—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ ue 5„„. 3„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mi Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſuan Erſatz des Ganzen verp flichtet. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 Das große Foos. 8 Eine Erzäͤhlung für meine jungen Freunde. Von Franz Botkmann. Motto: 1 Ein guter Name iſt köſtlicher, denn großer Reichthum, und Gunſt beſſer, denn Sil⸗ ber und Gold. Spw. 22. 1. Mit vier Stahlſtichen. — Q⏑— Q—Q—..-·—— Stuttgart. 3 Verlag von Schmidt& Syring. 1852. — Erſtes Kapitel. Bwei Freunde. Die Morgenſonne eines heiteren Fruͤhlingstages blinzelte freundlich durch die Fenſter eines Stübchens, das grade hoch genug lag, um daraus über alle um⸗ liegenden Häuſer und Daͤcher hinweg ſehen du können. Dieſe hohe Lage war nun freilich ziemlich unbe⸗ quem für den oder die Bewohner des Zimmerchens, welche fünf oder ſechs Treppen ſteigen mußten, um von der Straße hinauf zu gelangen;— aber die liebe Sonne hatte es dafür deſto bequemer. Sobald ſie nur über den Horizont emportauchte, fand ſchon ihr erſter Strahl, ohne lange ſuchen zu müſſen, die beiden Dach⸗ fenſter, und wenn ſie nur ein klein wenig höher am Himmel hinauf rückte, ſo konnte ſie ohne alle Mühe das ganze Zimmer überſehen und ſo auf das Vollſtän⸗ digſte ihre Neugierde befriedigen. Wenn tiefer unten noch Alles in Schatten und Dämmerung lag, wußte ſie ſchon ganz genau, was es oben in der Dachſtube Neues gab, und obgleich ſie ſelten etwas Beſonderes entdecken konnte, wurde Frau Sonne doch nicht müde, Das große Loos. an jedem hellen Morgen immer wieder zuerſt in die Dachſtube zu ſchauen. Die kleinen blanken Fenſter lagen ihr nun einmal bequem dazu. So auch an dieſem klaren Frühlingsmorgen. Draußen wirbelte die muntere Lerche ſchon hoch in den Lüften, aber drinnen im Stübchen herrſchte noch die tiefſte Stille und die neugierige Sonne erblickte nichts darin, was ſie nicht ſchon immer geſehen hätte, nämlich ein ziemlich armſeliges Meublement, alte Stühle, alte Tiſche, mit einigen darauf umherliegenden Büchern, ein altes, mit gebluͤmtem Kattun überzogenes Sopha, einen alten Kleiderſchrank, und an den Wänden herum ein paar kleine alte Kupferſtiche in wurmſtichigen, brau⸗ nen Holzrahmen. Das war ſo ziemlich Alles. Aber die Stube, obgleich wie geſagt ziemlich ärm⸗ lich ausgeſtattet, zeigte doch zugleich eine gewiſſe Ord⸗ nung und Sauberkeit. Die Tiſche und Stühle waren blank geputzt, weder Kleidungsſtücke noch Wäſche lag liederlich umher, jedes Geräth hatte ſeinen feſt beſtimm⸗ ten Platz, Fußboden und Wände ließen keinen Schmutz⸗ flecken ſehen, und eine Kaffee⸗Maſchine, die nebſt zwei Taſſen ſeitwärts agf einem Tiſchchen ſtand, blitzte ſo ſpiegelhell, daß Frau Sonne ſich ganz bequem darin beſchauen konnte. Damit hielt ſie ſich aber keineswegs lange auf, ſondern von der geweißten Decke herab ließ ſie ihre Strahlen tiefer und tiefer zum Fußboden ab⸗ wärts gleiten, betrachtete ſich einen Augenblick die Bil⸗ der an den Wänden, ſchaute nach den Büchern, viel⸗ leicht um zu ſehen, ob ſie Tags vorher in gehöriger Weiſe gebraucht worden ſeien, und ſchickte dann plötz⸗ lich einen von ihren glänzendſten Strahlen durch eine — offene Thür in eine Kammer, als ob ſie da noch etwas ganz Beſonderes zu ſuchen hätte. Und richtig, kaum hatte ſie den Weg hineingefun⸗ den, ſo wurde es in der Kammer auch lebendig. „Sie iſt da! Die liebe Sonne iſt da, Richard!“ rief eine helle jugendliche Stimme.„Es iſt wahrlich Zeit, daß wir aufſtehen!« Eine andere Stimme brummte etwas darauf zur Erwiederung, was man aber nicht recht verſtehen konnte. Dann hörte man das Raſcheln übergeworfener Klei⸗ dungsſtuͤcke, das Plätſchern des Waſſers im Waſch⸗ becken, und endlich, nach zehn Minuten etwa, trat ein hübſcher junger Mann in Schlafrock und Hausſchuhen aus der Kammer, nickte mit hellen Augen der lieben Sonne einen freundlichen Morgengruß zu, und ging dann geſchäftig an's Werk, mit Hülfe der Kaffee⸗Ma⸗ ſchine den gewöhnlichen Frühtrunk zu brauen. Die blaue Spiritus⸗Flamme flackerte und ſummte luſtig, ebenſo luſtig ſang und ſummte das Waſſer im Blech⸗ keſſel, und gleich nachher erfüllte ein kräftiger Kaffee⸗ geruch die ganze Stube. „He Richard,“ rief die erſte Stimme wieder,—„der Kaffee iſt im Nu fertig! Wenn du jetzt nicht aufſtehſt, ſo trink' ich ihn allein! Pfui über dich Langeſchläfer! Du mußt dich ja vor unſerer alten Freundin Sonne ſchaͤmen, die ſich nun wenigſtens ſchon eine gute Stunde vergebens nach dir umſieht!« „Nur noch ein kleines Weilchen,« antwortete die andere Stimme, die vorhin nur gebrummt hatte, aus der Kammer.„Es iſt noch ſo behaglich im Bette, Georg.«. „Nicht eine Sekunde länger, du arger Faulpelz! 3 1* Heraus! oder der Kaffee geht dir verloren! Und er iſt ſo vortrefflich heute! Wie er duftet! Du mußt es ja ſelbſt in der Kammer riechen! Alſo heraus aus den Federn, Marſch, oder ich erliege der Verſuchung und trinke deinen Antheil mit!« 3 Die Drohung ſchien Eindruck zu machen. Wieder raſchelten Kleider, wieder plätſcherte Waſſer im Waſch⸗ becken, und ein zweiter junger, hübſcher Mann in Schlafrock und Hausſchuhen trat aus der Kammer und nickte dem Erſten lächelnd zu. »Guten Morgen, Georg!“ ſagte er;„der Kaffee wirklich ſchon fertig? Das iſt vortrefflich! Ich hätte den Zeitpunkt des Aufſtehens nicht beſſer wählen kön⸗ nen. Und jetzt laß uns trinken! Mich gelüſtet nach deinem ſchwarzen Nektar!“ Sie ſetzten ſich auf das Sopha, fuͤllten die Taſſen und ſchlürften behaglich das Geſchenk des fernen Ara⸗ biens. Die Sonne ſah ihnen freundlich zu, und wäh⸗ rend ſie ſich die beiden jungen Leute betrachtet, können wir nebenbei erzählen, was wir über dieſelben in Er⸗ fahrung gebracht haben. Der Eine von ihnen, der mit den vollen braunen Locken, dem klaren blauen Auge und dem gewinnenden Lächeln um die friſchen Lippen, heißt Georg, und iſt ein Arzt, der vor wenigen Tagen ſein Staatsexamen rühmlichſt beſtanden und in Folge deſſen die Befugniß erlangt hat, ſich irgendwo einen Wirkungskreis zu ſu⸗ chen und ſich durch die zu erlangende Praris ſeinen Lebensunterhalt zu erwerben. Der Zweite, der Lange⸗ ſchläfer nämlich, ein blühender junger Mann mit ſchwar⸗ zem Haar und ſchwarzen Augen iſt Juriſt, hat die Referendariats⸗Prüfung ebenſo glücklich überſtanden, wie —— ſein Freund das ſchwierige Staatseramen, und hofft auf irgend eine Anſtellung im Staatsdienſte, welche ihm ſein tägliches Brod gewähren ſoll. Beide wie ſie da ſaßen waren Freunde von Jugend auf, hatten zu⸗ ſammen die Univerſität beſucht und hingen mit der herz⸗ lichſten Zärtlichkeit Einer am Andern. Beider Eltern, wackere Bürgersleute in der Provinz, hatten vor meh⸗ reren Jahren bereits das Zeitliche geſegnet und ihnen an irdiſchen Gütern eben nur ſo viel hinterlaſſen, daß ſte, nicht ohne manche Einſchränkung und Entbehrung, ihre Studien hatten beenden können. Nicht nur ihre Freundſchaft, ſondern auch Gründe der Sparſamkeit ga⸗ ben ihnen Veranlaſſung, daß ſie ſeit einigen Monaten ein Quartier in der Vorſtadt gemeinſchaftlich bewohnten, aus deren ſchwindelnden Höhe ſie die weiteſte Ausſicht auf die Umgebungen der großen Haupt⸗ und Reſidenz⸗ ſtadt Berlin genoſſen, und zugleich die erſten Morgen⸗ grüße der Sonne empfingen. Ihre Mittel waren in dem Augenblicke, wo wir ihnen zuerſt begegnen, ſo ziemlich erſchöpft, und es fehlte ihnen daher nicht an Veranlaſſung, mit einiger Sorge an die nächſte Zukunft zu denken. Aber ſie waren jung, muthig, und voll Zuverſicht, daß die mit redlichem Fleiße erworbenen Kenntniſſe ihnen ihren Lebensweg ſchon bahnen wür⸗ den, wenn die rechte Zeit nur erſt gekommen ſei. Nur freilich durfte dieſe Zeit nicht mehr allzu ferne liegen, wie Georg bemerkte, als er nach eingenommenem Früh⸗ ſenn das gebrauchte Kaffeegeſchirr wieder bei Seite ellte. „Haſt du wohl daran gedacht, Richard,“ ſagte er, „daß heute der erſte Mai iſts«s „Ei, wenn es der erſte iſt, ſo fängt der Mai hüt genug an,“ erwiederte Richard ſorglos.„Möchten alle Tage bis zum letzten ihm gleichen!“ „Du willſt nicht verſtehen, was ich andeute,“ ent⸗ gegnete Georg.„Es iſt heute ein ſchwerer Tag für uns, Richard! Wir müſſen die Miethe und unſere alte Aufwärterin bezahlen, und außerdem noch für die letzten Wochen unſeren Mittagstiſch berichtigen. Das koſtet einen Haufen Geld, und ich weiß wirklich nicht, ob unſere Kaſſe die nothwendigen Ausgaben noch decken wird. Wie viel Geld haſt du noch, Richard?“ „Ich? Ach du meine Güte!“ ſeufzte Richard und zog ein kläglich⸗komiſches Geſicht.„Ich fürchte, wenn du mich auf den Kopf ſtellſt, und recht tüchtig ſchüt⸗ teelſt, ſo fallen keine zwei Thaler aus meinen ſämmt⸗ lichen Taſchen.“ „Ich hoffe, du machſt nur Scherz!“ ſagte Georg v ſichtlich erſchrocken.„Noch vorgeſtern hatteſt du ja einen ganz neuen Zehnthaler⸗Schein!“ „Ja hatte! Leider hatte, Georg! Er gehört der Vergangenheit an! Geſtern die Spazierfahrt mit mei⸗ nen neuen Herrn Collegen, den friſch gebackenen Re⸗ ferendarien, gab meinem Reichthum den Todesſtoß! Aber was thut's? So viel ich weiß, haſt ja Du noch Geld!“« „Nur nicht genug, fürchte ich, um noch acht Tage zu leben, wenn unſere Schulden bezahlt ſind,« entgeg⸗ nete Georg.„Ach Richard, wie leichtſinnig biſt du!« »„Sage das nicht! Es ging ja nicht anders, Bru⸗ derherz!“ erwiederte Richard.„Ausſchließen konnte ich mich nicht, zu knickern verbot der Anſtand, und alſo — geſchehen iſt geſchehen, alte Seele! Klagen nützt— nicht, zählen wir lieber unſere Schätze und rechnen wir. Das Geſchäft wird uns nicht lange aufhalten, fürchte ich.« Beide ſchüttelten ihre Reichthuͤmer auf den Tiſch aus— ach! es war nur ein kleines Häufchen Silber und Banknoten,— zählten, rechneten— und gelang⸗ ten zuletzt zu dem Ergebniſſe, daß ſie allerdings nur noch etwa auf höchſtens vierzehn Tage zu leben hätten. „Das iſt ſchlimm,“ ſagte Georg mit trübumflorten Blicken. „Warum ſchlimm?« ſprach dagegen Richard mit dem allerſorgloſeſten Lächeln,„ich habe ja noch meine gol⸗ dene Uhr, die unter Brüdern gut und gerne vierzig Thaler werth iſt, und du haſt ja noch außerdem dei⸗ nen Vetter, den braven Handſchuhmacher in Königs⸗ berg, der uns ſchon manchmal mit freundlichen kleinen Zuſendungen erfreut hat. Auf dieſe beiden Stützen laß uns bauen!« „Ich habe ſchon darauf gebauet,“ erwiederte Georg kleinlaut.„Du weißt ja doch, ich ſchrieb dem Vetter und bat ihn um ein Darlehen von etlichen hundert Thalern.“ »Nun denn, was mehr?« lächelte Richard.„Er wird ſie ſchicken und wir werden in Herrlichkeit und Freuden leben!« „Aber ich bitte dich,“ ſagte Georg,„ſei doch nur einen Augenblick einmal ernſthaft. Das Geld, vor⸗ ausgeſetzt nämlich, der Vetter bewilligt meine Bitte, ſoll doch dazu verwendet werden, unſeren Eintritt in die Welt anzubahnen. Wenn ich nach meinem zukünf⸗ tigen Wirkungskreiſe abgehe, kann ich doch nicht mit ganz leeren Händen dort ankommen!« „Das iſt freilich ſehr richtig,“ erwiederte Richard. „Aber iſt es denn auch immer noch dein feſter Ent⸗ ſchluß, jene kleine Reſidenz zu deinem Wohnorte zu nehmen?« Mein feſter Entſchluß! Es iſt freilich keine große Stadt, aber es ſind auch nur ein oder zwei Aerzte dort, und das läßt mich hoffen, daß noch ein dritter ebenfalls ſein beſcheidenes Daſein friſten werde. In einem kleinen Orte wird man immer ſchneller bekannt, als in einem größeren, und mit ein wenig Glück und gewiſſenhaftem Eifer kommt man, hoffe ich, allmählig vorwärts.“ „Ich in deiner Stelle würde hier bleiben, Georg. Es iſt doch ein anderes Leben in einer großen Haupt⸗ ſtadt, als in einem ſolchen kleinen Neſte, wo man von aller Welt abgeſchieden und wie geſtorben und begraben iſt. Denke nur, kein Theater, keine Bälle, keine Ge⸗ ſellſchaften, keine Abwechſelung und Zerſtreuung— huh!— mich überläuft es eiskalt, wenn ich nur daran denke!« „Ich für meinen Theil bin der Anſicht, daß Ver⸗ gnügungen und Zerſtreuungen nur eine ſehr unterge⸗ ordnete Berückſichtigung verdienen, wenn es ſich um den Ernſt des Lebens handelt,“ ſagte Georg.„Wer ſeine Pflicht erfüllt und rechtſchaffen ſeinem Berufe ob⸗ liegt, wird ſich immer die Zufriedenheit des Gemüths bewahren können, welche die erſte Bedingung alles Lebensglückes iſt. Außerdem kennſt du mich ja, und weißt, daß ich ohnehin nie in meinem Leben ſehr ver⸗ gnügungsſüchtig war.“— „Ja du,— aber ich, Georg!« erwiederte Richard ein wenig kleinlaut.„Du haſt in dieſer Beziehung ein glückliches Temperament. Aber ich, eben ich! Wenn 9 ich daran denke, daß ich mich nach einigen Wochen ſchon in die abgelegene Wüſte eines Patrinomial⸗Ge⸗ richts, oder in die gräßliche Langweile irgend einer traurigen kleinen Landſtadt begeben ſoll, dann wird mir ganz ſchwarz vor den Augen.“ „Aber doch muß es geſchehen, Richard.« Hier kannſt du nicht bleiben als unbeſoldeter Referendarius. Wovon wollteſt du leben? Und wenn du es wirklich möglich machteſt, dir durch außerordentlichen Fleiß und unermüdliche Anſtrengung das Nothwendigſte zu erwer⸗ ben, würdeſt du dich inmitten des Ueberfluſſes von Glanz, Pracht und Zerſtreuungen aller Art glücklich fühlen, wenn du nur von fern zuſehen könnteſt und Alles entbehren müßteſt? Das würde ja eine wahre Tantalus⸗Qual für dich ſein! Thorheit, Thorheit, lie⸗ ber Georg! Laſſen wir's bei unſern Vorſätzen bewen⸗ den! Du nimmſt irgend eine Stelle als Akuar oder Gerichts⸗Secretair auf dem Lande an, und ich gehe nach meiner kleinen Reſidenz. In Jahr und Tag wirſt du vorgerückt ſein, wirſt einen guten Gehalt beziehen, viel⸗ leicht gar, wenn das Glück gut iſt, in irgend eine große Stadt verſetzt werden, und dann alle deine Wünſche befriedigt ſehen. Ich dagegen werde meine kleine Praxis finden, und dann mit Gottes Hülfe mich recht glücklich und zufrieden fühlen. Das Leben ſteht uns offen, unſere Ausſichten ſind lange nicht ſo düſter, als du ſie dir vormalſt, und ſomit alſo, was haſt du zu klagen und den Kopf hängen zu laſſen?« »Aber denke doch nur, Georg, kein Theater, kein Ball, kein Concert!“ ſeufzte Richard mit kläglicher Miene.„Den ganzen lieben Tag Protocolle aufneh⸗ men, Proceſſe führen, Akten beſchreiben und dann keine Erholung, als allenfalls einen Spaziergang auf ſchmutzi⸗ gen Feldwegen. Es iſt ein wahres Elend, Georg, daß ich nicht ſo reich wie lebensluſtig bin! Wenn ich Geld hätte, Nichts in der Welt brächte mich aus der Haupt⸗ ſtadt fort! Hier iſt Leben, Bewegung, Wechſel,— in der Provinz dagegen,— ach, ich mag gar nicht dar⸗ über nachgrübeln!“ Georg zuckte die Achſeln. Er kannte dieſe Redens⸗ 1 arten bereits. „Richard, du biſt ein Narr!“ ſagte er.„Arbeite, und du wirſt deine Grillen vergeſſen. Wenn du wirk⸗ lich Geld, viel Geld ſogar hätteſt, wer weiß, ob es dir Segen bringen würde! Ich für meinen Theil be⸗ zweifle es, denn du würdeſt bloß deinem Leichtſinne folgen, deinem Hange zu Zerſtreuungen nachgeben und darüber deine ganze Lebensaufgabe vergeſſen. Bedenke doch nur um Gotteswillen, daß der Menſch nicht zum Vergnügen, ſondern vor Allem zur Arbeit geſchaffen iſt! Wenn du noch einmal ſo thöͤrichtes Zeug ſprichſt, wirſt du mich ernſtlich böſe machen.« „Nun ja, weiter fehlt ja nichts, als daß du mir noch den Stuhl vor die Thüre ſetzteſt,“ erwiederte Ri⸗ chard lächelnd.„Na, ſei nur wieder gut, alter Junge! Ich bekenne, daß ich thöricht geſprochen habe, und es ſoll nicht wieder die Rede davon ſein.“ Bei dieſen Worten bot er dem Freunde mit ſo gut⸗ muthigem Lächeln die Hand über den Tiſch hin, daß Georg ſofort allen Groll vergaß und ebenfalls lächelnd einſchlug. Der Friede war geſchloſſen, Richard erklärte, auf der Stelle noch ein paar Briefe ſchreiben zu wol⸗ len, um ſich irgendwo eine Anſtellung zu verſchaffen, „und wenn es auch an der Welt Ende wäre“, wie er —-——— 4 11 mit einem unterdrückten Seufzer hinzuſetzte,— und beide jungen Leute nahmen Bücher und Papier zur Hand, um ihre gewöhnlichen Morgen⸗Studien zu be⸗ ginnen. Zwei bis drei Stunden herrſchte nun die tiefſte Stille, nur unterbrochen von dem Gekritzel der Federn und dem Auf⸗ und Zuklappen der Bücher, bis gegen zehn Uhr ſchwere Schritte die Treppe heraufkamen; immer höher und höher ſtiegen, und endlich von Außen an die Stubenthür gepocht wurde. „Herein!“ ſchrie Richard.„Paß auf, Georg, es iſt der Briefbote mit Nachrichten vom braven Vetter aus Königsberg!“ Der Briefbote war es wirklich. Er brachte drei große Schreiben, zwei fuͤr Georg, und eins für Richard. Georg bezahlte das ſchwere Porto, und hurtig wurden ſodann die Briefe geöffnet. Nachdem Beide die em⸗ pfangenen Nachrichten geleſen hatten, blickten ſie einan⸗ der mit halb erfreuten, halb verlegenen und betrübten Geſichtern an. „Da haben wir's,“ ſagte endlich Richard,—„ich bin zum Gerichts⸗Aktuarius ernannt.“ „Gratulire, alter Freund!“ rief Georg herzlich. Und wo?«. „Das iſt eben der Haken, der mich zu keiner rech⸗ ten Freude kommen läßt, Georg! Am äußerſten Ende der Welt, in einem polniſchen Landſtädtchen, dicht an der ruſſiſchen Gränze! Das heißt ein Vergnügen!“ „Aber natürlich wirſt du die Stelle annehmen,“ ſagte Georg dringend.»Bedenke, es iſt nur ein Ueber⸗ gang! Nach zwei, drei Jahren vielleicht ſchon wirſt du in eine angenehmere Lage verſetzt, und dann iſt dein Glück ſo gut, wie gemacht. Alſo du wirſt die Stelle annehmen, Richard, wie?« 8 „Was bleibt mir denn Anderes übrig? Ich muß ja wohl, wenn ich nicht am Hunger ch nagen will!« entgegnete Richard mit ſaurer Miene.„Aber genug davon! Was haſt du für Neuigkeiten? Gute oder ſchlimme?« »Gute und ſchlimme,“ antwortete Georg.„Der Vetter ſchickt zweihundert Thaler, fügt aber mit der größten Beſtimmtheit die Bemerkung hinzu, es ſei dies das Letzte, was er an mich wenden könne. Der andere Brief meldet, daß meiner Niederlaſſung in B. nichts entgegenſteht. Somit wäre dann der Würfel gefallen, und unſer beiderſeitiges Schickſal entſchieden.« »Entſchieden, ja, und leider nicht in der erfreulich⸗ ſten Weiſe!“ ſagte Richard.„Wann gedenkſt du zu deinem Beſtimmungsorte abzugehen, Georg?« „In den nächſten Tagen natürlich! Da wir vom Königsberger Vetter keine Unterſtützung mehr zu hof⸗ fen haben, ſo dürfen wir keine Zeit verlieren. Hun⸗ dert Thaler reichen nicht weit, Richard!« »Zweihundert, willſt du ſagen.“ 6 »Einhundert für Jeden von uns! Da iſt deine Hälfte, Richard!« Georg ſchob die Kaſſenſcheine dem Freunde zu, der aber Miene machte, ſie nicht annehmen zu wollen. »Ei, lächerlich!« ſagte Georg.„Seit Jahren ha⸗ ben wir Alles miteinander getheilt, und es wäre ja wohl noch ſchöner, wenn wir von dieſer Regel eine Ausnahme machen wollten, wo es zum traurigen Ab⸗ ſchied geht. Nimm, oder du machſt mich böſe« Richard nahm das Geld ohne weitere Umſtände, 13 denn er wußte wohl, daß Georg trotz aller Weigerung darauf beſtehen würde. „Nun denn, du biſt eben die alte treue Seele!“« ſagte er.„Ich danke dir! Wenn mir das Glück ein Mal lächelt, gleichen wir unſere Rechnung aus. Wenn nicht,— nun, ſo bleibt's eben beim Alten.“ »„Das Glück wird dir lächeln, wenn du nur muthig, ſtandhaft und ausdauernd biſt,« entgegnete Georg.„Bei deinen Talenten und Kenntniſſen müßte es wunderlich kommen, wenn du nicht raſch deinen Weg aufwärts machteſt.« „Ja, wenn dieſe Talente und Kenntniſſe, die du mir ſo freigebig zuerkennſt, nur ein wenig vergoldet wären!“ ſeufzte Richard.„Aber arme Schlucker, wie wir, müſſen immer darauf gefaßt ſein, zurückgeſetzt und vernachläſſigt zu werden. Das iſt einmal ſo der Lauf der Welt. Goldene Brücken führen am ſchnellſten zum Ziele!“« »Auch Fleiß und Berufstreue ſind goldene Brücken, Richard,“ ſagte Georg tröſtend.„Ich wenigſtens hege dieſe feſte Ueberzeugung, und hoffe zuverſichtlich, unſer ferneres Leben wird ſie zu einer ſchönen Wahrheit machen.“* Richard ſchien nicht übel Luſt zu haben, gegen dieſe Behauptung Widerſpruch einzulegen, jedoch ein aber⸗ maliges Pochen an der Thüre verhinderte ihn daran. Ehe noch Georg herein rufen konnte, wurde ſchon aufgeklinkt, und durch die halb geöffnete Thür blickte ein altes, bärtiges Judengeſicht herein, und nickte den beiden jungen Leuten in der vertraulichſten Weiſe zu, als ob ſie alte Bekannte von ihm wären. Und doch (hatte noch Keiner von ihnen dieſes Geſicht je geſehen. 8 »Guten Tag, guten Tag, meine gnädigen Herren!« ſagte der Alte in ſeiner ſcharf betonten jüdiſchen Mund⸗ art;„darf ich hinein kommen? Ich habe das Glück in der Taſche, zehntauſend, zwanzigtauſend, hunderttauſend Thaler, und ich geb's Ihnen ſo gern und noch lieber, wie jedem Andern. Greifen Sie zu! Es iſt die höchſte Zeit, und die Gelegenheit kommt vielleicht nicht wieder ſo gut in Ihrem ganzen Leben!« „Geſchwätz, Jude!« unterbrach ihn Richard ein wenig barſch.„Was willſt du eigentlich?« »Hab' ich doch gerade noch zwei ganze Viertel zur Lotterie fünfter Klaſſe, wo morgen der letzte Tag der Ziehung iſt!« ſagte der Jude, und ſchlüpfte vollends zur Thuͤr herein.„Sehen Sie her, 10217 und 11714, die letzten, die mir noch übrig ſind! Und Sie wiſſen voch, daß die letzten immer ſind die beſten! Greifen Sie zu, eh's wird zu ſpät! Morgen iſt der letzte Tag, wo wird gezogen, und ſind noch nicht heraus die zweimalhunderttauſend, und die hunderttauſend, und drei Mal die zwanzigtauſend, gar nicht zu rechnen die vielen kleinen Gewinne, wovor Sie Gott ſoll bewahren; wovon Sie ſollen gewinnen den größten! Und wer wird ihn gewinnen? Sie werden gewinnen! Sind's doch die letzten Nummern, die mir ſind übrig geblie⸗ ben! Ich ſag' Ihnen, greifen Sie zu und kriegen Sie die Fortuna beim Schopf' eh' ſie vorbeifliegt, wie'n Woͤlkchen am Himmel!« Während dieſes Wortſchwalles, der in ununter⸗ brochener Folge von ſeinen Lippen ſtrömte, hatte er die beiden Lotterie⸗Looſe aus ſeiner ſchmutzigen ledernen Brieftaſche gezogen, und hielt ſie abwechſeld Georg und., Richard dicht vor die Naſe. Georg wendete ſich unz. 15 willig und zurückweiſend zur Seite; Richard dagegen blickte nachdenklich vor ſich hin, und ein ſeltſames Feuer funkelte in ſeinen Augen. „Zweimalhunderttauſend Thaler!“ murmelte er. „Georg, da wär ein Schlag zu machen! Wenn das Glück wollte....« „Aber Richard, wohin verirrt ſich deine Phantaſte?« rief Georg aus.„Du kannſt doch unmöglich ſo thöricht ſein, dein Geld zum Fenſter hinauswerfen zu wollen! Unſinn! Wir gebrauchen unſere kleine Baarſchaft noͤthiger.“ Georg fühlte das Gegründete von Richards Ein⸗ wande, und ein wenig beſchämt ſchwieg er. „Was wollen Sie, was ſagen Sie?“ nahm dagegen der Jude wieder das Wort.„»Haben Sie doch liegen auf dem Tiſche da vor ſich einen ganzen Haufen Geld, und koſtet's doch nur eine Kleinigkeit, daß Sie können werden mit einem Schlag ein ſteinreicher Mann, wo fahren kann vierſpännig in der ſchönſten Equipage mit Kutſcher und Bedienten! Ich ſag' Ihnen, greifen Sie zu! Es wird Ihnen nicht wieder geboten, und wenn Sie mich heißen fortgehen, ſo heißen Sie fortgehen Ihr Glück! Was beſinnen Sie ſich? Greifen Sie zu! Ich kann Ihnen zuſchwören, daß gewinnen wird das Loos, das Sie nehmen!“ „Wenn du das ſo gewiß weißt, Menſch, warum behältſt du denn das Loos nicht für dich?« fragte Georg den Juden. „Hab' ich doch kein Glück mit der Ziehung,“ er⸗ wiederte der Jude raſch.„Bringt das Loos doch erſt Glück, wenn es kommt in andere Hand! Ein armer alter Hauſierer kann nie gewinnen, was ſicher gewinnt ein ſchöner junger Herr! Ich bin zufrieden mit meine kleinen Procentcher, und wenn das große Loos fällt auf Ihre Nummer, ſo werden Sie auch nicht vergeſſen den alten Aaron Meier, ſondern werden großmüthig ſein und ihm geben ein gutes Lrinn Alſo beſin⸗ nen Sie ſich nicht! Da ſind die Looſe, für jeden Herrn eins, und Sie können ſich vereinigen über die Nummer, die Jeder will nehmen. Es ſind 10217 und 11714, ſchöne Nummern, kann ich Ihnen zuſchwören, wie ſie nicht ſchöner ſind unter alle Tauſende von der ganzen. Lotterie! 3 Georg verzog keine Miene; Richard aber blickte mit funkelndem Auge die bedruckten Papierſtreifchen an, die ihm, ſeiner Anſicht nach, ſo großes Glück verſchaffen konnten.. »Wahrhaftig, Georg,“ ſagte er,„ich hätte nicht übel Luſt... Es wäre doch ein ſchönes Ding, ſo mit dem großen Looſe herauszukommen und ohne alle Umſtände eine halbe Tonne Goldes zu gewinnen. Nehmen wir die Nummern!« »Ich nicht, ich würde mich der Sünde fürchten,“ meinte Georg abwehrend.„Bedenke doch nur, Richard! Das Geld, das du da ausgibſt, iſt weggeworfen, ver⸗ ſchleudert, geradezu auf die Straße geworfen! Alſo ſei kein Thor!“ 4 »Wo heißt, verſchleudert, auf die Straße geworfen?« fiel der Jude ſchnell ein.„Ich ſage, es heißt der Fortuna den Finger geboten, damit ſie kann nehmen die ganze Hand! Wie wollen Sie doch gewinnen das große Loos, wenn Sie nicht nehmen eine Nummer. Laſſen Sie ſich nicht abhalten, junger Herr! Greifen Sie das Glück mit beiden Händen am Schopf, und 17 ich kann Ihnen ſagen, Sie werden's nicht bereuen! Es ſind die letzten! Greifen Sie zu!“ „Was ſoll die Nummer koſten?“ fragte Richard, ſchon halb entſchloſſen. „Nichts koſtet ſie, wenigſtens uns nichts!“ rief Georg unwillig.„Packe dich, Jude! Da iſt die Thür! Kein Wort mehr will ich hören!« „Waih geſchrien?! heißt mer'n hitzigen jungen Herrn!“ entgegnete der Jude ganz gelaſſen.„Warum wollen Sie mir verwehren, mit Ihrem Freund zu reden? Warum wollen Sie Ihren Freund abhalten von ſeinem Glück? Koſtet die Nummer doch nur zehn Thaler Geld, und ſechs Silbergroſchen drei Pfennig Schreibgebüͤhren für mich, was iſt mein ganzes Poofitchen! Für zehn Thaler gewinnen fünfzigtauſend, das iſt doch kein Spaß! Und ich kann Ihnen ſagen, Sie haben die fünfzigtau⸗ ſend Thaler ſo gut wie in der Taſche! Was beſinnen Sie ſich? Greifen Sie zu! Fünfzigtauſend blanke, wirk⸗ liche Thaler! Es iſt ein Wort!“ Richard beſann ſich nicht länger. Allerlei funkelnde Bilder von Glanz, Pracht und Reichthum ſchwebten ſeiner lebhaft erregten Phantaſie vor. Ohne die vor⸗ wurfsvollen Blicke Georgs zu beachten, ergriff er auf Geradewohl eins der beiden Looſe und warf dem Juden das Geld dafür hin. Mit beiden Händen faßte dieſer zu, ſchob die Kaſſenſcheine in ſeine ſchmutzige Brief⸗ taſche, und grinſte vergnügt. „Soll mich Gott leben laſſen,“ ſagte er,„ob Sie nicht gemacht haben den beſten Handel von der Welt! Sie werden's erleben, morgen, und der alte Aaron Meier wird kommen zu gratuliren! Nummer 11714! Es iſt die beſte Nummer, die Sie konnten ziehen! Das große Loos. 2 18 Aber wie iſt's nun mit 102172 He, junger Herr, wo ſo böſe thut, wollen Sie ſich nicht beſinnen und dem guten Beiſpiele folgen von Ihrem Freund?« Georg gab keine Antwort, ſondern deutete nur mit dem Finger ſo ernſt und finſter nach der Thür, daß es der alte Jude denn doch gerathen fand, ohne wei⸗ tere Umſtände das Feld zu räumen. »Ich gehe ſchon, ich gehe ſchon!« ſagte er.„Aber ie werden's erleben, daß wir uns wiederſehen morgen, wenn Ihr Freund wird haben gewonnen das große Loos! Wir werden's erleben, oder ich will nicht Aaron Meier heißen! Nun, ich geh' ja ſchon! Leben Sie recht wohl bis auf morgen, meine gnädige jungen Herren!“ Mit einem Bückling drückte ſich der alte Jude zur Thür hinaus; hatte ſie aber kaum hinter ſich zugemacht, als er ſie ſchon wieder öffnete, und noch einmal ſein bärtiges Geſicht in die Stube herein ſtreckte. »Nun, wie iſt's mit Nummer 102172 fragte er. »Haben Sie ſich nicht anders beſonnen? Noch können Sie's haben!“ Georg lachte; Richard dagegen ging mit ſo zorniger Miiene auf die Thüre zu, daß der alte Aaron es nun wirklich an der Zeit hielt, ganz ernſtlich ſeinen Rück⸗ zug zu nehmen. Klapp! ſchlug er die Thüre zu, und ſtolperte die Treppen hinunter, ſo eilig er konnte, wäh⸗ rend Richards Gelächter luſtig hinter ihm her ſchallte. »Ich muß wirklich bewundern, daß du noch lachen kannſt, nachdem du einen ſo thörichten Strei gen haſt,« ſagte Georg unwillig.„Ich denken, wir brauchten unſere paar Thale als daß wir ſie gedankenlos verſchleudern „Ich lachte ja auch darüber nicht, Georg, ſondern 19 über den komiſchen Schrecken, den du dem alten Juden einjagteſt, als du wie ein Tiger auf ihn losfuhreſt! Du lieber Gott, der arme alte Kerl hatte ja gar nichts verbrochen, als mich, nun ja, ich will's nur geſtehen, — zu einer Dummheit verleitet! Aber was thut's, Georg? Ich bin nun um ein paar Thaler ärmer, aber dagegen um eine Hoffnuug reicher!“ „Eine Hoffnung, die zu hegen der pure Unſinn iſt, wie du nicht läugnen kannſt!“ „Wohlan, laß ſie Unſinn ſein!« erwiederte Richard wohlgelaunt. Jedenfalls habe ich ſie nun einmal und werde die nächſte Nacht gewiß von weiter nichts, als vom großen Looſe, von den Schätzen Golkonda's, von Tonnen Goldes und von Kutſcher und Bedienten träu⸗ men! Sieh nicht ſo finſter, Georg! Schelte und zanke mich aus, aber nachher ſei auch wieder gut! Lieber Gott, wer macht nicht ein Mal einen dummen Streich in ſeinem Leben! Und Alles in Allem genommen, er iſt nun einmal ſchon gemacht! Alſo nicht böſe mehr, alter Junge!“ Richard bat ſo treuherzig und gutmüthig, daß Georg unmöglich länger grollen konnte, ſondern in die darge⸗ botene Hand einſchlug. „Wenn ich nur hoffen könnte, daß es dein letzter wäre!« ſagte er mit einem leiſen Seufzer.»Aber wahrhaftig, Richard, du biſt zu leichtſinnig. Willſt du denn gar nicht einmal vernuͤnftig werden?“ „Ja, Georg, von morgen an,“ erwiederte Richard luſtig.»Und wenn ich das große Loos gewinne...“ ...„Still, ſtill, laß mich nicht ſolchen Unſinn hoͤren!« fiel Georg ſchnell ein.„Ich mag nichts der 2* 20 Art wiſſen, und willſt du mir einen Gefallen thun, ſo ſchaffe mir das Loos ganz und gar aus den Augen!« Richard ſah wohl, daß er den Freund kränken würde, wenn er nicht ſeinen Wunſch erfüllte, und ſo brachte er denn das Loos auf die Seite. Aus den Augen war es nun, aber nicht aus dem Sinne. Wider Willen mußte Richard fortwährend an ſeine Nummer denken, und konnte der Phantaſte Bilder nicht los werden, die ihm fortwährend allerlei thörichte Sachen vorgaukelten. Noch am ſpäten Abend, als er bereits mit Georg zur Ruhe gegangen war, richtete er ſich noch einmal im Bette auf und rief in das andere Bett hinüber:„Aber merkwürdig wär's doch, Georg, wenn das große Loos auf meine Nummer fiel!“ »Unſinn, Richard,“ antwortete Georg ſchon halb im Schlafe.„Laß mich zufrieden mit deinen Thorheiten!« Richard ließ ihn zufrieden, aber er ſelber ſchlum⸗ merte mit dem Gedanken an das große Loos ein, und träumte ſo wunderliches Zeug in dieſer Nacht von Hau⸗ fen Goldes und zahlloſen Päckchen funkelnagelneuer Papier⸗Thaler, daß ihm am andern Morgen beim Er⸗ wachen noch ganz wirr und wüſt davon im Kopfe war. Dennoch ſprang er froh und wohlgemuth aus dem Bette und rief luſtig Georg zu: »Heute werden wir ſehen, alter Freund! Noch wenige Stunden, und das Schickſal hat entſchieden, ob wir, wie bis jetzt, am Boden kriechen müſſen, oder uns mit goldenen Adlerſchwingen hoch in die freien Lüfte erhe⸗ ben können. Georg antwortete weiter nichts darauf, als:„Du biſt ein Narr;« und ſetzte ſich dann wie gewöhnlich zu ſeinen Büchern. 21 Zweites Kapitel. Die Biehung. 3 Richard konnte an dieſem Morgen nicht die Ruhe gewinnen, welche dazu gehört, ſich einer ernſten Be⸗ ſchäftigung hinzugeben. Er nahm zwar ein paar Mal ein Buch zur Hand, warf es aber immer wieder von ſich, nachdem er kaum einige Seiten geleſen hatte, ohne den Sinn derſelben zu faſſen, weil ſein Blick nur ganz mechaniſch über die Zeilen hinglitt, und ſeine Seele bei ganz etwas Anderem verweilte. Zehnmal ſprang er auf, ſchritt unruhig in der Stube hin und her, und warf ſich eben ſo oft wieder in ſeinen Stuhl, um et⸗ liche Minuten darauf von Neuem ruhelos auf und ab zabreiten wie ein gefangener Löwe in ſeinem Eiſen⸗ äfig. „Jetzt geht die Ziehung an, Georg,“ ſagte er.„Es iſt neun Uhr.“ „Was kümmerts mich,“ entgegnete Georg trocken, ohne den Blick von ſeinen Büchern zu erheben. In dieſer Weiſe zurückgeſchreckt, ſetzte Richard die Unterhaltung nicht fort, und ſuchte die ihn raſtlos hin⸗ und hertreibende Unruhe zu unterdrücken. Aber es wollte ihm nicht gelingen. „Ich halt' es nicht länger aus, Georg!“ rief er plötzlich.„Ich muß nach dem Ziehungs⸗Saale, und hören, ob meine Nummer nicht herauskommt.“ 22 »Ich halte dich nicht zurück,« antwortete Georg. »Thu', was du nicht laſſen kannſt.“ „Beneidenswerthe Ruhe und Gelaſſenheit, die du behaupteſt!“ ſagte Richard ärgerlich.„Iſt es dir denn wirklich ſo vollkommen gleichgültig, ob ich glücklich oder unglücklich bin?« Jetzt erhob Georg den Kopf, um ſeinem Freunde einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. „Du kannſt nicht im Ernſte ſo fragen,« ſagte er, „denn du kennſt mein innerſtes Herz und weißt wohl, daß ich dir alles Glück wünſche und gönne, was dem Menſchen beſchieden ſein mag. Aber ich geſtehe dir aufrichtig, ich würde es weder für ein Glück halten, wenn du das große Loos gewänneſt, noch für ein Un⸗ glück, wenn auf deine Nummer eine Niete träfe. Ueber⸗ haupt kann ich den Dämon der Habgier, der dich ſo plötzlich ergriffen hat, unmöglich begreifen! Warum überhaupt verlangſt du nach Reichthum? Etwa nur, um dich einem Lebensgenuſſe hinzugeben, deſſen inner⸗ ſtes Weſen doch eigentlich leer und hohl iſt? Wenn dies der Fall wäre, ſo könnte ich es nur beklagen, falls ein größerer Gewinn auf deine Nummer fiele. Du würdeſt nur auf Abwege gelenkt werden, und die Kraft verlieren, einen ernſten würdigen Lebenszweck zu ver⸗ folgen, der doch die Aufgabe eines jeden vernünftigen Menſchen ſein muß. »Keineswegs, Georg! Das verſtehſt du nicht!« er⸗ wiederte Richard lebhaft.„Ich werde gewiß nicht nur dem Vergnügen leben, aber ich kann nicht läugnen, daß mir die Mittel zu einer heitern Zerſtreuung nach des Tages Mühe und Arbeit äußerſt willkommen ſein wuͤrden.“ 23 „Dieſe Mittel werden dir nicht fehlen, wenn du nur ein paar Jahre Geduld haſt,“ antwortete Georg. „Mittlerweile entgehſt du den Gefahren, welche unver⸗ meidlich mit dem Beſitze des Reichthums verknüpft ſind und welchen gerade du bei deinem leichten Sinne am meiſten ausgeſetzt ſein würdeſt.“ „Gefahren? Ich ſehe da keine Gefahren,“ erwie⸗ derte Richard.„Viele tauſend Menſchen ſind reich und wiſſen von keiner Gefahr, ſondern leben recht behag⸗ lich und zufrieden.“ „Aber nicht umſonſt ſteht geſchrieben: Es iſt leich⸗ ter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher in's Reich Gottes komme!“« entgegnete Georg. „Nun denn,“ erwiederte Richard ein wenig ſpöt⸗ tiſch,—„ich geſtehe, daß ich's mit Vergnügen darauf ankommen laſſen würde! Mit all deiner Weisheit wirſt du mich nicht davon überzeugen, daß gänzliche Armuth einigem Reichthume vorzuziehen ſei.“ „Wenn der Reichthum übel angewendet wird, ja, dann allerdings iſt Armuth vorzuziehen,“ ſagte Georg nachdrücklich und mit Entſchiedenheit.»Doch warum ſtreiten wir?« fügte er lächelnd hinzu.„Bis jetzt haben wir ja weder das Eine noch das Andere zu fürchten. Unſer Brod werden wir finden und Reichthuͤmer jeden⸗ falls entbehren können! Sprechen wir nicht mehr da⸗ von, Richard!“ „Ganz recht, ſprechen wir nicht mehr, ſondern gehen wir!“ „Gehen? wohin?« „Nun, wohin anders, als nach dem Ziehungs⸗Saale! Thu' mir den einzigen Gefallen, und geh' mit, Georg!“ „Gut, ich will dir den Gefallen thun, wär' es auch nur, um dich zu trö ſten, wenn deine Hoffnungen in Dunſt zerrinnen.“ »Oder auch, um dich mit mir zu freuen, wenn ein glücklicher Zug uns mit einem Goldregen überſchüttet,“ erwiederte Richard, und zog den Freund mit ſich fort, um nach dem Ziehungs⸗Saale zu eilen. Sdie fanden ihn gedrängt voll von Menſchen, welche ebenfalls gekommen waren, um vielleicht die Verkün⸗ digung eines Gewinnes zu vernehmen. Aller Augen hafteten auf den Glücksrädern, aus welchen die Looſe und die Gewinne gezogen wurden, und mit Begierde lauſchte Jeder auf die Angabe der Nummern, welche durch einen Waiſenknaben laut ausgerufen wurden. Nummer auf Nummer, Gewinn auf Gewinn folgte. Dann und wann wurde die herrſchende Stille durch einen Ausruf des Jubels und Entzückens unterbrochen, wenn irgend ein Glücklicher hörte, daß ſein Loos her⸗ ausgekommen war. Aber dergleichen Unterbrechungen dauerten immer nur kurze Zeit, und immer von Neuem nahm die Ziehung ihren weiteren regelmäßigen Verlauf. »Gottes Wunder, da ſind Sie ja auch,« ziſchelte eine gedämpfte Stimme in das Ohr Richards, welcher, wie alle übrigen Anweſenden, mit tiefer Aufregung dem Gange der Ziehung folgte.„Sie können ſich freuen, daß Ihre Nummer noch drinn ſteckt im Glücksrade, denn die hundert und die zweimalhunderttauſend Thaler ſind noch nicht heraus.“ Richard antwortete nicht, denn der Mund des Wai⸗ ſenknaben rief eben eine Nummer aus, welche ihn bis in's Herz hinein zuſammenſchrecken machte. »Nummer 10217!“ rief er. 25 „Einmalhunderttauſend Thaler!“ ſprach gleich darauf eine andere Stimme. Die Nummer 10217 hatte alſo den Gewinn von hunderttauſend Thalern gewonnen und Richard war ganz blaß geworden. „Deine Nummer, Georg, wenn du ſie genommen hätteſt!“ fluͤſterte er dem Freunde zu.„Oh über dei⸗ nen unglücklichen Eigenſinn!« Georg zuckte nur gleichgültig die Achſeln. „Ich bereue es nicht, daß ich den Juden fortſchickte,« erwiederte er.„Sieh' nur den armen Teufel, wie er ſich freut.“ Keodn der That war Aaron Meier außer ſich vor Ent⸗ zücken. „Soll mir Gott helfen, 10217 hat's gewonnen,“ ſchrie er.„Rührt mich doch der Schlag auf der Stelle vor Freuden! Sehen Sie, gnädiger Herr, wenn Sie gefolgt hätten meinen Worten! Hunderttauſend Thaler! Es iſt ein Wort!« „Was willſt du, Aaron?“ entgegnete Georg lächelnd. „»Wenn ich das Loos genommen hätte, ſo würdeſt du ja nicht gewonnen haben!« „»Hab'⸗ ich's doch auch nicht gewonnen!“ rief Aaron Meier.„Hab' ich doch das Loos doch noch geſtern früh verkauft an einen jungen Menſchen in einem Schnitt⸗ waarengeſchäft! Wird der junge Menſch ein Geſicht machen, wenn er ſein Glück erfährt! Ich muß nun gleich hin und muß ihm ankündigen, wie's ſteht, und ſollt ich auch die Droſchke bezahlen müſſen aus meiner eigenen Taſche! Ich denke, der junge Menſch wird mir's vergelten durch ein gut Trinkgeld!« Mit dieſen Worten ſchoß er wie ein Pfeil aus dem Saale, kehrte aber ſchon nach Verlauf einer kurzen Viertelſtunde wieder zurück, und zwar mit einem Ge⸗ 1 ſichte, das vor Freude und Seligkeit ſtrahlte, wie eine Sonne. »Hab' ich mir's doch gedacht,“« flüſterte er Richard zu.»Ein großmüthiger, ein ſcheneröſer junger Menſch! Hat mir die Droſchke bezahlt, hat mir zwei blanke Thaler in die Hand gedxuͤckt und mir noch außerdem ein ſchönes Trinkgeld verſprochen von ſeinem Antheil! Jetzt wünſch' ich nur, daß Sie auch noch machen ein gutes Gewinnche auf Ihr Loos, junger Herr! Ich weiß, Sie würden den Aaron Meier auch nicht ver⸗ geſſen.« »Nummer 11714!“ rief plötzlich der eine Waiſen⸗ knabe. »Still jetzt!« ſagte Richard, heftig zuſammenfahrend und mit ſchlecht verhehlter Aufregung den alten Juden zurückſtoßend, der zudringlich ſeinen Arm ergreifen wollte.„Meine Nummer! Was für ein Gewinn wird darauf fallen?« Mit athemloſer Spannung horchte er— dann auf einmal ſtieß er einen Schrei des Entzückens aus, tau⸗ melte zur Seite und umarmte ſtürmiſch ſeinen Freund Georg, welcher ihn lächelnd gewähren ließ und ſanft an ſeine Bruſt drückte. »Ruhig, Richard, ruhig!« fluͤſterte er ihm zu. „Was iſt denn weiter? Du haſt ein Viertel des großen Looſes gewonnen! Um ſolcher Kleinigkeit willen wirſt du dich doch vor den Leuten hier nicht etwa blamiren wollen? Ruhig!« »Wo heißt, ruhig,“« ſchrie Aaron Meier mit glühend rothem Geſicht und mit Augen wie Feuerkugeln, indem 4 27 er heftig mit den Armen in der Luft herum focht.»Ich bin nicht ruhig! Ich will jubeln, ich will tanzen, ich will ſpringen und Juchhe ſchreien! Denn warum? Haben wir doch gewonnen die zweihunderttauſend Tha⸗ ler auf Nummer 11714! Was hab⸗ ich Ihnen geſagt, gnädiger junger Herr? Ich hab' Ihnen geſagt, Sie weiſen dem Glück die Thüre, wenn Sie mein Loos nicht nehmen, und da ſind Sie geſcheidt geweſen und haben's genommen und haben Ihr Glück gemacht. Ihr Freund aber iſt eigenſinnig geweſen und hat's nicht genommen, das Loos, und was hat er davon? niſcht hat er davon, und Sie ſind ein reicher Mann!« Es war unmöglich, den Redeſchwall des alten Aaron Meier zu unterbrechen; auch hatte Georg gar nicht dieſe Abſicht, ſondern ſuchte vor Allem nur erſt die Thür des Saales zu gewinnen, um mit Richard in's Freie zu gelangen. Das hatte jedoch ſeine Schwie⸗ rigkeit, denn Alles drängte ſich um ihn und Richard her, Alles lachte über Aaron Meier, wie er ſo wild mit den Händen in der Luft herum focht, und Jeder wollte den jungen Mann ſehen, der ein ſo ungeheu⸗ res Glück gemacht und das große Loos gewonnen hatte. „Kenn' ich ihn doch!“ ſagte eine Stimme.„Es iſt der Herr Referendar Vogel, der kürzlich ſein Examen gemacht hat. Gottes Wunder, kann er lachen! Hö⸗ ren Sie, Herr Referendar, wenn Sie brauchen Geld oder Kleider oder ſchöne Steinche für Buſennadeln und Ringe, ſo denken Sie gefällig an Itzig Veitel in der Burgſtraße. Sie werden reell bedient werden von mir.“ Richard hatte ſich mittlerweile gefaßt und ſah den zudringlichen Menſchen mit großen Augen an. „Ich danke für die Adreſſe,“ ſagte er kurz und ſtolz„Jetzt aber, wenn's gefällig iſt, laſſen Sie mei⸗ nen Rock los und machen mir Platz! Ich will hin⸗ aus. Du, Aaron Meier, wirſt in einer Stunde nach meiner Wohnung kommen. Bitte, ein wenig Platz, meine Herrn!“— Im Nu hatte er den ihn umringenden Kreis der Neugierigen durchbrochen, ſtand mit Georg auf der Straße und winkte eine Droſchke heran. „Zugefahren!“ ſagte er zum Kutſcher und gab ihm die Adreſſe ſeiner Wohnung.„Das Volk verfolgt uns ſonſt wohl noch gar durch die Straßen, und ich habe nicht die mindeſte Luſt, mich wie ein Wunderthier an⸗ gaffen zu laſſen. Fort!« Richard that wohl daran, eine Droſchke zu neh⸗ men, denn allerdings war ihm ein Haufe der Neugie⸗ rigen aus dem Saale gefolgt, deutete mit Fingern auf ihn, bezeichnete ihn als den Glücklichen, der das große Loos gewonnen, und ſchien alle mögliche Luſt zu ha⸗ ben, ihm noch einige Straßen hindurch das Geleit zu geben. Dieſer Unannehmlichkeit entgingen die Freunde durch den raſchen Entſchluß Richards. Die Droſchke rollte mit ihnen davon und ſie erreichten ohne weitere Beläſtigung ihre Wohnung, während das Gerücht von dem Glücke des armen Referendar Vogel ſich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt verbreitete. Bis jetzt hatte Richard, unterſtützt von ſeinem Freunde Georg, ſo ziemlich noch ſeine Faſſung behal⸗ ten, um ſich vor den Leuten nicht lächerlich zu machen und ihnen kein Schauſpiel zu geben. Jetzt aber, auf ſeinem Stübchen angekommen und allein mit Georg, vor dem er keine Maske anzulegen brauchte, ließ er ſeinen Gefühlen freien Lauf und machte ſeinem Ent⸗ 29 zücken in einer Weiſe Luft, welche dem ruhigen Georg manches Lächeln entlockte. Er tanzte, ſang, jubelte, ſprang und hüpfte wohl fünf Minuten lang in der Stube umher, bis er endlich den erſten Freudenſturm ausgetobt hatte und ſich außer Athem und ganz er⸗ ſchöpft in eine Sophaecke warf. „Nun, ich hoffe, jetzt wirſt du nachgerade wieder vernünftig werden,« ſagte Georg, indem er den über⸗ glücklichen Freund ſanft auf die Schulter klopfte.„Ich gratulire dir von Herzen zu deinem Reichthume, aber ich rechne auch darauf, daß du ihn mit Verſtand be⸗ nutzen wirſt.“ „Ja Bruderherz!“ rief Richard aus, dem noch der Kopf ſchwindelte.„Jetzt ſoll ein Leben für uns be⸗ ginnen, wie wir's in unſern ſchönſten Träumen noch nicht geträumt haben. Mich wundert nur, wie du ſo ſchrecklich gelaſſen bei unſerem Glücke bleiben kannſt?“ „Ich freue mich deshalb nicht weniger darüber, daß nun alle deine Wünſche erfüllt ſind,“ antwortete Georg lächelnd.„Nur fürchte ich, daß dieſes ſo plötzlich vom Himmel auf dich herab regnende Glück....“ „Bitte, bitte, Georg, nur jetzt nichts von deinen Sorgen und Befürchtungen, die ich ja alle kenne!“ unterbrach ihn Richard ſchnell.„Heute und morgen und die nächſten Tage ſollſt du weiter gar nichts thun, als dich mit mir freuen. Was du nachher mit deiner Hälfte machen willſt, das ſei dann deine Sache.“ „Meine Hälfte?“ fragte Georg erſtaunt.„Haſt denn du ganz vergeſſen, Menſch, daß ich gar kein Loos genommen habe? Richard, ich bitte dich, halte deine Gedanken beiſammen, ſonſt gehen ſie im Galopp mit dir durch.“ 30 „Sammle du lieber die deinigen,“ antwortete Ri⸗ chard lächelnd. Wer ſpricht denn von deinem Looſe, das du freilich lieber hätteſt nehmen, als einem Andern den Hunderttauſendthaler⸗Gewinn überlaſſen ſollen! Ich ſpreche von meinem, unſerem Looſe, von welchem die Hälfte natürlich dir gehört.“ „Lächerlich!« ſagte Georg.„Es iſt dein Loos und dein Gewinn! Ich will nichts davon wiſſen. Wenn ich in der Lotterie hätte ſpielen wollen, ſo würde ich ein Loos von dem Juden genommen haben. Kein Wort dieſer Art, Richard, oder du beleidigſt mich.“ „Und du beleidigſt mich, wenn du dich noch einen Augenblick weigerſt, die Hälfte des Gewinnes anzuneh⸗ men!“ entgegnete Richard trotzig.„Das wäre ja wohl noch ſchöner! Du theilſt geſtern mit mir dein ganzes kleines Vermögen, ich kaufe von deinem Gelde das Loos, und nun, da dieſes Loos gewinnt, willſt du Anſtand nehmen, mit mir den Gewinn zu theilen. Mach' mich nicht böſe mit ſolchen Geſchichten, ſondern bedenke hübſch, daß wir alle Beide gerade genug an dem Haufen Gelde haben.“ „ Ich will wünſchen, daß er für dich allein aus⸗ reicht,“ antwortete Georg mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe und Gelaſſenheit.„Laſſen wir den Gegenſtand für jetzt fallen und ſprechen von etwas Anderem. Haſt du dir ſchon die Frage vorgelegt, ob du deinen veränderten Glücksumſtänden einen Einfluß auf deine bisherigen Entſchließungen geſtatten willſt?« „Du meinſt, ob ich noch geſonnen bin, als Aktua⸗ rius an die polniſche Gränze, das heißt, in einen der abgelegenſten Winkel der Erde zu gehen?“ „Ja, gerade das mein' ich.“ 31 „Nun denn, Georg, das fällt mir auch nicht im allerentfernteſten Traume mehr ein,“ erwiederte Richard lebhaft.»„Ich muͤßte ja ganz und gar von Sinnen ſein, wenn ich es thäte! Dem Himmel ſei Dank, jetzt erlauben mir meine Mittel, in der Reſidenz zu bleiben, und ich kann es ruhig abwarten, bis ſich mir hier eine Stellung bietet, die mir genehm erſcheint. Du denkſt doch natürlich eben ſo wenig mehr daran, dich in das kleine Neſt von Reſidenz zu begeben, wo du deine Praxis eröffnen wollteſt?« „Ich wüßte nicht, welcher Umſtand eine Aenderung meines Entſchluſſes bewirkt haben könnte,“ antwortete Georg.„Ich reiſe in den nächſten Tagen nach B. ab.“ „Das wirſt du gefälligſt bleiben laſſen,“ ſagte Ri⸗ chard in gereiztem Tone.„»Ich würde es abſcheulich finden, wenn du dich jetzt von mir trennen wollteſt. Wir haben Armuth und manche Entbehrung mit ein⸗ ander getragen, jetzt geziemt es ſich auch, daß wir den Ueberfluß und das Glück mit einander genießen. Oh, Georg, es kann dein Ernſt nicht ſein, mich zu ver⸗ laſſen!« Georg ſchüttelte lächelnd den Kopf.»Mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt,“ ſagte er ruhig—„der Brief, wel⸗ cher meine nahe bevorſtehende Ankunft in B. meldet, iſt abgegangen, und meine Abreiſe wird an dem be⸗ ſtimmten Tage ſtattfinden. Du kennſt mich, Richard, und weißt alſo, daß nichts mich von meinem Plane abzubringen vermag. Außerdem weißt du ja auch, wie geringes Verlangen ich von je her nach den Beluſti⸗ gungen und Zerſtreuungen dieſer großen Hauptſtadt trug. Ich kann mich nur glücklich fühlen in der ge⸗ wiſſenhaften und pflichtgetreuen Ausübung meines Le⸗ bensberufes. Finde ich einen Wirkungskreis, der da⸗ zu mir Gelegenheit bietet, nun denn, Richard, ſo habe ich in meiner Art das große Loos gewonnen und werde mich glücklicher ſchätzen, als ich dich zu ſchätzen ver⸗ mag wegen deines Geldgewinnes.“ „Aber was würdeſt du thun, wenn du in meiner Stellé wäreſt?“ fragte Richard.„Antworte ganz ehr⸗ lich und aufrichtig, Georg!“ „So ehrlich und aufrichtig, wie ich dir jederzeit antworten werde,“ entgegnete Georg ernſt.„Ich würde an deiner Stelle an die polniſche Gränze gehen, Ak⸗ tuar werden, arbeiten und durch treue Erfuͤllung mei⸗ ner Pflichten mir das einzig wahre und ächte große Loos des Lebens gewinnen, nämlich das Bewußt⸗ ſein, nach beſter Kraft pflichtgetreu gelebt und gewirkt zu haben. Alles Andere außer dieſem iſt nur Schaum und Dunſt!“ Richard wurde nachdenklich, denn die warmen und herzlichen Worte ſeines Freundes hatten ihren Eindruck auf ſein im Grunde gutes und wackeres Gemüth kei⸗ neswegs verfehlt. „Georg,“ ſagte er dann plötzlich und reichte dem Freunde die Hand—„ich glaube wirklich du haſt recht, und das große Loos in deinem Sinne iſt wirklich mehr werth, als das große Loos der Geld⸗Lotterie. Nun denn, ich werde thun, was du an meiner Stelle thun würdeſt. Aher, Georg, ich werde es erſt in einem Jahre thun. Ein Jahr hindurch will ich mich der Genüſſe erfreuen, welche das Leben bietet, wenn man jung und geſund iſt, und Geld im Ueberfluß beſttzt. Dann, wenn ich das eine große Loos genoſſen habe, will ich in die Lebens⸗Lotterie einſetzen, und auch 33 in dieſer das große Loos in deinem Sinne zu ge⸗ winnen ſuchen. So vereinigen ſich meine Neigungen mit meiner Vernunft, und alle Befürchtungen, die du meinetwegen hegen könnteſt, werden ſich zuletzt als grundlos erweiſen.« „Ich will es hoffen,« entgegnete Georg mit einem leiſen Seufzer.„Nur zweifle ich, wenn du erſt ein⸗ mal in den Strudel verwirrender Zerſtreuungen hinein geriſſen biſt, daß du Kraft genug haben wirſt, ihrem lockenden Einfluſſe ſpäter zu widerſtehen.“ „Das laß meine Sorge ſein, Georg,“ ſagte Richard leicht hin.„Ich bin ja kein Kind mehr. Aber wie wär's, möchteſt du nicht wenigſtens dies eine Jahr enoch bei mir bleiben und meinem Beiſpiele folgen? Es würde mir eine große Freude ſein.“« „Unmöglich, Richard,“ erwiederte Georg mit Ent⸗ ſchiedenheit.„Ich müßte ein ſolches Jahr zu den ver⸗ lorenen meines Lebens rechnen, und dies kann ich vor meinem Gewiſſen nicht verantworten. Ich reiſe!“ Vergeblich ſuchte Richard den Entſchluß ſeines Freundes zu erſchüttern, vergeblich bot aber auch Georg ſeine ganze Beredtſamkeit auf, Richard von dem Vor⸗ ſatze abzubringen, ein Jahr des Genuſſes und der Freude zu erleben. Den nutzloſen Beſtrebungen Beider wurde durch die Ankunft des alten Aaron Meier ein Ende gemacht, welcher noch ganz ſtrahlend vor Ent⸗ zuͤcken in das Zimmer eintrat.— »Sie haben gewünſcht, ich ſoll erſcheinen bei Ihnen nach einer Stunde und da bin ich!“ ſagte er mit einem tiefen Bücklinge.„Jetzt befehlen Sie über mich. Was ſoll ich thun?« »„Ich verlange nichts von Ihnen,“ erwiederte Ri⸗ Das große Loos. 3 * 34 chard,„als Auskunft, wann ich die gewonnene Geld⸗ ſumme erheben kann.„Ich möchte das Geld bald haben, wenn es möglich iſt.“ „Sie können's haben jeden Tag, jede Stunde, jede Minute,“ ſagte Aaron Meier.„Zwar nicht von der Lotterie, denn die zahlt erſt aus in vierzehn Tagen, aber ſie brauchen nur zu gehen zum erſten beſten Ban⸗ quier, und er zahlt Ihnen ſo viel ſie wollen. Weiß doch ſchon die ganze Stadt Ihr großes Glück und werden Sie finden überall offene Thüren, wo Sie an⸗ klopfen, und offene Arme und offene Herzen.“ „Nun denn, ſo wollen wir ohne Verzug unſere Geſchäfte in Ordnung bringen,“ erwiederte Richard. „Beſorge eine Droſchke, Aaron!« Dienſteifrig ſchoß der Alte davon und kehrte bald mit der verlangten Droſchke zurück. Richard ſtieg mit ihm ein und fuhr bei einem der bekannteſten Banquiers vor. Er hatte kaum ſeinen Namen genannt, ſo wurde er mit der größten Artigkeit und Zuvorkommenheit be⸗ handelt und ſogleich zum Chef des Hauſes geführt, welcher ihn ebenfalls mit der äußerſten Freundlichkeit empfing und bereitwilligſt auf Richards Wünſche ein⸗ ging. Richard händigte dem Banquier ſein Loos aus, und dieſer eröffnete ihm dagegen einen Kredit auf fünf⸗ zigtauſend Thaler, welche er jederzeit erheben koͤnne. Richard benützte dieſen Kredit auf der Stelle, um dem alten Aaron Meier ein bedeutendes Geſchenk zu ma⸗ chen, wofür ihm derſelbe allen Segen des Himmels und alle Reichthümer der Welt wünſchte, und nur mit Mühe abgehalten werden konnte, Richards Rockzipfel mit Küſſen zu bedecken. Dann, nach Verabſchiedung Arons, ließ ſich Richard fünfundzwanzigtauſend Thaler 35 in Kaſſenanweiſungen auszahlen, ſteckte ſie in ſeine Taſche und machte Miene, ſich zu entfernen. Der Banquier hielt ihn aber noch zurück. „Ich habe morgen eine kleine Geſellſchaft in mei⸗ nem Hauſe,“ ſagte er,—„es wäre mir angenehm, wenn auch Sie mir die Ehre Ihrer Gegenwart ſchen⸗ ken wollten. Abends um 7 Uhr, wenn's gefällig wäre.“ Richard, erröthend vor freudiger Ueberraſchung, nahm die Einladung dankbarſt an und verſprach, zur bezeichneten Stunde einzutreffen. Dann empfahl er ſich und eilte mit klopfendem Herzen nach ſeiner Wohnung zurück, um dem Freunde Georg ſein gutes Gluͤck zu verkündigen. Als ein ſolches betrachtete Richard die empfangene Einladung, denn er wußte, daß der reiche Banquier nur vornehme Geſellſchaft bei ſich ſah, und ſich in ſolchen Kreiſen bewegen zu können, war immer das höchſte Ziel ſeiner Sehnſucht geweſen. Georg hörte mit ſeinem gewöhnlichen ruhigen Lächeln die Mitthei⸗ lung ſeines Freundes an. „Da wirſt du ja nicht wenig in Verlegenheit kom⸗ men, Richard,“ ſagte er. „In Verlegenheit! Warum? Meinſt du, ich werde mich nicht angemeſſen zu betragen wiſſen?« „Oh, daran zweifle ich nicht, rede auch gar nicht davon,« erwiederte Georg.„Ich meine nur— hier ſind noch fünf andere verſchiedene Einladungen auf morgen Abend, die ſämmtlich während deiner Abweſen⸗ heit eingelaufen ſind. Der Himmel weiß, wie ſchnell die Leute deinen Gewinn des großen Looſes und deine Wohnung erfahren haben. Früher fragte kein Menſch nach dir und mir, und jetzt— es iſt doch wunderbar, welche Macht ein bischen Geld auf die Leute auszu⸗ 3* — 36 üben vermag. Fünf Einladungen, Richard! und zwar in recht anſtändige und vornehme Häuſer. Da ſieh! Hier eine Karte zum Thée dansant bei einem Regie⸗ rungsrath; hier eine andere zum einfachen Thee bei einem Geheimenrath; hier eine dritte zu einer äſtheti⸗ ſchen Unterhaltung bei einem Herrn Präſidenten, und dieſe zwei endlich Einladungen zu Juſtizräthen. Ich ſehe ſchon, du wirſt bald ein Mann in der Mode ſein. Aaron Meier hat recht, alle Thüren ſtehen dir offen. Geld iſt ein guter Schuͤſſel, Richard.“ Richard wußte nicht recht, ſollte er ſich freuen oder ſich ärgern. Georg ſprach ſo ſpöttiſch. Doch überwand er ſchnell einen Anflug von Empfindlichkeit und erwie⸗ derte lächelnd:„Ich verſtehe dich ſchon, Georg! Du meinſt, alle dieſe Einladungen gelten nicht mir, ſondern nur meinem Gelde, und ich muß dir wohl darin bei⸗ ſtimmen. Aber was macht das aus! Es iſt einmal ſo in der Welt, daß Aeußerlichkeiten den Werth des Menſchen beſtimmen, und es wäre ein höchſt vergeb⸗ liches Bemühen, dagegen ankämpfen zu wollen. Kurz und gut, man ladet mich ein, ich nehme die Einla⸗ dungen an, ſo weit ſie mir paſſen, natürlich ohne einen beſondern Werth darauf zu legen, und vergnüge mich, ſo gut es gehen will. Jeder Andere an meiner Stelle, nur mein weiſer Freund Georg allenfalls ausgenom⸗ men, würde gerade ſo verfahren. Uebrigens gleichviel! Es handelt ſich ja nur um ein Jahr! Laß mir dieſes eine Jahr meinen Willen; ſpäter werde ich dann dem deinigen folgen. Einſtweilen nimm Dies! Es iſt dein Antheil am Lotterie⸗Gewinn.“ Georg öffnete das Packet, welches Richard auf den Tiſch warf, und fand darin die vom Banquier ent⸗ 4 4 4 37 nommene Summe Geldes. Gelaſſen ſchob er ſie Ri⸗ chard wieder hin. „Ich verkenne deine gute Abſicht nicht,« ſagte er, „aber ich muß dieſes Geld mit Beſtimmtheit zurück⸗ weiſen.“ Richard drang ungeſtüm darauf, daß Georg es neh⸗ men müſſe, aber Georg blieb unerſchütterlich. Endlich als Richard förmlich mit einem ewigen Bruche ihrer langjährigen treuen Freundſchaft drohte, beſann er ſich eines Andern.“ „Wohlan,“ ſagte er,„ich will dir deinen Willen thun und zehntauſend Thaler von dem Gelde nehmen. Aber auch nicht einen Heller mehr. Mir genügt dieſe Summe zu einem beſcheidenen Auskommen, und du wirſt das Uebrige, wie ich fürchte, nöthiger gebrauchen als du denkſt.“ Einer mußte endlich wohl nachgeben und die Reihe war an Richard. Georg verwahrte die übernommene Summe ſorgfältig, während Richard das Uebrige zu dem Banquier zurücktrug. Nachdenkend verfolgte ihn Georg mit ſeinen Blicken. „Es iſt vielleicht beſſer ſo,« murmelte er vor ſich hin.„Jedenfalls will ich dieſe Summe getreulich für dich aufbewahren, alter Freund, und wenn du mit deinem großen Looſe im Strudel der Welt Schiffbruch leiden ſollteſt, nun denn, ſo hab' ich dir doch einige, hendiß willkommene Trümmer aus dem Untergange ge⸗ rettet.“ Während Georg in dieſer Weiſe vorſichtig der Zu⸗ kunft gedachte, lebte Richard ſehr bald nur dem Ge⸗ nuſſe des Augenblickes. Den bereits eingegangenen Einladungen folgten faſt ſtündlich noch andere, und Ri⸗ 38 chard ſah ſich dermaßen von ſeinen neuen Freunden in Anſpruch genommen, daß er in den⸗letzten Tagen des Beiſammenſeins mit Georg kaum noch einige kurze Morgenſtunden für den Freund übrig hatte. Verge⸗ bens warnte Georg, vergebens verſchwendete er noch einmal Bitten und Vorſtellungen, um Richard den ihn umringenden Wirbeln zu entreißen und ihn auf eine ruhigere aber nützlichere Lebensbahn hinzulenken. Ri⸗ chard ſchlug alle Bitten und Warnungen in den Wind und vertröſtete Georg auf die Zukunft. Dieſer ſah wohl, er mußte die Sachen gehen laſſen, wie ſie wollten. An demſelben Tage, wo Richard das gemüthliche kleine Dachſtübchen verließ, um eine prachtvolle Woh⸗ nung im Mittelpunkte der Stadt zu beziehen, nahm auch Georg Abſchied von dieſen vier Wänden, die ſo manche trübe und heitere Stunde der beiden Freunde geſehen hatten, und beſtieg den Poſtwagen, um nach ſeinem Beſtimmungsorte abzureiſen. Der Abſchied von Richard war kurz, aber herzlich. Wie ſehr Georg auch den Leichtſinn des Freundes beklagte, liebte er ihn trotz dem von ganzer Seele. »Alſo auf Wiederſehen über's Jahr!« rief ihm Ri⸗ chard noch in den Poſtwagen nach, als derſelbe ſchon ſchwer über das Straßenpflaſter raſſelte. »Gewiß, auf Wiederſehen!« rief Georg zurück und winkte zum letzten Lebewohl mit der Hand.„Hoffen wir, daß es ein fröͤhliches ſeil Der Wagen rollte weiter, und betrübt blickte Ri⸗ chard ihm nach. Die lange innig verbunden geweſenen Freunde waren getrennt. Wie mochten ſie ſich dereinſt wiederfinden? — 39 Erſt die Zukunft konnte Antwort geben auf dieſe Frage, welche Richard nachdenklich leiſe vor ſich hin⸗ murmelte. G Drittes Kapitel. Die neue Heimath. Der Abend dämmerte ſchon, und ein feiner Regen rieſelte ſacht auf die Dächer und das Straßenpflaſter nieder, als Georg die kleine Reſidenz erreichte, welche er zu ſeinem bleibenden Wohnſitze erwählt hatte. Breite freundliche Straßen mit hübſchen Häuſern, ein geräu⸗ miger Marktplatz von prächtigen Linden beſchattet, und das fürſtliche Schloß mit ſeinen parkartigen Umgebun⸗ gen machten einen angenehmen Eindruck auf ihn. „Ich denke, es wird ſich wohnen laſſen hier,“ ſagte er ſtill bei ſich ſelbſt.„Stadt und Gegend ſcheinen anmuthig. Gott gebe ſeinen Segen zu meinem Ein⸗ gange, dann wird ſich ja Alles wohl machen. Nur ein wenig Geduld muß man haben.“ Der Poſtwagen hielt, die Paſſagiere ſtiegen aus, und Georg nahm ſein Gepäck in Empfang. „Wohin ſoll es gebracht werden, Herr?« fragte ihn ein Packträger, als Georg ein wenig verlegen umher⸗ blickte, da er bis jetzt noch nicht daran gedacht hatte, wa er für die nächſte Nacht ein Unterkommen finden olle. 40 »Ich weiß es ſelbſt nicht, mein Freund, antwor⸗ tete er.„Können Sie mir vielleicht einen Gaſthof, oder noch beſſer, weil ich hier zu bleiben gedenke, eine Pri⸗ vatwohnung empfehlen, wo ich gut aufgehoben bin?« „»So? Sie bleiben hier, Herr? Sie ſind doch am Ende nicht gar der neue Doktor, der hier herziehen will?« fragte der Packträger neugierig. Georg mußte unwillkührlich lächeln. Seine An⸗ kunft wurde erwartet, war alſo gewiſſermaßen ein Er⸗ eigniß für die kleine Stadt, welche kaum vier oder fünftauſend Einwohner zählte! Das überraſchte ihn, beruͤhrte ihn aber zu gleicher Zeit gar nicht unange⸗ nehm, und er fuühlte ſich ſchon nicht mehr ganz fremd in dem fremden Orte. 3 „Ein wenig kleinſtädtiſch freilich, aber vielleicht gerade darum deſto freundlicher und gemüthlicher,“ dachte er. »Ja, mein Freund,« ſagte er dann,„ich bin der neue Doktor, und es wäre mir lieb, wenn ſie mich ein wenig zurecht weiſen wollten, da ich zum erſten Male in meinem Leben hier bin und alſo gar keinen Beſcheid in der Stadt weiß.“« „Na, hören Sie, Herr Doktor, da wüßt' ich gleich eine recht hübſche Wohnung für Sie, und ſeien Sie uns auch ſchön willkommen,“ ſagte der Packträger treuher⸗ zig.„Es iſt nicht weit von hier, das Logis, und wenn Sie ſich's anſehen wollen, ſo bring' ich Sie gleich hin. Sie brauchen's nicht zu nehmen, wenn's Ihnen nicht gefällt, und ein Umweg iſt's auch nicht, denn der Gaſthof iſt nur drei Häuſer weit davon. Aber die Frau Willig hat mir's ſchon auf die Seele gebun⸗ den, wenn etwa der neue Doktor mit der Poſt käme —— 41 und ſuche ein Logis, ſo ſollt' ich ihn zu ihr bringen, weil's doch gerade leer ſteht und der Herr Stallmeiſter vor vierzehn Tagen ausgezogen iſt, weil er geheirathet hat. Ja es iſt ein hübſches Logis, und auch eine kreuz⸗ brave Wirthin kriegen Sie da, denn ich kenne ja Frau Willig nun ſchon lange Jahre und weiß ein Bischen Beſcheid in der Stadt. Sehen Sie ſich's nur an! Sie können ja nachher immer noch thun, was Sie wollen. Aber ich kann's Ihnen rathen mit gutem Geyiſſen, daß Sie's nehmen.“ Georg brauchte kein großer Menſchenkenner zu ſein, um auf der Stelle zu ſehen, daß der Mann bei all' ſeinem Wortſchwall es wirklich gut mit ihm meinte. Außerdem war ja keine Gefahr dabei, wenn er die Wohnung in Augenſchein nahm. 4 „So kommen Sie denn, mein Freund,“ ſagte er, „wir werden ja ſehen.“ Der Packträger huckte Koffer und Reiſetaſche auf und ſchritt rüſtig voran bis auf einen freien Platz ganz in der Nähe des fürſtlichen Schloſſes, wo er vor einem zweiſtöckigen und, ſo weit man das bei der herrſchen⸗ den Dunkelheit erkennen konnte, recht freundlichen Hauſe ſtehen blieb. „Hier iſt es,“ ſagte er.„Nicht weit vom Markte und nicht weit vom Schloſſe. Wenn's noch Tag wäre, könnten Sie ſehen, was Sie für eine hübſche Ausſicht nach dem Schloſſe haben. Soll ich klingeln?« „Ja wohl, mein Freund!« Ein raſcher Zug machte die Glocke ertönen, und gleich darauf wurde die Thür geöffnet. Eine blaſſe altliche Frau in ſauberer bürgerlicher Kleidung ſtand im Hausflur und leuchtete mit einer Schirmlampe. 4² »Da bin ich, Frau Willig,« nahm der Packträger das Wort,„und hier bring' ich Ihnen auch gleich den neuen Herrn Doktor mit, der eben mit der Poſt ange⸗ kommen iſt. Nun ſchließen Sie uns das Logis auf, daß ſich's der Herr anſehen kann. Ich hab' ihm ſchon davon geſagt.« Freundlich, wenn auch noch ein wenig fremd und zurückhaltend, begrußte Frau Willig ihren Gaſt und betrachtete ihn mit verſtohlener Neugierde, während Georg ſich entſchuldigte, ſo ſpät noch läſtig zu fallen. Doch Frau Willig lehnte alle und jede Entſchuldigung ab. Das Aeußere Georgs und ſein ganzes Benehmen ſchienen einen angenehmen Eindruck auf ſie zu machen und ſie lud ihn auf die freundlichſte Weiſe ein, die Wohnung in Augenſchein zu nehmen. „»Kommen Sie nur,“ ſagte ſie.»„Hier die Treppe hinauf, wenn's gefällig iſt. Sie finden Alles in Ord⸗ nung und wenn es Ihnen ſonſt bei mir gefällt, ſo können Sie gleich einziehen.“ »Soll ich auch den Koffer gleich hinauf ſchaffen?« fragte der Packträger. »Nicht doch! Der Herr Doktor muß doch zuerſt ſehen, ob ihm das Logis auch zuſagt,“ wehrte Frau Willig.— Die Treppe, welche Georg hinaufſtieg, war weder ſehr hoch, noch auch ſehr breit, aber äußerſt reinlich gehalten war ſie. Das gefiel ihm, und noch mehr ge⸗ fiel ihm das Logis, wohin Frau Willig ihn führte. Es beſtand aus zwei Stuben und einer Kammer, die in einander gingen. Die Stuben waren nicht ſehr groß, aber äußerſt freundlich tapezirt und möblirt; in der Kammer ſtand ein Bett, friſch mit weißer Wäſche über⸗ —— 4³ zogen. Alles, was Georg ſah, glänzte vor Sauber⸗ keit, und kein Stäubchen lag auf Tiſch oder Stuhl. Er hätte gleich ausrufen mögen:„Hier bleib, ich!e und nur der Gedanke an den Miethzins, der für eine ſo hübſche Wohnung unmöglich gering ſein konnte, hielt ihn noch zurück. „Das gefällt mir Alles ſehr wohl, liebe Frau,“ ſagte er endlich,„aber nun der Preis?« Frau Willig nannte eine ſo kleine Summe, daß Georg nicht recht gehört zu haben glaubte und ganz verwundert aufſchaute. „Vierzig Thaler, jährlich?« wiederholte er fragend und zweifelnd. „Es kommt Ihnen wohl ein wenig viel vor,“ er⸗ wiederte Frau Willig ſanft, indem ſie augenſcheinlich ſein Erſtaunen ganz falſch deutete.„Aber es iſt noch die Bedienung dabei, und ich habe dieſen Zins immer von meinen Miethern bekommen. Glauben Sie mir, Herr Dortor, ich übertheure Sie nicht.“ „Ei, meine beſte Frau Willig,“ erwiederte Georg ganz vergnügt,„ich finde ja die Wohnung ganz und gar nicht zu theuer, ſondern wider alles Erwarten preis⸗ würdig, ja billig. Nur herauf mit dem Koffer, lieber Mann! Wenn es Ihnen recht iſt, Frau Willig, ſo betrachte ich hiemit unſern Miethvertrag als abgeſchloſſen, und bleibe gleich in Ihrem Hauſe!“ „Frau Wilig ihrerſeits hatte ganz und gar nichts hiegegen einzuwenden, und ſo war auf der Stelle das beſte Einverſtändniß erzielt. Der Packträger erhielt ein ſo gutes Trinkgeld, daß er ſich zehn Mal bedankte, be⸗ vor er ſich verabſchiedete, und eine Stunde ſpäter hatte ſich Georg ſchon äußerſt behaglich in ſeinem Quartier 44 eingerichtet. Frau Willig hatte ihm Thee und kalte Küche zum Abendeſſen hinauf beſorgt; eine Lampe auf dem Tiſche, ebenfalls von Frau Willig geliefert, ſtrahlte ein freundliches Licht über den gemüthlichen Raum aus, und Georg lehnte bequem in der Ecke des weichen Sopha's, und freute ſich ſeines guten Glückes, das ihm gleich bei ſeiner Ankunft zu einem ſo hübſchen, paſſen⸗ den, für ſeine Bedürfniſſe mehr als ausreichenden, und noch dazu ſo billigen Quartier verholfen hatte.„ Seine Freude ſteigerte ſich noch am andern Mor⸗ gen, als er nach einer Nacht des erquickendſten Schlum⸗ mers an das Fenſter ſeines Wohnzimmers trat und die Ausſicht aus demſelben betrachtete. Er überſchaute einen geräumigen Platz von zum Theil recht hübſchen Häuſern eingefaßt, und links daran einen Flügel des fürſtlichen Schloſſes, nebſt einigen Baumgruppen des Parks, welch' letzterer noch in friſchem Frühlingsſchmucke prangte. »Das iſt ja Alles ganz herrlich,“ murmelte er vor ſich hin.„Jetzt nur noch einen Wirkungskreis, der mir ein beſcheidenes Einkommen gewährt, und, Freund Richard, ich beneide dir das große Loos nicht, das du gewonnen haſt!“—— Etwa acht Wochen nach ſeiner Ankunft in der kleinen Reſidenz ſchrieb Georg folgenden Brief an ſeinen Freund: »Du haſt gewiß ſchon längſt auf ein Lebenszeichen von mir gewartet, mein lieber Richard, aber ich habe abſichtlich gezögert, an Dich zu ſchreiben, um zunächſt die Verhältniſſe hier an Ort und Stelle ein wenig näher kennen zu lernen. Dies iſt nun geſchehen, ſo⸗ weit es die Kürze meines Aufenthaltes erlaubte, und 4 45 nun will ich Dir einen getreuen Bericht von meinen Erfahrungen und Beobachtungen abſtatten. „Bei meinem Eintreffen ließ mich mein gutes Glück eine Wohnung finden, die mir zwar von Anfang an ſehr wohl geſiel, deren Vortrefllichkeit mir aber erſt ſpäter recht klar geworden iſt. Ihre Annehmlichkeit be⸗ ſteht nicht allein in den zwei hübſch ausgeſtatteten Zim— mern und einem freundlichen Schlafgemach, das Raum genug zu einem zweiten Bette bietet, falls ein guter Freund mich einmal beſuchen ſollte, ſondern vorzugs⸗ weiſe iſt es meine Frau Hauswirthin, die wackere gute Frau Willig, welche mir die fremden Gemächer ſchnell zu einer lieben Heimath gemacht hat. „Frau Willig iſt die Wittwe eines Subaltern⸗Be⸗ amten, und bezieht ſeit dem Tode ihres Mannes, der ſchon vor längeren Jahren ſtarb, eine nur ganz geringe Penſion. Um ihr Einkommen ein wenig zu verbeſſern, vermiethet ſie den obern Stock ihres kleinen Hauſes, und benützt für ſich ſelbſt nur die untern Räume. Gleich bei meinem erſten Eintritte in ihr Haus machte das ſanfte ruhige Weſen der würdigen Matrone den ange⸗ nehmſten Eindruck auf mich; und jetzt, nachdem wir einander näher kennen gelernt haben, betrachte ich ſie faſt als eine Mutter, während ſie für mich ſorgt, als ob ich ihr Sohn wäre. Am Morgen nach meiner An⸗ kunft machte ich ihr zu einer ſchicklichen Stunde einen Beſuch und wurde ſo herzlich und zutraulich empfan⸗ gen, daß es meinem Gemüthe innig wohl that. Auch in ihren Zimmern, wie in den meinigen, herrſchte die größte Sauberkeit und Ordnung. Sie nöthigte mich zum Sitzen, und wir waren noch keine halbe Stunde beiſammen, ſo hatte ich ihr ſchon alle meine Pläne und Hoffnungen mitgetheilt, während ſie mir auf die mütterlichſte Weiſe mancherlei gute Rathſchlüſſe und Winke gab. »Vor allen Dingen, lieber Herr Doctor,“ ſagte ſie im Verlaufe des Geſprächs zu mir,„dürfen Sie nicht verabſäumen, Ihre Ankunft im hieſigen Intelligenzblatte bekannt zu machen, und zugleich Ihre arztliche Dienſte anzubieten. Sie mögen meinen, das ſei in einer ſo kleinen Stadt, wo Alles ſich von ſelbſt ausſpricht und weiter geplaudert wird, eigentlich unnöthig;— aber die Leute wollens nun einmal, und man würde es Ihnen als Hochmuth auslegen, wenn Sie die erwar⸗ tete Anzeige verabſäumten.“ »Ich gab naturlich meine Bereitwilligkeit, ihrem Rathe zu folgen, zu erkennen, und ſie ſprach weiter: »Ferner müſſen Sie die Reihe herum bei den Hono⸗ rationen herum Viſite machen! Auch das erwartet man, und würde es Ihnen äußerſt übel nehmen, wenn Sie es unterließen.“ »Aber ich kenne ja Niemanden in der Stadt,« er⸗ wiederte ich. „Eben darum,“ ſagte ſie.„Nicht nur müſſen Sie die Leute, ſondern die Leute müſſen auch Sie ken⸗ nen lernen. Ich weiß wohl,“ fuhr ſie lächelnd fort, „es iſt kein Vergnügen, aus einem Hauſe in's andere zu laufen und überall ſo ziemlich dieſelben Redensarten vorzubringen, aber, wenn ſie ſich das Leben hier an⸗ genehm machen wollen, ſo hilft Alles nichts, Sie müſ⸗ ſen das durchmachen. Uebrigens können Sie ganz ruhig ſein. Man wird ſie faſt überall zuvorkommend und freundlich empfangen; und wo es da oder dort nicht geſchehen ſollte, koͤnnen Sie ja Ihren Beſuch abkürzen. 47 Aber umgehen läßt es ſich durchaus nicht, machen müſſen Sie die Viſiten.“ „Nun, wenn es ſein muß,“ erwiederte ich,„ſo mag es geſchehen, und je eher, je lieber. Aber da ich ſo ganz fremd bin, wird es mir ſchwer fallen, die rechten Familien zu treffen und Niemanden zu über⸗ gehen.“ 3 „Das laſſen Sie meine Sorge ſein, lieber Herr Herr Doktor,“ ſagte ſie freundlich.„Ich kenne die Stadt und die Verhältniſſe ganz genau und es iſt ja nur meine Schuldigkeit, meinem Hausgenoſſen mit Rath und That zur Hand zu gehen. Ich entwerfe Ihnen eine Liſte der Perſonen, denen Sie Ihre Auf⸗ wartung machen müſſen, und werde nebenbei noch einige Bemerkungen einſchieben und Ihnen etliche Winke ge⸗ ben, die Ihnen vielleicht zu ſtatten kommen.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Frau Willig, wirk⸗ lich ſehr dankbar,“ ſagte ich.„Und dann nachher, wenn die Beſuche gemacht ſind?“« „Dann? Nun, dann müſſen Sie eben in Geduld abwarten, daß die Kranken Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen,“« antwortete ſie.„Zu große Hoffnungen dür⸗ fen Sie ſich für den Anfang freilich nicht machen. In den meiſten angeſehenen Familien geht der fürſtliche Leibarzt, Geheimenrath Bernſtorf, als Hausarzt ein und aus, und er gilt für einen ſehr geſchickten Arzt, was man auch ſonſt über ihn ſagen und klagen mag. Ma⸗ chen Sie ſich nur darauf gefaßt, daß er Ihnen Man⸗ ches in den Weg legen wird. Wenn es nach ihm ginge, ließe er keinen andern Arzt neben ſich aufkom⸗ men, und er hat auch ſchon Ihrem Vorgänger, dem Doktor Sieg, Aerger und Verdruß genug gemacht. Gleichwohl, es kann Alles nichts helfen, müſſen Sie auch ihn beſuchen!« „Ein ſchwerer Gang!“ ſagte ich.„Man wird mich da nicht zum Beſten aufnehmen, wie?« „Es läßt ſich wohl vermuthen,“ antwortete Frau Willig.„Indeß, man muß auch einmal in einen ſau⸗ ren Apfel beißen können, und beſſer wird es immer ſein, ſich auf einen leidlich verträglichen Fuß mit dem Geheimenrath zu ſtellen, als ihm ganz und gar feind⸗ lich gegenüber zu ſtehen. Er kann Ihnen viel ſchaden, denn er ſteht bei unſerem Fürſten in hoher Gunſt und hat überhaupt großen Einfluß auf unſere vornehmſten Familien. Wenn er es nicht haben will, werden Sie in keines der angeſehenen Häuſer eingeladen. Dem Doktor Sieg erging es ſo. Er äußerte ſich einmal mißfällig über eine Kur des Geheimenraths, ſeine Worte machten die Runde durch die Stadt, kamen na⸗ türlich auch dem Geheimenrath zu Ohren, und— von Stund' an ſah man den Doktor Sieg in keinen Geſell⸗ ſchaften mehr. Warum? Der Geheimenrath ſorgte da⸗ für, daß er nicht eingeladen wurde.“ „Nun denn, ich muß eben ſehen, daß ich in ein erträgliches Verhältniß zu ihm komme,“ erwiederte ich, nicht ſonderlich erbaut von der Ausſicht, die mir Frau Willig da eröffnete.„Zuletzt, wer ſeine Pflicht thut, braucht ja keinen Menſchen zu ſcheuen.“ „Da haben Sie wohl recht,« ſtimmte Frau Willig mit Herzlichkeit ein.„Und am Ende wenn Sie nur Geduld haben, wird ſich Alles ſchon machen. Vor allen Dingen, wenn es Ihnen genehm iſt, wollen wir nun die Viſiten⸗Liſte entwerfen.“ Dies geſchah! Frau Willig ſchrieb ſtraßenweiſe die 7 49 Namen der zu beſuchenden Familien auf und gab zu der Liſte noch verſchiedene Bemerkungen, die ſich mir nachher als ſehr nützlich bewährten. Am folgenden Tage ſchon prangte meine Anzeige im Intelligenz⸗Blatte; und ich ſelber, im ſchwarzen Frack, weißen Handſchuhen, weißer Halsbinde, und uͤberhaupt ſo zierlich wie mög⸗ lich herausgeputzt, rannte Straßen auf Straßen ab von einem Hauſe in das andere. Nachmittags erſtattete ich meiner guten Frau Willig Bericht über meine Aufnahme in den verſchiedenen Familien, und ſie freute ſich, daß ich im Ganzen recht wohl damit zufrieden war. In einigen Häuſern hatte man mich freilich ſehr kalt und gemeſſen empfangen, in den meiſten aber war man mir doch ziemlich herzlich und offen entgegen gekommen. Nach Ablauf einer Woche hatte ich die ſämmtlichen Viſiten beſeitigt, und konnte mich, im Grunde genom⸗ men, über die Aufnahme der neuen Mitbürger im All⸗ gemeinen nicht beklagen. Nur der Empfang des Ge⸗ heimenrath Bernſtorf hatte mich allerdings ein wenig gewurmt. Als Collegen ſtattete ich ihm einen meiner erſten Beſuche ab, wurde im Hausflur von einem Die⸗ ner empfangen, angemeldet, und erſt nach einer ziem⸗ lichen Weile vorgelaſſen. Der Herr Geheimerath, ein ggroßer, ſtattlicher Mann in den Fünfzigen, mit etwas geröthetem Geſicht, das keineswegs häßlich oder ab⸗ ſtoßend geweſen wäre, wenn ſich in den Zügen und dem Blicke nicht ſo viel Stolz, Anmaßung und Hoch⸗ muth ausgeprägt hätte, empfing mich ſtehend, und er⸗ wiederte meine Verbeugung nur mit einem kaum be⸗ merkbaren Kopfnicken. Ein ſpähender neugieriger Blick muſterte mich von oben bis unten. »Sie ſind der Doktor Heine?« fragte er nach einer Das große Loos. 4 50 kurzen Pauſe, ohne mir nur einen Stuhl zum Sitzen anzubieten. Ich verneigte mich nochmals. „Sie wollen ſich hier als praktiſcher Arzt nieder⸗ laſſen?« „Das iſt allerdings meine Abſicht,“ erwiederte ich. „Nun,“ fuhr er barſch heraus, ich will Ihnen nur im Voraus ſagen, daß Sie da lange auf eine Praxis warten können! Sie würden wohl thun, an einen andern Ort zu gehen! Hier kommen Sie nicht auf.“ „Ich muß das der Zukunft anheimſtellen, Herr Geheimerath,“ entgegnete ich. »„Alſo wollen Sie wirklich hier bleiben?« fragte er mit leiſem Hohne.„Hat man Ihnen denn nicht ſchon geſagt, wie es Ihrem Vorgänger ergangen iſt?« „Ich habe allerdings davon gehört,“ antwortete ich. „Nun alſo!« ſagte er.„Er mußte fort, weil er nichts zu thun hatte, und Ihnen wird es nicht anders ergehen?“ „Ich hoffe doch, daß es beſſer werden kann, wenn Sie die Güte haben, Herr Geheimerath, ſich meiner ein wenig anzunehmen,“ erwiederte ich. „Darauf rechnen Sie nicht, durchaus nicht!“ fiel er barſch ein.„Ich kann nichts für Sie thun, als Ihnen noch einmal den Rath geben, ſich anderswo niederzulaſſen. Hier iſt kein Feld für Sie. Gegen mich kommen Sie hier nimmer mehr auf! Alſo, wenn Sie klug ſind, ſo verſuchen Sie's lieber gar nicht!« „Mit Ihrer gütigen Erlaubniß werde ich doch den Verſuch machen“, entgegnete ich in einem Tone, der dem Herrn Geheimerath wohl nicht ganz gefallen 51 mochte. Wenigſtens drehte er mir ſofort den Rücken zu und ſagte unwillig:„Wie es Ihnen beliebt! Sie geben mir wohl ein anders Mal wieder die Ehre, jetzt bin ich beſchäftigt!“ Der Wink war zu deutlich, um mißverſtanden wer⸗ den zu können. Ich empfahl mich, erhielt zur Verab⸗ ſchiedung noch ein gnädiges— oder vielmehr ein ſehr ungnädiges Kopfnicken, und verließ mit dem feſten Ent⸗ ſchluſſe das Haus, nie wieder freiwillig deſſen ungaſt⸗ liche Schwelle zu betreten. Nach den abgeſtatteten Beſuchen, hatte ich vorder⸗ hand nun nichts weiter zu thun, als die Gegenbeſuche in Empfang zu nehmen und— auf Patienten zu war⸗ ten, welche meine Wiſſenſchaft und meinen Eifer in Anſpruch nehmen mochten. An den erſteren fehlte es nicht, die guten Leute hieſiger Stadt beobachteten ge⸗ wiſſenhaft jede Rückſicht der Höflichkeit, und wer mir nicht perſönlich die Ehre ſchenkte, ließ wenigſtens eine Viſitenkarte abgeben. Der ganze Rand des Spiegels ſteckt voll davon! Nur Patienten wollten nicht kommen, oder kamen doch wenigſtens nur ſparſam. Einige arme Leute ſuchten mich zwar auf, und verlangten meinen ärztlichen Rath, aber von den wohlhabenderen Familien wurde ich nicht gerufen, wenigſtens nicht an das Krankenbett. In einige geſellige Kreiſe ward ich zwar eingeladen, aber nur als Gaſt. Einen möglichſt ange⸗ nehmen Geſellſchafter wollte man haben, den Arzt brauchte man nicht. Doch darauf war ich gefaßt und vorbereitet, und ich laſſe mich nicht weiter anfechten. Das große Loos, wie ich es mir denke, gewinnt ſich nicht ſo ſchnell, alsdas große Loos in der Lotterie. Da muß man eben Geduld haben. Ein Jahr zum we⸗ 5²2 nigſten hoffe ich mit meinem kleinen Geldvorrathe zu reichen, ohne zu deinem großmüthigen Geſchenke meine Zuflucht nehmen zu müſſen, und in einem Jahre kann ſich Vieles ändern und zum Guten geſtalten. Vorder⸗ hand beſorge ich nun gewiſſenhaft meine Armen⸗Praxis, und es macht mir Freude, wenn ich ſehe, daß meine Kranke ſich beſſern und wieder geſund werden. Dies iſt mein ſchönſter, aber freilich auch mein einziger Lohn. Die Leutchen ſind wirklich zu arm, um ihren Arzt an⸗ ders, als mit Dankbarkeit bezahlen zu können, und an dieſer Bezahlung wenigſtens laſſen ſie es nicht fehlen. Sie betrachten mich als einen hülfreichen Freund und nicht ſelten ſehe ich Thränen der Rührung in ihren Augen, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe daß ſie ſich wegen meines Honorars keine Sorge zu machen brauchen. Solche Thränen wiegen ja wohl ein Geld⸗ ſtück auf, denke ich. Außerdem habe ich auch wohl noch einen andern Gewinn von meiner Armen⸗Praxis, ich ſammle Erfahrungen, die ſicherlich dereinſt ihre Früchte tragen werden. Was ich dann gelegentlich über den Herrn Geheimerath Bernſtorf in Erfahrung bringe, will ich nur nebenbei erwähnen. Die Leute klagen ſehr über ihn, und ich habe mich allerdings in mehreren Fällen überzeugt, daß ihre Klagen nicht unbegründet ſind. Er vernachläßigt die Armen auf wirklich ge⸗ wiſſenloſe, unverantwortliche Weiſe. Um nur einen Fall anzuführen. Vor einigen Tagen wurde ich zu einem grmen Tagelöhner gerufen, welcher von einem Gerüſte geſtürzt war, dabei den Arm ge en und außerdem noch einige andere ziemlich gefäh Verletzungen erhalten hatte.*Da der Geheimerath der eigentliche Armen⸗Arzt 53 iſt, und für ſeine Bemühungen als Solcher einen be⸗ ſondern Gehalt bezieht, ſo wurde zu ihm geſchickt. Er kam auch, aber erſt am folgenden Tage, legte einen Verband an, und ließ ſich dann eine volle Woche nicht wieder blicken, obgleich die arme Frau des Tagelöhners täglich mit Bitten und Thränen ihn darum anſprach. In ihrer Verzweiflung kam ſie endlich zu mir, und ich ſäumte natürlich keinen Augenblick, mit ihr zu gehen. 3 Es war die höchſte Zeit. Die Wunden des armen Kerls drohten ſchon brandig zu werden und einen Tag ſpäter wäre ſeine Rettung vielleicht unmöglich geweſen. Jetzt iſt er nun auf dem Wege der Beſſerung, und ich hoffe ihn durchzubringen. Aber was ſagſt du zu dieſem Herrn Geheimerath, der ſeinen Gehalt ruhig in die Taſche ſteckt, ohne ſich weiter um die dafür uübernommenen Verpflichtungen zu bekümmern? Ich für mein Theil enthalte mich jedes Urtheils. Im Uebrigen, lieber Richard, habe ich nur noch zu bemerken, daß ich ziemlich einſam und zurückgezogen lebe; wie es ja von jeher meine Neigung war. Des frühen Morgens ſitze ich bei meinen Büchern und ſtu⸗ dire, dann beſuche ich meine Kranken, ſpeiſe nach voll⸗ brachter Pflicht mit meiner trefflichen Frau Willig zu Mittag, und finde meine ſchönſte Erholung in Spazier⸗ gängen. Die Umgegend unſerer kleinen Reſidenz iſt wirklich außerordentlich ſchön und bietet die reizendſte Abwechſelung. Wald, Gebirge, Thäler voll Anmuth und Lieblichkeit, plätſchernde Forellenbäche und einige fürſtliche Luſtſchlöſer mit ſchönen Garten⸗Anlagen in einem Umkreiſe von zwei bis drei Stunden geſtatten täglich einen andern Ausflug. Die Abende verplaudere ich meiſt mit meiner Frau Wirthin, und ſo vergeht ein Tag nach dem andern im Fluge. Goldene Berge, darf ich mir für die Zukunft hier nicht verſprechen, aber ich halte feſt an der Hoffnung, nach Jahr und Tag eine beſcheidene Exiſtenz und einen ſegensreichen Wirkungs⸗ kreis zu finden, trotz allen Geheimenräthen in der Welt. Vierzehn Tage nach Ablauf dieſes Briefes, lief eine Antwort von Richard ein. Sie lautete kurz und bün⸗ dig. Du biſt thöricht alter Freund, wenn du nicht ſo⸗ fort zu mir zurückkehrſt. Dein Geheimerath Bernſtorf iſt die Luft nicht werth, die er athmet, aber ich be⸗ zweifle keinen Augenblick, daß er in Bezug auf deine dortige Stellung vollkommen recht hat. Packe alſo deinen Koffer, und komme zu mir. Ich lebe ſehr glücklich und finde, daß es doch ein äußerſt angenehmes Ding iſt, Geld zu haben. Ich erwarte dich binnen acht Tagen, biſt du dann nicht hier, ſo bleibt mir nichts weiter übrig, als dich zu beklagem. Dein treuer Richard. Georg legte den Brief ſtill zur Seite, und dachte nicht einen Augenblick daran, ſeinen Koffer zu packen. Sein Entſchluß war gefaßt: er wollte warten und hoffen. 8 In der That wartete und hoffte er in Geduld und Ausdauer faſt ein ganzes Jahr; ohne auch nur einen Augenblick den Muth zu verlieren, obgleich ſich in ſeinen Verhältniſſen wenig änderte, und eine lohnende Praxis noch immer nicht ſich einfinden wollte. Die Armen freilich kamen zu ihm, wenn ſie ärztlicher Hülfe bedurften, aber dieſe Wirkſamkeit brachte ihm nichts weiter ein, als Segenswünſche aus hundert dankbaren Herzen, und außerdem den Spott ſeines ehrenwerthen Herrn Collegen, des Geheimenraths, der ihn gerne in 5⁵ dieſem Kreiſe gewähren ließ, und quartaliter ganz ruhig ſeinen Gehalt einſtrich, ohne etwas dafür zu thun. Georg ließ ihn ſpotten und dauerte aus in Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Treue. Die dankbare Thräne im Auge des durch ſeine Hülfe geneſenen armen Kranken war ihm hinreichender Lohn für alle Mühe und An⸗ ſtrengung. Nur Eines machte ihm Sorge: Sein kleiner Geld⸗ vorrath ſchmolz nachgrade mit erſchreckender Schnellig⸗ keit dahin, wie Frühlingsſchnee vor der Sonne, und nicht ohne Bekümmerniß ſah er den Zeitpunkt heran⸗ nahen, wo er ſeine Zuflucht zu der Geldſumme wuͤrde nehmen müſſen, welche Richard ihm von ſeinem Lotterie⸗ Gewinn aufgedrungen hatte. Das Kapital ſelber wollte er freilich unter keiner Bedingung angreifen, denn er betrachtete es fortwährend als Richards Eigenthum, und es handelte ſich alſo nur um die Zinſen deſſelben. Aber es widerſtrebte ihm, auch nur dieſe zu nehmen, und er konnte ſich nur durch die äußerſte Nothwendig⸗ keit dazu bewegen laſſen, ſie von dem Handelshauſe zu erheben, welchem er einige Zeit nach ſeiner Ankunft in der kleinen Reſidenz die Summe anvertraut hatte. Doch ſah er bereits die Zeit voraus, wo es hätte ge⸗ ſchehen müſſen. Da auf einmal wurde ihm Hülfe von einer Seite zu Theil, von welcher er ſie am allerwenigſten erwar⸗ tet hätte. Der Herr Geheimerath Bernſtorf nämlich ſchickte nach ihm und ließ ihn auf die höͤflichſte Weiſe von der Welt einladen, ihm einen Beſuch abzuſtatten. Georg ſtaunte. Was mochte dieſer Mann von ihm wollen; der ihm bis jetzt ſtets feindlich gegenüber ge⸗ ſtanden und ihm ſchon manche Kränkung und Zurück⸗ — k ſetzung zugefügt hatte? Gleichwohl; der Bediente machte es dringend, und Georg wollte nicht unhöflich erſchei⸗ nen. Er ſtattete ſeinen Beſuch ab, und wurde gegen alles Erwarten auf die zuvorkommendſte Weiſe von der Welt empfangen. »Setzen Sie ſich doch lieber College,« ſagte der Geheimerath mit ſeiner allerfreundlichſten Miene, nach⸗ dem er Georg mit der größten Wärme die Hand ge⸗ ſchüttelt hatte.„Setzen Sie ſich! Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, welche Ihnen von weſentlichem Nutzen ſein kann. Mit Seiner Durchlaucht, unſerem gnädigſten Fürſten und Herrn, iſt bereits Alles abge⸗ macht; und es hängt nur von Ihnen ab, ob Sie auf meinen Vorſchlag eingehen wollen, oder nicht. Einige Mühe hat es freilich gekoſtet, Seine Durchlaucht zu be⸗ ſtimmen; aber da ich die weſentlichen Verdienſte ſchil⸗ derte, die Sie ſich bereits um die Armen hieſiger Stadt erworben haben, und überhaupt nur Rühmliches von Ihnen ſagen konnte, ſo drang ich endlich durch, und wenn Sie wollen, ſo braucht es weiter nichts, als nur Ihre einfache Zuſtimmung.“« »Aber welchen Vorſchlag haben Sie mir eigentlich zu machen, Herr Geheimerath?“ fragte Georg ein we⸗ nig zurückhaltend und mißtrauiſch.“« »Nun, Sie wiſſen doch, dieſe infame Cholera, welche uns von Aſien her immer näher und näher auf den Leib rückt, und jetzt auch in Berlin mit großer Heftigkeit ausgebrochen iſt... verſtehen Sie mich?« »„Nicht im mindeſten, Herr Geheimerath! Hier iſt meines Wiſſens doch die Cholera noch nicht auf⸗ getreten.“ Das nicht, aber ſie könnte doch noch ausbrechen, 57 und deshalb eben wünſcht Seine Durchlaucht, daß ein tüchtiger Arzt nach Berlin gehen ſolle, um die Krank⸗ heit an Ort und Stelle in den Lazarethen zu ſtudiren, und zugleich Kenntniß von den Anſtalten zu nehmen, welche allenfalls zu treffen ſein würden, wenn die Seuche auch bei uns zum Vorſchein kommen ſollte. Da hab ich nun Sie in Vorſchlag gebracht. Durch⸗ laucht wollte zwar wie erwähnt, nicht darauf eingehen, ſondern hätte lieber einen älteren, erfahreneren Arzt geſchickt, aber meinen Bemühungen gelang es endlich, die Anſichten des Fürſten nach meinen Wünſchen zu ſtimmen. Ich wünſchte Ihnen nützlich zu werden, und da haben Sie nun einen Beweis davon. Durchlaucht bewilligt zur Reiſe nach Berlin dreihundert Thaler. Im Fall Sie, wie ich nicht zweifle, geſonnen ſind, den Antrag anzunehmen, wird Ihnen dieſe Summe ſofort ausgezahlt. Nun, was meinen Sie? Soll ich die An⸗ weiſung gleich ſchreiben?“ Kein Auftrag in der Welt hätte unſerem Georg willkommener ſein können, als gerade dieſer, denn ſchon ſeit einigen Tagen hatte er den ſehnlichſten Wunſch ge⸗ hegt, ſich mit dem Weſen der Cholera am Krankenbette ſo viel als möglich bekannt zu machen, und dieſe räth⸗ ſelhafte Krankheit in allen ihren Erſcheinungen ſo gründlich zu ſtudiren, als es die Hülfsmittel ſeiner Wiſſenſchaft geſtatteten. Dennoch zögerte er, jetzt gleich auf die erſte Aufforderung des Geheimeraths ſeine Zu⸗ ſtimmung zu geben. Er empfand Mißtrauen gegen den Mann, und fürchtete irgend eine Falle. Alſo bat er ſich zunächſt eine Bedenkzeit bis zum folgenden Tage aus, und ließ ſich vorläufig auf nicht weiter ein.. Der Geheimerath konnte einige Empfindlichkeit dar⸗ über nicht verbergen, verabſchiedete ihn aber trotzdem äußerſt höflich, und drang nur auf eine beſtimmte Antwort. Dieſe ſagte Georg zu, und kehrte nachdenk⸗ lich in ſeine Wohnung zurück.. Welche Veranlaſſung konnte der Geheimerath haben, ihm ſo viele Güte und Freundlichkeit zu bezeigen, und ihn dem Fürſten zu einer Sendung in Vorſchlag zu bringen, die er, Georg nämlich, als ein großes Glück anzuſehen geneigt war? Er fand keine Antwort auf dieſe Frage, ſo oft er ſie ſich auch vorlegte, und wie emſig er darüber nachgrübelte. Frau Willig bemerkte ſeine ungewöhnliche Schweigſamkeit und erkundigte ſich nach der Urſache. Georg nahm keinen Anſtand ihr Alles mitzutheilen. Frau Willig lächelte. »Und das durchſchauen Sie nicht auf den erſten Blick, lieber Herr Doktor?“ ſagte ſie!„das liegt ja ſonnenklar auf der Hand! Der Herr Geheimerath fürchtet ſich!«. „Fürchtet ſich? Vor was?“ fragte Georg ganz verwundert! „Nun vor der Cholera? Vor was ſonſt?« „Vor der Cholera? Er? Ein Arzt? Unmöglich, meine beſte Frau Willig.“ „Und doch möchte ich meinen Kopf zum Pfande ſetzen, daß es ſich gerade ſo und nicht anders verhält Herr Doktor. Ich kenne die Verhältniſſe bei Hofe ein we⸗ nig beſſer, als Sie, denn erſtens bin ich hier an Ort und Stelle aufgewachſen, zweitens war meine Schwe⸗ ſter Kammerfrau bei unſerer hochſeligen Fürſtin, und drittens iſt der alte Kammerdiener unſeres gnädigſten Herrn ein leiblicher Vetter von mir. Da kann ich mir 59 nun ziemlich genau vorſtellen, wie Alles gekommen iſt. Seine Durchlaucht iſt ein wenig ängſtlich bei gefähr⸗ lichen Krankheiten, und vollends vor der Cholera hat er allen möglichen Reſpekt. Nun iſt dieſe neue Peſt bereits in Berlin ausgebrochen, und ſcheint ſich noch weiter verbreiten zu wollen. Alſo was geſchieht? Durchlaucht läßt den Leibarzt kommen, erkundigt ſich nach den näheren Umſtänden, und kommt ſehr bald zu der Erkenntniß, daß der Herr Geheimerath ſo wenig von der Cholera weiß, als unſer gnädiger Herr ſelber. In Folge deſſen ſagte er ganz natürlich:„Reiſen Sie nach Berlin, mein Lieber und ſtudiren Sie die Krank⸗ heit.“ Aber da der Herr Geheimerath nichts mehr liebt, als ſeine Ruhe und Bequemlichkeit, und nichts mehr fürchtet als anſteckende Krankheiten, die ſein eige⸗ nes koſtbares Leben einer Gefahr ausſetzen könnten, ſo macht er allerlei Vorwände, drehet ſich, windet ſich, kann unmöglich das hochfürſtliche Haus ohne ſeine ärzt⸗ liche Ueberwachung laſſen,——— wenn nun Seine Durchlaucht oder dem Erbprinzen in ſeiner Abweſen⸗ heit etwas zu käme, was ſolle dann werden, wenn er nicht zur Hand ſei,— und kurz und gut, er erinnert ſich endlich, daß da der junge Doktor Heine iſt, hält ihm eine Lobrede, rühmt ſeine Verdienſte, ſchlägt vor, ihn nach Berlin zu ſchicken, und ruhet nicht, bis er endlich den Fürſten überredet und zwei Fliegen mit einer Klappe geſchlagen hat. Er bringt ſich ſelber in Sicherheit, und wird Sie los. So verhält ſich die Sache, und wenn Sie die Ueberzeugung davon in die Hand haben wollen, ſo brauche ich nur meinem Vetter, dem Kammerdiener zu rufen, der wird Ihnen Alles beſtätigen.“ Georg ſchüttelte den Kopf.„Es iſt unmöglich, ganz unmöglich.“ ſagte er.„Der Geheimerath iſt Arzt, es iſt ſeine Pflicht, keine Gefahr zu ſcheuen, und er ſollte aus Furcht ſich weigern, eine Krankheit zu ſtu⸗ diren, die aller Wahrſcheinlichkeit nach, auch den Weg hieher finden wird? Unmöglich, ganz und gar unwahr⸗ ſcheinlich, Frau Willig! Es wäre ja eine Schande!“ .„Schande hin, Schande her!« erwiederte Frau Wil⸗ lig.„Was fragt der Herr Geheimerath nach Schande, wenn es ſich um ſein liebes Leben handelt! Wir haben's geſehen vor drei Jahren, als das Nervenfieber hier war, und ſo viele Leute daran ſtarben. Er beſuchte keinen Kranken, und zwar unter dem Vorwande, daß er ver⸗ pflichtet ſei, aus Rückſicht auf die fürſtliche Familie jede Gelegenheit zur Anſteckung zu vermeiden. Wenn er von einem Fieberkranken zu Seiner Durchlaucht käme und ſein gnädigſter Herr würde durch ihn ange⸗ ſteckt, welche Verantwortlichkeit würde dann auf ihm ruhen,“ ſagte er.„Und ſo macht er's immer.“ „Oh der Schande!“ rief Georg aus.„Unter dieſen Verhältniſſen wäre es mir freilich ſehr erwünſcht, etwas Näheres zu erfahren.“ „Sie ſollen's erfahren, Herr Doktor! Ich gehe auf der Stelle zum Kammerdiener und bitte ihn herzukom⸗ men,“ ſagte Frau Willig.„Ich weiß, er ſchlägt mir's nicht ab.“« Die gute Frau, welche ihren Miethsmann wirklich wie einen Sohn liebte, warf nur ihren Shwal über, ſetzte den Hut auf, und ging nach dem Schloſſe. Nach einem kurzen Viertelſtünd'chen kehrte ſie zurück und brachte die Nachricht mit, daß ihr Vetter bald erſchei⸗ nen werde. Auch dauerte es nicht lange ſo kam er. 61 Georg kannte ihn ſchon als einen achtbaren braven Mann, und nahm keinen Anſtand, ihn um Auskunft über den vorliegenden Fall zu bitten. Der Kammer⸗ diener lächelte. „Es iſt ſchon ſo, wie meine Frau Muhme Ihnen geſagt hat, lieber Herr Doktor,“ erwiederte er.„»Der Geheimerath fürchtet ſich vor der Cholera. Ich ſah, wie er leichenblaß wurde, als Durchlaucht ihn auffor⸗ derte, nach Berlin zu reiſen und die Lazarethe zu be⸗ ſuchen, und dann wußte er ſeiner Weigerung ein ſo gutes Mäntelchen umzuhängen, daß Durchlaucht endlich genehmigten, Sie gehen zu laſſen.“ „Nun, wenn ſich die Sachen demnach ſo verhalten, dann werde ich morgen ſchon abreiſen,“ ſagte Georg. „Es konnte mir gar kein Antrag gemacht werden, der mir willkommener geweſen wäre. Nur begreife ich nicht, wie der Fürſt ſolchem Manne noch Vertrauen ſchenken kann.“ „Durchlaucht hält einmal große Stücke auf den Geheimerath,“ entgegnete der Kammerdiener.„»Wer einmal ſein Vertrauen beſitzt, behält es auch, wenn er ſich nicht beſondere Blößen gibt. Und Sie können ſich wohl vorſtellen, daß der Geheimerath Gründe genug für ſeine Weigerung zu erfinden wußte. Es war na⸗ türlich pure Anhänglichkeit an das hochfürſtliche Haus, die ihn zum Bleiben bewog. Er iſt ein feiner Diplo⸗ mat, der Herr Geheimerath!“ „Sei dem nun, wie ihm wolle, ich gehe!« ſagte Georg.„Beruf und Pflicht treiben mich, und im Uebrigen, ſtehen wir denn nicht immer in Gottes Hand? Heute noch will ich dem Herrn Geheimerath meinen Entſchluß mittheilen.“ „Und ich, lieber Herr Doktor,“ ſagte der Kammer⸗ diener,„werde nicht verfehlen, gelegentlich an geeigne⸗ ter Stelle ein Wörtchen über Ihre Bereitwilligkeit zur Abreiſe nach Berlin fallen zu laſſen. Durchlaucht muß doch Ihren Pflichteifer kennen lernen. Reiſen Sie alſo ganz ruhig; während Ihrer Abweſenheit ſoll Ihnen Niemand höchſten Orts Schaden zufügen!« Georg dankte durch einen Händedruck, und begab ſich dann auf ſein Zimmer, um unverzüglich ſeine Vor⸗ bereitungen zur Abreiſe zu treffen. Durch ein Billet benachrichtigte er den Geheimerath von ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, und empfing ſchon eine Stunde darauf dreihun⸗ dert Thaler Reiſekoſten, Empfehlungen an die Direkto⸗ ren der Cholera⸗Lazarethe in Berlin, und ein Hand⸗ ſchreiben des Geheimenraths, der ihm glückliche Reiſe wünſchte. Am andern Morgen ſchon, nach herzlichem Abſchiede von Frau Willig, ſaß er im Poſtwagen und fuhr fröhlichen Muthes der großen Reſidenz zu. An die Gefahren, denen er entgegen ging, dachte er mit keinem Gedanken, denn wo es ſich um ſeinen Beruf und um Erfüllung von Pflichten handelte, kannte er keine Furcht. Aber an Richard dachte er.. „Wie wird er ſich wundern, wenn ich ſo unverhofft ihn beſuche!« murmelte er vor ſich hin, während die ſchwere Poſtkutſche über das Steinpflaſter hinraſſelte. „Was wird er ſagen, wenn ich in ſein Zimmer trete? Und wie werde ich ihn finden? Ob ihm der Gewinn des großen Looſes Segen gebracht hat? Oder... 2. Und bei dieſem„oder«, verſank Georg in Gedan⸗ ken, die ſeinen Blick umflorten und ſeine Stirn unwill⸗ kührlich in trübe Falten legten. 63 Viertes Kapitel. Nach einem Jahre. Gerade ein Jahr war vergangen, ſeit er Berlin verlaſſen. Georg erinnerte ſich deſſen, als er an einem ſchönen Morgen wieder durch die wohlbekannten Straßen wanderte, und die entlegene kleine Wohnung aufſuchte, wo er in früherer Zeit ſo manchen frohen und trüben Tag mit Richard verlebt hatte. Es war ziemlich weit hinaus bis nach der Vorſtadt, und da er aus Spar⸗ ſamkeit die Benutzung einer Drotſchke verſchmähte, ſo fand er auf dem Wege Zeit genug, ſich der vergangenen Tage zu erinnern. Alles kam ihm noch ſo vertraut vor, als ob er erſt geſtern die Stadt verlaſſen hätte. Dort an der Ecke ſaß die dicke Höckerfrau noch, der er ſo manchen Sil⸗ bergroſchen für Aepfel und Birnen zu verdienen gege⸗ ben, und er konnte ſich im Vorübergehen nicht enthal⸗ ten, ihr freundlich zuzunicken. Sie erkannte ihn auch auf der Stelle, und erwiederte ſeinen Gruß mit Lä⸗ cheln und Nicken.„Herrje, der Herr Doktor!“ rief ſte.„Lange nicht geſehen! Sind Ihnen ein paar Aepfel gefällig! Sie haben ſich noch gut gehalten vom vorigen Jahre her. Georg konnte ſich nicht enthalten, der Einladung Folge zu leiſten. Er kaufte für ein paar Groſchen von den gerühmten Aepfeln und verſchenkte ſie in der näch⸗ ſten Straße wieder an einen blondlockigen kleinen Jun⸗ — gen mit friſchen rothen Backen, der ſich nicht wenig uͤber die willkommene Gabe freute. „Georg ging weiter, an dem Bäckerladen vorüber, wo er ſo manche Semmel, vorüber an dem Fleiſcher⸗ laden, wo er ſo manches Pfund wohlſchmeckende Wurſt gekauft, und ſtieg endlich, ganz in Erinnerungen ver⸗ ſunken, die Treppe zu ſeiner ehemaligen Wohnung hin⸗ auf. Ohne anzuklopfen, ganz nach alter Gewohnheit öffnete er die Stube, trat ein, und war nicht wenig betroffen, als er in derſelben einen ganz fremden jun⸗ gen Mann erblickte; der ihn erſtaunt und fragend an⸗ ſtarrte.. »Mein Gott,“ ſagte er—„ich bin wohl irre ge⸗ gangen? Entſchuldigen Sie, ich ſuche den Referendar Vogel.« „»Der Vogel iſt ausgeflogen ſchon ſeit einem Jahre,“ erwiederte der dermalige Beſitzer der freundlichen Stube, in welche noch ebenſo wie ſonſt die glänzendſten Son⸗ nenſtrahlen fielen, und unſeren Georg wie einen alten Freund mit ihrem hellſten Lächeln begrüßten.„Wiſſen Sie denn nicht, Herr Vogel hat ja damals das große Loos gewonnen und da genügte ihm natürlich dieſes kleine Zimmer nicht mehr. Er wohnt jetzt unter den Linden, in einer ſchönen Bel⸗Etage.“ „Ah, das hätte ich mir denken können, freilich! freilich!« antwortete Georg.„Verzeihen Sie, mein Herr, das ich ſtörte.“ „Wie konnt' ich ſo zerſtreut ſein, nur einen Augen⸗ blick zu glauben, daß Richard noch in ſeinem alten Quartier wohnen würde,« murmelte Georg, als er die Treppe wieder hinunter ſtieg. Hin! Suchen wir ihn alſo unter den Linden auf. 65 Unter den Linden heißt bekanntlich die prachtvollſte Straße Berlins, und dorthin lenkte Georg ſeine Schritte. Ohne viele Mühe machte er die Wohnung ſeines Freundes ausfindig. Hier ſah es freilich anders aus, als draußen in der entlegenen Vorſtadt. Die breite Treppe war mit weichen Teppichen belegt, und auf einen Zug an der Klingel öffnete ihm ein gallonirter Diener die Thüre eines Vorſaales, und fragte nach ſeinem Begehren. „Ich wünſche Herr Vogel zu ſprechen! Er wohnt hier, wie ich höre!“ ſagte Georg. „Ganz recht! Ich werde Sie anmelden,“ entgegnete der Diener, indem er den höchſt einfach gekleideten Fremden mit unverſchämter Dreiſtigkeit von oben bis unten muſterte.„Mein Herr empfängt jedoch nicht jedermann, ich muß daher um ihren Namen bitten.“ „Oho, wie vornehm und großartig,“ dachte Georg, nannte aber doch ſeinen Namen. „Wer weiß, am Ende biſt du nicht einmal willkom⸗ men,“ murmelte er kopfſchüttelnd vor ſich hin, während ſich der Diener entfernte. Aber darin täuſchte ſich Georg denn doch. »„Eſel!« ſchrie eine Stimme aus dem nächſten Zim⸗ mer,„wie kannſt du meinen beſten Freund an der Thüre ſtehen laſſen?“ »Und im nächſten Augenblicke, wurde dieſe Thüre aufgeriſſen, und mit Blicken, die vor Freude funkelten, mit ſtrahlendem Antlitz, die Arme weit ausgebreitet, ſtürzte Richard heraus und an die Bruſt ſeines Freundes.“ »Georg! alte, treue Seele! Endlich biſt du dal« rief er voller Entzucken.„Tauſend Mal willkommen, Das große Loos. 5 mein Herzensjunge! Hier herein, Georg! und du, Burſche,“ wandte er ſich zu ſeinem Bedienten,— geſchwind, Frühſtück, Auſtern, Caviar, Champagner, ſo gut alles zu haben iſt! Hurtig!— Georg! Alter Freund, ich kann es nicht ausdrücken, wie glücklich mich dein Beſuch macht.“ Mit dieſen Worten zog er ihn in ein prächtig aus⸗ geſtattetes Zimmer, druckte ihn in die weichſte Ecke eines koſtbaren Divan's, ſchüttelte ihm auf das wärmſte die Hände, und ſprang dann ſo vergnügt im Zimmer umher, daß Georg an ſeiner alten Liebe und Freund⸗ ſchaft nicht länger zweifeln konnte. „Nein, das iſt zu ſchön, daß du endlich einmal hier biſt!« rief Richard zu wiederholten Malen aus. „Natürlich biſt du endlich deines kleinen Neſtes mit ſeinen Spießbürgern und Geheimeräthen ſatt geworden, und bleibſt nun für immer bei mir! Es trifft ſich präch⸗ tig. Meine Wohnung iſt geräumig. Ich kann dir ein hübſches Zimmer nebſt Schlafgemach abtreten, das noch dazu ſeinen beſondern Eingang hat! Da leben wir wieder, wie in alter Zeit. Ich führe dich bei meinen Freunden ein, in die beſten Familien, Georg. Du wirſt bekannt, du bekommſt Praxis, du wirſt der be⸗ rühmteſte Arzt in unſerer Reſidenz, was dir bei deiner Liebenswürdigkeit und Gelehrſamkeit gar nicht fehlen kann, und dann haben wir Beide das große Loos des Lebens gewonnen.“ Georg mußte lächeln über den Feuereifer des Freun⸗ des, der ihn gar nicht zu Worte kommen ließ. „Nicht ſo raſch! Nicht ſo raſch!“ unterbrach er ihn endlich.„Vor allem muß ich dir mittheilen, daß ich nicht gekommen bin, um für immer, ſondern nur, um 67 für einige Wochen hier zu bleiben. Mir gefällt es in meiner neuen Heimath, und ich hoffe, dort noch recht glücklich zu werden.V“ Richard machte eine etwas betretene und enttäuſchte Miene. „Aber was führt dich denn hieher?« fragte er. Georg erklärte ihm den Grund ſeiner Anweſenheit. »Ei, an deiner Stelle würde ich mich doch zweimal beſonnen haben, ehe ich dieſen Auftrag übernommen hätte,“ erwiederte er.„Dein Geheimerath da hat ſich ſehr weislich in den Hintergrund geſtellt, und dich vor⸗ geſchoben. Ich kann dir ſagen, die Cholera macht kei⸗ nen Spaß mit den Leuten. Heute roth— morgen todt! Das iſt, wie wenn man die Hand umwendet.« »Eben darum komme ich,“« entgegnete Georg. »Wenn man einmal Arzt iſt, muß man die gefährlich⸗ ſten Krankheiten am ſorgfältigſten ſtudiren. Das iſt Sache der Pflicht.“ „Pflicht und immer Pflicht,« ſagte Richard.„Ich merke ſchon, du haſt dich in deinen Anſichten keineswegs verändert.“ »Sicherlich nicht, inſofern ich mich in meinem Ge⸗ wiſſen verbunden erachte, ſtets und unter allen Umſtän⸗ den meine Pflicht zu erfüllen,“ erwiederte Georg ernſt. »Und du beabſichtigſt alſo wirklich an das Bett des Kranken und Sterbenden zu treten, und ſo die Gefahr geradezu aufzuſuchen.« 3 „»Gewiß iſt das meine Abſicht, denn du hörſt ja, ich bin deshalb hergekommen. Die Lazarethe ſind mein Platz, und dort wirſt du mich von morgen an ſo ziem⸗ lich Tag und Nacht finden können. Heute noch werde 5* ich die nöthigen Beſuche bei den Directoren machen, um Einlaß zu erhalten.“ »Aber Georg, das iſt ja Unſinn!« rief Richard verdrießlich.„Du wirſt mir doch wenigſtens erſt einige Wochen, oder nur einige Tage ſchenken. Zu deinen Cholera⸗Kranken kommſt du immer noch früh genug. Heute zum Beiſpiel iſt Ball beim Juſtiz⸗Miniſter; ich bin eingeladen, und es koſtet mich nur ein Wort, um auch dir eine Einladung auszuwirken. Morgen gibt Banquier Mayer ein großes Familienfeſt, es iſt, glaub' ich, Geburtstag, oder ſo etwas, und da geht es hoch her— natürlich wirſt du mit mir Theil nehmen. Uebermorgen bin ich bei der Gräfin Koſelwitz eingela⸗ den, die feinſte Geſellſchaft, da mußt du dabei ſein! Den Tag darauf...“ „Still, ſtill, um's Himmelswillen,“ fiel Georg ein. „Laß mich nichts von deinen Geſellſchaften und Zerſtreu⸗ ungen hören! Ich würde dort keine ruhige Stunde haben! Mein Platz iſt in den Lazarethen, ich wieder⸗ hole es dir.« »Du biſt der alte Eigenſinn, ſeh' ich ſchon,« ent⸗ gegnete Richard halb ärgerlich.„Nun wie du willſt! Jeder Verſuch, dich wankend zu machen, würde doch vergeblich ſein, alſo verzichte ich darauf. Nur auf einem Punkte beſtehe ich: du darfſt nirgends anders wohnen als bei mir. Keinen Widerſpruch, Georg, oder ich werde ernſtlich böſe.“ „Nun denn, damit du mir nicht wieder Eigenſinn vorwerfen kannſt, gebe ich nach!« ſagte Georg lächelnd. „Nur zwinge mich nicht, an deinen ſogenannten Freu⸗ den Theil zu nehmen. Ich würde nur ſchlecht zu dei⸗ nen Geſellſchaftern paſſen, und außerdem würden ſie 9* 69 mir nicht das geringſte Vergnügen gewähren. Ein ſtilles Morgenſtuͤndchen, mit dir verplaudert, gilt mir hundert Mal mehr, als alle jene Bälle und Schmau⸗ ſereien. Alſo unter der Bedingung, daß du mich in keiner Weiſe drängen willſt, bleibe ich. Verſprich mir das!“« »Ich muß es ja wohl verſprechen, wenn ich dich bei mir behalten will,« ſagte Richard.„Alſo abge⸗ macht! Du beziehſt die erwähnte Stube, die einen be⸗ ſonderen Ausgang hat, außerdem aber durch den Cor⸗ ridor mit dieſem Zimmer zuſammenhängt, ſo daß wir uns nach Gefallen treffen und beſuchen können. Mein Diener ſoll ſogleich das Nöthige beſorgen. He! Friedrich!“ Der Burſche kam ſchon, und brachte zugleich auf einer großen ſilbernen Platte das befohlene Frühſtück mit, welches er auf das zierlichſte ſervirte, und zugleich die Befehle ſeines Herrn in Empfang nahm. »Die Bedienung meines Freundes wirſt du ebenfalls übernehmen, Friedrich,“ fügte Richard ſeinen Weiſun⸗ gen hinzu,„und ich hoffe, du wirſt es nicht an der gehörigen Aufmerkſamkeit fehlen laſſen. Ich werde mich einſtweilen mit Sam behelfen.“ „Wer iſt Sam,« fragte Georg. »Mein Jokay,“ erwiederte Richard. »Dein Jokay?« verwunderte ſich Georg.„Haſt du denn Pferde?« »Nur zwei, mein Freund. Eins zum Cabriolet, und das Andere zum Reiten. Man kann nicht weniger haben, ſiehſt du!« Georg ſchüttelte den Kopf, und warf einen lang⸗ ſamen, prüfenden Blick um ſich her, auf die koſtbaren —— Möbel, die ſeidenen Vorhänge, die Oelgemälde in gol⸗ denen Rahmen an den Wänden, die deckenhohen Spie⸗ gel, die Teppiche, welche den Fußboden bedeckten, und auf die hundert koſtſpieligen Kleinigkeiten, die zerſtreut umher hingen und lagen.— „Du ſcheinſt ein ziemlich großes Haus zu machen, Richard,“ ſagte er dann, als der Diener ſich entfernt hatte.„Große Wohnung, Dienerſchaft, Pferde, pracht⸗ volle Einrichtung, Saus und Braus an allen Ecken und Enden— das muß ſchweres Geld koſten, denk' ich mir.“« Richard zuckte leichtfertig die Achſeln—„Haben wir's doch,“ erwiederte er kurz. „Bis auf Weiteres, ja! Indeß, Richard, wie lange glaubſt du bei dieſer Lebensweiſe mit deinem Gelde zu reichen?“ „Ei, darüber mach' ich mir keine Sorgen, mein Alter! Vor der Hand reicht das große Loos noch auf ein paar Jahre aus, und wenn es auf die Neige ge⸗ hen ſollte, nun, ſo iſt ja der Juſtiz⸗Miniſter da! Ich habe Beweiſe, daß er mir ſehr gewogen iſt! Ein Wort von mir und er gibt eine Anſtellung, die Alles aus⸗ gleicht.« „Hm, ich in deiner Stelle würde mir dieſe Anſtel⸗ lung ſichern, und das ſo bald als möglich. Erinnerſt du dich noch Richard, des Verſprechens vom vorigen Jahre, als ich Abſchied von dir nahm?« „Welches Verſprechen's, Georg?“« „Daß du, nach einem Jahre des Genuſſes, zu einem arbeitſamen Leben zurückkehren wolleſt. Der Jahrestag iſt gerade heute, mein Freund.. Richard erröthete ein wenig.„Ich fürchte,“ ant⸗ 71 wortete er,“ daß ich das Verſprechen ein wenig zu voreilig gegeben habe. Pah, nicht dieſe ernſte Miene. Georg! Was willſt du? Ich bin noch jung, man lebt nur einmal, warum ſollte ich das Leben nicht genießen, da ich doch die Mittel dazu beſitze? Du mußt nicht alle Menſchen nach dir beurtheilen, denn nicht einem Jeden iſt es gegeben, ſo ſtreng tugendhaft wie du zu ſein. Ich thue ja nichts Böſes, ich beluſtige mich nur.« »Es reicht keineswegs aus, nichts Böſes zu thun, ſondern das Gewiſſen ſpornt uns an, das Gute und Rechte zu üben nach dem Maße unſerer Kräfte!“« ent⸗ gegnete Georg.„Du erinnerſt dich des Gleichniſſes von den Centnern. Der Herr gab dem Einen fünf Cent⸗ ner, dem Anderen zwei, dem Dritten einen, und zwei von ihnen benutzten ihr Gut mit Fleiß und vermehrten es, ſo daß der Herr zu Jeden ſprach:„Du frommer und getreuer Knecht, du biſt über wenigem getreu ge⸗ weſen, ich will dich über viel ſetzen, gehe ein zu deines Herrn Freude.« Zum dritten aber, der ſeinen Centner in die Erde barg, und ihn todt liegen ließ,— was ſprach er,„du biſt ein Schalk und ein unnützer Knecht!« und verbannte ihn von ſeinem Angeſicht. Richard, der Herr hat dir viel gegeben,— glaubſt du— daß du einſt vor ihm beſtehen wirſt, wenn du Rechenſchaft uber die empfangenen Güter ablegen ſollſt?« Richard fand nicht ſogleich eine Antwort, ſondern blickte verlegen zu Boden. „Laß mich in Ruhe,« ſagte er endlich.„Wenn es nöthig iſt zu arbeiten, werde ich arbeiten. Für jetzt ſehe ich die Nothwendigkeit aber noch nicht ein.“ „Aber fühlſt du dich, kannſt du dich denn glück⸗ lich fühlen bei einer Lebensweiſe, die auch nicht ein ein⸗ 72 ziges ernſtes und gutes Ziel anſtrebt? Ich bitte dich, antworte mir aufrichtig, Richard.“ „Ei, gewiß fühl ich mich glücklich! Was ſonſt? Meineſt du, es wäre etwas ſo Angenehmes, zwiſchen Aktenſtöße zu ſitzen und ſich mit ſtaubigen Documenten abzuquälen? Nein, nein, Georg! Laß mich meinen Weg gehen, und ſtöre mir mein Vergnügen nicht.“ „Nun denn, eine letzte Warnung, Richard. Der Weg, den du gehſt, wird dich am Ende in's Verder⸗ ben führen, glaube mir.“ Richard lachte,„das Verderben iſt noch weit,“ er⸗ wiederte er. Ich ſage dir ja, wenn wirklich alles ſchief gehen ſollte, ſo habe ich meinen Gönner, den Miniſter.“ „Der dich ebenſo verlaſſen wird, wie alle deine übrigen Gönner und Freunde, wenn der Quell deines Wohllebens verſiegt,“ entgegnete Georg.„Obgleich du dich jetzt mitten in der großen Welt bewegſt, ſcheinſt du dieſe große Welt doch nur ſehr wenig zu kennen. Nur den Glücklichen duldet ſie, den Unglücklichen läßt ſie fallen.“ „So weit werde ich es nicht kommen laſſen,“ wen⸗ dete Richard ein.„Geſetzt der Fall, deine trüben Pro⸗ phezeiungen träfen zum Theil ein, ſo ſtünde es ja im⸗ mer noch in meinem Belieben, mich bei Zeiten zurück⸗ zuziehen. Der Juſtiz⸗Miniſter...“ „Iſt eine Stütze,“ ſiel Georg ein,„auf die ich in deiner Stelle mich nie verlaſſen würde. Oh, Richard, du kannſt auf deinen eigenen Füßen ſtehen, und brauchſt keinen Andern, dich zu ſtützen! Entſage dieſem geräuſch⸗ vollen zerſtreuungsſüͤchtigen Leben und arbeite, oder der Gewinn des großen Looſes, den du für ein Glück er⸗ achteteſt, wird dein Unglück. Höre auf meine Stimme, 73 ſo lange es Zeit iſt! Wahrlich, es iſt die Stimme eines treuen und wohlmeinenden Freundes!« „»Oder vielmehr die Stimme eines gutmüthigen Tu⸗ gend⸗Schwärmers, der Alles ſchwarz ſieht, wo doch nur lauter Sonnenſchein iſt. Genug, Georg! Ich werde meinen Weg machen auf meine Weiſe, und der Aus⸗ gang wird lehren, daß ich doch nicht ſo ganz ohne Weltkenntniß bin, wie du glaubſt!« Georg ſeufzte! er ſah wohl, daß alle ſeine Vorſtel⸗ lungen und Bitten wiederum an der Härtnäckigkeit und Leichtfertigkeit Richard's ſcheitern würden, und brach deshalb das Geſpräch ab. Auch Richard bezeigte keine Luſt, es wieder aufzunehmen. So plauderten ſie denn während des Frühſtücks nur noch von der glücklichen Vergangenheit, bis endlich für Georg die Zeit kam, ſeine Beſuche bei den Directoren der Cholera⸗Lazarethe zu machen. Dort kam man ſeinen Wünſchen bereitwilligſt ent⸗ gegen und noch am nämlichen Tage begann er ſchon ſeine Thätigkeit. Er beſuchte die Kranken⸗Säle, machte Bekanntſchaft mit ſeinen Collegen, die ſich, wie er, mit freudiger Aufopferung dem Dienſte der leidenden Menſch⸗ heit widmeten, und kehrte erſt nach Anbruch der Nacht in die Wohnung ſeines Freundes zurück. Richard war längſt ausgeflogen und vergnügte ſich auf dem Balle des Miniſters, ſeinem Diener Friedrich aber hatte er anbefohlen, auf Georg zu warten, und dieſer fand da⸗ her Alles bereit, was nach dem erſten ſchweren Tage voll Anſtrengung und Thätigkeit zu ſeiner Erquickung und Stärkung beitragen konnte. Die Aufmerkſamkeit und Fürſorge Richard's er⸗ freute ihn. ———-—— 4 »Es iſt doch ein guter Menſch und ein treues Herz,“ murmelte er vor ſich hin, als er ſein Lager aufſuchte, und ſich auf den weichen Pfühlen ausſtreckte. Schade nur, daß er bei ſeinen vielen trefflichen Eigen⸗ ſchaften nicht zu einer rechten Erkenntniß ſeiner Lebens⸗ Aufgabe kommen kann. Aber nur Geduld! Gott, ſo hoffe ich, wird ihn ſchon noch auf den rechten Weg führen!« Vorderhand hatte es indeß nicht den Anſchein, als ob Richard ſeine Anſichten ändern würde, und Georg mußte bald bemerken, daß ſein Freund noch viel tiefer in das verderbliche Netz der Zerſtreuungsſucht verſtrickt war, als er ſelber anfänglich gefürchtet hatte. Nur ſelten brachte Richard eine Nacht in ſeiner Wohnung zu, ſondern in der Regel kehrte er erſt gegen Morgen bleich und abgeſpannt nach Hauſe zurück, und ſchlief dann bis ſpät in den hellen Tag hinein. Gewöhnlich mußte Georg allein frühſtücken, und manchmal vergin⸗ gen ſogar zwei, drei Tage, wo er ſeinen Freund gar nicht zu ſehen bekam. Machte er ihm dann Vorwürfe, ſo lachte Richard nur, und entſchuldigte ſich damit, daß es in der großen Welt nun einmal nicht anders herginge. Warnte Georg, indem er andeutete, daß eine ſo regel⸗ loſe Lebensweiſe nothwendig zuletzt die Geſundheit un⸗ tergraben und zerſtören müſſe, ſo erwiederte Richard leichthin, daß er ſich nie kräftiger und beſſer befunden habe, als gerade bei dieſem luſtigen Leben. Kurz, Georg ſprach in den Wind und mußte die Sachen eben gehen laſſen, wie ſie wollten. Zu ändern und beſſern war da vorlaufig nicht. Richard verſpottete ihn ſogar noch.“ 1 „Ich genieße das Leben doch wenigſtens,“ er⸗ 75 wiederte er einſt auf ein warnendes Wort ſeines Freun⸗ des.„Aber du, armer Schlucker, quälſt und müheſt dich nur ab, ohne irgend einen Lohn dafür zu haben.« „Und gleich wohl, Richard,“ gab Georg ſehr ernſt zur Antwort,„gleichwohl bin ich ohne Zweifel unend⸗ lich glücklicher als du.“ Ob Georg recht hatte? Richard ſchien es zu be⸗ zweifeln. So urtheile denn du freundlicher Leſer. Es iſt eine milde, friedliche, ruhige Sommernacht. Noch funkeln die Sterne am Himmel, der Mond aber geht bleich am weſtlichen Horizonte unter, und ein ſchwacher röthlicher Schein im Oſten verkündet, daß bald die Nacht dem Tage weichen werde. Durch die Fenſter zweier großer Gebäude ſchimmert noch Licht. Dort iſt man noch wach, während ſonſt Alles im Schlummer liegt. Aber wie verſchieden ſind die Sce⸗ nen, welche der Kerzenſchein beleuchtet. Hier ein Saal mit Kranken und Sterbenden, ohne Schmuck und Zierde, nur Bett an Bett gereihet, und kaum ein anderes Ge⸗ räuſch hörbar als Wimmern, Aechzen und Wehklagen, Stöhnen des Schmerzes, und Seufzer des Todes⸗ kampfes;— dort ein glänzendes Gemach, Jünglinge in der Fülle des Lebens— an reich beſetzter Tafel, mit Blumen und Silbergeſchirr, Gläſerklingen, Geſang, tobende Heiterkeit und lautes Gelächter. Die Sonne geht auf und ihr reiner Strahl fällt in das Prunkge⸗ nuiſ Die Kerzen erbleichen vor ihrem ſiegenden ichte. „Der Tag iſt da, man muß heimgehen und ſchla⸗ fen!“ ſagte Richard. Die Hausthür öffnet ſich, er tritt heraus, ſein Auge iſt matt, ſein Gang iſt ſchwankend, aſchfahle 76 Bläſſe deckt ſeine Wangen. Er hüllt ſich ſchaudernd in den Mantel; die Morgenkühle, ſtatt ihn zu erfri⸗ ſchen, macht ihn fröſteln, vom luſtigen Gelage taumelt er durch die ſtillen Straßen nach ſeiner Wohnung.— „Die Nacht iſt vorüber, meine Pflicht iſt gethan, ich kann heimgehen und ruhen!“« ſagte Georg zu dem Krankenwärter im Lazarethe.„Dieſer Mann iſt geret⸗ tet; gebt wohl Acht, mein Feund, daß Ihr keine Un⸗ vorſichtigkeit begeht! dieſer wohlthätige Schweiß darf nicht unterbrochen werden.“ „Ohne Sorge, Herr Doctor, ich wache,“ entgegnete der Mann. Georg tritt aus dem Lazarethe, die Sonne glänzt ihm hell entgegen; auch er iſt bleich; es iſt die Bläſſe der Erſchöpfung, denn die ganze Nacht hat er gekämpft und gerungen mit dem Tode; aber er iſt Sieger geblie⸗ ben. Einen wackeren Mann, den Vater einer zahlreichen Familie, hat er vom Rande des ſchon geöffneten Gra⸗ bes hinweg geriſſen, und ihn dem Leben, ſeiner Gattin und ſeinen Kindern wiedergegeben. Ja, er iſt bleich und müde, aber ſein Auge glänzt, mit Entzücken ath⸗ met er die friſche, reine Morgenluft, und eine ſüße, ſelige Ruhe ſtrahlt von ſeiner Stirn. Auch er geht heim durch die ſtillen Straßen nach ſeiner Wohnung.— „Georg du?« „Du Richard? Woher ſo ſpät?« „Ho, eine luſtige wilde Nacht! Und woher kommſt du 24 „Vom Krankenbett!« „Hm! Schlaf wohl, Georg!“ „Schlaf wahf armer Freund.“ So ſcheiden ſie. Leſer, welchen von dieſen erwartet der ſüßeſte Schlaf? Welcher von dieſen Beiden iſt der Glücklichſte? Welcher ſpielt das beſſere Loos in der großen Lot⸗ terie des Lebens?—— Fünftes Kapitel. Doctor und Geheimerath. Als im Herbſt die Blätter fielen, war die mör⸗ deriſche Seuche gewichen, und Georg ſprach davon, in ſeine früheren Verhältniſſe nach B. zurückzukehren. Er hatte ſeine Aufgabe, ſoweit das in menſchlichen Kräften ſtand, gewiſſenhaft erfüllt, und in der großen Reſidenz hielt ihn nichts mehr zurück, als die Bitten ſeines Freundes Richard, welcher ihn durchaus noch nicht zie⸗ hen laſſen wollte. „Einige Tage wenigſtens mußt du noch zugeben, Georg!« drängte er.„Jetzt, wo du frei biſt von Be⸗ rufsgeſchäften, kann ich deiner Anweſenheit erſt recht froh werden. Wenn du mich nicht bitter kränken willſt, ſo bleibſt du. Eine Zerſtreuung nach den vielen an⸗ ſtrengenden Tagen und Nächten wird dir ohnehin wohl thun.“« Georg wollte den Freund, der ihn ſo gaſtfrei ſich aufgenommen, nicht betrüben. So blie noch einige Tage, und ließ ſich ſogar überreden, an Richards gewöhnlichen Vergnügungen Theil zu nehmen. Was 78 er da ſah und beobachtete, behagte ihm aber freilich nur wenig, ſondern erfüllte ihn vielmehr mit neuen Beſorgniſſen um Richard. Nicht nur, daß dieſer ge⸗ dankenlos in den Tag hinein lebte,— Georg machte auch noch die Entdeckung, daß in einigen Geſellſchaften, welche Richard zu beſuchen pflegte, geſpielt wurde, und zwar hoch geſpielt. Die Goldſtücke flogen da, wie Zahlpfennige, und nicht ſelten wurde auf eine einzige Karte mehr als hundert Thaler gewonnen und verloren. Richard mäßigte ſich zwar, und trieb es nicht gerade am ärgſten, wenigſtens ſo lange Georg gegenwärtig war; aber trotzdem fühlte ſich dieſer treue Freund von banger Sorge erfüllt. Seine Warnungen aber ſchlug Richard, wie immer, in den Wind. „Es wird Alles ſo kommen, wie ich dir ſchon ein⸗ mal geſagt habe,“ ſprach Georg zuletzt, in der Stunde, die ſeinem Abſchiede vom Freunde vorherging.»Man ſchmeichelt dir, man ladet dich ein und hätſchelt dich jetzt und ſo lange, als man noch Geld bei dir ver⸗ muthet. Wenn aber dieſe Quelle verſiegt iſt, wird dich keiner von deinen jetzigen Freunden mehr kennen wollen. Und bei deiner Lebensweiſe kann es nicht lange dauern, daß dieſer Zeitpunkt eintritt. Ich hoffe ſogar, er möge recht bald kommen. Das Spiel, das verderbliche, wird dazu helfen. Dann, wenn du von Allen verlaſſen biſt, erinnere dich meiner, Richard. Ein Herz wird dir immer bleiben, auf das du bauen kannſt in Glück und Leid.“. „Ich weiß es, aber ich hoffe, es wird nie nöthig ſein, eine Zuflucht an dieſem Herzen zu ſuchen,“ ent⸗ gegnete Richard ſorglos.„Meine Mittel ſind ſo leicht nicht zu erſchöpfen, und was das Spielen anbetrifft, ſo nimmſt 3 bekannten vier Wände ſchienen ihm traulich zuzulächeln, 79— du das viel zu ſchwer, mein guter Georg. Du haſt ſelbſt geſehen, wie vorſichtig ich bin.“ „Ja bis eines Tages die Leidenſchaft ſtärker ſein wird, als deine Vorſicht,« entgegnete Georg.„Denke an den Stein, der den Berg herab rollt. Anfangs läuft er langſam, dann aber überſtürzt er ſich in wilden Sprüngen. Noch iſt's Zeit, Richard. Kehre um, in dieſer Stunde noch! Arbeite, anſtatt immer neue Zer⸗ ſtreuungen zu ſuchen, und du wirſt vielen Leiden und Schmerzen entgehen, die dich aus dunklem Hinterhalte bedrohen.« „Ei, nicht doch, Georg!“ erwiederte Richard lä⸗ chelnd.„Du ſingſt immer das alte Lied, aber ich kenne die Weiſe ſchon. Sei meinetwegen ganz außer Sorge! Im Uebrigen aber, brauchſt du Geld, Bruderherz?“ „Ich danke,“ antwortete Georg, und ſeufzte.„All dein Geld würde mich nicht halb ſo glücklich machen, als dein Verſprechen, deine jetzige Lebensweiſe mit einer andern, beſſern zu vertauſchen! Aber ich ſehe ſchon, jedes Wort iſt vergeblich geſprochen! So lebe denn wohl! Der Himmel behüte dich und öffne dir bei Zeiten die Augen! Und vergiß nicht, Richard, in mir wirſt du immer den Alten finden!“ Der Abſchied war kurz. Die Freunde trennten ſich mit der früheren Herzlichkeit, und am nächſten Tage befand ſich Georg wohlbehalten wieder in ſeinem Stübchen. 4 Hier war ihm behaglich und froh zu Muthe. Die und die gute Frau Wiliig lachte wirklich mit dem gan⸗ zen Geſichte, und war überglücklich darüber, daß ihr lieber Miethsmann friſch und geſund wieder angelangt war. Wie eine Mutter ſorgte ſie für ſeine Bequem⸗ lichkeit, und ihm war dabei in der That zu Sinne, als ob er in der braven Frau ein wirkliches Mütter⸗ chen gefunden hätte. Sie fragte angelegentlich nach allen ſeinen Erlebniſſen, und haarklein mußte er erzäh⸗ len, wie es ihm in Berlin ergangen war. Wie andächtig ſie ihm zuhörte! Wie ſie ihm jedes Wort von den Lippen haſchte! Wie ſie ſich freute, wenn er Frohes, wie ſie ſich betrübte, wenn er Trau⸗ riges berichtete. Und wie heimiſch unſerem Georg bei alledem zu Muthe war. Ja er ſah wohl, er hatte eine Heimath! Ein mütterliches Herz liebte ihn, nahm aufrichtig Theil an ihm, ſorgte und ſchaffte für ihn mit uneigennütziger, aufopfernder Thätigkeit. Wie wohl das ſeinem Herzen that. Unwillkührlich mußte er an Richard denken und— vergleichen. Richard beſaß nur Geld. Aber hatte er eine Heimath, hatte er ein treues Gemüth, das ihn in ſeinen prächtigen Prunkgemächern willkommen hieß, wenn er aus den Wirbeln des Lebens zurückkehrte unter ſein Dach? Nein, er hatte nur ſeinen Jokay und ſeinen Bedienten und falſche Geſellen, die ihm allein aus Eigennutz an⸗ hingen, und hinter ſeinem Rücken ihn wohl gar hämiſch verſpotteten und verhöhnten. „Nein, nein, ich tauſche nicht mit dir, Richard!« rief es laut in Georgs Herzen.„Wie beſcheiden mein Loos ſei, es birgt mehr wahres Glück in ſich, als alle deine gleißende Weltluſt.“ Nun, als Georg fertig war, mußte auch Frau Willig erzählen, und ſie that es ſo gerne, daß Georg gar nicht lange zuzureden brauchte. Da wurden alle kleinen Stadt⸗Neuigkeiten hervorgeſucht, die mittlerweile freilich zum Theil ſchon alt geworden waren; aber Georg hörte ſie doch andächtig an, und ſie intereſſirten ihn auch weit mehr, als er ſelber geglaubt hätte. Das machte eben weil er ſich in der kleinen Reſidenz wirk⸗ lich ſchon heimiſch fühlte und alle Welt da kannte, und an aller Welt herzlich Theil nahm. Nachher, nämlich nach den Berichten von Hochzeiten, Kindtaufen, kleinen Glücks⸗ und Unglücksfällen, kamen auch die Armen an die Reihe, und nun wußte Frau Willig mit Worten kaum auszudrücken, wie die Armen grade ihren lie⸗ ben Herrn Doctor vermißt, und ſich nach ihm geſehnt, und ſeine Rückkehr erwünſcht hätten! Ja, da habe man, meinte ſie, doch einmal recht ſehen können, wie geliebt und verehrt ihr wackerer Miethsmann ſei, und das wäre doch ein Beweis dafür, daß man noch Dankbar⸗ keit in der Welt finden könne, wenn man es nur dar⸗ nach anfange. Alles das that dem Herzen Georgs gar wohl, und ganz im Stillen faßte er von Neuem den Vorſatz, dieſen armen Leuten wieder ſeine ganze Sorgfalt zuzu⸗ wenden, beſonders, als Frau Willig nun vollends er⸗ zählte, wie ſehr ſie in ihren Krankheiten von dem Herrn Geheimerath Bernſtorf wären vernachläſſigt worden. „Auf den ſind ſie freilich nicht gut zu ſprechen,“— fuhr ſie fort.„Er behandelt ſie auch wirklich gar zu ſchlecht und iſt immer noch ſackgrob obendrein gegen ſie. Nun, ſie werden keine kleine Freude haben, wenn ſie erſt hören, daß der Herr Doktor wieder da ſind. Mor⸗ gen weiß es ſicherlich ſchon die ganze Stadt, und da werden Sie's ſchon erleben, lieber Herr Doktor, wie ſie herbeigeſtrömt kommen. Faſt alle Tage ſind Welche da geweſen und haben nach Ihnen gefragt. Der Geheime⸗ 6 Das große Loos. rath hat ſich genug darüber geärgert. Ja, er iſt ein ſchlimmer neidiſcher Mann und gönnt Ihnen nichts Gutes, lieber Herr Doktor. Aber man muß nur Ge⸗ duld haben! Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht. Laſſen Sie den Geheimerath nur ganz ruhig über Sie reden und die Achſeln zucken, wenn Sie ge⸗ lobt und Herühmt werden. Es gibt ſchon Manche, die ihm nicht mehr ſo recht trauen, und es ſollte mich nicht groß wundern, wenn Sie über kurz oder lang in Häuſer gerufen wurden, deren Thür ſich Ihnen früher nicht geöffnet hat. Denn ſehen Sie, Herr Doktor, es iſt doch ruchbar geworden, daß der Geheimerath aus purer Angſt vor der Cholera nicht hat nach Berlin ge⸗ hen wollen, und da hat Mancher den Kopf geſchüttelt, und das Seinige dabei gedacht, während Andere ge⸗ radeheraus geſagt haben, daß es doch brav von Ihnen geweſen wäre, der Gefahr Trotz zu bieten, obgleich Sie es doch eigentlich nicht nöthig gehabt hätten. Und denken Sie an mich, wenn das ÜUnglück wollte, wovor Gott uns behüten möge, daß wirklich die Cholera her⸗ käme, da wollten wir einmal ſehen, wie die Leute zu Ihnen würden gelaufen kommen. Ja, ja, Nutzen hat es ihm nicht gebracht, dem Herrn Geheimerath, daß eer Sie vorgeſchoben hat, und iſt ſelber zu Hauſe ge⸗ blieben! Sie werden's erleben.“ So plauderte Frau Willig, und Georg that ihr nicht Einhalt, denn es freute ihn doch, daß ſein ehr⸗ liches Streben und ſein treuer Pflichteifer anerkannt und gewürdigt wurden. Auch traf ganz richtig ein, was Frau Willg ſo zuverſichtlich vorhergeſagt hatte. Kaum war es in der Stadt bekannt geworden, daß der Doktor Heine wieder angekommen ſei, und am anderen 83 Mittage wußte es natuͤrlich ſo ziemlich ſchon Jedermann,— da ging es trapp trapp die Treppe herauf und Georg empfing ſo viele Krankenbeſuche, daß er vollauf zu thun hatte. Freilich waren es nur arme Leute, aber das kümmerte ihn weiter nicht. Was fragte er viel nach Geld und Gut! Von den dreihundert Thalern, die man ihm zur Reiſe nach der Reſidenz ausgezahlt hatte, waren ihm Dank der Gaſtfreundſchaft Richard's, mehr als zweihundert übrig geblieben, und damit reichte er bei ſeiner ſparſamen und einfachen Lebensweiſe gut und gerne wieder ein Jahr aus. Sorgen drückten ihn alſo nicht, und um ſo freudiger, erfüllte er darum ſeine Be⸗ rufspflichten. Wie wurde er aber auch empfangen, wenn er in die niederen Hütten der armen Leute trat, um den Kranken Troſt und Hülfe zu bringen? Als ob ein En⸗ gel vom Himmel käme, ſo nahm man ihn auf, und er merkte wohl, was er an Geld nicht gewann, das gewann er hundertfältig an Liebe und Dankbarkeit. Daran aber ließ er ſich genügen. In der erſten Woche nach ſeiner Rückkehr fand er wirklich ſo viel zu thun, daß er keine Zeit gewann dem Herrn Geheimerath, wie es allerdings ſeine Schul⸗ digkeit geweſen wär, einen Beſuch zu machen und Be⸗ richt über ſeinen Aufenthalt in Berlin abzuſtatten. End⸗ lich, als das Dringendſte beſorgt war, begab er ſich zu ihm. „Nun, da ſind Sie ja wieder, ich glaubte wirklich ſchon, daß ich Sie nie mehr ſehen würde,“ ſagte der Geheimerath kalt, als Georg in ſein Kabinet trat. „Ich dächte, es wäre Ihre Schuldigkeit geweſen, zuerſt 6 25 84 zu mir zu kommen, anſtatt vorher bei aller Welt herum⸗ zulaufen.“ Obgleich auf einen ähnlichen Empfang vorbereitet, fühlte Georg dennoch ſeine Stirn heiß werden.„Der Geheimerath wiſſen vielleicht nicht, wo ich herum ge⸗ laufen bin,« gab er ein wenig ſcharf zur Antwort. „Ich beſuchte Ihre Patienten, weil die armen Men⸗ ſchen mich dringend darum angingen.“ „Ah, ich weiß ſchon!« entgegnete der Geheimerath. „Das faule Volk hat immer zu klagen! Wenn man darnach hinhören wollte, würde man keine ruhige Stunde genießen können. Es iſt überflüſſig darüber zu reden. Was aber haben Sie mir über die Cholera mitzutheilen? Ich vermuthe, daß Sie nicht ſo ſchlimm iſt, als man uns von Berlin aus weiß machen will, denn ich ſehe, ſie ſind ja mit heiler Haut davon ge⸗ kommen.“ „Ja, durch Gottes Hülfe,“ erwiederte Georg. „Trotzdem möchte ich aber doch rathen, am hieſigen Orte bei Zeiten die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, für den Fall, daß die Seuche uns nicht verſchonen ſollte.« Mit lebhaften Worten ſchilderte er ſodann das Auf⸗ treten und den Verlauf dieſer Krankheit, welcher Schil⸗ derung indeß der Geheimerath nur mit ungläubigem Lächeln zuhörte. „Es ſcheint mir, als ob Sie die Gefahr ſehr über⸗ treiben,“ ſagte er endlich.„Vorkehrungen halte ich für ganz überflüſſig. Indeß werde ich Seiner Durch⸗ laucht Bericht erſtatten. Das Uebrige wird ſich finden.“ So endete die Unterredung, und Georg glaubte ſchon damit Alles abgemacht, als er eine Woche ſpäter 8⁵ ganz unerwartet Befehl erhielt, perſönlich bei dem Für⸗ ſten zu erſcheinen. Der Kammerdiener, welcher ihm den Befehl uͤberbrachte, war derſelbe, den er ſchon bei einer früheren Gelegenheit durch Vermittlung der Frau Willig genauer kennen gelernt hatte. „Ich bin nicht wenig erſtaunt und überraſcht,“ ſagte er zu ihm,„»bitte lieber Herr Kammerdiener, darf ich fragen, was ſeine Durchlaucht von mir wünſcht?« „Ich darf es Ihnen wohl mittheilen, Herr Doktor,“ entgegnete der Kammerdiener,„der Herr Geheimerath Bernſtorf hat die nächſte Veranlaſſung dazu gegeben, daß Sie gerufen werden. Er ſtattete Seiner Durch⸗ laucht vor mehreren Tagen Bericht über Ihre Sendung ab, und mag ſich da wohl nicht ganz günſtig über Sie ausgeſprochen haben. Wenigſtens ſagte der Fürſt un⸗ mittelbar nach der Audienz zu mir, daß er gar nicht zufrieden mit Ihnen ſei. Nun nahm ich mir jedoch die Freiheit, nach der Urſache allerhöchſter Unzufriedenheit zu fragen, und da kam es denn an den Tag, daß der Herr Geheimerath keineswegs zu Ihrem Vortheile ge⸗ ſprochen hatte.“ „Aber was hat er Nachtheiliges über mich berichten können?« fragte Georg entrüſtet. „Ei, er hat gerade nichts Beſonderes vorgebracht, ſondern nur im Allgemeinen angedeutet, daß Sie nicht genügend unterrichtet zu ſein ſchienen, woran vermuth⸗ lich der Umgang mit einem jungen, leichtſinnigen Men⸗ ſchen in Berlin ſchuld ſei, bei dem Sie Ihre Wohnung genommen hätten.“ Davon ſagte ich ihm kein Wort,“ rief Georg aus. Er muß alſo Spione in Berlin gehabt haben, die mich beobachten ſollten!« —— 86 „Ja, ja, ich vermuthe etwas der Art,“ erwiederte der Kammerdiener.„Indeß beunruhigen Sie ſich nicht, Herr Doktor. Wer Anderen ein Bein ſtellt, ſtolpert manches Mal ſelber daruͤber, und wenn ich nicht ganz irre, ſo iſt das unſerem Herrn Geheimerath auch be⸗ gegnet. Nämlich, ich kannte Sie doch ſchon von früher her, Herr Doktor, und außerdem hatte meine Muhme, die Frau Willig, ſchon ein und das andere Mal mit mir über Sie geſprochen, auch wußte ich von Ihren fleißigen und uneigennützigen Beſuchen in den Hütten der Armuth, und kurz und gut, ich konnte mir nicht denken, daß Sie Ihre Pflicht in Berlin vernachläſſigt haben ſollten. Da ſagte ich— nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Doktor, daß ich mich in Ihre Ange⸗ legenheiten miſchte,— aber ich ſagte zu Seiner Durch⸗ laucht, man könne ja leicht über Ihre Aufführung in Berlin ſichere Kenntniß erhalten, wenn man eine An⸗ frage bei dem General⸗Direktor der Lazarethe machen und ein Zeugniß über Ihre Wirkſamkeit einholen würde. Durchlaucht faßten ſogleich den Wink auf, und befahlen dem Kabinets⸗Secretair ſofort einen Bericht über Sie zu verlangen. Dieſer Bericht iſt geſtern eingelaufen, und ich brauche den Herrn Doktor wohl nicht zu ſagen, wie er ausgefallen iſt. Durchlaucht laſen ihn ſelber durch.“ „Und wie außerte ſich der Fürſt darüber?« fragte Georg lebhaft! „Nun, er ſagte nachher zu mir:„Es iſt doch recht gut, daß du mich darauf aufmerkſam gemacht haſt, nach Berlin ſchreiben zu laſſen. Wir hätten dem Doktor Heine beinahe recht ſchweres Unrecht gethan. Ich weiß nicht, was der Geheimerath Bernſtorf will. Erſt em⸗ 87 pfiehlt er mir den jungen Arzt, nachher tadelt er ihn, und doch muß ich mich aus dieſem Berichte überzeugen, das der junge Mann das höchſte Lob verdient. Er hat nicht nur ſeine Schuldigkeit ſondern noch weit mehr als das gethan. Es iſt ein ſehr ehrenvolles Zeugniß, was ihm hier von allen Lazareth⸗Aerzten ausgeſtellt wird. Ich will den Doktor Heine ſprechen!’ Dies waren die eigenen Worte ſeiner Durchlaucht, und ich kann wohl ſagen, Herr Doktor, ich freute mich dar⸗ über.“ „Und ich, ich danke Ihnen von ganzem Herzen,“ ſagte Georg, indem er die Hand des Kammerdieners ergriff, und mit Wärme drückte.„Es wäre mir ſehr ſchmerzlich geweſen, von unſerem gnädigen Fürſten ver⸗ kannt worden zu ſein.“ „Nun, damit hat es gute Wege,“ erwiederte der 1 Kammerdiener lächelnd.„Durchlaucht kennt Sie jetzt beſſer, als dem Herrn Geheimerath lieb iſt, der Ihnen ſchaden wollte, und gerade dadurch Ihnen einen recht guten Dienſt geleiſtet hat. Reden Sie jetzt nur ganz frei und ohne Rückhalt mit Seiner Durchlaucht. Mein gnädigſter Herr liebt das, und iſt überhaupt die Güte ſelber. Sie werden das ſchon finden, wenn Sie nur fünf Minuten mit ihm geſprochen haben! Und wiſſen Sig, Herr Doktor, ſeien Sie pünktlich zur Stelle. Große Herrn warten nicht gern!“ Georg verſprach, ſich auf die Minute einzufinden, und war ſogar noch einige Minuten früher da. Der Fürſt empfing ihn mit ein⸗ cͤachem, aber wirklichem Wohlwollen; ſo daß ſich Georg 8. kald leicht und frei fühlte, obgleich ihm anfänglich ein wenig beklommen zu Muthe geweſen war. Die Unter⸗ redung dauerte beinahe volle zwei Stunden. Endlich 88 erhob ſich der Fürſt, und verabſchiedete Georg auf die gnädigſte Weiſe. »„Ich danke Ihnen, mein lieber Doktor,“ ſagte er. „Sie werden von mir hören, Adieu!« Sehr glücklich und zufrieden über die Aufnahme, die er beim Landesherrn gefunden hatte, kehrte Georg in ſeine Wohnung zurück. Frau Willig wartete ſchon auf ihn, und ſtrahlte vor Freude, als ſie hörte, wie gnädig und herablaſſend der Fürſt gegen ihren lieben Miethsmann geweſen war. „Alſo hören ſollen Sie noch von ihm?« ſagte ſie. „Nun, paſſen Sie auf, Herr Doktor, das bedeutet was Gutes! Sicherlich was ſehr Gutes! oder ich müßte mich gewaltig irren.“ „Hoffen wir, daß es wenigſtens nichts Schlimmes bedeutet,“ erwiederte Georg, und wartete ruhig ab, was erfolgen würde. Er brauchte nicht lange zu warten, und was er⸗ folgte übertraf noch ſelbſt ſeine kühnſten Hoffnungen. Schon am dritten Tage nach ſeiner Audienz kam der fürſtliche Kammerdiener mit fröhlichem Antlitz, und Frau Willig unmittelbar hinter ihm drein. „Gute Nachrichten!“ rief ſie.„Ich ſah' es meinem Vetter am Geſicht an.“ „Ja, ſchlecht werden ſie wohl nicht ſein, da mein gnädigſter Herr mich mit dem Ueberbringen beauftragt hat,« entgegnete der Kammerdiener lächelnd.„Rathen Sie, lieber Herr Doktor, was ich für Sie in der Taſche habe.“ „Oh, das iſt nicht ſchwer,« erwiederte Georg ver⸗ gnügt.„Sicherlich irgend Etwas von Seiner Durch⸗ 89 laucht, und von da kann nichts Anderes, als Gutes kommen.“ „Ei ja, wenn man ſo, wie Sie, ſtets ſeine Pflicht und Schuldigkeit gethan hat,“ meinte der Kammerdiener. „Aber rathen Sie nur! Rathen Sie! Doch ich ſehe, Sie haben keine rechte Luſt dazu, und ſo muß ich denn ſchon mit meinen Herrlichkeiten heraus rücken. Alſo hier zuerſt eine goldene Uhr mit Brillanten! Mein gnä⸗ digſter Herr ſchickt ſie Ihnen, weil er ſich überzeugt hat, daß Sie den Werth der Zeit vollkommen zu ſchätzen wiſſen.“ Georg erröthete vor Vergnügen, über das ſchöne Geſchenk, und Frau Willig, ſtieß ſogar einen lauten Freudenſchrei aus. Die Uhr wurde gebührend bewun⸗ dert und betrachtet, und Frau Willig konnte des Lobes und Preiſens nicht ſatt werden. Der Kammerdiener hörte das ſchmunzelnd ein Weilchen mit an, zuletzt ſchien es ihm aber doch zu viel zu werden, denn er machte ein Ende damit, indem er ein großes Schreiben mit dem fürſtlichen Siegel aus der Taſche zog, und es Georg überreichte. 3 „Hier noch etwas,“ ſagte er.„Aus dem fürſtlichen Kabinet.« Mit neuer Ueberraſchung nahm Georg das Schrei⸗ ben, erbrach es, und las mit frohem Erſtaunen, daß der Fürſt befohlen habe, ihm einen jährlichen Gehalt von zweihundert Thalern, aus der fuͤrſtlichen Privat⸗ kaſſe auszuzahlen, und dieſes zwar, wie ausdrücklich in dem Schreiben angeführt wurde, auf Grund der viel⸗ fachen ärztlichen Bemühungen, welche der Doktor Georg Heine in uneigennützigſter Weiſe den Armen und Hülfloſen gewidmet habe. Man verſehe ſich deſſen auch 90 für die Folge, und ſetze ihm, eben für die beſagten Be⸗ mühungen, den genannten feſten Gehalt aus. Georg war vollkommen glücklich. Die ganze Laſt der Sorgen, welche doch wohl manchmal, wenn er der Zukunft gedachte, ſein Herz bedrückt hatte, war ihm mit Einem Male abgenommen, und Thränen der Dankbarkeit und Rührung feuchteten ſeine Augen. „Oh des lieben gnädigen Herrn!“ rief er aus. „Welche Ueberraſchung bereitet er mir! Es iſt zu viel, das habe ich nicht verdient!“ „Sie haben es allerdings verdient,“ entgegnete der Kammerdiener nachdruͤcklich!„Und deshalb eben freut es mich doppelt, daß Ihnen dieſe Anerkennung zu Theil geworden iſt.“ Frau Willig ſtrahlte von Entzücken und Seligkeit. „So iſt's recht!“ ſagte ſie.„Es hat mich ſchon immer verdroſſen, daß unſer Herr Doktor die Laſt und Mühe haben mußte, derweile der Geheimerath das Geld ein⸗ ſtrich. Aber nun iſt Alles hübſch in der gehörigen Ordnung. Gratulire, Herr Doktor! Das Schreiben iſt noch mehr werth als die Uhr, ſo ſchön ſie iſt, und darum freue auch ich mich doppelt darüber!“ „Aber der Geheimerath!“ ſagte Georg.„Wie wird er das Alles aufnehmen, wenn er es erfährt? Ich fürchte, daß er mir nun noch weniger Gunſt, als bis⸗ her, erzeigen wird.“ „Ich glaube, darüber können Sie ruhig ſein, Herr Doktor?« erwiederte der Kammerdiener.„Es wird ihm nichts entzogen, denn der Gehalt, den Sie künftighin beziehen, fließt aus der fürſtlichen Privat⸗Schatulle, während der Geheimerath ſeine Gelder aus der Staats⸗ Kaſſe bekommt.“ 91 „Deſto beſſer!“ ſagte Georg.„Nun bin ich erſt recht glücklich über die große Gnade des Fürſten. Ich moͤchte gleich hinlaufen, um dem lieben Herrn die ganze Fülle meiner Dankbarkeit zu Füßen zu legen. Wann kann dies geſchehen, Herr Kammerdiener?“ „Es iſt zwar nicht gerade nothwendig, daß es ge⸗ ſchieht, aber kommen Sie nur, lieber Doktor! Kommen Sie morgen früh um elf Uhr. Ich werde dann zuge⸗ gen ſein, und Sie anmelden. Uebrigens ſind wir noch keineswegs ſchon ganz fertig; der hinkende Bote kommt nach, und ich muß noch einen Auftrag Seiner Durch⸗ laucht ausrichten, der Ihnen vielleicht nicht ganz ange⸗ nehm iſt.« „Welcher Auftrag wäre dies?« „Der Fürſt wünſcht eine ausführliche Darſtellung vom Weſen und Verlaufe der Krankheit, welche Sie in Berlin ſo fleißig beobachtet, und bekämpft haben, aus Ihrer Feder zu beſitzen, und ferner wünſcht er, daß Sie die nöthigen Lazareth⸗Einrichtungen treffen moͤchten für den Fall, daß die Cholera auch uns nicht verſchonen würde. Ich weiß nun nicht, ob Ihnen dieſe Arbeiten willkommen ſein werden.“ „Nichts könnte mir in dieſem Augenblicke mehr willkommen ſein!« entgegnete Georg raſch und froh. „Ich habe den Herrn Geheimerath bereits darauf auf⸗ merkſam gemacht, wie zweckmäßig es ſein würde, die nöthigen Vorbereitungen zum Empfange der Cholera zu treffen, aber er wollte nichts davon hören. Nun werde ich mich mit doppeltem Eifer der Löſung meiner Auf⸗ gabe widmen, welche ich für durchaus nothwendig halte, damit wir nicht unverſehens überraſcht werden. Geben 92 Sie Seiner Durchlaucht die Verſicherung, daß ich un⸗ verzüglich an's Werk gehen werde.“ Der Kammerdiener ſchüttelte lächelnd den Kopf. „Ja, ja, ich dacht es mir wohl!“ ſagte er.„Es ſteht Alles ganz anders, als der Herr Geheimerath berichtete. Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, daß der Fuͤrſt darauf drang, daß man ein Lazareth einrichten ſolle, und der Geheimerath entgegnete darauf, daß ſelbſt Sie dieſe Maßregel für überflüſſig gehalten hätten. Wahrſcheinlich vermuthete er, man würde ihm die Ein⸗ richtung übertragen, und da er ſehr bequem iſt, ſo ver⸗ hinderte er lieber die ganze Ausführung. Außerdem mag er auch geglaubt oder gefürchtet haben, zum Laza⸗ reth⸗Arzte ernannt zu werden, wenn ein Lazareth erſt einmal da ſei, und dies ſchon erklärt Alles. Nun, wie dem auch ſei, ich werde Seiner Durchlaucht berichten, daß Sie ſich der Ausführung der übertragenen Arbeiten bereitwilligſt unterziehen werden, und das Uebrige kön⸗ nen Sie Morgen bei der Audienz perſönlich vortragen.“ Dies geſchah, und Georg empfing unbeſchränkte Vollmacht, alle nöthigen Anſtalten und Vorbereitungen zu treffen. Mit Luſt und Liebe ging er an's Werk. Arbeit, nützliche, zweckmäßige Arbeit war von jeher ein Quell der Freude für ihn geweſen, und dieſer Quell floß jetzt ſo reichlich, daß er ſich völlig befriedigt fuͤhlen konnte. Er hatte in der That alle Hände voll zu thun. In den frühen Morgenſtunden ſchrieb er an einem äußerſt gründlichen Berichte uͤber die gefährliche Krank⸗ heit, welche alle Welt in Schrecken verſetzte, dann lei⸗ tete er perſönlich die Vorkehrungen in dem Lazarethe, und ſtattete endlich ſeine gewöhnlichen Krankenbeſuche ab. Alles dies beſchäftigte ihn den ganzen Tag über ſo vollkommen, daß ihm kaum eine Minute Zeit übrig blieb und er nicht ſelten ganz erſchöpft und todt müde Abends in ſeine Wohnung heimkehrte. Aber trotzdem, oder vielmehr, gerade darum, fühlte er ſich ſo froh und glücklich, wie niemals. Er beſaß ein Feld der Wirk⸗ ſamkeit, wie er es ſich immer gewünſcht hatte, und ſein treuer Fleiß, ſein reger Pflichteifer trug ihm die ſchönſte Fruchte ein: Zufriedenheit. Ja er war zufrieden, ſo zufrieden und voll ſtiller, fröhlicher Heiterkeit, daß ſelbſt das höhniſche Lächeln des Geheimeraths, wenn derſelbe gelegentlich einmal ſeine Anſtalten und Vorkeh⸗ rungen im Lazarethe beſichtigte, keinen Eindruck auf ihn machen konnte. Spottend ſagte der Geheimerath wohl öfters zu ihm:„Sie arbeiten für Nichts! Alles das iſt ſehr überflüſſig! Unſere Stadt liegt ſo geſund, daß die Cholera nimmermehr herkommen wird. Sparen Sie doch alſo Ihre ganz vergebliche Mühe!«— Aber Georg antwortete auf dergleichen Bemerkungen immer nur ganz freundlich:„Man muß es abwarten, Herr Geheimerath! Jedenfalls iſt es immer beſſer auf ein Uebel vorbereitet zu ſein, als von ihm überraſcht zu werden.“ 1 Mittlerweile ſchien die Zeit doch dem Geheimerath Recht zu geben, denn Monate verſtrichen, ohne das ſich nur eine Spur der gefürchteten Cholera in der kleinen Reſidenz gezeigt hätte, obgleich ſie in vielen andern Städten fortwährend Opfer forderte. Das Lächeln des Geheimeraths wurde immer höhniſcher, ſein Spott im⸗ mer bitterer. Und doch ließ Georg ſich das nicht an⸗ fechten. „Um ſo beſſer, wenn Sie recht haben und auch recht behalten,“ erwiederte er.»Meine Muͤhe ſoll mich — 94 nicht reuen, wenn wir nur überhaupt von der Cholera verſchont bleiben. Es iſt und bleibt eine boͤſe Krank⸗ heit, Herr Geheimerath! Glauben Sie mir, ich habe ſie kennen gelernt und ſpreche aus Erfahrung. Der Geheimerath zuckte ſpöttiſch die Achſeln und fuhr fort, Georgs Pflichteifer lächerlich zu machen. Aber was fragte Georg darnach? Er arbeitete wacker weiter und ließ ſich keine Muhe verdrießen. Bald wurde ihm auch eine Anerkennung zu Theil, welche ihm große Freude machte. Auf den Wunſch des Herzogs nämlich mußte er ſeine Abhandlung über die Cholera drucken laſſen und der Oeffentlichkeit übergeben; und ſiehe da, das kleine Werk wurde von allen Sei⸗ ten ſehr günſtig aufgenommen und brachte ihm vieles Lob ein, ſelbſt von berühmten Aerzten und Profeſſoren des Auslandes. Das war wiederum eine Frucht ſeines Fleißes, die ihm größere Genugthuung gewährtt, als er jemals ge⸗ hofft hatte, denn bei ſeiner großen Beſcheidenheit glaubte er mit dem Niederſchreiben ſeiner am Kranken⸗ bette gemachten Beobachtungen gar nichts Beſonderes gethan zu haben. Nicht lange darauf ſollte ſich auch zeigen, daß nicht der Geheimerath in Betreff des Auftretens der Cholera recht hatte, ſondern Georg. In den heißen Tagen des Juli nämlich verbreitete ſich plötzlich das Gerücht in der Stadt, die Cholera ſei wirklich da, und habe in einer einzigen Nacht ſchon vier Menſchen hin⸗ weggerafft. Das Geruücht, zuerſt bezweifelt, ſtellte ſich zuletzt doch als Wahrheit heraus, und Furcht, Angſt und Schrecken bemächtigte ſich Aller Herzen. Wohin man kam, erblickte man blaße Geſichter und beſorgte 95 Mienen. Die Augſt ſteigerte ſich noch, als man erfuhr, daß noch vor Ablauf des Tages einige weitere Erkran⸗ kungen erfolgt ſeien, und die Furcht trug das Ihrige dazu bei, das Uebel noch weiter zu verbreiten. Jetzt zeigte ſich nun, wie weiſe man gehandelt hatte, als man bei rechter Zeit große geſunde Räume zu La⸗ zarethen eingerichtet. Faſt alle Kranken, namentlich aus der ärmeren Klaſſe, wurden hineingeſchafft, und fanden an Georg den beſten Arzt und aufopferndſten Freund. Die Tage und Nächte von Berlin wiederhol⸗ ten ſich hier. Georg war überall zur Hand, und ſchal⸗ tete als ein wahrhaft rettender Engel von früh bis ſpät, nicht ſelten auch die ganzen Nächte hindurch bis zum hellen Morgen. Er ſchien weder Ermüdung noch Er⸗ ſchöpfung zu kennen. Dann und wann ein Stündchen Schlaf genügte, um ihn für weitere ſchwere Tage zu kräftigen, und es war faſt ein Wunder zu nennen, daß er der faſt unaufhörlichen Anſtrengung nicht erlag. Leider ſtellte ſich aber bald heraus, daß die Zahl der angenommenen Krankenwärter nicht ausreichte, über⸗ all die nothwendige Pflege zu leiſten; denn die Krank⸗ heit griff mehr und mehr um ſich, und immer neue Opfer derſelben wurden in das Lazareth gebracht. Man ließ bekannt machen, daß noch andere Wärter geſucht würden, und bot anſehnliche Belohnung Allen, welche ſich zu dieſem Dienſte bereit zeigen würden. Die An⸗ zeige wurde an alle Straßenecken angeſchlagen, hatte aber nicht den geringſten Erfolg. Selbſt die Aermſten ſcheuten ſich, das Lazareth zu betreten, und wollten lieber darben, als ihr Leben in Gefahr bringen. 8 Da wußte wiederum Niemand Rath als Georg. Er 96 kannte die Anhänglichkeit und Liebe der armen Leute zu ihm und ſuchte ſie in ihren Hütten auf. „Kinder, ich bedarf Eures Beiſtandes,“ ſagte er— und ſiehe da, was die Zuſage großer Belohnungen nicht vermocht hatte, das vermochte die einfache Bitte des allgemein verehrten, guten Doktors. Bald fehlte es nicht mehr, an wackeren Leuten im Lazarethe, die bereit waren, hülfreiche Hand zu leiſten. Anfänglich freilich thaten ſie es nur in Furcht und Aengſten, aber das gute Beiſpiel Georgs floͤßte ihnen bald Muth und Zuverſicht ein. Georg dachte an keine Gefahr und fürchtete auch keine. Nur ſeine Pflicht hatte er vor Augen, und übte ſie ſo treu, ſo unverdroſſen und ſo gelaſſenen Muthes, daß Alle ihn bewunderten und ihm nachzueifern ſtrebten. Vertrauet auf Gott, und fürchtet nichts,« ſprach er zu den Krankenwärtern.„»Wer ſeine Schuldigkeit thut, der wird von einer höheren Hand beſchützt! Ihr ſeht ja, daß mir die Cholera nichts anhaben kann. Alſo nur Muth und Furchtloſigkeit, und die Gefahr wird auch vor Euch zurüͤckweichen.“ In der That war es, als ob eine höhere Hand die wackeren Leute beſchirmte, denn keiner von ihnen wurde von der ſchrecklichen Seuche ergriffen, obgleich ſie Tag und Nacht mit den Kranken in unmittelbarer Berüh⸗ rung waren, und dies trug natürlich nicht wenig dazu bei, ihren Muth zu erhöhen und ihnen eine unerſchüt⸗ terliche Standhaftigkeit einzuflößen. So war dem fuͤhlbaren Mangel an Krankenwärtern nun abgeholfen, aber ein anderer Mangel machte ſich ſehr ſchnell noch eindringlicher bemerkbar. Es fehlte auch an Aerzten. —-—— 97 Faſt täglich kamen Boten in das Lazareth mit der flehenden Bitte, Georg möchte in dieſes oder jenes Haus kommen, wo irgend ein Mitglied der Familie plötzlich erkrankt war. Sehr häufig forderte man bei dieſer Zeit der Noth ſeine Hülfe in Häuſern, die er früher niemals als Arzt betreten hatte. Dennoch eilte Georg hin, ohne auf dieſen Umſtand Rückſicht zu neh⸗ men, und ſpendete Hülfe, ſo viel er vermochte. Aber da kamen Tage, wo ſeine Anweſenheit im Lazarethe unumgänglich nothwendig war, und nun ſagte er: „Geht zum Geheimerath Bernſtorf! Ihr ſeht wohl, daß ich nicht von der Stelle kann.“ Die Boten gingen, kehrten aber bald wieder zurück, und brachten den Beſcheid, der Herr Geheimerath wäre ſelber unpäßlich und könne ſein Haus nicht verlaſſen. Da war guter Rath theuer. „So bringt die Kranken hieher!“ ſagte Georg. Das geſchah denn auch in den meiſten Fällen, und Georg mußte ſeine Anſtrengungen verdoppeln, obgleich er ſchon faſt über alle menſchliche Kräfte in Anſpruch genommen war. Selbſt die einfachen Krankenwärter konnten nicht umhin, ihrer Bewunderung Luft zu machen und die Beſorgniß auszuſprechen, daß er zuletzt der unerhörten Anſtrengung erliegen müſſe. „Und was ſoll denn werden?“ fügten ſie mit ban⸗ ger Theilnahme hinzu. „Sorgt nur nicht für mich, gute Leute!« lautete Georgs Antwort.„»Gott wird Kraft und Ausdauer geben, und wir müſſen eben unſere Pflicht thun.“ „Ja, wenn nur gewiſſe andere Leute auch ſo däch⸗ ten,“ murrte da und dort eine Stimme.„»Aber es iſt eine wahre Schande, daß ſich der Herr Geheime⸗ Das große Loos. 7 98 rath auch nicht ein einziges Mal blicken läßt.“„Aber Ihr habt es ja gehört, Leute, daß er krank iſt,« ent⸗ gegnete Georg. „Ja, die Krankheit kennen wir ſchon! Er hat das Angſtfieber!“ antwortete Einer. „Und wenn auch,“ erwiederte Georg ganz gelaſſen —„um ſo mehr müſſen wir auf dem Paatze ſein! Ah, da bringt man wieder einen armen Patienten! Nun denn, friſch, Leute ans Werk! Wir müſſen ſehen, daß wir dem Tode hübſch entgegenarbeiten und ihm ſeine Beute entreißen.“ Und wieder ging er in den Kampf, und immer wieder, und immer unverdroſſen, immer bereitwillig und voll Eifer, und ſeine ſchönſten Augenblicke waren, wenn er einen Patienten, der noch eben dem Tode ſo nahe geweſen, geſund und kräftig aus dem Lazarethe wieder entlaſſen konnte. So verſtrichen vier Wochen, und ſchwere Wochen waren es für unſeren Freund Georg geweſen. Schwere Tage und Nächte hatte er durchlebt, aber auch manche glückliche Stunde genoſſen! So manchen Vater, ſo manche Mutter hatte er gerettet, und ihren Familien den Verſorger, den Kindern die liebreiche Pflegerin er⸗ halten! Das war ein ſchöner Lohn der treu erfüllten Pflicht, und ein weiterer Lohn, das waren die dank⸗ baren, glänzenden Blicke, die ihn überall begrüßten, wo er ſich ſehen ließ. Er hatte ja ſo Vielen geholfen, und ſo Viele trugen ihm dafür ein dankerfülltes Herz entgegen.. Allmählig minderte ſich nun auch die Bößartigkeit der Krankheit, der Patienten wurden täglich weniger, und Georg ſelbſt glaubte die Seuche ſchon dem Erlö⸗ 99 ſchen nahe, als ſie plöͤtzlich während einiger heißen Tage mit erneuerter Heftigkeit auftrat. Doch auch die⸗ ſer Sturm wurde überſtanden, und Georg war eines Abends ſpät im Begriff, das Lazareth zu verlaſſen und in ſeine Wohnung zu gehen, und wo moöglich einige Stunden ruhigen Schlafes zu genießen, als noch im letzten Augenblicke athemlos der Diener des Geheime⸗ raths Bernſtorf gelaufen kam und den Doktor Heine erſuchte, um Gotteswillen ſogleich nach dem Hauſe ſeines Herrn zu kommen, indem deſſen Frau und Toch⸗ ter von einem ſehr gefährlichen Anfalle der Cholera er⸗ griffen ſeien. „Ich werde kommen auf der Stelle!« erwiederte Georg bereitwillig.„Aber iſt denn der Herr Geheime⸗ rath nicht zur Hand, um Hülfe zu leiſten?“ „Oh der!“« entgegnete der Diener mit einer Verach⸗ tung, die zu verbergen er ſich gar nicht die Mühe gab, —„der ſitzt in ſeinem Arbeitszimmer, vor drei Fla⸗ ſchen Rothwein und zittert vor Angſt! Er iſt nicht zu bewegen ſeiner eigenen Familie beizuſtehen, und er ge⸗ rade ſchickt mich zu Ihnen, weil er ſich nicht getraut, der böſen Krankheit in's Auge zu ſehen.“ „Oh der Schmach!« murmelten Einige von den Krankenwärtern voller Unwillen. Georg aber gebot ihnen Ruhe, nahm zwei von den Leuten mit, und eilte nach dem Hauſe des Geheimerathes. Es war die höchſte Zeit, daß er kam, denn die beiden Kranken ſchwebten in großer Gefahr, welche je⸗ doch noch glücklich abgewendet wurde. Der Herr Ge⸗ heimerath ließ ſich nicht blicken, und Georg, um ſich zu überzeugen, ob er denn wirklich nur von feiger Angſt zurückgehalten würde, ſuchte ihn, bevor er das Haus 100 verließ, in Peinen Studierzimmer auf. In der That, da ſaß der Geheimerath, zwei geleerte und eine noch halb volle Flaſche Rothwein auf dem Tiſche vor ſich, und blickte Georg kläglich an.. „Iſt Alles vorbei?« fragte er,„jede Gefahr vor⸗ über? Sprechen Sie lieber College.“ „Ja, die Kranken ſind gerettet,“ erwiederte Georg. „Aber es wäre mir lieb geweſen, wenn Sie ſich per⸗ ſönlich davon überzeugt hätten, Herr Geheimerath!“ „Aber wie kann ich denn?“ entgegnete der Feigling. „Sie müſſen mir doch anſehen, daß ich ſelber krank bin! Fühlen ſie nur meinen Puls! Hundert und zwan⸗ zig Schläge in der Minute! Es iſt entſetzlich.“ „Ja, ich gebe Ihnen recht, es iſt entſetzlich, Sie ſo daſitzen zu ſehen, während ihre Gattin und Tochter mit dem Tode ringen,« antwortete Georg verächtlich! „Ich wünſche gute Beſſerung, Herr Geheimerath!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer wieder, ſah noch einmal nach den Kranken, überzeugte ſich, daß Alles gut ging, gab den Wärtern noch einige Wei⸗ ſungen, und ging nun endlich nach ſeiner Wohnung, um die wohlverdiente Ruhe zu genießen. Er ſchlum⸗ merte ſchon ſüß und feſt, während der Herr Geheime⸗ rath noch immer bei ſeinen Weinflaſchen ſaß, und vor lauter Angſt und Zittern die ganze Nacht kein Auge ſchließen konnte. Leſer,— weſſen Lebensloos ſcheint dir das Beſſere: Das des armen, aber pflichtgetreuen Doktors, oder das des reichen, aber pflichtvergeſſenen Geheimeraths? Sechstes Kapitel. Uothwendige Folgen einfacher Urſachen. Gott legt den Menſchen Prüfungen auf, aber er läßt auch die Tage der Prüfung vorübergehen, und ſegnet Jeden, der ſie getreu beſtanden hat. Und ſo geſchah es auch unſerem Georg. Mit den heißen Ta⸗ gen des Auguſt verſchwanden die letzten Spuren der bösartigen Krankheit, und die kühle erfriſchende Luft des September beſeitigte vollends jede Beſorgniß vor Gefahr, und brachte den erfreulichſten Geſundheitszu⸗ ſtand mit ſich. Georg konnte auf ſeinen Lorbeeren aus⸗ ruhen, und ſo genoß er denn auch mit ſüßer Befriedi⸗ gung die Ruhe, die Gott ihm zu Theil werden ließ, und die er nach den letzten ſchweren Wochen ſo drin⸗ gend bedurfte. Aber er hatte durch die ſchwere Prü⸗ fung, welche er ſo wacker beſtanden, noch mehr gewon⸗ nen, als das angenehme und wonnige Gefühl, welches immer die Folge redlicher Pflichterfüllung iſt, nämlich das allgemeine Vertrauen, und die unbeſchränkte Ach⸗ tung ſeiner Mitbürger, in Folge deren ſeine Praxis ſich auf die erfreulichſte Weiſe vermehrte. Das feige und klägliche Benehmen des Geheime⸗ raths Bernſtorf während der Tage der Gefahr war keineswegs unbemerkt geblieben, und was Georg in der öffentlichen Meinung gewonnen, das haute Fener für immer verloren. Georg ſprach nie davon, wie er den Geheimerath gefunden hatte, als er zu der erkrank⸗ ten Familie deſſelben gerufen worden war; gleichwohl 8 6 — 10² wußte es aber ſo ziemlich die ganze Stadt; und man ſprach öffentlich davon mit unverholenſter Verachtung. Niemand wollte mehr ſein Leben und ſeine Geſundheit einem Manne anvertrauen, welcher ſo kläglich die Flucht ergriff, wo er tapfer hätte ſtreiten und kaͤmpfen müſſen, wenn er ſeiner Pflicht nur einigermaßen wäre eingedenk geweſen; und ſo kam es, daß man ihm faſt überall, wo er bis dahin Hausarzt geweſen war, bald höflich, bald unhöflich, aber ſtets in ſehr entſchiedener Weiſe andeutete, daß man ſeiner Dienſte ferner nicht bedürfe. Der Geheimerath war außer ſich vor Beſchämung und Wuth, aber das konnte nun nichts weiter helfen. Georg hatte ihm vollſtändig den Rang abgelaufen, und er mochte ſich noch glücklich ſchätzen, daß er nicht auch noch ſeine Stellung als fürſtlicher Leibarzt einbüßte. Hier allein wandte ihm das Glück noch ein günſtiges Lächeln zu, denn der Fürſt hatte kurz vor dem Aus⸗ bruche der Cholera eine Reiſe nach Italien angetreten, wo er den ganzen Winter über blieb, und erſt im Frühlinge des folgenden Jahres zurückkehrte. Nach ſo langer Zeit war Manches vergeſſen, und von der Cho⸗ lera wurde kaum mehr geſprochen. Wenn der Fürſt auch wirklich von dem feigen Benehmen des Geheime⸗ raths munkeln hörte, ſo glaubte er entweder den ver⸗ breiteten Gerüchten nicht, oder hielt ſie doch für äußerſt übertrieben. Außerdem ſorgte auch der Geheimerath dafür, ſeine Haltung im vortheilhafteſten Lichte darzu⸗ ſtellen. Ein augenſcheinlicher, greifbarer Beweis gegen ihn lag nicht vor, da Georg, wie ſchon erwähnt, viel zu edel und großherzig war, um Zeugniß gegen ihn abzulegen. So kam die ganze Sache in Vergeſſenheit, 103 und nach Jahr und Tag ſtand der Geheimerath wieder ſo hoch in der Gunſt des Fürſten, wie nur je. Aber Georg beneidete ihn darum nicht. Er glaubte nun ſchon das große Loos des Lebens gewonnen zu haben. Seine Praxis reichte vollkommen aus, ihm eine behagliche Exiſtenz zu ſichern, und in ſeiner Be⸗ ſcheidenheit hielt er dies fuͤr das höchſte Glück, das ihm irgend zu Theil werden konnte. 4 Anders dachten darüber Frau Willig und der alte Kammerdiener des Fürſten, wie aus den Geſprächen derſelben hervorging, wenn ſie gelegenheitlich ein Stünde⸗ weiter nichts geredet, als nur immer von dem guten, braven Doktor Heine, und Frau Williig zeigte ſich mit⸗ unter ſehr unwillig darüber, daß ihr lieber Miethsmann chen mit einander verplauderten, da wurde faſt von nicht ſchon längſt fürſtlicher Leibarzt geworden ſei. „Sie ſind allein daran ſchuld, Vetter, daß er's nicht iſt.“ gab ſie dem alten Kammerdiener unverblümt zu verſtehen.„Wenn ſie nach der Rückkehr aus Italien der Durchlaucht die Augen über den ſauberen Herrn Geheimerath geöffnet hätten, würde er ſchon längſt den Laufpaß erhalten, und ein Anderer, der es mehr ver⸗ dient, ſeine Stelle eingenommen haben. Aber ſtatt deſſen, ſchweigen ſie ſtill, wie alle Uebrigen, und nun iſt eben Alles beim alten geblieben! Sie ſind daran ſchuld! Vetter.“ Der Kammerdirner vextheidigte ſich.„Das ver⸗ ſtehen ſie nicht, Frau Muhme!“ antwortete er.„Große Herren lieben es nicht, daß man ſo glatt weg mit ihnen ſpricht, wie mit anderen Leuten. Da muß man hübſch vorſichtig zu Werke gehen. Geſetzt, ich hätte meinem gnädigſten Herrn geradezu geſagt: Durchlaucht, das und 104 das iſt paſſirt während unſerer Abweſenheit in Italien, Ihr Geheimerath hat das Haſen⸗Panier vor der Cho⸗ lera ergriffen und ſich aus Angſt in ein Mauſeloch ge⸗ flüchtet. Seine eigene Frau und ſeine leibliche Tochter hätten ſterben und verderben können, wenn nicht unſer braver Dokter Heine geweſen wäre! Er verdient nichts Beſſeres, als daß man ihm augenblicklich ſeinen Ab⸗ ſchied gibt! Wenn ich ſo geſprochen hätte, Frau Muhme, nun, was meinen Sie, was denn geſchehen wäre?« „Was geſchehen wäre? der Geheimerath hätte ſei⸗ nen Abſchied bekommen, natürlich.“ „Das dacht' ich mir, daß Sie ſo antworten wür⸗ den, Frau Muhme! Aber ich will Ihnen nur ausein⸗ ander ſetzen, daß Alles ganz anders gekommen wäre. Ich kenne meinen gnädigſten Herrn ſeit mehr als vier⸗ zig Jahren! Er iſt der beſte, bravſte Herr in der gan⸗ zen Chriſtenheit. Wer einmal ſein Vertrauen gewonnen hat, dem verbleibt es, wenn nicht die allerdeutlichſten und klarſten Beweiſe von Schuld vorliegen. So iſt es auch mit dem Geheimerath. Sie wiſſen wohl, Frau Muhme, als er herkam, war er nicht nur ein geſchick⸗ ter Arzt, ſondern auch ein rühriger, thätiger Mann. Das gewann ihm das Vertrauen des Herrn, und er machte ihn zu ſeinem Leibarzte. Seitdem ſind viele Jahre vergangen, und der Geheimerath hat ſich wohl vorgeſehen, die Gunſt ſeiner Durchlaucht nicht zu ver⸗ ſcherzen. Nur ein einziges Mal ertappte ihn der Fürſt auf dem falſchen Wege, nämlich damals, als er unſe⸗ rem Doktor Heine eine Falle ſtellen wollte. Es gab zu jener Zeit einen kleinen Auftritt, aber der Geheime⸗ rath wußte ſich, klug wie er iſt, heraus zu reden und ſeiner Falſchheit ein Mäntelchen umzuhängen; ſo daß die Geſchichte bald wieder in Vergeſſenheit kam. Jetzt haben wir nun die Cholera⸗ Angelegenheit. Nehmen wir an, ich hätte meinem gnädigſten Herrn reinen Wein eingeſchenkt, ſo wäre Folgendes geſchehen: Durch⸗ laucht hätte den Geheimerath kommen laſſen und ihm ſchlankweg ſein Betragen vorgehalten. Der Geheime⸗ rath wäre ſicherlich darauf vorbereitet geweſen, und hätte ſich vertheidigt. Wer konnte ihm dann beweiſen, daß er nicht krank geweſen ſei, wie er vorgegeben? Sie nicht, Frau Muhme, ich nicht, und überhaupt kein Menſch, als unſer Doktor Heine. Der würde ſich aber ſchön gehütet haben, gegen ſeinen Collegen auszuſagen, denn dazu iſt er viel zu gutherzig und brav, und im Grunde genommen, wär's auch noch ſehr die Frage geweſen, wie der Fürſt ſeine Beſchuldigung — geſetzt er hätte ſie ausgeſprochen— aufgenommen haben würde. Vielleicht nicht zu Gunſten unſeres Doktors. Und dann? Auf Bedienten⸗Geſchwätz und das Gerede der Leute ſo im Allgemeinen gibt der Fürſt nichts,— was wäre alſo der Schluß von Allem ge⸗ weſen? Das ganze Wetter hätte ſich auf mein eigenes Haupt entladen, und ich wäre in eine ſaubere Patſche gekommen! Nein, nein, Frau Muhme! Ich gönne un⸗ ſerem lieben Doktor alles Gute, aber auf ſolche Weiſe würden wir's ihm nicht verſchaffen, ſondern könnten ihm höchſtens Schaden zufügen. Laſſen ſie die Sachen nur ganz ruhig gehen. Es wird ſchon einmal eine Gelegenheit kommen, wo der Fürſt mit eigenen Augen ſieht, und dann iſt es ein ganz anderer Fall. Bis dahin— Geduld! Was fehlt denn auch unſerem Dok⸗ tor? Es geht ihm gut, und er wünſcht ſich ſelber nichts Beſſeres.“ ——— 106 „Deſto mehr verdient er's!« entgegnete Frau Willig. „Ei nun, was der Menſch wirklich verdient, das läßt ihm der liebe Gott gewöhnlich auch zu Theil wer⸗ den! Alſo warten wir's ruhig ab; Frau Muhme!“ „Was Gott will, daß geſchehen ſoll, geſchieht auch ohne unſer Zuthun.“ Frau Willig war nicht ganz zufrieden mit der Lauig⸗ keit des Vetters, aber ſie mußte ſich trotz dem dabei beruhigen. Der alte Kammerdiener kannte ſeinen Bo⸗ den, und ließ ſich zu keinem übereilten Schritte fort⸗ reißen. Auch zeigte ſich bald darauf, daß er ganz rich⸗ tig gerechnet hatte. Eines Tages, wenige Wochen nach dem mitgetheil⸗ ten Geſpräche, verbreitete ſich das Gerücht in der Stadt, der Erbprinz ſei plötzlich ſehr gefährlich erkrankt, und man hege die größten Beſorgniſſe um ihn. Der Erb⸗ prinz war ein reizender Knabe. von zwölf Jahren, den alle Welt liebte und hätte auf Händen tragen mögen, weil er ſelber gegen alle Welt freundlich und liebreich war. Die ganze Stadt wurde daher in Betrübniß und Trauer verſetzt, als das anfänglich noch bezweifelte Gerücht von der Bedenklichkeit ſeiner Krankheit ſich wirklich beſtätigte. „Wenn nur wenigſtens der Doktor Heine mit zu Rathe gezogen wird,« ſagten Viele.»Das iſt ein Mann, dem kann man Vertrauen ſchenken!“ Die meiſten Einwohner der kleinen Reſidenz, ſpra⸗ chen oder dachten ſo, aber der Geheimerath, der jetzt auf einmal wieder eine höchſt wichtige Perſon geworden war, theilte die Meinung der guten Leute keineswegs. Doktor Heine wurde nicht zu Rathe gezogen, und ſelbſt, als der Zuſtand des jungen Prinzen ſich nicht beſſerte, ſondern eher verſchlimmerte, wollte der fürſtliche Leib⸗ arzt nichts von ſeinem Collegen wiſſen. Der alte Kammerdiener faßte ſich endlich ein Herz. „Halten zu Gnaden, Durchlaucht,“ ſagte er,„da iſt der Doktor Heine, man ſollte doch einmal zu ihm ſchicken. Vier Augen ſehen zuweilen mehr, als zwei.« „Du haſt recht, ich will mit dem Geheimerath dar⸗ über ſprechen, gab der Fürſt zur Antwort, und am nämlichen Tage noch deutete er an, daß er den Dok⸗ tor Heine zugezogen wünſche. „Wie Durchlaucht befehlen,“ erwiederte der Ge⸗ heimerath geſchmeidig,„doch möchte ich gnädigſter Be⸗ urtheilung anheimſtellen, ob es nicht beſſer wäre, lieber den berühmten Profeſſor K...... von Halle kom⸗ men zu laſſen. Doktor Heine mag ein guter Arzt ſein, doch die Erfahrung mangelt ihm, und bei einem ſo koſtbaren Leben, wie das unſers theuren Erbprinzen, ſollte man möglichſt ſicher zu Werke gehen. Ein bedenkliches Achſelzucken unterſtützte die Wirk⸗ ſamkeit ſeiner Worte, und die Folge war, daß ſchon eine Viertelſtunde darauf eine Stafette nach Halle ab⸗ ging, um den berühmten Profeſſor zu berufen. Die Stafette kehrte zurück, aber der Profeſſor kam nicht. Er lag ſelbſt krank darnieder, und ſchickte nur zwei Zeilen mit den Worten:„Sie haben ja dort den Dok⸗ tor Heine, was bedürfen Sie meiner. Fragen Sie ihn um Rath.“ Geheimerath Bernſtorf erblaßte vor Aerger als der Fürſt ihm dieſe Zeilen hinreichte, aber ſchnell genug wußte er ſich zu faſſen. Der Profeſſor verwechſelt un⸗ ſeren Heine augenſcheinlich mit dem berühmten Berliner 108 Heine,“ antwortete er ſchnell.„Wenn Durchlaucht be⸗ fehlen, ſo können wir dieſen ja von Berlin kommen laſſen. Er iſt freilich ein alter, ſehr alter Mann, und ich halte ſeine Anweſenheit auch nicht gerade mehr für nothwendig, denn der Zuſtand des Prinzen beſſert ſich ja,... wenn Durchlaucht indeß meinen ſo....« „ Iſt ernſtliche Gefahr vorhanden?« fragte der Fürſt! „Nein, nicht mehr, jetzt,« erwiederte der Geheime⸗ rath.„Ich halte die Gefahr für beſeitigt.“ „So wollen wir noch warten,“ entſchied der Fürſt. „Bei der geringſten Verſchlimmerung aber benach⸗ richtigen Sie mich auf der Stelle.“ Der Geheimerath rieb ſich innerlich vergnügt die Hände, denn der drohende Sturm war glücklich abge⸗ ſchlagen, und der verhaßte Doktor Heine durfte das Schloß nicht betreten. Ob der Geheimerath ſich über den Zuſtand des Prinzen täuſchte, ob er wirklich keine Gefahr vorhanden glaubte,— wer vermöchte das zu entſcheiden. That⸗ ſache aber war, daß der Prinz trotz ſeiner Verſicherun⸗ gen ſich nicht beſſerte, ſondern von Tage zu Tage mehr in einen Zuſtand von Erſchöpfung und Schwäche ver⸗ ſank, welcher endlich das Schlimmſte befürchten ließ. Nun wurde dem Herrn Geheimerathe doch etwas ſchwül zu Sinne, denn ſeine Verantwortlichkeit war groß, und er hätte ſie, wie die Sachen jetzt ſtanden, gerne mit einem Andern, nur mit Georg nicht, ge⸗ theilt. Nothgedrungen mußte er dem Fürſten eröffnen, daß die Zuziehung eines andern Arztes doch wohl rath⸗ ſam und wünſchenswerth ſein möchte; und der er⸗ ſchrockene Vater ließ auf der Stelle wieder mehrere Stafetten abgehen, um drei berühmte Heilkünſtler her⸗ bei zu rufen. Sie kamen, unterſuchten den Zuſtand des jungen Patienten, hielten eine geheime Berathung mit dem fürſtlichen Leibarzte, ſtimmten ſeiner Anſicht über die Krankheit bei, billigten ſeine Behandlungs⸗ weiſe, ſtrichen ihr anſehnliches Honorar ein, fuhren wieder davon und— der Zuſtand des Peinzen blieb derſelbe. Keine Beſſerung! Nur die Lage des Herrn Geheimerathes hatte ſich verbeſſert: er brauchte keine Verantwortlichkeit mehr zu fürchten. Der Fürſt trauerte, die Reſidenz trauerte, das ganze Land trauerte! Aber was that mittlerweile unſer Georg? Ihn nicht weniger, als alle übrigen Einwoh⸗ ner, betrübte und beunruhigte die Gefahr, welche wie eine drohende Wolke über dem fürſtlichen Hauſe ſchwebte, und im innerſten Herzensgrunde bedauerte er, daß er nicht an das Krankenbett gerufen wurde. Da, mitten in der Nacht kam auf einmal der alte Kammerdiener zu ihm. „Herr Doktor, es geht ſchlecht mit dem Prinzen,“ ſagte er.„Möoöchten Sie ihn doch einmal beſuchen!« „Herzlich gern, es iſt mein ſehnlichſter Wunſch,“ erwiederte Georg.„Aber man will mich ja nicht!« „Ich weiß wohl, der Geheimerath will ſie nicht — aber gehen ſie gleich jetzt mit mir, und Niemand ſoll davon erfahren. Freilich, es iſt viel verlangt von Ihrer Uneigennützigkeit.“ „Thorheit, lieber Freund! Als ob ich nicht uͤber⸗ glücklich ſein würde, wenn ich den Prinzen retten 110 könnte. Die Ehre möchte in Gottes Namen dem Ge⸗ heimerath bleiben. Ich gehe mit Ihnen!“ Sie begaben ſich nach dem Schloſſe, und Georg brachte länger als eine Stunde bei dem Prinzen zu. „Ich hoffe, noch kann er gerettet werden,“ ſagte er dann zum Kammerdiener.»Aber freilich, dazu würde vor Allem gehören, daß ich vollkommen frei handele, und daß Niemand mich ſtoren dürfte.“ „Ich will einen Verſuch machen,“ erwiederte der Kammerdiener.„Dieſen Morgen noch ſpreche ich mit meinen gnädigſten Herrn!“ Er hielt Wort, aber der Fürſt hatte kein Ohr für ihn! ſondern ſchüttelte nur traurig den Kopf. „Doktor Heine iſt gewiß ein tüchtiger Arzt, ich ſchätze ihn, aber wie ſollte er heller ſehen, als drei der be⸗ rühmteſten Aerzte in der Welt,“ entgegnete er.„Ver⸗ trauen wir auf Gottes Hülfe.« „Der Verſuch war gemacht, aber fehlgeſchlagen. Der wackere Kammerdiener trug ſich ſchon mit dem ver⸗ zweifelten Gedanken, Georg heimlich als Arzt zuzuzie⸗ hen, und jeder daraus für ihn entſpringenden Gefahr, ſelbſt der Ungnade ſeines Herren Trotz zu bieten, als Gott noch zu rechter Zeit wirklich half, und der Ent⸗ ſchließung des Fürſten eine andere glückliche Wendung gab. Am Nachmittage deſſelben Tages, machte der Fürſt in ſeiner Betruüͤbniß einen einſamen Spaziergang durch den Park. Bei der Rückkehr nach dem Schloſſe kam er am Marſtalle vorüber, und fand hier einen jungen Reitburſchen in Thränen. „Warum weinſt du?« fragte er ihn gütig. „Ach Durchlaucht, mein armer Vater!“ ſchluchzte 111 der Junge.„Er liegt auf den Tod krank, und wir wiſſen uns keine Hülfe mehr.“ „Das iſt ſchlimm! Was ſagt der Geheimerath dazu?“ „Ach, Durchlaucht, das iſt ja eben das Unglück. Wir haben ſchon vier Mal heute nach ihm geſchickt, aber er kommt nicht.“ „Der Fürſt ſtutzte, forſchte den Jungen weiter aus, und erfuhr, daß der Herr Geheimerath nur zu häufig ſeine Pflicht vernachläſſige. „Laufe zum Doktor Heine, und bitte ihn, zu kom⸗ men,“ ſagte er. „Das getrau ich mir nicht, Durchlaucht,« erwiederte der Stallburſche.»Wir ſind ja noch tief in ſeiner Schuld von der Cholera⸗Zeit her. Da wollte der Herr Geheimerath auch nicht kommen, weil er ſich fürchtete, aber der Herr Doktor Heine war immer da, und kam immer wieder, bis Mutter und ich geſund waren. Aber wir ſind arm, konnten unſere Schuld bis jetzt noch nicht an den braven Herrn abtragen, und wagen es nun nicht, zu ihm zu gehen.“ „Geh du nur, mein Sohn! Bitte ihn zu kommen! aber höre wohl zu, kein Wort von mir! Nun geh!« 1 Der Junge ſprang davon, der Fürſt aber begab ſich in den Marſtall, zog noch einige Erkundigungen ein, und hörte da Manches über ſeinen Leibarzt, was ihm gar nicht gefiel. Mittlerweile kehrte der Reitburſche mit Georg zurück, welch' Letzterer, wie immer, ſofort bereit geweſen war, dem Kranken Beiſtand zu leiſten. Der Fürſt trat ſtill in das Krankenzimmmer, und be⸗ obachtete Georg. 112 Sein Benehmen mußte ihm wohl ſehr gefallen ha⸗ ben, denn als Georg die nöthige Verordnung gegeben und das Ziminer wieder verlaſſen hatte, folgte ihm der Fürſt auf dem Fuße nach, holte ihn nach wenigen Schritten ein, und ſagte:„Gehen Sie doch mit mir, lieber Doktor! Sie ſollen meinen Sohn beſuchen!“ Georg war freudig erſtaunt.„Aber der Geheimerath, Durchlaucht?« warf er ein. „Der Geheimerath ſoll Sie nicht ſtören. Ich habe mich überzeugt, daß Sie ein pflichtgetreuer Menſch ſind, und ich vertraue Ihnen. Kommen Sie nur.“ Wer konnte ſich glücklicher fühlen, als Georg? Der alte Kammerdiener machte große Augen, als er ganz wider alles Hoffen und Erwarten den Fürſten in Begleitung Georgs zurückkehren ſah, und es fehlte nicht viel, ſo hätte der alte Mann vor lauter Ent⸗ zücken einen Freudenſprung gethan. Georg aber trat an das Krankenbett des Prinzen und begann im Ver⸗ trauen auf Gottes Beiſtand ſeine Kur. Der Kammer⸗ diener erhielt Befehl, den Herrn Geheimerath fernerhin nicht mehr vorzulaſſen. In der That war es hohe Zeit, daß der Prinz ge⸗ ſchickteren Händen als denen des fürſtlichen Leibarztes üͤbergeben wurde. Georg wich und wankte nicht von der Seite ſeines hohen Patienten, deſſen Leben ſo koſt⸗ bar für das ganze Land war, bis der glücklichſte Er⸗ folg endlich ſeine redliche Bemühungen krönte. Der Prinz genas von ſeinem ſchweren Siechthum. Nach vier Wochen konnte er das Bett verlaſſen, und einen Monat ſpäter blühte wieder die friſche Röthe der Ge⸗ ſundheit auf ſeinen Wangen. Das Land jubelte, Georgs Namen wurde überall geprieſen, und nur ————— Einer war, der in das allgemeine Lob nicht einſtimmte. Der Geheimerath neidete unſerem Georg den ſo wohl⸗ verdienten Triumph, und haßte ihn noch mehr als je. Hatte ſich Georg aber ſchon fruͤher nicht viel um die Feindſeligkeit ſeines Collegen gekümmert, ſo jetzt nun einmal gar nicht. Sein Herz war voll Freude und voll Dankbarkeit gegen Gott, welcher gnädig ſeine Anſtrengungen geſegnet hatte; und ein anderes unedle⸗ res Gefühl, wie etwa ſtolzer Triumph über die Nieder⸗ lage ſeines Nebenbuhlers, fand keinen Zugang zu ſei⸗ nem grundwackeren Gemüthe. Das Gelingen der ſchwierigen Kur erfüllte ihn mit ſeliger Zufriedenheit, und daran ließ er ſich genügen, ohne etwas Weiteres zu verlangen oder nur zu erwarten. Aber er ſollte überraſcht werden und das auf eine Weiſe, welche ſelbſt die kühnſten Hoffnungen feiner braven Hauswirthin überſtieg. Der Fürſt wußte ebenſo vollkommen die Verdienſte Georgs zu würdigen, als er die Unwürdigkeit des Geheimeraths erkannte. Ganz im Stillen wurde eine ſtrenge Unterſuchung gegen den Letzteren eingeleitet, und aus den zahlreich geſammelten Zeugniſſen ergab ſich in unwiderleglicher Weiſe, daß er ſchon ſeit langer Zeit auf das Schmählichſte ſeine Pflicht vernachläſſigt hatte. Der Fürſt ließ ihn zu ſich beſchei⸗ den und hatte eine geheime Unterredung mit ihm, von der indeß weiter nichts verlautete, als daß der Herr Geheimerath mit ſehr blaßem und niedergeſchlagenem Antlitz aus dem Schloſſe zurückgekehrt wäre. Tags darauf am hellen Mittag fuhr ein ſehr ſchö⸗ ner Wagen mit zwei prächtigen Schimmeln beſpannt, an der Wohnung Georgs vor; und als Georg einen Blick durch das Fenſter warf, ſah er nicht ohne Ver⸗ Das große Loos. 114 wunderung und Erſtaunen den jungen Prinzen aus⸗ ſteigen und von Frau Willig mit tiefen Knixen bewill⸗ kommnet werden. Prinz Albert hielt ſich aber nicht lange bei der guten Frau auf, ſondern fragte nur, ob Doktor Heine zu Hauſe ſei, und ſprang dann flink die Treppe hinauf. „Mein lieber Doktor,“ ſagte er, indem er Georg freundlich ſeine beiden Hände entgegenſtreckte,—„mein Herz treibt mich zu Ihnen! Ich muß Ihnen perſönlich für alle Sorgfalt danken, die Sie auf meine Geneſung verwendeten. Außerdem bringe ich ihnen die ſchönſten Grüße von meinem Vater, und zugleich hier auch Ihre Ernennung zum Leibarzte mit zwölfhundert Thalern Gehalt und dem Titel: Geheimerath.»Ich habe den Vater beſonders gebeten, Ihnen perſönlich dieſe Nach⸗ richt überbringen zu dürfen, und ich freue mich, daß wir Sie nun recht oft bei uns auf dem Schloſſe ſehen werden.“ Georg ſtand ganz ſtarr und erblaßt da. Etwas dieſer Art hatte er ſich nicht entfernt träumen laſſen und die Ueberraſchung machte ihn ſprachlos. „Mein Gott,“ ſtammelte er endlich,—„ſiehe da, das große Loos! Das große Loos! Oh wie reich, du gütiger Gott im Himmel, ſegneſt du meine ſchwachen Beſtrebungen! Prinz, Sie ſehen mich außer mir vor Erſtaunen! Wo ſoll ich Worte finden, Ihnen und Ihrem Herrn Vater zu danken! Wahrlich, ich bin zu tief bewegt!“ „Beruhigen Sie ſich doch, lieber Geheimerath,“ antwortete der Prinz lächelnd.„Es iſt Ihnen ja nur zu Theil geworden, was ſie redlich verdient haben. Alſo kein Wort von Dank und Dergleichen. Wenn 115 Einer Ihnen ſchuldet, ſo bin ich es, denn Sie haben mir das Leben gerettet. Alſo nur ganz ſtill davon! Aber was ſprachen Sie denn eben vom großen Looſe? Haben Sie in die Lotterie geſetzt und gewonnen?“ „Ja, mein Prinz, in die Lebenslotterie und das große Loos gezogen!“ erwiederte Georg.„Doch das iſt eine lange Geſchichte, mit der ich Sie nicht beläſtigen. will.« „Ei, nicht doch, lieber Geheimerath? Ich höre ſehr gern lange Geſchichten!“ ſagte der Prinz.„Erzählen Sie nur, ich bitte, das heißt, natürlich, wenn es ſich um kein Geheimniß handelt.“ Georg konnte der liebenswürdigen Bitte des Prin⸗ zen nicht widerſtehen. Er erzählte von alten Zeiten, von Richard, von dem Lotterie⸗Looſe, von Richards anſehnlichem Gewinne, kurz, Alles, was wir in den vorliegenden Blättern üͤber ſein Verhältniß mit Richard bereits mitgetheilt haben. „Und ſehen Sie, mein Prinz,“ fügte er hinzu, „habe ich zuletzt nicht recht behalten? Iſt mir nicht wirklich das große Loos des Lebens zu Theil geworden? Bin ich nicht der glücklichſte Menſch auf der ganzen f Welt? Gibt es irgend Jemanden auf der Erde, den ich zu beneiden Urſache hätte? Ach, nein, nein, nein! Mein Glück iſt zu groß, daß ich nie dankbar genug ſein kann.“ „Aber Sie haben es auch wirklich verdient, lieber Geheimerath,“ ſagte der Prinz, indem er mit Wärme Georgs Hand drückte.„Gewiß, Sie haben es verdient! Von meinem Vater weiß ich, wie treu Sie ſtets Ihre Pflicht gethan haben, und da konnte natür⸗ lich ein guter Erfolg nicht ausbleiben. Aber es iſt 8 35 116 ſpät geworden, ich muß fort, und außerdem drängt es mich, dem Vater die Geſchichte vom großen Looſe eben⸗ falls zu erzählen. Sie erlauben es doch, lieber Ge⸗ heimerath?“ Georg hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden, und gab dem Prinzen das Geleit bis an die Hausthür. Der Wagen mit den beiden Schimmeln hielt da noch, aber der Prinz ſtieg nicht ein, ſondern ging vorüber. „Aber mein Prinz, Sie vergeſſen..“ ſagte Georg. „Was 2 „Den Wagen!« »Ach den Wagen! Ja, das hätte ich faſt vergeſſen! Ich bitte Sie, ihn als einen Beweis meiner Freund⸗ ſchaft und Dankbarkeit anzunehmen. Fourage wird Ihnen aus den Marſtalle geliefert werden. Adieu, lieber Geheimerath! Adieu!« Ehe Georg nur ein dankbares Wort für dieſe neue ihm zu Theil gewordene Ueberraſchung finden konnte, war der Prinz bereits verſchwunden und in das Portal des nahen Schloſſes geſchluͤpft. Gerührt und erfreut über ſo viele Güte ſah Georg ihm nach. „Befehlen der Herr Geheimerath, auszufahren?« fragte ihn jetzt der Kutſcher. »Nein, mein Freund,“ antwortete Georg und fügte in komiſcher Verwirrung hinzu:„Aber was ſoll ich nun mit dieſen herrlichen Geſchenke anfangen. Ich Studier⸗Stübchen unterbringen?“« »„Dafür iſt ſchon geſorgt, Herr Geheimerath,“ ſagte der Kutſcher.„Durchlaucht haben befohlen, bis auf Weiteres die fürſtlichen Remiſen und Stallungen zu benutzen. Auch ich bin zu Ihrem Dienſte beordert, bis kann doch Pferde und Wagen nicht in meinem kleinen ——-ʒ-—— Sie einen andern Kutſcher gemiethet haben, und ich wünſche nur, daß ich Ihnen recht lange dienen kann, Herr Geheimerath, denn ich bin Ihnen ja ſo viel Dank ſchuldig.“ Georg warf jetzt erſt einen aufmerkſamen Blick auf den Kutſcher, und erkannte in ihm den Stallburſchen, deſſen Vater er kürzlich behandelt und kurirt hatte, und in deſſen Wohnung er mit den Fürſten zuſammenge⸗ troffen war. „Ah, du biſt es, Friedrich!“ ſagte er.„Ich ver⸗ ſtehe! Wie gütig iſt doch der Fuͤrſt! Er ſchickt dich mir, um mich daran zu erinnern, welchem glücklichen Zu⸗ falle ich mein günſtiges Geſchick zu danken habe.“ „Ach, Herr Geheimerath, es war wohl kein Zufall,“ ſprach der Burſche treuherzig.„Es war wohl vielmehr recht eine Fügung Gottes, der Sie für Ihre Menſchen⸗ liebe belohnen wollte.« „Ja, du haſt recht, Friedrich,“ ſagte Georg gerührt. „Es iſt Alles eine Gnade von Gott! Wir wollen ihm danken in tiefſter Demuth. Aber nun fahre zu, Fried⸗ rich! Alle Welt ſieht nach uns, und ich ſchäme mich faſt meines übergroßen Glückes.« „Der Wagen raſſelte davon, und Georg trat in das Haus zurück, wo ihn Frau Willig mit Freuden⸗ thränen erwartete. Nicht lange, ſo kam auch der alte Kammerdiener, um ſeine Glückwünſche darzubringen, und lächelte gutmüthig ſchlau, als er dann zu Frau Willig leiſe ſagte: „Nun, Muhme, wer hat recht behalten? Sie oder ich? Wars nun nicht beſſer, daß wir die Sachen ruhig gehen ließen, anſtatt dem Bernſtorf ein Bein zu ſtellen? Das wahrhaft Gute ſiegt ja zuletzt immer!« 118 „Was iſt denn mit dem Geheimerath Bernſtorf?« fragte Georg, der die leiſe geflüſterten Worte nur zum Theil verſtanden hatte. „Nun, weiter nichts, entgegnete der alte Kammer⸗ diener,“ als daß er penſionirt iſt und die Weiſung empfangen hat, ſich einen anderen Wohnort im Lande zu ſuchen. Er iſt noch gut genug weggekommen, denn Seine Durchlaucht haben ihm aus Gnaden und in Be⸗ rückſichtigung früher geleiſteter Dienſte ſeinen ganzen Gehalt belaſſen.“ »Das freut mich,“ ſagte Georg.„Es würde mich geſchmerzt haben, wenn ich, obgleich ganz ohne alle Abſicht, dem Manne Kummer und Sorgen verurſacht hätte. Aber was für ein lieber Mann iſt doch unſer herrlicher Fuürſt. Selbſt im Strafen auch immer ſo 18 gnädig und gerecht.“ 2 „Ja, das iſt er!“ ſprach der alte Kammerdiener aus vollem Herzen.„Gott ſegne meinen gnädigſten Herrn!“ „Gott ſegne ihn,“ ſtimmten Georg und Frau Wil⸗ lig ein, und Thränen der Liebe und Verehrung fun⸗ kelten in Aller Augen. Mittlerweile verbreitete ſich die Neuigkeit von Georgs Erhebung ſchnell wie ein Lauffeuer durch die Stadt, und zahlreiche Beſuche kamen, welche dem traulichen Bei⸗ ſammenſein der Drei ein Ende machten. Die Freude war allgemein, und Jeder, der kam, ſprach ſie in herz⸗ lichſter Weiſe gegen Georg aus. Und Georg ſelbſt war wirklich ganz glücklich? 2 Ja gewiß, er war es, denn er hatte in Wahrheit das große Loos des Lebens— nicht gewonnen— ſondern erworben und errungen, durch treue Er⸗ 2 füllung ſeiner Pflicht, für welche er niemals weder — eine Anſtrengung noch ein Opfer geſcheut hatte. Solchen aber, die ſo ihre Pflicht thun, iſt ein glückliches Loos gewiß, denn ihr ſicherer Gewinn iſt der Segen des Herrn und die Achtung aller rechtſchaffenen Menſchen. Siebentes Kapitel. Wiederſehen. Bei Allem, was ihm Gutes geſchah, dachte Georg nicht nur allein an ſich, ſondern immer auch an ſeinen ihm ſtets theuer gebliebenen Freund Richard, obgleich derſelbe lange Monate hindurch nichts von ſich hatte hören laſſen. Mehrere Male ſchrieb Georg an ihn, aber ohne eine Antwort zu bekommen. Das hielt ihn jedoch nicht ab, ihm auch ſeine Ernennung zum fürſt⸗ lichen Leibarzte und Geheimerathe zu melden, und wie gewöhnlich, ſeinem Briefe die Bemerkung zuzufügen: daß Richard ihn doch endlich einmal beſuchen möge. Es kam aber wiederum keine Antwort und auch kein Richard. Georg betrübte ſich darüber, doch entſchul⸗ digte er den Freund, ſo gut er konnte.„Er wird bei Da ſtarb ganz unerwartet der Privat⸗Secretär des Fürſten. „Ich bedaure dieſen Todesfall ſehr,“ ſagte der Fuͤrſt zu Georg,»denn mein Wilhelm war ein t Menſch, und ich konnte mich auf ihn verlaſſen. Nun bin ich in Verlegenheit, wie ich ſeine Stelle erſetzen ſoll.“ Eine Erinnerung an Richard blitzte in Georg auf. „Ich wüßte wohl Jemanden, der ſich für die Stelle eignen würde, Durchlaucht,“ erwiederte er. „Nennen Sie ihn, wenn Sie für ihn gut ſagen, will ich ihn ohne Weiteres annehmen.“ „Nicht ſo ſchnell, gnädigſter Herr! Erſt muß ich ſehen und prüfen. Doch dazu bedarf ich einige Tage Urlaub. Wenn Durchlaucht denſelben gnädigſt gewäh⸗ ren wollten.“— „Ei gewiß, mein lieber Geheimerath! Mit vielem Vergnügen, auf ſo lange Sie wollen.“ „Ich werde Ihre Güte nicht mißbrauchen, Durch⸗ laucht. Nur einige Tage, und vielleicht glückt es mir, Ihnen einen recht guten Diener zu verſchaffen.“ Am nämlichen Tage noch verabſchiedete ſich Georg und eilte mit Extrapoſt nach Berlin. In der Nacht kam er an; fuhr bei der glänzenden Wohnung Richards unter den Linden vor, verlangte Einlaß, und mußte zu ſeinem Erſtaunen hören, daß Richard ſchon ſeit länger als einem halben Jahre das Haus verlaſſen habe. „Und warum das?“ fragte Georg. „Ei nun, das Geld mochte wohl ausgegangen ſein,“ lautete die Antwort. „Und wo kann ich ihn finden?« „Gott weiß es, wohin er gezogen iſt! Wir hier im Hauſe haben nichts weiter von ihm geſehen und gehört.« Das waren ſchlimme Nachrichten! Einſtweilen be⸗ ſchloß Georg in einem Hotel zu übernachten, und am andern Tage Nachforſchungen anzuſtellen. Dies ge⸗ 121 ſchah, er zog Erkundigungen ein, aber ohne Erfolg. Richard ſchien Berlin verlaſſen zu haben. Drei volle Tage ſetzte Georg ſein emſiges Suchen fort, dann gab er es, obgleich mit blutendem Herzen auf. „Der arme Junge!“ ſeufzte er.„Es iſt Alles ge⸗ kommen, wie ich vermuthete, und nun irrt er vielleicht als Bettler in der Welt umher. Ein Aufruf in den Zeitungen iſt das Beſte, was zu thun noch übrig bleibt. Im Begriff ſich nach dem Bureau einer der meiſt verbreiteten Zeitungen zu begeben, begegnete Georg ei⸗ nem jungen Manne, welcher auf der andern Seite der Straße geſenkten Hauptes an den Häuſern entlang ſchlich, und einen Packen Papiere unter dem Arm trug. Die Dämmerung war ſchon eingetreten und er konnte die Geſichtszüge des armlich gekleideten Menſchen nicht erkennen, aber Haltung und Gang deſſelben kamen ihm bekannt vor, und er kehrte raſch um, um ihn zu ver⸗ folgen. Nach wenigen Schritten hatte er ihn eingeholt, ſah ihm ſcharf in's Geſicht, und mit dem Ausrufe: „Richard! Mein lieber Freund! Endlich hab' ich dich gefunden!“ ſiel er ihm ungeſtüm um den Hals. Richard war es wirklich, aber anſtatt ſich über das Wiederſehen zu freuen, wurde er ſehr bleich; Verlegen⸗ heit, Schmerz und Verwirrung malten ſich in ſeinen Zügen, und faſt ſchien es, als ob er ſich losreißen und fliehen wollte. Aber Georg hielt ihn feſt, und nach einigen Augenblicken gewann auch Richard Faſſung und Selbſtbeherrſchung wieder. „Mein guter Georg„« ſagte er und erwiederte die Umarmung des Freundes,—„es freut mich, dich zu ſehen, freut mich von ganzer Seele, nur ſchmerzt es, daß du mich ſo wiederfinden mußteſt. Deine Prophe⸗ 122 zeihungen ſind eingetroffen, Georg! Ich bin ſo arm und elend und gedemüthigt, wie es mein bitterſter Feind nur wünſchen kann.“ „Davon ſpäter! Jetzt kommſt du mit mir auf mein Zimmer und erzählſt mir dort, wie es dir ergangen iſt. Ich brenne vor Verlangen, Alles zu erfahren! He, Droſchke! Halt! Hier hinein, Richard! Und nun fort, was die Pferde laufen können, zum Hotel Rome!« . Nach zehn Minuten ſaßen die beiden alten Freunde in einem behaglichen Zimmer, und Georg betrachtete mit inniger Theilnahme die bleichen, abgehärmten Zuüͤge Richards, den er erſt vor zwei Jahren in der Fülle des Glückes verlaſſen hatte. Richard aber erzählte kurz und bündig, was er ſeit jener Zeit erlebt und gelitten hatte. „Meine Geſchichte iſt nicht lang, Georg,“ ſagte er. „»Noch ein paar Monate nach deinem letzten Beſuche lebte ich in Saus und Braus dahin, da, in einer ein⸗ zigen böoͤſen Nacht, ſtürzte plötzlich das ganze luftige Gebäude meines vermeintlichen Gluͤckes uͤber mir zu⸗ ſammen. Einige Nächte vorher hatte ich bedeutende Geldſummen im Spiele verloren, und in jener Nacht wollte ich meinen Verluſt erſetzen. Ich ſpielte wieder, und zwar wie ein Raſender. Da ich verlor, ſuchte ich meinen Aerger durch Champagner zu vertreiben, und regte mich dadurch noch mehr auf, ſo daß ich faſt aller Ruhe und Beſinnung bar wurde. Bei Anbruch des Tages war ich fertig, das heißt, ich hatte Alles verloren und noch Schulden obendrein ge⸗ macht. Der Verkauf meiner Möbel, meiner Bilder, meiner Pferde und Wagen reichte eben hin, dieſe Schul⸗ den zu decken, und ich behielt kaum noch ſo viel übrig, —— 1²2³ um ein paar Tage nothdürftig leben zu können. Es war eine ſchlimme Lage; doch ich verlor den Muth nicht. Der Juſtiz⸗Miniſter war mir ja gewogen,— eine Anſtellung konnte mir alſo nicht fehlen, wenn ich darum anhielt. Ich ließ mich bei ihm anmelden, aber, o weh, wie wurde ich empfangen. Der Herr Miniſter ſagte mir ein für alle Mal, daß ein ſo leichtſinniger Menſch, wie ich, nie auf eine Anſtellung im Staats⸗ dienſte rechnen könne, und verbat ſich für die Folge alle Beſuche. Es fehlte nicht viel, ſo hätte er mich durch ſeinen Bedienten auch noch aus dem Hauſe werfen laſſen. Nun, ich verzweifelte noch nicht; ich hatte ja noch andere gute Freunde, die helfen konnten, wenn ſie wollten. Aber das war's eben, ſie wollten nicht. Die Freundſchaft der lieben Leute war vergeſſen von dem Augenblicke an, wo ſie mich nicht mehr rupfen konnten. Kein Geld!— keine Freunde! Sie verläug⸗ neten mich Alle, behandelten mich geringſchätzig, und ließen mich fühlen, daß ein künftiger Verkehr mit mir eben ſo unſtatthaft als unmöglich ſei. Das war eine bittere Erfahrung, aber ich ſah ein, daß mir ganz recht geſchah. Ich hatte als ein rechter Eſel gehandelt, nun mochte ich als ein rechter Eſel die Fußtritte hinneh⸗ men. Aber was nun anfangen? Mir wurde ſchwuͤl, ich wußte nicht, wie ich mein Leben friſten ſollte!“ „Aber Menſch, dachteſt du denn nicht an mich?« unterbrach ihn Georg ungeſtüm. „Oh, freilich dacht ich,“— fuhr Richard fort,— „aber ich ſchämte mich zu ſehr, und konnte es nicht über mich gewinnen, dir unter die Augen zu treten, nachdem alle deine Vorherſagungen ſo buchſtäblich ein⸗ getroffen waren. Nun denn, um es kurz zu machen, 4 124 ich hungerte einige Tage und fühlte mich dabei ganz zerknirſcht vor lauter Reumüthigkeit, bis ich zuletzt wieder friſchen Muth faßte, indem ich mich der Worte erinnerte, die du eines Tages zu mir geſagt hatteſt: „Um glücklich zu ſein muß der Menſch arbei⸗ ten und redlich ſeine Pflicht thun!“ Gut, du willſt arbeiten! ſprach ich zu mir ſelbſt, und ſofort ſchritt ich zur Ausführung meines Vorſatzes. Nach manchem vergeblichen Gange fand ich endlich eine Stelle als Schreiber bei einem Advokaten, und als Solcher ſiehſt du mich nun hier vor dir. Der Poſten bringt nicht viel ein, aber ich lebe, und, im Grunde genom⸗ men, lebe ich glücklicher als zuvor. Ich habe die Eitel⸗ keit der Welt und den Segen der Arbeit kennen, ſchätzen und würdigen gelernt. In den anderthalb Jahren als Advokaten⸗Schreiber hab' ich mir nicht halb ſo viel Vorwürfe und Gewiſſensbiſſe machen müſſen, als ſonſt in einer Woche, wo ſich mein beſſeres Selbſt doch immer gegen meine Leichtfertigkeit empörte. Mit einem Worte, Georg, ich lebe in Armuth, aber ich lebe nicht unglücklich, denn das Bewußtſein, jetzt wenigſtens ein nicht ganz unnützes Glied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu ſein, gibt mir Troſt und Kraft, manche Ent⸗ behrung zu ertragen.“ »Das freut mich zu hoͤren,“ ſagte Georg freundlich. »Gleichwohl, bei deinen Kenntniſſen und Talenten iſt deine jetzige Stellung doch eine ſehr unpaſſende. Hm! Du ſcheueſt alſo die Arbeit nicht mehr, Richard?« „»Nein, Georg! Im Gegentheil, ich arbeite recht⸗ ſchaffen. Tauſend Mal habe ich deiner gedacht, und gründlich eingeſehen, wie recht du hatteſt, als du mich zu einem thätigen Leben ermahnteſt. Ich war ein 125 großer Thor, Georg, aber ich hoffe, ich habe meinen ganzen Vorrath von wildem Hafer ausgeſäͤet.« „Aber wenn du noch einmal das große Loos ge⸗ wänneſt, Richard?“ „So würde ich mein Glück gewiß nicht wieder mit Füßen treten. Oh, Georg, warum hörte ich damals nicht auf deine Warnungen! Wie vollkommen glücklich könnte ich jetzt ſein. Aber Klagen helfen nicht! Alſo ſtill davon! Ich muß eben ſehen, wie ich mich durch Fleiß und Ausdauer wieder ein wenig empor arbeite.“ „Nun denn, Richard, ich kann dir die Hand dazu bieten,“ ſagte Georg, nachdem er jetzt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ſein alter Freund in der That und in der Wahrheit zur Erkenntniß ſeiner Fehler ge⸗ kommen ſei.»Du erinnerſt dich des Geſchenkes von zehntauſend Thalern, welches du mir nach Gewinnung des großen Looſes machteſt. Dieſe Summe nahm ich nur, um ſie dir zu erhalten. Sie iſt da, und ge⸗ hört dir!“ Richard erröthete.„Nimmermehr!« rief er aus. „Du willſt mich in Verſuchung fuͤhren, Georg! Ich kann dies nicht annehmen.“ „Du wirſt hoffentlich noch mehr annehmen,“ fuhr Georg lächelnd fort.„Du weißt, ich ſtehe in Gnaden bei dem Fürſten, meinem hochverehrten Herrn. Die Stelle eines Privat⸗Secretärs bei ihm iſt erledigt. Ich glaube ſie dir verſprechen zu dürfen, wenn du ſie an⸗ nehmen willſt.« Richard ſprang vom Sopha auf und ſeine Augen funkelten.„Oh Georg!Das wüͤrde in Wahrheit das große Loos ſein!« rief er bleich vor Erſchütterung aus. „Vielleicht,« entgegnete Georg.„Aber bedenke 126 wohl, es wird da viel zu arbeiten geben, und der Ge⸗ halt wird kaum mehr als ſechshundert Thaler betragen.« „Herzensbruder, ich bin mit der Hälfte zufrieden, glücklich, überglücklich!« rief Richard;„und arbeiten will ich— oh, du weißt noch nicht, wie ich arbeiten kann, ſeit ich zur Erkenntniß gekommen bin. Hier meine Hand, Georg, daß ich deiner Empfehlung keine Schande machen werde.“ »Ich glaube dir,“ erwiederte Georg, indem er die Hand des Freundes ergriff und herzlich drückte.„Mor⸗ gen mit dem Früheſten fahren wir nach B., und alles Uebrige überlaß ruhig mir.“ Gleich nach der Rückkehr in die kleine Reſidenz machte Georg dem Fürſten ſeine Aufwartung, erzählte ihm ohne Hehl und Rückhalt Richards Schickſale, und empfahl ihn ſchließlich allerhoͤchſter gnädigſter Berück⸗ ſichtigung. Der Fürſt lächelte. »„Sie meinen, ich ſolle Ihren Freund zu meinem Privat⸗Secretär nehmen?« fragte er. »„Ja, Durchlaucht, grade dieß wage ich zu hoffen und zu erbitten,“ erwiederte Georg in ſeiner offenen Weiſe. »Hm! Bürgen Sie für ſeinen Fleiß, ſeine Treue und ſeine Kenntniſſe?«. „Ja, Durchlaucht, mit Leib und Leben!« ſagte Georg feurig.„Ich kenne ihn— er iſt gründlich gebeſſert.« »Wohlan, weil Sie ihn ſo warm empfehlen, ver⸗ ſuchen wir's auf ein Jahr.“ Freudeſtrahlend dankte Georg, und verkündete Ri⸗ chard ſein gutes Glück. Richard konnte ſich der Thrä⸗ nen nicht enthalten, ſo tief erſchütterte ihn die frohe 127 Kunde. Viele Worte machte er nicht, aber bei Georg bedurfte es deren auch nicht. Er wußte auch ohnedies, wie vollkommen glücklich Richard ſich fühlte. Einige Tage ſpäter trat der neue Privat⸗Secretär ſein Amt an. Der Fürſt ſchien zufrieden mit ihm, aͤußerte ſich aber niemals darüber. Erſt als das Probe⸗ Jahr voͤllig verfloſſen war, ſagte er eines Tages zu Georg, der ihm den gewöhnlichen Morgenbeſuch machte: „A propos, lieber Geheimerath, ich muß Ihnen noch für meinen Privat⸗Secretär danken. Sie haben mir wirklich einen guten Dienſt durch ſeine Empfehlung ge⸗ leiſtet. Geben Sie ihm doch dies! Es wird ihn ge⸗ wiß freuen, es aus Ihrer Hand zu empfangen.“ Georg nahm aus der Hand des Fürſten ein großes Schreiben, und ſprang freudezitternd in ſeinen Wagen, denn es ahnte ihm ſchon, welche frohe Botſchaft er zu uͤberbringen hatte. „Nach Hauſe! Was die Pferde laufen können!« rief er ſeinem Kutſcher zu. Im Umſehen war er da und oben in Richards Zimmer. „Da lies,“ ſagte er. Niicchard las— und mit einem Freudenſchrei ſank er an Georgs Bruſt. „Alſo Alles richtig,“ ſagte Georg. „Ja, mein Freund, ich bin zum geheimen Kabinets⸗ Secretär des Fuͤrſten und zwar in den gnädigſten Aus⸗ drücken ernannt,“ erwiederte Richard außer ſich vor Entzücken.„Dies iſt mehr als damals das große Loos, und dir, mein Freund, verdank ich es!« „Nein, die feſte Anſtellung verdankſt du allein deiner bewährten Pflichttreue!“ entgegnete der 128— Freund.„Ich konnte nichts weiter thun, als dir die Bahn eröffnen, die du ſo wacker betreten und verfolgt haſt. Mir alſo keinen Dank; aber Segen auf das Haupt des Fürſten, unſeres gnädigſten Herrn!« »„Ja, Gottes reichſter Segen über ihn!« wiederholte Richard voll Begeiſterung. Und keinen treueren Die⸗ ner ſoll er jemals finden, als mich!———« So hatte denn auch Richard das große Loos des Lebens— nicht gewonnen— ſondern erworben und redlich erarbeitet, wie ſein Freund Georg. Und eben weil es rechtſchaffen— durch Arbeit und Pflichttreue erkämpft worden war, zerrann es nicht in eitel Schaum und Dunſt, wie jener leicht gewonnene Reichthum, deſſen Nichtigkeit Richard aus Erfahrung kennen ge⸗ lernt hatte. Jetzt ruhte ſein Glück auf feſterem Boden! Auf demſelben Felſen ruhte es, auf den auch Georg ſein Glück gegründet, auf dem Felſen: Pflicht. Sie blieb der Leitſtern Beider auch ihr ferneres Leben hin⸗ durch, und aus der gewiſſenhaften Erfüllung derſelben erblühte ihnen die ſchönſte Blume des Lebens: Zu⸗ friedenheit. Leſer, auch dir blüht dieſe köſtliche Blume! Nicht Macht, nicht Reichthum, nicht Glanz und äußere Ehre öffnen dir ihren duftenden Kelch, der Segnung über dich ausſtrömt,— nur treue Erfüllung deiner Pflicht läßt ſie dich finden. Suche ſie,— und das wahre, das äͤchte Glück wird mit dir ſein.——— SO= So⸗ Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. . ffrfmfnſnmffff 8 9