——— —— iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.— 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für kchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 5 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. auf 4 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 4 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird — Die ebenzverſicherung. Eine ernſte Erzählung meine jungen Freunde. Von Franz Boffmunn. Kit vie WStahlſtichen. ——.—ͤ————— — Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 6 4 1861. — Erſtes Kapitel. Herr Heimberger. Die helle Morgenſonne ſchaute licht und freundlich durch glänzende Fenſterſcheiben in eine geräumige, hüb⸗ ſche Stube, welcher, bei aller Einfachheit der Möbel und Geräthſchaften, entſchieden der Charakter wohnlicher Gemüthlichkeit aufgeprägt war. An den Wänden mit den grau in grau gemuſterten Tapeten hiengen mehrere, wenn auch nicht koſtbare, doch gute Kupferſtiche in hübſchen Goldrahmen; an dem Pfeiler zwiſchen den beiden Fenſtern prangte ein großer Spiegel, welcher ſich auf eine breite, alterthümlich geſchnitzte Kommode ſtützte. Rechts davon, dicht am Fenſter, ſtand ein be⸗ quemer Großvater⸗Stuhl, mit ſchwarzem Leder über⸗ zogen, deſſen theilweiſe abgeſchabtes Ausſehen von häu⸗ ſigem Gebrauche Kunde gab. Daneben erblickte man einen großen Arbeitstiſch mit vielen Fächern und Schub⸗ käſten, welche mit Briefen und Aktenbündeln angefüllt waren. Gegenüber prangte ein mit rothem Wollenſtoff überzogenes Sopha, vor dem ſich auf bunt gemuſtertem Fußteppich ein großer, runder Tiſch breit machte. Au⸗ ßerdem ſtanden in der⸗Stube an geeigneten Plätzen Lebensverſicherung. 3 1 den; und von ſeiner guten Laune die heiteren Blicke, 2 noch einige Stühle, und neben der Thür, die vermuth⸗ lich in das Schlafgemach führte, ein handfeſter mächti⸗ ger Schrank von dunklem, ähnlich wie die Kommode geſchnitztem Holze, der augenſcheinlich zur Aufbewah⸗ rung von Wäſche und Kleidungsſtücken diente. Das war die ganze äußere Einrichtung,— nicht koſtbar ge⸗ rade, aber bürgerlich ſolid und bequem. An dem Morgen nun, wo die liebe Sonne mit neugierigen Blicken in dieſes gemüthliche Wohnzimmer hinein ſchaute, ſaßen auf dem Sopha, in der einen Ecke der Regiſtrator Heimberger, und in der anderen Frau Anna, ſeine Gemahlin, beim Frühſtuͤck. Trotz der Einfachheit deſſelben— es beſtand nur aus Kaffee, Milch und friſchem Weißbrod— ſchien es dem Herrn Regiſtrator vortrefflich zu munden. Mit ſichtlichem Behagen ſchlürfte er von Zeit zu Zeit ein Schlückchen des bitteren aromatiſchen Getränkes, und verzehrte dazu ein paar Mundſemmeln, deren ſcharf gebackene Rinde unter ſeinen geſunden Zähnen wie Glas zerſplitterte. Seinem Ausſehen nach war er ein Mann in der letz⸗ ten Hälfte der dreißiger Jahre. Trotz ſeines blaſſen Geſichtes, das wie mit feinem Aktenſtaube bezuckert ſchien, erfreute er ſich dennoch einer guten Geſundheit. Wenigſtens ſprach dafür ſein lebhaftes, glänzendes Auge und ſeine ganze rüſtige und kraftvolle Geſtalt, ſowie auch durchweg ſeine Vergangenheit, denn ſo lange er lebte, war er noch nicht ein einziges Mal krank ge⸗ weſen, hatte noch nicht ein einziges Mal den Doctor oder Apotheker in Nahrung geſetzt. Von ſeinem guten Appetite zeugten die Mundſemmeln, die mit wunder⸗ ſamer Schnelligkeit zwiſchen ſeinen Zähnen verſchwan⸗ 2 welche er von Zeit zu Zeit flüchtig auf ſeine Frau richtete, ohne daß dieſe es zu bemerken ſchien. Frau Anna ſaß ſtill und in ſich verſunken in die Ecke des Sopha's zurückgelehnt, und blickte ernſt und gedankenvoll auf das Anzeige⸗Blatt der Reſidenz, das ſie jeden Morgen bei'm Kaffee zu leſen, oder wenig⸗ ſtens flüchtig zu durchblättern pflegte. Wie ſie ſo da ruhete im reinlichen Morgengewande, das volle ſchwarze Haar nur mit Müͤhe von einem weißen Häubchen zu⸗ ſammengehalten, mit ihrer ſchlanken Figur, und ihrem hübſchen, ſanften und klugen Geſicht, mußte ſie auf Jeden, der ſie ſah, einen angenehmen Eindruck hervor⸗ bringen, und es war nur natürlich, daß auch ihr Mann, der Herr Regiſtrator, dieſem Eindrucke ſich nicht entziehen konnte, obwohl ſeine Frau, wie ſchon angedeutet, ſich heute einer ganz ungewöhnlich ernſten, wenn nicht trüben und ſchwermüthigen Stimmung hin⸗ zugeben ſchien. Einige Minuten hindurch beobachtete er ſie, ohne ihr Nachſinnen zu unterbrechen; endlich aber, als ſie immer tiefer und tiefer in eine dunkle Gedankenwelt zu verſinken drohte, ſchüttelte er leiſe den Kopf, beugte ſich näher zu ihr hinüber, und klopfte ſie ſanft auf die Achſel. Sie fuhr ein wenig erſchreckt zuſammen, und ſchaute, wie aus einem Traume er⸗ wachend, mit ihren großen braunen Augen in einiger Verwirrung zu ihm auf. „»Was haſt du denn, Kind?« fragte der Negiſtrator freundlich.„Du ſiehſt ja ſo ernſthaft und tiefſinnig aus, als ob du über die größeſten Geheimniſſe Him⸗ mels und der Erden nachgrübelteſt. Hat dich das Tageblatt mit ſeinen Annoncen von Stiefelwichſe, Käſe, 1* 4 Cigarren, Roſinen und Mandeln ſo ausnehmend nach⸗ denklich gemacht.« »Nicht doch,« erwiederte die noch junge Frau haſtig, und warf die Blätter des Anzeigers vor ſich hin auf den Tiſch.„Ich dachte an unſeren Eduard. Wo bleibt er nur, der Langſchläfer? Ich muß wirklich einmal nach ihm ausſchauen.« Sie machte Miene aufzuſtehen, aber ihr Mann hielt ſie mit ſanfter Gewalt zuruͤck. „Laß nur,“ te er,—„ich höre Eduard ſchon die Treppe hert kommen. Hoffentlich iſt er es nicht, der dich mt hat?« 3 „»O, behüte!“ verſetzte ſie lebhaft.„Er iſt ja ein ſo fleißiger, guter, braver Junge, daß man nur herz⸗ liche Freude an ihm haben kann. Nun freilich, wenn ich an die Zukunft denke, da wollen ſich manchmal finſtere Schatten der Sorge über meine Seele breiten!“ „»Ei, Kind, wer wird ſich ſo ſchwere Gedanken machen über Etwas, das noch gar nicht iſt und noch lange im Schooße der Zeiten ruhet,« ſagte der Regi⸗ ſtrator.„Kommt Zeit, kommt Rath! Ich werde nicht ewig Regiſtrator bleiben, habe ſogar ſchon ein Vögel⸗ chen pfeifen hören von baldigem Kanzleirath, und wenn dieſes Vögelchen die Wahrheit gepfiffen hat, ſo beſſert ſich nicht nur unſere geſellſchaftliche Stellung, ſondern auch der Gehalt, und wir können ohne Sorge künftigen Tagen entgegen ſehen, wohl gar auch ſparen, und all⸗ mäahlig ein kleines Kapital für unſeren Eduard zurück⸗ legen. Ich habe mir vorgenommen, der Junge ſoll ſtudieren, um es einmal ein gutes Stück weiter zu bringen, als ſein Vater. Wie habe ich mich Jahre lang abmühen und abquälen müſſen als armſeliger Schreiber, ehe ich nach und nach langſam, ganz, ganz allmählich in eine etwas beſſere Stellung gerieth! Die⸗ ſen Schneckenweg ſoll unſer Eduard nicht auch kriechen! Mit den Studierten geht es ein hübſches Theil ge⸗ ſchwinder vorwärts, und darum ſoll er mir ſtudieren, und müßt' ich mir das Geld dazu am Munde ab⸗ ſparen!“.. „O, du biſt gut, herzensgut, lieber Mann,“ ſagte Frau Anna bewegt,—„ich zweifle auch nicht an dir und deiner väterlichen Fürſorge, wenn nur der liebe Gott dir Geſundheit und Leben erhält!« Der Regiſtrator lachte laut und herzlich. „Warum ſollte er das nicht? erwiederte er.»Hat mir bis heute nichts an der Geſundheit gefehlt, wird es ja auch ferner nicht fehlen.“ In dieſem Augenblicke klangen die Töne von Kir⸗ chenglocken feierlich in das Gemach, und gleich darauf miſchte ſich mit ihnen die düſtere Weiſe eines Trauer⸗ marſches, welche von der Straße herauf ertönte. Ueber⸗ 4 raſcht, faſt erſchrocken, vernahmen Mann und Frau auf dem Sopha die herzerſchütternden Klänge, und eilten dann Beide zugleich an das Fenſter. Ein Leichenzu 4 gieng langſam unten vorüber. Voran ſchritt der Tra B marſchall in ſchwarzem Gewande, dann folgte der Lei⸗ chenwagen mit dem Sarge, der von einem ſchwarzen, goldgeſtickten Tuche ganz überdeckt war, und hinterher wankte ein langer Zug von Leidtragenden in dunklen auerkleidern, mit bleichen Geſtchtern und zu Boden eſenkten Augen. Nach kurzem Schauen wendete die Frau Regiſtrator ſeufzend ihre Augen von dem betru⸗ benden Anblicke ab, und kehrte zu dem Sopha zurück, wo ſie ſich, noch ſchwermüthiger als vorher, in die ſames Schickſal dich mir Kiſſen zuruͤcklehnte. Ihr Mann folgte langſamer, aber, als er wieder an der Seite ſeiner Frau Platz nahm, 8 zeigte auch ſein Geſicht eine ernſte Miene, und eine leichte Wolke von Beſorgniß beſchattete ſeine Stirn. „Es iſt der reiche Kaufmann Schulze, den ſie dort mit Glockenklang und Poſaunenſchall zu ſeiner letzten Ruheſtätte führen,“ ſagte er.„Merkwürdig, wie raſch der Tod ſo manchen Menſchen hinwegrafft. Noch vor acht Tagen war jener Mann kräftig und kerngeſund, 4 — da ſtürzt er mit dem Pferde, zerſchmettert ſich den Schädel, und— da geleiten ſie ſeine Leiche! Merk⸗ würdig! Der Mann hätte noch fünfzig Jahre leben können, ohne dieſen unglücklichen Zufall.“ „Da ſiehſt du, lieber Mann, ein ſchlagendes Bei⸗ ſpiel, daß man nicht auf ſeine unerſchütterliche Geſund⸗ heit pochen ſoll,« verſetzte die Frau Regiſtrator in ſehr ernſtem Tone.„Niemand, auch der Stärkſte und Kräf⸗ tigſte nicht, iſt nur auf einen Augenblick ſeines Lebens ſicher. Der unglückliche Mann, daß er ſo plötzlich hat enden müſſen! Wie ſchwer muß es ihm geworden ſein, itten in der Blüthe und Fülle des Lebens von ſeiner 5 1 tin, ſeinen Kindern zu ſcheiden! Und doch hatte er nigſtens Einen Troſt im Sterben: die Gewißheit, daß die Seinige wie ſchmerzlich ſte auch das Familien⸗ haupt vermiſſen und beweinen mögen, doch durch den Tod deſſelben nicht Noth und Mangel geſtürzt we den! Wie viele Familienväter müſſen von dieſer ſcheiden ohne ſolchen Troſt, eeoeh das Sterben endlich erleichtern und dem den bitterſten Stächel nehmen muß! „Wenn ich mir denke, daß eines Tages ein grau⸗ entreißen könnte,— 0 Gott, was ſollte dann aus mir und unſerem Eduard werden!“ „Ei, Thorheit, liebe Anna,“ verſetzte der Regiſtrator mit unwilligem 1„Wer wird ſich denn unnöthiger Weiſe mit ſolchen albernen Vorſtellungen plagen? Sieh' mich an,— ſehe ich etwa wie ein 2 Todes⸗Kandidat aus, der ſchon mit Einem Fuße im Grabe ſteht? Unſinn!“ „Denke an den Kaufmann Schulze, lieber Mann!“ »Ach was, ich reite keine unbändigen Pferde, ſon⸗ dern gehe hübſch beſcheiden zu Fuße in meine Kanzlei, da kann mir nichts paſſiren. Und am Ende, Alles in Allem, wozu nützt es, ſich mit Grillen die gute Laune zu trüben? Was der liebe Gott ſchickt, müſſen wir 66 kben hinnehmen, und können darin nichts ändern.“ „Verzeihung, lieber Mann, wenn ich dir darin widerſpreche,“ ſagte die Frau Regiſtrator jetzt mit Wärme, indem ſie ihre Hand auf den Arm ihres Gat⸗ ten legte.»Wir können allerdings Gottes Fügungen und Rathſchlüſſe weder ändern noch abwenden, wohl aber ſteht es in unſerer Macht, Vorkehrungen zu treffen und Maßregeln zu nehmen, welche die ſchlimmen Fol⸗ gen des ſchwerſten Unglücksfalles, zum großen Theil wenigſtens, abwenden.“ Der Regiſtrator blickte betroffen und verwundert in das von Eifer und Aufregung ein wenig höher ge⸗ röthete Geſicht ſeiner Frau. „Was für Vorkehrungen und Maßregeln wären das?“« fragte er.„Wenn Gott will, daß ich ſterben ſoll, kannſt du doch nicht den Tod von meinem Lager —— verſcheuchen!“ „Nein, das kann ich nicht,“ erwiederte Frau Anna, 8 „aber du kannſt, wie geſagt, den traurigen Folgen eines ſolchen Unglücks vorbeugen, wenn du nur den guten ernſten Willen dazu haſt. Ach, glaube mir, guter, lieber Mann, nicht für mich ſpreche ich ſo zu dir! Eine Frau hat wenig Bedurfniſſe, und kann ſich im ſchlimmſten Falle ſchon allein in der Welt forthelfen durch ihrer Hände Arbeit und äußerſte Sparſamkeit. Aber denke an unſeren Sohn! Welche Zukunft hätte er zu erwarten, wenn ſein Vater ihm entriſſen würde, ehe er ſich ſelbſtſtändig eine Stellung im Leben errungen hätte? Von was ſollte ich arme, ſchwache Frau ihn erhalten, wie ihn fordern, wie ihn kleiden, von was ihn die Schule und Univerſität beſuchen laſſen, ich, die ich eben kaum im Stande ſein würde, durch den emſigſten Fleiß den äußerſten Mangel fern zu halten!« Der Herr Regiſtrator ſchien ſich von den eindring⸗ lichen Worten ſeiner Frau denn doch einigermaßen ge⸗ troffen zu fühlen. Das Lächeln verſchwand aus ſeiner Miene, er rieb ſich die Stirne, und ſuchte vergebens nach Worten, um die Befürchtungen ſeiner Frau zu widerlegen oder zu zerſtreuen. „Aber, mein Gott,“ ſagte er endlich,„was ſoll, was kann, was muß ich thun?« Die Frau nahm ein Blatt des Anzeigers, welches nooch neben dem Kaffeegeſchirre auf dem Frühſtückstiſche lag, und reichte es ſchweigend ihrem Manne hin, in⸗ dem ſie mit dem Finger auf eine gewiſſe Stelle deutete. Der Regiſtrator las und lachte. „Lebensverſicherung!“ rief er aus.„Was ſoll das heißen? Handelt es ſich hier etwa um Eines jener nielen lächerlichen, ſogenannten Geheimmittel, das menſch⸗ —— liche Leben zu verlängern? Thorheit! Solche Mittel werden im Leben nicht vor einem Sturze mit dem Pferde oder ſonſt einem gewaltſamen Tode, oder auch nur vor der Anſteckung durch irgend eine Seuche ſchützen!“ „Lies nur, lieber Mann,“ verſetzte die Frau ruhig. „Es handelt ſich hier um etwas ganz Anderes, als du denkſt.« Der Regiſtrator las mit immer geſteigerter Auf⸗ merkſamkeit die ziemlich lange Anzeige durch, und legte dn mit ernſterer Miene das Blatt wieder auf den iſch. „Das iſt allerdings etwas durchaus Anderes, als ich gedacht habe,“ ſagte er ſinnend.„Es handelt ſich darum, daß ich jährlich eine beſtimmte Summe Geldes an eine Geſellſchaft auszahle, welche dafür die Ver⸗ pflichtung übernimmt, nach meinem früher oder ſpäter erfolgten Tode meinen Hinterbliebenen ein, nach meinen Einzahlungen feſtbeſtimmtes Kapital auszuhändigen.“ „So iſt es, lieber Mann,“ erwiederte die Frau, und nickte mit dem Kopfe.„Nehmen wir einmal einen ganz beſtimmten Fall an, den, der uns am nächſten liegt. Geſetzt, du zahlteſt jährlich etwa eine Summe von ſechzig Thalern an eine Lebensverſicherungs⸗Geſell⸗ ſchaft, ſo würdeſt du damit erwirken, daß an deine Hinterbliebenen von der Geſellſchaft zweitauſend oder noch mehr Thaler entrichtet werden müßten, gleichviel, ob du im erſten Jahre der Verſicherung oder nach zehn oder zwanzig Jahren erſt von der Erde abgerufen würdeſt. Müßte dies nicht eine große Beruhigung für dich ſein? Wäre dir damit nicht eine der ſchwerſten und drückendſten Sorgen, die Sorge um die Zukunft 10 deines Sohnes genommen? Eine Summe von zwei⸗ tauſend Thalern, richtig angelegt und gewiſſenhaft ver⸗ waltet, müßte unter allen Umſtänden genügen, die Koſten von Eduards Erziehung und Ausbildung zu beſtreiten.“ .„Ja, ja, die Sache ſcheint ihr Gutes zu haben,“ verſetzte der Regiſtrator.„Indeß, auch gut Ding will.* überlegt ſein, und ſechzig Thaler alljährlich ſind auch ein ſchönes Geld!“ „O, wenn du nur wollteſt, Carl,“ ſagte die Frau lebhaft,—„ich würde gern ſparen, und gern mir jedes Vergnügen verſagen, um jedes Jahr die nöthige Summe zu erübrigen.“ „Ja, ja, du biſt ein gutes Weib, liebe Anna,“ 3 nickte der Regiſtrator.„Bei alledem kommt es mir vor,— als ob du ein wenig zu ſehr für dieſe Angelegenheit eingenommen wäreſt. Laß mir Zeit, alles in Ruhe zu überlegen. Später will ich dir meinen Entſchluß mit⸗ theilen. Sechzig Thaler jedes Jahr, macht in zehn Jahren ſechshundert, und wenn ich ſie Jahr für Jahr in die Sparkaſſe trage und Zins auf Zins ſtehen laſſe, kommt noch mehr heraus. Und dieſe Summe würde uns unverloren bleiben, während im anderen Falle die ganzen Einzahlungen zum Fenſter hinaus geworfen ſein könnten. Du haſt nur die Eine Seite im Auge, daß ich ſterben könnte. Wie nun, wenn nach zehn oder zwölf Jahren unſeren Eduard ein früher Tod ereilte? Dann wären unſere Erſparniſſe ohne Nutzen verſchwen⸗ det worden. Die Jugend iſt eben ſo wenig unſterblich, wie das Alter.“ „Wohl wahr,« erwiederte Frau Anna,—„indeß, wenn dieſer traurige Fall, was Gott verhüten möge, 2* 5 11 auch wirklich eintreten ſollte, ſo haſt du nur etwas ver⸗ loren, was du nicht gebraucht haſt, und dabei die ganzen Jahre über das beruhigende Bewußtſein gehabt, einer traurigen und elenden Zukunft deines Sohnes vorge⸗ beugt zu haben. Und außerdem, wer bürgt uns dafür, daß der Tod nicht früher, als erſt in zehn oder zwölf Jahren ſeinen ſchrecklichen Einzug in unſer Haus hält. Wenn er nun ſchon im nächſten Jahre zu dir träte, und dein Leben forderte. Was würden dann unſerem Eduard die einmal erſparten und in der Sparkaſſe angelegten ſechzig Thaler helfen? Bei der Lebensver⸗ ſicherungs⸗Geſellſchaft dagegen angelegt, würden ſie ihm zweitauſend Thaler geſichert haben. Und gerade hierin, dünkt mich, liegt der wahre Segen der Lebens⸗ verſicherung. Ob Gott dich erſt in zwanzig Jahren oder ſchon morgen abruft, immer bleibt dir die Gewiß⸗ heit, daß für die Zukunft deines Sohnes geſorgt iſt. Und ferner, geſetzt den Fall, du ſammelſt zwanzig volle Jahre in die Sparkaſſe, haſt du dann mehr erſpart, als dir die Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft ſchon gleich nach dem Abſchluſſe der Verſecherung garantirt? Rechne es ſelber aus, lieber Mann! Alſo hier abſolute Sicher⸗ heit, dort nur eine keineswegs irgend verbürgte Mög⸗ lichkeit. Willſt du auf die Moͤglichkeit größeres Vertrauen ſetzen, als auf eine Gewißheit, die du in Händen haſt?« Regiſtrator Heimberger fühlte ſich ein wenig in die Enge getrieben, denn er konnte den Anſichten ſeiner Frau keinen weſentlichen Einwand entgegenſetzen, und doch ſträubte ſich Etwas in ihm dagegen, alljährlich eine bedeutende Geldſumme wegzugeben, von der er ſelber keinen poſitiven Nutzen ziehen konnte. Während .* 3 —. er noch nach einer Antwort ſuchte, wurde an die Thür geklopft, und erfreut daruͤber, durch eine äußere Stö⸗ rung ſeiner Verlegenheit, für den Augenblick wenigſtens, enthoben zu ſein, ließ Herr Heimberger ein kräftiges „Herein!« ertönen. Die Thuͤr wurde geoffnet, und ein Regierungsbote trat in das Zimmer, der nach höflichem Gruße dem Regiſtrator ein großes, mit dem königlichen Siegel verſchloſſenes Schreiben einhändigte. „Gratulire von ganzem Herzen,“ ſagte er dabei. »„Die Botſchaft wird dem Herrn Rathe willkommen ſein!“ 5 „Was der Tauſend, Müller, Sie machen doch nicht etwa ſchlechten Spaß!“ rief Heimberger aus, in⸗ dem er mit freudezitternder Hand das Siegel löste und das Schreiben entfaltete.„Es iſt wahr, liebe Anna,“ ſetzte er dann nach flüchtigem Ueberblick froh erregt hinzu,—„das königliche Patent, das mich zum Kanzleirathe allergnädigſt ernannt und mir zweihundert Thaler jährliche Gehaltszulage gewährt. Vivat, es lebe der König, unſer allergnädigſter Herr! Und Sie, mein guter Müller, zum Dank für die fröhliche Bot⸗ ſchaft nehmen Sie dies!“ Err drückte dem Regierungsboten ein blankes Thaler⸗ ſtück in die Hand, das dieſer ſchmunzelnd einſteckte, und umarmte dann in ſtürmiſchem Entzücken ſeine Frau, die ſich heiteren Blickes ſeine Liebkoſung ge⸗ fallen ließ. „Siehſt du, Kind,“ ſagte er,„da haſt du dir wie⸗ der einmal recht überflüſſige Sorgen gemacht! Das Vögelchen, das ich habe pfeifen hören, hat den richtigen Ton getroffen!“ „Nun, der Herr Kanzleirath verdienen aber auch ——. 13 mehr, wie viele Andere die Standeserhöhung und Ge⸗ haltszulage,“ nahm der Regierungsbote lächelnd das Wort.„»Sie ſind bei den oberen Behörden ſehr gut angeſchrieben, und man weiß dort ſehr gut den uner⸗ müdlichen Eifer, die Umſicht und die Loyalität zu würdigen, welche der Herr Kanzleirath zu allen Zeiten bewieſen hat. Empfehle mich nun zu geneigtem An⸗ denken und danke ergebenſt für erwieſene Güte!« Mit einem amtsmäßigen Bücklinge entfernte er ſich, und ließ den neugebackenen Rath mit ſeiner Frau und ſeinem Herzensjubel allein. Heimberger gieng in leb⸗ hafter Bewegung mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, und ſchwelgte in dem Glüͤcke, das ihm ſchnel⸗ ler, als er gehofft und erwartet, zu Theil geworden war. »Nun, beſter Mann,“ unterbrach nach einer Weile Frau Anna die Stille,„danken wir Gott, daß Er es ſo gut mit uns und unſerem Knaben gemacht hat. Zweihundert Thaler jährliche Gehaltszulage! Da wird es dir nun ein Leichtes werden, ſechszig Thaler für deinen Sohn zurückzulegen!“ Der neue Rath blickte ſeine Gattin mit großen Augen an, und mußte ſich erſt darauf beſinnen, was ſie eigentlich meinte. In der Freude über ſeine Stan⸗ deserhöhung hatte er das vorhin geführte Geſpräch faſt ganz vergeſſen. »Ach ja, ja,“ ſagte er zerſtreut,—„doch davon ein anderes Mal! Es preſſirt ja nicht, liebe Anna! Für den Augenblick habe ich an mehr zu denken, als an die Geſchichte da. Alſo ſpäter, ſpäter! Vorläufig gratulire ich zur Frau Räthin! Wie, das klingt doch beſſer, als das gewöhnliche:„Frau Regiſtratorle * 8 14 „Wenn mir nur deine Achtung und Liebe bleibt, guter Mann, ſo bin ich ſchon im Herzen zufrieden,“ verſetzte die verſtändige Frau.„Uebrigens freut es mich natürlich von ganzer Seele, daß deine Verdienſte ſo ehrenvoll von Oben her anerkannt ſind, und ich wünſche dir alles nur mögliche und denkbare Glüͤck dazu!“ „Danke, danke, Frauchen,“ erwiederte der Rath, und wendete ſich der Thüre zu, durch welche eben jetzt ein hübſcher, kräftiger Knabe von elf oder zwölf Jahren hereinſtürmte, mit Ungeſtüm auf den Rath zueilte und ihn mit beiden Armen umſchlang. 8 „Gratulire, Väterchen!“ rief er laut, während ſeine Augen vor Freude blitzten und ſeine Wangen höher als gewöhnlich glühten.„Der Regierungsbote hat mir ſchon Alles geſagt! Ich traf ihn unten, als ich von dem Trauerzuge des Kaufmann Schulze zurückkehrte, den ich ein Stückchen weit begleitet hatte. Alſo Kanz⸗ leirath biſt du geworden! Na, das iſt ſchön, und es freut mich um ſo mehr, weil nun Meyerheim's Ludwig nicht mehr mit Verachtung auf mich herabſehen, und mich einen armſeligen Regiſtrators⸗Jungen ſchelten kann. Ein königlicher Kanzleirath iſt doch gewiß eben ſo viel werth, als ein Banquier, wenn dieſer auch Gold und Silber in Haufen hat.“. „Thorheit, lieber Eduard!« verſetzte Herr Heimber⸗ ger lächelnd.„Ein Menſch iſt ſo viel werth, wie der Andere, wenn er nur, Jeder auf ſeiner Stelle, ſeine Schuldigkeit thut. Uebrigens danke ich für deine Gra⸗ tulation.“ Mit liebevollem Blicke ſtreichelte er dem blühenden Knaben Haar und Wangen, und küßte ihn väterlich auf die Stirn. Darauf machte ſich Eduard von ihm los, indem er ſagte: „Nun iſt's aber die höchſte Zeit, daß ich in die Schule gehe! Das Begräbniß hat mich ſchon abge⸗ halten, und nun auch noch die Freude über Vaters Beförderung! Die Jungen in der Schule werden ein⸗ mal Augen machen, wenn ich ihnen erzähle, daß mein Vater Regiſtrator heute Rath geworden iſt! Und Meyerheim's Ludwig wird ſich ärgern! Aber das ge⸗ ſchieht dem hochmüthigen Burſchen ſchon recht, denn er ſieht alle uns andere Jungen nur ſo über die Achſel an, als ob er Wunder was wäre, blos, weil ſein Vater Geld hat!“ „Hoffentlich wirſt du nicht allzu ſtolz werden, weil jetzt dein Vater Rath geworden iſt,“ ſagte Herr Heim⸗ berger lächelnd. 4 „Gott behüte!« erwiederte Eduard.„»Frage nur Wilhelm, den Sohn von unſerem Amtsboten! Wir ſind von jeher gute Freunde geweſen, und werden's auch jetzt bleiben, nach wie vor. Nein, ich haſſe den Stolz, Vater, der ſich nicht auf wirklich gute, gediegene Eigenſchaften ſtützt. Und ſo venkt Wilhelm auch! Wir ſetzen unſeren Stolz darein, daß wir Beiden die fleißig⸗ * ſten Buben in unſerer Claſſe ſind, aber deßwegen ver⸗ achten wir Niemanden, wenn er nur ſeine Schuldigkeit thut. Aber, da ſchlägt's ſchon dreiviertel,— jetzt iſt es die höchſte Zeit, daß ich gehe! Adieu, Vater! Adieu, Mütterchen!“ Und fort war er, wie der Wind, zur Stube hinaus. „Ein prächtiger Burſch!« ſagte der Vater, mit ſtil⸗ lem Vergnügen ihm nachſchauend. „Gewiß, ein herzensgutes, vortreffliches Kind,“ fügte die Mutter hinzu.„Laß uns doch ja gemeinſam dahin wirken, lieber Mann, daß ſeine Zukunft einmal eine wolkenloſe, eine ſorgenfreie werde!“ »Gewiß wollen wir nach dieſem Ziele hinwirken,« verſetzte der Rath.„Aber überlaß es nur ganz ruhig mir, die dazu geeigneten Mittel und Wege zu finden. Es will Alles reiflich und ſorgfältig überlegt ſein, liebe Frau. Für jetzt aber muß auch ich dich verlaſſen, um auf's Bureau zu gehen, und nachher einige noth⸗ wendige Beſuche bei meinen Vorgeſetzten und Gönnern zu machen, deren Wohlwollen wir einen guten Theil der Freude vom heutigen Morgen verdanken!“ Der neue Herr Rath warf ſich in ſeine feinſten Kleider, nahm mit einem herzlichen Kuſſe Abſchied von ſeiner Frau, und eilte fort, um ſeinen Geſchäften nach⸗ zugehen. Die Frau blickte ihm ſinnend nach. »Er iſt gut, herzensgut,“ murmelte ſie vor ſich hin, „aber dennoch fürchte ich, es wird noch Mühe koſten, ihn dahin zu bringen. Indeß, ich will nicht ruhen und raſten, bis ich mein Ziel erreicht habe. Es gilt das Wohl und die Zukunft unſeres Kindes,— da ſoll und darf man keine Opfer ſcheuen!“ Zweites Kapitel. Der Agent. Es vergiengen Tage, Wochen, Monate, und die Frau Räthin war ihrem Ziele noch immer keinen 17 Schritt näher gekommen, ſo vielfältig ſie auch Gelegen⸗ heit ſuchte, ihrem Manne das Gedächtniß aufzufriſchen, und ihn an den wichtigen Gegenſtand des Geſpräches zu erinnern, das ſie Beide an jenem Sommermorgen beim Frühſtücken geführt hatten. Der Herr Rath wußte ſich immer unter allerhand Vorwänden einem näheren Eingehen in die Angelegenheit zu entziehen, die ſeiner Frau doch ſo ſehr am Herzen lag. Bald ſchützte er Geſchäfte vor, bald verſprach er, alles Mögliche zu thun, wenn man ihm nur Zeit laſſe, bald fehlte es ihm für den Augenblick an Gelde. Der letzte Grund der Zögerung mochte wohl der triftigſte ſein, denn in der That bemerkte die Frau Räthin mit heimlicher Beſorgniß, daß, trotz der mit der Rangerhöhung vermehrten Einnahmen, die Wirthſchafts⸗ kaſſe ſich nicht beſſer füllen wollte, als früher,— ja, daß ſogar öfter eine wirkliche Geldklemme eintrat, wie ſie vormals, bei dem geringeren Gehalte, nie vorge⸗ kommen war. Sie nahm eine Gelegenheit wahr, ihrem Manne ſanfte Vorſtellungen über dieſen bedenklichen Umſtand zu machen, und der Herr Rath hörte ſie ge⸗ duldig, nur manchmal mit den Achſeln zuckend, an. „Was willſt du, liebes Kind?“ gab er zur Ant⸗ wort.„Meine jetzige Stellung in der Welt, als Kanzleirath, zwingt mich, größere Ausgaben zu machen, wenigſtens zum Anfang, als ich ſie früher zu machen brauchte. Ein ſimpler Regiſtrator wird weiter nicht beachtet, und kann ſo eingezogen leben, wie er Luſt hat. Niemand kümmert ſich um ihn. Aber ein Karzleirath! Das iſt ein ganz anderes Ding. Man darf ſich nicht von Allem und Allem zurückziehen, um nicht in den Augen der Menſchen lächerlich zu werden. Man muß Lebensverſicherung⸗ 2 18 dann und wann ein feines Frühſtück, ein Abendeſſen im vertrauten Kreiſe der Collegen mitmachen. Da werden theure Weine getrunken, koſtbare Delicateſſen aufgetiſcht, und das verſchlingt eine Maſſe Geld. Ich möchte mich gern ausſchließen, aber es geht nicht. „Rath So und So und So nimmt Theil,“ heißt es, wenn ich mich weigere,—„da können Sie doch un⸗ möglich zurückſtehen!“ und kurz und gut, man muß nachgeben und mitmachen, wenn man nicht ganz und gar über die Achſel angeſehen werden will.« „Da möcht' ich wahrlich beinahe wünſchen, wir wären noch Regiſtrator's, und das Vögelchen, von dem du ſagteſt, hätte noch nicht gepfiffen,“ verſetzte die Frau Räthin mit einem Seufzer aus ſchwerem Her⸗ zen.„Was ſoll daraus am Ende noch we lieber Mann? Anſtatt zu ſparen und für unſeren Eduard zurückzulegen, müſſen wir auf dieſem Wege nach und nach in Schulden gerathen, und das iſt doch, wie du nicht läugnen kannſt, eine ſehr traurig ſicht. Wer einmal in Schulden ſteckt, kommt ſo l icht wieder heraus, denn Schulden ſind ſehr leicht und geſchwind gemacht, werden aber gewöhnlich n nit ſchweren Opfern und ſehr langſam getilgt.« »Nun, nun, Weibchen, ſo ſchlimm iſt es nicht, du übertreibſt,“ beſchwichtigte der Herr Rath.„Bis dahin werde ich es gewiß nicht kommen laſſen. Gedulde dich nur noch ein paar Wochen. Es iſt nur ganz im An⸗ fange ſo ſchlimm; nach und nach werde ich mich immer mehr zurückziehen, und dann fangen wir wieder unſer ſtilles, häusliches und ſparſames Leben an, wie vorher. Verlaß dich darauf! Auch an Eduard denken wir dann, und wollen in Betreff ſeiner Zukunft Alles ſo regeln 19 und ordnen, daß du dir keine Sorgen mehr über ihn zu machen brauchſt!« Was konnte die arme Frau Räthin weiter thun? Sie mußte ſchweigen und geduldig abwarten, daß der Herr Gemahl von ſelber wieder in ſeine ſtille Häuslich⸗ keit zurückkehrte. Leider aber ſchien es nicht, als ob dieſer große Neigung hiezu verſpürte. Im Gegentheil, das Frühſtücken und Soupiren mehrte ſich, und die Haushaltskaſſe leerte ſich, mehr und mehr. Es half nichts, die Frau Räthin mußte ſich wieder einmal ein Herz faſſen und ihrem Herrn Gemahl mit verſtändigen Worten in's Gewiſſen reden. Die Veranlaſſung dazu lag nahe genug; denn in der Wirthſchaftskaſſe befanden ſich eines Tages nur noch wenige Thaler, und der Termin der nächſten Gehaltsauszahlung war noch meh⸗ rere Wochen entfernt. Auch die Gelegenheit bot ſich; der Herr Rath führte ſie ſelber herbei. „Gieb mir doch ein paar Thaler, Frauchen,“ ſagte er nach dem Mittagseſſen grade deſſelben Tages, wo die Frau Räthin die Kaſſe nachgezählt, und ſie ſo be⸗ denklich mager gefunden hatte.„Es kommen heute Abend ein paar Bekannte bei'm Italiener Taglioni zuſammen, und man hat mir keine Ruhe gelaſſen, bis ich verſprochen habe, an der kleinen Parthie Theil zu nehmen.“ Die Frau Räthin gieng an den Schrank, nahm die kleine Truhe, in welcher ſie ihr Geld aufzubewahren pflegte, und ſchüttete den Inhalt derſelben auf das Tiſchtuch aus. »Hier ſind die paar Thaler, lieber Mann,“ ſagte ſie ruhig.„Nun wirſt du aber ſo gut ſein, mir An⸗ weiſung zu geben, wie ich die nächſten Wochen wirth⸗ 2 ſchaften ſoll, bis wir wieder Zuſchuß bekommen; denn das da iſt unſer letztes Geld. „Der Herr Rath ſchreckte zuſammen und machte ein beſtürztes, ellenlanges Geſicht. „»Unmöglich!“ rief er aus. „Leider nur zu wahr,“ verſetzte ſie.„Hier iſt mein Wirthſchaftsbuch, in dem jede einzelne Ausgabe ver⸗ zeichnet ſteht. Sieh' es durch, und du wirſt dich über⸗ zeugen, daß Alles mit rechten Dingen zugegangen it 4 Der Herr Rath ſchob das Wirthſchaftsbuch un⸗ willig auf die Seite, ſprang vom Stuhle auf, ſchritt ein paar Male geſenkten Kopfes im Zimmer hin und her, und ſtellte ſich endlich an das Fenſter, durch das er mit düſteren Blicken auf die Straße hinunter ſchaute. „ Das iſt ja eine höchſt unangenehme Ueberraſchung, die du mir da bereitet haſt, Frau,« grollte er.„Zum Henker auch, warum haſt du mir nicht früher geſagt, wie es mit uns ſteht? Nun ſitzen wir in der Patſche drin, und ich weiß mir weder Rath noch Hülfe!« »„Erinnere dich nur, lieber Mann, wie ſehr oft ich dich ſchon darauf aufmerkſam gemacht habe, daß deine Ausgaben mit unſeren Einnahmen in keinem Verhält⸗ niſſe ſtehen,“ entgegnete die Frau Räthin gelaſſen. »Meine Schuld iſt es nicht, wenn du alle meine Be⸗ merkungen in den Wind ſchlägſt.“ „Die Geſchichte iſt mir aber doch höchſt ärgerlich,« brummte er vor ſich hin.„Verſprochen hab' ich nun einmal, zu kommen, und da muß mir nun grade Dieſes paſſiren. Hoͤchſt ärgerlich und verdrießlich iſt Unwillig trommelte er mit den Fingern gegen die Fenſterſcheiben, daß ſie klirrten. Plötzlich aber heiterte ſich ſeine finſtere Miene auf, die Runzeln verſchwanden von ſeiner Stirn, und ein Blitz der Freude ſtrahlte aus ſeinem Auge. „Da kommt unſer alter Freund, der Agent Kluge, grade die Straße herauf!« rief er aus.„Das iſt, wie gerufen! Es koſtet mich nur ein Wort an ihn, und wir ſind augenblicklich der kleinen Verlegenheit über⸗ hoben.“ Er öffnete ſchnell ein Fenſter und winkte. „Er kommt,“ ſagte er dann, indem er das Fenſter wieder zuwarf, und ſich wieder an ſeine Frau wendete. „Und du willſt von ihm borgen?“ fragte dieſe. „Nun ja,“ antwortete er, ein wenig verlegen.„Nur zwanzig Thaler auf kurze Zeit. Du weißt ja, in drei Wochen iſt mein Gehalt wieder fällig, und dann zahl' ich mit Dank das kleine Darlehn zurück. Du ſiehſt doch ſelbſt, daß wir uns für den Augenblick nicht an⸗ ders helfen können.“ Jetzt war es an der Frau Räthin, die Achſeln zu zucken, aber ſie unterdrückte jede Bemerkung, weil die Schritte des herzu gerufenen Agenten bereits auf dem Vorſaale vernehmbar wurden. Unmittelbar trat Herr Kluge ſelbſt in das Zimmer, und grüßte in vertrauter, freundſchaftlicher Weiſe. Herr Kluge war ein kleines, bewegliches Männchen mit einem geſcheuten Geſicht und lebhaften Augen, aus denen Herzensgüte, mit Klugheit gepaart, deutlich her⸗ vorleuchtete. Er galt für einen wohlhabenden Mann, hatte ein offenes, blühendes Geſchäft in einer der ſchön⸗ ſten Lagen der Stadt, und beſorgte nebenbei noch Agen⸗ zurgeſchäfte für verſchiedene gemeinnützige Anſtalten und ——y———— 22 Geſellſchaften, weshalb man ihn gewöhnlich nur„Herr Agent“ zu nennen pflegte. „Gehorſamſter Diener, Frau Räthin, ſchönſten gu⸗ ten Tag, lieber Herr Rath,“ ſagte er bei'm Eintreten, indem er dazu die zierlichſten Verbeugungen machte, wie es kein Tanzmeiſter beſſer gekonnt hätte.„Sie haben mich gerufen; kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Dienſten ſtehen?“ »Nun ja, lieber Herr Agent,“ verſetzte der Rath mit einiger Verlegenheit.„Aber nehmen Sie doch erſt Platz und legen Sie ab,— Sie tragen ja da ein großes Packet Schriften unter dem Arme— ſo— hierher da⸗ mit,— und nun,— ſetzen Sie ſich.“ Herr Kluge ließ ſich die kleinen Dienſtleiſtungen und Zuvorkommenheiten Heimberger's nur widerſtrebend gefallen, und nahm endlich auf einem Stuhle in der Nähe der Frau Räthin Platz. „Jetzt aber geſchwind, liebſter Herr Rath,— wo⸗ mit kann ich dienen?« fragte er. „Nun,“— verſetzte Heimberger,„ich befinde mich in einer, freilich nur augenblicklichen und vorübergehen⸗ den Geldverlegenheit, und da möchte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht die Güte haben würden, mir darüber hin⸗ weg zu helfen?« »Ei, mit dem allergrößten Vergnügen,“ erwiederte Kluge mit dem freundlichſten Geſichte von der Welt. „»Brauchen Sie hundert, zweihundert, dreihundert Thä⸗ lerchen? Sie ſtehen Ihnen jeden Augenblick zu Ge⸗ bote.“ »Nein, nein, Gott behüte und bewahre!« rief der Rath, und winkte abwehrend mit beiden Händen.„Nur ein zwanzig bis dreißig Thaler auf ein paar Wochen. 23 Sie wiſſen, am Erſten nächſten Monats wird mein Ge⸗ halt wieder fluͤſſig, und dann werde ich Ihnen Kapital und Zins mit größtem Danke zurückzahlen.“ 1 „Was ſprachen Sie da von Zins, beſter Herr Rath!« erwiederte der Agent eifrig, indem er eine große Brieftaſche aus ſeiner Bruſttaſche nahm, ſie öffnete, und fünf Zehnthaler⸗Scheine auf den Tiſch zählte.„Das wäre ja wohl noch beſſer, wenn ich für ſolchen kleinen Freundſchaftsdienſt mich noch bezahlen laſſen wollte. Nichts davon, beſter Herr Rath, und das kleine Kapi⸗ tal zahlen Sie mir zurück, wenn's Ihnen paßt— ganz nach Ihrem Gefallen!“ „Sie ſind wirklich ſehr gütig, alter Freund, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen,“ ſagte der Rath, und ſchüttelte mit Wärme die Hände des kleinen, dienſtferti⸗ gen Freundes.„Aber verlaſſen Sie ſich darauf, näch⸗ ſtens komme ich zu Ihnen, um Ihnen das Geld und meinen wiederholten Dank zu bringen.“« „Stille, ſtille davon, liebſter Herr Rath!“ ſagte der Agent abwehrend.„Ich bin ſehr glücklich darüber, daß ich Ihnen in einer ſolchen Kleinigkeit habe gefällig ſein können. Und nun will ich mich Ihnen und der Frau Räthin empfehlen, ich habe noch einige Geſchäftsgänge zu machen.« „Warum aber ſo eilig? Und was haben Sie nur in dem großen Packete da?“ fragte der Rath. „Allerlei, Allerlei,“ verſetzte Herr Kluge.„Sie wiſſen ja, ich bin am hieſigen Platze Agent fuͤr mehrere Geſellſchaften, und da habe ich zu den andern neuer⸗ dings auch noch die Agentur für die Lebens⸗Verſiche⸗ rungs⸗Geſellſchaft Iduna in Halle übernommen. In dem Packete da befinden ſich ein paar Dutzend Proſpecte 2 24 derſelben, die ich noch einigen Bekannten und Geſchäfts⸗ freunden einhändigen möchte.. Die Frau Räthin horchte hoch auf, und auch der Herr Rath ſtutzte ein wenig. »Hören Sie, beſter Herr Kluge,“ ſagte Erſtere leb⸗ haft,„würden Sie nicht ſo freundlich ſein, mir ein Erxemplar der Proſpecte dazulaſſen? Ich intereſſire mich ſehr lebhaft grade für dieſen Zweig des Verſicherungs⸗ weſens, den ich fuͤr im höchſten Grade ſegenbringend mir denken muß.“ »Ei, mit dem groͤßeſten Vergnügen, Frau Räthin,“ verſetzte der Agent, indem er ſchnell das Packet öffnete, und ihr ein Exemplar der Proſpecte überreichte.„Neh⸗ men Sie und behalten Sie es. Es freut mich ſehr, daß Sie eine ſo günſtige Meinung für die Lebens⸗Ver⸗ ſicherungs⸗Geſellſchaften haben, und ich möchte nur wün⸗ ſchen, daß dieſe Meinung in den allerweiteſten Kreiſen verbreitet würde. Glauben Sie mir, ich ſpreche nicht ſo etwa aus Eigennutz! Gott möge mich behüten und bewahren. Bei meinen vielen und mannichfachen Ge⸗ ſchäften hätte ich nimmermehr noch eine neue Laſt auf mich genommen, ſelbſt wenn ſie vom größeſten Vortheile für mich geweſen wäre. Aber hier ſteht die Sache an⸗ ders. Hier handelt es ſich darum, ein wahrhaft gutes und ſegensreiches Unternehmen zu fördern und zu unter⸗ ſtützen, und der Menſchheit, namentlich in unſeren näch⸗ ſten Kreiſen, gute Dienſte zu leiſten, und da hätte ich es für eine wahre Sünde gehalten, die Agentur, als ſie mir angetragen wurde, zurückzuweiſen. Nein, nein, dieſem Geſchäfte will ich mich mit Freuden und mit allem Eifer noch unterziehen, denn ich habe mich durch mündliche Unterredungen und aus einigen gedruckten Aktenſtücken der Geſellſchaft überzeugt, daß die Lebens⸗ Verſicherung eine der herrlichſten Wohlthaten iſt, die der Menſchheit geboten werden kann. Wollte nur Gott, daß es die Menſchheit auch recht einſähe. Ja, ja, be⸗ ſter Herr Rath, glauben Sie mir! Sie kennen mich ja ſchon lange, Sie wiſſen, daß ich kein gewinnſüchtiger Mann bin, und daß ich mein leidliches Auskommen habe, alſo neue Geſchäfte nicht zu übernehmen brauchte, um vielleicht ein paar Groſchen und Thaler mehr zu verdienen. Aber dieſe Agentur hätte ich nimmer ab⸗ lehnen und zurückweiſen können, und wenn ſie mir per⸗ ſönlich auch keinen Pfennig Nutzen in Ausſicht geſtellt hätte, denn es iſt eine ſo gar vortreffliche Sache, dieſe Lebens⸗Verſicherungsanſtalt. Wo ſie benutzt wird, bringt ſie Segen in's Haus und in die Familie,— wo man ſte verſchmähet, verſcherzt, verachtet, da iſt ſchon häufig Kummer, Gram, Sorge, ja Verzweiflung die Folge ge⸗ weſen. Dürfte ich Ihnen nur ein paar Fälle erzählen, die auf lauterſte Wahrheit begründet, und wirklich vor⸗ gekommen ſind,— Sie würden mir beiſtimmen und Recht geben!« „Aber ſo erzählen Sie, erzählen Sie doch, lieber Herr Agent,« ſagte die Frau Räthin haſtig, und hielt mit ſanfter Hand den kleinen, beweglichen Mann auf dem Stuhle zurück, den er zu verlaſſen Miene machte. „Sie glauben gar nicht, wie ſehr mich Alles intereſſirt, was mit der Lebens⸗Verſicherung im Zuſammenhange ſteht, und wie lebhaft ich wünſche, das Weſen und die Bedeutſamkeit derſelben immer richtiger, tiefer und gründ⸗ licher kennen zu lernen. Alſo bitte, erzählen Sie,— und du wirſt gewiß auch gern zuhören, lieber Mann!« Rath Heimberger lächelte ein wenig zweideutig, 26 gab aber doch durch eine artige Verbeugung ſeine Be⸗ reitwilligkeit zu erkennen. »Nun, ich will mich möglichſt kurz zu faſſen ſuchen,“ ſagte Herr Kluge beſcheiden, obgleich man ihm die Freude anſehen konnte, daß es ihm vergönnt war, ſich ein wenig über ſein Lieblingsthema zu verbreiten.„Um nur einen Fall anzuführen, der erſt kürzlich bei dem Geſchäfts⸗Betriebe der Geſellſchaft„Iduna“ vorgekom⸗ men iſt! Hören Sie zu. Im September 1855 ver⸗ ſicherte ſich ein Färbermeiſter,— der Name thut nichts zur Sache, und aus Rückſicht auf die Familie, geſtatten Sie mir wohl, ihn zu verſchweigen,— bei der„Iduna« mit zwölfhundert Thalern, zahlbar nach dem Tode deſ⸗ ſelben an ſeine Hinterbliebenen. Der Mann war noch nicht volle vierunddreißig Jahre alt, und die ärztlichen Zeugniſſe ſprachen ſich über ſeinen Geſundheitszuſtand auf das Günſtigſte aus, indem ſie ihn für einen ſtarken, geſunden und kräftigen Mann erklärten, der weder an einer Krankheit leide, noch irgend welche Anlage dazu habe. Die äußerlichen Verhältniſſe des Mannes waren ziemlich angenehm. Er ernährte durch die Ausübung ſeines Geſchäftes ganz anſtändig ſeine Frau und vier Kinder, und konnte dabei auch noch ohne beſondere An⸗ ſtrengung die jährlichen Beiträge für ſeine Verſicherung einbringen. Sonſt aber beſaß er kein Privatvermögen, und hatte eben deshalb, damit Weib und Kinder nach ſeinem Tode nicht in Noth gerathen ſollten, die Lebens⸗ Verſicherung abgeſchloſſen. „»Hören Sie weiter. Meiſter S..., nennen wir ihn meinerwegen Schmidt, hatte eine wohlhabende Tante, die fünf Stunden von ſeinem Wohnorte entfernt in einer Landſtadt lebte, und die er eines Tages nach ihrem 27 Tode zu beerben mit zweifelloſer Gewißheit hoffte und erwartete, auch wohl hoffen und erwarten konnte, da er der nächſte Anverwandte der alten Dame war. Siehe, da kommt ihm im November vorvorigen Jahres ein Schreiben vom Gerichte der benachbarten Stadt zu, worin ihm der Tod ſeiner Tante angezeigt und er zu⸗ gleich vorgeladen wird, ſich am 30ſten deſſelben Monates vor dem beſagten Gerichte zu ſtellen, und der Eröffnung des von der Tante hinterlaſſenen Teſtamentes beizuwoh⸗ nen. Meiſter Schmidt bezweifelte keinen Augenblick, daß er die anſehnliche Hinterlaſſenſchaft der Tante werde in Empfang nehmen können, und begieng in dieſer Vor⸗ ausſetzung eine Thorheit, die erſt ſpäter offenbar werden ſollte. An dem beſtimmten Tage machte er ſich nach der benachbarten Stadt auf, und legte die fünf Stunden Entfernung dahin zu Fuße zuruͤck. Auch den Heimweg machte er zu Fuße, aber nicht mehr mit frohen und ſicheren Hoffnungen, ſondern mit dem Gefühle der bit⸗ terſten Täuſchung. Aus der Erbſchaft der Tante war nichts geworden. Die alte Dame hatte, wenn ich nicht irre, ihr Vermögen an fromme Stiftungen vermacht, und, kurz und gut, unſer Färbermeiſter war leer aus⸗ gegangen. War es nun eine Folge der ſchweren Täu⸗ ſchung, oder die Folge einer Erkältung, oder ſonſt eine Urſache,— kurz, nach der Heimkehr beklagte ſich der Mann über Froſt, gab aber einen zurückgeſchlagenen Schnupfen als den Grund ſeines Uebelbeſindens an. Am anderen Tage wechſelte Froſt mit Fieberhitze ab, und ſchon am zweiten December hatte das Uebel ſo über⸗ hand genommen, daß er nothgedrungen nach einem Arzte ſchicken mußte. Dieſer kam, und befürchtete ſofort den Ausbruch eines Nervenſiebers. Alle Hülfsmittel der —IIIͤſſſn— 28 Medizin wurden aufgeboten und in Anwendung gebracht, um die Krankheit zu verhüten oder zu brechen, aber der Zuſtand des Kranken verſchlimmerte ſich trotzdem immer mehr. Der Mann phantaſirte heftig, und kam zuletzt gar nicht aus ſeinem Fieber⸗Wahnſinn heraus. Wirre Reden wechſelten ab mit Flehen und Jammern um ſeine Lebens⸗Verſicherung. Seine Frau konnte gerade dieſen Umſtand gar nicht begreifen, denn ſie meinte ganz rich⸗ tig, daß eben die Lebens⸗Verſicherung zur Beruhigung des Kranken hätte dienen müſſen. Indeß, da ſie nicht entfernt die Wahrheit ahnen konnte, ſo ſchrieb ſte das Jammern und Lamentiren ihres Mannes dem Fieber⸗ Wahnſinn zu, und forſchte nicht weiter darüber nach. Endlich erlag der Kranke den Einwirkungen ſeiner Krankheit und ſtarb am dreizehnten December. Nun ſollte auch offenbar werden, weshalb ihn in ſeinen letzten Lebenstagen die Verſicherung ſo entſetzlich gepeinigt hatte. Denken Sie ſich, der unglückliche Mann hatte, weil er ganz beſtimmt die Erbſchaft der Tante zu erheben ge⸗ hofft, ſeine Lebensverſicherungs⸗Police für wenige Tha⸗ ler verkauft, und in Folge deſſen ſein Weib und ſeine Kinder der bitterſten Sorge und Noth anheim gegeben. Die Verſicherungs⸗Summe wurde natürlich von der Ge⸗ ſellſchaft ausgezahlt, aber leider kam ſie nicht denen zu gut, deren Noth ſie eigentlich mildern ſollte. Der Se⸗ gen der Lebens⸗Verſicherung war in dieſem Falle gradezu verſcherzt und verſchleudert worden, und die zu ſpäte Reue des fieberkranken Familienvaters konnte das Geſchehene, zum Unglück für die Seinigen, nicht mehr ungeſchehen machen.“ „Das iſt ja ein trauriger, ſehr trauriger Fall,“ ſagte die Frau Räthin, als der Agent ſchwieg. Unbegreifliche 29 Verblendung des armen Mannes! Man ſollte es kaum glauben, daß dergleichen vorkommen könnte.« „Der Mann hat allerdings unbeſonnen und thöricht gehandelt,“ ſprach der Rath.„Da wäre er noch ge⸗ ſcheuter geweſen, wenn er ſein Leben gar nicht verſichert hätte.« „Nun,“ erwiederte der Agent bedeutſam,„ſo Man⸗ cher thut dies nicht, und hat es ſpäter auf das Bitterſte zu beklagen. Es iſt wirklich manchmal ſo, als ob die Menſchen mit Blindheit geſchlagen wären. Da fällt mir eben noch ein äußerſt merkwürdiger Fall ein, der gerade hierher gehört. Ein Kaufmann— wir wollen ihn Becker nennen, in Chemnitz, beantragte zu Anfang Juni 1855 eine Verſicherung über fünfzehnhundert Thaler, zahlbar für den Fall, daß er innerhalb der näch⸗ ſten Jahre mit Tode abgehen ſollte. Da das ärztliche Zeugniß des Gerichtsarztes B. ſehr günſtig lautete, ſo wurde die betreffende Police unter'm 14ten Juni aus⸗ gefertigt, und dem Agenten in Chemnitz zugeſchickt. Nach einigen Tagen kam die Police an die Direction zurü mit einem Schreiben des Agenten, worin dieſer Mel⸗ dung machte, daß er mit der Police zum Kaufmann Becker gegangen ſei, um ihm dieſelbe einzuhändigen und den Betrag dafür in Empfang zu nehmen. Daß er den Herrn aber nicht zu Hauſe getroffen, ſondern gehört habe, daß er in ſeine gewöhnliche Abendgeſellſchaft ge⸗ gangen ſei. Der Agent, meldet das Schreiben, begiebt ſich ebenfalls dahin, um dem Kaufmann Becker wenig⸗ ſtens Mittheilung zu machen, daß die Police eingegan⸗ gen ſei. Dieſe Mittheilung giebt zu einem Geſpräche zwiſchen den gerade Anweſenden über Lebensverſicherung Veranlaſſung, und es wird von einer Seite die Anſicht 30 aufgeſtellt, daß die Lebensverſicherung für einen Kauf⸗ mann nicht vortheilhaft ſei, weil dieſer ſeine Gelder im Geſchäft viel beſſer nutzen könne. »Nun hören Sie weiter. Am anderen Morgen kommt Becker zu dem Agenten, und theilt ihm mit, daß er ſich die Sache überlegt habe, und zu dem Entſchluſſe gekommen ſei, die Police nicht einzulöſen, ſondern nur die entſtandenen Koſten zu bezahlen. Nachdem dies ge⸗ ſchehen, ſchickt der Agent die Police an die Geſellſchaft zurück, und damit war vorläufig die Geſchichte abgethan. Aber noch ſind wir nicht damit zu Ende. Hören Sie nur.. »Am fuünfzehnten Juli befindet ſich der Kaufmann Becker ein wenig unpäßlich, und empfindet mit einem Male lebhafte Reue über die Zurückweiſung der Lebens⸗ verſicherungs⸗Police. Er geht ſofort zu dem Agenten, und bittet denſelben, ſeiner Direction zu ſchreiben, daß er ſich entſchloſſen habe, ſeine Verſicherung wieder auf⸗ zunehmen. Die Direction willigte darein, doch natür⸗ lich mit der ſich von ſelbſt verſtehenden Bedingung, daß Becker ein neues ärztliches Zeugniß beibringe, worin atteſtirt wäre, daß ſich in ſeinem Geſundheitszuſtande ſeit der letzten ärztlichen Unterſuchung nichts geändert habe. Da dieſes Zeugniß ungebührlich lange auf ſich warten läßt, ſo hält die Direction beim Gerichtsarzt B. directe Anfrage. Auch hierauf bleibt die Antwort meh⸗ rere Tage aus; endlich kommt ſie und lautet: ‚Der Kaufmann Beiker iſt inzwiſchen geſtorben.⸗ So hatte dieſer dadurch, daß er ſich vom Vorurtheil. eines Andern hatte bethören laſſen, ſeiner Familie die nach ſeinen Verhältniſſen bedeutende Verſicherungsſumme von fünfzehnhundert Thalern verſcherzt. Was ſagen Sie dazu?« „Ich ſage, daß der Herr Becker ſich zu ſeinem eige⸗ nen und ſeiner Familie Schaden ſehr wankelmüthig und charakterlos gezeigt hat,« verſetzte die Frau Räthin, nicht ohne eine gewiſſe Aufregung, deren Spuren ſie nur mit Mühe zu unterdrücken vermochte.„Haſt du gehört, lieber Mann?« 3 „Freilich habe ich,“ erwiederte dieſer ſehr ernſt und faſt beſtürzt.„Selbſt ein blödes Auge muß bei ſolchen Fällen ein eigenthümliches Walten der Nemeſis erken⸗ nen. Ich danke Ihnen, beſter Kluge, für Ihre Mit⸗ theilungen, die ich mir wirklich zu Herzen genommen habe, und an die ich mich zu geeigneter Zeit wieder er⸗ innern werde. Betrachten Sie mich einſtweilen nur als Kandidaten für Ihre Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft. Sobald das Geldſchiff,— ich meine damit meinen Vierteljahrs⸗Gehalt,— einläuft, reden wir weiter von der Sache.“ „Das ſoll mich freuen, Herr Rath,“ erwiederte der Agent,—„und ich ſtehe Ihnen dafür, daß Sie es nie bereuen werden, die Zukunft Ihrer Familie, ſoweit es menſchlicher Vorſicht möglich iſt, ſicher geſtellt zu haben. Sie wiſſen, ich ſpreche nicht aus Eigennutz ſo!“ „Ich weiß, ich weiß, lieber Kluge,“ ſagte der Rath, und drückte freundſchaftlich die Hand des Agenten, wäh⸗ rend das Auge der Frau Räthin, von Glück und Freude ſtrahlend, ihm dankend zunickte. Sie ſegnete den Zu⸗ fall, der den wackeren Mann in ihre Wohnung geführt hatte, denn durch ſeinen Beſuch ſchien ſte endlich die nahe Erfüllung ihres ſehnlichſten Wunſches erreicht zu haben. Als Herr Kluge ſich entfernt hatte, fiel ſie 32 ihrem Manne um den Hals, und dankte ihm mit Freu⸗ denthränen. »Ja, ja,« ſagte der Rath, indem er ſeiner Gattin freundlich die Wange ſtreichelte,—„der gute Kluge hat mir wahrhaftig mit ſeinen Erzählungen warm gemacht und mir das Gewiſſen gerührt. Wir wollen geſcheuter handeln, als jener Herr Becker, und nicht ſo, wie Er, den Segen der Zukunft verſcherzen. Sobald wir die Mittel dazu haben, werde ich mein Leben verſichern!« Drittes Kapitel. Bewahrt und verſcherzt. Diesmal meinte es Rath Heimberger ernſtlich. Er hatte ſehr genau den Proſpect der Verſicherungs⸗Geſell⸗ ſchaft ſtudirt, und von den verſchiedenen Verſicherungs⸗ Arten, welche die Geſellſchaft geſtattete, diejenige ausge⸗ wählt, welche ihm für ſeine Verhältniſſe am paſſendſten ſchien. Er faßte den Entſchluß, ſein Leben zu Gunſten ſeiner Frau und ſeines Sohnes mit zweitauſend Thaler zu verſichern, welche dieſen nach ſeinem Tode ausbezahlt werden ſollten. Das erforderte freilich eine jährliche Ausgabe von einigen vierzig Thalern, aber er gab ſich, und zwar mit Recht, der Hoffnung hin, daß dieſes Sümmchen bei geregelter Sparſamkeit füglich erübrigt werden könnte. Noch mehr. Er ließ ſich nicht daran genügen, ſich ſelber die Wohlthat und den Segen der Lebensverſiche⸗ rung zu ſichern, er ſuchte auch noch Andere dazu zu 8 33 bewegen. Bei Mehreren mißglückte es, aber bei Einem gelang es, und zwar gerade bei Einem, der keineswegs erkleckliche Mittel dazu aufzuwenden vermochte. Es war dies der Amtsbote Wagner, bei dem freilich die drin⸗ gende Ermahnung ſeines Vorgeſetzten ſchwerer in's Ge⸗ wicht fallen mußte, als es vielleicht bei einem Anderen geſchehen wäre. Außerdem galt aber der Amtsbote mit Recht für einen wackeren, braven Mann von großer Zuverläſſigkeit, und von mehr Klugheit und Umſicht, als man in ſo untergeordneter Stellung zu finden pflegt. Als ihm eines Tages Rath Heimberger die Vortheile der Lebensverſicherung auseinander geſetzt hatte, nickte er beifällig mit dem Kopfe, und ſchien ſich die Sache ernſtlich zu Herzen zu nehmen. „Das Ding ſcheint mir gar nicht ohne, Herr Rath,« ſagte er.„Ich bin zwar, wie Sie, ein geſunder, kräf⸗ tiger Mann in meinen beſten Jahren, und bis auf den heutigen Tag hat mir noch kein Zahn weh gethan,— aber wer kann dafür ſtehen, daß mich der liebe Gott noch länger ſo kerngeſund und rüſtig erhält? Das Botenlaufen über Land iſt zwar manchmal, beſonders in der ſchönen Jahreszeit, recht plaiſirlich und auch recht ſtärkend und kräftigend durch die Bewegung in freier Luft, aber wiſſen Sie, im Winter, wo man nicht ſelten mit eiſtger Kälte zu kämpfen hat, wo Einem dann und wann der rauhe Sturm die Knochen bis in's Mark hinein erſtarrt, oder ein wildes Schneegeſtöber Einem die Augen blendet, daß man Weg und Steg nicht mehr erkennen kann,— da hat es doch auch ſeine Schatten⸗ ſeiten, das Botengehen. Ich fürchte mich juſt nicht vor dem Tode, denn ich habe Zeit meines Lebens nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen meine Schuldigkeit gethan, und Lebensverſicherung. 3 34 ich denke, ich brauche nicht zu zittern, wenn einmal der liebe Gott da droben mich durch einen Machtbefehl vor ſeinen oberſten Gerichtshof beruft,— aber doch will mir manchmal ein wenig ſchwül im Hirnkaſten werden, wenn mir ſo einfällt, was denn nach meinem Tode ein⸗ mal aus meiner Frau und meinem Jungen, dem Wil⸗ helm, werden ſoll, der mit Ihrem Eduard in einem Alter ſteht und mit ihm dieſelbe Schule beſucht? Zwar für meine Elsbeth, meine Frau nämlich, iſt die Sorge nicht allzu groß. Die hat einmal eine kleine Penſion zu erwarten, und ſchlägt ſich ſchon durch. Aber der Wilhelm! Da liegt der Haſe im Pfeffer, und ich meine, es müßte eine ſchöne Sache ſein, wenn ich mir ſagen könnte, daß der Junge nach meinem Tode ſo ein vier⸗ bis fünfhundert Thälerchen ausbezahlt kriegte. Ja, weiß Gott, eine ſchöne Sache, die ſchon ein Opfer werth iſt. Ich danke Ihnen darum, Herr Rath, für Ihre wohl⸗ gemeinte Empfehlung, und heute noch will ich mit mei⸗ ner Alten über die Sache reden. Wenn ſie ſo denkt, wie ich,— und ich glaube es im Voraus, denn ſie iſt eine kreuzbrave, verſtändige Frau,— ſo wird der Herr Agent Kluge mit mir zu thun bekommen. Ja, ja, das ſoll er, und nochmals ſchönen Dank, Herr Rath, daß Sie mich auf dieſe herrliche, wohlthätige Anſtalt auf⸗ merkſam gemacht haben!« Der Herr Rath freute ſich des wackeren Mannes, und die ſchlichte Rede deſſelben befeſtigte ihn noch mehr in ſeinem Entſchluſſe, ſich der Lebensverſicherungsgeſell⸗ ſchaft anzuſchließen. So kam der erſte Juli heran, der Gehalt der Be⸗ amten wurde, wie immer, pünktlich an dieſem Tage aus⸗ gezahlt, und Rath Heimberger legte ein Sümmchen da⸗ 8 8 ₰ 2 350 von auf die Seite, um es ſpäter zur Einlöſung der Police bereit zu haben; ein anderes Sümmchen ſteckte er in die Taſche, um das dem Agenten Kluge entnom⸗ mene Darlehn zurückzuerſtatten, und den Reſt übergab er ſeiner Frau als Wirthſchaftskaſſe für den laufenden Monat. „Du wirſt dich ein bischen knapp einrichten müſſen, Aennchen,“ ſagte er,„aber du weißt, man bekommt die Police nicht umſonſt.“ „Ah, ſei nicht bange, lieber Mann,“ verſetzte Frau Anna, ganz glücklich über die nahe bevorſtehende Erfül⸗ lung ihres Wunſches,„ich werde ſchon auskommen, ohne Schulden zu machen, und ohne daß du eine weſentliche Entbehrung verſpüren ſollſt. Von den fünf Kaſſenſchei⸗ nen des guten Herrn Kluge habe ich noch kaum ein Drittheil ausgegeben, und der Reſt davon hilft daher ſchon wacker mit wirthſchaften. Alſo nur nicht ängſt⸗ lich, es wird ſich ſchon Alles machen.“ Der Herr Rath lobte ſeine ſparſame, kluge Haus⸗ frau, und begab ſich dann ſtehenden Fußes zu dem Agenten, dem er vor Allem mit herzlichſtem Danke ſeine Schuld zurückzahlte. „Und nun, mein beſter Herr Kluge, wollen wir von der Lebensverſicherung reden,“ ſagte er.„Ich möchte den Meinigen zweitauſend Thaler nach meinem Tode ſichern, und frage Sie nun, was ich dabei zu thun habe?⸗ „Sehen Sie, lieber Herr Rath, das freut mich mehr, als wenn mir Jemand einen blanken Thaler geſchenkt hätte,“ erwiederte der Agent herzlich, und rieb ſich ganz vergnügt die Hände.„Es freut mich Ihretwegen, und noch mehr Ihrer lieben vortrefflichen Frau wegen, der 3* Sie damit gewiß eine bange Sorge vom Herzen neh⸗ men. Und was Sie dabei zu thun haben? Nun, das iſt nicht viel. Ich werde Ihnen morgen früh unſeren Arzt ſchicken, der Ihren körperlichen Geſundheitszuſtand unterſuchen wird, und Sie werden ihm dann nur die Fragen beantworten, die er Ihnen ſtatutenmäßig vorle⸗ gen muß. Alles Andere iſt dann meine Sache, und ich werde ſchon Sorge tragen, daß nichts verabſäumt wird. Noch einmal, es freut mich von ganzer Seele, daß Sie dieſen Entſchluß gefaßt haben!“ »Bedanken Sie ſich da bei ſich ſelbſt!« verſetzte der Rath lächelnd. „Damals, bei Ihrem Beſuche in un⸗ ſerer Wohnung, haben Sie mir mit Ihren Beiſpielen von dem verſcherzten Segen der Lebensverſicherung ſo warm gemacht, daß ich um jeden Preis die innere Stimme meines Gewiſſens befriedigen mußte. Iſt nicht auch mein Amtsbote Wagner bei Ihnen geweſen?« »Ei freilich,“ nickte Herr Kluge.„Er hat mir er⸗ zählt, daß Sie ihm zur Verſicherung gerathen haben, und gab die dankbarſte Geſinnung dafür kund. Schon vor acht Tagen habe ich ihm die Police eingehändigt, die, wenn er ſtirbt, ſeiner hinterlaſſenen Familie die Summe von fünfhundert Thalern ſichert. Der Mann war ganz fröhlich über das Document, und, als ich ihn fragte, ob es ihn auch nicht gereue, ſo viel Geld dafür bezahlt zu haben,— was meinen Sie, was mir der ſchliche Mann für eine Antwort gab? ‚Nein, Herr Agent,“ ſagte er, ‚das Geld reuet mich ganz und gar nicht. Das ſchöne Bewußtſein, daß nun mein Haus⸗ beſtellt und meine Familie verſorgt iſt, der Tod mag heute oder morgen bei mir anklopfen, das Bewußtſein iſt mir bei Weitem mehr werth, als die paar Thaler, 27 4 die wir durch Sparſamkeit ſchon wieder erſetzen wer⸗ den.“ Die Frau, wie es ſcheint, ein braves, verſtändiges Weib, ſtimmte ihrem Manne bei, und auch der Sohn, ein Knabe von zehn oder elf Jahren,— hören Sie, Herr Rath, das war wirklich rührend, was der kleine Bengel ſagte.„Vater!' ſagte er, ‚du biſt ſo gut, du giebſt ſo viel Geld weg, blos damit Mutter und ich nicht Noth leiden ſollen, und da willſt du dir ſogar Abends ein Glas Bier von den Zweien abknapſen, die du immer zu trinken pflegteſt. Aber das ſollſt du nicht, Vater! Siehſt du, die Mutter hat oft auf mich gezankt, daß ich ſo viele Kleidungsſtücke brauche, die dir ſo viel Geld koſten, und die Mutter hat Recht gehabt, denn ich habe viel zerriſſen aus Leichtſinn und Unbedacht. Aber von jetzt an, Vater, das verſprech' ich dir, will ich mich ſo in Acht nehmen, daß meine Kleider noch zweimal. ſo lange halten ſollen, wie früher!“ Ich ſage Ihnen, Herr Rath, ich hätte den Jungen küſſen mögen für dieſe Worte, und auch ſeinem Vater und ſeiner Mutter ſah man es wohl an, daß ſie ſich in innerſter Seele dar⸗ über freuten.“ „Ein wackerer Junge, gewiß!“« ſagte Rath Heim⸗ berger beifällig.»Ich will hoffen, daß mein Eduard ehm nicht nachſteht.. Aber nun Adieu, lieber Herr Kluge,— ich muß in mein Bureau gehen. Und morgen früh alſo..“ „Schicke ich Ihnen den Arzt,“ ergänzte Herr Kluge. „Es iſt eine bloße Förmlichkeit, denn Ihnen ſieht man ja auf hundert Schritt an, daß Sie ein kerngeſunder Mann ſind. Gehorſamſter Diener, Herr Rath.“ Am anderen Morgen ſtellte ſich pünktlich der Arzt 38 ein, unterſuchte den Geſundheitszuſtand des Rathes, und ſchien davon ganz befriedigt zu ſein. »Ihren Antrag wird die Verſicherungsgeſellſchaft ſchwerlich zurückweiſen,« ſagte er.„Man findet nicht häufig eine ſo geſunde Conſtitution, wie die Ihrige.“ Alle Formalitäten, welche der Aufnahme vorher⸗ gehen müſſen, waren nun beſeitigt; der Agent Kluge hatte das ärztliche Zeugniß nebſt den anderen nöthigen Papieren an die Direction der„Iduna« eingeſchickt, und die Frau Räthin erwartete mit Ungeduld den Ein⸗ gang der Police,— als wider alles Vermuthen noch einmal Unkraut zwiſchen den Weizen fiel, und die gute Saat völlig zu überwuchern drohte. Ein paar Tage nämlich nach den erzählten Vor⸗ gängen beſuchte Rath Heimberger die„Harmonie,« ein Geſellſchaftslocal, wo die ſogenannten Honoratioren der Stadt ſich zu einem Spielchen oder auch nur zu gegenſeitiger Unterhaltung in den Abendſtunden zu ver⸗ ſammeln pflegten. Er traf dort mehrere Bekannte, unter Anderen auch den Banquier Meyerheim, den anerkannt reichſten Mann in der Stadt, welchen Viele auch für den klügſten erklärten,— vermuthlich, weil es ſeinem regen Spekulationsgeiſte, verbunden mit vielem Glücke, gelungen war, binnen wenigen Jahren ein an⸗ ſehnliches Vermögen zu erwerben. Meyerheim winkte ihn zu ſich, noch andere Herren geſellten ſich zu ihnen, und ein lebhaftes Geſpraͤch über Dieſes und Jenes entſpann ſich, wobei man, von einem Gegenſtande zum anderen ſpringend, zufällig auch auf die Lebensverſiche⸗ rungsgeſellſchaften zu reden kam. Manche ſich fuͤr, Andere wieder gegen ſte. Zu den gehörte Rath Heimberger, der mit Eifer und 39 die ſegensreiche Wirkſamkeit dieſer Inſtitute hervorhob und ſchließlich bemerkte, daß er ſelber dieſer Tage Schritte gethan habe, ſein Leben mit ein paar tauſend Thalern zu verſichern. „Na, da haben Sie eine rechte Thorheit begangen, Heimberger,« nahm jetzt der reiche Meyerheim, der bis dahin ſchweigend zugehört hatte, das Wort.»Eine rechte Thorheit, Freundchen! Aber freilich, es iſt weiter nicht zum Verwundern! Die meiſten Herren Beamten und Staatsdiener ſind eben unpraktiſche Leute, und wiſſen den Werth des Geldes nicht zu ſchätzen. Einem Kaufmann, einem klugen wenigſtens, wird es nie einfallen, ſein gutes Geld an ſolche Geſellſchaften zu geben, denn warum? weil er es ſelber vortheilhafter benutzen und ausbeuten kann. Die ganze Geſchichte, das liegt ja auf der Hand, iſt weiter nichts, als eine Spekulation zum Vortheile Weniger auf Koſten Vieler. Da ſind ein Dutzend Perſonen zuſammengetreten, haben ein Kapital zuſammengebracht und ihre Lebensverſiche⸗ rungsgeſellſchaft begründet. Ihr angeblicher Zweck iſt, die Menſchheit, alſo auch jeden Einzelnen, glücklich zu machen, ihm eine Wohlthat zu erweiſen. Aber ich muß denn doch geſtehen, daß meine Vorſtellungen von allge⸗ meiner Nächſtenliebe nicht ſo weit gehen, daß ich mir denken könnte, jene Unternehmen in London, Hamburg, Berlin, Halle oder wo es ſonſt ſein mag, hätten keinen weiteren Zweck, als ihre Nebenmenſchen zu beglücken. Eine ſolche Albernheit werde ich mir nimmermehr ein⸗ reden laſſen. Wenn Zwei ein Geſchäft mit einander machen, ſo werden ſelten Beide dabei verdienen; da aber jene Unternehmer verdienen wollen,— und daß ſie das erreichen, werden ſie ſich wohl ausgerechnet haben,— 40 ſo bin ich und iſt Jeder, wenn er der Geſellſchaft bei⸗ tritt, derjenige, aus deſſen Taſche der Gewinn jener Herren fließt. Schweigen Sie mir alſo ſtill von Ihrer Lebensverſicherung, liebſter Heimberger. Ein guter Haus⸗ vater verwaltet ſein Vermoͤgen ſelber, und bedankt ſich für die Mithülfe jener ſpekulirenden Herren. Wenn Sie Erſparniſſe machen wollen, gut, ſo legen Sie die⸗ ſelben in meinem Geſchäft an. Jährlich fünfzig Thaler machen in zehn Jahren fünfhundert, und wenn Sie Zins auf Zins ſtehen laſſen, nahezu das Doppelte. Dieſe Summe gehört Ihnen, und Sie können jeden Augenblick darüber verfügen, während die Gelder, die Sie in die Verſicherungskaſſe zahlen, in einen uner⸗ grüͤndlichen Schlund geworfen und Ihnen für immer verloren ſind. Alſo begehen Sie keine Thorheiten, Freund Heimberger!“ Der Rath und alle übrigen Anweſenden ſtutzten. Meyerheim galt für einen gewiegten Finanzmann, und er hatte ſeine Meinung mit einer ſo überzeugenden Si⸗ cherheit vorgetragen, daß Niemand Einſpruch dawider zu erheben wagte. Auch Heimberger ſogar fühlte ſich wieder ganz umgewandelt; der Vorſchlag, ſeine Erſpar⸗ niſſe bei Meyerheim anzulegen, leuchtete ihm ein, und erſchien ihm äußerſt vortheilhaft. Er behielt ſo ſein Geld, und ſorgte doch auch für die Zukunft von Frau und Kind. Daß er im erſten, zweiten oder dritten Jahre ſterben könnte, und daß dann ſeine geringen Erſparniſſe ziemlich nutzlos ſein würden, daran dachte er nicht. Wer möchte auch immer gleich an's Sterben denken!« »Ich glaube, Sie haben Recht, Meyerheim!“« ſagte er nach fluͤchtiger Ueberlegung.„Wenn die Geſell⸗ ſchaft von meinem Gelde profitiren kann, ſo kann ich 441 ſelber es auch! Abgemacht! Ich bringe Ihnen mor⸗ gen meine erſten Erſparniſſe!“ »Daran werden Sie ſehr wohl thun,“ verſetzte der Banquier ſelbſtgefällig.„Iſt zwar eigentlich nicht meine Sache, dergleichen Kapitalanlagen in meinem Geſchäft zu geſtatten, denn ich bin reich genug, um ſolche Baga⸗ tellen entbehren zu können, indeß, aus alter Freundſchaft mag's einmal darum ſein. Bringen Sie alſo Ihr Geld in Gottes Namen.“ Am anderen Morgen war die Frau Räthin nicht wenig betroffen, als ihr der Herr Gemahl ſeine Sinnes⸗ Aenderung andeutete, und ſie bot ihre ganze Ueberre⸗ dungsgabe auf, um ihn zu ſeinem früheren Entſchluſſe zurückzuführen. Aber Heimberger blieb unerſchütterlich. Er hatte ſich durch Meyerheim nun einmal auf die fire Idee bringen laſſen, daß die Lebensverſicherungsgeſell⸗ ſchaften nichts Anderes ſeien, als Spekulationen, um ſich auf Koſten Anderer zu bereichern, und an dieſer nicht nur einſeitigen, ſondern auch unrichtigen Auffaſſung hieng er mit zaͤher Hartnäckigkeit feſt, und widerſtand allen Bitten und ſelbſt den Thränen ſeiner klügeren Frau. Er wiederholte ihr faſt Wort für Wort, was Meyerheim am vergangenen Abend geſagt hatte, und blieb dabei, dies ſei die richtigſte Anſicht von der Sache, und er habe ſie auch zu der ſeinigen gemacht. Als die Frau immer noch widerſtrebte und widerſprach, als ſie immer von Neuem mit Bitten und Vorſtellungen in ihn drang, und ihn beſchwor, doch nicht ſeine beſſere Mei⸗ nung gegen eine falſche zu vertauſchen, wurde er end⸗ lich unwillig, griff nach Hut und Stock, ſteckte das Geld ein, mit dem er die täglich erwartete Police hatte be⸗ zahlen wollen, und eilte davon. 42 „Es iſt nun genug lamentirt und geſchwatzt,“« rief er noch in der Thuͤr ſeiner Frau zurück; pjetzt hab' ich das Ding ſatt, und werde handeln. Adieu, liebes Kind! Ich gehe zu Meyerheim, und wenn etwa Kluge kom⸗ men ſollte, ſo ſagſt du ihm, ich habe mich eines Anderen beſonnen. Adieu!“« Er ſchlug die Thür hinter ſich zu, und ließ ſeine Frau in Thränen auf dem Sopha ſitzen. So fand ſie nach einer Stunde noch Herr Kluge, welcher freude⸗ ſtrahlend in das Zimmer trat, und triumphirend eine kleine Papierrolle in der Luft ſchwenkte. „Endlich!« rief er aus,— endlich iſt ſie gekom⸗ men, die Police nämlich!« In dieſem Augenblicke bemerkte er aber das ver⸗ weinte Ausſehen der Räthin, und ſeine triumphirende Fröhlichkeit verwandelte ſich in Beſtürzung. „Um Himmels willen, verehrte Frau Räthin, was iſt geſchehen, was iſt vorgefallen?« fragte er.„Doch kein Unglück, will ich hoffen?“ „Für mich doch ein Unglück,“ verſetzte die Frau Räthin, indem ſie ihre Augen trocknete und ſich zu faſſen ſuchte.„Sie werden mir beiſtimmen, Herr Agent, wenn ich Ihnen die traurige Mittheilung mache, daß mein Mann über Nacht, oder vielmehr geſtern Abend ſeine Meinung über die Lebensverſicherung geändert hat und nichts mehr davon wiſſen will.“. »Aber wie iſt denn das möglich?« verſetzte der Agent, auf das Aeußerſte betroffen.„Er war doch erſt vor ein paar Tagen noch auf dem beſten Wege, und nun ſo plötzlich ſollte er abgeſprungen ſein! Wie iſt die⸗ ſes Außerordentliche zugegangen?« Die Frau Räthin erzählte ihm, wie Alles gekom⸗ 4 2 43 men war, und wiederholte die Aeußerungen Meyerheim's, wie ſie dieſelben von ihrem Manne gehört hatte. Der ſonſt immer freundliche Agent zog eine grimmige Miene, und ſtampfte vor Aerger mit dem Stiefelabſatz auf den Fußboden. „Da haben wir's!“ rief er aus.„Das ſind die be⸗ ſchränkten Anſichten dieſer Leute, die auf ihre Klugheit und auf ihre Geldſäcke pochen, und hoffärtig auf An⸗ ſtalten herabſehen und darüber aburtheilen, deren Segen ſie nicht einmal entfernt zu ahnen vermögen. Eigennutz, Gewinnſucht ſollte bei den Lebensverſicherungsgeſellſchaf⸗ ten das vorherrſchende Princip ſein? Lüge! Lüge! Der Gedanke, welcher ſie alle in's Leben gerufen, iſt ein großer und hehrer, und himmelweit entfernt von dem niedrigen Motive, welches der Herr Banquier in ſeiner Gedankenloſigkeit ihm unterſchieben will,— es iſt der Gedanke: daß Vereinigung ſtark macht. Wie Schade, wie jammerſchade, daß ich zufällig geſtern nicht in der„Harmonie“ war, ich hätte dem Herrn Meyer⸗ heim ein Licht aufſtecken wollen! ‚Ich frage Sie,“ hätte ich zu ihm geſagt, ‚wer wird wohl Ihren Kindern bei Ihrem Tode hundert Thaler dafür garantiren, daß Sie ihm täglich zwei Pfennige verſprechen? Ihr beſter Freund wird's nicht thun und nicht können! Die Lebensver⸗ ſicherungsgeſellſchaften aber thun es und köͤnnen es, eben, weil Vereinigung ſtark macht. Wenn Sie ſich heute mit tauſend Thalern verſichern, und acht Tage darauf macht ein Schlagfluß Ihrem Leben ein Ende, was könnte denn da wohl die Geſellſchaft bei Ihrer Verſicherung verdienen? Und ferner,“— hätte ich zu ihm geſagt,— ‚warum machen Sie ſich Ihre Stiefeln und Kleider nicht ſelbſt, da ja nach Ihrer Theorie 1 — 44 Schneider und Schuhmacher auch nur auf Ihren Geld⸗ beutel ſpekuliren? Warum machen Sie nicht Eiſen⸗ bahnen auf eigene Hand? Weil Sie's nicht können! Eben ſo wenig können Sie ſich aber allein eine Lebens⸗ verſicherung machen! So hätte ich zu ihm geſprochen und noch hinzu gefügt: ‚Wie es in der Sterbeſtunde keinen Gottesläugner giebt, ſo auch keinen Lebensver⸗ ſicherungsfeind. Könnte ich Ihnen da in das brechende Auge blicken, ſo würde ich ſicher darin die Reue leſen, daß ſie bei geſunden Tagen in leichtſinniger Vermeſſen⸗ heit die Wohlthat der Lebensverſicherung verkannt und ihre Segnungen ſich muthwillig verſcherzt haben.V So hätte ich geredet, und ich bin überzeugt, daß Herr Meyer⸗ heim nichts Vernünftiges gegen meine Anſicht hätte vorbringen können!“« „»Ach, dieſe Anſicht theile ich vollkommen,“ ſagte die Frau Räthin ſeufzend.„Könnte ich nur auch meinen Mann dahin bringen, ſie zur ſeinigen zu machen. Könnte ich ihn an die Lagerſtätten zweier Sterbenden führen, von denen der Eine durch Verſicherung ſeines Lebens reichlich für Weib und Kind geſorgt, während der An⸗ dere in ſträflicher Sorgloſigkeit dies unterlaſſen hat! Könnte ich ihm den Seelenfrieden des Einen, die Angſt und Verzweiflung des Anderen zeigen, er würde ſicher auf den rechten Weg zuruͤckkehren. Aber ſo,— alle meine Bitten und Thränen haben nichts gefruchtet! Mein armer Eduard! Wenn nur du nicht eines Tages durch den Irrthum deines Vaters hart beſtraft wirſt! Es iſt ja nur Seinetwegen, daß ich die Verſicherung wünſche.« Wiederum drängten ſich Thränen aus ihren Augen, und rannen ſchwer und langſam über ihre Wangen. 3 40 Der Agent Kluge betrachtete die ſchmerzerfüllte Frau mit herzlichem Mitleid und aufrichtiger Theilnahme. „Wiſſen Sie was, Frau Räthin,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe ſtillen Nachdenkens,—„wir wollen noch Etwas verſuchen. Auf meine eigene Verantwort⸗ lichkeit ſchicke ich die Police nicht ſogleich zurück, ſondern behalte ſie noch drei Tage unter Verſchluß. Vielleicht gelingt es Ihnen, während dieſer Zeit die Vorurtheile Ihres lieben Mannes zu beſiegen, und die Nebel, die ſeinen Verſtand umhüllen, zu zertheilen. Wo nicht, ſo haben wir Beide wenigſtens unſere Schuldigkeit gethan, und können in unſerem Gewiſſen ganz ruhig ſein.“ Mit lebhaftem Danke nahm die Frau Räthin das Anerbieten des wackeren, braven Mannes an, obgleich ſie ſich freilich keinen großen Erfolg von ihren erneuer⸗ ten Bemühungen verſprach. Bald darauf empfahl ſich Herr Kluge und nahm natürlich die Police der Lebens⸗ verſicherungsgeſellſchaft wieder mit. Als er fort war, verſank die Frau Räthin in ein langes und tiefes Brü⸗ ten und Sinnen. Etwas ſehr Wichtiges mußte es ſein, was ihren Geiſt ſo anhaltend und zwingend beſchäftigte. Als ſie aber nach geraumer Zeit ihr tief in die Hand herab geneigtes Geſicht wieder erhob; leuchtete ihre Stirn in ruhigem Glanze, ihre ſtrahlten, ihre Lippen lächelten, und jede Spur von Kummer und Sorge war aus ihren Zügen verſchwunden. „So wird, ſo ſoll, ſo muß es gehen,“ murmelte ſie vor ſich hin, und begab ſich dann mit gewohntem Fleiße an die Beſorgung ihrer häuslichen Geſchäfte und An⸗ gelegenheiten. Viertes Kapitel. Sine Heimſuchung Gottes. Die Tage kamen und giengen, und es war wieder einmal Winter geworden,— ein ſtrenger Winter mit hartem Froſte, mit wilden Stürmen, und zeitweiligen heftigen Schneegeſtöbern. Die Frau Räthin hatte, dem Rathe des Agenten Kluge folgend, nicht unterlaſſen, noch einmal ihren Mann inſtändig und herzlich zu bit⸗ ten, ſich nicht von den falſchen Anſichten des Banquier Meyerheim blenden und bethören zu laſſen, aber,— wie vorauszuſehen war,— ohne Erfolg. Rath Heim⸗ berger war unerſchütterlich geblieben, und wollte durch⸗ aus gar nichts mehr von der Lebensverſicherung hören. Wider alles Erwarten ertrug die Frau Räthin das gänzliche Fehlſchlagen ihrer Hoffnungen mit wahrhaft bewunderungswürdiger Geduld und Ruhe; ſie zeigte keinerlei Empfindlichkeit, deutete nach dem letzten vergeb⸗ lichen Anlaufe, den ſie auf das Herz ihres Mannes un⸗ ternommen, nie wieder auf das Ziel ihrer Wünſche hin, und ſchien ganz gar nicht mehr an die Lebensver⸗ ſicherung nur zu 1 Anders Herr Heimberger. Während des Herbſtes, der dem mit ungewöhnlicher Strenge eingetretenen Win⸗ ter vorhergegangen, mußte er ſich wohl eine tüchtige Erkältung zugezogen haben. Ein quälender Huſten, der ihm ſelbſt bei Nacht keine Ruhe ließ, peinigte ihn nun ſchon viele Wochen hindurch, und alle angewandten den Mittel, Hausmittel wie ärztliche, wollten nicht anſchla⸗ 47 9 gen, ihn nicht von ſeinem Uebel befreien. Er fühlte ſich ſehr angegriffen, und zu dem körperlichen Unbehagen geſellte ſich allmählig auch eine geiſtige Gedrücktheit und Niedergeſchlagenheit, wie ſie der ſonſt immer ge⸗ ſunde, lebensfrohe und lebensfriſche Mann nie vorher empfunden hatte. Er fing an, daran zu verzweifeln, daß er jemals dieſen qualvollen Katarrh wieder loswer⸗ den würde, und ſogar Todes⸗Ahnungen ſchienen ſich Seiner bemächtigt zu haben. „Ich weiß nicht,“ ſagte er eines Tages mit heiſerer Stimme zu ſeiner Frau,—„ich weiß nicht, ob es nicht doch beſſer geweſen wäre, wenn ich die Police der Le⸗ bensverſicherungsgeſellſchaft behalten hätte. Der gute Kluge hat doch recht: der Menſch iſt ſeiner Geſundheit nicht ſicher, und wenn mich Gott abrufen ſollte, ſo wär' es doch ſchön, wenn ich mit dem Bewußtſein ſterben könnte, daß Ihr nach meinem Tode keine Noth zu lei⸗ den hättet. Die fünfzig Thaler, die ich dem Banquier Meyerheim übergeben habe, würden nicht weit reichen!« Die Frau Räthin zuckte die Achſeln, ſagte aber kein Wort. Was hätte ſie auch ſagen ſollen? Vorwürfe wären zu ſpät gekommen, und ändern ließ ſich vor der Hand in der Sache auch nichts. Sie ſchwieg alſo, und auch ihr Mann brach haſtig von dem Thema ab und fieng von etwas Anderem zu ſprechen an, als ob es ihn ſchon gereue, ſeiner Frau einen Blick in ſeine Seele vergönnt zu haben. Mit dem Beginn des Winters beſſerte ſich der Zu⸗ ſtand des Rathes ein wenig, und mit dieſer, wenn auch nicht gründlichen Beſſerung, ſchienen allmählich die ſchwar⸗ zen Nebel wieder zu verſchwinden, die ſich ſchwer auf ſein Gemüth gelagert hatten. Er erwähnte nie wieder die Lebensverſicherung, und ſeine Frau vermied es eben⸗ falls ſorgfältig, ihn daran zu erinnern,— vermuthlich, um ihn nicht unnöthig aufzuregen. Eines Tages, zu Ende Januar,— es war ein bit⸗ ter kalter Tag, obgleich der Himmel von dunkeln Wol⸗ ken bedeckt war, die jeden Augenblick Maſſen von Schnee entladen zu wollen ſchienen,— trat der Amtsbote Wag⸗ ner in das Wohnzimmer des Rath Heimberger, wohin er durch einen expreſſen Boten beſchieden worden war. »„Es thut mir leid, Wagner,“ empfing ihn ſein Vor⸗ geſetzter freundlich,—„aber Ihr müßt, obgleich es bald Abend werden will, noch einen Gang nach Waldheim machen. Es handelt ſich um Aushändigung von wich⸗ tigen Dokumenten, welche der dortige Richter um jeden Preis vor morgen früh in Händen haben muß.“ „Ich bin bereit, Herr Rath,« verſetzte der Amts⸗ bote.„Es iſt meine Pflicht, und am Ende, die zwei Stunden Wegs nach Waldheim ſind ja keine ſo große Entfernung. Ich hoffe ſchon, um zehn Uhr Abends zurück zu ſein.“ 3 »Deſto beſſer,“ erwiederte der Rath, indem er dem Boten ein verſiegeltes Packet hinreichte.„Hier ſind die Dokumente. Nehmt ſie ja wohl in Acht, Wagner! Es ſind Werth⸗Papiere über bedeutende Summen da⸗ rin, und ich mochte eben deshalb das Packet keinem an⸗ deren, als nur einem ganz zuverläſſigen Manne anver⸗ trauen. Ihr laßt Euch vom Richter in Waldheim eine Empfangsbeſcheinigung ausſtellen, und wenn Ihr mor⸗ gen nach dem Bureau kommt, erwartet Euch eine hübſche Ertrabelohnung. Verlaßt Euch auf mich, Wagner!“ „Ich weiß ſchon, daß es der Herr Rath gut mei⸗ nen,“ verſetzte der Amtsbote treuherzig.„Uebrigens kön⸗ 49 8 nen Sie ganz ruhig ſchlafen, ich ſtehe mit meinem Le⸗ ben dafür, daß das Packet richtig und pünktlich beſtellt win. Haben der Herr Rath ſonſt noch Befehle für mich?« „Nichts, Wagner,“ lautete die freundliche Antwort. „Nur möchte ich Euch darauf aufmerkſam machen, daß die Kälte grimmig iſt, und daß der Himmel noch oben⸗ drein mit Schneegeſtöber droht. Seht Euch deshalb vor, und gebt Acht, daß Ihr in der Dunkelheit nicht vom Wege abkommt. Es giebt einige ſchlimme Stellen auf der Straße nach Waldheim, namentlich bei dem Stein⸗ bruche.“ „Ja, ja, aber ich kenne ſie alle, wie jeden Winkel in meiner eigenen Stube,“ erwiederte der Amtsbote ſorg⸗ los.„Und was die Kälte anbetrifft, ei nun, ſo muß man wacker zuſchreiten, das macht ſehr warm. Auf morgen früh alſo! Wünſche Ihnen gehorſamſt eine gute Nacht, Herr Rath!“« „Guten Weg und Gott befohlen,“ verſetzte Rath Heimberger, und der Amtsbote entfernte ſich. Als er aus dem warmen Zimmer auf die Straße trat, und hier die eiskalte Luft einathmete, lief ein Schauer durch ſeine Glieder, daß er ſich unwillkührlich ſchütteln mußte. „Er hat Recht, der Herr Rath Heimberger, es iſt wahrhaftig grimmig kalt,“ murmelte er vor ſich hin. »Ich werde doch den Mantel umnehmen müſſen, obgleich er mir ſonſt gewöhnlich eine überflüſſige Laſt iſt.“ Er lenkte die Schritte dem kleinen Häuschen zu, wo er ſeine Amtswohnung hatte, und erreichte es nach wenigen Minuten. Als er in ſeine Stube trat, fand er ſie ſchon durch ein Licht erhellt, und ſeine Frau be⸗ Lebensverſicherung. 4 50 ſchäftigt, ein einfaches Abendeſſen herzurichten. Wilhelm, ſein Sohn, ſaß am Tiſche mit einem Buche vor ſich, aus dem er eine Aufgabe lernte. „Guten Abend, Kinder!“ ſagte er.„Schön, Els⸗ beth, daß du ſchon das Abendbrod bereiteſt, ich will nur ſchnell ein paar Biſſen eſſen und mich dann auf den Weg machen. Ich muß nänlich noch heute nach Wald⸗ heim.“ „Nach Waldheim? Bei der Kälte draußen?“ rief Frau Elsbeth erſchrocken aus, und auch Wilhelm machte eine beſtürzte Miene.„Nein, das iſt doch unrecht, dir in ſtockdunkler Nacht noch ſolch' einen Weg zuzumuthen!“ „Unrecht hin, unrecht her, Frauchen,“ verſetzte der Amtsbote lächelnd,—„die Herren haben zu befehlen, und ich muß meine Schuldigkeit thun, ſei's bei Tage oder bei Nacht. Ich muß mich ſogar geſchmeichelt füh⸗ len, daß Rath Heimberger grade mich zu der Beſorgung auserſehen hat, denn es handelt ſich um eine Sache von außergewöhnlicher Wichtigkeit, weshalb es auch mor⸗ gen früh eine außergewöhnliche Belohnung giebt. Aeng⸗ ſtige dich auch nicht, Weibchen! Um zehn oder elf bin ich jedenfalls wieder zurück, und die paar Stunden bis dahin werden ſchnell genug vergehen!“ „Weißt du was, Vater,— laß mich mit dir ge⸗ hen!“ ſagte, plötzlich aufſpringend, jetzt Wilhelm. »Ei, du biſt nicht recht geſcheut, Junge!“ verſetzte der Vater lachend.„Was fällt dir ein? Solch' ein Weg bei dunkler Nacht, und bei einer Kälte von acht⸗ zehn Graden! Setze dich hinter den warmen Ofen, das wird das Beſte ſein, was du thun kannſt!“« „Ich weiß nicht, mir iſt ſo angſt, Vater, daß du zu ſo ſpäter Stunde noch über Land gehen ſollſt,« ſagte der Knabe, der ſeinen Vater zärtlich liebte.„Ich moͤchte am liebſten ſelber und allein gehen, damit du dich zu Hauſe pflegen könnteſt.“ „Das läßt ſich nicht thun, Wilhelm, mein guter Junge,“ erwiederte der Vater.»Aber habe nur keine Bange! Ich habe den Weg wohl ſchon hundert Mal bei Tag und bei Nacht zurückgelegt, ohne daß mir der geringſte Unfall paſſirt wäre;— was ſoll mir da nun gerade heute geſchehen? Außerdem, der liebe Gott iſt überall, auch in finſterer Nacht auf der Landſtraße, und ich befinde mich auf dem Wege der Pflicht. Alſo laßt's nur gut ſein, und mich ganz ruhig gehen. Geſchwind, Mutter, ein paar Löffel Suppe, und dann vorwärts!“ Er verzehrte eilig einen Teller voll Suppe, ſteckte zur Vorſorge ein Butterbrod in die Taſche, verwahrte die ihm anvertrauten Papiere ſorgfältigſt auf der Bruſt, ſetzte die Dienſtmütze auf, griff nach dem Wanderſtocke, und ſchickte ſich an, von Weib und Kind Abſchied zu nehmen. „Aber willſt du nicht wenigſtens den Mantel noch umhängen,“ ſagte Frau Elsbeth, ihn zurückhaltend. „Nein, Weibchen,“ verſetzte er.„Ich hatte es erſt im Willen, aber ich habe mich anders beſonnen. Die Suppe hat mich durchgewärmt, und wenn ich wacker zuſchreite, ſo wird mir die Kälte nicht viel anhaben können. Adieu, Elsbeth! Adieu, Wilhelm!“ Nach dieſen Worten küßte er Frau und Kind, die ſich zärtlich an ihn ſchmiegten, riß ſich dann los, und eilte in die Nacht hinaus. Es war nun vollſtändig dunkel geworden, und kein Stern leuchtete durch die dichte Finſterniß, die kaum den Weg erkennen ließ. Der Amtsbote war indeß ſeiner Sache ſo ſicher und gewiß, daß er ſich wenig um die Dunkelheit kümmerte, ſondern zuverſichtlich und ſchnell vorwärts eilte. Nach einigen Minuten ließ er die Stadt hinter ſich, und ſchlug den ſchmalen Fahrweg ein, der nach Waldheim hinüber führte. Hier ging es noch beſſer, als in den engen Straßen zwiſchen den hohen Häuſern. Der weiße Schnee, der den Erdboden bedeckte, verbreitete einen matten, bleichen Lichtſchimmer, und die Augen Wagner's hatten ſich nun auch ſchon an die Dunkelheit ſo gewöhnt, daß er den Weg deutlicher zu erkennen vermochte. Die heftige Kälte hatte nicht nach⸗ gelaſſen, aber auch ſie achtete Wagner nur wenig, denn ſeine raſche Bewegung machte ihn ſehr bald unempfind⸗ lich dagegen, und erhielt ſeine Glieder geſchmeidig und warm. Es hatte grade ſechs Uhr geſchlagen, als er über den Marktplatz ſeiner Vaterſtadt gegangen war, und die Thurmuhr von Waldheim ſchlug halb acht, als er am Thore anlangte. Alſo hatte er den zwei ſtarke Stunden weiten Weg in anderthalb Stunden zurück⸗ gelegt. „Das geht an!« ſagte er vor ſich hin.„Wenn mich der Herr Richter ſchnell abfertigt, kann ich ſchon vor zehn Uhr wieder zu Hauſe ſein!« Er kannte die Wohnung des Richters von früheren Beſuchen her, und brauchte ſich daher nicht lange mit Fragen aufzuhalten. An der richtigen Stelle angelangt, klingelte er, und ward in das Haus eingelaſſen. Zu ſeiner Beſtürzung hörte er aber hier, daß der Herr Richter in Amtsgeſchäften verreist ſei, und erſt gegen zehn Uhr zurückerwartet würde. Dieſe Nachricht traf ihn wie ein Donnerſchlag. Auf . 52 953 ſolche Art konnte Mitternacht herankommen, ehe er wie⸗ der nach Hauſe gelangte, und es peinigte ihn, daß er ſo lange ſeine Frau zwiſchen Angſt und Sorge ſchwe⸗ ben laſſen mußte. Aber was war zu machen? Er mußte warten, bis der Richter zurückkehrte, denn er hatte die beſtimmte Weiſung empfangen, nur dieſem al⸗ lein das wichtige Packet einzuhändigen, und einen von ſeiner Hand geſchriebenen Empfangſchein zurückzubrin⸗ gen. Es half Alles nichts, er mußte ſich in Geduld. faſſen und warten. Die Frau des Richters bedauerte den armen Mann und die unglückliche Abweſenheit ihres Gemahles, aber auch ſie konnte in der Angelegenheit nichts ändern. Doch war ſie freundlich gegen den Amtsboten, wies ihm die warme Küche zum Warten und Ausruhen an, und befahl ihrer Magd, ihm einen Imbiß und ein Gläschen Wein vorzuſetzen. Dies geſchah. Wagner aß ein paar Biſſen kalten Braten, trank ein paar Gläſer Wein, und faßte ſich nun in Geduld. Kurz vor zehn Uhr raſſelte ein Wagen vor das Haus, und hielt dicht vor der Thür an. „Na, endlich!“ ſagte die Magd.„Das iſt unſer Herr! Ich kenne es ſchon, wenn die Räder ſo rat⸗ tern.& In der That, der Richter war es. Kaum in's Haus getreten, ließ er ſogleich den Amtsboten rufen, äußerte freundlich ſein Beileid, daß er ſo lange habe warten müſſen, nahm das Packet in Empfang, muſterte ſchnell den Inhalt, und ſchrieb ſodann den Empfangſchein nieder. »Hier,« ſagte er, indem er ihn dem Amtsboten ein⸗ * 54 händigte.„Alles iſt in Ordnung. Aber wollt Ihr wirklich noch dieſe Nacht wieder nach Hauſe gehen?« „Gewiß, Herr Richter,“ erwiederte der Amtsbote, indem er den Empfangſchein zuſammenfaltete, und ihn an derſelben Stelle verwahrte, wo er das Packet ge⸗ tragen hatte.„Meine Frau würde ſich ängſtigen, wenn ich nicht käme, und außerdem will auch Herr Rath Heimberger morgen früh bei Zeiten Ihren Empfangſchein haben.“ „Nun, wie Ihr wollt, guter Freund,“ verſetzte der Nichter.„Aber es iſt eine böſe Nacht, und wenn mich nicht alle Anzeigen trügen, wird ſie noch ſchlimmer wer⸗ den. Seht ſelbſt das Barometer! Seit heute früh iſt es um mehr, als einen ganzen Zoll gefallen.“ „Das Barometer darf mich nicht abhalten, meine Schuldigkeit zu thun,“ antwortete der Amtsbote.»Ich muß wirklich und wahrhaftig fort, Herr Richter.“ »Nun, es thut mir leid,“ ſagte dieſer achſelzuckend. „Ihr hättet bei mir Quartier nehmen können; aber wenn Ihr denn doch abſolut fort müßt, ſo geht in Got⸗ tes Namen,— und hier, trinkt noch einen Schluck Wein zur Stärkung!“ Wagner nahm das Glas, welches der Richter ihm zuſchob, und leerte es auf deſſen Geſundheit. Der Wein war ſüß und ſtark, wie er ihn noch nie getrunken, und rieſelte ihm wie Feuer durch Adern und Gebein. „Das wird wohl vorhalten,“ ſagte er,„denn es wärmt durch und durch.“ 3 „Das ſoll es auch, Mann,“ verſetzte der Richter freundlich.„Und nun Gott befohlen, und Glück auf den Weg!“ Der Amtsbote gieng, und ſtand wenige Augenblicke 1 ◻● ſpäter wieder außerhalb des Hauſes unter freiem Himmel. Es mußte während der Zeit ſeines Wartens noch kälter geworden ſein, denn die eiſige Luft verſetzte ihm ſchier den Athem. Ein Schauer überlief ihn, und er empfand eine leichte Anwandlung von Schwindel.„Wahr⸗ ſcheinlich vom Wein!« dachte er.„Aber nur hurtig vorwärts, damit wir die Kälte vertreiben und bald nach Hauſe kommen!“ Er ſchritt rüſtig zu, und gelangte ſchnell wieder in's Freie. Hier wehete ihm ein erſtarrender Wind entge⸗ gen, der ſich bald zu einer ſturmartigen Heftigkeit ſtei⸗ gerte. Wagner bereuete es faſt, daß er der Aufforde⸗ rung des Richters, die Nacht in ſeinem Hauſe zu ver⸗ weilen, nicht Folge geleiſtet hatte, ja, er wäre jetzt noch umgekehrt, wenn er ſich nicht geſchämt hätte, wankel⸗ müthig zu erſcheinen. Alſo faßte er ſich ein Herz, und ſtemmte ſich muthig dem Unwetter entgegen, feſt ent⸗ ſchloſſen, ihm bis auf's Aeußerſte Trotz zu bieten. Aber er mußte bald gewahr werden, daß ein ſolcher Entſchluß leichter zu faſſen als durchzuführen ſei. Un⸗ gefähr auf der Hälfte des Weges nach ſeiner Heimath geſellte ſich zu dem nicht nachlaſſenden Sturme auch noch ein heftiges Schneegeſtöber. Der Wind blies ihm die Schneeflocken grade in's Geſicht, und machte ihn dadurch völlig blind. Bisher hatte er immer noch we⸗ nigſtens die Richtung ſeines Weges zu erkennen ver⸗ mocht, jetzt aber ſchienen Himmel und Erde in Eins zuſammen zu wirbeln, und der unglückliche Mann fand— ſich in die Unmöglichkeit verſetzt, auch nur einen Schritt weit ſehen zu können. Nach wenigen Minuten hatte . 56 er den ohnehin nur ſchmalen Weg verloren, und mußte nun auf Gerathewohl in der Irre umher taumeln. Wagner erkannte vollkommen, daß er ſich in einer äußerſt ſchwierigen Lage befinde, und überlegte, wie er ſich am beſten derſelben entziehen könnte. Ein Obdach befand ſich, wie er nur zu beſtimmt wußte, leider nicht in der Nähe. Es boten ſich ihm alſo nur drei Aus⸗ wege dar. Entweder er kehrte um, oder er drang gegen Sturm und Schnee weiter vor, oder er ſuchte auf freiem Felde unter freiem Himmel irgend ein Plätzchen, wo er wenigſtens einigermaßen gegen die Gewalt des heftigen Unwetters geſchützt war. Das Erſte zu thun, wäre vielleicht das Beſte ge⸗ weſen, weil er im Falle der Umkehr von Sturm und Schnee im Rücken getroffen wurde und in Folge deſſen leichter vorwärts kommen konnte. Aber es blieb immer noch ſehr fraglich, ob er den verlaſſenen Ort bei den verſchneiten Wegen auch wieder erreichen würde, und außerdem hatte er bis zu ihm, ſeiner Rechnung nach, eine größere Strecke Wegs zurückzulegen, als nach ſei⸗ ner Vaterſtadt. Er gab dieſen Gedanken wieder auf. Was nun? Unter freiem Himmel kampiren bei ſolchem Toben der entfeſſelten Elemente hieß faſt nichts Anderes, als ſich freiwillig dem Tode zu überliefern. Alſo blieb ihm nur das Dritte,— die Heimkehr gegen Sturm und Schnee. Nach kurzem Ausruhen ſetzte er alſo ſeine Wande⸗ rung in der früheren Richtung fort, natürlich auf Ge⸗ rathewohl, da von Weg oder Steg jede, auch die ge⸗ ringſte Spur verſchwunden war. Das Geheul und Sauſen des Windes betäubte ſein Ohr, und die eiſige Kälte deſſelben, im Vereine mit den empfindlich prickeln⸗ 57 den Schneeflocken, zerſchnitt ihm das Geſicht wie mit Meſſern und raubte ihm völlig die Sehkraft der Augen. Aber es blieb ihm nun einmal keine Wahl mehr,— er mußte vorwärts und jedes Hinderniß überwältigen, wenn er nicht wie Bruto des Todes werden wollte. Alſo nur vorwärts! Immer vorwärts! Seine Bruſt keuchte, ſein Athem ſtockte, ſeine Füße wankten, und trotz der Kälte bedeckten Schweißtropfen, von Anſtrengung und Angſt erpreßt, ſeine Stirn. Der Sturm wüthete fort und fort, er entwickelte in einzelnen Momenten eine ſolche Heftigkeit, daß des armen, er⸗ ſchöpften Mannes Kräfte nicht mehr ausreichend waren, dagegen anzukämpfen. Er mußte von Zeit zu Zeit ſtehen bleiben, und ſich mit aller Macht gegen die Ge⸗ walt des Windes ſtemmen, um nicht zu Boden geſchleu⸗ dert zu werden. Wenn dann der Orkan wieder ein wenig nachließ, ſo ſtrebte er auch wieder vorwärts, aber freilich nur mit geringem Erfolge. Er mußte bis über die Knöchel, an manchen Stellen ſogar bis über die Knie im Schnee waten, und da ging es natürlich nur langſam. Dennoch hielt er aus, ruhete dann und wann ein paar Minuten, um friſchen Athem zu ſchöpfen, ſchritt wieder weiter, ruhete von Neuem, und kam auf dieſe Weiſe allmählig der ſchützenden Heimath immer näher. Wenigſtens glaubte er es, und dieſer gute Glaube hielt ihn immer wieder aufrecht, und flößte ihm friſchen Muth ein, wenn ſeine Seele ermatten und ſeine Glieder den Dienſt verſagen wollten. „Wäre ich nur erſt an den Steinbrüchen vorüber!“ murmelte er mehrmals vor ſich hin, wenn er ſich einige Augenblicke nöthigſten Ausruhens vergöͤnnte. Und allerdings hatte er alle Urſache, vor dieſen 58 Steinbruͤchen auf ſeiner Hut zu ſein. Die Straße führte ziemlich dicht an ihnen vorüber, und ſie waren ſehr ſteil und tief. Bei Tage oder auch ſelbſt bei Nacht, wenn man nur einigermaßen den Weg zu erkennen ver⸗ mochte, drohten ſie keine Gefahr. Aber in einer Nacht, wie dieſe, mit Sturm, Schneegeſtöber und undurchdring⸗ licher Finſterniß, lag die Beſorgniß nahe, über den Rand hinab zu ſtürzen und in der Tiefe drunten zer⸗ ſchmettert zu werden. Wagner kannte die Gefahr, und nahm alle Vorſicht und Beſonnenheit zuſammen, um ſie zu vermeiden. Weiter und weiter, den wüthenden Schneewehen und dem ſauſenden Sturme entgegen, drang er vor⸗ wärts. Als er glaubte, daß er ſich den Steinbrüchen näherte, verdoppelte er ſeine Vorſicht, und prüfte im⸗ mer, bevor er auftrat, den Boden, ob derſelbe ihm auch noch ſichern Halt gewähre. Da ſtieß er im Dunkeln an einen Pfahl, der einſam an der Seite des Fahr⸗ weges ſtand, und der ihm ſehr wohl bekannt war. Obgleich er bei dem Anprallen an den Pfahl einen ziemlich ſchmerzhaften Stoß erlitten hatte, ſchrie er doch, nicht aus Schmerz, ſondern vor freudiger Ueberraſchung laut auf. Der Pfahl ſtand hart am Rande des tiefſten Steinbruches. Wagner brauchte nur einige Schritte ſeitwärts, und denn gerade aus zu gehen, und die Ge⸗ fahr in die Tiefe zu ſtürzen, lag hinter ihm. Erleichterten Herzens ſchickte er ſich an, dieſe weni⸗ gen Schritte zurückzulegen, und ließ den Pfahl, an den er ſich beim Zuſammentreffen angeklammert, los. Nach drei, vier Schritten fühlte er immer noch feſten Boden unter ſeinen Füßen, beim fünften aber trat er in die 59 leere Luft, ſtieß einen gellenden Schrei aus, und ver⸗ ſchwand plötzlich in eine unbekannte Tiefe. Bei der Verwirrung ſeiner Sinne, einer Folge der faſt gänzlichen Erſchöpfung ſeiner Kräfte, hatte er ganz die falſche Richtung eingeſchlagen, und war, anſtatt der Gefahr auszuweichen, derſelben unmittelbar in die Arme geſunken. Frau Elsbeth, des Amtsboten Gattin, wartete mittler⸗ weile daheim unter Todesängſten und bangen Ahnungen der Heimkehr ihres Mannes. Bis gegen zehn Uhr Abends kämpfte ſie mit Erfolg das düſtere Vorgefühl irgend eines nahenden, ſchweren Unglücks nieder, als aber die zehnte Stunde vorüber war, vermochte ſie ihre Unruhe nicht mehr zu beherrſchen, und ihre Angſt machte ſich in einem Strom von Thräͤnen Luft. Um dieſe Zeit erhob ſich der gewaltige Sturm, und jagte dem zitternden Herzen der armen Frau noch größere Angſt und Beſorgniß ein. Doch hegte ſte immer noch die ſchwache Hoffnung, daß ihr Mann jeden Augenblick kommen könne, kommen müſſe, und trotz der eiſigen Kälte, die in das kleine Zimmer eindrang, öffnete ſie faſt jede Minute das Fenſter, und lauſchte in die Nacht hinaus, ob ſich noch immer und immer nicht der wohl⸗ bekannte Fußtritt ihres braven Gatten vernehmen ließe. Aber die arme Frau lauſchte vergebens. Sie hörte nichts als das Heulen des Sturmes, das Raſſeln und Klap⸗ pern lockerer Ziegel auf den Dächern, das unheimliche Kreiſchen und Knarren der Wetterfahnen, mit denen der Wind ſein launenhaftes Spiel trieb. Weit hinaus bog ſie ſich aus dem Fenſter und ſchaute die Straße hinunter des Weges, den der Mann kommen mußte. Aber ſie ſah ihn nicht, ſie ſah nur hie und da dunkle 60 Schatten an den Häuſern entlang, hinauf und hinunter huſchen, die Schatten der trüben brennenden Laternen, die der Sturm haſtig hin und her ſchaukelte, und im⸗ mer von Neuem daran zerrte, als wollte er ſie von den Eiſenketten losreißen, an denen ſie befeſtigt waren. Jetzt verſchwanden aber auch dieſe Schatten, denn ploͤtz⸗ lich wirbelten in dichten Maſſen Millionen von Schnee⸗ flocken in die Straße herunter, hüllte ſie im Nu wie in einen undurchdringlichen Nebel ein, und legten ſich ſo dicht um die Glasſcheiben der Laterne, daß kaum noch ein Lichtſchimmer hindurchdringen konnte. Frau Elsbeth ſtarrte erſchrocken in das Wirbeln und Toben des Winterſturmes hinaus. „Auch das noch!“ ſeufzte ſie aus beklemmter Bruſt. „Mein armer, armer Mann!« In der Bitterkeit ihres Schmerzes und bei ihrer Angſt vergaß ſie ganz, daß ſie am geöffneten Fenſter ſtand, daß die Kälte mit eiſigem Hauche ſie berührte, daß die Schneeflocken ihr Haar und Geſicht bedeckten und ſich dort in blitzende Tropfen, gleich Thränen, ver⸗ wandelten. Wie eine Bildſäule ſtand ſie da, mit blei⸗ chem Antlitz, mit gefalteten Händen, mit unverwandt in die finſtere, ſtürmiſche Nacht hinausſtarrenden Augen. So fand ſie der Nachtwächter noch, als er in der zwölften Stunde die gewohnte Runde durch die Straßen machte. „Um Gotteswillen, aber, Frau Wagner, Sie können ſich ja den Tod holen, wenn Sie ſo leicht gekleidet, im bloßen Hausüberrocke, bei ſolcher Nacht am offenen Fenſter ſtehen!« rief er ihr zu. Machen Sie doch, daß Sie zu Bett kommen!“ „Ich kann nicht,« erwiederte ſie, bei der Anrede des 61 Wächters zuſammenſchaudernd.„Ich muß auf meinen Mann warten.“ „Was Tauſend, iſt der Gevatter Wagner noch nicht zu Hauſe?« ſagte der Mann verwundert.»Er ſitzt doch nicht gar etwa noch bei einem Gläschen Bier in der Schenke? Sagen Sie mir's, wo er iſt, und ich hole ihn!“ „Ach, wenn das anginge!“« ſeufzte die beängſtigte Frau.„Nein, er ſitzt nicht im Wirthshauſe, er kämpft wahrſcheinlich eben in dieſem Augenblicke draußen auf der offenen Landſtraße gegen dieſes Unwetter, denn ich erwarte ihn von Waldheim zurück, wohin er auf Be⸗ fehl des Rathes Heimberger heute Abend gemußt hat.“ „Das wäre ſchlimm! In ſolchem Wetter draußen auf der Landſtraße! Schrecklich!“ ſagte der Wächter mitleidig.„Wenn iſt er denn von Hauſe fortgegangen?“ „In der ſechsten Stunde heute Abend.“* „In der ſechsten Stunde ſchon? Ei, Frau Gevat⸗ terin, da könnte er ja ſchon längſt wieder hier ſein!“ „Aber ich warte doch noch immer auf ihn, unter bittern Sorgen und Schmerzen warte ich!“ „Daran thun Sie eben gerade Unrecht,“ verſetzte der Wächter.„Ich kenne ja auch meinen alten Gevatter Wagner. Der hat ganz ſicher irgend eine Abhaltung gehabt, denn ſonſt wäre er um zehn Uhr gewiß zurück⸗ geweſen. Wer weiß, auf wen und auf was er hat warten müſſen? da er jetzt noch nicht da iſt, ſo kommt er jedenfalls morgen erſt. Alſo, Frau Gevatterin gehen Sie ganz unbeſorgt zur Ruhe, und auf alle Fäͤlle machen Sie das Fenſter zu, damit Sie ſich nicht auf den Tod erkälten! Gute Nacht, und keine Angſt weiter, Frau Wagner! Morgen wird der Mann ſchon eintref⸗ 62 fen, und zwar friſch und geſund. Bei ſolchem Hunde⸗ wetter wird er ſich gewiß nicht auf den Weg gemacht haben. Alſo gute Ruhe!« Frau Elsbeth fühlte ſich durch die theilnehmenden Worte des ehrlichen Nachtwächters einigermaßen getrö⸗ ſtet und beruhigt. Seine Anſicht hatte auch in der That viel für ſich. Sie ſelber kannte ja ihren Mann als äußerſt ordentlich und gewiſſenhaft. Da er um zehn Uhr nicht zurückgekommen war, mußte er durch irgend welche Umſtände aufgehalten worden ſein. Das bonnte ſie freilich nicht wiſſen, daß ſeine Ge⸗ wiſſenhaftigkeit in Beſorgung ſeiner Amtsgeſchäfte, und ſeine Liebe zu Weib und Kind größer geweſen waren, als ſeine Furcht, ſich aller Unbill des furchtbaren nächt⸗ lichen Winterſturmes preis zu geben. Sie überredete ſich ſelbſt, daß die Meinung des Nachtwächters wohl⸗ die richtige ſein werde, und ſuchte damit ihr ſorgen⸗ ſchweres Herz zu beſchwichtigen. Sie machte das Fen⸗ ſter zu und ging in ihre Schlafkammer. Hier betete ſie inbrünſtig zu Gott, flehte ſeinen Schutz für ihren Mann an, und ſuchte erſt dann endlich ihr Lager auf. Aber ſie konnte noch lange nicht einſchlummern. Un⸗ willkürlich mußte ſie auf das Wüthen und Toben des heulenden Sturmes hören, der Himmel und Erde aus den Fugen reißen zu wollen ſchien, und mit rauher Ge⸗ walt immer von Neuem an ihrem Häuschen und ihren kleinen Fenſtern rüttelte,— bis endlich, als Mitternacht ſchon längſt vorüber war, dennoch die bleierne Müdig⸗ keit ihre Augen zudrückte, und der Schlummer ſie fuͤr einige Stunden ihr Sorgen und Bangen um den Vater des Hauſes vergeſſen ließ. Als der Tag graute, wachte ſie wieder auf, und er⸗ hob ſich raſch von ihrer Lagerſtätte. Ein Blick durch das Fenſter auf die Straße belehrte ſie, daß das Schnee⸗ geſtöber aufgehört hatte. Auch der Sturm ſchien nach⸗ gelaſſen zu haben, denn die Straßenlaternen ſchwankten nicht mehr ſo haſtig, wie in der vergangenen Nacht, an ihren eiſernen Ketten hin und her. Gleichwohl war das Wetter immer noch trübe und der Himmel ſo von dichten Dünſten überzogen, daß kein einziger Sonnen⸗ ſtrahl ſie zu durchdringen vermochte. Dennoch übte das freundliche Licht des Tages einen beruhigenden Einfluß auf die Frau Elsbeth aus. Sie wies jede Beſorgniß, daß ihrem Mann ein Unglück zu⸗ geſtoßen ſein konne, beharrlich von ſich, und ſuchte und fand in ihren gewöhnlichen Morgen⸗Beſchäftigungen ein Mittel, ſich zu zerſtrruen. Während ſie das Feuer im Ofen anmachte, und einen Topf mit Waſſer beiſetzte, um den Morgen⸗Kaffee für ſich und ihren Sohn zu kochen, rechnete ſie aus, daß ihr Mann wahrſcheinlich um ſechs Uhr früh ſeine Wanderung von Waldheim an⸗ getreten habe, und alſo um acht Uhr etwa ankommen werde. Jetzt war es ſieben Uhr,— demnach nur noch eine Stunde, und alle Noth und Sorge mußte dann zu Ende ſein. Sie kochte den Kaffee, und weckte ihren Sohn, der um acht Uhr in die Schule gehen mußte. Bald kam er, völlig angekleidet, in das Wohnzimmer, und machte ein verwundertes Geſicht, als er den Vater nicht ſah, der nur äußerſt ſelten beim Frühſtücke zu fehlen pflegte. „Er wird ſchon kommen, Wilhelm,“ ſagte die Mut⸗ ter mit erzwungener Ruhe und als ob ſie ſelbſt ganz feſt von dieſer Thatſache überzeugt ſei.»Er iſt in 64 Waldheim aufgehalten worden, und kommt nun erſt heute um acht oder um neun Uhr wieder.« Wilhelm zweifelte natuͤrlich nicht daran, daß die Mutter Recht haben werde, und ließ ſich ſein Frühſtück wohl ſchmecken. Dann ging er in die Schule, und ließ die Mutter allein zu Hauſe. Als der Knabe fort war, kehrte die nur mühſam verſcheuchte Angſt wieder in das Herz von Frau Els⸗ beth zurück, und ſie ſpähte wieder die Straße hinunter, um zu ſehen, ob der ſchmerzlich Erwartete noch immer zaund immer nicht käme. Es ſchlug neun Uhr, und er war noch nicht da. Jetzt konnte es die arme, von den ſchwärzeſten Vor⸗ ſtellungen gemarterte Frau nicht länger in ihrer Ein⸗ ſamkeit aushalten. Eine dunkle Hoffnung, daß ſie bei dem Rath Heimberger irgend eine Auskunft erhalten werde, trieb ſie fort zu dieſem. Sie hing ihren Man⸗ tel um, und eilte durch die Straßen nach ſeiner ihr be⸗ kannten Wohnung. Sie fand ihn noch zu Hauſe, eben⸗ falls mit Ungeduld auf das Eintreffen ihres Mannes wartend, dem er eine ſo wichtige Sendung anvertraut hatte. Mit Beſtürzung vernahm er, daß der Amtsbote noch nicht heimgekehrt war, und, da er den Pflichteifer des Amtsboten kannte, vermuthete er auf der Stelle, daß er durch irgend ein außergewöhnliches Ereigniß aufgehalten ſein müſſe. „Man muß ohne Verzug Leute ausſchicken, und Nachforſchungen anſtellen laſſen,“ ſagte er.„Gott ver⸗ hüte, daß dem braven Mann ein Ungluͤck widerfahren ſein ſollte!“ Er rief einem im Vorzimmer harrenden Rathsdiener, 65 und ertheilte ihm haſtig die nöthigen Befehle. Dann wendete er ſich wieder zu Frau Elsbeth. „Verlaſſen Sie ſich auf mich, gute Frau, es wird Alles geſchehen, was geſchehen kann,“ ſagte er.»Wir können kaum daran zweifeln, daß Ihrem Mann etwas Außerordentliches begegnet iſt, doch wollen wir vorläu⸗ fig noch die Befürchtung nicht aufkommen laſſen, daß es durchaus etwas Schlimmes und Betrübendes ſein müßte. Gehen Sie einſtweilen ruhig wieder nach Hauſe. Sobald ich Nachricht erhalte, laſſe ich dieſelbe Ihnen mittheilen, oder komme ſelbſt.“* Die ſtillweinende Frau war im Begriff, der Wei⸗ ſung des Canzleirathes zu folgen, als haſtig die Thür aufgeriſſen wurde, und der abgeſchickte Rathsdiener mit äußerſt verwirrter und erſchreckter Miene wieder herein⸗ trat. „Sie bringen ihn ſchon, Herr Rath,“ ſagte er. „Wen? „Nun, den Amtsboten Wagner! Ach, der unglück⸗ liche Mann!“ 3 Frau Elsbeth ſchrie laut auf vor Schrecken; auch der Canzleirath wurde bleich. „Was iſt ihm denn geſchehen?“ fragte er. „Er iſt in der ſchrecklichen Sturmnacht in den Stein⸗ bruch geſtürzt, und da haben ihn heute Morgen ein paar Arbeiter halb zerſchmettert gefunden,“ verſetzte der Diener. Noch hat er gelebt und hat ſeine Wohnung angeben können, und dahin haben ihn denn die Leute auf einer Tragbahre getragen.“. Frau Elsbeth ſchluchzte, als ob ihr das Herz bre⸗ chen müßte, bei dieſer entſetzlichen Nachricht, die ihre bangſten und traurigſten Befürchtungen beſtätigte, und Lebensverſicherung.. 3 5 66 Rath Heimberger ſuchte vergebens nach Worten, um ſie zu tröſten. „Vielleicht iſt es noch nicht ſo ſchlimm, wie der Mann ſagt,“ ſprach er endlich.»Noch können wir hof⸗ fen, daß der Sturz keine tödtlichen Folgen haben wird. Schnell einen Arzt herbei geſchafft, er ſoll in des Amts⸗ boten Wohnung kommen! Ich ſelbſt werde Sie beglei⸗ ten, Frau Wagner, und nach Ihrem Mann ſehen! Kommen Sie!“ Er griff ſchnell nach Hut und Stock, reichte der weinenden Frau ſeinen Arm zur Stütze, und führte ſie nach ihrer Wohnung. Ein trauriger Anblick harrte hier ihrer. Auf dem Sopha lag, mit Blut bedeckt, mit todtbleichem Antlitz und halb erloſchenen Augen, der verunglückte Mann, und konnte nur mit Mühe ſeiner Frau die Hand ent⸗ gegen ſtrecken. Sie ſank laut aufſchreiend vor Jammer an der Seite ihres Gatten nieder, und benetzte ſeine zerſchmetterte Geſtalt mit heißen Thränen. .„Sei ruhig, liebes Weib,“ flüſterte er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme,»Gott hat gewollt, daß es ſo kommen ſollte, und da dürfen wir weder murren nooch klagen! Sie auch hier, Herr Canzleirath? Ach, das war eine ſchlimme Nacht! Aber ich habe ihren Auftrag vollführt. In meiner Bruſttaſche werden Sie den Empfangsſchein des Herrn Richters finden.“ „Still, ſtill jetzt davon,“ erwiederte der Canzleirath tief bewegt und erſchüttert.„Hätte ich ahnen können, daß Euer Gang ein ſo trauriges Ende nehmen würde, ich hätte Euch wahrlich nicht den Auftrag dazu gege⸗ ben!« „Ach, Herr Rath, Sie tragen ja keine Schuld an 67 dem Unglück,“ verſetzte der Amtsbote ſchwach»Wer kann Etwas gegen die Macht des Herrn und ſeine Diener, die entfeſſelten Elemente. Ich hätte die böſe Nacht bei dem Herrn Richter bleiben ſollen; er bot es mir an, aber ich konnte es nicht über's Herz bringen, meine arme Frau zu ängſtigen, die daheim jedenfalls mit Sehnſucht auf mich wartete. „Aber wie iſt nur das Entſetzliche gekommen? Wie hat es ſich zutragen, wie geſchehen können?« fragte der Rath. Der Amtsbote lächelte ſchmerzlich, und erzählte in abgebrochenen Sätzen, was wir oben ſchon zu ſchildern verſucht haben. „Dieſer ſchreckliche Sturz!« rief der Canzleirath ſchaudernd aus.„Es iſt faſt ein Wunder, daß Ihr nicht auf der Stelle den Tod gefunden habt.“ „Das wollte Gottes Gnade nicht,“ verſetzte der Amtsbote, und ſein Auge leuchtete heller auf, indem er es mit zärtlichem Ausdrucke auf ſeine Gattin heftete. »Gott wollte mir die Gnade vergönnen, daß ich mein gutes Weib und meinen Knaben noch einmal ſehen und ſie Beide ſegnen könnte.“ „Ach, lieber Freund, fürchtet nicht gleich das Schlimmſte,“ ſagte der Canzleirath.“ Wir wollen nicht daran zweifeln, daß die Folgen des Sturzes minder ſchlimm ſein werden, als Ihr zu fürchten ſcheint. Ich⸗ habe bereits nach einem Arzte geſchickt; er wird ſogleich kommen und Euch Heilung verſchaffen.“ Der Amtsbote ſchüttelte leiſe das bleiche Haupt. „Nein, nein,“ ſagte er ſanft.„Wir wollen uns nicht mit trügeriſchen Hoffnungen täuſchen. Es hat mich zu hart getroffen. Erſt der furchtbare Kampf gegen Sturm 5* und Schnee, dann der Sturz in die Tiefe, dann die eiſige Kälte während den ewig langen Stunden, die ich hülflos im Steinbruche verbringen mußte,— das iſt mehr, als die ſtärkſte menſchliche Natur zu ertragen ver⸗ mag.— Weine nicht, Elsbeth,«— wendete er ſich wieder zu ſeiner Frau, die heftig ſchluchzte, und ſtreichelte liebkoſend ihre thränenfeuchte Wange;— weine nicht! Es muß einmal geſchieden ſein, und ich ſterbe, wenn auch nicht mit Freuden, ſo doch mit Ergebung in Got⸗ tes Fügungen. Es wird mir ſchwer, von dir und von unſerem Knaben zu ſcheiden, aber ich habe doch einen, einen ſüßen und beſeligenden Troſt, den: daß ich von Euch gehen kann ohne ſchwere Sorge für Eure Zukunft. Oh, Herr Canzleirath, hier, auf meinem Sterbe⸗ und Schmerzenslager ſage ich Ihnen noch einmal Dank, daß Sie mir damals zu der Verſicherung meines Lebens gerathen haben. Sehen Sie, als ich hülflos in dem öͤden, kalten Steinbruche lag und mit furchtbaren Schmer⸗ zen rang, da war der Gedanke, daß einſt mein Sohn die Mittel haben werde, etwas Tüchtiges zu lernen und ſich auszubilden, wie ein Engel des Troſtes an meiner Seite. Gutes Weib, ich laſſe dich nicht arm und hülf⸗ los zurück, und unſer Wilhelm wird dir dereinſt eine zuverläſſige und feſte Stütze ſein. Ich weiß das, denn ich kenne ihn!“ „Und ich verſpreche es dir, Vater, lieber Herzens⸗ Vater!“ ſagte der Knabe, welcher vor einem Weilchen leiſe eingetreten war und die ihn betreffenden Worte ſeines Vaters gehört hatte,„ich verſpreche es dir und gelobe es in deine Hand,“ wiederholte er, indem er näher trat, und die ſchlaffe Hand des Sterbenden er⸗ griff, um ſeine Lippen darauf zu drücken,—„wenn mir Gott Kraft und Geſundheit erhält, will ich gewiß nichts unterlaſſen und verſäumen, um mich für die Opfer dankbar zu beweiſen, die deine liebevolle Für⸗ ſorge für mein Wohl gebracht hat. Das gelobe ich dir, Vater!“ „Und ich nehme dein Geluübde an,“ erwiederte der Vater mit einem zärtlichen Blicke auf den wackern Kna⸗ ben.„Ja, ich kann ruhig ſterben und in Demuth ſa⸗ gen: Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geiſt! Tod, wo iſt nun dein Stachel? Gott weiß, daß ich allezeit redlich geſtrebt habe meine Schuldigkeit zu thun,— warum ſollte ich nun fürchten, vor ſein liebreiches, leuchtendes Angeſicht zu treten? dich mein Sohn, ſegne der Himmel! Ich vertraue auf dich, daß du allezeit rechtſchaffen handeln wirſt, und das wird dir Gott leh⸗ ren, wie es mir den Augenblick des Todes erleichtert!“ Stilles unterdrücktes Schluchzen der Mutter und des Sohnes folgten dieſen Worten des braven Mannes, und auch der Canzleirath fühlte, wie eine Thräne der Rührung ſein Auge feuchtete. Schweigen, tiefes Schwei⸗ gen herrſchte eine Zeitlang in dem kleinen Zimmer, das erſt nach einer geraumen Weile von dem Kranken un⸗ terbrochen wurde. „Ja, Herr Canzleirath,“ ſprach er mit allem Nach⸗ druck, den er noch in ſeine Stimme legen konnte,— ves liegt ein unendlich, unausſprechlich ſüßer Troſt in dem Bewußtſein, für die Seinigen geſorgt zu haben, da es noch an der Zeit war. Barmherziger Gott, wie ſchwer würde mir das Sterben werden, wenn ich mir den Vorwurf machen müßte, daß durch meine Schuld und Vernachläſſigung Weib und Kind nach meinem Tode darben und Mangel leiden müßten? Gott ſegne 8 Sie für den guten Rath, den Sie mir damals gaben, lieber Herr!“ Der Canzleirath wendete ſich ab, denn er ſchämte ſich, die Verwirrung ſehen zu laſſen, die ſich in ſeinen Geſichtszügen abſpiegelte. Jedes Wort des ſterbenden Mannes traf ſein Herz, wie ein Dolchſtich. So hatte dieſer gehandelt, ein ſchlichter, einfacher Mann, aber ein ſorgſamer und zärtlicher Familien⸗Vater. Wie da⸗ gegen hatte er ſelber gehandelt, der doch durch Ein⸗ ſicht und Kenntniſſe Jenen weit überragte? Eine Fluth bitterer Selbſtvorwürfe ſtürmte auf ihn ein, und er war froh, als bald darauf der Eintritt des Arztes dieſem peinlichen Zuſtande ein Ende machte, und ſeinen Ge⸗ danken eine andere Richtung gab. Der Arzt unterſuchte den Kranken ſorgfältig, ver⸗ band ſeine durch den Sturz in die Tiefe herbeigeführ⸗ ten Wunden und Quetſchungen, und ordnete vor Allem Ruhe und Stille an. Als der Canzleirath ihn auf die Seite zog und fragte, ob Hoffnung auf Geneſung vor⸗ handen ſei, zuckte er die Achſeln. „Gott kann Wunder thun,“« verſetzte er,—„aber menſchliche Kraft und menſchliches Wiſſen iſt in dieſem Falle ohnmächtig!“ Der Canzleirath nahm Abſchied von der unglückli⸗ chen Familie, und begleitete den Arzt noch ein Stuͤckchen Weges, um Räheres über den Zuſtand des Amtsboten zu erfahren. Der Doctor machte ihm kein Hehl daraus, daß, nach ſeiner Anſicht, der Kranke die nächſte Nacht nicht überleben wuͤrde, weil die Erſchütterung des Stur⸗ zes zu gewaltig geweſen ſei. Mitleidig und theilneh⸗ mend vernahm der Canzleirath dieſes Urtheil des erfah⸗ renen Arztes, und während des ganzen Tages beherrſchte 71 ihn eine ernſte, faſt trübe Stimmung, die ihren Grund in dem Verluſte eines braven und rechtſchaffenen Unter⸗ gebenen, aber ſicherlich auch noch in etwas Anderem hatte, von dem ſich aber der Canzleirath ſelber keine Rechenſchaft geben mochte. Was war es wohl?—— Fünſtes Kapitel. Verſcherzt. Am andern Morgen, als gerade der Canzleirath mit ſeiner Gattin noch am Frühſtücks⸗Tiſche ſaß, brachte ein Amtsdiener die Nachricht, daß der Amtsbote Wag⸗ ner in vergangener Nacht gegen zwölf Uhr geſtorben ſei.*¹ Obgleich dieſe traurige Botſchaft nicht überraſchen konnte, machte ſie doch einen betrübenden Eindruck auf das Ehepaar, welches den ehrlichen, braven Mann immer geſchätzt und geachtet hatte. 3 „Und wie iſt er geſtorben?“ fragte der Canzleirath nach einer in ſchmerzlichem Schweigen verbrachten Pauſe. „Sanft, ergeben, faſt freudig,“ lautete die Antwort des Amtsdieners.„Ich ging heute früh nach ſeiner Wohnung hin, um mich nach dem Zuſtande des Kran⸗ ken zu erkundigen, und da erzählte mir Frau Wagner ſelber, wie Gott ergeben und ſchmerzlos das Ende ihres Mannes geweſen ſei. Ich mußte ihr wohl glauben, denn als ich nachher auf meine Bitte den Todten noch einmal ſehen durfte, wurde ich ganz weich und gerührt über den Ausdruck ſtiller Seligkeit, der ſich in ſeinen Zügen ausprägte. Er ſah nicht aus, wie ein Verſtor⸗ bener, ſondern wie ein Schlafender, der einen ſüßen, herrlichen Traum träumt. Wenn nicht die Todtenbläſſe des Geſichtes geweſen wäre, ich hätte geglaubt, er lebe noch!“ „Und ſeine Frau?“« fragte nach einer kleinen Pauſe abermaligen ſtillen Nachdenkens die Frau Canzleiräthin. „Wie erträgt Sie ihren ſchweren Verluſt?“ „Wie ihn eine rechtſchaffene, gottesfürchtige Frau ertragen muß,“ verſetzte der Amtsdiener.„Man ſieht ihr freilich den tiefen, ſtillen Schmerz in den leidenden Zügen an, aber ſie jammert und ſchreit und heult nicht, ſondern faßt ſich in Geduld und in chriſtlich frommer Ergebung. Auch der Wilhelm, ihr Sohn, benimmt ſich zum Bewundern gut. Er iſt doch noch ein halbes Kind, wenn man aber hört, wie verſtändig er mit der Mutter ſpricht, und ein jedes Wort aus ſeinem Munde ſo tröſtlich und faſt erbaulich klingt, ſo muß man Reſpect vor ihm haben.“ „Ja er iſt ein vortrefflicher und ausgezeichneter Knabe, ich kenne ihn,“ ſagte der Canzleirath.„Er wird ſeinem braven Vater einmal alle Ehre machen, das bin ich feſt überzeugt. Aber nun genug von den traurigen Ereigniſſen, das wir nun leider einmal nicht ändern können. Was bringt Ihr mir von der Canzlei?“ —— Wochen und Monate vergingen, der grimmige Winter mußte, wenn auch langſam und widerwillig, dem milden Wehen und Walten des Frühlings weichen; das Eis ſchwand von den Fluüſſen und Bächen; der Schnee ſchmolz unter den immer eindringlicheren Strah⸗ len der Sonne und dem warmen Hauche der Südweſt⸗ Winde, erſt in den Ebenen auf Wieſen und Feldern, d dann auch auf den Höhen und Bergkuppen; die Buͤſche und Sträucher kleideten ſich mit jungem, friſchem Grün; die erſten Schneeglöckchen, die erſten duftenden Veilchen erquickten Auge und Gemuͤth; Millionen feine grüne Spitzen lugten von Wieſe und Garten, noch ein wenig ſchüchtern, zum blauen Himmel auf; gelbe Primeln und blaue Genzianen ſchmückten den Waldrand; die lieben Vöglein zwitſcherten, jubilirten und flöͤteten wieder ihre muntern Lieder von den Zweigen oder aus hoher Luft herab;— kurz der Frühling, der liebe, holde, wonnige Frühling war wieder einmal gekommen mit ſeiner Fuͤlle von Schönheit und Herrlichkeit, und jedes lebendige Weſen begrüßte ihn mit Freudigkeit, und ath⸗ mete leichter und freier auf, als da des Winters ſtarre Macht noch ſchwer auf ihm gelegen hatte.— Und doch war Einer, dem der Zauber des Frühlings kaum ein Lächeln ablocken konnte, Einer, der ungerührt blieb von ſeinen Wonnen und Freuden, der trüben Blickes ſeine Herrlichkeit ſchaute und im gepreßten Her⸗ zen keine Regung des allgemeinen Entzückens verſpuͤrte. Und dieſer Eine war der Canzleirath Heimberger. Freilich nicht ohne Grund ging der ſonſt lebensfrohe und lebensfriſche Mann jetzt düſter und trübe einher. Seit dem Tode des Amtsboten Wagner, den er ſich vielleicht mehr zu Herzen nahm, als er äußerlich zu erkennen gab, war eine ſehr merkbare Veränderung mit ihm vorgegangen. Er kränkelte fortwährend. Sein Unwohlſein erreichte allerdings nie einen ſo hohen Grad, daß es ihn von ſeinen Geſchäften abgehalten, oder ihn vom Ausgehen verhindert hätte, aber genug, er kränkelte. Seine fruͤhere, unerſchütterlich ſcheinende Geſundheit hatte einen empfindlichen Stoß erlitten. Er klagte bald . über Bruſtleiden, bald über Herzweh, bald über den Magen, bald über dieß oder das, und in der That, wer ihn längere Zeit nicht geſehen hatte, erſchrak über ſein leidendes Ausſehen, über das bleiche, eingefallene Geſicht, über die trüben Augen und die ſchlaffe Haltung des Körpers, den er früher ſo gerade und ſtattlich ge⸗ tragen hatte. Außer den körperlichen Beſchwerden mußte ihn auch wohl noch ein Gemüthsleiden drücken, obgleich er dieſes ſorgfältig vor den Leuten und beſondes vor ſeiner Frau zu verbergen ſuchte. Dennoch merkte es die Letztere recht wohl, und ahnte auch die Quelle davon. Doch hütete ſie ſich, ihren Gedanken Worte zu geben, um den ohnehin ſchon reizbaren Mann nicht noch reizbarer zu machen. Sie erwartete nur geduldig die Zeit, wo er ganz von ſelber und aus freier Entſchließung ihr ſein Herz öffnen würde, und wünſchte nur im Stillen, daß ſich dieſer Zeitpunkt nicht zu weit hinaus dehnen möͤchte. Es vereinigte ſich noch Manches, der Mißſtimmung des Canzleiraths eine noch ſchwärzere Färbung zu geben. So ein Beſuch von der Wittwe Wagner, welche eines Morgens zu ihm kam, und ihn um eine kleine Gefäl⸗ ligkeit erſuchte, die er natürlich bereitwillig gewährte. „Und nun, Frau Wagner, wie geht es ſonſt?“ fragte er, ſie zurückhaltend, als ſie ſich mit höflichem Danke wieder entfernen wollte. Ich will doch hoffen, daß der Verluſt ihres guten Mannes Sie nicht in eine hülfsbedürftige Lage gebracht hat?« „O nein, Herr Canzleirath, Gott ſei Dank dafür,“ erwiederte ſie.„Die kleine Penſion, die mir monatlich ausbezahlt wird, reicht vollkommen aus, mir und mei⸗ nem Wilhelm des Lebens Nothdurft zu gewähren, und 75 dann bin ich ja auch noch jung und rüſtig, und kann durch meiner Hände Arbeit, durch Waſchen, Scheuern und dergleichen auch noch ein paar Thaler woͤchentlich verdienen. Außerdem, Sie wiſſen ja, die fünfhundert Thaler von der Lebensverſicherung! die habe ich auf ſichere Hypothek gelegt, und rühre keinen Pfennig da⸗ von an. Sie ſollen einmal meinem Wilhelm zu gut kommen, wenn er ſpäter ein Handwerk lernt, oder wenn er Kaufmann werden, oder gar auf die Univer⸗ ſttät gehen und ſtudiren will. Das Geld reicht zu Allem aus. Ja, das iſt eine große Beruhigung für mich, Herr Canzleirath! denn ſehen Sie, wenn mein ſeliger guter Mann ſein Leben nicht verſichert gehabt hätte, was wäre dann für den armen Jungen zu thun und zu erreichen geweſen? Nichts! Er hätte es nimmer⸗ mehr zu etwas Rechtem und Ordentlichem bringen kön⸗ nen, während jetzt, wenn ihn nur der liebe Gott brav und geſund erhält, ſeine Zukunft geſichert iſt.« Der Canzleirath ging während dieſer Auslaſſung der Frau Wagner unruhig in der Stube auf und ab, und bekämpfte augenſcheinlich ein Gefühl, das ihn un⸗ angenehm, wenn nicht gar ſchmerzlich berührte. „Ja, ja,“ ſagte er dann,„ich kann mir wohl den⸗ ken, daß eine ſolche Summe Geldes ein wahrer Schatz für Sie ſein muß. Sie haben dieſelbe alſo ſchon aus⸗ bezahlt erhalten?“ „Ei ja, ſchon bald nach dem Begräbniſſe meines armen guten Mannes,“ verſetzte ſie.„Das war ſehr ſchön und rührend, Herr Canzleirath. Sehen Sie, der Herr Agent Kluge,— Sie kennen ihn ja,— ließ mir damals ſagen, ich ſolle ihn Tags darauf Vormittags um elf Uhr beſuchen. Als ich hin kam, fand ich außer ihm noch den Herrn Pfarrer und den Herrn Doctor, der meinem armen Mann die letzten Leidensſtunden er⸗ leichtert hatte, und Alle grüßten mich herzlich und freund⸗ lich. Ich mußte mich niederſetzen, und dann ſprach Herr Kluge zu mir, daß es ihn von ganzer Seele freue, mir eine Summe Geldes einhändigen zu können, die mir ohne Zweifel einen großen Theil meiner Sor⸗ genlaſt abnehmen würde. Dann nahm der Herr Pfar⸗ rer das Wort, und ſagte viel Gutes und Lobendes über meinen ſeligen Mann, und pries ihn, daß er ſo weiſe geweſen, noch bei ſeinen Lebzeiten die Zukunft ſeiner Familie ſicher zu ſtellen. Dann ſagte der Herr Doctor, wie ſehr es ihn gefreut und geruͤhrt habe, daß mein Mann ſo gefaßt und ruhig ſeiner irdiſchen Auf⸗ löſung entgegen gegangen ſei, daß er dieſe Faſſung und Ruhe zu großem Theile ſeiner ebens, Niſ herun zu danken gehabt, und daß dieſelbe in ſolcher Weiſe nicht nur ſeiner Familie, ſondern auch ihm ſelber zu einem wahren Segen gereicht habe. Nachher führte mich der Herr Kkuge an einen Tiſch, wo fünfhundert Thaler in blanken Gold⸗ und Silberſtücken aufgezählt lagen, und ſagte zu mir, das ſei Alles mein, und ich möge es als ein ſchönes Andenken an meinen verſtorbenen Mann betrachten und werth halten. Ach, Herr Rath, ich mußte weinen vor Freude! Nicht über das Geld, wahrhaftig nicht! ſondern darüber, daß mein Mann doch ſo ein guter, braver Familien⸗Vater geweſen war, und daß ich Seiner immer und allezeit in Liebe und Verehrung gedenken konnte. Ja, auch den Herren, die mir Glück wünſchten, ſtanden Thränen in den Augen, und ich ſah wohl, daß ſie Alle es herzlich gut mit mir mein⸗ ten. Da faßte ich mir denn auch ein Herz, und bat Herr Kluge, daß er ſo gut ſein und das ſchöne Geld für meinen Wilhelm ſicher ſtellen möge. Das hat er denn auch bereitwillig gethan, und ich kann ganz un⸗ beſorgt um das Geld ſein, und beziehe auch noch huͤbſche Zinſen davon.“ „Auch ich wünſche Ihnen Glüuͤck, liebe Frau, daß Sie einen ſo wackern und vorſichtigen Mann gehabt haben,“ ſagte der Canzleirath mit etwas bebender Stimme.„»Wollte Gott, es dächten noch recht viele Menſchen ſo, wie er gedacht hat, dann würde es eine große Summe von Kummer, Sorge und Elend weniger in der Welt geben!“ Als Frau Wagner kurz darauf gegangen war und der Canzleirath ſich allein in dem Zimmer befand, ſchlug er ſich haſtig mit geballter Fauſt vor die Stirn, und Worte, wie:„ich Thor, ich Elender, ich Unſinniger!« floßen unwillküͤrlich über ſeine Lippen. Ob und was er ſich dabei dachte, konnte natürlich Niemand wiſſen. Jedenfalls ſtand aber ſo viel feſt, daß die Unterredung mit Frau Wagner ihn ſehr ſtark und lebhaft ergriffen, und ihn in ungewöhnliche Aufregung verſetzt hatte. Eine Aufregung anderer Art ſollte wenige Tage nach Jener erfolgen. Grade zu jener Zeit trat eine große, weit greifende Handels⸗Kriſis ein, welche bedeutende Verheerungen un⸗ ter den Kaufleuten und Banquier⸗Häuſern anrichtete. Hunderte von Leuten, die man für unermeßlich reich gehalten hatte, wurden in kürzeſter Friſt zahlungsunfähig und kamen an den Bettelſtab. Der Canzleirath hatte wohl von dieſen Calamitäͤten gehört, aber ſich weiter nicht darum bekümmert, weil er als Beamter kein eige⸗ nes und beſonderes Intereſſe daran hatte. Da eiuht er aber ein Gerücht, das ihn plötzlich aus ſeiner bisheri⸗ gen Theilnahmloſigkeit aufſchreckte und ihn nicht wenig betroffen machte. Er kam eines Abends in die„Har⸗ monie“, und vernahm da mit nicht geringem Erſtaunen, daß in Folge des Sturzes anderer Häuſer auch der Banquier Meyerheim bankrott geworden ſei, und ſich dieſes Unglück ſo ſehr zu Herzen genommen habe, daß er, vom Schlage gerührt, todtkrank zu Hauſe läge. „Unmöglich!“ rief der Canzleirath aus,—„ich war doch erſt geſtern bei ihm, um ihm einige kleine Erſparniſſe anzuvertrauen, und er war ganz heiter und lebensfroh! Unmöglich!« „Wenn Sie zweifeln,“ erwiederte der gute Bekannte, welcher ihm die Mittheilung gemacht hatte,„ſo fragen Sie den Doctor Ernſt, der da eben hereinkommt. So viel ich weiß, iſt er Hausarzt bei Meyerheim.“ Der Canzleirath eilte auf den Doctor zu. „Iſt es wahr, Doctor?« fragte er haſtig.»Meyer⸗ heim.. 2 „Liegt im Sterben,“ verſetzte der Doctor achſelzuckend und ſehr ernſt.„Ich komme eben von ihm, und bin noch ganz erſchüttert und ergriffen von dem tieftrauri⸗ gen Auftritte, dem ich beiwohnen mußte. Der ſterbende Mann wilde Verwünſchungen gegen ſich ausſtoßend, ſeine unglückliche Frau händeringend und wehklagend, ſein Sohn in Thränen zerfließend,— ein ſchrecklicher Auftritt!« „Aber, großer Gott, wie hat das ſo kommen koͤn⸗ nen?“ rief der Canzleirath ganz bleich aus. „Natürlich und erklärlich genug,« erwiederte der Doctor.„Schon ſeit acht Tagen fühlte Meyerheim den Boden unter ſich wanken, und er kämpfte mit al⸗ ler Anſtrengung, um den Ruin ſeines Hauſes abzu⸗ wenden, aber leider ohne Erfolg. Eine Unglücksbot⸗ ſchaft folgte der andern; Schlag auf Schlag erhielt er Nachricht von dem Sturze befreundeter Häuſer, denen er bedeutende Kredite gewährt hatte, und heute früh kam denn noch der letzte und unglücklichſte Schlag, der ihn gänzlich zu Boden ſchmetterte. Ein Banquier in Wien, den die ganze Welt für einen Millionär und für den rechtſchaffenſten Mann gehalten hatte, iſt bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen, und hat durch ſeine Flucht alle ſeine Gläubiger in Verzweiflung geſtürzt. Er war Meyerheim's letzter Hoffnungsanker. Heute früh erhielt er durch den Telegraphen die Nach⸗ richt, daß auch dieſer letzte Anker gebrochen ſei, und nun war es aus mit ſeiner Standhaftigkeit. Der Blitz ſchmetterte ihn zu Boden. Er verfiel in eine wilde Raſerei. Ein Art Gehirnſchlag erfolgte, und nun liegt er da, eine jammervolle Beute der Verzweiflung. Ich ſage Ihnen, es iſt ſchrecklich, Canzleirath, den unglück⸗ lichen Zuſtand dieſes Mannes mit anzuſehen!« „Und er hat wirklich Alles, ſein ganzes Vermögen verloren? der reiche Meyerheim?“ „Mehr, als das, er hinterläßt noch bedeutende Schulden, an deren Bezahlung natürlich nicht zu den⸗ ken iſt. Seine Frau und ſein Sohn, die noch vor vierzehn Tagen im Ueberfluſſe ſchwelgten und mit den Händen im Golde wühlen konnten, ſind heute Bettler, und müſſen von der Mildthätigkeit fremder Menſchen leben!« „Barmherziger Gott, wie ſchrecklich!« ſagte leirath ſchaudernd.„Die unglückliche Fra Kind!« 80 „Sie ſind nicht allein unglücklich gemacht durch den Bankrott Meyerheim's,« fuhr der Doctor fort. „Noch manche andere Familien, die dem reichen Ban⸗ quier ihr Geld anvertraut, kommen durch ihn zu, zum Theil bedeutenden, Verluſten. Ich weiß, auch Sie, lie⸗ ber Canzleirath, gehören zu dieſen Leuten.“ „Oh, das iſt von keiner großen Wichtigkeit,“« ver⸗ ſetzte Heimberger ſchnell.„Nur einige kleine Erſpar⸗ niſſe, die man ohne großen Kummer verſchmerzen kann, heſonders im Hinblick auf ein ſo niederſchmetterndes Unglück, wie es Meyerheim betroffen. Aber woher wiſſen Sie.. 2« „Aus Meyerheim's eigenem Munde,“ erwiederte der Doctor.„In einem ſeiner Ausbrüche wildeſter Verzweiflung klagte er ſich an, daß er Sie früher ein⸗ mal durch ſeine Vorſpiegelungen abgehalten habe, einer Lebensverſicherungs⸗Geſellſchaft beizutreten, und Sie da⸗ gegen bewogen habe, Ihre Erſparniſſe in ſeinem Ge⸗ ſchäft anzulegen. Dieſe Angelegenheit ſchien ſehr ſchwer auf ſeinem Gewiſſen zu laſten. Er verwünſchte ſich ſelbſt, ſeinen Hochmuth, ſeinen Stolz, ſein Pochen auf Geld, was auch ihn ſelber verhindert hätte, ſein Leben zum Beſten ſeiner Hinterbliebenen zu verſichern.„Da haben wir's nun!“ ſchrie er keuchend und mit gerungenen Händen, während der Angſtſchweiß in ſchweren Tropfen von ſeiner Stirne rollte,—„mein armes Weib, mein einziges Kind in die unbarmherzige Welt hinaus geſto⸗ ßen! Und ich Rabenvater hätte es ſo leicht verhüten können! Ein Scherflein von meinem früheren Ueberfluſſe hätte hingereicht, ſte vor dem Aeußerſten zu ſchützen, ihnen wenigſtens eine ſichere Exiſtenz zu gewähren, ſie vom Mitleid der Menſchen unabhängig zu machen! —— 84 Oh, ich Schurke, ich gewiſſenloſer! Ich Rabenvater! Ich Glücksmörder von Weib und Kind!“ So tobte er und ſchrie und rang die Hände und verwünſchte ſich ſelbſt und ſeine ſtrafbare Nachläſſigkeit. Es war grau⸗ ſig anzuſehen und anzuhören, dieſes traurige Schauſpiel eines Familien⸗Vaters, der ſterbend keine Ruhe in ſei⸗ nem Gewiſſen zu finden vermochte! Grauenhaft, ſag' ich, war es! Grauenhaft! Ach, wie ſo ganz anders war es, als ich am Sterbelager des armen Amtsboten Wagner ſtand! Dort die gräßliche Verzweiflung,— hier die friedliche, ja freudige Ergebung in den Willen Gottes, bewirkt und getragen durch das gute Bewußt⸗ ſein, eine heilige Pflicht erfüllt und zu rechter Zeit für das Wohl der Seinigen geſorgt zu haben. Welch ein Unterſchied! Welch ein Gegenſatz! Ja, glauben Sie mir, beſter Canzleirath, wenn die Menſchen auf dem Sterbebette liegen, dann erkennt man erſt recht, was dem Tode den Stachel benimmt und ihn leicht macht: es iſt das Bewußtſein treulicher Pflichterfül⸗ lung! Nichts Anderes kann ſo leicht über die Schrecken der leiblichen Vernichtung hinwegführen!“ 3 Der Canzleirath war tief bewegt, ja, bis in's In⸗ nerſte hinein, durch und durch erſchüttert. Er malte ſich das ſchreckliche Ende des unglücklichen Meyerheim aus, und ſein Herz erbebte, wenn er an das dereinſtige ſeinige dachte. Was hatte denn er gethan, um die Sorge von dem Leben der Seinigen zu bannen? Die geringen Summen, die er für ſie erſpart hatte, waren in Folge eines größeren Unglücks verſchlungen worden, und, wenn das auch nicht geſchehen wäre,— jetzt ſah er ein, daß ſie ſeiner Familie— nichts, oder doch faſt Lebensverſicherung. 86 nichts nuͤtzen würden, wenn heute oder morgen der 4 Himmel über ſein Leben verfügte. Er blieb den ganzen Abend ſtill und träumeriſch; ſtill und träumeriſch ging er nach Hauſe; ſtill und träu⸗ meriſch ſuchte er ſein Lager auf, ohne daß er es über's Herz hatte bringen können, ſeiner Frau von Meyerheim's 8 Unglück und Selbſtvorwürfen nur eine Sylbe zu ſagen. Auch ihn ſchlug das Gewiſſen, und er ſcheute ſich, es einen Andern, wäre es auch ſeine Frau, merken zu laſſen. Sechstes Kapitel. Zu ſpät. Am nächſten Morgen ſah Rath Heimberger, als er mit der Gattin am Frühſtücktiſche ſaß, wieder ein⸗ mal ſo heiter aus, wie in früherer beſſerer Zeit. Man ſah ihm an, daß er einen Entſchluß gefaßt hatte, und dieſer Entſchluß mußte ein guter ſein, da er ihn fröh⸗ lich machte, und die Wolke des Trübſinn's von ſeiner Seele verbannte. Doch ſagte er nichts davon zu ſeiner Frau, ſondern beeilte ſich mehr als gewöhnlich, ſein Fruhſtuck einzunehmen, und kleidete ſich dann raſch an, um, wie er gegen ſeine Frau äußerte, vor dem Be⸗ ſuche ſeines Bureau's noch einen Geſchäftsweg abzu⸗ machen. Mit ſchnellen, elaſtiſchen Schritten eilte er durch die Straßen, und hielt ſich nirgends auf, bis er vor einem ſchönen Hauſe ſtand, an deſſen Vorderſeite ein großer Schild aushing, mit der in Gold ausge⸗ führten prunkenden Inſchrift:„Agentur der Londoner Lebens⸗Verſi ſcherungsgeſellſchaft. 4 8 In dieſes Haus hinein ging er, verlangte den Agen⸗ ten zu ſprechen, und theilte demſelben ſeine Abſicht mit, ſein Leben mit einigen tauſend Thalern bei der Ge⸗ ſellſchaft zu verſichern. Dieſes alſo war der Entſchluß, den er in der ver⸗ gangenen ſchlafloſen Nacht gefaßt und der ihn am Morgen ſo heiter geſtimmt hatte. Er war endlich mit ſich ſelber und ſeinem Gewiſſen einig geworden. Schon nach dem Unglücke, das den braven Amtsboten Wag⸗ ner betroffen hatte, war er Willens geweſen, das Ver⸗ ſäumte nachzuholen; aber eine gewiſſe Scheu, welche er vor dem Agenten Kluge empfand, hatte ihn von einem bis zum andern Tage zögern laſſen. Dann hatte es wieder einmal an dem nöthigen Gelde gefehlt; dann war ſeine Kränklichkeit ſeinem Wunſche hindernd ent⸗ gegen getreten, und kurz und gut, obgleich ihn ſein Gewiſſen vielfach beunruhigt, hatte er die ganze Ange⸗ legenheit doch wieder auf die lange Bank geſchoben, bis die Nachricht von Meyerheimer's Bankrott und Krankheit ihn wie ein Donnerſchlag getroffen und mit einem Rucke ſein Gewiſſen aus dem Schlummer auf⸗ geſchreckt hatte, in den er es mehrfach faſt abſichtlich eingelullt.. »„Morgen früh gehe ich zu einem Agenten,“ hatte er in vergangener Nacht zu ſich ſelbſt geſagt,—„aber nicht zu Kluge! Der würde mich nur heimlich auslachen, und mich innerlich verſpotten. Dieſen Triumph ſol er nicht über mich haben. Es gibt ja noch mehr Ver⸗ ſicherungs⸗Geſellſchaften, als die ‚„Idunac. Verſuchen wir's mit der Londoner.“ Jetzt ſtand er nun vor dem 84 Agenten Marbach, welcher ſein Anliegen ruhig anhörte und bereitwillig darauf einging. „Das trifft ſich ja recht gut,„ſagte er.„Der Arzt unſerer Geſellſchaft iſt gerade in meinem Hauſe gegen⸗ wärtig, und da Sie, wie Sie mir verſichern, Eile ha⸗ ben, ſo könnte er gleich auf der Stelle Ihren Geſund⸗ heitszuſtand unterſuchen, wenn Sie nur die Güte haben wollen, mir in mein Kabinet zu folgen, wo wir ganz ungeſtört ſind.“ „Aber ſollte denn das überhaupt nöthig ſein?« ver⸗ ſetzte der Canzleirath betreten.„»Wie ich Ihnen mit⸗ theilte, bin ich ja erſt vor einiger Zeit ärztlich unter⸗ ſucht worden, als ich mich bei der Iduna verſichern wollte, und dieſe Geſellſchaft hat nicht den mindeſten Anſtand genommen, meine Verſicherung auf Grund des ärztlichen Zeugniſſes zu genehmigen.“ Der Agent zuckte die Achſeln. „Ich bedaure ſehr, Ihnen ſagen zu müſſen, daß die damalige Unterſuchung für uns nicht beſtimmend ſein kann,“ erwiederte er.„Erſtens iſt ſie nicht durch un⸗ ſern Arzt vorgenommen worden, und dann ſind ja ſeitdem mehrere Monate verſtrichen. Die Geſundheit eines Menſchen iſt eben ein ſehr ſchwankendes Ding. Es kann heute einer kerngeſund, und morgen ſchon eine Leiche ſein. Wenn Sie bei Ihrem Vorhaben beharren, ſo müſſen Sie ſich ſchon eine erneuerte Unterſuchung gefallen laſſen, mein beſter Herr.“ Dem Canzleirath war bei dieſer ganz beſtimmten Anküͤndigung gar nicht wohl zu Muthe, denn er wußte ſehr gut, daß er in letzter Zeit vielfach gekränkelt hatte, und die unbeſtimmte Befürchtung, daß man ihn wohl gar abweiſen könne, bewirkte ein leiſes Fröſteln in ſei⸗ — 89 die Wolken auf ſeiner Stirne verſchwanden wie durch einen Zauberſchlag, er ſtieß einen Schrei höchſten Ent⸗ zuͤckens aus, und im nächſten Augenblicke hatte er ſeine Frau feſt in die Arme geſchloſſen, und küßte ſte mit innigſter überſtrömender Liebe. „Anna! Weib! Engel!“ rief er aus.„In welcher geſegneten Stunde biſt du auf dieſen Gedanken gekom⸗ men?“ „Nun, laß mich nur erſt los, lieber Mann,“ er⸗ wiederte ſie lächelnd,„und du ſollſt Alles erfahren. Hier ſetze dich zu mir auf das Sopha, und höre. Die Stunde, in welcher ich auf den Gedanken kam, war ge⸗ nau dieſelbe Stunde, in welcher du mir befahleſt, den Agenten Kluge mit der ſchon ausgefertigten Police der Geſellſchaft„Iduna“ zuruͤck zu weiſen, weil du ſie nicht einlöſen wollteſt. Ich vernahm deinen Auftrag mit bitterſtem Schmerz, vermochte aber leider deinen Ent⸗ ſchluß nicht zu ändern. Als du fortgingeſt und mich allein gelaſſen hatteſt, verſank ich in ein Meer von trüben Gedanken, aber gerade da war es, als ob eine Stimme von oben mir zurief:„Thue du, was er un⸗ terlaſſen will!“ Liebſter Mann, wie ein Blitz zundete dieſes Wort in meinen Herzen. Ich hatte zwar kein Geld, um die Police von dem Agenten Kluge einzulö⸗ ſen, aber ich beſaß noch einige werthvolle Schmuckſachen von meiner ſeligen Großmutter her. Mein Entſchluß war ſogleich gefaßt. Ich eilte zum Juwelier, verkaufte das alte Geſchmeide, und löſte dann doppelt ſo viel Geld daraus, als ich zur Bezahlung der Police bedurfte. Daß ich es augenblicklich zu dieſem Zwecke verwendete, brauche ich wohl kaum noch zu erwähnen. Der gute Kluge lobte mich über die Maßen wegen meines glüͤck⸗ 90 lichen Einfalles, und verſprach mir, dir gegenüber von Allem zu ſchweigen und überhaupt nichts von unſerer geheimen Verhandlung laut werden zu laſſen. Ich glaubte nämlich, ihm dies Verſprechen abnehmen zu müſſen, weil ich doch nicht wiſſen konnte, ob du meine Handlungsweiſe auch billigen würdeſt. Indeß ich hoffte es, und ſiehe da, die Hoffnung iſt glücklich in Erfüllung gegangen. Hier iſt die Police und die Quittung über das eingezahlte Geld! Sei nun wieder glücklich und quäle dich nicht länger mit unnöthigen Gewiſſensbiſſen.“ »Aber,“ ſagte der Canzleirath tief gerührt und er⸗ griffen,—„wenn ich nun nicht auf beſſere Geſinnungen gekommen wäre? Was denn?« „So hätte ich,« verſetzte Frau Anna,„jeden Pfennig geſpart, mir jede Entbehrung auferlegt, und allerwege geſchafft und gearbeitet, um den jährlichen Beitrag auf⸗ zubringen. Und ich weiß, Gott würde mir beigeſtanden haben, denn was ich gethan hätte, ich hätte es nicht aus Eigennutz, ſondern zum Beſten meines Kindes ge⸗ than.“ Eine Freudenthräne perlte an der Wimper des Canzleirathes. „Ich danke dir, danke dir von Grund der Seele,“ ſagte er bewegt, und ſchloß ſeine Frau liebevoll in die Arme.„Du haſt mir den Frieden meines Herzens und die Ruhe meines Gewiſſens wiedergegeben. Dank, Dank dir von Herzensgrunde. Mit dem weiſen Sa⸗ lamo muß ich ausrufen und rufe es freudig: Wem ein tugendſames Weib beſcheert iſt, die iſt viel edler, denn die köſtlichen Perlenl⸗ den. Rath Heimberger iſt friſch, lebensfroh und ge⸗ ſund, wie in ſeinen beſten Zeiten, und in ſeiner Fa⸗ milie herrſcht Friede, Glück und Fröhlichkeit. Manch⸗ mal, wenn Jemand ihn frägt:„Wie geht's? Wie ſteht's?« ſo gibt er lächelnd und ſcherzhaft die Ant⸗ wort:„»Danke, recht gut! Ich habe mein Leben ver⸗ ſichert, und da verſichert man ſeine Geſundheit gleich mit. Machen Sie's ebenſo wie ich, Freund, das Mit⸗ tel iſt probat, ein wahres Lebens⸗Elixir!« „Du aber, freundlicher Leſer, iſt dir meine kleine Geſchichte vielleicht zu ernſt und zu trocken geweſen? Wohlan bringe ſie deiner Mutter oder deinem Vater, bitte ſie, ſie zu leſen, und vielleicht bringt ſie dir dann beſſere Früchte, als du in dieſem Augenblicke denken magſt. Lebe wohl!— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. — 8