— —— 8 2 ₰ G. —— Leihbibliothee deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ von 1 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ieih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. * ——y—— — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 5. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. pff. „ e eeee eee 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher; auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. keusjo ne ale Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 „—— ———=— Eine Familiengeſchichte. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Boffmann. Mit vier Stahlſtichen. 8 Stuttgart Verlag von Schmidt& Syring. 1863. Erſtes Kapitel. Die Familie. Die Belvedere⸗Straße in London macht in der Nähe der Waterloo⸗Brücke eine Krümmung, indem ſie einen großen, zur Aufſtapelung von Bauholz dienenden Platz, an deſſen Hinterſeite eine Reihe niedriger Häus⸗ chen ſteht, halbkreisförmig umgeht, und ſo eine Art von unregelmäßigem Halbmond bildet. Eines von den erwähnten Häuschen wurde ſeit meh⸗ reren Jahren von einer blutarmen Familie, Namens Markham, bewohnt. Und doch hätten die Markhams füglich in Wohlſtande leben können, denn der Vater war ein gebildeter Mann, der die Buchhaltung gründ⸗ lich verſtand, und nicht gewöhnliche Geſchäftstalente be⸗ ſaß. Aber leider lag ihm ein Hemmſchuh im Wege: getäuſchte Erwartungen hatten ihn zum Trunke verleitet, und wenn er unter dem Einfluſſe dieſes Laſters ſtand, ſo pflegte er, ſtatt dieſem ſein Unglück zur Laſt zu legen, das Schickſal zu verwünſchen, das unbegreiflicher Weiſe alle ſeine Bemühungen zu keinem— men ließ. Mit einundzwanzig Jahren hatte Geor Familiengeſchichte. 2 die einzige Tochter eines reichen Kaufherrn, in deſſen Geſchäft er ſeine Ausbildung gefunden, geheirathet. Die Verbindung mit Rahel Bently war geſchloſſen wor⸗ den, als der Vater ſich, Geſchäfte halber, in Oſtindien aufhielt, gleichwohl konnte es keine heimliche Ehe genannt werden, da die Mutter der Braut ihre Zu⸗ ſtimmung dazu ertheilte, und perſönlich dem feierlichen Akte der Trauung beigewohnt hatte. Zum Unglück war Miſtreß Bently eine oder zwei Wochen vor der Rückkehr ihres Gatten ſchnell geſtor⸗ ben, und ein von ihr auf dem Sterbebette geſchriebener Brief, in welchem ſie vermuthlich die Gründe für ihr Handeln dargelegt, hatte nicht aufgefunden werden können. Herr Bently empfand zugleich Staunen und hefti⸗ gen Unwillen, als er bei ſeiner Ankunft in London ſeine Tochter mit einem Menſchen aus ſeinem Comp⸗ toir verheirathet fand. Abgeſehen von der Ungleichheit der Verbindung war ihm dadurch eine theure Hoffnung vieler Jahre vereitelt worden, die Hoffnung nämlich, Rahel mit ſeinem Neffen Cerus Kearn, einem jünge⸗ ren Compagnon des Hauſes, vermählen zu können. Der reiche Kaufmann liebte zwar ſein Kind, aber ſein Stolz war verwundet, und der Zorn iſt immer ein ſchlechter Rathgeber. „Du haſt für dich ſelbſt gewählt,“ ſagte er kalt, als Rahel mit Thränen um ſeine Verzeihung bat. „»Die Einwilligung deiner Mutter genügte dir, die mei am, wie es ſcheint, nicht in Betracht. Die nes Comptoiriſten Georg Markham kann nicht he bleiben. Ihre Heimath iſt bei ſſe London auf drei Tage,— 3 bei meiner Rückkehr hoffe ich dich nicht mehr in mei⸗ nem Hauſe zu finden.“ Mit dieſen harten Worten verließ er das Zimmer, und begab ſich nach dem Comptoir, wo er Markham in ſein Kabinet beſcheiden ließ, um ihm dem Abſchied zu ertheilen. Sein nächſter Schritt war die Auszah⸗ lung von tauſend Pfund Sterling, welche Rahel dem Legate einer entfernten Verwandten zu danken hatte. „Ich hoffte,« ſagte der tief verletzte junge Mann, „daß Sie großmüthiger gegen mich handeln, und mir wenigſtens meine Anſtellung im Hauſe belaſſen wür⸗ den, denn ich habe Ihnen ſtets treue Dienſte geleiſtet.“ Ein hohnvoller Zug, gemiſcht mit dem Ausdruck des Zweifels, verzog Mr. Bently's Lippen. „Haben Sie etwas gegen meine Ehrenhaftigkeit Klizuteden 2* fragte Georg ſtolz. Man hat Ihre Bücher durchgeſehen,“ verſetzte der Kaufmann bedächtig, und es ſcheint Alles in Ord⸗ nung zu ſein.“ „Es iſt Alles in Ordnung!“ rief Georg haſtig aus. »„Ich will es glauben, und Ihnen demgemäß ein Zeugniß ausſtellen,“ lautete die ruhige Entgegnung. „Ich denke, Sie werden für eigene Rechnung ein Ge⸗ ſchäft anfangen wollen?“ „Vermuthlich,“ erwiederte Georg leichthin, denn er fühlte ſich ſchwer gekränkt.„Guten Morgen, Sir!“ Noch ein dritter wohnte dieſer Scene bei, Peter Mangles, der älteſte Buchhalter des Hauſes. Er und Richard Bently waren mit einander aufgewachſen, und trotz ihres Verhältniſſes Principal und Commis durch die Bande der Freundſchaft ſtets eng perbunden geblieben. 5 1*† 4 Auf Peter Mangles hageren, ſcharf geſchnittenen, aber verſtändigen Geſichtszügen lag der Ausdruck gro⸗ ßer Güte, und er galt mit Recht für einen durchaus ehrenhaften und wohlwollenden Mann. Als Georg das Kabinet verlaſſen wollte, blickte der alte Buchhalter von ſeinem Pulte auf und rief ſeinen Namen. Der junge Mann wandte ſich um. 4 „Es thut mir leid, daß wir Sie verlieren,“ ſagte Peter, dem jungen Manne ſeine Hand reichend.„Gott behüte Sie! Wenn Sie je einen Freund brauchen, ſo wiſſen Sie, wo er zu finden iſt.“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſagte Georg ergriffen und gerührt.„Ich bin überzeugt, daß Sie niemals meine Bücher hätten durchſehen und prüfen laſſen.“ 4 „»Nein, gewiß nicht!“ „So halten Sie mich für treu?“ „Für ſo treu, wie mein Hauptbuch,“ antwortete der alte Mann,„und wenn jemand daran zweifelt, ſo mögen Sie ihm erklären, daß Peter Mangles dies geſagt hat.“ Georg konnte ſtolz ſein auf dieſes Zeugniß, und ſein Herz klopfte freier, als er das Kabinet verließ. 4 Herr Bently fühlte ſich doppelt unbehaglich, weil ihm erſtens, ſein Gewiſſen zuflüſterte, daß er hart gegen ſein Kind geweſen ſei, und dann, weil ihn das Be⸗ mem ſeines vertrauten Buchhalters verdroß. „Ich meine, Sie hätten zu dieſer plötzlichen Freund⸗ ſchafts⸗Aufwallung gegen einen Menſchen, der mich ſo ſchwer gekränkt hat, einen paſſenderen Platz wählen— können,“ bemerkte er in bitterem Tone.— „Aber keine beſſere Zeit, verſetzte der alte Mann ſanft.. — 5 „Und Sie halten Georg Markham in der db noch immer für ehrlich?“ Peter Mangles nickte mit dem Kopfe. „Trotz der zehntauſend Pfund fehlender Pfandbriefe, die unglücklicher Weiſe nur in Oſtindien flüſſig gemacht werden können?“ fragte Herr Bently ungeduldig. Peter kratzte ſich am rechten Ohre, wie er immer zu thun pflegte, wenn ihm irgend Etwas ſchief zu gehen ſchien. „Ich kann nicht daraus klug werden,“ antwortete er;„aber ich komme ſchon noch dahinter. So viel aber iſt gewiß, Ihr Schwiegerſohn weiß nichts davon. Die Schlüſſel zu dem Geldkaſten ſind keinen Augen⸗ blick in ſeine Hände gekommen.“ „Sind die Papiere immer in dieſem Schranke ge⸗ weſen?“ fragte Bently zweifelnd. „Ich habe ſie ſelbſt hineingelegt,“ verſetzte der Buchhalter ſchmerzlich überraſcht.„Außerdem habe ich die Schlüſſ el ſtets mit nach Hauſe genommen, und un⸗ ter meinem Kopfkiſſen verwahrt. Eines Morgens waren die Pfandbriefe fort. Es gibt nur zwei paſ⸗ ſende Schlüſſel zu dem Schranke, den Ihrigen und den meinigen. Sie haben den Ihrigen mit nach Oſtindien genommen?“ „Nein.“ „Das war nicht recht.“ „Ich verwahrte die Schlüſſel in dem geheimen Fache meines Seeretairs, wo ich ſie bei meiner Rück⸗ kunft wiederfand. Georg Markham muß viel im Hauſe geweſen ſein, und.. „Papperlapap,“ unterbrach ihn Pete Ihnen, Georg iſt ehrlich. Von ſei n * an hab' ich ihn beobachtet, und ſeine kleine Kaſſe ſtets bis auf den Heller richtig befunden. Sie könnten eben ſo gut Ihren Verdacht auf mich werfen, und wer weiß, ob Sie es nicht thun. Eine Ungerechtigkeit zieht gewöhnlich eine andere nach ſich.“ „Jetzt iſt die Ungerechtigkeit auf Ihrer Seite,“ ſagte der Kaufmann lächelnd.„Aber ich verzeihe Ih⸗ nen, denn Sie meinen es gut. Wir dürfen keine Hän⸗ del mit einander anfangen.“ „Das iſt, nicht ſo ganz gewiß,“ erwiderte Peter Mangles noch ärgerlich und empſindlich.„Es iſt mir ſogar, als müſſe ich mit Ihnen Streit anfangen, Ri⸗ chard Bently, damit es mir wieder leichter um's Herz wird. Die arme Rahel!“ „Sie vergeſſen meine Gefühle,“ entgegnete der Principal.„Rahel hat mir das Herz gebrochen.“ „Der Hochmnth thut es!“ murmelte der Buch⸗ halter. „Einen Bettler zu heirathen!“ »Bettler?“ wiederholte Peter.„Ich ſehe, wir krie⸗ gen Händel, es geht nicht anders. Bettler! Was waren Sie denn, als ein thörichter, aber treuer Freund Ih⸗ nen ſeine ganze Habe brachte, damit Sie ein Geſchäft « fangen konnten? Georg Markham beſitzt grade ſo viel, als Sie damals hatten— Fleiß, Talent und Rechtſchaffenheit— Handeln Sie gegen ihn nach Ge⸗ fallen, aber denken Sie an mich, er wird trotz Allem ein ausgezeichneter Geſchäftsmann werden. Ihre ſelige. Frau hat jedenfalls ihre guten Gründe gehabt, als ſie 4 in die Verheirathung einwilligte, wenn ich ſie auch niht näher kenne. Sie war eine gute Frau, Richard, und—“ 1 ——— 7 „Ich kann dies nicht anhören, nicht einmal von Ihnen,“ unterbrach ihn der Kaufmann ungeduldig,— „nichts mehr davon!“ „Sie müſſen mich hören,“ entgegnete Peter haſtig. „Ihr Benehmen iſt weder das eines Vaters, noch eines Geſchäfsmannes. Wie konnten Sie einem ſo aufgeregten Menſchen wie Georg, tauſend Pfund ein⸗ händigen, wenn Sie ihn nicht zu Grunde zu richten wünſchen?“ „Er hatte ein Recht an ſie, Peter!“ „Falſch! Rahel iſt noch nicht volljährig. Alles wird in einer tollen Speculation draufgehen. Georgs Berechnungen müſſen falſch ausfallen, da ſein Kopf keine Ruhe mehr hat. Doch das iſt ja nur, was ſie hoffen! Alſo nichts mehr! Es iſt mir wohler, nun ich mir Luft gemacht habe. Wir ſind fertig mit ein⸗ ander, Herr Bently! Da ſind die Schlüſſel zum Geld⸗ kaſten, da die Bücher, und nun können Sie mei⸗ netwegen auch einen Calculator kommen laſſen, damit er ſie durchſehe und prüfel“ Peter Mangles langte ſeinen Hut von dem Nagel, an den er denſelben ſeit beinahe vierzig Jahren auf⸗ zuhängen pflegte, drückte ihn mit feſter Entſchloſſen⸗ heit auf die Stirne, und ſchickte ſich an, das Kabinet zu verlaſſen.. „Können Sie im Ernſt von mir gehen wollen? fragte ganz erſtaunt der alte Freund und Principal. „Ja wohl, Richard.“ 4 Die wenigen Worte koſteten augenſcheinlich keine geringe Anſtrengung, und gingen Mr. Bently tief zu Herzen. „Aber was ſoll ich ohne Sie anfangen? „Kann mir's nicht denken! Wird freilich ſchlecht genug gehen,“ verſetzte Peter mit erſtickter Stimme. „Und die Firma! das Gebäude, das wir Zwei ſo mühſam aufgerichtet haben, das erſte Haus in der Stadt! Ich kann die Bücher keinem Andern mehr an⸗ vertrauen.“. Dies war Peter's ſchwache Seite; die Firma be⸗ trachtete er als einen Bau, zu deſſen Herſtellung er Vieles mitgewirkt hatte, und zum erſten Male wurde ſein Entſchluß ſchwankend. 3 „Sie haben einen Neffen!“ murmelte er. „Cerus iſt ein braver junger Mann, beſitzt aber weit nicht Ihre Erfahrung,“ antwortete der Kaufmann. „Kommen Sie, alter Freund, nehmen Sie Ihre Schlüſſel wieder. Wir haben das Leben mit einander angefan⸗ gen, und dürfen uns jetzt nicht mehr trennen. Die Ungehorſamen verdienen eine Lehre.“ „Na, mag ſein,“ murmelte der alte Buchhalter, indem er ſeine Thränen zu verbergen ſuchte,—„wenn es nämlich eine weiſe Lehre iſt.“ „Ueberlaſſen wir Alles der Zeit, der beſten Schlich⸗ terin aller Dinge,“ ſetzte Mr. Bently noch hinzu. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß es Herrn Bently ernſt war, als er auf die Möglichkeit einer künftigen Verſöhnung mit ſeinem Kinde hindeutete. Jedenfalls faßte Peter ſeine Aeußerung in dieſem Sinne auf, denn er hing ſeinen Hut wieder an den alten Nagel, und hatte bald den Vorgang über ſeinen Büchern ver⸗ geſſen.... Wie Peter Mangles vorausgeſagt hatte, gereichten die tauſend Pfund Georg Markham eher zum Scha⸗ den, als zum Vortheil. Statt eine Stelle zu ſuchen, Geong hängen, und ihn zu Schlechtem, nament 9 fing der junge Mann ein eigenes Geſchäft an, und kämpfte ſich eine Weile mannhaft durch, ſo daß er es wohl zu etwas Rechtem hätte bringen können, wenn ihm einige Unterſtützung zu Theil geworden wäre. So aber kam es endlich trotz aller Anſtrengungen zum Bruch, und die Folge davon war völliger Ruin. Die Gläubiger, welche ſahen, daß er nicht unehrenhaft gegen ſie gehandelt hatte, verſchonten ihn mit der Schmach, ſeinen Namen in den Zeitungen zu veröffentlichen, und begnügten ſich damit, ſeine ganze Habe zu neh⸗ men und ihn zum bettelarmen Mann zu machen. Jetzt erwies ſich Rahel als einen wahren Troſtes⸗Engel für ihren unglücklichen Gatten. Nie lächelte ſie ihm lieb⸗ reicher zu, als in den Tagen des Unglücks. Wohl war ihre Aufgabe eine ſchmerzliche; aber die Liebe der Gattin und Mutter erhielt ſie aufrecht, und wenn zu⸗ weilen in ihrer ärmlichen Wohnung die Einſamkeit ihren Muth brechen wollte, ſo reichte ein Blick nach der Wiege ihres Erſtgeborenen hin, ihn wieder neu zu beleben. Georg Markham war mehrere Monate ohne Be⸗ ſchäftigung. Für einen von Natur regſamen Geiſt iſt der Müßiggang ein böſer Rathgeber, denn er führt gewöhnlich zu Laſtern, lähmt den moraliſchen Muth, und raubt dem Manne die Thatkraft. Verführung thut das Uebrige. Jener Cerus Kearn, der Neffe Mr. Bently's, haßte Georg, und that das Seinige, um das Verderben des jungen Mannes vollkommen zu machen. Auf ſein Geheiß mußte ſich ein Menſch, n Mr. Bently wegen Faulheit und Nachläſſigkeit aus dem Geſchäft entlaſſen hatte, wie eine Klette an 5 7 N 4 Trunke zu verführen ſuchen. Bald gab der Unglück⸗ liche dem traurigen Einfluſſe jenes Schurken nach, und gab ſich immer öfter und häufiger dem Branntwein⸗ Genuſſe hin. Er nahm ſich allerdings oft vor, den verhängnißvollen Bann zu brechen, und das entwür⸗ digende Getränk zu meiden. Aber der Verſucher war ſtärker, als ſein guter Wille, und die guten Vorſätze wurden immer ſchnell wieder vergeſſen. Die Folge davon war, daß er eine Stelle um die andere verlor, und zuletzt gar keine regelmäßige Beſchäf⸗ tigung mehr hatte, indem nur gelegentlich ein Advo⸗ kat ihn zum Abſchreiben benutzte. So war die Fa⸗ milie Markham Jahr um Jahr weiter herunter gekom⸗ men, bis ſie ihren Wohnplatz in dem Häuschen der Belvedere⸗Straße aufſchlagen mußte, wo nun noch ein zweites Kind, ein Mädchen, in Armuth und Elend ge⸗ boren wurde. Mehrmals war eine Berufung an Mr. Bently's Vatergefühl während dieſer Zeit ergangen, aber immer vergeblich; der Stolz und die Liebe des alten Mannes fühlten ſich zu tief gekränkt. Oft, wenn er Abends aus ſeinem Club heimkehrte, war er Zeuge, wie ſein Schwiegerſohn in der Geſellſchaft eines nichtsnutzigen Burſchen,— eben ſeines Verführers Styles— be⸗ trunken durch die Straßen taumelte, und ein ſolcher Anblick mußte natürlich ſein Herz noch mehr verhärten. Er hatte freilich keine Anhnung davon, daß dergleichen Bewegungen geſchickt eingeleitet waren, und noch we⸗ weniger konnte er den eigentlichen Urheber errathen. Die Sachen ſtanden ſehr ſchlimm für Georg Markham und ſeine Familie. 11 Zweites Kapitel. Richard. Es i*ſt jetzt Zeit, von den Kindern des unglück⸗ lichen Ehepaares zu ſprechen. Richard, das älteſte, ſtand jetzt im dreizehnten Le⸗ bensjahre, und war ein ſchöner, gut gewachſener und geſunder Knabe. Er hatte ſeines Vaters verſtändige offene Stirn und lockiges Haar, ſowie der Mutter tief⸗ blaues, ſinniges Auge, und viel von ihrem ſanften und liebevollen Charakter; ſein ſchönſter Vorzug aber war ſein vortreffliches Herz. Der Mutter und ſeinem ſechsjährigen hübſchen Schweſterchen Marie aus voller Seele zugethan, bot Richard alles Mögliche auf, den Kummer der armen Dulderin zu mildern, und ihr, während ihr Mann im Wirthshauſe ſaß, die Heimath weniger freudlos zu machen. 8 Manchmal ſagte er: Bald werde ich ſtark genug ſein, um für Euch arbeiten zu können, und dann ſoll ihr keinen Mangel mehr leiden.“ Noch war freilich die Zeit dazu leider nicht ge⸗ kommen. Am letzten Tage des ſcheidenden Jahres ſaß die Familie Markham bei einem ſpärlichen Frühſtück in ihrem armſeligen, aber reinlichen Häuschen. Georg, mit von der Schwelgerei der letzten Nacht noch ge⸗ rötheten Augen, mochte nichts eſſen, ſondern begnügte ſich mit dünnem, heißem Thee, den er begierig hin⸗ unter ſchlang, um den inneren Brand zu löſchen. Butter war gar nicht, und Brod nur ſehr wenig vor⸗ 12 handen, da Markham das dazu beſtimmte Geld in Branntwein vergeudet hatte. Rahel theilte den ge⸗ ringen Vorrath ſchweigend unter die Kinder, und be⸗ hielt nur eine kleine Kruſte für ſich. „Ich bin nicht hungrig, Mutter,“ flüſterte Richard, und gab ihr den größten Theil ſeiner Portion wieder zurück.„Du aber haſt geſtern Abend gar nichts ge⸗ geſſen.“ Georg Markham ſtand nach einer Weile mit un⸗ zufriedener Miene vom Tiſche auf, und trat an einen kleineren in der Nähe des Fenſters, auf welchem einige Papiere lagen. Er verſuchte mehrere Male zu ſchrei⸗ ben, aber ſeine Hand zitterte ſo, daß er es aufgeben mußte. „Wie angegriffen ich heute früh bin,“ murmelte er, ddie Feder unwillig wegwerfend.“ Ich muß ein wenig in die friſche Luft, um mich zu erholen.“ Seine Frau wußte nur zu wohl, was unter dieſer Erholung“ zu verſtehen war: die Schenke und der Branntwein. Der geſunkene Mann ſetzte ſeinen Hut auf, und verließ die Seinen, ohne denſelben einen Blick der Liebe zuzuwerfen. Er hatte kein Geld, aber leider wußte er, daß er ſich ſtets auf die Börſe ſeines guten Freundes, des elenden Styles, verlaſſen konnte, wenn es galt Branntwein herbei zu ſchaffen. Wurde ddieſer Menſch doch von Cerus Kearn, dem Feinde Georgs, reichlich dafür bezahlt. Mit Todesangſt erwartete die Frau Georgs ihres Mannes Heimkehr, denn ihre Kinder hungerten, und ſſie beſaß keinen Heller Geld, um Brod für ſie kaufen zu können. Aber der ganze Tag verſtrich, und Mark⸗ ham ließ ſich nicht blicken. Als es dunkel wurde, faßte 13 ſich die unglückliche Mutter ein Herz, und beſchloß, die Wohnung ihres alten Freundes Peter Mangles auf⸗ zuſuchen, der ſie ſchon manchmal heimlich unterſtützt hatte. In Begleitung ihres Sohnes, der die kleine Marie auf dem Arme trug, trat ſie den Weg dahin an, fand aber unglücklicher Weiſe den Buchhalter nicht zu Hauſe.. „Gut, ſagte ſie mit bitterem Schmerze,“ ſo müſſen wir den Vater aufſuchen, und dann ſollſt du zu eſſen bekommen, mein armes, liebes Kind.“ Sie nahm die kleine Marie auf ihren eigenen Arm, und betrat die niedrige Schenke, die ihr Mann zu be⸗ ſuchen pflegte. Eine neue Täuſchung wartete hier ihrer: Georg Markham hatte in Begleitung des Schurken Styles die elende Kneipe ſchon verlaſſen, und Niemand wußte, wohin er gegangen war. „So bleibt uns nichts übrig, als wieder nach Hauſe zu gehen,“ ſagte die arme Mutter im Tone der Ver⸗ zweiflung.„Ich fühle eine Schwäche zum Unſinken!“ Auf den Arm ihres Sohnes geſtützt, gewann ſie die Straße wieder. Die kalte, ſcharfe Luft ſtellte einiger⸗ maßen ihre Kraft wieder her, und ſie war im Stande weiter zu gehen, als ein leiſes Stöhnen Marie's ihren Schritten Einhalt that. Sie fühlte nach ihrem Kinde; es war kalt wie Eis, und ſchauderte wie im Fieber. „Sie ſtirbt!“ ächzte die erſchreckte Mutter,„ſtirbt vor Hunger!« 1 Mehr konnte das brechende Herz ihres Knaben nicht ertragen. Sein Gehirn glühte wie Feuer, Thrä- nen vermochten es nicht zu kühlen. „Trage ſie nach Haus, Mutter,“ rief unbeſorgt, ich will Euch zu eſſen bringen, nicht ſterben. Ich will betteln,— ich will Alles thun, um ſie zu retten. „Richard, Richard, verlaß mich nicht,« entgegnete die ſchwer beängſtigte Mutter. Ihr Ruf kam zu ſpät. Schon hatte ſich Richard losgeriſſen, und war in der Dunkelheit der Straße verſchwunden. 3 Rahel verfolgte ſeufzend und für ihre Kinder be⸗ tend, ihren Weg. Ihr Fuß wankte, und ſie hätte vielleicht nicht ihre Wohnung erreicht, wenn nicht eine gutherzige Nachbarin, die ſie todtenbleich an ihrer La⸗ denthüre ſtehen ſah, mildthätig ſich ihrer angenommen, und ſie und das Kind mit Speiſe und Trank geſtärkt hätte. Es war Hülfe in der höchſten Noth. Rahel konnte ſich nach einer Weile wieder aufraffen, und, mit innigſtem Dank gegen ihre Wohlthäterin im Her⸗ zen, nach ihrer Wohnung zurückkehren. Richard lief indeſſen fort, ohne auf die Richtung zu achten, bis er den St. James Park erreichte, wo er ſtill ſtand, um friſchen Athem zu ſchöpfen. „Was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun?“ fragte er verzweiflungsvoll, und rang die Hände. Endlich beſchloß er, den erſten Beſten, der ihm be⸗ gegnete, um eine milde Gabe anzuſprechen und ging vorwärts. Noch war er nicht weit gekommen, als er einen Knaben von ſeinem Alter begegnete, der ihm ein„Halt!“ zurief.. „Du, Jack?“ fragte Richard. „Gewiß bin ich's! Aber was der Tauſend kann dich hierher führen?“ lautete die Antwort. Jack Menders war faſt der einzige Bekannte, den 45 Richard hatte. Er war das Muſterbild eines Lon⸗ doner Gaſſenjungen, geſchmeidig, hurtig und ſchlan über ſeine Jahre. Man konnte ihn nicht ganz ſchlimm nennen, aber er ſtand in dem begründeten Verdachte, daß er bei Gelegenheit gern lange Finger machte, und mauste, was ihm unter die Hände kam. Er hatte in der Schule eine große Zuneigung zu Richard gefaßt, und dieſer war zu gutmüthig, den ſchelmiſchen Burſchen ſchroff von ſich zu weiſen. „Was mich hierher führt?“ entgegnete Richard. „Kaum weiß ich ſelbſt. Meine Mutter und Schweſter hungern, ſterben vor Hunger, und ich ging, um zu...“ „Um zu ſehen, wo du Etwas aufpicken kannſt,“ fiel Jack ein.„Da haſt du vollkommen recht!“ „Wie kommſt du nur zu deinem Unterhalt?“ fragte Richard.„Du haſt immer Geld, und biſt immer warm gekleidet.“ „Oh, ich lebe von meiner Arbeit,“ verſetzte der Knabe. „Von welcher Arbeit?“ „Du weißt's ja wohl,“ erwiederte Jack zögernd und verlegen. „Nein, gewiß nicht!“ „Nun denn, ich eigne mir zu was ich kann.“ „Ein Dieb biſt du?“ rief Richard zurückſchreckend. „Das thut mir leid, Jack.“ „Es iſt nicht meine Schuld,“ verſetzte der Knabe. „Ich muß ſtehlen, wenn ich nicht Prügel von meinem Onkel, bei dem ich wohne, bekommen will. Mach' es auch ſo wie ich, und du brauchſt nicht länger zu hungern.““ 16 „Niemals!“ rief Richard verzweifelnd.„Nie! lie⸗ ber ſterben!“ „Es iſt keine Gefahr dabei,“ fuhr Jack flüſternd fort.„Ich will dir zeigen, wie man's macht. Siehſt du dort den Mann, der nach den Ladenfenſtern hin⸗ glotzt? Gib Acht und ſieh', wie bald ich ihn ausge⸗ fegt habe.“ „Nein, nein!“ ſagte Richard. 9»Nun, meinetwegen, ſo ſieh' nur zu,— ich will's thun!“ 1 Ein Nebel trat vor Richards Augen und blendeten ſie. Nur unbeſtimmt konnte er ſich ſpäter deſſen erin⸗ nern, was jetzt folgte. Er hörte Jack„lauf, lauf,“ rufen, als ein Polizeidiener, der ihnen hinter einem Baum zugeſehen hatte, aus ſeinem Verſteck hervorſprang und ihn zu faſſen verſuchte. Der Schuldige entkam, und Richard war ein Gefangener. „Hab' ich doch Einen von dem Geſchmeiß!“ rief der Polizeimann. „Was gibt's?“ fragte der Herr am Fenſter. „Sie ſind beſtohlen, Sir!“ „Aber ich bin nicht der Dieb,“ ſagte Richard hef⸗ tig,„obwohl meine Mutter und Schweſter nahe am Verhungern ſind.“- „Eine ſehr unwahrſcheinliche Geſchichte,“ ſprach der Polizeimann. „Aber doch kann ſie wahr ſein,“ ſagte der Fremde. „Keine Gewalt, Sir! Ich glaube, Sie kennen mich?“ Der Polizeidiener griff an ſeinen Hut. „Wie heißt du, Knabe?“ „»Richard Markham!“ lautete die Antwort. 17 Der Gentleman wiederholte langſam den Namen. Du haſt einen Vater?“ fuhr er fort. „Ja, Sirl „Was iſt er?“ „Früher Comptoiriſt. Aber ſein Herr entließ ihn, weil er meine Mutter ohne ſeine Zuſtimmung gehei⸗ rathet hatte. Seitdem iſt er, glaube ich, Alles gewe⸗ ſen, Sir.“ War es Laune, oder ein beſſeres Gefühl,— der Gentleman beſchloß, nicht nur dem Knaben die Schande des Gefängniſſes zu erſparen, ſondern auch ihn den Gefahren der Armuth zu entreißen, und ihm den Weg zu einem ehrenhaften Fortkommen zu eröffnen. „Hat dieſer Knabe wirklich mein Taſchenbuch ge⸗ nommen?“ fragte er den Polizeimann. „Das nicht, Herr! Aber er war bei dem jungen Halunken, der es hat, und...“ „Genug!“ unterbrach ihn der Fremde.„Der Ver⸗ luſt iſt nicht erheblich. Folgen Sie mir und dem Ge⸗ 8 faugenen nach dem Thor, und beſorgen Sie mir ein Cabriolet. Knabe, fügte er hinzu,“ ich will dir die Möglichkeit verſchaffen, ein ehrlicher Menſch zu wer⸗ den, indem ich dich an einen Platz bringe, wo man Acht auf dich haben wird.“ „Und meine Mutter! Meine arme Mutter!“ „Wenn ſie eine rechtliche Frau iſt,“ verſetzte der Fremde,„ſo wird ſie ſich freuen, daß du den Fall⸗ ſtricken des Verbrechens entriſſen biſt.“ „Ach nein,“ rief Richard,„die Ungewißheit, die Angſt wird ihr Tod ſein!“ Bringen Sie ihn nach dem Gefängniß,“ ſagte der Gentleman zum Häſcher. Familiengeſchichte. 2 3 18 Die Drohung fruchtete. „Ich will mit Ihnen gehen, Sir,“ ſtotterte Ri⸗ chard. Mehr als einmal kam ihm bei'm Weiterſchreiten der Gedanke, ſeinen Begleitern durch die Flucht zu entwiſchen, aber er ſah ſich zu gut bewacht. Das Cabriolet fuhr vor, und Richard ſtieg ein mit dem Manne, der einen ſo auffallenden Antheil an ſeinem Schickſale genommen hatte. 5 Der Wagen rollte ſo raſch durch die Straßen, daß Richard ſich bald nicht mehr in der Gegend zurecht⸗ fand, die augenſcheinlich ein ihm ganz unbekannter Stadttheil war. Einige Mal dachte er daran, um Hülfe zu rufen, doch die ſprühenden grauen Augen ſeines Begleiters ſchüchterten ihn immer wieder ein. „Wohin führt Ihr mich, Sir?“ fragte er endlich. „Oh, meine Mutter wird ſterben vor Kummer!“ „Ich handle zu deinem Beſten,“ verſetzte der Gent⸗ leman milde,—„der Weg der Pflicht iſt nicht immer der angenehmſte, aber der einzige, der zum Glücke führt. Man ſprach nicht weiter, bis das Cabriolet vor einem ſchönen Gebäude in einer breiten Straße Halt machte. Ein Diener in einfacher aber ſchöner Livree trat an den Schlag. „Schickt Euren Herrn herunter,“ ſagte der Gent⸗ leman.. Nach einigen Minuten erſchien der Eigenthümer des Hauſes. Es folgte eine lange und lebhafte Un⸗ terhaltung in einer Sprache, die Richard nicht ver⸗ ſtand. Er erhielt endlich die Weiſung auszuſteigen. Einen Augenblick zögerte er, aber der Gedanke an das 19 Gefängniß entſchied ſeinen Entſchluß. Zwiſchen den beiden Herren trat er ins Haus und kam durch eine Halle voll Dienern, die ihm neugierig nachſahen. End⸗ lich machte ſein Führer vor einer Seitenthüre Halt, die der Herr des Hauſes aufſchloß. „Warte bis ich das Gas angezündet habe,“ ſagte der Letztere in freundlichem Tone. Nach wenigen Minuten befand ſich Richard mit ſeinen Begleitern in einem behaglich möblirten Zim⸗ mer. Er blickte verwirt umher,— kein Wunder, denn ſeine letzten Abentheuer hätten einen gereifteren Ver⸗ ſtand außer Faſſung bringen können. „Sie wiſſen bereits, unter welchen Umſtänden ich dieſen Knaben aufgefunden habe,“ ſagte der fremde Herr,„und werden ſich morgen erkundigen, ob er die Wahrheit zu mir geſprochen hat.“ „Gut!e verſetzte der Andere, der ſeiner Umgebung nach ein Advokat ſein mußte. „Iſt dieß der Fall, ſo werden Sie ihm meine Ab⸗ ſichten in Betreff Seiner mittheilen. Ich überlaſſe ihn ihrer Obhut mit der Ueberzeugung, daß er eine freund⸗ liche Behandung und ſorgfältige Bewachung finden wird. Sie verſtehen mich, Morton!“ Der Advokat nickte bejahend, und der andere Herr entfernte ſich. Mr. Morton betrachtete ſeinen neuen Bekannten eine Weile ſtillſchweigen. Das offene Geſicht des Knaben geftel ihm. Endlich klingelte er einem Diener, und beauftragte ihn, Erfriſchungen zu bringen, und für den Gaſt ein Zimmer herzurichten.— „Oben im Haus!“ fügte er hinzu. „Du biſt müde,“ ſagte er dann, als Richard ſeinen . 2* 20 Hunger geſtillt hatte.„Morgen ſprechen wir weiter mit einander, und ich hoffe, wir werden Beide dann zufrieden ſein.“ In der Stimme, wie in den Worten des Herrn lag etwas ſo Aufrichtiges, daß Richard mit einem mat⸗ ten Lächeln zu ihm aufblickte. Die Nacht über ſchlief er zum erſten Mal in ſeinem Leben in einem prächti⸗ gen Bette; aber er ſchlief nicht ſanft und ruhig, ſon⸗ dern öfter als einmal murmelte er träumend die Worte: „Arme Mutter! Arme Mama!“. Am andern Tage beſuchte der Advokat ſeinen Ge⸗ fangenen und fand ihn am Fenſter ſitzend, während das Frühſtück noch unberührt auf dem Tiſche ſtand. „Das iſt thöricht, mein armer Knabe,“ bemerkte er in freundlichem Tone. „Sie können mich hier feſthalten,“ verſetzte Richard, vaber mich nicht zum Eſſen zwingen.“. „»Das wird der Hunger thun,“ erwiederte Jener. Richard antwortete durch ein ſchmerzliches Lächeln. „»Warum betrübſt du die, die dir wohlwollen?“ fragte der Advokat. „Ich kann nicht eſſen,“ verſetzte Richard,„wenn ich weiß, daß diejenigen verhungern, die ich am meiſten in der Welt liebe.“— „Du meinſt deine Mutter und deine Schweſter?“ „Ja, Herr!“. „Es wird für ſie geſorgt werden, ja, ohne Zweifel iſt dies bereits geſchehen. Der Herr von geſtern Abend hat es mir verſprochen, und er iſt ein Mann, der ſtets 1 ſein Wort hält.“— „Gott ſegne ihn dafür,“ verſetzte der Knabe tief 21 bewegt.„Aber wenn er ſo wohlwollend iſt, warum hält er mich hier zurück?“ „Zu deinem Beſten!“ Richard ſah ihn zweifelhaft an. „Und zum Beſten Derer, die dir am theuerſten ſind,“ fuhr Herr Morton fort.„Dein Wohlthäter iſt ein ſehr reicher Mann. Er weiß bereits, daß deine Angaben wahr ſind, und kennt außerdem, was du vor ihm geheim hielteſt.“ „Was ich vor ihm geheim hielt?“ „Ja, die Trunkſucht deines Vaters, welche nicht nur ſeine Gattin, ſondern auch ſeine Kinder in Ar⸗ muth, Elend und Schande ſtürzt.“ „Es kam mir nicht zu, von den Fehlern meines Vaters zu ſprechen,“ ſagte Richard tief erröthend. „Ganz recht,“ verſetzte der Advokat beifällig.„Ich zweifle nicht, daß wir uns mit der Zeit verſtehen wer⸗ den. Dein Wohlthäter iſt entſchloſſen, dich dem Ein⸗ fluſſe eines ſchlimmen Beiſpiels zu entreißen, dich er⸗ ziehen zu laſſen und für dich zu ſorgen,— unter der einen Bedingung, daß du einwilligſt, London zu ver⸗ laſſen und in einem entlegenen Theile des Königreichs bei einem Geiſtlichen zu wohnen, der...“ „Wie, London verlaſſen, ohne meine Mutter wie⸗ derzuſehen?“ rief der Knabe unwillig.„Nie! Nie!“ „Du vergißt die Vortheile.“ „Niel“ „Die Gelegenheit, dich einem Leben des Elends, wenn nicht des Verbrechens zu entreißen, eine ehren⸗ werthe Stellung in der Welt zu erlangen, und am Ende deinen Anverwandten nützlich zu werden.“ 22 Richard ſchüttelte ungeduldig den Kopf; er war noch keineswegs überzeugt. „Höre mich weiter,“ fuhr Herr Morton fort.„Wei⸗ gerſt du dich, ſo habe ich Auftrag, dich vor einen Friedensrichter zu ſtellen, und die Folge wird ſein, daß man dich als Diebsgenoſſen auf zwei Jahre in's Zuchthaus ſchickt. Sei vernünftig, und ich will dir ſogar geſtatten, ein paar Zeilen an deine Mutter zu ſchreiben. Willigſt du ein?“ ſa 73, ſagte Richard nach ſchwerem Kampfe mit ſich elbſt. „»Und du verſprichſt mir, nicht davon zu laufen?“ „Dieſes Verſprechen verlangen Sie nicht von mir,“ antwortete Richard;„denn wenn ich eine Gelegenheit zu meiner Befreiung finde, ſo weiß ich, daß ich nicht Wort halten würde.“ In dieſer Antwort lag eine Offenheit und Ehrlich⸗ keit, welche ſehr die gute Meinung beſtärkte, die Mr. Morton von ihm zu hegen begann. „So muß ich mich alſo auf die Wachſamkeit mei⸗ nes Dieners verlaſſen,“ ſagte er lächelnd. Richard ſeufzte. Er ſah wohl ein, daß es ſchwie⸗ rig ſein würde, ſeinen Wächter zu überliſten. „Wenn darf ich meinen Brief ſchreiben?“ fragte er. „Nach dem Frückſtück. Schreibe, daß du einen Freund gefunden habeſt, der für dein Fortkommen in der Welt Sorge tragen würde. Meinen Namen darfſt du aber nicht nennen.“ 8 Der Brief wurde geſchrieben, und am Ende der Woche brach Richard, neu gekleidet, in Geſellſchaft des Rechtsgelehrten nach Jerſey auf, um daſelbſt der Ob⸗ hut des Pfarrers Brown übergeben zu werden, wel⸗ 8 23 cher ſechs Zöglinge für die Armee, für Oſtindien und für die Univerſität vorbereitete. 8* Vor der Abreiſe hatte Richard noch eine Beſpre⸗ chung mit ſeinem Wohlthäter, der mit Befriedigung das Aeußere des Knaben muſterte. „Ein hübſcher Knabe, Maſter,“ ſagte er.„Schade, wenn er aus Mangel an Erziehung zu Grunde ginge.“ „Ja wohl, Sir.“ „Willſt du mir nicht deine Hand geben,“ wandte ſich darauf der Herr an Richard. Der Knabe gab ſie mit ſichtlichem Widerſtreben. „Ich ſehe, du haſſeſt mich,“ ſagte ſein Wohlthäter. „Doch es überraſcht mich nicht,— ich erwarte keinen Dank duie Welt.“ „Ich kann Sie nicht haſſen,“ verſetzte der Knabe. „Warum zögerteſt du dann, mir deine Hand zu geben?“ 3 „Weil ich Sie nicht begreife. Ich würde tauſend Mal lieber zur Armuth und zu den Meinigen zurück⸗ kehren, als...“ „Hm! Jedenfalls ein treues Gemüth!“ murmelte der Unbekannte. „Das verdank ich meiner armen Mutter.“ „Deine Liebe zu ihr wundert mich nicht, denn je mehr ich von dir ſehe, deſto mehr Theilnahme em⸗ pfinde ich für ſie. Ich würde ihr auch Beiſtand ge⸗ leiſtet haben, aber ich hörte, daß bereits andere Leute ſich ihrer angenommen hätten.“ Mein Großvater!“ rief Richard erfreut.„Gewiß iſt es mein Großvater! Wie glücklich wird ſie dies machen!“ „Iſt er denn ſo reich?“ 24 b„Ich weiß nichts von ſeinem Reichthum, weiß über⸗ haupt nur, daß ich einen Großvater habe, weil man mich lehrte, für ihn zu beten; denn meine Mutter liebt ihn von ganzem Herzen.“ „Nun denn, Gott befohlen, mein Lieber,“ ſchloß der Wohlthäter die Unterredung.„Fälle kein Urtheil über mich, bis du alt genug biſt, um mich verſtehen zu können. Verdiene meine Güte durch braves Ver⸗ halten, und du wirſt finden, daß vielleicht meine Ab⸗ ſichten in Bezug auf dich noch wohlwollender ſind, als meine Worte.“ Der ernſte Ton des Fremden machte Eindruck auf Richard; er folgte einem unwillkührlichen inneren Drange und bot ſeinem Wohlthäter von freien Stücken ſeine Hand.“ 8 „Gott ſegne dich, mein armer Junge!“ rief der Herr, ſie mit Wärme drückend.„Wir werden mit der Zeit noch die beſten Freunde werden!“ „Er muß mich vorher meiner Mutter zurückgeben,“ ſagte Richard auf der Straße.„Ich fühle, daß ich dann ihn lieben kann.“ „Alles zu ſeiner Zeit,“ verſetzte lächelnd der Rechts⸗ gelehrte. Auf dem Wege nach Southampton theilte er ſei— nem Begleiter mit, daß er einen Sohn von Richards Alter ſeit fünf Jahren bei dem Pfarrer Brown habe, und fügte hinzu:„Ich hoffe, ihr werdet euch befreun⸗ den, aber du mußt mir das Verſprechen geben, ihm ohne meine Erlaubniß nie die Umſtände mitzutheilen, durch welche wir unſere Bekanntſchaft gemacht haben. Willſt du nicht darauf eingehen, ſo muß ich für ihn+ einen andern Lehrer ſuchen.“ 25 „Um meinetwillen nicht,“ verſetzte Richard.„Ich gebe Ihnen das gewünſchte Verſprechen.“ Der Rechtsgelehrte dankte ihm, und zweifelte nicht daran, daß Richard Wort halten würde. Zwei Tage nachher erreichten ſie ihren Beſtim⸗ mungsort, Jerſey, und Richard fand daſelbſt ein Un⸗- terkommen in einem ſchönen Landhauſe, aus deſſen Fenſtern man einen ſchönen Ueberblick über die St. Clemens⸗Bay hatte. „Wenn der Sohn dem Vater gleicht,“ dachte Ri⸗ chard, als er Mr. Morton, der auf dem Dampfſchiffe ſtand, nachblickte,„ſo werde ich ihn ſicherlich lieb ge⸗ winnen. Aber wie wird dieſes Alles enden? Iſt es Traum oder Wirklichkeit?“ Dieſe Fragen legte er ſich vor, als er an der Seite ſeines Erziehers nach der Villa zurückging. Dieſer hatte indeß dem Scheriff und dem Hafen⸗Beamten die Weiſung ertheilt, auf den Knaben ein wachſames Auge zu haben, im Fall ihn die Luſt anwandeln ſollte, von der Inſel zu entwiſchen. Drittes Kapitel. Der Vater. Wir müſſen jetzt zu der armen Mutter des Knaben zurückkehren, welche nach ſeinem Verſchwinden in ihre Wohnung zurückgekehrt war, und durch die Güte einer Nachbarin ihr Stübchen behaglich geheizt gefunden —y 26 hatte. Das hell auf dem Herde flackernde Feuer ſchien der Trauer ihres Herzens zu ſpotten. Unwillkührlich wendete ſie ſich dem Bette zu, in welchem Richard zu ſchlafen pflegte; aber ſie fand es leer. Indeß gab ſie ſich nicht der Verzweiflung hin, denn er konnte ja zu⸗ rütktehren. Neben dem leeren Lager kniete ſte nieder und ſchüttete ihre Hoffnungen und Beſorgniſſe in einem brünſtigen Gebete aus. Es war zwei Uhr, als Georg ſo ſchwer betrunken anlangte, daß er nur noch nach einem Stuhle taumeln konnte; da blieb er denn ſitzen und ſtarrte ausdrucks⸗ los zuerſt das Feuer, dann die Frau an, deren Glück er vernichtet hatte. Rahel vermochte ihn nicht zu Bette zu ſchaffen; aber mit weiblicher Herzensgüte nahm ſie ihm das enge Halstuch ab, und horchte, bis ſeine Atzenzige ruhiger wurden. Der Betrunkene, ſah ihr in's Geſicht und verſuchte zu lächeln, aber die Anſtrengung dauerte nicht lange, und er verfiel wieder in das alte leere Stieren. Die Gedanken der Mutter weilten vorherrſchend bei ihrem Knaben. Die Vorſtellung, daß er in einer ſolchen Stunde durch die Straßen irre, nicht nur der bitteren Kälte, ſondern auch allen möglichen Gefahren ausgeſetzt, erfüllte ihre Seele mit Todesangſt. Markham ermunterte ſich endlich ſo weit von ſei⸗ nem Rauſche, daß er aufſtehen und ſein Bett ſuchen konnte. Seine Frau, ermüdet und bleich von Nacht⸗ wachen und von Kummer, war eben damit beſchäftigt, für ſich und Marie ein Frühſtück zu bereiten, als ein Wagen vor dem Häuschen anfuhr. In der ſüßen Poſiſund, ihren Richard wiederzu⸗ 27 ſehen, eilte Frau Markham hinaus, aber ein unwill⸗ kührlicher Seufzer getäuſchter Erwartung entrang ſich ihr, als ſie ihren alten Freund Peter Mangles er⸗ kannte. „Ei, Rahel,“ ſagte der alte Mann etwas gekränkt, „Ihr ſcheint über meinen Anblick nicht ſehr erfreut, und doch komme ich, um Euch meine Dienſte anzubie⸗ ten, da Ihr mich unglücklicherweiſe geſtern nicht zu Hauſe trafet.“ „Ach, mein Freund,“ erwiederte die Mutter,„Sie irren ſich. Ich ſeufze wegen meines Sohnes.“ „Was iſt mit ihm?“ fragte Mangles, raſch in's Haus tretend.„Krank?“ „Verloren!“ murmelte Rahel.„Ich fürchte, für immer verloren.“ Nicht ohne vielfache Unterbrechung durch Schluch⸗ zen und Thränen erfuhr endlich der Buchhalter die Geſchichte von Richards Verſchwinden. „Schlimm, ſehr ſchlimm, aber keineswegs hoffnung⸗ los,“ ſagte Mangles.„In London geht ſo leicht nichts verloren, wenn man nur zu ſuchen verſteht. Ich hoffe, wir werden den Knaben bald wieder haben.“ CEhe Rahel antworten konnte, trat eine Nachbarin bin⸗ welche von dem Verſchwinden Richards gehört atte. „Ach, Miſtreß Markham,“ rief ſie,„das iſt eine traurige Geſchichte.“ Rahel wurde noch bläſſer, als zuvor. „Nun, was iſt denn geſchehen?“ fragte der Buch⸗ halter ungeſtüm.„So rückt einmal damit heraus le „Nun, ich habe es aus dem Munde von Jack ————— 2 ———— —— 4 28 Manders ſelbſt,“ erwiederte die Nachbarin.„Richard iſt wegen Taſchendiebſtahls aufgegriffen worden.“ Rahel ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und ſank ohnmächtig nieder. Die kleine Marie fing laut an zu weinen und rief ihrem Vater zu, daß die Mama ſterbe. Der Lärm weckte den Trunkenbold aus dem Schlafe, und er taumelte mit verwirrter Miene aus der Kammer. Beim Anblick ſeines früheren Freundes erſchrak er, denn er fühlte die volle Schwere ſeiner Verſunkenheit. 3 „Was— was gibt es?“ fragte er. Peter deutete mit ſtrenger Miene auf die bewußt⸗ loſe Geſtalt ſeiner Gattin. „Um des Himmels willen, erklärt mir,“ rief der unglückſelige Menſch aus. „Ihr habt ſie gemordet,“ entgegnete der alte Mann feierlich,—„Euren Knaben zum Diebſtahl, zur Schande und in's Gefängniß getrieben. Georg, oh, Georg, ſind das die Hoffnungen, die ich einſt von Euch hegte?“ Der Schuldige warf ſich neben der Geſtalt ſeiner Frau nieder und flehte ſie um Verzeihung an; darauf rief er ganz außer ſich nach ſeinem Sohne, den ſeine ſchlechte Aufführung zum Verbrechen getrieben habe. Es war ein furchtbarer Auftritt. Der Stachel des Gewiſſens hatte das Herz des Sünders durchbohrt, und den einzigen Theil getroffen, welchen ſein ſchnö⸗ des Laſter noch unberührt gelaſſen hatte: die Liebe zu Frau und Kindern. Die ohnmächtige Rahel ſchlug endlich die Augen wieder auf und ſtarrte um ſich her, bis ſie dem Blicke ihres Mannes begegnete; ein krampfhaftes Schaudern durchrieſelte ihren Körper, und ſie wurde von Neuem beſinnungslos, bis mit dem Anblicke der Urſache das Bewußtſein des Elends zurückkehrte. Georg Markham griff nach ſeinem Hute und ſtürzte wie ein Wahnſinniger aus dem Hauſe, feſt entſchloſ⸗ ſen, ganz London zu durchſtöbern, bis er ſeinen Sohn gefunden haben würde. Peter Mangles ſtand eine Zeitlang rathlos da. Endlich faßte er einen Entſchluß, hüllte Rahel mit Hülfe der Nachbarin in einen Shawl!, trug ſie in den Wagen, ſetzte die kleine Marie neben ſie, und befahl dem Kutſcher nach Blackheath zurückzufahren. „Aber was wird ihr Mann ſagen, wenn er wieder kommt?“ fragte die Nachbarin erſtaunt. „Was er will,“ antwortete Peter.„Wenn er ſeine Pflicht vernachläſſigt, ſo kenne ich die meinige.“ Peter Mangels Haushälterin war nicht wenig er⸗ ſtaunt, als ihr Herr mit Beſuch wieder in Ladger Cot⸗ tage, ſeiner Wohnung, erſchien. Doch gab ſie ſich alle Mühe, den unerwarteten Gaſt zu bedienen, und brachte Rahel zu Bett, während Mangles nach einem Arzt rannte. Dieſer war noch mit der Kranken beſchäftigt, als plötzlich Mr. Bently erſchien, und heftig erſchrak, als er von Peter Mangels die Auftritte der vergange⸗ nen Nacht und des heutigen Morgens erfuhr. „Ich fürchte,“ ſchloß Peter ſeinen Bericht,„daß Ihre Tochter am Sterben liegt.“ „Am Sterben!“ rief voll Gewiſſensangſt der Vater. „Oh, laßt mich zu ihr! Ich bin vielleicht zu hart ge⸗ weſen! Laßt mich zu ihr!“ Als er in die Krankenſtube eilen wollte, trat ihm der Arzt entgegen und verweigerte ihm mit Entſchie⸗ denheit den Eintritt. 4 30 „Aber ich bin ihr Vater!“ drängte Mr. Bently. „Gleichviel! Es darf Niemand hinein,“ entgegnete der Arzt.„Der Zuſtand der Kranken iſt ſehr bedenk⸗ lich, und die geringſte Aufregung kann gefährliche Fol⸗ gen haben.“ »Es iſt doch Hoffnung vorhanden?“ fragte Mr. Bently. „Hoffnung wohl,“ lautete die Antwort,„aber ſie iſt ſo gering, daß ſie von einem Hauche abhängt. Erſt nach vierundzwanzig Stunden werde ich mich beſtimm⸗ ter ausſprechen können.“ Am folgenden Morgen verkündete der Arzt eine leichte Beſſerung im Befinden der Kranken, und nun, etwas beruhigt, eilte Peter Mangles nach der Stadt in ſein Comptoir. Unterwegs begegnete er Rahels Gatten, welcher ihm mit einer ſo ſchmerzerfüllten Miene V näher trat, daß der gutherzige alte Buchhalter ihm —— keine Vorwürfe zu machen im Stande war. „Um Gotteswillen, nur ein einziges Wort!“ rief der unglückliche Mann.„Meine Frau! Ich habe die ganze Nacht unter ihrem Fenſter gewacht, und mein SKeerz iſt faſt gebrochen.“ „Der Doktor hält ſie für beſſer, Georg, und meint, daß ſie bei ſorgfältiger Pflege ſich wieder erholen —yͤͤͤͤͤhͤhhn gemordet. Oh, laſtete nur der Untergang meines ar⸗ men Knaben eben ſo wenig auf meiner Seele, als ihr Tod!“ könne.“ „Gott ſei Dank, dann habe ich ſie wenigſtens nicht 4 „Haben Sie nichts von ihm in Erfahrung ge⸗ bracht?“ „Nichts!“ ſtöhnte der reuevolle Vater.„Auf jeder 34 Polizei⸗Station habe ich nachgefragt und jeden Schlupf⸗ winkel des Laſters durchſtöbert, ohne eine Spur von ihm zu entdecken.“ 3 „Die ganze Nacht draußen, und noch dazu in ſol⸗ cher Nacht!“ dachte Peter Mangles, vor Mitleid er⸗ griffen.„Da, Georg,“ fügte er laut hinzu,„Sie müſ⸗ ſen einer Erfriſchung bedürfen.“ Georg drückte Peters Hand, lehnte aber die ange⸗ botene Gabe ab. „Fortan ſoll das Brod, das ich eſſe, die Frucht des Fleißes ſein,“ ſagte er.„Es iſt nicht Stolz, glaubt mir, nicht Stolz, denn dieſer iſt längſt niedergetreten, ſondern der feſte Entſchluß eines reuigen Sünders, wo möglich ſeinen befleckten Namen wieder zu Ehren zu bringen, die Verzeihung meines gekränkten Weibes zu erlangen, und mit dem Bewußtſein ſterben zu können, daß meine armen Kinder dem Andenken ihres Vaters nicht fluchen werden.“ „Er gibt noch Hoffnung!“ rief Peter Mangles, als Georg raſch von ihm fort ging.„Ich habe dies immer geſagt, ſeit ich bemerkte, daß er ſchon als Knabe ſein kleines Kaſſenbuch ſtets in beſter Ordnung hielt.« Rahel erholte ſich nach und nach, wozu beſonders der Empfang des Briefes beitrug, den Richard vor ſeiner Abreiſe nach Jerſey an ſie geſchrieben hatte, und durch welchen ſie wenigſtens die Gewißheit erlangte, daß er ſich noch am Leben und in guten Verhältniſſen befand. In dem Maße, wie ihre Geſundheit ſich befeſtigte, erkaltete auch zu gleicher Zeit das Herz ihres Vaters wieder gegen ſie, beſonders von dem Augenblicke an, wo ſie erklärt hatte, ihr Schickſal von dem ihres Gat⸗ 32 ten nicht trennen zu wollen. Mr. Bently hatte ihr nämlich durch Peter Mangles erklären laſſen, er wäre bereit, ſie wieder als Tochter in ſein Haus aufzuneh⸗ men, nur mit der einzigen Bedingung, daß ſie ſich rechtlich von ihrem Manne ſcheiden laſſe. Dieſer Bedingung hatte ſich Rahel nicht unterwer⸗ fen wollen, und daran, nach Peter Mangles Meinung, vollkommen Recht gethan. Georg Markham war nämlich nicht mehr der Trun⸗ kenbold, der er früher geweſen; er hatte ſich von Grund aus gebeſſert, und, ſeitdem er Arbeit in einer Fabrik gefunden, war er ſeit Wochen nie wieder der Verſu⸗ chung erlegen, Troſt im Branntweinglaſe zu finden. Als Peter Mangles ſeinem Principal mittheilte, Rahel ſei entſchloſſen, bei ihrem Manne auf dem Pfade der Beſſerung auszuharren, und ihm den anfangs dor⸗ nigen Weg, der erſt an ſeinem Ende mit Blumen ge⸗ ſchmückt iſt, durch treuen Beiſtand zu erleichtern, konnte MNr. Bently ſein Erſtaunen und ſeinen Unwillen nicht unterdrücken. „Das iſt Wahnſinn, Tollheit!“ rief er aus.„Was kann ſie von einem Säufer erwarten. Die bittere Er⸗ fahrung der Vergangenheit ſollte ſie doch belehren, was ſie von der Zukunft zu hoffen hat.“. „Aber Georg iſt kein Säufer mehr,“ entgegnete der Buchhalter. „Ein Dieb!“ fügte Mr. Bently leidenſchaftlich hinzu. Eine ſo ungerechte Beſchuldigung würde der reiche Kaufmann ſich nicht erlaubt haben, wenn er nicht ſo furchtbar aufgeregt geweſen wäre. Peter aber ergriff mit Wärme Georgs Parthie und vertheidigte ſeinen Schützling. 33 „Sie ſind heute in ſehr ſchlechter Laune, Richard,“ ſagte er.„Wie oft muß ich Ihnen noch wiederholen, daß Sie ſelbſt nicht ehrlicher ſind, als Ihr Schwieger⸗ ſohn. Ja, machen Sie nur große Augen,— in die⸗ ſem Punkte gebe ich kein Haar breit nach.“ „Wer anders hätte die Papiere nehmen können?“ „Wer anders?“ erwiederte Peter.„Ei, der... doch nein, nein! Ich will nicht in den nämlichen Feh⸗ ler verfallen und, wie Sie, ohne Beweiſe den Ruf eines Andern antaſten.“ „Ich weiß, auf wen Ihr abgeſchmackter Argwohn zielt,“ entgegnete der Principal.„Sie können meinen Neffen nicht leiden.“ Der Buchhalter zuckte die Achſeln, wie er zu thun pflegte, wenn er einer Behauptung nicht widerſprechen wollte. „Ich kenne den Grund Ihrer Abneigung gegen ihn,“ fuhr der Kaufmann fort. „Wirklich?« „Er vereitelte Ihren Wunſch, anſtatt des Sterling den Santford nach Oſtindien zu ſchicken, und dies haben Sie ihm nie verziehen.“ „Ja, nie!“ rief der alte Mann mit Nachdruck, „denn dadurch ging die einzige Möglichkeit verloren, das Geheimniß der verſchwundenen zehntauſend Pfund zu enthüllen. Sterling iſt ein ehrlicher, tüchtiger Ge⸗ ſchäftsmann, während Santford— doch ich bin fertig; nichts mehr davon.“ „Sie ſind Willens, ſich auch fernerhin, wie in der letzten Zeit, Georg's und ſeiner Frau thatkräftig an⸗ zunehmen?“ „Jd le Familiengeſchichte. 4. 3 3 34 „Obgleich Sie wiſſen, daß er die Schranke iſt, die mich von meinem Kinde trennt? Ich beſorge ſehr, daß Ihr Vertrauen zu Georg Markham Sie viel zu weit führen wird. Man kann ihm kein Geld anvertrauen?“ „Mein Geld gehört mir,“ rief Peter mit Wärme. „Ich habe es ſauer genug verdient, und ſo will ich denn gerade damit thun, was mir gut dünkt. Mag es Georg zum Fenſter hinauswerfen, wenn er Luſt hat,— er braucht von keinem Menſchen die Erlaubniß dazu einzuholen. Und nun wollen wir den Gegenſtand fallen laſſen. Halten Sie es gegen Ihre Tochter und ihren Mann, wie Sie wollen; über meinen Weg habe ich mich entſchieden.“ Obgleich Peter Mangles ſein Recht wahrte, über ſein Eigenthum nach Gutdünken zu verfügen, und ſo⸗ gar Georg Markham zu erlauben, ſein Geld in's Waſ⸗ ſer zu werfen, war er doch der Letzte in der Welt, der ſich eine ſolche Thorheit hätte zu Schulden kommen laſſen. Seine Freigebigkeit ſtand eben ſo unter dem Einfluſſe der Klugheit, denn als liebevoller Theilnahme für Rahel. Zwar war ihm die Geſellſchaft Rahels und der kleinen Marie faſt ein Bedürfniß geworden, aber dennoch beſchloß er, auf dieſelbe zu verzichten, ſobald ſein Gaſt ſich hinlänglich erholt haben würde, um ein hübſches Häuschen zu beziehen, das er für ſie in der Charlottenſtraße, unfern der Fabrik, in welcher Georg arbeitete, gemiethet und eingerichtet hatte. Der alte Mann wollte, daß das Ehepaar unabhängig ſich be⸗ wege, und nicht durch ſeine Gegenwart eingeengt würde. Es war erſtaunlich, welche Mühe ſich Peter Mang⸗ les mit der innern Einrichtung beſagten Häuschens ge⸗ geben hatte und noch gab. Er that dies mit einer Luſt ———— 35 und Freudigkeit, die kaum halb ſo groß geweſen wäre, wenn er für ſich ſelbſt gearbeitet hätte. Faſt jeden Abend, wenn er aus dem Geſchäft zurückkehrte, brachte er irgend einen nützlichen Gegenſtand mit, und wies ihm den gehörigen Ort im Hauſe an. Dieſes war längſt eingerichtet, aber Rahels Umzug wurde dennoch von einem Tage zum andern hinaus⸗ geſchoben. Peter wußte immer noch etwas zu ändern, oder irgend etwas Neues anzubringen. Endlich gewann es der alte Mann über ſich, in die Trennung zu wil⸗ ligen,— nicht ohne Kampf, da er ſich ohne ſeine Gäſte nicht mehr wohl daheim fühlte, aber— Peter handelte nie gegen ſeine Grundſätze. Er beſtand darauf, ſie ſelbſt in ihre neue Wohnung zu geleiten, und führte ſie mit dem Stolze und dem Glücke eines edlen Herzens überall im Hauſe umher. Die Augen Rahels füllten ſich mit Thränen. „Mein Wohlthäter!“ rief ſie, und verſuchte ſeine Hand zu küſſen, was aber Peter um keinen Preis zu⸗ gelaſſen hätte.„Wie kann ich mich je dankbar bezei⸗ gen für eine ſo heiſpielloſe Güte!“ „Sprechen Sie nicht davon,“ erwiederte Peter tief bewegt. „Mein zukünftiges Benehmen muß mein Dank ſein,“ ſagte Georg Markham. „So iſt's recht, mein Lieber, und einen andern Dank verlange ich nicht. Machen Sie Rahel glücklich, und ich werde mich reichlich belohnt fühlen.“ Marie, die ſich mit kindiſcher Neugierde im ganzen Hauſe umgeſehen hatte, kam jetzt eilig in das hübſche Wohnſtübchen gelaufen. „O Mama, haſt du mein Bett geſehen rief 36 ſie.»Ein ſo ſchönes weißes ſteht dort, und, denke nur, eine wundervolle große Puppe liegt darin.“ In der That, Peter Mangles mußte eine ſehr tiefe Zuneigung zu ſeinem Schützlinge empfinden, da er ſo⸗ gar an ſolche Kleinigkeiten gedacht hatte. „Möge der Himmel ihn belohnen,“ ſagte Rahel, als der alte Mann das Haus wieder verlaſſen hatte. „Wir werden es nie zu thun im Stande ſein.“ Georg Markham verdiente ſich nur einen geringen Wochenlohn; gleichwohl verſicherten er und Rahel ihrem Wohlthäter, daß er für ihre Bedürfniſſe vollkommen ausreiche, und lehnten mit Feſtigkeit jede weitere Un⸗ terſtützung ab. Der alte Buchhalter freute ſich darüber und er achtete ſeinen Schützling um ſo mehr, weil er ſich ſo gut in ſeine untergeordnete Stellung zu fügen wußte. Als er gar erfuhr, daß Georgs Principal, welchem das gute Verhalten deſſelben wohl gefiel, ihm einen Platz in ſeinem Comptoir mit bedeutender Ge⸗ haltserhöhung angeboten, fühlte er ſich ſo ſtolz und zufrieden, wie nur je über ein gutes Geſchäft, das er zu ſeinem eigenen Vortheil gemacht hütte. „Auch Rahel war ſehr erfreut darüber, denn ſie ſah darin eine Bürgſchaft für die Beſſerung ihres Gat⸗ ten, ein Unterpfand, daß er nie wieder auf ſeine ver⸗ derblichen Irrwege zurückkehren werde. 37 Viertes Kapitel. Im Comptoir. Eines Morgens trat Peter Mangles zu ſeiner ge⸗ wöhnlichen Zeit in das Comptoir ſeines Principals und fand ſeltſamer Weiſe dort den Neffen Bently's, Herrn Cerus Kearn, der ſonſt ſehr ſpät an ſeinem Pulte zu erſcheinen pflegte. „Ah!“ rief Peter mit einem ſatyriſchen Lächeln, „die oſtindiſche Poſt iſt angekommen.“ „Sie wiſſen es vermuthlich aus den Zeitungen,“ verſetzte Cerus mit leichtem Erröthen. „Nein!“ „Woher denn?“ „Nun, weil Sie hier ſind.“ „Haben Sie die Correſpondenz durchgegangen?“ fragte Cerus haſtig. Ein trockenes Nein war die einzige Antwort des alten Mannes. 3 39 wäre mir lieb geweſen, ich erwarte Privat⸗ riefe.“ Peter zog den Schlüſſel zum Briefbeutel aus der Taſche. „Halt! Halt!“ rief er, als Cerus ſich ohne Um⸗ ſtände des Inhalts bemächtigen wollte.„Die Briefe dürſen nicht in dieſer Weiſe geöffnet werden,— es i*ſt nicht geſchäftsmäßig.“ Er legte ſie in eine gewiſſe Ordnung vor ſich hin und begann die Muſterung. „Sie nehmen es ja ſehr genau, murmelt⸗ Eerus ungeduldig. 8 38 „Man kann nicht genau genug ſein.“ „Allerdings, gegen die Comptoriſten!“ „Gegen Jedermann!“ „Sie vergeſſen, daß ich Aſſocié bin.“ „Ich vergeſſe ſelten etwas, Mr. Kearn,“ entgegnete der alte Mann,„nicht einmal, daß Sie mit einem Ach⸗ tel im Geſchäft betheiligt ſind. Ei, ſieh' da— ein neuer Beweis von der Vortrefflichkeit meines Gedächt⸗ niſſes— hier iſt der Vrief, den Sie erwarten, von der Hand Ihres Freundes Santford.“ Abermals ſpielte ein ſatyriſches Lächeln um Peters Lippen. Cerus riß den Brief haſtig an ſich und er⸗ brach das Siegel. „Neuigkeiten für die Firma?“ „Nein; es iſt kein Geſchäftsbrief.“ „Dann geht er mich nichts an,“ verſetzte Peter, den Reſt der Correſpondenz ordend.„Was Teufels, fügte er murmelnd hinzu,„woher mag dieſer ſein?“ Der fragliche Brief war hübſch, aber nicht von einer Geſchäftshand an Mr. Bently überſchrieben, und als „Privat“ mit dem Aufgabeort Jerſey bezeichnet. „Schon der zweite ſeit einem Monat,“ dachte Pe⸗ ter.„Treibt denn Richard Bently dort Privat⸗ Spe⸗ culationen?“ Als der genannte Herr im Comptoir anlangte, war der einzige Brief, welchen er anſah, derjenige, der Peters Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen hatte. Mr. Bently las ihn ſorgfältig durch, und ein Bicher umſpielte und verſchönerte ſeine ſonſt ernſten ug Geſchäft?⸗ fragte der Buchhalter. 39 „Privat,“ verſetzte der Kaufmann,„im Geſchäft habe ich kein Geheimniß vor Ihnen.“ „Hier ſind noch andere Briefe,— aus Oſtindien.“ „Bitte, verſchonen Sie mich damit, Sie wiſſen ja, wie ſie zu beantworten ſind.“— „Ihr Neffe hat einen von ſeinem Freunde Santford erhalten. Er ſchien ihn ſehr ängſtlich zu erwarten,— war ſchon vor meiner Ankunft hier. Sonſt kommt er nicht ſo früh.“ „Sol Und was ſchließen Sie daraus?“ „Nichts! Nichts!“ verſetzte der alte Mann.„Nur kommt es mir ſonderbar vor, daß beide Aſſocis am gleichen Tage Privatbriefe erhalten. Ich habe übrigens noch andere Neuigkeiten. Stanſon und Compa nie ſind ſo zufrieden mit dem muſterhaften Betragen Ihres Schwiegerſohns, daß ſie ihm einen Platz in ihrem Comptoire angewieſen haben.“ Mr. Bently horchte hoch auf und ſchien ſich über die Nachricht zu freuen, obgleich er es nicht merken ließ. „Hat er ihn angenommen?“ „Dieſen Morgen angetreten.“ Seit längerer Zeit zum erſten Male fragte jetzt der Vater nach der Geſundheit ſeiner Tochter. „Beſſer, viel beſſer,“ Richard Bently,—„das gute Verhalten ihres Mannes wirkt wunderbar kräftigend auf ſie ein.“ „Sie fühlt ſich alſo jetzt glücklich?“ „Glücklich wohl nicht, denn die arme Mutter grämt ſich über ihren verſchwundenen Knaben.“ „Ach ja, richtig!“ murmelte Mr. Bently. „Und die Tochter ſehnt ſich nach des Vaters Ver⸗ 40 zeihung, fügte Peter hinzu.„Na, machen Sie nicht ſo ein grimmiges Geſicht, ich bin ſchon fertig. Aber denken Sie an mich, eines Tages werden Sie Ihr grauſames Benehmen gegen Ihre Tochter bitter be⸗ reuen.. „Ich denke, Peter, wir ſind überein gekommen, nicht mehr über dieſen Gegenſtand zu ſprechen,“ ſagte der Kaufmann, indem er vertranlich ſeine Hand auf Peters Schulter legte.„Der Erfolg mag lehren, ob mein oder Ihr Verfahren das weiſere war.“ „Meinetwegen,“ brummte der Buchhalter, indem er ſich an ſein Pult ſetzte und raſch zu ſchreiben be⸗ gann,„ich habe keine Furcht.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Mr. Bently. Ein dumpfes„Him“ Peters war ſeine Antwort auf jene Aeußerung. Mr. Bently dachte noch geraume Zeit über den In⸗ halt ſeiner Unterredung mit Peter nach, und fragte mehr als einmal ſich ſelbſt, ob er nicht unklug an ſei⸗ nem Schwiegerſohn gehandelt, und ihn wegen der be⸗ wußten Werthpapiere fälſchlich beargwohnt habe. Aber wer konnte denn der Dieb ſein? Die Löſung dieſer Frage lag ihm täglich mehr am Herzen. Der Dieb⸗ ſtahl muß durch Jemand vom Hauſe verübt worden ſein. Georg Markham hatte ein Geſchäft für eigene Rechnung angefangen, und die tauſend Pfund, die Maria ihm zugebracht, hatten ſich als eine zu kleine Summe erwieſen, um ihn auf die Dauer flott zu er⸗ halten. Mr. Bently begann ſtarke Zweifel an ſeiner Schuld zu hegen. Der gebeſſerte Trinker hatte ſeine neue Rolle noch nicht lange behauptet, als ein zweiter und noch viel 41 wichtigerer Wechſel in ſeinen Ausſichten ſtattfand. Ein Herr Thornton, der ſchon ſeit vielen Jahren mit der Firma Bently und Compagnie bekannt war, machte Peter im Comptoir einen Beſuch, und theilte ihm im Laufe der Unterhaltung ſeine Abſicht mit, einen Zweig ſeines Geſchäftes nach London zu verlegen. „Freut mich, dies zu hören,“ verſetzte der Buch⸗ halter, der ſich im Schreiben nicht ſtören ließ. „Es wird allerdings ein ſchönes Kapital koſten,“ fuhr der Fabrikant fort,„aber dies iſt nicht die Haupt⸗ Schwierigkeit. Wenn ich nur einen Mann von Ta⸗ lent, Geſchäftskenntniß und unerſchütterlicher Recht⸗ ſchaffenheit wüßte, der in meiner Abweſenheit das Ge⸗ ſchäft leitete.“ Jetzt legte Peter Mangles die Feder bei Seite, denn er dachte an Georg, an Rahel, an die kleine Marie. Ich weiß den rechten Mann,“ ſagte er.„Für ſei⸗ nen rechtſchaffenen Charakter kann ich einſtehen, denn er iſt unter meinen Augen aufgewachſen, und nie, ſelbſt als er noch blos ein Knabe war, habe ich einen Irr⸗ thum in Führung ſeiner kleinen Kaſſe wahrgenommen. Bently ſchlägt dies zwar nicht hoch an, aber wir Beide wiſſen wohl, was die Verſuchung zu bedeuten hat.“ „Iſt er nüchtern?“ fragte Mr. Thorton. „Jetzt ſehr nüchtern, aber er war ein Trinker. Kurz ich meine keinen Anderen, als Georg Markham.“ „Bently's Schwiegerſohn?“ „Ja, Bently's, der nie weiſe und gerecht gegen den armen Jungen gehandelt hat, und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr weh dies mir thut.« Er ſchilderte nun Georgs ganzes Leben der Wahr⸗ 42 heit gemäß, und der reiche Fabrikant hörte ihm mit wohlwollender Theilnahme zu. „Er dauert mich,“ bemerkte er als Peter zu Ende war,„und ich möchte ihm wohl nützlich werden; aber als vorſichtiger Mann kann ich ihm mein neues Eta⸗ bliſſement nicht ohne Bürgſchaft anvertrauen.“ „Bürgſchaft? Für was?« „Für ſeine Ehrlichkeit.“ „Ich meine, für welchen Betrag?“ „Fünftauſend Pfund.“. Peter Mangles ergriff ſeine Feder, ſchrieb ſehr be⸗ dächtig ein halbes Dutzend Zeilen, und überlas ſie dann ſorgfältig zweimal, um ſich zu überzeugen, daß kein Fehler darin ſei. Es war nämlich das wichtigſte Schriftſtück, das er je in ſeinem Leben unterzeichnet hatte, indem er ſich mit fünftauſend Pfund Sterling zum Bürgen von Georg Markhams Ehrlichkeit machte. „Da iſt die Bürgſchaft,“ ſagte er, das Dokument Herr Thornton einhändigend,—„und die Stelle...“ „Iſt ſein,“ verſetzte der Fabrikant, indem er das Papier in ſeinem Taſchenbuche bewahrte.„Sie haben wahrhaft edel an Ihrem Freunde gehandelt.“ „Pah, ich laufe keine Gefahr,“ erwiederte der alte Buchhalter beſcheiden, denn er war kein Freund von Lobſprüchen und Dankesergüſſen.„Ich kenne meinen Mann.“ Nie in ſeinem ganzen Leben hatte ſich Peter ſo ſehr nach dem Schluſſe der Geſchäftsſtunde geſehnt, als an dieſem wichtigen Tage. Er trieb es ſogar ſo weit, zur Rückfahrt ein koſtſpieliges Cabriolet zu neh⸗ men, da ihm der Omnibus viel zu langſam für ſeine 43 Ungeduld ging. Anſtatt jedoch nach ſeiner eigenen Wohnung zu fahren, wies er den Kutſcher an, vor Markhams Hauſe zu halten. Nichts ging über die Freude und Dankbarkeit des jungen Ehepaars, als ſie die Nachricht von ihren ſchö⸗ nen Ausſichten in die Zukunft erfuhren, und tief rührte ſie der Edelſinn ihres alten Freundes. Rahel konnte vor Thränen keine Worte des Dankes finden. „Wie kann ich ſo viel Güte verdienen,“ rief Georg innigſt gerührt und ergriffen.„Mit Worten kann ich Ihnen nicht danken, die Zukunft muß es thun. Fürch⸗ ten Sie nichts von mir, denn trotz aller meiner Feh⸗ ler hat mich doch noch nie ein unehrlicher Gedanke in Verſuchung geführt.“ „Ich glaube Ihnen, mein lieber Georg,“ verſetzte Peter.„Wenn aber je ein ſolcher Fall eintreten ſollte, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Sie dadurch mir Ihre Frau und Ihre Marie rauben.“ Es war ein glücklicher Abend für die kleine Fami⸗ lie, und nur auf der Stirn der Mutter ſchwebte zu⸗ weilen eine düſtere Wolke. Sie dachte an ihren ver⸗ lorenen Sohn, und obſchon ein Lächeln ihren Mund umſchwebte, wohnte doch die Trauer in ihrem Herzen. Fünftes Kapitel. Cerus Kearn. Es iſt erſtaunlich, wie viele Mühe ſich manche Menſchen geben, die einzig wahre Grund auf 44 welche das Glück beruht, zu zerſtören. Wie oft ſehen wir nicht, daß der Menſch den krummen Pfad der Liſt, des Betrugs und des Verbrechens betritt, um zu Vermögen zu gelangen, während der nähere und brei⸗ tere Weg der Rechtſchaffenheit einladend vor ihm ge⸗ öffnet iſt. Er bietet vielleicht im Anfang einige Schwie⸗ rigkeiten, welche einſchüchternd wirken; ſchlimm, wenn man dann ſich von ihm abwendet, oder ihn nicht ſehen will. Cerus Kearn war ganz beſonders von dieſer Schärfe geiſtiger Sehkraft heimgeſucht. Der Schlange gleich, konnte er nie in gerader Richtung ſeinem Ziele ſich nähern. Die Windungen und Schleichwege des Be⸗ trugs ſchienen unüberwindlichen Reiz für ihn zu be⸗ ſitzen. Von Jugend auf hatte er nach zweierlei geſtrebt: nach der Hand der Tochter ſeines Onkels und nach dem Reichthum deſſelben. Die erſte Hoffnung war ihm fehlgeſchlagen, und wie weit die zweite ſich erfüllen ſollte, muß erſt die Zukunft zeigen. Für den Augen⸗ blick ſchien die Wahrſcheinlichkeit auf ſeiner Seite zu ſtehen, denn Mr. Bently war ſeiner Tochter und deren Gatten ſo entfremdet, wie nur je. Wenn Cerus auch unfähig war, bei der Ausfüh⸗ rung ſeiner Pläne den geraden, offenen Weg einzu⸗ ſchlagen, ſo gab es nicht Viele, welche ſich ſo gut dar⸗ auf verſtanden, den krummen zu entdecken. Von ſeiner Bosheit hatte er eine Probe abgelegt in den Anſchlä⸗ gen gegen Georg Markhams Glück und Ruf, die ihm nur zu gut gelungen waren. Von ihm rührte die Ver⸗ dächtigung her, daß Georg die indiſchen Werthpapiere entwendet habe; und ebenſo lieferte er Styles die Mit⸗ “ — 45 tel, den Mann, welchen er haßte, Schritt für Schritt zu dem herabwürdigen Laſter der Trunkenheit zu ver⸗ locken. Als jüngerer Aſſocié der Firma beſaß er einen ge⸗ wiſſen Einfluß auf die Comptoirgehülfen, von denen mehr als Einer, um ſeine Gunſt zu gewinnen, ſich dazu hergab, bei Peter Mangles den Spion zu ſpie⸗ len. Er erhielt daher bald die Kunde davon, daß der alte Buchhalter ſeinen Schützling Georg zur Leitung des zu gründenden Thornton'ſchen Etabliſſements em⸗ pfohlen hatte. Dieſe Nachricht wirkte wie Galle und Wermuth auf ihn, denn ſein Opfer gewann dadurch Ausſicht, ſeiner armſeligen Lage zu entrinnen, und ſei⸗ nen guten Ruf in der Handelswelt wiederherzuſtellen. Cerus ſah nur einen Weg, dies zu verhindern: eine Berufung an die Vorurtheile ſeines Onkels,— und dieſe gedachte er bei der erſten Gelegenheit zu verſuchen. „Wahrſcheinlich haben Sie auch ſchon von Mr. Thornton's Zweig⸗Etabliſſement in London gehört?« ſagte er bald nach der geſchloſſenen Uebereinkunft zu ſeinem Onkel. „Thornton iſt ein unternehmender Mann und ver⸗ dient Erfolg,“ verſetzte Mr. Bently.„Nie ſind die Angelegenheiten einer Firma mit größerer Umſicht und Liberalität geleitet worden.“ „Bisher, ja.“ Der beſondere Nachdruck auf das Wort bishe bewog Mr. Bently, der gerade mit ſeiner auswärtigen Correſpondenz beſchäftigt war, die Augen aufzuſchla⸗ gen und Cerus fragend anzublicken. ——— 46 „Alles,“ fuhr dieſer fort,„wird von der Perſön⸗ lichkeit abhängen, der die Leitung der Geſchäfte anver⸗ traut wird.“ „Ohne Zweifel!“ „Können Sie nicht denken, auf wen ſeine Wahl gefallen iſt?“ „Wie ſollte ich? Mr. Thornton hat mich nicht da⸗ bei zu Rathe gezogen.“ „Ich dachte mir's wohl.“ „Was meinſt du damit, Cerus? Sprich deutlich? Du weißt, daß ich mich nicht auf das Errathen von Räthſeln verſtehe, die ich überhaupt nicht leiden kann.“ „Nun, ich befinde mich in einer peinlichen Lage,“ verſetzte der Heuchler;„denn ich verdanke Ihnen Alles, und muß fürchten, mißverſtanden zu werden. Doch will ich lieber dies wagen, als Ihnen das Recht geben, mir ſpäter mein Schweigen zum Vorwurf zu machen, namentlich wenn der Untergang eines Mannes, der Anſprüche auf Ihre Freundſchaft hat, die Folge ſeiner unüberlegten Wahl ſein ſollte. Auf Mr. Mangles Drängen hat Herr Thornton eingewilligt, die Leitung ſeines neuen Unternehmens Georg Markham zu über⸗ tragen.“ IMr. Bently ſchien durch dieſe Nachricht unange⸗ nehm überraſcht zu ſein, und ſann eine Weile nach. Endlich bemerkte er: „Das war ſehr unvorſichtig von Mangles, und doch habe ich kein Recht, ihm Vorwürfe zu machen, da er als Privatfreund und nicht als mein Buchhalter ge⸗ handelt hat.“ „Ich hoffe, theurer Onkel, daß Sie meine Beweg⸗ gründe nicht mißdeuten,“ ſagte Cerus. K* 47 „Nein, und ich tadle auch deine Bedenken gegen die Wahl nicht, da ich ſie ſelber theile,“ verſetzte Mr. Bently.„Aber Thornton hat mit offenen Augen ge⸗ handelt, er kennt den Charakter des jungen Mannes und muß nun die Folgen auf ſich nehmen. Ich ſehe nicht ein, wie ich mich einmengen ſollte.“ Cerus hatte ſeinen boshaften Zweck verfehlt. Er hatte einen Zornausbruch ſeines Onkels erwartet, und gehofft, derſelbe werde dem Fabrikanten mit Vorſtel⸗ lungen zuſetzen, um die Anſtellung Georgs rückgängig zu machen. Daß dies nicht geſchehen ſollte, verſetzte ihn in Wuth. Um indeß keinen Argwohn zu erregen, verſchloß er ſorgfältig ſeine Gefühle im Innern. Im Laufe des Morgens nahm Mr. Bently die Gelegenheit wahr, ſeinem Buchhalter unter vier Augen Vorſtellungen zu machen. Peter hörte ihm ungeduldig zu. Die Firma war bei der Angelegenheit in keiner Weiſe betheiligt, und darum wollte er von dieſer Seite her keinerlei Einmengung. „Das iſt meine Sache, Richard,“ ſagte er,„und ſo lange ich die Ihrigen nicht verſäume, ſehe ich nicht ein, was Sie von mir wollen. Ich habe eben ſo gut das Recht, Georg Markham zu beſchützen, als Sie, ihn zu unterdrücken. Ich weiß, von woher Ihre Nachrich⸗ ten ſtammen— von Cerus. Ich verſtehe Sie wahr⸗ haftig nicht,“ fuhr er fort.„Sie beurtheilen Ihren Schwiegerſohn nach der Meinung eines Menſchen, der das größte Intereſſe dabei hat, ihn zu Grunde zu rich⸗ ten. Iſt das weiſe? Iſt das gerecht?“ „Sie ſind im Irrthum,“ verſetzte Mr. Bently ge⸗ laſſen,„mein Urtheil iſt ſelbſtſtändig.“ „So? Meinen Sie?“ —ö— 48 „Hat Mr. Thornton Bürgſchaft verlangt?“ „Ich war ſeine Sicherheit.“ „Empfehlungen?“ „Empfehlungen?“ wiederholte Peter ſcharf.„Ich habe geglaubt, Sie wiſſen, daß ich ihn empfahl, und auf der Börſe haben die beſten Häuſer meine Empfehlungen immer für vollwichtig angenommen. Ich weiß, auf was das Alles hinaus läuft, Richard,“ fuhr er ruhiger fort,„Sie wollen bei Thornton Ihren Ein⸗ fluß benützen, um die Uebereinkunft wieder rückgängig zu machen.“ „Warum haben Sie mir nichts davon geſagt?“ fragte Mr. Bently. „Weil ich den ſchlimmen Leidenſchaften Ihres Her⸗ zens nicht Zeit laſſen wollte, ſich einzumengen,“ er⸗ wiederte Peter.„Nicht meine Schuld iſt es, wenn das alte Vertrauen zwiſchen uns nicht mehr beſteht, denn ich habe nichts gethan, um es zu verwirken. Doch mer⸗ ken Sie ſich meine Worte: Wenn Sie Georg Mark⸗ ham um die Ausſicht bringen, wieder ein achtbarer Mann zu werden, ſo ziehe ich mich nicht nur von Ih⸗ rem Hauſe zurück, ſondern trete mit ihm in Compag⸗ nie und fange mit ihm ein eigenes Geſchäft an.“ „Ich beabſichtige nicht, mich einzumengen,“ bemerkte Mr. Bently ruhig. Peter ſah ihn mißtrauiſch an. „Hegen Sie Mißtrauen gegen mein Wort?“ „Wenn es gegeben iſt— nein!“ 3 „So geb' ich es Ihnen jetzt. Wenn unſer Urtheil über meinen Schwiegerſohn ein verſchiedenes iſt, ſo iſt es ein Unglück, keine Schuld. Niemand kann ſich ſeiner Ueberzeugung erwehren, und glauben Sie mir, alter 49 Freund, ſo feſt auch die meinige ſteht, werde ich mich doch glücklich ſchätzen, wenn Sie mir je beweiſen kön⸗ nen, daß ich in Irrthum befangen geweſen bin. Mö⸗ gen Sie nie Veranlaſſung finden, Ihr Vertrauen zu bereuen! Möge Thornton nicht bitter dafür büßen müſſen, daß er Ihrer Empfehlung Gehör gegeben hat.“ „Nun, das war wenigſtens von Herzen geſprochen,“ ſagte Peter.„Hoffen wir das Beſte. Jetzt aber ge⸗ nug, ich muß auf die Börſe, und habe mich bereits um eine volle halbe Stunde verſpätet.“ „Es iſt eine peinliche Aufgabe, vor Peter eine Maske zu tragen,“ ſagte der Kaufmann zu ſich ſelbſt, als Jener ihn verlaſſen hat.„Er hält mich für ein Eiſenherz, und doch, wenn er mich durchſchauen könnte, ſo würde er finden, daß meine Härte nur ſcheinbar iſt. Dieſe indiſchen Papiere! Dieſe unglücklichen Pa⸗ piere! Wäre dieſer Zweifel gehoben, oder wäre ich nur von der Aufrichtigkeit ſeiner Beſſerung überzeugt, wie gerne wollte ich ihn als meinen Schwiegerſohn an⸗ erkennen, wie gerne meine Tochter wieder an mein Herz nehmen. Aber Geduld! Nur Geduld! Der von mir eingeſchlagene Pfad iſt rauh, aber, wenn ich dar⸗ auf ausharre, muß er zuletzt doch zum Glücke führen.“ Im Laufe des ganzen nächſten Jahres war Georg Markhams Betragen der Art, wie es ſeine Gattin und der gute Peter Mangles nur wünſchen konnten. Augen der Liebe und Augen des Haſſes ruhten auf ihm, aber nichts war zu entdecken, was dem Einen Beſorgniß, dem Andern Schadenfreude hätte einflößen können. Früh und ſpät befand ſich Georg im Comptoir ſeines neuen Principals, und entwickelte eine Thätigkeit und Familiengeſchichte. 4 — 50 Umſicht, die ihm ſchnell das ganze Vertrauen des Herrn Thornton gewann. Rahel fühlte ſich ruhig und glücklich, und nur das Andenken an ihren Sohn warf einen Schatten in ihr Leben, der ſie aber nicht mehr ſo ſchwer, wie früher, bedrückte. Denn abermals hatte ſie eines Tages einen Brief von ihrem Sohne bekommen, der ſie ſeiner Liebe verſicherte, und ſie bat, ſeinetwegen nicht in Sorge zu ſein, denn es gehe ihm gut. Das war doch wenig⸗ ſtens ein Troſt und eine Hoffnung, die ihr zagendes Herz mit neuem Muthe erfüllte. Als Peter Mangles, dem natürlich der Brief ge⸗ zeigt wurde, ſeinem Principal davon Mittheilung machte, wechſelte derſelbe die Farbe und war äußerſt betroffen. „Schreibt er, wo er ſich befindet?“ fragte er haſtig. Peter ſchüttelte verneinend den Kopf. Der Kauf⸗ mann athmete leichter auf. „Wir werden ihn ſchon noch finden, Richard,“ ſagte der Buchhalter.„Die Vorſehung handelt immer wei⸗ ſer, als wir wiſſen. Wer nur der Gentleman ſein mag, der ſich des armen Jungen angenommen hat.“ Mr. Bently zuckte die Achſeln. „Glauben Sie wirklich, daß die Porſehung ihre Hand hier im Spiele hat?“ „Sicher! Für Georg Markham war ein harter Schlag nöthig, um ihn zur Erkenntniß ſeiner Laſter⸗ haftigkeit und zur Umkehr zu bringen,— hier haben wir ihn. Der Verluſt ſeines Sohnes und die Ver⸗ zweiflung ſeiner Frau bewirkten ſeine Beſſerung. Auch wollte der Himmel das Werkzeug ſeiner Plane nicht untergehen laſſen, ſondern ſchiate dem Knaben einen 8 K 51 Freund, der ſich mit wahrer Vaterliebe ſeiner an⸗ nahm.“ buir. Pentih betrachtete Peter mit Ueberraſchung; nie zuvor hatte dieſer ſo beredt und zugleich philoſo⸗ phiſch geſprochen.. „Ich habe heute eine Unterhaltung mit Thornton gehabt,“ fuhr Peter fort.„Er kann Georg Markham's Einſicht, Fleiß und Ausdauer nicht genug loben. Das Geſchäft erweitert ſich raſch. Thornton ſpricht davon, es noch zu vergrößern und Ihren Schwiegerſohn zum Aſſocié anzunehmen.“ „Zum Aſſocié?“ wiederholte Mr. Bently überraſcht. „Ja, Richard; und ich bin Willens, eine gewiſſe Summe daran zu rücken, um Georg unter die Arme zu greifen. So! Jetzt iſt mir's vom Herzen.“ „Wie viel?“. „Nun, nicht viel im Anfang. Etwa viertauſend Pfund.“ Nie zuvor hatte Bently ein ſolches Erſtaunen zu erkennen gegeben. Er wollte ſeinen Ohren nicht trauen, ſo außerordentlich erſchien ihm die Mittheilung, daß ſein alter Buchhalter eine ſolche Summe auf's Spiel zu ſetzen entſchloſſen war, und murmelte etwas von Gefahr für ſich hin. Mangles griff das Wort auf und zog ein ernſtes Geſicht. „Nur auf das Verhalten eines Menſchen hin, deſ⸗ ſen Rechtlichkeit nicht zweifellos iſt, wollen Sie ſo viel Geld hergeben?“ fragte Mr. Bently.— Peters Geſicht klärte ſich wieder auſ. „Ich dachte, Sie hätten etwas Weſentlicheres ein⸗ zuwenden,“ erwiederte er, aber ich ſehe, es iſt nur Ihr altes Vorurtheil. Pah! Ich habe Ihnen immer 52 geſagt, daß Georg ſo ehrlich iſt wie mein Hauptbuch, und die Erfahrung des vergangenenr ⸗ Jahres hat dies beſtätigt.“ „Wie hoffen Sie die genannte Summe Eiubrin⸗ gen?« fragte Mr. Bently, der wußte, daß Peters Gel⸗ der entweder auf Hypothek oder in ſehr guten Actien angelegt waren. Peter kratzte ſich hinter den Ohren. Geld hatte er wohl genug, aber die Wahl unter den Papieren, die er verwerthen wollte, brachte ihn in Verlegenheit. „Ich werde wohl eine Hypothek kündigen müſſen,“ ſagte er. „Dazu gehört aber Zeit.“ „Ein Monat oder ſo.“ „Und die Hypothek verzinst ſich gut?“ „Zu fünf Procent. Die Sicherheit iſt dazu ausge⸗ zeichnet, und...“ „Da wäre es Schade, wenn Sie das Geld zurück⸗ zögen,“ unterbrach ihn Mr. Bently.„Cediren Sie den Pfandſchein an mich, und ich ſchreibe Ihnen eine Anweiſung auf das Geld. Wenn ſich Ihre Er⸗ wartungen von Georgs Betragen und Erfolg verwirk⸗ lichen, ſo können Sie den Pfandſchein ſpäter wieder einlöſen.“ Peter ſtaunte. Daß Mr. Bently mittelbar oder unmittelbar zu dem Emporkommen ſeines Schwieger⸗ ſohnes etwas beitragen könne, lag ſo ganz außer aller ſeiner Berechnung, daß dem alten Manne der Verſtand ſtille ſtand und er auf die Vermuthung gerieth, er müſſe ſich nicht klar genug über die Verwendung des Geldes ausgedrückt haben. 53 „Haben Sie guch mich recht verſtanden, Richard?“ fragte er. 1 5) ommen!“ „ daß das Geld—“ „Ihren Freund in die Lage ſetzen ſoll, ſich an Touorntons Firma zu betheiligen. Ich ſehe nichts ſo Außerordentliches in meinem Anerbieten. Die Sicher⸗ heit iſt gut, und ich möchte Ihnen einen Dienſt leiſten.“ „Ah ſo,“ ſeufzte der alte Buchhalter. „Doch wünſche ich nicht,“ bemerkte noch Mr. Bently, „daß von der Sache geſprochen wird.“ „Haben Sie keine Sorge deßhalb,“ ſagte Peter. „Sie nehmen alſo mein Anerbieten an?“ „Ja.“ Noch in derſelben Woche fand die Ceſſion des Pfand⸗ ſcheines ſtatt; das Geld wurde an die Firma Thorn⸗ ton ausgezahlt und der Vertrag mit Georg Markham unnterzeichnet. Fortan erſchien ſein Name in Verbin⸗ ddung mit dem des Herrn Thornton, der in der Han⸗ ddelswelt ſehr hoch ſtand. Es war ein glücklicher Tag für Peter Mangles, der glücklichſte, den er noch erlebt zu haben glaubte. Ein ſehr ärgerlicher Tag aber war es für Herrn Cerus Kearn, deſſen Wuth noch durch die triumphirende Miene erhöht wurde, mit welcher der alte Buchhalter ihn be⸗ trachtete. Sein Aerger war freilich nicht ohne guten Grund. Der Mann, den er haßte, den er mit aller Macht zu vernichten geſtrebt hatte, deſſen gänzlichen Unt er vorausgeſetzt, und von dem er auf der Bu⸗ als von einem Abenteurer, einer Null zu ſp 54 pflegt, dieſer ſelbe Mann war nun eine achtbare Größe in der Handelswelt, und hatte einen Ramen, eine Stel⸗ lung an der Börſe. Der Gedanke war für ihn Galle und Wermuth. 4 Fünftes Kapitel. Auf der Inſel Zerſey. Eines Morgens trat Styles, der bereits mehrfach erwähnte Agent Kearn's, in deſſen Wohngemach und begrüßte ihn mit frecher Vertraulichkeit. „Ich habe eine Neuigkeit für Sie, die Sie mir hoffentlich gut bezahlen werden,“ ſagte er.„Es be⸗ trifft Ihren Onkel, Mr. Bently.“ „Wirklich?“ „Sie hätten gern gewußt, wohin er ging, als er vor einigen Wochen ſich ſo geheimnißvoll entfernte.“ „Können Sie darüber Auskunft geben?“ fragte Cerus haſtig. „Ja. „So ſprechen Sie. Es iſt mir... „Nicht ſo haſtig, Mr. Cerus,“ unterbrach ihn Sty⸗ les,„es handelt ſich zunächſt um ein Uebereinkommen. Um die Dankbarkeit iſt es eine ſchöne Sache, aber ich traue ihr bei Niemand allzu weit.“ Cerus Kearn verſtand ſehr gut, was Styles meinte, eichte ihm zehn Goldſtücke hin, die derſelbe Und einſteckte. 5⁵ „Nun denn, ſo will ich ſprechen,“ ſagte er,— Mr. Bently ging nach Jerſey.“ „Nach Jerſey? Er hat dort keine Geſchäftsverbin⸗ dungen.“ „Nein, aber er hat dort einen Knaben in die Schule gethan.“ Cerus ſprang, wie vom Blitze getroffen, bei dieſer Kunde von ſeinem Stuhle in die Höhe. Ein Argwohn zuckte durch ſein Gehirn. War jener Knabe vielleicht ſeines Onkels verſchwundener Enkel, Richard Mark⸗ ham? „Dieſe Nachricht iſt in der That ihre zehn Pfund werth,“ rief er aus.„Jerſey! Hum!“ Er erinnerte ſich dabei der als„privat“ bezeichne⸗ ten Briefe, über die Peter Mangles ſich den Kopf ſo ſehr zerbrochen hatte. „Gehen Sie,“ ſagte er zu Styles.„Ich muß über dieſe Angelegenheit nachdenken.“ „Es muß ſein Enkel ſein,“ murmelte Cerus, als er allein war.„Ob die Markham's wohl etwas davon wiſſen? Nein! denn er hat das Geheimniß ſogar gegen Peter Mangles bewahrt.“ Er muß den Knaben ſeinen Eltern geſtohlen haben, jedenfalls in der Abſicht, ihn zu ſeinem Nachfolger im Geſchäft heranzubilden, und ihn zu ſeinem Erben zu machen. Zu ſeinem Erben! Nie! Ich habe mich zu tief in Sünden verſtrickt, um dieſen Preis fahren zu laſſen. Als Rahel mich ver⸗ ſchmähte, ſchwor ich, daß wenigſtens ihres Vaters Reich⸗ thum mein werden müſſe. Onkel, du ſpielſt eine ge⸗ fährliche Rolle gegen mich, wir wollen ſehen, wer zu⸗ letzt gewinnt. Für den Augenblick haſt du die Trümpfe —— 56 in der Hand, aber morgen ſchon fallen ſie vielleicht mir zu.“ Unter ſolchen Betrachtungen ging Cerus in ſeinem Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit glitt ein fin⸗ ſteres Lächeln über ſein Geſicht, wenn er irgend einen friſchen Zug in ſeinem Spiele entdeckte, oder in ſeiner Einbildungskraft einen glänzenden Erfolg ſeiner Pläne herbeizauberte. Einige Zeit darauf kam Styles abermals zu Cerus Kearn, und theilte ihm neue Nachrichten. „Alles iſt richtig,“ ſagte er.„Der Junge in Jer⸗ ſey iſt Georg Markham's Sohn, in Penſion bei einem Geiſtlichen, der nur Söhne von reichen Leuten auf⸗ nimmt. Mr. Bently hat ihn ſchon zweimal beſucht, und es ſcheint, als ob er ſein ganzes Herz an den Knaben gehängt hat. Ohne Zweifel hat er die Abſicht, ihn zu ſeinem Erben zu machen.“ „Vielleicht,“ antwortete Cerus mit Bitterkeit.„Ich danke Ihnen für dieſe Nachricht, habe aber nicht die Abſicht, Ihre Dienſte ferner in Anſpruch zu nehmen.“ Er gab ihm abermals einige Goldſtücke und ent⸗ ließ ihn. Cerus brütete über einen Streich, den er ſeinem Onkel ſpielen wollte, und war bald mit ſeinen Abſich⸗ ten im Reinen. Er ging in einen der zahlreichen Läden in Haymarket und kaufte ſich daſelbſt einen künſtlichen Schnurrbart und eine militäriſche Halbuniform. Zu welchem Zwecke, werden wir ſpäter erfahren; für jetzt wollen wir wieder einmal zu Nichard Markham zurück⸗ kehren. Richard hatte ſich nun etwa ein Jahr unter der Obhut des Pfarrers Brown befunden, und dort die * 57 befriedigendſten Fortſchritte gemacht, da der Schmerz über die Trennung von ſeiner Mutter ihn nicht blind gegen die Vortheile eines guten Unterrichts machten. Die ſchwierigſten Lehrgegenſtände bewältigte er mit ſolcher Leichtigkeit, daß er bald die Knaben einholte, welche ſchon mehrere Jahre unter der Obhut des wür⸗ digen Geiſtlichen geſtanden hatten. Im Lateiniſchen war er ſchon ſehr weit voran, aber ſeine Talente zeig⸗ ten ſich hauptſächlich in Erlernung der lebenden Spra⸗ chen, namentlich des Hindoſtan'ſchen, in welchem Mr. Brown Unterricht ertheilte. Richards beſter Freund war Heinrich Morton, der Sohn des Rechtsgelehrten, in deſſen Hauſe er die Neu⸗ jahrsnacht zugebracht, die einen ſo merkwürdigen Ein⸗ fluß auf ſeine Zukunft ausgeübt hatte. Der Knabe ſtand mit ihm in gleichem Alter, und zeigte ein offe⸗ nes, freimüthiges, edles Weſen. Es herrſchte vollkom⸗ menes Vertrauen zwiſchen Beiden. Die erſte ſchwere Prüfung für Richard waren die Sommerferien, als ſeine Kameraden zu ihren Verwand⸗ ten und an den elterlichen Herd zurückkehrten. Schon Wochen vor dem Ereigniß, der für einen Schulknaben ſo wichtig iſt, mußte er mit anhören, wie ſie im Vor⸗ genuß ſchwelgten, und welche Vergnügungspläne ſie für die Ferien entwarfen. Das Herz wurde ihm ſchwer dabei,— nicht aus Neid, ſondern aus Kummer. Dies machte ihn verſchloſſen und einſylbig, und eines Morgens zog er ſich, ſtatt an den Spielen der übrigen Knaben Theil zu nehmen, nach einem abgele⸗ genen Winkel des Spielplatzes zurück, um einſam ſei⸗ nen Gedanken nachzuhängen. Heinrich vermißte ihn N XN — 58 bald und ſuchte ihn auf. Zu ſeiner Ueberraſchung fand er ihn in Thränen. „Was iſt dir, Richard?“ fragte er theilnehmend. „Ich kann es nicht ertragen, dich ſo trübſinnig zu ſehen.“ „Nichts!“ verſetzte Richard mit erzwungenem Lächeln. „Du weinſt gewöhnlich nicht um Nichts,“ ſagte ſein Freund.“ Faſt ſollte man meinen, daß die Nähe der Ferien dir ſchmerzlich iſt.“ „Das iſt in der That der Fall.“ „Warum?“ „Erſtens werden ſie mich von dir trennen.“ „Aber auch du wirſt doch deine Verwandten beſu⸗ chen, und die Trennung dauert ja nur wenige Wochen!“ Zum großen Erſtaunen Heinrichs erzählt nun Ri⸗ chard, daß er während der Ferien auf der Inſel zu⸗ rückbleiben müſſe, und daß er aus Urſachen die er nicht mittheilen dürfe, noch lange, lange Zeit keine Ausſicht habe, ſeine Eltern wiederzuſehen. „Du gehſt alſo nicht von hier fort, nicht zu deinen Eltern!“ „Nein.“ „Was haſt du denn verbrochen, um eine ſolche Strafe zu verdienen? Bown ſagt, du wärſt ſein beſter Schüler, und ich muß ihm hierin beipflichten.“ Ein helles Roth überflog Richards Antlitz. „Ich glaube, es iſt eher eine Fürſorge, als eine Strafe,“ antwortete er. „Eine Fürſorge?“* „Ja; damit ich nicht weglaufe. Haſt du nie be⸗ bemerkt, daß ich von allen unſeren Knaben der Ein⸗ zige bin, der kein Taſchengeld bekommt?“ 59 „Ja freilich, und es iſt uns Allen aufgefallen.“ „Nun, ich brauchte nur mein Wort zu geben, daß ich die Inſel nicht verlaſſen wollte, und ich würde wie die Andern Taſchengeld erhalten,— aber ich habe es nicht gethan. Du mußt mich jetzt nicht weiter fragen, Heinrich, denn ich darf dir nicht antworten. Verſprich mir, um dieſer Mittheilung willen nichts Schlimmes von mir zu denken, und mich nicht weniger zu lieben.“ Heinrich verſicherte ihn mit Wärme, daß Nichts ſeine Freundſchaft zu ihm erſchüttern könne. Und ſo endete die Unterhaltung der beiden Knaben. Am nämlichen Tage ſchrieb Heinrich an ſeinen Vater einen langen Brief, in welchem er demſelben ſeinen Freund Richard mit der Beredtſamkeit jugend⸗ licher Begeiſterung ſchilderte; er ſprach von der trau⸗ rigen Stellung deſſelben, und ſchloß mit der Bitte um die Erlaubniß, Richard mitbringen zu dürfen. Der Brief intereſſirte Herr Morton ſo ſehr, daß er ihn ſeinem Clienten zeigte, der, wie wir nicht län⸗ ger zu verhehlen brauchen, niemand anders, als der reiche Kaufmann Mr. Bently war. Der alte Mann fühlte ſich bei Durchleſung des Schreiben tief ergriffen. Die Schilderung von den guten Eigenſchaften ſeines Enkels, ſein Fleiß und ſeine Fortſchritte, nicht min⸗ der die Standhaftigkeit, mit der er an ſeinem Ver⸗ ſprechen feſthielt, machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Wenn es ſich mit dem Plane, den er für die Beſſerung ſeines Schwiegerſohnes entworfen, vertragen hätte, ſo würde er gern ſeine Zuſtimmung zum Vor⸗ ſchlage des jungen Morton gegeben haben. Doch dies war unmöglich, und auf ſeine Weiſung hin gab der Rechtsgelehrte ſeinem Sohn eine abſchlägige Antwort. —— 60 Als Grund gab er an, wenn die Angehörigen Richards beſchloſſen hätten, denſelben während der Ferien in der Penſion zu laſſen, ſo halte er den Lehrer nicht für be⸗ fugt, eine Abweichung von dieſer Maßregel zu ge⸗ ſtatten. Der arme Heinrich ſah ſich in ſeinen Hoffnungen ſchmerzlich getäuſcht, und die Knaben trennten ſich un⸗ ter Freundſchafts⸗Verſicherungen, wobei ſie ſich mit der Ausſicht auf baldiges Wiederſehen tröſteten. Der Brief Heinrich Morton's hatte Mr. Bently das lebhafte Verlangen erweckt, ſeinen Pflegling ein⸗ mal wiederzuſehen,“ und dieſes Verlangen wurde bald ſo übermächtig, daß er ſich vornahm, es zu befrie⸗ digen. Richard befand ſich mit einem Buche in der Hand auf dem jetzt vereinſamten Spielplatze, als ſein Lehrer zu ihm kam und ihm mittheilte, das ein Herr aus England angekommen ſei, der ihm zu ſprechen wünſche. „Iſt es Herr Morton?“ fragte Richard haſtig. „Nein, es iſt ein Mann, welcher an Ihrem Wohl ein Intereſſe nimmt, das Ihnen ſonderbar ſcheinen mag, aber trotzdem aus dem wohlmeinendſten Herzen quillt,— der Mann nänlich, der ſie Herr Morton's Oheim anvertraut hat. Er weiß, wie ehrenhaft Sie bisher Ihr Verſprechen gehalten, und welche guten Fortſchritte Sie in Ihren Studien gemacht haben. Ich möchte Ihnen rathen, ihn ſo dankbar zu empfan⸗ gen, wie es ſeine beiſpielloſe und uneigennützige Güte verdient.. „Er hat mich von meiner Mutter getrennt, Sir,“ entgegnete der Knabe ernſt. „Zu Ihrem Beſten,“ verſetzte der Geiſtliche. „Das kann ich nicht einſehen. Es iſt wahr, mir geht nichts ab; ich habe gute Koſt, gute Kleider, und werde gut erzogen; aber das Alles kann mich nicht für den Schmerz entſchädigen, den jener Herr mir be⸗ reitet hat. Und dennoch wollte ich Alles vergeſſen, wenn ich nur einen Augenblick meine Mutter wieder⸗ ſehen und in ihren Armen ruhen dürfte. Es iſt ein grauſames Wohlwollen, unter dem Vorwand einer guten Handlung ein Herz zu zerreißen, das ihn nie beleidigt hat.“ „„Da iſt der Herr,“ ſagte der Geiſtliche, als er Mr. Bently aus dem Hauſe auf den Spielplatz zu⸗ kommen ſah.„Ich will Sie mit ihm allein laſſen. Sie können offen ihre Gefühle gegen ihn ausſprechen, denn ich zweifle nicht, daß Ihr Wohlthäter ſich zu ver⸗ theidigen wiſſen wird.“ Mit dieſen Worten zog ſich der Geiſtliche in einen entlegenen Theil des Gartens zurück, und ließ den Kaufmann mit ſeinem Enkel in der Hoffnung allein, daß eine Verſtändigung ſtattfinden werde, da ſeinem Urtheile nach die Gefühle ſeines Zöglings eben ſo na⸗ türlich als richtig waren. Richard ſtand auf bei der Annäherung des Man⸗ nes, der einen ſo großen Einfluß auf ſeine Beſtim⸗ mung geübt hatte, und blieb kalt, aber in achtungs⸗ voller Haltung vor ihm ſtehen. Trotz ſeiner Jugend ſah er wohl ein, wie viel er der Güte des Fremden verdankte, namentlich, wenn er ſich die traurige Lage vergegenwärtigte, aus welcher ihn derſelbe gerettet hatte. Aber die Gefühle der Dankbarkeit wurden durch die Empfindung erkältet, daß er die gewonnenen 8 8 62 Vortheile mit dem Seelenfrieden ſeiner Mutter habe erkaufen müſſen. Sie betrachteten ſich gegenſeitig eine Weile. Dem reichen Kaufmanne ſchien das beſſere Ausſehen, die anſtändige Haltung, das ſchöne, geiſtvolle Geſicht des Knaben wohl zu gefallen, und hätte er ſeinem inneren Drange folgen wollen, ſo würde er ihn an ſein Herz gedrückt haben. Doch die Zeit war noch nicht gekom⸗ men, die eine Enthüllung rathſam machte. „Ich ſehe, daß Sie mich erkennen,“ ſagte er. „Jd, Sir.“ „Aber Sie freuen ſich nicht, mich wiederzuſehen?“ Richard Markham ſchwieg. „Und doch habe ich, blos Ihnen zu Liebe, eine lange und beſchwerliche Reiſe unternommen.“ „Ach, Sir!“ rief Richard aus,„warum thaten Sie Ihrem Wohlwollen gegen mich dadurch Eintrag, daß Sie mich von allem Verkehr mit meinen Eltern aus⸗ ſchließen? Sie handeln ungerecht gegen ſich ſelbſt, in⸗ dem Sie es mir unmöglich machen, Sie ſo zu lieben, wie ich ſollte, und wie ich Sie lieben könnte, denn mein Inneres ſagt mir, daß Sie es gut mit mir meinen.“ „Und iſt denn das Verlangen, Ihre Eltern zu ſehen, ſo ſtark, daß Sie der Befriedigung deſſelben die Ausſicht auf eine glückliche Zukunft opfern möchten, oder... „Es iſt ſtärker, als je,“ unterbrach ihn der Knabe. „Ich träume von ihnen, und es vergeht kaum eine Nacht, ohne daß ich bleiche Geſichter ſehe, die an mei⸗ ner Schlafſtätte trauern. Sie haben meiner Mutter 63 Herz gebrochen,“ fügte er leidenſchaftlich hinzu,„und mich zum Werkzeuge dabei gebraucht.“ „Vielleicht habe ich es blos verſucht,“ verſetzte Mr. Bently, indem er ſich neben ihn auf die Bank ſetzte,„Richard, ich nehme an Ihrem künftigen Wohle ein tiefes, ein weit tigferes Intereſſe, als Sie ſich vor⸗ ſtellen, und habe deshalb, ſo weit es in meiner Macht lag, vorgebeugt, daß keine unwürdigen Lehren es be⸗ flecken. Nun aber finde ich, daß der Kummer Sie vor der Zeit zum Manne gemacht hat,— zwar nicht an Jahren, aber an Urtheil, und ich will Ihnen jetzt mein Benehmen erklären, obſchon dies anfänglich nicht meine Abſicht war.“ „Ich werde Sie geduldig anhören.“ 4 „Und meinen Gründen Gerechtigkeit wiederfahren laſſen?“ „Ich hoffe ſo!“ verſetzte Richard. „Als wir uns zum erſten Male begegneten,“ nahm Mr. Bently wieder das Wort,„war ich Willens, Sie dem Abgrunde zu entreißen, an deſſen Rand Sie die die Armuth und der Schmerz, Ihre Lieben vor Man⸗ gel umkommen zu ſehen, geführt hatte. Ich zog Er⸗ kundigungen über Sie ein, und bekam dabei Nach⸗ richten von der Geſchichte ihrer Eltern, von der trau⸗ rigen Lage Ihrer Mutter, und,— um keinen bittern Ausdruck zu gebrauchen,— von dem wüſten Leben Ihres Vaters.“ Bei der Anſpielung auf das Laſter ſeines Vaters erröthete Richard tief. „Ehe ich über das von mir einzuſchlagende Be⸗ nehmen einen Entſchluß faßte,“ fuhr Mr. Bently fort, „legte ich mir ſelbſt zwei Fragen vor. War es weiſe, 64 Sie dem befleckenden Einfluß eines ſolchen Beiſpiels zu überlaſſen, indem ich Ihnen den Umgang mit ei⸗ nem Manne geſtattete, der die Pflichten gegen ſein Kind ſo ſchwer vergeſſen hatte?“ „Ich höre Sie, Sir!“ „Zweitens fragte ich mich, ob es nicht etwa mög⸗ lich ſei, Vater und Sohn dadurch zu retten, daß ich den Erſteren über das Schickſal des Letzteren in einer Ungewißheit erhielt, die ſein Gewiſſen erwecken mußte. Denn der Schmerz iſt der einzige wahre Läuterer des Herzens, und dieſe Ueberzeugung bewog mich, nicht Ihre Bitten zu hören, und Sie plötzlich ſpurlos aus London verſchwinden zu laſſen. Dem Himmel ſei Dank, mein Plan iſt gelungen. Georg Markham gehört nicht mehr unter die hoffnungsloſen Trunkenbolde, ſon⸗ dern er hat ſich gebeſſert, und verdankt ſeiner Thätig⸗ keit ein ehrenhaftes Auskommen. Wenn ich Sie ihm zurückgeben kann, werden Sie nicht wegen Ihres Va⸗ ters zu erröthen brauchen.“ In ſtummer Dankhbarkeit faltete der Knabe ſeine Hände. Sein Herz war zu voll für Worte, denn er wußte, wie beglückt ſeine Mutter durch dieſe Aende⸗ rung ſein mußte. „Mit ſeiner Frau,“ fuhr Herr Bently fort,“ hatte ich eine ſchwere Aufgabe. Der Verluſt ihres Sohnes war ein Schlag, der mir ſelbſt das Herz bluten machte. „Ich erfuhr, daß ein treuer Freund ſie der Armuth entriſſen hatte; aber den Schmerz ihrer Seele konnte nur die Zeit heilen. Sie fand Troſt in der Beſſerung ihres Mannes, und ſtärkt ſich an der Hoffnung, daß eines Tages ihr Sohn wieder zurückkehren werde!“ „Oh, Sir,“ ſagte Richard, indem er Mr. Bently's 65 Hand ergriff,„vergeben Sir mir, daß ich Ihr edles Benehmen ſo ungerecht beargwohnte. Wie großes Un⸗ recht habe ich Ihnen gethan!“— „Hören Sie mich vollends an, und ich bin fertig,“ antwortete Mr. Bently.„Wenn Sie Alles wiſſen, ſteht es Ihnen frei, ſelbſt Ihre Entſcheidung zu treffen, und, wenn Sie wollen, zu Ihren Eltern zurückzukehren. Aber faſſen Sie vorher die wahrſcheinlichen Folgen in's Auge. Sie wiſſen, wie oft Ihr Vater ſein Verſpre⸗ chen, ſich zu beſſern, ſchon gebrochen hat. Soll er wie⸗ der in den beklagenswerthen Zuſtand eines Trunken⸗ bolds zurückſinken, oder ziehen Sie es vor, noch ein oder zwei Jahre in Ihrer jetzigen Stellung auszu⸗ harren, damit ſeine guten Entſchlüſſe Wurzeln ſchlagen können? Ich laſſe Ihnen die Wahl.“ 4 Der erſte Antrieb Richards war, in die Arme ſeiner Mutter zurückzukehren. Aber im nächſten Augenblicke erinnerte er ſich, wie oft ſeine Mutter geſagt hatte, ſie möchte ihn lieber todt als entehrt ſehen. Eine einzige Uebereilung ſeinerſeits konnte den Abgrund des Elends für ſeine Mutter öffnen, und Richard wagte es nicht, es darauf ankommen zu laſſen. „Entſcheiden Sie für mich,“ ſagte er mit gepreß⸗ tem Herzen,—„Ihre Weisheit möge über meine Un⸗ erfahrenheit wachen. Ich verſtehe Sie jetzt, und werde auf keinen Fall über Ihren Ausſpruch grollen!“ „Oder mir deine Hand verweigern, wenn ich wie⸗ der einmal nach Jerſey komme?“ ſagte Mr. Bently tief gerührt von dem edlen Benehmen ſeines Enkels. Mit Wärme ergriff der Knabe Mr. Bently's Hand, und führte ſie an ſeine Lippen. Den ganzen Reſt der Ferien blieb der alte Herr Familiengeſchichte..— 5 3 ————.“ 66 auf der Inſel, um ſeinem Enkel Geſellſchaft zu leiſten, und dieſer gewann ihn ſo lieb, daß er mit Bedauern dem Ende der Ferien entgegen ſah. Von jener Zeit an hörten alle Beſchränkungen auf, und Richard Markham erhielt ſo gut, wie jeder andere Knabe, ſein Taſchengeld. Wieder verging die Zeit, es war Hochſommer, und diesmal ſah Richard den Ferien ohne Bedauern ent⸗ gegen. Die Verſtändigung mit ſeinem Wohlthäter hatte eine ſchwere Laſt von ſeinem Herzen gewälzt. So lange er die Seinigen in Armuth und Elend gewähnt, war ſein Herz tief betrübt geweſen; nun er über die⸗ ſen Punkt Beruhigung erlangt hatte, konnte er ge⸗ duldig in ſeiner gegenwärtigen Lage ausharren. Au⸗ ßerdem erwartete er bald den Beſuch des Kaufmanns, deſſen Wohlwollen er durch herzliche Liebe zu erwie⸗ dern begann. . Endlich kam der Tag heran, der ſeine Kameraden in die Heimath entführte. Richard begleitete ſie bis an den Hafendamm, und ſah ihrer Einſchiffung zu. In den letzten Monaten hatte der dankbare Knabe alle ſeine freien Stunden dazu benutzt, von den inter⸗ eſſanteſten Gegenden der Inſel Anſichten zu zeichnen, die er Heinrich Morton, bevor er das Schiff beſtieg, als ein Geſchenk für ſeinen Vater mitgab, deſſen Güte er ſich noch immer ſehr lebhaft errinnerte. Richard hatte abſichtlich mit der Uebergabe des Heftes an Hein⸗ rich bis zum letzten Augenblicke gezögert, um jede Er⸗ örterung zu vermeiden, und dies war ihm denn auch glücklich gelungen. Er ſah dem Schiffe ſo lange nach, bis es hinter den Felſen verſchwunden war, und kehrte dann mit ſeinem Lehrer wieder nach Hauſe zurück. e 67 „Erwarten Sie während dieſer Ferien einen Beſuch von Mr. Brucher?“ fragte Richard. Brucher war der Name, den ſein Großvater auf der Inſel führte. 1 Na, verſetzte der Geiſtliche,„aber erſt in einigen Tagen. Ich freue mich aber ſo ſehr, ihn wiederzu⸗ ſehen, wie Sie, denn ich bin ſtolz auf die Fortſchritte meines Zöglings. Fragen Sie mich übrigens aus ei⸗ nem beſonderen Grunde?“ Der Knabe theilte ihm den längſt gehegten Wunſch mit, einmal eine Fußwanderung um die Inſel zu ma⸗ chen, und die verſchiedenen Buchten derſelben zu be⸗ ſuchen. Da eine ſolche Tour unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden mit keiner Gefahr drohte, ſo gab Mr. Brown bereitwillig ſeine Erlaubniß, und es wurde feſtgeſtellt, daß Richard am nächſten Tage aufbrechen ſollte. Dies geſchah. Da Richard in ſeiner Zeit nicht be⸗ ſchränkt war, ſo machte er nur kleine Wanderungen, und verweilte bei jedem Punkte, der ihm reizend oder intereſſant ſchien. 1 Am dritten Tage ſeiner Wanderung erreichte er eine maleriſche Felſengruppe, welche eine der vielen Inſel⸗Buchten umgab. Durch ihre Vorſprünge in die See war dieſelbe von dem übrigen Lande ſo abge⸗ ſchloſſen, daß ein Menſch, der zur Zeit der Ebbe auf ihr zurückblieb, nur in einem Boote, oder vermittelſt eines an ein Seil befeſtigten Korbes zu entkommen hoffen durfte, in welchem Korbe die Fiſcher zur Be⸗ treibung ihres gefährlichen Gewerbes herabgelaſſen und wieder in die Höhe gezogen werden, während ihre Jol⸗ len bei den Klippen befeſtigt liegen bleiben. Die Landſchaft war in hohem Grade maleriſch, und Richard 5* 8 68 empfand große Luſt ſie zu zeichnen. Er beſaß jedoch nicht hinreichende Kraft, um ſich nach Art der Fiſcher ſelbſt hinab zu laſſen, weil dazu eine eiſerne Fauſt und ein ungewöhnlich ſicheres Auge erforderlich war. Schon wollte er ſeinen Plan wieder aufgeben, als ein militäriſch gekleideter Herr, dem Anſchein nach ein Reiſender, wie Richard ſelbſt, auf dem Felſen erſchien. „Eine ſchöne Landſchaft, junger Herr,“ ſagte der Fremde, indem er näher trat. „Sehr ſchön, Sir!“— „Sie ſind ein Künſtler, wie ich bemerke?“ „Nur ein Liebhaber.“ And möchten eine Skizze von der Bucht aufneh⸗ men 2* „Dies war allerdings meine Abſicht,“ verſetzte Ri⸗ chard,„aber ich muß ſie aufgeben, da ich nicht wage, ohne Unterſtützung das Seil zu benutzen, und man auf eine andere Weiſe nicht hinunter kommen kann.“ Der Fremde näherte ſich vorſichtig dem Rande des Felſen, ſchaute hinunter, und betrachtete einige Minu⸗ ten lang die Bucht ſehr aufmerkſam. „Gibt es in der That keinen Pfad hinunter?“ fragte er. Richard machte ihn darauf aufmerkſam, wie voll⸗ ſtändig die Bucht von dem übrigen Lande abgeſchieden ſei; ſie bilde eigentlich nur eine von den Felſen aus⸗ geſchaufelte Sandgrube, während auf beiden Seiten die Klippen weit in's Meer hinaustraten. Der Fremde muſterte ſorgfältig das Seil, und die rohe, aber ſtarke Winde, an die es befeſtigt war. Allem Anſchein nach bot Beides die vollkommenſte Sicherheit. „Ich bin ſelber ſo ein Stück Maler,“ ſagte er, — 69 „und kann daher Ihr Bedauern verſtehen. Sie ſind nicht ſehr ſchwer, und der Haſpel regelt die Abwicke⸗ lung des Seiles. Wenn Sie den Verſuch machen wol⸗ len, bin ich gern bereit, Sie hinab zu laſſen.“ Dieſes ſcheinbar ſo freundliche Anerbieten wurde dankbar angenommen. Richard legte ſein Reiſegepäck in den Korb, ſtieg dann ſelbſt hinein, und gab dem Fremden ein Zeichen, ihn nieder zu laſſen. Anfangs verrichtete dieſer ſein Geſchäft mit aller Sorgfalt, und haſpelte das Seil langſam von der Winde ab. Als jedoch der Korb ein Drittel der Höhe zurückgelegt hatte, hielt er mit der einen Hand den Haſpel an, und zog mit der andern ein großes Einſchlage⸗Meſſer aus der Taſche. „Am beſten, ich zerſchneide den Strick,“ murmelte er.„Niemand ſieht mich— ein Krach, und Alles iſt vorbei.“ Die Klinge ſteckte feſt, und er ſchickte ſich an, ſie mit den Zähnen aufzumachen. Während er damit beſchäftigt war, konnte man lang⸗ ſam einen Wagen die Straße einherfahren ſehen. Der Pfarrer Brown und Mr. Bently ſaßen darin. Letzterer war früher eingetroffen, als man ihn erwartet hatte, und voll Ungeduld nach dem Anblicke ſeines Enkels ſogleich mit dem würdigen Geiſtlichen aufgebrochen, um ihn aufzuſuchen. Richard war natürlich äußerſt erſtaunt, als der Korb nicht weiter ſank, und rief in die Höhe, um nach der Urſache zu fragen; noch mehr beunruhigte es ihn, als er keine Antwort erhielt. Wenn an der Maſchine etwas ſchadhaft geworden war, ſah er ſeinmn unver⸗ meidlichen Untergang vor Augen. An der Stelle, wo er in furchtbarer Lage mitten zwiſchen Himmel und Erde hing, ſprang ein Felſen⸗ ſtück vor, gerade groß genug, um einem Menſchen zum Stützpunkte zu dienen. Ein ſeltſames Zittern des Seiles diente Richard als warnendes Zeichen, daß Ge⸗ fahr im Verzuge liege. Schnell entſchloſſen ſprang er aus dem Korbe, und erreichte glücklich die rettende Stelle faſt in dem nämlichen Augenblicke, als das Seil riß. Ein Moment ſpäter, und er hätte zerſchmettert im Abgrunde gelegen.. Der Meuchelmörder war ſo ganz und gar von ſei⸗ ner ſchändlichen That in Anſpruch genommen, daß er weder das Rollen der Räder auf dem Raſen, noch die Fußtritte der Männer hörte, welche aus dem Wagen ſtiegen, und auf ihn zu kamen. Der Elende hatte ſich an dem Rande des Felſens auf die Hände und Knie niedergelaſſen, und ſchaute in die Tiefe, als der Geiſt⸗ liche mit Entſetzen im Tone ausrief: „Das Seil iſt geriſſen!“ Bei dieſen Worten ſprang der Mordbube auf, und wurde auf der Stelle trotz ſeiner Verkleidung von Mr. Bently erkannt. „Haltet den Mörder!“ ſchrie der alte Mann laut auf.“ Das Seil iſt nicht geriſſen, ſondern zerſchnitten, und dieſer Schurke Cerus Kearn iſt der Thäter des fluchwürdigen Beginnens!“ „Als Cerus Kearn die Stimme ſeines Onkes hörte, und ſich von ihm erkannt ſah, ergriff er die Flucht in der feſten Ueberzengung, daß er ſeinen abſcheulichen Plan erfolgreich durchgeführt habe. „Ich werde läugnen, daß ich es geweſen bin,“ mur⸗ melte er, während er im eiligſten Laufe davon rannte 2 74 „Niemand kann mir beweiſen, daß ich in der Uniform geſteckt habe, auch mein Herr Onkel nicht. Eine kecke Stirn hilft mir ſchon durch!“ Niemand dachte daran, ihn zu verfolgen, denn die Zurückbleibenden waren von Schrecken und Entſetzen faſt gelähmt. „Ach!“ rief der Geiſtliche im Tone des tiefſten Schmerzes,„der arme Knabe iſt todt!« Bei dem Worte„todt“ ſtieß Mr. Bently einen Schmerzensſchrei aus, und ſank beſinnungslos zu Boden. Durch die lauten Hülferufe des Kutſchers und des Geiſtlichen erſchreckt, eilten mehrere Fiſcher aus der in einiger Entfernung liegenden Hütten herbei. Kaum hatten ſie erfahren, was vorgefallen war, als ſich Ei⸗ nige auf den Weg machten, um den Mörder zu ver⸗ folgen, was ſich ſpäter aber als nutzlos auswies, da Cerus Kearn ſein Entkommen bereits geſichert hatte. „Mein Knabe! Mein armer Knabe!“ murmelte der Kaufmann. Einer der Fiſcher, der älteſte aus dem Häuflein, 3 das ſich um den Wagen geſammelt hatte, lauſchte in die Tiefe hinunter. Ein matter Schrei drang zu ſei⸗ nem Ohre. „Sind Boote draußen?“ fragte er. „Keines!“ verſetzten ſeine Gefährten. „So muß ich den Geiſt des armen Schelmes ge⸗ hört haben.“ Der dumpfe Ruf wiederholte ſich, und einige aber⸗ gläubiſche Gemüther wollten ſchon die Flucht ergreifen, als der Geiſtliche ihnen hindernd in den Weg trat. „Der Himmel hat ihn vielleict wunderbar erhal⸗ 72 ten,“ bemerkte er.„Ich kann meinen Freund nicht verlaſſen; aber Einige von Euch mögen nachſehen, was aus dem Verunglückten geworden iſt. Ihr ſollt gut belohnt werden.“ Von der Hoffnung auf Gewinn angeſpornt, krochen die Männer an den Rand des Felſens. Sie gaben zwar die Möglichkeit des Entkommens nach einem ſol⸗ chen Sturze zu, zweifelten aber doch an der Wahr⸗ ſcheinlichkeit. Zu Aller Ueberraſchung bemerkte Einer von ihnen, daß Richard Markham auf dem Vorſprunge ſaß, dem er ſeine Rettung verdankte. Die Leute wanden nach einem Freudenrufe zuerſt das Seil vollends los, und fanden es glücklicher Weiſe noch lang genug, um bis zu der Stelle zu reichen, wo Richard ſaß. Nachdem man ſich von dieſer That⸗ ſache überzeugt hatte, machte einer der Fiſcher eine Slei an das Ende, und ſeine Kameraden ließen ihn hinab.. Es folgte für Alle ein Augenblick der furchtbarſten S annung, da Niemand voraus wiſſen konnte, ob der Fiſcher ſich nahe genug an den Vorſprung hin ſchwin⸗ gen konnte, und ob nicht, ſelbſt wenn dies anging, das Schwanken des Seiles Beide abſchütteln würde. Ein Jubelruf verkündete, daß wenigſtens der erſte Theil des Verſuches gelungen war. Der Mann hatte Fuß auf dem Felſen gefaßt. „Was iſt geſchehen?“ fragte ihn Richard Markham, der nicht entfernt daran dachte, daß man das Seil ab⸗ ſichtlich durchſchnitten haben könnte. „Ein Unglücksfall, Sir.“* „Ich dachte es. Dem Herrn hat es gewiß recht leid gethan.“ 1 s konnte eine ſo grauſame Handlung begehen? Ich habe 73 Der ehrliche Fiſcher ſchwieg. Er wollte dem Kna⸗ ben durch die Enthüllung, daß ein Mordverſuch auf ſein Leben gemacht worden war, keinen Schrecken ein⸗ agen. ln Obgleich der muthige junge Burſch ſich gegen be⸗ ſondere Vorſichtsmaßregeln ſträubte, beſtand doch der erfahrene Seemann darauf, ihm das Seil nicht nur mit der Schleife, ſondern auch mit ſeiner Halsbinde um den Leib zu befeſtigen, ehe er das Zeichen zum Aufziehen gab. Dieſe Vorſicht erwies ſich als ſehr zweckmäßig, denn ſobald Richard in der Luft ſchwebte, begann das Seil wie ein Uhr⸗Pendel hin und her zu ſchwingen, und zehn gegen eins war zu wetten, daß er zerſchellt worden wäre, wenn ſeine Sicherheit allein von der Feſtigkeit ſeines Geiſtes abgehangen hätte. Als Richard wieder feſten Boden unter ſich ſpürte, fühlte er ſich ſo verwirrt, daß er einige Zeit weder ſeinen Lehrer noch Mr. Bently erkannte. Der Letztere, der vor Aufregung und Schrecken noch ganz blaß aus⸗ ſah, konnte die Freude über das glückliche Entkommen ſeines Enkels nur durch ein ſtummes Dankgebet aus⸗ drücken. „Mein lieber Junge,“ rief Mr. Brown,„von gan⸗ zem Herzen wünſche ich Ihnen Glück.“ Meine Rettung iſt in der That ein Wunder,“ ** verſetzte Richard,„aber ich fühlte, daß das Seil nach⸗ gab, und es gelang mir, noch zu rechter Zeit auf dem Vorſprunge Fuß zu faſſen.“— „Nachgab?“ ſtöhnte ſein Großvater.„Es wurde zerſchnitten!“ „Zerſchnitten?“ wiederholte Richard erſtaunt.„Wer 74 doch nie, ſo viel ich weiß, irgend einem Menſchen ein Leid angethan.“ Mr. Bently's Entſchluß, das zwiſchen ihm und dem Knaben beſtehende Band zu verheimlichen, ſchwand dahin Angeſichts der Gefahr, der Richard nun ſo eben entronnen war. Er drückte ihn an ſeine Bruſt, er⸗ kannte ihn als ſeinen Enkel an, und gelobte, ihn fort⸗ an unter einen ſolchen Schutz zu ſtellen, daß alle und jede Schurkerei daran zu Schanden werden müſſe. „Mein Großvater!“ rief der noch immer verwirrte Knabe, und ſchaute dem alten Mann in das aufge⸗ regte Antlitz,—„oh, das erklärt Alles.“ Ehe ſie nach Mr. Browns Wohnung zurückkehrten, verſammelte der Kaufmann die Fiſcher um ſich, und theilte den Inhalt ſeiner Börſe unter ſie aus. Alle erhielten eine freigebige Belohnung, nur der Mann nicht, der ſich zu Richard in die Tiefe hinunter gelaſ⸗ ſen hatte. Dieſem wurde nicht eine einzige Guinee zu Theil.“ „Wie heißt Ihr?“ fragte ihn der Kaufmann. „Jakob Tawgella, Sir,“ verſetzte der gute Burſche ehrerbietig. „Kommt morgen in die Wohnung dieſes Herrn,“ fuhr Mr. Bently fort,„und Ihr ſollt keinen Grund haben, über meine Sparſamkeit zu klagen. Der mir von Euch geleiſtete Dienſt iſt nicht von der Art, daß er durch ein bloßes Geldgeſchenk belohnt werden könnte. Ich denke dafür Sorge zu tragen, daß Ihr für Eure alten Tage keinen Mangel zu fürchten braucht.“ Vor ſeiner Abreiſe von Jerſey wies Mr. Bently dem Lehrer ſeines Onkels an, das Hindoſtaniſche recht eifrig mit dem Knaben zu betreiben. 75 „Dies iſt mir von beſonderer Wichtigkeit,“ fügte er hinzu.„Seine Beſtimmung ruft Richard nach In⸗ dien.“ „Nach Indien?“ fragte der Geiſtliche verwundert. „Sie könnten ſich von ihm trennen?“ „Es iſt nothwendig wegen der Ehre ſeines Vaters.“ „Ich verſtehe,“ erwiederte Mr. Brown,—„und bin überzeugt, daß dies der ſtärkſte Sporn für ihn ſein wird. Aber die neuerliche Gefahr macht mich für ſeine Sicherheit beſorgt.“ „Es ſoll vorgebeugt werden,“ verſetzte der Kauf⸗ mann.„Ich werde Ihnen einen Wächter ſchicken, den kein Feind beſtechen ſoll.“ Als Mr. Bently von ſeinem Enkel Abſchied nahm, theilte er ihm Manches mit, worüber der Knabe bis⸗ her in Ungewißheit erhalten worden war. Richard er⸗ fuhr, daß er dazu beſtimmt ſei, den Namen ſeines Va⸗ ters wieder zu Ehren zu bringen, und es bedurfte nichts weiter, um alle ſeine Kräfte anzuſtrengen. „Ehe noch ein Jahr um iſt,“ ſagte er,„werden Sie mich vorbereitet finden, die Reiſe nach Indien anzutreten.“ Bald nach Mr. Bently's Abreiſe traf ein Herr bei Mr. Brown ein, welcher einen Brief von dem Kauf⸗ mann überbrachte, deſſen Inhalt dahin lautete, daß der Lieutenant im oſtindiſchen Heere, Mr. Georg Marſh, zum Hüter und Beſchützer Richard's beſtimmt ſei, wel⸗ ches Amt er auch ohne weiteren Verzug annahm. Er und Richard wurden in Kurzem die beſten Freunde, denn Marſh erwies ſich in jeder Beziehung als ein treuer und vollkommener Ehrenmann. 76 Sechstes Kapitel. Ain treuer John. Seit dem Verſuche, den Cerus Kearn auf das Le⸗ ben Richards gemacht hatte, waren zwei Jahre ent⸗ ſchwunden. Mr. Bently verbrachte ſeine Zeit in häu⸗ figen Beſuchen auf Jerſey, oder in tiefſter Zurückgezo⸗ genheit auf Meldowapark, einem herrlichen Landſitze, den er zu ſeinem Vergnügen gepachtet hatte. In dem Charakter des alten Mannes hatte ein merkbarer Wechſel ſtattgefunden, ſeit er einen tiefen Einblick in das wahre Weſen ſeines Neffen gethan hatte. Mr. Bently würde ohne Weiteres mit dem unwürdigen Menſchen gebrochen haben, wenn nicht eine beſondere Rückſicht ihn davon zurückgehalten hätte. Im erſten Zorn über die Verheirathung Rahels hatte er ihm mehr als einen Brief geſchrieben, und darin unverhohlen ſeine Ueberzeugung ausgedrückt, daß die indiſchen Werthpapiere von Georg Markham ent⸗ wendet worden ſein. Die Correſpondenz mit den in⸗ diſchen Banquiers hatte dazu beigetragen, dieſe An⸗ nahme zu bekräftigen. Die Ehre ſeines Schwieger⸗ ſohnes war alſo in die Hände ſeines bitterſten Feindes gegeben. Mehr als einmal hatte der grundſatzloſe Schurke gedroht, dieſe Beweiſe zu veröffentlichen, und den Ruf des verhaßten Mannes zu vernichten,„aber,“ hatte Mr. Bently geſagt,—„wenn du mir dieſe Schande anthuſt, ſo werde ich dich nicht nur enterben, ſondern auch deinen Namen von der Firma ſtreichen.“ 77 Cerus Kearn hütete ſich daher wohl, ſeine Dro⸗ hung auszuführen.* Längſt hatte Mr. Bently ſeine ungünſtige Meinung über Georg Markham geändert, und war mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß nicht er der Dieb der indiſchen Werthpapiere ſei, ſondern ſein un⸗ würdiger Neffe Cerus. Eben darum ſollte ſein Enkel Richard nach Indien gehen, denn nur durch perſönliche Nachforſchung konnte man Aufklärung über den noͤthi⸗ gen Punkt erlangen. Richard hatte mittlerweile ſeine Studien beendet, und zweimal brieflich ſeinen Großvater an das Ver⸗ ſprechen erinnert, ihn nach Indien zu ſenden, damit er die zur Ehrenrettung ſeines Vaters nöthigen Be⸗ weiſe ſammeln könne. Aber dieſes Verſprechen laſtete jetzt ſchwer auf dem Herzen des Kaufmanns, und er beſchloß, Richard wo möglich zu beſtimmen, nicht auf der Erfüllung deſſelben zu beſtehen. Die Liebe zu dem Sohne ſeiner Tochter glich in ihrem Wachsthum dem eines Epheu's, der ſeine Ranke um, eine knorrige Eiche ſchlingt, und anfangs nur zart und klein iſt; ſie treibt dann ein fernes Blättchen, wird allmählig kräftiger, und aus der Ranke tritt eine um die andere friſch de vor, bis endlich unter dem immergrünen Geblätter alle Furchen und Riſſe, die das Alter in den Stamm ge⸗ graben, verſchwunden ſind. Mit einem Wort, Mr. Bently lebte jetzt nur in ſeinem Enkel, und die Tren⸗ nung von ihm erſchien ihm ſchlimmer als der Tod. Seit mehreren Wochen befanden ſich Richard, und ſein Beſchützer und Freund, der Lieutenant Marſh, zum Beſuche bei dem Großvater auf deſſen Landſitze Mel⸗ dowa, und dieſe ganze Zeit war vergangen, ohne daß b 3 ——— 78 weder Mr. Bently noch ſein Enkel auf die Abreiſe des Letzeren nach Indien angeſpielt hätte. Richard kam gelegentlich einmal auf den Genuß, ein Gut wie Mel⸗ dowa zu genießen, und auf das Glück zu ſprechen, das der Beſitzer um ſich her zu verbreiten vermöge. Der alte Mann lächelte. Die Hoffnung, Richard in Eng⸗ land behalten zu können, erſtarkte. „Er wird den Verlockungen, die ich ihm biete, nicht widerſtehen können,“ dachte der Großvater. Die beiden Verwandten gingen eines Abends mit einander im Park ſpazieren, als Mr. Bently auf ein prächtiges Reitpferd deutete, das einer der Reitknechte umher tummelte. 35 „Es gehört dir!“ ſagte er. Der junge Mann blieb ſtill. Er hatte längſt ver⸗ muthet, daß der alte Mann ſeines Verſprechens gern entbunden geweſen wäre, und dieſe Worte deſſelben beſtätigten es ihm. „Mein Geſchenk ſcheint dich nicht zu freuen,“ be⸗ merkte der Kaufmann empfindlich.„Ich meinte, faſt alle jungen Leute ſeien Liebhaber von Pferden.“ Ich bin nicht ſo undankbar, Ihre große Güte nicht anzuerkennen,“ verſetzte Richard.„Wenn ich Ihnen nicht geziemend dankte, ſo liegt der Grund in einem Umſtande, den Sie, wie ich fürchte, vergeſſen haben.“ „Und der wäre?“ „Meine baldige Abreiſe nach Indien wird ihr Ge⸗ ſchenk nutzlos für mich machen.“ Richard,“ ſagte der Kaufmann, ſich im Schatten einer niedrigen Eiche niederlaſſend,„es iſt Zeit, daß wir uns gegenſeitig verſtändigen. Höre mich geduldig 79 an, und ziehe jedes meiner Worte in reifliche Erwä⸗ gung, denn die Zukunft, welche dir noch lange Jahr des Glückes und der Ehre verſpricht, bietet mir nur noch einen letzten Sonnenblick dieſſeits des Grabes, und dieſer hängt von deiner Antwort ab.— Ich bin reich, mein Sohn, und die Zeit, die mich meiner Gat⸗ tin und meines Kindes beraubte, hat in meinen Tru⸗ hen Schätze aufgehäuft, die meinem Erben alle Ehren und Freuden der Welt zugängig machen.“ Er hielt inne, um die Wirkung ſeiner Worte zu beobachten, aber Richards Züge blieben unbewegt. Kein Aufblitz des Auges, kein Beben der Lippe deutete an, daß er ſich von dem glänzenden Köder des Reichthums angelockt fühle. „Du kannſt den Werth des Geldes nicht würdigen, wie es ſcheint,“ ſagte ſein Großvater enttäuſcht. „Kann man Glück damit kaufen?“ fragte Richard. „Die Welt wird dir ja antworten.“ „Warum ſind denn Sie nicht glücklich, Großvater?“ „Eine kühne Frage, aber ich will ſie wahrheitge⸗ mäß beantworten: weil ich in dem Reichthum die Hauptſache, nicht die Zugabe ſah. Als die Vorſehung dich unter meine Obhut ſtellte, war ich ein ſtolzer, ſtrenger Mann,— ſtolz auf meine Stellung in der Handelswelt, und unbeugſam ſtreng in meinen Ent⸗ ſchlüſſen. Erſt durch dich wurde das lange gelöste Band der Liebe wieder angeknüpft, vielleicht um ſo feſter, weil es zerriſſen geweſen. Ich kann dich nicht von mir laſſen, Richard! Trennung wäre mein Tod.“ »Aber eine kurze Friſt, vielleicht ein Jahr nur, wird mich zu Ihnen zurückbringen,“ verſetzte der Jüng⸗ ling tief bewegt.“ 80 „Oh, rede nicht ſo!“ rief der alte Mann ſchmerz⸗ lich „Ihr Verſprechen!“ „Du mußt es mir zurückgeben. Antworte mir erſt, wenn ich dir den Preis genannt habe, den ich dafür bezahlen will.“ Bei den Worten Preis und bezahlen richtete ſich Markham zu ſeiner vollen Höhe auf, denn ſie machten einen bitteren Eindruck auf ſein Zartgefühl. „Ich habe,“ fuhr ſein Großvater fort,„bereits bei der Regierung Schritte gethan, um die Erlaubniß zu erwirken, daß du meinen Namen führſt, und mein Ver⸗ mögen, mein ganzes Beſitzthum ſoll nach meinem Tode unwiderruflich auf dich übergehen.“ „Großvater, Großvater!“ rief der Jünglipg voll Schmerz,—„für welch' einen feilen, herzloſen⸗Men⸗ ſchen müſſen Sie mich halten! Seien Sie gerecht gegen ſich und mich. Jahre lang habe ich mir gefallen laſſen, — Gott weiß, mit welcher ſteten Bekümmerniß,— jeden Verkehr mit meinen Eltern zu vermeiden! Der Kuß meiner Mutter, die Liebe meiner Schweſter waren mir nicht um das Gold feil, auf das Sie ſo ſtolz ſind, — ſondern ich verzichtete auf ſie in der Hoffnung, daß die Unkenntniß meines Schickſals Einfluß auf die Beſſerung meines Vaters ausüben werde.“ „Dieſer Zweck iſt erreicht,“ ſeufzte der Kaufmann, „und ohne die Vergangenheit würde ich ihn mit Freu⸗ den anerkennen.“ „Ich glaube nicht, daß die Vergangenheit ſo ſchlimm war,“ entgegnete Richard.„Mein armer Vater iſt arg verläumdet und verrathen worden, ohne daß man ihm Gelegenheit bot, ſich zu rechtfertigen. Wollte ich⸗ 84 auf Ihre Wünſche eingehen, ich müßte mich vor mir ſelbſt ſchämen. Mein Verfahren liegt klar vor mir. Ich muß nach Indien. Erſt, wenn die gütige Vor⸗ ſehung mich in den Stand geſetzt hat, die Beweiſe von meines Vaters Unſchuld vorzulegen, werde ich das Recht haben, ſeine Verzeihung für mein langes und grauſames Schweigen zu erbitten.“ „Bedenke, mein ganzes Vermögen.. 6 „Wiegt meinem Entſchluſſe gegenüber nicht halb ſo ſchwer, als Ihr Wunſch, Großvater. Wenn ich dieſem widerſtehe, kommt alles Andere nicht in Betracht.“ „Undankbarer!“ rief der Kaufmann bitter. „Nehmen Sie dies Wort zurück, es kam nicht aus Ihrem Herzen,“ verſetzte der Jüngling.„Habe ich Sie vegen Ihres Reichthums geliebt? Sie ſehen, ich wei ihn zurück. Wenn die Stimme der Leidenſchaft verſtummt iſt, dann, Großvater, werden Sie mich liebe⸗ 1 voller beurtheilen, und mir es nicht mehr zum Vor⸗ wurf machen, daß ich meine Pflicht dem Golde vorzog. Laſſen Sie uns in Liebe ſcheiden und geben Sie mir Ihren Segen mit auf meinen ſchweren Weg.“ Der Kaufmann erhob ſich langſam von ſeinem Sitze, ein Spielball der widerſtreitendſten Empfindun⸗ gen. Endlich gewannen edle Regungen die Oberhand, als er die Thränen wahrnahm, die Richard vergebens zza unterdrücken ſuchte. Er fiel ihm um den Hals und 1 weinte bitterlich. Du haſt geſiegt!“ rief er,„und vielleicht liebe ich dich deßhalb nur um ſo mehr. Gönne mir dur noch eine kurze Friſt, und Alles ſoll geſchehen, wie du es verlangſt. Nicht weiter will ich verſuchen, dich von dem gewählten Pfade zurückzuhalten.“ Familiengeſchichte.— 6 Siebentes Kapitel. Der Lohn. Ml. Bently hielt ſein Verſprechen. Nach einigen Tagen ließ er Richard mit reichen Geldmitteln und Empfehlungen verſehen, in der Begleitung des Lieute⸗ nant Marſh, nach Oſtindien abſegeln.. Hier finden wir Richard in dem Comptoir eines reichen Handelshauſes, des Mr. Chutner in Calcutta, wieder, wo er eine Stelle als unbeſoldeter Freiwilliger bekleidete, eine Stelle, die ihm der Einfluß ſeines Großvaters verſchafft hatte. In demſelben Geſchäfte befand ſich als erſter Buchhalter jener Santford, wel⸗ cher, wie ſchon früher erwähnt, auf Betrieb von Cerus Kearn nach Oſtindien geſchickt worden war. Wenn irgend Jemand, mußte dieſer Menſch Aufſchluß darüber geben können, wo die aus der Kaſſe Mr. Bently's verſchwundenen Werthpapiere von zehntauſend Pfund Sterling geblieben waren. Die Bemühungen Richards, das Dunkel aufzuhel⸗ len, welches über der ganzen Sache ſchwebte, ſcheiter⸗ ten lange Zeit vollkommen. Santford benahm ſich gegen ihn zwar artig und höflich, aber ſo zurückhaltend, daß man ihm von keiner Seite her beikommen konnte. Schon waren Monate vergangen, ohne irgend eine Entdeckung herbeizuführen, und Richard verzweifelte bereits daran, je eine Aufklärung zu erlangen, als eine wunderbare Fügung plötzlich den Stand der Dinge veränderte.— Cerus Kearn konnte es nicht lange verborgen blei⸗ —ͤNäNDdj— groß genug, um ihn zu veranlaſſen, auf paſſende Weiſe 83 ben, daß Richard Markham nach Oſtindien gegangen ſei, und ſein böſes Gewiſſen ſagte ihm, was die Ver⸗ anlaſſung dazu gegeben haben müſſe. Er ſchrieb an ſeinen guten Freund Santford, theilte ihm mit, daß Richard der Enkel des alten Bently ſei, empfahl ihm, auf ſeiner Hut zu ſein, und deutete ſchließlich an, daß es gerathen ſein würde, den jungen Menſchen auf die Seite zu ſchaffen, wo möglich, für alle Ewigkeit. Santford empfing dieſen Brief und ſchüttelte den Kopf. Obgleich er ſich, um guter Belohnung willen, mehrfach zum Werkzeuge der Pläne von Cerus hatte gebrauchen laſſen, war er doch keineswegs ein verſtock⸗ ter Böſewicht, und er ſchauderte davor zurück, ſeine Hand mit Blut zu beflecken. Gleichwohl erregte der Brief große Beſorgniſſe in ihm. Wenn es Richard gelang, ſeine geheimen Pfade aufzuſpüren, konnte dies die übelſten Folgen für ihn haben. Jedenfalls verl er ſofort ſeine einträgliche Stellung bei Mr. Chutn und außerdem lag noch die Möglichkeit vor, daß er mit der Polizei und den Gerichten in höchſt unange⸗ nehme Berührungen verwickelt werden konnte. „Ich muß genau ſehen,“ murmelte er vor ſich hi „Vielleicht irrt Cerus Kearn, und der junge Manm iſt gar nicht der Enkel Bently's. Aber um dies in Erfahrung zu bringen, muß ich ſeine ſämmtlichen Pa⸗ piere durchſuchen. Wie ich weiß, bewahrt er ſie in einer ſtarken Truhe von Cedernholz, mit europäiſchen Schlöſſern verſehen, auf. Dieſe Truhe zu entwende wird nicht ſchwer halten. Iſt er, den Cerus meint, wirklich, nun, dann— fort mit ihm! Aber ohne G waltthat, ohne Mord. Mein Einfluß auf Chutner iſt 84 den jungen Mann aus dem Geſchäfte zu entfernen. Iſt dies geſchehen, kann er mir in keiner Weiſe mehr gefährlich werden.“ Richard hatte ſich nach ſeiner Ankunft in Oſtindien ein eigenes Haus gemiethet, das er mit Lieutenant Marſh und einigen europäiſchen und indiſchen Dienern bewohnte. Da Mr. Santford ihn öfter beſucht hatte, kannte er die Hausgelegenheit ganz genau, und auch zwei von den indiſchen Dienern, die, wie er wußte, Feine beſtechlich waren. Darauf hin baute er ſeinen Plan. Santford ging raſch zu Werke. Die Beſtechung eines Dieners hatte keine Schwierigkeit; derſelbe ver⸗ ſprach, ſchon in nächſter Nacht den Buchhalter und ſeine Helfer in das Haus einzulaſſen. Zum Glück Nacht, in welcher der Diebſtahl ausgeführt werden ſollte, auf den Rath ſeines Freundes Marſh hin alle ſeine eingebornen Dienſtleute entlaſſen und nur zwei europäiſche Engländer als Diener beibehalten. Vorſichtiger Weiſe hatte Santford die Zahlung der Beſtechungsſumme an den treuloſen Eingebornen von dem Erfolge abhängig gemacht, und dieſe Beſtimmung bewog den nicht minder ſchlauen Aſiaten, die Thatſache ſeiner Entlaſſung geheim zu halten. Er hoffte näm⸗ lich dadurch, daß er ſich im Hofe verſteckte, ſein Ver⸗ ſprechen erfüllen zu können, indem er das Thor auf⸗ ſchloß und die nächtlichen Geſellen in's Haus einließ. Jack und Edward, die beiden engliſchen Diener, ſaßen noch in dem Speiſezimmer, nachdem Richard und Marſh ſich bereits zur Ruhe begeben hatten, plaudernd für Richard hatte dieſer aber an dem Morgen vor der 1 — —··——— 85 bei einander. Da wurden ſie plötzlich durch ein Ge⸗ räuſch in dem anſtoßenden Salon aufmerkſam gemacht. „Was iſt das?“ fragte Edwards aufſpringend. „Still!“ flüſterte Jack, indem er ſchnell das Licht auslöſchte,„es ſind Fremde im Hauſe.“ „Diebe?“ „Gewiß keine Freunde!“. „Soll ich Lärm machen?“ es „Wir wollen zuvor ſehen, auf was es hinaus läuft,« erwiederte Jack, und griff nach den Piſtolen an der Wand, mit denen er ſich und ſeinen Kamera⸗ den bewaffnete. Hierauf näherten ſie ſich verſtohlen der Salonthüre, unb Jack brachte ſein Auge an das Schlüſſelloch. Da ſah er drei Männer in der gewöhnlichen Tracht der Eingeborenen; zwei derſelben hatten ſich der Truhe von Cedernholz bemächtigt, in welcher Richard ſein Privatpapiere aufbewahrte, und der dritte ſchien das Unternehmen zu leiten. 6 Ohne länger zu zögern, riß der treue Burſche die Thür auf und feuerte ſeine Piſtole auf die Plünderer ab. Edwards folgte ſeinem Beiſpiele. Zwei Diebe fielen, der dritte entkam. Die Schüſſe riefen Richard und den Lieutenant aus ihren Schlafgemächern herbei. Beide waren gut be⸗ waffnet. Die Scene bedurfte keiner Erklärung; ſie f wurde durch die umgeſtürzte Truhe, ſowie die Körper der Verwundeten verſtändlich genug. 8* „Seid Ihr getroffen, Jack?“ fragte Richard be⸗ orgt.. „Nein,“ verſetzte der Diener,„die Schüſſe rührten von uns her.„Zwei haben wir geflügelt.. „Dieſer Kerl iſt todt,“ ſagte Edwards, indem er den einen Körper mit dem Fuße umdrehte.„Und was den Andern betrifft, ſo...“ „So werde ich es auch bald ſein,“ murmelte der Verwundete. Die Anweſenden ſtutzten bei dem Tone dieſer Stimme. „Santford!“ rief Markham, der ihn zuerſt erkannte. „Was kann Sie zu einem ſolchen Verbrechen bewogen haben?“ Der Verwundete deutete auf die Truhe. „Sie enthält keine Beute,“ bemerkte Richard,„ſon⸗ dern nur Papiere und Briefe.“ „Eben dieſe wünſchte ich zu ſehen,“ verſetzte Sant⸗ ford, der nur mit Mühe ſprechen konnte, weil ihm die Kugel durch die Lunge gegangen war.„Sagen ently's?“ „ JId.“ Santford ſeufzte und verſank in trübes Sinnen. Auf Veranl f des Lieutenants waren Polizei⸗ diener und ein Wundarzt herbeigerufen worden. Der Letztere unterſuchte Santfords Wunde und erklärte ſie für tödtlich. „Laſſen Sie mich nicht in's Gefängniß bringen,“ bat Santford,„ich habe Ihnen ja keinen ernſtlichen Schaden zugefügt.“ „Gewiß nicht, ich vergebe Ihnen,“ verſetzte Richard. „Aber haben Sie, nachdem Sie mich als Mr. Bently's Enkel kennen, keine Mittheilung zu machen?“ „Ich habe kein Verbrechen begangen,“ ſagte der Sterbende, ‚„wenigſtens kein großes.“ Sie mir Eines, Sir! Sind Sie der Enkel Mr. — 87 „Auch keines verheimlicht?“ Dieſe Frage machte einen furchtbaren Eindruck auf den Buchhalter. „Sir,“ fuhr Richard fort,„ich bin nicht nur Mr. Bently's Enkel, ſondern auch der Sohn jenes Georg Markham, deſſen Ruf Sie und Cerus Kearn vernich⸗ tet haben.“ „Fluch über ihn,“ murmelte Santford.„Peter Mangles hat ihm und mir immer prophezeit,„es werde ein ſchlimmes Ende mit uns nehmen. Mich hat es erreicht, und an Cerus wird auch die Reihe kom⸗ men.— Nehmen Sie dies,“ fuhr er fort, indem er einen kleinen Schlüſſel aus ſeiner Taſche zog.„Ich will gut machen, ſo viel ich kann. Die Schatulle in meinem Zimmer,— öffnen Sie es,— wenn ich todt bin,— und Ihr Vater wird gerechtfertigt ſein, voll⸗ ſtändig gerechtfertigt.“ Dies waren ſeine letzten Worte, ein Erſtickungs⸗ anfall machte dem Kampfe ſeines Lebens ein Ende. Richard und Lieutenant Marſh begaben ſich am nächſten Morgen in Begleitung eines Polizei⸗Offician⸗ ten, der die letzten Weiſungen Santfords mit ange⸗ hört hatte, in Santfords Zimmer. Sie nahmen die Schatulle, ſtellten alles Uebrige unter die Obhut des Officianten und kehrten nach ihrer Wohnung zurück. 3 Der Inhalt der Schatulle bewährte ſich als ein koſtbarer Schatz. Richard fand in ihr die vollſtändig⸗ ſten und unwiderleglichſten Beweiſe, daß Cerus Kearn die Werthpapiere geſtohlen hatte, theils zum Nutzen für ſich ſelbſt, theils zum Verderben von Georg Mark⸗ ham, den ſein Haß unerbittlich verfolgte. Der wack Jüngling weinte Freudenthränen. Der Erfolg ſeiner Reiſe krönte alle ſeine Wünſche, die Ehre ſeines Vaters war gerettet.. „Mit dem erſten Schiffe reiſen wir nach England zurück,“ ſagte er zu ſeinem Freunde Marſh,— ein Beſchluß, welchem dieſer natürlich auf das Bereitwil⸗ ligſte beiſtimmte. Wenige Tage nach der Ankunft Richards in Lon⸗ don empfing Cerus Kearn ein Billet, bei deſſen Durch⸗ leſung dem ſchuldbewußten Schurken das Blut in die Wangen ſtieg. Peter Mangles theilte ihm trocken mit, daß Mr. Kearn ſich Punkt ein Uhr im Comptoir der Firma einzufinden habe; er möge, ſo lieb ihm ſeine perſönliche Sicherheit ſei, ja nicht ausbleiben. „Was ſoll dieſe Drohung heißen?“ fragte er ſich ſelbſt,„und was habe ich zu erwarten 2 Dennoch hütete er ſich wohl, der Weiſung den Ge⸗ rſam zu verweigern, ſondern trat pünktlich zu der bezeichneten Stunde in das Comptoir ein. Er traf daſelbſt nur Peter Mangles, und fragte nach ſeinem Onkel. 8 „Warten Sie, bis ich mit dieſen Zahlen fertig bin,“ ſagte Peter kalt.„Sie ſind etwas verwickelt, denn ſolche Rechnungen kommen nicht oft vor.“ Nachdem Cerus wohl eine halbe Stunde in pein⸗ lichſter Ungeduld gewartet hatte, zog endlich Peter eine Klingel, worauf ein junger Comptotriſt eintrat. „Die Papiere zu Mr. Bently,“ ſagte Peter. „Kann nicht ich ſie ihm bringen?“ fragte Cerus haſtig. Ihr Onkel will Sie erſt ſehen, wenn er genau 89 vom Stande der Dinge unterrichtet iſt, und das ge⸗ ſchieht durch dieſe Papiere.“ „Mein Onkel iſt doch wohl?“ „Dem Körper nach wohl, aber nicht im Gemüth, denn er hat peinliche Erfahrungen gemacht.“ Doch nicht im Geſchäft?“ fragte Cerus, indem er an den Schreibtiſch trat, als wollte er Peter beim Ordnen der Papiere helfen. „Nicht ſo nah, Mr. Cerus!“ rief dieſer. „Sie vergeſſen, wer ich bin.“ „Nein, Sie ſind Mr. Bently's Neffe, und waren jüngerer Aſſocié der Firma.“ „War?“ Ich bin es noch!“ rief Cerus. „Richtig, die Urkunde iſt noch nicht unterzeichnet.“ „Welche Urkunde?“— Mr. Bently's Klingel erſparte Peter die Antwort. „Fragen Sie Ihren Onkel,“ ſagte er kalt. Mit erzwungener Faſſung trat Cerus in ſeines Onkels Kabinet. Er näherte ſich dem Tiſch und bot ſeinem Verwandten die Hand, die jedoch mit eiſiger Miene zurückgewieſen wurde. „Cerus,“ begann der Kaufmann,„ich habe dich rufen laſſen, um meine Rechnung mit dir abzuſchlie⸗ ßen. Du haſt die Bedingungen unſeres Aſſociations⸗ Vertrages gebrochen und damit ihn aufgelöst.“ Cerus biß ſich auf die Lippen, um ſeine Aufregung zu unterdrücken. „Beweiſe dafür ceptirt und nicht h Ehre meines Nam . Auf dieſe Mitt Freude, denn er 7 welche du ac⸗ ens bewog mich, ſind dieſe Wechſel onorirt haſt. Die R ückſicht auf die ſie einzulöſen... heilung funkelten Cerus Augen vor hatte leichtſinniger Weiſe ohne die 90 Zuſtimmung ſeines Onkels große Summen auf Wech⸗ ſel gezogen. 8 „Alle?“ fragte er. „Alle, bis auf zwei, auf denen die Unterſchrift der Firma gefälſcht iſt.— Kennſt du die Folgen des Wortes gefälſcht? Ehrloſigkeit, Gefängniß und unauslöſchliche Schmach.“ „Sie werden doch nicht durch eine Klage gegen mich ſich ſelber beſchimpfen wollen?“ rief der ertappte Schurke. „Iſt es ein größerer Schimpf,“ bemerkte der Kauf⸗ mann,„einen überwieſenen Verbrecher zum Neffen zu haben oder einen angeſchuldigten zum Schwie⸗ gerſohn?“ „Sie ſpielen auf Georg Markham an,“ verſetzte Cerus bitter.„Vergeſſen Sie nicht, daß nicht ich der Ankläger war.“ 3„Ich vergeſſe es nicht,“ verſetzte Mr. Bently im Tone des Selbſtvorwurfs,„und einzig und allein die⸗ ſe Uumſtande haſt du es zu verdanken, wenn du den Fgolgen deiner Verbrechen entgehſt. Die ſchändliche Verläumdung muß zurückgenommen und ſeine Unſchuld vor aller Welt bewieſen werden.“ „Vor aller Welt bewieſen? Durch wen?“ „Durch dich!“ „Sie verlangen mehr, als in meiner Gewalt ſteht. Wie kann ich den Wargon aufklären, der ſeinem Rufe nachtheilig geworden iſt?⸗ „Einfach dadurch, daß du dich ſelbſt zu dem Dieb⸗ ahle bekennſt,“ entgegnete Mr. Bently in ruhigem, ſidenſchaftsloſem Tone.„Das wird auch dem Zweifel⸗ ſüchtigſten genügen.“ 91 „Wie?“ rief Cerus mit gut geſpielter Entrüſtung, „um den Folgen einer ſchlechten Handlung zu entgehen, ſoll ich mich ſelber einer That ſchuldig erklären, die mir nie entfernt in den Sinn gekommen iſt? Nimmer⸗ mehr! Iſt dies Ihre Gerechtigkeit gegen den Sohn Ihrer verſtorbenen Schweſter?“ Der Kaufmann breitete ruhig die Papiere aus, welche Richard in der Schatulle Santfords gefunden und ſeinem Großvater übergeben hatte. Cerus Kearn wurde blaß wie eine Leiche. Auf Einen Blick ſah er, daß ſeine Betrügereien vollſtändig enthüllt waren. „Du verlangſt Gerechtigkeit,“ nahm Mr. Bently wieder das Wort,„ſie ſoll dir zu Theil werden. Ich 4 bin vorbereitet, mein Verfahren gegen dich Schritt für Schritt vor der Welt zu verantworten. Faſſe darum deine Lage wohl in's Auge. Ich brauche dich nicht daran zu erinnern, daß du ein zu Grunde gerichteter Mann biſt, und daß ich keine Barmherzigkeit mehr kenne gegen den— Meuchelmörder meines Enkels.“ Cerus ſtöhnte. Der Stoß hatte getroffen. „Sie haben Recht,“ ſtammelte er,„ich bin ein Bettler, und wenn ich hoffen dürfte... „Fordere keinerlei Bedingungen,“ unterbrach ihn Mr. Bently. „Nun, ſo ſei es drum! Ich bin in Ihrer Hand, und will thun, was Sie verlangen.“ 1 Auf ein Zeichen von Mr. Bently trat Peter Mang⸗ les in's Zimmer; ihm folgte Mr. Morton, der Rechts⸗ freund der Firma, Georg Markham, deſſen Aſſocié, Mr. Thornton, und der Direktor der Bank von En land. Beim Erblicken Georgs überflog aberm Leichenbläſſe Cerus Kearn's Antlitz. 4 —— —— * 92 Georg Markham wollte ſeinem Schwiegervater die Hand bieten. „Noch nicht,“ ſagte dieſer,„Sie ſollen zuvor volle Gerechtigkeit haben; dann erſt darf ich glauben, daß ich einigermaßen Sühne für meinen früheren, unge⸗ rechten Argwohn leiſtete.“ In Peter Mangles Augen ſtanden Thränen, und er fühlte ſich ſehr befriedigt von dem Benehmen ſei⸗ nes Principals. „Haben Sie die Güte, die vorbereiteten Papiere vorzuleſen,“ ſagte Mr. Bently zu dem Rechtsgelehrten. Das erſte Aktenſtück betraf die Aufhebung des Vertrages, der bisher zwiſchen Onkel und Neffe be⸗ ſtanden hatte. „Unterzeichne!“ ſagte der Kaufmann. Cerus zauderte. „Unterzeichne,“ wiederholte Mr. Bently ſtreng. „Ich warne und drohe nicht mehr.“ Die Demüthigung war ſelbſt für den überwieſenen Fälſcher zu bitter,— er weigerte ſich und flehte ſogar um Erbarmen. Mr. Bently antwortete jedoch nur da⸗ mit, daß er Peter anwies, die Gerichtsdiener herein⸗ zurufen. „Halt!“ keuchte Cerus,„ich willige ein.“ „»Wohlgemerkt,“ ſagte Mr. Morton,— es muß Ihrerſeits eine freiwillige, wohl überlegte Handlung ſein.“ Der Verbrecher ſetzte in haſtigen Zügen ſeinen Namen unter das Dokument. Einer der ältes Comptoiriſten, zu dieſem Zwecke hereingerufen, und Peter Mangles beglaubigten die Unterſchrift. „Hoffentlich kann ich jetzt gehen,“ ſagte Cerus. . —, r 93 „Noch nicht,“ verſetzte ſein Onkel,„es iſt noch eine weitere Unterſchrift nöthig.“ „Noch eine?“ fragte Cerus ungeduldig. Der Kaufmann übergab dem Rechtsgelehrten die Papiere von Santford, welche Mr. Morton bedächtig Wort für Wort vorlas. Im Verlaufe der Vorleſung bedeckte kalter Schweiß das Geſicht des elenden Cerus. Die umſtändliche Bloßſtellung ſeiner Schurkerei rief für einen Augenblick die Gluth der Scham wieder auf ſeine Wangen, während andererſeits ehrenhafter Stolz das Antlitz Georg Markhams röthete, der jetzt ſeine Ehre ſogar über allen und jeden Schatten des Ver⸗ dachtes erhaben fühlte. Er konnte wieder aufrecht in der Welt umhergehen, ohne vor der Vergangenheit erbeben zu müſſen. Sein Compagnon Thornton drückte ihm glückwünſchend die Hand. „Was habe ich noch zu unterzeichnen?“ fragte der enthüllte Heuchler, welchem die Blicke der Verachtung, die von allen Seiten auf ihn gerichtet waren, nach⸗ gerade unerträglich wurden. Der Rechtsgelehrte begann ein ausführliches Ver⸗ zeichniß des Verbrechens vorzuleſen, war aber noch nicht weit gekommen, als ihn Cerus mit den Worten unterbrach: „Genug! Laſſen Sie mich nur unterſchreiben, wenn ich nicht von Sinnen kommen ſoll.“ Mr. Bently gab ſeine Einwilligung, Cerus unter⸗ ſchrieb das Bekenntniß, und die aktenmäßigen Belege ſeiner Schmach waren damit vollſtändig. „Georg Markham,“ ſagte jetzt Mr. Bently, nun 94 erſt, nachdem ich mein früher gegen Sie geübtes Un⸗ recht gut gemacht habe, bitte ich um Ihre Hand.“ Die Verſöhnung wurde durch wechſelſeitigen war⸗ men Händedruck beſiegelt. „Ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde,“ murmelte Peter tief ergriffen.„Immer ſagte ich, ſein Herz ſei ſo richtig wie ſein Hauptbuch, und für dieſes kann ich einſtehen.“ „Geh,“ ſagte hierauf Mr. Bently zu ſeinem un⸗ würdigen Neffen.„Bereue, wenn du kannſt, und werde ein ehrlicher Mann. Für deine Sicherheit bürgt dir mein Wort.“ Mit einem Blicke voll Wuth und Verzweiflung verließ Cerus Kearn das Gemach. Er hatte ſeinen Lohn dahin, und nur beiläufig ſei noch erwähnt, daß er nach einigen Monaten elend im Laſter unterging. Mr. Bently hatte Peter Mangles auf die Nach⸗ mittagsſtunde deſſelben Tages, an welchem Cerus Kearn ſein Urtheil empfangen, in die Wohnung ſeines Schwie⸗ gerſohnes beſchieden, und ihm die Botſchaft an ſeine Tochter aufgetragen, daß er ſelber ebenfalls kommen und für Rahel ein ſchönes Geſchenk mitbringen werde. Wir müſſen uns jetzt in die Räume dieſer elegant und ſolid ausgeſtatteten Wohnung perſetzen. Rahel hatte die Botſchaft ihres Vaters von Peter in Empfang genommen, und zerbrach ſich noch verge⸗ bens den Kopf darüber, als ein Wagen vorfuhr, und gleich darauf Mr. Bently mit herzlichem Gruße in das Zimmet trat, in welchem Georg Markham, Ra⸗ hel, ihre Tochter Marie und Peter Mangles bereits verſammelt waren. Mr. Bently ſtellte ſich an's Ka⸗ 95 min und ſtützte eine Weile mit gedankenvoller Miene den Kopf auf die Hand. Augenſcheinlich hatte er et⸗ was auf dem Herzen, das er mitzutheilen zögerte. „Du biſt nicht ſehr neugierig,“ ſagte er endlich zu ſeiner Tochter. Rahel ſah ihn betroffen an. „Haſt du ganz das Geſchenk vergeſſen, das ich dir durch Peter Mangles verſprach? Sind meine Gaben dir werthlos geworden?“ „Werthlos, oh nein!“ verſetzte Rahel.„Sie wiſ⸗ ſen, wie ſehr ich den kleinſten Beweis Ihrer Liebe zu mir ſchätze. Iſt dieſe mir ſicher, ſo habe ich nichts mehr zu wünſchen.“ „Da mußt du glücklicher ſein, als die meiſten übri⸗ gen Menſchen,“ entgegnete Mr. Bently,„denn nur Wenige in dieſer Welt können ſich rühmen, daß der Himmel ihnen keine Segnung mehr zu verleihen im Stande iſt. Wie? keinen Wunſch? Gar keinen?“ .„Vater!“ rief die aufgeregte Frau, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen,„ich bin überzeugt, daß Ihre Worte gut gemeint ſind, aber Sie ſchneiden mir in's Herz. Könnten Sie ſein Leiden, ſeinen nie endenden Kummer leſen, ſo würden Sie ganz anders urtheilen. Wenn meine Lippen bisweilen lächeln, ſo geſchieht es nur, weil ich die Freude Anderer nicht trüben will. Haben Sie Mitleid mit mir, und ſchonen Sie die Punde im Herzen, die ſeit Jahren mein Leben ver⸗ ittert.“ Marie eilte an die Seite ihrer Mutter, ſchlang den Arm um ſie und ſuchte vergeblich ihre reichlich ſtrömenden Thränen wegzuküſſen. Peter dagegen wurde —. — — 96 ganz roth im Geſicht, brauchte fleißig ſein Taſchentuch und warf ſeinem Principal faſt wüthende Blicke zu. „Er hat ein wahres Krokodilherz!'“ murmelte er. „Mr. Bently,“ ſagte Georg,„iſt dies weiſe? iſt dies liebevoll?“ „Still!“ unterbrach der reiche Kaufmann ſeinen Schwiegerſohn.„»Wir haben bisweilen unſere Vor⸗ würfe, aber nie unſere Nachſicht zu bereuen.“ Nicht blos in den Worten, ſondern auch in dem Ton und in dem ganzen Weſen Mr. Bently's lag ein Nachdruck, der jeder weiteren Vorſtellung oder Bemer⸗ kung Einhalt that. „Rahel,“ fuhr er dann mit einer Stimme fort, die vergeblich nach Feſtigkeit rang,„du wirſt mir gewiß keine abſichtliche Liebloſigkeit Schuld geben; du biſt Mutter und kannſt deßhalb wohl die Tiefe, aber auch die Furcht älterlicher Liebe beurtheilen. Weit entfernt, dir einen unnöthigen Schmerz bereiten zu wollen, würde ich ihn lieber ſelbſt auf mich genommen haben.“ Rahels Antlitz wurde plötzlich ſo weiß wie eine Marmorwand. „Gott iſt barmherzig,“ fuhr Mr. Bently fort,„der Segen, um den wir nur allzu oft mit leidenſchaftlichem Gebet und unter Seufzern und Thränen flehen, wird uns bisweilen weislich vorenthalten, um zuletzt un⸗ ſere Ergebung zu belohnen.“ Ein durchdringender Schrei— wir können ihn nicht den der Freude, kaum den der Hoffnung nennen — brach aus dem Herzen der armen Mutter, als die Bedeutung jener Worte ein plötzliches Licht in ihre Seele fallen ließ. 8 97 „Sie haben Nachricht von meinem Knaben!“ rief ſie.„Ich fühle es, ich leſe es in Ihren Augen, die von Innigkeit überquellen. Sie ſind zu gütig, um mich mit trügeriſchen Hoffnungen zu foltern. Er lebt! Sprechen Sie es aus! Oh, Vater, nicht dieſe falſche Schonung! Das Herz einer Mutter iſt ſtark! Reden Sie, oder die Spannung tödtet mich! Richard, mein Sohn, mein Sohn!’ Richard, der mit ſeinem Großvater gekommen war, ſtand im Vorzimmer, und ſein Herz pochte vor unge⸗ duldiger Erwartung, denn er ſollte nun ja endlich, endlich, nach ſo langer Trennung, ſeine Mutter, ſeinen Vater, ſeine Schweſter wiederſehen. Als er ſeinen Namen ſo leidenſchaftlich rufen hörte, wartete er nicht länger auf das mit ſeinem Großvater verabredete Zei⸗ chen zum Eintreten, ſondern ſtürzte in das Zimmer. „Mutter, theure Mutter!“ Das waren die einzigen Worte, die ſeine Aufre⸗ gung ihn hervorbringen ließ, aber es lag in ihnen ein Zauber, der in dem Mutterherzen den lange ſchlum⸗ mernden Wiederhall hervorrief. Im Nu hatten ihn ihre Arme umſchlungen, ihr Herz klopfte an dem ſei⸗ nigen, und ihre blaſſen Lippen preßten ſich auf die Wangen des Wiedergefundenen. . Geraume Zeit wagten weder Vater noch Schweſter die Wonne des Wiederſehens zu ſtören; denn ſie fühl⸗ ten, daß es ein heiligeres Recht gab, als das ihrige: das der Mutterliebe. Doch Rahel vergaß ihrer nicht. „Georg,“ ſchluchzte ſie, die Hand ihrem Gatten hinbietend,„unſer Sohn! Da iſt er, frei von Schande und Verbrechen! Marie, dein Bruder!“ Familiengeſchichte. 7 98 Richards Arm umſchlang die Geſtalt des weinen⸗ den Mädchens, das ihr Haupt auf ſeine Schulter ſin⸗ ken ließ. „Mein Sohn,“ ſagte der tief ergriffene Vater, Richards Hand ergreifend,—„ich kann dir ohne Schamröthe entgegen treten. Der Kummer und das 3 Herz eines Engels haben mich von der Sünde der Trunkſucht geheilt.“ „Ich weiß Alles, weiß, wie Sie gekämpft und ge⸗ ſiegt haben, und bin ſtolz darauf, Sie Vater nennen zu dürfen,“ verſetzte der junge Mann. Der Abend verging in weitläufigen Auseinander⸗ ſetzungen, denen jedoch Jeder mit lebhafteſter Theil⸗ nahme zuhörte. Mr. Bently ſuchte ſeine Handlungs⸗ 3 weiſe zu rechtfertigen, und erhielt volle Genugthuung durch die Billigung aller Anweſenden und Betheilig⸗ ten. Der Morgen graute ſchon, als die Familie ſich trennte, um endlich die Ruhe zu ſuchen. Als Mr. Bently ging, wollte Richard ihn begleiten, aber ſein Großvater wies ihn ſanft zurück. 6„Dieſes Haus hier iſt jetzt deine Heimath, Richard,“ agte er.„Auch mein Haus wird nie mehr freude⸗ os ſein, denn die glücklichen Geſichter, die ich hier Arrücklaſſe, werden mich als frohe Erinnerungen um⸗ ſchweben.“ In jener Nacht gab es wohl keine glücklicheren ¹ MNaenſchen auf dem ganzen Erdenrunde, als die unter 9 dem Dache Georg Markhams. Wohl hatten ſie ihr Glück theuer erkaufen müſſen, aber der Genuß deſſel⸗ bpen war um ſo köſtlicher. 8 So endet unſere Familiengeſchichte. Der Leſer . 3 3 △ 99 mag daraus erſehen, wie jede gute und jede ſchlechte Handlung früher oder ſpäter ihren Lohn findet. Ueber uns wachet Gott, und er iſt nicht allein der Gott der Güte, ſondern auch der Gerechtigkeit. Daran wol⸗ len wir denken in ſchweren Stunden der Verſuchung, d Niemanden fehlen werden auf dem Wege des Lebens.—— Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. . 7 3 IIſ aquuaauu aadiuuu l ſiſſſf l fffffffffſſſnnſſſſffffſſſſnnſifſhſiiiſſt 8 9 10 11 12 14 15 16 17