ar ara urnaarananhngnnannänsnünhahnanhannnannangnnnunnannnagan lannRunnnnnahnnunnsnunnaüanhnünhat Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„ franz. od. engl.„ 2 Kr. Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— auf 6 Monat. 4 fl. 30 Kr. 2 fl— Kr. 1 fl. 43 Kr. aracarar anhnhhnanhannanhnnanhearar .—— 2— , 1„ 3 2,„ 18„ ararar mananar aracarararrnar Erhrchraranannennnaanananannannhnnnhanahnunnnhnhnhunr —— Jung gewohnt, alt gethan. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. — Von Frunz Watfmann. Mott . Wie man einen Monte gewöhnt, ſo läßt er nicht davon, wenn er alt wird. Sprichw. 22, 6. — Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1858. Erſtes Kapitel. Die Geſchwiſter. Laß' dich von mir, lieber Leſer, auf den geräu⸗ migen Marktplatz einer Mittelſtadt Deutſchlands fuͤhren. Diefe Stadt iſt weder berühmt durch Schönheit, noch durch hiſtoriſche Begebenheiten, die ſich in ihren Mauern zugetragen, noch üͤberhaupt durch irgend welche hervorſtechende Eigenſchaften. Aber ihre Lage an einem ſchiffbaren Fluſſe iſt recht hübſch. Der glänzende Spie⸗ gel des munter dahingleitenden Gewäſſers mit ſeinen zahlreichen Kähnen und auch größeren Segelſchiffen gilt mit Recht für eine beſondere Zierde der anmuthi⸗ gen Gegend. Vom Marktplatze aus kannſt du ſeinen Lauf ziemlich weit aufwärts und abwärts überſchauen, hinauf bis zu den wälderreichen Hügeln, an deren Fuße er ſich vorüber windet, und hinunter bis zu der Bie⸗ gung, wo er hinter Büſchen und grünen Wieſen ſich in die fruchtbare Ebene verliert. Die eine Seite des viereckigen Marktplatzes, eben die nach dem Fluſſe zu gelegen, iſt offen und nur mit 1. Jung gewohnt ꝛc. — 2 einigen mächtigen Krahnen beſetzt, welche mit ihren eiſernen Armen die ſchweren Laſten, die hoch aufge⸗ ſtapelt am Ufer liegen, in den Raum der dicht am Ufer ankernden Schiffe heben. Es höͤrt das nicht auf das ganze Jahr, außer allein, wenn der harte Winter ſeine Eisdecke über den Fluß gelegt hat, denn die Stadt treibt anſehnlichen Handel mit Korn und andern Landes⸗Produkten, ſowie mit Kohlen, welche aus einem nahe gelegenen Bergwerke gewonnen werden. Wenn man das muntere Treiben am Hafen, die zahlreichen Kähne mit ihren Maſten, das rüſtige Schaf⸗ fen und Zugreifen der Laſtträger und Arbeiter, die un⸗ geheuren Maſſen der über einander geſchichteten Korn⸗ ſäcke, die zahlreichen Korn⸗Wagen genugſam betrachtet hat, und ſich dann nach dem Markte ſelbſt wendet, ſo kann man ſich faſt einbilden, man ſei in eine von jenen alten prächtigen Reichsſtädten verſetzt worden, welche vormals im Mittelalter, und ſelbſt bis auf den heuti⸗ gen Tag noch zu den größten Zierden des Vaterlands gehören. Seite an Seite ragen ſtattliche, maſſiv aus Quaderſteinen aufgeführte, häufig mit allerlei Bilder⸗ Arbeit verzierte Häuſer empor, mit hohen Giebeln, die ſich pyramiden⸗ähnlich über die Fronten erheben. Das ſchoͤne Rathhaus breitet ſich aus mit ſeinen gewaltigen Steintreppen, ſeinen hohen gothiſchen Fenſtern, und dem prächtigen Thurme von zierlich durchbrochener Ar⸗ beit mit der alten Uhr, deren Glocke ſchon ſo manche gute und boͤſe Stunde geſchlagen hat. Daneben an der Seite des Rathhauſes ragt ein rieſiges Bildwerk aus Stein, geharniſcht und ein ungeheures zweihändi⸗ ges Schwert in der Fauſt, die Rolands⸗Säule, das alte Wahrzeichen vormaliger Reichsfreiheit de — 3 Stadt. Auf der Mitte des geräumigen Platzes ſteht auf ſteinernen Pfeilern ein ungeheures Becken von Erz, und aus der Mitte deſſelben erhebt ſich hoch ein ſtar⸗ ker Waſſerſtrahl, zertheilt ſich oben nach allen Seiten hin, und fällt dann, in Millionen Tropfen zerſprühend, klingend und plätſchernd in das Waſſerbecken zurück. Dieſer Springbrunnen gereicht dem Markte zu beſon⸗ derer Zierde, denn gar hübſch ſieht es aus, wenn die glänzenden Sonnenſtrahlen in den Millionen Tropfen funkeln und glitzen und in allen Regenbogen⸗Farben ſpielen, oder wenn der Wind die ſchlanke Waſſerſäule hierhin und dorthin treibt, und die Millionen Tropfen wieder in neue Millionen zertheilt, ſo daß ſie wie ein Regen ſtäubender Diamanten⸗Splitter oft weit, weit über das große Becken hinaus getragen werden, und auf das Steinpflaſter reichlich niederfallen, wie ein fri⸗ ſcher Sommer⸗Morgen⸗Thau. Und nun, grade dieſem Springbrunnen gegenüber, an der Ecke, welche durch die nach dem Innern der Stadt führende Hauptſtraße gebildet wird, liegt ein Haus, auf das ich jetzt deine beſondere Aufmerkſamkeit zu lenken wünſche, freundlicher Leſer. Es gehört kei⸗ neswegs zu den größten und ſtattlichſten Gebäuden am Markte, im Gegentheil, es iſt faſt das kleinſte von allen, und hat nur ein Erdgeſchoß und ein Stockwerk, darüber aber richtig, wie die übrigen Häuſer alle, den hohen Giebel mit zwei Fenſtern auf den Markt, und zwei Fenſtern auf die Straße heraus. Dabei ſieht es äußerſt ſauber und faſt wie geputzt aus, denn es iſt von unten bis oben in die Giebelſpitzen hinauf mit ſteingrüner Oelfarbe friſch angeſtrichen unh jede Fenſter⸗ ſcheibe glänzt wie ein Spiegelglas. Einen großen Theil⸗ . 1* 4— 8 —y—— ——— des Erdgeſchoßes nimmt ein geräumiger Laden ein, in welchem allerlei Material⸗Waaren feil gehalten werden, Kaffee und Zucker, Cigarren und Taback, Gewürze und Reis, und was überhaupt in einer wohl eingerichteten Material⸗Waaren⸗Handlung zu haben iſt. Ueber der Thür glänzt mit großen vergoldeten Buchſtaben der Name: Valentin KrempelhuberV; hinter den La⸗ denfenſtern liegen und hängen allerlei Proben von Waaren, Tabacks⸗Packete mit bunten Etiketten, feine und grobe Schwämme, kleine Schüſſeln von Porzellan mit Reis, Grütze, Graupen und dergleichen, und noch Anderes mehr. Wie uns der Augenſchein lehrt, wird der Laden viel beſucht, denn die Ladenthür ſteht faſt keine Minute hindurch ſtill, und die Dienſtmägde drän⸗ gen ſich am Ladentiſche, um ihre Packete mit Zucker, Kaffee oder ſonſtigen Einkäufen für die Wirthſchaft in Empfang zu nehmen. Neben dem Laden, aber nach der Straße, nicht nach dem Markte zu, erblickt man noch ein paar Fenſter, die mit grünen Vorſetzern ver⸗ ſehen ſind. Hier iſt wahrſcheinlich die Comtor⸗Stube. Weiterhin befindet ſich die Niederlage, wie die mit ſtar⸗ ken Eiſengittern verſehenen Fenſter⸗Oeffnungen andeu⸗ ten, und dann ſchließt das Haus mit einer Einfahrt ab, welche durch ein großes braun angeſtrichenes Thor⸗ weg verſchloſſen wird. Dies iſt das untere Stockwerk. Im oberen ſieht es anders aus. Hier befindet ſich eine Reihe von Wohn⸗ und Schlafgemächern, denn die Fenſter ſind hier noch heller und größer als unten, hinter ihnen erblickt man blendend weiße Gardinen, und davor auf zierlichen, grün angeſtrichenen Geſtellen eine Menge ſorgfaltig geordneter Blumentöpfe mit den ſchön⸗ —„,— ſten blühenden Pflanzen, als Roſen, Nelken, Heliotrop und Paſſions⸗Blumen, nebſt noch manchen anderen, de⸗ ren ganzes friſches, kräftiges Ausſehen beweist, daß ſie von liebender Hand gepflegt und fleißig abgewartet werden. Das ganze Haus macht den Eindruck bürgerlich⸗ häbiger Gemüthlichkeit; prächtig iſt's nicht, aber ſchon von weitem ſieht's man ihm an, daß ſich's behaglich darin wohnen müſſe, und die ſchmucke Außenſeite läßt ſchließen, daß auch im Innern Alles wohl erhalten, in gutem Stande und ſchmuck und blank ſei. Fragt man einen Vorübergehenden, wer da wohnt, ſo bekommt man wohl die bereitwillige Antwort:„Sie ſehen's ja an der Firma! der alte Valentin Krempelhuber wohnt da, mit ſeiner Schweſter Marianne! Wunderliche Leute, aber kreuzbrav und auch wohlhabend! Sie thun viel Gutes an den Armen! Ja, rechte gute Leute, aber wunderlich, ſehr wunderlich in manchen Stücken!“ Fragt man dann weiter:„Wie ſo wunderlich?« ſo zuckt der Gefragte die Achſeln, wirft einen lächelnden, keineswegs aber reſpektwidrigen Blick auf das Haus hinüber, und geht ſeiner Wege weiter, indem er höch⸗ ſtens noch über die Achſel zurückſpricht:„Lernen Sie die Leutchen doch ſelber kennen, dann werden Sie ſchon ſehen!« Nun denn, ich hab' ſie kennen lernen, und dann ſo Manches erfahren, was ich hier wieder erzählen will. Vielleicht, wenn du mir zuhörſt, lieber Leſer, ge⸗ winnſt du das alte Geſchwiſter⸗Paar lieb, wie es ſo Mancher lieb gewonnen, der mit ihm in nähere Be⸗ rührung gekommen iſt. Jedenfalls wirſt du in Herrn Krempelhuber einen achtbaren, braven Mann und in ſeiner Schweſter ein gutes, liebevolles Gemüth kennen lernen. Die Leutchen mögen vielleicht ihre Wunderlich⸗ keiten haben,— das kann wohl ſein,— aber weit überwiegend ſind doch die anderen trefflichen Eigen⸗ ſchaften, die ſie zu dem gemacht haben, was ſie ſind, nämlich: zu den von ihren Mitbürgern vielleicht am höchſten geachteten Einwohnern ihrer Vaterſtadt.—— Ein herrlicher Sommer⸗Abend voll erquickender Friſche war inem Tage drückender Hitze und Schwüle gefolgt. Die Blumen im Garten hauchten die ſüßeſten Düfte, und die glänzenden Farben ihrer Blüthen leuch⸗ teten wie verklaͤrt im Glanze des Abendrothes, das den ganzen Himmel mit ſeinen leichten, langſam ſchwe⸗ benden Wölkchen goldig und purpurn überſponnen hatte. Die Gartenthüre wurde geöffnet, und ein kleiner ält⸗ licher Herr von zierlicher Geſtalt und mit großer, faſt ängſtlicher Sauberkeit gekleidet, betrat die mit feinem Kies beſtreuten Gartenwege, und ging mit langſamen Schritten darin auf und nieder, von einem Blumen⸗ beete zum andern, bis er zuletzt ſich zu einer mit reich blühendem Geisblatt ganz umſponnenen Laube begab, in welcher ein zierlicher Tiſch mit eben ſo zierlichen ei⸗ ſernen Gartenſtühlen aufgeſtellt war. Hier nahm er Platz, rückte den Stuhl ſo, daß er durch den Eingang der Laube faſt den ganzen Garten mit ſeiner Fülle von Blumen überſchauen konnte, uno blickte ſtill ſinnend und träumend auf die vor ihen ausgebreitete Blüthen⸗ pracht hinaus. Das Geſicht des alten Herrn, obgleich es von der Hand der Zeit nicht unber hrt geblieben war, hatte trotzdem noch viel Anſprechendes und Gewinnendes. Der Ausdruck deſſelben war zugleich ſanft und klug,— ſanft, wenn man den wohlgeformten Mund, klug, wenn — ——— — —— 4— . man ſeine hellen klaren Augen betrachtete. Kleine Fal⸗ ten auf der Stirn und in den Augenwinkeln verrie⸗ then, daß nicht alle Stunden in ſeinem Leben ganz heiter und ſorgenfrei geweſen ſein konnten. Aber das war jetzt Alles überwunden; des alten Herrn Geſicht hatte jetzt unverkennbar und entſcheidend den Ausdruck des Friedens und der Ruhe gewonnen, einer Ruhe, die nicht leicht durch irgend ein äußeres Ereigniß mochte geſtört werden können. Noch nicht lange hatte er in der Laube geſeſſen, ſo wurde von Neuem die Gartenthür geöffnet, und eine Dame, von einer Magd gefolgt, trat herein und ging geraden Weges auf die Laube zu. Sie war ziemlich groß, ſchlank und nicht minder ſorgfältig gekleidet, als der alte Herr, der vor ihr gekommen war. In Bei⸗ der Geſichtszügen fand man auf den erſten Blick eine deutlich ausgeſprochene Familien⸗Aehnlichkeit, nur war die Dame zarter und bläſſer, als ihr Bruder, der ſie jetzt mit freundlichem Kopfnicken begrüßte. „Ich denke, wir eſſen im Garten, lieber Valentin,« ſagte ſie.„Die Luft iſt ſo köſtlich erfriſchend, daß man es in den heißen Zimmern nicht aushalten kann. Was meinſt du?« „Ich bin ganz einverſtanden, Marianne,“ erwiederte der Bruder.„Die Sonne geht eben erſt unter, da können wir füglich noch ein Stündchen im Freien ver⸗ weilen.«. „So decke hier, Liſette,“ wendete ſich die Schweſter freundlich zu der Magd. Dieſe nickte, und verſchwand raſch, um bald dar⸗ auf mit blendend weißem Tiſchtuche, mit blank geputz⸗ ten Tellern, Meſſern und Gabeln zurückzukehren. Ein einfach zubereitetes, kaltes Abendeſſen wurde aufgetra⸗ gen, und Marianne ſetzte ſich ihrem Bruder gegenüber, legte ihm vor und widmete ihm während des Eſſens eine fortwährende, zuvorkommende Aufmerkſamkeit, die ſich der Bruder, alter Gewohnheit gemäß, ruhig gefal⸗ len ließ und nur zuweilen durch einen freundlichen Blick vergalt. Sein mäßiger Appetit war indeß bald geſtillt, und nachdem er Meſſer und Gabel bei Seite gelegt hatte, lehnte er ſich in ſeinen Stuhl zurück, blickte einige Augenblicke nachdenklich zu Boden, und ſah dann plötzlich wieder ſeiner Schweſter voll und offen in's Geſicht.. „Marianne,“ ſagte er,„ich habe dir etwas mitzu⸗ theilen, und es iſt eben ſo gut, du erfährſt es ſchon heute, als morgen früh. Kurz und gut, wär' es dir ſehr unangenehm, wenn ich einen jungen Menſchen in unſer Haus nähme, und ihn zu unſerem Tiſchgenoſſen machte?“« Marianne horchte hoch auf mit ſichtlicher Ueber⸗ raſchung, faſt erſchrocken.. „Einen jungen Menſchen? In unſer ſtilles Haus? An unſeren Tiſch?« wiederholte ſie mechaniſch, als ob ihre Seele den Sinn von ihres Bruders Worten nicht gleich zu faſſen vermöge.„Ich habe dich wohl nicht recht verſtanden, Valentin? Wie, die wir ſeit ſo vie⸗ len Jahren allein mit einander leben, wir ſollten einen Fremden zwiſchen uns, an unſern Herd aufnehmen?“ „Gerade ſo iſt es, wie du ſagſt,“ erwiederte ihr Bruder.„Der junge Menſch iſt eine Waiſe, ohne Vater und Mutter, ohne Verwandte.“ „Aber kennſt du ihn denn, Bruder? Haſt du ihn — ſchon geſehen? Lebt er hier in der Stadt? Wer iſt er eigentlich?« „Ich ſage dir ja, eine arme Waiſe iſt er. Im vorigen Jahre hat er ſeine Mutter, vor zehn oder zwölf Tagen ſeinen Vater verloren, und ſein einſtwei⸗ liger Vormund fragt bei mir an, ob ich nicht etwas fur den armen Knaben thun wolle? Er bedürfe ſehr der Unterſtützung, ſchreibt er, denn ſein Vater habe ihm nur wenig hinterlaſſen.“ „Aber wer iſt er denn?« fragte Marianne lebhaft. „Sage mir dies vor Allem, Vatentin.“ „Er heißt Matthias Keller, ſein Vater war Calcu⸗ lator oder Regiſtrator in einer ſächſiſchen Stadt.“ Die Schweſter ſchüttelte den Kopf.„Haſt du denn den Vater gekannt?“ fragte ſie wieder. „Nein,“ lautete die Antwort,—„aber die Mutter der armen Waiſe kannte ich vor Zeiten. Sie war da⸗ mals nur noch ein Kind, aber ihr Vater war mein be⸗ ſter Freund, und deshalb empfinde ich Theilnahme an der armen verlaſſenen Waiſe, und möchte an ihr ver⸗ gelten, was ihr Großvater an mir Gutes gethan hat.“ „Wie hieß der Großvater?“ „Daniel hieß er! Mein alter, wackerer Daniel, auf deſſen Grabe nun auch ſchon ſeit Jahren das Gras wächst.“ „Ah, Daniel! Daniel alſo!“ ſagte die Schweſter nachdenklich.„Da freilich iſt es unſere Pflicht und Schuldigkeit, etwas zu thun. Ja, ohne allen Zweifel, lieber Bruder! Aber du haſt auch wohl bedacht, was es heißen will, einen Knaben in unſer Haus aufneh⸗ men? Welche Störung muß das in unſeren alten ſtil⸗ len Gewohnheiten herbeifuühren! Auch wüßt' ich nich * einmal, wo ich ihn unterbringen ſollte, ohne dich in deiner Bequemlichkeit zu beſchränken. Du biſt einmal an deine Zimmer gewöhnt, und müßteſt dich unbehag⸗ lich fühlen, wenn du eins davon räumen ſollteſt.“ „Daran denk' ich auch nicht,“ erwiederte der Bru⸗ der.„Aber wir haben ja da das kleine Giebelzimmer. Wenn man es ein wenig herrichten ließe und ein paar Möͤbel hinein ſtellte, ſo möchte es zur Noth ſchon gehen. Der arme Knabe wird, benk' ich mir, nicht gerade ver⸗ wöhnt ſein.“ „Ja, ja, das ließe ſich allenfalls machen,“ erwie⸗ derte die Schweſter.„Doch du kennſt ihn nicht, ſeinen Charakter nicht! Wie nun, wenn er gar nicht zu uns paßte? Wenn er Untugenden an ſich hätte, wenn er zuordentlich, wohl gar unreinlich wäre? Du weißt ja, Bruder, wie peinlich uns Beiden das ſein würde. Du kannſt es ja nicht einmal leiden, wenn ich, deine Schweſter, in deinem Zimmer aufräume und nur das Geringſte von ſeinem gewöhnlichen Platze verrücke;— wie ſollte es werden, wenn der junge Menſch ein Leichtfuß, ein Wildfang wäre? Nein, nein, lieber Va⸗ lentin! Gib ihm Geld, unterſtütze ihn reichlich, thu⸗ ihn zu guten Leuten und laß ihn eine Schule beſuchen, — aber ihn in's Haus nehmen, dazu würde ich nim⸗ mermehr rathen, guter Bruder.“ „Geld wird ihm nimmermehr die verlorenen Ael⸗ tern erſetzen,“ erwiederte der Bruder kopfſchüttelnd. „Solch ein armer Burſch, der mutterſeelenallein in der Welt ſteht, bedarf vor Allem Liebe, Erziehung und Beiſpiel. Ich meine, Marianne, das letztere fände er wohl an uns, was Ordnung, Pünktlichkeit und Reinlichkeit anbetrifft; an Liebe wird es meine 11 gute Schweſter einer armen Waiſe nimmermehr fehlen laſſen, wenn ſie derſelben nur einigermaßen würdig iſt,— und rnicht Betreff der Erziehung, da könnte ich ja einmal den Verſuch machen. Du weißt, Schweſter, mich hat zumeiſt das Leben ſelber erzogen, und dies iſt ein ſtrenger Lehrmeiſter, von welchem man Vieles lernen kann. Was meinſt du,— ſollten wir nicht wenigſtens einen Verſuch mit dem armen Matthias machen?« Die Schweſter, obgleich ſonſt immer nachgiebig ge⸗ gen die Wünſche ihres Bruders, beharrte doch in die⸗ ſem Falle hartnäckig auf ihrer Weigerung und ſchüt⸗ telte immer wieder von Neuem abwehrend den Kopf. Nicht aus Selbſtſucht, gewiß nicht! Sie wollte wohl. gern alle Mühen und Sorgen für den fremden Knaben ³ über ſich nehmen; aber es wollte ihr nicht in den Sinn, daß der Bruder vielleicht durch deſſen Anweſenheit be⸗ irrt, gereizt, in ſeinen langjährigen Gewohnheiten ge⸗ ſtört werden ſollte. Das durfte nicht ſein, durchaus nicht, und darum blieb ſie dabei, der Bruder möge dem Knaben Geld ſchicken, aber nicht ihn in das Haus nehmen.* „Was wollteſt du eigentlich hier mit ihm anfangen?“« fragte ſie.„Und wie alt iſt er denn?“« „»Nun ich vermuthe, daß er nahe am ſechszehnten Jahre ſein muß,“ erwiederte der Bruder ganz gelaſſen und ohne von den Einwürfen der Schweſter irgendwie beunruhigt zu werden.„Wir müſſen eben ſehen, wenn er hier iſt. Vielleicht, wenn er zum Geſchäft Luſt be⸗ zeigt, mache ich ihn zu meinem Lehrlinge. Ich habe ſchon immer gewünſcht, einen jungen Menſchen u mich zu haben, auf den man ſich mehr, als auf i 7 gewöhnlichen Ladendiener verlaſſen kann. Wer weiß, ob nicht Matthias gerade dazu paßt.“ 1 „Aber wenn er nun nicht paßt? Dann haben wir ihn bei uns und können ihn nur ſchwer wieder los werden. Oh, Bruder, überlege dir die Sache doch ja recht reiflich.“« „Sie iſt überlegt nach allen Seiten hin, Schweſter. Geſetzt, der ſchlimmſte Fall träte ein, daß Matthias nicht zu uns paßte, daß er weder für Liebe, noch Er⸗ ziehung, noch Beiſpiel empfänglich wäre, daß ich ihn im Geſchäft nicht gebrauchen könnte,— was wäre dann verloren? Man würde ihn immer noch ander⸗ weitig in irgend einer Erziehungs⸗Anſtalt unterbringen können. Aber vor Allem, gute Marianne, will mich doch bedünken, daß es meine Pflicht ſei, mich des Enkels meines alten Freundes liebreich anzunehmen, und ihm ſo noch im Grabe meine Dankbarkeit zu be⸗ weiſen. Denke nur an das, was der gute alte Daniel ganz uneigennützig an mir gethan hat. Er hat mich, da ich dem Verderben zutaumelte, auf den rechten Weg geleitet. Darf ich mich beſinnen, ein Gleiches an ſeinem Enkel zu thun? Noch dazu, da wir ja nicht einmal wiſſen, wie Herz und Gemüth bei ihm beſchaffen ſind? Er kann ja ein ganz braver, guter Junge ſein, Ma⸗ rianne!“ 1 „Wenn er's aber doch nicht wäre?“« „So iſt und bleibt er der Enkel meines väterlichen Freundes!“ ſprach Herr Krempelhuber nachdrücklich. „Wuͤrdeſt du ihn von unſererS chwelle weiſen?“ Marianne ſchlug die Augen nieder.„So geſchehe denn, was du haben willſt!“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. ————ÿ— „edenfalls ſei verſichert, es wird dem Knaben nicht * — ſöhnt, und nicht ohne Beſorgniß und Unruhe gedach 1³ an mütterlicher Liebe und Sorgfalt fehlen, wenn er denn einmal zwiſchen uns treten ſoll.“ „Nicht zwiſcen uns, ſondern neben uns, Ma⸗ rianne,“ erwiederke lächelnd der Bruder.„So iſt es alſo abgemacht. Richte ein Zimmer für den Knaben ein. Es wird nicht lange dauern, ſo kommt er.“ „Und Gott ſegne ſeinen Eingang und wolle Alles zum Beſten lenken,“ flüſterte die Schweſter.„Wenn — nur du nicht geſtört und beläſtigt wirſt, ich will mich ja gern in Alles ſchicken und fügen.“ Herr Krempelhuber drückte ihr mit freundlichem Blicke die Hand. „Es wird ſich ſchon Alles machen,“ ſagte er ſanft. „Wenn Matthias nur eine Ader von ſeinem Großvater hat, ſo werden wir uns bald an ihn, er wird ſich bald an uns gewöhnen. Wo nicht, ſo müſſen ſich eben Mittel und Wege finden, dem jungen Menſchen in der Welt fortzuhelfen. Auf ein Stück Geld, gute Marianne, braucht es uns ja, Gott ſei Dank, nicht anzukommen.“ Mit dieſen Worten endigte das Geſpräch. Der Abend war vollends hereingebrochen, die Sterne funkel⸗ ten am Himmel, und die Nachtluft ſtrich kühl durch den Garten. Die Geſchwiſter verließen die Laube und begaben ſich in das Haus. Valentin ſchrieb noch am nämlichen Abende einen Brief an Matthias' Vormund; die Schweſter aber ſaß ſtill im Sorgenſtuhl, und dachte über die Veränderungen nach, welche die Ankunft eines fremden Menſchen in dem ſtillen, geregelten Haushalte nothgedrungen herbeiführen mußte. Noch war ſie nicht vollkommen mit der Entſcheidung des Bruders ausge⸗ ſie der nächſten Zukunft. Alles Sinnen und Gruͤbeln änderte indeſſen bei der Angelegenheit nichts. Sie mußte ſich in die Narhmeritkadm Geduld ergeben, und ſeufzte nur leiſe vor ſich hin:„Gott lenke Alles zum Guten!“« Zweites Kapitel. Matthias. Es vergingen vierzehn Tage, und ſtündlich konnte nun der neue Hausbewohner erwartet werden. Aber ſeine Ankunft verzögerte ſich von Tag zu Tag, und Marianne gab ſich ſchon einer ſchwachen Hoffnung hin, daß Matthias wohl am Ende gar nicht kommen werde, da, eines Abends wurde ſchüchtern die Ladenthür ge⸗ öffnet, und ein junges Bürſchchen, vierzehn oder fünf⸗ zehn Jahre alt, mit blaſſem Geſicht und demuͤthig blicken⸗ den Augen, trat ein. Der arme Burſch war augen⸗ ſcheinlich ſo müde und erſchöpft, daß er ſich kaum noch auf den Füßen erhalten konnte. Sein höchſt einfacher Anzug von grauem Baumwollen⸗Stoffe war beſtäubt und ſchmutzig. Stiefel oder Schuhe trug er gar nicht, ſondern kam in bloßen Fuͤßen einher; dagegen hatte er ein leichtes Ränzchen über den Rücken geſchnallt und ſtützte ſich auf einen derben Knotenſtock, den er wahr⸗ ſcheinlich vom erſten beſten Dornbuſche abgeſchnitten hatte. Das Mützchen in der Hand ſtand er nun ſchüch⸗ * im Laden und ſchaute verlegfn umher. . ——————— * 4 4 4 15 „Wer biſt du?« fragte ihn Herr Krempelhube,⁵,ł nachdem er ihn ein Weilchen hinter dem Ladentiſche hervor betrachtet hatte. „Ich bin Matthias Keller aus Dohra,“ antwortete der Knabe leiſe,„und hier habe ich auch einen Brief an Herrn Valentin Krempelhuber.“ „Du biſt Matthias?« rief Herr Krempelhuber nicht ſehr angenehm überraſcht aus.„O weh! Was wird meine Schweſter ſagen, wenn ſie dich in ſolchem Auf⸗ zuge erblickt! Wo haſt du denn Schuhe und Stiefel gelaſſen, Junge?« »„Sie ſtecken im Torniſter, Herr! Es ging ſich leichter und ſchneller barfuß.“ „»Gegangen biſt du? Aber ich habe doch deinem Vormund geſchrieben, er ſolle dich mit der Poſt ſchicken!“ 4 „Ja, aber das wäre zu theuer gekommen, meinte der Herr Vormund. Ich könne eben ſo gut zu Fuße laufen, meinte er. Das hab' ich gethan, und da bin ich nun.“. „Nun ja, da biſt du, ſiehſt aber auch ſchön aus! Wie lange haſt du denn gebraucht zu der Fußreiſe hierher?« „Grade drei Wochen, Herr!« „Drei Wochen! Und die Poſt hätte dich in vier Tagen hergebracht! Da mußt du ja unterwegs für Nachtlager und Zehrung mehr bezahlt haben, als das Poſtgeld betrug. Wie?“ »Nein, Herr! Nein! Nachtlager hab' ich gar nicht bezahlt, denn unterwegs fand ich immer einen Heu⸗ haufen, in den ich mich verkriechen, oder einen Baum, unter dem ich ſchlafen konnte, und das koſtet nichts Die Zehrung machte auch nicht viel. In den erſten acht Tagen reichte aus, was mir der Herr Vormünder von Brod und Speck mit auf den Weg gab, und nach⸗ her fand ich gewöhnlich, bald bei einem Hirten auf dem Feellde, bald in einer Bauernhütte freundliche Aufnahme und ein Butterbrod oder ein Glas Milch. Es gibt viele gute Leute in der Welt, Herr, und faſt Alle, die ich angeſprochen, haben Mitleiden mit mir gehabt. Der Herr Onkel hat mir fünf Thaler mit auf den Weg gegeben, und die hab' ich heute noch, bis auf vier Groſchen, die ich geſtern Mittag für eine Suppe und ein wenig Fleiſch ausgab. Nehmen Sie es nicht 4 übel, Herr Krempelhuber, aber es ging nicht anders, mich hungerte ſo ſehr, und das Gaſthaus war das einzige Haus weit und breit. Da mußt' ich einkehren, und Sie werden's wohl wiſſen, in einem Gaſthauſe wird Einem nichts geſchenkt.“ Herr Krempelhuber ſchüttelte ganz erſtaunt den Kopf. „Nun, wenn du ein ſolches Leben ſeit drei Wochen 1 geführt haſt,“ ſagte er,„dann iſt's freilich kin Wun⸗-⸗ 1 der, wenn du ein bischen verwahrlost ausſiehſt. Aber ein wenig abſtäuben hätteſt du dich wohl können, und dir Geſicht und Hände waſchen, ehe du herein kamſt.“ „Ja, daran dacht ich nicht, ich war nur froh, daß ich endlich hier ankam und nun hörte, daß dies die Stadt ſei, wo ich bleiben ſollte,“ antwortete der Knabe. 4 „So biſt du wohl auch tüchtig müde und brav hungrig, wie?“ 2 „ Ja, Herr, müde zum Umſinken, denn ich habe drei Meilen in einem Striche gemacht, ohne anzuhalten, und gegeſſen hab' ich auch nichts ſeit Mittag. Da kann man wohl hungrig und müde werden.“ 3 * ———“ — — 8. 5.— ——8»8»8»86»6ʒ6ʒ6ʒö——·–‧“ 17 „Armer Junge, armer Junge, glaub's wohl!“ ſagte Herr Krempelhuber mitleidig.„Nun, du ſollſt aus⸗ ruhen und zu eſſen bekommen, daß du genug haſt, aber vor allen Dingen mußt du dich ſäubern und Schuhe und Strümpfe anziehen, denn ſo, wie du jetzt daſtehſt, kann ich dich nicht zu meiner Schweſter bringen. Ein Glück, daß ſie grade im Garten beſchäftigt iſt. Warte, ich will Liſette rufen. Die ſoll dich auf dein Zimmer führen und dir Waſchwaſſer, Seife und Bürſte bringen. He, Liſette! Liſette!“ Die Magd kam und Herr Krempelhuber ertheilte ihr die nöthigen Weiſungen. Voller Verwunderung ſtarrte ſie den fremden Gaſt an. „Der ſoll bei uns bleiben?“ ſagte ſte.„Der ſieht ja ſchlimmer aus, als der ſchlimmſte Straßenjunge! Nun, da bin ich neugierig, was Mamſell Marianne dazu ſagen wird! Ei Herrje, Herrje! Den kann man ja gar nicht anfaſſen, ohne ſchmutzige Finger zu kriegen.“ „Thut nichts, Liſette!“ fiel ihr Herr Krempelhuber in die Rede.„Warmes Waſſer und Seife thun da Wunder! Denke nur, der arme Burſch iſt während ganzer drei Wochen in kein Bett gekommen, ſondern hat jede Nacht unter freiem Himmel geſchlafen! Da kann er natürlich nicht ſehr ſauber ausſehen!“ „Ach, du lieber Gott! Drei Wochen in kein Bett, das iſt ja erſchrecklich!“ rief Liſette, plötzlich ganz um⸗ gewandelt, voller Mitleid aus.„Ja, da freilich! Nun, ſo komm' mein Söhnchen! Wir wollen bald wieder Grund auf die Haut bekommen. Gott ſei Dank, an Seife fehlt's hier im Hauſe nicht.“ Die alte Magd, noch älter an Jahren, als ihre Herrſchaft, die ſie als Kinder ſchon auf ihren Armen Jung gewohnt ꝛc. 18 gewiegt, nahm den Gaſt ohne viele Umſtände beim Arme und führte ihn fort. Matthias mußte ſich gründ⸗ lich waſchen und ſäubern, und während dies geſchah, klopfte und bürſtete ſie ſeine Kleider aus, putzte ſeine Schuhe blank, und ſtriegelte ihm endlich das blonde Haar mit Kamm und Bürſte ſo ſorgfältig, daß er nach einer halben Stunde ganz manierlich ausſah. In die⸗ ſem Zuſtande führte ſie ihn Herrn Krempelhuber wieder zu, der ihn jetzt mit beifälligem Kopfnicken betrachtete. „So iſt's ein ander Ding!“ ſagte er.„Jetzt kannſt du dich allenfalls vor meiner Schweſter ſehen laſſen. Komm!“ 4 Er nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Garten hinaus, um ihn ſeiner Schweſter vorzuſtellen. Marianne fuhr unwillkürlich zurück, denn obgleich einiger⸗ maßen geſaͤubert, machte Matthias in ſeinen groben, ſchlecht ſitzenden Kleidern, und mit ſeinem blaſſen, er⸗ müdeten Geſicht keineswegs den angenehmſten Eindruck auf ſie. 1 „Oh, mein Gott,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt,„nun iſt der Junge wohl gar auch noch kränklich! Da wer⸗ den wir unſere Noth mit ihm haben! Hätt' ihn doch Valentin gelaſſen, wo er geweſen iſt!“ Ob Matthias den Ausdruck des Widerwillens in den Zügen Mariannens erkannte und ihn zu beſchwich⸗ 1 tigen ſuchen wollte, oder ob er nur dem natürlichen Triebe ſeines Herzens folgte, das ſich ſo vereinſamt und liebebedürftig fühlte, wer konnte das wiſſen? So viel aber ſtand feſt, daß er das beſte Mittel ergriff, das gute Gemüth Mariannens ſchnell zu ſeinen Gun⸗ ſten zu ſtimmen. Er heftete einen ſanften, bittenden ——õ—— 11 19 Blick auf ſie, ergriff ihre Hand, zog ſie an ſeine Bruſt, und ſagte mit gedrückter Stimme: »Oh, ſeien Sie nicht hart und böſe gegen mich ar⸗ men Jungen! Ich ſtehe ſo verlaſſen in der Welt, und will ja gern herzlich dankbar ſein für alles Gute, auch das Geringſte, was Sie mir bezeigen wollen. Wenn man nicht Vater, noch Mutter mehr hat, das iſt ſehr hart und thut dem Herzen bitter weh!« Die ſanfte, demüthige Sprache des armen Matthias ſchmolz ſogleich die Eisrinde, die Mariannens Herz gegen den fremden Eindringling verſchließen wollte. Ein Schimmer von Rührung glänzte in ihren Augen, und anſtatt den Knaben zuruͤckzuſtoßen, zog ſie ihn an ſich und fuhr mit der Hand ſanft über ſeine bleiche eingefallene Wange. »Armes Kind! Arme Waiſe!« ſagte ſie.»Nein, nicht vergebens ſollſt du dich an mein Herz gewendet haben. Fürchte nichts von mir! Ich will Mutterſtelle bei dir vertreten, und wenn du nur guten Willen zeigſt, ſo werd' ich dich mit der Zeit auch liebgewinnen. Ver⸗ laſſen von aller Welt, ohne Vater und Mutter,— ja, das iſt ein ſchweres Schickſal, das Nachſicht für Vieles findet. Ich heiße dich willkommen, Matthias, und Hoit verhüte, daß wir Anderes als Freude an dir er⸗ eben.« Sie küßte ihn auf die Stirne. Matthias weinte ſtill vor ſich hin, er mochte wohl der verſtorbenen Ael⸗ tern gedenken. Plötzlich wurde er ſehr blaß und ſeine Kniee wankten unter ihm. Ermüdung, Gemüthsbewe⸗ gung und Hunger ſchienen ihm ſeine letzten Kräfte rauben zu wollen.— 2* „Mein Gott, was iſt dir“ fragte Marianne er⸗ ſchrocken.— „Ei, was wird ihm ſein?“ ſagte ihr Bruder ſchnell. „dDer arme Schelm hat in drei Wochen nichts Ordent⸗ liches, und heute faſt gar nichts gegeſſen! Da kann der Stärkſte ſchwach werden!“ Jetzt erwachte erſt recht das Mitleid in dem Herzen der guten Marianne. „Warum haſt du mir denn das nicht gleich zuerſt geſagt, Valentin?« rief ſie vorwurfsvoll ihrem Bruder zu.„Aber, Gott ſei Dank, da läßt ſich helfen! Ge⸗ ſchwind, Liſette! Bringe Wein und kalte Küche! Schnell, ſchnell, ſonſt fällt uns der arme Burſche wohl gar noch in Ohnmacht!“ Liſette lauſchte an der Gartenthüre, um zu ſehen, wie Matthias von ihrer Herrin empfangen werden würde, und da war es denn recht gut, daß man ſie gleich bei der Hand hatte. Flink eilte ſie davon und kehrte bald mit dem Verlangten zurück. Marianne ſelber ſchenkte Mathias ein Glas Wein ein und führte es an ſeine Lippen, und der arme Junge fühlte ſich bald wunderbar erfriſcht und geſtärkt. Eine ſchwache Röthe kehrte auf ſeine blaſſen Wangen zurück, und mit zärtlichem Blicke dankte er ſeiner Pflegerin für die mütter⸗ liche Sorgfalt, welche ſie ihm bezeigte. Dann aß er wacker von den guten Sachen, welche ihm vorgelegt wurden, und Marianne ſah ihm mit heimlichem Ver⸗ gnügen zu, und freute ſich, daß es ihm ſo gut ſchmeckte. Endlich erklärte er, daß er geſättigt ſei, und ſchaute mit hellen, offenen Augen Marianne an. „Ich danke, danke tauſend Mal,“ ſagte er herzlich. 21 „So gut iſt's mir in meinem ganzen Leben noch nicht geworden!“ Marianne tauſchte einen zufriedenen Blick mit ihrem Bruder aus, und Herr Krempelhuber rieb ſich vergnügt die Hände. Er ſah nun ſchon, ſeine Schweſter nahm Antheil an der armen Waiſe, ihr Mitleid war erregt worden, und nun konnte er ſo ziemlich ſicher ſein, daß ihre Theilnahme für's Erſte nicht wieder erkalten werde. Das freute ihn. Da er dem verwaiſeten Knaben ein⸗ mal eine Stätte in ſeinem Hauſe bereitet hatte, ſo wünſchte er auch, daß es eine freundliche Stätte für ihn werden möge, wo er ſich wohl und heimiſch fühlen konnte.. Marianne indeß, als ſie ſah, daß Matthias ſich vollſtändig wieder erholt hatte, ſetzte ſich zu ihm und fragte ihn ein wenig über ſeine Vergangenheit aus. Matthias gab offenen Beſcheid, und da erfuhr man denn bald, daß er allerdings in den letzten Jahren ſeit dem Tode ſeiner Mutter bedeutend verwahrlost worden war. Nur freilich ohne ſeine Schuld, und ſelbſt auch ohne die Schuld ſeines Vaters. Dieſer, ein ſehr ge⸗ ring beſoldeter Beamter, hatte den größten Theil ſeiner Zeit in ſeinem Geſchäfts⸗Büreau zubringen, und deshalb nothgedrungen den Knaben meiſt ſich ſelbſt überlaſſen müſſen. Sein kleiner Gehalt hatte kaum für die nöthig⸗ ſten, täglichen Bedürfniſſe ausgereicht, und ſo hatte er weiter nichts für ſeinen Sohn thun können, als ihn in die Schule ſchicken. Wie Matthias, dann ſeine Frei⸗ ſtunden anwendete, darum konnte er ſich nicht viel be⸗ kümmern. Matthias geſtand offenherzig ein, daß er ſie meiſt in Geſellſchaft mit Knaben ſeines Alters zuge⸗ bracht, und ſich mit dieſen gewöhnlich in Wald und 22 Feld umhergetummelt habe. An Ordnung, Pünktlich⸗ keit und geregelte Thätigkeit konnte er alſo wohl nicht gewöhnt ſein, und Schweſter Marianne ſchüttelte daher bedenklich den Kopf, als ſie die Geſtändniſſe des neuen Hausgenoſſen vernommen hatte. „Und dann, als dein Vater ſtarb, Matthias, was geſchah dann?« fragte ſte. „Ja, da war's freilich ſehr traurig und ſah ſchlimm aus,“ antwortete Matthias.„Mein armer Vater, wenn ich an ſeinem Krankenbette ſaß, wiederholte mir oft, daß ihm das Sterben nur um meinetwillen ſo ſchwer werde, weil er mich doch ſo ganz ohne Hülfe in der Welt zurücklaſſen müſſe, und nur ganz zuletzt, als er eines Tages kurz vor ſeinem Tode noch mit meinem Herrn Vormunde wohl über eine Stunde lang allein geſprochen hatte, da ſchien es, als ob er ein wenig uͤber mein Schickſal beruhigt ſei. „„Folge ihm! ſagte er zu mir mit ſchwacher Stimme. ‚Er wird vielleicht, wenn Gott die Herzen zum Guten lenkt, ein Plätzchen für dich finden. Es lebt Jemand, der der Freund deines Großvaters war. An ihn wird er ſich wenden, und Gott gebe, daß die Bitte eines Sterbenden bei ihm Gehör findet. Es iſt meine letzte Hoffnung für dich!“ »Eine Stunde darauf,“ fuhr der Knabe fort, und heiße Thränen drangen bei der Erinnerung aus ſeinen Augen,—„eine Stunde darauf war mein armer Vater geſtorben, und drei Tage ſpäter weinte ich an ſeinem Grabe. Nun bin ich hier. Ich weiß nicht, wie ich vergelten ſoll, was Sie mir Gutes thun, aber gewiß, reecht herzlich lieben will ich Sie für Alles!« „»Und das iſt vor der Hand genug, mein lieber 23 Matthias,“ ſprach Herr Krempelhuber gütig, und reichte dem Knaben ſeine Hand.„»Wo die rechte Liebe wohnt, da findet ſich mit der Zeit Alles ein, was gut iſt. Ich hoffe, wenn wir erſt näher mit einander bekannt wer⸗ den, daß Keiner von uns bereuen wird, dem Anderen nahe getreten zu ſein. Doch für heute haben wir genug geplaudert. Du biſt müde und bedarfſt der Ruhe. Geh', lege dich ſchlafen, und der Himmel ſende dir Troſt und Erquickung.“ Matthias gehorchte willig, denn er war wirklich todtmüde, der arme Burſch. Als er ſich entfernt hatte, blickte Valentin ſeine Schweſter fragend an. »Nun, was meinſt du zu ihm?« ſagte er. „Ich meine, daß wir noch recht unſere Noth mit ihm haben werden, bis er ſich in unſere Gewohnheiten ſchicken lernt,« entgegnete Marianne.„Er iſt, wie es ſcheint, in der That recht verwahrlost, aber Eines tröſtet mich und läßt mich hoffen, daß doch noch Alles nach unſeren Wünſchen gehen werde.“ „Und dies iſt?« „Sein gutes Herz! Er hat ein dankbares, für Güte empfängliches Gemüth. Und das iſt die Hauptſache!“ »Derſelben Meinung bin auch ich,“ ſagte Valentin. „So laß uns denn mit Geduld, Liebe und Nachſicht auf ihn einwirken, liebe Schweſter. Der Boden, der unſere Saat aufnehmen ſoll, iſt weder ſteinig noch un⸗ fruchtbar. Es wird alſo nur unſere Schuld ſein, wenn er nicht gute Früchte trägt.“ „Wir wollen unſer Beſtes thun,“« erwiederte die Schweſter.„Wenn Gott ſeinen Segen giebt, ſo hoff ich auf ein gutes Gedeihen. Aber freilich, an Geduld dürfen wir es nicht fehlen laſſen!« 24 Valentin nickte. Sie lächelten einander freundlich an. Beide verſtanden ſich, und im Herzen einig, kehr⸗ ten ſie aus dem Garten in ihr ſtilles Haus zurück. Drittes Kapitel. Wie ſich Matthias im Hauſe anſtellt. Nun ja freilich, es ſtellte ſich bald heraus, daß Marianne ſehr richtig geurtheilt hatte, als ſie Matthias für einen recht verwahrlosten jungen Menſchen erklärte. Matthias wußte in der That nur wenig von einem ordentlichen, geregelten häuslichen Leben, und von Rein⸗ lichkeit und Achtſamkeit auf ſeine Perſon hatte er kaum einen Begriff. Herr Krempelhuber verſah ihn mit neuen Kleidern, und Marianne beſorgte ihm Wäſche, welche ſie fein ſäuberlich und in ſchönſter Ordnung in die Kommode ſeines kleinen Zimmers einräumte. Aber Matthias wußte weder, wie er ſich in ſeinen neuen, feinen Kleidern bewegen ſollte, noch verſtand er es, die Ordnung in ſeiner Wäſche, und überhaupt in ſeinem Zimmer aufrecht zu erhalten. Niemand hatte ihn von Kindheit auf dazu gewöhnt. Seine Mutter, die es ſicherlich gethan haben würde, war viel zu früh für ihn geſtorben, und ſein Vater hatte keine Zeit gehabt, ſich um ihn zu bekümmern. Matthias ging mit ſeinen neuen, ſchönen Sachen um, wie mit ſeinen alten, das heißt, er ſchonte ſie nicht, und gab nicht Acht darauf. Schon gleich das erſte Mal, als er ſie angezogen hatte und dann Mittags zu Tiſche kam, ſchlug Marianne vor Erſtaunen und Schrecken die Hände über dem Kopfe zuſammen. Sein Rock und ſeine Hoſe waren mit Staub und Spinneweben bedeckt, mit den Aermeln, dem Rücken und den Knieen hatte er, wie es ſchien, den Kalk von den Wänden im Hauſe abgeſcheuert. Sein Geſicht ſah ganz marmorirt aus von allerlei Schmutz; in den durch einander gewirrten Haaren hingen Heu⸗ büſchelchen und Strohhalme, und ſeine Hände waren ſchwarz und rußig, wie die eines Schornſteinfegers. „Um Gottes willen, wo haſt du geſteckt, Matthias?« rief ihm Marianne entgegen, indem ſie abwehrend die Hände nach ihm ausſtreckte, damit er ihr nicht zu nahe kommen möge. Matthias erzählte ganz unbefangen, daß er ſich überall im Hauſe umgeſehen habe, durch die Magazine gegangen, in alle Winkel gekrochen, auf alle Böden ge⸗ kleitert ſei, daß er da oben mit einem Schornſteinfeger⸗ Jungen zuſammen gekommen wäre, und daß er der Luſt nicht habe widerſtehen können, auch ein bischen mit in den Schornſtein zu kriechen, und dann über das Dach auch noch in des Nachbars Haus zu klettern. Dort habe er mit dem Schornſteinfeger⸗Jungen eine Katze gejagt von einem Boden zum andern, und da möge es wohl gekommen ſein, daß er hier und da ein wenig angeſtreift und ſich ſchmutzig gemacht habe. „Und allen dieſen Schmutz bringſt du mir nun in unſer reinliches Haus!« rief Marianne außer ſich.„Aber haſt du denn gar nicht daran gedacht, wie ſehr du deine 26 ſchönen, neuen Kleider verdirbſt, wenn du ſolche Streiche machſt?« „Nein, daran habe ich wirklich nicht gedacht,“ ant⸗ wortete Matthias etwas verlegen. „Und auch nicht einmal daran, dich ein wenig zu ſäubern, ehe du zu Tiſche kommſt?“ „Nein, daran auch nicht! Ich bin nicht daran ge⸗ wöhnt, aber ich will es gleich jetzt nachholen, liebe Tante!“ Er eilte davon, bürſtete ſeine Kleider aus, wuſch und ſäuberte ſich, ſo gut es gehen wollte, und kehrte dann in etwas anſtändigerem Aufzuge zurück, um ganz ſtill und demüthig ſein Mittagseſſen einzunehmen. Ma⸗ rianne hielt ihm dabei eine eindringliche Predigt, und prägte ihm zu wiederholten Malen ein, daß er ſich von Grund aus ändern und beſſern müſſe, wenn ſie Beide gute Freunde bleiben ſollten. Matthias hörte ſehr auf⸗ merkſam zu, ſchien aber von der ganzen Rede nicht viel zu verſtehen, und hatte ſie in der nächſten Stunde ſicher⸗ lich wieder vergeſſen. Zwar kroch er nicht wieder mit en Schornſteinfeger⸗Jungen in den Schornſteinen um⸗ jagte auch keine Katzen mehr, weil Marianne ihm dieß ausdrücklich verboten hatte, aber Ordnung und Reinlichkeit lernte er deshalb doch nicht, und die Tante,— wie Matthias Mariannen nennen mußte,— fand jeden Tag bei ihm Anlaß zu Tadel und Unzu⸗ friedenheit. Einſt kam ſie ganz außer ſich vor Entſetzen zu ihrem Bruder, und ſorderte ihn auf, mit in Matthias' Zim⸗ mer zu kommen und ſich die gränzenloſe Unordnung anzuſehen, die dort eingeriſſen wäre.- Allerdings ſah es denn auch ziemlich arg aus bei — 27 dem guten Matthias. Die Kleider, anſtatt, wie ſich's gehört hätte, in den Schränken zu hängen, lagen in allen Winkelr und auf den Stühlen umher; in den Kommode⸗Kaſten ſah man nichts als ein wüſtes Durch⸗ einander von ſchwarzer und weißer Wäſche, Halstücher, Hemden, Schnupftücher, Schuhe und Stlefel lagen in buntem Gemiſch durch einander, der Stiefelknecht ſtand mitten in der Stube, Kämme und Bürſten, Buͤcher und Tintenfaß ſonnten ſich in gemüthlicher Eintracht auf dem Fenſterſims, und man fand in dem Bereiche des Zimmers auch nicht ein einziges Stück Möbel oder Geräth, das an ſeinem eigentlich ihm zukommenden Platze geweſen wäre. Marianne weinte vor Unmuth und Verdruß,— aber ihr Bruder Valentin lächelte nur. »Es iſt ein bischen arg, Schweſter! Ja, ein bis⸗ chen ſehr arg, will ich ſogar zugeben,“ ſagte er,— »aber— du mußt immer daran denken, daß es der arme Junge nicht anders gewöhnt iſt, und— jung ge⸗ wohnt, alt gethan. Wir müſſen ihn eben anders ge⸗ wöhnen. Ich weiß wohl, es gehört Geduld dazu,— aber erinnere dich, wir haben uns ja vorgenommen, Geduld, Liebe und Nachſicht nie aus den Augen zu verlieren.“ „Aber er macht es zu arg, Bruder,“ verſetzte Ma⸗ rianne.„Sieh' nur, wie er mit den ſchmutzigen Stie⸗ feln die friſch gewaſchenen Hemden beſchmutzt hat! Sie müſſen wahrhaftig von Neuem in die Wäſche wandern, denn in ſolchem Zuſtande kann er ſie nicht anziehen.“ „So laß ſie noch einmal waſchen, und mache zu⸗ gleich dem nachlaſſigen Burſchen die geeigneten Vor⸗ ſtellungen, damit er ſich mit der Zeit beſſert.“ X * 28 „Ich rede immer und alle Tage auf ihn ein, aber es nützt ja nichts!“ erwiederte Tante Marianne.„Erſt vorgeſtern noch kommt er von der ſchmutzigen Straße mit ſeinen ſchmutzigen Stiefeln in meine Stube und trappt mir den ganzen Teppich voll Schmutz, ſo daß Liſette zwei Stunden zu thun gehabt hat, um den Tep⸗ pich nur einigermaßen wieder zu ſäubern! Und wie hat er's denn neulich in deiner Stube gemacht, Bruder? Erſt das Tintenfaß über die weiß geſcheuerten Dielen ausgegoſſen, dann mit ſeinem dummen Schnitzmeſſer die ganze Stube voll Spähne geſchnitzelt, und zuletzt gar deine Papierſcheere verdorben! Nein es iſt zu arg!« Herr Krempelhuber lächelte nach wie vor, und er⸗ griff ſanft der Schweſter Hand. „Und warum that er dies Alles?« fragte er.»Aus Muthwillen oder gar aus Bosheit? Sag' es mir, MNarianne!“ Die Schweſter ſchwieg. „Nun, du weißt wohl, warum er's that!“ fuhr Herr Krempelhuber fort.„Er that es, um dem armen, kleinen, kränklichen Jungen dort drüben im Hinterhauſe eine Freude zu bereiten. Er machte ihm einen Drachen zurecht, und in ſeinem Eifer dachte er freilich nicht daran, daß ich es liebe, meine Stube in Ordnung zu erhalten.“ „»Nun ja, ein gutes Herz hat er,“ entgegnete Tante Marianne ſchon beſänftigter, jedoch immer noch ein wenig verdrießlich,—»aber bei alledem iſt es doch kaum mehr auszuhalten. Auch Liſette klagt über ihn. Geſtern hat er ihr die ganze Küche mit Ofenruß ver⸗ unreinigt!“ —-—-:— — 29 „Ganz recht, ich habe davon gehört,« antwortete Herr Krempelhuber fortwährend lächelnd.„Indeß, Li⸗ ſette iſt ſelbſt ganz allein ſchuld daran.“ 1 „Liſette? Wie ſo?« »Nun, ſie hat gegen Matthias geklagt, ihre Koch⸗ Maſchine habe keinen rechten Zug mehr und das Feuer wolle nicht mehr recht brennen. Das hat ſich der Matthias gemerkt, und Nachmittags, als Liſette im Garten beſchäftigt war, hat er die Gelegenheit wahr⸗ genommen und die Koch⸗Maſchine gründlich von Ruß und Aſche gereinigt, ſo daß ſie jetzt Zug hat, ſo viel man nur wünſchen kann. Ich finde das recht hübſch von unſerem Matthias.“ »Hübſch hin, hübſch her,« ſagte Tante Marianne immer noch unwirſch,„der Maurer hätte das beſſer gemacht, als er, und mir dabei die Küche nicht ver⸗ ſudelt. Liſette hat mindeſtens acht Tage zu thun ge⸗ habt, die beſchmutzten Flieſen wieder blank und rein zu waſchen. Der Matthias iſt und bleibt ein Thunicht⸗ gut 14⁴ »Dabei aber doch immer ein guter Junge!“« be⸗ hauptete Herr Krempelhuber. Seine Fehler ſind die Fehler einer vernachläſſigten Erziehung, ſeine Tugenden aber wurzeln in ſeinem Herzen, und es bedarf nur einiger Pflege, um ſie zur Entfaltung zu bringen. Du weißt nur nicht mit ihm umzugehen, Schweſter. Du ſchüch⸗ terſt ihn ein, und machſt ihn verwirrt und kopfſcheu mit deinen ewigen Strafpredigten. Aber nur Geduld! Von morgen an will ich ihn in's Geſchäft nehmen, und du wirſt erleben, daß er ſchon in vier Wochen ein ganz Anderer iſt, als jetzt. Ich ſtutze ihn zurecht, Marianne, du ſollſt es ſehen!“ 30 „»Nun, ich bin neugierig, in der That,“ erwiederte die Schweſter mit einem ungläubigen Kopfſchütteln. „Verſuche dein Heil mit ihm. Es ſoll mich freuen, wenn du ihm einige Begriffe von Ordnung und Rein⸗ lichkeit beibringſt. Abgeſehen von dieſen Mängeln iſt er freilich ein recht gutmüthiger Burſche. Aber, aber, es wird ſchwer halten, Bruder!“ „Nur der Anfang iſt ſchwer,« antwortete Herr Krempelhuber.„Iſt Matthias nur einmal zur rechten Einſicht und Erkenntniß gekommen, ſo wird er ſchon ſelber auf ſich merken. Jetzt thut er eben, wie er's gewöhnt iſt. Man muß ihm andere Gewohnheiten beibringen, und dazu bedarf es bei ihm nur des rich⸗ tigen Anſtoßes.“ Marianne meinte, ſie hätte ihm ſchon Anſtoß genug gegeben, nur wollte ſie nicht eingeſtehen, daß dies eben— nicht in der rechten Weiſe geſchehen ſei. Herr Krempel⸗ huber aber gedachte es anders anzufangen. Am nächſten Morgen nahm er Matthias mit in den Laden, und wies ihm mit einfachen Worten ſeine Beſchäftigung a. 32 „Es wird mir Freude machen,“ ſagte er zuletzt, „wenn du recht pünktlich und ſorgfältig ausführſt, was ich dir auftrage. Ordnung und Pünktlichkeit ſind die Seele des Geſchäfts. Wer ſich nicht bei Zeiten an dieſe Tugenden gewöhnt, wird in ſeinem Leben kein brauchbarer Menſch, und am allerwenigſten ein brauch⸗ barer Geſchäftsmann. Das merke dir, Matthias.“ Matthias merkte ſich's. Er gab ſich alle Mühe, den Weiſungen Herrn Krempelhubers auf's Genaueſte nachzukommen, und ſein Geſicht ſtrahlte vor Freude, als „ 31 Herr Krempelhuber ihm am Abende ſeine Zufriedenheit ausdrückte. »Das haſt du brav gemacht, Matthias,“ ſagte er. Fahre ſo fort. Gewöhnung thut Alles. Wie ſich der Menſch in der Jugend gewöhnt, ſo hat er's und iſt er im Alter. Am anderen Tage ging es, wie am erſten. Mat⸗ thias that ſeine Schuldigkeit, um ſich am Abend ein Lob zu verdienen, woran es Onkel Krempelhuber auch nicht fehlen ließ, um ſeinen Eifer rege zu erhalten. Eine Woche reihte ſich an die andere, und Matthias erlahmte nicht in ſeinen Beſtrebungen. Ja, noch mehr, auch außer dem Geſchäfte machte ſich der einmal ge⸗ weckte und fortwährend geübte Ordnungsſinn bemerkbar, und als Tante Marianne nach etlichen Monaten wieder einmal Matthias Zimmer nachſah, war ſie nicht wenig erſtaunt, hier in den Kommoden, Schränken und Kaſten Alles leidlich aufgeräumt und in ziemlich gutem Stande zu finden.. „Du biſt ein Hexenmeiſter,« ſagte ſie zu ihrem Bruder. 2 „Nicht weniger, als das,“ erwiederte dieſer lachend. „Ich habe Matthias eben nur allmählig an Ord⸗ nung und Reinlichkeit gewöhnt. Du wollteſt Alles auf einmal zwingen, Schweſterchen, und das ging nicht, weil ihm die alten üblen Gewohnheiten aus ſei⸗ ner verwahrlosten Jugendzeit her noch in den Gliedern ſteckten. Gewöhnt ſich aber Jemand nur erſt in Einem Dinge zur Ordnung, ſo kommt alles Uebrige von ſelbſt, ohne weitere Nachhülfe. Im Geſchäft hat Matthias Hangefangen, und nun verbreitet ſich ſeine Ordnungsliebe auch auf alles Uebrige. Nun muß er noch vor einem 32 etwaigen Rückfalle in die alten Gewohnheiten gehütet werden, und daß dieſes geſchehe, ſei meine Sache. Nächſten Sonntag werde ich einen Spaziergang mit ihm machen.“ 3 8. „»Und was willſt du da mit ihm beginnen?« „Ich will ihm eine kleine Geſchichte erzählen, die vielleicht einigen Eindruck auf ihn macht,“ erwiederte Herr Krempelhuber.„Thut ſie dies, wie ich hoffe, ſo halte ich ſeine Heilung für vollendet und gründlich ge⸗ ſichert.“* „Wir wollen's abwarten,“ ſagte Marianne, und man konnte ihr's anſehen, daß ſie trotz des ſchon er⸗ zielten guten Erfolges immer noch einige Bedenklichkeiten hegte. Ihr Bruder errieth es wohl. „Warten wir's ab,“ erwiederte er.„Die Folgezeit wird lehren, daß ich recht habe, und wenn du ſelbſt dann noch zweifeln ſollteſt, ſo kannſt du ja unſeren Matthias auf die Probe ſtellen. Ich möchte dafür einſtehen, daß er ſie glänzend beſteht, natürlich immer vorausgeſetzt, daß es mir gelingt, ihm ſeine jetzige Ord⸗ nungsliebe zur dauernden Gewohnheit zu machen, denn 2 dies iſt unter allen Umſtänden die Hauptſache. Uebri⸗ gens geſtehe nur, Schweſterchen, du hatteſt ſchon große Luſt, unſeren armen Matthias wieder aus dem Hauſe zu ſchaffen, als er dir die blanke Küche mit ein wenig Ruß verunreinigt hatte.“ „Nun, es war mir damals freilich ärgerlich genug,« geſtand Marianne ein.„Aber wer auch bei ſolchen Sachen nicht die Geduld verliert, muß eine wahre Engels⸗Natur haben!“ „Nicht doch, Schweſterchen,— nur ein wenig Aus⸗ dauer und Geduld! Mit dieſen Beiden kann man 2 33 ſchon ziemlich viel erreichen, wenn man nicht mit böſem Willen zu kämpfen hat. Und, Gott ſei Dank, den hat unſer Matthias denn doch nicht, ſondern vielmehr den beſten von der Welt. Du wirſt dich davon noch mehr überzeugen, Marianne, als es ſchon jetzt der Fall iſt.“ Der nächſte Sonntag, welchen Herr Krempelhuber zu einem Spaziergange mit Matthias benutzen wollte, kam heran und brachte das herrlichſte Wetter mit. Es war ein ſchöner, ſonniger, milder Spätſommer⸗Tag. Ein feiner, bläulicher Duft hüllte die fernen Berge wie mit einem halb durchſichtigen Schleier ein; die Sonnenſtrahlen blitzten und funkelten Diamanten gleich auf den klaren Wellen des Fluſſes, die Wälder und Wieſen prangten noch in friſchem Grün, und die Luft, obgleich noch mild und warm, hatte doch bereits die drückende Schwüle der heißen Sommerzeit verloren. Herr Krempelhuber und Matthias gingen auf einem Fußpfade am Ufer des Fluſſes ſtromaufwärts entlang, bis ſie einen Hügel erreichten, deſſen runde Kuppel von einem Wäldchen prachtvoller, hochſtämmiger Buchen ge⸗ krönt wurde. Hier bogen ſie von dem Fußpfade ab, ſtiegen den Hügel empor, und fanden am Rande des Waldes ein köſtliches Plätzchen, mit weichem, trockenem Mooſe bedeckt, welches zum Ausruhen wie für ſie be⸗ ſonders bereitet war. Hier lagerten ſie ſich, den Rücken an einen mächtigen Buchenſtamm gelehnt, deſſen breiter Wipfel über ihnen ſäuſelte und flüſterte, und zugleich erquickenden Schatten verlieh. Beider Augen wendeten ſich der Landſchaft zu, die wie eine Landkarte vor ihnen ausgebreitet lag. Die grünen Hügel und Felder, der in weiten Bogen und Krümmungen ſtrömende Fluß mit ſeinem glänzenden Wellenſpiegel, die hoch ragenden Jung gewohnt ꝛe. 3 34 Thürme der kaum eine Stunde entfernten Stadt, und drüber hinaus die weite grüne Ebene mit vereinzelt liegenden Waldſtrecken, Dörfern und Höfen gewährten ein gar anmuthiges, liebliches Bild. „Hier iſt's ſchön, Onkel!« ſagte Matthias.»Hier könnte man Stunden lang ſitzen und ſchauen.“ »Deſto beſſer,“ erwiederte Herr Krempelhuber.„So wird dir vielleicht die Geſchichte, die ich dir erzählen will, weniger langweilig erſcheinen, als wohl ſonſt der Fall wäre.“— „Eine Geſchichte wollen Sie mir erzählen, Onkel, das iſt herrlich!« rief Matthias erfreut aus, und hef⸗ tete geſpannt ſeine Augen auf Herrn Krempelhuber. „Stundenlang möchte ich Ihnen hier zuhören.“ „Vielleicht wird es auch wohl ein paar Stunden lang dauern, bis ich zu Ende komme,“ lautete die Ant⸗ wort.„Darum ohne Vorbereitung und Einleitung zur Sache. Meine Geſchichte heißt: ‚Jung gewohnt, alt gethan, und enthält die Jugend⸗Erlebniſſe eines meiner beſten Freunde.“— Und Herr Krempelhuber begann, wie folgt. Viertes Kapitel. Ein junger Taugenichts. „Ja einer meiner beſten Freunde war er, und hieß Valentin, wie ich. Wir wuchſen mit einander auf, denn 3⁵ wir wohnten in derſelben Straße, beſuchten dieſelbe Schule, und wo ſich der eine Valentin blicken ließ, war der andere ſicher nicht weit davon. Er hatte nie ein Geheimniß vor mir; ſeine Seele, ſeine Gedanken, ſeine Empfindungen lagen ſo klar vor meinen Blicken, wie meine eigenen, und es gibt wohl keinen einzigen Vorfall von einiger Bedeutung in ſeinem Leben, der mir nicht grade eben ſo genau bekannt wäre, wie ihm ſelber. »Valentin war ein ganz guter Junge,— nicht grade ein großer Geiſt, aber doch mit Anlagen ausge⸗ ſtattet, welche der glücklichſten Ausbildung fähig geweſen wären, wenn man ihn von klein auf in rechter Zucht und Ordnung gehalten hätte. Aber da lag eben der Fehler. Seine Aeltern waren ziemlich wohlhabend, und an Mitteln zu einer guten Erziehung hätte es alſo nicht gefehlt. Indeß, der Vater, welcher ein ziemlich aus⸗ gedehntes Geſchäft betrieb, konnte ſich nicht viel um ſeinen Sohn bekümmern. Oefters entfernten ihn Ge⸗ ſchäftsreiſen auf Monate lang aus dem Hauſe, und auch daheim fand er ſelten Zeit, ſeinem Valentin be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit zu widmen. Den Tag über hatte er in ſeinem Geſchäfts⸗Lokal, auf ſeinen Speichern und in ſeinen Niederlagen zu thun, und wenn er dann Abends nach vollbrachter Arbeit zu ſeiner Familie zurück⸗ kehrte, war er gewöhnlich müde und abgeſpannt, auch wohl zuweilen ärgerlich und verdrießlich über dieſe oder jene Vorfälle im Geſchäft, und ſeine Kinder,— er hatte 2 außer Valentin auch noch eine Tochter,— wurden dann in der Regel bald zu Bette geſchickt. Es kamen Tage und ganze Wochen, wo ſie den Vater gar nicht ſahen, und es läßt ſich daher leicht denken, daß er keinen großen Einfluß auf ihre Erziehung ausüben konnte. .. 3* 36 „Das war vom Uebel, denn die natürliche Folge mußte ſein, daß die Mutter allein die Aufſicht über die Kinder führte, und nur zu bald zeigte es ſich, daß ihre Hand zu ſchwach war, die böſen Neigungen und Leiden⸗ ſchaften zu zügeln, die allmählig in Valentin auftauch⸗ ten, als er mit den Jahren größer wurde und mit anderen Knaben ſeines Alters Umgang hatte. „Wenn es irgend einen muthwilligen Streich aus⸗ zuführen galt, ſo ſtand Valentin gewiß an der Spitze dabei. An Liſt, Keckheit und Gewandtheit übertraf er faſt alle ſeine Kameraden, aber was häuslichen Fleiß, Ordnung, Reinlichkeit und überhaupt gutes Betragen anbetrifft, da ſtand er hinwiederum faſt allen übrigen Knaben bedeutend nach. Ueber den Gartenzaun oder die Mauer eines Nachbars zu ſteigen, deſſen Stachel⸗ beer⸗Sträuche, oder Obſtbäume zu plündern, das war ihm eine Kleinigkeit, obgleich er dabei manches Mal Gefahr lief, Arme und Beine zu brechen, oder eine tüchtige Tracht Schläge zu bekommen, wenn er von dem Eigenthümer des Gartens überraſcht wurde. Nicht Zeit noch Mühe ließ er ſich verdrießen, wenn es ſich darum handelte, ſeltene Vogelneſter im Walde zu ſuchen, oder Sprenkel und Schlingen zu legen, um Kaninchen und Krammetsvögel zu fangen, oder Tage lang im Buſche am Waldbache zu ſitzen, um eine Forelle zu erwiſchen; aber wenn er ſeine Schularbeiten machen ſollte, dann fehlte es ihm ſtets an Zeit und Luſt, und weder Ermahnungen noch Strafen konnten ihn dahin bringen, ſeine Aufgaben in gehöriger Ordnung und mit der nothwendigen Pünktlichkeit abzuliefern. Auch kam es ihm gar nicht darauf an, dann und wann einmal die Schule ganz zu ſchwänzen und ſich wohlgemuth in 4 37 Buſch und Feldern umherzutreiben, während er auf der Schulbank hätte ſitzen ſollen. Wurde er für dergleichen Verſäumniſſe gebührend gezüchtigt, ſo ertrug er die Strafe geduldig und ohne Murren mit der größten Kaltbluͤtigkeit, ließ ſich dadurch aber keineswegs bewegen, an ſeine Beſſerung zu denken. Etwas der Art fiel ihm gar nicht ein. Er nahm die Strafe als etwas Unver⸗ meidliches hin, und ging nach wie vor ſeinen Ver⸗ gnügen nach. Fragte man ihn einmal:„‚Hat's weh gethan, Valentin?“ ſo lachte er und gab zur Antwort: „Ach was, es thut auch weh, wenn ich mich durch die Dornenbüſche dränge, um ein Vogelneſt auszunehmen. Will man Spaß haben, ſo muß man auch das Unan⸗ genehme mit in den Kauf nehmen.- Das Umherſtrol⸗ chen war ihm der Spaß, und die Strafe dafür nur eben das Unangenehme bei der Sache. »Nun, manchmal trieb er den Spaß freilich ein wenig ſehr weit, ſo daß ſeiner Mutter vielfache Klagen über ihn zu Ohren kamen. Sie ermahnte ihn zur Beſſerung, ſie bat ihn, ſie drohte im ſogar. Aber Er⸗ mahnungen, Bitten und Drohungen machten auf Va⸗ lentin keinen, oder doch wenigſtens keinen nachhaltigen Eindruck. Wenn er auch einmal Beſſerung verſprach, — in der nächſten Stunde, oder bei der nächſten Ver⸗ ſuchung war das Verſprechen wieder vergeſſen. Der wilde Burſche war eben der allzu guten Mutter nach⸗ gerade über den Kopf gewachſen, und bei ihrer großen Liebe und Zärtlichkeit zu dem Knaben konnte ſie ſich nicht überwinden, ihn ſtreng zu behandeln, oder dem Vater von ſeinen dummen Streichen und übeln Ange⸗ wohnheiten zu erzählen. So ließ ſie die Dinge gehen, wie ſie wollten, vertuſchte ſogar vor dem Vater Valentins 38 leichtſinnige Fahrten und Abenteuer, und beſtärkte ihn dadurch ganz natürlich immer mehr in ſeinem regelloſen Treiben. Valentin ſpürte keinen Zügel, der ihn in Schranken hätte halten können, und artete deshalb im⸗ mer mehr aus. Obgleich von Natur keineswegs weder tückiſch noch bösartig, konnte er ſich rühmen, im Beſitze faſt aller Untugenden zu ſein, welche immer jungen. Burſchen von ſeinem Alter anhaften können. „Er war namentlich unordentlich, unſauber und naſchhaft in hohem Grade. „»Keiner von ſeinen Schulkameraden wurde ſo reich⸗ lich mit Kleidern ausgeſtattet, als Valentin, denn ſeine Aeltern waren, wie geſagt, wohlhabend,— aber Keiner ging in ſeinem Anzuge ſo liederlich, nachläſſig und zer⸗ lumpt einher, als Valentin. Löcher und Schmutzflecken waren Regel bei ihm. Hatte er heute einen Anzug vom Schneider bekommen, ſo war er morgen ſicherlich ſchon irgendwo defekt oder beſudelt. Denn er fragte wenig nach ſeinen Kleidern, wenn es ſich darum han⸗ delte, auf einen Baum zu klettern und einen Vogel oder ein Eichhörnchen zu fangen. Ob die Baumrinde und die ſcharfen Aeſte und Zacken ihm Löcher riſſen, küm⸗ merte ihn nicht, wenn er nur ſeinen Zweck erreichte. Ebenſo beim Fiſchen oder Krebſen bedachte er ſich keinen Augenblick, in den Schlamm eines Teiches oder Baches zu waten, und ich habe ihn oft geſehen, wie er Mor⸗ gens mit ſchneeweißen Kleidern ausging, und Abends ſtarrend von ſchwarzem Schlamme ganz wohlgemuth wiederkam. Die Beinkleider waren verdorben, aber was that's? Die Mutter kaufte andere, und Valentin hatte doch ein Netz voll Krebſe oder Fiſche erwiſcht. Daß dieſe kaum den Werth von ein paar Groſchen ——— —— — —— — Uber ſeinen Sohn die Augen öffnete. Der junge Menſch 39 hatten, und neue Beinkleider mehrere Thaler koſteten, — was kümmerte ihn das? Das war der Mutter Sache! Seine Sache war das Vergnügen! 4 „Ebenſo ging's mit dem Naſchen. Valentin bekam das größte Taſchengeld von uns Allen, aber Keiner war eher damit fertig, als er. Er trug es zum Zucker⸗ bäcker und verſchleuderte es für Leckereien. Dabei war er freigebig, und liebte es, groß zu thun. Wer ihm ein wenig ſchmeichelte oder ſich gutmuͤthig in ſeinen Willen fügte, dem gab er reichlich, ſo lange er ſelbſt hatte. War das Geld fort, ſo ſuchte er ſich anderes zu ver⸗ ſchaffen. Gewöhnlich bettelte er die Mutter an, und dieſe, allzu nachgiebig und ſchwach, ließ ſich oft von ihm überreden, zum zweiten und dritten Male ihre Geldtaſche zu öffnen, und die ſeinige zu füllen. Ge⸗ lang dies aber einmal nicht, hatte er einmal gar zu viele dumme Streiche gemacht, die der Mutter zu Ohren gekommen, ſo wußte er ſich auch auf andere Weiſe zu helfen. Er drang heimlich in die Vorrathskammer ſei⸗ ner Mutter oder in die Speicher ſeines Vaters ein, nahm weg, was ihm zuſagte, verkaufte wohl gar Waa⸗ ren, die er auf dieſe Weiſe entwendete, an gewiſſenloſe Händler, die ihm dafur natürlich nicht den zehnten Theil vom wirklichen Werthe derſelben gaben, und brachte dann das auf ſolche Weiſe erlangte Geld abermals in der gewohnten Weiſe durch. „Kurzum, Valentin befand ſich auf dem geraden Wege, ein vollendeter Taugenichts zu werden, als noch zu rechter Zeit ſich ein Vorfall ereignete, der dem Vater ——— war damals etwa fünfzehn Jahre alt, in ſeinen Kennt⸗ niſſen gegen andere Knaben ſeines Alters ziemlich weit 40 zurück, in ſeinem Leichtſinn aber bereits ſo ausgebildet, daß er in ſeinen theils unbedachten, theils aber manch⸗ mal auch wirklich ſchlechten und ehrloſen Streichen bei⸗ nahe nichts Böſes mehr ſah. Ein ſolcher ſchlechter Streich war es, welcher der ganzen Stadt und ſo dann auch ſeinem Vater zu Ohren kam, und eine plötzliche Wendung in ſeinem Lebenslaufe veranlaßte. „Draußen vor der Stadt lag nahe am Ufer des Fluſſes eine reizend hübſche Villa, das Eigenthum eines ältlichen reichen Herrn, der ſich aus den Geſchäften zurückgezogen hatte, und den Reſt ſeiner Tage in be⸗ haglicher Stille und Muße verleben wollte. Zu der Villa gehörte ein großer, ſchöner Garten, der mit herr⸗ lichen Blumen⸗Anlagen, mit großen Glashäuſern und mit Obſtbäumen voll der köſtlichſten Früchte, welche weit und breit in der ganzen Umgegend ihres Gleichen nicht fanden und mit Recht hoch geprieſen wurden. Der alte Herr ſparte nicht Geld und Mühe, ſeinen Garten auf die möglichſt höchſte Stufe der Vollkommenheit zu er⸗ heben. Bei ſeinem anſehnlichen Reichthume wurde es ihm nicht ſchwer, eine fortwährende Verbindung mit den berühmteſten Kunſtgärtnern von ganz Europa zu unterhalten, und wo etwas Neues und Gutes auf⸗ tauchte, wurde Herr Rüdiger,— ſo hieß der alte Herr, — zuerſt mit davon in Kenntniß geſetzt. Die ſaftigſten Pfirſiche, die zarteſten, duftigſten Aepfel, die ſüßeſten Kirſchen und Pflaumen, die größeſten Erdbeeren fand man beim alten Herrn Rüdiger; in ſeinen Gewächs⸗ häuſern prangten die prachtvollſten Blumen und Sträu⸗ cher aller Zonen, und die köſtlichſten Ananas und an⸗ dere Südfruͤchte reiften in ſeinen Anlagen. Der alte Herr Rüdiger hatte ſeine Freude dran, und es machte —— — — 41 ihm außerdem noch beſonderes Vergnügen, wenn er durch die Erzeugniſſe ſeines Gartens auch Anderen eine Freude bereiten konnte. Er ſelbſt genoß das Wenigſte von ſeinen leckeren Früchten; die meiſten verſchenkte er an ſeine guten Freunde in der Stadt, und manches Körbchen füllte er eigenhändig mit großer Sorgfalt und zierlichſtem Geſchmack, ſo daß es einen gar hübſchen Anblick gewährte. Außerdem ſtand auch jederzeit von Morgens bis Abends fremden Beſuchern der Garten geöffnet, und es war dem alten Herrn keineswegs un⸗ angenehm, wenn ſich die Gäſte an ſeinen geſchmackvollen, zugleich reichen und zierlichen Anlagen ergötzten. Nur, natürlich, abpflücken durften ſie nichts ohne beſondere Erlaubniß. Dagegen, wenn Herr Rüdiger ſich perſön⸗ lich anweſend befand und wohl gar ſelber einmal den Führer durch ſein kleines Paradies machte, geſchah es nicht ſelten, daß er eigenhändig die reifſten und ſchön⸗ ſten Fruͤchte pflückte und ſie freundlich ſeinen Gäſten darreichte. Beſonders Kinder, wenn ſie hübſch artig waren, nicht über die Beete liefen, und nicht ſonſtigen Muthwillen verübten, gingen nur ſelten unbeſchenkt aus ſeinem Garten hinweg. Gab es gerade kein Obſt, ſo gab es doch zu jeder Jahreszeit eine Fülle von ſchönen Blumen im Garten oder in den Gewächshäuſern, und der gute alte Herr ſchenkte gern auch ein Sträußchen, wenn die Erdbeeren⸗ und Weintrauben⸗Zeit vorüber war. Nachts aber wurden die eiſernen Gitterthore des Gartens verſchloſſen, und dann erhielt Niemand mehr Einlaß, der nicht zu den genaueſten Freunden Herrn Rüdigers gehörte. »Auf dieſen Garten hatte nun Valentin einſtmals im Herbſte ſein beſonderes Augenmerk gerichtet. Sein 42 Vater war mit ihm zum Beſuch bei dem alten Herrn geweſen, und dieſer hatte dem Knaben einige Weintrau⸗ ben abgeſchnitten, welche ihm auf das Köftlichſte ge⸗ mundet hatten. Anſtatt aber Dankbarkeit für den freundlichen Geber zu empfinden, beſchäftigten ihn ganz Gderh Gedanken und Pläne bei ſeiner Rückkehr in die tadt. t „„Blitz,“ dachte er, ‚das wäre eine Luſt, wenn man einmal des Nachts in den Garten des alten Rüdiger ſteigen, und ſo recht nach Herzensluſt von den herrlichen Trauben naſchen könnte!“ »Ein paar Tage trug er ſich mit ſolchen Gedanken, und ſchlenderte mehrmals hinaus an die Villa, um eine Gelegenheit zu erſpähen, ſein böſes Gelüſte zu befriedi⸗ gen. Aber das eiſerne Gitter, welches das ganze Be⸗ ſitzthum des alten Herrn einfriedigte, war zu hoch, um darüber ſpringen zu können, und zum Ueberfluß noch mit ſcharfen vergoldeten Spitzen verſehen, an denen man ſich gar leicht ſpießen und ſchwere Verletzungen bei⸗ bringen konnte. Mit dem Ueberklettern war's alſo nichts; er mußte ſich die Luſt daran vergehen laſſen, und auf andere Mittel und Wege denken, ſeine Lüſtern⸗ heit zu befriedigen. Er ging rund u 1 das ganze Be⸗ ſitzthum herum, ſuchte irgendwo eine Luͤcke, fand aber keine, und ſtand eben im Begriff, voller Verdruß und Aerger dem Garten den Rücken zuzukehren, als ihm eine hohe ſtattliche Linde in's Auge fiel, welche ihre ſtarken Aeſte vom Garten aus weit über das Geländer hinweg erſtreckte. Er ſtutzte, blieb ſtehen und betrachtete den Raum mit berechnenden, aufmerkſamen Blicken. Die uͤber dem Erdboden. Wenn man eine Leiter mitnahm, Zweige ragten kaum vierzehn oder fünfzehn Fuß hoch — 43 ſie an den ſtärkſten Aſt anlehnte, auf dieſer hinaufklet⸗ terte, und über ihn hinrutſchte, ſo war es ja nachher nur eine Kleinigkeit, an dem Stamme der Linde hinab zu gleiten und auf ſolche Weiſe in den Garten zu ge⸗ langen. „„Ja, das geht!' murmelte Valentin voller Schaden⸗ freude vor ſich hin.„Gefunden! Eine Leiter iſt bald herbeigeſchafft, wenn es erſt dunkel geworden iſt, und dann geht es über die Weintrauben her. Ei, die ſollen einmal gut ſchmecken!“ 3 „Ganz entſchloſſen, ſeinen ſchlechten Streich ſchon in der bevorſtehenden Nacht zur Ausführung zu bringen, eilte Valentin wohlgemuth nach Hauſe, und hatte in den Speichern ſeines Vaters bald eine Leiter gefunden, wie ſie zu ſeinem Vorhaben paßte. Freilich war ſie ein wenig ſchwer, aber dafür wußte er Rath. „„Ich brauche ja nur ein paar von meinen Kame⸗ raden mitzunehmen,“ dachte er. ,Sie eſſen eben ſo gern Weintrauben, als ich, und werden ſich daher nicht lange nöthigen laſſen, die Leiter tragen zu helfen. „Er brachte ſie vorläufig auf die Seite, und ſuchte dann zwei von ſeinen guten Freunden auf, von denen er im Voraus wußte, daß ſie ihm keine abſchlägige Antwort ertheilen würden. Sie ſagten auch wirklich ohne alles Bedenken zu, und Abends um zehn Uhr wußten ſich die drei Buben heimlich aus ihren Häuſern zu ſchleichen und eilten mit der Leiter ganz wohlgemuth dem nicht ſehr entfernten Garten des alten Herrn Rü⸗ diger zu. Daß ſie im Begriffe ſtanden, ein ſchweres Unrecht zu begehen, fiel Keinem von ihnen ein, am allerwenigſten dem leichtſinnigen Valentin. Sie freuten ſich nur auf die herrlichen Weintran den, nach welchen 44 ihnen Allen der Mund wäſſerte, und keck legten ſie, an Ort und Stelle angekommen, die Leiter an die Zweige der Linde an. Der Mond ſtand am Himmel und ver⸗ breitete hinreichendes Licht, um die nächſten Umgebun⸗ gen ziemlich deutlich erkennen zu laſſen. „„Wer ſoll zuerſt hinauf und hinuͤber?« fragte Einer von den Knaben. »„Ich!“ erwiederte Valentin raſch. ‚Ich kenne am beſten die Gelegenheit, und Ihr ſollt ſogleich ſehen, wie geſchwind ich im Garten drüben bin.“ »Er kletterte die Leiter hinauf, rutſchte auf dem Aſte entlang, glitt jenſeits des Gitters an dem Stamme der Linde hinunter, und klatſchte leiſe in die Hände. „„Hurrah, da bin ich! ſagte er.„Es geht ganz leicht! Ihr habt nun geſehen, wie ich's mache, ſo kommt nun geſchwind hinterher.“ »Die beiden anderen Knaben ließen ſich nicht lange nöthigen. Sie folgten Valentin's Beiſpiel, gelangten, wie er, ohne große Muͤhe in den Garten, und eilten nun unter ſeiner Anführung der Stelle zu, wo Valen⸗ tin zuerſt die ſüßen Trauben gekoſtet hatte. Valentin ſchlug die nächſte Richtung ein, und achtete wenig dar⸗ auf, ob er, auf Weg und Steg keine Rückſicht nehmend, die ſchönſten und ſeltenſten Gewächſe auf den ſorgſam gehegten Beeten unter ſeine Füͤße trat und zerquetſchte. Seine beiden Kameraden ſchonten ebenfalls nicht. Durch Dick und Dünn vorwärts ſchreitend, trabten ſie neben Valentin einher, warfen Blumentöpfe um, ſchritten über die Rabatten, und richteten mehr Schaden an, als ſie je in ihrem Leben wieder gut machen konnten. So erreichten ſie bald die Spaliere, an welchen die köſt⸗ lichen Reben gezogen wurden, und fielen wie hungrige 45⁵5 Raben über die Trauben her. Ohne Wahl riſſen ſie ab, was ſie mit den Händen erlangen konnten, und kümmerten ſich nicht darum, daß ſie dabei ganze Ran⸗ ken und Zweige von den Spalieren abriſſen und eine heilloſe Verwüſtung anrichteten. Ihr Augenmerk ging nur darauf, ſich alle Taſchen voll Trauben zu ſtopfen, und ſie hatten ſchon ſo ziemlich dieſen Zweck erreicht, als auf einmal zu ihrem nicht geringen Schrecken ein Hund ganz in ihrer Nähe anſchlug, und dann wuͤthend zu bellen begann. Zugleich vernahmen ſie eine Stimme, welche zuerſt dem Hunde Schweigen gebot, dann aber ſagte: ‚Es muß im Garten irgendwo etwas nicht richtig ſein, Herr! Soll ich den Hund losketten?“ „„Ja, thu es nur,“ erwiederte eine andere Stimme die des alten Herrn Rüdiger, welche Valentin ſehr wohl erkannte. ‚Man kann ja nicht wiſſen, ob nicht gar Spitzbuben in der Nähe ſind.“ 3 „Gleich darauf klirrte eine Kette, und unter ver⸗ doppeltem Gebell rannte ein großer Hund grade auf die Stelle zu, wo die drei Gartendiebe zitternd vor Schrecken ſtanden.. „Fort, fort!“ rief Valentin, der ſich zuerſt ermannte, den beiden Andern zu. ‚Rette ſich, wer kann! Wenn un die Beſtie erwiſcht, reißt ſie uns die Kleider vom eibe! „Hurtig rannte er davon, und ſeine Kameraden eilten ihm nach, ſo ſchnell ihre Füße ſie tragen konnten. Noch weniger als vorhin achteten ſie jetzt auf Weg und Steg, ſondern ſuchten nur in der nächſten und gera⸗ deſten Richtung die Linde zu exreichen, welche ſie zum Ueberklettern in den Garten benutzt hatten. Hurrah, wie ſie rennten! Aber noch ſchneller flog der Hund 46 hinter ihnen drein, warf zwei von den Dieben im raſchen Anlaufe zu Boden, und faßte Valentin's Rock⸗ ſchooß mit den Zäͤhnen, indem er ihn funkelnden Auges ingrimmig anknurrte.. „Hollah! Halt feſt, Sultan! ſchrie zugleich eine Stimme. „Und ehe ſich Valentin von dem Hunde losmachen, ehe ſeine beiden Kameraden ſich wieder erheben konn⸗ ten, kam ein ſtarker, kräftiger Mann mit einem derben Knüttel herbei, und begrüßte die jungen Spitzbuben nicht grade in der zarteſten Weiſe. „„Heda, haben wir Euch erwiſcht, Ihr Halunken!« ſchrie er ihnen zu. ‚Nun wartet nur, man wird Euch einen Denkzettel geben, den Ihr nicht ſobald wieder vergeſſen ſollt. Acht Tage wenigſtens müßt Ihr bei Waſſer und Brod eingeſperrt werden, Ihr Spitzbuben⸗ Geſindel! Herr Rüdiger hierher! Ich habe ſie!“ „Die Knaben ſtanden zitternd da, und wagten ſich weder zur Wehre zu ſetzen, noch ihre Flucht von Neuem zu beginnen. Der große, ſchwarze Hund mit ſeinen weißen Zähnen und ſeinem wilden grimmigen Knurren flößte ihnen zu viel Furcht und Schrecken ein, und mit Bangen und Zagen erwarteten ſie die Ankunft des Hausherrn. Dieſer kam und muſterte die armen Sün⸗ der mit ſtrengen Blicken. „Wie, Valentin!“ rief er aus.„Du biſt es! Großer Gott, wie konnteſt du ein ſolches Verbrechen begehen, heimlich, bei Nacht in fremdes Eigenthum ein⸗ zudringen? Was wollteſt du hier?« „Ei, ſehen Sie es denn nicht?e ſagte der Gärtner, welcher immer noch in drohender Haltung daſtand und ſeinen Knüttel feſt in der Hand hielt. ‚Die Weinſtöcke haben ſie geplündert, die Halunken! Sehen Sie nur, ihre ganzen Taſchen ſtecken noch voll davon! Heraus damit, Buben! Leert einmal Eure Taſchen aus! Ge⸗ ſchwind!“ „Da konnte kein Widerſtand helfen, die Taſchen mußten umgekehrt werden, und die geſtohlenen Trauben kamen zum Vorſchein. „Pfui, pfui!e ſagte der alte Herr Rüdiger. ‚Schä⸗ men ſolltet Ihr Euch, Burſche, und beſonders du, Va⸗ lentin, den ich erſt kürzlich ſo reichlich beſchenkt habe! Aber die Strafe wird dem Vergehen auf dem Fuße nachfolgen! Ich werde deinen Vater von allem unter⸗ richten, und zweifle nicht, daß er ſtrenge Gerechtigkeit üben wird. Pfui über dich! Wenn du ſo große Be⸗ gierde nach Trauben hatteſt, konnteſt du nicht zu mir kommen und mich darum anſprechen? Ich würde dir gern gegeben haben, deinen Appetit zu befriedigen. Aber heimlich als Dieb einzubrechen, mir meinen Garten verwüſten, o pfui, das iſt zu arg!'“ „Gnade, Gnade, Herr Rüdiger! bat jetzt Valentin kläglich. ‚Sagen Sie nur um Gottes willen meinem Vater nichts! Ich will es ja in meinem ganzen Leben nicht wieder thun, wenn Sie mir nur dieſes einzige Mal verzeihen wollen!“ „Auch die andern beiden Sunder flehten zerknirſcht um Gnade und Verzeihung, und vergoßen ſo reichliche Thränen dabei, daß der gute alte Herr Rüdiger davon erweicht wurde. 3 „Nun denn, ſo lauft hin, ſagte er. ‚Für dieſes Mal mag Gnade vor Recht ergehen, aber hütet Euch, damit Ihr nicht wieder auf unrechten Wegen ertappt werdet. 48 »Die Buben waren froh, mit einer ſo freundlichen und gelinden Ermahnung davon zu kommen, und glaub⸗ ten, nun ſei die Sache damit abgemacht. Aber obgleich der alte Herr Rüdiger nicht weiter von dem Diebſtahle ſprach, verbreitete ſich das Gerücht dennoch in der Stadt und erregte eine ſo allgemeine Entrüſtung, daß es auch Valentin's Vater unmöͤglich verborgen bleiben konnte. Einige gute Freunde theilten ihm ſogar die näheren Umſtände auf Befragen ausführlich mit, und eine ſchwere Wolke zog ſich in Folge deſſen über Valentin's Haupte zuſammen. Sein Vater fragte und forſchte weiter, und kam nun allmählig vollſtändig hinter alle die leichtſinnigen und ſchlechten Streiche, welche ſein Sohn hinter ſeinem Ruͤcken begangen hatte. Voller Entrüſtung kam er nach Hauſe, und ſtellte zuerſt die Mutter zur Rede, welche freilich nicht abläugnen konnte, daß ſie ſchon recht viel Sorge, Noth und Mühe um Valentin gehabt habe. Der Vater ſchüttelte bedenklich den Kopf. „„Ich ſehe nun ſchon, wie die Sachen ſtehen,“ ſagte er. ‚„Dem Jungen fehlt es an der gehörigen ſtrengen 2 Zucht, die ich ſelber bei meinen vielen Geſchäften an ihm nicht ausüben kann, und da hat er ſich nun aller⸗ lei Untugenden angewöͤhnt, die einmal ein Unglück her⸗ beiführen müſſen, wenn ſie nicht bei Zeiten ausgerottet werden. Denn es gibt kein wahreres Sprichwort, als dieſes: ‚Jung gewohnt, alt gethan! Das hat mich eine lange Erfahrung hundert Mal gelehrt. Dir iſt der Burſche über den Kopf gewachſen, Mutter, ich ſelber, wie geſagt, kann ihn nicht beaufſichtigen, ohne gänzlich meine Geſchäfte zu vernachläſſigen, alſo muß er fort und in gute, ſichere, ſtrenge Zucht kommen, wo 49 er, anſtatt wie hier zum Umherſtrolchen, Faullenzen, zu Leichtfertigkeiten und Thorheiten, vielmehr zu einem arbeitſamen, ordentlichen, geregelten Leben gewoͤhnt wird. Ich will hoffen, daß es noch nicht zu ſpät dazu iſt und daß ſeine uüblen Gewohnheiten noch durch gute können erſetzt werden. Jedenfalls ſcheint es mir die höchſte Zeit, daß wir das Unſrige dazu thun, auf dieſes Ziel hin zu ſtreben. Noch iſt er jung, noch kann er ſich zum Guten und Rechten gewöhnen, und wenn dies geſchieht, ſo iſt er geborgen und gerettet, denn, wie geſagt: ‚Jung gewohnt, alt gethan. Sorge für ſeine Ausrüſtung, Mutter, und zwar ſchnell, denn binnen heute und acht Tagen muß er fort. „„Aber wohin, lieber Mann?“ fragte die Mutter ängſtlich. „„Zu einem Freunde von mir, einem guten, aber auch ſtrengen, rechtlichen Mann, der ihn fortwährend unter Aufſicht haben wird. Da Valentin doch jeden⸗ falls Kaufmann werden und ſpäter einmal mein Ge⸗ ſchäft übernehmen ſoll, ſo muß er in die Lehre, und nicht nur arbeiten lernen, ſondern ſich auch an Ord⸗ nung, Reinlichkeit und Pünktlichkeit gewöhnen. Das kann er bei meinem Freunde Reicholt am beſten, und außerdem kommt er da in eine kleine Stadt, die ihm nicht viel Gelegenheit zu unnöthigen Zerſtreuungen bietet. Ein junger Menſch ſoll ſich nicht zerſtreuen, ſondern ſammeln ſoll er ſich für ſein ganzes künf⸗ tiges Leben. Wer in der Jugend recht ſammelt, kann ſich dann im Alter zerſtreuen zur Genüge. Aber zu allererſt ſammeln! Kenntniſſe ſammeln, Tugenden, gute Gewohnheiten und feſte tüchtige Grundſätze! Das iſt die Hauptſache. Alſo tummle dich, Muntien, daß in Jung gewohnt ꝛc. 50 acht Tagen Alles bereit iſt, denn alsdann muß mir der Junge aus dem Hauſel'’ „Die Mutter ſah wohl, daß es dem Vater mit ſeinem Entſchluſſe Ernſt war, und ſo fügte ſie ſich ohne Widerrede, obgleich ihr das Herz bei dem Gedanken blutete, ſich von ihrem allzu zärtlich geliebten Sohne trennen zu müſſen. In acht Tagen war Alles in Ord⸗ nung, Valentin wurde mit ſammt ſeinem Koffer in den Poſtwagen geſchoben, und fort ging es der kleinen Stadt zu, wo er als Lehrling in einem Material⸗ Waaren⸗Laden das Geſchäft lernen, und zugleich ſeine ublen Gewohnheiten gegen beſſere vertauſchen ſollte. „Merke dir's, Burſche,“ ſagte ſein Vater noch ganz zuletzt zu ihm, als der Poſtwagen ſchon abzufahren im Begriff ſtand,—„jung gewohnt, alt gethan!' Darum gewöhne dich bei Zeiten ſo, daß du im Alter nicht über deine Jugend zu erroͤthen brauchſt.“ „Mit dieſer guten Lehre, die ihm noch auf den Weg gegeben wurde, fuhr Valentin davon. Er hatte ſie aber bald wieder vergeſſen, denn der Wechſel der Reiſe zerſtreute ihn, und als er in die kleine Stadt 2 einfuhr, wo er nun ein paar Jahre zubringen ſollte, dachte er an nichts weniger, als daran, den guten Er⸗ mahnungen ſeines Vaters Folge zu leiſten, ſondern hatte vielmehr die Abſicht, ſein früheres ungebundenes und luſtiges Leben in den neuen Verhältniſſen auch von Neuem wieder anzufangen. Aber manchmal denkt der Menſch, und Gott lenkt;— Valentin ſollte dies bald zu ſeinem eigenen Heile erfahren!“ Heerr Krempelhuber machte jetzt eine kleine Pauſe, dachte ein wenig nach, und hub erſt nach einem Weil⸗ chen wieder an: 51 „Wir kommen jetzt zu dem zweiten Abſchnitt meiner Erzählung, mein lieber Matthias. Bezeichnen wir ihn mit dem Ausdrucke: Balentin in der Tehre. „Valentin kam alſo richtig in dem kleinen Städt⸗ chen an, und wurde von der Poſt aus zu Herrn Reicholt gewieſen, deſſen Perſon und Kaufladen jedes Kind im Orte zu kennen ſchien. Von ſeinem Principal wurde er herzlich und freundlich, aber doch auch mit einem gewiſſen Ernſte, einer, ſo zu ſagen, verhaltenen Strenge empfangen. „Außer dem Principal befand ſich aber auch noch ein anderer ältlicher Herr im Laden, welcher Valentin hinter dem Ladentiſche hervor mit ſcharfen und klugen Blicken muſterte. Es war ein verwachſenes, kleines Männchen. Die eine Achſel war bedeutend höher bei ihm, als die andere, der Kopf ſaß ihm ein wenig tief zwiſchen den Schultern, und ſein Geſicht mit dem gro⸗ ßen Munde und der langen ſpitzen Naſe konnte keines⸗ wegs zu den Schönheiten gezählt werden, ſondern mußte eher für häßlich und abſtoßend gelten. »Als Herr Reicholt Valentin bei der Hand nahm und ihn dem kleinen Mann hinter dem Laden als den neuen Lehrling vorſtellte, und als der kleine Mann mit ſeinen klugen glänzenden Augen in Valentin's innerſte Seele dringen zu wollen ſchien, da dachte dieſer bei ſich im Stillen: ‚Nun, wir Beide, du und ich, werden wohl ſchwerlich im Leben gute Freunde werden!’— Aber er dachte dies auch nur in den erſten Augen⸗ blicken. Denn auf einmal, als der kleine bucklige Nann ihn wohlwollend anlächelte, ſchien es ordentlich, als ob nicht nur ſein ganzes Geſicht, ſondern auch ſein ganzes Weſen verklärt würde, und dies brachte Valen⸗ tin auf andere Gedanken. „Ei ſieh' doch, dachte er weiter, ‚unter der häß⸗ lichen Larve ſcheint ein recht herzensgutes Gemüth zu ſtecken! Am Ende können wir doch noch gute Freunde werden!“ „Und mit kräftigem Drucke ergriff er die ſchmale, hagere Hand, welche ihm der kleine verwachſene Mann über den Ladentiſch hin entgegen reichte. „Dies iſt Herr Daniel, mein erſter Ladendiener, erſter Magazin-Aufſeher und erſter Buchhalter, kurz, ganz und gar meine rechte Hand,“ ſagte Herr Reicholt, während ſich der neue Ankömmling und der alte Haus⸗ bewohner die Hände ſchüttelten. ‚Merke dir's, Valen⸗ tin, daß du ihm genau eben ſo viel Achtung und Ge⸗ horſam ſchuldig biſt, als mir, deinem Lehrherrn, ſelbſt. Uebrigens wird es dir wohl nicht ſchwer werden, mit meinem Daniel in ein gutes Verhältniß zu kommen, denn er iſt der beſte, friedlichſte und freundlichſte von allen Menſchen, die ich kenne. Wenn du ihn nicht bald ſehr lieb gewinnſt Valentin, ſo wird es ganz allein nur deine Schuld ſein.“ 4 „„Bitte, bitte, Herr Reicholt,“ ſagte Daniel mit einer Stimme, deren ſanfter, weicher Ton wunderbar zum Herzen drang,— ‚wenn Sie mich ſo übertrieben loben, wird unſer Valentin nie ein rechtes Zutrauen zu mir faſſen können. Nein, nein, mein lieber Valentin, ich bin nicht ſo, wie Herr Reicholt ſagt, ich bin nur ein ganz ſchlichter einfacher Menſch, der möglichſt ſeine Schuldigkeit, alſo durchaus nichts Anderes thut, als 5³ was ſich eben ganz von ſelber verſteht. Daſſelbe wirſt du, wie ich gar nicht bezweifle, ebenfalls thun, und dann iſt von uns Beiden der Eine grade ſo viel werth, als der Andere. Einſtweilen ſei mir herzlich willkom⸗ men, und zähle auf mich, wie auf einen wahren, väter⸗ lichen Freund, der nur dein Beſtes will. Dein Ver⸗ trauen und deine Liebe hoffe ich noch ſpäter zu gewin⸗ nen, und alles Uebrige, nun, das findet ſich dann ganz von ſelbſt.“ „„Mein Vertrauen haben Sie ſchon gewonnen, Herr Daniel,“ antwortete Valentin, auf den das ſchlichte einfache Weſen des kleinen Mannes einen tiefen Ein⸗ druck gemacht hatte, offen und ohne Rückhalt. ‚Sie brauchen nur zu ſprechen und Einen ſo ſo... anzu⸗ ſehen, wie Sie mich anſehen, dann muß man Ihnen Alles ſchon auf's Wort glauben.“— „Nun, das freut mich, daß ich wenigſtens nichts Abſtoßendes für dich habe,“ ſagte Daniel hierauf. ‚Das iſt ſchon viel gewonnen für uns Beide. Aber genug jetzt. Du biſt vielleicht müde von der Reiſe und be⸗ darfſt der Ruhe." 3 8 „,Gar nicht,“ erwiederte Valentin. ‚Das Bischen Fahren im Poſtwagen will ja gar nichts heißen. Da habe ich ſchon andere Strapatzen durchgemacht, ohne müde geworden zu ſein.“ „So, ſo, das iſt ja ſchön,“ ſagte Herr Reicholt. „Wenn du alſo nicht müde biſt, kannſt du gleich in die Arbeit gehen. Müſſiggang liebe ich nicht, Valen⸗ tin, merke dir das ein für alle Mal, denn Müſſiggang iſt aller Laſter Anfang. Daniel wird dir das ſpäter weitläufiger und faßlicher auseinander ſetzen. Kannſt du Düten drehen und kleben, mein Lieber?“ 84 54 „Valentin horchte auf und ſah verblüfft Herrn Reicholt an. Düten zu machen war bei ihm zu Hauſe im Geſchäfte ſeines Vaters immer die Arbeit des jüng⸗ ſten Lehrlings geweſen, den er ſtets nur über die Achſel angeſehen hatte, und jetzt ſollte er ſelber, er, der Sohn eines reichen Kaufherrn, er ſollte mit eigenen Händen eine Arbeit dieſer Art verrichten. Das wollte ihm gar nicht zu Kopfe, und— Daniel errieth ſeine Gedanken. „Er wird es nicht können, Herr Reicholt,“ ſagte er ſchnell, ehe ſich Valentin zu einer Antwort geſam⸗ melt hatte, die gewiß eine entſchiedene Weigerung ge⸗ weſen wäre, ſich zu einer ſo niedrigen Arbeit herzu⸗ geben,— ‚überlaſſen Sie nur den Valentin mir! Ich werde ihm die nöthigen kleinen Handgriffe zeigen und ihm dann ein wenig helfen, da gerade nichts Nothwen⸗ digeres zu thun iſt. Nicht wahr, mein lieber Valentin, den guten Willen zum Lernen haſt du doch? „Valentin konnte nicht nein ſagen, durchaus nicht, obgleich er auch nicht die geringſte Luſt verſpürte, Dü⸗ ten zu machen. So nickte er nur und gab dadurch ſeine Bereitwilligkeit zu erkennen, ſich in Daniels An⸗ ordnungen vorläufig zu fuͤgen. Herr Reicholt gab ſich dabei zufrieden, und verließ bald darauf das Haus, um einen Geſchäftsgang zu machen. Daniel und Valentin waren allein. „Valentin ſaß ſtill in einem Winkel, und brütete über Gedanken, die grade nicht die angenehmſten ſein mochten. Es ſchien die Ahnung in ihm aufzudäm⸗ mern, als ob das Leben hier in der kleinen Stadt und in den neuen Verhältniſſen doch ein ganz anderes ſein könne, als er es ſich im Poſtwagen bei der Her⸗ reiſe eingebildet, und das Duten⸗Machen kam ihm vor, wie der Anfang zu noch weiteren Erniedrigungen, von denen er ſich früher nichts hatte träumen laſſen. Der alte Daniel beobachtete ihn ganz in der Stille, und ſuchte aus dem Ausdrucke ſeiner Züge ſeine Gedanken zu errathen. Plötzlich ſagte er: „Nun, mein lieber Valentin, da wir einmal Düten machen müſſen, ſo halte ich es für das Beſte, wenn wir ohne Zögern an das Werk gehen. Komm zu mir; ich werde dir zeigen, wie man es angreift.“ „Valentin blickte mürriſch auf. „„Ich habe keine Luſt, Düten zu drehen,“ gab er zur Antwort.„Auch glaube ich nicht, daß mich mein Vater dazu hergeſchickt hat.“ „Der alte Daniel lächelte ſtill vor ſich hin.„Und zu was, glaubſt du wohl, hat dich dein Vater herge⸗ ſchickt? fragte er ganz ruhig mit ſeiner ſanften eindring⸗ lichen Stimme. „„Nun, doch gewiß, damit ich das Geſchäft lernen ſoll, entgegnete Valentin. ‚Düten drehen iſt aber kein Geſchäft für mich! Es iſt mir zu gering.“— „Ah, nun fang' ich an, dich zu verſtehen,“ erwie⸗ derte Daniel ganz gelaſſen. ‚Wenn du Soldat werden wollteſt, würdeſt du gleich mit General anfangen, weil es dir zu gering wäre, erſt als Gemeiner exerciren und andere Kleinigkeiten zu lernen. Nicht wahr, das iſt doch deine Anſicht, mein lieber Valentin?“ „Valentin ſah den kleinen klugen Alten erſt verdutzt an, und dann halb trotzig, halb beſchämt zu Boden. Daniel fuhr fort: „Das wäre ſchon recht gut, und Jeder würde ein Gleiches wünſchen, wenn es nur anginge. Aber ſiehſt du, guter Valentin, du magſt blicken, wohin du willſt, 56 überall wirſt du finden, daß der Menſch, um etwas Tüchtiges zu lernen, ſich erſt Fertigkeiten in anſcheinend geringfuügigen Dingen erwerben muß, und immer erſt vom Kleineren zum Groößeren ſchreiten kann. Wer im Kleinen nicht groß iſt, wird im Großen immer klein bleiben. Ehe der Soldat nicht ſeine Waffen handhaben und Rechtsum, Linksum machen lernt, kann er nicht Offizier werden. Ehe der Künſtler nicht Zeichnen lernt, kann er nicht Maler werden, und kein Baumeiſter wird ein gutes richtiges Haus bauen, wenn er nicht ſelbſt Steine behauen und die Art führen gelernt hat. Alles Große iſt nur aus Kleinem zuſammengeſetzt, und darum iſt eben das Kleine ganz genau ſo wichtig, als das Große. Taugt das Einzelne nichts, taugt auch das Ganze gar nichts, das iſt eine Wahrheit, die in der ganzen Welt keine Ausnahme erleidet.“ „»Valentin hörte aufmerkſam zu, und ſeine trotzige Miene hellte ſich etwas auf. „„Ich glaube wahrhaftig, daß Sie recht haben, Herr Daniel,“ ſagte er. ‚Wenigſtens kann ich die Behaup⸗ tung, die ſie da aufſtellen, nicht widerlegen. Wohlan denn, machen wir Düten, da es einmal dazu gehört, wenn man ein ordentlicher Kaufmann werden will. Bei alledem, nimmermehr wäre ich von ſelbſt auf den Gedanken gekommen, etwas ſo Geringfügiges für noth⸗ wendig zu halten. Nun gleichviel,— wie macht man die Duͤten? »Herr Daniel zeigte ihm einige leichte einfache Hand⸗ griffe, und nach einigen mißlungenen Verſuchen machte Valentin ſeine Düten faſt eben ſo ſchnell, wie ſein Lehrmeiſter, obgleich nicht eben ſo gut. Daniel machte ihm dies bemerkbar. ¹ 57 „„Deine Düten taugen nichts, Valentin,“ ſagte er, ‚obgleich du dich gar nicht ungeſchickt bei der Anferti⸗ gung anſtellſt. Sieh, hier klappt das Papier nicht or⸗ dentlich, und dort ſteht der eine Rand zu weit über den anderen vor. Das darf nicht ſein. Genauigkeit bei der Arbeit iſt eine Hauptſache.“ „„Aber, Herr Daniel,“ erwiederte Valentin läͤchelnd, „das iſt doch gewiß und wahrhaftig ganz egal, ob eine Düte ſo, eine andere ſo iſt.“ „Keineswegs, lieber Valentin, keineswegs,“ erwie⸗ derte Daniel ernſthaft. ‚Fuͤr die Düte iſt es freilich ganz egal, aber nicht für den, der ſie gemacht hat. Wer bei einer kleinen Arbeit nachläſſig und ungenau iſt, von dem kann man faſt immer mit Beſtimmtheit annehmen, er wird es auch bei wichtigen Arbeiten und Veranlaſſungen ſein, und grade von einem Kaufmann verlangt man mit vollem Rechte Genauigkeit und Pünkt⸗ lichkeit. Eine einzige undeutliche Zahl, ſo unbedeutend das erſcheint, kann dem Kaufmann großen Schaden zufügen, wie ich ſelber öfter als einmal erlebt habe.“ „Wie wäre das möglich? rief Valentin ungläubig aus. „„Ich will dir nur einen Fall mittheilen,“ entgegnete Daniel. ‚Er betraf einen meiner Bekannten, der da⸗ durch in nicht geringe Verlegenheit gerieth und faſt gänzlich ruinirt worden wäre. Dieſer Mann hatte nicht genug Sorgfalt auf ſeine Handſchrift verwendet und machte in ſeinen Briefen allerlei Schnörkel und Züge, wo ſie nicht hingehörten. Dadurch wurde ſeine Schrift für Leute, die ſie nicht kannten, undeutlich, und gab manchmal Veranlaſſung zu Mißverſtändniſſen. Ge⸗ 58 wöhnlich ging es ohne großen Schaden ab, und der Mann blieb bei ſeiner unglücklichen Gewohnheit. „„Da traf es ſich, daß er bei einem bedeutenden Handlungshauſe in Amſterdam eine Waaren⸗Beſtellung auf einen zu jener Zeit hoch im Preiſe ſtehenden Artikel machte. Er verlangte davon hundert Centner. Der Brief ging ab, und nicht lange darauf erhielt er die Nachricht, daß die beſtellten viertauſend Centner beſag⸗ ten Artikels an ſein Haus abgegangen wären, und daß man ſich nur wundere, wie er grade von dieſem Artikel einen ſo ungeheuren Bedarf haben könne. Uebrigens wünſche man guten Empfang ac. ꝛc. „„Mein armer Freund traute ſeinen Augen nicht. Er bekam viertauſend Centner, und hatte doch nur hundert beſtellt. Umgehend berichtete er den Irrthum an das Amſterdamer Handlungshaus, und erklärte, daß er nur die beſtellten hundert Centner annehmen und bezahlen werde. Der Amſterdamer ſchrieb zurück, ſein Brief laute ganz richtig auf viertauſend Centner, und wenn ein Fehler vorgefallen ſei, ſo wäre dieſer auf ſeiner Seite. Zum Schluſſe bedauerten die Leute, daß der fragliche Artikel ſeit einigen Tagen weſentlich im Preiſe gefallen ſei, und gaben meinem Bekannten den guten Rath, daß er ſobald als möglich die Waaren losſchlagen möge, damit er nicht in großen Schaden gerathe. „Mein Freund blieb dabei, er habe nur eine Be⸗ ſtellung auf hundert Centner gemacht; er verweigerte die Annahme, der ihm gemachten großen Sendung, mehrere Briefe wurden zwiſchen den Streitenden ge⸗ wechſelt, es kam zuletzt zu einem Prozeſſe, und ſiehe da, als die Amſterdamer den Brief meines Freundes 59 den Gerichtsherren vorlegten, ſo ſtand in demſelben ganz richtig in Zahlen niedergeſchrieben 4000 Centner. Mein armer Freund hatte an die Eins einen unnützen Haken, an die zwei Nullen noch einen Schnörkel gemacht, der auf's Haar einer kleineren dritten Null gleichſah; Jeder⸗ mann, auch ſämmtliche Gerichtsherren laſen aus der hingeſchriebenen Zahl Viertauſend heraus, und mein armer Freund wurde kurz und gut verurtheilt, die be⸗ ſtellte Waare in Empfang zu nehmen, und den Betrag derſelben bei Heller und Pfennig an das Handelshaus in Amſterdam zu bezahlen. Vergebens ſträubte er ſich, vergebens ſchuͤtzte er ſeine wirkliche Abſicht und ſeine leider etwas undeutliche Handſchrift vor, es half ihm Alles zu nichts, er mußte bezahlen oder in's Gefängniß wandern. „Das war ſchon ſchlimm genug, aber das Schlimmſte kam noch erſt hinterdrein. Während des Briefwechſels und des Prozeſſes waren mehrere Wochen, ja Monate vergangen, und während dieſer Zeit hatte der Handels⸗ Artikel, um den es ſich handelte, eine ungewöhnliche Preiserniedrigung erlitten. Mein armer Freund mußte gleichwohl den vollen früheren Preis an die Amſter⸗ damer bezahlen, er ſelber aber bekam nicht die Hälfte dafür wieder, und die Koſten des Prozeſſes mußte er ebenfalls tragen. So verlor er mehr als zwei Dritt⸗ theile ſeines ganzen Vermögens, und bedurfte langer, langer Zeit, um den ungeheuren Verluſt durch ander⸗ weitige Operationen, durch Fleiß und Thätigkeit wieder zu erſetzen. „„Woher war aber das ganze Unglück gekommen? Einzig und allein von einem überflüſſigen Häkchen und einem eben ſo überfluͤſſigen Schnörkelchen. Du ſiehſt 60 alſo, mein lieber Valentin, daß man auch auf das ſcheinbar Kleinſte und Geringſte Aufmerkſamkeit und Sorgfalt verwenden muß, wenn man nicht Nachtheil und Schaden erleiden will. Der arme geſchlagene Mann beſſerte nachher freilich an ſeiner Handſchrift, aber ſo ganz wollte es ihm doch nicht gelingen, die unnöthigen Schnörkel bei Seite zu laſſen. Sie waren eben eine alte, eingewurzelte, ſchlechte Gewohnheit, und jung gewohnt, alt gethan, iſt ein nur zu wahres Sprichwort. „„Was tauſend, Herr Daniel, das kennen Sie auch?« rief Valentin aus, der die Geſchichte des alten Herrn nicht ohne Aufmerkſamkeit angehört hatte, und jétzt mit Erſtaunen das Sprichwort aus Daniels Munde hörte, das ſein Vater ſo häufig anzuwenden pflegte. „Freilich kenne ich es, und das iſt ein gutes Wort,“ erwiederte Daniel lächelnd.„Warum wunderſt du dich darüber, Valentin?« „ Valentin machte kein Hehl aus der Urſache ſeines Erſtaunens, und der alte Daniel nickte mehrmals zu⸗ frieden mit dem Kopfe.— „Das freut mich! Sieh', ſieh', das freut mich!“ ſagte er. ‚Es muß doch wohl guten Grund haben, das Sprichwort, da es auch dein Vater ſo fleißig an⸗ wendet. Weißt du, Valentin, du ſollteſt über den Sinn deſſelben recht fleißig nachdenken. Ich glaube, es würde nicht ohne gute Folgen bleiben. Wenn es einmal ge⸗ wiß iſt und feſtſteht, daß gute Gewohnheiten eben ſo wohl gewiſſermaßen zur anderen Natur werden, wie ſchlechte, ſo müßte ja derjenige ein rechter Einfalts⸗ pinſel ſein, der ſich nicht an die guten gewöhnte, die ihm in jeder Beziehung nur Vortheil bringen, während 61 die ſchlechten mit unvermeidlichen Nachtheilen ver⸗ knüpft ſind. Ein Beiſpiel habe ich dir ſchon erzählt, Valentin; ich will dir noch eins mittheilen. „„Ich hatte einen Jugendfreund, einen fleißigen, ordentlichen Menſchen von hellem Kopfe und vortreff⸗ lichem Herzen, nur hatte er einen einzigen Fehler an ſich, er konnte ſich nicht zur Sauberkeit und Reinlichkeit in ſeinem Anzuge gewöhnen. Weder in der Schule, noch auch ſpäter auf der Univerſität beſſerte er darin etwas, und wenn er in dieſer Stunde einen funkel⸗ nagelneuen Rock anzog, konnte man mit Sicherheit dar⸗ auf rechnen, daß in der nächſten Stunde irgend ein Schmutzfleck oder ein Riß darin ſein wuͤrde. Die Er⸗ mahnungen und Vorſtellungen ſeiner Freunde machten wohl Eindruck auf ihn, aber keinen bleibenden. Er nahm ſich unzählige Male vor, und verſprach es, ſich zu beſſern, aber regelmäßig vergaß er's auch wieder. Wir mußten ihn endlich aufgeben, denn wir ſahen wohl, das Uebel wurzelte in ſeiner früheſten Jugend, und konnte nicht mehr mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Es war eben die alte Geſchichte von jung gewohnt, alt gethan. „„Nun denn, als unſer Freund von der Univerſität zurückkehrte, hatte er ſo ziemlich ſein ganzes, ohnehin nicht ſehr großes Vermögen verſtudiert, und mußte ſich um eine Anſtellung bemuͤhen. Es wäre ihm auch leicht geweſen, eine ſolche zu bekommen, denn es fehlte ihm nicht an theilnehmenden Gönnern, die ſeine Kenntniſſe und ſeinen Fleiß ſchätzten, aber ſein alter Fehler, die Nachläſſigkeit im Anzuge, ließ ihn zu nichts gelangen. Wo er ſich vorſtellte, mit ſeiner ſchmutzigen Weſte, oder mit beflecktem Rocke und mit ſeinem ganzen etwas ver⸗ . 62 wahrlosten Aeußern machte er keinen angenehmen Ein⸗ druck und wurde ſtets mit kahlen Vertröſtungen abge⸗ ſpeist. „Schon wollte er ganz und gar verzweifeln, als ihn noch einmal die helle Sonne des Glückes aufzu⸗ gehen ſchien. An gründlichen Kenntniſſen fehlte es ihm, wie geſagt, keineswegs, und an nachhaltigem Fleiße eben ſo wenig. Das Miniſterium hatte einen Preis für die Löſung einer wiſſenſchaftlichen Frage ausgeſetzt, Robert erfuhr davon, unterrichtete ſich genauer über die Preis⸗ frage, und, da er ſie löſen zu können glaubte, ſo machte er ſich an die Arbeit und ſchrieb einen Aufſatz nieder, den er in vorſchriftmäßiger Weiſe bei dem Miniſterium einreichte. Der Miniſter las ihn und war entzückt da⸗ von. Er äußerte ſich verſchiedene Male mit großem Lobe über den Verfaſſer, und wir erfuhren ſogar, daß er die Abſicht habe, unſerem Freunde eine ſehr vor⸗ theilhafte Stellung in ſeinem eigenen Miniſterium zu geben. Das Geruücht beſtätigte ſich. Robert empfing den ausgeſetzten Preis, und zugleich eine Einladung, 5 ſich Tags darauf, Mittags um zwölf Uhr dem Herrn Miniſter perſönlich vorzuſtellen. Kein Menſch konnte glücklicher ſein, als unſer Robert, und auch wir, ſeine Freunde, freuten uns Alle ſeines guten Glückes. „„Jetzt, um Gottes willen, nur aufgepaßt, Robert,“ ſagten wir zu ihm. ‚Kleide dich nur dies Mal gezie⸗ mend an, gib ein wenig Acht auf deine Perſon, und Alles muß vortrefflich gehen. Biſt du einmal im Mi⸗ niſterium angeſtellt, ſo liegt die glänzendſte Laufbahn vor dir.“ „„Wie gewöhnlich verſprach Robert Alles. Dennoch trauten wir ihm nicht, und Einer von uns wurde an 63 8 dem verhängnißvollen Morgen an ihn abgeſchickt, um ihn zu beaufſichtigen und ſeinen Anzug zu muſtern. Als er zu ihm kam, fand er ihn ſchon angekleidet, und wider Erwarten völlig tadellos. Auf Rock und Bein⸗ kleidern ließ ſich kein Federchen und kein Stäubchen ſehen, der Hut war glatt und blank gebürſtet, die Stie⸗ feln glänzten wie mit Lack überzogen, Weſte, Hemd und Halstuch ſchimmerten in blendender Weiße. Sogar neue Handſchuhe hatte ſich Robert gekauft, und man konnte ihn daher ohne Sorge zu ſeiner Audienz gehen laſſen. 1 „„Wohlgemuth machte er ſich auf den Weg. Un⸗ glücklicher Weiſe fiel ihm aber unterwegs ein, daß er noch nicht gefrühſtückt hatte, es hungerte ihn, und er fürchtete, wohl gar ſchwach zu werden, wenn er vor der Audienz nicht einen Imbiß zu ſich nähme. Eine Speiſewirthſchaft lag ganz in der Nähe, Zeit hatte er noch, denn es war eben erſt halb zwölf ⸗Uhr, und kurz und gut, Robert ging in das Gaſtzimmer, ließ ſich ge⸗ ſchwind ein halbes gebratenes Hühnchen geben, was grade fertig war, aß es ſchnell auf, und beeilte ſich nun, Seiner Excellenz, dem Herrn Miniſter, aufzuwarten. Er wurde ſogleich vorgelaſſen, der Miniſter empfing ihn mit unverkennbarem Wohlwollen, ſagte ihm einige freundliche Worte über die von ihm eingelieferte Preis⸗ ſchrift, und Robert glaubte ſchon ſein verſehntes Ziel erreicht und das Patent der Anſtellung in der Taſche zu haben, als auf einmal das gütige Lächeln aus dem Geſichte des Miniſters verſchwand, und ganz plötzlich einem gemeſſenen, kalten Ernſte Platz machte. Der arme Robert wußte nicht, wie ihm geſchah. Die unerwartete Aenderung verwirrte ihn, er gab unzuſammenhängende *. 64 Antworten, und wurde endlich kuͤhl entlaſſen, ohne daß ein Wort von der gehofften Anſtellung lautbar gewor⸗ den wäre. Verzweiflungsvoll eilte er zu uns, um uns ſein Mißgeſchick zu klagen. „„Aber, Ungluͤcklicher, biſt du denn in dieſem Zu⸗ ſtande bei dem Miniſter geweſen? riefen wir ihm zu. fa welchem Zuſtande denn?“ fragte er ganz ver⸗ blüfft. „Wir fuͤhrten ihn vor einen Spiegel, und bei dem erſten Blick, den er hinein that, ſah er denn zu ſeiner Beſtürzung, was die plöͤtzliche Aenderung im Benehmen des Miniſters veranlaßt haben mußte. Seine Weſte, ſein Hemd und Halstuch ſahen von brauner Braten⸗ brühe wie geſprenkelt aus. „dUngluͤcklicher, der ich bin!“ ſtoͤhnte er. ‚Ich ſehe wohl, für mich iſt keine Rettung. Der Fehler meiner Jugend verſperrt mir jede Ausſicht auf Erfolg!“ „Wir ſuchten ihn zu tröſten, zu beruhigen, ihm neuen Muth einzuflößen, aber vergebens. Er verzwei⸗ felte an ſeinem Geſchick und ſeiner Zukunft, und in der That hat er es denn ſpäter auch nicht weiter gebracht, Kanzlei, er, der ohne die unſeligen Bratenflecken Mini⸗ ſterial⸗Rath, vielleicht gar Miniſter geworden wäre. „Da ſiehſt du, Valentin, wie gut es iſt, ſich bei Zeiten auch an Reinlichkeit zu gewöhnen.“ „Ja, ich ſeh' es, und will es auch thun,“ ſagte Valentin, der während Daniels Erzählung ganz nach⸗ denklich geworden war. ‚Gewiß, ich will es thun, wenn Sie nur ſo gut ſein wollen, Herr Daniel, mich immer auf meine Fehler und die mir ſchon anhaftenden üblen Gewohnheiten aufmerkſam zu machen.“ als zu einem untergeordneten Poſten in der Regierungs⸗ — — 65 „„Aber ich fürchte, du wirſt manchmal verdrießlich darüber werden,“ gab Daniel zur Antwort. „Nein, ich verſpreche es Ihnen,“ verſicherte Valen⸗ tin mit Lebhaftigkeit. ‚Ich bin überzeugt, daß Sie es gut mit mir meinen, und eine innere Stimme ſagt mir, daß ich Ihnen vollkommen vertrauen kann. Ja, ja, Sie haben recht, wer im Ganzen und Großen tüchtig werden will, muß ſich gewöhnen, es zuerſt im Kleinen zu werden.“ „„Wenn du dies einſiehſt, mein lieber Valentin, und darnach handelſt, ſo kann es nicht fehlen, daß deine Beſtrebungen dir glücken müſſen, erwiederte Daniel. ‚Und ſieh', ich bemerke ſchon, du machſt einen guten Anfang. Dieſe letzten Düten, die du gedrehet haſt, ſind tadellos. Das freut mich mehr, als du glauben magſt, denn ich ſchließe daraus auf deinen guten Willen. Wenn du all und jedes Ding ſo angreifſt, wie das Düten⸗ drehen, ſo wirſt du einſt eine Zierde des Kaufmann⸗ Standes werden.“ S „„An dem guten Willen ſoll es nicht fehlen, ant⸗ wortete Valentin. ‚Wenn ich nur erſt wüßte, was eigentlich dazu gehört, ein ganzer, tüchtiger Kaufmann zu ſein. Sagen Sie mir das, Herr Daniel.“ »„In dieſer Beziehung kann ich mich kurz faſſen,“ lächelte der klſeine Mann. ‚Zu einem tüchtigen Kauf⸗ mann gehört eben nicht mehr und nicht weniger, als daß er vor allen Dingen ein tüchtiger Menſch ſeie. Sein erſter Grundſatz im Geſchäft muß ſein: Ehrlich⸗ keit! Ein Kaufmann ohne Ehrlichkeit iſt die Luft nicht werth, die er athmet. Dann gehört zum Geſchäft, wie zum Leben im Allgemeinen, Ordnung, Pünkt⸗ lichkeit und Reinlichkeit. Wem dieſe Eigenſchaften 5 Jung gewohnt ꝛc. 66 fehlen, wird nie ein achtbarer Kaufmann ſein, und es nie zu etwas Großem bringen. Endlich ſoll der Kauf⸗ mann, wie jeder andere Menſch, ſparſam und mäßig ſein. Was der Fleiß verdient, ſollen Sparſamkeit und Maäßigkeit zuſammenhalten. Dies ſind die Grundlagen, auf denen ſich ein ſolides Lebens⸗Gebäude aufführen läßt. Trachte zuerſt darnach, den Grund in dir ſelber zu legen, dann werden die guten Folgen nicht aus⸗ bleiben.“ „Ich will es thun, und ich danke Ihnen für die empfangenen guten Lehren,“ ſagte Valentin herzlich. „Ich weiß nicht, es iſt mir, als ob es wie Schuppen von meinen Augen gefallen wäre, und ich ſehe jetzt Alles in ganz anderem Lichte, wie früher.“ „Das macht, weil du gelernt haſt, eine tadelloſe Dute zu drehen,“ erwiederte Daniel lächelnd.„Es iſt der gute Anfang zu guten Gewohnheiten. Vergiß nur das Eine nicht, daß nur derjenige im Großen tüchtig ſein kann, der auch tüchtig im Kleinen iſt. Und nun genug für heute. Wir haben gelernt und gearbeitet, nun iſt es Zeit, auch zu ruhen.“ 2 „Es ſchien in der That, als ob von jener Zeit an, wo Valentin die erſten Düten drehen gelernt hatte, ein neuer Geiſt in ihn gefahren wäre. Er gewöͤhnte ſich daran, auf ſich ſelbſt zu achten, und da fand er ſehr bald, daß ihm noch außerordentlich viel fehle, das Ziel zu erreichen, das er ſich geſetzt hatte. Auch merkte er wohl, daß es nicht leicht ſei, die Untugenden abzulegen, welche ihm durch Gewohnheit ſchon faſt zur zweiten Natur geworden waren, und manches Mal verzagte er an ſich ſelber und hegte bange Zweifel, ob es ihm ge⸗ lingen werde, die immer wieder einmal auftauchenden 67 leichtſinnigen Regungen und Gelüſte zu beherrſchen. Indeß, ein Wendepunkt war doch jedenfalls bei ihm eingetreten, er hatte den beſten Willen, und der gute alte Daniel ſtand ihm getreulich zur Seite, ſtützte ihn, wenn er wankte, reichte ihm die Hand, wenn er ſtrau⸗ chelte, ermuthigte ihn, wenn er verzagte. Allmählig anderte ſich denn auch Valentins ganzes Weſen, er wurde innerlich und äußerlich ein anderer Menſch als früher, und gewöhnte ſich an Ordnung, Pünktlichkeit und Rein⸗ lichkeit. Freilich fehlte es nicht an einzelnen Rückfällen in die alten uͤblen Gewohnheiten, aber Valentin ſchämte ſich jeden ſolchen Rückfalles, und wurde durch Scham und Reue noch mehr in ſeinen guten Vorſätzen beſtärkt. Es war ein ſchwerer Kampf, den er kämpfte, denn die Fehler ſeiner Jugend hatten ſchon zu tiefe Wurzeln ge⸗ ſchlagen, um leicht ausgerottet werden zu können, aber der feſte Wille überwand endlich und errang den Sieg. Der alte Daniel ſtand im Kampfe getreulich an Valen⸗ tin's Seite, und ließ es weder an Zuſpruch, noch an guter Lehre fehlen. „Herr Reicholt, der Principal, war weniger gedul⸗ dig, und hatte manchmal große Luſt, den nachläſſigen Lehrling auszuzanken, ja, einmal ſtand er ſogar auf dem Punkte, ihn ganz und gar fortzuſchicken,— aber der getreue Daniel legte ſich immer in's Mittel, wußte das Aeußerſte abzuwenden, und den Principal immer wieder zu beſchwichtigen. Das eine Mal freilich wurde es ihm ziemlich ſchwer, und viel fehlte nicht, daß Va⸗ lentin ohne Gnade aus der Lehre und nach Hauſe ge⸗ ſchickt worden wäre. Die Urſache war, daß Valentin mit einem Briefe, von deſſen ſchneller Beförderung viel abhing, zu ſpät auf die Poſt gekommen war, und daß 4 5* V 1 68 Herr Reicholt beinahe großen Schaden dadurch erlitten hätte. Er ſelber gab nämlich den Brief in Valentins Hände und ſchärfte ihm ein, ohne Aufenthalt zur Poſt zu laufen, und das Schreiben dort abzugeben. Auch Daniel empfahl ihm Eile an, und Valentin machte ſich auf den Weg. „Nun wollte es aber das Unglück, daß er auf dem Gange zur Poſt an einer großen Thierbude vorüber kam, die einige Tage vorher auf dem größten Platze der Stadt aufgeſchlagen war. Viele Menſchen dräng⸗ ten ſich vor dem Eingange derſelben, und auch Valen⸗ tin konnte der Neugierde nicht widerſtehen, wenigſtens einige Augenblicke lang die Affen und Papageien zu betrachten, die auf einer Stange vor der Thierbude ſaßen, und durch ihre poſſierlichen Geberden das Ge⸗ lächter der verſammelten Menge erregten. Die Affen machten auch unſerem Valentin beſonderen Spaß, und die Luſt an ihren wunderlichen Grimaſſen, ihren ſeltſa⸗ men Sprüngen und Bewegungen feſſelte ihn länger, als recht war. Bald vergaß er den ihm anvertrauten Brief, die Poſt und Alles, und empfand nur eine unwider⸗ ſtehliche Begierde, auch die wilden Thiere im Inneren der Thierbude zu ſehen, deren dumpfes Gebrüll zuwei⸗ len die Luft erſchütterte. Als nun gar ein bunt ge⸗ kleideter Mohr am Eingange erſchien und ankündigte, daß eben jetzt die Fütterung der Thiere beginnen würde, da konnte ſich Valentin nicht länger zurückhalten. Er drängte ſich zur Kaſſe, bezahlte den Einlaß mit dem Gelde, das ihm als Porto für den Brief eingehändigt war, und trat in die Bude, wo er bei dem Anblicke der Löwen, Panther, Tiger und Elephanten vollends alles Andere in den Wind ſchlug. Erſt, als das —y V —— 69 Schauſpiel der Fütterung vorüber war, die Bude ſich leerte, und er wieder auf der Straße ſtand, fiel ihm die verſäumte Pflicht ſchwer auf's Herz, und der Brief brannte wie Feuer in ſeinen Händen. Spornſtreichs lief er zur Poſt, aber nun beſann er ſich erſt, daß er das Porto für den Brief bei der Thierbude gelaſſen hatte. Zum Unglück hatte er kein Geld weiter bei ſich, und ſo blieb ihm denn nichts Anderes übrig, als nach Hauſe zurückzukehren, ſeinen Fehler einzugeſtehen, und das Verſäumte dann möglichſt ſchnell nachzuholen. Dies that er, und es wäre vielleicht noch Alles gut gegangen, wenn er ſtatt des ſtrengen Principals den guten alten Daniel gefunden hätte. Aber Daniel war zum Unglück grade nicht anweſend. „Valentin, wo warſt du ſo lange?e rief Herr Rei⸗ cholt ihm heftig entgegen. ‚Du haſt doch den Brief zur Poſt getragen?“ „Valentin mußte bekennen, wie es ihm bei der Thierbude ergangen war, und nun gerieth Herr Reicholt in den heftigſten Zorn, und drohte ganz ernſtlich, den ganz beſtürzten, zitternden Valentin auf der Stelle aus dem Hauſe zu jagen. Der gute alte Daniel hörte die zornige Stimme des Principals hinten in der Nieder⸗ lage und eilte beſorgt herzu. Als er vernahm, um was es ſich handelte, warf er Valentin einen vorwurfsvollen Blick zu. Valentin fühlte ſich darüber mehr gedemüthigt, als durch Herrn Reicholts heftige Vorwürfe. „Es iſt eine ſchlimme Sache, denn die Poſt muß ſchon abgegangen ſein,“ ſagte Daniel hierauf. ‚Aber beruhigen Sie ſich, Herr Reicholt, ich werde Rath ſchaffen. Freilich muß Valentins Vater die Koſten da⸗ 70 von tragen, aber der Brief wird befördert. dafür ſtehe ich ein. „„Wie wollen Sie das möglich machen, Daniel?« fragte Herr Reicholt ſchon etwas beſänftigter. „»„Ich nehme Extrapoſt zur nächſten Station, und komme hoffentlich früher an, als die gewöhnliche Poſt,“ erwiederte Daniel. ‚Flink, Valentin, beſtelle den Wa⸗ gen und verſäume diesmal wenigſtens keine Minute.⸗ »Valentin hatte genug an den Folgen der erſten Verſäumniß. Er flog davon, bat und flehte um ſchleu⸗ nigſte Beförderung, und kehrte nach kaum einer halben Stunde ſchon mit dem Wagen zurück. Der gute alte Daniel, ſchon reiſefertig, ſtieg ein, im Galopp flogen die Pferde davon, und das gute Glück wollte, daß Daniel richtig die Poſt auf der nächſten Station erreichte und den wichtigen Brief durch ſie befördern konnte. Obgleich in dieſer Weiſe ein bedeutender Verluſt abgewendet und Valentins Verſehen gut gemacht worden war, koſtete es Daniel doch große Mühe, Herrn Reicholt vollſtändig zu beſänftigen, da dieſer Valentins großen Leichtſinn für unverbeſſerlich erklärte, und ſich durchaus nicht wei⸗ ter mit ihm einlaſſen wollte. Erſt als Daniel ſich mit ſeinem Worte verbürgte, daß ein ähnlicher Fall nicht wieder vorkommen würde, erſt da gab Herr Reicholt nach, und Valentin erhielt noch einmal Verzeihung. »„Alles iſt abgemacht,“ ſagte der gute Daniel zu ihm, als er mit Thränen in den Augen ſich bei ſeinem Beſchützer bedankte,— ‚aber du haſt ſelbſt gehört, mein lieber Valentin, daß ich mein Wort für dich verpfändet habe. Begehſt du nun noch einen Fehler ſolcher Art, ſo kränkſt du mich auf das Tiefſte.⸗ „„Sein Sie ruhig, ganz ruhig, Herr Daniel,⸗ 71 erwiederte Valentin mit ehrlichem Blicke.„Lieber wollte ich mir meine rechte Hand abhauen, als Ihnen, mei⸗ nem beſten Freunde, eine Kränkung bereiten! Nein, von jetzt an können Sie meiner ſicher ſein. „Der gute alte Daniel drückte ihm die Hand, und die Sache war abgemacht, ohne daß noch weiter Worte darüber verloren wurden. Valentin aber verdoppelte von Stund' an ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt und ſeine Obliegenheiten, und es geſchah, was Daniel ihm gleich anfangs vorausgeſagt hatte. Nämlich, was im Beginne unſerem Valentin große Anſtrengung gekoſtet hatte, wurde nachgerade ihm zur Gewohnheit. Ordnung, Pünktlichkeit und Reinlichkeit wurden ihm nach Jahr und Tag wie zur anderen Natur, und die Briefe Herrn Reicholts an Valentins Vater lauteten von einem Jahre zum anderen zufriedener, bis zuletzt alle von ſeinem Lobe überfloſſen, und nichts als Gutes und Erfreuliches berichteten. „Das ging ſo fort, bis Valentin ſeine Lehrzeit be⸗ ſtanden hatte. Nun aber verlangte ſein Vater, daß er ſich in einer größeren Handels⸗ und Seeſtadt weiter ausbilden ſollte, und auch Daniel, ſo ſchwer ihm die Trennung von ſeinem jungen Freunde fallen mochte, ſtimmte der Anſicht des Vaters bei. Die nöthigen Schritte wurden gethan, um Valentin eine Stelle in einem bedeutenden Handlungshauſe von Bremen zu verſchaffen, und Valentin reiste kurze Zeit nachher dahin ab. Das Scheiden von ſeinem alten Freunde, dem wackeren Daniel, machte ihm großen Schmerz, und es war ihm zu Muthe, als ob er von ſeinem guten Engel ſcheide. Aber Daniel ſuchte ſeinen Kummer zu beſchwichtigen. 7² »„Reiſe in Gottes Namen,“ ſagte er.„Es iſt zu deiner Ausbildung nothwendig, denn bei uns hier in dem kleinen Städtchen kannſt du nicht viel mehr lernen, als du gelernt haſt. Dennoch hoffe ich, daß dein Auf⸗ enthalt bei uns nicht ohne Nutzen und Segen für dich geweſen iſt. Du haſt einen guten Grund zu deinem künftigen Leben gelegt, indem du dir gute Gewohn⸗ heiten aneigneteſt. Hüte dich nun, davon wieder abzu⸗ weichen. Wie ſicher ſeiner ſelbſt der Menſch ſich auch fühlen möge, ſo ſteht er doch nie ſo feſt, daß er nicht ſtraucheln und fallen könnte. Darum laß nicht nach in dem Streben, deinen inneren und äußeren Menſchen immer mehr zu feſtigen und zu vervollkommnen, denn der Heiland ſagt nicht ohne ſchwere Bedeutung: ‚Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet.“ Wenn eine Verſuchung dir nahe tritt, ſo erinnere dich deines alten Freundes Daniel und denke daran, wie ſehr es ihn ſchmerzen würde, wenn du vom geraden rechten Pfade abwicheſt und wieder in die glücklich überwunde⸗ nen alten Thorheiten verfieleſt. Verſprich mir, Valen⸗ tin, ſtets meiner eingedenk zu bleiben, und dann— will ich ruhig und in Frieden dich ziehen laſſen.“ »Valentin verſprach es mit Thränen der Rührung und Dankbarkeit in den Augen. „„Wenn ich je Ihrer und Ihrer guten Lehren jemals vergeſſen könnte, liebſter, beſter Daniel,“ ſagte er, ‚ſo wäre ich ja nicht werth, daß mich die Sonne beſchiene! Nein, vertrauen Sie auf mich und meine Grundſätze. Stets will ich ſo handeln, daß ich Ihrer Erziehung keine Schande mache, und Ihnen jederzeit frei und offen in die treuen Augen blicken kann.:. 3 73 „Gott ſtärke dich in ſolchen Vorſätzen! erwiederte Daniel herzlich und ſchloß Valentin in ſeine Arme. „Tags darauf trennten ſie ſich. Valentin reiste nach Bremen ab, wo ein neuer Abſchnitt ſeines Lebens beginnen ſollte. Obgleich traurig geſtimmt durch den Abſchied aus den bisherigen Verhältniſſen, die ihm durch ſeine Anhänglichkeit an Daniel und durch Gewohnheit lieb geworden waren, ſah er doch ruhig und mit dem Gefühl der Sicherheit der Zukunft entgegen, denn er glaubte für immer von ſeinen früheren Fehlern geheilt zu ſein und keine Verlockung oder Verſuchung fürchten zu müſſen. Mit dieſer feſten Ueberzeugung langte er in Bremen an, ſollte aber hier nur zu bald die Erfahrung machen, daß der alte Adam im Menſchen doch nicht ſo leicht zu toͤdten iſt, als er ſich ſelber einredete. Der Aufenthalt in Bremen war von großer Wichtigkeit für Valentins Ausbildung. Er hatte einen ſchweren Kampf hier durchzukämpfen, einen weit ſchwereren, als er noch je in ſeinem Leben durchgekämpft hatte. Wir können ihn füglich bezeichnen als Kampf des Lebens mit Valentins Grundſätzen, und nun ſollſt du hören, mein lieber Matthias, ob und wie Valentin als Sieger daraus hervorging. „In Bremen nahm Valentin als Handlungs⸗Diener in einem der größten Handelshäuſer natürlich eine weit freiere und ungebundenere Stellung ein, als früher in der kleinen Stadt, wo er als Lehrling unter fortwähren⸗ der Aufſicht ſeines Principals und des guten alten Daniel geſtanden hatte. Auch boten ſich ihm hier weit mannigfaltigere Zerſtreuungen dar, als dort, wo er recht 74 eigentlich nur ein ganz gleichförmiges Still⸗Leben geführt hatte. Wenn er in Bremen in den Wochentagen von Morgens neun Uhr bis Abends um fünf Uhr ſeine Geſchäftsſtunden gehalten hatte, ſo war er für den Reſt des Tages um ſo mehr völlig ſein eigener Herr, als er nicht einmal in dem Hauſe ſeines jetzigen Principals wohnte, ſondern ſich ein beſonderes Zimmer außerhalb deſſelben miethen mußte. Da konnte er nun, wenn er ſonſt Luſt und Neigung dazu hatte, ganze Naͤchte aus⸗ wärts bleiben und ſeinen Vergnügungen nachgehen, es kümmerte ſich Niemand darum und kein Menſch fragte darnach, wenn er nur ſeine Arbeiten im Comptoir nicht vernachläſſigte. Es war hier demnach Alles ganz an⸗ ders, als in der kleinen Stadt, und an Verſuchungen, die größere Freiheit zu benutzen, fehlte es Valentin keineswegs. „Trotzdem, obgleich er ſich im Anfange ziemlich ein⸗ ſam und verlaſſen fühlte, und obgleich es ihm keines⸗ wegs an Gelde fehlte, womit ſein Vater ihn freigebig verſehen hatte, hütete er ſich doch, den mannigfachen Verlockungen, die ihm nahe traten, ſogleich nachzugeben. Vielmehr, wenn das Geſchäft Abends geſchloſſen wurde, begnügte er ſich, einen Spaziergang durch die Stadt und die Umgebungen derſelben zu machen, und begab ſich dann regelmäßig bei Dunkelwerden nach Hauſe, wo er ſich mit dem Studium guter Bücher beſchäftigte, ſeine Kenntniſſe erweiterte, und ſich mit dem Handel und Wandel aller Völker der Erde vertraut zu machen ſuchte. Zu dieſer Eintheilung ſeiner Zeit hatte ihm Daniel gerathen, welcher in ſolcher Weiſe auch jetzt noch in der Ferne au Valentins Führer und Lehrer war. 7⁵ „Glücklich Valentin, wenn er bei dieſer Lebens⸗ weiſe beharrt hätte. Aber es ſollte nicht ſein, damit er um eine Erfahrung reicher würde, und damit er einſehen lerne, daß der Menſch nun und nimmer ganz allein auf ſich ſelbſt und auf die Feſtigkeit ſeiner Grund⸗ ſätze vertrauen darf. „Valentin fühlte ſich zu ſicher. Als er deshalb eines Tages von einigen ſeiner Kollegen aufgefordert wurde, einer kleinen Feſtlichkeit beizuwohnen, die man zu Ehren des Geburtstages Eines von ihnen vorbe⸗ reitet wurde, weigerte er ſich zwar anfangs ein wenig, ließ ſich aber zuletzt doch zureden, und verſprach end⸗ lich zu kommen. Die Feſtlichkeit fand ſtatt, und wider alles Erwarten fand Valentin großes Gefallen daran. Er hatte allerdings nun ſchon Monate lang in fort⸗ währender Einſamkeit gelebt, und da konnte man ſich nicht wundern, daß die heitere, anſtändige Geſelligkeit, welche bei dem kleinen Geburtstags⸗Feſte vorherrſchte, ihm beſonderes Vergnügen gewährte, um ſo mehr, als er von den Theilnehmern der Geſellſchaft mit auffallen⸗ der Freundlichkeit und Zuvorkommenheit behandelt wurde. Man machte ihm ſanfte Vorwürfe darüber, daß er ſo einſam und zurückgezogen lebe und ſchrieb dieſe Abgeſchloſſenheit einem unbändigen Stolze zu, wogegen Valentin vergeblich Widerſpruch einlegte. Nachdem er ſich eine Zeitlang vertheidigt hatte, ver⸗ ſprach er endlich, um nur die vielfachen Anklagen ver⸗ ſtummen zu machen, dann und wann die Geſellſchaft ſeiner Kollegen zu ſuchen, ein Verſprechen, das mit un⸗ getheiltem Beifall aufgenommen und mit Verſicherungen herzlicher Freundſchaft erwiedert wurde. Bis in die Maci hinein dauerte hierauf die Fröhlichkeit, Valentin 76 trank ein paar Gläſer mehr Wein, als er vertragen konnte, wurde dadurch ſelber zu ungewöhnlicher Luſtig⸗ keit aufgeregt, und mußte endlich von ſeinen neuen Freunden nach ſeiner Wohnung gebracht werden, da er verſicherte, den Weg dahin allein nicht mehr finden zu können. 3 „Am andern Morgen erwachte er aus einem dum⸗ pfen Schlafe mit ſchweren Gliedern und heftigen Kopf⸗ ſchmerzen, und machte ſich die bitterſten Vorwürfe, daß er zu lange an der allzu luſtigen Geſellſchaft Theil genommen hatte. Aber es dauerte nicht lange, ſo wurde er von ſeinen finſteren Gedanken abgezogen, denn ein paar Freunde vom geſtrigen Abende beſuchten ihn, um ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen, und lachten laut, als er über Unwohlſein und Zerſchlagen⸗ heit in allen Gliedern klagte. „Das laß dich weiter nicht kümmern,“ rief Theo⸗ dor, Einer von der luſtigen Geſellſchaft, tröſtend aus. „Du haſt eben ein bischen Katzenjammer, mein lieber Valentin. Trink' ein Glas Wein, und es wird vor⸗ übergehen. Heute iſt Sonntag, wir haben Zeit dazu, zieh' dich an, und begleite uns in eine Weinſtube. Ich ſtehe dafür, dort wirſt du dein Unbehagen bald ver⸗ geſſen. „Valentin hatte keine große Luſt, der Einladung zu folgen, aber die Anderen, beſonders Theodor, rede⸗ ten ihm ſo eindringlich und freundſchaftlich zu, daß er wirklich abermals der Verführung nachgab und den munteren Geſellen folgte. Ein Glas Wein vertrieb ihm die Grillen, wie Theodor ſeine Selbſtvorwürfe be⸗ zeichnete, und Valentin fing wirklich nachgerade an, Geſchmack an der luſtigen Geſellſchaft ſeiner Kameraden „ — 77 zu finden, die voller Schelmerei und Heiterkeit ſteckten. Die Ungebundenheit und frohe Laune derſelben ſteckte ihn an. Er begnügte ſich bald nicht mehr mit ſeinem Spaziergange nach gethaner Arbeit, ſondern beſuchte, allerdings anfänglich nur ein oder zwei Mal in der Woche, den Verſammlungs⸗Ort der jungen Leute, be⸗ fand ſich immer wohler in ihrer Geſellſchaft, kam all⸗ mählig häufiger und immer häufiger, zuletzt regelmäßig alle Tage, und, was das Schlimmſte war, ließ ſich ſogar öfters verleiten, bis tief in die Nacht mit den luſtigen Brüdern zuſammen zu bleiben. Ohne daß er es merkte, gewannen ſo die alten üblen Gewohnheiten aus der fruheren Jugendzeit wieder Gewalt uͤber ihn, und die guten Lehren, die Ermahnungen und Warnun⸗ gen des alten Freundes Daniel wurden mehr und mehr der Vergeſſenheit anheimgegeben. „Zuweilen wachte freilich wohl ſein Gewiſſen auf, und wenn er ſich fragte, was wohl Daniel zu ſeinem jetzigen Lebenswandel ſagen würde, färbte die Röthe der Scham ſeine Wangen und ein banges Gefühl machte ſein Herz ſtärker klopfen. Manchmal nahm er ſich ſogar feſt vor, die luſtige Geſellſchaft fernerhin lie⸗ ber zu vermeiden; wenn dann aber der Abend kam, empfand er eine gewiſſe Leere und Scheu vor ſich ſel⸗ ber in ſeinem Innern, und nur ſelten widerſtand er dann der Verlockung, das Unbehagen, welches ihn er⸗ füllte, im Kreiſe der Kameraden zu vergeſſen. Gewann das beſſere Gefühl doch einmal die Oberhand bei ihm, blieb er zwei, drei Tage aus der Geſellſchaft weg, ſo kam am vierten gewiß Theodor, um ihm freundſchaft⸗ liche Vorwürfe wegen ſeines Ausbleibens zu machen, und ihm die Verſicherung zu geben, daß ſeine Abweſen⸗ 78 heit von allen Anderen ſchmerzlich beklagt würde. Sie hatten ihn Alle ſo lieb, meinte er, und es ſei wirklich undankbar von ihm, wenn er ſo viele Freundſchaft und Anhänglichkeit von ſich ſtoßen wolle. „»Dergleichen Redensarten verfehlten nie ihre Wir⸗ kung; die guten Vorſätze Valentin's ſchwanden hin, wie Schnee im Sonnenſchein, und nach einem mehr⸗ maligen kurzen Aufraffen aus dem Taumel, in den er nach und nach verſtrickt wurde, verſank er tiefer und immer tiefer in die Netze der Verſuchung, bis er ſich zuletzt ganz an das ungeregelte Leben gewöhnte, und ſogar jeden Vorſatz zur Beſſerung, als doch nur ver⸗ geblich, verſchmähete. „Nicht lange, ſo machten ſich die üblen Folgen die⸗ ſer verderblichen Lebensweiſe fühlbar. Valentin ver⸗ nachläßigte ſich wieder, wie in früheren Zeiten; Un⸗ ordnung und Unreinlichkeit in ſeinem Aeußeren nah⸗ men mehr und mehr überhand, und auch in ſeinen Ge⸗ ſchäften zeigte er nicht mehr die Pünktlichkeit und Genauigkeit, an welche ihn der treue Daniel ſo ſorg⸗ fältig gewöhnt hatte. Noch mehr; Valentin mußte auch die Bemerkung machen, daß ſeine Ausgaben mit ſeinen Einnahmen in keinem Verhältniſſe mehr ſtanden. Unmerklich hatte er ſich an eine gewiſſe leichtſinnige Verſchwendung gewöhnt, und mit Schrecken ſah er eines Tages, daß er alles Geld, welches er vom frei⸗ gebigen Vater empfangen, bis auf wenige Thaler aus⸗ gegeben und noch Schulden obendrein für neue Klei⸗ dung und Anderes mehr gemacht hatte. Dieſe Ent⸗ deckung verſetzte ihn in die mißmuthigſte Stimmung, in welcher er von ſeinem Freunde Theodor überraſcht wurde. 79 „Nun, was gibt es?“ rief dieſer ihm zu.„Du machſt ja ein Geſicht, Valentin, als ob dir eine große Erbſchaft entgangen wäre, auf die du mit Sicherheit ſchon gerechnet hätteſt. Was fehlt dir, mein Junge?“ „„Ach laß mich in Ruhe!“ entgegnete Valentin ver⸗ drießlich. Du und deine Kameraden, Ihr ſeid ganz allein an meinem Unglücke ſchuld! Hättet Ihr mich in Frie⸗ den gelaſſen und nicht in Euren verwünſchten Strudel von Zerſtreuungen gezogen, ſo ſtänd' es jetzt anders mit mir!e „Oho, du ſprichſt ja in hohem Tone, mein Lieber!“ antwortete Theodor lachend.„Aber wenn du wirklich ſo ſehr unglücklich biſt, ſo will ich's dir weiter nicht übel nehmen. Darum nur friſch heraus mit der Sprache,— wo fehlt es dir?“ „„Ich habe kein Geld mehr, und außerdem Schul⸗ den, die ich nicht bezahlen kann!“ ſagte Valentin nie⸗ dergeſchlagen und in ganz verzweifeltem Tone. Theodor lachte laut auf. „Das iſt Alles?“ rief er.„Nun, wahrhaftig, dar⸗ über brauchſt du dir keine grauen Haare wachſen zu laſſen. Haſt du denn nicht einen reichen Vater?“ „Ja, mein Vater iſt wohl reich genug, aber er wird ſich hüten, meine Thorheiten zu bezahlen,“ ent⸗ gegnete Valentin.„Dazu kenne ich ihn viel zu gut. Oh, wär' ich doch niemals in Eure Geſellſchaft ge⸗ rathen!“ „Nun, ich muß ſagen, du redeſt wirklich recht höf⸗ lich mit mir, mein Lieber,“ ſpoͤttelte Theodor. ‚Aber ich verzeihe dir, weil du in der That ein wahres Kind biſt. Wer wird denn um⸗ ein paar Thaler Schulden gleich verzweifeln? Wenn ich mir ſolche Kleinigkeiten ——— 80 wollte zu Herzen gehen laſſen, ſo müßte ich ſchon längſt geſtorben und begraben ſein. Sei doch nicht thöricht, Valentin! Haſt du in Wahrheit gar kein Geld mehr?e „Dieſe paar Thaler da ſind Alles, was ich be⸗ ſitze, denn auch meinen Gehalt habe ich ſchon auf einen ganzen Monat im Voraus genommen.“ „Theodor ſchlug wieder ein helles Gelächter auf. „„Nun, da ſieht man doch, daß du ein richtiger Kindskopf biſt!“ ſagte er.„Hat der Menſch da noch vier blanke Thaler liegen und will verzweifeln! Höre, mein lieber Valentin, wenn ich es nicht ſo ſehr gut mit dir meinte, ſo würde ich dich jetzt ſitzen laſſen, und ganz einfach denken, du wäreſt ein Narr. Aber weil ich dich wirklich lieb habe, und weil du mir ſchuld gibſt, ich ſei mit die Urſache an deinem Unglücke, ſo ſollſt du einen guten Rath von mir hören. Ich weiß einen ſicheren Ort, wo zuweilen ein kleines Spielchen gemacht wird. Dorthin will ich dich führen, du ſpielſt mit deinen vier Thalern da, und ich möchte dafür ſtehen, daß du ein hübſches Sümmchen Geld gewinnſt, denn Anfänger im Spiel haben immer Glück. Nun, was meinſt du dazu?“ „„Wenn es nur wahr iſt! erwiederte Valentin kleinlaut. ‚Geſetzt aber, ich verlöre auch die paar Tha⸗ ler noch, was dann?“ „„Du wirſt ſie eben nicht verlieren! verſicherte Theodor. ‚Ich kenne das. Geh' nur heut' Abend ganz ruhig mit mir, und du ſollſt ſehen, daß du mit vollen Taſchen vom Speeltiſche zurückkehrſt.“ „Valentin lauſchte mit Begierde der Stimme des Verſuchers. Mit einem Schlage ſeiner Sorgen und 4G 81 Schulden ledig zu werden, ſchien ihm äußerſt verlockend und angenehm. „„Ich gehe mit,“ ſagte er nach kurzem Bedenken. „Aber, wenn es der Principal erfährt? Er hat mich ganz beſonders vor dem Spiele gewarnt, und mich mit augenblicklicher Entlaſſung bedroht, wenn ich jemals dieſer Leidenſchaft fröhnen würde.⸗ „Einmal ein Spielchen machen iſt nicht leiden⸗ ſchaftlich ſpielen,“ entgegnete Theodor leichthin. ‚Außer⸗ dem, wie ſoll er's erfahren? Er ſelbſt kommt nicht an jenen Ort, und wir, die wir ihn beſuchen, werden uns Alle hüten, davon zu plaudern. In dieſer Be⸗ ziehung biſt du ſicher.“ „Nun, dann iſt's abgemacht, ich verſuche mein Glück!« ſagte Valentin entſchloſſen. ‚Hole mich ab, ich werde dich erwarten.“ „Theodor verſprach ſich pünktlich einzuſtellen, und kam richtig zur beſtimmten Stunde. Valentin hüllte ſich in ſeinen Mantel und begleitete ihn. Nachdem ſie mehrere enge, winkelige Gaſſen durchſtrichen hatten, blieb Theodor vor einem Hauſe mit trübe blendender Laterne ſtehen, und klopfte auf eigenthümliche Weiſe an einen der verſchloſſenen Fenſterladen. „Merke dir dieſe Art des Klopfens, Valentin, ſagte er.„Es iſt das Zeichen, daß ein Eingeweihter draußen ſteht. Man wird uns ſogleich öffnen.“ „In der That raſſelte der Riegel der verſchloſſenen Thür, ſie wurde geöffnet und ein Burſche mit ver⸗ ſchmitztem Geſicht ließ die beiden jungen Leute ein. „Der Spieltiſch ſchon beſetzt?« fragte ihn Theodor, nachdem er ihm vertraulich zugenickt hatte. Jung gewohnt ꝛc. „Ja, Herr, ſchon Alles im Gange,“ erwiederte der Burſche. ‚Sie haben heute ſchon zeitig angefangen.“ „So komm',“ wandte ſich Theodor zu Valentin. „Wir haben einen glücklichen Tag getroffen, und es müßte ſonderbar zugehen, wenn du nicht in wenigen Stunden deiner Sorgen ledig wäreſt. „Valentin folgte ihm durch einen dunkeln Corridor in eine ziemlich geräumige Stube, welche durch zwei Kronleuchter hell erleuchtet wurde. Um einen mit grünem Tuche überzogenen großen Tiſch in der Mitte des Zimmers drängten ſich ein paar Dutzend Menſchen, unter denen Valentin nicht ohne Ueberraſchung mehrere von ſeinen neuen Bekannten erblickte, die ihm lächelnd zunickten, dann aber ihre Aufmerkſamkeit wieder dem Spieltiſche und den Karten zuwandten. Theodor drängte Valentin dicht an den Tiſch, machte ihn flüſternd mit den höchſt einfachen Regeln des Spieles bekannt, und forderte ihn dann auf, eine Karte zu beſetzen. Valen⸗ tin folgte der Aufforderung mit klopfendem Herzen und zitternder Hand, und ſetzte einen Thaler auf den Buben. Nach wenigen Augenblicken hatte er verloren, und ſein Thaler rollte zu den übrigen, die den leicht⸗ ſinnigen Spielern bereits abgenommen waren. Valen⸗ tin verbarg ſo gut er konnte ſeine Beſtuͤrzung, und ſetzte einen zweiten Thaler. Auch dieſer ging verloren, und ebenſo der dritte. Der Angſtſchmeiß brach auf ſeiner Stirn aus, und er zögerte, auch ſein letztes Geldſtück noch auf die treuloſen Karten zu ſetzen. Aber Theodor flößte ihm Muth ein. „Nur vorwärts, vorwärts, Valentin!“ ſagte er ihm in's Ohr.„Es kann nicht beſſer gehen. Wer zuerſt verliert, gewinnt ſpäter deſto ſicherer. Nur vorwärts!“ —— — 8³ „„Nun denn,“ dachte Valentin,„es iſt am Ende gleichgültig, ob ich auch den letzten Thaler verliere, nachdem ich bereits die anderen verloren,“ und warf das Geldſtück auf die erſte beſte Karte. »„Sie gewann, und unwillkührlich zuckte Valentins Hand nach dem Gelde. „Behüte, behüte, laß ſtehen,“ flüſterte Theodor ihm zu. ‚Wenn du nichts wagen willſt, kannſt du nichts gewinnen.“ »Valentin hätte gern ſeinem erſten Antriebe gefolgt, aber er ſchämte ſich, ängſtlich zu ſein, und ließ den Einſatz mit dem Gewinne ſtehen. Das Glück begün⸗ ſtigte ihn,— er gewann abermals, und nochmals, und hatte nicht nur ſein Geld wieder, ſondern auch noch ein Häufchen blanker Silberthaler dazu gewonnen. Zitterte er vorhin vor Angſt, ſo zitterte er jetzt vor Freude und— Habgier. Wie ein Rieſe wachte dieſe verderbliche Leidenſchaft plötzlich in ſeinem Herzen auf, und nun bedurfte es nicht weiter des Zuredens von Seiten Theodors; Valentin ſpielte ſchon aus eigenem Antriebe weiter, und zwar mit einer Begierde und einer Kühnheit, die das heimliche Erſtaunen der Um⸗ ſtehenden erregte. Noch mehr aber erſtaunten ſie über das Glück, welches Valenten förmlich zu verfolgen ſchien, nachdem er ſeine erſten Einſätze hinter einander verloren hatte. Jetzt gewann faſt jede Karte, die er ſetzte, und nach weniger als einer Stunde waren ſeine ſämmtlichen Taſchen mit Thalerſtücken angefüllt. „Aber jetzt iſt's auch genug,“ ziſchelte Theodor ihm zu.„Höre auf, Valentin! Man darf das Gluͤck nicht zu lange verſuchen, wenn es treu bleiben ſoll.: „Valentin wachte bei dieſen Wanten, wie aus einem Traume auf, und athmete ſchwer aus tiefſter Bruſt.— „Ich glaube, du haſt recht, Theodor,“ gab er zur Antwort.„Laß uns gehen!“ „Er raffte von dem umherliegenden Gelde noch zu⸗ ſammen, was ihm gehörte, und ſtahl ſich von dem Spieltiſche hinweg. Dennoch bemerkte der Bankhalter ſeine Entfernung, und lächelte höhniſch hinter ihm her. „Geh' nur, murmelte er in ſeinen Bart hinein⸗ deutlich genug, daß Valentin es hoͤren konnte.„‚Du kommſt mir wieder! „Niemals! Niemals!’ rief eine Stimme in Va⸗ lentin's Herzen. ‚Einmal hier geweſen und nie wie⸗ der! Nein, das Spiel iſt doch eine häßliche Leiden⸗ ſchaft, und ich will ihr nicht wieder fröhnen. „Er äußerte ſich auch in dieſem Sinne beim Heim⸗ wege gegen Theodor, aber dieſer ſchüttelte unglaͤubig den Kopf, und antwortete nur:„Wir werden ja ſehen. Aber was haſt du gewonnen, Valentin? Es muß eine ziemlich anſehnliche Summe ſein.“ „Mehr, als zweihundert Thaler gewiß,“ entgegnete Valentin, indem er mit dem Gelde in ſeinen Taſchen klimperte. ‚Hier, nimm, Theodor, eine Handvoll Tha⸗ ler mußt du nehmen, wär' es auch nur, um mir die Laſt ein wenig zu erleichtern.“ 8 „Theodor ließ ſich gar nicht lange zureden, ſondern ſteckte kaltblütig die Handvoll Thaler in ſeine Taſche. „Danke!“ ſagte er. ‚Es iſt hübſch von dir, daß du deine guten Freunde nicht vergißt. Das wird dir auch künftig Glück bringen. Aber hier ſind wir an deiner Wohnung. Willſt du heimgehen und dich 8⁵ ſchlafen legen, oder trinken wir lieber noch ein Glas Wein?⸗ „Nein, noch nicht zu Bett, das Spiel hat mich zu ſehr aufgeregt, ich könnte doch noch nicht ſchlafen,“ entgegnete Valentin, und ſuchte mit Theodor eine Weinſtube auf, wo er die Aufregung des Spieles mit der Aufregung des Weines vertauſchte. Ein La⸗ ſter zog auf dieſe Weiſe das andere nach ſich. Dem Spiele folgte der Trunk. Valentin ſank ſchnell von Stufe zu Stufe. „Erſt nach Mitternacht begab er ſich taumelnd nach Hauſe, warf ſich, nur halb ausgekleidet, auf ſein Bett, und verſank in einen dumpfen, bleiernen Schlaf mit wüſten Träumen, aus dem ihn erſt die helle Morgenſonne, freundlich auf ſein Lager ſcheinend, wie⸗ der aufweckte. Er ſprang auf, legte die Hand auf ſeine klopfende Stirn, und mußte ſich erſt beſinnen, bevor er ſich erinnerte, was geſtern mit ihm vorge⸗ gangen war. Ein Ausruf der Reue glitt zunächſt uͤber ſeine Lippen, dann aber betrachtete er doch mit funkelnden Blicken den Haufen blanker Silberſtücke, der vor ihm auf dem Tiſche in den Strahlen der Sonne blitzte „„Das war ein glüucklicher Schlag!“ murmelte er. „Meiner Sorgen wäre ich ledig! Aber gleichviel, ich werde dennoch die Spielhöhle nicht wieder betreten! »Man pflegt zu ſagen, der Weg zur Hölle iſt mit guten Vorſätzen gepflaſtert, mit ſolchen nämlich, die in dieſem Augenblicke gefaßt, und im nächſten wieder ver⸗ geſſen ſind. Zu den guten Vorſätzen dieſer Art ge⸗ hörte auch derjenige Valentin's, nie wieder die Spiel⸗ höhle zu betreten. Zwar meinte er's ganz ernſthaft 86 damit, denn er ſchauderte vor ſich ſelber, indem er ſich erinnerte, welche häßlichen Leidenſchaften an dem geſtri⸗ gen Abende ihm Seele und Leib durchwühlt hatten; auch bezahlte er mit dem gewonnenen Gelde unverzüg⸗ lich die gemachten Schulden, und hielt ſich mehrere Tage hindurch von der leichtſinnigen Geſellſchaft zurück, die ihn ſchon bis faſt an den Rand des Abgrundes geführt hatte. Aber leider war dies Alles nur vor⸗ übergehend, und ſchon am fünften oder ſechsten Tage ſehnte er ſich nach ſeinen leichtfertigen Kameraden und empfand zu Hauſe in ſeiner Einſamkeit die peinlichſte Langeweile. Er merkte nicht, daß das alte Unkraut aus ſeiner früheren Jugend noch nicht vollſtändig mit Wurzel und Stiel ausgerottet war; das Beiſpiel, die Ermahnungen und guten Lehren Daniels hatten es nicht gänzlich vernichten können, und da es wieder günſtigen Boden fand, ſchoß es auch ſchnell und üppig wieder auf und überwucherte die gute Saat, welche Daniel in Valentin's Herz geſtreut und ſo ſorgſam gepflegt hatte. Der alte Schelm ſchlug Valentin wie⸗ der in den Nacken, er konnte ſeinen üblen Gelüſten nicht auf die Dauer wiederſtehen, und am ſiebenten Tage ſchwamm er wieder in dem Strudel dahin und ließ ſich ohne Widerſtand von ſeinen Wirbeln zu einem unbe⸗ kannten Ziele fortreißen.— „Jung gewohnt, alt gethan.“ „Wie Valentin daheim im Vaterhauſe gedankenlos in die Welt hinein gelebt hatte, ſo jetzt wieder in glei⸗ cher Weiſe, nur unter anderen Verhältniſſen. Der feſte Vorſatz, nicht mehr zu ſpielen, zerrann wie eine Schneeflocke im Frühlinge, bei der erſten Aufforderung, welche von Seiten Theodor's an ihn gerichtet wurde, ‧ 7† 87 und Valentin ließ ſich um ſo leichter zu ſeinem eigenen Verderben überreden, als er von ſeinem erſten Gewinne noch ein anſehnliches Sümmchen Geld übrig behalten hatte. Zum zweiten Mal betrat er die Spielhöhle und verließ ſie abermals mit Taſchen voll gewonnenen Gel⸗ des, das er freigebig mit Theodor theilte. Der dritte, vierte, fünfte Beſuch geſchahen in immer kürzeren Zwi⸗ ſchenräumen, und nicht lange, ſo waren Valentin und Theodor die täglichen Gäſte am Spieltiſche. Theodor ſtand ſich zu gut dabei, um nicht ſeinen guten Freund immer im Eifer zu erhalten, denn Valentin gab ihm ohne Weigern, was er von ihm verlangte, ſo lange er ſich beim Spieltiſche im Glücke befand. „Dieſes Glück war in der That von ungewöhnlicher Dauer, und Valentin ſchien es für immer an ſich ge⸗ feſſelt zu haben. Selten verlor er, und dann immer nur unbedeutende Summen, während er gewöhnlih einen größeren Gewinn mit nach Hauſe nahm. „Da erhielt er eines Tages von ſeinem Principale den Auftrag, in einer benachbarten Stadt bedeutende Geldſummen einzukaſſieren, welche ſein Handelshaus von dortigen Geſchäftsfreunden zu fordern hatte. Er nahm einen Wagen, fuhr hinüber und brachte die Geldange⸗ legenheiten in Ordnung, und kehrte mit einer Summe von mehreren tauſend Thalern zuruück. Gerade, als er in der Dämmerung durch den Thorweg der Stadt in die Straßen einfuhr, begegnete ihm Theodor und be⸗ grüßte ihn mit ſeiner gewöhnlichen Freundlichkeit. „„Ich habe dich den ganzen Tag geſucht,“ rief er ihm zu. ‚Wo haſt du geſteckt? Steige geſchwind aus, ich habe dir etwas Wichtiges mitzutheilen?“ 5 „Nachher, nachher, erwiederte Valentin, ‚ich muß 88 vor Allem erſt in's Geſchäft und Gelder abliefern, die ich einkaſſiert habe. In einer halben Stunde ſteh' ich zu deinen Dienſten, und du magſt mich bis dahin auf meinem Zimmer erwarten.“ „„Das Geſchäft iſt ſchon geſchloſſen, ich komme eben her, entgegnete Theodor.„Es wird dir alſo nichts nützen, erſt hinzufahren. Komm lieber gleich mit mir!“ „Nein, nein, das geht nicht,“ ſagte Valentin feſt,— zich muß erſt in das Geſchäft und meinen Principal ſprechen. Alſo auf Wiederſehen in einer halben Stunde ſpäteſtens. Fahre zu, Kutſcher!“ „Der Wagen raſſelte weiter über das Straßenpflaſter und Theodor ſchaute ihm mit einem eigenthümlichen Blicke nach, während zugleich ein hoöͤhniſches Lächeln auf ſeinen Lippen ſchwebte. „„Fahre hin, murmelte er,— ‚du kommſt mir wieder, und ich werde dich um ſo willkommener heißen, wenn du auch die Geldſäcke mitbringſt. Hm, da wäre vielleicht etwas zu machen. Das Geſchäft iſt wirklich geſchloſſen, und wenn er das Geld nicht abliefern kann, ſo muß er es natürlich mit in ſeine Wohnung nehmen. Ich muß aufpaſſen und werde dann an gehöriger Stelle einen Wink geben. Die Spielbank muß mit mir theilen, wenn es gelingt. Ja, ja, ſo will ich's machen und es wird gehen, denn der Thor iſt leidenſchaftlich und leicht⸗ ſinnig. Aber zuerſt nach ſeiner Wohnung.“ „Theodor begab ſich dahin, und fand als täglicher Gaſt leicht Eingang in Valentin's Zimmer. Er ſtellte ſich an's Fenſter und beobachtete mit lauernden Blicken die von Laternen matt erhellte Straße. Nicht lange, ſo vernahm er das Geräuſch eines ferne rollenden Wa⸗ gen's, und rieb ſich ſchadenfroh die Hände. ‚Er iſt es! 89. ſagte er vor ſich hin.„Jedenfalls hat er das Geld noch bei ſich, ſonſt würde er nicht ſo ſchnell wiederge⸗ kehrt ſein.“ „Der Wagen hielt vor der Thür, Valentin ſprang 8 heraus, nahm einige kleine Säcke und Packete aus den Wagentaſchen zu ſich, und trat gleich darauf in ſein Zimmer. 3 „„Du hatteſt recht, Theodor,“ ſagte er,„das Geſchäft war in der That bei meiner Ankunft ſchon geſchloſſen, und leider auch mein Principal in ſeiner Wohnung nicht mehr anzutreffen. Nun muß ich das Geld hier in meiner eigenen Wohnung aufbewahren, aber zum Glück kann ich es gut verſchließen.“ „„Verſchließe es nur, dachte Theodor bei ſich, ‚du wirſt es bald genug ſchon ſelber wieder aus dem Schranke nehmen l⸗ »Valentin ging mittlerweile in ein Seiten⸗Kabinet, öffnete hier einen ſchweren, maſſiven eichenen Schrank, legte die mitgebrachten Geldſummen in ein doppelt zu verſchließendes Fach, verwahrte Alles wieder auf das Sorgfältigſte und kehrte dann wohlgemuth zu ſeinem Freunde zurück. „„Nun, du hatteſt mir eine Mittheilung zu ma⸗ chen, Theodor, ſagte er, ‚heraus damit! Was gibt es Neues?“ „Theodor lächelte argliſtig. ‚Ich wollte dir nur ſagen, erwiederte er, ‚„daß heute Abend bei Leblanc — ſo hieß nämlich der Spiel⸗Bankhalter— ein guter Fang zu machen iſt. Er hat friſche Geldſummen be⸗ kommen, und es könnte uns gar nicht ſchaden, wenn du ihn mit deinem unverwüſtlichen Glücke ein wenig leichter machteſt.⸗ 4 90 „Das kann geſchehen,“ warf Valentin leichtſinnig hin. ‚Gehen wir. 3 „Es iſt noch zu früh,: entgegnete Theodor,— ‚aber trinken wir lieber noch ein Glas Wein vorher, dann verſtreicht die Zeit ſchneller. „Mir auch recht!’ ſagte Valentin, ſteckte eine Summe Geldes ein, und begleitete ſorglos den falſchen Freund, deſſen böſe Abſichten, hinter gleißneriſchen Mienen ver⸗ borgen, er leider nicht zu durchſchauen vermochte. Theo⸗ dor trank ſeinem Begleiter häufiger als gewöhnlich zu, und beſtellte die feurigſten, ſchwerſten Weine, ſo daß ſich Valentin ſchon in ziemlich aufgeregter Stimmung befand, als er an Theodor's Arme die Spielhöhle be⸗ trat. Der Tiſch war mehr als ſonſt beſetzt und Hau⸗ fen Goldes und Silbers glänzten Valentin von der Spielbank entgegen. „Du ſiehſt, ich hatte recht, flüſterte ihm Theodor leiſe in's Ohr.„Jetzt nur kühn darauf! Mit deinem Glücke mußt du heute die Bank ſprengen! „Valentin bedurfte des Zuredens nicht, denn ſeine Augen funkelten ſchon vor Habgier, und raſch beſetzte er mehrere Karten. Das Glück blieb ihm treu, wie ſonſt; im Eifer des Spiels bemerkte er eben nicht, wie ſich Theodor ganz leiſe und verſtohlen von ſeiner Seite entfernte, zu dem Bankhalter ſchlich, und heimlich ihm etwas in's Ohr flüſterte. Der Bankhalter nickte ihm hämiſch lächelnd zu, und einige Augenblicke ſpäter ſtand Theodor wieder hinter Valentin, und ſpornte ihn mit heißer, ziſchelnder Stimme zu immer verwegenerem Spiele an. Das war Oel in's Feuer gegoſſen. Va⸗ lentin verdoppelte ſeine Einſätze, verdreifachte ſie, und —— — —— — 91 ſtehe da,— plötzlich ſchlug das Glück um, und jede Karte, die er beſetzte, verlor. „„Thut nichts!“ ziſchelte der Verſucher. ‚Es iſt nur eine Laune des Glückes, du mußt das Verlorene wieder gewinnen.“ „Valentin ſpielte wieder und wieder, aber immer und immer nicht wollte das treuloſe Glück ſich lächelnd ihm wieder zuwenden. Zorn, Aerger, Angſt und Be⸗ ſorgniß blitzten aus ſeinen von Leidenſchaft gerötheten Augen, während ſein Geſicht immer bläſſer wurde, ſeine Stirn ſich mit Schweißtropfen bedeckte, und ſeine Hände zu zittern begannen. Er verlor mehr und mehr, ver⸗ lor, was er an dieſem Abende bereits gewonnen hatte, verlor ſeine ganze mitgenommene Baarſchaft, und wankte todtenbleich vom Tiſche zurück. „„Du wirſt doch nicht ein Narr ſein und aufhören wollen?« flüſterte Theodor ihm zu. ‚Hier nimm und trink! Ein Glas Wein wird dir gut thun.“ „Valentin trank raſch hinter einander mehrere Glä⸗ ſer, und die Röthe kehrte in ſein Geſicht zurück, wäh⸗ rend das Blut wie flüſſiges Feuer in ſeinen Adern pulſirte. Er taumelte und mußte ſich an der Lehne eines Stuhles feſthalten, um nicht nieder zu ſinken. „„Laß mich!’ ſtammelte er. ‚Ich habe Alles ver⸗ loren, Theodor!“ „Unſinn! Was frägſt du nach ein paar Thalern,“ erwiederte der Verſucher, ‚„nur den Muth darfſt du nicht ſinken laſſen. Friſch weiter, das Glücksrad dreht ſich, und wenn du jetzt unten biſt, kannſt du im nachſten Augenblicke oben ſein.“ „Aber ich habe kein Geld mehr, um nur eine ein⸗ 92 zige Karte beſetzen zu können,“ ſagte Valentin in ver⸗ zweifeltem Tone. 3 „„So ſpiele auf Borg!’ entgegnete Theodor, ‚da du ſo viel baares Geld verloren haſt, ſo wird dir der Bankhalter auf ein paar hundert Thaler Kredit geben.“ „Valentin's Auge flammte auf. „Das iſt wahr, daran dachte ich nicht!“ rief er aus. ‚Aber warum zum Bankhalter meine Zuflucht nehmen? Borge du mir, Theodor! Ich habe dir Hun⸗ derte geſchenkt, borge mir nur die Hälfte davon, und du wirſt Alles mit Zinſen wieder bekommen. „Theodor zuckte die Achſeln. „„Das thut mir ſehr leid, ſehr, erwiederte er, ‚aber zu meinem größten Bedauern kann ich dir nicht helfen. Leider Gottes habe ich heute auch einmal mein Glück am Spieltiſche probirt, und es iſt mir ungünſtig ge⸗ weſen wie dir, ich habe Alles verloren, was ich beſaß.“ „Das war eine Lüge, aber Valentin hatte, ganz in die Wechſelfälle des eigenen Spieles vertieft, auf ſeinen Freund nicht geachtet, und mußte ihm daher Glauben ſchenken. „Es iſt ein böſer Tag heute,“ murmelte er.„Ge⸗ ben wir's auf.“ „Nicht doch, nicht doch,“ redete Theodor zu.„Borge vom Bankhalter, das Andere findet ſich.„Die Bank hat lange genug gewonnen, das Glück muß ihr endlich einmal umſchlagen.“ „„Ich kenne den Menſchen nicht genau genug, er wird mich mit meiner Bitte zurückweiſen,“ ſagte Valen⸗ tin zögernd. „So will ich es vermitteln! Es koſtet mich nur ein Wort!“ rief Theodor haſtig und eilte hinweg, ohne 42 42 9³ eine Antwort Valentin's abzuwarten. Nach wenigen Augenblicken ſchon kehrte er mit einem Röllchen Gold und einem Papierſtreifen zurück. ‚Unterſchreibe dieſen Wechſel,“ ſagte er, ‚zund das Röllchen mit vierzig Louis⸗ d'or iſt dein.“ „Valentin, verblendet von der thörichten Hoffnung, ſeine Verluſte durch doppelt verwegenes Spiel wieder erſetzen zu können, griff gierig nach der kleinen Rolle und unterſchrieb mit gieriger Hand den Wechſel, wel⸗ chen Theodor ihm vorlegte. Dann eilte er wieder an den Spieltiſch, beſetzte immer mehrere Karten mit Gold⸗ ſtücken, gewann, verlor abwechſelnd, trank dazwiſchen ſtarken Wein, welchen Theodor aus einer immer bereit gehaltenen Flaſche ihm fleißig einſchenkte, und— ſah nach einer halben Stunde ſchon wiederum das letzte Goldſtück in dem Höllenſchlunde verſchwinden, der be⸗ reits ſeinen ganzen kleinen Reichthum unerbittlich ver⸗ ſchlungen hatte. „Es iſt aus!’ murmelte er dumpf vor ſich hin. „Noch nicht, ziſchelte Theodor ihm zu,„du haſt ja noch viel Geld zu Hauſe in deinem Schranke liegen. Nimm davon und ſpiele weiter. Dein Glück muß end⸗ lich zurückkehren, und dann kannſt du nicht nur morgen deine Wechſelſchuld bezahlen, ſondern gewinnſt auch Alles und noch mehr wieder, als du verloren haſt.“ „»Valentin zuckte zuſammen und ſeine Lippen wurden kreideweiß. „„Stehlen?“ murmelte er mit halb erſtickter Stimme. „„Warum nicht gar, ſtehlen!“ ſagte Theodor ſpöt⸗ tiſch lächelnd. ‚Du machſt nur eine Anleihe, von der kein Menſch etwas erfährt, da du ſicher gewinnen wirſt, wenn du jetzt weiter ſpielſt.“. 94 „Valentin ächzte, es dunkelte ihm vor den Augen, ſein Gehirn ſchien in Flammen zu ſtehen, ſein Herz pochte zum Zerſpringen. Er ſchauderte zurück vor dem Verbrechen, das er begehen ſollte, und doch lockte zu⸗ gleich die Leidenſchaft des Spieles, der Klang des hin⸗ und her rollenden Goldes mit unwiderſtehlicher Gewalt. Er warf einen ſchwindelnden Blick auf den Spieltiſch, und ſah, daß die Bank eben anſehnliche Summen ver⸗ loren hatte und ausbezahlte. Dies entſchied. Die Bank war im Unglück, jetzt mußte er weiter ſpielen um den günſtigen Moment zu benützen. „„Ich bin verloren, ſo wie ſo!“ ſagte er heiſer vor ſich hin. ‚Es gibt nur Eine Rettung, ich hole das Geld!“ „Fort ſtürzte er aus dem Saale, wie von Furien gejagt, und eilte nach ſeiner Wohnung. Das Haar flatterte wild und verwirrt um ſeine bleiche Stirn, die eiſig vom kalten Nachtwinde angewehet wurde. Er fühlte es nicht, ſondern rannte wie ein Wahnſinniger durch die Straßen, flog in Sprüngen die Treppe zu ſeiner Wohnung hinauf, öffnete mit zitternder Hand die Thür und ſtürzte in das Nebenzimmer, wo er das ihm anvertraute Geld in dem feſten Schranke verwahrt hatte. Das Schloß knirſchte unter ſeinem Schlüſſel, Riegel und Thuͤr ſprangen auf, ſeine Hand tappte nach den Säcken und Packeten.. „Da auf einmal tauchte wie ein Nebelbild eine matt ſchimmernde Geſtalt vor ihm auf, das Antlitz blaß, das Auge drohend auf den Verbrecher gerichtet, die Hände abwehrend gegen ihn ausgeſtreckt. „Barmherziger Gott, Daniel!“ ſchrie Valentin 4 9⁵ laut auf, und ſtürzte auf den alten, treuen, wackeren Freund zu, um ihn in ſeine Arme zu ſchließen. „Aber das Nebelbild wich vor ihm zurück, löſte ſich auf in Dunſt und Schatten, und Valentin ſtand allein zitternd, betäubt, wie vernichtet in ſeiner einſamen, dunkeln Kammer. Einen einzigen, gellenden Schrei ſtieß er aus, und dann ſank er auf einen Stuhl neben dem Schranke nieder und rang mit verzweifelter An⸗ ſtrengung nach Faſſung. „Plötzlich brach ein Thränenſtrom aus ſeinen Augen, der ſein Herz erleichterte. Er fiel auf die Knie nieder, verbarg ſein Geſicht in den Händen und betete. „Oh, mein Gott,“ ſchluchzte er, das war eine War⸗ nung von dir! Die liebevolle Erinnerung an den red⸗ lichen Freund, deſſen Bild ich unauslöſchlich in meinem Herzen trage, mußte ſich vor meinem inneren Auge zu einer ſichtbaren Geſtalt verdichten, um mich von dem Abgrunde zurückzureißen, dem ich unrettbar zutaumelte. Ich danke dir, mein Gott! Von Grund der Seele danke ich dir, daß du den Schleier der Verblendung zerriſſeſt, der mir das ſchreckliche Ende meines ſchuldbefleckten Lebens verbarg. Jetzt ſehe ich klar, daß ich im Begriff ſtand, Schändliches zu thun, aber ſo wahr Gott ſicht⸗ barlich mir beigeſtanden hat, ſo wahr will ich es weder jetzt, noch jemals thun. Empfange mein Gelübde, o Herr! Ich habe geſtrauchelt, aber von jetzt an will ich wachen und beten, daß ich nicht wieder in Anfechtung falle. Amen!“ „Es war ihm, als ob noch eine andere Stimme Amen zu ſeinem Gelöbniſſe ſpräche, aber er wußte wohl, daß dies nur eine Täuſchung ſeiner tief und mächtig erſchuͤtterten und aufgeregten Sinne ſei, wie es vorhin 2 96 auch die vermeintliche Erſcheinung ſeines Freundes Daniel geweſen war. Trotzdem that es ihm wohl, die innige Ueberzeugung hegen zu können, daß ſein alter Daniel von ganzem Herzen ſein ‚Amen“ zu dem Ge⸗ bete geſprochen haben würde, wenn er es vernommen hätte. Entſchloſſen, nie wieder in die Spielhöhle zu⸗ rückzukehren, verwahrte er die ihm anvertrauten Gelder wieder, riegelte von innen ſeine Stubenthür zu, und warf ſich auf ſein Bett, um Ruhe und Beſchwichtigung ſeiner aufgeregten Gefühle zu ſuchen. Aber lange fand er den Schlaf nicht, und außerdem wurde er auch noch durch Theodor geſtört, der ihm einen unwillkommenen Beſuch abſtatten wollte. Er klopfte heftig an die Thür und rief ihn mit Namen. „„Was willſt du? fragte Valentin. ‚Laß mich in Frieden, ich bitte dich.“ „„Unſinn!é ſchrie Theodor zurück. ‚Wo bleibſt du ſo lange? Beeile dich, die Bank hat immer noch Un⸗ glück, und wenn du zögerſt könnte leicht der günſtigſte Augenblick vorüber gehen.“. „Ich werde nicht nach dem Spielhauſe zurückkehren, niemals!’ erwiederte Valentin mit feſter Stimme. „Weiche von mir, Verſucher! Nimmermehr ſoll deine lockende Stimme mich wieder verführen!“ „Biſt du verrückt?“ ſchrie Theodor zornig. ‚Auf der Stelle komm und begleite mich.“. „»Valentin erneuerte ſeine beſtimmte Weigerung; Theodor ſuchte ihn zu überreden, bat, drohete ſogar, aber Valentin blieb feſt. „„Nun denn, wenn du durchaus ein Thor ſein willſt,“ ſagte Theodor endlich mit bitterem, höhniſchem Lachen, ‚ſo ſei es! Aber vergiß nicht, daß du einen 97 Wechſel unterſchrieben haſt, und morgen früͤh vierzig Louisd'or bezahlen mußt, wenn du nicht in das Schuld⸗ gefängniß ſpazieren willſt. Und nun wünſche ich dir eine gute Nacht und ſüße Träume!“ »Hohnlachend und den Eigenſinn Valentin's ver⸗ wünſchend, ſtolperte er die Treppe wieder hinunter, und ließ den armen Valentin in einem nicht gerade benei⸗ denswerthen Zuſtande zuruͤck. Der Ungluͤckliche hatte bis jetzt in ſeiner Aufregung noch nicht wieder an den unterſchriebenen Wechſel gedacht, aber er wußte nur zu gut, daß Theodor die Wahrheit geſagt hatte, und daß er morgen in das Gefängniß wandern müſſe, wenn er nicht bis Mittag um zwoͤlf Uhr den Wechſel bezahlen konnte. Auf Mitleid, Erbarmen und Nachſicht durfte er ſich bei den Spielern keine Rechnung machen, Mittel zur Bezahlung beſaß er nicht, und ſo ſah er denn ſeine Schande und Schmach deutlich vor Augen. Noch ein⸗ mal regte ſich der böſe Geiſt in ſeiner Seele, noch ein⸗ mal kam die Verſuchung über ihn, ſeine Verluſte durch das Spiel wieder zu erſetzen, aber zugleich tauchte auch das treue, warnende Antlitz Daniels wieder vor ihm auf, und ſtandhaft unterdrückte Valentin die böſen ver⸗ derblichen Regungen in ſeinem Innern. Er überlegte, was er zu thun habe, faßte ſeinen Entſchluß und ſchlief endlich ſanft ein. Der bloße, feſte Vorſatz allein, recht⸗ ſchaffen und ehrlich zu handeln, reichte ſchon hin, die Stürme ſeiner Seele zu beſänftigen, und ihm den Frie⸗ den ſeines Gewiſſens zurückzugeben. »Am Morgen erwachte Valentin nach einem erqui⸗ ckenden traumloſen Schlummer, kleidete ſich raſch an, und bereitete ſich vor, ſeinen geſtern gefaßten Entſchluß auszuführen. Er nahm das Geld ſeines Prinzipals 7. Jung gewohnt ꝛe. 8 98 aus dem Schranke, und dankte Gott, daß er nichts davon veruntreut hatte. Hierauf ging er grades Wegs in die Wohnung ſeines Principals, händigte ihm die Summe ein und legte ihm ein offenes, rückhaltloſes Bekenntniß ſeiner begangenen Fehler und ſeiner Ver⸗ irrungen ab. Selbſt das verſchwieg er nicht, daß er im Begriff geſtanden hatte, eine Veruntreuung zu be⸗ gehen, und allein durch die Erinnerung an ſeinen alten Freund davon abgehalten worden ſei. „Der Principal hörte ſeine Geſtändniſſe ruhig an, und richtete nur von Zeit zu Zeit einen ſcharfen, for⸗ ſchenden Blick auf Valentin. Als er Alles wußte, ging er ein paar Mal nachdenkend im Zimmer auf und ab, und blieb dann plötzlich vor Valentin ſtehen. „Sie bereuen alſo aufrichtig und von Herzen Ihre Verirrungen, mein lieber Valentin?“ ſagte er. „„Aufrichtig und von ganzem Herzen,“ erwiederte dieſer und wehrte der Thränen nicht, die uber ſeine Wangen floſſen. ‚Strafen Sie mich, Herr, ſo ſtreng Sie wollen, ich werde mich Allem unterwerfen ohne zu murren.“ „Der Principal reichte ihm freundlich die Hand. „Es iſt gut,“ ſagte er ſanft, ‚ich ſehe ſchon, daß Sie es ehrlich mit ſich und mit Gott meinen, und geſtraft ſind Sie wohl auch genug durch die bitteren Empfin⸗ dungen, welche Ihr Herz während dieſer Nacht erfüllt haben müſſen. Daß Sie der nahe liegenden Verſuchung widerſtanden, Hand an fremdes Eigenthum zu legen, ſoll mir für einen Beweis Ihres aufrichtigen Willens zur Beſſerung gelten. Verlaſſen Sie mich jetzt und gehen Sie ruhig in das Geſchäft, als ob nichts vorge⸗ fallen wäre. Für die Bezahlung des von Ihnen unter⸗ — 4 ——— davon zu erfahren. Wenn Sie mir Dankbarkeit ſchul⸗ 99 ſchriebenen Wechſels werde ich ſelber Sorge tragen. Sie ſind in die Hände von Gaunern und Betrügern gefallen, und dieſe Buben müſſen entlarvt werden. Das ſei meine Sache.“ „Aufgelöst in Dankbarkeit und Entzücken verließ Valentin ſeinen gütigen Principal, und wiederholte im Laufe des Vormittags wohl hundert Mal das ſtille Gelübde, nie und nimmer wieder vom geraden Wege der Rechtſchaffenheit und des ehrbaren Lebenswandels abzuweichen. Gegen Mittag kam der Principal und händigte ihm lächelnd den zerriſſenen Wechſel ein. „Es iſt Alles abgemacht, mein Lieber,“ ſagte er leiſe zu ihm. ‚Der Herr Polizei⸗Director iſt mein Freund, und hat die ſauberen Vögel, von denen Sie ſo arg gerupft worden ſind und noch werden ſollten, aus ihrem Dunkel hervorgezogen und der Beſtrafung übergeben. Ihr guter Freund, Theodor, gehörte auch zu ihnen und machte den Helfershelfer. Nehmen Sie erſt Ihren Wechſel zurück, Valentin, bewahren Sie ihn aber auf, als ein Warnungszeichen für die Zukunft, und laſſen Sie die Verirrung der vorigen Nacht Ihre letzte ſein!“ „Ich gelobe es Ihnen, Herr, bei meinem Gewiſſen und bei meiner Ehre,“ ſagte Valentin tief bewegt. ‚Ja dieſer Wechſel ſoll mir ein ſteter Ermahner zum Guten ſein, und niemals will ich ihn von mir laſſen, ſo lange ich lebe!“. „„Dann ſei die Sache nun ein für alle Mal abge⸗ macht, begraben und vergeſſen, erwiederte der Princi⸗ pal gütig. ‚Sie bleibe unter uns, Niemand braucht dig zu ſein glauben, mein lieber Valentin, ſo beweiſen 7 7 2½ 100 Sie mir dieſelbe dadurch, daß Sie Ihre guten Vor⸗ ſätze zur Wahrheit und Wirklichkeit werden laſſen.. „Valentin verſprach dies nicht nur ſeinem Princi⸗ pal, ſondern auch ſich ſelbſt, und ich kann wohl ſagen, daß er ſein Verſprechen von da an gehalten hat. Seit jener Nacht der Verſuchung ging er nicht wieder in die Schlingen des Böſen, ſondern bemühete ſich, den letzten Sauerteig von den übeln Angewöhnungen ſeiner Jugend her gründlich auszurotten und zu vertilgen, und die beſſeren Gewohnheiten wieder zu pflegen, die er den guten Lehren und dem Beiſpiele des alten wacke⸗ ren Daniel verdankte. Standhaft verfolgte er den nun wieder eingeſchlagenen beſſeren Weg, und wenn je ein⸗ mal eine Verlockung ihm nahe trat, ſo brauchte er nur den ſchmalen Papierſtreifen mit ſeinem Namenszuge zu betrachten, um ſofort die wankenden Grundſätze wieder zu feſtigen. So gewöhnte er ſich von Neuem, und diesmal, durch Erfahrung endlich klug gemacht, ſorg⸗ fältiger und gründlicher als früher an Ordnung, Pünkt⸗ lichkeit, Sparſamkeit und Mäßigkeit, und nie wieder berührte er eines von jenen unglückſeligen, bunten Kar⸗ tenblättern, die ihn bis dicht an den Rand des Ver⸗ derbens geführt hatten. Er war von den Thorheiten ſeiner Jugend geheilt, und die noch zu rechter Zeit er⸗ worbenen guten Gewohnheiten begleiteten und beglückten ihn fortan, ſein ganzes Leben hindurch. „Und nun bin ich zu Ende mit meiner Erzählung,“ ſprach Herr Krempelhuber tief aufathmend, und blickte lächelnd auf Matthias, welcher ſehr ſtill und aufmerk⸗ ſam ihm zugehoͤrt hatte.„Ich hoffe, daß ſie dich nicht gelangweilt hat.“ Matthias ſchüttelte mit einem dankbaren Blicke den 101 Kopf.„Nein, nichts weniger, als gelangweilt, mein beſter Onkel,“ erwiederte er nachdenklich.„Noch mehr, ich habe mir die gute Lehre wohl gemerkt, die man aus den Schickſalen Valentin's entnehmen kann. Und nicht wahr, Onkel, es war auch vorzugsweiſe Ihre Abſicht, mir dieſe Lehre beizubringen?« „Es iſt ſo, Matthias!“ erwiederte Herr Krempel⸗ huber einfach.. »Ja, ja, ich dacht' es mir wohl!« ſagte der junge Menſch.„In Valentin haben Sie mir ein Spiegel⸗ bild von mir ſelber gegeben. Ja, ja, ich weiß wohl, und ſehe es jetzt noch beſſer ein, als fruͤher, daß mir manche üble Gewohnheiten von meinen eigenen Kinder⸗ jahren her ankleben, aber da ich's nun weiß, will ich mich auch noch mehr, als bisher, bemühen, ſie abzu⸗ legen und dem Beiſpiele Valentin's zu folgen. Mein theurer Onkel, wie gütig war es von Ihnen, daß Sie mir bis jetzt ſo viel Nachſicht ſchenkten. Ich werde das nie vergeſſen, und Ihnen meine Dankkarkeit ſo zu be⸗ weiſen ſtreben, wie Valentin ſie ſeinem nachſichtigen und freundlichen Principale bewieſen hat. Aber noch eins, Onkel. Darf ich mir eine vielleicht zu dreiſte Frage erlauben?« „Frage nur! Ich werde dann ſehen, ob ich dir ant⸗ worten kann.“ »Nun denn, nicht wahr, Sie ſelber ſind jener Valentin, deſſen Verirrungen und Umkehr Sie mir ſchilderten?«“ Herr Krempelhuber lächelte ſtill vor ſich hin. Nach einem Weilchen ſagte er:„Ich habe keinen Grund, ein Geheimniß daraus zu machen, Matthias. Nun ja denn, die dargebotene Hand mit feſtem, herzlichem Drucke. du haſt es errathen, ich habe dir meine eigenen Erleb⸗ niſſe erzählt.« „Und jener Daniel, Onkel? Jener brave, liebe, herzensgute Mann? Haben Sie ihn in ſpäteren Jah⸗ ren wiedergeſehen, oder von ihm gehört?“ „Oh, gewiß, wir waren und blieben treue Freunde bis an ſein Ende, welches freilich viel zu früh für meine Anhänglichkeit und Liebe zu ihm eintrat. Du, mein lieber Matthias, biſt ein Vermächtniß, das er mir hinterlaſſen hat.“— „Ich,“ fragte Matthias verwundert. „Ja, du, denn Daniel, mein edler Freund, hieß mit ſeinem vollen Namen, Daniel Walter, und war dein Großvater.“ „Ah, nun verſtehe ich Alles, Alles,« rief Matthias aus.„Darum alſo wurde ich zu Ihnen geſchickt, da⸗ rum nahmen Sie mich ſo väterlich auf, darum erwieſen Sie mir ſo viele Nachſicht! Meinem guten Großvater alſo verdanke ich zunächſt Ihre Theilnahme, ihm, den ich nicht einmal lebend gekannt habe! Oh, da ſieht man recht, wie doch das Gute und Rechte noch nach⸗ wirkt und Segen bringt, ſelbſt lange über das Grab hinaus! Aber hier auch meine Hand, beſter Onkel; Ich will ſein Sprichwort und Ihres von Stund' an auch zu dem meinigen machen, und meine ganze Aufmerkſamkeit zuſammen nehmen, mich, da es noch an der Zeit iſt, ſo zu gewöhnen, daß ich Ihrer Erziehung, Liebe und Nachſicht keine Schande bereite.“ „Jetzt ſehe ich, daß der Zweck meiner Erzählung erreicht iſt, und freue mich deſſen von Herzen!“ ſagte Herr Krempelhuber mit leuchtenden Augen, und ergriff 4 103 „Ich nehme dein Gelöbniß an, Matthias, und ich weiß auch, daß du es halten wirſt, denn es ſteckt etwas in dir von deines braven Großvaters Art, was dir jede Schwierigkeit überwinden helfen wird. Nun aber ge⸗ nug! Die Sonne neigt ſich zum Untergange, und es iſt Zeit, daß wir den Heimweg antreten, ſonſt möchte meine Schweſter über unſer langes Ausbleiben beſorgt werden.“ Sie ſtanden auf, warfen noch einen bewundernden Blick auf die herrliche, im Glanze der untergehenden Sonne ſtrahlende Landſchaft, und ſchlugen langſam den Rückweg ein. Der Abend hatte ſich ſchon längſt dunkel auf die Erde niedergeſenkt, als ſie die Stadt erreichten und in das hell erleuchtete Wohnzimmer eintraten, aber Matthias' Antlitz glänzte noch wie verklärt, ſo daß Tante Marianne ihn verwundert anſchaute. Matthias bemerkte es nicht, denn er war in tiefes Nachdenken verſunken, aber Herr Krempelhuber winkte der Schwe⸗ ſter ſchnell zu, als ſie den jungen Menſchen anreden und ausfragen wollte. »Ueberlaß ihn ſich ſelbſt, liebe Marianne,“ flüſterte er ihr leiſe in's Ohr.„Ich kann dir die Verſicherung geben, daß er bald aus ſeiner Träumerei aufwachen und daß ſie die beſten Folgen haben wird.“ Marianne fügte ſich, und der Abend verging ſtill und ruhig, bis man ſich mit der zehnten Stunde in die Schlafgemächer verfügte. Herr Krempelhuber ſprach in der nächſten Zeit nicht weiter mit der Schweſter über die Ergebniſſe ſeines Spazierganges; Marianne ſelber aber ſtellte Beobach⸗ tungen an, welche ſie nicht wenig, und zwar ſehr an⸗ genehm uͤberraſchten. „Ich weiß nicht, was mit unſerem Matthias vor⸗ gegangen iſt,“ ſagte ſie etliche Wochen ſpäter zu ihrem Bruder,—„er iſt ein ganz Anderer geworden, als er früher war.“ Und iſt dir die Veränderung willkommen oder nicht?« fragte Herr Krempelhuber lächelnd. „Ei, du kannſt mir glauben, willkommen, ſehr will⸗ kommen iſt ſie mir,« erwiederte Marianne voller Eifer. „Bemerkſt du denn nicht ſelber, Bruder, daß ſeine alten kleinen Untugenden gar nicht mehr zum Vorſchein kom⸗ men? Nie ſieht man mehr einen Flecken auf ſeinen Kleidern, nie eine Nachläſſigkeit oder Unordnung in ſeinem Anzuge.“ »Das iſt wahr! Er gibt recht ſorgfältig auf ſich Achtung.“ »Und nicht nur auf ſich ſelbſt, ſondern auch auf Anderes,« fuhr Marianne fort.„Seit langer Zeit hat er nicht mehr meinen Teppich mit ungeputzten Stiefeln beſchmutzt, man ſieht keine Tinten⸗ und Fettflecke mehr wo er ſich aufgehalten hat, und ſelbſt Liſette, die Köchin, lobt ſeine Reinlichkeit und Ordnungsliebe.« »Wie ich ſeinen Fleiß, ſeine Aufmerkſamkeit und ſeinen Eifer im Geſchäft loben muß,“ ſagte Herr Krem⸗ pelhuber lächelnd.„Er iſt mir eine rechte Stütze, liebe Schweſter, und ich bin überzeugt, er wird es immer mehr werden, je älter er wird. In ein paar Jahren kann ich ihm, ich zweifle gar nicht daran, die ganze Leitung der Geſchäfte anvertrauen, und mir ſelber mehr Ruhe und Muße vergönnen. Aber wie ſieht's denn in ſeiner Stube aus, Schweſter? Wirft er immer noch ſchmutzige Stiefeln und friſch gewaſchene Hemden in ein und denſelben Kaſten zuſammen? Liegen immer noch Kämme, Haarbürſten, Bücher und Halsbinden in trau⸗ lichem Vereine auf dem Fenſterſimſe durch einander? Wie?“ „Nein doch, nein, das iſt ja eben noch das größte Wunder!« rief Marianne in lebhaftem Eifer.„Ich komme eben von oben herunter, habe die ſtrengſte Muſterung gehalten, und zu meinem Erſtaunen, zu meiner allerhöchſten Ueberraſchung die vollkommenſte Ordnung gefunden. In Schränken, in Kommoden, auf Tiſch und Sims, überall Ordnung. Die Wäſche auf das Sauberſte in die gehörigen Kaſten eingeräumt, an den Kleidern kein Stäubchen, jede Kleinigkeit, ſelbſt die geringſte am gehörigen Platze, nirgends eine Vernach⸗ läſſigung, eine Unordnung, eine Unſauberkeit. Es iſt ein Wunder, Valentin, ein wahres Wunder!“ „Nicht doch, liebe Schweſter,“ antwortete Herr Krempelhuber gutmüthig lächelnd,— es iſt nichts weiter, als die natürliche Folge einer guten Lehre, die von einem empfänglichen Gemüthe aufgenommen wurde. Ich habe dir ja immer geſagt, daß ein guter Kern in unſerem Matthias ſteckt,— nun denn, dieſer Kern fängt an ſich zu entwickeln und ſchießt in grünes Laub, in Blüthen und Früchte.“ „Aber wodurch haſt du dies bewirkt, Valentin? Ich kann es noch immer nicht begreifen und faſſen, Bruder!« „Ganz einfach durch Nachſicht, durch Güte, durch Liebe und Beiſpiel,« entgegnete Herr Krempelhuber. „Du erinnerſt dich meines Spazierganges mit Matthias an jenem Sonntage. Nun denn, da habe ich dem jungen Menſchen meine Jugendgeſchichte erzählt, und er hat daraus gelernt, was das Sprichwort:„Jung gewohnt, alt gethan,“ zu bedeuten hat.“ 10⁵ 106 »Ah, nun verſtehe ich!“« ſagte Marianne.»Darum war er jenen Abend ſo nachdenklich! Bei alledem, ein halbes Wunder bleibt es doch, und ich will nur hoffen, daß die Umwandlung von Dauer iſt.“« „Daran zweifle ich nicht,“ erwiederte Herr Krem⸗ pelhuber mit dem Ausdrucke feſter Ueberzeugung.“ Wer es ſo ernſt meint mit ſeiner Beſſerung, wie unſer Matthias, kann des guten Erfolges gewiß ſein.“ Die Zukunft lehrte, daß Herr Krempelhuber Recht hatte. Matthias wich nicht wieder von dem betretenen beſſeren Pfade ab, und ſeine guten Gewohnheiten wur⸗ den bei ihm zur anderen Natur, wie ſie es bei ſeinem väterlichen Freunde geworden waren. Noch heute ſeg⸗ net er das Andenken ſeines braven Großvaters Daniel, und gerne wendet auch er das Sprichwort an, was Jener ſo häufig im Munde führte, das gute, alte, wahre Spruͤchwort: Jung gewohnt, alt gethan. Er ſtand ſich gut dabei, und hatte es nie zu be⸗ reuen, daß er es noch zu rechter Zeit kennen gelernt und zu ſeinem eigenen Wahlſpruch genommen hatte. Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.