——-- q”- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 3„„„„=„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — e —— ⁸= Eine Erzählung fuͤr meine jungen Freunde. Von Frum Vaftmann.„ Motto:— Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Luc. 23, 34. Mit vier Stahlſtichen. 1 Stuttgart. 8 Verlag von Schmidt& Spring. 1856. Herr Mathey in Bern hat von dieſer oſiſche Neberſetzung, welche für Deutſch Erſtes Kavitel. Sonnige Tage. Im Bezirke der dzilerien, jenem großartigen Re⸗ ſidenzſchloſſe der Königent einen kleinen Garten, welcher von einem zierlichen Gitter eingeſchloſſen war und an einen Pavillon ſtieß, der von dem Lehrer des Dauphin(oder Kronprinzen) Ludwig Karl von Frankreich, dem Abbé Davaur, be⸗ wohnt wurde. In dieſen kleinen Garten trat an einem herrlichen Juli⸗Morgen des Jahres 1790 ein reizend hübſcher Knabe im Alter von etwas über fünf Jahren. Er war reich und ſorgfältig gekleidet, und eine kleine Ab⸗ theilung der in den Tuilerien dienſtthuenden National⸗ garden folgte ihm auf dem Fuße bis an die Gitterthür des Gärtchens, wo ſie ſich als Bewachung aufſtellte. Der Knabe machte ihnen eine anmuthige Verbeugung, und ſagte lächelnd:„Entſchuldigen Sie, meine Herren! Es betrübt mich ſehr, daß mein Garten ſo klein iſt, Sie empfangen weil es mich des Vergnügens beraubt, Ein Königsſohn. n Frankreich zu Paris, gab es am äußerſten Ende der Terraſſe am Ufer des Waſſers 2 zu können. Aber ich will Sie zu entſchädigen ſuchen, ſo gut ich kann.“ 1 Und ſchnell eine Hand voll Blumen pflückend, reichte er ſie jedem Einzelnen der Garden mit ſo gewinnender Freundlichkeit dar, daß die bärtigen Soldaten kaum ihre Rührung verbergen konnten. Der Knabe, nachdem er ſich auf dieſe Weiſe mit ſeiner Begleitung beſchäftigt hatte, nahm ſodann einige zierliche, für ſeine ſchwache Kraft eingerichteten Garten⸗ Geräthſchaften aus einer Ecke, und fing an zu arbeiten, indem er das zwiſchen den Blumen aufgeſchoſſene Un⸗ kraut entfernte und ein kleines Beet mit dem Spaten umgrub, um es mit jungen Pflänzchen zu verſetzen, die er in einem zierlichen Korbe mitgebracht hatte. Er war ſoo eifrig bei dieſer Beſchäftigüng, daß ihm die hellen * Schweißtropfen auf der Stirn perlten, und daß er nicht eeinmal ſeinen Lehrer, den Abbé Davaur bemerkte, wel⸗ cher ſchon ſeit einem Weilchen in den Garten getreten war und mit liebevoller Theilnahme der ſpielenden Arbeit des Knaben zuſchaute. 3 blauen Augen, die mit langen kaſtanienbraunen Wimpern 1 bedeckt waren, mit ſeiner breiten, ſchönen Stirn, ſeinen friſchen hochrothen Lippen, dem kleinen Grübchen im runden Kinn, und dem beinahe engelhaften Ausdrucke von kindlicher Gutmüthigkeit in den Linien ſeiner Züge, mußte man ſich geſtehen, daß man kaum einen lieb⸗ licheren Knaben, als dieſen, zu finden vermochte. Seine Geſtalt war fein und zierlich, ſein Gang voller Anmuth, ſeine Bewegungen voller Grazie und Lebhaftigkeit; in ſeinen Manieren und ſeiner Haltung hatte er etwas ausgeſucht Vornehmes, und eine gewiſſe Zutraulichkeit, welche Jeden für ihn einnahm, der ſich ihm näherte. Man bewunderte ſeine Schönheit, wenn man ihn ſah, und man mußte ihn lighen, ſobald man ihn ſprechen gehört hatte, denn. Worte zeugte von Wohl⸗ — wollen, Freundlichkeit und Höflichkeit gegen Alle, welche zu ſeiner Umgebung gehörten. Und dieſer Knabe mit dem gefühlvollen Herzen, der Seele voll Güte, dem Adel des Gemüthes war Ludwig Karl, Dauphin von Frankreich, dem gewöhn⸗ lichen Laufe der Begebenheiten noch dazu beſtimmt, dereinſt eines der mächtigſten Reiche der Welt zu be⸗ herrſchen. Aber ach, wie traurig ſollte das Loos ſein, welches eine ſchreckenvolle Zukunft ihm aufbewahrte! Jetzt noch, zärtlich geliebt von ſeinen Eltern, dem un⸗ glücklichen Könige Ludwig dem Sechszehnten und der hochherzigen Marie Antoinete, umgeben von allem Glanze und aller Pracht des Königthums, umringt von jeglicher Sorgfalt, welche das leiſeſte rauhe Lüft⸗ chen von ihm abzuwehren ſuchte, jetzt noch verle ſonnige Tage in der ſorgloſen Unbewußtheit d heit;— aber ſchon thuͤrmten ſich die 4 witterwolken am Himmel auf, welche allen Glanz dieſer noch ſo ſtrahlenden Glücksſonne für immer auslöſchen und alle unſchuldsvolle Heiterkeit ſeines Alters in tiefen, bitteren Schmerz, in unerhörten und troſtloſen Jammer verwandeln ſollten. Dieſer anmuthige, lie⸗ benswürdige Knabe, deſſen blaues Auge ſo hell in die Welt hinaus ſchaute,— ach, welch' ein Schickſal war ihm von der Vorſehung beſtimmt! Nur ahnte er es noch nicht in dem unbewußten Vollgenuße ſeines Glückes, dem er ſich mit heiterer und offener Seele hingab. „Sehen Sie nur, Herr Abbéè, wie fleißig ich dieſen Morgen geweſen bin!“ ſagte der Knabe, nachdem er den gewöhnlichen Morgeng i ſeinen Erzieher ge⸗ richtet hatte,—„alles U habe ich ausgerottet, und hier dieſes Beet mit herrlichen Aſtern bepflanzt, deren Blüthen meiner Mutter große Freude bereiten werden. Sie wiſſen doch, Herr Abbé, wie ſehr ſie die Blumen liebt!« „Gewiß weiß ich dies, mein Prinz,“ erwiederte Herr Davaux,„und ich lobe es ſehr, daß Sie Ihrer Mutter jeden Morgen einen Strauß ſchöner Blüthen bringen; nur ich ſehe nicht ein, warum Sie ſich ſo übermäßig anſtrengen, Alles ſelbſt umzugraben, zu pflanzen, zu gießen und Unkraut auszureißen. Ein Gärtner würde alle dieſe Arbeiten in wenigen Minuten fuͤr Sie machenzk“ 1 Der kleine Prinz ſchüttelte ernſthaft den Kopf. »Nein, nein, Herr Abbé,“ entgegnete er dann nach kurzem Nachdenken,„mein Vater hat mir dieſen Garten gegeben, damit ich allein dafür Sorge tragen ſoll. Und überdies,“ fügte er mit einem reizenden Lächeln 5 hinzu,„muß ich dieſe Blumen und Blüthen ſchon ſelbſt 4 wachſen laſſen, weil ſie Mama ſicherlich weniger an⸗ genehm ſein würden, wenn ſie von einem Andern ge⸗ zogen wären!“ „Sie haben recht, mein Prinz,“ ſagte der Abbé überraſcht und gerührt von dieſer Bemerkung des jungen Prinzen, in der ſich ſo viele Liebe für ſeine Mutter ausſprach.„So fahren Sie denn fort, Ihre Blumen zu pflanzen, und ich wünſche nur, daß ſie recht erfreulich und zu Ihrer Zufriedenheit wachſen und gedeihen mögen.“ „Oh, ſie wachſen ſehr ſchoͤn, Herr Davaux!“ er⸗ wiederte der Prinz heiter.»Sie werden ſehen, daß 35 ich in wenigen Mancſäif ie prächtigen Strauß ge⸗ 4 pflückt haben werde!“ 3 Und mit jenem Eifer, welchen ihm die Liebe zu ſeiner Mutter einflößte, muſterte er die Blumen ſeines Gärtchens, ſuchte die ſchönſten und friſcheſten Blüthen aus und band ſie zu einem Bouquet zuſammen, das er mit großer Sorgfalt und vielem Geſchmacke zu ordnen wußte. „Sehen Sie, Herr Abbé!“ ſagte er, indem er mit kindlichem Triumphe ſeinen Strauß hinreichte,— „meinen Sie nicht, daß die Mutter ſich darüber freuen wird? Gewiß, Herr Abbe, wenn ſchlechtes Wetter mich abhält, meine Blumenärndte zu machen, ſo bin ich 4 voller Kummer! Denn wie kann ich mit mir zu⸗ us frieden ſein, wenn ich durch meinen Strauß nicht den erſten Kuß von Mama verdient habe?— Aber jetzt will ich nur ſchnell noch nach meinen Kaninchen ſehen, ihnen Futter geben, und dann geſchwind u Mama mit meinem Blumenſtrauße!“ 8* 6 In einem Winkel des Gartens befand ſich ein kleiner ummauerter Raum, wo hübſche zahme Kaninchen vom Prinzen gehegt wurden, die er immer mit Ver⸗ gnügen betrachtete. Auf ſeinen Ruf kamen ſie ſchnell herbei, und mit freigebiger Hand ſpendete er ihnen die ſaftigen Kräuter und Kohlblätter, welche man zu dieſem Behufe ſchon bereit geſtellt hatte. Nach dieſer Ver⸗ ſorgung ſeiner kleinen Lieblinge wendete ſich der Dau⸗ phin nach dem Schloſſe zurück, um der Mutter ſeinen gewöhnlichen Morgenbeſuch abzuſtatten. Aber noch ein⸗ mal ſollte er aufgehalten werden. Vor dem Gitter, das den Garten von der offenen Straße ſchied, ſtand eine Frau, welche mit ſehnſuchtsvollen Blicken der nzen betrachtete, aber es doch nicht wagte, ihn affzureden. Der Prinz be⸗ merkte indeß ſogleich, daß ſie etwas auf dem Herzen habe, und ſein freundliches Gemüth trieb ihn an, ſich ihr zu nähern. „Was wünſcht Ihr, gute Frau?« fragte er ſanft. „Kann ich Euch in irgend etwas eine Gefälligkeit er⸗ zeigen?“ Die Frau brach in Thränen aus.„Oh, mein krankes Kind, es iſt ein Knabe, mein Prinz, und faſt ſo groß als Sie, wird jetzt mit Schmerzen auf meine Rückkunft harren! Und dennoch zögere ich, denn es müſſen!« 3 Wartet einen Augenblick, gute Frau,“ erwiederte nz, nachdem er ſie mit einem durchdringenden beſrachtet und ſich überzeugt hatte, daß ſie Prinz!“ ſtammelte ſie.„Ich bin ſehr arm, und mein betrübt mich, mit leeren Händen zu ihm kommen zu — —,— †— 7 wirklich arm und duͤrftig ſei.»Ich gehe nur zu meiner Mutter, und werde ſogleich zurückkehren!“ Mit eiligen Schritten ging er davon und ver⸗ ſchwand im Palaſte. Aber nach zehn Minuten ſchon kehrte er freudeſtrahlend zurück. „Hier, meine Gute,“ ſagte er mit ſeiner ſanften, freundlichen Stimme zu der Frau, indem er ihr ein blankes Goldſtück durch das Gitter reichte,—„das iſt von meiner Mutter! Und dies,“ fügte er hinzu, und pflückte eine der ſchönſten Roſen ſeines Gartens,„dies iſt von mir für Ihren kranken Sohn! Ich wünſche, daß er recht bald wieder geneſen möge!“ Ehe die überraſchte Frau ein Wort des Dankes ſprechen konnte, verſchwand der kleine Dauphin wieder, und kaum vernahm er Koch, wie ihm von außen her ein lauter freudiger Zuruf von Seiten der vor dem Gitter verſammelten Leute nachfolgte, welche ſein gütiges und mildthätiges Benehmen zu bewundern Gelegenheit gehabt hatten. Nirgends war der junge Prinz liebenswürdiger und aufgeweckter, als bei ſeiner Mutter, welche er über Alles in der Welt liebte. Da ſie nicht wünſchte, daß der Dauphin in ſeiner zarten Jugend allzu ſehr mit Lernen angeſtrengt würde, ſo befaßte ſie ſich ſelbſt mit den Anfangsgründen ſeines Unterrichts, bevor er in die Hände der Lehrer überging, und nichts kam der zärt⸗ lichen Sorgfalt gleich, welche ſie anwendete, um ſeiner Faſſungskraft die erſten Kenntniſſe beizubringen und deutlich zu machen. Ermüdete der kleine Prinz, ſo ſetzte ſich die Königin gewöhnlich an das Klavier oder an die Harfe, ſpielte ihm kleine, ausdru aa abß lodien vor, die ſie für ihn erlernt oder 8 komponirt hatte, und bemerkte mit Vergnügen, daß ſein Ohr für den Reiz der Melodie ſehr empfänglich war. Dann las ſie ihm auch kleine hübſche Erzählungen, Fabeln und moraliſche Geſchichten vor, welchen der A Prinz mit lebhafter Aufmerkſamkeit folgte. In ſeinen belebten und geſpannten Zügen ſpiegelten ſich alle Eindrücke wieder, welche die kleinen Erzählungen auf ſeinen Geiſt hervorbrachten. Ausrufe der Verwunderung entflohen ihm bei Darſtellung von Begebenheiten, die ſein Verſtand ſogleich zu begreifen und zu faſſen ver⸗ mochte; bei Allem aber, was über ſeine Einſicht ging und ihm nicht ganz klar wurde, bewölkte ſich ſeine Stirn, und dann auf einmal folgten ſich hundert Fragen, die er alle beantwontet haben wollte, bis er begriffen hatte, um was es ſich handelte, worauf er dann endlich nicht ſelten ſeine Umgebungen durch eigen⸗ thümliche Bemerkungen und ſinnreiche Betrachtungen in Erſtaunen ſetzte, die keine geringen Hoffnungen auf die dereinſtige Zukunft des königlichen Kindes er⸗ weckten, Hoffnungen, die aber leider ſchon im Keime erſtickt werden ſollten. Am heutigen Morgen, als der kleine Dauphin von der armen Frau, die er durch ſein Geſchenk beglückt hatte, zurückkehrte, kam er nur, um ſeiner Mutter noch einmal für das empfangene Goldſtück zu danken, und begab ſich hierauf zum Könige, um auch ihm ſeinen Morgengruß zu bringen. 2»Ei, ei, mein lieber Karl,“ ſagte dieſer, indem er lächelnd dem Prinzen mit aufgehobenem Finger drohte, —„ err Hue hat mir ſeltfame Dinge von dir er⸗ zählt — ͤͤ 9 Herr Hue war nämlich einer der Aufſeher des Prinzen. „Und was für Dinge, Papa?« fragte der Knabe. „Ich bin mir nichts Böſes bewußt.“« „Nicht? Beſinne dich wohl, Charles! Du haſt geſtern, während du deine Lection lernteſt, zu pfeifen angefangen. Dafür verdienſt du einen Verweis.« Dcerr Prinz erröthete. Dann entgegnete er ſchnell gefaßt:„Ja, Papa, ich erinnere mich! Ich wieder⸗ hanr meine Lection ſo ſchlecht, daß ich mich ſelbſt aus⸗ pfi.« 4 „Siehe da, das läßt ſich hören,“ erwiederte der König.„Man verzeihet dir! Aber noch ſind wir nicht zu Ende. Ebenfalls geſtern wollteſt du, von allzu⸗ großer Lebhaftigkeit fortgeriſſen, im Garten durch ein Roſengebüſch rennen. Herr Hue warnte dich und ſagte zu dir: ‚Monſeigneur, eine einzige dieſer Dornen kann Ihnen das Geſicht verletzen und ſogar ein Auge aus⸗ reißen!? Und was gab Monſeigneur darauf zur Ant⸗ wort?“ Etwas beſchämt ſchlug der Prinz die Augen nieder. „Ich ſagte, Papa: ‚Die dornigen Wege führen zum Ruhme!“ Und iſt's etwa nicht wahr, Pappa?“ Der Koͤnig nahm eine etwas ernſtere Miene an. „Ja, ja, der Grundſatz iſt richtig,“ erwiederte er,„aber du haſt ihn falſch angewendet, mein Kind. Es liegt kein Ruhm darin, ſich die Augen ausreißen zu laſſen, blos um des Vergnügens willen zu laufen und zu ſpringen. Hätte es ſich darum gehandelt ein ſchädliches Thier zu toͤdten, einen Menſchen aus irgend einer Ge⸗ fahr zu reißen, kurz das Leben daranzuſetzen, um das eines Andern zu retten, ſo könnte dies ruhmvoll heißenz 10 aber das, was du thateſt, Karl, das war nur Unbe⸗ ſonnenheit und Unverſtand. Warte übrigens mein Kind, und rede nicht eher vom Ruhme als bis du im Stande biſt, die Geſchichte deiner Vorfahren und der franzöͤſi⸗ ſchen Helden zu leſen, welche wie Guesclin, Bayard, Türenne und Andere Frankreich und unſere Krone um den Preis ihres Blutes vertheidigt haben.« Dieſe ſanfte und doch eindringliche Ermahnung machte einen tiefen Eindruck auf das Herz des jungen Prinzen. Er ergriff die Hand ſeines Vaters, drückte einen Kuß darauf und ſagte mit leiſer Stimme: »Wohlan, mein lieber Papa, ich werde von jetzt an meinen Ruhm darin ſuchen, Ihren Rathſchlägen zu folgen und Ihnen zu gehorchen.“ »Nun denn, ſo ſind wir wieder gute Freunde,“ er⸗ wiederte der König,—„und nun wollen wir geſchwind deine Hefte nachſehen, damit Herr Hue und Herr Davaur mit dir zufrieden ſein können.“ Der König nicht minder wie die Königin bemerkte mit wahrem Glücke die guten Anlagen ſeines Sohnes, und viel Vergnügen gewährte es ihm, ſeinen Lehr⸗ ſtunden beizuwohnen und, wie etwa jetzt, ſeine Hefte und Schreibebücher durchzuſehen. Häufig unterrichtete er ihn auch ſelbſt, und ermunterte ihn durch ſeinen Tadel und ſeine Lobſprüche zum Fleiße, zur Aufmerk⸗ ſamkeit und zum Nachdenken über das, was er ſeinem Gedächtniſſe einprägte. Im Verein mit ſeiner Ge⸗ mahlin leitete er die Erziehung des jungen Prinzen, und folgte dieſer, ſeinem Herzen ſo lieben Gewohnheit auch dann noch, als er ſeines Thrones beraubt, in ſpäterer Zeit einen düſteren Kerker bewohnen mußte. Der Abbé Davaux kam, und die gewöhnlichen 11 Unterrichtsſtunden in Religion, Leſen, Geſchichte und Geographie nahmen ihren Anfang. Der junge Prinz war indeß heute ganz beſonders aufmerkſam, denn die zärtlichen Ermahnungen ſeines Vaters hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ſeinen Eifer auf's Aeußerſte angeſpornt.. „Sie ſind heute ſehr artig und fleißig geweſen, mein Prinz,“ ſagte Herr Davaur als die Lehrſtunden beendigt wurden,—»und es freuet mich, daß ich Ihnen dafür eine angenehme Nachricht mittheilen kann.“ „„Welche Nachricht?“« fragte der Prinz lebhaft. „Die, daß ſich in Paris unter dem Namen ‚Regi⸗ ment des Dauphin,“ eine Compagnie kleiner Soldaten gebildet hat, welche Sie zu ihrem Oberſten zu haben wunſcht. Ich glaube, daß Sie mit Vergnügen dieſen Ehrenpoſten annehmen werden.“ „Ja, gewiß, wenn Papa es erlaubt!“ erwiederte der Prinz mit funkelnden Augen und vor Freude er⸗ röthend. „Dein Papa,“ antwortete der König ſelbſt,„hat nicht nur bereits ſeine Zuſtimmung gegeben, ſondern er erlaubt dir auch, die jungen Herren zu empfangen, welche dem neuen Oberſten ihre Aufwartung zu ma⸗ chen gekommen ſind.“ „Schon gekommen? Wo finde ich ſie?« fragte der Prinz ſchnell. „In deinem Garten,“ erwiederte der König.„Herr Davaux wird die Güte haben, dich zu ihnen zu be⸗ gleiten... Ganz bewegt von der Freude, die aus ſeinen ſchönen und glänzenden Augen ſtrahlte, eilte der Prinz mit Herrn Davaur in den Garten, begrüßte die kleinen —— Abgeſandten, welche zum Theil nur um vier oder fünf Jahre älter waren als er ſelbſt, mit der liebens⸗ würdigſten Höflichkeit, und erklärte ihnen ſeine Be⸗ reitwilligkeit, den Ehrenpoſten eines Oberſten des Re⸗ gimentes anzunehmen. „Nun, dann Adieu den Blumen und den Sträußen für Ihre Mama!“ ſagte der Abbé Davaur. »Nein, nein!“ erwiederte der Prinz lebhaft,„die Sorge für meine Grenadiere wird mich nicht hindern, für meine Blumen Sorge zu tragen. Viele von dieſen jungen Soldaten haben ſicherlich auch kleine Gärten; ſie werden nach dem Beiſpiele ihres Oberſten die Königin lieben, und Mama wird dann anſtatt eines einzigen, künftig alle Tage ganze Regimenter von Bouquets erhalten!“. Die kleinen Soldaten jauchzten ihrem Oberſt Bei⸗ fall zu, und das beſte Verhältniß war ſofort zwiſchen ihnen hergeſtellt. Es machte dem Prinzen in den nächſten Wochen viel Vergnügen, ſeine kleine Garde zu kommandiren, bis ſie endlich durch die nahen Stüͤrme der Zeit auf⸗ ggelöst und zerſtreut wurde. Bei alledem war mittlerweile der Tag bedeutend vorgerückt, und der Abbé mußte ſeinen jungen Zögling daran erinnern, daß er die Abgeſandten des Regiments „Dauphin“ zu verabſchieden habe, um zu ſeiner Mutter zu gehen. Der Prinz reichte den kleinen Kameraden in der liebenswürdigſten Weiſe ſeine Hand, und folgte ſeinem Lehrer zur Königin. Der Empfang war hier aber keineswegs der Art, wie der Prinz ihn erwartet haben mochte. Seine Mutter begrüßte ihn mit ſehr ernſthaftem Geſicht, und reichte ihm, anſtatt wie ge⸗ — 13 wöhnlich ihre Lippen, diesmal nur ihre Wange zum Kuſſe hin. Prinz Ludwig Karl mit ſeinem feinen Ge⸗ fühl merkte auf der Stelle, daß da etwas nicht ganz in Ordnung war, und blickte ſeine Mutter ein wenig ſchüchtern und betreten an. „Was hab' ich denn verbrochen, Mama?« fragte er. „Ah, der junge Herr fühlt alſo ſchon ſein Gewiſſen,“ erwiederte die Konigin.„Kannſt du mir wohl ſagen, was du vorgeſtern auf der Terraſſe dem jungen Pagen, der dich begleitete, für einen muthwilligen Streich ge⸗ ſpielt haſt? Ich hoffe du wirſt es nicht läugnen wollen!« Das zarte Geſicht des Prinzen wurde wie mit Purpur überhaucht, denn er erinnerte ſich ſehr wohl, auf was ſeine Mutter anſpielte. Er hatte vorgeſtern bei einem Spaziergange ſeinem Begleiter heimlich eine Flöte aus der Taſche genommen, und ſie in einem Tarusbaume auf der Terraſſe verſteckt. Stammelnd bekannte er ſein kleines Vergehen. „Gut denn,“ ſprach die Königin,„dein reuiges Ge⸗ ſtändniß mindert in etwas deine Schuld, aber dennoch dürfen ſolche Streiche nicht hingehen, ohne beſtraft zu werden. Den neuernannten Oberſt des Regiments ‚Dauphin“ darf man freilich nicht einſperren; aber man hole Mouflet! Mouflet iſt bei dem Spaziergange zu⸗ gegen geweſen, er iſt gewiſſermaßen der Mitſchuldige ſeines Herrn, und da dieſer nicht geſtraft werden darf, ſo muß Mouflet für ihn büßen. Man rufe Mouflet und ſperre ihn zwei Stunden in Arreſt!« Mouflet war ein reizender kleiner Hund, welchen der Prinz beſonders liebte, und auf dieſe Zuneigung begründete die Königin die Art der Beſtrafung des Dauphin, da ſie wohl wußte, daß der Prinz eben ſo 14 ſehr leiden würde, wenn man Mouflet gefangen hielt, als wenn man ihn ſelber einſperrte. Auch täuſchte ſich die Königin in dieſer Vermuthung keineswegs. In ein dunkles Kabinet eingeſchloſſen und ſeiner Freiheit wie des Anblicks ſeines jungen Herrn beraubt, fing der arme Mouflet an kläglich zu heulen, an die Thür zu kratzen und aus allen Kräften zu bellen. Seine Klagen fanden einen Wiederhall in dem weichen Herzen des wahrhaft ſchuldigen Prinzen, und erfüllte es mit dem innigſten Mitleid. Mutter, und küßte unter Thränen ihre Hand Weinend eilte er zu ſeiner . »Aber, Mama,“ ſagte er,»Mouflet iſt es ja nicht, der Böſes gethan hat, wie darf man nun das arme Hündchen beſtrafen. Oh, ich bitte, laſſen Sie ihn in Freiheit ſetzen und mich ſeine Stelle einnehmen!“ So erfreut die Königin über das Gerechtigkeitsge⸗ fühl des Prinzen war, und ſo gern ſie ihm die Strafe erlaſſen hätte, gab ſie de nnoch, um des Beiſpiels willen, der weicheren Regung ihres Herzens nicht nach, ſondern erwiederte ernſthaft:„Wohlan, da du fühlſt, daß du die Strafe verdienſt, ſo will ich dich nicht abhalten, ſie zu überſtehen. Befreie alſo den armen Mouflet und laſſ' dich an ſeiner Stelle eine Stunde lang ein⸗ ſchließen.« Sehr zufrieden mit dieſer Entſcheidung trat der Prinz augenblicklich ſeine Strafe an, und dehnte ſie ſogar noch über die vorgeſchriebene Zeit aus. Aber dies war noch nicht Alles. In der Einſamkeit ſeines, Vaallerdings ſehr erträglichen Kerkers fing er an über ein Betragen nachzudenken, und er ſagte ſich, wenn g g auch ſein Fehler gebüßt noch nicht gut gemacht; wäre, ſo ſei er damit doch und der erſte Gebrauch, den = er von ſeiner ihm wiedergegebenen Freiheit machte, beſtand darin, daß er in den Garten ging, um die Flöte aus ihrem Verſteck zu holen, und ſie mit einer Bitte um Verzeihung ſeinem Spielkameraden wieder zuzuſtellen. Ein freundlicher Blick, eine zärtliche Liebe koſung ſeiner Mutter war der Lohn für ſeine Selbſt⸗ überwindung, und dieſer Beweis, daß ihm verziehen worden ſei, ſtimmte den Prinzen ſo heiter und glück⸗ lich, daß er ſich während des übrigen Tages als der artigſte und liebenswurdigſte Knabe zeigte und nicht die mindeſte Veranlaſſung zu einem Worte oder nur einer Geberde des Tadels gab. Wenige Tage ſpäter, am 14ten Juli 1790, wurde auf dem Marsfelde zu Paris, wie in allen Städten Frankreichs, das große Feſt der neuen Ordnung gefeiert. Die Stürme der im Jahre vorher ausgebrochenen Re⸗ volution ſchienen mit dieſem Feſte ihr Ende erreichen zu ſollen, und alle Stände, ſelbſt die Gegner der neuen Ordnung waren von Rührung und hoffnungsvoller Theil⸗ nahme ergriffen. Alles ohne Unterſchied des Standes und Geſchlechts hatte bereits an Vollendung der rings um den Platz angelegten Erhöhung geholfen, und ſich bei dieſer Arbeit wie Glieder einer großen Familie be⸗ handelt. Selbſt, als der lang beſprochene Feſttag mit ſtarken Regengüſſen begann, verloren weder das Volk⸗ noch deſſen Stellvertreter die Faſſung, die endloſen Aufzüge folgten einander in der beſten Ordnung, und endlich brach auch die Sonne ſiegreich durch Nebel und Regenwolken hindurch. Den hohen, unter freiem immel errichteten Altar, an welchem Talleyrand, der hof von Autun, mit ſechszig Prieſtern die Meſſe ſen und die Fahnen der dreiundachzig Bezirke 16 Frankreichs eingeſegnet hatte, ſtieg zuerſt Lafayette hinan, und ſchwor, mit der Fahne von Paris in der Hand, im Namen aller Nationalgarden und Soldaten des Reiches, der Nation, dem Geſetz und dem Könige Treue; dann leiſtete der Präſident der National⸗Ver⸗ ſammlung, von ſeinem Stuhle zur Rechten des Königs aufſtehend denſelben Eid, und endlich erhob ſich auch der König, und ſchwor mit ausgeſtrecktem Arme, alle Macht, die ihm durch das Geſetz und die neue Ver⸗ faſſung übertragen worden ſei, zu Erhaltung dieſer Ver⸗ faſſung anwenden zu wollen. In dieſem Augenblicke, als die Kanonen donnerten und laute Fanfaren ſchmetterten, ertönten plötzlich von allen Seiten laute Freudenrufe. Die Königin nämlich, welche ſich auf einer Tribüne über dem Throne be⸗ fand, hob, fortgeriſſen von der Gewalt des Augenblickes, ihren Sohn, den Dauphin mit ihren eigenen Armen in die Höhe, um ihn dem Volke zu zeigen und auch ihn an dem allgemeinen Eide Theil nehmen zu laſſen; — und das reizende, lächelnde, von Freude ſtrahlende Kind ſtreckte ſeine unſchuldigen Arme aus, als wolle es alle Segnungen des Himmels auf Frankreich herab⸗ flehen. Das verſammelte Volk ſah dieſen bezauberten An⸗ blick, und Ein Jubelſchrei, Ein Jauchzen, Ein Freuden⸗ ruf drang durch die zerriſſenen Wolken zum Himmel 1 empor. Die Geſandten des Volkes aus den Provinzen drängten ſich, von Liebe und Enthuſtasmus erfüllt um 3 den kleinen Dauphin und brachten ihm die herzlichſten Ehrenbezeigungen dar. Und der Prinz nahm ſie mi einer ſolchen Anmuth und kindlichen Würde auf, die Begeiſterung immer von Neuem aufflammte, 17 daß tauſend und aber tauſend Herzen heimlich gelobten, nimmer zu wanken in der Liebe und Treue zu dieſem Kinde, welches für Alle nichts als Segenswünſche im Buſen trug. Der König und die Koͤnigin um⸗ armten einander, in Vieler, Vieler Augen perlten Thränen, und eine allgemeine Verſöhnung ſchien für immer den Abgrund der Revolution ſchließen zu wollen, welche das unglückliche Frankreich zu verſchlingen gedrohet hatte. Das waren noch ſonnige Tage! Aber ach, es ſollten die letzten ſein, welche dem rechtſchaffenen Könige und ſeiner Freundin lächelten. Das Verhängniß hatte ihre Häupter dem Unglücke geweihet und— „das Unheil ſchreitet ſchnell.« Zweites Kapitel. Die Uacht von Varennes. Bald nach der Feier des allgemeinen Bundes⸗ feſtes erhob die nur für kurze Zeit in den Staub gebeugte Hydra der Revolution wieder ihr giftge⸗ ſchwollenes Haupt. Die böſen Geiſter Frankreichs, die Robespierre, Marat und Danton wetteiferten mit einander, den mühſam errungenen Frieden des Landes zu ſtören und durch Verläumdung des Königs Haß und Mißtrauen gegen denſelben im Volke zu ſaͤen. Es gelang ihnen nur zu gut. Die National⸗Ver⸗ ſammlung erließ eine Verordnung des unerhörten Inhalts, daß der König ſich nicht uͤber zwanzig Stunden 2 Ein Königsſohn. 18 von Paris entfernen dürfe, und daß er, wenn er das Reich verlaſſe, und auf die Einladung der National⸗ Verſammlung nicht zurückkehre, des Thrones verluſtig ſein ſolle. Trotz dieſer Verordnung entſchloß ſich der König zu einer Reiſe nach St. Cloud. Um elf Uhr Morgens ſtieg er mit ſeiner Familie in den Wagen, welcher aber ſogleich von einer zahlloſen Menge Menſchen umringt wurde. Ein Haufen meuteriſcher Soldaten verſchloß die Thore des Schloßes, ſtürzte ſich ſchreiend und drohend auf den Wagen, und richtete das Bayonet auf die Bruſt der Pferde. Vergebens ſuchte Lafayette den Aufſtand zu beſchwichtigen, und der König ſah ſich endlich gezwungen, in ſeine Gemächer zurückzukehren, nachdem er volle zwei Stunden mitten unter groben Beſchimpfungen in fortdauerndem Streite und Wort⸗ wechſel zugebracht hatte. 8 Der kleine Dauphin, welcher ſich auf die Reiſe gefreut und ſchon tauſend Pläne der Beluſtigung für die Zeit ſeines Aufenthaltes in Saint Cloud ent⸗ worfen hatte, war über die Vereitelung ſeiner Hoff⸗ nungen ſehr betrübt. Um ihn in ſeinem Kummer zu zerſtreuen, gab ihm der Abbé Davaur, als er in ſein Kabinet eintrat, einen Band des Kinderfreundes von Berquin. Der junge Prinz öffnete denſelben auf Gerathewohl und rief ganz erſtaunt aus:„Sehen Sie nur, Herr Abbés, das eigenthümliche Zuſammen⸗ treffen! Sehen Sie dieſen Titel! Wie ſonderbar! Der kleine Gefangene!“ Der Prinz hatte es nur zu richtig getroffen, indem er den Titel, der kleine Gefangene, auf ſeine eigene Lage anwendete. Er ſowohl wie ſeine Aeltern waren 19 in der That Gefangene des Volkes und der National⸗ Verſammlung, und die zahlreichen Kerkermeiſter be⸗ nahmen ſich ſo roh und rüͤckſichtslos gegen ihre Ge⸗ fangenen, daß ihr Zuſtand bald unerträglich wurde. Die unerhörte Geduld und Güte des Königs diente nur dazu, die Anklagen und Verläumdungen ſeiner Feinde zu vervielfältigen. Selbſt die Königin konnte nicht mehr zum Fenſter hinausſehen, ohne ſich eine Beſchimpfung zuzuziehen und bitter geſchmäht zu werden. Das Joch wurde ſo ſchwer, daß nichts weiter übrig blieb, als ſich demſelben zu entziehen, oder es mit Ge⸗ walt zu zerbrechen. Das gütevolle Herz des Königs konnte ſich nicht zu Letzterem entſchließen, da es nicht ohne Blutvergießen abgegangen wäre. Er beſtimmte ſich zur Flucht, und die nöthigen Vorbereitungen wurden dazu getroffen. Man beſchloß, in die Mitte eines Lagers in einer Gränzſtadt zu flüchten und von dort aus mit der übermüthigen National⸗Verſammlung zu verhandeln. Nicht gänzlich fehlte es dem Könige an treuen Herzen. Mit dem Marquis von Bouillé war er über einen geheimen Briefwechſel in Chiffern übereinge⸗ kommen. Bouillé war Generallieutenant und führte den Oberbefehl über ein beträchtliches Armeekorps. Unter ſeinem Commando ſtanden die Truppen in der Champagne, im Elſaß und Lothringen, und er deckte alſo die Gränzen Frankreichs von der Schweiz bis zur Moſel und Sambre. Zwiſchen ihm und dem Könige wurde beſtimmt, daß der Letztere ſich nach Montmedy, einem nahe an der Gränze gelegenen feſten Platze begeben ſollte. Der Marquis von Bouillé hatte vorgeſchlagen, 5 20 um die Gefahr zu vermindern, möge man ſie theilen, indem man die Königin mit dem Dauphin erſt allein abreiſen ließe; aber die Königin hatte geantwortet: „Will man uns retten, ſo müſſen wir zuſammen oder gar nicht gerettet werden.“ Am 29. April 1791 ſchrieb der König an Herrn von Bouillé, er laſſe ausdrücklich für ſeine Reiſe einen großen Wagen bauen, der ihn und ſeine ganze Familie aufnehmen könne. Der General dagegen ſuchte den König zu überreden, ſtatt eines ſolchen Wagens, der nur die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen müſſe, lieber zwei kleine, leichte engliſche Reiſewagen zu nehmen, wie ſie zu jener Zeit gebraucht würden. Aber zum Unglück gab der König dieſem Vorſchlage kein Gehör, und die ſchlimmſten Folgen knüpften ſich an dieſen ſcheinbar geringfügigen Umſtand. Bevor der König Paris verließ, wollte er den Marquis von Bouillé gegen jede Verantwortlichkeit ſichern, und überſandte ihm deßhalb den ſchriftlichen Befehl, auf der Straße von Chalons ſur Marne nach Montmedy Truppen aufzuſtellen, welche über die Sicherheit der Perſon des Königs und ſeiner Familie zu wachen hätten.— Die Abreiſe war auf die Nacht des 19. Juni feſt⸗ geſetzt; aber ein verhängnißvoller Umſtand verzögerte ſie um vierundzwanzig Stunden. Eine Kammerfrau der Königin, welche man für fähig hielt, den ganzen Plan zu verrathen, wenn ſie den geringſten Verdacht ſchöpfte, konnte ihres Dienſtes erſt am 19. Juni ent⸗ laſſen werden, und ſo wurde die Flucht um einen DTag aufgeſchoben. Wir werden ſehen, wie auch dieſer 21 Zwiſchenfall zu dem gänzlichen Mißlingen des gefahr⸗ vollen Unternehmens beitrug. Eile war dringend nöthig. Der Fluchtplan fing ſchon an bekannt zu werden, denn es war nothwendig geworden, nach und nach viele Perſonen in das Ge⸗ heimniß einzuweihen, die es nicht Alle mit der er⸗ forderlichen Sorgfalt bewachten. Selbſt die niedere Dienerſchaft in den Tuilerien plauderte unter ſich davon, und das Gerücht von der bevorſtehenden Ent⸗ weichung der königlichen Familie regte ſogar das Volk in ſolchem Grade auf, daß der Polizei ſehr beſtimmte Andeutungen darüber gemacht wurden. Dieſe Gerüchte machten natürlich die Ueberwachung, der das Schloß unterworfen war, noch thätiger und ängſtlicher. Man beaufſichtigte die Familie des Königs in ſo beleidigender Art und Weiſe, daß man ſich ſogar nicht entblödete, den König und die Königin mit Einbruch der Nacht in ihre Gemächer einzuſchließen, und Matratzen vor ihre Thuren zu legen, auf denen die Wachen ſchlafen ſollten, ſo daß die fuͤrſtlichen Perſonen nur aus ihren Zimmern treten konnten, indem ſie über die Leiber ihrer Kerkermeiſter hinwegſchritten. Die königliche Familie hatte indeſſen Schwierig⸗ keiten dieſer Art vorausgeſehen und ihnen zu be⸗ gegnen verſucht. Schon während des vergangenen Januars hatte man in dem Holzwerk des Zimmers der Madame Eliſabeth, der Schweſter des Königs, eine ſo künſtlich eingefügte Thür anfertigen laſſen, daß man das Vorhandenſein derſelben nur bei ge⸗ nauſter Unterſuchung entdecken konnte. Dieſe Thür führte nach einer kleinen Treppe, auf welcher man in ein Gewölbe gelangte, das dieſes Zimmer von dem 22 der Königin trennte. Thüren ähnlicher Art hatte man auch in den Gemächern der königlichen Familie an⸗ bringen laſſen, und man öffnete ſie ſämmtlich durch Schlüſſel, welche man ohne irgend eine Beſchwerde bei ſich führen konnte. Endlich hatte man ſich auch die Möglichkeit geſichert, durch eine ſeit langer Zeit geſchloſſene Thür zu gehen, da man Sorge getragen hatte, ſie durch einen Schrank zu verdecken, der ſich von beiden entgegengeſetzten Seiten öffnen ließ und alſo die Thür maskirte, ohne den Durchgang zu ver⸗ hindern. Durch dieſe Thür konnte man von einem Zimmer in ein anderes gelangen, aus dem man dann aus dem Inneren des Schloſſes in's Freie trat. 4. Am 20. Juni um zehn Uhr Morgens ging der kleine Dauphin in ſeinen am Ende der Tuilerien ge⸗ legenen Garten; um elf Uhr begab ſich die Königin mit ihrem Gefolge in die Meſſe, und befahl bei der Rückkehr aus der Kapelle, man ſolle Abends um fünf Uhr ihren Wagen bereit halten. Der übrige Tag verging wie gewöhnlich, nur bemerkte die ältere Schweſter des Dauphin, daß ihre Aeltern ungewöhnlich aufge⸗ regt erſchienen und theilte dieſe Bemerkung ihrem Bruder mit. Um fünf Uhr fuhr die Königin mit ihren Kindern ſpazieren, und nahm dieſe Gelegenheit wahr, ihnen einzuſchärfen, ſich durch nichts beunruhigen zu laſſen, was ſie im Laufe des Abends und der Nacht auch ſehen möchten. Die Kinder waren verſtändig genug, die Abſicht ihrer Mutter zu begreifen, und der kleine Dauphin gab ihr die Verſicherung, daß ſie in Betreff Seiner ganz ruhig ſein könne. Nachdem der König mit ſeiner Familie zur ge⸗ 23 wohnten Stunde zu Nacht geſpeiſt hatten, zogen ſich Alle in ihre Zimmer zurück. Der Dauphin hatte ſich um neun Uhr, die Prinzeſſin, ſeine Schweſter um zehn Uhr, die Königin um halb elf, der König zwanzig Minuten nach elf Uhr zu Bette begeben. Den Dienern waren die nöthig ſcheinenden Befehle für den folgenden Morgen ertheilt; die Thüren waren verſchloſſen;— die Wächter außen hatten ihre gewöhnlichen Vorſichts⸗ maßregeln genommen, und an einigen Punkten, nament⸗ lich an der Thuͤr der Madame Eliſabeth, des Königs Schweſter, die Wachtpoſten verdoppelt. Kaum aber hatten ſich die dienſtthuenden Perſonen zurückgezogen, als der König, die Königin und Madame Eliſabeth leiſe wieder aufſtanden, raſch ſich ankleideten und nach wenigen Augenblicken ſchon zur Abreiſe bereit waren. Die Koͤnigin ging in das Zimmer ihrer Tochter, weckte ſie ſelbſt und ihre Kammerfrau, Madame Brunier, theilte der Letzteren ſchnell den Fluchtplan mit, ſagte ihr, ſie und Frau von Neuville ſeien bezeichnet, ſie zu begleiten, und befahl ihr endlich, ſchnell die Prinzeſſin anzukleiden und ſie dann in das Zimmer des Dauphin zu fuͤhren. Das Kleid lag ſchon bereit; es war von billigem braunen Zeuche und ſehr ein⸗ fachem Schnitte, damit man den hohen Stand der Flüchtlinge nicht erkennen ſollte. Den kleinen Prinzen verkleidete man als Mäd⸗ chen, in welcher Tracht er äußerſt anmuthig ausſah. Aber um elf Uhr in der Nacht aus dem erſten Schlafe gerüttelt, begriff er nichts von Allem, was um ihn her vorging, und verfiel ſogleich wieder in Schlummer, ins dem erſt ſeine Schweſter ihn von Neuem auf⸗ weckte. 24 „Was glaubſt du von dem Allem, Karl?« fragte ſie ihn. „Ich glaube,« erwiederte er ſchlaftrunken und mit halb geſchloſſenen Augen,—„man will Komödie ſpielen, weil wir verkleidet werden.“ Im Augenblick der Abreiſe wurden die beiden Kinder in das im Erdgeſchoß liegende Zimmer geführt. Hier geſellte ſich um halb zwölf Uhr die Königin zu ihnen. Sie nahm ihre Kinder an der Hand und ging voraus; Frau von Neuville, Madame Brunier und Frau von Tourzel, die Gouvernante des Dauphin, folgten ihr. Man ſtieg eine Treppe hinab und eilte durch einen Corridor, um in's Freie zu gelangen. Man war übereingekommen, nur gruppenweiſe aus dem Palaſte zu gehen, um nicht die Aufmerkſamkeit der Schildwachen zu erregen. Die Königin führte zuerſt ihre Kinder und Frau von Tourzel an den Wagen, welcher im Prinzenhofe ſtand, ließ ſie ein⸗ ſteigen, und kehrte in das Schloß zurück. Der Kutſcher dieſes Wagens war der ſchwediſche Graf Axel von Ferſen, welcher nächſt Herrn von Bouillé das meiſte Vertrauen bei Hofe genaß. Die Kutſche fuhr aus dem Prinzenhofe hinaus, machte, um die Ueberwachung irre zu leiten, mehrere Umwege in dem Stadtviertel, und hielt endlich am ſogenannten kleinen Carouſſel an, um dort die übrigen Flüchtlinge zu erwarten. Während ſie dort hielt, fuhr Lafayette, welcher noch vor einer Stunde beim Könige geweſen war, in ſeiner von Fackelträgern umgebenen Caroſſe dicht dabei vorüber. Aber er ſah nichts oder erkannte doch nichts; übrigens hielt ſich der Dauphin im Fond des Wagens hinter den Kleidern ſeiner Gouvernante verſteckt. 25 Eine Stunde verging— die Uebrigen kamen nicht. Endlich ſtieg Madame Eliſabeth in den Wagen, und eine halbe Stunde ſpäter eilte der König herbei. Die Königin folgte ihm in geringer Entfernung, aber plötzlich ſah ſie abermals den Wagen des immer wachſamen Lafayette kommen, und eilte in der Furcht von ihm erkannt zu werden, in eine der ihr zunächſt liegenden engen Straßen hinein. In dem Labyrinthe dieſer Gäßchen verirrte ſie ſich, wagte, ſo nahe den Tuilerien, Niemand nach dem rechten Wege zu fragen, und verlor auf dieſe Weiſe eine koſtbare halbe Stunde Zeit, bis ſie endlich von Einem der Vertrauten ge⸗ funden und an den bezeichneten Platz geleitet wurde. Ohne Unfall erreichte man nun die neue Barriere der Vorſtadt St. Martin, wo man den Reiſewagen in Bereitſchaft finden ſollte. Er war wirklich, mit fünf kräftigen Roſſen beſpannt, an Ort und Stelle, obgleich er zwei volle Stunden über die beſtimmte Zeit hatte warten müſſen. Es war die kürzeſte Nacht des Jahres, und ſchon dämmerte der erſte Morgenſchimmer, als kurz nach zwei Uhr der Wagen mit der königlichen Familie heran⸗ raſſelte. Man ſtieg ſogleich in den harrenden Reiſe⸗ wagen, und Herr von Ferſen ſchwang ſich auf den Bock, wo er neben ſeinem Kutſcher, Balthaſar Sapel, Platz nahm. „Allons, friſch!« ſagte er zu ihm.„Fahre ſchnell!« Es ging vorwärts. Die Rollen waren in folgender Weiſe vertheilt: Frau von Tourzel führte den Namen einer Baroneſſe von Korff; die Prinzeſſin und der kleine Dauphin galten für ihre Töchter Amalie und Aglan; die Königin für die Gouvernante der Kinder, unter dem Namen Madame Rochet; Madame Eliſabeth ſtellte das Geſellſchaftsfräulein unter dem Namen Roſalie vor; der König ſpielte den Kammerdiener unter dem Namen Durand; drei verkleidete Offiziere von der Gardes du Corps, die Herren von Maldent, von Mouſtier und von Valory galten für Bediente und Courier. Alle waren angemeſſen gekleidet. Der Graf von Ferſen vorn auf dem Kutſcherbocke klatſchte alle Augenblicke mit der Peitſche, und er⸗ munterte ſeinen Kutſcher.„Friſch, Balthaſar!“ rief er ihm zu.„Deine Pferde ſind noch nicht recht im Zuge; laß ſie laufen, ſchneller, ſchneller! Die Pferde werden Zeit genug zur Erholung haben, wenn wir nur erſt beim Regimente ſind!“«. Die Roſſe ſchienen zu fliegen, aber ihre raſende Eile ſchien der ahnungsvollen Ungeduld des Grafen Ferſen, welcher die unermeßliche Gefahr, in der die königliche Familie ſchwebte, genügend erkannte, noch immer viel zu langſam. In einer halben Stunde erreichte man Bondy. Durch die Sorgfalt des Herrn von Valory fand man hier ſechs friſche Poſtpferde, und er ſelbſt war bereits wieder nach Cläye voraus geeilt, um dort die gleiche Vorſorge zu treffen. In Bondy verabſchiedete ſich der Graf Ferſen vom Könige, um nach Paris zurückzukehren und noch am nämlichen Tage nach Brüſſel abzureiſen. 1 In Claye angekommen, trafen die Reiſenden die Damen Neuville und Brunier, welche Beide einige Stunden früher in einer Poſtchaiſe abgereiſt waren. Man wollte ſogleich weiter; aber der ganz neue Reiſewagen des Königs bedurfte in Claye bereits einer Ausbeſſerung, und wiederum gingen koſtbare unerſetzliche Minuten verloren. Doch kam man end⸗ lich weiter. In dem Flecken Etoges zwiſchen Mont⸗ mirail und Chalons war man einen Augenblick in großer Unruhe, denn man glaubte erkannt zu ſein. Der König mit ſeiner gewöhnlichen Sorgloſigkeit ließ ſich zu viel ſehen. Er ſtieg mehrmals aus dem Wagen, ging ſtellenweis zu Fuß, und ließ ſich ſogar mit einzelnen Bauern in Geſpräche ein. In Chalons, wo man Nachmittags um ein Uhr ankam, wurden die Reiſenden ſogleich von dem Poſtmeiſter, wie von andern Perſonen, welche den König hatten ſehen können, er⸗ kannt; aber dieſe treuen und klugen Leute begünſtigten das Gelingen der Flucht, halfen ſelbſt die Pferde vor⸗ ſpannen, und trieben die Poſtillone zur ſchleunigſten Abfahrt. Nirgends wurde angehalten, um eine Mahl⸗ zeit einzunehmen, ſondern man ſpeiſte im Wagen. An der Brücke in Somme⸗Vesle, der erſten Poſt⸗Station hinter Chalons, ſollte ſich eine Abtheilung Huſaren finden, um auf dem Wege nach Montmédy zur Be⸗ gleitung zu dienen; doch als man gegen ſechs Uhr dort ankam, waren nirgends Huſaren zu ſehen. Erſt ſpäter erfuhr man, daß ſie ſechs Stunden fruͤher ihren Poſten beſetzt gehalten, aber ein längeres Verweilen nicht gewagt hatten, um die bereits aufgeregte Be⸗ völkerung nicht argwöhniſch zu machen. Hier alſo machte ſich die traurige Nachricht der verſchiedenen Zögerungen fühlbar; aber noch ſchlimmere Ereigniſſe ſollten hinzukommen. Herr von Choiſeul, der Commandeur der Huſaren, hatte aus Furcht, in Saint Menehould neue Auf⸗ merkſamkeit und Bewegung zu veranlaſſen, ſeinen Soldaten Befehl ertheilt, auf Nebenwegen die Stadt 28 zu vermeiden; daher traf man auf der Landſtraße nicht auf ihn, und erreichte Menehould, wo eine Dragoner⸗ Eskorte den König erwarten ſollte. Aber der Capitain d'Audoins, welcher ſie befehligte, war gezwungen worden, nach dem Stadthauſe zu gehen, um von dieſen Truppenbewegungen Rechenſchaft zu geben, welche die übelgeſtimmte Bevölkerung abſchreckten. In Folge deſſen war er nicht viel mehr als ein Gefangener. Hier in St. Menehould war es, wo der König, beunruhigt über das Fehlſchlagen aller Erwartungen, und öfter den Kopf aus dem Wagen herausſteckend, von einem Verräther, dem Poſtmeiſter Drouet, erkannt wurde. Der Anblick des Königs machte dieſen Menſchen betroffen; er verglich das Geſicht deſſelben mit dem ſehr ähnlichen Bilde des Königs auf einer Aſſignate, dem damals üblichen Papiergelde, und ſeine ſchadenfrohe Miene verrieth ſeine böſen Gedanken. Die Koͤnigin bemerkte ſeine Ueberraſchung und Schadenfreude, und erſchrack darüber; aber die Kutſche fuhr ſogleich weiter, und mit der Entfernung verminderte ſich ihre Un⸗ ruhe. Drouet, der Verräther, ſäumte indeß nicht, ſeine Entdeckung auszubeuten. Er theilte ſie ſogleich dem Stadtrathe mit, und alle Bewohner des Ortes er⸗ griffen die Waffen. In demſelben Augenblicke, es war Abends im Viertel nach ſieben Uhr, kam ein expreſſer Bote von Chalons an, welcher die Nachricht von der Abreiſe des Königs beſtätigte. Sofort wurde beſchloſſen, daß Drouet die Flüchtlinge verfolgen und ſte verhaften buſen ſolle, falls es ihm gelänge, ſte noch einzu⸗ olen. b Der Verräther beſtieg ſogleich ein Pferd und be⸗ 29 gann die Verfolgung, in Begleitung eines ehemaligen Dragoners vom Regimente der Königin, in wüthender Eile. Mittlerweile hatte ſich Herr von Damas am Abend vorher an der Spitze einer Dragoner⸗Abtheilung nach Clermont begeben. Er hatte Befehl, am 21. Juni Abends fünf Uhr zu Pferde zu ſteigen, und ſobald der Wagen des Königs durchpaſſirt ſei, die Straße nach Varennes einzuſchlagen. Er kam dieſem Befehle nach, und blieb mit ſeinen Dragonern bis zum Einbruch der Nacht im Sattel. Dann aber ließ er ſeine Leute abſteigen und die Retraite blaſen. Es war halb zehn Uhr. Der Wagen kam genau in dieſem Augenblicke an, und ſetzte ſeine Fahrt fort. Der Herr von Damas, welcher ihn vorbeirollen ſah, ſchickte ſeine Unteroffi⸗ ciere aus, um die Dragoner in ihren Quartieren auf⸗ ſuchen zu laſſen. Dadurch gerieth die Stadt in Be⸗ wegung, der Rath wurde unruhig, Unterhandlungen begannen, welche immer hitziger wurden; Herr von Damas ließ endlich zum Aufſitzen blaſen, und der Rath den Generalmarſch ſchlagen. Nun aber verſagten die Dragoner ihrem Befehlshaber den Gehorſam, und Herr von Damas konnte nur mit Noth ſo viel Zeit gewinnen, um die Flucht zu ergreifen. Indeß hatte der Wagen des Königs, mit friſchen Pferden beſpannt, kaum Clermont verlaſſen, als Drouet daſelbſt ankam, ſich ſogleich ein friſches Pferd geben ließ und die Verfolgung fortſetzte. Der königliche Wagen befand ſich ſchon mit einem vorauseilenden Courier und einem ihm nachfolgenden Kundſchafter unterwegs; trotzdem ſchickte der Herr von Damas in dem Augenblicke, wo Drouet fortritt, einen Quartier⸗ 30 meiſter hinter ihm her, um ihn zu verfolgen und auf⸗ zuhalten. Faſt hätte dieſer Mann Drouet erreicht, aber, von der Nacht begünſtigt, warf ſich der Verräther auf ihm allein genau bekannte Seitenwege, und galop⸗ pirte mit ſolcher Eile, daß er ein Viertel nach elf Uhr, noch vor dem Könige, Varennes erreichte. Die königliche Familie langte erſt gegen halb zwölf Uhr daſelbſt an. In Varennes, dieſer ganz einſam liegenden kleinen Stadt gab es keine Poſt, aber man hatte dem Könige das Haus, wo ſich friſche Pferde finden ſollten, ſo ge⸗ nau beſchrieben, daß er es leicht ausfindig machte. Er klopfte an, um die Pferde zu verlangen, aber man verſtand ihn nicht. In der That hatten neue Irrungen und die überall erweckte nämliche Unruhe die Pferde in einem Wirthshauſe am anderen Ufer der Aire zu⸗ rückgehalten, und man hatte unbegreiflicher Weiſe ver⸗ geſſen, den König davon in Kenntniß zu ſetzen. Seine Begleiter erkundigten ſich vergebens an den Thüren, wo ſie noch Licht erblickten, nach dem Orte, wo man die Pferde eingeſtellt haben könne. Die Königin ſelbſt ſtieg aus dem Wagen und ging mit dem Könige, doch ihre Hoffnung, durch einen glücklichen Zufall eine Nachweiſung zu erhalten, verwirklichte ſich nicht. Bei allen dieſen Nachforſchungen ging wiederum eine koſtbare Zeit verloren, welche Drouet zu benutzen wußte. Endlich ſtiegen die Reiſenden wieder in den Wagen, und baten die Poſtillone, weiter zu fahren. Aber dieſe verweigerten es unter dem Vorwande, daß ihre Pferde viel zu ermuüdet ſeien. Während des Hin⸗ und Herredens hierüber kehrte der Courier zurück und führte einen Mann mit ſich, der ſeiner Angabe nach in's 31 Vertrauen gezogen war. Dieſer Mann mit einer Nacht⸗ mütze auf dem Kopfe und in einen Schlafrock gehüllt, näherte ſich dem königlichen Paare, und während man ihm zurief:„Nun, wo ſind die Pferde?« warf er ſich faſt ganz in den Wagen hinein. „Ihre Pferde?“ antwortete er.„Das weiß ich nicht; aber ich kenne ein anderes Geheimniß, das ich Ihnen nicht ſagen werde!« „»Kennen ſie die Frau von Korff?« fragte Frau von Tourzel. »Nein,“ ſagte er,—„doch ich kenne etwas Beſſeres als das.“ Mit dieſen Worten verſchwand er wieder. Auf die Bitte der Königin willigten endlich die Poſtillone ein, den Wagen wenigſtens noch durch die Stadt zu fahren. Die Reiſenden glaubten ſich gerettet; ſie ſchrieben den Zwiſchenfall nur irgend einem Mißverſtänd⸗ niſſe zu, und ſahen ſich voller Hoffnung ſchon mitten unter den treuen Schaaren des Herrn von Bouillé. Aber ach, Alles ſollte ſich anders geſtalten. Um die folgenden Ereigniſſe richtig aufzufaſſen, muß erwähnt werden, daß Varennes auf einem Ab⸗ hange erbaut iſt und in einer oberen und unteren Stadt beſteht, welche durch die Aire mit ihrer Brücke geſchieden werden. Zu jener Zeit fuhr man bei der Ankunft von Clermont, wenn man in die Stadt ge⸗ langen wollte, nicht wie jetzt über einen ſchönen Platz, ſondern durch eine Straße, welche nach einem Gewölbe führte, das nach Belieben durch ein Thor mit zwei Flügeln geſchloſſen werden konnte. Dieſes Gewölbe trennte einen noch jetzt vorhandenen Thurm von einer ſeitdem niedergeriſſenen Kirche, und an dieſen Thurm 32 ſtieß das kleine Wirthshaus Brasd'or, welches der Familie Leblanc gehörte. Das Portal glich der Ein⸗ gangspforte einer Stadt zur Kriegszeit, und das Wirthshaus war gewiſſermaßen der Wachtpoſten für die Einlaßpforte. Beim Austritt aus dem Gewölbe betrat man die Brücke, welche über die Aire führt. An dieſer Stelle nun hatte Drouet den Hinterhalt gelegt, welcher der Weiterfahrt des Königs ein Ende machen ſollte. Der Wirth zum goldenen Arm(Bras⸗ d'or) war zugleich Officier der Nationalgarde. Von Drouet aufgeweckt, lief er zum Prokurator der Ge⸗ meinde, Namens Sauce, bewaffnete ſich dann mit ſeinem Bruder, und, einen Poſten der Nationalgarde heranziehend, ſtellte er ſich vor dem Eingange des Ge⸗ wölbes auf. Sauce beeilte ſich indeß, die Stadt in Allarm zu bringen, und ſchickte zugleich Boten in die nächſtge⸗ legenen Ortſchaften aus. Der Sohn des Maire Georges, Kapitän der Grenadiere, übernahm den Oberbefehl des Poſtens, und während die Kinder des Prokurators auf den Befehl ihres Vaters mit dem Geſchrei„Feuer! Feuer!“ durch die Stadt rannten, brachte Drouet, von einem Juriſten Namens Regnier begleitet, einen be⸗ ladenen Wagen herbei, den ſie quer vor der Brücke auffuhren und ſomit die Paſſage über dieſelbe unter⸗ brachen. Alle dieſe Vorbereitungen waren bereits vollendet, als ſich das Geräuſch des erwarteten Reiſe⸗ wagens vernehmen ließ. Er war ohne eine Hinder⸗ niß durch die obere Stadt gefahren, an Häuſern vor⸗ uͤber, aus denen ſich kein Laut vernehmen ließ. Schnell rollte die Karoſſe heran; im Augenblicke jedoch, wo ſie unter dem dunkeln Gewölbe des Thurmes ankam, 33 ſtanden die Pferde, aufgehalten durch die vorbereiteten Hinderniſſe, plötzlich ſtill, und zugleich ertönte von al⸗ len Seiten der Ruf:„Halt da! Halt!«— ein Ruf, von zehn rauhen Kehlen bewaffneter Männer ausge⸗ ſtoßen, welche jetzt aus der Dunkelheit hervorbrachen, ſich den Pferden entgegenſtürzten, die Poſtillons ergrif⸗ fen, an beide Wagenſchläge ſprangen und an die Rei⸗ ſenden die barſche Frage ſtellten:„wer ſie ſeien?« „Frau von Korff mit Familie!« lautete die Antwort. »Das iſt möglich,« erwiederte eine Stimme,— „aber Sie müſſen es beweiſen!“ Bei dem erſten Rufe, beim erſten Blitze der Säbel und Gewehre, waren die Officiere der Garde du Corps von ihren Sitzen aufgeſprungen, hatten die Hand an ihre verborgen gehaltenen Meſſer gelegt, und mit einem Blicke um Erlaubniß gebeten, Gebrauch davon machen zu dürfen. Aber der edle Ludwig der Sechszehnte ver⸗ bot ihnen, Gewalt anzuwenden. Die feindlichen Flin⸗ ten blieben gegen den Wagen gerichtet. Drouet er⸗ griff ein Licht, leuchtete dem Könige damit in's Antlitz, und gebot ihm, ohne ihn zu nennen, aus dem Wagen zu ſteigen und dem Prokurator der Gemeinde ſeine Reiſepäſſe vorzulegen. Noch hielt der König die Hoff⸗ nung feſt, nicht erkannt zu ſein, und ſtieg aus. Seine Familie folgte ihm. In dem Augenblicke, wo die königliche Familie über die Straße ſchritt, bemerkten ſie einige Huſaren; es waren diejenigen, welche Herr von Choiſeul auf Neben⸗ wegen von der Brücke von Somme Vesle herbeiführte. Die in den Straßen ſchon zahlreiche Nationalgarde ließ ſie zwar paſſtren, traf aber zugleich Maßregeln, ſie in Reſpect zu erhalten. Ein Königsſohn. 3 34 Mittlerweile hatte auch ſchon die abſcheuliche Thä⸗ tigkeit Drouets ihre Wirkung hervorgebracht; die Sturm⸗ glocke ertönte, der Generalmarſch wurde geſchlagen, man verrammelte alle Zugänge, ſchon ſetzten ſich die Bewohner der nächſtliegenden Dörfer in Marſch, und die Städte, welche der König in ſeinem Rücken ge⸗ laſſen hatte, geriethen durch die Nachricht von ſeiner Flucht in wilde Aufregung. Ganz Varennes war auf den Füßen. Das Haus des Perkurators, wohin die königliche Familie geführt wurde, enthielt im erſten Stockwerk zwei Zimmer, in welche man auf einer Wendeltreppe gelangte. Das Eine davon ging nach der Straße, das Andere nach dem Garten. In das Letztere ließ man den König eintreten; doch da die beiden Zimmer eine Verbindungsthür hatten, konnte man aus demſelben Alles auf der Straße beobachten. So bemerkten dann die verrathenen Flüchtlinge, daß die Menſchenmenge ſich von Minute zu Minute vergrößerte. Der Proku⸗ rator Sauce, welcher ſich anfänglich den heuchleriſchen Anſchein gab, als halte er die erlauchten Perſonen für einfache Reiſende, machte ihnen bemerklich, daß ihre Pferde nicht weiter gehen könnten und erſuchte ſie, bei ihm auszuruhen, bis friſche Poſtpferde angekommen wären.. Aber gleich nachher ſchon warf er die Maske der Heuchelei ab, und er ſowohl wie Drouet erlaubten ſich, den König mit grauſamen Vorwürfen zu überſchütten. Sie legten ihm geradezu die Abſicht unter, daß er in's Ausland flüchten und ſein Volk mit Krieg über⸗ ziehen wolle. Vergebens verſuchte der König ſeinen hohen Rang zu verläugnen und die allen Reiſenden 35⁵ geſicherte Freiheit in Anſpruch zu nehmen; man er⸗ klärte ihm gradezu, daß er und ſeine Familie er⸗ kannt ſeien, und begleitete dieſe Erklärung noch mit höhniſchen Bemerkungen. „»Nun denn,“ ſagte jetzt plötzlich die Königin, welche bisher kein Wort geſprochen hatte, mit ernſter Würde, »nun denn, wenn Sie ihn als Ihren König erkennen, ſo achten Sie ihn auch als Solchen!“ Dieſes Wort beſtimmte den König, den offenen Charakter, den er bisher nur mit Mühe unterdrückt hatte, wieder anzunehmen. Er ſetzte auseinander, welche Bewegungsgründe ihn zu ſeiner Reiſe veranlaßt hatten; er ſprach von ſeinem innigen Wunſche, die wahren Bedürfniſſe ſeines Volkes, das er ſo aufrichtig liebte, kennen zu lernen; er widerſprach auf das Ent⸗ ſchiedenſte der Verläumdung, als habe er außer Lan⸗ des flüchten und ſich in die Mitte von Fremden be⸗ geben wollen, und machte ſogar den Vorſchlag, ſich der Nationalgarde von Varennes anzuvertrauen, die ihn dann nach Montmédy oder in ſonſt eine Stadt des Königreiches begleiten könne, wo ſeine perſönliche Frei⸗ heit geſichert ſein werde. Die natürliche, warme und offene Beredſamkeit des Königs verfehlte ihre Wirkung nicht. Sauce war er⸗ ſchüttert, und der König wäre gerettet geweſen, hätte ſein Leben nur von dieſem Manne abgehangen. Abex der ſchändliche Drouet ließ ſeine Beute nicht fahren; er wurde heftig und erklärte, es handle ſich um ihre Köpfe, wenn man den König nicht nach Paris zurückführe. In dieſem Augenblicke ereignete ſich eine ernſte Thatſache, welche über das Schickſal des Königs ent⸗ ſchied. Es kam zwiſchen den Officieren, welche auf 3 ³⁸ „ 36 der Seite des Königs ſtanden, und der Nationalgarde zu einem Zuſammenſtoße. Herr von Goguelat drängte den Befehlshaber der Letzteren mit ſeinem Pferde und zog den Säbel gegen ihn; der Major der Nationalgarde feuerte ein Piſtol auf ihn ab, und verwundete ihn an der Schulter. Das Pferde bäumte ſich und warf ſei⸗ nen Reiter ab. Die Huſaren, welche Herr von Choi⸗ ſeul herbeigeführt hatte, ruͤhrten ſich nicht, und von nun an ſah man deutlich genug, daß auf ſie nicht mehr zu rechnen ſei. Jede Hoffnung war nun verloren; was allein noch die Lage der Sache hätte ändern können, wäre die Ankunft des Herrn von Bouillé geweſen, aber ſtatt Seiner eilten von allen Seiten Nationalgarden herbei, um ihre Kameraden in Varennes zu unterſtützen. Die immer wachſende Menſchenmenge überfüllte die kleine Stadt, welche durch dieſe Nacht eine traurige Berühmt⸗ heit in der Geſchichte erlangen ſollte. Zwiſchen ſechs und ſieben Uhr Morgens kam Ro⸗ meuf, der Adjutant Lafayettes, in Begleitung Bayon's, eines Officiers der Pariſer Nationalgarde, mit dem Befehle der National⸗Verſammlung von Paris an, daß man den flüchtigen König nach ſeiner Haupiſtadt zu⸗ rückbringen ſolle, wo man ihn auch erreichen möge. Bayon trat allein in das Zimmer des Königs. Sein von Natur ſehr finſteres Geſicht hatte durch die An⸗ ſtrengung und Aufregung einen noch düſtereren Cha⸗ rakter angenommen; mit verwirrtem Haar, die Kleider in Unordnung, mit leidenſchaftlich erregten Zügen nä⸗ herte er ſich dem Könige und ſagte ſtammelnd und abgebrochen:„Sire, Sie wiſſen... ganz Paris er⸗ wurgt ſich jetzt vielleicht... unſere Frauen und Kin⸗ 37 der werden vielleicht niedergemetzelt... Sie werden nicht weiter gehen... Sire, das Intereſſe des Staa⸗ tes... Ja, Sire... unſere Frauen und Kinder...« Bei dieſen Worten ergriff die Königin mit einer kräftigen Bewegung ſeine Hand, und ihm den kleinen, ſchlummernden Dauphin und die Prinzeſſin zeigend, welche ganz angekleidet auf einem Bette lagen, ſagte ſie zu ihm:„Bin ich nicht auch Mutter, mein Herr?« »Nun, was wollen Sie?“ fragte der König. »„Sire, ein Dekret der National⸗Verſammlung.“ „Wo iſt es?“ »Mein Kamerad hat es!« Mit dieſen Worten öffnete er die Thür und man bemerkte den Herrn von Romeuf, der ſich in der größ⸗ ten Unordnung an ein Fenſter im vorderen Zimmer lehnte. Sein Geſicht war mit Thränen bedeckt. Er näherte ſich mit niedergeſchlagenen Augen, ein Papier in der Hand, das ihm der Koͤnig entriß und es flüch⸗ tig überlas. »Nun denn,“ ſagte er hierauf,„es gibt in Frank⸗ reich keinen König mehr!“« Mittlerweile weckte man die Kinder aus dem Schlafe, und der kleine Dauphin wurde zum Gegenſtande einer beſonderen Aufmerkſamkeit; die Einen bewunderten ſeine Schönheit, Andere ſtellten Fragen an ihn über die Ab⸗ reiſe aus den Tuilerien, worauf das noch halb ſchlaf⸗ trunkene Kind kaum antwortete, ſondern mit den Au⸗ gen nur ſeine Mutter ſuchte. »Ach, Charles,“ ſagte ſeine Schweſter ihm leiſe zu, —„du haſt dich getäuſcht, das iſt kein Luſtſpiel!« »Ich ſehe es wohl und ſchon lange!“ erwiederte der arme Knabe flüſternd und zuckte die Achſeln. 38 Indeſſen drang das von Drouet und Bayon auf⸗ gereizte Volk mit einer an Wahnſinn gränzenden Wuth auf die Abreiſe, und in das laute Geſchrei fingen an ſich auch Drohungen zu miſchen. Mehrere der Wü⸗ thendſten wollten ſogar in das Haus eindringen, um den König mit Gewalt fortzuführen. Mitten unter dem Tumulte unterſchied man die Worte:„Wir werden ihn, wenn es ſein muß, bis in ſeinen Wagen ſchleppen!“ Deer König zeigte ſich am Fenſter, um die Leute zu beruhigen, doch Alles war umſonſt. Vergeblich ſuchte man noch Aufſchub zu gewinnen, in der unbe⸗ ſtimmten Hoffnung, daß jede Minute Rettung bringen könne. Eine der Kammerfrauen befand ſich unwohl, und die Königin weigerte ſich, ohne ſie abzureiſen, denn ſte klammerte ſich, wie ein Ertrinkender, an jeden Stroh⸗ halm. r König erkannte indeß nur zu wohl, daß man Gewaltthätigkeit nicht länger widerſtehen konnte. Er verlangte, mit ſeiner Familie einen Augen⸗ blick allein zu bleiben, und nach einigen Minuten einer ſehr ſchmerzlichen Berathung gab er nach und erklärte, zur Abreiſe bereit zu ſein. Die königliche Mutter nahm ihren Sohn in die Arme und trug ihn ſelbſt in den Wagen. Morgens um halb acht Uhr wurde die Rückreiſe angetreten. 3 Ach, es war um kaum eine Viertelſtunde zu früh. Nur wenige Minuten nach der Abreiſe des Königs be⸗ deckte eine beträchtliche Abtheilung Reiterei die Anhöhe, welche Varennes nach Verdun zu beherrſchen. Es war der Sohn des Herrn von Bouillé, welcher endlich mit der Kavallerie ankam. Er ſuchte nach einer Furth im Fluſſe, um ſeine Huſaren hindurch zu führen, aber lei⸗ der war der Strom nicht zu paſſiren, und die letzte 39 Ausſicht auf eine mögliche Rettung des Königs ent⸗ ſchlüpfte unwiderbringlich. Der General von Bouillé, welcher mit verhängtem Zügel an der Spitze des Re⸗ giments„Royal Allemand“ ankam, erfuhr von den Huſaren des Regimentes Lauzun, ehe er noch nach Mouza gekommen war, der König habe Varennes ver⸗ laſſen, und es wäre zu ſpät. Den Tod im Herzen trat er mit ſeinen treuen, eben noch begeiſterten, und jetzt verzweifelnden Truppen den Rückmarſch an. Der Königliche Zug war bereits fern von Varen⸗ nes. Umgeben von fünf⸗ bis ſechstauſend wüthenden Menſchen, war der König in demſelben Wagen ein efangener, welcher ihn zur Freiheit hätte führen ſol⸗ len. Die Wagen fuhren im Schritt, und man bedurfte eine volle Stunde, um von Varennes nach Clermont zu gelangen. Auch dieſe Stadt war, wie alle übrigen, welche man auf der Rückreiſe nach Paris berührte, mit Men⸗ ſchen üͤberfüllt; überall waren die Kaufläden geſchloſ⸗ ſen, es herrſchte eine fieberhafte Aufregung, und wü⸗ thendes Geſchrei ließ ſich vernehmen, während man den König, den Adel, die Officieren mit Beſchimpfungen überſchüttete. Nachmittags um drei Uhr kam man im Sainte Menehould an. Der Maire Furci, ein braver, recht⸗ ſchaffener Mann, lud die Königin ein, im Stadthauſe einzukehren und eine Erfriſchung anzunehmen. Dies geſchah, und gern hätte der König noch einige Stun⸗ den hier verweilt, da der kleine Prinz, von einer ſieben⸗ ſtündigen Fahrt in brennender Sonnenhitze übermüdet, an einem ziemlich heftigen Fieberanfall litt. Aber Bayon, der grauſame Feldmarſchall dieſer traurigen 40 Heimkehr, verweigerte den Wunſch des Königs, und die unglückliche königliche Familie mußte weiter reiſen. Die Nationalgarde von Varennes und Clermont kehrte übrigens von hier nach Hauſe zuruck und wurde durch die Garde von Sainte Menehould erſetzt, welche ihrerſeits von der der nächſten Stadt wieder abgelöst wurde. „Ein trauriges Ereigniß erfüllte die Herzen der armen Reiſenden, mit Entſetzen und mit einer bangen Ahnung des Schreckens, welche in der Zukunft ihrer warteten. Auf der Anhöhe bei dem Dorfe Han be⸗ grüßte ein braver Edelmann, der Marquis von Dam⸗ pierre, den König auf ſeiner Vorüberfahrt. Ludwig unterhielt ſich einige Augenblicke mit ihm und verab⸗ ſchiedete ihn dann mit einer ſehr wohlwollenden Miene. Herr von Dompierre hatte ſich tief verbeugt und mit Ehrfurcht die Hand ſeines unglücklichen Königs geküßt. Dieſer Beweis von Hochachtung war ſein Todesurtheil, kaum hatte der treue Edelmann den Wagenſchlag ver⸗ laſſen, als wilde Stimmen ihm zuriefen, er ſolle hal— ten. Allzu vertrauensvoll gehorchte er, und nun, mit wahrer Raſerei ſtürzte die Menge auf ihn ein, riß ihn vom Pferde, und metzelte ihn ohne Erbarmen vor den Augen der königlichen Familie auf kannibaliſche Weiſe nieder. Man ſteckte ſogar ſeinen Kopf auf eine Lanze, und hatte die Frechheit, ihn einige Minuten als eine Trophäe vor dem Wagen des Koͤnigs einherzutragen. Solchen Abſcheulichkeiten gegenüber iſt es wohl⸗ thuend, von einzelnen Zügen zu hören, aus denen man erkennt, daß es in jener ſchrecklichen Zeit doch noch einige rechtliche und reine Herzen gab. Der junge Cazotte war Commandant der National⸗ 41 garde des Dorfes Piercy und hatte den König in Epernay zu empfangen, wo derſelbe im Hotel Rohan abſteigen ſollte. Cazotte beſetzte mit ſeinen Leuten den Eingang an dieſem Palais, und ließ ſich von ihnen das feierliche Verſprechen geben, Niemanden als den Behörden den Eingang zu geſtatten. Kaum waren dieſe Maßregeln getroffen, als der Wagen des Königs, faſt getragen von den Wogen des Volkes, ankam. Die Gefangenen ſtiegen aus; tauſend beleidigende Ausrufe, beſonders gegen die Königin, wurden ausgeſtoßen. „ Verachten Sie dieſe Wuth, Gott iſt über Alles!« ſagte Cazotte in deutſcher Sprache zur Königin. Ein dankbarer Blick war die Antwort, die ihm zu Theil wurde. Die Königin ſchritt voran; ihre Tochter, Madame Eliſabeth und Frau von Tourzel folgten ihr, vermiſcht mit dem Volke, das ſich dreiſt herzudrängte. Den kleinen Dauphin trug ein Nationalgardiſt. Er weinte und ſchrie nach ſeiner Mutter, die er nicht mehr ſah, und Cazotte nahm ihn auf ſeine Arme und ſuchte ihn zu beruhigen. Aber ſeine Thränen hörten erſt auf zu fließen, als Cazotte ihn in das Zimmer trug, wohin man die Königin geführt hatte. Auch hier endete die zarte Sorgfalt noch nicht, welche Herr Cazotte für die königliche Familie trug, unbeküm⸗ mert, was die Folgen davon ſein möchten. Er beſorgte ihr eine Näherin, um ihr Kleid auszubeſſern, auf das die Menge getreten war, und verſchaffte ihr und den Kindern Erfriſchungen und einige Bequemlichkeiten, bis die Weiterreiſe ſeinen uneigennützigen und bereitwilligen Dienſtleiſtungen ein Ende machte. Zwiſchen Epernay und Dormaas traf der traurige 42 Zug auf die von der National⸗Verſammlung abgeſand⸗ ten Commiſſäre, welche aus Barnave, dem Marquis von Latour⸗Mauboug und Petion beſtanden. Sie nah⸗ men mit in dem köͤniglichen Wagen Platz, aber bald ſtiegen Pétion und Latour⸗Maubourg wieder aus, und ließen Barnave allein zurück. Barnave war Einer von den wenigen Abgeordneten des Volkes, welche in den Stürmen der National⸗Ver⸗ ſammlung ein edles und gefühlvolles Herz bewahrt hatten. Er empfand aufrichtiges Mitleiden für die un⸗ glückliche konigliche Familie, und, befreit von dem Zwange, den ſeine Kollegen, namentlich Pétion, ihm auferlegt hatten, ſprach er offen ſeine Empfindungen aus. Die Königin war von ſeiner Unruhe, ſowie von ſeinen ſchicklichen Worten und ſeinem anſtändigen Be⸗ nehmen gerührt, und miſchte ſich in die Unterhaltung. Barnave ſeinerſeits erſtaunte, die Königin ſo ganz anders zu finden, als man ſie ihm mit gehäſſigen Far⸗ ben geſchildert hatte, und bald fing er an zu verehren, was man ihn zu haſſen und zu verachten gelehrt. Als die Unterhaltung nach einer Weile ſtockte, nahm er den kleinen Prinzen auf ſeinen Schooß, und plauderte mit dem Kinde. Die ſchnellen, lebhaften und liebenswürdi⸗ gen Antworten des Knaben ergriffen ihn tief. „Sind Sie nicht darüber betrübt, daß Sie nach Paris zurückkehren?“ fragte er ihn.—. „Oh, ich bin überall gern,“ antwortete der Dau⸗ phin,„wenn ich nur bei meinem Vater, der Mama,.. und dann auch bei meiner Tante, meiner Schweſter und Frau von Tourzel bin.“ „Ach mein Herr,“ ſagte der König zu Barnave, 43 „es iſt dies für mich und meine Kinder eine ſehr traurige Reiſe!“ Der ſchmerzliche Ton, mit dem dieſe Worte ausge⸗ ſprochen wurden, bewegten den Dauphin tief; er nahm die Hand ſeines Vaters, und küßte ſie. Der König umarmte ihn und drückte ihn an ſein Herz. „Betrüben Sie ſich nur nicht, mein lieber Vater,« ſagte dann das Kind mit großen Thränen in den Au⸗ gen zu ihm.„Ein anderes Mal werden wir eine ſchö⸗ nere Raiſe machen.“ Faſt bei jedem Wechſel der Poſtpferde fanden ſich die vier anderen Commiſſäre ein, um zu ſehen’, was im Wagen des Königs vorgehe. Erſtaunt, faſt be⸗ ſtändig den Thronerben auf dem Schooße Barnave's zu finden, ſagte Pétion laut genug, um von den er⸗ lauchten Reiſenden verſtanden zu werden, mit ſpöttiſchem Tone:„Sehen Sie, Latour⸗Maubourg, Barnave iſt entſchieden die Stütze des künftigen Königthums.« Der unglückliche Barnave. Er mußte ſeine kaum gewonnene Anhänglichkeit an das königliche Haus nicht lange darauf mit dem Tode auf der Gulllotine büßen! Uebrigens ſtellten ſich den Reiſen des Königs keine weiteren Hinderniſſe entgegen. Die finſtere und ſchwei⸗ gende Bevölkerung ſah den Wagen mit Beſtürzung vorüberfahren. Niemanden fiel es ein, einen Verſuch zu Gunſten des Königs zu machen. In Ferté⸗ſous⸗ Jouarre fand indeſſen die königliche Familie eine ſehr herzliche Aufnahme. Sie nahmen daſelbſt bei Herrn Regnard das Mittagsmahl ein. Obwohl Frau Reg⸗ nard eine Schürze trug, um nicht erkannt zu werden, errieth Marie Antoinette dennoch ſogleich ihre Würde, 44 trat auf ſie zu und ſagte:„Sie ſind ohne Zweifel die Herrin des Hauſes?« „Ich war es nur bis zu dem Augenblicke, wo Ihre Majeſtät es betrat,“— erwiederte Madame Regnard, und erfreute das Herz der Königin durch dieſe Ant⸗ wort, welche dem Geiſte und dem Gemüthe der freund⸗ lichen Hauswirthin alle Ehre machte. Als die Königin das Haus der Frau Regnard ver⸗ ließ, ſagte ſie zum Dauphin:„Mein Sohn, danke der Madame auch für ihre Aufmerkſamkeit, und ſage ihr, ich werde ſie nie vergeſſen.“ Der kleine Prinz gehorchte auf der Stelle.„Mama dankt Ihnen für Ihre Sorgfalt,« ſprach das Kind, „und ich, ich liebe Sie recht ſehr, daß Sie Mama Vergnügen gemacht haben.“ Andere Ruhepunkte boten nicht g eichen Troſt. Als die Wagen in der Vorſtadt von Meaur ankamen, erhob ſich ein großer Tumult: ein Prieſter ſollte in ähnlicher Weiſe wie der arme Marquis Dampierre das Leben verlieren. Aber Barnave rettete ihn, indem er mit Donnerſtimme dem Volke zurief:„Franzoſen, wollt Ihr ein Volk von Meuchelmördern werden?“ Damals ſagte Petion zu Latour⸗Maubourg:„Wie es ſcheint, ſo hat unſer Kollege die Sendung nicht nur das Königthum, ſondern auch die Geiſtlichkeit zu ver⸗ theidigen.“ Nach der menſchenfreundlichen Handlung Barnave's ſetzte ſich der Dauphin um ſo lieber auf ſeinen Schooß und plauderte angelegentlich mit ihm, bis man in Boſ⸗ ſuet anlangte. Abends eilf Uhr, als ſeine Collegen ſchon ſchliefen, wurde Barnave in das Zimmer des Königs berufen, wo er mit ihm und der Königin ein lange Unterredung über ihre Lage hatte. „Augenſcheinlich ſind wir,« ſagte die Königin am Ende,„über den wirklichen Zuſtand der öffentlichen Stimmung in Frankreich getäuſcht worden.« Man dankte Barnave für ſeine Rathſchläge, und kam überein, daß man ſich künftig in den Tuilerien insgeheim ſehen wolle. Von jenem Tage an gelobte ſich Barnave, dem Throne unerſchütterliche Treue zu weihen, und redlich hat er ſein Gelöbniß gehalten. Das Ende der Reiſe wurde durch keinen beſonderen Vorfall mehr bezeichnet. Am 25. Juni Abends ſieben Uhr kam der König mit der Königin nach Paris zu⸗ rück und ſtieg in den Tuilerien ab, vor deſſen Thor ſich eine große Menſchenmenge, trunken von Wein und Zorn, verſammelt hatte, welche durch die Nationalgarde nur mit Mühe von Gewaltthätigkeiten abgehalten wer⸗ den konnte. Herr Hue hob den kleinen Prinzen aus dem Wagen und brachte ihn in ein Zimmer, und bald darauf zu Bett. Der kleine Knabe ſchlief ſehr unruhig. Am andern Morgen, als er wieder erwachte, ſagte er zu ſeinem Erzieher, laut genug, daß ſelbſt die Wächter, welche man in ſeine Stube poſtirt hatte, jedes Wort verſtehen konnten:„Ich habe einen ſchrecklichen Traum geträumt, Herr Hue, denn ich ſah mich die ganze Nacht von Wolfen, Tigern und anderen wilden Thieren umgeben, welche mich auffreſſen wollten.“ Herr Hue ſchwieg und begnügte ſich mit den Ach⸗ ſeln zu zucken; die Wächter aber blickten erſtaunt ein⸗ 46 ander an, und Keiner wagte es, dem kleinen Prinzen einen Vorwurf über ſeinen prophetiſchen Traum zu machen. Drittes Kapitel. Im Tempel. Die franzöſiſche Revolution verfolgte ihren ſchreck⸗ lichen Gang, und zu den inneren Kämpfen, welche das unglückliche Frankreich zerrütteten, geſellte ſich endlich auch noch der Krieg mit dem Auslande. Das Volk, fortwährend durch ſchlimme Gerüchte und durch die Hetzereien der blutdürſtigen Jakobiner in Aufregung er⸗ halten, haßte den König mehr als jemals. Nicht zu⸗ frieden, ihn gefangen zu halten, ihn ſeines Thrones zu berauben, ihn zur tiefſten Erniedrigung zu zwingen, wollte jener furchtbare, entmenſchte Pöbel auch noch ſeinen Tod auf dem Schaffotte. Der erſte Schritt zu dieſer ſchrecklichen Entwickelung des Trauerſpiels war die förmliche Verhaftung der königlichen Familie und ihre Einſperrung im Tempel. Am 13. Auguſt 1792 wurden ſie in dieſen Kerker ge⸗ führt, deſſen Pforten ſich hinter dem Könige ſchloſſen, um ſich erſt dann ihm wieder zu öffnen, als er ſein Haupt unter das Fallbeil der Guillotine tragen ſollte. Der Tempel war urſprünglich die Reſidenz des Großpriors der Tempelherren, und der Umfang ſeiner Ringmauern hatte ſich beſonders im dreizehnten Jahr⸗ hundert durch den Ankauf der umliegenden Ländereien ſehr vermehrt. Im Jahr 1792 war von den ehemals 8. 47 weitläufigen Bauten nicht viel mehr übrig, als der ſo⸗ genannte Thurm des Tempels, ein düſteres, viereckiges Gebäude, deſſen furchtbar dicke Mauern von kleinen Thürmen in den Winkeln flankirt wurden. Im Erd⸗ geſchoße gab es nur ein großes Zimmer und eine Küche, von der man keinen Gebrauch machte. Der ganze Thurm hatte vier Stockwerke. Das erſte beſtand aus einem Vorzimmer und einem Speiſeſaale, der mit einem Kabinet in einem der Thürmchen in Verbindung ſtand. Auch das zweite Stockwerk enthielt ein Varzimmer, links ein Gemach, welches die Königin und ihre Toch⸗ ter zum Schlafzimmer benützten, und rechts ein anderes, wo der Dauphin, Frau von Tourzel und Frau von Saint Brice ſchliefen. Das dritte Stockwerk war die Wiederholung des zweiten, und diente dem Könige mit ſeinen Begleitern, Hue und Chamilly, zur Wohnung. Noch hatte man der königlichen Familie einige treue und ergebene Herzen zur Geſellſchaft gelaſſen, aber auch dieſer Troſt ſollte ihnen nicht lange vergönnt bleiben. Schon in der Nacht vom 19. zum 20. Auguft ſtellten ſich zwei Beamte mit dem Auftrage ein, alle Perſonen, die nicht zur Familie Capet gehörten, fortzuführen. Umſonſt widerſprach die Köͤnigin der Wegführung auch der Prinzeſſin Lamballe, die ſie für ihre Verwandte er⸗ klärte. Ihr Abſchied war herzzerreißend, und die bei⸗ den königlichen Kinder vermiſchten ihre Thränen mit denen der Mutter, bis die Prinzeſſin und Frau von Tourzel mit Gewalt hinweggeführt wurden. Niemand von der ganzen Begleitung wurde der unglücklichen Familie gelaſſen, als allein Herr Hue, welcher über dieſen Vorzug ſehr erſtaunt war. Man fuͤhrte ein ſehr trübes und einförmiges Leben 48 im Tempelthurme. Der König ſtand jeden Morgen zwiſchen 6 und 7 Uhr auf, kleidete ſich an, und begab ſich dann in das kleine Kabinet im Thürmchen, wo er knieend ſein Gebet hielt und bis 9 Uhr las. Während dieſer Zeit brachte Herr Hue das Zimmer in Ordnung, bereitete den Tiſch für das Frühſtück und ging dann zur Königin hinab. Marie Antoinette ſtand noch früher auf als der König, und kleidete ihren Sohn an, welchen ſie dann ſein Morgengebet halten ließ. Sie öffnete ihr Zimmer erſt, wenn Herr Hue herabkam, um die Gemeinde⸗ Beamten zu verhindern, früher in ihr Zimmer zu kom⸗ men. Es war ungefähr 8 Uhr, wenn Herr Hue ſich bei der Königin einfand, und mit ihm zugleich traten die als Wächter abgeordneten Commiſſäre ein, um während des ganzen Tages darin zu bleiben. Um 9 Uhr gingen die Königin, ihre Kinder und Madame Eliſabeth hinauf zum Könige, um mit ihm zu früh⸗ ſtücken. Während dieſer Zeit brachte Herr Hue das Zimmer der Königin und das der Prinzeſſinnen in Ordnung. Um 10 Uhr ging die ganze Familie wieder hinab in das Zimmer der Königin, wo ſie dann den Tag über blieb. Der König ertheilte ſeinem Sohne Unterricht, die Königin beſchäftigte ſich mit der Er⸗ ziehung ihrer Tochter, und Madame Eliſabeth lehrte dieſelbe Zeichnen und Rechnen.. Um 1 Uhr, wenn das Wetter ſchön und der Ober⸗ aufſeher Santerre zugegen war, begab ſich die Familie, von Wachen umringt, in den kleinen zum Tempel ge⸗ hörigen Garten hinab, wo ſich der kleine Prinz mit Spielen beluſtigte. Um 2 Uhr begab man ſich in das Zimmer des Königs zum Mittagseſſen, dann wieder in 49 das Gemach der Königin, und nun begann eine Er⸗ holungsſtunde, in der die Beluſtigungen der Kinder die gewöhnlich trübe Stimmung etwas aufheiterte. Zu⸗ weilen hielt der König gegen 4 Uhr in ſeinem Arm⸗ ſtuhl eine kurze Mittagsruhe. Um ihn herum ſaßen dann die Prinzeſſinnen mit einem Buche oder einer Näh⸗ arbeit, und der Dauphin lernte ſeine Aufgabe, wobei die tiefſte Stille herrſchte. Beim Erwachen des Vaters ſagte dann der Prinz das Gelernte her und nahm nachher ſein Rechnen⸗ und Schreibheft zur Hand. Herr Hue überwachte ſeine Arbeit, und nach Beendigung derſelben führte er ihn in das Zimmer der Prinzeſſin Eliſabeth, wo er mit ihm Ball oder Federball ſpielte. Um 7 Uhr ſetzte ſich die Familie um einen Tiſch herum, und es wurde entweder aus einem geſchichtlichen Werke oder aus ſonſt einem guten Buche vorgeleſen, was die Kinder belehren oder erheitern konnte. Um acht Uhr trug Herr Hue im Zimmer der Prinzeſſin Eliſabeth das Abendeſſen für den Dauphin auf. Der König und die Königin waren gewöhnlich zugegen, während der kleine Prinz ſpeiste, und häufig wurden vom Könige zu dieſer Stunde kleine, leichte Räthſel aufgegeben, deren Löſung auf angenehme Weiſe beſchäf⸗ tigte und erheiterte. Nach dem Abendeſſen kleidete ſich der junge Prinz aus und ſagte ſein Abendgebet, ge⸗ wöhnlich in folgender Weiſe: »Allmächtiger Gott, der du mich erſchaffen und er⸗ löſet haſt, dich bete ich an. Bewahre das Leben des Königs, meines Vaters, ſowie die Tage meiner Familie. Beſchütze uns gegen unſere Feinde! Gib der Frau von Tourzel die Kraft, die ſie nöthig hat, um die Lei⸗ den zu ertragen, welche ſie unſertwegen erduldet.“ Ein Königsſohn. 4 50 Nach dem Gebete brachte Herr Hue den Prinzen zu Bette; die Königin oder Madame Eliſabeth blieben abwechſelnd bei ihm. Sobald das Abendeſſen der Fa⸗ milie eingenommen war, ging der König noch einmal zu ſeinem Sohne. Nach einigen Augenblicken drückte er die Hand ſeiner Gemahlin und Schweſter, nahm ſtumm von ihnen Abſchied, empfing die Liebkoſungen ſeiner Kinder, und begab ſich dann in ſein Zimmer hinauf. Hier begab er ſich in das Kabinet im Thürm⸗ chen, aus dem er gewöhnlich erſt gegen Mitternacht herauskam, um ſich zu Bett zu legen. Die Prinzeſſinnen blieben noch einige Zeit zuſam⸗ men, oft dieſe ruhige Stunde benutzend, um die Klei⸗ dungsſtücke der Familie auszubeſſern. Die Commiſſäre wurden um elf Uhr Morgens, um fünf Uhr Abends und um Mitternacht abgelöst. Dar König ging erſt dann ſchlafen, wenn der neue Beamte ſich bei ihm ein⸗ gefunden hatte. Dieſe Lebensweiſe dauerte ſo lange, als der König in dem Gefängniſſe blieb. Die Tage Aller wurden in Traurigkeit, Knechtſchaft, Aufregung und unter Be⸗ ſchimpfungen verlebt. Zu dieſer Zeit war der kleine Dauphin ſieben und ein halbes Jahr alt, und zeigte bei allen Leiden eine Miſchung von Kraft und Anmuth, die ſelbſt bei den glücklichſten Naturen nur ſelten iſt. Zuweilen gab der Ernſt ſeines Gedankens ſeinen Worten einen Ausdruck voller Adel, zuweilen machte ſich wieder die liebens⸗ würdige Munterkeit ſeines Alters ohne Wünſche und ohne Klagen geltend. Er dachte ſchon nicht mehr an die vergangene Größe, er war glücklich zu leben, und nur die Thränen ſeiner Mutter machten ihm zuweilen 51 Kummer. Nie ſprach er von ſeinen früheren Spielen und Spaziergängen, nichts ſchien er zu bedauern, und alle ſeine ehemaligen kindlichen Freuden vergeſſen zu haben. Er lernte fleißig und viel; ſein gutes Gedächt⸗ niß unterſtützte ſeinen Eifer ſo glücklich, daß er weit kenntnißreicher war, als Kinder ſeines Alters gewöhn⸗ lich zu ſein pflegen. Bei allen Leiden, Entbehrungen und Erniedrigun⸗ gen beſaß der arme, kleine Prinz doch immer noch Einen Troſt: ſeine Aeltern. Aber ach, nur zu ſchnell ſollte ihm erſt der Vater, und dann auch die Mutter entriſſen werden. In der harten Schule des Unglücks erzogen, öffnete ſich das Herz des Prinzen allen zarten und großmü⸗ thigen Gefühlen, und mit dieſem gefühlvollen Weſen vereinigte er alle Liebenswürdigkeit und Anmuth ſeines Alters. Jung genug, um zu ſpielen und zu lachen, aber auch einſichtsvoll genug, um die Thränen und Schmerzen ſeiner Familie begreifen zu können, errieth er, daß er ſeinen Aeltern mehr Rückſicht und Sorgfalt als ſonſt ſchuldig war; er fuͤhlte ihre grauſame Lage, die ſie nur zuweilen bei ſeinen munteren Einfällen ver⸗ gaßen. Er war ſich ſeiner Gefangenſchaft wohl be⸗ wußt, und wurde in ſeinem Benehmen zurückhaltend, in ſeinen Worten klug und bedachtſam. Niemals ent⸗ ſchlüpfte ihm eine Sylbe, die in dem Herzen ſeiner Mutter eine traurige Erinnerung, ein ſchmerzliches Be⸗ dauern hätte erwecken können. Wie gefühlvoll, wie klug er war, davon nur zwei Beiſpiele. Ein Steinhauer war eines Tages beſchäftigt, neben der Thür des Vorzimmers des Königs Löcher in die Mauer zu ſchlagen, um darin große Riegel an befeſtigen. 5² Während dieſer Mann frühſtückte, beluſtigte ſich der kleine Prinz mit ſeinen Werkzeugen. Der König nahm den Meißel und den Hammer aus den Händen ſeines Sohnes, um ihm zu zeigen, wie er ſie handhaben müſſe, und bediente ſich derſelben einige Augenblicke. Der Maurer, von Ruhrung ergriffen, ſagte zu ihm:„Wenn Sie einmal von hier hinaus gehen, ſo können Sie ſa⸗ gen, daß Sie ſelbſt an Ihrem Gefängniſſe gearbeitet haben.“ „Ach,“ antwortete der König,„wann und wie werde ich hinausgehen?« Kaum hatte er dieſe Worte ge⸗ ſprochen, als der kleine Dauphin, tief bewegt, ſich in ſeine Arme ſtürzte und in Thränen zerſchmolz. Der König ließ Hammer und Meißel fallen; auch ihn über⸗ wältigte die Rührung, und er ging lange, von Weh⸗ muth ergriffen, in ſeinem Zimmer auf und ab. Ein anderes Mal bewies der kleine Prinz einem groben Manne, Namens Mercereau, welcher Jedermann dutzte, ſelbſt den König, nicht ganz die Achtung, auf welche dieſer brutale und gemeine Mann Anſpruch zu haben glaubte.„He, weißt du wohl, Burſche,“ ſagte er zu dem Dauphin,„daß die Freiheit uns frei ge⸗ macht hat, und daß wir Alle gleich ſind?«—„Gleich, ſo viel Sie wollen,“ antwortete das Kind mit einem Blicke auf ſeinen Vater,„aber ſchwerlich werden Sie uns hier überreden, daß die Freiheit uns frei ge⸗ macht habe!“ Mittlerweile rückte die traurige Zeit heran, welche den König auf immer vom Herzen der Seinigen reißen ſollte. Nach ſo vielen Verbrechen, welche das fran⸗ zöſiſche Volk im Taumel ſeiner Freiheits⸗Raſerei be⸗ gangen, blieb nur noch der Königsmord zu begehen — 5³ übrig. Ludwig der Sechszehnte, der ſchuldloſeſte, mil⸗ deſte und gerechteſte König von Frankreich, der kein Verbrechen weiter begangen hatte, als ſein Volk zu ſehr geliebt zu haben, wurde vor den blutdürſtigen Convent geladen, der ſich zu ſeinem Richter aufzuwerfen vermeſſen. Schon mehrere Tage vorher war die harte Behandlung der königlichen Gefangenen ſehr verſchärft worden, man hatte ihnen alle ſchneidenden Werkzeuge bis auf die kleinſten Nähſcheeren wegnehmen laſſen, ſo daß die Damen nicht einmal mehr eine Zerſtreuung durch ihre weiblichen Arbeiten zu finden vermochten, und Ludwig konnte ſchon aus ſolchen Brutalitäten auf den Ausweg ſeines Prozeſſes ſchließen. In der That machte er ſich auch auf das Schlimmſte gefaßt, und es ſchmerzte ihn nur, daß man ihn ſo gänzlich von ſeiner Gemahlin und ſeiner Familie trennte, bis das Urtheil erfolgt war, daß er nur mit Mühe und durch die ſinn⸗ reichſten Mittel einige Nachrichten von ihr erhalten und ihr zukommen laſſen konnte. Das Todesurtheil erfolgte, und nur erſt, am Tage vor ſeiner Hinrichtung, geſtattete man dem Könige eine Zuſammenkunft mit ſeiner Familie. Um halb neun Uhr Abends öffnete ſich vor ihm die Thuͤr. Die Köni⸗ gin, den kleinen Dauphin an der Hand fhrend, erſchien zuerſt, dann ihre Tochter Marie Thereſie, und zuletzt Madame Eliſabeth. Alle ſtürzten ſich in die Arme des Königs. Während einiger Minuten herrſchte ein trau⸗ riges Stillſchweigen, das nur durch Schluchzen unter⸗ brochen wurde. Die Königin machte eine Bewegung, um ihren Gemahl aus dem Zimmer, wo er die Sei⸗ nigen empfangen, in ein anderes zu führen.„Nicht 54 in das,“ ſagte der König,„wir wollen in jenes Zim⸗ mer gehen; ich darf Sie nur dort ſehen.“ Sie traten in das Speiſezimmer ein; die Wache haltenden Municipal⸗Beamten verſchloſſen die Thür deſ⸗ ſelben, die wie die ganze Zwiſchenwand nur von Glas war. Der König ließ ſich nieder; die Königin ſetzte ſich zu ſeiner Linken, Madame Eliſabeth zu ſeiner Rechten, die Prinzeſſin ihm gegenüber, und der kleine Prinz blieb zwiſchen den Knieen ſeines Vaters ſtehen. Alle drängten ſich an ihn, und hielten ihn oft umarmt. Der König erzählte von ſeinem Prozeſſe, wobei er die Menſchen, die ihn verurtheilt hatten, zu entſchuldigen ſuchte. Seinen Kindern ertheilte er religiöſe Ermah⸗ nungen, empfahl ihnen, ſeinen Tod zu verzeihen, und ſegnete ſte. Die Königin ſprach den heißeſten Wunſch aus, daß die ganze königliche Familie die Nacht bei ihm zubringen dürfe; aber er verweigerte es, indem er bemerkte, er bedürfe ſehr der Ruhe und Sammlung. Dieſe Schmerzens⸗Scene dauerte ſieben Viertelſtunden. Als ſie ſich ihrem Ende näherte, wendete ſich der König zu ſeinen Kindern, und ließ ſich in dem Augen⸗ blicke, wo ſie auf immer von ihm ſcheiden ſollten, von ihnen und den Anderen das Verſprechen geben, daß ſie niemals ſeinen Tod rächen wollten. Den kleinen Dau⸗ phin, um ihm die Erfüllung ſeines letzten Willens noch ganz beſonders einzuprägen, nahm er auf ſeinen Schooß und ſprach zu ihm:„Mein Sohn, du haſt gehört, was ich eben geſagt habe; aber weil der Schwur noch et⸗ was Heiligeres hat als Worte, ſo ſchwöre, indem du deine Hand erhebſt, daß du dem letzten Willen deines Vaters gehorchen willſt.« —— 5⁵ Der kleine Prinz gehorchte ihm, und leiſtete den Schwur unter einem Strome von Thränen. Auch die Uebrigen weinten bitterlich, da die rührende Güte des Königs ihren Schmerz noch verdoppelte. Jetzt, während mehr als einer Viertelſtunde, ſprach man nicht ein Wort aus. Nicht Thränen noch Schluchzen, ſondern herzzerreißende, durchdringende Schmerzenstöne waren es, die aus dem jammererfüllten Zimmer dran⸗ gen. Der König, die Königin, der Dauphin, die Prin⸗ zeſſin Marie Thereſte, und Madame Eliſabeth klagten Alle zugleich, und die Stimmen ſchienen ſich mit einan⸗ der zu miſchen. Endlich hörten alle Thränen auf, weil der Born erſchöpft und ausgetrocknet war. Lud⸗ wig erhob ſich zuerſt und alle Uebrigen folgten ihm. Ein treuer Diener, Namens Cléry, der durch ſeine Bemühungen Eingang in den Kerker gefunden hatte, öffnete die Thür. Die Königin hielt ihren Gemahl am rechten Arme; Beide hatten ihrem Schmerzensſohne, dem Dauphin eine Hand gereicht. Die Prinzeſſin, die ihrem Vater zur Linken ging, hielt ihn mitten um ſei⸗ nen Körper umſchlungen; Madame Eliſabeth, an der⸗ ſelben Seite, aber ein wenig hinter ihrer Nichte, hatte den linken Arm ihres Bruders ergriffen. Sie machten einige Schritte nach der Eingangsthür zu, wobei ſie die ſchmerzlichſten Seufzer ausſtießen. „Ich verſichere Euch,« ſagte der König,„daß ich Euch morgen früh um acht Uhr, wiederſehen werde!“ „Sie verſprechen es uns?“ wiederholten Alle. „Ja, ich verſpreche es Euch!« »Aber warum nicht ſchon um ſieben Uhr?« fragte die Königin. 56 »Nun gut! Ja! Um ſieben Uhr!“« gab der König zur Antwort.„Lebt wohl!«— Dieſes Lebewohl ſprach er ſo ausdrucksvoll, daß Alle wiederz in neues Schluchzen ausbrachen. Die Prinzeſſin. ohnmächtig zu den Fuͤßen ihres Vaters nieder, den ſie noch umarmt hielt. Cléry hob ſie auf und half Madame Eliſabeth, ſie zu unterſtützen. Der König, um dieſer erſchütternden Scene ein Ende zu machen, umarmte Alle noch einmal auf das Zärtlichſte, und gewann endlich die Kraft, ſich ihren Umſchlingun⸗ gen zu entreißen.„Lebt wohl! Lebt wohl!“ ſagte er noch einmal mit tiefem Gefühl aus brechendem Herzen, und begab ſich in ſein Zimmer. Der gute König, der zärtliche Vater ſollte die Sei⸗ nen auf Erden nicht widerſehen. Um nicht noch ein⸗ mal ihre Herzen zu zerreißen, faßte er einen edelmüthi⸗ gen Entſchluß, auf das Schaffott zu gehen, ohne den einzigen Troſt mitzunehmen, ſeine Theuerſten auf der Welt zum letzten Abſchiede an die Bruſt zu drücken. Er ſchied von der Erde mit dieſen Worten, die er vom Schaffotte aus an das Volk richtete:„Ich ſterbe un⸗ ſchuldig aller Verbrechen, deren man mich angeklagt hat. Ich vergebe den Urhebern meines Todes, und bitte Gott, daß das Blut, das ſie eben vergießen wollen, niemals auf Frankreich zurückfalle. Und du, unglück⸗ liches Volk...« Weiter vernahm man nichts, denn ein wüthender Trommelwirbel übertönte ſeine Stimme. Sein edles Haupt fiel,— das Haupt eines Märtyrers, das Haupt des beſten und gütigſten Königs, den Frankreich jemals beſeſſen. 57 Viertes Kapitel. Die Trennung von der Mutter. Nach dem grauſamen Lebewohl am Abend des zwanzigſten Januars 1793 hatte die Königin kaum ſo viel Kraft gehabt, ihre Kinder auszukleiden und zu Bette zu bringen. Später hatte ſie ſich in ihren Klei⸗ dern auf ihr Bett geworfen, wo ihre Tochter und ihre Schwägerin, die in ihrem Zimmer auf einer Matratze ruheten, ſie die ganze Nacht vor Schmerz und Froſt zittern und wimmern hörten. Am folgenden Morgen hatte ſich die königliche Familie vor Tagesanbruch erhoben. In allen Stadt⸗ theilen von Paris rührte man die Trommeln, und das lärmende Getöſe draußen ließ ſich in dem Thurme ganz deutlich vernehmen. Eine gebeugte unglüͤckliche Gattin, eine zärtliche Schweſter und zwei liebende Kin⸗ der erwarteten den noch einmal zu ſehen, den ihre Augen nicht wieder erblicken ſollten. Ein Viertel nach ſechs Uhr hatte man die Thür geöffnet und war ein⸗ getreten, um ein Buch für die dem König zu leſende Meſſe zu holen. Man betrachtete dieſes geringfügige Ereigniß als einen Hoffnungsſtrahl. Die Gefangenen glaubten, man werde nun auch bald kommen, um ſie zur letzten Zuſammenkunft abzuholen. Aber ſie wurden bald enttäuſcht. Jede Minute ſchien auf der Uhr die⸗ ſes Gefängniſſes eine Ewigkeit zu bezeichnen, und doch 58 verrannen die Minuten, ohne die Erfüllung einer letz⸗ ten, bitter ſchmerzlichen Hoffnung zu bringen. Ein verdoppelter Lärm kündigte den Augenblick der Abfahrt des Königs an. Die menſchliche Sprache iſt zu ohnmächtig, die herzzerreißende Scene darzuſtellen, welche dieſem ſchrecklichen Augenblicke folgte. Die ar⸗ men Frauen machten mit gebrochenem Herzen, unter Schluchzen und Thränen einen vergeblichen Verſuch, um daß Mitleiden ihrer erbarmungsloſen Wächter zu wecken. Der kleine Prinz entriß ſich den Armen ſeiner Mutter und rannte außer ſich, beſtürzt, flehend zu den Beamten und der Wache, lief von den Einen zu den Andern, umklammerte ihre Knie, preßte ihre Hände und rief in ſchluchzenden Jammertönen:„Laſſen Sie mich hinausgehen, meine Herren! Laſſen Sie mich hin⸗ ausgehen!« „Und wohin wollteſt du gehen? Wohin?“ fragte man. „Hinaus zu dem Vater!“ rief das unglückliche Kind.„Ich will mit dem Volk reden, daß es meinen Vater nicht ſterben läßt! Um Gottes willen, laſſen Sie mich hinausgehen!«“ Die Kerkermeiſter waren taub für ſein kindliches Flehen; ſie mußten es ſein, bei Gefahr ihres eigenen Kopfes. Doch berichtet die Geſchichte nicht, daß ſie die Grauſamkeit ſo weit getrieben hätten, dieſen un⸗ ſchuldigen, um das Leben ſeines Vaters bittenden Kna⸗ ben zu verhöhnen, oder zu verſpotten. Selbſt dieſe grau⸗ ſamen Herzen wurden erſchüttert von dem Anblicke eines ſo tiefen, eines ſo aufrichtigen und gerechtfertigten Schmerzes. 4 Gegen zehn Uhr forderte die Königin ihre Kinder 83 . 59 auf, etwas Nahrung zu ſich zu nehmen; aber ſie wa⸗ ren nicht im Stande, etwas zu genießen, und wieſen Alles zurück. Wenige Minuten ſpäter hörte man das Schießen von Feuergewehren und Freudengeſchrei. Ma⸗ dame Eliſabeth erhob die Augen gen Himmel und, hin⸗ geriſſen von der Bitterkeit ihres Schmerzes, rief ſie aus:„die Ungeheuer! Jetzt ſind ſie zufrieden!...“ Die Prinzeſſin Marie Thereſie ſtieß bei dieſem Aus⸗ rufe ein durchdringendes Geſchrei aus; der kleine Dau⸗ phin zerſchmolz in Thränen; die Koͤnigin blieb mit ge⸗ ſenktem Kopfe und ſtarren Augen in eine ſo eiſige Verzweiflung verſunken, daß ſie faſt dem Starrkrampfe oder dem Tode glich. Das Geſchrei eines Ausrufers, das von draußen her zu ihren Ohren drang, belehrte ſte bald darauf noch deutlicher, daß man den König wirklich ermordet hatte. Der arme kleine Dauphin war von fruüh Morgens an nicht von der Seite ſeiner Mutter gewichen, er küßte ihre Hände, die er mit Thränen benetzte, und überhäufte ſie mit ſeinen zarten kindlichen Liebkoſungen, als ob er fühle, daß dieſe ſie mehr tröſten müßten als Worte. „Ach, die Thränen eines unſchuldigen Kindes, ſie dürfen nie trocken werden!« ſprach die Königin ſchmerz⸗ lich.„Die Todesſtrafe trifft die Ueberlebenden härter als die Verklärten!“ Des Nachmittags verlangte die Königin den treuen Cléry zu ſehen, welcher bis zum letzten Augenblicke bei ihrem Gemahle in dem Thurm geblieben war. Die letzten Worte des Märtyrers, die letzten Lebewohle, Alles wollte ſie ſammeln als ein ſeliges Vermächtniß 60 ihres Gatten, und länger als eine Stunde verweilte ſie mit ihm in traurigem Geſpräch. Der Tag verging unter Thränen und Händeringen, aber die Herzensangſt dieſes unſeligen Tages ſollte ſelbſt mit der Nacht noch nicht enden. Man hatte den Gefangenen ein Wächterpaar gegeben, das dieſelben bei der Ausſpionirung ihres Unglücks mit der ganzen Wuth und Härtigkeit eines blinden und unbeugſamen Haſſes verfolgte. Dieſe Menſchen waren das Ehepaar Tiſon. Es war zwei Uhr in der Nacht; ſeit mehr als ei⸗ ner Stunde hatte das unter Thränen beendigte Gebet den Augenblick der Ruhe angekündigt, aber doch war die Ruhe für die drei armen leidensvollen Frauen noch keineswegs gekommen. Gehorſam der Königin, ihrer Mutter, hatte ſich die Prinzeſſin Marie Thereſie zwar in ihr Bett gelegt, aber ſie konnte kein Auge ſchließen. Ihre königliche Mutter und ihre Tante, welche neben dem Bette des friedlich ſchlummernden Dauphin ſaßen, ſprachen mit einander von ihrem Jammer und vermiſch⸗ ten ihre Thränen in ihrem untröſtlichen Schmerze. Das ſchlafende Kind lächelte; und ſo anmuthsvoll ſtrahlte die heitere Unſchuld der ſorgloſen Jugend in ſeinem liebenswürdigen Antlitze, daß die Königin ſich nicht enthalten konnte, in trauervollem Tone zu ſagen: „Er hat jetzt grade das Alter, in dem ſein Bruder ſtand, als er zu Meudon ſtarb. Glücklich ſind die von unſerem Hauſe zu preiſen, die zuerſt entſchlafen ſind! Sie haben wenigſtens dem Untergange unſerer Familie nicht beigewohnt.«. 1 Frau Tiſon hatte an der Thür gelauſcht, und dieſe Worte oder doch den Klang der Stimme der Königin vernommen. Ohne Erbarmen mit einem Schmerze, 61 der ſich in Worten Luft machen mußte, um nicht zu tödten, klopfte das böſe Weib an der Thür, und fragte barſch nach dem Grunde dieſer nächtlichen Unterhaltung. Ihr Mann und einige Municipal⸗Beamte begnügten ſich nicht einmal, zu fragen, ſie öffneten ſogar die Thür, und machten Miene, in das Gemach einzudringen. Da wendete Madame Eiliſabeth ihr bleiches Geſicht ihnen entgegen, und ſagte mit einer wahrhaft erhabenen Sanft⸗ muth:„Bitte, laſſen Sie uns wenigſtens in Frieden weinen!« Dieſe einfachen Worte, in ſolchem Tone geſprochen, entwaffneten ſelbſt dieſe Mörderbande. In Verwir⸗ rung wichen ſie zurück, und wagten nicht länger die Majeſtät eines ſo gerechten Schmerzes zu ſtören. Am folgenden Morgen ſagte die Königin zu ihrem Sohne, der ſie umarmte:„Mein Kind, wir müſſen an den lieben Gott denken!“ »„Ach ja, Mama,“ erwiederte der kleine Prinz,„ich habe ja auch ſchon an den lieben Gott gedacht, aber wenn ich dann meine Hände erheben und beten will, ſtellt ſich immer das Bild meines Vaters vor mein Geſicht.“ Traurig verfloſſen die Tage, unruhig die Nächte. Die Königin erlag faſt ihren Leiden, welche ihre Kräfte auf das Aeußerſte gemindert hatten. Durch die ſchlaf⸗ loſen Nächte erſchöpft, konnte ſie kaum das Tageslicht, das Licht, das ihr königlicher Gemahl nicht mehr ſah, ertragen. Es war ihr gleichgültig geworden, zu leben oder zu ſterben. Sie betrachtete zuweilen ihre Kinder und ihre Schwägerin mit einem Ausdrucke ſo tiefſchmerz⸗ lichen Mitleidens, daß es Schauder einflöste. Um ſie her herrſchte Todesſtille; ein Jedes ſchien ſeinen Athem 6² anzuhalten, ein Jedes weinte, und die Thränen floſſen noch reichlicher, wenn die halb erloſchenen Blicke ein⸗ ander begegneten. Es war faſt ein Glück für die Unglücklichen zu nennen, daß die Prinzeſſin Marie Thereſie um dieſe Zeit ernſtlich erkrankte. Die Sorge der Mutter mil⸗ derte den Schmerz um den Tod des Gemahles, und brach die Starrheit der traurigen Gefühle. Marie Antoinette verlebte die Nächte an dem Kopfkiſſen ihrer Tochter, und die Pflege ihres Kindes gewährte ihr eine heilſame Zerſtreuung. Die Prinzeſſin erhob ſich wieder von ihrem Kran⸗ kenlager, und von nun an beſtand das einzige Glück der Königin in der Beſchäftigung mit ihren Kindern. Der kleine Dauphin hatte eine ſehr hübſche Stimme zum Singen, und ſeine Mutter fand einiges Vergnü⸗ gen darin, ihn kleine Lieder zu lehren, und überhaupt ihn alle empfangenen Studien fortſetzen zu laſſen. Ein⸗ zig und allein mit ihren Kindern beſchäftigt, ſegnete ſie den Himmel für die Ruhe, welche ihre Feinde ihr für die Erfüllung dieſer mütterlichen Aufgabe gewährten. Madame Eliſabeth unterſtützte ſie redlich in dieſen Bemühungen. Beide fanden mitten in ihrem unauf⸗ höͤrlich durch neue Wunden geſchärften Unglück in der Liebe für dieſe beiden Kinder ein wenig Freude und Glück. Aber auch dieſer letzte bleiche Schimmer fried⸗ lichen Gluͤckes ſollte den Armen genommen werden. Treue Anhänger der Königin und des königlichen Hauſes, edle tapfere Herzen, die mit Freuden ihr Leben auf's Spiel ſetzten, um die Gefangenen der ſchändlichen Brutalität ihrer Wächter zu entreißen, entwarfen und wagten einen Verſuch zur Befreiung derſelben. 63 Ein unglückliches Zuſammentreffen von widrigen Um⸗ ſtänden ließ aber den Verſuch mißlingen, und die Wüthriche im Convente, der damals das entwürdigte Frankreich tyranniſch beherrſchte, erließen eine Verord⸗ nung, die folgendermaßen lautete: Der Wohlfahrtsausſchuß beſchließt, daß der Sohn Capet's von ſeiner Mutter getrennt und den Händen eines Erziehers übergeben werden ſoll, deſſen Wahl der Generalrath der Gemeinde zu beſtimmen hat.“ Am dritten Juli 1793 wurde dieſe grauſame und ſchändliche Verordnung zur Ausführung gebracht. Es war beinahe zehn Uhr Abends; der kleine Prinz lag bereits in ſeinem Bette und ſchlummerte tief und ſanft. Das Bett hatte keine Vorhänge; doch ein Shawl den ſeine Mutter erfinderiſch und ſinnreich vor ihn ausgeſpannt hatte, verhinderte das Licht auf ſeine geſchloſſenen Augenlieder zu fallen und die lächelnde Ruhe zu ſtöͤren, die ſich auf ſeinem reizenden, wenn auch ein wenig bleichen Geſichte ausprägte. Die Königin, Madame Eliſabeth und die Prinzeſ⸗ ſin Marie Thereſie waren an dieſem Abende länger als gewöhnlich aufgeblieben. Die beiden Erſteren beſchäf⸗ tigten ſich damit, verſchiedene ſchadhafte Kleidungsſtücke der Familie auszubeſſern; Marie Thereſte hatte einige Seiten aus einem geſchichtlichen Werke vorgeleſen, und las nun aus einem Andachtsbuche,„die heilige Woche,“ das ſich Madame Eliſabeth einige Zeit vorher zu ver⸗ ſchaffen gewußt hatte. Wenn die junge Prinzeſſin eine Pauſe machte, etwa nach Beendigung eines Kapitels aus dem Geſchichtsbuche, oder nach einem Pſalme aus dem Gebetbuche, oder wenn ſie auch nur ein Blatt umwendete, ſo erhob ihre Mutter faſt jedesmal ihr 64 Haupt, ließ ihre Arbeit auf den Schooß ſinken, und ihren Blick liebevoll auf das Bett richtend, lauſchte ſie auf das ruhige friedliche Athmen ihres Sohnes, des kleinen Prinzen. In ſolcher Weiſe verfloß der Abend. Plötzlich ließen ſich auf der Treppe zahlreiche Schritte vernehmen. Die Riegel wurden raſſelnd zu⸗ ruͤckgeſchoben, die Vorlegeſchlöſſer fielen, die Thür wurde geöffnet, und ſechs Municipal⸗Beamte traten ein.. „Wir kommen,“ ſagte einer von ihnen in barſcher Weiſe zu den erſchrockenen Prinzeſſinnen; Ihnen den Befehl des Wohlfahrts⸗Ausſchuſſes mitzutheilen, nach welchem der Sohn des Capets von ſeiner Mutter und ſeiner Familie getrennt werden ſoll.« Bei dieſen Worten erhob ſich die Königin, töͤdtlich getroffen von einem ſo unerwarteten Schlage. „Mir mein Kind wegnehmen?« rief ſie, aſchenbleich vor Entſetzen,—„nein, nein, das iſt nicht möglich!“ Marie Thereſie ſtand zitternd neben ihrer Mutter, und Madame Eliſabeth, beide Hände auf das Gebet⸗ buch geſtützt, hörte, ſah mit gepreßtem Herzen dieſem Auftritte zu, ohne eine Thräne vergießen zu können, ſo erſtarrt war ihr Herz von eiſigem Schrecken. „Meine Herren,“ fuhr die Königin mit bebender Stimme, von Fieberſchauern erſchüttert, fort, die ſie vergeblich zu unterdrücken ſuchte,—„es iſt unmöglich, der Gemeinderath kann nicht daran denken, mich von meinem Sohne zu trennen! Er iſt ſo jung, er iſt ſo ſchwach, meine Sorgfalt iſt ihm ſo nothwendig! Nein, dies kann nicht ſein!« „Der Ausſchuß hat dieſen Befehl gefaßt,“« entgeg⸗ nete der Beamte in rauher Weiſe, und ungerührt von 65 den bleichen ſterbenden Mienen der Königin,—„der Convent hat die Maßregel genehmigt, und wir ſind beauftragt, die ſofortige Ausfuͤhrung derſelben zu ſichern.« „Oh, in eine ſolche Trennung koͤnnte ich mich nie⸗ mals ergeben!« ſchrie die ungluͤckliche Mutter.„Im Namen des Himmels flehe ich Sie an, fordern Sie dieſe grauſame Prüfung nicht von mir!« Ihre beiden Gefährtinnen vereinigten ihre Thränen und Bitten mit dem rührenden Flehen der Mutter. Alle drei hatten ſich vor das Bett des Kindes geſtellt, als wollten ſie den Zugang zu demſelben vertheidigen; ſie weinten, ſie ſchluchzten, ſie rangen die Hände; ſie verſchwendeten die rührendſten Klagen, die demüthigſten Bitten. Den Gefühlloſeſten hätte dieſer Schmerz er⸗ weicht, aber was vermochte der erſchütterndſte Ausdruck deſſelben über die erbärmlichen Werkzeuge des fluchwür⸗ digen Convent's? Wozu nützt all' dieſes Geſchrei?“ ſagten ſie.„Man wird Ihnen Ihr Kind nicht tödten. Geben Sie es gutwillig her, oder man wird Mittel finden, ſich in anderer Art Seiner zu bemächtigen!« Und in der That, ſchon begannen ſie, Gewalt gegen die verzweifelte Mutter anzuwenden. In dieſem Kampfe riß, heftig erſchüttert, der künſtlich angebrachte Vorhang los, und fiel auf den Kopf des ſchlummernden Prin⸗ zen. Er wachte auf, ſah mit einem Blicke was vor⸗ ging, und ſtürzte ſich in die Arme ſeiner Mutter. „Mama, liebe Mama,“ rief er aus,—„verlaſſen Sie mich nicht!« Seine Muttter drückte ihn zitternd an ihr Herz, Ein Königsſohn. 5 ſuchte ihn zu beruhigen, vertheidigte ihn, und klammerte ſich mit aller Kraft an die Bettpfoſten. „Pah, wir wollen uns nicht mit Frauen herum⸗ ſchlagen,“ ſagte jetzt einer der Commiſſäre, welcher bis dahin noch nicht das Wort ergriffen hatte.„Bürger, laßt uns die Wache heraufholen!“ Und mit dieſen Worten wendete er ſich ſchon an den Thuͤrſteher, der ſeines Befehles zu harren ſchien. „Thun Sie das nicht,“ ſagte Madame Eliſabeth,— „im Namen des Himmels thun Sie das nicht. Was Sie mit Gewalt fordern, müſſen wir wohl zulaſſen, aber gönnen Sie uns wenigſtens Zeit, Athem zu ſchöpfen. Dieſes arme Kind bedarf des Schlafes, und es wird anderswo nicht ſchlafen können. Morgen früh ſoll es Ihnen übergeben werden. Laſſen Sie den Kna⸗ ben wenigſtens dieſe Nacht noch in dieſem Zimmer zu⸗ bringen, und veranlaſſen Sie, daß er jeden Abend hier⸗ her gebracht wird.“ Auf dieſe eindringlichen Bitten erfolgte keine Ant⸗ wort. „Verſprechen Sie mir wenigſtens,“ ſagte die Köni⸗ gin mit klangloſer Stimme,„daß er innerhalb der Mauern dieſes Thurmes bleibt, und daß mir Erlaub⸗ niß wird, ihn alle Tage zu ſehen, wäre es auch nur während der Mahlzeiten!« „Wir haben dir keine Rechnung abzulegen,“ erwie⸗ derte einer von den rohen Kerls mit der Grauſamkeit eines Wolfes,—„auch kommt es dir nicht zu, dich nach den Abſichten des Vaterlandes zu erkundigen. Was zum Henker, weil man dir dein Kind entreißt, thuſt du ſehr unglücklich! Unſere Söhne marſchiren alle Tage nach den Gränzen, um ſich von den Kugeln 67 der Feinde, die du heran lockſt, den Kopf zerſchmettern zu laſſen!“ „Oh, ich locke ſie nicht heran,« erwiederte die Kö⸗ nigin,„und Sie ſehen doch wohl, mein Kind iſt noch viel zu jung, als daß es ſchon dem Vaterlande dienen könnte. Ja doch, eines Tages, wenn Gott es geſtat⸗ tet, hoffe ich, wird mein Sohn ſtolz darauf ſein, ihm ſein Leben weihen zu können.“ Die entſchiedene Haltung der Beamten zeigte der armen Mutter indeß deutlich genug, daß jede ihrer Bitten von dieſen erbarmungsloſen Herzen abprallen werde. So ergab ſie ſich denn in ihr trauervolles Geſchick. Mit zitternder Hand kleidete ſie den Prinzen an, und obwohl ſie dabei von den beiden Prinzeſſin⸗ nen unterſtützt wurde, hatte doch nie der Anzug des Knaben ſo lange wie diesmal gedauert. Jedes Klei⸗ dungsſtück, das man ihm anziehen wollte, wurde im eigentlichen Sinne des Wortes um und um gewendet, es ging aus einer Hand in die andere, und wurde mit bitteren Thränen benetzt. Auf ſolche Weiſe ſuchte man den ſchmerzlichen Augenblick der Trennung ein wenig weiter, wenn auch nur einige Augenblicke hin⸗ auszuſchieben, aber die Beamten begannen bald die Geduld zu verlieren. „Macht zu!« riefen ſie.„Wir haben nicht Luſt, länger zu warten!« Die Koͤnigin ergab ſich. Alle Kraft ihres thränen⸗ vollen Herzens zuſammenraffend, ſetzte ſie ſich auf einen Stuhl, legte ihre beiden weißen, abgezehrten Hände auf die Schultern des unglücklichen Kindes, und gewaltſam ruhig, unbeweglich, in ihrem Schmerze geſammelt, ohne eine Thräne zu vergießen, ohne einen Seufzer auszu⸗ 5*⁸ 68 ſtoßen, ſagte ſie zu ihm mit feierlicher, ernſter Stimme: „Mein Kind, wir müſſen uns trennen. Erinnere dich ſelbſt an deine Pflichten, wenn ich nicht mehr bei dir bin, um dich daran zu erinnern. Vergiß nie weder des guten Gottes, welcher dich prüft, noch deine gute Mut⸗ ter, die dich liebt. Sei klug, geduldig und rechtſchaf⸗ fen, und dein Vater wird dich vom Himmel herab ſegnen.« So ſprach ſie, drückte ihrem Sohne einen letzten heißen Kuß auf die Stirn, preßte ſeine zarte Geſtalt an ihr von unſäglicher Qual gemartertes Herz, und übergab ihn ſeinen Kerkermeiſtern. Das arme Kind ſtuͤrzte ſich nochmals ſeiner Mutter entgegen, umarmte ihre Knie, und klammerte ſich aus allen Kräften an ihr Kleid. Sie ſuchte ſeinen Kummer zu beſchwichti⸗ gen.„Du mußt gehorchen, mein Kind, du mußt es!« ſagte ſie. „Ja, und ich hoffe, du haſt ihm keine Lehren mehr zu geben,“ fügte einer der Commiſſäre hinzu.„Man muß geſtehen, du haſt unſere Geduld ſchrecklich gemiß⸗ braucht.“ „Jedenfalls konnteſt du dir die Mühe ſparen, ihm eine Lection zu geben,“ ſagte ein Anderer, indem er den Prinzen mit Gewalt aus dem Zimmer fortriß. Ein Dritter, etwas mitleidiger als die Anderen, ſetzte hinzu:„Beunruhigen Sie ſich nicht weiter, die immer große und großmüthige Nation wird Sorge für ihn tragen.“ Der Himmel hat es geſehen, welche Thränen, wel⸗ ches Schluchzen, welches Verzweiflungsgeſchrei dieſem ſchrecklichen Auftritte folgten. Die arme Mutter rang in den Krämpfen ihres Schmerzes auf dem Lager, wo 69 noch eben ihr Kind geſchlummert hatte. Wohl hatte ſie in Gegenwart der abſcheulichen Räuber ihres Soh⸗ nes ihren Muth und eine geheuchelte Faſſung aufrecht zu erhalten gewußt, aber dieſe erkünſtelte Kraft, dieſe außerordentliche Anſtrengung hatte die ganze Energie ihres Charakters gebrochen und ihre Vernunft faſt der Verwirrung nahe gebracht. Nie gab es eine größere Verzweiflung, als die Verzweiflung dieſer unglücklichen Mutter und ihrer Gefährtinnen. Die drei Gefangenen betrachteten ſich mit traurigen Blicken, umarmten ſich, vermochten ſich aber gegenſeitig kein Wort des Troſtes zu ſagen. Der einzige Troſt in der Gefangenſchaft der Prinzeſſinnen war dahin. Das geraubte Kind war der glänzende Sonnenſtrahl in der Unglücksnacht ihres Kerkers geweſen. Dieſer Strahl war erloſchen. Wel⸗ ches Schlimmere konnte nun noch folgen? Ach, es kam Schlimmeres, denn die Bosheit ſchändlicher Men⸗ ſchen iſt erfinderiſch! Fünftes Kapitel. Der Schuſter Simon. Von ſechs Commiſſären und einem Thürſteher üͤberwacht, wurde der junge Prinz, oder vielmehr König, da er ja der wirkliche, und einzig rechtmäßige Thronerbe ſeines verſtorbenen Vaters war, in die Ab⸗ theilung des Thurmes geführt, welche früher ſein Vater 2* 70 bewohnt hatte. Dort erwartete ihn ein Gebieter, ein Kerkermeiſter, ein Tyrann, ein grauſamer Huter, der Schuhflicker Simon. Das Zimmer war ſchlecht erleuch⸗ tet. Die Beamten unterhielten ſich einige Augenblicke mit jenem Manne, gaben ihm mit leiſer Stimme An⸗ weiſungen, und zogen ſich wieder zurück. Das Kind befand ſich mit Simon allein, deſſen ſchlotteriger Gang, deſſen rauhe und kurz abgebrochene Rede, deſſen ſtolze Miene ihn bald erkennen ließen, wer von nun an ſein Herr ſei. Der Schuhflicker Simon war 57 Jahr alt, von mehr als mittlerer Größe, kräftiger Natur und bräun⸗ licher Farbe; er hatte grobe Geſichtszüge, dichtes Haar, das ſchwarz und ſtraff bis auf die Augenbrauen nieder⸗ hing, und einen vollen Schnauzbart. Die Frau Simon's ſtand mit ihm in beinahe glei⸗ chem Alter. Sie war ſehr klein, ſehr dick und ſehr häßlich, hatte wie ihr Mann eine von Natur ſehr braune Haut, und trug gewöhnlich eine Haube mit rothem Bande und eine blaue Schürze. Dieſen Menſchen wurde der junge Prinz, der Ab⸗ kömmling ſo vieler Könige, auf Gnade und Ungnade übergeben. Man entriß ihn den Armen ſeiner unglück⸗ lichen Mutter, um ihn ſolchen Händen zu überlaſſen. Eine großere Schändlichkeit hätte die raffinirteſte Bos⸗ heit kaum ausdenken können. Der arme, verwirrte, aus dem ſanfteſten Schlum⸗ mer aufgeweckte Knabe weinte lange Zeit und blieb Stunden lang auf einem Stuhle in der hinterſten Ecke des Zimmers ſitzen. Simon erhielt von ihm nur mit Mühe einige kurze Antworten auf die gebieteriſchen 71 Fragen, die er, Tabak rauchend und fluchend, an ihn richtete. In den erſten zwei Tagen nahm der kleine Prinz keine andere Nahrung zu ſich, als ein wenig Brod, denn die Trennung von ſeiner Mutter erfüllte ihn mit tiefer Traurigkeit und ſtiller Verzweiflung. Bald be⸗ klagte er ſich in ſeinem Herzen, bald glänzte ein Blitz des Unwillens durch ſeine Thränen hindurch, und ſein Zorn machte ſich in heftigen Worten Luft. „Ich will wiſſen,“ ſagte er in gebieteriſchem Tone zu den Municipal⸗Beamten, die den Schuſter Simon beſuchten,—„welches Geſetz Ihnen erlaubt, mich von meiner Mutter zu trennen und in's Gefängniß zu wer⸗ fen! Zeigen Sie mir dieſes Geſetz! Ich will es ſehen!« Die Beamten ſtanden beſtürzt vor dem Kinde von neun Jahren, das ſich gegen ihre grauſame Macht ſträubte und ſo königliche Worte zu ſprechen wußte. Doch ihr würdiger Genoſſe, der Schuſter Simon kam ihnen zu Huͤlfe. Er gebot ſeinem Zöglinge in wichti⸗ gem Tone Stillſchweigen und ſagte:„Halte den Mund, Capet, du biſt nichts als ein Schwätzer!“ Der gefangene Knabe heftete ſeinen traurigen und ſehnſuchtsvollen Blick ſtets nach der Thür, obgleich er wußte, daß er die Schwelle derſelben nicht ohne Ein⸗ willigung ſeines Kerkermeiſters übertreten durfte. Oft weinte er, aber er ergab ſich endlich in ſein Schickſal, und gehorchte ſtumm den Befehlen ſeines Peinigers. Sprechen that er nicht. „Oho, kleiner Capet,“ ſagte eines Tages der Schuh⸗ flicker zu ihm,„du biſt alſo ſtumm? Ich werde dich aber lehren, zu reden, die Carmagnole zu ſingen, und . 4 vive la République zu rufen! ſtumm!« „Wenn ich Alles laut ſagte, was ich denke,“ er⸗ wiederte das unglückliche Kind mit einem Anfluge von Hoheit,„ſo würden Sie mich für wahnſinnig hal⸗ ten. Ich ſchweige daher, um nicht zu viel zu ſagen.“ „Oho, Monſieur Capet hat alſo viel zu ſagen,“ antwortete der Schuhflicker mit rohem Lachen.„Das klingt ſehr ariſtokratiſch, aber es paßt nicht für mich, hörſt du? Du biſt noch jung, und darum hat man einige Nachſicht. Aber ich bin dein Lehrer, und darf dich nicht in deiner Unwiſſenheit ſtecken laſſen, ſondern muß dir den Feſtſchritt und die neuen Ideen begreif⸗ lich machen. Da ſieh' hier! Ich ſchenke dir eine Maultrommel! Deine Wölfin von Mutter und deine Hündin von Tante ſpielen das Klavier, du mußt die Maultrommel lernen!« Ein Blitz des Unwillens ſchoß aus den ſchönen blauen Augen des Knaben und er wies die Maul⸗ trommel mit der Erklärung zurück, daß er ſie niemals ſpielen werde. „Niemals?« ſchrie der Schuſter wüthend.„Nie⸗ mals? Spiele ſie auf der Stelle!« Das Kind beharrte bei ſeiner Weigerung, und der Schuſter— die Feder ſträubt ſich, es niederzuſchreiben — der Schuſter mißhandelte das ſchwache ſchutzloſe Kind mit Schlägen, ohne es doch zu ſeinem Willen zwingen zu können. „Sie können mich beſtrafen, wenn ich gegen Sie fehle,“ rief der arme Knabe,„aber Sie dürfen mich ich dä'e⸗ verſtehen Sie! Denn Sie ſind ſtärker als ich!“ Ah ja doch, du biſt S „Ich bin hier, um dir zu befehlen, du Vieh!« brüllte der Schuſter.„Ich darf, was ich will! Es lebe die Freiheit und Gleichheit!« Sonntags, am ſiebenten Juli 1793, verbreitete ſich das Gerücht in Paris, der kleine Prinz ſei entfuͤhrt worden. Um dieſes Gerücht, welches ſchon anfing, die böſe Hefe des Volkes zu beunruhigen, im Keime zu erſticken, begab ſich eine Deputation des Wohlfahrts⸗ ausſchuſſes in den Tempel, um den Befehl zu erthei⸗ len, den Sohn des Tyrannen ſogleich in den Garten hinabgehen zu laſſen. Der Schuhmacher ge⸗ horchte, fragte aber dann ohne Umſtände die Abge⸗ ſandten, welche Abſichten man denn eigentlich mit dem kleinen Capet habe. „Bürger,“ ſagte er,„was beſchließt man über den jungen Wolf?„Man hat ihn gelehrt, unverſchämt zu ſein, ich werde ihn zahm machen. Um ſo ſchlimmer, wenn er davon berſtet! Ich bin nicht gut dafür. Was will man mit ihm nach Allem? Ihn außer Landes ſchicken? Antwort, nein!— Ihn tödten?— Nein!— Ihn vergiften?— Nein! Nun, was denn ſonſt?....« „»Uns ſeiner entledigen!“ war die furchtbare Erwiederung. Ja, dies war der eigentliche Gedanke der grauſa⸗ men Machthaber der Revolution. Man wollte den unglücklichen Prinzen nicht tödten, nicht ermorden, man wollte ſich ſeiner nur entledigen, das heißt, man wollte ihn langſam zu Tode martern, ohne daß Jemand ſagen konnte, er ſei vergiftet, erdroſſelt, gehängt oder geköpft worden! Seitdem der kleine Prinz in den Garten hinabge⸗ gangen war, hörte er nicht auf, laut nach ſeiner Mutter . . 8 74 zu rufen. Einige Wachen ſuchten ihn zu beruhigen, aber auf Simon und die Abgeſandten zeigend, antwor⸗ teete er ihnen mil Unwillen:„Sie wollen, ſie können mir das Geſetz nicht zeigen, welches befiehlt, mich von meiner Mutter zu trennen.“ Ueber ſeine Feſtigkeit erſtaunt und gerührt von ſei⸗ ner kindlichen Liebe, befragte ein Wachtpoſten den Schuhflicker, ob man dem Kleinen denn nicht helfen könne, aber Simon antwortete barſch: „Der junge Wolf läßt ſich den Maulkorb nur mit Mühe anlegen; er möchte gern das Geſetz ſo gut ken⸗ nen, wie Ihr; er fragt immer nach Gründen, als ob man welche für ihn hätte! Nun, Capet, ſchweig', oder ich werde den Bürgern zeigen, wie ich dich bearbeitet wenn du es verdienſt.“ Der unglückliche kleine Gefangene wendete ſich an die Beamten, um ihr Mitleid anzuflehen— aber ſie drehten ihm kalt den Rücken zu. Man wollte ſich feiner ja entledigen. Wie wäre dies möglich ge⸗ weſen, wenn man ihn der zärtlichen Obhut der Mutter üͤberließ? Vpon jenem Tage an verdoppelte ſich die Grauſam⸗ keit Simon's gegen ſeinen Gefangenen. Er hatte end⸗ lich ſeine Aufgabe begriffen, und wollte ihr Ehre machen. Die zarte Jugend, die kindliche Unſchuld, die unbeſchreibliche Anmuth des kleinen Prinzen,— nichts konnte die Grauſamkeit des Kerkermeiſters entwaffnen. Im Gegentheil ſchien es, als ob das zarte Geſicht des Kindes, ſein klares Auge, ſein ſchönes Haar, ſeine kleine, ſchmale Hand, der Adel ſeines Benehmens die groben Leidenſchaften des Simon'ſchen Ehepaares nur gegen ihn aufreizten. Sie fühlten ihre Eigenliebe durch 7⁵ das feine Betragen des Prinzen beleidigt, welches ſo auffallend gegen ihre gemeinen Gewohnheiten abſtach. Ihr neidiſcher Unwille, unverſöhnlich, gleich eingewur⸗ zeltem Haſſe, ließ ſie einen Genuß darin finden, ihren Zögling auf ihren eigenen Standpunkt herabzuwürdi⸗ gen, und in den edlen Sproſſen der Könige Alles aus⸗ zulöſchen, was an ſeine erlauchte Familie und an ſeine erſte Erziehung erinnerte. MNoch ein anderer Vorfall ſollte dazu mitwirken, die Grauſamkeit Simon's gegen den Prinzen zu ſchär⸗ fen. Der bluttriefende Marat, dieſe wüthendſte Hyäne der Revolution, ſtarb unter dem Meſſer der Patriotin Charlotte Corday. Marat war ein Gönner Simon'’s. Ihm vorzüglich hatte dieſer ſeine Stellung bei dem jungen Prinzen zu verdanken, für welche er ein ziemlich bedeutendes Einkommen bezog, und ſein plötzlicher Tod verſetzte ihn in eine Art von Raſerei. Als er die Nachricht erhielt, verließ er zum erſten Male ſeinen Ge⸗ fangenen, und kehrte in ſehr gereizter Stimmung wie⸗ der zurück, die ſich in Flüchen und Mißhandlungen Luft zu machen ſuchte. Er t mit ſeiner Frau viel Wein und Branntwein, und da i ies erhitzte, ſo zog er mit gluͤhendem Kopfe, die Pfeife im Munde, ſein Weib und den Prinzen auf die Plattform des Thurmes hinauf, wo er friſche Luft ſchöpfen, und in dem Getöſe der großen Stadt ein Echo der entfernten Wehllagen, die ſeinem Freunde Marat galten, ſuchen wollte. »„Hörſt du das Lärmen dort unten, Capet?“ ſchrie er dem Prinzen zu.„Es ſind die Jammertöne des Volkes um den Tod ſeines Freundes. Du trägſt ſchwarze Kleider um den Tod deines Vaters, ich wollte ſie dich morgen ablegen heißen, aber nun wirſt du ſie noch ferner tragen. Capet ſoll um Marat's willen Trauer anlegen. Aber, verfluchte Natter, du ſiehſt gar nicht betrübt aus! Du freueſt dich alſo uͤber ſeinen Tod 2“ Bei dieſen Worten preßte er ſeine Fauſt gewaltſam auf den Kopf des Prinzen, und ſtauchte ihn heftig zwiſchen ſeine Schultern. „Ich kenne den Mann der geſtorben iſt, gar nicht,« entgegnete das Kind,—„aber glauben Sie nicht, daß ich mich freue. Wir wünſchen Niemandem den Tod.“ „Ah, wir? Wir wünſchen? Wir?“ brüllte der Schuſter.„Unterſtehſt du dich, wir zu ſprechen, wie die Tyrannen, deine Vorfahren?“ „Ach nein,“ antwortete der Knabe,„ich ſage wir in der Mehrzahl für mich und meine Familie.“ Durch dieſe Entſchuldigung ein wenig befänftigt, ging der Schuhmacher einige Augenblicke auf und ab, blies große Dampfwolken von ſich, und wiederholte nochmals, in ſich hinein lachend:„Capet wird um Ma⸗ rats willen Trauer anlegen!“ Am folgenden Morgen wurde Marat begraben, und der Groll Simon's ſteigerte ſich zu verbiſſener Wuth, weil er dem Leichenbegängniſſe nicht beiwohnen konnte. Während des ganzen Tages ging er wie ein Tiger in ſeinem Zimmer auf und ab, und ſparte dabei weder Mißhandlungen noch Vorwürfe gegen den un⸗ ſchuldigen Prinzen. Einige Tage ſpäter hörte er von einer ſchrecklichen Niederlage der republikaniſchen Armee bei Saumur, und gerieth in neue Wuth, deren Ausbrüche wiederum das arme Kind durch Leiden büßen mußte. 77 „Es ſind deine Freunde, die uns erwurgen!“ brüllte ihm Simon zu und verdoppelte ſeine Schläge. Vergebens rief der kleine Prinz:„Es iſt ja nicht meine Schuld!« Der ſchändliche unbarmherzige Kerl faßte den armen Knaben bei den Haaren und ſchuͤttelte ihn mit der Wuth eines grimmigen Raubthieres. Das Kind erſtickte ſeine Klagen, große Thränen floßen über ſeine Wangen, aber keinen Angſtſchrei ließ er verneh⸗ men, aus Furcht, daß ſeine unglückliche Mutter ihn hören und ſich über ſeine Leiden betrüben könnte. Dieſe Furcht flöste ihm ächten wahren Heldenmuth ein, und ließ ihn ſeine Natur beſtegen. Längſt ſchon war die Froͤhlichkeit aus ſeinem Herzen verſchwunden und die Roſen der Geſundheit waren auf ſeinen Wangen ver⸗ bleicht,— aber das Gefühl für das Rechte und Gute war noch nicht in ihm erloſchen. Simon ließ ihn alle Tage, empfangenen Befehlen gemäß, in den Garten hinabgehen, und führte ihn auch zuweilen auf den Thurm hinauf, wenn er einmal freie Luft ſchöpfen und ungeſtört ſeine Pfeife rauchen wollte. Der Knabe folgte ihm dahin, wie ein durch Schläge abgerichteter Hund, mit geſenktem Haupte; er wagte es nicht, die Augen auf ſeinen Herrn zu richten, da er wußte, daß er bei ihm nur Haß und Drohungen finden werde. Von irgend einem Unterrichte des Prinzen war natürlich keine Rede mehr. Simon ſuchte ihm revolu⸗ tionäre Geſänge, ſogenannte patriotiſche Lieder und ſchändliche Schwüre und Flüche beizubringen; mehr, meinte er, brauche man nicht, um die Stunden des jungen Capet auszufüllen. Simon ließ ſich von dem Knaben bedienen, und 4 4 1 78 zwang ihn ſelbſt mit Schlägen, ſich zu den niedrigſten Beſchäftigungen der Haushaltung herzugeben. Er nahm ihm ſeine Trauerkleidung weg und gab ihm dafür ei⸗ nen Rock von rothgelbem Tuche, welcher mit Beinklei⸗ dern von derſelben Farbe und einer rothen Mütze den berüchtigten Anzug der Jakobiner bilden ſollte. »Wenn ich dich auch die Trauer um Marat able⸗ gen laſſe,“ ſagte Simon,„ſo ſollſt du wenigſtens ſeine Livree tragen und ſo ſein Andenken ehren!« Die Kleidungsſtuͤcke legte der Prinz ohne Widerrede an, aber nichts konnte ihn bewegen, die Jakobiner⸗ Mütze aufzuſetzen. Sein Widerſtand war nicht zu brechen, und ſelbſt die heftigſten Schläge vermochten nichts dagegen. Er war der Diener ſeiner Kerkermei⸗ ſter geworden, eer hatte ſich tauſend Beſchimpfungen gefallen laſſen,— aber die Kopfbedecun der Henker und Mörder ſeines Vaters wollte er nicht auf ſeinem Haupte dulden. Simon verzichtete endlich, von Schreien, Schimpfen und Schlagen ermüdet, und auf Verwendung ſeiner Frau, auf ſeinen Willen. Um die Wahrheit zu ſagen, war dies nicht das erſte Mal, daß dieſe Frau ſich des unglücklichen Kindes annahm, da ſie alle Urſache hatte, für ihre Perſon mit dem Knaben zufrieden zu ſein. „Es iſt ein liebenswürdiges Weſen und ein reizen⸗ des Kind,« ſagte ſie eines Tages zu einer anderen Frau.„Er putzt und wichſt mir meine Schuhe, und bringt mir mein Kohlenbecken an's Bett, wenn ich aufſtehe!« Das waren alſo jetzt ſeine Dienſtleiſtungen. Ach, wie ganz anders früher, da er noch leben Morgen ſei⸗ ner zärtlich geliebten Mutter einen Blumenſtrauß aus 79 ſeinem Gärtchen bringen konnte, den er mit eigener Hand gepflückt und geordnet hatte! Jetzt— der Schuh⸗ putzer einer Schuſtersfrau, dieſer liebenswürdige, rei⸗ zende, hochgeborene, arme kleine Prinz!— Man richtete den Unglücklichen auf alle Weiſe ſitt⸗ lich und körperlich zu Grunde. Sein friſcher, reiner, unſchuldiger Geiſt wurde von allen Seiten beſtürmt und an die empörendſten Schändlichkeiten gewöhnt. Frau Simon ſchnitt ihm ſein wunderſchönes Haar ab, aus dem einzigen Grunde, weil es die Freude ſeiner Mutter geweſen war. Als es geſchah kamen grade Commiſſaͤre und Wachen hinzu. Einer davon, Meunier, ein guter Mann, rief ſogleich:„Oh, warum haben Sie ihm doch ſein ſchönes Haar ſo jämmerlich zerfetzt?« „Ei was,“ erwiederte Frau Simon,„ſiehſt du nicht, Bürger, daß wir den abgeſetzten König ſpielen?« Und Alle, Meunier ausgenommen, fingen an, um das geſchorene Lamm herum aus vollem Halſe zu la⸗ chen, das ſtillſchweigend ſein mißhandeltes Köpfchen auf die Bruſt niederſenkte. 4 Noch nicht zufrieden mit dieſer Mißhandlung, zwang der abſcheuliche Schurke Simon das Kind, Abends im Uebermaße Wein zu trinken, und als er es mit Ge⸗ walt, denn der Knabe verabſcheute den Wein, betrun⸗ der gemacht hatte, ſetzte er ihm die Jakobiner⸗Mütze auf. »Endlich ſehe ich dich als Jakobiner!« ſchrie der Nichtswürdige jubelnd,— und die rothe Mütze glänzte auf der Stirn des unglücklichen Enkels des vierzehnten Ludwig, dieſes ſtolzeſten Königs der Chriſtenheit. Sie hatten endlich den bewundrungswürdigen Stolz des Kindes gebrochen;— aber durch welche abſcheu⸗ 80 lichen und fluchwürdigen Mittel! Von jenem Tage an genügten einige Schläge und Drohungen, den Prinzen diſcheezen, ſich die neue Kopfbedecknng aufſetzen zu aſſen. Bis jetzt war das traurige Schickſal des armen Kindes ſeiner Mutter unbekannt geblieben, obgleich ſie nicht aufhörte, Kerkermeiſter, Wächter und Municipal⸗ Beamte nach ihm zu fragen. Alles antwortete ihr, ſie brauche ſich nicht uͤber ihren Sohn zu beunruhigen, er ſei in guten Händen, und man trage die größeſte Sorgfalt für ihn. Aber alle dieſe Verſicherungen wa⸗ ren nicht im Stande, ihr zärtliches und mit Recht arg⸗ wöhniſches Mutterherz zu beſchwichtigen. Endlich ge⸗ lang es ihr am dreißigſten Juli einmal, durch Vermit⸗ telung Tiſons, der ſich anfänglich als ein ſchlimmer Feind gezeigt, ſpäter aber ſich gänzlich geändert hatte, ihren armen Sohn auf dem Gange nach der Plat⸗ form des Thurmes deutlich zu ſehen. Aber dieſes Glück, das ſie ſeit ſo langer Zeit erſehnt, ſo heiß vom Himmel erbeten hatte, bewilligte ihr der Himmel nur zu ihrer Qual. Ja, der kleine Prinz ging vorüber; er ging unter den Augen ſeiner Mutter vorbei, welche einen angſtvoll forſchenden Blick auf ihn richten konnte. Er hatte die Trauer um ſeinen Vater abgelegt, die rothe Mutze auf ſeinem Kopfe, und ſeinen brutalen Kerkermeiſter zur Seite. Das Unglück wollte noch außerdem, daß Simon ſich grade in einem Anfalle ſei⸗ ner Wüthausbrüche befand, der ſich wie gewöhnlich in Flüchen und Verwünſchungen über das arme Kind ausgoß. Die unglückliche Königin, von dieſem Schreckens⸗ anblicke, wie vom Blitze getroffen, warf ſich in die Arme ihrer Schwägerin, und Beide riſſen die Prinzeſſin 81 Marie Thereſie, welche eben auch herzu eilte, um ihren Bruder zu ſehen, von dem Verſtecke hinweg, indem ſie ſich zugleich durch einen Blick verſtändigten, ſie in wohlthaͤtiger Unwiſſenheit über das Schickſal des Prin⸗ zen zu erhalten. „s iſt nutzlos, länger zu warten,“ ſagte die Kö⸗ nigin,„er wird nicht hierher kommen.“ Aber nach Verlauf einiger Minuten ſtrömten ihre Thränen; ſie kehrte ſich um, um ſie zu verbergen... und ſie wendete ſich zurück, um ihren Sohn nochmals zu erſpähen. Einige Zeit nachher ſah ſie ihn wirklich; er ging ſtill und mit gebeugtem Haupte vorüber; ſein Tyrann fluchte nicht mehr; ſie hoͤrte kein Wort. Aber in dieſem Schweigen lag für ſie faſt eben ſo viel Schmerzliches, als in den Schmähungen Simon's. Stumm und unbeweglich blieb ſie auf der Stelle, bis Tiſon kam, um ſie abzuholen. „Oh mein Gott,“ rief ſie ihm ſchmerzlich zu,— „Sie haben mich betrogen!“ „Nein, Madame,“ erwiederte er.„Ich ſagte Ihnen nur nicht Alles, um Sie nicht zu betruͤben. Aber in Zukunft, da Sie nun Alles wiſſen, werde ich Ihnen nichts mehr verhehlen, was ich entdecke.« Von jener Stunde an kannte die Königin den be⸗ klagenswerthen Zuſtand ihres Sohnes, und der Gram nahm überhand in ihrem Herzen. Ihr Kind krank zu wiſſen, und es nicht mehr pflegen zu können, es un⸗ glücklich zu wiſſen, ohne tröſten zu dürfen, es in Ge⸗ fahr zu wiſſen, und es nicht ſchützen zu können,— gab es denn noch irgend eine Qual, die mit diefem Martyrthum der armen Mutter zu vergleichen war? Der Kummer um ihr Kind bleichte ihr ſchönes Ein Königsſohn. 6 82 dunkles Haar zur Weiße des Schnee's, und machte ſie gleichguͤltig gegen ſich ſelbſt und ihr eigenes Schick⸗ ſal. Der Convent hatte befohlen, die Königin aus dem Tempel zu entfernen und in die Conciergerie zu bringen. Am zweiten Auguſt Morgens um zwei Uhr wurden die Prinzeſſinnen aus dem Schlafe geweckt, und ihnen dieſer Befehl vorgeleſen. Ruhig, und ohne ein Wort zu ſagen, hörte die Königin zu, und machte ſich ſogleich fertig, den Beamten zu folgen. Man behandelte ſie unwürdig, und leerte ihr ſogar die Taſchen aus. Ehe ſie fortging, umarmte ſie ihre Tochter, ihre Schwägerin, und ermahnte ſie zu Muth und Standhaftigkeit. Beim Herausgehen aus dem Tempel ſtieß ſie ſich mit dem Kopfe an die niedrige Pforte, weil ſie vergeſſen hatte, ſich zu bücken, und als Jemand fragte, ob ſie ſich weh gethan habe, erwiederte ſie:„Oh nein, jetzt kann mir nichts mehr wehe thun.“ Aber ach, mit welchem Herzen ſchied ſie aus dieſem Thurme! Welchen Blick warf ſie beim Fortgehen auf die Thür des Zimmers, wo ihr armer Sohn gefangen gehalten wurde! Sie wußte, daß ſte jetzt fortgeführt wurde, um nie wiederzukehren; ſie wußte, daß ſie nie wieder ihr Kind umarmen würde, das ſie in den Hän⸗ den eines Tigers zurückließ. Welch' eine unglückliche Mutter! Mittlerweile fuhr Simon fort, bei jeder Gelegen⸗ heit das ſeiner Obhut übergebene Kind auf das Nichts⸗ würdigſte zu mißhandeln. Am ſiebenten Auguſt ging Frau Simon in's Theater, um ein ſchlechtes Trauer⸗ ſpiel, Brutus betitelt, aufführen zu ſehen, und kehrte voller Entzücken daraus zurück. Sie erzählte von dem Stücke, deſſen ganzer Inhalt gegen das Königthum 83 gerichtet war, und Simon hörte ihr aufmerkſam und mit Vergnügen zu. Plötzlich aber ſah er, daß der kleine Prinz den Kopf wegwendete, und augenſcheinlich die Abſicht verrieth, nicht zuhören zu wollen. „Verfluchter junger Wolf,« ſchrie er ſogleich wü⸗ thend,—„du willſt alſo die Bürgerin nicht anhören, dich nicht unterrichten und aufklären laſſen! Du willſt alſo immer ein Dummkopf und Tyrannenſohn bleiben!“ „Ein Jeder hat Verwandte, die er ehren muß,« antwortete der Knabe mit engelgleicher Ruhe und kind⸗ lichem Gefühle. Aber grade dieſe Ruhe und Gelaſſenheit verſetzte den Schuſter in neue Wuth; er konnte es dem Kinde nicht vergeben, daß es ſeinen Vater und ſeine Mutter ehrte, und ſchleuderte es mit roher Fauſt zehn Schritte weit auf dem Boden fort, indem er es mit einem Ha⸗ gel von Schimpfworten bis in den Hintergrund des Zimmers verfolgte. Simon that noch mehr Böſes. Wenn irgendwo in Frankreich eine Erhebung gegen die Revolution und ihre Gräuel ſtattfand, ſo ließ er ſeinen Zorn und Aer⸗ ger an dem Knaben aus. So hatte ſich am ſechsten Auguſt Montbriſon mit dem Rufe erhoben:„Es lebe Ludwig der Siebzehnte!“— Drei oder vier Tage ſpä⸗ ter erfuhr man es im Tempel, und Simon fiel ſogleich über den Prinzen her. „Da hier, Frau,“ ſagte er höhniſch,„ich ſtelle dir den König von Montbriſon vor, und“— fügte er er hinzu, indem er dem Knaben die Jakobiner⸗Mütze abnahm,—„ich werde dir ihn ſogleich ſalben, weihen, und ihm Weihrauch anbrennen!“— Und er rieb dem Kinde in rauher Weiſe den Kopf und die Ohren, blies 84 ihm aus ſeiner Pfeife Wolken von Tabaksdampf in's Geſicht, und ſchleuderte ihn endlich hohnlachend ſeiner Frau zu, damit auch ſie ihrerſeits Seiner Majeſtät ihre Huldigung darbringen ſollte. Bei einem Feſte, welches der Convent dem Volke am zehnten Auguſt gab, weckte Simon den Prinzen aus dem Morgenſchlafe und forderte ihn auf,„es lebe die Republik!“ zu rufen. Der Prinz verſtand ihn an⸗ fangs gar nicht; er ſtand auf und kleidete ſich ſtill⸗ ſchweigend an, als Simon, der ſich mit verſchränkten Armen vor ihn geſtellt hatte, ihm befehlend wiederholte: »Munter, Capet, es iſt heute ein großer Tag, du mußt rufen: Vive la République!“ Der Knabe antwortete nichts, und fuhr fort, ſich vollends anzukleiden. „»He, mit wem ſpreche ich denn hier,“« ſchrie der Schuſter zornig.„Verfluchter König von Montbriſon, willſt du gleich rufen: Vive la République, oder...“ und er fügte eine nicht leicht zu mißdeutende Bewegung mit ſeiner geballten Fauſt hinzu. Der Prinz erhob den Kopf, ſah ſeinem Peiniger mit entſchloſſener Miene an, und ſagte mit Feſtigkeit: „Machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber nie werde ich ‚Vive la République!“ rufen!“ Sogar dieſer entmenſchte Scherge wich zuruck vor dem jungen Prinzen, der ihm mit erhobener Stirn eine ſo edle und ſtolze Antwort gab, und für dies Mal wagte er es nicht, eine Gewaltthat an ihm auszuüben. „Gut, gut,“« ſprach er in Verwirrung,„Jedermann wird deine Aufführung erfahren!“ Wirklich erzählte er den ganzen Vorfall Allen im 6 8⁵ Tempel, aber man tadelte das Kind nicht, und Einige lobten ſogar ſeine Charakterſtärke. Am anderen Morgen ſchon ſchien Simon ſeine Nachſicht zu bereuen. Er las dem Knaben den Be⸗ richt über das geſtern ſtattgehabte Feſt vor, und zwang ihn, denſelben ſtehend anzuhören. Der Knabe gehorchte; aber bei einer Stelle, die ſeinen Vater beſchimpfte, konnte er ſein empörtes Gefühl nicht länger beherrſchen. Er ging in eine Fenſterniſche, und verbarg dort ſein Geſicht und ſeine Thränen. Simon eilte ihm nach, zog ihn gewaltſam bei den Haaren an den Tiſch zu⸗ rück, und befahl ihm unter Androhung von Schlägen, hier aufmerkſam und ſchweigend ſtehen zu bleiben. Darauf laß er weiter, und betonte beſonders die Worte recht ſtark:„Laßt uns ſchwören, die Conſtitution bis zum Tode zu vertheidigen, die Republik iſt ewig!« „Höorſt du wohl, Capet,“« ſchrie der Schuſter dem Prinzen zu,—„die Republik iſt ewig!“ Das Kind gab keine Antwort, und erhob nicht ein⸗ mal ſeinen Kopf, den es auf ſeine Hand und ſein Taſchentuch geſtützt hielt. necen „Verfluchter junger Wolf,« brüllte Si jäh⸗ zornig,„geſtern wollteſt du nicht Vive la République rufen, aber du ſiehſt wohl, Dummkopf, die Republik iſt ewig! Du mußt mit uns ſagen, die Republik iſt ewig!« Während er ſo ſprach, hatte er ihn bei beiden Schultern gepackt, und ſchüttelte ihn mit aller Kraft, um ihm die verlangte Redensart zu entreißen. Simon ging einige Male im Zimmer auf und ab, blieb dann vor dem Bette des Prinzen, welcher heiße Thränen weinte, ſtehen, und ſagte zu ihm:»Es iſt 86 dein Fehler, wenn ich ſo mit dir verfahre; du haſt es wohl verdient.“ „Laß ihn, Simon,“ ſagte ſeine Frau, er iſt blind, der Kleine, er iſt in Irrthum und Lüge erzogen worden.“ Beſchämt wandte der Schuhmacher ſich ab. Einige Tage ſpäter ließ die Polizei Flugſchriften und Geſänge gegen die Oeſtreichiſche Wölfin, wie man die unglückliche Königin Marie Antoinette nannte, in den Straßen vertheilen, und Simon hatte ſich welche von dieſen Schandſchriften zu verſchaffen gewußt. „Munter, Capet,“ ſagte er eines Tages zu dem kleinen Prinzen, indem er ihm abſcheuliche Verſe gegen ſeine Mutter reichte,„hier iſt ein neues Lied, du mußt es mir vorfingen!“ Der Prinz warf einen Blick auf das Lied, und legte es wuͤthend und unwillig auf den Tiſch. Simon gerieth ſogleich in Wuth und ſprach drohend:„Ich glaube geſagt zu haben, du ſollſt ſingen!« „Ein ſolches Lied werde ich nie ſingen!« antwortete der Knabe mit feſter Entſchloſſenheit, welche die Wuth des Peinigers noch ſteigerte. „Ich erkläre dir, ich ſchlage dich todt, wenn du nicht ſingſt!« rief er, und ergriff einen eiſernen Roſt aus dem Kamine. „Niemals,“ wiederholte der Prinz,— und der wüthende Schuhflicker ſchleuderte wirklich den Roſt gegen das Haupt des Knaben, der unfehlbar getödtet worden wäre, wenn er nicht Geſchicklichkeit genug ge⸗ 4 habt. hätte, dem Wurfe auszuweichen. Scenen dieſer Art, betruͤbend, jedes Gefühl empö⸗ rend und herzzerreißend, wiederholten ſich täglich in 3 87 dem grauſamen Kerker des Tempels. Simon vernach⸗ läſſigte nichts, um den unglücklichen Prinzen dem trau⸗ rigſten Ende zuzuführen und den Convent ſeiner zu entledigen. Er veränderte die Diät des Ge⸗ fangenen, zwang ihn heute im Uebermaß zu eſſen und Wein zu trinken, und ließ ihn morgen wieder Hunger leiden. Mit boshafter, teufliſcher Berechnung that er Alles, die Geſundheit dieſes Kindes zu untergraben, und es gelang ihm leider nur zu gut. Der Prinz begann zu kränkeln, und ein hitziges Fieber, das ihn befiel, brach ſeine Kraft. Er erholte ſich zwar langſam wieder, aber die Friſche ſeines Geiſtes und ſeiner Ge⸗ ſundheit kehrte nicht wieder wie früher zurück. Man benutzte ſeine Krankheit, um ihn Ausſagen gegen ſeine Mutter unterſchreiben zu laſſen; die er nie unterſchrieben haben würde, wenn er noch Kraft zum Widerſtande gefühlt hätte. Und dieſe erzwungenen, dem Prinzen mit Gewalt in den Mund gelegten, ge⸗ fälſchten Ausſagen benutzte dann der blutige Con⸗ vent, auch das Haupt der Königin auf dem Schaffotte fallen zu laſſen. Die Erhebung der Vendeéer zog dem Prinzen neue Beſchimpfungen zu. Auch in der Vendée hatte man ihn zum Könige ausgerufen, und Simon nebſt eini⸗ gen Freunden, die ihn beſuchten, machten ſich luſtig über dieſen König der Vendee. „Bei alledem,“ ſagte Einer,„es gibt etwas in der Luft, was beängſtigt, und es wäre wirklich eigenthüm⸗ lich, wenn dieſe Meerkatze irgendwo König würde!“ „Wenigſtens Bürger,“« erwiederte Simon,»wird er nie König von Paris ſein, dafür laſſe mich ſorgen!“ Der Prinz, am Fußende ſeines Bettes niederge⸗ 88 kauert, hatte Alles anhören müſſen, ſogar noch bluti⸗ gere Scherze und grauſamere Witzworte uͤber den Sohn „Ludwigs des Kürzergemachten.“ Als der Beſuch endlich ſich entfernte, ging Simon noch lange Zeit im Zimmer auf und ab, und wechſelte mit ſeiner Frau Worte, welche ſeine Befürchtungen für die Zu⸗ kunft durchſchimmern ließen. Der kleine Prinz hatte nicht gewagt, ſeine Stelle zu verlaſſen, und hörte nun, wie Simon ſagte,„ſollten die Vendéer je bis nach Paris vordringen, ſo werde er den jungen Wolf eher erwürgen, als ihnen denſelben überliefern.“ Er blieb daher ganz ruhig und ſtill, weil er fürchten mußte, durch die kleinſte Bewegung oder irgend ein Wort den Zorn herauf zu beſchwören, der über ihn auszuſtrömen ſchon bereit war. Plötzlich kam Simon auf ihn zu, faßte ihn bei dem Ohre, führte ihn ſo an den Tiſch in der Mitte des Zimmers und fragte ihn: „Capet, wenn die Vendeer dich befreiten, was wür⸗ deſt du mit mir machen?“ „Ich würde Ihnen verzeihen!“ erwiederte das Kind. Eine ſolche Antwort— hätte ſie nicht das grau⸗ ſamſte Herz befänftigen und bezähmen müſſen? Den Grimm und die Wuth Simon's aber gegen ein armes, ſchwaches, verlaſſenes Kind bezähmte ſie nicht, dieſes Kindes, dem man nun auch noch die Mutter geraubt hatte, indem man ſie am ſechszehnten Oktober zur Gulllotine ſchleppte, wovon er übrigens nichts erfuhr. Das Aeußere des kleinen Prinzen hatte ſich all⸗ mählig traurig verändert. Sein ehemals ſo lachendes friſches Geſicht trug in ſeinen leidenden Zügen das Gepräge tiefer Schwermuth; ſeine einſt zarte roſige Farbe war matt und gelblich geworden; ſeine Glieder 89 waren über das gewöhnliche Maß verlängert, und ſein Rücken krümmte ſich ein wenig, wie gebeugt unter der Laſt ſeines Unglücks. Da er ſah, daß jede ſeiner Handlungen, ja faſt jedes ſeiner Worte ihm Tadel oder Spott, und ſelbſt Schläge zuzog, ſo verhielt er ſich ganz ſtill; kaum daß er es wagte, auf die einfachſten Fragen Ja oder Nein zu antworten. Er war wie ein Stummer, wie ein Tauber. Seine Begriffe fingen an ſich zu verwirren; er zweifelte an ſeinem vergangenen Leben, an ſich ſelbſt. Da er Simon keine, auch nicht die mindeſte Veranlaſſung gab, in Zorn über ihn zu gerathen, ſo ſah dieſer faule Scherge ſich gezwungen, dergleichen Gelegenheiten zur Ausübung ſeiner Bruta⸗ lität zu erfinden, und, da er ihn nicht mehr beſtrafen konnte, ihn auf langſame Weiſe in gewiſſer Art zu meuchelmorden. Gleichwohl fehlte es dem unglücklichen Prinzen doch nicht gänzlich an theilnehmenden Herzen, die einiges Mitleid mit ſeiner traurigen Lage empfanden. Ein Thürſchließer, Namens Gourlet, und Meunier, ein Diener im Tempel, wagten den gefährlichen Verſuch, dem Prinzen eine kleine Zerſtreuung zu verſchaffen. Das Kind hatte den Wunſch nach einem Vogel blicken laſſen, und ſogleich gab ſich Meunier alle Mühe, einige Kanarienvögel zuſammen zu bringen. Er beſuchte einige Häuſer, deren Anhänglichkeit an die koͤnigliche Familie ihm bekannt war, und auf ſeine Bitten beei⸗ ferten ſich die Bewohner, ihm ihre Vögel zur Verfü⸗ gung zu ſtellen. Er kam mit zehn oder zwölf Kana⸗ rienvögeln, die ſämmtlich gezähmt und abgerichtet waren, zurück. Ihre Lebhaftigkeit und ihr Gezwitſcher brachten Leben und Freude in das trübe Kerkerzimmer, und voller Entzücken fing der kleine Prinz Einen nach dem Andern, und küßte ſie Alle. Doch bemerkte er vorzugs⸗ weiſe Einen aus der geflügelten Schaar, der vor allen Uebrigen zahm und anſchmieglich war. Bei dem leiſe⸗ ſten Rufe kam er geflogen, ſetzte ſich auf den ausge⸗ ſtreckten Finger, und ſchien jede ihm ertheilte Liebkoſung mit Vergnügen aufzunehmen. Für ihn faßte der kleine Prinz bald eine beſondere Zuneigung; er beſchäftigte ſich viel mit ihm, gab ihm Hirſekörner aus der Hand und aus dem Munde zu picken, und um ihm beſſer mit den Augen folgen zu können, befeſtigte er ein ſchmales rothſeidenes Bändchen an einem ſeiner Füße. So oft er ihm rief, kam er augenblicklich herbei, ließ ſich erſt auf dem Kopfe nieder, hüͤpfte dann auf die Schulter hinab, und ſetzte ſich endlich auf den Finger. Dieſes Spiel mit den zahmen Vögeln gewährte dem armen Gefangenen eine ſüße Zerſtreuung. Aber ſie war zu ſüß, zu angenehm, um lange dauern zu können. Ein Inſpections⸗Beſuch ſtellte ſich am neunzehnten December ein, und in dem Augenblicke, wo die Beam⸗ ten eingetreten, ſang der gelbe Liebling des Prinzen ſein helles, ſchmetterndes Lied. „Was bedeutet dies?« ſchrie Einer der Beamten barſch,„der Vogel da trägt ja wohl gar ein rothes Band, wie ein Ordenszeichen! Das ſchmeckt ſehr nach Ariſtokratie und deutet eine Auszeichnung an, die kein Republikaner dulden darf. Mit dieſen Worten bemächtigte er ſich des armen kleinen Vogels, riß ihm das Bändchen ab, und ſchleu⸗ derte ihn dann mit Heftigkeit nach der Wand. Zum Gluͤck gebrauchte das arme Thierchen ſeine Schwingen, und wurde wenigſtens nicht getödtet; es fiel zwar, 91 erhob ſich aber gleich wieder, und vermiſchte ſich mit ſeinen Kameraden, indem es leiſe klagende Tone aus⸗ ſtieß. Der kleine Prinz, voller Schrecken, verlor ſeinen geflügelten Freund nicht aus den Augen; bei der Miß⸗ handlung deſſelben ſtieß er einen Schrei aus, aber er wagte es nicht ihn zu vertheidigen, weil er wußte, daß es ihm nichts helfen wuͤrde. Die nächſte Folge des Beſuches der Beamten aber war, daß dem Prinzen alle ſeine Vögel, an denen er eine ſo unſchuldige Freude gehabt hatte, unbarmherzig weggenommen wurden. Simon mochte wohl fürchten, daß ihn ein Tadel treffen könne, weil er die Vögel in dem Kerker zuge⸗ laſſen hatte, und ſeine gewöhnliche böſe Laune gegen den unglücklichen Knaben verwandelte ſich in bitteren Groll, der ſehr bald zum Ausbruche kommen ſollte. Am folgenden Tage fiel es dem Schuhflicker ein, ein Fußbad zu nehmen, und da er es ganz angemeſſen fand, ſich dabei von dem Sohne eines Königs bedie⸗ nen zu laſſen, ſo befahl er dem Knaben, ihm Wäſche zum Abtrocknen der Füße zu wärmen. Vor der bru⸗ talen Gewalt ſeines Tyrannen zitternd, gehorchte das⸗ unglückliche Kind mit mehr Eifer als Geſchicklichkeit, und ließ in der Verwirrung eine Serviette fallen, die beinahe verbrannt wäre. Der Schuhflicker blieb mit den Füßen im Waſſer, aber mit ſchäumendem Munde ſtieß er fürchterliche Verwünſchungen gegen das Kind aus, das er mit den Armen nicht erreichen konnte. Einen Augenblick nachher nahte ſich der Königsſohn, der den Zorn des Gebieters für geſtillt hielt, und kniete nieder, um dem Schuhflicker die Füße zu trock⸗ nen. Dieſen Moment benutzte das brutale Scheuſal, 9² um dem königlichen Kinde mit demſelben Fuße, den ſeine kleine zitternden Hände eben abtrocknen wollten, einen Tritt zu verſetzen, der ihn auf ſechs Schritte weit heftig zu Boden ſchleuderte. Das arme Kind, wie zerſchmettert von dem Stoße, blieb regungslos liegen; Simon aber ſtürzte auf ihn los, ſchlug ihn mit Fäu⸗ ſten, trat ihn mit Füßen, ſchimpfte ihn mit den gehäſ⸗ ſigſten Namen, und überſchüttete ihn mit Verwünſchun⸗ gen. Dann befahl er dem geduldigen Lamm aufzu⸗ ſtehen, und weil in ihm noch ein Lebensreſt vorhanden war, ſo mußte er ſich erheben, um ſtill weinend in einen Winkel zu kriechen. Von Tage zu Tage wurde der Charakter des Ker⸗ kermeiſters ſtörriger, ſeine Leidenſchaften immer bösar⸗ tiger. Die ſchlimme Laune beſſerte ſich nicht, als ſeine Frau ſo bedenklich erkrankte, daß ſie die Hülfe eines Arztes bedurfte. Ein Chirurg, Namens Naudin, ein braver achtbarer Mann, wurde gerufen, verordnete ein Arzneimittel, und verſprach, am folgenden Tage wieder⸗ zukommen. Als er wegging, ſchritt er durch das Zim⸗ mer, wo Simon mit einigen Municipal⸗Beamten und dem königlichen Kinde an einem Tiſche ſaß. Der Knabe weigerte ſich grade, ein abſcheuliches Lied zu ſingen, wozu er von Simon gedrängt wurde, und eben als der Doktor erſchien, warf der Schuhflicker ſich auf das Kind, hob es an den Haaren in die Höhe, ſchüttelte es, und rief wüthend:„Verdammte Natter, faſt hätte ich Luſt, dich an der Mauer zu zerſchmettern!« Der Doktor eilte auf den Knaben zu, entriß ihn Simons Fäuſten und ſagte voller Unwillen:„Böſewicht, was willſt du thun?« Getroffen von dieſem Ausdrucke wich Simon ſtumm 9³ zurück, und für diesmal war der Mißhandlung des Prinzen ein Ende gemacht. Am folgenden Tage beſuchte der Doktor wieder ſeine Kranke, und groß war ſein Erſtaunen und ſeine Ruͤhrung, als plötzlich, da er durch das Zimmer ſchrei⸗ ten wollte, der kleine Gefangene ſeine Hand ergriff und ihm zwei Birnen hinreichte, die er ſich am Munde abgeſpart hatte. „Nehmen Sie, lieber Herr,“ ſagte er mit ſeiner rührenden Stimme;—„geſtern haben Sie mir bewie⸗ ſen, daß Sie Antheil an mir nehmen; ich danke Ih⸗ nen dafür! ich habe nichts weiter als das, um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen; Sie würden mir eine Freude machen, wenn ſie dieſe Birnen annähmen!“ Der Greis faßte die Hand des Kindes und drückte ſte in der ſeinigen. Er nahm das Geſchenk an, und eine Thräne, die ihm über die Wange rollte, bezeugte ſeine Rührung, für deren Ausdruck ihm die Sprache verſagte. So edel war das Herz dieſes Kindes, daß ſelbſt die rauheſte Behandlung das zarte Gefühl deſſelben nicht gänzlich zu unterdrücken vermochte, wenn man es nur mit einem freundlichen Worte ermunterte. Niemals hatte der kleine Prinz die Ermahnungen ſeiner Mutter vergeſſen. Zuweilen rief er ſie ſich ſo⸗ gar in ſeinen Träumen zurück, und es fiel ein Mal vor, daß ihn Simon überraſchte, wie er mit gefalteten Händen und knieend, im Traume voller Inbrunſt zu Gott betete. Simon, ungerührt von dieſem ergreifen⸗ den Anblicke, weckte ſeine Frau, um ihr den ſeltſamen Träumer zu zeigen, den er tüchtig zu ſtrafen beſchloß. Und in der That nahm er einen Krug mit Waſſer, 94 den er auf die Gefahr hin, durch dieſe eiskalte Ueber⸗ raſchung in einer Januars⸗Nacht den Tod des Knaben zu veranlaſſen, über den kleinen Kopf ausgoß. Augenblicklich von einem Fieberſchauer ergriffen, warf ſich das Kind auf ſein Bett nieder, ohne einen Schrei auszuſtoßen. Aber die Feuchtigkeit ſeines La⸗ gers ließ ihn nicht ruhen; er richtete ſich wieder auf, und ſuchte eine Zuflucht auf ſeinem Kopfkiſſen, das von dem ganzen Bette allein trocken geblieben war. Zähne⸗ klappernd vor Kälte ſaß er da. Simon ging auf ihn los, und obgleich ſeine Frau ihn bat, ruhig zu bleiben, ergrif er das Kind mit beiden Händen, ſchüttelte es mit Heftigkeit, und ſagte zu ihm:„Ich will dich lehren, dein Paternoſter herzuſagen und in der Nacht wie ein Trappiſt aufzuſtehen!“ Zugleich faßte er nach einem Schuhe, der mit großen Nägeln beſchlagen war, und wie wahnſinnig ſchlug er das arme Kind damit in's Geſicht, das ſeine beiden Arme ergriff und zu ihm ſagte:„»Aber was habe ich denn gethan, daß Sie mich todtſchlagen wol⸗ len?« „Dich todtſchlagen, junger Wolf! Als ob ich es gewollt hätte! O die Natter! Sie weiß alſo nicht, daß ſie nicht mehr ſchreien würde, wenn ich ſie ein ein⸗ ziges Mal beim Halſe packte!« So ſprach er, und ſchleuderte dann mit Heftigtkeit das Kind wieder auf das in einen Teich verwandelte Bett. Ohne ein Wort zu ſprechen, duckte ſich der Kleine nie⸗ der, kauerte ſich zuſammen, und blieb zitternd vor Kälte und Schrecken, auf dem elenden Lager liegen. Voll wilder Freude legte ſich auch der Kerkermeiſter wieder in ſein Bett. Seit jener grauenvollen Nacht verſank der arme Prinz in völlige Muthloſigkeit. Früher richtete ſein feuchter Blick wohl einmal eine ſtumme Bitte an ſeinen Henker, aber jetzt kehrte ſein Blick ſich ab und ſuchte den Boden. Seine letzte Kraft war gebrochen; er hatte ſich endlich in ſein Schickſal ergeben. Dennoch aber ſollte der ſchreckliche Henker Simon nicht den Triumph erleben, ſein armes, willenloſes Opfer ſterbend zu ſeinen Füßen zu ſehen. Der Municipalrath faßte nämlich den Beſchluß, daß vier ſeiner Mitglieder als dienſtthuende Commiſſäre, in Zukunft die Ueberwachung der Gefangenen im den. pel zu übernehmen hätten, und am neunzehnten Ja⸗ nuar 1794 zogen Simon und ſeine Frau aus dem Kerker fort. Das Lebewohl dieſes Böſewichts für den armen Prinzen, den er mit ſo barbariſcher Grauſam⸗ keit gemartert hatte, entſprach ganz ſeinem Charakter. Seine Frau hatte zu dem Kinde geſagt:„Capet, ich weiß nicht, wenn ich dich wiederſehen werde!«— und Simon fügte hinzu:„O, die Kröte! Sie iſt noch nicht zermalmt; aber ſie wird nie aus dieſem Loche hervor⸗ gehen, und wenn ſich alle Capuciner des Himmels da⸗ mit befaßten, ſie herauszuziehen.“ Eine letzte Mißhandlung begleitete dieſe Worte. Der kleine Gefangene, welcher ſtumm und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen daſtand, empfing ſie ſchweigend und unbeweglich, ohne dem Elenden nur noch einen Blick zu gönnen. Simon entging indeß der Vergeltung des Himmels nicht. Dieſer erbärmliche Böſewicht, deſſen Hand ſo roth war, wie das Beil des Henkers. Er ſtarb am — 96 28 Juli 1794 in Geſellſchaft mit Robespierre und und anderen Ungeheuer der Revolution auf dem Blut⸗ gerüſte.— Sechstes Kapitel. Das Ende der Leiden. Durch die Entfernung Simons wurde der kleine rinz zwar der unmittelbaren körperlichen Mißhand⸗ ſuggen entrückt, aber im Ganzen wurde ſeine Lage nicht viel gebeſſert. Die Machthaber der Revolution fühlten kein Erbarmen mit dem königlichen Kinde. Sie gaben Simon keinen Nachfolger, aber ſie ſperrten den Knaben in ein eiſernes Gefängniß ein. Die Ver⸗ bindungsthür zwiſchen ſeinem Kerker und dem Vor⸗ zimmer wurde mit Nägeln und Schrauben feſt ver⸗ ſchloſſen, und von oben bis unten mit eiſernen Stäben vergittert. Drei bis vier Fuß vom Boden befand ſich eine kleine Oeffnung mit einem Brettchen in dem Ei⸗ ſengitter, welche Oeffnung jedoch ebenfalls mit anderen beweglichen Eiſenſtäben verſchloſſen, und durch ein großes Vorlegeſchloß geſichert werden konnte. Durch dieſe Oeffnung ließ man dem kleinen Capet ſeine dürf⸗ tige Nahrung zukommen, und auf das Brett mußte er das ſetzen, was er zurückzuſchicken hatte. Man gab ihm weder Feuer noch Licht; ſein Zimmer wurde nur durch das Rohr eines Ofens im Vorzimmer erwärmt, und durch den Schein einer Lampe erhellt, welche der Gitterthür gegenüber aufgehängt war.. ———— zeichnet, und unterſchieden ſich nicht von einander, weil und Beſchäftigung beraubt, wie lang, wie unendlich 97 Hier verlebte das unglückliche Kind traurige Tage und Nächte. Für ihn gab es keine Zeitmeſſung mehr; das Jahr, die Monate, die Wochen, die Tage, Alles war in ſeinen Gedanken verwirrt. Die Zeit, einem ſtehenden Sumpfe gleich, hatte für ihn zu fließen auf⸗ gehoͤrt. Seine Stunden wurden nur durch Leiden be⸗ er jede Stunde litt. Gehen wir ſchnell über dieſe ſchreckliche Gefangen⸗ ſchaft hinweg; ſie war nichts als ein trauriges, finſte⸗ res, einförmiges Elend, das ununterbrochen länger als ſechs Monate andauerte. Länger als ſechs Monate drang die Luft des Himmels nicht in dieſen Kerker das Tageslicht fiel nur mit Mühe durch die Gitter und die Schalter ein, deren Dicke und Feſtigkeit keinen Laut von außen einließ. Der arme Knabe ſah nicht einmal die Hand, die ihm ſeine kargen Lebensmittel zukommen ließ; er vernahm kein anderes Geräuſch als das der Riegel, und nur am Ende des Tages rief ihm eine barſche Stimme zu, er ſolle ſich zu Bette legen, weil man ihm kein Licht geben wollte. 3 Die Einſamkeit laſtete auf ſeiner Seele, wie Blei gewichte. Jeder Arbeit, jedes Spieles, jeder Zerſtreuung lang mußten ihm die Tage werden! Und dann kam die dunkle Nacht, die Nacht mit ihren Schrecken, die Furcht mit ihren unbeſtimmten Drohungen, mit ihren ungreifbaren Phantomen, mit ihren Aufregungen, welche das Herz des Kindes erzittern machten. Viele Tage, viele Nächte verfloſſen,— kein Wort, keine Klage ſchallte aus dieſem Gefängniſſe. Das Fall⸗ gitter wurde jeden Tag geoͤffnet, aber nie bat der arme Ein Königsſohn.(6. — 5 98 Knabe um Erbarmen und Mitleiden. Er hatte ſich ergeben; auf menſchliches Erbarmen rechnete er nicht mehr; er hoffte nur auf die Barmherzigkeit Gottes, auf einen ſanften Tod, und auf den ewigen Frieden im Jenſeits. Die Commiſſaire, welche den Prinzen bewachen mußten, waren grauſam, wenn nicht von Natur, ſo doch aus Furcht. Bei dem Einbruch der Nacht gingen ſie hinauf nach dem Stalle des jungen Wolfes, um ſich zu überzeugen, daß er nicht entflohen oder entführt ſei. Antwortete er nicht auf die barſchen Anrufe ſeiner hter, ſo öffnete man ſofort mit großem Geräuſch Gitter vor dem Schieber, und ſchreckliche Stimmen Aefen:„Capet, Capet, ſchläfſt du? Wo ſteckſt du denn? Stehe auf, Natter!«— Das ſo aufgeſchreckte Kind ſtieg aus ſeinem elenden Bette, und kam mit zitternden Füßen, die kälter waren, als der feuchte Fußboden, auf dem er ſich fortſchleppte, an das Gitter, und antwor⸗ tete mit ſanfter Stimme:„»Hier bin ich!«—„Komme näher, daß ich dich ſehe! rief der Wächter und leuch⸗ tete mit der Laterne in den Kerker.„Jetzt iſt's gut! Geh' wieder zu Bett!« Ein paar Stunden ſpäter klirrten von Neuem die Riegel, andere Commiſſaire kamen, und abermals wurde das Kind aus dem Schlafe aufgeſchreckt, und mußte halb nackt und zitternd vor Kälte und Furcht die Fra⸗ geen ſeiner Henker beantworten. So viele Qualen erſchöpften endlich die Seele und den Körper des unglücklichen Prinzen. Die Beraubung der friſchen Luft, die Verlaſſenheit, die Einſamkeit hat⸗ ten ihm das Herz ausgetrocknet. Nicht einmal Thrä⸗ nen fand er mehr. Seine ſchwachen Hände konnten 99 nur mit Mühe die irdenen Teller, auf denen ihm ſeine Speiſen gebracht wurden, und den Waſſerkrug, den man ihm auf das Brett des Schiebers ſetzte, herunternehmen. Längſt ſchon hatte er aufgehört, ſein Zimmer auszu⸗ kehren; ex verſuchte nicht mehr, den Strohſack in ſeinem Bette aufzuſchütteln oder ſeine Matratze zu wenden, denn die Kraft dazu fehlte ihm. Er konnte ſeine ſchmutzig gewordenen Leintuͤcher ſo wenig erneuern, wie ſeine Decke, die in Lumpen zerfiel; er konnte ſeine Wäſche nicht wechſeln, ſeine zerriſſenen Kleider nicht ausbeſſern, ſelbſt nicht ſich waſchen und reinigen. Unbeweglich pflegte er auf ſeinem Lager zu ruhen und mit trüben Blicken vor ſich hin in's Leere zu ſtarren. Wie oft mochte er Gott gefragt haben:„Wann, oh wann kommt das Ende meiner Leiden?«— Und lange, lange vernahm Gott nicht dieſe ſchwache Stimme, ſondern zögerte, dem Unglücklichen den Befreier„Tode zu ſenden. Aber endlich hörte er das unglückliche Kind, und ein Schimmer von Erbarmen verklärte die letzten Tage des armen, unſchuldigen Opfers menſchlicher Grau⸗ ſamkeit. Nach der Hinrichtung Robespierre's und der Ge⸗ noſſen ſeiner Schreckensregierung fing ein milderer Stern über dem Haupte des kleinen Prinzen zu leuchten an. Man gab ihm einen freundlichen Aufſeher in der Perſon eines Mannes, Namens Laurent, welcher den Muth beſaß, dem armen Kinde Theilnahme und Mitleiden zu zeigen. Er ließ ſich die Thüre ſeines Kerkers auf⸗ ſchließen, und von Entſetzen und Mitgefühl tief erſchüt⸗ tert, beſchloß er auf der Stelle, das traurige Loos des kleinen Gefangenen zu erleichtern. Er fand ihn auf einem ſchmutzigen, zerriſſenen Bette, nur mit Lumpen — —n — 100 bekleidet, mit gekrümmtem Rücken, abgezehrtem, gelblich bleichem Geſicht und erloſchenen Augen. Das einſt ſo reizende Kind zeigte kaum noch Spuren von ſeiner frü⸗ heren Schönheit; er war krank; ſein kleiner Körper war mit Geſchwüren bedeckt, ſein Geiſt äußerte keine Spannkraft mehr. Die Worte:„Ich will ſterben!“ waren die einzigen, welche Herr Laurent ihm bei die⸗ ſem erſten Beſuche zu entlocken vermochte. Herr Laurent ſorgte ohne Zögern dafür, dieſen traurigen Zuſtand zu verbeſſern. Man beſeitigte die Gitterthüre, man machte den Schalter vor dem Fenſter niedriger, damit friſche Luft und Licht in das Zimmer dringen konnte, und reinigte das Zimmer gründlich. Laurent ließ ein anderes Bett bringen, und legte den Knaben hinein, nachdem er ihn hatte baden, reinigen und mit friſcher Wäſche verſehen laſſen. Auch einen Wundarzt ließ er kommen, und ein Schneider wurde beauftragt, dem Knaben einen vollſtändigen neuen An⸗ zug zu machen. Das unglückliche Kind konnte ſich anfangs dieſe Zeichen von Theilnahme nicht erklären. Es hatte zu Vieles und Schweres von ſchlechten Menſchen leiden müſſen, und ſo öffnete ſich nur allmählig wieder die Quelle ſeiner Gefühle. „»Warum tragen Sie Sorge um mich?“ fragte er eines Tages Herrn Laurent,— und als dieſer ihm wohlwollend antwortete, fügte er hinzu:„Ich glaubte, Niemand liebe mich mehr!«— und ſein Herz zer⸗ ſchmolz und aus ſeinen Augen perlte eine Thräne, die er ſeinem Aufſeher zu verbergen ſuchte. Simon hatte den Gebrauch eingeführt, den Prinzen nur„Capet“ zu nennen; Herr Laurent ſchaffte ſogleich — 101 dieſen Gebrauch ab, und nannte den Knaben bei ſeinem Vornamen Monſieur Charles. Auch wirkte er ihm öfter die Erlaubniß aus, auf die Platform des Thur⸗ mes gehen zu dürfen, wo er nach zwei langen trauri⸗ gen Jahren die Sonne und den blauen Himmel wieder ſehen konnte. Hier fand er eines Tages ein paar kleine gelbe Blumen, die in den Fugen und Spalten der Ruine ein kümmerliches Leben friſteten. Dennoch freu⸗ ten ſie ihn. Er pflückte ſie eifrig und fügte ſie mit Mühe zu einem Sträußchen zuſammen, das ihn viel⸗ leicht an die kurzen ſonnigen Tage ſeiner erſten Kind⸗ heit erinnerte. Am 9. November 1794 gab man dem Prinzen noch einen zweiten Wächter, Namens Gomin, welcher, wie Herr Laurent, ein Herz voll Mitleiden und Erbarmen im Buſen trug. Er richtete ſich mit Laurent, dem ſeine Ankunft, weil ſie ihm etwas mehr Freiheit verſchaffte, ſehr willkommen war, in demſelben Zimmer ein, und Beide gaben ſich Muͤhe, die trüben Tage des kleinen Prinzen ſo viel als moͤglich zu erheitern. Sie wuürden nooch beſſer für ihn geſorgt haben, wenn ſie nicht immer noch von einem Commiſſair überwacht worden wären, welcher die Aufſicht über den Prinzen mit ihnen zu theilen hatte. Dieſe Commiſſaire wechſelten. Traf die Wahl der Oberen zufällig auf einen freundlichen, ge⸗ fälligen Mann, ſo wußten Herr Laurent und Gomin ijmmer eine kleine Gunſt für den armen Gefangenen von ihm zu erlangen. So brauchte Gomin ſchon am dritten Tage nach ſeiner Ankunft im Tempel den guten Willen eines Commiſſairs, Namens Breſſon, um dem Prinzen vier Blumentöpfe zu verſchaffen, die in der herrlichſten Blüthe ſtanden. Der Anblick dieſer Blumen überraſchte 10² das arme Kind auf wunderbare Weiſe, und eine innige Freude füllte ſeine Augen mit Wonnethränen. Wie 4 trunken ging er um die Blumen herum, umfaßte—-» mit beiden Händen, und ſog ihren Wohlgeruch ein. verſchlang ſie faſt mit ſeinen Augen, unterſuchte eine. Blüthe nach der andern, und nachdem er lange geſucht hatte, pflückte er eine derſelben ab... Dann ſah er Gomin mit einem traurigen Blicke an; ein kindlicher, frommer Gedanke zitterte durch ſein Herz;— er ge⸗ dachte ſeiner Mutter!.. Ach, armes Kind! Für ſie gab es keine irdiſchen Blumen mehr, und dir iſt es nicht einmal vergönnt, eine Blüthe auf ihr Grab zu 3 legen!. 3 Noch ein anderer Vorfall diente dazu, dem Prinzen eine kleine Erleichterung zu verſchaffen. Am 14. No⸗ 4 vember kam ein Commiſſair, Namens Delboy, in den Tempel. Sein Aeußeres war barſch, ſein Ton ſchnei⸗ dend. Mit einer Art Brutalität ließ er ſich alle Thü⸗ ren öffnen, und geberdete ſich rauh und ungeſchlacht; aber unter dieſer rauhen Außenſeite verbarg er eine Milde und Erhabenheit der Geſinnungen, welche das Erſtaunen des kleinen Gefangenen erregte. 4 „Weßhalb dieſe erbärmlichen Speiſen?« rief er mit einem Blicke auf die karge Mahlzeit des Prinzen. „Wäre er in den Tuilerien, ſo würden wir ihm jede Nahrung ſtreitig machen,— aber hier in unſeren Hän⸗ den! Man muß ſich gnädig gegen ihn erweiſen; die 4 Nation iſt großmüthig! Wozu dieſe Schalter? Unter der Regierung des Volkes leuchtet die Sonne für Jeder⸗. mann. Dieſe Kinder müſſen ihren Antheil daran eben⸗ † falls haben. Weßhalb verhindert man den Bruder, ſeine * 103— Schweſter zu ſehen? Wir leben doch unter der Regierung der Brüderlichkeit!« Der Prinz blickte ihn mit großen Augen voller Er⸗ ſtaunen an, und erſpähete jede Bewegung des wilden Gaſtes, deſſen freundliche Worte in ſo ſtarkem Gegen⸗ ſatze zu ſeinem rauhen Weſen ſtanden.. „Nicht wahr, mein Knabe,“ fuhr der Commiſſair fort,„du würdeſt recht froh ſein, dürfteſt du mit deiner Schweſter ſpielen? Ich ſehe nicht ein, weßhalb die Nation ſich deines Urſprungs erinnert, wenn du ihn vergiſſeſt.“ Hierauf zu Laurent und Gomin gewendet, ſagte er: „Es iſt nicht ſein Fehler, daß er der Sohn eines Kö⸗ nigs iſt. Er iſt nichts weiter, als ein Unglücklicher und ein Kind, daher ſeien Sie nicht hart gegen ihn. Der Unglückliche gehört der Menſchheit, und das Vaterland iſt die Mutter aller ſeiner Kinder!« Nach ſeiner Entfernung beeilte ſich Gomin, dem kleinen Prinzen einige Erleichterungen zu gewähren, und ſorgte beſonders dafür, daß jeden Abend das Zim⸗ mer des Prinzen erleuchtet wurde, worauf das arme Kind großen Werth legte. Seine Schweſter übrigens ſah er nicht, da man es von Seiten der Regierung auf das Strengſte verboten hatte. Bei aller Sorgfalt und Pflege konnten indeß die Aufſeher nicht verhindern, daß der arme, kleine, kranke Prinz von böſen Fieberanfällen heimgeſucht wurde. Dazu kam, daß die Commiſſaire nicht immer ſo gute Geſin⸗ nungen zeigten, wie der rauhe, aber brave Herr Delboy, ſondern zuweilen den Knaben durch rohe Drohungen und Beſchimpfungen einſchüchterten, welche keineswegs dazu beitrugen, ſeinen Zuſtand zu verbeſſern. Einer ——— . — 104 davon, Namens Careaux, welchem Gomin an's Herz legte, doch einen Arzt für das kranke Kind zu ſchicken, hatte ſogar die grauſame Frechheit, zu erwiedern:„Pah, er befindet ſich, wie er ſich befindet. Es gibt gar viele Kinder, welche ſterben, die viel nothwendiger ſind, als er!« Noch zwei Tage ſpäter war Gomin ſchmerzlich über⸗ raſcht, als er den armen Knaben, leiſe vor ſich hin murmelnd, wiederholen hörte:„Es ſterben gar viele Kinder, welche weit nothwendiger ſind!“ Nach dem Beſuche dieſes Menſchen verſchlimmerte ſich der Zuſtand des Prinzen auf ſehr betrübende Weiſe. Er verſank in die ſchwärzeſte Traurigkeit, und eine finſtere Entkräftung bemächtigte ſich Seiner. Gomin hatte Mühe, ihn zu bewegen, mit auf den Thurm zu ſteigen. Bald ſogar erlaubten ihm ſeine Füße nicht mehr, zu gehen, und öfter als einmal trugen ihn Go⸗ min und Laurent auf ihren Armen hinauf. Das Uebel machte in wenigen Tagen ſo ſchreckliche Fortſchritte, daß ſich endlich die Regierung bemüſſigt fand, eine Deputa⸗ tion in den Tempel zu ſchicken, um den Zuſtand des Gefangenen zu unterſuchen. Aber nichts erfolgte auf den Bericht dieſer Abgeſandten. Kein Arzt wurde ge⸗ ſchickt, kein Arzneimittel angewandt, und der arme Knabe ſchlich langſam dem Grabe zu. Man ſah wohl, der Tod des Unglücklichen war von der Regierung be⸗ ſchloſſen. Man ließ die Krankheit vollenden, was jenes Scheuſal, der Schuhflicker Simon vorbereitet und ange⸗ fangen hatte. Der ehrliche Gomin hoffte indeſſen noch, und er gab ſich alle Mühe, die kleinen Zerſtreuungen und Erholun⸗ gen des Kindes zu vervielfältigen. Er verſchaffte ihm 105 Bücher, in denen der Prinz gern las, und durch einen Bekannten, Namens Debierne, auch eine Turteltaube, die indeß bald nachher wieder ſtarb. Häufig ſpielte er auch Dame mit ihm; der Kleine verſtand zwar nicht viel von dem Spiele, aber der wohlwollende Gomin wußte das Spiel ſchon immer ſo zu lenken, daß der Prinz jede Parthie gewinnen mußte. Auch Federball wurde geſpielt, wenn die Kräfte des Knaben ihm dieſe Zerſtreuung erlaubten, und hierbei benahm er ſich recht geſchickt; ſein Blick war ſicher, ſeine Hand ſchnell; er hielt immer die Linke auf ſeine Hüfte geſtützt, während die Rechte mit dem Schlagnetz bewaffnet war. Am 29. März 1795 verließ Herr Laurent den Tem⸗ pel, und wurde durch Etienne Lasne, einen Stuben⸗ maler und ehemaligen Gardiſten, erſetzt. Ein Freund ſchied von dem Prinzen, aber ein anderer Freund nahm ſeinen Poſten ein. Lasne zeigte von Anfang an das herzlichſte Wohlwollen für den Knaben, und wußte ſchnell deſſen Zuneigung zu gewinnen. Er ſang ihm muntere Lieder vor, und Gomin ſpielte die Violine dazu. Auch führte er ihn häufig auf den Thurm, unter⸗ hielt ihn durch launige Einfälle, ſpielte mit ihm, und erwarb ſich durch alle dieſe kleinen Liebesdienſte ſo ſehr die Liebe und das Vertrauen des Kindes, daß er von ihm gedutzt wurde, was ſonſt ganz gegen die Gewohn⸗ heit des Prinzen war. Mittlerweile verſchlimmerte ſich aber der Zuſtand des Knaben in ſolchem Maße, daß man ihm endlich auf dringendes Verlangen der Aufſeher doch einen Arzt ſchicken mußte. Herr Deſault behandelte ihn und ver⸗ ordnete ihm Arzneien und Einreibungen, gab aber Go⸗ min von Anfang an zu erkennen, daß er wenig Hoffnung —— 106 4 zu Herſtellung des armen Knaben habe. In der That war die Schwäche des Prinzen außerordentlich groß, unnd ſelbſt der Umſtand, daß man ihm ein ſonniges, heiteres Zimmer gab, vermochte die Fortſchritte ſeines Uebels nicht aufzuhalten. Seine braven Aufſeher tru⸗ gen ihn häufig auf die Platform, aber die ſchwache Verbeſſerung, welche das Einathmen der friſchen Luft auf ſeine Geſundheit ausübte, wog kaum das Uebel auf, das die Ermüdung ihm verurſachte. Auf der Zinne der Platform hatte der Regen im Laufe der Jahrhunderte eine Art von kleinem Baſſin ausgehöhlt. Das Waſſer hielt ſich mehrere Tage darin, und weil es ſehr häufig während des Fruhlings von 4 1795 Gewitter gab, ſo fehlte es demſelben nie an Waſſer. So oft der Prinz auf die Platform geführt wurde, 1 konnte er eine Anzahl Sperlinge bemerken, die jeden*† Tag zu dieſem Waſſerbehältniſſe kamen, um zu trinken und ſich darin zu baden. Anfangs flogen ſie bei ſeiner Annäherung davon, aber die Gewohnheit, ihn faſt täg⸗ lich zu ſehen, machte ſie endlich mit ihm vertraut, und ſie luͤfteten ihre Flügel nur dann, wenn er ihnen ganz nahe kam. Es waren immer dieſelben; er kannte ſie, und vielleicht waren ſie wie er an dieſe alte Behauſung gewöhnt. Er nannte ſie ſeine Vögel. Wenn man die Thüre der Terraſſe öffnete, ſo ſah er ſtets zuerſt nach dieſer Seite hin, und immer waren die Sperlinge da. Wenn der Prinz in ihrer Nähe vorüberging, flogen ſie einen Augenblick wirbelnd und kreiſend in die Höhe, 4 aber ſobald er vorüber war, ließen ſie ſich auch wieder nieder. Oft, auf den Arm ſeines Führers geſtützt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt, betrachtete 4 er lange Zeit die Vögel, ohne eine Bewegung zu machen. 107 Er ſah ſie kommen, ihren kleinen Schnabel dem Waſſer nähern, dann ihre Bruſt hineintauchen, ihre Flügel und ihr ganzes Gefieder ſchütteln, und der arme Knabe drückte dann den Arm ſeines Aufſehers mit einer Hef⸗ tigkeit, als ob er ſagen wollte:„Ach, ich kann es nicht ſo machen!“«— Häufig wollte er ſie ein wenig mehr in der Nähe ſehen, machte mit Hülfe ſeines Führers einige Schritte vorwärts, und kam ihnen ſo nahe, daß er ſie mit ausgeſtrecktem Arme faſt erreichen konnte. Das war ſeine liebſte Zerſtreuung; er liebte ihr Ge⸗ zwitſcher und ihre muntere Lebendigkeit. Der Arzt, Herr Deſault, beſuchte den Prinzen jeden Tag um neun Uhr Morgens, und verweilte häufig längere Zeit bei ihm. Der Prinz ſah ihn gern, und bewies ihm durch Blicke und Worte ſeine Dankbarkeit, welche der wackere Greis auch wirklich verdiente. Plötz⸗ lich aber blieb Herr Deſault aus, und man erfuhr, daß er am 31. Mai unerwartet geſtorben war. Der Prinz beweinte ihn und beklagte ſehr ſeinen Verluſt. Der Ober⸗Chirurg, Herr Pelletan, erſetzte ſeine Stelle; aber auch er hatte keine Hoffnung, das fliehende Leben des Prinzen noch aufzuhalten. Wie eine zarte, der Luft beraubte Pflanze, deren feine Wurzeln ein Wurm be⸗ nagt, ſenkte der arme Knabe ſein erſchöpftes Haupt. Aber er litt, ohne zu murren, er verwelkte, ohne ſich zu beklagen. Die auf ihren Stengel geſenkte Pflanze erſtarb, aber ſie behielt ihren ſüßen Duft, wenn auch nicht ihre glänzenden Farben bei. Herr Pelletan, welcher den gefährlichen Zuſtand des Prinzen nur zu gut erkannte, hatte die Forderung an die Regierung geſtellt, noch von einem andern Arzte unterſtuͤtzt zu werden, und am 7. Juni fand ſich Herr 108 Dumangin bei ihm ein, um ſich mit ihm zuſammen in den Thurm zu begeben. Als ſie daſelbſt ankamen, 2 hörten ſie, der Knabe, deſſen Schwäche außerordentlich zugenommen hatte, wäre nach den gewöhnlichen Ein⸗ reibungen und dem Einnehmen der Arznei in Ohnmacht geſunken, welche ſein nahes Ende hätte befürchten laſſen. Er hatte ſich indeſſen ein wenig wieder erholt, als die Aerzte zu ihm hinaufkamen. Doch ſahen ſie wohl, daß alle ihre Kunſt nichts gegen ſeine Krankheit auszurich⸗ ten vermochte. Sie erlaubten ein Glas Zuckerwaſſer, wenn der Knabe, deſſen Mund heiß und trocken war, zu trinken verlangen ſollte, und zogen ſich dann mit dem ſchmerzlichen Gefühl ihrer Ohnmacht zurück. Herr 3 Pelletan war der Meinung, der junge Prinz werde den folgenden Tag nicht überleben; Herr Dumangin glaubte— ſein Ende ein wenig entfernter. 8 Sie waren unter ſich übereingekommen, daß der Doctor Pelletan den Kranken am nächſten Tage früh um acht Uhr, und Doctor Dumangin ihn um eilf Uhr beſuchen ſollte. Als Gomin Abends zur Zeit des Nachteſſens in das Zimmer des Prinzen trat, war er ſehr angenehm überraſcht, das kranke Kind ein wenig beſſer zu finden. Seine Geſichtsfarbe ſchien ihm klarer, ſein Auge leb⸗ hafter, ſeine Stimme ſtärker. „Sie ſind es!“ ſagte er ſogleich zu ſeinem Aufſeher mit einer Bewegung, welche ſein Freude, ihn zu ſehen, ausdrüͤcken ſollte.— „Endlich leiden Sie alſo weniger?« ſagte Gomin ſ zu ihm. „Weniger!“ erwiederte der Knabe ſanft. „Das verdanken Sie dieſem Zimmer,“ antwortete 109 Gomin.„Hier athmet man wenigſtens friſche Luft, das Licht dringt ein, die Aerzte beſuchen Sie, und Sie müſſen ſich ein wenig getröſtet fühlen.“ Bei dieſer Anrede ſah der Prinz den Aufſeher mit einem Ausdrucke voll bitterer Traurigkeit an. Sein Auge, vor wenigen Augenblicken noch hell und klar, trübte ſich; dann funkelte es plötzlich mit einem neuen Glanze; eine große Thräne drang zwiſchen ſeinen Wim⸗ pern hindurch und rollte über ſeine Wangen herab. „Immer, immer allein,“ war ſeine Antwort.„Meine Mutter iſt drüben in dem anderen Thurme geblieben!“ Er wußte nicht, daß man ſchon längſt ſeine unglück⸗ liche Mutter, wie auch ſeine Tante, Madame Eliſabeth, die Schweſter ſeines Vaters, zur Guillotine geſchleppt hatte, und Alles, was das Herz des armen Kindes noch an Wärme und Zärtlichkeit beſaß, gehörte ſeiner Mutter, aus deren Armen man ihn ſo grauſam geriſſen hatte. Dieſe kindliche Liebe hatte Alles überlebt; dieſe Liebe war ſtark, wie ſein Wille, ſie war tief, wie ſein Ge⸗ müth.„Die Liebe,“ ſo ſpricht die heilige Schrift, viſt ſtärker als der Tod,«— und dieſer Knabe bewährte den Ausſpruch. In der Stunde, wo das Nachdenken über die Vergangenheit, die Erinnerung das Gefühl ſeiner Leiden beherrſchte, erloſch jeder andere Gedanke in ihm, und ſein ſo ſchwer geprüͤftes, in den Staub gebeugtes, gemartertes Herz beſchäftigte ſich dann einzig und allein mit dem theuren Bilde ſeiner ſo zärtlich, ſo über Alles geliebten Mutter. „Es iſt wahr, Sie ſind oft allein, und das iſt ſehr traurig,“ entgegnete Gomin;—„aber Sie haben hier auch nicht, wie anderswo, den Anblick ſo vieler böſer Menſchen, und das Beiſpiel ſo vieler böͤſer Handlungen.“ 110 „Oh, ich habe davon genug geſehen,“ murmelte er; —„aber,“ fügte er mit milder Stimme hinzu, indem er ſeine Augen auf den ehrlichen, wackeren Gomin hef⸗ tete, und die Hand ſanft auf deſſen Arm legte,—„ich ſehe auch brave Leute, und ſie verhindern mich, mit denen zu grollen, welche es nicht ſind.« Gomin ſagte hierauf zu ihm:„Der böſe Careaux, den Sie öfters hier als Commiſſair geſehen haben, iſt verhaftet worden und befindet ſich im Gefängniß.“ Gomin ſah, wie der Prinz ſtutzte. „Careaur?« erwiederte er.„Er hat mich nicht gut behandelt! Doch thut es mir leid! Iſt er hier?« „Nein, anderswo, in La Force, im Quartier Saint Antoine.“ Ein gewöhnliches Herz würde ſich für gerächt ge⸗ halten haben, aber dieſes Kind hatte die Großmuth, ſei⸗ nen Verfolger zu beklagen. Er machte eine lange Pauſe, und wiederholte dann mit Bedacht: »Das thut mir ſehr leid; denn ſehen Sie, er iſt unglücklicher als wir; er verdient ſein Unglück!“ Man wundett ſich vielleicht über dieſe ſo einfachen, und dabei doch ſo gefühlvollen und weichen Worte in dem Munde eines kaum zehn Jahre alten Kindes; in⸗ deſſen wurden ſie in der That ganz ſo von dem Prin⸗ zen ausgeſprochen, und es waren nicht blos die Worte, welche Gomin am meiſten auffielen, es war noch mehr der einfache, wahre und durchdringende Ton, mit dem ſie geſprochen wurden. Ohne Zweifel hatte das Un⸗ glück den Geiſt des Kindes zu früher Reife gebracht, und es redete vielleicht unter dem Eindrucke einer Ein⸗ gebung von Oben, welche Gott nicht ſelten den Leiden⸗ den und Sterbenden gewährt.— „ mm 111 Die Nacht trat ein, die letzte Nacht, die der arme Knabe, wie immer, in der Einſamkeit mit den Leiden ſeiner Seele und ſeines Körpers, dieſen ſeinen alten Gefährten, verleben ſollte. Stets hatte man ihn wäh⸗ rend der Nacht allein gelaſſen, ſelbſt während ſeiner Krankheit, und immer erſt gegen Morgen um acht Uhr hatten ſeine Aufſeher ſich zu ihm begeben dürfen. Man weiß nicht, wie das Kind dieſe Nacht verbracht hat, aber wenn es ſchlummerte, kauerte jedenfalls der Tod dicht neben ſeinem Pfühle. Morgens zwiſchen ſieben und acht Uhr, Montags am 8. Juni trat Lasne als der Erſte in ſein Gemach. Gomin wagte es nicht, zu⸗ erſt hinein zu gehen, aus banger Furcht, daß er das arme Opfer nicht mehr am Leben finden werde. Die Aerzte fanden ſich zu der von ihnen feſtgeſetzten Stunde ein. Der Knabe war aufgeſtanden, als Herr Pelletan ihn um acht Uhr beſuchte. Lasne glaubte, ſein Zuſtand habe ſich ſeit geſtern etwas gebeſſert, aber der ſchärfere Blick des Arztes ließ denſelben wohl ein⸗ ſehen, daß Lasne ſich täuſche. Der arme Kranke, der eine große Schwere in ſeinen Füßen fühlte, verlangte ſelbſt bald, ſich wieder niederzulegen. Als Herr Dumangin gegen eilf Uhr ſich einfand, lag der Prinz im Bett. Der Knabe empfing ihn mit jener unveränderten Milde, die er unter ſeinen Leiden beibehielt, und welche ſpäter die Aerzte ſelber bezeugten. Herr Dumangin zuckte die Achſeln über den Zuſtand, in dem er den Kranken fand, und hielt ſein Ende für ſehr nahe bevorſtehend. Als er ſich wieder entfernt hatte, erſetzte Gomin ſeinen Collegen Lasne im Krankenzimmer, und ſetzte ſich —— neben das Bett des Prinzen. Aus Furcht aber, ihm läſtig zu fallen und ihn aufzuregen, ſprach er nicht. Der Prinz fing nie eine Unterhaltung an, und folg⸗ lich ſagte auch er eben ſo wenig etwas, aber er richtete auf ſeinen Aufſeher einen tief traurigen Blick. „Wie unglücklich bin ich, Sie ſo leiden zu ſehen!“ ſagte Gomin jetzt zu ihm. „Tröſten Sie ſich,“ antwortete das Kind mit ſanf⸗ ter Stimme,„ich werde nicht immer leiden.“ Gomin kniete neben ſeinem Bette nieder, um ihm näher zu ſein. Der liebenswürdige Knabe ergriff ſeine Hand und führte ſie an ſeine Lippen. Das treue Herz Gomin's zerſchmolz in einem heißen Gebete, eines jener Gebete, welche der tiefſte Schmerz dem Menſchen ein⸗ flößt, und welche die Liebe zu dem allbarmherzigen Gotte emporſendet. Der Knabe ließ die treue Hand, die er umſchloß, nicht wieder los, und während Gomin für ihn betete, erhob er ſeinen Blick zum Himmel. Es iſt unmöglich auszudrücken, wie viel Heiliges und Engel⸗ haftes in dieſem letzten Blicke des Kindes lag. Gomin, welcher den Knaben ruhig, unbeweglich und ſtumm ſah, ſprach zu ihm:„Ich hoffe, daß Sie in die⸗ ſem Augenblicke nicht leiden?“ „O ja, ich leide noch,« erwiederte der Prinz flͤſternd, —„aber viel weniger; die Muſik iſt ſo ſchön!« Nun wurde aber in dieſem feierlichen Augenblicke weder in dem Thurme noch in der Umgebung deſſelben Muſik gemacht; kein Geräuſch irgend einer Art drang von außen in das Zimmer, wo die Seele des kleinen Märtyrers dem Erlöſchen nahe war. Gomin fragte ihn daher ganz erſtaunt:„Von wel⸗ cher Seite hören Sie dieſe Muſik?« 113 „Von dort oben!“ „Seit längerer Zeit ſchon?“ „Seitdem Sie niedergekniet ſind! Haben Sie ſie nicht gehoͤrt? Hören Sie! Hören Sie doch!« Und der Knabe hob mit einer energiſchen Bewegung ſeine kraftloſe Hand in die Höhe, indem er weit ſeine Augen öffnete, in denen Entzückung glänzte. Gomin, der dieſe ſüße und letzte Täuſchung des Kindes nicht zerſtören wollte, ſtellte ſich, mit dem frommen Wunſche, das zu hören, was nicht gehört werden konnte, als lauſche auch er dieſer Muſik. Nach einigen Augenblicken gerieth der Knabe von Neuem in eine heftige Gemüthsbewegung, ſeine Aacgen ſtrahlten, und mit einem unausſprechlichen Entzüken rief er aus:„Mitten unter allen dieſen Stimmen habe ich die meiner Mutter erkannt!“ Dieſer den Lippen der Waiſe entflohene heilige Name ſchien jeden Schmerz von ihm zu nehmen. Seine ſchmerz⸗ haft zuſammengezogenen Augenbrauen glätteten ſich, und in ſeinem Blicke funkelten die heiteren, glänzenden Strah⸗ len, welche die Gewißheit der Befreiung oder des Sie⸗ ges entzündet. Einige Augenblicke ſpäter war der Glanz dieſes Blickes wieder erloſchen, ſeine Arme kreuzten ſich über der Bruſt, und auf ſeinen Zügen prägte ſich eine trübe Entmuthigung aus. Gomin betrachtete ihn ganz in der Nähe, und folgte allen ſeinen Richtungen mit beſorgtem Auge. Sein Athem war nicht ſchwerer, allein ſein Auge irrte langſam und zerſtreut umher, wobei es ſich zuweilen auf das Fenſter heftete. Gomin fragte ihn, was ihn dort beſchäftige? Aber er ſchien die Frage, Ein Königsſohn.. 114 obgleich ſie wiederholt wurde, nicht verſtanden zu haben, und antwortete nicht darauf. d Lasne kam nun herauf, um Gomin abzulöſen. Die⸗ ſer entfernte ſich mit ſchwerem Herzen, obgleich er nicht fürchtete, daß das Ende ſchon ſo nahe ſei. Lasne ſetzte ſich neben das Bett; der Prinz betrachtete ihn lange Zeit mit träumeriſchem Blicke. Als er eine leichte Be⸗ wegung machte, fragte ihn Lasne, wie er ſich befinde, und was er wünſche? Der Knabe ſagte zu ihm: „Glaubſt du, daß meine Schweſter die Muſik hat hören können? Wie wohl würde ihr das gethan haben!“ 4 Lasne konnte ihm darauf nicht antworten. Der Blick des Sterbenden richtete ſich jetzt voller Todesangſt ſtechend und verlangend nach dem Fenſter. Plötzlich entrang ſich ein Ausruf des Glückes ſeinen Lippen, dann, Lasne erblickend, ſprach er zu ihm:„Ich habe dir etwas zu ſagen!“ Lasne näherte ſich und faßte ihn bei der Hand; der kleine Kopf des Gefangenen neigte ſich auf die Bruſt des Aufſehers.. Lasne horchte,— doch vergebens. Das letzte Wort war ſchon geſprochen! Gott hatte dem armen Kinde den Todeskampf erſpart, Gott hatte es mit liebenden Armen unter einem letzten Traume des Glückes und Entzückens zu ſich emporgehoben! Lasne legte ſeine Hand ſanft auf das Herz des Knaben,— dieſes leidensreiche Herz ſchlug nicht mehr. Der Sohn der Könige hatte ſeine traurige irdiſche Hei⸗ math vertauſcht mit der ewigen, freudevollen, himmli⸗ ſchen Seligkeit. Dort fand er Gott, dort fand er die, die er liebte.—— * 115 Dieß geſchah um ein Viertel nach zwei Uhr Nach⸗ mittags am 8. Juni 1795.—— Noch wenige Worte an dich, lieber Leſer. Ich habe ein trübes Gemälde vor dir aufgerollt, und wie ſehr es dein Mitgefühl erregt haben mag, durfte ich es doch nicht mildern, da es vom Anfang bis zum Ende, in jedem Worte, die Wahrheit und nur die Wahrheit ent⸗ hält. Der kleine Prinz Ludwig Karl, der Sohn der Könige und ſelbſt ein König, hatte alle dieſe Schmer⸗ zen erduldet, er lebte, litt und ſtarb, wie es in dieſen Blättern verzeichnet iſt. Ein gewiſſenhafter und glaub⸗ würdiger Forſcher, Herr von Beauchesne, hat mit un⸗ ſäglicher Geduld und Eifer alle die kleinen Züge ge⸗ ſammelt, die ich dir wiedererzählte, und ſogar Gomin und Lasne noch ſelbſt geſprochen, dieſe beiden braven Männer, welche die letzten Tage des kleinen Prinzen zu erheitern ſuchten. Fragſt du mich nun, welche Lehre du aus dieſer wahrhaften Erzählung ziehen ſollſt? ſo antworte ich: Lerne demüthig ſein im Hinblick auf die Leiden dieſes Kindes, die Gott ihm auferlegte, deſſen Wege geheim⸗ nißvoll und unerforſchlich ſind. Gott behüte dich vor Schmerzen und Kummer,— aber wenn er ſie dir eines Tages auferlegen ſollte, ſo erinnere dich an den Sohn der Könige Frankreichs, und dulde, wie er Schweres und Herzbrechendes duldete, in Sanftmuth und Gelaſſen⸗ heit, in Demuth und in Ergebung unter die Rathſchlüſſe des Herrn, vor welchen der ſchwache Menſch ohne Murren ſich beugen muß. OEEe Druck von C. Hoffmann in Stuttgart 8 / 4* 9 S 8 4—