„ 8 8* deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur —— ————= Leihbibliothek Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens: 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1, 1 2,„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — —— — ꝛ Der Bekehrte. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Hoffmann. ——— Mit vier Stahlſtichen. 3—— Verlag von Schmidt& Spring. 5 p Stuttgart. 2 Erſtes Kapitel. Zu Hauſe. b Ja, ja, es iſt leider nur zu wahr, ein Tagenichts war ich in meiner Jugend, ein Taugenichts, an dem, 8ʃ* wie man zu ſagen pflegt, kein gefundes Haar zu fina . den war. 1 Später habe ich das recht gut eingeſehen, aber erſt, als... doch nein, das erzähle ich, wenn nach 3 der Ordnung die Reihe daran kommt. Vor der Hand will ich nur niederſchreiben, wie es kam, daß ich ein ſolcher Taugenichts wurde, trotzdem, daß ich doch von rechtlichen Aeltern abſtammte, die mich gewiß in der Furcht und Zucht des Herrn erzogen haben würden, wenn ſie es gekannt hätten. Aber das war's eben! 1 ſie konnten nicht, und der Grund dazu war leider traurig und triftig genug. Nun alſo, ich hatte eben erſt mein ſechstes Le⸗ bensjahr zurückgelegt, und ſeit einem halben Jahre die Schule beſucht, da wurden an einem und an de 4 ſelben Tage mein Vater und meine Mutter krank, u Der Bekehrte.. 1 vierzehn Tage ſpäter wurden ſie an einem und demſelben Tage zu Grabe getragen. Sie ſtarben am Nerven⸗ fieber, das dazumal viele Opfer in Altona forderte, wo ſich mein Vater durch ſeine fleißigen Hände als Schiffszimmermann ehrbar und rechtſchaffen ernährt hatte. Schätze freilich hatte er nicht verdienen kön⸗ nen, und als er begraben war, und nun das Gericht ſich um mich, die einzige hinterlaſſene Waiſe, bekümmerte, da fand ſich's, daß Doctor, Apotheker und Todtengrä⸗ ber größere Forderungen an den Nachlaß meiner ar⸗ men Aeltern machten, als derſelbe befriedigen konnte. Das Bischen Haus⸗ und Wirthſchaftsgeräth, ſowie das Handwerkzeug meines Vaters wurde verkauft und der Erlös an ſeine Gläubiger vertheilt. Ich bekam keinen Schilling davon. „Was ſoll denn nun aber aus dir werden, Bürſch⸗ n?e ſagte der Herr Gerichtsaktuar zu mir, als er mich mutterſeelenallein auf den nackten Dielen in mei⸗ ner armen Eltern Wohnung ſitzen ſah. 3 „Weiß nicht,“ gab ich ihm zur Antwort. Ich wußt' es auch wirklich nicht, was ich thun ſollte. 4 „Aber hier in der Wohnung kannſt du ja doch nicht bleiben,“ ſprach der Herr Aktuar weiter.„Der Hauswirth duldet es auf keinen Fall, da er ſie ſchleu⸗ nigſt wieder vermiethen will. Kennſt du gar keinen Menſchen, der ſich deiner annehmen würde? Haſt du gar keine Verwandte weder von Vater's noch von der Mutter Seite? Jedenfalls wärſt du doch, wenn du deren hätteſt, in ihrem Schutze beſſer verſorgt und aufgehoben, als im Waiſenhauſe, wo es die armen Kinder nicht gerade zum Beſten haben. Beſinne dich, Bürſchchen,— wie heißt du doch?“ 3 „Hans heiß' ich, Hans Grotefend, wie mein ſeliger Vater,“ gab ich ihm zur Antwort.„Eine Verwandt⸗ ſchaft hütte ich wohl. Meiner ſeligen Mutter Bruder wohnt eine Stunde von hier, im Dorfe. Aber ich weiß nicht, ob er mich aufnehmen würde.“ „Ei, er wird ſchon, wenn er ein menſchliches Herz 4 hat,“ verſetzte der Aktuar.„Was iſt er denn? Wie nennt er ſich?“ „Nun, ein Baumgütchen hat er,“ ſagte ich. „Manchmal, als meine Aeltern noch lebten, kam er her und beſuchte uns, brachte auch dann und wann einen Scheffel Korn oder Kartoffeln, oder ein paar junge Tauben und Hühner mit. Zu mir ſagte er immer„Knirps“, und ich redete ihn„Onkel Beuthger an,— Beuthge— ſo heißt er. „Was du da ſagſt!“ rief der Aktuar ganz erfreut aus.„Wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo iſt dir ja gleich geholfen durch deinen Onkel Beuthge! Er muß doch wohl ein guter Mann ſein, da er deinen Aeltern Geflügel, Korn und Kartoffeln geſchenkt hat, und wohl auch ein wohlhabender Mann. Hat er denn deine Aeltern nicht beſucht, während ſie krank lagen?“ „Nein, Herr Aktuar, er iſt ſchow lange nicht dage⸗ weſen,“ erwiederte ich.„Wie ſollte er's denn wiſſen, daß ſie krank waren?“ „Ei, man hätte es ihn wiſſen laſſen ſollen!“ „Aber wie denn? Ich konnte doch meine armen Aeltern nicht allein laſſen⸗ Wer hätte ſie denn ſong pflegen, und ihnen die Arznei geben ſollen?“ 3 Der Aktuar nickte. Er mochte wohl denken, daß er einem Kinde von ſechs Jahren keine große Un. ſicht und Ueberlegung zutrauen und zumnthen dürfe. — 5 4 „Nun, weißt du was, Hans,“ ſagte er nach kur⸗ zem Beſinnen zu mir,—„nach meiner Anſicht iſt's am beſten, wir machen uns alle Beide auf, und gehen nach dem Dorfe, wo dein Onkel wohnt. Weißt du den Weg dahin?“ „Ja,“ erwiederte ich.„Voriges Jahr war ich dort mit der ſeligen Mutter. Dort hinaus zu liegt es.“ „Gut, ſo werde ich jetzt noch ein Geſchäft beſor⸗ gen, und nach etwa einer Stunde dich abholen,“ ſagte der Aktuar.„Bleibe einſtweilen ruhig hier. Verſtehſt du? Dem Hauswirth werde ich ſagen, daß er dich nicht ſtören noch hinaus jagen ſoll.“ Mir war's recht ſo,— mir wäre Alles recht ge⸗ weſen dazumal, denn der Tod meiner guten Aeltern hatte mich ganz elend und wüſte im Kopfe gemacht. Onkel Beuthge war immer freundlich mit mir gewe⸗ ſen, wenn er meine Aeltern beſuchte, und ich hatte ihn daher ſo lieb gewonnen, daß ich mich recht gern in ſeine Oohut geben wollte. Zur beſtimmten Stunde holte mich der Aktuar ab, und wir verließen die väterliche Wohnung,— ich mit Thränen in den Augen, die ich nicht zurückdrängen konnte, und auch nicht wollte. Wenn meine Thränen recht reichlich floſſen, fühlte ich mich immer leichter um's Herz herum, und ſomit waren ſie eine rechte Wohlthat für mich. Der Aktuar ſchalt mich nicht aus, ſondern nahm mich bei der Hand, und redete mir freundlich und tröſtlich zu. So kamen wir aus der Stadt in's Freie, und über Felder und Wieſen führte ich meinen Begleiter dem Baumgute meines Onkels zu. „Das iſt es,“ ſagte ich, als das ſchlichte Stroh⸗ dach des Wohnhauſes über die gelben Aehren eines Roggenfeldes herüber ſchimmerte.„Dort wohnt mein Onkel.“. Wir traten in den Hof in das Haus. Hier kam uns der Onkel entgegen,— im gewöhnlichen länd⸗ lichen Arbeitskittel, einen kurzen Pfeifenſtummel mit ſchwarzgerauchtem Thonkopfe zwiſchen den Zähnen. Er erkannte mich auf der Stelle, und nickte mir freund⸗ lich zu. zGrß dich Gott, kleiner Knirps, ſagte er, und ſtreckte mir ſeine ſchwielige Hand entgegen.„Biſt herzlich willkommen! Und Sie auch, Herr! Wie geht's daheim, Knirps? Hoffe, Vater und Mutter ſind wohl⸗ auf! Wie?“ Ich konnte nicht antworten, ſondern brach wieder in Thränen aus, und weinte ſo heftig, daß Onkel Beuthge darüber erſchrak. „Was hat denn der Knirps, lieber Herr?“ fragte er den Aktuar.„Warum heult er denn?“ Er hat wohl Urſache dazu, mein guter Mann,“ verſetzte der Aktuar. Schweres Leid iſt ihm wider⸗ fahren, welches, wie ich fürchte, auch Ench das Herz ſchwer machen wird!“ Mein Onkel mochte wohl errathen, was geſchehen war, denn er wurde ganz blaß und legte ſtill den Pfeifenſtummel auf die Seite. „Meine Schweſter Elſe? Mein Schwager Grote⸗ fend?“ ſtammelte er.„Ich habe gehört, daß in Al⸗ tona das Nervenfieber wüthet. Sie werden doch nicht krank ſein?“ „Schlimmer, lieber Mann! ſchlimmer,« ſagte der Aktuar.„Es nützt nichts, ein Geheimniß daraus zu machen, daß alle Beide ſeli im Herrn entichlafen ſind. 6 Müßt es ja unter allen Umſtänden erfahren, Eurer Selbſt wegen, weil Ihr doch der nächſte Anverwandte ſeid, und dieſes armen Burſchen wegen, der ganz allein und verlaſſen in der Welt daſteht, wenn Ihr, ſeiner Mutter Bruder, Euch nicht Seiner erbarmt.“ „Mein Onkel war anfänglich bei der Todesnach⸗ richt, die ihm gar zu unerwartet kam, heftig erſchrocken. „Meine arme Elſe! Mein armer braver Schwager!“ murmelte er. Dann ſuchte er ſich möglichſt zu faſſen, und es ge— lang ihm auch mittelſt einer kräftigen Anſtrengung. Er reichte mir die Hand. „Nein, nein,“ ſagte er,„du ſollſt nicht allein und verlaſſen bleiben in der Welt, kleiner Knirps, ſondern ſollſt mein Bischen Armuth mit mir theilen, ſo wenig es ſein mag. Ja, Herr,“ wendete er ſich zum Aktuar, —»laſſen Sie mir den Kleinen nur gleich hier. Mei⸗ ner Schweſter Sohn wird dann wenigſtens vor Man⸗ gel und Elend geſchützt ſein, wenn ich auch ſonſt nicht viel für ihn thun kann, denn ich bin nicht reich, ſon⸗ dern habe eben nur das Nothwendigſte zum Leben.“ Der Herr Aktuar ſchien ſehr erfreut darüber, ſeiner Sorge um mich los geworden zu ſein. Er lobte die guten Geſinnungen meines Onkels, und ermahnte mich zur Dankbarkeit für ſeine Güte und Fürſorge. Dann nahm er Abſchied, und ich hatte nun eine neue Hei⸗ math am ländlichen Herde meines Onkels gefunden. Mein Onkel war ein herzensguter Mann, aber er konnte ſich leider nur ſehr wenig, faſt gar nicht um mich bekümmern. Zu allen Jahreszeiten war er meiſt außerhalb des Hauſes beſchäftigt. Im Frühlinge mit der Beſtellung der Aecker, mit Einheimſen des 8 7 Heues u. ſ. w. Im Sommer mit der Erndte; im Herbſt mit Pflügen und Säen; im Winter mit Dre⸗ ſchen und Häckſelſchneiden. Ein alter Knecht half ihm dabei, der ehrliche gute Philipp. Selten nur ſah man die Beiden müſſig gehen; noch ſeltener ſah man ſie mit meiner Erziehung beſchäftigt. Auch die Magd, die alte Hanne, kümmerte ſich nur blutwenig um mich, obgleich ſie mich vollauf mit Eſſen und Trinken ver⸗ ſorgte. Sie hatte in Kuhſtall und Wirthſchaft alle Hände voll zu thun, und die Ueberwachung der Hüh⸗ ner, Enten und Gänſe lag ihr mehr am Herzen, als meine körperliche und geiſtige Entwickelung. Da ich ſomit ziemlich mir ſelbſt überlaſſen blieb, verſpürte ich bald Langeweile im Hauſe, und ſuchte mir Zerſtreuung außerhalb deſſelben. In dem benach⸗ barten Dörfchen fand ich bald einige Spielgenoſſen, die eben ſo wenig, als ich, unter erfahrener Leitung und Aufſicht ſtanden. In die Schule gingen ſie nicht, denn es war keine Schule da. In die Kirche kamen ſie nur ſelten, denn die nächſte Kirche war die Alto⸗ naer, und der Weg dahin ein wenig weit. Deſto fleißiger ſtreiften ſie in Feld und Wald umher, und ich ſchloß mich ihnen um ſo lieber an, als ich ſelber in mir einen bedeutenden Hang zum Vagabondiren verſpürte. Fiſche fangen und Vogelſtellen gehörte zu unſeren angenehmſten Beluſtigungen; und wenn ich mit einem hübſchen Gerichte Forellen und Aalen, oderr die Taſchen voll gepfropft mit Krammetsvögeln und Lerchen Abends heimkehrte, wurde ich von der alten Hanne, unſerer Magd, keineswegs etwa geſcholten und zu beſſerem Thun ermahnt, ſondern eher belobt und in meinem nichtsnutzigen Treiben ermuntert. Vom 8 Lernen, ſelbſt nur der Anfangsgründe des Wiſſens, war Jahre lang nicht die Rede, und ich war ſchon ein Junge von vierzehn Jahren, ehe ich buchſtabiren, ſchreiben und ein wenig rechnen lernte. Auch das hätte ich kaum gelernt, wenn ich nicht meiner Confirmation wegen den Religions⸗Unterricht in Altona hätte be⸗ ſuchen müſſen. Der dortige Herr Pfarrer lernte na⸗ türlich ſehr ſchnell meine unglaubliche Unwiſſenheit kennen, und erſtaunte nicht wenig darüber. Er ſprach mit meinem Pflegevater, und die Folge davon war, daß ich Tag für Tag nach Altona laufen und bei dem geiſtlichen Herrn neben dem Katechismus auch leſen, ſchreiben und rechnen lernen mußte. Dieſe Beſchränkung meiner Freiheit kam mir herz⸗ lich ſauer an, denn es war die erſte in meinem Le⸗ ben, oder vielmehr ſeit meinem Aufenthalte beim On⸗ kel. Wer weiß, ob ich mich auf die Dauer gutwillig dem Zwange unterworfen haben würde, da ich, grade heraus geſagt, bereits ein durchtriebener Taugenichts geworden war, der zu nichts weiter Luſt hatte, als zu müſſigem Umhertreiben und zu allen möglichen dummen Streichen. Anſtatt in die Schule zu gehen, hätte ich lieber die Obſtgärten der Nachbarſchaft“ im Dorfe geplündert, oder Vogelneſter ausgenommen, oder die Fiſchkaſten der Alſter-Fiſcher erbrochen und ausgemauſt, oder ſonſtigen ähnlichen, keineswegs lo⸗ benswerthen Zeitvertreib geſucht, und ich war auch ſchon ganz nahe daran, die Geduld zu verlieren, und lieber in die weite Welt hinaus zu laufen, als noch länger in die Schule zu gehen. Da brachte mich aber noch zu rechter Zeit ein kleines Abentheuer auf andere, und zwar beſſere Gedanken. 9 Eines Vormittags nämlich, an einem ſchönen Herbſt⸗ tage, ſchlenderte ich mißmuthig nach Altona, und hatte die Stadt ſchon beinahe erreicht, als ich von einem Baume herab eine ſeltſame Stimme meinen Namen rufen hörte. „Hans! Hans!“ ſchrie ſie,—„guten Morgen! Ausgeſchlafen? Ei, ei, ei!“ Hierauf ein gellendes Gelächter und zuletzt ein heller, durchdringender Pfiff. Ich blieb ganz verwundert, faſt erſchrocken ſtehen, blickte in die noch ziemlich dichte Laubkrone des Bau⸗ mes hinauf, und ſah— Niemand. Unmittelbar dar⸗ auf ſchrie aber dieſelbe Stimme wieder, wie vorhin: Hans! närriſcher Hans! Guten Morgen! Gieb mir auch ein Stückchen Brod! Lori hat Hunger!“ Jetzt ſah ich etwas Grünes und Rothes durch die ſchon herbſtlich gefärbten Baumblätter ſchimmern, und auf einmal wurde mir klar, was für ein wunderlicher Patron mich angerufen hatte. Ein grauer Papagei mit rothen Schwanzfedern war es, der nach mir ſchrie, und jedenfalls zufällig meinen Vornamen ſprechen ge⸗ lernt hatte. Er mochte aus einem Hauſe aus Ham⸗ burg oder Altona entflogen ſein, und ich verſpürte einiges Verlangen, das ſchöne ſeltene Thier in meine Gewalt zu bekommen. Aber auf welche Weiſe? den Baum zu erklettern, wäre nur eine Kleinigkeit für mich geweſen; aber je⸗ denfalls wäre der Papagei, ehe ich ihn ergreifen konnte, davon geflogen, und ich hätte das leere Nach⸗ ſehen gehabt. Da ſchrie er wieder:„Hans! Hans! Lori hat Hunger!“ „Nun, ſo komm', Lori, komm' herunter, 10 zum Baume hinauf, und hielt dem Vogel ein Stück⸗ chen von meinem leckeren Butterbrode als Lockſpeiſe vor.„Komm, Lori! Hier! Komm!“ Der Papagei ſah, den Kopf wiegend, ein Weil⸗ chen, wie es ſchien, unſchlüſſig nach mir herunter, dann breitete er ſeine glänzenden Flügel aus, und im nächſten Augenblicke ſaß er auf meinem Arme, und ſtreckte begierig den Schnabel nach meinem Butter⸗ brode aus. Ich brach ihm einen Brocken nach dem anderen ab und reichte ihn ihm hin. Der arme Burſche mußte wohl ſehr hungrig ſein; er verzehrte das Brod bis auf das letzte Krümelchen, und blickte mich dann mit ſeinen hellen, glänzenden Augen klug und freund⸗ lich an. „Danke!“ ſagte er und nickte zierlich mit dem Kopfe.„Danke! Lori iſt ſatt! Gut geſchmeckt! Danke!“ Der Vogel ſprach, als ob er verſtünde, was er ſagte, und ſchmiegte ſich dabei zutraulich an meine Bruſt. Ich konnte es nicht über's Herz bringen, ihn zu ergreifen und feſtzuhalten. Aber zu meiner Freude dachte er auch gar nicht daran, fort zu fliegen, ſon⸗ dern blieb ruhig auf meinem Arme ſitzen, als ich nach der Stadt weiter ging. Auf einmal aber, als ich an einem ſchönen Gartenhauſe vorüber kam, hörte ich einen lauten Freudenſchrei und den hellen Ruf:„Lori! Lori!“ vom Fenſter der oberen Etage herunter ſchal⸗ len. Jetzt hielt ich unwillkührlich den Vogel feſt, blickte nach dem Fenſter hinauf, und gewahrte dort ein wunderhübſches, kleines Mädchen von vielleicht neun oder zehn Jahren, das ſehnſüchtig beide Arme — 14 nach dem Papagei ausſtreckte, welcher mörderiſch zu kreiſchen und zu ſchreien anfing. „Lori! Mein Lori!“ rief das hübſche Mädchen von Neuem.„Er gehört mir, der Vogel, und du mußt ihn mir wiedergeben. Warte nur einen Augen⸗ blick! Ich komme ſogleich hinunter!⸗ Im nächſten Augenblicke ſtand ſie vor mir. „Nicht wahr, du gibſt mir meinen Lori wieder ⸗ ſagte ſie mit der lieblichſten Schmeichelſtimme, die ich noch je im Leben gehört hatte.„Mein Vater wird dich reichlich dafür belohnen, daß du den Vogel ge⸗ fangen und hergebracht haſt.“ „Nein, nein, ich will keine Belohnung haben,“ gab ich zur Antwort, indem ich ihr den Papagei hin⸗ reichte, den ſie ſogleich mit den zärtlichſten Liebkoſun⸗ gen überhäufte.„Adieu, Kleine!“ Mit dieſen Worten ging ich weiter, aber ſie kam ſogleich hinter mir her, und hielt mich am Arme feſt. „Gott behüte! du mußt mit mir in's Haus kom⸗ men und mit zu meinem Vater gehen,“ ſagte ſie eifrig. „Er würde mich ſchön auszanken, wenn ich dich ohne Weiteres wollte fortgehen laſſen. Komm' nur mit! Komm!“ Ihre Worte lauteten zugleich ſo bittend und ſo beſtimmt, ihr ganzes Weſen war ſo lieblich und an⸗ muthig, daß ich nicht länger widerſtehen konnte, ob⸗ gleich ich mir feſt vornahm, keinerlei Belohnung für das Wiederbringen des Papagei's anzunehmen. Wir begaben uns alſo in das Haus, und die Kleine geleitete mich durch mehrere Zimmer in ein ſehr ſchön und reich ausgeſtattetes Gemach, wo wir von einem ältlichen Herrn mit wohlwollenden und gutmüthigen Zügen empfangen wurden. „»Ah, meine liebe Helene,“ rief er uns entgegen, —„wen bringſt du mir da? Und was? Dein Papa⸗ gei wieder hier? Gewiß hat dieſer junge Burſche ihn gebracht, und will nun ſeine Belohnung in Empfang nehmen. Nun, ich werde nicht knauſerig gegen ihn ſein, da er dir, wie ich ſehe, eine ſo große Freude bereitet hat!“ „Ich danke, Herr, für jede Belohnung,“ ſagte ich raſch. „Ha, ha, wer biſt du denn eigentlich, mein Bürſch⸗ chen?“ wendete er ſich ein wenig verwundert zu mir. „Biſt du ſo ſtolz, daß du wohl Dienſte leiſten, aber kein Zeichen der Dankbarkeit dafür annehmen willſt?“ „Ich bin nicht ſtolz, gar nicht,“ erwiederte ich. »Nun, ſo ſage mir wenigſtens, wer deine Eltern ſind,« ſprach er lächelnd. Kurz und bündig theilte ich ihm die Verhältniſſe mit, in denen ich lebte, und fügte hinzu, daß mein Pflegevater nicht ſo arm ſei, um mich Noth leiden laſſen zu müſſen. „»Wohlan denn, ſo ſchweigen wir von der Beloh⸗ nung,“ ſagte der gute alte Herr;—„doch hoffe ich, daß du uns wenigſtens dann und wann wieder be⸗ ſuchen und mit meiner Tochter Helene und ihrem Pa⸗ pagei ſpielen wirſt, wenn dich dein Weg an meinem Hauſe vorbei führt.“ „Ja, thue das,“ bat die Kleine in freundlichem und zutraulichem Tone;„ich werde mich allemal freuen, wenn du kommſt.“ Ich war wohl ein trotziger, wilder, nichtsnutziger Junge, aber der herzlichen Einladung des alten Herrn und der Bitte ſeines Töchterchens konnte ich trotzdem keinen Widerſtand entgegenſetzen. Mit dem Verſpre⸗ chen, nächſter Tage wieder zu kommen und mich nach der Geſundheit des Papagei's und ſeiner kleinen Her⸗ rin zu erkundigen, nahm ich Abſchied. Die kleine Helene begleitete mich bis vor die Hausthüre und drückte mir dort noch einmal die Hand. „Daß du ja Wort hältſt,“ flüſterte ſie mir zu. „Wenn du es nicht thäteſt, ſo würde ich dich für einen recht unartigen Jungen halten und ſehr traurig ſein.“ „Ich werde ſchon kommen,“ erwiederte ich.»Jetzt aber muß ich fort, denn der Herr Pfarrer wartet ſchon auf mich.“ Sie ließ mich gehen, und ich eilte im Doppelſchritt davon, da ich allerdings mehr Zeit verſäumt hatte, als hätte geſchehen ſollen. Der Herr Paſtor hielt mir eine Strafpredigt, als ich eine halbe Stunde zu ſpät kam, und hatte auch während das Unterrichts mehrere Male Gelegenheit, mir derbe Zurechtweiſungen wegen Unachtſamkeit und Zerſtreutheit zu ertheilen. Aber ich kümmerte mich wenig um ſein Schelten, denn ich hatte nur immer die kleine Helene im Sinn, deren freundlich zuthuliches Weſen mich ſeltſam angeſprochen und ſelbſt gerührt hatte. Als die Unterrichtsſtunde endlich geſchloſſen wurde, lief ich ſpornſtreichs nach dem Hauſe der kleinen He⸗ lene zurück, um vielleicht ihres hübſchen Geſichtchens und ihrer freundlichen Augen heute noch einmal an⸗ ſichtig zu werden. Aber, obgleich ich ſorgfältig jedes Fenſter des Hauſes muſterte, konnte ich doch keine Spur von ihr gewahren, und mußte, halb betrübt, 44 halb ärgerlich über die getäuſchte Hoffnung, meinen Heimweg fortſetzen. Drei Tage hielt mich eine gewiſſe Scheu ab, wie⸗ der in das Haus einzutreten und die kleine Helene zu beſuchen. Am vierten Tage endlich konnte ich's nicht länger aushalten, ſondern faßte mir ein Herz, und zog an dem glänzenden Meſſingknopfe der Hausklingel. Gleich darauf ertönten Schritte; ein Diener öffnete die Thür, und fragte mich ziemlich barſch, was ich wolle? „Zur kleinen Helene will ich,« gab ich ihm zur Antwort. Er muſterte mich mit ſpöttiſchem Blicke, und ſchlug dann, ohne mich eines Wortes weiter zu würdigen, die Hausthür mir vor der Naſe zu. Von Wuth und Scham erfüllt, wendete ich der ungaſtlichen Thür den Rücken; und ging mit dem feſten Vorſatze fort, nie wieder dahin zu gehen. Aber da hörte ich eine wohl⸗ bekannte, liebliche Stimme»Hans! lieber Hans! hinter mir her rufen, drehte mich unwillkürlich um, und ſah die kleine Helene ſo ſchnell ſie laufen konnte, auf mich zukommen. „Der dumme Friedrich!“ rief ſie mir zu.„Er kannte dich nicht! Zum Glück trat ich aber grade auf den Hausflur, und konnte noch einen Schimmer von deiner Geſtalt erblicken, ehe er die Thür zuſchlug. Das iſt ſchön von dir, daß du uns endlich beſuchſt! Ich habe ſchon geſtern und vorgeſtern auf dich gewar⸗ tet. Aber nun ſollſt du auch für's Erſte nicht wieder fort von mir!« »Natürlich folgte ich der Kleinen in das Haus, wurde von ihrem Vater und ihrer Mutter freundlich 15 willkommen geheißen, und hierauf von Helene in den Garten hinter dem Hauſe geführt, wo trotz der ſchon vorgerückten Jahreszeit noch die ſchönſten Blumen blühten, und an Spalieren eine Fülle der köſtlichſten Weintrauben prangten. Wir brachten ein paar ſehr vergnügte Stunden im Garten und in den Gewächs⸗ häuſern zu, wo es noch ſchönere Blumen und Früchte, als in erſterem gab; wir naſchten von den Früchten nach Herzensluſt, und in meinem Leben hatte mir Etwas auch nur halb ſo gut geſchmeckt, als die Trau⸗ ben, welche die kleine Helene mir pflückte. Als wir geſättigt waren, ſetzten wir uns in eine ſchöne Laubé von Orangen⸗ und Myrthenbäumen, und hier mußte doh der kleinen Helene noch einmal ganz ausführlich die Geſchichte meiner Vergangenheit erzäh⸗ len. Sie hörte mir theilnehmend zu, und aus ihrem eigenen Munde erfuhr ich dann, daß ihr Vater van der Hahn heiße, große Beſitzungen und Ländereien in Oſtindien beſäße, und zugleich der Chef eines der bedeutendſten Handelshäuſer in Calcutta ſei. Sie wären nur auf ein paar Jahre von Oſtindien nach Europa herüber gekommen, des milderen Klima's wegen, da die Geſundheit der Mutter angegriffen geweſen ſei. Dieſe habe ſich aber ſchon weſendlich gebeſſert, und in nicht allzulanger Zeit würde der Vater mit ihr und der Mutter nach Calcutta zurückkehren. „Und freueſt du dich darauf?“ fragte ich. „„ewiß, ſehr freue ich mich darauf,“ verſetzte ſie, und ſchilderte mir das Land ihrer eigentlichen Heimath mit ſo glänzenden Farben, daß ich mit Erſtausen und Neugierde ihr zuhören mußte. Ich hätte auch, wer weiß wie lange noch, ihren Worten gelauſcht, wenn 8 8 unſere Unterhaltung nicht durch einen Diener unter⸗ brochen worden wäre, der uns die Weiſung des Herrn van der Hahn überbrachte, zu Tiſche zu kommen. Ich wollte mich entfernen, aber die kleine Helene litt es nicht. Ich mußte mit am Tiſche ihrer Eltern ſpeiſen, und durfte erſt, als es Abend wurde, nach dem Hau.ſe meines Pflegevaters zurückkehren. „»Mehrere Stunden waren mir auf das Lieblicchſte, aber zugleich ſo ſchnell dahin geſchwunden, daß ich ſie faſt nur für einen ſchönen Traum gehalten hätne. Um ſo lebhafter war aber auch meine Sehnſucht mach einem zweiten Beſuche, den ich dießmal nicht ſo lange als den erſten verſchob. Wie das erſte, ſo aucch das zweite Mal wurde ich mit herzlicher Freundlichkeit empfangen, und nach wenigen Wochen war ich eien täglicher, und täglich auch erwarteter Gaſt im Hauſſe des Herrn van der Hahn. Alle dort waren gütig gegen mich; nicht allein meine kleine Freundin and Geſpielin Helene, ſondern auch deren Eltern, vend ſogar auch die ziem⸗ lich zahlreiche Dienerſchaft. Du wunderſt dich doüber vielleicht, lieber Leſer, weil ich doch ſelbſt mier ſchon das Zeugniß gegeben habe, daß ich zu jenet Zeit ein ziemlich nichtsnutziger Taugenichts und Tagedieb war. Aber,— ich muß es nur geſtehen, der Umgang mit der kleinen He⸗ lene blieb nichft ohne Einwirkung auf mein Gemüth und auf mej Betragen. Im Anfange meiner Beſuche im Hauſe ihres Vaters hatte der Glanz und Reich⸗ thum deſſelben meinen gewöhnlichen Uebermuth ein wenig, eingeſchüchtert, und nachher war es hauptſäch⸗ lichdas aumuthige Weſen des kleinen Mädchens, welches meinen ungeſtümen Geiſt im Zaume hielt, 24* —ͤ——;— 17 und meinen unbändigen und wilden Charakter zähmte. Trotzdem aber war ich noch keineswegs eigentlich ge⸗ beſſert. Meine Außenſeite zwar hatte eine gewiſſe Politur im Verkehr mit einer reichen und gebildeten Familie erhalten; die Innenſeite dagegen war um nichts, oder doch nur um ein ſehr Geringes gebeſſert worden. So hatte ich, um nur Eines, das Allerwich⸗ tigſte, anzuführen, trotz des Religions⸗Unterrichtes, den ich vom Pfarrer in Altona erhielt, keine Spur wirklicher Religioſität in meinem Herzen; Gott, Chri⸗ ſtus, Erlöſer, waren mir nur Worte, mit denen ich keinen Begriff, und noch viel weniger eine richtige Er⸗ kenntniß zu verbinden vermochte. Ich lernte zwar viele Bibelſprüche und Geſangbuchverſe auswendig, aber der Inhalt derſelben war für mich rein nichts, als Gedächtniß⸗Sache;— in Fleiſch, Blut und Ge⸗ müth ging nichts davon über. Wenn ich aus der Re⸗ ligions⸗Stunde kam, wo ich mechaniſch mein Penſum hergeſagt hatte, ließ ich den lieben Gott eben einen guten Mann ſein, und dachte nie daran, mir die ewigen und erhabenen Eigenſchaften des göttlichen Weſens im Geiſt und Herzen klar zu machen. Was göttliche Liebe, göttliche Vorſehung, göttliche Barm⸗ herzigkeit ſei, davon hatte ich auch nicht entfernt eine Ahnung, ſondern lebte eben in den Tag hinein, ohne anderes Beſtreben, als das, mir die Stunden deſſelben ſo angenehm als möglich zu machen. Daß der Menſch Pflichten gegen Gott, ſeinen Nebenmenſchen und gegen ſich ſelbſt zu erfüllen habe, wurde mir freilich gelehrt; aber die Lehre ging zu dem einen Ohre hinein, und zu dem anderen wieder hinaus, und war einige Tage ſpäter total wieder von mir vergeſſen. Der Bekehrte. 18 Auch mein Umgang mit der kleinen Helene und ihren Aeltern änderte und beſſerte hierin nichts an mir. Ohne Zweifel war die Familie van der Hahn religiös und gottesfürchtig, aber Keiner von ihnen trug dies zur Schau. Helene war ohnehin noch viel zu jung und unentwickelt, um mir zur Lehre und zum Beiſpiel dienen zu können, und niemals kam bei un⸗ ſern Zuſammenkünften auf religiöſe Gegenſtände die Rede. So geſchah es, daß ich, ſelbſt nach meiner Confirmation noch, von den göttlichen Wahrheiten in⸗ nerlich unberührt blieb, während meine äußere Poli⸗ tur von Tag zu Tag freier und in die Augen fal⸗ lender wurde. Ueber ein Jahr verlebte ich in faſt täglichem Ver⸗ kehr mit der kleinen Helene, und brachte in dem Hauſe ihres Vaters faſt mehr Zeit zu, als in der Hütte mei⸗ nes guten, nur allzuguten Pflegvaters,— allzugut, weil er mir eben in allen Dingen vollkommene Freiheit ließ, und nie daran dachte, mich zu ſchwerer Arbeit oder auch nur zu einer gewiſſen regelmäßigen Thätig⸗ keit anzuhalten. Zu ſeinen wirthſchaftlichen Arbeiten brauchte er keine Hülfe weiter, und ſchon darum über⸗ ließ er es mir ſelber, über meine Zeit und meine Be⸗ ſchäftigungen nach eigenem Ermeſſen und Belieben zu beſtimmen. Außerdem wußte er mich im Hauſe des Herrn van der Hahn gut aufgehoben, und dies war eine Veranlaſſung mehr für ihn, ſich nicht beſon⸗ ders weiter um mich zu bekümmern. Was mich anbetrifft, ſo machte ich mir keinerlei Sorgen und Gedanken, um meine Zukunft. Das Le⸗ ben, wie ich es damals führte, gefiel mir, und ge⸗ nügte vollkommen meinen Wünſchen, und nach meiner 4 49 Anſicht mußte ſich das ſo fortſpinnen, von einem Tage, und von einem Jahre zum andern. Da aber trug ſich ein Ereigniß zu, das mich plötzlich aus meiner Träumerei aufſchreckte, und mich, gleich einem furcht⸗ baren Donnerſchlage, durch und durch, bis in's innerſte Herz hinein, mächtig erſchütterte. Eines Tages nämlich, als ich wie gewöhnlich meine kleine Freundin Helene beſuchte, fand ich ſie in Thrä⸗ nen, und erfuhr auf Befragen, daß äußerſt wichtige Nachrichten aus Calcutta eingelaufen ſeien, welche das ſchleunigſte Erſcheinen des Herrn van der Hahn da⸗ ſelbſt unumgänglich erforderten. Schon in den näch⸗ ſten Tagen werde er daher mit ſeiner Familie nach Oſtindien abreiſen, und wahrſcheinlich nie wieder nach Europa zurückkehren. Ich ſtand da, wie vom Schlage getroffen, als ich dieſe ganz unerwartete Nachricht hörte. Was damals in meiner Seele wogte und tobte, weiß ich freilich kaum noch zu beſchreiben, ſo viel aber ſteht feſt, daß mich die ſo nahe bevorſtehende Trennung von meiner einzigen Geſpielin auf das Tiefſte ergriff und betrübte. Ich konnte den Gedanken, ſie ſcheiden zu ſehen und auf immer von ihr getrennt zu ſein, kaum faſſen. Keinen Menſchen in der Welt liebte ich nur halb ſo ſehr, wie die kleine Helene! Wie eine Schweſter liebte ich ſie,— ſo herzlich und ausſchließlich, wie nur je ein Bruder ſeine Schweſter geltebt haben kann. Die Trennung von ihr,— eine Trennung noch dazu auf ewig und auf Nimmerwiederſehen erſchien mir ſchlimmer, als ſelbſt der Tod. Unwillkührlich floßen meine Au⸗ gen über, und meine heißen bitteren Thränen vermiſch⸗ S 444———Z=————— 20 ten ſich mit den nicht minder bitteren Schmerzenstro⸗ pfen meiner anmuthigen kleinen Freundin. Bei alledem mußte ich eben doch ſehen, mich in das Unvermeidliche zu fügen. In dumpfer Betäubung brachte ich die wenigen Tage zu, an welchen es mir noch vergönnt war, die Geſellſchaft meiner kleinen Freundin zu genießen. Als endülch der Tag der Einſchiffung her⸗ angekommen war, und ich ſie noch bis an Bord des gro⸗ ßen Oſtindien⸗Fahrers begleitete, der die Familie nach Calcutta bringen ſollte, als ich Abſchied von der klei⸗ nen Helene nahm und den letzten Händedruck mit ihr wechſelte, da war es mir grade, als ob mir das Herz brechen müſſe. Herr van der Hahn machte indeß dem Abſchiede ein ſchnelles Ende. Er nahm ſein Töchter⸗ chen bei der Hand, und führte ſie in die Kajüte, die er für die Dauer der Reiſe auf dem Schiffe gemie⸗ thet hatte. Da ſtand ich denn allein an Bord des gewaltigen Schiffes, voller Trauer und Herzeleid. Niemand be⸗ kümmerte ſich um mich. Die Matroſen gingen ihren Geſchäften nach, ohne irgendwie auf mich zu achten. Einer ſchrie mir nach einer Weile zu, ich ſolle mich vom Schiffe fortpacken, denn es würde bald Nacht werden und dann kein Boot mehr anu's Land gehen. Schon machte ich Miene, der barſchen Weiſung zu ge⸗ horchen,— da auf inmal durchblitzte mich ein Ge⸗ danke, der mich mit wahrhaftem Entzücken erfüllte, der Gedanke: anſtatt das Schiff zu verlaſſen, mich auf demſelben zu verbergen, bis es abgefahren ſein und die hohe See erreicht haben würde,— und im Nu war ich entſchloſſen, dieſen Gedanken auszuführen. Wie ſehr ich dadurch meinen guten Pflegevater 21 kränken würde, bedachte ich nicht. Auch fiel mir nicht ein, daß man mich mit dem erſten beſten Schiffe, dem man auf hoher See begegnete, nach Altona zurück⸗ ſchicken könnte. Nur das Eine ſchwebte meiner Seele vor, daß ich die kleine Helene wiederſehen, und in ihrer Geſellſchaft die weite Reiſe nach Calcutta ma⸗ chen würde. Vorſichtig blickte ich um mich. Als ich mich über⸗ zeugt hatte, daß Niemand auf mich achtete, ſchlich ich vorſichtig und leiſe bis an den Fuß des großen Ma⸗ ſtes, wo ſich eine Luke befand, durch welche die Fracht⸗ güter in die unteren Räume des Schiffes hinabgelaſ⸗ ſen wurden. Sie ſtand offen, denn die Ladung des Schiffes war noch nicht ganz vollſtändig, und es ſollte überhaupt erſt in der Frühe des nächſten Morgens die Anker lichten. Als ich in die Luke hineinſchaute, bemerkte ich zwar keine Treppe, aber ein ſtarkes Tau, das vom Rollbalken in den Raum hinunter hing, und an welchem die Waaren⸗ und Güter⸗Ballen in die Tiefe hinabgelaſſen wurden. Ein Tau, welches Cent⸗ ner ſchwere Laſten trug, konnte unter dem leichten Ge⸗ wichte eines Knaben, wie ich war, nicht reißen. Ich überzeugte mich, daß es ordentlich befeſtigt war; dann packte ich es mit beiden Händen, und ließ mich lang⸗ ſam an ihm hinuntergleiten, wie in einen tiefen Schacht. Bei dieſer kleinen Reiſe empfand ich nicht die ge⸗ ringſte Furcht, denn ich war ja ein geübter Kletterer, wie es deren nur wenige gab; und, wie ich gehofft und erwartet hatte, gelang es mir ohne beſondere Mühe, bis hinunter in den unterſten Schiffsraum zu kommen. Hier war es, da die Abenddämmerung be⸗ 22 reits eingetreten war, allerdings ziemlich dunkel; doch ftel aus der Luke wenigſtens ſo viel Licht herunter, daß ich nach einigem Verweilen im Raume die näch⸗ ſten Gegenſtände um mich her zu erkennen vermochte. Auf dem Platze unter der Luke konnte ich natürlich nicht bleiben, denn einmal lief ich dort Gefahr, von irgend einem ſchweren Waarenballen zerquetſcht zu werden, wenn man ihn in den Raum hinunter ließ, und dann konnte ich, da das Licht von oben auf mich herabfiel, grade an jener Stelle am leichteſten entdeckt werden. Alſo ſuchte ich nach einem ſicheren Verſtecke, kroch über einige Kiſten und Ballen hinweg, und fand endlich einen Winkel zwiſchen einigen großen Fäſſern, der mich ſo gut verbarg, daß ich unmöglich entdeckt werden konnte, ſelbſt wenn Jemand vom Schiffsvolke oben in den Raum herunter gekommen wäre. In dem Winkel alſo kauerte ich mich nieder, und mein Herz klopfte und hüpfte hoch vor Freuden, als ich mir in Gedanken ausmalte, was für ein Geſicht die kleine Helene machen würde, wenn ich auf einmal, wie aus der Luft gefallen, in leibhaftiger Perſon vor ihr erſchien. Daß dieß in kurzer Zeit geſchehen würde, daran zweifelte ich nicht im geringſten. Aber— es ſollte anders kommen, als meine Phantaſie es ſich ausgemalt hatte, und aus dem Luſtſpiel, das ich vor⸗ bereitet zu haben glaubte, ſollte ſich bald ein ſehr ver⸗ zweifeltes Trauerſpiel entwickeln. 23 Zweites Kapitel. Im Finſtern. Die erſte Nacht, welche ich unten im Schiffsraume zubrachte, verging mir ruhig, und ſogar angenehm. Denn mit der ſüßeſten Hoffnung ſchlief ich ein, träumte vom Wiederſehen meiner kleinen Freundin, und er⸗ wachte erſt durch ein lautes Gepolter, das nicht weit von dem Platze ertönte, auf welchem ich mein Nacht⸗ lager geſucht hatte. Das Poltern wiederholte ſich noch mehrere Male, und der Lichtſchimmer, der von oben herab in mein Verſteck fiel, ließ mich mit Leich⸗ tigkeit erkennen, daß man die Ladung des Schiffes, welches nun gewiß bald abſegeln würde, vervollſtän⸗ digte. Zehn oder zwölf Mal wurde das Seil mit ſchweren Laſten herab gelaſſen, und leer wieder hin⸗ auf gezogen, dann hörte ich ein derbes Klappen, und zu gleicher Zeit verſchwand der Lichtſchimmer, welcher meinen Zufluchtsort wenigſtens einigermaßen erhellt hatte. Jedenfalls war alſo oben die Luke neben dem Hauptmaſte zugemacht worden, und ich folgerte aus dieſem Umſtande, daß die Ladung des Schiffes vol⸗ lendet ſei, und daß es nun bald ſeine Reiſe antreten würde. 1. Auch täuſchte ich mich in dieſer Vorausſetzung nicht. Bald nach dem Schließen der Luke vernahm ich das ſchrille Geräuſch einer Ankerwinde und das ——;——;——————— . F —yy—— ———C—Q—:—ꝛ—:—⸗Oñn·Qñ——ℳ— õ—jÿõü — 24 Raſſeln einer großen Kette. Man lichtete alſo den Anker. Nach einer Weile hörte das Knarren und Raſſeln wieder auf, und nun erhob ſich ein Geräuſch, was dem Brauſen eines heftigen Windes glich. Ein Sturm aber konnte es unmöglich ſein, der dieſes Geräuſch veranlaßte, denn ich würde das Brauſen deſſelben un⸗ möglich tief unten im Schiffe vernommen haben. Es mußte alſo etwas Anderes ſein, und ich errieth es leicht. Das Schiff hatte ſich in Bewegung geſetzt, und das Anſchlagen des Waſſers an ſeine Wände war die Urſache des Geräuſches, das mein Herz mit Ent⸗ zücken erfüllte. Denn nun war ich ſicher, daß Nie⸗ mand mich finden würde, ehe ich nicht ſelbſt Luſt ver⸗ ſpürte, mein unterſeeiſches dunkles Verſteck zu ver⸗ laſſen, und an die lichte Oberwelt zurückzukehren. Aber das hatte noch wenigſtens vierundzwanzig Stunden Zeit. Früher wollte ich mich auf keinen Fall blicken laſſen, aus Furcht, wieder an's Land ge⸗ ſetzt und nach Hauſe geſchickt zu werden. In den erſten Stunden nach der Abfahrt war die Bewegung des Schiffes ſehr ruhig und gleichmäßig; dann aber trat ein allmählig ſich verſtärkendes Stampfen und Schwanken des Schiffes ein, und dieß belehrte mich, daß wir das ruhige Fahrwaſſer auf dem Spie⸗ gel der Elbe verlaſſen hatten, und in das offene Meer, die Nordſee, eingelaufen waren. Ich freute. mich darüber, denn je weiter ſich das Schiff vom deut⸗ ſchen Ufer entfernte, deſto größer war für mich die Sicherheit, daß man mich auf ihm dulden und behal⸗ ten werde. So ſaß ich denn ſtill und ruhig in der Finſternis 25 da, hing meinen Träumereien nach, baute nach Her⸗ zensluſt die köſtlichſten Luftſchlöſſer, und horchte von Zeit zu Zeit auf den Anprall der Wogen gegen die Wände des Schiffes, der allmählig immer heftiger wurde, dann und wann ſogar ſo heftig, daß die Plan⸗ ken unter den gewaltigen Schlägen zu zittern ſchienen. Aber das machte mich nicht im geringſten ängſtlich. Durch meine häufige Anweſenheit im Hafen von Al⸗ tona und Hamburg war ich ſchon ſo ziemlich mit dem Schiffsleben vertraut geworden, und ein paar Mal hatte ich auch die kleine Reiſe von Hamburg nach Altona in einem Segelſchiffe gemacht, das dem Vater eines meiner Spielkameraden gehörte. Darum er⸗ ſchreckte mich das Andonnern der Wellen gegen den Bug und die Planken des Schiffes ganz und gar nicht; ich wußte, daß es nichts Gefährliches zu bedeu⸗ ten hatte. Nachgrade,— es mochten ſeit der Abfahrt des Schiffes vielleicht ſchon ſechs bis ſieben Stunden ver⸗ floſſen ſein,— meldeten ſich ein paar ſehr unange⸗ nehme Gäſte bei mir an, Hunger nämlich und Durſt. Seit dem vergangenen Abende hatte ich nichts ge⸗ noſſen, und auch geſtern nur ſehr wenig, weil der Schmerz über die Trennung von der kleinen Helene mir den Appetit verdorben hatte. Jetzt kehrte er mit verdoppelter und verdreifachter Macht zurück, denn von jener Trennung konnte ja jetzt keine Rede mehr ſein, und überdieß war ich ein derber, ſtarker Junge von fünfzehn Jahren, ſtand alſo in einem Alter, wo man beinahe immer mit anſehnlichem Appetite ge⸗ ſegnet iſt. Der Hunger fiel mir läſtig, und noch läſtiger fiel mir der Durſt. Trotzdem kam mir auch nicht ent⸗ fernt ſchon der Gedanke in den Sinn, mein Verſteck zu verlaſſen und mich nach Oben zu begeben. Die Entdeckung wäre jedenfalls noch zu früh für die Durch⸗ führung meines Planes gekommen. Demnach beherrſchte ich, ſo gut es eben gehen wollte, die heftige Begierde nach Speiſe und Trank, und tröſtete mich mit der Hoffnung, daß ich es ſchon bis zum nächſten Morgen ohne Eſſen und Trinken aushalten werde. Der Tag ging ja bald herum, und in der künftigen Nacht ge⸗ dachte ich eben ſo ſüß und ruhig zu ſchlafen, wie in der vergangenen. Mittlerweile wurde der Anprall der Wogen gegen das Schiff immer ſtärker und gewaltiger, ſo daß ſie ein donnerähnliches Getöſe hervorbrachten, und daß ſelbſt die ſtarken Schiffsbalken unter ihrer Wucht zu beben ſchienen. In gleicher Weiſe nahm das Rollen und Stampfen des Schiffes zu, ein ſicherer Beweis, daß eine ſehr friſche Briſe das Fahrzeug vor ſich her⸗ treiben mußte, wenn nicht gar ein richtiger Sturm⸗ wind ausgebrochen war. Bei dieſer Wahrnehmung fühlte ich mich doch nicht mehr ganz behaglich in meinem Verſtecke, das ſehr viel Aehnlichkeit mit einem ſtockfinſte⸗ ren Kerker, und kaum eine beſſere Luft, als ein ſolcher hatte. Eine gewiſſe Schwäche überfiel mich, es ſummte in meinem Kopfe, und ein unbeſchreibliches Gefühl von Ekel ſchnürte mir Herz und Magen zuſammen. Bald darauf fühlte ich mich ſo elend, wie ein kranker Hund, und ſo hinfällig, daß ich mich nicht mehr auf⸗ recht ſitzend erhalten konnte. Ich mußte mich der Länge nach auf den Boden ausſtrecken, und konnte mir nicht länger verhehlen, daß mich die Seekrankheit 27 in heftigſter Weiſe überfallen hatte. Ein Zweifel daran war nicht möglich, denn ich hatte ſie ſchon früher einmal bei einer ſtürmiſchen Ueberfahrt von Helgoland nach Hamburg äußerſt gründlich kennen gelernt. Aber die Gewißheit darüber gereichte mir zu gleicher Zeit zur Beruhigung, denn es war mir wohl bekannt, daß die Seekrankheit wohl ein ſehr unangenehmes und peinliches Uebel, im Uebrigen aber keineswegs lebens⸗ gefährlich iſt. Ich brachte, anſtatt zu ſchlafen, eine abſcheuliche Nacht zu, an die ich heute noch mit wahrem Grauen zurückdenke. Dann und wann fielen mir wohl die Augen zu und ich ſchlummerte ein wenig ein, aber nur, um bald darauf durch ein erſtickendes Gefühl wieder aufgeweckt zu werden, als ob mir die Lungen zuſammengepreßt würden, und ich keinen Athem ſchöpfen könnte. Qualvolle Stunden waren es, die ich ver⸗ brachte, und ich hatte nur einen einzigen Troſt, den: daß die Stunde meiner Befreiung und Erlöſung nicht allzu fern mehr ſein konte. Feſt entſchloſſen war ich, am nächſten Morgen auf das Verdeck zu gehen, und mich auf Gnade und Ungnade Herrn van der Hahn in die Arme zu werfen. Nach unendlich langem Harren,— denn jede Mi⸗ nute ſchien ſich mir zu Stunden auszudehnen,— vernahm ich endlich von oben her, allerdings nur ſchwach und kaum von dem Anprall der Wogen an die Schiffsplanken zu unterſcheiden, ein dumpfes Geräuſch, welches mir verkündigte, daß eine Nacht verſtrichen und ein neuer Tag angebrochen ſein müßte. Sofort raffte ich mich auf, und tappte mit beiden Händen nach der Oeffnung, durch welche ich gekvochen war, um in mein bergendes Verſteck zwiſchen den Fäſſern zu gelangen. Aber wie ich auch tappte und taſtete, dieſe Oeffnung war verſchloſſen, und ich konnte aus meiner kleinen Höhle nicht wieder heraus. Mein Erſchrecken, mein Entſetzen mag man ſich denken! Einige Augenblicke ſtand ich wie zu Eis er⸗ ſtarrt; dann aber unterſuchte ich von Neuem meinen engen Kerker, fand aber auch von Neuem, daß er durch eine Bretterwand verſchloſſen war, und zwar ſo dicht verſchloſſen, daß ich weder rechts noch links auch nur einen Finger hätte durchquetſchen können. Mit verzweifelter Heftigkeit ſtemmte ich meine Schulter gegen die Bretterwand und ſuchte ſie mit dem Auf⸗ gebot aller meiner Kräfte zur Seite zu ſchieben. Doch wich ſie meinen Anſtrengungen auch nicht um eines Haares Breite, und ich mußte dadurch wohl zu dem Schluſſe kommen, daß ſie ein Beſtandtheil einer ſehr großen und ſehr ſchweren Kiſte ſei, welche ein un⸗ glücklicher Zufall grade als nicht zu beſeitigenden Rie⸗ gel vor mein dunkles Gefängniß geſchoben hatte. Faſt verlor ich allen Muth, und es fehlte nicht viel, ſo wäre ich in einen Strom von Thränen aus⸗ gebrochen. Indeß erinnerte ich mich noch zur rechten Zeit, daß in meiner Lage alles Weinen vollkommen nutzlos und überflüſſig ſein mußte, und machte einen Verſuch, ob es mir nicht gelingen könnte, auf der an⸗ deren Seite meines engen Kerkers einen Ausweg zu finden. Hurtig wendete ich mich dorthin. Meine Hoffnung zeigte ſich als eitel. Auch hier verſperrte mir ein großes Faß, auf welchem noch ein zweites, eben ſo großes, lag, vollſtändig den Ausweg. Keine Maus hätte ſich dazwiſchen durchdrängen können. 18 29 Zur Rechten und Linken thürmten ſich ebenfalls große Fäſſer neben mir auf, welche der ſtärkſte Mann nicht hätte von der Stelle ſchieben können, und auch ſie reichten bis hinauf unter die mächtigen Balken, welche das Zwiſchendeck über mir von dem unterſten Schiffsraume trennten, in welchem ich, wie in einem engen Sarge, begraben lag. Eine Zeitlang war ich wie gelähmt und hatte alle Spannkraft des Geiſtes verloren. Eine wilde und furchtbare Verzweiflung bemächtigte ſich meiner, und jede Hoffnung, aus meiner wahrhaft entſetzlichen Lage befreit zu werden, erloſch vollſtändig in meinem Herzen. Nach geraumer Zeit erſt vermochte ich wieder ſo viel Faſſung zu erlangen, daß ich mir die Frage vor⸗ legen konnte:„Was nun beginnen?“ „Mache Lärm! Schreie! Poche! Tobe!“ rief mir meine innere Stimme zu, und ich gehorchte ihr bereit⸗ willig, da es mir das beſte Mittel zur Rettung zu ſein ſchien. Mit aller Gewalt erhob ich meine Stimme, ſchrie um Hülfe, und donnerte zugleich mit Händen und Füßen gegen die Bretterwand, welche mich von dem Verkehre mit der übrigen Welt unbarmherzig ausſchloß. Wohl eine Stunde ſetzte ich dieſe meine Bemühun⸗ gen fort, bis meine Stimme in einem heiſeren Keuchen erſtarb, und Hände und Füße mich ſo heftig ſchmerz⸗ ten, daß ich ſie kaum noch zu bewegen im Stande war. Niemand hatte mich gehört, Niemand kam mir zu Hülfe, ich konnte alſo nicht länger an der gräßlichen und entſetzlichen Gewißheit zweifeln, daß ich wahr und wahrhaftig lebendig begraben ſei, und aller Wahr⸗ 8 —ę—ÿ—ÿ₰˖·——— 30 ſcheinlichkeit nach niemals das freundliche Tageslicht wiederſehen würde! Welch' eine ſchreckliche Gewißheit! Ich konnte ſie nicht ertragen, ſondern ſank kraftlos auf die Planken meines Kerkers nieder, und fiel in eine Ohnmacht. Gänzliche Beſinnungsloſigkeit hüllte meinen Geiſt in düſtren Schleier ein. Wie lange dieſer Zuſtand dauerte, bin ich nicht im Stande anzugeben. Gewiß länger als eine Stunde, denn als ich wieder daraus erwachte, ſchmerzten mich die Glieder, welche unmittelbar mit den Bohlen in Be⸗ rührung geweſen waren, und es koſtete mich Mühe, wieder in eine bequemere, ſitzende Stellung zu ge⸗ langen. Meine Beſinnung war alſo zurückgekehrt, aber ich wußte kaum, ob ich mich darüber freuen ſollte. Im Gegentheil, dachte ich, es wäre viel beſſer geweſen, wenn ich im Zuſtande der Bewußtloſigkeit mein Lebens⸗ ende gefunden hätte. Welche Leiden, welche Qualen, geiſtige und körperliche, mußte ich jedenfalls noch er⸗ tragen, bis Gott ſich endlich meiner erbarmte, und durch den Tod meiner wirklich entſetzlichen Lage ein Ziel ſetzet. 3 Nur eine gute Wirkung derſelben machte ſich mir bemerkbar: die in mir wüthende Todesangſt hatte plötzlich jede Spur von Seekrankheit vertrieben, und ich fühlte mich körperlich ſo wohl, wie man ſich in einer ſo verzweifelten Lage eben befinden kann. Geiſtig litt ich deſto mehr! So weit ging die Verirrung meiner bangenden und zagenden Seele, daß ich daran dachte, lieber durch eigene Hand meinem Daſein ein plötzliches und faſt ſchmerzloſes Ende zu ——— machen, als die unſäglichen Qualen des langſam ſchleichenden Hungertodes zu erdulden. An einem Werkzeuge, mich zu tödten, fehlte es mir nicht, denn in meiner Taſche hatte ich ein Meſſer mit einer ziem⸗ lich langen und ſehr ſtarken Klinge, das durch eine mechaniſche Vorrichtung am Zuklappen verhindert wurde, wenn man es aufgeklappt hatte. Erſt durch den Druck auf eine Feder wurde die Klinge im Hefte wieder bewegbar. Nach dieſem Meſſer, das recht wohl die Dienſte eines Dolches leiſten konnte, griff ich, zog aber ſchau⸗ dernd die Hand wieder zurück, als meine heiße Hand den kalten Stahl berührte. „Nein, noch nicht!“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Die⸗ ſes letzte und äußerſte Mittel bleibt mir immer noch auf ſpätere Zeit. Für den Augenblick will ich und darf ich noch nicht alle und jede Hoffnung aufgeben!“ Ein Gedanke war mir durch die Seele geflogen, der: mit Hülfe meines Meſſers mir einen Weg durch die Bretterwand der großen Kiſte, und dann durch die übrigen Ballen, Körbe, Bündel und Kiſten weiter nach oben zu bahnen, bis man auf dem Verdecke des Schiffes meinen Ruf nach Hülfe vernehmen würde. Ganz unmöglich und aller Ausführbarkeit ermangelnd, ſchien mir dieſer Verſuch nicht, wenn,— und das war die Hauptſache,— wenn ich nur Mittel fand, meinen Hunger zu ſtillen, meinen Durſt zu löſchen, und dadurch mein Leben zu friſten und meine Kräfte zu conſerviren. Ein ruhiges Nachdenken hatte mir die Ueberzeugung eingeflößt, daß es mir gelingen würde, mir Speiſe und Trank zu verſchaffen; denn wohl be⸗ kannt war mir, daß man die Kiſten mit Schiffszwie⸗ —-———————— 4 5 back und die gefüllten mächtigen Waſſerfäſſer, zum großen Theile wenigſtens, in den unterſten Schiffs⸗ raum zu ſchaffen pflegte. In dieſem Raume befand ich mich. Warum hätte ich mich nicht der Hoffnung hingeben ſollen, daß man bei der Befrachtung dieſes Schiffes keine Ausnahme von der Regel gemacht haben würde? Konnten denn nicht grade die Fäſſer, die mich auf drei Seiten umringten und meine Kerker⸗ wände bildeten, Waſſerfäſſer ſein? Die Wahrſchein⸗ lichkeit war ſo groß dafür, wie dagegen. Auf der Stelle würde ich meine Operation begon⸗ nen, und mit meinem großen, ſcharfen und ſpitzen Meſ⸗ ſer einen Angriff auf ein Faß gemacht haben, wenn ich nicht durch mein wüthendes Toben und Schreien in einen Zuſtand großer Erſchöpfung verſetzt geweſen wäre. So mußte ich nothgedrungen für den Augen⸗ blick von meinem Vorhaben noch abſtehen, und mich begnügen, vor allem Anderen nur erſt wieder einige Kräfte zu ſammeln. Zu dieſem Zwecke blieb ich ruhig ſitzen, mit dem Rücken und Kopfe gegen ein Faß gelehnt. Ohne daß ich es merkte, überfiel mich in dieſer Stellung der Schlaf und drückte mir jetzt die Augen zu. Beim Erwachen aus einem jedenfalls ziemlich langen Schlummer fühlte ich mich körperlich wieder erkräftigt, zugleich aber auch einen ſo heftigen Durſt, wie ich ihn noch nie in meinem Leben erduldet hatte. Meine Zunge klebte förmlich am Gaumen und mein Mund war ſo trocken, als ob er noch nie im Leben eine Feuchtigkeit eingeſogen gehabt. Mein erſter Ge⸗ danke war daher, unverzüglich an das Anbohren eines der Fäſſer zu gehen, und mit einem kleinen Theile der darin enthaltenen Flüſſigkeit meinen grimmigen Durſt zu löſchen. Zu dieſem Ende richtete ich mich aus meiner ſitzen⸗ den Stellung auf, zog mein Meſſer aus der Taſche, klappte es auf, und drückte mein Ohr an ein Faß an, um zu erlauſchen, ob es auch wirklich mit einer Flüſ⸗ ſigkeit angefüllt ſei, denn der Inhalt deſſelben konnte ja eben ſo gut aus geſalzenem Fleiſch, oder Mehl, oder ſonſt Etwas beſtehen. Fleiſch und Mehl wären mir freilich ebenfalls willkommen geweſen,— vor der Hand aber galt es die Befriedigung des mich am hef⸗ tigſten peinigenden Bedürfniſſes, des Durſtes, und darum ſchmachtete ich mit Leib und Seele nach Waſſer. Indem ich mein Ohr gegen das Faß preßte, ver⸗ nahm ich, wie ich gehofft und erwartet hatte, ein ſchwaches Gluckſen, und ſchrie vor Freude über dieſe Entdeckung laut auf. Eine Flüſſigkeit mußte alſo das Faß enthalten, denn das Gluckſen konnte durch nichts Anderes bei dem Schaukeln des Schiffes her⸗ vorgebracht werden. Eine feſte, compakte Maſſe, wie Fleiſch oder Mehl, würde keinen ähnlichen Ton haben vernehmen laſſen. 4 Um meiner Sache vollkommen gewiß zu ſein, horchte ich abermals und noch einmal, bis ich ganz ſicher wußte, daß das Gluckſen auch wirklich aus dem Innern des Faſſes, und nicht etwa von wo anders her er⸗ tönte. Sehr ſchnell wurde ich davon überzeugt, und nun packte ich mein Meſſer feſter, um ſeine Schärfe und Stärke an den eichenen Dauben des großen Faſ⸗ ſes zu erproben. Doch ehe ich den Angriff begann, tappte ich noch mit den Fingern nach oben, nach unten und nach beiden Seiten herum, in der Hoffnung, viel⸗ Der Bekehrte.. 3 leicht das Spundloch des Faſſes zu finden. Den Spund, der gewöhnlich von weicherem Holz zu ſein pflegt, als die Dauben, hätte ich jedenfalls leichter beſeitigen oder durchbohren können, als das feſte Ei⸗ chenholz des Faſſes. Mein Verſuch hatte jedoch keinen günſtigen Erfolg, und ich mußte mich daher bequemen, ein Loch in eine der Dauben zu ſchneiden. Das Faß ſtand aufrecht. Mit den Händen taſtend ſuchte ich eine Stelle auf, die nicht von den Faßreifen bedeckt wurde, und machte dann an dieſer Stelle mei⸗ nen erſten kräftigen Einſchnitt. Das Holz war aller⸗ dings ſehr hart, aber dem Himmel ſei Dank, mein Meſſer hatte eine gute, ſtarke, wohl geſpitzte und ge⸗ ſchärfte Stahlklinge, die gleich beim erſten Schnitte mehrere Linien tief eindrang. Raſtlos arbeitete ich dann weiter. Spahn auf Spahn, und Splitter auf Splitter ſchnitt ich aus der Daube, und kümmerte mich wenig darum, ob ich bei der ſchweren Arbeit Blaſen an die Hände kriegte, oder nicht. Es dauerte übri⸗ gens, trotz meines vortrefflichen Meſſers, ziemlich lange, ehe ich durch die mehrere Zoll dicke Daube durch⸗ drang, und öfter als einmal mußte ich von meiner ſchweren Arbeit ablaſſen, um neuen Athem und neue Kräfte zu weiterer Anſtrengung zu ſchöpfen. Endlich, endlich fühlte ich mit einem unbeſchreiblichen Gefühle des Entzückens, daß die Spitze meines Meſſers keinen Widerſtand mehr fand, daß ich alſo die Daube durch⸗ bohrt haben mußte. Schnell erweiterte ich die anfäng⸗ lich nur kleine Oeffnung durch Bohren und Drehen meines Meſſers, und ein Wonneſchauer überrieſelte mich, als plötzlich ein Waſſerſtrahl aus dem Faſſe meine Hand benetzte. Jetzt zog ich mein Meſſer zurück, und preßte meine brennenden, trockenen Lippen an die ge⸗ machte Oeffnung. Oh, des Glückes, der Freude, der unbeſchreiblichen Seligkeit! Waſſer war es, was in meinen vertrock⸗ neten Mund ſtrömte; friſches, ſüßes, herrliches Waſſer, was meinen ausgedörrten Gaumen, meine lederartig gewordene Zunge benetzte! In vollen Zügen ſog ich die köſtliche Flüſſigkeit ein; ich trank und trank; ich ſchluckte und ſchluckte, bis mir endlich die Lunge ver⸗ ſagte, und ich eine Pauſe machen mußte, um wieder friſchen Athem zu ſchöpfen. Dann ſetzte ich von Neuem an, und trank wieder, und immer wieder, als ob der Durſt, der meine Eingeweide verzehrt hatte, gar nicht zu ſtillen ſei. Erſt, als ſich abſolut kein Platz mehr in meinem Magen befand, hielt ich inne. Als ich meine Lippen von der Oeffnung im Faſſe zurückzog, ſpritzte mir ein Waſſerſtrahl in's Geſicht, und ich erkannte augenblicklich die Nothwendigkeit, die Oeffnung zu ſchließen, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, meines ganzen unbezahlbaren und köſtlichen Schatzes verluſtig zu gehen. Denn natürlich, wenn ich das Loch nicht zumachte, ſo lief das Waſſer aus, und ich mochte dann zuſehen, woher ich anderes be⸗ kommen könne. Aber ich hatte keinen Kork— nichts, was ſich zum Verſchluſſe gebrauchen ließ; und den Finger konnte ich doch nicht Tag und Nacht auf die Oeffnung halten. Was thun, um dem Uebel zuvorzukommen? Ich beſann mich, und, dem Himmel ſei Dank, das Sprüchwort, daß Noth erfinderiſch macht, bewährte ſich. Mich niederbückend, taſtete ich mit meiner freien Hand auf dem Boden umher, auf den ich die Splitter 3⁸ und Spähne aus dem Faſſe hatte fallen laſſen, und fand bald, was ich ſuchte, nämlich einen Spahn, der lang und dick genug war, um die kleine Oeffnung im Faß auszufüllen, und wenigſtens vorläufig als Pfro⸗ pfen zu dienen. Ich preßte ihn in das Loch hinein, klopfte ihn vollends mit dem Griffe meines Meſſers feſt, und konnte nun vor der Hand ganz ohne Sorge ſein. Um jedoch vollkommen ſicher zu gehen, ſchnitt ich ein Stück Holz aus einem der Faßreife, ſpitzte es in gehöriger Form zu, und vertauſchte dann mit die⸗ ſem beſſeren Verſchluſſe den erſten Nothbehelf. Jetzt brauchte ich nicht mehr zu fürchten, daß auch nur ein Tropfen des köſtlichen Waſſers mir verloren gehen könnte. Mein Durſt war geſtillt, und ich finde keine Worte für das Wohlgefühl, das mich nach dem reichlichen Genuſſe des Waſſers durchſtrömte. Wie neu geboren war ich, und mit dem Durſte ſchien auch der Hunger vergangen zu ſein. Uebrigens konnte ich mir wohl denken, daß dieſer ſehr bald ſich wieder anmelden werde, und faßte daher den Entſchluß, ihm ſo viel wie möglich zuvor zu kommen. Die Fäſſer, welche mich wie eine Mauer umgaben, ließ ich einſtweilen außer Acht. Sie enthielten ent⸗ weder ebenfalls Waſſer, wie das zuerſt angebohrte, oder andere Flüſſigkeiten von geringerer Wichtigkeit für mich. Dagegen wendete ich meine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit der Kiſte zu, welche gleichſam die Pforte zu meinem Kerker bildete. So weit ich es nach dem Gefühle beurtheilen konnte, war ſie aus tannenen oder fichtenen Brettern zuſammengefügt, und die Form derſelben ähnelte voll⸗ kommen jener der Kiſten, in welche bei bevorſtehenden langen Seereiſen der Schiffszwieback eingepackt zu werden pflegt, wie ich das vielfach im Hamburger Hafen geſehen und beobachtet hatte. Trotzdem gab ich mich keineswegs der kühnen Hoffnung hin, daß die Kiſte auch vielleicht eine Zwieback⸗Kiſte ſein würde. Im Gegentheil wies ich jede ſolche Vermuthung hart⸗ näckig zurück, aus Furcht, daß meine Hoffnung getäuſcht werden könnte. Beſeitigen mußte ich die Kiſte aber unter allen Umſtänden, da nur auf dieſe Weiſe mir eine Möglichkeit eröffnet werden konnte, meinem ſarg⸗ ähnlichen Kerker zu entrinnen. Ohne weitere Neben⸗ Betrachtungen alſo ging ich an's Werk, und gab mir alle mögliche Mühe, vor allen Dingen nur erſt wenig⸗ ſtens ein Bret vom Deckel der Kiſte loszubrechen. Hatte ich erſt eines beſeitigt, ſo machte das Losreißen der anderen keine beſonderen Beſchwerlichkeiten mehr, denn das Taſten mit meinen Fingerſpitzen verrieth mir deutlich, daß die Kiſte nur locker zuſammengezim⸗ mert war. 4 Tappend und weiter taſtend unterſuchte ich die Kiſte ganz genau, und fand, daß am oberſten Rande derſelben der Deckel nicht ganz genau ſchloß, ſondern eine kleine Spalte offen ließ. In dieſe Spalte zwängte ich die Klinge meines Meſſers, und benützte dieſelbe als einen Meißel, indem ich ſo lange damit wuchtete, bis ich fand, daß die Nägel, mit denen das Bret be⸗ feſtigt war, nachgaben, und die Spalte breiter und breiter wurde. Jetzt ſteckte ich mein Meſſer ein, klemmte meine zehn Finger in die Ritze, und riß mit Aufbie⸗ tung meiner ganzen Kraft ſo lange an dem Brette, bis die Nägel vollends wichen, und das Bret loſe in meinen Händen hing. Ich beſeitigte es vollends, und fuhr nun neugierig mit der Hand in das Innere der Kiſte hinein. Es fehlte nicht viel, ſo wäre ich jetzt vor freudiger Ueberraſchung ohnmächtig geworden, denn, obgleich ich wahr und wahrhaftig nicht die geringſte Hoffnung ge⸗ hegt hatte, in der Kiſte Zwieback zu finden, ſo fand ich denſelben dennoch, und zwar in Hülle und Fülle, denn die ganze Kiſte war von oben bis unten damit voll gefüllt, und eine nähere Unterſuchung überzeugte mich ſattſam, daß ich mit dem Vorrathe länger als ein Vierteljahr haushalten und mein Leben friſten konnte. So hatte ich denn, was ich zunächſt am nöthigſten gebrauchte: Brod und Waſſer, und von Beiden Vorrath genug, um jede Beſorgniß in Bezug auf Hun⸗ ger und Durſt gehoben zu ſehen. Mit welcher Gier ich die flachen, runden Zwiebacke in den Mund ſteckte und zwiſchen meinen Zähnen zermalmte, davon kann ſich nur der eine Vorſtellung machen, der in dreimal vierundzwanzig Stunden, oder noch länger, keinen Biſſen Brod oder ſonſtige Speiſe über die Lippen ge⸗ pracht hat. Ich aß, und aß, wie ich vorher getrunken und ge⸗ trunken hatte, bis meine Kinnbacken erlahmten und mein Appetit vollſtändig geſtillt war. Mit einem Wohlbehagen ſonder Gleichen ſetzte ich mich dann auf den Boden meines Gefängniſſes nieder, und ſchwelgte in dem Wonnegefühl, das die Sättigung durch alle meine Muskeln und Adern ergoß. So ſchlief ich ein, und ſchlief, ich weiß nicht, wie lange, aber jedenfalls 39 lange genug, um mich beim Erwachen vollſtändig er⸗ guickt und gekräftigt zu fühlen. Bei der tiefen Finſterniß, die mich einhüllte, und ſwelche durch keinen Lichtſtrahl von oben her erhellt wurde, konnte ich natürlich nicht wiſſen, ob es draußen Tag oder Nacht ſei. Selten nur drang ein dumpfes unbeſtimmtes Geräuſch von der Außenwelt in mein Grab hinunter, ſo daß ich auch daraus keinen Schluß ziehen konnte. Doch war mir dies in der That ziem⸗ lich gleichgültig, denn wenn draußen auch die hellſte Sonne geleuchtet hätte, in meinen Kerker wäre ja doch kein Schimmer davon gedrungen. Alſo kümmerte ich mich weder um Tag noch um Nacht, ſondern theilte ganz einfach meine Zeit in Schlafens⸗ und Wachens⸗ Zeit ein. Wachte ich, ſo war es Tag für mich,— ſchlief ich, Nacht. Als ich mich vollſtändig ermuntert hatte, machte ich zuerſt meinem Waſſerfaſſe, und dann meiner Zwie⸗ backskiſte einen Beſuch, und genoß ein Frühſtück, wie es mir nie beſſer im Leben geſchmeckt hatte, ſelbſt nicht im Hauſe des reichen Herrn van der Hahn, wo der Frühſtückstiſch ſtets mit den ausgeſuchteſten Leckerbiſ⸗ ſen bedeckt geweſen war. Die Erfahrung lehrte mich jetzt in meiner Einſamkeit die Wahrheit des Sprüch⸗ wortes, daß Hunger der beſte Koch iſt, gründlich er⸗ kennen. Mein Waſſer und mein Schiffszwieback mun⸗ deten mir beſſer, als früher die ſchönſten Auſtern und die leckerſten Weinſorten, von denen Herr van der Hahn mir manchmal ein Gläschen vorgeſetzt hatte. Nach Befriedigung meines geſunden Appetits über⸗ legte ich, was nun des Weiteren von mir vorzuneh⸗ men ſei, und das Reſultat meines Nachdenkens beſtand 40 darin, daß ich weder Geduld noch Anſtrengung ſparen dürfe, um mich durch die Ladung des Schiffes bis auf. das Verdeck hindurch zu arbeiten. Keineswegs verhehlt⸗ ich mir, daß ich bedeutende Schwierigkeiten zu über⸗ winden haben würde, um dieſes letzte Ziel zu errei⸗ chen. Indeß verließ ich mich auf meine jugendliche Stärke und auf mein vortreffliches Meſſer. Ein kräf⸗ tiger Burſche war ich, und da ich genug zu eſſen und zu trinken hatte, ſo verzweifelte ich keinen Augenblick an dem günſtigen Erfolge meines Unternehmens. Unverzüglich ging ich ans Werk. Zuerſt brach ich vollends den Deckel von der Zwiebackskiſte los, ſchich⸗ tete die Zwiebacke an beiden Seiten meines Gefäng⸗ niſſes gleich Mauern aufeinander, und hatte hierauf keine große Mühe weiter, die Kiſte vollends aus ein⸗ ander zu ſchlagen, und die einzelnen Bretter aus mei⸗ nem Wege zu bringen. Als es geſchehen war, und ich umher taſtete, ſtieß ich auf eine zweite Kiſte, die übrigens viel ſorgfältiger gearbeitet und zuſammen⸗ gefügt ſchien, als die erſte. Doch ſchreckte mich dieſer Umſtand nicht ab, ſie in Angriff zu nehmen, und nach mehrſtündiger Arbeit hatte ich ein Bret davon losge⸗ brochen. Neugierig ſteckte ich die Hand hinein, um ihren Inhalt zu unterſuchen, und fand, daß ſie mit feinen Tuchen angefüllt war. Dieſer Fund ſchien mir anfänglich von nur gerin⸗ ger Wichtigkeit für mich zu ſein, und ich hätte es weit lieber geſehen, wenn die Kiſte ebenfalls mit Zwieback, wie die vorige, vollgepackt geweſen wäre. Ein kurzes Nachdenken brachte mich aber bald darauf, daß ich auch aus dem Tuche einen weſentlichen Nutzen ziehen könnte. Mein Lager nämlich auf den harten Balken 41 des Schiffes war keineswegs weder bequem noch ge⸗ ſund. Wenn ich ein paar Stücke Tuch aus der Kiſte nahm, ſie auseinander wickelte und über einander breitete, ſo gewann ich nicht nur eine weiche, ſchöne Matratze, ſondern entging auch der Feuchtigkeit, welche im unterſten Raume eines Schiffes ſelbſt bei der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit und Reinlichkeit nie völlig zu be⸗ ſeitigen iſt, am wenigſten in einem großen Oſtindien⸗ fahrer, deſſen Raum und Zwiſchendeck mit Waaren ſo vollgepfropft iſt, daß keine Katze ſich dazwiſchen durch⸗ winden kann. So leerte ich denn einen Theil der Tuchkiſten aus, öffnete vier oder fünf Ballen, die ich zu einer Art Matratze über einander legte, und benutzte einen andern Ballen zum Kopfkiſſen. Was in der Kiſte noch übrig war, wurde bei Seite geſtauet, da⸗ mit ich Platz bekam, weiter vorwärts zu dringen. Freilich mußte ich mir ſelber ſagen, daß ich äußerſt leichtfertig mit fremdem Gute umging, und es war mir keineswegs ganz wohl bei dem Gedanken, daß ich früher oder ſpäter für meine Handlungen würde zur Rechenſchaft gezogen werden. Aber wie hätte ich in meiner Lage anders verfahren können? Noth kennt kein Gebot! Es handelte ſich um meine Selbſterhal⸗ tung, und um ſolchen Zweckes willen hielt ich mich für befugt, die Rückſichten auf das fremde Eigenthum bis auf Weiteres bei Seite zu ſchieben. Im ſchlimmſten Falle erſetzte wohl mein guter Pflegevater den von mir angerichteten Schaden, dder Herr van der Hahn trat als Bürge für mich ein, da ich ja doch nur aus brüderlicher Anhänglichkeit an ſeine Tochter ein Ver⸗ ſteck in dem Schiffe geſucht hatte. Das Oeffnen der Tuchkiſte, das Ausräumen der⸗ 42 ſelben, das Herſtellen eines bequemen Lagers für mich, und das Hinwegräumen der geleerten Kiſte hatte viel Zeit in Anſpruch genommen, und mich nebenbei nicht nur ſehr ermüdet, ſondern mich auch wieder hungrig gemacht. So zog ich es denn vor, anſtatt weiter zu arbeiten, erſt wieder eine Mahlzeit zu halten, und mich dann auf mein herrliches Bett oder Sopha, wie man es nennen will, nieder zu legen, und in möglichſter Behaglichkeit von meinen Strapazen auszuruhen. Wie⸗ derum hielt ich eine reichliche Mahlzeit, und warf mich dann auf den koſtbaren Divan vom feinſten nieder⸗ ländiſchen Tuche. Das weiche Lager that mir äußerſt wohl, und ehe ich ſelber es nur verſah, war ich feſt eingeſchlafen. Vermuthlich war es zu der Stunde, wo ich mich früher gewöhnlich zu Bette zu legen pflegte,— die zehnte Abendſtunde. Genau wiſſen konnte ich es natür⸗ lich nicht. Man ſollte vermuthen, daß ich dieſe Nacht beſſer geſchlafen haben müßte, als die Nacht vorher, eben, weil ich eine weiche Unterlage beſaß, die ich bis dahin ſehr ſchmerzlich hatte entbehren müſſen. Aber dies war keineswegs der Fall. Ich träumte viel und un⸗ ruhig. Es war mir, als ob ich in das Meer gefal⸗ len wäre und auf dem Grunde deſſelben läge, nicht aber todt, ſondern bei vollem und klarem Bewußtſein. Um mich herum ſiramige große, abenteuerlich ge⸗ ſtaltete Fiſche; ſie beſchnoberten mich mit ihren Naſen, oder ſtierten mich an mit ihren Glotzaugen. Einzelne ſchnappten nach mir, als ob ſie mich verſchlingen woll⸗ ten, und es koſtete mich furchtbare Anſtrengungen, die häßlichen, hungrigen Geſchöpfe von mir fern zu halten 43 und in die Flucht zu jagen. Dies gelang mir end⸗ lich, doch ohne daß ich irgend welchen Vortheil davon zog, denn ſtatt der Fiſche krochen, ſchwammen und krabbelten nun große Hummern an mich heran, kniffen mich mit ihren Scheeren, und ſchienen mir ſtückweiſe das Fleiſch vom Leibe reißen zu wollen. Einer be⸗ ſonders, der größer war und tückiſcher ausſah, als alle übrigen, und ſeltſam bösartig funkelnde Augen hatte, die auf federdicken und zolllangen Stielen ſaßen, ſchien es beſonders auf mich abgeſehen zu haben. Er ſchoß auf mich zu, wie um mich zu verſchlingen. Ver⸗ gebens machte ich den Verſuch, ihn von mir zu jagen, wie vorhin die Fiſche. Ein Griff mit ſeinen ellen⸗ langen Scheeren lähmte mir den Arm, und erfüllte mich mit ſolchem Entſetzen, daß ich nicht mehr im Stande war, nur ein Fingerglied zu rühren. Das ekelhafte Ungeheuer glotzte mich boshaft an, kroch an meiner Hand in die Höhe, am Arme hinauf, über meine Bruſt, und klemmte mit ſeiner Scheere meine Kehle ein, ſo daß ich augenblicklich zu erſticken ver⸗ meinte. Entſetzen und Todesangſt riſſen mich da aus meinem Traume empor. Laut ſchreiend ſprang ich in die Höhe, und ſtieß im Aufſtehen ſo hart mit dem Kopfe gegen eine Tonne, daß mich der Schmerz vol⸗ lends zur Beſinnung brachte. Noch empfand ich ein ſchmerzliches Gefühl an meinem Halſe, und als ich mit der Hand danach taſtete, fühlte ich zu meinem Erſtaunen, daß er blutete. Auch meine Hände ſchmerz⸗ ten mich, als ob ſie von den Klauen oder Zähnen eines Thieres verletzt worden wären. Und doch wußte ich, daß ich nur geträumt hatte. Konnte es möglich ſein, daß ich mir ſelber während des Schlafes einige leichte Verwundungen, durch Kratzen vielleicht, oder ſonſtwie, beigebracht hatte? Wohl oder übel mußte ich es wohl annehmen, denn lebendige Hummern be⸗ fanden ſich im Raume des Oſtindienfahrers ganz be⸗ ſtimmt nicht. Wie dem auch ſein mochte, es blieb mir nicht viel Zeit, darüber nachzugrübeln, denn je mehr ſich die Feſſeln des Schlafes von mir ablösten, deſto deutlicher bemerkte ich ein ſehr heftiges Schwanken des Schiffes, und immer gewaltiger dröhnte das Anprallen der Wogen an die Schiffswände in meine Ohren. Meh⸗ rere Stöße waren ſogar ſo heftig, daß ſie mich tau⸗ meln machten. Ich ſuchte einen Halt an den Fäſſern zu gewinnen, doch ſollte mir das nicht gelingen; ein neuer gewaltiger Stoß ſchleuderte mich von den Fäſſern auf die Seite und warf mich nieder,— zum Glück grade auf meine Matratze, ſonſt hätte ich einen ſehr ſchweren, wenn nicht gar gefährlichen Sturz thun, vielleicht gar einen Arm brechen können. Ein ſolcher böſer Zufall paſſirte mir zwar nicht, gleichwohl aber fühlte ich mich plötzlich ganz hundeelend auf meinem Lager, und mußte die ſehr unangenehme Bemerkung machen, daß ſich die Seekrankheit von Neuem meiner bemächtigt hatte. Die Urſache erkannte ich deutlich genug am Schwanken und Schlingern des Schiffes, und an dem Donnergetöſe der anprallenden Wogen: draußen mußte ein heftiger Sturmwind wehen, der den großen Oſtindienfahrer wie einen Spielball um⸗ herſchleuderte, und mich in einen Zuſtand verſetzte, der wahrhaftig nichts weniger als beneidenswerth war. . In der That konnte ſich kaum ein Menſch'in einer fataleren Lage befinden, als ich damals. Nicht allein quälte und peinigte mich die Seekrankheit, ſondern es kam noch dazu die dichte Finſterniß, die mich umgab, und die Angſt, daß das Schiff ſcheitern und unterge⸗ hen könnte. Wenn dieſer Fall eintrat, ſo war ich rettungslos verloren und mußte ſterben, wie eine junge Katze, die man in einem Sacke erſäuft,— ein Ende, das mir als das allerſchrecklichſte erſchien, das es nur geben konnte. Die Seelenpein, die mich folterte, läßt ſich wirk⸗ lich mit Worten kaum ausdrücken und beſchreiben, und viele, viele Stunden ſollten vergehen, ehe ich nur der ſchlimmſten Beſorgniſſe einiger Maßen wieder ledig wurde. Mindeſtens zwei Tage und zwei Nächte hielt der Sturm an, und wüthete ſo furchtbar, daß alle Planken und Balken des Schiffes ächzten und knarr⸗ ten, und daß ich unzählige Male befürchtete, das un⸗ glückliche Fahrzeug müſſe in tauſend Stücke zertrüm⸗ mert werden. Endlich ward aber auch dieſe Angſt überſtanden. Der Sturm legte ſich wieder, und mit ihm verſchwand auch meine Angſt und die leidige Seekrankheit. Mir war zu Muthe, als ob ein Alp von meiner Seele genommen wäre, und ich konnte bald wieder ernſtlich daran denken, meine unterbrochenen Arbeiten wieder aufzunehmen. Auf meinen Divan ausgeſtreckt, überlegte ich, was ich zuerſt beginnen ſollte, entweder das Durcharbeiten nach dem Verdeck hin fortzuſetzen, oder noch ein Faͤß anzubohren, damit ich ganz ſicher ſein könnte, nicht an Waſſermangel leiden zu müſſen. Denn ſo groß auch das ſchon angezapfte Faß war, durfte ich mir 46 doch nicht verhehlen, daß der erquickende Inhalt deſ⸗ ſelben einmal zu Ende gehen werde. Noch ſann ich darüber nach, und kaute einen halben Zwieback dazu, da bemerkte ich, daß irgend Etwas über meine ausgeſtreckten Füße weglief. Ich erſchrak darüber, denn augenblicklich fiel mir der ſchreckliche Traum ein, der mich erſt kurz vorher gefoltert hatte, und unwillkührlich legte ich mir ſelbſt die Frage vor: „ſollte denn wirklich im Raume ein Hummer verſteckt ſein?“. „Unmöglich!“ lautete die Antwort. Aber was konnte es ſein, das mir über die Beine gelaufen war? Ich ſpitzte meine Ohren, um vielleicht durch das Gehoͤr zu entdecken, was meine Augen bei der totalen Finſterniß nicht zu ſehen vermochten. Tiefe Stille herrſchte um mich herum. Das Schiff glitt ſo ſanft und gleichmäßig durch die Wellen, daß der Anprall derſelben nur wie ein leiſes Murmeln ertönte. Wenn ſich etwas Fremdes in meinem Gefängniſſe regte, konnte das Geräuſch auf keine Weiſe meinem Ohre entgehen. Eine Zeitlang vernahm ich nichts, als das bange Klopfen meines Herzens. Jetzt aber, von einem Win⸗ kel her, in den ich, weil ſie mir läſtig waren, meine Schuhe geſtellt hatte, hörte ich ein leiſes Kratzen, und ich ſchnellte wie eine Stahlfeder in die Höhe. Mochte es nun ein Hummer ſein, oder was ſonſt, Etwas war da, und ich mußte abſolut wiſſen, was es war. Halb aufgerichtet, horchte ich von Neuem,— jetzt aber war Alles wieder ſtill. Jedenfalls hatte meine raſche Bewegung den fremden Gaſt verſcheucht. ² ſtanden noch da. Als ich ſie aufmerkſam betaſtete, „Er wird wiederkommen!“ dachte ich, und blieb viele Minuten lang unbeweglich ſitzen. Aber ich lauſchte vergebens, und ſtreckte endlich meine Hand nach dem Winkel aus, wo meine Schuhe ſtanden. Ich fand ſie richtig an dem alten Platze, und dem Anſchein nach durchaus unverſehrt. Und doch war ich meiner Sache vollkommen ſicher, und wußte, daß ich mich nicht ge⸗ täuſcht hatte, denn auf meine Ohren konnte ich mich verlaſſen. So beſchloß ich denn, unverrückt in meiner lau⸗ ſchenden Stellung zu verharren, bis ich eine Aufklä⸗ rung über das ſeltſame Geräuſch bekommen haben würde. Vielleicht eine ganze Stunde vernahm ich keinen Ton, als das leiſe Rauſchen der Meereswellen; dann aber hörte ich von Neuem das Kraßzen und Nagen, und zwar wiederum vom Winkel her, wo meine Schuhe ſtanden. „Ein Hummer kann das nicht ſein,“ ſagte ich mir, —„Hummer halten Schuhleder nicht für einen Lecker⸗ biſſen. Wahrſcheinlich iſt es eine Maus, die meine Schuhe beknabbert. Aber der will ich einen Schrecken einjagen, und ihr das Wiederkommen verrkeiden! Warte!“ So raſch ich konnte, griff ich nach den Schuhen, um die Maus zu erwiſchen; doch ſie war geſchwin⸗ der, als ich, und rannte eiligſt davon. Ihr leichtes Trippeln ließ mich vermuthen, daß ſie durch eine Spalte zwiſchen einem der Fäſſer und den Balken des Schiffes hindurch ſchlüpfte. Die Maus war mir entgangen, aber die Schuhe . ◻ gewahrte ich zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß von dem Einen ziemlich die Hälfte des Ober⸗ leders hinweg genagt war. Danach zu ſchließen, mußte die Maus ſehr fleißig geweſen ſein und ſehr ſcharfe Zähne gehabt haben, ſonſt wäre es nicht mög⸗ lich geweſen, in ſo kurzer Zeit ſo vielen Schaden an⸗ zurichten. Am Ende waren es mehrere Mäuſe ge⸗ weſen, die an den Schuhen geknabbert hatten. Jeden⸗ falls dachte ich, daß es gut ſei, ſie vor ferneren der⸗ gleichen Angriffen zu ſichern, nahm ſie deßhalb aus dem Winkel heraus, legte ſie ganz in die Nähe mei⸗ nes Kopfkiſſens, deckte ſie mit einem Zipfel von dem Tuche meines Divans zu, und hing dann wieder mei⸗ nen Gedanken nach, worüber ich bald die Maus mit⸗ ſammt meinen Schuhen vergaß. Ich follte idoch wieder daran erinnert werden. Kaum eine halbe Stunde war vergangen, da lief das Thier, mochte es nun eine Maus, oder ſonſt etwas ſein, abermals über mich weg,— dießmal über meine Bruſt. Da es im Schiffsraume neuerdings ſehr warm geworden war, vermuthlich weil wir in eine ſüdlichere Region gekommen waren, ſo hatte ich mein Hemde aufgeknöpft, und ſpürte in Folge deſſen ganz deutlich die kleinen Füßchen des Geſchöpfes auf dem Fleiſche meiner nackten Bruſt. Unwillkührlich griff ich danach, aber ſchon war das Thier wieder verſchwunden. „Warte!“ dachte ich,—„wir werden ſchon nähere Bekanntſchaft mit einander machen, und du ſollſt mich nicht umſonſt geneckt haben!“ Mit dem Entſchluſſe, ſofort zuzugreifen, wenn ich wieder etwas von dem Thiere hörte, blieb ich ganz ſtill liegen,— in der Hoffgung, daß es wieder kom 49 men, und wieder auf mir herumſpazieren werde. Un⸗ beweglich lag ich— lange— vielleicht eine Stunde lang— und endlich ſollte meine Geduld auch belohnt werden. An einer leichten Bewegung des Stückes Tuch, welches meine Beine bedeckte, merkte ich, daß Etwas darauf herum lief, und ich bildete mir ſogar ein, das leiſe Trappeln und Trippeln kleiner Füße zu hören. Näher und näher kam das Trippeln,— jetzt war es dicht an meinen Füßen,— jetzt ſchlüpfte es über meinen Knöchel,— jetzt kroch es ſogar an meinem Beine hinauf! Blitzſchnell fuhr ich darauf zu, indem ich meine Hände danach ausſtreckte. Ich packte das Thier, und — ſchrie laut auf vor Entſetzen! Nicht eine Maus war es, die ich ergriffen hatte, ſondern ein Geſchöpf, beinahe ſo groß, wie ein Kaninchen, ein ſcheußliches Thier,— eine Ratte, eine abſcheuliche Ratte! Hier war kein Zweifel. Ehe ich noch meine Hand ſchaudernd von dem ekelhaften Geſchöpfe zurückziehen konnte, hatte es ſchon mit ſeinen ſcharfen Zähnen meinen Daumen faſt durch und durch gebiſſen, und unmittelbar darauf ſchlug auch ſein quietſchendes Ge⸗ kreiſch unheimlich und ſchrill an mein Ohr. Von Ekel und Entſetzen ergriffen zog ich ſchleu⸗ nigſt meine Hand zurück, und kauerte mich in dem entfernteſten Winkel meines engen Kerkers zuſammen, nämlich dorthin, wo ich mich am weiteſten von mei⸗ nem unangenehmen Gaſte entfernt glaubte. Hier duckte ich mich zuſammen, und lauſchte, ob das widerliche Thier ſich entfernt habe. Da ich gar kein Geräuſch mehr vernahm, ſo ſchloß ich, daß es wieder aus mei⸗ nem Gefängniſſe davon gelaufen ſei.. Der Bekehrte. 50 Allmählig beruhigte ich mich; mein Herz klopfte weniger heftig, und mein Puls ging langſamer. Was hatte ich denn überhaupt für Urſache, ſo erſchrocken zu ſein? Eine Ratte war ja weder ein Löwe noch ein Tiger, der mich zum Frühſtücke oder Abendbrod hätte verſpeiſen können. Und doch! Von Jugend auf hatte ich einen Wi⸗ derwillen gegen die Ratten gehabt, und wenn ich ſie auch nicht ſo fürchtete, wie Panther und Leoparden, ſo ekelte ich mich deſto mehr vor ihnen. Einige Zeit bedurfte ich, um mich von dem erſten Schrecken zu erholen. Als ich wieder ruhiges Blut gewonnen hatte, verband ich meine Wunde am Dau⸗ men mit einem Stück Leinwand, das ich von meinem Hemde abriß. Der Verband war nothwendig, denn die Wunde ſchmerzte mich heftig, wie auch meine ganze Hand, welche ſchnell anſchwoll und mir ein unange⸗ nehmes Gefühl von Spannung verurſachte. Hierauf legte ich mich wieder auf meine Matratze nieder, und verſuchte den widerwärtigen Zufall im Schlafe zu ver⸗ eſſen. 3 Lange Stunden aber verſtrichen, ehe ſich ein wohl⸗ thuender Schlummer einſtellen wollte. Ich mußte immer und immer wieder an die Ratte denken, und ſchauderte vör Ekel bei der Vorſtellung, daß nur das widerliche Geſchöpf einen abermaligen Beſuch machen könnte. Ein Jahr meines Lebens hätte ich in jenen Stunden für eine tüchtige eiſerne Rattenfalle gegeben, um mich durch dieſelbe des abſcheulichen Thieres zu entledigen. Da ich aber freilich nicht darauf rechnen konnte, daß mir ein glücklicher Zufall ein ſolches nütz⸗ liches Geräth in die Hände ſpielen würde, ſo mußte ich auf andere Mittel ſinnen, mich, wo möglich, von meinem widerlichen Feinde zu befreien. Leider fand ich kein anderes, als Selbſthülfe, wobei ich mich allein auf den Griff meiner Fäuſte verlaſſen mußte; denn von meinem Meſſer konnte ich bei der rings um mich herrſchenden, tiefen Dunkelheit keinen Erfolg ver⸗ ſprechenden Gebrauch machen. Alſo mit meinen Hän⸗ den mußte ich die Ratte zu packen und zu erwürgen ſuchen, und da konnte ich mir im Voraus ſagen, daß die Beſtie dieß nicht ganz gutwillig geſchehen laſſen, ſondern ſich jedenfalls tüchtig wehren und ihre ſchar⸗ fen Zähne gebrauchen würde. Wie ſollte ich mich nun, namentlich meine Hände, vor ihren Biſſen beſchützen? Handſchuhe hatte ich nicht, aber,— das fiel mir plötzlich ein,— meine Schuhe. Wenn ich meine Hände bis an das Hand⸗ gelenk hinein ſteckte, ſo wehrte das harte, feſte Leder die Biſſe ab, und, wehe der Ratte, wenn es mir ge⸗ lang, ſie unter meine derben, mit Nägeln beſchlage⸗ nen Schuhſohlen zu bringen. Ich legte alſo die Schuhe ſo dicht neben mich, daß ich ſie jeden Augenblick erreichen konnte, und wartete dann mit etwas beruhigterem Gemüthe das Wiederkommen der ekelhaften Beſtie ab. Sie ließ auch nicht lange mehr auf ſich warten, denn ich hatte kaum meine Vorkehrungen getroffen, als ich auch ſchon wieder ihr Trippeln auf dem Tuche und ihr leiſes Pfeifen hörte, das mich von ihrer un⸗ mittelbaren Nähe unterrichtete. Ganz deutlich hörte ich ſie hin und her rennen, und ein paar Male lief ſte ſogar über meine Beine weg. Anſtatt mich aber in augenblicklichen Kampf mit ihr einzulaſſen, beeilte 4* ich mich, ihr den Rückzug abzuſchneiden, indem ich meine Jacke in die Oeffnung ſteckte, durch welche ſte in meinen Kerker eingedrungen ſein mußte. Auf kei⸗ nen Fall ſollte mir das widerwärtige Thier entrin⸗ nen. Es ſollte und mußte ſterben, und wenn es mir vorher auch hundert Wunden beibrächte. Nun ſteckte ich meine Hände in die Schuhe, und begann hurtig nach der Ratte herum zu taſten, in der Hoffnung, ſie ſolcher Weiſe unter meine Sohlen zu bringen,— eine Hoffnung, die am Ende nicht unbe⸗ gründet ſchien, denn mein Kerker war ja ziemlich eng, und ich kannte jeden Winkel und jeden Vorſprung darin ganz genau. Dennoch ſollte mein Plan mir nicht glücken. Es gelang mir wohl ein paar Male, die Ratte zu ſtrei⸗ fen, aber nicht, ſie auch feſtzuhalten. Sie kreiſchte und quietſchte, wie beſeſſen, und plötzlich fühlte ich mit einem Entſetzen, das ich mit Worten nicht aus⸗ zudrücken vermag, wie die Beſtie unten in meine Bein⸗ kleider hineinfuhr, und an meinem Beine in die Höhe rannte. Der Schrecken, der mein Blut faſt zu Eis erſtarrte, dauerte indeß nur wenige Augenblicke. Die Ratte war jetzt ſo gut wie gefangen, und konnte mir nicht mehr entrinnen. Schnell ſtreifte ich meine Schuhe von den Händen, griff nach der Ratte, und packte ſie, als ſie grade oberhalb meines Kniees ſich befand, mit eiſernem Griffe. Sle ſträubte ſich zwar furchtbar, und mit einer Kraft, die ich ihr nimmermehr zugetraut hätte, gegen meinen Griff; ſie quietſchte auch entſetz⸗ lich, und grub ihre Zähne in mein Fleiſch ein;s aber trotzdem, und obwohl meine verwundete Hand ——— 53 mich heftig ſchmerzte, hielt ich die Beſtie feſt, und würgte ſie ſo lange, bis ſie ihren letzten Athemzug aushauchte und kein Glied mehr zu bewegen ver⸗ mochte. Hierauf ſchüttelte ich den lebloſen Körper aus meinen Beinkleidern heraus, zog meine Jacke aus dem Schlupfloche der Ratte, und ſchleuderte ſie durch daſſelbe, ſo weit fort, als ich konnte. Auf dieſe Weiſe ward ich meines abſcheulichen Gaſtes ledig, und konnte nun mit beruhigtem Her⸗ zen mich auf meinen Divan ausſtrecken. Bald ſchlief ich ein, und glaubte ganz feſt, nach der Aufregung und Anſtrengung des beſtandenen harten Kampfes, einen ſanften und ſüßen Schlaf thun zu können. Aber dieſe Hoffnung ſoul ſchnell zu ſchanden werden,— ſchneller, als ich denken konnte, und noch dazu auf die allerunangenehmſte Weiſe von der Welt. Drittes Kapitel. Vermehrte Leiden und Öchrecken im Finſtern. Naum eine Stunde mochte ich in erquicklichem Schlummer gelegen haben, als ich durch die Empfin⸗ dung geweckt wurde, als ob abermals Etwas über meinen Körper und über meine Bruſt hinweg gelau⸗ fen wäre. Konnte das ſchon wieder eine Ratte ſein? Faſt durfte ich hieran nicht zweifeln, und fuhr deßhalb hef⸗ tig erſchrocken in die Höhe, um zu lauſchen.— 54 Eine Zeit lang blieb Alles ruhig, und ich glaubte ſchon, daß nur ein häßlicher Traum mich wieder ein⸗ mal geneckt haben werde, als ich, ſtarr vor Schrecken, wiederum das mir nur zu wohl bekannte Trippeln von kleinen Füßen hörte, die über das Tuch meines Divans hinweg huſchten. Nicht nur das Geräuſch vernahm ich, ſondern im nächſten Augenblicke ver⸗ ſpürte ich auch, wie die kleinen Füße über meine Beine hin liefen. Sofort und ohne mich zu beſin⸗ nen, fuhr ich mit der Hand nach der Stelle hin, und fand leider meine ſchlimmſte Vermuthung beſtätigt. Meine Finger berührten das glatte Fell einer zweiten Ratte, welche ſich aber ſchnell meinem Griffe entzog, und durch eine Spalte zwiſchen zwei Fäſſern polternd und eiligſt davon rannte. Anfänglich war ich von der fatalen Entdeckung, daß außer der von mir getödteten Ratte ſich noch eine zweite lebendige im Schiffe befand,— wahrſcheinlich das Weibchen oder Männchen derjenigen, die meinen Griffen erlegen war, denn ſie war durch dieſelbe Spalte herein gekommen, welche die Erſte zur Paſſage benutzt hatte,— wie betäubt, und natürlich ward ſofort wieder aller Schlaf von meinen Augen verſcheucht. Ich beſchloß auch ſogleich, mich nicht eher wieder zur Ruhe niederzulegen, als bis ich auch dieſen zweiten Feind würde getödtet haben. Aller Wahrſcheinlichkeit nach mußte er bald wiederkommen, denn meine Hand hatte ihn nur ganz leicht berührt, und ihm jedenfalls nicht ſehr wehe gethan. In der Erwartung ſeiner baldigen Wiederkehr kauerte ich mich alſo ſtill auf meine M atratze nieder, V I hielt meine Jacke zum Verſtopfen des Luftloches be⸗ reit, und harrte in Ruhe und Geduld, wenn auch nicht ohne lebhafte Spannung. 1 Nach einem Weilchen hörte ich deutlich das Pfei⸗ fen einer Ratte außerhalb meines Kerkers, und daſ⸗ ſelbe Trippeln und Raſcheln, das ich vorhin ſchon vernommen hatte, aber weit lauter und geräuſchvoller, als je. Fort und fort dauerte dieſes Geräuſch, und zugleich war es mir, als ob es auch innerhalb meiner vier Wände ertönte. Auch irrte ich mich hierin nicht, und traf demnach meine Vorkehrungen, indem ich das Schlupfloch, wie früher, mitemeiner Jacke yerſtopfte, und meine Hoſen dicht am Knöchel feſt zuband, da⸗ mit die Beſtie nicht, wie ſchon einmal, an meinen Beinen in die Höhe laufen konnte. Erſt, nachdem dieß geſchehen, waffnete ich meine Hände mit meinen Schuhen, und begann den Angriff. Da auf einmal wurde mir Etwas klar, was meine Seele ſofort mit Entſetzen erfüllte! Ich machte die ſchreckliche Ent⸗ deckung, daß nicht blos eine, nein, daß mindeſtens zwölf Stück Ratten in mein enges Gemach eingedrun⸗ gen waren. Der Boden wimmelte davon, und wo ich hintappte, berührte ich eine. Sie liefen über meine Beine, meine Füße, meine Hände, ſprangen mir ſelbſt an Bruſt und Rücken hinauf, und ließen dabei fleißig ihr ſcharfes Pfeifen und Quietſchen hören. Mich in einen Kampf mit einer ſolchen Menge dieſer biſſigen Geſchöpfe einzulaſſen, wäre allzu ver⸗ wegen geweſen. Anſtatt ihn zu wagen, riß ich meine Jacke aus dem Schlupfloche, und ſchlug damit wie toll und beſeſſen auf die Ratten los. Dieſes neue Ver⸗ fahren ſchien ſie zu überraſchen und einzuſchüchtern, denn ſie ſtoben eiligſt davon, und ſchon nach wenigen Augenblicken fand ich zu meiner Freude, daß ſie ohne Ausnahme das Feld geräumt hatten. Nicht länger konnte ich mir nun verhehlen, daß noch eine Menge von Ratten im Schiffsraume vor⸗ handen ſein, und ſich in den zahlreichen Spalten unter dem Balkenwerk deſſelben verborgen halten muß⸗ ten. Es galt alſo, vor ihnen auf der Hut zu ſein. Gegen ein Dutzend dieſer Geſchöpfe hätte ich mich vielleicht meiner Haut wehren können; aber ich mußte ihnen unfehlbar unterliegen, wenn ſie mich, was ganz und gar nicht unmöglich ſchien, zu Hunderten an⸗ griffen. Mich ſchauderte bei dieſem Gedanken. Von die⸗ ſen gräßlichen Beſtien zu Tode gebiſſen, oder wohl gar bei lebendigem Leibe von ihnen aufgefreſſen zu werden, ſchien mir viel entſetzlicher, als jeden anderen Tod zu ſterben, und ich ſann auf der Stelle über die Mittel nach, die mir zu Gebote ſtanden, um mich gegen ein ſolches Ende zu ſchützen. Ich fand nach langem Nachdenken kein anderes, als das: jede Oeffnung zu verſtopfen, durch welche die Ratten in mein Verſteck eindringen konnten. Dieß that ich mit der äußerſten Sorgfalt, empfand aber dann eine ſolche Müdigkeit, daß ich mich im Ge⸗ fühl meiner Sicherheit auf meine Matratze warf, und auch ſofort einſchlummerte. Wie lange ich ſchlief, weiß Gott allein. Ich weiß nur, daß mein Schlaf ſehr feſt und tief war, und daß er dieſes Mal nicht durch die Ratten geſtört wurde. Als ich, wahrſcheinlich erſt nach Verlauf vieler * 4. 8 57 Stunden, wieder aufwachte, fand ich es ſchwül und heiß in meinem Kabinet. Jedenfalls war draußen die Witterung ſehr warm, und heizte mein enges ver⸗ ſchloſſenes Gemach in einer Weiſe ein, daß es in der That mit Nichts in der Welt eine größere Aehnlich⸗ keit hatte, als wie mit einem Backofen. Es konnte kaum anders ſein, das Schiff mußte ſich ſchon unter dem Aequator befinden. Ich war beim Erwachen wie in Schweiß gebadet, wagte es aber dennoch nicht, ein wenig Luft in mein Gefängniß einzulaſſen, da ich die ſofortige Wiederkehr der Ratten fürchten mußte, ſobald ich irgend eines der von mir mit Tuch wohl verſtopften Luftlöcher öffnete. Hunger und Durſt quälten mich, trotz der Hitze, beſonders der letztere. Ich trank alſo tüchtig aus meinem Waſſerfaſſe, und tappte dann nach meinen Zwiebacken herum, die ich an den Wänden meines Gemaches aufgeſchichtet und mit Tuchſtücken bedeckt hatte. Das Tuch war da, aber nach den Zwiebacken ſuchte ich vergebens. Rings herum taſtete ich,— nur einzelne Brocken von dem reichlichen Zwiebacks⸗Vor⸗ rathe fielen in meine Hände, alles Andere war ver⸗ ſchwunden. Ein furchtbares Licht tagte in meinem Kopfe, ſo furchtbar, daß ich laut aufſchrie vor Herzensangſt. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß die Ratten mei⸗ nen ganzen Vorrath von Zwieback aufgefreſſen hatten, und daß der Zwieback es geweſen war, der ſie zu lhnr unwillkommenen Beſuchen bei mir veranlaßt atte. 4 Dieſe Entdeckung warf mich faſt zu Boden. Der r. * 58 kleine Ueberreſt von dem Zwiebacks⸗Vorrathe konnte kaum noch auf zehn bis zwölf Tage mein Leben fri⸗ ſten; dann mußte ich, wenn ich keine anderweitige Hülfsquelle entdeckte, unfehlbar verhungern. Wirklich, eine recht angenehme Ausſicht in die Zukunft. Trotz allem Unglück aber kehrte dennoch mein Muth ſo weit wieder zurück, daß ich eine Entſchließung faſſen konnte, um das Traurige meiner Lage zu mil⸗ dern, und neue Hoffnung zu erringen. Mein Herz war bereits ziemlich hart gehämmert in der Schule der Leiden, ſo daß nur ein ganz vernichtender Schlag es vermocht hätte, meinen Muth und meine Wider⸗ ſtandsfähigkeit gänzlich und auf die Dauer zu brechen. Es handelte ſich darum, neuen Nahrungsſtoff an⸗ zuſchaffen, und zwar ſo ſchnell als irgend möglich. Demgemäß ging ich ohne Zögern daran, eine an⸗ dere Zwiebackskiſte aufzuſuchen, deren gewiß noch meh⸗ rere im Schiffs⸗Raume vorhanden waren. Wo ſie lagen, wußte ich freilich nicht, aber da waren ſie ohne Zweifel, und ich mußte es meinem guten Glücke an⸗ heim geben, ob ich eine fand oder nicht. Zunächſt wickelte ich den Ueberreſt meines Zwie⸗ backs in ein Stück Tuch, um ihn vor den gierigen Zähnen der Ratten zu ſchützen, und hierauf machte ich mich ohne Zögern daran, die kaum zum vierten Theil geleerte Tuchkiſte vollends auszuräumen, und nur durch die Hinterwand derſelben einen Weg wei⸗ ter nach vorn zu bahnen. Dieſe Arbeit war nicht ſo leicht, als man vielleicht denkt, und ich vergoß manchen Schweißtropfen dabei. Das Tuch war ſo feſt auf einander gepackt und zu⸗ —— 59 ſammengepreßt, als ob es mit einer Dampfpreſſe in die Kiſte eingekeilt worden wäre. Einige von den Tuchrollen waren größer als andere, weil ſie von gröberem Stoffe angefertigt waren. Dieſe konnte ich mit aller Anſtrengung meiner Kräfte nicht ganz aus der Kiſte ſchaffen, und mußte mir dadurch zu helfen ſuchen, daß ich die Umhüllung jedes Stückes aufſchnitt, dann das Ende der Webe ergriff und ſie aufrollte. Hierauf zog ich das loſe Tuch heraus, bis die Webe klein genug ward, um auch ſie vollends zu beſeitigen. Auf dieſe Weiſe gelang es mir, die Kiſte zu leeren, freilich erſt nach einer, mehrere Stunden langen, an⸗ haltenden Arbeit. Die Anſtrengung hatte mir Appetit gemacht, und ich beſchloß daher, in mein Verſteck zurück zu kriechen, und mich durch etwas Speiſe zu ſtärken. Aber das war leichter gedacht, als gethan, denn die aufgeroll⸗ ten Tuchſtücke verſperrten mir den Weg, ſo daß ich kaum ein Schlupfloch zum Durchkriechen finden konnte. Als es mir endlich gelang, an den Ort zu kommen, wo ich meinen kleinen Zwiebacks⸗Vorrath niedergelegt hatte, da fand ich, daß ich wohlgethan, nicht länger zu zögern; denn ſchon wieder waren die lieben Rat⸗ ten darum her beſchäftigt, und hatten bereits Löcher in das Tuch genagt und die Hälfte meines Zwiebacks verzehrt, als ich ſie, noch zu rechter Zeit, von ihrer Beute verjagte. Eine Stunde ſpäter hätte ich viel⸗ leicht kein Krümelchen mehr von dem Zwiebacke übrig gefunden.. Nachdem ich einige Biſſen gegeſſen und eine tüch⸗ tige Portion Waſſer getrunken hatte, wickelte ich mei⸗ nen kleinen Speiſevorrath wieder ſorgfältig ein, und 60 nahm ihn, anſtatt ihn unbewacht liegen zu laſſen, mit in die leere Tuchkiſte, wo ich ihn gegen jeden ferne⸗ ren Angriff zu vertheidigen entſchloſſen war. Nach⸗ dem ich das Bündel zwiſchen meinen Knieen verbor⸗ gen hatte, griff ich wieder nach meinem Meſſer, und ſuchte mich durch die Bretterwand hindurch zu ar⸗ beiten. Es gelang mir nach einiger Zeit, mir den Durch⸗ gang zu eröffnen, aber— meine Mühe hatte keinen deſonderen Erfolg. Ich ſtieß auf eine andere Kiſte, und eine kurze Unterſuchung belehrte mich, daß ich es abermals mit einer Tuch⸗Kiſte zu thun habe. Tuch konnte mir nichts helfen, ich beſaß es ſchon in Hülle und Fülle, in ſolcher Fülle, daß ich nicht einmal daran denken durfte, die neue Kiſte zu öffnen und auszuräumen, weil ſonſt mein enger Kerker ſo von Tuch angefüllt worden wäre, daß ich für mich ſelbſt keinen Raum mehr gefunden haben würde. Dieſe Entdeckung war ein wenig niederſchlagend, beraubte mich aber keineswegs meiner Hoffnung und meines Muthes. Nach kurzer Ueberlegung faßte ich den Entſchluß, noch eines von den Fäſſern anzu⸗ bohren, den Inhalt deſſelben auslaufen zu laſſen, und durch das Faß mir dann den Weg nach einer neuen Richtung hin anzubahnen. Zeit hatte ich nicht zu verlieren, und durfte ich nicht verlieren, wenn ich mein Leben retten, mich vor dem Hungertode ſchützen wollte. Alſo nahm ich das größeſte von den Fäſſern ſofort in Angriff. Es ſtand mir mit dem Ende zugewendet, und ſchloß mich von der linken Seite ein. Um es zu öffnen, mußte ich cinen Suerſchnitt durch eine der Dauben machen, — 61 welche entweder den Deckel oder den Boden des Faſ⸗ ſes bildeten, und dann die Dauben vollends einzu⸗ ſtoßen ſuchen. Ob mir dieß gelingen würde, konnte ich nicht vorauswiſſen, jedenfalls aber mußte ich es verſuchen. Mit Energie begann ich meine Arbeit, und fand ſchnell genug, daß es keine Kleinigkeit war, die icke, eichene Daube zu durchſchneiden, aber geſchehen mußte es, und ich arbeitete daher unausgeſetzt, bis ich eine Feuchtigkeit aus dem Faſſe über meine Finger rieſeln fühlte. Nun wußte ich, daß die Daube durchſchnitten war, und es galt nur noch, ſie aus ihren Falzen zu zwängen und ſie vollends in das Innere des Faſſes hinein zu drücken. Mit Händen und Füßen wirth⸗ ſchaftete ich dann herum, lockerte ſie allmählig und hatte endlich die Genugthuung, ſie plötzlich vollends weichen zu ſehen. Im nämlichen Augenblicke über⸗ ſtrömte mich aber auch eine Flüſſigkeit mit ſolcher Gewalt und in ſolcher Maſſe, daß ich einige Augen⸗ blicke lang wirklich Furcht hegte, darin ertrinken zu üſſen. Der Geruch und auch der Geſchmack,— denn ei dem erſten Ausſtrömen war mir ein wenig von der Flüſſigkeit in die Kehle gekommen,— verriethen mir ſofort, daß das Faß mit Branntwein gefüllt war, und ich freute mich darüber. Wenn es Waſſer ge⸗ wein aber war für mich ein ſehr überflüſſiges Ge⸗ f tränk, das ſich in Gottes Namen mit dem Rinne⸗ Vaſſer unter den Balken des Schiffes vermiſchen mochte, ohne daß ich ſeinen Verluſt auch nur im Geringſten bedauerte. In weniger als einer Minute war mein Verſteck weſen wäre, hätte es mir leid gethan. Der Brannt⸗ 62 ſo überſchwemmt, daß mir der Branntwein faſt bis an den Hals reichte; doch eben ſo ſchnell verlief er ſich auch wieder in den leeren Raum des Schiffes unter mir, und ich empfand, einiges Nieſen und Pruh⸗ ſten abgerechnet, das mir der ſcharfe, durchdringende Ge⸗ ruch des Spiritus anfänglich erpreßt hatte, keine Un⸗ bequemlichkeit weiter davon. Meine durchnäßten Klei⸗ der trockneten in der Hitze des Raumes bald wieder, und der häßliche Geruch verlor ſich eben ſo ſchnell, oder aber, ich gewöhnte mich an ihn, ſo daß ich ihn nicht weiter bemerkte. Als das Faß völlig ausgelaufen war, fand ich die von mir gemachte Oeffnung weit genug, daß ich hin⸗ durch kriechen konnte. Dieß that ich, und taſtete im Innern des Faſſes nach dem Spunde umher, da ich meinte, daß hier die beſte Stelle ſein würde, um eine andere Daube durchzuſchneiden. Bald hatte ich den Spund gefunden, und zwar grade in einer bequemen Höhe auf der Seite. Ich klappte mein Meſſer zu, und hämmerte mit dem Hefte auf den hölzernen Pflock los. Nach einigen derben Schlägen gelang es mir, ihn hinauszutreiben, und nun begann ich, die Daube in der Quere zu durchſchneiden. Ich hatte nur erſt kurze Zeit bei dieſer Arbeit zu⸗ gebracht, als ich ſeltſamer Weiſe und wider alles Er⸗ warten keinerlei Ermattung, ſondern eine faſt wun⸗ derbare Hebung und Stärkung meiner Kräfte ver⸗ ſpürte. Dieß überraſchte mich um ſo mehr, als ich ſchon manche Stunde lang faſt ununterbrochen ſchwer gearbeitet, und vor dem Aufſprengen des Faſſes in der That einige Ermüdung empfunden hatte. Dieſe war auf einmal gänzlich verſchwunden, und mein H 63 Gemüth wurde ſo heiter geſtimmt, daß ich unwillkür⸗ lich bei der Arbeit lachen, ſingen und pfeifen mußte, als ob ich mich in der glücklichſten Lage von der Welt befunden hätte. Ueber dieſen ſonderbaren Umſtand aber nachzu⸗ denken, fiel mir entfernt nicht ein. Ich arbeitete, lachte, ſang und pfiff weiter, bis mich plötzlich ein ſo furcht⸗ barer Durſt überfiel, daß ich, ſchon halb beſinnungslos aus dem Faſſe hinaus taumelte, und mein Waſſerfaß zu erreichen ſuchte. Doch noch ehe ich die wenigen Schritte bis dahin zurücklegen konnte, brach ich, wie von einem Schuſſe mitten durch den Kopf getroffen, plötzlich zu⸗ ſammen, und blieb ohnmächtig in der Nähe des Waſ⸗ ſerfaſſes auf den Bohlen⸗Dielen meines Gefängniſſes liegen. Wenn nicht ohnmächtig, ſo war ich jedenfalls völlig beſinnungslos, und es dauerte geraume Zeit, ehe ich aus diefem lethargiſchen Zuſtande wieder erwachte. Als es geſchah, empfand ich heftigen Kopfſchmerz und eine Uebelkeit, wie ich ſie ſo ſchlimm ſelbſt nicht bei dem ärgſten Anfalle von Seekrankheit empfunden hatte. Einiges Nachdenken belehrte mich über die Urſachen dieſes Uebelbefindens. Die Branntweindünſte in dem Faſſe hatten mich, ohne daß ich es ahnte und be⸗ merkte, bis zur Sinnloſigkeit berauſcht, und die Folge davon war jener abſcheuliche Zuſtand, welchen man allgemein mit dem Ausdruck„Katzenjammer“ zu be⸗ zeichnen pflegt. Wohl ſah ich ein, daß ich in der höchſten Lebensgefahr geſchwebt hatte; denn wäre ich nicht durch den plötzlich eingetretenen heftigen Durſt aus dem Faſſe getrieben worden, ſo hätte ich in demſelben unfehlbar den Tod erleiden müſſen. Eine 64 höhere Fügung hatte über mich gewacht, und faſt ohne es zu wiſſen, dankte ich Gott für ſeinen gnädigen Beiſtand. Die Kehle war mir wie ausgetrocknet, und ich ſchmachtete nach Waſſer. So ſchwach ich noch war, erhob ich mich dennoch mit großer Anſtrengung, und preßte meine Lippen, nachdem ich den Holzpfropfen entfernt hatte, mit einer Inbrunſt an die Oeffnung des Waſſerfaſſes, wie ich ſie noch nie, ſelbſt nicht bei dem verzehrendſten Durſte empfunden hatte. Ich trank wohl drei bis vier Maß Waſſer in verſchiedenen Ab⸗ ſätzen, und fühlte mich dadurch weſentlich erquickt und erleichtert. Selbſt mein Kopfweh ließ nach, und mein Gehirn wurde freier, als ob die es einhüllenden Dünſte mit einem feuchten Schwamme wären weggewiſcht worden. Um keinen Preis in der Welt hätte ich es gewagt, auf längere Zeit in das Tod aushauchende Brannt⸗ weinfaß zurückzukehren; aber ein Mal, wenn auch nur auf wenige Augenblicke, mußte ich doch noch hinein, da ich zu meinem Schrecken mein Meſſer vermißte. Auf dem Balkenboden meines Kerkers fand ich es nicht, alſo mußte ich es im Faſſe zurückgelaſſen haben. Es war mein einziges, ganz unentbehrliches Werkzeug, und dies war Grund genug für mich, noch einmal die verpeſtete Luft des Faſſes einzuathmen. Aber erſt, nachdem ich noch einmal tüchtig Waſſer getrunken hatte, wagte ich den Verſuch, und er wurde, zum Glück für mich, von gutem Erfolge gekrönt. Nach kurzem Suchen fand ich mein Meſſer; es ſteckte in der Faßdaube, die ich zu durchſchneiden angefangen hatte. Sobald ich es in meiner Hand hielt, verließ ich ſchleu⸗ 65 nigſt das Faß wieder, feſt entſchloſſen, für immer ſeine verderbliche Nähe zu meiden. Da mir der Ausweg durch das Faß zur Unmög⸗ licheit geworden war, ſo befand ich mich in einer ſchlimmen Klemme. Wo ſollte ich nun wieder meinen Angriff beginnen, um mich durch die Hunderte von Kiſten und Waarenballen nach oben hin durch zu ar⸗ beiten? Durch mußte ich, wenn ich nicht Hungers ſterben wollte, denn leider hatte ich ſchon die Ent⸗ deckung gemacht, daß die verwünſchten Ratten meine Ohnmacht benutzt hatten, um einen abermaligen räu⸗ beriſchen Angriff auf meine Zwiebacksreſte zu machen. Ich entſchloß mich kurz. Von dem wenigen Zwie⸗ back, den die Ratten mir übrig gelaſſen, konnte ich keine drei Tage mehr mein Leben ſriſten. Was thun? „Habt ihr meinen Zwieback verzehrt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„wohlan, ſo will ich zur Strafe dafür ſ viele von euch verzehren, als ich in meine Gewalt bekommen kann!“— Noth bricht Eiſen, und der wüthende Hunger fragt nicht nach der Leckerhaftigkeit der Speiſen, wenn er ſich überhaupt nur deren verſchaffen kann. Wenn ein Menſch dem Verſchmachten nahe iſt, ſo verzehrt er Alles, was verzehrt werden kann, ſeien es Leckerbiſſen, ſei es die roheſte Koſt. Vor den Ratten ekelte ich mich, aber vor ihrem Fleiſche, mußte ich es auch roh und ohne alle Zuthat und Würze genießen, empfand ich nicht den mindeſten Widerwillen. Es handelte ſich nun darum, wie ich die Beſtien in meine Gewalt bekommen könne, und ein kurzes Nachdenken zeigte mir die Mittel dazu. Ich brauchte nur eine Rattenfalle Der Bekehrte. 5 66 zu machen, um ſo viele von ihnen zu fangen, als ich zur Friſtung meines Lebens bedurfte. Eine Falle von Draht und Eiſen konnte ich frei⸗ lich nicht herſtellen, aber einen Sack von Tuch konnte ich machen, der ganz und gar ſich zum Rattenfange eignete. Ich riß ein Stück Tuch von angemeſſener Größe los, und nähte es ſo zuſammen, daß es auf drei Seiten geſchloſſen, und nur auf einer offen war,“ ſo daß es alſo einen ganz richtigen Sack bildete. Das offene Ende verſah ich mit einer Schnur, wie die Schnur eines Geldbeutels, vermittelſt derer ich im Nu die Oeffnung zuziehen und ſo den Sack ſchließen konnte. Mit Hülfe meines Meſſers und einiger Streifen Baſt, welche ich aus einer um ein Stück Tuch gewickelten Baſtdecke zog, brachte ich mein Werk ohne große Mühe zu Stande. Als der Sack fertig war, räumte ich die Tuch⸗ ſtücke auf die Seite, der Art, daß ein gutes Stück des Fußbodens frei wurde. Die Tuchſtücke ſtopfte ich, da es mir an anderweitigem Plaatze fehlte, in das leere Branntweinfaß, welches mir auf dieſe Weiſe alſo doch noch zum Nutzen gereichte. Dann verkeilte ich alle Schlupflöcher, welche die Ratten zu benutzen pflegten, bis auf eines, das von ihnen als Haupteingang be⸗ nutzt wurde, und grade vor dieſem ſtellte ich meine Falle auf, indem ich dazu einige Stücke Holzſplitter benutzte, an denen ich keinen Mangel litt. Neben der Mündung des Sackes kniete ich nieder, hielt die Schnur zum Verſchließen deſſelben in der Hand, und wartete in dieſer Stellung geduldig auf die Ankunft der Ratten. Daß dieſelben kommen würden, und zwar in Menge, konnte ich mit der größten Wahrſcheinlich 6 7 N keit vermuthen, denn ich hatte, um ſie anzuködern, einen Theil vom kleinen Reſte meines Zwiebacks in den Sack gethan,— und eine beſſere Lockſpeiſe konnte ich ihnen nicht darbieten. Es dauerte gar nicht lange, ſo kamen die Ratten in hellen Haufen angetrippelt und ſtürzten ſich ohne Bedenken in die Falle hinein, wie ich deutlich aus ihrem Pfeifen, Quieken und Nagen ſchließen konnte. Sie ſprangen über einander hinweg, drängten ſich, und zankten und biſſen ſich ſogar um die wenigen Brocken, die ich ihnen hingeworfen hatte. Nach ein paar Minuten dachte ich, daß ich nun wohl genug Ratten im Sacke haben werde, und zog, ſo ſchnell ich konnte, meine Schnur zu,— ſo ſchnell, daß mir auch nicht eine einzige von den im Sacke befindlichen Beſtien entkam. Nun galt es, ſie todt zu machen, ohne mich ſelber dabei zu gefährden, und ich erreichte dies auf die Weiſe, daß ich den Sack mit den Ratten auf die blanken eichenen Balken meines Fußbodens legte auf den Sack ein hinreichend großes Stück Brett deckte, und nun mit den Füßen aus Leibeskräften auf dem Brette heruni trampelte. 1 Anfänglich hatte ich Mühe, mich in meiner Stel⸗ lung zu behaupten, denn die Ratten wehrten ſich mit verzweifelter Wuth, und wimmerten unter meinen Füßen wie beſeſſen, indem ſie auf die gräulichſte Weiſe pfif⸗ fen und quiekten. Einmal gelang es ihren krampf⸗ haften Zuckungen wirklich, mich von dem Brette her⸗ unter zu werfen; aber augenblicklich deckte ich das Brett wieder auf den Sack, und fuhr fort zu trampeln und darauf herum zu ſtampfen, bis keine einzige Ratte 5— 2 68 ſich mehr bewegte, und jedes Geräuſch in dem Sacke völlig verſtummt war. Nun erſt wagte ich es, den Sack wieder aufzu⸗ ſchnüren, und meine Jagdbeute zu zählen. Fünfzehn Stück ſchöne, dicke, große Ratten zog ich eine nach der andern aus dem Sacke, und machte die befriedi⸗ gende Bemerkung, daß keine Einzige mehr ein Lebeus⸗ zeichen von ſich gab. Ohne Zögern ging ich daran, eine von den größeſten und fetteſten auszuweiden und ihr das Fell abzuziehen, worauf ich ſie mit einem Appetit ver⸗ zehrte, welchen Mancher für unglaublich halten wird. Aber, wie ſchon erwähnt, ich war ein ſchon halb ver⸗ hungerter Menſch, und empfand auch nicht den ge⸗ ringſten Ekel vor dem Rattenfleiſche, das mir grade ſo gut ſchmeckte, als mir das zarteſte Hühnerfleiſch geſchmeckt haben würde. Noch eine zweite Ratte folgte der erſten in mei⸗ nen Magen nach, und nun war mein erſter Heißhunger geſtillt, und zugleich mein Gemüth für die nächſten acht Tage völlig beruhigt. Eine Mahlzeit von zwei Ratten täglich reichte jedenfalls vollkommen zu meiner Sättigung und Ernährung aus; und, da ich davon fünfzehn Stück gefangen hatte, ſo konnte ich leicht ausrechnen, daß meine Speiſekammer für die Dauer einer Woche hinlänglich gefüllt war. Da ich nicht daran zweifelte, daß die lebendigen Ratten ihre todten Brüder auffreſſen würden, wenn ſie zu ihnen gelangen konnten, ſo trug ich Sorge, ſie vor ihren Zähnen ſicher zu ſtellen, indem ich ſie wie⸗ der in den Sack ſteckte, und ſo vielmal mit Tuch umwickelte, daß ſelbſt die ſchärfſten Gebiſſe daran zu 69 nagen hatten, ehe ſie zu dem Kern des Bündels, dem Rattenfleiſche, gelangten. Friſcher Muth war in mein Herz zurückgekehrt, nun ich mich nicht mehr unmittelbar dem Hungertode preisgegeben ſah, und ich konnte ruhig meine Ge⸗ danken wieder ſammeln, und auf weitere Mittel zu meiner Erlöſung ſinnen. Dieß geſchah indeß vor der Hand nicht; ich fühlte mich todtmüde, und beſchloß daher, erſt einen tüchtigen Schlaf zu thun, um dann mit friſcher Kraft mein ſchwieriges Geſchäft, das darin beſtand, mir durch Kiſten und Ballen hindurch einen Weg nach Oben hin zu bahnen, zu beginnen. Wie ich es angriff, will ich im folgenden Kapitel erzählen. . Viertes Kapitel. 4 Durch!“ „Durch!“ Dies mußte jetzt mein Wahlſpruch ſein, und ich beſchloß, ihn keinen Augenblick außer Acht zu laſſen, oder gar ihn zu vernachläſſigen. Bei meinem Erwachen fühlte ich mich ſehr geſtärkt, und ſo kräftig, wie ſeit langer Zeit nicht mehr. Ob ich dies meinem ungeſtörten, feſten und langen Schlafe, oder ob ich es dem lange entbehrten Genuſſe von Fleiſch zu danken hatte, weiß ich nicht,— wahrſchein⸗ lich wirkten beide Urſachen zu dem günſtigen Er⸗ folge mit. 70 Kurz und gut, neu erſtarkt, beſchloß ich auch mit neuem Muthe an mein Werk zu gehen. Vorher aber erſt frühſtückte ich,— wenn ich es frühſtücken nennen darf, da ich ja nicht wußte, ob es Mittags⸗, Früh⸗ ſtücks⸗ oder Mitternachtszeit war, als ich eine reich⸗ liche Portion Waſſer trank, und dann eine friſch ab⸗ gehäutete Ratte verzehrte. Nach dem Eſſen griff ich zu meinem Meſſer, und ſuchte durch ein ſorgfältiges Umhertaſten den vortheil⸗ hafteſten Punkt zu meinem Angriffe auf die Schiffs⸗ ladung zu erkennen.. Glücklicher Weiſe hatte ich mir bereits einigen Raum verſchafft, als ich die Tuchſtücke in das leere Branntweinfaß geſtopft hatte. Das große Faß war aber dadurch noch nicht bis zur Hälfte angefüllt, und konnte noch eine große Menge von Tuchballen und anderen Sachen in ſeinen weiten Bauch aufnehmen. Ddieeſer Umſtand beſtimmte mich, zunächſt die Tuchkiſte auszuleeren, welche ich aus Mangel an Raum in meinem eangen Kerker unberührt gelaſſen hatte. Ich zog alſo einen Ballen nach dem andern heraus, und ſchleppte ſie alle nach dem Branntweinfaſſe, in das ich ſie, ſo feſt ich nur immer konnte, einrammte. Als die Kiſte leer war, brachte ich ſie bei Seite, indem ich ſie zerſchlug, und überlegte ſodann, nach welcher Richtung ich mein Vordringen fortſetzen ſollte. Ich konnte zwei Richtungen einſchlagen, entweder grade aus, bis an den Punkt, über welchem ſich die große Deckluke befand, und dann ſenkrecht aufwärts; oder ich konnte ſuchen, in ſchräger Richtung vorzudringen, was mich aller Wahrſcheinlichkeit nach am ſicherſten und ſchnellſten zu meinem Ziele führte. Alſo beſchloß ich, die ſchräge 71 Richtung aufwärts einzuſchlagen, und dieſelbe, je nach den Umſtänden und den mich erwartenden Hinderniſ⸗ ſen, entweder beizubehalten, oder ſie zeitweilig zu ver⸗ ändern,— je nach Gründen der Zweckmäßigkeit. Nun begann ich meine Arbeit, indem ich den Bo⸗ den einer neuen Kiſte über mir mit meinem Meſſer zu durchſchneiden verſuchte. Die Kiſte ſtand auf einer anderen, welche ihrerſeits auf den Balken des Schiffs⸗ raumes ruhete. Sie war größer, als letztere, und ragte faſt eine Elle weit ſeitwärts über ſie hinaus, ſo daß ich ſie leicht in Angriff nehmen konnte. Mein Meſſer war noch, trotz der vielen und wichtigen Dienſte, die es mir bereits geleiſtet, in vortrefflichem Zuſtande, und weder ſeine Spitze noch ſeine Schneide hatten bis jetzt merkbar gelitten. Darum fiel es mir nicht ſchwer, in das weiche Holz der Kiſte über mir einzuſchneiden. Doch, ein anderer Umſtand begünſtigte mich; ich merkte nämlich ſehr bald, daß ein Brett von der Kiſte locker war, und, indem ich dies in Angriff nahm, gelang es mir ſchnell, es vollends loszumachen und herausziehen. Kaum hatte ich es auf die Seite gebracht, da praſſelte etwas, wie ein Regen oder vielmehr wie ein Hagel⸗ wetter auf meinen Kopf nieder. Schnell ſprang ich zurück, um meinen unbedeckten Kopf außer Gefahr zu bringen, und wartete ruhig, bis der Hagel aufgehört haben würde. Er dauerte nur ein paar Minuten an. Als ich mich dann bückte, um mit den Händen zu unterſuchen, was eigentlich aus der Kiſte gefallen war, ſtieß ich unwillkürlich einen hellen, lauten Freudenſchrei aus. Ich entdeckte, was ich ſchon einmal mit Ent⸗ Zücken entdeckt hatte, nämlich runde flache Brode,— Schiffszwiebacke in ſchönſter Qualität! 72 Schiffszwieback! Und eine ganze große Kiſte voll davon! War das nicht ein Fund für mich, der mich vor Freuden hätte närriſch machen können? Ich aß eine gute Portion des herrlichen Gebäckes, das mir, aufrichtig ſei es geſtanden, im Grunde denn doch beſſer ſchmeckte, als das Rattenfleiſch;— und als ich meinen Appetit vollkommen geſtillt hatte, trug ich Sorge, meinen Schatz diesmal beſſer, als das vorige Mal, vor den Ratten zu verwahren. Um jeden An⸗ griff auf ihn zu vereiteln, baute ich aus ganzen Tuch⸗ ſtücken ein ordentliches Kaſtell mit vier undurchdring⸗ lichen Mauern, ſchaffte ſorgfältig den ganzen in der Kiſte befindlichen Zwieback hinein, und deckte den Vor⸗ rath mit anderen Tuchrollen zu. Nie hatte ich eine Arbeit mit größerem Vergnügen unternommen und durchgeführt, als dieſes Kaſtell gegen die Ratten, deſſen Quadern aus köſtlichen Tuchen be⸗ ſtanden. Ich war meiner Sache gewiß und zweifelte nicht einen Moment daran, daß die dicken Tuchmauern unmöglich von den Zähnen der Ratten durchnagt wer⸗ den könnten, und der Erfolg bewies ſpäter, daß ich mich in meiner Vorausſetzung auch keineswegs betro⸗ gen hatte. Jetzt, im Beſitze des Köſtlichſten, was ich in mei⸗ ner Lage haben konnte, im Beſitze eines Vorrathes von Waſſer und Brod, der auf Monate hinaus für mich ausreichte, jetzt ſchwand jede Hoffnungsloſigkeit aus meiner Seele, wie eine Wolke vor den Strahlen der Sonne ſchwindet. Kein Zweifel, ob es mir auch gelingen werde, mich bis unter das Deck des Schiffes durchzuarbeiten, beunruhigte mehr meine Seele; kein Hinderniß ſchreckte mich mehr oder galt mir für un⸗ 73 überwindlich. Ich war meiner endlichen Erlöſung und Befreiung gewiß, und dies verlieh mir einen Seelen⸗ frieden, wie ich ihn nicht empfunden hatte, ſeit dem Augenblicke, wo ich mich in meinem Kerker gefan⸗ gen fand. Mit ruhigſter Entſchloſſenheit kehrte ich alſo zu meiner Arbeit zurück, kletterte in die geleerte Zwie⸗ backskiſte hinauf, ſprengte eine Seitenwand davon los, und fuhr mit den Händen durch die auf ſolche Weiſe gemachte Oeffnung, um zu ermitteln, was es jetzt nun wieder für ein Hinderniß zu beſeitigen gäbe. Meine Finger betaſteten eine breite rauhe Brettfläche, doch konnte ich daraus noch nicht errathen, was dahinter verſteckt ſein mochte. Bei genauerer Unterſuchung fand ich, daß die erwähnte Brettfläche nach allen Seiten hin ſich weiter erſtreckte, als meine Hände zu reichen vermochten. Sie ſtieg ſenkrecht empor wie eine Mauer, und bedeckte nicht blos das ganze Ende der Zwiebacks⸗ kiſte, ſondern erſtreckte ſich auch noch auf beiden Sei⸗ ten und oben darüber hinaus. Wie weit, wußte ich natürlich nicht, denn meine Finger reichten das Ende auf keiner Seite ab. Die Kiſte war jedenfalls be⸗ deutend größer, als die bisher von mir erbrochenen, aber ihren Inhalt zu errathen vermochte ich auf keine Weiſe. Langes Nachgrübeln konnte mir nichts nützen, alſo ſtieß ich einfach mein Meſſer durch die Bretterwand, und ſondirte damit. Ich traf zuerſt auf Papier und dann auf etwas Hartes, das meiner Klinge Wider⸗ ſtand leiſtete, und beinahe ſo hart und ſo glatt wie Marmor ſein mußte. Schärfer auf mein Meſſer drückend, gewahrte ich aber, daß es nicht Stein, ſon⸗ 74 dern Holz war, das auf der Oberfläche ſehr glatt polirt ſein mochte. Als ich einen ſtarken Schlag mit der Fauſt gegen das Heft des Meſſers führen wollte, ſchlug ich fehl, und traf die Kiſte, aus welcher un⸗ mittelbar nachher ein ſeltſames Dröhnen und Sum⸗ men erſcholl. Da ich mir dieſes Getön nicht zu er⸗ klären vermochte, wurde ich nur um ſo neugieriger, und arbeitete mit meinem Meſſer ein Brett von der Kiſte los, indem ich es quer durchſchnitt, und dann jede einzelne Hälfte rechts und links mit den Händen los wuchtete. Jetzt konnte ich genauere Unterſuchungen anſtellen. Meine taſtende Hand traf zuerſt auf Pa⸗ pierbogen, und nach Beſeitigung derſelben auf eine glatte Fläche, wie die Fläche eines Mahagoni⸗Tiſches, dergleichen ich im Hauſe des Herrn van der Hahn genugſam kennen gelernt hatte. Noch einmal klopfte ich mit der geballten Hand auf die vermeintliche Tiſch⸗ platte, und nun konnte ich nicht länger im Zweifel ſein. Das Dröhnen, Summen und Vibriren, welches unmittelbar meinem Fauſtſchlage nachfolgte, ſagte mir ſo klar, wie mit deutlichen Worten, daß ich ein muſi⸗ kaliſches Inſtrument, und zwar ein Pianoforte vor mir hatte, wie ich ebenfalls eines im Hauſe meines gütigen Gönners kennen gelernt. 8 Sofort gab ich die Abſicht auf, in dieſer Richtung weiter vorzudringen, denn einmal dauerte es mich, ein ſo koſtbares Inſtrument zu zerſtören, und auf der anderen Seite bedachte ich, daß das Zerſtören deſſel⸗ ben keine leichte Arbeit geweſen ſein würde. Anſtatt alſo durchzubrechen, beſchloß ich das Hinderniß zu umgehen. Umher tappend, traf ich auf eine Binſen⸗ matte, welche vermuthlich um eine Kiſte mit vielleicht 75 ſehr koſtbarem Inhalte geſchlagen war. Sie lag etwas über mir, obgleich nicht hoch genug, daß ich ſie nicht mit der Hand hätte erreichen können. Ich durchſchnitt den Baſt mit meinem Meſſer, fühlte dann nach dem Holze und fand, daß es ein Deckel von gewöhnlichem weichem Tannenholze war, den man nicht einmal ſon⸗ derlich feſt gemacht hatte. Wenigſtens entdeckte ich nur wenige Nägel, und auch dieſe ſchienen nicht ſehr feſt eingeſchlagen zu ſein,— ein Umſtand, der mir durch⸗ aus nicht unangenehm erſchien, aber gleichwohl ſehr üble Folgen für mich nach ſich ziehen ſollte. Ich glaubte nämlich, den Deckel ſehr leicht von der Kiſte lostrennen zu können, indem ich mein Meſſer in die Spalte zwiſchen beiden ſchob und einen tüchtigen Ruck damit machte. Zu meinem Unglücke hatte ich aber ein wenig zu derb auf den Stahl gedrückt; ein kurzes ſcharfes Knicken, das mein Herz mehr erſchreckte, als ein Piſtolenſchuß gethan haben würde, traf mein Ohr, und ich machte die traurige Entdeckung, daß die Klinge meines Meſſers gebrochen und in der Syalte ſtecken geblieben war. Das Heft hatte ich in der Hand be⸗ halten, und eine kurze Unterſuchung zeigte mir, daß die Klinge dicht neben demſelben abgeſprungen ſei, und daß mir kaum noch der zehnte Theil eines Zolles von ihrer früheren Länge übrig geblieben war. Natürlich verurſachte mir dieſer Verluſt den tief⸗ ſten Schmerz und Kummer, und ich mußte ihn für ein Unglück der ſchwerſten Art halten, da ich ohne mein Meſſer nur wenig oder gar nichts thun konnte, und mir demnach faſt ſo hülflos vorkam, wie ein neu⸗ geborenes Kind: Noch wenige Augenblicke vorher erfüllte meine 76 Bruſt das ſicherſte und ſchönſte Vertrauen auf den Erfolg meines Unternehmens, und jetzt auf einmal ſah ich mich wieder in den düſteren Abgrund der Ver⸗ zweiflung geſchleudert. Noch für ein großes Glück konnte ich es erachten, daß ich hinlängliche Vorräthe von Lebensmitteln beſaß. Ohne die Zwiebackskiſte, die mir ſo zu rechter Zeit in die Hände gefallen war, würde mich der Schmerz um den Verluſt meines Meſſers, des einzigen Freun⸗ des, den ich hatte, vielleicht getödtet haben. So aber blieb mir immer noch einiger Troſt. Wenn auch meine Abſicht, bis zum Oberdeck durchzudringen, vereitelt war, brauchte ich doch wenigſtens den Hungertod nicht zu fürchten. Es war möglich, daß ich noch Wochen lang in meinem Gefängniſſe eingekerkert blieb, aber ein Mal mußte doch die Stunde der Befreiung ſchla⸗ gen. Das ganze Unglück, welches mich betroffen hatte, beſtand alſo im Grunde nur aus einer Zeit⸗Frage. Ich hatte nach einigen Tagen meinen kleinen Lieb⸗ ling Helene und ihre Familie wiederzuſehen gehofft, und nun konnten Wochen vergehen, ehe ich dieſer Freude theilhaftig wurde. 4 Je mehr ich mir dies klar machte, deſto ruhiger und ergebener in ſein Schickſal wurde mein aufgereg⸗ tes Gemüth, deſto ſchneller legten ſich die empörten Wellen meines tief erſchütterten Herzens. Ich begann wieder mit größerer Klarheit zu denken, und ſogar einige Hoffnungsſtrahlen fingen an, das Düſtere mei⸗ ner Gedanken wieder zu erhellen. War denn auch wirklich und unwiederbringlich Alles verloren? Konnte ich mich nicht wieder in den Beſitz meiner Klinge ver⸗ ſetzen? Konnte ich ſie nicht auch ferner noch, wenn auch nicht mit gleich raſcher Wirkſamkeit benutzen? Warum nicht? Vielleicht erlangte ich die Klinge wie⸗ der, und ich zögerte nicht, einen Verſuch zu dieſem Ende zu machen. Er gelang, gelang mit Hülfe des Stummels, den ich noch immer in meiner Hand hielt. Ich brachte die Klinge glücklich aus der Spalte heraus, und hätte ſie in der Freude meines Herzens beinahe an meine Lippen geführt, um einen Kuß darauf zu drücken. „Muth!“ rief ich mir ſelber zu.„Wenn auch nicht völlig ſo nutzbar, wie früher, ſo iſt ſie doch noch nutzbar, und es mag gehen, wie es will, ich will unter allen Umſtänden einen möglichſt großen und praktiſchen Gebrauch davon machen!“ Vom Wiedereinſetzen der Klinge in das Heft konnte keine Rede ſein, denn die Beſeitigung der Feder, welche das Zuklappen derſelben verhindert hatte, war gradezu ein Werk der Unmöglichkeit für mich. Aber ich konnte ja auf andere Weiſe die Klinge wieder brauchbar machen, und zwar mit Hülfe eines anderen Griffes, da das jetzige Heft nicht mehr zu meinem Zwecke zu verwenden war. Ich ſuchte mir ein Stück Holz von einem der dickeren Bretter, an denen es mir nach dem Aufbrechen ſo vieler verſchiedener Kiſten nicht fehlte, und ſchnitzte es zu geeigneter Form und Größe zu. Dann ſprengte ich ein Stück von ei⸗ nem dünnen eiſernen Reifen los, welchen ich an einer* kleineren Kiſte bemerkt, die ich nicht geöffnet, ſon⸗ dern als zu unbedeutend bei Seite geſetzt hatte, und dieſer eiſerne Reifen ward nun ſauber um das dickſte Ende der Klinge und um das von mir geſchnitzte Heft gewunden, und nachher mit einer Schnur ſo gut be⸗ 78 feſtigt, daß mir das Meſſer wahr und wahrhaftig wieder ganz brauchbar erſchien. Ich machte einen Verſuch, und ſiehe da, er gelang,— gelang zu mei⸗ ner größten Freude und zu meinem unausſprechlichen Entzücken. Natürlich war die Klinge jetzt weit kürzer, als ſie vorher geweſen; indeß reichte ihre Länge immer noch aus, um auch die dickſten Bretter zu durchſchneiden, und dies genügte zu meinem Zwecke vollkommen. Ich begann wieder meine Arbeit, und ruhete nur, wenn ſich das Bedürfniß des Schlafes bei mir einſtellte. Es würde zu weit führen, wenn ich ausführlich erzählen wollte, wie viele Kiſten und Ballen ich auf die Seite und aus meinem Wege räumte, und was für verſchiedene Waaren und Gegenſtände dabei durch meine Finger liefen. Auch kann ich nicht genau an⸗ geben, wie viele Tage und Nächte über meine Arbeit verſtrichen. Nur flüchtig ſei erwähnt, daß ich mich noch durch eine Maſſe von Kiſten mit Tuch, Sammet und Baumwollen⸗Waaren, durch Ballen Leinwand, durch Fäſſer mit Oel und anderen Flüſſigkeiten, ſelbſt durch eine große Kiſte, die mit Damenhüten angefüllt war, cinen Weg hindurchbahnte, ohne daß ich mir ſagen konnte, wie nahe ich meinem Ziele gekommen war. Daß ich mich dem oberen Verdecke genähert hatte, war mir freilich zweifellos, denn ich hatte einen ziemlich langen Tunnel hinter mir, und vernahm zu⸗ weilen deutlich das Geräuſch de Lebens von oben herab. Dies war genug, um meinen Muth aufrecht zu erhalten, und von einer Zeit zur anderen neu zu ſtärken. Ich arbeitete fort und wühlte weiter und wei⸗ ter, wie ein Hamſter unter der Erde. Wieder einmal hatte ich eines ruhigen Schlafes genoſſen, hatte mein gewöhnliches Frühſtück zu mir genommen, das mir jetzt nicht mehr, wie früher, von den Ratten verkümmert wurde, und ging dann, wie gewöhnlich, an meine Arbeit. Wieder ſtand mir eine Kiſte im Wege, die ich aufbrechen und auf die Seite ſchaffen mußte, wenn ich weiter vordringen wollte. Sie war ziemlich feſt gezimmert, und leiſtete meinen Anſtrengungen lange hartnäckigen Widerſtand. Doch hatte ich mir ſchon ſo viele Uebung im Aufbrechen von Kiſten erworben, daß auch dieſe zuletzt meinem Meſſer und meinen Händen erliegen mußte. Ich brach ſie auf, und fand darin, was ich bisher noch nicht gefunden und was ich am wenigſten zu finden erwar⸗ tet hätte, nämlich Bücher, ziemlich große dicke Bücher, ſammt und ſonders in Leder eingebunden, wie ich fand, als ich die Kiſte ausleerte, um ſie dann auf die Seite zu ſchaffen. Alle dieſe Bücher waren von gleicher Größe und von gleichem Formate, und es mochten wohl an fünfhundert Stück in der Kiſte geweſen ſein. Ich ſtapelte ſie links und rechts in meinem Tunnel auf, und nahm ein neues Hinderniß in Angriff. Nach Beſeitigung der Kiſte traf ich auf einen gro⸗ ßen Sack über mir, der, wie meine Finger mir ſagten, mit einer weichen, nachgiebigen Maſſe angefüllt war, vermuthlich mit Mehl. Um mich davon zu überzeu⸗ gen, mach te ich mit meinem Meſſer einen Schlitz hin⸗ ein, und ſofort fühlte ich meine Hand von Etwas überſtreut, das ich angenblicklich durch mein Gefühl wirklich als Mehl erkannte. Es war mir willkommen, 8 obgleich ich noch eine große Menge von Zwieback in meinem Magazine liegen hatte,— jedenfalls war es 80 immer ein Zuwachs von Nahrungsſtoff, der das Ge⸗ ſrenſ der Hungersnoth immer weiter in die Ferne rückte. Aber ich ſollte bald gewahr werden, daß ich die Wichtigkeit meines Fundes überſchätzte. Wahrſchein⸗ lich, ja gewiß, hatte mein Meſſer einen größeren Riß in den Sack gemacht, als ich beabſichtigt hatte, und ich merkte auf einmal, daß ich mich in einer dichten Wolke von Mehl befinden mußte. Es rieſelte, wie ein kleiner Strom, auf meinen Kopf und auf meine Kleider herab, und verſetzte mir dermaßen den Athem, daß ich, nach einem vergeblichen Verſuche, die gemachte Oeffnung zu ſchließen, nothgedrungen mein Heil in ſchleunigſter Flucht ſuchen mußte. Bei längerem Blei⸗ ben wäre ich jedenfalls von dem Mehle erſtickt worden. Geraume Zeit wartete ich am Eingange meines Tunnels, ehe ich es wagte, mich wieder hinein zu be⸗ geben, und meine Arbeit von Neuem zu beginnen. Als ich vorwärts drang, bemerkte ich überall Mehl⸗ ſtaub, mehr und immer mehr, je weiter ich vordrang. In der letzten Strecke hatte er ſich ſogar kniehoch auf⸗ gehäuft, und ich mußte im Mehl waten, wie früher ſo manches Mal in ellenhoch gefallenem Schnee. Je⸗ denfalls aber war der Sack ausgeleert, denn ich merkte wohl, daß das Mehl nicht mehr von oben herab rie⸗ ſelte. Ein Griff an den Sack überzeugte mich vol⸗ lends von dieſer Thatſache. Er war leer bis auf eine geringe Quantität Mehl, und ich konnte ihn mit eben ſo leichter Mühe, als ob es nur ein Papierbogen ge⸗ weſen wäre, bei Seite ziehen. Dies that ich, und warf ihn hinter mich. Hierauf hob ich meinen Kopf auf, um zu unterſuchen, welches neue Hinderniß ich 84 zu beſeitigen haben werde, und— im gleichen Mo⸗ mente ſtieß ich einen Schrei aus und taumelte rücklings in das Mehl nieder, das mich ſofort in Form einer dichten Staubwolke umgab, und ſo maſſenweiſe mir in Mund und Naſe eindrang, daß ich dadurch zum heftigſten Nieſen und Puhſten gereizt wurde. Aber ich ſprang ſofort wieder in die Höhe, richtete aber⸗ mals meine Augen nach oben, und ſchrie von Neuem laut auf im wildeſten Entzücken, das jemals meine Bruſt durchbebt und mit unſäglichſter Wonne erfüllt hatte. Dieſes Entzücken wird dir erklärlich ſein, lieber Leſer, und dir begreiflich erſcheinen, wenn ich dir ſage, was ich ſah, als ich meinen Kopf und meine Augen nach oben erhob. Was ich ſah, war— Licht! Himmliſches, göttliches Licht! Licht, herrliches, hei⸗ liges, Seligkeit ſpendendes Sonnenlicht, das ich, — Gott weiß, wie lange,— ſo bitter ſchmerzlich in meinem engen, dunkeln Kerker hatte entbehren müſſen. Fünftes Kapitel. Immer mehr Licht. Morte ſind nicht im Stande, das Glück zu ſchil⸗ dern, das wie ein Feuerſtrom durch meine Adern kreiste, und mich für einige Zeit völlig betäubte. Der Bekehrte. 6 82 Als ich mich nach und nach wieder erholte, war mein erſter Gedanke, ſofort Lärm zu machen, und den Leuten oben auf dem Verdeck meine Anweſenheit kund zu thun. Aber ehe ich dieſer Anregung Folge gab, drängte ſich mir ein zweiter Gedanke auf, der meinen erſten Entſchluß ſofort wieder umſtieß. Ich erinnerte mich daran, was ich Alles zerſtört und verdorben hatte, als ich mir meinen Weg bis unter das Verdeck hin⸗ auf bahnte. Der Schaden war in der That nicht ge⸗ ring, den ich an Tuchen und anderen Stoffen ange⸗ richtet hatte, und ich fürchtete, eine ſchwere Strafe dafür erleiden zu müſſen. Die Furcht vor dieſer Strafe gab bei meinem End⸗ beſchluſſe den Ausſchlag. Anſtatt Lärm zu machen und mich aus meinem Gefängniſſe befreien zu laſſen, nahm ich mir vielmehr vor, mich mäuschenſtill zu ver⸗ halten, bis das Schiff ſeinen Beſtimmungsort erreicht haben würde, und dann eben ſo heimlich von ihm zu entwiſchen, wie ich mich heimlich in daſſelbe hinein geſchlichen hatte. Den Schaden, den ich angerichtet, mochte nachher tragen, wer wollte. Auf mich konnte natürlich keine Spur eines Verdachtes fallen. Dieſem Entſchluſſe gemäß verhielt ich mich alſo ganz ruhig, und ſuchte mich ſo viel wie möglich in meiner jetzigen Umgebung zu orientiren. Das Licht, welches mein Herz erfreut hatte und noch erfreute, drang als ein dünner Strahl durch eine Ritze zwiſchen zwei Brettern des Verdecks, und befand ſich in ſchräger Linie etwa acht oder zehn Fuß von mir entfernt. Aller Wahrſcheinlichkeit nach kam es durch die Lukenklappe, und zwar an einer Stelle, wo das getheerte Tuch, der Ueberzug derſelben, entweder zerriſſen oder durchlöchert ſein mußte. Zwiſchen mir und dem Lichte gab es weder Ballen noch Kiſte mehr, und dieß war der ſicherſte Beweis, daß ich mich durch die ganze Ladung des Schiffes durchgearbeitet hatte, und mich jetzt auf der oberſten Schicht derſelben befand. Im Anfang war ich wie geblendet durch das Licht; allmählig gewöhnten ſich aber meine Augen daran, und ich vermochte die Umriſſe der in meiner Nähe befindlichen Gegenſtände zu unterſcheiden. Der leere Raum, der mich umgab, hatte keine ſehr große Ausdehnung, und bildete eine Grube von unregelmäßiger, nicht ganz runder Form, eine Art von Amphitheater, das von allen Seiten durch mäch⸗ tige Waarenballen eingeſchloſſen wurde. Es war der kleine Raum unter der Luke, der übrig geblieben war, nachdem man die ganze Ladung untergebracht hatte. Einige Tonnen und Säcke lagen darauf umher, welche aller Wahrſcheinlichkeit nach Nahrungsmittel enthiel⸗ ten,— Proviant für die Schiffsmannſchaft, den man dicht unter die Luke geſtaut hatte, um ihn für den Nothfall gleich bei der Hand zu haben. Auf der einen Seite des kleinen Amphitheaters war ich aus meinem Tunnel herausgekommen, und befand mich ohne Zweifel grade unter dem Rande der Luke. Wenn ich nur ein paar Schritte vorwärts ging, an die Bretter über meinem Kopfe pochte, oder auch nur einen lauten Ruf nach Hülfe ausſtieß, ſo mußte man mich unfehlbar oben hören, und in Folge deſſen jedenfalls mich befreien. Aber, wie erwähnt, ich hü⸗ tete mich wohl, einen Schlag zu thun, oder meine Stimme hören zu laſſen, ſondern traf vielmehr meine Vorbereitungen, um gegen jede Ueberraſchung von oben her geſichert zu ſein. Zu dieſem Ende wälzte ich eine große Kiſte über den Eingang zu meinem Tunnel, und ließ nur ein ſchmales Loch übrig, durch das ich mit Bequemlichkeit verſchwinden konnte, ſo⸗ bald ich bemerkte, daß oben die Lukenklappe geöffnet werden ſollte. Auch beſchloß ich, nie in dem kleinen Amphitheater zu ſchlafen, um nicht während des Schlummers überraſcht zu werden, ſondern jede Nacht mich in meine frühere kleine Kammer zurückzuziehen. Auf dieſe Weiſe glaubte ich vor dem Zorne des Schiffs⸗ kapitäns, der natürlich für den Werth der von mir zerſtörten Güter aufkommen mußte, geborgen zu ſein, und hielt nebenbei an der Hoffnung feſt, daß es mir nach dem Landen des Schiffes, bei dem dadurch noth⸗ wendig verurſachten Getümmel, leicht gelingen werde, heimlich und unbemerkt zu entwiſchen. In meinem Verſteck hörte ich jeden Schritt und Tritt über meinem Kopfe, ja ſogar manches laute Wort, das über mir geſprochen wurde. Im Anfange horchte ich mit Entzücken auf jeden Laut; nach und nach aber wurde ich des Lauſchens überdrüſſig, und ſehr bald fing ich an, die heftigſte Langeweile zu empfinden.. Das war natürlich genug. Zu arbeiten hatte ich nichts mehr, und, aus reinem Muthwillen noch ferner die Ballen und Kiſten rings um mich her aufzuſchnei⸗ den und ihren Inhalt zu unterſuchen, das konnte, wollte und durfte ich nicht, um nicht noch größere Verantwortung auf mein ohnehin ſchon ſehr ſchuldiges Haupt zu laden. Alſo, ich empfand Langeweile, und zwar ſehr pei⸗ nen Langeweile, wie ſich ein Jeder leicht denken kann, der ſich in meine Lage verſetzt. Ich wußte kein „—Mittel, mir die langen Tagesſtunden zu vertreiben, * 7 SHie ſich mehr und mehr zu einer unerträglichen Länge auszudehnen ſchienen. Da erinnerte ich mich eines Tages der Bücherkiſte und der Bücher, die ich aus ihr genommen hatte, und ohne Zögern eilte ich in meinen Tunnel, und holte mir einen Arm voll von den Büchern, um durch das Leſen derſelben vielleicht meine Langeweile zu vertrei⸗ ben. Als ich in meinem Amphitheater eins nach dem anderen aufſchlug, entdeckte ich, daß es lauter Bibeln waren, und faſt hätte mich eine ſtarke Anwandlung von Unmuth überſchlichen. Bibeln! Was ſollte ich damit anfangen? Früher hatte ich mit Widerwillen einzelne Verſe daraus auswendig lernen müſſen, und ich hegte deßhalb keine beſondere Vorliebe für dieſes herrlichſte und erhabenſte aller Bücher. Man muß ſich erinnern, was ich für ein Tage⸗ dieb und Nichtsnutz war, als ich mich heimlich in dem Oſtindienfahrer verſteckte; erinnern muß man ſich, daß ich nur gezwungen dem Religions⸗Unterrichte beige⸗ wohnt, und keinerlei Nutzen daraus gezogen hatte; erinnern, daß kein Strahl göttlichen Lichtes jemals in das Dunkel meiner Seele eingedrungen war, um begreifen zu können, daß mir die Bibel, anſtatt die tiefſte und innigſte Freude zu bereiten, beinahe nur Widerwillen einflößte. Ich warf ſie bei Seite, und empfand nicht die mindeſte Luſt, darin zu leſen. Erſt, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß lauter Bibeln und nur Bibeln den Inhalt der Kiſte gebildet hatten, nahm ich eines Tages ein Exemplar davon zur Hand, ſchlug es auf, und traf grade auf die Bergpredigg, Chriſti, in welche ich mich, nachdem ich kaum einig Zeilen geleſen hatte, ſofort auf das Innigſte vertiefte. Das Licht, welches von oben her durch die Spaltè. in mein Amphitheater fiel, gewährte mir grade genug Helligkeit zum Leſen. Es war ein ſchwaches, aber koſtbares Licht für mich, der ich ſo lange in Finſter⸗ 4 niß geſchmachtet hatte! Aber wie geringfügig erſchien es mir ſehr ſchnell gegen dasjenige Licht, das ich bald aus dem heiligſten der Bücher ſchöpfte, und das mit mächtigen Strahlen die Finſterniß meiner Seele und meines Geiſtes erhellte! Welch ein Licht war dieſes Licht, das Licht Gottes und Chriſti, unſeres Erlöſers! Nachdem ich angefangen hatte, las ich weiter und weiter in dem heiligen Buche, und je weiter ich las, deſto mehr ſchwanden die Schatten, welche bisher mein Innerſtes mit ſtarrer Dunkelheit umnachtet hat⸗ ten. Und dieß war kein Wunder. Ich verſtand jetzt, was ich las, ich verſtand, was früher nur als ein leerer Schall an mir vorüber gegangen war. Und daß ich es verſtand, verdankte ich den Tagen und Stunden furchtbarer Leiden, welche ich in körperlicher Finſterniß hatte verbringen müſſen. Wie viel leichter würde ich dieſe überwunden haben, wenn damals ſchon das göttliche Licht in meiner Seele entzündet ge⸗ weſen wäre! Wenn ich gewußt hätte, daß über uns ein Vater lebt und waltet, ohne deſſen Willen kein Haar von unſerem Haupte fällt! Wenn ich das ge⸗ wußt, wenn ich daran gedacht, wenn ich es empfun⸗ den und auf dieſen himmliſchen Vater vertraut hätte. 87 Wie große und viele Seelenqual würde mir erſpart geweſen ſein! Aber auch ſo, auch jetzt beklagte ich nicht, daß es ſo geweſen war. Grade, weil ich ſo viel gelitten hatte, mehr, als Worte auszuſprechen vermögen, grade deß⸗ halb drang jedes Wort göttlicher Tröſtung und Ver⸗ heißung um ſo tiefer in meine Seele. Ich erkannte, daß Gott meine Seele durch Leiden geläutert und in fruchtbaren Boden verwandelt hatte, damit die Saat des göttlichen Heiles um ſo beſſer Wurzel faſſen und gedeihen konnte,— und mein Dank dafür war manch ein heißes, inniges Gebet, das aus der Tiefe meines Herzens zu dem Höchſten aufſtieg, war die völlige Um⸗ wandlung meines ganzen inneren Menſchen, waren die heiligen Vorſätze, die ich faßte, um in Zukunft ein anderes, ein beſſeres und gottesfürchtigeres Leben zu führen, als ich es, leider! früher geführt hatte. Durch t war ich zum Lichte gekommen, zu irdiſchem was tauſend Mal mehr werth war,— zu mmliſchen Lichte, das nie und nimmer wie⸗ meiner Seele erlöſchen konnte. Jetzt betrach⸗ die in meinem finſteren Kerker verlebten dü⸗ tunden nicht mehr als ein Unglück, ſondern hr als ein Glück, das mir durch Gottes gnädige ge zu Theil geworden war, und ich ſegnete rgangenen Leiden, ohne welche ich vielleicht nie⸗ zur beſſeren Erkenntniß meines Gottes und Hei⸗ gekommen wäre. ine durch hgreifende, vollſtändige Umwandlung war einigen Tagen, die ich andächtig dem Leſen der gewidmet hatte, mit mir vorgegangen. Wie ppen fiel es von meinen Augen, und ich erkannte 88 klar und deutlich alles Unrecht, welches ich entweder durch Begehen oder Unterlaſſen, begangen hatte. Mein Herz war voll Reue und von guten Vorſätzen für die Zukunft erfüllt, und ich zögerte nicht, den Beweis da⸗ für zu liefern. Ein altes Lied fiel mir ein. Es fing mit den Worten an: „Ueb' immer Treu und Redlichkeit Bis an dein ſtilles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab.“ Wie weit war ich, der ehemalige Taugenichts, von Gottes Wegen nicht abgewichen! Aber ich faßte den feſten Entſchluß, auf Seine Wege zurückzukehren, und der erſte Schritt dazu mußte ſein, daß ich, an⸗ ſtatt heimlich vom Schiffe zu entweichen, offen zu Tage trat und eben ſo offen bekannte, was für Ver⸗ gehungen ich mir hatte zu ſchulden kommen laſſon. Keine Furcht vor Strafe durfte mich davon ah⸗ ſchrecken, und ich ließ mich auch nicht davon abi⸗ ſchrecken. Meine Bibel in der Hand pochte ich an die verſchloſſene Luke über mir, und rief mit lauter Stimme, daß man mir öffnen und mich heraus laſſen möge. Man hörte mich. Ich entnahm dieſe Ueberzeugung aus dem leb⸗ haften Geräuſch, das unmittelbar nach meinem Klopfen und Rufen auf dem Verdecke entſtand. Ausrufe der Verwunderung und des Erſtaunens drangen zu mej nem Gehör, vermiſcht mit eiligen Schritten, die v fern und nah ſich der Luke näherten. 89 Ich pochte und rief nochmals; und nun war es auf einmal, als ob ſich plötzlich der Himmel über mir öffnete. Ein überwältigender Strom von Licht drang aus der geöffneten Luke zu mir herein,— ich ſah Geſichter und Geſtalten vor mir auftauchen,— ich hörte Ausrufe des Erſtaunens,— dann ſchwand meine Beſinnung dahin, und eine tiefe und ſchwere Ohn⸗ macht beraubte mich aller Sinnen⸗Thätigkeit... Hiemit iſt die Geſchichte meiner Leiden zu Ende, die Gott allein zu dem Zwecke mir auferlegt zu haben ſchien, um die Nacht aus meiner Seele zu verſcheu⸗ chen, und ſie dafür mit himmliſchem Lichte zu erfüllen. Nicht Strafe erwartete mich, als ich aus meiner Ohn⸗ macht zum Bewußtſein gelangte, ſondern die liebe⸗ vollſte Theilnahme und Pflege von der Familie des— Herrn van der Hahn. Meine kleine Freundin Helene ſchien eben ſo glücklich über unſere Wiedervereinigung zu ſein, als ich ſelbſt. Ihr Vater bezahlte den gan⸗ zen Schaden, den ich im Schiffsraume angerichtet hatte, und nahm mich nach der Ankunft in Calcutta freundlich in ſein Haus auf. Mein guter Pflegevater wurde von meinem Schickſale in Kenntniß geſetzt; ich erbat und erhielt ſeine Verzeihung und die Erlaub⸗ niß, in Calcutta bleiben zu dürfen. Hier trat ich in das Handelshaus des Herrn van der Hahn ein, und jetzt, wo ich dieſe Zeilen niederſchreibe und zugleich Abſchied von meinem freundlichen Leſer nehme, will ich ihm nur noch mittheilen, daß ich mich äußerlich ſowohl als innerlich in guten Verhältniſſen befinde, und alltäglich Gott meinen innigſten Dank darbringe für meine gründliche Beſſerung, die Beſſerung des vormaligen argen Taugenichts. Er, der Höchſte, 90 zündete die Leuchte in meinem Herzen an, und nie⸗ mals, wie lange ich auch noch leben mag, wird die⸗ ſelbe in ihm erlöſchen. Dem Herrn und himmliſchen Vater Preis, Dank und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit. Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. 2 ——— :