Leihbibliothek 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ R pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk.—Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. „„.— u*„—— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, veſchmnbie, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 1 d ſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Jenſeits des Meeres. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Frunz Boffmann. Mit vier Stahlſtichen. Stuftgart. Verlag von Schmidt& Spring.“ 1861. Erſtes Kapitel. Sin ungerathener Sohn. Meiſter Willing, ein wohlhabender Schreiner in einer anſehnlichen Landſtadt Deutſchlands, der Jahraus, Jahrein ſeine zwanzig bis fünfundzwanzig Geſellen in der geräumigen Werkftatt beſchäftigte, ſchritt eines ſchö⸗ nen Sommer⸗Abends, augenſcheinlich ſehr ärgerlich und verdrießlich, in dem breiten, mit Kies beſtreuten Haupt⸗ wege ſeines großen Gartens auf und nieder. An ſei⸗ ner Seite ging Frau Katharine, ſeine Gattin, mit ängſt⸗ licher Miene, und ſichtbar bemüht, die Aufgeregtheit ihres Eheherrn zu beſchwichtigen, was ihr übrigens nur ſchwer oder vielleicht auch gar nicht zu gelingen ſchien. Meiſter Willing focht mit den Armen heftig in der Luft herum, und ſtampfte ſogar manchmal ſo zornig mit dem Fuße auf den Boden, daß der Kies unter ſeinen Schuh⸗ ſohlen knirſchte. „Und ich behaupte und bleibe dabei, er iſt ein Taugenichts, ein Thunichtgut, dein lieber Hans!“ ſagte er zornig.„Was habe ich mir mit dem Bengel nun ſchon für Mühe gegeben, um ihn auf den rechten Weg zu bringen! Was für eine Maſſe Geld habe ich ſchon 3 1 Jenſeit des Meeres. wegwerfen müſſen, um alle Schäden zu bezahlen, die er aus Leichtſinn oder Uebermuth angeſtiftet hat! Nachge⸗ rade reißt mir die Geduld, und anſtatt ihn noch ferner auf dem koſtſpieligen Gymnaſium in der Reſidenz zu erhalten, werde ich ihn als Lehrburſchen in die Werk⸗ ſtatt ſtecken. Da mag er lernen Hobel und Säge hand⸗ haben.“ „Aber, ich bitte dich, lieber Mann, theile mir doch endlich nur wenigſtens mit, was unſer Hans eigentlich verbrochen hat!« ſagte die geängſtigte Mutter.„So böſe, wie heute, habe ich dich ja noch gar nicht ge⸗ ſehen. Früher ſprachſt du doch ſelber immer davon, daß du Hans zu etwas Rechtem erziehen und ausbil⸗ den laſſen wollteſt, und jetzt drohſt du wieder ihn in die Werkſtatt zu ſchicken. Was hat er denn begangen, daß du die Hand von ihm abziehen willſt?« »Was er begangen hat?“ eiferte der Vater.„Dumm⸗ heiten natürlich und Schlechtigkeiten. Mit fünf oder ſechs andern Bürſchchen ſeines Gelichters iſt er nach dem Dorfe Lindenau gegangen und hat dort in der Schenke ſo viel Wein und Bier auftragen laſſen, bis Alle mit einander nahezu betrunken geweſen ſind. Als der Wirth, ein verſtändiger Mann, ſich dann geweigert hat, den unverſtändigen Buben noch mehr einzuſchenken, iſt es erſt zu Zank und Streit, und nachher gar zu Handgreiflichkeiten gekommen, zu denen unſer liebens⸗ würdiger Herr Sohn das Signal gegeben hat. Der Wirth iſt natürlich bald der Uebermacht der jungen ſtar⸗ ken Burſchen unterlegen; ſie haben ihn in ſeinen eige⸗ nen Keller eingeſperrt, dann alles Hausgeräth, Flaſchen Teller, Näpfe, Krüge, ſogar die Fenſterſcheiben kurz und klein geſchlagen, und erſt dann, als ſie in ſolcher — 4 3 Weiſe ihr Müthchen gekühlt, triumphirend den Rückzug genommen. Nun weißt du's!« 8 „Das iſt freilich ſchrecklich und wahrhaft entſetzlich,“ ſagte Frau Katharine ſehr bewegt. »Und doch iſt es noch nicht das Schlimmſte,« fuhr Meiſter Willing fort.„Daß ich den Schaden bezah⸗ len muß, den die ungezogenen Burſche angeſtiftet haben, will ich nicht einmal ſonderlich in Anſchlag bringen, aber ich fürchte ſehr, daß die anderen Folgen des leicht⸗ ſinnigen Streiches noch weit ſchwerer in's Gewicht fal⸗ len, als die Geld⸗Ausgabe. Der mißhandelte Schenk⸗ wirth hat natürlich bei der Schulbehörde Anzeige ge⸗ macht, und eine, jedenfalls ſehr ſtrenge, Beſtrafung der Schuldigen kann gar nicht ausbleiben. Am härteſten wird natürlich Hans davon betroffen werden, denn er iſt, wie ſchon geſagt, der Hauptanſtifter und Rädels⸗ führer der ganzen ſchlimmen Geſchichte.“« »Traurig! Sehr traurig!“ ſeufzte die Mutter.„Läßt ſich denn gar nichts thun, um wenigſtens den übelſten Folgen vorzubeugen?« »Wenn der Junge ſo geſcheidt geweſen wäre, mir gleich nach dem Begehen der Thorheit Alles klar und offen einzugeſtehen, ſo hätte ich vielleicht den Wirth be⸗ ſchwichtigen und die Anzeige verhüten können,« erwie⸗ derte der Vater.„Aber nun iſt es zu ſpät, und wir müſſen eben abwarten, was für eine Strafe erfolgen wird.«. 3 In dieſem Augenblicke klirrte die eiſerne Garten⸗ thür, und raſche Schritte näherten ſich. Ein junger Menſch von etwa ſechszehn Jahren kam den Gang herauf. Sein Aeußeres war nicht ungefällig, aber ein ggewiſſer Trotz funkelte aus ſeinen Augen, und ein eben 1* ſo trotziger Zug um ſeine Lippen trug nicht dazu bei, für ihn einzunehmen. Frau Katharine ſchrie laut auf, als ſie ihn erblickte,— man konnte nicht recht wiſſen, ob aus Schreck oder vor Freude; Meiſter Willing aber empfing den Ankömmling mit finſteren Blicken und drohend gerunzelter Stirn. »Guten Abend, Vater und Mutter,“« ſagte dieſer kalt und gleichgültig. »Wo kommſt du her?« fragte der Vater ſtreng, ohne den Gruß zu erwiedern. »Nun, natürlich aus der Reſidenz,“« verſetzte der junge Menſch.„Man hat mich von der Schule weg⸗ gewieſen wegen der albernen Geſchichte in Lindenau, und da habe ich mich auf die Poſt geſetzt und bin nach Hauſe gefahren. Was hätte ich denn anders thun ſollen?«“ „»Keinen Unſinn hätteſt du begehen und keine Dumm⸗ heiten machen ſollen, nichtsnutziger Bube!« brauste der Vater auf.„Aber jetzt iſt's auch genug! Ich habe dein Betragen ſatt, und anſtatt wieder auf ein Gymnaſium, werde ich dich als Lehrburſchen in die Werkſtatt ſchicken.“ »Das iſt mir gerade recht,« lautete die Antwort des frechen Burſchen.„Ich hab' es ſatt, mich mit dem albernen Lateiniſchen und Griechiſchen abzuplagen, mich von den Lehrern hudeln zu laſſen und auf den Schul⸗ bänken herum zu rutſchen. Säge und Hobel ſind mir lieber, als die Grammatik und die alten langweiligen Klaſſiker.“« „Deſto beſſer für dich, wenn du endlich einmal fleißig zu arbeiten lernen willſt,« ſagte der Vater.„Du wirſt alſo von morgen ab in die Werkſtatt kommen, 5 und ich werde dem Obergeſellen Auftrag ertheilen, ein ſcharfes Auge auf dich zu haben. Bilde dir nicht ein, daß du hier zu Hauſe faullenzen und als Tagedieb umherlungern darfſt! Ich will, daß du nicht anders und beſſer gehalten werden ſollſt, als jeder andere Lehrburſche. Darnach richte dich.« »„Schon gut,« erwiederte Hans trotzig.„Man wird ja ſehen! Wenn man mir's zu arg macht, ſo iſt ja die Welt groß genug, daß man ſich anderswo einen Platz ſuchen kann!« »Hans! Um Gottes willen, reize den Vater nicht mit ſolchen Redensarten,“ ſagte Frau Katharine haſtig, um dem Donnerwetter Einhalt zu thun, das ſchon auf den Lippen ihres Mannes ſchwebte und den ungerathe⸗ nen Sohn bedrohte.„Du haſt großes und ſchweres Unrecht begangen, Hans, und es würde dir beſſer an⸗ ſtehen, demüthig um Verzeihung zu bitten, als hier ſo trotzig aufzutreten.“ 3 »Nun, Mutter, du haſt doch ja eben ſelber gehört, daß ich mit Drohungen vom Vater empfangen wurde,“ verſetzte Hans etwas gemäßigter.„Da kann Einem auch einmal die Galle überlaufen. Und was habe ich denn am Ende ſo Schweres verbrochen? Einen groben Wirth durchgeprügelt, um ihm ein wenig Lebensart einzubläuen! Das iſt doch wahrhaftig des Aufhebens nicht werth, das davon gemacht wird. Und kurz und gut, ich bin's ganz zufrieden, daß man mich von der Schule fortgeſchickt hat. Zu Hauſe gefällt mir's beſſer, als in der Reſidenz. Sei nicht mehr böſe auf mich, Vater! Ich verſpreche dir, daß ich mein Möglichſtes thun will, um ein geſchickter Schreiner zu werden. Ein Solcher iſt in meinen Augen eben ſo viel wert ein Doctor oder ein Schullehrer. Alſo nichts für un⸗ gut, Vater!“« Meiſter Willings Zorn milderte ſich ein wenig bei der Bitte des einzigen Sohnes, wenn er auch noch keineswegs dazu geneigt war, ihm vollſtändig zu ver⸗ zeihen. „Wir wollen's abwarten, ob du Wort halten wirſt,“ verſetzte er.„Ein tüchtiger Schreiner verdient freilich allewege wohl auch ſein Brod, aber lieber wäre mir's doch geweſen, wenn du es etwas weiter gebracht hät⸗ teſt in der Welt, als dein Vater! Schade um das ſchöne Geld, das nun ganz umſonſt in der Reſidenz weggeworfen iſt. Wenn ich's in meiner Jugend ſo gut gehabt hätte wie du, ich die Gelegenheit beſſer benutzt haben. Aber von aus hatte ich keinen rothen Heller, und als ich mich endlich mühſam emporgearbeitet hatte, da war es zu ſpät, noch etwas Anderes anzufangen. Ich dachte, du ſollſt vollbringen, was ich vergebens anſtrebte, aber leider, auch dieſe Hoff⸗ nung iſt mir nun abgeſchnitten. Nun, wie Gott will! Ein tüchtiger Schreiner iſt doch wenigſtens auch ein ehrenwerther Mann. Sei es denn drum« „Abgemacht, Vater! tte Hans leichthin.„Aber jetzt, Mutter, gieb end Etwas zu eſſen und zu trinken! Ich habe furcht aren Hunger und Durſt!« Die Mutter, die ihr einziges Kind nur allzu zärt⸗ lich liebte, ergriff ſchnell die Gelegenheit, das Geſpräch, das zuletzt noch eine leidliche Wendung genommen hatte, abzubrechen, und dadurch ein tieferes Eingehen und eine weitere Erörterung der leichtſinnigen Streiche des Heimgekehrten zu verhindern, das bei dem Vater leicht wieder böſes Blut machen konnte. Sie nahm ihren Hans am Arme und fuͤhrte ihn in das Haus, um ihm dort die mütterlichſte Pflege angedeihen zu laſſen. War er doch immer trotz aller Verkehrtheiten ihr Sohn, ihr Einziger. Solchem ſieht ein Mutterherz nur allzu leicht mehr nach, als der ſtrengere Sinn des Vaters dies darf. Meiſter Willing ſchaute den Beiden nach, als ſie durch den Garten eilten, aber er ſchüttelte dabei be⸗ denklich den Kopf, und ſah nicht gerade ſehr erfreut und zufriedengeſtellt aus. „Nun, man muß es abwarten,“ murmelte er end⸗ lich vor ſich hin.„Das Geſchehene iſt einmal nicht mehr zu ändern, und wenn der Junge wirklich die Ab⸗ ſicht hat, rechtſchaffen ſein Handwerk zu lernen, ſo wol⸗ len wir ihm verzeihen, und Alles in's Meer der Ver⸗ geſſenheit werfen. Wo nicht aber, ſo mag er ſich hüten! Einen Thunichtgut und Taugenichts dulde ich nicht im Hauſe, und wenn er zehnmal mein einziger Sohn wäre!« Wenn Meiſter Willing ernſtliche Beſorgniſſe in Be⸗ zug auf das Betragen ſeines Sohnes hegte, ſo zeigte es ſich leider bald, daß dieſelben keineswegs ungerecht⸗ fertigt waren. Im Gegentheil. Anfangs gab ſich Hans wohl einige Mühe, in der Werkſtatt heimiſch zu wer⸗ den; aber ſchon nach einigen Wochen ließ der Eifer nach, und Hans wurde träge und nachläſſig. Die Er⸗ mahnungen und Zurechtweiſungen des Ober⸗Geſellen, der in Abweſenheit des Meiſters die Aufſicht in der Werkſtatt führte, nützten nur wenig. Als Sohn des Meiſters bildete Hans ſich ein, daß ein Geſelle ſeines Vaters ihm nichts zu befehlen habe, und anſtatt zu gehorchen, lachte und höhnte er nur. Es kam endlich ſo weit, daß der Ober⸗Geſell, um nicht in ſeinem An⸗ — 4 ſehen gefährdet zu werden, bei dem Meiſter über Hans Klage führen mußte. Meiſter Willing vernahm halb zornig, halb betrübt die Anſchuldigungen. »„Ich ſehe ſchon, Altringer,“ ſagte er,„daß ich ſel⸗ ber die Aufſicht über den Burſchen übernehmen muß. Kümmern Sie ſich nicht weiter um ihn. Ich werde ihm die Faulheit und Naſeweisheit ſchon auszutreiben wiſſen.« Der Ober⸗Geſell war froh, der Aufſicht über den widerſpenſtigen Buben überhoben zu ſein. Hans erhielt von ſeinem Vater eine ſtrenge Zurechtweiſung, und dieſer kündigte ihm noch außerdem an, daß er ſelber von jetzt an ihm ſeine Arbeiten anweiſen, und ſeinen Fleiß und ſein Betragen überwachen werde. Dies ge⸗ ſchah, und dem ſtrengen Vater gegenüber wagte es Hans denn doch nicht, ſich widerſpenſtig zu zeigen. Jeden Tag wies ihm der Vater ein beſtimmtes Maß von Arbeit zu, und wenn dies bis zum Feierabend nicht beſeitigt war, ſo mußte Freund Hans nachſitzen ohne Gnade und Barmherzigkeit, bis er ſein Penſum Arbeit geliefert hatte. Das ging wiederum eine Zeitlang ganz ordentlich, aber auf die Dauer konnte es Hans doch nicht aus⸗ halten. Er fing wieder an nachläſſig zu arbeiten, und weder die ſcharfen Ermahnungen des Vaters, noch auch die Straf⸗Stunden machten einen dauernden, heilſamen Eindruck auf ihn. Er führte wohl Hobel und Säge, wweil er mußte, aber er that es ohne Luſt und Liebe zur Sache, träge, ſchläfrig und unordentlich. Der Vater hatte längere Zeit Nachſicht mit ihm; endlich zeigte ſich 1 eines Tages, daß der Faden ſeiner Geduld Hans hatte ein Stück Möbel poliren — 9 ſollen; als aber ſein Vater gegen Feierabend zu ihm kam, um die Arbeit nachzuſehen, da fand es ſich, daß ſie noch kaum zur Hälfte fertig war, und daß auch das bereits Fertige noch viel an Vollkommenheit zu wün⸗ ſchen übrig ließ. Dem Vater lief die Galle über, und er mußte ſich mit Gewalt zurückhalten, um dem faulen Taugenichtſe nicht ein paar Maulſchellen zu geben. Doch faßte er ſich noch und ſagte ruhig aber ernſt: »Du biſt ein Tagedieb! Wer aber dem Tage die Stunden abſtiehlt, der ſoll ſie ihm des Nachts zurück⸗ geben. Du wirſt deine Arbeit fertig machen, und ſoll⸗ teſt du bis Mitternacht dabei zubringen müſſen! Wo nicht, ſo ſchaffe ich dich morgen aus dem Hauſe, und bringe dich bei einem fremden Tiſchler als Lehrling unter, wo du es dann ſchwerlich ſo gut haben wirſt, als hier im Hauſe deiner Eltn⸗ die noch viel, viel zu nachſichtig mit dir ſind.“ Hans empfing die Weiſung mit verbiſſenem Trotze, und über die Drohung zuckte er nur die Achſeln. Na⸗ türlich mußte er es wohl geſchehen laſſen, daß der Vater nach dem Feierabend ihn in die Werkſtatt einſchloß, aber es fiel ihm nicht ein, dem empfangenen Befehle nachzukommen, und an dem Möbel weiter zu poliren. Vielmehr machte er ſich ein bequemes Lager aus einem großen Haufen trockener Späne, und als es dunkel wurde, zündete er die Lampe an, ſetzte ſie auf einen Stuhl daneben, ſtreckte ſich lang auf ſeinem Lotterbette aus, und las in einem Romane, den er ſchon am Mor⸗ gen in die Taſche geſteckt hatte, um ſich während des Tages durch verſtohlenes Durchblättern deſſelben die Zeit zu vertreiben. Er las und las; einige Stunden ver⸗ zu,— er ſchlief feſt ein. In dem hübſchen, wenn auch nicht eben großen Hauſe Meiſter Willings war Alles ſtill und dunkel bis gegen Mitternacht. Nur aus der Werkſtatt, die in einem Seitengebäude lag, ſchimmerte immer noch Licht. Dieſes Licht war ſchwach, flackerte nur von Zeit zu Zeit ein wenig heller auf, und ſchien endlich ganz zu erlöſchen. Aber es ſchien auch nur ſo. Denn kaum eine Minite ſpäter flammte es in röthlichem Schein wieder auf, und erhellte plötzlich mit überraſchendem Glanze die Werkſtatt. In dieſem Augenblicke richtete Frau Katharine, welche aus Kummer um ihren Sohn nur wenig und unruhig geſchlafen hatte, den Kopf von ihrem Bettkiſſen auf, warf einen Blick durch das Fenſter auf das ſchräg über liegende Nebengebäude, und ſprang mit einem Schrei des Entſetzens aus dem Bette. »Vater, wach' auf!« rief ſie ihrem Manne zu.„In was hat Hans da wieder angeſtellt!« Meiſter Willing erwachte beim erſten Ausruf ſeiner rau, und war mit einem Satze aus dem Bette. Im Nu warf er den Schlafrock über, ſtürzte aus der Kam⸗ mer, nahm aus der Küche zwei, glücklicher Weiſe ge⸗ füllte Waſſer⸗Eimer mit, und war mit zwei Sprungen in der Werkſtatt. Flammen und Rauch ſchlugen ihm entgegen, aber der muthige Mann drang deſſen unge⸗ achtet ein, und kam gerade noch zu rechter Zeit, um das Feuer zu löſchen, das einen Haufen Spähne dicht neben dem Lager ſeines Sohnes entzündet hatte. Die Flammen erloſchen ziſchend, und jetzt taumelte auch gingen; endlich fielen ihm aus Müdigkeit die Augen der Werkſtatt iſt Feuer ausgebrochen! Großer Gott, 11 Hans, vielleicht von einem Theile des kalten Waſſers übergoſſen, von ſeinem Lager auf. »Was iſt denn das?“ rief er noch halb im Schlafe. „Hier iſt ja Alles voll Qualm und Rauch!“« »Ja, und nur wenig fehlte, ſo hätteſt du uns das Haus über dem Kopfe angezündet, und wir Alle hät⸗ ten dann unfehlbar elendiglich verbrennen müſſen,“ ſagte der Vater im höchſten Zorne, der um ſo ungehinderter ausbrach, da die nahe drohende Gefahr ſo glücklich be⸗ ſeitigt war.„Elender Tagedieb und Lotterbube! Ich bin es müde, dir noch immer Guͤte und Langmuth zu bezeigen! Du ſollſt endlich einmal das Gewicht mei⸗ nes Zornes fühlen!“ Mit dieſen Worten griff er nach dem erſten beſten Stück Holz, packte den ungerathenen Buben und prü⸗ gelte ihn wacker durch, trotz der herrſchenden Dunkelheit und trotz des Zeter⸗Geſchreies, das Hans ausſtieß. »So! Und jetzt packe dich zu Bette,« ſagte er, als er der ſtrafenden Gerechtigkeit Genüge gethan zu haben glaubte.„Morgen früh werden wir ein ernſtes Wort mit einander ſprechen! Fort mußt du! Keine acht Tage mehr ſollſt du in meinem Hauſe bleiben!« „Schon gut!« verſetzte Hans trotzig, und tief erbit⸗ tert über die empfangenen Schläge, die die letzte Spur von Schlaf bei ihm ausgeklopft hatten.„Ich hab' es auch ſchon längſt ſatt hier bei der ewigen Mäkelei und Schinderei, und je eher ich wegkomme, deſto angenehmer wird es mir ſein!« Mit dieſen Worten ging er, ohne ſich weiter um den Schaden, den er durch ſeine Nachläſſigkeit angerich⸗ tet, oder um ſeinen Vater zu kümmern. Meiſter Wil⸗ ling überzeugte ſich, daß das Feuer vollſtändig bis auf die letzten Funken gelöſcht ſei, und begab ſich dann wie⸗ der in ſeine Kammer, wo er aber nicht mehr den vori⸗ gen ruhigen Schlaf wiederfand. Er hing meiſtens trü⸗ ben Gedanken nach, war aber am andern Morgen feſt entſchloſſen, Hans aus ſeinem Hauſe unter fremde Leute zu ſchicken, wo er vielleicht eher als daheim Fleiß und gute Lebensart lernte. Wenn er aber glaubte, ſeinen ſtörriſchen Sohn als ruhigen und demüthigen Sünder zu finden, ſo fand er ſich getäuſcht. Hans trat am nächſten Tage mit ungebeugtem Trotze vor ihn hin, und ließ ihn nicht einmal zuerſt zu Wort kommen. »Du haſt mich dieſe Nacht gemißhandelt und ge⸗ ſchlagen, Vater, und von dieſer Stunde an betrachte ich uns als geſchiedene Leute,« ſagte er beim Eintreten in die Wohnſtube.„Du willſt, ich ſoll aus dem Hauſe fort,— das iſt ganz und gar auch mein Wille und ſtimmt mit meinen Wünſchen überein. Wenn du denkſt, daß ich mich ſoll als kleinen Jungen behandeln laſſen, ſo biſt du im Irrthum. Ich gehe, und zwar nach Amerika, in das Land der freien Leute, wo ſich Nie⸗ mand unterſtehen darf, einen Andern zu chikaniren oder ihm Gewalt anzuthun. Alſo ich gehe, und du wirſt ſo gut ſein, mir das Erbtheil von meiner Großmutter aus⸗ zuzahlen, das ſie mir ausdrücklich vermacht hat, und das du bisher nur für mich zu verwalten gehabt. Da ich mich jetzt für ſelbſtſtändig erkläre, ſo werde ich künftig auch mein Eigenthum ſelber verwalten!« Vater und Mutter blickten mit ſprachloſem Erſtau⸗ nen ihren Sohn an, der mit kecker Miene und trotzig aufgeworfener Unterlippe ihre Blicke aushielt, ohne die Augen zu Boden zu ſchlagen. Die zärtliche Mutter machte endlich eine Bewegung auf ihn zu, in der Ab⸗ 4 4 13 ſicht, ihren lieben Hans zu umarmen und ihn auf beſ⸗ ſere Gedanken zu bringen, aber Meiſter Willing hielt ſie mit Gewalt zurück. Zuerſt war er bei dem frechen Auftreten ſeines Sohnes nur überraſcht und erſtaunt ge⸗ weſen; dieſe Empfindungen gingen aber bald in kälteſte Entrüſtung über. Er ſtand auf aus ſeinem Lehnſeſſel, wo er jeden Morgen ſeinen Kaffee einzunehmen pflegte, ſtützte ſich mit beiden Händen auf den Tiſch, und ſchaute den widerſpenſtigen Buben mit einem ſolch durchdringen⸗ den Ausdrucke eiſiger Strenge an, daß Hans denn doch vor dieſem Blicke die Augen ſenken mußte. „»Bube,“ ſagte dann der Vater mit ruhiger, tiefer Stimme,—„du bieteſt mir Trotz und willſt dich gegen meine väterliche Gewalt auflehnen! Thu' es denn! Ich hindere dich nicht! Geh' deinen eigenen Weg! Ich weiß, daß Gott der Gerechte dich überall finden und ſtrafen wird.« „»Um Gotteswillen, Vater,“ fiel die geängſtigte Mut⸗ ter ein,—„vergieb ihm! Er iſt ja noch jung! Er weiß nicht, was er thut!« „Nuhig,« verſetzte Vater Willing mit der vorigen eiſernen Strenge.»Er ſelber hat ſich von uns losge⸗ ſagt, er ſelber mag nun auch zuſehen, wie er ohne uns fertig wird in der Welt und in dem fremden Lande jenſeit des Meeres.“ »„Hans, falle dem Vater zu Füßen, bitte ihn um Verzeihung, dann kann noch Alles gut werden!“ rief die Mutter ihrem Sohne zu. 4 Hans gehorchte nicht. Er preßte trotzig die Unter⸗ lippe zwiſchen ſeine Zähne und ſchüttelte den Kopf. »Ich will mein Geld!« ſagte er. »Du ſollſt es haben, auf der Stelle!« ſagt 14 Vater, immer mit größter Ruhe und ohne irgend eine ſichtbare Aufwallung von Leidenſchaft. Mit ſchwerem feſtem Schritte ging er durch die Stube zu einem großen Wandſchranke, nahm einige Päckchen Papiere daraus, und zählte ſie auf den Tiſch. »„Hier ſind zweitauſend Thaler, das Kapital, das du von deiner Großmutter geerbt haſt, nehſt den Zinſen. Nimm es an dich— ſo— und jetzt ſind wir in der That geſchiedene Leute. Geh' denn, und verſuche dein Glück! Ich wünſche dir nichts Böſes, nur das Eine wünſche ich, daß dir draußen in der Welt die Augen aufgehen mögen, und daß du zur Erkenntniß kommſt, wie frevelhaft du gegen deine Eltern gefehlt haſt. Geh'!« Trotzig und unerſchüttert wandte ſich Hans nach der Thür um. »Hans! Mein Sohn!« rief die weinende Mutter, und ſtreckte voll Todesangſt die Hände hinter ihm aus. Hans hörte nicht, oder wollte nicht hören. Er ging, und einige Minuten ſpäter hatte er das Vaterhaus, einige Stunden ſpäter die Vaterſtadt verlaſſen, und dampfte auf der Eiſenbahn nach Hamburg zu, wo er ein Schiff ſuchen wollte, um auf ihm die Ueberfahrt nach Amerika zu machen. Seine Mutter weinte ihm die bitterſten Thränen nach. Sein Vater aber ertrug die Trennung mit großer Ruhe und ohne irgend ein Zeichen von Betrübniß oder Niedergeſchlagenheit. »Tröſte dich doch, Käthe,« ſagte er zu ſeiner Frau. »Wir können zufrieden ſein, daß wir den ungerathenen Sohn los geworden ſind, denn Freude wuüͤrden wir hier doch niemals an ihm erlebt haben. Vielleicht beſ⸗ ſert er ſich draußen in der weiten Welt, und wenn das geſchieht, ſo will ich ihn mit Freuden wieder an mein 45 Vaterherz nehmen. Wenn aber nicht, nun, ſo iſt es beſſer, daß Hunderte von Meilen zwiſchen ihm und uns liegen,— wir brauchen denn doch nicht mit eigenen Augen ſeinen Untergang zu ſehen.“ So ſprach der Vater, und die Mutter tröſtete ſich allmählig, denn im Grunde des Herzens mußte ſie ihrem Manne am Ende Necht geben, da ja ſchon Jeſus Sirach ſagt:„Es iſt beſſer, ohne Kinder ſterben, denn gottloſe Kinder haben!“ * Zweites Kapitel. Aeber das Reer. Ganz wohlgemuth, und ohne beſondere Abenteuer zu erleben, kam Hans in Hamburg an. Unmittelbar nach dem Scheiden aus dem väterlichen Hauſe hatte ihn freilich wohl eine leichte Anwandlung von Reue ergriffen, und er hatte einen Augenblick geſchwankt, ob es nicht am Ende doch beſſer wäre, vor dem Vater zu Kreuze zu kriechen, als in die weite Welt hinaus zu gehen,— aber dieſe flüchtige Anwandlung hatte ſehr ſchnell anderen Anſchauungen Platz gemacht. Nein, er war die Tyrannei, wie er die väterliche Obhut nannte, im elterlichen Hauſe müde. Jetzt, wo er ein reier Mann, und reichlich mit Geld verſehen war, das er, ſeiner Anſicht nach, drüben in Amerika mit leichter Mühe verzehnfachen konnte,— jetzt wäre es wohl eine — 16 Thorheit geweſen, den freien Nacken wieder unter das Sklaven⸗Joch zu beugen! „Fort mit ſolchen Gedanken!“ rief er aus.„Auf nach Amerika! Auf in das Land der Freiheit!« In Hamburg eingetroffen, trieb er ſich zuerſt einige Tage müſſig umher und ging allen möglichen Vergnuͤ⸗ gungen und Zerſtreuungen nach, bis er davon vollkom⸗ men überſättigt war. Nun erſt dachte er an die Wei⸗ terreiſe. Er kaufte ſich einen Koffer, verſchiedene Klei⸗ dungsſtücke, und Anderes, von dem man ihm geſagt hatte, daß er es in Amerika theuer werde bezahlen 5 ſen, und ſuchte dann eine Schiffsgelegenheit zur Ueber⸗ fahrt. Dieſe war bald genug gefunden. Er machte nur einen Spaziergang nach dem Hafen, und entdeckte hier ein großes Auswanderer⸗Schiff, das, wie ihm ver⸗ ſichert wurde, demnächſt die Ueberfahrt nach New⸗York antreten würde. Er nahm ſofort einen Platz als Zwi⸗ ſchendecks⸗Paſſagier, weil ihm der Preis als Kajüten⸗ Paſſagier etwas zu theuer dünkte, bezahlte ſein Billet, blieb gleich auf dem Schiffe, um ja die nahe bevor⸗ ſtehende Abfahrt nicht zu verſäumen, und ließ durch ein paar Matroſen ſein Gepäck aus dem Gaſthofe abholen, woo er während ſeines Aufenthaltes in Hamburg Quar⸗ tier genommen hatte. Nach einer Stunde hatte er ſich ganz bequem in einer Ecke des Zwiſchendecks eingerich⸗ tet, und konnte nun ruhig und ohne Sorge der Stunde der Abfahrt entgegenſehen. Die erſte Nacht, die er auf dem Schiffe zubrachte, verging ihm zwar nicht ſehr angenehm, aber doch immer noch leidlich genug. Sein Bett beſtand aus weiter nichts, als aus einer Matratze in einer engen Koje an der Schiffswand, die am meiſten Aehnlichkeit mit einem 47⁷ Backofen hatte. Es war darin auch beinahe eben ſo heiß, wie in einem Backofen, und Hans mußte ſich am andern Morgen ſelber geſtehen, daß er, wenn ihm eine Wahl geblieben wäre, doch lieber daheim in ſeinem guten Federbette, in der reinlichen, wohl gelüfteten Kammer, als hier in dem dumpfigen und ſtickigen Raume des Zwiſchendecks geſchlafen hätte. Indeß tröſtete er ſich ſchnell. Die Ueberfahrt dauerte ja keine Ewigkeit,— in drei oder ſpäteſtens vier Wochen konnte er in New⸗ York ſein, und dann waren alle die kleinen unvermeid⸗ lichen Leiden einer längeren Seefahrt überſtanden. Frei⸗ lich kannte er dieſe kleinen Leiden noch nicht und ſchätzte ſie wohl zu gering, weil er eben noch keine vierwöchent⸗ liche Seereiſe im Zwiſchendeck eines wohlgefüllten Aus⸗ wanderungsſchiffes zurückgelegt hatte. Einige Tage vergingen, aber der„Bal timore«,— ſo hieß das Schiff, auf welchem Hans ſich befand,— traf noch keinerlei Anſtalten zum Auslaufen. Den erſten Tag bezeigte Hans keine große Ungeduld dar⸗ üͤber; das lebendige Treiben im Hafen, das An⸗ und Abſegeln der großen Schiffe, das Geräuſch von Leuten aus allerlei Nationen gewährte ihm eine Unterhaltung, wie er ſie noch nie genoſſen hatte, und die Zeit ver⸗ ſtrich ihm darüber ziemlich ſchnell. Am zweiten Tage verſpürte er aber ſchon einigen Ueberdruß und Lange⸗ weile, und am dritten trat er zum Kapitän und be⸗ klagte ſich, daß die Abfahrt ſo lange hinausgeſchoben würde. Der Kapitän entſchuldigte die Zögerung mit dem anhaltend niedrigen Waſſerſtand, der das Aus⸗ laufen bis jetzt noch nicht geſtattet habe, und Hans mußte ſich wohl oder übel mit dieſem Beſcheide zufrie⸗ den geben. Aber der Aufenthalt auf dem Schiffe fing 2 Jenſeit des Meeres. 18 ſchon noch im Hafen an, ihm faſt unerträglich zu wer⸗ den, wozu außer der Langeweile, die er erdulden mußte, auch noch ein anderer Umſtand beitrug, der ihm bald ſehr läſtig wurde. Das Zwiſchendeck nämlich, das er bei ſeiner Ankunft auf dem Schiffe als ganz alleiniger und einziger Paſſagier beſeſſen hatte, fing nachgerade an, ſich noch mit andern Paſſagieren zu füllen, die den Aufenthalt daſelbſt, beſonders während der Nacht, äußerſt unbehaglich und ungemüthlich machten. Am vierten Tage war bereits faſt jede Koje in dem ganzen großen Raum beſetzt, und zwar nicht alle von Leuten, deren Geſell⸗ ſchaft angenehm oder erfreulich genannt werden konnte. Aus aller deutſchen Herren Länder hatte ſich hier aller⸗ lei Volks zuſammen gefunden, nicht nur ehrliche Bauers⸗ leute oder rechtſchaffene Handwerkers⸗Familien, ſondern auch Strolche und Vagabunden mancherlei Art, denen man's gleich auf den erſten Blick anſah, daß es am geſcheidteſten ſein würde, wenn man ihnen zehn Schritte vom Leibe bliebe. Hans vermied ein Zuſammentreffen mit ſolchen Leuten, ſo viel er konnte, und traf außer⸗ dem die Vorſichts⸗Maßregeln, daß er den größten Theil ſeines baaren Geldes in ſeinem Koffer verſteckte, dieſen ſelbſt auf das Sorgſamſte verſchloſſen hielt, und den Schlüſſel dazu ſtets in ſeiner Taſche bei ſich trug. Jenen Leuten war jedenfalls nicht zu trauen, aber Hans konnte ſich wenigſtens vor ihnen ſchützen. Aber gegen ein anderes Uebel, das ihm faſt allen Schlaf un⸗ möglich machte, konnte er ſich nicht ſchützen. Jede Nacht herrſchte nämlich faſt ununterbrochen Lärm und Geräuſch im Zwiſchendeck. Es waren wohl ein Dutzend Fami⸗ lien mit kleinen Kindern vorhanden, und es konnte gar nicht fehlen, daß bald dieſes, bald jenes von den armen 19 Würmchen Nachts zu ſchreien anfing, was denn alle Mal einen heilloſen Spektakel zur Folge hatte. Die nächſten Paſſagiere ſchimpften bald auf die unſchuldi⸗ gen Kinder und ihre Eltern, geboten Ruhe, und verdop⸗ pelten dadurch nur den Lärmen. Andere Paſeagiere, die von dem Zanken und Streiten aufwachten, ſchimpf⸗ ten nun ihrerſeits wieder auf die Ruheſtörer, und ſo ging das Lärmen durch das ganze Zwiſchendeck eine geraume Zeit fort, bis nach und nach wieder Stille eintrat, aber nur, um vielleicht ſchon einige Minuten darauf von neuem Kinder⸗Geſchrei und neuem, daraus folgendem Spektakel unterbrochen zu werden. Wie es da mit dem Schlafen beſtellt war, kann ſich ein Jeder leicht denken, und Hans verließ manchmal voller Ver⸗ zweiflung das Zwiſchendeck, und begab ſich nach Oben, um dort, wenn auch nicht den Schlaf, doch wenigſtens freie Luft und Ruhe zu finden. Endlich, nachdem das Zwiſchendeck ſo voll von Paſſagieren und ihrem Gepäck geſtopft war, daß die vollkommene Unmöglichkeit auf der Hand lag, noch Mehreres unterzubringen, machte der Kapitän des„Bal⸗ timore“ Anſtalt, die Anker zu lichten. Das Schiff glitt die Elbe hinunter und erreichte nach einigen Stun⸗ den die offene See, welche Hans mit wahrem Ent⸗ zücken begrüßte, da er ſich der Hoffnung hingab, daß nun wohl das Schlimmſte von der ganzen Ueberfahrt überſtanden ſei. Er ſollte indeß bald anderer Meinung über dieſen Punkt werden. 1 Als die Nacht einbrach, erhob ſich der Wind ſtär⸗ ker und jagte dunkle Wolken vor ſich hin, die ſich in heftigem Regen entluden. Der Aufenthalt oben wurde dadurch ſehr unangenehm, und Hans begab ſich deß⸗ 2* —ͤͤſͤͤͤͤ —— 20 halb nach unten, und drückte ſich in ſeine Koje, um wo moglich nur wenigſtens ein paar Stunden Schlaf zu ge⸗ nießen. Aber daran war nun gerade in dieſer Nacht gar nicht zu denken. Das Schiff ſchwankte und ſtampfte vor dem immer heftiger wehenden Winde, und es dauerte gar nicht lange, ſo zeigten ſich bei verſchiedenen Paſſagieren die erſten Anzeichen der Seekrankheit. Mit fabelhafter Schnelligkeit griff das Uebel um ſich, und nach weniger als einer Viertelſtunde glich das Zwi⸗ ſchendeck einem Lazarethe, in welchem ſämmtliche Kranke Brechmittel hatten verſchlucken müſſen. Das Stöhnen, Aechzen, Wuͤrgen, Seufzen und Jammern aus allen Ecken und Winkeln her war auf die Dauer abſolut nicht zu ertragen, und außerdem füllte ſich das Zwi⸗ ſchendeck ſchnell mit Dünſten, welche auch nicht die ent⸗ fernteſte Aehnlichkeit mit dem erfriſchenden Dufte des Kölniſchen Waſſers hatten. In Verzweiflung ſprang Hans wieder aus ſeiner Koje heraus und flüchtete auf das Verdeck. Er wollte lieber Regen, Kälte und Wind ertragen, als da unten in dem Raume aushalten, der ihm ſchlimmer als Hölle und Fegfeuer vorkam. Das ſchlechte Wetter hielt an, und Hans mußte eine lange traurige Nacht zitternd vor Kälte, und durch⸗ näßt bis auf die Haut, auf dem Verdecke zubringen. Bitterlich bereute er jetzt, daß er nicht einen Platz in der erſten Kajüte genommen hatte; und wenn er ſeine jetzige Situation mit ſeiner früheren Lage verglich, wo er im Schutze des väterlichen Hauſes gelebt hatte, dann drängte ſich ihm unwillkührlich der Gedanke auf, daß er am Ende doch wohl eine ſchreckliche Dummheit be⸗ gangen habe, als er ſich ſo trotzig von dem Herzen ſeiner Eltern losgeriſſen. Uebrigens kamen ſolche Ge⸗ 27 danken jetzt jedenfalls zu ſpät, und Hans that wohl daran, daß er ſte ſo viel wie möglich verſcheuchte. Sie konnten ihm nichts mehr helfen, ſondern hoͤchſtens ihn entmuthigen. Und das durfte nicht ſein; er mußte die Suppe nun ſchon eſſen, die er ſich eingebrockt hatte. Sehr ſchnell kam aber auch die Zeit, wo ihm alle Gedanken ganz von ſelber vergingen, wo ihm Ver⸗ gangenheit, Gegenwart und Zukunft, Alles vollkommen egal und gleichgültig wurde. Die leidige Seekrankheit packte ihn ſo gut, oder vielmehr ſo ſchlimm, wie alle übrigen Paſſagiere,— und nun lag er da, nicht viel beſſer, als ein Scheit Holz, unempfindlich gegen Alles, was außer ihm vorging, in ſeinem Innern aber hunde⸗ elend ſich fühlend, daß er jeden Augenblick ſeine Seele aufgeben zu müſſen vermeinte. Dieſer troſtloſe Zuſtand hielt mehrere Tage und Nächte an, bis der„Baltimore“ endlich den Kanal paſſirt hatte, und nun im Atlantiſchen Ocean das Wet⸗ ter heiter wurde, der heftige Wind ſich legte, die hoch⸗ gehenden Wogen ruhiger wurden, und das unerträgliche Schaukeln und Stampfen des Schiffes nachgerade ſich in einen ruhigen ſteten Lauf vewandelte. Mit dem heiteren Sonnenſchein kehrte auch die Geſundheit und heitere Laune der Paſſagiere zurück, und Hans fühlte ſich wie neu belebt und neu geboren. Von ſeinen Lei⸗ den befreit, ſchlug er ſich die Vergangenheit wieder gänzlich aus dem Sinn, und wandte ſeinen Blick mit verdoppelter Sehnſucht nach Weſten, wo ihm, wie er hoffte und vermeinte, alles Heil und aller Segen der Welt erblühen müſſe. Glücklich und raſch ſegelte der„»Baltimore“ über den Atlantiſchen Ocean, und nach einer Fahrt von acht⸗ —— eeniran eieree n ———— —— undzwanzig Tagen tauchte endlich, einem Nebelſtreifen gleich, die Küſte von Amerika am fernen Horizonte auf. Die Paſſagiere, entzückt über die nahe Ausſicht, der Langeweile und den doch immer fühlbaren kleinen Lei⸗ den der Seereiſe enthoben zu werden, begrüßten die neue Welt mit freudiger Miene, und Hans beſonders mit ausgelaſſenem Jubel. Er war es herzlich müde, jede Nacht in dem heißen, ſtickigen Raume des Zwiſchendecks zubringen zu müſſen; und die Schiffskoſt, die einen Tag wie alle Tage nur aus Speck mit Bohnen oder Erbſen beſtand, mundete ſeinem verwöhnten Gaumen ſchon lange nicht mehr, ſo wenig, wie das faulige Trinkwaſſer, mit welchem er ſeinen Durſt löſchen mußte. »Wann werden wir im Hafen einlaufen?« fragte er den Kapitän, der mit dem Fernrohre auf dem Hin⸗ terdeck ſtand. »Heute nicht mehr!« lautete die Antwort;—„aber morgen früh bei guter Zeit, vorausgeſetzt, daß der Wind nicht umſchlägt.«— Dieſe Antwort lautete nicht ſehr erfreulich für Hans, denn er hätte am liebſten mit beiden Beinen zugleich an das Ufer ſpringen mögen, doch er mußte ſich wohl oder übel zufrieden geben, da er nun doch einmal in der Lage der Dinge nichts ändern konnte. Aber noch einmal in das Zwiſchendeck hinab zu ſteigen und dort die letzte Nacht an Bord zuzubringen, vermochte er nicht über ſich zu gewinnen. Er blieb oben, und erwartete mmit Ungeduld den Anbruch des Tages. Eben dieſe Ungeduld ließ ihn nicht ſchlafen. Mit offenen Augen ſaß er auf einem Waaren⸗Bündel, den Rücken gegen den Fockmaſt gelehnt, und ſtarrte unver⸗ ach der Küſte des feſten Landes hinüber. Die 23 Wellen rauſchten unter dem Kiele, die Sterne funkelten am Himmel, aber Hans hatte weder für das Eine noch für das Andere Aug' und Ohr. Ihn gelüſtete es nur, ſo bald als möglich den Boden zu betreten, der ihm vorkam, wie einſt den Juden in uralten Zeiten das Land der Verheißung. Endlich färbte ein röthlicher Streifen den öſtlichen Horizont, und bald darauf glänzten die erſten Strahlen der Sonne blitzähnlich über die leicht gekräuſelten Wel⸗ len des Oceans, und erleuchteten die langen Häuſer⸗ Reihen von New⸗York, welche ſich in der Entfernung von etwa einer halben Stunde vor dem Schiffe aus⸗ dehnten. Dieſes lief noch eine Strecke näher heran, und ließ dann raſſelnd die Anker fallen. Jetzt dräng⸗ ten ſich nach und nach noch viele andere Paſſagiere auf das Verdeck, und zu gleicher Zeit ſtießen vom Ufer drüben einige Nachen ab und näherten ſich ſchnell rudernd dem Schiffe, neben welchem ſie anlegten. In den Booten ſaßen, bunt durch einander gemiſcht, Männer und Frauen, erſtere zum Theil wohl gekleidet und von feinem Ausſehen, letztere meiſt mit Körben belaſtet, welche mit Früchten und ſüßem, friſchem Gebäck angefüllt waren,— Leckerbiſſen, welche die Paſſagiere des„Bal⸗ timore“ lange Wochen hindurch hatten entbehren müſ⸗ ſen, und die aus dieſem Grunde ihr Verlangen auf's Aeußerſte reizten. Trotzdem weigerte ſich der Kapitän anfänglich, die Leute aus den Booten an Bord kommen zu laſſen, indem er die Paſſagiere darauf aufmerkſam machte, daß ſich unter ſolchen, äußerlich wohlanſtändig ausſehenden Leuten nicht ſelten die feinſten Gauner und Betrüger befänden; aber die Paſſagiere ließen ſich nicht bedeuten. Sie drangen mit ſtürmiſchen Bitten in den Wuth auf einen fein 24 Kapitän, daß er die Schiffstreppe niederlaſſen möchte, und dem gemeinſamen Anſtürmen vermochte derſelbe ſchließlich nicht länger Widerſtand entgegen zu ſetzen. Auf ſeinen Wink ſank die Seitentreppe nieder, und un⸗ ter dem Hurrah der Paſſagiere ſtiegen die fremden An⸗ kömmlinge an Bord, wo ſie, beſonders die Weiber mit ihren Fruͤchten und Bäcker⸗Waaren, ſofort von allen Sei⸗ ten umringt wurden. Hans drängte ſich in die vorderſten Reihen, und es gelang ihm, einige Apfelſinen—. allerdings für ſchweres Geld,— zu erbeuten, deren ſüßen, erfriſchen⸗ den Duft er mit gierigem Wohlbehagen einſchlürfte. Ganz in dieſe angenehme Beſchäftigung vertieft, erhielt er im Gedränge plötzlich einen hefꝛigen Fauſtſtoß in die Magengegend, und als er unwillkührlich mit der Hand den ſchmerzenden Fleck berührte, wurde er zu ſeiner ärgerlichſten Ueberraſchung gewahr, daß man ihm ſeine goldene Uhr mit ſammt der ſchweren goldenen Uhrkette geſtohlen habe.. 7 „Diebe! Diebe!« ſchrie er, und ſtürzte ſich voll gekleideten Herrn, der ihm den Fauſtſtoß verſetzt hatte, und ſich jetzt eilig in dem all⸗ gemeinen Gedränge zu verbergen ſuchte. Er packte ihn am Rockkragen und hielt ihn feſt. Der Fremde aber drehte ſich ganz ruhig und gelaſſen um, und zeigte eine äußerſt gleichgültige Miene, als ob ganz und gar nichts Abſonderliches vorgefallen wäre. „Was wollen Sie von mir, mein Herr?« fragte er kalt.„Laſſen Sie gefälligſt meinen Kragen los! Ich werde Ihnen hier auf dem Schiffe nicht davon laufen. Aber was wünſchen Sie eigentlich?“ »Sie haben mir meine Uhr und meine Kette ge⸗ — ——— aus.„Nehmen Sie dies für Ihre flache Lüge, und 25 ſtohlen, Herr!“« ſchrie Hans wüthend.„Heraus da⸗ mit, oder ich ſchleppe Sie zum Kapitän, der mir ſchon Gerechtigkeit verſchaffen wird!“ Eine Menge Leute, Paſſagiere des Schiffes und Fremde, hatten ſich, von dem lauten Streite herbeige⸗ zogen, um die Beiden verſammelt.— »„Iſt denn dieſer Menſch verrückt?“ fragte der Herr die Umſtehenden, indem er auf Hans deutete.„Er beſchuldigt mich, ein Dieb zu ſein, ihn beſtohlen zu haben, während ich doch gar nicht in Berührung mit ihm gekommen bin!« »Er lügt!« verſetzte Hans zornig und aufgeregt. „Ich hab' es geſehen, wie er mir meine Uhr entriſſen hat!« 1 »Durchſucht ihn! Durchſucht ihn!« ſchrieen meh⸗ rere Stimmen durch einander.„Wenn er der Dieb iſt, muß man die Uhr bei ihm finden! Durchſucht ihn 44 Kaltblütig drehte der Angeſchuldigte ſeine Taſchen um, und ließ es ohne Widerſtand geſchehen, daß noch nähere Nachforſchungen an ſeiner Perſon angeſtellt wur⸗ den. Von Uhr und Kette fand ſich aber nicht die ge⸗ ringſte Spur bei ihm, und der allgemeine Unwille rich⸗ tete ſich nun gegen Hans, der ganz beſtürzt und ver⸗ legen daſtand. »Das iſt merkwürdig!« ſtammelte er.„Ich habe es doch mit meinen eigenen Augen geſehen, wie er mir die Fauſt in die Rippen gerannt hat, und unmittelbar darauf waren Uhr und Kette verſchwunden. Wer ſoll ſie geſtohlen haben?« »Jedenfalls nicht ich, Sie unverſchämter junger Hund,“« rief jetzt der Angeſchuldigte ſeinerſeits zornig — 1 6 8 26 hüten Sie ſich in Zukunft, ehrenwerthe Leute ſo ſchmach⸗ voll anzuklagen!« »Zu gleicher Zeit, als er dieſe Worte ſprach, ver⸗ ſetzte er dem ganz außer Faſſung gerathenen Hans einen Fauſtſchlag in das Geſicht, der ihn ſo unwider⸗ ſtehlich und mit ſolcher Wucht traf, daß er zurücktau⸗ melte und beinahe niedergeſturzt wäre. Ehe er ſeine Faſſung wieder erlangen und den Schlag vergelten konnte, war der Fremde im Gedränge verſchwunden, und Hans vermochte ihn nicht wieder aufzufinden. Auch verſpürte er im Grunde wenig Luſt dazu, denn ſeine Naſe blutete ſo heftig, daß er ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit darauf verwenden mußte, um erſt dieſe Blutung zu ſtillen. Als es ihm gelungen war, und er ſich dann an den Kapitän wendete, um demſelben ſeinen Verluſt zu klagen, und ihn aufzufordern, eine allgemeine Durch⸗ ſuchung der Perſonen auf dem Schiffe zu veranſtalten, zuckte dieſer die Achſel und machte eine ablehnende Be⸗ wegung.-— 1»Wie können Sie nur einen Augenblick glauben, daß eine Nachforſchung dieſer Art Erfolg haben würde,« verſetzte er kalt.„Mehrere hundert Menſchen mit zahl⸗ loſem Gepäck befinden ſich auf dem Schiffe. Ehe wir Alle und Alles durchſucht hätten, würden ganze Tage vergehen, und Sie werden ſich doch nicht einbilden, daß ich wegen Ihres unbedeutenden Verluſtes ſo viele Zeit verſchwenden dürfte, wenn ich auch den guten Willen dazu hätte? Finden Sie ſich in Ihr kleines Unglück, ſo gut Sie können! Ich habe Sie und Alle gewarnt, die Fremden an Bord kommen zu laſſen! Sie befan⸗ den ſich unter denen, die mich trotzdem dazu zwangen, und— nun haben Sie die Folgen. Ich bezweifle kei⸗ 2ʃ nen Augenblick, daß der Menſch, den Sie als den Dieb bezeichneten, wirklich der Schuldige iſt, aber wie wollen, wie können Sie es ihm beweiſen? Er hat natürlich Helfershelfer in der Nähe gehabt, und durch dieſe ſeinen Raub in Sicherheit gebracht. Ich kenne das, und habe bei Zeiten gewarnt. Da Sie nicht hören wollten, müſ⸗ ſen Sie fuͤhlen und Ihren Schaden geduldig tragen, wenn Sie nicht noch obendrein ausgelacht werden wol⸗ len! Zum Ueberfluß will ich Ihnen noch einen guten Rath gehen. Sehen Sie nach Ihrem Gepäcke und trennen Sie ſich nicht davon, ſonſt könnte es auf eine ähnliche Weiſe verſchwinden, wie Ihre Uhr. Und nun Gott befohlen! Ich habe zu thun.“ 4 Damit drehte er Hans den Rücken zu, und ließ ihn ſtehen. Hans aber dachte auf einmal an ſeinen Koffer und an das viele Geld, das er darin verſteckt hatte. Eine bange Ahnung von neuem Unheil kam über ihn. Indem er ſich bittere Vorwürfe darüber machte, daß er den Koffer die ganze Nacht hindurch ohne Bewachung in ſeiner Koje unter Deck gelaſſen hatte, wo es doch auch wahrlich an Strolchen und Vagabunden nicht fehlte, ſtuͤrzte er eiligſt hinunter in das Zwiſchendeck und ſuchte ſeine Schlafſtatt auf. Hier angekommen, blieb er wie vom Schlage gerührt ſtehen. Er fand ſeinen Koffer mit geöffnetem Deckel— leer! Seine Wäſche, ſeine Kleidung, ſein Geld— Alles war ver⸗ ſchwunden! Nichts hatte man ihm gelaſſen, als eben nur den leeren Koffer, der nun freilich weiter nichts, als nur ein ziemlich nutzloſes Möbel für ihn war. Hans ſchrie laut auf vor Schreck, er rang die Hände, raufte ſich die Haare aus, und vergoß die bitterſten Thränen. Dann wendete er ſich an einzelne Paſſa⸗ 28 giere, die er während der Ueberfahrt kennen gelernt hatte, und beſchwor ſie in halb wahnwitziger Aufregung, ihm beizuſtehen und zu helfen, um wieder zu ſeinem Eigenthum zu gelangen. Man rief den Kapitän, das ganze Schiff gerieth in Alarm, aber, wie leider voraus⸗ zuſehen war, es konnte nirgends eine Spur von den verſchwundenen Sachen und Geldern ausfindig gemacht werden. Der Dieb war offenbar ſehr ſchlau zu Werke gegangen. Er hatte die Abweſenheit Hanſens während der vergangenen Nacht, und den Schlaf der übrigen Paſſagiere benutzt, den Koffer zu erbrechen und auszu⸗ rauben, und hatte ſeinen Raub noch vor Anbruch des Tages in Sicherheit gebracht. Hunderte von Paſſa⸗ gieren befanden ſich im Zwiſchendeck, es war alſo ganz unmöglich, das Gepäck jedes Einzelnen zu unterſuchen, und dies um ſo weniger, als Alle ungeduldig waren, nur erſt vom Schiffe fort zu kommen und wieder das feſte Land zu betreten. Die Verzweiflung des unglück⸗ lichen Hans rührte keinen Menſchen und bewegte Nie⸗ mand zum Mitleid. Man lachte ihn im Gegentheil nur aus, verſpottete ihn, und machte ihm Vorwürfe, daß er nicht beſſer auf ſeine Sachen Acht gegeben habe. Schließlich überließen ihn Alle ſich ſelbſt, und kümmer⸗ ten ſich weiter nicht um ihn. Hans tobte ſeinen Schmerz aus, mußte ſich aber doch nachgerade zu faſſen ſuchen und ſich in ſein Schick⸗ ſal ergeben. Zum Glück für ihn hatte er wenigſtens ſeine Brieftaſche gerettet, die er in einer verborgenen Taſche unter ſeiner Weſte bei ſich getragen hatte, und in welcher ſich noch ein paar hundert Thaler in guten Papieren befanden. So brauchte er das Ufer Amerika's doch wenigſtens nicht gerade als Bettler zu betreten. 29 In leidlicher Faſſung verließ er endlich, erher der letz⸗ ten Paſſagiere, das Schiff, und fuhr in einem Boote an das Ufer hinüber, wo er beim Ausſteigen ſofort von einer Menge nicht eben Vertrauen erweckender Burſchen umringt wurde, die ihm laut ſchreiend und aufdringlich ihre Dienſte anboten. Da er in New⸗York keinen Beſcheid wußte, ſah er ſich genöthigt, irgend Einen aus der Schaar zu wählen, um ſich von ihm nach einem Gaſthofe, wo möglich mit einem deutſchen Wirthe, fuhren zu laſſen. Er winkte dem Erſten Beſten zu, und hatte es noch ziemlich gut getroffen, da der Menſch wenigſtens Deutſch ſprechen und er ſich mit ihm verſtändigen konnte. Nach zehn Minuten ſchon befand er ſich wohlbehalten in einem ſogenannten Boar⸗ ding⸗Houſe, wo er Logis und Beköſtigung fand, und deſſen Eigenthümer, was ihm beſonders wichtig erſchien, von Geburt ein Deutſcher war. Allerdings forderte ihm ſein Führer ein unverſchämtes Trinkgeld für ſeine Bemühung ab, aber Hans bezahlte den verlangten Dollar ohne weitere Umſtände, denn er glaubte ſich nun ge⸗ borgen und in dem Hauſe eines deutſchen Wirthes wohl aufgehoben. Wie ſehr er ſich in dieſer Voraus⸗ ſetzung irrte, konnte ihm freilich erſt ſpäter klar werden. 30 Drittes Kapitel. Sin guter Freund. Maſter Fiſcher,— ſo hieß der Wirth des Boar⸗ ding⸗Houſe, in welchem Hans ein Unterkommen gefun⸗ den,— behandelte ſeinen neuen Gaſt weder zuvor⸗ kommender noch höflicher, als ſeine anderen Gäſte, ob⸗ ſchon ſich ihm Hans gleich nach der Ankunft als Lands⸗ mann zu erkennen gab. „Iſt mir einerlei,“ erwiederte er mürriſch,—„Dutſch⸗ man oder Engliſchman, alles Eins, wenn Ihr nur baar Geld aus dem alten Lande mit herübergebracht habt.“« Hans zog eine Handvoll Banknoten aus ſeiner Taſche, und nun auf einmal zeigte ſich der Boarding⸗ Wirth völlig umgewandelt. Seine mürriſche Miene verſchwand und machte einer grinſenden Freundlichkeit Platz.. »Wenn es ſo bei Euch ausſieht, dann willkommen im neuen Lande,“ ſagte er.„Ihr ſollt das beſte Zim⸗ mer in meinem Hauſe bekommen, Freund, und im llebri⸗ gen könnt Ihr auf alle guten Dienſte von mir rech⸗ nen. Jim!“ rief er einem rothhaarigen Burſchen zu, der in der Nähe Gläſer ſpülte,—„führe dieſen Gentle⸗ man auf Nro. 5, und gieb Acht, daß du ihn gut be⸗ dienſt, wenn er etwas verlangt. Wo haben Sie Ihr Gepäck, Freund?“ wendete er ſich dann wieder an Hans.. Noch immer ärgerlich über den erlittenen Verluſt, erzählte Hans, wie er um ſein Hab' und Gut betro⸗ gen und beſtohlen worden ſei, und hoffte auf Mitleiden und Theilnahme von Seiten des Maſter Fiſcher. Aber weit gefehlt. Der ehrenwerthe Boarding⸗Houſe⸗Wirth verzog ſein Geſicht zu einem Grinſen und nickte bei⸗ fällig mit dem Kopfe. „Schlaue Halunken!« ſagte er.„Haben's pfiffig angefangen! Sich nicht verwiſchen laſſen! So iſt's recht in einem freien Lande.« „Ihr billigt wohl gar noch den niederträchtigen Dieb⸗ ſtahl!“ ſagte Hans zornig. „Billige nicht den Diebſtahl, Gott behuͤte!“ ver⸗ ſetzte der Wirth kaltblütig.„Bewundere nur die Schlau⸗ heit der Spitzbuben. Muͤſſen mächtig geriebene Halun⸗ ken geweſen ſein. Hahaha!“ Das Lachen des Mannes ſchnitt Hans durch die Seele. Er verſpürte nicht übel Luſt, ſofort das Haus wieder zu verlaſſen, wo ſolche Anſichten geäußert wur⸗ den, aber ſeine gänzliche Unbekanntſchaft in New⸗York hielt ihn feſt. Er hatte doch wenigſtens ein Unterkom⸗ men,— was brauchte er ſich weiter um Charakter und Geſinnung ſeines Wirthes zu kümmern? Ohne Antwort zu geben, drehte er ſich um, brach die ihm nicht ſonderlich zuſagende Unterhaltung ab, und folgte dem Burſchen, den der Wirth Jim genannt hatte, auf ſein Zimmer. Hier war es ziemlich behaglich und reinlich. Dennoch hielt ſich Hans nicht lange dort auf. Die Neugierde, das Leben und Treiben in New⸗York kennen zu lernen, trieb ihn hinaus. Doch war er nun ſchon gewitzigt genug, ſeinen ganzen Geldvorrath nicht mitzunehmen. Er ſteckte nur ein paar Dollar⸗Noten eim, und verſchloß ſeine übrigen Gelder ſorgfältig in einen guten feſten Schrank, deſſen Schlüſſel er an ſich ahm. ——ſͤſſ 32 „»Wohinaus?« Gaſtzimmer ging. „In die Stadt, ein wenig durch die Straßen zu ſchlendern,« verſetzte Hans. „Wohl!“ erwiederte Maſter Fiſcher.„Geb' Euch den Rath, auf dem Pflaſter von New⸗York beſſer auf Euer Eigenthum zu achten, als auf dem Schiffe. Die Langfinger⸗Zunft iſt reichlich vertreten hier zu Lande!« „Danke für den guten Rath,« entgegnete Hans, den die Warnung wieder ein wenig mit ſeinem Wirthe aus⸗ ſöhnte.„Ich werde mich zu hüten wiſſen.« Er ſpazierte hinaus, ſuchte die belebteſten Straßen auf, ſchlenderte in ihnen auf und ab, und blieb auch wohl da und dort vor einem beſonders glänzend aus⸗ geſtatteten Ladenfenſter ſtehen. An einem ſolchen Schau⸗ fenſter war es, daß er plötzlich eine fremde Hand in ſeiner Weſtentaſche fühlte. Er drehte ſich haſtig um, zweifellos in der Abſicht, den unberufenen Viſitator zur Rede zu ſtellen, oder ihn, kurz und gut, zu Boden zu ſchlagen. Aber eine andere Perſon kam dieſer ſeiner Abſicht zuvor. Ein junger Menſch, nur wenige Jahre älter als Hans, verſetzte dem Diebe einen Fauſtſchlag auf den Kopf, der ihn zur Seite taumeln machte, und fragte Hans ſchnell: »Sind Sie beſtohlen, mein Herr?« »Gewiß,“ verſetzte Hans,„aber nicht hier! Die Uhr und Kette, die der Herr bei mir ſuchte, iſt mir bereits auf dem Schiffe abhanden gekommen.« »Nun, dann mag dieſer da frei ausgehen und da⸗ von laufen,« ſagte der junge Mann lachend, indem er frank und frei Hans am Arme nahm, und mit ihm die Straße hinauf ging. n fragte der Wirth, als er durch das 93 950 »Wir ſind Landsleute, ohne Zweifel,« fuhr er fort. »Ich erkannte Sie als Landsmann auf der Stelle an Ihrer Kleidung und Ihrem Benehmen, und aus dieſem Grunde wollte ich nicht ruhig zuſehen, als man ſie zu beſtehlen verſuchte. Sind Sie ſchon längere Zeit in New⸗York?« „Ganz vor Kurzem erſt angekommen,“ erwiederte Hans,„und ich freue mich deßhalb doppelt, gleich eine ſo angenehme Bekanntſchaft gemacht zu haben. Ich danke Ihnen herzlich für den mir geleiſteten Beiſtand, und hoffe, daß Sie weder meinen Dank noch meine Freundſchaft zurückweiſen werden.“« „Gewiß nicht,« verſetzte der Fremde. Uebrigens müſſen Landsleute, die ſich in der Fremde treffen, im⸗ mer einander beiſtehen. Darum weiſe ich Ihren Dank zurück, aber Ihre Freundſchaft nehme ich an. Mein Name iſt Wolf, Heinrich Wolf aus dem Braunſchwei⸗ giſchen. Wie heißen Sie?« »Hans Willing, aus Preußen,« verſetzte unſer Abentheurer, und Beide ſchüttelten und drückten ſich die ände. 5»So! Das wäre abgemacht,“ nahm Heinrich wie⸗ der das Wort.„Und nun weg mit allen überflüſſigen Komplimenten und Redensarten. Von jetzt an nennſt du mich Heinrich kurz weg, und du. Ich mach' es mit dir auch ſo, und nenne dich Hans. Haſt du be⸗ reits ein Quartier gefunden? Und wo?“ Hans erzählte, wie er zu Maſter Fiſcher gekommen ſei, und wie dieſer ihn empfangen und aufgenommen hatte. »Der ſchäbige Hund!“ ſagte Heinrich.„Aber ſo ſind ſie Alle! Wer Geld hat, iſt ihnen willkommen, Jenſeits des Meeres. 3 4 r 8 2.—* 5— 3— 34 wer keins hat, dem weiſen ſie die Thüre, und wenn's der beſte Freund von der Jugend wäre. Ich kenne das! Habe Erfahrungen in dieſer Beziehung gemacht. Die Luft hier zu Lande trocknet aus, und verwandelt in kürzeſter Friſt das gute, deutſche Herz in einen ge⸗ fühlloſen, zähen Lederbeutel. Du wirſt das auch noch kennen lernen mit der Zeit. Doch jetzt von etwas An⸗ derem. Gedenkſt du in New⸗York zu bleiben, oder was haſt du ſonſt für Pläne und Abſichten?« »Ich weiß wirklich noch nicht, was ich anfangen werde,“ verſetzte Hans.„Wenn man mir nicht den größten Theil meiner Baarſchaft auf dem Schiffe ge⸗ ſtohlen hätte, würde ich vielleicht Land gekauft und mich irgendwo als Ackerbauer niedergelaſſen haben. Aber mit den paar hundert Thalern, die mir geblieben ſind, iſt nicht viel anzufangen. Ich habe das Tiſchlern ge⸗ lernt. Vielleicht macht ſich's, daß ich in einer Tiſch⸗ ler⸗Werkſtatt ein Unterkommen finde.“ „Thorheit!« entgegnete Heinrich lachend.„Wenn man ſchwer arbeiten und ſich das Leben ſauer machen will, braucht man nicht nach Amerika zu gehen, denn das kann man zu Hauſe auch haben. Nichts davon, mein Junge! Ich weiß etwas Beſſeres für dich. Die paar hundert Thaler, die du ſo gering zu ſchätzen ſcheinſt, müſſen dich in wenigen Wochen zu einem reichen Na⸗ bob machen, wenn du meinen Rathſchlägen folgſt.“ Hans blickte den neuen Freund verwundert an. „Wenn du Mittel kennſt, in kurzer Zeit ſo reich zu werden, ſo würdeſt du ſie doch zu allererſt für dich ſel⸗ ber in Anwendung bringen,“ ſagte er.„Aber, ganz aufrichtig, du ſiehſt mir nicht danach aus, als ob du im Golde wühlen könnteſt.«. Heinrich lachte. »Kind,“ gab er zur Antwort,„du ſprichſt eben, wie du es verſtehſt. Als ich nach New⸗York kam, hatte ich nur noch ein paar Dollars in der Taſche, und damit läßt ſich natürlich nichts anfangen. Auch kannte ich die Gelegenheit nicht. Dieſe habe ich nun wohl kennen gelernt, aber es hat mir noch immer nicht glücken wollen, ein größeres Kapitel zuſammen zu brin⸗ gen, und ſo bin ich denn immer ein armer Teufel ge⸗ blieben, der Tag für Tag aus der Hand in den Mund lebt. Mit dir iſt's was Anderes! Du haſt, was mir fehlt, Geld! Und ich habe, was dir mangelt: Er⸗ fahrung! Mit dieſen beiden herrlichen Eigenſchaften muß man aber ſein Glück in New⸗York machen. Wenn es Nacht geworden iſt, wollen wir unſere Spekulatio⸗ nen beginnen. Bis dahin aber haben wir noch ein paar Stunden Zeit, und die können wir am beſten in einer Reſtauration verbringen, wo man für ein Billiges gutes Bier und Beefſteak bekommt. Geh' nur mit, ich kenne ein ſolches Lokal und werde dich einführen. Ich bin überzeugt, es wird dir gefallen dort.“ Hans war es zufrieden, der Hand des kundigen Führers zu folgen, und er that es um ſo lieber, als er wirklich bedeutenden Durſt und Hunger empfand. Hein⸗ rich führte ihn in eine enge, winkelige Nebenſtraße, trat dort in ein unſcheinbares Haus ein, öffnete eine Thür, und ſchob Hans in ein Zimmer, das wider alles Er⸗ warten geräumig, hell erleuchtet und freundlich war. Heinrich fühlte ſich offenbar hier wie zu Hauſe. Er nickte dem Wirthe, der hinter dem Schenktiſche ſtand, vertraulich zu, und beſtellte Bier und Beeſſteaks. 3* — —————— ——— 2—* »Haſt du aber auch Geld zum Bezahlen, Heinz?« fragte der Wirth. »Dieſer junge Herr wird für mich mit bezahlen,« erwiederte Heinrich, indem er Hans auf die Achſel klopfte. Nicht wahr, mein Junge?« „Gewiß,“ verſetzte Hans,„und mit großem Ver⸗ gnügen?«. »Nun denn, ſo ſollen die Herren beſtens bedient werden,“ ſagte der Wirth lächelnd und mit einem pfif⸗ figen Seitenblick auf Heinrich. »„Schlauer Halunke!« murmelte er ſo leiſe, daß Hans ihn nicht verſtehen konnte,—„weißt doch im⸗ mer einen Vogel zu finden, den du rupfen kannſt.“ Heinrich gab ſich nicht die Mühe, auf dieſe Worte Etwas zu erwiedern, ſondern zog Hans von dem Schenk⸗ tiſche fort, und nahm mit ihm an einem Tiſchchen in einer Ecke Platz, von wo aus man einen Ueberblick über das ganze Lokal hatte, ohne von unberufener⸗ Nachbarſchaft geſtört und beläſtigt zu werden. „Hier iſt's gut,“ ſagte er.„Du nimmſt mir's doch nicht uͤbel, daß ich mich als deinen Gaſt betrachte, ohne förmlich eingeladen zu ſein?« »Warum nicht gar,“ verſetzte Hans eifrig.„Du biſt ſo freundlich und zuvorkommend gegen mich, daß ich mich tief in deiner Schuld fühle. So lange ich einen Pfennig habe, werde ich ihn gern mit dir theilen. Und außerdem, du ſagteſt ja, daß du mich in kurzer Zeit reich machen könnteſt,— was kommt denn da auf ein paar Dollars an?“ »Ja, ja, du wirſt ſchon ſehen, alter Junge,« erwie⸗ derte Heinrich kordial.„Du verdienſt es, reich zu werden, und du ſollſt es werden, ehe wir noch acht 37 Tage älter geworden ſind. Aber davon nachher. Jetzt wollen wir eſſen und trinken, da kommt Bier und Beefſteaks!« Das Eſſen mundete, und das friſche, ſchäumende Bier nicht minder. Hans und Heinrich ließen's ſich ſchmecken; dann aber bat Hans, ihm doch Aufſchluß darüber zu geben, wie und wodurch er in kurzer Friſt große Reichthümer erlangen könne? »Du wirſt es ſchon ſehen!« erwiederte Heinrich. „Folge nur in Allem meinen Weiſungen, und ſei feſt überzeugt, daß der Erfolg ein glänzender ſein wird.“ Bis gegen Mitternacht zechten die beiden jungen Burſchen, und rauchten Cigarren dazu, die das betäu⸗ bende Bier noch betäubender machten. Endlich, nach⸗ dem er ſein Glas ausgetrunken, ſtand Heinrich auf, und meinte, daß es nun Zeit zum Gehen ſei. Hans zeigte ſich ſehr bereitwillig, den Freund zu begleiten. Er bezahlte die Zeche, und Beide traten hinaus auf die Straße. »Vor allen Dingen mußt du nun dein Geld holen,“ ſagte Heinrich hier.„Mit dem Wenigen, was du noch in der Taſche haſt, können wir nichts Rechtes anfan⸗ gen. Das Boarding⸗Houſe des Maſter Fiſcher liegt ganz in der Nähe.“ 1 Wenn Hans noch vollſtändig bei Sinnen geweſen wäre, hätte er die Aufforderung ſeines Gefährten viel⸗ leicht abgelehnt und, anſtatt noch in die Nacht hinein zu ſchwärmen, ſein Bett aufgeſucht. Aber die glänzen⸗ den Verſprechungen Heinrichs hatten ihm, in Verbin⸗ dung mit dem genoſſenen Getränk, ganz den Kopf ver⸗ dreht. Er eilte auf ſein Zimmer, ſteckte alles baare 38 Geld, was ihm noch geblieben war, in die Taſche, und verließ leiſe wieder das Haus. »„Haſt du Alles?« fragte ihn Heinrich. „Alles!« »Und gut verwahrt?« »Gewiß, in der Seitentaſche meines Rockes.« „»Gut! So komm denn!“ Er ging raſch voran, und Hans folgte ihm. In den Straßen war Alles dunkel und ſtill. Thüren und Läden waren zum größten Theile ſchon längſt geſchloſ⸗ ſen. Nur hie und da ſchimmerte noch ein Licht durch verhangene Fenſter, und ein Apotheker⸗Laden glänzte noch in voller Beleuchtung. In dieſen Laden traten die beiden Nachtſchwärmer ein. »Was ſollen wir denn aber hier, in einer Apo⸗ theke?« fragte Hans verwundert. »Du wirſt es ſchon ſehen, nur noch ein wenig Ge⸗ duld,« verſetzte Heinrich, und zog eine Klingel. Gleich darauf erſchien ein Mann, und fragte nach dem Begehren der beiden Gäſte. Heinrich flüſterte ihm leiſe ein paar Worte zu, und der Mann nickte befrie⸗ digt mit dem Kopfe. „Treten Sie ein,“ ſagte er, und öffnete eine Thür, durch welche man auf einen erleuchteten Corridor gelangte. Heinrich betrat ihn ohne Zögern, und Hans beglei⸗ tete ihn. Am Ende des Ganges war eine zweite Thür. Sie gab dem Drucke Heinrichs nach, und ſie kamen— nun in ein großes, von hundert Kerzen ſtrahlendes Gee⸗ mach, in deſſen Mitte eine grün überzogene Tafel ſtand, um welche dicht gedrängt eine Anzahl meiſt fein geklei⸗ deter Herren ſaßen, welche ſpielten. Haufen von Gold und Silber lagen vor ihnen aufgeſchichtet. Eine merk⸗ 39 würdige Stille herrſchte übrigens im Salon. Man vernahm nichts weiter, als das Klappern der Kugel im Roulette⸗Kaſten, das eintönige„gewonnen“ oder„ver⸗ loren« des Bankhalters, wenn die Kugel im Roulette ſtill ſtand und das Klirren und Klingen der Geldmün⸗ zen, welche entweder von den Gehülfen des Bankhal⸗ ters, oder von den gewinnenden Spielern eingezogen wurden. Dann abermals das Raſſeln und Klappern des Roulette's, die monotonen Ausrufe des Bankhal⸗ ters, das Klirren der Geldſtücke,— und ſo fort, ohne daß nur Einer von den Spielern eine Silbe geſprochen hätte. „»Eine Spielhöhle?« flüſterte Hans mit enttäuſchter Miene ſeinem neuen Freunde zu.„Wenn das die Quelle iſt, aus der ich den Reichthum ſchöpfen ſoll, ſo danke ich dafür!“ 4 „Spiele nur erſt, und ſetze ganz genau nach mei⸗ nen Anweiſungen,“ verſetzte Heinrich eben ſo leiſe. »Aber nicht zu eilig. Laß uns näher treten, ich muß das Spiel erſt eine Weile beobachten.« Hans gehorchte der Weiſung, obſchon mit heimlichem Widerwillen. Obgleich ſorglos und leichtſinnig in ho⸗ hem Grade, hatte er ſich bis jetzt doch dem Laſter des Spieles fern gehalten, und er würde der Verlockung Heinrichs wahrſcheinlich nicht gefolgt ſein, wenn er hätte ahnen können, wohin ihn derſelbe führen würde. Jetzt aber war er einmal da, und als er nun ſah, wie die Haufen Goldes und Silbers auf dem grünen Tiſche roulirten, erwachte nach und nach der Dämon der Hab⸗ ſucht in ſeiner Seele, und er gehorchte nur zu willig, als ihm Heinrich eiligſt zuflüſterte, daß er eine Summe Gelpes auf eine gewiſſe Nummer ſetzen ſollte. Wenige Augenblicke nachher hatte dieſe Nummer gewonnen, und Hans bekam einen ganzen Haufen Silbermuͤnzen aus⸗ bezahlt, den er mit lächelnder Miene und ſtürmiſch po⸗ chendem Herzen einſtrich. »Wenn es ſo fort geht, kannſt du Recht haben!« flüſterte er Heinrich zu.„Das war ein Haupt⸗ Treffer!“ „»Geduld, es wird ſchon noch beſſer kommen,« er⸗ wiederte Heinrich eben ſo leiſe.„Setze nur nicht, ehe ich dir einen Wink gebe!“ Einige Minuten ließ er ungenützt verſtreichen. Dann raunte er Hans haſtig wieder eine Nummer in's Ohr, die er beſetzen ſollte. Die Nummer gewann, und aber⸗ mals ſtrömte ein Häuflein Gold und Silber in die Taſche des glücklichen Spielers. Hans zitterte vor Habbegierde am ganzen Körper. „»Ruhig, ruhig!« ziſchte ihm Heinrich zu.„Du darfſt dir nicht merken laſſen, daß du aufgeregt biſt, man würde dich ſonſt mit äußerſter Mißachtung an⸗ ſehen.« Hans gab ſich alle Mühe, eine ruhige Miene an⸗ zunehmen, und es gelang ihm auch ſo ziemlich, da ſeine Aufmerkſamkeit mehr und mehr von den Wechſelfällen des Spieles angezogen wurde. Große Summen wur⸗ den gewonnen und verloren, aber leicht war erſichtlich, daß im Ganzen der Vortheil weit auf Seiten des Bankhalters verblieb. Um ſo mehr wunderte ſich Hans darüber, daß grade ihn das Glück ſo ſehr begün⸗ ſtigte, denn bei einem dritten Einſatze gewann er abermals, und zwar eine anſehnliche Summe, größer als das kleine Kapital, das er mit in die Spiel)öhle genommen hatte. 441 »Wie geht das zu?« fragte er ſich ſelber. Wenn er ſeinen neuen Freund recht aufmerkſam be⸗ obachtet hätte, würde er vielleicht wenigſtens annähernd das Raͤthſel gelöst haben. Heinrich wechſelte nämlich, unbemerkt von allen übrigen im Saale befindlichen Spielern, die für weiter nichts als für ihre Einſätze Sinn und Auge hatten, von Zeit zu Zeit gewiſſe Zei⸗ chen mit dem Menſchen, der das Roulette in Bewe⸗ gung ſetzte, und immer, unmittelbar nach dieſem Zei⸗ chen, forderte er Hans auf, ſein Geld auf eine be⸗ ſtimmte Nummer zu werfen. Dieſe Nummer kam ſtets heraus, und nach etwa zwei Stunden ſah ſich Hans im Beſitz von mindeſtens fünftauſend Dollars. Plötz⸗ lich aber wurde eine kurze Pauſe im Spiele gemacht, und als es wieder begann, ſtand ein anderer Roulette⸗ Dreher am Platze des Erſten, der Heinrich heimliche Zeichen gegeben hatte. Hans bemerkte den Wechſel gar nicht, und wollte weiter ſpielen, aber Heinrich gab es nicht zu. »Nein, nein,“ ſagte er.„Heute nicht mehr. Ich habe immer gefunden, daß der Spieler, der Anfangs Glück gehabt hatte, ſtets nach ſolcher Pauſe, wenn er weiter ſpielte, ſeinen Gewinn wieder verlor. Auch dächte ich, du könnteſt mit deinem heutigen Verdienſte zufrieden ſein. Laß uns lieber noch eine Flaſche Wein im Nebenzimmer trinken. Sie wird uns erquicken nach der Aufregung.“ Hans konnte dieſe Aufforderung nicht wohl ableh⸗ nen, nachdem er durch Heinrichs Rath ſo viel Geld gewonnen hatte. Sie begaben ſich alſo in ein Neben⸗ zimmer. Es war völlig leer. Heinrich nahm hier eine Flaſche Wein von einem Tiſche, leerte ſie voll⸗ 42 ſtändig in zwei Gläſer aus, und reichte Eines davon Hans. »Trinke!« ſagte er.„Auf zukünftiges, gutes Glück! Ein Schuft, wer das Glas nicht bis auf den letzten Tropfen leert!“ Hans trank in vollen Zügen, denn die Hitze im Spielzimmer und die in ihm ſelbſt auflodernde Leiden⸗ ſchaft für das Spiel, hatten ihm Zunge und Kehle trocken gemacht. Er leerte, Heinrichs Aufforderung gemäß, das Glas bis auf den letzten Tropfen; aber kaum hatte er es wieder auf den Tiſch hingeſetzt, ſo wandelte ihn eine ſeltſame Schwäche an, und er mußte ſich unwill⸗ kührlich in das Sopha zurücklehnen, auf dem er mit Heinrich Platz genommen hatte. »Wie wird mir denn?“ ſtammelte er noch mit ſchwe⸗ rer Zunge.„Ich bin ſo ſchwindlich, die Stube geht im Kreiſe mit mir um, und ich ſehe nichts mehr, ich...“ Da ſchloſſen ſich ſeine Lippen, und tiefe Bewußt⸗ loſigkeit hüllte ſeinen Geiſt in undurchdringliche Nebel ein. Heinrich lachte, indem er einen ſpöttiſchen Blick auf ihn warf, und dann klopfte er an die nächſte Wand. Gleich darauf erſchien ein Mann im Zimmer,— es war derſelbe, der vorhin die Roulette gedreht hatte. »Alles in Ordnung?« fragte er. „Alles recht! Da liegt er, und ſchläft ſo feſt, daß man eine Kanone neben ihm abfeuern könnte, ohne ihn aufzuwecken. Aber warum wurde das Spiel vorhin unterbrochen? Wir waren ſo hübſch im Zuge, und hätten gut und gern noch ein paar tauſend Dollars machen können!“ „»Mr. Ward“— ſo hieß der Bankhalter—„Mr. Ward muß Verdacht geſchöpft haben,“ verſetzte der 43 Croupier.„Er ſchickte mich plötzlich fort, und ſtellte einen Anderen an meinen Platz.“- »„Schade!“ erwiederte Heinrich.„Und grade heute, wo es mir gelungen iſt, dieſen Gimpel einzufangen. Ich hoffte, da ich nicht ſelber ſpielte, daß Mr. Ward nichts merken könnte. Und nun doch! Aber wir kön⸗ nen uns tröſten,— der Burſche hat ſeine Taſchen gut gefüllt!« „»Leeren wir ſie aus, die Gelegenheit iſt günſtig und ſpäter könnten wir geſtört werden,« ſagte der Andere. Mit aller Gemächlichkeit zogen ſie dem feſt ſchlafen⸗ den Hans ſein Geld und ſeine Banknoten aus den Taſchen, zählten Alles, und nahmen davon ein Jeder die Hälfte. Einer wie der Andere ſteckten ſo ziemlich dreitauſend Dollars in Gold, Silber und Banknoten ein. »Der Schlag war gut!« ſagte Heinrich lächelnd. »Aber willſt du mir nicht endlich einmal ſagen, wie du es machſt, daß die Roulette⸗Kugel auf eine beſtimmte Nummer fällt?« „Nichts davon,« entgegnete der Andere ablehnend. »Das iſt mein Geheimniß. Begnüge dich mit deinem Antheile am Gewinn, und gib dir Mühe, bald wieder einen Gimpel zu ködern. Aber ein paar Tage müſſen wir ausſetzen, damit ich, wenn Mr. Ward in der That Verdacht geſchöpft haben ſollte, denſelben zerſtreuen kann.“ 8 »Gut! Ich werde mich darnach richten,« antwor⸗ tete Heinrich.„Gute Nacht!« »Gute Nacht! Aber was ſoll mit dem da werden?« »Er mag hier ſeinen Rauſch ausſchlafen.« »Aber wenn er morgen Lärm ſchlägt?« „Thut nichts! Man wird ihm kein Wort glau⸗ ben. Er wird natürlich ſagen, daß man ihn während ſeines Schlafes beſtohlen habe. Ich dagegen habe eine Zehn⸗Dollars⸗Note in ſeine Taſche geſteckt, und wenn dieſe, wie es nicht anders möglich iſt, gefunden wird, muß jeder vernünftige Menſch ſeine Behauptung für völlig ungereimt halten.“ „Das iſt richtig! Gute Nacht alſo!“ „Gute Nacht!“ Die beiden Spießgeſellen, die den armen Hans ſo gründlich gerupft und geleimt hatten, ließen ihn rück⸗ ſichtslos liegen, und verſchwanden durch zwei verſchie⸗ dene Thüren. Kurz darauf wurde das Licht ausge⸗ löſcht, ohne daß man Hans bemerkte, und im ganzen Hauſe herrſchte von nun an bis zum nächſten Morgen die tiefſte Ruhe und Stille. Ein heller Sonnenſtrahl, der durch ein Fenſter in das Gemach fiel, weckte Heinrich aus ſeinem todten⸗ ähnlichen Schlafe auf. Er rieb ſich die Augen, rich⸗ tete ſich auf dem Sopha in die Höhe, und legte die Hand an ſeine ſchmerzende Stirn, als ob er ſich auf Etwas beſinnen wolle. Im Anfange wollte es ihm nicht gelingen, eine beſtimmte Erinnerung hervor zu rufen. Er empfand heftiges Kopfweh, und wie ein ſchwerer Druck laſtete Etwas auf ſeinem Gehirn. End⸗ lich ſprang er auf einmal auf, und ſtieß einen Freu⸗ denſchrei aus. Er entſann ſich, daß er in der ver⸗ floſſenen Nacht geſpielt, und eine bedeutende Geldſumme gewonnen hatte. Aber wo war ſie? Er durchſuchte ſeine Taſchen, und fand nichts, als eine Zehn⸗Dollars⸗ Note. Von Neuem ſtieß er einen Schrei aus, aber 45 dieſes Mal einen Schrei der Wuth und des Schreckens. Er ahnte, daß man ihn beſtohlen haben müſſe. Sein Geſchrei mußte gehört worden ſein, denn mehrere Thüren wurden faſt gleichzeitig geöffnet, und drei oder vier Diener traten ein, denen raſch noch an⸗ dere Leute folgten. „Wer ſind Sie?« fragte Einer von ihnen Hans. »Wie kommen Sie hierher? Was wollen Sie hier?« »Was ich will? Mein Geld will ich!« rief Hans außer ſich.„Man hat mich beſtohlen, hat mir wenig⸗ ſtens fünftauſend Dollar geraubt, und das iſt hier in dieſem Zimmer geſchehen. Mein Geld heraus, oder ich mache Anzeige davon, daß hier in dieſem Hauſe ge⸗ ſpielt und nachher gepluͤndert wird.“ »Sie ſind verruͤckt, Herr!“ ſagte Jener, der Hans zuerſt angeredet.„Was für Unſinn ſchwatzen Sie? Hier iſt keine Spielhöhle! Sie müſſen geträumt haben!“ »Aber meine fünftauſend Dollar! Man hat ſie mir geraubt!“ ſchrie Hans. „Lächerlich!« erwiederte der Andere achſelzuckend. „Seht nur, Leute! Der Menſch behauptet, man habe ihn beſtohlen, und doch hat er da eine Zehn⸗Dollar⸗ Note zwiſchen den Fingern. Möchte wiſſen, ob ein Dieb die ihm gelaſſen haben würde. Unſinn! Und jetzt erklären Sie, wie kommen Sie hierher?« Hans ſteckte ärgerlich ſeine Zehn⸗Dollar⸗Note in die Taſche, und erklärte, wie und durch wen er in das Haus eingeführt ſei. Wir kennen hier keinen Maſter Heinrich Wolf l« ſagte der vorige Sprecher.„Das ſind Alles Flauſen und Lügen. Wenn Sie nur nicht ſelbſt etwa ein Dieb 46 ſind, der ſich hier eingeſchlichen hat, um lange Finger zu machen. Durchſucht ihn einmal, Leute! Seine Frechheit und Unverſchämtheit ſoll uns nicht ein⸗ ſchüchtern!“ Einige handfeſte Burſche gingen auf ihn zu, packten ihn, trotz ſeines verzweifelten Widerſtandes, durchſuchten ſeine Taſchen, in denen ſich allerdings nichts weiter vorfand, als die Zehn⸗Dollar⸗Note, und warfen ihn endlich zum Schluſſe, als der unglückliche Hans durch⸗ aus ſich nicht zufrieden geben wollte, und tobend nach ſeinen fünftauſend Dollars verlangte, auf einen Wink ihres Herrn auf die Straße hinaus. Da ſtand er nun mit äußerſt niedergeſchlagener und betrübter Miene, und kam nachgrade zu der Erkenntniß, daß er von ſeinem guten Freunde Heinrich auf das Schmählichſte betro⸗ gen und an der Naſe herumgeführt worden ſei. Er ſchwur ihm furchtbare Rache fuͤr den Fall, daß er ihm eines Tages wieder begegnen werde. Vor der Hand blieb ihm nichts weiter übrig, als ſein altes Quartier wieder aufzuſuchen und dort zu überlegen, was für die nächſte Zukunft geſchehen könne. Die zehn Dollar, die er aus dem Schiffbruche der vergangenen Nacht geret⸗ tet hatte, konnten freilich nicht lange vorhalten. Ir⸗ gend Etwas mußte er ergreifen, um ſeinen Unterhalt zu erwerben und ſein Leben zu friſten. 47 Viertes Kapitel. Noth bricht Liſen. Einige Tage gingen hin, ohne daß Hans einen feſten Entſchluß faſſen konnte. Da kam eines Morgens der Boarding⸗Wirth, Maſter Fiſcher, auf ſein Zimmer, und verlangte kurz und bündig zwölf Dollars von ſei⸗ nem Miether. 1 4 „Aber für was eine ſo große Summe?« fragte Hans, ganz bleich und bis in's innerſte Herz hinein erſchrocken.“ »Nun, für was ſonſt, als für Ihre Wohnung,“« verſetzte der Wirth.„Eine volle Woche ſind Sie hier, macht vierzehn Dollars Miethe, und es iſt Zeit, daß Sie mich endlich bezahlen.“ „Aber ſo vieles Geld für eine ſo kleine Wohnung!« rief Hans aus.„Unmöglich können Sie im Ernſt eine ſolche Forderung an mich ſtellen!« „Machen Sie doch keine überflüſſigen Redensarten,« erwiederte Maſter Fiſcher trocken.„Bezahlen Sie, und dann iſt Alles recht.“ »Ich kann nicht, ich beſitze nichts weiter, als dieſe Zehn⸗Dollar⸗Note!« ſagte Hans verzweiflungsvoll, in⸗ dem er das Papier auf den Tiſch warf. Der Wirth raffte die Note geſchwind an ſtch, und ſteckte ſie in ſeine Taſche. „»Aber Sie, ein Landsmann, Sie werden mir doch nicht meinen letzten Nothpfennig nehmen wollen?« ſprach Hans ängſtlich. 48 „Nothpfennig hin, Nothpfennig her!“ antwortete Maſter Fiſcher barſch.„Ich verlange nichts, als mein Geld, und Sie ſind mir immer noch zwei Dollars ſchuldig. Bis Sie mir dieſe noch bezahlt haben, nehme ich Ihren Koffer in Beſchlag. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen, ſonſt laſſe ich Sie von meinen Leuten aus dem Hauſe werfen.“ „Aber eine ſolche Behandlung iſt doch unerhört!« rief Hans außer ſich.„Was ſoll ich denn anfangen, wenn Sie mich, vom Allem entblößt, auf die Straße werfen?« „»Was kümmerts mich? Das iſt Ihre Sache!“ lautete die erbarmungsloſe Antwort.„Dort iſt die Thür! Marſch!« Hans ſah wohl ein, daß er das Herz dieſes Un⸗ menſchen nicht erweichen würde. Er ſchleuderte dem Wirthe einen Blick der bitterſten Verachtung zu, und verließ ſein Haus,— bettelarm, ohne einen Pfennig in der Taſche. In finſterer Verzweiflung durchwan⸗ derte er ziellos die Straßen. Er wußte nicht, womit er ſeinen Hunger ſtillen, wo er für die nächſte Nacht eine Lagerſtätte finden ſollte. Mit einer Sehnſucht ohne Gleichen dachte er an ſeine Heimath, an die zärtliche Mutter, an den braven, wenn auch ſtrengen Vater, an die guten Tage, die er unter ihrem Schutze verlebt hatte. Wie viel Liebe und Sorgfalt für ſein Wohl hatte er in unſinnigem Trotze und aus Hang zur Trägheit von ſich geſtoßen! Und was hatte er dafür Satp ſche: Hunger, Elend, Verachtung und bittere oth! Aber Noth bricht Eiſen! Hans erkannte, daß er, um zu leben, arbeiten müſſe, und jetzt zum erſten . 49 Male wünſchte er ſich Glück, daß er wenigſtens einige Kennnniſſe in der Tiſchlerei erworben hatte. Er be⸗ s Arbeit zu ſuchen, und auf dieſe Weiſe ſeinen »Unterhalt zu verdienen. Er beſuchte mehrere ſolcher Magazine, anfänglich ohne Erfolg. Endlich, als er ſchon alle und jede Hoff⸗ nung aufgeben wollte, fand er doch eine Stelle als Ge⸗ hulfe in einem Stuhl⸗Magazine, wo er ſofort eintreten konnte. Seine Arbeit wunhe gut bezahlt, aber freilich mußte er auch von früh bis ſpät ſo fleißig die Hände rühren, wie er's zu Hauſe niemals nöthig gehabt hatte. Indeß,— Noth bricht Eiſen, und ſchließlich auch Faulheit. Hans arbeitete, daß ihm die Schweißtropfen von der Stirne rannen, um nur wenigſtens nicht ver⸗ hungern zu müſſen. Dabei lebte er äußerſt ſparſam, gab nur für das Allernothwendigſte Geld aus, und hatte es nach Ablauf eines Jahres dadurch wirklich ſo weit gebracht, daß er ſich wieder im Beſitz eines klei⸗ nen Schatzes von vierzig blanken Dollars befand. Die ſchloß, in einem der zahlreichen Möbel⸗Magazine New⸗ fortwährende harte und ſchwere Arbeit war ihm dabei allerdings recht zuwider geworden, und er ſprach dieß eines Sonntags gegen einen Bekannten aus, mit dem er, Sparens halber, zuſammen ein kleines Dachkäm⸗ merchen bewohnte.. »Wundert mich nicht, das,« verſetzte dieſer.„Einen Tag und alle Tage Stuhlbeine machen und zuſammen leimen, iſt ein längweiliges und einförmiges Geſchäft. Lohnt auch nicht, wie es ſollte. Würde in deiner Stelle längſt etwas Anderes angefangen haben.“ »Aber was, Bill?« entgegnete Hans. Ich habe, 4835 Jenſeits des Meeres. 50 wie du ja weißt, leider nichts Anderes, als das Tiſch⸗ lern gelernt.« »Iſt immer noch Zeit dazu, Etwas zu lernen,“ ver⸗ ſetzte Bill.„Ich will dir einen Vorſchlag machen. Weißt, ich arbeite für Mr. Braddy, den Tabakshänd⸗ ler. Er liefert mir den Tabak zu einem gewiſſen Preiſe in die Wohnung, und ich wickele Cigarren daraus, die ich ihm meinerſeits wieder abliefere. Iſt auch nicht grade ein ſehr kurzweiliges Geſchäft, aber es bringt immerhin mehr ein, als das Stuhlmachen, und man bleibt dabei doch ſein eigener Herr. Wenn du Luſt haſt, lehre ich dich das Cigarren⸗Wickeln, und wenn du es gelernt haſt, kannſt du in meinen Poſten bei Mr. Braddy eintreten. Das Lehrgeld,— ich will es mit dir als einem alten Stubengenoſſen, billig machen,— beträgt fünf Dollars.“ „»Aber was willſt du anfangen, Bill?« fragte Hans, dem der Vorſchlag gar nicht übel geſiel, da er wohl wußte, daß ſein Stuben⸗Kamerad mit leichter Arbeit mehr verdiente, als er ſelber bei ſchwerer Arbeit. „Willſt du denn das Cigarren⸗Wickeln ganz aufgeben?“ „Ja, hab' es ſatt, immer und ewig Wickel zu machen, und Deckblätter zu drehen,“ erwiederte Bill. „Habe Luſt, tiefer in's Land hinein zu gehen, und Hau⸗ ſier⸗Handel zu treiben. Iſt mir geſagt worden, es ſei ein luſtiges, freies Leben, und dabei Geld zu verdienen, ohne große Mühe, grade genug.“ »Aber daſſelbe könnt' ich ja auch thun,“ ſagte Hans. »Paßt nicht für dich,“ entgegnete Bill.„Sieht dir Jeder gleich an der Naſe an, daß du ein Dutchman biſt, und kein Amerikaner. Wollen nichts wiſſen, die Amerikaner von den Dutchman. Aber, meinetwegen, 51 verſuch es. Wohnen in einem fremden Lande, wo Jeder thun und treiben kann, was er Luſt, wenn er innerhalb der Gränzen des Geſetzes bleibt.“ 4 »Nein, ich glaube wirklich, daß du Recht haſt, Bill,« ſagte Hans nach einiger Ueberlegung.„Ich kenne das Land nicht, und auch die Sprache noch nicht genügend. Darum ziehe ich vor, deinen Rath zu befolgen, und das Cigarren⸗Wickeln zu lernen.“« »Thuſt wohl daran,“ antwortete Bill kopfnickend. „Sind die Amerikaner zu ſchlau für Euch Dutchmen! Würden dich an allen Ecken und Enden betrügen und über's Ohr hauen. Wollen alſo ohne Weiteres den Unterricht beginnen, denn nach acht Tagen gehe ich fort.“. Hans war bereit dazu, und Bill weihete ihn ge⸗ wiſſenhaft in die kleinen Geheimniſſe ſeines bisherigen Geſchäftes ein, zeigte ihm jeden Vortheil und Kunſt⸗ griff beim Wickelmachen und Deckblatt⸗Drehen, und ließ nicht nach, bis Hans ſchon bei der erſten Lektion eine tadelloſe Cigarre zu Stande brachte. »Well!« ſagte er;„dieſe iſt gut! Nun weißt du Beſcheid, und brauchſt nichts weiter, als fleißige Uebung. Denn ein Cigarren⸗Macher muß nicht nur gut, ſon⸗ dern auch ſchnell arbeiten können, wenn er Geld ver⸗ dienen will. Es iſt ein Unterſchied, ob du in einer Woche zweitauſend oder fünftauſend Stück fertig kriegſt, Du verſtehſt?“ »Das zu verſtehen, braucht man nicht viel Weis⸗ heit,« gab Hans lächelnd zur Antwort.„»Aber an Fleiß werde ich's nicht fehlen laſſen.“ 3 Anſtatt nächſten Morgen wieder in die Stuhlfabrik zu gehen, blieb Hans auf ſeinem Dachkämmerchen, und 4* 52 rollte unter Aufſicht Bill's Cigarren, bis ihn die Hände ſchmerzten. Nach acht Tagen hatte er es bereits zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht, und Bill erklärte, daß er in Zukunft ſelbſtſtändig fortarbeiten könne. Hans zahlte ihm als Lehrgeld die geforderten fünf Dollars aus, und Bill führte ihn dagegen zu Mr. Braddy. Hans wurde vorgeſtellt, und an Bill's Stelle zum Ar⸗ beiter angenommen, nachdem Bill erklärt hatte, daß er das Geſchäft des Cigarren⸗Wickelns aufzugeben ge⸗ denke. „ Ihr könnt doch Caution ſtellen,“ wandte ſich Mr. Braddy an Hans.„Ich kenne Euch zu wenig, um Euch ohne weitere Garantie meinen Tabak anzuver⸗ trauen.“ „Ja, Sir, dreißig Dollars, wenn Sie es ver⸗ langen.“ „Gut, das genügt. Zahlt das Geld an meinen Caſſierer. Er wird Euch einen Empfangsſchein darüber ausſtellen, und dann kommt wieder zu mir, damit ich Euch den nöthigen Tabaks⸗Vorrath übergeben kann.“ Hans folgte der Weiſung, bekam ſeinen Schein und eine Ladung Tabak, und kehrte damit auf ſeine Dach⸗ kammer zurück, die er fortan allein bewohnen wollte. Bill ging davon, und ermahnte beim Abſchiede ſeinen Kameraden nochmals zu Fleiß und Achtſamkeit. „Gut und ſchnell! Das iſt die Loſung,« ſagte er. Und nun— good bie!« 4 Hans wünſchte dem ehrlichen Burſchen, dem Ein⸗ zigen Ehrlichen, den er bis dahin in Amerika kennen gelernt hatte, alles mögliche Gute auf den Weg, und machte ſich dann an das Geſchäft, vom frühen Morgen an bis zu einbrechender Nacht Cigarren zu wickeln. Angenehm war es nicht, aber— wie geſagt— Noth bricht Eiſen. Nach Ablauf einer Woche brachte er das Reſultat ſeiner Arbeit zu Mr. Braddy. Dieſer wun⸗ derte ſich, daß Hans nicht fleißiger geweſen war. Hans entſchuldigte ſich mit dem Mangel an Uebung. Es ging ihm als Anfänger freilich nicht ſo flink von der Hand, als Bill, der eine Jahre lange Uebung vor ihm vor⸗ aus hatte. Mr. Braddy aber zuckte die Achſeln. »Schlimm für Euch, Mann, wenn Ihr nur An⸗ fänger ſeid und nicht mehr liefern könnt,« ſagte er mit der kalten Herzloſigkeit, die man ſo ſehr häufig bei den Amerikanern zu finden pflegt.„Müßt Eure Zahl brin⸗ gen, ſo gut wie Bill, ſonſt ſind wir geſchiedene Leute. Ich kann meine Abnehmer nicht warten laſſen. Merkt Euch das, Mann!“ Nach dieſen Worten zahlte er ihm ſeinen Lohn aus, und ziemlich niedergeſchlagen kehrte Hans in ſein Käm⸗ merchen zurück. So viel Cigarren zu liefern, wie Bill, war für ihn, wenigſtens in der nächſten Zeit noch, ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem nahm er ſich vor, ſein Beſtes zu thun, und ſich auf's Aeußerſte anzu⸗ ſtrengen. Er arbeitete raſtlos, und,— wider alles Erwarten— hatte er am Ende der Woche in der That die gleiche Zahl Cigarren fertig gemacht, welche ſonſt Bill immer abgeliefert hatte. Nur freilich— auf Ko⸗ ſten ihrer Güte. Die Menge war wohl da, aber die Qualität ließ Vieles zu wünſchen übrig. Hans wußte das wohl, aber er meinte, Mr. Braddy würde es nicht gleich merken, oder er würde, wenn er es auch merkte, ihm höchſtens nur einen Verweis ertheilen. Der gute Hans verſtand ſich nicht beſonders auf den Charakter des Amerikaners, und insbeſondere des amerikaniſchen 54 Kaufmanns! Er ſollte da erſt noch Erfahrungen ma⸗ chen, und zwar nicht grade die ſüßeſten. Als er zu Mr. Braddy kam, ſeine Cigarren abzu⸗ liefern, nahm ſie dieſer mit einer ganz ſonderbar ſpöt⸗ tiſchen Miene in Empfang, und beſichtigte ſte Stück für Stuͤck, auf's Genaueſte. Ziemlich die Hälfte der gan⸗ zen Menge warf er bei Seite; die Uebrigen packte er ſorgfältig wieder in Kiſtchen ein. »Dacht' es wohl,« wendete er ſich dann zu Hans, der dem ganzen Verfahren mit einer bangen Ahnung zugeſchaut hatte,—„dacht' es mir wohl, und iſt es auch grade ſo gekommen, wie ich dachte. Nehmt dieſe Cigarren wieder mit Euch, Mann! Sie ſind Ausſchuß, völlig unbrauchbar! Habt mit Eurer Arbeit nur den Tabak verdorben, und müßt ihn mir natürlich bezahlen. Euer Lohn für die abgelieferten guten Cigarren be⸗ trägt drei Dollar, fünfzehn Dollar habt Ihr mit Eurer Prudelei mir Schaden gemacht, verliert Ihr alſo zwölf Dollar an Eurer Caution, die ich auf Eurem Conto notiren werde,— vorausgeſetzt, daß Ihr noch einen Verſuch machen, und weiter für mich arbeiten wollt!« »Aber, Herr, das kann doch Ihr Ernſt nicht ſein?« erwiederte Hans, bleich vor Schrecken und Aufregung. „Ich ſoll nicht allein die ganze Woche ganz umſonſt ſchwer gearbeitet haben, Ihr wolltet mir auch noch zwölf Dollar von meinem Gelde abziehen?“« „Genau das will ich, denn allein ſo iſt Alles recht und vollkommen in Ordnung,“« verſetzte Mr. Braddy mit unerſchütterlicher Ruhe und Kälte.„Müßt ja doch einſehen, Mann, daß Ihr mir meinen Tabak verdorben habt, und ihn alſo auch bezahlen müßt. Kann doch ich nicht den Schaden tragen für Euer Ungeſchick. Alſo 55 macht's kurz— wollt Ihr den Reſt Eurer Caution zurück, oder eine neue Parthie Tabak?“ Hans hätte ſich gern geweigert, wieder Arbeit für Mr. Braddy zu übernehmen, aber— Noth bricht Eiſen! er mußte wohl, wenigſtens für die nächſte Woche noch. Alſo ſagte er, daß er ſeinen Schaden tragen, und das nächſte Mal beſſere Arbeit liefern wolle. „Gut,“ verſetzte Mr. Braddy.„Es iſt das Ge⸗ ſcheiteſte, was Ihr thun könnt, Mann!“ Hans nahm ſeine Parthie Tabak in Empfang, und ſchlich damit ſehr betrübt und traurig nach Hauſe. Es war natürlich ein ſehr bitterer Gedanke für ihn, daß er gearbeitet, faſt über ſeine Kräfte gearbeitet, und nun doch Nichts davon getragen hatte, als Schaden und Kränkung. Unwillkührlich verglich er ſeine jetzige Lage wieder einmal mit ſeiner früheren,— und eine Thräne rollte heiß über ſeine Wange. Wenn er daheim 1 halb ſo fleißig gearbeitet hätte, wie er hier im ge⸗ lobten freien Lande arbeiten mußte, wie gut würde er es unter dem heimathlichen Dache gehabt, wie würde die Mutter ihn auf den Händen getragen, der Vater ihn geliebt und geſchätzt haben! Aber dieſes Glück hatte er nun einmal unwiederbringlich verſcherzt, alſo— vorbei! vorbei! Mit ſchwerem Herzen fing Hans wieder an, Wickel zu machen und Deckblätter zu drehen. Tag auf Tag verſtrich bei dieſer geiſttödtenden, einförmigen Arbeit. Endlich, als die Woche zu Ende war, hatte er aller⸗ dings die ihm zugemeſſene Stückzahl Cigarren fertig, aber er hegte bange Zweifel darüber, ob er heute mehr Gnade vor den Augen von Mr. Braddy finden würde, aals vor acht Tagen. Was ſeinen Fleiß anbetrifft, 56 brauchte er ſich keinen Vorwurf zu machen, aber— der Mangel an Uebung! Das war die Klippe, an der er zu ſcheitern fürchtete. Mit zagendem Herzen kam er zu Mr. Braddy, übergab ihm ſein Fabrikat, und erwartete den Urtheils⸗ ſpruch. Mr. Braddy ſortirte, wie das vorige Mal, mit unbeweglicher Miene die Cigarren, und Hans mußte mit eigenen Augen ſehen, daß die Zahl der unbrauch⸗ baren Stücke dieſes Mal noch größer ausfiel, als vor acht Tagen. Der helle Angſtſchweiß brach ihm aus, als der Haufen der ausrangirten Glimmſtengel immer größer und größer wurde. »Ich ſehe nun ſchon, daß ich Euch nicht länger be⸗ ſchäftigen kann,« nahm Mr. Braddy nach geſchehener Theilung das Wort.„Von Eurer Kaution bleiben, Ihr meinen Verluſt an Tabak bezahlt habt, nur ſch ein paar Dollars übrig, und Ihr würdet alſo nächſte Woche, wenn ich Euch wieder Arbeit anver⸗ trauen wollte, einen nochmaligen Verluſt nicht decken können. Alſo will ich Euch lieber den kleinen Reſt Eurer Kaution herauszahlen. Die ausgeſchoſſenen Ci⸗ garren könnt Ihr natürlich auch mitnehmen.« „Aber was ſoll ich mit dem wenigen Gelde und den Cigarren anfangen?« fragte Hans niedergeſchlagen. »Eure Sache,“ lautete die kalte Antwort.„In Amerika heißt es, zhilf dir ſelbſt, dann wird dir Gott helfen.D Hier iſt Euer Geld, vier Dollars und ein paar Cent— damit Gott befohlen.“ »Aber, Sir,« rief Hans außer ſich vor Verzweif⸗ lung,»Sie betrügen mich, ich werde Sie verklagen!« Mr. Braddy lachte, und drehte ihm den Rücken zu. 4 7 „»Verſucht Euer Heil,“ ſagte er.„Ich kann's ab⸗ warten.“ Niedergeſchmettert und vernichtet verließ Hans das Comptoir. Was ſollte er nun beginnen? Wieder Ci⸗ garren zu wickeln ſagte ihm nicht zu; er merkte nun ſchon, daß er bei dieſem Handwerke nie auf einen grü⸗ nen Zweig kommen würde. Er ging zu dem Stuhl⸗ macher, wo er früher Arbeit gefunden hatte. Aber ſeine Stelle war mittlerweile beſetzt, und der Fabrikherr zeigte nicht die mindeſte Luſt, einen Arbeiter wieder anzu⸗ nehmen, der ohne genügenden Grund plötzlich aus ſei⸗ nem Dienſte gelaufen war. Hans mußte unverrichte⸗ ter Sache wieder abziehen. Den Reſt des Tages verwendete er dazu, an ver⸗ ſchiedenen Orten anzufragen, um irgendwo ein leidliches Unterkommen zu finden. Ueberall wurde er zurü wieſen und abſchläglich beſchieden. Es wollte ihn bedünken, als ob das Schickſal ſelber gegen ihn ver⸗ ſchworen ſei, denn wo er auch anpochte, fand er einen Ueberfluß von Arbeitern, während an Arbeitgebern großer Mangel war. Müde, matt und hoffnungslos ſtreckte er ſich am Abend auf ſein hartes Lager aus, und beweinte ſein Unglück. Die traurigſten Gedanken, die bitterſte Reue, das ſchmerzlichſte Heimweh beſtürmten ihn. Es dauerte lange, bis er einſchlafen konnte, und der erſte Schimmer des Tages rief ihn ſchon wieder zu Kummer und Sorgen wach. „Was ſoll ich beginnen? Was kann ich thun? Dieſe Fragen ſchwebten immer und immer vor ſei⸗ ner Seele, ohne daß er eine Antwort darauf zu finden vermochte, wie ſehr er auch ſein Gehirn abmarterte. Seine Lage war allerdings nicht ſehr angenehm. 58 Zwar befand er ſich für den Augenblick noch im Be⸗ ſitze einiger wenigen Dollars, aber in den nächſten Ta⸗ gen mußte er wieder die Miethe für ſein armſeliges Dachkämmerchen für einen Monat vorausbezahlen, und dazu reichte ſein gegenwärtiger Kapital⸗Beſitz nicht ein⸗ mal aus. Bezahlte er aber nicht bei Heller und Pfen⸗ nig, ſo wurde er ganz zweifellos an die Luft geſetzt, und mochte ſein Obdach irgendwo unter freiem Himmel ſuchen. Indeß, er wollte nicht verzweifeln und nicht ver⸗ zagen. War er doch jung, geſund, und arbeitskräftig. Kaum war der Morgen ſo weit vorgeſchritten, daß er ausgehen und ſich nach Arbeit umſehen konnte, ſo machte er ſich auf den Weg. Abends aber kehrte er unverrichteter Sache zurück, wie geſtern. Niemand hatte von ſeinem Anerbieten Gebrauch machen, Niemand nur einmal eine Probe mit ihm anſtellen wollen. So am dritten, vierten und fünften Tage. Am ſechsten erſchien der Hauswirth und verlangte den Miethszins. Da ihn Hans nicht bezahlen konnte, hieß er ihn einfach ſeiner Wege gehen, und augenblicklich die Kammer zu räumen. Auf Bitten, Beſchwörungen und Vorſtellungen ließ er ſich nicht ein, ſondern zeigte ſich genau ſo herzlos, wie faſt alle übrigen Amerikaner, die Hans ſeit ſeinem Auf⸗ enthalte in dem gelobten freien Lande kennen gelernt hatte. Er fügte ſich daher auch bald und ziemlich ge⸗ duldig in ſein Schickſal. Das Räumen der Wohnung hielt ihn nicht lange auf. Er beſaß abſolut weiter nichts, als die einfache Kleidung, die er auf ſeinem Leibe trug, und das Bündel ausrangirter Cigarren. Damit beladen ging er, und ſtand wieder einmal ob⸗ dachlos auf der Straße. Auch ſeine paar Dollars waren 59 in den letzten Tagen ſehr zuſammen geſchmolzen; Hans hatte nur noch ein paar Cents in der Taſche, für die er ſich im nächſten Bäckerladen Brod kaufte zur Stil⸗ lung ſeines Hungers. Er ſättigte ſich; nun aber beſaß er auch nicht einen Heller mehr, um ſpäter eine andere Mahlzeit kaufen zu können. Betteln wollte er nicht;— es hätte ihm auch ſchwerlich etwas Anderes, als Schimpf und Schande eingetragen, da den Amerikanern das Almoſen⸗Geben an junge robuſte Leute verhaßt iſt. So blieb ihm denn, da er die Hoffnung, irgendwo Arbeit zu finden, ziem⸗ lich aufgegeben hatte, nichts weiter übrig, als ſeine für unbrauchbar erklärten Cigarren zu verkaufen. Im Gan⸗ zen und Großen nahm ſie kein Menſch ihm ab; aber im Einzelverkauf wurde er ſie vielleicht los, wenn er nur ein Plätzchen fand, wo er ſeine Waare ausbreiten und feilbieten konnte. In innerſter Seele widerſtand es zwar ſeinem Stolze, ſo gewiſſermaßen als Ecken⸗ ſteher, einen Hauſterhandel zu beginnen, aber die Noth, die bittere Noth drängte, und wir wiſſen nun ſchon, Noth bricht Eiſen. Die vortheilhafteſte Lage für ſeinen Cigaren⸗Handel ſchien Hans in der Nachbarſchaft des Hafens zu ſein. Hier wimmelte es zu jeder Tagesſtunde von Arbeitern, Aufladern, Packträgern, Karrenſchiebern, Matroſen und Bootsführern, die vermuthlich nicht eben ſehr verwöhnt in Bezug auf die Feinheit und Güte der Cigarren wa⸗ ren. Auch konnte Hans den Tabak ſchon mit gutem Gewiſſen anpreiſen. Dieſer war in der That gut, nur die Arbeit an der Cigarre taugte nichts.. Er begab ſich alſo an den Hafen, und fand hier bald ein paſſendes Plätzchen, wo er Stand nehmen konnte. ———— —z 60 Er breitete ſeine Waaren ſo vortheilhaft wie möglich aus, und wartete nun mit Sehnſucht auf Käufer. Aber die Vorübergehenden bemerkten ihn gar nicht; ſie waren Alle ſo völlig in ihre Geſchäfte vertieft, daß ſie für zdn rechts oder links an ihrem Wege, keine Augen atten. Hans mußte ſehen, daß er ihnen wenigſtens Ohren machte. Dazu gab es kein anderes und beſſeres Mittel, als das, wie ein Marktſchreier ſeine Waare mit lauter Stimme anzupreiſen. Anfänglich wollte es ihm gar nicht glücken; er ſchämte ſich, und das Gefühl der Scham raubte ihm Stimme und Athem, und preßte ihm die Kehle zuſammen. Aber— Noth bricht Eiſen! Wenn er Mittags Brod haben wollte, mußte er ſchreien, und — er ſchrie! Es half auch. Einer und der Andere von den Arbeitern vernahm ſeinen Ruf, näherte ſich, und kaufte ein paar Cigarren, da der Preis billig ge⸗ ſtellt war. Der Tabak roch gut; er verführte noch mehr Liebhaber, und zur Mittagsſtunde, als die Leute großen⸗ theils zum Eſſen gingen, fanden ſich die Käufer dutzend⸗ weiſe ein. Hans machte ein gutes Geſchäft, und noch vor Abend hatte er ſeinen ganzen Cigarren⸗Vorrath verkauft, und konnte wieder mit einigen Dollars kleinem Gelde in den Taſchen klimpern. Sie vermochten ihn freilich nur kurze Zeit vor Mangel zu ſchützen,— aber gleichviel, es war doch wenigſtens eine Spanne Zeit, und damit auch wieder Muth und Hoffnung gewonnen. Die Tage vergingen,— Hans hatte trotz aller Be⸗ mühungen abermals kein Unterkommen gefunden. Eines Morgens ſtand ex mik leeren Taſchen und leerem Ma⸗ gen auf dem Hafen⸗Quai, und blickte trübſinnig und troſtlos auf die zu ſeinen Füßen glitzernden Meeres⸗ Wellen. Mit reuevoller Sehnſucht ließ er ſeine Gedan⸗ ken weit über dieſe Wellen hinüberſchweifen bis zu dem deutſchen, heimiſchen Strande, und hätte gern die Hälfte ſeines noch übrigen Lebens darum gegeben, wenn er dieſen weiten, weiten Raum hätte überſchwimmen kön⸗ nen. Schiffe, die nach Deutſchland unter Segel gingen, lagen zwar genug im Hafen, aber welcher Kapitän hätte den pfennigloſen Abentheurer mit hinüber nehmen mö⸗ gen an die befreundete Küſte? Hans verging faſt in Schmerz und Trauer, und eine Regung, ſeinem trauri⸗ gen Leben ein ſchnelles Ende zu machen, durchzuckte ſeine Seele. Das tiefe Meer lag dicht vor ſeinen Füßen, er brauchte nur hinein zu ſpringen, und mit allen ſeinen Sorgen und Leiden war es vorbei. Die kühlen, glän⸗ zenden Wellen ſchienen ihn zu locken und einzuladen. „Warum zögerſt du?“ flüſterte eine Stimme in ſeinem Innern. Schon hob er den Fuß, um ſich in das Waſſer zu ſtürzen,— da ſtand plötzlich das Bild ſeiner Mut⸗ ter im Geiſte vor ihm, und drängte ihn von dem Ab⸗ grunde zurück, der ihn eben verſchlingen ſollte. „Nein!«“ murmelte Hans vor ſich hin.„Es iſt Sünde, freiwillig ſein Leben zu enden, und eine ſchwere Sünde dazu, die kein Menſch durch Reue und Gebet zu ſühnen vermag. Ich will leben, ſo lange Gott es mir ver⸗ ſtattet.“. „He, Kamerad,“ rief in dieſem Augenblicke eine Stimme ihm zu,—„willſt du nicht helfen, ein Schiff auszuladen? Es fehlt an Armen, und darum wird die Arbeit gut bezahlt! Wirſt du kommen?« ück, Auf der Stelle!« rief Hans tief aufathmend zu und blickte dankbar zum Himmel auf, der ihm gerade in der äußerſten Noth ſeine Hülfe geſendet hatte. Fünf Minuten ſpäter arbeitete er wie ein geborner Laſtträger, und ſchleppte ſchwere Waarenballen vom Bord des Schiffes an's Land in die ihm bezeichneten Maga⸗ zine. Wie wir ſchon erwähnten, war er ein ungewöhn⸗ lich kräftiger, geſunder junger Menſch, und ſeine Stärke wurde ſogar von den übrigen Arbeitern angeſtaunt und gelobt.. „Du könnteſt ein hübſches Geld verdienen, wenn du als Hafen⸗Arbeiter bei uns bliebeſt!“ ſagte ein älterer Laſtträger zu ihm. „Wenn es geduldet würde, bliebe ich ſchon, und gern,“ verſetzte Hans.„Aber ich habe gehört, daß Ihr nicht gern andere Leute zu Euren Arbeiten zulaßt.“ „Je nachdem!“ erwiederte der Mann.„Iſt ſchon etwas Wahres an der Behauptung, indeß, man macht Ausnahmen, und du gehörſt zu dieſen.“ „Gut, ſo nehme ich Eure Kameradſchaft an,“ ſagte Hans. »„Abgemacht! Du zählſt von jetzt an zu uns,“ ſprach der Andere.„Wenn du kein Unterkommen haſt, ſo kannſt du bei mir wohnen, ganz in der Nähe des Hafens. Es iſt da noch ein Kämmerlein frei mit einem leidlichen Bette!“ Hans gab ſeine Zuſtimmung zu erkennen, und war nun von Stund' an wohlbeſtallter Hafenarbeiter im Hafen von New⸗York. Es ging ihm als Solcher in der That recht wohl, viel beſſer, als je vorher in Ame⸗ rika. Er mußte allerdings mit Anſtrengung aller Kräfte arbeiten, aber bei ſeiner faſt rieſigen Staͤrke ward es ihm nicht allzu ſauer, und er verdiente, wie ſein älterer Kamerad ihm vorher verſichert hatte, ein hübſches Tage⸗ lohn dabei, ſo daß er ſich reichlich nähren und anſtändig 8 63 kleiden, auch wohl zu Ende der Woche noch einige Er⸗ ſparniſſe für etwa kommende ſchlechtere Tage zurücklegen konnte. Er fühlte ſich beinahe zufrieden und glücklich in ſeiner neuen Lage, und ſchleppte unverdroſſen ſeine Ballen, Fäſſer und Tonnen von Land zu Bord, oder von Bord zu Land, als ob er in ſeinem ganzen Leben nichts Anderes und Beſſeres gekannt hätte. Aber es ſchien wirklich, als ob kein Segen auf ſei— nem Thun und Treiben in Amerika ruhe, denn es dauerte nur ein paar Wochen, ſo war es mit der gegenwärtigen Herrlichkeit wieder vorbei, ohne daß man dem armen Hans die Schuld davon zuſchreiben konnte. Wie es gekommen und geſchehen, wußte ſpäter eigent⸗ lich Niemand zu ſagen, aber es entſtand eines Tages ein heftiger Streit zwiſchen deutſchen und iriſchen Ar⸗ beitern im Hafen, der bald in Thätlichkeiten ausartete und immer größere Dimenſionen annahm. Es herrſchte damals, und wahrſcheinlich auch jetzt noch, ein bitterer Neid und Eiferſucht zwiſchen den Deutſchen und Ir⸗ ländern, die bei jeder Gelegenheit zu Tage kamen, und nicht ſelten in lichten Flammen aufloderten. Die Lands⸗ leute jeder Parthei eilten einander dann zu Hülfe, und aus ganz unbedeutenden Anläſſen entwickelten ſich dann zuweilen förmliche Gefechte, die nur mit der Niederlage der einen oder der andern Parthei endeten, da ſich die Polizei in New⸗York nie in dieſe Kämpfe einmengte, ehe nicht der Streit auf eine oder andere Weiſe ent⸗ ſchieden war. Dann freilich meldete ſie ſich und fiel über die beſiegte Parthei her, ohne nur zu fragen, ob ſie oder die andere der eigentlich ſchuldige Theil war. Aehnlich ſo im gegenwärtigen Falle. Der Streit entſtand erſt zwiſchen fünf oder ſechs Leuten, aber das 64 Schreien und Toben rief noch hundert Andere herbei, und es dauerte nicht lange, ſo wurden Meſſer gezogen, und dicke Knüppel kreuzten ſich in der Luft. „Da iſt der Teufel los,“ ſagte der alte Arbeiter zu Hans, als das Getümmel, immer ärger werdend, auch bis zu ihrem Ohre drang.„Wir müſſen hin, denn, wie es ſcheint, ſind unſere Leute im Nachtheil und brauchen Hülfe.« „»Aber was kümmert uns die ganze Prügelei,“ ver⸗ ſetzte Hans.„Wie mir ſcheint, iſt dort nichts zu ho⸗ len, als Schläge und Meſſerſtiche, darum ſollt' ich mei⸗ nen, es wäre geſcheiter, zu bleiben, wo wir ſind.“ „Oho,“ verſetzte der Andere,„du weißt noch nicht, daß es unſere Pflicht und Schuldigkeit iſt, unter allen Umſtänden unſerer Parthei beizuſpringen. Wer es ver⸗ ſäumt, wird ſchimpflich ausgeſtoßen aus unſerer Geſell⸗ ſchaft, und darf ſich unter uns im Hafen nicht weiter blicken laſſen! Alſo raſch vorwärts, und drauf auf die verwünſchten Iren! Nimm eine Hand⸗Spake und komm!« Bei ſo bewandten Umſtänden konnte Hans freilich nichts Anderes thun, als der Aufforderung ſeines Ka⸗ meraden Folge leiſten. Er war außerdem ein tapferer, muthiger Burſch, und ſo eilte er denn vorwärts, um ſich mitten in das Gewühl der Kämpfenden zu ſtürzen. Kräftig ſchlug er mit ſeiner Hand⸗Spake um ſich und ein paar Gegner zu Boden. Auf einmal aber fühlte er das kalte Eiſen eines Meſſers zwiſchen ſeinen Rippen, und ſank ächzend zuſammen. Der Kampf ſpann ſich auch ohne ihn weiter fort, bis zuletzt doch die Iren die Oberhand behielten, die Deutſchen in die Flucht jag⸗ ten, und dann ſelber ſich zerſtreuten, und ſpurlos in den Umgebungen des Hafens verſchwanden. 65 Jetzt erſt erſchienen die Polizei⸗Beamten, und ſam⸗ melten die Trophäen vom Schlachtfelde, nämlich die Ver⸗ wundeten, auf, die nachdem ſie mehr oder minder ſchwer verletzt waren, entweder in ein Spital geſchafft, oder in's Gefängniß geworfen wurden. Den armen Hans traf das letztere Loos. Nachdem man oberflächlich für das Verbinden ſeiner allerdings nicht gefährlichen Wunde geſorgt hatte, ſperrte man ihn in ein viereckiges, zehn Fuß breites und langes Loch ein, deſſen ganze Ausſtattung in einem Bett mit einer harten Matratze und einer wollenen Decke beſtand, gab ihm einen Krug Waſſer und Brod, und überließ ihn dann volle vierundzwanzig Stunden ungeſtört ſich ſelbſt und der tiefſten Einſamkeit. Das waren dann wieder einmal ſehr lange und ſehr bittere Stunden für ihn, und wohl zum hundertſten Male verwünſchte er in innerſter Seele ſeine Widerſpenſtigkeit gegen den Vater, und ſeine Thorheit, in Amerika ſein Glück ſuchen zu wollen. Wieder und wieder fragte er ſich, was er denn eigentlich Gutes in dem geprieſenen freien Lande gefunden habe? und mußte ſich ſelbſt dar⸗ auf erwiedern: nichts, was er zu Hauſe bei weit ge⸗ ringeren Anſtrengungen nicht viel beſſer hätte haben können. Und nun vollends war er auch noch in ein Gefängniß geſperrt, und Gott allein konnte wiſſen, wie lange er darin würde feſtgehalten werden. Seine Lage war freilich nicht angenehm,— indeß, er hatte ſie ſelber verſchuldet, und mochte nun zuſehen, wie er fertig wurde. Jenſeit des Meeres. 5 66 Fünſtes Kapitel. Auf dem Lande. Nach achttägiger Haft wurde Hans endlich freige⸗ gelaſſen, weil in dem Gefechte zwiſchen den Irländern und Deutſchen glücklicherweiſe keine tödtlichen Verletzun⸗ gen vorgefallen waren. Hans ließ mit Freuden den engen Kerker hinter ſich, und athmete mit Entzücken wie⸗ der die freie Luft ein. Aber das Leben in New⸗York war ihm durch die mannigfachen Unfälle, die er ſchon da hatte erleiden müſſen, im Grunde der Seele zuwider geworden, und am allerwenigſten empfand er Luſt und Neigung, ſein Glück noch einmal als Laſtträger im Hafen zu verſuchen. Sobald er ſeine Freiheit wieder erlangt hatte, begab er ſich nach ſeiner Wohnung, nahm ſeine wenigen Hab⸗ ſeligkeiten an ſich, und ging auf den Markt, wo die Farmer vom Lande die Erzeugniſſe ihrer Wirthſchaft feil zu bieten pflegen. Er hatte ſich nämlich entſchloſſen, New⸗York zu verlaſſen und tiefer in das Innere des Landes zu gehen, um dort auf irgend einer Farm als Knecht ſeinen Lebens⸗Unterhalt zu ſuchen.— Endlich ſchien es, als ob ſich ihm das Glück etwas günſtiger zeigen wollte, als bisher. Der Zufall führte ihn in die Nähe eines Farmers, der laut mit einem Mäkler ſprach, und denſelben beauftragte, ihm einen tüchtigen Arbeiter zu verſchaffen. Er ſolle einen guten Lohn haben und Eſſen vollauf. 67 Hans ſah ſich den Mann an. Sein Aeußeres ge⸗ fiel im Grunde ihm nicht beſonders; er hatte ein har⸗ tes, kaltes Geſicht, und einen falſchen Blick, der nicht für ihn einnahm. Aber Hans fand bei ihm, was er ſuchte, Arbeit und Brod, und darum beſann er ſich nicht lange, ſondern trat entſchloſſen an ihn heran. „Sie ſuchen einen Arbeiter, Sir 2 ſagte er. „So iſt's,“ verſetzte der Farmer, und betrachtete mit einem gewiſſen Wohlgefallen die Geſtalt des robuſten jungen Mannes.„Hättet Ihr vielleicht Luſt, einen Ver⸗ trag mit mir abzuſchließen?“ „Ja, Sir, aus dieſem Grunde habe ich ſie ange⸗ ſprochen,“ erwiederte Hans.„Doch muß ich Ihnen geſtehen, daß ich bis jetzt noch nicht auf einer Farm gearbeitet habe.“ „Thut nichts,“ entgegnete der Farmer.»Seht mir aus, als ob Ihr einen Stier bei den Hörnern packen und niederwerfen könntet; dazu gehört Kraft und Ge⸗ wandtheit, und weiter brauchen wir bei uns zu Lande nicht viel. Will's alſo mit Euch verſuchen.“ „Braucht mich demnach nicht weiter, Mr. Blunt?« fragte der neben ihm ſtehende Mäkler. „Nein! Danke!“« verſetzte der Farmer.»Auf ein ander Mal. Und Ihr, Mann,«— wendete er ſich wieder zu Hans,—„ſeid Ihr zufrieden, wenn ich Euch monatlich dreißig Dollars gebe, und natürlich Eſſen und Trinken vollauf?“ Dieſes Anerbieten überſtieg weit die kühnſten Er⸗ wartungen von Hans, und er ſagte deshalb ohne Be⸗ denken zu.„ „Well!« ſprach der Farmer weiter und reichte Hans 5* ein paar blanke Dollarſtuͤcke.„Nehmt dies zum Angeld, und macht Euch damit noch einen luſtigen Tag. Mor⸗ gen früh um ſechs Uhr aber trefft Ihr mich auf dem Bahnhofe der Weſt⸗Eiſenbahn. Sie läuft nur eine halbe Stunde von meiner Farm vorüber, und wir werden ſie daher benützen. Merkt es Euch, Schlag ſechs Uhr!« Hans verſprach, ſich pünktlich einzufinden. Die empfangenen Dollars benützte er, noch einige kleine Ein⸗ käufe zu machen, nahm dann Quartier in einem Boarding⸗ Houſe, ganz in der Nähe der ihm von Mr. Blunt be⸗ zeichneten Eiſenbahn, und ſtellte ſich am andern Mor⸗ gen mit dem Schlage ſechs Uhr auf dem Bahnhofe ein. Sein neuer Herr befand ſich ſchon dort, und hatte be⸗ reits die Fahrbillets gelöst. „Scheint, Ihr ſeid pünktlich,“ rief er Hans ent⸗ gegen.„Gefällt mir, das! Denke, werden gut mit einander auskommen! Habt Ihr ſchon gefrühſtückt?« „Noch nicht, Mr. Blunt,“ erwiederte Hans.„Die Kellner im Boarding⸗Houſe ſchliefen noch, als ich fort⸗ ging, und ſie zu wecken, hätte mich zu lange aufge⸗ halten.“ „Thut nichts,« ſagte der Farmer.„Bin verſehen. Da, nehmt!“ Aus einer Reiſetaſche zog er Brod und kalten Bra⸗ ten, nebſt einer wohlgefuͤllten Brandy⸗Flaſche, und nöthigte Hans zum Eſſen und Trinken. Eben hatte dieſer ſeinen Hunger und Durſt gelöſcht, ſo erſcholl das Zeichen zur nahen Abfahrt des Zuges, und Beide muß⸗ ten eilen, Plätze zu bekommen. Kaum hatten ſie ſich niedergeſetzt, ſo brauste, raſſelnd und donnernd, unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive, der lange Wagenzug in weſtlicher Richtung davon. Unterwegs erfuhr Hans von Mr. Blunt, daß ſeine Farm an hundert deutſche Meilen von New⸗York ent⸗ fernt liege, aber von bedeutendem Umfange und mit Wieſen, Wald und beſtem Ackerland reichlich geſegnet ſei. Freilich wär's wohl ein bischen einſam dort, denn der nächſte Nachbar wohne an fünf deutſche Meilen von ſeiner Farm entfernt, aber im Ganzen laſſe ſich doch ganz gut leben in der Wildniß, und Sonntags kommt man auch dann und wann mit dieſem und jenem Nach⸗ bar zuſammen, wo dann immer ein paar fröhliche Stun⸗ den gefeiert würden. Hans ſeinerſeits fand das Alles ganz ſchön, und war glücklich darüber, daß er den ge⸗ ſcheiten Einfall gehabt hatte, ſein Heil auf dem Lande zu verſuchen. Im Stillen berechnete er ſchon, daß er von ſeinem Lohn in einem einzigen Jahre mindeſtens dreihundert Dollars erſparen könne, und wenn dies ge⸗ ſchehen wäre, dann ſollte ihn keine Macht der Erde abhalten, wieder nach Deutſchland zurückzukehren und ſich ſeinen Aeltern, um Verzeihung flehend, zu Füͤßen zu werfen. In einem einzigen kurzen Jahre konnte er dieſes Ziel erreichen, und ſein Herz hüpfte hoch vor Freuden, wenn er ſich das Glüͤck vergegenwärtigte, das er in der geliebten Heimath wieder zu erreichen hoffte. Weiter und weiter brauste und raſſelte indeß der Zug in die Wildniß hinein. Je weiter der Tag vorrückte, deſto ſeltener zeigten ſich die Spuren von Kultur und Anbau am Wege, und mit Einbruch der Nacht fuhr man mitten zwiſchen dichten Urwäldern dahin. Auch während der Nacht ſauste der Zug weiter, und hielt verſt gegen Morgen an der Stelle, in deren Nähe Mr. Blunt's Farm lag. Er und Hans ſtiegen aus und etzten ihren Weg zu Fuße fort. Nach einem Stünd⸗ chen, gerade mit Sonnen⸗Aufgang, erreichten ſie die A Farm, und Hans machte ein etwas verdutztes Geſicht, als Mr. Blunt auf ein ziemlich langes, aber nur von Holz aufgeführtes Gebäude zeigte, und dabei ſagte:„Hier wohne ich.“ 1 Hans hatte ſich eine ganz andere Vorſtellung von den Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäuden des Mr. Blunt gemacht. Er hatte zwar nicht gerade einen Palaſt zu finden erwartet, aber doch wenigſtens ein hübſches, großes Haus mit Stallungen und Seiten⸗Gebäuden, wie man häufig genug in faſt allen deutſchen Dörfern findet. Hier aber war nichts, als eine lange, niedrige Blockhütte mit einigen Luftlöchern ſtatt der Fenſter, und, ſtatt mit Schiefer oder Ziegeln, mit gewöhnlichen höl⸗ zernen Schindeln gedeckt. In der Nähe zeigte ſich eine Strecke urbar gemachten Landes, welches mit Mais be⸗ pflanzt war, und auf den Wieſen daneben weideten eine kleine Anzahl Kühe und einige Pferde. Eine Heerde Schweine tummelte ſich auf einem anderen Felde herum, das, wie es ſchien, mit Kartoffeln bepflanzt war. Dann aber kam der dichte Urwald, welcher die Farm von allen Seiten umgab. Der Stempel der Oede, Langen⸗ weile und Einſamkeit war der ganzen Gegend unver⸗ kennbar aufgeprägt. „Nun, Ihr zieht ja eine Miene, als ob Ihr in einen ſauren Apfel gebiſſen hättet,“ ſagte Mr. Blunt, welcher Hans ſcharf beobachtete und ſofort bemerkte, daß derſelbe von ſeiner neuen Heimath nicht ſonderlich ange⸗ nehm überraſcht war.„Gefällt Euch nicht hier, was? Na, freilich, könnt nicht erwarten, im Urwald ſteinerne Häuſer und Paläſte zu finden, wie in New⸗York. Meine aber, wird Euch die Zeit trotzdem ziemlich ſchnell hier vergehen. Haben Arbeit gerade genug, um die —— 74 Langeweile zu verſcheuchen und ſchlimme Gedanken fern zu halten. Kommt nur! Drin im Hauſe wird's Euch vielleicht beſſer gefallen, als hier außen!“ Er ſchritt raſch weiter, und Hans mußte ihm wohl folgen, obgleich eine bange Ahnung ihm ſagte, daß er hier in dieſer wilden und ablegenen Oede wohl auch ſchwerlich ſein Glück finden werde. Als ſie in die un⸗ mittelbare Nähe des Hauſes gelangten, ſchlugen ein paar Hunde an, ſprangen aber nicht, wie es die treuen Thiere doch ſonſt immer zu thun pflegen, mit freudigem Gebell ihrem Herrn entgegen, ſondern krochen bei ſeinem Erſcheinen mit eingeklemmtem Schweif ſcheu zur Seite. Auf dem Hofe,— wenn man dieſe Bezeichnung füͤr den freien Platz vor dem Hauſe gelten laſſen will,— lagerten einige Schweine und ſpazierten ein paar Dutzend Hühner umher. Am Eingang des Hauſes lehnte ein Junge von vielleicht zwölf Jahren, blickte den Kommen⸗ den gleichgültig entgegen, und grüßte mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken. „Biſt wieder zurück, Vater?“ ſagte er kalt und ohne die Hände aus den Hoſentaſchen zu ziehen, in denen ſie ſteckten.. „Bin es,“ verſetzte Mr. Blunt.„Wie ſteht's da⸗ heim, Bob?“ „Alles gut,« erwiderte der Junge.»Mutter und Bill ſchlafen noch. Wen bringſt du da mit, Vater?« „Unſern neuen Arbeiter! Wird uns helfen, die neue Ernte einzubringen, Holz zu ſchlagen und Fenzen zu machen.“ 1 ¹ „ Iſt recht! Brauchen Hülfe,“ ſagte der Junge und maß Hans mit einem gleichgültigen Blicke, ohne ih aber ein freundliches Wort zum Willkommen zu ſagen. 72 2„Wollen frühſtücken,“ nahm der Farmer wieder das ort. Der Junge deutete mit der einen Hand rückwärts in's Haus hinein, ohne ſich weiter zu rühren. Aber ſein Vater verſtand ihn ſchon, winkte Hans, ihm zu folgen und trat mit ihm durch die Thür in das Haus. Rechts lag das Wohnzimmer, links die Küche, wo auf dem Herde ein Feuer brannte, über welchem ein Topf mit Waſſer ſiedete. Der Farmer nahm einen anderen Topf, that aus einem Kaſten etwas Thee hinein, und ſchüttete heißes Waſſer darüber. Dann brachte er von einem Borte einige viereckige Stücke eines groben Ge⸗ bäckes herbei, ſchnitt von einer Speckſeite, die an einem Nagel in der Küche hieng, ein tüchtiges Stück Speck herunter, legte Alles auf einen roh gezimmerten Tiſch, und forderte Hans auf, zuzulangen. „Das iſt hier in der Wildniß unſer tägliches Früh⸗ ſtück, Mittags⸗ und Abend⸗Eſſen,“ ſagte er,„— es ſei denn, daß meine Jungen Bob und Bill gelegentlich ein⸗ mal einen Hirſch im Walde ſchießen. Friſches Fleiſch iſt hier weit und breit nicht zu haben, und man kann natürlich nicht alle Tage ein Schwein oder einen Ochſen ſchlachten. Speck und Maiskuchen aber giebt's immer vollauf, und der Topf mit heißem Waſſer ſprudelt und brodelt ſtets über dem Feuer. Braucht nur zuzulangen, Mann. Wißt nun, wo die Maiskuchen liegen, wo der Speck hängt, und wo Kaffee und Thee aufbewahrt werden. Könnt jederzeit davon nehmen nach Belieben.“ Hans fühlte einen gelinden Schauder durch ſeine Adern rieſeln. Alle Tage zu jeder Mahlzeit Speck und zähe Maiskuchen, und dazu hoͤchſtens eine Taſſe Thee oder Kaffee,— das war nicht geeignet, ihm beſonderen Appetit zu machen, und ihm die unwohnliche Wohnung wohnlicher erſcheinen zu laſſen. Dennoch mußte er ſich in ſeine Lage ſo gut wie möglich zu ſchicken ſuchen, und der Umſtand, daß ſeine Herrſchaft auch nichts Beſſeres, als er, zu brocken und beißen hatte, trug dazu bei, ihn mit ſeinem Looſe wieder auszuſöhnen. Er griff zu, und aß ſich ſatt an Speck und Maiskuchen. Ein paar Taſſen heißer Thee ohne Zucker und Milch halfen ihm das zähe Mais⸗Gebäck hinunter ſpülen, und nun war wenigſtens der Hunger geſtillt, wenn auch freilich Zunge und Gaumen nicht ſonderlich befriedigt waren. „Und nun an die Arbeit,“ ſagte der Farmer, „— ich werde Euch an eine Stelle im Walde führen, wo Ihr Bäume zu fällen und Holz zu ſpalten habt. Später werden ich und meine Jungen euch mit helfen. Dort iſt Art und Säge. Denke, Ihr werdet Beide bald handhaben lernen.“ Hans hätte gern von der langen Fahrt auf der Eiſenbahn ausgeruhet, denn er fuͤhlte ſich wirklich müde, und das um ſo mehr, als er in der vergangenen Nacht kaum einige Minuten geſchlafen hatte. Aber Mr. Blunt nahm keinerlei Rückſichten,— er befahl, und Hans mußte gehorchen. Nicht weit von der Blockhütte entfernt floß mitten durch den Wald ein nicht über ſechszig Fuß breites, aber, wie Mr. Blunt bemerkte, ſehr tiefes und reißendes Flüßchen. Dicht daneben auf beiden Ufern war bereits ein langer Streifen des Waldes von Bäumen entblößt, und Mr. Blunt deutete an, daß dieſer Streifen noch immer weiter in die Wildniß hinein ausgedehnt werden ſolle. „Mußt wiſſen,“ ſagte er,„dieſer Fluß fällt ein 74 paar Stunden weiter unterhalb in den Miſſiſſippi. Wir fällen die Bäume an ſeinem Ufer, zerſägen und zerhauen ſie, und flößen ſie dann an den Miſſſiſſippi hinunter, wo wir das Holz gut an die Dampfſchiffs⸗Capitains verkaufen können. Iſt freilich ſchwere Arbeit, dieſes Baumfällen, bringt aber auch weit mehr ein, als die Landwirthſchaft und die Viehzucht hier zu Lande. Be⸗ bauen deshalb nicht mehr Land, als noͤthig iſt, Mais und Kartoffeln für uns und das liebe Vieh heran zu ſchaffen. Da ſind wir zur Stelle. Könnt nun an⸗ fangen zu arbeiten. Stehen gerade da ein paar Ahorn⸗ Bäume, die manche Klafter Holz liefern werden. Seid hübſch fleißig, Mann, wenn wir gute Freunde bleiben ſollen.« Mit dieſen Worten entfernte ſich der Farmer wieder, und ließ Hans in dem einſamen Walde allein, und zwar nicht in der beſten Laune, zurück. Den ganzen Tag Bäume fällen und Holz hacken war allerdings ſehr harte Arbeit, und faſt wollte es Hans bedünken, daß er es, ſelbſt als Hafen⸗Arbeiter, bedeutend beſſer gehabt hatte, als hier, fern von allem Menſchenverkehre, mitten im Urwalde. „Hilft aber Alles nichts, ich muß aushalten, bis ich mir das Geld zur Ueberfahrt nach Deutſchland verdient habe,« murmelte er vor ſich hin.„Alſo nur friſch an die Arbeit,— der Lohn kommt ſchon hin⸗ terher!“ Als gelernter Tiſchler wußte er bereits mit Säge, Holz und Beil umzugehen, und die Schläge ſeiner Arxt, kräftig gegen den mächtigen Stamm eines Ahorn⸗Baumes geführt, tnten weithin durch den rauſchenden Urwald. Splitter und Spähne flogen unter den gewaltigen Hieben zur Seite, und gegen Mittag hatte Hans den Baum⸗ ſtamm ſo weit eingekerbt, daß jeden Augenblick das Umſtürzen der gewaltigen Krone erfolgen konnte. Jetzt erſt ließen ſich Mr. Blunt und ſeine Söhne, Bob und Bill, wieder blicken. Den ganzen Vormittag hatte Hans allein arbeiten müſſen. Der Farmer lobte Hans wegen ſeines Fleißes; dann legte er mit ſeinen Söhnen, kräftigen Burſchen von zwölf und fünfzehn Jahren, die letzte Hand an den Waldrieſen, und unter ihren Hieben neigte ſich bald der Stamm und ſtürzte praſſelnd, die nächſten kleineren Bäumen mit nieder⸗ ſchmetternd, zu Boden. „So, das wäre genug Arbeit für den Vormit⸗ tag,“ meinte der Farmer.»Können nun an das Eſſen denken.“ Alle Viere begaben ſich nach der Blockhütte zurück, wo Frau Blunt, ein altes, häßliches Weib mit groben Zuͤgen und grauen Haaren, die in langen Strängen ungeordnet um ihr Geſicht ſielen, das Eſſen bereits an⸗ gerichtet hatte. Die Gerichte waren die bekannten: Speck und Maiskuchen, ſchlechter Kaffee und Thee ohne Milch und Zucker. Hans bequemte ſich mit Widerwillen zum B Eſſen, aber er mußte ſchon zugreifen, wenn er nicht Hunger leiden wollte. Es gab nun einmal nichts Beſſeres hier in der Wildniß. Nach Tiſche gieng es wieder hinaus in den Wald und an die Arbeit. Der Farmer und ſeine Söhne begleiteten zwar ihren Knecht, gaben ſich aber draußen keine große Mühe, ihm zu helfen. Hans mußte die Hauptſache thun, die Anderen griffen nur ſo gelegentlich einmal zu, und hüteten ſich wohl, übermäßige Anſtren⸗ gungen zu machen. Hans quälte ſich ab, bis es * 1 76 dunkel wurde. Dann erſt gebot der Farmer Einhalt, und lud zum Abendeſſen ein. Hans fand auf dem Tiſche daheim wiederum Speck und Maiskuchen im Ueberfluſſe, und auf dem Herde die unvermeidlichen Thee⸗ und Kaffee⸗Töpfe,— ſonſt aber nichts. Schweigend würgte er einige Biſſen hin⸗ unter, und fragte dann, da er ſich wirklich ſehr erſchöpft und ermüdet fuͤhlte, nach ſeiner Schlafſtelle. Man wies ihn in einen Stall. Dort mochte er ſich ſein Lager aus Maisſtroh und Heu ſelber zurecht machen. Hans ärgerte ſich aber weiter nicht darüber. Nur halb ausgekleidet warf er ſich in einen Winkel, und Müdigkeit drückte ihm bald die ſchweren Augen⸗Lider zu. Am folgenden Tage gieng es ſo ziemlich wie am erſten zu, und ſo alle Tage hindurch, einzig die Sonn⸗ tage ausgenommen, welche dem Ausruhen gewidmet waren. Etwas Anderes als Ruhe und Erholung, brach⸗ ten aber auch dieſe Sonntage dem armen Hans nicht. Von einer Zerſtreuung, oder einem vertraulichen Zu⸗ ſammenſein mit anderen Menſchen war gar keine Rede. Die nächſten Nachbarn der Farm wohnten zu weit ent⸗ fernt, um an einem Tage zu Fuß hin und her zu kommen, und Mr. Blunt gab es nicht zu, daß Hans ein Pferd nehmen durfte, um ſich deſſelben als eines ſchnelleren Transport⸗Mittels zu bedienen. So mußte denn Hans wohl oder übel zu Hauſe hocken bleiben, und ſich, wie einen und alle Tage, an Maiskuchen und Speck zu erlaben ſuchen. Natürlich hatte er bei ſo bewandten Umſtänden das Leben in der menſchenleeren Wildniß bald von ganzem Herzen ſatt, und oft ſtieg in ihm der Gedanke auf, daß er davon gehen, und irgendwo ein beſſeres, behaglicheres 3 Plätzchen ſuchen wolle. Aber immer wies er dieſen Gedanken wieder von ſich, weil er doch wenigſtens viel Geld auf der Farm bei Mr. Blunt verdiente, das ihm eines Tages den Weg nach der erſehnten Heimath bahnen ſollte. In dieſer Hoffnung hielt er aus, und ertrug die ſchwere Arbeit, die ſchlechte Koſt, und ſelbſt die unfreundliche Behandlung von Mr. Blunt's Familie mit Ruhe und Geduld. So vergieng Woche auf Woche. Sein Leben war immer das nämliche, nur in der Arbeit gab es mitunter eine Abwechslung. Als genug Holz gefällt und ge⸗ ſchlagen war, das Mr. Blunt und ſeine Söhne auf dem Flüßchen zum Miſſiſſippi hinunter transportirten, kam die Zeit der Ernte, und Hans mußte jeden Mor⸗ gen mit Tagesanbruch hinaus auf's Feld, um zu mähen, Garben zu binden und dieſe in die Scheunen zu ſchaffen. Zugleich mußte er auch für das Vieh ſorgen, die Kühe melken, die Ställe miſten, und nach den Pferden ſehen. Nach der Ernte gab es wieder alle Hände voll zu thun mit Dreſchen und Auskörnen der Maiskolben; dann wieder mußte der Acker von Neuem beſtellt wer⸗ den,— kurz jeder Tag brachte ſchwere, ſchwere Arbeit, und als Koſt immer noch nichts Anderes, als Mais⸗ kuchen und Speck. Es war ein Hundeleben, das Hans führen mußte, bis endlich der Winter herannahete, der minder ſchwere und arbeitsvolle Tage zu bringen ver⸗ ſprach. 8 Hans freute ſich auf dieſe Zeit verhäͤltnißmäßiger Ruhe. Er hatte die Abſicht, die Winter⸗Monate noch bei Mr. Blunt zuzubringen, dann aber, in den erſten Frühlingstagen, ſich zu verabſchieden und mit ſeinem keerſparten Verdienſte in ſeine Heimath zurückzukehren. 4 Aber es ſollte anders kommen, anders, als er ge⸗ hofft und erwartet. Hans hatte jenſeit des Meeres nun zwar ſchon Einiges gelernt, namentlich zu arbeiten, aber die ſchlaue Niedertraͤchtigkeit, die einen nicht ſelte⸗ nen Charakterzug bei den Amerikanern bildet, wußte er noch immer nicht genau genug zu durchſchauen. Noch war es nicht ſo kalt im Freien, daß man das Vieh über Nacht hätie in die Ställe treiben müſſen. Pferde und Rinder blieben alſo im Freien, mußten aber dort überwacht werden, weil, wie Mr. Blunt behauptete, auf den nächſten Anſiedelungen in neueſter Zeit manch⸗ mal Vieh⸗Diebſtähle, ſtattgefunden hätten. Man mu⸗ thete Hans nicht zu, jede Nacht die Wache zu über⸗ nehmen. Mr. Blunt, ſeine Söhne und Hans wachten abwechſelnd. „Seht Euch wohl vor, Mann,“ ſagte Mr. Blunt eines Abends zu Hans, als dieſen gerade die Reihe traf, Wache zu ſtehen.„Ein Nachbar hat mir erſt heute geſagt, daß die Pferde⸗ und Ochſendiebe immer frecher und frecher werden. Ihr ſeid mir verantwortlich für mein Vieh, alſo haltet hübſch die Augen offen, und ſobald Ihr etwas Verdächtiges wahrnehmt, feuert die Flinte ab zum Signale für uns.“ „Schon recht,« verſetzte Hans.„An Wachſamkeit von meiner Seite ſoll es nicht fehlen.“ Bevor er die Wache im Freien antrat, nahm er ſein gewöhnliches Abendeſſen ein, und trank eine Portion heißen Thee, den Frau Blunt, wie ſie ſagte, ganz be⸗ ſonders für ihn gekocht hatte. Der Thee war in der That weit beſſer und ſtärker, als gewöhnlich,— hatte aber einen unangenehmen Beigeſchmack, der Hans an⸗ widerte, ſo daß er nicht ſehr viel davon trinken konnte. 79 Mit Einbruch der Nacht begab er ſich auf ſeinen Poſten, überzeugte ſich, daß Alles in beſter Ordnung war, und nahm auf einem gefällten Baumſtamme Platz, von wo er beim hellen Mondſchein die in tiefem Frieden ruhen⸗ den Thiere, ſo wie auch den Waldſaum deutlich über⸗ blicken konnte. Wenn etwa Diebe kamen, konnten ſie ſich wenigſtens nicht ungeſehen der kleinen Heerde nähern. Hans blieb wacker munter und aufrecht bis gegen Mitternacht, obgleich er gegen eine ganz ungewöhnliche Muͤdigkeit zu kämpfen hatte. Nach Mitternacht ver⸗ mochte er aber nicht länger zu widerſtehen. Die Augen fielen ihm zu, das Gewehr entglitt ſeiner Hand, ſeine Beſinnung ſchwand völlig dahin;— er ſchlief ganz feſt, wie ein Todter. 3 Nicht lange darauf öffnete ſich die Thür des Farmer⸗ Hauſes, und heraus traten Mr. Blunt und ſeine bei⸗ 4 den Söhne. Sie näherten ſich leiſe dem Schlummern⸗ den, und lachten ſpöttiſch. /„Er hört, ſieht und fühlt nichts mehr,“ ſagte Mr. Blunt.„Die Mutter hat den Thee ausgezeichnet gut gekocht. Raſch an's Werk denn. Jagt die Pferde und Rinder auf, Jungen, und dann fort in's Verſteck da⸗ mit!« Die Knaben gehorchten. Ihre langen Peitſchen weckten die Thiere, und trieben ſie in den Wald hin⸗ ein. Hier verſchwanden Heerde und Menſchen. Erſt gegen Morgen kehrte der Farmer mit ſeinen Söhnen zurück, überzeugten ſich, daß Hans immer noch feſt ſchlief, und gingen dann wieder in das Blockhaus. Hans mittlerweile ſchlief und ſchlief, bis der erſte helle Sonnenſtrahl uͤber ſein Geſicht ſtreifte und ihn — 2 80 blinzeln machte. Nun fuhr er in die Höhe, und ge⸗ wahrte mit Schrecken und Entſetzen, daß die ſeiner Obhut anvertrauten Thiere verſchwunden ſeien. In der erſten Beſtürzung feuerte er ſeine Flinte los, und rief laut nach Mr. Blunt. Nach einem Weilchen kam dieſer mit ſeinen Söhnen, und fand Hans in größter Angſt und unbeſchreiblicher Verwirrung. 1 „Was gibt es denn?« fragte er barſch.»Was iſt denn geſchehen, daß Ihr am hellen Morgen den Alarm⸗ ſchuß abfeuert?« „Die Thiere, Mr. Blunt,“ ſtammelte Hans,— „die Thiere ſind verſchwunden— ſind fort!« Der Farmer ſtieß eine furchtbare Verwünſchung aus.—. „So habt Ihr alſo geſchlafen, Kerl?“« brüllte er. „Iſt das Eure Wachſamkeit? Hol' Euch der Henker! Aber ich ſage Euch, daß Ihr mir für den ganzen Schaden einſtehen und Erſatz leiſten müßt, wenn ich die Thiere nicht wieder bekomme.“ Hans zitterte und die hellen Thränen der Verzweif⸗ lung ſtanden ihm in den Augen. „Was iſt zu thun?“ fragte er. „Was weiter, als die Fährten zu verfolgen,“ ent⸗ gegnete der Farmer.„Gewiß kennen die Spitzbuben die Furth weiter oben im Fluſſe, und dort hindurch werden ſie die Thiere getrieben haben. Auf, Jungens! Vielleicht holen wir die Schurken noch dieſſeits der Furth ein. Wo nicht, ſo iſt freilich Alles verloren, denn jen⸗ ſeits der Furth iſt alle Verfolgung nutzlos, weil auf dem ſteinigen Boden die Fährten nicht mehr zu erken⸗ nen ſind. Holt Eure Flinten, Jungen, und dann vor⸗ wärts!« 3 8¹ Hans ließ ſich durch die Komödie, die der Farmer ſo frech aufführte, völlig täuſchen, und zweifelte keinen Augenblick daran, daß die Heerde über Nacht von Die⸗ ben fortgetrieben ſei. Er verwünſchte und bereute auf's Bitterſte ſeine Nachläſſigkeit und Schläfrigkeit, konnte aber nun, da einmal das Unheil geſchehen war, nichts weiter thun, als ſich dem Farmer anzuſchließen, und ihm auf der Fährte der Thiere zu folgen. „Es wird uns nichts nützen, bis an die Furth vor⸗ zudringen,“ ſagte Mr. Blunt nach einer Weile.„Die Fährten ſind da, aber wenigſtens ſchon vier oder fünf Stunden alt. Da die Entfernung bis zur Furth nur anderthalb Stunden beträgt, ſo liegt's auf der Hand, daß die Hallunken von Spitzbuben längſt ihre Beute in Sicherheit gebracht haben. Kehren wir um! Es iſt nichts mehr zu machen. Aber du, Schurke,“ wendete er ſich drohend zu Hans,—„du ſollſt mir für den Schaden aufkommen. Keinen Cent Lohn bekommſt du von mir, und außerdem packſt du dich augenblicklich von meinem Gehöfte fort. Ein Glück nur, daß ich deinen Lohn immer inne behalten habe! Fort jetzt aber aus meinen Augen, oder ich ſchieße dich nieder, wie einen tollen Hund!“ Hans war wie vernichtet von dieſem auf's Neue über ihn hereinbrechenden Unglück, das er freilich ſelber verſchuldet hatte, wie er meinte, das ihn aber trotzdem zu Boden drückte. Er wagte keinen Einwand gegen den Farmer zu machen, ſondern wandte ſich laut ſchluch⸗ zend ab, und wanderte verzweiflungsvoll in der Richtung nach dem Miſſiſſippi zu. Als er ſich außer Hörweite befand, lachten der Farmer und ſeine Söhne laut und höhniſch hinter ihm her. Jenſeit des Meeres. 6 82 Hans gieng und gieng mittlerweile auf Gerathe⸗ wohl weiter. Dumpfe Wuth gegen ſich ſelber machte ihn faſt raſend. Hin war auf einen Schlag der Lohn ſechsmonatlicher ſchwerer Arbeit, und er konnte Nie⸗ manden als ſich ſelbſt anklagen. Er warf ſich endlich zu Boden, und tobte ſeinen Schmerz in lauten Jammer⸗ tönen aus, die weithin durch den Wald drangen. „Ha, Menſch, was fehlt Euch denn?“ fragte plötz⸗ lich eine Stimme neben ihm. Hans ſchreckte in die Höhe und erblickte einen Fremden, der auf einem ſtattlichen Pferde neben ihm hielt und ihn gutmüthig anſchaute. „Was fehlt Euch?“ fragte er noch einmal.„Ihr ſeid unglücklich, wie ich ſehe. Kann ich Euch helfen?« Hans empfand Vertrauen zu dem Fremden, und erzählte ihm in ſchlichten Worten ſein unglückliches Schickſal. Der Fremde lachte. „Wißt Ihr was, Freund?“ ſagte er dann.»Geht morgen wieder nach der Farm von Mr. Blunt, und ich verſpreche Euch, daß Ihr dort die vermeintlich geſtoh⸗ lenen Thiere ſammt und ſonders in beſtem Wohlſein finden werdet. Ich kenne dieſen Mr. Blunt! Er iſt ein Schurke durch und durch, und hat jedenfalls ſelber ſeine Thiere auf die Seite geſchafft, um einen Vorwand zu haben, Euch Euren ſauer verdienten Lohne vorzu⸗ enthalten. Alſo guten Muth! Stellt den Burſchen morgen zur Rede, und im Uebrigen— lebt wohl!“ Der Fremde trabte auf ſeinem Rößlein davon, und ließ Hans ſtrahlend vor Freude zurück. Hans glaubte ihm. Er erklärte ſich jetzt ſeine ungewöhnliche Müdig⸗ keit am geſtrigen Abende. Jedenfalls hatte Frau Blunt ein Schlafmittel in den Thee gethan, und als daſſelbe —; — — 83 ſeine Wirkung auf ihn geübt, hatten Blunt und ſeine Söhne das Vieh davongetrieben. Hans brachte die Nacht im Walde zu, gieng aber am nächſten Morgen, froher Hoffnungen voll, nach der Farm ſeines früheren Herrn. Als er ſie gegen Mittag erreichte, jauchte er laut auf, denn die angeblich ge⸗ ſtohlenen Pferde grasten wahr und wahrhaftig ganz 8 gemüthlich in der Nähe von Blunt's Hüͤtte. Hans trat in dieſe hinein. Mr. Blunt befand ſich mit den Seinigen darin, und wurde beim Erſcheinen ſeines ehe⸗ maligen Knechtes vor Schrecken blaß. Aber er faßte ſich ſogleich wieder. „Kerl,“ ſchrie er Hans zu,„— was habt Ihr noch hier zu thun? Packt Euch!“« „Ja, aber erſt nach Empfang meines Lohnes;“ ver⸗ ſetze Hans.„Gebt mir meinen Lohn, Herr! Ihr ſeid mir ihn ſchuldig!“ „Den Teufel bin ich!“ brüllte Mr. Blunt, und griff nach ſeiner Flinte.„Ich rathe Euch, geht und laßt Euch nie wieder hier blicken, oder wir ſchießen Euch nieder.“ „Erſt mein Geld her!« entgegnete Hans trotzig und trat näher.. Da krachte der Schuß und die Kugel flog dicht an Hans' Ohr vorüber Er blieb entſetzt ſtehen, und der Farmer griff nach einer anderen Flinte, deren Lauf er drohend auf Hans richtete. S „Ihr ſeht, ich ſpaſſe nicht!“ ſagte er.„Geht, oder der nächſte Augenblick iſt Euer letzter!« „Ihr wollt mich alſo wirklich um meinen verdienten Lohn betrügen?« fragte Hans. „Geht!“ lautete die Antwort. ſauer „Gut!« ſagte Hans wüthend.„Ihr ſeid ein Schurke! Hütet Euch! Kann ich mein Geld nicht haben, ſo will ich wenigſtens Rache!“ 3 Er wandte dem ungaſtlichen Hauſe den Rücken zu, und verſchwand. In der dritten Nacht darauf aber zündete er mit eigener Hand das Haus des Farmers an, und es brannte nieder bis auf den Grund mit allen Winter⸗Vorräthen in den Scheuern. Hans hatte in ſündlichem Zorn ſein Müthchen ge⸗ kühlt und Rache geübt;— Geld aber hatte er trotzdem nicht, er war ſo arm, wie er nur je geweſen ſeit ſeiner Ankunft in Amerika. Sechstes Kapitel. Die Heimkehr. Wenn Hans leben wollte, ſo mußte er wieder Arbeit ſuchen, Er erinnerte ſich, daß der große Haupt⸗ Strom Amerika's, der Miſſiſſippi, nicht weit entfernt von der Farm vorüber floß, und hoffte an ſeinem Ufer noch am ſchnellſten und leichteſten ein Unterkommen zu finden. Dem Laufe des kleinen Flüßchens folgend, der in dem Miſſiſſippi einmündete, erreichte er nach müh⸗ ſamer Wanderung hungrig und durſtig den Strom, und eine kleine Stadt, die an dem Ufer deſſelben lag. Ver⸗ gebens bemühte er ſich aber um Arbeit in dem kleinen, aber erſt nur im Entſtehen begriffenen Neſte, und mußte ſchließlich noch froh ſein, ein Unterkommen als Heizer — 8⁵ er großen Miſſiſſippi⸗Dampfſchiffe zu fin⸗ auf einem der den. Hier gab es freilich wieder ſchwere, und beſon⸗ ders heiße Arbeit, aber ſie wurde wenigſtens gut be⸗ zahlt, und die Koſt auf dem Schiffe war reichlicher und ſſer, als er ſie je in Amerika gefunden hatte. So mes ſeine Stellung ſonſt hatte,— denn er konnte nur ſelten das Schiff verlaſſen, und mußte faſt immer in den erſtickend heißen Räumen des Zwi⸗ ſchendecks verweilen, um das Feuer unter dem Dampf⸗ keſſel zu ſchüren,— war er doch feſt entſchloſſen, hier ſo lange auszuhalten, bis er ein Sümmchen Geld ge⸗ ſpart hätte, welches hinreichte, die Koſten der Ueber⸗ fahrt nach Europa zu decken. Mit unbeſchreiblicher Sehnſucht gedachte er immer und immer wieder ſeiner Eltern, und hegte keinen heiße⸗ ren Wunſch in ſeinem Herzen, als heimkehren und, um Verzeihung flehend, ihre Kniee umklammern zu können.. Dieſe Sehnſucht, dieſes Verlangen ſtählte ſeinen 2 anger als ein Jahr blieb er auf dem Schiffe, erfüllte mit eiſerner Ausdauer ſeine Pflicht, ugen und jeder Zerſtreuung, und erreichte o endlich das Ziel ſeines Strebens. Bei der letzter Fahrt, die er mit dem Dampfſchiffe nach New⸗Orlean machte, wo er ſich nach Europa einſchiffen wollte, hat er volle zweihundert Dollars in ſeiner Taſche, die e ich redlich erworben und unter Entbehrungen aller Art mühſam erſpart hatte. Schon ſah er ſich im Geiſte auf einem Schiffe, das ihn der Heimath entgegen trug ſah ſich daheim im Hauſe ſeines ſchwer beleidigten Va ters, in den Armen ſeiner liebenden Mutter,— d ſpielte ihm das Schickſal noch zuletzt einen böſ 86 in Amerika, dem er beinahe zum Opfer gefallen wäre. Nicht ungeſtraft ſollte er das Vaterland wiederſehen. Es war, als ob Gott ihn züchtigen wollte dafur, daß er im Zorne den Feuerbrand in das Haus ſeines frü⸗ heren Herrn geſchleudert hatte, denn eben auch durch Feuer hätte er faſt noch in den letzten Tagen ſeines Verweilens in Amerika ſein Leben eingebüßt. Bei einer Wettfahrt mit einem anderen Dampf⸗ ſchiffe gerieth dasjenige, auf dem Hans ſich befand, plötzlich in Brand, und die Flammen griffen mit einer ſolchen raſenden Heftigkeit um ſich, daß man nach einer kurzen halben Stunde ſchon jede Hoffnung auf Erhal⸗ uung des Fahrzeugs aufgeben mußte. Hans hatte in redlichem Eifer ſein Beſtes gethan, um die Flammen davon getragen, ohne dem Brande Einhalt thun zu können. Als endlich der allgemeine Ruf:„Rette ſich, wer kann!“ ertönte, als ſelbſt der Kapitän des Dampf⸗ ſcchiffes dieſem Rufe beiſtimmte, gaben die löſchenden eeute ihre vergeblichen Bemühungen auf. Auch Hans wwendete der Gefahr den Rücken, ſteckte ſein Geld und ſſeine übrige beſte Habe zu ſich, und ſprang über Bord des brennenden Schiffes in den Fluß. Zu ſeinem Glücke donnte er ſchwimmen und ſich ſo lange über Waſſer er⸗ halten, bis er von einem anderen Dampfer, der zur Hülfe und Rettung der Verunglückten herbei eilte, auf⸗ gefiſcht und in Sicherheit gebracht wurde. So war er allerdings dem Tode entronnen und hatte auch noch ſein mühſam erworbenes Geld gerettet, aber, in New⸗ Drleans angekommen, konnte er nicht gleich die Reiſe n ach ſeiner Heimath antreten, ſondern lag einige Wo⸗ her hindurch an ſeinen Brandwunden krank darnieder, eerſticken zu helfen, dabei aber nur einige Brandwunden 27 87 von doppelten Schmerzen gefoltert, Schmerzen des lei⸗ denden Körpers, und der vor Heimweh erfüllten Seele. Endlich genaß der Arme. Der letzte Unfall, den er erlitten, hatte nur ſein Verlangen geſchärft, den ame⸗ rikaniſchen Boden zu verlaſſen, auf welchem nun ein⸗ mal, wie es ſchien, keinerlei Heil für ihn blühete, und ſein erſter Gang nach ſeiner Geneſung war an den Hafen, wo er ein zur Fahrt nach Europa beſtimmtes Schiff aufſuchte. Er fand ihrer mehrere, und ſogar ein Dampfſchiff, das ſchon am andern Tage Anker lichten wollte. Dieſes wählte er zur Ueberfahrt, ging ſogleich an Bord, bezahlte ſein Paſſage⸗Geld, und erwartete nun mit freudiger Ungeduld den Augenblick der Abfahrt. Auch dieſer kam endlich. Die mächtigen Schorn⸗ ſteine des Dampfers ſtießen dicke Rauchſäulen aus, die Räder peitſchten das Meer, und leicht wie ein Vogel glitt das Schiff uͤber die Wogen hin,— der Heimath entgegen. Hans empfand eine ſo beſeligende Freude 2. hierüber, wie er ſie nie empfunden, ſeit er das väter⸗ liche Hans verlaſſen hatte. Und wohl war dieſe Freude gerechtfertigt. Gebeſſert, gründlich gebeſſert, kehrte Hans heim, und durfte deßhalb wohl die Hoffnung he⸗ gen, für ſeine früher begangenen Fehler die Verzeihung der Eltern zu erlangen. Glücklich und ſchnell ging die Ueberfahrt von ſtat⸗ ten. Ohne Unfall erreichte das Schiff Bremerhaven, von wo aus Hans ohne Aufenthalt ſeine Reiſe weiter fortſetzte. An einem ſchönen Sommer⸗Abende, als es bereits dunkelte und die erſten Sterne vom Himmel hernieder glänzten, betrat Hans nach langer Zeit zum erſten Male wieder ſeine Vaterſtadt. Mit klopfendem Herzen 88 eilte er durch die Straßen, der wohl bekannten, lieb voertrauten Gegend zu, wo das Haus ſeines Vaters lag. Jetzt erblickte er es,— jetzt ſtand er dicht davor, und eine unbeſchreibliche Seligkeit ſchwellte ſeine Bruſt. In der Wohnſtube war ein Fenſter geöffnet, damit die kühle Abendluft einſtrömen konnte; die Lampe ſtand angezündet auf dem Tiſche; an demſelben, in den be⸗ quemen Polſterſtuhl zurückgelehnt, ſaß der Vater; ihm gegenüber die Mutter. Vor dem Vater lag ein Buch aufgeſchlagen. Mit bewegter Stimme las er der Mut⸗ 5 ter daraus vor. Der Abend war ſtill und ruhig, das Geräuſch des Lebens aus den Hauptſtraßen drang nicht bis hierher, Hans konnte daher jedes Wort verſtehen, was in der Stube geſprochen oder vorgeleſen wurde. Anfänglich horchte er aber nicht auf des Vaters Vorleſen, ſondern betrachtete nur ihn und die Mutter mit zärtlichen, bald von heißen Thränen verdunkelten Blicken, Thränen, die ihm unwillkührlich in die Augen ſchoſſen. Nach einer Weile verſtummte der Vater, und ſah die Mutter fragend an. »Wenn es dich nicht zu ſehr anſtrengt, lieber Mann, ſo moͤchte ich wohl noch die Geſchichte vom verlorenen Sohne hören,“ ſagte jetzt die Mutter.„Du weißt, ich höre ſie ſo gern. Ich denke dabei unſeres eigenen ver⸗ irrten und verlorenen Kindes, und hoffe immer noch, daß auch Er eines Tages gebeſſert und reuig an das Herz ſeiner Eltern zurückkehren werde.“ „Leſen will ich ſchon recht gern, gute Katharine,« verſetzte der Vater,—„nur fürchte ich, daß dich die 4 Geſchichte wieder ſehr angreifen wird. Ich ſehe ja im⸗ mer die hellen Thränen in deinen Augen ſtehen, wenn ich ſie vorgeleſen habe.“ „Kümmere dich nicht darum, lieber Mann,“ erwie⸗ derte die Mutter.„Wenn ich weine, ſo ſind es Thrä⸗ nen, die mir das Herz erleichtern.“ „Nun, ſo ſei es denn, in Gottes Namen,“ ſprach der Vater und ſchlug die Stelle nach, wo in der Bibel die Geſchichte vom verlorenen Sohne erzählt wird. Er las, und Hans draußen am Fenſter hörte und verſtand jedes Wort. Dieſe Worte lauteten alſo: „Und er ſprach: Ein Menſch hatte zween Söhne. Und der Jüngſte unter ihnen ſprach zum Vater: Gieb mir, Wnter, das Theil der Güter, das mir gehöͤret. Und er theilete ihnen das Gut. Und nicht lange darnach ſammelte der jüngſte Sohn Alles zuſammen, und zog ferne über Land; und daſelbſt brachte er ſein Gut um mit Praſſen. Da er nun alles das Seine verzehret hatte, ward eine große Theurung durch daſſelbige ganze Land, und Er fing an zu darben; und ging hin und hängete ſich an einen Bürger deſſelbigen Landes, der ſchickte ihn auf ſeinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrete ſeinen Bauch zu füllen mit Träbern, die die Säue aßen; und Niemand gab ſie ihm. Da ſchlug er in ſich und ſprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brod die Fülle haben, und Ich verderbe im Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm ſagen: Vater, ich habe ge⸗ ſündigt in dem Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht mehr werth, daß ich dein Sohn heiße; nehme mich als einen deiner Tagelöhner.— Und er machte ſich auf und kam zu ſeinem Vater. Da er aber noch ferne von 90 dannen war, ſahe ihn ſein Vater und jammerte ihn, lief und fiel ihm um ſeinen Hals und küßte ihn. Der Sohn aber ſprach zu ihm:... So weit war der Vater mit dem Vorleſen gekom⸗ men, als er plötzlich unterbrochen wurde. Die Stuben⸗ thür ſprang auf, Hans mit bittend erhobenen Händen, mit von Thränen überſtrömtem Geſicht trat in das Zimmer, warf ſich ſeinem Vater zu Fuͤßen, und ſprach mit halb erſtickter Stimme: „Vater, mein Vater, ich habe geſündigt im Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr werth, daß ich dein Sohn heiße! Nimm mich auf nur als einen deiner geringſten Tagelöhner!“ Die Mutter ſchrie laut vor Freude und Entzücken, und kniete neben ihrem Sohne nieder, um ihn in ihre Arme zu ſchließen und zu küſſen. Der Vater aber blickte ernſt und ſtrenge, und ſchüttelte leiſe das Haupt. „Zurückgekehrt alſo!“ ſagte er.„Und du glaubſt, daß ich dich wieder in mein Haus und an mein Herz nehmen werde, Hans?“ 3 „Oh, Vater, ſo Großes verlange ich nicht von dir,“ verſetzte Hans,—„geſtatte mir nur, daß ich'es ver⸗ ſuche, deine Zuneigung und väterliche Zuneigung wieder zu gewinnen, und dich zu überzeugen, daß ich reuevoll und gebeſſert zurückgekehrt bin!« Der Vater runzelte leicht die Stirn, ohne ſogleich zu antworten, die Mutter aber ſprach: „Oh, beſter Mann, willſt du denn härter und ſtren⸗ ger ſein, als der Vater des verlorenen Sohnes, von welchem in der Bibel geſchrieben ſteht? Du kannſt ihn nicht verſtoßen, den Sohn, unſer einziges Kind, das reuig heimkehrt und zu deinen Füßen um Verzeihung bittet 1 er reichte „Wenn Beſſerung ihn ſein. wir es zog die üſſen be⸗ In; auch ſen. eichwohl Beweiſe— 3 Vater te Hans h hinzu: es an d, ehr⸗ 9 heſchaut ten der Hans ündlich erlichen In der wiſſen⸗ heiden, b wurde volles bends, 94 Noch zögerte der ſtrenge Vater; endlich aber reichte er dem Sohne die Hand. »„Steh' auf!« ſagte er milder, als vorhin.„Wenn du wirklich Reue empfindeſt und dir ſelbſt Beſſerung angelobt haſt, ſo ſollſt du wieder mein Sohn ſein. Bleibe denn für jetzt,— noch einmal wollen wir es mit einander verſuchen!“ Hans jauchzte laut auf vor Freuden, und zog die Hand des Vaters an ſeine Lippen, ſie mit Küſſen be⸗ deckend. Die Mutter weinte ſtille Wonnethränen; auch der Vater konnte einige Rührung nicht verbergen.“ »Freuet Euch nicht zu früh!« ſagte er gleichwohl mit warnender Stimme.»Hans muß mir erſt Beweiſe ſeiner Beſſerung geben, ehe ich ihm wieder ganz Vater ſein kann!“ »Ich werde ſie dir geben, Vater;“ erwiederte Hans betheuernd; und die Mutter fügte zuverſichtlich hinzu: „Gewiß, Vater, gewiß, er wird es! Ich ſehe es an ſeinem ganzen Weſen, und an ſeinen offenen, ehr⸗ lichen Augen, aus denen er nie. ſo wie heute geſchaut hat!«——— Die gute Zuverſicht und das feſte Vertrauen der Mutter wurde in keiner Beziehung getäuſcht. Hans hatte in der Fremde den Werth der Heimath gründlich ſchätzen gelernt, und fühlte ſich unter dem väterlichen Dache vollkommen glücklich und zufrieden. In der Werkſtelle galt er bald für den fleißigſten und gewiſſen⸗ hafteſten Arbeiter; im Hauſe zeigte er ſich beſcheiden, genügſam und unterwürfig. Von Tage zu Tage wurde der Vater freundlicher gegen ihn, und endlich, ein volles Jahr nach ſeiner Rückkehr, umarmte er ihn eines Abends, drückte ihn an die Bruſt und küßte ihn. 92 »„Du haſt das Prüfungsjahr gut beſtanden, Hans,“ ſagte er herzlich,—„von jetzt an biſt du wieder mein Sohn. Hüte dich aber, wieder in deine alten Fehler zu verfallen!«— Hans hörte ihn und hütete ſich wohl. Er blieb 5 die Freude, und wurde nach und nach der Stolz ſeiner Eltern. Seine Fehler beherrſchte er, in den häuslichen Tugenden, in Fleiß und gutem Betragen ſtrebte er vor⸗ wärts. Jenſeit des Meeres hatte er gelernt, wo⸗ von er früher nichts wiſſen gewollt, nämlich: Anhäng⸗ lichkeit an die Heimath, Hochachtung, Ver⸗ ehrung und Liebe zu ſeinen Eltern.— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. Runnnn ſſſſffffff dl Tffffſſfſſnnſnnſſſſſfſſinnſſſnnſinnſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 2 .— — “ 8— „ 8 * 85 5 ☛ 4 ö