Leihbi 2* † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur b Eduard Ofttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Ma 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buch jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu tun den angenommen. 3—] 3.(Aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ———— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2„=„ 3„=„„„ Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 d* r 1 1 ns jedenn den 3,,n ein 8 feien wird. 4. Ab0 beträgt: für wöcht auf M „ der defet 2 Ladenprei lorene ode der Leſer 7. Aus beſonders 3 der 3 ſelben vo Eine Erzählung 3 t meine jungen Freunde. Franz Hoffmann. 1 Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1860. 1 8 Erſtes Kapitel. Der Gottloſe iſt ſo ſtolz und zornig, daß er nach Niemand fragt. . Pfalm 10, 4. Der kleine Hans war der Sohn eines preußiſchen Offiziers, der in Pommern ein hübſches Gut beſaß, wo⸗ hin er ſich mit ſeiner Gemahlin zurückgezogen hatte, als er des müſſigen Soldatenlebens im Frieden müde ge⸗ worden war. Er bekam einen ehrenvollen Abſchied als Major, hing Schwert und Küraß an den Nagel, und nahm ſtatt der kriegeriſchen Waffen den Pflug zur Hand. Paul Marnefried, ein braver Wachtmeiſter ſeines Re⸗ giments, war dem Beiſpiele ſeines Vorgeſetzten gefolgt, und folgte ihm aus treuer Anhänglichkeit auch auf das Gut deſſelben. Graf Waldenſee nahm ihn mit Freuden auf, denn die beiden Männer kannten ſich ſeit vielen über Alles, und waren ſich überhaupt ſo gleich in Ge⸗ müth und Denkungsart, daß ſie wie die beſten Freunde mit einander lebten, und ſelbſt den Unterſchied von Rang und Stand kaum beachteten. Major und Wachtmeiſter gingen zuſammen auf die Jagd, beaufſichtigten gemein⸗ ſchaftlich die Arbeiter auf dem Felde, tranken aus einem Becher, aßen aus einer Schüſſel, und des Wachtmeiſters Befehlen und Anordnungen wurde eben ſo pünktlich Folge geleiſtet, als denen des Majors. So lebten ſte friedlich und gemüthlich auf dem Schloſſe, als plötzlich die Gemahlin des Majors erkrankte und bald darauf ſtarb. Dieſer Verluſt traf denſelben hart, denn er hatte ſeine gute und ſanfte Frau über Alles geliebt, und ver⸗ zehrte ſich nun in Kummer und Gram. Selbſt der brave Wachtmeiſter vermochte ihn nicht zu tröſten und aufzurichten, und eben ſo wenig der kleine Hans, ſein einziger Sohn, der mit kindlichem Geplauder die ſchwer⸗ müthige und gefurchte Stirn des geliebten Vaters zu glätten verſuchte. Der Major blieb traurig und gebeugt, und Jahre waren bereits verſtrichen, ohne daß eine Aenderung in ſeinem betrübten Zuſtande eingetreten wäre. Der Gram hing wie eine finſtere Wolke über dem Schloſſe, das früͤher eine Stätte der Freude und glück⸗ lichſten Zufriedenheit geweſen war. Dieß hatte nun mancherlei ſchlimme Folgen, zunächſt für den kleinen Hans, der ſo ſehr der Aufſicht bedurfte, und um den ſich doch Niemand genügend bekümmerte, ſo daß er ziemlich wild und verwahrlost aufwuchs. Den groͤßten Theil des Tages trieb er ſich im Dorfe mit den Bauernbuben umher, beſuchte zwar die Schule, lernte aber wenig, weil der Schullehrer ihn nicht ſo ſtreng zu halten wagte, wie die Kinder der Bauern im Dorfe, und ſo ſtand denn freilich zu befürchten, daß er mit der t Zeit ganz verwildern und ſeiner ſeligen Mutter, d eine gute und fromme Frau geweſen war, ſehr u ähnlich werden würde. Köͤrperlich dagegen bildete er ſich auf überraſchende Weiſe aus. Im Reiten, Laufen, Springen, Klettern und Schwimmen that er es allen Knaben im Dorfe zuvor, und auf den wildeſten Pferden ſeines Vaters wußte er ſich im Sattel zu halten— eine Fertigkeit, die er der Leitung und dem Unterrichte Pauls verdankte, der den Knaben ſchon frühzeitig zu allen körperlichen Uebungen gewöhnte, und ſich uͤber⸗ haupt ſo viel als möglich ſeiner angenommen hatte. Nur leider nützte dieß dem Knaben nicht viel. Paul war allerdings die treueſte und ehrlichſte Seele von der Welt, und hätte für ſeinen Herrn und den kleinen Hans jeden Blutstropfen hingegeben— aber was verſtand der alte, gute Haudegen von der Erziehung eines Kin⸗ des? Er ſelber konnte kaum nothdürftig leſen und ſchreiben, und fragte daher wenig darnach, ob Hans ſich Kenntniſſe erwarb, deren Werth er nicht zu ſchätzen wußte. Genug, wenn er den hübſchen Knaben nur munter und vergnügt ſah. Alles Uebrige war ihm ganz gleichgültig, und dieß um ſo mehr, als die Sorge um den Major und deſſen nicht weichende ſchwermüthige Stimmung ſeine Gedanken zum groͤßten Theil in An⸗ ſpruch nahm. azu noch die mannigfachen Sorgen für Landwirthſchaft und Haushaltung, die Beaufſi der Knechte und Mägde, die Führung chnung bücher, kurz die ganze Laſt der Geſchäfte, ille auf Augenblicke darum bekümmerte— es war zum Verwundern, daß der gute Paul den kle 8 1 . auf ſeinen Schultern lag, indem ſich der Major kaum »Hans!« ſchallte plötzlich eine Stimme aus den Fenſtern des Schloſſes—„Hans, du Wetterjunge, willſt du noch nicht in die Schule gehen? Es iſt die höchſte Zeit! Mach' fort!« Hans blickte auf und ſah den alten Wachtmeiſter, der drohend die Fauſt gegen ihn ſchuͤttelte.„Ach was,« rief er lachend zurück—„habe heute keine Luſt! Es iſt ſo hübſch draußen— was ſoll ich da in der dum⸗ pfigen Schulſtube?« »Aber, Junge, du haſt nun ſchon geſtern und vor⸗ geſtern die Schule verſäumt, was ſoll daraus werden?« ſagte Paul mißmuthig.„Du lernſt ja gar nichts, und jeder Bauerjunge iſt klüger, wie du!« »Schadet nichts!« erwiederte Hans.„Und klüger ſind ſie auch noch lange nicht! Und Leſen und Schrei⸗ ben brauch' ich nicht!« „Du biſt ein Taugenichts!« grollte der ehrliche Paul. »Sollteſt doch bedenken, daß Müſſiggang aller Laſter Anfang iſt! Thu' mir's zu Liebe, Hänschen, und geh“ in die Schule.“ »Ei, das fällt mir gar nicht ein!« rief lachend Hänschen zurück.»Geh' doch du hin!« „Ich bin zu alt dazu, närriſcher Junge!« ſagte der Wachtmeiſter.„Aber ſiehſt du, wenn du nicht auf der Stelle gehſt, ſo ruf' ich deinen Vater!« Hans wußte wohl, daß ſein Vater noch ſchlief oder V doch wenigſtens in ſeiner Schlafkammer war und daß —j4⅓— Paul eher alles Andere gethan, als ihn geſurt hätte. Darum antwortete er ganz kaltblütig:„Ruf ihn doch, Wachtmeiſter! NRuf; ihn doch! Mir iſt's einerlei, und in die Schule gehe ich heute nun grade nicht! —„Du biſt ein ungehorſamer Schlingel, we rief der Wachtmeiſter, der nun wirklich ärgerlich wurde. „»Auf der Stelle gehſt du in die Schule, oder du ſollſt deinen Ungehorſam bereuen!“ „Schon gut!« ſagte Hans, und wendete dem Wacht⸗ meiſter den Rücken zu.„Schimpfe und tobe dich aus, Alter! Ich will indeß einen Spazierritt machen!“. Er pfiff hell und gellend auf dem Finger. Kaum war der ſchneidende Ton verhallt, ſo hoͤrte man ein lautes Gewieher aus einem der Ställe hervordringen, und im Augenblick darauf ſprang ein huͤbſcher, kleiner Schimmel aus der Stallthür hervor und galoppirte in luſtigen Sprüngen auf Hans zu. „»Komm', Ruſtan,“ ſagte der Knabe, und ſtreichelte freundlich den ſchlanken Hals des Pferdes—„komm', wir wollen in den Wald hinaus! Aber nur nicht ſo 4 hitzig, erſt müſſen wir doch Sattel und Zeug auf⸗ legen!« „Junge, du ſollſt nicht reiten! In die Schule ſollſt du gehen!“ zeterte der alte Wachtmeiſter vom Fenſter herunter. Hans hoͤrte gar nicht danach hin. Er ging nach dem Stalle, holte Sattel und Zaum heraus, warf den Letzteren über, und wollte eben den Sattel auflegen, als der Wachtmeiſter plötzlich mit zornrothem Geſicht auf dem Hofe erſchien, augenſcheinlich in der Abſicht, den jungen Herrn tüchtig auszuſchelten, wo nicht gar ihm etliche Hiebe mit ſeinem Röhrchen überzuziehen. Hans ſah ihn aber noch früh genug, um ſeine Maß⸗ regeln danach zu nehmen. Ohne ſich damit aufzuhalten, den Sattel feſtzuſchnallen, ſchwang er ſich mit Einem Satze hinein, ſchnalzte mit der Zunge, und— da flog der Schimmel hin. Indeß, der Wachtmeiſter mar auch nicht faul. Er ſtand dicht am Thore, ſchlug raſch die vier Fuß hohen Thorflügel zu, und Hans war auf dem — Hofe eingeſchloſſen. „Hahaha, wie ſteht es nun, Jüngelchen?“ lachte der Alte.„Jetzt haben wir dich, und nun hübſch her⸗ unter vom Schimmel!“ „Das ſoll ſich doch erſt finden!“ rief Hans trotzig. „Aufgemacht das Thor, Paul, oder ich ſetze mit dem Schimmel quer über's Geländer hier weg!« „Biſt du toll, Bube?“« ſchrie der Wachtmeiſter. „Bedenke— vier Fuß hoch— und der Sattel nicht einmal feſt— Hals und Bein brichſt du dabei!“ „Das iſt mir einerlei!“ ſagte Hans.„Auf mit dem Thor, oder.... 3»Er ſetzte ſchon zum Sprunge an, aber das ängſt⸗ liche„Halt!« des Wachtmeiſters feſſelte ihn wieder. „Du willſt alſo aufmachen?“ fragte er. „Ja, ich muß ſchon, du nichtsnutziger Bube!“ ent⸗ gegnete der Wachtmeiſter und riß die Thorflügel auf— „aber paß auf, dir geht's noch einmal ſchlecht mit dei⸗ nem Eigenſinn und Ungehorſam. Du wirſt dich um⸗ ſehen, wenn du einmal gehorchen mußt.“ Hans lachte, ſchüttelte die Zügel, ſprengte zum Thor hinaus, und verſchwand unten im Dorfe. Kopſſchuͤttelnd blickte der ehrliche Wachtmeiſter ihm nach. „Wetterbube, heilloſer!« murmelte er.„Wenn dem nicht unſer Herrgott den Brodkorb höher hängt, dann werden wir noch etwas erleben! Ein wahres Kreuz b und Leiden iſt's doch, daß der Major ſich ſo wenig um den Jungen bekümmert! Vor dem Vater hätte er wohl Reſpekt, aber uns Andere lacht er Alle was aus. —= Gott führe das zu einem guten Ende. Keine Zucht, kein Gehorſam, kein Nichts ſteckt in dem Jungen! Und „doch muß man ihn lieb haben, die Wetterkröte! Ver⸗ weegen iſt er, wie der... hätte bald was geſagt! Aber, aber, was wird draus werden, wenn der Junge ſo fortmacht?« Mißmuthig kehrte der Alte in das Schloß zurück, und nahm ſich vor, wieder einmal ein ernſtes Wort mit dem Major zu ſprechen. Aber der Major hörte kaum nach ihm hin, und das Ende vom Liede war, daß er ſchwermüthig ſagte:„Du haſt Recht, Paul, ganz Recht! Die Mutter fehlt dem Jungen! Nimm dich ſeiner an, dann wird's ſchon gehen. Ich kann's nicht, denn ſiehſt du, ich muß immer an andere Sachen denken. Du mußt mich nicht ſo viel ſtören, Paul!« Paul zuckte die Achſeln, und über den Kummer um den Vater vergaß er bald die Sorge um den Sohn. Hans ritt indeß wohlgemuth und heimlich lachend, daß er den alten Paul ſo liſtig hinter's Licht geführt hatte, in das Dorf hinein. Grade vor dem Schulhauſe hielt er ſeinen Schimmel an und ſprang herunter, um den Sattel feſtzuſchnallen. Augenblicklich war er von der ganzen Schuljugend umringt, die ihn fröhlich lär⸗ mend bewillkommte. »Wohin willſt du, Hans?« fragte einer der Kna⸗ ben.„Bleibſt du nicht zur Schule da?« »Fällt mir nicht ein,“ antwortete Hans.„In den Wald hinaus reit' ich! Kommt mit, Jungens!« „Ei ja, wenn der Schulmeiſter nicht wäre!« ſchrieen die Knaben. „Der ſoll euch wohl nichts anhaben,“ prahlte Hans. „»Kommt nur, ich nehm' es auf mich! Und wenn er 5 —————2 2 2..i 4 Einen von euch anrührt, werf' ich dem Alten die Fen⸗ ſter ein. Na, wollt ihr?« Einige der wildeſten Knaben bezeigten Luſt, der Ein⸗ ladung Folge zu leiſten, und wenn nicht zufällig der Schulmeiſter dazu gekommen wäre, hätten ſie ſich wohl von Hans verführen laſſen. So aber wurde für dieß Mal nichts daraus. „Marſch, marſch in die Schule, Kinder!« rief der würdige Alte, indem er mitten unter die Knaben trat, und Hans einen ernſten und ſtrengen Blick zuwarf. „Wenn euch böſe Buben locken, ſo folgt ihnen nicht! Du aber, Hans, würdeſt auch beſſer thun, die Naſe in das Buch zu ſtecken, als durch Wald und Feld umher⸗ zuſchweifen! Schäme dich, daß du deinem Vater ſo wenig Freude machſt! Er hat doch ohnehin ſchon Kum⸗ mer genug!“ „Was geht denn das Euch an, Herr Schulmeiſter?« entgegnete Hans.„Ich thue, was ich will, und damit iſt's genug!« „Aber du ſollteſt thun, was recht und gut iſt, nicht aber was thöricht iſt und dich einſt reuen wird!« ſagte der Schulmeiſter.„Bedenke wohl, was Sirach ſagt: „Ein ungezogener Sohn iſt ſeinem Vater eine Unehre!“« „Ihr wollt doch nicht ſagen, daß ich ein ungezoge⸗ ner Sohn wäre?« fragte Hans trotzig.„Das wollte ich mir doch verbitten!« „Du biſt ein frecher und böſer Bube, daß du deinem Lehrer alſo Trotz bieteſt!“ ſagte ſtreng der Schulmeiſter. „Du weißt wohl, daß dein armer Vater, deſſen Herz voll Gram iſt, dich nicht züchtigt, und darum gehſt du ſo trotzig einher. Aber es iſt ein Höherer da, deſſen Zuchtruthe du nicht entgehen wirſt. Oh, Knabe, beſinne dich! Sei demüthig, gehorſam und fleißig, wie es gu⸗ ten Kindern geziemt, und gib nicht, wie jetzt wieder, ein Beiſpiel des Uebermuthes und der Zügelloſigkeit. Ich bitte dich, Hans, folge meinen Worten und lege dein böſes Treiben ab! Ich meine es herzlich gut mit dir, und einſt wirſt du mir's danken, wenn du meinen Ermahnungen Gehör gibſt!« »Aber was thu' ich denn Böſes?« fragte lachend Hans, auf den das herzliche Einreden des braven Leh⸗ rers gar keinen Eindruck hervorbrachte.„Alle Welt ſchilt mich, und doch thue ich keinem Menſchen etwas zu Leide!“ „Dir ſelbſt thuſt du das größte Leid an!“« ſagte der Schullehrer.„Was ſoll denn aus dir werden, wenn du nichts lernſt, und ſo wild in den Tag hineinlebſt?« „Ein Offizier!« erwiederte Hans.„Reiten, Schießen und Fechten kann ich ſchon, und weiter brauch' ich nichts . zu wiſſen.“ 5 5 „Nun, Gott öffne dir Herz und Augen!« ſagte der Schulmeiſter betrübt.„Wenn du nicht bald in dich gehſt, oder nicht der Himmel dich erzieht zur Zucht und Frömmigkeit, dann wirſt du einſt mit Kummer auf die verlorenen und vergeudeten Tage deiner Jugend zurück⸗ ſchauen. O komm', Hans, komm'! Höͤre auf meine Stimme, und folge mir in die Schule! Willſt, du Hans? Willſt du?« »Nun ja denn, ich will!« erwiederte Hans, und lächelte ſchelmiſch. Geht nur voran, Herr Schulmeiſter, ich komme gleich nach. Aber laßt die Thüre hübſch offen ſtehen ⸗ Der Lehrer ging, erfreut, wie es ſchien, über die Bereitwilligkeit ſeines widerſpenſtigen Schülers. Kaum — 11 war er in der Schule, ſo folgte Hans auch richtig nach — aber nicht allein, ſondern auf ſeinem Schimmel, der ganz munter über die Schwelle ſchritt und auf einmal mitten unter der über ſeinen Anblick ſchreienden und tobenden Schuljugend ſtand. „Da bin ich, Herr Schulmeiſter!“ rief Hans lachend —„und wenn Ihr nun meinen Ruſtan ebenfalls mit in die Lehre nehmen wollt, ſo will ich auch hier bleiben. Ohne Ruſtan wird's aber nichts, das ſag' ich Euch gleich!« Jetzt riß aber dem braven Schulmeiſter die Geduld, und mit zürnendem Ernſte trat er dem wilden Buben entgegen.„Hinweg mit dir!“ ſagte er.„Ich will mich nicht an dir vergreifen, aber dein Vater ſoll endlich er⸗ fahren, welch' ein ruchloſer Knabe ſein Sohn iſt. Wehe dem Kinde, das ſeiner Eltern nicht achtet und ſeine Lehrer verſpottet, denn es wird nichts Gutes ärndten von ſeinen Thaten!“ „Schon gut, alter Herr!“ entgegnete Hans mit lachendem Geſicht.„Ich habe Euch den Willen gethan, und bin in die Schule gekommen; nun Ihr mich aber ſelber fortſchickt, ſollt Ihr mich für's Erſte nicht wieder zu ſehen bekommen!“ Und lachend, wie er herein getrabt war, trabte er auch wieder hinaus, und freute ſich, daß er den braven Schulmeiſter eben ſo tüchtig angeführt hatte, wie den guten, alten Wachtmeiſter. Hans ritt in den Wald hinaus, kreuz und quer unter den Bäumen hin, trieb allerlei Muthwillen, um ſich die Zeit kurzweilig zu machen, verfolgte einen Hirſch, den er im Buſche aufjagte, durch Dick und Dünn, ſetzte ihm nach durch den Bach, trieb ihn aus dem Wald in's Freie, hinein in die geſegneten Kornfelder, galop⸗ pirte nach, kümmerte ſich wenig darum, daß Hirſch und Pferd die vollen Aehren in Grund und Boden hinein⸗ 12 ſtampften und große Verwüſtungen anrichteten, ſchrie Hurrah und Huſſah hinter dem Hirſch drein, der zuletzt in ſeiner Todesangſt geradeswegs dem Dorfe zurannte, und endlich in dem Gehöfte des Herrn Pfarrers ver⸗ ſchwand, deſſen Thorweg zufällig offen ſtand. Wie ein Wetterſtrahl ſetzte Hans nach; warf die Thorflügel zu, und jubelte:„Gefangen! Den hätten wir!« Im nämlichen Augenblicke aber ſtand der Herr Pfarrer ſelber vor ihm, aus ſeinem ſtillen Studierſtüb⸗ chen herausgelockt durch das Geſchrei der Dorfjugend, das Geſtampf des Pferdes und den lauten Jubelruf des verwegenen Hans. Mit Einem Blicke ſah er, was geſchehen war, und es jammerte ihn des armen, gehetz⸗ ten Hirſches, der keuchend und zitternd einen Ausweg aus dem Gehöfte ſuchte. Ohne ein Wort zu ſagen, öffnete er raſch ein Scheunenthor, der Hirſch ſetzte mit Einem Sprunge hinein, durch das Gebäude hindurch, und— verſchwunden war er. Ehe Hans ſich von ſeinem Erſtaunen über das Beginnen des Pfarrers er⸗ holt hatte, verſchloß dieſer das Thor wieder, und Hans mußte wohl oder uͤbel den Hirſch entrinnen laſſen. „Aber was fällt Ihnen denn ein, Herr Pfarrer?“ rief er zornglühend dem ehrwürdigen Geiſtlichen zu, und ritt mit drohender Geberde auf ihn los.„Dieſen Streich ſollen Sie mir bezahlen, Herr, wiſſen Sie!« Nuhig blieb der Pfarrer ſtehen, und ſein ernſter Blick machte wenigſtens ſo viel Eindruck auf den hitzi⸗ gen Knaben, daß er die heftigen Worte, die noch auf ſeinen Lippen ſchwebten, zurückhielt und verſtummte. n F ee, A . 4 — 14 nachgedacht, wie thöri vergeudeſt? Haſt u t, der von chaft vo. ch, was weiß ich?« „Sparen Sie doch Ihre ſchöͤn auf! Mir iſt's doch ſagen!« gottloſer Bube le rief der .„»Du weißt alſo nicht, was geſchrieben ſteht im Worte Gottes, ili rig, daß er nach Niemand fragt; in allen ſeinen Tücken häl ir ni wird zerbrochen, und die müſſen zu nichte werden in Finſterniß! Denn Gottes Zorn wird offenbaret über alles gottloſe Weſen!«« fragte Hans. „Hier!« ſagte der Pfarrer, und griff nach der Bibel, die er aufgeſchlagen vor Hans hinlegte.„Hier lies, ! Hier, und hier, und hier! Und auch da: ‚Der Gottloſe wi ch ſein gottloſes 1 ifle ni denn didſes Bus ahrheit, und erfüllet wird, was da geſchrieben ſtehet!« „»Ach was!« ſagte Hans— iſt es!« »ein dummes Buch 17 Die lebhafteſte und freudigſte Verwunderung malte ſich in ſeinem bärtigen Geſichte, zugleich aber auch der Zwei⸗ fel, ob es denn auch wirklich wahr ſei, daß der Major wieder der Alte geworden wäre. Der Major errieth ihn und ſagte lächelnd:„Glaub' es nur, Paul! der Ritt hat mir wohl gethan, und ich weiß nun, was ich thun muß, um den verzehrenden, finſteren Gram zu überwältigen!« „Nun, Gott ſei Dank dafür!“ rief der Wachtmeiſter aus, und blickte mit glänzenden Augen zum Himmel hinauf.„Da muß unſer Herrgott ein Wunder an Ihnen gethan haben!« „Ein Wunder wohl gerade nicht, alter Kamerad,“ entgegnete der Major,„aber den Weg hat er mir ge⸗ zeigt, der mir gewiß wieder zur Ruhe und zu innerem Frieden verhilft. Da lies das Blatt— es gibt Krieg mit den Franzoſen— das iſt gerade, was mir gefehlt hat! Hinaus muß ich in Kampf und Schlacht, und ſtreiten mit Gott für König und Vaterland! Hier frißt mich der Gram auf, und dort— finde ich entweder Ruhm und Ehre, oder eine mitleidige Kugel erbarmt ſich meiner und bettet mich unter den grünen Raſen! Putze die Waffen blank, Paul! Lange Schwert und Küraß von der Wand herunter, wo ſie ſo lange im Staube gehangen haben! Unſer brave König wird einen alten gedienten Offizier gebrauchen können, und mir meine Bitte um eine neue Anſtellung in ſeinem tapfern Kriegsheere nicht ausſchlagen! Nun, Paul, und du freuſt dich nicht einmal?« Der Wachtmeiſter ſtand allerdings ein wenig ver⸗ dutzt da, denn es kam ihm gar zu überraſchend, daß ſein Major einen ſo ſchnellen Entſchluß gefaßt hatte. 2 Ein Bibelblatt. 18 „Ich freue mich wohl, daß ich Ihr aufgeheitertes Ge⸗ ſicht ſehe,“ ſagte er endlich,„aber mit dem Kriege da, das gefällt mir, aufrichtig geſtanden, eigentlich nicht. Bedenken Sie nur den kleinen Hans, Herr Major! Was ſoll aus dem Jungen werden, wenn wir alle Beide fortziehen? Das geht nicht, abſolut nicht!« »Und wer ſagt dir denn, daß alle Beide gehen?« erwiederte der Major.„Du bleibſt natürlich hier, und beſorgſt die Wirthſchaft und ſiehſt nach dem Jungen hin. Das verſteht ſich von ſelbſt!« „So?“ ſagte der Wachtmeiſter trotzig—„ſo? das wollen wir doch erſt einmal ſehen! Gehorſamer Diener! Ich ſoll hier bleiben und Sie allein gegen den Feind ziehen laſſen! Wäre mir gerade gelegen! Und wer ſollte denn über Sie wachen, wenn ich nicht bei Ihnen bin? Sie haben's wohl ganz vergeſſen, daß ich Ihr Wacht⸗ meiſter war? Wer hat Ihnen denn Ihr Pferd beſorgt, und Ihnen den Küraß blank gehalten, und Eſſen und Trinken herbeigeſchafft, als wir in Frankreich zu Felde lagen? Wer denn anders als Paul? Und ich ſollte hier auf der faulen Bärenhaut liegen, derweilen Sie in Pulverdampf und Kugelregen ſtehen, und die Schwerter der feindlichen Reiter üͤber ihrem Haupte blitzten? Sap⸗ perment, das müßte verwunderlich kommen! Verſtehen Sie, Herr Major, der König wird auch einen alten gedienten Wachtmeiſter brauchen können, und ich will dabei ſein, wenn's gegen die Franzoſen geht! Habe ſie noch im Magen von anno 92 her, und ſoll der Don⸗ ner dreinſchlagen, wenn ich allein hier bleibe! Das ſag⸗ ich, und woüen doch ſehen, ob ich's nicht durchſetze!« ic unnöthiger Weiſe?“ entgegnete lächelnd der Major. Aber, Paul, närriſcher Kerl, warum ereiferſt du ₰ 19 „Willſt du mit, ſo bin ich doch wohl der Letzte, der etwas dagegen einzuwenden hat! Kennen uns doch! Ich dachte nur, weil du doch nun der Ruhe gewöhnt biſt und keinen ſolchen beſondern Kummer haſt, wie ich, daß du lieber bleiben würdeſt und mir die Wirthſchaft im Stande erhalten. Aber wie du willſt! Mir iſt's gerade recht, wenn du mitmarſchirſt, denn ich habe noch nicht vergeſſen, wie du mich bei Valmy aus dem Haufen Franzoſen herausgehauen haſt. Und mit dem Hans— na, da werden wir ja ſehen!« Das grimmige Geſicht des Wachtmeiſters verklärte ſich ſichtlich bei den erſten Worten des Majors, wurde aber wieder ganz düſter, als dieſer zuletzt von Neuem den kleinen Hans erwähnte.„Hm! Ja freilich!« brummte er in den Bart—„für den Hans muß ge⸗ ſorgt werden! Allein kann der Junge hier nicht bleiben — es geht abſolut nicht— iſt ohnehin ſchon verwildert genug— und wenn wir nun Beide vollends weg ſind — nein, wahrhaftig, das geht nicht! Aber was ſoll da nun werden? Ich muß mit Ihnen, Major— und doch — der Junge— dumme Geſchichte!« »Was auch wohl dumme Geſchichte, Paul!« rief Hans, der das ganze Geſpräch vom Fenſter oben mit angehört hatte.„Ich reite mit in den Krieg! Das iſt doch gar keine Frage!“ „Iſt der Junge nicht geſcheut?« ſagte der Major lachend und drohte mit der Neitpeitſche zum Fenſter hinauf.»„Marſch mit dir hinter die Bücher, und in fünf Jahren frage wieder einmal an, ob du für des Königs Rock groß genug biſt! Jetzt iſt's noch ein wenig zu früh! Und weißt du was, Paul? Wir ſchicken den Jungen nach Berlin! Da kann er bei der Schweſter .. 1 2* 2 4 1 4 V 20 meiner guten ſeligen Frau bleiben, bis es mit dem Kriege vorbei iſt. Was meinſt du? Wohl aufgehoben iſt er dort, beſſer als hier!“. 3 „Ja ja, das könnte ſich machen, das läßt ſich hören,“ ſagte der Wachtmeiſter erfreut. Und nun herunter vom Pferde, Herr Major, und an den König geſchrieben! Und vergeſſen Sie den Wachtmeiſter Paul Marnefried nicht! Denn, ſo wahr ich lebe, mit muß ich, und war's nur als gemeiner Soldat oder als Ihr Bedienter!“ „Und mit ſollſt du auch, alter Freund!“ erwiederte der Major und ſprang vom Pferde.»Aber verſtehſt du, mit dem Schreiben da, das iſt nichts. Selber iſt der Mann! Morgen mit dem Fruͤheſten reiſe ich nach Berlin ab— kannſt nun Uniform und Alles heute Abend noch einpacken— und dann Marſch zum Könige! Wird ſich meiner wohl noch erinnern, der brave Herr! Und wenn Alles glückt, wie ich hoffe, ſo kommſt du ſtracks mit Hans und den Pferden nach, und das Wei⸗ tere wird ſich dann ſchon in Berlin finden.“ „Ganz einverſtanden!“ ſagte Paul, und am nächſten Morgen in der Frühe rollte ſchon ein leichter Wagen, in dem der Major ſaß, auf der Straße nach Berlin entlang, und der Wachtmeiſter ſah mit fröhlich glänzen⸗ den Augen hinter ihm drein, ſo lange er noch den Staub der rollenden Räder erblicken konnte. 5 Volle vierzehn Tage verſtrichen, bevor Nachricht vom Major kam. Endlich traf ſie ein und brachte er⸗ wünſchte Botſchaft. Der König hatte ſofort das Geſuch des Majors bewilligt und ihn bei einem Küraſſirregi⸗ mente angeſtellt, das ſich aber bereits auf dem Marſche und. Der Major mußte ohne Aufenthalt ihm nach⸗ und fand nicht eher Zeit, an den Wachtmeiſter 21 zu ſchreiben, als bis er bei dem Regimente eingetroffen war. Er befahl nun, daß Paul unverzüglich nach Berlin gehen, dort den kleinen Hans in die Obhut der Tante geben, und dann mit den Pferden ſo ſchnell das Regiment zu erreichen ſuchen ſolle, als es ihm irgend möglich wäre. Wo das Regiment zu finden ſei, werde er in Berlin und dann unterwegs ſchon erfahren. Vor der Hand ſtünde es in Thüringen und würde da wohl auch eine Zeitlang verweilen.“ Paul verlor keine Zeit, um die Vorbereitungen zu ſeiner Abreiſe zu treffen. Am dritten Tage nach dem Empfange des Briefes hatte er alles Nothwendige auf dem Schloſſe beſorgt und ſaß mit Hans zu Pferde, der es ſich nicht nehmen ließ, ſeinen kleinen arabiſchen Schimmel zu reiten— ein Geſchenk des Vaters von ſeinem letzten Geburtstage her. Hans drang unterwegs mehrmals in den Wachtmeiſter, daß dieſer ihn doch mit zum Vater nehmen möge— aber ſo gern auch Paul dieſen Wunſch erfüllt haben würde, wagte er es doch nicht, weil die Befehle des Majors auf das Allerbe⸗ ſtimmteſte lauteten. »Geht nicht, Hans,“ erwiederte er daher immer, wenn der Knabe ihn mit lebhaften und heftigen Bitten beſtürmte.„Muß dich bei der Tante abliefern— der Major hat's befohlen, und der Wachtmeiſter muß ge⸗ horchen.“ 22 mich nicht mit, ſo reit' ich allein und will ihn ſchon finden!« „Dummheiten!« brummte der Wachtmeiſter.„Du parirſt Ordre, oder...“ ein drohender Blick machte den Schluß der Rede. „Ach was„Oder“!« rief Hans lachend.„Werde mich wohl vor dir fürchten, alter Schnurrbart! Nun, es iſt gut! Es wird ſich ſchon Alles finden, und was geſchehen ſoll, geſchieht. Vorwärts, Paul!“ Unter ſolchen und ähnlichen Geſprächen erreichten ſie endlich Berlin, und Paul ließ es ſeine erſte Sorge ſein, den kleinen Hans in das Haus der Frau von Sternthal, ſeiner Tante, abzuliefern. Hans folgte wil⸗ lig, ſchien ſich bei der Tante ganz wohl zu befinden, benahm ſich ungewöhnlich artig und geſittet, und ſetzte ſich ſogar Stunden lang hinter die Bücher zum Lernen, worüber Keiner ſich mehr verwunderte, als der Wacht⸗ meiſter. Die Tante verabſäumte aber auch nichts, was dem Knaben den Aufenthalt in ihrem Hauſe angenehm machen konnte, denn ſie liebte den hübſchen Knaben, den Sohn ihrer verſtorbenen Schweſter, und überhäufte ihn mit Liebkoſungen und Geſchenken aller Art. Hans da⸗ gegen ließ ſich Alles ruhig gefallen, freute ſich über die ſchönen Spielſachen, die er bekam, und war außer ſich vor Entzücken, als er auch eine hübſche preußiſche Uniform erhielt und einen allerliebſten Säbel dazu, den er jubelnd dem alten Wachtmeiſter zeigte. Dieſer ſchmunzelte zufrieden, meinte zuverſichtlich, es ginge Alles ganz gut und ſchön, Hans würde bald heimiſch im Hauſe der Tante werden, und traf nun Anſtalten, ſeinen Herrn Major im Thüringiſchen aufzuſuchen. Eiine Abtheilung Truppen ging dahin ab, und Paul 23 hielt es für gut und zweckmäßig, ſich derſelben anzu⸗ ſchließen. Er theilte ſeinen Entſchluß, mit ihr abzu⸗ gehen, der Tante mit, und dieſe ſteckte ihm ein Roͤllchen Goldſtücke zu:„für den Schwager, der es wohl brau⸗ chen werde,“ wie ſie meinte. Hans zeigte ſich ganz wohlgemuth und unbekümmert, als ob er den Wunſch, mit Paul zur Armee abzugehen, längſt aufgegeben und vergeſſen hätte.— „Wie lange wird es wohl dauern, bis du zum Vater kommſt?“ fragte er. „Weiß nicht,“ erwiederte Paul—„vierzehn Tage, drei Wochen, vielleicht noch länger, je nachdem. Es kommt darauf an, wo das Regiment ſteht.« „Aber das weißt du doch, welchen Marſch du neh⸗ men mußt und wo du Nachtquartier machſt?« fragte der Knabe. „Nun freilich muß ich das wiſſen,“ antwortete Paul, und gab ganz genau die Marſchroute an. Hans ſchrieb je auf. „Warum das?“ fragte der Wachtmeiſter. »Nun, das kannſt du dir doch wohl denken,“ ſagte Hans zutraulich.„Als ob mich's nicht intereſſirte, zu wiſſen, wo du jeden Abend biſt und wenn du endlich zum Vater kommen wirſt! Gruͤß' ihn nur ſchön von mir, Paul, und ſag' ihm auch, Hans würde ihn nicht 84 vergeſſen! Verſtehſt du?« „Werde doch!« entgegnete der Wachtmeiſter.„Und du, Junge, halte dich brav, und lerne fleißig, und mache der Tante keinen Verdruß, damit wir Freude an dir erleben, wenn wir aus dem Feldzuge ck⸗ kommen! Und nun leb' wohl! Gott beſchütze un hüte dich!« 2 Er gab dem hübſchen Knaben einen herzlichen Kuß, empfahl ſich ehrerbietig der Tante zu geneigtem An⸗ denken, und dann ſtieg er zu Pferde, um ſich ſeiner Abtheilung Küraſſiere anzuſchließen. Der kleine Hans vergoß keine Thräne beim Abſchiede, ſondern ſchaute mit pfiffigem Lächeln dem alten Wachtmeiſter nach, und ſetzte ſich, als er verſchwunden war, mit Gleichmuth zu ſei⸗ nen Büchern. Die Tante, welche die große Anhäng⸗ lichkeit des Knaben an den Wachtmeiſter kannte, wun⸗ derte ſich über ſeine Kälte, ſchrieb ſie aber dem Leicht⸗ ſinn der Jugend zu und gab ſich der Hoffnung hin, daß ſich Hans um ſo leichter an den Aufenthalt in ihrem Hauſe gewöhnen werde. In der That ſchien es auch, als ob Hans die Hei⸗ math, ſeine fernen Lieben und Alles vergeſſen habe. Er war muſterhaft artig, befolgte willig jeden Wink der Tante, und drei volle Tage verſtrichen, ohne daß der Knabe irgend welchen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hätte. Am Morgen des vierten Tages aber kam Hans mit einer Bitte. »Tantchen,“« ſagte er ſchmeichelnd—„ich habe mei⸗ nen Ruſtan ſo lange nicht geritten, laß mich mit ihm ein wenig in's Freie hinaus.« »Aber allein?« ſagte die Tante—»Ruſtan iſt ſo wild— wenn du nun Schaden nähmeſt!« »„Da ſei ganz urnbeſorgt,« erwiederte Hans.„Ru⸗ ſtan und ich kennen uns, und wenn ich will, ſo iſt er ſo ſanft wie ein Lamm. Laß mich nur reiten und die Gegend ein wenig durchſtreifen! Es iſt mir wirklich ein Bedürfniß, denn ich fühle mich ganz krank von der Stubenluft, an die ich gar nicht gewöhnt bin.« Der Knabe ſah in der That ein wenig bläſſer aus 25 als gewöhnlich, und da die Tante wußte, daß er ein guter Reiter war und daheim ganze Tage lang Wald und Feld auf ſeinem Schimmel durchſtreift hatte, ſo gab ſie endlich ihre Erlaubniß zu dem erbetenen Spazierritt. „Aber hübſch artig und vorſichtig, Hans,“ ſagte ſie— „ſonſt darfſt du mir nicht wieder fort.“ »Ohne Furcht, Tantchen,“ jubelte Hans—„und ſei nur nicht ängſtlich, wenn ich ein wenig lange aus⸗ bleibe! Ich muß wirklich recht viel friſche Luft ſchöpfen, wenn ich geſund bleiben ſoll!« Hurtig ſprang er nach ſeinem Zimmer hin, zog ſeine Uniform an, ſchnallte den Säbel um, ſetzte die Feldmütze auf und zog ſeinen Ruſtan aus dem Stalle. Mit einem Sprung ſaß er im Sattel, rief der Tante ein Lebewohl zu und ſprengte mit Ruſtan davon. Nicht ganz ohne Beſorgniß ſchaute die Tante ihm nach, und erwartete mit lebhafter Ungeduld ſeine Rück⸗ kehr. Aber der Mittag, der Abend kam, und Hans ließ nichts von ſich blicken.é Immer ängſtlicher wurde die Tante. Sie ging unruhig aus einem Zimmer in's andere, endlich auch in das des Knaben, in der ſchwa⸗ chen Hoffnung, daß er vielleicht von ihr unbemerkt zu⸗ rückgekommen ſei. Hans war nicht da, aber ein Zettel lag auf dem Tiſche, ſo, daß er jedem Eintretenden gleich in's Auge fallen mußte. Eine bange Ahnung durchzuckte das Herz der Tante— ſie nahm den Zettel — las die zwei Zeilen, die darauf geſchrieben ſtanden, und ſank mit einem Ausrufe des Schreckens blaß und zitternd in einen Lehnſtuhl.„Der verwegene Junge!« rief ſie.„Er iſt fort! Und wie ſoll ich ihn wieder⸗ finden? Welcher ſchreckliche Leichtſinn! Er iſt fort, und was wird ſein Vater ſagen?« In der That, Hans war fort— über alle Berge, würd' ich ſagen, wenn es bei Berlin herum Berge gäbe. Aber fort war er, wirklich auf und davon. Auf dem Zettel ſtand:„Leb' wohl, liebes Tantchen, und herzlichen Dank für deine Güte. Aber das Lernen ſteht mir nicht an, ich reite zum Vater, und den alten Paul will ich bald finden. Sei mir nicht böſe— in der Stadt konnt' ich's wirklich nicht aushalten. Dein Hans.“ Darum alſo hatte der leichtſinnige Knabe den Wacht⸗ meiſter ſo genau nach ſeiner Marſchroute und dem Nachtquartier gefragt! Er wußte wohl, daß Paul ihn freiwillig nicht mitnehmen würde, und deßhalb machte er heimlich den Plan, ihn ruhig abmarſchiren zu laſſen, und erſt nach Verlauf einiger Tage ihm zu folgen. Daß er ihn einholen würde, bezweifelte er gar nicht, denn er kannte die Ausdauer und Schnelligkeit ſeines Ruſtan. Und einmal bei ihm, wußte er auch, daß Paul ihn nicht fortjagen würde. Alſo ritt er gutes Muthes und friſchweg hinter ihm drein, fragte ſich von einem Orte zum andern, ſchonte ſeinen Schimmel nicht, und traf richtig am Ahend des dritten Tages nach ſei⸗ ner Flucht in einem Städtchen ein, wo die Küraſſtere und der Wachtmeiſter über Nacht bleiben wollten. Paul war bald aufgefunden, und machte Augen, wie ein Teller groß, als auf einmal der verwegene Knabe auf dem Schimmel vor ihm hielt, die Hand an die Feld⸗ mütze legte und ſchelmiſch lächelnd ſagte:„Herr Wacht⸗ meiſter, ich melde mich!« „»Himmelelement!« brach der Wachtmeiſter endlich nach laygem, ſtarren Erſtaunen los—»Junge, Böſe⸗ wicht, leichtſinniger Bube, wo kommſt du her?« 4 A* 2⁄ „Woher werd' ich kommen?“ rief Hans lachend, ſprang vom Pferde und fiel dem alten, ganz verdutzten Wachtmeiſter um den Hals— aus Berlin, natürlich! Und die Tante würde ſchön grüßen laſſen, wenn ſie gewußt hätte, daß ich zu dir reiten wollte. Daß du auch denken konnteſt, Paul, ich würde mich da zwiſchen vier Mauern einſperren laſſen, während du und der Vater zu Felde zoget. Ich, ein Soldatenkind! Da bin ich, und nun Quartier gemacht, Herr Wachtmeiſter!« „Ei du meine Güte, was für ein Wetterjunge!« rief der gute Paul ganz niedergeſchlagen aus.„Schoͤne Dinge haſt du da angerichtet! Und was wird dein Vater dazu ſagen? Nein, Hans, es geht nicht. Du mußt wieder zurück— abſolut wieder zurück! Was für ein Unſinn! Dieſe Nacht ruheſt du aus, und morgen, marſch nach Berlin!« „Das wird ſich erſt finden!« erwiederte Hans tro⸗ tzig.„Wenn ich nicht mit dir reiten darf, ſo reit' ich ohne dich, und will den Wter ſchon auch finden. Nach Berlin geh' ich nicht wieder, darauf kannſt du dich feſt verlaſſen.“ 1 Paul ſparte weder Bitten noch Vorſtellungen, we⸗ der Warnungen noch Drohungen, aber alle ſeine Worte waren in den Wind geredet. Hans beharrte auf ſei⸗ nem Vorſatze und erklärte mit dem größten Eigenſinne von der Welt, daß er lieber auf ſeine eigene Fauſt den Vater ſuchen, als zur Tante zurückgehen werde. Was ſollte der ehrliche Paul machen? Selber den Jungen nach Berlin zurückbegleiten, das konnte er nicht, denn er mußte dem Marſche folgen— einen anderen Be⸗ gleiter, der Hans im Zaum gehalten hätte, fa nicht— alſo blieb ihm weiter gar nichts ü d ——— ——— 28 zwiſchen zwei Uebeln das kleinere zu wählen, und den verwegenen Jungen, da er nun doch einmal abſolut zum Vater wollte, unter ſeinen Schutz zu nehmen, und auf ſolche Weiſe ſo viel als möglich über ihn zu wachen. Das hatte Hans auch ganz richtig vorausberechnet, und aus den Vorwürfen, mit denen Paul ihn reichlich überhäufte, machte er ſich nichts. G »Was hilfts?« ſagte er.„Sei ſtille, Wachtmeiſter! ch ziehe mit, und nun iſt's gut. Was daraus wird, braucht dich gar nicht zu kümmern!« Der gute Paul mußte wirklich zuletzt ſtille ſein, denn er ſah wohl, daß ſeine Strafreden auf ſteinigen Boden fielen und nicht den geringſten Eindruck auf Hans machten. So nahm er denn endlich das Aben⸗ teuer von der beſten Seite auf und bedingte ſich nur das Eine aus, daß Hans, wenn es je auf dem Marſche, wie es leicht möglich ſein konnte, zu einem Treffen mit dem Feinde käme, ſich von der Gefahr fern hielte und auf keinen Fall ſich in das Gefecht einmiſchte. Ver⸗ ſpräche er das nicht, ließe er, der Wachtmeiſter näm⸗ lich, Alles im Stiche, und brächte ihn ohne Weiteres nach Berlin zurück. Hans ſah, daß Paul Ernſt machte, und gab das verlangte Verſprechen. Damit war der Friede wieder hergeſtellt und Hans wurde in das Quartier des Wachtmeiſters aufgenommen. Gleichwohl konnte der brave Paul der Ankunft des Knaben nicht froh werden. Es ahnte ihm Schlimmes, und die Sorge verließ ihn nicht, daß der Leichtſtnn des Jungen üble Früchte tragen würde. Indeß, was konnte das Alles helfen? Hans war einmal da, und das Weitere mußte der Zukunft und der Leitung Gottes anheim gegeben werden. 29 Während der gute Paul ſorgenvoll die Stirn run⸗ zelte und zu keiner rechten Freudigkeit kommen konnte, war Hans ſeelenvergnügt und freute ſich kindiſch ſeiner gelungenen Liſt. Mit den Küraſſieren, denen ſich Paul angeſchloſſen hatte, war er am nächſten Morgen bald gut Freund, denn Alle freuten ſich über den hüͤbſchen Knaben, der ſo muthig und geſchickt ſein Rößlein zwi⸗ ſchen ihnen tummelte. „Der wird einmal ein braver Soldat werden,« ſprachen ſie und lobten wohl gar die Verwegenheit, mit der er aus Berlin geflüchtet und dem Wachtmeiſter nachgeeilt war. Paul brummte dazu und ſchalt wohl auch, aber ſeine Strafreden machten keinen Eindruck. Hans lachte und die Küraſſiere bezeigten ſich nicht we⸗ niger freundlich gegen den kecken Jungen als vorher. »Na, Gott gebe,“ ſagte der Wachtmeiſter endlich, „»Gott gebe, daß kein Unheil aus der Geſchichte entſteht. Aber darauf kannſt du dich verlaſſen, Hans, daß dein Vater dich nicht ſehr freundlich empfangen wird.“ „Wollen ſehen,“ entgegnete Hans muthwillig.„Ge⸗ wiß ſchilt und brummt er nicht ſo lange, wie du alter Schnurrbart. Aber nun iſt die Sache abgemacht, und wenn du nicht bald freundlich wirſt, ſo reite ich wieder davon, aber nicht nach Berlin, ſondern dem Vater entgegen.“ Der gute Paul erſchrak nicht wenig über dieſe Drohung des kecken Knaben, denn er wußte wohl, daß Hans im Stande war, ſie auszuführen. So ſchwieg er denn von Stund an, aber ſeine mißmuthige Miene verrieth dennoch, daß er mit dem verwegenen und leicht⸗ ſinnigen Streiche des Knaben keineswegs ausgeſöhnt war. Indeß, was kümmerte ſich Hans darum? Der ſcherzte und plauderte mit den Küraſſieren, und ritt ſorglos mit ihnen über Berg und Thal dahin. Ihm trübte keine Ahnung einer finſtern Zukunft die heitere und ſonnige Gegenwart. Mehrere Tage vergingen ſo, ohne daß irgend eine Störung das raſche Vordringen der Truppen gehindert hätte. Man zog durch Freundesland und fand überall gute Quartiere zum Nachtlager und freundliche Geſich⸗ ter zum Willkommen. Ueberall zog Paul Erkundigun⸗ gen nach dem Regimente ſeines Majors ein, konnte aber nirgends eine ſichere Nachricht darüber empfangen. Die Regimenter wurden bald hierhin, bald dorthin geſchickt, wie es im Kriege zu gehen pflegt, und etwas Beſtimm⸗ tes war gar nicht daruͤber zu erfahren. Paul ging alſo auf's Ungewiſſe mit vorwärts, und erreichte endlich eines Morgens in der Gegend von Schleiz eine grö⸗ ßere Truppenabtheilung von Preußen und Sachſen, in deren Reihen ſichtbare Unruhe und Beſtürzung herrſchte. Paul fragte und erfuhr, daß man der bei weitem über⸗ legenen Heeresmacht des Feindes nicht nur gegenüber⸗ ſtand, ſondern ſogar vollſtändig von ihr eingeſchloſſen war. »„Da haben wir's!« rief er mürriſch aus.„Nun gilt es, entweder ſich muthig durchzuſchlagen, oder auf dem Schlachtfelde einen ehrlichen Reitertod zu ſterben! Sapperment, Junge, was iſt nun mit dir anzufangen? Siehſt du nun ein, was für dumme Streiche du ge⸗ macht haſt?« »Gar nicht ſeh' ich das ein,“ erwiederte Hans keck. „Ich fechte mit und ſchlage mich durch, wie die Andern. Zu was hab' ich denn meinen Säbel? Denkſt doch wohl nicht, Paul, daß ich mich vor den Franzoſen fürchte?« »Nein, nein, das geht nicht,« ſagte Paul ernſt und .. 31 bekümmert.„Nimmermehr könnt' ich's vor deinem Vater verantworten, wenn ich dich einer ſolchen Gefahr aus⸗ ſetzte. Zudem haſt du mir verſprochen, dich in kein Gefecht mit einzumiſchen, und als ein ehrlicher Junge mußt du nun auch Wort halten. Bleibe'mal hier— ich werde ſehen, was für dich zu thun iſt.« Der gute, ängſtlich beſorgte Wachtmeiſter ritt davon, zog hier und da Erkundigungen bei alten Freunden und Kameraden ein, und kehrte nach einer Stunde mit auf⸗ geheitertem Geſicht zurück. »Alles iſt richtig,“ ſagte er—„wir ſchlagen uns jedenfalls durch, und lange wird es nicht mehr dauern, ſo geht es vorwärts. Aber das hat nun weiter nichts zu bedeuten, denn ich habe einen ſicheren Zufluchtsort für dich entdeckt. Folge mir ſchnell, Hans— was auch geſchehen und wie die Schlacht ablaufen moͤge, du wenigſtens ſollſt mir ungefährdet davonkommen. Ge⸗ ſchwind mein Junge— ich kenne die Gegend hier noch aus alten Zeiten her, und weiß, daß im Walde drüben eine Forſthütte liegt, die jetzt zwar leer ſtehen, aber doch Sicherheit genug für dich darbieten wird— denn in den Wald hinein wird ſich das Gefecht ſchwerlich ziehen.« »Aber ich will mich nicht verſtecken,“ ſagte Hans. „Ich will die Schlacht mitmachen!«. »Nichts da!«— rief der Wachtmeiſter mit Ent⸗ ſchiedenheit.„Hier hört der Spaß auf, und wenn du mir, trotz deines Verſprechens, nicht gutwillig gehorchſt, ſo werde ich dich zwingen. Vorwärts, vorwärts! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Dem ernſten Willen des alten Wachtmeiſters wagte Hans keinen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Paul er⸗ griff die Zügel des kleinen Schimmels, ſetzte ſeinem . eigenen Pferde die Sporen in die Flanken, und flog im eiligſten Galopp einem Walde zu, der ſich, eine halbe Stunde vom Feldlager entfernt, an den Hügeln entlang zog. Er drang hinein und hatte nach kurzem Suchen die Forſthütte aufgefunden.“ „Hier bleibſt du, Hans, ſagte er.„Gib mir dein Ehrenwort, dieſen Ort nicht zu verlaſſen, bis ich zurück⸗ kehre oder die Schlacht vorüber iſt. Will es Gott, daß ich im Kampfe falle, ſo kehrſt du gerades Weges nach Berlin zurück.— Bleib' ich am Leben, ſo komm ich und hole dich ab. Aber keine tollen Streiche mehr von jetzt an! Bin ich mit Untergang der Sonne nicht hier, ſo kannſt du nicht mehr auf meine Rückkehr rech⸗ nen und machſt dich davon! Haſt du verſtanden?« „Ganz wohl,“ ſagte Hans—„aber...« »Kein Aber,« fiel ihm der Wachtmeiſter in die Rede.„Du gibſt dein Wort, oder ſo wahr ich lebe, ich binde dich mit deinem eigenen Steigbügelriemen am nächſten Baume feſt. Alſo entweder— oder! Willſt du?« »Nun, ich muß ja wohl,“ ſagte Hans nachgebend. „Ja, ja, ich will ruhig ausharren bis zum Abend, ob⸗ wohl mir's ſchwer genug werden wird. Aber, Paul, du kommſt doch auch ganz gewiß wieder?« „Gewiß, ſo wahr Gott mir helfe,“« erwiederte der Wachtmeiſter.„Werde dich doch nicht im Stiche laſſen, Junge! Und hier, nimm das Geld— wenn ich falle, gebrauch' ich's nicht, und komm' ich mit dem Leben davon, ſo hol' ich dich! Und nun Adieu, Hans! Sei ein braver Junge und halte ehrlich dein Wort, dann kann noch Alles gut werdrn! Gott behüte dich, mein 3 Kind!« „Und dich, lieber, guter Paul!« ſagte Hans, dem jetzt doch weich um's Herz wurde bei dem Abſchiede. „»Fürchte nichts für mich— ich will ganz gewiß gehor⸗ chen und vor Abends nicht von der Stelle gehen! Das verſprech' ich dir ganz feſt!« »Gut, ſo bin ich ruhig!« erwiederte Paul.„Und nun fort! Horch— da donnerte ſchon der erſte Kano⸗ nenſchuß!— Ich darf nicht länger zögern! Auf Wie⸗ derſehen, Hans! Auf Wiederſehen, ſo Gott will!“ Noch eine letzte Umarmung, und Paul ſprengte da⸗ von. Hans blickte ihm betrübt nach. Gern wäre er dem braven Wachtmeiſter gefolgt, aber ſein Wort feſ⸗ ſelte ihn, und eher hätte er das Leben gelaſſen, als ſein Verſprechen gebrochen. Drittes Kapitel. Die, ſo Böſes rathen, betrügen. Sprüchw. 12, 20. Der heiße Kampf war zu Ende, und auf dem wei⸗ ten Felde, wo noch vor wenigen Stunden die Donner der Geſchütze ertönten, das Gewehrfeuer knatterte, und unter dem Geſtampf der Reiter⸗Geſchwader die bebende Erde erdröhnte, lag jetzt die Ruhe und das Schweigen des Grabes. Der Tod hatte eine reiche Erndte gehal⸗ ten an dieſem Tage. Hunderte von Leichen ſah man regungslos hingeſtreckt auf dem blutgetränkten Boden, und darunter ſo manchen Jüngling, der Morgens in Ein Bibelblatt. 3 34 der Fülle der Kraft ausgezogen war, den Feind des Vaterlandes zu bekämpfen, und jetzt, die Kugel in der Bruſt, die erſtarrten Glieder lang ausgeſtreckt, gebroche⸗ nen Auges auf dem zerwühlten Raſen lag, den er mit ſeinem Herzblute düngte. Ueberall, überall Verwüſtung, Tod, Zerſtörung! Pulverkarren, Kanonen und Wagen mit zerſchmetterten Rädern und Laffetten, verſtümmelte todte Pferde, zerbrochene, in Haufen zerſtreut umher⸗ liegende Waffen— Flinten, Säaͤbel, Harniſche— Alles bunt und wild durch einander gemiſcht. Wie viele Hoff⸗ nungen lagen hier begraben! Wie viele Klagen und Freuden waren hier auf immer verſtummt! Welch ein trauriges Saatfeld von Thränen, Gram und Kummer für Tauſende war dieſes Gefilde! Wie vielen Eltern hatte dieſer trauervolle Tag den theuren, vielleicht ein⸗ zigen Sohn geraubt, die ganze Liebe ihres Herzens, die Hoffnung ihres Lebens, die Stütze ihres Alters! Und noch ahnten ſie wohl nicht einmal den Schlag, der zer⸗ ſchmetternd ihr Herz getroffen— noch hofften ſie, daß ein gnädiges Geſchick die Kugel von der theuren Ge⸗ ſtalt des Geliebten abwenden werde— ſie wiegten ſich vielleicht grade zu dieſer Stunde in ſüßen Träumen— ſie entwarfen Pläne für die Zukunft, glänzende, hoch⸗ fliegende! Im Geiſte ſahen ſie den Geliebten zurück⸗ kehren aus dem Kriegsgetümmel, den Helm umwunden mit Eichenlaub und Blumenkränzen, ihre Herzen wall⸗ ten auf in hüpfender Wonne und ſchlugen ihm entge⸗ gen— und hier lag nun der Jüngling, und rauhe Winde wehten über ſeine ſtarre Geſtalt, und das Auge war geſchloſſen auf ewig, das früher ſo treu und heiter geblickt, der Mund verſtummt auf ewig, der früher Worte der Liebe und Zärtlichkeit geſprochen! 35 Der Abend nahete heran. Die tapferen Preußen unnd Sachſen hatten ſich muthig durch die Maſſen der Feinde hindurchgeſchlagen, aber die Heerhaufen derſelben folgten ihnen auf dem Fuße. Das Schlachtfeld lag verlaſſen. Nur Raben und Buſeaarde ſchwebten kräch⸗ zend darüber hin, und freuten ſich des reichen Mahles auf dem Felde des Todes. Das Gold der ſinkenden Sonne fiel glänzend über die jammervolle Stätte der Verwüſtung, und malte einen trügeriſchen Schimmer des Lebens auf die bleichen Geſichter der Gefallenen, die nie, niemals wieder das Auge zum Lichte öffnen ſollten. Noch hörte man vielleicht das letzte Geſtöhn, den letzten Seufzer eines ſchwer Verwundeten, eines Sterbenden, der aus tiefer lähmender Ohnmacht nur erwachte, um der noch tieferen, noch lähmenderen Ge⸗ walt des Todes anheim zu fallen. Dann war wieder Alles ſtill, und der Abendwind trug die Seufzer der Sterbenden mit ſich fort in ſäuſelnde Ferne. Da geſchah es, beim letzten Aufblitz der untergehen⸗ den Sonne, daß vom nahen Walde her, der das Schlachtfeld begränzte, ein Reiter auf weißem Roß i wilder Eile auf die blutige Ebene heranſprengte. Hier⸗ hin, dorthin ritt er, und ſpähte ſuchend umher. Endlich hielt er inmitten des Schlachtfeldes, inmitten der Trüm⸗ mern und Leichen ſein Rößlein an, rang ſchmerzlich die Hände, und blickte mit thränenvollem Auge auf das ſchreckensreiche und grauenvolle Bild der Verwüſtung. »Paul! Lieber, guter Paul!“« rief er mit angſtvollem ebendem Aufſchrei—„lieber guter Paul, wo biſt du 2½ Weithin hallte der gellende Ruf über das ſtillle lutige Geſild— aber keine Antwort ertönte— nux in Rabe, von der Leiche eines edlen Roſſes aufge⸗ 4 36 ſchreckt, entfaltete ſeine dunkeln Schwingen und flog ſchreiend davon, um anderswo ungeſtörter ſein ſchreck⸗ liches Mahl zu halten. „»Paul! Paul! Paul!« rief von Neuem noch angſt⸗ voller, noch zitternder, noch gellender der einſame Reiter, Alles blieb ſtumm und ſtill, wie zuvor! Das Ohr der Todten hörte nicht mehr, ihre blaſſen Lippen gaben nicht mehr Antwort, und der Knabe— denn ein Knabe, ein junger, zarter Knabe war der Reiter— verhüllte ſein Antlitz mit beiden Händen und weinte, weinte ſo bitterlich, daß ſeine Thränen zwiſchen den ge⸗ ſchloſſenen Fingern hervordrangen und heiß auf die Mähne ſeines weißen Rößleins hernieder. tropften. »Aber es nützt nichts, daß ich weine,“ ſagte end⸗ lich der Knabe vor ſich hin, und wiſchte die Thränen von ſeinen Wimpern, die dunkeln, glänzenden Locken aus ſeiner weißen Stirn.„Ich will nicht weinen, ich will ihn ſuchen, ſuchen, bis ich ihn gefunden habe! Denn er muß ja hier ſein, muß, ſonſt würde er mich ja doch nicht verlaſſen haben!« Er ſprang raſch und gewandt vom Pferde, ſtreichelte liebkoſend den Hals des ſchönen Thieres, und warf dann von Neuem einen ſuchenden forſchenden Blick über das Schlachtfeld. Er ſtand auf einem Hügel, v ſcharf hob ſich ſeine Geſtalt ab von dem leuchtenb Abendrothe, das den⸗ weſtlichen Himmel mit feu⸗ Gluthen überwob. Ein ſchlankes, feines Knäblein war's, kaum “ 37 das neunte Jahr hinaus. Er trug eine blaue Uniform mit rothen Aufſchlägen, ein Feldmützchen bedeckte ſeine Locken, und an dem Gürtel, der knapp und eng ſeine ſchlanke Hüfte umſchloß, hing ein kleiner Säbel, wohl mehr zum Schmuck, als zur Wehr und zum Angriff. Man konnte wohl ſehen, er war ein Soldatenkind. Sein hübſches Geſicht mit den großen, blitzenden, ſchwar⸗ zen Augen hatten Luft und Sonne gebräunt, und ſo zart und fein auch ſeine Züge waren, man bemerkte doch auf den erſten Blick, daß der Knabe ſchon längſt die Kinderſtube verlaſſen und Anſtrengungen ertragen gelernt hatte, welche nur ein ungewöhnliches Schickſal ihm auferlegt haben konnte, wir haben ihn ſchon er⸗ kannt— es war Hans. Der Schimmel an ſeiner Seite ſchien ganz zu ſei⸗ nem Reiter zu paſſen. Der feine Kopf, die ſchlanken Glieder, das kurze, ſeidenreiche, ſilbern glänzende Haar, der volle dichte Schweif deuteten ebenſo auf ſeine edle arabiſche Abkunft, wie die trauliche Zuneigung, welche es ſeinem jungen Herrn bezeigte. Das huüͤbſche, kleine Rößlein blickte mit den feurigen und doch auch ſo ſanf⸗ ten Augen faſt mitleidig und liebevoll den Knaben an, ſchmiegte den Kopf an ſeine Schulter, und wieherte leiſe, als ob es dem Trauernden Troſt und friſchen Muth einſprechen wollte. Der Knabe ſchien die Sprache des Rößleins wohl zu verſtehen; liebreich ſtreichelte er den Kopf deſſelben, und ſagte:„Ja, ja, Ruſtan, ich weiß wohl, du meinſt es gut und treu mit mir! Aber Paul! Wo iſt Paul geblieben? Und was ſollen wir anfangen, wenn er uns nicht findet, und wir ihn nicht? Ach, Ruſtan, dann ſind wir ja ganz allein und hülflos und verlaſſen in der Welt! Und der Vater wird ver⸗ 1. gebens unſerer Ankunft harren, denn Paul allein wußte ja, wo wir ihn aufſuchen müſſen! Ach, der gute, böſe Paul! Warum ließ er mich nicht an ſeiner Seite in die Schlacht reiten! Dann wüßten wir doch, wo er ge⸗ blieben wäre und wir hätten treulich an ſeiner Seite ausgehalten! Jetzt iſt er fort— und gewiß todt— ganz gewiß— er hätte uns ja ſonſt nicht aller Hülf⸗ loſigkeit preisgegeben! Aber gleichwohl, wir müſſen ihn ſuchen, Ruſtan! Vielleicht iſt er nur verwundet und wir können ihm Hülfe bringen. Komm, Ruſtan, komm! An ſeiner Uniform iſt er leicht zu erkennen, und wenn er auf dieſem blutigen Felde liegt, finden wir ihn gewiß!« Mit raſcher Entſchloſſenheit, die man bei ſolchem jungen Knaben gewiß nicht vermuthet hätte, richtete Hans ſich ſtramm in die Höhe, warf noch einen letzten Blick auf das Schlachtfeld, und faßte eine Stelle in's Auge, wo vorzugsweiſe der Tod in den Reihen der Kämpfenden gewüthet zu haben ſchien. Ganze Haufen von Pferden und Leichen in blanken Küraſſen lagen dort uͤber einander, und die glänzenden Waffen ſchim⸗ merten hell im Golde des Abendrothes. „Dort muß er liegen, wenn er hier iſt!« murmelte der Knabe.„Das iſt ſein Regiment— ich ſeh' es wohl an den Helmen mit den langen Roßhaarſchweifen. Dorthin muß ich ſuchen gehen! Ach Gott, gib doch nur, daß ich ihn finde! Es wäre ja zu, zu traurig, wenn ich armes Kind keinen Rath und keinen Beiſtand fände in dieſem fremden Lande, wo jetzt überall Feinde drohen und Keiner ſich um mich bekümmert!“— Während er dieſe Worte ſprach, ſchritt er ſchon haſtig der bezeichneten Stelle zu, und ſein Pferdchen, — 39 nachdem es erſt ein Weilchen verwundert ſtill geſtanden und ſeinem jungen Herrn nachgeſchaut hatte, trabte dann plötzlich wiehernd hinter ihm her, und befand ſich in wenigen Augenblicken an ſeiner Seite. Der Knabe beachtete das treue Thier nicht, denn ſeine ganze Seele verweilte bei dem Freunde, den er Paul nannte, und der ihn verlaſſen hatte. Bald erreichte er die Stelle, wo die todten Pferde und Panzerreiter neben und über einander lagen, und mit wilder, eifriger Haſt blickte er nun jedem Todten in das ſtille, blaſſe Antlitz, wendete er jedes blutige Haupt um, und ſtarrte die Züge des⸗ ſelben an, immer zitternd, immer bebend, immer fürch⸗ tend— nicht die blutigen Todten ſelbſt, nein— fürch⸗ tend, das theure, gute Geſicht des entſchwundenen Freun⸗ des zu erkennen. Und rührend war es zu ſehen, wie der kleine Schimmel immer dicht an der Seite des Kna⸗ ben einherſchritt, und ſchaute, wie dieſer,— und wie er leiſe und fröhlich wieherte, als der Knabe endlich aus erleichtertem Herzen ſprach:„Gott ſei Dank! Unter den Todten iſt er nicht— alſo wohl nun auf der Flucht — oder gefangen— und er wird ja wohl nun bald wiederkommen und nach uns ausſchauen!« Aber dann weinte er dennoch wieder, der arme Knabe, denn es war ja doch gar nicht ſo gewiß, ob er auch wirklich wiederkam, und er konnte ja auch auf der an⸗ dern Seite des Schlachtfeldes liegen, und ſelbſt, wenn er nur gefangen genommen worden wäre, wie ſollte er denn alsdann ſo bald wieder frei werden, um nach dem armen kleinen Knaben auszuſchauen— und ſo viel ſchien dieſem nun ganz ſicher und gewiß, daß er jedenfalls den Freund auf lange Zeit, wenn auch nicht auf immer, verloren habe, und nun fühlte er ſich ſo allein und ver⸗ 40 laſſen, und ſelbſt ſo verloren, daß er ſich niederſetzte auf den Raſen mitten unter die Todten, und von Neuem ſeinem bittern Schmerze ſich hingab, und weinte und ſchluchzte, daß es hätte die Steine erbarmen mögen. Zwar ſuchte er ſich mehrmals zu faſſen und zuſammen⸗ zuraffen, aber es wollte ihm nicht gelingen, der Verluſt des Freundes, das blutige Schlachtfeld hatte ihn ganz zaghaft gemacht und ſeinen kecken Muth gebrochen, und ſelbſt den Liebkoſungen ſeines Schimmels, der ſich ſo traulich, ſo theilnehmend an ihn ſchmiegte, gelang es nicht, ihn aufzuheitern. Ein Gefühl gänzlicher Ver⸗ laſſenheit und Hülfloſigkeit kam über ihn, und war zu bitter, zu ſchmerzlich, erſchütterte gar zu tief und ge⸗ waltig das junge Herz des armen Kleinen, als daß er ſich hätte zu faſſen vermögen. So wurde es Nacht— er merkte es nicht, denn ſeine Augen waren ja von Thränen verdunkelt, und er blickte überhaupt gar nicht auf. Eine Stunde verging ihm und noch eine in wildem Jammer— und nun ſtieg die blaſſe Scheibe des Mondes über den öſtlichen Himmelsrand auf und goß ihr fahles, gelbes Licht über die blutige Ebene und die blutigen Leichen und den weinenden Knaben— und noch immer ſaß dieſer da, verſunken in ſeinen Schmerz— und ſah nicht das Licht des Mondes, und hörte es nicht, wie der Schimmel⸗ wieherte und unruhig mit dem Vorderhufe die Erde ſtampfte. Plötzlich trat eine große, dunkle Geſtalt zwiſchen den Knaben und die helle Mondesſcheibe— eine ſchwere, derbe Fauſt packte die Schulter des Kleinen und ſchüttelte ſie— und eine rauhe Stimme ſagte:„He, du da, 41 Junge! Warum heulſt du, und was haſt du in der Nacht hier zu ſuchen?«. Jetzt erſt ſchreckte der Knabe auf, und blickte in die Höhe. Er ſah beim Schimmer des Mondes ein mür⸗ riſches, finſteres Geſicht mit verwildertem Bart und Haar, und mit tiefliegenden, wildblickenden Augen, die halb neugierig, halb ſcheu und verwundert auf ihn ge⸗ heftet waren. Er erſchrak aber nicht über die ſeltſame, wilde Erſcheinung; ſie flößte ihm eher Abſcheu als Furcht ein, und unmuthig erwiederte er:„Und was kümmert es Euch, wen ich ſuche? Laßt mich in Frieden, Mann! Ich will nichts von Euch!« „Oho, oho!« rief der Mann und lachte mit rauhem, heiſerem Tone—„du biſt ja kurz angebunden, junger Burſche! Aber verſtehe mich recht— ich will wiſſen, was du hier zu ſuchen haſt— mitten in der Nacht— auf dem blutigen Felde unter Trümmern und Leichen? Es iſt ſonderbar, da ſolchen jungen Knaben zu ſehen! Suchſt du vielleicht deinen Vater oder einen anderen Verwandten unter den Todten?« »Nein, nein, meinen Vater nicht, aber den guten, treuen Paul!“ erwiederte der Knabe, halb eingeſchuͤchtert durch das rauhe Weſen des fremden Mannes.„Er iſt fort, und ich bin nun allein im fremden Lande, und mein Vater iſt fern von hier— Niemand konnte uns ſagen, wo ſein Regiment ſteht— in Franken vielleicht oder am Main— und ich weiß doch nun auch gar nicht, was ich anfangen und thun ſoll!« „»Ha!« ſtieß der Mann hervor.„Und ganz allein und hülflos biſt du? Und haſt wohl auch kein Geld? Wie?« »Doch, doch, Geld genug!“ antwortete der Knabe. 42 »Paul gab mir Alles, ehe er in die Schlacht zog! Er meinte, es ſei bei mir wohl beſſer aufgehoben für die kurze Zeit, als bei ihm, und nun ſteckt es in der Sattel⸗ taſche da von Ruſtan, ein ganzer Haufen Gold! Ach, das Gold mögte fort ſein, wenn nur Paul wiederkäme!« Die Augen des Mannes blitzten unheimlich, als der Knabe des Goldes erwähnte, und ein habgieri⸗ ges Lächeln hellte für einen Moment ſein finſteres Ge⸗ ſicht auf.„Höre, Junge, ſagte er plötzlich mit weit milderer Stimme, als bisher,„höre, du dauerſt mich! Hier auf dem Schlachtfelde kannſt du nicht allein blei⸗ ben— es iſt ein ſchauerlicher Aufenthalt in der Nacht beim Mondſchein für ein Kind, wie du, und ich wun⸗ dere mich, daß dich nicht ſchon die Furcht tüchtig ge⸗ ſchuttelt hat. Ich will dir was ſagen, geh' mit mir in meine Hütte, ſie liegt nicht weit— nur eine Stunde von hier jenſeits des Waldes! Ich bin ein ehrlicher Mann, ein Bergmann— arnm freilich— aber du jam⸗ merſt mich— es erbarmt mich deiner— geh' mit.“ »Aber Paul?« erwiederte der Knabe, der gar keine Neigung verſpürte, mit dieſem Manne zu gehen, dieſem unheimlichen, wildblickenden Manne, der erſt ſo rauh, und jetzt plötzlich ſo heuchleriſch freundlich war. Eine innere Stimme warnte ihn vor dem Menſchen, und er wäre lieber ganz allein unter den Leichen geblieben, als mit dem Manne gegangen, der ihm auch nicht einen Funken von Vertrauen einflößte.„Aber Paul«— ſagte er—„wenn er nun käme, und ſuchte mich hier auf dem Schlachtfelde, und riefe nach mir, und ich wäre fort, und hörte ihn nicht und könnte ihm nicht antwor⸗ ten! Nein, nein, geht allein, Mann! Ich bleibe hier!« »Daß du ein Narr wäreſt, alberner Junge!“ rief 4 43 der Mann wieder mit ſeinem vorigen rauhen und mür⸗ riſchen Weſen.„Du weißt nicht, welche Gefahren hier auf dich lauern“— fuhr er dann milder fort.„Es iſt nicht ſicher hier und gut ſein in dieſer Nacht— die Strolche und Schnapphähne kommen jetzt herbei von allen Seiten, um die Todten zu plündern und gute Beute zu machen beim Mondſcheine! Wie die Wölfe ſchleichen ſte umher und durchſuchen die Taſchen der Gefallenen, die ſich nicht mehr wehren können, und wenn ſie dich fänden, mögten ſie nicht ſo glimpflich gegen dich ſein, wie ich. Darum fort! In meiner Hütte biſt du wohl aufgehoben, mein Weib wird für dich ſorgen und dich pflegen, und wenn dein Paul kommt, wirklich kommt, was ich aber nicht glaube, ſo wird er dich ſchon zu fin⸗ den wiſſen. Komm', ich meine es gut mit dir, und du ſollteſt hübſch dankbar dafür ſein!“ »Aber wenn ich nun nicht will!« ſagte der Knabe trotzig. 8 „So mußt du, dummer Bube!“ ſchrie der Mann heftig.„Aber ſei doch kein Narr, Kleiner!“ ſetzte er wiederum heuchleriſch ſanft hinzu—„du ſiehſt doch ein, wenn ich es böſe mit dir meinte, ſo könnte ich hier leicht mit dir fertig werden. Ein Schuß durch den Kopf, und keine Menſchenſeele würde mehr nach dir fragen! Du würdeſt eben mit den Andern eingeſcharrt, und aus wär’'s! Darum folge mir und beſinne dich nicht lange! Die Nacht iſt kalt und— horch'— die Leichenwölfe ſind ſchon munter! Da ſieh' hin!« Der Mann deutete in die Ferne, und als der Knabe mit den Augen beim Schimmer des Mondes einige dunkle Geſtalten, die gleich Schatten lautlos über die Ebene huſchten, und bald hier, bald dort auf die Erde nieder⸗ 4½ kauerten, um unter den Todten herumzuwühlen. Ein leichter Schauder, ein Anfall von Furcht überrieſelte den Knaben und machte ſein Herz erbeben. Der Mann an ſeiner Seite bemerkte dieſen Eindruck wohl und wußte Vortheil davon zu ziehen. »Du ſiehſt nun, Junge,« ſagte er leiſe,„daß ich dir nichts vorgelogen habe. Die Wölfe da würden dich bald in ihren Klauen erwürgen, wäre ich nicht gekom⸗ men! Geſchwind ſitze auf und folge mir! Ich ſage dir, du ſollſt es gut haben in meiner Hütte und mein Weib wird ſich deiner annehmen. Sei froh, Junge, daß du in meine Hände gefallen biſt, und nicht in die Krallen der ſchleichenden Wölfe da!« Der Knabe, obgleich er noch immer einen heftigen und unüberwindlichen Widerwillen gegen den Mann fühlte, der ſich ſcheinbar ſo wohlwollend und gutherzig um ihn bemüt nachte jetzt doch keine Einwendungen mehr gegen die Einladung deſſelben, ſondern ſtand auf und ſchwang ſich mi Gewandtheit in den reich verzier⸗ ten Sattel ſeines Rößleins.“ »Es iſt gut,“ ſagte er feſt und entſchloſſen—„ich werde Euch folgen, Mann, und die Dienſte, die Ihr mir leiſtet, ſollen Euch reich bezahlt werden. Geht voran, und zeigt mir den Weg!«— Einen ſeltſam verwunderten Blick warf der Menſch auf den Knaben, der plötzlich ſo kurz und befehlshabe⸗ riſch auftrat, auch auf ſeinem Rößlein ganz die Miene annahm, als ob ſeinen Worten unbedingt Folge geleiſt⸗ werden müſſe. Eine rauhe Zurechtweiſung ſchwebte reits auf ſeinen Lippen— aber er unterdrückte ſte, 1 murmelte nur einige unverſtändliche Laute brummend den Bart. Dann wendete er ſich kurz um, und ei 45 mit weit ausgreifenden Schritten uͤber das Schlachtfeld. Der Knabe folgte ihm auf den Füßen. Vorſichtig ſprang das Rößlein, das ihn trug, über die Leichname der Ge⸗ fallenen, ſetzte mit Leichtigkeit über die Trümmer von Karren und Pulverwagen, und erreichte nach wenigen Minuten den Wald. Hier mäßigte der Mann ſeine Eile. »„Jetzt ſind wir ſicher,“ ſagte er.„Der Wald iſt dunkel, und die Augen der Wölfe durchdringen ſeine dichten Schatten nicht. Glück genug, daß wir ihnen entronnen ſind.« »Pah!“« erwiederte der Knabe gleichgültig.„Ruſtan iſt flink. Einmal im Sattel, wüͤrde mich keiner der Leichenräuber eingeholt oder gefangen haben!“ „Eine Buͤchſenkugel iſt noch flinker, als dein Röß⸗ lein,“ entgegnete kurz und barſch der finſtere Mann, und griff mit ſtarker Fauſt in den Zügel des Pferdes, als ob er fürchte, daß der Knabe ihm jetzt noch entrin⸗ nen könne. Dieſer vermuthete die Abſicht ſeines Be⸗ gleiters, denn heftig rief er:„Laßt los den Zügel! Auf der Stelle! Ich kann allein reiten, und brauche Eure Führung nicht. Los da, oder ich haue Euch mit dem Säbel uͤber den Kopf!« »Narr, dummer,“ hohnlachte der Menſch— gjetzt iſt's zu ſpät, und du biſt in meiner Gewalt! Laß ſtecken deine Plempe, oder du wirſt meine Fauſt ſpüren!“ Noch ſprach er, da fuhr ſchon der Säbel wie ein Blitz aus der Scheide und ſauste auf ihn nieder. Aber der Kerl war auf ſeiner Hut. Raſch ſprang er, ohne den Zügel des Pferdes fahren zu laſſen, auf die Seite, und der Hieb des Knaben ging in die Luft. Ehe er einen zweiten führen konnte, hatte ihn die Fauſt des Mannes gepackt, riß ihn auf einen Ruck aus dem Sattel, ſchleuderte ihn zu Boden, entrang ihm den Säbel, zer⸗ brach denſelben und ſchleuderte die Stücke weit von ſich in das Gebüſch. »„Da ſiehſt du, Bube, daß mit mir nicht zu ſpaßen iſt,“ ſagte er grimmig.„Auf jetzt, und neben mir her⸗ gegangen! Dein Pferd beſteigſt du mir nicht wieder, und bei der geringſten Widerſpenſtigkeit ſchlag' ich dich zu Boden. Auf und fort!« „Ihr ſeid ein Schurke!« ſagte der Knabe heftig. „Erſt verlockt Ihr mich durch ſanfte Worte und Ver⸗ ſprechungen, mit Euch zu gehen, und nun mißhandelt Ihr mich. Ein niedriger Schurke ſeid Ihr, ſo an einem armen, hülfloſen Knaben zu handeln!«“ »Kann ſein, daß ich ein Schurke bin,« entgegnete der Mann mit frechem Hohnlachen.„Wirſt mich ſchon kennen lernen, Bürſchchen! Mache fort jetzt! Hierher an meine Seite— das Pferd führe ich ſelbſt— und der Teufel holt dich, wenn du zu entrinnen ſuchſt!« Die Drohung des Menſchen lautete ſo wild, ſo ent⸗ ſchloſſen, ſein Auge blitzte ſo unheimlich auf den Kna⸗ ben nieder, daß dieſer, das Schlimmſte befürchtend, kei⸗ nen längern Widerſtand zu leiſten wagte. Er ſtand von der Erde auf und folgte dem Manne, der quer durch den Wald ſchritt. Aber ganz vermochte er ſein empoͤr⸗ tes Gefühl doch nicht zu behaupten.„Es iſt gut!“ ſagte er.„Ihr ſeid in der That ein Schurke! Ich bin in Eurer Gewalt, und kann mich nicht rächen, aber Gott wird es!« 1 1 „Das wird ſich finden,“ entgegnete der Kerl.„Vor⸗ läufig habe ich dich, und nun ſei ſtill. Ich brauche Geplärre nicht. Verſtehſt du?“ 47 Der Knabe ſchwieg. Geſenkten Hauptes ging er neben dem Manne hin. Die Nacht verbarg ſeine Thrä⸗ nen, die Schmerz und Kummer ihm auspreßten, und nur ein halb unterdrücktes Schluchzen und Stöhnen ver⸗ rieth zuweilen, daß er litt. Sein Begleiter achtete nicht darauf. Stumm und düſter, in finſtern Gedanken ver⸗ loren, ſchritt er dahin. Der Wald ging zu Ende, und die ſchweigenden Wanderer betraten eine unfruchtbare, ſteinige Gegend. Hügel auf, Hügel ab führte der Weg. Endlich, vor einer niedrigen Huͤtte, die einſam in einem engen, finſtern Thale lag, blieb der Mann ſtehen und ſagte:„Wir ſind am Ziele! Dieſe Nacht magſt du ſchlafen, und morgen wollen wir weiter mit einander reden.“ Der Knabe gab keine Antwort. Der Mann klopfte an die Thüre des Hauſes— ſie wurde von innen ge⸗ öffnet— eine Frau trat heraus. »Nimm den Buben da hin,“ ſagte der Mann zu ihr.„Laß ihn nicht entwiſchen— ich will nur das Pferd unterbringen, und komme gleich nach.“ Er ſtieß den Knaben in's Haus, führte das Pferd in einen Schuppen, band es feſt, nahm ihm den Sattel ab, der ſchwer von Gold war, und trat endlich mit dieſer Laſt ſelbſt in das Haus, deſſen Thure er ſorgfältig hinter ſich verſchloß und verriegelte. Viertes Kapitel. Folge nicht nach dem Böſen, ſondern dem Guten. 3. Joh. 11. Eine elende, armſelige Hütte war's, in welche der Knabe vom Schlachtfelde durch ſein Geſchick verſchlagen worden. Ueberall Dürftigkeit und Mangel in den vier nackten Wänden, nirgends eine Zierrath, nur das Aller⸗ nothwendigſte an Geräthen und Werkzeugen. Ein roh gezimmerter Tiſch ſtand in der Mitte des Stübchens, an der Wand entlang eine Bank, hinter dem Kachelofen ein uralter Lehnſtuhl mit zerriſſenem und zerfetztem Ueber⸗ zug, über der Thüre ein Brett mit einigen irdenen Schüſſeln und Töpfen, in einem Winkel endlich eine Spitzhacke, ein Stemmeiſen, ein Hammer, ein großer Steinbrecher und einige andere Werkzeuge, wie ſie der Bergmann zur Arbeit gebraucht— das war Alles, was der Knabe bei dem qualmenden Scheine eines Gruben⸗ lichtes bemerkte, als er, von der Frau geführt, in die kleine Stube trat. Stumm deutete die Frau auf die Bank, und der Knabe ſetzte ſich nieder, einen forſchen⸗ den, neugierigen Blick auf das Weib werfend, das ihn ebenfalls mit ſchweigender Bewunderung betrachtete. Ddie Frau war noch nicht alt, kaum in den Dreißi⸗ gen, aber Elend, Sorge, Noth und Entbehrung hatten ihr Geſicht gebleicht, und ihm einen Zug des Leidens aufgeprägt, der ſie älter erſcheinen ließ, als ſie war. Ihr blaues Auge blickte ernſt, und dem feſt verſchloſſe⸗ nen Munde ſah man es an, daß lange, lange kein freund⸗ 3 „ d 49 liches, glückliches Lächeln ihn umſpielt hatte. Ihr ärm⸗ licher Anzug entſprach der Dürftigkeit der Hütte. Ein grober, wollener Rock, und ein grobes Tuch um den Hals, das war ihre ganze Kleidung. Dennoch flößte ihr Ausſehen dem Knaben einiges Zutrauen ein, und er ſchreckte nicht vor ihr zurück, wie vor ihrem Manne, der jetzt mit dem Sattel des Rößleins in die Stube trat, und, quer hindurch ſchreitend, eine zweite Thür öffnete, die in eine Kammer führte. Hier legte er den Sattel nieder, kehrte in die Stube zurück, verſchloß die Thür hinter ſich, ſetzte ſich auf den Lehnſtuhl neben dem Ofen und blickte finſter vor ſich nieder. Ein dumpfes, drücken⸗ des Schweigen herrſchte eine Zeitlang in dem kleinen Gemache. »Was iſt mit dem Jungen?« unterbrach endlich die Frau die ſchwüle Stille.„Wo haſt du ihn aufgefun⸗ den, Wenzel? Es iſt ein feines Knäblein, und paßt wenig in unſer Haus.“« »Paſſen oder nicht,« entgegnete der Mann, ohne aufzuſchauen—„vor der Hand bleibt er hier.„Bring' ihn zur Ruhe, und nachher hab' ich mit dir zu reden, Sabine! Mach' fort— es iſt ſpät und ich bin müde.« „»Und wo ſoll er ſchlafen?« fragte die Frau wieder. B haben nur eine Kammer und kein überfluͤſſiges elt. »Auf den Boden mit ihm, da mag er auf dem Heu liegen,« entgegnete der Mann.»Muß ſich daran ge⸗ wöhnen— wird noch oft darauf ſchlafen müſſen. Aber ſchließ' ihn feſt ein— der Junge iſt muthig und möͤchte lieber davon laufen, als hier bleiben.« »So komm', Kleiner,“ wendete ſich die Frau zu dem Knaben.„Ich werde dich führen. Wie heißeſt du?« Ein Bibelblatt. 4 ſtieg die Leiter wieder herunter, nahm dieſelbe von der „Hans!“« antwortete der Knabe und ſtand von der Bank auf.„Geht nur voran— ich folge Euch.“ Ddie Frau öffnete die Thür zur Hausflur— deutete auf eine Leiter, die in einem Winkel derſelben ſtand, und ſagte:„Dort hinauf mußt du.“ Schweigend klimmte der Knabe in die Höhe und die Frau folgte ihm mit einem Grubenlichte. „Sieh' dich vor, Kind!« ſagte ſie, als Hans oben angekommen war, und hielt das Grubenlicht hoch, da⸗ 4 mit er ſehen könne.„Rechts im Winkel liegt das Heu — haſt du es gefunden? Strecke dich nieder und ſchlafe 5 ſanft. Fürchte dich auch nicht! Gott iſt überall und 8 wird dich auch hier nicht verlaſſen. Gute Nacht.“ Ohne eine Antwort des Knaben abzuwarten, ſchloß— die Frau die Fallthür, die nach dem Boden führte, ver⸗ riegelte ſie, wie ihr Mann es befohlen hatte, von außen, Lucke weg und ſtellte ſie in einen andern Winkel— dann blieb ſie ein Weilchen in tiefem Nachdenken ſtehen, ſtarrte vor ſich hin auf die Erde und ſchüttelte den Kopf. „Es iſt nicht anders«— murmelte ſie dann leiſe vor ſich hin.„Wenzel hat Böſes mit dem Knaben im Sinne. Aber es ſoll nicht geſchehen, ſoll nicht, wenn ich's verhindern kann. Es jammert mich des armen Buben— er ſieht ſo vornehm aus, und...« „Sabine! Sabine! Zum Donner, wo bleibſt du ſo lange?“ rief die Stimme ihres Mannes aus der Stu und unterbrach ihr Selbſtgeſpräch.„Schnacke nicht m dem Jungen, oder ich hole dich!“ Die Frau ſchreckte zuſammen und eilte in die Stu zurück. „Sei doch ruhig, Wenzel,“ ſagte ſie—„ich mußte 54 doch die Thüre verriegeln, und die ſchwere Leiter hab' ich auch auf die Seite geſetzt. Jetzt kann der Junge nicht entwiſchen.“ »Es iſt gut,“ ſagte der Mann beſänftigt und etwas freundlicher.„Er darf nicht fort, oder wir kämen in des Teufels Küche! Geh' jetzt, und hole den Sattel aus der Kammer— wollen doch ſehen, was drin iſt.“ Gehorſam folgte die Frau dem Befehle und brachte den Sattel, den ſie auf den Tiſch legte. Wenzel ſtand auf, unterſuchte ihn und zog aus einer Taſche deſſelben eine ſchwere Börſe. Er ſchüttelte den Inhalt derſelben auf den Tiſch aus, und ſeine Augen funkelten, als er den Haufen Goldſtücke ſah, deren gelber Glanz beim qualmenden Scheine des Grubenlichtes ſchimmerte. »Ha!“ rief er aus,„der Junge hat nicht gelogen. Das iſt ein großer Reichthum, Weib! Das verſpricht goldene Tage für die Zukunft!« Haſtig zählte er das Gold und ſchichtete es in Häufchen neben einander.„Zweihundert und dreißig!« ſagte er mit unterdrücktem Jubel.„Jetzt können wir uns ein Gütchen kaufen im nächſten Dorfe, und ich brauche nicht mehr Hammer und Spitzhacke zu führen. Fort mit dem Bergmannsleben! ich haßz es ſatt! Nun, und du freueſt dich nicht über den guten Fund, Sabine? Der Haufen Gold hier gehört uns! Veiſtehſt du?« Die Frau ſchüttelte den Kopf und antwortete:„Laß dich nicht blenden vom Satan, und vergiß nicht des Herrn und ſeiner Gebote! Das Gold iſt nicht unſer, ſondern des Knaben Eigenthum.“ „Unſinn, thörichtes Weib!« rief Wenzel aus und lachte ſpöttiſch.„Gute Beute iſt das Gold und ſoll mir wohlthun.“ 4* 52 »Und der Knabe?« fragte Sabine. »Der Knabe? Der Knabe?“ wiederholte der Mann und runzelte die finſtere Stirn—„ja, der Knabe muß dran glauben! Muß! Fort muß er in das Land, von wo man nicht wiederkehrt! Wer weiß von dem Kna⸗ ben? Er verſchwindet! Wer kann ſagen, daß er in meiner Hütte verſchwunden iſt? Niemand hat mich ge⸗ ſehen!« „Ja, Niemand vielleicht, als Gott!“ ſagte die Frau mit feſter Stimme, obgleich innerlich ihr Herz erbebte und ihr das Blut in den Adern gerann.„Vergiß nicht, daß Gott Alles ſiehet und jede Miſſethat an das Licht des Tages bringt! Hüte dich, Wenzel! Hüte dich!« Der Mann ſchrak zuſammen vor den einfachen Worten ſeiner Frau, die ſeine Seele getroffen hatten. Aber ein Blick auf das Gold, das verlockend vor ſeinen Augen funkelte, gab ihm den Muth des Verbrechers wieder.„Dummheiten!“ rief er aus, und lachte höh⸗ niſch—„wer fragt nach dem Jungen? Ich fand ihn Schlachtfelde den Garaus machen können— wäre das Geſcheiteſte geweſen— wüßteſt auch du nichts davon — aber hielt mich etwas ab— konnte nicht— konnte dem jungen Buben nichts zu Leid thun— wußte auch nicht, ob es der Mühe lohnte— aber nun— er muß ſterben!«*. 53 „Er muß nicht, muß nicht!«— ſagte die Frau mit feſter Stimme, obgleich todtblaſſem Angeſicht—„be⸗ denke dein Gewiſſen, Wenzel, und das Gericht Gottes am jüngſten Tage, und deine ewige Seligkeit!“ Düſter und verſchloſſen ſtarrte Wenzel auf den Goldhaufen.„Pah!“ machte er—„was liegt an dem Buben? Nicht zweimal wird es Einem ſo geboten! Und wenn ich ihn leben ließe, würde er's verrathen, daß ſein Gold in meiner Hand iſt, und ich müßte Alles herausgeben und in's Gefängniß wandern— nein, nein — ich mache ein Ende mit ihm! Dann bin ich ſicher! und nun kein Wort mehr!« »Noch zehn Worte, noch hundert, du ſollſt und mußt mich hören, Wenzel, mich, dein Weib!« rief die Frau aus, und warf ſich dem Manne zu Füßen, um ſeine Kniee zu umklammern.„Zu Manchem, was du ge⸗ than haſt, habe ich geſchwiegen, aber hier wäre Schwei⸗ gen Mord, und ehe du den Knaben tödteſt, müßteſt du über meine Leiche ſchreiten. Beſinne dich, Wenzel! Laß dich nicht verlocken und verführen vom Böſen, ſon⸗ dern bedenke, daß ein Gott, ein mächtiger, über uns iſt, der Alles weiß und Alles ſieht, ſelbſt die heimlichſte und verborgenſte Miſſethat!“ »„Gott verräth nichts,“ ſagte der Mann mit unheim⸗ lichem Lächeln,„aber der Knabe, wenn er am Leben bleibt, wird mich verrathen. Ich ſage dir, Weib, er muß ſterben, und das ſogleich auf der Stelle! Laß mich — es muß ein Ende gemacht werden.“ Mit Gewalt machte er ſich von den umſchlingenden Armen der Frau los, ſchleuderte ſte zur Seite, und griff nach einem Beile, das neben anderem Handwerksgeräthe in einer Ecke ſtand. Sabine ſtieß einen Schrei aus und 54 rang die Hände. Dann aber, raſch entſchloſſen, eilte ſte der Thüre zu, verſperrte ſie mit ihrem Leibe und ſagte:„Wohlan, willſt du morden, ſo morde erſt mich, oder ich eile hinaus, und ſchreie deine Unthat in alle Winde aus. Du ſollſt nicht tödten! Sollſt nicht! Ich dulde es nicht, ſo wahr Gott über uns iſt!« „Weib, hinweg!“ grollte der Mann mit unterdrück⸗ ter Wuth.„Hinweg, ſage ich, oder ich vergeſſe, daß du mein Weib biſt und thue, was mich reuet! Hinweg — auf der Stelle!« „Nein, nein, ich weiche nicht, Wenzel, eher will ich ſterben!“ ſagte die ſchwache, zitternde Frau mit Feſtig⸗ keit.„Aber höre mich, Wenzel! Deine Seele dürſtet nach dem Golde! Wohl, das Gold ſoll dein ſein, und ohne Gefahr, ohne das ſchreckliche Verbrechen, daß du im Sinne führſt! Nimm es— aber ſchone das Leben des Knaben— behalte ihn hier— gib ihn für das Kind meiner Schweſter aus, die im fernen Lande wohnt — das Kind wird ſchweigen— es iſt ja ſo leicht ein⸗ zuſchüchtern— und du erſparſt dir die furchtbare Sünde. Mun ihm das Verſprechen ab, zu ſchweigen, und Alles iſt gut!« 3 Bedenklich blieb der Mann ſtehen, und ließ das ſchon drohend erhobene Beil wieder zur Erde ſinken. „Aber du kennſt den Buben nicht«— ſagte er endlich — er iſt muthig und entſchloſſen— ſchlug nach mir mit dem Säbel— er wird nicht ſchweigen, wird nicht — und dann iſt das ſchöne Gold dahin— und dann kommt jener Paul, von dem der Junge faſelt, und wohl gar ſein Vater! Nein— laß mich, Sabine— der Junge muß fort!“ »Nicht ſo raſch, Wenzel, nicht ſo ſchnell“— ant⸗ 5⁵ wortete die Frau mit bittender, flehender Stimme.„Nimm doch hin das Gold, nimm es, obgleich ich vorher weiß, daß kein Segen darauf ruhen wird— aber nimm es — nur tödte den Knaben nicht! Bedenke wohl, wenn wirklich ſein Vater käme— er iſt gewiß reich— und er hörte, du hätteſt den Knaben bei dir aufgenommen und ihn verpflegt, und legteſt ihn nun lebend und geſund an das Vaterherz— was würde er da nach dem Golde fragen? Nur ſein Kind würde er ſehen— nichts weiter— und vielleicht, Wenzel, vielleicht würde er dich wohl gar noch reich belohnen— bedenke das! Der Knabe kann ein Segen für dich werden, wenn du ſein Leben ſchonſt— aber ſein Mord würde dir anhaften auf ewig, und der Fluch Gottes würde auf dir ruhen für ewig und immer, nimmer könnteſt du mehr eine ruhige Stunde haben! Bedenke das, Wenzel! Ich meine es gut mit dir! Bedenke das!« Erſchütternd drang die flehende Stimme des from⸗ men Weibes an das verhärtete und gottloſe Herz des Böſewichtes, und ſchweigend wendete er ſich ab und lehnte das Beil wieder in die Ecke, aus welcher er es genommen.»Du kannſt Recht haben, Sabine,“ ſagte er dann.„Ein Mord iſt freilich ein boͤſes Ding! Werde mir's überlegen! Will morgen früh mit dem Jungen reden! Kann ſein, daß ſein Vater reich iſt, kann ſein aber auch nicht! Vielleicht, ja, wenn Er käme, wäre Alles gut! Aber wenn nur jener Paul kommt, jener Paul, den der Junge ſuchte? Der wird gewiß nach dem Gold fragen, ganz gewiß, und am Ende— mein Weg iſt am Ende doch der ſicherſte.« »Nein, nein, der gefährlichſte, der ſchlimmſte iſt er!« rief Sabine aus.„Selbſt, wenn jener Paul käme— 56 was würde es ſchaden? Du brauchſt ja nur zu läug⸗ nen, daß du das Geld gefunden haſt? Verſteck' es! Man wird glauben, der Kleine habe es verloren— du biſt jedenfalls ſicher. Oh, Wenzel, Alles, Alles iſt beſſer, als ein Mord, denn der iſt nicht wieder gut zu machen!«. »Es iſt gut,« ſagte der Mann, und athmete tief auf.„Der Junge mag leben! Aber wehe ihm, wenn er mich verräth! Dann ſtirbt er, und du magſt ihm das nur begreiflich machen. Und nun zu Bett. Aber nein— man kann nicht wiſſen— erſt will ich das Geld in Sicherheit bringen.“ Er raffte die Goldſtücke zuſammen, ſteckte ſte wieder in die Börſe, und ging hinaus, um ſie an einem ver⸗ borgenen Orte zu vergraben. »Du bleibſt hier!« befahl er der Frau—„Niemand, ſelbſt du nicht, ſoll wiſſen, wo ich den Schatz aufbe⸗ wahre. Blicke mir nicht nach— es wäre dein Unglück, und das Unglück des Jungen!“ Er entfernte ſich, und die Frau dachte nicht daran, ihm nachzuſchauen. Als ihr Mann das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, ſank ſie nieder auf ihre Kniee, barg ſchluch⸗ zend ihr Geſicht in den Händen, und dankte Gott in heißem Gebete, daß Er ihr Kraft gegeben, ein furcht⸗ bares und entſetzliches Verbrechen zu verhindern. So lag ſie noch, ſo kniete ſie noch, als ihr Mann zurück⸗ kehrte. Sein rauher Zuruf ſchreckte ſie auf, und ſtill begab ſie ſich zur Ruhe. Bald ſchlummerten alle Be⸗ wohner der kleinen Hütte— am ſüßeſten der Knabe auf dem Boden, den Gott behütet hatte, ohne daß er es wußte. Der Morgen hatte kaum die Schatten der Nacht * ru een. überwältigt, ſo weckte ein helles Wiehern des Schimmels den kleinen Hans aus dem Schlafe. Er richtete ſich auf und blickte verwundert umher. Die Begebenheiten der vergangenen Nacht erſchienen ihm wie ein Traum, aber bald ſchüttelte er die Reſte der Schlaftrunkenheit von ſich, und die klare Erinnerung an Alles, was ihm begegnet war, an die verlorene Schlacht, an das ver⸗ gebliche Suchen ſeines Paul, an das Zuſammentreffen mit Wenzel, das einen ſo widerwärtigen Eindruck auf ihn gemacht hatte, kehrte ihm raſch zuruͤck. Kein Traum alſo hatte ihn geängſtigt, verhaßte und ſchreckliche Wirk⸗ lichkeit umgab ihn, er befand ſich in der Gewalt eines Mannes, den er fürchten mußte! Er konnte nicht daran zweifeln: ſein elendes Heulager, der Bodenraum, mit allerlei Gerümpel angefüllt, das Wiehern und Stam⸗ pfen ſeines Rößleins, das deutlich zu ſeinen Ohren drang, Alles überzeugte ihn von ſeiner verlaſſenen und gefahr⸗ vollen Lage. Anfänglich betäubte ihn die völlige Hülf⸗ loſtgkeit, der er anheimgegeben war, und er ſeufzte mit gerungenen Händen:„O Gott, was ſoll mit mir ge⸗ ſchehen!« Auf ſein Heulager zurückſinkend, weinte er — aber ein Gedanke, der ihm durch den Sinn fuhr, gab ihm wieder Muth, trieb ihn an, ſich wieder aufzu⸗ raffen. Der Gedanke war: Flucht! Unten ſtand der Schimmel und ſchien ſeines Reiters zu harren, ſchien ihn zu rufen. Wenn es ihm gelang, ſich unbemerkt vom Boden zu ſtehlen, unbemerkt ſeinen treuen Ruſtan zu erreichen, ſich auf ſeinen Rücken zu ſchwingen, dann war er gerettet, denn er kannte die Schnelligkeit und Behendigkeit des Pferdes. Wenzel mochte lange laufen, ehe er ihn einholte. Mit pochendem Herzen, mit an⸗ gehaltenem Athem ſchlich Hans zu der Bodenluke, neigte 58 ſein Ohr zu ihr nieder und lauſchte. Alles war noch ſtill in den unteren Räumen der Hütte, kein Geräuſch, keine Schritte vernehmbar. Er athmete auf, und die Hoff⸗ nung des Gelingens ſchwellte ſein Herz. Raſch buckte er ſich, um die Bodenluke aufzuheben— aber ſie lag feſt, ſie wich nicht, obgleich er alle ſeine Kräfte bis zum Zerſpringen anſtrengte. Durch einen Spalt ſah er endlich die vorgeſchobenen Riegel, ſah er, daß die Leiter, auf welcher er geſtern auf den Boden hinaufgeſtiegen war, nicht mehr an ihrem Platze ſtand, und, einen mißmuthigen Ausruf der getäuſchten Hoffnung aus⸗ ſtoßend, erhob er ſich wieder. »Gefangen alſo!« murmelte er vor ſich hin.„Ge⸗ fangen! Und der Kerker nicht zu erbrechen! Er hat ſich wohl vorgeſehen, der ſchändliche Räuber!« Bittere Gefuͤhle erfüllten die Seele des armen Kna⸗ ben, verliehen ihm aber auch zugleich einen gewiſſen Trotz, der ihn aufrecht erhielt. »Und doch, doch will ich ſehen, ob ich ihm nicht entrinnen kann,“ ſagte er, und warf ſuchende Blicke in ſeinem Gefängniſſe umher, um irgendwo eine Oeffnung im Dache, eine Luke oder dergleichen zu entdecken. Richtig, dort war ein kleines Fenſter, durch welches der Strahl der Morgenſonne eindrang. Hans eilte hin, zwängte ſeinen Kopf durch die Oeffnung, und hoffte, auf dieſem Wege entwiſchen zu können. Aber auch dieſe Hoffnung wurde getäuſcht. Das Fenſter war zu eng, um ihn hindurchzulaſſen, und ein Blick in den Hof hinab zeigte ihm, daß derſelbe von einer ziemlich hohen Mauer umgeben war. Er ſelbſt hätte ſich wohl ge⸗ trauet, ſie zu erklimmen, aber der Schimmel, wie hätte er dieſen über die Mauer bringen ſollen? Und ohne 4 9 den Schimmel, ſelbſt wenn er's hätte über's Herz brin⸗ gen können, das treue Thier zu verlaſſen, ohne den Schimmel wäre ſeine Flucht doch jedenfalls nutzlos ge⸗ weſen; der Verfolger hätte ihn in der erſten Stunde wieder eingeholt. Hans ſah dies ein, und warf ſich niedergeſchlagen wieder auf ſein Heulager, wo er in dumpfer Ergebung die fernere Entſcheidung ſeines Schickſals erwartete. Etwa eine Stunde hatte er in banger Beſorgniß und Furcht zugebracht, als ein Geräuſch an der Boden⸗ luke ihm verrieth, daß man unten ſich ſeiner erinnerte. Die Fallthür wurde geöffnet und die ſanfte Stimme der Frau, welche ihn geſtern zu ſeinem ärmlichen Lager ge⸗ leitet hatte, forderte ihn auf, herunterzukommen.„Fürchte nichts, Knabe,“ fügte ſie leiſe hinzu.„Sei getroſt und hoffe auf Gott! Die ſchlimmſte Gefahr iſt vorüber, und für das Uebrige wird der Vater im Himmel ſor⸗ gen. Komm' geſchwind und ſei geduldig, dann wird ſich ſchon Alles zum Guten fügen.“ Der Knabe ſah wohl ein, daß ihm nichts weiter übrig blieb, als zu folgen. Er verließ alſo den Boden, ſtieg die Treppe hinunter und trat in die Stube, wo er freuudlicher von Wenzel empfangen wurde, als er gehofft und erwartet haben mochte. »Nun, da biſt du ja, Junge!« rief ihm derſelbe entgegen.„Ich dacht' es mir wohl, daß du nicht gleich umkommen würdeſt, wenn du auch einmal nur einen Haufen Heu zum Nachtlager hätteſt. Jetzt biſt du friſch bei Sinnen, und da wollen wir denn überlegen, was für dich gethan werden kann. Vor Allem muß ich aber wiſſen, was es eigentlich für eine Bewandtniß mit dir hat, und wie du zur Nachtzeit auf das Schlachtfeld Oe 60 gekommen biſt. Daß du Hans heißt, wiſſen wir, aber nun was weiter? Wie heißt dein Vater, und was iſt er?« „Ich will Euch Alles erzählen,“ erwiederte der Knabe gefaßt,„aber vorher müßt Ihr mir verſprechen, daß Ihr mich dann frei davon gehen laßt.« „»Das findet ſich nachher,“ entgegnete Wenzel.„Sei ohne Furcht, wenn es dir nützen kann, will ich dich ge⸗ wiß nicht zurückhalten, aber erſt muß ich doch erfahren, wie die Sachen ſtehen. Du mußt guten Rath anneh⸗ men, Junge, denn dir ſelber zu rathen, biſt du noch viel zu jung. Alſo erzähle nur friſchweg. Wie heißt dein Vater?« 3 Ausführlich erzählte Hans, was wir aus den vori⸗ gen Kapiteln bereits erfahren haben, und aufmerkſam hörte Wenzel ihm zu. Fünftes Kapitel. Herr Gott, du biſt unſere Zuflucht für und für. Pf. 90, 2. „Alſo bei Sonnenuntergang biſt du dann auf's Schlachtfeld geritten, und haſt nach deinem Paul umher geſucht,“ ſagte Wenzel nachdenklich, als er durch das Verhör des Knaben genau von den Verhältniſſen des⸗ ſelben unterrichtet worden war.„Das iſt ſo weit Alles ganz gut, aber, verſtehſt du mich Junge, nach Berlin kommſt du natürlich unter dieſen Umſtänden nicht allein 61 zurück, denn die Franzoſen ſtreifen überall durch die Gegend, und es würde dir übel ergehen, wenn du in ihre Hände fieleſt. Das ſiehſt du ein?« „Freilich, freilich ſeh' ich's ein,« erwiederte Hans, deſſen fruͤherer kecker Muth durch den Verluſt ſeines Begleiters, und mehr noch durch den furchtbaren Anblick des blutgetränkten Schlachtfeldes, der ſich tief ſeinem jungen Gemüthe eingeprägt hatte, gänzlich erſchüttert worden war.„Aber was ſoll ich armer Junge nun beginnen? Hier bleiben mag ich nicht, und nach Ber⸗ lin kann ich nicht! Was iſt da zu machen? Ach, wenn doch nur wenigſtens Paul da wäre!“ »Auf Pauls Rückkehr darfſt du dir gar keine Hoff⸗ nung machen,“ entgegnete Wenzel kalt.„Der iſt jeden⸗ falls im Gefechte niedergehauen oder todtgeſchoſſen. Beſ⸗ ſer, du bleibſt hier und warteſt, bis der Krieg vorbei iſt, oder wenigſtens ſich in eine andere Gegend gezogen hat. Lange kann das nicht dauern, und dann haſt du freien Weg zu deiner Tante.“ »„Aber es läßt mir doch auch gar keine Ruhe hier,« ſagte Hans mit ausbrechenden Thränen.„Ach, lieber Mann, führt mich doch hin nach Berlin! Ihr kennt doch gewiß alle Wege und Stege in dieſer Gegend, und es wird Euch ein Leichtes ſein, mich unbemerkt durch die Franzoſen zu bringen. Bitte, thut das, und ich will Euch reich belohnen für Eure Mühe!“ »Pah!« ſagte Wenzel—„wer weiß denn ſchon, ob du mir in allen Stücken die Wahrheit mitgetheilt, und nicht vielmehr Flauſen und Lügen vorgemacht haſt. Reich belohnen wollteſt du mich? Wovon denn? Wo iſt denn das Gold, von dem du ſpracheſt? Zeig' es her, und dann wollen wir weiter mit einander reden.“ 62 „Das Gold? In der Satteltaſche ſteckt es!« rief Hans aus.„Sucht nur nach, und Ihr werdet es finden.“ „Suche du ſelbſt,“ entgegnete Wenzel, und holte den Sattel aus der Kammer.„Da iſt er— ich habe ihn noch nicht angerührt, und wenn du die Wahrheit ge⸗ ſprochen haſt, muß ſich das Gold finden. Nachher wollen wir ſehen.“ Hans griff nach der Satteltaſche, zog aber mit be⸗ ſtürzter Miene ſeine Hand zurück.„Das Gold iſt fort!« ſagte er ganz erſchrocken. »Dacht' es mir wohl!« höhnte Wenzel.„Wird wohl gar nicht da geweſen ſein, und du haſt mich zum Narren gehabt! Jetzt ſeh' ich klar! Ein Taugenichts biſt du, der ſeinen Eltern davon gelaufen iſt! Ein nichtsnutziger Bube, der Stock und Peitſche zu koſten kriegen müßte! Warte Bürſchchen, ich werde dir die Lügen austreiben. Hier bleibſt du, bis ich weiß, wie ich mit dir dran bin, und wehe dir, wenn du dir ein⸗ fallen ließeſt, davon zu laufen! Ein lockerer Vogel magſt du mir ſein, du! Kein Wort glaube ich von dem Allen, was du mir vorgefabelt haſt!« Hans weinte, klagte, betheuerte unter Thränen und Händeringen, daß er nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit berichtet habe, aber Wenzel, der ſich ab⸗ ſichtlich den Anſchein gab, als ſetzte er Mißtrauen in die Ausſagen des armen Jungen, hörte gar nicht mehr nach ihm hin, ſondern befahl ihm mit rauher Stimme, zu ſchweigen und ſich wieder auf den Boden hinauf zu packen. Als Hans ſich dagegen ſträubte, als er, von Verzweiflung getrieben, mit Heftigkeit nach ſeinem Pferde verlangte und ſogar behauptete, daß Wenzel ihn beſtohlen 63 habe, da ergriff ihn der wilde Menſch, ſchlug ihn mit der Fauſt, und behandelte ihn ſo übel, daß Sabine, ſeine Frau, endlich herzueilte, und den weinenden Knaben den Händen ihres Mannes mit Gewalt entriß. »Laß ihn!“ rief ſie heftig.„Du ſollſt das arme Kind nicht mißhandeln! Muß er durchaus hier bleiben, ſo will ich ihn wenigſtens vor deiner Wuth beſchützen! Geh', geh', Knabe! Auf den Boden hinauf! Dorthin wird er dich nicht verfolgen!« Blaß und zitternd, ſchluchzend vor Angſt und Schmerz floh Hans die Nähe des rohen Menſchen, und verbarg ſich, bitterlich weinend, in dem Heu ſeines Nachtlagers. Mit Bangen horchte er auf die lauten, heftigen Stim⸗ men des Mannes und der Frau, deren Töne undeutlich zu ihm drangen, und jetzt zum erſten Male kam ihm der Gedanke, daß er doch höchſt leichtſinnig und unbe⸗ ſonnen gehandelt hatte, indem er wider das Gebot ſei⸗ nes Vaters heimlich aus dem Hauſe ſeiner Tante und aus Berlin geflohen war. Jetzt, als er die böſen Fol⸗ gen ſeines Leichtſinnes, ſeines Ungehorſames, ſeiner Un⸗ bedachtſamkeit zu verſpüren begann, jetzt gingen ihm die Augen auf über ſeine Fehler, und es fiel ihm nicht mehr ein, die Vorwürfe des guten alten Wachtmeiſters, des Schullehrers und Pfarrers zu verſpotten, und ſich dar⸗ über luſtig zu machen. Die Ahnung kam ihm, als ob ſeine jetzige traurige und hülfloſe Lage eine von Gott ihm geſandte Strafe ſei, die er ſich wohl bewußt war, verdient zu haben, und dieſes Bewußtſein machte ihn eben ſo kleinmüthig und verzagt, als er früher keck und übermüthig geweſen war. Das raſche, rückſichtsloſe und rohe Weſen des Tyrannen, in deſſen Gewalt er ſich befand, hatte ihn vollſtändig eingeſchüchtert, und ſo ganz 64 hoffnungslos und elend fühlte er ſich, daß es ihm faſt ein beneidenswerthes Loos ſchien, unter den Todten auf dem Schlachtfelde zu liegen. Beſſer wäre es geweſen, meinte er, in die Hände der ſchleichenden Wölfe zu fallen, welche die Leichname plünderten, als in die Hände die⸗ ſes Menſchen, der ihn ſchlug, und ihn nicht allein ſeines Eigenthums, ſondern auch noch ſeiner Freiheit beraubte. Was ſollte aus ihm werden, wenn er in der Gewalt dieſes Mannes bleiben mußte? Welche Leiden, welche Demüthigungen, welche Mißhandlungen ſtanden ihm noch bevor? Und er hätte es doch ſo gut haben können bei ſeiner Tante, die ihn liebte, die ihm Alles zu Ge⸗ fallen that, die ihn auf den Händen trug, die ihn gern vor jedem rauhen Lüftchen bewahrt hätte. Ach, wie tief und ſchmerzlich empfand er jetzt den Verluſt alles nach Berlin zurückgekehrt! Wie klar ſah er jetzt ein, Die heftigſten Vorwürfe machte er ſich wegen ſeiner unſinnigen Handlungsweiſe. Ja, ja, er hätte es ſo gut haben können, und aus bloßem Eigenſinn hatte er ſich nun in eine Lage geſtürzt, deren Hoffnungsloſigkeit ſein junges, früher ſo keckes und übermüthiges Herz zer⸗ malmte. Kein Fünklein Troſt erhellte ſein gebeugtes und gebrochenes Gemüth; er mußte ſich widerſtandslos der verzehrenden, brennenden Angſt hingeben, die ihn marterte, denn, entfernt von Allen, die ihn bisher ge⸗ liebt und geſchützt hatten, fehlte ihm auch die letzte 66 und feſſelte allmählig die Aufmerkſamkeit des Knaben. Oefter und öfter ſah er nach dem Blatte hin, eine Art von Neugierde wurde in ihm wach, das Blatt winkte noch immer, und endlich ſtand er faſt unwillkürlich auf, um es aus dem Schutthaufen hervorzuziehen. Er er⸗ griff es, betrachtete es, und ſah, daß es bedruckt war. Obgleich ſonſt kein großer Freund vom Leſen, ließ er jetzt doch ſeine Augen über die Buchſtaben gleiten— ſtutzte— las weiter— trocknete ſeine Thränen ab— las wieder das Blatt und immer wieder— ſeine Wange röthete, ſein erloſchener Blick belebte ſich wieder, und endlich ſpielte ſogar ein Lächeln um ſeine erſt noch ſchmerzlich verzogenen Lippen, und er zog das unſchein⸗ bare Blättchen an ſeinen Mund und küßte es. Dann warf er ſich auf ſein Heulager nieder, ſtützte nachdenk⸗ lich den Kopf in die Hand, verſank in ein tiefes und anhaltendes Sinnen, und las dann wieder das Blatt, und immer wieder, bis er den Inhalt deſſelben faſt aus⸗ wendig gelernt hatte. Und dabei ward er immer ruhi⸗ ger und gefaßter, ſein Schmerz ſchien ganz verſchwun⸗ den, ſein Herz völlig beruhigt, ſein Gemüth erheitert, ſeine Thränen waren längſt vertrocknet, ſeine Klagelaute längſt verſtummt, und ſeine verzweifelte Stimmung hatte ſich wie durch einen Zauber in eine ſanfte, ſtille u beinahe zuverſichtliche Heiterkeit verwandelt. Und dieſes Wunder, hatte das ſchmutzige, unſcheinbau Blatt es bewirkt, das der unglückliche Knabe aus Schut und Staub hervorgezogen? Wie konnte das möge ſein? Wie nur wahrſcheinlich? Und doch, doch hui er das Blatt ſo feſt, und ſeine Augen trennten von ihm, um in tiefem Nachdenken vor ſich hinzuſchau und dann hafteten ſie wieder auf dem Blatte, — 67 immer wieder, und Hans drückte das Blatt an ſein Herz, an ſeinen Mund, und wieder an ſein Herz— und dann ſchaute er nach Oben mit einem erſt ſcheuen und zagen⸗ den, und dann ſo ſtrahlenden Blicke, und dann faltete er die Hände, aber erſt, nachdem er das Blatt ſorgſam wie einen koſtbaren Schatz unter der Uniform auf dem Herzen geborgen hatte— und auf die Kniee ſank er— und ſeine Lippen bewegten ſich in flüſternden Worten, und man konnte wohl ſehen: der Knabe betete zum Herrn mit erhobenen Händen und glänzendem Auge— und ſanfte, ſüße, heilige Nuhe ſtrahlte aus ſeinen Zügen, und iede Spur von Schmerz und Kummer war ver⸗ wiſcht von ſeinem hübſchen Antlitz, das eben noch ſo bleich, ſo verſtört, ſo troſtlos geweſen war. Und das Blatt, das ſchmutzige Blatt Papier hatte dieſe Umwandlung herbeigeführt, wirklich das elende Blatt nur? Ach nein, das Blatt wohl nicht— aber die Worte, die darauf gedruckt ſtanden, halb erloſchen, beſchmutzt und beſtäubt freilich, aber doch noch lesbar— und Hans hatte dieſe Worte geleſen, und Worte des Heils waren es geweſen, Worte des Heils und Segens für den armen Knaben, der auf keine Hoffnung, auf kein Heil und keinen Segen mehr zu rechnen gewagt, der ſich ganz verlaſſen und verloren geglaubt, der ſich den Tod gewünſcht hatte, weil ſeine Seele zerbrochen war und ohne Kraft, die Laſt ſeiner Leiden zu tragen. Da ſtanden ſie, dieſe Worte, auf dem Blatte, das Hans jetzt wieder hervorzog, nachdem er es auf ſeinem Herzen geborgen, und von Neuem drangen ſie durch ſeine Au⸗ gen in ſein Herz:„Gott der Herr, der Mächtige, redet, und ruft der Welt vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang. Aus Zion bricht an der ſchöne Glanz 5 Gottes. Er ruft Himmel und Erde, daß er ſein Volk richte. Und die Himmel werden ſeine Gerechtigkeit ver⸗ kündigen, denn Gott iſt Richter, Sela. Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchſten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten, ſo ſollſt du mich preiſen. Merket doch das, die ihr Gottes vergeſſet, daß ich nicht einmal hinreiße, und ſei kein Retter mehr da. Wer Dank opfert, der preiſet mich; und da iſt der Weg, daß ich ihm zeige das Heil Got⸗ tes. Gott ſei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Waſche mich wohl von meiner Miſſethat und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich erkenne meine Miſſethat, und meine Sünde iſt immer vor mir. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen gewiſſen Geiſt. Verwirf mich nicht von deinem Ange⸗ ſicht, und nimm deinen heiligen Geiſt nicht von mir. Tröſte mich wieder mit deiner Hülfe, und der freudige Geeiſt enthalte mich.“ Dieſe und andere Worte ſtanden auf dem Blatte, und das Blatt war ein Blatt aus den Pſalmen Da⸗ vid's, ein Blatt aus dem Buche aller Bücher, der hei⸗ ligen Schrift. Ein einziges Blatt war es nur, und dies eine Blättchen ſogar halb zerriſſen, und doch— welche Fülle von Troſt und Stärkung ſchöpfte Hans, der arme einſam und verlaſſen leidende Knabe, aus dieſem klei⸗ nen Blatte! Wie trafen die wenigen Worte ſein Herz, wie flößten ſie ihm Muth, Kraft und Hoffnung ein, wie erheiterten ſie ſeine traurige Seele, wie erhoben ſie ſein Gemüth, wie ſtark machten ſie ſeinen Geiſt, der eben noch ſchwach war und ſchwankte, wie ein Gras⸗ halm im Sturme. 69 „»Rufe mich an in der Noth, und ich will dich erretten, und du ſollſt mich preiſen!“ rief er aus und erhob wiederum Augen und Hände zum Himmel.„Lieber Gott, erbarme dich meiner und hilf mir armen Knaben aus meiner Betrübniß! Ach, ich erkenne ja meine Miſſethat und meine Sünde iſt im⸗ mer vor mir! Darum ſei mir gnädig und verwirf mich nicht von deinem Angeſicht! Ich habe thöricht gehandelt, wie ein recht unbeſonnenes Kind, aber ſiehe, ich will es doch auch gewiß nicht wieder thun! Darum erhöre mich, lieber Gott! Meine Noth und meine Angſt iſt ſo groß, ich rufe dich an, ach, errette mich, Gott, errette mich aus der Hand des Böſen, in die ich gefallen bin!« So betete er, und im Gebet fand er Ruhe und Frieden, und wunderbar war es, wie die Freudigkeit der Hoffnung ſiegreich in das Herz des Knaben einzog, und ihn mit ſtiller, aber feſter und unerſchütterlicher Zuver⸗ ſicht erfüllte. Er hatte die Stütze und den Stab ge⸗ funden, deſſen er ermangelte in ſeinem großen Kummer, und feſt umklammerte er ihn, und die tiefen Schatten der Trübſal, der Angſt und Verzweiflung wichen plötz⸗ lich aus ſeiner Seele, ſo plötzlich, wie das Dunkel der Nacht verſchwindet, wenn die Sonne mit ihrem ſtrah⸗ lenden Lichte am Himmel emporſteigt. Das kleine, ſchmutzige, zerfetzte Bibelblatt war dem Knaben ein koſt⸗ barer Schatz geworden, und als ſolchen bewahrte er es, und las es wieder und immer wieder, und wie ihm dabei immer klarer wurde, daß er ſehr thöricht und un⸗ beſonnen und gewiſſenlos an ſeinen Verwandten und Freunden gehandelt hatte, ſo wurde ihm auch immer klarer, daß ſeine jetzige trübe Lage nur eine gerechte Strafe für ihn ſei, die er geduldig über ſich ergehen 3 ¹ — laſſen und tragen müſſe. Aber zugleich waffnete er ſich mit Muth und Standhaftigkeit, und dies wurde ihm ſo leicht, ſo leicht, wenn er auf ſein Bibelblatt ſchaute, denn da ſtand ja geſchrieben:„Rufe mich an in der Noth, und ich will dich erretten und du ſollſt mich preiſen!« Da ſtand es ja, und die Verheißung erfüllte das ganze Herz des Knaben, ſo daß er auch nicht den leiſeſten Zweifel hegte, als ob dieſe Verheißung ihn täuſchen und ſeine Hoffnung auf Rettung nicht in Er⸗ füllung gehen könne. Mehrere Stunden verbrachte er in ſtillem Nachden⸗ ken über ſich ſelbſt und über die Worte des Segens, die auf dem Blatte ſtanden, und als hierauf die rauhe, grobe Stimme ſeines Peinigers und Verfolgers durch die Fallthür zu ihm drang, und ihn aufforderte, herun⸗ ter zu kommen, ſo erſchrak er nicht im mindeſten, ſon⸗ dern brachte nur ſein liebes Bibelblatt in Sicherheit, indem er es auf ſeinem Herzen verbarg und ſorgfältig den Rock darüber knüpfte, und dann begab er ſich ge⸗ faßten Muthes nach unten, obgleich er erwartete, daß er einer neuen Mißhandlung von Seiten Wenzels ent⸗ gegen gehen müſſe. Aber dieſe Befürchtung ging glück⸗ licherweiſe nicht in Erfüllung. Wenzel hatte ihn nur gerufen, damit er aus einem hölzernen Schüſſelchen ſein Mittagsbrod eſſen ſolle, und bekümmerte ſich weiter nicht um den Knaben. Schweigend ſaß er am einzigen Fenſter des Stübchens, und ſtarrte finſter auf einige düſtere Tannen hinaus, die ſeine Hütte beſchatteten. Ruhig verzehrte Hans die ſchmale Koſt, welche Frau Sabine ihm vorſetzte, und ſtand, als er geſättigt war, vom Tiſche auf, um in ſein Gefängniß zurückzukehren. Ein Wink der Frau hielt ihn aber noch zurück. ee Aes 71 „Du jammerſt mich, armes Kind,“ flüſterte Frau Sabine ihm leiſe in's Ohr.»Aber habe nur Geduld und fürchte dich nicht allzu ſehr, ſo lange ich lebe, ſoll dir nichts Ernſtliches zu Leide geſchehen. Wenzel weiß ſelbſt noch nicht, was er mit dir machen ſoll, und viel⸗ leicht läßt er dich wieder frei. Aber gehorchen mußt du ihm, und darfſt ihn nicht durch Widerſpenſtigkeit reizen! Das verträgt er nicht, nicht einmal von mir! Aber im Uebrigen ſei du nur nicht bange, armer Kleiner!“ „Ich bin nicht mehr angſt, liebe Frau,“ erwiederte Hans, und blickte furchtlos und offen nach dem finſteren Wenzel hinüber.„Der da ſtehet ſo gut in Gottes Hand, wie ich ſchwacher Knabe, und Ihr könnt feſt glauben, daß Gott mich beſchützen wird. Ich habe ihn angerufen in der Noth, und Gott wird mich erretten, und ich werde ihn preiſen.“ Mit ſtaunender Verwunderung bemerkte Frau Sa⸗ bine das gänzlich umgewandelte Weſen und Benehmen des Knaben, der am Morgen noch bald trotzig, bald verzagt, und jetzt ſo ruhig, ſo ſicher, ſo feſt und ver⸗ trauensvoll war. Ehe ſie aber noch ihr Erſtaunen in Worten äußern konnte, drehte ſich ihr Mann plötzlich um und rief barſch:„Nun, was habt ihr da zu ziſcheln und zu murmeln? Marſch mit dem Jungen auf den Boden! Und du, Weib, nimm dich in Acht! Wenn ich merke, daß du dem Buben Vorſchub leiſteſt, ſo holt dich der Donner! Fort, du Burſche!“ »Ich gehe ſchon,« erwiederte Hans ruhig—»Ihr. braucht deßhalb keinen Spektakel zu machen, Wenzel! Und was Eure gute Frau anbetrifft, ſo hat ſie mir nur ——— 1 ein paar Worte des Troſtes geſagt. Alſo ſind Eure Drohungen ebenfalls überflüſſig!« »Biſt du toll Junge?« brauste der Mann auf. »Willſt du noch einmal meine Fauſt füͤhlen? Was 2¼ »Ich bin ein ſchwaches Kind und wehrlos gegen einen Mann, wie Ihr ſeid,“ ſagte Hans eben ſo ruhig, wie vorhin—„aber ſehet, ich fürchte Euch jetzt doch nicht mehr, weder Eure Stärke, noch Eure Wuihen Ich vertraue auf Gott, und Gott iſt ſtärker, als Ihr. Er. ter 2* wird mich ſchon beſchützen.“ »Hund, und du unterſtehſt dich,. 196 zu bie⸗ ten!« ſchrie Wenzel und ſprang vom Fenſte auf, um mit drohend erhobener Fauſt und gerunzelter Sirn auf Hans zuzuſchreiten.„Noch ein Wort, und ich ſchlage dich zu Boden!“« Hans ließ ſich nicht mehr einſchüchtern. Mit kla⸗ rem Auge ſchaute er feſt in das wüſte Geſicht des tyranniſchen Mannes, und antwortete ruhig, faſt mit⸗ leidig:„Tobe du nur! Schilt nur! Schlage mich nur! Gott hat mir Kraft gegeben, Alles zu tragen. Und wollteſt du ſelbſt mich ſchwachen Knaben todten, ich würde auch davor nicht zittern, du aber würdeſt dir ſelber das größeſte Herzeleid anthun, denn Gott ſpricht: „„Das thuſt du, und ich ſchweige; da meineſt du, ich werde gleich ſein, wie du; aber ich will dich ſtrafen und will dir's unter Augen ſtellen!«« ſo ſteht in der heiligen Schrift, und darum, ſo hüte dich wohl, daß du nicht die Gerechtigkeit Gottes herausforderſt.« Wenzel erbleichte vor dieſen Worten, er ließ die drohend erhobene Fauſt wieder ſinken, und wi ſcheu vor dem Knaben zurück, aus dem ein höheres Weſen zu ſprechen ſchien. Verwirrt und betroffen irrte ſein 4 * , 5 4 klar werde Blick umher, und wagte nicht, dem ruhigen und glän⸗ zenden Auge des Kindes zu begegnen, das ſo hülflos und demüthig, und doch wiederum ſo ſtark und gefaßt ihm gegenüberſtand.„Geh'!« ſagte er endlich mit dumpfer, grollender Stimme.„Wenn du mich nicht zur Wuth reizeſt, wird dir nichts geſchehen! Geh', geh!« 2₰ * Hans ging. Seltſam ergriffen blickte Wenzel ihm nach, ummte einige unverſtändliche Worte, und ſetzte in ſſchweigen a wieder an das Fenſter. Dort ſaß er lange itt dnen Grübeln verloren. Er konnte nicht . t das, was er mit dem Knaben begin⸗ nen ſollte. Wäre das Gold nicht geweſen, das ſeine Habgier gereizt hatte, er würde das Kind frei haben laufen laſſen, denn er fing an, ſich vor ihm zu fürch⸗ ten. Aber das Gold umſtrickte ſeine Seele. »Ich muß ihn hier behalten, den Jungen,« mur⸗ melte er.„Muß! Ließe ich ihn gehen, ſo würde er verrathen, daß ich ihn beraubt habe, man würde mich in's Gefängniß werfen, und zuletzt käme Alles an den Tag. Er muß bleiben, der Junge! Und dann— nun — wie oft ſtürzen nicht Schachte und Stollen in den Gruben ein! Wenn er da verſchüttet würde, wer könnte behaupten, ich ſei die Urſache ſeines Todes! Ja, ja, in die Bergwerke ſoll er mit, und das Uebrige wird ſich ſchon finden. Es iſt ja ſchon mehr als Einer hinein⸗ gegangen, der nicht wieder zurückgekehrt iſt. Und dann — dann iſt das Gold mein— und keine Stimme kann ſich erheben, mich zu verrathen.“ Der kleine Hans auf dem Boden oben ahnte nichts von den verrätheriſchen Plänen, die unten gegen ihn angeſonnen wurden. Er las ſein Bibelblatt. Da — 74 ſtanden die tröſtlichen Worte:„Rufe mich in der Noth, ſo will ich dich erretten!« Da aber Gott ſo zu ihm redete, was hätte er fürchten ſollen? 8 2* Sechstes Kapitel. 4 Die Gottloſen frachten Schaden zu un„ Pj. 35, 20. . * 9* So entſchloſſen auch Wenzel geweſen war, den kleinen Hans als Bergmannsjungen einzukleiden und ihn mit in die Tiefen der Erde zu ſchleppen, ſo wenig wagte er es in den nächſten Tagen, dieſen Vorſatz aus⸗ zufuͤhren. Heimlich hegte er nämlich noch immer die Furcht, daß am Ende doch wohl der Wachtmeiſter Paul noch wiederkehren und nach dem Knaben forſchen könne. Geſchah dies, und er hatte den kleinen Paul gar zu übel behandelt, ſo entging ihm nicht nur die gehoffte Belohnung, ſondern er mußte wahrſcheinlich auch das geraubte Gold herausgeben, obgleich er gegen Hans den Diebſtahl geläugnet hatte. Anders, wenn er ſich begnügte, den Knaben einfach gefangen zu halten. Wenn dann wirklich Paul kam, ſo konnte er die ſtrenge Ein⸗ ſperrung des kleinen Hans mit dem Vorgeben rechtfer⸗ tigen, daß der Knabe durchaus fort gewollt und deßhalb mit Gewalt habe zurückgehalten werden müſſen, um ihn bei den unruhigen Zeiten vor Schaden zu behüten. Dieſe Entſchuldigung bei angewandter Strenge mußte als höchſt wahrſcheinlich jedenfalls Glauben finden, und * 5 7E 60 dann konnte ſich's Wenzel immer noch zum Verdienſte anrechnen, daß er ſich des Knaben angenommen und ihm in ſeiner Hütte eine Zuflucht gewährt hatte. Und bei ſolchem Verdienſte, das er ſich erworben, fragte ge⸗ wiß Niemand nach dem geſtohlenen Golde, aber wenn es doch geſchah, ſo glaubte man gewiß der Verſicherung Wenzel's, daß er von dem Golde nichts wiſſe, und der Knabe es wohl verloren haben möge. So wurde dem kleinen Hans noch eine Friſt ge⸗ währt, und er ſaß ruhig auf dem Boden oben, den er nur verließ, um in Gegenwart Wenzel's ſeine kärglichen Mahlzeiten zu halten. Leider nur ſollte dieſe Friſt bald ablaufen.. Die Schlacht bei Jena wurde geſchlagen. Der heftige Kanonendonner drang bis in die Schluchten und Thäler der Gegend, wo die Hütte Wenzel's lag, und erweckte natürlich deſſen Neugierde. Er eilte dem Schau⸗ platze des Kampfes zu, und kehrte am folgenden Tage mit der Kunde zurück, daß die preußiſchen Truppen voll⸗ ſtändig auf's Haupt geſchlagen, und in der wildeſten Flucht und Auflöſung begriffen ſeien. Hohnlächelnd theilte er dieſe Nachricht auch Hans mit, den ſie in die äußerſte Beſtürzung verſetzte. »Und mein Vater!“ ſagte er.„Wenzel, habt Barm⸗ herzigkeit mit mir— wißt Ihr nichts von dem Schick⸗ ſale meines Vaters?« „Wer fragt nach dem Einzelnen bei ſolcher Ver⸗ wirrung?« erwiederte Wenzel.„War dein Vater bei der Schlacht zugegen, ſo iſt er entweder todt, oder ge⸗ fangen, oder auf der Flucht. Das kannſt du dir wohl denken. War er nicht dabei, ſo wird er dennoch den geſchlagenen Heeresmaſſen folgen müſſen, und auf jeden 76 Fall wirſt du für's Erſte nichts von ihm hören. Danke Gott, Junge, daß er dich in meine Hütte geführt hat. Hier findeſt du wenigſtens Nahrung und Obdach, wäh⸗ rend du draußen gewiß ſchon längſt den Tod erlitten hätteſt. Aber, verſteh' mich recht, von jetzt an wirſt du dein Brod verdienen müſſen. Ich bin ein armer Mann und kann keine Faullenzer ernähren. Morgen gehſt du mit mir in die Gruben zur Arbeit.“ »Wenn Ihr mich dazu zwingen wollt, Wenzel, ſo muß ich Euch freilich Folge leiſten,« entgegnete Hans gefaßt, obgleich er innerlich über die Zumuthung des Böſewichts erſchrocken war.„Aber bedenkt es wohl, ob es nicht beſſer wäre, Ihr ließet mich frei. Ich würde dann zu meiner Tante nach Berlin zurückkehren, und es ſollte gewiß Euer Schade nicht ſein, Wenzel! Verlaßt Euch darauf, daß ich dafür ſorgen würde, Eure Gaſtfreundſchaft zu belohnen, und von der Börſe in meiner Satteltaſche ſollte gewiß nie mehr die Rede ſein, obwohl Ihr am beſten wißt, wie ſie verloren ging. Beſinnt Euch, Mann!« „Ja, wenn man ſich nur auf die ſchönen Worte verlaſſen könnte,“ ſagte Wenzel mit mißtrauiſchem Blicke. „Aber biſt du mir erſt aus den Augen, ſo haſt du auch deine Verſprechungen vergeſſen und wagſt es wohl gar, mich anzuklagen, als hätte ich dich ſchlimm behandelt und dich beſtohlen. Ja, ja! Läugne nur nicht! Haſt du nicht eben noch geſagt, ich wiſſe von deinem Golde? Glaubſt du denn wirklich, daß ich es geſtohlen habe?« »Ja, Wenzel,“ entgegnete Hans offen—„ich glaube es nicht nur, ſondern ich weiß es! Hinterher habe ich mich beſonnen und erinnere mich ganz genau, daß die Börſe noch in der Satteltaſche ſteckte, als Ihr mich im Walde vom Pferde riſſet. Und nun habt Ihr den Sattel in Eurer Kammer gehabt und das Gold heraus⸗ genommen. Das könnt Ihr nicht läugnen, Wenzel! Aber Ihr braucht es auch gar nicht zu läugnen! Denn ich ſage Euch ja, Ihr ſollt das Gold behalten und noch mehr dazu bekommen, wenn Ihr mich frei gebt und zu meiner Tante reiſen laßt!“ „Unſinn, dummer!“ rief Wenzel barſch aus.„Ich weiß nichts von deinem Golde, und ſagſt du noch ein einziges Wort davon, ſo ergeht dir's übel. Und zu deiner Tante ſollſt du nicht! Hier bleiben ſollſt du, und arbeiten, und dein Brod verdienen! Und nun kein Wort mehr! die Sache iſt abgemacht. Marſch auf den Bo⸗ den, und morgen mit dem Früheſten vorwärts in die Gruben! Keinen Widerſpruch, oder du wirſt ſehen, daß ich Gewalt über dich habe!« Hans ging ſtill davon. Er war klug genug, ſich zu fügen und ſeine Lage durch Widerſpenſtigkeit nicht noch zu verſchlimmern. Es ſchien ihm zwar ſehr trau⸗ rig, daß er nun der Sklave dieſes Mannes werden ſollte, der ihn ſo ſchrecklich barſch und hart behandelte, aber er verlor deßhalb den Muth nicht, ſondern ver⸗ traute auf den Herrn, von dem geſchrieben ſtand:„Ich will dich erretten, und du ſollſt mich preiſen!« Dieſe Worte erhielten eine wunderbare Fülle von Troſt für den armen, hülflos einem Böſewicht preisgegebenen Knaben. Durch ſie fühlte er ſich in Gottes Obhut; aus ihnen ſchöpfte er Muth, alle Folgen ſeiner über⸗ eilten und unbeſonnenen Flucht zu ertragen, und er gab die Hoffnung auf Rettung nicht auf, welche, wie er meinte, ſchon kommen würde, wenn er genugſam für ſeinen Fehier gebüßt habe. Zudem wußte er wenigſtens 4 — — 78 ein Herz in ſeiner Nähe, das innige Theilnahme für ihn empfand, das Herz der guten Sabine. Von ihr hoffte er die möglichſte Erleichterung ſeines ſchweren Geſchickes, und auch dieſe Hoffnung floͤßte ihm Muth und Faſſung ein. Frau Sabine meinte es auch wirklich von Herzen gut mit ihm. Kaum hatte Hans die Stube verlaſſen, ſo drang ſie in ihren Mann, dem Knaben doch die Frei⸗ heit zu geben, die er gewiß nicht dazu mißbrauchen werde, ſich an ſeinem Verfolger zu rächen, aber leider war ihr Einfluß auf die Entſchlüſſe ihres Mannes zu gering, um denſelben ihren Bitten zugänglich zu machen. Vielmehr wies er ſie rauh zurück, und wollte von keiner Aenderung ſeines Vorhabens hören. „Du verſtehſt davon nichts,« ſagte er.„Darum ſchweig' ſtill, oder es geht dir eben ſo übel, wie dem Jungen! Nicht aus den Augen darf mir der Bube! Haſt du nicht gehört, wie er mir in's Geſicht hinein Schuld gab, ſein Gold geſtohlen zu haben? Kaum bei ſeinen Verwandten angekommen, würde er haarklein Alles erzählen und mich in's Verderben ſtürzen. Das fehlte mir gerade! Der Junge bleibt, und in den Berg⸗ werken ſoll er ſchon mürbe werden. Kein Wort weiter — die Sache iſt abgemacht!« Und ſie war es wirklich. Wenzel, mißtrauiſch, wie alle Verbrecher und ſchlechten Menſchen, wagte es nicht, den Verſicherungen des armen Knaben Glauben zu ſchenken, und die Beſorgniß um ſeine eigene Sicherheit war ſtärker, als die ſchwache Stimme ſeines verhärte⸗ ten Gewiſſens. Er übertäubte ſie und erſtickte mit Ge⸗ walt die Vorwürfe derſelben. Was kümmerte ihn das Schickſal des Knaben, wenn er nur das Goldz deſſelben 3 1 d 79 behielt? In ſeinem böſen Herzen ſann er auf das Ver⸗ derben des Kindes, und er wußte wohl, daß es ihm nicht ſchwer fallen werde, daſſelbe herbeizuführen, ohne ſich ſelbſt der Gefahr einer Entdeckung preiszugeben. Am nächſten Morgen in der Frühe mußte Hans kommen, einen ſchlechten Kittel anziehen, und Wenzeln in die Bergwerke begleiten. Er folgte ohne Widerrede, da er wohl wußte, daß alles Sträuben doch zu weiter nichts führen werde, als zu Mißhandlungen von Seiten ſeines tyranniſchen und grauſamen Gebieters. Tief in das Innere der Erde ging es hinab, in finſtere Stollen und Schächte, wohin noch nie das freundliche Licht des Tages eingedrungen war, wo nur der matte Schimmer der Grubenlichter die dunkle Nacht ein wenig lichtete. Auch Hans hatte ein ſolches Grubenlicht bekommen. Der Schein deſſelben ſpiegelte ſich an den naſſen Wän⸗ den der engen Gänge, welche er durchwandern mußte, und ein banges Grauen erfüllte ſeine Seele und machte ihm das Herz ſchwer. Es war ſo ſtill und unheimlich in dieſen Tiefen der Erde! Die feuchte, dumpfige Luft beklemmte die Bruſt und erſchwerte das Athemholen. Die Männer mit ihren Grubenlichtern huſchten gleich Schatten durch die hochgewölbten, kellerähnlichen Hallen, oder ſie hockten ſchweigend an den mächtigen Felswän⸗ den und ſuchten mit ſchwerer Anſtrengung Stücke des feſten ſtahlharten Geſteins mit Meißel und Bohrer los⸗ zubrechen. Ein dumpfes„Glückauf“, was etwa Einer dem Andern im Vorübergehen zurief, war Alles, was geſprochen wurde. Sonſt vernahm Hans nichts, als das Picken der Hämmer und Spitzhacken, das dumpfe Rauſchen unterirdiſcher Gewäſſer, und das Knarren und Stöhnen der Maſchinen, durch welche dieſe Waſſer aus 80 den tieferen Gruben nach oben geſchafft wurden. Alles, was er ſah und hörte, machte auf ihn einen trüben Eindruck, erweckte in ihm ein geheimes ahnungsvolles Grauen. Es war ihm zu Muthe, als ob er in einem großen Grabe wandelte, als ob er durch unheimliche Gewalten dahin gebannt wäre, und niemals, niemals wieder das heitere Licht des Tages, den blauen⸗Himmel und die freundlichen goldenen Sterne ſehen werde. Aber Hans gab ſich dieſen Eindrücken nicht widerſtandslos hin; er ſuchte ſie vielmehr zu überwinden, und es ge⸗ lang ihm auch, als er ſich ſeines Bibelblattes erinnerte. War denn nicht Gott ihm hier, tief unter der Ober⸗ fläche der Erde, eben ſo nahe, als droben? Was ſollte er alſo fürchten? Warum ſollte er ſich von der Angſt überwältigen laſſen? Hans gedachte des Herrn, und das Vertrauen auf ihn half ihm über das Grauen hin⸗ weg, das ſeine Standhaftigkeit zu erſchüttern drohte. Feſten Schrittes ging er neben Wenzel her, bis dieſer an einem der entlegenſten Punkte der Bergwerke ſtehen blieb, ſein Grubenlicht an eine vorſpringende Felsſpitze hing, und, ſich auf einen kleinen hölzernen Sitz mit nur einem Bein niederkauernd, mit finſterem Schwei⸗ gen ſeine Arbeit begann. Hans ſtand ſtill daneben, denn er wußte nicht, was er thun ſollte, da Wenzel ihm keine Anweiſung ertheilte. Nach einiger Zeit indeß hatte derſelbe einige größere Steinblöcke aus der Felſen⸗ wand losgebrochen und wandte ſich nun zu dem Kna⸗ ben hin. „Nimm dieſen Hammer,“ ſagte er,„und klopfe die Steine klein. Rühre dich aber, denn zum Faullenzen hab' ich dich nicht mitgenommen.“ Hans kniete gehorſam neben den Blöcken nieder und 8. 81 verſuchte ſeine ſchwache Kraft an ihnen. Nach langer Anſtrengung gelang es ihm endlich, die harten Stücke mit dem Hammer zu zerbröckeln, und todtmüde, mit Schweiß bedeckt, ruhte er von der ungewohnten Arbeit aus, in der Hoffnung, daß nun ſein Tagewerk zu Ende ſei. Aber Wenzel ſchob ihm andere Blöcke zu, und der arme Hans mußte wieder zum Hammer greifen, und wieder pochen, bis ihm endlich die Arme erlahmten und er kaum noch die Kraft hatte, den Hammer zu heben. Ein ganzer, großer Haufen klein geſchlagener Erzſtücke lag um ihn herum. »Mach fort!« herrſchte Wenzel ihm zu. „Ich kann nicht mehr— kann nicht!« erwiederte Hans.„Es iſt unmöglich!“ »So, biſt du ſchon müde geworden von dem Bis⸗ chen Pochen?« ſagte Wenzel höhniſch.„Nun ja freilich, die zarten Händchen ſind an dergleichen Arbeit nicht gewöhnt. Wird ſich aber ſchon finden. Uebrigens iſt's Mittagszeit, da kannſt du ein wenig ausruhen, und nachher ſollſt du mit Ulrich das Erz an's Tageslicht fördern. Da— iß!« Er warf dem Knaben ein Stück Brod und Käſe hin und unterbrach ebenfalls ſeine Arbeit, um das Mittagsmahl zu halten. Als er gegeſſen hatte, ſtreckte er ſich in einen Winkel lang aus und ſchlief wohl eine Stunde, die Hans in ſtillem Nachdenken zuhrachte. Das Geſchäft, zu dem er gezwungen wurde, ſchien ihm ſehr hart und ſchwer; aber dennoch verzagte er weder, noch verließ ihn ſeine Geduld und ſein Muth zum Ausharren.„Gott wird dir ſchon helfen, und dich aus der Gewalt des Böſen erretten, wenn die Zeit ge⸗ kommen iſt,“ dachte er.„Bis dahin mußt du ſtandhaft Eiin Bibelblatt. 4 6 82 ertragen, was der Herr dir Schweres auferlegt.“ Frei⸗ lich gedachte er mit heißer Sehnſucht ſeines guten Va⸗ ters und des ehrlichen, treuen Paul, und des freien vergnügten Lebens, das er daheim genoſſen und nun vielleicht auf lange Zeit verloren hatte— aber er ver⸗ gaß auch nicht, daß er es durch ſeine eigene Schuld verloren, und murrte nicht. Leiſe zog er ſein Bibelblatt aus dem Buſen, wo er es ſorglich verborgen hielt, und wenn ihn je Schmerz und Wehmuth zu überwältigen drohten, ſo las er die tröſtenden Worte, die es enthielt, und ſogleich fühlte er ſich wieder voll freudigen Muthes und gelobte ſich ſelbſt von Neuem, allezeit mit Herz und Sinn auf Gott zu hoffen und auf ſeine Hülfe zu bauen, die ihm gewiß nicht fehlen würde. Wenzel ſcheuchte ihn endlich aus ſeinem ſtillen Nachdenken auf, indem er ihm befahl, Ulrich zu rufen, welchen er in der Nähe eines Ortes, den er bezeichnete, finden werde. Err ſolle nur den Namen rufen, und dann mit Ülrich zurückkehren. Hans ging— rief— vernahm eine Antwort— und gleich darauf trat aus dem Dunkel eines tiefen Stollens ein junger Knabe, der ganz ver⸗ wundert Hans anſchaute. „Wer biſt denn du?« fragte er.„»Wie kommſt du hierher? Ich habe dich doch noch nie hier geſehen? Und was willſt du von mir?« „Ich ſoll dich rufen, Wenzel hat's mir befohlen, bei dem ich bin,“ entgegnete Hans freundlich, denn der Knabe, welcher eben ſo alt ſein mochte wie er, ge⸗ fiel ihm.. „Ach ſo, bei Wenzel biſt du!“ ſagte Ulrich in mit⸗ leidigem Tone.„Da wirſt du es wohl nicht gut haben! Wenzel iſt der böſeſte von allen Bergleuten und Jeder⸗ 83 mann geht ihm aus dem Wege. Was will er denn von mir?« »Wir follen das Erz an's Tageslicht fördern,“ er⸗ wiederte Hans.„Wenigſtens ſagte er das vorhin.“ „So? Ich ſoll dir alſo helfen!“« ſprach Ulrich. »Nun, das ſoll recht gern geſchehen. Komm nur, da⸗ mit Wenzel nicht ſo lange zu warten braucht. Er kann es nicht vertragen und ſchilt und ſchlägt gleich wie ein Wuͤthender um ſich. Wenn wir bei der Arbeit ſind, ſollſt du mir mehr von dir erzählen. Ich weiß nicht, du ſiehſt mir gar nicht ſo aus, als ob du hieher ge⸗ hörteſt, und aus dieſer Gegend biſt du auch nicht, denn du ſprichſt ganz anders, als die Jungen hier zu Lande. Na, komm nur. Ich werde ja ſchon hören, wie das zuſammenhängt. Mit raſchen Schritten eilten die Knaben an den Ort zurück, wo Wenzel ſie erwartete. »Hole den Hund, Ullrich,« rief er den Knaben ent⸗ gegen.„Schafft das Erz hinaus und fördert es in's Feuer! Macht aber geſchwind und faullenzt nicht! Das höre du, Hans, unterſtehſt du dich, ein Wort mit dem Burſchen da zu reden, ſo geht es dir ganz ſchlecht. Du weißt wohl, ich verſtehe keinen Spaß in Dergleichen. Und du, Ulrich, nimm dich des Jungen ein wenig an. Er hat auch keine Eltern mehr, gerade wie du, und da haben wir ihn aus Barmherzigkeit in unſere Hütte aufgenommen! Glaub' ihm kein Wort, was er ſpricht, denn er iſt ein verzogenes Kind, und lügt über alle Maßen. Und nun geht— Ihr wißt jetzt Beſcheid.« Ulrich hielt ſich nicht lange mit einer Antwort auft »Angefaßt!“ ſagte er zu Hans.„Geſchwind ein wenig! 84 Ich habe noch mehr zu thun— im Jeremias⸗Stollen! Friſch fort!“ Ein bedeutſames Zwinken mit den Augen nach Wenzel hin erklärte die kurzen, befehlenden Worte Ulrichs, und Hans, der dieſen Wink wohl verſtand, ließ ihn nicht unbeachtet. Hurtig griff er zu, warf die Erz⸗ ſtücken in den kleinen, niedrigen Wagen, welcher in Bergwerken mit dem Namen„Hund“ bezeichnet wird, und rollte denſelben, als er gefüllt war, mit Hülfe Ulrichs durch verſchiedene Gänge an einen Ort, wo das Erz mit Hülfe von Seilen und Körben durch einen weiten Schacht nach Oben hin befoördert wurde. Schwei⸗ gend leerten ſie den Inhalt des„Hundes“ in den Korb aus, welcher auf ein gegebenes Zeichen ſogleich in die Höhe gewunden ward, und kehrten dann nach dem Orte zurück, wo Wenzel arbeitete. Hans wollte unterwegs ein paar Worte reden— Ullrich aber blickte ihn wieder behutſam an, ſchuttelte den Kopf, und trabte raſch durch die Stollen davon. Seine Vorſicht war nicht über⸗ flüſſig geweſen. In dem Halbdunkel, das in den unter⸗ irdiſchen Gängen herrſchte, erkannte Hans einen Schat⸗ ten, welcher ſchnell vor ihnen her huſchte. Es war Wenzel, der ohne Zweifel den beiden Knaben heimlich gefolgt war, um ſie zu beobachten und ihre Geſpräche zu belauſchen, wenn ſie deren, wie er vermuthet haben mochte, führen würden. Ülrich, der ihn ſchon lange kannte, hatte etwas der Art vermuthet, und deßhalb die ggrößeſte Vorſicht beobachtet. Wohl zehn oder zwölf Mal fuhren die beiden Kna⸗ ben den Hund hin und her, immer unter demſelben Schweigen; und immer bemerkte Hans den Schatten, welcher wie ein böſer Geiſt durch die Gänge ſchlich, 85⁵ um in der Gegend zu verſchwinden, wo Wenzel arbeitete. Erſt bei der letzten Ladung Erz, die ſie fortbrachten, hielt Ulrich einen Augenblick inne, und flüſterte raſch und leiſe:„Heute Abend! Erwarte mich! Ich muß hören, wer du biſt, und wie du hierher kommſt. Viel⸗ leicht kann ich dir helfen. Du ſchläfſt doch oben auf dem Boden, nicht wahr?“ »Ja,“ erwiederte Hans—„aber wie willſt du zu mir gelangen?“ „Das ſei meine Sorge,“ ſagte Ulrich.„Laß dir nichts merken— ſtill! Und wieder vorwärts! Wenzel iſt ſchlau, und man muß es ſehr pfiffig anfangen, wenn man ihn täuſchen will.“ Weiter ging es durch die unterirdiſchen Gänge, bis die Arbeit vollbracht war. Wenzel ſchickte hierauf Ulrich fort, und Hans mußte bis zum Feierabend wieder Steine klopfen, was ihm, da er ſo gar nicht an Arbeit ge⸗ wöhnt war, herzlich ſauer wurde. Endlich warf Wenzel Hammer und Meißel von ſich, und ein ſtummer Wink bedeutete Hans, daß er ebenfalls mit der Arbeit auf⸗ hören dürfe. „Es iſt genug!“ ſagte er.„Heute haſt du dein Brod verdient; komm jetzt nach Hauſe.“ Hans war eben nicht böſe über dieſe Aufforderung. Er folgte Wenzeln dicht auf dem Fuße. Als er aus den Bergwerken in's Freie gelangte, war es ſchon dun⸗ kel. In der Hütte angekommen, verzehrte er hurtig ſein kärgliches Abendbrod, das Frau Sabine ihm vor⸗ ſetzte, und dann ſchlich er nach dem Boden hinauf, wo er ſich auf ſein Heulager warf, und geduldig auf die Ankunft Ulrichs wartete, der ihm einen Beſuch ver⸗ ſprochen hatte. 1 Siebentes Kapitel. Sin treuer Freund iſt ein ſtarker Schutz. Sir. 6, 14. Langſam verſtrichen die Stunden. Von unten her⸗ auf tönte der Schlag einer alten Schwarzwälder Uhr, welche in Wenzels Kammer hing, und Hans vernahm jeden Ton, indem er das Ohr gegen den Fußboden drückte. Er zählte acht— neun— zehn Schläge. Ein Geräuſch verkündigte ihm, daß Wenzel jetzt zu Bette ging. Es ſchlug elf— Alles war ruhig und ſtill im Hauſe, wie in der Gegend umher— und noch immer wachte Hans und wartete der Ankunft ſeines kleinen Freundes. „Halb zwölf!« murmelte er, als wiederum die Glocke drunten anſchlug—„jetzt wird er nicht mehr kommen! Vielleicht hat er mich ſchon wieder ganz vergeſſen und kümmert ſich um mich armen Jungen nicht mehr.“ Seufzend ſtreckte er ſich auf ſeinem harten Lager aus, erhob ſeine Gedanken zu Gott, wie er es jeden Abend that, ſeit er das Bibelblatt gefunden hatte, und war eben im Begriff einzuſchlafen, als er plötzlich, ein leiſes Raſcheln vernehmend, wieder in die Höhe fuhr, ſich aufrichtete, und in geſpannter Erwartung das Ohr ſpitzte. Das Raſcheln dauerte fort— über ſeinem Haupte huſchte es hin— dann wurde es auf einmal ſtill— aber gleich darauf ertönte eine leiſe Stimme von der Bodenluke her, und der Name„Hans! Hans!« wurde in den Bodenraum hinein geflüſtert. Hans 87 ſprang hoch erfreut auf und ſtand im nächſten Augen⸗ blicke bei der Luke. „Du biſt's, Ulrich!« fragte er heimlich.„Wie freue ich mich! Ich fürchtete ſchon, du würdeſt nicht mehr kommen!“ „Ja, es hat ein wenig lange gedauert,“ erwiederte Ulrich—„aber ich durfte es nicht früher wagen, mich her zu ſchleichen, denn bis gegen elf Uhr brannte noch Licht in Wenzels Kammer. Aber jetzt erzähle mir ge⸗ ſchwind, was ich gern wiſſen möchte. Thu' es ohne Furcht; ich verrathe dich nicht, denn du gefällſt mir, und an deinen weichen Händchen habe ich wohl gemerkt, daß du nicht armer Leute Kind ſein kannſt. Hinter der ganzen Geſchichte ſteckt gewiß wieder ein ſchlechter Streich von Wenzel.“ Hans bedachte ſich keinen Augenblick, ſondern er⸗ zählte trotz allen Drohungen Wenzels ausführlich ſeine ganzen erlebten Abenteuer, die Ülrich ſtill und auf⸗ merkſam anhörte, kaum durch einen Laut des Erſtaunens oder des Abſcheu's die Erzählung unterbrechend. „Siehſt du,“ ſagte er endlich,„irgend ſo etwas habe ich mir doch gedacht. Wenzel hat dein Geld geſtohlen, und iſt nun angſt, daß du es verrathen könnteſt. Da⸗ rum ſperrt er dich ein, damit du nicht entfliehen kannſt — darum verbietet er dir, mit mir zu plaudern. Aber ſeine Vorſicht ſoll ihm ſchon nichts helfen! Habe nur Geduld, Hänschen! Ich bin dein Freund, und werde für dich wachen und thätig ſein! Aber freilich, wie dir zu helfen iſt, das muß recht ſorgfältig überlegt werden — denn mißlingt es, ſo ſchafft dich Wenzel auf die eine oder andere Art auf die Seite. Ich kenne den Böſewicht, und alle Bergleute kennen ihn, und ſchon 88 ſeit Jahr und Tag geht kein rechtſchaffener Bergmann mit ihm um. Er muß getäuſcht werden— und mit Gottes Hülfe ſoll es wohl gelingen. Fliehen mußt du, Hans! Und ich fliehe mit dir! Aber vorſichtig müſſen wir ſein, ach ſo vorſichtig! Denn das Luchsauge Wen⸗ zels wird uns immer bewachen, und dieß um ſo ſorg⸗ fältiger, als er uns fürchten muß. Haſt du wohl be⸗ merkt, wie er uns immer nachſchlich, wenn wir den Hund zum Schachte fuhren? Ja, ja, er iſt ſchlau— aber trotz alledem— mit Gottes Hülfe werden wir doch ſeine Schlauheit zu Schanden machen. Aber horch — was iſt das?— Still— ich glaube gar, er kommt — ſtill, Hänschen, und rühre dich nicht!« In der That, unten knarrte die Hofthür in ihren Angeln, und man vernahm den Schritt Wenzels. Einige Augenblicke banger, athemloſer Erwartung verſtrichen den Knaben. Hans zitterte vor Angſt um ſeinen Freund, wie Eſpenlaub. Wenn ihn Wenzel entdeckte, ſo waren ſie Beide verloren. Zum Glück war die Nacht dunkel, und ſelbſt das ſchwache Licht des Mondes wurde von dichten Wolken, die den Himmel bedeckten, verhüllt. „Wer iſt da?« rief Wenzel plötzlich mit ſtarer Stimme.„Antwort, oder ich ſchieße!« Keine Antwort. Ulrrich drückte ſeinen Leib dicht und feſt in das halb verwitterte Stroh des Daches, und Hans hütete ſich wohl, einen Laut zu geben. .„Verwünſcht!« murmelte Wenzel.„Die Finſterniß iſt zu dicht— und man kann kaum die Hand vor Augen ſehen— und doch wollte ich darauf ſchwören, daß ich ein Geräuſch vernommen und Stimmen gehört hätte!« Er durchſtöberte den ganzen kleinen Hof— fand — 89 aber dort natürlich nichts, was ihn in ſeinem Verdachte hätte beſtärken können. Noch ein paar Flüche vor ſich hin murmelnd, kehrte er endlich in die Hütte zurück und verſchloß die Thür hinter ſich. „Geſchwind jetzt auf dein Lager!“ flüſterte Ulrich ſeinem Freunde zu.„Er wird kommen und nach dir ſehen! Stelle dich ſchlafend, und ich verſtecke mich einſt⸗ weilen.“ „Aber wie und wo?« fragte Hans ängſtlich, die eigene Gefahr über der des Freundes vergeſſend. „Nun, ich rutſche über das Strohdach hin, wie ich gekommen bin,“ entgegnete Ulrich haſtig.»An den Tannen klettere ich hinunter, wie auf einer Leiter, ver⸗ berge mich draußen, und kehre zurück, wenn Alles wie⸗ der ruhig iſt. Geſchwind lege dich nieder— es iſt kein Augenblick zu verſäumen!“ Leiſe, wie eine Katze, huſchte er davon. Hans warf ſich auf ſein Heulager, und hörte ſein leiſes Raſcheln uͤber das Stroh hin. Dann vernahm er den Ruf von unten aus dem Hauſe:„Hans, Hans!“ Aber er ſchwieg mäuschenſtill, und gab keine Antwort. Die Leiter, die nach der Luke führte, knarrte— Wenzel kam— er hatte unten eine Laterne angezündet, und leuchtete da⸗ mit dem ſcheinbar feſt ſchlummernden Knaben in's Ge⸗ ſicht. Hans regte ſich nicht— blinzelte nicht mit den Augen— zuckte nicht mit den Wimpern, obgleich ſein Herz wie ein Hammer in der Bruſt pochte. Kaum eine Minute lang beobachtete Wenzel den Knaben— aber dieſem dünkte die Minute eine Ewigkeit. „Er ſchläft,« murmelte Wenzel endlich—„und doch — aber nein— er ſchläft wirklich!« Langſam wendete er ſich von dem Knaben ab, ging 90 nach der Bodenluke hin— kehrte aber noch einmal zu⸗ rück, blickte noch einmal ſcharf in das Antlitz des armen Hans. Der Knabe blieb aber ſtandhaft auch bei dieſer zweiten Probe. Nun endlich ging der mißtrauiſche Böſewicht, und Hans athmete tief, tief auf, wie von einer ſchweren Laſt befreit. Aber zu rühren wagte er ſich nicht— Wenzel konnte ja noch einmal wieder kommen. Aber er kam nicht— ſein ſchwerer Schritt ſchallte unten durch die Hausflur— er öffnete noch einmal die Hofthür— trat in's Freie auf den Hof, und leuchtete auch hier mit der Laterne hin und her. Hans dankte Gott im Stillen, daß Ulrich entflohen war. Mit geſchärftem Ohr horchte er auf jedes Ge⸗ räuſch— er hörte Wenzel leiſe vor ſich hin murmeln und fluchen— hörte ihn den Hof verlaſſen— in das Haus zurückkehren— in die Stube gehen! Nun end⸗ lich beruhigte er ſich. Wenzel hatte gewiß nichts Ver⸗ dächtiges bemerkt, ſonſt wäre er ohne Zweifel noch ein⸗ mal auf den Boden gekommen. Hans dankte dem Herrn, daß Er das Auge des böſen Mannes mit Blind⸗ heit geſchlagen hatte. Nach Verlauf von etwa einer Stunde, während welcher Alles ſtill und ruhig geblieben war, raſchelte es wieder im Stroh über dem Haupte des harrenden Hans, und gleich darauf ließ ſich zum zweitem Male Ulrichs Stimme von der Bodenluke her vernehmen. „Hans!“ rief er flüſternd—„Hans, biſt du noch wach?“ Angenblicklich ſprang Hans auf und ſchlich leiſe nach der Luke hin.„Um Gottes willen, Üllrich,“ ſagte er,„wenn nun Wenzel noch einmal her käme?“ „Er wird nicht!“ entgegnete Ulrich zuverſichtlich. 5 — 91 „Ehe ich auf das Dach kletterte, legte ich mein Ohr an den Fenſterladen der Kammer, wo er ſchläft, und habe ihn laut ſchnarchen hören. Jetzt ſind wir ſicher, und müſſen die Gelegenheit benutzen, uns zu verabreden, wie wir die Flucht bewerkſtelligen wollen. Denn daß wir fliehen müſſen, verſteht ſich von ſelbſt.“ „Du haſt ja aber eben wieder geſehen, wie wachſam Wenzel iſt,“ erwiederte Hans.„Es ſcheint mir un⸗ möglich, ihm zu entrinnen, und, erwiſchte er uns, ſo müſſen wir auf Alles gefaßt ſein. Ich glaube, er würde uns todtſchlagen in der erſten Wuth!« „Darum darf er uns eben nicht erwiſchen,“ ent⸗ gegnete Ulrich.„Und er ſoll es auch nicht. Paß auf, Hänschen! In der dritten Nacht von heute ab wollen's wir verſuchen. Das iſt am Sonnabend, und da pflegt ſich Wenzel in der Schenke drunten ſo ſchwer zu be⸗ trinken, daß er ſchläft wie ein Todter und weder ſieht, noch hört. Dann führen wir's aus, bemächtigen uns des Sattels und Zaumes deines Schimmels, brechen ein Loch in die Wand des Stalles, wo dein Schimmel ſteht, und dann Haidi! davon.“ „Aber du weißt wohl nicht, daß Sattel und Zaum in Wenzels Schlafzimmer über dem Bette hängen,“ erwiederte Hans.„Um Beides zu bekommen, müßte Einer von uns hinein, und ich geſtehe dir, ich möchte lieber in die Höhle eines Löwen gehen, als in ſolcher Abſicht in Wenzels Kammer.“ „Pah, nur keine Furcht, Hänschen!“ ſagte Üllrich. „Du weißt ja, er iſt dann betrunken, und da kannſt du ihn am Ohre zupfen, er merkt es nicht. Indeß, ſchlimmſten Falls geh' ich hinein und hole das Geſchirr! Ich fürchte mich nicht.“. 3 92 „Aber, Frau Sabine,“ ſagte Hans.„Wenn ſie nun aufwacht! Sie ſchläft mit in der Kammer! Wird ſie uns nicht verrathen? Wird ſie nicht ihren Mann wecken?« „Das glaub' ich nicht,“ entgegnete Ulrich.„Sie iſt eine brave, gute Frau, und verabſcheut das ſundhafte Treiben ihres Mannes von ganzer Seele! Nein, nein, von ihr haben wir nichts zu fürchten, und ich glaube vielmehr, ſie wuͤrde uns eher behülflich als hinderlich ſein. Sie hat ſich ja deiner auch ſchon freundlich an⸗ genommen, wie du mir erzählteſt.“ „Ja, das hat ſie gethan, und ich werde es gewiß nicht vergeſſen,“ ſagte Hans.„Sollte ich je in die Lage kommen, wo ich mich ihr dankbar beweiſen kann, ſo will ich mich ihrer ſicherlich erinnern. Ja, ja, ſie verräth uns wohl nicht! Aber was nun weiter, Ulrich? Wie willſt du es möglich machen, in den Stall zum Schim⸗ mel einzubrechen?« „Bin ich denn nicht ein Bergmannsjunge?“ ant⸗ wortete Ulrich.„Das iſt nur eine Kleinigkeit! Die Wand iſt von Lehm, und ein paar Schlaͤge mit der Spitzhacke werden uns bald zum Ziele führen.“ „Gut! Und dann? Wohin ſollen wir fliehen, wenn uns wirklich Alles gelänge? Ich kenne weder Weg noch Steg hier in der Gegend— wir rennen bei der Nacht am Ende in der Irre herum— und wenn mich Wen⸗ zel am Morgen vermißt, wird er uns natürlich nach⸗ ſetzen! Dann wehe uns, wenn er unſre Spur entdeckt und uns findet!“« 4 „Dafuͤr laß du nur mich ſorgen!« erwiederte Ui zuverſichtlich.„Zwei Stunden im Umkreiſe kenn' ich jeden Weg und Steg, und ehe Wenzel am Sonntage 93 von ſeinem Rauſche erwacht, ſind wir weit über alle Berge! Sei nicht zu ängſtlich, Hänschen! Sieh', hier in der Gewalt Wenzels bleiben kannſt du nicht und darfſt du nicht! Alſo friſch vorwärts! Schlimmeres wird dir auf keinen Fall begegnen, als was dir ohne⸗ hin hier ſchon bevorſteht!“ „Das iſt wahr!“« ſagte Hans.„Und nun ſoll's auch dabei bleiben— in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ergreifen wir die Flucht!“ „Abgemacht!« ſtimmte Ullrich bei.„Aber nun hüte dich auch, daß kein Wort, kein Blick, keine Miene unſer Vorhaben verräth und Wenzels Verdacht erregt. In den Bergwerken müſſen wir thun, als ob wir noch im⸗ mer einander ganz fremd wären— denn ſobald Wenzel Vertraulichkeiten zwiſchen uns bemerkt, wird er uns augenblicklich von einander trennen und ſeine Wachſam⸗ keit verdoppeln. Alſo ſtumm, wie das Grab, und vor⸗ ſichtig, Hänschen! Das iſt vorlaufig die Hauptſache! Und nun gute Nacht, und laß dir'was Angenehmes träumen! Die Zeit vergeht— die Hähne krähen ſchon im Dorfe, und morgen müſſen wir wieder an die Ar⸗ beit, wo wir unſere Kräfte gebrauchen! Gute Nacht, Hinahtn. und vergiß nicht:„Wachſamkeit und Vor⸗ icht. „Halt, Ulrich, noch eins,“ ſagte Hans.„Was meinſt du, ſollen wir Frau Sabine in unſer Geheimniß ziehen? Vielleicht wäre ſie uns behülflich, und jeden⸗ falls, wenn ich bedenke, wie gut ſie gegen mich geweſen iſt, glaube ich nicht, daß ſie uns verrathen wird.“ Ülrich ſann ein Weilchen nach, aber nach kurzem Bedenken meinte er doch, daß es beſſer ſei, Frau Sabine in Unwiſſenheit zu laſſen.„Freilich könnte ſie uns wohl 94 gute Dienſte leiſten,“ ſagte er,»aber um ihrer ſelbſt willen iſt es doch beſſer, ſie auszulaſſen. Sie möchte ſich angſtigen, und ihre Angſt könnte Wenzel mißtrauiſch machen. Nein, das Geheimniß muß zwiſchen uns blei⸗ ben, Hänschen. Und nun, gute Nacht!“« Die Knaben drückten einander herzlich die Hände, und Ulrich huſchte davon. Hans blieb lauſchend an der Luke ſtehen, bis er ſich überzeugt hatte, daß Ulrich in Sicherheit ſei. Dann legte er ſich wieder auf ſein Heu nieder, und bald ſchloſſen Erſchöpfung und Müdigkeit von der ungewohnten Arbeit des vergangenen Tages ihm die Augen zu. Sanft ſchlummerte der Knabe, bis am Morgen der laute Ruf Wenzels ihn wieder aufſcheuchte. Obgleich noch todtmüde, mußte er dennoch dem Rufe gehorchen, und eilte hinunter in die Stube. Wenzel empfing ihn mit einem forſchenden, durchbohrenden Blicke, der wie ein Dolchſtich in das Herz des Knaben drang. Aber er bezeigte ſich ſtandhaft, beherrſchte, des Freundes ein⸗ gedenk, ſeine Verwirrung, und verzehrte mit unbefange⸗ ner Miene ſein Frühſtück. Wenzel dagegen fuhr fort, ihn mit mißtrauiſchem Auge zu beobachten, und fragte plötzlich: „Wer war dieſe Nacht bei dir, Junge? Geſteh's auf der Stelle!“ Hans fühlte ſein Herz in der Bruſt erbeben, denn er ſah wohl ein, daß ein einziges unbeſonnenes Wort ſein Verderben herbeiführen könne— aber gleichwohl antwortete er raſch: „Wer bei mir war? Gott! Er iſt immer bei mir!“ Den Namen des Herrn konnte, wie es ſchien, ℳ * 95 Wenzel nicht ohne heimliches Grauen ausſprechen hören. Auch jetzt bebte er vor ihm zurück, und ohne noch ein Wort zu ſprechen, winkte er dem Knaben nur, ihm zu folgen, und ſchritt durch den aufdämmernden Morgen den Bergwerken zu. Er war finſter und in ſich gekehrt. Böſe Gedanken mochten in ihm wach ſein, und ſeine ganze Seele beſchäftigen, denn er beantwortete nicht einmal das„Glückauf“, das ihm nach üblicher Sitte die begegnenden Bergleute und Pochjungen zuriefen. Schweigend fuhr er zu Schachte, und begann ſchweigend ſeine Arbeit, wie am geſtrigen Tage. Hans mußte ebenfalls, wie geſtern, die losgebrochenen Erzſtücke klein pochen. Heute war es ihm nicht unangenehm, denn er konnte ſich bei dieſer Arbeit ungeſtört mit ſeinen Ge⸗ danken beſchäftigen, die natürlich vorzugsweiſe bei ſeinem neuen Freunde Ulrich und der bevorſtehenden Flucht ver⸗ weilten. Plötzlich drehte Wenzel ſich nach ihm um, und ſagte barſch:„Rufe Ulrich!“ Obgleich Hans ſich dieſes Befehles freute, ſo hütete er ſich doch, ſeine Empfindungen zu verrathen, denn er bemerkte, daß Wenzels Auge lauernd auf ihn geheftet war. Scheinbar gleichgültig ſtand er auf, rief Ulrichs Namen und kehrte dann, ohne ein Zuſammentreffen mit ihm abzuwarten, an ſeine Arbeit zurück. Ulrich kam. Auch er wußte ſich vollſtändig zu beherrſchen, und ob⸗ gleich Wenzel jede Miene, jeden Blick, jede Bewegung der beiden Knaben mit dem ſchärfſten Mißtrauen beob⸗ achtete, ſo konnte er doch kein Zeichen, auch nicht das geringſte, irgend eines Einverſtändniſſes zwiſchen den Knaben bemerken. Vollkommen beruhigt durch ſeine Beobachtung, wandte er die Blicke von den Knaben ab, 96 wies ihnen ihre Arbeit an, und murmelte zufrieden vor ſich hin:„Es war nichts! Ich muß mich getäuſcht haben dieſe Nacht; oder es iſt nur eine Katze oder eine Eule geweſen, die auf dem Dache herumgekrochen iſt.“ Die Knaben bemerkten bald, daß es ihnen glücklich gelungen war, jeden Verdacht Wenzels einzuſchläfern, und um ſo leichter wurde es ihnen nun, ſich auch ferner⸗ hin eine ſorgloſe und unbefangene Miene zu geben. So vergingen die drei Tage, die zwiſchen der nächt⸗ lichen Zuſammenkunft der Knaben und ihrer Flucht lagen, und die entſcheidende Stunde rückte ihnen näher. Als ſie Sonnabends mit einbrechender Dunkelheit die Berg⸗ werke verließen, drückte Hans heimlich Ülrichs Hand, und flüſterte ihm zu:„Dieſe Nacht!« »„Schlag zwölf Uhr!“ entgegnete lllrich eben ſo leiſe — und die Knaben trennten ſich. Wenzel aber ſchlug richtig den Weg nach dem Dorfe ein, wo die Schenke lag, um einen Theil ſeines Wochenverdienſtes in ſtar⸗ kem Getränk zu vergeuden. Hans ſchlich auf ſeinen Boden und zählte hier un⸗ 5 geduldig die langſam dahin ſchleichenden Minuten. Ein, mal fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, noch vor der Rückkehr Wenzels aus dem Wirthshauſe in die Kammer hinunter zu ſchluͤpfen und Sattel und Zaum auf die Seite zu bringen. Dadurch vermied er das gefahrvolle Wagſtück, in Gegenwart Wenzels das Ge- ſchirr zu holen, der, wenn auch ſchlafend und berauſcht, immer zu fürchten war. Nach kurzer Ueberlegung gab er jedoch dieſen Gedanken wieder auf— denn leicht konnte Wenzel, trotz ſeiner Trunkenheit, die leere Stelle über ſeinem Bette bemerken, und dann war natürlich im Augenblicke Alles verrathen. Beſſer, Hans verließ — 97 ſich auf die Betäubung der Trunkenheit und den feſten Schlaf, der die ſichere Folge davon war. Gegen eilf Uhr kam Wenzel. Er taumelte, ſang, ſprach verwirrtes Zeug durch einander, und ſtürzte, als er in die Hütte eintreten wollte, ſtolpernd zu Boden. Hans vernahm das Geräuſch des ſchweren Falles und die wilden Flüche Wenzels. In ſeinem Herzen froh⸗ lockte er, denn an dieſen Zeichen erkannte er deutlich genug, daß Wenzel allerdings ſchwer betrunken ſein müſſe. Leiſe, auf den bloßen Füßen, ſchlich er in den Hausflur hinunter, und drückte lauſchend ſein Ohr an die Stubenthür. Er vernahm die Stimme Frau Sa⸗ bine's, welche ihrem Manne Vorwürfe wegen ſeiner Trunkenheit machte, welche Wenzel mit wüſten Schimpf⸗ worten beantwortete. Frau Sabine ſchwieg hierauf— Wenzel taumelte in die Kammer— und Alles wurde ſtill. Hans faßte friſchen Muth und kehrte mit erleich⸗ tertem Herzen auf den Boden zurück. »Wenn jetzt nur Ülrich käme!« ſagte er zu ſich ſelbſt. »Alles ſteht gut, und unſer Vorhaben muß gelingen.“ Mit geſpannter Aufmerkſamkeit horchte er in die Nacht hinaus, und lauſchte auf die nahenden Schritte des Freundes. Endlich vernahm er ſie. Ein Zweig der Tanne, deren ſich Ulrich als Leiter bediente, um auf das Dach zu kommen, knackte hörbar unter ſeinen Füßen, dann raſchelte das Stroh, und im nächſten Au⸗ genblicke befand ſich Ulrich an der Bodenluke. »Hans!“« flüſterte er. „Hier, Ulrich 1 „»Wie ſteht's?« »Alles gut!« »Haſt du Muth?« Ein Bibelblatt. 7. 98 »„Ich fürchte nichts! Wenzel ſchläft und kam völlig trunken nach Haus!«“ „Ich habe ihn ſchnarchen hoͤren, als ich an der Tanne in die Höhe kletterte. Aber nun auch nicht mehr gezögert! Friſch an's Werk! Vor Allem müſſen wir die Bodenluke erweitern, damit du herauskannſt, und dann, während du Sattel und Zaum holſt, werde ich die Lehmwand des Stalles durchbrechen.“ Ulrich hatte Werkzeuge mitgebracht, mit deren Hülfe die Oeffnung des Daches bald hinreichend erweitert war, um der ſchlanken, ſchmächtigen Geſtalt des ge⸗ fangenen Knaben den Durchgang zu geſtatten. Zwar knirſchte die Säge und krachte das dürre Holz der Dach⸗ ſparren— aber das Geräuſch wurde ſo viel als mög⸗ lich gedämpft, und das tiefe Schweigen im Innern der Hütte gab die ſichere Kunde, daß wenigſtens der ge⸗ fürchtete Wenzel nicht aufgewacht war. »Jetzt hinunter, Hans!« ſagte Ulrich. Oder, ge⸗ trauſt du dich nicht, ſo laß mich gehen!« »„Sei ohne Sorge,“ erwiederte Hans—„ich bin entſchloſſen, und noch in dieſer Minute geh' ich an's Werk!«. »Einen Augenblick deine Hand, Hänschen!« Hans reichte ſie dem Freunde hinaus. Sie zitterte nicht, war aber kalt, wie Eis. 8 »Ich ſehe ſchon, du biſt feſt,« ſagte Ulrich.„Nun denn, mit Gott! Wir thun und beabſichtigen ja nichts Böſes und Unrechtes.“« „Das iſt wahr,“ entgegnete Hans, und druückte ſein liebes Bibelblatt an ſein Herz.„Mit Gott, vorwärts, Ulrich!«— »Vorwärts, vorwärts,« erwiederte dieſer, und die 99 beiden Freunde trennten ſich. Ulrich huſchte über das Strohdach hin, Hans ſchlich auf den Zehen der Boden⸗ luke zu. So entſchloſſen auch der Knabe war, jeder Gefahr Trotz zu bieten, ſo pochte doch ſein Herz ſtärker und lief ein zitterndes Fröſteln durch ſeine Glieder hin, als er den nackten Fuß auf die erſte Sproſſe der Leiter ſetzte, die in die untern Näume der Hütte hinabführte. Aber er bezwang das Bangen, das ihn unwillkürlich ergriff, und ſchritt muthig weiter. Die Leiter knackte unter ſeinen Füßen, und die tiefe Stille der Nacht verſtärkte das Geräuſch und machte es doppelt vernehmbar. Er⸗ ſchreckt hielt Hans inne und lauſchte. Alles blieb ruhig — kein Laut ließ ſich hören. Mit verdoppelter Vor⸗ ſicht betrat er die Sproſſen— noch ein Augenblick, und er ſtand im Hausflur. Hier holte er tiefen Athem, raffte ſeinen ganzen Muth, ſeine ganze Entſchloſſenheit zuſammen, und näherte ſich dann leichtfüßig der Stuben⸗ thür. Der Drücker wich ſeiner Hand— ein leiſes, kurzes Knarren— und die Thür ſtand offen. Ein ſchwacher Lichtſchimmer drang aus der gleichfalls offenen Kammerthür in die Stube hinein. Wenzel oder ſeine Frau hatte alſo ein Nachtlicht angezündet. Dieſer Um⸗ ſtand war zugleich vortheilhaft und nachtheilig für die Abſicht des Knaben. Vortheilhaft, weil er nun ſicher war, ſeinen Weg zu finden, ohne einen Stuhl oder ſonſtiges Geräth im Zimmer und Kammer anzuſtoßen, und dadurch ein Geräuſch zu verurſachen; nachtheilig, weil er durch das Licht augenblicklich verrathen war, wenn das Unglück wollte, daß Wenzel aus dem Schlafe aufwachte. „Gleichviel,« dachte Hans—„vorwärts muß ich, — 7 54 2 2 100 und im ſchlimmſten Fall ſuche ich zu Fuß das Weite, und Ulrich und ich verſtecken uns im Walde.“ Er ſchritt weiter— langſam und vorſichtig— zwi⸗ ſchen jedem Schritte, den er that, lag eine Pauſe— da horchte er, da lauſchte er, den Kopf vorgebeugt, den Athem angehalten— das Picken der Uhr tönte ver⸗ nehmlich aus der Kammer— ebenſo die tiefen, ruhigen Athemzüge der Frau Sabine, das röchelnde Schnarchen des trunkenen Wenzel. Zuverſichtlicher drang Hans vor⸗ wärts— Wenzels Schlaf ſchien tief und feſt. Jetzt ſtand er an der Schwelle der Kammerthür— beugte ſich vor— durchforſchte mit den Augen jeden Winkel des kleinen Raumes, den er betreten mußte. Frau Sabine lag ruhig da— neben ihr auf einem Tiſchchen ſtand das brennende Nachtlicht, und warf einen matten Schein auf ihr blaſſes, ſtilles Geſicht. In der andern Ecke der Kammer lag Wenzel halb angekleidet auf ſeinem Bette. Sein rothes, aufgedunſenes Geſicht gab neues Zeugniß von ſeiner Trunkenheit. Er röchelte, ſtöhnte, ſchnarchte laut— aber er ſchlief feſt, ganz feſt, ſo feſt, daß Hans neue, friſche Hoffnung faßte, und nach einigen tiefen Athemzügen muthig die Schwelle der Kammer überſchritt. Ueber Wenzels Kopfe hing der Sattel— daneben der Zaum. Hans ſchlich hinzu, ſtellte ſich ſo, daß ihn wenigſtens der erſte Blick Wen⸗ zels, wenn er ja aufwachte, nicht treffen konnte, und erhob ſeine Arme, um zunächſt den Zaum abzunehmen. Es gelang ihm; ohne ein Geräuſch zu machen, hing er ihn über ſeine Schultern und wendete ſich zum Sattel. Es war nicht leicht, ſich deſſelben zu bemächti⸗ gen, denn er hing ziemlich hoch und ſchwer. Dreimal ſetzte Hans an, um ihn vom Nagel zu nehmen— drei⸗ 101 mal ließ er die Arme wieder ſinken, weil das Knarren des Leders oder das Klirren der Steigbügel, die kreuz⸗ weis über dem Sattel lagen, ihn erſchreckte. Aber was konnte das Zögern helfen? Der Sattel mußte herunter — und zum vierten Male ſetzte der Knabe an. Wieder knarrte das Leder, klirrten die Bügel— aber das war nun einmal nicht zu vermeiden, und Wenzel ſchlief ja ſo feſt— noch ein Ruck, und der Sattel war herunter vom Nagel. Aber er war ſchwer— ſchwerer, als Hans vermuthet hatte— er drohte ſeiner Hand zu entfallen — feſter packte er zu im Schrecken— und er hielt ihn — aber einer der Steigbügel ſchurrte vom glatten Leder ab, und ſchlug hart und dröhnend gegen das Kopfende von Wenzels Bettſtelle. Hans dachte vor Schrecken zu Boden ſinken zu müſſen. Starr und bleich ſtand er da— keiner Be⸗ wegung fähig— betäubt und willenlos— ein unrett⸗ bares Opfer des ſchrecklichen Wenzel. Und Wenzel fuhr auf—„jetzt, jetzt, muß ſein Blick dich treffen und du biſt verloren,« dachte Hans— ein dumpfes, grunzen⸗ des Murren drang aus Wenzels Bruſt— er riß die ſchlaftrunkenen Augen auf— drehte ſie langſam um— jetzt war der Augenblick, der furchtbare, gekommen—— da erlöſchte plötzlich das Nachtlicht, und tiefe, ſchwere Finſterniß hüllte den kleinen Raum der Kammer ein. „Was iſt denn das?« brummte Wenzel grollend. „Kein Licht da!«. „Wachſt du denn?« fragte Frau Sabine.„Das Licht blendete mich— ich konnte nicht ſchlafen, und da löſchte ich's aus. Soll ich's wieder anzünden?« »Nein— ja— nein—« brummte Wenzel, und 102 ſank ſchwer in ſeine Kiſſen zurück.„Mache nur fort — ich— ich— ah—« Er ſchien wieder eingeſchlafen. Hans ſtand noch unbeweglich an dem Kopfende ſeines Bettes, und hatte nicht den Muth, einen Schritt vorwärts zu thun. Da fühlte er plötzlich eine Hand an ſeiner Schulter. Heftig ſchrak er zuſammen. Er dachte, Wenzel habe ſich im Bette wieder aufgerichtet, und greife nach ihm. Faſt hätte er laut aufgeſchrieen— aber noch zu rechter Zeit vernahm er Frau Sabine's Stimme, die ihm zuflüſterte: „Ich kann mir denken, was du thun willſt. Schleiche hinaus und fürchte nichts. Ich werde für dich wachen. Fort, fort, fort!“ Hans ging. So leiſe er dahinſchritt, vernahm man doch das Geräͤuſch ſeiner Fußtritte, denn die Angſt, die er empfand, und der gehabte furchtbare Schrecken, der noch in ſeinen Gliedern nachzitterte, raubte ihm die frühere ruhige Beſonnenheit. Dazu war es jetzt ſo dunkel in der Hütte, daß man nicht die Hand vor Au⸗ gen ſehen konnte, und auch dies trug dazu bei, ſeine Schritte unſicher zu machen. Dennoch kam er glücklich bis an die Stubenthür— aber hier wollte das Unglück, daß der abgerutſchte Steigbügel gegen den Pfoſten ſchlug und dadurch ein ſtarkes Geräuſch hervorbrachte. „Donner ja,“ rief Wenzel, der noch nicht ganz feſt wieder eingeſchlafen war—„was gibt's denn nur? „Ich bin's,« ſagte Frau Sabine—„ich ſuche das Feuerzeug, und kann es in der Dunkelheit nicht finden!“ „Dummes Zeug!« brummte Wenzel.„Brauchſt kein Feuerzeug— leg' dich nieder, oder ich.. „Schon recht!« unterbrach ihn Frau Sabine.„Wenn 103 du das Nachtlicht nicht haben willſt— ich gebrauch' es nicht.« Mit dieſen Worten näherte ſie ſich ihrem Bette ſo geräuſchvoll wie möglich, und ſtieß abſichtlich mehrere Mal an Tiſche und Stühle, um durch den Lärm, wel⸗ chen ſie auf dieſe Weiſe hervorbrachte, den Rückzug des kleinen Hans zu decken. Glücklicherweiſe verſtand oder errieth der Knabe dieſe Abſicht, und eilte, den verräthe⸗ riſchen Steigbügel mit den Händen feſthaltend, durch den Hausflur der Bodenleiter zu. Am Fuße derſelben blieb er ſtehen— zitternd vor Angſt und Froſt. Wohl eine Viertelſtunde harrte er aus, und horchte auf jedes Geräuſch, das durch die offen ſtehenden Thüren aus der Kammer zu ſeinem Ohre drang. Erſt als er wieder das tiefe Schnarchen und Röcheln Wenzels vernahm, ſchlüpfte er die Sproſſen hinauf, ſchloß die Fallthür, und eilte mit erleichtertem Herzen der Luke zu, wo Ul⸗ rich ſchon längſt mit banger Beſorgniß ſeiner Ankunft entgegenharrte. „Ulrich!“« rief er flüſternd. »Gott im Himmel ſei Dank, da biſt du ja!“ ent⸗ gegnete Ulrich.„Ich fürchtete ſchon, Wenzel ſei erwacht und habe dich erwiſcht.“ „Viel fehlte nicht, ſo wäre dies auch wirklich ge⸗ ſchehen,“ ſagte Hans.„Todesangſt habe ich ausgeſtan⸗ den! Und wäre Frau Sabine nicht geweſen, und hätte ich nicht aus tiefſtem Herzen zum Herrn gerufen im Augenblicke der höchſten Noth und Gefahr, ſo würdeſt du mich ſchwerlich wieder geſehen haben. Aber der Herr gab mir Kraft, daß ich mein Angſtgeſchrei unter⸗ drückte, und Frau Sabine that das Uebrige.“« 104 „Und den Sattel, Hans? Haſt du den Sattel und den Zaum?“ „Freilich— hier iſt Beides— nimm es hin— aber gib Acht— der Sattel iſt ſchwer— laß ihn nicht fallen!« Nur her damit!« ſagte Ulrich— nahm den Sattel in Empfang, und eilte damit über das Strohdach hin zu einer Leiter, die er, durch den Stall des Pferdes auf den Hof vordringend, dort gefunden und an das Dach angelehnt hatte. Gewandt und ſchnell wie eine Katze ſchlüͤpfte er die Sproſſen hinunter, trug den Sattel in den Stall, und erſchien eine Minute ſpäter wieder an der Bodenluke. „Jetzt komm', Hänschen,“ flüſterte er.„Alles iſt bereit— du brauchſt den Schimmel nur zu ſatteln und dann fort. Die ganze Hinterwand des Stalles habe ich niedergebrochen, und Wenzel wird große Augen ma⸗ chen, wenn er am Morgen aufſteht und ſieht, auf welche Weiſe der gefangene Vogel entwiſcht iſt. Nur raſch! Klettere heraus— ſo— halte dich am Stroh feſt— und nun folge mir dicht auf dem Fuße.“ Glücklich gelangten die beiden Knaben auf den Hof und eilten dem Stalle zu, wo der Schimmel ſeinen jungen Herrn mit einem frohen Gewieher empfing. „Um Gottes willen, Ruſtan, ſtill!“ rief Hans aus, und hielt dem Pferde das Maul zu.„Wenn Wenzel dich hörte! Wenn er Verdacht ſchöpfte! Wenn er käme! Noch im letzten Augenblicke wäre Alles verloren. Geſchwind, Ulrich, gib den Zaum her! Hat er den einmal über, ſo iſt er ſtill!« Hurtig wurde der Zaum aufgelegt, und Hans war eben im Begriff, den Sattelgurt feſtzuſchnallen, als 105 wiederum ein tödtlicher Schrecken ſeinen Arm lähmte. Die Stallthüre knarrte— eine Geſtalt— im Dunkel der Nacht einem Schatten gleichend, trat in den Stall — eine Hand wurde ausgeſtreckt— und Hans fühlte ſich am Arme ergriffen. »Verrathen!“« rief Ulrich—„verloren!“ Hans. „Still, ſtille doch!« ſagte eine dritte Stimme. Hans und Ulrich athmeten froh auf.„Frau Sa⸗ bine!“ riefen ſie, und drängten ſich erfreut an die Ge⸗ ſtalt der guten Frau. „Freilich, ich bin es,“ ſagte Frau Sabine.„»Ach, Hans, ich komme nicht, deine Flucht zu verhindern— im Gegentheil, ich werde mich freuen, wenn du dieſem Hauſe entronnen biſt, aber Hans, Eines mußt du mir verſprechen, lieber Knabe!“ „Alles!« ſagte Hans mit inniger Dankbarkeit.„Mein Leben für Euch, Frau Sabine!“ „Nicht das, nicht das,“ erwiederte ſie.„Verſprich mir nur das Eine, den Raub Wenzels zu verſchweigen. Ach, Wenzel iſt wohl böſe und ſchlecht, aber er iſt doch mein Mann, und ſchrecklich wäre es mir, würde er in's Gefängniß geworfen! Die Schande würde mich tödten!«. „Oh, Frau Sabine, wie könnt Ihr glauben, daß ich Euch Kummer bereiten werde!“ rief Hans mit inni⸗ ger Herzlichkeit aus. Nein, niemals werde ich ver⸗ geſſen, wie gut Ihr gegen mich geweſen ſeit! Ihr ſollt gewiß wieder von mir hören— aber nicht ſo— nein, Eure Güte ſoll nicht unvergolten bleiben! Und das Gold— ich denke gar nicht mehr daran!« „Habe Dank, lieber Knabe, habe Dank!“ ſagte Frau 38 »Jebt reut Sabine mit ſehr erleichtertem Herzen. 106 mich's nicht, daß ich Wenzel getäuſcht habe! Und nun fliehe, und Gott ſei mit dir!“ „Ja fliehen müſſen wir, es iſt die höchſte Zeit!“ ſagte Ulrich.„Auf's Pferd, Hans, auf's Pferd! Jeder Augenblick iſt koſtbar! Und Ihr, Frau Sabine, habt Dank und lebt wohl!“ . Hans nahm Abſchied von Frau Sabine; die Thrä⸗ nen der unglücklichen Frau träufelten auf ſein Haar, und ihre Segenswünſche tönten noch in ſein Ohr. Mit herzlicher Liebe umarmte er ſie zum letzten Male— riß ſich dann los, ergriff den Zügel des Pferdes, führte es aus dem Stalle in's Freie, ſchwang ſich in den Sattel und— fort ging es. UÜlrich hielt ſich am Steigbügel feſt und machte den Wegweiſer. Frau Sa⸗ bine lauſchte den ſich entfernenden Hufſchlägen. Als Alles ſtill war, athmete ſie tief auf und flüſterte:„Gott ſei mit euch und beſchütze euch und— mich.“ Dann kehrte ſie mit leichten unhörbaren Schritten in die Hütte zurück. Einige Minuten hindurch verrieth kein Laut nah und fern, daß noch irgend etwas Ungewöhnliches ſich vorbereite. Ploͤtzlich drang, die tiefe Stille der Nacht furchtbar unterbrechend, ein langer, gellender, bebender Schrei aus dem Innern der Hütte. Dann ein Gepolter— die Hofthür wurde mit Heftigkeit auf⸗ geriſſen— ein Mann, nur halb bekleidet, ſtürzte her⸗ aus— eilte zum Stalle—„verflucht!« ſchrie er— „der Schimmel iſt fort, der Junge entflohen! Dacht ich's doch, als ich das Gewieher hörte! Aber noch iſt er nicht weit— und wehe ihm, wenn ich ihn finde!e Der Mann— Wenzel war's, noch in halber Trun⸗ kenheit— ſtürzte in die Hütte zurück— eine Minute ſpaͤter aber kam er wieder, eine geladene Büchſe und 107 eine angezündete Laterne in der Hand. Mit wilder Haſt enteilte er dem Gehöfte— ging mit Rieſenſchrit⸗ ten dem Walde zu und verſchwand. In der Hütte, auf dem Fußboden lang und regungslos ausgeſtreckt, lag Frau Sabine. Ein Fauſtſchlag ihres wüthenden Man⸗ nes hatte ſie niedergeworfen und ihrer Beſinnung beraubt. Achtes Kapitel. Thorheit ſtecit dem Knaben im Herzen. Sirach 30, 11. Es hatte den Tag über ſchwer geregnet, und noch jetzt hing der Himmel voll düſterer Wolken, die nicht den Schimmer eines Sternes durch ihre ſchweren Maſ⸗ ſen dringen ließen. Die herrſchende Finſterniß war ſo dicht, daß Hans nicht einmal den Kopf ſeines Schim⸗ mels ſehen konnte, und den Weg zu unterſcheiden war völlig unmöglich. Ulrich wußte indeß gut Beſcheid in der Gegend, und ohne viel auf den Weg zu achten, verfolgte er nur die Richtung nach dem nahen Walde, der die Flüchtlinge auch bald in ſeine Schatten auf⸗ nahm. Hier war aber kegreiflicherweiſe die Nacht noch viel dichter und finſterer, als draußen im Freien. Bu den düſteren Wolken, die jeden Lichtſchimmer von nanhen abhielten, geſellte ſich nun auch noch das Dunkel dür dichten, eng in einander verſchlungenen Baumwipfel, 8 undd nach wenigen Minuten waren die Knaben von 108 dem betretenen Waldpfade abgekommen, und irrten, dem Zufalle preisgegeben, in der Wildniß umher. Der Schimmel ſchritt zwar munter vorwärts, obgleich ſeine Hufe tief in den aufgeweichten, ſchlammigen Boden einſanken, und er alle Augenblicke über Baumwurzeln oder umgefallene Stämme ſtolperte— aber auch er mußte ſich bald rechts, bald links ſeinen Weg durch das Dickicht ſuchen, und an das Verfolgen irgend einer be⸗ ſtimmten Richtung war daher gar nicht zu denken. „Das iſt eine böſe Nacht!“ ſeufzte Ulrich, als eben einmal wieder das treue Pferd mit den Hufen von einem ſchlüpfrigen Wurzelknollen abglitt und beinahe zu Boden geſtürzt wäre— peine böſe, böſe Nacht, und ich weiß wahrlich nicht, ob wir uns von Wenzels Hütte entfernen, oder uns im Kreiſe um ſie herum drehen. Ich wollte, es wäre Tag, oder es bräche wenigſtens der Morgen an.“ „Nur nicht den Muth verloren!« entgegnete Hans, welchem jetzt, wo er ſeinen Schimmel unter ſich fuͤhlte, der alte kecke Sinn wieder erwachte.„Immer vorwärts, vorwärts, Ulrich! Einmal müſſen wir aus dem Walde herauskommen, und ſind wir erſt draußen, ſo ſind wir auch in Sicherheit.“ „Ich will mein Beſtes thun,“ ſagte Ulrich—„aber gewiß, es iſt mir unmöglich, hier einen Weg zu finden! Die Dunkelheit iſt zu dicht— hätten wir nur wenig⸗ ſtens eine Laterne oder eine Fackel! Aber ſo— keine Katze und keine Eule kann ſich hier durchfinden!“ Gleichwohl drangen ſie vorwärts, ſo gut es gehen⸗ ¹ wollte. Aber es ging langſam, und der Wald ſchie gar kein Ende nehmen zu wollen. Zudem plätſchente jetzt der Regen in Strömen wieder los, und das Ge⸗ vor, und wenn ich nicht ganz irre, ſo müſſen dort nach 10⁰9 ſtrüpp des Dickichts wurde ſo dicht, daß plötzlich der Schimmel ſtehen blieb und nicht mehr weiter konnte. Aengſtlich ſuchte Ulrich nach einem Auswege. „Bleibe ein Weilchen hier,“ ſagte er zu Hans— „ich will ſehen, ob ich nicht irgendwo einen Durchgang zu finden vermag. Mich dünkt, ich weiß jetzt, wo wir ſind— dieſe Brombeerſträuche kommen mir bekannt rechts hin die Trümmer einer alten Ritterburg liegen. Von dort aus weiß ich mich dann ſchon wieder zurecht zu finden.“ Ulrich ſchlͤpfte durch das Dunkel davon, und Hans blieb ruhig mit dem Schimmel zuruck. Das Pferd ſchnaubte und nickte unmuthig mit dem Kopfe. Die Finſterniß, die Näſſe, die Kälte ſchienen ihm nicht min⸗ der unbehaglich, als ſeinem jungen Herrn, der ſich frö⸗ ſtelnd die Hände rieb und ungeduldig auf die Rückkehr ſeines Freundes harrte. Die Regentropfen klatſchten rauſchend auf das Laubdach des Waldes nieder und durchnäßten den Knaben bis auf die Haut. Nach zehn Minuten etwa kehrte Ulrich zurück. Auch er triefte von Näſſe und zitterte vor Kälte am ganzen Leib, aber ſeine Stimme klang hell und wohlgemuth. „Alles richtig, Hänschen,“ ſagte er vergnuͤgt.»Ich habe mich nicht getäͤuſcht— die Ruine iſt da, und ich weiß nun, wo wir uns befinden. Gib mir den Zu — ich will vorangehen und das Pferd lenkena⸗ „Schon recht,“ erwiederte Hans— hi Zügel! Und wie weit ſind wir von entfernt?« „Eine gute halbe Stunde, Ulrich.„Aber das laß dich 110 Ruinen aus wenden wir uns links und gelangen dann an die große Heerſtraße, die den Wald quer durch⸗ ſchneidet. Haben wir dieſe erſt, dann können wir nicht mehr fehlen!« »Wohlan denn, vorwärts!“ ſagte Hans, und Ulrich ſchritt taſtend und ſuchend langſam voraus. Nach eini⸗ gen Minuten waren die Ruinen erreicht. »„Jetzt mußt du abſteigen, Hans,“ ſagte Ulrich— „der Weg links heruͤber iſt uneben und führt über allerlei Geröll und Trümmergeſtein! Der Schimmel könnte ſtolpern und ſtürzen in dieſer ſchrecklichen Fin⸗ ſterniß.« Hans ſprang ſogleich aus dem Sattel und war ſchon im Begriff, dem voranſchreitenden Freunde zu tugen⸗ als ihm, wie er meinte, ein guter Gedanke einfiel. „Höre, Ulrich,“ ſagte er—„in ſolchen alten Rui⸗ nen gibt es gewöhnlich irgend ein Gewölbe oder der⸗ gleichen, das Einem Schutz gegen Regen und Unwetter bietet. Iſt dir keines hier bekannt?« „Gewiß— wir ſind nahe beim Eingange einer gewölbten Halle, wo es trocken und warm iſt,“ ent⸗ gegnete Ulrich.„Aber wir haben keine Zeit, das Auf⸗ hören des Regens abzuwarten— wir müſſen machen, daß wir aus Wenzels Nähe kommen.“ „Ach, ſo viel Eile hat das nicht,“ ſagte Hans. ens ein Weilchen bleiben! Die Nacht iſt gar zu enzel ſchläft und denkt nicht an uns. So⸗ dämmert, machen wir uns wieder auf! zolaufen, bis er uns einholt.“ ſchon aufgewacht wäre,“ ent⸗ uns vermißt hätte, wenn er I 111 dich ſuchte, dich verfolgte— nein, Hans, laß uns weiter! Die Landſtraße werden wir bald erreicht haben, und das Bischen Regen müſſen wir eben ertragen!“ „Ein ſchönes Bischen, Ulrich!s erwiederte Hans. „Es gießt ja in Strömen vom Himmel nieder! Sei doch nur nicht ängſtlich! Geſchwind laß uns das Ge⸗ wölbe ſuchen!« Ulrich bat, warnte, flehte— aber Hans beharrte mit ſeinem alten Eigenſinne dabei, daß er abſolut nicht von der Stelle wollte, ehe nicht der Tag anbräche. „Wenzel wird nicht kommen,“ ſagte er,„ſelbſt wenn er aufgewacht wäre, was doch gar nicht zu fürchten iſt! Wo ſollte er uns ſuchen, wie uns finden bei dieſer Dunkelheit? Das iſt ja ganz unmöglich, Ulrich! Und wenn wir in der Finſterniß weiter fliehen, kann uns gerade ein Unglück geſchehen. Der Weg iſt ſchlecht— der Schimmel ſtolpert, ſtürzt vielleicht— wir verirren uns von Neuem— rennen in der Wildniß umher— matten uns ab— laufen dann vielleicht gerade Wen⸗ zeln in die Hände— nein, laß uns bleiben und hier den Anbruch des Tages erwarten!“ Ulrich verſicherte zwar, daß er den Weg nach der Landſtraße gewiß nicht verfehlen werde, aber Hans be⸗ harrte eigenſinnig auf ſeinem Willen. Ulrich, wollte er nicht allein weiter flüchten, mußte wohl nachgeben. »Nun, ſo ſei es,“ ſagte er betrübt und mißmuthig —„aber ich geſtehe dir, Hans, mir ahnt nichts Gutes, und du ſollſt ſehen, wir müſſen dieſen Aufenthalt bitter bereuen. Mir iſt ſchrecklich angſt, und das Herz klopft mir ärger und bänger, als da uns Frau Sabine im Stalle überraſchte.“ „Ach, ſei doch nicht ſo thöricht,“ entgegnete Hans. 4 * 112 „Hier ſind wir ja ganz ſicher, und eine Erholung wird dir und mir und dem armen Ruſtan wohlthun. Schnell, ſchnell hinein in das Gewölbe, oder die Regengüſſe ſchwemmen uns noch mit ſich fort.“ Seufzend gehorchte Ulrich, und geleitete Hans und den Schimmel etwa zwanzig Schritte ſeitwärts, wo ſich der Eingang zu dem erwähnten Gewölbe befand. Sie ſchritten Alle hinein und befanden ſich nun im Trocke⸗ nen. Hans war ſehr vergnügt darüber, während Ulrich die heimliche Bangigkeit, die ihn ergriffen hatte, nicht zu überwinden vermochte. Noch einige Mal forderte er Hans auf, die Flucht fortzuſetzen— aber dieſer, auf das plätſchernde Geräuſch des noch immer ſtrömenden Regens horchend, wies jede Bitte und Vorſtellung zu⸗ rück, und wiegte ſich in eine Sicherheit ein, die ihm und dem Freunde eine ſchreckliche Ueberraſchung berei⸗ ten ſollte. Als Wenzel nämlich, nachdem er in furchtbarer Wuth ſeine Hütte verlaſſen hatte, in's Freie gelangt war, ſtieß er einen Schrei wilder Freude aus. Auf dem lockeren, vom Regen erweichten Boden fand er beim Schimmer ſeiner Laterne augenblicklich die Spuren, welche die Hufe des Pferdes zurückgelaſſen hatten, und es konnte ihm nun nicht mehr ſchwer werden, die ein⸗ geſchlagene Richtung der flüchtigen Knaben zu verfolgen. Er gelangte in den Wald— aber hier, wo das Ge⸗ ſträuch ſo dicht war, wurde die Nachforſchung beſchwer⸗ licher, und er ſah ſich gezwungen, ſeine Eile zu mäßi⸗ gen. Kreuz und quer durchſtrich er den Wald, immer die Laterne dicht am Boden, immer mit dem Auge die Sufſpuren ſuchend und verfolgend. Er ſah wohl, die Knaben waren arg in der Irr umhergeritten, aber ge⸗ — 113 rade dieſer Umſtand gab ihm Hoffnung, daß er ſie end⸗ lich wieder finden und ſich ihrer bemächtigen werde. In ſeinem Eifer achtete er wenig oder gar nicht auf den ſtrömenden Regen. Ihn trieb der Durſt nach Rache und die Angſt vor Entdeckung des Raubes, den er an den Knaben begangen hatte. So ſtrich er, wie ein Raubthier auf der Fährte des Wildes, durch den nächtlichen Forſt, und kam endlich ſchweißbedeckt und ermüdet in die Nähe der Ruine, in deren verfallenden Gebäuden die Flüchtlinge Schutz vor dem Unwetter ge⸗ ſucht hatten. Der grelle Schimmer ſeiner Laterne warf ſchon von Weitem ein blendendes Streiflicht in das Gewölbe. Ein töoͤdtlicher Schrecken durchrieſelte Ulrich's Gebein— einen Schrei ausſtoßend, riß er Hans vom Boden auf, wo er, lang ausgeſtreckt, dem Schlummer in die Arme geſunken war, und rief ihm zu:„Wenzel kommt— raſch auf das Pferd— und flieh'!« „Thorheit!“« erwiederte Hans erſchrocken, obgleich noch ſchlaftrunken—„du ſiehſt Geſpenſter, Ulrich! Wie ſollte Wenzel hierher kommen?“ „Flieh', um Gottes willen flieh'!“ wiederholte Ulrich. „Raſch auf den Schimmel, und ſprenge davon, blind in den Wald hinein! Ich folge dir auf dem Fuße! Aber ſchnell, ſchnell! Jeder Augenblick iſt koſtbar!“ Wieder ein Aufblitz der Laterne. Jetzt glaubte Hans, und zögerte nicht mehr. Mit Einem Sprunge ſaß er im Sattel. »Er iſt's— er muß es ſein!“ ſagte er.„Naſch deine Hand, Ulrich! Hinauf auf den Ruͤcken des Schim⸗ mels! Er trägt uns Beide, und Wenzel ſoll uns nicht einholen! Raſch, raſch— ich fliehe nicht allein!« Ulrich beſann ſich nicht lange. Ein Augenblick Ein Bibelblatt. 8 114 er ſaß auf Ruſtans glattem Rücken und klammerte ſich mit beiden Armen feſt an Hans an. „Fort, Ruſtan!« ſchrie dieſer und ſchüttelte die Zü⸗ gel. Im Galopp ſprengte das gehorſame Pferd aus dem Gewölbe, und wie ein Lichtſtrahl an Wenzel vor⸗ über, der vergebens dem Knaben ein wuthkreiſchendes „Halt!« zurief. „Sie entrinnen!« brüllte er— und herunter riß er die Büchſe von ſeiner Schulter— der Hahn knackte— der Schuß donnerte krachend hinter die Flüchtigen her — und ein gellendes Angſtgeſchrei verrieth, daß die Kugel getroffen haben müſſe. Wenzel rannte vorwärts mit hoch empor gehobener Laterne. Mit zehn Sprüngen hatte er die Flüchtigen ein⸗ geholt. Der Schimmel, von der Kugel getroffen, war zuſammen gebrochen und lag auf den beiden Knaben, die vergebens ihre Kräfte anſtrengten, um ſich unter dem verwundeten Thiere hervorzuarbeiten. Ein jauch⸗ zender Aufſchrei, wild und ſchrecklich, drang aus Wen⸗ zels Munde. Ein Stoß mit dem Kolben ſeiner Büchſe machte das Pferd, das nur einen leichten Streifſchuß empfangen hatte, von der Erde aufſpringen und ver⸗ wildert in den Wald hineinſtürzen— ein Griff mit der Fauſt brachte die erſchrockenen Knaben in Wenzels Gewalt. „Buben!“« ſchrie er—„das ſollt ihr mir bereuen! Nicht zum zweiten Male werdet ihn an Flucht denken, werdet ihr mir zu entrinnen verſuchen. Vorwärts, nach der Hütte zurück! Und wehe euch, wenn ihr nur Miene macht, zu entlaufen! Noch ſteckt eine Kugel in meiner Büchſe.« Die beiden Knaben waren zu ſehr von Schrecken 115 betäubt, als daß ſie irgend welchen Widerſtand oder nur Widerſpruch hätten einlegen können. In ſtummen Schmerz verſunken, folgten ſie den Befehlen Wenzels, welcher ſie wie Schlachtvieh mit Schimpfen und Schlä⸗ gen durch den nächtlichen Wald vor ſich her trieb, und ohne weiteres Hinderniß ſeine Hütte wieder erreichte. Frau Sabine, die ſich mittlerweile von der rauhen Miß⸗ handlung ihres Mannes erholt hatte, ſah mit Entſetzen die Knaben zurückkehren. Wenzel feſſelte Beide mit Stricken, ſperrte ſie in einen finſteren Verſchlag ein, den er doppelt und dreifach verrammelte und verriegelte, und überließ ſie da ihrer Angſt, ihrer Reue, ihren Be⸗ fürchtungen. Er ſelbſt begab ſich düſter und in ſich gekehrt in die Stube, befahl ſeiner Frau kurz und barſch, zur Ruhe zu gehen, und blieb mit ſeinen Gedanken und Plänen in unheimlicher Einſamkeit allein zurück. »Oh, ich Thor, ich unſeliger!“« rief Hans ſchmerz⸗ lich aus, als er ſich gebunden und eingeſchloſſen mit Ulrich allein befand—„ich Elender, daß ich deinem Rathe nicht folgte, deinen Bitten und Vorſtellungen eigenſinnig kein Gehör gab! Jetzt wären wir frei— und ſtatt deſſen muß ich hier einem gewiß ſchrecklichen Schickſale entgegen harren, in das ich dich, mein armer, treuer Ulrich mit hineingeriſſen habe! Kannſt du mir vergeben, Freund?« „Nichts davon!“ entgegnete Ulrich—„denke nur an dich, denn du biſt jedenfalls in viel ſchlimmerer Lage, als ich. Mich muß Wenzel ſchon wieder frei geben, denn ich gehöre ihm nicht an, und zu Leide darf er mir auch nicht viel thun. Aber du, armes Häns⸗ chen! Dich kennt Niemand hier, und am Ende müſſen die Leute von dir glauben, was Wenzel ihnen vor⸗ 116 ſchwatzt. Er hat geſagt, du wäreſt ein Verwandter von ihm, den er aus Mitleiden bei ſich aufgenommen habe. Das glaubt man, und Niemand bekümmert ſich um dich, und da biſt du denn ganz der Gewalt des böſen Menſchen preisgegeben. Aber verzage deßhalb doch nicht, Hänschen, Einen Freund haſt du, und der bin Ich, und er wird dich nicht verlaſſen, ſondern immer ein wachſames Auge auf dich haben.“ „Du guter Ulrich!“ ſagte Hans tief bewegt.„Wo⸗ durch habe ich ſo viele Theilnahme verdient? Ich, der ich dich durch meine unſinnige Thorheit in mein Un⸗ glück mit hineingeriſſen habe. Ach, ach, der Herr Pfarrer hatte wohl Recht, als er mir zurief:„Der 8 Gottloſe wird fallen durch ſein gottloſes Weſen!“ War⸗ um folgte ich dir nicht? Warum gab ich deinen Vor⸗ ſtellungen kein Gehör? Warum bedachte ich nicht, daß ich dich, meinen beſten Freund, der ſchrecklichſten Gefahr durch meinen Eigenſinn ausſetzte! Ach, das war gott⸗ los, Ulrich, und ſiehe, Gott ſtraft mich dafür! Mir geſchieht nun nach Recht und Gerechtigkeit— aber daß du, du mitleiden mußt, das ſchmerzt mich in tiefſter Seele!“«. „Laß dich's nicht kümmern, Hänschen,“ entgegnete Ulrich herzlich.»Ich leide recht gern mit dir, und ſieh', wie dich der liebe Gott ſtraft für deine Fehler, ſo wird er auch Wenzel ſtrafen, der ja noch viel viel gottloſer iſt, als du! Du empfindeſt doch Reue, und willſt dich gern beſſern, aber Wenzel— der lebt in ſeinen Sün⸗ den dahin, und denkt vielleicht über noch ſchlimmere nach, als er ſchon begangen hat. Ihn wird Gott auch ereilen, und dich, wenn du nur fleißig deine Gedanken zu ihm wendeſt, dich wird er ſchon noch erretten aus 117 allen Nöthen. Nur mußt du es freilich ernſtlich meinen mit deiner Beſſerung!« „Ach ja, ach ja, lieber Ulrich!« ſagte Hans.„30 will von nun an ganz gewiß brav und ordentlich wer⸗ den, und will auch nicht murren über die Leiden, die mir der liebe Gott noch zugedacht hat. Ich ſehe wohl ein, wie ſündhaft mein ganzes Leben geweſen iſt, und daß Alle Recht hatten, die ſchalten und zu beſſern ſuchten, der gute Wachtmei eer, der Schullehrer, der Herr Pfarrer und Alle! Oh, wie ſchändlich und ab⸗ ſcheulich komm' ich mir vor, wenn ich daran denke, was ich für böſe und gottloſe Dinge gethan habe! Ja ja, der liebe Gott kann es mir noch nicht vergeben, und darum ließ er's auch zu, daß ich in meinen alten Fehler verfiel, wodurch wir wieder in die Gewalt Wenzels geriethen! Ich weiß nun wohl, daß ich noch Manches werde leiden und dulden müſſen, aber ich will Alles mit Standhaftigkeit ertragen, bis mir der liebe Gott verziehen hat.« „So iſt's recht, Hänschen!« ſagte Ulrich erfreut. „So gefällſt du mir! Und paß' auf, da wird dich Gott dann auch nicht verlaſſen. Wenn Er, der himmliſche Vater, ſtraft, ſo geſchieht es ja immer zu unſerem Beſten! Das hat mich ſchon meine gute ſelige Mutter gelehrt! Darum Muth, Hänschen! Mit Gottes Hülfe kommen wir ſchon durch! Du weißt ja:„Der Gott⸗ loſen Arm wird zerbrochen, und die Gottloſen müſſen zu nichte werden in Finſterniß!“ Das geht jetzt auf Wenzel, denn du biſt nicht mehr gottlos, nun du Reue empfindeſt und Beſſerung gelobt haſt. Aber auf Wenzel geht's, und du wirſt ſehen, Gott ſucht ihn noch heimn mitten in ſeinen Sünden, wenn er nicht bereut und ſich beſſert, wie du!« Ach, Wenzel dachte nicht an Reue, nicht an Beſſe⸗ rung. Während die beiden gefangenen Knaben ihre Hoffnung und ihr Vertrauen auf Gott ſetzten, brütete er über finſteren Plänen, und mehr und mehr gewann ſein böſes Gemüth Herrſchaft über die letzten guten Regungen in ſeinem Herzen. „Es nützt Alles nichts,“ murmelte er vor ſich hin mit gerunzelter Stirn und düſterem Blicke—„ich muß ein Ende machen, oder Alles wird verrathen, und ich bin verloren! Die beiden Buben verſtehen ſich,— Ulrich iſt ſchlau— Hans wird ihm Alles, Alles er⸗ zählt haben— er erzählt es weiter— die Schergen kommen— ſie durchſuchen Hütte und Hof— finden das Gold— greifen mich— ha— ſie müſſen ſterben, ſterben, die Buben! Nichts kann ſie mehr retten!“ Er ſprang von dem Sorgenſtuhle auf, auf dem er Platz genommen hatte, und durchmaß mit unruhigen, haſtigen, unſteten Schritten den engen Raum ſeiner Stube. Seine aufgeregte Phantaſie malte ihm alle Folgen ſeines Diebſtahls vor— die Gefangenſchaft— die klirrenden Ketten im Kerker— die Verachtung aller guten Menſchen— wohl gar den Tod am Galgen— nein! das mußte vermieden werden! Was lag an dem Jungen? Nach dem krähte kein Hahn! Und Ulrich? —„Pah!« machte Wenzel—»warum hat er dem Buben geholfen? Er muß auch mit— muß— er würde ſonſt Alles verrathen!“ In düſterem Schweigen erwog er nun, auf welche Weiſe er das Verbrechen begehen wolle. Sein Plan war bald gemacht— ein ſchreckliches Lächeln zeigte, daß er ihn für ſicher und unfehlbar hielt. „So geht's! So geht's!« murmelte er unheimlich. „Sie verſchwinden, und das Grab ſoll Keiner öffnen, das ich ihnen graben will.“ Aber beide Knaben? Beide? War das nicht ent⸗ ſetzlich? That denn Wenzel nicht beſſer, der Stimme ſeines Gewiſſens und ſeiner Frau zu folgen? Oder konnte er nicht lieber das geraubte Gut herausgeben und den Knaben laufen laſſen?— Wenzel dachte wohl daran, eine innere Stimme ermahnte ihn dazu— aber ſeine Habgier war zu groß— er betrachtete das Gold ſchon als ſein Eigenthum— wollte es nicht heraus⸗ geben— wollte nicht— und ſo erging es ihm, wie allen Verbrechern— eine verruchte That baut ihnen die Brücke zur zweiten, und ſie überſchreiten die Brücke — ein Verbrechen folgt dem anderen— und das Ende?... Ja, wenn ſie des Endes gedächten, wenn ſte Gottes gedächten, der Himmel und Erde ruft, auf daß er richte, wenn ſie des Spruches gedächten:„Das thuſt du, und ich ſchweige; da meineſt du, ich werde ſein gleich wie du; aber ich will dich ſtrafen und will dir's unter Augen ſtellen!« Ach— Wenzel gedachte nicht Gottes und nicht des Gerichts! Ihn blendete der gleißende Schimmer des Goldes und— er war ein verlorener Mann— verloren vor Gott und vor Menſchen.———— Der Morgen grauete kaum, ſo näherte ſich Wenzel dem Verſchlage, in den er die beiden Knaben eingeſperrt hatte, löste ihre Bande, und hieß ſte mit größerer Freund⸗ lichkeit, als ſie nach ſeinem Benehmen in der vergan⸗ genen Nacht erwarten konnten, aufſtehen und ihm in's Zimmer folgen. Ueberraſcht gehorchten die Knaben. „Hört,« ſagte Wenzel zu ihnen, als ſie in die Stube getreten waren,„ihr habt einen dummen Streich ge⸗ macht dieſe Nacht! Aber ihr ſeid noch thörichte Jungen, und darum will ich's euch für dieſes Mal hingehen laſſen, und euch nicht beſtrafen, wie ich anfänglich wollte. Verſucht ihr's aber noch einmal, ſo rettet euch nichts vor meinem Zorne. Alſo habt Acht! Laßt auch kein Wort von dem Geſchehenen über eure Lippen kommen, oder es mögte üble Folgen für euch haben. Schweigt ihr aber und ſeid gehorſam, ſo wird's euch nicht reuen. Und nun macht euch fertig, wir müſſen an die Arbeit.“ Erſtaunt vernahmen die Knaben dieſe anſcheinend ſo milden Worte. Da ſie aber nicht mit einander zu ſprechen wagten, ſo wechſelten ſie nur einen verwunder⸗ ten Blick mit einander, und Ullrich zuckte unmerklich die Achſeln. Draußen aber, als ſie dem Bergwerke zu⸗ ſchritten, flüſterte er raſch Hans in's Ohr:„Traue ihm nicht! Er will uns nur ſicher machen.“ Hans antwortete nur durch einen Händedruck, und ſo fuͤhren ſte in den Schacht ein. Wenzel führte ſte zu einem Haufen geſprengten Erzes, das ſie klein po⸗ chen ſollten, und packte dann ſein Handwerkszeug zu⸗ ſammen, um an einem anderen Orte ſein Tagewerk zu beginnen. 8 „Macht hurtig fort mit der Arbeit!« ſagte er beim Fortgehen.„Räumt auf hier, ſo geſchwind ihr könnt — ich gehe indeß nach dem Scheeren⸗Stollen. Folgt mir dahin, ſobald ihr hier fertig ſeid.“ „Nach dem Scheeren⸗Stollen?« fragte Ulrich be⸗ 7 424 troffen. Er wird ja ſchon lange nicht mehr bear⸗ beitet.“ „Gleichviel— das hat euch doch nicht zu küm⸗ mern«— erwiederte Wenzel mit ſeiner früheren Rauh⸗ heit.„Ihr habt nur zu thun, was euch befohlen wird.« Bei dieſen Worten wandte er den Knaben den Rü⸗ cken zu, und ſchritt tiefer in die verſchlungenen Gänge des Bergwerkes hinein. Ulrich ſah ihm mit einem be⸗ denklichen Kopfſchütteln nach.„Ich möchte darauf ſchwören, der hat nichts Gutes im Sinn,“ ſagte er. „Warum ließe er uns ſonſt allein? Er will jeden Falls einen Streich gegen uns führen, und wir müſſen auf der Hut ſein. Äber gleichviel— warte einen Augen- blick, Hans! Ich will nur zum Schachtmeiſter laufen und ihn bitten, daß er uns Beide heute beiſammen läßt. So lange ich bei dir bin, ſoll dir Wenzel wohl nichts Böſes anhaben! Ich kenne den Scheeren⸗Stollen ganz⸗ genau, und es iſt nicht ſo geheuer da, wie ich wünſchen möchte! Aber fürchte nichts, ich weiche heute nicht von deiner Seite.“ 8 Ulrich eilte raſch davon, kehrte aber gleich d mit vergnügtem Geſicht zurück.„Alles gut!« ſagte „Der Schachtmeiſter hat es erlaubt, daß wir beiſammen bleiben, und nun will ich doch ſehen, ob Wenzel ett gegen uns zu unternehmen wagte.. Munter förderten die beiden Knaben ihre Arbeit, ſchafften das Erz nach dem Schachte und plauderten ſo vergnügt mit einander, als ob Wenzel gar nicht auf der Welt wäre.. Dieſer war mittlerweile bis faſt an die äußerſte Gränzen des unterirdiſchen Reiches vorgedrungen. G. 122 nau beſichtigte er hier die finſteren Gänge, von deren ſchlüpfrigen Wänden das durchſickernde Waſſer in hellen Tropfen niederrieſelte— pochte hier und da mit dem Hammer gegen die Felſen und blieb endlich an einer Stelle ſtehen, wo zwei Gänge ſich durchſchnitten und ſo einen Kreuzweg bildeten. Aber nur drei Wege von den vieren boten einen Ausgang nach oben aus den Schachten hinaus; der vierte endete im Berge und war nichts als eine Art von Sackgaſſe, aus welcher kein Ausweg zu finden war, wenn der einzige Zugang ver⸗ ſchüttet oder ſonſtwie abgeſchloſſen wurde. Hier alſo blieb Wenzel ſtehen, bohrte die Felſen an und arbeitete mit einer Haſt, die etwas Unheimliches und Schauer⸗ 8 liches hatte. Der Schein des Grubenlichtes beleuchtete ſein Geſicht; eine finſtere Entſchloſſenheit prägte ſich in ſeinen Zügen aus, und der böſe, böſe Blick ſeines Au⸗ ges ſprach nicht von guten Gedanken, die ihn beſeelten. Einige mächtige Erzſtuͤcke, die er aus der zerklüfteten Felſenwand losbrach, wälzte er in die Sackgaſſe hinein, und dann bohrte er ein tiefes Loch in den Felſen, wel⸗ ches er bis an den Rand mit Schießpulver anfuͤllte und hierauf mit einem hölzernen Keile, der mit einem Zünd⸗ loche verſehen war, wieder verſchloß. Durch das Zünd⸗ loch ſteckte er eine Lunte, deren anderes Ende er ſo ſorgfältig in Ritzen und Spalten verbarg, daß man recht genau hinſehen mußte, wenn man es entdecken wollte. Zum Schein befeſtigte er dann eine zweite Lunte an der erſten, dicht neben dem Zündloche, und ließ ſie frei von demſelben niederhängen. Mit duſterer Zufriedenheit betrachtete er ſein Werk. „Laß doch ſehen,“ murmelte er vor ſich hin,„ob nun irgend Jemand eine Schuld auf mich werfen wird. Knaben ſind leichtfertig— wenn die Mine ſpringt, ſo wird man es ihrer Unvorſichtigkeit zuſchreiben, und kein Hahn krähet weiter nach ihnen.“ Noch einmal ſah er ganz genau nach, ob auch Alles in Ordnung ſei, und begab ſich dann wieder an ſein voriges Geſchäft. Die Felſen, die er zu ſprengen ſuchte, erdröhnten unter ſeinen Hammerſchlägen, und als Ülrich und Hans endlich kamen, bemerkten ſie nichts, was ihnen irgendwie einen Verdacht gegen Wenzel hätte ein⸗ flößen köͤnnen. »Habt Ihr ſchon Mittag gemacht?« fragte Wenzel. »Ja!“ erwiederte Ulrich.„Es iſt jetzt drei Uhr— wir hätten lange warten müſſen, wenn wir auf Euch hätten warten wollen. Hans hat mein Mittagsbrod mit mir getheilt.« »Es iſt gut,« entgegnete Wenzel ungewöhnlich ruhig und ſanft.„Ich habe ſchwer gearbeitet und darüber das Eſſen verſäumt. Pocht die Blöcke da klein, wäh⸗ rend ich ein Stündchen ſchlafen gehe. Und hütet euch, an die Lunte da zu kommen— es iſt ein Sprengloch dort und bereits geladen! Nehmet Euch alſo in Acht, oder Ihr könnt ein großes Unglück anrichten.“« »Schon recht,“ ſagte Ulrich mit einem flüchtigen Blicke nach der Lunte, die offen vom Zündloche herab⸗ hing—„werde wohl nicht daran kommen, denk' ich.« Mit dieſen Worten begab er ſich mit Hans in den nach hinten zu verſchloſſenen Stollen, und Wenzel be⸗ nutzte dieſen Moment, wo die beiden Knaben ihm den Ruücken zukehrten, ſich einen Augenblick bei der verbor⸗ genen Lunte zu ſchaffen zu machen. Einen düſteren Blick warf er hierauf nach den beiden Knaben zu, und dann entfernte er ſich. 124 „Er iſt fort, Hänschen,“ ſprach Ulrich zu ſeinem Freunde, als der Schritt Wenzels verhallt und der düſtere Schein ſeines Grubenlichtes in der Ferne ver⸗ ſchwunden war.„Was ſagſt du zu ſeinem ſeltſamen ungewöhnlichen Benehmen? Er ſcheint ſo ſanft und gut — und doch— wenn ich an ſein finſteres Geſicht, an ſeine ſcheuen Blicke denke, ſo wird mir ganz bange zu Muth. Gewiß, gewiß führt er Böſes im Schilde, und ich weiß nicht, ob es nicht am allerbeſten wäre, wir gingen geradeswegs zum Schachtmeiſter und erzählten ihm Alles, was dich und mich und Wenzel angeht. Der Schachtmeiſter kann mich wohl leiden, und wenn er uns glaubt, ſo wird er uns auch vor Wenzel ſchuͤtzen.“ „Wenn er uns aber nun nicht glaubt?« entgegnete Hans.„Und Wenzel löge ſich durch? Wie würd' es uns dann ergehen? Lieber möcht' ich es noch einmal mit der Flucht verſuchen! Und das jetzt gleich, auf der Stelle. Wir ſind allein, Niemand achtet auf uns— wir ſchleichen uns fort— gewinnen das Freie— und wenn dann Wenzel Abends kommt, dann ſind wir über alle Berge.“ „Das geht nicht, geht nicht,“ antwortete Ulrich. „»Wenigſtens nicht jetzt, nicht gleich! Wenzel lauert uns gewiß irgendwo auf und würde uns gleich erwiſcht ha⸗ beu. Warten wir bis zur Nacht. Sie wird nicht ſo ſchlimm ſein, wie die vorige, und dann ſoll er unſere Spur wohl nicht finden, dann ſoll er's wohl bleiben laſſen, uns einzuholen. Geduld, Hänschen! Der Augen⸗ blick der Rettung wird ſchon kommen und ſoll uns auch bereit finden. Dann fliehen wir. Vater und Mutter hab' ich nicht, und das Leben in freier Luft gefällt mir auch beſſer, als das Leben hier unter der Erde, wo 28 125 man nichts ſieht, als ſtarre Felſen und qualmende Grubenlichter.“ »Und mein Vater wird ſich freuen, wenn du mit mir kommſt!“« ſagte Hans.„Und auch Paul! Dann biſt du mein Bruder, Ulrich! Das wird eine Freude ſein!e „Wer weiß!“« antwortete Ulrich nachdenklich.„In⸗ deß, es iſt gleichviel; fleißige und treue Hand kommt durch alle Land', ſagte meine Mutter immer, als ſie noch lebte, und darauf will ich meine Hoffnung ſetzen. Aber halt'mal— was iſt denn das? Es riecht mir ſo ſchwefelicht! Riechſt du es nicht, Hans?« »Oh ja, ſchon ſeit einer ganzen Weile,“ erwiederte Hans.»Was ſchadet es denn?« »Ei tauſend, das kann viel ſchaden,« rief Ulrich und ſprang auf.„Herr Jeſus— Wenzel wird doch nicht—« Mit Einem Satze war er am Sprengloche drüben und ſah nach der Lunte. Sie hing noch unberührt— aber da— nicht weit vom Zündloche— der matte Schein— Ulrich ſchrie laut auf und ſtreckte die Hand aus, um die verborgene Lunte, die er jetzt erſt erblickte, wegzureißen— aber zu ſpät— ein furchtbares Kra⸗ chen ertoͤnte— der grelle Blitz des entflammten Pul⸗ vers erhellte einen Augenblick die umliegenden Gänge — dann ein dumpfes Gepolter wie einer zuſammen⸗ krachenden Mauer— dann war alles ſtill, und in ſchweren bläulichen Wolken wälzte ſich der Pulverdampf durch die Stollen dahin.“ Werzel hatte ſich nicht verrechnet— der Sackſtollen war durch herabgeſtürzte Felſenmaſſen verſchloſſen, und von den beiden Knaben, die in demſelben gearbeitet 126 hatten, war nichts mehr zu ſehen noch zu hören. Das Schweigen des Todes herrſchte in den dunkeln, öden Räumen dieſer kleinen, unterirdiſchen Welt. Lebten Hans und Ülrich noch, oder hatten die umhergeſchleu⸗ derten Felsſtücke ſie getödtet? Wer konnte es wiſſen? Und wenn ſie lebten— war es möglich, ihre Rettung herbei zu führen?— Ach, man durfte nur wenig Hoff⸗ nung hegen! Die Sprengmine war ſehr ſorgfältig an⸗ gelegt geweſen, und große Maſſen Geſtein lagerten vor dem Sackſtollen, von deſſen Eingange auch nicht die geringſte Spur mehr zu ſehen war. Neuntes Kapitel. ARufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten. Pſalm 50, 15. Das dumpfe Krachen der ſprengenden Mine, von einem Stollen, von einem Schachte zum andern fort⸗ rollend, hatte alle Bergleute in den Gruben mit Schre⸗ cken und Entſetzen erfüllt. Jeder ahnte ein Unglück — denn die Exploſton war viel zu ſtark und heftig geweſen, als daß man ſie einer gewöhnlichen Sprengung hätte zuſchreiben können, und von allen Seiten eilten die Leute herbei und fragten haſtig und verwirrt nach dem Orte, wo das Unglück geſchehen war.* „Nach dem Scheerenſtollen!“ rief die laute Stimme des Schachtmeiſters.„Von dort kam der Knall und da ſind ja auch die Wolken von Pulverdampf! Vorwärts, Leute, vorwärts! Vielleicht können wir not einem Verunglückten Hulfe bringen!« In wildem Gedränge eilten die Bergleute den Schachtmeiſter an der Spitze, nach dem wohlbekannten Stollen hin. Bis in die Nähe des Sackſtollens dran⸗ gen ſie vor— aber hier verſperrten Felstrümmer den weiteren Weg, und der Pulverdampf war ſo dicht, daß man kaum athmen konnte und die Grubenlichter zu er⸗ löſchen drohten. Man mußte Halt machen. „Alles ſtill!« ſchrie der Schachtmeiſter den Leuten zu, die augenblicklich dem Befehle gehorchten.„Aufge⸗ merkt, Leute! Vielleicht hören wir einen Hülferuf, denn ich weiß, Wenzel war hier beſchäftigt mit zwei Kna⸗ ben! Bleibt ruhig ſtehen, bis ſich der Dampf ver⸗ zogen hat.“ Athemloſe Stille herrſchte ringsum. Jeder horchte auf irgend ein Geräuſch, auf irgend ein Zeichen des Lebens von den wahrſcheinlich verunglückten Menſchen. Aber nichts ließ ſich hören. „»Iſt Wenzel nicht hier?« fragte der Schachtmeiſter nach einer kurzen Pauſe.„Niemand, als er ſelbſt, ſoll Antwort geben.“ Keine Antwort. Aber jetzt— Alle bebten zuſammen— jetzt wurde ein dumpfes Aechzen, dann ein Stöhnen vernehmbar— die Bergleute ſchrien auf und eilten der Richtung zu, woher das Aechzen, das Stöhnen erſchallte. Bald ver⸗ kündigte der Ruf Eines aus der verſammelten Menge, daß der Verunglückte gefunden ſei.* »Hier iſt er! Hier!« ſchrie der Bergmeiſter.„Zu * 128 mir, Leute! Ach Gott, es iſt Wenzel, halb begraben unter einem Felsſtück! Hülfe, Leute! Hülfe!“ Zwanzig, dreißig Hände waren ſogleich bereit, die verlangte Hülfe zu leiſten. Obgleich Wenzel wenig von ſeinen Kameraden geliebt und geachtet wurde, empfan⸗ den doch Alle Mitleid mit ihm. Bleich und blutend lag er da, mit geſchloſſenen Augen, ſchmerzverzogenem Geſicht, halb bewußtlos ſtöhnend und wimmernd, und über ſeine Beine hin lag ein mächtiger Felsblock. „Angefaßt, Leute!« rief der Schachtmeiſter.„Wälzt den Stein auf die Seite— vorſichtig— daß ihr dem armen Manne nicht noch größere Schmerzen verurſacht — ſo— ſo— ſo— noch einmal angepackt— ſo iſt's recht— ach du mein Gott, beide Beine zerſchmettert! Welch ein ſchreckliches Unglück!« Ja, beide Beine von den Schenkeln abwärts waren durch das ungeheure Felsſtück zermalmt und zerbrochen worden, und als die Leute nun zugriffen, um den Ver⸗ unglückten aufzuheben und ihn aus den Gruben zu tragen, preßten ihm die Schmerzen ein furchtbares Ge⸗ ſchrei aus. Aus einer Ohnmacht fiel er in die andere. Die Qualen, die er ausſtand, waren unſäglich. Seine bleiche Stirn war mit kaltem Schweiße bedeckt, ſein Antlitz verzerrt von der entſetzlichen Marter, die ihm jede Bewegung, jede Berührung verurſachte, und ſein heiſeres Geſchrei drang herzzerreißend aus der keuchen⸗ den Bruſt hervor. Um Gotteswillen flehte er, daß man ſeinen Leiden ein Ende machen, daß man ihn durch einen barmherzigen Schlag vollends tödten möge— aber natürlich konnte Niemand dieſen verzweifelten Bitten Gehör geben, obgleich Jeder wohl fühlte, daß ein raſcher Tod dieſer fürchterlichen Qual bei weitem vorzuziehen ſei. »Ruhig, Wenzel! Ruhig, Mann!« ſagte der Schacht⸗ meiſter mit abgewendetem Geſicht, um nur die Jammer⸗ geſtalt nicht mehr ſehen zu müſſen.„Es ſoll Euch die ſchleunigſte Hülfe zu Theil werden! Vorwärts mit ihm, Leute! Tragt ihn in ſeine Hütte! Aber vorſichtig, da⸗ mit Ihr ſeine Schmerzen nicht noch vermehrt! Und einer lauf ſogleich zum Doktor! Vorwärts, vorwärts! Hier können wir ihm ja nicht helfen, und er verblutet uns nur unter den Händen!« Die Leute ſahen ein, daß die Anordnung des Schachtmeiſters das einzig Vernünftige war, was ſich thun ließ, hoben nochmals vorſichtig den Verunglückten auf und trugen ihn ſo ſanft wie möglich davon. Wenzel brüllte vor Schmerz; aber dann erbarmte ſich ſeiner eine mitleidige Ohnmacht und verſetzte ihn in einen Zu⸗ ſtand der Betäubung, während welchem er ſich ſeiner Qualen wenigſtens nicht bewußt war. Raſch eilten die Männer mit ihm nach ſeiner Hütte, wo ſie bereits den Arzt fanden, der auf die erſte Kunde von dem ge⸗ ſchehenen Unglücke zur Hülfe herbeigekommen war. Als ter den Zuſtand Wenzels unterſucht hatte, zuckte er die Achſeln und gab wenig Hoffnung. »Beide Beine müſſen ihm abgenommen werden,“ ſagte er.„Ob er's aber überſteht, das weiß Gott allein!« „Und iſt keine andere Hülfe mehr möglich?« fragte der Schachtmeiſter. 4 »Keine!“ erwiederte der Arzt mit Beſtimmtheit.— »Dann raſch an's Werk!« ſagte der Schachtmeiſter. Ein Bibelblatt. 9 130 „Thun Sie Ihr Beſtes, Doktor, und das Uebrige wollen wir Gott anheimſtellen!“ Der Arzt nahm ſogleich die Operation vor, wäh⸗ rend welcher der unglückliche Wenzel von Neuem aus ſeiner Ohnmacht aufwachte, von Neuem ſein herzzer⸗ reißendes Geſchrei ausſtieß. Aber er überſtand die Qual, und nun wagte der Arzt einige Hoffnung zu geben. Gleichwohl fühlte ſich Wenzel ſo ſchwach, daß er keine Frage nach den beiden Knaben beantworten konnte, um deren Schickſal der Schachtmeiſter ſo ſehr beſorgt war. Er ſtöhnte und jammerte nur, ſchüttelte bei jeder Frage wild den Kopf und machte abwehrende Bewegungen mit den Händen. Man konnte durchaus keine Antwort von ihm bekommen, und überhaupt keine Auskunft darüber, durch welche Umſtände das ganze Unglück herbeigeführt ſei. „Es iſt nichts zu machen hier,“ ſagte der Schacht⸗ meiſter endlich.„Ihr Beide, Chriſtoph und Trautmann moͤgt zu des Kranken Pflege hier bleiben, wir Andere aber müſſen in die Gruben zurückkehren und ſehen, ob den armen Jungen, die ganz gewiß verſchüttet ſind, noch zu helfen iſt.“« Sie gingen, und bald waren Alle eifrig damit be⸗ ſchäftigt, die Felſentrümmer, welche den Eingang zu dem Sackſtollen verſperrten, auf die Seite zu räumen. Ihre Hämmer und Spitzhacken arbeiteten tüchtig— aber die Maſſe des wild übereinander gehäuften Geſteins war groß, und ſelbſt der Schachtmeiſter hegte nur ge⸗ ringe Hoffnung, daß man noch zu rechter Zeit mit dem Aufräumen zu Stande kommen werde, um die Ver⸗ ſchütteten zu retten. Und überhaupt war es ja ſo zweifelhaft, ob ſie noch lebten, oder nicht vielmehr von — 2 den umhergeſchleuderten Steinmaſſen zermalmt und er⸗ ſchlagen worden waren, was jedenfalls wahrſcheinlicher war, als die erſte, günſtigere Annahme. Indeß— noch lebten die Knaben, und nur den⸗ jenigen hatte das Gericht Gottes ereilt, der darauf aus⸗ gegangen war, die Unſchuldigen aus dem Wege zu ſchaffen. Die Sprengmine hatte ſich etwas zu fruͤh für Wenzels finſtere Pläne entladen. Als nämlich das Schreckliche nun geſchehen ſollte, was er mit ſo grau⸗ ſamer Sorgfalt vorbereitet hatte, da kam plötzlich eine ungeheure Angſt uͤber ihn, das Gewiſſen wachte wie ein Rieſe in ihm auf, und ſein beabſichtigtes Verbrechen erſchien ihm ſo entſetzlich und furchtbar, der ſchnöde Ge⸗ winn, den er davon zog, ſo gering, daß er in ſeinem Vorhaben wankend wurde. Mit Donnerſtimme redete ſein Gewiſſen zu ihm. Er ſchlich hin und her durch die Gänge, getrieben von der Verbrecherangſt, deren er nicht Herr zu werden, die er nicht zu unterdrücken, nicht zu bändigen vermogte. Er erinnerte ſich plötzlich der Worte, die der kleine Hans ihm noch vor wenigen Ta⸗ gen zugerufen hatte, der Worte:„Das thuſt du, und ich ſchweige; da meineſt du, ich werde ſein gleich wie du; aber ich will dich ſtrafen, und will dir's unter Augen ſtellen!« Der rächende, ſtrafende Gott ſtand vor ihm in ſeiner Große und Majeſtät. Welche ent⸗ ſetzliche Sünde wollte er begehen! Und das um einige Goldſtücke willen, die ihm vielleicht niemals Jemand abforderte, für deren Entwendung er ſchwerlich je zur Rechenſchaft gezogen wurde. Und darum, darum ein Mord an zwei unſchuldigen Kindern?„Nein, nein, nein!« donnerte ſein Gewiſſen. Er vermogte dieſer 132 Stimme nicht zu widerſtehen. Noch war es Zeit, das Schreckliche zu verhüten— er eilte fort, dem Stollen zu, wo die verhängnißvolle Mine war— o, hätte er nicht länger gezoͤgert— aber wieder hielt er inne— eilte wieder weiter— blieb wieder ſtehen— die Lunte war ja ſo lang, und er kam, ſo hoffte, ſo rechnete er, noch immer fruͤh genug— er zauderte, er ſchwankte zwiſchen Wollen und Nichtwollen— endlich, endlich ſiegte doch der beſſere Geiſt— die Angſt, die Furcht, das Zittern vor dem ſtrafenden Gotte trieben ihn vor⸗ wärts— noch zehn Schritte und es war gethan— ein Griff, und die Lunte war weggeriſſen— da ſah er die Knaben in vertraulichem Geſpräche neben ein⸗ ander ſitzen, Hand in Hand, wie Freunde, die ſich ſchon lange kennen— und nochmals, nochmals kam der böſe Geiſt über ihn, nochmals zögerte er— und da ſprang Ulrich auf— und Er, der Verbrecher, eilte mit flie⸗ genden Schritten zurück. Ach, wäre er nur jetzt, jetzt noch vorwärts gegangen— aber nun, nun war es zu ſpät— die Mine ſprang— die Felſen flogen in Stü⸗ cken umher— ein mächtiger Block wälzte ſich über ihn — ein furchtbarer Schrei gellte über ſeine Lippen— das Entſetzliche war geſchehen. Halb zerſchmettert ward er gefunden, und die Knaben, die armen unſchuldigen Opfer ſeiner ſchnöden Habgier, waren durch ſtarre Felſenmauern von der übrigen athmenden Menſchheit geſchieden. „Großer Gott, was war das?« fragte Hans halb⸗ laut, als er aus der Betäubung erwachte, in welche Schrecken und der Druck der Luft ihn plötzlich verſetzt hatte.„Alles dunkel— die Grubenlichter erloſchen— und Ulrich— o Gott, wo iſt Ulrich geblieben?— 133 Ulrich, Ulrich! Höre mich! Lebſt du noch? Ulrich! Gib Antwort ich bitte dich!«. Die Stimme des Freundes war verſtummt. Hans ſprang auf, um mit den Händen nach ihm zu ſuchen — aber überall, wohin er tappte, fühlte er nichts als ſcharfkantige Felſenſtücke, die ihm nicht einmal geſtatteten, vorzudringen. Er erinnerte ſich ſeines Grubenlichtes— es war freilich erloſchen— aber vorhin hatte es neben ihm auf einem Felsblocke geſtanden und haſtig ſuchte er darnach. Ein Freudenſchrei entfuhr ihm, als er es fand. Mit Hülfe ſeines Feuerzeugs zündete er den Docht an, und nun hatte er wenigſtens Licht. Raſch durchſuchte er den engen Raum, der ihn einſchloß, nach ſeinem Freunde, und bald hatte er ihn entdeckt. Bleich lag er auf einem Felſenſtück hingeſtreckt, leblos, wie es ſchien, aber unverletzt. Hans flößte ihm ein wenig Waſſer ein, rieb ihm die Schläfe damit, und gewahrte mit unbeſchreiblicher Freude, daß die Wangen Ulrichs ſich wieder rötheten und ſeine Bruſt von tiefem Athem⸗ zuge gehoben wurde. leih ſchrie er—„Ulrich, lieber Ulrich, wache auf!« Die Stimme des Freundes ſchien den Ohnmächtigen in’s Leben zurückzurufen; er ſchlug die Augen auf und blickte verwundert um ſich. »Hans, großer Gott, du lebſt!« das waren ſeine erſten Worte. 8 »Gewiß lebe ich,« erwiederte Hans und umarmte mit heißem Entzücken den Freund.„Aber ſage um's Himmels willen, was iſt mit uns geſchehen? Alles um uns hat ſich verändert— ich hörte einen Donnerſchlag — iſt denn der Berg über uns zuſammengeſtürzt?« ⸗ 134 „Du ahnſt alſo nichts«— ſagte Ullrich erſtaunt. „Nicht ein gewöhnlicher Unglücksfall iſt die Urſache unſerer Lage, die vielleicht ſehr traurig iſt, ſondern der Bosheit Wenzels haben wir ſie zu verdanken. Die Sprengmine, vor der er uns ſo heuchleriſch warnte, hat ſich entladen, und es kommt mir vor, wie ein Wunder, daß wir dem Tode entgangen ſind.“ „Die Sprengmine?“ erwiederte Hans ungläubig. „Aber wir ſind doch gar nicht daran gekommen? Wie ſollte ſich denn die Lunte entzuͤndet haben? Du mußt irren, Ulrich.“ „Nein, nein, ich irre nicht,“ entgegnete der Knabe mit Beſtimmtheit,„ich ſah die Lunte glimmen, die der Böſewicht verſteckt und heimlich angezundet haben muß, um uns zu tödten. Dem Himmel ſei Dank, daß ihm dieß wenigſtens nicht geglückt iſt!« „Aber das wäre ja ſchrecklich!« ſagte Hans.„Eine ſolche Schändlichkeit kann ich mir gar nicht denken, kann ich nicht glauben. O, Ulrich, du haſt dich gewiß getäuſcht.“ „Nein, das habe ich nicht, ganz beſtimmt nicht,“ antwortete Ulrich.„Ich dachte es wohl, daß der ſchlechte Menſch Böſes im Schilde führte, als er uns befahl, hierher zu gehen, nun freilich, ſolche Bosheit konnte ich mir nicht vorſtellen. Aber gleichviel, Hans, das wollen wir ſpäter unterſuchen, vor allem Anderen müſſen wir nun ſehen, wie wir aus unſerer Lage her⸗ auskommen! Sie ſcheint mir ſchlimm genug, denn wir ſind hier eingeſchloſſen, wie in ein Grab. Aber den Muth dürfen wir deßhalb doch nicht verlieren; die An⸗ deren haben jedenfalls den Donner der ſpringenden Mine auch gehoͤrt und werden nicht verfehlen, uns nach Kräf⸗ — 135 ten Beiſtand zu leiſten. Zeige'mal her das Gruben⸗ licht, Hans! Vielleicht iſt uns irgendwo noch ein kleiner Durchgang offen geblieben.“ Sorgfältig und mit der größten Genauigkeit durch⸗ forſchte Ulrich das Innere der Höhle und beſonders die Felsmaſſen, welche vor dem Eingang derſelben gelagert waren; aber er entdeckte nichts, was ihm irgend eine Hoffnung einflößen konnte. „Es nützt nichts, ſich zu täuſchen,“ ſagte er endlich mit einem Seufzer.„Wir ſind begraben und Hülfe kann uns nur noch von Außen her kommen. Unſere Kräfte ſind viel zu ſchwach, um dieſe Felsmaſſen auf die Seite zu räumen, und zudem werden wir auch bald im Dunkeln ſitzen. Das Oel im Grubenlichte reicht höchſtens noch für drei Stunden aus. Unſere Lage iſt ſchlimm, Hans, und wir müſſen uns auf das Aeußerſte gefaßt halten.“ »Aber du ſagteſt ja doch eben, die Bergleute werden uns Hülfe bringen,“ erwiederte Hans. »Ja, gewiß, wenn ſie können,“ entgegnete Ulrich. „Aber wer weiß, wie dick die Mauer iſt, welche uns von ihnen trennt? Ich fürchte, daß eine ganze Strecke des Stollens durch die Erſchütterung eingeſtürzt iſt!« »Und warum fürchteſt du das?« fragte Hans ängſtlich. »Weil ich mein Ohr an die Felswand gelegt, und nicht das geringſte Geräuſch von außen her vernommen habe. Nun iſt aber im mindeſten nicht daran zu zwei⸗ feln, daß an unſerer Befreiung bereits gearbeitet wird, und es ſcheint mir ein ſchlimmes Zeichen, daß das Pochen der Hämmer und Hacken nicht bis zu uns dringt. Wäre der Zwiſchenraum nicht ſehr groß, der uns von 136 unſeren Befreiern ſcheidet, ſo müßten wir etwas von ihnen hören können!“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Hans, und ſtützte trau⸗ rig den Kopf in die Hand.„Was ſollen wir nun be⸗ ginnen?« Ulrich zuckte die Achſeln.„Warten!“ ſagte er; „und an die Felſen pochen, um unſern Rettern ein Zei⸗ chen des Lebens zu geben. Wenn ſie wiſſen, daß wir noch nicht todt ſind, ſo werden ſie ganz gewiß ihre An⸗ ſtrengungen zu unſerer Befreiung verdoppeln. Nimm deinen Hammer, und nun laß uns von Zeit zu Zeit an dieſes Felsſtuͤck pochen. Und damit wir, wenn das Grubenlicht erloſchen iſt, nicht in der Finſterniß herum tappen müſſen, wollen wir uns hier zunächſt an der Mauer einen Sitz bereiten. Friſch vorwärts, Häns⸗ chen! Was wir zu unſerer Rettung thun können, das müſſen wir thun! Und die Hoffnung wollen wir trotz unſerer ſchlimmen Lage noch nicht aufgeben. Einen Tag oder zwei halten wir's ſchon aus, und dann— nun, dann werden wir ja ſehen, wie weit die draußen gekommen ſind!« Die beiden Knaben legten raſch Hand an's Werk, ſäuberten den Platz zunächſt am Ausgange ihres Ge⸗ fängniſſes von Schutt und Truümmern; machten ſich Jeder einen Sitz zurecht, und pochten fleißig mit ihren Hämmern gegen die Felſen. Dieß wiederholten ſie in gemeſſenen Zwiſchenräumen— einmal lauſchend, ob nicht irgend ein Geräuſch die Nähe der Retter verkün⸗ dige— dann ſelbſt klopfend und pochend, um ein Zei⸗ chen des Lebens zu geben. „Es wird uns wenig helfen, daß wir uns abmühen,« ſagte Ulrich während einer Pauſe;„jedoch, es muß eben verſucht werden. Aber damit wir nicht das Eine über dem Anderen vergeſſen— haſt du nicht eine Waſſerflaſche gehabt, Hans?«. „Ja, gewiß,« entgegnete dieſer.„Sie ſteht hinter dem Felſenvorſprunge dort und iſt beinahe noch ganz voll.« »Gut,“ ſagte Ulrich,„hole ſie herbei und ſtelle ſte zwiſchen uns. Sie kann uns von großem Nutzen wer⸗ den, und darum müſſen wir ſorgſam mit ihr verfahren. Hole ſie, ſo lang es noch hell iſt, damit du nicht in der Dunkelheit, die uns bald einhüllen wird, über die Felsblöcke ſtrauchelſt und hinfällſt. Und wie iſt's mit dem Eſſen? Haſt du noch ein wenig Brod, oder ſonſt etwas?« »Ein einziges Stückchen Brod, weiter nichts,« ent⸗ gegnete Hans. „Es iſt immerhin Etwas!« ſagte Ulrich.„Ich habe auch ein Stück. Theilen wir's redlich mit einan⸗ der und bewahren es dann auf bis morgen, oder doch ſo lange, als wir dem Hunger widerſtehen können. Je enger wir's aushalten, deſto beſſer für uns. Es iſt ein wahres Glück, daß wir ſchon unſer Mittagsbrod gegeſſen haben! Nun brauch' ich in vierundzwanzig Stunden nichts zu genießen.« „Und ich auch nicht,“ ſagte Hans.„Für die näch⸗ ſten achtundvierzig Stunden brauchen wir uns alſo nicht vor dem Verhungern zu fürchten. Da, hier iſt die Waſſerflaſche, und hier mein Brod, legen wir's neben einander in die Felſenſpalte— da haben wir's immer zur Hand und die Flaſche ſteht ſicher.“ Sorgſam wurden die geringen Vorräthe aufbewahrt, und dann fuhren die Knaben wieder fort, gegen die 138 Felſen zu pochen, welche bei jedem Schlage Funken ſprühten. Sprechen thaten ſie wenig mit einander, denn Beide waren zu ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt, und ſcheuten ſich, dieſe Gedanken, welche wenig Erhei⸗ terndes hatten, einander mitzutheilen. Keiner wollte dem Anderen die Hoffnung nehmen, und doch hoffte im Grunde Keiner von ihnen etwas. So angeſtrengt ſie auch lauſchten, ſo oft ſie in den Zwiſchenpauſen das Ohr gegen die kalten feuchten Felswände drückten— ſie vernahmen keinen Laut, kein Geräuſch von Außen her, und die Vermuthung lag daher nahe, daß man entweder keine Anſtalten zu ihrer Befreiung getroffen habe, oder daß die Trümmermaſſen, welche ſie von der uͤbrigen Welt abſchieden, zu mächtig wären, um ſie ſo leicht zu uͤberwältigen. So vergingen einige Stunden, und das Gruben⸗ licht fing an, düſter zu brennen. Das Oel deſſelben war beinahe verzehrt— noch einige Mal flackerte die kleine Flamme kniſternd auf— dann wurde ſie immer kleiner, immer kleiner— noch ein letztes Aufblitzen— dann erloſch ſie, und die dichteſte Finſterniß hüllte die Knaben in undurchdringliche Schatten. „Oh,“ ſagten Beide zu gleicher Zeit, Ulrich fügte aber ſogleich hinzu:„Was thut's auch weiter? Das Licht nuͤtzte uns ja doch zu nichts!“ „Aber es gab doch einigen Troſt,“ ſagte Hans traurig.„Wir konnten uns wenigſtens gegenſeitig ſehen, und jetzt— die Finſterniß iſt wirklich furchtbar!“ „Ja, das iſt ſie,“ erwiederte Ulrich,„aber es hilft nichts, wir müſſen uns eben daran gewöhnen. Und dann, die Funken, die bei unſeren Hammerſchlägen um⸗ — herſprühen, geben doch auch ein wenig Licht. Sieh; 'mal, Hans!« 5 In der That, wie ein Blitz erhellten die ſprühenden Funken den engen Raum, und die Knaben konnten da⸗ bei wenigſtens die Umriſſe ihrer Geſtalten und den Schimmer ihrer Augen ſehen. Ein ſo Geringes dies auch war, es freute ſie doch, und mit verdoppeltem Eifer ſchwangen ſie ihre Hämmer und lockten Blitz auf Blitz aus den ſtarren Wänden ihres traurigen, faſt hoff⸗ nungsloſen Grabes. Stunde an Stunde verrannen auf dieſe Weiſe. Die Knaben wechſelten nur einzelne Worte mit einan⸗ der, da Keiner dem Anderen etwas Tröſtliches zu ſagen wußte. Endlich wurde Hans müde, ſo müde, daß ihm die Augen zufielen. »„Ich glaube, es wird Nacht draußen,“ ſagte er, ſich noch einmal aufraffend und die Schlaftrunkenheit von ſich abſchuͤttelnd. »Ich glaub' es ſelbſt,« erwiederte Ulrich.„Weißt du was? Lege du dich nieder und ſchlafe. Ich will indeß wach bleiben und pochen. Höre ich etwas von außen her, ſo wecke ich dich.“ „Aber du wirſt auch müde ſein,“ entgegnete Hans. „Lege dich auch nieder.“ »Nein, nein, Einer von uns muß wach bleiben und klopfen,“ ſagte Ulrich.„Wenn ich das Bedürfniß zum Schlafen fühle, ſo werde ich dich wecken, und du nimmſt dann meinen Poſten ein. Zieh' deine Jacke aus, und lege ſie als Kopfkiſſen unter dich. Frieren wird dich ſchwerlich, denn mir wenigſtens kommt es ſehr warm hier vor!« „Und ich ſchwitze ordentlich,« erwiederte Hans.„Es 140 wundert mich, daß die Luft in dieſem eingeſchloſſenen⸗ Raume noch ſo gut iſt. Wenn ich bedenke, daß wir ſchon fünf oder ſechs Stunden, oder wohl gar noch länger hier geathmet haben, ſo begreife ich nicht, daß die Luft noch nicht verdorben iſt.“ „Das verdanken wir jedenfalls den Ritzen und Spalten im Geſtein,“ erwiederte Ulrich.„Ich will dir nur geſtehen, daß ich auch Angſt hatte, wir würden er⸗ ſticken, aber jetzt glaube ich das nicht mehr. Jedenfalls dringt friſche Luft zu uns, ſonſt wären wir ſchon todt. Alſo ſchlafe du nur ganz ruhig!“ „Und du weckſt mich, wenn du müde wirſt?« ſagte Hans. »Ja, das verſpreche ich dir, denn es muß geſchehen,“ erwiederte Ulrich.„Wir dürfen nichts verſäumen, was zu unſerer Rettung beitragen kann.“ „Gut, ſo will ich mich denn niederlegen, denn ich bin entſetzlich müde,“ ſagte Hans, und ſtreckte ſich zu den Füßen Ulrichs aus. Schon nach wenigen Minuten war er feſt eingeſchlummert, wie ſeine tiefen und ruhi⸗ gen Athemzüge verriethen. Immer ſchlafe, armer Junge!“ murmelte llrich mitleidsvoll.„Vergißt du doch dann auf einige Stun⸗ den unſere traurige Lage. Und traurig iſt ſie, ſehr traurig! Ich habe faſt keine Hoffnung, daß wir aus dieſem Grabe heraus kommen werden. Der ganze Stollen muß verſchüttet ſein, denn ſonſt müßte man doch irgend ein Geräuſch vernehmen. Aber Alles iſt ſtill, ſo ſehr ſtill! kein Laut dringt hier herein! Es wird wohl aus ſein mit uns Beiden, und nie, nie wieder werden unſere Augen das freundliche Licht des Tages ſehen! Und Hans ſchläft ſo ruhig— er hofft noch— ſchlafe, ſchlafe, lieber Junge! So lang es möglich iſt, will ich die Hoffnung in dir rege erhalten, wenn ich ſelbſt auch das Allerſchlimmſte befürchte! Ach, der ſchlimme Wenzel hat ſeine böſe That nur zu gut aus⸗ geführt! Wir leben zwar noch, aber wie lange? Höch⸗ ſtens drei Tage, und dann— ja, dann iſt Alles vorüber!« Dennoch, obgleich Ulrich in der That faſt keine Hoffnung hatte, dennoch fuhr er unermüdlich fort, zu pochen und zu hämmern, dennoch lauſchte er mit ge⸗ ſpanntem Ohr auf das leiſeſte Geräuſch, und fuhr öfter als ein Mal freudig erſchrocken zuſammen, wenn er einen Laut aus der Ferne zu vernehmen glaubte. Aber immer beruhte der Hoffnungsſtrahl, der leuchtend ſeine Seele erhellte, auf einer Täuſchung, und gewoͤhnlich hatte er eine Bewegung, einen Seußzer, einen tieferen Athemzug ſeines ſchlummernden Unglücksgefährten für ein Vorzeichen der nahenden Rettung gehalten. Dann ſchüttelte er traurig den Kopf, murmelte:„es war nichts!« und pochte wieder, und lauſchte wieder, und pochte und lauſchte immer und immer vergebens. Endlich ward er auch müde. Unwiderſtehliche Schlaf⸗ trunkenheit bemächtigte ſich ſeiner, und der ſchwere Ham⸗ mer, entfiel endlich ſeiner kraftloſenſHand. Mit einer Pnien Anſtrengung ſuchte er Hans aufzuwecken, und dann ſank er nieder. Hans fuhr in die Höhe, als ihn die Hand des Freundes berührte; aber auch er fiel wieder zurück— und nun verſtummte das Pochen und Hämmern, und beide Knaben ſchliefen fort, Arm in Arm und Bruſt an Bruſt, und draußen— ja freilich, draußen arbeiteten die braven Bergleute fleißig an der Befreiung der armen Knaben, auch während der Nacht aber die Maſſe des Geſteins war ſo groß, größer als man anfänglich vermuthet hatte, und der Schachtmeiſter, der es ſo wohl mit den Knaben meinte, der ſte ſo gern errettet hätte, auch Er zweifelte, daß alle Anſtrengungen zu dem erwünſchten Ziele führen würden. Dennoch harrte er aus, dennoch ermunterte er die Leute, mit ihrer Arbeit fortzufahren, und die Leute ſchaufelten und hämmerten fort und fort, und jeder Fuß breit gewon⸗ nener Boden regte ſie zu neuer Thätigkeit an. Hans war der erſte, der aus dem tiefen Schlummer wieder erwachte.„Ulrich!“« rief er; aber Ulrich ant⸗ wortete nicht: er ſchlief. Hans ließ ihn ſchlafen, rich⸗ tete ſich auf, ſuchte nach dem Hammer, und, als er ihn gefunden hatte, pochte er tüchtig an die Felſen. Beim erſten Schlage erwachte auch Ülrich. „Mein Gott,“ ſagte er—„ich bin alſo doch ein⸗ geſchlummert! Hab' ich denn gewollt, Hans?« „Ja freilich,“ erwiederte dieſer,„aber leider— ich war noch ſo müde— und da— nun, was ſchadet es auch? Man höͤrt ja noch immer nichts von draußen!“ „Man hört ja nichts, ja!“ antwortete Ulrich und ſeufzte.„Und doch mögte ich wohl wiſſen, wie lange wir eigentlich geſchlafen haben. Biſt du nicht hungrig, Hans 2 „Ein wenig wohl— aber ich will noch nicht eſſen, will lieber noch warten. Iß du, Ulrich!« „Nein, ich halte es noch lange aus,« ſagte dieſer. „Einen Schluck Waſſer wollen wir Jeder nehmen. Hier iſt die Flaſche— trinke!“ Hans trank, und llrich ſtellte die Flaſche wieder in die Felſenſpalte, ohne ſie an die Lippen geführt zu haben. Er kannte beſſer als Hans die Nothwendigkeit, 143 ſparſam mit den wenigen Nahrungsmitteln umzugehen, und überwand heldenmüthig Durſt und Hunger, um den größeren Theil des kleinen Vorrathes dem Freunde zuzuwenden, welcher ſchwächer und weniger als er an Entbehrungen gewöhnt war. »Das erquickt, Ulrich!« ſagte Hans.„Jetzt kann ich wieder eine gute Weile warten.“ »Ja ja,“ erwiederte Ulrich,„und das iſt auch recht gut, denn es kann noch lange dauern, bis wir befreit werden. Nimm den Hammer und laß uns klopfen.“ Sie klopften und pochten— Stunden lag— horchten und horchten— Alles ſtill. Der Hunger regte ſich von Neuem bei ihnen, wurde immer heftigeern war kaum mehr zu überwinden. „Es nützt nichts,“ ſagte Hans endlich—„ich muß einen Biſſen Brod genießen.⸗ »Iß!« entgegnete Ulrich.„Ich warte noch!’!“ »Nein, das ſollſt du nicht,« erwiederte Hans.„Wir werden zugleich eſſen, und du mußt eben ſo viel neh⸗ men, als ich. Gib mir das Brod her, lieber Ulrich— ich will es theilen.“ vnss AUlrich gab das Brod hin, Hans brach es in zwei Stücke, behielt das kleinere für ſch und reichte das nahm, entfiel ihm der Hammer, den er auf ſei⸗ nen Schooß gelegt hatte, und ſchlug gegen ein Felsſtück. Funken ſprühten und bei ihrem Scheine gewahrte Hans, daß Ulrich nicht aß, ſondern ſein Stückchen Brod wie⸗ der in die Felſenſpalte legte. »Hal« rief er aus—„das iſt nicht kecht, Ulrich! Du mußt mich nicht betrügen, oder ich eſſe nicht einen — dem Freunde. Indem er heißhungrig den erſen Hans blieb feſt. Er aß und trank nicht, ſondern be⸗ 144 Biſſen mehr. Glaubſt du, ich könne es dulden, daß du hungerſt?“ »Pah, mich hungert nicht, und du bedarfſt über⸗ haupt mehr Nahrung, als ich,“ entgegnete Ulrich.„Wie oft habe ich ſchon Tage lang nichts gegeſſen, ohne daß es mir Schaden that.“ „„Du willſt alſo nichts genießen, wirklich nicht?« fragte Hans. „Nein, wenigſtens nicht jetzt,“ antwortete Ulrich. „Wohl, ſo iſt hier auch mein Stückchen Brod,“ ſagte Hans entſchloſſen, und legte das Brod in die Spalte.„Und nun will ich dir ſagen, Ulrich, was ich thue. Ich werde nicht eher wieder das Brod anrühren, als bis du gegeſſen haſt. Und ſehen will ich, daß du ißt! Zum Gluͤck geben die Funken, die wir aus dem Geſtein ſchlagen, Licht genug, daß man ſehen kann. Und jetzt weißt du, wie ich's meine, und ich laſſe mich nicht wieder irre machen. Ich bin die Urſache davon, daß du in das Elend gerathen biſt, und nun willſt du dich auch noch berauben und mir die Erquickung zu⸗ wenden, die du eben ſo nöthig gebrauchſt, als ich. Das iſt zu viel, Ulrich, und nimmermehr will ich es dulden.“ Ulrich wollte zwar Einwendungen machen, aber zwang mit Entſchloſſenheit Hunger und Durſt, obgleit er ſehr dabei litt. Ulrich mußte nachgeben. „Gut,« ſagte Hans,„ſo nimm dein Brod und ich werde warten, bis du es ganz verzehrt haſt. Die Funken gut und du wirſt mich nicht wieder täuſchen.“ Ulrich a und Hans hämmerte, daß die Funken ſtoben. Erſt als er ſich überzeugt hatte, daß Ulrich ge⸗ ſättigt war, aß er ebenfalls und trank aus der Flaſche. Ulrich mußte es auch thun. »Jetzt können wir es wieder vierundzwanzig Stun⸗ den aushalten,“ ſagte Hans hierauf. Die Häͤlfte des Brodes und Waſſers iſt noch vorhanden, und morgen werden wir ſie theilen, wie heute.« Ulrich ſchwieg und drückte die Hand des Freundes. Heimlich griff er dann in die Felſenſpalte, brach ein Stückchen von dem Brode ab, das noch dort lag, und verbarg es an einer anderen Stelle. Hierauf endlich nahm er den Hammer wieder zur Hand, und dumpf erdröhnten von Neuem die ſchweren Schläge gegen die Felſen, um den Bergleuten draußen Kunde zu geben, daß die armen verſchütteten Knaben noch am Leben ſeien und dringend des Beiſtandes bedurften. Abermals verrann Stunde an Stunde— Ulrich und Hans ſchlummerten und wachten abwechſelnd— der Hunger, der Durſt meldete ſich mit neuer Macht — der letzte Reſt des kleinen Speiſevorrathes wurde aus der Spalte genommen und verzehrt— und wieder und immer wieder horchten die Knaben und ſeufzten — mit ſteigender Angſt und Sorge, mit immer tiefer ſinkender Hoffnung— und kein Geräuſch, kein Ton gab ihnen Kunde davon, daß man ihrer gedachte, daß man ſie zu befreien ſuchte. Und endlich erloſch auch der letzte Hoffnungsfunken in Ulrichs Herzen. Drei bis vier Tage— genau wußte er's freilich nicht, aber drei vollle Tage gewiß— war er nun mit Hans eingeſchloſſen geweſen, und er konnte nicht nur, ſondern er mußte ſogatzannehmen, daß man draußen nun nicht mehr darauf rechnen würde, Ein Bibelblatt. 10 ——e — — 146 die Knaben noch am Leben zu finden, ſelbſt wenn ſte glücklich der Gefahr der ſpringenden Mine entgangen waren. Wenn man alſo auch wirklich an ihrer Be⸗ freiung gearbeitet hatte, ſo gab man es nun gewiß auf, denn an den verſchütteten Stollen war Niemanden etwas gelegen. Ulrich ſah das Alles klar ein, und mit Faſ⸗ ſung bereitete er ſich zum Tode vor. Seinen Freund aber tröſtete er, ſo gut er konnte, und ſuchte fortwäh⸗ rend die Hoffnung auf ihre endliche Erlöſung in ihm aufrecht zu erhalten. Wieder verſtrich ein Tag, und die Nolh der Kna⸗ ben ſtieg auf den höchſten Gipfel. Der Hunger hatte ſie ſo erſchöpft, daß ſie kaum noch den Hammer heben konnten. Han lag ausgeſtreckt auf dem Boden. Er ſchlief nicht und wachte nicht— eine ſchwere Betäu⸗ bung hatte ihn in Feſſeln geſchlagen und verwirrte ſeine Sinne. Jetzt nahm Ülrich das Stückchen Brod, das er heimlich auf die Seite gebracht hatte und reichte es dem Freunde hin. Dieſer nahm es und verſchlang es mit Gier. Noch einmal kehrte das ſchwindende Leben an ihn zurück, und er gewann ſo viel Kraft, um ſich aufzurichten.. „Ulrich, lieber Ulrich,“ ſagte er und umſchlang den Ktreuen Freund—„woher haſt du das Brod? Du haſt doch auch gegeſſen? O Gott, ich konnte es ja nicht 2 ſehen, konnte ja den Hammer nicht mehr führen!“ „Sei meinetwegen ohne Sorge,“ entgegnete Ulrich geben ſ—„ich aß auch, aber freilich, es war das Letzte. Wenn nicht bald Hülfe kommt, ſo ſind wir verloren!« 1 * 3„1. mit ſchwacher Stimme, der er umſonſt Feſtigkeit zu 147 »Aber die Hülfe wird kommen, ſie muß kommen!« rief Hans ſchmerzlich aus. „Sie wird nicht, ſte kann nicht mehr kommen,“« ent⸗ gegnete Ulrich matt.»Ich fühle, daß ich ſterbe, und nicht mit einer Lüge will ich dahin ſcheiden. Hoffe nichts mehr, lieber Hans! Ich ſelbſt habe ſchon längſt alle Hoffnung aufgegeben— wir werden ſterben— ich zuerſt, dann du— und Gott ſei uns Beiden gnädig!« Ein Schrei der Angſt und des Schreckens entfuhr dem armen Hans.»Nein, nein, nein!« rief er aus und umklammerte Ulrich mit verzweifelter Heftigkeit— „nein, du darfſt nicht ſterben, darfſt mich nicht ver⸗— laſſen! Komm an mein Herz! Ich h de dich, ich laſe dich nicht! Laß uns beten, Ulrich! Der Herr ſagt: »Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten, ſo ſollſt du mich preiſen! Auf meinem Bibelblatte ſteht es geſchrieben! Laß uns zu Gott rufen! e, Ulrich, bete! O Gott, o Gott, barmherziger Gott, ſieh unſere Angſt, ſieh' unſere Noth! Errette uns! Errette uns, und wir werden dich preiſen, ſo lange unſer Leben dauert! Bete, Ulrich! Gott iſt gnädig und wird uns erhören!« 1 Ulrich gab keine Antwort mehr; er war zu ſchwach, und ſeine Stimme erſtarb in leiſe Seufzer. Hans aber kniete neben ihm nieder, und betete fort, unter Weinen und Schluchzen freilich, aber mit heißer Inbrunſt betete er und rief zu Gott, daß er ihn errette, ihn und den treuen Freund, auf deſſen Antlitz ſeine Thränen nie⸗ derfloſſen. 1 Und plößlich fuhr Ulrich in die Höhe.„Herr mein 148 Heiland!“ ſchrie er auf— ſtill, nur einen Augenblick ſtill, Hans— es iſt, es iſt! Horch, Hans! Horch! Gott hat dich erhört! Gott iſt barmherzig und gnädig! Horch! Hörſt du's nicht, Hans? So höre doch, höre doch!« ans verſtummte— preßte ſein Ohr gegen die Felſenwand— lauſchte mit angehaltenem Athem— ja, wahrlich, ein dumpfes Pochen in der Ferne— ein Pochen und Hämmern und Schürfen und Bohren— und der Laut menſchlicher Stimmen dazwiſchen— dann ein Krachen von ſtürzendem, rollendem Geſtein— und nun auf einmal Alles wieder ſtill— dann— nahe, ganz nahe wiederum das Bohren und Schürfen und Pochen und Hämmern— und ganz deutlich hörbar die Stimmen von Männern— und nun ein lauter Schrei der Knaben, die einander in die Arme fielen— und ein Jubelruf, den Hans ausſtieß, indem er ſprach: „Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten, ſo ſollſt du mich preiſen!“— und den Hammer raffte er auf und ſchmetterte ihn mit Macht gegen die Felſen — die Freude, die Wonne, das unſägliche Entzücken, das ihn durchſtrömte, gab ihm Kraft dazu— und nun wiederum tiefe Stille jenſeits der Felſenwand— und dann die jauchzende Stimme des Schachtmeiſters:„Sie leben! Sie leben! Friſch vorwärts, Leute!— dann ein donnerndes Jubelgeſchrei— und nun mit verdoppelter Macht das Hämmern und Pochen, daß die Steine nach, allen Seiten flogen und die Funken ſtoben— und end⸗ lich, endlich ein Schimmer der Grubenlichter, in das enge Grab der Knaben fallend— ja, die Rettung war da! Gott hatte das Gebet erhört, und unter heißen Wonnethränen ſanken die Knaben Bruſt an Bruſt, und kes gegen den gnadenreichen Vater im Himmel. So wurden ſie gefunden, als endlich die letzten Felsſtücke weggeräumt waren, die ſte ſo lange von der Außenwelt abgeſchnitten hatten, und jubelnd hoben die Bergleute die Geretteten auf ihre Schultern und brach⸗ ten ſie an's Tageslicht zurück. Sie ſahen wieder die Sonne, den blauen Himmel, die fliegenden Wolken, das Grün der Wälder und Wieſen— ihre Herzen wallten auf— ihre Augen füllten ſich mit Thräͤnen, und, die Hände zum Himmel erhebend ſtammelte Hans:„Herr, Gott, dich loben wir!«— und Ulrich ſtammelte es nach, und die Bergleute wiederholten die Worte, und von den Felſen ringsum hallte es wieder:„Herr Gott, dich loben wir!« So aber ging in Erfüllung das Wort des Herrn: „Nufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erretten, ſo ſollſt du mich preiſen!« Zehntes Kapitel. And werden unter einander reden mit Reue. Weish. 5, 3.* Nachdem die erſte Aufwallung des Entzückens vor⸗ über war, fühlten die Knaben erſt, wie furchtbar die Tage des Entſetzens und der Angſt in ihrem unter⸗ irdiſchen Grabe ihre Kraft erſchöpft und ihren Körper ſtammelten abgebrochene Laute des Entzuͤckens und Dan 150 zerrüttet hatten. Beide verfielen in eine Krankheit, aus der ſie erſt nach einigen Tagen wieder zur Beſinnung erwachten. Jetzt kam ihnen das Erlebte vor, wie ein ſchwerer Traum, und nur mit Mühe konnten ſie ſich auf alle Einzelnheiten ihres Abenteuers beſinnen. „Aber wie war es nur möglich, daß die Hülfe ſo plötzlich erſchienen, als wir ſchon jede Hoffnung aufge⸗ geben hatten?« fragte Ulrich den Schachtmeiſter, welcher die Knaben in ſein Haus aufgenommen, und ihnen die herzlichſte Theilnahme bezeigt hatte.»„Nur wenige Mi⸗ nuten vor unſerer Rettung vernahmen wir kein Geräuſch von Außen her, und doch hätten wir das Getöſe und Dröhnen der Hämmer hören müſſen, wenn die Retter uns ſo nahe waren. Wie ſind ſie nun ſo ſchnell durch Schutt und Trümmern zu uns gedrungen?“ „Das Räthſel iſt bald erklärt,« entgegnete der Schachtmeiſter.„Die Trümmerwand, welche euch den Ausgang aus dem Stollen verſchloß, war nur einige Fuß dick, aber dann folgte ein leerer Zwiſchenraum von beinahe fünfzig Schritten, hinter welchem nun erſt die Hauptmaſſe des Geſteins lag. Durch die Erſchütterung der Exploſion war eine lange Strecke des anſtoßenden Stollens eingeſtuͤrzt, und dieſe mußten wir erſt aufräu⸗ men, bevor wir zu euch gelangen konnten. Der freie Zwiſchenraum hielt den Schall auf, und daher kam es, daß ihr uns noch fern glauben mußtet, während wir uns ſchon ganz dicht bei euch befanden. Das Ein⸗ ſtürzen des letzten Reſtes der Haupt⸗Trümmer⸗Maſſe verurſachte ein ſo lautes Gepolter, daß ihr es verneh⸗ men mußtet, und nun hörten auch wir den dumpfen Schall eurer Hammerſchläge. Die letzte dünne Wand aus dem Wege zu räumen, erforderte bei ſo vielen 151 Händen, die rüſtig zugriffen, wenig Zeit, und ſo mußte euch denn freilich die raſche, plötzlich wie vom Himmel gefallene Hülfe wohl als ein Wunder erſcheinen. Und ein Wunder iſt es, im Grunde genommen, auch— denn wenn die ganze Strecke des Stollens, die euch von uns trennte, eingeſtürzt wäre, ſo hätte keine Macht der Erde eure Befreiung zu bewirken vermocht. Darum vergeßt nicht, dem Herrn zu danken, denn wahrlich, er hat euch wunderbar geſchützt und erhalten.“ » Oh, wir ſind dankbar im innerſten Herzen,“ ſagte Hans mit tiefem Gefühl.„Nie werde ich vergeſſen, in welcher Gefahr wir ſchwebten, und wie Gott der Herr ſeine ſchützende Hand über uns gehalten hat. Ein thörichter, unbeſonnener, wilder Knabe war ich, aber von jetzt an werde ich es gewiß nicht mehr ſein.“ »Gott erhalte dich bei dieſen Geſinnungen,“ ſagte der Schachtmeiſter herzlich.„Aber nun, Kinder, erklärt mir, wie war es moͤglich, daß Ihr ſo unbeſonnen die Mine entzündetet?« »Wir?« rief Ulrich aus, dem ietzt wieder die Schlech⸗ tigkeit und Verruchtheit Wenzels einfiel—„wir hätten die Mine ſpringen laſſen? Wenzel war es ja, Wenzel, der verrätheriſche Mörder! Aber jetzt ſoll auch ſeine Miſſethat an den That kommen, und er ſoll büßen, was er verübt hat!«“ »Still, ſtill,“ ſagte der Schachtmeiſter ernſt.„Wenn er wirklich ſchuldig iſt, ſo hat ihn die ſtrafende Hand Gottes ſchon ereilt. Mit zerſchmettertem Gebein liegt er daheim auf dem Schmerzenslager, und die Stunden, — die er noch auf Erden verweilen wird, ſind gezählt.“ b Mit wenigen Worten erzählte er den ſtaunenden Knaben, in welchem Zuſtande man Wenzel gefunden 152 hatte, und daß der Arzt ihm vor wenigen Stunden mitgetheilt habe, daß der Unglückliche die nächſte Nacht nicht mehr überleben werde. Betroffen blickte Ulrich vor ſich nieder, Hans aber ſprach:„Siehe, ſiehe den Finger des Herrn, ſiehe, wie erfüllt wird, was geſchrieben ſtehet:„„Das thuſt du, und ich ſchweige; da meineſt du, ich werde ſein gleich wie du; aber ich will dich ſtrafen und will dir's unter Augen ſtellen!«« Ach, wie mächtig iſt der Herr, und wie theilt er Alles aus, Lohn und Strafe, Gnade und Buße nach göttlicher Gerechtigkeit.„„Er ruft Himmel und Erde, daß er ſein Volk richte! Und die Himmel werden ſeine Ge⸗ rechtigkeit verkündigen, denn Gott iſt Richter, Sela!“« Hier auf meinem Bibelblatte, das mir Troſt gewährte in aller Bedrängniß, ſteht es geſchrieben, und wahrlich! der Herr hat Alles erfüllt.“« Indem kam Frau Sabine gelaufen mit weinenden Augen, und brachte die Nachricht, daß Wenzel mit dem Tode ringe und um Gottes Willen bitten ließe, nur noch ein einziges Mal die geretteten Knaben ſehen zu dürfen, damit er ihre Verzeihung mit in das Jenſeits hinüber nehmen könne. Er ſähe wohl ein, daß er ſich ſchwer an ihnen verſündigt habe, aber ſeine Strafe ſei auch hart, obgleich nur gerecht, und ſo möchten ſie doch Barmherzigkeit walten laſſen und ihm die ſchwere Stunde des Sterbens erleichtern. So ſchwach ſich auch die beiden Knaben noch fühl⸗ ten, zeigten ſie ſich doch augenblicklich bereit, Frau Sa⸗ binen in Wenzels Hütte zu folgen. Aller Groll gegen den Mann, der es ſo böſe mit ihnen gemeint hatte, war aus ihrem Herzen verſchwunden, und ſie empfan⸗ den nur die innigſte Theilnahme an dem Schickſale des 153 Unglücklichen, der von der mächtigen Hand des Herrn ſo gewaltig darnieder geworfen war. Sie eilten in Begleitung des Schachtmeiſters an ſein Sterbelager, und wenn auch wirklich jetzt noch ein Reſt von Haß und Nachſucht in ihrem Herzen verborgen geweſen wäre, jetzt hätte der Anblick des Armen und Elenden gewiß die letzte Spur davon vertilgt. Welche ſchreck⸗ liche Veränderung hatten wenige Tage in ſeinem Aus⸗ ſehen bewirkt, welche tiefe Spuren hatten Schmerzen und Gewiſſensbiſſe ſeinem Antlitze eingegraben? Da lag er, der vor Kurzem noch ſo ſtarke Mann, ſchwach und hülflos wie ein Kind auf den blutigen Kiſſen, ſein Mund von unſäglichen Qualen verzerrt, die Augen halb erloſchen, tief eingeſunken in die blau umränderten Höhlen, die gefurchte Stirn von kaltem Schweiße be⸗ deckt, aſchbleich die hohlen Wangen— ein ſchreckliches Bild des Leidens. Als die Knaben eintraten, ſchaute er ſie an mit flehendem Blicke, und dann, ohne ein Wort zu ſagen, hob er die leichte Decke auf, und deu⸗ tete auf die blutigen Stummel, die von ſeinen zerſchmet⸗ terten Gliedern uͤbrig geblieben waren. Der grauen⸗ voolle Anblick erſchütterte die Knaben bis in's innerſte Herz hinein, weinend ſanken ſie an dem Schmerzens⸗ lager des Unglücklichen auf die Knie, und drückten ſeine abgezehrte Hand an ihren Mund. »Armer, armer Wenzel!« ſagte Hans mit dem innigſten Tone des Mitgefühls—„ach, warum mußte das geſchehen?« »Gott hat gerichtet!« erwiederte der reuige Sünder mit bebender, hohler Stimme.„Ach, ach, ach, ich hörte nicht auf die Warnungen, die er mir zurief durch die Stimme meines Gewiſſens, und nun zermalmte mich 154 der ſtrafende Arm Seiner Gerechtigkeit! Mir iſt ge⸗ ſchehen nach meinen Thaten, und ich danke Gott, daß Er wenigſtens euch gerettet, daß Er mir die Gnade gewährt hat, euch noch einmal zu ſehen, die ich tödten wollte! Oh, könnt ihr mir denn meine Miſſethat ver⸗ zeihen? Könnt ihr, könnt ihr vergeben, was ich euch Böſes zufügen wollte?« Die Stimme der Knaben erſtickte in Thränen, die Mitleid und Theilnahme ihnen auspreßten. Aber ſie drückten die Hand des Unglücklichen und ihre Blicke ſagten ihm, daß ſie ihm Alles und Alles von Herzen verziehen hätten. Ein mattes Lächeln umſpielte die bleichen Lippen Wenzels und ſein Auge richtete ſich dankend und demuthsvoll nach Oben. „Das iſt Troſt und Erquickung!“ ſagte er.„Ach, wäre die Mine nicht ſo früh losgegangen, ich hätte die That noch verhindert— ich war ſchon auf dem Wege dazu— mein Gewiſſen trieb mich— ich fühlte Reue— aber zu ſpät, zu ſpät— die Mine flog auf und mich ereilte die Strafe!— Aber Gott iſt gnädig! Er ſah wohl, daß ich Reue empfand, und darum be⸗ hütete er euch, darum rettete er euch, und traf nur mich, den Schuldigen! Und um meiner Reue willen hat er vergönnt, daß ich euch noch einmal ſehen und eure Vergebung erflehen dürfe vor meinem Ende! Und das erquickt meine ſündhafte Seele! Ach, es wäre ja zu entſetzlich geweſen, wenn ich hätte ſterben müſſen mit dem Bewußtſein, der Mörder von euch zwei unſchul⸗ digen Knaben zu ſein! Ach! könnte ich nur wieder gut machen durch Reue und Buße, was ich geſündigt! Könnte ich nur hoffen auf die große Barmherzigkeit des himmliſchen Vater! Ach, könnte ich nur beten, nur 155 beten zu Ihm! Aber ich wage es nicht! Meine Schuld iſt ja zu groß, als daß ſie mir könnte vergeben wer⸗ den, und meine Seele zittert vor Angſt!« Verzweiflungsvoll rang der Arme die Hände und die tiefinnerſte Seelenqual prägte ſich in ſeinem bleichen Geſichte aus. Alle ſtanden um ihn herum und weinten vor Mitleid, aber Keiner fand ein Wort des Troſtes für den Verzweifelnden. Da ſagte auf einmal Hans mit milder Stimme und mit leuchtendem Auge:„Warum zitterſt du? Ver⸗ giſſeſt du denn, daß Ulrich und ich dir vergeben haben, und du wollteſt zweifeln an der Gnade Gottes, der doch die Liebe iſt? Ich will beten mit dir, und der Herr wird unſere Worte vernehmen. Sei getroſt, und falte deine Hände, und erhebe Herz und Auge zum Herrn!“ Und Wenzel that, wie der Knabe ſagte, und Alle, die im kleinen Zimmer waren, knieten nieder mit ge⸗ ſenktem Haupte und gefalteten Händen, und Hans ſprach mit erhobener Stimme die Worte, die auf ſeinem Bibelblatte ſtanden, und betete:„Gott ſei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit! Waſche mich wohl von meiner Miſſethat, und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich erkenne meine Miſſethat und meine Sünde iſt im⸗ mer vor mir. Verbirge dein Antlitz vor meinen Sün⸗ den und tilge alle meine Miſſethat. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen ge⸗ wiſſen Geiſt. Verwirf mich nicht vor deinem Angeſicht, und nimm deinen heiligen Geiſt nicht von mir. Tröſte mich wieder mit deiner Hülfe und der freudige Geiſt enthalte mich. Amen!“ 156 „Amen! Amen!« rief der Sterbende jetzt plötzlich mit lauter Stimme, richtete ſich mit wunderbarer Kraft in die Höhe, und heftete einen Blick tiefer und inbrün⸗ ſtiger Dankbarkeit auf das andachtsvolle, ſtrahlende Antlitz des kleinen Hans.„Knabe,“ ſprach er—„ich wollte dir das Leben rauben, und du erleichterſt mir die Stunde meines Todes! Gottes Segen ruhe dafür auf deinem Haupte! Du aber, Herr, Herr, zu dem ich rufe, verwirf, oh verwirf mich nicht von deinem Ange⸗ ſicht und...“ Seine Stimme brach— ein Zucken flog blitzſchnell über ſeine Züge— und dann ſank er kraftlos in ſeine Kiſſen zurück. Indem er zum Herrn rief, war er ge⸗ ſtorben. Der Athem ging nicht mehr ein und aus aus ſeinem Munde, das Auge war gebrochen, der Mund verſtummt auf ewig. Aber der Friede Gottes lag auf dem Antlitze des Todten. Aller Schmerz war davon verwiſcht— die Lippen ſchienen zu lächeln— man ſah wohl: der Herr hatte ſein Gebet vernommen und den heiligen Segen der Verſoͤhnung über ihn aus⸗ gegoſſen. „Ruhe ſeiner Aſche!“ ſagte der Schachtmeiſter, der ſich zuerſt wieder faßte, tief bewegt.„Vergeſſen wir, was er Böſes gewollt und gethan, und gedenken wir nur ſeiner aufrichtigen Reue. Kommt, Knaben! Und Ihr, Frau Sabine, ſeid ohne Sorgen wegen Eurer ferneren Zukunft. Den Ernährer hat Euch Gott ge⸗ nommen, aber ich weiß, was Ihr an dieſem Knaben Gutes geübt habt, und die gute That ſoll gute Früchte tragen, ſo Gott mir helfe.“ Weinend ſank Frau Sabine am Sterbebette ihres Gatten nieder und betete für das Heil ſeiner Seele. 157 Die Anderen verließen die verödete Hütte und kehrten mit dem Schachtmeiſter nach deſſen Hauſe zurück. Schweigend und ſtill, Jeder mit ſeinen Gedanken und Empfindungen beſchäftigt, ſchritten ſie dahin. Hans vor Allen fühlte ſich mächtig erſchüttert. „Wie gewaltig iſt doch die Macht des Herrn, und wie heilig ſind Seine Verheißungen,“ dachte er in ſeinem Inneren.„»Selbſt das Herz des Böſen iſt wie bieg⸗ ſames Wachs in Seiner Hand, und die Seele des Sündhaften muß vor Ihm erzittern, daß ſie ſich beugt und demüthigt und in den Staub wirft vor Seiner Majeſtät! Und ruft ſie dann zu Ihm in der Noth und Herzensbangigkeit um Gnade und Barmherzigkeit, ſo läßt Er in Erfüllung gehen, was er verheißen hat, und ſiehe, Er errettet die reuige Seele von den Aeng⸗ ſten des Todes. Ach, Herr, wie iſt deine Gerechtigkeit ſo groß und doch deine Gnade ſo unerſchöpflich! Be⸗ wahre mein Herz und behüte mich, daß ich nimmer wieder auf unrechten Wegen wandle und deiner Gebote vergeſſe! Jetzt habe ich erfahren am armen Wenzel und an mir ſelbſt, daß die Gottloſen kein Heil im Himmel und auf Erden finden, außer in Reue und Buße und Gebet zu dir! Wie könnte ich das je vergeſſen?« Der brave Schachtmeiſter ſchien zu ahnen, was die Seele des Knaben bewegte, und überließ ihn ruhig ſeinen Gedanken. Der Tag verſtrich in ſtillen Be⸗ trachtungen. Alle waren zu ſehr erſchüttert von dem ſchrecklichen Schickſale des armen Wenzel, als daß ſie es in gleichgültigem Geplauder hätten vergeſſen können. 158 Elftes Kapitel. Die ſich beſſern, läßt er zu Gnaden kommen. Sir. 17, 20. Nach dem Begräbniſſe Wenzels, das einige Tage ſpäter erfolgte, hielt es der Schachtmeiſter endlich füͤr nöthig, die Schritte zu berathen, welche für Hans ge⸗ than werden mußten. Er berief ihn und Ulrich zu ſich und fragte ihn, ob er wohl ſchon daran gedacht habe, auf welche Weiſe er ſeinen Fehltritt, die Flucht nämlich aus dem Hauſe ſeiner Tante, wieder gut machen könne und wolle? „Gewiß habe ich darüber nachgedacht,« erwiederte Hans ohne Zögern.„Ich muß zu meiner Tante zurückkehren, ihre Verzeihung erflehen und bei ihr ab⸗ warten, welche Nachrichten vom Vater und Paul ein⸗ laufen.“ „Das iſt allerdings das Einfachſte und Vernünf⸗ tigſte,“ ſagte der Schachtmeiſter.„Es fragt ſich nur, auf welche Weiſe du die Rückreiſe bewerkſtelligen kannſt, ohne Gefahr zu laufen, den Franzoſen in die Hände zu fallen, die allenthalben das Land überſchwemmt haben.“ »Ei, ſie werden ja einem kleinen Knaben, wie mir, nichts Leides thun,“ entgegnete Hans.„Ich ſetze mich auf meinen Schimmel, der ſich ja zum Glück von dem Schuſſe Wenzels wieder erholt hat, und dann reit' ich in Gottes Namen auf Berlin zu. Das heißt, Ulrich und ich reiten hin, denn mein guter Ulrich muß mich begleiten und darf mich nicht wieder verlaſſen. Nicht 159 wahr, Ulrich? Wir ſind und bleiben Brüder für unſer ganzes Leben?« »Wenn du mich haben willſt, ja!« entgegneke Ul⸗ rich treuherzig, und ſchlug kräftig in die dargebotene Hand des Freundes ein.„Ich folge dir überall hin, denn du biſt mir lieb geworden in den Tagen der Gefahr.“ »Und meinſt du, ich, ich könnte je deine treue Theil⸗ nahme und Aufopferung vergeſſen?« ſprach Hans freund⸗ lich.„Wir bleiben bei einander, und mein Vater wird dich mit Freuden willkommen heißen.“ »„Ja, das glaube ich ſelbſt,« ſagte der Schachtmei⸗ ſter.„Zudem, Ullrichs Eltern ſind todt— hier hält ihn nichts; reiſe du in Frieden, mein Sohn, mit dem Freunde, den deine Treue dir erworben hat. Aber ſo ganz allein— zwei ſo junge Knaben— ich weiß nicht, es kommt mir doch zu gewagt vor! Ich werde Euch einen ſicheren Mann zum Begleiter mitgeben! Er ſoll Euch bis nach Berlin bringen.“ „Das wäre mir ſchon recht,« ſagte Hans;„aber — wir haben kein Geld— es wird Mühe koſten, nur uns beide Knaben durchzubringen, wie nun, wenn noch ein Dritter...« »Was das anbetrifft, ſo kannſt du ohne Sorgen ſein, Hänschen,« unterbrach ihn der Schachtmeiſter. »Dein kleiner Schatz hat ſich wieder gefunden. Wenzel geſtand in ſeiner Reue, daß er ihn geraubt und wo er ihn vergraben habe, und Frau Sabine hat mir ſchon vor einigen Tagen die ganze Summe überbracht.« 1 »Nein, nein,“ ſagte Hans— pſie ſoll es behalten! Ich will nichts davon! Die arme gute Frau! Geben Sie ihr das Geld wieder, lieber Herr!⸗ 8* 28* 160 „Woh!, wohl, ſo laß ihr die Hälfte, und ſchon das wird ein kleiner Schatz für ſie ſein,“ ſagte der Schacht⸗ meiſter.„Ich will dir nicht wehren, ihr deine Dank⸗ barkeit zu bezeigen, denn ſie hat es wohl um dich ver⸗ dient und bedarf der Unterſtützung. Auch iſt der Reſt mehr als hinreichend, die Koſten deiner Heimreiſe zu beſtreiten. Soll ich Frau Sabine rufen? Sie iſt bei mir im Hauſe.“ „Ja, ja,« bat Hans—„und ſie ſoll nicht nur das wenige Geld bekommen, ſondern ich werde meinen Vater auch bitten, ſie fernerhin reichlich zu unterſtützen, damit die gute Frau nicht Noth zu leiden braucht.“ Frau Sabine kam und weinte Thränen der Rüh⸗ rung, als ſie das reiche Geſchenk von Hans und die Verſicherung erhielt, daß er auch in der Ferne gewiß ihrer gedenken werde. Dann dankte ihr Hans für alle Theilnahme, die ſie ihm bewieſen hatte, und nahm Abſchied von ihr. Die gute Sabine zerfloß in Thrä⸗ nen, und wünſchte ihm Glück und Heil auf ſeinen ferneren Lebenswegen. Am folgenden Morgen in der Frühe traten Hans, Ulrich und Stephan, ein braver Bergmann, den ihnen der Schachtmeiſter zum Begleiter ausgewählt hatte, die Reiſe nach Berlin an. Hans ritt ſeinen kleinen Schim⸗ mel, der munter unter ihm tanzte und fröhlich die friſche Morgenluft anwieherte. Ulrich und Stephan ſchritten nebenher. Sie wollten es nicht anders, obgleich Hans den Vorſchlag gemacht hatte, noch ein Paar Pferde zu kaufen, damit Alle beritten wären und man ſchneller vom Flecke komme. Sie könnten nicht reiten, meinten ſie, und es würde wohl ſo auch gehen. Der Schachtmeiſter gab ihnen das Geleit bis zum nächſten — Dorfe, und ermahnte beim Abſchiede Hans, doch ja den gefaßten guten Vorſätzen getreu zu bleiben und nicht zu vergeſſen, was der Herr Großes an ihm gethan habe. Hans verſprach es mit Herz und Mund.„Fürchten Sie nichts,“ ſagte er—„Gott hat mir die Augen aufgethan über mein vergangenes Leben, und ich weiß wohl, daß ich viel wieder gut zu machen habe. An meinem feſten und ernſten Willen dazu fehlt es nicht, und, ſollt' ich je einmal wanken, ſo werde ich an Wenzel denken und an die ſchrecklichen Stunden, die Ulrich und ich in dem verſchütteten Stollen verlebten. Und dann— habe ich denn nicht mein liebes Bibelblatt? Hier ruht es auf meinem Herzen, und es ſteht darauf geſchrieben: „Opfere Gott Dank, und bezahle dem Höchſten deine Geluͤbde!“ Gott hat mich wunderbar geführt, er hat mich geſtraft und hat mich errettet, er hat mich zur Erkenntniß des Wahren und Guten geleitet— ich habe ſeine Majeſtät geſehen als ſtrafender Richter und als barmherziger Vater— ich habe ſeine heilige Offen⸗. barung kennen gelernt— oh, nimmer, nimmer werde ich das vergeſſen, nimmer werden die Eindrücke erlö⸗ ſchen, die ſich ſo tief meinem erſchütterten Herzen ein⸗ geprägt häben! Zweifeln Sie nicht: bei Allem, was ich thue und treibe, werde ich Gottes gedenken und auf ſeine Stimme hören!“ »Wohl, ſo wird auch allezeit Gottes Segen auf dir ruhen,« ſagte der Schachtmeiſter und ſchüttelte herz⸗ lich die Hand des Knaben.„Der Herr hat dich ſchwer heimgeſucht, aber jetzt freilich ſehen wir Alle, daß es nur zu deinem Heil und deinem Beſten geſchah. Als trotziger und vurfuite Knabe kameſt du in dieſe Thäler, Ein Bibelblatt. aber das Feuer der Trübſal reinigte dein Hert, ſo daß 6 wir hoffen duͤrfen, du werdeſt noch eine Freude werden Gott und den Menſchen. Zieh' hin in Frieden, Knabe, und der Segen des Herrn ſei mit dir!“« — Eine letzte Umarmung, ein letzter Händedruck, ein letzter Blick voll Liebe und Freundlichkeit und die Knaben zogen mit Stephan weiter. Mit hellem Auge ſchaute Hans in die Welt hinein, und ſein Herz war voll froher Hoffnung, daß er bald die Seinigen wieder⸗ ſehen und ihnen beweiſen werde, daß er ein Anderer gekommen ſei, als da er gegangen. Dieſe Hoffnung machte ihn friſch und fröhlich, und ſtimmte ſein Gemüth zu ſtiller und inniger Freudigkeit. In kurzen Tagereiſen wurde der weite Weg zurück⸗ gelegt, und Stephan zog überall Erkundigungen über die Stellung der franzöſtſchen Truppen ein, welche er möglichſt zu vermeiden ſuchte. Denn obgleich wohl nicht eigentlich eine ernſte Gefahr von einem Zuſammen⸗ treffen befürchtet zu werden brauchte, ſo konnte ein ſolches doch möglicher Weiſe einen längeren Aufenthalt herbeiführen, welchen Hans ſehr ungern geſehen hätte. Ihn drängte und trieb es mit aller Sehnſucht nach Berlin zurück, wo er die Verzeihung ſeiner Tante, und, wenn auch nicht den Vater und Paul ſelbſt, ſo doch wenigſtens Nachrichten von ihnen zu finden hoffte. Zu⸗ dem lag ihm daran, den Seinigen recht bald Beweiſe von ſeiner Beſſerung zu geben, und endlich auch, ſie der Unruhe und Sorge zu entheben, in welche doch, allem Vermuthen nach, ſeine unbeſonnene und thörichte Flucht ſie verſetzt hatte. Mehrere Tage hindurch gelang es den unermüd⸗ lichen Nachforſchungen und der großen Vorſicht Stephans auch wirklich, ein Zuſammentreffen mit den feindlichen Heeresmaſſen zu verhüten und ſich auf Umwegen durch alle Truppen⸗Abtheilungen hindurch zu ſchleichen. Eines Abends aber, als ſie in ein Dorf kamen, wo ſie zu übernachten beabſichtigten, tönte ihnen plötzlich ein lau⸗ tes:„Halte là! Qui vive?« entgegen, und der Schim⸗ mer eines Bajonnettes blitzte ihnen drohend in die Au— gen. Das Dorf war von Franzoſen angefüllt und ein Ausweichen nun nicht mehr möglich. „Gut Freund!“ antwortete daher Stephan auf den unwillkommenen Anruf und näherte ſich der Schildwache, um ſich mit ihr zu verſtändigen. Das hielt nun frei⸗ lich ſchwer, denn der Franzoſe verſtand nicht deutſch an Seudhan nicht franzöſiſch, ſo wenig wie Hans und lrich. „Votre passe-port!“ ſagte der Franzoſe,— voder Ihr prisonniers!“ Stephan hatte gut reden! Der Franzoſe ſchrie im⸗ mer nach dem„passe-port,“ und Stephan hatte nicht nur keinen Paß, ſondern verſtand auch nicht einmal, was die Schildwache verlangte. „Da haben wir's!« ſagte Hans unruhig.»Nun wird man uns am Ende als Spion oder dergleichen gefangen halten, und es kann lange dauern, bis wir wieder frei werden. Das iſt doch ſehr unangenehm!« „Wird ſo ſchlimm nicht werden!“ meinte Ulrich. „Zwei Knaben, wie wir, werden den Franzoſen keinen Verdacht einflößen!“ Die Schildwache ſchien indeß doch anderer Meinung. Sie zwang die Reiſenden zum Bleiben, bis die Punde kam, ihn abzulöſen. Der befehlhabende Offizier ver⸗ ſtand zum Glück ein wenig deutſch, und nun endlich durften die Gefangenen— denn als ſanehe muß “ 164 ſich wirklich betrachten— darauf hoffen, daß man ihre Unſchuld anerkennen und ihrer Reiſe kein Hinderniß in den Weg legen werde. Stephan, Hans und Ulrich baten den Offizier, ſie nicht aufzuhalten, und ſuchten ihm deutlich zu machen, daß ſie ganz ungefährliche und harmloſe Reiſende wären. »Kann helfen nix,“ erwiederte der Offizier und zuckte die Achſeln.„Wenn nicht haben Paß von fran⸗ zöſiſche General, Sie gefangen. Morgen Unterſuchung — ſehen dann— jetzt Marſch auf Wache.“ Widerſtand konnte ſie nichts nützen, ſondern hätte Alles nur noch ſchlimmer gemacht. Seufzend ergab ſich Hans in ſein Schickſal, und folgte mit ſeinen Be⸗ gleitern niedergeſchlagen dem Offizier nach der Wache, wo alle Drei ohne viele Umſtände eingeſperrt und bis zum nächſten Morgen gefangen gehalten wurden. Hans klagte und murrte, und die Ungeduld, nur erſt wieder frei und ungehindert weiter zu können, ließ ihn kaum zur Ruhe kommen. Endlich gegen Mittag erſchien eine Ordonnanz und forderte die Gefangenen auf, ihm zum Verhöor zu folgen. Sie wurden in ein Zimmer geführt, wo ſich mehrere Offiziere befanden. Einer von ihnen ſchien ſehr vornehm, denn ſeine Uniform blitzte von reicher Goldſtickerei, und ſchwere Epauletten prangten auf ſeinen Schultern. Er betrachtete die Gefangenen genau, ſprach dann einige franzöſiſche Worte zu den andern Offizieren, und wandte ſich endlich mit einem freundlichen Lächeln wieder zu den Gefangenen, welche nicht ohne Bangen ihren Urtheilsſpruch erwarteten. „Wer ſeid Ihr?« fragte er in deutſcher Sprache. »Ach, Herr Offtzier,“ antwortete Hans raſch,„wir ſind nur zwei ganz unſchuldige Knaben, die gern nach 8 3 —, 165* Berlin reiſen möͤchten, und der Mann da iſt uns zum Begleiter mitgegeben. Wir haben ganz gewiß nichts Böſes im Sinne!“ G „Nun, das ſcheint mir faſt auch ſo,“ ſagte der Offizier und betrachtete freundlich das offene hübſche Geſicht des kleinen Hans.„Wie heißt denn du? Und wie kommſt du hieher?« »Ich heiße Hans von Walderſee und mein Vater iſt preußiſcher Offizier,“ entgegnete Hans treuherzig. „Sehen Sie, ich wollte mit in den Krieg ziehen, und das iſt mir denn nicht ganz gut bekommen.« „Glaub' es wohl— biſt noch zu jung, Kleiner!« ſagte lachend der Offizier.„Aber wie heißt du?“ ſetzte er ernſter hinzu—„Walderſee?« „Ja!“ nickte Hans. „Wie iſt mir denn?“ fuhr der Offizier nachſinnend fort—„dieſen Namen habe ich heute ſchon gehört. Ah— richtig! Höͤre mein kleiner Freund, Offtzier iſt alſo dein Vater?« „Ja, Herr! Major bei den Küraſſieren!“« „Welches Regiment?“ „Das fünfte. 3 »Tauſend ja, das iſt ein merkwürdiges Zuſammen⸗ treffen!“ rief der Offizier aus.„Was gibſt du mir, kleiner Freund, wenn ich dir ſage, wo dein Vater ſich befindet?« „Mein Vater!“ rief Hans in freudigem Schrecken aus.„O Gott, wäre er hier? Doch nicht verwundet? Bitte, lieber Herr, ſagen Sie. »Nun ja, dein Vater iſt allerdings hier und zwar verwundet«— erwiederte der Offizier.„Aber beruhige dich nur, Kind— die Wunde iſt nicht ſehr gefährlich, 8 166 und wenn er gute Pflege bekommt, ſo wird er bald wieder geſund ſein.“ Hans brach in Thränen aus.„Ach, laſſen Sie mich zu ihm!“ ſagte er bittend.„Ich will ihn pflegen, und du auch, Ulrich, nicht wahr? Lieber, lieber Herr, geſtatten Sie mir's, daß ich zu ihm darf!“ „Gewiß, liebes Kind, werde ich dir das erlauben,“ antwortete der Offizier freundlich.„Es iſt mir recht lieb, daß du ſo gerade zu rechter Zeit eingetroffen biſt, denn wir rücken morgen weiter und hätten deinen Vater ohne Hülfe zurücklaſſen müſſen. Jetzt biſt du da, und kannſt ihn pflegen. Dein Vater iſt ein tapferer Mann, Knabe, und darum freut es mich, daß er an dir einen Troſt auf ſeinem Schmerzenslager haben wird.“ „Aber iſt er denn nicht Ihr Gefangener?« fragte Hans beſorgt und ängſtlich. „Freilich wohl«— entgegnete der Offizier lächelnd —„aber der Franzoſe achtet den verwundeten Tapferen, und dir zu lieb werde ich wohl ein Uebriges thun müſſen. Geh' hin zu deinem Vater und bringe ihm ſeine Freiheit und einen Gruß von General Rapp. Adieu, mein Kind!“ Mit einem Freudenſchrei fiel Hans dem braven General zu Füßen und drückte einen Kuß auf ſeine Hand. Freundlich ſtreichelte dieſer die ſchwarzen Locken des hübſchen Knaben, ſagte nochmals:„Adieu, Adieu, mein kleiner Tapferer“— und befahl dann einem ſeiner Adjutanten, den Knaben und ſeine Begleiter zu dem Verwundeten zu führen. Ein kleines Häuschen nahm ſte auf. Schon in der Thür ertönte ein lauter Jubel⸗ ruf— der alte treue Paul ſtieß ihn aus und ſchloß⸗ den überraſchten Hans mit Entzücken in ſeine Arme. 167 „Junge, wo kommſt du her?“ rief er.„Wie wird ſich dein Vater freuen! Ach, was für Sorge haſt du uns 1 gemacht! Aber komm nur— komm! Welche Freude für deinen Vater!“ Mit ſtürmiſchem Ungeſtüm riß er die nächſte Stu⸗ benthür auf, ſchrie hinein:„Hans iſt da!“ und trug den Knaben an das Bett, wo der Major mit verbun⸗ denem Kopfe und Arme ruhete. Hans ſtürzte an ſeine Bruſt und bedeckte den Mund des geliebten Vaters mit heißen Küſſen. Das war ein frohes und glückliches Wiederſehen! »Aber, Hans, welche Thorheiten haſt du begangen!« ſagte endlich der Major, als der erſte Sturm der Freude vorüber war—„wahrlich, ich müßte ernſtlich böſe auf 4 dich ſein, Knabe!“. 1„Verzeihung, Vater! Verzeihung!« bat Hans mit rührender Stimme.„»Ja, ja, ich bin ein boͤſer Bube geweſen, aber mit reuigem Herzen kehre ich zu dir zu⸗ rück, und gewiß, ich will dir nie, nie wieder Kummer verurſachen! Und dir auch nicht, Paul! Ach, der liebe Gott hat mir die Augen geöffnet, und ich weiß nun wohl, wie gottlos und thöricht ich geweſen bin! Doch du ſollſt ſehen, Vater, daß ich jetzt anders werde!“ »„Das wollte Gott!“ ſagte der Major, freudig uͤber⸗ raſcht.»Aber wie iſt es zugegangen, daß du ſo raſch 1 zur Erkenntniß gekommen biſt?« 1 Hans erzählte, und in ſchweigender Rührung hörten der Vater und Paul ihm zu. Das Bibelblatt, wel⸗ ches Hans hervorzog, betrachteten Sie mit ehrfürchtigen Blicken. 3 „Unter Glas und Rahmen ſoll es, wenn wir nach Hauſe kommen!« rief der Major mit einer Freuden⸗ 168 thräne aus.„Wahrlich, Hans, das Blatt hat großes an dir gethan, und noch Größeres der Herr, der dich ſo weiſe gefuͤhrt hat! Und Ulrich— komm her, mein Kind! Ja, du ſollſt mein Sohn ſein und der Bruder meines Kindes, denn deine treue Freundſchaft für den Knaben kann wahrlich mit nichts Geringerem vergolten werden. Oh Hans, wie dankbar mußt du Gott ſein für alle Gnade und Barmherzigkeit, die er dir bewie⸗ ſen hat!“ Eine Stunde ſanfter Rührung folgte— und nun mußte auch Paul erzählen, wie es gekommen, daß er Hans verlaſſen und den Major aufgefunden habe. Mit wenigen Worten war das Räthſel erklärt. Paul war in die Gefangenſchaft der Franzoſen gerathen und hatte alſo den Knaben nicht abholen können. Nach der un⸗ glücklichen Schlacht bei Jena hatte er ſeinen Herrn unter einem Transporte Verwundeten entdeckt, ſich ihm ſogleich angeſchloſſen, und vom General Rapp die Er⸗ laubniß erhalten bei ihm bleiben zu dürfen. Dieß er⸗ klärte auch den Umſtand, daß General Rapp von der Lage des Majors ſo genau unterrichtet war und den kleinen Hans als den Sohn deſſelben erkannt hatte. Hans aber, da er jetzt ſo glücklich ſeinen Vater und Paul wiedergefunden, war gar nicht mehr böſe über die kurze Gefangenſchaft, die er erdulden müſſen. Vielmehr freute er ſich der gluͤcklichen Fuͤgung, die ihn mit ſeinem Vater und Paul vereinigt hatte, und widmete dem Erſteren die treueſte Pflege. Wir haben nun nur noch Weniges zu berichten. Nach der Geneſung des Majors begaben ſich Alle— nämlich er ſelbſt, Paul, Hans und Ulrich— nach Hauſe. Der Major⸗verſäumte nicht, die Zukunſt⸗Frau — ö“ ſſnmmmfff ſſſſſſſſſſſſſſſ ſiſnmſnnſſſſiſſſſfnnſiſſiniſſſſſſſe 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18