ihbib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. . 83.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme . 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende e. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. b 144 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträigt.— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. — jedem T eines B hinterleg 1 G 4 bi 2 13 wird. beträgt: für 1n, auf 1 Mo . Scha defecte Bu⸗ kabenprei eine Erzählung meine jungen Freunde. Von Franz Hoffmann. — X 4 Miit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1861. Erſtes Kapitel. Daheim. In einem jener wunderbar ſchönen Thäler des Ber⸗ ner Oberlandes liegt inmitten grüner Matten, welche von rieſigen, mit Eis gekrönten, Berg⸗Koloſſen hoch überragt werden, ein nicht eben großes, aber ſauberes und freundliches Dorf mit weiß getünchten Häuſern, breiten, flachen, weit über die Mauern hervorſtehenden Dächern und blanken kleinen Fenſterſcheiben, die wie helle Aeuglein, ſchüchtern und munter zugleich, die herr⸗ liche Alpenwelt rings um ſich her zu betrachten ſcheinen. Die Häuſer ſtehen vereinzelt und zerſtreut auf den Wie⸗ ſen und auf einzelnen kleinen Schwellungen der Thal⸗ ſohle. Bei jedem erblickt man ein kleines, wohl ge⸗ pflegtes Gärtchen, deren keinem es im Frühjahr und Sommer an buntem Blumenſchmuck fehlt. Einige Zie⸗ gen ſpringen auf den niedrigen Fels⸗Abhängen umher, und ſuchen in den Riſſen und Spalten derſelben ihre, zwar nicht eben reichliche, aber dafür um ſo kräftigere und wohlſchmeckendere Nahrung. Ein paar Dutzend Kühe weiden auf den zum Theil mit niedrigen, nur loſe aufgehäuften Stein⸗Mauern eingeſaßten Wieſen, und Das treue Blut. 1 1 6 4 oſen, voller daran cchher, Ka⸗ gganz Blut«. Dorfe 1 ngen, utter ſener inne, eind, iner, lund Ge⸗ unge als tinen nnte, dem gaalt orfe, den breit 1 zu ſelnder enden ſolche, öͤ bringen Leben und Bewegung in die zwar großartige, faſt aber etwas allzu gewaltige und ſtarre Landſchaft. Die Leute, welche in dieſem Dorfe wohnen, ſind, trotz des ſauberen Ausſehens ihrer hübſchen kleinen Häu⸗ ſer, meiſtens ſehr arm, und haben mit allerlei Noth und Entbehrung zu kämpfen. Ihre grünen Wieſen und die wenigen Aecker weiter hinten im Thale ſichern ihnen zwar für die ſchöne Jahreszeit ihren täglichen Unterhalt, aber im Winter, wenn das ganze Thal unter einer dichten, weißen Schneedecke faſt wie begraben liegt, da würde es ſchlimm um die armen Leutchen ausſehen, wenn ſie nicht noch andere Hülfsquellen außer ihrem geringen Grund⸗ und Boden⸗Beſitz ausfindig gemacht hätten und fleißig benutzten. Die bedeutendſte und ein⸗ träglichſte von dieſen Hülfsquellen iſt die Holzſchnitzerei, und es iſt überraſchend, was für allerliebſte kleine Kunſt⸗ werke aus den rauhen, von ſchwerer Arbeit im Sommer ſchwieligen Händen dieſer armen Thalbewohner hervor⸗ gehen. Hier ſieht man, aus hartem Ahorn⸗ oder noch härterem Knieholze geſchnitzt eine reizende Familien⸗ Gruppe, ein Gemſen⸗Paar nämlich mit ihrem Jungen, das ſich zärtlich und zutraulich an die Mutter ſchmiegt, während der Vater mit hoch erhobenem Kopfe in die Ferne wittert, um jede etwa nahende Gefahr zu rechter Zeit zu erkennen und bei Zeiten ihr auszuweichen;— dort ſieht man die trotzige, gedrungene Geſtalt des Stein⸗ bocks mit den großen tief geringelten Hörnern, ſo natur⸗ getreu und charakteriſtiſch, wie kein Bildner der Welt ihn beſſer darſtellen könnte;— dann den großen Geier⸗ Adler mit weit ausgebreiteten Flügeln eben auf eine zitternde Beute ſtoßend und ſie mit den mächtigen Fän⸗ gen ergreifend;— dann Schweizer⸗Häuschen, von kaum 3 einem Zoll Höhe an, bis zur Größe von mehr als einem Fuße anwachſend, auch ſogar ganze Gehöfte mit Stallungen und Nebengebäuden und allerlei Haus⸗Ge⸗ thier, ſo natürlich und bis auf die kleinſten Einzeln⸗ heiten von treffender Wahrheit, daß man das Kunſtge⸗ ſchick und die Geduld des fleißigen Schnitzers bewundern muß. Auch an ſchönen Heiligen⸗Bildern, an herrlichen Chriſtus⸗Geſtalten, an Kirchen, Kapellen und Kruzi⸗ firen, wie ſie ein frommer Sinn liebt und gern in ſei⸗ nem Kämmerchen aufſteckt zu ſtiller Andacht, fehlt es nicht, und an Allem und Allem muß man, vom Größe⸗ ſten bis zum Kleinſten herab, die Sorgfalt, den Fleiß und die Geſchicklichkeit anſtaunen, welche aus faſt werth⸗ loſem Material dergleichen kleine Kunſtwerke zu ſchaffen vermag. Alle dieſe hübſchen Sachen finden raſchen und bil⸗ ligen Abſatz zu freilich oft unbillig niedrigen Preiſen. Sie werden meiſt von Händlern in der nächſten größe⸗ ren Stadt aufgekauft, welche dieſelben dann mit meiſt großem Profite an die Tauſende von Reiſenden ver⸗ handeln, welche während des Sommers die ſchönſten Gegenden der Schweiz wie ein nie verſtegender Strom überſchwemmen. Wenn ſie auch in unſer kleines Dorf kämen, würden ſich die Bewohner freilich beſſer befinden, weil ſie dann keine Zwiſchenhändler für ihre Schnitze⸗ reien nöthig hätten und ſelber an die Fremden verkaufen könnten. Aber das Dorf liegt allzu abſeits von den größeren Reiſeſtraßen, und ſo waren und ſind denn eben dieſe Zwiſchenhändler nicht leicht zu entbehren. Sie ſchöpfen allerdings den Rahm von der Milch ab, und unſere Leutchen wiſſen das recht wohl,— ihnen bleibt doch wenigſtens immer nn 4 laſſen ſich daran genügen, weil es nun einmal nicht zu ändern iſt, und die Milch zu ihrem nothdürftigen Unterhalte ausreicht. Für einen der allergeſchickteſten Holzſchnitzer in be⸗ ſagtem Dorfe galt ſo in den zwanziger Jahren unſe⸗ res Jahrhunderts der alte Jakob Bluntſchli, der drüben nahe bei der ſteil aufragenden, mit ſchimmerndem Glet⸗ ſcher gekrönten, breiten Felſenwand ſeine Hütte, eine der hübſcheſten im Dorfe, aufgeſchlagen hatte. Man nannte ihn den alten Jakob, obgleich er kaum erſt vier⸗ zig Jahre zählte, und noch immer ein ſtarker, rüſtiger, geſunder Mann war, den ein Fremder kaum auf ſechs⸗ unddreißig geſchätzt hätte. Aber dann war da noch der junge Jakob, ſein Sohn, ein hübſcher, friſcher Burſch von ſo etwa dreizehn Jahren, mit blonden Locken und großen hellblauen Augen, die ſo kindlich einfältig und treuherzig ehrlich in die Welt hinein ſchauten, daß jeder gute Menſch auf den allererſten Blick ihn lieb gewinnen mußte. Er war auch der beliebteſte Burſch im ganzen Dorfe wegen ſeiner ungemeinen Herzensgüte, wegen ſeiner immer bereiten Gefälligkeit und ſeiner unerſchüt⸗ terlichen Rechtſchaffenheit. So grundehrlich war er, daß er einmal einem Fremden, der zufällig das Dorf paſſirt und dort ſeine Brieftaſche verloren hatte, die er, der junge Jakob gefunden, zwei volle Tage lang kreuz und quer durch das Gebirge nachgelaufen war, bis er den Fremden endlich in irgend einer abgelegenen wilden Schlucht richtig entdeckt und ihm ſeine Brieftaſche wie⸗ der eingehändigt hatte. „Der war einmal froh,“ ſagte er zu ſeinen Kame⸗ der Rückkehr. dir geſchenkt?« fragten ſie. 4 Außer dem Jakob, dem alten und dem jungen, wohnten in der Hütte am Berge noch die Mutter Bluntſchli, die bravſte Hausfrau, die ein entſchloſſener Mann ſich wünſchen kann, und dann die Marianne, gen Jakob Schweſter, ein liebes gutes Kind, fünf oder ſechs Jahre jünger und alſo auch viel kleiner, als der Bruder, der ſchon ein hoch aufgeſchoſſener und ſtämmiger Burſch war. Trotzdem liebten ſich die Ge⸗ ſchwiſter mit herzlicher und inniger Liebe, und der junge Jakob fühlte ſich niemals wohler und glücklicher, als wenn er mit der Schweſter ſpielen oder mit ihr einen Spaziergang hoch auf die Berge hinauf machen konnte, des jun wo er ihr die ſchönſten Sträuße von rothen Alpenroſen, 3 von ſchönen, tiefblauen Genzianen und ſilberglaͤnzendem Edelweiß ſuchte. was die ** »Nichts!“« gab er zur Antwort.„Er war ſo voller Freud', dachte, mir ein paar Batzen zu geben, und nachher, nun, da hatt' ich mich wieder davon gemacht.« »Biſt doch ein gutes treues Blut,“ ſagten die Ka⸗ meraden,— und ſeitdem hieß Jakob unter ihnen ganz einfach entweder„Jaköbli“, oder„das treue Blut«. Dabei blieb's, und wurde nachgrade im ganzen Dorfe zur Gewohnheit. Der alte Jakob, Vater Bluntſchli nämlich, galt 3 aber nicht allein für den größten Künſtler im Dorfe, Holzſchnitzerei anbelangte, ſondern auch für den 4 ühnäten und verwegenſten Gemſen⸗Jäger weit und breit im Berner Oberland. Keine Felswand war ihm zu 1 ſteil und zu hoch, kein Grat hoch oben in ſchwindelnder 1 breit. Alle Schwierigkeiten, felbſt ſolche, daß er im erſten Augenblick wohl nicht daran ſchmal, kein Gletſcherfeld mit tiefen, klaffenden —— 2 ——— ——— 6 die Andere für unüberwindlich hielten, wußte er bei ſeiner kräftigen Geſchwindigkeit ſeines in allen Künſten des Bergſteigens geübten Körpers, und mit Hülfe ſei⸗ nes klaren, ſchwindelfreien Auges zu überwältigen, und ſelten zog er mit ſeinem Stutzen zur Jagd aus, ohne daß er mit einem feiſten Gemsbock auf den breiten Schultern zurückgekehrt wäre. Das brachte manches ſchöne blanke Zwanzig⸗Frankenſtück in's Haus, abge⸗ ſehen von dem Verdienſte des Winters, wo der fleißige Mann unermüdlich das Schnitzmeſſer führte, und immer neue, immer andere kleine Kunſtwerke aus ſeinen Hän⸗ den hervorgehen ließ, die dann der Händler in der Stadt mit Freuden in Empfang nahm, und dann, aller⸗ dings mit etwas geringeren Freuden, aber doch ohne weiteres Zögern und Feilſchen ebenfalls mit blankem Golde bezahlte. Auch die Mutter verdiente manchen Batzen, indem ſie während der langen Wintertage nach beſorgten klei⸗ nen Wirthſchafts⸗Angelegenheiten am Webſtuhle ſaß, und die ſchönſten Seiden⸗Zeuge verfertigte, die ſpäter im Frühjahre an den Fabrikanten in der Stadt abge⸗ liefert und leidlich bezahlt wurden. Der junge Jakob half dem Vater beim Holzſchnitzen, indem er die ver⸗ ſchiedenen Gruppen aus dem rohen Holze ſo im Gro⸗ ben ein wenig zurecht ſchnitt, was dem Vater immerhin die Arbeit förderte und ihm Zeit erſparte; und die kleine Marianne endlich ſaß ſtille am einfach gezimmerten Tiſche, lernte ihre Schulaufgaben, oder ſah den fleißigen und geſchickten Händen ihres Vaters und Bruders zu, oder lauſchte aufmerkſam und geſpannt, wenn der Vater von den Abenteuern bei der Gemsjagd erzählte, und die Gefahren und Schrecken ſchilderte, welche den ver⸗ wegenen Schützen auf Schritt und Tritt hoch in den einſamen Wüſten der ſtarren, eiſigen Gletſcherwelt um⸗ ringen. 92.9 verlebten ſie im ſtillen Familien⸗Kreiſe einför⸗ mig aber doch glücklich ihre Tage während des Winters, bis der Sommer kam und andere Beſchäftigungen brachte. Dann beſorgte der Vater Feld und Wieſe, die Mutter war thätig in der Wirthſchaft, wobei die kleine Marianne dann und wann ihr ſchon zur Hand ging, und Jakob, der junge nämlich, huͤtete die Ziegen und Kühe auf den Alpenmatten, oder ſichelte Gras an Stellen, wohin das Vieh nicht gelangen konnte, oder ſammelte Reiſig und Holz in den entfernten Wäldern. Kurz, es gab nur ſelten ganz müßige Hände in der Familie des Vaters Bluntſchli, und weil dabei ſtets Einfachheit und Sparſamkeit an der Tagesordnung war, ſo litten die fleißigen Leutchen niemals Mangel, ſondern erfreuten ſich vielmehr einer gewiſſen Behaglichkeit und ſogar einigen Ueberfluſſes, um den ſie von manchen an⸗ deren Dorfbewohnern wohl beneidet werden konnten. So war wieder einmal ein Sommer vergangen, und man bereitete Alles auf den allmählig herannahenden Winter vor, als an einem ſonnenhellen friſchen Spät⸗ herbſt⸗Tage in aller Frühe ſchon Vater Bluntſchli nach Art und Säge griff, den eiſenbeſchlagenen Alpenſtock nahm, Stutzen und Jagdtaſche umhing, und ſich auf ſolche Weiſe zu einem Ausfluge in's hohe Gebirge vor⸗ bereitete. Dies geſchah um dieſe Zeit wöchentlich meh⸗ rere Male, denn Vater Jakob ſorgte eben im Spät⸗ herbſte gewöhnlich für die nöthigen Vorräthe von Knie⸗ holz, die er während des Winters zu verarbeiten ge⸗ dachte. 8 „Wohin gehſt du heute, Vater?« fragte der junge Jakob.„Darf ich nicht mit? Ich habe erſt geſtern meine Art ſcharf gemacht, und könnte dir wohl ein wenig helfen beim Abhauen der zähen Holzſtämme.“ „Heute nicht, Jaköbli,“ verſetzte der Vater freundlich, denn er freute ſich des immer zur Thätigkeit bereitwilli⸗ gen Knaben,—„ich muß heute hoch hinauf auf einen Ausläufer der Engelhörner, wo ich neulich, als ich auf der Gemsjagd war, ein Geſtrüpp Knieholz entdeckt habe, wie es ſelten ſo knorrig, ſo feſt und in ſo ab⸗ ſonderlichen Formen vorkommt. Ich nahm mir gleich vor, mir gelegentlich eine Parthie davon zu holen, und heute will ich denn, da es ein ſo ſchöner Tag iſt, mei⸗ nen Vorſatz ausführen.“ „Oh, ich bitt' gar ſchön, Vater, nimm mich mit,« ſagte Jaköbli.„Schon lang' hab' ich mich geſehnt, einmal an den Engelhörner hinauf zu klettern, und du wirſt ſehen, wenn du bei mir biſt, fürchte ich mich nicht vor dem ſteilſten Abhange.“ 4 Der Vater ſchüttelte, aber nicht unfreundlich, den opf. „Es iſt ein ſchweres Aufſteigen,“ erwiederte er, „und mir ſelbſt iſt es nicht leicht geworden, bis auf die höchſte Platte hinauf zu kommen. Indeß, drei Viertel des Wegs kannſt du allenfalls machen, und ſo, in Got⸗ tes Namen, begleite mich.“ Der Knabe jauchzte vor Vergnügen, als er die Er⸗ laubniß zum Mitgehen empfing. Im Nu machte er ſich fertig, zog die ſchweren, ſcharfkantigen Alpenſchuhe an, griff nach dem Alpenſtocke, holte ſeine Axt, die er in den Gürtel ſteckte, und ſtand nach wenigen Minuten marſchfertig dem Vater zur Seite. Beide nahmen Ab⸗ ſchied von der Mutter und Mariannen, und ſchritten dann wohlgemuth durch die friſche, helle, aber kalte Morgenluft den hoch in den blauen Himmel ragenden, mächtigen Bergen zu. »Der Wind bläſt rauh, trotz des hellen Sonnen⸗ ſcheines, und droben auf den Gletſchern und Felſen liegt friſch gefallener Schnee,« ſagte der Vater, als die beiden Wanderer mehr und mehr ihrem Ziele ſich nä⸗ herten.„Nimm dich in Acht beim Steigen, Jakob, denn auf den beſchneiten ſchmalen Kanten und Räͤndern gleitet der Fuß leicht aus, und ein Sturz in die Tiefe bringt unvermeidliches Verderben.“ 3 »Sei ohne Sorge um mich, Vater,« antwortete der Knabe,„ich werde ſchon vorſichtig ſein, denn ich ſteige ja nicht zum erſten Male auf die Berge hinauf. Und ſo gar ſteil kommt es mir von hier aus auch nicht vor.« »Du wirſt ſchon ſehen, wie ſteil der ſchmale Pfad empor geht, wenn wir nur erſt ein Stück den Berg hinauf gekommen ſind,« ſagte der Vater.„Es giebt da Stellen, wo ſelbſt die Gemſe vorſichtig auftreten muß, um den zerſchmetternden Sturz zu vermeiden. Hier rechts hinauf, Jakob! Noch ein Viertelſtundchen, und das eigentliche Steigen beginnt. Geh' langſam! Wir werden allen Athem und unſere ganze geſammelte Kraft nöthig haben, um an unſer Ziel zu gelangen.“ Der Weg führte über kurz begraste Wieſen bis an den Fuß der ungeheuren Felſen⸗Koloſſe. Bis dahin war er nichts weniger, als beſchwerlich, jetzt aber ging es pfadlos hinauf, und es gehörte der ſichere Blick des ge⸗ übten Gemſenjägers dazu, an der faſt ſenkrecht abſtür⸗ zenden Wand empor zu klimmen. Aber Vater Bluntſchli . — 10 wußte Beſcheid. Er ſtieg voran, langſam und bedäch⸗ tig, indem er jeden Vorſprung, jede kleine Platte be⸗ nutzte, um weiter zu kommen. Jakob folgte ihm auf dem Fuße, und mit Hülfe des derben Alpenſtockes ge⸗ lang es ihm, ungefährdet auch die ſchwierigſten Stellen zu paſſiren. Nach etwa einer Stunde lautloſen und angeſtrengten Steigens erreichten ſie ein breites Plateau, über welches der Schnee eine zollhohe weiße Decke ge⸗ breitet hatte. Hier blieb der Vater, aus tiefer Bruſt Athem ſchöpfend ſtehen, und wartete auf Jakob, der um etwa hundert Schritte zurückgeblieben war. Sein Ge⸗ ſicht glühte von der Anſtrengung, und helle Schweiß⸗ tropfen perlten auf ſeiner Stirn. »„Gelt,“ rief der Vater ihm entgegen,„das war kein leichtes Stück Arbeit? Aber du haſt's nun überſtanden, und bleibſt hier, während ich vollends den jähen Ab⸗ 1 hang dort hinauf klettere. Dort drüben iſt eine Höh⸗ lung im Felſen, die Schutz gegen den Wind gewährt, dort warte auf mich, bis ich zurückkehre.« »Kann ich nicht weiter mit?« fragte der Knabe mit bittendem Blicke.„Ich bin noch nicht müde, Vater, nicht im geringſten.“ »Nein, Kind,“ verſetzte der Vater ernſt, dieſes letzte Stück muß ich allein gehen, um dich nicht Gefahren auszuſetzen, von denen du keine Ahnung haſt. Dort hinauf führt nur ein Gemſenpfad, und nur ein Gemſen⸗ jäger vermag ihn zu gehen.“ Der Knabe fügte ſich gehorſam dem Ausſpruche des Vaters, und dieſer traf ſeine Vorbereitungen, um das letzte ſchwierigſte Wagſtück zu vollbringen. Er legte Stutzen und Jagdtaſche ab, und behielt nichts bei ſich, als die Axt, die Baumſäge und den unentbehrlichen des Vaters, und begab ſich damit nach der nahen Hoͤhle, —; 44 Alpenſtock. Hierauf ſchüttelte er ſeinem Knaben die Hand, ermahnte ihn noch einmal, ruhig auf dem Pla⸗ teau ſeine Rückkehr abzuwarten, und trat dann von Neuem ſeine beſchwerliche und gefahrvolle Wanderung an. Jakob ſchaute ihm nach, ſo lange er die Geſtalt des Vaters erkennen konnte. Zuweilen ſchauerte er in Angſt und Beſorgniß zuſammen, denn von unten aus ſchien es, als ob es ganz und gar unmöͤglich ſei, an dieſer faſt ſenkrechten Wand empor zu klimmen, und jeden Augenblick glaubte er den Sturz des Vaters fürch⸗ ten zu müſſen. Aber dieſe Beſorgniſſe waren überflüſſig. Gewandt und ſicher klimmte der kühne Bergſteiger hö⸗ her und höher, und Jakob folgte jeder ſeiner Bewegun⸗ gen, bis er plötzlich ſeinen Augen entſchwand, indem er um eine Ecke bog und jenſeits derſelben ſeinen Weg fortſetzte. „Gott ſchütze ihn!« murmelte Jakob, ſich ſelbſt un⸗ bewußt, und richtete ſeine Blicke zur höchſten Felſenkante empor, die ſich wie eine ſcharfgeſchnittene, dunkle Linie vom tiefblauem Himmel abhob. Nach etwa fünf Minuten ſtieß er einen Freuden⸗ ſchrei aus. Auf der Kante oben erſchien die Geſtalt des Vaters, winkte grüßend hinunter und verſchwand dann wieder, ohne Zweifel in der Abſicht, an die Arbeit zu gehen und mit Art und Säge fleißig unter dem Knieholz aufzuräumen. Jakob nahm nun den Stutzen und die Jagdtaſche die ihm der Vater gezeigt hatte. Hier kauerte er ſich in einem Winkel nieder, und wartete auf die Wieder⸗ kehr des Vaters. Stunde um Stunde verrann. Die S ne hatte 12 ihren höchſten Stand am Himmel erreicht, und der Vater war noch nicht zurückgekommen. Jakob fuͤhlte ſich unheimlich in der oͤden Wildniß, die ihn umgab, und im Herzen fröſtelte ihn. Es war ſo gar ſchauer⸗ lich in der wilden Einſamkeit dort oben, wo er nichts weiter vernahm, als das Heulen des Windes, der ſich an den rauhen Felſenkanten brach, und brauſend über das glitzernde Schneefeld weiter ſtürmte. Eine ſeltſame Bangigkeit beſchlich ihn allmählig, und eine unbeſchreib⸗ liche Sehnſucht nach dem Vater, der ſo ſehr lange auf ſich warten ließ. Am liebſten hätte er ſich aufgemacht, und wäre dem Vater nachgeklettert, aber er fürchtete den Unwillen deſſelben wegen ſeines Ungehorſams, und ſo blieb er denn in der Höhle, mit immer ſteigender Ungeduld auf ein Lebenszeichen des Vaters harrend. Da auf einmal war es ihm, als ob er durch das Brauſen des Windes hindurch einen Schrei gehört hätte. Er fuhr ſchreckhaft zuſammen und lauſchte, ob der Schrei wiederholt werden würde, aber Alles blieb ſtill. Dennoch erfaßte ihn eine unſägliche Angſt; er ſprang auf und ſtüͤrzte aus der Höhle auf das freie Plateau, um einen ſpähenden Blick umher zu werfen. In einiger Entfernung, faſt auf derſelben Stelle, wo der Vater das Aufſteigen begonnen hatte, lag eine dunkle unbewegliche Maſſe auf der blendenden Schnee⸗ decke. Jakob's Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, und ſein Athem ſtockte vor jähem Entſetzen. Einen Moment blieb er wie verſteinert ſtehen, dann raffte er ſich zu⸗ ſammen und eilte im ſchnellſten Laufe zu der Stelle hinüber, wo die dunkle Maſſe lag, die ihn ſo furchtbar eerſchreckt hatte. Jetzt erreichte er ſie,— jetzt warf er einen ſcheuen Blick darauf,— und jetzt, ach! ſtürzte er 13 laut weinend daneben nieder und rang in bitterer Ver⸗ 8 zweiflung, jammernd und wehklagend die Hände. Die dunkle Geſtalt, es war der Körper ſeines Vaters, der blaß, mit Blut bedeckt, ohnmächtig oder todt auf dem kalten Schneebette ausgeſtreckt lag. „Um Gottes willen, Vater, lieber Vater, erwache!“ ſchluchzte er, und ſeine Thränen tropften auf das bleiche, ſtille Geſicht nieder.„Barmherziger Himmel, wie hat dies Entſetzliche geſchehen können? Lieber, guter Vater, wache auf, oder ich ſterbe vor Angſt!« Die jammernden Klagetöͤne des armen Knaben ſchie⸗ nen das fliehende Leben des Vaters zurückzuhalten; er ſchlug mit einem ſchmerzlichen Seufzer die Augen auf, und warf einen ſtarren, verſtörten Blick um ſich. Dann aber kehrte das Bewußtſein zurück, und ſein Auge blieb mit zärtlichem Ausdrucke auf dem weinenden Knaben haften. »Beruhige dich, Jakob,“ ſagte er, nicht ohne An⸗ ſtrengung, mit ſchwacher Stimme.„Ich glaube nicht, daß es mir an's Leben geht, obgleich ich einen ſchweren Fall gethan habe. Der Schnee wich unter meinen Füßen, ſte verloren ihren Halt, und ich ſtürzte dreißig oder vierzig Fuß tief herab. Wenn die Schneedecke nicht die ärgſte Gewalt des Sturzes gebrochen hätte, wäre ich ſicherlich jetzt ein todter Mann. So aber fühle ich, werde ich am Leben bleiben, obgleich freilich nur als ein auf immer verkrüppelter Mann.“« „Mein armer, armer Vater,“ jammerte Jakob,— „leideſt du große Schmerzen? Biſt du nicht im Stande, dich aufzurichten? Du haſt eine Wunde am Kopfe, thut ſie ſehr weh?« »Die iſt das Wenigſte, was mich kümmert,“ ver⸗ 14 ſetzte Vater Bluntſchli mit traurigem Lächeln.„Aber ich fürchte, ich habe den rechten Arm und das rechte Bein gebrochen, und außerdem empfinde ich heftige Schmerzen in der rechten Seite. Wenn ich gerettet werden ſoll, Jakob, ſo mußt du Hulfe ſchaffen und die Nachbarn aufbieten. Das iſt das Einzige, was wir thun können.“ „Und ich ſoll dich hier ganz allein laſſen, Vater? Das bricht mir das Herz!“ ſagte Jakob unter Thränen. „Es giebt aber keinen anderen Weg zur Hülfe,« erwiederte der Vater gelaſſen und in ſein Schickſal er⸗ geben.„»Alſo geh', mein Sohn, und laß mich hier in Gottes Schutze. Geh', mein Kind, und nimm dich beim Hinabſteigen in Acht, damit dich nicht ein gleicher Unfall, wie mich, trifft. Geh', Jakob, und der Himmel geleite dich! Die Nachbarn, daran zweifle ich nicht, werden gewiß zu meiner Rettung bereitwillig ſein! Geh', mein Sohn,— jede Minute iſt in meiner Lage koſtbar!“ Jakob ſah dies ein. Er ſtand auf, wiſchte ſich die Thränen aus dem Geſicht, und raffte ſeinen ganzen Muth zuſammen. „Du haſt Recht, Vater!“ ſagte er.„So leb' denn wohl, und verlaß dich auf mich. Ich will es weder an Vorſicht noch an Schnelligkeit fehlen laſſen.“. Er drückte die geſunde, unverletzte linke Hand des Vaters, und riß ſich dann, wenn auch mit blutendem“ Herzen von ihm los. Mit der Eile eines gehetzten Hirſches flog er über das Plateau, und begann darauf, an der ſteilen Felswand hinunter zu ſteigen. Mit der äußerſten Vorſicht klimmte er hinab, denn er wußte wohl, daß pon ſeinem eigenen Leben das Leben ſeines — „ 1 — — 15 Vaters abhing. Gleichwohl gelangte er, und glücklicher Weiſe ohne jeden Unfall, ziemlich ſchnell den Berg hin⸗ unter, und rannte von hier aus mit verdoppelter Eile nach dem Dorfe. In wenigen Minuten war hier die Kunde von dem Unglücksfall, der den wackeren Jakob Bluntſchli betroffen, in allen Hütten verbreitet, und alle Maänner, ſelbſt der Herr Pfarrer nicht ausgenommen, waren bereit, zur Rettung des Verunglückten beizutra⸗ gen. Schnell wurden Seile, Stangen, Decken, Kiſſen, und was ſonſt zur Rettung noch erforderlich ſein mochte, zuſammengebracht, und die rüſtigſten Männer machten ſich, Jakob an ihrer Spitze, auf den Weg. Sie waren Alle geübte Bergſteiger, und es wurde ihnen daher nicht ſchwer, das Plateau zu erklimmen. Oben ange⸗ langt, fanden ſie den Verunglückten auf derſelben Stelle, wo Jakob ihn verlaſſen hatte. Er war noch bei Be⸗ ſinnung, fühlte ſich aber äußerſt ſchwach, und war kaum noch im Stande, den hülfbereiten Freunden einige Worte des Dankes zu ſagen. Ohne Zögern, denn Jeder ſah wohl, daß Eile noth that, wurden die nöthigen Vorbe⸗ reitungen getroffen, um Jakob die Felswand hinunter zu ſchaffen. Man packte ihn ſorgfältig in Decken und Kiſſen ein, legte den hülfloſen Körper auf eine raſch und geſchickt hergerichtete Tragbahre, band ihn hier mit doppelten und dreifachen Stricken feſt, um ein etwaiges Herabrutſchen zu verhüten, welches bei der Steile des Abſturzes allerdings befürchtet werden konnte,— und nun griffen dreißig bis vierzig tüchtige Arme zu, um den braven Kameraden ohne weiteres Unglück in ſene Hütte zu tragen. Das ſchwierige Werk gelang trotz der unſäglichen Hinderniſſe und Schwierigkeiten, welche beim Hinabe: 16 klimmen der ſteilen Felſenwand überwunden werden mußten, und noch vor Sonnen⸗Untergang hatte man das Dorf wieder erreicht, und den armen, halb zer⸗ ſchmetterten Mann auf ſein Bette gebracht. Weinend umringten ſeine Frau und ſeine Kinder das Schmer⸗ zenslager des theuren Familien⸗Hauptes, und wußten ſich weder Rath noch Hülfe in dem Uebermaße ihrer großen Betrübniß, bis der Herr Pfarrer mit einem Arzte kam, den er, in Erwägung der Umſtände, ſchleu⸗ nigſt aus der Stadt herbeigerufen hatte. Seinen beru⸗ higenden, tröſtlichen Worten gelang es nach und nach, die gebeugten Herzen wieder aufzurichten und die ſchlimm⸗ ſten Schmerzen einigermaßen zu beſchwichtigen, während der Arzt den Zuſtand des Verunglückten unterſuchte, und ebenfalls das Seinige that, den Trauernden eini⸗ gen Troſt zu ſpenden. »Das Schlimmſte braucht Ihr nicht zu fürchten, Kinder,“ ſagte er nach beendigter Unterſuchung.„Das Leben werden wir mit Gottes Hülfe und bei ſorgſa⸗ mer Pflege wohl erhalten, was dann aber weiter kommt, das müſſen wir geduldig nach dem Willen des himm⸗ liſchen Vaters hinnehmen. Vor der Hand ſeid getroſt, und thut, was an Euch iſt, den Zuſtand des Leidenden ſo erträglich wie möglich zu machen!“ Einer ſolchen Ermahnung hätte es hier nicht be⸗ durft, denn Mutter und Kinder wetteiferten miteinander, um dem Vater die treueſte und unermüdlichſte Pflege angedeihen zu laſſen. Dieſe aufopfernde Liebe blieb auch nicht ohne Erfolg. Der Vater genas, aber nur langſam, ganz langſam und nach und nach, und erſt, als der Frühling wieder mit tauſend Blüthen⸗Augen zum blauen Himmel emporblickte, erſt da konnte der 17 arme Mann ſein Bett wieder verlaſſen, und mit äußer⸗ ſter Anſtrengung, unterſtützt von den Armen ſeiner Frau und ſeines Sohnes, die wenigen Schritte aus der Stube bis vor die Hausthür zurücklegen, um wieder einmal die friſche freie Luft zu athmen. Vater Bluntſchli war dem Leben erhalten worden, aber leider, ſeine frühere Rüſtigkeit, Gewandheit und Kunſtgeſchicklichkeit hatte er für immer eingebüßt. Nicht mehr, wie ſonſt, konnte er ſein Feld bearbeiten, nicht mehr, wie ſonſt, als kühner Gemſenjäger über Felſen und Gletſcher ſteigen, nicht mehr, wie ſonſt, aus hartem Holze kunſtreiche Figuren und Bilder ſchnitzen. Die zerſchmetterten Glieder waren für das ganze Leben völ⸗ lig gelähmt und verſagten den Dienſt. Vater Bluntſchli war ein armer hülfloſer Krüppel geworden! In das kleine Haus, wo bis zu dem traurigen und folgenſchweren Unglücksfalle Zufriedenheit und Glück ihre freundliche Stätte gehabt hatten, zogen jetzt Kum⸗ mer und düſtere Sorge für die Zukunft ein. Armuth und bittere Noth verdrängten nach und nach den bis⸗ herigen beſcheidenen Wohlſtand, und finſteren Blickes, mit gerunzelter Stirn, mit gebeugtem Haupte, und trau⸗ riger Ahnungen voll zitterte Vater Bluntſchli den kom⸗ menden Tagen entgegen. Was ſollte aus ihm und ſei⸗ ner Familie werden, da keine Hand mehr da war, das tägliche Brod zu verdienen? Die Weberei der Mutter brachte nur wenig ein, die kleine Marianne war noch viel zu ſchwach zum Arbeiten, und Jakob hatte auch noch nicht die Jahre erreicht, wo er den Seinigen eine ausreichende Stütze hätte ſein können. Deshalb konnte es nicht fehlen, daß es in der Hütte Vater Bluntſchli's nichts als traurige und ſchwermüthige Geſichter gab, Das treue Blut. 2 4 18 und daß keiner ihrer Bewohner ſich recht von Herzen des lachenden Frühlings erfreuen konnte, der doch ſonſt auch das betrübteſte Herz mit neuen Hoffnungen zu er⸗ füllen pflegt. Da eines Tages kehrte Jakob freudeſtrahlend von einem Spaziergange zurück, den er vor kaum einer Stunde mit betrübtem Gemüth angetreten hatte, und fröhlich blitzenden Augen in die kleine Stube hinein. -„ Ich hab' es, Vater!« rief er frohlockend aus;— „ich weiß jetzt, wie aller Noth und Sorge für die Zu⸗ kunft ein Ende zu machen iſt! Ich habe das Mittel gefunden, uns Alle wieder zufrieden zu machen!“ Der Vater ſchüttelte ungläubig den Kopf, auch in dem Geſichte der Mutter drückte ſich ungläubiger Zweifel aus, und nur die kleine leichtgläubige Marianne blickte mit hellem Auge und neugieriger Miene den Bruder an. „O, glaube mir nur, Vater, glaube mir, Mutter,“ ſprach Jakob voll Eifers weiter.„Der Herr Pfarrer, mit dem ich vorhin ſprach, hat auch ſchon mein Vor⸗ haben gebilligt, und Ihr wißt wohl, daß der Herr Pfarrer ein ſehr kluger und wohlwollender Mann iſt.“ „Nun, Jaköbli, ſo ſag', was du dir ausgeſonnen haſt, und dann werden wir bald ſehen, ob dein Vor⸗ haben auszuführen iſt, oder nicht,“ ſagte der Vater. „So höre denn, und du auch, Mutter,— ſeht, als ich vorhin ganz niedergeſchlagen darüber, daß ich ſo gar nichts für uns thun könnte, aus dem Dorfe hinaus ging, da begegnete mir draußen der Nazi Benedict, und redete mich an, wohinaus ich wolle, und ich ſagte ihm, ich wolle nur ein wenig friſche Luft ſchöpfen, und er erzählte mir, er komme aus der Stadt, wohin er eine Parthie Schnitzwaaren zum Händler getragen habe. Und dann ſchimpfte er auf den Händler, daß er doch ein wahrer Schinder wäre, der den armen Leuten kaum den nöthdürftigſten Verdienſt gönne, und immer und immer nur am ſauren Lohn abzwacken wolle, und wenn nur Einer ſo geſcheidt wäre, und ginge mit den hüb⸗ ſchen Schnitzwaaren weiter hinaus nach Deutſchland oder nach Frankreich hinein, der könne gewiß ein gutes Geſchäft machen, und ohne große Mühe viel Geld ver⸗ dienen. Das fuhr mir durch den Sinn, Vater, und im Stillen bei mir mußt' ich dem Nazi Recht geben. Weiter und weiter dacht' ich über die Sache nach, und da grübelte ich nach und nach heraus, wenn nur unſere Nachbarn mir ihre Schnitzereien anvertrauen wollten, anſtatt ſie zum Händler in die Stadt zu tragen, ſo wollt' ich mir's in Gottes Namen ſchon getrauen, eine Wanderung, wie der Nazi gemeint, anzutreten. Die Waaren, dacht' ich, würde ich wohl verkaufen, und das Geld würd' ich ſtets richtig und pünktlich herſchicken, und dann wieder andere Waaren bekommen, und wieder⸗ verkaufen,— und recht ſparſam leben wollt' ich auch, und da meint' ich, es müßte doch wohl ſo viel Verdienſt für mich übrig bleiben, daß ich meinem lieben Vater ein ſorgenfreies Leben bereiten könnte. Und wie ich noch ſo darüber ſimulire und ſimulire, redet mich der Herr Paſtor an, und fragt mich, was ich denn vorhabe, ich ſähe ſo ganz abſonderlich aus, anders wie gewöhn⸗ lich. Und da erzählte ich ihm, über was ich nachgedacht habe, und der Herr Pfarrer billigt mein Vorhaben, und ſagt mir zu meiner größten Freude, daß es ein guter, geſcheidter Einfall ſei, und ſo viel an ihm läge, wolle er gewiß thun, um mich zu unterſtüͤtzen und mir auch das Wort reden bei den Nachbarn, daß ſie mir ihr 2. 20 Vertrauen zuwendeten und mir ihre Schnitzereien zum Vertrieb überließen. Und dann nachher gab er mir den Rath, ich ſolle mit dir darüber ſprechen, Vater, und deine Meinung hören, und was du mir ſagen würdeſt, das ſolle ich thun und dir folgen. Und nun weißt du, was ich meine, und nun ſag' mir auch deine Mei⸗ nung.“ Vater Bluntſchli beſann ſich nicht lange, bevor er antwortete. „Der Plan iſt gut, und ich habe an Aehnliches ſchon manchmal gedacht,“ ſagte er.„»Nur fürchte ich, du biſt noch allzu jung und unerfahren, Jakob, als daß du gut durchkommen könnteſt. In der Welt giebt es nicht lauter gute, brave, rechtſchaffene Menſchen, es giebt auch recht böſe und ſchlechte darunter, die ſich kein Gewiſſen daraus machen würden, dich zu mißbrauchen, zu betrügen, wohl gar zu beſtehlen, wenn ſie Gelegen⸗ heit dazu fänden.“ „Oh, Vater, vor ſolchen Leuten würd' ich ſchon auf der Hut ſein,“ verſicherte Jakob.„Schau, ich bin ja auch kein Kind mehr. Vor vier Wochen hat mich der Herr Pfarrer mit eingeſegnet, und draußen in der Welt, denk' ich mir wohl, daß man überall muß die Augen offen haben und vorſichtig zu Werke gehen. Daran ſollt' es bei mir auch gewiß nicht fehlen.“ „Ich glaube dir's ſchon,« verſetzte der Vater,— „aber es iſt eine ganz andere Frage, ob auch die Nach⸗ barn dir glauben, und deiner noch ſo großen Jugend Vertrauen ſchenken werden. Bei alledem, der Einfall iſt gut und ausführbar, und wir wollen ihn überlegen und weiter darüber nachdenken.“ Indem er dieſe Worte ſprach, trat der Herr Pfarrer in eigener Perſon in die Stube, und reichte mit freund⸗ lichem Gruße allen Anweſenden die Hand, die ehrer⸗ bietig angenommen und geküßt wurde. „Nun, Vater Bluntſchli,“ ſprach er dann,„hat der Jakob Euch ſeinen Einfall mitgetheilt, und was meint Ihr dazu?“ Vater Bluntſchli wiederholie ſeine ſchon geäußerte Anſicht, ſeine Billigung des Planes, aber auch ſeine Bedenken wegen der großen Jugend Jakob's. „Das iſt ſchon Alles recht,“ erwiederte der Herr Pfarrer,„aber was die große Jugend anbetrifft, ſo beſſert ſich dieſer Fehler alle Tage, und außerdem iſt der Jakob ein aufgeweckter Burſch, und geſcheidter, als mancher Andere von ſeinen Jahren. Laßt ihn in Gottes Namen ziehen. Er heißt nicht umſonſt„das treue Blut«, und er wird ſeine Sache ſchon recht und ehr⸗ lich machen.“ „Aber die Nachbarn, glauben ſie auch ſo?« fragte der Vater bedächtig, obwohl erfreut über die gute Mei⸗ nung, die der Herr Pfarrer von ſeinem Sohne hatte. „Sie erſt recht,“ verſetzte der würdige Herr.„Ehe ich zu Euch herkam, habe ich mit Einigen geſprochen, und Jeden mit Freuden bereit gefunden, Jakob zu hel⸗ fen.„‚Das treue Blut,“ ſagten Alle,— ‚das kann getroſt Alles von uns verlangen, dem vertrauen wir ohne Bedenken, auch wenn unſere Schnitzereien aus purem Golde wären ſtatt aus werthloſem Holze. Ja, der Jakob, das treue Blut, mag nur kommen, und ſich auswählen, was er Luſt hat!’ So ſprachen die Nach⸗ barn, und ich, habe mich herzlich darüber gefreut.« „»Wenn es denn ſo iſt, dann in Gottes Namen mag er ziehen,“ ſagte Vater Bluntſchli gerührt. 6 22 „Und wir wollen ihm ein ſchönes Zeugniß mit auf den Weg geben, damit er vorkommenden Falles Schutz findet bei den Behöͤrden in den Ländern, wohin ſeine Wanderung ihn führen wird,“ ſprach der Herr Pfarrer. »So triff denn alſo deine Vorbereitungen, Jakob, und wir Alle wollen beten, daß Gottes Segen auf deinem Vorhaben ruhen möge!« ſagte der Vater.„Amen!“ flüſterte auch u mit gefalteten Händen, obgleich ihr das Herz ſchwer wurde bei dem Gedanken an das bevor⸗ ſtehende Scheiden ihres Sohnes. »Gott wird ja mit ihm ſein auf allen Wegen, und ihn hüten und ſchützen, im fremden Lande ſowohl wie daheim!« In dieſer Zuperſicht fand ſie Troſt; und die Hoff⸗ nung auf eine beſſere und ſorgenfreiere Zukunft, die ſie nun erwarten konnten, ſtumpfte auch bei den Anderen den Stachel des Schmerzes ab, den außerdem das Scheiden Jakob's aus dem älterlichen Hauſe gewiß tief ihrem Herzen eingedrückt haben würde. Zweites Kapitel. In der Fremde. So war es denn beſchloſſen, Jakob ſollte trotz ſeiner Jugend hinaus in die weite Welt, um draußen ſein Heil zum Beſten der Lieben zu verſuchen, die in der Heimath zurückblieben und ihm nur mit ihren Segens⸗ wünſchen folgen konnten. Jakob zeigte gute Zuverſicht, 23 und fürchtete ſich auch nicht im geringſten vor den Fall⸗ ſtricen und Gefahren, die Seiner in fremden Landen etwa harren mochten. Er war eben von Grund aus ein treues Blut, das keinem Anderen etwas Böſes zu⸗ trauen konnte. Seiner ſelbſt ſicher vor jeder Falſchheit und Hinterliſt, vermuthete er ſie auch bei Anderen nicht. Rechtſchaffen, fleißig und ehrlich wollte er ſeinen kleinen Handel betreiben, und darum zweifelte er auch keinen Augenblick daran, daß Alles gut gehen und zu einem guten Ende führen werde. Die Nachbarn hegten denſelben Glauben, und brach⸗ ten dem„treuen Blute“ ihr volles Vertrauen entgegen. Ihre ſchönſten Schnitzereien gaben ſie ihm hin, ohne ſich Sorge darüber zu machen, wie ſie zum Gelde dafür kommen würden. „Der Jakob wird Alles ſchon recht machen,“ ſagten ſte;—„der iſt ein treues Blut!“« Bei ſo bewandten Umſtänden dauerte es nur wenige Tage, bis Jakob vollſtändig zu ſeiner Wanderung aus⸗ gerüſtet war. Er hatte für mehrere hundert Gulden Werth an verſchiedenen Schnitzereien bekommen, und auf jedem einzelnen Stück gewiſſenhaft den Eigenthümer und den Preis angemerkt, den er dafür einſenden mußte. Was er mehr daraus löſte, das war ſein Gewinn, den er nach ſeinem Gefallen verwenden konnte. Alles hatte er in einen großen Kaſten ſorgſam eingepackt und den Kaſten in einen Handkarren verladen, mit dem er berg⸗ auf, bergab die Lande zu durchziehen gedachte. Bei'm Ziehen ſollte ihm Sultan helfen, ein großer, ſchöner, kräftiger Hund von der Raſſe des St. Bernhard⸗Berges, 8 den er durch Vermittelung des Herrn Pfarrers, er 7 ihm fortwährend mit Rath und That zur Seite ſtand, 24 von einem Gutsbeſitzer in der Nähe des Dorfes geſchenkt bekommen hatte. Dieſer ſchöne Hund war für ihn von ſehr großem Werthe, denn nicht nur, daß er den Karren mit ziehen half, konnte er vorkommenden Falls auch zum Schutze des Knaben und zur Bewachung ſeiner immerhin ziemlich koſtbaren Waare dienen. Er⸗ war in der That auch ein prächtiges Thier, faſt ſo groß wie eine engliſche Dogge, mit breiter Bruſt, kräftigen Bei⸗ nen und löwenartigem Kopfe, der ein Gebiß zeigte, das ſelbſt beherzten Leuten Furcht einzuflößen ganz geeignet war. An Jakob hatte er ſich gleich den erſten Tag ge⸗ wöhnt, folgte ihm auf Schritt und Tritt nach, und lei⸗ ſtete jedem ſeiner Worte und Winke den pünktlichſten Gehorſam. Der Tag der Abreiſe war endlich da. Jakob nahm zärtlich Abſchied von Vater, Mutter und Schweſter, welche mit tief gerührtem Herzen ihm Glück und Segen auf allen ſeinen Wegen wünſchten, ſpannte ſich mit Sultan vor ſeinen Wagen und fuhr davon. Viele Nachbarn, auch der Herr Pfarrer, gaben ihm das Ge⸗ leit eine gute Strecke bis vor das Dorf hinaus. Bei'm letzten Lebewohl händigte ihm der Herr Pfarrer noch eine ſchöne neue Brieftaſche ein und machte ſie ihm zum Geſchenk. »Dein Zeugniß liegt darin,“« ſagte er.„Bewahre es wohl, denn es kann eine Zeit kommen, wo du es gebrauchſt und wo es dir gute Dienſte zu leiſten ver⸗ mag. Und nun, mein lieber Jakob,— fahr wohl, und Gott geleite dich!« »Lebe wohl, und viel Glück auf die Reiſe!« riefen noch zwanzig andere Stimmen, als Jakob weiter fuhr, und noch manches laute und ermuthigende Hurrah tönte lieber Gott, daß du mich armen Knaben nicht verlaſſen Regen zu ſuchen. In ſolchem Falle wickelte er ſich in und ſchlief dann auf dem blanken Erdboden oder a⸗ 25 ihm nach, als er ſchon weit entfernt war und einſam auf der Landſtraße ſeines Weges zog. Wir wollen nicht behaupten, daß unſerem Jakob das Scheiden aus dem Vaterhauſe und aus der Hei⸗ math ganz leicht geworden wäre, er wäre ja ſonſt nicht das richtige treue Blut geweſen mit einem Herzen voller Liebe und Anhänglichkeit,— aber leichter wurde ihm das Scheiden, als den Zuruͤckbleibenden, denn er ver⸗ folgte einen beſtimmten Zweck zum Beſten ſeiner An⸗ gehörigen, und dieſes Bewußtſein kräftigte ſein Gemüth und erhielt ihn aufrecht und ſtark. Ein paar Thränen weinte er freilich, als er nun ſo mutterſeelen allein in die Welt hinaus ging, aber die Wehmuth hielt nicht lange vor, ſondern wich ſchnell einem beſſeren Gefühl. Schon nach kurzer Zeit wiſchte er kurz und bündig die Thränen von ſeinen Wimpern, und blickte hellen Auges zum blauen Himmel empor. „Ich thue meine Pflicht, und da zähle ich auf dich, wirſt,“ munnile er in halblautem Selbſtgeſpräch vor ſich hin.„Alſo nur muthig vorwärts! Wenn die Welt groß iſt, ſo giebt es auch viele gute Menſchen darin.“ Und vorwärts ging es, ohne Raſt ohne Ruhe Tag für Tag. Wenn die Nacht kam, fand Jakob gewöhn⸗ lich ein Unterkommen in irgend einem Dorfe bei irgend einem gutmüthigen Bauersmann, und wenn das einmal nicht der Fall war, ſo verſchlug es ihm auch nichts, einmal unter Gottes freiem Himmel zu übernachten, und unter dem erſten, beſten Baume Schutz gegen etwaigen eine große wollene Decke, die er mitgenommen hatte, 26 einem weicheren Mooslager eben ſo gut, oder noch beſſer, wie Mancher, dem ein warmes, ſchönes Bett zu Ge⸗ bote ſteht. Das machte, er war eben jeden Abend rechtſchaffen müde von der Wanderung am Tage, und die Müdigkeit wandelte für ihn das härteſte Lager zum weichſten Lotterbette um. Außerdem hatte er ſeinen treuen Sultan zur Seite, der ihn wärmte und über ihn wachte, und da vermißte er ein beſſeres Nachtlager niemals. Zehrungskoſten hatte er auch nicht viel. Einen er⸗ friſchenden Trunk lieferte ihm jeder Bach und jede Quelle, und zur Stillung des Hungers bedurfte er wei⸗ ter nichts, als ein Stück Brod mit einem Stückchen Käſe dazu. Das koſtete nicht viel, und für gewöhnlich gar nichts, denn Niemand, der ihn einmal eine Nacht üͤber beherbergt hatte, ließ den hübſchen, beſcheidenen Burſchen weiter ziehen, ohne ihn vorher, mitunter ſehr freigebig, mit Mundvorräthen verſehen zu haben. Auch 8 Mittags fand er nicht ſelten ein Plätzchen am Tiſche gaſtfreundlicher und gutmüthiger Men he nd ſo kam es, daß er für Reiſe⸗ und Zehrungskoſten nur äußerſt wenig, faſt gar nichts auszugeben brauchte. Er wanderte durch die ganze Schweiz bis nach Deutſchland hinein, und als er die Gränze paſſirte und ſeine kleine Reiſe⸗ kaſſe zählte, die bei ſeinem Abgange aus der Heimath nur zwei Franken betragen hatte, da fand er zu ſeinem Vergnügen, daß ſeine Baarſchaft nicht nur nicht ab⸗, ſondern ſogar zugenommen hatte. Das mag wunderbar erſcheinen, aber trotzdem war es ganz natürlich zuge⸗ gangen; denn in ſeinem letzten Quartier bei einem reichen Holzhändler, der ihm nicht nur freies Quartier, ſondern auch Braten und Salat zum Abendeſſen gegeben, 27 hatte ſein offenes, treuherziges und kindlich zutrauliches Benehmen auf die gutmüthige Frau des Holzhändlers einen ſo angenehmen Eindruck hervorgebracht, daß ſie ihm am andern Morgen beim Abſchiede ein blankes Fünffrankenſtück in die Hand gedrückt hatte. Deß freute ſich Jakob natürlich nicht wenig, und ſteckte das Geſchenk ſorgfältig apart, um es bei der erſten Gelegen⸗ heit den Aeltern in die Heimath zu ſchicken. Dieſe Gelegenheit ſollte ſich nun bald finden. So lange er noch auf Schweizeriſchem Boden wanderte, hatte er ſeine Waare gar nicht feilgeboten, weil er dar⸗ auf rechnete, daß ſie ihm in Deutſchland beſſer bezahlt werden würde, als eben in der Schweiz, wo faſt in allen größeren Städten Niederlagen von dergleichen Schnitzereien zu finden ſind. Seine Berechnung täuſchte ihn auch in der That nicht. Als er nach einigen Wochen Stuttgart erreichte, hatte er faſt ſeinen ganzen Waaren-⸗Vorrath unterwegs abgeſetzt, und außer dem Koſtenpreiſe noch einen erklecklichen Ueberſchuß daraus gelöst. Daher beſchloß er, in Stuttgart einige Zeit zu bleiben, und faͤnd leicht ein beſcheidenes Unterkommen in einer kleinen Herberge, wo er nur wenige Kreuzer Schlafgeld für die Nacht zu bezahlen brauchte, und den Tag über, wenn er es nicht vorzog, mit dem Reſte ſei⸗ ner Waare hauſiren zu gehen, unentgeltlich ein Plätzchen in der allgemeinen Gaſtſtube fand. Die Herberge ge⸗ hörte einer Wittwe in ſchon gereiften Jahren, einer be⸗ häbigen Frau von ungewöhnlich großem Körper⸗Umfange, in deren breitem, fleiſchigem und rothem Geſicht die Gut⸗ müthigkeit ſelber unverkennbar ſich ausſprach. Auch neugierig war ſie ohne Zweifel in hohem Grade, denn Jakob hatte noch nicht volle vierundzwanzig Stunden 28 unter ihrem Dache gehaust, ſo wußte ſie ſchon von A bis Z ſeine ganzen Verhältniſſe, und kannte ſeine Pläne, ſeine Ausſichten und Hoffnungen. Das war aber Ja⸗ kob's Schaden nicht. Von Stund' an mußte er jeden Mittag mit an ihrem Familientiſche eſſen, und bekam Frühſtück und Abendbrod ſo reichlich, daß ihm ganz angſt und bange für ſeine Kaſſe wurde. Er faßte ſich eendlich ein Herz, und ſagte der Frau Häfele rund her⸗ aus, daß er ſo gut und reichlich nicht zu leben gewöhnt ſei, und daß er es für eine Sünde hielte, viel Geld auf ſein Wohlſein zu verwenden, während die Seinigen da⸗ heim vielleicht Mangel leiden müßten. Frau Häfele verzog ihr rothes, gutes Geſicht zu einem Lächeln, blin⸗ zelte Jakob ſchelmiſch an, ſtemmte ihre beiden fleiſchigen Arme in die Hüften, und ſtellte ſich breit vor den jun⸗ gen Burſchen hin. „»Und wer hat denn ſchon Geld von dir verlangt, du ſpaßiger Kerle?« fragte ſie. „Ei nun, verlangt hat Keiner Etwas von mir,« verſetzte Jakob verlegen,—„aber das macht nichts aus, Ein Mal muß ich doch zahlen, und da gäb's am Ende ein ſo großes Loch in meinen kleinen Beutel, daß ich mich ſchämen müßte davor.« „Na, denn ein für alle Mal,“« antwortete Frau Häfele,—„ſo lange du hier bleibſt, biſt du mein Gaſt und haſt mir keinen Kreuzer für Koſt und Logis zu bezahlen! Verſtehſt du nun? Mach' mir kein' Sach' weiter! Die Frau Häfele hat Hafen(Töpfe) genug auf dem Herde, daß ſich ſo ein Springinsfeld, wie du, ſchon mit ſatt eſſen kann daraus. Biſt ein gutes Bu⸗ bele, das ſeine Aeltern ehrt, dem kann man ſchon ein Uebriges zu Liebe thun.“ 29 Ueber dieſe Entſcheidung der Frau Häfele konnte Jakob unmöglich böſe ſein. Er ſtammelte ſeinen Dank, und küßte ſo herzlich die fleiſchige Hand der guten dicken Frau, daß es ordentlich einen weißen Flecken auf d rothen Haut gab. Frau Häfele tätſchelte ihn freundli auf die Wange.— »„Iſt Alles ſchon recht,“ ſagte ſie, und wendete ſic wieder zu ihren Geſchäften.„Bleib' du nur hier, ſo lange dir's gefällt. Biſt willkommen, und brauchſt dich nicht weiter zu bedanken.“ Jakob war einmal froh darüber, daß er ein ſo gu⸗ tes Unterkommen und noch dazu ſo billig bekommen hatte. Er ſchrieb einen langen Brief an ſeinen Vatex, rühmte mit warmen Worten die gute Mutter Häfele, und that ſeinen Entſchluß kund, daß er bis auf Wei⸗ teres bei ihr bleiben werde, nämlich ſo lange, bis er wie⸗ der neue Waare bekäme. Die ſollte der Vater ihm ſchicken, je mehr, je beſſer, denn der alte Vorrath ſei aausverkauft. Dieſem Briefe legte er ein Verzeichniß bei mit An⸗ 4 gabe der verkauften Waaren, des Preiſes derſelben, und mit dem Namen deſſen, der ſie ihm anvertraut hatte. Ferner legte er faſt das ganze Geld bei, das er einge⸗ nommen hatte. Er wickelte es in verſchiedene Päckchen, und ſchrieb auf jedes Päckchen den Namen deſſen drauf, der es bekommen ſollte, der Inhalt jedes Päckchens ſtimmte wieder mit dem ſchon erwähnten Verzeichniſſe, ſo daß ein Irrthum in Bezug auf richtige Bezahlung nicht vorkommen konnte. Auf dem größten Päckchen aber ſtand der Name von Vater Bluntſchli. Es ent⸗ hielt die ganze Summe, die Jakob bei ſeinem Handel verdient hatte, und betrug mehr als fünfzig Gulden in 8 lauter ſchönen, blanken Kronenthalern. Sämmtliche Päckchen, das Verzeichniß und den Brief packte dann Jakob noch einmal ſorgfältig ein, ſchrieb die Adreſſe dazu, brachte es nach der Poſt, und wartete nun auf die Antwort des Vaters, die er ungeduldig herbeiſehnte, um nicht allzu lange der guten Frau Häfele zur Laſt zu fallen. Endlich, nach vollen acht Tagen kam die Antwort richtig an, und dazu eine große Kiſte mit ſchönen Schnitz⸗ Arbeiten, noch ſchöneren faſt, als Jakob zuerſt von Hauſe mitgenommen hatte. Der Herr Pfarrer ſchrieb im Namen des Vaters an Jakob, ſein Brief hätte viele Freude im ganzen Dorfe bereitet, die größeſte freilich im Aelternhauſe, aber auch ſehr große und aufrichtige bei den Nachbarsleuten. Das Geld wäre allſeitig ganz richtig befunden worden, und man habe ſehr ſeine pünkt⸗ liche Geſchäftsführung belobt, und auch viele neue Ar⸗ beiten geliefert, die Jakob nun, wie die erſten, nach An⸗ gabe des beigelegten Verzeichniſſes verkaufen möge. Er ſolle nun nur fleißig in der bisherigen Weiſe fortfahren, an Waare ſei kein Mangel, und man würde ſie ihm nach wie vor mit Vergnügen anvertrauen. Im lUebri⸗ gen ſei Alles hübſch munter und geſund ac. ꝛc. Ganz zuletzt folgten noch viele tauſend Grüße an die gute Frau Häfele mit ſchönſtem Danke für ihre Freundlich⸗ keit und mit den herzlichſten Segenswünſchen für ihr künftiges Wohlſein. Brief und Kiſte hatte ein Fuhrmann mitgebracht, und auch nicht einen Kreuzer Fracht dafür berechnet, denn er war ein Landsmann von Jakob, und hätte um alles in der Welt nichts von ihm angenommen, als allerhoͤchſtens ein„ſchön' Dank« für gehabte Mühe. 31 Jakob war ſeelenvergnügt über die empfangenen guten Nachrichten und auch über die Waaren, denn nun konnte er endlich wieder ſeine Wanderung antreten, nachdem er ſo viele Tage in Müßiggang zugebracht hatte. Uebrigens ließ er ſich's zur Lehre dienen, und damit er nicht ſo bald wieder in eine gleiche Verlegen⸗ heit kommen möge, ſchrieb er noch einmal an den Vater, zeigte ihm den Empfang der Kiſte an, und erſuchte ihn, eine andere im Voraus nach München zu ſchicken, von wo aus er,— der Jakob nämlich,— ſpäter zur Win⸗ terszeit nach Hauſe zurückkehren wolle. Er gab auch die Adreſſe in München an, wohin man die Kiſte ſicher ſchicken könne, nämlich an ein Geſchwiſter⸗Kind von der guten Frau Häfele, wohin auch er ſelber von ihr em⸗ pfohlen worden ſei. Nachdem dies Alles beſorgt war, ſpannte Jakob eines Morgens ſeinen treuen Sultan wie⸗ der vor den Wagen, nahm dann Abſchied von der Frau Häfele, nnd bedankte ſich noch einmal bei ihr für alle genoſſene Güte und Liebe. „Schweig' nur davon ſtill,« unterbrach ihn die brave Frau, indem ſie ihn bei'm Kopfe nahm und herzhaft abküßte.„Biſt mir lieb geworden, wie mein Sohn, der auch draußen in der Welt unter fremden Menſchen als Fuhrmann ſein Brod verdienen muß. Nun, es geht ihm gut, ſo viel ich weiß, und drum muß man ſich zu⸗ frieden geben. Wenn du ihn zufällig einmal findeſt, meinen Wilhelm, ſo grüß' ihn von mir, und ſag' ihm, er ſolle nur immer ſo brav, und ordentlich und gut ſein, wie du! Und nun behüt' dich Gott! Es iſt ein weiter Weg bis nach München, und du wirſt manchen Tag brauchen, ehe du hinkommſt. Leb' wohl! Vergiß die Frau Häfele nicht, und wenn du wieder einmal 32 nach Stuttgart kommſt, ſo weißt du, wo du gern geſe⸗ hen wirſt!« Mit dieſen Worten ſchob ſie Jakob ohne Umſtände zur Thür hinaus, denn ſie liebte das lange Abſchied⸗ nehmen nicht, und wollte ſich auch nicht ohne Noth weich⸗ und wehmuͤthig machen. Jakob verſtand ihre Ab⸗ ſicht und reſpectirte ſte. Er ſpannte ſich neben Sultan, der ihn mit lautem, frohem Gebell empfing, vor den Wagen, Beide zogen an, und vorwärts ging es wieder, aus den engen Straßen der Stadt hinaus in die weite, freie, ſchöne Natur. Jakob betrieb ſein Geſchäft grade wieder ſo, wie er angefangen hatte. In den größeren Städten und Ort⸗ ſchaften ging er hauſtren und bot ſeine Waare feil, wußte es aber gewöhnlich ſo einzurichten, daß er noch vor Einbruch der Nacht weiter fuhr und ein Dorf er⸗ reichte, wo er billiger übernachten konnte, als in einer ſtädtiſchen Gaſtwirthſchaft. Faſt überall, wo er ſeinen Kaſten öffnete und ſeine hübſchen Schnitzereien feilbot, machte er gute Geſchäfte. Man bezahlte dem freund⸗ lichen Knaben gern die geforderten Preiſe, ohne lange mit ihm zu feilſchen und zu handeln, und auf dieſe Weiſe dauerte es gar nicht lange, ſo füllte ſich ſein Geldbeutel wieder, während gleichzeitig die Laſt des Wagens Tag für Tag geringer wurde, ſo daß Sultan ihn faſt ſpielend weiter zog, und kaum mehr Jakob's Hülfe dabei bedurfte. Eines Tages verſäumte er ſich aber doch länger in einer kleinen Stadt, als er eigentlich gewollt hatte, und es geſchah ihm, daß er, grade mitten im Gebirge, auf dem Wege nach einem einzelnen Weiler, deſſen Lage ihm von einem Holzaufſeher genau beſchrieben worden war, von der Abend⸗Dämmerung überraſcht wurde. Der Weiler mochte vielleicht noch eine Stunde entfernt ſein, und Jakob mußte daher die Hoffnung ſchwinden laſſen, ihn noch vor dem Eintritt völliger Dunkelheit zu erreichen. Ueberhaupt ſchien es ihm ungewiß, ob er ihn finden werde, denn die Gegend war ihm völlig fremd, die Pfade kreuzten ſich mannichfach in den dichten Wäl⸗ dern, welche ringsum die Thäler und Berghänge be⸗ deckten, und es konnte daher ſehr leicht geſchehen, daß er ſich in der Finſterniß verirrte, und wohl gar, anſtatt dem Weiler näher zu kommen, ſich von demſelben ent⸗ fernte. Jakob hielt den Wagen an, und überlegte. „Am Geſcheidteſten,“ dachte er,„wird es ſein, wenn wir hier bleiben, und wie ſo manchmal ſchon, unſer Nachtlager im Freien nehmen. Was meinſt du dazu, Sultan?“ Sultan ſchien zufrieden. Er bellte laut und luſtig, und ſchmiegte ſich ſchmeichelnd ſeinem jungen Herrn an. Jakob ſchaute umher und ſuchte nach einem möglichſt bequemen und geſchützten Lagerplatze, den er bald genug ganz in der Nähe unter einer mächtigen Eiche mit weit ausgebreiteten Zweigen und vollem, dichtem Laubdache entdeckte. Dorthin fuhr er, und fand unter der Eiche eine ſchöne, weiche Moosdecke, auf der es ſich faſt ſo behaglich, wie in einem Bette, ſchlafen und ruhen laſſen mußte. Jakob ſpannte Sultan aus, nahm ihm das Geſchirr ab, damit auch der brave Hund ſich's für die Nacht bequem machen konnte,— ſetzte ſich dann am Fuße der Eiche auf eine bemooste Wurzel nieder, und öffnete einen Sack, in welchem er ſeine kleinen Mund⸗ vorräthe aufzubewahren pflegte. Sultan kannte dieſen Das treue Blut. 3 34 Sack ſchon, und ſobald derſelbe zum Vorſchein kam, ſetzte er ſich ſeinem Herrn gegenüber, in der gewiſſen Zuverſicht, daß er bei dem frugalen Abendeſſen nicht ganz leer ausgehen würde. Dieſe Zuverſicht wurde auch nicht getäuſcht. Jakob theilte ehrlich und redlich ſeine Mahlzeit mit dem treuen Thiere, und darbte ſich ſelbſt manchen guten Biſſen ab, um ihn dem braven Sultan zuzuwenden. Nach einer Viertelſtunde waren Beide, Herr und Hund, geſättigt, und Jakob ſchnürte ſeinen Sack wieder zu und legte ihn auf den Wagen. »„So, mein guter Sultan,“ ſagte er dann,„gegeſſen haben wir, und nun, dächte ich, legten wir uns ſchlafen. Komm, mein Alter!“ Jakob ſuchte ſich das weichſte Plätzchen auf der Moosdecke aus, warf ſich darauf nieder, hüllte ſich in ſeine Decke ein, und fühlte ſich nun ganz behaglich und wohl. Sultan ſtreckte ſich, wie gewöhnlich, neben ihm aus, duckte ſeinen breiten, mächtigen Kopf auf die Vorder⸗ pfote nieder, blinzelte noch einmal zärtlich ſeinen jungen Herrn an, ſchloß endlich die Augen, und ſchien nach wenigen Minuten ſchon feſt zu ſchlummern. Jakob blieb längere Zeit wach. Die Nacht war ſo ſchön! Tiefe, heilige Stille umgab ihn ringsum, kein Blättchen regte ſich, und durch die Zweige über ihm ſchimmerten blitzende Sterne in ſtrahlender Schön⸗ heit auf ihn nieder, und blickten ihn wie holde Engels⸗ augen an. Die ganze Natur um ihn her ſchien zu ſchlafen; kein Vogel ſang mehr, kein Eichhörnchen mehr hüpfte zweigauf, zweigab,— nur aus der Ferne ertönte von Zeit zu Zeit der Schrei einer Eule herüber, und unterbrach die tiefe, lautloſe Stille auf wenige Augen⸗ blicke. 1 35 Jakob dachte an ſeine Aeltern, an die Heimath, an die braven Nachbarn, an ſeine Geſchäfte, bis nachgrade die Gedanken ſich verwirrten und verſchwammen, bis auch ihm die Augen zufielen, wie dem getreuen Sultan, und bis ſein tiefes, ruhiges Athemholen Zeugniß davon gab, daß auch über ihn der Engel des Schlafes ſeine Flügel gebreitet hatte. Zwei, vielleicht drei Stunden mochten verfloſſen ſein, da plötzlich fuhren Jakob und Sultan gleichzeitig aus dem Schlummer wieder auf. Sultan ſprang in die Höoͤhe, und ließ ein tiefes, zorniges Knurren höͤren; Jakob horchte angeſtrengt in die Nacht hinaus. Es war ihm wie im Traume, als ob er das Krachen eines Schuſſes in nicht allzu großer Entfernung von ihm ver⸗ nommen hätte; aber jetzt war Alles ſtill, wie zuvor bei ſeinem Einſchlummern, und Jakob würde ohne Zweifel geglaubt haben, daß eben nur ein Traum ihn geweckt hätte, wenn nicht das gereizte Gebahren ſeines treuen Hundes geweſen wäre. Sultan knurrte immer zorniger, und die Haare auf ſeinem Rücken ſträubten ſich borſtig in die Höhe. Jetzt auf einmal krachte wieder der Donner eines Schuſſes durch den Wald, dem ſofort ein lautes Gebrüll von Männerſtimmen und ein klägliches Hülfeſchreien folgte. Auch dies verſtummte nach wenigen Minuten wieder, und die frühere tiefe Waldesſtille trat wie⸗ der ein. „He, Sultan, da iſt Etwas nicht in der Ordnung,“ ſagte Jakob zu ſeinem Hunde.„Was meinſt du, wollen wir einmal nachſehen?“ Sultan ſtieß ein kurzes, tiefes Gebell aus, und fletſchte ſeine Zähne nach der Gegend hin, von wo das 3* 36 Getöſe erſchollen war. Jakob konnte es deutlich ſehen, denn der Mond war mittlerweile aufgegangen und ſein ſanftes Licht ſchimmerte ſilbern durch die Wipfel und Zweige der Bäume. Jakob ſprang auf, nahm einen derben Knotenſtock von ſeinem Wagen, und wendete ſich wieder zum Hunde. »Nun vorwärts, Sultan,« ſagte er leiſe.„Aber Hübſch vorſichtig, guter Burſche, und keinen Spektakel gemacht, bis wir genau wiſſen, woran wir find.« Sultan ſchien die Abſicht ſeines Herrn verſtanden zu haben, denn ſpornſtreichs rannte er vorwärts mit ſolcher Haſt, daß Jakob ihn am Halsbande feſthalten mußte, um nicht hinter ihm zurüͤckzubleiben. Nach ein paar hundert ſchnell, aber ſchweigend zurückgelegten Schritten glänzte ein heller Lichtſchimmer durch das Ge⸗ ſtrüpp. Von Neuem bedeutete Jakob ſeinen Hund, ſich ruhig zu verhalten, und ſchlich dann mit ihm vorſichtig näher und näher, dem Lichtſchimmer zu. Bald bemerkte er, daß derſelbe aus einer ziemlich großen Höhle mit hohem und weitem bogenförmigen Eingange kam. In verſchiedenen Felsſpalten des inneren Raumes der Höhle ſteckten brennende Kienſpähne, i dineibene Licht verbreiteten, um die Höhle und ihr nachſten Umgebun⸗ gen deutlich erkennen zu laſſen. Jakob ſuchte eine ge⸗ ſchützte Stelle in unmittelbarer Nähe der Grotte, wo ihn die dichteſte Finſterniß einhüllte, und von hier aus konnte er ſie nicht nur vollſtändig überſchauen, ſondern auch jedes Wort hören, was darin geſprochen wurde. Es war ein ſeltſamer Anblick, der ſich ſeinen Blicken darbot. Ihm gegenüber, rechts am Eingange der Pforte, ſtand ein leichter Wagen, mit einem Pferde beſpannt, deſſen Zuͤgel man um einen Baumſtamm geſchlungen der Höhle zu ſehen. 37 hatte, um es am Fortlaufen zu verhindern. In der Höhle ſelbſt, links in einem Winkel lag ein Menſch, an Händen und Beinen mit Stricken gebunden, und einen Knebel im Munde, der ihn am Sprechen und Schreien verhinderte. Es war ein Mann in höheren Jahren, mit grauem Haar, das verwirrt um ſeine Schläfe hing, mit todtblaſſem Geſicht, deſſen Zuͤge von Angſt verzerrt erſchienen. Er lebte, und war, wie es ſchien, auch un⸗ verletzt. Seine Kleidung deutete an, daß er den beſſeren Ständen angehören müſſe. Von Zeit zu Zeit entrang ſich mühſam ein dumpfes Stöhnen ſeiner Bruſt, und er machte krampfhafte, aber freilich ganz vergebliche An⸗ ſtrengungen, die Feſſeln und Banden, die ihn ſo hülflos wie ein neugebornes Kind machten, zu ſprengen oder von ſich abzuſtreifen. Außer ihm befanden ſich noch zwei andere Männer in der Höhle, wild und wüſt ausſehende Geſtalten mit zottigen Bärten, in zerlumpte Kleider eingehüllt,— ächte Strolche, vor denen man ſich fürchten konnte, wenn ſie Einem ſo mitten im Walde oder auf einſamer Land⸗ ſtraße in den Weg en. Die beiden Kerle, augen⸗ ſcheinlich noch ein Paar junge Burſche von einigen zwanzig Jahren, ſaßen am Boden der Höhle, und hatten zwiſchen ſich einen großen Haufen von Gold⸗ und Silber⸗ münzen, die ſie wahrſcheinlich aus einer ledernen Geld⸗ katze geſchüttelt hatten, welche leer neben ihnen auf der Erde lag. Sie waren damit beſchäftigt, das Geld in zwei gleiche Hälften zu theilen, um dann muthmaßlich Jeder einen Theil für ſich zu nehmen. Hinter ihnen, an die Felswand der Höhle gelehnt, ſtanden zwei Ge⸗ wehre. Sonſt war nichte chts Bemerkenswerthes weiter in a,, h A 2ch, Mchen 38 Jakob bedurfte keiner großen Ueberlegung, um zu errathen, daß er es hier mit einem ausgeplünderten Reiſenden und mit zwei frechen Spitzbuben zu thun hatte. Er war ſogleich feſt entſchloſſen, dem gebundenen Manne Beiſtand zu leiſten, die Galgengeſichter in die Flucht zu jagen, und ſich ihrer Beute wieder zu bemächtigen. Nur zweifelte er noch, ob es ihm auch gelingen würde, den Strolchen ſo viel Schrecken einzuflößen, daß ſie davon⸗ liefen, ohne ſich in einen Kampf mit ihm einzulaſſen, wobei er jedenfalls den kürzeren hätte ziehen müſſen, denn ſie ſtanden Zwei gegen Einen, und er war nur nothdürftig mit einem Knotenſtocke bewaffnet, während die Spitzbuben Gewehre beſaßen. Aber trotz alledem blieb Jakob entſchloſſen. Die Gewehre waren jedenfalls abgeſchoſſen, aber noch nicht wieder geladen worden, und in dieſem Falle war ſein Knotenſtock mehr werth, als die ſchwer zu handhabenden Flinten. Ueberdies hatte er ſeinen getreuen Sultan zur Hülfe und Unterſtützung, und auf ihn, das wußte er, konnte er ſich verlaſſen. Sultan ließ ſich jedenfalls eher in Stücke zerreißen, als daß er ſeinen Herrn verlaſſen bähe Jakob beſann ſich nicht lange mehr. Er packte ſei⸗ nen Knotenſtock feſter, und mit einem lauten:„Hurrah! Sultan, faß!“« ſturzte er in die Höhle hinein und auf die Strolche los. Sultan, mit wildem Geheul, ſprang ihm noch voraus, und im Nu hatte er Einen der beiden Kerle bei der Gurgel gefaßt und zu Boden geriſſen, wo er ihn mit weit aufgeſperrtem Rachen und geflelſchten Zähnen niederhielt. Der andere Spitzbube war durch das unvermuthete Erſcheinen Jakob's und ſeines großen wüthenden Hundes dermaßen in Schrecken verſetzt, daß er nicht entfernt an Widerſtand dachte, ſondern in paniſchem Entſetzen davon rannte, ſo ſchnell ſeine Füße 6 ihn tragen wollten, und Geld, Flinte und Spießgeſellen im Stiche ließ. Jakob verfolgte ihn nicht, ſondern eilte zunächſt dem am Boden liegenden, gefeſſelten Manne zu Hülfe. Er löste die Bande deſſelben, nahm ihm den Knebel aus dem Munde, und ging nun daran, mit den Stricken den Spitzbuben zu binden, der in Todesangſt auf der Erde lag und mit verzerrtem Geſicht in den blutrothen, ſchrecklich aufgeriſſenen Rachen Sultan's ſtarrte, der ihn, die breiten Vordertatzen auf die Bruſt des Miſſethäters geſtemmt, wüthend anbellte und ihn jeden Augenblick verſchlingen zu wollen ſchien. Als der Strolch feſt gebunden war, rief Jakob den Hund zurück, und wendete ſich zu dem befreiten Gefangenen, der nicht minder erſtaunt wie erfreut dem ganz unverhofften Vor⸗ falle zugeſchaut hatte. „Nun, lieber Herr,“ ſagte Jakob zu ihm, das wäre mit des lieben Gottes und meines braven Sultan's Hülfe glücklich gelungen, und dieſe Spitzbuben wären unſchädlich gemacht. Was aber nun? Wollen wir im Walde hier die Nacht zubringen, oder haben Sie einen anderen Vorſchlag zu machen?“ „Vor Allem muß ich Ihnen danken für Ihre Huͤlfe in der Noth,“ verſetzte der Mann, indem er mit Wärme Jakob's Hand ergriff.„Sie haben mir einen weſent⸗ lichen Dienſt geleiſtet, denn obgleich die beiden Halunken es nur auf mein Geld abgeſehen hatten, und mir nicht grade an's Leben wollten, würden ſie mich doch jeden⸗ falls hülflos hier liegen gelaſſen haben, und es iſt ſehr die Frage, ob man mich ſpäter noch lebend aufgefunden und befreit hätte. Welch' ein glücklicher Zujall füͤr mich, 40 der Sie hierher führte! Wie hat ſich das eigentlich zu⸗ getragen?« Jakob erzählte mit kurzen Worten, was wir bereits wiſſen, und wiederholte dann ſeine Frage, ob man im Walde den Tag abwarten oder ſich aus der Höhle ent⸗ fernen ſolle?— »Jedenfalls das Letztere,“ verſetzte der Mann.„Der entronnene Böſewicht könnte ſich von ſeinem erſten Schrecken erholen, Hülfe herbei rufen und uns noch ein⸗ mal überfallen, denn er iſt jedenfalls ein verwegener Geſelle, darum laſſen Sie uns ſo ſchnell wie moͤglich davon fahren. Die Gegend hier herum iſt mir genau bekannt. Kaum eine Stunde von hier liegt ein Meier⸗ hof einſam mitten im Walde. Wenn wir ihn erreichen, ſind wir in Sicherheit, denn es wohnen ehrliche, brave Leute dort.“ »„Gut,“ erwiederte Jakob,„das iſt wahrſcheinlich der⸗ ſelbe Weiler, in dem ich zu übernachten die Abſicht hatte. Packen Sie Ihr Geld wieder in die Geldkatze, und ich will indeſſen mit Sultan meinen kleinen Wagen hierher ſchaffen. Nachher können wir zuſammen weiter fahren.« 3 Der Reiſende folgte dem Winke Jakob's, und ſäckelte ſein Geld wieder ein, Jakob holte ſeinen Wagen, und war ſchon nach wenigen Minuten wieder zurück. Das Wägelchen wurde hinten an den Wagen des Reiſenden feſtgebunden, damit man ſchneller vorwärts kommen konnte. „»Aber was ſoll mit dem Spitzbuben da geſchehen?« fragte Jakob, indem er auf den Strolch deutete, der feſt gebunden auf der Erde lag und jämmerlich ſtöhnte. „Natürlich müſſen wir ihn mitnehmen und ihn der 2 *ℳ 41 betreffenden Behörde übergeben,“ lautete die Antwort. „Mein alter Freund auf dem Meier⸗Hofe wird das ſchon beſorgen.“ Geſagt, gethan. Der Reiſende und Jakob trugen den gebundenen Spitzbuben in den Wagen, legten ihn hinten in eine Ecke, beſtiegen ſelber den Vorderſitz, und fuhren dann, ſo ſchnell als das Pferd auf dem holperi⸗ gen Waldwege laufen konnte, davon. Unterwegs er⸗ zählte der Reiſende, wie er in die Gewalt der Spitz⸗ buben gelangt ſei. In dem letzten Dorfe, wo er angehalten und ſein Pferd gefüttert habe, ſagte er, ſei er von zwei verdächtig ausſehenden Burſchen beobachtet worden. Er habe aller⸗ dings einigen Verdacht gegen ſie gefaßt, aber plötzlich wären ſie verſchwunden geweſen und ſeien nicht mehr zum Vorſchein gekommen. „Dieſer Umſtand,“ fuhr er fort,„beſeitigte zwar meinen Verdacht, ich erkundigte mich aber trotzdem bei dem Wirthe, ob die Gegend hier herum ſicher ſei, ob man nichts von Diebſtählen, Einbrüchen und Ueberfällen gehört hätte, und ob ihm die beiden Kerle bekannt wären, die vor kurzer Zeit das Wirthshaus verlaſſen hätten? Der Wirth verneinte alle meine Fragen, und in Bezug auf die beiden Strolche gab er an, daß es vielleicht ein Paar Arbeiter wären, die an einer Chauſſee, eine Stunde jenſeits des Dorfes, mit bauen hülfen. Dieſe Antwor⸗ ten beruhigten mich vollends, denn ich wußte wohl, daß in der bezeichneten Gegend an einer Landſtraße gebaut wurde, und die beiden Leute konnten recht wohl, trotz ihres etwas wilden Ausſehens, ganz ehrliche und recht⸗ ſchaffene Arbeiter ſein. Alſo ſetzte ich, nach gehöriger Abfütterung meines Pferdes, meine Reiſe fort, und kam 42 4½ unangefochten bis in die Nähe der Höhle, wo Sie mich aufgefunden und befreit haben. Hier, in einem finſteren Dickicht, das kaum einige Mondſtrahlen durchſchimmern ließ, ſprangen plötzlich zwei Kerle auf meinen Wagen zu, ſchoſſen ihre Flinten ab, und fielen meinem Pferde in den Zügel. Alles ging ſo ſchnell, daß ich nicht ein⸗ mal Zeit hatte, nach dem Hirſchfänger zu greifen, den ich ſtets auf Reiſen bei mir zu führen pflege. Auch ließen es die Buſchklepper dazu nicht kommen. Im Nu ſprang Einer von ihnen auf das Wagenrad, und ver⸗ ſetzte mir einen ſo derben Schlag mit einem Knüppel über den Kopf, daß ich die Beſinnung verlor. Erſt in der Höhle, wohin mich die Kerle geſchleppt hatten, kam ich wieder zu mir, und ſah, wie die Spitzbuben damit beſchäftigt waren, ſich in meine Reiſekaſſe zu theilen, eine Beſchäftigung, in der ſie durch Ihr rechtzeitiges Erſcheinen zum Glücke für mich geſtoͤrt wurden. Ohne Ihren Beiſtand wäre ich Zeit meines Lebens ein un⸗ glücklicher, geſchlagener Mann geweſen, denn ich bin nicht Eigenthümer der bedeutenden Summe, welche man mir geraubt hatte, ſondern nur Handlungs⸗Reiſender für das Haus Zollmüller in Wien, für welches Haus ich die Gelder einkaſſirt habe. Wenn den Spitzbuben ihr verwegener Ueberfall geglückt wäre, würde ich nie den Muth gehabt haben, meinem verehrten Principale wieder unter die Augen zu treten, da ich doch keine Beweiſe vorlegen konnte, daß mir das Geld wirklich ge⸗ raubt worden ſei. Man hätte mich ſelber wohl gar für den Dieb gehalten, und jedenfalls wäre mein ehrlicher Name für immer verloren geweſen. Darum nochmals tauſend Dank, mein lieber junger Freund! Sie haben einem alten redlichen Diener mehr als das Leben, Sie 43 haben ihm die Ehre gerettet, und dafür wird Ihnen der alte Adam Zeller ſein ganzes Leben hindurch verpflichtet bleiben. Wenn Sie je einmal nach Wien kommen, ſo beſuchen Sie mich, und Sie werden ſtets den dienſt⸗ fertigſten Freund in mir finden.“ Jakob lehnte alle Dankſagungen ab.»Was iſt denn Großes von mir geſchehen?“ ſagte er beſcheiden.„ Der Sultan, mein gutes, treues Thier, hat das Beſte bei der ganzen Geſchichte gethan, und es freut mich nur, daß wir Beide zufällig in der Nähe waren und Ihnen Hülfe leiſten konnten. Daß es geſchah, iſt weiter nichts als Chriſtenpflicht, und die muß ein Jeder thun, der ein rechtſchaffener Menſch ſein will. Aber ſehen Sie dort! Ein Licht ſchimmert herüber,— wäre das vielleicht der Meierhof?« „Ohne Zweifel,“ entgegnete der Reiſende, und trieb ſein Pferd zu raſcherem Laufe an.„Gott ſei Dank, daß wir ſo weit ſind,— nun befinden wir uns in Sicherheit.« Nach wenigen Minuten wurde das Gehöft erreicht, und lautes, munteres Hundegebell ſchallte unſeren Rei⸗ ſenden entgegen. Gleich darauf vernahm man auch die Stimme eines Mannes, der aus dem Hauſe trat, und ſeine Gäſte auf das Freundlichſte begrüßte. „Ei, da ſind Sie ja wieder einmal, Herr Zeller,“ ſagte er.„Tauſend Mal willkommen! Und noch einen zweiten Gaſt bringen Sie mir mit! Das iſt brav, Herr Zeller!“ „Sehen Sie nur recht nach, und Sie werden noch Heinen dritten, dieſen aber in Stricken und Banden, finden, Herr Meier!“ erwiederte der Reiſende.„Hinten liegt er im Wagen,— ein frecher Spitzbube, der mich in's Unglück geſtürzt haben würde, wenn nicht hier dieſer brave junge Menſch mich aus ſeinen Klauen ge⸗ rettet hätte.“« „Was der tauſend erzählen Sie mir da?« fragte der Meier, höchlich überraſcht.„Das iſt ja eine wahre Räubergeſchichte! Heda, Knechte! Eine Laterne her! Wir müſſen uns den Menſchen doch einmal ganz genau anſehen.“. Einige Knechte eilten mit Laternen herzu, und man leuchtete dem Strolch in's Geſicht. »Aha, es iſt der Sander-Michel, der vor vierzehn Tagen aus dem Gefängniß entſprungen iſt,« ſagte der Meier.„Das iſt ja ein wahres Glück, daß Sie den eingefangen haben, denn er iſt hier in der Gegend weit und breit als ein höchſt gefährlicher Menſch berüchtigt. Das wird eine Belohnung abwerfen. Ich glaube, es ſind fünfzig Gulden auf ſeinen Fang geſetzt. Nun, die wollen wir uns nicht entgehen laſſen. Heda, Leute, ſchafft den Kerl vom Wagen herunter, und bringt ihn in das feſte Gewölbe unter dem Hauſe. Schließt ihn wohl ein, und Einer nimmt ein Pferd, und reitet hin⸗ über nach Plochingen, um Anzeige zu machen. Das kannſt du thun, Martin, du kennſt den Weg am beſten! Ihr Uebrigen aber gebt Acht, daß der Spitzbube nicht über Nacht ausbricht, dergleichen Halunken verſtehen ſich auf ſolche Schliche!« „Unbeſorgt, Herr!« ſagten die Knechte, und trugen den entſprungenen Zuchthäusler fort, während der Meier ſich mit den willkommenen Gäſten in ſeine Wohnſtube begab, und ſich dort ausführlicher die abenteuerliche Ge⸗ ſchichte des Ueberfalls im Walde erzählen ließ. »„Der Entkommene,“ ſagte er, piſt jedenfalls der Frie⸗ 45 der⸗Müller, der mit dem Sander⸗Michel zu gleicher Zeit ausgebrochen iſt. Aber den werden ſie nun auch bald genug eingefangen haben, denn er iſt nicht die Hälfte ſo ſchlau, wie ſein Herr Kamerad. Jetzt aber eſſet und trinket,— Ihr werdet Beide müde, hungrig und durſtig ſein, und morgen iſt auch noch ein Tag, wo man ein Stückchen weiter plaudern kann!« Am nächſten Morgen in aller Frühe kamen ſchon Gendarmen von Plochingen, um den ſogenannten Sander⸗ Michel in Empfang zu nehmen, und in ihrer Begleitung fand ſich auch Martin wieder ein. Er berichtete, daß bereits der ganze Wald von Gendarmen durchſtöbert würde, um den Frieder⸗Müller zu fangen, und derſelbe wurde auch, wie man Tags darauf vernahm, richtig ſchon nach wenigen Stunden Suchens eingebracht. Der Jakob aber erhielt die ausgeſetzte Belohnung von fünfzig Gulden, und obwohl er ſich anfänglich dagegen ſträubte, mußte er ſie am Ende auf das Zureden Adam Zeller's und des Meier's annehmen. „Brauchſt dich ja der Belohnung nicht zu ſchämen,“« ſagte der Meier.„Du haſt ſie rechtſchaffen verdient, und ich denk' mir, bei dir daheim wird man das Geld ſchon gebrauchen können.“ Dieſe letzte Bemerkung machte dem Bedenken Ja⸗ kob's ein Ende. Er nahm die fünfzig Gulden dankbarſt an, und ſchickte ſie noch ſelbigen Tages mit einem Briefe, in dem er den ganzen Vorfall erzählte, nach Hauſe.. »Biſt doch ein treues Blut,“« ſagte der Meier, als Jakob ihm Brief und Geld zur Weiterbeförderung über⸗ gab.„Ich ſeh' ſchon, dein Vater wird noch manche Freude an dir erleben, und der liebe Gott gebe ſeinen 46 Segen dazu! Willſt du denn aber nicht wenigſtens ein paar Gulden für dich behalten, und dir einen luſtigen Tag damit machen?« „Ei, zu was?“ erwiederte Jakob.„»Bin ich doch alle Tage luſtig und guter Dinge! Dazu brauch' ich kein Geld, aber daheim, ja, da iſt's etwas Anderes, da brauchen ſie's, weil der arme Vater doch nicht mehr arbeiten kann.“ „Nun, biſt halt ein braver Kerle,“ ſagte der Wirth darauf.„Dein Brief und Geld ſollen aber richtig be⸗ ſorgt werden, verlaß dich auf mich!“ Herr Adam Zeller, der Reiſediener, wollte abſolut auch dem Jakob ein namhaftes Geſchenk aufdringen, von ihm aber nahm es der Jakob nicht an, durchaus nicht, weil er ſich ſonſt vor ſich ſelber ſchämen müßte, wie er ſagte. Herr Zeller mußte ſich alſo ſchon zufrie⸗ den geben bei dieſer Weigerung, aber er nahm noch einmal dem Jakob das Verſprechen ab, daß Jakob ihn jedenfalls aufſuchen ſolle, wenn er einmal nach Wien käme, und dieſes Verſprechen gab er gern. Andern Morgens früh nahmen Beide Abſchied von dem wackeren Meier, und reisten mitſammen bis nach Ulm. Hier trennten ſie ſich. Herr Zeller ſetzte ſeine Reiſe nach kurzem Aufenthalte weiter nach Wien fort, Jakob aber verweilte ein paar Tage in der alten freien Reichsſtadt, weil er bald fand, daß er in derſelben mit ſeinen Waaren ungewöhnlich gute Geſchäfte machte. Ob die Beiden in ſpäterer Zeit wieder einmal zu⸗ ſammentrafen? Wir werden ſehen. Jakob dachte vor⸗ läufig nicht daran, nach Wien zu wandern, ſondern er hatte die Abſicht, vor dem Beginn des Winters in die Klieb war. Die Blätter fielen ſchon von den Baͤumen, mit einer funkelnden Brillanten⸗Decke überzogen, als er 47 Heimath zurückzukehren, und doxt die kalten, ſtrengen Monate am häuslichen Herde zu verleben. Indeß— der Menſch denkt, und Gott lenkt, lenkt die Schickſale ſeiner Kinder zuweilen ganz abſonderlich und wunderbar. d 4 Drittes Kapitel. . — Auf der Heimkehr. Als Jakob endlich in München anlangte, hatte er Aunterwegs ſeine ſämmtlichen Vorräthe glücklich verkauft, Fſich aber dabei doch mehr verſpätet, als ihm eigentlich und der Frühreif hatte bereits einige Male die Felder an einem ſonnenhellen November⸗Tage in München ein⸗ marſchiete Hier fragte er nach Herrn Mar Rollinger, dem Geſchwiſter⸗Kinde der guten Frau Häfele in Stutt⸗ gart, und fand ſich, freundlich zurecht gewieſen, ohne große Mühe zu ſeinem Hauſe am ſogenannten Rinder⸗ markte hin. Herr Max Rollinger nahm Jakob mit Herzlichkeit auf, als er Grüße von der Frau Muhme in Stuttgart und noch obendrein ein eigenhändiges 4 Schreiben von ihr brachte, und theilte ihm auch mit, daß ſchon vor längerer Zeit eine große Kiſte aus der Schweiz für ihn angelangt ſei, die er einſtweilen auf ſeinem Speicher aufbewahrt habe. Für jetzt lud er ihn ein, daß er ſich's bei ihm bequem machen ſolle, und ſpäter, wenn er ſich ein wenig von ſeiner Reiſe erholt„ 48 habe, wollten ſie miteinander überlegen, wie der Jakob ſeine Zeit in München am beſten werde benutzen können. Jakob war das zufrieden, aber zur Erholung von ſeiner Reiſe bedurfte er nur hoͤchſtens eine halbe Stunde. Nach Ablauf derſelben ging er daran, vor Allem die aus der Heimath gekommene Kiſte auszupacken, und zu ſeiner angenehmen Ueberraſchung fand er darin eine Menge der ſchönſten Holzſchnitzereien, noch weit ſchöner, als man ihm bisher anvertraut hatte. Dabei lag ein Brief vom Herrn Pfarrer, worin geſchrieben ſtand, daß er, der Herr Pfarrer nämlich, dieſe ſchönen Sachen ex⸗ preß für ihn aus der ganzen nächſten Umgegend des Dorfes zuſammengebracht habe, weil es ihm grade in München gewiß leicht glücken werde, ſie mit gutem Verdienſte zu verkaufen. Alsdann folgten viele Grüße von zu Hauſe, und ein Verzeichniß der Waaren mit der Preis⸗Angabe lag bei. »Der gute Herr Pfarrer,“ ſagte Jakob vor ſich hin, — er ſorgt ſo treulich für mich und giebt ſich ſo viele Mühe für uns Alle, daß wir's ihm nicht genug danken können. Wenn ich nur nicht ſo ſpät hier eingetroffen wäre! Nun iſt der Winter vor der Thür, und bis ich alle die ſchönen Sachen verkauft habe, iſt er gewiß ganz leibhaftig da mit Eis und Schnee. Nun, ich will mit dem Herrn Rollinger ſprechen und ihn um ſeine Anſicht befragen; nachher kann ich ja immer noch meinen letzten Entſchluß faſſen.“« Und ſo that der Jakob. Am andern Morgen zeigte er dem Gaſtfreunde die empfangenen Waaren, und be⸗ fragte ihn, ob er wohl hoffen dürfe, in München ein gutes und ſchnelles Geſchäft damit zu machen? 4 4 7 4 34 9 Herr Rollinger machte große Augen, als er die ſchönen Sachen erblickte, und betrachtete ſie mit großem Intereſſe. In neuerer Zeit macht man im Bayriſchen Hochland auch ſehr ſchöne Schnitzarbeiten, dazumal aber kannte man dergleichen noch wenig oder gar nicht in München, und deshalb war Herr Rollinger erſtaunt und überraſcht über dieſe ſo ſauber und kunſtreich aus⸗ geführten Gruppen und Figuren aus ſchlichtem Holze. »Gewiß iſt daran nicht zu zweifeln,“ ſagte er,„daß du für dieſe ſchönen Sachen zahlreiche Käufer finden wirſt, vorausgeſetzt, daß ſie nicht allzu theuer ſind.« Jakob gab die Preiſe von einigen der Arbeiten an, und Herr Rollinger ſtutzte von Neuem. »Das iſt ja ein wahres Spottgeld für ſolche rei⸗ zende Dingerchen!« rief er aus.„Da kannſt du dreiſt mehr fordern, und wirſt trotzdem ſchnellen Abſatz finden. Ganz beſonders jetzt, wo das liebe Weihnachtsfeſt ſo nahe iſt. Da giebt ein Jeder gern ein paar Gulden mehr aus, als gewöhnlich. Bleibe alſo ruhig hier und geh' hauſtren,— wirſt es nicht bereuen!“« Jakob überlegte ſich die Sache, und beſchloß endlich, dem Rathe ſeines Gaſtfreundes zu folgen, obgleich ihn, nach ſo langer Abweſenheit von den Seinen, das ganze Herz nach der Heimath zog. Auch hatte er, wie es ſich ſpäter zeigte, alle Urſache, mit ſeinem Entſchluſſe zufrieden zu ſein, denn er machte ſehr gute Geſchäfte in München, und verkaufte ſeinen Vorrath bis auf das letzte Stück aus. Freilich nicht ganz ſo ſchnell, als er gehofft hatte, aber immerhin ſchnell genug, daß ihm noch hinreichend Zeit übrig blieb, vor dem Weihnachtsfeſte die Heimath zu erreichen, wenn er ſich unterwegs nicht unnöthig aufhielt. Mit dem leeren Wägelchen, und mit Das treue Blut. 4. 50 Sultan an ſeiner Seite, konnte er ziemlich große Strecken jeden Tag zurücklegen. Zu Ende der erſten December⸗Woche trat er den Rückweg nach Hauſe an. Die eingenommenen Geld⸗ ſummen hatte er ſchon vor ſeiner Äbreiſe in die Hei⸗ math vorausgeſchickt, um ganz ruhig in Bezug auf ſie ſein zu können, denn er war vorſichtig, und hatte ſich een Beiſpiel an dem Unfalle genommen, der im vergan⸗ genen Sommer ſeinen alten Freund Adam Zeller in eine ſo peinliche Lage gebracht hatte. Mit Recht konnte er von ſich ſagen:„federleicht iſt mein Gepäcke,« und federleicht, auch im Gemüthe, wanderte er den fernen Schweizerbergen wieder zu. Vor Spitzbuben und Gau⸗ nern brauchte er keine Angſt zu haben, denn wenn ſte ihn auch anfielen, ſo fanden ſie doch nichts bei ihm, als höchſtens ein paar Gulden, und die ließen ſich im ſchlimmſten Falle verſchmerzen. So zog er wohlgemuth und zufrieden ſeines Wegs, und malte ſich in Gedanken die Freuden des Wiederſehens aus. Auf einen herzlichen Empfang konnte er zuverſichtlich rechnen, denn er hatte ja ſeine Geſchäfte redlich und treu beſorgt, und brauchte deshalb von Niemandem Vorwürfe zu fürchten. Viel⸗ mehr konnte er dreiſt auf Anerkennung und Lob rechnen, und endlich fühlte er ſich äußerſt glücklich durch die Ge⸗ wißheit, daß die Seinigen auf Jahr und Tag der ſchlimmen und drückenden Sorge um das liebe tägliche Brod enthoben waren, und dies zwar hauptſächlich durch die kleinen Geldſummen, die er bei ſeinem Hauſir⸗Han⸗ del verdient, und durch äußerſte Sparſamkeit zuſammen⸗ gehalten hatte. In den erſten Tagen nach ſeiner Abreiſe von Mün⸗ chen war das Wetter ſchön, ein bischen friſch und kalt⸗ 51 freilich, aber doch nicht ſo, daß er davon beläſtigt ge⸗ weſen oder in ſeiner Reiſe aufgehalten worden wäre. Als er aber den Gebirgen näher kam, bedeckte ſich der Himmel mit dunklen Wolken, ein ſchneidender Wind machte ſich auf, und die erſten Schneeflocken wirbelten gleich weißen Schmetterlingen durch die Lüfte. Der Winter war mit einem Male erſtaunlich ſchnell in äußerſt unfreundlicher Geſtalt erſchienen, und überraſchte unſern Jakob am allerungelegenſten Orte, nämlich auf einſamer Landſtraße, Stunden weit von jeder bewohnten Stätte entfernt. Im Anfange legte Jakob nicht viel Gewicht darauf, obgleich der eiſige Wind ſeiner leichten Kleidung ſpottete und ihn bis auf die Knochen durchſchauerte. Er hüllte ſich, ſo gut er konnte, in ſeine wollene Decke ein, und befand ſich nun etwas behaglicher. Aber nicht lange. Der Wind brauste mit immer ſtärkerer Gewalt von den Bergen herüber, immer kälter und eiſiger wurde die Luft, und die erſt vereinzelten Schneeflocken wirbelten bald in ungeheuren Maſſen herab, blendeten Jakob's Augen, und lagerten ſich ſo dicht auf die Erde, ſo daß ſchon nach einer kurzen halben Stunde weder Weg noch Steg mehr zu erkennen war. Alles wurde gleichmäßig in eine weiße Decke eingehuͤllt, und ſelbſt die Merkzeichen der Straße, Gräben und Chauſſee⸗Steine verſchwanden unter der eintönigen, immer mehr ſich anhäufenden Hülle. Gleichwohl drang Jakob muthig vorwärts, um wo möglich vor Einbruch der Nacht die nächſte Ortſchaft zu erreichen, und dort Schutz gegen den Grimm des plötzlich losgebrochenen Unwetters zu finden. Er wußte, daß Tod und Leben davon abhängen konnte; denn wenn 8 4* 52 Kälte, Sturm und Schneegeſtöber nicht mit ihrer Hef⸗ tigkeit nachließen, und wenn er die Nacht im Freien zubringen mußte, ſo konnte es ſich ſehr leicht ereignen, daß er dem ſchrecklichen Unwetter unterlag, und den an⸗ dern Morgen nicht mehr erlebte. Darum ſtrengte er alle Kräfte an, um vorwärts zu kommen und der ihn bedrohenden Gefahr zu entrinnen. „Vorwärts, Sultan! Vorwärts, mein gutes Thier!« rief er von Zeit zu Zeit dem Hunde zu. Sultan ſchien ebenfalls eine Ahnung von ihrer ge⸗ fhrlichen Lage zu haben, denn er beantwortete jede Aufmunterung ſeines Herrn durch ein lautes Gebell und durch verdoppelte Beſtrebungen, ſchneller vorwärts zu kommen. Plötzlich aber bemerkte Jakob zu ſeinem nicht gerin⸗ gen Schrecken, daß ſie, geblendet von Schnee und Sturm, von der Landſtraße abgekommen waren und auf der wei⸗ ten, freien Ebene ziellos umher irrten. Dies war ein ſchlimmer Unfall, deſſen verhängnißvolle Bedeutung Ja⸗ kob ſehr wohl erkannte. Wenn es ihm nicht gelang, die Landſtraße wieder zu gewinnen, ſo hatte er alle Urſache, das Schlimmſte zu fürchten. Er hielt deshalb an, und überlegte. Das Beſte wäre wohl geweſen, wenn er umgekehrt hätte und zurückgefahren wäre. Auch ver⸗ ſuchte er es. Aber ſchon nach wenigen Schritten mußte er die niederſchlagende Bemerkung machen, daß der immer noch in Maſſen fallende, wirbelnde Schnee jede Spur von ihm verwehet und zugedeckt hatte, und nun ſtand er wieder grade ſo rathlos da, wie vorher. Dennoch ſtrebte er in der früher einmal genommenen Richtung weiter, immer noch an der Hoffnung feſthaltend, daß er 53 die Straße wieder gewinnen, oder ſonſtwie und irgendwo Hülfe und Beiſtand finden werde. In ſcharfem Schritte eilte er vorwärts, und Sultan hielt treulich bei ihm aus. Manchmal ſtolperten ſie über ein unter dem Schnee verborgenes Hinderniß, einige Mal ſanken ſie auch bis über die Bruſt in einen Gra⸗ ben oder eine Erdſenkung ein, aber immer rafften ſie ſich wieder in die Höhe, und eilten weiter, weiter, wei⸗ ter, immer dem Geheul des Sturmes und dem blenden⸗ den, verwirrenden Schneegeſtöber entgegen. Die Richtung des Windes war die einzige Hülfe, die Jakob hatte. Er wußte, daß ihm beim Antreten ſeiner Wanderung am heutigen Morgen der Wind grade in's Geſicht geblaſen hatte, alſo, ſchloß er, müſſe er ihm auch immer grade entgegen gehen, um zuletzt die Ort⸗ ſchaft zu erreichen, wo er hatte übernachten wollen,— vorausgeſetzt, daß der Wind ſich nicht gedrehet und eine andere Richtung angenommen hatte. „Vorwärts, Sultan! Vorwärts!“ keuchte er. Und vorwärts ging es auch, aber ſehr bald lang⸗ ſamer und immer langſamer, bis Menſch und Hund vor Erſchöpfung kaum noch weiter konnten. Und leider hat⸗ ten ſie noch immer nicht die verlorene Landſtraße wieder aufgefunden, ſondern mußten querfeldein über Gräben und Hecken, über Stock und Stein mit unſäglicher An⸗ ſtrengung ſich Bahn brechen. Dabei heulte und brauste der Sturm mit ungebändigter, unverminderter Wuth, der Schnee fiel noch immer in Maſſen vom grauen Himmel herab, und die Kälte wurde immer ſchneidender und durchdringender. Jetzt zwar, als ſich Jakob keu⸗ chend und mühſam weiter arbeitete, ſpürte er nichts von der Kälte, ſondern er war ſogar über und über mit 54 Schweiß bedeckt,— aber bei einem plötzlichen Halte, den er vor einer kleinen Anhöhe aus Ermüdung noth⸗ gedrungen machen mußte, fühlte er bald den Eishauch der Luft, der ihm das Blut in den Adern erſtarren zu wollen ſchien. »Mein armer Sultan,“ ſagte er voll bitterer Trau⸗ rigkeit, und indem er troſtlos ſein müdes Haupt auf die Bruſt niederbeugte,—„ich fürchte ſehr, wir ſind ver⸗ loren und werden nie mehr unſere Lieben in der Hei⸗ math ſchauen. Unſere Kräfte ſind erſchöpft, ich kann mich kaum noch auf den Füßen erhalten, und dir ſcheint es nicht beſſer zu ergehen.“ Sultan, der an allen Gliedern zitterte, legte ſich zu den Füͤßen ſeines Herrn nieder, und ſchmiegte traurig den Kopf an ihn an. Er ſchien, wie Jakob, alle Hoff⸗ nung aufgegeben zu haben. In der That war Jakob's Lage auch ſchlimm und gefährlich genug. Stunden lang war er nun ſchon auf der Ebene umher geirrt, der Abend dunkelte herein, die finſtere Nacht mußte ihm auf dem Fuße folgen, und ſeine Kräfte waren bis nahe zum Aeußerſten abge⸗ ſpannt. »Du haſt Recht, Sultan,“ ſagte er, indem er ſich niederbeugte und den Kopf des treuen Thieres ſtreichelte, — yes nützt nichts, noch länger gegen unſer Schickſal anzukämpfen. Ich will es machen, wie du, mich neben dir niederlegen, und ſo in Geduld und Ergebung unſer Ende erwarten.“ Er fügte zu den Worten die That und kauerte ſich neben den treuen Hund in den kalten Schnee nieder. Sultan beſchnubberte ihn traurig, leckte ihm zärtlich Hände und Geſicht, als ob er für immer Abſchied neh⸗ F 5 &t men wollte, ſtieß dann ein jämmerliches Geheul aus, und legte endlich den Kopf auf die Bruſt ſeines Herrn. So blieben ſie mehrere Minuten ſtill und unbeweglich, Jakob's Augen ſchloſſen ſich in tödtlicher Ermattung, ſeine Glieder erſtarrten allmählig, und der geräuſchlos, aber immer noch maſſenhaft fallende Schnee hüllte ihn und ſeinen treuen Begleiter in ein kaltes, weißes Leichen⸗ tuch ein. Sie ſchienen Beide begraben für immer. Plötzlich ſprang Sultan mit einem jähen Satze in die Höhe, ſchuttelte mit einer kräftigen Bewegung den Schnee von ſich ab, erhob ſeine Naſe, witterte ein paar Mal in die Luft, und ließ dann ein lautes, kräftiges, faſt freudiges Gebell ertönen. Jakob vernahm es, und richtete ſich aus ſeiner lähmenden Erſtarrung ein wenig in die Höhe. „Was giebt es, Sultan? Was haſt du?« fragte er. Sultan antwortete durch verdoppeltes frohes Gebell, packte ſeinen Herrn am Kleide, und machte einen Ver⸗ ſuch, ihn in die Höhe zu ziehen. Jakob ermunterte ſich vollends durch eine kräftige Anſtrengung, und raffte ſich auf, wenn auch ein wenig mühſam, denn ſeine Glieder hatten durch die Kälte faſt alle Geſchmeidigkeit verloren. Kaum aber ſtand er aufrecht, ſo ſtieß er einen Freuden⸗ ſchrei aus, und umarmte Sultan, der an ihm in die Höhe ſprang und zärtlich ſein Geſicht leckte. „Gottlob!« rief er aus.„Das ſind Glocken⸗Töne, die der Sturm zu uns herüber trägt! Ein bewohnter Ort kann nicht mehr fern ſein, denn der Schall dringt ganz deutlich in mein Ohr! Auf, Sultan! Auf! Gott hat uns geführt in der pfadloſen Wildniß! Wir ſind gerettet! Auf, Sultan! Vorwärts!“ Und mit von froher Hoffnung wieder belebter Kraft , ging es friſch die kleine als Jakob oben anlangte, ſtaunen, daß dieſe Anhöhe ſteile Böſchung der Landſtraße, die ſich an dieſer Stelle etwas über die umliegende Ebene erhob. Noch mehr, der Sturm tobte zwar noch ohne Unterbrechung fort, das Schneegeſtöber hatte 56 Anhöhe hinan, und ſiehe da, bemerkte er mit frohem Er⸗ nichts Anderes war, als die er bedeutend nachgelaſſen und ſchien bald ganz aufhoͤren zu wollen. Durch die reinere Luft ſchimmerten aus nicht weiter Ferne unſerem Jakob einzelne Lichter entgegen, und noch deutlicher, wie unten am Fuße der Böſchung, ve Straße die klaren, rettende »Gott ſei Dank, nun i rnahm ſein Ohr oben auf der Glockentöne. Alles gut,« jauchzte er aus froher Bruſt, und ſtemmte ſich muthig wieder dem Sturme entgegen. Sultan zog tapfer mit an, und mit größerer Leichtigkeit als vorher zogen ſie ihr Wägelchen über die Schneedecke weiter. In einer Viertelſtunde erreicht zu haben, und gla hoffte Jakob das nahe Dorf ubte ſich ſchon ſicher im ret⸗ tenden Porte, als plötzlich Sultan ſtehen blieb, einen Augenblick aufhorchte, und dann bellend einen Sprung zur Seite machte. Jakob kannte den feinen Inſtinkt ſei⸗ nes treuen Thieres, vermu irgend etwas Ungewoͤhnlich thete auf der Stelle, daß er es entdeckt haben müſſe, und beeilte ſich, ihm das Geſchirr abzunehmen. Kaum fühlte der Hund ſich frei, ſo ſprang er die Böſchung der Straße hinunter, und begann unten mit außerordentlichem Eifer, unter fortwährendem, kurzem Gebell den Schnee mit ſeinen breiten Vorderpfoten auf die Seite zu ſcharren. »Hier iſt irgend Etwas nicht richtig,“ murmelte Jakob vor ſich hin,—„ſehen wir, was Sultan da macht.« 57 Er folgte dem Hunde nach, und kam eben zu rechter Zeit, um die Entdeckung zu gewahren, die Sultan ge⸗ macht hatte. Die Geſtalt eines Menſchen kam unter der Schneedecke zum Vorſchein, Bruſt nnd Leib waren ſchon von der Laſt, die ſie gedrückt hatte, befreit, und es bedurfte nur einer geringen Nachhülfe Jakob's, um den ganzen Körper unter der Schneehülle hervorzuziehen. Bei'm Schimmer des Mondes erkannte Jakob das leichen⸗ blaſſe Geſicht eines noch jungen Mannes. Derſelbe war in einen gewöhnlichen Fuhrmanns⸗Kittel gekleidet, unter welchem Jakob's taſtende Hand eine wohlgefüllte Geldkatze verſprte, die der Mann um ſeinen Leib ge⸗ ſchnallt hatte. Dem Anſchein nach war der Verun⸗ glückte völlig todt, denn er athmete nicht mehr, und ſeine Glieder fühlten ſich ſtarr und ſteif an. Ein Anderer an Jakob's Stelle hätte dem lebloſen Körper vielleicht die Geldkatze abgeſchnallt, hätte ihn unter freiem Himmel liegen gelaſſen, und wäre ſeines Weges weiter gezogen, ohne ſich darum zu kümmern, was aus dem Leichnam werden möchte. Aber„das treue Blut“ vhandelte nicht ſo gottlos und ehrvergeſſen. Obgleich er ſelber todtmüde war und den Aufenthalt im Freien gern mit einem behaglichen, warmen Stübchen vertauſcht hätte, kam es ihm doch keinen Augenblick in Gedanken, weder den Verunglückten zu berauben, noch ihn hülflos ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Liebevoll nahm er ſich Seiner an, rieb ihm Hände, Stirne und Schläfe mit Schnee, bedeutete Sultan, ſich auf den er⸗ ſtarrten Körper niederzulegen, und ihm wo moͤglich ſeine eigene Lebenswärme mitzutheilen, und bemühte ſich, ihm einige Tropfen Wein einzuflößen, die er glücklicher Weiſe in einem Fläſchchen bei ſich hatte. Seine emſigen 58 Bemühungen blieben nicht ohne Erfolg. Nach vielleicht einer Viertelſtunde ſchlug der arme, verſchneite Menſch die Augen auf, und ſtammelte einige unverſtändliche Worte, die Jakob durch einen Freudenſchrei erwiederte. »Muth!« rief er dem Verunglückten zu.„»Muth! Gott will, daß Sie gerettet werden, wie der himmliſche Vater auch mich gerettet hat! Beſinnen Sie ſich! Ein guter Freund iſt bei Ihnen, der Sie nicht verlaſſen wird!« Noch einmal ſetzte er ihm das Fläſchchen an die halb erſtorbenen Lippen, und erquickte ihn durch einen herz⸗ ſtärkenden Trank. „Ah, das wärmt! Das erqrickt!« ſtammelte der Mann.„Ich fühle, wie neues Leben in mich zurück⸗ kehrt! Aber wo iſt mein Wagen, wo ſind meine Pferde? Ich bin verloren, wenn ſie verloren ſind!« »Ruhig, ruhig, lieber Freund,« verſetzte Jakob be⸗ ſchwichtigend.„Die Hauptſache iſt für jetzt, daß wir das zurückkehrende Leben feſthalten, das Uebrige findet ſich. Fühlen Sie ſich ſtark genug, aufzuſtehen, und mit meiner Hülfe ein paar Schritte weit zu gehen? Mein Wägelchen hält oben auf der Landſtraße, ein Dorf iſt kaum noch eine kleine Viertelſtunde von hier entfernt, Sie ſetzen ſich auf den Wagen, und wir bringen Sie unter Dach und Fach. Im Dorfe werden wir jeden⸗ falls Hülfe finden, und vielleicht auch Auskunft über Ihre Pferde und Ihren Wagen empfangen. Verſuchen Sie nur, ob Sie aufſtehen können.“ Der Mann ſträubte ſich nicht, denn er mochte wohl einſehen, daß ſein Retter das Vernünftigſte vorſchlug, was in ſeiner Lage gethan werden konnte. Er machte einen Verſuch, ſich aufzurichten, und mit Jakob's Hülfe 59 gelang er. Jakob geleitete ihn die Böſchung hinauf, ſetzte ihn auf ſein Wägelchen, huͤllte ihn ſorgſam in ſeine wollene Decke ein, und legte Sultan das Geſchirr wie⸗ der an. „Nun vorwärts, Sultan,“ ſagte er.„Jetzt gilt es! Jede Minute, die wir gewinnen, iſt koſtbar fuͤr das Leben des armen Menſchen, den du ſo glücklich unter dem Schnee ausgeſpürt haſt!« Als ob Sultan ihn verſtanden hätte, zog er rüſtig an, und Jakob half ihm mit ſeinen letzten Kräften. Es war noch eine ſchwere Strecke bis zu dem Dorfe, aber ſie wurde endlich doch überwunden, und Jakob entdeckte gleich bei der Einfahrt ein Gebäude, über deſſen Thür ein großes Schild hing, das es als Wirthshaus kenn⸗ zeichnete. Sein lautes Halloh rief mehrere Menſchen herbei, und es dauerte nicht fuͤnf Minuten, ſo war der verunglückte Mann in einem weichen Bette warm und behaglich untergebracht, und der Wirth ſelber eilte ge⸗ ſchäfig, Alles zu bringen, was ſein Haus vermochte, um dem noch immer halb Ohnmächtigen Erquickung, Belebung und Stärkung zu gewähren. „Herr mein Heiland!“ rief er aus, als er den Mann jetzt zum erſten Male bei Licht erblickte,„das iſt ja der Wilhelm Häfele aus Stuttgart! Ich denke, er iſt ſchon längſt drüben im nächſten Dorf, und nun wird er mir halb todt in's Haus gebracht! Wo hat er nur ſein Ge⸗ fährt gelaſſen? Hilf Himmel, was muß da geſchehen ſein!“ „Wer iſt der Mann? Wer iſt's?« fragte Jakob, der die Worte des Wirthes gehoört hatte, aber ſeinen eigenen Ohren nicht recht traute.„Der Häfele iſt's? 4„ Be, a Der Wilhelm Häfele aus Stuttgart, wo ſeine Mutter die Wirthin zum grünen Kranz iſt?« 8 »Ja freilich wohl, der Nämliche!« verſetzte der Wirth.„Kennen Sie ihn auch? Er iſt der bravſte Burſch und der beſte Frachtfuhrmann im ganzen Reich! Was muß ihm nur auf der Landſtraße begegnet ſein.“ „Ein Unfall ohne Zweifel,“ verſetzte Jakob,„denn ich fand ihn halb erfroren, ohne Beſinnung unter dem Schnee neben der Landſtraße. Sein erſtes Wort, als er wieder zu ſich kam, war eine Frage nach ſeinen Pfer⸗ den und ſeinem Wagen. Wahrſcheinlich ſind die Pferde weiter gegangen, als ihr Herr verunglückt iſt, und man muß auf der Stelle nach ihnen ſehen.“ »Das iſt richtig, und auf der Stelle ſoll's auch ge⸗ ſſchehen,« ſagte der Wirth.„Ich will ſogleich Leute nachſchicken! Sehr weit werden ſie ſchwerlich gekommen ſein bei dem Unwetter. Ich warnte den Wilhelm Häfele gleich, er ſolle nicht fortfahren, ſondern lieber die Nacht uͤber bei mir verweilen und das Unwetter austoben laſſen,— aber er wollte nicht hören, meinte, er dürfe keine Zeit verlieren, und ſpannte richtig ein. Nun, da haben wir denn die Beſcheerung! Wenn nur den Pfer⸗ den nicht auch ein Unglück paſſirt iſt! Der Hans und— der Chriſtoph ſollen gleich auf die Landſtraße hinaus und nach ihnen ſchauen!“« Er verließ das Zimmer, und bald darauf hörte Ja⸗ kob, wie Pferde aus dem Stalle geführt wurden, und in ſcharfem Trabe auf der Landſtraße vorwärts eilten. Der Wirth kehrte zurück. »Was geſchehen konnte, iſt nun geſchehen,“ ſagte er. „Das Ergebniß müſſen wir abwarten und einſtweilen 61 uns mit dem armen Wilhelm Häfele beſchäftigen. Iſt er noch nicht wieder bei Beſinnung?« „Leider nein,“ erwiederte Jakob,„es ſcheint, als ob er in ſeiner halben Ohnmacht eingeſchlafen wäre.“ „Das iſt vielleicht das Beſte, was ihm geſchehen kann,“ verſetzte der Wirth.„Schlaf bringt die verlore⸗ nen Kräfte wieder. Wenn er aufwacht, werden wir ja ſehen, was zu thun iſt. Einſtweilen muß Jemand bei ihm wachen, und dafür werde ich Sorge tragen.“ „Ich ſelbſt werde wachen bei ihm,“ ſagte Jakob,— „ich bin es ſeiner Mutter ſchuldig, die mich in Stutt⸗ gart ſo freundlich und uneigennützig beherbergt hat.“ „Paperlapap, ſchuldig hin, ſchuldig her,“« verſetzte der Wirth in gutmüthigem Eifer,—„Sie können ſich ja kaum mehr auf den Beinen erhalten, junger Menſch, und eine tüchtige Portion Schlaf thut Ihnen beinahe eben ſo noth, als dieſem da! Hier im Nebenzimmer ſteht ein Bett, da hinein legen Sie ſich, und ich will meine alte Chriſtine aus der Küche holen, damit ſie das Wächter⸗Amt übernimmt. Sie verſteht ſich darauf, und Sie können ganz ruhig ſein. Dem Wilhelm Häfele ſoll es an Nichts fehlen, dafür ſteh' ich ein. Und nun marſch und zu Bett mit Ihnen.“ 4 Jakob wollte noch Einwendungen machen, aber der Wirth nahm keine Rückſicht darauf, ſondern ſchob ihn ohne weitere Umſtände in das Nebenzimmer hinein. Sultan folgte ihm, und Jakob verſpürte bald ſelber, daß er allerdings auf's Aeußerſte abgeſpannt und todt⸗ müde ſei. Nach wenigen Minuten ſchon lag er im tiefften Schlafe zu Bette, und Sultan ſtreckte ſich auf einer Decke am Fußboden neben ihm Als, und theilte 62 mit ihm die Ruhe, wie er des Tages Laſt und Arbeit mit ihm getheilt hatte. Mit dem erſten Sonnenſtrahle am nächſten Tage war Jakob wieder wach, und fühlte ſich neu belebt, und wunderbar erfriſcht und geſtärkt. Er warf ſich ſchnell in ſeine Kleider, und betrat leiſen Trittes das Neben⸗ zimmer, um nach Wilhelm Häfele zu ſehen. Dieſer ſchlummerte noch, aber der Wirth, der auch bereits auf und gegenwärtig war, begrüßte ihn mit gemüthlichem Kopfnicken. „»Nun, wie geht es?« fragte Jakob geſpannt. »Nicht gut, nicht ſchlecht,« antwortete der Wirth achſelzuckend.„Für ſein Leben iſt keine Gefahr, meint meine alte Chriſtine, die ſich auf ihre Kranken verſteht, aber ein vierzehn Tage bis drei Wochen wird es wohl dauern, bis er wieder friſch auf den Beinen iſt. Uebri⸗ gens kommt heute ein geſchickter Arzt aus der Stadt, der wird uns wohl richtigen Beſcheid geben.“ »Und die Pferde, der Frachtwagen?“ forſchte Jakob weiter. »Alles in Ordnung!« lautete die Antwort.„Meine Leute fanden ſie, eine Stunde von hier, richtig mitten auf der Landſtraße, wo ſie ſtehen geblieben waren. Jetzt befinden ſie ſich ganz wohl im Stalle und laſſen ſich meinen Hafer ſchmecken.“ »Das freut mich, und dem Wilhelm Häfele wird es nicht minder lieb ſein,“ ſagte Jakob ſichtlich erleich⸗ tert.„Sein Geſpann ſchien ihm große Sorge zu machen. Er fragte nur nach ihm, nicht nach ſich ſelbſt.“ »Hat freilich guten Grund dazu, denn ſeine Fracht iſt ſehr koſtbar,« verſetzte der Wirth.„Lauter ſchwere Seidenballen, und Sammet, und Gott weiß, was noch 3 63 Alles für theure Sachen, die er aus Frankreich nach Wien führt. Die großen Handelsleute trauen Keinem ſo viel, wie dem Wilhelm Häfele, denn ſie wiſſen wohl, daß er durchaus bis in den Herzensgrund hinein recht⸗ ſchaffen und ehrlich iſt.“ „Da iſt er grade ſo, wie ſeine Mutter, die Frau „Häfele in Stuttgart,“ meinte Jakob.„Eine beſſere Frau, wie die, kann's weit und breit nicht geben. Nun aber will ich noch abwarten, was der Doktor zu unſerem Kranken meint, und dann in Gottes Namen meine Straße weiter ziehen.“ Der Wirth fragte, woher und wohin? und Jakob erzählte ihm ohne Rückhalt ſeinen ganzen Lebenslauf, und wie es ihm unterwegs bei ſeinem Hauſtr⸗Handel . ergangen war. Auch gab er zu erkennen, wie hergſuhe Verlangen er trage, nach ſo langer Abweſenheit Vater, Mutter und Schweſter wiederzuſehen, und wie es ihn daher unwiderſtehlich nach der Heimath zurückziehe. Der 4 Wirth lobte ihn darum, und freute ſich, daß Jakob ſo 8 große Liebe und Anhänglichkeit für ſeine Familie hatte. „Dir wird es ſchon auch noch recht gut glücken in der Welt, mein Sohn,“ ſagte er und klopfte Jakob zu⸗ traulich auf die Achſel,„denn du befolgſt die Weiſung des Herrn: ‚„Du ſollſt Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl gehe und du lange lebeſt auf Erden. Aber jetzt komm' und laß uns frühſtücken, meine alte Chriſtine wird derweilen ſchon wieder nach unſerem Kranken ſehen.“ Dies geſchah; Jakob wurde freigebig verpflegt und mußte ſogar ein Gläschen Wein mit dem gaſtlichen Wirthe trinken, der ſich gern mit ihm zu unterhalten ſchien. Auch Sultan brauchte ſich nicht über allzu 64 ſchmale Koſt zu beklagen, denn der Wirth fand großen Gefallen an dem ſchoͤnen, ſtarken, treuen Thiere, und machte ihm eigenhändig eine mächtige Schüſſel voll Futter zurecht, wie ſie dem Sultan in ſeinem Leben noch nicht geboten worden war. Dafür ließ er ſich's aber auch wacker ſchmecken, und machte eine äußerſt zu⸗ friedene Miene, als er endlich nach verſchiedenen Ab⸗ ſätzen die ganze Schüſſel ausgeleert hatte. Um die Mittagsſtunde kam der Doctor, und wurde zum Patienten geführt. Der Wirth und Jakob folgten ihm dahin, und erwarteten mit Spannung den Aus⸗ ſpruch aus ſeinem Munde. Wilhelm Häfele war mittler⸗ weile aufgewacht und hatte ſeine vollkommene Beſinnung wieder erlangt. Er erzählte, daß ihn der wüthende Sturm von der Fahrſtraße die Böſchung hinunter ge⸗ fegt hätte, und daß er, von dem jähen Sturze betäubt, ohnmächtig liegen geblieben wäre. Große Freude be⸗ zeigte er darüber, daß man Pferde und Wagen wohl⸗ behalten wiedergefunden hatte, und wendete ſich endlich an Jakob, um ihm für die geleiſtete Hülfe zu danken. Als er nach ſeinem Namen fragte und die Antwort „Jakob Bluntſchli« hoͤrte, verklärte ſich ſein ganzes Ge⸗ ſicht, und ſein Auge leuchtete freudig auf. »Jakob Bluntſchli, das treue Blut,“ ſagte er.„Ich kenne dich wohl, meine Mutter hat mir von dir geſchrie⸗ ben und mir an's Herz, gelegt, dir uͤberall zu helfen und beizuſtehen, wenn ich je einmal mit dir zuſammen⸗ träfe, und nun muß es grade umgekehrt kommen, und mußt du mir Hülfe und Rettung vom Tode bringen! Es iſt doch merkwürdig und wunderbar, wie der liebe Gott die Menſchen auf der Welt zuſammen führt. Nun, — ſchönen Dank, Jakob, und ich hoffe, wir werden ein⸗ 4 aaander noch näher kennen lernen.“« »Ja, ſpäter vielleicht,“ legte ſich der Arzt in's Mittel, —„jetzt aber, mein Lieber, wollen wir einmal Euren Zuſtand ein bischen genauer und näher unterſuchen.“ 3 Wilhelm behauptete zwar, er befinde ſich wieder ganz woohl und geſund, als er aber den Verſuch machte, auf⸗ uuſtehen und das Bett zu verlaſſen, ſank er ſtöhnend in die Kiſſen zurück, und konnte nicht verhehlen, daß er innerlich heftige Schmerzen empfände. »Das hab' ich mir wohl gedacht,“ ſagte der Arzt. Ihr ſeid bei dem Sturze von der hohen Böſchung herab MNaarg zuſammengerüttelt worden, mein guter Freund, und wweenn ich auch hoffe, daß kein edleres Organ Eures Koörpers verletzt iſt, ſo bedürft Ihr doch immer einiger A Wcoochen der größten Ruhe, um vollkommen wiederher⸗ geſtellt zu werden.“ 8 Dieſer Ausſpruch des Arztes wirkte äußerſt nieder⸗ ſchlagend auf Wilhelm. Er ſtieß einen tiefen Seufzer — aaus, und ſeine Stirn legte ſich in ſorgenvolle Falten.. „ Das iſt ſehr ſchlimm,« ſagte er voll Unruhe und 6 Betruͤbniß.„Sehr, ſehr ſchlimm für mich, wie für das Wiener Handlungshaus, für das meine Ladung beſtimmt iſt. Wenn ich nicht zur rechten Zeit in Wien ankomme, wird das Haus bedeutende Verluſte erleiden, und ich werde meine Kundſchaft verlieren, denn danach frägt Niemand, daß ich unſchuldig an meinem Unfalle bin.“ „»„ Aber kann denn nicht irgend ein Anderer Euren Wagen nach Wien führen?« fragte der Arzt.„Wenn ſich Jemand fände, wäret Ihr gleich aller Verlegenheit nthoben.“ »dDas iſt ſchon richtig,“ verſetzte Wilhelm.„Aber 4 Das treue Blut. 5 66 meine Ladung iſt ſehr koſtbar, ich darf ſie Niemand anvertrauen, den ich nicht ganz genau als treu und umſichtig kenne.“ Er ſchuͤttelte betrübt den Kopf, und blickte unſchlüſſig umher. Zufällig fiel dabei ſein Auge auf Jakob, der beſcheiden zur Seite ſtand, und auf einmal blitzte es fröhlich in ihm auf. „Der Jakob, das treue Blut!“ rief er aus.„Warum hab' ich nicht gleich an ihn gedacht? Jakob, dir kann ich trauen, das weiß ich! Fahre du mit meinem Ge⸗ ſchirre nach Wien! Wenn du dich meiner Sache an⸗ nimmſt, ſo kann und werd' ich ruhig ſein!« Jakob erſchrak, denn die Wahrheit zu ſagen, die Aufforderung Wilhelm's paßte ganz und gar nicht zu ſeinen Plänen und Wünſchen. Ihn zog es nach Hauſe, ſeine ſuͤßeſte Hoffnung war, die Seinigen wiederzuſehen und zu umarmen, und nun ſollte er dieſe Hoffnung auf unbeſtimmte Zeit wieder hinausgeſchoben ſehen. Wilhelm bemerkte den Kampf ſeiner Gefuͤhle, und ſeine Miene wurde wieder traurig und niedergeſchlagen. „Nun, ich darf dich nicht drängen, Jakob,“ ſagte er.„Du haſt ohnehin ſchon genug für mich gethan, und ſo muß ich denn die Sachen gehen laſſen, und mich in das Schickſal ergeben, ein ruinirter Mann zu werden.“— „Nein, das ſollſt du nicht werden, Wilhelm,“ ſagte Jakob darauf mit ſchnell gefaßtem Entſchluſſe.»Ich . ubernehme es, den Wagen nach Wien zu führen! Deine Mutter war gütig gegen mich, und ich will in ihren Augen nicht als ein Undankbarer erſcheinen. Abge⸗ macht, Wilhelm! Ich fahre!“ 3 6 Wilhelm athmete erleichtert auf. K 8 Hand. DOpfer ſein ſollte, dir bringe ich's gern um deiner guten „Treues Blut! Treues Blut!“« ſagte er mit leb⸗ hafter Freude und Rührung.„Gott wird dir lohnen, was du an mir thuſt! Nun bin ich ruhig! Aber bringſt du mir auch nicht ein zu großes Opfer, Jakob?« Deem armen Burſchen brannte das Herz, und heiße Thränen wollten in ſeine Augen ſchießen,— aber er beherrſchte ſeine Gefühle und reichte Wilhelm ſeine „Biſt nur ſtill,« ſagte er.„Wenn es auch ein MNutter willen. Daheim müſſen ſie eben ein wenig auf mich warten, das iſt's Ganze. Und nun geſchwind ſag' mir, was ich zu thun habe, denn da ich einmal hen Auftrag übernehme, ſo will ich auch nicht ſäu⸗ en mit der Ausführung.« »Ja, ja, ich ſehe ſchon immer mehr, daß ich den rechten Helfer an dir gefunden habe, ſagte Wilhelm. „So hör' mich denn an, und ich will dir erklären, was du zu thun haſt. Im Grunde genommen, iſt's nicht ſehr ſchwierig, und erfordert vor Ällem nur Treue und Rechtſchaffenheit.“ Er händigte nun Jakob ſeine Frachtbriefe und ſon⸗ ſtigen Papiere ein, gab ihm die Marſch⸗Route, die er bis nach Wien inne halten ſollte, und verſah ihn reich⸗ lich mit Gelde. Jakob verſprach ihm, ſich ganz genau nach ſeinen Anweiſungen zu richten, und traf denn ſo⸗ fort Anſtalten, die Reiſe nach Wien anzutreten. Schon eine Stunde ſpäter fuhr er mit dem Frachtwagen zum Dorfe hinaus. Als er an die Stelle kam, wo die Wege ſich theilten, der Eine nach Wien, der Andere Schweizer Lande zu, blickte er wehmüthig auf Letzteren entlang, und Traurigkeit beklemmte ſein 5* Aber er kämpfte ſchnell dieſe Anwandlung nieder, indem er an alles Gute dachte, das Frau Häfele ihm einſt erwieſen hatte. „Es kann halt jetzt nicht ſein, Ihr Lieben zu Haus, daß wir uns ſo bald wiederſehen, wie ich vermeint habe,“ murmelte er.»Aber aufgeſchoben iſt nicht auf⸗ gehoben, und wenn ich ſpäter komme, wird die Freude dann um ſo größer ſein.“ Er winkte mit der Hand nach der Gegend zu, wo die heimathlichen Berge lagen, dann aber wendete er ſich entſchloſſen um und trieb ſeine Pferde an. „Hü, nur zu!“ rief er, und der ſchwere Frachtwagen rollte weiter ſeinem fernen Ziele entgegen. Jakob ſchritt neben den Pferden her, und Sultan trabte guter Dinge ein Stuüͤckchen voraus. Jakob war nicht traurig, nicht fröhlich,— er war ruhig. Obgleich er ſeine ſchönſte Hoffnung für den Augenblick aufgegeben hatte, fand er gleichwohl Troſt in dem Bewußtſein, daß er es habe thun müſſen, um der Pflicht der Dankbarkeit und der Freundſchaft zu genügen. Dies beſchwichtigte ſeine wehmüthigen Gefühle, und getroſten Muthes ging er ſeinem neuen Ziele entgegen. Viertes Kapitel. In Wien. An einem bitter kalten Tage des Monats Januar fuhr Jakob durch die Thore von Wien ein, in ſtiller Freude darüber, daß er die weite Reiſe glücklich und . 3 68. hier die Zügel an, und rief:„Halt!« 69 ohne irgend einen Unfall zurückgelegt hatte. Auf der Straße fragte er nach dem Hauſe des Herrn Zollmüller, und Jedermann wies ihn freundlich zurecht. Endlich erreichte er das große, ſchöne, ſtattliche Gebäude, fuhr durch den Thorweg in einen weiten, geräumigen, von großen Waaren⸗Niederlagen umgebenen Hof ein, zog Die Pferde ſtanden ſtill, und da war er nun, und ſchaute ſich um. Auf dem Hofe und in den Magazinen gewahrte er ein reges, geſchäftiges Treiben. Fäſſer, Kiſten und Ballen wurden da ein⸗ und ausgefahren, und ſtarke. Männer mit Lederſchürzen und, trotz der Kälte, aufge⸗ ſtreiftem Hemds⸗Aermeln, handthierten wacker herum. Jakob erkannte auf den erſten Blick, daß er es hier mit einem der größeſten Handelshäuſer der Welt zu thun hatte, fühlte aber deswegen weder Beſorgniß noch Furcht oder auch nur Befangenheit. Er war ſich bewußt, ſeine Schuldigkeit gethan zu haben und genau zur rechten Stunde an ſeinem Ziele angekommen zu ſein. Da ſich Niemand auf dem großen Hofe um ihn bekümmerte, ging er endlich auf Einen der Magazin⸗ Arbeiter zu, und fragte ihn, wo Herr Zollmüller zu finden ſei? 8 „Dort im Comptoir,“ verſetzte der Mann, und wies auf einen Seitenbau mit großen, breiten, vergit⸗ terten Fenſtern. „Gut!« erwiederte Jakob, ging wieder an ſeinen Wagen, ſträngte die Pferde los, und ſagte zu Sultan: „Hab' Acht!“ Das brave Thier verſtand ihn, und Jakob wußte nun, daß er ſein Geſchirr in die beſte Ob⸗ hut gegeben hatte. Dreiſt begab er ſich de Seitengebäude mit den ſtarken Eiſenſtäben vor den Fen⸗ ſtern, und trat in ein großes Gemach, wo an verſchie⸗ denen Pulten und Tiſchen Schreiber über große Han⸗ delsbücher gebeugt ſaßen. Er näherte ſich dem Erſten Beſten, und fragte nach Herrn Zollmüller.„Dort,“ verſetzte der junge Menſch kurz, und deutete mit ſeiner Schreibfeder auf einen vergitterten Raum, der durch grüne Seiden⸗Vorhänge vor neugierigen Blicken geſchützt war. Eine Gitterthür führte hinein. Jakob öffnete und ſchloß ſie wieder, und ſtand nun in einem kleinen Gemache, wo an einem altväteriſchen Schreibepulte von Nußbaum⸗Holze, der mit Büchern, Papieren und Brie⸗ fen bedeckt war, ein alter Herr ſaß, der ſich bei dem Geräuſche, welches das Verſchließen der Thür verur⸗ ſachte, mit einer raſchen Bewegung umdrehte. Jakob ſah ein faltenreiches, von weißen Locken eingerahmtes Geſicht, aus dem ein Paar kluge Augen ihn hell und forſchend anblickten. „Wer ſind Sie? Was wünſchen Sie?“ redete der alte Herr ihn an. „Ich heiße Jakob Bluntſchli,“ lautete die Antwort, „und ich komme im Auftrag des Fuhrmannes Wilhelm Häfele, um ſeinen Frachtwagen hier abzuliefern. Draußen auf dem Hofe ſteht er,— wenn Sie durch's Fenſter ſchauen, können Sie ihn ſehen!“ Der alte Herr machte eine erſtaunte Miene, aber noch mehr erſtaunte er, als plötzlich hinter einem beſon⸗ deren Vorſchlage hervor noch eine andere Geſtalt auf⸗ tauchte, und mit dem lauten Ausrufe:„Weiß Gott, er iſt es! Iſt wahr und wahrhaftig das treue Blut!« dem nicht minder betroffenen Jakob um den Hals fiel 71 und einen herzhaften Kuß auf ſeine friſchen, rothen Lip⸗ pen drückte. „Aber, Herr Zeller, was machen Sie denn?“ fragte der alte Herr am Pulte. „Errathen Sie denn nicht, Herr Zollmüller?“ ver⸗ ſetzte der Angeredete.»Das iſt ja der Jakob Bluntſchli in eigener Perſon, der Jakob, der damals in der ſchwã⸗ biſchen Alp mir zu Huͤlfe kam, und mich und Ihr Geld aus den Klauen der Räuber befreite! Erinnern Sie ſich doch nur, Herr Zollmüller!« „Ei, der Tauſend, das wäre,“ ſagte Herr Zollmüller, und ſtand von ſeinem Drehſtuhle auf, um ſich Jakob näher anzuſehen.„Alſo Sie ſind der junge Menſch, der mir unbekannter Weiſe einen guten Dienſt gelei⸗ ſtet hat!« „Freilich iſt er's,“ fiel Herr Zeller ein.„Erinnerſt du dich denn Meiner nicht mehr, Jakob?“ „Ei ja freilich erinnere ich mich Ihrer, Herr Zeller,“ verſetzte Jakob ganz vergnügt.„Und nun weiß ich auch, warum der Name Zollmüller mir ſo bekannt vor⸗ kam, als Wilhelm Häfele mir ſagte, daß ich ſeinen Frachtwagen hierher fahren ſolle. Sie hatten mir ihn dazumal wohl genannt, Herr Zeller, aber ich, ich hatte ihn rein wieder vergeſſen, weil ich nicht dachte, für's Erſte nach Wien zu reiſen. Das iſt nun freilich an⸗ ders gekommen.“ „Aber woher kennſt du den Wilhelm Häfele?“ fragte Herr Zollmüller.„Und wie, wo, wann biſt du mit ihm zuſammengetroffen?« 2 Jakob erzählte in ſchlichter Weiſe ſein Verhältniß zu Wilhelm und der Mutter deſſelben, und wie er's 8 nicht habe über's Herz bringen können, Wilhelm's Bitte, * — 6 — X pP 72 an ſeiner Statt den Wagen nach Wien zu führen, ab⸗ zuſchlagen. Die beiden alten Herren hörten ihm auf⸗ merkſam zu. „Da ſehen Sie, ſo iſt er, halt ein treues, braves Blut, Herr Zollmüller, wie er ſich auch gegen mich ge⸗ zeigt hat,“ ſagte Herr Zeller. „Ja, und ein dankbares Herz,“« fügte Herr Zoll⸗ müller hinzu.„Nun, Jakob, ich heiße dich in meinem Hauſe herzlich willkommen! Herr Zeller, geben Sie gefälligſt Auftrag, daß die Pferde und die Ladung unter Dach und Fach gebracht werden, und daß man ein Zimmer für Jakob bereit hält.“ Herr Zeller wollte hinaus eilen, um dieſen Auftrag zu beſorgen, Jakob hielt ihn aber zurück. »Das geht nicht, da muß ich auch dabei ſein,“ ſagte er. Sultan bewacht den Wagen, und es könnte ein Unglück geben, wenn ohne meine Begleitung Jemand ihm nahe käme. Sie kennen meinen Sultan, Herr Zeller,— er iſt das treueſte, bravſte Thier, aber wen er nicht kennt, der muß ſich vor ihm in Acht nehmen.“ „Nun, ſo geh' mit, Jakob,“ ſagte Herr Zollmüller, „aber Sie bringen ihn nachher wieder zu mir in's Comptoir, Herr Zeller,— ich habe noch ein paar Worte mit dem jungen Menſchen zu reden.“ Herr Zollmuͤller nickte und ging mit Jakob hinaus. Als Beide nach Verlauf von etwa einer Stunde zurück⸗ kehrten, folgte ihnen Sultan nach, und ſuchte ſich einen beſcheidenen Winkel, wo er ſich lammfromm niederlegte. „Ein ſchönes Thier!“ ſagte Herr Zollmüller, indem er ihn mit einem flüchtigen Blicke betrachtete.„Aber jetzt zur Hauptſache. Iſt die Fracht in Ordnung, mein lieber Herr Zeller?« „In beſter Ordnung, Herr,“ lautete die Antwort. „Ohne Umpackung kann ſie ſofort weiter ſpedirt werden.“ „Das iſt mir lieb, denn unſer Correſpondent wünſcht die möglichſte Beſchleunigung. Und nun, Jakob, wirſt du mir Rechnung ablegen.« „Ja, Herr,“ verſetzte Jakob, und zog ein Päckchen Papiere aus der Bruſttaſche ſeines Kittels.»„Dies iſt das Verzeichniß meiner Ausgaben, und dies⸗— fügte er hinzu, indem er einen noch ſtraffen und wohlgefüllten Geldbeutel hervorzog und auf das Schreibepult legte, —„dies iſt der Reſt von dem Gelde, das mir Wilhelm Häfele anvertraut hat. Sie werden finden, daß Alles ſtimmt und in Ordnung iſt.“. Herr Zollmüller ſah die Berechnung durch, wobei zuweilen ein eigenthümliches Lächeln ſeine Lippen um⸗ ſpielte, und Herr Zeller zählte das Geld auf, das ſich in dem Beutel befand. „Du haſt Recht, Jakob, Alles ſtimmt,“ ſagte Herr Zollmüller, nachdem er die Summe der Ausgaben mit dem übrig gebliebenen Gelde verglichen hatte,—„aber in der Ordnung iſt nicht Alles.“ „Und was nicht, Herr?“ fragte Jakob beſtürzt. „Nicht in der Ordnung iſt, daß du unterwegs ge⸗ darbt und gehungert haſt, wie ich aus der Rechnung ſehe. Schauen Sie her, Zeller, die ganzen Ausgaben für ihn und ſeinen Hund belaufen ſich auf kaum zehn Gulden.“ „Oh, Herr,“ verſetzte Jakob eifrig,—„das iſt ganz und gar in der Ordnung! Sultan und ich haben weder gedarbt noch gehungert, ſondern grade ſo gelebt, wie gewöhnlich. Man braucht nicht viel, um ſeinen Hunger zu ſtillen, und an Leckerbiſſen ſind wir alle 8 8 S— = 8 VN —— N n Beide nicht gewöhnt. Aber für die Pferde habe ich ordentlich Sorge getragen, ſie ſind ganz geſund und wohlgenährt.“ „Ja, ja, das ſieht dir gleich, Jakob, immer das Beſte für Andere, und das Schlechte für dich,“ ſagte Herr Zollmuller.„Biſt ein ſeltſamer, möchte faſt be⸗ haupten, ſeltener Burſch! Wir müſſen einander noch näher kennen lernen. Erzähle mir ein wenig von dei⸗ ner Heimath, deinen Aeltern, deinen Jugendjahren,— Alles, auch das Geringe und ſcheinbar Unbedeutende, iſt mir von Intereſſe.“ Jakob erzählte friſch weg, wie das ſo ſeine Weiſe war. Zu verbergen und zu verheimlichen hatte er nichts. Herr Zollmüller warf dann und wann eine Frage da⸗ zwiſchen, und ruhete nicht, bis er mit der Vergangenheit Jakob's und deſſen heimiſchen Verhältniſſen faſt eben ſo vertraut war, als dieſer ſelbſt. „Gut,“ ſagte er endlich,„vorläufig weiß ich genug. Das Andere findet ſich. Bis auf Weiteres bleibſt du bei mir, und wenn du Luſt haſt, kannſt du ganz und für immer bleiben, und ſpäter eine Stelle in meinem Geſchäfte bekommen.“ „Aber meine Aeltern,“ entgegnete Jakob.„Sie wer⸗ den ſich eben ſo ſehr nach mir ſehnen, wie ich mich nach ihnen.“ „Wenn du bei mir bleibſt,“« verſetzte Herr Zollmüller, ſo zahle ich deinen Aeltern alljährlich, ſo lange ſie leben, ſechshundert Gulden aus, und gebe dir das Verſprechen, daß du ſie wenigſtens Ein Mal in jedem Jahre be⸗ ſuchen darfſt. Ueberlege dir das, Jakob. Morgen früh bei'm Kaffee wirſt du mir deinen Entſchluß mittheilen. Sorgen Sie für ihn, Herr Zeller, daß er nicht etwa hungrig zu Bette gehen muß. Und nun, Adieu! Auf Wiederſehen bei'm Kaffee morgen früh!“ Jakob wußte nicht, ob er ſeinen Ohren trauen ſollte, und machte eine äußerſt verbluͤffte Miene; Herr Zeller aber drängte ihn ohne Weiteres zur Thür hinaus, und mit ihnen verſchwand zugleich Sultan, ſo daß Herr Zoll⸗ müller allein in ſeinem Kabinette zurückblieb. Ueber dieſen alten Herrn müſſen wir nun einige kurze Mittheilungen machen, weil er weſentlich beſtim⸗ mend in die fernere Zukunft Jakob's eingriff. Herr Zollmüller war ein ſehr reicher Mann, aber keineswegs aus einer ſehr angeſehenen Familie. Eigent⸗ lich gehörte er gar keiner beſonderen Familie, ſondern nur der allgemeinen großen Menſchen⸗Familie an, welche den ganzen Erdball bewohnt. Er kannte weder Vater noch Mutter, hatte ſie auch nie gekannt, und war von Kindheit auf in einem Waiſenhauſe erzogen worden, wohin er nach dem Tode ſeiner Aeltern gebracht wurde, weil ſich keine Verwandte ausfindig machen ließen, die ſich des hülfloſen Kindes hätten annehmen können. Aus dem Waiſenhauſe war er zu einem Kaufmann in die Lehre gethan worden, hatte ſich in ſpäteren Jahren einiges Vermögen erſpart, damit ein ſelbſtändiges Ge⸗ ſchäft begründet, und im Laufe der Zeit durch Geſchick⸗ lichkeit und Thätigkeit ein ſo bedeutendes Vermögen er⸗ worben, daß er in Wien gewöhnlich nur mit dem Namen der„reiche“ Zollmuller bezeichnet wurde. Von Natur gutmüthig und wohlwollend, hatte er doch ſo viele bittere Erfahrungen im Leben gemacht, hatte ſo viele Täuſchungen erfahren müſſen, war ſo oft von ſchlechten Menſchen hintergangen und betrogen wor⸗ den, daß er mit den Jahren mehr und mehr das Ver⸗ trauen zur Menſchheit verlor, ſich in reiferem Alter ganz vom geſelligen Umgange zurückzog, und für ſich allein faſt wie ein Einſiedler lebte. Der einzige Menſch, dem er noch Vertrauen ſchenkte, war ſein Buchhalter Zeller; aber dieſer war beinahe eben ſo alt, wie er ſel⸗ ber, und konnte ihm nicht gewähren, was er ſich in ſei⸗ nen greiſen Jahren am meiſten wünſchte, nämlich ein junges Herz voll Liebe und Anhänglichkeit an ihn. Je älter er wurde, deſto ſchmerzlicher empfand der alte Herr, daß er trotz allen Reichthums doch recht verein⸗ ſamt und freudenlos in der Welt ſtand. Schon manch⸗ mal hatte er die Lücke in ſeinem Herzen auszufüllen geſucht, indem er junge Leute in ſeine nähere Umgebung zog, ſie mit Wohlthaten überhäufte, und ſich durch Güte und Freundlichkeit aller Art ihre Zuneigung zu erwer⸗ ben ſuchte. Auch in dieſen Beſtrebungen war er nie glücklich geweſen, und hatte nun, in Folge deſſen, ſchon jede Hoffnung aufgegeben, die letzten Jahre ſeines Lebens freundlicher zu geſtalten, als ihm der alte Zeller, von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, das Zuſammentreffen mit Jakob erzählte, und des jungen Menſchen muthiges und uneigennütziges Benehmen ſchilderte. Er empfand ſchon damals eine lebhafte Theilnahme für Jakob, und dieſe Theilnahme hatte ſich noch beträchtlich geſteigert, als er Jakob nun perſönlich kennen gelernt hatte. »Noch einen letzten Verſuch will ich machen,“ ſagte er vor ſich hin, nachdem er geraume Zeit nachdenklich in ſeinem Kabinette auf und nieder geſchritten war. »Gelingt er, ſo werde ich glücklich ſein; mißglückt er, — nun, dann iſt es Gottes Wille, daß ich dereinſt un⸗ beweint und unbetrauert in die Grube fahren ſoll!« Am andern Morgen bei'm Kaffee erklärte Jakob 77 ſeinen Entſchluß, bei Herrn Zollmüller bleiben zu wollen. Es wurde ihm feeilich nicht leicht, auf das Wiederſehen der Seinigen vorläufig zu verzichten, aber dieſen er⸗ wuchs ein ſo erheblicher Vortheil daraus, daß er ſeine Betrübniß ſchnell überwand, und dafür ſein Herz mit Dankbarkeit gegen den Wohlthäter jeiner Aeltern er⸗ füllte. Statt Seiner ging ein Brief an die Aeltern in die Heimath ab, worin er ſein gutes Glück erzählte, und ſeine Freude ausdrückte, daß nun ſein lieber Vater aller und jeder Sorge für die Zukunft enthoben ſei. Wenn Jakob noch einen Schatten von Traurigkeit empfunden hätte, die Antwort des Vaters würde ihn für immer vertrieben haben. Die ganze Familie ſchickte ihm ihre Segenswünſche, und der Vater ermahnte ihn, die Güte ſeines Wohlthäters mit unverbrüchlicher Treue und mit ſteter Liebe und Dankbarkeit zu vergelten. Es bedurfte dieſer Ermahnung übrigens bei Jakob nicht. Sein ganzes Herz hing ſchon an Herrn Zoll⸗ müller, aus deſſen Händen er zahlloſe Beweiſe von väterlicher Güte und Zuneigung empfing. Jeden Tag wünſchte er ſich Glück dazu, daß er damals aus Dank⸗ barkeit für Frau Häfele in Stuttgart ſein eigenes Ge⸗ fühl bemeiſtert und ihrem Sohne einen Freundſchafts⸗ dienſt geleiſtet hatte. Der Weg nach Wien war offen⸗ bar der Weg zu ſeinem Glücke geweſen, und ohne ſeine Selbſtaufopferung würde er ihn vielleicht nie gefunden haben. So dachte wenigſtens Jakob, und bemühte ſich auf alle Weiſe, die Liebe zu vergelten und zu verdienen, mit welcher Herr Zollmüller ihn über! äufte. So verging beinahe ein Jahr. Jakob war wie Kind im Hauſe, und Herr Zollmüller war wie ein Vater zu ihm. Jakob lernte viel und fleißig, denn 78 Herr Zollmüͤller hielt ihm Lehrer, die ihn in den wich⸗ tigſten Zweigen des Wiſſens unterrichteten, und Jakob glaubte durch eiſernen Fleiß dieſe Wohlthat erwiedern zu müſſen. Seine freien Stunden und alle Abende brachte er aber ſtets in der Geſellſchaft ſeines alten väterlichen Freundes zu, der in dem Verkehre mit ihm die herz⸗ lichſte Befriedigung fand, und ordentlich wieder jünger zu werden ſchien. Auch der alte Zeller, der ſich häufig in ihrer Geſellſchaft befand, hatte ſeine Freude an Ja⸗ kob, und manche vergnügte, trauliche Stunde verlebten ſte mit einander, bis auf einmal, für Jakob ganz uner⸗ wartet und unerklärlich, ein plöͤtzlicher Umſchwung der Dinge erfolgte, und zwar kurz vor der Zeit, als Jakob den erſten Beſuch bei ſeinen Aeltern machen ſollte. Die beiden alten Herren, ſonſt immer fröhlich, zu⸗ frieden und in beſter Laune, zeigten auf einmal ernſte Mienen, ſorgenvolle und mürriſche Geſichter, und eine gewiſſe Aengſtlichkeit und Niedergeſchlagenheit. Jakob merkte es wohl, und ſuchte durch heiteres Geplauder die finſteren Wolken auf ihrer Stirn zu zerſtreuen. Manch⸗ mal gelang es ihm, öfter aber nicht, und zuletzt, wenige Tage vor ſeiner Abreiſe, gar nicht mehr. Er furchtete, daß eben die Reiſe in ſeine Heimath es ſein könne, welche ſeinen Wohlthäter und den alten Herrn Zeller verſtimmten, und endlich faßte er ſich eines Abends ein Herz, und rückte offen mit der Sprache heraus. „Liebſter Vater,“ ſagte er zu Herrn Zollmüller, dem er ſchon längſt dieſen ehrwürdigen Namen hatte geben müſſen,—„irgend Etwas macht Sie traurig und verſtimmt. Ich bitte, theilen Sie mir mit, was Sie quält und beunruhigt! Ich kann es nicht mehr ertra⸗ 79. gen, Sie leiden zu ſehen, ohne ein Wort der Liebe und des Troſtes zu Ihnen ſprechen zu dürfen.« „Haſt du mich denn wirklich lieb, Jakob?« fragte Herr Zollmüller. „Oh, von ganzer Seele!« rief Jakob aus und ſchmiegte ſich zärtlich an den Greis an. »Auch, wenn aus deiner Reiſe in die Heimath nichts werden ſollte?« »Gewiß, gewiß! So gern ich die Meinigen wieder ſehen möͤchte, werde ich mich doch ſtets Ihren Wünſchen fügen und jeden Gedanken an die Reiſe aufgeben, wenn Sie nicht gern Ihre Zuſtimmung dazu ertheilen.“ »Nun, ich glaube dir, Jakob,“ ſagte Herr Zollmüller, ſo ſchmerzlicher iſt es mir, wenn du der Hoffnung, die einigen zu ſehen, und vielleicht noch ganz anderen Hoffnungen entſagen müßteſt!« „Vater, Sie erſchrecken mich!« rief Jakob aus.„Was iſt geſchehen? Was habe ich Ihnen zu Leide gethan?« »Du, lieber Sohn,— nichts!« verſetzte Herr Zoll⸗ müller.„Aber Andere! Ich habe, um es kurz zu machen, durch Umſtände, die ſich nicht bere ungeheure Verluſte erlitten, und heute noch wird ſich entſcheiden, ob ich ein Bettler bin, oder wenigſtens einige ſo erſchrocken, daß er ſich nicht zu faſſen wußte, ſondern ihm um den Hals fiel und ihn unter Thränen umarmte und küßte. — ———— „Nun, nun, nimm dir die Sache nicht zu ſehr zu Herzen,“ ſagte Herr Zollmüller beſchwichtigend.„Noch habe ich einige Hoffnung. Und horch, da ſcheint end⸗ lich mein alter Zeller zu kommen! Nichtig, er iſt es!« Der alte Zeller trat haſtig herein und übergab ſei⸗ nem Prinzipal einen Brief, den dieſer zitternd eröffnete und mit den Augen überflog. Einen Moment hindurch ſchien ſeine Geſtalt zu ſchwanken, und ſeine Lippen beb⸗ ten, während ſein Geſicht erblaßte. Dann ſank er auf einen Stuhl, und ſagte mit matter Stimme:„Verloren! Ich bin ruinirt, ein armer, hülfloſer Bettler, der ſein Brod auf den Straßen ſuchen muß!“ Wie betäubt von einem furchtbaren Schlage ſtanden der alte Zeller und Jakob faſt eine Minute hindurch regungslos. Dann aber raffte ſich Jakob zuſammen, ſturzte zu den Füßen ſeines zweiten Vaters, und um⸗ klammerte ſeine Kniee. „Nein, nein, nein!“ rief er aus,— Sie ſind kein Bettler, Vater! Noch bin ich da! Sie ſollen nicht auf den Straßen das Mitleid fremder Menſchen ſuchen. Was ich früher für die Meinigen gethan, kann ich es denn nicht wieder für Sie thun? Gott ſei Dank, mein alter Sultan lebt noch, und mein Wägelchen iſt auch noch da, und die Freunde in der Heimath ebenfalls! In vierzehn Tagen kann ich wieder mit Waaren ver⸗ ſehen ſein, und dann geht es wie früher friſch in die Welt hinaus! Muth, lieber Vater! Noth ſollen Sie nie leiden! Dafüͤr wird der liebe Gott ſorgen durch mich!“ „Wie?“ fragte Herr Zollmuͤller,— du wollteſt das wirklich thun? Wieder hauſiren gehen, um meine letzten Tage vor Mangel zu ſchützen?« 4 1 — 8¹ »Gewiß will ich das,« erwiederte Jakob.„Das verſteht ſich ja ganz von ſelbſt! Nur Muth, Muth, liebſter Vater! Es wird und muß ſchon Alles gut gehen!« »Und deine Reiſe nach Haus?« »„Oh, ſie hat Zeit! Jetzt dürfen wir nicht an Ver⸗ gnügen, wir müſſen an das Nothwendige denken, an die Arbeit. Mein Vater, wenn er erſt weiß, warum ich nicht komme, wird nur billigen, daß ich nicht komme. Morgen in aller Frühe ſchon will ich an ihn ſchreiben.“ „Uebereile dich nicht, Jakob! Warum willſt du dein Loos an das eines alten Mannes knüpfen, der nur eine Laſt für dich ſein kann?« »Sie, mein gütiger Freund, mein Wohlthäter, mein zweiter Vater, eine Laſt für mich! Oh, nicht doch! Eine Luſt und eine Freude wird es für mich ſein, wenn ich einen Theil der Wohlthaten vergelten kann, die Sie freigebig auf mein Haupt gehäuft haben. Morgen früh ſchreibe ich, und ſobald die Waare anlangt, geht es fort mit Sultan!“« „Oh, redliches Herz! Oh, treues Blut, wie wacker bewährſt du dich, rief jetzt Herr Zollmüller aus und preßte Jakob an ſeine Bruſt.„Du wirſt nicht ſchrei⸗ ben, du wirſt nicht hauſiren gehen auf der Landſtraße, ſondern du wirſt bei mir bleiben, und was du den Deinigen mitzutheilen haſt, kannſt du ihnen nöthigen⸗ falls ſelber ſagen. Auf, mit der Thür, mein alter Zeller! Da, Jakob, mein Sohn, ſiehe, da ſind ſie!« Ein lauter Jubelſchrei tönte hell von Jakob's Lip⸗ pen, denn als Herr Zeller die Thür weit aufſtieß, da anden im hell erleuchteten Nebenzimmer leibhaftig Pater und Mutter Bluntſchli, und Schweſter Marianne, Das treue Blut. 6 * und alle drei ſtreckten Jakob ihre Arme entgegen, und freudejauchzend ſtürzte er an ihre Bruſt,— und ſo fröh⸗ lich und glückſelig, wie da die Herzen aneinander ſchlu⸗ gen, wird man es nicht oft finden auf der ganzen wei⸗ ten Welt. Es war da ein Stückchen himmliſche Selig⸗ keit, was von jener Welt auf die Erde herabgefallen war. Erſt nach einer geraumen Weile faßten ſich die braven Leutchen wieder, und nun erſt konnte Jakob fra⸗ gen, was für ein guter Wind denn plötzlich Vater, Mutter und Schweſter daher geweht habe. „Du mußt dich, wenn du es genau erfahren willſt, an unſeren Wohlthäter, den Herrn Zollmüller, wenden,« verſetzte Vater Bluntſchli.„Er hat uns Geld geſchickt, und einen Brief geſchrieben, daß wir herkommen ſollten, und— da ſind wir nun, und freuen uns!« „Und ich freue mich mit Euch, und gewiß nicht weniger als Ihr,“ nahm Herr Zollmüller das Wort. »Ich mußte ja doch dem Jakob, der es ſo rechtſchaffen mit mir meint, eine kleine Ueberraſchung bereiten! Und dann wollt' ich auch die braven Aeltern meines Jakob kennen lernen, und darum ſchrieb ich, und ſchickte Geld, und ließ ein paar Zimmer in meinem Hauſe herrichten. Dort ſollt Ihr wohnen, Ihr lieben Leutchen, und wir werden Alle Eine Familie ſein, und, ſo Gott will, recht glückliche und frohe Tage mit einander verleben.“ 4 »Ja, aber, mein Himmel, träume ich denn?« fragte Jakob.„Sie ſagten mir doch, Vater, daß...“ „»Daß ich bankerott wäre, und nur noch auf meinen letzten Courier warte! Ganz recht, Jakob, mein treues Blut!« ſiel Herr Zollmüller fröhlich ein.„Siehſt du, ich waͤre bankerott an Liebe, nicht an Gelde geweſen wenn du die Prüfung nicht beſtanden hätteſt,, N ““ deine Anhänglichkeit und Treue unterwarf. Daß ich nicht daran zweifelte, du würdeſt ſie beſtehen, das ge⸗ ben hier die Deinigen Zeugniß! Ich würde ſte nicht haben kommen laſſen, wenn ich nicht Deiner gewiß ge⸗ weſen wäre. Darum verzeihe die Probe, Jakob. Ich wollte nun einmal einen ganz greifbaren Beweis von deiner Liebe und Anhänglichkeit haben, und da ſpielte ich dir eine kleine Komödie vor. Nun bin ich aber auch ganz zufrieden, Jakob! Ich weiß nun, daß du mich nicht aus Eigennutz, ſondern um meiner Selbſt willen liebſt, und das macht mich alten Mann ſo glück⸗ lich, wie ich es mit Worten nicht auszuſprechen vermag. Du haſt dich bewährt als ein dankbares Herz und als ein treues Blut, und fortan ſoll Niemand und Nichts uns trennen, als Gott! Du, die Deinigen und ich werden von nun an immer Eine Familie ſein, und ich danke Gott aus tiefſter Seele, daß er mich am Spätabend meines Lebens noch Herzen finden ließ, des ren treue Liebe ein reicherer Segen des Himmels iſt, als Tonnen Goldes. Eins alſo in Freud' und Leid, bis Der da droben uns in eine neue Heimath einführt!« —— So war es gekommen, und ſo blieb es auch. Herr Zollmüller zog ſich aus ſeinem Geſchäfte zurück, und überließ es ſeinem vieljährigen Freunde, dem alten braven Zeller. Er ſelbſt ſuchte und fand Glück und Zufriedenheit in der Familie Bluntſchli. Alle Mitglie⸗ der derſelben widmeten ihm dankbare Liebe und aufrich⸗ tige Zärtlichkeit. Aeußerliche Sorgen und Küͤmmer⸗ niſſe gab es nun nicht mehr für ſie, und daß inner⸗ liche ihnen fern blieben, dafür bürgte, was ihnen Allen und Jedem einzeln eigen war, das redliche Herz und das treue Blut. — F — —. — ₰ 5 2 ð 5 5 2 8 8 5 2 6 Ott fffffffffffffffnſſſin 8 9 10 * * * * ““—