Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, f. 1b Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 4 Teih- und Jeſebedingungen. 3. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: dnf Mouat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 PFf. 2 Mr.. 6 5. 2 auswartig Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mußte. ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. eesel e a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden vade. indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, duh baiir s zu i ſehe haben. — — 1 — 1 1 8 9 4 Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Hoffmann. ö Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 186c46— — — Dorfes war ein ſchwerfälliges, noch aus den Zeite Erſter Theil. Daheim. An der Preußiſch⸗Sächſiſchen Gränze lag ein kleines Dorf,— liegt auch heute noch da, und wir wollen es kurzweg Krippenfeld nennen,— wo im erſten Jahre unſeres Jahrhunderts der Held unſerer kleinen Geſchichte das Licht der Welt erblickte. Es war ein armſeliges kleines Neſt, dieſes Krippen⸗ feld, und beſtand nur aus wenigen, meiſt in ſehr ver⸗ fallenem Zuſtande befindlichen Huͤtten, in welchen arme Taglöhner, Dreſcher und Feldarbeiter wohnten. Abgeſehen von einigen, etwas wohlhabenden Bauern⸗ Familien, machten nur noch zwei Häuſer eine Aus⸗ nahme von der gewöhnlichen Regel,— das Pfarrhaus nämlich und das Schloß oder Herrenhaus. Erſteres lag neben der kleinen Kirche, war erſt kurze Zeit nauu gebaut worden, und ſah mit ſeinen zwei Stockwerken, den hellen großen Fenſtern, und den ſchmucken grünen Fenſterläden ordentlich vornehm auf die Taglöhner⸗Hütten herab. Das Herrenhaus auf einer Anhöhe am Man muß ſich durchſchlagen. fälligen 2 Mittelalters herſtammendes Schloß mit weitläufigen Seiten⸗Gebäuden, an den vier Ecken mit mächtigen runden Thürmen verſehen, rings umgeben von einem tiefen Graben, über welchen, obgleich er waſſerlos war, eine Zugbrücke führte. Dieſes alte Herrenhaus war der Ritterſitz eines freiherrlichen Geſchlechtes, deſſen Stamm⸗ baum in den nebelgrauen Zeiten des Alterthums wur⸗ zelte, wo noch das Heidenthum in den deutſchen Gauen und Wäldern herrſchte. Es nannte ſich das Geſchlecht Der Freiherren vom Borne,— woahrſcheinlich nach einem nie verſiegenden Quell köſtlichen Waſſers, welcher inmitten des Schloßhofes aus unbekannter Tiefe hervorſprudelte, und weit und breit in dem wohlbegrün⸗ deten Rufe ſtand, daß er von keinem andern Brunnen meilenweit in der Umgegend, was Reichhaltigkeit und Friſche des labendſten Getränkes anbetrifft, erreicht, viel weniger übertroffen wurde. Seit Jahrhunderten quoll der Born immer gleichmäßig ſtark und kühl in das ſteinerne Becken, in welches man ihn gefaßt hatte, und im ganzen Dorfe wurde kein anderes Waſſer getrunken, als das Waſſer vom Schloßborne, deſſen unbeſchränkte Benutzung von uralter Zeit her ſtets den Bewohnern geſtattet worden war. Dermalen hauste der Freiherr Heinrich vom Borne in dem alten Schloſſe, ein noch rüſtiger Mann in vor⸗ gerückten Jahren, den man gewöhnlich nur„den Herrn Oberſt⸗Wachtmeiſter“« nannte, weil er in jüngeren Jah⸗ ren als tapferer Offizier mehrere Feldzüge mitgemacht, und endlich als invalider Major ſeinen Abſchied genom⸗ men hatte. Er war ein guter, nur ein wenig jähzor⸗ niger Mann von ächtem deutſchem Schrot und Korn, ein guter Haushalter, und ein vaͤterlicher Freund ſeiner — — — — ——— ———— Untergebenen und Zugehörigen, denen er gern jede mög⸗ liche Wohlthat zugewendet hätte, wenn ſeine Verhältniſſe in beſſerem Stande geweſen wären. Aber das Haus vom Borne war zwar ein ſehr altes Haus, doch Reich⸗ thümer beſaß es nicht. Die dazu gehörigen Ländereien trugen eben nur ſo viel ein, daß die Familie vom Borne, die aus dem Hausherrn, ſeiner Gemahlin und einem Sohne beſtand, leidlich ſtandesgemäß leben konnte. Et⸗ waige kleine Ueberſchüſſe pflegte Junker Chriſtoph zu conſumiren, welcher als Lieutenant bei einem Preußi⸗ ſchen Regimente ſtand. Wir werden vielleicht ſpäter noch mehr von ihm zu erzählen haben. Vorläufig nur ſo viel von ihm, daß er ein richtiger und unverdorbener Zweig Derer vom Borne war, und in ſeinem Regiment den wohlverdienten Ruf eines braven Soldaten und gu⸗ ten Kameraden genoß. Der alte Oberſt⸗Wachtmeiſter, an eine einfache und beſcheidene Lebensweiſe gewöhnt, geſtattete ſich nur einen einzigen Luxrus, den er aber auch zugleich als eine Quelle des Erwerbes zu benutzen verſtand, den Luxus mit ſchö⸗ nen Pferden. In ſeinen Ställen wieherten und ſtampf⸗ ten die prächtigſten Raſſepferde, die er ſelber auf den ausgedehnten grasreichen Wieſen zog, welche zu ſeinem Gute gehörten, und nicht vortheilhafter ausgenutzt wer⸗ den konnten, als eben durch die Pferdezucht. Die edlen Roſſe des alten Herrn vom Borne waren weit und breit berühmt, wurden ſehr geſucht, und immer mit ſchwerem Gelde bezahlt. Es war daher ganz natürlich, daß der alte Kavallerie⸗Offizier, der ſich, wie ſelten Einer, auf Pferde verſtand, ſein Geſtüt mit beſonderer Liebe und Aufmerkſamkeit pflegte, und die lebhafteſte Freude über das Gedeihen deſſelben empfand. Er war 3 1* ſtolz darauf, daß von ihm gezogene Pferde ſelbſt in den Koöniglichen Marſtällen als ausgezeichnete Thiere be⸗ wundert wurden, und daß ſogar gewiegte Kenner ſei⸗ nen Pferden vor den Engliſchen und Meklenburgiſchen den Vorzug gaben. In Allem, was auf ſein Geſtuͤt Bezug hatte, zeigte ſich daher der alte Herr beſonders eigenſinnig und pein⸗ lich genau. Wehe dem Pferde⸗Knechte oder Jungen, der ſich im Dienſte bei Abwartung oder Bewachung der edlen Thiere einen Fehler oder eine Nachläſſigkeit zu ſchulden kommen ließ! In ſolchen Fällen trat der Jäh⸗ zorn des alten Soldaten mit unbändigſter Heftigkeit her⸗ vor, und ſchon mancher unordentliche oder leichtſinnige Blurſche hatte gelegentlich bittere Bekanntſchaft mit der ſchweren Reitpeitſche des ſonſt gnädigen, in derartigen Fällen aber höchſt ungnädigen Herrn machen müſſen. Jeden Morgen beſuchte er die ausgedehnten Weideplätze ſeiner ſchönen Thiere, und ſah mit eigenen Augen nach dem Rechten. Nicht ſelten uͤberraſchte er auch noch durch einen Nachmittags⸗Beſuch ſeine Dienſtleute, und dieſe waren deshalb in der Regel auf ihrer Hut. Eines Tages, und zwar ein ſehr heißer Sommertag im Jahre 1813 war es, hütete ein kaum dreizehnjähriger Knabe eine Anzahl der edelſten Füllen auf einer der vom Gute entlegenſten Waldwieſen, welche, vielleicht eine Stunde lang und breit, von einem hölzernen Gat⸗ ter ringsum eingezäunt war, damit ſich die muthigen jungen Roſſe nicht in den anſtoßenden Kiefern⸗Holzun⸗ gen zerſtreuen und verlaufen konnten. Faſt auf der Mitte des großen Wieſenplanes ſtand auf einem mäßig anſchwellenden Hügel eine Gruppe von etwa einem Dutzend mächtiger alter Eichen, deren weit aagenri tes —, dichtes Laubdach den köſtlichſten Schatten und labende Kühlung gewährte. Hierher hatten ſich die Fuͤllen vor der heißen Gluth des Sonnenbrandes zurückgezogen. Zum Theil weideten ſie gemächlich das hohe ſaftige Gras ab; zum Theil lagen ſie bequem niedergekauert im dichteſten Schatten, und pflegten nach genoſſener Mahlzeit der Ruhe. Auf der knorrigen Wurzel einer der größeſten Eichen, mit dem Rücken gegen den Baumſtamm gelehnt, ſaß der erwähnte Knabe, und ſchaute nachdenklich, nicht auf die ſeiner Obhut anvertrauten Pferde, die derſelben auch nicht zu bedürfen ſchienen, ſondern hinüber nach dem Saume des Kiefern⸗Waldes, der ſich in einer dunke langen Linie vor ihm ausbreitete. Er betrachtete i mit Sehnſucht, und ſeine glänzenden Augen ſprach den innigſten Wunſch aus, über die Wieſe weg hinüber gehen zu können. 8 „Aber nein!“ murmelte er endlich und ſchüttelte leiſen ſeinen Kopf mit den braunen, krauſen Locken.„Der alte Herr könnte kommen, und dann wäre mir eine Tracht Prügel gewiß. Auch hat es am Ende noch Zeit bis zum Abend. Jetzt will ich lieber lernen, damit ich wieder ein Stück vorwärts komme.“ Er ſprang auf, kramte ein wenig unter der Baum⸗ Wurzel herum, und brachte aus einer Art Höhle ein paar abgenutzte, deckelloſe Hefte zum Vorſchein. Eines davon ſuchte er aus, und ſetzte ſich damit an ſeinen vorigen Platz, nachdem er die übrigen Blätter wieder unter die Wurzel geſteckt hatte. Unmittelbar nachher war er mit Leib und Seele in den Inhalt des Heftes ver⸗ tieft und hatte keinen Blick mehr weder für ſeine Pferde, noch für den Waldſaum, den er kurz vorher ſo ſehn⸗ ſüchtig betrachtet hatte. So armſelig und faſt zerlumpt die Kleidung des jungen Burſchen ausſah, war ſein Aeußeres doch ganz geeignet, einen angenehmen Eindruck auf einen etwaigen Beobachter zu machen. Sein Geſicht war zwar nicht gerade ſchön, und zu jetziger Zeit noch obendrein tüchtig von der Sonne gebräunt, aber die großen braunen Augen blitzten hell und keck unter den langen Wimpern hervor, und ließen Klugheit, Muth und Entſchloſſenheit ahnen. Sie drückten dem ganzen, ziemlich regelmäßigen Geſicht einen eigenthümlichen Stempel auf, der deutlich erkennen ließ, daß man es hier nicht mit einem gewöhnlichen Tölpel von Dorfjungen, ſondern mit einem ungewöhn⸗ lichen, unzweifelhaft ſehr begabten und talentvollen Kopfe zu thun habe. Im Uebrigen deutete Alles darauf hin, daß ſeine Heimath nur eine armſelige Hütte ſein könne, — ſein Dienſt als Pferdejunge ſowohl, als ſeine ſchuh⸗ und ſtrumpfloſen Füße, und was ſo an ſeinem Leibe von Drillich⸗ und Tuch⸗Fetzen drum und dran hing. Es verhielt ſich auch in der That ſo. Fritz Hal⸗ mer war der Sohn der ärmſten Frau im Dorfe, einer Taglöhners⸗Wittwe, welche ihr tägliches Brod mühſam durch Waſchen und andere grobe Handarbeiten verdienen mußte. Der Herr vom Borne hatte ſie nach dem Tode ihres Mannes aus Mitleiden im Beſitz der elenden kleinen Hütte gelaſſen, die er früher ihrem Manne als Guts⸗Taglöhner zugewieſen, und aus demſelben Beweg⸗ grunde hatte er ihren Sohn als Pferdejungen angenom⸗ men. Das war er nun ſchon ſeit Jahr und Tag, und fügte ſich darein, obgleich es ihm eigentlich nicht ganz recht war. Er liebte wohl die ſchönen Thiere, und hütete ſte mit aller Aufmerkſamkeit, aber lieber wäre er doch in die Schule gegangen, um dort zu lernen, und am allerliebſten zu dem Herrn Pfarrer, um noch viel, viel mehr zu lernen, als der Herr Schulmeiſter ihn lehren konnte. Aber die Verhältniſſe erlaubten das nun ein⸗ mal nicht, und nun half er ſich, ſo gut er konnte. Der Trieb zum Lernen lag nun einmal in ihm, und war ſo heftig, daß er ihm nicht widerſtehen konnte. Er ſuchte ſich Bücher zu verſchaffen, und ſtudierte ſie draußen im Freien unter den Eichen. Wenn er etwas nicht ver⸗ ſtand, ſo fragte er den Herrn Schulmeiſter um Rath, und empfing Belehrung, ſo viel eben gegeben werden konnte. Freilich war's nicht allzu viel, denn die Kennt⸗ niſſe des alten Mannes gingen nicht weit über Leſen, Schreiben und Rechnen hinaus. Gern hätte ſich Fritz an eine höhere Inſtanz, an den Herrn Pfarrer nämlich, gewendet, aber er wagte es nicht, weil dieſer doch gar zu Ehrfurcht gebietend ausſah. So mußte es mit dem Lernen gehen, wie es eben ging, und wenn Fritz auch nicht gerade Vieles dabei lernte, er konnte doch immer Etwas. Heute hatte er eine alte franzöſiſche Gram⸗ matik unter der Baumwurzel hervorgeholt, und ſich ſehr bald mit ſolchem Eifer darin vertieft, daß er Nichts mehr von Allem ſah und hörte, was um ihn her vor⸗ ing. »Da ſoll ja doch aber gleich das Wetter drein ſchlagen!“« rief plötzlich eine barſche, kräftige Stimme, die Fritzen höchſt unſanft aus ſeiner Verſunkenheit empor⸗ ſchreckte.„Sitzt der Bengel da und ſteckt die Naſe in Leſebücher, anſtatt ſich um ſeine Füllen zu bekümmern!« Beim erſten Klange dieſer Stimme war Fritz empor⸗ geſchreckt, wie eine Sprungfeder, hatte ſein Buch zur Seite geworfen, und ſtand nun kerzengerade vor der ſtattlichen, ſechs Fuß hohen Geſtalt eines Mannes, deſ⸗ ſen buſchiger Bart und martialiſches Ausſehen verrie⸗ then, daß er in ſeinen jüngeren Jahren Soldat geweſen ſein müſſe. Jetzt waren freilich Bart und Haar ergraut, aber die geſunde Geſichtsfarbe und das blitzende Auge des alten Herrn deuteten genugſam an, daß er trotz ſei⸗ ner ſechszig Jahre noch in friſcher, voller Lebenskraft ſtand. „Halten zu Gnaden, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter,« ſagte Fritz dreiſt, nachdem er ſich durch einen ſchnellen, voerſtohlenen Blick überzeugt hatte, daß keines von den Fuüullen fehlte, und überhaupt Alles in Ordnung war, —„halten zu Gnaden, das liebe Vieh iſt hier beiſam⸗ men, und ich habe eben nur ein bischen Franzöſiſch ge⸗ lernt.“« »Was haſt du gelernt?« fragte der Herr vom Borne mit ungläubiger Miene, als ob er den Worten des jungen Burſchen unmöglich Glauben ſchenken könne. »Franzöſiſch? Biſt du nicht geſcheidt, Burſche?“ »Ja, ein bischen Franzöͤſiſch, gnädiger Herr,« ver⸗ ſetzte Fritz noch dreiſter, als vorher, da er aus der Miene des Oberſt⸗Wachtmeiſters ſchon errieth, daß er für die⸗ ſes Mal ohne Hiebe mit der Reitpeitſche wegkommen würde.„»Da, ſehen Sie das Buch! Es iſt eine fran⸗ zöſiſche Grammatik.“ Der Oberſt⸗Wachtmeiſter warf einen neugierigen Blick auf die vergilbten und beſchmutzten Blätter, und auf's Deutlichſte malte ſich lebhafte Ueberraſchug i ſeinen ausdrucksvollen, wenn auch etwas ſtrengen und barſchen Zügen. „Wahrhaftig, Franzöſiſch!« rief er erſtaunt aus. „Mein Pferdejunge lernt Franzöſiſch! Da hört doch Alles auf, was glaublich iſt! Sage'mal, Junge, zu was ſoll denn das?« »Nun, Herr Oberſt⸗ Wachtmeiſter, die Grammatik iſt mir nur ſo zufällig in die Hände gefallen, und da habe ich eben ein bischen darin herumgeſtöbert, erwie⸗ derte Fritz.„Außerdem— Sie wiſſen das ja viel beſ⸗ ſer, als ich, gnädiger Herr— die Franzoſen ſollen gar nicht ſehr weit von hier ſtehen, wie man ſagt, und wenn ſie ja einmal hierher kommen ſollten, da wär's doch gut, wenn man ſich ein bischen in ihrer Sprache mit ihnen verſtändigen könnte.“ „Hm! Das wäre mir ein ſchlimmer Beſuch, die Herren Franzoſen,“ ſagte der Oberſt⸗Wachtmeiſter nach⸗ denklich.„Zum Glück liegt die große Landſtraße ziem⸗ lich abſeits, und darum hoffe ich, wir werden verſchont bleiben. Bei alledem,— unmöglich wär's doch nicht. Höre'mal, Fritz, was würdeſt du thun, wenn du zu⸗ fällig von ſolch einer Bande Marodeurs üͤberfallen würdeſt?« »Was ich thun würde, gnädiger Herr?« antwortete Fritz, und ſein Auge blitzte von Muth und Kühnheit; —„na, meine Fohlen hier ſollten ſie gewiß nicht krie⸗ gen, das können Sie mir glauben, gnädiger Herr! Was ich thun würde? Ei, die Gatterthür würde ich auf⸗ reißen, und dann, heidi fort mit der ganzen Heerde hinein in den Wald! Da ſollten ſie nachlaufen, die Frranzoſen! Vier Beine greifen beſſer aus, als zwei!“« Und er lachte laut und fröhlich. »Aber du, Fritz? Meinſt du, die Franzoſen würden nicht Rache nehmen, wenn du ihnen einen ſolcher Streich ſpielteſt?« 40 „Ach was, ich!« ſagte Fritz unbekümmert.„Was könnten ſie mir groß anhaben? Ich würde eben auch davon laufen!“ „Aber wenn ſie ſchießen?« „Ei, nicht alle Kugeln treffen, und der Wald iſt ganz nahe, und im ſchlimmſten Falle,— was iſt an ſolchem armen Jungen, wie ich bin, gelegen?« „Hm! ſchade wär's am Ende doch!« brummte der alte Herr vor ſich hin.„Nun, wir werden's abwarten müſſen, ob die Franzoſen kommen oder nicht. Jeden⸗ falls gib mir hübſch auf die Pferde acht, Fritz! Wenn du lernen willſt, hab' ich auch nichts weiter dagegen, aber den Dienſt darfſt du mir darüber nicht verſäumen. Ein Auge auf das Buch, und Eines auf die Heerde, ſo mag's gehen.“ »Zu Befehl, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter,“ verſetzte Fritz, und legte militäriſch grüßend die Hand ſeitwärts an die Stirne. Der. alte Herr nickte, und ſetzte dann ſtillſchweigend ſeinen Weg fort. Fritz ſah ihm nach, bis die hohe, ſtatt⸗ liche Geſtalt im Walde verſchwand. „Na, nun bin ich ſicher,« murmelte er.„Heute wenigſtens wird er nicht wiederkommen, und da könnt' ich hinüberſpringen und nach den Schlingen ſehen, ob ſich nicht ein Kaninchen gefangen hat. Die Mutter würde ſich freuen! Seit acht Tagen hat ſie keinen Biſſen Fleiſch gegeſſen, und eine kräftige Suppe von Kaninchen⸗Fleiſch wird ihr gut thun, den Pferden kann ja nichts geſchehen, und in einer halben Stunde bin ich ſpäteſtens wieder zurück.“ Err ſteckte ſeine franzöſiſche Grammatik wieder unter die Baumwurzel, ſah nach den ſchlanken, hübſchen Thieren, die nach wie vor ruhig grasten oder ſtill im Schatten lagen, und trabte dann quer über die Wieſe dem Wald⸗ ſaume zu. Hier befanden ſich mehrere Kaninchen⸗Baue, und Fritz hatte an verſchiedenen, dazu geeigneten Stellen Schlingen gelegt, um wo möglich Eines oder das Andere zu fangen. Dies war nichts Unerlaubtes; Herr vom Borne achtete die Kaninchen nicht groß, und ſah es ſogar gerne, wenn dem Ueberhandnehmen derſelben ge⸗ ſteuert wurde. Fritz mochte davon fangen, ſo viel er wollte,— nur durfte er die Pferde darüber nicht ver⸗ nachläſſigen. Jetzt verſchwand er hinter den Büſchen junger Bir⸗ ken, die ſich wie ein Zaun vor dem Waldrande entlang zogen, aber es dauerte nicht lange, ſo kam er wieder heraus in's Freie, und ſchleppte richtig drei Kaninchen mit ſich, die er an den Hinterfüßen zuſammengebunden und ſich über den Rücken gehängt hatte. Sein Geſicht ſtrahlte vor Vergnügen, als er die Eichen auf der Mitte der Wieſe wieder erreichte, und ſich durch einen flüchti⸗ gen Blick überzeugte, daß hier mittlerweile nichts Be⸗ unruhigendes geſchehen war. „Das nenn' ich mir einen guten Fang!“ ſagte er, indem er, noch über und über glühend vom ſchnellen Laufe, die Jagdbeute auf den Raſen warf.„Da wird die Mutter nicht ſchelten, wenn ich heute Abend nach Hauſe komme.«— Der Abend konnte nicht mehr fern ſein. Die Sonne näherte ſich bereits dem weſtlichen Erdrande, und die höheren Bäume warfen rieſenlange Schatten über das Grün der Wieſe hin. »Noch eine halbe Stunde und die Sonne iſt unter⸗ gegangen,“ ſetzte Fritz ſein Selbſtgeſpräch fort.„Es — ————— 12 wird am beſten ſein, ich treibe die Thiere in die Schuppen.“ Dieſe Schuppen waren große, mit Schindeln ge⸗ deckte Räume mit offenen Seitenwänden, in welchen ſämmtliche Pferde, welche bei Tage im Freien weideten, während der Nacht ein Unterkommen fanden. Hatte Fritz ſeine kleine Heerde am Abend dort richtig und vollzählig abgeliefert, ſo war er ſeiner Dienſte ledig und konnte nach Hauſe gehen. Bei der nächtlichen Ueberwachung der Pferde hatte er nichts zu thun; dieſe wurde von den Pferdeknechten und deren oberſtem Auf⸗ ſeher beſorgt. 1 Nachdem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, ließ er einen eigenthümlichen Pfiff ertönen, und ſofort ſpitzten alle Füllen, die weidenden ſowohl wie die ruhenden, ihre Ohren, und wendeten ihrem jungen Hirten die feinen Köpfe mit den großen glänzenden Augen zu. Bei einem zweiten Pfiffe ſprang ein ſchönes ſchwarzes Thier mit wenigen Sätzen bis dicht vor ihn hin, wieherte leiſe, und legte ſchmeichelnd und zutraulich den Kopf auf ſeine Schulter. Fritz liebkoste und ſtreichelte den Rappen, und klopfte ihm ſanft auf die breite, mit einem weißen Sterne verzierte Stirn. »Mein hübſcher Ali,“ ſagte er,—„du biſt doch immer der Erſte, der gehorſam meinem Rufe folgt. Da⸗ für ſollſt du aber auch morgen etwas Apartes haben, ein Stückchen Zucker, das ich mir vom Oberknechte er⸗ betteln werde. Ja, das ſollſt du kriegen! Jetzt aber ſei auch ferner hübſch artig, und hilf mir die andern nach dem Schuppen bringen.“ Als ob das Thier ihn verſtanden habe, wieherte es laut, galoppirte dann davon, und flog mit leichten ——ÿu,, Spruͤngen ein paar Mal um die ganze kleine Heerde herum. Dies war ein Signal für die Anderen. Die noch weideten, ließen ihre Mahlzeit im Stich, die müſſig ausgeſtreckt lagen, ſprangen ſtahlkräftig in die Höhe, und Alle drängten ſich um den Rappen, der jetzt plötz⸗ lich quer über die Wieſe hinwegſetzte, und in wenigen Minuten das noch geſchloſſene Gatterthor erreichte, durch welches man auf andere Wieſenplätze und ſchließlich zu den Schuppen gelangte. In bunteſtem Durcheinander ſetzte die ganze Truppe nach, und kam faſt gleichzeitig mit dem Führer an. Fritz folgte langſamer, und öff⸗ nete das Gatter. Dann ſchwang er ſich leicht auf den glatten Rücken des Rappen, und im Galopp ging es weiter bis zu den Schuppen, wo die Heerde mit Zuruf von den bereits harrenden Knechten in Empfang ge⸗ nommen wurde. „Du kommſt heute fruͤher, als gewoͤhnlich, Fritz,“ ſagte der Oberknecht zu dem Knaben, der gewandt vom Rappen heruntergeſprangen war, und ihn mit einer Lieb⸗ koſung entlaſſen hatte.„Es iſt doch nichts Schlimmes paſſirt?« 23 „Nichts Schlimmeres, Chriſtoph, als daß ich ein paar Kaninchen gefangen habe, von dem ich Eins Euch bringen wollte,“ erwiederte Fritz.„Da ſind ſie! Sucht Euch das Beſte aus! Die beiden anderen ſind dann für meine Mutter.“ »Biſt ein guter Junge,“ ſagte der Oberknecht ſchmunzelnd, und betaſtete die Kaninchen, von denen er ſich nicht gerade das magerſte und kleinſte ausſuchte. „»Kann ich dir vielleicht auch einen Gefallen thun?« „Na,“ verſetzte Fritz,„wenn ich vielleicht ein paar Stüͤckchen Zucker für den Ali kriegen könnte, das wäre mir ſchon recht. Er iſt ein prächtiger Kerl, ſo voller Feuer und doch auch wieder ſo gehorſam, auf den Wink gehorſam, da möcht' ich ihm gern ein Vergnügen machen. Ich weiß, er frißt gern ein Stückchen Zucker.“ »Ja, ja, das thun die Leckermäuler alle gern,“ er⸗ wiederte der Oberknecht lachend.„Wir müßten eine Zuckerfabrik anlegen, wie ſie's in Frankreich gemacht haben, wenn wir ihren Appetit befriedigen wollten. Na, aber, von wegen des Kaninchens, da mag's einmal drum ſein. Da, nimm!“« Er ſchloß einen Futterkaſten auf, der in einem be⸗ ſonderen Verſchlage neben dem Schuppen ſtand, und deutete auf einen Haufen kleiner Zuckerſtücke, der auf einem Brettchen neben anſehnlichen Hafer⸗Vorräthen lag. Fritz ließ ſich nicht zweimal nöthigen, ſondern nahm eine Handvoll Zuckerſtuͤcke, und ſteckte ſie in ſeine Taſche. »Wirſt ſie hoffentlich nicht ſelber naſchen,“ ſagte Chriſtoph. „»Ihr wißt wohl, daß ich ſo etwas nicht thue,“ er⸗ wiederte Fritz ein wenig empfindlich.„Ich habe meine Füllen viel zu lieb dazu, und beſonders den Ali.“ »Ja, ja doch! Brumme nur nicht gleich,« verſetzte der Oberknecht lächelnd.„Du biſt noch jung, und mußt lernen Spaß verſtehen von älteren Leuten. Aber halt! Noch eins, daß ich's nicht vergeſſe! Der gnädige Herr war vorhin hier, und hat ſich nach dir erkundigt. Du ſollſt nächſten Sonntag früh nach der Kirche zu ihm in's Schloß kommen.“ „Ich?“ ſagte Fritz ganz verwundert. »Ja, du, Halmer's Fritz, in höchſt eigener Per⸗ ſon.. „Aber warum? Weshalb? Ich habe nichts Böſes gethan! Wahrhaftig nicht.“ „Ei, dummer Junge, wer ſpricht denn auch etwas der Art! Wenn du Böſes gethan hätteſt, würde dich der alte Herr ſchon gefuchtelt haben. Nein, ich glaube, er beabſichtigt etwas Gutes mit dir, wenigſtens machte er eine recht zufriedene Miene, als ich ihm ſagte, daß du ein leidlich guter Burſche wäreſt, dem man etwas anvertrauen könne.“ »„Das habt Ihr von mir geſagt, Chriſtoph? Das freut mich, und ich bedanke mich dafür!« „Iſt nur in der Ordnung und die reine Wahrheit,« erwiederte der Oberknecht gutmüthig.„»Aber nun laufe hin, und bringe deiner Mutter die Kaninchen! Gute Nacht und morgen wieder bei Zeiten hier!“ Fritz warf ſeine Kaninchen wieder über die Schulter und trabte weiter. Das Dorf lag immer noch ein hal⸗ bes Stündchen von den Schuppen entfernt, und als er es erreichte, war die Sonne ſchon untergegangen, und die Dämmerung begann ihre Schleier uͤber die Erde zu breiten. Bei der ärmſten und niedrigſten Hütte im Dorfe angelangt, ſchlüpfte Fritz ſchnell durch die offen ſtehende Hausthür hinein, und fand ſeine Mutter in dem engen Stübchen, das zugleich als Wohn⸗ und Schlafzimmer, als Küche, Hausflur und Keller dienen mußte. Die Mutter war noch emſig mit Nähen be⸗ ſchäftigt, obgleich ſie kaum noch die Stiche ſehen konnte, die ſie machte. „Guten Abend, Mutter!« rief ihr Fritz zu.„Lege jetzt dein Nähzeug auf die Seite, und koche uns eine gute Suppe! Ich habe furchtbaren Hunger!“. 16 Die arme Frau erwiederte den Gruß des Knaben, und lächelte wehmüthig. »Den Appetit nach Suppe mußt du dir ſchon ver⸗ gehen laſſen,“ ſagteſie.„Ich habe nichts, als ein Stück Brod und ein wenig Salz für dich.“ „Aber ich!« verſetzte Fritz triumphirend, und hob die zwei Kaninchen in die Höhe.„Da ſieh' her, Mutter!« Die arme Frau lächelte wieder, dieſes Mal war es aber ein frohes Lächeln, das ihre müden, gedrückten Züge aufheiterte, wie Sonnenſchein. »„Das iſt ja herrlich, Fritz!« ſagte ſie.„Jetzt ſoll dir dein Abendeſſen beſſer ſchmecken, als ich hoffte. Warte nur ein wenig! Zieh' die Felle ab, und ich werde indeß Feuer anmachen!« Das Nähzeug wurde bei Seite gelegt, und bald brodelte ein Topf mit Waſſer über dem luſtig flackern⸗ den Feuer, das die Frau flink auf dem Herde ange⸗ zündet hatte. Die Kaninchen wurden zerſtückelt und in das kochende Waſſer geſteckt, und nach einer halben Stunde war das zarte Fleiſch gar, und hatte auch eine herrliche Suppe geliefert, an der ſich Mutter und Sohn gütlich thaten. 3 »Das war eine herrliche Erquickung und Stärkung, Fritz,“ ſagte die Erſtere nach eingenommener Mahlzeit, und nachdem ſie die Reſte derſelben ſorgſam auf die Seite geſtellt hatte.„So gut iſt mir's lange nicht ge⸗ worden!“ „Ja, weil ich die letzte Zeit immer Unglück gehabt und nichts gefangen habe,“ erwiederte Fritz.„Aber nur Geduld, Mutter! Nur noch ein paar Jahre Geduld! ³ Wenn ich erſt groß bin, werde ich ſo viel verdichen,— 47 daß du jeden Tag herrlich und in Freuden leben kannſt!“ »Närriſcher Junge!“ verſetzte die Mutter.„Ich möchte wiſſen, wie du ſo viel Geld verdienen könnteſt!“ »Abwarten, Mutterchen! Abwarten!« entgegnete Fritz.„Jetzt ſieht's freilich nicht darnach aus, als ob und wenn! Aber Geduld! Man muß ſich durchſchla⸗ gen! Und wer das kann, tapfer und rechtſchaffen, dem muß zuletzt das Glück günſtig ſein!« „Ja, ja, ſchlage du dich nur durch die Welt, du Springinsfeld,“ antwortete die Mutter kopfſchüttelnd. „Du wirſt bald genug inne werden, daß das leichter geſagt als gethan iſt.« »Thut nichts,“ verſetzte Fritz.„An Muth fehlt es mir nicht, und an Geduld und Ausdauer erſt recht nicht. Damit läßt ſich ſchon Etwas ausrichten!“ Fritz hatte eine ſehr lebhafte Phantaſie, und erging ſich gern in ausſchweifenden Plänen für die Zukunft, wobei er die ſchönſten Luftſchlöſſer baute. Seine Mutter kannte das ſchon, und hoͤrte deshalb nicht viel auf ſein Ge⸗ rede hin. Sie nahm nicht entfernt Antheil an ſeinen Hoff⸗ nungen, deren geringſter Theil ſchon ihr ganz unmöglich zu verwirklichen ſchien. Der arme Pferdejunge,— was konnte denn je in der Welt Beſſeres aus ihm werden, als allerhöchſtens einmal ein Pferde knecht. »Weiter wirſt du es in deinem ganzen Leben nicht bringen, Fritz,“ ſagte ſie,„und am Ende auch dahin nicht einmal. Rede nicht ſo viel dummes Zeug durch einander! Wir ſind arme Leute, und arme Leute wer⸗ den wir bleiben! Geh' auf deinen Strohſack, und ver⸗ ſchlafe den Unſinn! Morgen früh mußt du bei Zeiten wieder hinaus!“ Man muß ſich durchſchlagen. ——— 18 Dies war richtig, und Fritz ſah es ein. Er machte Anſtalten, auf einer Leiter oben hinauf unter das Dach zu kriechen, wo er jede Nacht zu ſchlafen pflegte, als plötzlich Lärm im Dorfe entſtand, ein ſo ungewoͤhnlicher Lärm, daß Fritz von der Leiter wieder herunter und mit Einem Satze an das kleine Fenſter ſprang, und hinaus horchte. „Das trabt und ſtampft ja, als ob alle Pferde aus den Schuppen ausgebrochen wären und auf das Dorf zukämen,“ ſagte er.»Aber das kann nicht ſein, und — horch,— das iſt Säbelklirren! Himmliſcher Hei⸗ land, wenn es die Franzoſen wären! Ich habe erſt heute noch mit unſerem Herrn Oberſt⸗Wachtmeiſter da⸗ von geſprochen.„Das wäre eine ſchöne Geſchichte!“ Das Traben von einer größeren Anzahl von Pfer⸗ den,— Fritz ſchätzte ſie mit geübtem Ohr auf minde⸗ ſtens dreißig Stück,— kam ſchnell näher; das Klirren von Säbelſcheiden und Sporen und Steigbügel erſcholl immer deutlicher, und jetzt ließ ſich auch der Klang einer Stimme im lauten Kommando⸗Tone unterſcheiden. „Wahrhaftig, es ſind Franzoſen!« ſagte Fritz er⸗ ſchrocken.»Da muß augenblicklich der Herr Oberſt⸗ Wachtmeiſter benachrichtigt werden. Ich laufe nach dem Schloſſe, Mutter!“ „Nein, ich laſſe dich nicht fort,“ ſagte die geäng⸗ ſtigte Frau zitternd, und hielt den Knaben mit beiden Häanden feſt.„Wenn dir ein Unglück paſſirte, ich hätte den Tod davon!“ „Aber die Pferde, Mutter! Denke doch nur an die Pferde!« entgegnete Fritz faſt außer ſich.„Wenn ſie nicht geſchwind in Sicherheit gebracht werden, fallen ſie wohl gar den Franzoſen in die Hände, und das 49 wäre ein gränzenloſes Unglück für unſern gnädigen Herrn!« »Mein einziges Kind iſt mir lieber, als alle Pferde in der Welt,“ gab die beſorgte Mutter zur Antwort, und hielt ihren Sohn ſo feſt, daß er nicht vom Platze weichen konnte. Fritz ſträubte ſich vergebens gegen die mütterliche Gewalt, bis jetzt plötzlich Lärmen und Ge⸗ ſchrei verriethen, daß der Feind mit den Dorfbewohnern in's Handgemenge gerathen ſein mußte. Man vernahm wildes Toſen und Fluchen, vermiſcht mit den Jammer⸗ lauten offenbar gemißhandelter Perſonen, die kläglich durch die finſtere Nacht erſchollen. Auf einmal rief eine Stimme:„Fritz! Fritz! Um Gottes willen! Fritz Hal⸗ mer! Zu Hülfe!« „Da hoͤrſt du es, Mutter!« ſagte Fritz heftig. »„Jedenfalls haben unſere Nachbarn mit den Franzoſen Streit bekommen, weil ſie die fremde Sprache nicht ver⸗ ſtehen, und es wird am Ende noch Mord und Todt⸗ ſchlag geben, wenn ich mich nicht dazwiſchen menge!« Trotzdem hielt die Mutter ihn immer noch feſt, bis er ſich endlich mit einem kräftigen Rucke losriß, den nächſten Weg auf die Straße durch das Fenſter nahm, und ſo ſchnell ſeine Füße ihn tragen wollten, dem Schau⸗ platze des Getümmels zueilte. Hier fand er denn ſeine Vermuthungen vollkommen beſtätigt. Ein Trupp franzöſiſcher Reiter hielt mitten auf der Straße vor dem Hauſe des Dorfſchulzen. Zwei oder drei von ihnen waren aus dem Sattel geſprungen, und fuchtelten mit ihren blanken Säbelklingen auf den Schulzen los, der ſich wie ein Wurm kruͤmmte, und ein mörderliches Schmerzensgeſchrei ausſtieß. Fritz wen⸗ dete ſich in franzöſiſcher Sprache dreiſt und keck an die 24 —— — Soldaten, und fragte ſie, warum ſie denn den armen Mann ſo ſehr mißhaͤndelten, der ihnen doch nichts zu Leide gethan habe?“ Die Franzoſen, als ſie die Klänge ihrer Mutter⸗ prache vernahmen, hielten ſofort mit der Mißhandlung des Schulzen inne, und machten ihrem Zorne nur noch durch verſchiedene Schimpfreden Luft, die viele Aehn⸗ lichkeit mit canaille, bougre, polisson u. dgl. m. hatten. Endlich brachte Fritz durch weiteres Fragen ſo viel heraus, daß die Franzoſen Nachtquartier im Dorfe halten wollten, Nahrung und Unterkunft für Mann und Roß, wenigſtens für eine Nacht, verlangten, und im Uebrigen die Dorfbewohner nicht weiter zu beläſti⸗ gen gedächten. Natürlich mußte ihnen wohl oder übel die gemachte Forderung bewilligt werden, und Fritz war nur froh, daß die Fremden kein Wort von dem Geſtüte des Gutsherrn erwähnten. Er gab dem An⸗ führer des kleinen Reitertrupps die Verſicherung, daß eiligſt und nach beſten Kräften für ihn und ſeine Leute geſorgt werden ſollte, was die Herren Franzoſen augen⸗ blicklich ſo weit beruhigte, daß ſte ihre Säbel wieder einſteckten, und das Weitere geduldig erwarteten. Fritz aber wendete ſich nun zum Schulzen, theilte ihm das Verlangen der Soldaten mit, und fand ihn bereit, ſie, ſo gut es eben gehen wollte, im Dorfe einzuquartieren. Mittlerweile hatten ſich ſo ziemlich ſante Hendah⸗ ner des Dorfes auf dem Schauplatze der Verhandlun⸗ gen eingefunden, und der Schulze konnte gleich auf der Stelle die Vertheilung der Mannſchaften vornehmen. In zehn Minuten war es geſchehen, und ein Jeder geleitete die ihm zugetheilten Soldaten nach ſeiner Huͤtte. 21 „Setzt den Leuten vor, was Ihr an Eſſen und Trinken zu Hauſe habt,“ rieth ihnen Fritz.„Wenn ſie den guten Willen ſehen, ſo werden ſie auch mit Wenigem zufrieden ſein, und Euch nicht weiter be⸗ läſtigen!“ „Und wo bleib' ich?« fragte der Anführer der Franzoſen, ein noch blutjunger Lieutenant, indem er ſich an Fritz wendete. „Wenn Sie erlauben,“ erwiederte Fritz in leidlichem Franzöſiſch,„ſo werde ich Sie zu dem Hauſe unſeres Pfarrers begleiten. Dort werden Sie die beſte Auf⸗ nahme finden, die Sie überhaupt in einem ſo kleinen Dorfe, wie dieſes, erwarten können!“ „Nichts da vom Pfarrer!“ entgegnete der Offizier barſch.„Ich weiß, es iſt ein Schloß hier, in welchem die reiche Gutsherrſchaft wohnt. Dorthin will ich ge⸗ bracht werden!“ Fritz empfand einen wahren Todesſchrecken bei die⸗ ſen Worten, denn gerade in das Schloß hätte er die Franzoſen zu allerletzt führen mögen. Außerdem, da der Offizier von dem Schloſſe wußte, lag es klar am Tage, daß er vor ſeiner Ankunft Erkundigungen über das Dorf eingezogen hatte, und ſein Kommen erſchien deshalb nicht ſo zufällig, als er anfänglich hatte glau⸗ ben machen wollen. „Wenn er gar von den ſchönen Pferden des gnä⸗ digen Herrn gehört hätte?“ dachte Fritz voller Beſtür⸗ zung.„Wenn er blos deswegen gekommen wäre, um ſich mit Gewalt der herrlichen Thiere zu bemächtigen?« Das mußte auf jeden Fall verhindert werden, und huids iei mit ſchneller Geiſtesgegenwart ſeinen Ent⸗ uß. „Wie Sie befehlen, Herr Offizier,« gab er zur Antwort.„Nur fürchte ich, Sie werden ſich im Schloſſe nicht ſo wohl befinden, als im Pfarrhauſe.“ „Thut nichts,« erwiederte der junge Mann.„Ich will den Baron kennen lernen. Vorwärts alſo!“« Längeres Sträuben half nichts. Auf Seiten der Franzoſen war die Uebermacht und Gewalt, Fritz konnte ihr nichts als Liſt entgegenſtellen. „Wohlan, wenn Sie befehlen, ſo werde ich Sie führen,“ ſagte er. „Gut!“ lautete die zufriedene Antwort.„Gehen Sie voran!“ Fritz gehorchte, und der Offizier folgte mit einem Begleiter, welcher jedenfalls ſein Diener war. Das Scchloß wurde bald erreicht. Auf dem Hofe ſaßen die 8 Reiter ab, der Diener nahm ſeines Herrn Pferd in 3” Empfang, und dieſer ſelbſt wurde von Fritz nach dem bewohnten Flügel des Schloſſes geführt, wo ihnen der alte Oberſt⸗Wachtmeiſter, von dem unwillkommenen Beſuch bereits unterrichtet, im Schlafrock und Pantof⸗ feln entgegen trat. Der Offizier grüßte ihn ziemlich höflich, aber der alte Herr erwiederte den Gruß kaum, und wendete ſich ſogleich an Fritz, den er mit zornigen Augen anblitzte. „Das ſind mir ſchöne Geſchichten, Burſche,“ ſagte er.„Konnteſt du den Franzoſen nicht wo anders unter⸗ bringen, als gerade bei mir hier?« „Halten zu Gnaden, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, nein, das konnt' ich nicht,« verſetzte Fritz.„Der Offi⸗ zier beſtand darauf, daß ich ihn hierher fuͤhren ſollte, und da blieb mir nichts Anderes übrig, als zu ge⸗ horchen.“ „Und was will der Kerl hier?“ „Angeblich nur ein Abendeſſen, eine Flaſche Wein, und Nachtquartier! Aber, gnädiger Herr, ich fürchte, daß mehr dahinter ſteckt.“ „Und was?« „Die Pferde! Die Pferde, Herr!“ Der Oberſt⸗Wachtmeiſter erſchrak, und Fritz bemerkte, daß auch der Franzoſe bei dem Worte Pferde ſtutzte, und eine gewiſſe Ueberraſchung in ſeinen Mienen blicken ließ. Offenbar hatte er verſtanden, was Fritz meinte, nahm aber ſchnell wieder die vorige unbefangene Hal⸗ tung an. Dem Baron gelang es nicht, ſich ſo ſchnell wieder zu faſſen. „Das wäre der Teufel!“« brummte er ganz beſtürzt. „Was iſt da zu machen?“ „Ueberlaſſen Sie es mir, das Nöthige zu beſorgen und die Pferde fortzuſchaffen,“ verſetzte Fritz.„Sie müſſen noch dieſe Nacht, vor Tagesanbruch zuſammen⸗ gekoppelt und möglichſt tief in den Wald hineingetrie⸗ ben werden. Da mogen die Franzoſen ſie ſuchen!“ „Der Gedanke iſt gut,“ ſagte der Oberſt⸗Wacht⸗ meiſter.„Ich vertraue auf dich, Fritz. Benachrichtige den Oberknecht, daß die Franzoſen hier ſind, und über⸗ bringe ihm meinen Befehl, die Pferde ſammt und ſon⸗ ders fortzuſchaffen.« Fritz machte ein bejahendes Zeichen, und wandte ſich dann wieder an den franzöſiſchen Offizier, zu dem er in unbefangenem Tone einige Worte ſprach. Der Offizier nickte. „Ich habe ihm geſagt, daß Sie bereit wären, ihn in's Quartier zu nehmen, gnädiger Herr,“ fluͤſterte 24 Fritz jetzt dieſem zu.„Geben Sie ihm ein paar Flaſchen Wein, dann geht er vielleicht bald zur Ruhe.“ Nach dieſen Worten ſchluͤpfte er ſchnell aus dem Zimmer, und überließ es dem alten Herrn, mit ſeinem Gaſte fertig zu werden, ſo gut es eben gelingen wollte. Anſtatt aus dem Schloſſe, ſchlich er erſt nach den Ställen hinüber, winkte heimlich einem von den Reit⸗ burſchen, den er gut kannte, daß er hinaus in's Freie kommen möge, und theilte ihm hier flüſternd mit, was r für Befürchtungen in Bezug auf die Franzoſen egte. »Sieh' zu, Heinrich, daß du auch die Pferde hier im Stalle den Spitzbuben aus den Zähnen rücken kannſt,“ ſagte er ſchließlich.„Ich muß in den großen Schuppen hinunter und verſuchen, dort mein Möglich⸗ ſtes zu thun.“ „Schon recht,“« verſetzte der Reitburſche.„Nicht ein Haar von den ſchönen Thieren ſollen ſie bekommen. Verlaſſ' dich auf mich. Morgen früh vor Sonnenauf⸗ gang ſind wir mit den Pferden über alle Berge, und die Franzoſen ſollen nichts finden, als leere Ställe und leere Krippen.“ Fritz nickte zufrieden. Er wußte, daß er ſich auf Heinrich verlaſſen konnte. In aller Eile, aber auch in aller Stille verließ er jetzt das Schloß, und rannte ſpornſtreichs nach den Waldwieſen hinüber. Nacht und Dunkelheit hielten ihn nicht auf; er kannte Richtung und Weg zu genau aus langer Erfahrung. Nach weniger als einer halben Stunde hatte er den Schup⸗ pen erreicht, weckte den Oberknecht, und überbrachte ihm die Befehle ſeines Herrn. „Die Franzoſen hier!« brummte der ehrliche Kerl,— — 25 „da muß ja gleich ein Wetter drein ſchlagen! Na, unſere Pferde ſollen ſie aber ſchon nicht kriegen, ſo viel ſite auch Gelüſten darnach tragen mögen. Wir. wollen geſchwind die anderen Knechte wecken, und dann fort, nach allen Richtungen hinein in den Wald. Da kön⸗ nen ſie lange ſuchen, bis ſie uns ausfindig machen. Die Spitzbuben! Glaub's wohl, das würde ihnen ge⸗ fallen, wenn ſie ſo ein Schock der prächtigſten Pferde mit Einem Schlage erbeuteten! Aber die Freude ſollen ſte nicht erleben! Flink an's Werk!« Nach wenigen Augenblicken waren die Leute aufge⸗ weckt und munter, und machten ſich raſch an's Ge⸗ ſchäft, die Pferde an einander zu koppeln, ſo daß ſie ſich nicht einzeln im Walde verlaufen konnten. Fritz half geſchäftig dabei. In kurzer Zeit war das Werk vollbracht. Nur die Füllen, welche in die beſondere Aufſicht von Fritz gegeben waren, liefen noch frei im Schuppen umher. Der Oberknecht wollte auch ſie koppeln laſſen, aber Fritz that Einſpruch. „Laßt es nur gut ſein,“ ſagte er.„Die Thierchen folgen mir auf Wort und Wink, und wenn ich auf meinem Ali ſitze und vorne reite, ſo bleibt keines von Allen zurück. Ich ſtehe dafür. Wenn wir ſie aber binden und koppeln, ſo könnten ſie leicht widerſpenſtig werden und Unheil anrichten.“ „Auch gut, mir kann es ſo recht ſein,“ erwiederte der Oberknecht.„So mache dich denn in Gottes Na⸗ men davon. Wohin willſt du die Füllen ſchaffen? Wir müſſen uns natürlich in verſchiedene Trupps theilen, um die Franzoſen nicht auf die Fährte zu bringen.“ „Verſteht ſich,« gab Fritz zur Antwort.„Ich denke —— 26 nach der Engels⸗Wieſe hinüber zu gehen, die mitten in Sümpfen liegt, durch die ſich kein Menſch hindurch findet, wenn er nicht, wie ich, jeden Tritt und Schritt über das Moor kennt.“ „Ganz recht! Der Einfall iſt gut, mein Junge,“ ſagte der Oberknecht.„Für uns iſt die Wieſe zu klein, aber für deine paar Füllen gibt es ſchon Platz genug. Na, Gott befohlen, und nimm das liebe Vieh hübſch in Acht, Fritz!“ „Werde mein Beſtes thun,“ verſetzte dieſer, indem er ſich auf den glatten Rücken des ſchönen Rappen⸗ Füllens ſchwang, und in der Richtung nach der ſoge⸗ nannten Engels⸗Wieſe davon trabte. Wie er's vor⸗ ausgeſagt, folgten die andern Füllen Alle dem Anführer, und es gelang der vorſichtigen Führung des Knaben, ſämmtliche Thiere wohlbehalten in das gewählte Ver⸗ ſteck zu bringen. Hier konnte er ſie ruhig ſich ſelbſt überlaſſen. Die kleine Wieſe lag inmitten eines ſum⸗ pfigen Moores, durch welches nur ein wenige Fuß breiter, feſter und ſicherer Pfad führte. Er vermachte denſelben durch einige kreuzweis in den Boden geſteckte Stangen, und ſchlug dann den Rückweg nach dem Dorfe ein. Er konnte ſich wohl denken, daß ſeine Mutter in großer Angſt und Sorge um ihn ſchweben würde, und wollte ſie deshalb ſo ſchnell als möglich beruhigen. In der That fand er ſie daheim in Thränen, die ſich aber in freudiges Entzücken auflösten, als Fritz geſund und wohlgemuth, nur ein wenig erhitzt vom raſchen Laufen, bei ihr eintrat. Als er ihr die Veranlaſſung ſeines Ausbleibens mittheilte, konnte ſie nicht auf ihn ſchelten. Auch ſagte ihr Fritz bald gute Nacht, denn er war in 27 der That ſehr müde, und ſehnte ſich nach einem er⸗ quickenden Schlummer. Am andern Morgen war er gleichwohl ſchon wieder früh auf den Beinen. Der Klang ſchmetternder Trom⸗ peten ſcheuchte den Schlummer von ſeinen Augen, und er warf ſchnell ſeine Kleider über, um ſich zu erkundi⸗ gen, was dieſe kriegeriſchen Töne zu bedeuten hätten. „Vielleicht das Beſte,“ dachte und hoffte er heim⸗ lich,— nämlich den baldigen Abzug des Feindes.„Am Ende haben wir uns ganz unnöthig und für nichts und wieder nichts abgeängſtigt und abgemühet.“ Als er auf die Straße kam, die das Dorf in ge⸗ rader Linie durchſchnitt, ſah er die während der Nacht einquartierten Soldaten in Reih' und Glied ſämmtlich zu Pferde, und nur der junge Offizier fehlte noch, den er geſtern Abend nach dem Herrenhauſe geführt hatte. „Er wird ſchon auch noch kommen!“ tröſtete ſich Fritz.„»Hier die Leute ſehen wenigſtens nicht aus, als ob ſie Feindſeligkeiten im Schilde führten.“ In der That ſchienen die Mannſchaften ganz zu⸗ frieden zu ſein. Sie lachten und ſcherzten unter ſich, und ſpotteten gutmüthig über die liebe Dorfjugend, die ſich in einiger Entfernung um den Trupp verſammelt hatte, und ihn mit ſcheuer Ehrfurcht betrachtete. Sie warteten augenſcheinlich auf ihren Offizier, der aber noch eine ganze halbe Stunde lang nichts von ſich hören und ſehen ließ. Endlich ſprengte ſein Diener auf dem Wege von dem Schloſſe einher, wendete ſich an einen Unter⸗Offizier des Truppes, der während der Abweſenheit des Lieutenants das Kommando führte, und machte demſelben eine Meldung. Fritz verſtand, da die Ordonnanz ganz laut ſprach, jedes Wort des 28 Befehles. Er lautete, der ganze Trupp ſollte ſofort in das Schloß einrücken und den Knaben mitbringen, der geſtern das Amt eines Dolmetſchers verſehen hatte. „Sacre bleu, wo ſollen wir aber den Burſchen finden?“ ſagte der Unter⸗Offizier verlegen.„Ich habe ihn geſtern bei der Dunkelheit kaum geſehen!“ „Machen Sie ſich darüber keine Sorge weiter, Herr,“ ſagte Fritz und trat keck vor.„Ich bin der Dolmetſcher von geſtern, und gern bereit, mit Ihnen zu gehen!“ „Ah, das trifft ſich vortrefflich, mein junger Freund,« erwiederte der Unter⸗Offizier angenehm überraſcht. „Vorwärts alſo, meine Braven!“ Er umfaßte Fritz mit dem rechten Arme, hob ihn leicht vor ſich in den Sattel, und trabte dann mit ihm und der ganzen Truppe nach dem Schloſſe. Auf dem Hofe wurde„Halt!« kommandirt, und an einem Fen⸗ ſter des Schloſſes erſchien der Lieutenant, und nickte Fritz, daß er herauf kommen ſollte. Oben im Zimmer fand Fritz ſeinen alten Herrn, den Oberſt⸗Wachtmeiſter, in groͤßter Aufregung. Der franzöſiſche Offizier war äußerlich ziemlich ruhig, aber ſeine gerunzelte Stirn und ſeine düſter blitzenden Augen zeigten, daß dieſe Ruhe eben nur äußerlich war. „Erklären Sie dieſem Herrn,“ redete er Fritz an, indem er auf den alten Baron deutete,„daß er unfehl⸗ bar maſſakrirt werden wird, wenn er nicht ohne wei⸗ teres Zögern Aufſchluß gibt, wohin er ſeine Pferde gebracht hat. Ich bin beauftragt, ſie wegzunehmen. Die franzöſiſche Armee leidet Mangel an Pferden. Wir müſſen ſie haben. Man wird einen Empfang⸗ ſchein darüber ausſtellen, und wenn Alles gut geht,. 29 woran gar nicht zu zweifeln iſt, ſo wird man die Pferde ſpäter nach ihrem vollen Werthe bezahlen. Erklären Sie das dem Herrn! Er muß ſich fügen, bei Gefahr ſeines Lebens!“ Fritz gerieth über dieſe ſehr determinirte Anrede des Franzoſen in nicht geringe Beſtürzung. Daß der Mann keinen Spaß machte, lag klar zu Tage. An Ausweichen oder Entrinnen war gar nicht zu denken. Wenn der Baron nicht erſchoſſen oder aufgehängt werden ſollte, mußte er ſeine ſchönen Pferde ausliefern, und noch dazu an den Feind des Vaterlandes, den er auf's Grimmigſte haßte. Das war traurig, aber es half Alles nichts, Fritz mußte dem Oberſt⸗ Wachtmeiſter die Forderung des Franzoſen wiederholen. „Nimmermehr!“ rief der alte Herr aus.„Obgleich ich nicht viel Franzöſiſch verſtehe, ſo habe ich doch ſo viel verſtanden, daß ſie meine edlen Thiere haben wol⸗ len. Aber nicht ein Haar von ihnen ſollen ſie kriegen, ſo wahr ich der Freiherr vom Borne bin. Erkläre dieſem Menſchen das! Zehnmal lieber mein Leben, als meine Pferde!“ »Aber bedenken Sie, gnädiger Herr,“ ſagte Fritz warnend.„Ich glaube wahr und wahrhaftig, der Offizier macht Ernſt!« »Ich habe ſchon Alles bedacht!« erwiederte der Oberſt⸗Wachtmeiſter.„Möge er ſein Sehlimmmſtas thun! Die Pferde bekommt er nicht!« Fritz überlegte. Bald hatte er einen Entſchluß ge⸗ faßt, und ein Blitz des Triumphes ſtrahlte aus ſeinen Augen. »Es thut mir leid, Herr Offizier,“ ſagte er zu dieſem,„daß der Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter erklärt, 30 Ihnen die verlangten Pferde nicht ausliefern zu kön⸗ nen.“ „»Und warum nicht?« brauste der Lieutenant auf. »„Haſt du ihm nicht geſagt, daß ich ihn erſchießen laſſe, wenn er nicht nachgibt?“ »Ganz recht, Herr,“ erwiederte Fritz ruhig.„Ich habe Alles geſagt, aber mein Herr kann Ihnen die Pferde nicht geben, weil ſie, was ich ſelbſt nicht gewußt habe, erſt vor ganz kurzer Zeit von preußiſchen Trup⸗ pen mit fortgenommen ſind. Da haben Sie die Ur⸗ ſache!« „Lüge! Schändliche Lüge!“ ſchrie der Franzoſe. „Unſere Nachrichten ſind genau und ſicher. Es müſſen mehr als ſechszig Pferde da ſein!«“ „Sie waren da,— allerdings,“ entgegnete Fritz, — aber jetzt ſind ſie fort.« „Ausflüchte! Lügen!“ rief der Franzoſe wüthend. »Aber, gleichviel, Lüge oder nicht! Wenn ich nicht binnen fünf Minuten weiß, wohin die Pferde verſteckt ſind, wird jener Mann erſchoſſen!« Während Fritz dem Oberſt⸗Wachtmeiſter dieſe letzte Entſcheidung verdolmetſchte, trat der Offizier wieder an's Fenſter, und ſchrie hinunter, daß zehn Mann ab⸗ ſitzen und mit geladenen Karabinern herauf kommen ſollten. Auch dieſen Befehl verdeutſchte Fritz ſeinem Herrn, aber der alte Oberſt⸗Wachtmeiſter blieb uner⸗ ſchuͤtterlich. „Mögen ſie mich niederſchießen,“ ſagte er kaltbluͤtig. „Von meinen Pferden bekommen ſie mit meinem Willen keines zu ſehen!« Mittlerweile kamen die Soldaten herauf, und faßten 341 auf einen Wink ihres Offiziers dem Oberſt⸗Lieutenant gegenüber Poſto. „Wenn ich Feuer kommandire,“ ſagte er,„ſo ſchießt dieſen Mann nieder. Noch zwei Minuten! Sage das dem Herrn!« „Um Gotteswillen, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, geben Sie nach!“ flehte Fritz. Der alte Herr ſchuͤttelte nur trotzig den Kopf, blieb mit untergeſchlagenen Armen ſtehen, blickte feſten Auges die Soldaten an, und ſagte laut:„Schießt zu, Mör⸗ der! Es iſt nur eine Schandthat mehr zu den Mil⸗ lionen anderen, die Ihr in deutſchen Landen verübt habt!“ Der Lieutenant ſchaute auf ſeine Uhr, die er in der Hand hielt.„Noch eine Minute!“ ſagte er. Ein dumpfes Stillſchweigen folgte, Die Soldaten erhoben ihre Karabiner. Das Kommando, Feuer zu geben, ſchwebte auf den Lippen des Lieutenants,— da ſtürzte Fritz plötzlich vor, und warf ſich ihm zu Füßen. „Schonen Sie ihn, Herr!« rief er aus.„Die Pferde ſind wahr und wahrhaftig fort! Nur die Füllen ſind noch da, einige Zwanzig an Zahl, und ich kenne ihr Verſteck. Wenn Sie meinen gütigen Herrn ſchonen, will ich Ihnen die Thiere ausliefern!« Der Offizier ſprach das tödtliche Kdommando⸗Wort nicht aus. Der unheilkündende Ernſt ſchwand aus ſeinen Zügen, und ſein düſteres Auge hellte ſich auf. »Wie alt ſind die Füllen?« fragte er. »Die Meiſten drei Jahr alt, Einige zwei Jahr.“ »Allerdings noch ſehr jung! Aber gleichviel! Einen Feldzug werden ſie wohl aushalten! Vorwärts, Sol⸗ 32 daten! Dieſer Knabe wird uns führen! Aber, wehe dir,« fügte er mit furchtbarem Ernſte hinzu,—„wehe dir, wenn du es wagſt, mich zu betrügen!« „Ich betrüge Sie nicht, ich ſage die Wahrheit,“ erwiederte Fritz.„»Aber ich muß Sie noch um eine Gnade bitten?« „Um was?“« „Sie ſehen wohl ein, wenn der Herr Oberſt⸗Wacht⸗ meiſter erfahrt, daß ich das Verſteck der Fuͤllen verrathen habe, ſo wird es mir ſchlecht ergehen. Darum bitte ich, nehmen Sie mich mit. Unter Ihrem Schutze werde ich mich ſicher fühlen!“ „Es ſei!« erwiederte der Offizier.„Ohnehin, denke ich, wirſt du uns von Nutzen ſein können. Vorwärts alſo! Wenn wir die Pferde haben, hält uns hier nichts mehr zurück.“ Sie wollten gehen, aber ein donnerndes Halt des alten Oberſt⸗Wachtmeiſters hielt ſie auf. „Was hat das zu bedeuten, Fritz?« fragte er grimmig den jungen Burſchen.„Ich glaube gar, du biſt zum Verräther an mir geworden!“ „Einzig und allein, um Ihr Leben zu retten, gnä⸗ diger Herr!“« verſetzte Fritz.»Die Füllen muß ich ſchon ausliefern, aber wegen der anderen Pferde, können Sie nun unbeſorgt ſein. Ich habe den Franzoſen weiß ge⸗ macht, die Preußen hätten ſie geholt.“ „Schurke! Verräther! Elender Betrüger!“ brach der alte Mann mit unbändiger Heftigkeit los, indem er mit geballten Fäuſten auf Fritz eindrang, um ihn zu Boden zu ſchlagen, aber durch den Dazwiſchentritt der Franzoſen glücklich verhindert wurde. „Da ſehen Sie ſelber, Herr Offizier!“ ſagte Fritz 299 90 zu dem Lieutenant.„Der alte Herr iſt furchtbar jäh⸗ zornig, und ich wäre meines Lebens nicht ſicher, wenn ich ihm wieder vor die Augen käme! Darum, aus Barmherzigkeit, laſſen Sie mich nicht zurück!« „Nein, nein, fürchte nichts,« lautete die Antwort. „Dein Herr iſt ja ſchlimmer, als ein toller Wolf! Komm' nur! Vielleicht wirſt du bei uns noch dein Glück machen!«“ 3 Sie gingen, und die heftigſten Verwünſchungen des alten Oberſt⸗Wachtmeiſters folgten ihnen nach. Aber Niemand kümmerte ſich mehr um den wilden alten Herrn. Fritz wurde zu einem Soldaten auf das Pferd geſetzt, und der ganze Trupp ritt im Trab davon. Fritz hielt wirklich das Verſprechen, das er dem Offizier gegeben hatte, und lieferte ihm richtig die ſämmtlichen Füllen des Oberſt⸗Wachtmeiſters aus. Es waren prächtige Geſchöpfe, und der Lieutenant zeigte ſich daher mit dem Fange äußerſt zufrieden. „Ich komme doch nicht mit leeren Händen!“ ſagte er.»Eine Beförderung iſt mir ſo gut wie gewiß!« Die Füllen wurden mit Halftern und Stricken zu⸗ ſammengekoppelt, weil Fritz aus einem gewiſſen Grunde nicht verrathen wollte, daß ſie auch ohnedies ſeinen Winken und Worten Folge leiſteten, und nun brach man in der Richtung nach Dresden auf. Fritz ritt den prächtigen Rappen, ſein Lieblingspferd, und zwar ohne Zügel und Zaum, nur mit einem Stricke, worüber ſich die Franzoſen nicht wenig verwunderten. Uebrigens wußte er ſich bei dieſen ſchnell beliebt zu machen, und beſonders der Lieutenant ſah den munteren jungen Bur⸗ ſchen gern in ſeiner Nähe. »Wenn du nicht noch ſo jung wäreſt,« ſagte er Man muß ſich durchſchlagen. 3 34 gelegentlich einmal zu ihm,„ſo müßteſt du in die fran⸗ zöſiſche Armee eintreten, und ich würde dich zu meinem Diener machen. So aber wird wohl weiter nichts übrig bleiben, als dich bei den Pferden zu laſſen, bis ſie einigermaßen geſchult und geritten ſind. Nachher mußt du zum Train übergehen,— da kann man ſolche flinke Burſche, wie du biſt, wohl brauchen.“ „Schon recht, Herr Lieutenant,“ erwiederte Fritz. „Ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur nicht in mein Dorf zurückkehren muß, und bei den Pferden bleiben kann!“ „Beides verſpreche ich dir, und werde Sorge da⸗ für tragen, daß mein Verſprechen in Erfüllung geht,“ entgegnete der Lieutenant, und Fritz ſprach ſeine herz⸗ liche Freude darüber aus, was den Franzoſen nur in ſeinen guten Abſichten in Bezug auf den jungen Bur⸗ ſchen beſtärkte. 6 Mitte Auguſt traf der kleine Trupp Franzoſen in Dresden ein. Die Stadt war mit franzöſiſchen Trup⸗ pen überfüllt, und es hielt daher ſchwer, für die Füllen ein paſſendes Unterkommen zu finden. „Schade, daß ſie noch nicht zugeritten ſind,“ ſagte der Oberſt des Lanciers⸗Regimentes, zu welchem der Lieutenant Renault gehörte.„Man könnte ſte dann gleich einrangiren. Aber das geht nicht, und ich be⸗ finde mich deshalb in Verlegenheit. Die jungen Pferde ſind ausgezeichnet ſchön, wahre Pracht⸗Exemplare, ich kann mich kaum von ihnen trennen, und doch weiß ich nicht, was mit ihnen anzufangen iſt. Wir erwarten in den nächſten Tagen eine Schlacht, kein Stall in der Stadt ſteht leer,— was iſt da zu thun?« „Mit Erlaubniß, Herr Oberſt,“ nahm Fritz beſcheiden 935 350 das Wort, als auch der Lieutenant ſchwieg, und ver⸗ legen die Achſel zuckte,—„die Thierchen brauchen gar keinen Stall, ſie ſind nicht daran gewöhnt, und würden viel lieber im Freien umherſpringen. Wenn irgendwo herum nur ein Stückchen Wieſe zu finden wäre, ſo wollte ich dafür ſtehen, daß ſie ſich ganz wohl befinden, bis anderwärtig für ſie geſorgt werden kann.“ Der Oberſt lächelte freundlich. »An Wieſen fehlt es hier nicht,— da iſt gleich das große Oſtra⸗Gehäge, ſagte er.„Aber werden die Pferde nicht davon laufen?« »Mir läuft Keines davon,“ verſicherte Fritz. „Ah, gut,“« verſetzte der Oberſt.—„Kann man ihm trauen?« fragte er den Lieutenant mit leiſer Stimme. »Gewiß!“« erwiederte dieſer, und erzählte kurz, wie er zu den Pferden und zu Fritzens Geſellſchaft gekom⸗ men war.„Der Burſche hat ſich unterwegs ſehr gut benommen, und die Thiere ſind an ihn gewoͤhnt,“ ſetzte er hinzu. »Nun denn, ſo muͤſſen wir's mit ihm verſuchen,“ entſchied der Oberſt.„Es bleibt uns für den Augen⸗ blick nichts Anderes übrig. Für den Nothfall kann man dem Burſchen eine Ordonnanz zur Ueberwachung mitgeben. Sorgen Sie dafür, Lieutenant Renault. Uebrigens bin ich mit Ihrer Ausführung meines Auf⸗ trags zufrieden. Sie haben wirklich einen herrlichen Fang gemacht, und ich werde dafür ſorgen, daß Ihre Dienſte nicht unbelohnt bleiben. Wenn wir erſt wie⸗ der ein wenig mehr Zeit und Ruhe haben, wollen wir mit der Dreſſur der hübſchen Thiere beginnen. Jetzt alſo ſchicken Sie den Burſchen mit den Thieren in das 3* — 36 große Oſtra⸗Gehäge, beſtellen Sie einen ſicheren Mann zu ſeiner Ueberwachung, und dann kommen Sie nach dem Haupt⸗Quartier, wo Sie Weiteres hören werden. Adieu!« Der Oberſt ſprengte davon, und Lieutenant Renault führte die empfangenen Befehle aus. Ein Unter⸗Offizier, Namens Briſſac, wurde beordert, Fritz nach dem Ge⸗ häge zu geleiten, und dort die Ober⸗Aufſicht über ihn und die Pferde zu übernehmen. Dann verabſchiedete ſich der Lieutenant Renault in beſter Laune von Fritz, und ſprach die Hoffnung aus, daß er ihm bald einen Beſuch werde machen können. „Schon recht,“ murmelte Fritz in deutſcher Sprache zwiſchen den Zähnen.„Ich aber hoffe, daß ich dich in meinem ganzen Leben nicht wiederſehen werde!“ „Was ſagſt du, Burſche? Was murmelſt du da?« fragte ihn Briſſac barſch. „Ich dachte nur, ob die Pferde wohl auch Weide genug finden würden, und ob es auch nicht an Waſſer fehlen wird?« verſetzte Fritz ganz ruhig und kaltblütig, da er ſich in ſeinem Innerſten nicht im mindeſten ver⸗ pflichtet fühlte, den Feinden ſeine wirklichen Gedanken und Abſichten zu enthuͤllen. „Oh, was das anbetrifft, ſo kannſt du unbeſorgt ſein,“ erwiederte Briſſac lachelnd.„Die Elbe werden deine paar Füllen wohl nicht austrinken, und Gras wächst im Gehäge gerade genug, um die hübſchen Thierchen ein ganzes Jahr und noch länger damit zu füttern.“ „Deſto beſſer!“ antwortete Fritz.„Alſo das Ge⸗ häge, wie Sie es nennen, liegt an der Elbe?“ „Ja wohl, mein Kleiner, und ein hübſcher, breiter Fluß iſt es, dieſe Elbe.“ „»Auch ſehr tief?« »Tief genug, um darin ertrinken zu können, wenn ein vorwitziges Bürſchchen etwa den Verſuch machen wollte, durch zu waten.“ „Das wird mir wenigſtens nicht einfallen,“ erwie⸗ derte Fritz ganz unbefangen.„Aber wo iſt das Ge⸗ häge?« »Nicht weit! Dort rechts hinüber! Komm' nur mit mir!“« Nach wenigen Minuten erreichten ſie das Oſtra⸗ Gehäge, einen weit ausgedehnten Wieſengrund mit ſchattenreichen Kaſtanien⸗Alleen, der, in einem großen Bogen vom Elbſtrom eingefaßt, eine Art von Halb⸗ Inſel bildete. Luſtig wieherten die Füllen, als ihre großen Augen über die duftige grüne Fläche hinſtreif⸗ ten. Fritz nahm ihnen ohne Weiteres die Halfter ab, und ließ ſie frei und feſſellos über die Wieſe hin⸗ laufen. »Was machſt du?« fragte Briſſac faſt erſchrocken. »Wenn ſie nun davon ſprengen? Wer ſoll ſie wieder⸗ kriegen?« »Unbeſorgt, Monsieur,« verſetzte Fritz lächelnd. „Ein Ruf oder Pfiff von mir, und ſie kommen wieder zur Stelle, wenn ſie auch am äußerſten Ende der Wieſe wären!« »Diantre! Das wäre merkwürdig,“« verſetzte der Franzoſe.„Aber ehe ich es glaube, möͤchte ich es erſt ſehen!«— »Das ſollen Sie!« ſagte Fritz.„Warten Sie nur einige Minuten.« 3 Die jungen Thiere, ihrer läſtigen Bande entledigt, ſprangen ausgelaſſen über die Wieſe hin, galoppirten kreuz und quer, die Einen an das Ufer der Elbe hinab, die Andern da und dort über die üppigſten Grasflecke hin, die ihren Appetit zu reizen ſchienen, und ehe noch fünf Minuten verſtrichen, waren ſie ſo ziemlich ſchon uͤber die eine Hälfte des ganzen großen Gehäges zer⸗ ſtreut. Da ließ Fritz ſeinen gewöhnlichen Pfiff er⸗ ſchallen. Laut gellte er in die Weite, und die Wir⸗ kung erfolgte faſt augenblicklich. Zuerſt ſprang das Rappen⸗Füllen herzu, und unmittelbar darauf von allen Seiten die Uebrigen. „Da ſehen Sie,« ſagte Fritz.„Glauben Sie mir nun?«— „Gewiß!« erwiederte Briſſac ganz erſtaunt.»Ich weiß nun, daß man ſich auf den Gehorſam und die gute Zucht Ihrer Thierchen verlaſſen kann, und ſchließe daraus, daß wir eine leichte Wache haben werden.“ „Zweifeln Sie daran nicht,“ verſetzte Fritz trocken, und ſchaute ſich um, ob er vielleicht in der Nähe ein, wenn auch dürftiges Obdach für die Nacht entdecken könne. Bald fand er, was er ſuchte und brauchte,— einige leicht gebaute Schuppen am Elbufer, welche für gewöhnlich zur Aufbewahrung von Kohlen dienten. Gerade jetzt ſtanden ſie leer, und Fritz beſchloß, Einen davon zu ſeinem Nachtquartier zu benutzen. Einige Tage ging Alles ordentlich und vortrefflic. Briſſac, der Ober⸗Aufſeher, kümmerte ſich faſt nicht mehr um Fritz und die Pferde, da er wohl bemerkte, daß die Wachſamkeit des Knaben keines Anſpornens bedurfte. Fritz ſeinerſeits war immer fröhlich und wohlgemuth, und ſchien ſich um nichts weiter zu be⸗ kümmern, als eben um ſeine Pferde. Gleichwohl war dem in Wirklichkeit nicht ſo. Wenn er ſich unbeachtet wußte, ſo durchſpähte er genau die nächſten Umgebungen des Oſtra⸗Gehäges, und bei den Fiſchern zog er Erkundigungen ein, ob es nicht irgendwo in der Nähe eine Furth durch die Elbe gäbe. Man zeigte ihm mehrere Stellen, wo der Fluß beſonders flach und ſeicht war, und Fritz ruhete nicht, bis er ſie Alle gründlich unterſucht hatte. Er fand einen Punkt, den er ganz geeignet zum Durchwaten fand, und merkte ſich die Umgebungen deſſelben auf's Genaueſte. Warum er dies that, werden wir bald erfahren. Jedenfalls hatte er ſeinen guten Grund dazu. So kam der ſechsundzwanzigſte Auguſt heran. Fritz vernahm an dieſem Tage heftiges Gewehrfeuer und Kanonendonner, und fragte Briſſac nach der Bedeutung deſſelben. „Ich dächte, das läge deutlich genug auf der Hand,“ lautete die Antwort.„Die verbündete Armee der Preu⸗ ßen, Ruſſen und Oeſterreicher will uns aus Dresden verjagen, aber unſer Kaiſer wird ihnen ſchon die Wege weiſen.“ „Der Kaiſer Napoleon iſt ja aber gar nicht in Dresden, wie Sie mir ſelbſt geſagt haben, Monsieur Brissac!“ „Thut nichts! Er wird da ſein, wenn die rechte Zeit da iſt. Zweifle daran nicht.“ Der Geſchützdonner und das Kleingewehrfeuer dauer⸗ ten ununterbrochen fort, und ſchienen ſich von Süden und Oſten her immer mehr der Stadt zu nähern, was augenſcheinlich darauf hindeutete, daß die Verbündeten ——— 40 Vortheile über die Franzoſen erkämpften. Selbſt Briſ⸗ ſac, bisher ſo zuverſichtlich, begann allmählig einige Beſorgniß zu verrathen, bis auf einmal die Glocken in Dresden zu läuten begannen, und gleich darauf lange Zuͤge Soldaten von verſchiedenen Truppen⸗Gattungen über die Elb⸗Brücke marſchirten. „Der Kaiſer iſt da! Er iſt gekommen!« ſagte Briſſac triumphirend.»Jetzt wird die Geſchichte bald eine ganz andere Wendung nehmen!« Die Vermuthung Briſſac's ſchien richtig. Das Ge⸗ töſe des Kampfes nahm allmählig auf allen Seiten zu, aber zugleich ſchien es ſich auch wieder aus der Nähe von Dresden zu entfernen. Briſſac jubelte. „Ich muß hin, und mit eigenen Augen ſehen, wie die Herren Verbündeten von unſerem Kaiſer geklopft wwerden,“ ſagte er zu Fritz.„Gib mir indeſſen gut auf die Pferde Acht!« „ Unbeſorgt,« erwiederte Fritz.„Ich werde ſie ge⸗ wiß nicht aus den Augen verlieren.“ Briſſac ſchärfte ihm wiederholt Vorſicht ein, und ging dann mit raſchen Schritten der Stadt zu. Fritz blickte ihm ſinnend nach.. »Es geht am Ende jetzt eben ſo gut, als ſpäter,« murmelte er.„Die Nacht iſt nicht mehr fern, und vor Einbruch der Dunkelheit wird der Kampf ſicherlich nicht aufhören. Wenn dann Briſſac zurückkommt, bin ich längſt über die Elbe, und er kann ſehen, wo er mich findet. Ja, ja, ich darf nicht zögern! So lange die Schlacht dauert, achtet Niemand auf mich, und nach⸗ her,— nun, man muß ſich durchſchlagen! Vorwärts alſo!«. Ein Pfiff gellte laut und durchdringend über das ——— * 41 ganze Oſtra⸗Gehäge. Die da und dort zerſtreut wei⸗ denden Pferde vernahmen ihn, und hoben ihre Köpfe in die Höhe. Ein Pferd aber kam im Galopp über die Wieſenfläche einhergeſprengt, und machte erſt dicht neben Fritz Halt. Es war das ſchoöͤne Rappen⸗Füllen, ſein Liebling. „He, Ali, wir müſſen fort,“ ſagte er zu dem ſchö⸗ nen Thiere, das ſich liebkoſend an ihn ſchmiegte, wäh⸗ rend er ihm ſanft den ſchlanken Hals klopfte.„Weder du, noch ich, wollen uns von den Franzoſen knechten laſſen, alſo hübſch folgſam mein Thierchen, und ich ver⸗ ſpreche dir, daß du in ſpäteſtens acht Tagen wieder zu Hauſe ſein ſollſt.“ Das Pferd verſtand ihn natürlich nicht, aber ruhig ließ es geſchehen, daß ſich Fritz auf ſeinen Rücken ſchwang. Fritz lenkte es in einem weiten Halbkreiſe um die übrigen Füllen herum, und ließ von Zeit zu Zeit wieder einen Pfiff ertönen, der die ganze kleine Heerde in ſeine unmittelbare Nähe brachte. Er über⸗ zählte ſte,— es fehlte kein einziges Stück. „»Gut!« murmelte er.„Nun durch die Furth! Wenn ſie mir nur durch das Waſſer folgen, dann hat's keine große Noth mehr!“ Fritz ließ den Rappen zu einem leichten Trabe aus⸗ holen, und näherte ſich in gerader Richtung der Elbe. »Vorwärts, Ali! Vorwärts!“ ſagte er ermunternd, als das Pferd einen Augenblick vor dem Waſſer ſtutzte, und eine gewiſſe Scheu zeigte, hinein zu gehen. Ali zögerte bei dem Zurufe ſeines Reiters nicht mehr. Muthig überwand er ſeine Scheu, ſprang mit Einem Satze ein Stück in die Elbe hinein, und watete dann tapfer weiter, dem anderen Ufer zu. Die übrigen Füllen folgten nicht ſogleich nach. Auch ſie ſchienen das Waſſer zu fürchten, und trippelten un⸗ ruhig auf dem Uferſande hin und her. Ein Pfiff je⸗ doch, und ein lockender Zuruf von Fritz genügten, um ihrer Unſchlüſſigkeit ein Ende zu machen. Erſt ſpran⸗ gen die Muthigſten, dann auch die Uebrigen in's Waſ ſer, und ohne Unfall erreichte der ganze kleine Trupp das rechte Elbufer. Fritz hatte den Uebergangspunt gut gewählt, und ſo war das Wageſtück glücklich von Statten gegangen.— Einige Augenblicke ließ Fritz die Thiere verſchnau⸗ fen, dann aber ſetzte er ſeine Flucht fort, und ruhete nicht eher, als bis er eine Strecke von mehreren Mei⸗ len zurückgelegt hatte. Hier endlich, in einem Kiefern⸗ Gebuͤſch, machte er Halt, und verbrachte die Nacht in ungeſtörtem, erquickendem Schlafe. Als er am andern Morgen erwachte, war es ſchon lichter Tag. Seine Pferde fanden und ſuchten ihr Frühſtück auf einigen Grasplätzen unter den Kiefern, Fritz aber verſpürte einen ſehr merklichen Hunger. Er hatte ſeit beinahe vierundzwanzig Stunden nichts ge⸗ geſſen, und empfand deshalb ein ſehr lebhaftes Gefuͤhl von Leere in der Magen⸗Gegend. Im Gebüſche fand er nichts, womit er ſeinen Hunger hätte ſtillen können; wohl aber hörte er in einiger Entfernung einen Hund bellen, und gleich darauf einen Hahn kraͤhen, und das verſetzte ihn ſchnell in gute Laune. „»Wo Hund und Hahn, da ſind auch Menſchen!« dachte er, und näherte ſich entſchloſſen der Richtung, aus welcher die Töne gekommen waren. Nach hun⸗ dert Schritten erreichte er den Saum des Waldes und trat in's Freie. Dicht vor ihm lag ein Bauernhof, 43 einſam auf weitem Felde. Am Eingang deſſelben lehnte eine breitſchulterige Geſtalt mit gutmuͤthigen Geſichts⸗ zügen und wohlwollenden Augen, die verwundert auf dem jungen Burſchen hafteten, als er aus dem Ge⸗ büſche kam, und jetzt dreiſt auf ihn zuſchritt. Fritz bot dem Mann einen freundlichen guten Morgen, und wurde eben ſo freundlich wiederbegrüßt. „Blitz, du mußt früh aufgeſtanden ſein,“ ſagte hier⸗ auf der Bauer.„Woher kommſt du?“ „Das darf ich nicht verrathen, ehe ich nicht weiß, ob wir Feinde oder Freunde ſind,“ verſetzte Fritz. „Haltet Ihr's mit den Franzoſen, oder mit den Ver⸗ bündeten?“ „Wollte Gott, die Franzoſen ſammt und ſonders ſäßen im Lande, wo der Pfeffer wächst!“ murrte der Bauersmann, und ſein gutmüthiges Geſicht wurde von einer finſteren Wolke beſchattet.„Haben ſie nicht un⸗ ſer ſchönes Land ausgeſogen bis auf den letzten Bluts⸗ tropfen? Haben Sie nicht den Bürger geplündert, und den Bauer geſchunden ſeit Jahr und Tag, daß man ſchon Gott danken muß, wenn man nur eben noch das nackte Leben gerettet hat! Zum Henker mit den Fran⸗ zoſen, ſage ich!« »Dann ſind wir alſo gute Freunde,“ ſprach Fritz, und reichte dem Bauer die Hand hin, die dieſer ergriff und ſogleich drückte. „Ja, ja, mein Buͤrſchchen,“ verſetzte er.»Und kann ich nun auch erfahren, was dich ſchon am frühen Morgen auf mein einſam gelegenes Gehöft geführt hat. Deiner Sprache nach biſt du nicht einmal in hieſiger Gegend zu Hauſe.“ »Nein, das bin ich auch nicht,“ erwiederte Fritz, und erzählte kurz und gut, wie er nach Dresden ge⸗ kommen, und dann geſtern Abend mit ſeinen Füllen wieder ausgeriſſen ſei. Der ehrliche Bauer hörte ihm ganz verwundert zu. „Das iſt wahrhaftig ein kecker Streich von dir, ⸗ ſagte er.„Kann ich die Thiere ſehen?“ »Warum nicht? Dort weiden ſie im Gebuüſch,« antwortete Fritz.„Aber vorher,— ich muß Euch nun geſtehen, daß mich ein furchtbarer Hunger plagt, weil ich ſeit geſtern Mittag nichts genoſſen habe,— vorher möchte ich wohl ein Stückchen Brod oder ſonſt Etwas eſſen, wenn Euch die Franzoſen nicht ganz und gar ausgeſogen haben.“ „»Na, na,“ ſagte der Bauer lächelnd,„ich bin noch ſo leidlich weggekommen, weil mein Hof ein bischen abſeits liegt, und nur ein ſchlechter Feldweg von der Landſtraße herüber führt. Da haben ſie mich ſo ziem⸗ lich in Ruhe gelaſſen. Aber warum ſagteſt du nicht gleich, daß du hungrig biſt? Nun, ſo komm erſt her⸗ ein, und iß, und nachher wollen wir nach deinen Füllen ſehen.“ Er führte ihn in ſeine Hütte, und auf einen Wink von ihm wurde von einer alten Frau ein Frühſtück herbeigebracht, wie es Fritz ſeit langer Zeit nicht ge⸗ ſehen, viel weniger genoſſen hatte. Gutes Brod, gute Butter, Schinken, Käſe und Wurſt wurden ihm vorge⸗ ſetzt, und dazu noch ein guter Trunk köſtlichen Weins, das den halb Verſchmachteten wunderbar labte. Er aß und trank, bis er ſatt war, und dann führte er den Bauer, ſeinen freigebigen Gaſtfreund, tiefer in das Kiefern⸗Gebüſch hinein, wo ſeine kleine Heerde immer 45 noch ruhig weidete. Der Bauer betrachtete mit lebhaftem Intereſſe und wahrem Vergnügen die ſchönen Thiere. „Es wäre doch Jammerſchade geweſen, wenn die von den Franzoſen hätten ſollen zuſchanden geritten werden!“ ſagte er.„Haſt recht gethan, daß du aus⸗ geriſſen biſt, Bürſchchen! Aber wie nun weiter? Glaubſt du, daß du ungefährdet zu Hauſe kommen wirſt 2« „Ich hoffe es!« verſetzte Fritz.„Man muß eben aufpaſſen und ſich durchſchlagen, ſo gut es gehen will.« »Na, ich wünſche dir alles Gute und Liebe, aber das Sichdurchſchlagen wird ſchwer halten, wo die Fran⸗ zoſen wieder wie ein Heuſchrecken⸗Schwarm über un⸗ ſer unglückliches Sachſenland hergefallen ſind,« verſetzte der Bauer. Trotz alledem muß es aber verſucht wer⸗ den, und wo ich dir helfen kann mit Rath und That, ſoll es gewiß geſchehen. Wenn willſt du wieder auf⸗ brechen?“ „Gleich auf der Stelle,« erwiederte Fritz.„Wer weiß, ob nicht ſchon Verfolger hinter mir her ſind, und in anehr ich Vorſprung voraus habe, deſto beſſer für mich.« »Du haſt recht, und ich will dich auch nicht länger aufhalten, als nöthig iſt,“ ſagte der Bauer.„Vorerſt aber mußt du noch einmal nach meinem Hauſe zurück⸗ kommen. Ich werde dir für den nächſten Tag Pro⸗ viant einpacken, und dir ein paar Zeilen an einen ſicheren Mann mitgeben, der drei Meilen von hier auch in einem abgelegenen Gehöfte wohnt, wie ich. Er wird dich wohl aufnehmen, und dir deinen weiteren Weg vorſchreiben. Der geradeſte nach deiner Heimath —õõ— wird's freilich nicht ſein, aber der ſicherſte jedenfalls, und es wird ſich gleich bleiben, ob du ein paar Tage früher oder ſpäter heimkommſt, wenn du nur heim⸗ kommſt, und zwar mit deiner Heerde da! Ja, ja, die ſoll und darf den Franzoſen nicht wieder in die Klauen gerathen!“ Fritz fügte ſich natürlich gern den Vorſchriften des ehrlichen Landmannes, der es augenſcheinlich ſehr gut mit ihm meinte. Er bekam ein großes Stück Schinken nebſt Brod und Wurſt, in einen Querſack eingepackt, den er leicht auf der Schulter tragen oder ſeinem Rap⸗ pen aufpacken konnte, und dann begleitete ihn ſein Gaſtfreund noch ein Stück Weges bis vor das Wäld⸗ chen hinaus, wo er ganz genau nach gewiſſen Zeichen und Merkmalen die Richtung andeutete, welche Fritz zu machen hatte, um das Reiſeziel des heutigen Tages zu erreichen. Hierauf übergab er ihm noch einen Zet⸗ tel, auf welchen einige Worte geſchrieben waren, deren Sinn Fritz nicht verſtand. »Gib den Zettel nur richtig an den Mann ab, den ich dir bezeichnet habe, er wird ihn ſchon verſtehen,“ ſagte er, als Fritz ihn zweifelnd anblickte.„Und nun begleite dich der liebe Gott, und ſchütze dich vor den Franzoſen! Keinen Dank weiter, mein wackerer Burſche! Vorwärts, und grüße deinen Herrn von mir, wenn du glücklich nach Hauſe kommſt!« Fritz ließ ſich gleichwohl nicht abhalten, einige herz⸗ liche Dankesworte zu ſprechen, die freundlich aufge⸗ nommen wurden. Dann aber, nach dem letzten Lebe⸗ wohl, trabte er mit ſeinen flinken Rößlein davon, und erreichte auf allerlei Schleichwegen lange vor Einbruch der Nacht richtig das Gehöft des Mannes, an den er 47 von ſeinem erſten Gaſtfreunde gewieſen und empfohlen worden war. Er übergab den Zettel mit den ihm un⸗ verſtändlichen Worten, und wurde ſofort auf das Herz⸗ lichſte empfangen. Seine Pferde wurden unter Dach und Fach gebracht, und er ſelber gerade ſo behandelt, als ob er ein Kind vom Hauſe wäre, das immer mit Freuden aufgenommen und willkommen geheißen wird. Am andern Morgen empfing Fritz abermals eine Empfehlung an einen dritten Mann,— von dieſem wieder an einen Vierten,— und ſo fort, bis er all⸗ mählig in die Nähe ſeiner Heimath gelangte, die glück⸗ licherweiſe damals von Feinden gänzlich geräumt war. Er hatte allerdings große Umwege machen müſſen, aber er war auch nirgends einem Franzoſen begegnet, und hatte überall gute Nachtquartiere und treffliche Pflege ſeiner Selbſt und ſeiner Pferde gefunden. So war es ihm gelungen, ſich glücklich durchzuſchlagen, und als er eines Tages die runden Thürme des Herrenhauſes von Krippenfeld in kaum einer halben Stunde Entfernung vor ſich erblickte, da jauchzte er laut auf, und fühlte ſich ſo froh und glücklich, daß er, ihm ſelbſt unbewußt, die hellen Freudenthränen weinte. »Vorwärts, Ali!« rief er dem Rappen zu, auf deſſen Rücken er ſaß,—„vorwärts, in den Schloßhof hinein! Der alte Oberſt⸗Wachtmeiſter wird einmal Augen machen, wenn wir ankommen!« Und was er für Augen machte! Es entſtand natürlich ein wahrer Hollah im gan⸗ zen Schloſſe, als Fritz mit den luſtig ſpringenden und wiehernden Füllen auf dem Hofe ankam, und der Lärm rief auch den alten Herrn herbei. Er kam mit einer ſchweren Donnerwolke auf der Stirn, die aber ſofort 48 dem hellſten Sonnenſchein Platz machte, als er Fritzen auf dem Rappen, und um ihn herum die ganze kleine Heerde Füllen wahrnahm. »„Millionen noch einmal!« rief er aus.„Fritze! Biſt du das leibhaftig?« „Allerdings, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter! Lebendig und leibhaftig!« erwiederte Fritz mit dem ganzen Ge⸗ ſichte lachend.„Da bin ich wieder, und habe die Fran⸗ zoſen nicht ſchlecht angeführt! Die werden ſuchen nach unſeren Füllen! Ob ſie ſie aber finden, das ſteht auf einem anderen Blatte!« Der Oberſt⸗Wachtmeiſter ſah ganz verblüfft von Fritzen auf die Füllen, und von den Füllen auf Fritzen. »„Ja, aber, ich verſtehe das gar nicht!“ ſagte er. „Haſt du mich denn nicht wie ein Hallunke verrathen?« „Na, freilich, gnädigſter Herr, ich mußte wohl,« verſetzte Fritz.»»Wenn ich's nicht gethan hätte, ſo wären Sie ja maſſakrirt worden! Und was mit den Pferden geworden wäre, das konnte man dann auch nicht wiſſen. Die Franzoſen hätten wohl gar Jagd darauf gemacht, und am Ende mehr gefunden, als uns lieb geweſen wäre. Da dacht' ich: Beſſer, du gibſt die Fuͤllen preis, als daß Alles verloren geht, und der Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter wohl gar todtgemacht wird! Daß ich die Thierchen ſpäter wiederbringen würde, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Und es iſt mir auch richtig gelungen! Da ſind ſie! Alle! Nicht ein Einziges fehlt!« Der alte Oberſt⸗Wachtmeiſter ſah ganz zerknirſcht aus und ſo verlegen, wie vielleicht in ſeinem ganzen Leben noch nicht. »uünd ich habe dich bis in den tiefſten Grund der 49 Hölle hinein verwünſcht, weil ich dich für einen nieder⸗ trächtigen Halunken und Spitzbuben hielt,« ſagte er. „Das thut mir jetzt wahr und wahrhaftig leid, Fritz! Aber warum haſt du mir auch nicht ein Wort geſagt, oder nur einen Wink gegeben?« »Ja, gnädigſter Herr, das durfte ich nicht, denn ſonſt hätten die Franzoſen gleich meinen ganzen Plan errathen,“ gab Fritz zur Antwort.„Ich dachte, wenn jetzt für den Augenblick der Herr auch böſe iſt, er wird ſchon wieder gut werden, wenn ich zurückkomme!« »„In dieſer Vorausſetzung haſt du dich allerdings nicht getäuſcht,« ſagte der Oberſt⸗Wachtmeiſter.„So ſei mir denn alſo herzlich willkommen! Bringe die Füllen nach ihrem alten Standquartier, liefere ſie an den Oberknecht ab, und wenn du dann deine Mutter beſuchen willſt, ſo nimm dir Zeit dazu. Die alte Frau wird ſich freuen, daß ſie dich als ehrlichen Jungen wiederſieht. Gegrämt und gehärmt hat ſie ſich gerade genug um dich. Na, tröſte ſie, und nachher komm wieder hierher zu mir. Ich habe auch noch ein paar Worte mit dir zu ſprechen.“ „Zu Befehl, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter,“ antwortete Fritz.„Binnen hier und zwei Stunden bin ich wie⸗ der da.“ Pünktlich hielt er Wort. Nachdem er die glücklich geretteten Füllen dem Oberknecht übergeben und ſeine Mutter begrüßt hatte, eilte er nach dem Herrenhauſe zurück, und traf den alten Herrn im Wohnzimmer, wohin er ſogleich gewieſen wurde. Der Oberſt⸗Wacht⸗ meiſter empfing ihn äußerſt freundlich, und reichte ihm ſoer die Hand, was er noch nie im Leben gethan atte. Man muß ſich durchſchlagen. 4 „Na, Fritz,“ ſagte er,„ſo ſei mir denn nochmals von ⸗Herzen willkommen! Du haſt dich als ein treuer und muthiger Burſche bewährt, und mir einen Dienſt geleiſtet, der nicht unbelohnt bleiben ſoll. Sprich ein⸗ mal aufrichtig und gerade heraus! Haſt du irgend einen, Wunſch, deſſen Erfüllung in meinen Kräften ſteht. Fritz fühlte ſein Herz lauter klopfen, als je, denn er hegte ja wirklich einen heißen Wunſch im innerſten Herzen, deſſen Erfüͤllung ihn unſäglich glücklich gemacht haben würde. Aber er getraute ſich kaum, ihm Worte zu geben. 1 „Nur immer heraus mit der Sprache!“ ſagte der Oberſt⸗Wachtmeiſter, der ihm die Verlegenheit auf dem Geſichte anſah.„Du wirſt mich böſe machen, wenn du mir nicht dein ganzes Herz ausſchütteſt! Was möchteſt du haben?« „Haben möoͤcht ich gerade nichts,“ antwortete Fritz, indem er friſchen Muth faßte.„Aber recht viel lernen möcht' ich, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter.“ „Was denn lernen, mein Junge?“« „»Was die Knaben in der Stadt lernen, wo ſie in die Schule gehen!« „So, ſo! Ja, nun verſtehe ich nachgerade. Alſo du möchteſt in die Stadt, um die Schule zu beſuchen. Das iſt ein Wunſch, der ſich hören läßt. Na, Fritz, was meinſt du, wenn ich dir dazu behülflich wäre?“ „Das wäre das Allerſchönſte, was mir in der Welt paſſiren koͤnnte!« rief Fritz zitternd vor Freude aus. „Aber der Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter treiben nur Scherz mit mir!“ „Keineswegs! Das fällt mir nicht im Traume 51 ein,“ verſetzte der alte Herr ernſthaft.„Höre zu, Fritz! Wenn du monatlich zehn Thaler von mir bekämeſt, ſo lange du in der Stadt und auf der Schule biſt, wür⸗ deſt du damit wohl auskommen? Was meinſt du?« Fritz ſtand ganz ſtarr vor Verwunderung und Er⸗ ſtaunen. Zehn Thaler erſchienen ihm eine ſo unge⸗ heure Summe, daß er ein ganzes Jahr damit auszu⸗ kommen glaubte. »„Das iſt zu viel, gnädiger Herr! Viel zu viel!« rief er aus.„Die Haͤlfte iſt ſchon weit mehr, als ich zu verbrauchen denke!«. »Das verſtehſt du nicht, Fritz!« entgegnete der Oberſt⸗Wachtmeiſter.„In der Stadt iſt ein anderes Leben, als hier in dem Dorfe. Dort mußt du eine Wohnung miethen, und Bücher kaufen und Schulgeld bezahlen; auch wird dir der Tiſch nicht umſonſt gedeckt, und anſtändig kleiden mußt du dich ebenfalls. Zu alle⸗ dem gehört Geld und wieder Geld, und es ſollte mich nicht wundern, wenn du mit zehn Thalern monatlich nicht einmal auskämeſt!« „Oho, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, davor iſt mir nicht bange!« ſagte Fritz und lachte.„Zehn Thaler monat⸗ lich, das ſind ja zehn Groſchen für jeden Tag! Das wäre ſchön, wenn ich ſo viel Geld durchbringen wollte.« »Nun denn, ein Wort für tauſend, probiere, wie weit du damit kommſt,« ſagte der alte Herr freundlich. »Wenn du auskommſt, gut! Wenn nicht, ſo muͤſſen wir eben weiter ſehen.“ »Ohne Bange, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, ich ſchlage mich durch,“ erwiederte Fritz zuverſichtlich.„Aber meine Mutter wird ſich einmal wundern! Ich hab' ihr 4* 52 immer geſagt, daß ich noch etwas Rechtes lernen und werden würde, und nie hat ſie's geglaubt, ſondern mich nur immer ausgelacht, und nun muß ſie's zuletzt doch glauben! Ja, wer zuletzt lacht, lacht am beſten! Nun aber meinen ſchönſten Dank, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, für Ihre große Güte, die Sie an mir armen Jungen beweiſen. Will's Gott, ſollen Sie's gewiß niemals bereuen!“ „Schon recht!« ſagte der alte Herr lächelnd.„Ein Dienſt iſt des anderen werth. Grüße deine Mutter von mir, und bevor du in die Stadt gehſt, laß dich noch einmal bei mir blicken. Adieu!“ Vor Entzücken und Freude faſt taumelnd, eilte Fritz nach Hauſe zurück, um der Mutter ſein ungeheures Gluͤck zu verkuͤndigen. Frau Halmer hörte ihn auch ruhig an, aber ihre Freude äußerte ſich keineswegs ſo lebhaft, als Fritz erwartet hatte. Fritz mußte es wohl bemerken, und wunderte ſich nicht wenig über ihre Theilnahmloſigkeit. „Was haſt du nur, Mutter?« fragte er.„Biſt du denn nicht froh darüber, daß endlich mein ſehnlich⸗ ſter Wunſch in Erfüllung geht?“ „Du freueſt dich, weil du die Welt nicht kennſt, und ich fürchte ſehr, du freueſt dich zu früh!“ verſetzte die Mutter.„Der Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter hat ſchon recht, wenn er ſagt, daß in der Stadt theures Leben iſt! Nun, im ſchlimmſten Falle kannſt du ja immer wieder nach Hauſe kommen! Hier geht dir nichts ver⸗ loren, und bei den Pferden wirſt du auch nicht ver⸗ hungern! Alſo wollen wir uns nicht Sorgen vor der Zeit machen! Geh' in Gottes Namen in die Stadt! 53 Meinen Segen nimmſt du mit, wenn ich dir auch lei- der weiter nichts mitgeben kann.“ Fritz wunderte ſich im Stillen, daß nicht alle an⸗ deren Leute zehn Thaler monatlich für eine ungeheure Geldſumme hielten, während ſie ihm doch wie ein un⸗ erſchöpflicher Schatz vorkamen. Doch grübelte er nicht weiter darüber nach, ſondern ſagte kurz und bündig zu ſich ſelber:„Wirſt ja ſehen! Im ſchlimmſten Falle mußt du dich gut oder übel durchſchlagen, und damit Punktum!« Anderen Tages lief Fritz zum Herrn Pfarrer, um ſich bei ihm Raths zu erholen. Der Herr Pfarrer hatte ſelber einen Sohn in der Stadt auf der Schule, und mußte daher am beſten wiſſen, wie man ſich dort zu verhalten hatte. Der geiſtliche Herr gab ihm auch alle möglichen Rathſchläge, ſchüttelte doch aber auch den Kopf, als er von den zehn Thalern monatlich hörte. „Mein Georg koſtet mich ziemlich doppelt ſo viel,« ſagte er.„»Indeſſen, freilich, kann man ſich einſchrän⸗ ken und einrichten, wenn man den guten Willen hat und recht ſparſam iſt. Ich will dir einen Brief mit⸗ geben an den Herrn Direktor der Schule. Vielleicht fühlt er ſich dadurch bewogen, Etwas für dich zu thun. Wann willſt du nach der Stadt, Fritz?« „So bald, wie möglich, Herr Pfarrer! Lieber heute, wie morgen!«. »Aber doch nicht etwa in dem Anzuge da, Fritz? So würden ſie dich auf der Schule gar nicht anneh⸗ men!“ „Das wäre ſchlimm,“ meinte Fritz betreten.„Was Beſſeres hab' ich nicht, und die Mutter kann's mir auch nicht ſchaffen. Da muß ich wohl einen Thaler Baron und die Mutter doch nicht ſo unrecht, wenn ſie meinen, daß in der Stadt theures Pflaſter iſt! Aber es thut nichts! Man muß ſich durchſchlagen, und ich werde es. Darf ich mir morgen den Brief holen, Herr Pfarrer?“ „Ja, Fritz,— und von wegen eines Anzuges,— ich will einmal mit meiner Frau ſprechen, vielleicht weiß ſte Rath! Alſo auf morgen!“ Als Fritz wieder zur Mutter kam, fand er ſie be⸗ ſchäftigt, einen ganzen Haufen Röcke, Hoſen, Weſten, Hemden, Stiefeln, und andere Kleidungsſtücke zu be⸗ fcdeigen, die vor ihr auf dem Tiſche aufgeſchichtet agen. „Was iſt denn das, Mutter?“« fragte Fritz nicht wenig überraſcht.„Wo haſt du die ſchönen Sachen alle her?« 4 „Ja, freue dich nur, Junge!“ erwiederte die Mut⸗ ter, ſelber freudeſtrahlend.„Die gnädige Frau war hier mit einem Diener, der ein großes Bündel hinter ihr her trug, und in dem Bündel ſteckte die ganze Be⸗ ſcheerung, die du da liegen ſiehſt. Die gnädige Frau meinte, du würdeſt die Sachen vielleicht gebrauchen können. Sie ſtammten noch von Junker Chriſtoph her, der ſie, als er ungefähr in deinem Alter war, getragen habe.“. Fritz ſtieß einen lauten Jubelſchrei aus. „Das iſt ja herrlich, Mutter!« ſagte er.„»Die gute, liebe, gnädige Frau! Siehſt du, Mutter, ſo lange es in der Welt noch gute Menſchen gibt, da iſt es gar nicht ſo ſchwer, ſich durchzuſchlagen! Aber geſchwind zeige'mal her, ob mir die Sachen paſſen!“ oder zweie ausgeben! Hm! Am Ende haben der Herr 55 Fritz probierte ſie an, und zum Theil paßten ſie ganz gut. Was nicht paßte, verſprach die Mutter zu andern und paſſender zu machen. Vor der kleinen Mühe ſcheute ſie ſich nicht, ſah doch Fritz in dem noch ziemlich neuen Anzuge ganz prächtig aus. „So laß ich's mir gefallen, Fritz,“ ſagte ſie.„Wenn du ſo in die Stadt kommſt, werden dich die Leute nicht auslachen, und wenn du dich nur ein bischen mit den ſchönen Kleidern in Acht nimmſt, ſo haſt du auf Jahre hinaus genug!« „Ich werde mich ſchon in Acht nehmen, Mutter! Das kannſt du denken,“ gab Fritz zur Antwort.„Aber jetzt muß ich nach dem Schloſſe, um mich bei der gnä⸗ digen Frau zu bedanken, und mich gleich in den ſchö⸗ nen neuen Kleidern vorzuſtellen.“ Fort eilte er, und kam ganz glücklich wieder zurück. »Beſte Mutter,“ ſagte er,„ſo gut, wie die gnädige Frau mit mir war, kann ich dir gar nicht beſchreiben. Sie hat mir verſprochen, auch für die Folge noch für meinen Anzug zu ſorgen, wenn ich nur ein guter, fleißi⸗ ger Junge bliebe! Da iſt's nachher freilich keine große Kunſt, ſich durchzuſchlagen!“ »Deſto beſſer fuͤr dich,« erwiederte die Mutter. „Laß dich aber auch nicht durch dein gutes Glück ver⸗ leiten, übermüthig zu werden. Es gibt noch andere und mehr Sorgen, als die Sorge um Kleidung, und du wirſt deine paar Thaler immer noch recht ſorgfältig zu Rathe halten müſſen!«— „Soll auch geſchehen, Mütterchen!“ verſetzte Fritz. „»Laß mich nur machen! Ich ſchlage mich durch!«“ »Mit Gottes Hülfe! Wünſchen wollen wir's 14 ſprach die Mutter, und ging ohne Zögern an die Arbeit, 56 die nicht recht paſſen wollenden Kleidungsſtucke abzu⸗ ändern und auszubeſſern, damit Fritz ſie mit in die Stadt nehmen könne. Einige Tage ſpäter war Alles in Ordnung, Fritz packte ſein Bündel, verwahrte den Brief, den der Herr Pfarrer ihm übergeben hatte, ſorgfältig eingewickelt in ſeiner Rocktaſche, und fiel dann der Mutter um den Hals, um fur einige Zeit von ihr Abſchied zu nehmen. Die Mutter umarmte und küßte ihn liebevoll. „So ziehe denn mit Gott, Fritz!“ ſagte ſte.„Bleibe brav und gut, dann wird der Vater im Himmel Alles zum Beſten lenken!“ Zehn Minuten ſpäter wanderte Fritz, ſein Bündel auf dem Rücken, aus dem Dorfe hinaus. Auf einer Anhöhe, wo er es noch einmal überſchauen konnte, blieb er ſtehen, und blickte ſinnend darauf nieder. „Lebe wohl, kleines Dorf!« murmelte er vor ſich hin.„Lebt wohl Alle, die ihr gut und freundlich zu mir armen Knaben waret! Hier gelobe ich euch, daß ich gut und brav bleiben will unter allen Umſtänden, denn ich fühle, das iſt der beſte Dank, den ich euch widmen kann! Behüte euch Alle der Himmel! Und nun friſch vorwärts in die Welt hinein! Was dort auch kommen möge, Gutes oder Schlimmes, Fröhliches oder Trauriges, Glück oder Leid,— ich will weder zagen noch übermüthig werden, ſondern mich wacker und ehrlich durchſchlagen, ſo wahr Gott mir helfen und beiſtehen wird auf allen Wegen, die zum Guten füh⸗ ren, mögen ſie auch noch ſo ſteil und dornig ſein!« Noch einen letzten Gruß mit Hand und Mund ſandte er nach dem kleinen Dorfe zuruͤck! Dann wen⸗ dete er ſich um, und ſchritt fröhlich und wohlgemuth 57 die Straße weiter, welche nach der einige Meilen weit entfernten Stadt führte. Ihm kam es vor, als ſei es die Straße zu ſeinem künftigen Glücke. Zweiter Theil. In der Fremde. „Fröhlich und wohlgemuth wandert das junge Blut!“ heißt es in dem bekannten Liede,— und ſo wanderte auch unſer Fritz, fröhlich und wohlgemuth, nach der Kreisſtadt, um dort den ſchweren Pfad der ernſten Wiſſenſchaft zu betreten. Hatte er doch, ſeinen Begriffen nach, in der That alle Urſache, frohen Muthes zu ſein. Mit dreißig baaren blanken Thalern in der Taſche, welche der gute alte Baron Oberſt⸗ Wachtmeiſter ihm zum Unterhalt für die erſten drei Monate gegeben hatte, dünkte er ſich reich wie ein König. Dreißig Thaler! So viel Geld hatte er in ſeinem ganzen Leben noch nicht beiſammen geſehen, viel weniger beſeſſen! Und jetzt, wo er ſie wirklich und wahrhaftig beſaß, als ſein unbeſtrittenes Eigen⸗ thum, wo er ihrem hellen Klang lauſchen konnte, wenn er ſie durch die Finger gleiten ließ, oder nur ſeine Taſche ſchüttelte, da war es freilich kein Wunder, wenn ihm, ſo zu ſagen, der Himmel voller Geigen hing. Nach einigen Stunden erreichte er die Kreisſtadt, icht gerade matt und müde, aber hungrig und durſtig. Katt aber zunächſt dieſe Bedürfniſſe zu befriedigen, erfragte er vor Allem die Wohnung des Schuldirectors, um ſich demſelben vorzuſtellen, und von ihm ſeine Auf⸗ nahme unter die Schüler des Gymnaſiums zu erbitten. Er hatte die Wohnung bald gefunden, und traf den Herrn Schuldirector auch glücklich zu Hauſe. Der alte Herr mit weißen ſchlichten Haaren empfing ihn wohl⸗ wollend und gütig, ſchüttelte aber doch bedenklich den Kopf, als ihm Fritz ſeine Wünſche vortrug und ihm den Brief des Pfarrherrn überreichte, den er mehrmals von Anfang bis zu Ende durchlas. „Du biſt in dieſem Briefe ſo gut empfohlen,“ ſagte er endlich,„daß ich dich nicht, wie ich anfänglich im Sinne hatte, ſofort abweiſen, ſondern wenigſtens einen Verſuch mit dir machen will. Etwas Beſonderes wirſt du wohl auf dem Dorfe bei deinen Pferden nicht ge⸗ lernt haben, indeß Fleiß und guter Wille überwinden manche Schwierigkeiten.“ „Das denk' ich auch, Herr Director,“ ſagte Fritz, als der alte Herr hier mit Sprechen inne hielt und eine kleine Pauſe machte.„Man muß ſich durchſchla⸗ gen, und es wird ſchon gehen.“ „Hm! Hm! An Courage ſcheint es dir nicht zu fehlen,« nahm der alte Herr wieder das Wort, und blickte durch ſeine Brille nicht unfreundlich den kecken Knaben an.„So laß einmal hören, was du eigentlich gelernt haſt. Kannſt du rechnen, leſen, ſchreiben?« „Ja, Herr Director! Das hat mir unſer Herr Schulmeiſter gelehrt.“ „Und was haſt du ſonſt noch für Kenntniſſe?« „Nun, ich kann ein bischen Franzöſiſch ſprechens die lateiniſchen Declinationen und Conjugationen h. 59 ich auch auswendig gelernt, und in der Bibel und bibli⸗ ſchen Geſchichte weiß ich ziemlich gut Beſcheid.“ „Das wäre auch nicht gerade viel, doch immer et⸗ was,“ meinte der Director.„Wollen einmal weiter ſehen. Lies mir einmal aus dieſem Buche etwas vor.“ Fritz las, ohne Anſtoß und mit ziemlich gutem Aus⸗ druck. Der Director examinirte ihn weiter, über eine Stunde lang, und ſein Geſich drückte immer mehr Zufriedenheit aus. „Nun, mein Sohn,“ ſagte er endlich,„dein Wiſſen iſt allerdings nur Stückwerk, und es finden ſich darin weſentliche Lücken, die du nur durch treuen und eifrigen Fleiß ausfüllen kannſt. Obgleich du im Franzöſiſchen und einigen anderen Lehrgegenſtänden weiter biſt, als ich erwartet habe, muß ich dich doch in die unterſte Klaſſe der Schule verweiſen, denn in den meiſten an⸗ deren Lehrfächern mußt du ganz von vornen anfangen. Wird es dir gefallen, mit acht⸗ und neunjährigen Kna⸗ ben auf derſelben Bank zu ſitzen? Du ragſt ſo ziem⸗ lich eine Kopfes⸗Länge über Alle hinaus.“ Das thut nichts,“ erwiederte Fritz.„Ich will ſchon fleißig ſein, damit ich ſchnell vorwärts komme. Man muß ſich eben durchſchlagen, und ich habe mir vorge⸗ nommen, ich will es!« »Nun denn, in Gottes Namen, verſuche dein Heil,« ſagte der Director.„Wir werden ja ſehen, wie du dich durchſchlägſt. Meine Theilnahme ſoll dir nicht fehlen, denn ich freue mich deines Eifers und guten Willens. Vorläufig ſollſt du kein Schulgeld zu bezah⸗ len brauchen, und ſpäter,— nun, das wird ſich finden. F 60 Weißt du ſchon, wo du ein Unterkommen hier in der Stadt, finden kannſt?« »Nein, Herr Director, ich bin gleich zuerſt zu Ihnen gegangen, und habe mich noch weiter nicht umgeſehen.“ »„Gut, gut, ich kenne eine brave alte Frau, die dich für ein Geringes in ihre Wohnung aufnehmen und für deine nothwendigen Bedürfniſſe ſorgen wird. Geh' zu ihr. Ich werde dir einen Begleiter mitgeben.“ Er zog eine Klingel, und gleich darauf erſchien ein Schuldiener. »Führe dieſen jungen Menſchen zu Frau Kilian,« ſagte er zu ihm.„Richte meine Empfehlung aus, und ich ließe bitten, daß ſie ihn bis auf Weiteres bei ſich aufnehmen möge. Ich würde ſpäter noch ſelbſt mit ihr reden.“ Und zu Fritz gewendet, reichte er ihm die Hand und ſprach freundlich weiter:„So geleite dich Gott! Von morgen ab wirſt du die Schule beſuchen. Im Uebrigen frage nur immer Frau Kilian um Rath, und wenn dir etwas ganz Beſonderes auf dem Herzen liegt, ſo wende dich nur ganz dreiſt an mich ſelber. Adieu!« Fritz dankte aus vollem Herzen für alle gütige Für⸗ ſorge des wohlwollenden alten Herrn, und ſchritt dann ſeelenvergnügt neben dem Schuldiener her, der ihn zu ſeinem kuͤnftigen Quartier begleitete. Sie traten in ein kleines niedriges Häuschen, in ein kleines niedriges Stübchen ein, wo ſie eine alte, wohl ſiebzigjährige Frau fanden, die an dem kleinen Fenſter ſaß, und emſig das Spinnrad drehte. So klein das Stübchen, ſo reinlich war es auch; nirgends ein Stäubchen oder Schmutz⸗ fleckchen, und die kleinen runden Fenſterſcheiben blitzten wie Spiegel. Frau Kilian paßte ganz zu dieſer Um⸗ 4 61 gebung. Ihr Anzug war äußerſt beſcheiden, aber ſau⸗ ber, wie man es nur ſelten findet, namentlich in den Hütten der Armuth. „Guten Tag, Herr Peters,“ ſagte ſie, als der Be⸗ ſuch zu ihr eintrat.„Was bringen Sie mir da?« „Einen neuen Hausbewohner, Frau Kilian,“ ver⸗ ſetzte der Schuldiener.„Der Herr Director ſchickt ihn zu Ihnen, und läßt ihn Ihrer Sorgfalt empfohlen ſein.« „Das iſt ja ſchön,« erwiederte die alte Frau, und ſetzte ihre Brille auf die Naſe, um den Ankömmling beſſer betrachten zu können.„Willkommen, mein Sohn! Wie heißt du?« „Fritz Halmer,“ antwortete er, und nickte der alten Frau lächelnd zu, da er ſie auf den erſten Blick lieb⸗ gewonnen hatte. Frau Kilian ſchien dies mit richtigem Blick zu bemerken, und ihr freundliches altes Geſicht wurde noch freundlicher. „Tritt näher,“ ſagte ſie,„gib mir die Hand, und ſchau' mir in die Augen! So! So iſt's ſchon recht und gut, und ich denke, wir werden uns vertragen mit einander! Wenn's dir nur nicht zu ärmlich und zu einfach bei mir vorkommt!“ G »Ei, Frau Kilian, Sie wohnen ja hier wie eine Prinzeſſin!« erwiederte Fritz.„So gut hat es meine Mutter zu Hauſe nicht.“ »Na, reinlich und ordentlich iſt's wenigſtens,“ ver⸗ ſetzte die alte Frau geſchmeichelt.„Und ein gutrs Bett ſollſt du auch haben.“ „Ein Bett? Ein gutes Bett? Ich weiß nicht einmal, wie ſich's darin ſchläft, Frau Kälian. Zu Hanſe 62 habe ich immer unter dem Dache auf einem Heulager geſchlafen.“« „Was tauſend, biſt du ſo armer Leute Kind, und ſiehſt doch recht ſchmuck und fein aus,“ verſetzte Frau Kilian.„Na aber, das macht weiter nichts aus, und iſt vielleicht um ſo beſſer! Höoͤren Sie, Herr Peters, meine gehorſamſte Empfehlung an den Herrn Director, und ich würde Alles nach ſeinen Wünſchen beſorgen!« Peters entfernte ſich mit dieſem Beſcheide, und nun ließ Frau Kilian ihren neuen Hausgenoſſen neben ſich ſitzen, und ſich von ihm Alles erzählen, was er von ſeinen früheren Verhältniſſen erzählen konnte. Fritz hielt auch mit Nichts hinter dem Berge, und Frau Kilian nickte zufrieden mit dem Kopfe. „Das iſt ja Alles recht gut und ſchoͤn, lieber Sohn!« ſagte ſie.„Wenn du recht ſparſam biſt, wirſt du ſchon auskommen mit deinen zehn Thalern, und auch noch Etwas davon übrig behalten. Ja, ja, dafür wollen wir ſchon ſorgen! Und nun komm, ich will dir dein Kämmerchen zeigen, wo dein Bett ſteht, und auch noch ein Tiſch, an dem du arbeiten und lernen kannſt, wenn du's nicht lieber bei mir vorn im Stuͤbchen thun willſt. Siehſt du, hier!« Sie öffnete eine Thür im Hintergrunde des Zim⸗ mers, und betrat mit Fritz ein freilich nur ſehr beſchei⸗ denes, winziges Kämmerchen, das eben nur Raum für ein Bett, einen Tiſch, einen Stuhl und einen Kleiderhaken hatte. Dagegen ſchien durch ein Fenſter⸗ chen hell und klar die liebe Sonne herein, und es glänzte eben ſo von Sauberkeit, wie das kleine Zimmer daneben. 8 »Ci, hier iſt's ja ganz herrlich, ſo ſchön, wie ich's 63 mir in meinem Leben nicht zu wünſchen gewagt hätte!« ſagte Fritz ganz ſeelenvergnügt.„Da muß ſich's mal ſchön arbeiten und ſchlafen laſſen!« „Wir wollen's hoffen,“ verſetzte die gute Alte. „Aber nun mach' es dir bequem, lege dein Bündel ab, und packe deine Sachen aus. Ich helfe dir dabei, und wir bringen ſie nachher im Schranke vornen unter.“ Fritz gehorchte, und Frau Kilian nickte zufrieden, als ſie bemerkte, daß alle Sachen in gutem Stande waren, und eine ſorgſame Mutter verriethen. „Wenn deine Mutter nicht reich iſt, ſo iſt ſie doch eigen und ordentlich, wie ich ſehe,“ ſagte ſie.„Und das iſt die Hauptſache. Hoffentlich biſt du auch ſo, Fritz! Wie?« 3 „Ich weiß nicht, Frau Kilian, aber ich glaube wohl,“ verſetzte Fritz.„Wenn's bei mir hapern ſollte, ſo geben Sie mir nur einen Wink, und ich werde mich gewiß beſſern.“ »Ja, ja, es geht Alles, wenn nur der gute Wille da iſt,“ meinte die alte Frau.„So! Und nun ſind wir in Ordnung! Aber was fehlt dir denn? Du ſiehſt ja auf einmal ganz blaß aus?« „ Ich weiß nicht,« verſetzte Fritz mit einem matten Lächeln.„Vielleicht macht's der Hunger. Ich habe noch nichts gegeſſen, ſeit ich von zu Hauſe fortgegan⸗ gen bin!« „Ci, du thörichter Fritz, warum haſt du denn das nicht eher geſagt!“ ſchalt Frau Kilian gutmüthig. »Nun, warte nur noch einen Augenblick! Mein Mehl⸗ ſüppchen ſteht ſchon auf dem Feuer und muß gahr ſein! Eiyſtweilen nimm hier ein Stückchen Brod! Ich komme gſeich wieder!«. 64 Geſchäftig trippelte die gute Alte aus der Stube, und kehrte nach kaum fünf Minuten mit einer großen Schüſſel voll dampfender Suppe zurück, aus der ſie Fritz einen tüchtigen Teller voll vorſetzte. Die Suppe ſchmeckte ihm prächtig, und Frau Kilian ſah es ihm an, und freute ſich darüber. Er mußte noch einen Teller voll verzehren, erklärte aber nun, daß er vollſtändig geſättigt ſei und nichts mehr eſſen könne, obwohl ihm die Suppe außerordentlich gut geſchmeckt habe. »„So, ſie hat dir geſchmeckt? Das iſt mir lieb!« ſagte Frau Kilian.„Siehſt du, mein Sohn, große Tafel können wir nicht halten, aber eine gute Suppe und geſottene Kartoffeln mit einer Brühe, und recht ſchöne Klöße, und Sonntags wohl auch ein Stückchen Fleiſch, das gibt die Wirthſchaft ſchon her, und es koſtet doch nicht viel.“ So plauderte ſie, während ſie den Tiſch abräumte, und als Fritz am Abend ſchlafen ging, da waren er und die alte Frau bereits die beſten Freunde, und er liebte ſie beinahe ſchon, wie ſeine Mutter. Und umgekehrt war's faſt der gleiche Fall. Frau Kilian empfand ein rechtes Wohlgefallen an dem offenherzigen, ehrlichen und beſcheidenen Knaben, und verſpürte ſo eine Art von mütterlicher Zärtlichkeit für ihn. 5 3 Dieſe gegenſeitige Zuneigung ſteigerte ſich von Tag zu Tage, und nach vier Wochen war ſie ſo feſt be⸗ gründet, daß nichts mehr ſie zu erſchüttern vermocht hätte. Fritz befand ſich äußerſt wohl, und war zufrie⸗ den mit Allem, und dankbar für Alles, was jeder Tag ihm Gutes brachte. Die Koſt bei Frau Kilian war allerdings nur die allereinfachſte, aber Fritz kannte nichts Beſſeres, und verzehrte ſein frugales Eſſen mit dom 2 65 ausgezeichnetſten Appetite. Er dankte Gott alle Tage dafür, daß er ihn zu Frau Kilian geführt hatte, und hätte die Wohnung der guten alten Frau mit keiner anderen vertauſchen mögen. »Wenn man bei einem ſolchen guten Müutterchen iſt, da iſt's keine Kunſt, ſich durchzuſchlagen,“ dachte er manches Mal;„beſſer, wie ich es jetzt habe, ver⸗ lang' ich's in meinem ganzen Leben nicht!« Zu Hauſe alſo, bei Frau Kilian, da ging Alles gut und vortrefflich, in der Schule aber machte ſich nicht Alles ſo glatt und zur Zufriedenheit. Hier mußte Fritz Erfahrungen machen, die ihn nicht wenig verletzten und kränkten. Gleich im Anfange, als er in die unterſte Klaſſe des Gymnaſtums eingeführt wurde, ward er von einem lauten Gelächter der anderen Schulbuben empfan⸗ gen, die Alle fünf oder ſechs Jahre jünger als er wa⸗ ren, und Spott und Hohn über den„langen Bauern⸗ Lümmel“ ergoßen, der noch zu den kleinen Jungens in die Schule gehen mußte. So lange ein Lehrer zugegen war, mußten die kleinen boshaften Spötter und Schreier den Zwiſchenſtunden, da ließen die böſen Buben ulbrdinge ihre ſchlimme Zunge im Zaume halten, aber eichlich ihren Spöttereien freien Lauf, ſo daß ſich Fritz kaum vor ihren Quälereien zu retten wußte. Bei ſei⸗ ner überlegenen Stärke wäre es ihm freilich ein Leich⸗ tes geweſen, die ärgſten Necker zu züchtigen, und ihnen mit einer tuͤchtigen Portion Fünffinger⸗Kraut oder einer gelegentlichen Portion Haſelnuß⸗Gerten⸗Suppe den kecken Mund zu ſtopfen, aber eben weil er ſo unverhältniß⸗ mäßig viel ſtärker war, als die ganze kleine Bande zu⸗ ſammen, wollte er davon keinen brutalen Gebrauch machen, und ließ ſich von den Buben necken, ohne ſie Man muß ſich durchſchlagen. 8 5 66 zu züchtigen. Dieſe dagegen legten ihm ſeine wirklich große Mäßigung als Feigheit aus, und verſchlimmerten dadurch noch die Leiden, die ſie mit ihren boshaften Nadel⸗ ſtichen dem armen Opfer beibrachten, das ſich nicht ver⸗ theidigen mochte, obgleich es dies ſehr leicht und mit unfehlbarem Erfolg gekonnt hätte. Fritz ertrug ſeine Leiden mit äußerſter Geduld, fühlte ſich aber doch ſo tief gekränkt, daß er ſeine Verſtimmung dem ſcharfen Auge der Frau Kilian nicht gänzlich verbergen konnte. „Was fehlt dir, Fritz?« fragte ſie ihn eines Nach⸗ mittags geradezu, als er wieder, wie gewöhnlich, ſehr mißmuthig aus der Schule kam. Er wollte erſt nicht recht mit der Sprache heraus, ließ ſich aber doch zure⸗ den und legte eine vollſtändige Beichte ab. Frau Kilian lachte über die ganze Geſchichte. »Biſt du mit den Franzoſen fertig geworden, ſo wirſt du doch noch leichter mit ſo ein paar biſſigen kleinen Jungen fertig werden!“ ſagte ſie.„Ich gebe dir wohl recht und billige es, wenn du die ungezogenen Rangen nicht bei dem Director verklagen willſt, denn das würde dich verhaßt machen. Ich billige es ferner, daß du ſie nicht körperlich züchtigen willſt, denn das hieße dein Alter und deine Stärke mißbrauchen. Aber, weißt du, was ich an deiner Stelle thun würde? Ich würde ihnen gelegentlich einmal die Geſchichte erzählen, wie du den Franzoſen die geſtohlenen Füllen deines Herrn aus den Diebeshänden entführt haſt. Dann würden ſte ſchon Reſpekt vor dir bekommen.“ „Aber es würde prahleriſch und ruhmredig klingen,“ entgegnete Fritz.„Nein, nein, das paßt mir am aller⸗ wenigſten!« »Ja, dann weiß ich freilich nicht, wie dir zu helfen 67 ſein könnte,“ ſagte Frau Kilian.„Dann bleibt dir weiter nichts übrig, als dich eben wie immer durchzu⸗ ſchlagen, in dieſem Falle aber nicht mit Gewalt, ſon⸗ dern mit Geduld!« „Da haben Sie das Rechte getroffen, Frau Kilian!“ rief Fritz neu belebt aus.„Daß ich daran nicht dachte! Ja freilich, man muß ſich durchſchlagen— mit Geduld! Der Fingerzeig iſt gut und ich werde ihn befolgen! Bin ich bis jetzt geduldig geweſen, kann ich's auch ſpäter noch! Es iſt am Ende kein ſo ſchweres Stück Arbeit!“ Und Fritz ſchlug ſich richtig durch mit Geduld. Er ließ die kleinen Buben ſpotten und höhnen, that da⸗ bei gar nicht, als ob er es merke, und gab ſich nicht mehr die Mühe, ein Aergerniß an den Neckereien zu nehmen. Als die muthwilligen kleinen Burſchen das merkten, und ſie merkten es bald genug, da hörten die Spöttereien ganz von ſelber auf, und Fritz hatte Ruhe. Mittlerweile ſchlug er ſich aber auch in anderer Weiſe durch, und zwar wacker. Er ſah recht wohl ein, daß er ganz außerordentlich fleißig ſein müſſe, um auf die gleiche Stufe mit ſeinen Altersgenoſſen zu kommen, und lernte daher mit einer Ausdauer, die ihm die volle Zufriedenheit ſeiner Lehrer erwarb, und zugleich von dem günſtigſten Erfolge begleitet war. Nach kaum einem Jahre hatte er die unteren Klaſſen des Gymnaſtums durchlaufen, und nach noch einem weiteren Vierteljahre war er der Jüngſte in einer der oberen Klaſſen. Ein ſolcher Fleiß, von ſolchem Erfolge gekrönt, verſchaffte ihm Achtung und Neſpekt, und es fiel ſchon lange Nie⸗ manden mehr ein, ſeinen Muthwillen an ihm auszu-⸗ laſſen. Fritz konnte auch ruhig ſeines Weges gehen, 5 6 68 es ſtörte ihn kein Menſch weiter darin. Er hatte frei⸗ lich wohl auch ſeine heimlichen Neider und Feinde, aber ſie wagten ſich nicht aus ihrem Dunkel hervor, weil das einfache und beſcheidene Weſen Fritzens ihnen keinen Anlaß dazu bot. Und eine Gelegenheit vom Zaune zu brechen, um ſich an ihm zu reiben, wagten ſie nicht, weil Jeder wußte, wie hoch Fritz in der Gunſt des Directors ſtand. Dieſer hätte ſicherlich jede an ihm verübte Bosheit auf das Strengſte gerügt und beſtraft. Da geſchah es, daß Fritz in die oberſte Klaſſe, nach Prima, verſetzt wurde, und mit ihm zugleich ein junger Menſch, welchem Fritz ſchon längſt eine ſtille, herzliche Theilnahme widmete, obgleich er keine Gelegenheit ge⸗ funden und auch nicht geſucht hatte, ſeine nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Rudolph von Zwingenberg galt nächſt Fritz für den fleißigſten und talentvollſten Schuͤler des Gymnaſiums. Man wußte, daß ſeine Eltern ſehr reich waren, und Mancher wunderte ſich um ſo mehr über dieſen Eifer, der einem gedankenloſen Menſchen als überflüſſig erſcheinen konnte. Fritz dachte keines⸗ wegs ſo. Er erkannte recht gut, daß gediegene Kennt⸗ niſſe dem Reichthum erſt wahren Werth verleihen kön⸗ nen, und ſchätzte Rudolph wegen ſeines Fleißes um ſo höher. Dieſer merkte indeß nichts davon. Fritz drängte ſich nicht vor, und Rudolph war ſelbſt ein ſehr ſtiller, in ſich zurückgezogener junger Menſch von zarter Geſundheit und nichts weniger als kräftigem Körperbau. Ein eigen⸗ thümlicher Vorfall gehörte dazu, um die beiden jungen Leute einander näher zu bringen und zu befreunden. Die älteren Schüler in Prima, das heißt diejenigen, welche ſchon längere Zeit in dieſer Klaſſe geſeſſen hatten, machten ſich nach altem Brauche ein Vergnügen daraus, 69 die nun in die Klaſſe Verſetzten als ſogenannte„Füchſe“ ein wenig von oben herab zu behandeln, ihnen allerlei Poſſen zu ſpielen, und gelegentlich auch ſie zu tyranni⸗ ſtren. Beſonders zeichnete ſich in dieſer Beziehung ein ungeſchlachter, robuſter junger Menſch, Namens Albert Rabenau, aus. Er mißbrauchte ſeine körperliche Stärke, indem er die neuen Ankömmlinge durch Neckereien aller Art auf's Aeußerſte reizte, und ſie dann, wenn ſie je einige Widerſetzlichkeit zu zeigen wagten, durch Püffe und Knüffe wieder zur Ruhe und Unterwürfigkeit brachte. Er hatte dieſes eben ſo grauſame wie erbärmliche Spiel ſchon längere Zeit getrieben, und begann es von Neuem, als Rudolph von Zwingenberg und Fritz nach Prima verſetzt wurden, und zum erſten Male die Klaſſe beſuch⸗ ten. Er wartete bereits auf ſie, und ſaß, umgeben von anderen älteren Primanern, auf dem Katheder, als Beide ziemlich zu gleicher Zeit eintraten. Mit einer fürchter⸗ lichen Miene winkte er ihnen, dicht vor ihn hinzutreten, und Beide gehorchten,— Rudolph ſchuͤchtern und ängſt⸗ lich, Fritz aber nur neugierig und ohne alle Sorgen. „Ehe ihr jungen Füchſe eure Plätze in dieſer Klaſſe einnehmen dürft,« redete Albert ſie an,„müßt ihr erſt das Gelöbniß ablegen, daß ihr mir und den übrigen Alten allezeit gewärtig und unterthan ſein und gehorſam alle Befehle befolgen wollt, welche ich, oder auch irgend Einer von den Andern, euch zu ertheilen beliehen werde. Wenn ihr euch deſſen weigert, ſo werde ich euch Einen niach dem Andern ſo lange durchprügeln, bis ihr endlich nolens volens dennoch zu Kreuze kriecht, und den ver⸗ langten unbedingten Gehorſam leiſtet. Weigert euch daher deſſen nicht lange, ſondern gebt euer Verſprechen!« Fritz lächelte nach dieſer Anrede, die ihm äußerſt 70 komiſch vorkam; und als Albert mit Prügeln drohte, maß er ihn mit Einem Blicke von Oben bis Unten, und lächelte abermals mit einer leichten Beimiſchung von Verachtung. Es fiel ihm nicht entfernt ein, ſich ſo ganz gutwillig als ein Opferlamm den Launen ſeiner Mitſchüler zu unterwerfen, und er ſtand eben im Be⸗ griff, eine Erklärung abzugeben, als Rudolph von Zwin⸗ genberg ihm zuvorkam. »Ich kann dies nicht verſprechen,“ ſagte er, obwohl mit ſchüchterner Haltung, ſo doch mit Feſtigkeit und Beſtimmtheit. 1 „»Und warum nicht, Bürſchchen?“ fragte Albert Rebenau ſcharf. »Weil du, oder irgend ein Anderer, Etwas verlan⸗ gen könnteſt, was gegen mein Ehrgefühl wäre,“ erwie⸗ derte Rudolph.„Außerdem erkenne ich überhaupt Nie⸗ mandem die Berechtigung zu, mich gegen meinen Willen zu irgend Etwas zu zwingen. Ich bin gern gefällig, wenn ich es ſein kann, aber ich werde mich nie dazu erniedrigen, mich zu einer Art von Sclaven herzu⸗ geben.“ »Und dies iſt dein letztes Wort?« fragte Albert drohend und mit funkelnden Blicken.„Du weigerſt dich wirklich? Nun denn, ſo werde ich dir alſo den hand⸗ greiflichen Beweis zu koſten geben, daß du unterwürfig und gehorſam ſein mußt!“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, und machte Miene, über Rudolph herzufallen und ihn, wie er vorhin ange⸗ droht, tüchtig abzuprügeln. Augenſcheinlich lag es auf der Hand, daß die Ausführung dieſer brutalen Abſicht ihm nicht ſchwer fallen konnte, denn er war, wie bereits erwahnt, ein kraftvoller Burſche mit tüchtigen Fäuſten 74 und Knochen, während der arme Rudolph ſchmaͤchtig und ſchmal, faſt wie ein Kind neben ihm ausſah. „Zum letzten Male, Burſche,“ ſagte Albert drohend, —„willſt du gehorchen oder nicht?“ Rudolph erblaßte ein wenig, aber mit feſter Stimme gab er zur Antwort:„Nein! Ich kann es nicht, und thue es nicht!“ „So nimm dies, widerſpenſtige Kröte!“ brüllte Al⸗ bert und führte einen Fauſtſchlag gegen ihn, der ihn ſicher zu Boden geworfen haben würde, wenn er getrof⸗ fen hätte. Aber dazu kam es nicht. Fritz riß Rudolph zur Seite, und der Schlag ging in die Luft. „Nicht ſo hitzig, Beſter,“ ſagte Fritz hierauf ganz ruhig und gelaſſen, während Albert ihn voller Wuth und Ingrimm anſtarrte;—„nicht ſo hitzig. Wenn es einmal hier Prügel geben ſoll, ſo bitte ich mit meiner Perſon anzufangen, denn ich werde nicht dulden, daß dieſem meinem Mitſchüler hier von irgend einem andern Mitſchüler auch nur ein Haar gekrümmt wird. Ich kenne die Sitte des Fuchs⸗Hänſelns zur Genüge, und werde meinerſeits ertragen, was zu ertragen möglich iſt. Aber an Rudolph Zwingenberg ſoll Niemand ſich zu reiben unterſtehen. Dies iſt meine erſte und letzte Erklärung, und wenn du etwas dagegen einzuwenden haſt, Albert Rabenau, ſo ſprich dich aus!« „Dies meine Antwort!“ ſchrie Albert, und ſchlug mit geballter Fauſt nach Fritzens Geſicht. Aber Fritz parirte den Hieb, und trat ein paar Schritte zurück. „Nun denn, da es ſo ſein muß, und du durchaus keine Vernunft annehmen willſt,— ſo mag es in Gottes Namen losgehen. Ich bin ſchon daran gewöhnt, mich durchzuſchlagen, und ich denke, es wird mir auch 72 heute glücken. Alſo komm heran, wenn du den Muth haſt, Tyrann, der du biſt!“ Albert ließ nicht auf ſich warten. Es fehlte ihm nicht an Muth, und außerdem verließ er ſich auf ſeine nicht gewöhnliche Körperſtärke. Bis dahin war er noch in allen Fauſtkämpfen Sieger geblieben, und hatte in Folge deſſen eine Herrſchaft über ſeine Mitſchüler aus⸗ geübt, die dieſen äußerſt läſtig und unangenehm war, und ihn nicht gerade beliebt machte. Aber Furcht er⸗ ſetzte vollkommen die Zuneigung, und Albert's Ober⸗ Herrlichkeit wurde nie angefochten, bis zu dieſem Augen⸗ blicke, wo Jemand, und noch dazu„ein Fuchs“ ſich unterſtand, ihm den Gehorſam zu verweigern. Albert fühlte, daß ſeine Herrſchaft auf dem Spiele ſtand, und bot deßhalb ſeine ganze Kraft und Gewandtheit auf, den Gegner zu überwinden und zu Boden zu ſchlagen. Aber diesmal hatte er ſeinen Mann gefunden. Fritz bearbeitete ihn ſo nachdrücklich mit beiden Fäuſten, und trommelte ihm ſo gewaltig auf dem Schädel herum, daß Albert nach kaum zwei Minuten am Boden lag, und kläglich ſtöhnend um Gnade bat. »Du haſt alſo genug?« fragte der Sieger. »Mehr, als genug, mir iſt, als ob mein Kopf zu Brei geſchlagen wäre,« antwortete Albert, von Neuem und noch klaͤglicher ſtöhnend. Und allerdings ſah er auch kläglich genug aus. Sein Geſicht war mit Beulen bedeckt, und ſein rechtes Auge dick geſchwollen, und braun und blau unter⸗ laufen. „Gut denn,“ ſagte Fritz.„So wären vorläufig wir Beiden fertig. Aber wie iſt es mit euch übrigen Alten? Hat Einer oder der Andere Luſt, noch einmal mit mir anzufangen? Ich bin ganz bereit, mich durch⸗ zuſchlagen, und beſſer, es geſchieht gleich, als ſpäter. Wir ſind dann mit Einem Male fertig.“ Die älteren Schüler ſahen ſich verleten an, aber kein Einziger bezeigte Luſt, den Kampf wieder aufzunehmen. Sie fluͤſterten ein Weilchen heimlich unter einander. Dann trat der Aelteſte von ihnen auf Fritz zu und bot ihm ſeine Hand. Fritz nahm ſie. „Das heißt alſo, wir wollen Frieden halten,“ fragte er. „Ja, das ſoll es heißen,“ verſetzte der Andere. „Wir freuen uns eigentlich Alle darüber, daß du im Kampfe mit Albert Sieger geblieben biſt, denn er hat uns ſchon lange genug tyranniſirt und brutaliſirt, auf eine Weiſe, die nachgerade faſt unerträglich wurde. Alſo biete ich euch Beiden, dir und Rudolph Zwingen⸗ berg, Frieden und Freundſchaft an.« „Angenommen!“ erwiederte Fritz und ſchüttelte die Hand ſeines neuen Kameraden.„Von jetzt an ſoll bei uns Niemand mehr von einem Andern tyranniſirt wer⸗ den, und Alles ſoll fortan Frieden und Einigkeit ſein. Abgemacht! Und du, Albert, geh' nach Hauſe und waſche dich mit Eſſigwaſſer, denn wenn dich der Direc⸗ tor in dieſem Zuſtande ſieht, ſetzt es am Ende gar noch ein paar Tage Carcerſtrafe. Ich werde dich als unwohl melden und dabei keine Unwahrheit ſagen, denn zum Allerbeſten befindeſt du dich wohl gerade nicht.“« Albert humpelte beſchämt davon. Als er fort war, trat Rudolph von Zwingenberg auf Fritz zu, ergriff ſeine Hand und drückte ſie mit wärmſter Herzlichkeit. „Ich danke dir für deinen großmüthigen Schutz und Beiſtand,“ ſagte er mit Innigkeit.„Ohne dich hätte 74 mich der rohe Menſch jämmerlich durchgeprügelt, und würde es alle Tage bei jeder Gelegenheit wieder ge⸗ than haben. Daß ich vor ſeinen Brutalitäten und Rohheiten geſichert bin, dank' ich dir. Ich hoffe, wir werden in Zukunft gute und treue Freunde ſein!« „Von Herzen gern,“ erwiederte Fritz.„Ich bin dir ſchon längſt gut, wenn ich auch nichts davon zu dir geſagt habe. Aber weißt du auch, daß ich nur ein ganz armer Taglöhnersburſch bin, während du der Sohn eines reichen Edelmannes biſt?« „Arm oder reich, adelig oder bürgerlich, ein braves Herz iſt immer des anderen werth,« verſetzte Rudolph mit Wärme.„Und übrigens, wenn ich reich bin, ſo biſt du es auch, denn mit einem wahren Freunde theile ich gern mein Alles!“ „Danke,“ antwortete Fritz freundlich.„Ich bin nicht ganz ſo arm, als du vielleicht denkſt, und ſelbſt wenn ich's wäre, würde ich mich ſchon durchſchlagen! Aber deine Freundſchaft nehme ich an mit dankbarem Herzen, denn ich habe ſie mir ſchon lange gewünſcht, ohne Hoff⸗ nung, daß dieſer Wunſch jemals in Erfüllung gehen könne. Und nun iſt es doch geſchehen! Wahrhaftig, ich bin ein wahres Glückskind! Da iſt es keine Kunſt, ſich ſogar fröhlich und heiter durchzuſchlagen!«“ So wurde ein Freundſchaftsbund geſchloſſen, den die Zukunft nicht löſen, ſondern nur immer mehr befeſtigen ſollte. Je näher ſich Fritz und Rudolph kennen lernten, deſto höher lernten ſie einander ſchätzen und achten, und die gegenſeitige Zuneigung ſchlug immer tiefere Wurzeln in ihren Herzen. Rudolph ſah natürlich ſehr bald, mit welchen Mit⸗ teln ſich Fritz forthelfen und durch die Welt ſchlagen 5 mußte, und er bot ihm mehrmals freigebig ſeine Börſe und ſeine Wohnung an. Aber Fritz ſchlug Beides freundlich, dankbar, aber hartnäckig aus. „Ich darf mich nicht verwöhnen,“ ſagte er.»Gott weiß, wie wir einmal unerwartet getrennt werden könn⸗ ten, und da würde es mir vielleicht ſchwer fallen, mich durchzuſchlagen, während es jetzt nur ein Kinderſpiel für mich iſt. Ich lebe ſogar in Ueberfluß und Reich⸗ thum!“ „In Ueberfluß und Reichthum? Du?“ „Gewiß! Was geht mir denn ab? Ich brauche weder zu hungern noch zu durſten; meine Kleidung iſt in leidlichem Stande; für meine Wäſche ſorgt meine vortreffliche Frau Kilian; und das Alles koſtet mich ſo wenig, daß ich monatlich noch ein paar Thaler erſpare, die ich meiner armen Mutter zur Unterſtützung ſchicken kann. Iſt das nicht Reichthum und Ueberfluß?“« „Aber du mußt dir auch jedes Vergnügen und jede Zerſtreuung verſagen, deine Koſt iſt ärmlich; du haſt nicht einmal ein Stübchen für dich, wo du ungeſtört biſt!« „Vergnügung und Zerſtreuung finde ich genugſam in der Arbeit und allenfalls in einem Spaziergange; meine Koſt iſt gut genug, um nnich zu ſättigen und zu ernähren; und in der Frau Kilian kleinem Stübchen bin ich zu Hauſe, wie wenn es mir allein gehöͤrte. Die gute alte Frau ſtört mich in nichts. Darum laß mich nur ruhig meinen Weg gehen, Rudolph. Wer ſich durch die Welt ſchlagen muß, wie ich, der darf ſich nicht verwöhnen, ſondern muß lernen, mit dem Gering⸗ ſten zufrieden zu leben. So lebe ich, und wenn du es 66 wirklich gut mit mir meinſt, ſo darfſt du mich in meiner Art und Weiſe nicht ſtören!“« „Gut denn,“ ſagte Rudolph nach einer Pauſe ſtillen Nachdenkens.„Ich bewundere deine Genügſamkeit, und will mich dir länger nicht aufdrängen;— aber Eines mußt du mir verſprechen.“ „Und was?“ „Daß du dich ohne alle Umſtände an mich wenden willſt, wenn du, was Gott verhüte, einmal in wirkliche Noth gerathen ſollteſt. Verſprich mir das!« »„Hier haſt du meine Hand und mein Wort darauf!« verſetzte Fritz mit einer gewiſſen Feierlichkeit.„Falſche Scham ſoll mich nie abhalten, deine Freundſchaft in Anſpruch zu nehmen. Aber ſo lange meine eigene Kraft ausreicht, mich durchzuſchlagen, will und darf ich Nie⸗ mandem beſchwerlich fallen, auch meinem beſten Freunde nicht.« Mit dieſen Worten war das Geſpräch zu Ende, und der Gegenſtand deſſelben wurde nicht wieder zwi⸗ ſchen den Beiden berührt, obgleich ſie täglich beiſammen waren, und faſt unzertrennlich von einander ſchienen. Die Zeit verging; die Jahre flogen raſch dahin, und Nichts änderte ſich in Fritzens Verhältniſſen. Es gelang ſeiner Sparſamkeit, mit dem Geringen, was der alte Oberſt⸗Wachtmeiſter ihm ausgeſetzt hatte, durchzu⸗ kommen, ohne Schulden zu machen. Aber nun ſtand ein Wendepunkt ſeines Schickſals nahe bevor. Er hatte mit Rudolph zuſammen das Abgangs⸗Examen nicht nur glücklich, ſondern auf die ausgezeichnetſte Weiſe beſtan⸗ den, und mußte ſich nun entſchließen, eine Univerſität zu beziehen. Daß er dies thun müſſe, ſtand feſt bei ihm, nur war es ſehr die Frage, ob er auch auf der Univerſität mit ſeinen geringen Hülfsmitteln ſich durch⸗ ſchlagen werde? Dort hatte er keine Frau Kilian, die mütterlich, keinen Schuldirector, der väterlich für ihn ſorgte, wie hier. Trotzdem war er keinen Augenblick zweifelhaft. „Hin muß ich!“ dachte er.»Und einmal dort, wird der liebe Gott ſchon weiter helfen.“ Da, kurz nach dem Eramen, ließ ihn der Schul⸗ director zu ſich beſcheiden, und Fritz ſtellte ſich pünktlich zur beſtimmten Zeit ein. Der Director empfing ihn, wie gewöhnlich, mit väterlicher Freundlichkeit. „Setze dich, Fritz,“ ſagte er.„Ich habe ein ernſtes Wort mit dir zu reden. Haſt du ſchon darüber nach⸗ gedacht, was du nun, nach dem Abgange von der Schule, beginnen willſt?« „Ja, Herr Director,“ verſetzte Fritz.„Ich gehe nach Halle, und ſtudiere Theologie.“ „Aber wie ſteht es mit den Mitteln dazu? Hat der alte Herr, der Oberſt⸗Wachtmeiſter, ein Weiteres für dich gethan?“. „Das nicht. Aber ich denke, daß er mich nach wie vor unterſtützen wird.“ „Mit zehn Thalern monatlich! Damit kannſt du unmöglich in Halle leben!« „Ich muß es verſuchen, Herr Director,“ verſetzte Fritz achſelzuckend.„Man muß ſich durchſchlagen!“ „Es geht nicht! Unmöglich! Du mußt in Schul⸗ den gerathen und endlich zu Grunde gehen!“ „Da müßt' es ſchon recht hart und ſchlimm kom⸗ men, Herr Director. Ich kann entbehren, kann von Waſſer und Brod leben, wenn es ſein muß, aber vom Lernen kann ich nicht laſſen. Es hilft einmal Alles 78 nichts, ich muß mich empor arbeiten, wär' es auch nur, um meiner guten alten Mutter ihre letzten Lebenstage zu verſchönern.“ „Es wäre auch Jammer und Schade, wenn du auf halbem Wege ſtehen bleiben müßteſt,“ ſagte der Direc⸗ tor.„Und doch,— es iſt kaum möglich, daß du ohne weitere Unterſtützung dein Ziel erreichſt.„Höre'mal, Fritzt Du und Rudolph von Zwingenberg, ihr ſeid gute Freunde. Zwingenberg iſt ſehr reich,— ich bin überzeugt, er würde dich gern unterſtützen, wenn du ihm nur ein Wort vergönnen wollteſt.“ „Oh, gewiß, er hat mir's ſchon ſelber angeboten, Herr Director, aber ich hab' es ausgeſchlagen.“ „Das war jedenfalls thöricht von dir, Fritz! Wozu hat man Freunde im Leben, wenn man im Nothfall nicht ihre Hülfe in Anſpruch nehmen will?«“ „Herr Director, früͤher hätte ich das wohl ge⸗ than,“ erwiederte Fritz ernſthaft.„Jetzt aber denke ich anders darüber. Wer ein rechter Mann werden will, der muß vor allem Anderen auf ſeinen eigenen Füßen ſtehen lernen, und ſich durch eigene Kraft und Anſtren⸗ gung forthelfen,— ſo lange es eben geht. Ich würde mich ſchämen, meinen Freunden zur Laſt zu liegen. Mein Plan iſt der. Ich gehe nach Halle und ſehe zu, wie weit ich dort mit meinen zehn Thalern monatlich komme. Reicht es nicht, ſo kann ich vielleicht durch Stundengeben oder Correcturleſen Etwas verdienen, ohne deshalb meine Studien zu vernachläſſigen. Außerdem gelingt es mir vielleicht ſpäter, mir Gönner unter den Profeſſoren zu erwerben, und durch ihre Vermittlung ein kleines Stipendium oder ein paar Freitiſche zu be⸗ kommen. Die paar Jahre, die ich ſtudieren muß, werden 79 ja hingehen, und habe ich einmal die Kanditats⸗Prü⸗ fung beſtanden, ſo kann ich eine Stelle als Hauslehrer ſuchen, und dann bin ich bis auf Weiteres geborgen. Nur muthig und unverzagt, denk' ich! Gott hat bis hierher geholfen, Er wird auch weiter helfen!“ »Nun, ich ſehe ſchon, du haſt ein tapferes Herz, und dein Plan iſt am Ende durchzuführen, wenn auch freilich nur mit großen Entbehrungen und Anſtrengun⸗ gen,“ ſagte der Director nach kurzer Ueberlegung.„Ich hatte eigentlich einen anderen Vorſchlag für dich. Eine fremde Herrſchaft hat ſich an mich gewendet, ihr einen Hauslehrer zu verſchaffen, und obwohl du eigentlich noch zu jung biſt, um ſchon als Lehrer aufzutreten, ſo hätte ich dich doch zu der Stelle empfohlen, weil ich weiß, daß deine Kenntniſſe und dein Pflichteifer den Feh⸗ ler der mangelnden Jahre auszugleichen wiſſen würden. Es handelt ſich um eine Stelle in Riga bei einer ade⸗ ligen Familie. Sie trägt dreihundert Thaler jährlichen Gehalt bei ganz freier Station, und die Hauptbedingung iſt, daß du dich verpflichten müßteſt, fünf Jahre dort zu bleiben.“ Fritz ſchüttelte den Kopf. „Der Vorſchlag iſt ſehr lockend, namentlich für mich in meinen Verhältniſſen,“ ſagte er.„Aber wenn ich ihn annähme, würde ich meine ganze Zukunft in Frage ſtellen. Was ſollte ich nach fünf Jahren anfangen? Ich müßte eben wieder eine Stelle als Hauslehrer ſuchen, und könnte nie im Leben ſelbſtſtändig werden! Nein! Ich bin Ihnen herzlich dankbar, Herr Director, daß Sie an mich gedacht haben, aber ich ziehe doch vor, lieber ein paar Jahre zu entbehren, und ſelbſt Hunger zu leiden, um mir ein d feſtes und ſicheres Pundan t *— — 80 für meine Zukunft zu legen. Die paar Jahre werden entfliegen, und wenn es mir dann ſpäter einmal beſſer ergeht, ſo wird es mir auch um ſo beſſer behagen!“ »Wohlan denn, ſo zieh' in Gottes Namen,“ ſagte der Director gerührt.„Ich glaube ſelbſt, du haſt das beſſere Theil erwählt, und ich will von Herzen wün⸗ ſchen, daß du dein Ziel trotz aller Hinderniſſe erreichen werdeſt.„Geh' alſo nach Halle. Dort wirſt du Wei⸗ teres von mir hören!“ 3 Fritz ging und kehrte nach ſeiner Wohnung zu Frau Kilian zurück. Hier wartete Zweierlei auf ihn, nämlich ſein Freund Rudolph von Zwingenberg und ein Brief aus ſeiner Heimath,— von dem Pfarrherrn in Krippen⸗ feld, wie Fritz an der Handſchrift und dem Siegel er⸗ kannte. Rudolph war gekommen, um Fritz mit in ſeine Wohnung zu nehmen, denn er beabſichtigte, die berühmte Forſt⸗Akademie in Tharandt zu beziehen, um ſich dort auf ſeinen künftigen Beruf, die Verwaltung ſeiner großen Forſten und Domänen, vorzubereiten, und ſeine Abreiſe war auf den folgenden Morgen in aller Frühe feſtge⸗ ſetzt. Den letzten Abend wollte er in Geſellſchaft ſeines beſten Freundes verbringen. „Lies nur erſt deinen Brief,“ ſagte er, als Fritz ihn⸗ herzlich begrüßte und den Brief bei Seite legen wollte. „Nachher mußt du mit zu mir kommen. Ich erwarte noch zwei von unſeren guten Freunden, damit wir den letzten Abend meines Hierſeins fröhlich verplaudern.“ Fritz erbrach den Brief, las ihn flüchtig durch, und legte ihn dann auf das Fenſterbrett. „Gute Nachrichten?« fragte Rudolph. „»Nichts Beſonderes weiter,“ erwiederte Fritz.„Der —— Herr Pfarrer ſchreibt mir nur, daß meine Mutter wohl⸗ auf und munter iſt.« »Und gewiß noch etwas mehr, Fritz! Wie?« »Nun, und daß ſie ſich bedanken läßt für die paar Thaler, die ich ihr kürzlich geſchickt habe. Weiter nichts!« ſetzte Fritz zögernd und erröthend hinzu. »Nun, weiß der Himmel,“ ſagte Rudolph,„am Ende ſchämſt du dich noch darüber, daß du dir aus Liebe zu deiner Mutter die äußerſten Entbehrungen auferlegſt. Sei nur ſtill, und komm' jetzt! Und hören Sie, meine gute Frau Kilian, vor zehn⸗Uhr erwarten Sie Fritz nicht zurück! Es iſt der letzte Abend auf lange Zeit, den ich in ſeiner Geſellſchaft zubringen kann, und darum muß ich ihn gründlich genießen!“ „»Tragen Sie keine Sorge, Herr von Zwingenberg,“ verſetzte Frau Kilian.„Ich werde ſchon warten, bis Fritz kommt, wenn's auch noch ein wenig ſpäter werden ſollte. Ich weiß ja, Unrechtes thun Sie nicht!« Die beiden jungen Leute nahmen Abſchied von der guten alten Frau, und begaben ſich nach Rudolphs Wohnung. Nach einem äußerſt vergnügten Abende, der nur durch den Gedanken an die bevorſtehende Trennung der Freunde einigermaßen getrübt wurde, kehrte Fritz nach Hauſe zurück. Frau Kilian wartete auf ihn, wie ſte verſprochen hatte, aber ſie empfing ihn nicht mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit, ſondern mit ſehr betrübter Miene, und an ihren gerötheten Augen konnte man ſehen, daß ſie geweint haben müſſe. Fritz bemerkte es auf der Stelle, ſobald er nur in das kleine Stübchen trat. Man muß ſich durchſchlagen. n 82 „Um Gotteswillen, was iſt Ihnen geſchehen, Frau Kilian?“ ſagte er, indem er auf ſie zueilte und beſorgt ihre Hand ergriff. „Mir nicht, Fritz! Aber dir!« verſetzte die alte Frau, und neue Thränen ſtürzten aus ihren Augen. „Haſt du denn den Brief nicht ordentlich geleſen, der heute für dich angekommen iſt?“ „Freilich habe ich! Es ſteht aber nichts Beſonderes darin.“ „Dann haſt du die Nachſchrift überſehen, die auf der zweiten Seite ſteht! Erſchrick nur nicht zu ſehr darüber!“« Fritz griff haſtig nach dem Briefe, ſah nach der zweiten Seite, und ein dumpfer Schmerzenslaut entrang ſich ſeiner Bruſt. Es war eine ſchlimme Botſchaft, welche die Nachſchrift mittheilte. Sie lautete: „In aller Eile! So eben kommt die Nachricht vom Schloſſe, daß unſer braver gnädiger Herr, der Oberſt⸗ Wachtmeiſter, eines plötzlichen Todes verblichen iſt. Die⸗ ſer Schlag wird dich beſonders hart treffen, mein lieber Fritz, da ich ſehr fürchte, daß mit dem Tode des Oberſt⸗ Wachtmeiſters die Unterſtützung wegfallen wird, die er dir zugewendet hat. Der junge Herr iſt hier, und ich werde deinetwegen mit ihm reden. Hoffe aber nichts. Der junge Herr hat keine beſondere Verpflichtung gegen dich, und du weißt ja, daß ſein Einkommen nicht ſo be⸗ deutend iſt, als wir Alle wohl wünſchten. Gott tröſte dich, mein Sohn! In den nächſten Tagen wirſt du wieder Nachricht von mir erhalten.“ 29 83 Dies war freilich ein niederſchmetternder Donner⸗ ſchlag für den armen Fritz. Er ſaß erſt eine ganze Weile bleich und ſtumm, und dann ſchoß ein heftiger Thränenſtrom aus ſeinen Augen. „Der gute, liebe, alte Herr!« klagte er.„Mir iſt, wie wenn mir ein Vater geſtorben wäͤre! Das iſt ein harter, ſehr harter Verluſt für mich!« Er weinte lange und ſchmerzlich, und Frau Kilian vermiſchte endlich ihre Thränen mit den ſeinigen. End⸗ lich faßte er ſich mit Gewalt, und ſtand auf, um zur Ruhe zu gehen. „Laſſen Sie's gut ſein, Frau Kilian,“ ſagte er. „Das Weinen und Jammern hilft zu nichts. Ich muß den Schlag eben verwinden, ſo gut es gehen will. Was nun aus mir werden ſoll, wenn ich meinen Gönner und Wohlthäter verloren habe, weiß ich freilich nicht; aber Gott, das hoffe ich, wird mich nicht ganz verlaſſen! Gute Nacht!“ Er drückte der alten Frau die Hand, und begab ſich in ſein Kämmerchen, aber— nicht zur Ruhe. Er fand ſie nicht. Das Andenken an ſeinen Wohlthäter, und der Gedanke an die traurigen Folgen, die ſein Tod für ihn unfehlbar haben mußten, ſcheuchten den Schlaf von ſeinen Augen. Erſt lange nach Mitternacht drückten ihm Müdigkeit und Erſchöpfung die Augen zu, und er ſchlummerte bis zum hellen lichten Morgen. Geſtärkt und innerlich gekräftigt erwachte er. Er kleidete ſich an, und ging dann in das Stuͤbchen ſeiner Hauswirthin. Als er eintrat, blickte Frau Kilian ihn forſchend an. Ein wehmüthiges Lächeln ſchwebte um 6* —— —y— 4———=— 1 — 7— 84 ſeine Lippen; ſonſt aber war ſein Geſicht ruhig, ſein Auge hell, ſeine Miene gefaßt. »Gott ſei Dank, du haſt alſo den Schlag überſtan⸗ den,“ ſagte Frau Kilian.„Das Schwerſte iſt über⸗ wunden, wie ich ſehe.« »Sie haben recht, Frau Kilian,« erwiederte Fritz. „»Ich habe meinen Entſchluß gefaßt, und das war aller⸗ dings das Schwierigſte in meiner Lage. Noch lange habe ich geſtern hin und her überlegt, Alles erwogen, Alles überdacht, bis ich endlich in's Klare kam. Der Schuldirector bot mir geſtern eine Hauslehrer⸗Stelle an, die mir für ein paar Jahre eine gute Stellung ſicherte. Geſtern Abend ſpät ſchwankte ich noch, ob ich ſie an⸗ nehmen ſolle, oder nicht,— heute früh bin ich ent⸗ ſchloſſen, daß ich es nicht thue!« „»uUnd was willſt du thun, Fritz?« »Nach Halle gehen, ſtudieren, und mich durchſchla⸗ gen, ſo gut ich kann,« antwortete er mit feſter Stimme. »Das iſt der einzige Weg, auf dem ich mein Ziel er⸗ reichen kann: ein ſorgenfreies Alter für meine Mutter.“ »Aber, Fritz, wie willſt du das durchführen, ohne Geld, ohne Bekanntſchaften, ohne Unterſtützung irgend einer Art?« Das weiß ich freilich nicht, aber das weiß ich, daß ich lieber Alles entbehren, als von meinem Ziele abweichen will. Unterliege ich, nun denn, ſo iſt es Gottes Wille! Aber trotz Allem und Allem hoffe ich, es werde mir gelingen, mich durchzuſchlagen!« »Du wirſt aber doch wenigſtens noch eine Nachricht von Hauſe abwarten, Fritz?« —— 7 1. 85⁵ „Ja, das will ich, obgleich ich im Voraus weiß, daß ich von dort nichts erwarten darf. Aber auf ein paar Tage kommt es allerdings nicht an.“ Am dritten Tage nach dieſer Unterredung traf der erwartete Brief ein. Der Pfarrherr meldete, daß der junge Herr Baron nichts weiter für Fritz thun könne. „Es überraſcht mich nicht,“ ſagte dieſer kalt.„Ich habe nichts Anderes erwartet.“ Noch am nämlichen Tage ſchnürte er ſein Bündel, nahm herzlichen Abſchied von der Frau Kilian, und machte ſich zu Fuß auf den Weg nach Halle.—— Drei Jahre ſind vergangen,— drei lange, ſchwere Jahre für Fritz Halmer. Wir finden ihn wieder in einem kleinen, engen, ärmlichen Dachkämmerchen, in dem ſich nichts befindet, als ein Strohſack mit einer alten Woll⸗Decke, der zum Bette dienen muß, ein wackeliger Tiſch, ein Stuhl, eine alte Kaffee⸗Maſchine, und ein Bücher⸗Regal, auf welchem wohlgeordnet eine ziemliche Anzahl Bücher paradirt,— das einzig Werthvolle, was in dem Kämmerchen zu finden iſt. Fritz lebt noch; er hat ſich alſo durchgeſchlagen die drei Jahre hindurch; aber wie elend, wie armlich und jammervoll es ihm waͤhrend dieſer Zeit ergangen ſein mag, das zeigt ein Blick auf ſeine hagere Geſtalt, auf ſein abgemagertes, bleiches Geſicht. Er iſt nicht mehr der alte, friſche, lebensfrohe Fritz von früher; ſchwere Sorgen haben frühzeitig ſeine Stirn gefurcht, und einen ſchmerzlichen Zug um ſeine Lippen gegraben. Nur das helle, klare, blitzende Auge iſt noch das alte,— Entſchloſſenheit, Ausdauer und Muth leuchten daraus hervor. Wenn 86 Fritz auch körperlich gebeugt und leidend ſein mag, der Geiſt iſt noch friſch und ungebrochen, und heute viel⸗ leicht friſcher als jemals, denn er hat heute ſeine letzte Kandidats⸗Prüfung beſtanden, und zwar ſo glänzend, ſo ausgezeichnet, ſo ehrenvoll beſtanden, wie es noch ſelten Jemandem gelungen iſt. Die Profeſſoren haben ihn umarmt, und die Studenten ihn angeſtaunt und mit Glückwünſchen überhäuft. Er aber hat ſich ganz in der Stille von dem Schauplatze ſeines Triumphes entfernt, und iſt auf ſein Dachkämmerchen geſchlichen, wo er nun auf dem Stuhle ſitzt, und mit nachdenklichem Blicke ſeine Umgebungen muſtert. ¹ »Wenn ich Alles verkaufe, wird der Erlös gerade ausreichen,« murmelte er vor ſich hin.„Aber freilich, von meinen Büchern mich zu trennen, wird mir ſchwer. Hilft aber kein Sträuben! Die Koſten des Examens ſchenkt mir Niemand, und doch müſſen ſie bezahlt wer⸗ den!« Mit wehmüthigen Blicken muſtert er ſeine Bibliothek auf dem Bücher⸗Regale, und ſchüttelt dann traurig den Kopf, vielleicht um eine Thräne abzuſchütteln, die an ſeinen Wimpern hängt. 9 Da klopfte es an die Thür. „»Herein!« rief Fritz, und wiſchte mit der Hand ſchnell die letzte Spur der verrätheriſchen Thräne weg. „Herein!« Die Thür wurde geöffnet, ein junger, fein gekleide⸗ ter Herr von vornehmer Haltung und edlem Ausſehen trat herein, blieb an der Schwelle ſtehen, und betrach⸗ tete ſchweigend Fritz und ſeine Umgebung in dem ärm⸗ 87 lichen Dachkämmerchen. Fritz ſprang in Verwirrung vom Stuhle auf, und verbeugte ſich vor dem Fremden, der ihm wohl bekannt vorkam, den er aber in den erſten Augenblicken doch nicht wiedererkannte. „Alſo in ſolcher Lage muß ich dich wiederfinden, Fritz,“ nahm der Fremde jetzt das Wort, und ſein Auge ruhte vorwurfsvoll auf dem jungen Kandidaten,— „hältſt du ſo das Verſprechen, das du mir bei unſerem letzten Abſchiede gegeben?“ „Rudolph!“ ſchrie jetzt Fritz plötzlich auf;—„Ru⸗ dolph von Zwingenberg! Mein alter Freund und Schul⸗ kamerad! Das iſt eine freudige Ueberraſchung!“ Rudolph breitete lächelnd die Arme aus, und Fritz ſtürzte jauchzend an ſeine Bruſt. Minutenlang hielten ſie ſich feſt und innig umſchlungen. „Nun, ich ſehe, ich fühle, daß du mir wenigſtens die alte Liebe und Anhänglichkeit bewahrt haſt,“ nahm Rudolph wieder das Wort,„und um deßwillen mag dir Manches vergeben ſein. Aber, Menſch, wie kannſt du ſo wohnen, in ſolcher armſeligen Umgebung aushalten, da du doch weißt, daß ich dein Freund und Bruder bin! Pfui, Fritz, ſchäme dich des falſchen Hochmuthes, der aenndes⸗und und Freundes⸗Hülfe ſtarrſinnig zurück⸗ ſtößt!« Fritz erröthete, aber ſein Auge blitzte, wäßrend er antwortete: „Du irrſt, Rudolph! Ich bedurfte deiner Hülfe nicht. Ich habe mich durchgeſchlagen, ein bischen müh⸗ ſam freilich, aber ehrlich und rechtſchaffen! Und jetzt iſt das Schwerſte überſtanden! Ich bin Kandidat der 4 — Theologie, und es wird mir nun nicht ſchwer fallen, eine Stelle als Hauslehrer zu bekommen.“ »Denkſt du, ich weiß das nicht?« erwiederte Ru⸗ dolph.„Von dir unbemerkt, habe ich der heutigen Prü⸗ fung zugehört, und bin Zeuge deines außerordentlichen Triumphes geweſen. Aber nicht allein das weiß ich, — ich weiß auch, wie es dir in den letzten drei Jahren ergangen iſt!« »Zum Beſten konnte es freilich nicht gehen,« ver⸗ ſetzte Fritz, da gerade, ehe ich hierher ging, mein guter alter Oberſt⸗Wachtmeiſter ſtarb, und in Folge deſſen die Unterſtützung wegfiel, die ich von ihm auf dem Gymnaſtum Lrhielt.« Schrecken und Beſtürzung malten ſich in Rudolph's Zügen. „ Auch das noch?“ rief er aus, indem er krampf⸗ haft die Hände in einander ſchlug.„Das habe ich tauſend Freuden bereit geweſen wäre, dich zu unter⸗ ſtützen! Das iſt wahrhaftig abſcheulich von dir!« »Ei,“ verſetzte Fritz,„ich mußte doch wenigſtens erſt den Verſuch machen, ob ich mich nicht ohne fremden Beiſtand durchſchlagen konnte. Ich verſuchte es, und ſiehe da, es ging!« »Aber wie ging es?« „Freilich, nicht immer ganz glatt,« verſetzte Fritz mit einem Lächeln, das etwas Schmerzliches, zugleich aber auch etwas Triumphirendes hatte,—„aber du ſtehſt, ich habe mich durchgeſchlagen, ehrlich und redlich, ohne⸗ dung. So verging mir ein Tag nach dem anderen, wie im Fluge. Langeweile habe ich nie kennen gelernt, denn ich hatte ſtets alle Hände voll zu thun, und durfte mir kaum den allernöthigſten Schlaf vergönnen. Nun ſind die drei Jahre herum, ich habe die ÜUniverſität ab⸗ ſolvirt, und kann mich weiter in der Welt umſehen! 3 Ich verſichere dir, Rudolph, ich empfinde ein angeneh⸗ 4 mes Gefühl bei dem Gedanken, daß es mir ſo durch Fleiß, Sparſamkeit und Mäßigkeit gelungen iſt, mich durchzuſchlagen!« „»Aber dennoch iſt es mir unbegreiflich, wie du es ausgehalten haſt!« „Ich mußte es aushalten, um mein Ziel zu er⸗ reichen! Und glaube mir, ſelbſt in der Entbehrung liegt 3 ein Genuß, wenn man ſich ſagen kann, daß man ent⸗ behrt, um eines edlen und hohen Zweckes willen!« »Aber drei lange Jahre entbehren!« rief Rudolph aus.„Tag für Tag entbehren, Tag für Tag arbeiten ohne Ausſicht auf eine Erholung, Tag für Tag hun⸗ gern, frieren und ſorgen für den kommenden Tag! Es iſt zu viel! Wenn du nun krank geworden wäreſt, Fritz?« „Dann hätte ich deine Hülfe in Anſpruch genom⸗ 4 men!« ſagte Fritz offen und treuherzig.„Daß ich die⸗ ſen Rückenhalt beſaß, hat mich vielleicht gerade geſund erhalten, und mir jedenfalls über Vieles hinweg ge⸗ holfen. Aber der Himmel bewahrte mich vor einem derartigen Unglück!« „Und was gedenkſt du nun zu beginnen, Fritz?« „Es bleibt mir, wie ſchon erwähnt, nichts Anderes übrig, als mich nach einer Hauslehrer⸗Stelle umzuſehen. 2 91 Denn,“— ſetzte er lächelnd hinzu,—„die Pfarrſtellen wachſen nicht auf den Bäumen, und noch manches Jahr mag vergehen, ehe mir das Glück zu Theil wird, eine zu bekommen.“ „Du hältſt es alſo für ein Glück, Pfarrer zu wer⸗ den?« fragte Rudolph mit ganz eigenthümlichem Aus⸗ drucke. „Gewiß,“ erwiederte Fritz verwundert.„Zweifelſt du etwa daran? Für das großte Glück meines Lebens halte ich es. Denke nur, ich könnte als Pfarrer meine alte Mutter zu mir nehmen, und hätte einen Wirkungs⸗ kreis gefunden, der mir Gelegenheit zu ſegensreicher Thätigkeit gibt. Was könnte ich Höheres und Beſſeres verlangen? Aber wie geſagt, dieſes Glück ſcheint mir vorläufig noch in höchſt nebelgraue Ferne gerückt!« „Und doch iſt es dir vielleicht näher, als du denkſt,« ſagte Rudolph.„Wie du weißt, hat mein Vater mehrere Pfarrſtellen auf ſeinen Gütern zu vergeben. Eine da⸗ von, ſo ziemlich die beſte, iſt gerade erledigt. Was meinſt du, ſoll ich dich bei meinem Vater in Vorſchlag bringen?“ Fritz zuckte die Achſeln. „Dein Vater wird ſchwerlich einen Pfarrer einſetzen, der eben erſt ſeine Kandidats⸗Prüfung beſtanden hat,“ ſagte er.. „Nun, ich weiß doch nicht, Fritz!“ entgegnete Ru⸗ dolph.„Anfänglich, als ich dich zu der Stelle vor⸗ ſchlug, wollte er freilich nichts von dir wiſſen. Als wir aber vor einigen Tagen hierher kamen, und Er⸗ kundigungen über dich einzogen, als wir von allen Sei⸗ ten dein Lob erſchallen hörten, als man uns erzählte, wie brav und wacker du dich durchgeſchlagen, als wir deiner Prüfung beiwohnten, da änderte mein Vater ſeine Anſicht, und...“ „Nun, und?« fragte Fritz in äußerſter Spannung, als Rudolph zögerte. „Und— fertigte hier dies Anſtellungs⸗Patent aus,“ fuhr Rudolph fort, und warf dem Freunde ein großes Schreiben zu.„Der neue Pfarrer von Zwingenberg heißt Fritz Halmer, und er kann mit vollem Rechte ſa⸗ gen, daß er ſich die Stelle ſelber erobert hat durch ſei⸗ nen braven, rechtſchaffenen Lebenswandel unter den un⸗ günſtigſten Verhältniſſen, und durch ſeinen eigenen Fleiß. Ich wuͤnſche dir Gluͤck, Fritz, und freue mich, daß wir künftig immer einander nahe bleiben werden!“ Fritz hatte muthig gegen die Stürme des Lebens angekämpft, ohne zu murren oder Klage zu fuhren. Der Sonnenſchein des Glückes aber, der ihm zum erſten Male lächelte, übermannte ihn. Er brach in Thränen aus, und warf ſich an die Bruſt ſeines Freundes, der 2 Mühe hatte, nach und nach ſein aufgeregtes Gefühl zu beſchwichtigen. Endlich gelang es ihm, und er konnte „Fritz zu ſeinem Vater führen, der ihn mit Herzlichkeit willkommen hieß, und allen Dank für die verliehene Pfarrſtelle ablehnte. Danken Sie es Ihrem Fleiße und Ihrer eiſernen Conſequenz, daß Sie mein Pfarrer geworden ſind,“ ſagte er.„Sie werden Ihrer Gemeinde ein Muſter und Beiſpiel ſein, daß ſich auch das Schwerſte durchführen läßt, wenn man nur guten Willen, Ausdauer, Muth und Geduld hat! Und ſo ſeien Sie mir als Pfarrer von Zwingenberg herzlich willkommen!“—— b Ich füge hinzu:„Wohl dem, der ſich durch das Leben nicht durchzuſchlagen braucht, wie unſer Freund, welcher endlich nach vielen Kämpfen und Entbehrungen einen guten Erfolg erlangt hat;— aber Ehre auch einem Jeden, der ſich ſo durchſchlagen muß, und ſich rüſtig und wacker durchſchlägt, ohne Schaden zu leiden an ſeinem Gewiſſen und ſeiner Rechtſchaffenheit. Solchen gebührt die Palme des Lebens, nämlich die Achtung aller Gerechten.“— * 85 A 2 O 5 S = 8 = 2Q ⸗ 9 2 * 8 ₰ & ℳ