V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur) . von„. Eduard Ottmann in Gießen, ſe Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 Nit.— Pf. „ 3„„—„ 3„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlöorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lun Erſatz des Ganzen verp flichtet.. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— —--———— „ ——ͤ 9 = 4 Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Hoffmann. 4 Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1852. ————C—õ————— Erſtes Kapitel. Eine Hamburger Familie. Herr Daniel Brockhuſen zählte zu den reichſten Kaufherrn der reichen und prachtvollen Welt⸗Handels⸗ ſtadt Hamburg. Zwei große palaſtähnliche Häuſer wa⸗ ren ſein Eigenthum. Das Eine, ganz in der Nähe des Hafens gelegen, enthielt die Räumlichkeiten für ſeinen weit ausgedehnten Geſchäftsbetrieb, die Comtoir⸗ Stuben mit ihren zwanzig und mehr Buchhaltern und Schreibern, die Packhäuſer mit ihren Aufladern und Markthelfern, und die ungeheuren Waaren⸗Nieder⸗ lagen, wo ſich die Erzeugniſſe aller Länder und Völker aufgeſtapelt fanden. Das andere Haus, ein wirklicher Palaſt, den zu bewohnen kein Furſt ſich zu ſchämen brauchte, war eine Zierde des Jungfernſtieges am Al⸗ ſter⸗Baſſin, dieſer wunderſchönen Promenade, deren Gleichen kaum noch eine andere Stadt in der Welt aufzuweiſen vermag. Dies war ſein Wohnhaus im Winter; den Sommer über wohnte er mit ſeiner Fa⸗ Jeder in ſeiner Weiſe. 1 2 milie in einer ebenfalls ihm gehörigen anmuthigen Villa am Ufer der Elbe, welche von einem großen, ſchönen Garten umgeben war, und die reizendſten Ausſichten über die Stadt und den ſtets von Schiffen belebten Spiegel des Fluſſes darbot. Da die Villa nur eine halbe Stunde von der Stadt entfernt lag, ſo war der Geſchäfts⸗ und andere Verkehr mit derſelben leicht und bequem, und man hätte daher auch der Wagen und Pferde entbehren können, welche Herr Brockhuſen in ſeinen Ställen und Remiſen hatte. Indeß, der große Reichthum brachte einmal ſolchen Luxus mit ſich, und es machte den Aufenthalt auf dem Lande nur noch an⸗ genehmer, daß man jede Stunde und Minute über Pferde und Wagen verfügen konnte. Die Handelsverbindungen des reichen Kaufherrn dehnten ſich über faſt alle bewohnten Länder der Erde aus. Seine Schiffe ſegelten auf allen Meeren, und führten ihm die Schätze aller Zonen zu. Seine Wal⸗ fiſchfahrer brachten aus den fernen Polarmeeren Fiſch⸗ bein und Thran; ſeine Oſtindienfahrer liefen reich be⸗ frachtet mit Gewürzen, köſtlichen Seidenſtoffen und Färbehölzern in den Hafen ein; Weſtindien ſandte Kaffee, Zucker, Reis, Cocosnüſſe, Tabak und Baum⸗ wolle; Afrika Straußfedern, Elfenbein und koſtbare Pflanzen⸗Harze, allerlei Südfrüchte, wie Datteln und Feigen, Häute, Pelz und Wein,— kurz, was die Erde an köſtlichen Erzeugniſſen hervorbringt, ſtrömte von Nord und Süd, von Oſt und Weſt in den Lager⸗ räumen des Herrn Brockhuſen zuſammen, um von hier aus wieder in alle Welt auszugehen. Durch dieſen in ſo großartigem Maaßſtabe betrie⸗ benen Handel erwarb Herr Brockhuſen großen Reich⸗ —— 4 — 3 3 thum, und Gottes Segen ſchien recht ſichtbarlich auf ihm zu ruhen, vielleicht, weil er ſeinen reichen Ver⸗ dienſt, zu einem großen Theil wenigſtens, in einer Weiſe anwendete, die Gott und Menſchen zur Freude gereichen mußte. Herr Brockhuſen war ein Vater der Armen und Bedrängten, und ſeine freigebige Hand ſtand für Jeden offen, der des Beiſtandes beduͤrftig und würdig war. Müßiggänger und Tagdiebe ſprachen ihn freilich ſtets vergebens um Almoſen an; arme Witt⸗ wen und Waiſen aber, rechtſchaffene Handwerker und Arbeiter, ſtrebſame, aber Farme junge Leute jeden Stan⸗ des fanden ſtets bei ihm guten Rath und offene Kaſſe, und die milden Anſtalten ſeiner Vaterſtadt zählten ihn zu ihren großmüthigſten Wohlthätern und ſegneten ſein mildes und gütiges Herz. Wie geſagt, Gott lohnte ihm dafür ſchon auf Er⸗ den. Wie Herr Brockhuſen geſegnet war in ſeinen Ge⸗ ſchäften, ſo auch in ſeinem Hauſe und ſeiner Familie. Eine vortreffliche Frau ſtand ihm zur Seite, und un⸗ terſtützte ihn redlich bei ſeinen Sorgen und Bemühun⸗ gen um die Armen, die Kranken und Bedürftigen; und ſein Sohn Adelbert, ein fröhlicher, friſcher Knabe von etwa zwölf oder dreizehn Jahren erhöhte noch ſein Glück, da er bei ſeinen natürlichen Anlagen und Fä⸗ higkeiten, bei ſeiner Herzensgüte, und bei einem ſteten lobenswerthen Fleiße dereinſt ein tüchtiger Mann, dem Vater ähnlich, zu werden verſprach. Allerdings hatte er wohl auch ſeine kleinen Fehler, Launen und Eigen⸗ heiten, von welchen ſelten, ſelbſt ein ſonſt recht wacke⸗ res Kind nicht, ganz frei iſt, aber Alles in Allem ge⸗ nommen rechtfertigte doch ſein ganzes Weſen und Be⸗ 1* nehmen die frohen und zuverſichtlichen Hoffnungen, welche die Eltern auf ſeine fernere Entwickelung bauten. Nur ein einziger Zug in der Gemüthsart des Kna⸗ ben erregte zuweilen im Herzen des Vaters einige Be⸗ ſorgniſſe, nämlich ein gewiſſer Hang zum Schwärme⸗ riſchen und Abentheuerlichen, der ſich bei verſchiedenen Gelegenheiten äußerte und in der allzu lebhaften Phan⸗ taſie Adelberts ſeinen Grund hatte. Er las gern und viel unterhaltende und belehrende Geſchichten, aber ſolche waren ihm doch immer die liebſten, in denen von un⸗ gewöhnlichen und ſeltſamen Schickſalen erzählt wurde. Das wäre nun gerade kein Fehler geweſen, denn die Auswahl der Buͤcher, welche in ſeine Hände gelangte, wurde auf das Sorgfältigſte von ſeinen Eltern und Erziehern überwacht,— aber der Fehler lag darin, daß Adelbert, wenn er dergleichen Geſchichten las, mit allem ſeinem Sinnen, Träumen und Denken ſo gänz⸗ lich ſich hineinverſenkte, daß er ſie gleichſam mit er⸗ lebte und dann auch in Wirklichkeit erleben wollte. So hatte er zum Beiſpiel erſt im vorigen Jahre von ſeinem Vater zum Geburtstage Campe's Robinſon bekommen, und ſich nach gewohnter Weiſe ſogleich in das Leſen des anziehenden Buches vertieft. Es brachte eine wunderbare Wirkung auf ihn hervor. So hatte ihm noch kein Buch gefallen, ſo noch keines ihn ge⸗ feſſelt und ſein ganzes Gemüth in Anſpruch genommen, wie dieſes. Zwei, dreimal las er es hinter einander durch von der erſten bis zur letzten Seite, und der arme Robinſon auf der wüſten Inſel im fernen Welt⸗ meere, allein, einſam, verlaſſen von aller Welt erregte immer von Neuem ſeine innigſte Theilnahme. Bis dahin war Alles ganz gut und in der Ord⸗ — — —— 5 nung; auf einmal aber fiel es ihm ein, wie reizend es ſein müßte, wenn er ſelber einmal ſo eine Art von Robinſons⸗Leben führen könne, und von dieſem Augen⸗ blick an ruhete er nicht, bis ihm geſtattet wurde, we⸗ nigſtens einen Verſuch der Art zu machen. Die Eltern wehrten zwar anfangs und ſtellten ihm vor, wie thö⸗ richt und geradezu lächerlich ſein Verlangen ſei; aber Adelbert bat und flehte ſo lange, bis endlich das Herz der Eltern erweicht wurde. „Nun denn, da er durchaus darauf beſteht,« ſagte der Vater heimlich zur Mutter,„ſo laſſen wir ihm ſei⸗ nen Willen. Bei jetziger Jahreszeit, im hohen Som⸗ mer, bei den warmen Nächten kann keine Gefahr da⸗ bei ſein, und im Uebrigen bin ich uͤberzeugt, daß das ganze Vergnügen nicht lange dauern wird. Ein tüch⸗ tiger Regenguß wird das Robinſons⸗Fieber bald genug dämpfen.“ Alſo Adelbert erhielt endlich die erſehnte Erlaubniß und ging jubelnd an's Werk, ſeine Pläne auszuführen. Ein entfernter Winkel des Gartens wurde ihm einge⸗ räumt, er baute ſich mit eigenen Händen eine leichte Hütte aus Reiſigbuͤndeln darin, zäunte den Platz rings⸗ um ein, nahm ein paar Ziegen mit ſich, welche Ro⸗ binſons Lama's vorſtellen ſollten, und richtete ſich dar⸗ auf ein, mehrere Wochen in Einſamkeit und Entbeh⸗ rung aller gewohnten Bequemlichkeiten zuzubringen. Ein paar Bündel Heu und eine Wolldecke ſollten ſein Lager ſein, die Milch der Ziegen ſollte ihm, nebſt etwas Brod, das man ihm täglich über die Einzäu⸗ nung reichte, zur Nahrung dienen, und zum Zeitver⸗ treibe wollte er allerlei Geräthſchaften verfertigen, die 6 ihm dann ſpäter zum ewigen Andenken an ſein Ein⸗ ſiedler⸗Leben dienen konnten. Er hatte ſich das Alles ganz wunderhübſch in Ge⸗ danken ausgemalt, und zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß er wenigſtens einige Wochen lang das groͤßte Vergnügen an dieſem abentheuerlichen Treiben finden werde. Aber es kam Alles anders, als er dachte, und für diesmal hatte der Vater recht behalten. Adelbert, an ſein bequemes Bett mit weicher Ma⸗ tratze gewöhnt, verbrachte eine jämmerliche Nacht auf dem elenden Heulager; am andern Morgen wollten ſich die Ziegen nicht von ihm melken laſſen, da er ſich nicht darauf verſtand, ſo daß er ſich für dieſen Tag mit Brod und Waſſer zur Nahrung begnügen mußte; und in der folgenden Nacht kam ein tüchtiger Regen⸗ guß, der vollends alle Begeiſterung auslöͤſchte. Die Näſſe drang reichlich durch ſeine ſchlecht verwahrte Rei⸗ ſig⸗Hütte, und auch die wollene Decke gewährte auf die Dauer nur geringen Schutz. Ehe Mitternacht her⸗ an kam war Adelbert durchnäßt bis auf die Haut, und ſein Heulager war eingeweicht, wie ein naſſer Schwamm. Er ſtand auf und blickte nach dem Himmel. Kein Sternlein blickte ihm freundlich und tröſtend entgegen, aber die fallenden Tropfen rauſchten fort und fort auf die Blätter der Bäume herab. »Das iſt ungemüthlich,« dachte er.»Es ſcheint nicht, als ob der Regen bald aufhören wolle, und ich finde, daß ſich der Robinſon doch weit angenehmer leſen, als ſpielen läßt. Thorheit, ich gehe nach Hauſe!« Und richtig, ohne längeren Aufenthalt weiter, ver⸗ ließ er ſeine romantiſche Hütte, brach ohne alle Um⸗ 7 ſtände die mühſam errichtete Verzäunung nieder, und trabte nach der Villa. Triefend von Regen, mit einiger⸗ maßen verlegenem Geſichte, trat er ein, und wurde lachend von den Aeltern empfangen, welche dieſen Aus⸗ gang des Abenteuers mit Beſtimmtheit erwartet hatten. Ein leuchter Schnupfen war die Folge deſſelben, und von dem Robinſon⸗Fieber war Adelbert für immer gründlich geheilt. Aber andere kleine Fieber ſtellten ſich von Zeit zu Zeit ein, und ſo auch eines Tages das Seefahrer⸗Fieber, als Adelbert einige ſeine Phantaſie aufregende und feſſelnde See⸗Abenteuer geleſen hatte. Nun hielt er wieder keine Ruhe und bettelte ſo lange, bis der Vater eine kleine Seereiſe mit ihm nach Helgoland machte. „Wenn nur wenigſtens ein Sturm käme,“ meinte er, als das Dampfſchiff bei Curhaven rauſchend in das Meer hinein ſchoß.„Das wäre eine Luſt, Vater! Bei ſo glattem Waſſer macht die Seefahrt keinen rechten Spaß.“ „Ich denke, ſie wüͤrde dir noch weniger Spaß ma⸗ chen, wenn deine Sehnſucht nach einem Sturme erfüllt würde,“ entgegnete der Vater trocken.„Die Beſchrei⸗ bung eines Sturmes auf dem Meere, daheim im be⸗ haglichen Zimmer zu leſen, mag recht ſchön ſein, aber auf dem Meere ſelber ihn zu erleben, dafür danke ich, und ziehe günſtigen Wind und glattes Waſſer vor.“ „Aber, lieber Vater,“ antwortete Adelbert ſchmollend, —„eine ſolche Seefahrt wäre ja faſt weiter nichts, als eine Spazierfahrt mit der Gondel auf dem Alſter⸗Baſſin! Nein, nein, ich lobe mir einen Sturm, der brauſend über die Wogen einherfährt, im Takelwerk raſſelt und Sprühwelle auf Sprühwelle über das Verdeck hin ſchleudert, während das Schiff unter ſeinem Athem er⸗ zittert, und von dem empörten Waſſer bald hoch empor, bald tief hinunter in Abgründe geſtoßen wird. Solch' ein Sturm wäre meine Luſt, und unerſchütterlich wuͤrde ich ihm hier am Maſte Stand halten!« „Schöͤn geſagt, mein Sohn,« entgegnete Herr Brock⸗ huſen lächelnd.„Bei alledem möchte ich nicht, daß dein Heldenmuth auf die Probe geſtellt würde.« „Gleichwohl kann es der Fall ſein, Herr,« ſagte der Kapitän des Dampfſchiffes, welcher, in der Nähe ſtehend, gutmuthig, aber doch ein bischen ſpöttiſch lächelnd, die Unterredung mit angehört hatte.„Ja, ja, Herr Brockhuſen, es kann Rath werden zu einem kleinen Stürmchen, gerade nicht allzuſchlimm, aber doch luſtig genug, um dem jungen Herrn einen Vorgeſchmack. von einem ächten Nordweſter zu geben. Die Wolken dort am Horizonte werden bald genug herauf ſein!« „Aber es iſt doch keine Gefahr dabei?« fragte Herr Brockhuſen nicht ohne Beſorgniß. »Ei, Gott behute, Herr,« entgegnete der Kapitän, zuverſichtlich. Nur ein kleiner Gewitterſturm. In einer Stunde höchſtens iſt Alles vorbei. Sie können ganz ruhig ſein, und ebenſo ruhig, den jungen Hertn auf Deck laſſen, falls es ihm Spaß macht.“« »Das iſt herrlich, Kapitaͤn!« rief Adelbert jubelnd aus.„Wie freu' ich mich! Wenn's nur recht wild hergeht, daß wir ordentlich tanzen auf dem Waſſer!« »Nun, ich meine, es wird gerade luſtig genug tan⸗ zen, um Sie ganz und gar zufrieden zu ſtellen, junger Herr!« ſagte der Kapitän mit einem harmlos verſchmitz⸗ ten Blinzeln der Augen.»Halten Sie nur brav Stand — 9 am Maſte, bis Alles vorüber iſt, dann können Sie der Frau Mutter daheim etwas erzählen!“ Verſtohlen lachend wandte ſich jetzt der Kapitän ab, um einige Befehle in Bezug auf den erwarteten Sturm zu ertheilen, und Adelbert faßte mittlerweile bei dem Maſte Poſto, und ſchaute mit hellen Blicken dem nahen⸗ den Ungewitter entgegen. „Sieh', Vater, das iſt ſchön, das iſt erhaben,“ ſagte er mit funkelnden Augen.„Sieh', dieſe düſteren Wol⸗ ken, die wie ein rieſiger ſchwarzer Vogel mit weit aus⸗ gebreiteten Schwingen uͤber das Meer heranfegen und üͤberall ſeinen Glanz auslöſchen! Wirklich ein maje⸗ ſtätiſcher, ein herrlicher Anblick!“« „Nicht übel geſchildert,« erwiederte der Vater ein wenig ſpöttiſch.„Bei alledem wäre mir's doch lieber, der rieſige ſchwarze Vogel flöge mit ſeinen weit ausge⸗ breiteten Schwingen bei uns vorüber, anſtatt über uns hinweg zu fegen! Da, da, kommt es,— und ich glaube faſt, du wirſt bald mit mir gleicher Meinung ſein!« „Nein, Vater! Nein! Nicht um eine Welt moͤchte ich dieſen Aufruhr in der Natur entbehren!“ rief Adel⸗ bert mit kühn erhobenem Haupte.„Ja, da iſt der Sturm! Die Wogen rollen ſchaumgekrönt vor ihm her! Das iſt ein herrliches, ein prachtvolles Schauſpiel! Nichts Schöneres, als...« In dieſem Augenblicke erreichte eine der allerdings mächtig geſchwellten Wogen das Schiff, warf es mit Ungeſtuͤm etwas zur Seite, und ſchleuderte ihren ſchäu⸗ menden Giſcht gleich einem Sprühregen über das Deck. Der plötzliche Ruck kam unſerem Adelbert eben ſo un⸗ erwartet, als die ſalzige Sprühe. Seine Kniee wank⸗ ten unter ihm, er taumelte, und wäre ſicherlich zu Boden 10 gefallen, wenn der Vater ihn nicht noch mit kräftigem Arme gehalten hätte. Ziemlich verdutzt ſchaute Adelbert drein, während er in ängſtlicher Beſtuͤrzung mit beiden Händen an den Vater ſich anklammerte. Die Worte erſtarben ihm im Munde, und erſt nach einem Weilchen gewann er wieder ſeine Faſſung. »Oho!“ ſagte er,„das kam überraſchend. So hab' ich's mir freilich nicht gedacht! Aber es thut nichts! Jetzt ſoll mir's nicht wieder ſo kommen, jetzt bin ich vorbereitet und ſtehe feſt, wie angewurzelt!« »Deſto beſſer!“ entgegnete der Vater⸗„Ich bin nur neugierlg, wie zähe die Wurzeln ſein werden!« „Zähe, wie Eichenwurzeln!« prahlte Adelbert, indem er ſich an das Tauwerk des Maſtes klammerte.„Nicht Sturm noch Wogen bringen mich jetzt von dieſer Stelle fort!« Der Vater zuckte leiſe die Achſeln, als ob er bei ſich dächte:„Nun, wir werden ja ſehen!« und das Gewitter kam indeſſen auf den Fluͤgeln des Windes raſch näher und näher. Jene erſten Wellen, welche Adelbert zum Taumeln gebracht hatten, waren nur die erſten Vorboten deſſelben geweſen, und jetzt brach es plötzlich mit Sturmesbrauſen, mit Regengüſſen, mit zuckenden Blitzen und rollenden Donner herein. Adel⸗ bert, obgleich von Sprühwellen und Regen überſchüt⸗ tet, hielt muthig Stand, die Blitze und Donnerſchläge erſchreckten ihn nicht, und ſelbſt das heftige Schwanken und Stampfen des Schiffes ſchien ihn wenig zu belä⸗ ſtigen, da er ſich mit beiden Händen an's Tauwerk des Maſtes anklammerte. Er jauchzte und jubelte laut im Sturm, Woge und ſtürmenden Regenguß hinein, ſein langes lockiges Haar flatterte luſtig im Winde, 81 1 11 ſeine Wangen gluͤhten von innerem Feuer und ſeine Augen ſtrahlten von Luſt und Entzücken— da, auf einmal, mitten im vollſten Jubel verſtummte er, die Röthe wich von ſeinen Wangen, ſeine Augen funkelten nicht mehr, und er ſah ganz erbärmlich und kläglich aus. „Was iſt dir?« fragte der Vater beſorgt, und um⸗ ſchlang ihn mit dem Arme. „Ach Gott,“ ſtöhnte Adelbert,„mir iſt auf einmal ſo übel und wehe! Ich weiß gar nicht, wie das kommt! Ach Jeſus, ich glaube, ich muß ſterben, ſo übel iſt mir!« „Oho, ſo ſchlimm iſt's nicht!“ rief die kräftige Stimme des Kapitäns, der ſich ganz in der Nähe ge⸗ halten, mit einem herzlichen, kurzen Lachen.»Es iſt eben nur ein bischen Seekrankheit, was Sie erfaßt hat, junger Herr! Wie, nun gefäͤllt Ihnen Sturm und Wellenſchlag wohl nicht mehr? Ja, ja, ich hab' es mir ſchon gedacht! Aber nur nicht angſtlich! Wenn die Kühlte vorüber iſt, verſchwindet die Krankheit von ſelber.“ Adelbert hörte wenig von den tröſtlichen Worten des Kapitäns, ſo jammervoll übel war ihm zu Muthe. Leichenblaß, zitternd und von kaltem Schweiße bedeckt, ſtand er da, lehnte ſich über die Bruſtwehr des Schiffes, wohin der Vater ihn führen und dort unterſtützen mußte, und brachte ſtöhnend und ächzend dem Meere den gewöhnlichen Tribut. Mit der Luſt am herrlichen Ungewitter war's vorbei, und Adelbert dankte ſeinem Schöpfer, als er nach ein paar qualvollen Stunden wieder feſten Boden, den rothen Felſen von Helgoland, unter ſeinen Füßen verſpürte. Auf einige Zeit hatte er nun an der Komantik — 13 „Ei, es ſtirbt ſich nicht ſo ſchnell, närriſcher Junge,“« erwiederte die Mutter lächelnd.„Ueberhaupt iſt es für dieſes Jahr zu ſpät, noch eine Harzreiſe anzutreten. Im Oktober iſt's kalt in den Bergen, und du würdeſt dich bald aus den feuchten Thälern und nebligen Schluchten nach Hauſe zurückſehnen. Habe Geduld bis zum nächſtem Fruhjahr, dann wollen wir weiter von der Sache reden, und vielleicht, wenn du während des Winters recht fleißig und brav wareſt, macht dir der Vater die Freude, deinen Wunſch zu erfüllen. Du weißt ja, er iſt ſo gut!« Bis zum nächſten Frühjahre war freilich noch eine lange Zeit, aber Adelbert ſah wohl ein, daß er bis dahin warten müſſe, denn der Oktober brachte ſchon in den nächſten Tagen kalte Regengüſſe, die nichts weni⸗ ger als zum Reiſen einluden. So vertröſtete er ſeine Sehnſucht bis auf Weiteres, gab ihr aber auch immer neue Nahrung, indem er alles Mögliche las, was er. ſich über das Harzgebirge und deſſen Schönheiten und Eigenthümlichkeiten verſchaffen konnte. Als dann end⸗ lich nach langem Harren der Frühling wirklich kam, als er die Bäume wieder in friſches Grün kleidete und mit dem warmen Sonnenſtrahle die bunten Blu⸗ men aus dem Schooße der Erde hervorlockte, als die Luft wieder milder wehte und ein blauer Himmel wol⸗ kenlos über die geſchmückte Erde herab lächelte,— da ließ es Adelbert keine Ruhe mehr. „»Mutter, der Fruͤhling iſt da!“ ſagte er.„Weißt du noch, was du mir im vorigen Herbſte verſprochen haſt? Wie ſchön und herrlich muß es jetzt in den Bergen und Thälern des Harzes ſein!« „Geduld, Geduld,“ vertroͤſtete lächelnd die Mutter. »Nächſte Woche iſt dein Geburtstag; wer weiß, was er dir Schönes bringt?« Adelbert ſtrahlte. Die Andeutung der Mutter erfüllte ſein Herz mit den ſüßeſten Hoffnungen, und eifriger als je las er in ſeinen Harzbüchern, und verträumte ganze Stunden darüber. »Ja, wer ſo ein Köhler wäre!« dachte er ſtill in ſich hinein.„Ein Köhler mitten im tiefſten Walde, deſſen Herr und Meiſter er iſt. Was muß der nicht Alles erleben und ſehen, während er ſeine Meiler auf⸗ bauet, den Brand entzündet und ſorgſam wacht, daß die innere Gluth nicht zu Tage bricht! Die ſcheuen Thiere des Waldes kommen zu ihm gewiß ohne alle Furcht, denn er verfolgt ſte nicht und tödtet ſie nicht, wie der erbarmungsloſe Jäger! Wenn ich ſolch' ein Köhler wäre! Ich baute mir eine grüne Hütte im Walde, recht im Schutz und Schatten einer breit⸗ wipfligen Eiche oder Buche; dann zähmte ich mir Hirſche und Rehe, und allerlei andere Thiere der Wildniß; die kleinen Vögel, die ſo hübſch ſind und ſo ſchön ſingen, würde ich an mich locken, und ihnen reichlich Futter ſtreuen, bis ſie ſo zahm würden, daß ſie ſich auf meine Hand und meine Schultern ſetzten; und Abends würde ich mir dann ſchöne Mährchen und Geſchichten von den anderen Köhlern, von den Bergleuten und den Jägern erzählen laſſen, die mich in meiner Einſamkeit beſuchten. Oh, kommen ſollten ſie ſchon zu mir, da⸗ für wollt' ich ſorgen, denn der Vater iſt ja reich und würde es mir gewiß an Nichts fehlen laſſen, während ich Alles herzlich gern mit ihnen theilen wuͤrde, nur um ihre ſchönen Geſchichten zu hören, vom wilden Jaͤger, von Elfen und Zwergen, von den Rieſenjung⸗ 15 frauen und von Prinzeſſin Ilſe, von dem wilden Jäger Hakelberg und der Tuturſel, die ſeinem geſpenſtigen Jagdzuge vorausfliegt, wenn er mit Peitſchenknall und Halloh über die Wälder daherſaust! Die da tief drin im Walde wohnen wiſſen ſicherlich zehnmal mehr ſolche Geſchichten, als in den Büchern ſtehen, und wie ſchön müſſen ſie ſich anhören ſo mitten in der Wildniß und in den Bergen drin, wo ſich Alles begeben hat, und wo vielleicht gerade ein neugieriger Kobold hinter dem nächſten Buſche verſteckt ſitzt, und auch zuhorcht, und kichert vor Freude über ſo manchen Schabernack, den er oder ſeine Brüder den kurzſichtigen Menſchenkindern geſpielt. Ja, das müßte herrlich ſein! Und wer weiß, wenn's der Vater nur zugibt, ſo thu' ich's und werde ein Köhler, und lebe dann froh und glücklich in der ſchönſten Waldeinſamkeit!“ Indeß, Adebert ſchien doch ſein Bedenken zu haben, ſchon jetzt von ſeinen Plänen und Abſichten zu reden. Er verrieth kein Sterbenswörtchen davon, erwartete aber mit lebhafter Sehnſucht ſeinen Geburtstag, welcher alle ſeine ſtill gehegten, heimlichen Wünſche zur Er⸗ füllung bringen ſollte. Endlich kam dieſer Tag; der zehnte Juni lachte mit hellem, ſonnigem Antlitze die blumenduftige Erde an, und Adelbert ſtand, ganz ſtrahlend vor Wonne, vor dem großen bekränzten Tiſche, auf welchem die liebende Sorgfalt der zärtlichen Aeltern eine Menge ſchöner Gaben ausgebreitet hatte. Adelbert war ſehr entzückt über Alles, am meiſten aber freute er ſich über einen vollſtändigen zierlichen und doch bequemen Anzug mit allerlei Sachen, welche bei einer Reiſe vortheilhaft zu gebrauchen ſind, als ein Wanderſtab, eine Taſche, 16 bequem über die Schulter zu hängen, ein Beſteck mit Bluürſten, Kämmen und dergleichen, ein zierliches kleines wie es bei Gebirgs⸗Wanderungen nie ein Reiſender entbehren ſollte. Alles lag ziemlich„und obenauf ein großer Zettel mit den Worten: „Zur Reiſe in den Harz.“ Adelbert jubelte. Wenn ihm ein Koͤnigreich geſchenkt worden wäre, er hätte ſich nicht glücklicher darüber fühlen können, als über ſeine Geburtstags⸗Beſcheerung,. welche ſeine lang gehegten heißen Wünſche noch über jede Erwartung hinaus erfüllte. In überſtrömender Wonne ſank er den Eltern an's He 3 rz und dankte ihnen mit den zärtlichſten Worten und Liebkoſungen. * gweites Kapitel. Im Har 3 e. — 4 Schon am folgenden Mor Frau Brockhuſen mit Adelbert nebſt der D er herrlich, die Luft von einer inheit, und 17 hoffen, daß man ſich längere Zeit hindurch des heiteren Sonnenſcheines und des klaren Himmels erfreuen könne. Adelbert trieb unterwegs ohne Raſt und Ruhe vor⸗ wärts. Die großen Städte, welche man auf der Reiſe berührte, hatten nur geringe Anziehungskraft für ihn, und er würdigte ſie kaum der flüchtigen Aufmerkſam⸗ keit. Was konnten ſie ihm bieten, da er aus Ham⸗ burg kam, dieſer prächtigen Stadt, mit der ſich, ſeiner Anſicht nach, keine andere meſſen konnte? Sein Sinn ſtand nach den Bergen und Thälern des Harzes, nach rieſelnden Quellen und rauſchenden Waldgipfeln, und als er zum erſten Male in der Ferne die blauen, duf⸗ tigen Linien des Brockengebirges gewahrte, da ſchrie er laut auf vor Entzücken, ſtreckte ſehnſüchtig die Arme darnach aus, und wünſchte ſich Vogelſchwingen, um gleich mitten in alle noch verhuͤllte Herrlichkeit hinein⸗ ſtürzen zu können. Wie ward ihm aber erſt, als er nun in der thauigen Friſche des nächſten Morgens zum erſten Male in ſei⸗ nem Leben eines der lieblichſten Thäler im Harze, das Selkethal, betrat, und nun in Wahrheit mit trunkenen Blicken Alles erſchaute, was ihm bis dahin nur in unbeſtimmten Nebelbildern, in ſchattenhaften, geſtaltloſen Umriſſen vor der Seele geſchwebt hatte! Hier rauſchte der Bach und hüpfte plätſchernd, gleich flüſſigem Kri⸗ ſtalle, über die bunten runden Kieſel in ſeinem Bette; rechts und links, hoch empor ragten die Berge, von dichter Waldung bedeckt, deren herrliches Grün in der ganzen Friſche des Frühlings prangte; die Wieſen mit ihren Millionen Blumenaugen hauchten köſtlichen Wohl⸗ geruch; blitzende Thauperlen hingen an den Halmen und Blättern, und ſtrahlten gleich funkelnden Diaman⸗ Ein Jeder nach ſeiner Weiſe. 2 18 ten aus den Kelchen der Blüthen; ein leichter blauer Duft lag auf den ferneren Hügeln; aus den kühlfri⸗ 4 ſchen, ſchattigen Baumwipfeln, von allen Seiten rings⸗ 3 um, ſchmetterte das Lied der geflügelten kleinen Sänger des Waldes; die Amſel flötete, der Fink jubelte hell hinaus in die Lüfte, die Nachtigal ſaß im dichten Er⸗ lengebüſche, und ſang in tiefen, herzergreifenden Tönen Aat den ſüßeſten Wohllaut; der Ruf des Kuckucks erklang weit, weit von drüben her, aus waldigem Berghang; — es litt Adelbert nicht im bequemen Reiſewagen, deſ⸗ ſen Raſſeln ihn ſtörte; er ſprang hinaus, die Eltern folgten ihm, und der Wagen fuhr eine Strecke voraus. Nun war's erſt recht ſchoͤn, da kein fremdes Ge⸗ räuſch mehr ſtörend und verwirrend das liebliche Con⸗ cert des Waldes übertönte! Mit Entzücken lauſchte, ſchaute, horchte Adelbert, und oft blieb er ſtehen, Blick und Gedanken tief in die Fülle der ihn umringenden Herrlichkeit zu verſenken. Lieblicher rauſchte jetzt der Bach, voller und klarer klangen die Lieder der Vögel, und jetzt,— was war das?— Fernes Glockengeläut, unnd heller und tiefer, allmählich näher und näher dringend, jetzt hier, jetzt dort, zauberhaft tönend aus dunklem Grün bald hoch herab vom Bergeshang, bald aus der Tiefe des kleinen Seitenthales herauf, und ſeht ganz nahe aus dichtem Haſelgebüſch neben dem ege... „Was iſt das?« fragte Adelbert, ganz wie verzau⸗ bert von den lieblichen Klängen, die er noch nie ver⸗ nommen.„Kann das irdiſche Muſik ſein? Horche nur, Vater! Horche Mutter! Was iſt dies!« Auch die Eltern ſtaunten und lauſchten den frems⸗ artigen Toͤnen, die bald tiefer, bald heller, bald lauter, — 1 bald nur in feinen bebenden Schwingungen, immer aber lieblich, rein und harmoniſch aus dem Waldesdickicht erklangen. Da ſchlug ein Hund an— die kräftige Stimme eines Menſchen erſchallte— das Glockengeläut tönte in unmittelbarer Nähe, und ſiehe, aus Buͤſchen hervor da und dort, trat eine zahlreiche Heerde glatter gehörnter Rinder, blickte mit großen frommen Augen die fremden Wanderer im Thale an, und beugte dann gelaſſen das breitgeſtirnte Haupt, um das üppige duf⸗ tende Gras zu weiden, das auf⸗ und abwärts am Ufer des Baches ſproßte. „Eine Heerde! Eine Rinderheerde mit Glocken am breiten Ledergurte um den Hals!« rief Adelbert aus. „Sieh', Vater! Nimmer hätte ich gedacht, daß das ſo wunderbar zart und lieblich erklingen könnte!“ Noch horchten ſie eine gute Weile den anmuthigen Tönen, bis die Heerde ſich weiter entfernte, wieder tie⸗ fer in das Dickicht eindrang, und das zauberhafte Tö⸗ nen in den leiſeſten Schwingungen verhallte; dann ſetzten ſie ihre Wanderung auf den blumenreichen Wie⸗ ſen fort, immer am Bache aufwärts entlang, vorüber an einzelnen Mühlen, deren luſtiges Geklapper das Echo weckte, während die großen Mühlräder im raſchen Schwunge Miriaden blitzende Diamanten von ſich ſprühe⸗ ten, und jetzt, bei einer Steigung des Weges, wo das bisher enge Thal zu beiden Seiten weiter ſich öffnete, jetzt blieb Adelbert plötzlich ſtehen, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und Bewunderung aus, und deutete mit empor gehobener Hand in die Weite nach Oben. .»Mein Gott, Vater, Mutter, ſeht doch, wie ſchön!“ rief er aus. Und ſchön war freilich, was zer erblickte. Ueber ——— 20 ſteilen Hängen mit dichten Waldesgrün, aus welchem hie und da ſchroff und zerklüftet, röthlich ſchimmernde Felsklippen heraus traten, ragten hoch oben auf dem Gipfel eines mächtigen Hügelrückens die Zinnen und Mauern einer prächtigen, alten, aber noch wohl erhal⸗ tenen Ritterburg mit hohem, Alles beherrſchendem Thurme, auf deſſen vergoldeter Fahne ein Sonnenſtrahl funkelte gleich einem blitzenden Sterne. Mächtig und groß ſchaute das rothe Gemäuer aus ſeiner Höhe hernieder in das grüne, rings von Berg und Fels eng einge⸗ ſchloſſene Thal,— aus einiger Entfernung rauſchte das Wehr einer Mühle herüber, in den nahen Büſchen ſangen die Vögel mit doppelter Luſt, große Schmetter⸗ linge, wundervoll ſchimmernd und ſchillernd in den prächtigſten, brennendſten Farben, gaufelten leichtbe⸗ ſchwingt von einer Wieſenblume zur andern, und hoch in den Lüften, hoch noch über dem hochragenden Schloſſe ſchwamm ein ſtattlicher Weih mit unmerklichem Flügel⸗ ſchlage, und zog ſtill ſeine regelmäßigen, ſchwebenden Kreiſe. „Vater, welch ein wunderbar herrliches Bild!« rief Adelbert nach einer Pauſe ſtummer Verwunderung aus. „Jetzt wirſt du mich gewiß nicht mehr auslachen und mich einen närriſchen, überſpannten, ſchwärmeriſchen Jungen ſchelten, weil ich mich ſo ſehr nach den Harz⸗ bergen ſehnte. Wo in der Welt kann es ſchöner ſein, als hier in dieſen Thälern? Hier zu wohnen, zu leben, täglich von Neuem die Schönheit der Natur im Her⸗ zen zu empfinden, täglich von Neuem die erfriſchende Waldluft zu athmen,— gibt es denn etwas Köſtlicheres!« »Gewiß iſt es ſchön, die Herrlichkeit einer ſolchen Natur in ſich aufzunehmen, und die Seele daran zu erquicken,« entgegnete der Vater.„Aber fern von aller 21 Welt ſein Leben in ſolchem Thale, wie reizend es auch ſein mag, nur zu verträumen und in Gefühlen zu ſchwelgen, das würde auf die Dauer doch langweilig werden. Vollends im Winter, wenn dieſe Berge, an⸗ ſtatt wie jetzt mit friſchem Gruͤn, mit einer kalten, weißen Schneehülle bedeckt ſind. Nein, mein Sohn! Alles zu ſeiner Zeit! Auch das Leben fordert ſein Recht, und nicht die Schönheit der Natur, ſondern nur eine geregelte Thätigkeit vermag auf die Dauer wahrhaft glücklich zu machen.“ „Wenn ich nun aber zum Beiſpiel ein Jäger oder ein Köhler würde?« ſagte Adelbert.„Wäre da nicht Alles vereint, um mich vollſtändig zu befriedigen? Ar⸗ beit und Naturgenuß, Beides würde Hand in Hand gehen, und Eines das Andere ergänzen!“ „Sehr richtig,“ antwortete der Vater.„Wenn du in dieſen Wäldern geboren und auferzogen wäreſt, ſo würde ein ſolcher Lebensberuf dir wohl auf die Dauer genügen können. Aber du biſt unter ganz anderen Umgebungen, unter ganz anderen Verhältniſſen aufge⸗ wachſen, und ich meine, Jeder müſſe die Stelle aus⸗ zufüllen ſuchen, auf welche ihn der Wille Gottes ver⸗ ſetzt hat. An eine große, lebhafte Stadt, und an ſo manche Bequemlichkeit gewöhnt, die du erſt recht ver⸗ miſſen wurdeſt, wenn du ſie entbehren müßteſt, könnte es nicht ausbleiben, daß du des einſamen und mühe⸗ vollen Lebens in den Wäldern ſehr bald überdrüſſig werden und dich nach Hauſe, in deine Heimath und die gewohnten Verhältniſſe zurückſehnen wuͤrdeſt. Jeder in ſeiner Weiſe, lieber Adelbert! Dein Beruf ſcheint mir zu ſein, dereinſt in meine Fußtapfen zu treten, und im Verkehre mit fremden, fernen Ländern der Welt 22 nützlich zu werden. Das Leben eines Köhlers würde ſchwerlich für dich paſſen!« »Wer weiß?« ſagte Adelbert nachdenklich.„Einen Verſuch wenigſtens möchte ich für mein Leben gern machen.« »Und dann würde es dir grade ſo ergehen, wie mit dem Verſuche, Robinſon zu ſpielen,« ſprach die Mut⸗ ter lächelnd, als Herr Brockhuſen nur die Achſeln zuckte, und keine Antwort gab.„Der Vater hat recht:„Je⸗ der bleibe bei ſeiner Weiſe!e Der Beruf eines Köh⸗ lers oder Jägers iſt eben ſo achtbar, wie jeder andere ehrliche Beruf, nur muß man eben dafür geboren ſein. Dich hat die Vorſehung auf eine andere Stelle ge⸗ ſtellt.« Adelbert nahm die Lehre ſchweigend hin, dachte aber doch in ſeinen Gedanken:„Wer weiß, ob es wahr iſt?« Für den Augenblick ſchwärmte er einmal für das Waldleben, und hielt es für das Schönſte in der ganzen Welt. Die Eindrücke, welche er auf der weiteren Reiſe durch den Harz empfing, änderten ſeine Anſicht keines⸗ wegs, ſondern beſtärkten ſie vielmehr. Vom herrlichſten Wetter begünſtigt, erſchienen ihm die bald lieblichen, bald wilden und romantiſchen Thäler, die weiten Aus⸗ ſichten, hinaus von den Höhen in das offene Land, im günſtigſten Lichte, und ſeine Seele war ganz er⸗ füllt von Bewunderung der geſchauten Naturwunder, als nach einer Wanderung von etwa vierzehn Tagen beſchloſſen wurde, einen längeren Aufenthalt in dem reizend gelegenen Orte Ilſenburg zu nehmen, und von hier aus verſchiedene Ausflüge in die näheren Um⸗ gebungen zu machen. Die Mutter fühlte ſich etwas 23 ermuͤdet, und bedurfte einigermaßen der Erholung und Ruhe. Hier hatte Adelbert nun gute Gelegenheit, ſo recht. gründlich in der Natur zu ſchwelgen, denn der Wald mit ſeinen grünen Zweigen nickte ihm ganz nahe durch das Fenſter herein zu, und ſchien ihm zu winken, nur recht oft in ſeine kühlen, grünen Dome zu kommen und ſich in ſeinem Schatten zu erquicken. Die muntere Ilſe mit ihrem kriſtallhellen Waſſer hüpfte dicht bei ſeiner Wohnung über die glatten Kieſel hinweg, und ihr Plätſchern und Rauſchen klang in ſein Ohr wie ver⸗ lockende Stimmen, die ihm zuraunten:„Komm nur, Knabe, komm, und erfreue dich an meiner Lieblichkeit. Geh' nur hinauf an meinen Ufern, weit und immer weiter, da wirſt du ſehen, wie ſchön es iſt und wie munter und fröhlich ich bin. Wo die ſtolzen Eichen ragen und die breiten Wipfel der Buchen, wo die Fel⸗ ſen ſtarren und die kleinen Bäche von den Bergwän⸗ den rieſeln, wo die Vögel am luſtigſten ſingen und die bunten Waldblumen am duftigſten blühen, da iſt mein eigenſtes Reich, da hüpf' ich und ſpring' ich in luſtigem Tanze, wie ein fröhliches, wohliges Kind! Und dann wird dir auch wohlig werden, wie dir noch nie im Leben draußen und in der großen, weiten Welt ge⸗ worden iſt!“ So ſchien die Ilſe geſchwätzig zu plaudern, und Adelbert lauſchte nur zu gern der verlockenden Stimme. »Warte nur,“ flüſterte er in die plätſchernden Wel⸗ len hinein,—„warte nur! Ich komme, ſobald ich kann, und freue mich der Herrlichkeit deines Reiches! Ja, ja, ich komme, und gehe neben dir her bis zu den ſtarrenden Felſen und den ſtolz ragenden Eichen, und 24 vielleicht noch weiter, bis ich gefunden, was mein gan⸗ zes Herz erſehnt! Warte nur, ich komme gewiß!« Und eines Morgens, als er früh aufgeſtanden war, faſt mit der Frau Sonne zugleich, die hell und ſtrah⸗ lend vom blauen Himmel hernieder funkelte, da konnte er nicht länger widerſtehen, und faßte raſch den kecken Entſchluß, ſich einmal recht mitten hinein in die Wäl⸗ der zu vertiefen. Er kleidete ſich an,— ganz vorſich⸗ tig und leiſe, um die Eltern nicht zu wecken, die neben ihm in der Kammer ſchliefen,— nahm ſeinen Wan⸗ derſtab, hing ſeine Reiſetaſche um, ſetzte den leichten Strohhut auf, ſchlich leiſe die Treppe hinunter, über den Hof, hinaus zur Hinterthür, und beſtellte im Hauſe nur, wenn die Eltern nach ihm fragten, ſo ſolle man ihnen ſagen, er wäre eben ein wenig in den Wald hinaus, und komme erſt zu Mittag zurück; ſie möchten ſich alſo nicht ängſtigen um ihn. Vielleicht dachte er wirklich gegen Mittag zurück⸗ zukehren, vielleicht auch nicht; einen klaren beſtimmten Vorſatz hatte er nicht gefaßt, er wollte eben nur Wal⸗ desluft und Waldesduft athmen, aber ſo recht mit vol⸗ len Zügen, bis zur völligen Genüge und Sättigung. So ging er denn immer aufwärts am Ufer der plätſchernden, von Fels zu Fels ſpringenden Ilſe ent⸗ lang, unter den ſchattigen Wipfeln der Waldbäume, deren grünes, ſonnendurchfunkelndes Dach über ſeinem Haupte ſich wölbte. Die thauige Friſche des Morgens wehte erquickend und belebend ihn an, die Blumen lächelten ihm zu, die grünen Zweige, die Büſche am Ufer rauſchten und flüſterten ihm Morgengrüße entgegen, die kleinen Vögel ſchauten ihn freundlich an mit ihren hellen Augen, und riefen:„Willkommen! Willkommen!« — 25 Ein zartes Reh ſprang dicht am Wege von ſeinem Lager auf, als er ganz nahe bei ihm war, und ſetzte zum Sprunge an, als wolle es entfliehen; als aber Adelbert ſtehen blieb, da zögerte es, wendete den feinen Kopf nach ihm zurück, und beäugelte ihn ohne Scheu von oben bis unten. Es mochte wohl wiſſen, daß es von dem ſchmucken, blanken Knaben nichts zu fürchten habe. Ganz genau betrachtete es ihn; die feinen weißen Höschen, der leichte, hellblaue Kittel mit dem ſchneeigen Hemdkragen darüber, der bunt bebänderte Strohhut, und beſonders das runde, roſige Geſicht darunter mit den friſchen, rothen Lippen und Wangen, den großen, ſanften, blauen Augen, der weißen, von blonden Locken umrieſelten Stirn, ſchienen dem Thierchen zu gefallen. Wohl eine Minute oder noch länger blieb es ganz zu⸗ traulich ſtehen, bis endlich Adelbert grünes Laub von den nächſten Zweigen ſtreifte und es lockend ihm dar⸗ bot. Da wendete ſich das Reh um, hob die leichten, ſchlanken Füßchen auf, und trabte langſam und ge⸗ mach dem tieferen Dickicht zu. Adelbert folgte ihm. Aber das nahm es übel; noch einen Blick warf es auf den Knaben zurück, dann, mit zwei Sätzen, flog es üÜber die nächſten Büſche hin, und war im nächſten Augenblicke verſchwunden. „Schade!« murmelte Adelbert vor ſich hin.„Das Thierchen war ſo niedlich, und ich hätte ihm gewiß nichts zu Leide gethan!“ Er ging weiter, immer weiter hinauf, und ſchöner, immer ſchöner wurde es rings um ihn her. Nun war er mitten drin im Walde, ſo recht mitten drin, wie er ſich's gewünſcht. Hoch ſtarrten die Bergwände, hoch ragten die Stämme der Eichen und Buchen, und ihre 26 prachtvollen Wipfel flüſterten im Hauche des Morgen⸗ windes. Die Ilſe hüpfte munter einher und ſprang ganz keck von Fels zu Fels, ſchäumend und brauſend im übermüthigen Spiel. Einſam und ſtill war es ringsum. Kein Laut zu hören, als nur die uralten, heiligen Stimmen der Natur. Die Welt mit ihrem Lärmen und Drängen, ihrem geräuſchvollen Treiben und ihrer raſtloſen Haſt ſchien viele, viele Meilen weit hinter dieſen Bergen und Wäldern zu liegen. Nichts von ihrem Toben drang in dieſe feierliche Einſamkeit, und ſtörte ihren köſtlichen Frieden. Immer weiter ging Adelbert; er wurde nicht müde, zu ſchauen, zu träumen, zu lauſchen, und den erfriſchen⸗ den Waldesduft mit vollen Zügen zu trinken. Zuwei⸗ 4. blieb er ſtehen, und horchte auf den Geſang eines ogels, auf das Hacken des Spechtes an einem Baum⸗ ſtamme, auf das Rauſchen eines Waſſerfalls, oder auf den Schall einer Holzaxt, der von fern her durch den Wald zu ihm drang. 3 »Wenn das ein Köhler wäre, der Bäume zu ſei⸗ nen Meilern fällt!« dachte er.„Das wäre hübſch, wenn ich ihn auffände, und könnte plaudern mit ihm, und mir etwas erzählen laſſen von ſeinem Leben in der prächtigen Wildniß!« „Und warum ſollt' ich's nicht verſuchen?“ fuhr er bei ſich ſelber fort.„Der Morgen iſt noch lang, denn die Sonne wirft noch ganz ſchräge Strahlen über die Berge herüber. Die muntere Ilſe muß ich zwar ver⸗ laſſen, aber was thut's? Ich finde mich ſchon wieder zu ihr, und dann auch nach Hauſe. Und wenn nicht? Ei nun, ſo zeigt mir der Köhler den Weg. Da iſt nichts zu beſorgen!« 27 Gedacht, gethan! Er lauſchte mit geſpanntem Ohr auf den Schall der Art, wendete dann dem Flüßa chen den Rücken, und drang in der Richtung des Schal⸗ les dreiſt in das Dickicht des Waldes ein Die Art⸗ ſchläge tönten fort und fort, aber doch ſchien der Holz⸗ fäller weiter von ihm entfernt zu ſein, als er geglaubt und berechnet hatte. Bergauf, bergab ging, ſtieg, klet⸗ terte Adelbert, bald eine tiefe Schlucht hinunter auf loſem Steingeröll, das unter ſeinen Schritten wich und raſſelnd ihm nachpolterte, bald einen ſteilen Seitenhang hinan, den er mühſam erklimmen mußte, nicht ſelten auf allen Vieren, knieend, rutſchend, ſich anklammernd an Wurzeln und Sträuche, manchmal ſogar mit Ge⸗ fahr eines jähen Sturzes in die kaum erkletterte Tiefe zurück. Adelbert achtete dieß nicht viel, denn er war kräftig und gewandt, ein ziemlich geübter Turner und ſchwindelfrei. Muthig drang er vorwärts, immer dem Schalle der Art entgegen. Endlich einmal mußte er doch die Stelle erreichen, wo der Köhler in einſamer Wildniß hauste. Da plötzlich hemmte ein reißender Waldbach ſeine Schritte, zu breit, ihn zu überſpringen. Er ſtutzte. Sollte er umkehren? Aber nein! Der Rückweg war ziemlich weit und beſchwerlich, Adelbert verſpürte end⸗ lich doch einige Müdigkeit, und außerdem ſtellte ſich Hunger und Durſt bei ihm ein. Letzteren konnte er wohl löſchen; an Waſſer fehlte es nicht in dem Bache, und es war friſch und klar, wie flüſſiger Kriſtall. Er beugte ſich nieder, ſchöpfte aus dem Bache mit hohler Hand und ſchlürfte das erquickende Naß. Der Durſt war geſtillt; aber der Hunger! Ein paar Beeren fand er wohl an den Heidelbeerbüſchen da umher, 28 aber ſie reichten nicht hin, ſeinen guten Appetit zu be⸗ friedigen. „Ei was,“ dachte er,„ich wate durch den Bach und lade mich bei dem Köhler zu Gaſte. Werd' ich auch ein wenig naß,— das trocknet bald wieder bei dieſem ſchönen, ſonnigen Wetter!« Nach kurzem Suchen fand er eine Stelle, wo meh⸗ rere große Steine ziemlich flach unter dem Waſſer lagen, und das Hinüberkommen nach dem anderen Ufer er⸗ leichterten. Keck ſprang er von einem zum anderen, und freute ſich, daß ihm das Waſſer kaum bis über die Knöchel reichte. Jetzt noch ein Sprung, der letzte, und er war drüben. Er ſetzte an, und— fiel der Länge nach in den Bach. Sein Fuß war im Sprin⸗ gen ausgeglitten, und das kalte Bergwaſſer rauſchte ſchadenfroh über ihn hin. Zum Glück war es nicht ſehr tief und der Grund nicht allzu ſteinig. Nach einiger Anſtrengung kam er wieder auf die Fuͤße, und legte die kurze Strecke bis zum aͤnderen Ufer watend zurück. Nun ſtand er drüben— aber freilich, mit triefenden Kleidern und durchnäßt bis auf die Haut. Das Waſſer rieſelte in lauter kleinen Bächlein an ihm nieder. »Das war ein unwillkommenes Bad!« murmelte er.„Ich habe nicht gedacht, daß dieß Waſſer ſo kalt ſei! Indeß, was ſchadet's? Ein raſcher Gang wird mich erwärmen, und bei dem Köhler trockne ich meine Kleider am heißen Meiler. Da trocknet's ſchnell!« Er ſchüttelte ſich, wie ein Pudel, dann klimmte er wieder einen Abhang hinauf, von deſſen Höhe, oder doch aus der Nähe derſelben noch immer der Klang 29 der Axt zu ihm ſcholl, und nach wenigen Minuten ſtand er oben. Jetzt plötzlich verſtummten die Artſchläge! „Der Mann wird frühſtücken! Ich ſuche ihn! Er kann nicht meyr weit entfernt ſein!“ ſagte Adelbert zu ſich ſelbſt. Unbeſorgt ging er grade aus nach der Richtung des noch vor wenigen Augenblicken vernommenen Schal⸗ les. Haſtig drang er durch Buſch und Strauch, bis ihn, nach vielleicht einer Viertelſtunde ein verworrenes Dickicht von dornigem Geſtrüpp aufhielt. Rechts und links zog es ſich zwiſchen den Waldbäumen hin, ſo weit er ſehen konnte. „Das iſt dumm!“ ſprach er vor ſich hin.„Doch was hilft es, durch muß ich, oder ich komme zu weit von der graden Richtung ab!“ Er machte den Verſuch, in das Dorngewirr ein⸗ zudringen, aber bald mußte er wieder davon abſtehen. Die harten, ſcharfen Stacheln verwundeten ihm Geſicht und Hände und zerriſſen ſeine Kleider. Schon nach zehn Schritten ſahen ſeine feinen weißen Höschen ganz erbärmlich aus, und der Kittel zeigte verſchiedene Oeff⸗ nungen in Geſtalt eines Dreiecks. „Es geht nicht! Ich muß es auf andere Weiſe verſuchen,“ murmelte Adelbert.„Wenn's auch einen kleinen Umweg gibt, zum Köhler muß ich ja doch end⸗ lich kommen!“ Er wand ſich mühſam wieder aus den Dornen heraus, ging mit haſtigen Schritten eine Strecke weit am Saume des Geſtrüppes entlang, und fand endlich eine Stelle, wo es lichter wurde, ſo daß er ohne wei⸗ tere Gefahr für die bereits mannigfach zerfetzten Kleider ———— 2 “ 30 und ſeine eigene Haut durchkommen konnte. In einem Viertelſtündchen legte er die böſe Stelle zuruͤck, und wendete ſich nun wieder nach der Seite, wo er ſicher⸗ lich den Holzfäller zu treffen hoffte. Aber er ging und ging, und traf nichts Anderes, als nur den Wald und immer den Wald, Stamm an Stamm und Wipfel an Wipfel,— das herrlichſte Laubdach, das man ſich den⸗ ken konnte. Das war nun wohl wunderſchön, aber Adelbert meinte, es ſei doch auch nicht übel, wenn er endlich einmal auf die Köhlerhütte ſtieße. Wo mochte ſte nur verſteckt liegen? Gewiß war er ſchon ganz nahe dabei, und konnte ſie wohl nur wegen der vielen Bäume und Sträuche nicht ſehen. Er blieb ſtehen und rief, rief ſo laut er konnte, in lang gezogenen Tönen:»Köhler! Köhler! Wo biſt du?« »Wo biſt du?« erklang ganz hell eine Stimme zu⸗ rück,— Adelbert ſpitzte die Ohren— aber ſiehe da, nur ſeine eigene Stimme war es, die das Echo ihm neckend zurückwarf. Er ſchrie von Neuem, laut, immer lauter,— lauſchte, horchte dann,— doch keine andere Stimme, als die Stimme des Echo's gab ihm Antwort. Nun ward ihm ein wenig ängſtlich zu Muthe. Sollte er wohl gar die rechte Richtung verfehlt haben, und an der Köhlerhütte vorbei zu tief in die Wildniß ein⸗ gedrungen ſein? Wo nun die Hütte finden? Jeder Weg, den er einſchlug, konnte ihn noch weiter irre führen. Sollte er ganz und gar umkehren, und die hüpfende Ilſe wieder zu erreichen ſuchen? Das wäre vielleicht das Klügſte geweſen,— aber Adelbert ſträubte ſich dagegen, denn der Weg ſchien ihm ſo weit und beſchwerlich, der Hunger quälte ihn, und, bis er an die Ilſe, und dann nach Ilſenburg zu den Eltern 31 gelangte, mußte er halb verſchmachtet ſein. Alſo nur vorwärts, auf gut Glück und Gerathewohl weiter!— Entweder traf er die Hütte des Köhlers, oder er mußte doch endlich einmal aus Berg und Wald heraus, und zu Menſchen kommen. Dann war ihm geholfen, denn an Geld fehlte es ihm zum Glück nicht, weil er vor dem Fortgehen ſeine Börſe mit einigen Silbermünzen eingeſteckt hatte. So ging er alſo weiter. Nach ein paar hundert Schritten gelangte er auf eine Lichtung, und ſah von hier hinab in ein wunderſchönes, grünes Thal, durch welches ein kleiner Bach ſich hindurch ſchlängelte. Un⸗ ter einer dichten Gruppe von Bäumen glaubte Adel⸗ bert ſogar das Dach einer Hütte zu erkennen, und etwas weiter hin, hinter einem Vorſprunge hervor, ſtieg bläulicher Rauch auf, und zog ſich wie ein leichter Schleier an den Bergwänden entlang. Adelbert jubelte laut. Hier im Thale unten wohnten alſo Menſchen, nun war er geborgen. Eilig ſtieg er in die Tiefe hin⸗ unter, fand einen betretenen Fußpfad, folgte demſelben, und gelangte zur Hütte, die er von oben erblickt hatte. Eintretend, fand er ſie leer, doch zeigte ihr Inneres deutlich genug, daß ſie bewohnt ſein müſſe. Auf dem Heerde in der Küche brannte ſogar noch ein Feuer, und ein großer Topf ſiedete darüber. Stube, Kammer, Küche, Stall, Alles ſtand offen, und Adelbert konnte unbehindert hindurch gehen. „Die Leute ſind ausgeflogen,“ ſagte er.»Aber unmöglich können ſie weit ſein, und es muß doch bald Jemand kommen, der nach dem Topfe auf dem Feuer ſieht. Ich werde warten.“ Da er ſich ermüdet fühlte, ſetzte er ſich auf einen 32 Holzſtuhl in der kleinen Stube, und ruhte einige Mi⸗ nuten aus. Da dann aber Niemand kam, wurde er ungeduldig, ging vor die Thüre der Hütte, und rief ein lautes„Halloh«! in das Thal hinein. „Halloh!“ ſchallte es zurück; dießmal war es aber nicht ſeine eigene, ſondern eine fremde, kräftige Baß⸗ ſtimme, welche Antwort gab. Adelbert ging dem Schalle nach, trat um den Vorſprung, welchen er ſchon von oben bemerkt hatte, und kam auf einen geräumigen, ebenen Platz, auf deſſen Mitte ein halbrunder Huͤgel ſtand. Es war ein großer Meiler, wie Adelbert auf den erſten Blick erkannte, und neben demſelben hand⸗ thierte ein großer, ſtarker Mann von rußigem Aus⸗ ſeehen, mit geſchwärztem Geſicht und dichtem, verworre⸗ nem Haar und Bart, indem er den ſchweren Schür⸗ baum ſo leicht handhabte, als ob es nur eine Haſel⸗ gerte geweſen wäre. „Ho, wen haben wir da?« rief er Adelbert nicht grade unfreundlich entgegen.„Wer biſt du, Junge? Wie kommſt du hierher mitten in den Wald?« Ich habe mich verirrt, Herr Köhler!“ antwortete elbert ganz zutraulich, denn er empfand nicht etwa Furcht, ſondern nur Freude über den Anblick des Man⸗ nes, ſo wild und fremd ihm auch die Erſcheinung deſ⸗ ſelben vorkommen mochte. Hatte er doch immer ge⸗ leſen, daß die Köhler wohl mitunter ein wenig rauhe und barſche, im Ganzen genommen aber doch kreuz⸗ brave und gute Leute ſeien, und darum ging er dreiſt auf den Mann zu und reichte ihm ſeine Hand hin. „Guten Tag, Herr Köhler!« ſagte er.„Es freut mich, daß ich Sie gefunden habe, denn ſeit fünf oder ſechs Stunden laufe ich nun ſchon im Walde herum, 33 und habe nichts genoſſen, als nur ein paar Beeren. Nun hungert mich!« „Kann mir's denken!“ antwortete der Köhler, in⸗ dem er mit Augen, welche auffallend glänzend aus dem geſchwärzten Geſichte herausblitzten, den Knaben be⸗ trachtete.„Aber du mußt ſchon noch ein Weilchen warten, bis meine Alte mit dem Eſſen fertig iſt. Lange wird's nicht dauern, denn die Sonne ſteht ſchon hoch im Mittag. Setze dich einſtweilen da auf die Bank unter den Baum!“ Adelbert befolgte den Wink, und ſtreckte ſich behag⸗ lich auf der weichen Moosbank aus. „Wo bin ich hier, lieber Mann?“ fragte er. „Am Wolfshügel im Rauſchethal,“ gab dieſer zur Antwort.„Nun wirſt du grade noch ſo geſcheit ſein, wie vorher. Aber ſtöre mich jetzt nicht mit deinem Geſchwätz. Ich muß auf den Meiler aufpaſſen, damit mir die Flamme nicht herausſchlägt. Nachher wollen wir mit einander reden.“ Die Stimme des Mannes klang rauh und gebie⸗ teriſch, und ſeine ſtrengen Worte ſchüchterten Adelbert doch ein wenig ein. Er blieb ſtill ſitzen und ſah dem Gebahren des Köhlers zu, welcher immer rund um den Meiler herum ging, und bald hier, bald dort daran zu ſchaffen hatte. Es wurde kein Wort weiter geſprochen, bis nach etwa einer halben Stunde eine helle Stimme von der Hütte herüber rief:„Severin! Severin! das Eſſen iſt fertig!« „Gut, Alte!« ſchrie der Köhler zurück.„Ich komme gleich!« Dann, in den Wald hinein ſchreiend, rief er in langgezogenen Tönen:„Hans⸗ Görg!“ „Ho, Meiſter!« erſchallte es nach einer Weile zurück, Ein Jeder in ſeiner Weiſe. 3 34 und bald darauf ertönten raſche, ſchwere Fußtritte, und aus den nächſten Büſchen trat ein Menſch, faſt eben ſo groß und ſtark, wie Severin, der Köhler, und jeden⸗ falls eben ſo berußten und geſchwärzten Anſehens. »Geh' zum Eſſen, Hans⸗Görg,“ redete der Koͤhler ihn an. Wenn du ſatt biſt, komm her und ſieh nach dem Meiler! Nach ein paar Stunden wird er fertig ſein. So lange mußt du dabei bleiben.“ „Schon recht, Meiſter!« antwortete der Mann, welcher unzweifelhaft der Gehülfe oder Knecht des Köhlers ſein mußte, und entfernte ſich mit demſelben ſchweren, aber feſten und raſchen Schritte, mit dem er gekommen war. „Kannſt mit ihm gehen und mit ihm eſſen, wenn dir die Zeit zu lang wird,« ſagte der Köhler zu Adelbert. »Nein, ich will warten, bis Sie mitgehen, Meiſter!⸗ entgegnete der Knabe. »Auch recht, wie du willſt! Aber höre, ſage nicht Sie zu mir, das ſind wir hier im Walde nicht ge⸗ wohnt, ſage Ihr, auch zu meiner Alten! Ver⸗ ſtehſt du?«. DOhne auf Adelberts Erwiederung hinzuhören, packte er wieder ſeinen Schürbaum und handthierte wie vor⸗ her an dem Meiler herum. Wo Qualm und Rauch übermächtig hervor zu brechen drohten, griff er hurtig und geſchickt zu, und zeigte ſich überall als Herr und Meiſter des Elementes. Adelbert beobachtete ſein Ge⸗ bahren mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß er Müdigkeit, Hunger und alles Andere darüber vergaß. Nach einer Vierelſtunde etwa erſchien Hans⸗Goͤrg, der Knecht, wieder; Severin reichte ihm den Schür⸗ 35 baum hin, ſagte kurz:„Paſſ' ordentlich auf, daß kein Unglück geſchieht,“— und wendete ſich dann zu Adel⸗ bert mit den Worten:„Komm, Jüngelchen! Jetzt wollen wir eſſen!“ Adelbert ſprang auf, ergriff ohne Umſtände die von ſchwerer Arbeit gehärtete, von Ruß geſchwärzte Hand des Köhlers, und ſchritt neben ihm her der Hütte zu. Der Köhler nickte freundlich. Das zutrauliche, dreiſte Weſen des Knaben ſchien ihm zu gefallen. „Herr Jeſus, Severin, wen bringſt du denn da?« rief eine Frau aus der Thür der Hütte, den Kommen⸗ den entgegen. „Du ſiehſt es ja, Alte,“ erwiederte der Köhler. „Ein Junge iſt's! Hat ſich im Walde verlaufen, iſt hungrig, und will miteſſen. Du wirſt doch genug ha⸗ ben für uns und den Baſtel?“ „Ei ja freilich, ja freilich, und wenn ich mir's ſel⸗ ber am Munde abſparen ſollte,« entgegnete die Frau gutmüthig und warf neugierige Blicke auf Adelbert. „Ob's aber dem jungen Herrn ſchmecken wird?« fuhr ſte fort.„Er ſcheint feiner Leute Kind zu ſein, und iſt es gewiß beſſer gewohnt, als er's bei uns findet.“ „Beſſer hin, beſſer her, Alte!“ ſagte der Köhler. „Er iſt hungrig, der Junge, und Hunger iſt der beſte Koch. Trage nur auf! Iſt Baſtel da?« „Ja, Severin, eben aus dem Walde heimgekehrt, und eine ſchöne, große Forelle, wohl zwei Pfund ſchwer, hat er mitgebracht. Ich will ſie geſchwind noch kochen für den jungen Herrn. Aber wird Baſtel Augen machen, wenn er den feinen Beſuch ſieht! He, Baſtel! Baſtel! Komm ſchnell einmal her!« 3* 36 „Ja, Mutter!“ ſchallte es von Innen aus der Huͤtte.„Hier bin ich ſchon. Was ſoll ich?« „Da ſieh', wir haben Beſuch gekriegt! Ein feines, junges Herrlein!“ ſagte die Mutter.„Sei recht artig gegen ihn.“ „Ja, ja, das will ich ſchon,“ erwiederte Baſtel, und blickte ſo neugierig nach Adelbert hin, wie dieſer nach ihm. Baſtel war ein friſcher Burſche, etwa in gleichem Alter mit Adelbert, vielleicht ein Jahr älter, und jeden⸗ falls weit ſtämmiger und kräftiger, als er. Hellbrau⸗ nes, lockiges Haar fiel lang auf ſeine Schultern herab; ſein Geſicht war tief gebräunt von Luft und Sonne, aber auf ſeinen Wangen prangte die friſche Röthe kern⸗ feſter Geſundheit, und ſeine blauen Augen blitzten ſo hell und ſcharf, wie die Augen eines Falken oder Ad⸗ lers. Der Ausdruck ſeiner Züge zeigte vorherrſchend Treuherzigkeit und Biederkeit, verbunden mit einem kecken, ſchalkhaften Zuge um die friſchen, ein wenig aufgeworfenen Lippen, hinter denen die Zähne wie El⸗ fenbein hervorglänzten. Sein Anzug war der einfachſte, den man ſich denken kann. Ein grobes Hemd, Jacke und weite Hoſe aus ſtarker, im Hauſe ſelbſt gewebter Leinwand, und eine Mütze aus dem gleichen Stoffe, das war der ganze Staat. Strümpfe und Schuhe fehlen gänzlich. Dennoch ſah der junge Burſch hübſch genug aus, denn der einfache Anzug war ſehr ſauber und reinlich, und der umgeſchlagene, weiße Hemdkragen ſtand ganz gut zu dem klugen und kräftigen gebräunten Geſicht... „Wie heißt du?“« fragte Baſtel zuerſt, als ſich die beiden Burſche gegenſeitig genugſam betrachtet hatten. 37 „Ich heiße Adelbert, Adelbert Brockhuſen aus Hamburg.“ „Aha! Das iſt wohl weit von hier, Hamburg? Wie?« „Ja, wohl vierzig, fünfzig Meilen weit.« „Nun, darum ſiehſt du auch ſo zerriſſen und zer⸗ fetzt aus!“ lachte Baſtel.„Es iſt ja kaum noch ein heiler Fleck an den ſchönen Kleidern! Was haſt du nur gemacht?“ „Ich bin in den Bach gefallen und in die Dornen gerathen, darum ſeh' ich ſo aus,« erwiederte Adelbert ein wenig empfindlich.„Das kann Jedem paſſiren! Und übrigens komme ich heute nicht von Hamburg, ſondern von Ilſeburg.“ „Ja, ja, haſt dich verlaufen im Walde!“ ſagte Baſtel ein bischen ſpöttiſch.„Das begegnet euch Stadt⸗ kindern manchmal. Mir nicht. Ich finde mich immer zurecht, wo ich auch hin verirrt ſein mag. Nun frei⸗ lich, das macht, weil ich im Wald und Gebirg auf⸗ gewachſen bin. Nun, laß dich's weiter nicht kümmern, daß du dich verlaufen haſt, ich bringe dich ſchon wie⸗ der hin nach Ilſenburg. Das macht mir Spaß!« „Zum Eſſen, Jungen! Zum Eſſen!“ rief jetzt die kraftvolle Baßſtimme des Köhlers aus der Stube, wo⸗ hin er, die beiden Buben ſich ſelbſt überlaſſend, mitt⸗ lerweile gegangen war. „Komm!« ſagte Baſtel zu Adelbert, ergriff ihn ohne Umſtände beim Arme und führte ihn in die Stube an den Tiſch. Da ſtand auf grobem, aber reinlichem Tuche eine große irdene Schüſſel mit Klößen und eine andere Schüſſel mit gekochten Heidelbeeren. Für Adel⸗ bert war auch ein irdener Teller aufgeſtellt, mit Meſſer 38 und Gabel und einem blanken Blechlöffel. Baſtel und ſein Vater hatten zwar letztere auch, aßen aber gleich aus den Schüſſeln. »„Es iſt kürzer und ſchmeckt eben ſo gut,« ſagte der Köhler, als er Adelberts Verwunderung bemerkte, die ſich in ſeinen Zügen ausprägte. Teller ſind rar im Walde, denn der Töpfer wohnt volle vier Wegſtunden von hier. Aber greife du nur zu, und kümmere dich nicht um uns, wir werden ſchon fertig ohne Teller.« Adelbert ließ ſich nicht zweimal nöthigen, denn die Klöße nebſt der Heidelbeerbrühe ſahen äußerſt lecker aus, und regten ſeinen Hunger ſehr heftig von Neuem an. Er langte wacker in die Schüſſel, und ließ nicht eher ab, als bis er fünf von den größeſten Klößen und eine entſprechende Menge von Heidelbeeren zu ſich ge⸗ nommen hatte. Nachher aß er noch ein gutes Stuͤck voon der Forelle, welche gar ſo verlockend, roth und braun gefleckt, in einer Schüſſel aufgetragen wurde, und nun war er ſatt. »Das hat gut geſchmeckt!« ſagte er.„Schönen Dank für Alles, Leute! So gut iſt's nicht in dem Gaſthofe zur Forelle in Ilſenburg!“. „Ja, ja,“ erwiederte der Köhler und lachte gut⸗ müͤthig,—„hörſt du's, Alte? Ich hab' es ja geſagt, Hunger iſt der beſte Koch! Na, aber nun erzähle mal ordentlich, mein Sohn, wie du da hergekommen biſt? Was haſt du denn in Ilſenburg zu thun?« »Ei, wir wohnen da für ein paar Wochen, meine Eltern und ich, weil's eine ſchöne Gegend iſt.« „So, ſo! Deine Eltern ſind auch dort? Wiſſen Sie denn, daß du dich in den Wald verlaufen wollteſt?“ 4 39 „Ja, das hab' ich ihnen ſagen laſſen durch den Kellner. Sie ſchliefen noch, als ich ging.“ „Und nun werden ſie natürlich huͤbſch in Angſt ſein, daß du nicht wiederkommſt, gelt du?« „Ja, ja, das wäre wohl möglich, die Mutter we⸗ nigſtens, ſie iſt immer ſo ängſtlich,“ erwiederte Adel⸗ bert nicht ohne einige Beſorgniß, die er aber gleich wie⸗ der in den Wind ſchlug. „Was thut's?« fuhr er fort.„Ich bin ja gut auf⸗ gehoben hier, und mochte am liebſten ganz und gar dableiben, und auch ein Koͤhler werden, wie Ihr, Herr Severin! Es iſt ſo gar ſchön im grüͤnen Wald!“ „Und du biſt ein ſo gar närriſcher Burſche, wie mir ſcheint,“ antwortete Severin trocken.„Mit ſolchen weißen Patſchhändchen, und mit ſolchem Geſichte, wie Milch und Blut, Köhler werden, das würde paſſen! Ja, wenn du noch ein Burſche wäreſt, wie mein Ba⸗ ſtel hier! Der hat die Art dazu, und die richtigen Muskeln und Knochen, und wird's aushalten, obgleich es ſchwere Arbeit iſt, die Bäume zu fällen und zu zer⸗ hauen, zu ſägen, zu ſpalten, und die Meiler zu ſetzen und den Brand richtig zu lenken. Dazu würdeſt du nicht paſſen, du feines Stadtkind! Die weißen Höschen und Händchen und Krägelchen würden bald genug ſo rußig ausſchauen, wie meine Fäuſte und mein Kit⸗ tel da.“ „Was thut's?« entgegnete Adelbert.»Verſuchen wenigſtens moͤcht' ich's einmal. Ich denk' es mir lu⸗ ſtig, ſo im Waldesſchatten zu arbeiten, wenn die Vögel hell aus den Zweigen dazu ſingen.“ „Ja, und im Winter, wenn der Schnee ellenhoch liegt und die Eiszapfen ſußlang von den Zweigen 40 herabhängen, und der ſcharfe Nordoſtwind durch Kleid und Haut bis auf die Knochen geht, und das Blut in den Adern erſtarrt,“ ſagte der Köhler ſpöttiſch.„Nein, Bürſchchen, das verſtehſt du nicht! Das iſt deine Weiſe nicht! Du gehörſt in die Stadt an den warmen Ofen, und deine kleine Hand wird allezeit beſſer die Feder als den Schürbaum zu führen verſtehen. Mit meinem Baſtel aber, da iſt's grade das Gegentheil. Der würde im Leben nicht mit der Feder fertig wer⸗ den, während er doch den Schürbaum für ſein Alter ſchon ganz wacker handhabt. Ja, ja, ein Jeder in ſeiner Weiſe! Das Stadtkind gehört in die Stadt, das Waldkind in den Wald! Umgekehrt iſt kein Ge⸗ deihen da! Man hat das ſchon öfters erlebt.“ »„Ich möchte nicht in die Stadt, ich!« ſagte Baſtel. „Adelbert hat ganz recht, Vater, daß er ſich in den Wald daher wünſcht. Hier im Gebirgsthal iſt's ja doch viel ſchöner, als draußen zwiſchen den engen Häu⸗ ſern und den vielen Menſchen, wo man ſich nicht rüh⸗ ren und regen kann. Ich bin ein einziges Mal in Wernigerode geweſen, Adelbert, mit dem Vater, als er Kohlen hinein gefahren hat, aber ich hab' es nicht aus⸗ halten können in den engen Straßen, obgleich Berge und Wälder genug nahe dabei waren. Mir iſt erſt wieder wohl geworden, als ich nichts mehr von den Häuſern geſehen habe!« »Weil das eben deine Natur iſt, Baſtel,“ ſagte der Vater ernſthaft.„Biſt ja ein Waldkind, und iſt eben darum deine Weiſe, im Wald zu leben. Das paßt für dich, aber es paßt nun juſt nicht für den Jungen da, weil er ein Stadtkind iſt, und wohl gar reiche Eltern hat, wenn man nach ſeinem Anzug ſchließen ſoll, ſo 41 zerriſſen er ausſieht. Schau nur, Baſtel, er hat gar eine goldene Kette aus der Taſche hängen, und wohl gar noch eine goldene Uhr daran!“ Baſtel ſchaute.„Iſt's wahr?“ fragte er neugierig. „Haſt du eine goldene Uhr, Adelbert? Oh, zeig' ſie mir, ich hab' in meinem Leben noch nicht ſolch' ein Ding geſehen, obwohl ſchon davon gehört.“ Adelbert zog die Uhr aus der Taſche und reichte ſie Baſtel hin, der ſie höchlich verwundert betrachtete, und nicht müde werden konnte, das feine Räderwerk im Innern derſelben zu beſehen. „Das iſt hübſch,“ ſagte er.„Aber am Ende, ich könnte das Ding doch nicht gebrauchen, meine Uhr iſt die Sonne, und die geht allezeit richtig.“ „Ja, ja,« ſtimmte der Vater bei,—„ich hab' mich auch mein Lebtage nach keiner anderen gerichtet. Stecke jetzt das Ding wieder ein, Adelbert, wir müſſen an andere Sachen denken! Du mußt heim zu deinen Eltern, je eher, je beſſer, denn ſte werden ſich gar nicht erklären können, wo du hingerathen biſt. Höre, Ba⸗ ſtel, du kennſt den Weg nach dem Ilſethal, du mußt dem Jungen das Geleit geben, bis er alleine heim⸗ finden kann.“ „Das will ich recht gern thun, Vater,“ erwiederte der Knabe.„Aber ſieh' den armen Adelbert nur an, er iſt gewiß müde vom Herumlaufen in unſeren Ber⸗ gen, und nach Ilſenburg ſind's gute ſechs Stunden über Berg und Thal. So weit kommt er heute nicht mehr, und er kann doch die Nacht nicht im Walde zu⸗ bringen. Nein, das geht nicht, Vater!“ „Unmöglich,“ fügte Adelbert hinzu.„Sechs Stun⸗ den! Ich wäre nicht im Stande, nur zwei zu machen!“ 4 Der alte Köhler ſchüttelte den Kopf.„Nun frei⸗ lich, es iſt ein bischen ein weiter Weg,“ ſagte er. „Was iſt da zu thun? Wir können doch die armen Eltern nicht in ihrer Angſt laſſen! Am Ende iſt das Beſte, wir ſchicken den Hansgörg nach Ilſenburg, und ich beſorge derweile den Meiler. Ja, ja, ſo wird's das Geſcheiteſte ſein. Dann kannſt du heute ruhen, Bürſchchen, ſchläfſt die Nacht ordentlich aus, und machſt dich bei Tagesanbruch morgen mit meinem Baſtel auf den Weg. So ſoll's geſchehen. Bekümmere dich den Nachmittag ein Bischen um ihn, Baſtel, daß ihm die Zeit nicht lang wird. Ich muß an den Meiler.“ „Ja,“ erwiederte Baſtel.„Ich werde an den Fo⸗ rellenbach gehen mit ihm und angeln. Das macht nicht müde und iſt unterhaltend. Nebenbei fangen wir wohl auch noch eine Forelle zum Abendeſſen. Ich habe ſchon mehrmals eine bemerkt, die gewiß ihre fünf Pfund wiegt, wenn wir die erwiſchen könnten, das wäre gut.“ »Verſuch' es, ob du ſie kriegſt,“ ſagte der Vater. „»Aber kommt zu rechter Zeit heim und macht keine Dummheiten. Alſo im Gaſthofe zur Forelle wohnen deine Eltern, Adelbert? Nun gut! Der Hansgörg muß hin, ich werd' ihn auf der Stelle fortſchicken.“ Severin verließ die Hütte, um ſich nach dem Mei⸗ ler zu begeben, und Baſtel winkte ſeinem Gaſte, ihn zu begleiten.—. »Komm,“ ſagte er,„der Tag iſt günſtig, vielleicht beißt ſie an. Verſtehſt du zu angeln?“ „Ich hab's in meinem Leben noch nicht verſucht,“ verſetzte Adelbert. „So mußt du's lernen, ſchwer iſt's nicht. Komm⸗ nur, ich werd' es dir beibringen.“ 1 * 4³3 Adelbert dachte nicht mehr an ſeine Mudigkeit. Baſtel nahm zwei Angeln, die in einem Winkel der Stube lehnten, gab ſeinem Kameraden eine davon, und ſie gingen. Der Weg führte im Thale aufwärts, bis zu einem umbuſchten, ſchattigen, kleinen Teiche, der von dem durchfließenden Bache geſpeist wurde, und ſo kla⸗ res Waſſer hatte, daß man bis auf den Grund ſehen konnte. Einige große Bäume am Ufer ragten hoch über das niedrige Gebüſch auf, und ſtreckten ihre ſtar⸗ ken Wurzeln bis in das Waſſer hinein, wo ſie kleine Höhlen und Grotten bildeten. „Da ſteckt ſie, in irgend einem Loche,“ ſagte Baſtel. „Wenn es uns glückt, ſie heraus zu locken, ſo iſt ſie unſer, aber es iſt ein ſchlaues Thier und nicht leicht zu fangen. Doch wir werden ja ſehen. Wirf du deine Schnur dort an der großen Erle aus, und ich werde mein Heil hier verſuchen. Aber erſt will ich dir zei⸗ gen, wie man's macht.“ Adelbert begriff leicht, um was es ſich handelte, und als der Kork an der langen und ſtarken Angel⸗ ruthe ruhig auf dem Waſſerſpiegel ſchwamm, üͤberließ Baſtel ſeinen Gefährten ſich ſelbſt. „Du haſt nun weiter nichts zu thun, als dich ganz ſtill zu verhalten und aufzupaſſen,“ ſagte er.„Wenn der Kork ſich nur leiſe bewegt, ſo ziehſt du die Schnur nicht heraus, denn das iſt nur das Zeichen, daß der Fiſch ein wenig mit dem Köder ſpielt. Wenn aber der Kork mit einem ſtarken Rucke unter das Waſſer gezo⸗ gen wird, dann halte die Angelruthe feſt und rufe mich. Das Herausziehen iſt die ſchwerſte Kunſt und will gelernt ſein, darum verſuch es nicht etwa ſelber, oder es könnte verkehrt gehen, und der Fiſch dich in's 44 Waſſer ziehen, ſtatt du ihn heraus. Wenn es ein großer Kerl iſt, ſo verſteht er manchmal keinen Spaß.« Adelbert verſprach, die empfangenen Weiſungen pünktlich zu befolgen, und ſetzte ſich im Schatten des Baumes nieder. Baſtel nahm etwa dreißig Schritt davon entfernt ſeinen Poſten ein. Es war ſtill und kühl hier im tiefen Thale am Waſſer. Der Kork ſchwamm unbeweglich auf der glänzenden Fläche des Teiches und kein Fiſch, auch nicht ein einziger, ſchien ſich um den Köder am Angel⸗ haken zu kümmern. Mit Schauen und Aufpaſſen ver⸗ ging eine geraume Zeit, und Adelbert fühlte ſich end⸗ lich ſchläfrig. Unwillkührlich ſchloſſen ſich ſeine Augen, indeſſen ſeine Hand fortwährend die Angelruthe feſt⸗ hielt. Auf einmal aber ſchreckte er auf, die Angel wurde aus ſeiner Hand geriſſen, und in halber Schlaf⸗ trunkenheit fand er kaum noch Zeit genug, ſie wieder zu ergreifen, ehe ſie vollends in's Waſſer gezogen wurde. Beinahe wäre er ſelber hineingefallen. Als er auf⸗ blickte und nach dem Korke ſuchte, war dieſer völlig verſchwunden, und an dem Rucken und Ziehen an der Angelſchnur merkte Adelbert deutlich genug, daß ein Fiſch, und zwar ein ziemlich großer angebiſſen haben müſſe, denn bei einem Haare wäre die kaum ergriffene Ruthe ihm wieder aus der Hand gezerrt worden. »„Oho,“ dachte er, indem er ſich vollends ermun⸗ terte,„ſo geſchwind geht's nicht!« und ſtemmte ſich mit aller Kraft mit dem Fuͤßen gegen einen Wurzelſtamm, indem er mit beiden Händen die Ruthe umklammerte. Faſt ſchien es ihm, als ob der Fiſch ihm doch zu ſtark wäre, und er erinnerte ſich der Weiſung Baſtels, ihn in ſolchem Falle herbei zu rufen. Halb und halb 45 war er auch entſchloſſen dazu, aber dann ſchämte er ſich wieder, nach Hülfe zu ſchreien, und wollte Baſtel beweiſen, daß er auch ohne Beiſtand mit einem arm⸗ ſeligen Fiſche fertig werden koͤnne. So hielt er denn feſt, gab ſich alle mögliche Muͤhe, den Fiſch an das Ufer heran zu ziehen, und bemerkte zu ſeiner Freude, daß es ihm ganz gut gelang. Plötz⸗ lich aber, als er ſeine Beute ſchon ganz nahe am Ufer hatte und ganz deutlich ſehen konnte, daß es eine Fo⸗ relle von ungewöhnlicher Größe war, plötzlich ſchien es, als ob der Fiſch ſeinen Schwanz in den Mund nehmen wollte, und faſt zu gleicher Zeit gab er ſich einen ſolchen Schneller, daß Adelbert die Ruthe los⸗ laſſen mußte, um nicht gezwungen zu werden, dem Fiſche iin ſeinem kühlen Elemente unfreiwillig Geſellſchaft zu leiſten. Ehe er ſich von ſeinem erſten Schrecken über dieſen Unfall erholen konnte, ſchwamm die ganze Angel bereits auf dem Waſſer, und wurde von der Forelle unter heftigem Rucken und Zerren bald hierhin, bald dorthin geriſſen. Jetzt ſchrie er nun aus Leibeskräften. „Zu Hulfe, Baſtel!“ rief er.„Zu Huͤlfe, oder er geht uns durch!“ „Ich komme ſchon!« ſchrie Baſtel zuruͤck und war da, wie der Blitz.»Wo iſt er? Wo haſt du die Angel?“ „Da ſchwimmt ſie!« antwortete Adelbert. Er hat ſie mir aus den Händen und mich ſelber beinahe mit in's Waſſer geriſſen.“ „Ja, ja, weil du mir nicht gehorcht haſt,« ſagte Baſtel.„Nun, es iſt gut, daß es noch ſo abgelaufen und dir wenigſtens das kalte Bad erſpart iſt, nachdem du heute ſchon eins genommen haſt. Aber die Angel müſſen wir wieder haben mitſammt dem Fiſche am Haken! Das muß ſchon ein tüchtiger Kerl ſein! Er darf uns nicht entgehen!“ Ohne langes Beſinnen warf er ſeine Kleider ab, ſprang in den Teich hinein und ſchwamm auf die Angelruthe zu. Als er ſie erreichte, faßte er ſie mit den Zähnen, und kehrte nach dem Ufer zuruͤck. Die Forelle ſuchte ihn daran zu hindern und ihm die Angel wieder zu entreißen, aber es gelang ihr nicht, und Adelbert bewunderte die Geſchicklichkeit, mit welcher Baſtel zu rechter Zeit nachzugeben und wieder anzu⸗ ziehen verſtand. In weniger als fünf Minuten hatte er Grund erreicht, und nun ergriff er die Ruthe mit der Hand, watete ſchnell zum Ufer hinauf, und zog den Fiſch hinter ſich her. Doch ging das nicht ſo raſch, als Adelbert meinte. Das Thier wehrte ſich aus Leibeskräften, und es gab noch einen verzweifelten Kampf zu beſtehen, ehe ihn Baſtel auf's Trockene brachte. Nur ſeiner außerordent⸗ lichen Geſchicklichkeit und Gewandtheit gelang es end⸗ lich, und ein tüchtiger Schlag auf den Kopf machte der Sache ein Ende. Baſtel jubelte, während er raſch ſeine Kleider wieder anzog. „Das iſt ſie!“ ſagte er. »„Das iſt die Forelle, der ich ſchon, wer weiß, wie lange nachgeſtellt habe, und ich glaube, wir hätten ſie auch heute noch nicht, wenn ſie nicht gar ſo überſchlau geweſen wäre. Sie hat auf der Stelle gemerkt, daß du vom Angeln nichts verſtehſt, Adelbert, und da ſie mich als ihren alten Feind erkannte, ſo kehrte ſie mir den Rücken zu, glaubte bei dir keine Gefahr zu laufen, 47 und ſchnappte den Köder auf. Ja, ja, ſo iſt es! Aber alle Schlauheit hat ihr nun doch nichts genützt! Wir haben den Burſchen, und ein herrlicher Kerl iſt er, wenigſtens ſechs Pfund ſchwer, ſo ſchwer und groß, wie ich noch keinen geſehen! Aber weißt du, Adelbert, ein ungeſchickter Talk biſt du doch, hätteſt dir um kei⸗ nen Preis die Angel ſollen entreißen laſſen!« „Es wäre dir vielleicht auch paſſirt!“ antwortete Adelbert mürriſch.„Das Ungethüm hat mir faſt die Arme von den Schultern abgeriſſen!“ „Ja, ja, weil du's eben nicht verſtehſt!“ entgegnete Baſtel.„Mein Vater wird ſchon recht haben. Solch ein feines Stadtkind paßt nicht daher in den Wald. Aber komm nur, wir wollen die Forelle meiner Mutter heimtragen.“ Baſtel band dem Fiſche eine Bindfaden⸗Schlinge um die Kiemen, um ihn bequem fortbringen zu können, und trat hierauf mit Adelbert den Rückweg an. Die Vö⸗ gel ſangen, wie am Morgen, ſo auch jetzt luſtig im Walde, und Adelbert lauſchte ihnen mit beſonderem Vergnügen, hauptſächlich einer prächtigen Schwarz⸗ amſel, die hoch oben im höchſten Wipfel einer Eiche ſaß, und von dort herab ihre ſüßen, vollen Flötentöne erſchallen ließ. „Das klingt doch zu ſchoͤn!« ſagte er zu Baſtel. „Wer ſolche Amſel hätte, der könnte ſich freuen!“ „Willſt du ſie haben? Im Ernſt? Du kannſt ſie gleich bekommen.“ „Das iſt nur dein Scherz, Baſtel! Wie willſt du ſte da herunter kriegen?“« „Ei, das iſt ja nur ein Spaß,“ ſagte Baſtel ganz verwundert, daß Adelbert eine ſo einfache Sache be⸗ 4 48 zweifeln konnte.„In zehn Minuten ſoll ſie in deinen Händen ſein, und nachher mach' ich dir ſchnell einen Käfig aus Weidenruthen, daß du ſie morgen mit nach Ilſenburg nehmen kannſt. Auch für Futter wollen wir ſorgen. Ich weiß die ſchönſten Ameiſenneſter, und Ameiſeneier ſreſſen die Amſeln gern. Nachher kannſt du ihr Beeren geben und Semmel, in Milch einge⸗ weicht. Die haben wir hier nicht, Semmel nämlich, aber in Ilſenburg kriegſt du ſie beim Bäcker, der Vater hat mir einmal eine ganze Reihe davon mitgebracht. Zu allererſt aber müſſen wir die Forelle der Mutter bringen, und ich muß mein Fangzeug holen.“ Die Hütte lag nicht mehr weit, die Forelle wurde abgeliefert, und die beiden Knaben eilten zu der Stelle zurück, wo die Amſel noch immer hoch oben in den Zweigen ſang. Baſtel ſtellte ſein Schlagnetzchen auf, verſah es mit einer Lockſpeiſe, und barg ſich dann mit Adelbert ganz in der Nähe hinter einem Baumſtamm. Hier pfiff er gewiſſe Töne mit geſpitztem Munde, und es dauerte gar nicht lange, ſo flog die Amſel herbei, gewahrte die Lockſpeiſe, ſchoß darauf zu, und zappelte im nächſten Augenblicke im Netze. Adelbert war außer ſich vor Freude, und pries die Geſchicklichkeit ſeines neuen Freundes. »„J, das iſt ja gar nichts!“ erwiederte Baſtel.„Du wunderſt dich nur, weil du ein Stadtjunge biſt, der im Wald nicht Beſcheid weiß. Ich kenne hier jeden Vogel und von Jedem den Lockton, da iſt's keine Kunſt, ſie zu fangen. Aber nun will ich dir erſt einen Käfig machen. Nicht weit von hier ſtehen Weiden, die taugen am beſten dazu.“ Sie gingen hinüber, Baſtel ſchnitt eine Anzahl 49 Ruthen, befreite ſie von der Rinde, und flocht in we⸗ niger als einer Stunde einen ſo netten und geräumigen Käfig, daß Adelbert nicht genug ſtaunen konnte. Die Amſel wurde hineingeſetzt, Baſtel ſchaffte Futter für ſie herbei, und nun war Alles in Ordnung. „Das wäre geſchehen,“ ſagte er.„Was nun? Ißt du gern Erdbeeren, Adelbert?« »Ei ja freilich! Für mein Leben gern! Gibt's hier welche? Ich habe nur ganz wenige geſehen heute den ganzen Tag.“ »Du wirſt ſie wohl überſehen haben,« meinte Baſtel.„Es gibt ihrer genug hier herum. Da druͤben iſt Alles roth davon. Geh' nur mit.« Adelbert folgte bereitwilligſt, und Baſtel führte ihn auf eine Stelle, die mit reifen Erdbeeren in der That wie beſäet war. „Iß,“ ſagte er.„Ich will derweile ein paar für dich pflücken.« Adelbert aß, indem er die ſüßen, rothen Beeren von den Büſchen abſuchte, aber ſein Appetit war noch lange nicht zur Hälfte geſtillt, als Baſtel, der ſich ein wenig von ihm entfernt hatte, zu ihm zurückkehrte und ihm ſeine ganze Mütze voll der ſchönſten Früchte brachte. »Da, greife zu!« ſagte er.„Ich bin ſchon halb ſatt, und ſuche mir ſchon noch mehr.“ »„Aber wie haſt du nur ſo ſchnell eine ſolche Menge pflücken können?« fragte Adelbert, ſtarr vor Erſtaunen. »Ei, ich bin's gewohnt!« lautete die Antwort. »Flinkes Auge und flinke Hand machen Alles. Iß nur, und wenn du genug haſt, gehen wir an den Karnickel⸗ „Berg. Ich muß noch ein paar Karnickel fangen für Ein Jeder in ſeiner Weiſe. 4 die Mutter zur Suppe morgen. Sie geben eine herr⸗ liche Brühe!“ „Karnickel? Was iſt das? Sind es Vögel?« fragte Adelbert.— „Ei, lieber gar Fiſche!“ lachte Baſtel.„Du biſt doch aber auch gar zu einfältig, Adelbert! Karnickel ſind Karnickel, ſie ſehen wie Haſen aus, ſind aber nur halb ſo groß, und man darf ſie in Schlingen und Netzen fangen, ohne daß Einen der Herr Förſter auf die Fin⸗ ger klopft. Haſen nicht, das iſt verboten.“ „Ach ſo, es werden Kaninchen ſein, die gibt's bei mir zu Haus auch!“ ſagte Adelbert. „Ja, ja, ſchon recht,« erwiederte Baſtel,„hier heißen ſte Karnickel und geben eine ſehr gute Suppe.“ Mit dieſen Worten machte er ſich wieder an's Pflüͤcken der Erdbeeren, und ſchaffte ſo viel herbei, bis Adelbert nicht mehr eſſen mochte. Nun verließen ſie den Erdbeerenſchlag und gingen, Baſtel als Wegweiſer voran, nach dem ſogenannten Karnickel⸗Berge, einem kahlen Sandhügel in einem nahen Seitenthälchen, der an einzelnen Stellen ein ganz durchlöchertes Anſehen atte. 3„Siehſt du, in den Löchern, da ſtecken ſte drin!« ſagte Baſtel.„Aber wir wollen ſie bald genug her⸗ aus kriegen, wenigſtens ſo viel als wir brauchen. Nur eine Minute Geduld.“ Er ging auf eine große, mächtige Eiche zu, deren Stamm inwendig bis zu einer gewiſſen Höhe durch das Alter ausgehöhlt war, und kam bald darauf mit einem Arm voll kleiner Netze und einem Kaſten zurück, den er auf die Erde ſtellte. „Hier iſt ein Frettchen drin,« ſagte er.„Karl, des . 51 Förſters Sohn, hat es mir geſchenkt. Aber das kommt erſt nachher dran, zunächſt müſſen die Netze geſtellt werden.“ Adelbert gab auf Alles acht, was Baſtel vornahm. Dieſer breitete vor mehreren Löchern in dem Sand⸗ hügel, die er vorher genau unterſuchte, ſeine ſackähn⸗ lichen Netze aus, ſo daß die Oeffnung des Sackes die Oeffnung der Löcher umſchloß, befeſtigte ſie mit einigen Holzpflöcken am Boden, und holte dann das Frettchen, ein kleines, kaum fußlanges, ſchlankes Thierchen mit gelbweißem Fell und rothen Augen, ſpitzer Schnauze und ſcharfen Zähnen, aus dem Kaſten heraus. „Was willſt du mit dem Thiere machen?“ fragte Adelbert neugierig. „Das wirſt du gleich ſehen,“ antwortete Baſtel. „Ich ſchicke es in den Karnickelbau, und dann treibt 5 mir die ganzen Karnickel heraus, die grade darin ind.“ „Ach, du willſt mich zum Narren haben, Baſtel!« ſagte Adelbert ein wenig ärgerlich.„Du mußt mich auch nicht für gar zu dumm halten, weil ich ein Stadt⸗ kind bin!« Baſtel lachte hell auf.„Biſt doch ein Narr, ein rechter!« rief er aus.„Warum ſollt' ich dich wohl belügen? Wenn du mir nicht glauben willſt, ſo ſperr' die Augen auf, und ſieh'!“ Er trug das Frettchen an ein Loch, das er nicht mit einem Sacknetze zugemacht hatte, und ſetzte es am Eingange nieder. Das Thier ſchnüffelte einige Augen⸗ blicke mit der ſpitzen Schnauze herum, dann drang es in die Höhle ein und verſchwand darin. 52 „Fort iſt es!« ſagte Adelbert.„Wie willſt du es da nun wieder herauskriegen?« „Das laß meine Sorge ſein,“« entgegnete Baſtel. „Es kommt ganz von ſelber. Jetzt paß' nur auf, wie es drin die Karnickel auf die Flucht bringen wird!« Einige Minuten verſtrichen in erwartungsvoller Stille. Dann auf einmal vernahm man ein leiſes, dumpfes Poltern aus dem Inneren des Kaninchen⸗ baues, und jetzt plötzlich ſtob hier Eines und dort Eines aus den Löchern heraus, und in das Netz hin⸗ tein, in deſſen Maſchen es gefangen wurde. Einigen Wenigen glückte es zu entkommen, wo die Löcher nicht mit Netzen verſehen waren. Blitzſchnell ſtürzten ſie, von Todesangſt und Schrecken gejagt, in's Freie, als ob ihnen der Mörder ſchon dicht an der Ferſe wäre, und retteten ſich in das nahe Dickicht. Ganz gelaſſen machte indeſſen Baſtel ſeine Netze los, tödtete die ge⸗ fangenen Kaninchen mit einem einzigen Schlage, und that ſie dann ſämmtlich in einen Sack. Es waren ihrer Sechs, die in die Netze gegangen waren. „Aber nun das Frettchen!“ ſagte Adelbert. „Da kommt es ſchon,“ erwiederte Baſtel, und deu⸗ tete auf eine der Höhlen.„Siehſt du nicht, wie es ſeine ſpitze Schnauze aus dem Loche ſtreckt und herum ſchnüffelt? Wir werdens gleich haben.“ Den Sack mit den Kaninchen bei Seite legend, näherte er ſich dem Frettchen, lockte es vollends aus dem Loche heraus, ſtreichelte ihm ſchmeichelnd das weiße Fell und ſetzte es wieder in den Kaſten, den er nebſt den Netzen in der hohlen Eiche verbarg. „Nun iſt's geſchehen,“ ſagte er.„Für heute haben wir nun genug gethan, und wollen nach Hauſe gehen. 53³ Schon iſt die Sonne hinter die Berge geſunken, und faſt ſieht es aus, als ob wir ein Gewitter bekommen würden. Sieh', nur die ſchweren Wolken, Adelbert! Wahrhaftig, wir müͤſſen eilen, wenn wir mit trockenen Kleidern die Hütte erreichen wollen!« Das dumpfe Rollen entfernten Donners gab ſeinen Worten Nachdruck. Der Tag war ſehr heiß und ſchwül geweſen, und es konnte leicht ſein, daß ſie jetzt von einem Gewitter im Walde uͤberraſcht wurden. „Hurtig! Hurtig!“ rief Baſtel, indem er den Sack mit den Kaninchen über die Schultern warf.„»Laufen wir, was wir können!“ Ohne auf Weg und Steg zu achten, ſchlug er die gradeſte Richtung nach der Köhler⸗Hütte ein, und Adel⸗ bert folgte ihm durch Dick und Dünn, ſo ſchnell er vermochte, denn das drohende Wetter zog raſch herauf, und der Donner grollte näher und näher. Plötzlich ging ein mächtiges Rauſchen durch den Wald, und die Luft verfinſterte ſich, als ob es dunkle Nacht werden wollte, obgleich die Sonne noch über dem Horizonte ſtehen mußte. „Was iſt das?« fragte Adelbert erſchrocken. „Oh, es iſt nur der Sturm, der durch die Baum⸗ kronen ſaust,“ erwiederte Baſtel.„Er wird gleich heran ſein. Hörſt du wohl?“« Adelbert horchte auf. Das Brauſen und Rauſchen drang, immer mächtiger und mächtiger anſchwellend, aus der Ferne heran, wie die Meeresbrandung, wenn der Sturm ſie gegen die Felſenküſte wälzt, und jetzt brach es los unmittelbar über den Köpfen der Knaben, die hohen Wipfel der Bäume beugten ſich, wie ſchwan⸗ kes Rohr, einzelne Zweige krachten, und Wolken von 54 abgeriſſenen Blättern wirbelten durch die Lüfte dahin. Zugleich rollte und krachte der Donner mit dreifach verdoppelter Heftigkeit, und rief brüllend das Echo der Thäler und Schluchten wach; die Blitze fuhren wie Schlangen und zuckten blendend aus den dunkeln Wolken. Adelbert wurde bleich. Ein ſolches Unwetter glaubte er noch nie erlebt zu haben; Berg und Thal ſchienen vom Sturme um und um gewirbelt zu werden, als ob der Welt Untergang nahe ſei. Erſchrocken und entſetzt blieb er ſtehen. „Was zögerſt du denn?“ ſchrie ihm Baſtel zu. „Lauf' doch, denn gleich wird der Regen wie ein Waſ⸗ ſerfall auf uns herabſtürzen. Da! Die erſten ſchweren Tropfen fallen ſchon! Aber zum Glück haben wir nicht mehr weit!“ Da ſich Adelbert nicht gleich wieder ermannen konnte, ſo packte er ihn am Arme, und riß ihn ungeſtüm mit ſich fort. „Hörſt und ſiehſt denn nicht?“ ſchrie er ihm in's Ohr.„Das Gewitter iſt dicht über uns, aber da liegt auch ſchon die Hütte!« Die Nähe des ſchützenden Daches flößte Adelbert neue Kraft ein, er eilte an Baſtels Seite weiter, und mit äußerſter Anſtrengung gelang es ihnen, noch eben zu rechter Zeit die Thür zu erreichen. Kaum hatten ſie ſie hinter ſich zugeſchlagen, ſo ſtrömte der Regen wolkenbruchartig hernieder, und die Grundveſten der Erde wurden erſchüttert von furchtbaren Donnerſchlä⸗ gen und dem raſenden Sturm. „Gott ſei Dank, das war noch bei einem Haare entronnen!“ ſagte Baſtel, als er in die Stube trat und die Regentropfen von ſich abſchüttelte, zu ſeinen Eltern, * 5⁵ welche bereits nicht ohne Sorge der Wiederkehr der beiden Knaben entgegengeſehen hatten.„Das gibt ein arges Wetter, Vater!« „Ja, gewiß! Und darum iſt mir's auch lieb, daß wir den Hansgörg nach Ilſenburg geſchickt haben,“ erwiederte der Köhler.„Deine Eltern würden in nicht geringen Aengſten ſein, wenn ſie dich nicht gut auf⸗ gehoben wüßten, Adelbert. Du wirſt nun einſehen, wie leichtſinnig es war, daß du ſo ohne Umſtände in die Berge und Wälder hinein liefeſt.“ Adelbert nickte und ſah ziemlich zerknirſcht aus. In der That war ihm nicht ganz behaglich zu Muthe, denn Sturm, Blitze und Donnerſchläge rasten faſt ununter⸗ brochen weiter, und die Regengüſſe rauſchten in Strö⸗ men. Daheim in Hamburg, im väterlichen Hauſe, das mit einem Blitzableiter verſehen war, hatte er ſich bei ſolchem Unwetter immer ganz ſicher und behaglich ge⸗ fühlt; hier im Walde aber kam es ihm unheimlich vor, und, die Wahrheit zu ſagen, er fürchtete ſich. Das Leben eines armen Köhlers ſchien ihm nicht mehr ſo beneidenswerth, als er ſich's früher eingeredet hatte. Er fing an zu merken, daß es auch ſeine Schatten⸗ ſeiten habe. Nach ein paar Stunden verrauſchte das Gewitter, die Donnerſchläge verhallten in der Ferne, und nur der Regen höͤrte noch nicht auf, ſondern träufelte in un⸗ unterbrochenem Plätſchern auf die Bäume nieder. „Es iſt vorbei,« ſagte der alte Köhler, als er einen Blick in die nun tief hereingebrochene Nacht hinaus gethan hatte.„Das Gewitter wenigſtens iſt vorüber, und wir können an's Abendbrod denken. Wie ſteht's mit der Forelle, Mutter?« 56 3 „Sie ſoll ſogleich fir und fertig ſein,« erwiederte die Frau geſchäftig und eilte in die Küche. Nach Tiſche plauderte man noch ein wenig, aber Adelbert fühlte ſich bald todtmüde, und die Augen fielen ihm zu. „Der Sandmann drückt ihn,“ ſagte Meiſter Severin lächelnd.„Bring' ihn zu Bett, Mutter, daß er aus⸗ ſchlafen kann. Er hat es nöthig, denn morgen muß er bei Zeiten heim.«. Schlaftrunken warf ſich Adelbert auf das für ihn beſtimmte Lager, und ſchlief auf der Stelle ſo feſt ein, daß ihn ſelbſt der hallende Donner nicht wieder auf⸗ geweckt haben würde. Am anderen Morgen ſpannte ſich zwar der Him⸗ mel wieder blau und wolkenlos über die neu erfriſchte Erde, aber der Boden war ſo tief von den geſtrigen ſtarken Regengüſſen aufgeweicht, und die Bäche zeigten ſich ſo reißend angeſchwollen, zum Theil auch gar aus ihrem Bett getreten, daß Adelbert unmöglich den wei⸗ ten Weg nach Ilſenburg geſchickt werden konnte. »Wir müſſen den Mittag abwarten,“ ſagte Meiſter Severin.„Bis dahin hat ſich das Waſſer verlaufen und der Erdboden iſt abgetrocknet. Dann könnt Ihr gehen, Jungen. Einſtweilen kommt mit mir. Du mußt mir helfen, Scheiter zu einem neuen Meiler ſpal⸗ ten, Baſtel, da unſer Hansgörg noch nicht zurück iſt. Ihn wird eben auch das Unwetter aufgehalten haben.“ »Ja, Vater,“« ſprach Baſtel bereitwillig, und auch Adelbert erbot ſich, bei der Arbeit mit zu helfen. „Es wird mir Spaß machen, ein bischen zu köh⸗ lern!“ ſagte er ganz vergnügt. „Dir?« entgegnete Severin laͤchelnd.„Wohl ſchwer⸗ 57 lich! Aber verſuch' es immerhin, vielleicht treibt dir das deine wunderlichen Grillen aus.« Nach dem einfachen Frühſtuͤcke, das nur aus Zie⸗ genmilch, Brod und Käſe beſtand, begleiteten alſo die Knaben den Alten zum Meilerplatze. Severin wies Jedem von ihnen einen Haufen ſchon in große Stücke zerſägten Holzes zum Zerſpalten an, und verſah ſie mit den nöthigen Werkzeugen, Aexten und Keulen. Baſtel griff die Arbeit rüſtig an, und Adelbert gab ſich alle mögliche Mühe, es ihm gleich zu thun. Er hieb aus allen Kräften auf die Kloben los, hatte aber noch nicht einen einzigen davon in Scheiter zerhauen, als Baſtel bereits einen hübſchen Haufen geſpaltete Stücke um ſich herum liegen hatte. Adelbert ſchämte ſich ſei⸗ nes Ungeſchicks und verdoppelte ſeine Bemühungen, aber trotz Allem erreichte er nichts dadurch, als müde Arme, lahme Finger und Blaſen an den Händen. Muthlos warf er die Art von ſich. „Es geht nicht!« ſagte er ſeufzend, und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn.„Ich ſehe nun ſchon ein, Vater Severin, Ihr habt recht, das Köhlern iſt grade meine Weiſe nicht, und überhaupt behagt mir das Waldleben nur bei ſchönem Wetter. Auf die Dauer ziehe ich doch das Stadtleben vor!« „Hab' mir's gedacht, daß du noch zu dieſer Ueber⸗ zeugung gelangen würdeſt, ehe du ein paar Stunden älter wäreſt,“ entgegnete der alte Köhler herzlich lachend. „Ja, ja, Jeder in ſeiner Weiſe. Aus dir wird im Leben kein Köhler, ſo wenig, wie aus einer Birke eine Eiche wird. Das iſt einmal die göttliche Anordnung ſo. Der liebe Gott gibt einem Jeden ſeine natürlichen Anlagen und Kräfte, und die ſoll nun auch ein jeder Menſch uͤben und ausbilden in ſeiner Weiſe, ſonſt wird nichts aus ihm, oder doch nichts Ganzes und Rechtes. Mein Baſtel da, denk' ich, wird einmal ein richtiger Koͤhler werden, und für dich wird der Himmel auch ſorgen in deiner Weiſe. Mit der Zeit wirſt du ſchon dahinter kommen, welche am beſten für dich paßt. Aus einem Schweinsohr kann man keine ſeidene Börſe machen, und aus einer ſeidenen Börſe kein Schweins⸗ ohr, obgleich ein Jedes ſeinen Nutzen für die Welt hat. Das iſt ſo eine alte Wahrheit, die aber immer neu bleibt. Alſo laß nur die Art ruhig liegen, und beluſtige dich auf andere Weiſe, ſo gut du kannſt. Dort drüben auf dem Gange ſtehen Erdbeeren, da geh' hin und pflücke, ſie ſind reif und ſüß. Wenn Baſtel fertig iſt, ſoll er zu dir kommen und helfen.“ Adelbert folgte dem Winke, und begab ſich in den Erdbeerenſchlag. Während er pflückte und die ſüßen Beeren in ein Körbchen ſammelte, das ihm Baſtel ge⸗ geben, dachte er weiter über die Worte des einfachen, ſchlichten Köhlers nach, und gelangte immer mehr zu der Ueberzeugung, daß derſelbe mit ſeinem geraden und unverbildeten Verſtande den Nagel ganz richtig auf den Kopf getroffen hatte. „Ich bin ein thörichter Junge geweſen mit allerlei dummen Einbildungen und lächerlichen Vorſtellungen, geſtand er ſich ſelbſt mit einiger Beſchämung.„Ich habe Vater und Mutter damit geplagt, mehr als recht iſt, und will’s nun wieder gut zu machen ſuchen. Fortan will ich dem Vater folgen; der wird am beſten wiſſen, was nun eben grade meine Weiſe iſt, und allen ande⸗ ren Unſinn will ich mir in Zukunft ferne halten. So ſoll es ſein!« 59 Unter dergleichen heilſamen Betrachtungen verſtrichen ihm raſch ein paar Stunden, und er war eben im Be⸗ griff, mit ſeinem Körbchen voll der ſchönſten Erdbeeren zu dem Meilerplatze zurück zu kehren, als der Ruf einer wohlbekannten Stimme uüberraſchend und entzückend zu ſeinem Ohr drang. „Adelbert! Adelbert! Wo biſt du 2 rief es. „Hier, Mutter!“ ſchrie der Knahe jubelnd zurück, und hurtig den Abhang hinablaufend, ſtürzte er in die geöffneten Arme der Mutter, welche ihn zunächſt mit Küſſen und dann mit zärtlichen Vorwürfen überhäufte. Der Vater ließ einige ernſte Mahnungen für die Zu⸗ kunft mit einfließen, und ganz beſcheiden und demüthig nahm Adelbert Alles hin. „Verzeihung! Verzeihung, liebe gute Eltern, für alle meine begangenen Thorheiten,“ bat er voll auf⸗ richtiger Reue.„Ich weiß nun ſchon, daß ich recht ſehr albern und abgeſchmackt war mit meinen lächer⸗ lichen Gelüſten und Wünſchen, denn hier dieſer wackere Mann, der nich freundlich in ſeine Hütte aufnahm, als ich wie ein Narr im Walde umher irrte, hat mir die Augen geöffnet. Darum verzeihet mir nun dieſes Mal noch! In meinem ganzen Leben ſoll mir's nicht wieder einfallen, aus einem Schweinsohr eine ſeidene Börſe zu machen.“ Der Vater lachte, während die zärtliche Mutter noch einmal den reuigen Sohn in die Arme ſchloß. „Aus einem Schweinsohr eine ſeidene Börſe ma⸗ chen?« fragte Herr Brockhuſen.„Was ſoll das heißen?« „Wende dich nur an Meiſter Severin, Vater,“ er⸗ wiederte Adelbert.„Der verſteht’s, Einem Alles recht klar zu machen.“ 6⁰ Herr Brockhuſen wendete ſich zu dem alten Köhler, ſchuͤttelte ihm herzlich die rauhe Hand, und ließ ſich in ein Geſpräch mit ihm ein, das ihm bald ſehr anziehend zu werden ſchien. Die Mutter ließ ſich indeß von Adelbert erzählen, wie es ihm ſeit der Trennung er⸗ gangen ſei, und betrachtete Baſtel mit den freundlich⸗ ſten Blicken, als Adelbert ihn lobte und ſeine Anſtellig⸗ keit und ſein gutes, herzliches Benehmen gegen ihn pries. „Da ſind wir dir ja großen Dank ſchuldig, lieber Knabe,“ ſagte ſie zu ihm.„Nun mußt du uns auch nach Ilſenburg begleiten und bei uns bleiben, ſo lange wir uns noch dort aufhalten. Aber du, unartiger Adelbert, was haſt du uns für Angſt und Sorge ge⸗ macht! Wenn uns nicht dein wackerer Gaſtfreund einen Boten geſchickt hätte, würden wir die ganze Nacht kein Auge haben ſchließen können, vollends da des Abends das furchtbare Gewitter losbrach. Mit dem Früheſten ſind wir nun heute auf Eſeln und Pferden von Iiſenburg aufgebrochen, da kein ordentlicher Fahr⸗ weg hier in die Wildniß hinein führt, wie der Bote uns ſagte, und jetzt komm nur und kleide dich geſchwind um, denn in dieſem Anzuge kannſt du dich vor kei⸗ nem Menſchen ſehen laſſen. Mein Gott, wie du aus⸗ ſiehſt, Adelbert! Schmutzig und zerriſſen, wie der ſchlimmſte Straßenjunge! Zum Glück haben wir Wäſche, Kleider und alles Nöthige mitgebracht. Geſchwind zieh' dich um, damit du wieder einem ordentlichen Menſchen ähnlich ſiehſt!« Adelbert begleitete die Mutter in die Hütte; Eines der mitgebrachten Saumthiere wurde abgeladen, und bald erſchien Adelbert wieder ſchmuck und ſauber, wie 61 er am Morgen vorher von Ilſenburg ausgewandert war. Baſtel ſtaunte ihn verwundert an; der alte Se⸗ verin aber ſagte lächelnd: „Nun ja, das feine Bürſchchen paßte grade zum Kohlenbrennen! Das könnten wir brauchen hier im Walde! Wie Baſtel?“ Alle lachten, Baſtel mit, nur Adelbert ſchlug be⸗ ſchämt die Augen nieder.— „Es geſchieht mir ſchon recht, daß ich verſpottet und ausgelacht werde,« ſprach er.»Ich hab' es ver⸗ dient, aber— noch einmal ſoll mir's gewiß nicht paſ⸗ ſiren. ‚Jeder in ſeiner Weiſe:, habt Ihr geſagt, Meiſter Severin, und ich werd' es mir merken.“ „Es wird das Beſte ſein, was du thun kannſt,“ ſagte Herr Brockhuſen nachdrücklich.„Für jetzt wollen wir aber die alten Geſchichten ruhen laſſen und hoffen, daß die Erfahrung dich endlich klug gemacht hat. Plau⸗ dern wir lieber ein wenig von andern Dingen. Ein paar Stündchen Zeit bleiben uns ſchon dafür.“ Man plauderte alſo, und aß und trank dazu von den mancherlei Vorräthen, welche Adelberts Eltern aus Vorſorge von Ilſenburg mitgebracht hatten. Nebenbei . wurden noch einmal ausführlicher alle die kleinen Aben⸗ theuer beſprochen, welche Adelbert auf ſeiner Irrfahrt im Walde erlebt hatte, und mit beſonderer Theilnahme und Aufmerkſamkeit vernahm Herr Brockhuſen Alles, was Adelbert von der wohlwollenden Gaſtfreundſchaft ſeiner Wirthe und der gutmüthigen Herzlichkeit Ba⸗ ſtel's zu erzaͤhlen wußte. „Ich ſehe ſchon,« ſagte er dann,„wir ſind unſeren neuen Freunden herzlichen Dank ſchuldig, und es wird mir Freude machen, wenn ich mich ihnen nutzlich 6² bezeigen kann. Offen heraus, Meiſter Severin,— was könnte ich wohl fur Euch thun? Sprecht ganz ohne Scheu, denn ich bin ein reicher Mann und be⸗ ſitze mehr als Ueberfluß, den ich gern mit einem bra⸗ ven Manne, wie Ihr ſeid, theile!« Der Köhler blickte verlegen, und mußte ſich erſt beſinnen, ob er irgend einen Wunſch habe. „Nun ja,“ ſagte er endlich,„wenn ich ein tüchtiges Stück Wald und einen Haufen Geld hätte, da ließe ſich ſchon noch Manches hier thun. Aber am Ende, was könnt' es mir nützen? Ich bin nicht mehr jung, und habe nichts weiter gelernt, als meine Kohlen zu brennen. Die rechte Wiſſenſchaft fehlt doch. Freilich, wenn ich mir da die Theerſchwelereien und Potaſche⸗ Fabriken und was es ſonſt noch Alles iſt, anſehe, durch die drüben der Graf ſeine Wälder ausnützt, da merke ich ſchon, daß ich noch den alten Schlendrian gehe. Aber noch etwas Neues zu lernen, bin ich zu alt, und mein tägliches Brod werd' ich ja haben in gewohnter Weiſe, bis mir einmal der liebe Gott die Augen zu⸗ thut. Ja, ſo iſt es, Herr, und darum, aber Sie müſſen mir's nicht übel nehmen, darum dank' ich Ihnen herz⸗ lich für Alles, Herr! Es mag nun hier ſchon ſo blei⸗ ben, wie es bisher geweſen iſt.“ Herr Brockhuſen ſchüttelte den Kopf, heftete ſeine Augen auf Baſtel, und flüſterte dann ſeiner Frau einige Worte in's Ohr, welche durch ein zufriedenes Nicken beantwortet wurden. „Gut, gut,“ wendete er ſich hierauf wieder an Se⸗ verin.„Vielleicht habt Ihr recht, mein Freund, daß Ihr Euch in Eurer althergebrachten und altgewohnten Weiſe nicht wollt ſtören laſſen. Aber da iſt Euer Sohn, 63 Euer Baſtel! Der iſt jung und hat, wie ich aus Allem entnehme, was ich von ihm gehört und geſehen, einen offenen, klugen Kopf. Es wäre ſchade, wenn er hier im Walde verkümmern ſollte. Gebt mir den Ba⸗ ſtel mit nach Hamburg. Ich will ihn halten, wie mei⸗ nen Sohn, ihn in die Schule ſchicken, damit er lernen kann, und einſtmals einen tüchtigen Kaufmann aus ihm machen, der weiß, wie es in der Welt zugeht, und das Seinige dazu beitraͤgt, den Verkehr zwiſchen Ländern und Völkern zu vermitteln!“ „Das will überlegt ſein, Herr! Recht gründlich überlegt ſein will das!“ entgegnete Meiſter Severin auf dieſen wohlgemeinten Vorſchlag.„Wenn ich wüßte, daß es zum Beſten des Jungen wäre, ei ſo wollt' ich kein Wort dagegen ſagen. Aber ſehen Sie, Herr, der Baſtel iſt eine Waldblume, und Waldblumen gehören in den Wald, und finden ſelten in der Stadtluft ein fröhliches Gedeihen. Es mag Ausnahmen geben, ja doch, und dieß hier iſt vielleicht grade eine Ausnahme, da Sie ſich des Jungen annehmen wollen, Herr! Aber es muß eben doch überlegt ſein. Sage ſelber, Baſtel, aber was meinſt du denn dazu? Und du Mutter? Du haſt doch da auch ein Wort mit einzureden?“ Baſtel's Augen funkelten und ſeine Wangen glüh⸗ ten. Adelbert hatte ihm bereits manches Wunderbare und Seltſame von dem Leben und Treiben in der großen Handelsſtadt erzählt, und ſein Herz ſehnte ſich bamache alle dieſe geſchilderten Herrlichkeiten kennen zu ernen. „Verſuchen möcht' ich's wohl einmal, Vater!“ fuhr er nach kurzer Ueberlegung heraus. 64 Meiſter Severin hatte eine ſolche Antwort augen⸗ ſcheinlich nicht erwartet, denn er ſtutzte nicht wenig. „Wie? Hör' ich recht?“ ſagte er.„Haſt du denn ganz vergeſſen, Baſtel, wie es dir in Wernigerode da⸗ zumal ergangen iſt, wo du nicht ſchnell genug wieder in die Wälder und Berge kommen konnteſt?« „Ja, ja, Vater, ich weiß wohl!“ erwiederte der Knabe mit einem Anfluge von Verlegenheit.„Aber ſeht, nach Allem, was mir Adelbert erzählt hat, iſt es in Hamburg doch ein ganz anderes Weſen, als in Wernigerode. Die großen Schiffe im Hafen, die präch⸗ tigen Häuſer in den Straßen, und das weite, weite Meer,— das, und ſo manches Andere noch, gibt's in Wernigerode nicht, und darum möcht' ich's wohl kennen lernen.“ Meiſter Severin ſchüttelte von Neuem den Kopf. „Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich,“ murmelte er,„und ich will nicht deinem Glücke im Wege ſtehen, Baſtel! Das ſei ferne von mir! Aber du, Mutter? Was meinſt du?« „Ich weiß nicht, ich weiß nicht,“ erwiederte die einfache, ſchlichte Köhlersfrau ängſtlich.„Laßt mich lieber aus, und fragt mich nicht. Es iſt immer hart, wenn ſich eine Mutter von ihrem Sohne trennen ſoll, aber, wenn es zu dem Baſtel ſeinem Glücke iſt, ſo muß das Mutterherz wohl ſtill ſchweigen. Thut, was Ihr wollt, Ihr Beiden, aber mich laßt aus!“ „Die Trennung iſt ja nicht für immer, Frau Se⸗ verin,“ ſagte Madame Brockhuſen freundlich.»Baſtel wird ſchon einmal in die Heimath zurückkehren, und dann werdet Ihr Eure Freude daran haben, wenn Ihr 65 ihn als jungen Mann von Bildung und Kenntniſſen wiederſeht.« „Und wird er denn auch ſo ſchöne Kleider tragen, wie der junge Adelbert?“ fragte die Mutter ſchüchtern. „Und mit ihm in Ihrem ſchoͤnen Hauſe wohnen, und an Ihrem Tiſche eſſen?“ „Ja, gewiß ſoll und wird er das, Frau Severin,“ nahm Herr Brockhuſen wieder das Wort.„Ich ſage Euch ja, er ſoll in Allem wie mein Sohn, und mei⸗ nem Adelbert gleich behandelt werden. Darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, und es wird gewiß nicht des Baſtel Schade ſein.“ „Nun denn, ſo denn in Gottes Namen!“ ſagte die Frau mit einem Seufzer.„Sein Glück geht allem An⸗ deren vor. Ich will dich nicht zurückhalten, Baſtel, wenn du nur auch nicht ganz die alte Heimath und die alten Eltern vergeſſen willſt.“ „Oh, gewiß nicht, Mutter, gewiß nicht!« rief Ba⸗ ſtel in herzlichem Tone aus.„Auch kann ich ja immer wiederkommen, wenn mir's nicht in Hamburg gefallen ſollte! Nicht wahr, Herr Brockhuſen? Zwingen wer⸗ den Sie mich nicht.“ „Du wirſt immer in Bezug hierauf deinen Willen haben,“ gab Herr Brockhuſen zur Antwort.»Und daß du, wenn dieſer Fall einträte, ſicher und bequem wie⸗ der in die Heimath gelangen ſollſt, das wird dann meine Sorge ſein. Alſo nur nicht ängſtlich, liebe Leute! Ich habe es gut vor mit Eurem Baſtel, und ich glaube nicht, daß Ihr je bereuen werdet, den Knaben uns an⸗ vertraut zu haben.“ „Wohlan, ſo mag's darum ſein!« entſchied Meiſter Severin.„Ich will kein Wort mehr dagegen ſagen, 5 Jeder in ſeiner Weiſe. 66 obgleich,— ich bleibe dabei, Jeder in ſeiner Weiſe, und Waldblumen gehören in den Wald! Aber ich ſehe ſchon, Baſtel hat Luſt, und Sie, Herr, Sie mei⸗ nen es gut, ſo mag's denn geſchehen. Nehmen Sie ihn in Gottes Namen mit, und mag er ſich etwas ver⸗ ſuchen in der großen, weiten Welt. Im ſchlimmſten Fall bleibt ihm doch immer eine ſichere Zuflucht: die Heimath und das Herz ſeiner Eltern!?“. So war's denn entſchieden. Baſtel ſollte ſeine Berge und Wälder verlaſſen, und im offenen Strome der Welt ſchwimmen. Herr Brockhuſen liebte es, ein⸗ mal gefaßte Entſchlüſſe ſchnell auszuführen, und ſo drängte er denn zum Abſchiede. Bei der Trennung floßen wohl einige Thränen, aber Alle hatten ſich ein⸗ mal in die neue Beſtimmung Baſtels ergeben, und ſo beherrſchte dann ein Jeder ſo viel als möglich ſeine wehmüthigen Gefühle, indem er ſich zum heimlichen Troſte ſagte:„es iſt ja zu ſeinem Glücke.“ Die nächſte Nacht ſchon ſchlief Baſtel zum erſten Male unter einem fremden Dache, aber in einem ſo weichen herrlichen Bette, wie er's im Leben noch nicht geſehen hatte. Die wilde Blume war aus dem heimiſchen rauhen Wald⸗ boden in üppiges Gartenland verſetzt. Die Zukunft erſt konnte entſcheiden, ob es zu ihrem Gedeihen ſein würde. 2 67 Drittes Kapitel. In der großen Welt. Freundlicher Leſer, haſt du wohl auch ſchon ein⸗ mal eine ſchöne Waldblume, deren Blüthe durch Far⸗ benpracht und Duft dich erfreute, vorſichtig mit allen Würzelchen aus der Erde gehoben und, in einen Scher⸗ ben verpflanzt, mit nach Hauſe genommen, um jeder⸗ zeit in der Nähe das Schöne zu haben, was du draußen mühſam aufſuchen mußteſt? Nun denn, du widmeteſt der Blume die ſorgfältigſte Pflege, du gabeſt ihr die beſte Erde, tränkteſt ſie jeden Morgen oder Abend mit erquickendem Naß, gabeſt ihr friſche Luft, und Schatten und Sonnenſchein, je nach ihrem Bedarf, und ſtehe, die Blume läßt erſt ihr Köpfchen hängen, dann erholt ſie ſich und treibt und wächst prächtig fort, Blüthe drängt ſich an Blüthe, Blatt an Blatt in ungewöhnlicher Fülle, bis auf einmal wieder, trotz aller Pflege und liebevol⸗ len Sorge, zuerſt ein Stillſtand eintritt, und dann ſo⸗ gar ein raſches Rückwärtsſchreiten bemerkbar wird. Die Knospen entfalten ſich nicht mehr zur Blüthe, die Blät⸗ ter, die Stiele ſchrumpfen ein, werden welk, fallen ab, — die Pflanze kränkelt, und alle erſinnliche Mühe, ihr einen friſchen, neuen, fröhlichen Lebenstrieb einzuhauchen, führt zu nichts weiter, als ihr höchſtens das Leben noch zu friſten,— auf eine Woche, auf einen Monat, ein Jahr vielleicht, bis endlich zuletzt doch die Zweiglein welk und trocken ſtehen, und unrettbar dem Tode ver⸗ fallen ſind. Sie hatte es bei dir viel beſſer, als draußen 68 im Walde, wo ſie allem Ungemach des Wetters preis⸗ gegeben war, wo bald glühender Sonnenbrand, bald eiſige Kälte ſie ſchmachten und frieren ließen, und Nie⸗ mand ſich darum kümmerte, ob ſie zu feucht oder zu trocken ſtand,— aber draußen ſtand ſie eben auf dem rechten Boden und auf dem rechten Platze zu ihrem Gedeihen, und das konnte nicht Pflege, nicht Liebe und Sorgfalt ihr erſetzen, ſie wurde ganz einfach krank und ſtarb. Faſt ähnlich ſo, nur nicht ganz ſo ſchlimm, erging es Baſtel, als er ſich auf einmal plöͤtzlich aus der ſtil⸗ len Einſamkeit des Waldes mitten in das Geräuſch und Treiben der Welt geſchleudert, aus der ärmlichen Hütte ſeiner Heimath in den Glanz und Schimmer eines reichen Hauſes in der Fremde verſetzt ſah. Anfangs vergaß er ganz ſich ſelbſt unter den ſtets wechſelnden und neuen, unerhoͤrten Eindrücken, welche von allen Seiten auf ihn einſtuͤrmten. Mit verwun⸗ derten Augen ſchaute er rings umher, und ſtaunte an, was er Fremdes und Seltſames erblickte: die weiten, fruchtbaren Felder der Ebene, die ſo ganz anders aus⸗ ſahen, als die waldigen Berge und Thäler daheim,— die großen Städte mit ihren prächtigen Paläſten und Kirchen, ihren Kunſtſchätzen, ihren vielen Soldaten mit blanker,Wehr und Waffe, und den Tauſenden von ge⸗ putzten Leuten, welche ſich in den Straßen drängten; die großen Flüſſe mit ihren Dampfbooten und Segel⸗ ſchiffen; und nun vollends die Eiſenbahnen mit ihren flüchtigen Dampfroſſen, die ihn wie auf Flügeln des Windes über die Erde dahin trugen. Er kam ſich wie ausgetauſcht vor, und ſchien gar nicht mehr der alte, kecke Baſtel in der Heimath zu ſein. Das fremde Leben 69 machte ihn ſcheu, verwirrte ſeine Begriffe, und laſtete mit ſchwerem Drucke auf ſeinem Herzen und ſeinen Gedanken. Im Stillen beneidete er Adelbert, der ſich in all dieſem Trubel ſo leicht und ſicher zurechtfand, und ſich doch auch von gar nichts verblüffen ließ. Ja, er beneidete ihn nicht nur, ſondern er ſah ihn faſt mit ſcheuer Bewunderung an, und fuͤhlte ſich demſelben tief, tief untergeordnet, den er in ſeinen heimiſchen Bergen als einen einfältigen, tölpiſchen Jungen herzlich aus⸗ gelacht und verſpottet hatte. Jetzt waren auf einmal die Rollen ausgetauſcht; Adelbert trug ſein Haupt hoch, als der Kluge, Erfah⸗ rene und Gewandte,— Baſtel ließ den Kopf hängen, und kam ſich ſo außerordentlich tolpelhaft, täppiſch und einfältig vor, daß er es ganz ruhig hingehen ließ, wenn er nun ſeinerſeits von Adelbert manches Mal recht tüchtig ausgelacht und mit ſeiner gränzenloſen Unkennt⸗ niß der Welt geneckt wurde. „Laß dich's nicht kümmern, Baſtel,“ ſagte Herr Brockhuſen öfters tröſtend zu ihm.„An dieſe Aeußer⸗ lichkeiten, die dir jetzt noch ſo fremd und verwirrend vorkommen, gewöhnt man ſich bald, und wer ein tüch⸗ tiges Gemüth hat, wird raſch Herr darüber. In Ham⸗ burg wird dir's ſchon beſſer gefallen, als jetzt auf der Reiſe, wo Alles wie ein Schattenſpiel an dir vorüber ſchwebt!“« Baſtel ſeufzte, und ſetzte beſcheidene Zweifel in dieſe Zuſicherungen, während er ſich heimlich nach ſeinen Bergen und Thälern zurückſehnte. Dort ſah er zwar nicht ſo viel Neues, Schönes und Prächtiges, als hier, aber das Wenige, was er ſah, war ihm vertraut und bekannt. Daheim hatte er nicht ſo zierliche Kleider 70 getragen, wie er jetzt trug,— aber was machte er ſich aus dieſen Kleidern, die, ſo ſchön ſie ausſahen, ihn drückten und beengten, während ihm die alte Jacke und die alte weite Hoſe daheim ſo bequem auf dem Leibe geſeſſen! Wahrlich, wenn er ſich nicht ſo ſehr ge⸗ ſchämt hätte, ſchwach und wankelmüthig zu erſcheinen, er würde ſchon nach den erſten Tagen der Abreiſe Herrn Brockhuſen gebeten haben, ihn heimkehren zu laſſen. Doch dieſe Scham war größer, als ſeine Sehnſucht, und ſo verſchloß er denn ſeine Gefuhle in ſich und ließ ſo wenig als möglich davon bemerken. Indeß, Herr Beoelhuſen hatte ein ſcharfes Auge und las in ſeiner Seele. „Nur Geduld, Baſtel,“ ſagte er. In Jahr und Tag, ſonhoff' ich, wirſt du anders denken, als jetzt.“ Treulich nahm er ſich unterwegs Baſtel's Uner⸗ fahrenheit an, und auch Adelbert, als er erſt merkte, wie ſehr er ſeinen neuen Freund durch ſeine Neckereien kränkte und verwirrte, vermied es bald, ihm aus Muth⸗ willen allerlei Verlegenheiten zu bereiten. Hatte Baſtel einen Triumph über ihn im Walde gefeiert, ſo nun er dagegen über Baſtel einen Solchen in der Welt, und er ließ ſich daran genügen. „Wir ſind nun quitt, Baſtel,“ ſagte er lächelnd zu ihm, als er ihn eines Tages in Berlin recht tüchtig ausgelacht hatte, weil Baſtel einen buntſcheckig geklei⸗ deten Lakaien für einen ungeheuer vornehmen Herrn, wohl gar für den König ſelber gehalten, und ſchuttelte ihm die Hand.„War ich ein einfältiger Junge bei dir in den Bergen, ſo biſt du jetzt auch nicht der klügſte hier in der Stadt! Wir ſind nun quitt, Baſtel, nicht wahr?« 3 71 „Ja, ja,“ erwiederte Baſtel, noch ganz ſchamroth üͤber den begangenen Mißgriff.„Ich ſchäͤme mich ſehr⸗ daß ich dich daheim ausgelacht und verſpottet habe, und es geſchieht mir ſchon recht, daß jetzt ich derjenige bin, der verſpottet wird. Mein Vater hat wahr ge⸗ ſprochen, als er ſagte, Jeder bleibe bei ſeiner Weiſe! Das Stadtleben iſt einmal meine Weiſe nicht.“ „Ei, du mußt dich nur daran gewöhnen, Baſtel,“ antwortete Adelbert freundlich und gutmüthig.»Du wirſt ſehen, es iſt nicht halb ſo ſchwer, als wenn ſich ein Stadtkind an das Waldleben gewöhnen ſoll. Ich hab' es verſpurt, als ich die Holzkloben damals in Scheiter zu hauen verſuchte. In der Stadt zu leben, iſt leicht und angenehm, wenn man nur erſt ein Bis⸗ chen Beſcheid weiß. Warte nur, bis wir nach Ham⸗ burg kommen.“ Nun, ſie kamen denn auch nach Hamburg, und nun merkte Baſtel allerdings bald genug, daß Adelbert nicht ſo ganz unrecht hatte. Es ließ ſich in der That ganz leicht und angenehm leben in der großen Stadt, inſo⸗ weit es ſich um körperliche Mühen und Beſchwerden handelte, denn im Grunde genommen hatte Baſtel wäh⸗ rend der erſten Zeit ſeines Aufenthaltes in Hamburg nichts weiter zu thun, als zu eſſen, zu trinken, zu ſchlafen, ſpazieren zu gehen und zu fahren, und in Geſellſchaft ſeines kundigen Führers Adelbert die neue Welt kennen zu lernen. Das war am Ende nicht ſchwer. Freilich ließen ihn auch hier zuerſt Staunen und Verwunderung nicht zu rechter Beſinnung und rechtem Genuß kommen; aber allmählig gab ſich das; das Ungewohnte wurde zum Gewohnten, und Baſtel erhob ſein Haupt wieder friſch und muthig, wie er's daheim in ſeinen Bergen gethan. Allerdings dieß erſt, als der Reiz der Neuheit das Ueberwältigende und Erdrückende ein wenig verloren hatte, und erſt nach manchen began⸗ Pen kleinen Mißgriffen und Irrthümern von ſeiner eite. Nicht wenig ſtaunte Baſtel und machte große Augen, als ihn Adelbert zum erſten Male durch die Zimmer und Räume ſeines väterlichen Hauſes, dann durch die großen Waarenlager und nach der Villa am Ufer der Elbe führte. Zwar hatte er ſchon manches Fremde und Prächtige in den Gaſthäuſern auf der Reiſe geſehen, aber wie ſtand das Alles zurück gegen den Glanz, die Pracht, und doch auch wieder die Behaglichkeit, die er in der Wohnung des reichen Kaufherrn fand. Wenn er ſie mit der kleinen, elenden Hütte ſeines Vaters in den Harzbergen verglich, welch ein Unterſchied! Dieſe geräumigen, hohen Gemächer, dieſe herrlichen Gemälde, Statuen und Spiegel mit fußbreiten Goldrahmen an den Wänden, dieſe bunten, in allen Farben ſpielenden Teppiche auf den Fußböden, die er anfänglich kaum zu betreten wagte; dieſe weichgepolſterten Stuͤhle und So⸗ pha's, in die er beim Draufſitzen ſo tief einſank, daß er zuerſt ordentlich erſchrak, weil er in den Polſtern zu verſinken glaubte; dieſe Schränke von koſtbaren Höl⸗ zern mit allerlei Sachen angefüllt, von deren Gebrauch er ſich keine Vorſtellung machen konnte,— das Alles blendete und verwirrte ihn, da er ja von dem Daſein ſolcher Herrlichkeiten nie einen Begriff gehabt hatte. Selbſt das Gewöhnliche kam ihm fremd und wunder⸗ bar vor, wie zum Beiſpiel ſein Waſchtiſch, als er nach 7³ der, erſten Nacht in Hamburg aus ſeinem weichen, prächtigen Bette ſtieg. Unterwegs auf der Reiſe hatte er immer allein geſchlafen, ſich nach ſeiner Gewohnheit im Waſchbecken gewaſchen, und dann kurz und bündig ſeine Kleider übergeworfen. In Hamburg ſchlief er nun mit Adelbert zuſammen in derſelben Stube, und der Waſchtiſch, welcher für Jeden bereit ſtand, war mit allerlei Dingen ausgeſtattet, wie ſie Baſtel noch nim⸗ mer geſehen hatte. Kämme und Bürſten der verſchie⸗ denſten Art und Form, Büchſen und Gläſer mit Seife, Zahnpaſte, wohlriechenden Oelen und Eſſenzen lagen und ſtanden da in zierlicher Ordnung umher, und er konnte abſolut nicht errathen, zu was ſie dienen möch⸗ ten. Adelbert mußte es ihm erſt durch Lehre und Bei⸗ ſpiel begreiflich machen, und doch beging auch dann noch Baſtel zum herzlichen Geläͤchter ſeines Freundes manchen komiſchen Mißgriff, indem er bald einmal die Nagelbürſte als Zahnbürſte, bald einmal irgend eine Pomade ſtatt Zahnpaſte gebrauchte, und dann immer ein ganz verzweifelt albernes Geſicht machte. „Wenn das meine Mutter ſähe, wie man ſich in der Stadt ſtriegeln und putzen, einölen und einſeifen muß!« ſagte er.„Sie würde die Hände über dem Kopfe vor Verwunderung zuſammenſchlagen. Bei uns braucht man alle das Zeugs nicht, Adelbert. Mor⸗ gens gewaſchen am Quell, und mit dem alten Kamme durch die Haare gefahren, dann iſt man in zwei Mi⸗ nuten für den ganzen Tag fertig!“ „Aber du mußt dir doch die Zähne geputzt haben, Baſtel?“ erwiederte Adelbert.„Wie könnten ſie ſonſt ſo weiß und blank ſein?«“ „Das weiß ich nicht,“ verſetzte Baſtel.„Sie waren 74 eben immer ſo. Wenn man in das zwei Zoll dicke Stück Schwarzbrod einbeißt, das ich gewöhnlich zum Frühſtück bekam, das putzt ſchon genug, glaub' ich.“ „Das mag ſein,“ verſetzte Adelbert mit weiſer Miene.„Aber in der Stadt reicht das nicht aus, da mußt du dir täglich wenigſtens dreimal die Zähne bür⸗ ſten, Morgens, nach dem Mittagstiſch und vor dem Schlafengehen. Haſt du denn geſtern nicht bemerkt, daß ich's auch gethan?“ „Ei ja, aber ich dachte, du hätteſt irgend was Schlechtes in den Mund gekriegt, was du wieder her⸗ aus bringen wollteſt,« erwiederte Baſtel.„Wer denkt an ſolche Dinge?“ Auch bei Tiſche machte Baſtel noch manchen Miß⸗ griff, und konnte ſich nicht recht in die vielen kleinen und großen Teller, kleinen und großen Gabeln, Meſſer, Löffel und Schüſſeln, und die mancherlei Geräthe fin⸗ den, die zu einer wohlgeordneten Tafel in einem reichen Hauſe gehören. Es war ihm ja Alles ſo neu und fremd, und obgleich er's mit Bewunderung anſtaunte, meinte er innerlich doch, es ſei viel bequemer zu Haus, wo man ganz einfach mit dem Löffel in die Schüſſel langte und daraus aß, bis man ſatt war. Die vielen Umſtände und Beiwerke hier in der Stadt kamen ihm äußerſt läſtig und überflüſſig vor. Indeß, nachdem er einige Mal Eſſig mit Oel verwechſelt, und die Braten⸗ brühe auf den Salat ſtatt auf den Braten gegoſſen, nachdem er ungeſchickter und unbehülflicher Weiſe erſt einige Schüſſeln, Teller und Flaſchen zerbrochen, und Cavier für Wagenſchmiere, Auſtern fuͤr widerliche Schnecken gehalten und erklärt hatte, fand er ſich end⸗ lich auch in die neue Art und Weiſe zu eſſen, und 75. lernte an Adelberts Beiſpiele, wie ſich ein wohlerzoge⸗ nes Stadtkind bei Tiſche zu benehmen hat. Nur Wein zu trinken und Auſtern zu eſſen konnte er ſich nicht gewöhnen, ſondern hielt ſich an die gekochten und ge⸗ bratenen Schüſſeln und an die Waſſerflaſche. Adelbert lachte ihn aus darum, aber Herr Brockhuſen billigte ſeine Enthaltſamkeit. „Bleibe du ruhig beim Waſſer, Baſtel,“ ſagte er. „es iſt jedenfalls geſünder, als aller Wein.“ Nach etwa acht Tagen war Baſtel in ſeiner neuen Umgebung heimiſch, aber nun mußte er doch auch, wie Adelbert meinte, Hamburg, die Stadt, ein wenig ken⸗ nen lernen. Er bot ſich an, ihm zum Führer zu die⸗ nen, und der Vater willigte mit der Bedingung ein, daß die beiden Knaben bei ihren Ausflügen ſtets einen zuverläſſigen Diener zur Begleitung und Ueberwachung mitnehmen müßten, um jeder Unbeſonnenheit Adelberts vorzubeugen. Nun ließ Adelbert ſeinen kleinen Wagen mit den Pony's vorfahren, die Knaben ſetzten ſich hin⸗ ein, der Diener hinten auf, und luſtig kutſchirte Adel⸗ bert/ in die Stadt hinein, zunächſt dem Hafen zu, wo das Geſchäftshaus ſeines Vaters lag. Baſtel wunderte ſich über die Geſchicklichkeit, mit welcher Adelbert die kleinen, aber flinken und muthwilligen Pferde lenkte, und mußte ſich heimlich wieder eingeſtehen, daß er ihn im Walde daheim doch gar ein wenig zu einfältig ge⸗ halten habe. „Er kann und weiß ſo viel, was ich nicht kann und weiß,“ dachte er ſtill bei ſich ſelbſt.„Wie unrecht that ich, als ich ihn auslachte, weil er nun grade in meiner Weiſe nicht Beſcheid wußte!« Noch mehr ſtaunte Baſtel ſeinen Begleiter an, als 76 ſie in die großen Niederlagen des Herrn Brockhuſen gingen, und Adelbert ihm alle die hier aufgeſpeicherten, ſeltenen Erzeugniſſe fremder Länder und Welttheile zeigte, und ihm dabei Zweck und Nutzen derſelben erklarte. Es war ganz natürlich, daß Adelbert hier Beſcheid wußte, da er ja ſchon von Kindheit auf alle dieſe Gegenſtände kennen gelernt hatte, aber Baſtel wunderte ſich doch über ſeine ausgebreiteten Kenntniſſe, und kam ſich an ſeiner Seite äußerſt gering und unwiſſend vor. Du biſt wirklich zu beneiden, Adelbert, daß du ſo viel gelernt haſt,“ ſagte er.»Ich ſehe ſchon, es wird mir recht ſchwer werden, dir darin gleich zu kommen, und überhaupt erreich' ich dieß Ziel wohl in meinem ganzen Leben nicht.“ Adelbert lachte.„Es ſieht nur ein wenig ſchwer aus,« gab er zur Antwort.„In vier Wochen kennſt du das Alles ſo gut, als ich. Aber komme nur, jetzt wollen wir nach dem Hafen und auf die Schiffe gehen, da wirſt du erſt Augen machen! So etwas habt Ihr doch nicht in Euren Bergen!“ „Noch mehr Neues und Merkwürdiges?“ dachte Baſtel.„Wann wird das einmal ein Ende nehmen? Ich bin jetzt ſchon ganz verwirrt und im Kopfe ver⸗ dreht!« Aber Adelbert gönnte ihm keine Ruhe, ſondern führte ihn auf einen Punkt, wo er den ganzen Hafen mit Einem Blicke überſchauen konnte, und weidete ſich hier an ſeinem Erſtaunen. Und wirklich, hier ſtaunte Baſtel mehr als je. Die großen Schiffe, Bord an Bord gedrängt; der Maſtenwald, der ſich vor ihm aus⸗ dehnte; die Hunderte von bunten Wimpeln und Flag⸗ gen; die hie und da läßig von den Ragen herab⸗ 77 hängenden Segel; die hin und wieder fahrenden Boote; die überall herrſchende Geſchäftigkeit; die wie ein Amei⸗ ſenhaufen bunt durch einander wirbelnde Menge; die verſchiedenen Trachten der verſchiedenen Völker der Erde; die majeſtätiſch mit vollen Segeln auf dem brei⸗ ten Strome gleitenden Schiffe; die großen Dampfer, welche das Waſſer mit ihren ungeheuren Räderſchau⸗ feln ſchlugen, und eine mächtige dunkle Rauchwolke, wie ein rieſiges Banner, hinter ſich her flattern ließen, — das Alles gab ein Bild, deſſen Geſammteindruck wohl einen unerfahrenen Knaben überwältigen konnte, welcher kaum erſt aus der tiefen Einſamkeit ſeiner ent⸗ legenen, gebirgigen Heimath in die Welt verſetzt wor⸗ den war. Lange ſtand Baſtel ſtumm da, mit gefalte⸗ ten Händen und ſtarren Augen, welche nicht müde wer⸗ den konnten zu ſchauen, zu ſtaunen, und dieſes wun⸗ dervolle Bild der Seele einzuprägen. „Zu viel! Zu viel!“ ſtammelte er endlich.„Dieß überwältigt mich! Nie werde ich fähig ſein, Herr die⸗ ſer Eindrücke zu werden!“ „In vier Wochen ſchon biſt du es!“« verſicherte Adelbert mit Beſtimmtheit.„Daran gewöhnt man ſich, leichter und ſchneller, als an das Holzhacken.« Lachend zog er den Freund mit ſich fort nach dem Hafen, ſtieg dort mit ihm in ein Boot, und ließ ſich mitten in das Gewühl der Schiffe hinein rudern, wo⸗ bei er Baſtel wiederum mancherlei Aufklärung und Belehrung gab. „Da ſieh',“ ſagte er,„das iſt ein Oſtindienfahrer, der aus Bombay oder Calcutta kommt! Du kannſt das gleich an den dunkelfarbigen Geſichtern der Matro⸗ ſen erkennen, die dort im Takelwerk hängen. Es ſind 78 Laskaren, Eingeborene aus Indien! Dieſer Zweimaſter hier iſt ein Malteſer, die rothen Mützen der Matroſen ſagen es dir! Hier haben wir einen Holländer, der Walfiſch⸗Thran und Fiſchbein vom Nordpole bringt, du. ſiehſt es auf der Stelle an dem ſchmierigen Aeußern des Schiffes und der Mannſchaft. Ach, und dieß iſt die Eliſabeth, der ſchönſte Dreimaſter meines Vaters, der erſt geſtern Abend aus Weſtindien eingelaufen iſt. Er bringt Zucker, Kaffee und Tabak! Wir wollen hinauf, denn du mußt dir ſolch ein Schiff auch einmal in der Nähe anſehen! Fahrt ſeitlängs, Mann! So! Heda, am Bord! Die Leiter herunter!« Der laute Ruf Adelberts brachte den Steuermann herbei, der erſt ein zorniges Geſicht machte, aber ſo⸗ gleich freundlich wurde, als er den Sohn ſeines Rhe⸗ ders, des Schiffs⸗Eigenthümers erkannte. „Der junge Herr Adelbert!“ rief er aus.„Will⸗ kommen an Bord, Herr! Geſchwind, Leute, die Treppe nieder!“ Die Treppe fiel ſeitlängs vom Bord herab, und flink wie ein Eichhörnchen ſprang Adelbert hinauf, während Baſtel, obgleich doch ſonſt ein kecker und ge⸗ wandter Junge, zögernd, vorſichtig und ängſtlich folgte. Adelbert lachte daruüͤber. „Du haſt gut lachen,“ ſagte Baſtel, ſelber ein we⸗ nig verlegen lächelnd.„Du biſt hier auf deinem Grund und Boden, indeſſen ich mich überall unſicher fühle. Bei mir daheim lachteſt du nicht!“ „Schon recht, Baſtel, es war ja nicht boͤſe gemeint,“ erwiederte Adelbert.„Du weißt ja: Jeder in ſei⸗ ner Weiſe! Dort wareſt du mir überlegen, und hier iſt's grade umgekehrt. Sei nicht verdrießlich dar⸗ 79 über, du ſollſt nun auch wieder recht viel Neues ſehen! Führen Sie uns ein wenig umher, Steuermann! Dieß iſt mein Freund und Bruder Baſtel, ein guter Junge, aber eine Landratte, die noch keinen Beſcheid im Schiffe weiß.« Der Steuermann kam freundlich und bereitwillig der Aufforderung nach, führte die beiden Knaben im ganzen Schiffe umher, vom oberſten Deck bis in den unterſten Raum, und gab dabei kurze, aber deutliche und verſtändliche Erklärungen über Alles, was nament⸗ lich Baſtel'n fremd und neu ſein mußte. Baſtel hörte denn auch mit gebührender Aufmerkſamkeit zu und ſtaunte bewundernd Alles an, die zierlich geſchmückte Kajüte des Kapitäns, wie die großen, hohen Maſten, die ſchweren Anker, wie die kleine Kompaßnadel, das Gewirr der Segel und des Takelwerks, wie die ein⸗ fachen Hängematten in den Koyen der Schiffs⸗Matro⸗ ſen. Ihm war ja ſo ziemlich Alles neu und fremd, und darum hatte auch Alles ein ganz beſonderes In⸗ tereſſe für ihn. „Und jetzt, wie wär's,“ fragte Adelbert neckend, als ſie aus den unteren Räumen wieder auf das Deck hinauf kamen,—„wollen wir uns nun ein wenig oben auf dem Maſte umſehen?“ Gewiß hatte er geglaubt, daß Baſtel es nicht wa⸗ gen würde, ja zu antworten, und ſich ſchon vorgenom⸗ men, ihn dann ein wenig zu necken,— aber er ver⸗ gaß, daß Baſtel, was das Klettern anbetraf, wieder ganz in ſeinem Elemente war, denn wie unzählige Male hatte er nicht daheim die höchſten Wipfel der Eichen, Fichten und Buchen erklommen? „Wenn ſie nur nicht ſo dick wären, die Maſten,“ 80 antwortete Baſtel, indem er die Höhe derſelben mit den Augen maß.„Vom erſten Abſatze an wollte ich wohl hinaufkommen, aber hier unten kann man ja kei⸗ nen umklaftern.“ „Wenn Sie weiter nichts hindert, junger Herr, da ließe ſich helfen,“ ſagte der Steuermann.„Dort ſind ja die Wanten, die können Sie erſteigen, wie Strick⸗ leitern. Aber ich moͤchte doch nicht dazu rathen,— es iſt dann noch hoch hinauf bis zur Maſtſpitze!“ „Ja, ja, er wird ſich wohl zweimal beſinnen, ehe er's wagt,“ ſagte Adelbert lachend.„Hab' ich's mir ſelber doch niemals getrauet, obgleich ich faſt ſo hei⸗ miſch auf dem Schiffe bin, wie in dem Hauſe meines Vaters!«. „Du haſt's dir nicht getraut?« fragte Baſtel mit blitzenden Augen, indem er haſtig mit beiden Händen eine Gelegenheit ergriff, Adelbert, wenn auch nicht grade zu demüthigen, ſo doch ihm einige Bewunderung ab⸗ zuzwingen.„Du wagſt es nicht?« „Ei, ich werde mich wohl hüten, meinen Hals in Gefahr zu bringen,“ entgegnete Adelbert.„Und du wirſt's eben ſo wenig thun!« 1 „Oho, das wollen wir doch ſehen!“ rief Baſtel ganz fröhlich aus, und warf geſchwind ſeine feine Jacke weg.„In weniger als fünf Minuten bin ich oben le „Thu's nicht, es iſt gefährlich, Baſtel!“ ſagte Adel⸗ bert voller Beſorgniß.„Du wirſt ſchwindlich werden und fallen!“ „Spaß!“« lachte Baſtel ſeelenvergnügt, und ſtieg hurtig an den Wanten in die Höhe.„Ich will dir zeigen, daß ich doch auch Etwas kann, wenn gleich nicht viel.« 81 Im Unſehen ſtand er auf den Mars⸗Saalingen des großen Maſtes, umklammerte hier mit beiden Haͤn⸗ den die große Stange, die Verlängerung deſſelben, klet⸗ terte wie ein Eichhörnchen daran hinauf, dann auf die Bram⸗Stange, welche die letzte Verlängerung des Ma⸗ ſtes bildet, und hing eine Minute ſpäter hoch oben an der höchſten Spitze, von wo aus er mit heller Stimme auf das Deck herunter jubelte. „Hier bin ich, Adelbert!“ rief er.„Es iſt hübſch hier oben! Komm mir nach, wenn du Muth haſt!“ „Ei ja doch!“ rief Adelbert zurück;—„das werd' ich ſchön bleiben laſſen! Komm du lieber wieder herunter!“ „Kann geſchehen!« erwiederte Baſtel, rutſchte am Maſte herab, und ſtand wenige Augenblicke ſpäter mit vor Freude funkelnden Augen neben Adelbert wieder auf Deck. Adelbert ſchuͤttelte ihm die Hand. „Sieh', das haſt du brav durchgeführt!“« ſagte er ohne Neid mit aller Herzlichkeit.„Ich möcht' es nicht wagen. Aber ich ſehe ſchon, die Bäume gehören zu deiner Weiſe, mögen ſie nun im Walde oder auf Schif⸗ fen ſtehen. Es iſt ſchon wahr, was dein Vater ſagt, Baſtel, daß ein jeder Menſch ſeine eigene Weiſe hat, und grade du biſt in deiner Weiſe recht klug und ge⸗ ſchickt!“ „Aber dann, warum bin ich dann eigentlich hier?« fragte Baſtel nachdenklich. Adelbert zuckte die Achſeln.„Ja, das weiß ich nicht,“ ſagte er.„Aber der Vater wird's wiſſen, Ba⸗ ſtel, du mußt ihn fragen. Vieleeicht, daß du auch noch andere Art und Weiſe gründlich kennen lernen ſollſt.“« Ein Jeder in ſeiner Weiſe. 6 8² „Die lern' ich im Leben nicht, ich fühl' es hier und hier,« antwortete Baſtel, indem er die Hand auf ſein Herz und an ſeine Stirn legte.„Hier ſteht's, daß der liebe Gott mich fuͤr den Wald geſchaffen hat, und das bringt nun kein Menſch mehr heraus.« „Frage den Vater,“ wiederholte Adelbert.„Er wird dir ſchon richtigen Beſcheid geben.“ „Nun gut, ich werd' es thun!« ſagte Baſtel,„und das auf der Stelle, ſobald wir nach Haus kommen.“ Sie fuhren noch nach einem großen amerikaniſchen Dampfer und einem Auswanderer⸗Schiffe hinüber, be⸗ ſichtigten auch hier die innere Einrichtung und ließen ſich erklären, auf welche Weiſe die großen Schaufel⸗ räder durch den Dampf in Bewegung geſetzt wurden. Wider Erwarten durchſchaute Baſtel bei dieſer Gelegen⸗ heit das ganze Triebwerk der Dampfmaſchine weit ſchneller und klarer, als Adelbert, obgleich dieſer im Ganzen doch viel umfaſſendere Kenntniſſe beſaß. Ueber⸗ haupt, ſeit Baſtel gewiſſermaßen durch das Erklettern des Maſtes einen Sieg über Adelbert errungen hatte, trat er plötzlich viel ſicherer und feſter als bisher auf, ſein Selbſtgefühl, lange unterdrückt, ſchien wiedergekehrt zu ſein, und es war ihm zu Muthe, als ſei ihm ein ſchwerer, dumpfer Druck von Kopf und Herzen hin⸗ weggenommen worden. Er athmete wieder frei und leicht auf, ſein Auge blitzte wieder hell, wie in früherer Zeit, und ſein Geiſt war wieder klar und ſcharf, als ob ein düſterer Nebel plötzlich von ihm gewichen wäre. Es hatte zu dieſer Umwandlung eines Anſtoßes be⸗ durft, und dieſer Anſtoß war eben der kleine Triumph uüͤber Adelbert geweſen. Kaum nach Hauſe zurückgekehrt, ſuchte Baſtel Herrn — gleich todt und begraben wäreſt!: Sprechen und mein 83 Brockhuſen auf, und fragte ihn in ſeiner offenen, ehr⸗ lichen Weiſe geradezu, warum er ihn eigentlich aus dem Walde mit nach Hamburg genommen habe? Herr Brockhuſen ſah ihn ein wenig erſtaunt an, und eine angenehme Ueberraſchung zeigte ſich in ſeinen wohl⸗ wollenden Zügen. „Ei, Baſtel,“ ſagte er, ohne vorerſt ſeine Frage zu beantworten,—„wie ſiehſt du aus? Dir muß irgend etwas Gutes begegnet ſein!“ „Ja, Herr Brockhuſen,“ erwiederte Baſtel,„ich habe mich ſelber wiedergefunden. Mir iſt die ganze Zeit ſo ſchwer und dumpf geweſen, und ich bin mir ſo gar dumm und wie blödſinnig vorgekommen, und Alles, was ich Neues und Schoͤnes geſehen, hat mich, an⸗ ſtatt zu freuen, ſo darnieder gedrückt, daß ich im Stil⸗ n. len wohl hundert Mal gewünſcht habe, ‚„wenn du nur Herz ausſchütten mocht' ich nicht, weil es mir ſo er⸗ ſchrecklich undankbar vorkam, zu klagen, wo ich doch nichts als Güte und Liebe empfing. Aber es war mir zu Sinn, als ob ich doch auch für ganz und gar nichts nütze in der Welt wäre, und das quälte und peinigte mich ſo ſehr, wie ichs mit Worten nicht auszudrücken weiß. Jetzt iſt's vorbei. Ich fühle wieder, daß ich in meiner Weiſe doch Etwas zu leiſten im Stande bin, wenn das auch nun grade nicht die Stadt⸗Weiſe iſt, und darum wollt' ich Sie eben fragen, Herr Brock⸗ huſen, warum Sie mich doch aus dem Walde fortge⸗ nommen haben. Ich weiß wohl, Sie meinen es gut mit mir, aber nun möcht' ich auch wiſſen, in welcher Art, daß ich mich danach richten kann.“ 6 25 84 Herr Brockhuſen nickte ihm freundlich zu.„Das will ich dir in wenigen Worten ſagen,“ erwiederte er, und blickte Baſtel guͤtig an.„Siehſt du, dein Vater hatte ganz recht, als er die Meinung ausſprach, es könne jeder Menſch nur in ſeiner Weiſe glücklich wer⸗ den, das heißt eben, nach ſeinen eigenthümlichen An⸗ lagen und den Gaben, die ihm Gott verliehen hat. Aber, Baſtel,— höre wohl zu,— obgleich ein Jeder klüglich bei ſeiner Weiſe bleiben ſoll, ſo ſchließt das doch keineswegs Zweierlei aus. Nämlich, erſtens: daß ein Jeder ſich in ſeiner Weiſe ſo viel als möglich ver⸗ vollkommne, ſei es durch Fleiß, durch Lernen, durch Nachdenken, oder durch praktiſche Uebung;— und zweitens: daß ein Jeder, wenn ihm Gelegenheit dazu geboten wird, ſich bemühe, auch anderer Leute Weiſe kennen zu lernen, und daraus zu entnehmen, was ihm paßt und ihm dienlich iſt. Zum Beiſpiel, du, Baſtel. Wäreſt du daheim geblieben bei deinem Vater, ſo iſt kaum daran zu zweifeln, daß du in Jahr und Tag ein ganz tüchtiger und vollkommener Köhler geworden wä⸗ reſt, wie dein Vater auch, denn du biſt ein Waldkind und haſt ganz und gar die Anlagen und Gaben dazu. Aber würdeſt du dann ſein, was du werden könnteſt, wenn du deine Anlagen und Gaben nach verſchiedenen Richtungen hin ausbildeteſt, anſtatt nur nach einer Seite hin? Deine Anlagen befähigen dich, mannig⸗ fache Kenntniſſe zu erwerben, welche dir einſt auf dei⸗ nem eigentlichen Grund und Boden große Vortheile gewähren müſſen. Meine Abſicht iſt daher keineswegs, dich für immer dieſem Boden zu entreißen, ſondern blos, dich fähig zu machen, dieſen Grund und Boden in viel⸗ ſeitigſter Weiſe auszunutzen. Ich will nicht aus der 8⁵ Waldblume eine Treibhaus⸗Pflanze machen, aber ich wuͤnſche, daß die Waldpflanze in umfaſſender Weiſe gedeihe, und auch ſolche Bluͤthen und Früchte treibe, welche allein aus dem Boden des Wiſſens und der Welt⸗Kenntniß hervorgehen. Haſt du mich nun verſtanden, Baſtel? Du ſollſt lernen, damit du einſt, aber immer in deiner Weiſe, alles das zu leiſten vermagſt, was du bei deinen angebornen Anlagen zu leiſten fähig biſt, wenn dieſelben zweckmäßig ausgebil⸗ det werden. Alſo lerne, Baſtel! Du haſt einen guten Kopf, und bei Fleiß und Thätigkeit kannſt du es zu etwas Rechtem bringen ſpäter, in deiner Weiſe, wenn auch nicht grade nur als ein ſchlichter, einfacher, praktiſcher Köhlersmann. Verſtanden, Baſtel?“ „Ja, Herr Brockhuſen, ich glaube wohl,“ erwiederte⸗ Baſtel nachdenklich.„Es iſt ſchon ſo, wie ich von An⸗ fang an gedacht habe, daß Sie es ſehr, ſehr gut mit mir meinen, und da ich nun ganz klar ſehe, ſo will ich auch nichts verſäumen, was Ihre guten Abſichten— zu meinem eigenen Wohl und Heil— befördern kann. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Brock⸗ huſen! Und jetzt, je eher, je beſſer! Ich bin des müßigen Lebens überdrüſſig, und will mit dem Lernen ſo bald als möglich den Anfang machen.“ „So iſt's recht, Baſtel!« ſagte Herr Brockhuſen erfreut und zufrieden.„Ich ſehe, daß ich mich nicht in dir getäuſcht habe. Von morgen an ſollſt du Ge⸗ legenheit haben, zu lernen, was für dich und zu deiner Weiſe paßt.“ Noch in der nämlichen Stunde that Herr Brock⸗ huſen die nöthigen Schritte, und am nächſten Tage ſchon verließ Baſtel das Haus, und bezog ein Zim⸗ 86 merchen in der polytechniſchen Schule. Frau Brock⸗ huſen und Adelbert wunderten ſich darüber. „Was ſoll das bedeuten, lieber Mann?“ fragte Erſtere ganz erſtaunt.„Du ſchickſt Baſtel fort, wäh⸗ rend wir ſeinen Eltern doch verſprachen, für ihn zu ſorgen und ihn wie unſer eigenes Kind zu halten? Er iſt immer brav, beſcheiden und artig geweſen. Warum nun dieſe Entfernung aus dem Hauſe? In der Schule wird er's nicht halb ſo gut haben, als in unſerem Hauſe.“ „Leiblich nicht, aber geiſtig gewiß beſſer!« antwor⸗ tete Herr Brockhuſen lächelnd.„Ich habe ſeinem Va⸗ ter verſprochen, einen rechten Mann aus ihm zu machen, und ein rechter Mann ſoll er werden, aber in ſeiner Weiſe. Die Unſrige paßt nicht für ihn, und Ihr habt ja wohl auch geſehen, daß er ſich bisher nicht ſo ganz behaglich gefühlt hat. Auch ſoll er ſich nicht ver⸗ wöhnen, denn Baſtel iſt arm, und muß ſich dereinſt ſeinen Unterhalt erwerben durch eigene Thätigkeit. Alſo laßt mich nur ruhig gewähren. Für Baſtel iſt es ge⸗ wiß am beſten ſo, wie es jetzt iſt, und überdieß wird er jeden Sonntag bei uns im Hauſe ſein, und von uns ſo freundlich behandelt werden, wie bisher. Wir werden dann ja ſehen, ob er ſich in der Schule bei Fleiß und Thätigkeit nicht glücklicher fühlt, als bei uns in Müßiggang und Ueberfluß, an den er nicht gewöhnt ſſ und ſich auch mit meinem Willen nicht gewöhnen oll.« Frau Brockhuſen ſchüttelte zwar den Kopf, als ob ſie mit der neuen Einrichtung und den Anſichten ihres Gatten nicht recht einverſtanden ſei, indeß erhob ſie wei⸗ ter keinen Widerſpruch und ließ es dabei bewenden. —— — 87 Adelbert vermißte ein paar Tage ſeinen Spielgefähr⸗ ten, den er herzlich lieb gewonnen hatte, aber auch er ergab ſich in ſeinen Verluſt um ſo leichter, als er ja 1 jeden Sonntag in ſeiner Geſellſchaft zubringen konnte, und ſpäter auch zubrachte. Baſtel mittlerweile ſchien jetzt an ſeiner rechten Stelle zu ſein, denn überraſchend und faſt wunderbar war es, wie reich er ſich körperlich und geiſtig entfal⸗ tete, und im raſchen Drängen und Sproſſen die herr⸗ lichſten Bluͤthen trieb. Mit einer Leichtigkeit, welche ſelbſt ſeine Lehrer überraſchte, holte er die in der erſten Jugend verſäumten Kenntniſſe nach, und arbeitete mit ſtetem Fleiße und unermüdlicher Ausdauer weiter und weiter, bis er zu den beſten und kenntnißreichſten Schuͤ⸗ lern ſeines Alters gezählt wurde, und bei den jähr⸗ lichen Prüfungen immer die erſten Preiſe davon trug. Nach Jahr und Tag brauchte er ſich nicht mehr zu ſcheuen, mit Adelbert in die Schranken zu treten. An Kenntniſſen ſtand er ihm bald gleich oder übertraf ihn wohl gar, und die neue Welt, die ihm beim erſten Ein⸗ treten in ſie ſo verwirrend und erdrückend entgegen ge⸗ treten war, ſie hatte jetzt nichts Neues und Befrem⸗ dendes mehr für ihn, und er bewegte ſich in ihr ſo ſicher und gewandt, wie früher in den heimathlichen Bergen und Wäldern. Er war nicht mehr der blöde, eingeſchüchterte, alberne Baſtel von damals, ſondern ein ſtattlicher Jüngling, geſund an Seele und Leib, mit hellem Auge und mit hellem Geiſte. Ein ganz Anderer war er geworden, und nur in Einem unverändert geblieben, in ſeinem kreuzbraven und wackeren Gemüth. Beſcheiden, dankbar und voll Verehrung gegen ſeinen Wohlthäter, bewahrte er doch 88 auch die alte, zärtliche Liebe für ſeine Eltern und ſeine Heimath tief im Herzen, und oft, oft zog ihn eine heiße Sehnſucht nach den ſchattigen Thälern, den rie⸗ ſelnden Quellen, den rauſchenden Wäldern des fernen Harzes, die ihm manchmal das Herz ſchwer machte, ſeine Augen mit Thränen füllte, und ſelbſt ſich in ſeine Träume hinein verwob. Aber er gab dieſer heißen Sehnſucht nicht nach, er bezwang ſie, und verbarg ſie ſelbſt ſeinem Wohlthäter ſo vollſtändig, daß dieſer keine Ahnung davon hatte. Ja, ſeine ſtete Heiterkeit an den Tagen, die er in der Familie zubrachte, ſein ganzes, ſcheinbar ſo ſorgloſes Weſen, und die Eigenthümlich⸗ keit, daß er faſt nie der geliebten Heimath erwähnte, flößte Herrn Brockhuſen ſogar den Gedanken ein, daß er ſie wohl gar vergeſſen haben und am wenigſten Sehnſucht danach empfinden möge. Er konnte ja nicht wiſſen, daß Baſtel nur nicht von ſeinen Bergen ſprach, um ſich nicht zu verrathen, und um nicht un⸗ dankbar gegen die Güte ſeiner Freunde zu erſcheinen. Aber insgeheim ſehnte er den Tag herbei, der ihm die Rückkehr in ſeine ſtillen Thäler geſtatten würde, und ſein Herz pochte laut und ungeſtüm, wenn er dieſer, noch in ſo unbeſtimmte Ferne gerückten ſeligen Zeit gedachte. Aber, wie geſagt, Baſtel verbarg aus zartem Sinn ſeine wahren Gefühle ſo ſorgfältig, und Herr Bruck⸗ huſen ahnte ſie ſo wenig, und er liebte Baſtel dabei ſo herzlich, daß allmählig der Gedanke in ihm aufſtieg und ſich mehr und mehr befeſtigte, den wackeren Jüng⸗ ling für immer an ſich zu feſſeln, und ihm eine Zu⸗ kunft an der Seite Adelberts in ſeinem eigenen großen Geſchäfte zu eröffnen. Die Zuneigung zu Baſtel über⸗ 89 redete ihn ſogar, daß eine ſolche Beſtimmung dieſem die angenehmſte ſein, und daß er lieber bleiben, als in die kleine, armſelige Hütte ſeiner Eltern zurückziehen würde. Doch hielt er dieſe Abſicht vor der Hand noch verborgen, und begnügte ſich, Baſtel zu beobachten, bis endlich die Zeit kam, wo derſelbe mit dem ehrenvollſten Zeugniſſe der Reife aus der Schule entlaſſen wurde. Baſtel hatte längſt dieſen Tag— ach, und mit welcher heißer Sehnſucht!— herbeigewünſcht, denn ihm erſchien derſelbe wie der Tag der Erlöſung. „Nun iſt das Ziel erreicht, das Herr Brockhuſen dir geſteckt hat,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Nun kann ich ihm danken für alle aus ſeinen Händen empfangene Wohlthaten, und dann, dann werde ich heimkehren in meine Berge, und Waldesluft athmen und froh hinein jubeln in die Thäler und Schluchten, die ich nimmer, nimmer wieder verlaſſe!« Mit ſolchen Gedanken eilte er zu Herrn Brock⸗ huſen, der ihn, wie immer, liebevoll empfing und in ſeine Arme ſchloß. „Jetzt wohnſt du nun natürlich bis auf Weiteres wieder bei uns in unſerer Mitte,“ ſagte er herzlich. „Denn ich hoffe, du betrachteſt doch dieß Haus als deine Heimath, und ſehr bald wird ſich auch Gelegen⸗ heit finden, über deine Zukunft zu reden. In die ein⸗ ſamen, entlegenen Wälder zurück zu kehren und den Schuüͤrbaum in die Hand zu nehmen, daran denkſt du ja doch ohne Zweifel jetzt nicht mehr. Ich habe eine glänzendere Zukunft für dich im Sinne.“ Herr Brockhuſen, nur an ſeine Pläne, an alles Gute denkend, was er für Baſtel zu thun beabſichtigte, bemerkte nicht, wie deſſen eben noch blühendes, freude⸗ 90 ſtrahlendes Antlitz von einer fahlen Bläſſe bedeckt wurde, wie ſein Auge ſich umflorte, und ein krampfhaftes Zucken heftigen inneren Leidens ſeine Züge überflog. „Ja, ja, Baſtel, du wirſt bald hören, ich habe Gutes mit dir im Sinn,“ fuhr er in freundlichem Tone fort, während Baſtel ſich umwendete, um ſeine wilde Erſchütterung dem Wohlthäter zu verbergen.„Du weißt ja, ich habe dich faſt ſo lieb wie meinen eigenen Sohn, und darum mag ich mich nicht von dir trennen, und deiner Zukunft ſoll meine ganze väterliche Sorgfalt gewidmet ſein. Ich hoffe doch, du wirſt mir die Be⸗ ſtimmung derſelben überlaſſen? Nicht wahr, mein— Sohn?“ Baſtel hätte laut aufſchreien mögen vor Schmerz und Qual:„Nein, nein, nein! Laß mich fort in meine Berge, fort in die Heimath, wo ich allein glücklich wer⸗ den kann!“— aber die Dankbarkeit gegen ſeinen ſo zärtlichen, ſo liebevollen Wohlthäter erſtickte die Worte in ſeinem Munde, und mit zuckender Lippe erwiederte er:„Alles, was Sie wünſchen, mein Vater, iſt für mich Befehl!«— Da war es geſchehen und das Loos gefallen, das unwiderruflich für immer ſein Leben entſchied. »Recht, recht, mein Sohn,“ ſagte Herr Brockhuſen und umarmte Baſtel von Neuem.„Vertraue mir nur, und ich hoffe, dich bald ganz ſo glücklich und zufrieden zu ſehen, wie ich es wünſche, und wie du es verdienſt. Jetzt verlaß mich! Morgen ſollſt du hören, was ich im Schilde führe.“ »Mein Elend!“ ſeufzte Baſtel traurig, als er das Zimmer verließ und gebrochenen Herzens davon ſchlich. Von Gram und Kummer erfullt, ſuchte Baſtel die I 91 Einſamkeit und begab ſich in's Freie, um ein Zuſam⸗ mentreffen mit den Mitgliedern des Hauſes zu ver⸗ meiden, denen er ſchwerlich ſeine tiefe Erſchütterung hätte verheimlichen können. Er mußte erſt mit ſich ſelbſt klar und im Reinen ſein, ehe er den Anderen wieder unter die Augen trat, und ſo ſuchte er denn ein ſtilles, abſeits gelegenes Plätzchen, wo er ungeſtört überlegen und den inneren Kampf mit ſich auskämpfen konnte. „Was ſollte er thun?« Sein ganzes Herz drängte ihn in die Heimath; aber konnte, durfte er ſeinen Wohlthäter kränken, mit Undank ihm lohnen und ihm Schmerz bereiten? Nein, das ging nicht! Er mußte ſich ſeinem Willen fügen, mußte ferner Wohlthaten aus ſeiner Hand hinnehmen, und ſeinen Augen ſelbſt den Kummer verbergen, der ihn zu Boden drückte! Es dauerte geraume Zeit, bis Baſtel zu dieſem Entſchluſſe gelangte, denn die Sehnſucht nach ſeinen Bergen war ſo groß und heftig, daß er ſie kaum durch die Rückſichten auf Herrn Brockhuſen zu bewaͤltigen vermochte. Der Abend dunkelte bereits, als er heim⸗ kehrte, und von der ganzen Familie, die eben am Thee⸗ tiſche beiſammen ſaß, empfangen wurde. Frau Brock⸗ huſen drückte ihm die Hand, Adelbert umarmte ihn mit warmer Freundſchaft, und Herr Brockhuſen zog ihn an ſeine Seite auf einen Stuhl nieder. „Es iſt ſchon Alles abgemacht,“ ſagte er.„Ich habe mit meiner Frau und meinem Sohne geſprochen, und ſie freuem ſich eben ſo ſehr, dich bei uns zu be⸗ halten, als ich. Darum kein Zögern weiter. Du trittſt morgen in mein Comptoir ein, beziehſt den gleichen 9² Gehalt, wie Adelbert, mit dem du wohl auskommen wirſt, da du ja, was das Uebrige betrifft, unſer Tiſch⸗ und Hausgenoſſe bleibſt; und ſpäter einmal, wenn Gott über mich verfügt oder ich mich aus der Han⸗ delswelt zurückziehe, führſt du mit Adelbert gemein⸗ ſchaftlich die Geſchäfte fort. Auf dieſe Weiſe hoffe ich das Verſprechen eingeloͤst zu haben, das ich einſt dei⸗ nen Eltern gab, denn als Compagnon des Hauſes Brockhuſen haſt du meiner Anſicht nach eine recht acht⸗ bare Stellung in der Welt gewonnen!“ „Es iſt zu viel!« ſtammelte Baſtel, und eine Thräne rollte über ſeine Wangen. „Ei, Thorheit,“ erwiederte Herr Brockhuſen lächelnd, „dich zu haben, iſt auch ein Gewinn, und ſo ſind wir alſo quitt!— Der gute Junge, er weint vor Freuden!« flüſterte er ſeiner Frau zu.„Welch ein ge⸗ fühlvolles, dankbares Herz!“ Ja, wenn er nur gewußt hätte, der allzu gütige Wohlthäter, daß es nicht eine Thräne des Entzückens, ſondern des bitteren Schmerzes war, die Baſtel weinte. Er weinte ſie ſeinen zertrümmerten Hoffnungen nach, — aber feſt ſtand auch ſein Entſchluß, daß es die letzte ſein, und daß er ſeinem zweiten Vater die aufopferndſte Treue bewahren wollte. Er that ſo Großes für ihn,— Baſtel konnte nicht undankbar ſein. Mit gewaltſamer Anſtrengung raffte er ſich zuſammen, und Niemand ahnte, welchen tiefen und bitteren Gram ſeine heiter lächelnde Miene verbarg. Dem Willen ſeines zweiten Vaters gemäß trat er am nächſten Tage in das Geſchäft ein, und widmete ihm von Stund' an ſeine ganzen Kräfte. Herr Brock⸗ huſen bewunderte ſeinen Fleiß und ſeine Ausdauer, — 93 aber er ahnte nicht, daß Baſtel eben in der Arbeit die einzige Zerſtreuung und das Vergeſſen ſeiner frohen, beſeligenden Hoffnungen ſuchte. In der Arbeit allein fand er dieß, und darum ruhete er nicht, nicht Tag noch Nacht, bis die äußerſte Erſchöpfung endlich ihn inne zu halten zwang. Seine Geſundheit litt freilich unter ſo raſtloſer Anſtrengung, und Herr Brockhuſen ſelber mahnte ihn, ſich doch mehr zu ſchonen, aber Ba⸗ ſtel ſchüttelte nur ſchmerzlich lächelnd den Kopf, und ſturzte ſich immer wieder von Neuem in den Drang der Geſchäfte. Ein halbes Jahr hielt er's aus, obgleich täglich ſeine Wange bleicher und hagerer wurde, und ein müh⸗ ſam verhaltener Schmerz ſeine ſonſt ſo glänzenden Augen trübte;— aber als ein neuer Frühling wiederkehrte, als die Bäume ihr grünes Gewand anlegten über Nacht, und die Droſſel hell flötend aus den höchſten Wipfeln ſang,— da war er mit ſeiner Kraft zu Ende. „Oh, es iſt wohl Alles gut und prächtig hier,“ dachte er,„viel beſſer und unendlich reicher, als in den armen Thälern daheim, nur Eines fehlt mir,— die rechte Freude daran und das rechte Glück!« Mit dem Erwachen des Frühlings erwachte die kaum gedämpfte Sehnſucht in Baſtels Herzen mit neuer, unwiderſtehlicher Gewalt; der Ruf der Droſſel, dem er ſonſt mit Entzücken gelauſcht, erfüllte jetzt ſein Herz mit dem bitterſten Weh, dem Heimweh;— er konnte nicht mehr; die Bande, die er ſelbſt um ſein Herz ge⸗ ſchlungen, wurden geſprengt von der übermächtigen Ge⸗ walt ſeiner Gefühle, und er brach zuſammen. Ein heftiges Nervenfieber warf ihn nieder— er ſchwebte Wochen hindurch am Rande des Grabes, und nur die 94 treue Pflege ſeiner zärtlich um ihn beſorgten Wohl⸗ thäter rettete ihn vom Tode. Manche lange Nacht wachte Herr Brockhuſen an ſeinem Lager, und lauſchte auf die wilden Phantaſieen, die den bleichen Lippen des Kranken entſtrömten. Auch ſeine Gattin, auch Adelbert lauſchten und hörten,— und nun auf einmal ward ihnen Allen klar, was eigent⸗ lich Baſtel gebrochen und niedergeworfen hatte. »Das edle, gute, treue Herz!“ ſagte Herr Brock⸗ huſen mächtig erſchüttert.„Er opferte ſich, bis zum Tode, aus Dankbarkeit,— opferte ſich und— ſchwieg! O Gott, gib ihm Leben und Geſundheit wieder, und dann, dann will ich ſorgen, daß er wieder glücklich werde— in ſeiner Weiſe! Wie blind waren wir Alle, dieß nicht zu ſehen und zu erkennen!“ Und Baſtel genas, genas endlich nach ſchweren Leiden, Geſundheit und Kraft kehrten endlich zurück, und mit tiefer Rührung erkannte er, welche zäͤrtliche, unabläſſige, liebevolle Sorgfalt über ſein Leben gewacht hatte. „Wie ſie mich lieben! Ich darf ſie nicht kränken!« Dieſer Gedanke tauchte wieder in ihm auf, und ſtand unerſchütterlich feſt in ſeiner Seele. Mochte er zu Grunde gehen— nur undankbar erſcheinen wollte er nicht, und— er ſchwieg, wie er immer geſchwiegen. Jetzt aber täuſchte er die, die ihn liebten, nicht mehr. Sie hatten ihn durchſchaut, und liebten ihn nur noch inniger, da er von Neuem ſeinen Schmerz und Gram in undurchdringliche Schleier zu hüllen ver⸗ ſuchte. An einem herrlichen Junitage war's, als Baſtel, wieder neu geſtärkt und erkräftigt, umgeben von ſeinen 95 Freunden, zum erſten Male wieder im Garten der Villa ſaß, und mit tiefen Athemzügen die erquickende, von Blumenduft erfüllte Himmelsluft einſog. Noch war ſeine Wange ein wenig bleich und ſein Auge umflort, aber ein großer Theil der alten Kraft und Geſundheit war doch zurückgekehrt. „Alſo fühlſt du dich wieder fähig, zu wirken, zu ſchaffen, zu arbeiten, mein lieber Baſtel?“ fragte Herr Brockhuſen. „Gewiß! Ich ſehne mich ſogar nach Thätigkeit,“ antwortete Baſtel mit ſchwachem Lächeln.„Wie an⸗ ders, als durch Arbeit und Fleiß vermag ich Ihnen meine unendliche Dankbarkeit für Ihre väterliche Güte zu bezeigen?“ „Nun denn, Baſtel,“ ſagte Herr Brockhuſen,— „weißt du auch, daß ich ſehr ſtark auf deine Dankbar⸗ keit rechne? Ich habe einen ganz beſonderen Plan für dich!“ „Rechnen Sie auf mich in Allem, was ich zu lei⸗ ſten vermag,“ entgegnete Baſtel.„Sie wiſſen wohl, daß ich ganz und gar Ihnen gehöre!“ „Ja, das weiß ich, Baſtel,“ ſagte Herr Brockhuſen mit einem leiſen Anfluge von Rührung.„Du biſt ein guter Sohn, uud ein treues Gemüth. Aber trotzdem, Baſtel, bin ich nicht ſicher, ob dir deine neue Beſtim⸗ mung auch willkommen ſein wird, und ich würde ſie dir nicht aufdringen, wenn ich nur irgend Jemand an⸗ ders hätte, dem ich das Geſchäft anvertrauen könnte. Wir müſſen uns trennen, Baſtel! Freilich nicht für immer, oh gewiß nicht, ſondern wir werden uns viel⸗ mehr, wie ich hoffe, öfter als einmal im Jahre be⸗ ſuchen, nun aber— eine Trennung bleibt es immerhin, 96 und ob du den Auftrag gern übernehmen wirſt, iſt auch zweifelhaft.“ „Oh, zweifeln Sie nicht an meiner Bereitwillig⸗ keit,“ ſagte Baſtel bittend.„Wohin Sie mich ſtellen mögen,— überall werde ich gern ſtehen, wenn ich Ihnen nützen kann.“ »Nun denn, ſo kommen wir alſo zur Sache,“ fuhr Herr Brockhuſen lächelnd fort.„Sieh' Baſtel, ich habe im Harze, während du krank lageſt, ganz in der Nähe der Wohnung deines Vaters,— ja, ich glaube ſo⸗ gar, die Hütte liegt mit darauf,— zehn- bis zwölf⸗ hundert Morgen Waldland angekauft und billig genug erhalten, da ſie ein wenig weit abſeits von der großen Straße und den bewohnten Gegenden liegen. Mir macht das nichts aus, denn ich beabſichtige, den Wald⸗ beſtand an Ort und Stelle zu verwerthen, indem ich allmählig die Bäume niederſchlagen, und zu Kohlen, Theer, Pech, Ruß, Pottaſche und dergleichen Produkten mehr verarbeiten laſſe, deren Transport auch auf den ſchmalen Waldwegen nicht zu beſchwerlich iſt. Wir haben im Geſchäft die Zeit her ſo viele Nachfragen grade nach dieſen Artikeln gehabt, daß der Bedarf auf Jahre hinaus kaum zu befriedigen ſein wird. Deßhalb habe ich mich raſch zu dem Ankaufe der Waldungen entſchloſſen, und du erräthſt nun wohl ſchon, daß ich dabei beſonders auf dich und deine techniſchen Kennt⸗ niſſe, ſowie auch mit darauf gerechnet habe, daß ein Jahre langes Leben in den Wäldern des Harzes, für dich grade, weniger Abſchreckendes haben mag, als für manchen Anderen, der nur an das Stadtleben von Jugend auf gewöhnt iſt. Sprich dich indeß offen aus, mein lieber Baſtel. Gefällt dir mein Vorſchlag nicht, K 97 ſo laſſen wir ihn fallen, und reden nicht mehr davon.“ Wie war Baſtel zu Muthe, als Herr Brockhuſen in ſo väterlicher Weiſe zu ihm ſprach? Sein Herz ſchwoll an zum Zerſpringen, ſeine Wange wurde ab⸗ wechſelnd bleich und roth, die hellen Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, und jetzt ſprang er auf, warf ſich an die Bruſt ſeines Wohlthäters, und preßte ihn heftig in ſeine Arme. „Oh, mein Vater! Mein gütiger, zärtlicher Vater!“ rief er tief bewegt und durch und durch erſchüttert aus. „Ich verſtehe Sie! Sie haben einen Blick in das Innerſte meiner Seele gethan, und nun, anſtatt mir zu zürnen, häufen ſie eine Fülle des Segens über mich!“ Lächelnd, obgleich doch auch voll Rührung erwie⸗ derte Herr Brockhuſen die Umarmung, und ſagte ſanft: „Ei, Baſtel, ich muß ja wohl wieder gut machen, was ich in meiner Verblendung, freilich nur in der beſten Ab⸗ ſicht, verfehlt habe. Ich vergaß, Baſtel, daß Jeder nur eben in ſeiner Weiſe glücklich werden kann! Das war mein Unrecht! Das deinige aber war, daß du nicht offen vom Herzen weg zu mir ſpracheſt, und mich in meinem Irrthume erhielteſt, bis endlich dein Mund Worte fand, von denen deiner Seele nichts be⸗ wußt war. Gott ſei gedankt, daß es geſchah und daß du nicht elend zu Grunde gingeſt aus übergroßem Zart⸗ gefühl und übel verſtandener Dankbarkeit. Aber genug davon, mein Sohn! Ich durchſchaue ganz genau deine Beweggründe, und ſie haben dich mir und uns Allen nur um ſo lieber gemacht, da ſie aus einem ſo dank⸗ baren Gemüth und einem ſo treuen Herzen ſtammen. Ein Jeder in ſeiner Weiſe. 7 98 Und nun geſchwind,— gefällt dir mein Vorſchlag und nimmſt du ihn an?“ „Oh, mit beiden Händen und mit heißer Dank⸗ barkeit, wenn mir die Hoffnung bleibt, nicht auf immer von Ihnen allen getrennt zu ſein!“ rief Baſtel aus. „Wir werden uns jedes Jahr wenigſtens Ein Mal auf ein paar Wochen ſehen,“ antwortete Herr Brock⸗ huſen freundlich.„Du wirſt zu uns,— wir werden zu dir kommen, und ich hoffe auf glückliche Tage, die wir dann mit einander verleben. Uebrigens, mein Sohn,«— fuhr er ruhiger fort,—„das Geſchäft, welchem du vorſtehen ſollſt, iſt in Wahrheit von großer Wichtigkeit, und du brauchſt nicht zu denken, daß ich nur allein deinetwillen die Waldgründe angekauft habe. Ich rechne auf einen großen Ertrag, der natür⸗ lich zu gleichen Theilen geht, und du biſt mir daher keine beſondere Dankbarkeit ſchuldig. Es trifft ſich eben gut, daß das Geſchäft zu deinen Neigungen ſtimmt, und der Hauptgewinn wird immer der bleiben, daß du in deiner Weiſe das Glück findeſt, das ich dir wuͤnſche.“ Zwei Jahre vergingen Baſtel in unermüdlicher, raſtloſer, aber auch gedeihlicher Thätigkeit auf dem Boden ſeiner Heimath. Wie ganz anders aber ſah es jetzt in den Thälern und Wäldern aus, die in der Kindheit Baſtels ſo ſtill, ſo einſam, ſo abſeits gelegen hatten? Schöne, große Fabrik⸗Gebäude erhoben ſich hie und da an den geeigneten Stellen, zahlloſe Meiler rauchten und qualmten an verſchiedenen Punkten des Waldes, Theer⸗Schwelereien, Pech⸗ und Pottaſche⸗ Siedereien, Rußöfen ſtanden hier und dort, und Hunderte 1 99 von rüſtigen Armen waren geſchäftig, dem Waldboden den reichſten Ertrag abzugewinnen. Baſtel und ſein Vater leiteten Alles. Wege waren durch den Wald gebahnt, um eine Verbindung mit den großen Heer⸗ ſtraßen herzuſtellen, und auf dieſen Wegen rollten Jahraus Jahrein lange Wagenzuüge mit Kohlen, und mit großen Fäſſern und Kiſten, welche die Produkte der Fabriken nach Norden führten, in die Magazine Herrn Brockhuſens, von wo aus ſie mit reichem Ge⸗ winne wieder weiter in die Welt ſpedirt wurden. Dort in Hamburg leitete Adelbert die Geſchäfte, wie ſte Baſtel im Walde leitete, und Beide fanden, Jeder in ſeiner Weiſe, bei dieſer mannigfaltigen Thätigkeit innerlich ein zufriedenes Herz und äußerlich einen reichen Lohn. Die abgeholzten Waldſtrecken wurden urbar gemacht und zur Landwirthſchaft vorbereitet, und an manchen Stellen ſchon zog der Pflug tiefe Furchen, welchem dereinſt goldene Saaten entſprießen ſollten. So war für die Zukunft geſorgt, wenn einmal die Wäͤlder gelichtet ſein würden, und ein Leben voll reicher, ſchöner, nützlicher Thätigkeit auf dem Boden der Heimath lag vor Baſtels Blicken. War er nun glücklich? „Ja, Vater,“ ſprach er heiteren Antlitzes, da eines Tages Herr Brockhuſen die Frage an ihn richtete, als er mit ſeiner Gattin und Adelbert auf etliche Wochen zum Beſuche gekommen war.„Vollkommen glücklich bin ich, da ich es ſo ganz in meiner Weiſe ſein kann. Ich fühle mich als ein nicht un⸗ nützes Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft, und darum ſegne ich täglich und ſtündlich meinen Wohl⸗ thäter, meinen zweiten Vater, der mich grade auf die 100 Stelle geſtellt hat, wo ich nach meinen beſten Kräften wirken und ſchaffen kann. Und Adelbert? Iſt auch er glücklich? Auch er zufrieden, und in ſich ruhig und feſt?« »Frage ihn ſelber!« antwortete Herr Brockhuſen lächelnd.„Frage ihn, ob er mit dir tauſchen und wieder einmal den Schürbaum zur Hand nehmen will? Dort kommt er ja eben.“ Adelbert kam herzu, heiteren, zufriedenen, glück⸗ lichen Ausſehens. Baſtel fragte nicht; er hielt es für uͤberflüſſig. Aber, Herr Brockhuſen fragte. »Nein, nein!“ entgegnete Adelbert mit herzlichem Lachen.„Laſſen wir's, wie's jetzt iſt. Wir haben Jeder unſeren Wirkungskreis gefunden, wie er uns paßt, und dabei mag es verbleiben. Fühlen wir uns doch beide glücklich, ein Jeder in ſeiner Weiſe. Koͤhlere du fort, Baſtel, und ich, ich werde fortfahren, dafür zu ſorgen, daß die Produkte deiner Thätigkeit auf's Beſte verwerthet werden.“ »Ja, ſo ſoll es ſein,“ ſagte Herr Brockhuſen, indem er ſeinem Sohne und Baſtel die Hände reichte.„Jeder bleibe in ſeiner Weiſe nur thätig, brav, rechtſchaffen und treu, und die Zufriedenheit, und mit ihr das Glück werden nimmer Euch fehlen. Adelbert würde ſchwerlich hier im Walde, Baſtel ſchwerlich in der Stadt zu rech⸗ tem innerlichem Genügen kommen, und darum bleibe eben Jeder in ſeiner Weiſe, wenn die Weiſe ſelber nur immer recht und Gott wohlgefällig iſt. Er, der Herr, hat Alles wohl gemacht! Danken wir ihm dafür aus Grund der Seele, ſo lange wir leben!——— — 2228 OEEE Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. ffff AaaqdaaugaiuurununwuuununuuRnurnʒuNE 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19