7——-—————— e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E . n ei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 . 3 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 3 5 4 d — —„— „„„—„ 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ zund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G r ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 4 lorene oder defecte Buch ein heil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aa funneaen Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf„aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ h ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ ——— 2 t das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Eine Erzählung für meine jungen Freunde. . 8 Von 7 Frunz Waffmann. * Motto: Ein irener Freund liebet mehr und ſtehet feſter bei, denn ein Bruder.* Sprw. 13, 24. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring Felſen thronen — 8 Furchtlos und treu. Erſtes Kapitel. Die Hütte am Strande. Eine Fiſcherhütte lag einſam an der nordweſtichen Küſte Deutſchlands auf einer ſandigen Erhöhung des Ufers. Fünfhundert Schritte davon brandete die Nord⸗ ſee, und rollte ihre ſchäumenden grünen Wogen weit hinauf an den Strand, der von weißem Sande ſchim⸗ merte, ſo weit das Auge reichte. Etwa eine Viertel⸗ ſtunde entfernt, erſtreckte ſich eine Landzunge tiefer in das Meer hinein, und am äußerſten Ende derſelbenſ ragte ein hohes Felſenriff empor, deſſen breiter, ſtei abſtürzender Gipfel einen uralten runden Thurm, um⸗ geben von verwitterndem Gemäuer, auf ſeiner Fläche trug. Hier hatte vor alten Zeiten ein mächtiges Ge⸗ ſchlecht gehaust. Es war erloſchen, und von der Herr⸗ lichkeit ſeines einſt ſtattlichen Schloſſes war nichts uͤbrig geblieben, als ein Haufen von Truͤmmern, der, von hochgehenden Wellen überſprüht, von allen Winden umſtürmt, noch lange Jahre auf dem uner zu wollen ſchien. wohl erhaltene Thurm ſchaute wei Meer, und diente den Schiffern zum 2 gefährlichen Riffe und Klippen zu vermeiden, welche ſich von dem Felſen aus tiefer in's Meer hinaus er⸗ ſtreckten und ſelbſt bei niederer Ebbe kaum über das Waſſer empor ragten. Es war hier eine verhängniß⸗ volle Stelle für die unkundigen oder von wilden Stür⸗ men gejagten Seefahrer. Schon manches Schiff hatte hier an den verborgenen Klippen ſeinen Untergang ge⸗ funden, und häufig war der Strand von Leichen und den Trümmern geſcheiterter Fahrzeuge bedeckt. Der ſteile Felſen, welcher gleich einem Vorgebirge ſich über das Meer erhob, lag zwar nicht ſehr weit vom Ufer ab, war aber nur zur Zeit der Ebbe von einem Fußgänger, und auch dann nicht ganz ohne Ge⸗ fahr zu erreichen. Nur ein ſchmaler Grat führte vom Lande aus zu ihm hinüber, und auch dieſer Grat, von weißem Sande bedeckt, unterſchied ſich ſo wenig von dem umliegenden weiten Sandmeere der Dünen, daß nur ein kecker Fuß ihn zu betreten wagte. Schon mancher Neugierige hatte den Verſuch, zur Zeit der Cbbe an das Vorgebirge zu gelangen und die Ruinen des alten Schloſſes zu beſteigen, mit dem Leben bezah⸗ len müſſen. Es bedurfte nur eines falſchen Schrittes, um der drohendſten Gefahr urplötzlich in die Arme zu fallen. Der Sand der Dünen war ſo locker, daß der auftretende Fuß, wie in den zähen Schlamm eines Moraſtes einſank, und die verzweifeltſten Anſtrengun⸗ gen, ſich aus dieſem verrätheriſchen Sandboden heraus zu arbeiten, führten in der Regel nichts weiter, als beſchleunigten Untergang herbei. Wie die gefangene Fliege im Netz der Spinne vergeblich ſich abmühet, ihre Freiheit wieder zu erlangen, ſo der Unglückliche oder Unvorſichtige, der in dieſe ſchreckensvolle Lage 3 gerieth. Tiefer und immer tiefer ſank er in den feuch⸗ ten, lockeren Sand ein, ſein keuchendes Ringen und Kämpfen, das vielleicht nahe Rettungsufer zu gewinnen, ermattete ihn nur bis zur Ohnmacht, Zoll um Zoll verſchwand ſein zitternder Leib in das geöffnete Grab, und faſt war es noch ein Glück zu nennen, wenn die wiederkehrende, ſteigende Meeresfluth ſeinem entſetzlichen Todeskampfe ein raſches Ende bereitete. Die Bewohner der umliegenden Gegend kannten die Gefahr und vermieden ſte. Nur waghalſige oder des ſicheren, feſten Weges ganz genau kundige Men⸗ ſchen betraten zuweilen den tödtlichen Pfad nach den Trümmern des Schloſſes, deſſen Inneres auch nur ihnen allein ganz genau bekannt war. Die Sage ging, es ſeien dort tiefe unterirdiſche Gänge und Gewölbe, mit reichen Schätzen angefüllt, welche die alten Herren und Gebieter des Schloſſes von ihren weiten, kriegeri⸗ ſchen Seezügen als gute Beute mit heimgebracht und dort in den feſten Gewölben aufgehäuft hätten. Aber die Schätze ſeien von böſen Geiſtern bewacht, und Ver⸗ derben drohe einem Jeden, der mit vermeſſener Kühnheit die Hand danach ausſtrecken würde. Dieſe alte Sage, welche von Geſchlecht zu Geſchlecht fortvererbt war, wurde von mancherlei geheimnißvollen Erſcheinungen unterſtützt. Von offener See in ihrem Boote Nächtens heimkehrende Schiffer wollten von Zeit zu Zeit den Schein von Lichtern oben zwiſchen den düſteren Ruinen geſehen und das dumpfe Getöſe von Stimmen gehört haben, deren Ton, vom Winde getra⸗ gen, weit uͤber das Meer gehallt ſei. Andere behaup⸗ teten, es liege zuweilen ein großes Schiff mit gerefften Segeln dunkel und regungslos auf dem Waſſer der * — 3— kleinen Bucht, welche unmittelbar unter dem Schloſſe lag und den Herren der Burg in alten Zeiten zu einem Hafen gedient haben mochte, und dieſes Schiff könne kein anderes ſein, als ein Geiſterſchiff, das ohne Segel und Steuer über das Meer dahinfahre, bloß von ge⸗ heimnißvollen Mächten geleitet. Es ſei das Schiff der alten Seehelden, die im Grabe nicht Ruhe finden könn⸗ ten und in mitternächtiger Stunde die heimathliche Burg aufſuchten, um dort bis zum erſten Tagesgrauen ihr geſpenſtiſches Weſen zu treiben. So ging die Sage, und Viele glaubten ſie, denn Viele hatten in der That die Lichter in den Ruinen, das Fahrzeug in der Bucht mit eigenen Augen geſehen, und mit eigenen Ohren das Gewirr von Stimmen gehört, das zuweilen in dunkler ſtiller Nacht deutlich vernehmbar war. Man ſprach nur mit Scheu von dem alten Schloſſe, und ſelbſt die Verwegenſten nahten ſich ihm nicht gern bei Nacht, ſondern machten lieber einen weiten Bogen, um dem geſpenſtiſchen Treiben der Geiſter aus dem Wege zu gehen. Seit nun vollends einige vorwitzige Burſche, welche, der Gefahr trotzend, ſich Nachts den Trümmern genähert hatten, elend auf dem Sande der Dünen umgekommen waren, wagte ſich Niemand mehr heran, und das Schloß lag wüſt und leer, ein Tummelplatz fuͤr die Möven und Seeraben, die von der Zinne des alten Thurmes ihr mißtönend krächzendes Geſchrei erſchallen ließen. Gleichwohl gab es noch Leute, welche nicht nur nicht an die Sage glaubten, ſondern ſogar ohne Scheu darüber ſpotteten und lachten. Dies waren die fran⸗ zöſiſchen Douaniers, welche im Jahre 1810 dieſen Theil der Küſte beſetzt hielten und vor dem Einſchmug⸗ 3 geln verbotener Waaren bewachen ſollten. Sie behaup⸗ teten geradezu, der ganze Geſpenſterſpuk rühre von wei⸗ ter Niemand her, als von den verwegenen Paſchern, welche den Aberglauben der Leute zu ihrem Gewerbe benutzten. Auch die Lichter, welche man geſehen haben wolle, rührten von ihnen her, die gehörten Stimmen 74 ſeien ihre Stimmen, das Geiſterſchiff ſei ihr Schmug⸗ gelſchiff, und die Schätze in den unterirdiſchen Gewöl⸗ ben des Schloſſes ſeien die gepaſchten Waaren, die nicht von böſen Geiſtern, ſondern von den Schmugg⸗ lern bewacht würden, mit denen man aber ſchon fertig zu werden hoffe. 3 „Mille tonnerres,“ rief ein alter Douanier eines Tages, als in dem Wirthshauſe des etwa eine halbe . Stunde entfernten Dorfes wieder einmal die Rede von dem geheimnißvollen Schloſſe war—„nous verrons — die maudits Paſcher ſollen mich kennen lernen! Wir verſtehen unſer Geſchäft! Diable, nous ver- rons!““ Zwei Tage ſpäter rückte der Alte mit drei Beglei⸗ tern gegen das Schloß an. Der Weg dahin lag offen, denn es war Ebbe eingetreten, und der Schein des Vollmondes glänzte hell auf dem weißen Sande der Dünen. Auf dem Schloſſe oben ſchimmerte Licht— in der Bucht lag dunkel im Schatten des Felſens ein Fahrzeug. Muthig drangen ſie, den Alten an der Spitze, auf dem gefährlichen Pfade vorwärts. Das Mondlicht ſpielte auf den Läufen ihrer geladenen Büchſen und dem Meſſingbeſchlage ihrer Säbel— ſo gingen ſie dahin. Am Morgen ſpülten die Wogen ihre Leichen an den Strand. Sie waren erſehrt — keine Wunde, keine Verletzung irgend A * zu entdecken— die Kugeln ſteckten noch in den Ge⸗ wehrläufen. „Da ſeht Ihr's,« murmelten die Abergläubiſchen —„die Geiſter des Schloſſes dulden nicht, daß man ihnen naht! Gott ſchütze uns vor den Geſpenſtern!“ So kam es, daß ſelbſt die Gränzwächter einge⸗ ſchüchtert wurden, und ſich nur ſelten, und auch dann nur bei Tage, den mit tödtlichen Schrecken drohenden Ruinen zu nähern wagten, welchen Verdacht ſie auch über das geheimnißvolle Treiben daſelbſt hegen moch⸗ ren. Bei Tage hatten ſie nie etwas Verdächtiges be⸗ t, ſo genau und ſorgfältig ſie auch den alten Trümmerhaufen und das Innere des mächtigen runden Thurmes durchforſcht und immer wieder durchforſcht hatten. Von geheimen Gewölben, aufgehäuften Schätzen und dergleichen fanden ſie keine Spur— warum alſo ſollten ſie ihr Leben unnöthiger Weiſe auf's Spiel ſetzen? So ſtanden die Dinge, als eines Abends aus dem bereits erwähnten Fiſcherhäuschen ein ſchlanker, hüb⸗ ſcher Knabe trat, und, vor der Thür ſtehen bleibend, einen laugen, forſchenden Blick in das Meer hinaus und auf die Ruine warf, welche von den Strahlen der untergehenden Sonne mit röthlichem Schimmer über⸗ haucht und verklärt wurde. Das leuchtende Tagesge⸗ ſtirn ſtand bereits tief am Horizonte und ſeine Strah⸗ len goſſen einen breiten, glänzenden Strom von Licht uͤber das Meer aus, der in funkelndem Glanze grell gegen die grüne dunkle Färbung des übrigen Waſſers abſtach. Einzelne Wolkenſtreifen, ſchon mit Purpur gefärbt und mit blitzend ſilbernen Rändern ſchwebten uͤber der Sonne. Die dunkle Bläue des Himmels war — von lichteren Tinten überglänzt, und der ganze weite Himmel glich einer mächtigen Kuppel, in deren Wöl⸗ bung tauſendfache Farben in wechſelnden Reflexen ſich ſpiegelten. Das Meer lag ruhig— aber die Moͤven flogen tief, und ſtreiften zuweilen mit den glänzend weißen Flügelſpitzen oder den Füßen das Waſſer. Der Strand, ſo weit das Auge reichte, zeigte ſich menſchen⸗ leer; in der Ferne tauchte der Thurm eines Dorfes hinter den Sandhügeln der Küſte auf; nach der ande⸗ ren Seite hin lagen noch entfernter einzelne Fiſcher⸗ hütten, aus denen ein leichter Rauch in die ſtille Abend⸗ luft leiſe empor wirbelte und langſam verſchwand. Andere Zeichen von Leben machten ſich nirgends be⸗ merkbar.. Eine gute Weile ſtand der Knabe ſtill und regungs⸗ los, gegen den Thürpfoſten der Hütte gelehnt, die Hand vor den Augen, um von dem grellen Lichte der ſchei⸗ denden Sonne nicht geblendet zu werden, und ließ den forſchenden Blick bald hinaus in das Meer, bald fern⸗ hin in das Land, bald zu den Trümmern des Schloſſes emporgleiten. Er war in die einfachſte landesübliche Fiſchertracht gekleidet— weite leinene Hoſen, eine lei⸗ nene Jacke, ein buntes ſeidenes Tüchelchen mit überge⸗ ſchlagenem Hemdkragen, eine rothgeſtreifte Fiſchermütze und derbe Schuhe, das war ſein ganzer Anzug. Trotz ſeiner Einfachheit kleidete er doch den hübſchen, kräfti⸗ gen Knaben beſſer, als vielleicht jede andere Tracht. Das ein wenig gebräunte, aber friſche und muthige Geſicht ſchaute anmuthig unter der groben Mütze her⸗ vor; leicht gekräuſeltes nußbraunes Haar hing in Locken um eine breite hohe Stirn, auf welcher ſich ſchon, trotz der Jugend des Knaben,— er mochte kaum ſein fünfzehntes Jahr zurückgelegt haben— eine gewiſſe Feſtigkeit und Entſchloſſenheit ausprägte. Sein helles, blaues Auge hatte einen offenen, geraden und kühnen Blick; ſeine Geſtalt, obgleich ſchlank und geſchmeidig, verrieth doch zugleich auch Gewandtheit und Kraft, und ſein ganzes Weſen hatte etwas Keckes und zugleich Gefälliges, ſo daß man ihn nur mit Vergnügen be⸗ trachten konnte. 3»Martha!“ rief der Knabe, rückwärts gewendet, jetzt plötzlich in die Hütte hinein. „Was iſt, Heinrich?« ertönte eine helle Stimme urück. »Alles gut, Martha! Strand und See klar— ich werde gehen, es iſt Zeit.“ Er ſprach noch die letzten Worte, als ein hübſches Mädchen, kaum ein Jahr jünger als der Knabe, neben dieſen vor die Hütte trat und ihre Hand auf ſeine Schulter legte. Die Aehnlichkeit der Beiden war un⸗ verkennbar— auf den erſten Blick konnte man erra⸗ then, daß Martha die Schweſter Heinrichs ſein müſſe. »Aber, wer weiß,“ ſagte ſie,„ob es ſchon Zeit iſt? Gysbert kann doch kaum ſchon zurückkehren, und ich ſeh' es gar nicht gern, wenn du auf das alte Schloß gehſt.« .»Ah, du fürchteſt dich vor den Geiſtern!« erwie⸗ derte der Knabe lächelnd.„Aber ſei unbeſorgt— mir thun ſie nichts, ich kenne ſie zu gut.« »„Ich weiß wohl, weiß es wohl,“ entgegnete Martha raſch.„Die Geiſter fürchte ich nicht, aber die Doua⸗ niers. So oft du gehſt, bin ich in Furcht, daß ſie dich überraſchen, gefangen nehmen und fortſchleppen! Du biſt nicht ſicher! Es iſt ſchon Anderen geſchehen, und Sybrand, der es mit den Fremden hält, haßt dich als ſeinen bitterſten Feind, ſeit du ihn neulich zu Boden warfſt. Er paßt dir auf, und wenn er dich verrathen kann, verräth er dich gewiß.« »Ja, er iſt ein Elender, ein Judas, ein Franzoſen⸗ freund,“« antwortete Heinrich.„Aber das Alles wird ihm nichts nützen, und wenn er mich haßt, ſo fürchtet er mich auch.« „»Für ſich allein, aber nicht, wenn er die Douaniers zur Seite hat,“ ſagte Martha.„Er weiß ja doch, daß du und Bruder Gysbert Paſcher ſind!« 4 »Freilich weiß er's, aber er kann es nicht beweiſen, und wird's auch wohl nie können!“ erwiederte Hein⸗ rich.„Ich ſchlug ihn ja eben darum zu Boden, weil er öffentlich behauptete, daß wir Schmuggel trieben. Glaube nur, Schweſter— er hat meine Fauſt gefühlt, und vergißt ſie gewiß für's erſte nicht.« »Und doch, mir iſt, als ob heute Unheil bevor⸗ ſtünde,“ begann Martha wieder nach minutenlangem Schweigen. Das ganze Paſchertreiben macht mir Angſt und Furcht! Es iſt doch etwas Unrechtes, was Ihr thut!« »Unrechtes! Und warum?« rief Heinrich mit blitzen⸗ dem Auge.„Sind die Franzoſen etwa unſere recht⸗ mäßigen Herren? Haben ſie nicht unſerem Könige mit Gewalt ſein Land entriſſen? Haben ſie ein Recht, uns etwas zu befehlen? Dürfen ſie mit Recht willkührlich ſchalten und walten im Lande? Sie nehmen uns Alles, und wir ſollten nicht einmal das Recht haben, der ſchnöden Gewalt unſere Liſt entgegen zu ſetzen? Still, Martha, das verſtehſt du nicht! Ja, wenn unſer recht: mäßiger König beföhle, daß wir nicht paſchen dürften, dann wär's ein anderes, und ein Schuft wäre Jeder, der nicht gehorchen würde! Aber dieſe Franzoſen, dieſe habgierigen Unterdrücker und Leuteſchinder, die dem ärmſten Manne ſeinen letzten Heller abpreſſen möchten, dieſe hochmüthigen parlez vous français, dieſe Räu⸗ ber und Spitzbuben— pah, denen muß jeder brave deutſche Burſch Abbruch thun, ſo viel er kann! Das denk' ich, und das denken Alle hier an der Küſte, die es treu und redlich mit dem Könige meinen! Können wir's auch im Großen nicht zwingen— das Kleine hilft auch mit! Laß die Franzoſen ſich aus dem Lande packen, dann hört das Paſchen von ſelbſt auf! Aber wie kommen wir Deutſche dazu, jede Kaffeebohne, jedes Stückchen Zucker und Eiſen, jedes Endchen Seide und Tuch dem Napoleon zu lieb, und damit er Geld in ſeine Kaſſen bekommt, mit zehnfachen Preiſen zu be⸗ zahlen? Mag er ſeine Franzoſen zahlen laſſen! Wir thun's nicht, ſo lange wir's hindern können, und die Zeit ſoll noch kommen, wo die Douaniers ſchlauer ſind als wir und uns wehren, billigen Kaffee zu trinken und wohlfeilen Zucker hinein zu thun! Keine Furcht, Martha! Was wir den Franzoſen zu leide thun, das thun wir unſerem Könige zu liebe! Wenn dabei auch ein bischen Gefahr iſt, Gott ſteht der gerechten Sache bei, und es trifft auch nicht jede Kugel, die abgeſchoſ⸗ ſen wird! Nur keine Furcht, Martha!“ „Ja, du ſprichſt wohl,“ erwiederte das junge Mädchen.„Aber weißt du doch noch, wie ſie den Va⸗ ter heimbrachten mit der Kugel in der Bruſt, leichen⸗ blaß und mit Blut übergoſſen! Der alte Regnard hatte ihn erſchoſſen, und.. »Und hat ſeinen Lohn dafür gefunden,“ fiel Heinrich ¹ 11 haſtig aber mit düſterer Stirn der Schweſter in's Wort. „Es war ein ſchändlicher und verrätheriſcher Schuß, denn der Vater hatte gar nicht gepaſcht, ſondern kam mit Fiſchen vom Meere heim, und der Schurke ſchoß ihn nur auf Verdacht hin aus dem Hinterhalte nieder. Aber er iſt gerächt! Die Düne hat ihn und noch drei 5 Andere verſchlungen und die Wogen ſpülten ihn an den Strand. Möge es Jedem von den räuberiſchen Fran⸗ zoſen ſo ergehen!« »Ruhig, ruhig, Heinrich!« ſagte Martha erſchrocken. »„Es iſt ſündhaft, ſo zu ſprechen! Ueberlaß dem lieben Gott die Strafe für alles Böſe, was die Fremden uns anthun!« »Wir morden ſie nicht, wir verſchaffen uns nur unſer Recht ſo gut wir können,« entgegnete Heinrich. „»Aber nun genug, Schweſter! Ich muß gehen und das Leuchtfeuer anzünden, damit Gysbert weiß, daß er ohne Gefahr und ohne Beſorgniß einlaufen kann, falls er in der Nähe hier herumkreuzt. Von heute ab, ſagte er mir vor vierzehn Tagen, als er in See ging, 5 könne ich ſeine Rückkehr erwarten, und du weißt doch, er läuft nicht in den Hafen ein, ehe er nicht ſicher iſt, daß hier Alles gut ſteht.« 5„»Gut, ſo geh', Henrich— aber wann denkſt du zurückzukommen?« 5. »Jedenfalls vor elf Uhr Nachts! Aber warte nicht auf mich. Wenn Gysbert in den Hafen einläuft, kann es auch länger dauern, denn die Güter müſſen ſogleich geborgen werden, und dabei iſt keine Hand überflüſſig. Auf Wiederſehen, Schweſter! Sorge nicht um mich! Furchtlos und treu, das iſt ja unſer Wahl⸗ ſpruch.« b“ „Schon recht, ſchon recht, Heinrich!« erwiederte Martha.»Gott ſei mit dir und mit Euch Allen. Aber ſchlafen werde ich nicht— ich kann es nicht! Aufpaſſen will ich, Heinrich, und, wenn je eine Gefahr drohen ſollte, dich davon benachrichtigen! Leb' wohl, Bruder! Leb' wohl!«. Heinrich grüßte noch einmal mit leichtem Kopfnicken und freundlichem Lächeln; dann entfernte er ſich mit raſchen Schritten und näherte ſich dem ſchmalen und gefaͤhrlichen Riffe, über welches der Weg nach dem hoochragenden Felſen mit der Ruine führte. Mit heim⸗ licher Beſorgniß blickte die Schweſter ihm nach. Zweites Kapitel. Die Dougniers. Heinrich hatte bald das Riff erreicht, welches jetzt, bei eingetretener Ebbe, nicht mehr von den Wogen überſpült wurde, obgleich der es bedeckende Dünenſand noch von Seewaſſer geſättigt war. Hie und da rag— ten einzelne Felſenſpitzen dunkel aus dem weißen Sande hervor, und dienten Heinrich zu Markſteinen der Rich⸗ tung, welche er verfolgen mußte, um nicht von ſicherem Pfade ab auf die trügeriſche Decke der Düne zu ge⸗ rathen. Er ſchien übrigens des Weges genau kundig zu ſein. Ohne je auch nur einen Augenblick ſchwan⸗ kend oder zweifelnd zu zögern, eilte er leicht und ſicher 13 auf der ſchmalen Linie des Riffes dahin, und ſtand nach einigen Minuten am Fuße des hier nicht ſo ſteil, wie nach dem Meere hin abfallenden Vorgebirges. Hier zögerte er einige Augenblicke, ſchaute ſpähend um⸗ her, und hatte bald, was er zu ſuchen ſchien, gefunden. Eine kurze Strecke weiter hin lag ein Haufen von Schiffstrümmern, welchen die letzte Fluth an den Fel⸗ ſen geſpült hatte. Heinrich näherte ſich vorſichtig der Stelle, lud ſo viel Holz auf ſeine jungen kräftigen Schultern, als er tragen konnte, und klimmte dann langſamer als bisher die ſteile Höhe hinan. Als er ſie auf Koſten einiger Schweißtropfen, die von ſeiner Stirne perlten, erreicht hatte, warf er ſeine Bürde auf der äußerſten Spitze des Felſens nieder, ſetzte ſich tief aufathmend auf ein Stück Mauertrümmer, und blickte nachdenklich in die weite offene See hinaus, die un⸗ mittelbar unter ſeinen Füßen brandete und ſchäumte. Die Sonne war nun ſchon beinahe untergegangen, und nur die obere Hälfte noch ruhte, einer rothglühen⸗ den Halbkugel vergleichbar, auf den leiſe wogenden Waſſern. Die brennenden und violetten Tinten des Himmels erblaßten allmählig', der bunte Farbenſchmelz verlor ſich in ein gleichmäßiges Grau, und nur im äußerſten Weſten noch, über der Stelle, wo die Sonne in's Meer getaucht war, ſchimmerten einige röthliche Wölkchen mit hellglühendem Saume. Auch ſie loͤsten ſich in farbloſe Dünſte auf, und die Dämmerung breitete mit leiſem Finger ihre abendlichen Schatten über Himmel und Erde, über Land und Meer. »Noch iſt's nicht Zeit,“ murmelte der Knabe vor ſich hin,„es muß erſt ganz dunkel werden. Verſuchen will ich's dann, obgleich es gewiß nichts nützt, da weit und breit kein Segel zu ſehen iſt. Gysbert wird noch fern ſein, wenn er nicht vielleicht dort im Norden hin⸗ ter der Inſel den Anbruch der Nacht erwartet. Er iſt vorſichtig, und hat es wohl nöthig, wo ſo viele ſpä⸗ hende Augen gierig nach ihm ausſchauen. Gleichviel! Schaut euch blind— ſo leicht werdet ihr uns nicht fangen!“ Er ſtand auf, und ging auf den mächtigen runden Thurm zu, der, aus großen behauenen Sandſteinqua⸗ dern erbaut, ſich ungefähr in der Mitte des ihn um⸗ gebenden, in Trümmern zerfallenden Gemäuers erhob. Durch eine ſchmale und niedrige Oeffnung verſchwand er im Innern des rieſigen Baues, kehrte aber bald darauf mit Feuerzeug, Schwefel und klein gehacktem Holze auf ſeinen vorigen Poſten zurück. Jetzt ſchichtete er eine Art von Scheiterhaufen auf dem äußerſten Rande des Felſens auf, ſtellte das Feuerzeug daneben, und erwartete nun ruhig den Uebergang der Dämme⸗ rung in vollſtändige Nacht. Immer dichter hüllten die Schleier des Abends Land und Meer ein, die Dämmerung ging in Finſter⸗ niß über, die Sterne funkelten am Himmel, die Nacht war da. Heinrich griff nach dem Feuerzeuge. Als die erſten Funken aus Stahl und Stein hervorſprühten, tauchte am Horizonte ein bleicher, bläulicher Schein aus dem Meere. Heinrich ſtutzte; aber nur einen Au⸗ genblick. »Ah, der Mond!« ſagte er.„Habe ich doch gar nicht an ihn gedacht! Aber es iſt nur die Sichel, und ihr Licht iſt nicht ſtark genug, um die Wirkung des Feuers bedeutend zu ſchwächen. Steige nur herauf, alter Freund! Bei deinem Scheine wird Gysbert um 15 ſo leichter die ſchwierige Einfahrt zur Bucht finden. Sieh', da biſt du ja ſchon!« In der That hob ſich jetzt die Mondſichel aus dem Meere herauf und ihr milder Glanz hüpfte mit Blitzes⸗ ſchnelle über die weite Meeresfläche hin. Millionen funkelnder Diamanten ſtreute der Mond mit verſchwen⸗ deriſcher Hand über den zitternden Waſſerſpiegel, und ſo überaus ſchön war der Anblick der leuchtenden in tauſendfachem Glanze ſchimmernden Lichtbahn, daß Heinrich unwillkührlich in das Anſchauen derſelben ver⸗ ſank. Erſt nach einigen Minuten griff er wieder zu Stahl und Stein, die Funken ſprühten, der Schwefel glühte in blauen Flammen auf, und kniſternd entzün⸗ deten dieſe die kleinen Holzſtücke, welche munter hellauf loderten. Mit gieriger Haſt griff das Feuer um ſich, auch die größeren Scheite fingen an zu brennen, und bald ſchlug eine mächtige Flamme in rother Gluth zum dunkeln Nachthimmel empor. Heinrich ſah mit leuchtendem Auge in die züngeln— den Feuerwogen, und freute ſich des wechſelnden Spiels der ſeltſamen Reflere, die ihren röthlichen Schein üͤber die alten Burgtrümmer warfen, als er plötzlich raſch aufzuckte, ſich nach den im tiefen Dunkel liegenden Burgtrümmern umwandte, und lauſchend ſein Ohr zur Seite neigte. „Schritte! murmelte er.„Hier! Was bedeutet das?« „Es bedeutet, daß wir dich endlich auf der That ertappt haben, Burſche!« antwortete eine rauhe Stimme, und gleich darauf traten drei Geſtalten aus der Fin⸗ ſwemitz in den Schein des Feuers. Sie waren in Unifomn; die Flammen blitzten auf ihren Waffen, und 16 mit Einem Blicke erkannte Heinrich, daß er drei Doua⸗ niers gegenüber ſtand, welche ihn raſch umringten und mit drohenden Blicken ihn und ſeinen brennenden Schei⸗ terhaufen muſterten. Nur einen Augenblick verrieth Heinrich Beſtürzung, nur einen ganz kurzen Augenblick; dann ſammelte er ſich raſch, und ſeine beſtürzte Miene verwandelte ſich in ein ſpöttiſches Lächeln. „»Was wollen Sie, meine Herren?« ſagte er kalt⸗ blütig.„Bei was ertappen Sie mich auf der That?« »Lüge noch, Burſche!« erwiederte die vorige Stimme barſch.„Du biſt ein Schmuggler! Sybrand hat dich längſt verdächtigt, und wir ſehen nun wohl, daß er Recht hatte. Tretet heran, Sybrand! Ihr habt uns gut geführt, und Eure Dienſte ſollen belohnt werden!« Ein junger Burſch, welcher ſich bisher im Hinter⸗ grunde im Dunkeln gehalten hatte, näherte ſich jetzt mit zögernden Schritten. Er war kaum drei oder vier Jahre älter, als Heinrich, trug faſt dieſelbe Fiſchertracht, wie er, zeigte aber wenig Vertrauen Erweckendes in ſeinem Aeußern. Sein Geſicht war blaß, ſein Auge hatte einen ſcheuen, verlegenen Blick, und ſein Gang glich dem einer Katze, wenn ſie im Dickicht ein harmloſes Vögelchen beſchleicht. Er trat leiſe und vorſichtig auf, und wagte es nicht, ſein Auge zu Heinrich zu erhe⸗ ben, welcher ihn mit unverhohlener Verachtung be⸗ trachtete. »Ah, Sybrand der Verräther, Spion, Führer und Angeber!“ ſagte er.„Der ſchuftige Judas! Freilich, das erklärt, wie Sie hier heraufgekommen ſind, meine Herren! Ohne Führer würden Sie nicht gewagt haharn über das Riff zu gehen!« 17 „Gleichviel,“ entgegnete der Douanier—„du haſt jetzt keine Bemerkungen weiter zu machen, ſondern nur auf meine Fragen Antwort zu geben. Verſtan⸗ den?« „Ah, ich verſtehe Sie ganz gut, Herr Morin,“ er⸗ wiederte Heinrich ſpöttiſch.„Sie haben ſchon leidlich deutſch gelernt, und wahrſcheinlich iſt Sybrand Ihr Lehrer geweſen! Sie folgen ja ſehr gern ſeiner Lei⸗ tung, wie ich ſehe.“ „Du biſt ein unverſchämter Burſche!“ ſagte Morin zornig.„Aber das wird ſich geben, wenn du erſt im Gefängniſſe dein Quartier aufgeſchlagen haſt.“ „Im Gefängniſſe? Und warum? Man wirft die Leute nicht nur ſo in's Gefängniß, wenn ſie kein Ver⸗ brechen begangen haben.“ „Und dies Feuer, Burſche? Willſt du läugnen, daß du dies Feuer angezündet haſt?« »Keineswegs— ganz und gar nicht?« antwortete Heinrich leichthin.„Hat vielleicht Seine Majeſtät, der Kaiſer von Frankreich, befohlen, daß in Deutſchland kein Feuer mehr angezündet werden darf? Wäre das, ſo müßte ich freilich für dieſe Frechheit büßen!“ »Ah, du verhöhnſt uns noch!« rief Morin zornig aus.„Zu welchem Zwecke brennt dies Feuer? Geſteh' auf der Stelle, oder...« „»Nun? Oder?« fragte Heinrich kaltblütig. „Oder wir werden dich mit flachen Säbelhieben zum Geſtändniß bringen!“ ſchrie der Douanier. »Pah, nicht ſo ſchnell!« entgegnete Heinrich laut lachend.„Zum Glück iſt Kapitän Danville nicht weit von hier, und er wird nicht dulden, daß ſeine Unter⸗ gebenen in ſo eigenmächtiger Weiſe verfahren! Was Furchtlos und treu. 4 2 8 wollen Sie denn, Monſieur Morin! Ich zünde mir zu meinem Vergnügen einen Scheiterhaufen hier auf dem Felſen an, wo nicht die mindeſte Gefahr iſt, und da ſollt' ich doch meinen, daß Niemand etwas dagegen einzuwenden habe!« „Deine Ausflüchte werden dir wenig nützen!« ſagte Morin ärgerlich.„Dieſes Feuer hat einen anderen Zweck, als nur zu deinem Vergnügen zu dienen! Es iſt ein Zeichen für die Paſcher! Läugne nicht länger!“ „Wenn Sie das denken, Monſteur, ſo brauchen Sie's ja nur auszulöſchen,“ entgegnete Heinrich.„Ich kann es Ihnen nicht wehren!“ „Das wollen wir auch!« rief der Douanier und ſtieß mit dem Stiefel die brennenden Scheite um.„Fort damit in's Meer! Munter, Leute! Werft die Stücke hinab!« Ein paar Augenblicke genügten, den Befehl zu voll⸗ ſtrecken, und ziſchend erloſchen die flammenden Scheite und glühenden Kohlen im Waſſer. Heinrich lachte laut und ſpöttiſch auf. G „Danke, Monſieur Morin!“ ſagte er.„Wie nun, wenn das Feuer wirklich ein Zeichen für die Paſcher geweſen wäre, um ſie hierher zu locken?“ „Um ſo beſſer!“ rief Morin—„ſo werden wir ſie erwarten und in Empfang nehmen! Du ſollſt uns wohl nicht entwiſchen!“ „Ja, warten Sie, warten Sie, Monſieur Morin!« erwiederte Heinrich.„Nun freilich, da das Feuer ſo plötzlich ausgelöſcht iſt, werden die Erwarteten ſchwer⸗ lich kommen! Wenn Sie ihre Ankunft ſo ſehr wünſch⸗ ten, hätten Sie den Scheiterhaufen ruhig niederbrennen laſſen müſſen.“ 19 „Diable! Der Burſche hat Recht! Dummkopf, der ich war!« murmelte Morin verbiſſen zwiſchen den Zähnen.„Doch gleichviel,« ſetzte er raſch hinzu— „man wird ein neues Feuer anzünden.“« „Probiren Sie's!« ſagte Heinrich, und ſetzte ſich ruhig auf ein Mauerſtück nieder.»Probiren Sie's, und ich wünſche guten Erfolg.“ »„Spotte nur, ſpotte, naſeweiſer Bube!« entgegnete Morin wüthend.„Wir werden dir's eintränken! Ge⸗ ſchwind, Leute! Schafft anderes Holz herbei! Das Feuer ſoll bald wieder brennen!« »„Es wird nichts nützen, Herr,« nahm der Verrä⸗ ther Sybrand jetzt das Wort.„Dieſe Nacht kommt nun Niemand mehr. Wenn der Scheiterhaufen, wie ich allerdings überzeugt bin, ein Signal war, ſo haben es die Spitzbuben ſo gut geſehen, wie wir, und das gewaltſame Löſchen des Brandes wird ihnen ein Zei⸗ chen ſein, daß es heute nicht geheuer hier iſt. Halten Sie den Burſchen gefangen, und zünden Sie morgen bei einbrechender Nacht ein neues Feuer an. Dann werden die Paſcher ſich fuͤr ſicher halten und laufen uns blind in die Falle!« »Schuft, elender niedriger Schuft!« murmelte Hein⸗ rich leiſe, aber doch deutlich genug, daß der Douanier Morin die Worte verſtand. „»Recht, Sybrand, du biſt ein kluger Burſche!« ſagte er.„So ſoll es geſchehen! Auf morgen denn! Und bis dahin wollen wir dich ſo feſt verwahren, Heinrich, daß du uns nicht entwiſchen ſollſt. Ergreift ihn, Leute, und fort mit ihm auf die Statjon!« »Ha, Sie haben kein Recht dazu, Herr, mich feſt zu halten!« rief Heinrich entrüſtet.»Sie überſchreiten 8 20 Ihre Befugniſſe! Ich habe nichts verbrochen, alſo dürfen Sie mir auch nicht Gewalt anthun!« »Ich werde meinen Befehl verantworten!« ant⸗ wortete Morin.„Keine Umſtände weiter! Ergreift ihn! Fort!« Mit einem Sprunge wollte Heinrich entwiſchen und in der Dunkelheit zu fliehen ſuchen, und faſt wäre es ihm auch geglückt, wenn nicht Sybrand ihm verräthe⸗ riſcher Weiſe ſeinen Stock zwiſchen die Beine geworfen hätte. Heinrich ſtolperte— fiel— und ſah ſich im Nu von ſechs kräftigen Fäuſten ergriffen, denen Wider⸗ ſtand zu leiſten offenbare Thorheit geweſen wäre. Ge⸗ duldig ließ Heinrich ſich feſthalten und binden, und drohte nur Morin, daß er dem Kapitän Danville von dem Vorfalle Kunde geben werde. »„Dazu will ich dir ſelber Gelegenheit geben, denn ich werde dich zu ihm bringen,« erwiederte Morin. „Du biſt verdächtig, und dies genügt, mein Verfahren zu rechtfertigen. Vorwärts! Wir müſſen eilen, über das Riff zu kommen, ehe die Fluth wieder eintritt, ſonſt möcht' es uns ergehen, wie unſeren armen Kame⸗ raden neulich. Fort, fort, die Zeit drängt.“« Es bedurfte kaum der Mahnung zur Eile, denn die beiden anderen Douaniers ſchienen die rückkehrende Meeresfluth nicht weniger zu fürchten, als ihr Vorge⸗ ſetzter. Eilig ſchritten ſie über die Burgtrümmer hin, klimmten den ſteilen Felſen hinab, und erreichten den ſchmalen Pfad auf dem Riffe, welcher an das ſichere Land zurückführte. Hier mußten ſie einzeln Einer hin⸗ ter dem Andern gehen. Da Alle eilten, über den ge⸗ fährlichen Weg hinweg zu kommen, ſo war Heinrich der letzte in der Reihe, konnte aber nicht entſchlüpfen, weil — 21 Einer von den Douaniers den Strick feſthielt, mit welchem die Hände des Gefangenen gefeſſelt waren. Heinrich folgte alſo, hatte jedoch kaum das Riff betre⸗ ten, als eine ſchlanke Geſtalt leicht und unhörbar, wie ein Schatten, hinter einem Felsſtuͤcke vortrat, und ihm leiſe die Worte zuflüſterte:„Sei ohne Furcht, Heinrich! Ich wache!« „Martha!“« erwiederte der muthige Knabe mit freu⸗ digem Erſtaunen eben ſo leiſe. »Ja! Nur fort!« flüſterte ſie.„Ich folge dir auf dem Fuße! Wenn du Aufträge haſt, ſo ſage ſie, und ich werde ſie alle beſorgen.“ »„Nichts weiter, als daß du morgen die Flagge auf dem Thurme aufziehſt,“ entgegnete Heinrich.„Man ſieht ſie nur vom Meere aus, und ſie wird dem Bru⸗ der zum Zeichen dienen, daß er nicht ſicher iſt. Uebri⸗ gens hoffe ich auch noch dieſe Nacht frei zu werden, denn man hat kein Recht, mich einzukerkern.“ „Geduld! Wir werden ſehen!“ erwiederte Martha. „Zähle auf mich! Ich wache!« So leiſe das Geſpräch geführt war und ſo laut es von den Schritten der raſch uͤber das Riff eilenden Männer übertönt wurde, mochte doch wohl ein ver⸗ dächtiges Flüſtern das Ohr Morins erreicht haben, denn er blieb plötzlich ſtehen und fragte:„Was gibt's da? Mit wem ſpricht der Gefangene?« „»Mit Niemand,“ erwiederte ein Douanier, der Heinrich am nächſten ſtand und raſch den Kopf nach ihm umwendete.„Es iſt Niemand hier, als wir!« »Ah ſo— dann habe ich mich alſo getäuſcht!« ſagte Morin.„Mir war's, als ob ich den Laut einer fremden Stimme vernommen hätte! Es wird das 22 Raſcheln einer Seepflanze geweſen ſein. Weiter denn! Weiter! Die Fluth ſcheint ſchon heraufzukommen!“ Wieeiter ging es. Als der kleine Zug eine Strecke entfernt war, ſprang Martha vom Sande in die Höhe, auf den ſie ſich beim erſten Laute von Morins Stimme niedergeworfen hatte— eine Liſt, die ihr, wie wir ſehen, vollſtändig geglückt war— und legte mit flüch⸗ tigen Schritten die kurze Strecke, welche ſie noch vom feſten Lande trennte, zurück. Die ſchmale Mondſichel ſtrömte Licht genug aus, um ſie die Douaniers ſehen zu laſſen, die ihr mit dem gefangenen Bruder um etwa achtzig Schritt voraus waren. Einige Augenblicke zö⸗ gerte ſie— dann faßte ſie ihren Entſchluß und folgte den Gränzbeamten auf dem Fuße, indem ſie die Worte vor ſich hin murmelte:„Ich muß vor Allem ſehen, wohin ſie ihn bringen! Die Fahne aufzuziehen, iſt morgen noch Zeit genug!“ Schweigend ſchritten die Douaniers mit ihrem Ge⸗ fangenen eine Strecke am Seeufer entlang, wandten ſich dann rechts und erreichten nach halbſtündiger Wan⸗ derung ein Fiſcherdorf, wo die Gränzbeamten ihre Sta⸗ tion hatten. Heinrich wurde in das Wachthaus geführt und fand hier den Kapitän Danville, welcher nicht ohne Verwunderung den jugendlichen Gefangenen in Empfang nahm. 3 »Wen haben wir da, Morin?“« fragte er.„Iſt das die ganze Beute Ihres Streifzuges?« Ehe Morin antworten konnte, nahm Heinrich keck das Wort.„Herr Kapitän,“ ſagte er,„ich habe Klage über Ihren Untergebenen zu führen. Man hat mich widerrechtlich gefangen gendmmen, mich mit Stricken gebunden und mit Gewalt hierher geſchleppt, ohne das — ——— 23 ich des geringſten Vergehens ſchuldig bin. Ich ver⸗ lange, daß Monſieur Morin für ſein gewaltſames und eigenmächtiges Verfahren geſtraft werde.“ „Nicht ſo raſch, nicht ſo raſch, mein Lieber,“ ent⸗ gegnete der Kapitän lächelnd und nicht ohne Wohlge⸗ fallen an dem hübſchen kecken Knaben, der ſo dreiſt und furchtlos vor ihm ſtand.„Wir müſſen auch Mo⸗ rin hören! Was iſt mit ihm, Morin? Was haben Sie für Klage gegen den jungen Menſchen zu füh⸗ ren?“ „Er iſt ein Helfershelfer der Paſcher, mein Kapi⸗ tän!« entgegnete Morin raſch.„Wir haben ihn er⸗ griffen, als er auf der Burgruine ein Signalfeuer anzündete!“ „Und die Paſcher ſelbſt?« fragte der Kapitän haſtig. „Sind ſie ergriffen?«. „Das nicht, mein Kapitän; aber das Feuer war da und wir löſchten es aus.“ „Welche Thorheit!« rief Kapitän Danville.„Wenn es wirklich ein Signalfeuer war, ſo mußten Sie es unter allen Umſtänden brennen laſſen und den Erfolg abwarten! Aber ich glaube, Sie täuſchen ſich und ſind im Irrthum. Dieſer junge Menſch iſt ja nur noch ein Kind, und wird ſchwerlich das Vertrauen je⸗ ner Leute genießen! Thorheiten!« Morin ſtand ein wenig verblüfft da und blickte aͤngſtlich auf ſeinen Gefährten Sybrand, als ob er bei dieſem Rath und Hülfe ſuchen wolle. Sybrand ließ ihn auch nicht im Stich, ſondern ſagte kaltblütig: „Sie haben Recht, Herr Kapitän, wir waren zu voreilig mit dem Löſchen des Feuers, das unzweifelhaft ein Signal für die Paſcher war. Indeß— was hät⸗ 24 ten wir paar Leute gegen die Bande machen ſollen, wenn ſie mit vielleicht ſechsfacher Uebermacht uns an⸗ gegriffen hätte? Man würde uns entweder erſchoſſen, oder vom Felſen hinab in das Meer geſchleudert haben. Es iſt beſſer ſo! Der Junge da muß eingeſperrt werden; wir zünden morgen Abend ein anderes Feuer an, eine Kompagnie Soldaten läßt ſich leicht in den Ruinen des alten Seeſchloſſes verbergen, und wenn die Paſcher dann kommen, wie ich nicht bezweifle, ſo ſind wir die Herren.« »Ganz recht, mein Kapitän!« fiel Morin raſch ein; das war unſer Plan, und ich hoffe zuverſichtlich, daß er Ihren Beifall haben wird. Was konnten wir We⸗ nigen gegen eine unverhältnißmäßige Uebermacht aus⸗ richten?« Der Kapitän milderte die Strenge ſeiner Züge. „Sie haben recht gethan, Morin!“ ſagte er.„Der junge Menſch hat allerdings nicht grade ein Verbrechen beggngen, aber unter dieſen Umſtänden iſt es gerecht⸗ fertigt, wenn wir uns ſeiner Perſon auf kurze Zeit verſichern. Vorſicht ſchadet nie! Man führe ihn zu dem anderen Gefangenen! Er ſoll nicht hart behan⸗ delt, aber ſcharf bewacht werden. Fort!« „»Aber, Herr Kapitän,« rief Heinrich aus,„wie dürfen Sie es wagen, ſo gegen mich zu verfahren? Welches Vergehens bin ich ſchuldig? Ich verlange vor Allem Gerechtigkeit!« „»Nicht dieſe ſtolzen Worte, mein Junge,“ erwiederte der Kapitän.„Du biſt verdächtig, im Einverſtändniſſe mit den Schmugglern zu ſein, und das iſt Grund ge⸗ nug, mich noͤthigenfalls zu rechtfertigen.“ „»Gewiß, Herr,“ fügte Sybrand hinzu,„beſonders, 25 wenn man berückſichtigt, daß dieſer Burſch der Bruder jenes Gysbert iſt, der ſchon längſt im Verdachte der Schmuggelei ſteht. Er iſt noch faſt ein Knabe, aber ein gefährlicher, ſeit ſein Vater von den Douaniers er⸗ ſchoſſen wurde. Ihn haben Rache und Gewinnſucht vor den Jahren reif gemacht.“ „Aber mein armer Vater wurde unſchuldig erſchoſ⸗ ſen, wurde meuchleriſch aus dem Hinterhalte ermor⸗ det!« rief Heinrich voll ſchmerzlichen Zornes aus. „Du weißt es wohl, Sybrand, elender, niedriger Ver⸗ räther!« „Genug, genug!« nahm der Kapitän wieder das Wort und hinderte ſo eine heftige Entgegnung des Spiones—„die Vergangenheit kümmert mich nicht, und ich berückſichtige nur die gegenwärtigen Umſtände, die mir die Pflicht auferlegen, dich für eine kurze Zeit in Gewahrſam zu halten. Führt ihn hinweg, aber be⸗ handelt ihn ſchonend und mit Milde.“ „Wohl, Herr Kapitän, ich muß folgen“«— ſprach Heinrich trotzig;„aber das ſage ich Ihnen, wenn ich aus Ihrem Gefängniſſe entrinnen kann, werde ich jede Gelegenheit dazu benutzen!« „Du haſt volle Freiheit dazu, wenn ſich dir eine ſolche Gelegenheit bietet,« erwiederte der Offtzier lächelnd. „Der Vorſicht wegen, Morin, mag er durchſucht wer⸗ den, ob er vielleicht Werkzeuge oder dergleichen bei ſich führt! Und nun— gute Nacht.“ Morin und die übrigen Douaniers nahmen Hein⸗ rich wieder in die Mitte und führten ihn nach dem Gefängniſſe ab, einem feſten Blockhauſe, welches ein wenig abſeits vom Dorfe lag und von einer Schild⸗ wache gehütet wurde. Nachdem man den Gefangenen 26 durchſucht und ſich uͤberzeugt hatte, daß er keinerlei Waffen und Werkzeuge bei ſich führte, wurde die Thür des Blockhauſes aufgeſchloſſen und Heinrich in den engen Kerker hineingeſchoben. Die Schlöſſer und Rie⸗ gel raſſelten wieder— und Heinrich war ein Gefan⸗ gener. Drittes Kapitel. Ein alter Bekannter. Heinrich, obgleich er wußte, daß ſeine Einkerkerung nicht lange dauern würde, knirſchte doch vor Grimm mit den Zähnen und rüttelte zornig an der Thür, die hinter ihm verſchloſſen worden war. Nicht die Berau⸗ bung ſeiner Freiheit war es, die ihn ſo heftig aufregte,, ſondern die bange Beſorgniß, daß der Verrath Sy⸗ brands gelingen könne und dann ſein Bruder Gysbert und deſſen Genoſſen in die Hände ihrer erbitterten Feinde und Verfolger fallen würden. Welch trauriges Schickſal ſtand ihnen in dieſem Falle bevor! Es mußte um jeden Preis verhütet werden, und nun war er, er, welcher allein warnen, helfen und die Gefahr aus dem Wege räumen konnte, ein hülfloſer und ohnmächtiger Gefangener. Zwar hatte er ſeine Schweſter Martha benachrichtigt, was zunächſt gethan werden müſſe, aber Martha war nur ein ſchwaches Mädchen, tauſend Hin⸗ derniſſe konnten ſich ihr in den Weg ſtellen, und, ob⸗ — —— 27 gleich treu und furchtlos, wie er ſelbſt, fehlte es ihr doch vielleicht an der nöthigen Kraft und Entſchloſſen⸗ heit, je nach den Umſtänden die rechten Mittel zu wäh⸗ len und mit der nöthigen Kühnheit durchzuführen. Er konnte ſich nicht beruhigen, ſein Herz war von nagen⸗ den Zweifeln und Sorgen erfüllt, und wie ein gefan⸗ gener Vogel im Käfig ſuchte er mit verzweifelter Hef⸗ tigkeit nach einem Auswege aus ſeinem Kerker. Er kannte das Blockhaus und wußte, daß der Thür gegenüber ein Fenſter in's Freie ging. Mit Einem Sprunge war er daran und rüttelte mit aller Macht an den Eiſenſtäben, die es von außen vergitterten. Aber die Stangen waren zu ſtark und ſaßen zu feſt in den zähen Eichenſtämmen, aus welchen das Blockhaus gezimmert war. Seufzend mußte er von dem vergeb⸗ lichen Verſuche ablaſſen. „Gib dir keine Mühe, mein Sohn,“ ſprach eine freundlich klingende, theilnehmende Stimme aus einem Winkel des im tiefſten Dunkel liegenden Kerkers zu ihm— ich ſelbſt habe ſchon Alles verſucht, mich zu befreien, aber es gibt keine Hoffnung zum Gelingen. Komm her, ſetze dich neben mich auf dieſe Ruhebank, und ſuche im Schlafe zu vergeſſen, was nicht zu än⸗ dern iſt.“ Heinrich erſchrak anfänglich über die fremde Stimme, erinnerte ſich dann aber ſogleich, daß ſchon der Kapi⸗ tän von einem Mitgefangenen geſprochen hatte, und der wohlwollende Ausdruck, mit welchem die an ihn gerichteten Worte geſprochen wurden, flöͤßte ihm raſch Vertrauen ein. „Ah, ich habe einen Leidensgefährten,« ſagte er, und tappte durch das Dunkel nach dem Winkel hin, 28 wo der andere Gefangene ſitzen mußte—„wer ſind Sie denn? Weshalb ſind Sie hier eingeſperrt? Sie ſind ein Landsmann, wie ich hoͤre, und Ihre Einkerke⸗ rung beweist, daß Sie kein Anhänger unſerer ſoge⸗ nannten Herren, der Franzoſen ſind.“ „Nein, gewiß nicht, Knabe— denn ein Knabe biſt du doch, wie ich an deiner zarten ſchlanken Geſtalt beim Fackelſcheine geſehen habe, als ſie dich herführten«— erwiederte der Fremde.„Die Franzoſen ſind meine Freunde nicht, dieſe Blutſauger, die unſer armes Va⸗ terland an den Abgrund des Verderbens geführt haben. Moͤchte ſie doch ein friſcher Sturmwind Alle mit einan⸗ der vom deutſchen Boden hinwegfegen!“ »Gott geb' es, Gott geb' es!« ſagte Heinrich, der jetzt die Bank gefunden hatte und mit lebhafter Wärme die Hand ſeines Leidensgefährten ergriff und drückte. „Wenn Alle ſo dächten, wie wir Beide, ſo ſollte der Sturm nicht lange ausbleiben. Aber warum hat man Sie gefangen? Sagen Sie mir's, wenn es kein Ge⸗ heimniß iſt.“ „O nein,“ erwiederte der Andere—„ſie haben mich eingeſperrt, weil meine Päſſe nicht ganz in Ord⸗ nung waren. Die Gefangenſchaft an ſich würde mich wenig beunruhigen, wenn ich nur dieſe Nacht, dieſe eine Nacht frei wäre! Ach Gott, mein armer Herr! Wie groß und ſchmerzlich wird ſeine Täuſchung ſein, wenn er mich vergebens ſucht, vergebens meinen ehr⸗ lichen Namen in die Nacht hinaus ruft! Er wird mich am Ende gar für einen Betrüger halten! Es iſt ja in jetziger trauriger Zeit ſo wenig ächte Treue auf Erden zu finden! Aber nein, nein, nein! Er kennt mich ja! Er kennt mich! Vom alten Peters, der * — wiek!“ 29 ihm beinahe ein halbes Jahrhundert treu gedient hat, wird er ja nicht gleich das Schlimmſte glauben!« „Wie heißen Sie, lieber Herr— wie?“ rief Hein⸗ rich aus.„Peters? Sagten Sie nicht Peters, lieber Herr?« „Peters! Ja wohl! Gott ſei Dank, ich brauche meinen ehrlichen Namen nicht zu verbergen.“ „Peters! Und woher des Landes? Sprechen Sie geſchwind!« 4 „Aus Bremen!“ „Und Ihr Herr? Ihr Herr? Wie heißt er?e „Bardewiek, Kaufherr in Bremen— jeder Arme unn Hülfloſe kennt ſeinen Namen dort und ſegnet ihn!“ „Peters, Bardewiek! Es kann nicht anders, er muß es ſein!« rief Heinrich mit freudiger Ueberra⸗ ſchung aus.„Sie müſſen der alte gute Herr Peters ſein, von dem mein armer Vater ſo manchmal mit Liebe und dankbarem Herzen ſprach! Peters, der Buchhalter und die rechte Hand von Herrn Barde⸗ „Ganz recht, lieber Knabe,“ ſagte der alte Herr verwundert—„aber woher kennſt du mich! Und wer iſt dein Vater?«. „War, war, lieber Herr Peters— er iſt todt, als Schmuggler von den Douaniers erſchoſſen— armer Vater— und ganz unſchuldig le „Aber ſein Name, Kind! Sein Name’l! „Ramberg! Ramberg, lieber Herr! Wiſſen Sie's nun? Erinnern Sie ſich nun? Ramberg, vo Steuermann auf dem guten Schiff„Adlersé, reichen Kaufherrn Bardewiek gehörte! Ei, S — 30 ſen's ja wiſſen, können's noch nicht vergeſſen haben! Sie waren's ja, der ihm das Wort redete bei Herrn Bardewiek! Sie ſchafften ihm ja die Fiſcherhütte hier am Strande, als er ſich bei dem Sturme die rechte Hand gequetſcht hatte, ſo daß er nicht mehr zum Steuermann tauglich war! Sie ſetzten ihm ja die Penſion aus, die Herr Bardewiek an ihn bezahlte bis an ſeinen Tod, und auch nachher noch an uns Kinder bis auf den heutigen Tag! Sie waren es ja, der für ſein Alter ſorgte, und dem verkrüppelten Manne ein ſorgenfreies Leben verſchaffte! Denken Sie nur daran! Der Vater hat es uns Kindern oft genug erzählt, und immer uns eingeſchärft, daß wir Ihrer und Ihres guten Herrn immer mit dankbarem Herzen gedenken und Sie in unſer Gebet einſchließen ſollten! Ach, verſtellen Sie ſich nicht, Sie müſſen's ja wiſſen!« »Du lieber Gott, ja, ja doch, mein braver, lieber Junge!“ erwiederte der alte Herr Peters mit gerühr⸗ ter Stimme.„Ich werde mich ja des ehrlichen, bra⸗ ven Ramberg erinnern! Und der war alſo dein Va⸗ ter, Knabe? Du biſt ſein Sohn? Und kennſt mich alten Mann?« »Ob ich Sie kenne, lieber Herr!“« rief Heinrich aus.„Ich kenne Sie nicht nur, ich verehre und achte und liebe Sie auch! Sie und Ihren Herrn! Ja! Durch's Waſſer und Feuer könnte ich für Sie gehen, und das ohne Beſinnen und mit Freuden! Wie ſollt' ich auch nicht! Der Vater würde ſich ja vor Scham im Grabe umdrehen, wenn ich ſo bald ſeine Ermah⸗ nungen vergäße.“ „Aber was hat er Euch denn erzählt?« ſagte der alte Herr Peters.„Wir haben ja doch gar nichts 31 Beſonderes an ihm gethan, wenigſtens nicht, daß ich wuͤßte!“ „Sie wiſſen nicht? Nun, dann müſſen Sie ein kurzes Gedächtniß für Ihre guten Werke haben, Herr!« entgegnete Heinrich.»Wie der Vater uns oft genug erzählte, war die Sache ſo. Er war als Steuermann mit dem„Adler“ nach New⸗York gefahren und kehrte von dort mit neuer Ladung nach Bremen zurück. Alles ging gut, bis ſie in den Kanal kamen. Da, auf der Höhe von Dover, brach der Sturm los, ein wuͤthen⸗ der, furchtbarer Sturm, aus dem Niemand von der Mannſchaft zu entrinnen hoffte. Nun, mein Vater ſagte, er habe rechtſchaffen ſeine Pflicht gethan und ſei nicht von ſeinem Poſten gewichen, und das glaub' ich ihm, denn er iſt ſein ganzes Leben hindurch ſeinem Wahlſpruche treu geblieben, den er auch auf uns, ſeine Kinder, vererbt hat, dem Wahlſpruche: Furcht⸗ los und treu. Aber alle Standhaftigkeit nützte da⸗ mals nichts. Der Sturm war zu heftig. Ein Maſt zerbrach und die Raa zerſchmetterte im Sturze das Steuerrad und des Vaters rechte Hand. Da half kein Muth und keine Treue mehr. Das Schiff lief auf den Strand, und es war noch ein Glück, daß wenig⸗ ſtens die Mannſchaft und der größte Theil der Ladung gerettet wurde. Die Hand meines armen Vaters aber wurde nicht gerettet— ſie blieb ſteif und unbrauchbar für ſein ganzes Leben, und das war ein hartes Schick⸗ ſal für ihn, denn daheim warteten Seiner eine Frau, unſere gute Mutter, und drei Kinder, die elend und brodlos durch das Unglück des Vaters geworden wa⸗ ren. Steuermann konnte er nicht wieder werden mit ſeiner verkrüppelten Hand— und etwas Anderes, als das Seeweſen, hatte der Vater nicht gelernt. Er machte ſich traurige Gedanken, und mit ſchwerem Her⸗ zen kam er in Bremen an, ging mit ſchwerem Herzen zu ſeinem Rheder, dem reichen Kaufherrn Bardewiek, um ſich dort ſeinen letzten Sold auszahlen zu laſſen. Da waren Sie, Herr Peters; da nahmen Sie ſich des verkrüppelten Seemannes an; da druͤckten Sie ihm die verkrüppelte unbrauchbare Hand; da fragten Sie ihn, warum er denn ſo niedergeſchlagen wäͤre, und als er ſeine ſchlimme Lage erzählte und Ihnen ſein Herz eröffnete, da waren Sie es wieder, der ihn lächelnd auf die Schulter klopfte und zu ihm ſagten: „er ſei ein braver Seemann, der wacker ſeine Pflicht gethan, und er ſolle nur ruhig nach Hauſe gehen zu Weib und Kind, und ſolle ſich keine Sorgen weiter machen, und das Andere werde ſich ſchon finden. Nun ja, Herr Peters“— fuhr Heinrich fort, und ſeine Stimme zitterte—»nun ja, und da kamen Sie, und brachten die Schenkung von der Fiſcherhütte, und hun⸗ dert Reichsthaler als erſte Penſton für's erſte Jahr— und als wir herkamen, hierher, da fanden wir die Fiſcherhütte ſchon ſchön im Stande, und Nachen und Netze und Alles, und— und— da ſeh' ich's noch, als wenn's geſtern geweſen wäre, wie dem Vater die Thränen über die braunen Backen liefen, und wie er ſein Käppchen vom Haupte nahm, und ſeine linke ge⸗ ſunde Hand über die rechte verkrüppelte legte, und mit Thränen zum Himmel aufblickte, und Gottes Segen auf Ihr Haupt und das Haupt des Herrn Bardewiek herabflehte! Ja, lieber Herr, der Anblick iſt mir un⸗ vergeßlich, und unvergeßlich ſind meiner Seele auch die Ermahnungen des Vaters eingeprägt, daß wir Kinder 33 nun und nimmer undankbar ſein ſollten gegen ſo große Liebe und Wohlthätigkeit, wie Sie und Herr Barde⸗ wiek uns erwieſen, und.. hier iſt meine Hand, Herr Peters— wenn Sie oder Herr Bardewiek je einmal eines treuen Burſchen bedürften, ſo brauchten Sie nur zu winken, und Gott weiß es, daß ich und mein Bru⸗ der Gysbert blind in's Feuer für Sie ſpringen wür⸗ den! Ja, das würden wir, Herr, und unſer guter ſeliger Vater droben im Himmel würde Amen dazu ſagen!“ „Edles Herz! Edles, treues Herz!“ ſagte der alte Herr Peters tief gerührt und ergriffen, und drückte mit Wärme die Hand des wackeren Knaben.„»Wie freut es mich, daß der Zufall mir ſo deine Geſinnungen offenbart hat! Du lieber Gott, wir thaten ja nur unſere Schuldigkeit! Dein Vater war im Dienſte ſei⸗ nes Rheders verunglückt, und da war es ja nur Pflicht und Schuldigkeit von Herrn Bardewiek, daß er den Schaden ſo gut wie möoglich wieder gut zu machen ſuchte! Hätte ich's nur gewußt, daß ein ſo treues Herz hier für uns ſchlägt! Die Franzoſen hätten mich wohl nicht erwiſchen ſollen! Ach Gott, ach Gott, und nun kommt auch alles Unglück über uns herein!“. „Was denn, was denn?“ fragte Heinrich voll theil⸗ nehmenden Eifers.„Herrn Bardewiek droht doch wohl kein Unglück?« „Großes Unglück, großes, mein lieber Junge!“ er⸗ wiederte der alte Buchhalter ſeufzend.„Warum ſoll ich's dir verhehlen? Herr Bardewiek, immer hochher⸗ zig und edel und zur Hülfe ſeiner Nebenmenſchen be⸗ reit, begünſtigte die Flucht eines Mannes, eines braven Furchtlos und treu. 3 Deutſchen, der, von den Franzoſen gefangen und zum Tode verurtheilt, durch ſeinen Beiſtand dem Gefäng⸗ niſſe entkam. Spione und Verräther gibt es leider Gottes jetzt überall. Herr Bardewiek wurde verdäch⸗ tigt, und da ihm von guter Hand heimlich ein Wink zukam, daß er nicht vor der Rache der Franzoſen ſicher ſei, ſo traf er raſch entſchloſſen ſeine Maßregeln. „Peters,“ ſagte er zu mir—„ich habe keine Luſt, mich von den Franzoſen einſperren und vielleicht todt⸗ ſchießen zu laſſen, und Beides muß ich befürchten, denn wir haben es erlebt, daß die geſtrengen Herren kur⸗ zen Prozeß machen. Ich werde mit meiner Tochter nach England flüchten und von meiner Habe mitneh⸗ men was möglich iſt. Du machſt dich auf der Stelle fort und kaſſirſt von außenſtehenden Geldern ein, was du erlangen kannſt. Was du einnimmſt, ſchaffſt du nach dem Schloß am Meere— du kennſt es— und dort werde ich in der Nacht vom 16ten zum 17ten in der Bucht ſein, um die Gelder in Empfang zu nehmen. Du verſtehſt mich— und nun fort⸗ ohne Verzug!« „So ſprach er, und noch in der nämlichen Stunde machte ich mich auf, trat. meine Reiſe an, kaſſirte über⸗ all die Gelder ein, brachte eine bedeutende Summe zu⸗ ſammen, und kam vorgeſtern hier an. Mein erſtes Geſchäft war, die Ruine zu erſteigen und das Geld in einem guten Verſtecke unter den Truͤmmern zu verber⸗ gen; denn— dachte ich— dort ſucht es Keiner, und wenn das Unglück wollte, daß die Franzoſen mich er⸗ wiſchten, ſo erwiſchten ſie doch nicht das Geld mit. Ich hielt mich ſtill und verborgen, ſo gut ich konnte, aber ein gewiſſer Sybrand— der Kerl muß ein 3⁵ Schurke ſein durch und durch, da er für ſchnöden Ge⸗ winn ſeine eigenen Landsleute an den Vaterlandsfeind verräth— machte mein Verſteck ausfindig und lieferte mich gewiſſenlos an die Franzoſen aus. Mein Paß war nicht von franzöſiſcher Seite unterſchrieben— meinen Herrn und den Zweck, weshalb ich hier bin, wollte ich nicht verrathen— alſo wurde ich ohne Wei⸗ teres und ohne Umſtände feſtgehalten und gefangen ge⸗ ſetzt, um in den nächſten Tagen nach dem Hauptquar⸗ tiere transportirt und möglicher Weiſe als Spion ge⸗ hangen zu werden. Ganz unwahrſcheinlich iſt dies Ende nicht— aber trotzdem macht mir mein eigenes Schickſal nicht ſo viel Kummer, als die Beſorgniß, daß mein armer Herr mich vergeblich ſuchen und vielleicht gar erwarten wird! Das wäre das groͤßte Unglück! Denn wenn ſie auch ihn fingen, dann ſehe ich nirgends Hülfe und Rettung mehr. In dieſer Nacht wollte er und wird gewiß kommen— ſein Wort iſt ein Fels, auf den man Häuſer bauen kann! Nun kommt er, nun ſucht er, nun ruft er mich— die Feinde ſehen, ergreifen ihn— ach Gott, ach Gott, und was ſoll dann werden!“ „Nein, nein, das ſoll nicht geſchehen!“ rief Hein⸗ rich aus.„Er muß benachrichtigt werden— wir müſ⸗ ſen durchbrechen, uns befreien, ihn retten! Wir mü ſ⸗ ſen, und Gott wird geben, daß es gelingt!« „Aber wie?« entgegnete der alte Buchhalter.»Dies Gefängniß iſt zu feſt und wird gut bewacht! Nein, hier kann Niemand helfen, als Gott allein!« „Und Gott wird helfen! Er hat bereits gehol⸗ fen!« rief Heinrich, plötzlich aufſpringend, aus, da in eben dieſem Augenblicke eine Venſterſchalhe des Block⸗ hauſes klirrte, als ob von außen ein Steinchen dagegen geſchleudert worden wäre.„Hörten Sie nichts, Herr Peters? Das war meine Schweſter, die über mich wacht, furchtlos und treu, wie es ihre Art iſt.“ Hurtig eilte der Knabe bei dieſen Worten an das Fenſter, oͤffnete es vorſichtig und leiſe, und ſpähte in die dunkle Nacht hinaus. Der vorhin helle Himmel hatte ſich mit düſteren Wolken umzogen, ſo daß nur ein matter Schimmer der Mondſichel die Finſterniß um ein Geringes erhellte. Die See brauste dumpf; ein⸗ zelne Windſtöße, plötzlich losbrechend und raſch wieder verwehend rauſchten durch die Lüfte; ein fernes Wetter⸗ leuchten zitterte zuweilen geiſterhaft uͤber die fliegenden Wolken hin. Heinrich lauſchte;— kein menſchliches Weſen ſchien ſich draußen zu regen, als der zur Be⸗ wachung aufgeſtellte Poſten, welcher waffenklirrend mit gemeſſenen Schritten vor der Thür des Gefängniſſes auf und ab marſchirte.. „Du haſt dich getäuſcht, Knabe!“ flüſterte der alte Buchhalter.„Uns hilft Niemand!“ „Still! Still!« erwiederte Heinrich eben ſo leiſe. „Ich würde mein Leben zum Pfande ſetzen, daß Martha draußen iſt! Aber das Feld iſt noch nicht frei! He! Die Schildwache! Sie macht die Runde um das Blockhaus!“ 5— . Raſch zog er ſich vom Fenſter zurück, raſch ver⸗ ſchloß er es wieder und drückte es mit der Hand an den Rahmen. Dieſe Vorſicht war nicht überflüſſig. Die Schildwache umging wirklich das Blockhaus, taſtete nach dem Fenſter und fand es verſchloſſen.„C'est bien!“ murmelte ſie.„»Die Gefangenen ſchlafen— es iſt nichts zu befürchten— ich kann mich in meinen 37 Mantel hüllen und dem nahenden Unwetter aus dem Wege gehen!«— Sorglos ſchritt ſie weiter und ſuchte auf der anderen Seite des Gebäudes Schutz gegen den ſtoßweiſe heranbrauſenden Sturm und die jetzt auch fallenden Regentropfen, welche ſchwer gegen die klirren⸗ den Fenſterſcheiben klatſchten. Eine bange erwartungsvolle Minute verſtrich— da flog wieder ein Stein gegen das Fenſter, und Hein⸗ rich drückte heftig die Hand ſeines Gefährten. „Sagt' ich's nicht? Sie iſt es!« fluͤſterte er, in⸗ dem er das Fenſter von Neuem öffnete.„Martha! Wo biſt du?“. „Hier, Heinrich!« erwiederte von draußen eine ſanfte gedämpfte Stimme.»Ich habe Alles beobachtet, weiß Alles, und ſeit einer Stunde ſteh' ich ſchon hier im Dunkeln und wartete auf einen günſtigen Augen⸗ blick. Er iß gekommen! In wenigen Minuten wird das Unwetter mit Macht losbrechen und die Schild⸗ wache nicht mehr zu frchten ſein. Aufgepaßt! Ich werde dir ein Päckchen durch das Fenſter werfen! Es enthält feine Sägen und Feilen, die das Eiſen ſchneiden wie Holz. Tritt ein wenig zurück, Hein⸗ rich!« Der Knabe gehorchte— und im nächſten Augen⸗ blicke flog ein weiß ſchimmernder Gegenſtand durch das Eiſengitter und fiel auf den Boden des Kerkers nie⸗ der. Heinrich raffte ihn geſchwind auf— es waren die Uhrſägen und Feilen, in weißes Papier einge⸗ wickelt. „Gut, Schweſter, ſehr gut!“ ſagte er, wieder an das Fenſter tretend.„Binnen einer Stunde werden wir befreit ſein. Während ich die Stangen durchſäge, 38 eile du an das Meer und halte unſeren Nachen bereit. Ich muß dieſe Nacht noch auf die Ruine!“ „Aber warum?“ entgegnete Martha erſchrocken. „Die Fluth iſt da— die See geht hoch und ein hef⸗ tiger Gewitterſturm ſteht bevor! Du kannſt nicht an den Felſen kommen ohne große Gefahr!“ „Und wenn ſie noch größer wäre, ich muß doch hin, denn eine heilige Pflicht ruft mich!“ erwiederte Heinrich.„Geh', Martha! Geh', liebe Schweſter, und ſchaffe das Bvot an Ort und Stelle! Säume nicht, eile, jede Minute kann koſtbar werden!“ „Sei es denn,“ antwortete Martha.»Du wirſt mich bereit finden, wäre die Gefahr auch noch ſo roß.« Mit dieſen Worten verſchwand ſie. „Da hören Sie's ſelbſt, Herr Peters— furchtlos und treu!« ſagte Heinrich.»Ja, ja, ein wackeres, treues Blut iſt meine Schweſter! Aber nun an's Werk! Gott gebe, daß die Feilen und Sägen gut ſind.“ Entſchloſſen begann Heinrich die Arbeit. Das Ei⸗ ſen knirſchte unter den Zähnen der kleinen ſcharfen Säge, aber der immer heftiger losbrechende Sturm und der plätſchernde Regen übertönten das Geräuſch. Von der Schildwache war nichts zu ſehen und zu hören. Wahrſcheinlich ſaß ſie noch am anderen Ende des Block⸗ hauſes in ihren Mantel gekauert, und hatte keine Ahnung davon, wie raſch die Gitterſtangen des Fen⸗ ſters von Heinrichs Hand durchſchnitten wurden. „Zwei ſind beſeitigt, Arm wird müde, ich muß ein wenig ausruhen!“ Herr Peters— aber mein „Gib mir die Säge, wackerer Junge,“ erwiederte 39 der Buchhalter.„Wenn ich auch nicht an ſolche Ar⸗ beit gewöhnt bin, die Noth wird's lehren.“ Heinrich reichte ihm eine friſche Säge, und wieder knirſchte das Eiſen, und wieder miſchten ſich ſchrillend die Töne mit dem Heulen und Brauſen des Sturmes. Der Regen ſchlug klatſchend zum Fenſter hinein und durchnäßte die Gefangenen bis auf die Haut. Aber ſie achteten das nicht, bemerkten es nicht einmal, denn all' ihre Gedanken ſtrebten dem Einen Ziele zu— ſich zu befreien und an den Ort zu eilen, wo man ihrer Anweſenheit bedurfte. „Da iſt die dritte Stange!“ ſagte der alte Peters, indem er dieſelbe ſchwer athmend Heinrich hinreichte. „Nun noch eine, und die Oeffnung iſt weit genug, um uns durchzulaſſen.“. „Gut, in weniger als zehn Minuten werden wir draußen ſein!« erwiederte Heinrich.„Laſſen Sie mich wieder an's Werk!« Der alte Peters, der ſeine Kraft erſchöpft fühlte, trat zurück, und Heinrich ſägte wieder friſch darauf los. Die Stange brach— der Weg war frei. „Jetzt hinaus, lieber Herr!« ſagte der Knabe. „Fürchten Sie nichts— das Fenſter liegt nicht hoch— klammern Sie ſich an die übrigen Stangen und laſſen ſich dann ſacht niedergleiten. Ihre Füße werden bei⸗ nahe den Boden berühren.“ Der alte Peters ließ ſich nicht in einen Streit nutzloſer Großmuth ein. Mit Hülfe ſeines Gefährten kletterte er auf das Fenſter, hielt ſich an den Eiſen⸗ ungen feſt, ſtieg hinaus und erreichte glücklich das reie. 3 „Ich bin unten!“ flüſterte er. „Und ich komme!« erwiederte Heinrich. Flink und gewandt ſchlüpfte er durch die Oeffnung, und ſtand im nächſten Augenblicke neben ſeinem Ge⸗ fährten. „Jetzt fort!“ murmelte er.„Liegt das Gefängniß nur erſt hundert Schritt hinter uns, ſo haben wir bei dieſer Finſterniß und dieſem Unwetter keine Verfolgung mehr zu fürchten. Ha! Was aber war das! Herr Gott, die Schildwache kommt! Nieder! Nieder auf den Boden!“ Im Nu lagen Beide, kaum zehn Schritt vom Block⸗ hauſe glatt auf der Erde. Die Schildwache näherte ſich in der That— das Klirren der Waffen war deut⸗ lich vernehmbar— noch wenige Schritte, und ſie mußte an der Ecke des Fenſters erſcheinen. Jetzt trat ſie wirklich vor— Heinrich fürchtete, ſie werde die ge⸗ wöhnliche Runde um das Blockhaus machen und dabei das Fenſter unterſuchen— dann mußte nothwendig ihre Flucht augenblicklich entdeckt werden— ſie wurden verfolgt— ergriffen— und Alles, Alles war vergeb⸗ lich. Der Soldat kam— Heinrich ſah ihn; aber in dem Augenblicke, wo er um die Ecke bog, brach mit einem Male der ohnehin ſchon heftige Sturm mit ver⸗ doppelter Wuth los und ein Schauer von Regen und Hagel ſchlug dem Soldaten grade in das Geſicht. Er wurde geblendet, der Mantel wurde von ſeiner Schul⸗ ter geriſſen, und kaum erſchienen verſchwand er ſchon wieder mit einem„mille tonnerres, quel orage“ auf der anderen Seite des Blockhauſes. Einige Sekunden noch blieben die ausgebrochenen Gefangenen ruhig liegen— aber die Schildwache kehrte nicht zurück. 41 „Der Sturm hat ſie zu gröblich angeblaſen!“ ſagte Heinrich leiſe.„Der Burſche wird es vorziehen, ſeine Wache an der geſchützteſten Stelle abzuhalten. Welch ein Glück für uns, daß Wind und Regen grade vom Meere her und auf das Fenſter zu wehen! Wär' es umgekehrt, hätten wir in dieſer Nacht wenigſtens nicht entrinnen können, denn die Wache würde grade unter dem Fenſter Poſto gefaßt haben. Aber nun fort! Stützen Sie ſich auf meinen Arm, Herr Peters! Alles geht gut, und Gott wird geben, daß unſere gelun⸗ gene Flucht eine günſtige Vorbedeutung für alles An⸗ dere iſt!“ Während er dieſe Worte ſprach, zog er ſchon den älten Buchhalter mit ſich fort dem Meere zu, grade entgegen dem Regen und Sturm, welche ihre beſten Verbündeten geweſen waren. Nach halbſtündiger Wan⸗ derung hatten ſie die Stelle des Meeresufers erreicht, welche grade dem Felſenſchloſſe gegenüber lag, und mit lauter Stimme rief Heinrich ſeiner Schweſter. Viertes Kapitel. Der alte Thurm. „Hier!« ertönte Martha's Antwort, und mit einem hellen Freudenrufe eilte ſie auf ihren Bruder zu. „Gott ſei Dank, du biſt frei!“ ſagte ſie raſch und haſtig.„Aber wer iſt dies? Du biſt nicht allein?“ „Dies iſt ein Freund, Herr Peters aus Bremen,“ erwiederte Heinrich;„du kennſt ihn, obgleich du ihn noch nicht geſehen haſt. Wir ſind ihm großen Dank ſchuldig, ihm und Herrn Bardewiek, und die Zeit iſt da, unſere Treue und Dankbarkeit zu beweiſen. Wo iſt das Boot, Schweſter?“ „Dort liegt es auf dem Waſſer!« antwortete Martha.»Aber du wirſt es nicht wagen, bei dieſem Wetter nach dem Schloſſe zu fahren. Sieh' nur, wie die Brandung über das Riff hinſchäumt, höre das Toben des anrollenden Wogenſchwalls und das Heulen des Sturmes! Es iſt nicht möglich, durch dieſen Auf⸗ ruhr der Elemente zu kommen.“ „Einem furchtloſen Herzen iſt Vieles möglich, was dem Verzagten ein Wunder ſcheint,« entgegnete Hein⸗ rich.„Die Gefahr iſt auch nicht ſo groß! Das Riff bricht den heftigen Wellenſchlag, und die Bucht, von dem Felſen gedeckt, iſt ziemlich ruhig. Ohne Furcht, Schweſter— hier kommen wir durch!« „Wenigſtens iſt hier die meiſte Hoffnung,“ ant⸗ wortete Martha.„»Gleichwohl, Heinrich, wenn du nicht mußt, ſo fahre in dieſer Nacht lieber nicht.“ „Ich muß, Schweſter! Es gilt unſerem edlen Wohlthäter!“ „Wohlan denn, ſo begleite ich dich!« ſagte Martha mit raſcher Entſchloſſenheit.„Zwei Nuder ſchaffen mehr als eines. bei ſolchem Wellenſchlag, und du weißt, die Schweſter, daß ſie zurückbleiben möge. Mit Einem Sprunge war ſie im daß ich nicht ungeſchickt bin.“ Vergebens bat Heinrich Boote und ergriff mit kundiger Hand das Ruder. „Furchtlos und treu!« murmelte Heinrich.„Das — 5* 43 brave Kind! Kommen Sie, Herr! Wir wollen raſch an's Werk gehen, denn friſch gewagt iſt halb gewon⸗ nen! Oder ziehen Sie es vor, am Lande zu bleiben? Unſere Hütte liegt nicht weit von hier und ich werde Sie hinführen.“ „Nein, nein, ich kann wahrlich nicht weniger thun, als die Gefahr theilen, die Euch droht,“ entgegnete der alte Buchhalter—„und überdem, Ihr wißt ja nicht, wo ich das Geld vergraben habe! Ohne mich würdet Ihr es ſchwerlich finden.“ „Wohlan denn, ſo wollen wir nicht länger zögern,“ ſagte Heinrich, und ſtieg in das ſchwankende Boot. „Hierher, lieber Herr Peters! Setzen Sie ſich, und nun halten Sie ſich ganz ſtill und ruhig! Ein wenig ſchwanken und tanzen wird das Boot wohl, aber ich hoffe, wir kommen ohne Gefährde davon.« Der alte Buchhalter nahm den angewieſenen Platz ein und mit einem kräftigen Ruderſtoße trieb Heinrich das leichte Boot mitten in die wild ſchäumenden Wo⸗ gen hinein. Es ſchwankte und tanzte freilich, wie eine Nußſchale, auf dem Waſſer, aber Heinrich und Martha führten die Ruder mit ſolcher Kraft und Gewandtheit, daß alle Gefahren glücklich abgewendet wurden und nur zuweilen eine Spritzwelle ihren ſchäumenden Giſcht über Bord und Ruderer hinſprudelte. Nach einigen ſchweren Minuten wurde die Bucht erreicht und hier, bei vergleichungsweiſe faſt ſtillem Waſſer, war die Ge⸗ fahr faſt gänzlich vorüber. »Muth, lieber Herr!“ ſagte tief aufathmend Hein⸗ rich und wiſchte ſich mit der Linken die perlenden Schweißtropfen und den Schaum der ſpritzenden Wo⸗ gen aus dem Geſicht—„jetzt ſind wir geborgen! Hier iſt der Felſen— und hier ein Winkel, wo wir ruhig das Boot laſſen können! Feſt an, Martha! So, ſo, meine Schweſter! Und nun— dem Himmel ſei Dank, da wären wir!“ Das Boot lief in den geſchützten Winkel ein, und —ſo ruhig war hier das Waſſer, ſo wenig ſpürte man hier das Wehen des tobenden Sturmes, deſſen Macht von der breiten, hohen Felſenwand gebrochen wurde, daß der Nachen kaum ſchwankte, als jetzt die kühnen Schiffer das Riff betraten und wieder feſten Boden unter den Füßen ſpürten. Heinrich befeſtigte das Boot an einem eiſernen Ringe, der zu dieſem Zwecke in das harte Geſtein gelöthet war, und dann ſtiegen alle Drei den ſteilen Pfad zu den Ruinen hinan, welche nach einigen Minuten glücklich erreicht wurden. „Nun, Gott ſei Dank, hier ſind wir ſicher,“ ſagte Heinrich.„Kein franzöſiſcher Spion oder Douanier wird es wagen, in ſolcher Nacht dem Schloſſe zu nahen. Aber welcher Sturm! Wie die Blitze fliegen! Und bis herauf zu dieſer Höhe ſchleudert das Meer ſeine ſalzigen Schaumflocken! Wie gut, daß die Douaniers mein Feuer ausgelöſcht haben! Das Schiff meines Bruders wird ruhig vor Anker liegen, während es ſonſt vielleicht, von den Flammen angelockt, mit die⸗ ſem Ungeſtüm von Sturm und Wogen zu kämpfen hätte.« 8„Aber mein armer Herr!“ ſeufzte der alte Buch⸗ halter.„Wenn er es nur nicht wagt, bei dieſem Wet⸗ ter hierher zu kommen.“⸗ „Kein Menſch wird das wagen, wenn er nicht dieſe Klippen und Riffe ganz genau kennt,“ erwiederte Heinrich.„Beruhigen Sie ſich, Herr Peters. In die⸗ 45 ſer Nacht wird Niemand kommen, der nicht muß. Hei⸗ liger Gott, welch ein Sturm! Es iſt, als ob der ur⸗ alte Felſen unter unſeren Füßen bis in ſeine Grund⸗ feſten hinunter erſchüttert würde! Nein, nein, Herr Peters, bei ſolchem Wetter wird Herr Bardewiek eben ſo ruhig vor Anker oder auf hoher See bleiben, wie mein Bruder Gysbert. Laſſen Sie uns ein Obdach aufſuchen! Ich kenne eins hier oben, wo wir ſicher ſind vor allem Ungeſtüm des Wetters, und nicht min⸗ der ſicher vor allen Douaniers der Welt. Folgen Sie mir, lieber Herr! Es iſt nicht gut ſein im Freien bei ſolchem Wetter.“ Noch einen forſchenden, ängſtlichen Blick warf der alte Buchhalter über die in phosphoriſchem Schimmer leuchtende, wild ſchäumende See hinaus, und da er nirgends die Spur eines Schiffes bemerkte, ſo folgte er ein wenig beruhigt ſeinem jungen Begleiter und deſſen Schweſter nach dem alten Thurme, in deſſen Inneres nur ein einziger ſchmaler und gewölbter Ein⸗ gang führte. Alle Drei ſchlüpften hinein und befanden ſich nun wenigſtens im Trocknen und vor der Wuth des Sturmes beſchützt. Plötzlich leuchtete ein heller Schimmer auf— Heinrich hatte Feuer gemacht und zündete nun eine Lampe an, welche hinreichendes Licht verbreitete, um die Umgebungen genauer kennen zu ler⸗ nen. Der alte Herr Peters ſchaute ſich verwundert um. Er befand ſich in einem runden, zwar nicht ſehr geräumigen, aber ganz wohnlichen Gemache. Rings an den Wänden zogen ſich ſteinerne Sitze entlang; der Fußboden war zwar mit Schutt und Steintrümmern bedeckt, aber Alles zeigte ſich eben und aufgeräumt, und in einer Niſche in der dicken. Mauer des Thurmes lagen ſogar einige Geräthſchaften, welche, an ſich ziem⸗ lich werthlos, doch zur Behaglichkeit des Gemaches beizutragen geeignet waren. Heinrich nahm eine alte wollene Decke heraus, und hing ſie vor dem offenen Eingange auf, ſo daß ſie die Stelle der fehlenden Thüre vertrat. Dann langte er ein Tiſchchen und einige Lebensmittel hervor, ſetzte Alles vor ſeinem geehrten Gaſte hin, ſtellte die brennende Lampe auf den Tiſch, und lud den alten Herrn freundlich ein, zuzugreifen und ſich nach den Anſtrengungen des Abends an Speiſe und Trank zu erquicken. Herr Peters hatte indeß keine Augen für die klei⸗ nen Wunder und Geheimniſſe des Thurmzimmers, ſon⸗ dern betrachtete mit herzlichem Wohlgefallen und mit faſt zärtlichem Blicke Heinrich und Martha, dieſe beiden Kinder, die ſo treu, ſo muthig und aufopfernd für ihn und um ihn beſorgt waren. „Ich danke Euch, danke Euch von ganzem Herzen, Kinder,“« ſagte er.„Braver Knabe, nie kann ich dir vergelten, was du heute für mich gethan haſt.“ „Es iſt vergolten, lieber Herr, längſt vergolten, lange bevor Sie hierher zu uns kamen,“ erwiederte Heinrich einfach.„Möchte ich nur eine Gelegenheit finden, auch Herrn Bardewiek einige Dienſte zu lei⸗ 3 „Du haſt ſie ihm geleiſtet, indem du mich aus dem Kerker befreiteſt, und mich an dieſen ſicheren Ort führ⸗ teſt,“ ſagte der alte Buchhalter.»„Ja, Herr Bardewiek ſoll Alles erfahren, was du für mich und zu ſeinem Vortheile gewagt und gethan haſt. Wäre er nur erſt da! Wie ſicher, wie geborgen fühle ich mich hier! Säße er nur bei uns in dieſem Zimmer, dann würde 47 mein altes Herz von aller Sorge befreit ſein. Doch auch du, Heinrich— mein lieber Knabe— auch für dich fürchte ich! Wenn ſie unſere Flucht entdecken, uns verfolgen— was dann?« „Pah,“ lachte Heinrich gleichgültig und ſorglos— „mir können ſie nichts thun, denn ich habe dem Kapi⸗ tän Danville gleich geſagt, daß ich mir die Freiheit zu verſchaffen ſuchen würde, und außerdem habe ich auch kein Verbrechen begangen, als hier oben heute Abend ein Feuer angezündet. Und was Sie anbetrifft, Herr Peters, da ſollen ſie wohl lange ſuchen, ehe Sie ge⸗ funden werden! Dieſer alte Thurm birgt mehr Ge⸗ heimniſſe, als die Herren Franzoſen ahnen und jemals entdecken werden— es müßte ihnen denn der Zufall ſo günſtig ſein, als er einſtmals meinem Vater war. Und das iſt denn doch kaum glaublich.“ »Dieſer Thurm?“« fragte Herr Peters, und ſchaute verwundert um ſich.„Was für Geheimniſſe wären das? Oder darf ich ſie nicht erfahren?« »O ja, Sie wohl, denn im Nothfall müßt' ich Sie ja doch damit bekannt machen,« antwortete Heinrich lächelnd.„Auch werden Sie uns wohl nicht ver⸗ rathen.“. »Gewiß nicht, mein Sohn, eher ſterben!« erwie⸗ derte der alte Buchhalter.„Aber was für Geheim⸗ niſſe ſind es denn? Was entdeckte dein Vater?« »Nun, der Vater war gern hier oben,“ ſagte Hein⸗ rich,„und ſaß oft halbe Tage lang, ſein Pfeifchen ſchmauchend, am äußerſten Rande der Klippe, um ſeine alten Augen am Anblicke des weiten Meeres und der hin und wieder ſegelnden Schiffe zu erfriſchen. Er liebte das Meer, und wenn er ſo weit, weit hinaus 48 blickte, dann erinnerte er ſich der alten Zeiten, wo er ſelber noch die Meere aller Zonen durchfurchte, und in ſolchen Erinnerungen war er ſehr glücklich. Manches Mal ſtörte es ihn aber, wenn er hier oben von einem Regenſchauer oder ſonſtigem Unwetter überraſcht wurde, gegen das er keinen genügenden Schutz in den Trüm⸗ mern fand, und Bequemlichkeit nun vollends gar nicht. Da kam er auf den Gedanken, dieſes alte Thurmge⸗ mach, welches damals noch mit Schutt und Steinen halb angefüllt war, ſauber aufzuräumen und ſich hier einen Zufluchtsort zu bereiten. Er ging an's Werk und ſchaffte allmählig den Schutt heraus, welcher ſammt und ſonders in das Meer hinab wandern mußte. Beinahe war er ſchon mit Allem fertig, als er eines Tages im Finſtern über einen Stein ſtolperte und mit der Schulter heftig gegen die Wand ſtieß. Nach einem Aufſchrei des Schmerzes, den ihm der heftige Stoß auspreßte, folgte das lebhafteſte Erſtaunen. Die Wand, gegen die ſeine Schulter drückte, wich zuruck, er hörte ein Schnarren und Raſſeln, wie von eiſernen Rädern, und als er ſich raſch aufraffte und ein Licht anzündete, ſah n zu ſeiner Ueberraſchung eine offene, niedrige Niſche in der wohl fünfzehn Fuß dicken Mauer, und den Anfang einer Treppe von Quaderſteinen, welche in eine unbekannte Tiefe hinabführte. Ein fußdickes Stück der Wand hatte ſich zurückgeſchoben; der Vater unterſuchte es genauer, und fand, daß es von einem ſtarken eiſernen Rahmen eingefaßt war, welcher ſich wie eine gewöhnliche Thür in ebenfalls eiſernen Angeln drehte. Nach noch genauerer Nachforſchung entdeckte er auch den einfachen, aber ſorgfältig verborgenen Mechanismus zum Oeffnen der Thur, ſchlug ſie wieder 49 zu, und konnte nun, ſelbſt bei der ſchärfſten Nachfor⸗ ſchung die Fugen nicht auffinden, wo ſich die ſeltſame Thür an die übrige Mauer anſchloß. Hätte er ſich nicht den Stein gemerkt, welcher eines ſtarken Druckes bedurfte, um den Mechanismus zum Oeffnen in Wirk⸗ ſamkeit zu ſetzen, ſo hätte er die Thür wohl gar nicht wieder aufgefunden. Voll von der wunderſamen Ent⸗ deckung, die er gemacht hatte, kam er nach Hauſe, verſah ſich ausreichend mit Licht, und befahl meinem Bruder Gysbert und mir, ihn zu den Trümmern des Schloſſes zu begleiten. Unterwegs erzählte er uns ſeine Abentheuer, erregte unſere lebhafteſte Neugierde, nahm uns aber das Verſprechen ab, vorläufig keinem Menſchen eine Sylbe von der Entdeckung zu verrathen. Wie ſich von ſelbſt verſteht, gaben wir unſer Wort, und langten endlich im Thurme an. Mir ſchien die ganze Sache ſo unglaublich, daß ich heimlich den Ge⸗ danken hegte, der Vater müſſe von der verborgenen Thür und der heimlichen Treppe wohl nur lebhaft ge⸗ träumt haben. Aber es war kein Traum. Ein Druck an dem Steine öffnete die Thür, die Räder knarrten, die Angeln raſſelten, und offen lag die ſchmale Treppe in der dicken Mauer des Thurmes vor uns. „Wir müſſen hinunter, Vater,“ ſagte Gysbert, nachdem er ſich von ſeiner erſten Ueberraſchung erholt hatte;„wir müſſen ſehen, wohin dieſe Treppe führt.« „Gewiß wollen wir das, und ich habe Euch darum grade herbeigerufen,“ antwortete der Vater.»Aber es muß mit Vorſicht geſchehen. Die Räume, zu denen die Treppe führt, ſcheinen ſeit Jahrhunderten verſchloſ⸗ ſen zu ſein und enthalten vermuthlich eine ganz ver⸗ dorbene Luft, die uns tödtlich werden könnte, wenn Furchtlos und treu. 4 wir uns nicht vorſehen. Steige du zuerſt hinunter, Heinrich,« wendete er ſich an mich.„Ich werde dieſen Strick um deinen Leib wickeln, und ſobald du merkſt, daß dein Athem beengt wird, ſo rufſt du und kehrſt augenblicklich um. Jedenfalls kann dir nichts geſche⸗ hen, denn bei dem erſten Nothgeſchrei ziehen wir dich an dem Stricke herauf.“ „Es bedurfte keines langen Zuredens bei mir, denn ich brannte ſelbſt vor Neugierde, die geheimnißvolle Tiefe kennen zu lernen. Sogar den Strick hielt ich für überflüſſig— aber der Vater duldete es nicht, daß ich ohne ihn hinabging, und ich mußte ihn mir anlegen laſſen. Jetzt eilte ich flink hinab. Das Licht, das ich mitgenommen, brannte hell und klar— ein gutes Zei⸗ chen— und ungefährdet erreichte ich das Ende der dreißig Fuß tiefen Treppe. Hier fand ich eine zweite Thür, aber nicht verſchloſſen, ſondern nur angelehnt. Ich ſtieß ſie auf, und gelangte nun in einen weiten gewölbten Raum, der offenbar früher eine Höhle im Felſen ſelber geweſen, und von den Erbauern des Schloſſes zu einem letzten Zufluchtsorte im Fall einer Belagerung, oder zu einer Schatzkammer für ihr Gold und Silber benutzt worden war. Das Gewölbe ent⸗ hielt nicht nur friſche Luft, ſondern empfing auch eini⸗ ges Licht von oben durch eine ſchmale, lange Oeffnung in der Mauer des Thurmes, die ſo künſtlich angebracht war, daß ſie von außen, wenn ſie je bemerkt wurde, nur für eine der vielen Schießſcharten gehalten werden konnte. Ein lauter Ruf brachte meinen Vater und meinen Bruder an meine Seite. Sie kamen eilig herab und ſtaunten wie ich das luftige, trockene, ſchne Gewölbe an, von deſſen Daſein kein Menſch in der 51 Welt außer uns eine Ahnung haben konnte. Wir durchſuchten es nach allen Richtungen hin und fanden zwar keine Schätze, aber noch ein anderes Geheimniß, das uns ſpäter von Wichtigkeit werden ſollte, nämlich eine dritte Thür, welche ſich nach einiger Anſtrengung von unſerer Seite nach dem inneren Raume der Höhle zu öffnete. Ihre Außenſeite war mit rauhen Stein⸗ platten belegt und mit kurzem Graſe bewachſen, wie der andere Fels. Wir traten an die Oeffnung vor, und nun verſtanden wir wohl, zu was die geheimniß⸗ vollen Thüren eigentlich gedient haben mochten. Aus der letzten Pforte blickte man unmittelbar in das Meer hinaus; ſenkrecht fiel die Klippe von hier nach der Bucht hinab, welche den einzigen ſicheren Ankerplatz in der unmittelbaren Nähe des Felſens bietet, und es mochte mit Hülfe einer Winde und eines ſtarken Sei⸗ les ein Leichtes geweſen ſein, von hier oben Flüchtlinge und Schätze in ein unten vor Anker liegendes Schiff hinab zu laſſen, oder die Ladung eines Schiffes von unten herauf zu ſchaffen. Wir entdeckten nach noch genauerer Nachforſchung auch wirklich Spuren und Ueberbleibſel von einer ſolchen Vorrichtung, und ſeit⸗ dem... nun, mein lieber Herr Peters, das werden Sie vielleicht ſpäter einmal erfahren. Jetzt vorerſt, wo Sie unſer Geheimniß ſchon zur Hälfte kennen, ſuchen Sie einmal den Zugang zur Treppe und über⸗ zeugen ſich dadurch, wie künſtlich ſeine Fugen in der Mauer verborgen ſind.« „Das wird ſo ſchwer nicht ſein,“ erwiederte der alte Buchhalter, welcher mit geſpannter Aufmerkſamkeit der Erzählung Heinrichs gelauſcht hatte.„Wenn man die Hauptſache weiß, findet man wohl leicht ulh Uebrige.« 52 „Ei ja— ſuchen Sie nur! Suchen Sie!“ ſagte Heinrich lächelnd.„Nehmen Sie die Lampe zu Hülfe — und nun wollen wir ſehen, ob Sie gute Augen haben.“ Herr Peters, ein kleiner behender Mann mit klu⸗ gem und zugleich wohlwollendem Geſicht, dem ſeine weißen Locken etwas ſehr Freundliches und doch auch Ehrwürdiges gaben, rückte ſeine Brille zurecht, ergriff die Lampe und leuchtete an den Mauern des Thurmes herum. Ueberall fand er regelmäßige viereckige Qua⸗ derſteine, mit großer Genauigkeit und Sorgfalt an ein⸗ ander gefügt— aber ein Stein ſah aus wie der an⸗ dere, eine Fuge wie die andere. Er klopfte hie und da an die Mauer, um an dem hohlen klingenden Schalle die rechte Stelle zu errathen— aber uͤberall gaben die Steine den gleichen Klang zurück. Er mußte endlich bekennen, daß er nichts ausfindig machen könne, und ſetzte die Lampe wieder auf den Tiſch. „Das dacht' ich mir wohl,“ ſagte Heinrich lächelnd. „Unſere Vorfahren verſtanden ſich auch auf's Bauen, und was ſie verbergen wollten, entdeckte ein neugieri⸗ ges Auge nicht auf den erſten Blick. Hier ſchauen Sie her, lieber Herr Peters— dies iſt die Stelle und dies der Stein! Ein Druck— jetzt paſſen Sie auf!« 3 Einn wunderliches Raſſeln und Schnurren, Klirren und Knarren wurde vernehmbar; die anſcheinend ſo feſt gemauerten Steine wichen langſam aus ihren Fugen, eine Oeffnung entſtand, und die nach unten führende Treppe lag deutlich vor den erſtaunten Augen des alten Herrn. „»Merkwürdig! In der That ſehr merkwürdig!“ 5³ rief er aus.„Aber jetzt laß uns auch hinabgehen, Heinrich— ich muß Alles ſehen.“ „Kommen Sie, lieber Herr,“ erwiederte der Knabe und griff nach der Lampe.»Sehen Sie und überzeu⸗ gen ſich, daß dort unten ein Verſteck iſt, wo zehn und zwölf Männer Jahre lang verborgen bleiben können, und wenn eine ganze Kompagnie Douaniers Tag und Nacht Wache in den alten Ruinen hielten. Ich will vorangehen— folgen Sie mir!“« Schon ſetzte Heinrich den Fuß auf die Treppe, und Herr Peters war im Begriffe, ſeiner Leitung ſich anzu⸗ vertrauen— als plöͤtzlich Beide wie gebannt ſtehen blieben, und mit dem Ausdrucke des Schreckens und der Verwunderung einander anblickten. Wie aus dem Gewölbe herauf tönte ein dumpfer, ſchütternder Hall — gleich darauf ein zweiter— endlich ein dritter. „Großer Gott, was iſt das?“ fragte der alte Buch⸗ halter.„Sollte dein Geheimniß entdeckt ſein?« „Nichts der Art,« entgegnete Heinrich.„Es wa⸗ ren Nothſchüſſe! Ein Schiff auf dem Meere iſt in Gefahr!« „Ach mein Heiland, Herr Bardewiek!“ rief der alte Peters ſchmerzlich aus.„Ach, ich dachte mir's wohl, daß er kommen und trotz Sturm und Wellen ſein Wort halten würde, und nun iſt der Unglückliche ver⸗ loren!« „Ruhig, lieber Herr! Ruhig!“ ſagte Heinrich.„Es kann auch ein anderes Schiff ſein! Wir müſſen ſehen! Jetzt iſt nicht mehr Zeit, die Höhle zu unterſuchen! Wir müſſen hinaus, um vielleicht noch Hülfe und Ret⸗ tung zu bringen!“ Eilig traten ſie in den Thurm zurück, Heinrich 54 ſchlug die offene Pforte hinter ſich zu, und dann be⸗ gaben ſich Alle, auch Martha, aus dem Thurme in's Frreie und ſchritten raſch dem äußerſten Vorſprunge des Riffes zu, von wo ſich eine ungehinderte Ausſicht auf das Meer hinab und hinaus eröffnete.“ Fünftes Kapitel. Ein Schiffbruch. Der Sturm raste nicht mehr, das Gewitter war vorübergezogen, und nur ein leiſes Wehen ſäuſelte noch in den Lüften. Der Mond ſtand hell am Himmel und überglänzte mit ſeinem bleichen Lichte das noch immer ſchäumende und wild aufgeregte Meer, welches fort und fort ſeine Wogen gegen die Riffe wälzte und in ziſchen⸗ der Brandung ſeine Schaumflocken hoch an den Felſen hinauf ſchleuderte. In dem Augenblicke, wo Heinrich, Peters und Martha den Rand der Klippe erreichten, donnerte wieder ein Schuß aus der Tiefe herauf, und nun gewahrte das ſcharfe Auge Heinrichs auch das Fahrzeug, welches im vergeblichen Bemühen, in die ſichere Bucht einzulaufen von der Gewalt des Sturmes und dem Wogen⸗Anprall auf die tiefer im Waſſer lie⸗ genden Riffe geſchleudert war und nun hier feſtſaß. Dicht am Rande der Bucht war es geſcheitert, und 4 während es auf der einen Seite in faſt ganz ruhigem Waſſer lag, ſtürmte auf der anderen mit ungeſtümer * 5⁵ Wuth Welle auf Welle erſchütternd gegen ſeine Steuer⸗ bordſeite heran, und drohte Planken und Balken in Trümmern zu ſtoßen. „Es iſt eine Kauffahrer⸗Brigg!« ſagte Heinrich, indem er auf das Schiff deutete.„Dort liegt ſie!“ „Ach Gott— es iſt die Marianne!“ rief der alte Peters ſchmerzlich aus.„Ich kenne ſie an der goldenen Galion, die ſo hell im Mondlichte ſchim⸗ mert.« „Und Sie glauben, daß wirklich Herr Bardewiek ſich auf dem Schiffe befindet?« „Ich glaube es nicht nur— ich weiß es!“ entgeg⸗ nete Peters ſchmerzlich. „So müſſen wir mit doppelter Eile und Anſtren⸗ gung zu Hülfe eilen und Hülfe ſchaffen!« rief Heinrich. „Geſchwind, Martha! Zum Glück liegt unſer Boot grade dem Schiffe gegenüber und wir haben ruhiges Waſſer in der Bucht. Die Mannſchaft wenigſtens kann und ſoll gerettet werden, wenn das Wrack nur noch zehn Minuten zuſammenhält.“ Er ſprach noch, als er ſchon auf dem ſteilen Pfade nach dem Meere hinunter eilte, und Martha folgte ihm auf dem Fuße nach. Ehe der alte Buchhalter nur zur Hälfte die jähe Höhe hinter ſich hatte, waren die bei⸗ den Geſchwiſter ſchon in das Boot hineingeſprungen und trieben es mit hurtigen Ruderſchlägen über das Waſſer hin. Wie ein Pfeil durchſchnitt es die Wellen und legte dicht unter dem geſcheiterten Schiffe bei, wo man ſeine Annäherung bereits bemerkt und mit banger und ängſtlicher Spannung auf den Erfolg gewartet hatte. „Dem Himmel ſei Dank, hier haben wir ja freies 2 56 Fahrwaſſer!« rief eine tiefe Stimme an Bord des Schiffes aus.„Muth, Herr Bardewiek! Wir ſind gerettet!“« „Holla— Herr Bardewiek!« ſchrie Heinrich von unten herauf—„laſſen Sie uns ein Tau zuwerfen, damit wir nicht wieder abtreiben!“ „Auf der Stelle, mein braver Junge!“ rief die vorige tiefe Stimme, welche vermuthlich dem Schiffs⸗ kapitän angehörte„Ein Tau! Geſchwind ein Tau!« Das Tau raſſelte herab, Heinrich fing es geſchickt auf und legte das Boot vollends feſt. „ Jetzt herunter!“ ſagte er.„Herr Bardewiek zuerſt. Ohne Furcht! Alles ſteht ſicher und gut.« Es dauerte ein Weilchen, ehe oben dem Rufe Hein⸗ richs Folge geleiſtet wurde. Endlich erſchien eine ſchlanke, weiße Geſtalt über Bord und wurde an einem Seile langſam in das Boot hinabgelaſſen. „Gebt Acht, meine Freunde!« ſprach ein Mann, der ſich oben über die Bruſtwehr lehnte.»Es iſt meine Tochter! Sie muß vor Allem gerettet werden!“ „Ah, Ihre Tochter, Herr Bardewiek! Fürchten Sie nichts, ſie iſt ſchon in Sicherheit!« rief Heinrich zurück, indem er das Kind, ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren, in ſeinen Armen auffing und es der Obhut ſeiner Schweſter Martha übergab.„Jetzt Sie, Herr Bardewiek! Hurtig! Das Boot liegt ganz ſicher und feſt.“ Auf ähnliche Weiſe wurde der Kaufherr in das Boot herabgelaſſen und kam glücklich hinunter. Mit einem Ausrufe der Freude ſchloß er ſeine Tochter in die Arme und brückte i mit heißer Zärtlichkeit an die Pruſ.. 57 „Jetzt fort, mein Burſch!« rief der Kapitän von Bord aus Heinrich zu.„Jene Beiden müſſen zuerſt in Sicherheit gebracht werden und wir Uebrigen helfen uns nun auch wohl ſelbſt, da wir ja nun wiſſen, daß wir die Boote ausſetzen können, ohne fürchten zu müſ⸗ ſen, kein Fahrwaſſer zu finden! Fort, fort, mein Junge! Eine Weile hält unſer Schiff wohl noch zu⸗ ſammen!« »„Schon recht— wir rudern ab,“ rief Heinrich zu⸗ rück—„aber wir kommen wieder. Wenn die Plan⸗ ken noch halten, retten wir wohl noch mehr, als das nackte Leben! Vorwärts, Schweſter!« Sie griffen wieder zu den Rudern und nach weni⸗ gen Minuten erreichten ſie glücklich den Felſen, wo der alte Buchhalter die zitternden Arme mit Thränen in den Augen ſeinem geliebten Herrn entgegenſtreckte. „Herr Bardewiek! Gott ſei Dank, Sie ſind in Sicherheit!« rief er aus.„»Und auch Mary! Unſere ſüße, kleine Mary! O Gott, wie glücklich bin ich, daß ich Sie in meine Arme, an meine Bruſt ſchließen kann. Aber wie unvorſichtig, Herr Bardewiek, in ſolchem Un⸗ wetter die Landung zu wagen! Es hätte Leben und Alles koſten können!“ »Der Sturm jagte uns, alter Peters! Freiwillig kamen wir nicht!“ erwiederte der Kaufherr.„Aber wo ſind wir eigentlich? Und wer iſt der brave Burſch, der uns gerettet hat?« „Erzählen Sie das Herrn Bardewiek oben im Thurme, Herr Peters!“ rief Heinrich, wieder in das Boot ſpringend.„Ich komme nach, ſobald ich kann. Licht iſt oben, und die Erfriſchungen finden Sie in der Niſche.“ 5.— 58 „Nein, nein, du bleibſt!« entgegnete Peters. „Herr Bardewiek muß dich kennen lernen! Bleibe hier!« »Nachher, nachher, das eilt nicht ſo ſehr!“ erwie⸗ derte Heinrich und ruderte mit der Schweſter wieder dem geſtrandeten Schiffe zu. Dem alten Peters blieb nichts weiter übrig, als ſeinen Herrn und deſſen Toch⸗ ter nach dem Thurme hinauf zu führen, wo ſie ſich bald von den ausgeſtandenen Schrecken erholten. Heinrich, als er bei dem Wracke ankam, fand hier Alles in regſter Thätigkeit. Das große Boot und die Jolle waren bereits in's Meer hinabgelaſſen, und die Matroſen arbeiteten unter der Leitung des Kapitäns wacker, wenigſtens den koſtbarſten Theil der Schiffs⸗ ladung noch in Sicherheit zu bringen. „So iſt's recht!« ſagte Heinrich.„Wenn wir uns dazuhalten, wird der Schaden ſo ſehr groß nicht ſein! Nur auch mein Boot beladen! Die Nacht iſt noch lang, und ehe der Morgen tagt, kann Manches ge⸗ ſchafft werden!« „Ganz recht! Aber wohin mit den Gütern?« fragte der Kapitän.„An das Land dürfen wir nicht, denn die Franzoſen würden Alles für geſchmuggeltes Gut anſehen und kurzen Prozeß mit uns machen.“ „Das iſt wahr!« antwortete Heinrich.„Aber es läßt ſich helfen. Die Sachen müſſen in den Thurm gebracht werden, und Eure Leute können dann dreiſt an's Land gehen. Sie ſind ſchiffbrüchige Matroſen; ihnen wird man nichts zu Leide thun. Jetzt nur in die Boote geſchafft, was möglich iſt! Das Uebrige findet ſich!« Es dauerte nicht lange, ſo waren die Boote bela⸗ 59 den, und, Heinrich an der Spitze, wurden ſie nach dem Felſen hinüber gerudert. Der Kapitän befand ſich in Heinrichs Nachen und ſtarrte verwundert die ſenkrecht aufſteigende Klippenwand an, wohin Heinrich die Boote geführt hatte. „Aber wo ſollen wir hier ausladen?« fragte er. „Wir müßten die Kiſten und Ballen grade in's Meer hineinwerfen.« »Nur Geduld, Kapitän!« erwiederte Heinrich.„Be⸗ fehlen Sie Ihren Leuten, hier ruhig einige Minuten zu warten. Es handelt ſich um ein Geheimniß, in das nur Sie eingeweiht werden dürfen, und auch dies nur dann, wenn Sie Ihr Ehrenwort verpfänden, es keinem lebenden Menſchen weiter zu ſagen. Wollen Sie das?« „Gewiß, wenn es ſich um die Rettung meines Patrons und ſeines Eigenthumes handelt, und mein Gewiſſen nicht verletzt wird,« entgegnete treuherzig und bieder der Kapitän. »„Nichts, weder Ihre Ehre noch Ihr Gewiſſen wird unter der Geheimhaltung des Geheimniſſes leiden,“ ver⸗ ſicherte Heinrich. „Gut, ſo gebe ich dir mein Ehrenwort und einen deutſchen Handſchlag noch obendrein,“ ſagte der Kapi⸗ tän.„Nichts ſoll mich dazu bewegen, dein Vertrauen zu verrathen oder zu mißbrauchen.« »Wohlan, ſo geben Sie Ihren Leuten den nöthigen Befehl, und dann folgen Sie mir auf den Felſen.“ Heinrichs Verlangen wurde erfüllt, der Nachen legte näher dem Lande an der gewöhnlichen Stelle an, und Heinrich erſtieg mit dem Kapitän und ſeiner Schweſter die Ruinen. Als ſie in den Thurm kamen, 60 theilte er den dort Harrenden mit, um was es ſich handelte und nahm ihren Beiſtand in Anſpruch. Dann öffnete er die geheime Pforte und Alle, bis auf die beiden Mädchen, welche oben blieben, ſtiegen in das Thurmgewölbe hinunter, nachdem Heinrich die Thür, welche auch von innen geöffnet werden konnte, ſorgfäl⸗ tig hinter ſich wieder zugedrückt hatte, um gegen jede etwaige Ueberraſchung geſichert zu ſein. Heinrich hatte Feuerzeug mitgenommen und zündete unten einige Lampen an, welche an eiſernen Ketten vom Gewölbe herabhingen. Seine Begleiter betrachte⸗ ten mit Staunen und Verwunderung den weiten Raum, in welchem ſie ſich befanden. Er war nicht leer wie damals, wo Heinrichs Vater ihn zuerſt entdeckt hatte. An den Wänden herum lagerten Kiſten und Ballen mit koſtbaren Stoffen und Waaren angefüllt, Kaffee⸗ ſäcke ſtanden hie und da umher, und das Gewölbe glich mehr dem Magazine eines reichen Handelsherrn, als einem verſteckten Zufluchtsorte, wo ſich ein Flücht⸗ ling vor den Augen der Späher und Verfolger verber⸗ gen konnte. „ Ah, dies iſt alſo eine Niederlage der kühnen Schmuggler, welche ſich den Brandſchatzungen der Fran⸗ zoſen nicht unterwerfen wollen!« ſagte Herr Bardewiek, nachdem er einen raſchen prüfenden Blick auf ſeine Umgebungen geworfen hatte.„Einen beſſeren Lager⸗ platz hätten ſie nicht auswählen können.“ „Ich mein' es auch,“ erwiederte Heinrich lächelnd. „Die Franzoſen vermuthen ſchon längſt, daß hier in dieſen Ruinen die Niederlage iſt, aber noch haben ſie dieſelbe nicht ausfindig machen können, und noch man⸗ cher Tropfen Waſſer wird in's Meer hinabfließen, ehe 61 es dahin kommt. Es iſt kein Verräther unter denen, die das Geheimniß kennen.“ »Aber auf welche Weiſe werden die Waaren hier⸗ her geſchafft?« fragte Herr Bardewiek.„Die großen Ballen, Kiſten und Säcke ſind doch nicht leicht den Augen der Douaniers zu verbergen.“ »Wir ſchaffen ſie her, wie Ihre eigenen Sachen, Herr Bardewiek,“ antwortete Heinrich.„Sie werden es ſogleich ſehen. Um ſie ſpäter in das Land zu brin⸗ gen, warten wir einen günſtigen Augenblick ab, wenn wir die Gränzwächter an anderen Orten beſchäftigt wiſſen. Dann bedarf es nur eines Zeichens, um die Paſcher herbeizurufen. Sie kommen in ihren Booten, nehmen ihre Ladung ein, und führen ſie an die unbe⸗ wachte Küſte, von wo aus ſie ſchnell in die Magazine der Kaufleute tiefer im Lande vertheilt werden. Das ganze Geſchäft iſt ſehr einfach und ſicher!« »Ja, das begreif' ich,« antwortete Herr Bardewiek. „»Aber wehe Euch, wenn Ihr einmal den Franzoſen in die Hände fallen ſolltet.« »Vorſicht ſchützt vor dieſem Uebel,“« entgegnete Heinrich.„Sie mögen lange ſpähen und ſpioniren, ehe ſie unſere Schleichwege entdecken. Die ganze Be⸗ völkerung des Landes iſt auf unſerer Seite und verab⸗ ſcheut die Gewaltthätigkeiten und Erpreſſungen der Franzoſen. Aber nun an's Werk! Wir muͤſſen ſo viel von der Ladung Ihres Schiffes bergen, als irgend möglich iſt.« Er näherte ſich der eiſernen Thür, welche unmittel⸗ bar auf das Meer hinaus führte, öffnete ſie und warf das lange Seil einer Drehwinde hinunter. »Aufgepaßt!“ ſchrie er den Leuten in den Booten 6² zu, welche unten an der Klippe lagen.„Befeſtigt Eure Ladung an das Seil! Hurtig!“« Hurtig ging es, undebald ertönte der Ruf:„Fer⸗ tig!“ von unten herauf.— »Gut, nun an die Winde!“ ſagte Heinrich, und Alle machten ſich an's Werk. Bald war die Laſt heraufgezogen und in Sicherheit gebracht; andere folg⸗ ten, und ehe der Morgen dämmerte, war der bei wei⸗ tem größte und koſtbarſte Theil von der Ladung des geſtrandeten Schiffes geborgen. Mehrmals fuhren die Boote nach dem Wracke hin und zurück, bis es zu ge⸗ fährlich war, daſſelbe noch einmal zu beſteigen. Die feſten Planken konnten nicht länger dem furchtbaren Andrange der noch immer wild bewegten Wogen Wi⸗ derſtand leiſten und ſprangen aus ihren Fugen. Die Matroſen meldeten, daß die geſtrandete„Narianne“ noch vor Anbruch des Tages zertrümmert ſein werde. „Wohlan, ſo müſſen die Leute nun an das Land rudern,“ ſagte Heinrich—„und Sie, Kapitän, müſſen ſie begleiten und Sorge tragen, daß von den Begeben⸗ heiten dieſer Nacht und beſonders von der Bergung der Güter ſo wenig wie möglich geſprochen wird.“ „Ich verſtehe,“ erwiederte der Kapitän.„Das Ge⸗ heimniß muß gewahrt werden und kann es leicht, da meine Papiere in Ordnung ſind. Ich kehre mit mei⸗ nen Leuten nach Bremen zurück, und es fragt ſich nur, was Herr Bardewiek thun will.« »Ich bleibe vorläufig hier,“ ſagte dieſer nach kurzer Ueberlegung.„Nach Bremen darf ich nicht, und eben ſo wenig darf ich mich auf franzöſiſchem Boden zeigen, da unzweifelhaft ſchon Steckbriefe gegen mich erlaſſen ſind. Wenn Heinrich mich hier dulden will, ſo ver⸗ —— 63 laſſe ich für jetzt dieſen Ort nicht, da ich nirgends ein beſſeres Verſteck zu finden vermag.« „Gewiß, Sie müſſen hier bleiben, Herr!« gab Heinrich raſch zur Antwort.„Sie, Ihre Tochter und Herr Peters. Hier ſucht und findet Sie Niemand. Kommen Sie, Kapitän! Ich werde Sie den Felſen hinabgeleiten und dann hierher zurückkehren, um das Weitere mit unſeren Flüchtlingen zu beſprechen. Laſſen Sie mich nur erſt die Pforte ſchließen.“ Dies war bald geſchehen und der Kapitän nahm Abſchied. Heinrich begleitete ihn bis zu den Booten; er ſprang hinein, und ruderte mit ſeinen Matroſen an's Land, nachdem er Heinrich von ganzem Herzen für ſei⸗ nen treuen Beiſtand gedankt hatte. Heinrich kehrte nach dem Thurme zurück, in deſſen oberem Raume er ſeine Schützlinge mit Martha zuſammenfand. »Mein treuer, hochherziger Burſche,“ empfing ihn Herr Bardewiek,„wie ſoll ich dir danken! Mein alter Peters hat mir Alles erzählt und erklärt, was du nicht nur für ihn, ſondern auch für mich gethan haſt, und nun finde ich wahrlich keine Worte, die genügend das ausdrücken, was ich für dich empfinde.« 4 „Wir haben auch gar keine Zeit, nach Worten zu ſuchen, lieber Herr,« antwortete Heinrich.„Es bleibt noch manches zu thun und zu beſtimmen übrig, ehe der Tag vollends heraufkommt, und wir müſſen alſo handeln und raſch zu Werke gehen. Vor Allem muß das Geld, das Herr Peters vergraben hat, aufgeſucht und in das Gewoͤlbe gebracht werden, damit es erſtens ſicher vor Spähern, und zweitens bei der Hand iſt, wenn Sie es gebrauchen.“ »Er hat Recht,“ wendete ſich Herr Bardewiek zu 64 ſeinem Buchhalter.„Wo haſt du das Geld vergraben, Peters?« „»Folgt mir,« erwiederte dieſer.„Es liegt nicht weit vom Thurme, und der Mond ſcheint hell genug, um die Stelle leicht auffinden zu laſſen.“ Die Männer begaben ſich mit Heinrich in's Freie, und nach wenigen Minuten war der verborgene Schatz gehoben und in den Thurm geſchafft. „Aber was nun?“ fragte Herr Bardewiek.„Vor⸗ läufig wären wir wohl in Sicherheit, aber wir können nicht immer in dieſem Thurme verſteckt bleiben. Meine Geſchäfte rufen mich nach England, und Peters muß nach Bremen zurückkehren, wo mein Haus gänzlich ver⸗ waist ſteht. Guter Heinrich, wackerer Sohn eines braven Vaters, weißt du auch hier Troſt und Rath zu ſchaffen?« »O ja, ich denke wohl, Herr,“ erwiederte Heinrich. »Freilich, ein paar Tage werden Sie ſchon Geduld haben müſſen, obgleich ich täglich meinen Bruder Gys⸗ bert erwarte. Sie wiſſen wohl ſon von Herrn Pe⸗ ters, daß ihm die Douaniers auflauern.« »„Ja, das weiß ich— aber wenn ihre Wachſamkeit ſo groß iſt, wie kann dein Bruder denn wagen, hien zu kommen?« ver wird nicht eher kommen, als bis das Feld wieder rein iſt,« ſagte Heinrich.„Vorläufig iſt er ge⸗ warnt, und zwar auf eine Weiſe, die er nicht mißver⸗ ſtehen kann. So ganz leicht laſſen wir uns von den Gränzſoldaten nicht fangen. Sehen Sie hier den Strick hinter der verborgenen Thür? Sobald ich ihn anziehe, erſcheint oben auf der Zinne des Thurmes ein rothes Fähnchen, das ſo geſchickt verborgen iſt, daß 6⁵ man es nur von der See her entdecken kann. Schauen Sie, ſo! Jetzt hängt die Fahne aus, und die Doua⸗ niers können heute Abend zehn Feuer anzünden— Gysbert kommt nicht, denn er hat das Warnungszeichen geſehen.“— »Aber Nachts, Heinrich? Welches Warnungszei⸗ chen kannſt du Nachts geben? Wenn nun dein Bru⸗ der erſt bei der Dunkelheit in die Nähe käme, ſo würde er wohl das Feuer, aber gewiß nicht deine Fahne ſehen.“ »Auch dafür iſt geſorgt,« antwortete Heinrich lä⸗ chelnd, und löste einen zweiten Strick von einem eiſer⸗ nen Haken. Er ließ ihn durch ſeine Hand gleiten, und von oben her ſenkte ſich eine Lampe herab, die ſo kunſtvoll von glänzenden Metallſpiegeln umgeben war, daß ihr Licht bei Nacht unzweifelhaft weit in die Ferne hinaus ſichtbar ſein mußte. „Bei Tage genügt die Fahne,“« fuhr Heinrich fort, „und Abends wird die Lampe angezündet. Wir haben uns geſichert.“ »Aber wenn nun die Ruine von den Douaniers beſetzt wäre?«. „Auch das würde nichts ſchaden! Wenn wir ein Schiff erwarten und Beſorgniſſe hegen müſſen, ſo ver⸗ laſſe ich den Thurm nicht, in welchem ich ein halbes Jahr verborgen bleiben koͤnnte, wenn es erforderlich wäre. Unten im Gewölbe iſt Oel für die Lampe und Proviant genug für eine lange Zeit. Uebrigens haben die Douaniers keine Ahnung, daß hier unſere Nieder⸗ lage der gepaſchten Waaren iſt, und werden ſie bei der Vorſicht, die wir anwenden, ſchwerlich auch jemals be⸗ kommen. Sie vermuthen nur, daß den Schiffen hier Furchtlos und treu. 5 66 Signale gegeben werden und ſuchen die eigentliche Nie⸗ derlage ganz wo anders. Sie können ſich nicht den⸗ ken, daß wir die Kühnheit haben würden, dicht neben einem Haupt⸗Gränzpoſten unſer verwegenes Spiel zu treiben.“ 4. „Es iſt wahr, die Lage dieſes alten Schloſſes und ſeine Geheimniſſe eignen ſich ganz dazu, die Wächter irre zu führen,“ ſagte Herr Bardewiek. »Und das iſt es noch nicht allein, was uns Sicher⸗ heit gibt,« fuhr Heinrich fort.„Der Zugang vom Lande nach der Ruine iſt ein ſehr gefährlicher. Wer den Weg nicht genau kennt und von ihm ab auf die Düne geräth, iſt ein verlorener Menſch. Der lockere Sand hält ihn feſt und verſchlingt ihn; die rückkehrende Fluth wogt über ihn hin und die Wellen ſpülen nur ſeine Leiche wieder an's Ufer. Deßhalb ſcheuen die Douaniers dieſen Felſen und wagen ſich nur mit Angſt und Widerſtreben auf ſeinen Gipfel. Dazu kommt, daß ſchon mancher Wachtpoſten von hier verſchwunden iſt, ohne daß die Leute wiſſen, wohin er gerathen ſein könnte. Wir allein wiſſen es. Sie fielen in die Hände unſerer Paſcher und...“ „Ach Gott, ihr habt ſie doch wohl nicht getödtet?« rief Herr Bardewiek erſchrocken aus. „O nein,“ entgegnete Heinrich laͤchelnd—„nein, nein, obwohl Mancher von ihnen den Tod wohl ver⸗ dient hätte! Nein, wir nahmen ſie nur gefangen, brachten ſie auf's Schiff und ſpedirten ſie nach Eng⸗ land, wo ſie einfach in die Pontons abgeliefert wur⸗ den. Weiter geſchah ihnen nichts zu Leide! Aber ihr geheimnißvolles Verſchwinden vermehrte noch die Scheu gegen unſer Felſenſchloß, und es gehört zu den Aus⸗ 67 nahmen, wenn die Douaniers, wie ſie geſtern thaten und heute wieder thun wollen, hier Nachforſchungen anſtellen. Sie würden es auch nicht wagen, wenn nicht ein Verräther, der Fiſcher Sybrand, ihnen zum Führer diente. Aber, Gott ſei Dank, der Elende, der für ſchnöden Sold ſeine eigenen Landsleute verkauft, kennt nur den Weg zu dem Felſen, aber nicht deſſen Geheimniſſe! Mögen ſie kommen! Mögen ſie! Wir ſind hier ſo ſicher, wie in Abrahams Schooße! Das Gewölbe kennt Keiner, außer nur ganz ſichere Män⸗ ner!« »Alles gut, Heinrich!« ſagte Herr Bardewiek; „aber wie nun, wenn ſie doch Verdacht geſchöpft hätten und das alte Schloß ſtärker als gewöhnlich beſetzten? Was ſollte dann aus uns und aus deinem Bruder werden?“ »„Sie thun es nicht, Herr,“ antwortete Heinrich zuverſichtlich—„und wenn ſie es auch thäten: vor zehn oder zwölf Menſchen haben wir noch keine Furcht. Sein Sie ganz unbeſorgt. Wir müſſen die Ankunft Gysberts, meines Bruders abwarten, weil dieſer allein Sie auf ſeinem Schiffe nach England bringen kann— aber ſeine Ankunft wird ſich auch nicht lange mehr verzögern. Binnen jetzt und drei Tagen iſt er gewiß zur Stelle. Bleiben Sie ruhig hier! Das Verſteck iſt ſicher und im Grunde auch gar nicht unbehaglich, ſelbſt für Ihre kleine Mary nicht. Sehen Sie nur hin, wie ſüß und ſanft ſie dort auf dem Haufen Segel⸗ tuch ſchläft!«. „Ja, ſie ſchlummert, die arme Kleine, die, ſo jung noch, in mein Schickſal verflochten iſt!“ ſagte Herr Bardewiek mit einem Anflug von Trauer und Betrüb⸗ 5** 68 niß.„Ich konnte mich nicht entſchließen, ſie allein in Bremen zurückzulaſſen, und fürchtete auch nicht, daß unſere Flucht eine Unterbrechung erleiden würde. Wenn ich ſie nur erſt glücklich in England hätte!« „Auch das wird kommen, lieber Herr,“ ſagte Hein⸗ rich tröſtend.„Sie müſſen nur ein wenig Geduld haben. Auf Gysbert können Sie ſich verlaſſen! Ei⸗ nen tüchtigeren Seemann gibt es weit und breit nicht in der Gegend, und er hat ſo wenig als ich die Wohl⸗ thaten vergeſſen, die Sie unſerem alten Vater gethan haben. Alſo fürchten Sie nichts!« „Ich bin auch ruhig, viel ruhiger, als ich geſtern hoffen konnte, wo der Sturm mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt uns dieſer Küſte zutrieb,“ entgegnete Herr Barde⸗ wiek und reichte Heinrich die Hand.„Du biſt ein braver Burſch und ich vertraue dir. Sage uns, was wir thun ſollen, und du wirſt finden, daß wir dir pünktlich Folge leiſten.“ „Recht, lieber Herr, ganz recht!“ ſagte Heinrich. „So folgen Sie mir denn vor Allem in das Gewölbe hinab und machen ſich's dort ſo bequem als möglich. Die kleine Mary werde ich tragen. Herr Peters nimmt wohl das Segeltuch mit hinunter, und meine Schweſter Martha leuchtet uns. So! Und nun vor⸗ wärts!«. Alle begaben ſich nach unten, und Heinrich ſorgte ſo gut für die Bequemlichkeit ſeiner Gäſte, daß dieſe ſich bald ganz behaglich in ihrem Verſtecke fühlten. 8 »Martha wird bei Ihnen bleiben, Herr,« fuhr Heinrich fort, als alles, was geſchehen konnte, geſchehen war.„Ich verlaſſe Sie nun, um draußen aufzupaſſen, und im Falle, daß etwas Ungewöhnliches vorkommen 69 ſollte, ſogleich die nöthigen Maßregeln treffen zu kön⸗ nen. Gegen Abend werde ich zurückkehren. Sollte ich aber durch irgend Etwas verhindert ſein, dann, Herr Peters, helfen Sie wohl meiner Schweſter, die Lampe anzuzünden und als Signal für meinen Bruder aufzu⸗ hiſſen.« „Ja wohl, mein lieber Junge,“ erwiederte der alte Buchhalter bereitwillig.„Verlaß dich darauf, es ſoll Alles pünktlich beſorgt werden. Aber fürchteſt du denn, daß dir ein Unfall zuſtoßen könnte?« „Nein, o nein, ich fürchte es grade nicht, denn ich kann mir kaum denken, daß mich die Franzoſen noch einmal einſperren würden, wenn ſie mich auch wirklich erwiſchten, was ich mit aller Vorſicht zu verhüten ſuchen werde;— aber es könnte ſich doch treffen, daß ich draußen nothwendiger wäre, als hier, und für dieſen Fall muß Jemand ſtatt meiner die Lampe anzünden. Indeß, vermuthlich komme ich zu rechter Zeit noch zu⸗ rück. Behüt' Euch Gott bis dahin, und daß Niemand, aber auch Niemand das Gewölbe verläßt und die ge⸗ heine Thür öffnet, bevor ich nicht wieder eingetroffen in.“« Alle verſprachen, dieſer Weiſung pünktlich zu ge⸗ horchen, und nun endlich verließ Heinrich den Thurm, um ſich draußen umzuſchauen und insgeheim Kunde über die Abſichten der Douaniers und über das Schick⸗ ſal der Mannſchaft des geſcheiterten Schiffes einzuziehen. 70 Sechstes Kapitel. Am Fande. Die Sonne ging eben auf, als Heinrich in's Freie trat und ſeine, trotz der Anſtrengungen der vergange⸗ nen Nacht, hellen und klaren Augen über die weite, noch immer unruhig wogende Fläche des Meeres hin⸗ ſchweifen ließ. In der Ferne entdeckte er einige Segel, die von den erſten Strahlen der Sonne hell beleuchtet wurden, und beobachtete ſie ein Weilchen mit forſchen⸗ den Blicken, weil er vielleicht glaubte, das Schiff ſei⸗ nes Bruders unter ihnen zu erblicken. Aber dieſe Er⸗ wartung wurde getäuſcht, wenigſtens drehte Heinrich den Schiffen gleichgültig den Rücken zu, und ſchaute nach dem Wracke, das jetzt, bei eingetretener Ebbe, nur noch als ein Trümmerhaufen auf den ſcharfen Felsſpitzen des Riffes hing. Da war nichts mehr zu retten und zu erhalten, und Heinrich wendete ſich achſelzuckend dem Ufer und dem Lande zu. So weit ſein Auge reichte, war der Strand frei, und nirgends erblickte er die Uniform eines Gränz⸗ wächters oder den weithin leuchtenden Blitz ſeiner Waffen. Ein paar Vögel wateten auf langen Beinen durch den Sand der Düne, und ſuchten Krabben und Muſcheln, welche das zurückfluthende Meer auf dem Sande zurückgelaſſen hatte. Eine Möve flatterte krei⸗ ſchend über das Riff hin; ein Rabe flog krächzend aus den Ruinen auf— ſonſt war nirgends ein leben⸗ des Weſen zu entdecken. „Alles iſt ruhig!« murmelte Heinrich vor ſich hin. 8 71 „Am Ende haben ſie unſere Flucht aus dem Block⸗ hauſe noch gar nicht entdeckt, oder verfolgen uns in einer Richtung, wo ſie eher alles Andere, als uns, finden werden. Unſere Hütte liegt ruhig da— ich glaube, daß ich unbeſorgt hingehen kann!“ Noch einen letzten forſchenden Blick warf Heinrich rings um ſich her, und eilte dann mit leichten elaſti⸗ ſchen Schritten den ſteilen Felſenweg hinunter. Sein Boot hatten die Matroſen der„Marianne“ mitge⸗ nommen, und das war ihm lieb, da er's im Laufe des Tages vielleicht noch gebrauchen konnte. Als er das Ufer erreichte, lag es ruhig neben den Booten des ge⸗ ſtrandeten Schiffes an einen Pfahl angepflockt. Von dem Schiffskapitän und ſeinen Leuten war dagegen nirgends eine Spur zu entdecken. „Sie werden nach dem Dorfe gegangen ſein und dort Anzeige von ihrem Schiffbruche gemacht haben,“ ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt.»Vielleicht hör' ich noch von ihnen, vorläufig will ich aber doch zu meiner Hütte eilen. Dort bin ich am ſicherſten und ſehe aus der Bodenluke Alles, was hier herum vorgeht.“ Da ſich nirgends ein Anſchein von Gefahr zeigte, ging Heinrich mit raſchen Schritten gradeswegs der Hütte zu, und erreichte ſie, ohne angehalten zu werden. Die Hausthür ſtand offen, wie er ſie geſtern Abend gegen Sonnenuntergang verlaſſen hatte, aber verwun⸗ dert ſtutzte er, als er innen in der Hütte das Geräuſch von Schritten vernahm. „Ha, was iſt das?« murmelte er und lauſchte. „Sollten Diebe..? Aber nein, bei uns gibt es keine Koſtbarkeiten zu entwenden! Oder wären es gar Doua⸗ niers..? Ha, das muß ich ſehen!“ 7² A Leicht und unhörbar wie ein Schatten, glitt Hein⸗ rich von der Hausthür weg um die Hütte herum, bis an eine Stelle, wo ein kleines Fenſter mit runden Scheiben einen verſtohlenen Blick in das Innere der⸗ ſelben geſtattete. Er erhob ſich auf die Zehen, machte den Hals ſo lang er konnte, und ſchaute durch die danden. trüben Fenſter in den inneren Raum der Hütte inein. „Der Verräther und Schurke!“ murmelte er.„Sy⸗ brand! Ich hätte es denken und die Hausthür ver⸗ ſchließen ſollen! Aber gleichviel— was kann er wol⸗ len? Schätze findet er ja hier ſo wenig, als gepaſchte Waaren. So dumm ſind wir nicht, ſie grade vor den Augen der Herren Franzoſen auszubreiten! Er geht an die Kommode— zieht ſie auf— durchwuͤhlt ſie! Ah, vielleicht ſucht er nach Beweiſen, daß wir mit den Paſchern verbunden ſind und mit ihnen unter einer Decke ſpielen! Suche nur, ſuche! Auf dieſem Wege erfährſt du nichts, elender Burſche!— Ob er allein ſein mag? Aber er muß es ſein— ich gewahre ſonſt Niemanden! Ah, Sybrand, du wirſt ſchneller aus der Hütte hinaus ſpazieren, als du hinein gekommen biſt! Wir werden ein Wörtchen mit einander ſprechen!“ Nachdem ſich Heinrich überzeugt hatte, daß Sybrand in der That allein die Hütte durchſuchte, und bei einem raſchen Umblicke bemerkte, daß weit und breit kein Douanier zu ſehen war, näherte er ſich wieder der Hausthür, und trat raſch durch den Flur in die kleine Stube. „Sybrand!“ ſagte er.„Was haſt du hier zu ſchaffen?« Der ſpionirende Burſche, ganz unerwartet und plötz⸗ 73³ lich überraſcht, fuhr erſchrocken mit dem Kopfe, der tief in den Schubladen der Kommode geſteckt hatte, auf und herum, und ſtarrte erblaſſend in Heinrichs drohendes und zorniges Geſicht. „Ich frage dich, was thuſt du in unſerer Hütte?« wiederholte Heinrich mit Nachdruck.»Wer hat dich eingeladen, dieſe Schwelle zu übertreten? Wer dir er⸗ laubt, unſere Habe zu durchſtöbern? Antworte ſchnell, wenn du nicht willſt, daß ich mein Hausrecht ge⸗ brauche!“— Sybrand erholte ſich mittlerweile vom erſten Schrecken, und nahm eine Miene ſorgloſer und frecher Unver⸗ ſchämtheit an.. „Drohe nur!“ ſagte er.„Du biſt ein ausgebroche⸗ ner Gefangener, und ich verhafte dich im Namen des Geſetzes!« Heinrich lachte laut.„Verſuch' es!« erwiederte er. „Aber erſt wollen wir über deinen unberufenen Beſuch im Klaren ſein. Was ſuchſt du hier?“ »Dich!« entgegnete Sybrand trotzig.„Dich und den alten Spitzbuben, der mit dir aus dem Gefängniſſe entflohen iſt! Wir wiſſen jetzt Alles!“ „Was wißt Ihr, und beſonders, was weißt du?« fragte Heinrich mit verächtlicher Geberde. „Wir wiſſen, daß dein Mitgefangener der Kaufherr Bardewiek aus Bremen iſt, daß du ihn verborgen hältſt, und daß du ſo gut wie er gehangen wirſt, wenn du nicht eingeſtehſt, wohin du ihn gebracht haſt,“ ſagte Sybrand mit triumphirendem Hohne.„Hüte dich, Heinrich! Der Henker und ein guter neuer Hanf⸗ ſtrick warten deiner, wenn du nicht Alles eingeſtehſt.« „»Lügen!“ erwiederte Heinrich kurz, obgleich er 74 4 innerlich doch uͤber die Nachricht erſchrak.„Lauter Lügen!« „»Wenn du mir nicht glauben willſt, ſo lies ſelbſt,« ſagte Sybrand, indem er ein Zeitungsblatt aus der Taſche zog.„»Hier ſteht es ſchwarz auf weiß.« Heinrich nahm das Blatt und las. Bange Sorge ſchlich ſich in ſein Herz ein und ſeine ſonſt ſo feſte Hand zitterte. Es war richtig. Der Kaufherr Barde⸗ wiek aus Bremen wurde wegen Hochverraths ſteckbrief⸗ lich verfolgt, ein hoher Preis war auf ſeinen Kopf ge⸗ ſetzt, und jede Behörde ermächtigt, ihn im Falle, daß man ſich des Entflohenen bemächtigte, ſofort vor ein Kriegsgericht zu ſtellen und erſchießen zu laſſen. Hein⸗ rich zerriß das Blatt und warf die Stücken aus dem Fenſter, wo ſie der Wind wirbelnd mit ſich hinweg⸗ führte. »Ha, das wird dir nichts helfen!« ſagte Sybrand höhniſch.„Wir haben noch mehr Zeitungen, als die eine!“. „Aber ihr habt den Gefangenen nicht, und werdet ihn auch nicht bekommen,“ antwortete Heinrich mit ſpöttiſchem Lächeln. „Warum nicht? Hier in der Gegend hält er ſich auf, und früher oder ſpäter muß er in unſere Hände lale Wir wiſſen es, daß er hier iſt, und kennen ihn!« »Und woher wißt ihr, daß der Gefangene grade der war, den ihr ſucht?“ fragte Heinrich. „Seine Papiere beweiſen es,“ entgegnete Sybrand. »„Er reist zwar nicht unter ſeinem Namen, aber er hat Gelder für das Haus Bardewiek in der Umgegend einkaſſiert. Ha, auch dieſe Summen fallen demjenigen —- 75⁵ zu, der ihn entdeckt und an die Behörde ausliefert. Auch dieſe Summen! Hörſt du wohl, Heinrich?« „Ich höre! Aber man hängt und plündert Keinen, bevor man ihn nicht hat,“ entgegnete Heinrich.„Wenn der mit mir entflohene Gefangene wirklich Herr Barde⸗ wiek geweſen iſt, ſo magſt du lange nach ihm ſuchen, Sybrand. Er hat ſich ſchon in der Nacht eingeſchifft und unſere Küſte verlaſſen.“ „Dieſe Nacht? Das iſt eine Lüge!“ rief Sybrand aus.„Bei ſolchem Sturme, wie er dieſe Nacht wüthete, geht kein Schiff in See. Du lügſt, Heinrich! Du lügſt! Du weißt, wo der Hochverräther verborgen iſt! Du mußt ihn ausliefern! Du mußt, oder du wirſt in einen Kerker geworfen, den du nicht ſo leicht wieder durchbrechen ſollſt, wie das Blockhaus. Hüte dich, Heinrich Ramberg!« „»Pah!« machte dieſer und zuckte verächtlich die Achſel.„Und wenn ich's wüßte, wo der Verfolgte eine Zuflucht gefunden hat, ſo ſollte doch keine Dro⸗ hung und Nichts mich bewegen, ihn zu verrathen. Wer möchte ein Schuft ſein, wie du, Sybrand?“ Voll Haß und Wuth blickte Sybrand auf den küh⸗ nen Knaben, der ihn ohne alle Rückſicht und Umſtände mit der größten Verachtung behandelte, und ſeine Fäuſte ballten ſich, als ob er ihn mit Einem Schlage zu Bo⸗ den ſchmettern wollte. Aber er hatte ſchon einmal den kräftigen Arm Heinrichs kennen gelernt, und hütete ſich daher, ſeinen innerlichen Groll zum Ausbruche kommen zu laſſen. Vielmehr glättete er ſchnell wieder ſeine ge⸗ runzelte Stirn und verzog ſeine Lippen zu einem heuch⸗ leriſchen Lächeln, indem er ſich geſchmeidig wie eine falſche Katze ſeinem jugendlichen Gegner näherte. 76 „Ha, ich weiß wohl, du kannſt mich nicht leiden, Heinrich, und machſt es mir zum Vorwurfe, daß ich den Franzoſen zuweilen einen Dienſt leiſte,“ ſagte er. „Aber du haſt Unrecht! Ich bin arm— thöricht wäre es, wenn ich einen guten Verdienſt von der Hand wei⸗ ſen wollte, und überdies ſind ja auch jetzt die Franzo⸗ ſen die rechtmäßigen Herren des Landes.“ „Ja, wie die Seeräuber rechtmäßige Herren der Schiffe ſind, die ſie mit Uebermacht überfallen und aus⸗ plündern!“ entgegnete Heinrich.„Meine Herren ſind ſte einmal nicht! Wedle du vor ihnen, hündiſcher Ge⸗ ſell, der du gierig die Brocken aufſchnappſt, die ſie dir mit verächtlichem Mitleid zuwerfen.“ „Wie du ſprichſt, Heinrich!“ ſagte Sybrand mit unveränderter, heuchleriſcher Freundlichkeit.„Was thu' ich dir denn Böſes? Im Grunde will ich ja nur dein Glück!“ „Du? Mein Glück?« rief Heinrich entrüſtet. „Du, der Spion, der jeden meiner Schritte belauert, der mich, deinen Landsmann, an die Franzoſen verräth! Du, der du heimlich in meine Hütte eindringſt, um, wo möglich, noch weiteren Verrath an mir zu uͤben? Elender Lügner!“ „Warum tobſt du? Warum ſchimpfſt du?“ fuhr Sybrand im vorigen Tone fort.„Höre mich erſt an! Und wenn du dann nicht ſiehſt, daß ich es gut mit dir meine und dein Freund bin, mußt du wirklich von Haß und Leidenſchaft geblendet ſein. Ich habe dir einen Vorſchlag zu machen, Heinrich!“« „Was für einen?«. „Liefere den Hochverräther Bardewiek aus, oder ſage mir wenigſtens, wo du ihn verborgen haſt, — — 77 und die Hälfte des ganzen Gewinnes ſoll dir gehö⸗ ren!« Ein Blitz edler Entrüſtung brach bei dieſem ver⸗ rätheriſchen und niedrigen Anerbieten aus Heinrichs Augen und ſein Geſicht wurde blaß vor Zorn. „Fort!« ſagte er mit erhobener Hand und deutete nach der Thür.„Fort! Beflecke dieſe Hütte nicht mehr mit deinem verpeſteten Hauche!“ „Erſt höre mich!“ entgegnete Sybrand.„Zehntau⸗ ſend Franken ſind auf ſeinen Kopf geſetzt, und außer⸗ dem hat er wenigſtens noch achtzig oder hunderttauſend Franken baares Geld in der Umgegend eingezogen. Das Alles gehört dem, der ihn an die Behörde ablie⸗ fert. Bedenke es wohl— mindeſtens fünfzigtauſend Franken fallen auf deinen Antheil, wenn du klug biſt und mir Beiſtand leiſteſt. Fünfzigtauſend Franken! Das iſt eine große Summe, Heinrich, fuüͤr ſolche arme Burſche, wie wir ſind!“ „Fort!« wiederholte Heinrich gebieteriſch und ſtreckte von Neuem den Arm aus. „Noch nicht, du mußt mich anhoͤren,“ erwiederte Sybrand.„Ich weiß, du fürchteſt wie ein Narr die Schande, wenn es heißen ſollte: Heinrich hat einen Gaſtfreund verrathen und ſeinen Feinden ausgeliefert! Auch dieſe Schande ſoll dir erſpart werden. Du ſollſt nichts mit der Verhaftung zu ſchaffen haben und nie⸗ mals, ich ſchwöre es, ſoll dein Name über meine Lip⸗ pen kommen! Wie nun, Heinrich? Wie nun?« »Fort!« wiederholte Heinrich zum dritten Male, und als Sybrand noch nicht ging, als er noch einmal den Mund öffnete, um ſeine verrätheriſchen Anträge zu erneuern, ſprang Heinrich auf ihn zu, packte ihn am 78 Kragen, drängte ihn nach Außen und warf ihn ſchließe lich mit ſolcher Gewalt aus der Thür, daß der Ver⸗ ſucher zehn Schritte weit fortflog, den Hügel hinunter taumelte, und, ſich mehrmals überkugelnd, endlich un⸗ ten mit gequetſchten Gliedern liegen blieb. Zwar raffte er ſich ſogleich wieder auf und eilte davon— aber der Hütte kam er nicht wieder zu nahe.„Das will ich dir gedenken!« ſchrie er wuthſchäumend zurück und ſchüttelte die geballte Fauſt gegen Heinrich. Dann eilte er mit raſchen Schritten davon, dem nächſten Dorfe zu, deſſen Kirchthurm von weitem über die Sand⸗ hügel der Dünen heruberſchaute. Zorn im Auge blickte Heinrich ihm nach. »Der Schurke!« murmelte er.„Vater und Mutter würde er verkaufen um ſchnöden Gewinnes willen und ſich der Sünde nicht fürchten! Aber ich muß auf mei⸗ ner Hut ſein! Es ſollte mich wundern, wenn er nicht zurückkäme mit Helfern und Helfershelfern, um durch die Uebermacht zu erzwingen, was er allein, Mann gegen Mann, nicht ausführen konnte. Zum Glück hab' ich Zeit, mich zu verbergen, und ſie mögen lange ſuchen, ehe ſte mich finden!« Ohne ſich länger aufzuhalten, nahm Heinrich ein kleines Fernrohr aus einem Kaſten, ſteckte es zu ſich und verließ die Hütte, deren Thür er ſorglos, wie immer, offen ſtehen ließ. Zu ſtehlen war da nicht viel, und wenn die Douaniers kamen, um Hausſuchung z halten, ſo war es beſſer, ſie fanden die Thür glei offen. Der Vorwand zu Erbrechung derſelben und zu ſonſtigen Gewaltthätigkeiten war ihnen dann von vorn⸗ herein genommen. Die Hütte verlaſſend, ſchlug Heinrich den Weg 79 nach dem Seeufer ein, ging eine Strecke am Strande entlang, bog um einen hügeligen Vorſprung und ſtand nun dicht vor einem anderen Fiſcherhauſe, aus deſſen geöffnetem Fenſter er mit hellem Zurufe begrüßt wurde. „Guten Morgen, Frau Rolfs!« ſagte er.„Ich brauche Euren Beiſtand. Die Douaniers ſind mir auf den Ferſen und ich muß mich einige Zeit vor ihnen verbergen.“ »Ei, du kennſt ja dein Verſteck, Heinrich,“ erwie⸗ derte die vorige Stimme, und eine ältliche, aber noch rüſtige Fiſchersfrau trat aus der Thür und reichte Heinrich die Hand.„Willſt du nicht auf das Schloß hinauf?2« »Nein, nicht jetzt!« erwiederte Heinrich.„Von hier aus kann ich beſſer beobachten, was dort vorgeht, als im Thurme, und am Abend wird eine ganze Bande von Douaniers auf der Klippe ſein, denen ich nicht gern in die Hände fallen möchte. Außerdem, Frau Nolfs, müßt Ihr einen Gang für mich thun.“ »Mit Freuden, lieber Junge! Wohin?« »In das Dorf.« »Und was ſoll ich da?« »„Nichts weiter, als Erkundigungen einziehen über den Kapitän und die Matroſen des Schiffes, das vo⸗ rige Nacht bei der Klippe auf dem Riffe geſtrandet iſt.« d„Das ſoll auf der Stelle geſchehen, Heinrich! Und ann?“ »Dann kommt Ihr wieder her und erzählt mir, was Ihr geſehen und gehört habt. Ihr findet mich oben in dem Dachkämmerchen, aus deſſen Luke man nach der Klippe hinaufſehen kann.« 80⁰ „Ja ja, geh' nur hinauf, lieber Junge! Dort ſucht dich gewiß Niemand. Und halte dich ruhig! Ich werde bald wieder zurück ſein!« Frau Rolfs ſetzte ihre Haube auf, hing ihren Man⸗ tel um und ging, während Heinrich ohne weitere Um⸗ ſtände in die Hütte trat, auf einer Leiter zum Dach⸗ boden hinaufſtieg und hier in ein Kämmerchen ſchlüpfte, das wie ein Taubenſchlag im Giebel des kleinen Hau⸗ ſes angebracht war. Eine enge Luke verbreitete einiges Licht in dem ſchmalen Raume, der keine Bequemlichkei⸗ ten weiter enthielt, als einen hölzernen Schemel, auf welchem Heinrich Platz nahm und nun ſein Fernrohr aus der Taſche holte. Er richtete es auf die Klippe mit den Trümmern des alten Schloſſes, welche hell von der Sonne beleuchtet wurden. Alles war dort ſtill, einſam und ungeſtört. Die Möven kreisten um die Ruinen, und ein Rabe ſaß ruhig auf der Zinne des Thurmes, derſelbe vielleicht, den Heinrich beim Verlaſſen des Schloſſes durch ſein Erſcheinen aufge⸗ ſcheucht hatte. „Noch ſind die hungrigen, gierigen Wölfe nicht da!« ſagte er vor ſich hin.„Aber kommen werden ſie gewiß, oder es müßte mich Alles täuſchen. Sybrand ſorgt gewiß dafür, daß der Felſen beſetzt und die alte Ruine durchſucht wird. Aber ſucht nur, ſucht! Das heimliche Gewölbe werdet Ihr nimmer finden, und wenn Jeder von Euch die Augen des Luchſes hätte.“ Eine Stunde verſtrich— die Sonne ſtieg höher und höher, und noch immer zeigte ſich kein Leben und kein Bewegen in den Umgebungen des Schloſſes. Heinrich beobachtete ſie von Zeit zu Zeit, ließ aber immer wieder mit getäuſchter Erwartung das Fernrohr 81 ſinken, weil er Nichts entdeckte, was ſeine Vermuthun⸗ gen zu beſtätigen ſchien. »Die Ebbe iſt vorbei— die Fluth kommt wieder,“ murmelte er.»Vor Abends werden ſie alſo nicht hinauf gehen. Aber da hoͤre ich ja Frau Rolfs wieder!— nn werde ich ja erfahren, was für Pläne im Werke ſind.« „He, Heinrich!« rief jetzt die Stimme der Frau herauf. „Ja, ja, was gibt's? Iſt die Mannſchaft des Schiffes frei und in Sicherheit?« „Sie ſind ſchon Alle fort— Niemand hat ſie an⸗ gehalten. Aber ich habe andere Neuigkeiten, die dir weniger gefallen werden.“ »Was für welche, Frau Rolfs? Sagt es nur grade heraus.« »Ei, die Franzoſen ſind über deine Hütte her, und Sybrand, der Halunke, iſt mitten unter ihnen. Sie ſchlagen Alles in Stucke und Sybrand macht es am ärgſten. Er ſucht dich und noch Einen, Heinrich! Und ach, du lieber Gott, fluchen und ſchimpfen thut er, als ob er der Gottſeibeiuns ſelber wäre. Ich glaube gar, Heinrich, ſie ſtecken dir noch die Hutte in Brand, wenigſtens verſchwor ſich Sybrand, er wolle nicht eher ruhen, als bis der rothe Hahn auf dem Dache krähen würde.« »„Ja, ja, er iſt ein Schurke durch und durch, Frau Rolfs,« erwiederte Heinrich.„Aber laßt ihn! Seine Strafe wird ihn ſchon einmal ereilen, und wenn er mir wirklich die alte Hütte niederbrennt, nun, ſo müſſen wir uns eben eine neue bauen! Was gibt's ſonſt für Neuigkeiten, Frau Rolfs 2 Furchtlos und treu. 3 6 „Nichts weiter, als daß ſie das Schloß beſetzen wollen und unſere Leute zu fangen hoffen! Aber da werden ſie wohl bloß Wind fangen, denk' ich mir!« „Oder ſelbſt gefangen werden, Frau Rolfs, das wäre auch möglich und nicht zum erſten Male geſche⸗ hen,« erwiederte Heinrich ſorglos.„Habt keine Angſt für Euren Mann, Frau Rolfs! Für ſeine und Aller Sicherheit iſt geſorgt.“ „Ja, ja, ich weiß es! Auf dich und deinen Bru⸗ der Gysbert kann man ſich verlaſſen! Aber nimm dich nur ſelbſt recht in Acht! Sybrand iſt erſchrecklich wü⸗ thend auf dich, und ſchwört, er wolle nicht ruhen, als 8 er dich gefunden habe und am Galgen hängen ehe!« „Pah, das iſt keine große Gefährlichkeit! Aber die Hütte werden ſie wohl niederbrennen! Mir iſt, als ob der Rauch ſchon zur Luke hereindränge. Seht ein⸗ mal nach, Frau Rolfs.“ Die Frau ging aus der Thür in's 833 und hier ſchrei, daß er hörte Heinrich ſchon an ihrem Klagege ſich in ſeiner Vermuthung nicht getäuſcht habe. Plötz⸗ lich kehrte ſie wieder in's Haus zurück.* „Ach Gott, ach Gott, Heinrich! rief ſie— Alles iſt eine Rauchwolke uͤber dem Hügel drüben, und was noch ſchlimmer iſt, die Douaniers kommen, mit Sybrand an der Spitze, und wollen gewiß nach dir ſuchen. Ge⸗ ſchwind verſtecke dich! Ich will mir ſchon nicht merken laſſen, daß du hier biſt!« „Recht, Frau Rolfs! Lacht den Schurken was aus!« rief Heinrich zurück.„Das Verſteck iſt gut! In dem finden ſie mich nicht! Und Eure Hütte wer⸗ den ſie wohl ſchwerlich niederbrennen.“ r 8³ Heinrich lauſchte noch einige Augenblicke an der offenen Luke, bis er das Geräuſch von Schritten und klirrenden Waffen hörte, und dazwiſchen die verhaßte Stimme Sybrands vernahm. Jetzt verſchwand er von der Luke, hob dicht am Fußboden ein Bret der inneren Dachbekleidung auf, öffnete dadurch einen ſchmalen engen Verſchlag, der eben Raum genug bot, ihn auf⸗ zunehmen, ſchluͤpfte hinein, zog das Bret hinter ſich an, und lag nun ſo ſicher und geborgen, daß er ganz ruhig der bevorſtehenden Hausſuchung entgegenſehen konnte. Er hörte in ſeinem Verſtecke jedes Wort, was draußen und unten geſprochen wurde, und lachte heimlich, als er vernahm, wie Sybrand tobend und wüthend nach ihm fragte, ihn mit Verwünſchungen überhäufte, und gräßlich fluchte, als er die unteren Räume der Hütte vergebens nach ihm durchſpähet hatte. „Aber er muß hier verſteckt ſein, der Hund!“ ſchrie er.„Ich habe geſehen, wie er die Richtung hierher einſchlug!* muß hier ſtecken!« „Nun, ſo ſucht ihn doch, Sybrand!« höhnte Frau Rolfs ſpottend.„Ihr ſeid ja Leute genug! Immer ſucht!« „Ja, das wollen wir auch, verd.... Weib!« brüllte Sybrand.„Auf dem Boden wird er liegen! Hinauf, Kameraden! Entgehen ſoll er uns nicht!« Heinrich hörte die Leiter knarren, hörte die ſchwe⸗ ren Schritte der Douaniers und jedes Schimpfwort, das ſie ausſtießen. Schon ſchien es, als ob ſie nach abermaligem vergeblichem Suchen ſich wieder entfernen wollten, als Sybrand zuletzt noch die kleine Thür zur Bodenkammer entdeckte und einen lauten jubelnden Schrei des Triumphes ausſtieß. 84 „Hier iſt er! Endlich haben wir ihn!“ jauchzte er auf, und ſtieß mit dem Fuße die Thür ein, die krachend in Trümmern zerbrach. Mit Einem Sprunge, wie ihn der Tiger thun mag, wenn er ſich auf ſeine Beute ſtürzt, war Sybrand in der kleinen Dachkammer, aber auch wenigſtens um einen Zoll länger wurde ſein häßliches Geſicht, als er den Raum leer und nicht einmal die geringſte Spur von der ſchon ſo ſicher geglaubten Beute fand. „II n'est pas ici— er iſt nicht hier!“ ſagte einer der Franzoſen.„Kommt, mein Freund, wir müſſen unſere Nachforſchungen an anderen Orten fortſetzen.“ „Nützt nichts«— entgegnete Sybrand,„da der Halunke nicht hier iſt, werden wir ihn nirgends finden! Aber Geduld! Ich fange ihn doch noch, und ſo ge⸗ wiß ich den Burſchen haſſe wie den Tod, ſo gewiß will ich ihn auch am Galgen baumeln ſehen. Fort, Freunde! Ich kenne den Fuchs und ſeinen Bau, und weder der eine noch der andere ſoll uns länger ver⸗ borgen bleiben.“ Die Franzoſen und Sybrand ſtiegen die Bodenlei⸗ ter wieder hinab, und nach einigen Schimpfreden gegen Frau Rolfs, die ihnen aber kein Wort ſchuldig blieb, entfernten ſie ſich wieder in der Richtung, aus der ſie gekommen waren. „Sie ſind fort, Heinrich!“ rief die treue Wächterin von unten herauf.„Du kannſt heraus kommen, Hein⸗ rich!« „Bin ſchon draußen,“ antwortete dieſer.„Die Ge⸗ fahr war nahe genug, aber, Gott ſei Dank! ſie iſt abgewendet, und nun wird uns für's erſte wohl Nie⸗ mand mehr ſtören. Kümmert Euch nicht um mich, Dunkelwerden komme ich ohnehin nicht hinunter.“ 8⁵ Frau Rolfs. Ich habe hier oben aufzupaſſen, und vor Die Frau ſchien an dieſe heimlichen Beſuche ſchon gewöhnt zu ſein. Sie ging ihren häuslichen Geſchäf⸗ ten nach, und Heinrich ſetzte ſich wieder an die Dach⸗ luke, von wo er mit Hülfe ſeines Fernrohrs jeden Stein der alten Burgruine auf dem Felſen deutlich er⸗ kennen konnte. Als er hinaus blickte, ſtutzte er und lachte dann ſpöttiſch.„Jetzt weiß ich alſo, warum ſie ſo lange gezögert haben, den Felſen zu beſetzen und zu durchſuchen,“ murmelte er.„Sie trauen ſich nicht über das Riff zu gehen und ſetzen in Booten über! Nun, fahrt nur hin! Ihr werdet dort ſo wenig entdecken, als Sybrand hier. Aber die Abtheilung iſt ſtark— ein, zwei, drei Kähne— in jedem ſechs Mann, macht achtzehn. Ja ja, ſie wollen die Paſcher fangen! Pah, da müßtet Ihr pfiffiger zu Werke gehen.“ Heinrich nahm das Fernrohr nicht vom Auge. Er ſah die Boote in die Bucht einlaufen, und am Felſen landen. Die Gränzſoldaten ſtiegen aus, erklimmten die Ruine, durchſuchten jedes alte verfallene Gemäuer der⸗ ſelben, in der Hoffnung vielleicht, Heinrich zu fangen und ſchlüpften endlich Alle in das Innere des Thur⸗ mes⸗ aus dem ſie vorläufig nicht wieder zum Vorſchein amen. »Ja ja, Alles iſt richtig!« ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt.„Es fällt nicht ſchwer, ihre Pläne zu errathen. Sie lauern auf Gysbert und ſein Schiff, werden Abends das Feuer anzünden, und hoffen, daß Gysbert ſich dann werde täuſchen laſſen. Schlau und pfiffig iſt der Plan angelegt— aber doch nicht ſchlau und pfiffig genug. 86 Sie haben die Fahne vergeſſen und die Laterne im Thurme. Gysbert iſt gewarnt.“. Der Tag verging, ohne daß ſich weiter etwas Be⸗ ſonderes ereignete. Am Abend brannte richtig, wie Heinrich vermuthet hatte, der Scheiterhaufen am Rande der Klippe und warf ſeinen Feuerſchein verlockend über das Meer. Aber das Schmugglerſchiff kam nicht. Wenn es wirklich in der Nähe war, ſo mußte es wu das Warnungszeichen auf dem Thurme entdeckt aben. 3 Am anderen Morgen, als Heinrich von Neuem die Ruine mit dem Fernrohre beſtrich, fand er ſie leer. Die Soldaten waren abgezogen, und er nahm ſich vor, bei anbrechender Dunkelheit den Verſuch zu machen, auf die Klippe zu ſchleichen und ſeine Gaſtfreunde zu beſuchen, die möglicher Weiſe über ſein Ausbleiben am geſtrigen Abend beunruhigt ſein konnten. Siebentes Kapitel. Der Spion. Ein rachedurſtiger Feind iſt ein gefährlicher Feind, und Sybrand war ein ſolcher Feind für Heinrich. Längſt ſchon hatte er vermuthet, daß die alten Burg⸗ trümmer mehr Geheimniſſe bergen müßten, als die Douaniers glauben wollten, und das ſpurloſe Ver⸗ ſchwinden Heinrichs und des anderen Gefangenen, den ———— 87 Sybrand für Herrn Bardewiek hielt, ſteigerte ſeine Vermuthung faſt bis zur Ueberzeugung. Sie konnten nirgends weiter verborgen ſein, als in der Ruine, und auf dieſen Verdacht hin entwarf Sybrand einen Plan, der ihm das ſicherſte Gelingen zu verheißen ſchien. Er theilte ſeine Vermuthungen und Entwürfe dem Kapitän Danville mit, und dieſer, dem natürlich daran liegen mußte, die Paſcher zu fangen, lobte nicht nur ſeinen Eifer, ſondern ſchärfte ihn noch, indem er ihm eine bedeutende Belohnung verſprach, wenn es ihm ge⸗ länge, dieſen Zweck zu erreichen. Die Abtheilung Douaniers, welche die Schloßtrümmer beſetzt und die ganze Nacht hindurch vergebens auf die erhoffte An⸗ kunft des Schmugglerſchiffes gelauert hatte, wurde am folgenden Morgen zurückgezogen, und ſtatt ihrer begab ſich Sybrand ganz allein nach den Ruinen, wo er ſich den ganzen Tag über in einem verfallenen Keller ver⸗ borgen hielt, aus deſſen Hintergrunde er den Weg nach dem großen Thurme eine Strecke weit überſehen konnte. Hier lauerte er, wie ein Wolf in ſeiner Höhle, indem er kein Auge von dem Wege verwendete, auf welchem er früher oder ſpäter ganz ſicher Heinrich zu entdecken hoffte. Aber der ganze Tag verſtrich, ohne daß ein menſch⸗ licher Fuß der Ruine nahete. Es wurde Abend— der Mond ging auf— Spybrand verlor faſt die Ge⸗ duld und gab ſchon jede Hoffnung auf, als plöͤtzlich ſein ſcharfes, geſpanntes Ohr raſche Fußtritte vernahm, und gleich darauf Heinrichs ſchlanke Geſtalt im hellen Mondſcheine ſichtbar wurde. Ein leiſer Ausruf bos⸗ haften Entzückens glitt über Sybrands Lippen. Er kroch aus dem Keller in's Freie, drückte ſich vorſichtig 88 in den Schatten des verfallenden Gemäuers, und ſah von hier aus, wie Heinrich den Thurm erreichte und durch den ſchmalen gewölbten Eingang in demſelben verſchwand. Sybrand lauerte. Er hoffte vielleicht, daß Heinrich wieder erſcheinen werde, aber faſt eine Stunde verging, ohne daß dieſe Erwartung in Erfüllung ging. Der Spion wurde ungeduldig. Immer den Eingang des Thurmes feſt im Auge behaltend und ſich im Schatten des Gemäuers hindrückend, ſchlich er dem Thurme näher, erreichte ihn, blieb lauſchend an der Pforte ſtehen, und ſpitzte ſein Ohr, um vielleicht irgend ein Geräuſch aus dem Innern aufzufangen— aber Alles blieb ſtill, ſo todtenſtill und ruhig, als ob ſeit langer Zeit Niemand die Ruinen betreten habe. Sybrand wurde kühner. Er warf ſich auf die Erde, kroch leiſe wie eine Schlange in die Pforte hin⸗ ein— Lichtſchimmer glänzte ihm entgegen— aber kein Laut traf ſein Ohr. Er kroch weiter und weiter— endlich warf er einen ſcheuen, ſpähenden Blick in das Innere des Thurmzimmers—: es war leer. „Sybrand ſtaunte, zweifelte, traute ſeinen eigenen Augen nicht— aber das Gemach war und blieb leer, und nur eine brennende Lampe befand ſich darin, die deutlich genug jeden Winkel deſſelben erhellte. Und doch hatte er Heinrich in den Thurm hineinſchlüpfen ſehen und hätte tauſend Eide darauf geſchworen, daß er ihn nicht wieder verlaſſen hatte! Wo konnte er ſein? Sybrand ahnte, daß er hier an der Schwelle des Geheimniſſes ſtand und ein höhniſch triumphiren⸗ des Lächeln verzog ſeine breiten Lippen. „Alſo hier!« murmelte er mit funkelnden Augen. 89 „Der Thurm ſteht von allen Seiten frei, alſo muß er eine verborgene Fallthür oder ſonſt etwas der Art haben, welche nach unten führt. Ich werde dieſe Thür entdecken, und dann, Burſche, biſt du in meine Hände geliefert. Aber wo iſt dieſe Thür? Wo kann ſie ſein? Man muß ſehen!“. Er ſpähte, er ſuchte, er ſpionirte! Seine Augen ſchienen jeden Stein, jede Fuge in der Mauer zu durch⸗ bohren, mit den Händen taſtete er umher und rüttelte mit zitterndem Finger an jedem hervorragenden Gegen⸗ ſtande; in die Niſche kroch er, um auch dort zu ſpä⸗ hen, zu ſuchen, zu taſten— aber alle Mühe war ver⸗ gebens und ſein ganzer Scharfſinn ſcheiterte an der genauen Sorgfalt, mit welcher das Geheimniß verbor⸗ gen war. Der Spion knirſchte vor Wuth mit den Zähnen und ballte grimmig die Fäuſte. Was ſollte er machen? Im Thurme zu bleiben und auf die Rückkehr Heinrichs zu lauern, war gefährlich, denn er mußte mit Recht fürchten, von Heinrich ergriffen und gefangen gehalten, wenn nicht gar getödtet zu werden! Von Außen den Thurm belauern? Das konnte ihm nichts nützen, da man von außen das Gemach nicht zu überſehen ver⸗ mochte. Beiſtand herbeirufen? Ehe er nach der Sta⸗ tion lief, und mit der Mannſchaft zurückkehrte, konnte Heinrich lange wieder fort ſein und ſchöpfte dann wohl gar Verdacht. Sybrand befand ſich in der peinlichſten Ungewißheit und ſtand Minuten lang ſchwankend und unſchlüſſig da, indem er unmuthig bald die Wände, bald den Fußboden, bald die gewölbte Decke des Ge⸗ maches anſtarrte. Aber hier ſchien ſich ihm plötzlich ein Ausweg zu 90⁰ eröffnen. Die Decke, obgleich im Ganzen noch ziemlich wohl erhalten, zeigte doch grade in der Mitte eine ſchadhafte Stelle, welche mit Balken oder Brettern zu⸗ gelegt ſchien, damit der Regen nicht von oben herein dringen konnte. Wenn es Sybrand gelang, von außen den Thurm zu erſteigen, durch eine Schießſcharte oder Fenſteröffnung einzudringen, die Balken auf die Seite zu ſchaffen, oder nur ein wenig zu verrücken, eben ge⸗ nug, um von oben einen umfaſſenden Blick nach unten zu gewinnen— dann, dann mußte er ja in den Be⸗ ſitz des Geheimniſſes gelangen! Mit Mühe unterdrückte Sybrand einen Jubelruf des Triumphes, der möglicher Weiſe von einem fremden Ohre gehört werden konnte, und verließ raſch das Thurmzimmer, um ohne Zögern die Außenſeite des mächtigen Baues in Augenſchein zu nehmen. Wie ſehr überraſcht war er, als er an der einen Seite deſſelben eine Anzahl vorſpringender, trep⸗ penartig aufſteigender, ſorgſam behauener Steine ent⸗ deckte, die er früher nie bemerkt, oder wenn er ſie be⸗ merkt, nie der mindeſten Beachtung gewürdigt hatte. Mit leichter Mühe und faſt ohne Gefahr konnte man auf dieſen Steinen beinahe die halbe Höhe des Thur⸗ mes erklimmen, und ſie endeten grade an einem der gewölbten Bogenfenſter, welches den einfachſten und leichteſten Zugang in das Innere geſtattete. Ohne zu zögern, klimmte Sybrand in die Höhe, ſchlüpfte durch das Fenſter, verſchwand in den Thurm, und gleich darauf funkelte ſein boshaftes Auge an der Oeffnung, welche er durch Verrückung der Balken in der Decke des Thurmgemaches hervorgebracht hatte. „Hier, auf den Balken und Trümmern lag Sy⸗ brand die ganze Nacht und ſpähte nach unten. Die 4 91 Luft war kühl und durchkältete ihn bis auf die Kno⸗ chen— er fuͤhlte es kaum und ertrug es mit eiſerner Geduld; ein Regenguß ſtrömte auf ihn nieder und durchnäßte ſeine Kleider— er ertrug Näſſe und Kälte und wich nicht von ſeinem Poſten. Die Nacht ſchwand dahin; der Morgen dämmerte; der Tag erſchien; die Sonne ſtieg auf in glänzender Pracht— Sybrand regte ſich nicht und ſchaute unverwandt in die Tiefe! Der Mittag kam heran, die Sonne ſchien hoch zu dem Thurme hinein und wärmte die naßkalten, erſtarrten Glieder Sybrands— und jetzt erſt richtete er ſich aus ſeiner unbequemen Stellung auf und murmelte einen leiſen Fluch zwiſchen ſeinen Lippen. In allen ſeinen Erwartungen war er betrogen wor⸗ den. Als Heinrich während der Nacht nicht wieder erſchien, hatte er ſich mit dem Gedanken vertröſtet: ganz recht; er hat kein Obdach mehr, da wir ihm ſeine Hütte niedergebrannt haben, alſo wird er in ſei⸗ nem verborgenen Verſtecke ſchlafen. Als der Morgen weiter und weiter vorrückte, hatte er gedacht: er wird lange aufgeblieben ſein und will ausſchlafen, man muß warten, bis ihn der helle Tag erweckt. Jetzt aber, wo der Mittag da war, wo Heinrich längſt aufgewacht ſein mußte, wenn er nicht wie ein Murmelthier ſchlief, jetzt fing Sybrand an zu fürchten, daß der Thurm wohl nur einen geheimen Ausgang haben könne und daß Heinrich geſtern Abend ſchon durch dieſen ent⸗ ſchlüpft ſei. Aus dieſem Grunde ſtieß er häßliche Flüche und Verwünſchungen aus, und ſtand auf, um vom Thurme wieder herabzuſteigen, als ganz unerwar⸗ tet Heinrich auf dem Felſen erſchien und augenſcheinlich eben erſt aus dem Thurme getreten war. Blitzſchnell 9² flog Sybrand auf ſeinen ſo lange behaupteten Poſten zurück. Die vorher noch brennende Lampe war ausge⸗ löſcht— es war ſtockfinſter im Thurme— Sybrand konnte nichts mehr ſehen. Wie er wüthete, wie er ſich ſelbſt und die Ver⸗ nachläſſigung ſeiner Wachſamkeit verwünſchte! Un⸗ zweifelhaft war Heinrich aus ſeinem Verſtecke hervor⸗ gekommen, hatte die Lampe ausgelöſcht und ſich in's Freie begeben! Noch fünf Minuten länger auf der Lauer, und Sybrand hätte Alles gewußt! Jetzt war die lange Nachtwache, das Ertragen aller Beſchwerden vergebens geweſen, und Sybrand durfte ſich noch oben⸗ ein nicht blicken ziſſen, ſondern mußte wie ein Gefan⸗ gener auf dem Thurme aushalten, wenn er nicht ſeinem Feinde in die Hände fallen wollte, was er eben ſo ſehr fürchtete, als den Tod. Eine Zeitlang gab Sybrand ſich der Hoffnung hin, daß Heinrich die Ruinen verlaſſen und an's Land gehen werde, und in dieſem Falle hätte er doch entwiſchen, ebenfalls das Ufer gewinnen, ſich mit Nahrungsmitteln, an denen es ihm gänzlich fehlte, verſehen, und Nachts heimlich wieder auf ſeinen Poſten ſchleichen können;— aber Heinrich dachte nicht entfernt daran, die Hoffnung ſeines lauernden Feindes zu erfüllen. Er ſetzte ſich ruhig auf den äußerſten Vorſprung der Klippe, wo man die freieſte Ausſicht in das offene Meer hinaus hatte, ſaß hier Stunden lang, ſchaute nachdenklich in die Weite, und erhob ſich erſt gegen Abend wieder, um in den Thurm zurückzukehren. Sybrand, welcher mittlerweile in peinlicher Angſt vor Entdeckung geſchwebt und ſchreckliche Qualen von Hunger und Durſt erlitten hatte, ſchöpfte jetzt wieder 93 freien Athem. Wenn er nur jetzt noch das Geheimniß erlauſchte, ſo wollte er aller vorhergegangener Leiden und Beſchwerden nicht weiter achten. Hurtig beugte er ſich, als Heinrich in den Thurm ging, nach ſeinem Lugloche nieder und ſpähte in das Gemach hinab. Heinrich ſchlug Feuer. Ein matter, bläulicher Schein zitterte durch den Raum— gleich darauf brannte die Lampe, wie geſtern, und ihr glänzender Schein erhellte das ganze Zimmer. Athemlos lauſchte, ſchaute, ſpähte Sybrand— aber wieder wurde ſeine brennende Er⸗ wartung getäuſcht: das Gemach te ſich ganz wie immer— nirgends etwas Ungemhiliches, nirgends auch nur eine Andeutung von einen berborgenen Ge⸗ heimniſſe. Sybrand verzweifelte nachgrade daran, ir⸗ gend etwas zu entdecken, und knirſchte wüthend mit den Zähnen. Schon war er im Begriff, ſein anſcheinend nutz⸗ loſes Späheramt fuür jetzt aufzugeben, an das Land zu gehen und ſich mit Proviant zu verſorgen, um dann in der Nacht oder gegen Morgen ſeinen Poſten wie⸗ der einzunehmen, als Heinrich abermals den Thurm verließ, und mit raſchen Schritten den Felſen nach dem Riffe hinabſtieg. Sybrand athmete leichter auf. Wenn Heinrich entfernt war, konnte er ſelbſt ſeinen Rückzug und ſeine Wiederkehr um ſo gefahrloſer bewerkſtelligen. Aber von Neuem und noch einmal wurde er getäuſcht. Anſtatt über das Riff hinweg zu ſchreiten, worauf Sybrand mit Beſtimmtheit gerechnet hatte, kam Hein⸗ rich mit einer Laſt Holz auf den Schultern den Ab⸗ hang wieder herauf, warf die ſchwere Bürde auf dem Vorſprunge des Felſens ab, und machte ſich ruhig an das Geſchäft, wie neulich einen Scheiterhaufen aufzubauen. 94 Sybrands Neugierde wurde von Neuem geſchärft, und in der Erwartung der Dinge, die ſich nun, wie er hoffte, ereignen würden, vergaß er wieder auf einige Augenblicke Hunger und Durſt. Durch eine Scharte in der Thurmmauer konnte er deutlich ſehen, was draußen vorcig. Heinrich zündete den Scheiterhaufen an— die Flammen loderten züngelnd empor, und Sybrand trat vorſichtig ein wenig zurück, um nicht zu⸗ fällig beim Scheine des Feuers, das die Umgebungen mit Tageshelle erleuchtete, von Heinrich bemerkt zu werden. Faſt eine Stunde brannte der Scheiterhaufen, dann ſank er zuſammen, und nur ein Haufen rothglühender Kohlen blieb zurück. Heinrich, der bis jetzt draußen geblieben war, kehrte der erlöſchenden Gluth den Rücken zu und wandte ſich wieder nach dem Thurme. Auch Sybrand kehrte auf ſeinen Späherpoſten zurück, warf ſich nieder und brachte ſein Auge an die Oeffnung der Decke. 3 Kaum war dies geſchehen, ſo zuckte er wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, zuſammen, warf ſich zurück und ſtieß einen Schrei aus, einen heftigen, aber kurzen und unterdrückten Schrei des Entzückens, den ſeine bewegte Bruſt nicht zu erſticken vermochte. Er hatte geſehen— das Geheimniß war enthüllt, und er hatte dabei noch außerdem eine Entdeckung ge⸗ macht. Das Zimmer war nicht mehr leer. Während Hein⸗ rich draußen den Scheiterhaufen anzündete, hatten die Flüchtlinge, nämlich Herr Bardewiek und ſein alter Buchhalter Peters, nicht entfernt eine Gefahr ahnend, das unterirdiſche Gewölbe verlaſſen und zu allem Un⸗ 95⁵ glück noch außerdem die geheime Thür offen ſtehen laſſen. Sie ſaßen im Geſpräch bei einander, und Sy⸗ brand erblickte ſie und die geöffnete Pforte beim erſten Blicke, den er in das Gemach hinunter warf. Dies war der Grund ſeiner plötzlichen und heftigen Ueber⸗ raſchung, die im erſten Augenblicke ihm faſt alle Be⸗ ſonnenheit raubte. Nachgrade faßte er ſich wieder. Sein Athem, der anfangs vor wildem Entzücken faſt geſtockt hatte, ging wieder ruhiger, und der erſte, überwältigend freudige Schrecken machte einem innerlichen triumphirenden Jubel Platz. Er beugte ſich wieder zu ſeinem Lugloche hin⸗ unter und ſah eben noch zu rechter Zeit, wie Heinrich die geheimnißvolle Thür zudrückte. Jeden Stein der⸗ ſelben und ihre Lage, ihr Verhältniß zu einander prägte Sybrand ſeinem Gedächtniſſe ein und lauſchte nun ruhiger dem Geſpräche, das Heinrich unten mit den beiden Männern führte. Indeß, er konnte nur einzelne Worte verſtehen, die keinen Zuſammenhang hatten. Zwar brachte er ſtatt des Auges ſein Ohr an die Oeff⸗ nung;— aber auch das nützte nichts, denn in der gewoͤlbten Decke vermiſchten ſich die Töne mit einander und nur ein verworrenes Geräuſch wurde oben ver⸗ nehmbar. Aber dies bedauerte Sybrand kaum. Ge⸗ nug, er kannte nun das Geheimniß, kannte den Zu⸗ fluchtsort des Mannes, auf deſſen Kopf ein hoher Preis geſetzt war, und dies genügte ihm. Heinrich, den er ſo ſehr haßte, war in ſeiner Gewalt, denn er hatte ſich des Hochverraths ſchuldig gemacht, indem er einem vom Geſetze verurtheilten und mit Steckbriefen verfolgten Verbrecher Schutz und Zuflucht gegeben hatte. Auf ein ſolches Vergehen ſtand Todesſtrafe, und höh⸗ 96 niſch lächelte Sybrand vor ſich hin, als er im Geiſte die Bilder ſeiner Rache ſich ausmalte, deren letztes ihm den gehaßten Feind am Stricke baumelnd am Galgen zeigte.. Bis gegen Mitternacht hin wachten unten die Ar⸗ men, die ſich ſo geborgen und ſicher glaubten. Endlich ſprach Heinrich die Worte:„In dieſer Nacht gewiß nicht mehr!« und nun ſtanden Alle auf, um in das unterirdiſche Gewölbe zurückzukehren. Sybrand ſchaute wie ein Luchs, mit brennenden Augen, um noch den geheimen Zugang nach unten kennen zu lernen. Er ſah, wie Heinrich gegen den Stein drückte, der die Thür öffnete— und nun war ihm auch das letzte Geheimniß enthüllt, welches bei dem raſchen Angriffe, den er im Plane hatte, noch eine Verzögerung hätte herbeiführen können. Heinrich verſchwand mit ſeinen Begleitern durch die geöffnete Pforte; ſie ſchlug wieder zu, und tiefſte Ruhe, geheimſtes Schweigen heerrſchte nun in dem verlaſſenen Thurmgemache. Aus voller Bruſt aufathmend richtete Sybrand ſich in die Höhe. Er fühlte nicht Hunger, nicht Durſt, nicht Schwäche mehr, nur das brennende Verlangen nach Rache an Heinrich und niedrige Habgier erfüllten ihn. Seinen Poſten verlaſſend, kletterte er an der Außenſeite des Thurmes hinab, und flog mit ſchnellen Schritten den Pfad zum Riffe hinab. Alle Umſtände ſchienen ihm Glück und Gelingen ſeiner verrätheriſchen Abſicht zu verheißen. Die Ebbe dauerte noch wenig⸗ ſtens zwei Stunden; der Mond ſchien hell auf den weißen Sand der Düne und das Riff, ſo daß der Uebergang ohne Gefahr bewerkſtelligt werden konnte; und außerdem hielt Kapitän Danville zwanzig Mann 97 bereit, die zum augenblicklichen Marſche fertig ſtanden. Ein Mißlingen des Planes durch Zögerung oder aus Mangel an zureichenden Kräften war alſo nicht ent⸗ fernt zu befürchten. Einen Schrei des Jubels ſtieß Sybrand aus, als er den nahen Strand erreicht hatte und nun mit verdoppelter Eile der nicht mehr weit entfernten Station der Douaniers zueilte. Achtes Kapitel. Wie die Chat, ſo der Lohn. Kaum eine halbe Stunde mochte ſeit den eben ge⸗ ſchilderten Vorgängen verfloſſen ſein, als ein Trupp von etwa zwanzig bewaffneten Gränzſoldaten im Ge⸗ ſchwindſchritt gegen das Riff vorrückte. Kapitän Dan⸗ ville ſelbſt ſtand an der Spitze, und neben ihm mar⸗ ſchirte Sybrand, der ſich unter dem wiederholten Ver⸗ ſprechen einer großen Belohnung zum Führer der Expedition erboten hatte. »Halt!« ſagte er, als der Trupp das ſchmale Riff erreichte.„Wir ſind zur Stelle! Das Riff liegt vor uns, und es muß die äußerſte Vorſicht beim Uebergange angewendet werden. Der Sand der Düne iſt gefahr⸗ voll und verrätheriſch.“ „Wie du ſelbſt, coquin!« murmelte Kapitän Dan⸗ ville in den Bart, aber ſo leiſe, daß Sybrand die Worte nicht verſtehen konnte— und ſetzte dann lauter hinzu:„Was iſt zu thun?“ Furchtlos und treu. 7 98 „Ich werde vorangehen, die Leute bilden eine Li⸗ nie und folgen mir einzeln nach, indem ſie immer Einer in des Anderen Fußtapfen treten,“ entgegnete Sybrand. „Ein Jeder hüte ſich, von der graden Linie abzuwei⸗ chen und die Reihe zu verlaſſen! Sein Untergang wäre gewiß.« „Eh bien, Ihr hört es, Soldaten,“ wandte ſich der Kapitän zu ſeinen Untergebenen.„Prenez garde! Und nun, en avant! Ich bin ſehr neugierig auf die Deheniſe⸗ die Monſieur Sybrand entdeckt haben will.« „Sie werden dieſe Geheimniſſe kennen lernen und den Preis nicht zu hoch finden, den Sie für ihre Ent⸗ hüllung zu zahlen verſprochen haben,« ſagte Sybrand. „Aber ich hoffe auch, daß Sie Ihr Verſprechen halten werden— ſonſt..«.— „Taisez vous, Monsieur— ſchweigen Sie! Nicht ſolche betises!« entgegnete Kapitän Danville kurz.„»Ein franzöſiſcher Soldat von Ehre bricht nie ſein Wort.“ „Gut denn, ich vertraue Ihnen!“ ſagte Sybrand. „Und nun vorwärts, mir nach!« Der Marſch über das Riff wurde angetreten. Sybrand ging an der Spitze, die Soldaten folgten, und Kapitaͤn Danville machte den Beſchluß. Schwei⸗ gend und vorſichtig rückte der Trupp vorwärts; der noch helle Mondſchein ließ die ringsum drohenden Ge⸗ fahren leicht vermeiden, und bei der kundigen Führung Sybrands hatte man bald den Felſen erreicht. Es ging aufwärts— nach zehn Minuten war der Thurm umzingelt, und Sybrand drang mit Kapitän Danville und einem Theile der Douaniers in das ſchon oft 99 funihnts Gemach, welches ſich im inneren Raume be⸗ and. „Aber hier iſt es dunkel, man ſieht nichts!« ſagte der Kapitän leiſe. „Geduld!« erwiederte Sybrand.„Hell ſoll es bald werden.“ Nach kurzem Suchen fand der Verräther das Feuer⸗ zeug in der Niſche, ſchlug Feuer, und zündete die Lampe an. Neugierig blickten ſeine Begleiter die maſſiven, feſten Mauern des Thurmes an. „Wo iſt der Eingang?« fragte der Kapitän.„Ich bemerke nichts!“ „Und würden auch ſchwerlich etwas finden ohne mich,“ entgegnete Sybrand.„Ja, ſuchen Sie nur, ſuchen Sie, Kapitän! Wenn Sie mich nicht hätten, würden Sie den ganzen Thurm in die Luft ſprengen müſſen! Sehen Sie her! Hier iſt der Schlüſſel!« Sybrand hatte ſich den Stein wohl gemerkt. Sei⸗ nem ſtarken Drucke gab er nach— die Pforte ſprang auf, und die nach unten führende Treppe lag vor den erſtaunten Blicken der Douaniers. „Ha, das iſt in der That eine merkwürdige Ent⸗ deckung!“ rief Kapitän Danville aus. „Ich vermuthe, daß noch merkwürdigere ihr folgen werden,“ erwiederte Sybrand.„Hinunter jetzt! Ge⸗ fahr iſt dabei nicht! Wir haben es nur mit zwei Grei⸗ ſen und einem Knaben zu thun, die noch dazu Alle unbewaffnet ſind.“ „Gleichviel! Vorſicht muß angewendet werden, da⸗ mit uns Niemand entwiſcht,“ ſagte Kapitän Danpillle. „Es gibt alſo keinen anderen Ausweg aus den Kellern dort unten, als dieſen?« 74 — 100 „Keinen!“ entgegnete Sybrand.„Wenigſtens iſt mir keiner bekannt.“ „Gut!« befahl Kapitän Danville.„Zehn Mann folgen uns! Die Uebrigen halten hier und am Ein⸗ gange des Thurmes Wache! Niemand darf paſſiren! Vorwärts, Monſieur Sybrand.“ „Nur leiſe!“ ſagte dieſer.„Vielleicht überraſchen wir ſie im tiefſten Schlafe, und dann iſt es um ſo leichter, ſich ihrer zu bemächtigen.“ Leiſe alſo und mit ſo wenig Geräuſch wie möglich ſtiegen die Soldaten die Treppe hinab. Unten ſchienen in der That Alle im Schlafe zu liegen. Es rührte und regte ſich nichts. Sybrand und Kapitän Danville traten in das Gewölbe. Eine Ampel brannte und er⸗ hellte den weiten Raum mit mattem Schimmer. Alles war ſtill, bis plötzlich ein Douanier, der letzte, welcher die Treppe hinabſtieg, eine Stufe verfehlte, ſtolperte und heftig zu Boden ſtürzte. Im Fallen entlud ſich ſein Gewehr, und wie ein Donnerſchlag krachte der Schuß im Gewölbe wieder. „Verrath!“ ſchrie eine Stimme mit dem Ausdrucke des Schreckens und Entſetzens.„Wir ſind verrathen!“ „Gefangene ſeid ihr!« rief Kapitän Danville ge⸗ bieteriſch.„Widerſtand iſt vergebens! Haltet euch ruhig! Jeder Ausweg zur Flucht iſt euch abgeſchnit⸗ ten!“ „Noch nicht, Gott ſei Dank!“ ſchrie die vorige Stimme wieder, und eine ſchlanke Geſtalt glitt aus dem dunkeln Hintergrunde des Gewölbes auf die Ampel zu, welche gleich darauf erloſch. Aber Heinrich— er war es, der kühn und furchtlos den feindlichen Eindring⸗ lingen Trotz bot— hatte nicht bemerkt, daß Sybrand ——O—ꝰF=U-— 101 die Lampe aus dem Thurmgemache mit nach unten ge⸗ nommen hatte. Sie verbreitete noch hinreichendes Licht, um die Geſtalten der Gefangenen erkennen zu laſſen, und Heinrich ſah wohl, daß jeder Widerſtand gegen die Ueberzahl der Angreifenden nutzlos war. „Herr Bardewiek! Herr Peters!“ flüſterte er raſch —„halten Sie ſich ruhig! Laſſen Sie Alles mit ſich geſchehen! Noch iſt nicht jede Hoffnung verloren. Leiſten Sie nicht den geringſten Widerſtand!“ „Es würde ja ohnehin vergebens ſein,« antwortete der Bremer Kaufherr mit Faſſung.„Unſer Plan iſt mißlungen, alter Peters! Wir müſſen uns in den Willen Gottes fügen. Nur meine Mary, mein armes Töchterchen, dauert mich.“ „Ihr wird nichts zu Leide geſchehen,“ ſagte Kapi⸗ tän Danville, der die letzten Worte gehört hatte.»„Wir Franzoſen führen nicht Krieg mit Kindern. Man wird Ihre Tochter an jeden Ort bringen, welchen Sie be⸗ ſtimmen werden.“ „Auch nach England, mein Herr?« fragte Herr Bardewiek. „Auch dorthin, ſobald ſich eine Gelegenheit bietet; — ſein Sie wegen des Kindes ganz unbeſorgt.« 3 „Ich danke Ihnen, mein Herr,— mit mir mag nun geſchehen, was Gott über mich beſchloſſen hat. Welches Schickſal wartet meiner? Verhehlen Sie mir nichts, Herr Kapitän! Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt.“ Danville zuckte die Achſeln.„Ich bedaure“— er⸗ wiederte er;—„es bleibt Ihnen wenig Hoffnung! Man wird Sie vor ein Kriegsgericht ſtellen und wahr⸗ ſcheinlich.. erſchießen laſſen!“ ſetzte er ganz leiſe hinunuu. 8 10² Herr Bardewiek erbleichte ein wenig und wankte zurück, ſuchte ſich aber raſch und männlich wieder zu faſſen.„Aber hier mein alter Buchhalter Peters?« fragte er.„Ihm wenigſtens kann kein Verbrechen zur Laſt gelegt werden.“ „»Man wird ihn verhören, und wenn man keine Schuld an ihm findet, auch in Freiheit ſetzen,“ erwie⸗ derte Kapitän Danville. »Nun, Gott ſei Dank, mein armes Kind wird dann wenigſtens einen Beſchützer haben!“ ſagte Herr Barde⸗ wiek.„Nicht wahr, Peters, mein alter Freund, du wirſt meine Mary nicht verlaſſen.“ »Nicht, ſo lange noch ein Herz in meiner Bruſt ſchlägt,« verſicherte der alte Buchhalter.„Den Va⸗ ter kann ich ihr nicht erſetzen, aber ihr treuer Freund werde ich ſein und bleiben bis zum Tode.“ Die beiden Greiſe drückten einander warm die Hände, und nicht ohne Rührung, mit einem mitleidi⸗ gen Achſelzucken wendete ſich Kapitän Danville von ihnen ab. „Was ſoll nun mit den Gefangenen geſchehen?“ fragte Sybrand, indem er auf den Kapitän zutrat. „Sollen ſie nach oben geführt oder hier bewacht wer⸗ den, bis wir ſie an's Land transportiren können?“ „Sie mögen hier bleiben— warum ſie noch ſtöxen?“ erwiederte der Kapitän.„Fünf Mann reichen zu ihrer Bewachung hin. Die Uebrigen gehen hinauf. Vor⸗ wärts, Leute! Und ihr Anderen— keine nutloſe Grauſamkeit geübt! Ich will, daß die Gefangenen mit Achtung und Rückſicht behandelt werden!« „Sehr wohl, Herr!“ entgegnete Sybrand.„Aber Heinrich, der Schmuggler⸗Junge? Ihm wenigſtens — — 103 werden wir Feſſeln anlegen müſſen, damit er nicht ent⸗ wiſcht. Der Burſche iſt ſchlau! Er möchte am Ende hier eben ſo wieder ausbrechen, wie aus dem Block⸗ hauſe.“« „Wohl— binden Sie ihn— aber vermeiden Sie jede unnöthige Härte, die ich durchaus nicht liebe,« entſchied Kapitän Danville, und begab ſich wieder nach dem oberen Thurmzimmer hinauf. Mit triumphirendem Hohnlächeln ging Sybrand auf Heinrich zu und ſchüttelte ihn rauh am Arme. „Endlich!“ ſagte er mit rachſüchtigem Haſſe— „endlich biſt du in meiner Gewalt, und ich will ſie dich fühlen laſſen!“ „Verächtlicher, niedriger Verräther, elender Spion im Solde der Feinde,“ erwiederte Heinrich,„glaube nicht, daß ich dich fürchte! Nur Abſcheu empfinde ich gegen dich, Abſcheu und Ekel, wie vor einem giftigen Gewuürm! Thue dein Schlimmſtes an mir, ſchurkiſcher Bube! Mein letztes Wort, mein letzter Blick werden immer nur ein Wort und ein Blick der Verachtung und des Abſcheu's ſein!«“ Ein Schrei wilden Grimmes flog über die bebenden Lippen des erbleichenden Verräthers, und er erhob die Fauſt, um Heinrich zu ſchlagen. Aber Heinrich kam ihm zuvor. Mit Einem Stoße ſchleuderte er ihn zurück, ſo daß er keuchend und brüllend vor Wuth zu Boden taumelte. „Bindet ihn! Bindet ihn!« ſchrie er kreiſchend den Douaniers zu, welche unten Wache halten mußten. „Ihr habt gehoͤrt, daß der Hund gebunden werden ſoll.«. „Wir haben keinen Befehl empfangen,“ erwiederte 104 Einer von den Leuten, welche ebenfalls den Verräther verachteten, obgleich ſie ſeine Dienſte benutzten.„Bin⸗ det ihn ſelbſt, wenn Ihr's nicht laſſen könnt.“ »Nein, nein,“ ſagte Heinrich,„wenn ich einmal ge⸗ feſſelt werden muß, ſoll wenigſtens jener Schurke mich nicht anrühren. Bindet Ihr mich! Hier ſind meine Hände!“ Die Soldaten legten ihm leichte Feſſeln an, und nun begab ſich Heinrich wieder zu ſeinen Unglücksge⸗ fährten, an deren Seite er ſich ſchweigend niederließ. Sybrand ſchimpfte und ſchalt auf ihn, aber er hörte gar nicht danach hin und antwortete nur durch verach⸗ tungsvolles Schweigen. Andere Mißhandlungen Hein⸗ richs, welche Sybrand gegen den wehrloſen Gefangenen auszuüben verſuchte, wurden durch die Wachen verhin⸗ dert, welche endlich Sybrand bedroheten, daß ſie den Kapitän Danville herbeirufen würden, wenn er ſich nicht endlich zur Ruhe gäbe. Sybrand wußte wohl, daß er vom Kapitän keinen Beiſtand zu hoffen hatte, und ſchwieg endlich grollend ſtill. Doch nahm er ſeine Stellung ſo, daß er Heinrich nicht aus den Augen ver⸗ lor, um jeden etwa beabſichtigten Fluchtverſuch deſſelben zu verhindern.— Heinrich, welcher anfänglich wohl Hoffnungen dieſer Art gehegt haben mochte, hatte ſie aber jetzt völlig auf⸗ gegeben. »Wir ſind gefangen!“ flüſterte er ſeinen Begleitern zu.„Wenn man uns nur hier eingeſchloſſen hätte, würden wir uns leicht befreit haben, da ich in ahnen⸗ der Fürſorge geſtern ein Boot unten in die Bucht ruderte. Wir brauchten uns nur am Seile hinab zu laſſen und wären frei! Aber in Gegenwart der Wäch⸗ 105 ter und beſonders des elenden Verräthers Sybrand iſt dies nicht möglich. Wenn wir nur wenigſtens den anderen Fiſchern Nachricht geben könnten! Vielleicht würden ſie einen Verſuch zu unſerer Befreiung machen! Aber auch dieſe Hoffnung iſt vergeblich! Das Netz iſt über uns geworfen und ich ſehe keinen Ausweg!“ „Aber ich, Heinrich!« flüſterte Martha, ſeine Schwe⸗ ſter, welche ſich bis jetzt ganz ruhig verhalten hatte. „Du? Was willſt du thun?“ „Ich werde mich am Seile in das Boot hinablaſſen und unſere Freunde am Strande zu Hülfe rufen, in⸗ dem ich von Hütte zu Hütte eile. Die Nacht iſt noch lang— in einer Stunde etwa tritt die Fluth ein, und bis zur nächſten Ebbe iſt den Franzoſen der Rückweg an's Ufer abgeſchnitten. Unſere Freunde haben Muth! Sie werden meinen Ruf hören, ſie werden kommen, die Wachen überwältigen und euch Alle befreien!« „Aber du, Martha? Wie willſt du deine Flucht bewerkſtelligen?“ „Auf mich achtet Niemand! Mir iſt es ein Leich— tes, zu entkommen! Sei ganz unbeſorgt, Heinrich! Hängt das Seil hinunter?« „Ja, ich habe das Boot daran befeſtigt, damit es nicht in die offene See hinaus getrieben wird! Aber du biſt ſchwach, Martha! Wenn das Seil deinen Händen entglitte, du in's Meer ſtürzteſt?“ „Nichts davon, ich habe Muth!“ entgegnete das kühne Mädchen.„»Denk' an unſeren Wahlſpruch, Heinrich! Furchtlos und treu! Es muß wenigſtens verſucht werden, unſeren Freund und Wohlthäter zu retten!“ „Nein, nein, nicht um meinetwillen ſollſt du dich 106 einer ſolchen Gefahr ausſetzen«— ſagte Herr Barde⸗ wiek leiſe.„Bleibe hier, liebes Mädchen!« Martha hörte nicht auf ihn. Sie ſtand auf, näherte ſich mit leichten furchtloſen Schritten den Wachen, in deren Nähe die Lampe brannte, und ſtieß ſie wie durch Zufall um. Das Licht erloſch und dichte Finſterniß herrſchte im Gewölbe. »Achtung! Laßt Niemand hinaus!« ſchrie Sybrand wüthend, während die Wachen raſch den Ausgang be⸗ ſetzten, ſo daß es unmöglich war, an ihnen vorbei zu kommen, ohne in ihre Hände zu fallen. Martha dachte indeß gar nicht daran, durch dieſen Ausgang die Flucht zu nehmen. Die erſte Verwirrung benutzend, flog ſie an die See⸗Pforte, riß die Thür auf, ehe wieder Licht angezündet wurde, ergriff das Seil und ließ ſich mit Blitzesſchnelle an ihm hinab, während Heinrich oben die Thür wieder in's Schloß drückte. Als endlich Licht kam, zählte man nur die männlichen Gefangenen, ohne ſich weiter um die beiden Mädchen zu bekuͤmmern. Mary lag im ſanfteſten Schlummer, der die ganze Nacht hindurch nicht geſtört worden war; und um Martha hatte ſich eigentlich noch Niemand ſonderlich bekümmert. Und doch ſollte die kühne That des furchtloſen und treuen Mädchens einen Erfolg haben, der für das Schickſal der Gefangenen von der größten Wichtigkeit werden und ihrem Schick⸗ ſale eine ganz neue und unerwartete Wendung geben ſollte. Martha glitt ſchnell am Seile in die Tiefe hinun⸗ ter. Sie hatte die Vorſicht gebraucht, ihre beiden Hände, mit denen ſie ſich feſt an das ſtarke Tau an⸗ klammerte, in ihre leinene Schürze einzuwickeln, ſo daß 4 107 ſie ohne Verletzung das unten auf dem Waſſer ſchau⸗ kelnde Boot glücklich erreichte. Hurtig griff ſie nach dem Ruder, um ihren Nachen dem Lande zuzutreiben, als plöͤtzlich ein rauhes„Halt!“ in ihr erſchrecktes Ohr tönte und zugleich ein anderes leichtes Boot um einen Felſenvorſprung herum auf ſie zuſchoß. „Halt!“ wiederholte die Stimme.»Wer biſt du, und was ſuchſt du an dieſem Orte?« „Laßt mich!« erwiederte Martha tödtlich erſchrocken. „Ich will fort von hier!« „Nicht von der Stelle!“ rief die barſche Stimme. „Hurtig, Leute, entert den Kahn! Wir müſſen ſehen, wer Nachts an dieſer Stelle umherſpionirt! Es ſcheint ohnehin oben nicht Alles richtig zu ſein!« Im Nu war das Fahrzeug Martha's geentert und zwei oder drei Mann ſprangen an Bord deſſelben, um ſich ſeines Führers zu bemächtigen. „Es iſt ein Mädchen— und nur ein Kind noch!« ſagte Einer von den Männern.„Sollen wir ſie los⸗ laſſen, Steuermann?“« „Nein— ſie muß zu Kapitän Ramberg gebracht werden,“ erwiederte die erſte Stimme, welche alſo dem Steuermanne eines Schiffes angehörte.„Haltet ſie feſt, wenn ſie ſich ſtraͤubt oder ſonſt Widerſtand leiſtet!« Martha hatte Mühe, einen Schrei zu unterdrücken, der ſich auf ihre Lippen drängte— aber dies Mal wäre es nicht ein Schrei des Schreckens, ſondern der freudigſten Ueberraſchung geweſen. „Steuermann Vollbrand,« rief ſie aus—„dem Himmel ſei Dank, daß Ihr da ſeid!“ „Was? Die Kleine kennt meinen Namen? Wer biſt du denn?«*— d 108 „Ich bin Martha! Ihr müßt mich auf der Stelle zu meinem Bruder Gysbert bringen! Es iſt die höchſte Gefahr, wenn Ihr zögert!« »Martha? Martha Ramberg? Ei, zum Henker, warum haſt du das nicht gleich geſagt? Wir hätten dir den Schrecken erſpart. Aber wie kommſt du mitten in der Nacht hierher?« „Von oben! Alles iſt entdeckt, der Thurm und das Gewölbe von den Douaniers beſetzt, Heinrich ge⸗ fangen..«. „»Aber wie, bei allen Seelöwen, hat dies geſchehen können?“ unterbrach der Steuermann das Mädchen. »Sybrand! Er iſt der Verräther!« erwiederte Martha. 5 1 „Ah, der Hund!“ murmelte der Steuermann mit unterdrückter Wuth.„Das wollen wir ihm gedenken! Aber du haſt Recht, Martha! Wir müſſen zum Ka⸗ pitän! Friſch, Leute! Rudert, als ob das Blut un⸗ ter den Nägeln hervorſpritzen müßte! Hurtig, hurtig voran!« Die beiden Boote, von kräftig geführten Rudern getrieben, flogen wie Moͤven über das dunkle, ſtille Waſſer. Nach wenigen Minuten erreichten ſie eine zweimaſtige Handels⸗Brigg, deren ſchwarze Wände dü⸗ ſter gegen den helleren Himmel abſtachen. Der Mond glänzte noch auf dem Waſſer und warf ſein volles Licht auf die Boote, welche jetzt nicht mehr vom Schatten des Felſens eingehüllt wurden. „»Vollbrand, was gibt es?« fragte eine noch jugend⸗ liche, aber kräftige Baßſtimme von Bord herunter. »èDu kommſt mit zwei Booten zurück! Wie ſteht es oben?« — 10⁰9 „Ich bin es, ich!“ rief Martha anſtatt des Steuer⸗ manns zur Antwort zurück.„Ich danke dem Himmel, Gysbert, daß du hier biſt. Alles iſt entdeckt— Hein⸗ rich mit dem Kaufmann Bardewiek und ſeinem Buch⸗ halter Peters aus Bremen gefangen! Wir ſind ver⸗ loren, wenn du nicht Hülfe und Rettung bringſt.« „Ha, das ſind ſeltſame Nachrichten!“ rief Gysbert. „An Bord, Martha! Alle an Bord! Ich muß das genauer wiſſen, um meine Maßregeln zu nehmen.“ Nur wenige Augenblicke vergingen, und die Befehle des Kapitäns waren ausgeführt. Martha umarmte ihren Bruder Gysbert, der ſie zärtlich an die Bruſt drückte, und erzählte dann mit fliegenden Worten, was ſie von den Vorfällen in den Ruinen wußte. Wie aber Sybrand das Geheimniß entdeckt hatte, darüber konnte ſie keine Auskunft geben. „Es thut auch nichts, er wird es wie ein Spion erſchlichen haben,“ ſagte Gysbert, ein ſchlanker, kräfti⸗ ger Seemann von etwa vierundzwanzig Jahren mit offenem, kühnem Geſicht, aus deſſen hellen Augen Muth und Entſchloſſenheit blitzte.„Wie ſtark iſt die Mann⸗ ſchaft, die euch überfallen hat?« „Etwa zwanzig Mann, gewiß nicht mehr. Fünf halten mit Sybrand unten Wache, die Anderen ſind oben.“ „Nicht mehr? Nun, wir ſind unſer ſechszehn, und können's alſo mit ihnen aufnehmen,“ ſagte Gysbert. „Warten wir noch eine kurze Zeit, bis die Fluth hoch genug herauf iſt, um das Riff zu überſpüͤlen. Sie haben doch keine Boote bei ſich, Martha? Keiner von ihnen darf uns entwiſchen, nicht Einer!« 110 „Aber du wirſt ſie nicht tödten, Gysbert?« ſagte Martha erſchrocken. »Wenn ich es vermeiden kann— nein!“« erwiederte er.„Aber wir ſtehen im offenen Kriege mit einander, die Franzoſen ſind unſere Feinde, ſie machen ſich kein Gewiſſen daraus, uns niederzuſchießen, wie ſie an un⸗ ſerem armen Vater bewieſen haben, und außerdem gilt es nicht nur die Bewahrung unſeres Geheimniſſes, ſondern auch die Rettung meines Bruders und unſeres gemeinſchaftlichen Wohlthäters! So wenig, wie Hein⸗ rich, habe ich vergeſſen, wie viel Dank wir Herrn Bardewiek ſchuldig ſind! In dieſer Nacht ſoll die Rechnung ausgeglichen werden. Achtung, Leute! Be⸗ waffnet Euch Alle! Ihr habt gehört, um was es ſich handelt! Wollen wir ruhig zuſehen, wie die Franzo⸗ ſen unſere Landsleute vor's Kriegsgericht ſtellen und uns den beſten Hafen an der ganzen Küſte wegneh⸗ men?“ »Nein, nein! Ein Hurrah für den Kapitän und drauf auf die Leuteſchinder!“ riefen die Matroſen zurück und ſchwenkten ihre Hüte. »Wohlan, ſo haltet Euch bereit!“ ſagte der Kapi⸗ tän.„In einer halben Stunde greifen wir an! Der Sieg iſt nicht zweifelhaft, denn wir ſind unſer ſechs⸗ zehn gegen zwanzig Franzoſen. Waffnet Euch!“ Die Brigg war hinreichend mit allem Kriegsbedarf verſehen, um nöthigen Falls ſelbſt einem Kaperſchiffe Widerſtand leiſten zu können. Die Leute griffen nach Kurzdegen, Piſtolen und Flinten, und erwarteten nach⸗ wenigen Minuten die weiteren Befehle ihres Anführers. Gysbert muſterte die Mannſchaft, empfahl ihnen die ſorgfältigſte Stille, und ließ die Boote ausſetzen. Alle ſchloſſen zu Werke gehen!“ K 111 ſprangen hinein, auch Martha wollte folgen, aber dieſe hielt Gysbert zurück.. „Du bleibſt,“ ſagte er.„Kinder und nun vollends Mädchen ſind bei ſolchen Gelegenheiten nur im Wege. Uebrigens wird das Werk bald gethan ſein. Wir wol⸗ len ſie überraſchen, wie ſie Heinrich überraſcht haben. Zugerudert, Leute! Am Riffe legen wir an!« Mit den letzten Worten ſchwang er ſich in eins der Boote hinab, welche nun ohne weiteren Verzug dem Felſen zu ruderten. Im Schatten deſſelben erreich⸗ ten ſie die Stelle des Riffes, wo der ſteile Felſenpfad nach den Ruinen hinaufführte, und hier machten ſie Halt. „ Die Fluth kommt raſch heran!« ſagte Kapitän Gysbert leiſe.„In weniger als einer Viertelſtunde wird ſie über das Riff hinweggehen. Der Weg zur Flucht iſt ihnen alſo abgeſchnitten. Nehmt die Ruder aus den Booten und verbergt ſie! So! Und nun vorwärts! Leiſe und vorſichtig, damit wir ſie vollſtän⸗ dig überraſchen und wo möglich Blutvergießen vermei⸗ den. Je weniger Lärm entſteht, deſto ſicherer wird der Erfolg ſein.“ „Aber was ſoll mit den Franzoſen geſchehen?“ fragte der Steuermann Vollbrand. „Gebunden und nach England geſchafft, wie die Anderen,“ entgegnete Gysbert. „Auch Sybrand?« „Auch er! Der Schurke verdiente zwar gehangen zu werden, aber ich mag ſein elendes Leben nicht, und in den engliſchen Pontons kann er uns nicht mehr ſchaden. Jetzt vorwärts! Wir müſſen raſch und ent⸗ — 112 Gysbert und der Steuermann gingen voran, die Uebrigen folgten in lautloſer Stille. Bald waren die Ruinen erſtiegen, und die kleine entſchloſſene Schaar näherte ſich dem Thurme. Es ſtand keine Wache da⸗ vor. Die Nacht war kühl, und man verſah ſich gewiß keines Ueberfalles. Aus der Pforte des Thurmes ſchimmerte Licht. Dicht neben ihr zur Rechten und N aus dem Boden gewachſen waren. Linken waren zehn Gewehre mit den Bajonetten zuſam⸗ mengeſtellt. »Ah, dies iſt ein Fund, der uns den Sieg in die Hände gibt!« fluͤſterte Gysbert.„Schafft die Gewehre auf die Seite, und dann in den Thurm!“ Ohne Geräuſch wurden die Flinten entfernt, in den Ruinen verborgen, und nun drang Gysbert, eine Pi⸗ ſtole in der Hand, zuerſt in den Thurm ein. Die Uebrigen folgten. In dem Gemache herrſchte die tiefſte Stille. Die Soldaten, in ihre Mäntel gehüllt, lagen am Boden und ſchliefen feſt. Der Reſt der Gewehre lehnte an der Mauer. Ein Griff und ſie waren ent⸗ fernt. Die Douaniers erwachten nicht. „Jetzt!« flüſterte Gysbert.„»Jeder wähle ſeinen Mann. Ich nehme den Kapitän auf mich. Bindet ſie — thut ihnen aber nichts zu Leide! Du, Vollbrand, hältſt die Pforte beſetzt, damit uns Niemand entſchlüpft! Auf ſie!« Im Nu warf ſich jeder Matroſe auf einen Feind, und ehe dieſer noch die Banden des Schlafes abzuſchüt⸗ teln vermochte, ſah er ſich wieder von neuen Banden gefeſſelt, die jeden Widerſtand unmöglich machten. Gänzlich verdummt und außer Faſſung ſtarrten die Franzoſen die kecken Schiffer an, welche uͤber Nacht wie 113 —„Ihr ſeid in unſerer Gewalt!“ rief ihnen Gysbert zu.„Verhaltet Euch ruhig und es wird Euch kein Leid geſchehen; aber der Erſte, der einen Verſuch zum Widerſtande wagt, wird ohne Barmherzigkeit erſchoſſen!“ „Mille Diables!“ rief Kapitän Danville, welcher zuerſt einige Geiſtesgegenwart wieder erlangte—„das nenn' ich vollſtändig überraſcht werden! Wo kommt Ihr her, mon ami?«. „Vom Meere! Ihr ſeht ja wohl, daß wir See⸗ leute ſind?“ erwiederte Gysbert. „Und Paſcher dazu! Allerdings ſeh' ich das! * Darum alſo die Feuer immer des Abends auf dem 5 Vorſprung der Klippe!“ 4 4 ¹„Errathen, Kapitän! Die Feuer waren ein Signal für uns! Jetzt, wo Ihr uns nicht mehr ſchaden könnt, mögt Ihr's wiſſen.“ „Diable! Nicht ſchaden? Wollt Ihr uns tödten?« „Nein, nur nach England hinüber bringen,“ ent⸗ gegnete Gysbert.„Unſere Sicherheit verlangt es. Hal⸗ ten Sie ſich bereit, noch dieſe Nacht in See zu gehen.“ „Das iſt hart,“ ſagte Kapitän Danville.„Indeß — das Kriegsglück wechſelt! Man muß ſich fügen!“ Kaltblütig ſetzte er ſich auf die Steinbank nieder und ſchien, äußerlich wenigſtens, in ſein Schickſal er⸗ geben zu ſein. Gysbert hatte aber noch mehr mit ihm zu verhandeln. „Sie ſehen wohl, Kapitän,“ ſagte er,„daß an Wi⸗ 4 derſtand von Ihrer Seite nicht mehr zu denken it ie haben noch fünf Soldaten im Gewölbe unten. len Sie ihnen die Waffen zu ſtrecken und ſich ggeben.“ 28 »Nein! Das wäre Verrath!« Furchtlos und treu. 3 8 — 114 „Es wäre nur Vermeidung unnöthigen und ganz nutzloſen Blutvergießens,“ ſagte Gysbert.„Sein Sie vernünftig, Kapitän! Ich verſpreche Ihnen gute Be⸗ handlung— verſchlimmern Sie Ihr Schickſal nicht durch Trotz und Eigenſinn!“ „Eh bien, au fond haben Sie recht!“ erwiederte Kapitän Danville nach kurzem Bedenken.»„Oeffnen Sie die geheime Thür!« Die Räder ſchnurrten und die Treppe nach unten lag offen da. „Girard!“ rief der Kapitän hinab.„Kommen Sie herauf! Auch die Anderen! Bringen Sie die Gefan⸗ genen mit!« „Zu Befehl, Kapitän!« erwiederte eine Stimme von unten und gleich darauf vernahm man die Schritte der Soldaten und ihrer Begleiter. Sie traten in den Thurm— die Thür flog hinter ihnen zu, und Hein⸗ rich ſtürzte mit dem jubelnden Ausrufe:„mein Bruder! Wir ſind gerettet!« an die Bruſt und in die Arme Gysberts. Die Soldaten dagegen wollten von ihren Gewehren Gebrauch machen— ein kurzes Getümmel entſtand— die Lampe wurde umgeſtoßen, und vielleicht wäre noch Blut gefloſſen, wenn nicht Kapitän Danville ſelbſt mit Donnerſtimme Frieden befohlen hätte. „Legt die Waffen nieder!“ rief er.„Widerſtand iſt fruchtlos!« Die Douaniers gehorchten, es wurde wieder Licht gemacht, und Gysbert hatte eben Befehl gegeben, die Gefangenen in die Boote und von dort nach der zu ſchaffen, als plötzlich Heinrich ausrief:„Es *Einer, und grade der Schlimmſte! Wo iſt Sy⸗ brand!« 115 „Ha, der Verräther!“« rief auch Gysbert.„Es muß ihm gelungen ſein, während des Getümmels zu entſchlüpfen. Auf! Ihm nach! Wir müſſen ihn auf jeden Fall wiederhaben, ſonſt wurde wieder Alles ver⸗ rathen und unſer ganzer Sieg fruchtlos ſein! Steuer⸗ mann Vollbrand, bewacht mit ſechs Leuten die Gefan⸗ genen. Wir Anderen müſſen fort und den Entflohenen ſuchen. Todt oder lebendig, in unſere Hände muß er fallen. Ein Glück, daß die Fluth ſchon eingetreten iſt! Ueber das Riff kann er nicht mehr entwiſchen. Fackeln her! Es müſſen noch welche vorräthig ſein!« „Genug, um jeden Winkel in den Ruinen zu er⸗ hellen, wo ſich der Verräther jedenfalls verſteckt hat,« b erwiederte Heinrich und eilte nach unten, von wo er . gleich darauf mit einem ganzen Arm voll Fackeln zurück⸗ kehrte. Sie wurden angezündet, und nun ging es in die Nacht hinaus, um das entronnene Wild aus ſeinem Schlupfwinkel aufzuſtöbern. Die ganze Ruine wurde durchſucht, ſelbſt auf den Thurm hinauf ſtieg Heinrich, und merkte her nun wohl, auf welche Weiſe Sybrand das Geheimniß ent⸗ deckt hatte— aber von ihm ſelbſt fand ſich nirgends 12 eine Spur. „Er muß entſchlüpft ſein!« ſagte Gysbert voll Aerger und nicht ohne Beſorgniß.„»Vielleicht hat er irgendwo einen Nachen verborgen gehabt und iſt damit an's Land gerudert! Wenn er Lärm macht, haben wir vielleicht noch einen Kampf zu beſtehen, und müſ⸗ ¹ ſſean jedenfalls darauf gefaßt ſein. Längeres Suchen ſt nutzlos— treffen wir lieber unſere Vorbereitungen! . Vorwärts! Die Gefangenen eingeſchifft— die Vor⸗ räthe aus dem Gewölbe an Bord geſchafft, und dann 116 — fort! Wir müſſen einen anderen Schlupfwinkel für unſer Gewerbe ſuchen, obgleich wir«— ſetzte er ſeuf⸗ zend hinzu—„nie wieder einen wie dieſen finden werden.“ Schon wandten ſich Alle zum Gehen, um nach dem Thurme zurückzukehren. Da, durch die tiefe Stille der Nacht, erſchallte von weither ein langgezogener, wilder, ſchrecklicher Schrei, brach ſich in bebenden Schwingun⸗ gen an den Ruinen des Felſens, und erkältete das Blut in den Adern der ſturmfeſten Seemänner. „Großer Gott, was iſt das?“ rief Gysbert, und hielt ſeine Schritte an. Alle ſtanden und lauſchten. Horch, da wieder die⸗ ſer Mark und Bein erſchütternde Weheruf, in wilden, gellenden Tönen wie aus dem Meere herauf erſchal⸗ lend.. „Es iſt ein Menſch in der höchſten Gefahr!“« ſagte Heinrich erbleichend.„Ich erkenne die Stimme, es iſt die Süſhue des entflohenen Sybrand!« »Herr mein Heiland, du haſt Recht, Bruder!“ rief Gysbert.„Der Unglückliche hat über das Riff flüch⸗ ten wollen, die Fluth hat ihn überraſcht, er hat die Richtung verloren und der Sand der Düne hält ihn gefangen. Zu Hülfe, Männer! Noch iſt er vielleicht zu retten! Die Ruder herbei! Barmherziger Gott, warum zögert Ihr?« »Er iſt ein Spion und Verräther!“ entgegnete der Steuermann finſter.„»Gott hält Gericht über ihn, und meine Hand wenigſtens ſoll da nicht eingreifen!« Gysbert war im Begriff, eine heftige Antwort zu geben,— da ſcholl wieder der entſetzliche Schrei über das Meer, und die Worte erſtarben ihm im Munde. »Komm du, Heinrich!« ſagte er kurz.„In ſolcher Todesnoth kann ich keinen Menſchen verlaſſen und wenn er mein Todfeind wäre!«“ Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung an den wackeren Knaben. Gysbert holte zwei Ruder, die bei⸗ den Brüder ſprangen in ein Boot, und ſteuerten der Richtung zu, aus welcher das ſchreckliche Geſchrei, aber immer ſchwächer und ſchwächer, herüberſchallte. Das Boot flog über das Waſſer hin, aber mittlerweile war der Mond untergegangen und dunkle Nacht deckte das Meer. „Hier, Sybrand, hier!« tönte Gysberts Stimme verheißend über die Wellen.„Wir kommen!« Ja, ſie kamen, die wackeren Burſche, aber ſie ka⸗ men zu ſpät. Noch einmal und wieder erſcholl der Jammerruf— dann ein gräßlicher, wilder, verzweif⸗ lungsvoller Aufſchrei, und Alles war ſtill. Nur das Waſſer plätſcherte noch am Buge des Nachens und unter dem Ruderſchlage.. Die beiden Brüder ſuchten nach dem Verunglückten — ſie fanden ihn nicht mehr. Hatte der Sand der Düne ihn in ſein verderbliches Netz gezogen— hatte die höher ſteigende Fluth ihn in feuchter Umarmung er⸗ ſtickt?— wer konnte es wiſſen. Fiſcher fanden am Morgen ſeine Leiche.—— »Er iſt todt!“ ſagte Gysbert, als er nach frucht⸗ loſem Suchen an den Felſen zurückkehrte, wo die See⸗ leute ſeiner Ankunft harrten.„Gott hat ihn ge⸗ richtet.« finſter und ungerührt.„Der Spion des Feindes, der „Und mit Gerechtigkeit!« ſprach der alte Steuermann 118 Verräther ſeiner Brüder und ſeines Vaterlandes ver⸗ dient kein beſſeres Loos!« „Genug! Laß die Todten ruhen, Vollbrand!“ ſagte Heinrich, indem er aus dem Boote ſprang.„Wir haben noch viel zu ſchaffen in dieſer Nacht, und wer⸗ den wohl thun, die Zeit zu benutzen! Was ſoll ge⸗ ſchehen, Gysbert?« »Die Ladung der Brigg in's Gewölbe geſchafft, die Gefangenen an Bord gebracht, und dann wieder nach England,“ erwiederte Gysbert.„Friſch an's Werk, Leute!“ Alles geſchah nach Gysberts Geheiß. Ehe die Morgenröthe den kommenden Tag verkündete, war das Werk gethan und die Brigg lag ſegelfertig in der Bucht. Nur Gysbert, Heinrich, Martha, Herr Bar⸗ dewiek, der alte Peters und die kleine Mary verweil⸗ ten noch in dem Thurmgemache in kurzer Berathung. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Sie nach Lon⸗ don bringe,“ ſagte Gysbert freundlich und treuherzig zu ſeinen Gäſten.„Aber Ihr, Heinrich und Martha? Was ſoll mit Euch geſchehen?« „Sie gehen mit uns,“ ſagte Herr Bardewiek raſch. „ Ihre Hütte iſt verbrannt, ihre Habe verwüſtet, und ſelbſt ihre Freiheit bedroht— Alles um mich! Oder glaubt Ihr etwa, daß die Douaniers nicht nach dem Verſchwinden ihres Kapitäns und ihrer Kameraden for⸗ ſchen, daß ſie nicht Heinrich einkerkern werden, um von ihm, auf den der nächſte Verdacht fällt, ein Geſtändniß zu erpreſſen?« „Ja, ich fürchte das ſelbſt!« ſagte Gysbert.„Aber was iſt zu thun? Das Mädchen kann nicht an Bord bleiben und auch Heinrich iſt faſt noch zu jung!“ 119 „Ah, verſtehſt du mich denn gar nicht, Gysbert?« entgegnete Herr Bardewiek.„Furchtlos und treu haben ſie mir beigeſtanden, mir das Leben, die Freiheit und mein ganzes Vermögen gerettet, und ich ſollte ſie nicht lieben, nicht an mein Herz aufnehmen, wie meine Kin⸗ der? Sie gehen mit uns, und die Sorge für ihre Zukunft iſt natuͤrlich die meine!“ Und ſo geſchah es. Die Brigg richtete ihren Kurs nach England und erreichte glücklich die ſchützende In⸗ ſel. Bis hierher reichte ſelbſt der mächtige Arm des franzöſiſchen Kaiſers nicht, und ungeſtört lebten unſere Freunde bei einander, bis wenige Jahre nachher ihr deutſches Vaterland das Joch der Fremdlinge brach und mit tapferem Arme ſeine Freiheit wieder erkämpfte. Da erſt kehrten Alle in die Heimath zurück. Gysbert und Heinrich traten in das Geſchäft des reichen Kauf⸗ herrn Bardewiek ein; Martha und Mary wurden und blieben die treueſten Freundinnen. 3 Noch ſteht der Thurm am Meere, noch birgt er unter ſeinen Mauern das geheimnißvolle Gewölbe, das die feindlichen Fremdlinge nicht zu entdecken vermochten. Herr Bardewiek ließ das Ganze freundlich und behag⸗ lich einrichten, und manchmal noch verweilte er hier im Kreiſe ſeiner Freunde, und erinnerte ſich dankbar der gegebenen Beweiſe von Liebe und Dankbarkeit ihres kernhaften und männlichen Wahlſpruch Richtſchnur für ihr gan Wahlſpruches: Furch Druck der C. Hoffmann'ſchen Officin in Stuttgart. Ott u! dnnrrnrblauau fffüffffif. lauuslaan 8 9 10 11 12