deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. TLeih- und Ceſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. fur wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nicht zu verwegen e rief ein Herr in den beſten Jahren von hoher ler Geſtalt und mit männlich ernſtem, ſchönen Geſicht einem fünfjährigen Knaben zu, welcher auf dem weiüene mit Sand beſtreuten Platze vor dem Schloße Socol⸗ nicz einen jener kleinen zugleich feurigen und kräftigen Pony's tummelte, und das Thier zu den hitzigſten Sprüngen ſpornte. Ali wird dich in den Sand wer⸗ fen, mein Junge, wenn du ihn nicht ſchonender be⸗ handelſt!“ „Oho, ich ſitze feſt im Sattel, Papa, fürchte nichts für mich!“ rief der kleine Burſche blitzenden Auges zurück, und gab dem Pony abermals einen leichten Spornſtoß in die Flanken.„Sieh nur, Papa, wie prächtig Ali ſteigt! Wie er tanzt unter mir! Ich wette, er ſpringt mit Leichtigkeit über das Garteigelinder Soll ich' einmal verſuchen, Papa?“ 3 „Nein, nein! Auf keinen Fall!“ rief der 1t dem Knaben gebieteriſch zu. Graf und Bärenführer. Der verwegene Junge hatte aber bereits ſeinen Anlauf genommen, ſprengte im Carrière auf das Stacket zu, und der Pony hob ſich, um den kühnen Sprung zu thun. Im nämlichen Augenblicke tauchte aber plötzlich, wie aus der Erde gewachſen, jenſeits des Geländers eine menſchliche Geſtalt auf, und eine Stimme herrſchte dem Knaben barſch entgegen:„Zu⸗ rück! Du wirſt das Wageſtück nicht durchführen, Burſche!“ Der Ponny, erſchreckend und ſcheuend vor der plötzlichen Erſcheinung, machte, ehe der Knabe auf ſeinem Rücken es verhindern konnte, einen jähen Satz zur Seite und der Reiter flog, wie eine Kugel aus einer Bombe, im Bogen aus dem Sattel in den Sand. Der gelle Aufſchrei des entſetzten Vaters vermiſchte ſich mit einem anderen Schrei, der eher höhniſch triumphirend und hohnlachend, als erſchrocken und theilnehmend klang. Der Vater vernahm dieſen zweiten Schrei nicht. Er ſtürzte in Todesangſt auf den Knaben zu, der be⸗ ſinnungslos auf der Erde lag, aber immer noch mit krampfhaft geſchloſſener Hand die Zügel des ſcheuen Pferdes feſthielt. Ein Augenblick genügte, ſie der ſchwachen Kindeshand zu entreißen, und während der 3— Pony in wilden Sätzen auf dem Hofe herum fegte, hob der Vater den betäubten Knaben auf, und trug ihn auf ſeinen Armen die Treppe hinauf in das Schloß. „Zu Hülfe!“ rief er mit Donnerſtimme,„Stein! 4 Suſanne! Zu Hülfe, um Gottes willen! Felix ſtirbt mir unter den Händen!“ 1 ein lauter Ruf lockte ſchnell einige Diener, und ——— ——-——— ——— 3 einen alten Mann mit grauen Locken, den Haushof⸗ meiſter Stein, herbei. „Was iſt geſchehen, Herr Graf?“ fragte dieſer. „Felix! Um des Himmels willen, was iſt ihm be⸗ gegnet?“ „Vom Pferde geſtürzt!“ ſtieß der Graf haſtig her⸗ vor.„Geſchwind einen reitenden Voten zum nächſten Arzte! Mein armer Knabe! Er regt ſich nicht! Barm⸗ herziger Gott, habe Mitleiden mit mir! Es iſt mein einziges Kind! Nimm mir nicht die alleinige Freude meines ganzen Lebens!“ Der alte Stein, anſtatt der Weiſung des Grafen zu folgen, rannte in ein Zimmer und kehrte ſchnell mit einem Fläſchchen Aether zurück, von welchem er einige Tropfen in ſeine Hand goß, und damit Stirn und Schläfe des noch bewußtloſen Knaben einrieb. Faſt unmittelbar darauf ſchlug der Kleine die Augen auf, und blickte etwas verwirrt, aber doch hell und klar ſeinem Vater und dem alten Stein in's Geſicht. Muth, Herr Graf,“ ſagte der Letztere freudig,— „Felix lebt, und wird ſich bald gänzlich erholen! Ein Arzt, ſo hoff' ich zuverſichtlich, wird nicht nothwendig werden! Sie wiſſen ja, Herr, ich bin ſelber ſo ein Stückchen von Doktor, und ich ſehe ſchon, es iſt keine unmittelbare Gefahr vorhanden. Legen Sie, ich bitte, den Knaben auf das Sopha!“ Der Graf, hoch erfreut, wenigſtens wieder ein Lebenszeichen ſeines Sohnes zu ſehen, bettete den Knaben ſanft nieder, und der alte Stein unterſuchte ſorgſam und vorſichtig die Glieder deſſelben, um ſich zu überzeugen, daß kein Arm und kein Bein gebro⸗ 2* chen ſei. Mittlerweile lächelte das Kind ſchon wieder, und nickte dem Vater freundlich zu. „Mir fehlt nichts, Papa,“ ſagte er.„Aber ich war wahrhaftig nicht daran ſchuld, daß ich die Steigbügel verlor. Wann nicht Vetter Albin am Stacket erſchie⸗ nen wäre, vor dem der Pony ſich ſcheute, ſo wäre ich ungefährdet in den Garten gekommen! Aber was willſt denn du, Vater Stein?“ „»Nur ſehen, ob deine Knöchelchen alle noch heil und geſund ſind, Felix,“ erwiederte der alte Mann. „Sie haben nichts mehr zu fürchten, Herr Graf,“ wendete er ſich dann zu dem noch ängſtlich harrenden Vater.„Felix iſt friſch und geſund! Der eine Arm iſt ein wenig gequetſcht, aber wir werden mit ein paar blauen und gelben Flecken wegkommen, denke ich!“ „Ja freilich,“ fügte der muntere Junge hinzu, in⸗ dem er plötzlich vom Sopha in die Höhe ſprang und mit beiden Armen in der Luft herumfocht.„Mir fehlt gar nichts! Nicht einmal ein bischen Schmerz empfinde ich!“ „Gott ſei Lob und Dank, daß Er dich gnädig be⸗ hütet hat, mein Sohn,“ ſprach der Graf, indem 9 te. den Knaben in ſeine Arme ſchloß und zärtlich küß „Es war ein entſetzlicher Anblick für mich, Stein, dieſen Sturz von Felix zu ſehen! Ich glaubte, das Herz müſſe mir brechen auf der Stelle!“ „Aber nun iſt ja Alles gut und vorbei, Väterchen,“⸗ ſagte der Knabe ſchmeichelnd,—„und nicht wahr, nun darf ich auch wieder hinunter und noch ein bis⸗ chen reiten? Du ſollſt ſehen, ich ſpringe jetzt noch mit Ali über das Geländer!“ „Nein, nein, das wäre ein Frevel, den ich nimmer⸗ mehr geſtatten kann,“ verſetzte der Graf mit abweh⸗ render Miene.„Das würde Gott verſuchen heißen! Für heute bleibſt du ruhig auf dem Sopha liegen, Felix! Nicht gemurrt! Ich befehle es, und werde bei dir bleiben, um dir die Langeweile zu vertreiben. Nicht wahr, lieber Stein, es iſt beſſer ſo?“ „Gewiß, Herr Graf,“ verſetzte der alte Mann ehr⸗ erbietig,—„es könnte doch vielleicht eine kleine Hirn⸗ erſchütterung in Folge des Sturzes vorgekommen ſein, und dieß zu ermitteln, muß Felix ſich wenigſtens bis morgen möglichſt ruhig verhalten. Wenn Sie es er⸗ lauben, Herr Graf, ſo vereinige ich mit Ihren Be⸗ mühungen die meinigen, um Felix die Zeit der Ge⸗ fangenſchaft zu verkürzen!“ Der Graf gab gern ſeine Einwilligung, und Felix klatſchte fröhlich in die Hände, indem er ausrief: »Ja, ſo iſt's recht! Wenn Stein bei mir bleibt, will ich mich ganz ruhig verhalten. Er kann ſo hübſch mit mir ſpielen! Weißt du was, Stein? Hole mir den Baukaſten her, rücke mir einen großen Tiſch vor das Sopha, und dann laß' uns Schlöſſer und Feſtun⸗ gen bauen! Der alte Vater Stein verſteht ſich darauf, Papa! Neulich hat er mir Socolnicz gebaut, grade wie es iſt, mit dem gothiſchen Thorwege und den vier dicken Eckthürmen, daß man es auf der Stelle erkennen mußte!“ Der alte Mann erfüllte bereitwillig die Wünſche des Knaben, rückte einen Tiſch an das Sopha, ſchüt⸗ tete den Inhalt eines großen Baukaſtens darauf aus, und bemerkte mit Vergnügen, daß Felix nach wenigen Minuten ſchon ſo ganz in ſeine Baupläne vertieft war, daß er alles Andere, ſelbſt die Anweſenheit ſeines Vaters und des alten Stein darüber vergaß. Der Graf blickte dem Spiele des Knaben nachdenklich zu; Stein beobachtete das Kind eine gute Weile mit gro⸗ ßer Aufmerkſamkeit, und ſein treuherziges, runzliges Geſicht nahm einen immer zufriedeneren Ausdruck an. „Es fehlt unſerem Felix nichts, aber auch gar nichts, Herr,“ flüſterte er dem Grafen in's Ohr. „Der böſe Sturz iſt ohne ſchlimme Folgen geblieben. Wenn Felix eine Hirnerſchütterung erlitten hätte, würde er über Kopfweh klagen, müde und ſchläfrig ſein und ſich jedenfalls nicht mit ſolchem Eifer in das Spiel vertiefen.“ „Ich hoffe das ſelbſt,“ verſetzte der Graf eben ſo leiſe.„Im innerſten Herzen danke ich Gott dafür, daß er das ſchwerſte Unglück von mir abgewen⸗ det hat.“ „Wie war es aber überhaupt nur möglich, Herr Graf, daß Felix vom Pferde ſtürzen konnte?“ fragte der alte Haushofmeiſter.„Er iſt doch trotz ſeiner Jugend ein ganz fermer Reiter, und tummelt ſeinen Pony mit einer Sicherheit, die mich ſchon manchmal in Erſtaunen geſetzt hat.“ „Ein unglücklicher Zufall führte den Sturz herbei,“ keerwiederte der Graf.„Die Geſtalt meines Vetters tauchte grade in dem Momente, wo Felix über das Stacket ſetzen wollte, jenſeits deſſelben auf, das Pfer ſcheute, machte unerwartet einen mächtigen Satz zur Seite, und Felix flog aus dem Sattel. Ein Zufall, weiter nichts, der aber ſehr traurige Folgen hätte nach ſich ziehen können.“ „Hm! Hm! Ein Zufall! Ein bloßer Zufall,— weiter nichts?“ murmelte der Haushofmeiſter mit ſehr ernſtem Geſicht.„Wiſſen Sie, Herr Graf, ich denke, dieſer Zufall iſt nicht ſo ganz zufällig, wie Sie in Ihrer ahnungsloſen Hochherzigkeit ſich überreden wollen.“ „Wie meinſt du das, Stein?“ fragte der Graf betroffen. „Ich meine, mit gnädigſtem Verlaub, Herr Graf, daß ich Ihrem Vetter, dem Herrn Albin nicht über den Weg traue,“ verſetzte der alte Mann mit Ent⸗ ſchiedenheit. Graf Robert ſchüttelte den Kopf. „Du biſt nicht recht bei Troſt, Stein,“ entgegnete er.„Mein Vetter liebt mich und meinen Knaben, er beweißt uns bei jeder Gelegenheit ſeine Anhänglichkeit, und hat namentlich Felix ganz beſonders in ſein Herz eingeſchloſſen. Außerdem, welchen Grund könnte er haben, mir oder Felix übel zu wollen? Er iſt mein Gaſt, ich bin ſein einziger Halt und ſeine einzige Hoff⸗ nung in der Welt, ohne meine Unterſtützung würde er ein Bettler ſein, er hat alſo vollkommen begründete Urſache, Anhänglichkeit für uns zu fühlen.“ „Aber haben Sie wohl ſchon daran gedacht, Herr Graf, daß Felix das einzige Hinderniß iſt, welches zwiſchen dem Grafen Albin und der Ausſicht ſteht, dereinſt Erbe Ihrer großen Güter und Beſitzthümer zu werden?“ ſagte Stein mit bedenklichem Nachdruck. „Wenn Felix ſtirbt, ſo iſt Graf Albin als Ihr ein⸗ ziger noch lebender Verwandter in grader Linie natur⸗ gemäß Ihr Univerſal⸗Erbe und dereinſtiger Nach⸗ folger.“ Graf Robert konnte eine leichte Betroffenheit bei 5 „Thorheit, mein Alter,“ erwiederte er.„Du ſiehſt überall nur Geſpenſter! Ich möchte um jeden Preis wetten, daß mein Vetter ſo wenig als ich, je daran gedacht hat, daß er einſt mein Nachfolger werden könne. Felix iſt ja geſund, kräftig und munter wie ein Fiſch, und wird von uns, von mir, von dir, von der alten Urſula und den übrigen Dienern gehütet, wie unſer Augapfel. Was könnte ihm da geſchehen? Unſinn, mein alter Stein! Schlage dir ſolche Grillen aus dem Kopfe.“ »Und der Sturz heute?“ entgegnete der Haushof⸗ meiſter hartnäckig.„Wer gab die Veranlaſſung dazu? Der Graf Albin? Das iſt kein Zufall, behaupte ich!“ Graf Robert ſchüttelte unwillig den Kopf. „Du biſt wirklich ein ſchwarzgalliger Thor, mein Freund,“ ſagte er.„Ich kenne meinen Vetter Albin ſeit vielen Jahren, und weiß wohl, daß er leichtſinnig und ein Verſchwender geweſen iſt. Aber eben ſo gut weiß ich, daß er nie mit Willen und Abſicht eine ſchlechte That begehen wird. Nein, nein, ſchweige mir „von ſolchen Verdächtigungen, alter Stein! Albin iſt mein Freund, und mir, wie meinem Sohne treu er⸗ geben! Der ſchwärzeſte Undank wäre es, wenn er es nicht wäre. Aber ich kenne dich ſchon, mein alter, braver Haushofmeiſter, du biſt mißtrauiſch gegen ihn, weil du fürchteſt, er könnte dich einmal früher oder ſpäter aus meiner Gunſt verdrängen. Ueber dieſen Punkt indeß beruhige dich, du wirſt immer, wie mein älteſter, ſo auch mein beſter Freund bleiben!“ Bei dieſen Worten reichte der Graf dem alten? dieſen Worten ſeines alten treuen Haushofmeiſters nur mit Mühe verbergen. Doch faßte er ſich ſchnell wieder. ——HQ⁷ ¶ p pp— 1 Manne ſeine Hand, die derſelbe gerührt und ergriffen an ſeine Lippen zog. „Gott ſegne Sie für dieſe Verſicherung,“ ſagte er mit bebender Stimme.„Gewiß kann ich ſchwören, daß Sie keinen treueren Diener haben als den alten Stein, der Sie ſchon, als Sie noch Knabe waren, auf ſeinen Knien gewiegt und geſchaukelt hat. Wenn Sie nur mehr auf die warnende Stimme Ihres treue⸗ ſten Dieners hören wollten!“ „Nichts mehr davon, mein Freund,“ ſprach der Graf abwehrend.„Ich kenne meinen Vetter und will nichts anhören, was ihn bei mir verdächtigen könnte!“ Der alte Mann ſeufzte, unterdrückte aber die Ant⸗ wort, welche ihm auf den Lippen ſchwebte. „Wohlan denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er ſich vom Grafen Robert ab⸗ und dem kleinen Felix zuwendete,„ſo wollen denn wir, Suſanne und ich, doppelt wachſam ſein, damit dem theuren Kinde kein Haar auf ſeinem Haupte gekrümmt werde. Ich traue ihm nun einmal nicht, dieſem Herrn Vetter, Grafen Albin! Und wenn er Ränke ſpinnt, ſo ſoll er ſehen, daß es Leute gibt, die ihn nicht aus den Augen laſſen!“ Neben dem Knaben niederſitzend, ſpielte er ein Weilchen mit ihm, bis raſch von außen die Thür auf⸗ geriſſen wurde, und ein noch junger Mann von etwa dreißig Jahren mit eiligen Schritten herein trat. Es war eine ſtattliche Figur mit martialiſchem Geſicht, dunklem Haar, und dunklem Barte, und mit dichten ſchwarzen Augenbrauen, unter welchen ein Paar tief⸗ rraune Augen hervorblitzten. Bei ſeinem Erſcheinen ang Felix vom Sopha auf, und lief, ohne ſich vom alten Stein aufhalten zu laſſen, auf den neuen An⸗ kömmling zu. „Onkel Albin, ſchön, daß du kommſt,“ ſagte er, indem er in die geöffneten Arme des Mannes ſtürzte, —„du mußt mir bezeugen, daß ich mit Ali über das Stacket geſprungen wäre, hätteſt du mich nicht ſo un⸗ erwartet daran verhindert!“ „Ja, lieber Junge, von Herzen gern bezeuge ich das,“ erwiederte der Graf Albin mit einſchmeichelnder Stimme.„Habe ich doch mit meinen eigenen Augen ſchon öfters geſehen, wie du weit größere Hinderniſſe mit Muth und Leichtigkeit überwandeſt. Aber vor allen Dingen beruhige mich über dein Befinden! Ich ſtürzte ohnmächtig vor Schrecken zuſammen, als ich dich vom Pferde fliegen ſah, und habe mich erſt nach und nach von den Folgen jenes jähen Entſetzens er⸗ holen können!“— „Ach, mir hat der Sturz gar nicht geſchadet,“ er⸗ wiederte Felix lachend.„Aber warum wehrteſt du mir denn, über das Stacket zu ſetzen? Ohne dein Dazwi⸗ ſchenkommen wäre der Pony nicht ſcheu geworden!“ Kind, wie konnte ich vorausſehen, daß Ali vor mmeiner Erſcheinung erſchrecken würde?“ verſetzte Graf Albin.„Ich war zufällig jenſeits des Stackets ganz in der Nähe, als ich hörte, was du deinem Vater zu⸗ riefeſt, und da ſprang ich ſchnell vor, um auf jede Weeiſe dein Wageſtück zu verhindern. Du hiätteſt auf der Stelle den Tod davon haben können, wenn der Pony überſetzte!“ „Warum denn das, ich verſtehe dich nicht, Onkel!“ „Aber dein Vater wird mich verſtehen, wenn ich ihm ſage, daß der Gärtner erſt heute früh das G tenland grade am Stacket entlang friſch umgegraben hat. Wäre der Pony hinüber geſprungen, du und er hättet unfehlbar Hals und Beine brechen müſſen.“ „Ah, das habe ich icht gewußt,“ ſagte Graf Robert mit einem bedeutſamen Blicke auf den alten Stein, den dieſer nur durch ein leichtes Achſelzucken erwiederte.„Da muß ich dir ja von Herzen danken, lieber Vetter! Wer konnte denken, daß der Pony ſo heftig erſchrecken würde.“ „Das freilich konnte auch ich nicht ahnen,“ erwie⸗ derte Albin.„Doch laſſen wir jetzt die Sache ruhen, und ſein wir froh, daß der kleine Unfall keine ſchlim⸗ men Folgen gehabt hat.“ „Nun, ein anderes Mal werde ich mich ſchon beſſer vorſehen,“ ſagte Felix.„Da ich jetzt Ali's Mucken kenne, ſoll er mir nicht wieder dergleichen Sprünge machen. Er plauderte hierauf ganz zutraulich mit Graf Albin weiter, ohne ſich noch um den alten Stein zu bekümmern, der ſich ſehr bald in aller Stille aus dem Gemache entfernte. „Schlauer Halunke,“ murmelte er draußen auf dem Corridor vor ſich hin,—„um Ausflüchte iſt er nie⸗ mals verlegen, und weiß ſich ſogar heuchleriſch den Schein zu geben, als ob er nur auf das gute Wohl des Knaben bedacht geweſen wäre. Mag ſich Graf Robert von ihm täuſchen laſſen,— ich kenne ihn beſſer und durchſchaue ihn. Er kennt recht gut das 4 Kenntniß baute er ſeinen tückiſchen Plan. Ali mußte vor ſeiner plötzlichen Erſcheinung ſcheu werden, mußte gewaltſam und heftig zur Seite ſpringen, wie es ja ſcheue Naturell des feurigen Pony, und auf dieſe 13 „Geht es mir doch eben ſo, Frau Suſanne,“ ſtimmte der Haushofmeiſter kopfnickend bei,—„Graf Albin heuchelt Freundſchaft, Liebe, Zärtlichkeit und Gott weiß, was noch, für unſern Herrn und den klei⸗ nen Felix, und doch bin ich feſt davon überzeugt, daß er Beide im Herzen haßt, und ſie am liebſten von der Welt ſchaffen möchte. Ja freilich, das wäre ſo ein Biſſen für den armſeligen Schlucker, mit einem Schlage unſere großen ſchönen Güter und Schlöſſer zu erben! Aber dieſer Biſſen ſoll nicht über ſeine Lippen kommen! Was denken Sie darüber, Frau Suſanne?“ „Ich denke,“ verſetzte die alte würdige Frau nach⸗ drücklich,—„daß es unſere Pflicht und Schuldigkeit als alte und getreue Diener dieſes edlen Hauſes iſt, über den Herrn und ſeinen Sohn zu wachen, wie über unſeren Augapfel! Das iſt meine Anſicht, und ich bezweifle ganz und gar nicht, daß es auch die Ihrige iſt, Stein!“ „Das ſchwöre ich Ihnen, Frau Suſanne,“ ſprach der Haushofmeiſter.„Ich will nicht müde werden, dem Herrn Grafen Albin auf die Finger zu ſehen und Sie, Frau Suſanne, dürfen den kleinen Felix nicht aus den Augen laſſen!“ „Das zu thun, verſpreche ich,“ erwiederte die wür⸗ dige Frau.„Ich liebe den Knaben, wie ſeine Mutter, die leider zu früh die Erde verlaſſen hat, und ich will über ihn wachen, wie nur eine Mutter es thun könnte. Das bin ich der verſtorbenen gnädigen Gräfin ſchuldig, die allezeit die Freundlichkeit und Güte ſelber war!“ „Nun denn, Frau Suſanne,“ nahm der Haushof⸗ meiſter wieder das Wort,—„ſo ſind wir alſo einig, —— —— ———— 3 — — * — und da wollen wir doch ſehen, ob zwei gute, ehrbare und treue Diener nicht ſtärker und mächtiger ſein wer⸗ den, als ein Böſewicht mit all ſeinem heimlichen ſchlechten Dichten und Trachten.“— Die beiden würdigen, alten Leute ſchüttelten ein⸗ ander die Hände, und beſiegelten damit ihr Schutz⸗ und Trutz⸗Bündniß für das Wohl ihrer geliebten Herrſchaft, des Grafen Robert Norman und ſeines Sohnes Felix. Mit beruhigtem und minder ſchwerem Herzen, als da er gekommen, verabſchiedete ſich dann der Haushofmeiſter von ſeiner Bundesgenoſſin, und verließ das Zimmer, um ſeinen gewöhnlichen Geſchäf⸗ ten nachzugehen. Frau Suſanne verſank, als ſich die Thür wieder hinter ihm geſchloſſen hatte, in tiefes Nachdenken, aus welchem ſie erſt mit den Worten er⸗ wachte: „Stein hat Recht! Der Graf Albin iſt ein gefähr⸗ licher Mann! Wir müſſen wachſam ſein!“ Die alte Frau, eine langjährige, bewährte Die⸗ nerin der gräflichen Herrſchaft auf Schloß Soeolnicz, täuſchte ſich in der That über den Charakter des Grafen Albin Normann eben ſo wenig, als ihr Ver⸗ bündeter, der Haushofmeiſter. Graf Albin war in Wirklichkeit ein ſchlechter und intriguanter Menſch, den mman jedes Verbrechens fähig halten konnte, wenn es ſich darum handelte, zu Reichthum und Anſehen zu gelangen. Und in ſeiner Lage handelte es ſich that⸗ ſächlich darum. Er war der einzige Verwandte des „Grafen Robert, welcher an der polniſch⸗preußiſchen Gränze weit ausgedehnte Beſitzungen mit mehreren Schlöſſern, mächtig großen Wäldern und vielen tau⸗ ſend Morgen guten Ackerlandes beſaß. Nur der kleine 45 Felix ſtand zwiſchen Albin und jenem reichen Beſitz, und ſeine moraliſche Verderbtheit flößte ihm erſt den lebhaften Wunſch, dann das Verlangen, und endlich die böſe Abſicht ein, Felix auf irgend eine Weiſe, ſei es durch Hinterliſt oder Gewalt, aus dem Wege zu räumen. Er war indeß ſchlau genug, ſeine finſteren Pläne hinter gut geheuchelter Dankbarkeit gegen den Grafen Normann und eben ſo gut geheuchelter Liebe zu dem kleinen Felix zu verbergen. Wie wir geſehen haben, war ihm dieß vollkommen bei ſeinen edelherzigen und großmüthigen Verwandten gelungen. Stein aber und Suſanne, die treuen Diener, hatten ſein wahres Weſen richtig erkannt und durchſchaut, und ließen ſich von ſeiner glatten Außenſeite nicht täuſchen. Graf Albin wurde ſo viel wie irgend möglich von ihnen beobachtet, und den kleinen Felix ließ Suſanne ſeit dem Sturze vom Pferde kaum mehr aus den Augen. Ob Graf Albin bemerkte, daß er der Gegenſtand heimlicher Beaufſichtigung ſei, konnte Niemand wiſſen. So viel aber ſtand feſt, daß weder der alte Haushof⸗ meiſter noch Suſanne ſich ſeiner beſondern Gunſt rüh⸗ men konnten. Er machte ſogar einmal den Verſuch, die beiden treuen Diener beim Grafen Robert anzu⸗ ſchwärzen und zu verläumden, um ſie aus dem Schloſſe fort zu ſchaffen. Graf Robert trat ihm aber hier ſo energiſch entgegen, daß Albin dieſen Verſuch niemals zu wiederholen wagte. Um ſo mehr verabſcheute er die wackern Leute, in deren Anweſenheit er das ge⸗ fährlichſte Hinderniß für Ausführung ſeiner hölliſchen Pläne mit allem Rechte vermuthete. 16 Vorläufig verhielt ſich indeß Graf Albin nach ſei⸗ nem verunglückten Verſuche, ſich des kleinen Felix durch das Scheuen ſeines Ponys zu entledigen, ganz ruhig. In ſorgloſer Trägheit lebte er ſeine Tage auf Koſten des Grafen Normann dahin, ritt oder fuhr ſpazieren, ging auf die Jagd, oder vertrieb ſich die Langeweile durch andere Zerſtreuungen, wie ſie die wild⸗ und fiſchreichen Umgebungen des Schloſſes So⸗ colnicz eben darboten. Um Felix ſchien er ſich nicht beſonders viel zu bekümmern, wenn er auch keine Ge⸗ legenheit vorüber gehen ließ, wo er ihm ſchmeicheln oder ihn liebkoſen konnte. Von ſeinen Jagdſtreifereien brachte er ihm allerlei kleine Geſchenke mit, bald einen bunten Vogel, den er erlegt, bald ein Eichhörnchen, das er gefangen, bald Eier von Vögeln, die er im Walde aus den Neſtern genommen hatte. Der Knabe freute ſich darüber, und wendete dem Vetter ſeine ganze kindliche Neigung zu. Oft bat er den Vater um Erlaubniß, den Grafen Albin bei einer ſolchen Jagdſtreiferei auf ſeinem Pony begleiten zu dürfen, aber dieß gab Graf Robert nie zu,— viel⸗ leicht von einer unbeſtimmten Ahnung getrieben, daß dem Kleinen in den einſamen, weitläufigen und düſtern Wäldern irgend welche Gefahren drohen könnten. Im Parke des Schloſſes, der von einem nicht breiten, aber ſehr tiefen und reißenden Bache durchſtrömt wurde, mochte ſich Felix mit Erlaubniß ſeines Vaters tum⸗ meln, ſo viel er wollte, ja, er ſchenkte dem Knaben ſogar eine kleine Vogelflinte, um damit Krähen und Elſtern im Parke zu ſchießen. Doch durfte Felix nur dann von dem Gewehre Gebrauch machen, wenn der alte Stein ihn begleitete, damit jedes etwaige Unglück* 17 durch Unvorſichtigkeit der Handhabung der Flinte ver⸗ mieden würde. Der Park von Socolnicz war ſehr groß und aus⸗ gedehnt. Er ſtreckte ſich vom Schloſſe bis an den Saum des faſt eine Stunde weit entfernten großen Waldes aus, von welchem er durch ein ſtarkes eiſer⸗ nes Gitter geſchieden wurde. Ueber den Bach, der ihn durchſtrömte, führten mehrere kunſtloſe Brücken. Die Ufer deſſelben waren von herrlichen Bäumen be⸗ ſchattet, deren Reichthum überhaupt die ſchönſte Zierde des Parkes ausmachte. Man konnte nirgends pracht⸗ vollere Eichen, Buchen und Birken ſehen, als die im Parke von Socolnicz. Felix hielt ſich gern in dieſem ſchönen Parke auf, und da ihn faſt immer der alte Stein begleitete, ſo ſtörte Graf Robert das Vergnügen ſeines Sohnes nicht, ſondern ſah es ſogar mit Freude, daß der kleine Burſche ſo viele und tiefe Empfänglichkeit für die Schönheiten der Natur beſaß. Eines Tages konnte indeſſen der alte Haushof⸗ meiſter den kleinen Felix nicht überwachen. Graf Robert ertheilte ihm in Gegenwart des Grafen Albin einen Auftrag, der ihn auf den ganzen Tag vom Schloſſe fern halten mußte. Bevor er den Auftrag ausführte, bat er indeß den kleinen Felix, heute nicht in den Park zu gehen, oder ſich, wenn es geſchähe, wenigſtens von Suſanne oder irgend einem andern Diener begleiten zu laſſen. Felix ſagte zu, hatte aber im nächſten Augenblicke ſein Verſprechen ſchon wieder vergeſſen. Graf Robert befand ſich nicht ganz wohl, und mußte deßhalb das Zimmer hüten. Sein Vetter Albin 2 Graf und Bärenführer. ——— 18 leiſtete ihm Geſellſchaft, war aber ſo wortkarg und verdrießlich, daß es dem Grafen Robert auffallen mußte.“ „Höre, Vetter,“ ſagte er zu ihm,„ich ſehe wohl, du langweilſt dich bei mir, was ich dir übrigens durch⸗ aus nicht übel nehme und gar nicht verarge. Beſteige mir zu Liebe ein Pferd und mache einen Spazierritt in freier Luft. Das wird dich aufheitern, und du wirſt heute Abend froh geſtimmt zu mir zurückkehren.“ Graf Albin ließ ſich das geſagt ſein, und ſträubte ſich gar nicht gegen den wohlgemeinten Vorſchlag ſei⸗ nes Vetters. Nach zehn Minuten ſaß er zu Pferde und ſprengte dem Walde zu, in deſſen dichtem Schat⸗ ten er bald ſpurlos verſchwand. Eine Stunde ſpäter befand er ſich an dem äußer⸗ ſten Ende des Parkes, da, wo derſelbe vom Walde begränzt wurde. Hier ſah er ſich vorſichtig um und ſprang, als er weit und breit kein menſchliches Weſen bemerkte, aus dem Sattel. Nachdem er das Pferd an einen Baumaſt feſt gebunden hatte, näherte er ſich dem eiſernen Geländer des Parkes, kletterte gewandt hinauf, und ließ ſich auf der andern Seite wieder auf den Boden niedergleiten. Jetzt befand er ſich im Parke und eilte raſchen Schrittes zu dem Bache hin. Am Ufer deſſelben an⸗ gelangt, ging er ſtromauf, bis er an eine Brücke kam, welche, wie alle Uebrigen, nur aus einem Stege von ſtarken Brettern beſtand. Mit leichter Mühe hob er ihn auf, ſchob ihn ein Stück zurück, und legte ihn dann ſo knapp am Rande des ſteilen Ufers nieder, daß er unfehlbar in das Waſſer hinabfallen mußte, wenn er von Jemand betreten wurde, mochte dieſer 19 Jemand auch nur ein Kind ſein. Mit tückiſch zufrie⸗ denem Lächeln betrachtete er einen Augenblick ſein Werk, ging alsdann weiter zu einer zweiten, dritten und vierten Brücke, bei welchen Allen er dieſelbe Manipulation, wie bei der erſten, ausführte. „Jetzt kann es nicht fehlen,“ murmelte er, als es geſchehen war.„Der dumme Junge wird jedenfalls Nachmittags den Park beſuchen, und falls er dann über eine Brücke geht, ſo iſt es ſeine Schuld, wenn er in's Waſſer fällt und erſäuft, wie eine junge Katze! Wohl bekomm' es!“ Nach dieſen Worten kehrte er eiligſt um, kletterte wieder über das Geländer, beſtieg ſein Pferd, und jagte im Galopp in das einſamſte Dunkel des Wal⸗ des hinein. Mittlerweile rückte der Tag vor, und in den Nach⸗ mittagsſtunden erwachte bei Felix das Verlangen, wie gewöhnlich in ſeinen lieben Park zu gehen und ihn kreuz und quer zu durchſtreifen. Die Flinte durfte er freilich heute nicht mitnehmen, weil ihn der alte treue Stein nicht begleiten konnte,— aber war denn nicht Sultan da, der große, ſtarke, prächtige Neufundländer Hund,— groß, wie ein Kalb, und ſtark, wie ein Wolf, dabei ſanft, fromm und anhänglich, wie ein Lamm? Felix löste ihn von der Kette, und ſah mit Vergnügen zu, wie er laut und freudig bellend mit großen Sätzen auf dem Hofe umher ſprang, und end⸗ lich, nachdem er ſeine Freude ausgetobt, ſchwanzwe⸗ delid zu dem Knaben lief und liebkoſend ſeine Hand eckte. „So, ſchön, Sultan, ſo, ſchön!“ ſagte Felix, und kraute ſchmeichelnd den breiten Kopf des edeln Thie⸗ 2* 20 res.“ Nun komm, und begleite mich in den Park! Allons, Sultan!“ Sie gingen. Der Hund ſprang bald voraus, bald umkreiste er in weiten Bogen ſeinen jungen Herrn, Lahete aber bei jedem Anrufe bereitwillig zu demſelben zurück. In den Wipfeln der Bäume rauſchte und flüſterte ein leiſer Windhauch, nah und fern ließen die mun⸗ teren Vöglein ihre melodiſchen Stimmen erſchallen, die Sonne glänzte hell vom blauen Himmel nieder, und malte tiefe, dunkle Schatten auf den von grauem, weichem Mooſe dicht bedeckten Erdboden,— es war ein herrlicher Sommernachmittag ohne zu große Hitze, mit köſtlich reiner und erfriſchender Luft, die Felix mit Entzücken einathmete. Der große weite Park lag da einſam und men⸗ ſchenleer. Außer dem Knaben war kein menſchliches Weſen zu erblicken. Die Dienerſchaft des Grafen war im Schloſſe, ſeine Knechte, Mägde und Hofbauern waren auf den Feldern beſchäftigt. Aber gerade dieſe Einſamkeit freute den kleinen Felix,— konnte er doch um ſo ungeſtörter ſeinen Träumereien und Beobachtun⸗ gen nachhangen. Mit hellen Augen um ſich blickend, gewahrte er Mancherlei, was ſeine Aufmerkſamkeit erregte und feſſelte: bald ein ſchlankes Reh, das dicht neben ihm aus dem Gebüſche kam, und mit großen Augen ihn furchtlos und zutraulich anſchaute, bis das laute Bellen des Hundes das ſchüchterne Thier in die Flucht jagte,— bald ein Pärchen ſpielender Eichhörn⸗ chen, die ſich luſtig zwiſchen den Zweigen der Bäume herum tummelten in blitzſchneller Flucht und eben ſo blitzſchneller Verfolgung; bald einen großen Raubvogel, 8 21 der hoch oben in der blauen Luft mit weit ausgebrei⸗ teten Schwingen ſeine Kreiſe zog, und von Zeit zu Zeit einen gellenden Schrei ertönen ließ, welcher die zahlreichen kleinen Singvögel ſo in Schrecken verſetzte, daß ſie einige Augenblicke ihr Geſangs⸗Concert ver⸗ ſtummen ließen und ſich unter den dichteſt belaubten Zweigen verbargen;— bald einen Fuchs, der mit ge⸗ ſenkter Ruthe einen ſchielenden Blick auf Felix werfend, nach den nächſten Büſchen ſchlich;— endlich den mur⸗ melnden Bach, deſſen glänzende Oberfläche tauſendfach die Strahlen der Sonne wiederſpiegelte, und wie mit blitzenden Diamanten beſäet ſchien. Felix erreichte eine Brücke, ging aber nicht dar⸗ über, ſondern ſchlenderte am dieſſeitigen Ufer des Baches weiter bis zu einer zweiten Brücke. Auch an dieſer wollte er vorüber gehen, als er, aufblickend, jenſeits derſelben einen hohen, mit glänzend rothen Blüthen bedeckten Blumenſtengel bemerkte, der ſeinen Gedanken eine andere Richtung gab. Die Blume reizte ihn ſo, daß er ſie zu beſitzen wünſchte, und ſorg⸗ los betrat er den Steg, ohne demſelben irgend welche Aufmerkſamkeit zu widmen. Sultan befand ſich etwa zwanzig Schritt hinter ihm, und bellte an einen Baumſtamm hinauf, in deſſen Zweigen ſich irgend ein Thierchen verſteckt haben mochte. Zur Hälfte bereits hatte Felix den Steg über⸗ ſchritten, da, plötzlich wich derſelbe vom jenſeitigen Ufer aus ſeiner Lage, und ſtürzte mit dem Knaben polternd und plätſchernd in das tiefe reißende Waſſer hinab. Vergeblich machte Felix noch im letzten Augen⸗ blicke den Verſuch, durch einen kühnen Sprung das Ufer zu gewinnen. Seine Kräfte reichten dazu nicht — 22 aus, und mit einem lauten Schrei fiel er hinter dem Stege her in das Waſſer, welches ſofort über ſeinem Kopfe zuſammenſchlug und ihn ſchnell mit ſich fortriß. Felix ſchien verloren, denn ſchwimmen konnte er nicht, und weit und breit war kein Retter und Helfer in ſeiner Nähe. Er ſelber gab ſich verloren. Noch einmal tauchte er aus dem Waſſer auf, noch einmal ſtieß er mit ſchon halb erſtickter Stimme einen Hülfe⸗ ruf aus,— dann zog ihn das Waſſer wieder in ſeine rauſchende Tiefe, um ihn, vielleicht für immer, darin feſtzuhalten. Da aber nahte ein Retter, der hier, beſſer viel⸗ leicht, als ein Menſch, dem ertrinkenden Knaben Hülfe bringen konnte. Der treue Sultan hatte den erſten Schreckensauf⸗ ſchrei von Felix gehört und mit zwei gewaltigen Sätzen das Ufer erreicht. Eben da tauchte Felix noch ein⸗ mal mit Arm und Haupt aus dem Waſſer auf, und im nämlichen Momente ſprang das edle Thier in den reißenden Bach, und hatte einen Augenblick ſpäter ſchwimmend ſeinen Schützling erreicht und vorſichtig mit den Zähnen am Kragen ſeines Wamſes gepackt. So ihn möglichſt hoch über dem Waſſer haltend, ſchwamm der wackere Neufundländer weiter, bis er eine flache Stelle am Ufer erreichte, die er benutzte, Felix auf das feſte Land zu tragen. Hier legte er ihn auf den weichen Raſen nieder, und leckte ihm zärtlich ſo lange Geſicht und Hände, bis Felix aus ſeiner Ohnmacht wieder erwachte, und mit ſeinen großen Augen verwundert umherſchaute. Schnell entſann er ſich der Gefahr, in welcher ſein Leben geſchwebt hatte, und er überhäufte ſeinen treuen 23 Sultan mit den zärtlichſten Liebkoſungen, die das edle Geſchöpf mit ſichtbarer Freude hinnahm und faſt zu ſtürmiſch erwiederte.. „Für heute iſt's aus mit unſerem Spaziergange, Sultan,“ ſagte Felix endlich,„meine Kleider ſind durch und durch naß, und da wird es wohl am beſten ſein, wenn wir ſo ſchnell als möglich in's Schloß zu⸗ rückkehren und uns zu der guten alten Suſanne flüch⸗ ten. Komm, Sultan!“ Felix hatte bereits wieder Kraft genug, um auf⸗ ſtehen und munter davonſchreiten zu können. Er eilte mit Sultan, der ſich jetzt dicht an ſeiner Seite hielt, als ob er noch Gefahr für ſeinen jungen Herrn be⸗ fürchte, zu der erſten Brücke zurück, um über dieſelbe an das andere Ufer gelangen zu können. Dieſes Mal war er aber nicht ſo unvorſichtig, ſie ſogleich zu be⸗ treten, ſondern unterwarf ſie zuvor einer genaueren Unterſuchung. Zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen fand er, daß der Steg ſo knapp am Rande des Ufers lag, daß er nothwendiger Weiſe ebenfalls in's Waſſer ſtürzen mußte, ſo wie er nur von einer ganz geringen Laſt beſchwert wurde. Felix hütete ſich daher ſehr wohl, ihn zu betreten, ſondern zog es vor, nach der dritten Brücke zu gehen. Auch dieſe, wie alle Uebri⸗ gen fand er im allergefährlichſten Zuſtande. Er ver⸗ ſuchte es, ſie wieder in ihre alte Lage zu bringen, aber ſeine ſchwachen Kindeskräfte reichten lange nicht dazu aus! „So wären wir denn gefangen, Sultan,“ ſagte er lachend, zu dem Hunde, der ihn mit zärtlichen Augen anblickte.„Was meinſt du, alter Freund? Wollen wir warten, bis man uns im Schloſſe vermißt, oder 24 wollen wir über das Geländer klettern, und auf einem freilich ein bischen langen Umwege in das Schloß zu⸗ rückkehren?“ Sultan konnte dem Knaben freilich keine verſtänd⸗ liche Antwort auf ſeine Fragen geben, doch bellte er laut, und drehte den Kopf nach dem Geländer hin. „Aha, ich begreife deine Anſicht, Sultan,“ ſagte Felix.„Wir ſollen über das Geländer klettern. Ich glaube wahrhaftig, daß dieſer Ausweg der beſte für uns iſt, denn es kann noch lange dauern, bis ſie uns im Schloſſe vermiſſen, und mittlerweile könnte ich mich in meinen naſſen Kleidern auf den Tod erkälten. Gehen wir aber durch den Wald, ſo bleiben wir hübſch in Bewegung, und dann wird mir das unverhoffte Bad keinen großen Schaden thun. Alſo vorwärts, Sultan!“ Der kluge Hund wartete keine zweite Aufforderung ab, ſondern ſprang luſtig bellend voraus. Nach einem Viertelſtündchen hatten ſie das Geländer erreicht. Sul⸗ tan kletterte ohne große Mühe hinüber, und Felix, dem es an körperlicher Gewandtheit nicht fehlte, folgte ihm eben ſo leicht nach. Mittlerweile war der Tag ſehr weit vorgerückt, und die röthlich angeſtrahlten Wipfel der hohen Tan⸗ nen, Buchen und Eichen ließen Felix erkennen, daß die Sonne im Untergehen begriffen ſein müſſe. Aber, obgleich er ſich ganz allein ohne menſchlichen Schutz im Walde befand, ſo fürchtete er ſich dennoch nicht, da er ſeinen treuen Sultan an ſeiner Seite hatte. Das edle Thier war ſtark genug, ihn zu beſchützen, elbſt wenn er von einem Wolfe angegriffen werden llte, was allerdings im hohen Sommer kaum zu er⸗ 2⁵ warten war. Unbeſorgt und leichten Herzens ſchlug deßhalb Felix die Richtung nach dem väterlichen Schloſſe ein, welches er nach Verlauf von etwa anderthalb Stunden mit Sultan ohne Unfall erreichte. Mit lautem Freudengeſchrei wurde der Knabe von den ihm zuerſt begegnenden Dienſtboten empfangen. Sie umringten, ſie herzten und küßten ihn, trugen ihn im Triumphe in's Schloß, und brachten ihn dem Vater, welcher durch ſeinen Anblick aus dem Zuſtande tiefſter Troſtloſigkeit in ein plötzliches leidenſchaftliches Entzücken verſetzt wurde. Was ſich im Schloſſe befand, kam herbei; Alle frohlockten; dem alten Stein und der treuen Suſanne liefen die hellen Freudenthränen über die Wangen. „Aber, mein Gott, was iſt denn vorgefallen, Vater, daß du und die Leute alle ſo außer ſich ſind?“ fragte Felix ganz erſtaunt.„Es iſt ja doch nicht das erſte Mal, daß ich mich ein wenig verſpätet habe, und heute nun beſonders war ich gezwungen, einen großen Umweg durch den Wald zu machen, um nach Hauſe zu gelangen. Was gibt es denn dabei Außerordent⸗ liches und Beſonderes?« „Oh, mein Sohn, wir Alle mußten ja glauben, daß wir dich nie lebendig wiederſehen würden,“ ver⸗ ſetzte Graf Robert, indem er Felix ſo feſt an ſein Herz drückte, als ob er ihn nimmer wieder von ſich laſſen wolle.„Als Stein in der Dämmerung zurück⸗ kehrte, fragte er zu allererſt nach dir, und erſchrak tödtlich, als Niemand ihm ſagen konnte, wohin du gegangen ſeieſt. Auch mich erfaßte eine unbeſchreib⸗ liche Furcht. Wir eilten ſogleich in den Park hinaus, und fanden dort zu unſerem Entſetzen wohl den in gelobte, daß er bis an ſein gepflegt und gefüttert werden 26 den Bach geſtürzten Steg, aber keine Spur von dir, mein Kind, wie wir auch nach dir ſuchten und riefen. Was konnten wir Anderes glauben, als daß du mit der Brücke in den Bach gefallen und ertrunken wäreſt? Von meinem Schmerze und meiner Verzweiflung dir eine Vorſtellung zu machen, biſt du nicht im Stande. Auch nicht von meiner furchtbaren Wuth, als wir die Entdeckung machten, daß alle übrigen Brücken in einen Zuſtand verſetzt waren, der es unmöglich machte, ſie zu paſſiren. Ich konnte nun nicht daran zweifeln, daß hier ein Verbrechen beabſichtigt war, ein Verbre⸗ chen, welches dich zum Gegenſtande haben mußte, da ja außer dir und Stein nur ſelten Jemand den Park beſucht. Daher meine Wuth, mein Schmerz und meine gänzliche Hoffnungsloſigkeit! Ich mußte daran ver⸗ zweifeln, dich jemals lebendig wiederzuſehen.“ »Nun, Vater, es fehlte auch in der That nicht viel daran, ſo wäre ich ertrunken,“ erwiederte Felix. „Wenn mein treuer Sultan nicht bei der Hand ge⸗ weſen wäre, ſo läge ich jetzt todt im Bache. Aber Sultan ſprang mir nach, als ich hinein ſtürzte, und brachte mich richtig an's Land. Da ich die übrigen Brücken eben ſo, wie du, unbrauchbar gemacht fand, und nicht Kraft genug beſaß, ſie wieder herzuſtellen, ſo kletterten wir, Sultan und ich über das niedrige Geländer am Waldſaume, und nahmen den Rückweg durch den Wald. Gott ſei Dank, da ſind wir, alle Beide ganz wohlbehalten!“ Natürlich wurde nach di eſer Erklärung der brave Sultan mit Liebkoſungen ſchüttet, und der Graf bensende auf's Beſte „Hierauf ſagte er: 27 „Aber wir vergeſſen über unſerem Freudenrauſche ganz und gar meinen Vetter Albin, der noch immer mit einigen Dienern im Parke beſchäftigt iſt, die Leiche meines Sohnes im Waſſer zu ſuchen. Stein, ſchicke doch ſogleich einen Boten an ihn ab, damit er von der glücklichen Wiederkehr des für verloren gehaltenen Knaben unterrichtet wird.“ „Halten zu Gnaden, Herr Graf,“ antwortete Stein ſo leiſe, daß nur ſein Herr ihn verſtehen konnte,— „wenn Sie erlauben, werde ich ſelber gehen, den Gra⸗ fen Albin zu benachrichtigen, aber ich werde ihm nicht ſagen, daß Felix ganz wohlbehalten daheim iſt, ſon⸗ dern nur, daß Sie ihn bitten laſſen, die doch jeden⸗ falls nutzloſen Nachforſchungen aufzugeben und ohne Verzug zu Ihnen zu kommen.“ Der Graf ſah Stein mit großen Augen an. „Zu was denn das?“ fragte er.„Warum ſoll mein Vetter nicht gleich hören, daß Felix der Gefahr entgangen iſt?“ „Weil ich den Grafen Albin überraſchen möchte,“ verſetzte Stein, und ſetzte noch leiſer und vorſichtiger hinzu:„überraſchen, um ihm nicht Zeit zu laſſen, wieder einmal, wie ſo oft ſchon, den Unſchuldigen zu heucheln.“ „Was willſt du damit ſagen, Stein“ fragte der Graf ſtreng und mit ernſtem Blick.. „Ich will damit ſagen, Herr Graf,“ entgegnete er,„daß ich in meinem Herzen die feſte Ueberzeugung hege, daß kein Anderer als Graf Albin Ihrem Sohne eine Falle geſtellt und die Bachſtege verrückt hat.“ „Unmöglich!“ ſtammelte der Graf, vor Entſetzen 28 zurückprallend.„Albin, mein Vetter, ſollte im Stande ſein, eine ſolche Schandthat zu begehen? Unmöglich!“ „Laſſen Sie mir freie Hand, Herr Graf, und Sie werden aus dem Benehmen Albin's, wenn er ganz unerwartet Felix, den er todt glaubt, wiederſieht, er⸗ kennen, ob mein Verdacht begründet iſt oder nicht. Befehlen Sie den Leuten, dem Grafen Albin keinerlei Mittheilung zu machen, und erlauben Sie mir, daß ich ihn aus dem Parke abrufe und hier in Ihr Ge⸗ mach führe, wo ihm denn Felix plötzlich vor Augen geſtellt werden muß. Aber er muß ihn allein ſehen, und Sie werden die Güte haben, von dem dunkeln Kabinete dort aus den Grafen Albin zu beobachten.“ Der Graf kämpfte einige Augenblicke mit ſich ſelber. Es widerſtrebte ſeinem edeln Gemüth, ſeinen nächſten Blutsverwandten eines abſcheulichen Verbre⸗ chens verdächtig zu halten, und doch durchblitzte ihn eine Ahnung, als ob der alte Stein mit ſeiner Be⸗ ſchuldigung möglicher Weiſe nicht ganz unrecht haben könne. Die Liebe zu ſeinem einzigen Sohne gab end⸗ lich den Ausſchlag zu ſeinem Entſchluſſe. Noch gab er die Hoffnung nicht auf, daß Albin fleckenlos aus der mit ihm angeſtellten Prüfung hervorgehen würde; zeigte ſich aber ein wirklich dringender Verdacht gegen ihn, ſo war Graf Robert es ſich ſelbſt und ſeinem Sohne ſchuldig, den entlarvten Böſewicht aus ſeiner Umgebung zu entfernen, und ſo ihn möglichſt un⸗ ſchädlich zu machen. „Geh, mein Freund,“ ſagte er zu Stein.„Hole den Grafen Albin, und ſei verſichert, daß ich deine Weiſungen ganz genau befolgen werde. „Ihr aber,“ wendete er ſie ienerſchaft,„Ihr 29 werdet durch keine Andeutung, durch kein Wort und keinen Wink dem Grafen Albin zu erkennen geben, daß Felix wohl und munter zurückgekehrt iſt. Mein Vetter ſoll überraſcht werden, vollſtändig überraſcht. Und nun verlaßt mich. Ich will mit Felix allein bleiben.“ Die ganze Dienerſchaft entfernte ſich ſchweigend, und zerſtreute ſich im Schloſſe. Stein verließ daſſelbe und eilte in den Park, um den Grafen Albin zu holen. Der Graf und einige Diener durchſuchten mit lan⸗ gen Stangen den Grund des Baches, um die Leiche des kleinen Felix ausfindig zu machen, entdeckten aber aus leicht begreiflichen Gründen keine Spur von ihm. Der alte Stein theilte dem Grafen Albin mit, daß der Schloßherr ihn zu ſprechen wünſche, und ſogleich warf derſelbe ſeine Stange fort... „Laßt es gut ſein, Leute,“ rief er ſeinen Gehülfen zu,—„die Strömung iſt ſo reißend grade an dieſer Stelle, daß ſie den Korper des kleinen Felix mit ſich fortgeriſſen haben muß, wer weiß, wie weit. Morgen bei Tage können wir allenfalls weitere Nachforſchungen anſtellen.— Wie befindet ſich Graf Robert?“ fragte er dann den alten Stein.„Hat er ſich aus ſeinem Jammer wieder aufgerafft?“ „Der Herr Graf werden ja ſelbſt ſehen,“ erwie⸗ derte Stein.„Mir ſchien es, als ob der Herr wieder ganz gefaßt und ruhig ſei.“ „Das wäre am beſten ſo,“ verſetzte Graf Albin. „Was hilft das Weinen und Klagen? Hin iſt hin! Und im Grunde genommen, war Felix doch weiter nichts, als ein kleiner verwegener Taugenichts. Sein 30 Vater hätte noch viel Aergerniß an ihm erleben können.“ 3 8 Stein gab keine Antwort auf dieſe höhniſch klin⸗ gende Bemerkung des Grafen, ſondern ging ſchweigend hinter ihm her. Im Schloſſe angelangt, begab ſich der Graf nach den Gemächern ſeines Vetters. Stein blieb im Vorzimmer zurück. Als der Graf in das Wohngemach trat, welches von mehreren Lichtern hell erleuchtet war, erblickte er zuerſt kein menſchliches Weſen. Plötzlich aber kam der kleine Felix hinter einem großen Ofenſchirm hervor, und bok dem Grafen mit der unbefangenſten Miene voon der Welt„guten Abend“. Graf Albin blieb wie erſtarrt ſtehen, ſein Geſicht wurde von jäher Todtenbläſſe überdeckt, ſeine Augen —— weit aufgeriſſen, ſchienen aus ihren Höhlen treten zu— wollen. ⸗ „Tod und Teufel,“ ziſchte er zwiſchen den zuſam⸗ mengebiſſenen Zähnen hervor,—„er lebt, und ich frohlockte zu früh! Junge, welcher Satan hat dich vom Ertrinken gerettet?“ „Kein Satan, Onkel, ſondern Sultan, mein treuer Neufundländer,“ verſetzte Felix.„Aber warum ſiehſt du mich denn ſo finſter an, Onkel? Freueſt du dich denn nicht, daß ich noch am Leben bin?“ Graf Albin gab keine Antwort. Noch einen wil⸗ den, drohenden Blick warf er dem argloſen Knaben zu, und ſtürzte dann, mit einem Fluch auf den Lippen, aus dem Zimmer. Kaum war er fort, ſo trat Graf Robert aus der dunkeln Kammer und ſchloß ſeinen DSohn zärtlich in die Arme. „Denke nur, Vater, eben war der Onkel da,“ ſagte 31 der kleine Felirv;—„aber er ſah gar nicht freundlich aus, wie ſonſt, ſondern böſe und wild, ſo daß ich mich vor ihm fürchtete.“ „Fürchte nichts, mein Kind,“ erwiederte der Vater. „Du biſt von treuen Menſchen umgeben, die es nicht dulden werden, daß man dir ein Leid zufügt.— Stein!“ rief er dann laut. Stein erſchien ſofort auf den Ruf im Zimmer, wo er ſeinen Herrn ſehr bleich und angegriffen fand. „Um Gottes willen, Herr Graf, Sie ſind doch nicht krank?“ fragte er beſorgt. „Nein, lieber Freund,“ erwiederte der Graf,— „krank nicht, aber entſetzt und von Abſcheu erfüllt über den Abgrund von Schlechtigkeit, den ich in dem ſchwarzen Herzen meines Vetters entdeckt habe. Stein, dein Verdacht gegen den Grafen Albin war nur zu begründet. Als der Unmenſch plötzlich den Knaben, den er verderben gewollt, geſund und blühend vor ſich erblickte, verlor er vor Wuth und Schrecken ſeine heuchleriſche Maske und verrieth mir ſeine heimlichſten Gedanken. Ich verachte und verabſcheue ihn, und will ihn keine Stunde länger in meinem Schloſſe dulden. Mag er ſich in ſein altes halb verfallenes Schloß Goczyn zurückziehen. Unter der Bedingung, daß er ſich nie wieder unterſteht, ſich davon zu entfernen und in hieſiger Gegznd blicken zu laſſen, will ich ihm eine Penſion von jährlich tauſend Thalern auszahlen laſſen. Geht er auf dieſe Bedingung nicht ein, ſo ſoll er ſo⸗ fort mein Schloß verlaſſen und ſeinen Wohnſitz nach ſeinem Gefallen wählen,— ich aber unterſtütze ihn dann mit keinem Pfennig. Sage ihm das, Stein! Verweiſung nach Goczyn und Verbannung daſelbſt, 32 oder fortgejagt aus Schloß Socolnicz, wie ein blut⸗ gieriger Wolf, der er iſt. Geh, und ſchärfe ihm ein, daß ich ihn nie in meinem Leben wiederſehen mag, und er mich alſo gänzlich unbehelligt laſſen ſoll, bei Strafe des Wegfalls der ihm gewährten Penſion!“ Stein verbeugte ſich, und ging, um ſeine Botſchaft auszurichten. Graf Albin war höchſt erſchrocken darüber. „Was bewegt meinen Vetter zu ſo ſtrengen Maß⸗ regeln gegen mich?“ ſtammelte er. „Suchen Sie die Antwort auf dieſe Frage in em Gewiſſen, Graf,“ entgegnete Stein kalt und „Ich für mein Theil kann weiter nichts ſagen, 8 mein Herr ſehr ſichere Beweiſe erlangt hat, ie es geweſen ſind, der die Brücken im Parke zu einer Falle für den kleinen Felix umgewandelt hat. Und nun,— was für eine Erwiederung ſoll ich dem Herrn überbringen?“ Albin war plötzlich ſehr blaß geworden, ſuchte ſich aber ſchnell wieder zu faſſen. „Lüge! ſchändliche Verläumdung!“ rief er aus. „ Ich muß den Grafen Robert ſprechen, um mich von ddiieſer abſcheulichen Anklage zu reinigen!“ „Der Herr Graf will Sie weder ſprechen noch ſehen,“ verſetzte der alte Stein feſt und eiskalt.„Sie haben nur die Wahl zwiſchen Ihrer Verbannung auf Schloß Goczyn, oder einfacher Verweiſung aus dem Schloſſe. Wählen Sie!“ Graf Albin ſtieß einen wilden Fluch aus. „Wenn die Sachen ſo ſtehen, bleibt mir keine Wahl,“ ſagte er grollend.„Ein Graf Normann kann nicht wie ein Bettler und Landſtreicher in die Welt 34 33 gehen. Ich habe mein Spiel verloren, und ziehe mich auf Schloß Goczyn zurück. Melden Sie das meinem Vetter.“ „Und darf ich ihm auch melden, daß Sie unver üglich abreiſen werden?“ fragte Stein.„Man wird eine leichte Kaleſche für Sie anſpannen laſſen.“ 6 „Sogleich? Jetzt, in der Nacht?““ „Sogleich! Mein Herr, der Graf Robert hat ſeinen feſten Willen kundgegeben, daß er Sie keine Stunde länger unter ſeinem Dache dulden will!“ — Die feſtgeſetzte Friſt von einer Stunde war noch nicht verſtrichen, ſo fuhr Graf Albin bereits, Haß, Wuth und Rachegelüſte im Herzen, aus dem Thore von Socolnicz, um ſich in ſein entlegenes kleines Schloß Goezyn zu begeben. Sein Lebewohl war ein Fluch, den er aber nicht wagte, über ſeine Lippen kommen zu laſſen. Zweites Kapitel. Der Bärenführer. Das alte, ſchon halb in Trümmern verſunkene kleine Schloß des Grafen Albin lag fünf Meilen von Socolnicz entfernt mitten im Walde, und bot nur einen ſehr unerquicklichen Aufenthalt dar. Eine Vier⸗ telſtunde davon breitete ſich allerdings ein ziemlich großes und wohlhabendes Dorf aus, aber dieſes, ob⸗ wohl früher Eigenthum der Pernchaft zu Goczyn, 85 3 und Bärenführer. 34 war ſchon längſt mit den zur Grafſchaft gehörigen Wäldern und Ländereien verkauft worden, und Graf Albin hatte keinerlei Beſitzungsrecht mehr daran. Von der vormals reichen und großen Herrſchaft Goczyn gehörte ihm überhaupt nichts mehr, als das beſagte halb verfallene Schloß, welches der Käufer der Herr⸗ ſchaft nicht hatte an ſich bringen wollen. Hier in einem verödeten Gemache, das kaum noch eine ganze Fenſterſcheibe aufzuweiſen hatte, und nur mit den allernothdürftigſten Möbeln verſehen war, hauste Graf Albin ſeit ſeiner Verbannung aus So⸗ colnicz, wie ein alter grimmiger Uhu in ſeinem Felſen⸗ neſte, und verzehrte ſich vor Langeweile und vor un⸗ bändiger Wuth, die er gegen ſeinen reichen und glück⸗ lichen Vetter Robert in ſeinem Herzen nährte und hegte. Das Leben, welches er führen mußte, war freilich ärmlich und erbärmlich im höchſten Grade. An Ge⸗ ſellſchaft fehlte es ihm gänzlich, und ebenſo an den gewohnten Luſtbarkeiten und Zerſtreuungen, zu denen ihm Graf Robert bereitwilligſt die nöthigen Mittel zu Gebote geſtellt hatte. Mit den rohen und unge⸗ bildeten Bauern mochte er keinen Umgang pflegen, und ſo ſah er nur ſelten ein anderes menſchliches Weſen, als einen halb blödſinnigen jungen Burſchen, der bisher ſo eine Art von Kaſtellan im Schloſſe ge⸗ weſen war, und nun ſeinen Diener vorſtellen mußte. Derſelbe holte für ihn die nothwendigſten Bedürfniſſe, als Lebensmittel u. dergl. m., aus dem Dorfe, be⸗ ſorgte die Küche, und machte dabei ſeine Sache grade ſchlecht genug, um von dem Grafen für ſeine Dienſte reichlich mit Schimpfworten und Püffen regalirt zu 35⁵ werden, aus denen er ſich übrigens nicht viel zu ma⸗ chen ſchien. Ganz gegen ſeine Gewohnheit kehrte Hans eines Tages aus dem Dorfe ſichtbar aufgeregt nach dem alten Eulenneſte Goczyn zurück. Der Graf Albin be⸗ merkte es ſogleich, und fragte nach der Urſache dieſer ungewöhnlichen Lebendigkeit des Burſchen. „Oh, Herr,“ antwortete dieſer,—„hören Sie denn nicht? das geht ja in Einem weg bum— bum — bumbumbum! auf der großen Trommel, und die Pickelflöte pfeift dazwiſchen, daß einem die Ohren gellen. Solche ſchöne Muſik habe ich lange nicht ge⸗ hört, Herr! Das ganze Dorf iſt aber auch auf den Beinen, um den Spektakel mit anzuſehen.“ „Was für Spektakel, du Eſel?“ fragte der Graf. „Wer paukt die Trommel und bläst die Pickelflöte?“ „Der Bärenführer, Herr,“ antwortete Hans ge⸗ ſchwind.„Das heißt, der Bärenführer läßt den Bären tanzen, ein großmächtiges Geſchöpf mit langem brau⸗ nem Zottelhaar, und führt auch das große Thier mit zwei Höckern auf dem Rücken im Kreiſe umher, und läßt es Kunſtſtücke machen. Ich glaube, Kameel nann⸗ ten ſie das ungeſchlachte Beeſt! Ja, und der Knecht des Bärenführers ſchlägt die Trommel und ein junger Burſche pfeift die Pickelflöte dazu. Es iſt ein Mord⸗ Spektakel, Herr, und wohl der Mühe werth anzu⸗ ſehen!“ Der Graf empfand in der That Neigung, nach dem Dorfe hinüber zu gehen, denn jede Unterbrechung ſeines einſamen Lebens konnte ihm nur willkommen ſein. Er hing ſeine Jagdtaſche um, warf ein altes roſtiges Jagdgewehr über die Schulter, und ſchritt 3* 36 durch den Wald auf das Dorf zu. Je näher er kam, deſto deutlicher drangen die dumpfen Klänge der gro⸗ ßen Trommel und die gellenden Töne der Pickelpfeife des Bärenführers ſelber, welche, wie Hans erzählt hatte, aus einem ungewöhnlich großen Bären von brauner Farbe, einem alten Kameel, einem Affen, der auf den Höckern des Kameels ſeine Fratzen ſchnitt und ſeine Capriolen machte, aus einem Hunde, und endlich aus dem Bärenführer ſelbſt und ſeinen zwei Knechten beſtand. Der Eine von dieſen war bereits ein ältlicher Mann mit bärtigem, ſchmutzigen Geſicht, und kückiſcher, verſtockter Miene. Der Jüngere ſah 1 e, als er aber den Herrn der Kara⸗ wane ſchärfer in's Auge faßte, ſtutzte er. Das ver⸗ witterte von Falten und Narben tief durchfurchte Ge⸗ ſicht, mit der langen Habichtsnaſe, den grauen, zu⸗ gleich frechen und boshaften Augen, und den ſchmalen eingekniffenen Lippen kam ihm ſeltſam bekannt vor. Er drängte ſich näher an ihn heran, faßte ihn noch eenmal ſcharf in's Auge, und war nun ſeiner Sache vollkommen gewiß. 1 „Iwan Iwanowitſch,“ ſagte er zu dem Menſchen, der grade den mißmuthig brummenden Bären mit dem Stock eine ſchwerfällige Polka tanzen ließ,— „Iwan Iwanowitſch, welch ein Wind bläst dich hie⸗ her, und noch dazu als Bärenführer?“ Der Angeredete fuhr bei der Nennung ſeines Na⸗ 8 zu ſeinem Ohre, und bald erblickte er die Karawane 37 mens heftig zuſammen, drehte ſich ſchnell um, und ge⸗ wahrte den Grafen, welcher ihn mit forſchendem Auge maß. Sofort ließ er ſeinen Bären los, und warf ſich dem Grafen zu Füßen, um den Saum ſeines Rockes mit Küſſen zu bedecken.. „Herr Graf, welche Freude für mich, ſo unver⸗ hofft meinen gnädigen Herrn Rittmeiſter wiederzu⸗ ſehen!“ rief der Kerl demüthig und ſchmeichelnd aus. Der Herr Rittmeiſter erweiſen mir die Ehre, mich noch zu kennen! Ich kann nicht ſagen, wie erfreut ich mich darüber fühle.“ „Steh auf, Kerl! Steh auf, Jwan Iwanowitſch,“ gebot der Graf.—„Wir wollen dem gaffenden Volke hier keine Scene zum Beſten geben. Aber ich möchte dich ſprechen, Iwan, und erfahren, wie es gekommen, daß du das Regiment verlaſſen haſt, und Bärenführer geworden biſt. Ich wohne nur eine Viertelſtunde weit von hier auf meinem Schloſſe Goczyn, beſuche mich dort, ſo bald als möglich. Es iſt zwar nur ein elendes, altes Neſt, aber ein paar Flaſchen Wein oder guter Schnaps finden ſich ſchon in den Kellergewölben für eine alte Kriegsgurgel, wie du biſt. Alſo ſprich, wirſt du kommen? Und wann?“ „Nach einer halben Stunde, gnädiger Herr,“ ver⸗ ſetzte der Bärenführer geſchmeidig.„Ich will nur meine Thiere in ihr Quartier bringen, und dann ſtehe ich dem Herrn Grafen mit Leib und Seele zu Dienſten.“ „Dann um ſo beſſer, Iwan Iwanowitſch,“ erwie⸗ derte der Graf ſehr gnädig und herablaſſend.„Viel⸗ leicht können wir ein Geſchäft mit einander abſchließen, das für dich ſehr vortheilhaft ausfallen kann, wenn 38 du geſcheidt biſt. In einer halben Stunde alſo er⸗ warte ich dich.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der Graf, ohne die anweſenden Landleute nur eines Blickes zu wür⸗ digen. Ein teufliſcher Plan war in ſeinem Gehirn auf⸗ getaucht, als er in dem Bärenführer einen vormaligen Soldaten aus dem Regimente, bei dem er ſelber früher als Offizier geſtanden, erkannt hatte. Iwan Iwano⸗ witſch galt ſchon damals für einen rohen und gewalt⸗ thätigen Menſchen, den man jeder Schlechtigkeit für fähig halten konnte, und Graf Albin muthmaßte, wohl nicht mit Unrecht, daß er ſich des Kerles recht wohl als eines Werkzeugs bedienen könnte, um einen Rache⸗ ſtreich gegen den ihm verhaßten Grafen Robert Nor⸗ mann zu führen. Keinen Augenblick zweifelte er an ddeer Willffährigkeit des alten wilden Kriegsknechtes, der durch ſein vagabundirendes Leben ſchwerlich beſſere Grundſätze als früher eingeſogen hatte, wenn er dem⸗ ſelben nur ein gutes Stück Geld für geleiſtete Dienſte anbot. In ſeinem verfallenen Schloſſe angekommen, ſchickte er zunächſt ſeinen Burſchen mit einem Auftrage fort, um die Verhandlung mit Iwan ohne Zeugen führen zu können, und erwartete dann mit lebhafter Ungeduld das Erſcheinen des Bärenführers. Als er pünktlich zur beſtimmten Stunde anlangte, empfing er ihn mit gleißneriſcher Freundlichkeit, lud ihn zum Niederlaſſen ein, und ſetzte ihm kalten Wildbraten mit einer Flaſche Wein und Branntwein vor. „Iß,“ ſagte er zu ihm,—„mit einem leeren und hungrigen Magen läßt ſich nicht verhandeln.“ — ——— 39 Der Bärenführer nickte, und ließ ſich nicht zum zweiten Male nöthigen. Er aß und trank mit gutem Appetite, bis er geſättigt war, ſchob dann Teller und Gläſer bei Seite, blickte ſeinen gaſtfreien Wirth mit lauernder Miene an, und ſagte: „Wohlan, Herr Graf, jetzt bin ich bereit, Sie an⸗ zuhören. Was verlangen Euer Gnaden von Ihrem unterthänigen Diener?* „Zuerſt beantworte mir die Frage, ob du noch der alte Iwan Iwanowitſch biſt, der allezeit bereit und fertig war, eine kühne That zu begehen, ohne ſich vor den Folgen zu fürchten?“ „Stellen Sie mich auf die Probe, Herr Graf,“ lautete die entſchloſſene Antwort des Bärenführers,— „ich fürchte nicht Tod und nicht Teufel, wenn ich gut bezahlt werde. Gutes oder Schlimmes, ich führe es durch.“ „So höre ich dich gern ſprechen, Iwan Iwano⸗ witſch,“ erwiederte der Graf.„Höre denn. Kennſt du das Schloß Socolnicz?“ „Ja, Herr Graf. Ich wollte morgen mit meiner Menagerie dorthin aufbrechen. Der Herr Graf Nor⸗ mann ſoll ein freigebiger Herr ſein, und wird einen armen Bärenführer, wie mich, nicht ohne ein Geſchenk von ſeinem Schloſſe weiſen. Er hat ein Söhnchen von fünf oder ſechs Jahren, das gewiß Gefallen an meinem Bären, meinem Kameele und Affen findet. Sicher hat der Kleine ſo etwas noch nicht geſehen.“ „Eben um dieſen Buben handelt es ſich,“ ſagte Graf Albin.„Er muß beſeitigt werden!“ „Doch nicht gar umgebracht, Herr Graf* rief der Bärenführer zurückfahrend aus.„Stehlen, Rauben, 40 Sengen und Brennen will ich für Sie, wenn es ſein muß,— aber ein Mord, noch dazu an einem kleinen Kinde, nein, das würde mir doch zu viel werden! Ich habe ein weites Gewiſſen, Herr Graf, aber— I grade heraus,— eine Blutſchuld will ich denn doch nicht auf meine Seele laden. Die läßt ſich nie wie⸗ der abwaſchen, und die Ausſicht auf Galgen und Rad iſt auch nicht dazu angethan, zu einem ſolchen Ver⸗ brechen einzuladen.“ „Wer ſagt dir denn, daß ich den Tod des Jun⸗ gen will, kindiſcher Menſch,“ ſagte der Graf ruhig, während trotzdem ein Schatten getäuſchter Erwartung auf ſeiner Stirn ſchwebte und ſeine Augen verdüſterte. „Beſeitigt ſoll er werden, heimlich geraubt und fort⸗ geführt, um nie wieder in dieſe Gegend zurückzukehren. Ich ſollte meinen, dieß müßte dir ein Leichtes ſein. Die polniſche Gränze iſt nicht weit, und haſt du mit dem Jungen ſie nur erſt überſchritten, ſo ſcheitert jede BVerfolgung in der von großen Wäldern bedeckten Gegend.“ „ʒDas Bürſchchen rauben,— das ließe ſich allen⸗ falls überlegen,“ erwiederte der Bärenführer nachdenk⸗ lich.“ Im ſchlimmſten Falle könnte ich den Jungen ſelber bei mir behalten, und zu allerlei Kunſtſtücken Kbrichten, wie man ſie in Polen und Rußland ſelten ſieht und immer reichlich bezahlt. Ja, ja, das wäre etwas! In dem Bärenführer⸗Jungen wird keine Men⸗ ſchenſeele das Grafenkind wittern, und überdies gibt es Mittel genug, ihn ſo zu entſtellen, daß ſein eige⸗ ner Vater nach Ablauf eines Jahres ihn nicht wieder erkennen ſoll. Hm„ ja. Aus welchem Grunde aber 41 wollen Sie den Kleinen aus dem Wege bringen, Herr Graf?“ „Aus einem ſehr einfachen und einleuchtenden Grunde,“ verſetzte Graf Albin.„Ich bin der einzige Blutsverwandte des Grafen Robert Normann, und der Erbe ſeiner großen Güter, wenn der kleine Felix beſeitigt iſt. Verſtehſt du nun, Iwan Iwanowitſch?“ „Ich verſtehe,“ erwiederte dieſer, indem er mit dem Kopfe nickte.„Sie waren früher mein Offizier, ſind nie hart und barſch gegen mich geweſen, und haben mir einmal Pardon verſchafft, als ich wegen Verdachts, daß ich einen kleinen Diebſtahl begangen hätte, zu fünfundzwanzig Knutenhieben verurtheilt war. Ich habe das nicht vergeſſen, Herr Graf, und bin deßhalb gerne bereit, Ihnen zu dienen. Der Junge, der Ihnen im Wege iſt, ſoll geraubt werden und ſpurlos in den weiten Ebenen Polens oder Rußlands verſchwinden. Aber, umſonſt iſt der Tod, Herr Graf. Was be⸗ komme ich zum Lohne für das Kunſtſtückchen, das Grafenkind Ihnen aus dem Wege zu räumen?“ „Zweihundert Thaler auf der Stelle, weitere drei⸗ hundert Thaler, wenn das Bürſchchen unentdeckt über die Gränze gebracht iſt, und jährlich fünfhundert Thaler, ſo lange der Junge nicht in ſeine Heimath zurückkehrt,« ſprach der Graf. Der Bärenführer, ganz geblendet von dieſer Be⸗ lohnung, die ſeine kühnſten Wünſche überſtieg, ſprang von ſeinem Stuhle auf und rief in vollem Entzücken: „Tauſendfachen Dank, Herr Graf! Ja, Sie ſind wirklich ein nobler Herr, der die Dienſte eines treuen Menſchen zu würdigen weiß. Verlaſſen Sie ſich ganz und gar auf meine Schlauheit. Der Junge ſoll ſo — dir auf mein gräfliches Ehrenwort, dir jährlich eine 42 ſpurlos verſchwinden wie ein Sandkörnchen im großen Weltmeere.“ „So biſt du alſo zufrieden mit der dir angebote⸗ nen Bezahlung?“ fragte der Graf. „Mehr als zufrieden, Herr!“ antwortete der Bui⸗ renführer ſchnell. „Nun denn, ich bin noch nicht zu Ende, mein Freund,“ fuhr der Graf lächelnd fort,—„du ſollſt noch einen weiteren Beweis von meiner Großmuth bekommen. Im Fall du mir treu bleibſt, den Jungen von hier fortſchaffſt und fern hältſt, ſo verſpreche ich Penſion von tauſend Thalern von der Stunde an aus⸗ zuzahlen, in welcher ich zum Genuſſe der Güter mei⸗ nes Vetters, des Grafen Normann, gelange. Ich hoffe, dieß wird hinreichend ſein, um deine Treue gegen mich zu feſtigen.“ „Oh, Herr Graf,“ rief der Bärenführer, von neuem Entzücken ergriffen, aus,—„bei meiner Seelen Seligkeit ſchwöre ich Ihnen mit tauſend Eiden, daß ich Sie nun und nimmer verrathen, und den kleinen Grafen ſo weit fortſchleppen werde, daß er nun und in Ewigkeit nicht den Weg hieher zurückz finden ſoll, müßte ich ihn auch nach dem fernſten Sibirien bringen!“ „Aber er kann dir entſpringen, heimlich davon laufen,“ warf der Graf hin. „Dafür laſſen Sie mich, meinen Knecht Petro⸗ witſch, den Jungen Alexia, und vor Allen meine beiden Hunde ſorgen,“ entgegnete der Bärenführer.„Unſer⸗ b zehn Augen werden über ihn wachen und ihn hüten wie der lebendige Satanas eine arme Seele.“— 43 1 „Gut, ich glaube dir, denn es wird nur dein eiget ner Vortheil ſein, wenn du den Burſchen ſicher feſt: 4 hältſt,“ erwiederte der Graf befriedigt.„Wie aber willſt du den Jungen in deine Gewalt bekommen? Sein Vater und ein paar alte Diener laſſen ihn faſt nie aus den Augen.“ „Ihre Wachſamkeit wird zu täuſchen ſein,“ verſetzte 1 der Bärenführer zuverſichtlich.„Auf welche Weiſe dieß geſchehen mag, kann ich für den Augenblick nicht an geben. Ich muß an Ort und Stelle ſein, um einen * guten Plan zu entwerfen, und denſelben ſicher und mit unfehlbarem Erfolge auszuführen. Vertrauen Sie ganz auf mich, Herr Graf! In wenigen Tagen viel leicht ſchon werden Sie von mir hören.“ „Wohlan, verfahre klug und vorſichtig,“ erwiedertee der Graf.„Damit du ſiehſt, daß ich volles Vertrauen in deine Schlauheit und Gewandtheit ſetze, ſo nimm hier dieſe zwei Rollen. Jede davon enthält wohlge⸗ zählt hundert Thaler.“ 1 „Ich danke Ihnen, Herr Graf,“ ſagte der Bären⸗ führer mit einer tiefen Verbeugung, und ließ geſchwind die beiden ſchweren Rollen in ſeine Taſche gleiten. „Und nun erlauben Sie mir, daß ich mich verabſchiede und in das Dorf zurückkehre. Anſtatt erſt morgen, 4 will ich heute ſchon mit meiner Karawane aufbrechen. Man muß raſch und entſchloſſen zur That ſein, wenn ſie gelingen ſoll.“ Der Graf lobte den Eifer des Bärenführers, und entließ ihn. 4„Die Suppe wäre eingeprockt,“ ſagte er mit hä⸗ 2* miſchem Lachen, als Iwan die Thür hinter ſich ge⸗ 44 ſchloſſen hatte,—„du magſt ſie aufeſſen, Vetter Robert, und wohl möge ſte dir bekommen!“— Drittes Kapitel. Der Raub des Knaben. Obgleich der Bärenführer, beſtochen von dem ihm ſchloſſen war, in die Pläne des Grafen Albin einzu gehen, ſo fand er bei näherer Ueberlegung doch, daß die Ausführung derſelben mit bedeutenden Schwierig⸗ keiten verbunden, wenn nicht gar ganz unmöglich ſein würde. Die Augen des Vaters und die treuen Diener deſſelben hüteten den Knaben ſicherlich mit Argusblicken, und Iwan zerbrach ſich auf dem Marſche nach Socol⸗ nicz vergeblich den Kopf, um Mittel und Wege aus⸗ findig zu machen, ohne Aufſehen und Gefahr zu ſei⸗ nem Ziele zu gelangen. Sein Knecht Petrowitſch, der ſchweigend an ſeiner Seite einherſchritt, errieth mit leichter Mühe, daß Iwan von ſchweren Gedanken be⸗ drängt ſein müſſe, und blickte ihn von Zeit zu Zeit pfiffig und liſtig von der Seite an. „Herr,“ ſagte er endlich, das ſchon Stunden lange Schweigen unterbrechend,—„Euch geht Etwas im Kopfe herum! Hat denn ein alter treuer Knecht ganz Euer Vertrauen verloren, da Ihr Euch in Heimlich⸗ keiten und Stillſchweigen einhüllt?“ „Nein, nein, Petrowitſch, davon kann keine Rede 4 in Ausſicht geſtellten großen Lohne, ganz feſt ent⸗ 4 1 45 ſein,“ verſetzte der Bärenführer ſchnell.„Du ſollſt Alles erfahren, wenn ich nur erſt mit mir ſelber im Reinen bin.“ „Wie Ihr wollt, Herr,“ erwiederte Petrowitſch. „Ich bin nicht ungeduldig und kann warten. Aber doch möchte ich Euch daran erinnern, daß Ihr ſchon manchmal meine Schlauheit und Liſt geprieſen habt.“ Der Bärenführer nickte unwillkürlich mit dem Kopfe. Er kannte ſeinen Knecht und Genoſſen, und wußte im Voraus, daß er einen treuen Verbündeten an ihm haben würde, wenn er ihm nur einen, wenn auch mäßigen Antheil an dem zu erlangenden Gewinne zu⸗ ſicherte. Ohnehin mußte Petrowitſch ſowohl wie auch Alexia, der Pickelflötenſpieler, nothwendig in das Ge⸗ heimniß eingeweiht werden, und Iwan entſchloß ſich daher ſchnell, den in mancherlei Ränken und Kniffen erfahrenen ſchlauen Gefährten vollſtändig in ſein Ver⸗ trauen zu ziehen. „Was meinſt du, Petrowitſch, wenn ſich dir eine Gelegenheit darböte, ohne große Mühe und Gefahr baare blanke zwanzig Thaler zu gewinnen?“ fragte er. „Ich meine,“ verſetzte der Knecht lachend,„daß ich mich keine Minute beſinnen, ſondern die Gelegen⸗ heit friſchweg beim Zopfe nehmen würde.“ „Auch wenn einige, nur einige Gefahr damit ver⸗ bunden wäre?“ „Das käme darauf an, wie groß und gering die Gefahr iſt, Herr. Aber ſprecht Euch doch nur unver⸗ holen aus, Iwan Iwanowitſch! Ihr wißt doch wohl, daß ich der letzte Menſch bin, der als Verräther gegen Euch handeln würde!“ Der Bärenführer ſetzte nun ſeinem Knecht aus⸗ 46 führlich auseinander, mit welchem Geſchäfte er vom Grafen Albin beauftragt war, und Petrowitſch hörte ihm aufmerkſam zu. Als er Alles wußte, ſchüttelte auch er bedenklich den Kopf. „Kinderraub iſt ein ſchlimmes Ding,“ ſagte er. „Falls man erwiſcht wird, gibt es ſchweres Gefängniß in Ketten und Banden, wenn es Einem nicht gar an Hals und Kragen geht. Bei alledem,— für Nichts gibt es Nichts. Will man Geld verdienen, muß man auch Etwas dafür leiſten. Alſo dem Grafen Norman auf Socolnicz und ſeinem Buben gilt der Anſchlag. Nun, das wäre ſo eine recht hübſche Gelegenheit für mich, eine alte Scharte auszuwetzen, und einem alten Grolle Luft zu machen.“ „Wie meinſt du das, Petrowitſch?“ fragte der Bärenführer.„Kennſt du den Grafen von früheren Zeiten her?“ „Das will ich meinen,“ erwiederte der Knecht mit einem tückiſchen Lächeln,—„und den Mosjö Stein, ſeinen Haushofmeiſter, kenne ich noch beſſer. Ob der wohl noch am Leben iſt?“ „Ja, ja, der Graf Albin ſagte mir, grade vor ihm müſſe ich am meiſten auf der Hut ſein,“ antwortete Iwan. „So, ſo,— er iſt alſo noch immer das Factotum im Schloſſe,“ ſagte der Knecht.„Nun, auch dem nebenbei einen Streich zu ſpielen, wäre das größte Gaudium für mich.“ „Aber weßhalb nur, Mann?“ fragte der Bären⸗ führer ungeduldig. „Weil er mir einmal, es mögen ein ſieben oder acht Jahr her ſein, eine gehörige Portion Schläge ver⸗ 47 ſchafft und mich, allerdings mit gnädigſter Bewilligung des Herrn Grafen, aus dem Dienſte deſſelben gejagt hat, und das mit Schimpf und Schande noch dazu. Ich war nämlich damals Küchenknecht im Schloſſe Socolnicz. Nun, da fehlten einmal, als große Ge⸗ ſellſchaft und Tafel im Schloſſe war, ein paar Dutzend ſilberne Löffel. Sie waren auf unbegreifliche Weiſe aus der Küche verſchwunden, und ich ſollte nun mit aller Gewalt der Schuldige, der Spitzbube ſein. All mein Läugnen half nichts. Auf Befehl des Haushof⸗ meiſters bekam ich ein Dutzend Hiebe, und auf An⸗ ordnung des gnädigen Herrn Graf wurde ich aus dem Schloſſe gewieſen, mit der Drohung, daß man mich in's Zuchthaus ſchicken würde, wenn ich mich jemals wieder in der Gegend betreten ließ. Seitdem ſind Jahre vergangen, ſie werden mich ſchwerlich wie⸗ der erkennen, und ſo kann ich's denn wagen, mein Müthchen an dem hochmüthigen Volke zu kühlen.“ „Du willſt alſo treulich zu mir ſtehen, Petrowitſch? rief der Bärenführer erfreut aus. „Gewiß, mit Leib und Seele will ich bei dem 4 Abentheuer ſein,“ verſetzte der rachſüchtige Knecht mit boshaftem Grinſen.„Es wird mir Spaß machen, das junge Gräſchen mit Stockhieben zu traktiren, wie mich ſein Vater traktirt hat. Wenn wir des Bürſch⸗ chens nur habhaft werden. Ich kenne ein Verſteck 6 im Walde von Socolnicz, wo kein Spürhund den Jungen ausfindig machen ſoll. Als ich noch im Schloſſe diente, habe ich dort Manches in Sicherheit gebracht, was ich ſpäter zu gelegener Zeit wieder abholte.“ „Aber zu was ein Verſteck?“ fragte Iwan.„Ha⸗ 48 ben wir den Jungen, ſo heißt es, fort über die pol⸗ niſche Gränze!“ »Das wäre ohne alle Klugheit gehandelt,“ entgeg⸗ nete Petrowitſch.„Wenn das Gräflein verſchwunden iſt, verſchwunden zugleich mit unſerer Karawane, ſo kann es gar nicht fehlen, daß der erſte Verdacht, den Burſchen geſtohlen zu haben, auf uns fällt, und daß man uns auf der Stelle nachſetzt. Ihn zu verbergen, wäre in dieſem Falle ein Ding der Unmäglichkeit. Nein, beſſer iſt's, wir verſtecken den Buben, bis der erſte Lärm vorüber iſt, und ich halte Wache über ihn, daß er mir nicht davon laufen ſoll, Meiſter Iwan Iwanowitſch, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Du haſt recht, Mann! Deine Schlauheit reicht weiter, als die meinige,“ erwiederte der Bärenführer. „Auf alſo, und vertrauen wir auf einen glücklichen Zufall, der den Jungen in unſere Hände liefert. Was aber ſeine Bewachung anbetrifft, ſo werde ich dieſelbe in eigener Perſon übernehmen,— nicht aus Mißtrauen gegen dich, Petrowitſch, Gott behüte, ſondern aus dem einfachen Grunde, weil ich in der Gegend hier herum bleiben muß, um eine weitere Belohnung für die ge⸗ ſchehene That in Empfang zu nehmen. Dann kom⸗ men noch wenigſtens dreißig Thaler auf deinen An⸗ theil, und damit wirſt du, wie ich denke, nicht unzu⸗ frieden ſein!“ „Im Gegentheil, Herr,“ verſetzte der Knecht mit gierig funkelnden Augen,—„ich freue mich ſchon auf die ſchönen harten Thaler. Aber noch eins,— Alexia muß auch ſeinen Theil an der Beute bekommen! Ich bin ſein Onkel, wißt Ihr, Iwan Iwanowitſch, und 49 es iſt meine Pflicht, für den Sohn meiner Schweſter Sorge zu tragen.“ „Ach, freilich, freilich,“ erwiederte Iwan Iwano⸗ witſch,—„wenn uns der Streich gelingt, dann ſoll Alexia ſo gut wie du, ſeine fünfzig baaren Thaler haben „Dann iſt die Sache in Ordnung und abgemacht,“ verſetzte Petrowitſch und rieb ſich vergnügt die Hände. Er dachte natürlich nicht entfernt daran, die ver⸗ ſprochenen fünfzig Thaler an ſeinen Neffen auszuhän⸗ digen, ſondern betrachtete ſie einfach als eine Ver⸗ doppelung ſeines eigenen Antheils und als eine gute Beute. Im beſten Einvernehmen ſetzte die Karawane ihre Reiſe weiter fort, bis ſie gegen Abend in ein Dorf gelangte, wo man Halt zu machen und Nachtqguartier 8 nehmen beſchloß. Am folgenden Tage hoffte der Bärenführer kurz nach der Mittagszeit in Socolnicz einzutreffen. Bis dahin wurden alle weiteren Pläne vertagt, denn erſt an Ort und Stelle, und nach ein⸗ gezogenen genauen Erkundigungen konnte ein Entſchluß zur Ausführung des ſchändlichen Verbrechens endgültig gefaßt werden. „Grade zur Mittagsſtunde langte der Bärenführer mit ſeiner Begleitung in dem großen Dorfe Socolnicz an, wo die Nachricht von ſeinem Eintreffen wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte ſich verbreitete, und nahezu ſämmtliche Einwohner des Dorfes auf die Straße lockte. Mit Bum— be—rum — bum und gellender Pickelflöte ſtolzirte die Karawane einher, begrüßt von dem Lachen und fröhlichen Zu⸗ jauchzen der barfüßigen Darffugende Graf und Bärenführer. 4 50 Iwan hatte indeß nicht die Abſicht, ſchon den heutigen Tag eine öffentliche Vorſtellung zu geben. Petrowitſch mit der großen Trommel, der er fortwäh⸗ rend raſſelnde Töne entlockte, als Wegweiſer voran, zog die Karawane der einzigen Schenke im Dorfe zu. Hier wurden die Thiere in einem großen Stalle unter⸗ gebracht, und Alexia zur Bewachung anvertraut. Jwan und Petrowitſch aber begaben ſich in das Gaſtzimmer der Schenke, ließen ſich Bier und Branntwein zur Erfriſchung nach dem Tagemarſche geben, und plau⸗ derten mit dem Wirthe, der ſich bereitwillig zur Un⸗ terhaltung hergab. Auf vorſichtig geſtellte Fragen brachten ſie bald aus dem geſchwätzigen Wirthe her⸗ aus, daß der Graf Robert Normann allerdings noch das Schloß bewohnte, daß Felix wie ſein Augapfel von ihm behütet werde, und daß der Knabe das Schloß nicht verlaſſen dürfe, außer in der Begleitung und unter dem Schutze des alten Haushofmeiſter Stein. „Da werden wir alſo ſchwerlich die Ehre haben, den jungen Herrn unter den Zuſchauern zu ſehen, wenn ich meine Thiere ihre Kunſtſtücke machen laſſe,“ warf der Bärenführer hin.„Es ſollte mir leid thun, doppelt leid, da ich ſehr auf die Freigebigkeit und die Großmuth der hochgräflichen Gnaden gerechnet habe.“ „Was das anbetrifft, ſo brauchen Sie keine Sorge zu tragen, Mann,“ antwortete der Wirth.„Der kleine Graf Felix iſt ein neugieriges Herrchen, und hat in ſeinem Leben noch keinen Bären, kein Kameel und keinen Affen geſehen. So bald er hört, daß Sie angekommen ſind,— und daß er es hört, wird gar nicht lange dauern, ſo wird er nicht ruhen, bis er von dem Herrn Grafen Erlaubniß erhalten hat, in 51 das Dorf kommen zu dürfen. Vielleicht gar, wer weiß es, werden Sie auf das Schloß gerufen, und daß dann in jedem Falle ein paar Thaler in Ihre Taſche gelangen, daran dürfen Sie nicht den minde⸗ ſten Zweifel hegen. Unſer Herr Graf iſt wirklich der freigebige Mann, als der er weit und breit hier zu Lande gerühmt wird.“ „Deſto beſſer, deſto beſſer,“ ſagte der Bärenführer. „Uebrigens ſind auch meine Thiere ganz zahm, ſo daß für den jungen Herrn nicht das Geringſte zu fürchten ſteht, wenn er ſie auch ganz in der Rüähe anſieht. Der Bär iſt ſo folgſam und ſanft, wie ein gut dreſ⸗ ſirter Hund. Aber, was meinen Sie, Herr Wirth, dürfte es nicht ſchicklich ſein, daß ich mich in Perſon auf das Schloß verfügte, und dem Herrn Grafen die gehorſamſte Bitte zu Füßen legte, meine kleine Menagerie eines Anblickes zu würdigen?“ „Schaden kann es auf keinen Fall, wenn Sie das thun, Mann,“ verſetzte der Wirth.„Wenn Sie hin⸗ über gehen wollen, ſo fragen Sie nur nach dem Herrn 5 Haushofmeiſter Stein,— der wird Ihnen dann ſchon den rechten Beſcheid geben.“ „ So will ich's denn verſuchen,“ ſagte Iwan nach kurzem Beſinnen, und ſtand auf.„Schönen Dank für Ihre Auskunft, Herr Wirth, komm, Petrowitſch, du wirſt mich eine kurze Strecke weit begleiten.“ Die Beiden entfernten ſich, und ſchlugen den Weg nach dem Schloſſe ein. Als ſie aus dem Dorfe, und außer dem Bereiche menſchlicher Ohren waren, die ſie hätten belauſchen können, ſagte der Bärenführer zu ſeeinem Knechte. A„Höre, Petrowitſch, mir iſt während der Uattrhal 1 4 8 N 52 tung mit dem Schenkwirthe ein Einfall gekommen, den ich für gut halte. Wir müſſen Eines von unſeren Thieren, am beſten das Kameel für krank ausgeben.v..“ „Aber wozu das, Herr?“ fragte Petrowitſch.„Wenn wir das Kameel für krank ausgeben, können wir die Künſte der Thiere nicht produziren, und bekommen kein Geld in die Taſche.“ „Laß mich nur ausreden,“ unterbrach ihn Jwan. „Was iſt an den paar Groſchen gelegen, die wir allenfalls den dummen Bauern aus der Taſche locken können? Hier gilt es vor Allem, uns des jungen Grafen zu bemächtigen. Du ſelbſt haſt mir geſagt, daß innerhalb der Mauern des Schloſſes nichts weder mit Liſt noch Gewalt zu machen iſt, weil der kleiie Graf zu ſorgfältig bei Tag und bei Nacht behütet wird. Aber außerhalb der Schloßmauern wird etwas zu machen ſein. Kein Zweifel, daß das ver⸗ zogene Gräflein mit Ungeduld daeden verlangen wird, unſere Thiere zu ſehen. Wenn wir ſie, oder nur Eines davon, für krank ausgeben, ſo können wir weder im Schloſſe noch im Dorfe Vorſtellungen geben, und die Folge davon wird ſein, den kleinen Burſchen in unſere unmittelbare Nähe zu locken. Er wird nicht ruhen, bis er die Thiere in Augenſchein genommen hat, und iſt er erſt ein Mal gekommen, ſo müßten wir rechte Dummköpfe ſein, wenn wir es nicht ver⸗ ſtänden, den jungen Herrn auch öfter zu locken. Solche 3 Kinder ſind ja, wie wir aus langer Erfahrung genuge ſam kennen gelernt haben, förmlich darauf verſeſſen, namentlich unſeren großen braunen Bären anzuſtaunen. Nun, ich will ſchon dafür ſorgen, daß der Bär unſer N vortrefflicher Bundesgenoſſe iſt und den Lockvogel ſpielt, 8 53 bis wir das vorwitzige Gräflein in der Falle haben, Es wird ſich ſchon einmal machen, daß er allein, ohne alle Begleitung, zu uns kommt, denn Kinder ſind ſorg⸗ los und nicht im Geringſten argwöhniſch,— und in dieſem Falle, Petrowitſch, haben wir den Vogel in der Hand, und die reichliche Belohnung kann nicht ausbleiben.“ „Sie haben Recht, Herr,“ verſetzte der Knecht mit einem Anfluge von Neid, daß er ſich von Iwan an Schlauheit übertroffen ſah.„Der Plan iſt gut,— wir gewinnen durch Ausführung deſſelben Zeit, was eine Hauptſache iſt,— ſchläfern die Wachſamkeit ein, und können faſt mit Gewißheit darauf rechnen, daß der kleine Graf blindlings in die ihm geſtellte Falle geht. Ueberlaſſen Sie mir die Sorge, das Kameel krank zu machen. Ehe Sie vom Schloſſe zurück kom⸗ men, ſoll es ein Ausſehen haben, als ob es nicht 4 54 er zur Antwort.„Der Herr Graf läßt ſich nicht gern ſtören. Uebrigens könnt Ihr Euch darauf verlaſſen, daß ich noch heute, oder doch morgen, mit dem kleinen Grafen Felix einen Beſuch bei Euch machen werde.“ Iwan dankte unterwürfig für empfangenen gnädi⸗ gen Beſcheid, und eilte innerlich frohlockend wieder nach der Dorfſchenke, wo er Petrowitſch den zufrieden⸗ ſtellenden Erfolg ſeines Beſuches mittheilte. »„Jetzt zweifle ich nicht mehr an unſerem guten Glücke,“ fügte er hinzu.„Der alte Haushofmeiſter ſchien eben ſo begierig, unſere Thiere zu ſehen, wie es ſein kleiner Schutzbefohlener nur irgend ſein kann. Was haſt du mit dem Kameel angefangen, Petro⸗ witſch? Wir müſſen uns in Bereitſchaft halten, noch heute Beſuch vom Schloſſe zu bekommen.“ „Ohne Sorge, Herr,“ verſetzte der Knecht mit ſcheuem Augenblinzeln.„Ich habe dem Thiere eine Stecknadel unter die Fußſohle prakticirt, und nun ſteht es auf nur drei Füßen, und läßt kläglich den Kopf hängen. Die Stecknadel thut dem Kameele keinen Schaden, und über Nacht können wir ſie auch wieder ausziehen.“ „Dein Einfall iſt gut,“ ſagte Iwan.„So ſind wir denn vorbereitet, das Gräflein wie es ſich gehört zu empfangen. Ich bin neugierig, ob der Junge heute noch kommen wird.“ „Da iſt er vermuthlich ſchon,“ erwiederte Petro⸗ witſch, indem er durch das Fenſter deutete, welches Weg nach dem Schloſſe überblicken ließ.„Ein Herr, und ein fein gekleideter Knabe. Ja, ja, jetzt erkenne ich den alten Stein. Nehmen Sie ihn in Empfang, Herr! Ich will mich auf die Seite ducken, 55 denn es wäre doch eine Möglichkeit, daß er ſich meiner erinnern könnte, und das würde ihn ſicherlich ſtutzig machen!“ „Wohl, ſo verſtecke dich ſchnell,“ erwiederte Iwan, —„ſchnell! ſie ſind ſchon ganz nahe.“ Petrowitſch verſchwand aus dem Zimmer und be⸗ gab ſich in eine Kammer, welche ihm vom Wirthe als Schlafſtelle angewieſen worden war. Wenige Minuten nach ſeiner Entfernung wurde die Thür des Gaſtzim⸗ mers haſtig aufgeriſſen, und der kleine Felix trat glühend vom raſchen Gange und aufgeregter Erwar⸗ tung herein. Der alte Haushofmeiſter folgte ihm auf dem Fuße.. „He, biſt du der Mann, der einen großen Bären und ein Kameel hat?“ fragte Felix den Bärenführer. „Zu dienen, gnädiger, junger Herr,“ verſetzte dieſer unterwürfig, und bückte ſich vor dem kleinen Burſchen faſt bis zur Erde nieder.„Leider nur muß ich ſagen, daß mein Kameel krank geworden iſt, und daß ich durch dieſen unglücklichen Zufall außer Stand geſetzt bin, Ihnen die Thiere in angemeſſener Weiſe vor⸗ zuführen.“ „Ach, das thut nichts,“ gab Felix zur Antwort. „Wenn ich ſie vorläufig nur ſehen kann, beſonders den Bären! Iſt er ſehr groß und ſehr wild?“ „Sehr groß, ja, aber wild ganz und gar nicht,“ verſetzte Iwan.„Er iſt ein ſo gezähmtes und ſo gut⸗ müthiges Thier, daß er aus der Hand frißt und mit ſich ſpielen läßt, wie ein Hund. Sein Ausſehen iſt freilich wild genug, aber Sie brauchen ſich deßhalb nicht vor ihm zu fürchten, junger gnädiger Herrle „Wer ſagt dir, daß ich ste 56 kleine Felix ſtolz.„Ich will den Bären ſehen, ſo⸗ gleich. Führe mich zu ihm!“ „Nicht ſo ſchnell, Felix,“ nahm der alte Haushof⸗ meiſter das Wort, und wendete ſich dann zu dem Bärenführer. „Iſt das Thier wirklich ſo fromm, wie Sie be— haupten?“ fragte er. „Gewiß, gnädiger Herr, ich ſchwöre es Ihnen, fromm, wie ein Schooßhündchen,“ antwortete Iwan, vollkommen der Wahrheit gemäß.„Ich führe den gutmüthigen Petz ſchon drei volle Jahre umher, und nie, aber auch niemals hat er einer Kreatur etwas zu Leide gethan. Ich bürge mit meinem Leben dafür, daß dem kleinen Herrn Grafen nicht das Mindeſte von dem Bären zu Leide geſchehen kann.“ „Nun, ſo zeigen Sie uns das Thier,“ ſprach Stein beruhigt.„Du aber Felix, gib mir deine Hand und das Verſprechen, nicht von meiner Seite zu weichen.“ Felix verſprach Alles, denn ſeine Begierde, den Bären zu ſehen, war groß. Iwan führte dann ſeine Gäſte durch den Hof in einen geräumigen hellen Stall, wo er ſeine Thiere untergebracht hatte. Als er die Thür öffnete, drängte ſich Felix haſtig mit ihm hinein, fuhr aber trotz ſeines unläugbaren Muthes und ſeiner oft bewieſenen Keckheit, ein wenig zurück, als der große Zottelbär aus einem Winkel des Stalles, wo er zuſammengekauert auf einem Haufen Stroh gelegen hatte, aufſprang und mit raſchen Schritten grade auf Iwan losſteuerte, wobei er ein ungeduldiges, tiefes Brummen hören ließ. Nar nicht ängſtlich, junger Herr! Nicht ängſtlich!le⸗ ärenführer lächelnd zu dem Knaben.„Petz 57 iſt nur deßhalb ein wenig unruhig, weil er Hunger hat. Wenn Sie ſich getrauen, ihn zu füttern, ſo wird er ſchnell Freundſchaft mit ihnen ſchließen.“ „Aber ich habe nichts, ihn zu füttern,“ verſetzte der Knabe. „ So nehmen Sie dieſes Brod, und geben es ihm,“ ſagte der Bärenführer.„Wenn wir einen Topf voll Honig hätten, um das Brod damit zu verſüßen, würde der gute Petz freilich noch mehr Zärtlichkeit für ſie empfinden.“ 3 „Honig? Den muß der Wirth herbeiſchaffen,“ ſprach der Knabe lebhaft.„Warte einen Augenblick! Ich gehe nun in's Haus und komme ſogleich zurück.“ Er eilte fort, und kam nach einigen Minuten wie⸗ der, mit einem großen Topfe voll Honig im Arm. Der Bärenführer ſchnitt ein Stück von dem Brode ab, Felix tauchte es in den Honig ein, und reichte es dem Bären hin, der es mit Begierde unter ſanftem, behaglichem Brummen verzehrte, und dabei den Kna⸗ ben mit den zärtlichſten Blicken anſchaute. Felix mußte lachen über den drolligen großen Kerl. Stück um Stück reichte er ihm das Honigbrod bis auf die letzte Krumme, und der Bär nahm ſein Futter ſo zierlich aus der Hand des furchtloſen Knaben, wie ein Schooßhündchen, das ſeine Leckerbiſſen aus den Hän⸗ den ſeiner Herrin bekommt. Zuletzt hielt er dem Bä⸗ ren auch noch den Reſt des Honigs im Topfe vor, und Petz leckte ihn rein aus, bis keine Spur von der ſüßen Speiſe mehr darin zu entdecken war. Was der Bärenführer vorher geſagt hatte, traf jetzt ein. Petz hatte bereits eine lebhafte Zuneigung zu Felix gefaßt, und dieſer konnte ihn anfaſſen, ſtrei⸗ 1 58 cheln, ihn an den Ohren krauen und auf den Rücken klopfen, ganz nach ſeinem Belieben. Der Bär ließ ſich jede Liebkoſung gefallen, und erwiederte ſie durch ein⸗ gutmüthiges Schnurren, und durch ein ſanftes Reiben ſeines großen Kopfes an Felix' Bruſt. „Petz geht jetzt für Sie durch Feuer und Waſſer, junger Herr,“ nahm der Bärenführer von Neuem das Wort.„Er iſt ein merkwürdig kluges und außeror⸗ dentlich dankbares Thier. Sie könnten von nun an Tag und Nacht mit ihm allein im Stalle bleiben, und er würde Ihnen nicht nur nichts Böſes zufügen, ſon⸗ dern ſich ſogar zu Ihrem Beſchützer aufwerfen und Sie bis zum letzten Blutstropfen vertheidigen, wenn ein anderes wildes Thier Sie angreifen wollte. Petz hat wahrhaftig beinahe Menſchenverſtand. Verſuchen Sie einmal, gnädiger Herr,— wendete er ſich zum Haus⸗ hofmeiſter,—„die Anhänglichkeit und Treue des Bä⸗ ren. Thun Sie, als ob Sie den jungen Herrn Gra⸗ fen ſchlagen wollten,— dann werden Sie ſehen, wie Petz gegen Sie losfährt.“ Lächelnd machte der Haushofmeiſter den Verſuch, und ſiehe da, augenblicklich richtete ſich der Bär hoch auf auf ſeine Hinterbeine, ſtieß ein lautes donnerndes Gebrüll aus, und ſchleuderte ſo zornige und drohende Blitze auf Stein, daß dieſer wirklich erſchrocken zurück⸗ wich, während Felix vor Entzücken laut aufjubelte. „Nein, dieß prächtige Thier!“ rief er aus.„Das möchte ich haben! Verkaufſt du es nicht, Mann?“ „Nicht für tauſend und mehr Thaler, gnädiger, junger Herr,“ verſetzte der Bärenführer.„Wie ſollte ich leben ohne meinen treuen und geſchickten Petz? durch ſeine Künſte ſorgt er für mich, wie ein Vater.“ K 59 „Nun,“ ſagte Felix,„ſo muß ich ihn wenigſtens alle Tage ſehen, und ihm wie heute, ſein Futter rei⸗ chen,— nicht wahr, das erlaubſt du mir, Mann? Mein Vater wird dich freigebig dafür belohnen.“ 8 „Recht gern, von Herzen gern, junges Herrchen,“ verſetzte Iwan Iwanowitſch geſchmeidig.„Kommen Sie her, ſo oft es der gnädige Herr Graf, Ihr Vater geſtattet. Petz und ich werden uns immer freuen, wenn wir die Ehre haben, Sie zu ſehen.“ „Gut, ſo komme ich morgen, um dieſelbe Stunde, wie heute,“ ſagte Felix.„Hier, Mann, nimm einſt⸗ weilen dieſen Thaler als ein Zeichen meiner Dankbar⸗ keit. Und nun, Adjeu! Ich muß meinem Vater er⸗ zählen, was ich heute Alles geſehen und erlebt habe!“ Er liebkoste noch einmal den Bären, und ging dann mit Stein nach dem Schloſſe zurück. Der Bä⸗ renführer ſchaute ihm mit triumphirendem Hohn⸗ lächeln nach. „Du biſt in die Falle gegangen, Gräfchen,“ mur⸗ melte er in ſich hinein.„Nun wird ſich bald genug eine Gelegenheit bieten, die Klappe zuzumachen, und dann biſt du gefangen!“ Wie Felix geſagt hatte, ſo geſchah es. Täglich kam er nach der Schenke, fütterte den Bären mit aus⸗ geſuchten Leckerbiſſen, und ſpielte mit ihm wie mit einem Hunde. Aber mit dem Knaben zugleich erſchien auch der alte Haushofmeiſter, der ihn nicht aus den Augen ließ. Fünf, ſechs Tage verſtrichen ſo. Iwan begann bereits ungeduldig zu werden, und fürchtete ſeinen ſo pfiffig ausgeklügelten Plan ſcheitern zu ſehen, da am ſiebenten Tage erſchien Felix unverhoffter Weiſe allein. 4* 8 . 60 „Wo haben Sie denn Ihren Begleiter gelaſſen, junger Herr?“ fragte er, innerlich frohlockend. „»Meinen alten Stein? Ei, der iſt unwohl heute, leidet an Kopfweh und ich weiß nicht was, kurz, er kann nicht ausgehen, und deßhalb habe ich mich allein auf den Weg gemacht.“ „Aber iſt das auch Recht, junger Herr.„Weiß Und der Herr Vater, daß Sie allein ausgegangen nd 2** „»Niemand weiß es! Warum erſt lange fragen? Habe ich doch ein für alle Mal die Erlaubniß, her⸗ gehen zu dürfen. Komm zu meinem alten Petz! Ich habe ihm heute etwas beſonders Gutes zum Eſſen mitgebracht.“ Iwan geleitete Felix zum Stalle, und verließ ihn dann, ein eiliges Geſchäft vorſchützend, mit dem Ver⸗ ſprechen, ſogleich zurückzukehren. Felix achtete nicht einmal darauf. Er war nun ſchon ſo gut Freund mit Petz geworden, daß er ſich nicht im mindeſten mehr vor ihm fürchtete, wozu er in der That auch keine Urſache hatte, denn der Bär folgte und gehorchte ihm auf den Wink, ſo gut wie ſeinem wirklichen Herrn. Während er mit Petz ſpielte und allerlei Poſſen trieb, eilte Iwan in die Kammer ſeines Knechtes. Petrowitſch hatte ſich die Zeit her immer in ſeiner Kammer verborgen gehalten, und galt im Wirthshauſe für fieberkrank. Niemand hatte ſich um ihn beküm⸗ mert, was ihm auch grade ganz recht war. Als aber Iwan zu ihm kam, ſprang er lebhaft von dem Stuhle auf, auf dem er geſeſſen, und ſtand ſo geſund und robuſt vor ihm, wie nur jemals. — „Was giebt's?“ fragte er. „Die ausgeſetzte Belohnung zu verdienen, gibt es,“ antwortete Iwan. Nach einem kurzen Zwiegeſpräche ſchlich Petrowitſch heimlich durch ein Hinterpförtchen im Wirthshausgar⸗ ten in's Freie, und Iwan begab ſich wieder zu Felix, der ſeine Abweſenheit kaum bemerkt und noch weniger beachtet hatte.— Als der Knabe nach einer Weile des Spielens mit dem Bären müde wurde, warf er, wie gewöhnlich, Iwan einen Thaler zu, und entfernte ſich, um auf das Schloß zurückzukehren. Auf dem Heimwege mußte er einen ſchmalen Waldſtreifen betreten, welcher zu dem an das Schloß gränzenden Walde gehörte. Als er ſorglos durch denſelben dahin ſchlenderte, wurde plötzlich eine große wollene Decke über ihn geworfen, er ſelber im nächſten Augenblicke zu Boden geſchleu⸗ dert, in die Decke ſo feſt eingewickelt, daß er kaum ein erſticktes Schreien hervorbringen konnte, dann auf⸗ gehoben, und, wie es ihm vorkam, auf den Schultern eines Menſchen eiligen Schrittes davon getragen. Eine Stunde ſpäter kehrte Petrowitſch eben ſo heimlich, wie er gegangen war, in die Schenke zurück, und ſchlüpfte von keinem Auge geſehen, in ſeine Kammer. „Alles geſchehen,“ ſagte er zu Iwan, der nach einer Weile verſtohlen zu ihm eintrat,—„der Junge iſt ſo gut verſteckt, daß ihn tauſend Späheraugen nicht aufzufinden vermögen.“ Iwan gab ſeine Zufriedenheit über das Gelingen der Schandthat mit einigen Worten erkennen, und begab ſich dann wieder nach unten, wo er ſich mit . 1 62 ſorgloſer Miene auf eine Steinbank⸗vor der hir Schenke ſetzte. Der Schenkwirth begab ſich zu ihm, und Beide plauderten mit einander, bis ſie einen Mann in großer Haſt und Eile vom Schloſſe her kommen, und gerade auf die Schenke zuſteuern ſahen. „Der alte Stein,“ ſagte der Wirth,„der hat es eilig! Was mag er wollen?“ Er erfuhr es bald genug. „Wo iſt Graf Felix?“ fragte der Haushofmeiſter, ſchwer athmend vom raſchen Gange. „Ich weiß es nicht, Herr!“ antwortete der Schenk⸗ wirth.„Er war hier und ſpielte mit dem Bären, aber ſchon vor länger als einer Stunde iſt er fortge⸗ gangen,— nach dem Schloſſe, wie er mir ſagte, als er hier in der Hausthür von mir Abſchied nahm.“ „Barmherziger Gott, wohin mag er gerathen ſein?“ rief der alte Stein ſchmerzlich bewegt aus. „In das Schloß iſt er nicht zurückgekehrt, und auch den Park haben wir ſchon vergeblich nach ihm durchſucht. Wir müſſen alle Leute aufbieten, und in Wald und Feld nach ihm forſchen laſſen. Der unbe⸗ ſonnene Knabe! Wie konnte er ſich ohne Begleitung aus dem Schloſſe entfernen! Aber jetzt haben wir keine Zeit zum Klagen, ſondern müſſen handeln! Ruft alle Männer aus dem Dorfe zuſammen, mein guter Wirth, und ſchickt ſie nach dem Schloſſe! Von dort aus wollen wir unſere Nachforſchungen beginnen. Säumt nicht, guter Mann, der Graf wird es Euch lohnen!“ Mit dieſen Worten eilte Stein nach dem Schloſſe zurück, und der Wirth traf unverzüglich Anſtalten, der empfangenen Weiſung ſchleunigſt Folge zu leiſten. vollkommen glaubwürdiger Mann und dem Grafen —— Noch war keine halbe Stunde verſtrichen, ſo befanden ſich faſt alle männlichen Bewohner des Dorfes auf dem Schloſſe. Die ſorgfältigſten und umfaſſendſten Nachforſchungen wurden unter Leitung des verzweifeln⸗ den Vaters und ſeines treuen Haushofmeiſters ange⸗ ſtellt, und bis tief in die Nacht fortgeſetzt, aber leider, ohne daß die geringſte Spur von Felix entdeckt wurde. Auch an den folgenden Tagen durchſtreiften Hunderte von Leuten die Umgebungen des Schloſſes,— aber Felix war und blieb verloren. Der unglückliche Vater ſchöpfte Verdacht gegen ſeinen Vetter, und ritt ſelbſt nach Goczyn hinüber,— doch konnte er auch hier nichts finden, das ſeinem Ver⸗ dachte hätte Nahrung geben können. Die genaueſten Erkundigungen ergaben nur, daß Graf Albin ſeit Wochen das alte Schloß nicht verlaſſen habe. Der. Umſtand, daß er mit dem Bärenführer eine Unter⸗ redung gehabt, kam allerdings ebenfalls zur Kenntniß des Grafen Normann, aber Albin erklärte ihn da⸗ durch, daß er in dem Bärenführer einen Soldaten ſeines früheren Regimentes erkannt, und bei demſelben verſchiedenerlei Erkundigungen eingezogen habe. Trotz dieſer ſehr einfachen und glaubwürdigen Er⸗ klärung, ſchöpfte Graf Normann dennoch einen dunk⸗ len Verdacht, daß der Bärenführer wohl als ein Werkzeug ſeines Vetters gehandelt haben könne, und er zog nach der Rückkehr auf ſeine eigenen Beſitzun⸗ gen die ſorgfältigſten Erkundigungen auch über den Bärenführer und deſſen Begleitung ein. Aber auch dieß hatte keinerlei Erfolg. Der Schenkwirth, ein mit aufrichtiger Treue zugethan, verſicherte, daß weder 7 64 4 1 Iwan noch Einer von deſſen Leuten in der Zeit, wo der kleine Felix verſchwunden war, die Schenke ver⸗ laſſen hätten, und das Geſinde in der Schenke beſtä⸗ tigte dieſe Ausſage. So ſchwand der letzte Hoffnungs⸗ ſchimmer dahin, daß man Aufklärung über das Schick⸗ ſal des kleinen Felix erlangen würde, und man mußte die traurige Vermuthung für wahr gelten laſſen, daß Felix wohl durch irgend eine Unvorſichtigkeit in dem tiefen und reißenden Waſſer des Waldbaches verun⸗ glückt ſei.. Deer arme Vater erlag dem ſchweren Kummer um den Verluſt des einzigen geliebten Sohnes, und ver⸗ fiel in eine ſchwere Krankheit, die ihn Wochen lang an den Rand des Grabes feſſelte. Er genas zwar wieder durch die Hülfe des Arztes, und vornehmlich durch die treue Pflege ſeines Haushofmeiſters, aber mit der Geſundheit des Körpers kehrte die Geſund⸗ heit der Seele leider nicht wieder zurück. Die Blüthe ſeines Lebens war gebrochen,— ſein Herz kannte keine Freude mehr, kein Lächeln erhellte mehr den trüben Ausdruck ſeiner bleichen und verfallenen Züge. Auch der alte Stein ſchien in wenigen Monaten um zehn Jahre älter geworden zu ſein. Sein Schmerz um den Verluſt des kleinen Felix war kaum geringer als der des gebeugten und gebrochenen Vaters, denn er hatte den ein wenig wilden und unbändigen, aber doch höchſt gutmüthigen Knaben in der Wahrheit und in der That geliebt, wie nichts Anderes und Nieman⸗ den anders weiter in der Welt. — ——ÿ,, 65 Viertes Kapitel. Fürſt Woronzow. Fünf oder ſechs Tage nach dem Verſchwinden des kleinen Felix traf Iwan Iwanowitſch Anſtalten, ſeine Reiſe weiter fortzuſetzen. Niemand hinderte ihn daran, denn Niemand hegte auch nur den geringſten Verdacht gegen ihn, daß er bei den auf Felix bezüg⸗ lichen unheilvollen Ereigniſſen die Hand im Spiele gehabt haben könnte. Nach einigen Wochen treffen wir ihn wieder in einem polniſchen Dorfe, wo er, wie gewöhnlich vor der verſammelten neugierigen Jugend den Bären tan⸗ zen und das Kameel ſeine Künſte machen ließ. Wie ſonſt ſchlug Petrowitſch die große Trommel dazu, und Alexia begleitete das dumpfe Bum— bum— bum mit den gellenden Tönen der Pickelflöte. Aber die Geſellſchaft hatte ſich um noch ein Mit⸗ glied vermehrt. Ein hübſcher Knabe in einem phan⸗ taſtiſchen Anzuge nach türkiſcher Weiſe ging mit ſchüch⸗ ternen Schritten durch die verſammelte neugierige Menge, und hielt einen Teller vor ſich hin, um auf denſelben die kleinen Gaben einzuſammeln, welche die Mildthätigkeit der Zuſchauer zu ſpenden geneigt war. Der Knabe mochte in ſeinem ſechsten Lebensjahre ſtehen, und hatte ein ſehr ſchönes, aber faſt dunkel⸗ braunes Geſicht, wie man es häufig unter den Zigeu⸗ nern findet. Langes, ſchwarzes Haar quoll lockig und in großer Fülle unter ſeinem bunten Turbane hervor, und wiegte ſich auf ſeinen Schultern. Uebrigens ſah 3 Graf und Bärenführer.* 666 der arme Kleine unbeſchreiblich leidend aus, und ſein hübſches Geſicht zeigte eine ſo tiefe Niedergeſchlagen⸗ heit, daß es jedes fühlende Herz zum innigſten Mit⸗ leid rühren mußte. Manche rauhe Hand, wenn ſie eine kleine Gabe auf den Teller gelegt hatte, ſtrei⸗ chelte ſanft ſeine Wange; manches freundliche Wort wurde zu dem Kinde geſprochen, das es aber nicht verſtand, weil ihm die polniſche Sprache völlig fremd war. Er erwiederte die Liebkoſungen durch Thränen, welche unter ſeinen Lidern hervor quollen, und als hell ſchimmernde, glänzende Tropfen über ſeine tief gebräunte Wange rollten. Der freundliche Leſer hat in dem Knaben jeden⸗ falls ſchon den kleinen Grafen Felix erkannt, und daraus erſehen, daß der Bärenführer die in Bezug auf ihn gehabten Abſichten vollſtändig ausgeführt hatte. Viele Meilen weit hatte er ihn aus der Hei⸗ math nach Polen hinein geführt, und kein Freundes⸗ auge konnte ahnen, daß in der Hülle eines armen Zigeunerknaben der Sohn und Erbe eines reichen und vornehmen Edelmannes ſteckte. Kaum der eigene Va⸗ ter würde in dem Kinde den Sohn wieder erkannt haben, ſo entſtellte ihn die braune Schminke, und die ſchwarze Lockenperücke, welche man über ſein braunes Haar geſtülpt hatte, und die er nicht ablegen durfte. Es ging ihm ſchlecht, herzlich ſchlecht, dem armen, unglücklichen Knaben. Petrowitſch, der Knecht, haßte ihn, und mißhandelte ihn häufig mit Fußtritten und Schlägen. Alexia behandelte ihn nicht viel beſſer, und Iwan ließ Alles geſchehen, ohne ſich weiter darum zu bekümmern.“ Hunger, Froſt und Schläge mußte der kleine, frü⸗ 2— ſ 67⁷ 7 her ſo verwöhnte Felix erdulden, ohne Klage führen, ohne murren zu dürfen. Kein Wunder, daß er nach und nach verkümmerte, und zuletzt alles Gedächtniß für die Vergangenheit verlor, ſo daß er ſich nach Ver⸗ lauf einiger Jahre kaum noch ſeines Vaters erinnerte. Seinen Namen und ſeine Herkunft hatte er faſt gänz⸗ lich vergeſſen. Wir überſpringen einen Zeitraum von mehr als zwölf Jahren, da im Grunde nichts Weſentliches aus dieſem Zeitraume zu berichten iſt. Kreuz und quer war Iwan im Laufe dieſer Jahre durch Polen und Rußland gezogen, und hatte überall Felix mit ſich geſchleppt, der mittlerweile zu einem kräftigen Jüng⸗ linge herangewachſen war. Der Körper war gereift und erſtarkt, aber der Geiſt von Jahr zu Jahr mehr verdüſtert worden. Aus den Tagen ſeiner glücklichen Kindheit haftete kaum noch eine ſchwache dunkle Erin⸗ nerung in ſeiner Seele. Seine gut angelegte und glückliche Natur hatte ſich nur Eines mit zäher Stand⸗ haftigkeit bewahrt, nämlich ein unerſchütterliches Ge⸗ fühl der Rechtſchaffenheit und Geradheit, das ihm an⸗ geboren war. Nichts, weder Drohungen, noch Hunger oder Prügel, konnte ihn dahin bringen, irgend Etwas zu thun, deſſen er ſich hätte ſchämen müſſen. Petro⸗ witſch und Alexia, ſogar auch Iwan Iwanowitſch, ſtahlen wie die Raben, wo ſich die Gelegenheit dazu auf ihren Kreuz⸗ und Querzügen darbot, und oft woollten ſie Felix zwingen, ſich ebenfalls fremdes Eigen⸗ thum anzueignen, und Diebesfinger zu machen, aber Felix ließ ſich niemals dazu bewegen. Tödtet mich,“ ſagte er auf jede derartige Auf⸗ 68 forderung,—„ich will zehnmal lieber den Tod er⸗ leiden, als ein gemeines Verbrechen ausüben.“ Gelaſſen erduldete er die oft grauſamen Mißhand⸗ lungen, aber ſein Rechtlichkeitsgefühl blieb unerſchüt⸗ tert. Die Andern mußten ihn ſchließlich in Ruhe laſſen, gaben aber dafür bei jeder paſſenden oder un⸗ paſſenden Gelegenheit ihren Groll und Haß gegen den ſtandhaften feſten Knaben durch die roheſte Be⸗ handlung zu erkennen. Der arme Felix beſaß keinen Freund, als nur einen Einzigen, und dieſer war kein Menſch, ſondern ein unbeholfenes, täppiſches aber gutmüthiges Thier, der alte Petz, deſſen Liebe der Knabe durch die ihm gebrachten Leckerbiſſen ſich ſchon als Kind, bevor er entführt wurde, erworben hatte. Der ehrliche treue Petz war ihm gut geblieben, und gehorchte ihm willi⸗ ger, als ſeinem eigenen Herrn oder deſſen Knechten. Oft ſchon hatte er ihn vor den Mißhandlungen und Prügeln der Letzteren beſchützt, und einmal Petrowitſch eine derbe Züchtigung ertheilt, als derſelbe den Kna⸗ ben prügeln wollte,— eine Züchtigung, die dem rohen Menſchen beinahe das Leben gekoſtet hätte. Seitdem hütete ſich dieſer wohl, in Gegenwart des Bären mit Felix anzubinden, wogegen Felix mit dankbarer Zu⸗ neigung den ehrlichen Petz hegte und pflegte, und ſo das Freundſchaftsbündniß zwiſchen ihnen beiden von Jahr zu Jahr feſter knüpfte. Zur Zeit, wo wir unſere Erzählung wieder auf⸗ nahmen, befand ſich Iwan mit ſeiner Karawane nicht weit von der polniſchen Gränze in einem kleinen Städtchen, wo er mit ſeiner Geſellſchaft die gewöhn⸗ lichen Vorſtellungen auf dem Straßenpflaſter gab. 69 Er war Nachmittags mit ſeinen Thieren in das ſchmutzige Gaſthaus zurückgekehrt, wo er bei einem jüdiſchen Wirthe, einer ächten Galgenphyſiognomie, Quartier genommen hatte, und ſaß bei dieſem in lebhaftem Geſpräch im ſonſt ganz menſchenleeren Gaſt⸗ zimmer, während Petrowitſch und Alexia auf der Gaſſe umher lungerten, und dem geplagten Felix die Sorge für die hungrigen und ermüdeten Thiere überließen. Felix hatte den Hunden, dem Affen, dem Kameele und dem Bären Futter und Getränk gegeben, hatte ſie ſorgfältig geputzt und geſtriegelt, und war, bereits fertig geworden, eben im Begriffe, den dunkeln Stall, wo der Bär lag, zu verlaſſen, als vor dem Stalle Tritte laut wurden, die ſich demſelben näherten. Felix erkannte ſogleich ſeinen Herrn und den rohen Knecht Petrowitſch, und, um einer Begegnung mit ihnen aus⸗ zuweichen, verkroch er ſich hinter dem Bären unter einer Krippe, wo es ſo finſter war, daß er von Nie⸗ mand geſehen werden konnte. Außerdem fühlte er ſich hier ſicher vor den Schlägen und Fußtritten, mit wel⸗ chen Petrowitſch gegen ihn durchaus nicht ſparſam zu ſein pflegte. Felix wußte, daß er ſich auf den Schutz ſeines treuen vierbeinigen Freundes verlaſſen konnte. Iwan und Petrowitſch öffneten die Stallthür, und blickeen in das Innere des Stalles, wo ſie nichts ſehen und bemerken konnten, als den ehrlichen Petz, der vor der Krippe ausgeſtreckt lag, ſein Eſſen ver⸗ zehrte, und mit ſeinem gewaltigen Körper die ſchlanke Figur ſeines Freundes Felix vollkommen verdeckte. cs iſt gut, laß uns hier eintreten, Petrowitſch, 3 er verwünſchte Junge iſt glücklicher Weiſe nicht hier,“ ſagte Iwan, und ſchritt voraus in den Stall. vor Der Knecht folgte, und Iwan verriegelte hinter ihm ſorgfältig die Thür. „Nun, was gibt es denn, Herr?“ fragte Petro⸗ witſch in ſeiner gewöhnlichen brummigen Weiſe.„Was ſoll ich denn hier? Und weßhalb thun Sie ſo geheim⸗ nißvoll?“ „Du ſollſt es ſogleich hören,“ verſetzte Jwan. „Der Jude drin im Wirthshauſe hat mir ein gutes Geſchäft vorgeſchlagen, das bei geringer Gefahr einen reichen Gewinn abwirft, und ich frage dich jetzt, ob du an dieſem ſchönen Geſchäfte Theil nehmen, und ein paar Hände voll goldene Imperials verdienen willſt.« „Was für ein Geſchäft iſt es?“ erwiderte Petrowitſch. Ohne zu wiſſen, wofür, gehe ich nicht in's Feuer.“ „Sehr klug und vernünftig,“ entgegnete Iwan. „Du ſollſt Alles erfahren, was der Jude mir mitge⸗ theilt hat. Es handelt ſich um einen ſchwer reichen ruſſiſchen Fürſten, der eine oder anderthalb Stunden von hier faſt ganz allein in mürriſcher Zurückgezogen⸗ heit lebt. Es iſt dieß der Fürſt Woronzow, ein Herr, der Millionen beſitzt, und doch dabei die unbe⸗ greifliche Laune hat, von der Welt nichts wiſſen zu wollen. Der alte ſiebzigjährige Kauz hat weder Frau noch Kinder, und duldet Niemanden um ſich, als einen alten eisgrauen Kammerdiener und eine eben ſo alte Magd, welche ihm die Wirthſchaft beſorgt. Es ſind zwar große Wirthſchaftsgebäude mit einem Amtmann und zahlreichen Knechten und Mägden vorhanden, aber dieſe Gebäude liegen einen guten Büchſenſchuß weit vom Schloſſe entfernt, und nach Einbruch der Nacht darf Niemand daſſelbe betreten, außer dem er⸗ wähnten Kammerdiener und der Küchenmagd. Der Jude behauptet, daß der alte Fürſt Woronzow unge⸗ heure Geldſummen in ſeiner Schlafkammer aufgehäuft habe, da er nicht den zwanzigſten Theil ſeiner Ein⸗ künfte verzehrt,— Hunderttauſende von blanken Sil⸗ berrubeln und Goldſtücken müßten dort aufgeſpeichert ſein, meinte er. Er meinte ferner, daß es gar keine beſonderen Schwierigkeiten habe, in das Schloß ein⸗ zudringen, weil man ſehr leicht die ſchadhafte Park⸗ mauer überklettern und eben ſo leicht durch irgend ein Fenſter in einem entlegenen, unbewohnten Schloßflügel eindringen könnte. Dieſer Flügel wäre der mit der Front nach Mitternacht gerichtete. Im ſüdlichen Flü⸗ gel, zu welchem man ohne alle Hinderniſſe gelangen könne, ſeien die Wohnzimmer und Schlafzimmer des Fürſten, eine Treppe hoch im erſten Stockwerk. Im untern Stockwerk ſchliefen der Kammerdiener und die Magd. Ferner meinte der Jude, daß es für ein paar entſchloſſene Männer eine wahre Kleinigkeit ſein würde, die alten Leute unten niederzuwerfen und zu binden, und noch eine kleinere Kleinigkeit wäre es, den ſieb⸗ zigjährigen Fürſten zu überwältigen, und ſich dann ganz gemächlich in den Beſitz ſeiner Schätze zu ſetzen. Und nun frage ich dich, Petrowitſch, was meinſt du zu dem Allen?“ Der Knecht hatte mit immer heller funkelnden Augen, und mit vor Habgier zitternden Händen zu⸗ gehört, und jetzt entrang ſich ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt. „Iſt das Alles wahr?“ fragte er mit gepreßter Stimme. „Wahr! Der Jude hat mir's zugeſchworen, und 72 verlangt von uns nur den zehnten Theil von der fetten Beute,“ verſetzte Iwan. „Dann vorwärts,— heute— in dieſer Nacht noch,“ ſagte Petrowitſch.„Leicht könnten uns ſonſt Andere zuvor kommen. Mich wundert nur, daß dieß nicht ſchon längſt geſchehen iſt.“ „Der Jude ſagt, der alte Fürſt wäre ſehr beliebt bei ſeinen Unterthanen und Leibeigenen, denen er viel Gutes thun ſoll, und daraus erklärt ſich, daß Nie⸗ mand daran denkt, ihn zu beſtehlen,“ erklärte Jwan. „Nun, uns kann das gleich ſein,“ erwiederte Pe⸗ trowitſch.„Alſo dieſe Nacht! Zu welcher Stunde!’ „Um zwei Uhr nach Mitternacht, dann liegt Alles im feſteſten Schlafe,“ verſetzte Zwan.„Halte dich um halb ein Uhr bereit zum Aufbruch.“ „Abgemacht! Ich werde nicht fehlen!“ ſagte Petro⸗ witſch frohlockend.„Das kann einen Fang geben, der uns für unſer ganzes Leben reich macht!“ 3 „So iſt es,“ nickte Iwan.„Bis dahin aber ſtill, damit Niemand etwas merkt, auch Alexia nicht. Ge⸗ nug, wenn Zwei den Schatz unter ſich theilen.“ Nach dieſen Worten verließen die Beiden den Stall, und entfernten ſich in gleichgültigem Geſpräch. Einige Minuten ſpäter folgte ihnen Felix nach, ſpähte vorſichtig umher, und ſchlüpfte, als er Niemand ſah, der ihn beobachten konnte, über den Hof und durch das Thor weg auf die Straße hinaus. In einem kleinen Kaufladen erkundigte er ſich nach dem Schloſſe des Fürſten Woronzow, und nachdem er die genaueſte er eilig und heimlich nach der Schenke zurück. Kunde von der Lage deſſelben eingezogen hatte, kehrte Kein Menſch kümmerte ſich dort um ihn. Er ſetzte 8 3 73 ſich ſtill in einen Winkel der Schenkſtube, bis er um zehn Uhr Abends von Iwan in den Stall geſchickt wurde. Ohne Zögern ſtand er auf, und ſchlüpfte aus der Thür. Anſtatt aber nach dem Hofe zu gehen, und ſein Nachtlager an der Seite des Bären zu ſuchen, glitt er wie ein Schatten aus dem Hauſe, und eilte ſchnellen Laufes der Richtung zu, in welcher das Schloß des Fürſten Woronzow lag. Der Mond ſchien hell und erleuchtete ihm den Weg. Nach einer Stunde ſah er die dunkeln Umriſſe eines großen Gebäudes in einiger Entfernung vor ſich aufſteigen, und zweifelte nicht, daß er dem Ziele ſeiner nächtlichen Wanderung nahe ſei. Auch täuſchte er ſich in dieſer Vermuthung nicht. Eine Viertelſtunde ſpäter ſtand er vor dem Schloſſe des Fürſten Woronzow und klopfte laut an die Pforte Ein Fenſter im Erdgeſchoße wurde geöffnet und eine Stimme fragte in polniſcher Sprache, welche Felix mittlerweile verſtehen gelernt hatte: „Wer klopft noch ſo ſpät?“ „Ein Freund,“ antwortete Felix.„Laſſen Sie mich ein, guter Mann! Ich muß nothwendig ſogleich den Fürſten Woronzow ſprechen. Die äußerſte Gefahr iſt im Verzuge.“ „Warten Sie einen Augenblick,— ich werde kom⸗ men, und die Thür öffnen,“ lautete die Antwort. Kurze Zeit nachher raſſelten Schloß und Riegel an der Thür, und ein alter Mann trat mit einem Lichte in der Hand vor Felix hin. „Sie ſind allein?“ fragte er. „Ganz allein.“ „Wohlan, ſo kommen Sie herein le 74 Felix folgte der Weiſung. Der alte Mann ver⸗ ſchloß die Thür wieder, und geleitete Felix in ein ge⸗ räumiges, gut ausgeſtattetes Gemach. „Nun ſprechen Sie,“ ſagte er hier.„Was wün⸗ ſchen Sie von dem Fürſten?“ „Nichts von ihm,“ erwiederte Felix,—„ich wünſche nur ihn zu benachrichtigen, daß ſeine Reichthümer, vielleicht gar ſein Leben dieſe Nacht in Gefahr ſind.“ Der alte Mann erſchrak, ſchüttelte aber gleich dar⸗ auf mit ungläubiger Miene den Kopf. „Unmöglich!“ ſagte er.„Keiner von den Unter⸗ thanen und Leibeigenen des Fürſten wird es wagen, einen ſolchen Anſchlag auszuführen.“ „Aber andere Männer denken daran,“ verſetzte Felix eifrig,—„verwegene, gefährliche Geſellen! Um Gottes willen führen Sie mich zu dem Fürſten, be⸗ vpoor es zu ſpät iſt!“— Die lebhafteſte Beſorgniß ſprach ſo deutlich aus jedem Worte und jeder Geberde des jungen Menſchen, daß der alte Kammerdiener ſeinem Drängen nachzu⸗ geben beſchloß. „So kommen Sie denn,“ ſagte er nach kurzem Beſinnen.„Der Fürſt hat ſich vielleicht noch nicht zur Ruhe begeben.“ Sie ſtiegen eine breite Wendeltreppe hinauf, und eine Minute ſpäter ſtand Felix vor dem Fürſten, einer edeln, trotz ſeines Alters noch rüſtigen und kräf⸗ tigen Männergeſtalt, die ihn mit ſanftem Ernſte wille kommen hieß.— „Setzen Sie ſich mir gegenüber,“ ſprach der Greis, „und nun erzählen Sie mir, was Sie veranlaßt hat, mich mitten in der Nacht aufzuſuchen.“ 75 Felix gehorchte, ſchilderte mit kurzen Worten ſeine Verhältniſſe, und berichtete dann treulich wieder, was er im Bärenſtalle mit angehört hatte. Der Fürſt verzog keine Miene bei der Erzählung, ſondern hörte Felix ganz ruhig an. „Ich glaube Ihnen,“ ſagte er, als er Alles wußte, —„was aber bewegt Sie, mir die Anzeige von dem beabſichtigten Raubanfalle zu machen?“ Feellix ſah den Fürſten auf dieſe Frage mit großen Augen ganz verwundert an. „Was mich bewegt hat, herzukommen?“ erwiederte er,—„nun, doch weiter nichts, als Beſorgniß um Sie und Ihre Diener, Herr, weiter hat mein Kom⸗ men keinen Zweck,— und da Sie nun gewarnt ſind, will ich machen, daß ich wieder fortkomme. Iwan und Petrowitſch würden mich halb zu Tode ſchlagen, wenn Sie mich morgen vermißten und dadurch auf die Vermuthung kommen könnten, daß ich ihre böſen Abſichten vereitelt habe. Alſo, leben Sie wohl, Herr! Und ſehen Sie ſich ja vor, Sie haben es mit grau⸗ ſam böſen Menſchen zu thun.“ „Halt!“ rief der Fürſt, als Felix nach den letzten Worten ſich verbeugte, und gehen wollte.„Bleiben Sie! Du, Paul, eilſt nach dem Meierhofe, und holſt ein halbes Dutzend Knechte herbei, die im Parke den Spitzbuben auflauern können. Vier Andere ſchickſt du hierher. So ſind wir auf alle Fälle vor den Spitz⸗ buben geſichert.“ Der alte Diener verneigte ſich, und ließ ſeinen Herrn mit Felix allein. „Nun, mein Lieber,“ ſagte der Fürſt zu Letzterem, „wollen wir ein wenig von Ihnen ſprechen. In wel⸗ 7 4 4 chem Verhältniſſe ſtehen Sie zu dem Bärenführer? Reden Sie ganz offen zu mir.“ Felix zuckte die Achſeln. „Es ſind viele, viele Jahre her, daß der Menſch mich mit ſich herum ſchleppt,“ verſetzte er.„Wie ich zu ihm gekommen bin, weiß ich nicht zu ſagen. Nur manchmal iſt mir ſo, als ob ich geträumt hätte von einem großen Schloſſe mit einem ſchönen Parke, und von guten Leuten, die mir mit herzlicher Liebe zuge⸗ than waren. Ob ich in Wirklichkeit einmal in ſo günſtiger Lage gelebt habe, wage ich nicht mit Be⸗ ſtimmtheit zu behaupten.“ „Das iſt freilich ſehr ſchlimm, lieber junger Mann,“ ſagte Fürſt Woronzow nachdenklich,—„jedenfalls ſehen Sie nicht darnach aus, als ob Sie von niede⸗ rem Herkommen wären, und Ihre Handlungsweiſe in Bezug auf mich beſtätigt dieß. Wir wollen jetzt ſehe Vielleicht, wenn der Bärenführer in unſere Gewf fällt, erfahren wir Näheres über Ihre wahre Abkunſt und Heimath. Aber Sie werden hungrig ſein,— man ſoll Ihnen einige Erfriſchungen vorſetzen.“ Er klingelte und bald erſchien eine alte Magd, welcher er die nöthigen Befehle mittheilte. Die Die⸗ 46 nerin brachte Speiſe und Trank und Felix genoß davon. 1 Mittlerweile rückte die Nacht vor. Die vier Männer, welche der Fürſt in das Schloß befohlen hatte, kamen an, und brachten die Meldung, daß ſechs Andere ſich im Parke verſteckt hätten. Der Fürſt verſorgte die Leute mit Waffen, und poſtirte ſie dann in ſein Schlafgemach, während er mit Felix noch in den Wohnzimmer blieb. 1T „Alſo um halb ein Uhr, ſagten Sie, wollten die Spitzbuben ſich auf den Weg machen,“ nahm der Fürſt wieder das Wort.„Jetzt iſt es Eins,— wir haben alſo noch ein Stündchen zu warten. Löſchen wir aber, um die Kerls nicht zu verſcheuchen, alle Lichter aus. Sie werden dann glauben, daß wir ruhig ſchlafen.“ Er that nach ſeinen Worten, und nahm dann mit Felix hinter einem großen Ofenſchirm Platz, wo ſie zwar ſehen, aber nicht geſehen werden konnten. Die Zeit verſtrich. Kurz vor zwei Uhr vernahm man ein Geränſch auf dem Gange vor dem Wohn⸗ zimmer. Gleich darauf ward von außen vorſichtig die Stubenthür geöffnet, und zwei Geſtalten, beim Mond⸗ lichte ziemlich deutlich erkennbar, traten in das Gemach. „Da wären wir,“ ſagte der Eine von ihnen leiſe. „Dort rechts muß die Kammerthür ſein, Petrowitſch. Wenn nur der Fürſt recht feſt ſchläft!“ 8,dOb er ſchläft oder nicht, iſt mir ganz gleichgül⸗ tig,“ verſetzte der Andere.„Will er ſich wehren oder Lärm ſchlagen, ſo mache ich ihn mit meinem Meſſer ſtumm auf ewig. Alſo vorwärts, Jwan! Die Beute kann uns nicht mehr entgehen!“ Die beiden Schurken ſchlichen auf den Zehen nach 8 der Kammerthür, machten ſie auf, und verſchwanden im Schlafzimmer. Wenige Augenblicke nachher ver⸗ nahm man Geſchrei, das Krachen eines Piſtolenſchuſ⸗ ſes, dann einen ſchweren Fall, und ein dumpfes Stöhnen. Der Fürſt zündete ſchnell ein Licht an, und trat mit Felix auf den Schauplatz des Kampfes. Sie fanden Iwan und Petrowitſch gefeſſelt auf dem uſ boden liegen. Des Letzteren Geſicht war mit DAAlut beſudelt, das aus einer übrigens nur leichten 3 8 8 78 Streifwunde auf ſeiner Stirne floß. Beide ſtießen einen Wuthſchrei aus, als ſie Felix an der Seite des Fürſten erblickten, und ihre Augen funkelten von einem Haſſe, vor welchem Felix in innerſter Seele erzitterte. „Fürchten Sie dieſe Schurken nicht,“ ſagte der Fürſt zu ihm,—„ſie werden vollkommen unſchädlich gemacht werden.— Und Ihr,“ wendete er ſich zu den Gefangenen, wißt Ihr wohl, daß ich Euch zur Strafe für Euren Einbruch zeitlebens in die Berg⸗ werke Sibiriens ſchicken kann?“ „Barmherzigkeit! Gnade!“ ſtammelten die Böſee⸗ wichter ganz entſetzt, da ſie allerdings ganz genau mußten, daß der Fürſt Macht und Einfluß genug hatte, ſeine furchtbare Drohung auszuführen. „Nur unter Einer Bedingung kann ich mich her⸗ bei laſſen, Gnade an Euch zu üben,“ entgegnete der Fürſt mit Strenge.„Geſteht, wer dieſer Jüngling an meiner Seite iſt, und wie ihr zu ſeiner Perſon gelangt ſeid. Aber ſprecht die Wahrheit, oder Sibi⸗ rien iſt euer unabwendbares Loos!“ „Oh, Herr, Sie ſollen die Wahrheit hören,“ ſagte Iwan ſchnell.„Felix iſt mein Neffe, der Sohn mei⸗ ner verſtorbenen Schweſter, die als Haushälterin und Wirthſchafterin auf einem der vielen Güter des Für⸗ ſten Demidow lebte. Sein Vater und ſeine Mutter ſtarben, als Felix noch ein fünfjähriges Kind war, und da nahm ich die Waiſe aus Barmherzigkeit zu mir. Sein Vater hieß Stein, und ſeine Mutter Su⸗ ſanne. Er wird ſich wohl dieſer Namen noch erin⸗ nern können.“ Felix ſtutzte wirklich, als er die beiden Namen 79 8 4 hörte, die ihm in früher Jugend ſo vertraut geweſen waren, und betroffen ſah er den Fürſten an. „Nun, junger Mann?“ fragte dieſer.„Taucht eine Erinnerung in Ihnen auf?“ „Wahrlich, es iſt ſo,“ verſetzte Felix.„Die Na⸗ men wecken einen Wiederhall in meinem Herzen, und jetzt erklärt ſich's wohl auch, weßhalb ich immer von einem Schloſſe und Parke geträumt habe.“ „Kannſt du deine Ausſage beſchwören, Menſch?“ wandte ſich der Graf wieder zu dem Bärenführer. „Bei Allem, was mir werth und theuer iſt,“ ver⸗ ſetzte dieſer. „Wohl denn, ſo will ich Euch laufen laſſen, und Euer Verbrechen nicht weiter beſtrafen,“ ſagte der Fürſt.„Dieſer junge Mann aber bleibt hier, und Ihr macht Euch ſchleunigſt aus dem Staube, und laßt Euch nie wieder auf meinen Beſitzungen blicken. Fallt Ihr noch ein Mal in meine Hand, ſchicke ich Euch nach Sibirien, ſo wahr Gott im Himmel lebt. Bindet ſie los, Leute,— dann fort mit ihnen!“ Die Spitzbuben waren froh, ſo leichten Kaufes davon zu kommen. Die Leute des Fürſten gaben ihnen das Geleit bis an die Parkthüre und ließen ſie dann laufen. „Unſer Plan iſt mißlungen,“ ſagte Iwan zu ſeinem Genoſſen, als ſie wieder allein waren,—„aber ich habe mich wenigſtens gerächt an dem Verräther. Nie wird er erfahren, wer ſein wirklicher Vater iſt!“ Der Menſch denkt, Gott lenkt! Wir wollen bald ſehen, ob der Bärenführer Recht behält, oder nicht. — 80 Fuünftes Kapitel. NVergeltung. Wir müſſen abermals einen Zeitraum von etwa dritthalb Jahren überſpringen, aus welchem ſich nichts Beſonderes weiter berichten läßt, als daß Felix täg⸗ lich mehr in der Gunſt des Fürſten Woronzow ſtieg, und immer mehr ſich darin befeſtigte. Felix verdiente auch in der That die faſt väterliche Zuneigung, welche der Fürſt ihm zuwendete durch ſein von Dankbarkeit durchdrungenes Herz, und durch ſein liebenswürdiges gefälliges Weſen, das ſich bei keiner Gelegenheit ver⸗ läugnete. 2* Fürſt Woronzow hatte natürlich ſehr ſchnell die beklagenswerthe Unwiſſenheit ſeines Schützlings ken⸗ nen gelernt, und ihm deßhalb einen Informator ge⸗ halten, der ihn in den wiſſenswertheſten Gegenſtänden unterrichtete. Felix, von dem Drucke ſeiner niedrigen Umgebung befreit, lernte leicht und ſchnell, und machte in kurzer Zeit wahrhaft überraſchende Fortſchritte; die überraſchendſten im Erlernen der deutſchen Sprache, was den Fürſten auf die Vermuthung brachte, daß er doch wohl von Iwan, dem Bärenführer, in Betreff der Herkunft Felir' belogen worden, und daß Felix von deutſchem Herkommen ſei. Etwas Gewiſſes war freilich darüber nicht in Erfahrung zu bringen. Während Felix noch immer fleißig ſeinen Studien oblag, traf eines Tages im November ein Brief an den Fürſten Woronzow ein, welcher denſelben ernſt 2 81 und nachdenklich ſtimmte. Abends erklärte er ſich darüber gegen Felix. 8 „Ein alter Freund, der in preußiſch Polen wohnt,“ ſagte er zu Felix,„bittet mich um ein Darlehen von zwanzigtauſend Thalern, da ſich ihm eine vortheilhafte Gelegenheit zum Ankaufe eines ſchönen Herrſchafts⸗ gutes für ſeinen Sohn bietet. Ich würde meinem alten Freunde, dem Baron Walbeck mit Freuden eine doppelte Geldſumme geben, aber ich weiß nicht, wie ich ſie ihm zuſtellen ſoll. Einem gewöhnlichen Boten mag ich ein immerhin bedeutendes Kapital nicht anvertrauen, und ich ſelber bin zu alt und zu ſchwach, die zwanzig deutſche Meilen weite Reiſe zu unterneh⸗ men. So kommt es, daß ich mich in nicht geringer Verlegenheit und Sorge befinde, denn Baron Walbeck ſchreibt, daß die Sache Eile hat.“ 3 „Mein gnädigſter Herr,“ nahm Felix mit glänzen⸗ den Augen das Wort,—„könnte ich nicht Ihr Bote ſein? Auf meine Treue dürfen Sie bauen.“ „Ich baue darauf, wie auf Felſen,“ ſagte der Fürſt erfreut;—„nur wollte ich dir nicht zumuthen, in jetziger, vorgerückter Jahreszeit die weite Reiſe zu unternehmen.“ „Oh, ich bin von früher her gegen alle Unbilden der Witterung abgehärtet,“ verſetzte Felix.„Beſtim⸗ men Sie nur, wie und wann ich abreiſen ſoll. Jeder Augenblick findet mich bereit.“ „Nun denn, ſo wollen wir die Reiſe ⸗Legitimation ausfertigen laſſen, was füglich im Laufe des. morgigen Tages geſchehen kann. Uebermorgen früh magſt du dann in Gottes Namen die Reiſe antreten, und dir 6 Graf und Bärenführer. 82 das beſte Pferd dazu aus meinem Stalle ausſuchen. Nimm dabei Paul zu Hülfe, er verſteht ſich darauf.“ Am nächſtfolgenden Morgen ritt Felix in aller Frühe nach herzlichem Abſchiede vom Fürſten auf einem kräftigen und flinken Ukrainer Pferde davon. Er war warm gekleidet, denn die Witterung fing ſchon an, rauh zu werden. Hinter ſeinem Sattel war ein Mantelſack feſt geſchnallt, welcher die ihm anver⸗ trauten Geldſummen enthielt. In den Sattelholftern ſteckten vier geladene Piſtolen; an Felix' Seite klirrte ein Säbel. Von dieſen ſämmtlichen Waffen verſtand er vortrefflich Gebrauch zu machen, und der Fürſt hatte darauf beſtanden, daß er ſie mitnehmen ſollte, um unterwegs etwa ihm begegnenden Bettlern und Landſtreichern Reſpect einzuflößen. Felix fürchtete in⸗ deß keineswegs ein Zuſammentreffen mit derlei Leuten. Er verließ ſich auf ſeine Jugendkraft, und ſeine Gei⸗ ſtesgegenwart, und auf die Stärke und Schnelligkeit ſeines vortrefflichen Pferdes. So ritt er ſorglos dahin, über weite Heiden, durch langgedehnte, beinahe pfadloſe Wälder in einem ſehr menſchenarmen Landſtriche, wo er nur ſelten auf ein vereinzelt liegendes Gehöft oder eine armſelige Köhlerhütte im Dickicht des Waldes traf. Ihn küm⸗ merte das weiter nicht. Er verfolgte ſtetig ſeinen Weg, raſtete um Mittag ein paar Stunden auf einer Waldwieſe, welche ſeinem Pferde trotz der ſpäten Jahreszeit noch reichliches Futter bot, beſtieg dann wieder ſein Roß, und erreichte mit ſinkender Sonne ein kleines Dorf, welches ihm der Fürſt als ſein erſtes Nachtquartier bezeichnet hatte. Er traf hier freilich nur ein ſehr ärmliches Wirths⸗ 83 haus, aber der Wirth empfing ihn freundlich, und räumte ihm ſein beſtes Zimmer, ſeinem Pferde den beſten Fleck in dem Kuhſtalle ein. Der beſcheidene Felix war ganz damit zufrieden, und fand auf ſeinem harten Strohlager den erquickendſten Schlaf. Neu geſtärkt erwachte er am folgenden Morgen, und beeilte ſich, ſeine Anſtalten zur Weiterreiſe zu treffen. Der Wirth ſuchte ihn im Stalle bei ſeinem Pferde auf. „Gospodin,“ ſagte er mit beſorgter Miene,— „das Ausſehen des Himmels verſpricht nichts Gutes für den heutigen Tag, ſondern drohet vielmehr mit Sturm und Schnee. Ich bitte Sie daher, reiten heute nicht fort. Sie haben einen böſen Weg dur unermeßliche Heiden, wo Sie nirgends Schirm und Obdach gegen das Unwetter finden. Bleiben Sie, Gospodin, wenigſtens heute noch! „Mein Geſchäft hat Eile,“ guter Mann,„verſetzte Felix.„Ich muß fort, meine Pflicht ruft mich, und ich frage deßhalb wenig nach ein Bischen Wind und Schnee.“ „Oh, Gospodin, Sie wiſſen nicht, was ein Schnee⸗ ſturm hier in unſeren endloſen Heiden für eine furcht⸗ bare Naturerſcheinung iſt,“ erwiederte der Schenkwirth. „Um Ihrer ſelbſt willen beſchwöre ich Sie, zu bleiben. Sie verlieren Weg und Steg, wenn der Sturm mit Gewalt losbricht, und die wirbelnden Schneemaſſen Ihnen die Augen blenden!“ 1 „Pah, Sie übertreiben,“ gab Felix gleichgültig zur Antwort.„Ich bin kein Neuling, guter Mann, und an jedes Wetter gewöhnt. Mit Hülfe meines Taſchen⸗ Kompaſſes und meines Pferdes werde ich die rechte 6* 4 , 2—,— 84 Richtung ſchon nicht verlieren. Sie meinen es gewiß gut mit mir, lieber Freund,— aber mein Geſchäft duldet keinen Aufſchub.“ Nach dieſen Worten führte er das Pferd aus dem Stalle, ſchwang ſich in den Sattel, warf dem Wirthe mit freundlichem Abſchiedsgruß einen Silberrubel zu, und ſprengte dann ſo ſchnell in nordweſtlicher Richtung über die Heide davon, daß er nicht einmal die letzten, ihm zugerufenen Warnungen des Schenkwirthes ver⸗ nahm. Nach einiger Zeit mäßigte er die anfängliche Eile, und muſterte mit einem ſpähenden, prüfenden Blick Himmel und Erde. Das Ausſehen des Himmels erſchien ihm allerdings drohend. Dunkles, ſchweres Gewölk bedeckte ihn von Aufgang bis Niedergang, und verbarg die Sonne voll⸗ ſtändig hinter ſeinem Unheil verkündenden Schleier. Die Luft war ſehr unfreundlich und rauh, aber von Wind entdeckte Felix keine Spur. Ueber dem Heide⸗ kraute, welches die weite unüberſehbare Heide bedeckte, lag ein grauer und feuchter Nebel. „Die Wetteranzeichen ſind allerdings nicht beſon⸗ ders günſtig,“ murmelte Felix vor ſich hin;—„indeß, mein Nachtlager iſt heute nur fünf Meilen entfernt, und die werden wir ja mit Gottes Hülfe wohl zurück⸗ legen. Das Pferd hat ausgeruht und gutes Futter gehabt, ich ſelbſt bin warm gekleidet und bei friſchen Kräften,— was ſollte ich da zu fürchten haben? Vor⸗ wärts, vorwärts alſo in Gottes Namen. Der brave Ukrainer Hengſt trabte munter über ſtutzte er aber plötzlich, hob den feinen Kopf hoch auf, die Heide weiter. Nach Verlauf von etwa einer Stunde 8⁵ und ſchnüffelte in die Luft. Hierauf blieb er ſtehen, ſchüttelte ſchnaubend ſeine Mähne, und nahm einen Anlauf umzuwenden, und nach dem vorigen Nacht⸗ quartier zurück zu galoppiren. Daran hinderte ihnh aber Felix, indem er die Zügel feſter packte und den widerwilligen Hengſt mit einigen leichten Spornſtößen züchtigte. Das edle Thier ſträubte ſich noch ein wenig, in der bisherigen Richtung weiter zu gehen, gab aber doch endlich dem ernſteren Zureden und Drängen ſeines Reiters nach. Noch eine Viertelſtunde etwa mochte vergangen ſein, da empfand Felix eine heftige, durchdringende Kälte, und vernahm zugleich ein dumpfes Sauſen von Nordoſten her. Er wendete ſeine Blicke dahin, und 84 5 ſah eine mächtige, faſt den halben Himmel bedeckende, weißliche Wolkenmaſſe, die wie eine bewegliche Wand ſich gegen ihn heranwälzte. Das dumpfe Brauſen verſtärkte ſich mit jedem Augenblicke; jetzt fielen einige wirbelnde Schneeflocken aus der Luft herab; dann kam die Windsbraut mit furchtbarer Wuth und Gewalt einher geſtürmt, die durchdringende Kälte ſteigerte ſich zu ungewöhnlicher Heftigkeit, und zugleich ſtürzte der Schnee in ſolchen Maſſen über den einſamen Reiter her, als ob derſelbe ihn wie eine Lawine begraben wollte. Felix ſtarrte mit Entſetzen in den ſo plötzlich los⸗ gebrochenen Aufruhr der Natur; einige Augenblicke fühlte er ſich wie gelähmt, dann aber, die Nothwen⸗ digkeit einſehend, daß ſchleunigſte Flucht vor dieſem ab⸗ ſcheulichen Unwetter das einzige Mittel zu ſeiner Ret⸗ tung darbiete, warf er ſein Pferd herum, und galop⸗ pirte mit dem Winde, von demſelben mit eiſigem 1 3 86 Hauche verfolgt, in der Richtung zurück, die er am Morgen gekommen war. Der brave Hengſt ſchien die Gefahr nicht minder gut zu kennen, als ſein Reiter. In raſendem Laufe ſtürmte er vorwärts, über die im Nu mit einer weißen Schneehülle bedeckte Ebene dahin. Er bedurfte keines Anrufes, keines Spornes, keiner Peitſche, um ihn zur äußerſten Aufbietung ſeiner Kräfte anzuſtrengen. Im⸗ mer grade aus, im eiligſten Lauf rannte er weiter. Felix wußte nicht, wohin er geriſſen wurde, denn der Schnee fiel ſo dicht, daß er nicht zwei Schritte weit vor ſich ſehen konnte. Er ließ den Hengſt laufen ohne von den Zügeln Gebrauch zu machen, die er mit den von Froſt erſtarrten Händen kaum noch feſt zu halten vermochte. Und weiter ging es immer weiter, wie vom Sturm gejagt, der heulend und brauſend, wimmernd und pfeifend, über die lockere Schneedecke fegte, und immer und unaufhörlich neue Schneemaſſen aus den fliegen⸗ den Wolken herunter ſchüttelte. Nach der Berechnung, welche Felix anſtellte, hätte er ſchon längſt bei dem verlaſſenen Wirthshauſe ange⸗ kommen ſein müſſen, und der ſchreckliche Gedanke drängte ſich in ihm auf, daß er es verfehlt haben, und wie blind daran vorüber geritten ſein müſſe. Was ſollte denn aus ihm werden, wenn er nicht ein anderes Obdach fand? Schon fühlte er, wie die durch⸗ dringende Kälte allmählig die Wärme aus ſeinen Glie⸗ dern vertrieb, und das Blut in ſeinen Adern zu Eis zu erſtarren drohte. Wenn er nicht bald eine Zu⸗ flucht entdeckte, mußte er ſich verloren geben. Sein wackerer Hengſt griff übrigens unermüdlich — aus, und flog, wie ein dunkler Schatten durch die in der Luft wirbelnden Schneemaſſen. Aber wie lange mochten, konnten ſeine Kräfte noch ausreichen zu dem furchtbaren Wettrennen mit dem entſetzlichen Sturme? Unmöglich konnte er noch eine Stunde, oder nur eine halbe Styande ſo fortgaloppiren. In/ der That bemerkte Felix, daß allmählig ſeine Schu klligkeit nachließ, der Galopp verwandelte ſich in 8 ſcharfen Trab, der Trab in langſames Dahin⸗ ſochreiten. Felix hob ſeine Augen auf und blickte um ſſich. Es war ihm, als ob der Sturm ſich gelegt und die eiſige Kälte der Luft ſich bedeutend gemindert habe. Ein Aufſchrei der Freude entrang ſich ſeinen Lippen, — beim erſten Blicke hatte er erkannt, daß er ſich in einem Walde befand, deſſen dicht ſtehende Baumſtämme die Kraft des Windes brachen! Der Schnee lag hier im Gegenſatze zur offenen Heide ſehr dünn, und reichte dem dampfenden, von dem furchtbaren Laufe noch ſchnaubenden, edlen Hengſte kaum bis über die Hufe. Sein Inſtinkt hatte das brave Thier den Wald auf⸗ finden laſſen, der eine faſt eben ſo ſichere Zuflucht bot, als die kleine Heideſchenke gewährt haben würde. Roß und Reiter erholten ſich ſchnell von den furcht⸗ baren Strapazen des wüthenden Schneeſturmes, und im innerſten Herzen dankte Felix dem erbarmungs⸗ reichen Gotte für die Rettung, die ihm ſo unverhofft und unerwartet zu Theil geworden war. Langſamen Schrittes, um ſein edles Roß verſchnau⸗ fen zu laſſen, ritt er weiter. Er glaubte ſich im Walde vor jeder Gefahr geborgen, und hoffte früher oder ſpäter ein Dorf, ein Schloß, eine Hütte zu er⸗ 88 reichen, wo man ihm gaſtfreundlich ein Nachtlager gewähren würde. Da drang ein fernes Geheul zu ſeinem Ohre, und er lauſchte fkeudig erregt, weil er das Geheul eines Hundes zu vernehmen glaubte. Nicht ſo ſein Pferd, der edle Hengſt ſchauderte zuſammen, ſchnaubte, und ſprang in wilden Sätzen davon. A „Oho, was fällt dir ein, mein braver Omar,“ ſagte Felix zu ihm, und ſuchte ihn ſchmeichelnd zu beruhige n. „Erſchrickſt du vor ein wenig Hundegebell? Sei gauuz unbeſorgt, ich bin bei dir!“ Der Hengſt ſchien ihn zu verſtehen und fiel in ſei⸗ nen gewöhnlichen Schritt zurück. Als aber nach Ver⸗⸗ lauf einiger Minuten das ſeltſame Geheul jetzt ſchon ganz in der Nähe wieder ertönte, bäumte er in wilde Erſchrecken hoch auf, und ſetzte abermals zum Galop ſprunge an. Noch kämpfte Felix mit ihm, um ih zurückzuhalten, da blieb das edle Thier plötzlich wie zu Stein erſtarrt ſtehen, ſtemmte die Vorderfüße ſchräg gegen den ſchneebedeckten Boden, und ſtreckte zähne⸗ fletſchend den feinen Kopf vor. Felix blickte auf, und ſah, kaum noch fünfzig Schritte entfernt, zwei große Wölfe, die ihn mit blutunterlaufenen Augen anſtarrten. Schnell wie der Blitz zog er ſeine Piſtolen aus den Sattelhalftern, und richtete die Läufe auf die gegen ihn losſpringenden Beſtien. Es geſchah dies keinen Augenblick zu ſpät. Schon ſchnappten die Wölfe nach der Gurgel ſeines zitternden Roſſes,— da krachten die Schüſſe, und beide Wölfe zugleich ſtürzten getrof⸗ fen zuſammen. Felix ſandte Jedem noch eine zweite Kugel zu, um den Beſtien vollends den Reſt zu geben, und trieb dann ſein noch ängſtlich ſchnaubendes Pferd —ℳ ää “ 89 um Weitergehen an. Der brave Hengſt gehorchte, nnd Felix lud wohlweislich die Piſtolen wieder, um ſie im Falle der Noth gleich wieder bei der Hand zu haben. Einige Stunden vergingen, und noch immer hatte Felix keine Spur von einer Menſchenwohnung entdeckt. Er machte ſich ſchon darauf gefaßt, den ganzen Tag, wenn nicht gar auch die kommende Nacht im Walde zuzubringen, als er über eine kleine Lichtung hinweg⸗ ritt, und mitten auf derſelben einen faſt ſargähnlichen Haufen Schnee bemerkte, aus welchem an einem Ende etwas Dunkles, wie ein Stück ſchwarzes Leder, einen Zoll breit etwa, hervortauchte. Felix wäre vermuthlich vorübergeritten, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf den Schneehaufen zu werfen, aber es fiel ihm auf, daß ſein Pferd davor zurückſchrak, und einen Seiten⸗ ſprung machte, um aus der unmittelbaren Nähe des Haufens zu kommen. Er ſah ſchärfer danach hin, und erkannte nun in dem vermeintlichen Lederlappen die Spitze eines Stiefels. „Mein Gott, ſollte hier ein Menſch verunglückt ſein?“ rief er unwillkürlich aus, und ſprang vom Pferde, um eine nähere Unterſuchung anzuſtellen. Er entfernte theilweiſe den Schnee, und entdeckte in der That nicht nur die Geſtalt eines ohnmächtigen Menſchen, ſondern ſogar eines Menſchen, deſſen Per⸗ ſon ihm ſehr wohl bekannt war. Vor ihm lag mit todtbleichem, abgezehrten Geſicht, mit geſchloſſenen Au⸗ gen und feſt auf einander gebiſſenen Zähnen die Ge⸗ ſtalt ſeines ehemaligen Herrn und Gebieters, des Bären⸗ führers Iwan Iwanowitſch. Eine Regung des Zornes und Unwillens durch⸗ zuckte Felix, welche indeß ſchnell beſſeren Gefühlen voon den Wölfen zerriſſen zu werden. meiner erbarmt im tiefſten Elende, flößte ihm einige Tropfen des feurigen Getränkes ein, woo er ſich mit be Fort!“ rief Felt munteren Schrittes wieder in den Wald ein. —ᷣ—ᷣ 90 Platz machte. „Nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich kann dieſen Mann, wie grauſam er auch gegen mich gehandelt hat, nicht dem Schickſale preisgeben, hier zu erfrieren, oder Gott hat ſich — wie kann ich Ihm beſſer danken, als daß ich ſelber barmherzig bin gegen meine Nebenmenſchen, wären dieſe auch meine erbittertſten Feinde.“ EFr kniete neben Iwan nieder, rieb ihm die Schläfe mit Wein, den er in einem Fläſchchen bei ſich führte, und empfand eine gewiſſe Genugthuung, als nach eini⸗ gen Minuten Iwan die Augen aufſchlug, und ein Theil ſeiner Beſinnung zurückkehrte. Felix half ihm auf⸗ ſtehen, und brachte ihn mit vieler Mühe auf ſein Pferd, iden Händen krampfhaft an dem Sattelknopf anklammerte u Hengſte zu, und dieſer drang ruf des Entzückens hören. und Schneegeſtöber vollſtä junge Mann erblickte auch großes ſtattliches Schloß, ach einer halben Stunde lichtete ſich das Gehölz, und man gelangte in's Freie. Felix ließ einen Aus⸗ Nicht nur hatten Sturm ndig aufgehört, ſondern der in geringer Entfernung ein wo er ein Unterkommen für halb ohnmächtigen und be⸗ täubten Iwan zu finden hoffte. wurde dieſelbe von innen geöffnet, und die gebeugte Geſtalt eines Greiſes hieß die Ankömmlinge willkom⸗-⸗ ſich und den immer noch Er erreichte die Pforte und klopfte. Gleich darauf 91 men. Felix erzählte ihm kurz, wie er Iwan im Walde gefunden habe, und der Ruf des alten Mannes führte ſchnell einige Knechte herbei, welche JZwan vom Pferde hoben, ihn in das Schloß trugen und der Pflege einer alten Dienerin übergaben. Der Greis ließ indeß das Pferd des Gaſtes verſorgen, und führte Felix in ſein Zimmer, wo er ihn mit Speiſe und Trank erquickte. Theilnehmend und doch auch voll tiefer Wehmuth ruhte ſein Auge auf den ſchönen und edlen Zügen des Jünglings. Aber ehe er noch viele Worte mit ihm wechſeln konnte, kam eine Botſchaft, welche ihn und Felix an das Lager Iwan's berief. Beide folg⸗ ten ſogleich dem Rufe, und fanden Iwan angekleidet und bei vollkommen zurückgekehrter Beſinnung. Als er Felix erblickte, zitterte er. „Um Gottes willen, iſt dieſer da der junge Mann, der ſich Meiner angenommen und mich hieher geführt hat?“ fragte er haſtig. „Dieſer iſt es,“ verſetzte der Greis.„Ihr ſeid ihm großen Dank ſchuldig, Mann!“ Der alte Bärenführer brach in Thränen aus, ſchluchzte wie ein Kind, und warf ſich endlich Felix zu Füßen. „Gott hat uns hierher geführt!“ rief er in leiden⸗ ſchaftlicher Bewegung aus.„Gottes Finger ſehe ich in unſrer Begegnung, Gott ſelber will dich belohnen für deine Barmherzigkeit an einem Verworfenen! Felix, du biſt nicht mein Neffe, du biſt der Graf Felix Nor⸗ mann, und ſiehe, dieſes Schloß, das uns gaſtlich auf⸗ genommen, iſt der Sitz deiner Väter!“ Er wollte noch weiter ſprechen, aber der Greis und die alte Haushälterin unterbrachen ihn. ͤSͤͤ——— 92 „Der Herr läßt mich in Frieden zur Grube fah⸗ ren!“ rief der alte Stein, indem Thränen aus ſeinen Augen ſtürzten.„Ja, er iſt es! Es iſt Felix, unſer Felix! Welche Gnade von Gott für unſeren edeln, ſo tief gebeugten Herrn. Komm, Felix, ich muß dich zu deinem Vater führen, um ſeine tiefe Trauer in himm⸗ liſche Seligkeit zu verwandeln!“ Er riß den überraſchten, faſt willenloſen jungen Mann mit ſich fort; Iwan und die alte Suſanne folgten ihnen. Es gab eine Scene des Wiederſehens, des Wiedererkennens, die zu ſchildern meine Feder zu ſchwach iſt. Leſer, der Vater fand ſeinen lange Jahre beweinten Sohn, der Sohn ſeinen Vater und ſeine Heimath, die alten Diener das treu geliebte Kind des Hauſes wieder. Süßere Thränen ſind wohl nur ſel⸗ ten vergoſſen auf Erden, als die, welche im Zimmer des Grafen Normann damals die Augen feuchteten. Der Tag neigte ſich. Iwan hatte erzählt, wie Graf Albin ihn durch Beſtechung gewonnen hatte, Felix zu entführen, wie dieß in der That geſchehen, wie Felix viele Jahre mit ihm herum gezogen war, wie endlich Fürſt Woronzow ſich des Jünglings an⸗ genommen hatte. Seitdem verfolgte mich Unglück auf Unglück,“ fuhr er fort.„Meine Thiere ſtarben; Petrowitſch wurde von einem Bären zerriſſen, Alexia verließ mich. Ich ſtand allein. Da ging ich hieher in dieſe Gegend, um den Grafen Albin an ſein Verſprechen zu mahnen und mir das Blutgeld für Felix' Entführung aus⸗ zahlen zu laſſen. Er aber warf mich hohnlachend aus dem Hauſe, ohne mir nur einen Heller zu geben. Da — 93 faßte ich aus Rachbegierde den Entſchluß, Alles dem Grafen Normann zu enthüllen, und wendete meine Schritte hierher. Unterwegs warf mich der Schnee⸗ ſturm nieder, ich verlor die Beſinnung, und, wenn Gott nicht Felix zu mir geführt hätte, läge ich jetzt, eine Leiche, im Walde. Dieß ſind meine Bekenntniſſe, Herr Graf, und jetzt unterwerfe ich mich demüthig jeder Strafe, welche Sie über mich verhängen mögen. Es dauerte einige Tage, bis Graf Robert ſich ſo weit von dem Uebermaße ſeines Entzückens wieder erholte, um mit Felix einen Ausflug nach Goczyun machen zu können. Felix hatte unterdeſſen den Auf⸗ trag des Fürſten Woronzow durch den getreuen Stein ausführen laſſen, ſtattete davon, ſowie von ſeinen letzten glücklichen Erlebniſſen einen genauen Bericht an den Fürſten ab, und gab das Verſprechen, daß er in kurzer Friſt mit ſeinem Vater kommen würde, um den Fürſten den beiderſeitigen tiefſten Dank auszuſprechen. Wir bemerken hier noch beiläufig, daß dieſer Beſuch ſpäter in der That abgeſtattet wurde, und daß der alte Fürſt bis an ſein Ende mit der Familie Nor⸗ mann innigſt befreundet blieb. Eine Woche nach Felix Rückkehr in die Heimath traten endlich Graf Normann, ſein Sohn, der alte Stein und Iwan die kurze Reiſe nach Goczyn an, um zu ſtrafen, zu demüthigen, zu rächen was ein ſchlechter Menſch gegen ſeine nächſten Verwandten, ſeine Wohl⸗ thäter geſündigt hatte. Aber ein Höherer hatte ſchon das Richteramt über den Verbrecher geübt. Zu dem Grafen Albin war das Gerücht von der Wiederkehr ſeines jungen Neffen gedrungen, er hatte ſich von der Wahrheit dieſes Gerüchtes überzeugt, und hatte, ein Opfer ſeines Gewiſſens und der Furcht vor Entehrung, Schmach und Schande, Hand an ſich ſelber gelegt. Man fand ihn erhängt in den Trümmern ſeines ver⸗ fallenen Schloſſes. Tief bewegt und erſchüttert ſprach Graf Robert: „Sehet, ſo ſtürzet Gott die Ungerechten in's Ver⸗ derben, die Seinen aber führt er auf den Wegen des Segens! Der Allmächtige hat gerichtet, und Sein Urtheil iſt ſtreng, aber gerecht.“— Iwan erlangte die Verzeihung des Grafen, und er dankte dafür durch lebenslängliche Ergebenheit und Treue, die nie, auch nur einen Augenblick wieder ver⸗ ſäumt oder gebrochen wurde.——— —; —— — —— uädaunauarauun aunuuxuuu ffff dnunuuuu eunannunuuunuu 7 8 9 12 14 15 16 17