeiten, durchzuckte mich in jener Gegend wiederum ein ſo wüthender Schmerz, daß ich einen * 42 Aufſchrei nicht unterdrücken konnte, und kraftlos in meine frühere Lage zurück ſank. Dieſe Lage war nun allerdings keineswegs ſehr angenehm. Wenn ich auch die Hoffnung hegen konnte, daß meine Verletzungen weder tödtlich noch überhaupt gefährlich waren, ſo mußte ich mich doch darauf gefaßt halten, die ganze Nacht unter Leiden und Schmerzen zuzubringen, und mochte außerdem noch befürchten, am folgenden Morgen dem Feinde als Gefangener in die Häͤnde zu fallen. Dieſe Ausſicht vermehrte noch die Bitterkeit meiner Empfindungen. Gleich beim erſten Schritte auf meiner kriegeriſchen Laufbahn beſiegt, verwundet und gefangen zu werden, das ſchien mir ein wenig zu viel des Unglücks, und trotz der heftigen Schmerzen, die mich marterten, wie⸗ derholte ich meine Anſtrengungen, mich unter dem Pferde hervor zu arbeiten. Alle Muͤhe war jedoch vergeblich; die Laſt des Pferdes lag ſchwer auf mir, und die Quetſchung der Schulter lähmte zu ſehr meine Kraft. Seufzend ergab ich mich in mein trauriges Schickſal, und ſank auf den feuchten, kalten Erdboden zurück. Meine eigene, traurige Lage vergeſſend, richtete ich meine Gedanken wieder auf das Schickſal unſerer ge⸗ ſchlagenen Armee, und ſuchte mir die Folgen klar zu machen, welche die erlittene Niederlage herbeiführen könnte. Der Blick in die Zukunft eröffnete mir jedoch nicht viel Tröſtliches, obgleich ich mich dabei der zuver⸗ ſichtlichen Worte meines Freundes Fels wieder erinnerte. Aber wo war Fels? Wie mochte es ihm ergangen ſein? Bei dem Angriffe auf die franzöſiſchen Vierecke hatte er noch an meiner Seite gefochten, ſeitdem jedoch war er meinen Augen entſchwunden. Von ganzem Herzen 4³ wünſchte ich, daß er ſich beſſer als ich aus der Affaire gezogen und wohlbehalten unſere Armee wieder ereicht haben möge! Da gerade, als meine Gedanken am lebhafteſten ſich mit ihm beſchäftigten, hoͤrte ich Jemand herum⸗ ſchleichen, drehte mich um, und erblickte in geringer Entfernung von mir den Schein einer Blendlaterne. Es kroch alſo ein Menſch da herum, und unterſuchte die Leichen der Gefallenen, wahrſcheinlich, wie ich im erſten Schrecken glaubte, um ſie auszuplündern. Dieſe Vermuthung lag nahe genug, und ich tappte mit der linken Hand nach meinen Sattel⸗Piſtolen, um für den Fall der Noth mich gegen den Marodeur zur Wehre ſetzen zu können. Manche gräuliche Geſchichten waren mir von dieſen Kerls ſchon zu Ohren gekommen. Sie ſollten ſich, wie man mir geſagt hatte, kein großes Ge⸗ wiſſen daraus machen, unglückliche, hülfloſe Verwundete vollends umzubringen, um ſich dann ungeſtört ihre Verlaſſenſchaft anzueignen, und deßhalb war ich ſehr erfreut, daß ich wenigſtens eine von meinen beiden Pi⸗ ſtolen erlangen konnte. Mochte der Kerl nun heran ſchleichen! Ich war feſt entſchloſſen, ihm die Kugel grade in's Geſicht abzubrennen, falls er Miene machen würde, auch mich anzufallen. Die Laterne kam näher und näher; ihr Träger ließ das Licht derſelben über die blaſſen, blutigen Ge⸗ ſichter der armen Getödteten ſinken, und plötzlich fiel ein Strahl auf mein Antlitz. „»Werder! Gott ſei Dank, da biſt du ja!« rief eine Stimme, die mir die freudigſte Ueberraſchung gewährte, denn es war die Stimme meines Freundes Fels. 44 „Heinrich, du?“ jauchzte ich faſt allzu laut.„Welch ein glücklicher Zufall bringt dich hierher?“ „Ein Zufall? Nein!“ erwiederte er.„Ich dachte mir wohl, daß du in dieſen heilloſen Graben geſtürzt ſein müßteſt, und darum drang ich in's erſte beſte Bauernhaus ein, verſchaffte mir eine Laterne und ging in der Abſicht hierher, um dich zu ſuchen. Das iſt das Ganze. Aber du biſt verwundet, wie es ſcheint?« »Nur ein bischen zerquetſcht von dem Sturze, und außerdem liegt das Pferd wie eine Felſenlaſt auf mir, ſo daß ich nicht in die Höhe kann.“ „Da wollen wir bald Hülfe ſchaffen!“ ſagte er, und ſetzte die Laterne bei Seite, und ſchob mit Rieſen⸗ kraft das Pferd von mir fort. Mein Fuß wurde frei, und mit dem Beiſtande Heinrichs konnte ich mich auf⸗ richten. »Jetzt geſchwind, daß wir hinweg kommen,“ flüſterte er mir zu.„Die Franzoſen ſind durch unſeren Kaval⸗ lerie-Angriff aufgeſcheucht, wie ein Volk Rebhühner, wenn die Schrote unter ſie fliegen, und nachdem ich dich gefunden habe, moͤchte ich nicht gerne noch in ihre Hände fallen. Hier den Abhang hinauf, Paul! Geht es? Stütze dich nur feſt auf meinen Arm! So! Und nun weg mit der Laterne, denn ſie könnte uns mehr Feinde auf den Hals ziehen, als uns lieb iſt.« Er löſchte das Licht aus, wir kletterten auf den Rand des Hohlwegs hinauf, und gingen qguerfeldein, indem ſich Fels nach dem Scheine der verſchiedenen brennenden Dörfer orientirte, um nicht eine falſche Rich⸗ tung einzuſchlagen. Ganz unerwartet ſchallte uns aber doch, als wir ſchon in völliger Sicherheit zu ſein glaubs ten, ein kräftiges:»OQui vive!“ entgegen, und ehe wir 7 45 uns verbergen oder die Flucht ergreifen konnten, ſahen wir uns von ein paar Dutzend Franzoſen umringt und mußten uns zu Gefangenen ergeben. „Armer Freund!“ ſagte ich leiſe zu Fels.„»Wie beklage ich, daß du um meinetwillen die Freiheit ver⸗ lieren mußt!« „Mir iſt's vielmehr lieb, daß ich mit dir gefangen wurde, denn um ſo eher kann ich dich wieder frei ma⸗ chen,« erwiederte er.„Sei nur getroſten Muthes! Die Franzoſen ſollen uns nicht lange feſthalten, verlaß dich darauf!« Getroſten Muthes ging er ſelber inmitten der Fran⸗ zoſen nach dem Hauptquartier, das wir nicht wenig in Verwirrung fanden. Der kühne Reiter⸗Angriff der Preußen hatte zwar keine weſentlichen Erfolge gehabt, aber den Feind trotzdem dermaßen in Schrecken geſetzt, daß am Abend noch ganze Abtheilungen aus der Linie zurückwichen und der Kaiſer Napoleon ſogar für gut fand, mit dem ganzen Heere etwas zurückzugehen. Unter dieſen Umſtänden wäre es für Fels ein Leichtes gewe⸗ ſen, ſich aus dem Staube zu machen, aber er wollte mich nicht verlaſſen, und ich fuͤhlte mich zu erſchöpft und troſtlos, ihm in dieſer Nacht ſchon zu folgen.“ „Ich gehe nicht ohne dich,“ ſagte er zu mir.»Aber wenn du erſt wieder rüſtig und geſund biſt, wollen wir bald genug davon kommen.“ Ich dankte ihm innig gerührt für ſeine aufopfernde treue Freundſchaft, aber er lachte mich nur aus. „Poſſen!“ ſagte er.„Verliere darüber kein Wort. Ich bleibe mit Vergnügen in deiner Geſellſchaft, und außerdem können wir hier vielleicht nützlicher ſein, als drüben bei unſeren Landsleuten, die jedenfalls über die * 1 Bl * — Elbe zurück müſſen. Wenn es Zeit iſt, werden wir ſie ſchon wieder einholen.“ Mit dem größten Eifer ſorgte der gute Fels für meine Bequemlichkeit. Da ich nicht verhehlen konnte, daß ich heftige Schmerzen empfand, drang er in die Franzoſen, uns zu einem Wundarzte zu führen, und brachte es durch ſeine Vorſtellungen und durch gute Worte wirklich dahin, daß ich noch während der Nacht in einem Feld⸗Lazareth untergebracht und ärztlich behandelt wurde. Die mir verordneten Einreibungen verſchafften mir ſogleich Linderung, und ich brachte die Nacht in leidlichem Zuſtande auf einer Matratze zu, neben wel⸗ cher Fels getreulich Wache hielt. Am andern Morgen erfuhren wir, daß die ruſſiſch⸗ preußiſche Armee in vollem Rückzuge nach der Elbe begriffen war, eine Nachricht, die mich mit großem Schmerze und wahrhafter Trauer erfüllte, während Fels dieſelbe mit äußerſten Gleichmuth aufnahm. „Wie kann dich das überraſchen?“ ſagte er ganz kaltblütig zu mir.„Wir wußten ja ſchon geſtern, das wir Schläge gekriegt haben. Um ſo größer wird aber die Luſt unſerer Kameraden ſein, ſie zurück zu geben. Nur Geduld, guter Paul!« Ja, Geduld, die hatten wir nöthig. Mehr und mehr ſtellte ſich in den nächſten Tagen heraus, daß die Franzoſen vollſtändig den Sieg errungen hatten. Sie verfolgten unſere zurückweichenden Truppen mit mög⸗ lichſter Eile, und dieſe mußten es nur dem Mangel an Reiterei bei den Franzoſen zu danken haben, daß ſie nicht noch größere und empfindlichere Verluſte erlitten. Wir Beide, Fels und ich, mußten unſeren Siegern fol⸗ gen, bis wir am zehnten Mai in Dresden ankamen. 47 Hier wurden wir in ein Gefängniß eingeſperrt, glück⸗ licher Weiſe, ohne von einander getrennt zu werden. „Alles ſteht gut,“ ſagte Fels zu mir.„Nun pflege dich nur und mache, daß du geſund wirſt. Sobald du wieder friſch auf den Beinen biſt, machen wir uns davon.“ Ich ſchaute ihn ein wenig verblüfft an, denn unſer Gefängniß war ein ſehr feſtes Gebäude mit fußdicken Mauern und mit fingerſtarken Eiſenſtäben vor den Fenſtern. „Wie willſt du hinauskommen?“ fragte ich.„Kannſt du etwa wie eine Maus durch ein Mausloch ſchlüpfen?“ „Nein, das kann ich nicht, aber ich kann etwas Anderes, was eben ſo gut iſt,“ gab er mir zur Ant⸗ wort.„Da ſieh' her! Dieſe Feilen habe ich mir aus der franzöſiſchen Feldſchmiede zugeeignet, und dieſe ſei⸗ dene Schnur unterwegs in Coldiz gekauft. Sie iſt dreißig Ellen lang und feſt genug, um uns Beide zu tragen. In der erſten beſten ſtuͤrmiſchen Nacht feilen wir die Gitterſtäbe durch, laſſen uns aus dem Fenſter hinab, und verbergen uns in Dresden, bis wir wieder zur Armee ſtoßen können. Du ſiehſt, die Sache hat nicht viele Schwierigkeiten, vorausgeſetzt, daß du erſt deinen Sturz mit dem Pferde verwunden haſt.“ „Das wird nicht lange mehr dauern,“ erwiederte ich hoch erfreut über ſeine ſo ſchlau und vorſichtig ge⸗ troffenen Maßregeln.„Nur zwei, höchſtens drei Tage Ruhe, und ich werde rüſtig genug ſein, um dir überall⸗ hin folgen zu können.“ Die Hauptmacht der Franzoſen verließ zu weiterer Verfolgung des preußiſch⸗ruſſiſchen Heeres ſchon am elften Mai Dresden wieder, und faſt nur die Gefan⸗ genen und Verwundeten blieben zurück. Um uns Beide bekümmerte man ſich faſt gar nicht, und es wäre uns ein Leichtes geweſen, unſere Flucht in's Werk zu ſetzen, wenn nicht mein Zuſtand, anſtatt beſſer zu wer⸗ den, ſich verſchlimmert hätte.) Ich drang in Fels, er möge allein fliehen, und mich meinem Schickſale über⸗ laſſen, aber jede ſolche Aufforderung wies er lächelnd, doch mit Entſchiedenheit zurück. „ Ich habe dir geſagt, daß ich dich in deinem Elende nicht verlaſſen werde, und wenn ich es noch nicht ge⸗ ſagt hätte, ſo würde ich's jetzt thun,“ gab er mir zur Antwort.„Ein Mann, ein Wort! Da darf nichts verdreht und gedeutelt werden. Verlaß dich darauf, Werder, wenn es noch einmal zum Schlagen kommt, ehe wir zur Armee zurückkehren konnen, wird man auch ohne uns tüchtig dreinhauen. Doch denke ich immer noch, wir werden zur rechten Stunde alle Beide da⸗ bei ſein.“ Er ging nicht, und ich konnte alſo nichts weiter thun, als mich beeilen, geſund zu werden. Endlich nach ſechs langen Tagen trat eine entſchiedene Beſſe⸗ rung ein, und am neunzehnten, Abends, theilte ich Fels mit, daß ich mich fäahig hielte, die Flucht zu wagen. Er ſtellte verſchiedene Proben mit mir an, um ſich zu überzeugen, daß die Lähmung meiner zerquetſchten Schulter gewichen ſei, und als die Prüfung zu ſeiner Zufriedenheit ausfiel, traf er unverzüglich ſeine Vorbe⸗ reitungen, um noch in der Nacht die Flucht zu bewerk⸗ ſtelligen. Die Eiſenſtäbe vor dem Fenſter wurden durchfeilt, und zehn Minuten nach zwölf Uhr, als die Wachen vor der Thür des Gefängniſſes abgelöst wa⸗ ren, half er mir aus dem Fenſter in's Freie. 49 Zum Glück lag das Fenſter nur etwa achtzehn Fuß hoch über der Erde, und ich kam ohne Unfall unten an. Fels ſchwang ſich mir nach, und nun ſtanden wir Beide in einer engen Straße, in dichter Finſterniß, ohne zu wiſſen, ob wir uns rechts oder links wenden ſollten, um nicht einer Patrouille oder Schildwache in die Hände zu laufen. Fels entſchloß ſich jedoch kurz, faßte mich unter den Arm, und zog mich auf Gerathe⸗ wohl mit fort. Wir gingen durch mehrere Straßen, ohne irgend einem Menſchen zu begegnen, bis wir auf einmal an der Elbe ſtanden und in der Dunkelheit beinahe hinein gelaufen wären. »Nun iſt Alles in Ordnung, ich weiß, wo wir ſind,“ flüſterte Fels mir zu.„»Ein Kahn wird ſich irgendwo in der Nähe hier herum finden, und ſchwimmen wir erſt auf der Elbe, ſo ſollen die Herren Franzoſen lange laufen, bis ſie uns wieder erwiſchen.“ Wir ſchlichen am Ufer entlang, und entdeckten nach kurzem Suchen den erwünſchten Kahn. Nur befand ſich kein Ruder drinn, und ich machte Fels auf dieſen Mangel aufmerkſam, während er ſich bemühte, den Kahn von der Kette zu löſen. „Thut nichts!“ erwiederte er.„Wir treiben mit dem Arme und werden ſchon irgendwo an's Land kom⸗ men. Vor allen Dingen müſſen wir nur erſt aus Dresden heraus.“ Ich mußte ihm recht geben, und zögerte daher nicht, mit einzuſteigen. Ein Stoß trieb uns eine Strecke weit in's Waſſer hinein, und nun glitten wir mit dem Strome weiter, ohne uns mit der Leitung des Nachens anzuſtrengen. Bald lag die Stadt hinter uns, nnd kaum eine halbe Stunde ſpäter trieben wir an das Ufer. Ein Mann, ein Wort. 4 50 „Jetzt ſind wir geborgen,“ ſagte Fels und ſprang an's Land.„Im erſten beſten Dorfe nehmen wir Quartier, ziehen Erkundigungen ein, und treffen danach unſere weiteren Maßregeln.“ „Aber wenn wir verrathen und ausgeliefert wür⸗ den,“ wandte ich nicht ohne Beſorgniß ein. „Kein rechtſchaffener Deutſcher wird ſeine Lands⸗ leute verrathen,“ entgegnete er.„Die Sachſen ſind ſo gut Deutſche, wie wir, wenn auch ihr König durch die Umſtände vorläufig noch gezwungen iſt, mit Napo⸗ leon zu gehen. Komm ohne Furcht!“ Er ſchritt voran, ich folgte. Nach einem Marſche von einer Stunde landeinwärts querfeldein gelangten wir an ein vereinzelt liegendes Gehöft, ſtiegen über eine niedere Gartenmauer und kamen an eine Scheune, welche, wie der Geruch verrieth, mit duftendem Heu angefüllt war. „Weißt du,“ ſagte Fels,„wir können am Ende eben ſo gut hier bleiben, als die Leute im Schlafe ſtören. Das Heu gibt ein weiches und warmes Lager, und morgen bei Tage mögen wir dann mit Muße aus⸗ kundſchaften, wohin wir gerathen ſind.“ Der Vorſchlag war mir ganz willkommen, denn ich konnte immer noch nicht die Beſorgniß los werden, daß man uns an unſeren Uniformen als Preußen erkennen, und in Folge deſſen ausliefern würde. Wir verkrochen uns alſo in das Heu, und verfielen augenblicklich in feſten Schlaf, der bis in den hellen Morgen hinein währte. Laute Stimmen auf dem Hofe draußen weckten mich wieder, und nicht ohne Beſtürzung hörte ich, daß wilde Drohungen in franzöͤſiſcher Sprache ausgeſtoßen wurden. 51 Ohne Fels, der noch ruhig ſchlummerte, zu ſtoͤren, nä⸗ herte ich mich vorſichtig einer Luke in der Scheune, warf durch dieſelbe einen Blick hinaus, und ſah zwei franzöſiſche Gensd'armen im lebhaften Wort⸗Streite mit einem ehrbar ausſehenden, wohlgekleideten Manne, wel⸗ cher unzweifelhaft der Beſitzer des Gehöftes war. Der Mann betheuerte mit der aufrichtigſten und ehrlichſten Miene von der Welt, daß er keine Gäſte, und am allerwenigſten flüchtige preußiſche Soldaten während der Nacht aufgenommen und beherbergt habe. Die Gensd'armen ſchenkten ihm jedoch keinen Glauben. Sie befanden ſich augenſcheinlich in etwas angetrunkenem Zuſtande, ſchimpften, fluchten, wetterten, fuchtelten mit ihren Säbeln dem Gutsbeſitzer vor der Naſe herum, und verlangten endlich in's Haus gelaſſen zu werden, um es von oben bis unten zu durchſuchen. Auch ſtie⸗ gen ſie richtig von ihren Pferden, führten ſie in den nächſten Stall, und drangen ohne weitere Umſtände in das Haus ein. Ich konnte keinen Zweifel darüber hegen, daß die Gens'darmen zu unſerer Verfolgung ausgeſandt und durch irgend einen Zufall auf unſere Spur gekommen waren. Nach kurzer Ueberlegung hielt ich für das Beſte, ohne Verzug unſere Flucht fortzuſetzen, und kroch deßhalb zu Fels zurück, um ihn zu wecken und von der Ankunft unſerer Verfolger zu benachrichtigen. Er hörte mich ruhig an. »Weiter fliehen?« ſagte er dann, als ich auf ſchleu⸗ nige Entfernung drang.„Das fällt mir gar nicht ein, lieber Bruder. Ein Verſteck, das uns mehr Sicher⸗ heit gewährte, als dieſes, möchten wir weit und breit nicht finden. Wir ſitzen hier verborgen, wie eine Steck⸗ 4* — 5² nadel in einem Heubündel. Warten wir ab, bis die Franzoſen davon reiten, dann wollen wir weiter ſehen.. Fels mit ſeiner kaltblütigen Ruhe hatte wieder das Sicherſte getroffen, ich gab ihm nach, und wir blieben. Aber lange mußten wir warten, bis wir von den Gensd'armen wieder etwas hörten. Zwei, drei Stun⸗ den vergingen, ſie ließen ſich nicht blicken. Endlich er⸗ ſchien der Gutsbeſitzer wieder auf dem Hofe, und rief nach einem ſeiner Knechte.„Friedrich,“ ſagte er zu dem jungen Burſchen, der ſogleich zu dem Stalle her⸗ beikam,„die Franzoſen ſind bis zur Sinnloſigkeit be⸗ trunken. Ich mag die Kerls nicht länger in meiner Stube dulden. Wir wollen ſie in die Heu⸗Scheune tragen, und da moͤgen ſie liegen bleiben, bis ſie ihren Rauſch ausgeſchlafen haben.“. „Herrlich!« flüſterte Fels mir zu.„Etwas Beſſe⸗ res konnte uns gar nicht paſſiren!“ Nicht lange, ſo wurde erſt der Eine, dann der andere Gensd'arm herein getragen und Beide auf das Heu niedergelegt. Sie ſchliefen feſt, wie die Todten. „Eine wahre Schande iſt's, wie die Schurken ſich betragen!« ſagte der Gutsbeſitzer.„Ein Dutzend Fla⸗ ſchen von meinem beſten Weine haben ſie mir aus⸗ getrunken, bis ſie unter den Tiſch taumelten. Sie thun, als ob ſie die Herren im Lande wären! Aber Gott wird ja geben, daß das ganze Geſindel endlich einmal aus Deutſchland wieder hinaus gefegt wird!“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich mit ſeinem Knechte und warf die Thür hinter ſich zu. Fels war⸗ tete noch einen Augenblick, bis ſie in das Wohnhaus gegangen waren. Dann krochen wir aus unſerem Ver⸗ 8 —— 5³ ſteck hervor, und Fels machte ſich ganz kaltblütig an's Werk, die Franzoſen bis auf's Hemd zu entkleiden. „Was haſt du vor?« fragte ich ihn verwundert. „Weiter nichts, als die Uniformen dieſer beiden Burſchen anzuziehen, ihre Waffen und Papiere zu neh⸗ men, ihre Pferde aus dem Stalle zu holen, und dann ganz gemächlich durch die ganze franzöſiſche Armee hin⸗ zureiten. Bis die Halunken aufwachen, ſind wir weit über alle Berge. Nur geſchwind, Paul. Dieſe Uni⸗ form wird dir, die andere mir paſſen! Ziehen wir ſie an.“ Dieß geſchah, und die Franzoſen ſchnarchten ruhig weiter. Nach fünf Minuten waren wir in franzoͤſiſche Gensd'armen verwandelt.. „Aber was wird dem Hausbeſitzer geſchehen, wenn die Burſche aufwachen?“ fragte ich. „Jedenfalls gar nichts,“ antwortete Fels.„Die Kerls werden ſich hüten, die Wahrheit einzugeſtehen, denn ſie würden vermuthlich wegen Vernachläſſigung dieſes Dienſtes erſchoſſen werden. Und ſo werden ſie denn irgend eine hübſche Geſchichte erfinden, als ob ſie von einem preußiſchen Streifkorps überfallen und ausgeplündert worden wären, und auf dieſe Weiſe der Strafe entgehen. Jetzt nach dem Stalle, und die Pferde geholt!«— Dreiſt ſchritt er voraus auf den Hof, wir führten die Pferde heraus, ſchwangen uns in die Sättel, und ritten davon, ohne nur einen Menſchen weiter geſehen zu haben. Eine Stunde ſpäter lag das Gehöft fern hinter uns, und nie hörte ich wieder von den beiden Gensd'armen, die ſich nicht wenig gewundert haben mögen, als ſie aus ihrem Rauſche erwachten. Fels und ich trabten gemächlich auf der offenen Landſtraße hin, ohne irgendwo angehalten oder aus⸗ gefragt zu werden. Gegen Abend kehrten wir in einem Dorfe ein, ließen uns zu eſſen und zu trinken geben, und erkundigten uns in vorſichtiger Weiſe nach der Stellung der Armeen. Es hieß, die Preußen und Ruſſen hätten eine feſte Stellung bei Bautzen genom⸗ men, und Napoleon habe die Abſicht, ſie dort anzu⸗ greifen und vollends aus Sachſen nach Schleſien zu vertreiben. „offentlich wird's ihm nicht gelingen,“ ſagte Fels leiſe zu mir.»Aber wenn auch, jedenfalls müſſen wir ſehen, nach Bautzen zu kommen.“ Am nächſten Morgen alſo brachen wir demzufolge in der Richtung nach Bautzen auf, vernahmen aber ſchon unterwegs zu unſerem bitteren Schmerze, daß eine Schlacht geſchlagen und abermals der Sieg von den Franzoſen gewonnen ſei. Noch zweifelten wir zwar, und wagten zu hoffen, aber je weiter wir vorwärts kamen, deſto zuverläſſiger wurden die Nachrichten, und endlich mußte ſich uns wohl die Ueberzeugung unwider⸗ leglich aufdrängen, daß unſere Armeen wirklich eine Niederlage erlitten hätten. Doch gereichte es uns eini⸗ germaßen zum Troſte, daß ſelbſt die Franzoſen die hel⸗ denmüthige Tapferkeit unſerer Soldaten anerkannten, und nicht ohne Zweifel und Beſorgniß in die Zukunft ſchauten. Napoleon hatte zwar geſiegt, aber nur mit großen Opfern auf ſeiner Seite, und dabei entbehrte der blutige Sieg der ſonſt gewohnten Früchte, der Tro⸗ phäen, der Gefangenen. Es war ihm nicht gelungen, auch nur ein Bataillon abzuſchneiden, oder nur eine 5⁵ Batterie wegzunehmen. Dieſe Nachrichten erfreuten das Herz. „Du ſiehſt,“ ſagte Fels zu mir,„es kommt ſchon ſo, wie ich mir's gedacht hatte. Wir werden ein paar Mal Schläge kriegen, zuletzt aber doch deren austhei⸗ len. Vorwärts, Werder, damit wir zu unſeren Kame⸗ raden kommen!« Und vorwärts ging es, ſo ſchnell, wie es unſere tüchtigen Pferde aushielten. Mitten zwiſchen den fran⸗ zöſiſchen Regimentern drangen wir vor, und unſere Gensd'armen⸗Uniform öffnete uns überall den Durch⸗ gang. Fels ſowohl als ich ſprachen genügend fran⸗ zöſiſch, um keinen Verdacht zu erwecken, doch ich glaube, wir wären auch ohnedieß durchgekommen, da ja Na⸗ poleon noch immer eine Menge von Deutſchen, Sach⸗ ſen, Württembergern, Baiern und Heſſen unter ſeinen Truppen zählte. Nur ging's mit dem parlez-vous um ſo beſſer. Ungefährdet erreichten wir Bautzen, folgten von hier aus der Rückzugs⸗Linie der Preußen nach Löwen⸗ berg und Bunzlau, und näherten uns am Abend des ſechs und zwanzigſten Mai dem Städtchen Haynau, als wir plötzlich nach jener Richtung hin ziemlich hef⸗ tigen Kanonendonner hoͤrten, der uns verrieth, daß dort ein Gefecht ſtattfinden müßte. Wir ſpornten un⸗ ſere Pferde an, um vielleicht noch zu rechter Zeit dabei einzutreffen, aber die Dämmerung nahm raſch über⸗ hand, und der Kanonendonner verſtummte bald darauf wieder. Bei der immer tiefer herein brechenden Dun⸗ kelheit kamen wir vom Wege ab, verloren die Rich⸗ tung, und geriethen in ein Gehoͤlz, wo nun vollends Weg und Steg aufhörte, ſo daß wir nicht mehr wuß⸗ 56 ten, wo aus noch ein, und ziemlich rathlos unſere Pferde anhielten, um uns zunächſt wieder zu orientiren und dann weiter zu reiten. Während wir verlegen umherblickten, drang ganz im gelegenen Momente der Knall einer Peitſche in unſer Ohr, und verkündigte uns die Nähe von Men⸗ ſchen. Ohne Zögern ritten wir quer durch das Ge⸗ hölz hin, kamen auf einen Waldweg, und erreichten wenige Minuten ſpäter einen Wagen, welcher von vier Pferden mühſam fortgeſchleppt wurde. „He, wer ſeid Ihr da?“ ſchrie Fels in franzöſiſcher Sprache.„Halt! Wir haben mit Euch zu reden!“ Zwei oder drei Burſche begleiteten den Wagen zu Fuß, und wir erwarteten natürlich, daß ſie unſerem Anrufe Folge leiſten und ſtill halten würder. Statt deſſen trieben ſte aber die Pferde mit Stimme und Peitſche zu verdoppelter Eile an, und jagten raſſelnd üͤber den holperigen Weg hin. „Halt!« ſchrie Fels noch einmal.„Halt, oder wir ſchießen!“ Auch dieſe Drohung machte keinen Eindruck. Die Burſche ſahen ſich kaum nach uns um, ſondern fuhren weiter! „Hier iſt etwas nicht in Ordnung!“ wendete ſich Fels zu mir.„Die Schelme ſcheinen kein gutes Ge⸗ wiſſen zu haben. Heraus mit Säbel und Piſtolen, und im Galopp ihnen nach!« Er ſelbſt ging mir mit gutem Beiſpiele voran, drückte ſeinem Pferde die Sporen in die Weichen, und ſprengte dem Wagen nach. In weniger als einer Minute hatten wir ihn faſt eingeholt. Aber jetzt wen⸗ deten ſich die Fuhrleute gegen uns, und ſchoſſen zu 57 gleicher Zeit ihre Gewehre auf uns ab. Drei Kugeln pfiffen uns um die Ohren, aber glücklicherweiſe ohne zu treffen, und im nächſten Augenblicke blitzten unſere Säbel über ihren Köpfen. „Rendez-vous, bougres!“ donnerte ihnen Fels zu. Gensd'armes! Nous sommes perdus! Sauve, qui peut!« ſchrieen die Schelme durch einander, und ehe wir noch einen Hieb gegen ſie führen konnten, nah⸗ dem ſie Reißaus, ſchluͤpften zwiſchen den Pferden und unter dem Wagen durch, und verloren ſich in das Dickicht. Wir verfolgten ſie, mehr um ihnen noch einen heilſamen Schrecken einzujagen, als in der Hoffnung, uns ihrer zu bemächtigen, und als wir ſie weit genug verſcheucht hatten, um ihnen die Wiederkehr zu ver⸗ leiden, begaben wir uns nach dem Wagen zurück. Eine kurze Unterſuchung deſſelben zeigte uns, daß wir eine gute Beute gemacht hatten, nämlich eine franzöſiſche Kriegskaſſe, welche die entflohenen Schurken ohne allen Zweifel geſtohlen hatten, um ſie für ſich ſelber in Sicher⸗ heit zu bringen. Beweis davon war der Schrecken, von dem ſie ergriffen wurden, als ſie, von unſerer Uni⸗ form getäuſcht, franzöſiſche Gensd'armen in uns zu er⸗ kennen glaubten. Vermuthlich hatten die Kerls zu der Bewahrungs⸗Mannſchaft der Kriegskaſſe gehört, und einen Moment der Verwirrung benutzt, um ſich mit dem Wagen aus dem Staube zu machen. „Das iſt in der That ein hübſcher Fang, Werder,“ ſagte Fels wohlgelaunt zu mir, als er die Geldfäſſer auf dem Wagen gezählt und unterſucht hatte, ſo gut dieß bei der Dunkelheit möglich war.„Wir haben hier nach meiner Schätzung mindeſtens eine halbe Million Franks, und wenn es uns gelingt, ſie in Sicherheit zu bringen, wird der alte Blücher uns ein freundliches Geſicht machen. „Der alte Blücher?“ antwortete ich.„Willſt du denn an ihn den Schatz ausliefern? Ich ſollte mei⸗ nen, er ſei unſere rechtmäßige Beute. Es iſt ja eine franzoͤſiſche Kaſſe, die wir den Spitzbuben abge⸗ jagt haben, und alſo gehört ſie nach meiner Anſicht uns!“ „Freilich gehört ſie uns,“ erwiederte Fels,—„und eben darum werde ich meine Hälfte davon dem alten Blücher geben, und du magſt dann mit deiner Hälfte machen, was dir beliebt. Nur bin ich der Anſicht, das Vaterland wird das franzöſiſche Geld beſſer brauchen können, als wir.“ „Du haſt recht, Fels,“ ſagte ich, und ſchämte mich ein wenig meiner plöͤtzlich erwachten Habſucht.„»Ver⸗ zeihe mir, daß ich einen Augenblick vergeſſen konnte, was wir dem Vaterlande ſchuldig ſind.“ „Verliere kein Wort darüber,“ entgegnete er herz⸗ lich.„Ich wußte ſo wie ſo, daß du dich bald eines Anderen beſinnen würdeſt. Aber jetzt handelt ſich's noch darum, daß wir die Kaſſe erſt glücklich nach un⸗ ſerem Hauptquartiere bringen, denn ſie könnte uns leichtlich von den Franzoſen wieder abgejagt werden, wenn wir nicht vorſichtig ſind. Es hilft nichts, Paul, wir müſſen die Nacht durch weiterfahren.“ Ich machte keine Einwendung dagegen, ſondern uͤber⸗ ließ Fels die Leitung der ganzen Angelegenheit. Er ſtieg von ſeinem Pferde, band es hinten am Wagen an, ergriff die Zügel, ſchwang ſich auf das Sattelpferd des Wagens, und trieb die Thiere mit Peitſche und Zuruf an. Ich ritt neben ihm mit gezogenem Säbel, 59 und ſo fuhren wir auf dem Waldwege weiter, bis wir aus dem Holze in's Freie gelangten. Nun wurde der Weg beſſer, und wir konnten etwas raſcher vorwärts kommen. Links von uns ſchimmerten Lichter durch die Finſterniß. »Das muß Haynau ſein,“ ſagte Fels zu mir.„Ver⸗ muthlich iſt es ganz von den Franzoſen beſetzt, und wir dürfen uns daher nicht hinein wagen. Vielleicht bringt uns dieſe Straße zu einem Dorfe, und da kön⸗ nen wir dann Erkundigungen einziehen. Wahrſchein⸗ lich ſind unſere Truppen auf Liegnitz zu gezogen, und da holen wir ſie am Ende noch ein.“ Mir war Alles recht, wenn wir nur nicht in die Hände der Franzoſen geriethen. Zwei, drei Stunden arbeiteten wir uns noch wei⸗ ter, und Mitternacht konnte nicht mehr fern ſein, als Fels plötzlich die Pferde anhielt. „Was gibt's?“ fragte ich. „Hörſt und ſiehſt du nichts?« antwortete er.„Dicht vor uns liegt ein Dorf, keine fuͤnfhundert Schritt weit. Nimm einen Augenblick die Zuͤgel zu! Ich will mich hinan ſchleichen und ausſpaͤhen, ob wir uns ohne Ge⸗ fahr weiter wagen können.“ 8* Er warf mir die Zügel zu, eilte davon und ver⸗ ſchwand in der Finſterniß. Geſpannt lauſchte ich auf jedes Geräuſch. Zehn Minuten blieb Alles ſtill. Dann aber hörte ich Fels ſchreien:„Nur zu, nur vorwärts, Paul!« und während ich die Pferde antrieb, kam er ſelber ſchon in eiligem Laufe zurück, und rief mir vol⸗ ler Freude entgegen:„Preußen, Landsleute, Werder! Das ganze Dorf, Waldau heißt es, ſteckt voll davon, und der alte Blücher iſt nicht weit aus dem Wege. 60 Nur zugefahren! Wir werden nicht übel empfangen werden, kann ich dir verſichern.“ Wenige Minuten ſpäter hielten wir im Dorfe vor einem Bauernhauſe, und ſahen uns von einem paar Dutzend Preußen umringt, deren Fels eifrig auseinan⸗ derſetzte, daß wir trotz unſerer franzöſiſchen Uniformen Landsleute und Kameraden ſeien. „Alles gut und ſchön,“ erwiederte ein Unteroffizier trocken.„Kann ſein, daß Sie die Wahrheit ſagen, aber wer wird es beweiſen? Einſtweilen müſſen wir Sie zu Gefangenen machen, und den Wagen in Beſchlag nehmen!“ „Gefangen geben wollen wir uns gern,“ entgeg⸗ nete Fels ruhig, während ſich mehr und mehr Mann⸗ ſchaften um uns ſammelten, und ſogar ein kleiner Rei⸗ tertrupp heran kam.„Daß wir gute Preußen ſind, wird ſich bald genug herausſtellen. Aber den Wagen darf mir Keiner berühren, ſondern er muß baldmög⸗ lichſt an unſeren alten Blücher abgeliefert werden.“ „Wer will da was vom alten Blücher?“« fragte jetzt die kräftige Stimme eines Reiters mit großem, weißem Schnurrbarte und blitzenden Augen, deſſen Geſtalt ganz in einen Mantel eingehüllt war. 8 Kaum ertönte dieſe Stimme, ſo wichen die uns umringenden Soldaten reſpektvoll zurück und richteten ſich ſtramm auf. Auch der Unteroffizier fuhr mit der Hand nach dem Czacko und ſalutirte ehrerbietigſt. „Halten zu Gnaden, Ihre Excellenz,“ ſagte er,„da ſind zwei Franzoſen, die ſich für Preußen ausgeben.“ „Schon recht! Hab' es gehört! Aber was iſt mit dem Wagen, der dem ealten Blücher ausgeliefert werden ſoll?« 61 Jetzt hielt es Fels an der Zeit, Erklärungen zu geben.»Excellenz können ihn gleich in Empfang neh⸗ men,“ ſagte er zum alten Blücher, den er auf den er⸗ ſten Blick erkannt hatte.„Es iſt eine franzöſiſche Kriegskaſſe, die wir auf dem Wege hierher von einigen Marodeur's erbeutet haben.“ »Oho! Eine Kriegskaſſe! Iſt das Geld noch drinn?«. »„Ja, noch Alles beiſammen, Excellenz!“ erwiederte Fels.„Und ein hübſches Sümmchen iſt es.“ »„Deſto beſſer! Können's brauchen! Wie heißen Sie?“ „Fels, freiwilliger Jäger bei der... Schwadron.« „Gut! Werd' es mir merken. Melden Sie ſich mit Ihrem Kameraden da morgen bei mir in Liegnitz. Für jetzt: Ein Offizier und zwei Mann Wache bei der Kriegskaſſe. Sie muß dieſe Nacht nach Liegnitz ge⸗ ſchafft werden. Gott befohlen!“ »„Halten zu Gnaden, Excellenz— aber die beiden Franzoſen?« fragte der Unteroffizier noch in aller Eile. „Sollen wir ſie feſtnehmen?“ »„Schafskopf!“ ſchnauzte ihn der alte Blücher an. „Haſt du denn nicht gehört, daß ſie gute Preußen ſindä. Ja, haltet ſie feſt, aber traktirt ſie ordentlich, und laßt ihnen nichts abgehen. Auf Wiederſehen, freiwillige Jäger! Morgen früh in Liegnitz!“ Noch ein freundliches Kopfnicken zum Gruße, und der alte rüſtige Blücher ſprengte mit ſeinen Begleitern nach Liegnitz weiter. Verblüfft ſchaute der Unteroffizier ihm nach, zeigte ſich nachher aber doch, obgleich der alte Feldherr ihn Schafskopf titulirt hatte, ſehr zuvorkommend und 6² freundlich gegen uns, ſorgte auf's Beſte für unſere Bewirthung und verſchaffte uns ein gutes Nachtlager. Vor Tagesanbruch befanden wir uns am anderen Morgen ſchon auf dem Wege nach Liegnitz, erreichten die Stadt bei guter Zeit, fanden ohne Mühe das Hauptquartier, ließen uns beim General melden, und wurden ſofort angenommen. „Sie kommen zu rechter Stunde, ſo lieb' ich's!“« rief uns der alte Blücher entgegen, welcher trotz der frühen Tageszeit ſchon in voller Uniform war.»Wir haben nicht viel Zeit zum Verplaudern, denn die Fran⸗ zoſen ſitzen uns zu nahe auf den Hacken. Alſo kurz und gut. Sie haben einen beſſeren Fang gemacht, als ich ſelber geſtern glaubte, und das Vaterland iſt Ihnen Dank ſchuldig. Nehmen Sie dieß! Und außerdem ernenne ich Sie Beide zu Ordonnanz⸗Offizieren in mei⸗ ner Suite. Sind Sie damit zufrieden?« Wir ſtanden Beide ſtarr und ſprachlos vor Ent⸗ zücken, denn die Anerkennung, welche der alte Blücher uns zu Theil werden ließ, überſtieg unſere kühnſten und verwegenſten Hoffnungen. Er überreichte Jedem von uns das eiſerne Kreuz, und zugleich die ſchon aus⸗ gefertigten Offiziers⸗Patente. „Zwar fehlt noch die Genehmigung Sr. Majeſtät des Königs,“ füͤgte er wohlwollend hinzu,„aber ich glaube für dieſe einſtehen zu koͤnnen. Nun, ſo reden Sie doch, ſind Sie zufrieden?“ „Glücklich! Ueberglücklich, Excellenz!“ ſtammelte Fels endlich freudetrunken.„Nie hätte ich mir ein ſchöneres Loos wünſchen können, als unter Ihren Augen zu kämpfen!“ 4 „Ich äußerte etwas Aehnliches, und der General 6³ ſchien unſere Verſicherungen mit Zufriedenheit hinzu⸗ nehmen. „Schon gut, ſchon gut!« ſagte er.„Wir werden einander noch näher kennen lernen, denn der Krieg iſt noch nicht zu Ende, obgleich uns Bonaparte ein bischen geklopft hat. Ich gebe Ihnen eine Stunde Zeit zu Ihrer Equipirung, ſo gut ſie hier zu erlangen iſt. Wenn Sie Geld brauchen, melden Sie ſich beim Zahl⸗ meiſter. In einer Stunde erwarte ich Sie wieder vor meinem Quartiere. Dann brechen wir in der Richtung nach Schweidnitz auf, und ich koͤnnte vielleicht Ihre Dienſte gebrauchen. Auf Wiederſehen!« Wir eilten davon, konnten uns aber vor der Thür draußen nicht enthalten, einander in die Arme zu ſin⸗ ken und uns gegenſeitig Glück zu wünſchen. Ich ver⸗ mochte mein großes Glück kaum zu faſſen, Fels aber erlangte bald ſeine gewohnte Ruhe und Geiſtesgegen⸗ wart wieder. „Wir haben keine Minute über, und Blüchers Be⸗ fehle müſſen befolgt werden,“ ſagte er.„Haſt du noch Geld, Werder?“ „Etwa fünfzehn Friedrichsd'or.“ 4 „Und ich noch eben ſo viel oder noch etwas mehr. Das wird hinreichen, und wir brauchen daher den Zahl⸗ meiſter nicht zu bemühen. Laß uns jetzt ſehen, wo wir Uniform, Epauletten, Schärpe, Degen und ſonſtigen Zubehoͤr auftreiben. Unſere Pferde ſind zum Glück gut genug.“. Geſagt, gethan! In weniger als zehn Minuten hatten wir einen Laden ausgekundſchaftet, wo wir mit Allem verſorgt wurden, was zu unſerer Ausrüſtung als Offiziere nöthig war, und unſer Geld nebſt den 64 franzöſiſchen Gensd'armen⸗Uniformen reichte grade hin, die Koſten zu decken. Als funkelnagelneue Offiziere kehrten wir auf die Straße zurück, ſchwangen uns in den Sattel und galoppirten wieder nach Blüͤcher's Quartier, wo wir noch eine Viertelſtunde vor der be⸗ ſtimmten Zeit eintrafen und vor der Thür halten blie⸗ ben, bereit, jeden Wink, der uns zu Theil werden würde, zu befolgen. In der Straße drängten ſich Maſſen von Solda⸗ ten und Offiziere, denn der weitere Ruͤckzug von Lieg⸗ nitz auf Jauer und Schweidnitz hatte begonnen, und wir betrachteten mit theilnehmenden Blicken unſere tapferen Kameraden, als plötzlich Fels einen Schrei ausſtieß. .„Martin!« rief er.„Beim Himmel, unſer Mar⸗ tin! Siehſt du ihn nicht, Werder. Dort reitet er.“ Ich blickte nach der angedeuteten Richtung, und richtig, da war Martin, der unzweifelhaft ſeinen Na⸗ men vernommen hatte, und uns jetzt verwirrt anſtarrte, da wir ihm in unſeren neuen Uniformen fremd genug orkommen mochten. Ein Wink von Fels öffnete ihm dlich vollends die Augen und gab ihm Gewißheit. it ſtrahlenden Blicken und ganz lachendem Geſicht kam er auf uns zugeſprengt. „Herr Fels! Herr von Werder!“ jauchzte er mehr, als er ſprach.„Gott ſei gedankt, daß ich Sie wieder⸗ ſehe! Ich glaubte Sie unter den Todten bei Lützen und habe Sie ſchmerzlich betrauert. Und nun ſind ſie da friſch und geſund, und ſogar als Offiziere mit dem eiſernen Kreuze! Das nenne ich eine glückliche Ueber⸗ raſchung! Aber jetzt muß ich wieder zu Ihnen! Sie 65 muſſen mich als Ihren Burſchen annehmen! Du lie⸗ ber Gott, wie hat ſich das nur ſo glücklich gemacht? »„Später, Martin!« erwiederte Fels.„Thue einſt⸗ weilen nach wie vor deinen Dienſt. Wenn wir irgendwo Halt machen, ſo kannſt du in General Blüchers Haupt⸗ quartier nach uns fragen. Wir gehören zu ſeinen Or⸗ donnanzen. Jetzt aber mache dich davon, denn ich glaube, im nächſten Augenblicke wird der General da ſein!“ In der That entſtand eben jetzt eine lebhafte Be⸗ wegung in und vor dem Quartiere Blüchers, und faſt unmittelbar nach der Verabſchiedung Martin's trat der greiſe kühne Held aus dem Hauſe, und ſchwang ſich mit Jünglingsfriſche in den Sattel des ihm vorgeführ⸗ ten Pferdes. Mit einem raſchen Blicke muſterte er dann ſeine Umgebung, und als ſein Adlerauge auf uns fiel, nickte er freundlich und winkte uns zu ſich. »Schön! Schön!“ ſagte er.„Das iſt ja recht ſchnell gegangen mit der Ausrüſtung. Hoffe, daß ſie auch inwendig ſo gute Preußen ſind, wie auswendig. Halten Sie ſich in meiner Nähe. Und jetzt vorwärts, meine Herren!“ Die letzten Worte waren an das ganze Gefolge ge⸗ richtet, das aus Oberſten, Majors und anderen Offi⸗ zieren beſtand. Blücher ritt voran, und wir im vollen Galopp nach. Wo er an einem Regimente vorüber kam, rief er ihm mit kräftiger Stimme ein paar Kern⸗ worte zu, welche ſtets mit einem„Hurrah, Vater Blücher!“ erwiedert wurden, und die Liebe und Ver⸗ ehrung bezeugten, welche Alle für den tapferen Feld⸗ herrn hegten. Mehrmals wurden Fels und ich von Blücher in verſchiedenen Aufträgen entſendet, und es Ein Mann, ein Wort. 5 66 ſchien, daß wir uns die Zufriedenheit des Generals erwarben. Fels wenigſtens ärndtete jedes Mal, wenn er einen Rapport erſtattete oder eine Meldung über⸗ brachte, ein lobendes Wörtchen ein, und ich ſchlüpfte denn ſo mit durch. Nach wenigen Tagen hatten wir uns übrigens völlig an unſeren neuen Dienſt gewöhnt, und kamen von jener Zeit an nicht viel mehr von Blüchers Seite. Unſere Ernennung zum Officier war von Sr. Majeſtät beſtätigt worden, und, um alle un⸗ ſere Wünſche zu krönen, meldete ſich bald nach unſerer Ankunft auch Freund Martin bei uns, und wurde zum Burſchen von mir und Fels angenommen. So waren wir alle drei wieder vereinigt, zur größ⸗ ten Freude des ehrlichen Martin, der uns die treueſte Anhänglichkeit widmete und in ſeinem Dienſte einen unübertrefflichen Eifer bewies. Ich glaube, wir fühl⸗ ten uns Alle ſehr glücklich, am glücklichſten aber war jedenfalls ich, denn täglich erkannte ich mehr, daß ich an Fels den bravſten Kameraden und den herzlichſten Freund gewonnen hatte. Es würde mich zu weit führen, wenn ich alle un⸗ ſere Erlebniſſe aus den nächſten zwei Kriegsjahren er⸗ zählen wollte. Ich erwähne nur, daß Fels bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten ſich ſehr durch ſeine Entſchloſſen⸗ heit und kaltblütige Tapferkeit auszeichnete, und ſich das ganze Vertrauen des Feldmarſchall Blücher gewann. Freilich wußte dies Fels auch jederzeit zu rechtfertigen. „Ein Mann ein Worte blieb unter allen Umſtänden ſein Wahlſpruch. An der Katzbach, bei Möckern in der großen Völkerſchlacht von Leipzig, bei La Rothière und Laon, bei Ligny und Waterloo focht er unter den 67 Augen des Marſchall Vorwärts, und wo es galt, da⸗ hin wurde Fels geſchickt. »Auf den kann man ſich verlaſſen,« habe ich Blü⸗ cher öfter als einmal ſagen hören,»was der ſpricht, das ſteht feſt wie ſein Name. Ein Mann ein Wort, das iſt bei ihm ein und daſſelbe.« Und daß es ſo war, bewies er noch zuletzt in der Schlacht bei Waterloo. Wir wiſſen Alle, daß trotz aller Tapferkeit der Eng⸗ länder nur wenig fehlte, ſo wurde die Schlacht von Napoleon gewonnen. Die Engländer mögen reden und ſchreiben, ſo viel ſie wollen, es ſteht feſt, daß die Ent⸗ ſcheidung des Tages von den tapferen Preußen herbei⸗ gefuührt wurde, und daß ohne ihr rechtzeitiges Heran⸗ kommen die auf allen Punkten wankende Schlachtord⸗ nung der Engländer zur wildeſten Flucht geworden wäre. War ja doch die Straße nach Brüſſel, rück⸗ wärts vom Schlachtfelde, bereits von ganzen Haufen von Flüchtlingen bedeckt, die ſchon Alles verloren ga⸗ ben. Alle Ehre der engliſchen Standhaftigkeit,— aber die ſchönſte Siegeskrone gebührt immer den Preu⸗ ßen und insbeſondere dem alten Blücher, der zwei Tage nach einer verlorenen Schlacht mit dem ganzen geſchla⸗ genen, aber keineswegs entmuthigten Heere herankam, und dem Kaiſer Napoleon den bereits errungenen Sieg wieder aus den Händen wand. Es war um fünf Uhr Nachmittags am achtzehnten Juni 1815, als der Vortrab der preußiſchen Armee unter dem Befehle des Generals Bülow vor dem Walde von Frichemont in der rechten Flanke und dem Rücken des Feindes erſchien, und ſofort aus ſechszehn Geſchützen Tod und Verderben in die franzöſiſchen Re⸗ 68 gimenter ſchleuderte. Napoleon warf uns unverzüglich die Reſerve des rechten Flügels entgegen, und unter⸗ nahm zu gleicher Zeit einen Angriff mit ſeinen ſämmt⸗ lichen übrigen Streitkräften auf die brittiſchen, bereits wankenden Linien. Dies war der gefährlichſte Moment des ganzen Tages, denn die Franzoſen, man muß es ihnen laſſen, drangen mit einem Ungeſtüm auf allen Punkten vor, dem nur die allerzäheſte Ausdauer und ruͤckſichtsloſeſte Todesverachtung zu widerſtehen vermochte. Die fran⸗ zöſiſchen Bataillone ſchoben ſich zwiſchen uns und die Engländer, verdrängten die Naſſauer aus Papelotte, hoben dadurch alle Verbindung zwiſchen dem engliſchen Flügel und unſerer Streitmacht auf, und ſtürmten mit Wuth gegen unſere Stellung vor. Die Lage war be⸗ denklich, und General Bülow ſelber, obgleich er nie ſeine Kaltblütigkeit verlor, gab Zeichen von Beſorgniß, ob wir den furchtbaren Stoß auch aushalten würden. „Oberſt Fels,“ wendete er ſich plötzlich gegen mei⸗ nen Freund, welcher im Laufe der vergangenen zwei Jahre zu dieſem Range aufgerückt war,—„getrauen ſie ſich mit Ihrem Regimente jene Waldſpitze zu halten?“ Er deutete den Punkt, den er meinte, durch einen Fingerzeig an. „Sie muß gehalten werden,“ gab Fels zur Ant⸗ wort,„und ich werde ſie halten Ein Mann ein Wort!« „So marſchiren Sie unverzüglich!« Wir marſchirten, und ehe die Franzoſen vollends heran kamen, waren wir aufgeſtellt, und richteten ein ſo mörderiſches Feuer auf ſie, daß ſie vom Vordringen abſtehen und ſelbſt zu feuern beginnen mußten. Mitt⸗ 69 lerweile drängten immer neue Maſſen gegen uns an, und es ſchien faſt unmöglich, nur noch einige Minuten Widerſtand zu leiſten. Aber Fels hatte ſein Wort ge⸗ geben, und da wäre er vor einer zehnfachen Uebermacht nicht gewichen. Er feuerte unſere Leute an, flog von Compagnie zu Compagnie, von Bataillon zu Bataillon, ohne auf den Kugelregen, der um ihn her ſauſte, mehr zu achten, als auf Regentropfen, und entflammte durch ſein Beiſpiel das Herz jedes Einzelnen von unſeren Leuten zur kühnſten Todesverachtung. Die braven Männer ſtanden, wie Eichen, und luden, zielten und feuerten mit einer Ruhe und Regelmäßigkeit, wie auf dem Exercierplatze. Gleichwohl lichteten ſich allmählig unſere Reihen, während die Franzoſen immer und im⸗ mer, von friſchen Truppen unterſtützt, gegen uns vor⸗ brachen. Selbſt ſchwere Kavallerie brauſte jetzt in don⸗ nerdem Galopp, gleich einer vernichtenden Gewitter⸗ Wolke, gegen unſer ſchon erſchüttertes Häuflein, und wie dieſe Wolke, blitzend und funkelnd im Sonnenſtrahl auf unſere geſchwächten und erſchütterten Linien heran rauſchte, gab ich bereits unſere Stellung verloren. Dieſem Anlaufe zu widerſtehen, ſchien mir unmöglich, und ich konnte mich nicht enthalten, Fels meine Beſorg⸗ niß mitzutheilen und anzudeuten, ob es nicht beſſer wäre, dem Stoße auszuweichen und uns in den Wald zurückzuziehen. Fels blickte mich mit großen Augen an. »Todt oder lebendig, wir halten den Punkt ic ſagte er,— und gab ſodann mit Donnerſtimme einige Be⸗ fehle, welche unverzüglich ausgeführt wurden. Das ganze Regiment bildete im Nu ein großes, dichtgedräng⸗ tes Viereck; die vorderen Reihen knieten, die mittleren ſtanden halb gebückt, die hinteren aufrecht. 70 „Laßt den Feind auf zwanzig Schritt heran kom⸗ men!“ rief uns Fels zu.„Keinen Schuß vorher! dann Feuer!“. Mit untergeſchlagenen Armen hielt er zu Pferde an der vorderen rechten Ecke des Quarées, und beobach⸗ tete ruhig die heranſprengenden Küraſſiere. Sein Ge⸗ ſicht war kalt, unbeweglich; keine Linie veränderte ſich; auf ſeiner Stirn thronte Entſchloſſenheit und Feſtigkeit. Als der Feind bis auf fünfzig Schritt heran war, ſah ich ſein Auge blitzen, er hob ſich etwas im Sattel, ließ ſeinen Falkenblick über das Regiment hin glänzen, und ſchrie:„Achtung!« Einen Augenblick darauf ertönte ſein Kommando:„Feuer!“ und mit dem Krachen der Gewehre miſchte ſich das Raſſeln der Kugeln auf den Harniſchen der anſprengenden Küraſſiere, ſowie ein dumpfes Dröhnen der Erde von dem Sturze der Rei⸗ ter und Pferde die todt oder verwundet faſt unmittel⸗ bar vor unſerer Front zuſammenbrachen. Als ſich der Pulverdampf verzog, ſahen wir das eben noch ſo ſtolze und gewaltige Küraſſier⸗Regiment aufgelöſt, zerſtreut, in wilder Flucht über das Schlacht⸗ feld zurückſprengen, und wohl an hundert Tode und Verwundete vor uns die Erde mit ihrem Blute trän⸗ ken. Uns dagegen hatte der ſo furchtbar und drohend ſcheinende Angriff faſt gar keinen Schaden zugefügt, und wir waren unmittelbar darauf bereit, den Kampf von Neuem aufzunehmen. In der Zwiſchenzeit hatten ſich aber die ganzen Verhältniſſe anders und beſſer für uns geſtaltet, denn plötzlich waren die erſten Brigaden des preußiſchen Corps von Ziethen erſchienen, und hatten einen ſehr entſcheidenden Einfluß auf die Schlacht gewonnen. Sie „ 71 machten uns Luft, nahmen im Sturme die Pachthöfe Papelotte und Smouhen, trennten das ſechſte franzö⸗ ſiſche Corps von dem übrigen Heere, und brachten durch vierundzwanzig im Rücken der Franzoſen aufge⸗ fahrene Geſchütze die Gegner zur wildeſten Flucht. Engländer und Preußen gingen jetzt auf allen Punk⸗ ten zum Angriffe über; auch Fels gab Befehle zum Vorrücken, und im Sturmſchritt, unter fortwährendem Feuern, trieben wir die Franzoſen, wo ſie noch Gegen⸗ wehr verſuchten, überall zurück. »Brav gehalten, rief Bülow unſerem Commandeur Fels zu, als derſelbe an der Spitze ſeines Regi⸗ mentes dicht neben ihm vorüber marſchirte, während immer mehr und mehr Preußen auf dem Schlachtfelde erſchienen, und jetzt auch durch die Hiller'ſche Brigade den letzten feſten Punkt der Franzoſen, Planchenoit, genommen wurde.„Brav gehalten, Oberſt Fels! Sie haben Ihr Wort eingelöſt! Jetzt vorwärts bis zum letz⸗ ten Athemzuge zur Verfolgung! Der Feind darf nicht wieder zur Beſinnung kommen!“ Vorwärts, vorwärts ging es von allen Seiten und von allen Punkten. Der Sieg war vollſtändig, und die Verwirrung welche bei den Franzoſen herrſchte, überſtieg Alles, was ich noch je vorher mit meinen Augen geſehen hatte. Von Gehorſam, von Zuſammen⸗ halten, von Ordnung war keine Rede mehr; in wildem Gemiſche bildeten Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Generale und Trainknechte, Soldaten und Officiere jeden Ranges und Grades ein unauflösliches Chaos. Geſchütz und Gepäck urde im Stich gelaſſen;»sauve qui peut« war die Loſung jedes Einzelnen. Bis in die ſinkende Nacht hinein ſetzten wir Preußen die Ver⸗ “ 8 7² folgung fort, und als die Sonne wieder aufging, be⸗ ſchien ſie nur noch armſelige Trümmer von der geſtern noch ſo ſtolzen, glänzenden und ſiegreichen franzöſiſchen Armee. Der Sieg war unſer, und wahrlich, Fels hatte kein Geringes zu dem entſcheidenden Erfolgen bei⸗ getragen. Feldmarſchall Blücher und General Bülow ſorgten aber auch dafür, daß ihm eine Anerkennung ſeiner Verdienſte zu Theil wurde. Zwei neue Orden zierten wenige Tage nach der gewonnenen Schlacht ſeine Hel⸗ denbruſt, und der König erhob ihn unter dem Namen Heinrich Fels von Brachberg, gleichbedeutend mit Frichemont, wo er ſo tapfer und heldenmüthig Stand gehalten, in den Adelſtand. Hier ſchließt ein Abſchnitt aus dem Leben meines Freundes. Als ſpäter Napoleon gefangen nach St. Helena abgeführt wurde, kehrten unſere Regimenter nach und nach in die Heimath zurück. Kaum hier angekommen, reichte Fels ſeinen Abſchied ein, verzichtete auf jede Pen⸗ ſton, legte ſeine Uniform bei Seite, und kleidete ſich wieder einfach bürgerlich. Ich ſuchte ihn von ſeinem Entſchluſſe abzubringen, aber er war, wie immer, un⸗ erſchütterlich.— „Das Soldatenleben im Frieden ſagt mir nicht zu,« gab er mir zur Antwort⸗ „Aber warum auf die Penſion verzichten?« „Weil der König ſein Geld nöthiger braucht, als um Dienſte zu bezahlen, die jedes Mannes Pflicht und Schuldigkeit waren. Mag er's den Verwundeten und Verſtümmelten, den Wittwen und Waiſen geben, die ſich nicht ſelbſt erhalten können. Ich für mein Theil 73³ würde mich ſchämen, jene Armen zu berauben, denn, Gott ſei Dank! ich kann arbeiten.“ „Aber was willſt du anfangen?“ „Das weiß ich noch nicht, aber es wird ſich ſchon etwas finden. Für's Erſte will ich mein kleines Kapi⸗ tal von deinem VPater abholen und mich nachher im deutſchen Vaterlande ein wenig umſehen. Kommt Zeit, kommt Rath.“ „Wir muͤſſen alſo von einander ſcheiden, Fels?« fragte ich wehmüthig, denn der Abſchied von dem treuen Freunde betrübte mich. „Gewiß, das läßt ſich nicht ändern,“ antwortete er? „Gleichwohl bleiben wir Freunde für's Leben, und es müßte wunderlich kommen, wenn wir einander nicht dann und wann wieder ſähen.“ „Jedenfalls erinnere dich, wenn du in eine Lage kommen ſollteſt, wo du eines Freundes bedarfſt, daß du jederzeit über mich und mein Vermögen gebieten kannſt,« ſagte ich. „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ antwortete er mit ſeiner gewoͤhnlichen Gelaſſenheit.„Auch du wirſt nicht daran zweifeln, daß du zu jeder Stunde bei Tag oder Nacht bei mir ein treues Herz und einen offenen Beu⸗ tel findeſt. Wozu erwähnſt du es noch? Das iſt ja längſt abgemacht und bleibt dabei. Was mein iſt, iſt dein! Ein Mann ein Wort!« „Ein Mann ein Wort,“ wiederholte ich, und drückte ihm die Hand. Am anderen Tage ſchieden wir. Ich blieb bei dem NRegimente bis es ein Jahr darauf aufgelöſt wurde; Fels, ein paar Dutzend Friedrichsd'or in der Taſche, einige Kleidungsſtücke und Wäſche nebſt ſeinem ehren⸗ 74 vollen Abſchiede in einem leichten Torniſter, machte ſich zu Fuß nach meiner Heimath auf. Unſer Martin be⸗ gleitete ihn; er konnte nicht von ihm laſſen. Fels war gerührt von ſeiner treuen Anhänglichkeit und ließ es geſchehen, daß er mitging. Von meinem Vater erhielt ich einige Zeit nachher einen Brief mit der Nachricht, daß Fels und Martin da geweſen ſeien, und daß der Erſtere ſein Geld in Empfang genommen habe. Einige Tage wäre er dann noch auf dringendes Bitten zu Beſuche geblieben; dann aber/ habe er ſein Torniſter wieder auf den Rücken ge⸗ nommen und ſei mit Martin weiter gewandert, kein Menſch wiſſe, wohin. Dies war das Letzte, was ich von Fels hörte. Jahre vergingen; ich hoffte immer ein Lebenszeichen von ihm zu erhalten, aber er ſchien mich gänzlich vergeſſen zu haben. Aufſuchen konnte ich ihn nicht, denn ich wußte ja nicht, wo er ſein Zelt aufgeſchlagen haben mochte. Ein einziger Verſuch blieb mir zu machen übrig, und obgleich ich nur geringe Hoffnung auf den Erfolg ſetzte, machte ich ihn dennoch. Aus den frühe⸗ ren Mittheilungen von Fels kannte ich den Namen und den Wohnort ſeines Onkels, mit welchem er ſich wegen ſeines Abgangs nach dem Heere veruneinigt hatte. Aber ich kannte auch ſeine Abſicht, nach beendigtem Kriege mit dem alten Manne ſich auszuſöhnen, und durfte deßhalb mit Sicherheit darauf rechnen, daß er wenigſtens einen Beſuch bei ihm gemacht haben würde. So ſchrieb ich dann einen Brief an den Onkel meines Freundes, und bat ihn, wenn er könne eine Auskunft zu ertheilen. Mein Brief kam aber uneröffnet mit der Bemerkung zurück, der alte Herr ſei geſtorben. 75 Nun war ich mit meinen Hülfsmitteln zu Ende. Wo ſich Fels aufhalten mochte, konnte ich nicht erra⸗ then, aber er kam mir wenig aus dem Gedächtniſſe, bis ein anderes Leid, der Tod meines guten Vaters, mich traf. Da vergaß ich ihn auf einige Zeit in der Bitterkeit meines Schmerzes, doch kehrte die Sehnſucht nach ihm bald mit verdoppelter Heftigkeit wieder zu⸗ rück. Er allein hätte mir den theueren Hingeſchiedenen einigermaßen erſetzen konnen, und ich grollte ihm, daß er in ſo ſchweren Stunden nicht bei mir war. Ich fühlte mich gedrückt, einſam und verlaſſen: meine Ge⸗ ſundheit litt. Die Aerzte riethen mir endlich, eine Reiſe zu machen um durch die Zerſtreuungen derſelben meine finſtere Laune zu verſcheuchen. Da ich nichts Beſſeres thun konnte, folgte ich endlich ihrem Andrän⸗ gen, beſtellte mein Haus, und fuhr auf Gerathewohl in die Welt hinein. Nachdem ich etwa ein Jahr lang Deutſchland und die Schweiz, auch ein Stuͤck von Italien kreuz und quer durchſtreift hatte, kehrte allmählig mir der Lebens⸗ muth zurück, aber zugleich erwachte auch meine Sehn⸗ ſucht nach Fels mit neuer Stärke. An verſchiedenen Orten hatte ich nach ihm gefragt und Erkundigungen eingezogen, doch nirgends befriedigende Auskunft erhal⸗ ten. Da fiel mir, als ich an einem heiteren Sommer⸗ tage langſam durch eine der lieblichſten Gegenden von Weſtphalen dahinrollte, ein äußerſt freundliches Thal in's Auge, welches ſich rechts vom Wege zwiſchen reich bewaldeten Hügeln hinerſtreckte. Ein ziemlich waſſer⸗ reicher Bach durchſchnitt es in anmuthigen Windungen und trieb die Räder verſchiedener Mühlen, welche in angemeſſenen Zwiſchenräumen an den Ufern deſſelben 76 lagen. Noch andere Gebäude erhoben ſich da und dort aus dem friſchen Gruͤn von Büſchen und Gartenanla⸗ gen, und auf einem etwas in das Thal vorſpringenden Hügel gewahrte ich eine geräumige, beinahe ſchloßähn⸗ liche Villa, welche durch ihre erhöhte Lage und den zu⸗ gleich ſoliden und geſchmackvollen Bauſtyl, der ſie von den andern Häuſern auszeichnete, das ganze, wirklich höchſt freundliche Thal zu beherrſchen ſchien. Ich fragte den Poſtillon, ob er nicht wiſſe, wer jene Villa be⸗ wohne, aber er konnte mir keine Auskunft geben, da er ſelber erſt ſeit kurzer Zeit in dieſer Gegend war. „Sie werdens aber leicht beim Herrn Poſtmeiſter auf der Station erfahren könne,“ fügte er hinzu. Die Station lag nur noch ein Stündchen entfernt, und meine Neugierde war ſo lebhaft angeregt, daß bei unſerer Ankunft wirklich meine erſte Frage den Beſitzer der Villa betraf, als der Poſtmeiſter an meinen Wa⸗ gen trat, und mir eine Erfriſchung in ſeinem Hauſe anbot. Es lag keineswegs in meiner Abſicht, mich in den kleinen Landſtädtchen, wo ich friſche Pferde bekom⸗ men ſollte, lange aufzuhalten, aber ich wurde ſofort anderer Anſicht, als der Poſtmeiſter meine Frage be⸗ antwortete. „„Ah, Sie meinen das Brachberger Thal,“ ſagte er. „Ja, das iſt eine herrliche Anlage, die der jetzige Be⸗ ſitzer aus der alten Rummelei geſchaffen hat. Schon mancher Reiſende hat ſich im Vorbeifahren danach er⸗ kundigt. Man kennt nichts Schöneres weit und breit, als die Beſitzungen des Herrn Fels.“„Fels!“ rief ich. „Brachberger Thal? heißt vielleicht der Beſitzer jenes köſtlichen Thales Fels von Brachberg?“ „Ja, mein Herr, das iſt ſein vollſtändiger Name, 77 obgleich er ſich gewöhnlich nur ſchlichtweg Fels nen⸗ nen läßt.“. „Dann iſt er's, muß er's ſein!“ jubelte ich über⸗ glücklich und ſprang aus dem Wagen.„Laſſen Sie Ihre Pferde im Stalle, Herr Poſtmeiſter! Ich bleibe bei Ihnen, heute, morgen, aber unter der Bedingung, daß Sie mir Alles erzählen, was Sie von dem Herrn Fels im Thale da wiſſen.“ „Oh, mit Vergnügen,“ verſetzte er.„Treten Sie gütigſt nur hier herein!“ Nach zehn Minuten ſaßen wir in des Poſtmeiſters Stube behaglich auf dem Sopha, und mit Spannung lauſchte ich den Neuigkeiten, die ich erfahren ſollte. „Es mögen ſo ein zehn Jahre her ſein,“ erzählte der Poſtmeiſter,„daß an einem ſonnigen Herbſt⸗Nach⸗ mittage zwei beſtäubte Fußgänger bei mir in das Gaſtzimmer traten, ihre Torniſter ablegten und eine ſehr einfache Mahlzeit verzehrten, zu der ſie ein Glas unſeres gewöhnlichen Dünnbieres tranken. Die Leute fielen mir auf, beſonders der Eine von ihnen, ein ſchö⸗ ner, ſtattlicher Mann mit ernſten Zügen und einer Haltung, die ihm etwas Vornehmes gab, was gar nicht zu den übrigen Umſtänden paſſen wollte. Er ſah eher aus wie ein verkleideter Fuͤrſt, als wie ein armer Schlucker, der nothgedrungen zu Fuße laufen muß, weil er kein Geld hat, ein Pferd zu bezahlen. Der Andere ſchien mehr ſein Diener, als ſein Reiſegefährte zu ſein, obgleich er von demſelben Brode mit ihm aß, und aus demſelben Glaſe mit ihm trank. Ich dachte noch darüber nach, was für Leutchen die Beiden wohl ſein möchten, als der Erſte von ihnen, eben der, den ich für den Vornehmſten hielt, ſein 78 Meſſer auf den Tiſch legte, ſeinen Teller zur Seite ſchob, und mich anredete: »Herr Poſtmeiſter,« ſagte er zu mir,„Sie wiſſen ja wohl Beſcheid hier in der Umgegend. Sind Ihnen die näheren Verhältniſſe des Herrenburger Gutes be⸗ kannt, von dem ich gehört habe, daß es verkauft wer⸗ den ſoll?“ Das Herrenburger Gut hieß damals nämlich das Thal, welches jetzt das Brachberger genannt wird, und ich kannte es gut genug, um darüber Auskunft geben zu können. Alſo ſetzte ich mich zu dem fremden Herrn an den Tiſch, und theilte ihm mit, was ich wußte. Das Gut war, im Ganzen genommen, ein ſchönes Grundſtück, wohl an dritthalb tauſend Morgen groß, aber der größte Theil davon beſtand aus Waldland, und der Boden im Thale eignete ſich wenig zum Acker⸗ bau. Selbſt die Wieſen im Thalgrunde taugten nicht viel, denn ſie brachten nur ein geringes ſaures Gras hervor und wurden noch überdies faſt alljährlich von dem Bache überſchwemmt, der ſie verſandete und nicht ſelten die ganze, ohnehin ſpärliche Heuernte vernichtete. Seit Jahr und Tag ſchon ſtand das Gut zum Ver⸗ kaufe. Es gehörte einer Familie am Rheine drüben, welcher es einmal durch Erbſchaft zugefallen war. Sie wäre das Beſitzthum gern los geworden, denn es brachte weniger ein, als die Koſten für Aufſeher, Ar⸗ beiter und ſo weiter betrugen, aber in unſerer Gegend fand ſich kein Käufer dazu. Der Wald hatte keinen Werth, da wir Brennholz hier zu Lande im Ueberfluß haben, und zum Ackerbau war, wie geſagt, der Boden nicht geeignet. So wurde es denn von Jahr zu Jahr 79 ausgeboten, ſelbſt zu Spottpreiſen, doch zum Verkaufe kam es nicht. Der fremde Herr ließ mich. ruhig ausreden, als ich ihm dies alles mittheilte, hörte mich aufmerkſam an, und nickte nur zuweilen mit dem Kopfe.“ „Alles richtig!« ſagte er endlich.„Und wer iſt der Mann, der mit dem Verkaufe des Gutes beauftragt iſt?« Ich gab auch darüber Auskunft. Der Bevollmäch⸗ tigte war ein als äußerſt rechtlich bekannter Advokat in unſerem Städtchen. Der Fremde forderte mich auf, ihn zu ihm zu begleiten. Wir begaben uns nach ſei⸗ ner Wohnung, trafen ihn zu Hauſe, und Herr Fels, — als dieſer gab ſich der Fremde nun zu erkennen, — kaufte das ganze Herrenburger Gut mit allen Ge⸗ rechtſamen für die runde Summe von zwanzigtauſend Thalern. Die eine Hälfte des Kaufpreiſes ſollte binnen acht Tagen, die andere nach Ablauf von drei Jahren bezahlt werden. Ich mußte den Vertrag als Zeuge unterſchreiben, und die Sache war abgemacht.« „Zwanzigtauſend Thaler?« unterbrach ich die Er⸗ zählung des Poſtmeiſters.„Hatte denn Fels eine ſolche Summe Geldes?« »Nein, wie ſich ſpäter herausſtellte,“ erwiederte der Poſtmeiſter.„Das gab nachher noch eine nicht ſehr angenehme Ueberraſchung, aber Herr Fels bewies, daß er keineswegs leichtfertig gehandelt hatte, ſondern nur auf ſchmählige Weiſe von einem Andern getäuſcht wor⸗ den war. Die Geſchichte verhält ſich, wie ich ſpäter erfuhr, nämlich ſo: Er hatte das Herrenburger Gut mit einem ehemaligen Kriegskameraden von ihm, den er zufällig angetroffen, auf deſſen Veranlaſſung beſich⸗ tigt und mit ihm verabredet, daß ſie Beide gemeinſchaft⸗ 80 lich das Grundſtück ankaufen wollten. Jener hatte verſprochen, das Geld zu zahlen, und Herr Fels ſollte die Bewirthſchaftung des Gutes übernehmen. Der Er⸗ trag deſſelben ſollte zu gleichen Theilen gehen, bis das vorgeſchoſſene Kapital zurückgezahlt ſei. Nun iſt Herr Fels ein Mann, deſſen Wort ſo viel gilt, als tauſend Eide und Handſchriften, und nicht von ferne kam ihm der Gedanke, daß ſein alter Kriegskamerad anders als er ſein und anders als er verfahren könne. So hatte er denn alſo nichts Schriftliches von ihm in Händen, ſondern verließ ſich einfach auf ſein Wort.. „Wenn Herr von Weſtern morgen kommt und na mir frägt, ſo benachrichtigen Sie mich auf der Stelle;« ſagte er zu mir am Abend, als er ſich zur Ruhe be⸗ geben wollte. „Herr von Weſtern? Kennen Sie ihn?“ fragte ich. „Ich muß ja wohl!“ erwiederte er lächelnd.„Er iſt Mitbeſitzer des Herrenburger Gutes, und wird mor⸗ gen eintreffen, um die erſte Hälfte des Kaufpreiſes zu bezahlen.“ „Wenn das nur ganz gewiß iſt,“ ſagte ich bedenk⸗ lich.„Indeß, jedenfalls haben Sie wohl eine ſchrift⸗ liche Zuſicherung von ihm in Händen.“ „Das nicht, aber ſein Wort habe ich,“ entgegnete Herr Fels.„Weiter bedarf es nicht unter zwei recht⸗ lichen Männern. Gute Nacht, Herr Poſtmeiſter!“ Damit ging er ſo ſorglos, als ob er den Herrn von Weſtern mit ſammt ſeinem Gelde ſchon in der Taſche hätte, in ſeine Kammer. Ich für meinen Theil hatte jedoch mein Bedenken, denn ich kannte Herrn von Weſtern beſſer, und wußte damals ſchon, daß er der wankelmüthigſte Menſch unter der Sonne iſt. Nicht 81 eben böſe, aber unzuverläſſig, in-hohem Grade. Frei⸗ gebig in Verſprechungen und Zuſicherungen, wenn er gerade die Launen hatte, machte er ſich, in anderer Laune, wieder gar kein Bedenken, ſeine feſteſten Zuſagen zu brechen. Er war, und iſt heutzutage noch, ein nichti⸗ ger Windbeutel. Am andern Morgen alſo kam, ganz wie ich erwartet hatte, nicht etwa Herr von Weſtern an, ſondern nur ein Reitknecht von ihm nebſt einem Briefchen an den Herrn Oberſt von Fels in Brachberg. Das mußte mein Gaſt ſein, und ich trug ihm daher den Brief auf ſein Zimmer. Er erbrach ihn, las ihn, ohne eine Miene zu verziehen, zwei, drei Mal durch, und warf ihn dann mit einem verächtlichen Lächeln auf den Tiſch. »Sie haben recht, Herr Poſtmeiſter,“ ſagte er zu mir.„Weſtern hat ſich anders beſonnen, er will mit dem Geſchäft nichts mehr zu thun haben. Leſen Sie ſelber.« Ich nahm den Brief, und las zehn Entſchuldigungen die ſämmtlich darauf hinausliefen, daß Herr von We⸗ ſtern ſein gegebenes Wort zurücknahm. »„Er wird es bereuen, bitter bereuen!« murmelte Herr Fels vor ſich hin.„Eine Chaiſe, Herr Poſtmei⸗ ſter! Ich muß augenblicklich abreiſen, um zu rechter Zeit wieder hier zu ſein.“— »Sie wollen Geld holen, Herr Oberſt?“ erlaubte ich mir zu fragen. »Ja wohl! Was ſonſt? Mein Wort ſoll nicht ge⸗ brochen werden! Dem Himmel ſei Dank, daß ich einen Freund habe, der zuverläſſig iſt.“ »Sie wollen alſo das Gut behalten?« fragte ich. »Gewiß! Sie waren ja dabei, als ich den Vertrag Ein Mann, ein Wort. 4 6 82 unterzeichnete,“ entgegnete er.„Die Sache iſt ſehr einfach.“ Ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam, aber kurz und gut, der Mann, wie er ſo vor mir ſtand, flößte mir ein Vertrauen ein, wie ich es noch nie zu einem Menſchen gefaßt hatte. Zufällig traf es ſich, daß ich in den nächſten Tagen ein Kapital von zwölf⸗ tauſend Thalern flüſſig hatte, für die ich noch keine beſtimmte Verwendung wußte. „Halten zu Gnaden, Herr Oberſt,“ ſagte ich,„aber ich denke, Sie könnten die Reiſekoſten ſparen, wenn Sie doch einmal feſt entſchloſſen ſind, den Vertrag feſt zu halten und das Gut zu übernehmen. Ich will Ihnen die in acht Tagen fällige Summe vorſtrecken, und Sie zahlen ſie mir in zwei, drei Jahren wieder zurück. Er ſah mich groß an.„»Welche Sicherheit verlan⸗ gen Sie für dieſe bedeutende Summe?« fragte er mich. „Ei nun,“ gab ich zur Antwort.„Sie zahlen mir vier Procent Zinſen, und wir laſſen die Summe hy⸗ pothekariſch auf das Grundſtück eintragen.“ „Aber wenn Sie ſo viel Geld haben, Mann, wa⸗ rum kaufen Sie das Gut nicht ſelbſt?“ fragte er wie⸗ der, ohne ſich zu erklären, ob er meinen Vorſchlag an⸗ nehmen wolle oder nicht. „Es paßt mir nicht,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß.„Ich habe hier meine Wirthſchaft und die Poſthalterei, da kann ich mich nicht um Weiteres be⸗ kümmern.“ »Nun gut,“ ſagte er, nachdem er ein paar Mal nachdenklich im Zimmer auf und ab geſchritten war. „Vier Procent Zinſen werden ſich auch noch beſtreiten *— 8 b 83 laſſen. Ich nehme Sie als den Stellvertreter des Herrn von Weſtern an. Die Sache iſt abgemacht.“ „Abgemacht!“ ſagte ich.„Heute über vier Tage können Sie das Geld in Empfang nehmen.“ Gut alſo. Mein Herr Oberſt machte keine Worte weiter über das Geſchäft, ſondern verließ mit ſeinem Begleiter, der Martin hieß, mein Haus mit der Bemerkung, daß er erſt in acht Tagen zurückkehren und dann unſere An⸗ gelegenheiten in Ordnung bringen werde. Die Zwiſchen⸗ zeit benutzte er, wie ich nachher erfuhr, um die nächſten Ortſchaften zu durchſtreifen und eine Menge Arbeiter aufzutreiben und in ſeinen Dienſt zu nehmen, Holz⸗ ſpälter, Maurer, Zimmerleute, wohl an ſechszig bis ſiebzig Menſchen. Alle wurden auf das Herrenburger Gut beſtellt, und es entfaltete ſich eine Geſchäftigkeit, ein Schaffen und Treiben, wie es in unſerer Gegend bis dahin noch nicht erhört und geſehen worden war. Die Holzſpälter mußten Bäume ſchlagen, die Maurer und Zimmerleute mußten an verſchiedenen Orten am Ba ebäude errichten, und zwei oder drei Maſchinen⸗ Meiſter mit ihren Geſellen waren raſtlos beſchäftigt, das Innere der zwar nur ganz roh aber doch ſolid aufgeführten Gebäude mit allerlei Räderwerk zu ver⸗ ſehen. In der Mitte dieſer Anlagen erbaute ſich der Oberſt Fels mit Hülfe Martins und einiger Handlan⸗ ger eine Hütte, und beaufſichtigte von hier aus ſeine Arbeiter. 3 Als er pünktlich am achten Tage zu mir kam, krib⸗ belte und wibbelte es auf dem Herrenburger Gute ſchon wie ein Ameiſenhaufen, doch machte er nicht viel Re⸗ dens davon, ſondern äußerte nur nebenbei, daß Alles 68 84 ganz gut gehe und ich ſicher keinen Schaden an unſe⸗ rem Geſchäfte haben würde. Ich glaubte ihm das auf's Wort, und freute mich, daß er ſo heiter und zu⸗ frieden ausſah. Mein Geld lag bereit. Wir zahlten es an den Advokaten aus, es wurde als Hypothek auf das Grundſtück eingetragen, und damit war die Sache in Ordnung. So glaubte ich wenigſtens. Ich konnte damals freilich nicht ahnen, was für eine Ueberraſchung mir noch bevorſtand. Nun denn, der Winter verging, der Sommer kam, der Herbſt ſtreifte wieder das Laub von den Bäumen, — mein Oberſt Fels ließ ſich nicht bei mir blicken. Er wirthſchaftete draußen auf dem Gute herum, und griff mit an, wie der Geringſte von ſeinen Arbeitern. Im Laufe des Sommers beſuchte ich ihn einmal, und mußte ſtaunen über Alles, was ich ſah und hörte. Den Oberſt kannte ich zuerſt faſt nicht wieder, ſo hatte er ſich verändert. Man ſah ihm an, daß er wacker geſchafft und gearbeitet hatte. Sein gebräuntes Geſicht und ſeine ſchwieligen Hände gaben Zeugniß davon. Seine Kleidung konnte nicht einfacher ſein. Ein grober Strohhut ſchützte ihn vor den Sonnenſtrahlen; Kittel und Beinkleider von Zwillig waren ſein Galla⸗Anzug. Ich traf ihn in der Nähe einer Sägemühle, wo er die Herbeiſchaffung von mächtigen Baumſtämmen beauf⸗ ſichtigte, welche während des Winters gefällt worden waren und zu Brettern und anderem Bauholz verwen⸗ det werden ſollten. Er ſchämte ſich nicht, ſelber mit zuzugreifen, wo es Noth that, leitete aber dabei alle Anordnungen mit einer Sachkenntniß, die mich in Er⸗ ſtaunen ſetzte. Alles ging wie am Schnürchen. „Siehe da, mein lieber Poſtmeiſter!“ rief er mir 8⸗ 4 freundlich zu, als er mich, nachdem ich ſeinem geſchäf⸗ tigen Treiben ein Weilchen zugeſehen hatte, endlich be⸗ merkte.„Seien Sie mir willkommen! Sie wollen ge⸗ wiß einmal nachſchauen, wie wir hier in der Wildniß leben und ob wir auch unſere Zeit gut anwenden.“« „Ich bin gekommen, um Ihnen einen Beſuch zu machen, Oberſt, und weiter nichts,« erwiederte ich. „Aber man braucht ſeine Augen nicht übermäßig an⸗ zuſtrengen, um Ihre Thätigkeit zu bewundern. Sie arbeiten ja, wie ein Hinterwäldler in den amerikani⸗ ſchen Wildniſſen!“ „Ja, gerade ſo, Sie haben's getroffen!« ſagte er. „Im vorigen Jahre war ich nahe daran, nach Amerik auszuwandern. Als ich mir aber überlegte, daß ich in der Heimath eben ſo gut vorwärts kommen könnte, wie über dem Meere drüben, wenn ich hier nur eben ſo arbeiten wollte, wie ich in Amerika arbeiten müßte, ſo blieb ich im Lande, und werde es ſchwer⸗ lich zu bereuen haben. Aber herunter vom Pferde, lieber Poſtmeiſter! Sie müſſen doch unſer Grundſtück, da Sie einmal hier ſind, ein wenig näher kennen lernen. 5 »Unſer?« entgegnete ich, als ich vom Pferde ſtieg. „Das Ihrige, wollen Sie ſagen. „»Unſer!“ wiederholte er nachdrücklich.„Kommen Sie nur und ſehen ſich's an.« Ich verſtand nicht recht, was er mit dem unſer eigentlich meinte, aber es kümmerte mich auch nicht viel. Vermuthlich ſagte er nur ſo, weil mein Kapital auf dem Grundſtücke laſtete. Der Oberſt ließ mir aber auch nicht viel Zeit, über den Sinn des von ihm ge⸗ brauchten Wortes nachzudenken, ſondern nahm mich am Arme und führte mich kreuz und quer auf dem Gute 86 umher. Ueberall fand ich Geſchäftigkeit, Ruͤhrigkeit, emſige Thätigkeit. Drei oder vier Sägemühlen waren in raſtloſer Bewegung; an anderen Orten fand ich große Pottaſche⸗Siedereien; hie und da an Stellen, wo früher dichter Hochwald geſtanden hatte, waren Pflug und Spaten thätig, um den ehemaligen Waldboden zu gutem Ackerlande umzuarbeiten; an den Ufern des Ba⸗ ches erblickte ich Wälle, hoch und feſt genug aufge⸗ worfen, um ein künftiges Austreten des Waſſers und ſomit die verheerenden Ueberſchwemmungen zu verhüten, welche früher ſo vielen Schaden angerichtet hatten; weiter unten am Bache lagen unter großen Schuppen ungeheure Mengen von Brettern und Pottaſche⸗Vor⸗ räthen aufgehäuft, und ich konnte nur nicht recht be⸗ greifen, auf welche Weiſe dieſe allerdings werthvolle Waaren⸗Niederlagen weggeſchafft und zu Gelde gemacht werden ſollten. Aber der Oberſt, der an Alles dachte und für Alles Rath wußte, öffnete mir bald die Augen. „Der Bach ergießt ſich eine Stunde von hier in den ſchiffbaren Fluß,“ ſagte er auf eine Andeutung von meiner Seite.„Im Sommer füͤhrt der Bach zu wenig Waſſer, um zu Transporten benutzt werden zu können; aber laſſen Sie nur erſt den Herbſt mit ſeinen Regengüſſen oder den Frühling mit ſeinem Schmelz⸗ waſſer kommen, dann trägt er Alles, was Sie hier ſehen, mit Leichtigkeit nach dem Fluß hinunter.“ Die Bekechnung war richtig, und bewährte ſich ſchon ein Vierteljahr ſpäter vollkommen. Ich aber mußte mehr und mehr die Umſicht und die Geſchicklich⸗ keit anſtaunen und bewundern, mit welcher der Oberſt ein bisher faſt für werthlos gehaltenes Gut auszubeu⸗ ten verſtand. Ohne große Geldmittel hatte er den 87 Werth deſſelben jetzt ſchon mindeſtens verdreifacht, und es gehörte nicht viel Scharfſinn dazu, um vorher zu ſehen, daß dieſer Werth in drei, vier Jahren ſich auf das Zehnfache ſteigern mußte. „Wir ſind Alle hier zu Lande blind geweſen,“ ſagte ich nachdenklich.„Kein Menſch hat geahnt, was ſich aus dem ſchönen Gute machen läßt. Wenn Herr von Weſtern eines Tages hierher kommen ſollte, was würde er für Augen machen!“ „Hm! Ich denke, er würde Reue fühlen, bittere Reue über ſeinen Wortbruch!“ erwiederte der Oberſt. „Ich ſagte es Ihnen ja damals ſchon, als Sie für ihn einſtanden, lieber Poſtmeiſter! Aber reden wir nicht mehr von dem Manne. Er hat meine Achtung verloren, und ich ſuche ihn zu vergeſſen. Folgen Sie mir lieber zu meiner Hütte, und ſtärken Sie ſich nach den Beſchwerden unſeres Spazierganges durch eine ländliche Mahlzeit. Viel kann ich Ihnen freilich nicht anbieten, denn wir leben hier, wie ſie vorhin ganz richtig bemerkten, wie eine Art Hinterwäldler in den Wildniſſen Nord⸗Amerika's.“ So gingen wir alſo nach ſeiner Hütte, und aber⸗ mals mußte ich ſtaunen über die Einfachheit der Be⸗ dürfniſſe, mit welchen dieſer wahrhaft edle und große Mann ſich begnuͤgte. Seine Wohnung enthielt keiner⸗ lei Bequemlichkeit, ſondern eben nur das Allernothwen⸗ digſte, nämlich einige Holzblöcke, welche als Tiſch und Stühle dienen mußten, und im Winkel eine Schütte Heu und trockenes Laub mit zwei Wolldecken, gewiß das einfachſte Nachtlager, was man ſich denken kann. Ich erbot mich ſogleich, ihm ein ordentliches Bett her⸗ ausſchaffen zu laſſen, aber er lehnte es lächelnd ab. 88 »„Ich ſchlafe gut genug,“ ſagte er.„Ein alter Sol⸗ dat, der, wie ich, ſo manche Nacht im Freien unter dem blauen Himmel zugebracht hat, darf ſich nicht ver⸗ zärteln.“ Er lud mich zum Sitzen ein, langte aus einem Wandſchranke ein paar zinnerne Teller, Meſſer und Gabeln, Brod, etwas Butter und kalten Braten, und forderte mich lächelnd auf, zuzugreifen. Der Spazier⸗ gang hatte mich hungrig gemacht, ich aß mit gutem Appetite, und es ſchmeckte mir köſtlich. Wir verplau⸗ derten in gemüthlichſter Weiſe noch ein Stündchen, und ich nahm endlich mit der Ueberzeugung von meinem braven Oberſt Abſchied, daß er bald genug ſeinen Weg machen, und ein ſicheres Glück durch dieſes Grundſtück finden werde, das bis dahin kein Menſch groß geachtet hatte. Der Erfolg lehrte, daß dieſe Vorausſetzung, welche ſich auf die Einſicht und raſtloſe Thätigkeit des Oberſten gründete, vollkommen berechtigt war. Im Laufe des Sommers ſah ich den Oberſt nicht wieder, dagegen kam er im Herbſte pünktlich an dem Tage zu mir, wo er im vorigen Jahre das Kapital empfangen hatte, brachte die fälligen Jahreszinſen, ſteckte die Quittung darüber ein, und begab ſich ohne Auf⸗ enthalt wieder in ſeine Wildniß. Seitdem verging wie⸗ der ein Jahr, und ich hörte nur, daß er, wie früher, unermüdlich an der Verbeſſerung des Gutes arbeitete. Außer den Sägewerken hatte er auch noch eine Mahl⸗ mühle, eine Oehlmühle angelegt, und einen ordentlichen Kanal bis zu der Mündung des ſchon erwähnten Fluſ⸗ ſes bauen laſſe, ſo daß er jederzeit, außer im Winter, wenn Alles gefroren war, die Erzeugniſſe ſeines Gutes ohne große Koſten zu Markte bringen konnte. Ich 89 hörte ferner, daß er bereits ein paar hundert Morgen ehemaligen Waldboden als Ackerland benutzt, und eine ganz vorzügliche Aerndte an Saat und Getreide erzielt, und daß die vor Ueberſchwemmung durch die aufge⸗ führten Wälle geſchützten Wieſen einen Heu⸗Ertrag ge⸗ geben hatten, wie er bis dahin auf dem Herrenburger Gute unerhört geweſen ſei. Ich freute mich ſeines Er⸗ folgs, ohne nur entfernt zu ahnen, wie nahe ich ſelber dabei betheiligt war. Da, pünktlich wieder, wie voriges Jahr, am zwei⸗ ten November, kam der Oberſt in mein Haus, und forderte mich lächelnd auf, meine Gelder in Empfang zu nehmen. Natürlich vermuthete ich, er wolle mir nur die fälligen Zinſen auszahlen, aber wie riß ich die Augen auf, als er zuerſt nicht nur die Zinſen, ſondern auch mein Kapital von zehntauſend Thalern, und end⸗ lich ſogar noch eine gleiche Summe in guten Papieren und ſchönen blanken Goldſtücken auf den Tiſch zählte, der für die Menge Geld kaum Platz genug hatte. „»Aber, mein Gott, beſter Oberſt, was ſoll das heißen?“ fragte ich voller Erſtaunen. »„Das heißt, der Himmel hat meine Anſtrengungen geſegnet, und ich kann ſogar noch früher, als ich hoffte, Abrechnung mit Ihnen halten,“ antwortete er.„Uebri⸗ gens noch eins, lieber Poſtmeiſter: Sie nennen mich immer Oberſt. Das war ich, aber ich bin es nicht mehr, alſo laſſen Sie es künftig bei dem einfachen Na⸗ men Fels bewenden. Und nun zählen Sie Ihr Geld nach, und prüfen Sie dann meine Rechnung, damit Sie mir Quittung geben können. Ihre Hälfte vom Er⸗ trage beläuft ſich akkurat auf zehntauſend, zweihundert —— 90 Thaler, zwanzig Groſchen und ſieben Pfennige, außer den Zinſen, die ich hier aparte gelegt habe.“ Ich wußte immer noch nicht, was der Oberſt eigent⸗ lich wollte; ich verſtand ihn abſolut nicht, und ſtarrte ihn ſo vollkommen verblüfft an, daß er trotz ſeines ge⸗ wöhnlichen ruhigen Ernſtes ein Lachen nicht unter⸗ drücken konnte. „Aber was bedeutet denn das, Oberſt, oder viel⸗ mehr Herr Fels, da ich Sie künftig ſo nennen ſoll!« rief ich endlich aus, nachdem ich mich ein wenig von meinem Erſtaunen erholt hatte. Ich ſtreckte Ihnen ein Kapital zu vier Prozent Zinſen vor, und Sie zahlen es mir jetzt nebſt Zinſen zurück,— aber was habe ich mit den übrigen zehntauſend zweihundert Thalern, zwanzig Groſchen und ſieben Pfennige zu thun?« »Ei, Mann,“ ſagte er ganz gelaſſen,„Sie haben damit zu thun! Sie haben das Geld nachzuzählen, einzuſtreichen, darüber zu quittiren und es endlich in Ihre Kaſſe einzuſchließen.“ „Das habe ich nicht!“ rief ich.„Das Geld geht mich nichts an! Sind Sie denn bei Sinnen, Oberſt?« „Ich ſollte meinen,« erwiederte er.„Es iſt mir wenigſtens ganz ſo, als ob ich meine Gedanken noch ſo ziemlich beiſammen hätte. Dagegen ſcheint es mir, als ob Sie, lieber Poſtmeiſter, nicht ganz klar über unſer Verhältniß wären. Erinnern Sie ſich denn nicht, daß ich Sie, als Sie mir das Geld anboten, ausdrück⸗ lich als Stellvertreter des Herrn von Weſtern annahm? Beſinnen Sie ſich doch! Die vier Procent Zinſen extra wollten mir zwar Anfangs nicht recht ge⸗ fallen, allein, da Sie einmal ſo vertrauensvoll gegen mich verfuhren, ſo berechnete ich, daß die Zinſen am 91 Ende wohl auch noch zu ſchaffen ſein würden. Und nun denken Sie nach! Sagte ich nicht:„Vier Pro⸗ cent werden ſich auch noch auftreiben laſſen. Ich nehme Sie als den Stellvertreter des Herrn von Weſtern an. Die Sache iſt alſo abgemacht.“ Ich frage Sie jetzt: ſagte ich nicht ſo? Und was antworteten ſie darauf? Denken Sie einmal ein bischen nach.“ Ich ſuchte in meinem Gedächtniſſe, und da fand ich denn allerdings, daß der Oberſt buchſtäblich jene Worte gebraucht, und ich darauf erwiedert hatte:„Abgemacht! Heute über vier Tage können Sie das Geld in Empfang nehmen.“ Alſo erwiederte ich:„Nun ja, es iſt ſchon ſo, aber was hat das mit den zehntauſend, zweihundert Tha⸗ lern, nebſt Groſchen und Pfennigen zu thun?«. „Es hat damit zu thun, daß ich mit Herrn von Weſtern ausgemacht hatte, er ſolle das Geld zum An⸗ kaufe des Herrenburger Gutes vorſtrecken, ich dagegen wollte die Bewirthſchaftung deſſelben übernehmen, und der Ertrag ſollte zu gleichen Theilen gehen, bis das vorgeſchoſſene Kapital zurückgezahlt ſei. Verſtehen Sie nun endlich, Poſtmeiſter? Sie ſind fuͤr Weſtern ein⸗ getreten, Sie haben das Kapital gegeben, ich habe das Gut bewirthſchaftet, und hier iſt nun die Hälfte vom Ertrage, die Ihnen rechtmäßig zukommt. Die Sache iſt ſo einfach, wie möglich!« „Aber ich habe doch darauf gar nicht gerechnet!“ rief ich aus. „Gerechnet oder nicht, das bleibt ſich gleich,“ ant⸗ woortete er. „Aber es iſt ja auch gar kein Contract dieſer Art vorhanden!“ 9² „Contract oder nicht, gleichviel,« verſetzte er mit unerſchütterlicher Ruhe.„Mein Wort gilt mir ſo viel, wie tauſend Contracte. Es freut mich, daß Sie ein gutes Geſchäft gemacht haben, Poſtmeiſter. Streichen Sie Ihr Geld ein, prüfen Sie die Rechnung, und dann quittiren Sie.“« »Ich kann das Geld nicht nehmen,“ ſagte ich.„Es iſt von Ihnen erworben, Oberſt, durch Ihre Einſicht, durch Ihren Fleiß, durch Ihre geſchickte Benutzung der gegebenen Verhältniſſe! Was für Anſprüche kann ich erheben, nachdem Sie pünktlich Alles erfüllt haben, was ich von Ihnen erwarten durfte.“« „Lieber Poſtmeiſter,“ entgegnete er mir mit ernſter Freundlichkeit,—„ich verzeihe Ihnen Ihre Weigerung, weil ich vermuthe, daß Sie mich noch nicht genügend kennen. Als ich Ihr Anerbieten vor zwei Jahren an⸗ nahm, geſchah es in der natürlichen Vorausſetzung, daß Sie, wie Sie Weſterns Verpflichtungen übernah⸗ men, ſo auch den Nutzen ziehen müßten, der Jenem zu Theil geworden ſein würde, wenn er ſein Wort gehal⸗ ten hätte. Ich ſprach das auch aus, und wenn Sie mich nicht verſtanden, ſo iſt es Ihre Schuld, nicht die meine. Bei mir aber heißt es:„Ein Mann, ein Wort!« hat ſo geheißen, und wird ſo heißen mit Gottes Hülfe, bis ich einſt meine Augen zuſchließe. Das iſt mein Grundſatz. Jeder Menſch ſollte einen ſolchen Grundſatz haben, der gewiſſermaßen der Grund iſt, auf den ſich ſein Leben aufbauet. Wie der Grund, ſo das Gebäude. Nun werden Sie mich ſchon beſſer verſtehen, lieber Poſtmeiſter, alſo machen Sie keine Um⸗ ſtände weiter. Sie brauchen meinetwegen nicht das 93 mindeſte Bedenken zu tragen, denn ich habe mit Hülfe Ihres Geldes ein beſſeres Geſchäft gemacht, als Sie!« Ich ſah wohl ein, daß ein fortgeſetzter Widerſtand von meiner Seite den Oberſt nur aufbringen würde, und fügte mich ihm alſo mit herzlichem und tiefempfun⸗ denem Danke, in welchen ſich Bewunderung mit ſeiner Seelengröße miſchte.„Was wird aber Herr von We⸗ ſtern ſagen, wenn er das erfährt!“ rief ich unwillkühr⸗ lich aus. yEr wird, wie es ſchon öfter geſchehen, bitter be⸗ reuen, daß er ein Mann ohne Grundſätze iſt,“ erwie⸗ derte der Oberſt trocken.„Wir haben nichts weiter mit ihm zu ſchaffen. Fuͤr jetzt ſehen Sie nur die Rech⸗ nung nach; ich denke, Sie werden Sie richtig finden.“ Es blieb mir nichts übrig, als ſeiner Weiſung zu folgen. Wie ich aus der Rechnung erſah, hatte der Oberſt mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt ſämmtliche Ausgaben und Einnahmen notirt, und aus der Reihen⸗ folge der verſchiedenen Anſätze erkannte ich erſt, welchen bedeutenden Umfang ſeine verſchiedenen Anlagen ſchon gewonnen hatten. Wenn das ſo fortging, mußte er in wenigen Jahren ein ſteinreicher Mann werden. Der Nutzen, den er aus den Waldungen gezogen, die wir faſt für werthlos gehalten hatten, war ungeheuer, und noch hatte er nicht den zehnten Theil davon niederge⸗ hauen und zu Brettern zerſägt oder zu Pottaſche ver⸗ brannt. Auch ſeine Aecker und Wieſen gaben bereits reichen Ertrag, und verſprachen in der Zukunft noch größeren. Kurz, der Oberſt war ein gemachter Mann, wie man ſo im Leben zu ſagen pflegt, und ich konnte ihm aus vollem Herzen zu dem Ankaufe des Gutes Glück wünſchen. 94 Seitdem ſchloß der Poſtmeiſter ſeinen Bericht, hat ſich nun das Brachberger Thal, wie der Oberſt fortan ſeine Beſitzung genannt haben will, von Jahr zu Jahr einträglicher erwieſen, und befindet ſich in dem blühen⸗ den Zuſtande, der Ihnen wie faſt jedem Reiſenden auf⸗ gefallen iſt. Die Mühlen, die Fabriken, die Wald⸗ und Landwirthſchaft ſind unter Brüdern eine viertel Million werth; der Oberſt bewohnt ein reizendes Haus, aus deſſen Fenſtern er faſt ſeine ganze Beſitzung über⸗ ſehen kann, und wird von aller Welt beneidet, aber auch von aller Welt geachtet und geliebt. Seine Leute, und er hat deren Hunderte in ſeinem Dienſte, ſchauen zu ihm auf, wie zu einem höheren Weſen, und beten ihn, ſo zu ſagen an. Aber er verdient es auch in der That und in Wahrheit, denn er iſt wie ein Vater für ſeine Untergebenen, und ſorgt für das Wohlbefinden jedes Einzelnen, wie wenn Alle ſeine Kinder wären. Er ſelber lebt ſo einfach und beſcheiden, wie damals, als er, mit nur geringen Mitteln verſehen, in unſerer Gegend ankam. Martin, ſein Begleiter, iſt immer noch ſeine rechte Hand, wohnt mit ihm in ſeinem Landhauſe, und geht mit ihm um, wie mit einem Bruder. Der einzige Menſch, der dem Oberſt ſein Glück nicht gönnt, iſt der Herr von Weſtern. Er kann es nicht vergeſſen, daß ihn ſein Wortbruch darum gebracht hat, das Glück des Oberſten zu theilen, und hundert Mal ſchon mag er bitter ſeine Charakterloſigkeit bereuet haben. Aber es iſt ſeine eigene Schuld, und kein Menſch bemitleidet ihn, ſondern Jedermann lacht ihn aus. Wenn er des Oberſten Grundſatz,„ein Mann, ein Wort«, gehabt hätte, könnte er hübſch warm ſitzen. Nun hat er den Aerger. Das iſt die Geſchichte vom Brachberger Thal, 95⁵ lieber Herr. Ich habe ſie Ihnen der Wahrheit gemäß erzählt, wie ich ſie ſchon Manchem erzählt habe, und will nur wünſchen, daß Ihnen die Zeit nicht lang ge⸗ worden iſt dabei. Deerr Landrath machte hier eine kleine Pauſe, zün⸗ 2eie ſich eine friſche Cigarre an, und blickte lächelnd im Kreiſe ſeiner Gäſte umher. Dann nahm er wieder das Wort. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„ob meine Erzählung Sie gelangweilt hat, aber die Verſicherung kann ich Ihnen geben, daß ich nie etwas mit größerem In⸗ tereſſe anhörte, als den Bericht meines freundlichen Poſtmeiſters. Daß der Oberſt mein Oberſt, daß Mar⸗ tin unſer Martin ſein mußte, unterlag keinem Zwei⸗ fel, und eben ſo war es zweifelsohne, daß ich nicht weiter fahren konnte, bevor ich meinem alten Fels nicht einen Beſuch abgeſtattet hatte. Sie können ſich das ſehr lebhaft vorſtellen. Aus Allem, was der Poſt⸗ meiſter mir mitgetheilt hatte, konnte ich wohl ſchließen, daß Fels im Allgemeinen noch ganz der alte war in Grundſätzen und Geſinnungen. Gleichwohl kam mir der Einfall, daß ich bei meinem Beſuche ſeine Freund⸗ ſchaft ein wenig auf die Probe ſtellen wollte. Mein Plänchen war im Nu entworfen. Einſt bei unſerem Abſchiede hatte er zu mir geſagt:„Wenn du einmal in eine Lage kommſt, wo du eines Freundes bedarfſt, ſo wirſt du zu jeder Stunde bei Tag und bei Nacht bei mir ein treues Herz und einen offenen Beutel finden. Was mein iſt, iſt dein. Ein Mann, ein Wort.« Ich hegte zwar keine Zweifel an ſeiner Geſinnung, aber— dazumal war er arm geweſen im Vergleiche zu ſeinen jetzigen Verhältniſſen, und Verhältniſſe andern 96 in der Regel den Menſchen. Jedenfalls,— der Ver⸗ ſuch konnte ja nicht ſchaden. Ich verſchaffte mir alſo vom Poſtmeiſter, der lä⸗ chelnd und zuverſichtlich in meinen Plan einging, einen Anzug, wie er zu meinem Vorhaben paßte, ließ mich bis in die Nähe des Brachberger Thales fahren, ſchickte den Wagen zurück, und ging zu Fuße auf das wirk⸗ lich reizend gelegene und dabei höchſt geſchmackvolle Landhaus zu. Vor der ganzen Vorderfronte zog ſich eine Art von Verandah hin, deren zierliche Säulen aus rothem Sandſtein von Schlingpflanzen bis oben hin umwunden waren. Innerhalb des Saͤulenganges ſtand ein Tiſch mit Stühlen, und zwei Männer ſaßen da in vertraulicher Unterhaltung. Ein Blick genügte mir, um ſofort Fels und Martin zu erkennen. Noch hatten ſie mich nicht bemerkt, und ich gewann Zeit, meine Bewegung zu bemeiſtern, die mir bei ihrem An⸗ blicke das Blut ſtürmiſch durch die Adern trieb, und mein Herz pochen machte. Endlich gewann ich Selbſt⸗ beherrſchung genug, um aus dem Hintergrunde vorzu⸗ treten und mich äußerlich ruhig den alten Freunden zu nähern. Mit abgezogenem Hute trat ich in den Säu⸗ lengang, grüßte, und bat um Erlaubniß, eine kurze Raſt halten zu dürfen. Fels warf mir einen flüchtigen Blick zu, ſchrak ſichtlich zuſammen, heftete ſein Auge ſchärfer auf meine Geſtalt, meine ärmliche Kleidung, mein Geſicht, ſprang plötzlich auf, durchbohrte mich faſt mit ſeinen Blicken, eine glühende Röthe färbte ſein edles männliches Antlitz, um gleich darauf einer er⸗ ſchreckenden Bläſſe zu weichen, und dann rief er mit einer Stimme, die vor innerer Erſchütterung hohl und bebend klang: 97 »Martin! Siehſt du denn nicht? Er iſt es! Gott des Himmels, Werder, Paul, mein theurer, theurer Freund!« Mit einem Aufſchrei, der mir noch in der Seele zittert, wenn ich jenes Augenblickes gedenke, ſtieß er den Tiſch zur Seite, ſeine Arme umſchlangen mich, wir lagen Bruſt an Bruſt, und ſüße Thränen, die ſüßeſten, ddie ich je geweint, rannen unwillkuͤhrlich über meine Wangen. 1 4»Du längſt Erſehnter, biſt du endlich da!« rief mir Fels zu, und die helle Freude ſtrahlte aus ſeinen Augen. »Wie habe ich auf dich gewartet, und jeden Tag ver⸗ gebens auf deine Ankunft gehofft! Konnteſt du nicht wenigſtens einen von den drei Briefen beantworten, die ich im Laufe des letzten Jahres an dich abſchickte? Aber ich will nicht grollen und zanken, du biſt da, und Alles iſt gut!“ 1 Faſt hätte ich mich verrathen, indem ich den Grund angab, warum ich ſeine Briefe nicht hatte bekommen können, nämlich meine Reiſe, welche mich über ein Jahr von der Heimath fern gehalten. Doch beſann ich mich noch zu rechter Zeit, und antwortete ihm zwei⸗ deutig. 8 „Sdu ſiehſt wohl,« ſagte ich mit einem Blicke auf meine ärmliche Kleidung;—„man hat mich von mei⸗ nem Beſitzthume vertrieben, und länger ſchon als ein Jahr irre ich in der Welt umher.« 3 1„Vertrieben!“ rief er aus und die innigſte Theil⸗ nahme leuchtete von ſeiner edlen Stirn.„Du biſt ein Flüchtling, arm, heimathlos! Armer Paul! Warum biſt du nicht früher zu mir gekommen? Du würdeſt reicher als jemals geweſen ſein! Ja, ſtaune nur! Ein Mann, ein Wort. 78 * 98 Wir ſind wirklich reiche Leute, wir Beide, denn Alles, was du von hier überſiehſt, dieſe Wälder, dieſe Wieſen, dieſe Ackerfluren, dieſe Mühlen, dieſe Fabriken, Alles gehört uns! Wie glüͤcklich bin ich, mein alter Paul, daß Gott ſo meinen Fleiß geſegnet hat. He, Martin, hörſt du nicht, freueſt du dich nicht? Wir werden fort⸗ an unſer Drei ſein, und du wirſt noch einen Herrn mehr zu bedienen haben!“ Der ehrliche Burſche betrachtete mich mit wahrer Wonne, und ſtreckte mir beide Hände entgegen. Ich konnte mich nicht enthalten, ſie zu ergreifen und ihn an meine Bruſt zu ziehen. „So iſt's recht!« ſagte Fels.„Ich ſehe ſchon, Paul, du biſt noch ebenſo der Alte, wie wir. Jetzt wollen wir aber auch ein Leben führen, wie die lieben Engelein im Himmel. Vor allen Dingen indeß, Mar⸗ tin, beſorge Eſſen, Trinken, Alles, was das Haus her⸗ gibt, und nachher Paul, da erzählſt du uns, wie es dir ſeit der Trennung ergangen iſt. Vertrieben aus der Heimath! Armer Junge, was werde ich hören müſſen! Und welche Vorwuͤrfe mache ich mir, nicht ſchon früher an dich geſchrieben zu haben, da du ja nicht wußteſt, in welchen Erdenwinkel mich das Schick⸗ ſal verſchlagen hat. Aber wer konnte auch ſo etwas denken! Vertrieben! In der Welt umher irrend! Hätt' ich das ahnen können! Ich glaubte dich im ruhigen Beſitz deiner Güter, und wollte hier erſt ein wenig in Ordnung kommen, ehe ich dich zu mir einlud! Indeß gleichviel, du biſt da, und das iſt Alles, was ich zu meinem Glücke noch verlange.“ Mariin brachte mittlerweile herbei, was Küche und Keller hergeben wollten, und rührend war es zu ſehen, 99 wie dem guten Burſchen dabei fortwährend die hellen Freudenthränen aus den Augen liefen. Wir feierten einen ſchönen Abend, und die Stunden ſchwanden wie Minuten dahin, während wir von vergangenen Zeiten plauderten, und uns mit Herz und Seele der Gegen⸗ wart freuten. Es wurde ziemlich ſpät, ehe wir uns trennten, um zu Bette zu gehen. Dennoch weckte mich Fels am an⸗ dern Morgen zu früher Stunde wieder auf, und bat mich, ihn in ſein Arbeitszimmer zu geleiten. „Die Morgenſtunden ſind die einzigen des Tages, wo wir ganz ungeſtört bei einander ſein können,“ ſagte er.„Es läßt mir keine Ruhe, bis wir uns vollkom⸗ men verſtändigt haben. Hier iſt mein Hauptbuch und die Karte unſerer Beſitzung. Ueberzeuge dich, daß wir ein hübſches Vermögen haben, und triff dann deine Wahl. Entweder trete ich dir die Hälfte des Gutes ab, wir bauen dir ein hübſches Wohnhaus nicht allzu entfernt von dem meinigen, und du bewirthſchafteſt deine Hälfte auf eigene Rechnung,— oder wir bleiben zuſammen und verwalten die ganze Geſchichte gemein⸗ ſchaftlich. Ueberlege dir, was du vorziehſt, ich über⸗ laſſe die Entſcheidung ganz deiner freien Beſtimmung.« „Alſo wirklich!“« gab ich ihm zur Antwort, und reichte ihm die Hand.„Es war dein Ernſt geſtern, als du mir die Hälfte deiner Habe anboteſt! Du biſt wahrlich ein braves Herz, mein alter Fels!“ »Nun was konnte denn ſonſt geſchehen,“ entgegnete er mir.„Wir haben's ja dazumal ſo ausgemacht, und wenn mich das Glück nicht begünſtigt hätte, ſo wäre ich uͤber kurz oder lang zu dir gekommen. Ein Mann ein Wort! Und wenn auch das nicht wäre, 7 4 100 wir ſind ja Freunde! Alſo keine Umſtände, mein Lie⸗ ber. Triff deine Wahl und Alles iſt abgemacht.“ Ich weiß nicht, wie es kam, aber mir ſtanden die hellen Thränen in den Augen und zugleich konnte ich mich eines frohen, herzlichen Lachens nicht enthalten. „Behalte deine Güter, Fels, und erhalte mir nur deine Freundſchaft,“ rief ich aus, indem ich ihn in meine Arme ſchloß.„Es iſt Alles Täuſchung und Lüge, und die Wahrheit muß heraus. Ich bin nicht arm, nicht vertrieben, ich wollte nur ſehen, ob du noch die alte Liebe und Treue in deinem Herzen bewahrteſt. Verzeihe mir, Fels, ich handelte thöricht, aber dennoch fühle ich mich glücklich, daß ich in dir ſo ganz den Al⸗ ten wiedergefunden habe.“ „Das hätteſt du auch ohne Probe wiſſen können, Paul,“ antwortete er trocken.»Nun, gleichviel! Es freut mich, daß du meines Beiſtandes nicht bedarfſt, aber noch mehr gefreut hätt' es mich doch, wenn ich dich hätte an dieſe Scholle feſſeln können. Da die Sa⸗ en nun anders ſtehen, kann ich meine Bücher und Karten wieder wegräumen. Aber natürlich denkſt du für's Erſte nicht daran, wieder abreiſen zu wollen.“ „Gewiß nicht in den nächſten Wochen, Fels, denn ich bin zu froh darüber, daß ich dich aufgefunden habe.“ „Dann ſei dir in Gnaden verziehen,“ ſagte er.„Du bleibſt alſo, und je länger, je beſſer!« Ich blieb, blieb den ganzen Sommer und Herbſt, bis die erſten Schneeflocken fielen und dringende Ange⸗ legenheiten mich endlich gebieteriſch nach der eigenen Heimath riefen. Während der vielen Wochen, die ich bei Fels zubrachte, konnte ich recht ſehen, wie hoch er in der Achtung aller Menſchen ſtand, die mit ihm in — 101 Berührung kamen. Alle kannten ihn und ſeinen Grund⸗ ſatz, und ſein Wort galt den Leuten ſo viel, wie An⸗ derer Schwur und Handſchrift. Was er einmal geſagt hatte, ſtand feſt, wie die Pyramiden.. Um nur noch ein Beiſpiel anzuführen. Grade während meiner Anweſenheit kam ein Holzhändler aus der nahen Stadt um eine Parthie Bretter und anderes Bauholz zu einer ſehr namhaften Summe anzukaufen. Fels ſtellte ſeinen Preis; der Mann zögerte einzuſchla⸗ gen und bat um Bedenkzeit bis zum anderen Tage. Fels bewilligte ſie ihm, und der Mann ging. Eine Stunde ſpäter meldete ſich ein anderer Holzhändler und bot für dieſelben Bretter und Bauhölzer ein volles Viertheil des von Fels geforderten Preiſes mehr. „Kommen Sie morgen wieder,“ ſagte Fels. Ich war bei beiden Verhandlungen zugegen geweſen, und fragte Fels ganz verwundert, warum er dann das höhere Gebot nicht angenommen habe.„Das iſt doch ſehr einfach,« erwiederte er.„Der Erſte hat mein Wort. Da ich ihm die Friſt bewilligt habe, ſo muß ich ſie auch einhalten.“ Er ließ ſich das nicht ausreden, obgleich tauſend Andere an ſeiner Stelle ſicher nicht ſo gewiſſenhaft ge⸗ weſen wären. Am anderen Tage kam richtig der erſte Holzhändler an, bezahlte die von Fels geforderte Summe, und Fels erwähnte es nicht einmal, das ihm geſtern ein ſo bedeutend höherer Preis angeboten war. Er nahm vielleicht tauſend Thaler weniger ein, aber er hatte ſein Wort gehalten. Was ſagen Sie dazu, Herr von Birkenfeld?“« „Ich bewundere Ihren Freund, Herr Landrath, in der That, ich bewundere ihn,“ erwiederte der junge 1⁰² Herr in einiger Verwirrung!„Ein herrlicher Charakter, wahrlich! Er zwingt Einem Achtung ab.“ „Sie haben's getroffen, Herr von Birkenfeld,« fuhr der Landrath lächelnd fort.„Fels erzwang ſich Achtung, und ich habe nie Jemanden gekannt, der ſie in höherem Grade beſeſſen hätte, als er. Ein Mann, ein Wort, das war die Zauberformel, die er anwendete, um ſolchen Erfolg zu erringen. Dabei blieb es ſich ganz gleich, ob es ſich in Betreff des Worthaltens um Kleinigkeiten oder um die größten und wichtigſten Angelegenheiten handelte. Wenn er Ihnen eine Apfelſine verſprochen hätte, und es wäre keine in ganz Deutſchland aufzutreiben geweſen, ſo hätte er keinen Augenblick Bedenken getragen, eine aus Meſſina herbei zu holen. Der Vorfall mit dem Holz⸗ händler war, im Grunde genommen, auch nur eine Kleinigkeit,— aber, wenn es die Herren nicht lang⸗ weilt, ſo will ich ihnen noch einen letzten Fall mitthei⸗ len, indem es ſich um ein etwas bedeutenderes Objekt handelte. Sie erinnern ſich, daß ich einige Male den alten Onkel erwähnte, von welchem Fels, als er für die Befreiung des Vaterlandes die Waffen ergriff, in Un⸗ frieden ſchied. Dieſer Onkel war, wie ich ebenfalls bereits erwähnte, einige Jahre nach dem Friedens⸗ ſchluſſe geſtorben und hatte ein anſehnliches Vermögen hinterlaſſen. Hier muß ich nun bemerken, daß Fels nach genommenem Abſchiede von der Armee ſeinem Onkel einen Beſuch abgeſtattet und ſich völlig mit ihm ausgeſöhnt hatte. Von Martin hörte ich ſagen, daß der alte Mann unſerem Fels das Anerbieten gemacht habe, wieder in ſeine fruͤhere Stellung bei dem Onkel ——— ——— 10³ einzutreten, daß Fels es aber ausgeſchlagen, um nicht dem Glücke eines andern Verwandten im Wege zu ſte⸗ hen, welcher mittlerweile ſeinen Poſten verſehen hatte und für den muthmaßlichen Erben des alten Herrn galt. Dieſer junge Mann hieß Leinau. Wider alles Erwarten fand ſich nun aber, nach dem Tode des On⸗ kels, daß dieſer kein Teſtament gemacht und überhaupt keine Beſtimmung über ſeine bedeutende Hinterlaſſen⸗ ſchaft getroffen hatte, in Folge deſſen nun das ganze große Vermögen von mehr als einer halben Million dem nächſten Verwandten zufiel. Dieſer nächſte Ver⸗ wandte war aber nicht jener Leinau, ſondern unſer Fels, und dieſer war nicht wenig überraſcht, als ihm von Seiten des Gerichts die Mittheilung gemacht wurde, daß er jederzeit die Erbſchaft antreten könne. Aus einigen Briefen, die Fels an ſeinen Onkel ge⸗ ſchrieben, hatte das Gericht den Aufenthaltsort deſſelben erkundet und ihm in Folge deſſen die Nachricht mitge⸗ theilt. In Begleitung Martin's, aus deſſen Munde ich die ganze Begebenheit vernahm, reiſte Fels nach dem Wohnorte der verſtorbenen Onkels ab, um ſo ſchnell als möglich die Erbſchaftsangelegenheit in Ordnung zu bringen. Er traf hier mit dem jungen Leinau zuſam⸗ men. Der Empfang von Seiten deſſelben war nicht ſo, wie es ſich unter Verwandten wohl geziemt hätte. Leinau ſchien meinen Freund wie einen Erbſchleicher zu betrachten, der ihn um ein Vermögen betrogen, auf deſſen Beſitz er bereits mit Zuverſicht gehofft und ge⸗ rechnet hatte. Er ließ einige bittere Anſpielungen gegen Fels fallen, und gab nicht undeutlich zu verſtehen, daß der alte Herr ein Teſtament hinterlaſſen habe, das aber 104 freilich wohl niemals zum Vorſchein kommen würde, wenn einmal Fels in den Beſitz des Vermögens ge⸗ kommen ſei. Fels ertrug die Andeutungen des jungen Mannes mit der äußerſten Seelenruhe, und nur die letzte Be⸗ ſchuldigung deſſelben regte ihm ein wenig das Blut auf. »Herr Leinau,“ ſagte er,„wollen Sie damit andeu⸗ ten, daß ich das Teſtament, wenn ſich eines fände, zu unterſchlagen im Stande wäre?« „Nun, es würde nicht das erſte Mal ſein, daß etwas dieſer Art vorkäme,“ erwiederte der junge Menſch trotzig. lind ich ſage Ihnen,“ entgegnete Fels,„daß bei mir etwas dieſer Art nie und unter keinen Umſtänden vorkommen kann! Wenn ich ein Teſtament finde, ſo werde ich es vorzeigen, mag es zu meinen Gunſten oder zu meinem Nachtheile lauten. Ein Mann, ein Wort! Uebrigens würden Sie beſſer thun, junger Herr, Ihre Zunge zu zügeln, als rechtſchaffene Leute mit Verdäͤchtigungen zu beſchimpfen. Ich verzeihe Ihnen nur, weil Sie allerdings in Ihren Hoffnungen und Erwartungen arg getäuſcht ſein mögen. Das iſt bit⸗ ter, aber gleichwohl berechtigt es Sie nicht, mich zu beleidigen!k? Der junge Menſch gab eine heftige Antwort, und entfernte ſich endlich auf den gebieteriſchen Wink meines Freundes Fels mit den wahnſinnigſten Drohungen, die jedes Anderen Zorn erregt haben würden. Fels zuckte nur mitleidig die Achſeln darüber. „Der junge Menſch iſt närriſch,“ ſagte er zu Mar⸗ tin.„Aber man muß ihn entſchuldigen. Es iſt hart, ſich als Bettler zu leben wenn man ſo lange die Hoff⸗ nung auf großen Reichthum gehegt hat. Uebrigens wollen wir doch nachforſchen, ob nicht wirklich ein Te⸗ ſtament vorhanden iſt. Unmöglich wäre es nicht.« Fels kannte ziemlich genau die Gewohnheiten des verſtorbenen Onkels, und die Orte, wo derſelbe ſeine wichtigſten Papiere aufzubewahren pflegte. Ganz ge⸗ nau durchſuchte er erſt das Schreibepult des ſeligen alten Herrn, und dann, als er hier nichts fand, einen alterthumlichen kleinen Schrank von maſſivem Ebenholz, der eine Menge Schubfächer enthielt. Martin ſtand daneben und ſah ihm zu. Plötzlich zog Fels ein ver⸗ gilbtes Papier aus dem Kaſten hervor, und rief aus: „Da haben wir's! Es iſt die Handſchrift des alten Herrn! Zwar fehlt die Unterſchrift, aber unzweifel⸗ haft iſt es ſein letzter Wille!« In der That verhielt es ſich ſo. Es war nicht grade ein Teſtament, aber doch der Entwurf eines Solchen. Zufolge deſſelben vermachte der Onkel dem jungen Leinau ſein ganzes Vermögen, nachdem er in der Einleitung bemerkt hatte, daß der Ungehorſam ſei⸗ nes Neffen Heinrich Fels ihn veranlaßt habe, demſelben ſeine Gunſt zu entziehen. »Da haben wir's!“ ſagte Fels.„Der junge Menſch hat recht, er iſt der Erbe, und nur darin hat er un⸗ recht, daß er denkt, wir würden das Teſtament unter⸗ ſchlagen!« „Leſen Sie doch erſt auch die andere Seite,« ſagte Martin.„Es ſteht da auch noch etwas geſchrieben.« Fels wendete das Blatt um. »„Richtig!“ ſprach er.„Laß doch ſehen. Hm! das lautet freilich wieder anders. Höre zu, Martin. Hier ſteht geſchrieben: In Betracht, daß ſich meine Anſichten 106 über meinen Neffen Fels geändert haben, ſoll derſelbe nach meinem Tode die eine Hälfte meines geſammten Vermögens, und Friedrich Leinau die andere Hälfte deſſelben erben. L.... Am 17. Auguſt 1816. Das iſt Alles, Martin,— abermals keine Unterſchrift! Nur bemerke wohl, das Datum fällt mit dem Beſuche zu⸗ ſammen, den wir dem alten Herrn machten, als wir aus den Feldzügen kamen. Nun, der junge Leinau wird ſich freuen, wenn er die Nachricht erfährt.“ „Ei, Herr Fels, Sie werden doch nicht ſo thöricht ſein, dem Grobian, der Sie ſo arg beſchimpft hat, die Hälfte des Vermögens zu geben?« ſagte Martin.„Das wäre ja wohl noch beſſer. Das Teſtament gilt nichts! Es iſt nichts unterſchrieben und unterſiegelt.“ „Aber es ſpricht unzweifelhaft den Willen meines ſeligen Onkels aus,“ entgegnete Fels.„Was kümmern mich die Ausfälle des jungen Menſchen? Er wird anders reden, wenn er erſt meine Abſichten kennen lernt. Beſcheide ihn und die Herren vom Gericht zu mir.“ Sie kamen, wunderten ſich über das Teſtament, er⸗ klärten aber kurz und bündig, daß es nicht die geringſte Gültigkeit habe, was Fels übrigens ſchon ohne ſie wußte. Der junge Leinau ſeufzte und ſah äußerſt blaß und niedergeſchlagen aus. Aber Fels wußte ihn zu tröſten. „Nun, Vetter, warum ſo betrübt?« ſagte er herz⸗ lich.„Wir theilen natürlich, und die Sache iſt in Ordnung.“ Leinau wollte anfänglich an ſolche Großmuth nicht glauben. Als er ſich aber endlich überzeugte, daß Fels nicht etwa Scherz machte, redete er allerdings ganz anders als früher, und überhäufte ſeinen Wohlthäter — —— 8 4 107 lnit Dankſagungen. Doch Fels machte dem bald ein nde. »Danken Sie meinem guten Onkel, den die Erde deckt,“ ſagte er.„Ich habe nichts gethan, als nach ſeinen Beſtimmungen behandelt. Und damit Punktum! Kein Wort weiter.« Leinau iſt jetzt der treueſte Anhänger meines alten Freundes, und nie im Leben wieder hat er an ſeinem Worte gezweifelt.“« „Das will ich gern glauben?« rief der Präſident aus, als der Landrath durch ſein Schweigen andeutete, daß ſeine Erzählung zu Ende ſei.„Welch ein Mann muß dieſer Fels ſein! So recht vom alten Schrot und Korn! Herr von Birkenfeld, was meinen Sie, ſolchen Mann könnte man ſich dreiſt zum Vorbilde wählen, wie?« Herr von Birkenfeld ſchlug erröthend die Augen nieder, und ſchien ſehr in Verwirrung zu ſein. Plötz⸗ lich aber raffte er ſich wieder zuſammen, und ſagte in offener, herzlicher Weiſe: „Herr Landrath, meinen Dank! Sie haben mich beſtraft, und mit Recht! Ich ſtehe beſchämt vor Ihnen, aber ich verſichere Sie, die Lehre, die ich aus Ihrem Munde empfangen habe, ſoll nicht wieder vergeſſen werden. Ich war bisher ſchwach und leichtfertig in Worten und Verſprechungen, aber von jetzt an ſoll es anders werden! Das herrliche Beiſpiel Ihres Freun⸗ des ſoll mir zur Beſſerung dienen! Ein Mann, ein Wort! Dieß ſei fortan der Grundſatz auch meines Lebens! Verzeihen Sie mir Alle, ich bitte Sie darum, und nie werde ich Ihnen wieder Veranlaſſung geben, ſich über mich zu beklagen!« „ 108 »Bravo! Bravo, Herr von Birkenfeld!“« erſcholl es von allen Seiten, und zehn Hände ſtreckten ſich aus, um die des jungen Mannes zu ſchütteln. „Wer ſo offen ſeinen Fehler eingeſteht,“ fügte der Landrath hinzu,„und ſo entſchloſſen den Vorſatz der Beſſerung ausſpricht, iſt nicht nur der Verzeihung wür⸗ dig, ſondern er verdient auch, daß man die Vergangen⸗ heit vergißt und vollkommenes Vertrauen in die Zu⸗ kunft ſetzt. Herr von Birkenfeld, ich freue mich auf⸗ richtig, daß es das Beiſpiel meines Freundes iſt, wel⸗ ches einen ſo erfreulichen Eindruck auf Sie gemacht hat. Er ſelbſt wird nicht weniger glücklich ſein, wenn ich ihm dieß mittheile.“ „Sie werden ihm alſo ſchreiben?« fragte Herr von Birkenfeld. »Nein ich werde ihn ſprechen,“ erwiederte der Landrath, indem er lächelnd ſeine Taſchenuhr hervor⸗ zog und einen Blick darauf warf.„Er hat mir zu⸗ geſagt, um ſechs Uhr heute Abend bei mir zu ſein, und es fehlen nur noch zehn Minuten an dieſer Stunde.« „ Und Sie glauben wirklich, er werde kommen?« frug man, lebhaft überraſcht, von allen Seiten. „Pünktlich, auf die Minute wird er da ſein,“ lau⸗ tete die Antwort,„denn ich ſagte Ihnen ja, bei ihm gilt ein Mann, ein Wort in großen wie in kleinen Dingen. Wenn mich nicht Alles trügt, höre ich bereits das Rollen ſeines Wagens!“« Alle lauſchten. In der That, fernes Räder⸗Geraſſel wurde vernehmbar, eine leichte Kutſche mit zwei flüch⸗ tigen Pferden flog heran, und hielt an der Verandah. Ein ſtattlicher, hoher Mann von edelſtem Ausſehen —— * —————n-— 109 ſprang leicht heraus, und ſank an die Bruſt, in die geöffneten Arme, des vor Freude ſtrahlenden Land⸗ rathes. „Da biſt du!“ rief dieſer aus.„Tauſend Mal will⸗ kommen! Ich wußte wohl, du würdeſt die Stunde einhalten.“ „Ein Mann, ein Wort!« erwiederte Fels lächelnd. „Verſteht ſich von ſelbſt! Aber ſiehe, hier iſt auch un⸗ ſer Martin, der dir die Hand drücken möchte!“——— Ein fröhlicher Abend folgte dem fröhlichen Tage, dem herzerhebenden Wiederſehen der Freunde. Alle Anweſenden beeiferten ſich, alle die Achtung und Ver⸗ ehrung zu zeigen, welche ſie nach der Erzählung des Landrathes für den Oberſt Fels empfanden, und beſon⸗ ders Herr von Birkenfeld lauſchte auf jedes ſeiner Worte, wie auf ein Orakel. Er bewunderte in Wahr⸗ heit dieſen Mann, und erneuerte ſtill im Herzen das Gelübde, ſtets ſeinem Beiſpiele zu folgen. Jahre ſind ſeitdem verſtrichen, und nie hörte man, daß Herr von Birkenfeld je wieder auch nur das kleinſte Verſprechen gebrochen hätte. Treu blieb er dem Grund⸗ ſatze:. Ein Mann, ein Wort! und die Achtung Aller, die ihn kannten, war ſein Lohn. — 2 A ̈ᷣ ₰ 2 S S O 8 5 5 E — — 2 — 8 8 5 8