deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur - von 4. Sduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1. 3— 1l2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinteolegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————. auf 1 Monat: Nk. Ff. 1 Mr. 50 Pf. 2 Nr. Pff. 5. Auswäürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ₰ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —„ 8 F ——nm——õ—— In demſelben Hauſe! Eine Erzählung für X meine jungen Freunde von Franz Voffmann. gF.— Motto: Sehet zu, daß Niemand Böſes mit Böſem vergelte. 1 Theſſ. 5. 15. 3 KMitlvier Stahlſtichen. 4 — . Stuttgart Verlag von Schmidt& Spring. 1855. Erſtes Kapitel. Das Haus und wer darin wohnte. Vor kaum zehn Jahren, da ſtand das Haus noch, wie ich mit meinen eigenen Augen geſehen habe. Und zwar ſtand es keine zweihundert Schritt weit von einem der lebhafteſten Plätze Berlin's in einer engen, kleinen, ſchmalen, aber himmelhohen Seitengaſſe, die Einem viel 1 höher vorkam, als andere Straßen, weil die Dächer an einzelnen Stellen ſo nahe an einander ſtießen, daß kaum ein Fußbreit Raum und Himmel zwiſchen ihnen zu ſehen war. Engen Straßen aber mit hohen Häuſern geht es wie engen Gebirgsthälern mit hohen Felswänden: ſelten nur, und zwar immer ganz allein am hohen Mittage läßt die liebe Sonne freundlich einen Strahl ihres gol⸗ denen Lichtes hineinfallen, und darum iſt es denn auch jederzeit kalt, feucht und ſchmutzig in ſolchen Gaſſen, eine widrige, dumpfe Luft herrſcht darin, das Straßen⸗ pflaſter iſt ſchlüpfrig, und die Bewohner der Häuſer haben faſt immer ein bleiches, kränkliches Ausſehen. Es geht ihnen, wie den Blumen, die man im Keller In demſelben Hauſe. 6 1 überwintert. Luft und Wärme fehlen ihnen, und ſchon, wo nur Eines fehlt, verkümmert jede lebendige Kreatur. In der kleinen Gaſſe zu Berlin,— nennen wir ſie die Petergaſſe—, wurde es mindeſtens eine halbe Stunde ſpäter Tag, und eine halbe Stunde früher Nacht, als in den breiten, hellen, prachtvollen Haupt⸗ ſtraßen der Preußiſchen Hauptſtadt. Wer es vermeiden konnte, ging nicht gern hindurch, obgleich es eine Verbindungs⸗Gaſſe zwiſchen dem erwähnten Platze und einer breiteren Straße war, wo von früh bis Abends der regſte Verkehr herrſchte. Aber man machte lieber einen kleinen Umweg, um nur nicht die dumpfe, ver⸗ dorbene Luft einathmen zu müſſen, die zwiſchen den hohen Häuſern wie eingeklemmt ſchien. Ein kalter Schauer lief Einem unwillkührlich den Rücken hinunter, man fühlte ein Fröſteln ſelbſt an den heißeſten Sommer⸗ tagen, wenn man das ſchmutzige, ewig feuchte Stein⸗ pflaſter der Gaſſe betrat, und man fand es beinahe unbegreiflich, daß in einer ſolchen Straße überhaupt Menſchen wohnen könnten. Aber trotzdem war ſie nicht nur bewohnt, die Petergaſſe, ſondern ſie war ſogar ganz ungewöhnlich bevölkert, und an den großen Haͤu⸗ ſern mit ihren breiten Fronten und zum Theil hohen Fenſtern, die freilich meiſt ganz trübe, erblindete Scheiben hatten, hing nur ſelten ein Zettel oder ein Täfelchen mit der Bemerkung aus:»Hier iſt eine Wohnung zu veermiethen.“ Es war Alles beſetzt, Alles von oben bis unten, von den Dachſtübchen und Kämmerchen an bis in die Kellerwohnungen hinab, zu denen mitunter halsgefährliche Treppen hinabführten. Das machte, die uartiere waren ungewöhnlich wohlfeil, und in den großen Häuſern wohnten meiſt arme, kleine Leute, die 3. e im Innern Alles nothdürftig zuſammenhielt; 3 jeden Groſchen zu Rathe halten, und ihre Wohnungen nach der Billigkeit, nicht nach der Bequemlichkeit, Schoͤn⸗ heit oder Geſundheit wählen mußten. In alten Zeiten hatte die enge Gaſſe ohne Zweifel reichere Leute zu Bewohnern gehabt. Dazumal fragte man nicht viel nach Luft und Licht, und überhaupt, man wußte es eben nicht viel anders.„Eng' und wohl ſei beſſer, als weh' und weit,« meinten unſere Vor⸗ fahren, und dachten nicht viel darüber nach, ob ein ſo enges, gedrängtes Beiſammen⸗Wohnen der Geſundheit nützlich oder nachtheilig ſei. In ſpäteren Zeiten wurde das freilich anders. Da ſuchte man Luft und die liebe Sonne, man breitete ſich gern behaglich aus, und zog eine freundliche huͤbſche Ausſicht dem engen Zuſammen⸗ Leben vor. Die dumpfen finſteren Straßen und Gäßchen wurden verlaſſen, und da man die ſtattlichen, hohen Häuſer nicht mitnehmen konnte, wie das bewegliche Hab' und Gut, ſo wurden ſte verkauft und vermiethet, oft zu den billigſten Preiſen, wie's gerade traf. Nun zog die Armuth ein, wo bisher der Reichthum gethront hatte, und der Petergaſſe erging es in dieſer Weiſe, wie ſo vielen anderen Straßen und Gäßchen: ſie ſand allmählig von einem Quartiere der Reichen zu einem Winkel⸗Viertel der Armen herab, und mit der Armuth zog dann auch Schmutz, Unreinlichkeit und Verfall der Haͤuſer mit ein. Ihre vormals immer ſauber und ſtattlich erhaltenen Fronten überzogen ſich mit einem räucherigen Grau, Flechten und Mooſe wucherten auf den Geſimſen und Vorſprüngen, der Kalkanwurf bröckelte von den Wänden, und kein Menſch dachte daran, zu reinigen, zu erhalten und auszubeſſern. Wenn nur Außenſeite mochte werden, was Wind, Wetter und Alter daraus zu machen Luſt hatten. So befand ſich denn die Petergaſſe vor etwa zehn bis zwölf Jahren in einem traurigen Zuſtande des Ver⸗ falls und der Verwitterung, und nur ein einziges Haus zeichnete ſich vor den übrigen durch eine etwas beſſer erhaltene Außenſeite vortheilhaft aus. Es lag ziemlich in der Mitte der Gaſſe, und war aus dem Grunde heraus von ſoliden, tüchtigen Sandſtein⸗Quadern auf⸗ geführt. Ueber den Kellern, zu denen eine noch feſte, obgleich ſehr ſchmutzige Treppe hinunterführte, erhob ſich das etwas vorſpringende Erdgeſchoß mit gewaltigen Schwibbogen, deren dicke, maſſive Säulen von uner⸗ ſchütterlicher Feſtigkeit die oberen Stockwerke ſtützten und trugen. Die bedeckte Halle zwiſchen den Säulen und den bewohnten Räumen des Erdgeſchoſſes diente zu einem beliebten Durchgange und zu einem noch belieb⸗ teren Sammelplatze des Publikums bei eintretendem Regenwetter, obgleich der ohnehin ſchmale Raum noch mehr verengt wurde durch alte Hökerweiber, die in ihren Körben Obſt und Näſchereien für die bettelhaften Straßenjungen des Gäßchens feil hielten. Unter dem Erdgeſchoſſe erhoben ſich noch zwei Stock⸗ werke, ebenfalls von Sandſtein⸗Quadern erbaut. Die verhältnißmäßig großen Fenſter waren von ſchön gear⸗ beiteten und fein ausgemeißelten Säulen eingefaßt, und die Simſe darüber zeigten in ſauberer Ausführung, welche die Hand eines geſchickten Bildhauers errathen ließ, mannigfache Verzierungen, die nur leider durch das Alter hie und da gelitten hatten, und durchgängig von ſchwärzlichem Mooſe, von Rauch und Schmutz überzogen waren, wie alles Uebrige. Ueberdies hatten ſein Vater das Zeitliche und wurde begraben, ohne 5 ein Dutzend kecke Sperlinge ihre Neſter in einigen Frucht⸗ und Blumenkörben, und ſogar zwiſchen die Köpfe von verſchiedenen geflügelten Engeln gebaut, und Strohhalme mit Federchen und dergleichen mehr gemiſcht hingen aus dieſen unordentlichen, ſchlecht erhaltenen Neſtern ſchuhlang heraus. Das ganze Haus, ver⸗ räuchert, beſchmutzt und mit blinden Scheiben, konnte alſo mit ſeinem ganzen verwahrlosten Aeußern nicht den angenehmſten Eindruck auf den Beſchauer machen, und wenn es trotzdem immer noch beſſer ausſah, als die nächſten Nachbarhäuſer, ſo verdankte es dies einzig und allein dem Umſtande, daß es von Anfang an nicht mit Kalkbewurf angeputzt war, der alſo auch nicht ſtellenweiſe in großen landkartenähnlichen Flecken abfallen konnte. Vernachläſſigt und rußigt bewahrte es durch ſeine maſſive Bauart doch immer den Anſchein von Dauer und Feſtigkeit. Der Beſitzer dieſes Hauſes war ein alter, wunder⸗ licher Kauz. Er hieß Herr Rempelmeier, und nur wenige Leute gab es, die mehr von ihm wußten, als eben nur dieſen ſeinen Namen. Von wohlhabenden Aeltern in dem erwähnten Hauſe geboren und erzogen, hatte er ſeine Jugend in der Petergaſſe verlebt, und war dann, bald nach ſeiner Einſegnung, im ſiebzehnten Jahre ſeines Alters verſchwunden. Es hieß, ſeine Aeltern hätten ihn nach Hamburg in ein großes Droguerie⸗Geſchäft gethan, damit er dort den Handel erlernen ſollte. Seit jener Zeit wurde lange Jahre hindurch nicht viel mehr von ihm vernommen. Seine Mutter ſtarb,— Fritz Rempelmeier gab kein Lebens⸗ zeichen von ſich. Zwei Jahre nachher geſegnete auch —— alten Hauſes wechſelte faſt alle zwölf Monate, und daß Fritz Rempelmeier ihn auf ſeinem letzten Gange begleitete. Das Haus ſtand leer und öde. Thür und Fenſter waren geſchloſſen, und in den verwaisten Zim⸗ mern trieben nun Ratten, Mäuſe und Spinnen ihr Weſen. Das dauerte ſo vier oder fünf Monate. Da auf einmal hing eine Tafel an der Hausthür, mit der Ankündigung:„Haus im Ganzen oder auch im Ein⸗ zelnen zu vermiethen. Anfragen bei Advokat Wunderlich auf dem... Platze, Nummer 12. Von Fritz Rempelmeier keine Spur weiter. Neugier oder Luſt zu miethen trieb verſchiedene Leute zum Herrn Wunderlich, der ein bekannter, viel beſchäftigter Advokat war. Man fragte, man forſchte nach Fritz Rempel⸗ meier, und der Advokat begnügte ſich mit der Er⸗ klärung, daß er Auftrag und Vollmacht habe, das Haus zu vermiethen. Die Vollmacht in beſter Form, von Hamburg datirt, lag vor. Was der Beſitzer des Hauſes dort betrieb, ob Handelsgeſchäfte oder was ſonſt, das erfuhr Niemand, und im Grunde genommen hatte auch Niemand danach zu fragen. Kurz und gut, das Haus wurde an verſchiedene Leute vermiethet, und bald ſteckte es voll von oben bis unten. Der Mieth⸗ zins wurde an Advokat Wunderlich bezahlt, oder, wenn er nicht pünktlich bezahlt wurde, von demſelben einge⸗ trieben, und den wirklichen Hausherrn bekamen die Miether nicht zu ſehen. Das dauerte Jahre lang ſo fort. Hie und da fragte einmal Dieſer oder Jener an, ob das Haus nicht zu verkaufen ſei? Aber der Advokat verneinte mit der entſchiedenſten Beſtimmtheit. Die alten Miether zogen aus, neue zogen ein, die Bewohnerſchaft des — 7 am Ende dachte man gar nicht mehr an Fritz Rempel⸗ meier, ſondern betrachtete den Advokaten Wunderlich als den Beſitzer des Hauſes. Da, nach vielen, vielen Jahren, hieß es auf ein⸗ mal:„Rempelmeier kommt wieder nach Berlin!« Der Advokat Wunderlich, der ſeit dem Tode des alten Rempelmeier nun ſelber ſchon ein alter Mann mit ganz weißem Kopfe geworden war, hatte es ſelber geſagt, und ſo unglaublich die Nachricht ſchien, mußte man ihr doch wohl Glauben ſchenken. Allen Miethern nämlich, die in der erſten und zweiten Etage wohnten, wurde gekündigt, ſie mußten Knall und Fall ausziehen, und konnten nicht einmal eins Entſchädigung dafür beanſpruchen, indem Advokat underlich in faſt allen ſeinen Mieths⸗Contrakten weislich ſeine Vorſichts⸗ maßregeln für dieſen Fall getroffen hatte. Im Uebrigen wurden aber keine großen Vorkehrungen weiter zum Empfange des Hausherrn getroffen. Als die ausge⸗ räumten, leeren Stuben und Kammern nothdürftig ein wenig geſäubert waren, ſchloß Herr Wunderlich die Thüren zu, und Niemand bekümmerte ſich mehr um das Haus, als die wenigen armen Leute, die oben in einem Dachſtübchen, im Erdgeſchoß und unter der Erde in der Keller⸗Etage wohnten. Vierzehn Tage darauf rollte eines Morgens ein großer, ſchwer beladener Frachtwagen vor die Thür des Hauſes und hielt hier an. Während der Fuhrmann ſeine vier Pferde ausſpannte, ſtieg ein langer, hagerer Menſch mit verwitterten Zügen, in einen großblumigen, bunten Damaſt⸗Schlafrock gekleidet, und ein rothes wollenes Tuch um den Kopf gebunden, vom Wagen herunter, und fragte den erſten beſten Jungen, wo der .— 8 8 Advokat Wunderlich wohne. Der Junge wußte keine Auskunft zu geben, aber eine alte Hökerin, die bereits mit Verwunderung den fremden Menſchen angeſchaut hatte, gab raſchen Beſcheid. „Ei, Herr, ja,“« ſagte ſie,„Sie ſind doch gewiß der Herr Rempelmeier, da Sie gerade hier nach dem Advokaten fragen! Na, ich weiß, wo er wohnt, und meine Lieſe kann gleich hinſpringen und ihn herrufen! Lauf', Lieſe, hole den alten Wunderlich, und ſag' ihm nur, der Herr Rempelmeier wär' angekommen!« Lieſe war ein kleines Mädchen von acht bis neun Jahren, und ſprang davon wie eine Gazelle. Zehn Minuten ſpäter kehrte ſie mit dem Advokaten zurück, welchem ſich der Fremde, der bis dahin in mürriſchem Schweigen verharrt und der Höͤkerfrau kaum eine Ant⸗ wort gegeben hatte, jetzt wirklich als den nach vielen Jahren heimgekehrten Fritz Rempelmeier vorſtellte. Die kleine Lieſe ſtreckte während dem ihr Händchen hin, um für ihren Gang zum Advokaten einen kleinen Boten⸗ lohn in Empfang zu nehmen; aber Herr Rempelmeier fuhr ſie hart an, ſchalt ſie ein zudringliches Bettel⸗ mädchen, und ſchlüpfte wie ein Wieſel in's Haus, deſſen Thür Herr Wunderlich mittlerweile geöffnet hatte. Thränen gekränkten Gefühls in den Augen blickte die kleine Lieſe hinter ihm drein, und wagte es nicht, dem barſchen Herrn in das Haus zu folgen. »J, Leſe, laſſ' ihn laufen,« rief ihr die Mutter zu. »Aergere dich nicht über den alten Geizkragen! Aber er ſoll nur noch einmal kommen, der Grobian, dann wollen wir ihn ſchön ablaufen laſſen. Der Geizhals der 1 1. Niccht fünf Minuten dauerte es, ſo wußte die ganze 5 3 6 4 * 9 Nachbarſchaft die Geſchichte mit der kleinen Lieſe, und von Anfang an galt Herr Rempelmecier für einen argen Geizhals, als den er ſich dann ſpäter auch in der That bewährte. Gleich darauf gab er wieder ein Beiſpiel von ſchmutzigem Geize, indem er den Arbeitern, von denen er ſeine Habſeligkeiten vom Wagen in das Haus ſchaffen ließ, mit aller Gewalt von ihrem redlich ver⸗ dienten Lohne Abzüge zu machen verſuchte, ſich um ein paar Dreier eine halbe Stunde lang mit ihnen herum⸗ zankte, und lieber die größten Grobheiten einſteckte, als ſeinen Geldbeutel öffnete. Schimpfend und murrend zogen die Leute ab, und Herr Rempelmeier hatte zwar ein paar Groſchen geſpart, ſich dafür aber auch in der ganzen Nachbarſchaft einen ſchlimmen Ruf erworben. Daraus ſchien er ſich indeß nicht viel zu machen, denn er kümmerte ſich überhaupt nicht um die ganze Nachbarſchaft. Nur nach ſeinen Miethsleuten fragte er, und zwar nur aus dem einzigen Grunde, um ihnen eine Erhöhung des Miethszinſes anzukündigen. Wer ſich's nicht wollte gefallen laſſen, der mochte ausziehen, und in der That räumten auch Alle das Haus, bis auf einen alten Schuſter im Erdgeſchoß, der auf zeit⸗ lebens gemiethet hatte, und auf welchen wir weiter unten wieder zurückkommen werden. Nun wohnte Herr Rempelmeier faſt ganz allein in ſeinem großen Hauſe, und richtete ſich nun ein, wie ein Dachs in ſeinem Bau. Zur Bedienung und Hülfe nahm er einen alten Burſchen an, der ſich ihm durch wohlfeilen Tagelohn empfahl, und kramte mit dieſem in den alten, verſtäubten Räumen des Hauſes umher. Auf ſeinem Frachtwagen hatte er mancherlei altes Ge⸗ rümpel mitgebracht, Kiſten und Kaſten verſchiedener A 10 Schränke, Tiſche und andere Möbel, auch allerlei ſelt⸗ ſames Gethier in ausgeſtopftem Zuſtande, Krokodile, Schlangen, Vögel in Menge, getrocknete Fiſche von wunderbarer Geſtalt, und eine Unzahl von gläſernen Flaſchen und Gefäßen, in denen Reptilien von gräu⸗ lichem Ausſehen in Spiritus geſetzt ſtanden. Von hübſchen, bequemen, eleganten Möbeln bekam man nichts zu ſehen; nur lauter ſolchen alten Kram, vor dem ſich die Hökerweiber und die neugierig zuſchauenden Straßenjungen bald entſetzten, bald darüber lachten. Dieſe ausgeſtopften, getrockneten, in Spiritus geſetzten Beſtien und Reptilien brachte Herr Rempelmeier in der erſten Etage ſeiner Wohnung unter; ſtellte ſie auf Re⸗ gale und in alte Schränke längs den Wänden auf, ließ ſie an Stricken von der Stubendecke herab hängen, und machte in dieſer Weiſe ein wirkliches Naturalien⸗ Kabinet aus ſeinen Gemächern. Was in der erſten Etage nicht Platz fand, wurde in die obere, zweite gebracht, und auch hier aller leere Raum damit aus⸗ gefüllt. Hier oben hin brachte er auch große Kaſten voll Käfer und Schmetterlinge, die ſchon einen hüb⸗ ſcheren Anblick gewährten, als die widerlichen und ſelt⸗ ſamen Geſtalten der kriechenden Thiere, und nun war er ſo ziemlich mit ſeiner inneren Einrichtung fertig. Nur an Möbeln und Hausgeräth fehlte es noch, und Herr Wunderlich gab ihm den Rath, das Mangelnde in einem Möbelmagazine einzukaufen. „ Denken Sie denn, daß ich ein Kröſus oder ver⸗ rückt und närriſch im Kopfe bin?« gab Herr Rempel⸗ meier barſch zur Antwort.„Ich war lange genug in Surinam, und habe mich hinlänglich in den Wäldern unter freiem Himmel herumgetrieben, um Euren un⸗ 11 ſinnigen, koſtſpieligen Lurus entbehren zu können! Wo ſind die alten Möbel, die meine Aeltern ſelig hinter⸗ laſſen haben?« „Ei, Herr Rempelmeier, Sie wollen doch nicht das alte wurmſtichige, von den Motten zerfreſſene Zeug in Gebrauch nehmen?“ rief der Advokat aus. „Was da!“ lautete die Antwort,„wurmſtichig und von den Motten zerfreſſen oder nicht, das iſt mir alles eins! Ich brauche keinen Luxus, den ich bezahlen muß! Wo ſind die alten Sachen?« „Ei nun, ich habe ſie in eine Bodenkammer ſtellen laſſen, wo noch mehr ſolches altes Gerümpel verroſtet,“« erwiederte der Advokat Wunderlich. „Gut,“ ſagte Herr Rempelmeier.„Vorwärts, Jo⸗ ſeph, wir wollen's herunter holen vom Boden!« Joſeph hieß der Diener, den ſich Herr Rempelmeier angeſchafft hatte, und, von dem Advokaten geführt, ſtieg er mit ihm auf den Boden hinauf. Die geräu⸗ mige Kammer dort oben war vollgepfropft von ver⸗ ſchiedenen Sachen, die ſich aber freilich in einem Zuſtande befanden, der nicht viel Einladendes hatte. Fingerdick lag der Staub auf den alten Kommoden, Tiſchen und Stühlen, von denen längſt die Fournirung abgeſprungen war und nur noch in Stücken und Fetzen daran herum hing; die Spiegel, vielleicht aus dem vorigen Jahr⸗ hundert herſtammend, waren zerbrochen und ſo blind, daß ſie kaum noch zu ihrem urſprünglichen Zwecke brauchbar erſchienen; die Sopha's hatten weder Ueber⸗ zug noch Polſter mehr,— kurz, es fand ſich eben nichts als altes Gerümpel, für das kein Menſch nur ein paar Thaler gegeben haben würde. Aber Herr Rempelmeier fand Alles vortrefflich, und nahm nicht 12 den geringſten Anſtand, ſeine Gemächer mit den alten Möbeln auszuſtaffiren. Er und Joſeph räumten den ganzen Tag, und am Abend war die Bodenkammer ziemlich leer, wogegen die Stuben eine wahre Muſter⸗ karte von zerbrochenem, verroſtetem, abgenutztem und werthloſem Gerümpel bildeten. Aber gerade in ſolchen Umgebungen ſchien ſich Herr Rempelmeier am wohlſten zu fühlen, wenigſtens fiel es ihm nicht ein, jemals ſeine Prachtgemächer und ſein Haus zu verlaſſen. Jahr und Tag wohnte er ſchon in ſeinem Hauſe, und hatte die Schwelle deſſelben noch nicht wieder übertreten, noch nie wieder ſeine hagere, trockene, Mumien-artige Geſtalt auf der Straße blicken laſſen. Die Hökerfrau, deren Töchterchen damals den Advokaten herbeigeholt hatte, wußte dies ganz genau, denn vom frühen Morgen an, wo ſie ſich auf ihrem Platze einfand, bis zum ſpäten Abende, wo ſie ihn wieder verließ, beobachtete ſie die Hausthür und lauerte darauf, daß Herr Rempelmeier einmal heraustreten ſolle, um ihm irgend einen Schabernack anzuthun, denn ſie hatte ſein ſchnödes Benehmen gegen ihr Lieschen noch nicht vergeſſen. Aber wie geſagt, ſie lauerte ver⸗ gebens. Herr Rempelmeier hielt ſich weislich im Hauſe, und beſchäftigte ſich mit ſeinen ausgeſtopften und ge⸗ trockneten Kreaturen, die er immer mit neuer Liebe be⸗ trachtete, weil ſie ihm keine Futter⸗ und andere Koſten verurſachten. Nur ein einziges lebendes Weſen befand ſich außer dem alten Diener noch um ihn, nämlich ein alter, in goldenem und grünem Gefieder ſchimmernder Papagei, den er aus Surinam mit nach Europa gebracht hatte. In früheren Zeiten war er das Eigenthum eines jener 13 Sclaven geweſen, der ihn auf ſeinen Streifereien durch die Wildniſſe und Urwälder Amerika's begleitet hatte. Er hörte, der Papagei nämlich, denn der arme Sclave war längſt geſtorben, auf den Namen Jakob, und wenn ſein Herr Jakobl rief, ſo antwortete der Pa⸗ pagei allemal, mit etwas knarrender und ſchnarrender Stimme freilich, aber vollkommen deutlich:„Hier, Herr Rempelmeier!“ und flog herbei, um ſich auf ſeine Schultern zu ſetzen. Das machte dem Herrn Rempel⸗ meier Spaß, und da ſich Jakob an ſchmaler Koſt genügen ließ, alſo nur eine höchſt geringe Ausgabe veranlaßte, ſo blieb er der Gefährte ſeines Herrn und wurde gnädig in den Zimmern deſſelben geduldet. Nicht ſo gut erging es dem alten Joſeph. Der Menſch aß zu viel, und wurde dem Herrn Rempel⸗ meier deshalb in der erſten Woche ſchon zur Laſt. Als er nun gar am Ende derſelben ſeinen Lohn forderte, war das Gefäß des Zornes bis zum Rande gefüllt. Joſeph wurde ohne Umſtände verabſchiedet, und nun ſchaltete und waltete Herr Rempelmeier wieder ganz allein in ſeinen vielen Gemächern unter ſeinen todten Beſtien, die weder aus ſeiner Schüſſel aßen, noch Geld von ihm verlangten. Aber ohne alle Aufwartung konnte ſich Herr Rempel⸗ meier doch nicht behelfen. Wenn er ſich auch mit der einfachſten Koſt begnügte, ſo mußte doch immer Jemand da ſein, der ſie ihm beſorgte. Das fiel ihm erſt ein, als er Joſeph aus dem Hauſe gejagt und nun keinen Menſchen hatte, der ihm am folgenden Morgen ſein Frühſtück brachte. „Dummes Zeug, dummes Zeug,“ murmelte er, „ich muß zu Wunderlich ſchicken und mit ihm ſprechen! 8 14 Aber wen ſollte er ſchicken? Einen Boten hatte er nicht, und ſelber gehen mochte er nicht. Herr Rempel⸗ meier befand ſich in großer Verlegenheit. Da auf einmal, als er noch ärgerlich und verdrieß⸗ lich darüber hin und her ſann, was zu thun ſei, kam der Advokat wie gerufen von ſelber. »Guten Morgen, Herr Rempelmeier,« ſagte er, und Herr Rempelmeier empfing ihn zum erſten Male mit einem Schimmer von Freundlichkeit im Geſichte. „Ich bringe Ihnen eine gute Nachricht, über die Sie ſich freuen werden, wie ich hoffe.« »Eine gute Nachricht? Wie?« fragte Herr Rempel⸗ meier mißtrauiſch.„Was wäre das? »Nun, mit Einem Worte: Sie ſtehen nicht mehr ganz allein in der Welt, es lebt noch Jemand von Ihren Verwandten, eine arme, aber brave und recht⸗ ſchaffene Frau, die Ihrer ganzen Theilnahme würdig iſt.« „Eine arme Frau?“ ſagte Herr Rempelmeier und zog ſein Geſicht in die Länge.„Was thu' ich damit? Was ſoll ich mit Verwandten? Ich will keine Ver⸗ wandten! Bleiben Sie mir mit allen Verwandtſchaften vom Leibe!« »Aber, Herr Rempelmeier, es iſt Ihre wirkliche und wahrhaftige Couſine von mütterlicher Seite! Viel⸗ leicht die einzige Verwandte, die Sie noch haben in der Welt! Und unglücklich dazu! Mein Gott, Sie werden doch nicht ſo hartherzig ſein, die arme Nichte Ihrer ſeligen Frau Mutter im Elende verſchmachten zu laſſen!« „Nichte hin, Nichte her! Verſchmachten hin, ver⸗ ſchmachten her! Was geht's mich an!« entgegnete Herr Rempelmeier mit Härte, und ſchob ſeine Hände in die — 15 Taſchen ſeines weiten Schlafrocks.„Ich will nichts hören!« „Aber wen wollen Sie einmal, wenn Sie ſterben, zu Ihrem Erben machen?“ fuhr der Advokat hartnäckig fort.„Sollen denn Ihre geſammelten Schätze und Reichthümer in fremde Hände fallen 2* „Herr, was wiſſen Sie denn von meinen Schätzen und Reichthümern?“ grollte Herr Rempelmeier mit ver⸗ drießlicher Miene.„Ich habe keine Schätze, gar keine! Ich bin ein armer Mann, der kaum zu leben hat! Und nun kein Wort weiter davon! Ich habe andere Sorgen, ſchwere Sorgen, fatale Sorgen! Joſeph iſt fort „Wohin!“ „Zum Henker meinetwegen! Ich konnte ihn nicht brauchen! Der Kerl aß mich arm! Aber was nun? Was nun? Wer holt mir mein Frühſtück? Mein Mittagseſſen? Schaffen Sie mir wen anders! Aber wohlfeil! Theure Leute kann ich nicht brauchen.“ Der alte Advokat lächelte pfiffig vor ſich hin.„Hören Sie, Herr Rempelmeier,“ ſagte er,„da wüßt; ich am Ende wirklich Jemanden. Nehmen Sie Ihre Couſine in's Haus! Dann iſt ihr geholfen, und Ihnen ge⸗ holfen!“.. Herr Rempelmeier horchte hoch auf.„Hm, hm!« brummte er.„Wenn ſie keinen Lohn verlangt, und nichts zu eſſen,— oben ſteht ein Dachſtübchen leer, das könnte ſie bekommen,— ganz umſonſt, nur mit der Bedingung, daß ſie dafür meine Aufwartung be⸗ ſorgt und mich nie ein Wort von Verwandtſchaft hören läßt. Ich haſſe alle Verwandtſchaft! Hungriges Volk! Kann's nicht brauchen.“ 8 wiederte der Advokat. Obdach, Frau Engelbert! und ſpäter wird man ja ſehen. 16 »Nun, ich will mit der armen Frau reden,« er⸗ »„Es iſt doch wenigſtens ein Die arme Sie hatte mehr von der Liebe ihres einzigen Verwandten gehofft.« „Dummheiten! Herr Rempelmeiere Ihnen?“ Ich kenne ſie gar nicht!« murrte »Wie kommt ſie eigentlich zu »Ei nun, auf die einfachſte Weiſe von der Welt,« erwiederte der Advokat der Fremde zurückgekehrt gekommen, und da ſuchte zu erkundigen. redlicher, ſtarb endlich. Art kamen hinzu, kurz, Allem entblößt. Aber ſie arbeitete, ſie verdingte ſich frau, und Gott weiß, „Ein Gerücht, daß Sie aus wären, war ihr zu Ohren ſie mich auf, um ſich näher Ihr Mann war ein Kaufmann, ein fleißiger Mann, wurde krank, ſiechte ein Jahr oder h ich kannte ihn. Aber er ſo etwas hin, und Während der Krankheit konnte das Ge⸗ ſchäft nicht gehörig beſorgt werden, Verluſte anderer nach dem Begräbniß befand ſich die arme Wittwe im größten E lende und von verlor den Muth nicht. Sie als Wäſcherin, als Scheuer⸗ zu was für ſchwerer Arbeit noch, um nur auf ehrliche Weiſe das tägliche Brod zu ver⸗ dienen. Eine kreuzbr bert, und warhaftig, von guter Familie iſt, einſt treffen ſollte, tung vor der ave Frau iſt ſie, die Frau Engel⸗ wenn man bedenkt, daß es ihr nicht an der Wiege geſungen wurde, wie ſchwer Gottes S daß ſie doch chickung ſie der⸗ und daß ſie nun doch' ſo ſtandhaft und muthig alles Leid erträgt, ſo muß man braven Frau haben!“« »Was kümmert das mich? Herr Rempelmeier.„»Nichts alle Ach⸗ Ihre Sache!« brummte weiter davon! Nur noch 17 Ein Wort für tauſend. Die Dachſtube kann ſie unter den angegebenen Bedingungen haben, aber weiter nichts. Punktum! Adieu, Herr Wunderlich!“ „Alter Geizhals!“« brummte der Advokat, als er die Haustreppe wieder hinunter ſtieg.„Und doch weiß ich, daß ich hier ein ſchönes Vermögen für ihn zuſammen⸗ geſcharrt habe, abgeſehen von dem, was er von Surinam mitgebracht hat! Aber ich glaube wahrhaftig, er ließe lieber ſeine armen Verwandten verhungern, als daß er einen Thaler von ſeinem Mammon herausrückte. Niedriger, ſchmutziger Geizhals!« Der alte, brave Advokat mochte wohl Recht haben in ſeinem Urtheile über Herrn Rempelmeier. Trotzdem zog noch am nämlichen Tage Frau Engelbert in die kleine Dachſtube ein, und brachte auch ihren Sohn mit, ihren Wilhelm, einen hübſchen Knaben von elf oder zwölf Jahren, von dem der Advokat kein Wort zu Rempelmeier geſagt hatte, aus wohlbegründeter Furcht, dann ganz und gar kein Gehör bei ihm zu finden. Rempelmeier tobte und ſchalt auch wirklich wie ein Beſeſſener, als er von der Anweſenheit des Knaben Kunde erhielt; als aber Frau Engelbert alle ſeine Vor⸗ würfe ſchweigend hinnahm, als ſie nur im bittern Schmerze ihre Hände faltete, und große Thränen kummervollen Leides über ihre bleichen, hohlen Wangen rollten, da ſchien denn doch ein menſchliches Rühren endlich Eingang in das vertrocknete Herz des alten Geizhalſes zu finden, und ſein Toben und Poltern ſchwand in ein grollendes Murren dahin. Erſt hatte Frau Engelbert auf der Stelle das Haus wieder räumen ſollen, aber davon war jetzt keine Rede weiter. Sie blieb, und Rempelmeier duldete ſchweigend, Taf ſie in In demſelben Hauſe. 18 ihrer ſtillen, geräuſchloſen Weiſe für ſeine kleinen Be⸗ dürfniſſe ſorgte. Das Daſein des Knaben ſchien er nach vier Wochen gänzlich vergeſſen zu haben. Er bekam ihn nicht zu ſehen, und Frau Engelbert hütete ſich wohl, Seiner bei dem hartherzigen Verwandten zu erwähnen. Sie war froh, daß der arme Wilhelm überhaupt im Hauſe nur geduldet wurde. Und doch hätte Wilhelm alle Liebe und Freundlich⸗ keit guter Menſchen in reichem Maße verdient, denn er war in Wirklichkeit ein guter, braver, wackerer Knabe, und die einzige Freude ſeiner armen Mutter, an der er mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit hing. Was übrigens Herr Wunderlich über die Verhält⸗ niſſe von Frau Engelbert ihrem Verwandten mitgetheilt hatte, beruhte Alles auf Wahrheit und hatte ſeine voll⸗ kommene Richtigkeit. Ihre Aeltern waren nicht gerade reiche, aber doch ziemlich wohlhabende Leute geweſen, die ihr eine gute Erziehung hatten geben laſſen. Daß eine Schickung des Herrn, die ſie mit wahrhaft chriſt⸗ licher Ergebung und Standhaftigkeit ertrug. Sie zwang ſich, ihre früheren, beſſeren Umſtände zu vergeſſen, und dachte nur allein darauf, auf rechtſchaffene Weiſe ihr Brod zu erwerben und ihren Knaben zum Guten zu erziehen, ohne ſich dabei zum Betteln erniedrigen zu müſſen. Sie arbeitete, und ſcheute ſich vor keiner Arbeit, wie niedrig ſie auch ſein mochte und wie wenig ſte zu ihren vorherigen Verhältniſſen paſſen wollte. Durch Nähen, Waſchen, Plätten und dergleichen mehr friſtete ſie ihr Daſein, und erwarb im Schweiße ihres ſte ſpäter verarmte, war nicht ihre Schuld, ſondern Angeſichts wenigſtens ſo viel, um nicht am Nothwen⸗ digſten darben zu müſſen. Mit Freuden ging ſie auß 19 den Vorſchlag ein, zu ihrem Vetter Rempelmeier in's Haus zu ziehen, denn ſie berückſichtigte, daß, ſo ärm⸗ lich auch die ihr angebotene Wohnung ſein mochte, doch wenigſtens keine Miethe dafür zu bezahlen wäre, und in die Launen und Eigenthümlichkeiten des Herrn Vetters hoffte ſie ſich ſchicken zu lernen, wie ſie ſich in ſo Manches geſchickt und gefügt hatte. Und im Uebrigen,— große Anſprüche konnte ſie ja nicht machen, und machte ſie nicht. Das Wenige, was ſie für Herrn Rempelmeier zu thun hatte, war alltäglich bald beſorgt, und es blieb ihr beinahe der ganze Tag übrig, wo ſie, wie ſonſt, ihre Arbeiten verrichten konnte. Außerdem ſtand Wilhelm in manchen Stücken ihr treulich zur Seite, und bald brauchte ſie ſich faſt gar nicht mehr um Herrn Rempelmeier zu bekümmern. Die kleinen Dienſtleiſtungen für ihn beſorgte der Knabe. Mit Tages Anbruch ſtand er auf, holte das Frühſtück für den geſtrengen Herrn Vetter, das in nichts weiter als einem Dreierbrödchen aus dem nächſten Bäckerladen und in einer Flaſche friſchen Waſſers beſtand, und im Winter machte er Feuer in dem einzigen Ofen an, den der Herr Vetter heizen ließ. Mittags lief er nach der Garküche, und holte für zwei Groſchen, die immer bereit lagen, Gemüſe und Fleiſch zur Mittagsmahlzeit, trug eine Stunde darauf das Geſchirr wieder fort, und nun war er für den ganzen Tag fertig mit Herrn Rempelmeier, den er übrigens nie zu ſehen bekam, weil er nur in das Vorzimmer treten durfte, wo Jener nie erſchien, außer wenn Wilhelm ſchon fort war. Herr Rempelmeier glaubte ſich noch immer von Frau Engel⸗ bert bedient, und machte ſich ſtets unſichtbar, um etwaigen Betteleien aus dem Wege zu Behen, die — 20 wären. Die Dienſtleiſtungen Wilhelms waren alſo weder ſehr ſchwierig, noch ſehr zeitraubend, und er ſowohl wie ſeine Mutter fanden ſie durch die freie Wohnung im Hauſe zur Genüge bezahlt. Herr Rempelmeier hätte ſich dreiſt bei ihnen zeigen können: keinem von Beiden wäre es eingefallen, ihn um ein Geſchenk anzuſprechen. Frau Engelbert arbeitete lieber, als daß ſie bettelte; und Wilhelm dachte überhaupt gar nicht daran. Ihm fehlte und mangelte ja nichts. Er war an Armuth gewöhnt, kannte nichts Beſſeres, und verlangte nichts Beſſeres. Wenn er Morgens ein Stück Brod, Mittags eine warme Suppe und Abends wieder ein Stück Brod hatte, ſo war er zufrieden und in ſeinem Gott vergnügt. Auch mangelte ihm wirklich die Zeit, viel über ſeine und ſeiner Mutter Lage nachzudenken. Wenn er für Herrn Rempelmeier geſorgt hatte, mußte er in die Schule gehen oder ſeine Schularbeiten zu Hauſe im Dachſtübchen machen, und nur die Abende und Sonn⸗ tage waren von dieſen Beſchäftigungen frei. Aber dann plauderte er entweder mit ſeiner Mutter, oder, wenn dieſe irgend eine Abhaltung hatte, ſo ſchlüpfte er die Treppe hinunter zu Meiſter Leéonhard, dem alten Schuh⸗ flicker und Junggeſellen, der das Erdgeſchoß des Hauſes bewohnte, und ließ ſich von ihm etwas erzählen. Das waren köſtliche Stunden für Wilhelm, dieſe Stunden, die er bei dem Meiſter Leonhard zubrachte. Der alte Junggeſell hatte Viel erfahren in ſeinem langen Leben, und er plauderte gern mit Wilhelm, deſſen offenes zutrauliches Weſen ihm von Anfang an wohl⸗ ihm unter allen Umſtänden höchſt unangenehm geweſen gefallen hatte. Leonhards Wohnung war eng und klein. 1 Von dem großen Flur des Hauſes, der in früheren Zeiten zu einer Niederlage von Waaren gedient haben mußte, trat man in einen kleinen Laden, der dem alten Schuhflicker zur Werkſtätte diente. Hier ſah es nun bunt genug aus, und es ſtanden und lagen ſo viele verſchiedene Sachen umher, daß man kaum Platz zum Umdrehen hatte. Dicht am Fenſter befand ſich ein kleiner Tiſch mit einem dreibeinigen Schemel davor. Auf dem Tiſche lagen Pfriemen, AÄalen, Meſſer, Hämmer und allerlei altes Schuh- und neues Lederwerk durch ein⸗ ander, und von der Decke herunter hing eine große Glaskugel darüber, die Meiſter Leonhard Abends ge⸗ brauchte, um ſich helles Licht zur Arbeit zu verſchaffen. Vor dem Tiſche auf dem Schemel ſaß er vom erſten Tagesgrauen an bis Abends ſpät, und flickte Stiefeln und Schuhe, denn obgleich er nur ſelten in die Ver⸗ legenheit kam, neue Arbeit liefern zu müſſen, fehlte es ihm doch nicht an anderweitiger Beſchäftigung. Der alte Leonhard arbeitete dauerhaft und billig, und die Arbeitsleute, die Auflader, die Packknechte, die Ecken⸗ ſteher in der umliegenden Gegend kannten dieſe Tugenden des Alten von langer Zeit her, und erhielten ihm ihre Kundſchaft. Dabei verdiente der alte Leonhard ſein tägliches Brod, und wohl auch noch Manches darüber, denn die Hökerfrauen vor dem Hauſe munkelten ſo Mancherlei, und Lieschens Mutter behauptete ſogar ſteif und feſt, daß der alte Leonhard ein hübſches rundes Sümmchen in der Sparkaſſe auf's Trockene gebracht haben müſſe. Es mochte ſeine Richtigkeit haben, aber wer konnt' es beweiſen? Die häusliche Einrichtung und das einfache, ſtille Leben des alten Burſchen ließ nicht vermuthen, daß er große Schätze geſammelt haben 22 könne. Das kleine Stübchen neben der Werkſtatt ent⸗ hielt nur ſein hartes Bett, das er jeden Morgen mit. ſeinen eigenen Händen zurecht machte, und ein paar alte Möbel, für die eine Trödelfrau keine zehn Mler im Ganzen gegeben hätte. Großen Luxus mit Kleidungs⸗ ſtücken trieb Meiſter Leonhard auch nicht. An Werkel⸗ tagen trug er ſein Schutzfell, und Sonntags eine alte Uniform, die noch aus dem ſiebenjährigen Kriege her⸗ ſtammte, denn Meiſter Leonhard war unter dem alten Fritzen Soldat geweſen, hatte den ganzen ſiebenjährigen Krieg mit durchgefochten, und zuletzt als Feldwebel ſeinen Abſchied genommen, weil er merkte, daß ſeine alten Knochen nicht mehr ſo recht fort konnten, wie in früheren Zeiten. Die Wunden und Strapatzen des Kriegs hatten ihre Nachwehen. Zum Glück brauchte er um ſeinen Lebensunterhalt nicht beſorgt zu ſein. In der Jugend hatte er das Schuhmacher⸗Handwerk gelernt und noch nicht vergeſſen, mit Draht und Nadel, mit Hammer und Meſſer umzugehen. Er miethete die kleine Wohnung im Erdgeſchoß des Hauſes, kaufte einen leidlichen Ledervorrath von ſeinem erſparten Solde, und erwarb nun ſchlicht und recht ſeinen Lebens⸗Unterhalt. Ein zwanzig Jährchen oder noch drüber mochte er ſchon in ſeiner kleinen Werkſtatt gehaust haben, und dort war er auch immer und zu jeder Tageszeit zu finden, außer am Sonntag Vormittag, wo er regelmäßig, in die alte, abgetragene, aber ſtets ſauber gebürſtete Uni⸗ form gekleidet, mit dem Geſangbuche unter'm Arme in die Militar⸗Kirche ging und andächtig ſeinen Gottes⸗ dienſt verrichtete. Nachmittags dann ſaß er, ein kurzes Pfeifchen ſchmauchend, am Fenſter ſeines Stübchens, und betrachtete ſich die ſonntäglich geputzten Leute, die vor ihm Parade machten. Das war ſeine gewöhnliche Sonntags⸗Unterhaltung, und Montags ſaß er wieder im Schutzfell auf dem Schuſter⸗Schemel, und gebrauchte munter ſein Handwerksgeräth, um alte Stiefeln auszu⸗ beſſern, Rüſtern aufzuſetzen oder neue Sohlen aufzu⸗ legen, wenn es abſolut mit den alten nicht mehr gehen wollte. Bei dieſer einfachen, regelmäßigen und arbeit⸗ ſamen Lebensweiſe fühlte ſich der alte Leonhard ganz zufrieden und glücklich, und hatte wohl auch alle Ur⸗ ſache dazu, denn die ganze Nachbarſchaft kannte und liebte das alte, ehrliche, treue, fleißige Soldatenblut, und Keiner ging an ſeiner Werkſtatt vorüber, ohne ihm freundlich zuzunicken oder ihm ein herzliches:»Guten Tag, Vater Leonhard!“ zuzurufen. Der alte Schuhflicker war ſo recht ein gefundener Schatz für Engelbert's Wilhelm. Schon in der erſten Woche, nachdem er mit der Mutter in des Herrn Rempelmeier's Haus eingezogen war, hatte er eine Bekanntſchaft mit ihm angeknüͤpft, die ſich bald zu der zärtlichſten Anhänglichkeit und Freundſchaft ſteigerte, ſo daß Wilhelm faſt jeden Abend, wenn ſeine Mutter nicht daheim war, bei dem alten Leonhard zubrachte, wogegen der alte Invalide ſich die Mühe nicht ver⸗ drießen ließ, die Treppen nach dem Bodenſtübchen hinaufzuſteigen, wenn Wilhelm ihn nicht beſuchen konnte. So viel ſtand feſt, daß ſie jeden Abend mit einander zubringen mußten, es hätte ſonſt einem Jeden von ihnen Etwas gefehlt. Der alte Krieger fand Gefallen an dem Jungen, und Wilhelm ſchwärmte für den braven Leonhard, der die wunderſchönſten Geſchichten vom alten Fritze und von den blutigen Kämpfen und Schlachten des ſiebenjährigen Krieges zu erzählen wußte, —— — wo es ſo gewaltig und blutig hergegangen war. Dabei wußte ſich Wilhelm allmählig auch nützlich zu machen. Müſſiggang war ſeine Sache nicht; der Trieb zur Thätigkeit war ihm angeboren, und er konnte nicht die Hände im Schooße liegen laſſen, wenn Meiſter Leonhard beim Erzählen ſeiner ſchönen Geſchichten Nadel und Pfriemen handhabte. So gut er konnte, ging er dem alten Freunde zur Hand, wichste die hanfenen Fäden mit Pech zu Schuſterdraht, lernte Schabmeſſer und Pfriemen gebrauchen, und brachte es allmählig ſo weit, daß Meiſter Leonhard meinte, er könne nachgerade ereinen ganz leidlichen Schuſterjungen abgeben. Zuletzt lernte Wilhelm ſogar ganz ordentlich das Schuhflicken, und nun arbeiteten der Alte und der Junge manche Abendſtunde fleißig um die Wette, während Leonhard plauderte und erzählte, und Wilhelm andächtig und bewunderungsvoll zuhorchte. Kurz und gut, Leonhard und Wilhelm waren nach Jahr und Tag trotz der großen Verſchiedenheit ihres Alters die beſten Freunde von der Welt geworden, und liebten einander, wie Vater und Sohn. Es befand ſich aber außer Wilhelm noch Jemand im Hauſe, der gern der Dritte im Freundſchaftsbunde geweſen wäre, oder doch wenigſtens eben ſo gern, wie Wilhelm, den ſchönen Erzählungen des Invaliden ge⸗ lauſcht hätte, wenn es dieſer nur hätte zugeben und dulden wollen. Dies war Günther's Karl, der Sohn des Kellerwirths, der im Hauſe unter der Erde eine Winkelſchenke für Tagelöhner, Arbeitsleute, Eckenſteher und andere Gäſte hielt, die gerade nicht zu dem ehr⸗ baren Stande der Arbeiter gehörten. Zu Anfang, al Frau Engelbert erſt oben hinauf in das Dachſtübchen 25 des Hauſes gezogen war, hatte Karl Günther eine Bekanntſchaft mit Wilhelm anzuknüpfen geſucht, und es war ihm auch gelungen, den argloſen Knaben ein paar Mal in die Schenke unter der Erde mitzunehmen. Aber das Treiben da unten ſagte Wilhelm nicht zu. Er hörte und ſah ſo Manches von den rohen Gäſten, was ihm die Röthe der Scham auf die Wangen trieb, während Karl nur darüber lachte, und ſchon nach dem zweiten Beſuche empfand er einen heftigen Widerwillen nicht nur gegen den Beſuch des Kellers, ſondern auch gegen Karl ſelber, der ihn dort hingeführt hatte. Er zog ſich von ihm zurück, und ging ihm ſo viel wie möglich aus dem Wege. Der alte Leonhard, nachdem er deſſen Bekanntſchaft gemacht hatte, beſtärkte ihn noch in ſeiner Abneigung gegen Karl, und lobte ihn, daß er ſich von dem Burſchen fern hielt. „Er iſt ein Taugenichts,“« ſagte er, als einmal zwiſchen ihnen die Rede auf ihn kam; ver lügt und ſtiehlt, ich weiß es aus eigener Erfahrung, und ein ſolcher Umgang paßt nicht für dich. Mir darf er nicht über die Schwelle kommen, ſeit ich geſehen habe, daß er der alten Becker'n, Lieſe's Mutter, heimlicher Weiſe hinter ihrem Rücken die Aepfel aus dem Korbe ge⸗ ſtohlen hat. Ich rief ihn herein in die Werkſtatt, nahm ihm die Aepfel ab, regalirte ihn dafür mit dem Knie⸗ riemen und drohte ihm, das nächſte Mal, wo der⸗ gleichen wieder paſſirte, der alten Becker'n Alles zu ſagen. Seitdem hütet er ſich, ſtielt nicht mehr unter meinen Augen und geht mir weit aus dem Wege. Aber ein Taugenichts iſt er geblieben nach wie vor, ich weiß es, denn ich ſehe Manches hier aus meinem Winkel, was andere Leute nicht ſehen, und darum, wie geſagt, halte dich fern von ihm. Mich haßt er, wie Gift und Operment, und dich wird er auch bald ebenſo haſſen; aber mache dir nichts daraus, Wilhelm, und fürchte dich nicht. Zu Leide ſoll er dir ſchon nichts thun, und überdies bin ich auch noch da und der Knie⸗ riemen iſt ganz gut im Stande. Geh' nicht mit ihm um, und gib dich nicht mit ihm ab! Lieber allein ſein, als mit Luͤgnern und Spitzbuben zuſammen!« Wilhelm merkte ſich die Warnung des ehrlichen Leonhard um ſo beſſer, als ſie mit ſeiner eigenen Ab⸗ neigung gegen Karl uͤbereinſtimmte, und befolgte ſie pünktlich. Die Folge war, daß ihm Karl, wie Leon⸗ hard vermuthet hatte, ſpinnefeind wurde, und anfäng⸗ lich mehrere Verſuche machte, ihm einen Schabernack anzuthun. Aber Wilhelm war auf ſeiner Hut, und der alte Leonhard hielt die Augen offen. Als er Karl einmal dabei ertappte, daß derſelbe ſeinen Schützling aus einem Winkel heraus mit harten Thonkugeln aus dem Blaſerohre beſchießen wollte, ſchlich er ſachte herbei, nahm ihn am Kragen, ſchleppte ihn in die Werkſtatt, und verabfolgte ihm ein zweite Portion Knieriemen von ſo gediegener Art, daß Karl für's Erſte daran genug hatte und nicht nach der dritten verlangte. Er ließ fortan Wilhelm in Frieden, haßte ihn aber heimlich um ſo mehr, weil derſelbe hartnäckig ſeinen Umgang und ſeine Freundſchaft verſchmähte. Dies war das Haus, und dies waren die Leute, die unter demſelben Dache darin wohnten. Reichthum und Armuth, Ehrlichkeit und Bosheit, Fleiß und Trägheit fanden ſich auf kleinem Raume neben und über einander, und es konnte kaum fehlen, daß dieſe veerſchiedenen Elemente mit der Zeit in mannigfache 27 Berührung und vielleicht auch in ſeltſame und wunder⸗ liche Conflikte geriethen. Zweites Kapitel. Berwürfniſſe. Frau Engelbert erwarb ſich, wie erwähnt, auf rechtſchaffene Weiſe ihr tägliches Brod, und obgleich ſie es in ihren bedrängten Umſtänden nicht ſo weit brachte, einen ſicheren Nothpfennig für ſchlechtere Zeiten zurückzulegen, brauchte ſie doch mit ihrem Wilhelm auch keine Noth zu leiden. Brod, eine Schüſſel Kartoffeln und ein wenig Salz dazu, dann und wann an Sonn⸗ und Feſttagen auch ein Stückchen Fleiſch mit etwas Gemüſe fand ſich immer auf ihrem Tiſche, und die beſcheidenen Leutchen ließen ſich daran genügen, und dankten Gott im Herzen für die liebe Himmelsgabe. Aber als Wilhelm mit der Zeit größer wurde, mehrten ſich die Sorgen um die tägliche Nahrung, und Frau Engelbert ſchaute manchmal mit trüben Gedanken in die nächſte Zukunft. Bis jetzt hatte Wilhelm eine Frei⸗ ſchule beſucht, wo er kein Schulgeld zu bezahlen brauchte und ſogar ſeine Schulbücher umſonſt bekam, weil er ſich durch Fleiß, Ordnung und beſcheidenes, ſittſames Betragen vor allen ſeinen Mitſchülern vortheilhaft aus⸗ zeichnete. Aber allmählig rückte die Zeit heran, wo dieſe Vergünſtigung ein Ende nehmen mußte. Noch ein kurzes Vierteljahr, und Wilhelm wurde durch die Confirmation in den Bund der Chriſten aufgenommen. Dies war nicht nur für ſeinen inneren, ſondern auch für ſeinen äußeren Menſchen ein wichtiger Abſchnitt, ein höchſt folgereicher Wendepunkt in ſeinem Leben. Mit der Confirmation trat die Nothwendigkeit ein, welcher Frau Engelbert mit Bangen und Zagen ent⸗ gegen ſah. Nach ſeiner Einſegnung konnte Wilhelm nicht länger die Freiſchule beſuchen, ſondern mußte darauf denken, ſich durch eigene Kraft ſelbſtſtändig einen Weg durch das Leben zu bahnen. Wie ſollte der arme Junge das anfangen ohne Geld, ohne Freunde, ohne Unterſtützung irgend einer Art? Frau Engelbert dachte wohl an den reichen Vetter Rempelmeier, den einzigen Verwandten, den ſie hatte, den Einzigen, deſſen Bei⸗ ſtand ſie allenfalls in Anſpruch nehmen konnte, aber mit einem Seufzer mußte ſie ſich ſelbſt eingeſtehen, daß ſie ſich auf Hülfe von dieſer Seite her keine Hoffnung irgend einer Art machen dürfe. Und wo, bei wem, an welchem Orte ſonſt ſollte ſie Hülfe ſuchen? Ver⸗ gebens ließ ſie Blicke und Gedanken überall umher ſchweifen, ſie ſah nirgends eine tröſtliche Ausſicht, nirgends einen Hoffnungsſtrahl, der ihre gebeugte Seele erquickt und aufgerichtet hätte. Dazu kam noch ſo manches Andere, was ihr Herz bedrückte. Nicht allein die Zukunft beunruhigte ſie,, ſondern auch die Gegenwart ſchon brachte ihre ſchweren Sorgen mit ſich. Die Ernte war im vergangenen Jahre mißrathen, und in Folge deſſen hatte ſich all⸗ mählig eine Theurung aller Lebensmittel eingeſtellt, die für wohlhabende und reiche Leute zwar nur läſtig, für die Armen aber bereits eine drückende Lebensfrage ge⸗ 29 worden war. Brod und Kartoffeln koſteten doppelt und dreifach ſo viel, als in früheren, beſſeren Zeiten, und doch durfte Frau Engelbert keine höheren Forderungen für ihre Dienſtleiſtungen ſtellen, wenn ſie ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, gar keine Beſchäftigung mehr zu bekommen. Sie hatte ſich in den letzten acht oder neun Monaten, ſeitdem Wilhelm den Confirmations⸗ Unterricht bei dem Herrn Pfarrer genoß, mit Noth und Mühe ein paar Thaler zuſammengeſpart, aus mütterlicher Fürſorge, damit ihr Wilhelm, wie die anderen Knaben, in einem ſauberen, des hohen Tages würdigen Anzuge an den Tiſch des Herrn treten könne. Aber ach du lieber Gott, wo blieben die paar Thaler in der theuren Zeit? Einer nach dem andern mußte verausgabt werden, um die nöthigſten Lebensbedurfniſſe herbeizuſchaffen, und obgleich Frau Engelbert jedesmal einen Stich im Herzen empfand, wenn ſie wieder eins von den mühſam geſammelten blanken Geldſtücken aus ihrer Truhe nahm, blieb ihr doch eben keine Wahl, ſie mußte es nehmen, und die Hoffnungen auf An⸗ ſchaffung eines ſauberen Anzuges für Wilhelm ſchwan⸗ den mit jeder Woche mehr dahin, bis zuletzt endlich ihr kleiner Schatz gänzlich erſchöpft war. Vier Wochen vor der Confirmation nahm ſie den letzten Thater aus der Truhe, und eine heiße Thräne mütterlichen Schmerzes träufelte darauf. 4 Bisher hatte Wilhelm von den bangen Sorgen der Mutter noch keine Ahnung gehabt, denn ſie verbarg ihm ſo viel als möglich allen Kummer, um dem jugend⸗ lich ſorgloſen Knaben nicht auch noch das Herz ſchwer zu machen. Aber heute zum erſten Male bemerkte Wilhelm, als er aus der Freiſchule kam, die roth⸗ geweinten Augen der Mutter, und mit ungeſtümer Zärtlichkeit fiel er ihr um den Hals. „»Was fehlt dir, Mütterchen? Was fehlt dir?« fragte er.„Hat dir Jemand etwas zu Leide gethan? Der könnte ſich vor mir in Acht nehmen! Sprich, Mütterchen, ſage mir Alles! Warum haſt du geweint? Wer hat dich gekränkt? Doch nicht etwa gar Günther's Karl, der Böſewicht?« »Nicht doch, Wilhelm, nicht doch,« entgegnete die Mutter, und trocknete die Thränen, die von Neuem floſſen.„Niemand hat mich gekränkt oder beleidigt! Du mußt nicht ſo ungeſtüm ſein!« »Aber warum weinſt du denn, Mütterchen? Warum haſt du geweint?« drängte Wilhelm.„Du kannſt es nicht verhehlen, kannſt nicht, Mutter! Und nun ich dies weiß, mußt du mir auch Alles ſagen!“ Das Herz der armen Mutter war ſo voll, der Knabe bat ſo inſtändig, ließ ſo gar nicht nach mit Bitten und Flehen,— ſie mußte ihm endlich allen ihren Kummer mittheilen, mußte ihr Herz erleichtern, das zu zerſpringen drohte, und ſo erzählte ſie denn Alles, was ſie ſeit vielen Wochen ſchon bedrückt und geängſtigt hatte. Wilhelm hörte ſtill bewegt zu, und ſtreichelte nur von Zeit zu Zeit mit trauriger Miene die zitternden Hände der armen guten Mutter. „»Alſo um meinetwillen machſt du dir alle dieſe trüben Gedanken und verbitterſt dir das Leben?« ſagte er, als er Alles wußte.„Gute, liebe, arme Mutter, das hätteſt du ja nicht nöthig gehabt! Was macht es denn aus, wenn ich auch wirklich in meinem alten Rocke an den Altar treten muß? Meinſt du denn, daß Gott auf das Kleid ſieht? Gott ſieht auf das 31 Herz, und gewiß, Mütterchen, ein frommeres Herz, eines, was mit mehr Liebe und Ehrfurcht zu Ihm, dem Allgütigen und Allmächtigen aufſieht, wird der Vater im Himmel unter uns Allen nicht finden. Ge⸗ wiß nicht!« „Aber die Menſchen, Wilhelm! die Menſchen!“ entgegnete die Mutter.„Sie werden dich Alle anſehen, und dann wirſt du dich ſchämen müſſen, daß du kein feſtliches Kleid trägſt.“ „Die Menſchen?« erwiederte der Knabe.„Schämen ſollte ich mich vor ihnen? Warum denn, Mutter? Es iſt ja doch nicht meine, nicht unſere Schuld, daß wir arm ſind? Armuth iſt ja doch keine Schande, Mutter! Oh nein, ich werde mich nicht ſchämen, gar nicht, auch nicht ein Bischen, ſo wenig, wie ſich der Sperling ſeines einfachen grauen Federkleides ſchämt, wenn er ſein Körnchen Gerſte neben dem prächtig ge⸗ fiederten Pfau von dem Hofe aufpickt. Ei bewahre, Mütterchen, ich ſchäme mich gar nicht, und darüber brauchſt du dir alſo nicht die geringſte Sorge zu machen.“ „Aber die jetzige Theurung, Wilhelm? Was ſoll noch werden, wenn nicht bald wohlfeilere Zeiten kommen?« „Sie werden kommen, Mütterchen! Sie werden kommen! Wir müſſen nur Geduld haben. Und über⸗ dies, wenn ich erſt aus der Schule bin, ſo kann ich dir auch beſſer zur Hand gehen, als jetzt, und was ich brauche, mir ſelber verdienen.“ „Aber wie? Wie, lieber Junge?« „Nun, wie Gott will!“ entgegnete er einfach. „Waſſer tragen, Holz ſpalten und ſo etwas mehr, das kann ich, und mit der Zeit wird ſich auch noch Beſſeres 32 finden. Sei ohne Sorge, Mütterchen! Wer in Berlin wohnt und rechtſchaffen arbeiten will, der findet immer ein Brod und ein Unterkommen.“ »„Aber, Wilhelm, es war doch von jeher dein Wunſch, ein Handwerk zu lernen, und nun iſt jede Ausſicht dazu verſchwunden. Zeitlebens Handlanger und Tage⸗ löhner zu bleiben, wenn man ſo fleißig und ſtrebſam iſt, wie du, das iſt ein trauriges Loos!« Wilhelm ließ den Kopf ſinken und ſchlug die Augen zu Boden.„Das iſt wohl wahr, Mütterchen,“ ſagte er nach einer Pauſe ſtillen Nachdenkens.„Ich hoffte darauf, zu einem geſchickten Tiſchler in die Lehre zu kommen, wenn ich confirmirt ſein würde, und es ſchmerzt mich, daß ich mir dieſe Hoffnung aus dem Sinne ſchlagen muß. Aber, was einmal nicht ſein kann, muß man eben zu entbehren ſuchen und Alles hinnehmen als Gottes Schickung. Vielleicht ſpäter einmal macht es ſich doch.« Die Mutter ſchüttelte den Kopf. Sie dachte anders darüber, und Wilhelm las ihre Zweifel in ihren trau⸗ rigen, niedergeſchlagenen Mienen. »Weißt du, Mütterchen,“ fuhr er, plötzlich lebhafter werdend, fort,„»wir könnten eigentlich den alten Leon⸗ hard einmal um Rath fragen. Er iſt doch ein ver⸗ ſtändiger Mann und hat mich lieb. Wer weiß, ob er nicht irgend einen guten Gedanken hat! Soll ich ihn holen?« »In Gottes Namen,“ erwiederte die Mutter.„Vor dem ehrlichen, braven Leonhard brauchen wir nichts geheim zu halten! Nur wird er leider eben ſo wenig Rath wiſſen, wie wir Beide!?“« »Thut nichts,“ ſagte Wilhelm.„Holen will ich 33 ihn doch, und zwar gleich, denn er wird ſo wie ſo bald Feierabend machen.“ Da ihm die Mutter nicht wehrte, ſo ſprang er hurtig die Treppen hinunter, und kehrte bald darauf mit dem alten Schuhflicker zurück, der mit gewohnter Herzlichkeit der armen Mutter die Hand reichte. Nach wenigen Minuten wußte er Alles, was ihr Herz be⸗ druͤckte, und ſchüttelte nachdenklich den Kopf. „Theurung,— Konfirmation,— Handwerk lernen,“ ſagte er nach einer Weile,— es iſt ein Bischen viel auf einmal! Aber wenn's auch noch mehr wäre, Rath muß geſchafft werden! Vor allem Andern, Frau Nach⸗ barin: haben Sie ſich denn ſchon an den Herrn Rempel⸗ meier gewendet und dieſem Ihre Noth geklagt?« »Nein! Ich getraute mir's nicht! Sie wiſſen ja, Herr Nachbar, er iſt...« „Ein alter, geiziger Sonderling, ja, das weiß ich,« fiel Meiſter Leonhard ein.„Abſcheulich geizig, aller⸗ dings! Aber dabei iſt er doch immer Ihr Vetter, und, im Grunde genommen, kann er in dieſem Falle gar nicht anders, er muß wenigſtens unſerem Wilhelm einen anſtändigen Anzug anſchaffen! Ja, das muß er, und gleich morgen müſſen Sie zu ihm gehen, Frau Nachbarin, und müſſen ihm friſchweg reinen Wein einſchenken.“ »Ich wag' es nicht, ich wag' es wahrhaftig nicht,« erwiederte die arme Frau zitternd;„er will nichts von unſerer Verwandtſchaft wiſſen; Herr Wunderlich, der Advokat hat es mir geſagt und mir eingeſchärft, nie eine Hindeutung darauf zu machen, wenn ich die freie Wohnung in ſeinem Hauſe behalten wollte.« »Was da, Redensarten!“« polterte der alte Leonhard. 3 In demfelben Hauſe. „Umſtände verändern die Dinge, und keine Regel iſt ohne Ausnahme. Gehen Sie nur ganz dreiſt zu ihm, Frau Engelbert, und ſprechen Sie friſch von der Leber weg! Wenn er nicht ein ſteinhartes Herz hat, der Herr Vetter, ſo muß er Ihnen bei den jetzigen Um⸗ ſtänden unter die Arme greifen!“ „Ich thu' es nicht, ich getraue mir's nicht!« er⸗ wiederte die Mutter, die ſchon bei dem bloßen Gedanken zitterte, vor den reichen, geizigen Vetter zu treten. „Lieber will ich noch Schmerzlicheres erdulden, als von ihm hart und ſchnöde zurückgewieſen werden!« G»Nun denn, Mütterchen, ſo geh' ich!“ ſagte Will helm entſchloſſen.„Vater Leonhard hat Recht! Herr Rempelmeier iſt und bleibt unſer Vetter, und da kann er's nicht groß übel aufnehmen, wenn ich ihn um eine Unterſtützung in ſo ſchweren Zeiten anflehe. Morgen Mittag, wenn ich ihm ſein Eſſen bringe, geh' ich zu ihm. Was kann er mir denn zu Leide thun? Höchſtens kann er Nein zu meiner Bitte ſagen, und das wird mich dann am Ende nicht ſo ſehr kränken, wie es dich kränken würde, Mütterchen! Ja, ich gehe zu ihm! Vetter Rempelmeier iſt ja kein Währwolf, der Einen gleich verſchlingen wird! Ich gehe hin, Mutter!« „Recht ſo, Wilhelm, mein Junge!« ſagte Meiſter Leonhard.„Ein gutes Wort findet meiſt gute Statt, und am Ende iſt der Herr Vetter in der That nicht ſo ſchlimm, als er ſich anſtellt. Nur friſchen Muth, Junge! Und im allerſchlimmſten Falle,— na, ſo bin ich auch noch da! Werden ja ſehen!“ — Die Mutter machte keine Einrede weiter, Wilhelm verharrte bei ſeinem Entſchluſſe, Meiſter Leonhard be⸗ ſtärkte ihn von Neuem darin, und ſo blieb es denn dabei. —— 3⁵ Anderen Mittags faßte Wilhelm friſchen Muth, dachte ſich eine kleine Rede aus, die er dem Herrn Vetter halten wollte, und öffnete, mit ein wenig pochendem Herzen freilich, aber doch mit felſenfeſter Entſchloſſenheit die Thür zum Vorzimmer des Herrn Vetters. »Wenn er dich nur einläßt!« dachte er, denn dies war vorläufig ſeine einzige Sorge. Aber dieſer Sorge ſollte er auf der Stelle überhoben werden. Herr Rempelmeier ſelber ſtand leibhaftig im Vorzimmer, und als ihn Wilhelm ſo ganz unverhofft erblickte, wäre ihm faſt die Suppenſchüſſel aus den Händen geglitten. »He, he, wer biſt du?« ſchrie ihn Herr Rempel⸗ meier an, der in ſeinen langen bunten Schlafrock ein⸗ gehüllt war und eine bunte Zipfelmütze auf dem Kopfe trug.„Wer biſt du? Was willſt du hier? Was haſt du hier zu ſuchen? Wie kommſt du da herein?“ „Sie ſehen's ja, Herr Rempelmeier, durch die Thür, wie ich immer herein komme!“ antwortete Wilhelm ganz erſchrocken. »Immer? ſagſt du. Immer?« kreiſchte Herr Rempel⸗ meier.„Wer gab dir den Schlüſſel zur Thür? Es iſt ein Nachſchlüſſel! Du wollteſt mich beſtehlen! Diebe! Mörder! Räuber!« „Herr Rempelmeier, um Gottes willen, ſeien Sie doch ruhig!“ rief ihm Wilhelm zu.„Ich bin ja Ihr Vetter Wilhelm! Meine Mutter iſt ja Ihre Aufwär⸗ terin! Meine Mutter, die Frau Engelbert! Herr Jeſus, wie können Sie denn gleich das Schlimmſte denken?« Herr Rempelmeier beruhigte ſich ein wenig, ſah aber immer noch ſehr zornig und drohend aus.„So, ſo!« brummte er.„Du biſt der Sohn der Frau Engelbert! Aber warum kommt ſie nicht ſeüb⸗ Was 36 hab' ich mit dir zu ſchaffen? Dich hab' ich nicht ge⸗ miethet! Ihr betrügt mich! Ihr ſeid Alle Spitzbuben!“ „Betrügen, Herr? Wer betrügt Sie?“« entgeg⸗ nete Wilhelm mit Entrüſtung.„Wir ſind ehrliche Leute, Herr Rempelmeier, meine Mutter und ich!« „So? Du willſt dich wohl noch auf's hohe Pferd ſetzen?« ſprach Herr Rempelmeier, und zog ſeine buſchi⸗ gen Augenbraunen zuſammen.„»Kannſt du läugnen, daß du mir ſchon ſeit ein paar Tagen nur die halbe Portion Eſſen, und nur ein halb ſo großes Brodchen wie früher gebracht haſt? Das iſt Betrug, und ich laſſe mich nicht betrügen!“ „Aber, Herr Rempelmeier, was kann ich dafür, daß jetzt Alles ſo theuer iſt?« entgegnete Wilhelm im Bewußtſein der Unſchuld.„Fragen Sie, wen Sie wollen, und Jedermann wird Ihnen ſagen, daß Alles, Brod und Fleiſch und Kartoffeln, doppelt ſo hoch be⸗ zahlt werden muß, wie noch vor ſechs Wochen!« „Lügen! Lauter Lügen!« ſchrie Herr Rempelmeier. „Packe dich fort, Burſche! Packe dich! Und deiner Mutter ſage, daß ich ihre Dienſte nicht mehr brauche! Aus dem Hauſe will ich euch jagen, euch Beide, und noch in dieſer Woche ſollt ihr mir fort!« „Aber, Herr Rempelmeier, ſo hören Sie doch nur!« bat Wilhelm.„Wenn Sie mir nicht glauben wollen, ſo laſſen Sie den Herrn Wunderlich kommen!« „Nichts da! Fort, fort, fort mit dir, und Marſch aus dem Hauſe, ſag' ich!« zeterte Herr Rempelmeier. „Weiter fehlte mir nichts, als mich bei offenen, ſehenden Augen betrügen zu laſſen! Fort mit dir, und kein Wort mehr, oder... „Ich gehe ſchon, Herr Rempelmeier! Ich geh 37 ſchon,“ ſagte Wilhelm mit Thränen der Kränkung und Entrüſtung in den Augen.„Gott mag Ihnen ver⸗ zeihen, daß Sie Ihre armen Verwandten ſo übel be⸗ handeln, die Ihnen doch gar nichts zu Leide gethan haben!“ Und fort ſtürzte der arme Wilhelm aus dem Vor⸗ zimmer, und eilte zu ſeinem alten Freunde Leonhard hinunter, um dort ſeinen Schmerz auszuweinen, ehe er ſich vor ſeiner armen Mutter blicken ließ. Ganz bleich und in Thränen aufgelöst fiel er dem ehrlichen Schuhflicker um den Hals. „Nun! Nun! Nun, was gibt's denn, Junge?“ fragte der alte Leonhard voller Theilnahme.„Beruhige dich, mein Sohn! Trockne deine Augen, und erzähle mir'mal ganz ordentlich, wie die Sache zugegangen iſt. Natürlich kommſt du doch von oben, vom alten Rempelmeier! Alſo nur immer heraus mit der Sprache.« Allmählig faßte ſich Wilhelm; er beherrſchte ſeine innere Empörung, und wiederholte beinahe buchſtäblich die ſchnöden Beſchuldigungen und Drohungen, die Herr Rempelmeier gegen ihn ausgeſtoßen hatte. Der alte Leonhard biß die Lippen mit ſeinen Zähnen und kaute an ſeinem eisgrauen Schnurrbarte, ein Zeichen, das den nahe bevorſtehenden Ausbruch eines Sturmes an⸗ kündigte. Der Sturm brach auch richtig los. »Da ſoll ja doch aber gleich ein Donnerwetter... rief er aus, als Wilhelm ihn mit dem ganzen Auf⸗ tritt bekannt gemacht hatte.„Meine Uniform, Junge!« fuhr er fort, und warf ſein Schutzfell in die Ecke, daß es raſchelte.„Dort im Eckſchranke! So! Und nun lange mir den Dreimaſter! So! Und nun wollen wir 38 doch auch ein paar Worte mit dem ſchäbigen Geiz⸗ kragen reden!“ „Um Gottes willen, Vater Leonhard, Ihr werdet doch nicht!“ rief Wilhelm erſchrocken aus. »Und warum nicht? Ich habe mich dazumal weder vor den Franzoſen, noch vor den Oeſtreichern und den Ruſſen gefürchtet, und da werde ich nun nicht bei dem geizigen Rempelmeier anfangen, Furcht zu haben! Was zu viel iſt, iſt zu viel! Ich habe ſtill geſchwiegen, als er euch nicht als Verwandte betrachtete, als er euch wie eine Gnade die armſelige Dachſtube zuwarf, als er euch nicht einmal ſehen und kennen lernen wollte! Aber jetzt, wo er gar euren ehrlichen Namen beſchimpft, wo er die Rechtſchaffenheit ſelber mit Füßen tritt, wo er euch ohne allen Grund und alle Urſache aus dem Hauſe werfen will,— i, da ſoll ja doch...! Ich will ihm zeigen, daß es noch Leute gibt, die ihm die Wahrheit in's Angeſicht ſagen, und bin doch wirklich neugierig, was er mir darauf zu erwiedern hat!« Der alte Soldat hatte ſich ſelber ſo in den Zorn hinein geredet, daß er ſchrie, wie ein Ausrufer und mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte, daß die Fenſter klirrten. »Donnerwetter!“ fuhr er mit blitzenden Augen und zorngerötheten Wangen fort,—„iſt das eine Art, wie man die Leute behandelt? Meint der alte Geizhals, er dürfe ſich Alles erlauben, weil er Geld hat? Er ſollte Gott danken, daß ihm noch rechtſchaffene Ver⸗ wandte übrig geblieben ſind, und ſtatt deſſen gerade im Gegentheil zeigt er ihnen die Thüre! Nun, ich werde ihm auch zeigen! Weg da, Wilhelm! Verſperre mir den Weg nicht.“. 39 Vergebens ſuchte der Knabe den erzuürnten alten Soldaten zurück zu halten. Leonhard ſchob ihn ohne alle Umſtände auf die Seite, riß die Thür auf und trat auf den Hausflur. Mit Verwunderung erblickte er hier einen Jungen mit verſchmitztem, aber jetzt etwas verlegenem Geſicht, der augenſcheinlich an der Thuüͤr gehorcht hatte und hier von dem Alten überraſcht worden war. „Ei, Musje Karl!“ ſchrie ihn Leonhard an.„Haſt du gehorcht, Spitzbube? Wart', ich werde dir gele⸗ gentlich die Ohren mit dem Schabemeſſer abſchneiden, du ſchleichender, tückiſcher Halunke! Aber heute kann ein Jeder hören, was ich ſage, und alſo mag's dir für dieſes Mal ſo hingehen!« Und ohne ſich weiter um den Jungen zu beküm⸗ mern, warf er die Thür hinter ſich zu, daß es krachte, und ſtieg mit feſtem Tritte die Stiege zum oberen Stockwerke hinauf. Der Eingang zu Herrn Rempel⸗ meier's Wohnung war verſchloſſen, aber Leonhard zog die Klingel, und als dies noch nicht helfen wollte, ſchlug er mit beiden Fäuſten gegen die Thür und trommelte General⸗Marſch wie der beſte Tambour. Jetzt endlich regte ſich's drinnen. „He, wer iſt da draußen und macht ſolchen Heiden⸗ ſpektakel?“ ſchrie die ſcharfe zornige Stimme des Herrn Rempelmeier. 4 „Ein Beſuch iſt's!“ ſchrie Leonhard uxuck.„Nur aufgemacht! Dann werden Sie ſchon hoͤren, was ich Ihnen zu ſagen habe!“ „Aber wer iſt dieſer ungehobelte Gaſt, der auf ſolche Weiſe Einlaß verlangt?« „Das wird ſich finden! Sie werden ſchon ſehen! 40 Machen Sie nur auf, und das geſchwinde, oder ich ſchlage Ihnen die alte morſche Thür in Millionen Stücken.“ Zugleich rüttelte Leonhard ſo gewaltig an der Thür, daß Herr Rempelmeier in der That Angſt bekam, ſie möͤchte in Trümmern gehen und lieber dem ungeſtümen Drängen nachgab. Er ſchob den Riegel auf die Seite, und ließ Leonhard ein. Zornig ſtanden ſich die beiden Männer gegenüber. „Herr, iſt das eine Manier?“ fragte Rempelmeier, als er den alten Soldaten in ſeiner Uniform aus dem ſiebenjährigen Kriege erblickte.„Wiſſen Sie, daß ich die Polizei rufen laſſen werde?« »Laſſen Sie meinetwegen rufen, wen Sie wollen!« erwiederte der alte Leonhard, der nun, da er den Ein⸗ gang zur Feſtung erobert hatte, ein gutes Theil ruhiger und beſonnener wurde.„Aber erſt hören Sie mich an, Herr Rempelmeier! Ich habe mit Ihnen zu reden!“ „Aber wer iſt Er denn eigentlich, Herr?“ ſchrie Rempelmeier zornig. »Meiſter Leonhard, Schuſter und Miethsmann ſeit zwanzig Jahren oder ſo etwas in dieſem Hauſe!« erwiederte der alte Soldat, indem er ſich militäriſch in die Höhe richtete und ſalutirend die Hand an ſeinen Dreimaſter legte. »Miethsmann? Bei mir? In meinem Hauſe?“« ſagte Herr Rempelmeier, indem er ſich hohnlächelnd die Hände rieb.„Kerl, jetzt hab' ich Ihn! Fort muß Er mir, und das heute noch, auf der Stelle, ohne allen Verzug!« »Nein, nein, Herr Rempelmeier, nicht ſo geſchwind!« erwiederte Leonhard.„Ich habe Contrakt, und alſo kann zwiſchen uns gar keine Rede ſein von Ausziehen. 41 Mit mir geht das nicht ſo geſchwind, wie mit Ihrer Frau Baſe, der Sie freilich den Stuhl vor die Thüre ſetzen können! Aber ſehen Sie, gerade über Ihre Frau Baſe will ich eben mit Ihnen reden!« „Ich will nichts hören, unverſchämter Kerl! Pack' Er ſich fort!« rief Herr Rempelmeier, der in immer heftigeren Eifer gerieth. »Sie ſollen mich hören, und Sie müſſen mich hören, denn es iſt eine wahre Sunde und Schande, wie Sie Ihre Verwandten behandeln,« fuhr der alte Leonhard, ohne ſich einſchüchtern zu laſſen, ganz kalt⸗ blütig fort.„Nicht allein, daß Sie nichts zur Unter⸗ ſtützung der armen Frau Engelbert und ihres Wilhelm thun, der ein ſo wackerer Burſch iſt, daß Jedermann ſeine Freude an ihm haben muß, nein, Sie wollen die armen Leute auch gar noch als Betrüger hinſtellen. Und nun will ich Ihnen ſagen, Herr, daß Sie in dieſem Punkte ganz unrecht haben. Wilhelm hat Sie nicht betrogen, ſondern ganz allein in der jetzigen theuren Zeit liegt es, daß Ihre Portionen kleiner ge⸗ worden ſind. Da fragen Sie, wen Sie wollen, und nun kein Wort weiter darüber. Aber von etwas An⸗ derem muß ich noch ſprechen. Wilhelm ſoll confirmirt werden, und hat kein ordentliches Kleid dazu. Dann ſoll er zu einem ordentlichen Meiſter in die Lehre kommen, und hat kein Geld dazu. Nun frag' ich Sie, ob Sie da nicht ein Uebriges thun wollen? Im Grunde genommen iſt es Ihre einfache Chriſtenpflicht, und außerdem bei Ihnen noch die nächſte Verwandten⸗ pflicht. Alſo kurz und bündig heraus: Ja oder Nein! Mit hundert Thalern iſt die Sache abgemacht, und das iſt für Sie nur eine Kleinigkeit.“« 42 Herr Rempelmeier hatte ſprachlos vor Erſtaunen die Rede des alten Leonhard angehört, und konnte noch jetzt vor Entrüſtung kaum zu Worte kommen. Endlich brach das Gewitter los, das ſich auf ſeiner finſtern gerunzelten Stirn geſammelt hatte, und mit dumpf grollender Stimme machte er ſeinem Unwillen Luft. »Das iſt eine Frechheit, die doch alle Grenzen überſteigt!« ſagte er grimmig.„Menſch, was hab' ich mit Ihm zu ſchaffen? Was geht es Ihn an, ob ich mich um meine Verwandtſchaft bekümmere oder nicht? Meint Er denn, ich ſoll mich mit allem Bettelvolk ab⸗ geben? Hinaus da! Hinaus! Und daß weder Er noch Einer von dem Lumpengeſindel ſich wieder bei mir blicken läßt. Das Weib mit ihrem frechen Jungen ſoll mir auf der Stelle aus dem Hauſe, und Ihn will ich auch ſchon hinausbringen, ehe Er ſich's verſieht!« »Ei ja doch, wenn das Alles ſo geſchwind ginge!« erwiederte Leonhard kaltblütig.„Aus der Dachſtube müſſen die armen Leute nun freilich, wenn Sie darauf beſtehen, aber aus dem Hauſe— nein! Gott ſei Dank, in meinem Stübchen iſt allenfalls noch Platz fur zwei Menſchen, und da Sie kein Herz für Ihre Verwandten haben, ſo muß ich alter Kerl mich wohl ihrer an⸗ nehmen. Nun denn Adje, Herr Rempelmeier! Und ich will Ihnen nur wünſchen, daß Sie wieder ſolche brave Aufwartung bekommen, wie Sie an der Frau Engelbert gehabt haben! Adje!“ Mit militäriſchem Gruße legte Leonhard wieder ſeine Hand an den Dreimaſter, drehte ſich kurz und ſteif um, und marſchirte nach der Thüͤr zu, die noch halb offen ſtand. Durch die Oeffnung blickte das pfiffige Geſicht von Günther's Karl. 43 „Spitzbube!“ fuhr ihn Leonhard an.„Biſt du denn überall? Schon wieder gehorcht? Was willſt du hier?« „Ei, ich will nur Herrn Rempelmeier fragen, ob er nicht einen neuen Laufburſchen brauchen kann,“ gab Karl mit kecker Stimme und der unſchuldigſten Miene von der Welt zur Antwort.„»Ich thu' es umſonſt, Herr Rempelmeier, wenn Sie nur meinen Vater im Keller wohnen laſſen und ihm die Miethe nicht auf⸗ kündigen wollen. Ich werde Sie gewiß ſchon beſſer bedienen, als der einfältige Junge, der Wilhelm.“ »Komm herein,“ ſagte Herr Rempelmeier kurz,„und Er,« fügte er, gegen Leonhard gewendet, hinzu,„Er geht!“ Der alte Leonhard ſchwankte. Sollte er es zugeben, daß Herr Rempelmeier dieſen Burſchen annahm, den er als einen durchtriebenen Schelm kannte? Sein ehr⸗ liches Gemüth ſträubte ſich dagegen, und er wollte Jenem wenigſtens eine Warnung zukommen laſſen. „Herr Rempelmeier,“ ſagte er,„nehmen Sie den Jungen nicht! Verſtehen Sie mich? Er taugt in der Wurzel nichts, ich warne Sie!« »Seine Warnungen kann Er ſparen,“ entgegnete Herr Rempelmeier mit wegwerfender Miene.„Komm her, mein Sohn, wir werden ſchon einig werden mit einander!« „»Nun denn, wie Sie wollen,“ ſprach der alte Leonhard. „Sie werden ja ſehen, wie weit Sie mit der Schelmerei kommen, nachdem Sie der Ehrlichkeit und Rechtſchaffen⸗ heit die Thür gewieſen haben. Ich für mein Theil habe gethan, was ich mußte.« Rechtsum machte der alte Soldat, und ſtieg die Treppe wieder hinab, ohne noch einen Blick auf Herrn Rempelmeier oder auf Karl zu werfen, der ihm höhniſch nachgrinste. 44 „Er wird ja ſehen, wird ja ſehen!“ murmelte er vor ſich hin.„Erfahrung macht klug.“« So gelangte er wieder in ſeine kleine Wohnung. Wilhelm wartete hier noch Seiner mit ſtiller Angſt und geheimer Hoffnung. Aber als er das finſtere Geſicht des alten Soldaten ſah, war's mit der Hoffnung vorbei. „Seht Ihr wohl, Vater Leonhard!“« rief er ihm traurig entgegen,—„ſo habt Ihr doch auch unver⸗ richteter Sache abmarſchiren müſſen. Ach, ich wußt; es wohl, ich wußt' es!« „Was weißt du? Gar nichts weißt du!“« ant⸗ wortete Leonhard barſch.„Heute noch ziehſt du mit deiner Mutter herunter in die Stube da, und das Uebrige wird ſich auch finden.“. „Aber Ihr, Vater Leonhard? Wo wollt Ihr wohnen?« „Hier in der Werkſtatt iſt Platz genug für ein Bett und einen Stuhl, und das iſt mehr, als ein alter Soldat nöthig hat,« antwortete der Schuſter.»Und nun mache mir keine Worte und Redensarten weiter! Du und deine Mutter, ihr zieht zu mir, weil der alte Rempelmeier nun einmal auf ſeinem Kopfe beſteht, und am Ende iſt dies für uns gerade das Allerbeſte, was wir uns nur wünſchen können. Wir werden ein Bischen eng wohnen,— aber eng und wohl iſt beſſer, als weit und weh! Zuletzt düfteln wir doch irgend etwas heraus, um dir zu einem Anzuge zu verhelfen, und jedenfalls ſchon ein Vortheil, daß ich künftig nicht mehr die drei Treppen hinauf zu ſteigen brauche, wenn ich euch Abends beſuchen will. Hier ſind wir gleich hübſch beiſammen. Und am Ende, Junge, was meinſt du, wenn du ein Schuſter würdeſt? Da könnteſt du gleich bei mir lernen, und brauchteſt deiner Mutter keine Sorgen um's Lehr⸗ 45 geld zu machen. Ich hoffte freilich, wir würden ein wenig höher hinaus können mit dir, als bis zum Flick⸗ ſchuſter, aber es geht doch nun einmal nicht, und, wenn man's gründlich betrachtet, ſo fährſt du nicht einmal ganz ſchlecht dabei. Die Schuſterei nährt ihren Mann, das ſiehſt du an mir. Nun, Wilhelm, wie lange werde ich noch leben? Lange nicht! Und wenn ich dann todt bin,— Verwandte habe ich nicht,— ſo erbſt du hier mein bischen Wirthſchaft und Handwerkszeug, dazu die Kundſchaft, und— Blitz noch einmal!— ſo wirſt du nicht verhungern mit deiner Mutter und brauchſt den alten Rempelmeier nicht! Eingeſchlagen, Wilhelm! Wenn du willſt, ſo iſt die Sache abgemacht, und wir können mit deiner Mutter drüber reden!“ Wilhelm fiel dem treuherzigen, edelmüthigen, alten Leonhard um den Hals, und drückte ihn mit voller Kraft ſeiner jungen Arme an's Herz. „Ihr ſeid ſo gut, Vater Leonhard!“ ſchluchzte er. „Was gut oder nicht gut,“« brummte der Alte. „Chriſtenpflicht! Allgemeine Nächſtenliebe! Punktum! Drücke mich nicht ſo, Wilhelm! Ich glaube dir ſchon, daß du mich alten Kerl lieb haſt. Und nun marſch zu deiner Mutter; ihre Entſcheidung gibt den Ausſchlag, und wir werden ja hören, ob ſie mit unſerer Einrichtung zufrieden iſt.« Wilhelm unterdrückte ſeine Gemüthsbewegung, und folgte Leonhard die Treppe hinauf. Auf den oberſten Stufen zum erſten Stock begegnete ihnen Karl und grinste ſchadenfroh, als er den alten Invaliden mit Wilhelm erblickte. „Grinſe du nur!« ſagte Leonhard zu ihm, indem er vor dem frechen Buben ſtehen blieb und ihn mit 46 feſtem Blicke anſchaute.„Du meinſt, daß du einen Vortheil über Wilhelm erlangt haſt, weil der alte Rempelmeier ſo einfältig geweſen iſt, dich in Dienſt zu nehmen! Aber wir wollen's abwarten. Der Krug geht zu Waſſer, bis er bricht, und Ehrlichkeit währt am längſten. Jetzt packe dich und verſperre uns hier nicht den Weg.“« 3 Man ſah es dem Jungen an, daß er gern eine freche Antwort gegeben hätte, aber er wagte es nicht, denn trotz all ſeiner ſonſtigen Dreiſtigkeit empfand er vor dem alten Soldaten doch eine heimliche Furcht. Gewandt ſchlüpfte er an ihm vorbei, und erſt als er unten auf dem Hausflur war, rief er noch ein paar naſeweiſe Worte zurück. Leonhard beachtete ſie nicht, ſondern ſtieg die Treppen vollends bis zur Dachſtube der Frau Engelbert in die Höhe. Mit kurzen Worten und ohne alle Umſchweife erzählte er, was vorgefallen war, und wiederholte ſeinen Vorſchlag, daß Frau Engelbert und Wilhelm mit zu ihm ziehen ſollten, in⸗ dem er wie der geſchickteſte Diplomat die Sache ſo zu drehen und zu wenden wußte, als ob nicht der Frau Engelbert, ſondern ihm ſelbſt der größte Gefallen damit geſchähe. Obgleich Frau Engelbert dieſe kleine Kriegsliſt recht gut durchſchaute, wurde das Anerbieten doch mit zu großer Herzlichkeit gemacht, als daß es hätte aus⸗ geſchlagen werden können. »Sie meinen es gut mit uns, Meiſter Leonhard,“ ſagte ſie, ihm die Hand reichend, mit inniger Rührung. „»Ja, wir kommen zu Ihnen, und was in unſern Kräften ſteht, wollen wir thun, um Ihnen unſere Dankbarkeit zu beweiſen!« 1 »Nichts von Dankbarkeit und dergleichen,“ entgegnete 47 der alte Leonhard lächelnd.„Ich weiß, wir werden uns beſſer vertragen mit einander, wie der alte Rempel⸗ meier und Pfiffikus Karl im erſten Stockwerk. Die Hauptſache iſt: wir bleiben vor der Hand in demſelben Hauſe und unter demſelben Dache, und was weiter kommt, können wir ja ruhig abwarten. Angefaßt, Wil⸗ helm! Wir wollen gleich an's Ausräumen gehen, und nachher kann Freund Rempelmeier mit ſeiner Dachſtube machen, was er will,— uns ſoll es nichts weiter kümmern.“ Geſagt, gethan. Noch vor Abends waren die ge⸗ ringen Habſeligkeiten der armen Frau Engelbert ausge⸗ räumt, und hatten im Stübchen Vater Leonhards Platz gefunden. Ein wenig enge ging es nun freilich wohl her im Erdgeſchoß des großen Rempelmeier'ſchen Hauſes, aber Vater Leonhard machte nicht viel Weſens daraus. „Du kennſt meine Rede, Wilhelm,“ ſagte er lachend, —„eng und wohl iſt beſſer, als weit und weh, und am Ende, wenn ich mir's recht überlege, tauſchte ich ſelbſt mit dem reichen Herrn Rempelmeier nicht. Was hat er denn von ſeinem Gelde und ſeiner großen Woh⸗ nung? Er iſt allein mit ſeinen ausgeſtopften Vögeln und Schildkröten, während wir unſerer Drei ſind und in Liebe und Freundſchaft mit einander leben! Und wer weiß, was noch Alles geſchehen kann? Noch iſt nicht aller Tage Abend, und in Gottes Hand iſt das härteſte Herz wie weiches Wachs. Wer kann ſagen, ob nicht eines Tages dem alten Rempelmeier noch die Augen aufgehen? Und nun wollen wir uns wegen der Zukunft keine Sorge weiter machen, Frau Engelbert. Ein Obdach haben wir, des Leibes Nahrung und Nothdurft wird ſich mit Gottes Hülfe finden, und im Uebrigen: wir 48 bleiben gute Freunde, ſo lange wir leben! Alſo nur fri⸗ ſchen Muth! Alles Andere macht ſich nachher von ſelbſt!« Der tröſtliche, wohlgemeinte Zuſpruch des alten braven Leonhard verfehlte ſeine Wirkung nicht. Frau Engelbert trocknete ihre Thränen, und Wilhelm machte wieder ein heiteres Geſicht. Was hatten ſie im Grunde auch viel verloren? Nur ihr Dachſtuͤbchen und die von vornherein ungewiſſe Hoffnung auf eine kleine Unter⸗ ſtützung ihres hartherzigen Verwandten. Das war kein großer Verluſt, wenn ſie rechneten, welcher Erſatz ihnen dafuͤr geworden war. Ein Obdach hatten ſie wieder, und außerdem ſtand ihnen Vater Leonhard als treuer Freund liebreich zur Seite. Sie hatten in der That eher Urſache, mit der Veränderung ihrer Lage zufrieden, als unzufrieden zu ſein, und daß ſich dieſe Ueberzeugung ihnen mehr und mehr aufdrang, das bezeugte die unbe⸗ fangene und heitere Fröhlichkeit, die allmählig über jedes ſchmerzliche Gefühl die Oberhand gewann. Sie kamen in's Plaudern, in's Scherzen, in's Lachen, ſie ent⸗ warfen Pläne für die Zukunft, ſie bauten allerlei Luft⸗ ſchloͤſſer, ſie beſprachen ihre kleine häusliche Einrichtung, und als endlich der Wächter draußen die zehnte Stunde verkündigte, da fanden ſie, daß ſie ſeit langer Zeit keinen ſo vergnuͤgten Abend verlebt hätten, als dieſen, der mit ſo traurigen Gedanken und Empfindungen angefangen hatte. »Gott wird geben, daß ihrer mehr ſo kommen,“ ſagte Vater Leonhard, als er aufſtand und ſeiner Einquar⸗ tirung herzlich die Hand ſchüttelte.„Gute Nacht und gute Ruh'!«. 49 Drittes Kapitel. Draußen brennt es. Eine geraume Zeit hindurch herrſchte im Hauſe wieder Ruhe und Frieden. Herr Rempelmeier hatte ſeine armen Verwandten vermuthlich bereits vergeſſen, denn er fragte nie nach ihnen, und wußte wahrſchein⸗ lich gar nicht, daß ſie noch in ſeinem Hauſe wohnten. Karl, ſein neuer Aufwärter, hütete ſich auch wohl, ihrer je zu erwähnen, obgleich er ſie mitſammt dem alten Schuſter gern für immer aus dem Hauſe entfernt hätte. Aber er wußte, daß dieß nicht ging. Mit Ge⸗ walt ließ ſich der alte Leonhard nicht vertreiben, denn er war in ſeinem Rechte. Karl, der Alles hörte, weil er überall horchte, hatte auch gehört, daß Herr Rem⸗ pelmeier den Advokaten Wunderlich fragte, was es für eine Bewandtniß mit dem alten Leonhard habe; und Herr Wunderlich hatte den Beſcheid gegeben, daß der alte Leonhard auf zeitlebens gemiethet hatte, und ſeine Wohnung nicht zu verlaſſen brauchte, außer wenn etwa das Haus verkauft würde. Aber zum Verkauf bezeigte Herr Rempelmeier keine Luſt, und ſo blieb, denn Alles beim Alten. Leonhard wurde nicht weiter geſtört oder beunruhigt. Herr Rempelmeier bekümmerte ſich nicht um ihn, und Karl, der ihn fürchtete, ging ihm weislich aus dem Wege. Ueberhaupt hatte Karl jetzt mehr zu thun, als dem alten Soldaten Aerger und Verdruß zu bereiten. Er gab ſich die erſinnlichſte Mühe, die volle Gunſt des In demſelben Hauſe. 4 50 Herrn Rempelmeier zu gewinnen, und es gelang ihm in der That ſehr wohl, das gewöhnliche Mißtrauen des alten Herrn allmälig zu überwinden. Seine Schlau⸗ heit gab ihm die beſten Mittel dazu an die Hand, in⸗ dem er die ſchwache Seite Rempelmeiers zu ſeinem Vortheile benutzte. Zunächſt ſorgte er dafür, daß der alte Herr reichlicher als je mit Nahrungsmitteln ver⸗ ſorgte wurde, ohne einen Pfennig mehr dafür bezahlen zu müſſen. Zum Frühſtück brachte er ihm Kaffee und Butterſemmeln, zum Mittagseſſen einen tüchtigen Napf voll Suppe mit Fleiſch und Gemüſe, und Abends ließ er es nicht an kaltem Braten und Butterbrod fehlen. Herr Rempelmeier konnte ſeine Verwunderung über dieſe ungeheure Verſchwendung nicht bergen. „Junge,“ ſagte er eines Tages, als Karl ihm wie gewöhnlich ſeine Mittagsmahlzeit brachte,—„»Junge, du machſt doch nicht etwa gar Schulden auf meine Rechnung? Wenn ich etwas der Art merke, dann wehe dir!« „Gott behüte, Herr Rempelmeier,“ antwortete der verſchmitzte Burſche.„Es iſt Alles in Ordnung! Ich betrüge ſie nur nicht, wie gewiſſe andere Leute, die ſich von Ihrem Tiſche mit ſatt gegeſſen haben, ohne daß Sie ein Wort davon wußten.« „Aber Wunderlich ſagte mir doch auch, daß wir große Theurung hätten, ſo daß ich ſchon glaubte, ich hätte dem.. dem.. nun, dem Burſchen da unrecht gethan.“. »Theurung hin, Theurung her, Sie ſehen doch, daß Ihr Tiſch wohl verſorgt iſt, und daß er nicht mehr koſtet als früher! Was wollen Sie weiter, Herr Rem⸗ pelmeier?« 51 „Ich denke nur, eines Tages wird das ſchlimme Ende nachkommen! Eine große Rechnung, mein' ich! Aber ich ſage dir, Burſche, ich bezahle nichts, nicht einen rothen Heller!« »Ei, wer ſpricht denn auch davon, Herr Rempel⸗ meier! Sie bezahlen ja alle Tage! Sie geben mir das Geld und ich beſorge Ihnen das Eſſen dafür! Wenn man ein wenig Beſcheid in Berlin weiß, ſo kann man ſchon billig und gut leben trotz der Theurung. Ich ſage Ihnen ja, Herr Rempelmeier, ich bin ein ehr⸗ licher Burſche und betrüge Sie nicht. Mir können Sie in allen Stücken vertrauen!“ „Das freut mich, Karlchen! Das iſt brav von dir!« ſagte Herr Rempelmeier, und klopfte dem ſchlauen Burſchen freundlich auf die Schulter.„Wenn ich ſo fort mit dir zufrieden bin, ſo ſchenke ich dir auch ein⸗ mal etwas! Ja, das verſprech' ich dir! Etwas Selte⸗ nes und Schönes, was hier zu Lande gar nicht zu ha⸗ ben iſt! Einen ausgeſtopften Vogel, oder eine bunte Schlange in Spiritus, oder einen getrockneten Fiſch, oder was dir ſonſt gefällt von meinen Herrlichkeiten!« »Ein blankes Goldſtück wäre mir lieber!“ dachte Karl in ſeinem Sinn, und lachte heimlich über den alten Knauſer, der ihn mit ſolchen elenden Verſprechun⸗ gen zu kirren ſuchte. Aeußerlich aber gab er ſich die Miene der lebhafteſten Dankbarkeit. „Ach, Herr Rempelmeier, Sie ſind zu gütig,« ſagte er, und küßte dem alten Herrn die Hand, um ſein höhniſches Lächeln zu verbergen, das ihm unwillkürlich um die Mundwinkel ſpielte.»Aber das kann ich ja gar nicht annehmen! Nein, Herr Rempelmeier! Das kann ich nicht! Um ein Geſchenk iſt nrs auch nicht 5² zu thun, gewiß nicht, und nie werde ich mich entſchließen können, Ihre Großmuth zu mißbrauchen. Nur.. „Was denn, Karlchen? Was denn?“ fiel Herr Rempelmeier ein, als Jener ſtockte.„Du willſt nichts von mir geſchenkt nehmen? Sieh', das iſt brav, ſehr brav von dir! Ich ſehe doch, daß es noch uneigen⸗ nützige Menſchen gibt in der Welt! Aber was wollteſt du noch ſagen, Karlchen? Du wollteſt noch etwas ſa⸗ gen! Sprich es aus, mein Söhnchen, und wenn ich's machen kann, ſo verlaß dich auf mich! Nun, was woll⸗ teſt du?« „Ach, Herr Rempelmeier, ich wag' es kaum! Es iſt wohl allzu unverſchämt von mir!« »Nicht doch, nicht doch, mein Söhnchen! Immer ſprich du nur!« »Nun denn, Herr Rempelmeier, wenn Sie mir ſo freundlich Muth machen, ſo hören Sie! Geſchenkt neh⸗ men etwas don ihren Herrlichkeiten?— nein, nicht um Alles in der Welt! Aber ſehen, Herr Rempelmeier, ſehen möcht' ich ſie für mein Leben gern einmal! Nur ſehen! Nichts anfaſſen, nichts berühren,— Alles nur aus der Entfernung betrachten!“ »Ei, Söhnchen, Söhnchen, warum haſt du mir das nicht ſchon laͤngſt geſagt?« ſprach Herr Rempelmeier ganz vergnügt.„Sollſt ſehen, ſollſt Alles ſehen, mein Söhnchen! Komm' nur, folge mir nur! Meine ganzen Sammlungen will ich dir zeigen, denn du biſt ein bra⸗ ves Bürſchchen, dem man gut ſein muß, weil es be⸗ ſcheiden und nicht ſo habſichtig iſt, wie gewiſſe andere Leute, die mich betrogen und angebettelt haben! Das komm'!« thuſt du nicht; alſo komm' nur, mein Söhnchen, 5³ Herr Rempelmeier öffnete eine Thür, und Karl durfte in die inneren Gemächer des Hauſes eintreten, wohin bis jetzt Niemand, als Herr Wunderlich, der Advokat, Zutritt gefunden hatte. Das war aber ge⸗ rade, was Karl ſchon längſt wünſchte; keineswegs frei⸗ lich, um die ausgeſtopften Thiere und anderen Samm⸗ lungen des Herrn Rempelmeier zu ſehen, ſondern um zu ſpioniren, zu kundſchaften und auszuforſchen, wo der alte Geizhals ſeine Reichthümer an Gold und Silber liegen haben mochte. Karl ging dabei ſchlau genug zu Werke. Vor der Hand begnügte er ſich, über die Kro⸗ kodile, Schildkröten, Schlangen und Fiſche in Erſtaunen und Entzücken zu gerathen, und entwickelte dabei eine ſolche geſchickte Beredſamkeit, daß Herr Rempelmeier vollſtändig getäuſcht wurde und nicht entfernt die eigent⸗ liche Abſicht des ſchlauen Buben vermuthete. Er führte ihn von einem Zimmer in's andere, ſelbſt in das obere Stockwerk hinauf, und freute ſich über die verwunde⸗ rungsvollen Geſichter, die Karl zu ſchneiden ſich alle mögliche Mühe gab. Endlich waren alle Räume durch⸗ wandert, und man kehrte in das untere Stockwerk zu⸗ rück. Karl ſeufzte und zog eine betrübte Miene. »Nun, was fehlt dir?« fragte Herr Rempelmeier. »Haſt du noch nicht genug geſehen?« „Oh, das wohl! Mehr als ich zu faſſen vermag, Herr,“ antwortete der Burſche.„Aber das iſt's eben! An Einem Male hat man nicht genug, und ich fürchte, Sie werden mir nicht ein zweites Mal erlauben, dieſe Zimmer zu betreten und Ihre wundervollen Sammlun⸗ gen zu betrachten.“ „Ei, warum denn nicht, Söhnchen? Warum nicht?« erwiederte Herr Rempelmeier, und rieb ſich ganz ver⸗ 54 gnügt die Hände.„Komm' du, ſo oft du willſt, alle Tage meinetwegen! Mich ſtörſt du nicht, ſondern ich freue mich ſogar, daß du Intereſſe an meinen ruhm⸗ voll und unter Gefahren aller Art geſammelten Schätzen zeigſt. Ja, ja, beſuche mich nur, mein Söhnchen, und wir werden ja ſehen, werden ja ſehen, was aus dir zu machen iſt! Vielleicht gar ein Naturforſcher, der in meine Fußtapfen tritt! Das wäre herrlich, Söhnchen! Du würdeſt mein Schüler, ich ſchickte dich über's Meer, nach Braſilien, nach Surinam, nach Java, nach Bor⸗ neo, und wir ſammelten immer mehr, immer mehr und mehr, bis wir keinen Raum mehr für alle Wunder hätten! Aber freilich, treu und fleißig und ſparſam müßteſt du ſein, Karlchen! Das iſt eine Hauptſache! Leben, wie ein Hund, und ſammeln, wie eine Biene! So hab' ich's gemacht von Jugend auf, und da, da ſiehſt du den Erfolg davon! Das ſchönſte Na⸗ turalienkabinet mit den koſtbarſten Sachen, und hat mich nicht einen rothen Heller gekoſtet! Alles ſelbſt ge⸗ ſammelt, Söhnchen! Alles ſelbſt gefangen, getödtet, ge⸗ trocknet, ausgeſtopft, und noch mehr dazu, hahaha, ja, ja, der alte Rempelmeier iſt zeit ſeines Lebens kein Dummkopf geweſen! Na, gleichviel, Söhnchen! Ich habe ſchon gemerkt, du biſt auch nicht auf den Kopf gefallen, und wenn du treu und redlich und ſparſam, vor Allem ſparſam, biſt, ſo kann etwas aus dir werden! Wollen ſehen! Wollen ſehen! Beſuche mich morgen wieder und ſo oft du willſt!«- Karl bedankte ſich für die Erlaubniß und ſchlüpfte davon. „Wunderlich!« murmelte er vor ſich hin, als er die Treppe hinabſtieg.„Sehr wunderlich! Ich habe mir 5⁵ doch faſt die Augen aus dem Kopfe geſchaut, und gleichwohl nichts entdeckt! Er muß ſein Geld gut ver⸗ ſteckt haben, der alte, ſchlaue Geizhals! Aber nur Ge⸗ duld, ich kriege ihn trotzdem ſchon noch, und das, ehe er's denkt! Der alte Narr! Glaubt, ich komme um ſeine widerlichen Spinnen und Kröten! Ja, wenn ich nicht wüßte, wenn ich nicht gehorcht und gehört hätte, was er mit dem Advokaten geſprochen! Aber er iſt reich, reich, reich, der alte Geizhals, und alſo muß er getäuſcht werden, bis...« Die letzten Worte verklangen in einem unverſtänd⸗ lichen Flüſtern, und in der nächſten Minute verſchwand Karl im Eingange zum Keller, der nach der unterirdi⸗ ſchen Wohnung ſeines Vaters führte. Während der junge Böſewicht auf dieſe Weiſe ſeine ſchlauen Garne um den alten Rempelmeier zog, wie eine Kreuzſpinne, die eine unvorſichtige Fliege fangen will, wohnten Leonhard, Frau Engelbert und Wilhelm ſtill und friedlich bei einander, und fragten wenig nach dem, was über ihrem Haupte oder unter ihren Füßen vorging. In der Gewißheit, daß ſie keinerlei Unter⸗ ſtützung von dem reichen Verwandten zu erwarten ha⸗ ben würden, ergaben ſie ſich in die unabwendliche Nothwendigkeit, ſich nach wie vor auch unter den ſchwieriger gewordenen Verhältniſſen durch eigene Kraft zu helfen. Es ging auch wirklich Alles beſſer, als Frau En⸗ gelbert gefürchtet hatte, und öfter als einmal ſollte ſie die Erfahrung machen, daß Gott Hülfe zu ſchaffen weiß, wo das kurzſichtige, ſchwache Menſchenauge nicht den mindeſten Hoffnungsſchimmer erblickt. So lag ihr zunächſt noch immer die Sorge am meiſten auf dem 56 Herzen, daß Wilhelm zu ſeiner Konfirmation kein feſt⸗ liches Kleid hatte. Was geſchah? Gelegentlich erzählte der alte Leonhard ſeinen Kun⸗ den, auf welche Art er zu ſeiner Einquartirung gekom⸗ men ſei, und dann gab ein Wort das andere, bis ziem⸗ lich die ganze Kundſchaft wußte, wo es bei Frau Engelbert fehlte. Der Eine bedauerte die arme Wittwe, der Andere ſchalt auf den alten Geizhals Rempelmeier, der ſeine einzigen Verwandten ſo elend darben ließ, und noch Andere ließen hie und da bei ihren Herrſchaften ein Wörtchen fallen, das, wie ein Samenkörnchen, eine gute Frucht verhieß. Und in der That, die Frucht ließ nicht warten. Eines Tages ſchickte ein alter Jung⸗ geſell, deſſen Bedienter ein Kunde von Leonhard war, einen noch ganz guten, aber altmodigen Frack, mit der Bemerkung, daß Wilhelm Engelbert ſich eine Jacke daraus machen laſſen ſollte. Ein paar Tage ſpäter ſchickte eine gute, fromme Wittwe, deren Magd eben⸗ falls bei Leonhard arbeiten ließ, einen vollſtändigen Anzug aus dem Nachlaſſe ihres kürzlich verſtorbenen Mannes, und ſogar noch einen Thaler baaren Geldes dazu, der in der Taſche der grünen Plüſchweſte ſteckte. Das gab eine Freude für Leonhard und Frau Engel⸗ bert, welche Letztere nun doch wider alles Erwarten ihren ſehnlichſten Wunſch der Erfüllung nahe ſah. Nur der Arbeitslohn für den Schneider fehlte noch, der den Anzug für Wilhelm paſſend einrichten mußte, und auch hiezu fand ſich bald darauf Rath. Noch mehrere milde Schenkungen trafen im Laufe der nächſten Tage ein, und jetzt herrſchte Ueberfluß da, wo erſt vor Kurzem noch nichts als Armuth und Mangel geweſen war. 57 »Was nun noch für Noth, Frau Engelbert?« ſagte Leonhard mit freudeglänzenden Augen, als er die ein⸗ gelaufenen milden Gaben betrachtete.„Die Hälfte aller Sachen reicht hin zum ſchönſten Anzuge für Wil⸗ helm, zu zweien ſogar, und die andere Hälfte verkau⸗ fen wir, damit wir den Schneider bezahlen können. Dann iſt Alles in Ordnung, und unſer Wilhelm wird ſo ſtattlich vor den Tiſch des Herrn treten, daß keine Mutter ſich Seiner zu ſchämen brauchte.“ Wie Leonhard ſagte, ſo ward es gemacht. Die ſchlechteſten Sachen wurden verkauft, und der Erlös reichte aus, um den Schneider zu befriedigen. Als Wilhelm zum erſten Male in ſeinem neuen Anzuge vor die Mutter trat, ſah er aus wie ein Prinz, und mit Freudenthränen fiel ihm Frau Engelbert um den Hals. „Da ſehen Sie's, Frau Nachbarin, daß man nie verzagen muß!“« ſagte Leonhard treuherzig, indem er ſelber mit wohlgefälligen Blicken den ſchmucken Jungen betrachtete.„Der alte Gott lebt noch und läßt Keinen zu ſchanden werden, der in Liebe und Treue an ihm feſthält! Was brauchen wir den alten Rempelmeier, wenn der liebe Gott für uns iſt? Und auch der wird endlich noch zur Erkenntniß kommen, und wird einſe⸗ hen, daß es beſſer iſt, rechtſchaffene Verwandte um ſich zu haben, als ſpitzbübiſche Fremde, die ihm nur ſchmei⸗ cheln und heucheln, um ihn gelegentlich zu betrügen! Aber weg damit! Wir wollen uns durch den Gedan⸗ ken an ihn unſere Freude nicht verderben laſſen, und haben auch noch mehr zu thun heute. Verſtehſt du, Wilhelm, du darfſt der Dankbarkeit nicht vergeſſen. Du mußt deine Wohlthäter beſuchen, die dich ſo ſchön her⸗ ausgeputzt haben, und das je eher je beſſer.« 58 „Gewiß, Vater Leonhard,« erwiederte Wilhelm. „Ich werde ſogleich gehen.“ „Ja, zuerſt zu der braven Wittwe, der Frau Mül⸗ ler, dann zum Herrn Rath Krespel, dem alten Jung⸗ geſellen, dann zur Frau Willich, und endlich zum Herrn Kaufmann Dorn, die Alle an dich gedacht haben. Se⸗ hen Sie, Frau Engelbert, es gibt doch immer noch viele gute, mildherzige, wohlthätige Menſchen auf der Welt, gleich ihrer Vier in unſerer nächſten Nachbar⸗ ſchaft! Da darf man nie den Muth verlieren, wenn's Einem auch einmal ein wenig ſchlecht geht, und der Brodkorb ein bischen höher als gewöhnlich hängt. Und nun geh', Junge! Die braven Leute werden ſich freuen, wenn du ſo ſtattlich einher kommſt!« Wilhem zögerte nicht, denn ſein eigenes Herz trieb ihn, die Fülle der Dankbarkeit auszuſprechen, die ihn beſeelte. Erſt nach zwei Stunden kam er mit ganz glucklichem Geſicht, die Augen ſtrahlend vor Freude, von ſeinem Gange wieder zurück, und konnte nicht ge⸗ nug rühmen, wie liebreich und freundlich er überall auf⸗ genommen ſei. Er brachte ſogar noch die frohe Nach⸗ richt mit, daß Frau Muüͤller und Herr Dorn künftig der Mutter mannichfache Beſchäftigung zu geben ver⸗ ſprochen hätten, ſo daß ſich alſo auch noch eine Aus⸗ ſicht auf neuen redlichen Erwerb eröffnete, welcher die ſchwere, drückende Sorge um das liebe tägliche Brod verringern würde. Alles in Allem genommen, ſtellte ſich's alſo nun heraus, daß die ſchnöde Härte des gei⸗ zigen Vetters Rempelmeier faſt ein wahres Glück für ſeine armen Verwandten genannt werden konnte. Die Konfirmation ging denn auch in ſtiller, gott⸗ ſeliger Freudigkeit vorüber, und nun trat der Zeitpunkt — 59 ein, wo ſich Wilhelm für ſeinen künftigen Lebensberuf beſtimmen mußte. Wie wir bereits wiſſen, hatte er keine Wahl. So gern er zu einem geſchickten Tiſchler in die Lehre gegangen wäre, wozu er die meiſte Nei⸗ gung empfand, blieb ihm doch nichts weiter übrig, als Leonhards wohlgemeintes und freundliches Anerbieten anzunehmen und Schuhflicker zu werden. Zu jedem anderen Gewerbe fehlte ihm das Lehrgeld, ohne welches er nun einmal nirgends als Lehrjunge angenommen wurde. Wilhelm fügte ſich geduldig und ohne Murren in das Unvermeidliche. Er griff mit demſelben Eifer, wenn auch nicht mit derſelben Freundlichkeit, zu Pfrie⸗ men und Ahle, wie er zu Hobel und Säge gegriffen haben würde, und kein Wort aus ſeinem Munde, kein Zug in ſeiner Miene verrieth der Mutter, daß er ir⸗ gend welchen geheimen Kummer über die Vereitelung ſeiner liebſten Hoffnung empfand. Er zeigte immer ein heiteres Geſicht, und war ſo unermüdlich fleißig, daß Vater Leonhard ſeines Lobes kein Ende fand. Eifer, Geſchicklichkeit und herzliche Dankbarkeit für alles Gute, was der brave Schuhflicker ihm und der Mutter erwie⸗ ſen hatte, gingen bei ihm Hand in Hand, und ſo konnte es denn gar nicht fehlen, daß der junge Lehr⸗ burſche bald eben ſo flink und gewandt arbeitete, wie ſein Meiſter, und ihn endlich ſogar in der Zierlichkeit und Sauberkeit der Arbeit noch übertraf. »Der Junge iſt ein wahrer Schatz für mich!« ſagte Leonhard öfter zu Frau Engelbert.„Die Kundſchaft vermehrt ſich, und am Ende erleben wir's noch, daß wir neue Arbeit zur bloßen Flickerei hinzu kriegen, und daß Wilhelm noch der geſchickteſte Schuhmacher in ganz Berlin wird.“ 6 60 Solche Lobſpruͤche des alten Leonhard, den er wie einen Vater liebte und ehrte, flößten dem Herzen Wil⸗ helms immer friſchen Muth und neue Freudigkeit ein. Er gewöhnte ſich endlich an den Gedanken, zeitlebens Schuhmacher zu bleiben, und ſtille Zufriedenheit be⸗ mächtigte ſich allmälig ſeines Gemüthes. Die väterliche Güte des braven Meiſters, die Freude der Mutter an ſeinem gedeihlichen Fleiße halfen ihm über Manches hinweg, was ihn ſonſt wohl gedrückt und bekümmert hätte, und ſo that er denn rechtſchaffen und beharrlich ſeine Pflicht, ohne ſich ſeine Zufriedenheit durch uner⸗ füllbare Wünſche verbittern zu laſſen. So ſtanden die Sachen etwa ein Vierteljahr nach ſeiner Konfirmation, als ein Ereigniß eintrat, welches ihn wieder mit Vetter Rempelmeier, an den er ſeither kaum mehr gedacht hatte, in nähere Berührung bringen ſollte. Mitten in der Nacht nämlich brach in der näͤch⸗ ſten Nachbarſchaft von Herr Rempelmeiers Hauſe Feuer aus, und zwar ſo plötzlich und mit ſo gewaltiger Hef⸗ tigkeit, daß an ein raſches Dämpfen deſſelben nicht zu denken war. Die Flammen ſchlugen hoch aus dem Dache des Nachbarhauſes und verbreiteten ſich mit ver⸗ zehrender Schnelle nach den leicht gebauten Hinterge⸗ bäuden, ſo daß auf einmal, ehe noch irgend eine Hülfe herbeigeſchafft werden konnte, Herr Rempelmeiers Haus zur Hälfte von den Flammen umgeben, und von der äußerſten Gefahr bedroht war, der Feuersbrunſt als Beute anheim zu fallen. Das Geſchrei der Wächter, das Raſſeln der Trommeln, der ſchauerliche Ton der Feuerhörner weckte zuerſt Leonhard auf, der ſich mit Einem Rucke aufraffte und mit beiden Fäuſten an 61 Wilhelms Thür pochte, als er den hellen Schein der Flammen grell durch die Fenſter blitzen ſah. »Hollah, Wilhelm, ſteh' auf! Es brennt dicht ne⸗ ben uns an!“ ſchrie er. 1 Wilhelm erwachte mit einem Schreckensrufe, und, an allen Gliedern zitternd, warf er hurtig ſeine Kleider über, während Leonhard hinaus eilte, um ſich von dem Stande der Dinge und von der etwa drohenden Ge⸗ fahr zu unterrichten. Als er zurückkehrte, trat eben auch Wilhelm in ſein Zimmer, und fragte haſtig, wie es ſtehe? »Schlimm genug,“⸗ erwiederte der alte Leonhard. „Das Nebenhaus brennt lichterloh, und es kann keine zehn Minuten mehr dauern, ſo muß unſer Dach eben⸗ falls Feuer fangen. Wenn nicht raſche Hülfe kommt, ſo ſieht's bös aus.«.. »Mein Gott!« ſagte Wilhelm.„Und Vetter Rem⸗ pelmeier! Er ſchläft ganz allein in den großen Räu⸗ men, die von ſeinen Koſtbarkeiten vollgepfropft ſind!« »Was da Rempelmeier und Koſtbarkeiten?« fuhr der alte Soldat barſch heraus.„Mag er zuſehen, wie er fertig wird!« »Aber wir müſſen ihm helfen, Vater Leonhard!« fuhr Wilhelm fort.„Der alte Mann iſt ganz allein;.. er ſchläft am Ende noch;.. wie ſoll er etwas einpacken und retten, wenn er keine Hülfe hat?« „Ei, Junge, hat er denn dir geholfen, als du der Hülfe bedürftig wareſt?« fragte Leonhard ſcharf.„Oder hat er dich nicht vielmehr mitſammt deiner armen Mut⸗ ter aus dem Hauſe jagen wollen? Nichts da! Ich rühre keine Hand für den alten Geizhals! Mag er ſehen, wie er fertig wird!« 6 „Aber, Meiſter Leonhard, ſteht denn nicht in der Bibel, daß man nicht Böſes mit Böſem vergelten ſolle?« erwiederte Wilhelm.»Unmöglich könnt Ihr's über's Herz bringen, den alten Mann ganz allein und ohne Beiſtand zu laſſen.“. „Ich thue keinen Schritt für ihn!« entgegnete Leon⸗ hard.„Mag er ſich helfen laſſen, von wem er will! Er hat ja Günthers Karl! Der mag ihm packen und räumen helfen. Freilich ſtehe ich nicht dafür, daß ſich nach dem Räumen auch Alles wiederfinden wird, denn ich weiß ja aus Erfahrung, daß Karlchen zu gelegener Zeit gern lange Finger macht.“ „Ah, um ſo mehr bedarf alſo Herr Rempelmeier des Beiſtandes!“ fiel Wilhelm ein.„Der Arme! Er weiß ſich gewiß nicht zu rathen und zu helfen, und am Ende ſchläft er wohl gar noch! Wie erſchrocken wird er ſein! Meiſter Leonhard, ich bitte Euch, vergeßt des Vergangenen, und denkt nur daran, daß unſer nächſter Nachbar in Gefahr ſchwebt! Kommt!“ „»Nun denn, meinetwegen!“« rief der alte Mann nach einem kurzen Kampfe mit ſich ſelber.„Er ver⸗ dient es zwar nicht, der Geizhals, aber wenn du mich ſo bitteſt, Wilhelm, ſo mag's drum ſein! Geh' nur voran, ich komme gleich nach, und will nur deiner Mutter ſagen, daß ſie ſich keine Sorge um dich ma⸗ chen ſoll..’ „»Geht nur, geht, braver Leonhard!“ rief die Mut⸗ ter, die längſt erwacht war und das ganze Geſpräch gehört hatte, aus dem Nebenzimmer.„Helft oben, ſo gut Ihr könnt, und ich will indeſſen Sorge tragen, daß hier unten nichts paſſirt. Eilt Euch nur, Meiſter Leonhard.. 63 »Alſo auch Ihr, Frau Engelbert?“ rief der alte Soldat aus.„Auch Ihr ermahnt mich, daß ich dem geizigen Rempelmeier zu Hülfe kommen ſoll? Aber denkt Ihr denn gar nicht daran, wie ſchnöde Ihr von ihm behandelt worden ſeid?“ „Ich denke an nichts weiter, als daß der Arme in Noth und unſer nächſter Nachbar iſt,“ entgegnete Frau Engelbert.„Seinen Nächſten aber ſoll man lieben, wie ſich ſelbſt,— ſo ſteht geſchrieben!“ „»Nun, wahrhaftig, das heiß' ich Chriſtenthum!« rief Leonhard aus.„Aber wenn Sie's denn meinen, Frau Engelbert, nun ſo ſei's auch in Gottes Namen! Das hätt' ich aber nicht gedacht, daß ich dem alten Burſchen, der uns ſo ſchlecht behandelt hat, noch ein⸗ mal beiſtehen würde! Aber wie Sie wollen, Frau En⸗ gelbert! Gerne geſchieht's zwar nicht, aber geſchehen ſoll's! Mittlerweile verſchließen Sie hier unten nur die Thuͤr, damit Ihnen nichts zukommt, denn manchmal benutzen ſchlechte Menſchen die Verwirrung und neh⸗ men die Gelegenheit wahr, um zu ſtehlen, wie die Ra⸗ ben! Wenn Sie die Thür aber zuhalten, kann Ihnen nichts geſchehen, und bis hierher kommt auch das Feuer nicht, denn hier unten haben wir lauter feuerfeſte Ge⸗ wölbe! Vor jetzt will ich nun aber hinauf und ſchauen, was unſer Wilhelm macht.“ Wilhelm war ſchon längſt die Treppe hinaufge⸗ ſprungen und klopfte mit Gewalt an die Außenthür, welche nach den Gemächern Herrn Rempelmeiers führte. Er klopfte noch, als Leonhard kam, und Niemand öff⸗ nen von innen, noch ließ ſich überhaupt eine Stimme ören. „Es ſcheint, er ſchläft wie ein Todter!“ ſagte 64 Leonhard.»Wenn er nicht bald aufmacht, ſo müſſen wir die Thür ſprengen! Aber Klopfen wir erſt noch einmal, Wilhelm! Beide zuſammen!« Sie donnerten Beide gegen die Thür, aber Herr Rempelmeier ließ noch immer nichts vernehmen. Jetzt verlor der alte hitzige Soldat die Geduld. Mit fünf Sprüngen war er die Treppe wieder hinunter, mit an⸗ deren fünfen wieder herauf, und brachte eine Holzaxt mit, mit der er ſo gewaltige Schläge gegen die Thür ſchmetterte, daß ſie unmöglich noch lange Stand halten konnte. Nun aber regte ſich's auch drinnen. „Hülfe! Hülfe!« ſchrie Herr Rempelmeier mit krei⸗ ſchender Stimme.„Räuber, Mörder, Diebe, Einbruch, Feuer! Hülfe, Hülfe!“ „Ja doch, zum Donner! Hülfe bringen wir ja!« rief der alte Leonhard mit ſeiner Löwenſtimme zurück. »Machen Sie nur auf, Herr Rempelmeier! Nebenan brennt's, und wir wollen Ihnen retten helfen, was möglich iſt!« Lein Ruf des Schreckens drang von innen durch die Thuͤr, und nun dauerte es nicht mehr lange, daß ſie geöffnet wurde. Herr Rempelmeier zeigte ſich, blaß, zitternd am ganzen Leibe, und ſo erſchrocken, daß er weder Leonhard noch Wilhelm erkannte. „Herr Jeſus, Herr Jeſus!« ſchrie er.„Brennt denn mein Haus ſchon?« »Noch nicht, alter Herr!« entgegnete Leonhard. „Aber es könnte ſo weit kommen, und zwar ſchneller, als ihnen lieb ſein wird, und alſo will ich Ihnen ge⸗ rathen haben, daß Sie Ihre beſten Habſeligkeiten ſo ſchnell als möglich in Sicherheit bringen. Wir wollen Ihnen helfen, wir Beide!“ 6⁵ »Und ich auch! Ich will auch helfen!« ſagte noch eine andere Stimme.»„Geſchwind, Herr Rempelmeier! Der Dachſtuhl über unſerem Kopfe hat ſchon Feuer gefangen!“ »Sieh' da, biſt du auch hier, Burſche?« ſprach Leonhard zu dem neuen Ankömmlinge, in dem er augen⸗ blicklich Karl Günther erkannte.»Nun, ich dachte mir wohl, daß du nicht fehlen würdeſt— aus gewiſſen „Gruͤnden und Urſachen! Aber verſtehſt du, Burſche, wir ſind auch da! Alſo reine Hand, oder... ein Wet⸗ ter kommt über dich! Nun, Herr Rempelmeier, faſſen Sie ſich! Geſchwind! Wo ſollen wir zuerſt angreifen?« Herr Rempelmeier ſtand noch da, wie eine Salz⸗ ſäule ſtarr und ſteif, ſo hatte ihn Schrecken und Ent⸗ ſetzen gelähmt. Erſt als ihn Leonhard an der Schul⸗ ter packte und heftig ſchüttelte, kam er wieder ein wenig zur Beſinnung. »Hier, hier!« ſchrie er und lief in die inneren Ge⸗ mächer ſeiner Wohnung, wohin ihm die Andern folg⸗ ten.„Räumt, rettet, helft, oder ich bin ein verlorener Mann! Großer Gott, erbarme dich meiner!« »Aber, Herr Rempelmeier, ſo nehmen Sie doch ein bischen Vernunft an!« ſchrie ihm Leonhard zu.„Was ſollen wir denn räumen? Was zuerſt retten? Dieſe ausgeſtopften Beſtien doch wohl nicht? Faſſen Sie ſich, Mann! Ehe das Feuer bis hier herunter brennt, ha⸗ ben wir Zeit genug, Ihre beſte Habe in den großen Hausflur hinunter zu ſchaffen. Dort liegen ſie ſicher, denn der Flur iſt gewölbt und das Gewölbe feuer⸗ und bombenfeſt. Alſo Achtung! Wo ſollen wir anfangen?« Herr Rempelmeier ſchien ein wenig zur Beſinnung zu kommen. Er bezeichnete einige alte Möbel, die er 5 In demſelben Hauſe. 66 in Sicherheit gebracht zu haben wünſchte, und Leonhard nebſt Wilhelm griffen ſo wacker zu, daß ſie binnen fünf Minuten die Treppe hinunter geſchafft waren. Andere Sachen folgten, und die beiden Retter befanden ſich noch in voller Thätigkeit, als Karl, der ſich bis jetzt nicht ſonderlich angeſtrengt hatte, plötzlich ſchrie, daß das Feuer oben bereits in das zweite Stockwerk einge⸗ drungen ſei. „Nun wohlan, ſo müſſen wir noch flinker ſein!« ſagte Leonhard, indem er ſich den Schweiß von ſeiner glüͤhenden Stirne wiſchte.„Was haben Sie noch, Herr Rempelmeier?« Der alte Mann ſchien bei der Schreckensnachricht Karls von Neuem alle Beſinnung verloren zu haben. Zuerſt ſtieß er einen Schrei aus, und dann rannte er auf die nächſte Wand zu, an der er, mit zitternden Händen, laut ächzend und jammernd, herum tappte. „Er iſt närriſch geworden vor Angſt, wie es ſcheint!« ſagte Leonhard.„Heda, Herr Rempelmeier, was ma⸗ chen Sie denn? Sein Sie doch vernünftig!“ „Hier! Hier!“ ſchrie Rempelmeier.»Oeffnet die Thür! Oeffnet, oder ich bin verloren!« „Sapperment ja, hier iſt doch keine Thür!“ rief Leonhard.„Sehen Sie denn nicht, daß Sie an der leeren Wand herumkrabbeln?« „Der Schrank! Der eiſerne Kaſten!“ ſtammelte Herr Rempelmeier ganz verwirrt.„Ich armer, geſchla⸗ gener Mann! Ich kann den Drücker nicht finden!“ „Freilich, wenn Sie ſo unvernünftig zutappen, da geht's nicht!“ ſagte Leonhard.„»Halt' einmal, Herr! Was ſuchen Sie eigentlich hier?« Indem er dieſe Frage ſtellte, packte Leonhard den 67 ganz verwirrten Rempelmeier bei beiden Schultern und hielt ihn ſo feſt, daß er ſich nicht von der Stelle rüh⸗ ren konnte. »Verſtehen Sie mich nicht?« fuhr er fort.„Ich will wiſſen, was Sie an der Wand ſuchen?« »Den Schrank! den Schrank!« rief Herr Rempel⸗ meier. „Iſt denn ein Schrank da?« „Ja! Ja doch!« »Nun, ſo nehmen Sie ſich Zeit zum Oeffnen,“ ſagte Leonhard.„»Noch ſtürzt das Dach nicht über unſeren Köpfen zuſammen! Langſam und beſonnen, Herr Rem⸗ pelmeier!« Die feſte Haltung Leonhards verfehlte ihren Ein⸗ druck nicht. »Suchen Sie!“ ſagte er zu Rempelmeier, der ihn verdutzt anſchaute.„Wo iſt der Drücker, der öffnet?« »Hier!“« ſprach Herr Rempelmeier, der nun end⸗ lich begriff, was er ſelber beabſichtigte, und drückte an einer Stelle in der Wand, worauf ſofort eine geheime Thür aufſprang und einen geräumigen Schrank ſehen ließ, in welchem verſchiedene kleine Eiſen⸗ und Blech⸗ kaſten aufbewahrt ſtanden. »Aha, jetzt verſtehe ich!« ſagte der alte Leonhard. »„Hier ſind die Hauptſachen, die in Sicherheit gebracht werden müſſen. Eins— zwei— drei— vier Kaſten! Zugegriffen, Wilhelm! Und hab' ein Auge darauf, da⸗ mit nichts abhanden kommt! Am beſten iſt's, wir brin⸗ gen die ganze Geſchichte zu deiner Mutter, die wird ſie ſchon bewachen! Hand weg, Mosje Karl! Du haſt nichts zu ſuchen hier!« Mit gierigen Blicken hatte Karl den verborgenen 8 5 ³⁸½ 68 Wandſchrank gemuſtert, und auf der Stelle errathen, daß hier alſo die Stelle ſei, wo Herr Rempelmeier ſeine Koſtbarkeiten und werthvollſten Schätze aufbe⸗ wahrte. Wie ein Habicht ſchoß er jetzt auf den Schrank zu, und hatte ſich ſchon eines Kaſtens mit zitternder Hand bemächtigt, als der alte Leonhard dazwiſchen trat, und ihm die ſchon ſicher geglaubte Beute wieder aus den Händen riß. „Hand davon!“ wiederholte der alte Soldat.„Dir traue ich einmal nicht, und habe meine guten Gründe dazu. Wilhelm, nimm du zwei Kaſten, und ich werde die anderen nehmen! So, und nun vorwärts zu deiner Mutter!« Sie brachten die Kaſten in Sicherheit, übergaben ſie ddeer Obhut der Frau Engelbert, und kehrten nach drei Minuten zurück, um mit dem Ausräumen fortzufahren. Dieſe drei Minuten hatte Karl indeſſen gut benutzt. Während Herr Rempelmeier bei dem Getöſe, das von außen her zu ſeinem Ohre drang, bei dem Geſchrei der verſammelten Menge, bei dem Raſſeln der Spritzen und Waſſerwagen, bei dem Krachen und Poltern der zuſammenſtürzenden Häuſer und all' dem anderen Ge⸗ tümmel, das im Gefolge einer Feuersbrunſt zu toben pflegt, von Neuem den Kopf verlor, durchſuchte Karl noch einmal den Wandſchrank, und fand im heimlichſten Winkel deſſelben noch ein Käſtchen, das dem ſcharfeen Blicke Leonhardz in der Eile entgangen war. Mitt triumphirendem Hohnlächeln ſteckte er es ein, ohne daß Herr Rempelmeier es bemerkte, und ſchlich ſich leiſe aus 8 dem Zimmer. Als er den Vorſaal betrat, kehrten aber Leonhard und Wilhelm von unten wieder zurück, und er drückte ſich hurtig in die dunkelſte Ecke, um von 69 ihnen nicht bemerkt zu werden. Leonhard ſah ihn auch wirklich nicht; Wilhelm aber hatte ihn gleich beim Ein⸗ treten erblickt, und wunderte ſich, warum der Burſche ſo katzengleich vorſichtig zur Seite ſchlich. »Der hat ein böſes Gewiſſen!« war ſein erſter Gedanke. Anſtatt Leonhard in die inneren Gemächer nachzu⸗ eilen, blieb er hinter der nächſten Thür ſtehen, und beobachtete von hier aus Karls Bewegungen. Bald erkannte er, daß er ſich in ſeiner Vermuthung nicht getäuſcht hatte. Karl lauerte nur noch einen Augen⸗ blick, dann erhob er ſich aus der dunkeln Ecke, wo er ſich niedergekauert hatte, ſchlüpfte aus dem Vorzimmer und eilte die Treppe hinunter. Leiſe wie ein Schat⸗ ten ſprang Wilhelm hinter ihm her. Im Hausflur angekommen, ſchien Karl ſich vor Entdeckung geſichert zu halten. Er näherte ſich dem kleinen Fenſter, das auf die Straße hinausging, und durch welches von außen Licht genug hereindrang, um nahe dabei alle Gegenſtände erkennen zu laſſen. »Ich muß doch ſehen, was ich erwiſcht habe, und ob es der Mühe werth iſt, es mitzunehmen,« murmelte er, und zog das Käſtchen aus der Taſche, deſſen Deckel er öffnete. Ein„Ah« der Bewunderung, des Erſtau⸗ nens, der Freude drang über ſeine Lippen. Das Käſt⸗ chen enthielt ohne Zweifel ſehr koſtbare Juwelen, die im Widerſcheine der draußen die Nacht lichtenden Feuers⸗ brunſt ſo herrlich blitzten und funkelten, daß Karl einige Sekunden hindurch wie geblendet ſtand und die Augen nicht davon abwenden konnte. Dieſe wenigen Sekun⸗ den reichten aber hin, alle ſeine Pläne zu vereiteln und ſeinen innerlichen Jubel in Schrecken und Wuth zu 70 verwandeln. Wilhelm hatte ſich leiſe hinter ihn ge⸗ ſchlichen, und als Karl eben den Deckel des Käſtchens wieder zumachte und im Begriff war, es wieder in ſeine Taſche zu ſtecken, fuhr Wilhelm hurtig zu, und entriß mit kräftigem und entſchloſſenem Griffe das Käſt⸗ chen ſeinen diebiſchen Händen. Karl ſtieß einen Schrei der Wuth und des Schreckens aus, und ſtürzte wild wie ein Tiger über Wilhelm her. Wilhelm aber war auf einen ſolchen Angriff gefaßt, hielt ihm Stand, und ſchleuderte dann ſeinen vor Ingrimm ſchäumenden Geg⸗ ner gelaſſen zur Seite. „Mach', daß du fort kommſt, Karl!« ſagte er.„Du weißt, daß ich ſtärker bin als du, und daß du nichts gegen mich ausrichten kannſt. Wenn ich nun vollends den Meiſter Leonhard rufe und ihm erzähle, daß du haſt ſtehlen wollen, ſo geht's dir übel!“« Karl mochte einſehen, daß er unter den obwaltenden Umſtänden allerdings den Kürzeren ziehen müſſe. Er wagte keinen neuen Angriff auf Wilhelm, ſondern ſtieß nur eine häßliche, wilde Verwünſchung aus, und knirſchte wüthend mit den Zähnen. 8 „SDas gedenk' ich dir, Wilhelm!“ ſagte er zitternd vor Haß und Wuth, und ſchluͤpfte davon. Wilhelm kehrte ihm gelaſſen den Rücken zu, ohne ſich über ſeine Drohung nur im Mindeſten zu béunruhigen, und ſprang die Treppe hinauf, um ſeinem braven Meiſter wie bis⸗ her beim Rettungswerke Beiſtand zu leiſten. Indeß zeigte ſich nun bald, daß die Gefahr, ſo drohend ſie anfänglich auch geweſen ſein mochte, den⸗ noch allmälig beſeitigt werden konnte und wurde. Schon nach Verlauf einer Stunde beherrſchte man draußen das entfeſſelte Element, und als Meiſter Leonhard nach 4 71 oben ging, um zu ſehen, welche Fortſchritte das Feuer im Giebel des Hauſes gemacht haben mochte, bemerkte er mit Verwunderung und angenehmer Ueberraſchung, daß der Giebel vom Feuer gar nicht ergriffen wor⸗ den war. „Beruhigen Sie ſich, Herr Rempelmeier,“ ſagte er, indem er zurückkehrte.„Oben ſteht Alles gut, und weder die zweite Etage noch auch das Dach hat Scha⸗ den gelitten. Der boshafte Bube, der Karl, hat uns, wie es ſcheint, nur einen Schrecken einjagen wollen, und ich werde ihn dafur bei der erſten Gelegenheit an den Ohren zauſen. Das Feuer iſt ſo gut, wie gelöſcht, und Sie können ſich ganz ruhig wieder ſchlafen legen.“ »Aber meine Sachen! Meine Koſtbarkeiten! Meine Möbel!“ erwiederte Herr Rempelmeier beinahe weinend. „Nun, die liegen ganz ruhig im Hausflur unten, und es wird Ihnen kein Stückchen davon abhanden kommen,“ antwortete der alte Leonhard.„Die Haus⸗ thür iſt verſchloſſen, ſo daß Niemand herein kann, und damit auch aus dem Keller herauf keine langen Finger gemacht werden, will ich Sorge tragen, daß der Riegel vorgeſchoben wird. Alſo beſorgen Sie nichts, Herr Rempelmeier, ich ſtehe Ihnen für Alles.« Herr Rempelmeier mochte wohl fühlen, daß er dem ehrlichen alten Schugflicker trauen könne, und ſeine Unruhe mäßigte ſich Plötzlich aber, als ſeine Blicke auf den noch offen ſtehenden Wandſchrank fielen, kehrte ſie in verdoppeltem Maße zurück, und er konnte ſich . baun enthalten, ein lautes Jammergeſchrei auszuſtoßen. Bleich, mit ſtarrem Auge, zitternd und bebend an allen Gliedern, heftete er ſeine Blicke auf die leeren Fächer des Schrankes. 72 »Ach, Sie ſuchen die Käſtchen, die da drinn ſtan⸗ den,“ ſagte Leonhard, der ſogleich ſeine Gedanken er⸗ rieth.„Geh', Wilhelm, und hole ſie herauf. Herr Rempelmeier braucht ſich nicht um ſie zu ängſtigen, ſondern ſoll ſie gleich wieder in ſeinen Schrank ein⸗ ſchließen. Wilhelm gehorchte, und kehrte bald darauf mit den Kaſten zurück. Mit zitternden Händen griff Herr Rem⸗ pelmeier danach, überzeugte ſich durch einen Blick, daß ſie nicht geöffnet worden waren, und ſchob ſie dann haſtig in die Fächer des Schrankes, deſſen Thür er dann hurtig zuſchlug. Nun athmete er tief auf, wie wenn er von einer ſchweren Laſt befreit worden wäre, und ſein von Angſt und Schrecken ganz verzerrtes Ge⸗ ſicht legte ſich wieder in die gewöhnlichen Runzeln und Falten. »„Ich dank' Euch, danke Euch, lieben Leute,“ ſagte er.„Ja, ja, geht jetzt nur, ich bin ſehr angegriffen, und will mich niederlegen. Morgen aber, morgen be⸗ ſucht mich! Ihr ſollt mich nicht undankbar finden! Nein, gewiß nicht! Ich will Euch reichlich vergelten, gut bezahlen, ja, gewiß! Ihr werdet zufrieden ſein!« »Was zum Henker, Herr, ſchwatzen ſie denn für Zeug?« entgegnete Leonhard barſch und unwillig.„War⸗ ten Sie doch erſt ab, ob wir etwas von Ihnen ver⸗ langen! Vergelten! Bezahlen! Als ob wir für unſere Mühe bezahlt ſein wollten! Wir haben unſere Nach⸗ bar⸗ und Chriſtenpflicht gethan, und damit Punktum! Komm', Wilhelm! Und nun gute Nacht, Herr! Ich wünſche, daß Ihnen der Schrecken keinen Schaden thun mag!“ 3 Prager Mann! Braver Mann!«“ ſagte Herr Rem⸗ * 73 pelmeier, in der That ein wenig gerührt, wie es ſchien, von der Uneigennützigkeit des wackeren Schuhmachers. „Ich kenne Euch jetzt, erinnere mich. Ihr ſeid der alte Leonhard, nicht wahr?« „Ja, der bin ich, und das iſt Wilhelm, Ihr Vet⸗ ter, Herr, und der beſte Junge im ganzen Viertel!“« »Ach ja, ach ja!« ſprach Herr Rempelmeier, und zeigte einige Verlegenheit in ſeinen Mienen.„Ich be⸗ ſinne mich, ich war einmal ein bischen heftig gegen ihn! Aber nichts für ungut! Ich weiß jetzt, daß er brav iſt, und will es wett machen! Ja, das will ich!« »Na, ſehen Sie, alter Herr, das iſt doch noch ein vernünftiges Wort,“ ſagte Leonhard erfreut.„Er ver⸗ dient es wohl, daß Sie ſich Seiner annehmen, und ihn will ich morgen früh heraufſchicken. Aber für jetzt gute Nacht! Wir ſind Alle müde, und ein paar Stunden Schlaf werden uns wohl thun!« Er ging und Wilhelm folgte ihm. Sorgfältig ſchloß Herr Rempelmeier alle Thüren hinter ihnen zu, und begab ſich wie die Uebrigen zur Ruhe. Viertes Kapitel. Herr, führe uns nicht in Verſuchung. War es Ermüdung, war es Achtloſigkeit, daß Wil⸗ helm ganz und gar das Käſtchen vergaß, das er den ſpitzbübiſchen Karl abgenommen hatte,— kurz, er dachte 74 während der Nacht nicht daran, es dem Herrn Vetter Rempelmeier wieder zuzuſtellen. Aber am andern Mor⸗ gen, als er ſeine Kleider überwarf und den harten, eckigen Gegenſtand in der Taſche fühlte, da erinnerte er ſich an Alles und erſchrak recht ordentlich über ſeine Gedankenloſigkeit. Indeß, es war noch früh am Tage, Herr Rempelmeier ſchlief ohne Zweifel noch, und hatte auf alle Fälle das Käſtchen noch nicht vermißt, weil er ſonſt gewiß einen furchtbaren Spektakel gemacht haben würde. Abſichtslos, nur von einer kleinen Regung der Neu⸗ gierde getrieben, zog Wilhelm, als er ſich vollends angekleidet hatte, das Käſtchen aus der Taſche, und öffnete den Deckel deſſelben. Die helle Morgenſonne ſchien gerade durch eine kleine Lücke in der gegenüber liegenden Häuſerreihe zum Fenſter herein, und blitzte hell auf den Steinen, die den Blitz ſprühend und blendend in allen Regenbogenfarben zurückwarfen. Es war in der That ein herrlicher Anblick, dieſe ſchön ge⸗ ſchliffenen, weißen, rothen und blauen Steine zu ſehen, die bunt gemiſcht im Käſtchen durch einander lagen. Die wahrhaft überraſchende und blendende Pracht der koſtbaren Juwelen entriß dem ſtaunenden Wilhelm einen Ausruf der Ueberraſchung. „Heda, was ſchrei'ſt du denn, Junge?« rief Meiſter Leonhard, der den Ausruf in der Werkſtatt gehört hatte. Wilhelm eilte hinaus und zeigte ihm den Inhalt des Käſtchens, den er, wie vorhin in den hellen Strahlen der Sonne ſchimmern, funkeln, glänzen, und hunderte von Blitzen werfen ließ. 3 „Sapperment ja, Wilhelm, was iſt das?“ rief der Alte aus.»Weißt du wohl, daß dieſe Steinchen da 7⁵ 4 einen Werth von vierzig⸗ bis ſechszigtauſend Thaler haben, vorausgeſetzt nämlich, daß ſie nicht nachgemachte, ſondern ächte Juwelen ſind! Aber ſie ſind ächt! Kein falſcher Stein kann einen ſolchen Glanz haben und in ſolchen Regenbogenfarben blitzen! Wie biſt du zu dieſem Schatze gekommen, Wilhelm?« »„Ich habe ihn vergangene Nacht dem Spitzbuben, dem Karl, abgenommen, der eben im Begriff war, mit dem Käſtchen in ſeinen Keller hinab zu ſchleichen. Der hätte recht lachen ſollen heute, wenn ihm der Streich gelungen wäre!« „Glaub' es, glaub' es wohl,“ ſagte Leonhard nach⸗ denklich, indem er ſeine Augen fortwährend auf den Juwelen ruhen ließ.„Das wäre ein Fang für ihn geweſen! Welche Diamanten! Welche Rubinen und Saphire! Ein einziger von dieſen Steinen, von den größern nämlich, der und der und dieſer da, iſt unter Brüdern ſeine fünfhundert Thaler werth. Daß der Herr Rempelmeier einen ſolchen Schatz hätte, habe ich mir freilich nicht träumen laſſen. Aber nun erkläre ich mir auch, warum er ſo voll Angſt und Beſtürzung war, und erſt gar nicht den Wandſchrank öffnen konnte, in welchem er ohne Zweifel das Käſtchen aufbewahrte. Es iſt ein großes Glück, daß du es dem Karl abgejagt haſt, Wilhelm, denn ich glaube beſtimmt, wenn der Burſche es erſt unten im Keller gehabt hätte, würde es für immer verſchwunden und nicht wieder aufzufinden geweſen ſein. Kann ja doch ſelbſt die Rechtſchaffen⸗ heit bei ſolch einem Anblicke in Verſuchung gerathen! Mache zu das Käſtchen, Wilhelm! Je länger man dieſe Steine anſieht, deſto weniger kann man die Augen davon losreißen!“ 76 „Aber Ihr macht Scherze, Vater Leonhard!“ ſagte Wilhelm, der die Weiſung des Meiſters ganz überhoͤrt zu haben ſchien.„Ein einziger ſolcher Stein ſollte an fünfhundert Thaler werth ſein? Unmöglich! Hier ſind ja zehn, zwölf, vierzehn ſolche große Steine! Und dann noch die Menge kleiner! Ihr wollt mir etwas weiß machen, Vater Leonhard!“ »Denkſt du, es ſei mein Ernſt nicht, was ich geſagt habe? Närriſcher Junge! Dieſer einzige, ſchöne Dia⸗ mant, der nicht größer wie eine ganz kleine Haſelnuß iſt, hat mindeſtens ſeine tauſend Thaler an Werth. Ich kenne das. In früheren Jahren, als ich noch bei meinem Regimente ſtand, war ich eine kurze Zeit hin⸗ durch Burſche bei meinem Oberſten, und kam auch manchmal in die Zimmer der gnädigen Frau. Da hab' ich geſehen, daß fuͤr ſolche Steine, die noch nicht einmal ſo groß und ſchön wie dieſe da waren, gegen tauſend Thaler auf Einem Brette bezahlt wurden. Der Herr Oberſt war ein reicher Mann und konnte ſolche Aus⸗ gaben machen, ohne daß es ihn weiter drückte. Ja, ja, Wilhelm, daher weiß ich's und ich irre mich nicht! Ich ſage dir, es ſteckt ein großes Vermögen in den Steinchen da!« Wilhelm war außer ſich vor Staunen und Ver⸗ wunderung. Der Kopf ſchwindelte ihm, ſein Herz pochte und ſeine Hände zitterten.„Großer Gott,“ dachte er, „ein einziger ſolcher Stein, und uns Allen wäre gehol⸗ fen! Meine arme Mutter brauchte nicht mehr ſo ſchwer zu arbeiten, und ich— ich könnte Lehrling, Geſelle, Meiſter werden, ohne daß wir uns zu ſorgen und ab⸗ zukümmern brauchten!“ Der alte Leonhard heftete einen ſcharfen, forſchenden 77 Blick auf das verwirrte, bleiche Geſicht Wilhelms, und errieth alle ſeine Gedanken. „Herr, führe uns nicht in Verſuchung!“ ſagte er laut und feierlich.„Mache das Käſtchen zu, Junge, mache es zu und trage es fort,— ſogleich, ohne Zö⸗ gern, Wilhelm! Herr Rempelmeier wird jetzt wohl auch aufgeſtanden ſein. Fort mit dem Plunder! Ehrlich währt am längſten, und Reichthum macht auch nicht glücklich, wenn man kein reines Herz und einen Scha⸗ den am Gewiſſen hat. Trage die Steine fort, Junge!“« Wilhelm warf haſtig den Deckel des Käſtchens zu. »Ich gehe, ich gehe ſchon, Vater Leonhard!« ſagte er. „Ihr habt Recht! Reichthum macht nicht glücklich! Wir ſehen es ja an Vetter Rempelmeier! Was nützen ihm alle dieſe ſchönen Steine? Höchſtens, daß er ſeine Au⸗ gen zuweilen an ihrem Glanze weiden kann! Ich trage ſte hinauf zu ihm.“ Entſchloſſen verließ er die Werkſtatt, ſtieg die Treppe hinauf und klopfte an Herrn Rempelmeiers Thür. Wohl eine Minute dauerte es, bis ſein Klopfen gehört wurde. Endlich erſchallte von innen eine Stimme, die zu Ge⸗ duld ermahnte. Wilhelm trat an das Fenſter des Vor⸗ flurs und blickte nachdenklich auf den Hof hinunter. »„Einmal noch!« murmelte er vor ſich hin.„Nur ein einziges Mal noch anſehen! Es ſieht gar zu herr⸗ lich aus, wenn das Alles glänzt und in den ſchönſten Farben ſchimmert!« Er zog das Käſtchen aus der Taſche, öffnete den Deckel und verſenkte ſich mit Auge und Seele in das Anſchauen der Steine.. »Ach, wenn ich nur drei davon, nur zwei, nur einen einzigen hätte!“ dachte er, während ſeine Schläfe 78 pochten, ſeine Augen glühten und jeder Nerv in fieber⸗ hafter Aufregung bebte.„Nur einen! Und es ſind ſo viele! Er merkt wohl kaum, daß einer davon fehlt, und ich würde ſo reich, ſo glücklich durch den Beſitz!“ Seine Hand zitterte, ſeine Finger zuckten, tauſend verlockende Bilder von ſorgenloſem Wohlleben zogen funkelnd an ſeinem geblendeten Geiſte vorüber... Ein Griff, ein einziger Griff, und alle dieſe Bilder wurden Wirklichkeit!... Aber wie? Sollte er ſein Glück durch eine Sünde erkaufen? Und konnte das ein Glück ſein, was er mit ſeinem reinen Gewiſſen, mit der Ruhe und dem Frie⸗ den ſeiner Seele bezahlen mußte?„Herr, führe uns nicht in Verſuchung!“ flüſterte Wilhelm vor ſich hin, indem er ſich der Worte Meiſter Leonhards erinnerte, und— zuflog der Deckel des Käſtchens, das umflorte Auge Wilhelms ſtrahlte wieder hell, heller, als alle die Diamanten und Rubinen des Käſtchens, das Pochen ſeines Herzens verſtummte, und, beide Hände fal⸗ tend, blickte er mit faſt freudiger Dankbarkeit zum Him⸗ mel auf. 3 „Gott der Gnade und Barmherzigkeit, ich danke dir!« flüſterte er.„Du haſt mich die Verſuchung über⸗ winden helfen! Ja, ich will lieber arm, lieber elend und von allen Menſchen verlaſſen ſein, als den Keim der Sünde in meinem Herzen wuchern laſſen! Wenn ich nur dich und ein reines Gewiſſen habe, Herr mein Gott, was ſollte mir denn noch fehlen?« In dieſem Augenblicke knarrte die Thür hinter ihm, und als Wilhelm ſich umdrehte, erblickte er Herrn Rem⸗ pelmeier ſelbſt, noch ganz bleich und verſtört von den aufregenden Ereigniſſen der vergangenen Nacht. 79 »Ach, du biſt es!« ſagte er mürriſch.„Was willſt du ſchon ſo früh, Burſche? Konnteſt du es nicht ab⸗ warten, dir deine Belohnung zu holen? Eine Stunde ſpäter wär's auch noch Zeit geweſen!“« »„Nein, o nein, Herr Rempelmeier,“« antwortete Wil⸗ helm einfach.„Ich will Ihnen nur hier etwas brin⸗ gen, was ich aus Vergeſſenheit die Nacht über bei mir behalten habe.« Mit dieſen Worten zog er das Juwelenkäſtchen her⸗ vor und reichte es Herrn Rempelmeier hin. Kaum er⸗ blickte dieſer das Käſtchen, ſo ſtieß er einen Schrei aus, wie ein verwundeter Adler, und wie ein Adler auf ſeine Beute ſchoß er auf das Käſtchen zu, das er mit zitternden Händen an ſich riß. „Mein Schatz! Mein Schatz!« murmelte er mit farbloſen, zitternden Lippen.„Meine Diamanten! Meine Rubinen! Mein höchſter, koſtbarſter Schatz!“« Mit einem Entzücken, das unbeſchreiblich aus ſei⸗ nen Augen und ſeinen faltenreichen, runzelvollen Zügen ſtrahlte, drückte er das Käſtchen an ſein Herz, an ſeine Lippen, ſtreichelte es, liebkoste es, bedeckte es mit Küſ⸗ ſen, faſt wie eine zärtliche Mutter, die ihr ſchon ver⸗ loren geglaubtes Kind plötzlich friſch und geſund wieder⸗ findet, und ſtieß halb erſtickte Schreie und Ausrufungen des Entzückens aus. Aber plötzlich änderte ſich ſeine Miene wieder, ſein Blick wurde ſtarr und ſchoß Blitze unter der gerunzelten Stirn und den tief herabgezoge⸗ nen Brauen hervor, und mit einem Sprunge, wie ein Tiger, ſchoß er auf Wilhelm zu, und packte ihn mit beiden Fäuſten, deren lange, hagere Finger ſich aus⸗ ſtrecken, wie die Fänge und Krallen eines Raub⸗ vogels. 80 „Unglücklicher!« kreiſchte er.„Wußteſt du, was das Käſtchen enthielt? Haſt du es geöffnet? Antworte! Rede! Sprich!« „Ja doch, ja doch, Herr Rempelmeier,“ erwiederte der arme Junge ganz entſetzt und erſchrocken über den völlig unerwarteten, tigerartigen Anfall des wunder⸗ lichen Greiſes.„Ich habe es geſehen, es liegen Edel⸗ ſteine darin!“. „Ha, du wirſt bleich! Du zitterſt!“ ſchrie Herr Rempelmeier mit keuchender Bruſt und packte Wilhelm noch feſter.„Du haſt kein gutes Gewiſſen! Ich ſah es an deinen blaſſen Lippen, an deinem ſcheuen Blicke! Du haſt mich beraubt, beſtohlen, Elender! Geſteh' es! Geſtehe!« Obgleich Wilhelm noch immer erſchrocken und faſt beſinnungslos war uͤber dieſen heftigen Wuthausbruch ſeines wunderlichen Verwandten, ſo kehrte doch jetzt bei der ſchnöden Anſchuldigung, daß er ein Dieb ſei, mit einem Male ſeine ganze Feſtigkeit und Beſonnenheit zurück. „Pfui, Herr Rempelmeier!“ ſagte er.„»Wie kön⸗ nen Sie einen armen Burſchen wie mich geradezu des Diebſtahls beſchuldigen? Wenn ich hätte ſtehlen wollen, würde ich Ihnen dann das Käſtchen wiedergebracht haben? Sehen Sie Ihre Steine nach, und wenn einer fehlt, ſo bin wenigſtens ich es nicht, der ihn genom⸗ men hat!« „Ja, das will ich, nachzählen will ich, einen nach dem andern will ich zählen!« rief Herr Rempelmeier.„Aber du, du gehſt mir nicht von der Stelle! Herein hier! Hier herein! Und wehe dir, wenn nur der geringſte Stein in dem Käſtchen fehlt!“ 81 Mit dieſen Worten öffnete Herr Rempelmeier die Thür, zog Wilhelm am Kragen hinter ſich drein, ver⸗ ſchloß die Thür doppelt und dreifach hinter ihm, damit er auf keinen Fall entwiſchen könne, und ſtellte ihn in eine Ecke des Zimmers. »Hier bleibſt du und rührſt dich nicht von der Stelle!« ſchrie er ihn drohend an.„Geſchehen iſt's um dich, wenn du nur einen Schritt. vom Platze weichſt, während ich meine Steine nachzähle!« Wilhelm zuckte die Achſeln.„Zählen Sie nur!« ſagte er.„Ich werde nicht davon gehen, denn Sie müſſen mir erſt Abbitte thun, daß Sie mich in einem ſo ſchmählichen Verdachte gehabt haben.“ »Das wollen wir erſt ſehen, das wollen wir ſehen,“ antwortete Herr Rempelmeier, indem er mit zitternder Hand ſeine Juwelen auf einen alten Tiſch ausſchüttete, und dann mit zugleich angſtvollem, gierigem und hof⸗ fendem Blick die Steine nach Farbe und Größe ſortirte. Eine gute halbe Stunde brachte er bei dieſem Geſchäfte zu, und dann packte er mit äußerſter Sorgfalt die koſt⸗ baren Diamanten und Rubinen wieder in das Käſtchen ein, das er an ſeinen früheren Aufbewahrungsort in den wohl verborgenen Wandſchrank ſtellte. Mit etwas beſchämter Miene und verlegen niedergeſchlagenen Augen näherte er ſich hierauf Wilhelm wieder. »Hm, hm!« brummte er,—„es iſt Alles richtig, Alles ſtimmt, ich habe dir Unrecht gethan, du biſt ein ehrlicher Burſche, wahrhaftig! Hätt's nicht geglaubt, aber es iſt wahr, es fehlt kein Steinchen! Nimm mir's nicht übel, daß ich dich ſo barſch behandelte; ich bin ein wenig heftig von Natur, und man konnte doch nicht wiſſen, konnte nicht wiſſen,... es gibt ja diel Spitz⸗ In demſelben Hauſe. 82 buben in der Welt! Aber du biſt brav und ehrlich, ja, grundehrlich! Da, hier iſt meine Hand, ich danke dir, und bitte dich um Verzeihung!“ „Schon gut, Herr Rempelmeier,“ ſagte Wilhelm, indem er die dargebotene Hand ergriff und drückte. „Es iſt mir nur lieb, daß Sie Alles wiedergefunden haben! Aber wenn auch wirklich ein paar Steine ge⸗ fehlt hätten, mir hätten Sie doch die Schuld nicht ge⸗ ben dürfen!“ „Und wem ſonſt? Wem ſonſt? Du haſt doch das Käſtchen gehabt!“ »„Ja, aber ich habe es erſt gehabt, nachdem ich es Kellerwirths Karl'n weggenommen hatte. Der wollte ſich damit heimlich davonſchleichen, und es wär' ihm faſt gelungen, den Schatz auf die Seite zu bringen.“ „Was du ſagſt!“ rief Herr Rempelmeier erſchrocken aus.„Wie war das? Erzähle mir's! Aber auf⸗ richtig!« „Ich lüge nicht, ſo wenig wie ich ſtehle,“ entgeg⸗ nete Wilhelm mit einigem Stolze, und beichtete ganz der Wahrheit getreu, wie er Karl im Vorzimmer ge⸗ troffen, wie er ihm nachgeſchlichen war, und wie er ihm wieder ſeine Beute entriſſen hatte. Herr Rempel⸗ meier wurde abwechſelnd blaß und roth bei dieſer Er⸗ zählung, und ging mit großen, unſtäten Schritten im Zimmer auf und nieder. „»Viper! Schlange! Natter!« murmelte er vor ſich hin.„Ich habe eine Schlange an meinem Buſen ge⸗ nährt! Und er that ſo ehrlich, ſo rechtſchaffen, ſo treu, ſo anhänglich! Heuchleriſche Brut! Nicht über die Schwelle darf er mir wieder kommen! Aber du, mein Sohn, du biſt ein redlicher Burſche! Ich habe dich 83 verkannt und bin dir eine Entſchädigung ſchuldig! Du ſollſt wieder mein Aufwärter werden! Ja, das ſollſt du! Ich verſpreche dir's!« Wilhelm lächelte.„Es thut mir leid, Herr Rem⸗ pelmeier, aber ſehen Sie, das geht jetzt nicht mehr!« ſagte er.„Ich bin bei dem alten Meiſter Leonhard in der Lehre, und zween Herren kann Niemand dienen, wie ſchon in der Bibel geſchrieben ſteht. Sie müſſen ſich ſchon einen andern Burſchen annehmen.“ »Hm, hm! Das iſt ja recht verdrießlich!« entgeg⸗ nete Herr Rempelmeier.„Aber etwas muß ich doch für dich thun! Muß dich belohnen! Dir etwas ſchen⸗ ken! Was willſt du haben? Sag' mir's grad' heraus! Ich bin zwar ein armer Mann! Die paar blanken Steinchen ſind mein Ein und mein Alles, und haben faſt gar keinen Werth, gewiß, gar keinen, aber doch, etwas will ich für dich thun, weil du ehrlich biſt und mir vergangene Nacht ſo treulich geholfen haſt,— nun, was willſt du? Sag's!« Wilhelm ſchwieg. Die Heuchelei des alten, geizi⸗ gen Herrn, die er recht wohl durchſchaute, erfüllte ihn mit gerechtem Unwillen, und er konnte es nicht über ſich gewinnen, ihn um ein Geſchenk anzuſprechen. „»Laſſen Sie nur, Herr Rempelmeier,“« ſagte er endlich.„Ich bin ganz zufrieden und verlange nichts von Ihnen.“ »Ja, ja, ja, du biſt wirklich ein braver Burſche! Ich ſeh' es aus Allem!« erwiederte Herr Rempelmeier, und ſtreichelte mit ſeiner dürren Hand heuchleriſch Wil⸗ helms Wangen.„Aber das muß auch belohnt wer⸗ den! Nein, nein, du ſollſt mich nicht undankbar finden, ſo arm ich auch bin! Warte, warte, men Söhnchen! 84 Was ſchenk' ich dir gleich! Ha, jetzt weiß ich's! Warte, warte!“ Haſtig ſchoß er dann in ein Nebenzimmer, und ein wenig verdutzt ſchaute Wilhelm hinter ihm drein. Wollte der alte Geizhals ſeinem Herzen wirklich einen Stoß geben? Es war kaum zu glauben. Aber da kam er wieder, und auf der Hand trug er ſeinen alten grünen Papagei, der gerade mauſerte und in Folge deſſen ſehr ruppicht und erbärmlich ausſah. »Da, mein Söhnchen!« ſagte Herr Rempelmeier mit ſeinem freundlichſten Grinſen, das ſein ohnehin ſchon nicht ſehr anmuthiges Geſicht zu einer häßlichen Fratze verzog,—„da dieſen ſchönen Vogel will ich dir ſchenken, den ich ſelber in den Urwäldern von Su⸗ rinam gefangen und mit nach Europa herüber gebracht habe. Ein ſchöner Vogel iſt's, der dir viel Vergnügen machen wird! Nicht wahr, mein Söhnchen? Ein herr⸗ liches Geſchenk,— wie? Aber nimm ihn nur hin, den alten Jakob! Nimm ihn hin! Da iſt er!-Da! Nicht wahr, du freueſt dich ſehr, mein Söhnchen?« „Ja, gewiß üͤber alle Maßen!“ erwiederte Wilhelm, der beim Anblicke des alten ruppichten Vogels kaum ſein Lachen verbeißen konnte.„Aber er frißt wohl recht viel, der alte Jakob?“ »Ja doch, ja doch, eben darum..« ſagte haſtig Herr Rempelmeier, hielt aber plötzlich wieder inne, und blickte verlegen auf die Seite, denn er fühlte wohl, daß er ſich und ſeinen ſchmutzigen Geiz eben jetzt recht arg verrathen hatte.„Nein, nein,“ fuhr er dann fort, und ſuchte ſeine gewöhnliche Miene wieder anzunehmen, „o nein, viel gerade frißt er nicht, und dann, Söhnchen, ſiehſt du, iſt er auch an die ſchlechteſte Koſt gewöhnt! 6 X Nimm ihn nur! So! Und nun geh'! Wir ſind quitt mit einander!« Wilhelm nahm lächelnd den Papagei in Empfang und empfahl ſich. Auf der Treppe draußen mußte er aber doch laut auflachen. „Was wird mein guter alter Meiſter Leonhard ſa⸗ gen, wenn ich mit einem Papagei ankomme!« rief er aus, und ſprang luſtig die Treppe hinunter. »Alter Geizkragen!“ ſagte Vater Leonhard mit größe⸗ rem Verdruſſe und Unwillen, als Wilhelm vermuthet hatte.„Er iſt unverbeſſerlich! Ich hatte wirklich ge⸗ hofft, daß er endlich in ſich gehen und dich aus Dank⸗ barkeit zu ſich nehmen würde,— aber nein! Sein Herz iſt verdorrt und vertrocknet in den heißen Strahlen der Sonne von Surinam, und keiner Regung von Liebe und Zuneigung mehr zugänglich. Aber laß dich's nicht kümmern, Wilhelm! Wir kommen auch ohne deinen Herrn Vetter durch die Welt, und meinetwegen mag er nun leben oder ſterben, ich bekümmere mich eben ſo wenig wieder um ihn, wie du ſelber es thun ſollſt. Den Papagei bring' ihm zurück.„Er möcht' ihn ſel⸗ ber füttern, hätt' ich geſagt!« »Nicht ſo hitzig, Meiſter,« entgegnete Wilhelm lächelnd.„Den Papagei behalten wir und ſetzen ihn vor das Fenſter unſerer Werkſtatt auf eine Stange. Das lockt die Leute, Meiſter, und dann iſt der alte grüne Jakob doch zu etwas gut.« »Nun, der Einfall iſt nicht übel,“ meinte Vater Leonhard, ſchon etwas beſänftigt.„Mach' es alſo, wie du willſt; ich will weiter nichts davon hören, ſo wenig wie vom alten Rempelmeier. Der und ich, wir ſind geſchiedene Leute!« 3 86 Wilhelm ließ ihn ſchelten; er wußte ſchon, daß der Aerger nicht lange anhalten würde. So kam's auch wirklich. Als erſt der Papagei vor dem Fenſter auf ſeiner Stange ſaß, und ſich die Straßenjugend froh⸗ lockend und jubelnd um ihn herum ſammelte, da ver⸗ gaß Leonhard Alles, was ihn verdroß, und freute ſich nur der munteren Jugend, welche der Papagei beiläu⸗ fig rechtſchaffen ausſchalt.„Schelm! Spitzbube!“ ſchrie er den Jungen zu, und ſo oft er ſchrie, brach der Ju⸗ bel von Neuem los, bis der alte Leonhard endlich ſel⸗ ber herzlich mitlachen mußte. Das hatte ſich Wilhelm von Anfang an gedacht, und da nun die üble Laune des Meiſters vorüber war, ſo ging er ſtill und fleißig, wie ſonſt, an ſeine Arbeit, und dachte nach einer Stunde weder an Vetter Rem⸗ pelmeier mehr, noch auch an ſeinen Geiz und an ſeine Juwelen. Fünftes Kapitel. Die Klappe. Manche Woche verſtrich, bevor ſich wieder etwas Beſonderes im Hauſe ereignete. Herr Rempelmeier hatte ſich an Karls Stelle eine neue Bedienung ange⸗ ſchafft, ein armes kleines Mädchen, von dem man nicht viel gewahr wurde, da es ganz ſacht und ſtill, wie ein Mäuschen, Morgens und Mittags die Treppe auf und ab ſchlüpfte. Karl ließ ſich nicht mehr in den oberen Etagen des Hauſes blicken, ſondern hielt ſich im Keller und half ſeinem Vater die Gäſte bedienen; und unſere guten Freunde, Meiſter Leonhard, Wilhelm und ſeine Mutter lebten in ſchlichter Arbeitsſamkeit für ſich hin, wie es ihre Gewohnheit war. Da geſchah es, gegen den Spätherbſt hin, daß Meiſter Leonhard krank wurde, und zwar recht ernſtlich krank. Eine alte Schußwunde noch aus dem ſieben⸗ jährigen Kriege her brach wieder auf, ein böſes Fieber geſellte ſich hinzu, und wohl oder übel mußte Vater Leonhard das Bett hüten, und bedurfte der wachſamſten und ſorgfältigſten Pflege. Das war eine Gelegenheit, die Frau Engelbert und Wilhelm nicht unbenutzt vorübergehen ließen, um ihrem braven Wohlthäter ihre ganze Dankbarkeit zu bezeigen. Wilhelm verließ ſein Bett nicht, und ſogar des Nachts wich er nicht von der Stelle, ſondern, um immer gleich bei der Hand ſein zu können, machte er ſich im Leder⸗ winkel der Werkſtatt, wo Vater Leonhard ſeine Vor⸗ räthe von Kalb⸗, Rind⸗ und Sohlenleder aufbewahrte, eine Schlafſtelle zurecht, wo er ſich niederwarf, ohne ſich auszukleiden, wenn der Kranke einmal ein paar Stunden ruhigen Schlaf hatte, und ſo auch ſeinem Pfleger einige Ruhe vergönnte. Bei Tage übernahm Frau Engelbert das Wärteramt, denn Wilhelm mußte noch fleißiger als ſonſt arbeiten, um die Kunden zu be⸗ friedigen und das nöthige Wirthſchaftsgeld anzuſchaffen. Seine Mutter half ihm dabei nach beſten Kräften, und da ſie flink und geſchickt die Nadel zu führen wußte, ſo war ihr Beiſtand von weſentlichem Nutzen, und es wurde ſo wenig etwas verſäumt, als ob Meiſter Leon⸗ 88 hard wie ſonſt auf ſeinem dreibeinigen Schuſterſchemel geſeſſen hätte. Er war übrigens ſchon wieder auf der Beſſerung, da traf es ſich einſt in der Nacht, als Alles ſchlief und nur die Wächter noch auf der Straße patrouillirten, daß Wilhelm noch ruhig bei der Arbeit ſaß, um ein Paar Stiefeln auszubeſſern, die am nächſten Morgen abgeholt werden ſollten. Sie gehörten einem armen Arbeitsmanne, der bloß das eine Paar hatte, und es alſo nicht länger als eine Nacht entbehren konnte, wenn er nicht den folgenden Tag ohne Tagelohn bleiben wollte. Wilhelm nähte und flickte mit mehr als ge⸗ wöhnlichem Eifer, und förderte die Arbeit ſo flink er konnte. »So!« murmelte er, als er den einen Stiefel fertig aus der Hand legte;—„nun raſch zum anderen!“ Er langte ihn unter dem Arbeitstiſche vor, und be⸗ ſichtigte ihn mit bedenklicher Miene. »Der iſt ſchadhafter, als ich dachte,“ ſagte er vor ſich hin.„Mit Flicken iſt da nicht viel geholfen, ich muß eine neue Sohle unterlegen, und dann wird's dem armen Kerl zu theuer. Aber nein! Ich will nachſehen! Vielleicht finde ich ein paſſendes Stück Leder unter den Vorräthen, und dann iſt ihm geholfen.“ Wilhelm ſtand auf, ſchlich auf den Zehen, um den ruhig ſchlummernden Meiſter Leonhard nicht aufzu⸗ wecken, nach dem Lederwinkel, und durchſuchte leiſe den ganzen Vorrath. Aber es wollte ſich wider Erwarten nicht finden, was er ſuchte, bis er das letzte Fell auf⸗ hob und bei Seite legte. Unter dem Felle lagen Ab⸗ ſchnitzel und Reſte die Menge, und erfreut über den Fund kramte Wilhelm in den Abfällen umher, bis er im Suchen und Wegwerfen bis auf die blanken Diele kam. Da ſtutzte er plötzlich. In der Diele bemerkte er nämlich eine viereckige, kleine Klappe, etwa eine Spanne lang und breit, und zu gleicher Zeit glaubte er das Gemurmel von Stim⸗ men zu vernehmen, das von unten her durch den Fuß⸗ boden zu ſeinem Ohre drang. »Was iſt das?« fragte er ſich ſelbſt.„Unter der Werkſtatt liegt der Keller,— ſollte dieſe Klappe mit ihm in Verbindung ſtehen? Das muß ich doch unter⸗ ſuchen!« Ein eiſerner Ring war an einem Haken in der Klappe befeſtigt und lag umgekippt in einer Art Rinne, ſo daß er nicht über die Fläche der Diele hervorragte. Es war aber ein Leichtes für Wilhelm, den Ring auf⸗ zuheben, und nun zog er ſacht und vorſichtig an der Klappe, um ſie ohne Geräuſch zu öffnen. Obgleich ſie augenſcheinlich ſeit langer Zeit nicht im Gebrauch ge⸗ weſen war, gab ſie doch der geringſten Anſtrengung nach, und nicht ohne Verwunderung ſah Wilhelm durch die Oeffnung einen ſchwachen Lichtſchimmer von unten herauf dringen, und hörte jetzt noch deutlicher als zu⸗ vor, ſo deutlich ſogar, daß er jedes Wort verſtand, was unter ihm geſprochen wurde, die Stimme von zwei Perſonen, die ſich im Keller unten mit einander unter⸗ hielten. Er bückte ſich tiefer auf die Oeffnung nieder, welche die Klappe bisher verſchloſſen hatte, und be⸗ merkte nun, daß ſie wirklich mit dem Keller in direkter Verbindung ſtand, und zwar durch eine viereckige höl⸗ zerne Röhre, welche durch das Gewölbe hindurchgeführt und von unten mit einer anderen Klappe von durch⸗ 90 löchertem Blech verſchloſſen war. Durch die kleinen Löcher derſelben drang ſchwach der erwähnte Lichtſchim⸗ mer, und durch die Röhre erſchallte ſo deutlich das Ge⸗ räuſch der Sprechenden, beſonders jetzt, als Wilhelm lauſchend ſein Ohr niederbeugte, wie wenn er unten dicht neben den Sprechenden geſtanden hätte. »Dieſe Entdeckung muß ich doch morgen dem Va⸗ ter Leonhard mittheilen!“ dachte Wilhelm, und war eben im Begriff, die Klappe wieder zu ſchließen, da er nicht die geringſte Neugierde empfand und gar nicht danach verlangte, die Geſpräche der Kellerbewohner zu behorchen, als er mit einem Male von Neuem ſtutzte, die ſchon ergriffene Klappe wieder bei Seite legte, und ſein Ohr noch tiefer als bisher zu der Oeffnung nie⸗ derbeugte. In dieſer Stellung blieb er unbeweglich wohl eine Viertelſtunde lang, und vielfach wechſelte während die⸗ ſer kurzen Zeit der Ausdruck ſeiner Züge zwiſchen Er⸗ ſtaunen, Verwunderung, Schrecken, Entſetzen und Abſcheu. „Es iſt ſo, wie ich dir ſage, alter Vater,« ſprach nämlich eine Stimme unten, welche Wilhelm zuerſt ſtutzig gemacht, und in der er augenblicklich Karls Stimme erkannt hatte:—„Diamanten und andere Edelſteine einen ganzen Kaſten voll, und ſo gut ihn der alte Rempelmeier verborgen hat, weiß ich ſeit dem Feuer doch, wo der Schatz liegt!« „»Und warum haſt du mir nicht ſchon frͤher etwas davon geſagt, Junge?« fragte die andere Stimme, die Stimme des Kellerwirths. »Weil ich bis heute nicht wußte, wie man dem Schatze beikommen könnte!“ erwiederte Karl.„Aber 91 ſeit heute weiß ich's, und ſo wachſam auch der alte Geizdrache, der Rempelmeier, iſt, ſo kann ich ihn doch täuſchen.“ „Wie wollteſt du das anfangen, Junge? Ueber die Kellertreppe und durch den Vorſaal kommen wir nicht hinein, ohne Geräuſch zu machen und den Alten auf⸗ zuwecken.“ „Ganz recht,“ antwortete Karl,—„aber ich kenne einen neuen Eingang. Als die Maurer heute den Schutt wegräumten, der noch vom Brande her draußen auf dem Hofe liegt, riſſen ſie auch einen halb verbrann⸗ ten bretternen Verſchlag mit weg, der zu unſerem Hauſe gehörte, und den ich bis dahin wenig oder gar nicht beachtet hatte, weil ich nicht ahnen konnte, was dahin⸗ ter ſteckte. Jetzt auf einmal aber bemerkte ich eine alte, ſchmale, mit Spinnenweben ganz überzogene Thür, de⸗ ren Angeln, Schloß und Bänder halb vom Roſte zer⸗ freſſen ſind. Die Maurer achteten nicht darauf, ich aber ließ die Thür nicht wieder aus den Augen, und ſobald die Leute Feierabend machten und es dunkel wurde, ſchlich ich an die Thür hin und verſuchte ſie zu öffnen. Auf den erſten Anlauf ging es nicht. Alſo holte ich unſere Dieteriche, und probirte ſo lange, bis endlich das Schloß nachgab. Es war harte Arbeit, denn inwendig war Alles eingeroſtet. Aber kurzum, ich kriegte ſie endlich auf, und ſchlüpfte hindurch. Inwen⸗ dig fand ich eine ſchmale, ſteile Treppe, die nach oben führte. Ohne mich zu bedenken, ſchlich ich leiſe in die Höhe, denn ich konnte mir wohl denken, daß mich hier nicht leicht Jemand erwiſchen würde. Die Treppe war gewiß ſchon längſt in Vergeſſenheit gekommen, und wahrſcheinlich weiß der alte Rempelmeier ſelbſt nichts 92 davon, weil er ſonſt den Zugang gewiß beſſer verwah⸗ ren würde. Ungefähr zwanzig Stufen ſtieg ich auf⸗ wärts, da gelangte ich an einen ſchmalen Abſatz und ſtand vor einer maſſiven, eichenen Thür, die mich leb⸗ haft an das eichene Getäfel erinnerte, mit dem die Wände des großen Zimmers bekleidet ſind, in welchem der alte Rempelmeier ſeinen Schatz aufbewahrt. Von inwendig hatte ich nie, ſo oft ich auch in das Zimmer gekommen bin, eine Spur von dieſer Thür bemerkt; ſie muß alſo ſehr gut im Getäfel verborgen ſein, ſo gut, daß auch Rempelmeier, ſo mißtrauiſch er iſt, keine Ahnung von ihrem Vorhandenſein hat. Als ich die Thür mit Hülfe meiner Blendlaterne, die ich anzündete, näher unterſuchte, fand ich eine Feder, durch welche ſie ſich ohne Mühe wird öffnen laſſen. Der einzige be⸗ denkliche Punkt iſt nur, daß ſie in den Angeln eben ſo verroſtet iſt, wie die Thür unten, und alſo Geräuſch machen könnte, wenn man ſie aufmacht. Der alte Rempelmeier hat vermuthlich einen ſehr leichten Schlaf, und du ſiehſt alſo ein, Vater, daß die Sache immer noch nicht ganz leicht iſt.« „»Pah, das hat nichts zu ſagen, Junge!“ antwor⸗ tete der alte Günther.„Wenn wir die Angeln tüchtig mit Oel tränken, ſo weicht bis morgen Nacht der Roſt auf und die Thür öffnet ſich ſo geräuſchlos, wie wir nur wünſchen können. Du haſt da eine herrliche Ent⸗ deckung gemacht, Junge! Aber weißt du auch gewiß, daß die Thür in das richtige Zimmer und nicht etwa gar in das Schlafgemach des Alten führt?« „Das weiß ich gewiß, denn ich habe gleich nachdem ich wieder in den Hof hinunter gegangen war, die ge⸗ naueſten Meſſungen angeſtellt, und kenne nun bis auf 9³ den Zoll die Stelle, wo die Thür ausmündet. Sie liegt gerade dem Wandſchranke gegenüber, in welchem das Juwelenkäſtchen ſteht.“ „Sehr gut! Iſt aber nicht etwa ein Schrank oder ſonſt ein Stück Möbel inwendig vor die Thür geſtellt? Du ſiehſt ein, Junge, daß ein ſolches Hinderniß Alles verderben könnte.“ „Ich weiß wohl! Aber es ſteht nichts da, nicht das geringſte, außer höchſtens vielleicht ein Stuhl, den man leicht auf die Seite rücken könnte. Ich habe mir die Einrichtung des ganzen Zimmers genau vergegen⸗ wärigt, und bin in dieſer Beziehung meiner Sache gewiß.“— „»Und der Alte ſchläft nicht in dem Zimmer ſelber?« „Nein, in der Kammer daneben, aber ich muß dir ſagen, Vater, daß er Nachts gewöhnlich die Thür aufläßt.“ »Das thut nichts, das thut nichts! Da du ſo ge⸗ nauen Beſcheid weißt, ſo ſchlüpfſt du im Dunkeln hin⸗ ein, und machſt leiſe die Thür zu. Nachher müſſen wir nur vorſichtig ſein und kein Geräuſch machen.“ „Aber wenn er aufwachte, Vater?« „Er wird nicht aufwachen, Junge! Und wenn doch, ſo ſind wir im Dunkeln, zwei gegen Einen, und wer⸗ den ihn leicht überwältigen. Wir binden ihn, ſtopfen ihm ein Tuch in den Mund, daß er nicht ſchreien kann, ſperren ihn in die Kammer ein, und räumen dann ge⸗ mächlich aus. Es muß gelingen, Junge!“ „Ja, Vater, es muß gelingen! Wenn er auch ſchreit,— eß hört ihn Niemand, denn die Fenſter ſei⸗ ner Schlafkammer gehen auf den Hof hinaus, und ge⸗ gen Mitternacht hin iſt dort keine Menſchenſeele. Am 94 Ende wär's das Beſte, Vater, wir gingen ſogleich an's Werk! Es wird heute ſo gut, als morgen ſein, und gethan iſt gethan.“ „Nein, nein, nicht heute!“ entgegnete der alte Gün⸗ ther.„Du vergißt, daß die Angeln der Eichenthür erſt eingeölt werden müſſen. Wir wollen ganz ſicher ge⸗ hen. Brächen wir heute ein, ſo würde der Alte viel⸗ leicht beim erſten Geräuſche ſchon aufwachen, aus dem Bette ſpringen, nach unten flüchten, den Schuſter Leon⸗ hard wecken, und Alles wäre verloren. Geduld bis morgen, aber heute noch wollen wir unſere Vorberei⸗ tungen treffen. Du weißt doch aber gewiß, Junge, daß der Einbruch überhaupt der Mühe werth iſt?“ „Ob ich's weiß, Vater! Ich habe ja die Juwelen geſehen, habe ſie in Händen gehabt! Es iſt ein Schatz, ſage ich dir, ein wahrer Schatz!“ „Nun denn, ſo komm! Nimm die Laterne, ich will das Oelfläſchchen nehmen.“ Wilhelm, der, wie man ſich leicht denken kann, mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes Wort gelauſcht und den ganzen verrätheriſchen Plan behorcht hatte, hörte jetzt unten Schritte, und die leiſe Ermahnung des alten Günther, die Schuhe auszuziehen. Hierauf knarrte eine Thür, und es war augenſcheinlich, daß Vater und Sohn aus dem Keller ſchlichen, um ihr nächtliches Werk zu beginnen. Wilhelm beabſichtigte anfänglich, ihre Rückkehr abzuwarten, aber plötzlich fiel ihm ein, daß die Spitzbuben am Ende doch noch heute, auf der Stelle, ihren auf Morgen verſchobenen Plan ausführen könnten. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſtreifte er eben⸗ falls ſeine Schuhe ab, ſchlich auf den Hausflur, und hinaus auf den Hof, um unter allen Umſtänden den 95 Diebſtahl zu verhindern. Seinen Plan hatte er ſchon entworfen. Er wollte unten an der Treppe horchen, und wenn er das geringſte verdächtige Geräuſch oben bemerkte, hurtig die untere Thür zuſchlagen, dann durch das Haus zurück nach oben laufen, und Lärm machen, ſo daß Herr Rempelmeier nothwendig aufwachen und die Nachtwächter von der Straße herbeieilen mußten. Aber nur zwei Minuten brauchte er zu warten, um ſich zu überzeugen, daß die Diebe heute nichts mehr unternehmen würden. „Es iſt genug!“ hörte er den alten Günther oben flüſtern.„Die Angeln ſchwimmen im Oel, und morgen wiird aller Roſt aufgelöst ſein. Komm, Junge!« Ein leichtes Geräuſch benachrichtigte Wilhelm, daß er auf ſeiner Hut ſein müſſe, um nicht entdeckt zu wer⸗ den. Unhörbar und ſchnell, wie der Schatten einer Wolke, der über die Erde fliegt, huſchte er in's Haus und in die Werkſtatt zuruͤck, wo er ſich wieder an die Klappe begab und von Neuem horchte. Wenige Augen⸗ blicke ſpäter knarrte abermals unten eine Thür und drang das Geräuſch von Schritten herauf. „Das wird ein Hauptſtreich, Vater,“ hörte er Karl ſagen.„Morgen um dieſe Stunde ſind wir ſteinreich, und kein Menſch kann nur den geringſten Verdacht ge⸗ gen uns hegen. Aber was fangen wir mit den vielen Edelſteinen an?“ „Das zu überlegen, haben wir Zeit, wenn wir ſie beſitzen! Jetzt marſch in's Bett! Es iſt ſpät, und die Wächter könnten aufmerkſam werden, wenn wir ſo lange Licht brennen.“ 8 Nach einigen Minuten war Alles ſtill unten; der ſchwache Lichtſchimmer, der durch die Klappe herauf 96 drang, erloſch, und Wilhelm ſchloß daraus, daß er für heute nichts mehr erfahren werde. Uebrigens hatte er auch genug gehört. Vorſichtig deckte er die Klappe wieder auf die Oeffnung, und verſank dann in ein tie⸗ fes und angeſtrengtes Nachdenken, aus dem er erſt ſpät wieder erwachte, um den angefangenen Stiefel vollends fertig zu machen. Sechstes Kapitel. Der ESinbruch. Am andern Morgen ſchwankte Wilhelm noch, ob er dem Meiſter Leonhard Alles, was er in der Nacht gehört, entdecken, oder ihn gar nicht benachrichtigen, ſondern ganz nach ſeiner eigenen Einſicht verfahren ſollte. Aber Meiſter Leonhard half ihm bald aus allen Zwei⸗ feln heraus, denn, kaum aufgewacht, merkte er mit ſei⸗ nem ſcharfen Blicke auf der Stelle, daß irgend etwas Beſonderes vorgefallen ſein mußte. „Heda, Wilhelm, was iſt los?« fragte er.„Du ſiehſt blaß, uͤberwacht, nachdenklich und ſorgenvoll aus, und doch habe ich beſſer geſchlafen wie ſeit langer Zeit, und fühle mich faſt ganz wieder geſund. Alſo muß dir ganz etwas Appartes paſſirt ſein! Komm' einmal her, und erzähle mir's.“ 4 „»Aber, Vater Leonhard,“ entgegnete Wilhelm zö⸗ gernd,„werdet Ihr Euch auch nicht allzuſehr aufregen? b 97 Ihr könntet am Ende Schaden haben, und dann wär' ich daran ſchuld!« »Ei nicht doch, lieber Junge! Bewahre der Him⸗ mel!« antwortete Meiſter Leonhard.„Du ſiehſt ja, und ich ſage dir ja, daß es mit mir wieder ganz gut geht! Alſo mache keine langen Umſtände, ſondern her⸗ aus mit der Sprache!“ »Nun denn, Meiſter Leonhard, ſo ſollt Ihr Alles hören,“ ſagte Wilhelm mit raſchem Entſchluſſe.„Aber erſt noch eine Frage: wußtet Ihr denn, daß in dem Fußboden hier eine Klappe iſt, durch die man Alles hören kann, was unten im Keller geſprochen wird?« „Ja freilich weiß ich's, aber ſeit vielen Jahren habe ich nicht wieder daran gedacht. Als ich herzog und meine Schuſterwerkſtatt einrichtete, war's mir läſtig, durch die Klappe immer den Spektakel von unten her⸗ auf zu hören, und da deckte ich die Röhre ein für alle Mal zu und machte den Winkel zu meinem Vorraths⸗ winkel. Da hörte und ſah ich nichts mehr. Aber wie haſt du denn die Klappe entdeckt?« »Ganz zufällig! Ich ſuchte ein Reſtchen Sohlen⸗ leder, und da fand ich die Klappe. Aber meint Ihr wohl, Meiſter, daß die unten etwas von der Röhre wiſſen?« „Nein, ich glaube nicht. Es iſt unten ein Stuüͤck Blech vorgemacht, das von Rauch und Alter und Roſt allmälig ganz geſchwärzt iſt, und mit dem Gewölbe die gleiche Farbe angenommen hat. Nein, Günthers wiſſen nichts von der Klappe.“. »Das erklärt mir, warum ſie ſo gar keine Vorſie beobachteten,“ ſagte Wilhelm. 1 In demſelben Hauſe. 7 98 „Keine Vorſicht beobachten? Was willſt du damit ſagen, Wilhelm? Du haſt wohl gehorcht?« „Ja, Vater Leonhard, ich habe gehorcht, aber nicht aus Neugierde, wie Ihr ſogleich erfahren ſollt. Ich habe einen ſchändlichen Plan entdeckt, deſſen Ausfüh⸗ rung aber zum Glück noch verhindert werden kann.“ Vater Leonhard horchte geſpannt auf, und Wilhelm wiederholte nun ziemlich Wort für Wort die Unter⸗ redung, die er vergangene Nacht belauſcht hatte. „Und das iſt Alles wahr?“ ſagte Vater Leonhard voller Erſtaunen.„Die Treppe iſt wirklich vorhanden und die Thür während der Nacht noch eingeölt?« „Alles wahr, Vater Leonhard! Meine Ohren ha⸗ ben's gehört, meine Augen haben's geſehen, und nächſte Nacht ſoll der Streich ausgeführt werden.“ „Ja, er ſoll, aber er wird nicht!“ ſagte der alte Leonhard energiſch.„Dafür laß du mich ſorgen, mein Junge!“ „Und mich auch, Vater Leonhard!“ fiel Wilhelm ein.„Ich habe ſchon darüber nachgedacht, wie es an⸗ zufangen iſt, und ich glaube, am beſten wird es ſein, ich gehe gerade zum alten Herrn Rempelmeier, und er⸗ zähle dem den ganzen Anſchlag.“ „Nicht wahr, damit du ausgelacht und wieder mit einem alten Papagei abgeſpeist wirſt?« erwiederte Leon⸗ hard.„Nein, nein, mein Junge, das muß pfiffiger angefangen werden! Laß mich nur erſt beſinnen! Wir müſſen die Spitzbuben auf der That ertappen, und dein Herr Vetter muß endlich einmal zur Einſicht kommen und erfahren, wie brav du biſt. Indeß, im Grunde genommen, was geht uns die ganze Geſchichte an? Laß doch den alten Rempelmeier ſelber für ſich ſorgen! —3 99 3 Warum ſollen wir gerade immer über ihn wachen? Was für Verpflichtungen haben wir gegen ihn? Hat er dich denn etwa als ſeinen Verwandten behandelt? Hat er ſich deiner und deiner armen Mutter angenom⸗ men? Nichts von alledem! Schlecht behandelt hat er euch, hat euch nicht die geringſte Unterſtützung gewährt, hat euch ſogar aus ſeinem Hauſe werfen wollen! Ei was, Wilhelm! Laß du den alten Geizhals ſelber ſe⸗ hen, wie er mit den Spitzbuben fertig wird.« »Oh nein, nein, das iſt Euer Ernſt nicht, Vater Leonhard!“ ſagte Wilhelm. »Und warum nicht? Warum ſoll es mein Ernſt nicht ſein, Junge?« »Weil geſchrieben ſteht, daß man nicht Böſes mit Böͤſem vergelten, ſondern ſeinen Nächſten lieben ſoll, wie ſich ſelbſt. Ich ſehe ſchon, Ihr wollt mich nur auf die Probe ſtellen, Vater Leonhard, aber Ihr wißt doch wohl, daß ich weder rachſüchtig noch ſchadenfroh bin! Auf der Stelle geh' ich zu Vetter Rempelmeier, und ſage ihm Alles!“ »Das ſollſt du wohl huͤbſch bleiben laſſen, Wil⸗ helm!« fiel der alte Leonhard mit Entſchiedenheit ein. „Solchen dummen Streich darfſt du mir nicht machen, oder du würdeſt Alles verderben. Wenn du jetzt hin⸗ gingſt, ſo würde der Alte vielleicht Lärm ſchlagen, die Spitzbuben würden benachrichtigt werden, würden Alles läugnen, und, da man ihnen nichts beweiſen kann, über unſere Dummheit in's Fäuſtchen lachen, oder wohl gar eine gelegenere Zeit abpaſſen, um ihren Anſchlag doch noch auszuführen. Nein, nein, Wilhelm! In ſolch' 4 einem Falle muß man klüger zu Werke gehen. Dem lten Rempelmeier ſoll geholfen werden, denn es war 100 freilich nur Spaß, wenn ich ſagte, wir wollten ihn im Stich laſſen, aber— nicht ihm allein, ſondern auch dir ſoll geholfen und der alte Geizhals gezwungen werden, ſich deiner anzunehmen, wie es einem rechtſchaffenen Verwandten zukommt. Ruhig, Junge! Laß du mich machen! Dem Böſen die Strafe, dem Redlichen die Vergeltung! So gehört ſich's! Und jetzt reiche mir zmal meine Kleider her, ich bin geſund und will auf⸗ ſtehen.“ „Und was nachher, Meiſter? Was nachher?“ „Das will ich dir erklären, während du mir beim Ankleiden behuülflich biſt. Die Stiefeln her! So! Ver⸗ ſtehſt du, wir dürfen uns nichts merken laſſen, gar nichts, damit die Spitzbuben keinen Verdacht ſchöpfen! Du nimmſt alſo nachher altes Schuhwerk und gehſt aus, als ob du zu Kunden gehen wollteſt, ſchleichſt dich aber ſtatt deſſen zum nächſten Polizei⸗Kommiſſär und bitteſt ihn, daß er mich beſuchen möge, aber nicht in Uniform, ſondern in ſchlichtem, bürgerlichen Anzuge! Verſtehſt du, dieß ſchärfſt du ihm beſonders ein, denn der Mosjö Karl iſt ein ſchlauer Fuchs, und könnte ſonſt Lunte riechen. So! Jetzt die Jacke und das Schutz⸗ fell! Ich fühle mich ſo wohl, wie ein Fiſch im Wgſer! Die Spitzbuben⸗Geſchichte hat mich wieder geſund ge⸗ macht! So, Wilhelm! Und nun mache, daß du fort kommſt! Wenn du den Halunken, den Karl ſiehſt, ſo laß dir nichts merken, ſondern nimm eine unbefangene Miene an. Die Schelmen müſſen bei der That ergrif⸗ fen werden, ſonſt lachen ſie über uns und ſinnen auf neue Streiche. Alſo vorwärts, Wilhelm! Ich werde mich indeſſen auf den Schuſterſchemel ſetzen und flicken, ſo gut ich kann.“ 1 101 Wilhelm machte keinen Einwand weiter, ſondern gehorchte, lief nach dem nächſten Polizeibureau und rich⸗ tete ſeinen Auftrag aus. Kaum war er eine halbe Stunde zurück, ſo kam auch der Kommiſſär, aber ſo gut verkleidet, daß ihn Meiſter Leonhard ſelber im er⸗ ſten Augenblicke für einen gewöhnlichen Arbeitsmann hielt. Aber der Irrthum wurde bald aufgeklärt, und Leonhard erzählte nun kurz und bündig, um was es ſich handelte. „Sehr gut,« ſagte der Kommiſſär.„Die Spitzbu⸗ ben ſollen uns nicht entwiſchen. Haben Sie Herrn Rempelmeier ſchon benachrichtigt?« „Nein! Ich wünſche ſogar ſehr, daß er von Allem nichts erfährt, bis die Schelmen am Werke ſind.« „Warum das?« „Ich habe meine Gründe dazu!« »Die muß ich kennen,“ ſagte der Kommiſſär.„Die Sache wird viel glatter abgehen, wenn er benachrichtigt wird, denn meine Leute koͤnnen alsdann in der Woh⸗ nung ſelber verſteckt werden, und ſind im geeigneten Augenblicke gleich bei der Hand.“ „Es wird auch gehen, wenn Sie Ihre Leute unten bei der Hintertreppe poſtiren und die Spitzbuben dort in Empfang nehmen lafſen,“ erwiederte Leonhard.„Aber gleichviel! Ich kann Ihnen auch ſagen, warum der alte Rempelmeier erſt benachrichtigt werden ſoll, wenn die Schelme ſchon am Werke ſind. Geh' einmal hin⸗ aus, Wilhelm. Und mit wenigen Worten ſetzte er nun das Ver⸗ hältniß aus einander, in welchem der alte Geizhals zu Wilhelm ſtand. „ Sehen Sie, Herr,“ fuhr er fort,„wenn er die 10² Gefahr handgreiflich vor Augen ſieht, ſo wird er einen heilſamen Schrecken haben, und dann wird er beſſer würdigen können, was der brave Junge für ihn gethan hat, als wenn wir ihm von vornherein Alles mitthei⸗ len. Er ſoll ein Uebriges thun an dem Jungen, den er bis jetzt immer ſchlecht behandelt hat, obgleich, wenn Wilhelm damals bei der Feuersbrunſt nicht zugriff, ſeine Juwelen ſchon längſt auf die Seite gebracht wor⸗ den wären. Damals ſpeiste er den ehrlichen Burſchen mit dem alten Papagei dort im Fenſter ab, aber dieß⸗ mal ſoll er nicht ſo wohlfeil wegkommen.“ „Schon recht, ich verſtehe!« erwiederte der Kom⸗ miſſär.„Wir müſſen alſo unſere Maßregeln danach nehmen, und werden Herrn Rempelmeier erſt im letz⸗ ten Augenblicke benachrichtigen. Um zwölf Uhr Nachts ſoll der Einbruch alſo geſchehen?« „Um zwölf Uhr! Fragen Sie den Jungen aber lieber ſelber noch einmal. Wilhelm, du kannſt wieder eintreten!“ Wilhelm kam und beſtätigte, daß die Spitzbuben gegen Mitternacht hin einzubrechen beabſichtigten. „Wohlan, ſo werden wir zwiſchen zehn und elf Uhr heute Abend hier ſein,“ ſagte der Kommiſſär.„Halten Sie ſich von zehn Uhr an ruhig, und löſchen Sie das Licht aus. Wenn ich dreimal leiſe an's Fenſter klopfe, ſo öffnen Sie mir die Hausthür. Bis dahin kümmern Sie ſich um nichts, denn ich werde ſchon auf der Hut ſein, und die Schelme keine Sekunde lang aus den Augen verlieren.“ Nach dieſen Weiſungen entfernte ſich der Kommiſſär wieder, und ruhig warteten Leonhard und Wilhelm den Anbruch der Nacht ab, indem ſie, als ob nicht Die Thür zu den Gemächern war verſchloſſen, wie man erwartet hatte; aber einer von den Begleitern des Kommiſſärs öffnete ſie ſo ſchnell, ſo leicht und geräuſch⸗ los, als ob er ein Zauberer wäre. Eben ſo die zweite und dritte Thür, deren obere Hälfte mit einem Fenſter verſehen war. „Vortrefflich!« ſagte der Kommiſſär leiſe.„Von hier aus kann man alſo das ganze Zimmer über⸗ ſehen?“ „Ja,“ erwiederte Leonhard.„Und uns gerade ge⸗ genüber liegt die Schlafkammer des Herrn Rempel⸗ meier.“— »Das wiſſen Sie gewiß?«. „Ganz gewiß!« 4 „Gut, ſo wird hier Halt gemacht,« ſprach der Kom⸗ miſſär, und wendete ſich dann zu den mitgebrachten Begleitern, die Alle mit Waffen wohl verſehen waren. „Ihr bleibt hier, Leute, und verhaltet Euch vollkommen ruhig,“ befahl er.„Ich kehre indeß in die Werkſtatt zurück, werde aber im rechten Augenblicke wieder hier ſein. Kommen Sie, Meiſter Leonhard, und du auch, Wilhelm.“ Geräuſchlos, wie ſie gekommen, begaben ſie ſich wie⸗ der nach unten, und der Kommiſſär nahm wie vorhin ſeinen Poſten an der Klappe ein. »Aber die Hintertreppe!“ ſagte Meiſter Leonhard. „Wollen Sie die nicht bewachen laſſen?« „Alles beſorgt,“« erwiederte der Kommiſſär.„Man wird die Schelme unbehindert hinauf, aber nicht ſo wie⸗ der herunter laſſen. Aber ruhig jetzt!“ „Alle ſchwiegen, und bei der tiefen Stille der Nacht vernahm man jedes Geräuſch, was von unten aus dem 106 Keller herauf drang. Kurz nach halb Zwölf verließ der letzte Gaſt das Schenklokal, und hinter ihm wunde der nach der Straße führende Ausgang vom Winthe verſchloſſen.— „Jetzt iſt's Zeit!« ſagte unten eine Stimme.„Biſt du bereit, Karl?“« „Schon lange, Vater! Wir können gleich an's Werk gehen.“« „So nimm die Laterne, ich will die Dietriche neh⸗ men. Wenn Alles gut geht, ſind wir mit der ganzen Geſchichte in einer Viertelſtunde fertig. Haſt du den Strick und das Tuch?« „Hier, Vater!“ „Gut! Man kann nicht wiſſen! Am Ende wacht der Alte doch auf, und für dieſen Fall müſſen wir uns vorſehen. Komm nur! Wir wollen gehen!“ 5 „Und wir auch!« ſagte der Kommiſſär leiſe, ſobald das Knarren einer Thür unten verrieth, daß die Spitz⸗ buben den Keller verlaſſen hatten.„Müſſen ſie über den Hausflur, um in den Hof zu gelangen?« „Nein, ſie haben aus dem Keller einen beſonderen Ausgang nach dem Hofe.“ „Dann vorwärts! Hurtig!« Alle drei verließen die Werkſtatt und eilten nach oben. Die Leute dort waren auf ihrem Poſten und meldeten, daß ſich bis jetzt nichts gerührt hätte. „Gut! Aber nur aufgepaßt,« ſagte der Kommiſſär. „Der Augenblick iſt da, ſie werden ſogleich kommen.“ Die Polizeileute mußten ſich in der Nähe der Thür aufſtellen, während der Kommiſſär ſelbſt mit Leonhard und Wilhelm an das mit einem halb durchſichtigen Vorhange verſehene Fenſter trat, von welchem aus man 107 das ganze Zimmer überſehen konnte, ſobald Licht hin⸗ ein gebracht wurde. Es dauerte nicht lange, ſo ver⸗ nahm man ein leiſes Geräuſch, und gleich darauf ſchob ſich das Getäfel der einen Wand aus einander, und der gedämpfte Lichtſchimmer einer Blendlaterne fiel in hellen Streifen in das Gemach. Dem Lichtſchimmer folgten der Kellerwirth und ſein Sohn. Sie hatten ſich die Geſichte geſchwärzt, um im Nothfall nicht er⸗ kannt zu werden. Mit unhörbaren Schritten traten ſie ein, und ihr erſtes Geſchäft war, daß ſie die weit offen ſtehende Thür der Kammer, in welcher Herr Rempel⸗ meier ſchlief, leiſe zudrückten, ſo daß der Lichtſchimmer der Laterne ſie nicht verrathen konnte. Nachdem dieſe nothwendige Vorſichtsmaßregel getroffen war, gingen ſie raſch an's Werk. Karl bezeichnete den Wandſchrank, wo die Schätze aufbewahrt wurden, und ſein Vater nahm die Dietriche zur Hand. Fünfe bis ſechſe pro⸗ birte er; keiner ſchloß. Endlich knackte es, die Riegel wichen, und knarrend öffnete ſich die Thuür des Wand⸗ ſchranks. Mit gieriger Hand tappte der Kellerwirth hinein und zog mit triumphirendem Lächeln das Käſt⸗ chen hervor, in welchem er die Juwelen vermuthete. Auch täuſchte er ſich nicht. Als er den Deckel zurück⸗ warf, blitzten ihm die funkelnden, edeln Steine blendend entgegen, und ein nur mühſam unterdrückter Ausruf des Entzückens glitt über ſeine Lippen. Noch weidete er ſeine Augen an dem köſtlichen An⸗ blicke, als plötzlich die Kammerthür wieder geöffnet wurde, und eine lange, weiße Geſtalt mit der Nacht⸗ mütze auf dem Kopfe und in bloßen Strümpfen auf der Schwelle erſchien. Die Diebe hörten und ſahen nichts, ſo ſehr waren ſie in das Anſchauen des erbeu⸗ teten Schatzes vertieft, während Herr Rempelmeier, denn er war die weiße Geſtalt, die wie ein Geſpenſt aus der Kammer getreten war,— plötzlich einen lau⸗ ten, kreiſchenden Schrei ausſtieß, und mit blinder Wuth auf die ihm den Rücken zukehrenden Diebe zuſtürzte. Sich umwenden, wie ein Tiger auf Rempelmeier los⸗ ſpringen, ihn zu Boden reißen und ſeine Hände und Füße knebeln, war für den Kellerwirth, einem ſtarken, athletiſchen Kerl, das Werk einiger Augenblicke. „Räuber! Mörder!“ ſchrie Herr Rempelmeier, in⸗ dem er ſich mit verzweifelter, aber vergeblicher Anſtren⸗ gung gegen ſeinen Angreifer wehrte, der ihn mit Rie⸗ ſenkraft am Boden feſthielt, und ihm jetzt das Tuch zwiſchen die Zähne ſtopfte. „Um Gottes willen,“ flüſterte Leonhard dem Kom⸗ miſſär zu,—„ſollen wir nicht zuſpringen?“ „Nein, nein,“ erwiederte dieſer eben ſo leiſe.„Es geſchieht ihm nichts! Seine Lage iſt zwar ein wenig unbequem, aber wir werden ihn bald daraus erlöſen. Da, ſehen Sie, die Schelme laſſen ihn ſchon wieder los! Still!“ 3 In der That, nachdem Herr Rempelmeier gebunden und geknebelt war, ſo daß er nur noch ein halb erſtick⸗ tes Grunzen hervorbringen konnte und ſich kaum noch zu rühren vermochte, ließ ihn der Kellerwirth achtlos wie ein Scheit Holz liegen, und kehrte zu dem Wand⸗ ſchrank zurück, den er mit ſeinem Sohne in größter Bequemlichkeit und ohne alle Eile unterſuchte. Außer einigen anderen Koſtbarkeiten fanden ſie noch ein Käſt⸗ chen mit Goldſtücken angefüllt, die ſie mit vergnügtem Grinſen in ihre Taſchen ſteckten, und nun endlich, als der Schrank vollſtändig ausgeräumt war, ſchloſſen ſie 109 ihn ganz ruhig wieder zu und öffneten die geheime, wohl verborgene Thür in der Wand, um ohne weitere Rückſicht auf Herrn Rempelmeier, der die verzweifelt⸗ ſten Anſtrengungen zu ſeiner Befreiung von den ange⸗ legten Feſſeln machte, ihren Rückzug anzutreten. In dieſem Augenblicke jedoch, eben als der Kellerwirth auf der Treppe hinter der Thür verſchwand, ſtieß der Kom⸗ miſſär eine Fenſterſcheibe ein, feuerte ein Piſtol in die Stube ab, und rief mit Donnerſtimme:„Halt, Schur⸗ ken! Ihr ſeide gefangen!“ Zur gleichen Zeit hörte man das Krachen einer an⸗ deren Piſtole, die auf dem Hofe, unten am Fuße der Treppe abgefeuert wurde. Die beiden Spitzbuben wi⸗ chen erſchrocken zurück, und ſtürzten wieder in das Zimmer, um hier, wo möglich, einen Fluchtweg aus⸗ findig zu machen. Aber mittlerweile war der Polizei⸗ Kommiſſär mit ſeinen Leuten ſchon eingedrungen, und da auch jetzt die auf dem Hofe poſtirten Leute die Treppe herauf ſtürmten, ſo blieb den Verbrechern nichts weiter übrig, als ſich zu ergeben. Man legte ihnen Handſchellen an, nahm ihnen die geſtohlenen Sachen wieder ab, und befreite Herrn Rempelmeier, der in Ohnmacht⸗ähnlicher Erſtarrung dalag, und nicht zu be⸗ greifen ſchien, was um ihn her vorging. Der freche Raub ſeiner koſtbaren Schätze, dem er mit offenen Augen zuſehen mußte, ohne ihn verhindern zu können, hatte alle ſeine Lebensgeiſter gelähmt, und man mußte ihn aufheben und auf einen alten Lehnſeſſel tragen, da er nicht im Stande war, ſich mit eigener Kraft aufzu⸗ richten. Wilhelm widmete ihm die ſorglichſte Theil⸗ nahme, während der alte Leonhard ſich zu den Dieben 110 wendete, die eben inmitten der Polizeibeamten abgeführt werden ſollten. 3„Siehſt du wohl, Karl?« ſagte er.„Der Krug geht zu Waſſer, bis er bricht, und ich habe dir im⸗ mer geſagt, daß du noch einmal im Zuchthauſe ſterben wirſt!“— „So? Meint Ihr, alter Schuſter?“ erwiederte der Bube mit frecher Miene.„Das wollen wir doch erſt abwarten. Ich bin noch jung, und Amerika iſt nicht weit, und ein anderes Mal glückt's wohl beſſer!« „Unverſchämter!“ ſagte der Polizei⸗Kommiſſär ent⸗ rüſtet.„Noch ſo jung, und ſchon ſo verderbt!“ „Das macht der Müſſigung, Herr Kommiſſär!“ ſprach der alte Leonhard.„Müſſiggang iſt aller Laſter Anfang, und dieſer junge Burſche hat wohl noch keine Stunde in ſeinem ganzen Leben recht nützlich angewen⸗ det. Gewarnt habe ich ihn oft genug, aber ſein Hang zum Laſter war ſtärker, als alle meine wohlgemeinten Worte.“ „Nun denn, ſo muß er jetzt fühlen, weil er nicht gehört hat,“ entgegnete der Kommiſſär.„Gute Nacht, Meiſter Leonhard! Gute Nacht beiſammen! Und Ihr da, vorwärts! Wir werden dich ſo ſicher verwahren, Bürſchchen, daß die ehrlichen Leute eine geraume Zeit lang vor dir ſicher ſind! Gute Nacht, Herr Rempel⸗ meier! Und vergeſſen Sie nicht, daß Sie die Rettung Ihrer Koſtbarkeiten ganz allein Ihrem jungen Vetter Wilhelm verdanken. Ohne ihn waren Ihre Schätze verloren, und Sie werden daher Manches an ihm gut zu machen haben. Und jetzt— marſch!“ Die Polizeiſoldaten und der Kommiſſär entfernten ſich mit den Gefangenen. Leonhard gab ihnen das Geleit, und ſchloß die Thüren hinter ihnen zu. Wil⸗ helm aber blieb bei dem Vetter Rempelmeier zurück, der ſich noch immer nicht von ſeinem Schrecken erholen konnte. Er brachte ihn zu Bett, und wachte an ſei⸗ nem Lager, bis klar und hell ein neuer Morgen her⸗ auf dämmerte. Siebentes Kapitel. Herr Rempelmeier. Klar und hell kam der Morgen, aber der erſte Sonnenſtrahl, der durch das Kammerfenſter auf Herrn. Rempelmeier fiel, ließ nichts Erfreuliches wahrnehmen. Der alte Herr lag im heftigſten Fieber; halb träumend, halb wachend ſtieß er verwirrte Reden aus, murmelte abgebrochene Sätze und Worte vor ſich hin, und machte mehrmals Miene, aus dem Bette zu ſpringen, woran ihn Wilhelm nur mit Mühe verhindern konnte. Die ganze Nacht hindurch war dieß ſchon ſo fortgegangen. Angſt und Schrecken ſchienen die Verſtandeskräfte des Herrn Rempelmeier völlig gelähmt zu haben, und über⸗ all glaubte er Diebe und Mörder zu ſehen, die nach ſeinem Leben und ſeinen Schätzen trachteten. Der arme Wilhelm hatte unendliche Noth mit ihm, und vermochte ihn kaum zu beſchwichtigen, wenn ein ſolcher Fieberanfall Macht über ihn gewann. Endlich, als der Tag vollends angebrochen war, ſchien ſich die aufgeregte Whunnaſe des alten Herrn* ein wenig zu beruhigen. Die Anfälle kamen weniger häufig und wurden minder heftig, ſeit Herr Rempel⸗ meier zuletzt in einen ſanften Schlaf verfiel, der meh⸗ rere Stunden lang anhalten zu wollen ſchien. Nun erſt ſtand Wilhelm leiſe auf, und ſchlich in das Vor⸗ zimmer, wo er ſich müde und erſchöpft auf einen Lehn⸗ ſtuhl warf, um einige Augenblicke zu ruhen. Unwill⸗ kürlich fielen ihm die Augen zu, und er wäre wohl feſt eingeſchlafen, wenn nicht bald darauf auch Meiſter Leonhard gekommen wäre. Bei'm Knarren der Thür fuhr Wilhelm raſch auf. „Ha, Wilhelm, mein Junge, wie geht’s?« fragte Leonhard leiſe mit gedämpfter Stimme.„»Was macht der Alte? Schläft er?« „Ja, ſeit einer halben Stunde,“ erwiederte Wilhelm, indem er ſeinem wackeren Meiſter die Hand reichte. „Aber ich hatte eine ſchlimme Nacht mit ihm, und ich fürchte ſehr, daß noch ſchlimmere folgen werden. Herr Rempelmeier ſcheint ganz ernſtlich krank zu ſein.“ „Ei nun, wundern ſollte mich das gerade nicht,« ſagte Leonhard.»Die Spitzbuben ſind ein wenig rauh mit ihm umgegangen! Und dann zuſehen zu müſſen, wie ihm der Wandſchrank ausgeräumt wurde, ohne es verhindern, ohne nur um Hülfe ſchreien zu können,— das war freilich kein Spaß, beſonders für den alten Herrn da, deſſen ganzes Herz an ſeinem Golde und ſeinen Juwelen hängt. Doch er wird's überſtehen, denk' ich, wenn er ſich nur erſt erinnert, daß ihm ja nichts abhanden gekommen iſt. Du haſt doch Alles, was den Spitzbuben abgenommen wurde, wieder im Schranke verwahrt?“ „Ja wohl, Alles iſt darin, und hier hab' ich den 113 6. Schlüſſel,“ entgegnete Wilhelm.„Ich möchte ihn gern Herrn Rempelmeier aushändigen, aber er verſteht mich nicht, wenn ich ihn ihm anbiete.“ „Nun, man muß Geduld mit ihm haben,“ ſagte Meiſter Leonhard.„Aber laß doch ſehen, was er macht, und ob er noch ſchläft.« „Hülfe! Diebe! Räuber! Mörder!“ ſchrie jetzt plötzlich Herr Rempelmeier ſelber aus der Kammer heraus. „Da hat er wieder den Anfall!“ ſagte Wilhelm haſtig, und war mit Einem Satze in der Kammer drin. Leonhard folgte ihm langſamer. Herr Rempelmeier ſaß aufrecht im Bette, ſein Geſicht war verzerrt von Furcht und Angſt, ſeine Augen ſtarrten wild umher, und er zitterte am ganzen Leibe. Wilhelm trat zu ihm und redete ihm ſanft zu. 1 „Ruhig, ruhig, Herr Rempelmeier,“ ſagte er be⸗ ſchwichtigend.„Es iſt ja nichts! Sehen Sie doch, die liebe Sonne ſcheint herein, und es iſt heller, lichter Tag! Da kommen keine Diebe und Mörder! Nein, nein, Sie können ganz ruhig ſein! Legen Sie ſich nur wieder nieder und verſuchen Sie zu ſchlafen. Wir wachen bei Ihnen, ich, Wilhelm, und hier der brave Meiſter Leonhard; wir verlaſſen Sie nicht 44 „Ja, ach ja, ich beſinne mich!« erwiederte Herr Rempelmeier, und ſchien wieder ein wenig zu ſich ſelbſt zu kommen.„»Ja, ja, du biſt ein guter Junge! Der Polizei⸗Kommiſſär ſagte es! Ja, ich vergeſſ es nicht! Und Meiſter Leonhard.... ja, ja, ja, ja! Ich weiß, ich weiß, er iſt ehrlich! Aber,“ fuhr er, plötzlich wild auffahrend, fort,—„wo ſind meine Juwelen? Wo iſt In demſelben Hauſe. 8 114 „ mein Gold? Die Räuber haben mir Alles genommen!— Alles! Ich bin ein verlorener Mann!« „Nicht doch, Herr Rempelmeier! Es iſt ja Alles wohl geborgen hinter Schloß und Riegel!“ entgegnete 3 Wilhelm.„Erinnern Sie ſich nur! Die Spitzbuben ſind gefangen und haben Alles wieder herausgeben* müſſen!«— „Ach ja, ja!« ſagte Herr Rempelmeier, deſſen Auf⸗ regung ſich milderte, als er ſich die letzten Scenen der vergangenen Nacht in's Gedächtniß, freilich ein wenig mühſam, zurückrief.„Aber, lieber Wilhelm, ich bitte dich, zeige mir die Käſtchen! Zeige ſte mir! Am Ende haben ſie doch etwas mitgenommen! Ich bitte dich..!«. „Sogleich, Herr Rempelmeier! Bleiben Sie ganz ruhig liegen, ich hole die Käſtchen, oder Meiſter Leon⸗ hard ſoll ſie holen,— hier iſt der Schlüſſel zum Schranke!“ Mit ſtarren Blicken ſchaute Herr Rempelmeier hin⸗ 1 ter Leonhard drein, als derſelbe in das Zimmer hinaus eilte; aber ein Schrei des Jubels und des Entzückens brach über ſeine bebenden Lippen, da er mit den wohl⸗ bekannten Käſtchen zurückkehrte. Herr Rempelmeier riß ſie ihm aus den Händen, öffnete mit zitternder Hand den Deckel, und jubelte, jauchzte von Neuem, als er mit Einem ſtrahlenden Blicke ſein Eigenthum unange⸗ taſtet wieder vor ſich ſah. Einige Augenblicke weidete er ſich an dem ihm ſo bezaubernden Anblicke; dann aber wurde die Aufregung zu mächtig über ihn, er ſtieß einen Seufzer aus, und ſank ohnmächtig in die Kiſſen ſeines Bettes zurück. Die beiden Käſtchen mit ſeinen Reichthümern hielt er aber ſo krampfhaft, daß Leonhard ſie ihm nur mit Mühe entwinden konnte. ——— 115 »Du lieber Gott,“ ſagte er,„was iſt der Geiz doch für eine traurige Leidenſchaft! Wahrhaftig, Wilhelm, wenn ich ſo viel Angſt darum ausſtehen müßte, wie Herr Rempelmeier, dann möchte ich alle ſeine Schätze gar nicht haben! Na, wir wollen die Käſtchen hier neben das Bett auf das Tiſchchen ſtellen, damit er ſie gleich wieder ſieht, wenn er aufwacht. Und nun, mein lieber Junge, laufe zum Doktor! Du ſiehſt wohl, dein Herr Vetter iſt ernſtlich krank, und da wollen wir doch keine Vorſicht verabſäumen. Und weißt du, zum alten Advokaten Wunderlich könnteſt du auch mit ſpringen und ihn rufen; er iſt noch der Einzige, zu dem Rem⸗ pelmeier Vertrauen hat.“ Wilhelm ſprang davon, und bald ſtand er mit dem Arzte und dem Advokaten wieder am Krankenbette. Es that Noth, daß er ſich beeilte, denn Herr Rempel⸗ meier phantaſirte wieder in ſchlimmer Fiebergluth, und der Arzt zog eine bedenkliche Miene, als er den Puls des alten Herrn fühlte und ſeine funkelnden Augen ſah, aus denen das Licht des Verſtandes entwichen war. „Es wird ſehr treuer und aufopfernder Pflege be⸗ dürfen, wenn wir ihn gerettet ſehen wollen,“ ſagte er kopfſchüttelnd. »„Oh, an der Pflege ſoll's ihm nicht fehlen!“ ſprach Wilhelm raſch.„Ich bin da, und meine Mutter! Sie können ganz unbeſorgt ſein, Herr Doktor!« „Du? Und deine Mutter?« ſagte Herr Wunder⸗ lich, der Advokat.„Das wäre in der That alles Mög⸗ liche, wenn gerade Ihr.. Hm! Verdient hat er's nicht um Euch.“ „Verdient oder nicht verdient,“ antwortete Wilhelm einfach,—„er iſt immer unſer Berwandter, und Ver⸗ 116 wandte ſollten einander nichts nachtragen. Außerdem verlangt ja ſchon die einfachſte Pflicht, daß wir uns Seiner in dieſer hülfloſen Lage annehmen müſſen, und unter allen Umſtänden ſoll nent doch Niemanden Böſes mit Böſem vergelten.“ „Nun, mein Kind, wie du meinſt, wie du meinſt; ich will dir in deinem guten Werke nicht hinderlich ſein,“ ſagte Herr Wunderlich gerührt.„Aber erfahren ſoll er's dann auch, was Ihr für ihn gethan habt! Ja, bei Gott, das ſoll er! Wahrhaftig, nach ſolcher Behandlung, iſt das alles Mögliche, alles Mögliche!« Während Herr Wunderlich den Knaben lobte, ſchrieb der Doktor ſein Recept, und ordnete dann auf das Ge⸗ naueſte an, wie mit Herrn Rempelmeier verfahren wer⸗ den müſſe. Er nahm augenſcheinlich die Krankheit ſehr ernſthaft und empfahl wiederholt die äußerſte Sorgfalt, indem er bemerkte, daß man erſt beim Anfange des Wells wäre, und das Ende noch keineswegs abſehen önne. Er hatte nur zu ſehr Recht, der Doktor. Volle vier Wochen lang ſchwankte Herr Rempelmeier zwiſchen Leben und Tod, und wenig fehlte, ſo wäre er nie wie⸗ der vom Krankenlager aufgeſtanden. Nur die auf⸗ opferndſte Pflege von Seiten ſeiner Verwandten rettete ihn, wie der Doktor ſelber öfter als einmal zum Ad⸗ vokaten Wunderlich ſagte, der übrigens ſelbſt ſchon dieſe Bemerkung gemacht hatte, und von der Richtigkeit der⸗ ſelben vollſtändig überzeugt war. Endlich, nach vier ſchlimmen Wochen, gelangte Herr Rempelmeier wieder zum Bewußtſein, war aber noch viel zu ſchwach, um der Sorgfalt ſeiner Pfleger ent⸗ behren zu können. Wilhelm und ſeine Mutter wachten —— — —— —— 117 abwechſelnd an ſeinem Bette, und zuweilen löste ſie auch Leonhard ab, wenn Frau Engelbert etwa durch dringende Arbeiten einma! ehindert wurde. Mehrere Tage lang dachtete Herr Rempelmeier ſtillſchweigend das ſanfte, zer aſchloſe, aber immer liebe⸗ volle Walten ſeiner Berwanndeen 8. die er, wie er ſich recht gut wieder erinnerte, ſo art und ſchnöde behan⸗ delt hatte. Er ſprach kein Wort zu ihnen, aber deſto mehr ſchien er über ſie nachzudenken and eine voll⸗ ſtändige Umwandlung ging allmänig in ſeinem ganzen inneren Weſen vor. Am fünfte, oder ſechsten Tage nach ſeiner beginnenden Wiedergen ung, als Wilhelm zufällig einmal gerade abweſend war, brach er endlich ſein Schweigen gegen den Doktor und ſeinen alten Freund Wunderlich, und fragte, ob Wilhelm und ſeine Mutter ihn während ſeiner ganzen Krankheit gepflegt hätten? Beide bejaheten natuͤrlich dieſe Frage, und Herr Rempelmeier warf einen ſeltſamen Blick auf die beiden Käſtchen, die noch immer auf dem kleinen Tiſche neben ſeinem Bette ſtanden. Dann verſank er wieder in ein grübelndes Sinnen und Nachdenken, aus dem ihn aber der Doktor wieder erweckte. „Ja, Herr Rempelmeier,“ ſagte er,„es war die treueſte Pflege, die ich noch je an einem Krankenbette beobachtet habe, und Sie können mir auf's Wort glau⸗ ben, daß Sie ohne eine ſolche Pflege ſchwerlich wieder geneſen ſein würden.“ „Hm! Alſo Vermöͤgen und Leben gerettet!« mur⸗ melte Herr Rempelmeier vor ſich hin.„Und das, nach⸗ dem ich...! Das iſt viel! Hätt' es nie gedacht, nie⸗ mals!“ 118 „Ich glaub' es wohl,“ ſagte der Advokat Wun⸗ derlich trocken.„Sie haben's auch nicht verdient an Ihren Verwandten, gewiß nicht.“ „Weiß, weiß!“ entgegnete Herr Rempelmeier.„Thut aber nichts!“ 3 Mit dieſen Worten drehte er ſich mit dem Geſicht nach der Wand um, und ſprach den ganzen Tag keine Sylbe mehr. Wieder vergingen ein paar Wochen. Endlich konnte Herr Rempelmeier ſein Bett wieder verlaſſen, und der Doktor erklärte ihn für geheilt. „Gut!« ſagte er.„Ich fühle mich auch wieder ganz wohl, aber trotzdem,— Sie beſuchen mich doch noch, Doktor? Kommen Sie morgen um zehn Uhr früh, und bringen Sie auch den alten Wunderlich mit. Wir müſſen doch Abrechnung halten, und da iſt's mitunter gut, Zeugen zu haben!« „Alter Geizhals!“ dachte der Doktor.„Er iſt alſo noch immer nicht klug geworden.“ „Schon recht,« ſagte er dann laut—„ich werde Herrn Wunderlich benachrichtigen. Und Ihre Ver⸗ wandten, Herr Rempelmeier?« „Werden bezahlt werden; Geduld!“ lautete die kurze Antwort. Der Doktor ging, innerlich entrüſtet über den un⸗ verbeſſerlichen Geizhals, der dem armen Wilhelm wahr⸗ ſcheinlich nur ein karges Almoſen zuwarf, und damit dann alle empfangenen Liebesdienſte bezahlt zu haben glaubte. Dennoch ſtellte er ſich am anderen Morgen in Begleitung des Advokaten Wunderlich pünktlich um 119 zehn Uhr ein, um nöthigen Falls noch ein gutes Wort für Wilhelm einlegen zu können. Wilhelm, ſeine Mut⸗ ter und der alte Leonhard waren bereits zugegen, und plauderten mit Herrn Rempelmeier, der ziemlich ver⸗ gnügt ausſah, obgleich es doch jetzt an's Bezahlen ge⸗ hen ſollte,— eine Heiterkeit, über die ſich der Doktor im Stillen nicht wenig verwunderte. „Nun, da ſind Sie ja, meine Herren!“ rief ihnen Herr Rempelmeier entgegen.„Sein Sie willkommen! Setzen Sie ſich! Und nun ohne Weiteres an's Geſchäft! Ihre Rechnung, Doktor!“ Der Doktor legte ſie ſchweigend vor ihn hin; Herr Rempelmeier warf nur einen Blick darauf, und zahlte dann den Betrag der angeführten Summe in blanken Goldſtücken auf den Tiſch. Dann nahm er eine koſt⸗ bare Tuchnadel, die mindeſtens den dreifachen Werth des Geldes hatte, und überreichte ſie dem Doktor, der über dieſe unerhörte Freigebigkeit des geizigen Herrn Rempelmeier wie aus den Wolken gefallen war. „Nehmen Sie nur, nehmen Sie, lieber Herr Dok⸗ tor,“ ſagte er.„Ich bin kurirt, vollſtändig kurirt, und dieß danke ich Ihnen, und.. Denen da, die mich pflegten. Die Rechnung mit ihnen wollen wir auch in's Reine bringen, und zwar unverzüglich. Hier ſind zwanzig Louisd'or, Wilhelm! Nimm hin! Und ich denke, nun ſind wir quitt, und ich habe dich ziemlich großmüthig bezahlt.“ „Bezahlen und immer bezahlen! Als ob Liebe ſich bezahlen ließe!“« murmelte der Doktor leiſe dem al⸗ ien Wunderlich in's Ohr.„Ich ſehe ſchon, er iſt doch noch nicht ganz kurirt.“ 120 „Wollen ſehen, wollen ſehen, Doktor,“« ſagte Herr Rempelmeier, der trotz des Flüſterns die leiſe geſpro⸗ chenen Worte vernommen hatte, mit einem ſeltſamen Lächeln.„Aber du, Wilhelm,— warum greifſt du nicht zu? Das Geld gehört dir!« Wilhelm war abwechſelnd bleich und roth gewor⸗ den, und ſchien im Innerſten verletzt. „Nicht Alles, da Sie mich doch bezahlen wol⸗ len, Herr Rempelmeier,“ entgegnete er.„Ein freund⸗ liches Wort des Dankes wäre mir lieber geweſen, als alle das viele Geld! Nun, gleichviel! Hier nehme ich vier Louisd'or für mich und meine Mutter! Ich glaube, die haben wir als Tagelohn verdient. Für Ihre Groß⸗ muth muß ich danken, Herr Rempelmeier.“ „Stolzer Junge! Hm! Hm!“ murmelte dieſer, ſah aber nicht im geringſten böſe aus, ſondern warf einfach die übrigen ſechszehn Louisd'or wieder in das Käſtchen, aus dem er ſie genommen hatte.„Jetzt zu Euch, Mei⸗ ſter Leonhard. Was bekommt Ihr von mir? Sprecht geradezu! Ihr habt doch auch Manches verſäumt wäh⸗ rend meiner Krankheit.“ 4 „Pah, das iſt ja nicht der Rede werth!“ erwiederte Meiſter Leonhard treuherzig.„Nachbar⸗Pflicht! Ganz einfach! Schon recht! Ich mag nichts, brauch nichts, und will nichts, ſondern ſage ſchönen Dank, Herr Rempelmeier.“ „Nun denn, ſo wären wir ja fertig! Alles bezahlt!“ ſagte dieſer, ſehr erfreut dem Anſcheine nach. „Ja, Alles bezahlt!« ſprach der Doktor trocken, und griff nach ſeinem Hute.„Empfehle mich, Herr Rempelmeier!“. — 121 „Halt! Nicht ſo raſch, Doktor! Und Sie auch, Wunderlich? Sie wollen auch fort?« »Nun ja doch! Es iſt ja Alles bezahlt, wie Sie ſagen!« „Gewiß, was ſich bezahlen läßt,« ſprach Herr Rempelmeier, und ſein Geſicht nahm plötzlich einen an⸗ deren Ausdruck, den Ausdruck der tiefſten Rührung an. Seine Augen ſtrahlten, ſeine Lippen bebten.—„Dok⸗ tor! Wunderlich! Wilhelm, mein Sohn! Beſte Muhme! Alter treuer Leonhard!“ rief er mit zitternder Stimme —„Ihr konntet wirklich, alſo wirklich glauben, daß der alte Rempelmeier noch nicht ganz kurirt ſei? Ich ſagte Euch doch, daß ich's wäre: ganz und gar, von Grund aus und für immer! Und doch noch Miß⸗ trauen? Das ſchmerzt! Ei ja doch, ja doch! Ich habe Euch bezahlt, was zu bezahlen war, wiederhole ich,— aber kann ich denn die Liebe und Sorgfalt bezahlen, die mir dieſer brave Junge und ſeine Mutter und der alte Brummbart da bezeigt haben? Meint Ihr denn, daß ich, weil ich geizig war, recht geizig, daß ich, ſage ich, nun auch ein Herz von Stein haben muͤßte! Meint Ihr denn, ich hätte ungerührt bleiben können bei ſo vieler Liebe, Treue, Sorgfalt und Uneigennützigkeit? Nein, nein, nein! Ihr ſollt beſſer vom alten Rempel⸗ meier denken lernen! Die Augen ſind mir aufgegangen! Ich habe eingeſehen, und hier fühle ich's, daß die Liebe guter Menſchen mehr werth iſt, als alles Gold! Was wäre ich, wenn dieſer Knabe nicht edelmüthig über mich gewacht, und mir Böſes mit Gutem vergolten hätte? Nicht viel mehr, als ein Bettler, oder eine Leiche! Wil⸗ helm, mein Sohn— hierher— an mein Herz! Du 1²² biſt mein Kind, und ich will dein Vater ſein von jetzt an!«— Erſtaunt, erſchüttert ſtanden Alle, während Wilhelm, in Thränen ausbrechend, an die Bruſt des alten, nicht minder tief ergriffenen und erſchütterten Mannes ſank. „Das iſt brav!« ſagte Meiſter Leonhard.„Ich gra⸗ tulire, Herr Rempelmeier. Jetzt, wo Sie ſolchen Sohn haben, ſind Sie reich, und wenn Sie auch all' Ihr Hab' und Gut verloren hätten!“« „Gott hat ſein Herz gelenkt! Ich danke dir, Gott!« ſprach Frau Engelbert mit ſtrahlendem Blicke, indem ſie die gefalteten Hände zum Himmel aufhob. „Es iſt ein Wunder geſchehen!“ ſagte der Doktor. „Ja, ein Wunder!« wiederholte Herr Rempelmeier, indem er auch Frau Engelbert umarmte, und den Uebri⸗ gen herzlich die Hände ſchüttelte.»Ja, ein großes Wunder! Gott hat mein Herz gerührt durch Eure ein⸗ fachen Tugenden, mein Herz, das verhärtet war durch die Schlechtigkeit ſo mancher Menſchen, die mir auf meinem Lebenswege begegneten. Vielfach betrogen, ge⸗ täuſcht, hintergangen verlor ich ſchon früh alles Ver⸗ trauen zu den Menſchen, und wurde hart, geizig, ge⸗ fühllos und unbarmherzig. So kehrte ich hierher zu⸗ rück. Ich wollte nichts von Euch wiſſen, wollte nur mir allein leben, und da ich Niemanden hatte, den ich lieben konnte, ſo liebte ich nur mein Geld, meinen Reichthum, den ich unter Mühen und Sorgen, die ich Euch vielleicht ein anderes Mal erzähle, in Surinam erworben hatte. Da kam die Feuersbrunſt. Sie hätte mich klug machen ſollen, ſie erſchütterte auch wirklich mein verhärtetes Gemüth, aber ich dachte:„Sie haben ——— —— — - 123 mir aus Eigennutz geholfen, und das Käſtchen mit den Juwelen nur deßhalb nicht behalten, weil ſie die Strafe fürchteten. So belog ich mich ſelbſt. Endlich aber gingen mir die Augen auf. Die Pläne der Gott⸗ loſen entſchleierten mir das innerſte Gemüth der Wacke⸗ ren und Gerechten, die mir Böſes mit Gutem, Härte mit Liebe, ſtarre Feindſeligkeit mit aufopfernder Treue vergolten. Nun ſchmolz die Rinde von Eis und mein Gewiſſen erwachte! Wilhelm, mein Sohn, kannſt du mir verzeihen? Koͤnnt Ihr Alle mir verzeihen, was ich jetzt unnigſt bereue? Antwortet mir, ſagt mir, ob Ihr mich alten, harten, geizigen Vetter mit Eurer fort⸗ dauernden Liebe beglücken könnt?«— Wilhelm umarmte den Vetter von Neuem, Frau Engelbert drückte ſeine rechte, Meiſter Leonhard ſeine linke Hand. Das war ihre Antwort, und Herr Rem⸗ pelmeier verſtand ſie. »Alſo Alles vergeben und vergeſſen, und fortan Liebe und Freundſchaft?“« ſagte er jubelnd, und drückte Wilhelm mit Ungeſtüm an ſeine Bruſt.„Nun denn, ſo theilt Alles mit mir, was ich beſitze, und nie ſollt Ihr den Vetter Rempelmeier wieder einen alten Geiz⸗ hals ſchelten können!« „Amen!“ ſagte der Doktor und der Advokat Wun⸗ derlich mit gerührter Stimme, und nie hatten ſie Herrn Rempelmeier ſo warm die Hand gedrückt, als es in dieſem Augenblicke geſchZhg.———— Unſere einfache Geſchichte iſt zu Ende. Sie ſollte dir zeigen, lieber Leſer, daß die uneigennützige, ächte Liebe unter allen Verhältniſſen ſtärker iſt, als jede Kraft des Böſen, die ſtets vor ihr weichen muß, wie die 124 Mact vor dem Lichte. Dieß bewährte ſich auch in dem ferneren Leben unſerer Freunde. Sie waren glücklich, enn ſie liebten einander, und viele Jahre hindurch er⸗ freuten ſie ſich noch ihres reinen Glückes in demſel⸗ ben Hauſe, wo Gott ihre Herzen ſich hatte finden und fuͤr immer in treuer Liebe ſich vereinigen laſſen.— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. 8 * ffffffmmmffffffß ffffffffſf 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 9 4 —