Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. b CEduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ F den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme „eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 8 8 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: 8 4 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 6—————— anf ⸗ Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3. Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fin beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größenen Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemgcht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ * —— Aus allen Welttheiite. Scenen und Bilder zur Unterhaltung und Belehrung für die reifere Zugend herausgegeben⸗ f 3.. 202 Franz Voftmann.. 4 215 Mit acht colorirten Bildern. 237 ———— Verlag 5 Inhalt. — Die Anaconda. Ein Abenteuer aus Oſtindien, nach Haken e⸗ Seenen aus dem mexikaniſchen Leben, nach Ferry eeeeeeeeeeeeeeener Die Britten auf Tinian, nach Haken...... ⸗ Einem Löwen gegenüber, nach dem Sdinburgh Mngnzins L. Ein Abenteuer an der Küſte von Afrika, nach Reid⸗.ee Ein Buſchbrand in Auſtkalien, nach brieflichen Mittheilungen. „Dick Doppelfauſt—Heerdenknecht, nach Boz Houſehold wai „Ein Sal in Wraden nach Boz Houſehold words ere „Eine Negerjagd auf Portoriko. Nach dem Franzöfiſchen...e — Die Peſt an Bord der Brigg Espirito Santo. Nach d. Engkiſcen „Der Sklavenhandel in Afrika. Nach dem Engliſchen e. Ein Beſuch bei dem Rajah⸗Curg. Nach dem Eroen.. „ Der Haifiſchfang. Nach Arago............... Straußenjagd bei den Arabern. Nach General d Daumas.ee.. „Gazellenjagd bei den Arabern. Nach demſelben....... J...*.-*.. 9. Andubon in der Wildniß. Nach Watſon eee⸗ „Der Schatz des Piraten. Nach dem Engliſ ihen Die Salzbergwerke von Wieliczla. Die Panther und die Uleberſchwemmung. Nach Ferry 5 Die Anaganda. Ein Abenteuer aus Oſtindien. Man ſaß in fröhlicher Geſellſchaft beiſammen, und Herr „Kberhard Wittbeck, erſt vor Kurzem von weiten Reiſen zuruck⸗ betehrt, wurde aufgefordert, etwas von ſeinen Erlebniſſen zum Beſten zu geben. Herr Wittbeck ließ ſich nicht lange nöthigen. Er erzählte gern und gut, und ſo begann er denn nach kurzem Bedenken die folgende Geſchichte. »Im vorletzten Jahr meines Aufenthalts in den oſtindi⸗ ſchen Gegenden ſchickte mich der Rath von Indien nach Zeylon ab, um einige entſtandene Irrungen an Ort und Stelle zu 3 unterſuchen und auszugleichen. Es war nicht ſchwer, diſen— Auftrag zur Zufriedenheit ſämmtlicher Intereſſenten zu erfüllen: doch nöthigte mich mein Geſchäft zu einem Verzuge von neun oder zehn Monaten, die ich zu Kolumbo verlebte. Dieſer Zeit⸗ 4 raum war groß genug, um für das Bedürfniß des geſelligen Umgangs Bekanntſchaften aller Art anzuknüpfen und zu unter⸗ 3 halten. Mein Glück meinte es jedoch noch beſſ er mit mir, denn es führte mir hier den einzigen Freund entgegen, der 4 es durch Gleichheit der Charaktere und der Neigungen, durch biedere geprüfte Treue, durch Khelſünn des Herzens u Aus allen Welttheilen. 1— leinn ſeltenes Wiſſen im vollſten Verſtande des Worts zu ſein verdiente. Schon die Bande der Landsmannſchaft— doppelt mäch⸗ tig in einer ſo—— zogen uns magnetiſch an ein⸗ ander; denn Klipphoff war, gleich mir, dem Boden zwiſchen Elbe und Weſer entſproſſen, und durch die ſeltſamſte Verket⸗ tung von Zufällen in dieſe fremde Welt hinausgeſchleudert, wo ſein guter Stern zu einiger Entſchädigung ihm vergönnt hatte, auf Wegen des Rechts und der Chre mit einem rühmlichen Poſten und einem bedeutenden Vermögen zuſammen zu treffen. Beide konnten keinen würdigeren Beſitzer finden, denn ſchwer⸗ lich würden beide einen weiſeren und menſchenfreundlicheren ge⸗ funden haben. Allein glücklich ward er auf jenen glühen⸗ den Gefilden doch erſt durch eine höhere Himmelsgabe, dis kein blinder Zufall ihm entgegenwerfen konnte, ſondern die 5 der Werth ſeines Herzens ſich verdienen mußte— durh Gattin, diß Adel und Anmuth in einem ſeltenen Grade vereen nigte. So hatte das Glück dieſem würdigen Paare Alles ver. liehen— Alles bis auf die einzige Freude, ſich von holden Kindern umringt zu ſehen.„Es iſt wohl gut ſo!“ ſagte mein Freund, wenn ich ihn darum bedauerte—„Ich wäre ſeliger, als einem Menſchenſohn gebührt, wenn der Himmel mir auch noch die Freuden des Vaters gewährte.“ Sehr bald verſtanden ſich unſere Herzen bis in jede Falte; und je richtiger ich das Verdienſt des edlen Paares würdigen lernte, je ſchönere Züge es mir mit jedem Tage abſichtslos aufdeckte, deſto unaufhaltſamer fühlte ich mich gedrungen, ihnen nahe zu ſtehen, und mich ihnen innigſt anzuſchließen. Nicht bloß ein äußerer Freund des Hauſes, ſondern ein wirkliches Mit⸗ glied deſſelben, brachte ich Stunden und Tage im Schooß die⸗ ſer achtenswerthen Familie zu, wo Sitteneinfalt mit Geiſtes⸗ n 7 kultur und aller Anmuth des Umgangs im lieblichſten Bunde ſtanden. Hier ſuchte, hier fand ich meine Erholung von den ermüdenden Geſchäften meines Berufs. Die Genüſſe, die Ver⸗ gnügungen, die kleinen geſellſchaftlichen Angelegenheiten und Zeitverkürzungen meiner verehrten Freunde waren auch die mei⸗ nigen. Hier, in ihrer Mitte, fand ich in der edelſten Geſtalt alle die tauſend ſüßen Reize der Häuslichkeit wieder, die ich, der Fremdling unter Fremdlingen, ſo lange Jahre und mit ſo ſchmerzlichem Bedauern hatte entbehren müſſen. Am liebſten und öfteſten verweilte mein Freund auf einem kleinen Landſitz, wenige Meilen von Kolumbo, wo ſich aber freilich auch Alles, was die dortige Natur zu einer ſo unwider⸗ ſtehlichen Zaubrerin des Schönen macht, in höͤchſter Fülle ver⸗ einigt fand. Er zog ſich dahin zurück, ſo oft die Obliegenhei⸗ ten ſeines Amtes bei der Regierung ihm einige Entfernung geſtatteten. Sein Lieblingsplätzchen, ſein Schlafgemach, ſein Arbeitszimmer, ſein Belvedere— kurz, ſein Alles in Allem, von ihm ſelbſt erſonnen und ausgeführt, war dort ein kleiner runder Pavillon, der, wenig hundert Schritte von dem zierlichen Wohnhauſe entlegen, vom Gipfel eines mäßigen Hügels herab eine weite und reiche Ausſicht über Land und Meer beherrſchte. Ein dichter Kreis von Fächerpalmen zog ſich, gleich einem Säu⸗ lengange, rings um das Häuschen her. Ihre hohen Wipfel bildeten über dem Dach deſſelben eine zweite belaubte Kuppel, die den ſenkrechten Sonnenſtrahlen jeden Zugang in ihre luf⸗ tige Kühle verwehrte, während gleichwohl die ſchlanken Stämnie dem Auge keinen einzigen Reiz der mannichfaltigen Landſchaft entzogen. Zu Anfang der milden, aber nur zu kurzen Jahreszeit, welche in dieſer Inſel auf die läſtigen Monde unabläſſiger Re⸗ gengüſſe folgt; wo der vorhin ausgedoͤrrte Boden ſich mit neuem — — — — 4 — 8 ν Geün überkleidet hat, und alle Blüthen Abrede genommen zu haben ſcheinen, ihn zugleich mit ihrem bunten Teppich zu ver⸗ 4 decken,— in dieſer entzückenden Zeit alſo war es, wo der bie⸗ dere Klipphoff, ungeduldiger als je, ſich nach ſeinem Landſitz und zu ſeinem ſchoͤn gelegenen Häuschen ſehnte. Seit zwei oder drei Tagen befand er ſich bereits dorh und ich hatte nicht nur verſprochen, ihm dahin zu folgen, ſondern auch ſeine Gat⸗ tin, ſobald ſie zuvor einige nothwendige Einrichtungen in der Stadt getroffen haben würde, ſicher in ſeine Arme zu geleiten. Wir ſetzten uns demnach in zwei Palankine, deren Träger in doppelter Zahl bereit waren, ſich einander auf dem Wege ab⸗ zulöſen. Mit gleicher Vorſicht hatten wir die Nacht zu unſerer 1 beiſe zu Hülfe genommen, um der glühenden Mittagsſonne licht ausgeſetzt zu ſein. Da wir um einen vollen Tag früher anlangten, als die 5 Abrede war, ſo befremdete es uns nicht, unſern Freund uns 1 weder entgegenkommen zu ſehen, noch ihn beim Eintritt in das* Landhaus vorzufinden.»Die liebliche Morgenſtunde hat ihn, 6 wie gewöhnlich, den Hügel hinauf gelockt,“ ſagte uns Saheb, ſein alter Leibdiener, zu deſſen Gunſten Klipphoffs Urtheil eine rühmliche Ausnahme ſtattfinden ließ, wenn er alle Zingaleſen, die Eingebornen der Inſel, ſo weit ſie mit uns Europäern und unſern Laſtern bekannt geworden, für ein verworfenes und treu⸗ koſes Geſchlecht erklärte. „Im Pavillon alſo?“ fragte Eliſa. „Kaum vor einer Stunde hab' ich ihn dort, mit Schrei⸗ ben beſchaftigt, verlaſſen,« war die Antwort.. 8„Ob wir ihn nicht lieber dort überraſchen?“ wandte ſie u mir.„Drei Augenblicke, Freund, um den Staub der abzuſchutteln, und ich bin hier wieder bei Ihnen! Erwar⸗ Sie mich; und nichts verrathe unſere Ankunft!« 1— ; Ich lehnte mich unter der Zeit an den Thürflügel einer Pforte, wo ich der Ausſicht auf die Anhöhe und den Pavillon genoß, die von hier aus mit ihrem ſchönen, luftig emporgetra⸗ genen Kranz von Kokospalmen das Auge unwillkürlich an ſich zogen. Indem das meinige wohlgefällig auf den ſchirmförmi⸗ gen Wipfeln ruhte, glaubte ich an einem derſelben einen Aus⸗ wuchs wahrzunehmen, der mir dem gewöhnlichen Wuchſe dieſer ſonſt ſo regelmäßig emporſtrebenden Säulen des Himmels durch⸗ aus fremd ſchien; denn was ich ſah, glich zunächſt einem ſtar⸗ ken Zweige, der in einem fortgeſetzten Schwanken blieb, ob⸗ gleich das linde Wehen des Seewindes ſo wenig merklich war, daß es kaum das Laub der benachbarten Bäume bewegte. Auch däuchte mir dieſe ſſtete Erſchütterung mehr die Wirkung einer eigenen Willkür, als eines Windſtoßes zu ſein, da dieſes Phä⸗ nomen ſich bald hierhin, bald dorthin wandte; jetzt ſich verlän⸗ gerte, dann verkürzte; das Einemal ſich tief gegen den Boden neigte, und im nächſten Augenblick wieder unter den übrigen Zweigen verſchwand. Ich ſtellte allerlei Betrachtungen an, mir dieß Wunder auf eine befriedigende Art zu deuten: doch was mir mein Gedächtniß oder meine Einbildungskraft auch immer zuführte, blieb unzureichend, meine angeregte Neugier zu ſtillen. In dieſem Augenblicke trat Saheb zu mir heran, mit einigen ſchnell bereiteten Erfriſchungen in den Händen. Ich wies auf jene Erſcheinung hin, und fragte: ob er mir vielleicht näheren Aufſchluß darüber zu geben wüßte?— Spgleich rich⸗ tete er ſeine Blicke gegen die Palmen, aber kaum hatte er das Wunder ſcharf in's Auge gefaßt, ſo fiel ihm, unter den Aeuße⸗ rungen des gräßlichſten Entſetzens, das Trinkgefäß aus den Händen; Todtenbläſſe überzog ſein Antlitz; er taumelt kraftlo⸗ zurück, und lallte:„Die Anaconda! Das iſt die Wir ſind verloren!« Noch begriff ich nicht, was dieſe ſo ſchleunige Verwand⸗ lung bei einem Manne hervorzubringen vermochte, den ich ſonſt als verſtandig und entſchloſſen kannte. Gleichwohl fehlte nicht viel, daß ich bei ſeinem ſo heftigen Erſchrecken nicht auch meine eigene Faſſung verlor. Indeß ſprang ich doch zu, und griff ihn in meinen Armen auf, bevor er erſchöpft zu Boden ſank. 1 8»Um des Himmels willen, Alter! was ſicht dich an? Was iſt's mit deiner Anaconda? Was gibt es hier zu wehklagen?“ feaagte ich. Er verſuchte zu reden, aber ehe der ſtammelnde Mund ſeine Antwort hervorbringen konnte, kam bereits Eliſa, im über⸗ geworfenen leichten Morgenkleide, gegen uns her durch die Zimmer, und bot mir den Arm zum verabredeten Spaziergang. Der alte Diener raffte ſich zuſammen, warf ſich ihr knieend und ſchluchzend in den Weg, und beſchwor ſie mit Thränen in den Augen, jeden ſolchen Gedanken aufzugeben.„Der erſte Tritt über dieſe Schwelle“— rief er aus—„wäre unver⸗ meidlicher Tod! Jede Thüre muß verriegelt, jeder Fenſterladen geſchloſſen bleiben! Das Haus muß eine Todtenhöhle ſcheinen, wo nichts Lebendiges mehr athmet!«— Zu gleicher Zeit auch warf er mit Haſt die Thürflügel zu, durch welche wir nach dem Hügel geblickt hatten. Eliſa ſah verwundert und mit großen Augen ſein ſeltſa⸗ mes Beginnen an.„Was wollen dieſe Schreckensworte und dieſe Thränen ſagen, Saheb?“ fragte ſie ihn—„Und warum ſperrſt du uns den Weg zu deinem Herrn?« u...?— Allmächtiger Gott— Mein Herr!— Er iſt oben!— Er iſt verloren! Er iſt nicht zu retten!« „Verloren, Alter?— Was ſprichſt du? Was fürchteſt — Ja, jetzt erſchreck' ich im Ernſt!«— Sie maß den Unkenntlichkeit entſtellt, das Auge ſchier gebrochen, und die räthſelhaften Unglücksboten mit ſtarren Augen, und mußte ſich zitternd an meinem Arme halten. „Beſinne dich endlich, Freund!“ redete ich ihm zu— „Wer iſt deine Anaconda, daß du uns damit ſo ſchreckſt? Wir haben ja nichts erblickt, als einen Baumzweig zwiſchen den Palmen, der ſich wunderlich hin und her bewegt.“ 2 4 „Gott erbarme ſich!« ſchluchzte er—„Was du für einen Zweig hältſt, Herr, iſt eine Schlange— Wir nennen ſie Ana⸗ 8 conda, und ihre Art iſt die ungeheuerſte und raubgierigſte auf der Inſel. So, wie du ſie geſehen haſt, ſpielt ſie zwiſchen den Aeſten— ſo ringelt und beluſtigt ſie ſich in tauſend Win⸗ dungen, wenn ſie auf die Erde niederſchießen will, ihre Beute⸗ zu erhaſchen.— O, mein armer Herr! Er kann ihr nicht ente gehen! Es iſt gethan um ſein Leben!“. Die Hälfte dieſer Jammertöne ſchon hätte hingereicht, die unglückliche Eliſa zur Verzweiflung zu bringen. Ihre Züge zur Hände in einen unauflöslichen Knoten gerungen, rief ſie mit 4 einem Tone, ſo hohl und gepreßt, daß er uns das Herz durch⸗ ſchnitt:„O, du Guter! O, du Unglücklicher!— Freunde, helft mir ihn retten! Verlaßt... o, verlaßt ihn nicht!“ Allein für dieſen Augenblick war der zu Boden geworfe⸗ nen Gattin unſer Beiſtand nicht minder nothwendig, als ihm, um den ihr Herz weinte. Meine Unentſchloſſenheit, wo und wie ich zuerſt helfen ſollte, läßt keinen Ausdruck zu. Dort mein Freund in der dringendſten Todesgefahr, hier die Freun⸗ din, das rathloſe Weib auf der grauſamſten Seelenfolter, und in meinen Armen mit einer Ohnmacht ringend, der ſie endlich nach der erſchöpfendſten Anſtrengung doch unterlag. Ich ſchri zuerſt um Hülfe für die Sterbende; Saheb rannte for Sklavinnen herbeizurufen, und halb bewußtlos trug ich ſelbſt die erſtarrte kalte Hülle nach ihrem Zimmer zurück. Endlich gelang es unſeren vereinten Bemühungen, da erlöſchende Leben wieder anzufachen und zurückzurufen. Das matte Auge aufſchlagend, blickte ſie ſcheu um ſich, und—„Ihr ſeid nicht bei ihm?« rief ſie mit ſchmerzlichem Vorwurf— „O, gilt ſein Leben Euch ſo wenig? Rettet— rettet doch, wo zuerſt— wo allein gerettet werden muß!« „Er lebt! Gottlob, er lebt!“« ſtürzte im nämlichen Mo⸗ ment der treue Saheb in's Zimmer. Angſt und Sorge hatten ihn binnen der Zeit durch's ganze Haus getrieben, um es ge⸗ gen die Gefahr ſicher zu ſtellen. Jetzt kam er athemlos von. einem Dachfenſter zurück, wo der Pavillon ohne einiges Hin⸗ derniß überſehen werden konnte. Er hatte wahrgenommen, daß die Thüre des Häuschens und, ſoweit ſein Geſichtskreis reichte, auch jedes Fenſter deſſelben dicht geſchloſſen war; zum ſichern Beweiſe, wie er hinzuſetzte, daß ſein guter Herr die Annähe⸗ rung des Feindes frühzeitig genug inne geworden, um dieſe Maßregel der Vorſicht noch in's Werk zu richten. „Ha— Hören Sie's, theure Freundin!“ rief ich, indem ich ihrem Ruhebette näher trat.—„Das darf Ihnen Leben und Ruhe wieder geben; nur den erſten, unvorbereiteten Ueber⸗ fall des Unthieres hätte unſer Freund mit Recht fürchten müſ⸗ ſen. Jetzt hat er Zeit gehabt, ſich zu verſchanzen. Er wird ſich ſtill verhalten, und der Feind wird entweder ſeine Nähe nicht einmal ahnen, oder es doch nicht wagen, ſeine Bollwerke zu durchbrechen. Es iſt um eine Belagerung von Einer Stunde oder noch weniger zu thun, ſo zieht dieſe Anaconda ab, und wir Alle ſind mit dem bloßen Schrecken davon gekommen.“ Ich hatte wirklich vollen Glauben an dieſen Troſt, wo⸗ ich die Geängſtete zu beruhigen mich bemühte. Allein Saheb, ausſchließlich mit dem Gehanken an ſeinen Herrn be⸗ ſchäftigt, zerſtörte, mit zu weniger— Se berrudie re Hoffnun⸗ gen durch die Verſicherung, daß au, 8 ſchnel le Entfernung des Ungeheuers durchaus nicht zu rechnen ſei.„Wählt“«— ſagte er—„die Anaconda, wie hier, einen Baumwipfel— 4 zu ſolchen Spielen, deren Augenzeugen wir geweſen ſind, ſo— bleibt ſie dieſem Aufenthalt Tage und Wochen getreu, bis ihr X jede Hoffnung verſchwindet, eines nahen Raubes noch mächtig zu werden, und keine menſchliche Gewalt iſt vermögend, ſie von ihrer Stätte zu vertreiben.“ »Gerechter Gott!“ ſtammelte die bebende Eliſa—„So iſt er dennoch verloren! Auch wenn jene ſchwache Schutzweh⸗ ren zu ſeiner Sicherheit hinreichten, ſo wird ihn dennoch die unaufhörliche Angſt— ſo müſſen dn endlich doch Hunger und Mangel tödten!“ Meine unwilligen Blicke verwieſen dem Alten ſeine Un-⸗ * vorſichtigkeii. Was er aber auch immer hinzufügen mochte, * jene niederſchlagende Behauptung zu mildern, ſo war es gleich⸗ ¹ wohl unfähig, ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung den Stachel abzuſtumpfen. »Aber,“ hub ich endlich an,„wer bürgt uns denn dafür, daß unſer Freund überhaupt nur in einer ſo nahen und drin⸗ genden Gefahr ſich befindet? Du ſagſt, Saheb, du habeſt ihn vor länger als einer Stunde im Pavillon verlaſſen.— Könnt' er denn nicht beinahe ſeit eben ſo lange ſich zu einem Spazier⸗ gang entſchloſſen haben, wozu der Morgen ſo einladend war?« 1»Geſegnet ſeien dieſe Troſtesworte!« rief Eliſa aus.„Dieß „ wäre eine Möglichkeit, nicht wahr? Kann ſeine Abweſenheit ihn nicht gerettet haben?“ » Ach Gott!« ſtöhnte der Alte.„Aber die geſchloſſenen Fenſter?« — „»Wiſſen wir nicht,“ war meine Antwort,„daß Klipphoff ſie jedes Mal ſchließt, ſo oft er ſein trautes Plätzchen verläßt? — Vielleicht iſt er in dieſem Augenblick mehrere tauſend Schritte entfernt von der Scene, die uns in ſolchen Schrecken verſetzt; iſt— ich hoff' es feſt!— in vollkommenſter Sicher⸗ heit. Nur beruht es jetzt auf unſerer Sorgfalt, ſie ihm zu erhalten; ihn zu warnen, eh' er wieder ſeinen Rückweg nach dem gefahrdrohenden Hügel nimmt. Laß uns eilen, Saheb! Laß uns das ganze männliche Hausgeſinde, ſammt unſeren Trägern, aufbieten! Laß uns ſie rings umher auf alle Wege vertheilen, damit wir ihm frühzeitig genug begegnen!« »Eilt! o eilt!« rief ſeine arme Gattin.„Zwar foltert mir der Gedanke die Seele, daß ihr zu ſpät kommen könntet; allein dennoch klammert ſich meine ganze, meine einzige Hoff⸗ nung an dieß Begegnen.“ Sie trieb uns, und wir ließen ſie unter den Händen ihrer Weiber zurück, nachdem wir mit ängſtlicher Eile die ganze Dienerſchaft zuſammenberufen, uns mit Allem, was uns zuerſt in die Hände fiel, bewaffnet, und nach allen Seiten hin auf weiten Umwegen uns dem Hügel ſo weit genähert hatten, als Wald und Gebüſch uns ſicherſtellten, von dem Unthier nicht entdeckt zu werden. Saheb war an meiner Seite geblieben. Während unſeres Ganges bot ich meine ganze Faſſung auf, die Natur und den Umfang der Gefahr, in welcher der Freund meines Herzens ſchwebte, richtiger ſchätzen zu lernen, als meine Ueberraſchung und Eliſens hülfsbedürftiger Zuſtand mir bis dahin zugelaſſen hatten.„Alter!“« ſprach ich zu mei⸗ nem Begleiter,„du ſiehſt, wie dein Schreckenswort: ‚Die Ana⸗ conda!e unſer Aller Seelen gelähmt hat. Es wäre eine Un⸗ vorſichtigkeit ohne Grenzen, wenn du es ausgeſprochen hätteſt, ohne deiner Sache gewiß zu ſein, oder wenn deine eigene Furcht die Gefahr übertriebe. Jetzt rede, ſo beſonnen du kannſt: Iſt jene Erſcheinung deine Anaconda? und iſt nichts in deinem Bericht von ihr übertrieben?« „Herr,“ verſetzte der ehrliche Graukopf,„ihr bloßer Name i*ſt hinreichend, jedem meiner eingebornen Brüder auf der Inſel das Blut in den Adern erſtarren zu machen. Auch habe ich mich keineswegs getäuſcht, denn ſchon zweimal in meinem Le⸗ ben ſah ich ſie ebenſo in der Nähe; aber beide Male nicht von der furchtbaren Größe, wie heute. Unſer Land würde müſſen zur Wüſte werden, wenn nicht zum Glück dieſe Ungeheuer un⸗ ter die ſeltenſten Erſcheinungen gehörten, oder wenn ſte nicht für gewöhnlich im Dickicht der undurchdringlichſten Wälder wohnten, wo ſie irgend einen dichtverwachſenen Baum zu ihrem Aufenthalt erkieſen, um aus dieſem Hinterhalt auf Menſchen und Thiere herniederzuſchießen, und ſie mit nimmerſatter Ge⸗ fräßigkeit zu verzehren.— Wie dieſe hier ſich ſo weit in die offene Landſchaft verirrt hat, begreif' ich am wenigſten. Es müßte denn ſein, daß die reißenden Ueberſchwemmungen der eben abgelaufenen Regenzeit ſie aus den finſtern Bergklüften mit ſich davon geführt hätten.“ Wir waren unter dieſem Geſpräch, von einem engverwach⸗ ſenen Gebüſch begünſtigt, bis auf weniger als hundert Schritte zu dem Ungeheuer herangedrungen. Dieſer Standpunkt geſtat⸗ tete uns, es deutlicher, als vorhin, und in ſeiner ganzen gigan⸗ tiſchen Geſtalt in's Auge zu faſſen.— Ein Anblick, der Grau⸗ ſen und Bewunderung in gleichem Maß erregte, die ſeltenſte Schönheit neben die höchſte Furchtbarkeit ſtellte, und mir, während ich unwillkürlich zitterte, das Geſtändniß abnöthigte, nie ein anziehenderes und ſchrecklicheres Schauſpiel erblickt zu haben.— Noch immer krümmte ſich die Anaconda in den mannic * 12 faltigſten Verſchlingungen an der Kokospalme auf und ab, mit einer Raſtloſigkeit, mit einer Schnelle, die es nicht ſelten dem Blick unmöglich machte, ihren Bewegungen zu folgen. Bald klammerte ſie ſich mit der Spitze des Schwanzes nahe am Gi⸗ pfel feſt, und ſchwankte, lang hingeſtreckt und im weiten Bogen, gleich einer Pendelſtange, tief gegen die Erde nieder, daß das platte, gedrückte Haupt beinahe den Boden berührte; bald wie⸗ der war ſie in dem Laubwipfel der Palme verſchwunden. Jetzt ſchraubte ſie ſich behende am Stamm herab, und jetzt wieder blieb allein das hintere Ende um deſſen Wurzel gewickelt, während in dem Einem Augenblick der ganze übrige Körper ſich lang im Graſe ausdehnte, und dann im nächſtfolgenden wieder, mit aufgerichtetem Haupte, einen größeren oder kleineren Kreis be⸗ ſchrieb.. Dieſe letzteren Bewegungen gaben uns Muße, auf ein⸗ zelne Sekunden die hohe Pracht ihrer Farben beſtimmter zu unterſcheiden. Denke man ſich ein glänzendes, dichtes Schup⸗ pengewebe, das ringsum den ſchmächtigen da fn und ge⸗ gen jeden Angriff ſchützte. Den gelblichgrünen Kopf bezeichnete in der Mitte des Schädels ein dunkler Fleck, und kleine Strei⸗ fen zogen ſich blaßgelb an den Kinnbacken herab. Von glei⸗ cher Farbe umgab den Nacken, gleich einem Halsband, ein breiter Ring, an den ſich zu beiden Seiten zwei olivenbraune Schilde fügten. Längs dem Rücken ſenkte ſich eine ſchwarze Kette wellenförmig und mit ausgezacktem Rande hinab, von welcher zu beiden Seiten in regelmäßigem Wechſel— jetzt ſchmale fleiſchfarbene Ringe, und jetzt breite ſtrohgelbe Binden — quer gegen den weißlichten Bauch im Zickzack ſich verloren. Purpurrothe Flecken aber fanden ſich über die ganze Oberfläche unordentlich geſprengt, und dienten mehr denn Alles, das bunte Kolorit dem Auge wunderbar zu verwirren. Denn bei der 1 aääöö—mm— mindeſten Bewegung floſſen im Sonnenlicht alle dieſe Abſtu⸗ fungen und Kontraſte in ein blendendes Geflimmer von allen Regenbogenfarben zuſammen. Mehr aber noch, als dieſen Farbenſchmelz, ſtaunte ich den— Umfang des ſchrecklichen Thieres an, welcher der Dicke eines nicht zu magern Menſchen im mindeſten nichts nachgab. Gleich⸗ wohl ſchloß Saheb aus dem Verhältniß ihrer Länge zu dieſer Dicke, daß dieſe Anaconda durch ein langes Faſten ungewöhn⸗ lich ausgehungert ſein müſſe. Allein die Ruhe unſerer Beob⸗ achtungen ward plötzlich unterbrochen, da wir wahrnahmen, daß ſie ihren Ringeltanz einſtellte und, an den Fuß ihrer Palme gelagert, ſich gegen die Fenſter des Pavillons, gleichſam hor⸗ chend, in die Höhe bäumte. In dieſem Augenblick fing mein Herz an, mir ungeſtüm gegen die Bruſt zu hämmern. Denn ſo wie es mir durch jene Bewegung wahrſcheinlich ward, daß mein Freund dennoch wohl im Pavillon verſchloſſen ſein könne, durft' ich auch nicht länger zweifeln, daß gdas Unthier ſeine Gegenwart ausgeſpürt haben müſſe, und nun auf ernſtlichen Angriff ſinne. Deutlich ſahen wir das Bild ſeines unförmlichen Kopfes und der großen durch⸗ 4 dringenden Flammenaugen von den inwärts geblendeten Spie⸗ gelſcheiben zurückgeworfen. Aber es ſchien, als ob die ſcheuß⸗ liche Geſtalt hier vor ſich ſelbſt erſchräke, denn ſie wich zurück, und ringelte ſich nun im weiten Kreiſe hart an die Schwelle des zirkelrunden Häuschens, als wollte ſie ſich daſſelbe zur un⸗ widerruflichen Beute in ihren magiſchen Ring bannen und ver⸗ ſiegeln.— Durchdrungen von der Vorſtellung der Gefahr, d nem Freunde ſo gräßlich drohte, vergaß ich meiner eigenen, und legte die ergriffene Kugelbüchſe an den Backen. Der Schuß pfiff durch die Luft; ich war gewiß, den Kopf der Beſtie wo — Graſe 14 auf's Korn gefaßt zu haben, und dennoch— Sei's, daß ich fehlte; ſei's, daß ſie in eben dem Moment eine leichte Bewe⸗ gung machte— Genug, auch nicht die kleinſte Zuckung ver⸗ rieth mir, daß ſie ſich verletzt fühle. Saheb hatte mich unmit⸗ telbar darauf in das dickere Gebüſch gewaltſam zurückgeriſſen. »Ach!« ſtohnte er.„Ich wußt' es wohl, daß die Anaconda unſerem Schießgewehr trotzt! Aus der Ferne macht ihre Schup⸗ penhaut ſie unverwundbar! Du aber haſt dein Leben ohne Nutzen auf's Spiel geſetzt.« Es ſchien jedoch nicht, als ob unſer Feind meinen Angriff auch nur ſonderlich beachtet hätte. Er wiederholte vielmehr, nach wie vor, ſeine Verſuche gegen die Fenſterbrüſtungen, bis er ſich zuletzt gemachſam wieder in die Krone der Fächerpalme zurückzog. Auch wir, obgleich immer unſchlüſſiger, was wir beginnen ſollten, waren in unſeren erſten Hinterhalt wieder vorgedrungen. 3 Indem wir von hier aus unſere Blicke unverrückt auf den Pavillon hefteten, ſahen wir die Thür deſſelben verſtohlen und auf halben Fußes Breite ſich öffnen, und daraus hervor huſchte in vollem Sprunge die kleine artige Pſyche— ein türkiſches Windſpiel, der Liebling und unzertrennliche Begleiter meines Freundes— den Hügel hernieder. Doch ſchneller noch ſchoß auch die Anaconda aus ihrem luftigen Verſteck in einem ein⸗ zigen ungeheuern Satze dem Thierchen raſſelnd nach. Es war erhaſcht; ein kurzer erſtickter Schrei der Todesangſt entfuhr ihm; kaum bewegte ſich zwei⸗ oder dreimal das gräuliche Ge⸗ biß— und zerknickt war der Rückgrat, und jedes Gebein zer⸗ ſplittert! Dann ſchleppte ſie ihren Raub an den Fuß der Palme zurück, welche ſie als einen nothwendigen Anhalt zu betrachten ſchien, und hier nun dehnte ſie ſich behaglich im aus, um mit der breiten ſchwarzen Zunge das Fleiſch 15 des armen zermalmten Geſchöpfs von den Knochen loszu⸗ ſchälen. Dieß Schauſpiel, ſchon an ſich ſelbſt gräßlich, ward durch die Betrachtungen, welche es in mir zunächſt veranlaßte, zu einer peinigenden Folter für mein Herz. Nun ſah ich es ent⸗ ſchieden, was ich bis dahin, jedem Anſchein zum Trotz, ſo gerne noch bezweifelt hätte— Klipphoff war in dem Pavillon gegen⸗ wärtig! Aus dem Knall meines Flintenſchuſſes hatte er wahr⸗ ſcheinlich auf die Nähe ſeiner Retter geſchloſſen. Nur er ſelbſt konnte den Eingang geöffnet haben, um ſeinen Liebling aus ihrer gemeinſchaftlichen Haft zu entlaſſen; und Saheb hielt ſich überzeugt, eine Schnur um den Hals des Thierchens, und an derſelben ein Zettelchen Papier bemerkt zu haben.— Alſo ein Bote an uns! Ein Ruf um Hülfe! Eine heilige Aufforde⸗ rung, ihn nicht zu verlaſſen in dieſer entſetzlichen Noth!— In welcher Angſt der Seele mocht' er gekämpft haben, und noch kämpfen! Was mußt' es ſeiner Verzweiflung gekoſtet haben, eh ſeine zitternde Hand den einzigen Riegel zurückſchob, der zwiſchen ihm und dem Verderben war!— Was ſeinem weichen Herzen, das treue Thier hinauszuſtoßen und preiszugeben! Und wenn er ſich geſchmeichelt hatte, die Schnelligkeit ſeines Lieblings werde deſſen Flucht zu ſichern vermögen, wie mußte Pſychens abgebrochener Todesſchrei ſein Gefühl verwunden! Die nämlichen, oder ähnliche Ueberlegungen brachten auch den beſonnenen Saheb faſt von Sinnen.„O Gott!« rief er. „Was hat ſein Bote uns verkündigen ſollen?— Daß er mit der Verzweiflung ringt?— Wir wiſſen, wir fühlen es; und ſtehen hier ohne Faſſung, ohne Rath—« 3 „Auch unſer Lauſchen hier iſt ohne Fruchtls fiel ich ihm ein.»Laß uns heimkehren, und auf wirkſamere Hülfe ſinnen.“ Wir fanden das ausgeſchickte Hausgeſtnde v von ſeinem ver⸗ geblichen Umherſtreifen dem größten Theile nach zurückgekehrt, und auf dem umſchloſſenen ſichern Hofplatz verſammelt. Als Eingeborne des Landes kannten ſie die Anaconda ſämmtlich, .* entweder aus eigenen Erfahrungen oder doch vom Hörenſagen, allein, halb entſeelt vor Furcht, wußte Niemand ein Mittel vor⸗ zuſchlagen, ſie mit Erfolg zu bekämpfen. Ich verließ ſie, nach⸗ dem ich zwei der Hurtigſten aus ihrer Zahl nach Kolumbo ab⸗ gefertigt hatte, um dort unſere Noth zu melden, und auf ſchleu⸗ nigen Beiſtand zu dringen. Dann ſprang ich eilig hinauf, und brachte der zagenden Eliſa den kümmerlichen Schatten von Troſt, an den ich ſelbſt nicht glaubte. Was Wunder denn, wenn er eben ſo wenig in ihrem Herzen zu haften ver⸗ mochte! Mit deſto kräftigerer Ueberredung verſuchte ich's dagegen, ſie wenigſtens von dieſem Schauplatz des Schreckens und der Gefahr zu entfernen, und zur Rückkehr nach der Stadt zu be⸗ wegen.— Eine Maßregel, die zu ihrer eigenen Sicherheit we⸗ ſentlich ſei, und auch uns Zurückbleibenden deſto ungebundenere Hände laſſen werde, kühn und beſonnen zu handeln. Mit einem ſchmerzhaften Lächeln antwortete ſie mir:„O Freund— Sie berathen mich nicht wohl! Wär' ich's wohl je werth geweſen, Klipphoffs Weib zu ſein, wenn ich ihn heute verlaſſen könnte? Einen Weg, zu ihm hin in ſein lebendiges Grab zu gelangen, ſchlagen Sie mir vor, und ich will Sie als meinen Wohlthä⸗ ter ſegnen!— Wittbeck, wer trocknet ihm jetzt den Angſtſchweiß von der Stirne? wer hält durch Blick und Rede ſeinen ſinken⸗ den Muth? wer ſchützt ſeine Seele vor Verzweiflung?— Sein e würde es huene und es zu ahnne wollten Sie mir n Frreuden wag' ich Kraft und Leben dran; und wer es meint 17 geflohen ſei, als der Ton ſeiner Stimme reicht, als ſeine Arme ſie zu ergreifen vermögen?« Mieine ſchmerzlichen Thränen miſchten ſich mit den ihrigen. Doch wie ſehr das Leiden der edlen Frau mich erſchütterte, wie tief ihre Klagen mein Herz verwundeten, ſo war es doch jetzt der Augenblick nicht, einem müßigen Mitleid nachzuhängen. Es mußte gehandelt werden. Von einem kühnen Gedanken ergriffen, eilte ich in den Hof zu den niedergeſchlagenen Hausgenoſſen zurück.„Freunde!“ redete ich ſie an—„Es iſt ja nicht Einer unter uns Allen, dem der Herr dieſes Hauſes nicht Freund, nicht Wohlthäter ge⸗ weſen wäre! Jetzt, da der Tod ihn umlagert, gilt es, ihm ſeine Liebe zu danken. Auf, wer ihn liebt und ein redliches Herz im Buſen trägt! Laßt uns die Gefahr gering achten, und im hellen Haufen hinausziehen, ihn zu befreien. Wir ſind bewaffnet; wir haben die Ueberlegenheit der Anzahl, der Beſinnung und der Kunſt über unſern Feind. Je muthiger wir ihn angreifen, je minder darf er uns furchtbar ſein. Er wird uns weichen; wir werden den Gefangenen erlöſen! mit wie ich, der ermanne ſich und trete entſchloſſen zu mir her⸗ über!« Ach! Nur der einzige Saheb folgte, ohne ſch; zu bedenken, dieſem Aufruf. Zwanzig bis dreißig feige Seelen ſahen ſich zitternd an, fluͤſterten einander in's Ohr und ſtammelten dann die Entſchuldigung, daß es Raſerei ſein würde, der hunnggen Anaconda mit offener Gewalt zu begegnen. 3 So getäuſcht in meiner Hoffnung, und doch vo der Begierde, zum Retten Hand an's Werk zueleg nichts weiter übrig, als der Verſuch, was etwa und Raſſeln einer vereinten Menſchenmenge, verbunden Aus allen Welttheilen. 18 Getöſe unſrer unabläſſig abgeſchoſſenen Feuergewehre, auf das Ungeheuer wirken möchte. Die Anſtalten hierzu wurden ge⸗ troffen, und Eliſa auf den Lärm vorbereitet. Wir erhoben in der That auch einen ſo anhaltenden und verwirrten Tumult, daß er hinreichend ſchien, ſelbſt Todte aus den Gräbern zu er⸗ wecken. Aus allen Fenſteröffnungen zielten zu gleicher Zeit unſere ſämmtlichen Flintenläufe mit doppelter Ladung und einem Hagel von Kugeln nach der ſchußgerechten Rieſenſchlange hin⸗ über. Sie jedoch ſpielte ruhig fort, ohne von ihrem Platze zu weichen— ja, ohne 29 nur einmal dieſen Angriff ſcheinbar zu beachten. Nach Verlauf von wenig Stunden war unſere vorräthige Munition verſchoſſen, wir aber wurden es müde, einen Verſuch länger fortzuſetzen, der uns keinen Erfolg mehr hoffen ließ, indeß bereits der Tag mit ſchnellen Schritten ſich dem Abend näherte. Noch Ein vielleicht erſprießliches Mittel kam mir unter dem qualvollſten Nachdenken und Ueberlegen zu Sinn, zu deſſen Ausführung ich aber das Dunkel der Nacht nothwendig erwar⸗ ten mußte. Ich erwog, welch' ein vielerprobter Behelf der blendende Glanz des Feuers bei nächtlicher Weile ſei, den An⸗ fall reißender Thiere abzuwehren, und wie oft ſchon Löwen und Tiger vor einem geſchwungenen Feuerbrand oder einem brennen⸗ den Reisbündel ihres Blutdurſtes vergeſſen, und muthlos die Flucht ergriffen hatten. Mit ſolcher Waffe wollt' ich, und wenn auch nur allein mit dem muthigen Saheb an meiner Seite, mich dem Ungeheuer nähern, und ſeine Standhaftigkeit auf die Probe ſetzen. Unter den Zurüſtungen zu dieſem Wageſtück kamen meine Boten von Kolumbo zurück, begleitet von einigen ieren der dortigen Beſatzung, welche ſich mit eige⸗ überzeugen wollten, wie viel Wahres an der ver⸗ 19 kündigten Erſcheinung eines Wunderthieres ſei, deſſen Eriſtenz ſie bisher hartnäckig bezweifelt hatten. Ich beſchwor ſie, mir Beiſtand zu leiſten; aber ach, wie konnt' ich hoffen, daß ihre kalte Neugier meinem Enthuſiasmus die Wage halten ſollte? Sie verſuchten ihre Fernröhre und Kugelbüchſen an unſerem Feinde, ſprachen in übertriebenen Ausdrücken von ſeiner ſcheuß⸗ lichen Geſtalt, zuckten die Achſeln über die unrettbare Lage des Mannes, den ſie die Stirne hatten, ihren Freund zu nennen, und waren nur mit Mühe abzuhalten, daß ſie nicht zu der ver⸗ zweifelnden Eliſa eindrangen, und ſie durch Bezeugung eines kalthöflichen Bedauerns noch tiefer verwundeten. Endlich ſahen die Herren ſich wieder nach ihren Pferden um, und wirklich war auch ihre eilige Entfernung um ſo noth⸗ wendiger, da ſie wenigſtens die letzten Stunden eines auf heute veranſtalteten Balls daheim nicht zu verſäumen wünſchten. Ich drang mit Allem, was Freundesſorge Kräftiges aufzubringen weiß, in ſie, mir mit früheſtem Morgen wirkſameren Beiſtand, eine Anzahl Raketen, ja— ließe ſich's thun— ſelbſt ein paar leichte Feldſtücke auszumitteln, um im ſchlimmſten Fall das Un⸗ gethüm mit offener Gewalt aus ſeinem Poſten zu vertreiben. Ebenſowohl forderte ich die Hülfe eines Arztes für Eliſa, und für mich ein Sprachrohr, womit ich mir einen Weg zum Ohre meines Freundes bahnen wollte, um ſeinen Muth durch die Hoffnung zu beleben, daß wir zu ſeiner Erlöſung auch das Unmögliche nicht unverſucht laſſen würden. Die Nacht ſank auf die Erde nieder. Eine ſchauerliche Stille herrſchte unter ihrer dunkeln Hülle.— Nur unſer Feind wachte, und wir hörten ihn von Zeit zu Zeit zwiſchen den Aeſten rauſchen. Ich brachte den Abend damit zu, das jammernde, unglückliche Weib durch jede Art der Ueberredung zu beruhigen nnd zu tröͤſten, indem ich ihr von einem morgenden Angrif 1 20 auf das Unthier einen günſtigern Erfolg verhieß. Mit Vorbe⸗ dacht aber verſchwieg ich ihr meinen, für die Nacht entworfenen Plan, deſſen Wirkung noch in meinen eigenen Augen zu un⸗ ſicher war, um davon im voraus etwas zu verſprechen. Allein wäre meine Zuverſicht auch größer geweſen, ſo forderte doch Eliſa's erſchöpfte Natur eine Ruhe, die mir mit dieſer neuen Anſpannung ihrer Seele unverträglich ſchien. Ohnehin brannte eine unnatürliche Glut auf ihren Wangen; ihre Reden, von Seufzern erſtickt, ermangelten nicht ſelten des Zuſammenhanges, und Alles ließ mich den nahen Ausbruch eines heftigen Fiebers befürchten. Endlich gab mir Saheb ein mit ihm verabredetes Zeichen, daß die Werkzeuge unſerer Unternehmung in Bereitſchaft ſtän⸗ den. Ich ſchlich hinaus, und noch auf dem Wege gab mir's eben dieß Zeichen zu Sinn, daß es ja in meiner Gewalt ſtände, unſerem bedrängten Freunde von den genommenen Entſchließun⸗ gen Kunde zu geben— nicht durch leicht mißverſtändliche Sig⸗ nale, ſondern durch zuſammenhängende Rede, auch ohne Sprach⸗ rohr. Ich erinnerte mich nämlich eines nicht unbekannten Er⸗ perimentes aus dem Gebiete der natürlichen Magie, wo zwei von einander entfernte, aber einverſtandene Perſonen durch lautes Klopfen einander Buchſtaben, Worte und Ideen mitzutheilen wiſſen, indem jedesmal die Zahl der Schläge der natürlichen, oder willkürlich verabredeten Folge der Laute des Alphabets entſpricht. Ich konnt' es darauf ankommen laſſen, ob Klipphoff meinen Sinn und Meinung errathen würde, und die Stille der Nacht ſchien mir beſonders günſtig, dieſen Verſuch ohne Zeit⸗ verluſt anzuſtellen. Ein weitſchallendes dünnes Brett ſammt einem Schlägel war bald gefunden. Mit Beiden trat ich auf den Altan. und machte einige vorläufige Verſuche in kurzen Phraſen, bevor ich 21 dem armen Eingekerkerten umſtändlich zu wiſſen that, daß ich damit umginge, ſeine Ketten zu ſprengen, daß ich nicht ruhen, noch weichen würde, bevor mir's gelungen, und daß ich ihn in meinem und Eliſa's Namen ermahne, Muth und Hoffnung nicht ſinken zu laſſen. Zuletzt noch bat ich ihn, drei Schläge von innen zu wagen, zum Zeichen, daß er mich vernommen, verſtanden und Vertrauen zu mir faſſen wolle. O Gott! Ich durfte nicht lange warten, ſo ſchlugen die drei dumpfen Töne lieblich, wie noch nie eine Muſik, in mein Ohr, und freudig eilt' ich zu Eliſa zurück, ihr Herz mit der freudigen Botſchaft aufzurichten. Ein ſchmerzliches ſtummes Lächeln und ein ſtum⸗ mer Händedruck waren dafür mein Lohn, der mich mit neuer Begeiſterung zurück an meinen nächtlichen Streifzug trieb. Auf Sahebs Veranſtaltung fand ich im Hofe die Beherz⸗ teſten unter dem Hausgeſinde und unſeren Trägern, etwa ein Dutzend Menſchen mit Fackeln in den Händen, die ſich glück⸗. licherweiſe unter den Vorräthen des Hauſes aufgefunden hatten. Mein Vorſchlag war: uns unter Begünſtigung der Dunkelheit, und bloß mit einer Blendlaterne verſehen, ſo dicht heranzuſchei⸗ chen, als die Gebüſche es uns erlauben würden, dann in Einem Augenblick unſere Fackeln an der Leuchte zu entzünden, und ſo, unter ſteter Schwingung der Flammen, plötzlich und mit Ge⸗ ſchrei gegen den Hügel vorzubrechen, damit unſer Angriff von allen Schrecken der Ueberraſchung begleitet bliebe. Mit Saheb an meiner Seite, der die Blendleuchte trug, war ich durch Buſch und Dickicht um die Hälfte Weges näher als geſtern vorgedrungen. Schon befand ſich der Feind ruhig und ſorglos in unſerem Geſichte, und es lag nur daran, den letzten Theil unſeres Planes auszuführen. Wir ſahen uns um nach unſeren Begleitern— Himmel! wer aber beſchreibt unſer Erſtaunen und meinen Unmuth, als ich nun erſt entdeckte, daß 8* 22 die feigen Gemüther, voll Entſetzen vor der Gefahr, die ihnen drohen konnte, die Finſterniß benutzt hatten, ſich einzeln hinter uns davonzuſtehlen. Ich ſtand mit Saheb allein; wir hielten uns mit Recht zu ſchwach, unſern Streich auszuführen, und der Alte hoffte auch, ſeine Kameraden zu beſtimmen, daß ſie wieder zu ihrer früheren männlichen Entſchloſſenheit zuruckkehr⸗ ten. Meine Erwartungen waren zwar minder lebhaft; doch blieb mir nichts Anderes übrig, als daß ich ihm folgte und Vorwürfe mit ſeinem Zureden vereinigte. Umſonſt! Ihre Furcht war der Scham überlegen. Sie nannten uns tollkühn, daß wir's wagen könnten, es mit der hungrigen Anaconda aufzunehmen. Hier ſei, ſagten ſie, kein Heil, als in der Flucht, und ſie würden ſämmtlich nur das früheſte Morgenroth erwarten, um ihr Leben durch die weiteſte Entfernung zu ſichern. Saheb hatte ſich bis dahin damit beſchäftigt, einige Fackeln paarweiſe zuſammen zu binden. Ungeduldig rief er mir jetzt zu:„Was warten wir, dieſe fühlloſen Klötze zu bewegen?— Komm, Herr, und laß die Memmen! Sind wir doch Männer, und Zwei unſeres Sinn's im Bunde mit einander müſſen ſich genug ſein, jeder Gefahr zu trotzen! So, wie du ſiehſt, denk ich den Schimmer unſeres Feuers zu verdoppeln, ob es vielleicht hinreiche, die Anaconda zu blenden.“ 2 Dieſer Vorgang hatte ſo heimlich nicht abgehen können, daß nicht Eliſa, deren Herz die Ruhe floh, den Wechſel unſerer Stimmen vernommen haben ſollte. Schon waren wir wieder auf dem Wege gegen den Hügel begriffen, als wir eine weiße Geſtalt hinter uns gewahrten, die keuchend unſere Schritte ver⸗ folgte. Es war Eliſa ſelbſt! Sie hatte ſich aus ihrem Zim⸗ mer und unter den Händen ihrer Sklavinnen hinweggeſtohlen, ſobald ſie vernahm, zu welchem Zuge wir, zur Rettung ihres 23 Gatten, uns entfernt hätten, und war uns mit ergriffener Fackel nachgeſtürzt, Gefahr wie Gewinn mit uns zu theilen. Mein ganzer Muth entſank mir, als ich ſie erkannte, als ich in drei Worten erfuhr, was ihre Abſicht ſei. Leiſe beſchwor ich ſie, ſich zurückzuziehen, und uns nicht Herz und Arm durch ihre Gegenwart zu lähmen.„Iſt's nicht genug,“ rief ich, „daß wir für ſein Leben zu zittern haben, ſollen wir auch noch ein zweites, eben ſo theures dem Untergange preisgeben?“ „O, meines für das ſeinige!“ war ihre feſte Antwort. „Oder ſollen meine Hände im Schooße ruhen, wenn fremde ſich zu ſeiner Erlöſung waffnen? Soll ich nichts thun für ihn? Soll ich ihn als ein Geſchenk aus euren Händen em⸗ pfangen, ohne auch nur einmal verſucht zu haben, ihm Beiſtand zu leiſten?« Ich bewunderte ſtill dieß treue, edle Herz; allein indem ich ungern ſeinem Ungeſtüm nachgab, gegen den mir die Waffen fehlten, konnt' ich gleichwohl nicht umhin, im voraus die ganze Frucht unſeres Unternehmens für vereitelt zu halten. Es wäre Raſerei geweſen, ſie mit uns bis zu dem Punkte vorzuführen, bis wohin wir bei unſerem früheren Auszuge uns hatten wagen dürfen. Die Anaconda ſchien uns unruhiger als zuvor; ohne Zweifel hatten unſere Fußtritte und unſer Flüſtern uns ihr bereits verrathen. Indeß ſtießen wir doch unſere Flammen⸗ brände, die wir in beiden Händen trugen, raſch hervor, und ſparten auch unſere hohlen Stimmen nicht, die ſchauerlich durch die öde Stille wiederklangen. Ein knatterndes Rauſchen durch die Palmenwipfel, wie wenn Zweig bei Zweig gewaltſam zerknickt würde, war die Antwort auf unſere dreiſte Herausforderung. Die Anaconda — ich laſſ' es unentſchieden, ob in Furcht oder in Zorn ge⸗ ſetzt?— war es, die ſich in fürchterlichen Bogenſprüngen durch — 24 die hohen Baumkronen wälzte, ſo daß die ſchlanken Stämme unter ihrer Laſt ſchwankten und ſich ſchüttelten. Zugleich ſchnitt uns ein pfeifendes Ziſchen in die Ohren. Ihre Augen, von einem eigenthümlichen Feuer entzündet, ſchoſſen Blitze durch die Nacht. In der That war dieſe Erſcheinung in jeder Beziehung ſo gräßlich, daß ein ungewöhnlicher Muth dazu gehört haben würde, ihren Anblick ohne einiges Erbeben zu ertragen. Ich läugne nicht, daß ſich mir das Haar zu Berge ſträubte, und Saheb biß die Zähne zuſammen, um mich ihr Klappern nicht hören zu laſſen. Ich blickte ſcheu hinter mich nach Eliſa— O Gott! ſie lag ohne Bewußtſein am Boden. Jetzt ſchwand jede andere Rückſicht. Weit in's Feld hin warf ich meine Fackeln von mir, faßte die Ohnmächtige auf und trug ſie mit Sahebs Hülfe eilig, doch unverfolgt von unſerem Feinde, in das Landhaus zurück. Hier kehrte zwar nach lange vergeblich angewandter Bemühung unter unſeren Händen das weichende Leben in ſie zurück— jedoch nur zu wilden Phantaſteen, die das ganze ſchreckliche Kolorit der nächtlichen Scene trugen, von welcher wir ſoeben wiederkamen. Unaufhörlich rief ſie ihren Gatten; ſie rief mich, und es wäre grauſam geweſen, wenn ich, unfähig anderwärts thätiger zu wirken, von ihr gewichen wäre, ohne dieſe ſchwarzen Träume durch ſanftes Zureden zu beſchwichtigen. So verfloß der Reſt einer Nacht, die uns hülfloſer ließ, als wir zuvor geweſen. Mit dem erſten Strahl der Sonne aber, als ich ſinnend umherging, ſtürzte mir Saheb mit fun⸗ kelnden Augen entgegen. Das freudige Herzpochen erſtickte die Worte in ſeinem Munde.„O, der theure Herr!« rief er, und tanzte im Zimmer umher—„Er hält ſich noch! Er verſucht, . — — 2 25 mit uns zu ſprechen! Wir werden nun erfahren, wie es um ihn ſteht!“ Mit Mühe gelang es mir, ſeinen Wonnerauſch ſo weit zu mildern, daß ich endlich erfuhr, worauf dieſe erwünſchte An⸗ kündigung ſich ſtützte. Mit alle ſeinem Denken und Trachten nur bei dem geliebten Wohlthäter, hatt' es ihn unaufhaltſam gedrängt, ſich von dem jetzigen Stand der Dinge zu unterrich⸗ ten, und ob nicht etwa der Zufall einen günſtigen Wechſel her⸗ beigeführt hätte? Er umſtrich den Hügel, den er mit zerſplit⸗ terten Aeſten und Blättern der Palmen weit umher bedeckt fand, und aus der Ferne erblickte er zwar die Anaconda, beutehung⸗ riger als zuvor in ihrem alten Schlupfwinkel; zugleich aber auch gewahrten ſeine Augen, die auf Alles merkten, ein Papierblätt⸗ chen, welches zwiſchen den Fugen der oberen Thürſchwelle von innen durchgeſchoben ſchien, und, an einer ſeiner Ecken ſchwach zurückgehalten, im Winde flatterte. Ohne Zweifel war es be⸗ ſchrieben, doch ſeinen Inhalt zu leſen, fehlt' es ihm leider an Geſchick, wenn auch der weite Zwiſchenraum es geſtattet hätte. So kam er denn herbeigerannt, um mir dieſe Erſcheinung an⸗ zuſagen, die nicht minder auch mich mit frohen Hoffnungen er⸗ füllte. 3 Er zog mich fort; ich flog ihm nach. Wir wagten uns dreiſter als je hinzu, und ich verſuchte, die Schrift des Blattes zu entziffern. Verlorne Mühe! Mein Auge— ſelbſt mein gutes Fernrohr verſagte mir den Dienſt, da das leichte Papier, ein Spiel des Windes, keinen Augenblick ruhte. Meine Ge⸗ duld, mein angeſtrengteſtes Bemühen rang mit der Unmöglich⸗ keit;— ich gewann nichts, als die Ueberzeugung, daß durchaus nichts davon zu hoffen ſei. Sahebs Blicke hingen indeß, wie ſein Athem, ſtarr an meinen kleinſten Bewegungen.»Alſo or⸗ räthſt du nichts?« hub er endlich mit einem Zittern an, das 4 26 alle ſeine Glieder ſchüttelte.„So ſei es! Komm zurück mit mir und laß mich gewähren! Ich hole dir das Blatt!« »Alter!« rief ich überraſcht.„Der Wille dazu ſieht dei⸗ nem Herzen ähnlich; allein es wäre ein unnützes Opfer. Du holſt dir den Tod; doch jenes Blatt holt von dort keine menſch⸗ liche Hand.“ „Und doch iſt's meines Herrn Stimme, die aus dem Blatt hervorruft? Wär' ich werth, ihm anzugehören, wenn ich taub dagegen bleiben könnte?— Beim Gott meiner Väter! ich hole es!«— Mit jedem Worte ward ſein Ton feſter und blickte ſein Auge feuriger. Wir waren während dieſes Streites wieder in den Hof getreten. Stumm, doch mit ſich ſelber einig, ſuchte der treff⸗ liche Diener Alles zuſammen, was er zu ſeinem Vorhaben für dienlich hielt. Seine Meinung war, ſeine Geſtalt von Kopf zu Fuß unter einer Hülle von Kokoslaub zu verbergen, und ſo ſich an die Thüre des Pavillons hinanzuſchleichen, ohne von der Anaconda wahrgenommen zu werden, da der Platz unter den Bäumen mit ähnlichem Laube vielfach bedeckt war.„Ich ver⸗ ſtehe mich auf dieß Handwerk noch von meiner Jugend her,« ſagte er ruhig.„Damals war ich ein rüſtiger Elephanten⸗ jäger, und habe nicht ſelten meinen Feind auf ſolche Weiſe überliſtet.“ Wenig Augenblicke verſtrichen und Saheb ſtand in ſeiner ſonderbaren Vermummung vor mir, bloß mit ſeinem Dolche be⸗ waffnet. Meine Begleitung ſchlug er hartnäckig aus, da ſie für ſeine Sicherheit ohne Nutzen ſei, mich ſelbſt aber der Gefahr ausſetzen würde. Ich fügte mich endlich ſeinen Gründen; doch mit meinen Augen, wie mit meinen Wünſchen, zu begleiten. war mir's unmöglich, die heldenmüthige Seele nicht wenigſtens Der Altan des Hauſes gewährte mir einen bequemen Standort, — —— 27 und von hier aus ſah ich ihn in einem weiten Umweg vorſich⸗ tig auf ſein verwegenes Abenteuer losſchreiten. Mit reifem Bedacht wählte er zu ſeiner Annäherung die⸗ jenige Seite des Hügels, wo ihn das Gebäude des Pavillons durch ſich ſelbſt den Blicken ſeines Feindes verbarg. Von Zeit zu Zeit ſchwand er ſogar auch mir aus dem Geſichte, indem er auf Händen und Füßen kriechend, bald ruhend, bald unmerklich fort ſich bewegend, ſich in dem gleichfarbigen Grün verlor, das den Boden bedeckte. Er gab mir dadurch ein lebendiges Beiſpiel, mit welchem Geſchick, aber auch mit welcher Unverdroſſenheit der Nachſtellung, der Naturmenſch ſeinen Feind zu beſchleichen und zu überfallen verſteht. Endlich war Saheb in tauſend Schneckengängen hart ne⸗ ben dem Gemäuer des Pavillons angelangt. Mein Herz klopfte hoch, als ich dort die Anaconda, zwar ſorglos, aber nichts deſto minder in gewaltſamen Sätzen, ſich um ihren Wipfel ringeln — und hier, höchſtens zehn Schritte entfernt, den wehrloſen Menſchen, bloß mit der Ueberlegenheit ſeines Muthes und ſeiner Liſt gepanzert, ſich ihr gegenüber ſtellen ſah. Saheb ruhte in⸗ deß ſo gleichmüthig und zugleich ſo unbeweglich in angelehnter Stellung neben der Thür des Häuschens, daß das Auge der Beſtie ebenſowohl als ich, der entferntere Zuſchauer, durch die unverdächtige Geſtalt getäuſcht wurde. Mit deſto ſorgfältigern Blicken aber hütete er ſelbſt jede Bewegung des hin⸗ und her⸗ ſchießenden Feindes, und eben, als dieſer in einem weiten Bo⸗ genſprung ſich ſelbſt überwarf, ſah ich das mehr als goldes⸗ werthe Blatt von ſeiner Stelle verſchwinden, ohne daß ich ſelbſt begriff, durch welche Blitzesſchnelle es in des gewandten Laurers Hände gekommen ſein möchte. Jetzt war es rathſam, galt aber auch die nicht geringere Kunſt, einen ſichern Rückweg aufzufinden, und nie ſind wohl 28 heißere Wünſche aus meinem Herzen zum Himmel aufgeſtiegen, als in dem Augenblicke, wo das belebte Palmenbündel langſam, gleich einem Minutenzeiger 4 den Hügel herab, bald vor⸗ bald rückwärts gedreht, zu ſchleichen verſuchte. Schon erblickt' ich meinen wackern Gehülfen hart am Fuß der Anhöhe; mein Herz athmete freier— ich hielt den ungleichen Kampf für beſtanden. Allein— ſei es nun, daß ihn über der Freude des glücklichen Erfolgs die Vorſicht zu früh verließ, oder daß eine zufällige Entblößung bei der Beſtie Argwohn erregte— ich ſah im näm⸗ lichen Moment die Anaconda in Einem weiten Satze von oben herniederſtürzen, über den Unglücklichen ſich herwerfen und ihn in ihre Knoten verſchlingen. Ein lauter Schrei des Ent⸗ ſetzens entfuhr mir, ich fühlte all' mein Blut in meinen Adern erſtarren. 4 Noch rang Saheb mit bewundernswürdiger Beſonnenheit gegen das Ungeheuer an. Mit dem ergriffenen Dolch in der ſicheren Hand ſtachelte er wiederholt zwiſchen den undurchdring⸗ lichen Schuppen hindurch, und ſtachelte es zu Schmerz und Wuth. Denn plötzlich ſahen meine Augen ihn, bloß noch von der Schwanzſpitze der Anaconda umgürtelt, und, wie wer einen unvermuthet ergriffenen Dorn vom Finger ſchnellt, den Armen eine weite Strecke abwärts in die Gebüſche geſchleudert. Sie ſelbſt aber zog ſich eilfertig nach oben in ihren grünen Schlupf⸗ winkel zurück, wo ſie mehrere Friſt ſtill und verborgen lag, be⸗ vor ſie ihr altes Spiel, wiewohl mit größerer Mäßigung, er⸗ neute. Mein Schmerz läßt ſich nur fühlen, aber nicht beſchreiben. Von dem unglücklichen Saheb blieb mir weiter keine Spur mehr übrig. War er zerſchmettert durch den Fall? Lag er irgendwo, mit dem Tode ringend?— Ihm zu helfen, hielt ich für un⸗ möglich; aber ebenſo auch für undankbar und grauſam, ihn ſei⸗ 29 nem entſetzlichen Schickſal zu uͤberlaſſen, ohne wenigſtens alle Möglichkeiten der Hülfe erſchöpft zu haben. Voll von dieſer Betrachtung flog ich von meiner Warte herab und wagte mich auf den Schleichweg, der mich, ſeiner Spur nach, im thauigten Graſe gegen den Hügel führte. Es war zugleich die Seite, nach welcher hin die Anaconda ihn von ſich geſchleudert hatte, und vielleicht begünſtigte mich das Dickicht, daß ich bis zu ihm vordringen könnte. In dieſer Hoffnung ſah ich über die hohe Mißlichkeit meines Wagſtücks hin, wovon die bloße Vorſtellung mich vierundzwanzig Stunden früher mit unwiderſtehlichem Grau⸗ ſen erfüllt haben würde. Allein ſo wahr iſt es auch, daß die anhaltende Beſtürmung des Gemüths ihm endlich eine Span⸗ nung mittheilt, die es aus ſich ſelbſt hinweghebt, und ihm den Muth verleiht, gelaſſen ſelbſt mit dem Tode zu ſpielen. Ein leiſes Stöhnen drang aus dem Gebüſche— Gott! Wär' es Sahebs Stimme?— Sie war es! Er lag hier aus⸗ geſtreckt und hob mühſam die Hand, ſie mir mit einem matten Lächeln entgegen zu bieten.„Ich kann dir,« ſtammelte er, „deine Liebe nur mit Einem vergelten. Da nimm!« Er zog das ihm ſo theuer zu ſtehn gekommne Papier aus dem Buſen hervor.„Lies es!“ fuhr er fort, veh' ſich meine Sinne noch⸗ mals und auf immer verlieren, laß mich noch die Freude haben, zu wiſſen, was er mir befiehlt. Ach— nun wirſt du allein ihm helfen müſſen!“ »Ich werd' und will es, redliche Seele!« unterbrach ich ihn innigſt bewegt.„Doch denk' ich bei dir anzufangen.“— Ich lud ihn ohne Zeitverluſt auf meine Schultern, ſo ſehr er auch in mich drang, ihn ſeinem Schickſal zu überlaſſen, und nur auf ſeinen Herrn zu denken. Gebückt und angeſtrengt ent⸗ fernte ich mich nun aus der gefährlichen Nähe des Hügels, gewann den Fußſteig wieder, und hatte endlich den Troſt, meine 30 ehrwürdige Bürde im Hofe des Wohngebäudes ſicher von mir legen zu können. Der Arme war auf's Neue der Bewußtloſig⸗ keit nahe; denn freilich hatt' ihm mein Rücken kein gar ſanftes Lager geboten. Doch gelang mir's, ihn dieſer Anwandlung durch einige dargereichte Stärkungen zu entreißen. Zwar mit unzerſchmettertem Gebein, aber gleichwohl fürch⸗ terlich zerſchellt durch den Fall, die Bruſt beklommen von den engen Verſchnürungen des Ungeheuers, und ſchier unvermögend, irgend ein Gliedmaaß zu bewegen, bot ſein Zuſtand jeder em⸗ pfindenden Seele ein mitleidwerthes Schauſpiel dar. Ich trug ſchwer an dieſem neuen Zuſatz des allgemeinen Elends, das ſich mit jeder Minute höher um mich aufthürmte. Gott! ich war ja nur ein einzelner Menſch, und in meine einige Hand hatte die Vorſicht jetzt drei hart bedrängte Menſchenleben befohlen! Füͤrwahr, es muß nie brünſtiger zum Himmel gebetet worden ſein um Kraft, einen ſo heiligen Beruf zu erfüllen! Saheb indeß ſchien ſeiner ſelbſt und ſeiner Schmerzen gänzlich vergeſſen zu haben. Er wies meine Hülſssleiſtungen ſanft von ſich zurück und erinnerte mich mit herzlichem Dringen — an ſeinen bedrängten Herrn und an das Blatt, das ihm, mehr als Alles, ein Balſam auf ſeine Wunden wäre. Ich zog es jetzt hervor; meine Augen ſchwammen in Thränen als ich ſie auf die wohlbekannten Züge heftete. Mit Muͤhe las ich. Das Blatt war dieſes wörtlichen Inhalts: „O, ich vernehm' euch wohl, Geliebte meiner Seele! Eure Stimmen— noch mehr eure vielgewagten Beſtrebungen ver⸗ kündigen mir's, daß ihr nahe ſeid; daß ihr auf Rettung ſinnt! Umſonſt!— Hier hat der Tod mich in ſeinen ſchwarzen Kreis gebannt;— meines Lebens habe ich mich verziehen! Bald wird das Schmachten des gedörrten Gaumens und dieſer giftige Brodem um mich her es mit mir enden,— Ja, ich ſterbe 31 gefaßt; aber erſchwert mir die böſe Stunde nicht durch die Sorge, daß ich euch mit in das Verderben ziehe. Ich beſchwör' euch, überlaßt mich meinem feindſeligen Dämon! Flieht— o fliehet weit von hinnen! Das iſt meine letzte Bitte. „Wittbeck— o Wittbeck, mein armes Weib! Verlaß meine Eliſa nicht!“ Eiin kalter Schauder fuhr mir durch mein Gebein, als ich dieſe Zeilen las und wieder las. Saheb ſchluchzte laut; mir bangte, ſein treues Herz unter dieſer Beſtürmung vor meinen Augen brechen zu ſehen.„Nein! nein!“ ſchrie er endlich mit gewaltſamer Anſtrengung;„er ſoll ſeines Lebens ſich nicht ver⸗ zeihen, ſo lange noch ein Athemzug in mir übrig bleibt!— Noch gibt es eine Hülfe— Gott; warum mußte mein alter ſchwacher Kopf ſich darauf nicht früher beſinnen, als da ich ächzend und verlaſſen draußen in der Wildniß lag! Nun aber iſt's damit zu ſpät!“ „»Um Gottes Barmherzigkeit willen!« unterbrach ich ihn; — du ſiehſt, aller gehoffte Beiſtand von Kolumbo bleibt außen⸗ — Jeder verlorne Augenblick iſt unerſetzlich;— wenn du alſo Hülfe weißt— ſag' mir! entdecke mir! Laß uns keine Minute ſäumen! Sprich: auf was hat dein Kopf ſich beſonnen?“ „Es iſt zu ſpät!“ wiederholte er traurig.—„Ich hätt' es müſſen ausführen; und nun lieg' ich hier, ohne Kraft mich zu regen, und Keiner wird an meine Stelle treten!« »Aber dein Anſchlag! Willſt du unerbittlich ſein?« »Höre mich an!“ ſtohnte er mühſam.—„Die Anaconda iſt das gefräßigſte Thier in der Natur; unwiderſtehlich, wenn der Hunger ſie treibt; beſtegbar von eines ſchwachen Weibes Hand, wenn die Ueberladung der Unmäßigkeit ihren 8 äßlichen Mahlzeiten folgt, und dieſe Gelenkſamkeit üih in ei Erſtarren verwandelt.“ 32 „Lieber, theurer Alter!« rief ich, entzückt von dem Strahl der Hoffnung, der mir mit ſeinen Worten aufging.—„Iſt das gewiß⸗ Du meinſt alſo, wenn wir ſie ſatt zu machen wüßten... 2 4 „»„— und überſatt, Herr; ſo wäre dein Freund gerettet! Aber— da gilt es ein darangewagtes Leben; und das iſt kein Geſchäft für dieſe feigen Lohnknechte um uns her. Hall Wollten meine alten Glieder mich nur noch Eine Stunde tra⸗ gen, wie ſonſt— Läge nicht dieſe Felslaſt auf meiner athem⸗ loſen Bruſt, dann—!« „O, wenn ich dich erriethe!« jauchzte ich auf.—„Dann triebſt du dem Ungeheuer ſeine Beute entgegen— 2 .»Die ganze Heerde unſeres Meierhofes!« ſchrie er, und ſank erſchöpft von dieſer Anſtrengung hinter ſich zurück. Endlich ſetzt er leiſe und mühſam hinzu:„Er hätte Niemand beſſer ge⸗ bührt, dieſer Dienſt, als dem alten Diener. Herr, aber auch der Freund wird ja in der Noth erkannt!“— Seine Blicke wurden zu Flammen, indem er mir ſolcher Weiſe geſtand, auf wen er ſeine letzte einzige Hoffnung ſetzte. Sie brannten in mein Herz herüber und drückten das Siegel auf die Entſchließung, die ich bereits genommen hatte.—„Troͤſte dich!“« rief ich ihm zu—„Der Treiber, an dem du verzweifelſt, iſt ſchon gefun⸗ den. Hier Mannes Wort und Hand; ich ſelbſt gehe den Gang, den kein Anderer gehn will. Auf der Stelle geh' ich ihn!« Sahebs Augen füllten ſich mit Freudethränen.—„Ge⸗ lobet ſei meiner Väter Gott!« ſagte er ſanft—„Nun ſterb' ich zufrieden! Nun wird auch meinem Herrn endlich die Stunde der Erlöſung ſchlagen!« Nunmehr nahm ich mir bloß noch die Zeit, mein Vorha⸗ ben und die ſicherſte Ausführung deſſelben mit dem Alten zu überlegen. Die kleine Heerde mit ihrem Stier war ſeit geſtern, ¾ —— 33 auf die erſte Zeitung vor der feindſeligen Erſcheinung, durch den Sklaven, dem ihre Hut oblag, vom Weideplatze hinweg und in ihre weiter entfernten Ställe in Sicherheit gehracht wor⸗ den. Hier ſuchte ich ſie auf. Ich bot dem Hirten mline Baar⸗ ſchaft, wenn er mir beiſtände, ſein Vieh der Anaconda in's Geſicht zu treiben;— zitternd ſchob er mir mein Gold zurück. Ich verſprach ihm die Freiheit in ſeines Gebieters Namen; nur ſollte er mir helfen, die Heerde bis zu dem Rande des Gebü⸗ ſches zuſammen zu halten, das uns vom Hügel trennte;— er zauderte unſchlüſſig, und ſagte mir's endlich mit ſo bebender Stimme zu, daß ich wenig auf die Erfüllung baute. Indeß vernachläſſigte ich auch keine der Maßregeln, welche zu unſerer beiderſeitigen Sicherſtellung dienen konnten. Der Sklave mußte ſchnell ein paar Schilfdecken zuſammenflechten, jener ähnlich, unter welcher Saheb ſein Wagſtück beſtanden. Wir warfen ſie uns über, ergriffen Jeder einen Stecken, und ſetzten unſere Rinder gegen den Schlupfweg hin, den mich Sa⸗ heb gelehrt hatte, langſam in Bewegung. Der Hunger, den ſie ſeit einem vollen Tage erduldet, machte ſie folgſamer, als wir ſie außerdem wahrſcheinlich gefunden hätten. Sowie wir dem Hügel auf dieſe Weiſe uns näherten, ent⸗ fiel auch meinem Begleiter ſichtbarlich der Muth. Dieſen zu befeſtigen, macht' ich ihn aufmerkſam auf die Ruhe der Ana⸗ conda, die ſich von Zeit zu Zeit immer ſtiller in ihren Palmen⸗ wipfel zurückzog, bis man zuletzt an ihrer Gegenwart hätte zweifeln mögen.—„Ha! bas eben iſt's,« antwortete er mir— „was mir dieſen kalten Todesſchweiß auspreßt! Sie hat uns entdeckt, und jetzt lauſcht ſie, in ihrem Hinterhalte verborgen, bis ſie ihrer Beute unfehlbar gewiß zu ſein glaubt. Jetzt kei⸗ nen Fußbreit weiter! Das Leben iſt mir ſüß; ſollt; ich anch für ewig in Sklavenbanden ſchmachten.“ Aus allen Welttheilen. 3 3 34 Mit dem letzten Worte war er mir entſchlüpft und aus dem Geſichte verſchwunden. Ich ertrug ſeine Flucht jedoch ge⸗ laſſen, da ich wahrnahm, daß die Heerde dennoch meiner Stimme willig folgte, ohne daß ihr natürlicher Inſtinkt ſie vor der Nähe des Verderbens gewarnt hätte. Endlich war ich dicht am Fuß des Hügels angelangt. Die Thiere, welche jetzt meinen Stachelſtab nicht jeden Augen⸗ blick mehr zwiſchen den Rippen fühlten, überließen ſich nunmehr ihrem Heißhunger und zerſtreuten ſich ſorglos am Abhang hin. Der Zufall, als gedächte er mit meinen Wünſchen in Bund zu treten, leitete den Stier, der übrigen Heerde voran, gerade den Hügel hinauf. Dort trat er unter die Palmengruppe, wo nichts die tiefe Stille unterbrach, als das Rauſchen der umhergeſtreu⸗ ten Zweige, welche er mit ſeinen eigenen Füßen hinwegkehrte. Doch urplötzlich erhub ſich ein ſchmetterndes Geraſſel in⸗ den Palmen droben; und, wie ein Wetterſtrahl herabfährt, warf ſich die Anaconda im geſchnellten Bogenſprung mit ihrem gan⸗ zen Körper auf das auserſehene Opfer nieder. Eh das ſtarke und muthige Thier ſeine Gefahr noch inne geworden, fühlt' es ſich bereits von dem entſetzlichen Rachen am Vorderbug mit tief eingeſchlagenem Zahn gehalten. Brüllend zwar ſtrengte ſich's an zur Flucht und ſchleppte ſeinen Feind verſchiedene Schritte hinter ſich her; aber ſogleich auch ſchnürte die Beſtie ſich in drei oder vier weiten Ringen um ihre Beute herum, und zog dieſe Schlingen ſo eng zuſammen, daß das verſtrickte Thier, wie an den Boden feſtgewurzelt, in Todesängſten daſtand. Der aufgeſchreckten Heerde aber war der Tumult dieſes Ueberfalls das Signal zur ſchleunigſten Zerſtreuung und Flucht von dieſem todtbringenden Platze geweſen. Ich hielt ſie nicht; denn meine Abſicht war nach Wunſch erreicht, mein Werk gethan, und ich ſelbſt konnte nunmehr be⸗ 8 8 35⁵ ruhigt heimkehren. Mehr noch, als meine eigene Sicherheit, würden mich die wahrſcheinlichen Martern des dargebrachten Opfers dazu bewogen haben, wenn nicht der ſtärkere Drang, unſeren Feind von immer neuen Seiten kennen zu lernen, mich noch in der Nähe des Kampfplatzes zurückgehalten hätte. In⸗ dem ich alſo meine Blicke auf's Neue dorthin warf, ſah ich mit Grauſen, wie die Anaconda gemächlich den Zahn aus jener erſten Wunde zog; wie ſie ſich immer weiter nach dem Haupt des auf ſeine Kniee niedergeſtuͤrzten Stieres hinaufringelte; wie ſie nun ihren weiten Rachen bis zum Schlunde aufſperrte, den ganzen Kopf des Thieres darin begrub, und daſſelbe auf dieſe eben ſo ſeltſame als gräßliche Weiſe zu erſticken verſuchte. Zer⸗ fleiſcht, erdrückt, entathmet, warf ſich die Kreatur in wüthenden Convulſionen fruchtlos am Boden umher, und, wie aus einem Abgrund hervor, erſcholl aus dem Rachen der Schlange ein dumpfes Gebrüll und Stöhnen ſo herzdurchſchneidend, daß ich faſt bereuete, meiner Neugierde bis hieher Raum gegeben zu haben. Gleichwohl war der entſetzliche Kampf noch nicht geendigt. Dem edlen Thiere fehlt' es keinesweges an Muth, ſich zu ret⸗ ten, und eben ſo wenig war auch ſeine Stärke, wie ungleich ſie übrigens der der Schlange ſein mochte, gänzlich gebrochen. Noch immer erhob es ſich in einzelnen Momenten, ſchüttelte ſich, ſtampfte den Boden und überwarf ſich, um ſeiner Schlingen entledigt zu werden. Doch eben ſo oft auch zog die Anaconda ihre Ringelknoten dichter zuſammen; ſchnürte jedes losgerungene Gliedmaaß um ſo viel ſorgfältiger ein; hing ſich noch laſtender mit dem vollen Gewicht ihrer Maſſe an den ermattenden Ro 1b, und hatte endlich, nach den Anſtrengungen einer geraumen Vie telſtunde, es erreicht, denſelben ohne Regung und Leben ſich hingeſtreckt zu ſehen. 8 Nun erwartete ich, ſogleich auch der Zeuge ihrer ekelhaften Mahlzeit zu werden, an deren Unmäßigkeit, nach Sahebs Ver⸗ ſicherung, all' unſere Hoffnungen hingen. Allein noch kannt' ich die Lebensweiſe dieſes Thieres zu wenig, welches ſeinen Raub nie zerſtückt, ſondern ihn in einem einzigen ungeheuern Biſſen zu verſchlingen gewohnt iſt. Allerdings aber war der getödtete Stier von einem zu beträchtlichen Umfang, um ſeinem Sieger ohne weitere Vorbereitung durch den Schlund zu gehen, wie ungeheuer dieſer immer ſein mochte. Zu dieſer Vorberei⸗ tung ſchritt denn die Anaconda auch auf der Stelle; und wie wunderſeltſam ſie in ihrer Art auch ſein mochte, ſo erklärte ſie mir's doch zugleich, warum die Natur dieß Geſchöpf an den Stamm irgend eines Baumes gleichſam feſtgezaubert zu haben ſcheint. Dieſe Schlange ergriff nämlich den erwürgten Stier mit den Zähnen auf's Neue im Nacken und ſchleppte ihn die weni⸗ gen Schritte an den Fuß der Kokospalme. Hier verſuchte ſie's, ihn in aufrechter Stellung gegen den Baumſtamm zu lehnen. Sobald ihr dieß gelungen war, flocht ſie ſich in einem dichten Schraubengange ſowohl um den Baum, als um den erſtarrten Raub her, indem ſie ſich ruckweiſe immer enger und immer feſter zuſammenzog. Es hatte den Erfolg, daß Rippe bei Rippe, und Knochen nach Knochen, mit lautem Krachen brach, bis das ganze Thier, wie gerädert und zu einer formloſen Fleiſchmaſſe zerſplittert, vor ihr am Boden lag. Nur der Hirnſchädel ſchien ihren Bemühungen zu widerſtehen, und ich verließ ſie über dieſer Beſchäftigung, die ſich weit in die Länge zog, weil mein Herz und meine Sorgen mich zu der unglücklichen Eliſa heim⸗ riefen. Denn nun endlich konnt' ich vor ihr erſcheinen, ohne ihren fragenden Blick und die geſtammelten Töne ihrer Angſt bloß mit Seufzen zu beantworten. Nur noch um einige bange 37 Augenblicke galt es ja, ſo war, wie ich hoffte, dieſer ſchwärzeſte Traum unſeres Lebens vorübergeſchwunden. Schon an der Schwelle des Hauſes ſchleppte ſich mir Saheb mühſam und keuchend entgegen. Seine Augen funkelten vor Entzücken, denn er hatte bereits von dem zurückgewichenen Hirten vernommen, daß, nach dem fernher ſchallenden Angſt⸗ gebrüll zu urtheilen, mein Vorhaben geglückt ſein müſſe. Jetzt wollte der redliche Alte von mir ſelbſt die einzelnen Umſtände wiſſen, und hatte ſie kaum erfahren, als er in überſtrömender Dankbarkeit des Herzens zu meinen Füßen ſank, mich ſeinen Engel und Wohlthäter nannte, und ſeinen Herrn nunmehr für gerettet erklärte.„O, erhalt' ihm Gott die Kraft, nur dieſe wenigen Stunden noch zu dulden!« rief er mit hervorbrechenden Thränen.—„Daß ich mich doch nur ſo recht lauter zu un⸗ ſerem Glücke freuen könnte! Allein ein heimlicher Wurm nagt mir am Herzen, wenn ich deß gedenke, was er ſchon gelitten hat, und noch leidet— wie es ihm ſo lange ſchon an jedem Nahrungsmittel gebricht— wie er vor bitterem Durſt ver⸗ ſchmachtet!— Und hier indeß jammert und verzehrt ſich die edle Frau— O, mir ahnet's nur zu gewiß, dieß Haus wird nimmer, nimmer wieder ſeine ſtille Ruhe finden!« »Weg mit dieſer ſchwarzen Sorge!« unterbrach ich ihn, innig bewegt.—„Du ſelbſt, du Armer! biſt ja ſchon als Opfer für den Frieden dieſes edlen Hauſes gefallen! Großmüthig haſt du das unglückliche Verhängniß auf dein Haupt genommen. Ihr gerettetes Leben— unſer Aller vereinte Dankbarkeit wird dir's zu vergelten ſuchen.« „O, es iſt nicht darum!« ſeufzte er; trocknete die Augen, und bemühte ſich, dieſem Geſpräche auszuweichen, indem er mir verkündigte, zwar die begehrte Hülfe noch immer nicht, aber doch der Arzt ſei von Kolumbo angelangt. Ohne an ſeinen 38 eigenen hülfbedürftigen Zuſtand zu denken, hatte Saheb nur geeilt, den Ankömmling zu ſeiner Gebieterin zu treiben. Er ſei jetzt— ſagte er mir— an Eliſa's Bette geſchäftigt. Ich eilte ihm dahin nach. Der Drang der Umſtände hatte mich drei volle Stunden von ihr entfernt gehalten. Sa⸗ heb, welcher ſich eben ſo wenig ihren Blicken darſtellen durfte, wenn der bloße ſtumme Anblick ſeiner zerſchlagenen Schmerzens⸗ geſtalt ihr banges Entſetzen nicht noch höher ſteigern ſollte, hatte mir nicht verhehlen können, daß ihre lauten und durchdringenden Jammerklagen unaufhörlich von meinem Namen und unter⸗ miſchten Vorwürfen begleitet geweſen. Ich erwartete, ſie noch in jener gewaltſamen Anſpannung zu finden, worin ich ſie ver⸗ laſſen. Damals ſchien mir der nahe Ausbruch eines heftigen Fiebers unvermeidlich; doch die Natur dieſes zart organiſirten Weſens ließ es nicht bis zu dieſer zerſtörenden Kriſe kommen. Ihre Kräfte waren ſchon früher zuſammengebrochen, und nun lag ſie, zwar ihrer ſich voll bewußt, aber in ſtilles Hinbrüten verſenkt, wobei, wenn die Lebenskraft nicht ſchnell und wirkſam gereizt zu werden vermochie der Arzt bedenklich den Kopf ſchuͤttelte. 8 Vorſichtig und leiſe naßte ich mich ihrem Lager. Kaum erkannte mich ihr mattes Auge, ſo ſtreckte ſie mir die Hand mühſam entgegen und flüſterte kaum vernehmlich:„Täuſchen Sie mich nicht länger, Freund! Sagen Sie's frei heraus, daß er dahin iſt!— Ich fühle mich ſo zerſchlagen vom Schickſal, daß ich jeden Widerſtand verlernt habe. Von jetzt an kann mein Herz auch das Schrecklichſte tragen.“. Aber unzugänglich für die Freude iſt es doch nicht geworden? 2 fragt' ich, um ſie auf meine Hoffnungen vorzu⸗ bereiten. Ihre Augen belebten ſich auf wenige Sckunden. Aber 0 39 bald erloſch dieß ſanfte Feuer wieder und ſie ſeufzte:„Freude!? Schall ohne Bedeutung! Wort ohne Sinn fuͤr mich! Woher noch Freude nehmen, wenn ich ihn mir denke— ringend mit den ermattenden Kräften des Lebens— Immer höher, immer unerſteiglicher die Mauer, die ihn ſcheidet von allen Lebendigen — Jetzt, und jetzt, und jetzt das Ungeheuer giftig nach ſeinem Herzen zielend!— Er ächzt nach Hülfe und ſein Rufen erſtirbt auf der Lippe; denn keine freundliche Luft nimmt den Schall auf, und trägt ihn mitleidig zu unſeren Ohren!“« »Doch, doch!«“ unterbrach ich ſie—»DieſerHoffnung hätten Sie gleichwohl zu vorſchnell aufgegeben!“« »Ach, täuſchen Sie ſich auch ſelbſt nicht!« war ihre Ant⸗ wort—„Jener Hügel zeigt Ihnen ſein Grab— ſein leben⸗ diges Grab! Und aus dem Grabe dringen keine Stimmen in's Leben hinüber 1 Dieſe Hartnäkigkeit des Zweifels verrieth mir nur um ſo deutlicher den ſtillen Wunſch, ihn widerlegt zu ſehn. Ich durft' es demnach wagen, ihr wenigſtens halbe Entdeckungen zu machen; denn den Anblick und Inhalt jenes Blattes würde ſie freilich nicht ertragen haben.„Sie irren!« entgegnete ich alſo ihren Klagen.—„Dem treuem Saheb danken wir's, daß auch die Gräber nicht ſtumm ſind, und daß ſie, ſo Gott will, zu unſerer Freude ſich öffnen werden. Ihm ſelbſt hätt' es gebührt, der Bote ſeiner frohen Hoffnungen an Sie zu ſein; doch eine leichte Verletzung bringt ihn für jetzt um dieſen Lohn, der ihm der ſüßeſte wäre.— Ja, theure Freundin— dießmal darf ich Ihren fragenden Blicken Rede ſtehen; darf Ihnen verkün⸗ digen, daß unſer Klipphof lebt, daß er uns ſich nahe weiß, daß wir ſeine eigenſten Worte vernommen haben.— Wie? wann? woher?— das fragen Sie jetzt nicht! Wir ſtehen hart am Augenblick der Entſcheidung; Alles iſt vorbereitet zum 40 gewiſſen Siege; ſeines Kerkers Pforten werden aufſpringen!— O, machen Sie ſich ſtark, theure Freundin! Hoffen Sie das Kühnſte!— Ja, noch heute führ' ich ihn an dieß Herz zurück!« K. Ich erſchrak über mich ſelbſt, als im Taumel des eigenen Entzückens dieſe Worte über meine Lippen geflohen waren. Doch beruhigte mich's ſchnell, da ich ſah, daß ſich ihr langer ſtarrer Blick, der mir ſo ſchrecklich wurde, in zwei große Thrä⸗ nen auflöste, die an der bleichen Wange niederrollten.„Ja!« ſagte ſie alglich—„Ich will ein Kind ſein, und auch jetzt noch hoffen! Aber vergeb' es euch Gott, wenn ihr meine blu⸗ tende Herzwunde nur darum verbindet, um ſie grauſamer wie⸗ der aufzureißen! Gerne— g gerne hätt' ich ſie ſtill ſo ver⸗ bluten laſſen!« Hier trat der Arzt dazwiſchen, um auf Ruhe für die Kranke zu dringen. Ich gab ihm einen Wink, indem ich mich fortſtahl, und er folgte mir zu Saheb, deſſen Quetſchungen mir einen verſtändigen Beiſtand höchſt nothwendig zu erfordern ſchie⸗: nen. Er war gerührt über meine Fürſorge, die er gleichwohl überflüſſig nannte. Auch überließ er ſich nicht eher der ärzt⸗ lichen Behandlung, als bis wir ihn wiederholt verſichert hatten, daß Eliſens Zuſtand nichts Beunruhigendes mehr zeige. Zu⸗ gleich aber beſchwor er mich, nunmehr die Anaconda nicht aus den Augen zu laſſen. Einige Hausgenoſſen— ſetzte er hinzu — hätten vorhin ihren Rückzug auf die Palme beobachtet. Wahrſcheinlich werde ſie in Kurzem niederſteigen, ihren Raub zu verzehren. Der Augenblick, wo dieß geſchehen, ſei der ein⸗ zige ſichere zum Angriff auf das träg' und unbehülflich gewor⸗ dene Thier, und müſſe nicht verſäumt werden. Er an ſeinem Theile habe, während ich in Eliſa's Zimmer geweſen, bereits die ganze Dienerſchaft durch ſeine Vorſtellungen nicht bloß 2 41 willig gemacht, dieſen gefahrloſen Kampf unter meiner Anfüh⸗ rung zu wagen, ſondern auch eben ſo lüſtern nach dem Fleiſch der Schlange, welches, in ſeinem eigenen Fette ebraten, unter ſeinen Landsleuten für einen köſtlichen Lecker ſiſſen gelte. Durch dieſe Nachweiſungen fand ich mich bewogen, zuvör⸗ derſt die angerühmte muthige Stimmung der Dienerſchaft, die mir von heute Nacht her nicht ohne Grund verdächtig ſchien, ſelbſt zu unterſuchen. Ihr Selbſtvertrauen war aber in der That durch die neueſten Vorfälle ſo ſehr gewachſen, und die Gewißheit von der baldigen Wehrloſigkeit der Beſtie hei ihnen ſo entſchieden, daß ſelbſt Weiber und Kinder, mit Art und Beilen bewaffnet, ſich unbedenklich ihnen zugeſellt hatten, um an dem erwarteten Schmauſe Antheil zu nehmen. Ich ver⸗ theilte den Reſt unſerer Munttioft unter die Männer, und gebot ihnen, meines Zeichens zum Angriff gewärtig zu bleiben. Es war hohet Mittag. Die Sonne zog ſenkrecht mit verzehrender Gluth über unſeren Häuptern hinweg. Ihrer ſchwülen Hitze ſchrieb ich's zu, daß, als ich unfern dem Fuße des Hügels mich nach der Anaconda und ihrem Raube umſah, mir an der Stelle des letztern nur ein ſcheußlicher rother Ka⸗ daver in die Augen fiel— geſtaltlos, unkenntlich, und mit einem gelben Geifer ekelhaft überzogen. Das Raubthier war bereits wieder am Boden und damit beſchäftigt, ſeinen Mund⸗ biſſen auf die eben angedeutete Weiſe zum leichtern Verſchlingen zu bereiten. Jetzt... An mir ſelbſt fühl' ich's, wie hart hier meine Erzählung an das Empörende ſtreift; aber möge das Widerliche hinter dem Ungeheuren verſchwinden!— Jetzt alſo ringelte die Anaconda ſich in weiten Reifen empor— öffnete den weit klaffenden Schlund— ſchaufelte mit dem unteren Kinnbacken den lang ausgeſtreckten Fleiſchklumpen gemachſam von Boden auf, und ſchlürfte ihn Zoll für Zoll mit angeſtr 42² Würgen in das bodenloſe Grab ihres Magens hinunter. Eine volle Stunde verging, ehe ſie die mühſame Mahlzeit vollendete; dann, mit aufgeſchwollenem Bauche, dehnte ſie ſich langſam und unbehulflich in's hohe Gras zur trägen Verdauung aus. Jede Spur ihrer vorigen Lebhaftigkeit und Beweglichkeit war ver⸗ ſchwunden! Jedem verächtlichen Feinde hatte ihre Unmäßigkeit ſie nunmehr wehrlos ausgeliefert! Sollt' ich noch einen Augenblick ſäumen, das lange, ſchmerz⸗ liche Trauerſpiel zu enden?— Ich feuerte meine Büchſe aus einer geringen Ferne gegen das Unthier ab. Dießmal ſchlug die Kugel hart unterm Auge ein. Es fühlte ſich verwundet; es ſchwoll auf vom Gift des Zornes, und jeder Farbenſtreif der ſcheckigten Haut gewann eine höhere Gluth: doch ſich zu erheben, gegen mich zur Vernichtung heranzuſtürzen— ja, auch nur zur ſchimpflichen Flucht ſich in ſeinen verborgenen Hinter⸗ halt auf die Palme zu ſchwingen: dazu war ihm jede Faſer erſchlafft, und ſcheu und mattherzig plumpt' es in ſich ſelbſt zurück. Mein Schuß war zugleich für die wartende Menge das verabredete Zeichen zur Annäherung geweſen. Alles ſtürzte her⸗ bei. Unter Geſchrei und Jubel erlag jetzt der Feind den tau⸗ ſend zugleich auf ihn geführten Streichen. Ich ſelbſt wartete ſeine gänzliche Niederlage nicht ab, ſondern ſchlug mit froher Haſt an die Thür des feſt verriegelten Pavillons.„Klipp⸗ hoff! Mein Freund!« rief ich laut—„da ſind wir! Wir bringen dir Freiheit und Leben!“ Zwei und drei und mehr bange Athemzüge lang horchte ich der Antwort entgegen. Ich horchte umſonſt! Das Sum⸗ men einer Mücke drinnen würde ich vielleicht nicht überhört haben: allein auf den erſten einzigen Laut, der mir all' meine Beſtrebungen allein vergelten ſollte, lauſcht' ich vergebens! Sollt' ich die Thür mit Gewalt erbrechen, und ihn, der vielleicht ſchlummerte, tödtlich erſchrecken durch meinen unbeſon⸗ nenen Eifer?— Ich verwarf dieſen Gedanken, der nur mei⸗ ner Ungeduld ſchmeichelte. Dagegen erneuerte ſich, gradweiſe verſtärkt, mein Pochen mit meinem Rufen:„Höre mich, du Guter! Die Gefahr iſt verſchwunden; das Unthier liegt ent⸗ ſeelt zu unſern Füßen. Ermanne dich zur Freude! Laß deine Arme offen ſein für die Freundesbruſt. O, wie verlangt mich's, an deinem Herzen zu liegen!« — Und noch hielt das tödtliche, das unnennbar ſchreck⸗ liche Schweigen an! Tauſend Dolche der ſchwärzeſten Ahnung drangen zugleich in meine erſchrockene Seele.— Kam ich zu ſpät? Hatt' er's nicht vermocht, der Unglückſelige, das hoff⸗ nungsloſe Leid zu überdulden?— Gott im Himmel! lag er vielleicht in dieſem nämlichen Augenblick drinnen— ausgeſtreckt am Boden— krampfigt angeſpannt— ohne Rede— ringend den bittern Todeskampf:— Und nicht einmal ſein ſinkendes Haupt ſollt' ich ſtützen, und das brechende Auge ihm ſanfter zudrücken?— Der bloße Gedanke war hinlänglich, mich um meine Beſinnung zu bringen! Ich rief um Hülfe; ich achtete es nicht länger, ob ich zu ſtürmiſch einbräche. Eine Art er⸗ griff ich aus den Händen des mir zunächſt ſtehenden Sklaven, und ſplitternd flog unter meinen und meiner herzuſtrömenden Helfer vereinten Streichen die Thür in Stücken. Mit dem letzten Spahn, der mir noch im Wege ſtand, drang ich zugleich, der Erſte, in den ſchwülen Kerker, und meine Augen taſteten durch das dämmernde Halbdunkel umher nach ihm, den meine Seele ſuchte.— O Gott! ich fand ihn! — fand ihn mit bleichem, hohlem Antlitz, die Augen geſchloſ⸗ ſen, alle Züge ſeines biedern Geſichts gewaltſam entſtellt! Auf ſeinen Armſeſſel ausgeſtreckt, ſchien er erſt jetzt bei unſerm Ein⸗ 4 wingen aus einer langen Betäubung zu erwachen. Er mich; ſeine Hände verſuchten, ſich mir entgegen zu ſtrecken: allein ſchon auf der Hälfte des Weges ſanken ſie ermattet nie⸗ der.— Ich ſtürzte an ſeinen Sitz; ich ſchloß ihn an meinen Buſen mit ängſtlicher Freude.„Du biſt gereltet’ rie zu; ſchluchzend von erſtickten Thränen. 8 »Ja, das iſt Freundesthat!« ächzte er ſchwach: mit aus⸗ gedörrtem Gaumen, kaum hörbar.—„Und Eliſa?« ſetzt er mit Anſtrengung hinzu. Seine ganze Seele war bei der ängſt⸗ lichen Frage. »Eliſa lebt! Eliſa erwättet dich!« war meine Antwort. —„Schüttle ab den ſchweren Traum, du Theurer! Ein neues, glückliches Daſein ſoll uns jetzt beginnen.« 1 3»Mir nicht!« ſeufzt' er leiſe.—„Hier bleibt meines Lee bens Kraft zurück! Meine Minuten ünd gezählt.— Führe mich zu ihr!« Ihn aus dem dumpfen, erſtickend heißen Zimmer in die creie, reine und erfriſchende Luft hinaus zu bringen, war ſchon beim erſten Wahrnehmen ſeiner Schwäche mein Vorſatz gewe⸗ ſen. Auf meinen Wink ergriffen ſogleich vier oder ſechs Die⸗ ner ſeinen Seſſel, ihn unter die Palmen zu tragen; doch ſo, daß ſie ihm den Anblick des erlegten Ungeheuers erſparten. E ſchien ihn augenſcheinlich zu erquicken; allein eben ſo ſichtbar heiſchte ſeine erſchöpfte Natur dringend das Labſal einiger Nah⸗ rung, und ich eilte darum, ihn auf gleiche Weiſe in's Land⸗ haus hinab zu ſchaffen, wo für dieſe Bedürfniſſe mit dem min⸗ deſten Zeitverluſt geſorgt werden, und wo ich auf den zwirkſa men Beiſtand des Arztes rechnen konnte. letztern hatte der treue Saheb, borgſamet, als ich 5 ſelbſt, 4 its vor unſrer Ankunft aufgefordert, zum Empfang und zur r Gtäuärng ſeines Herrn das Dienliche zu veran 45 ten. Wir fanden das Bette unſers Kranken aufgeſchlagen; eine ſtärkende Eſſenz ward ihm tropfenweiſe eingeflößt, und dieſe, nebſt wenigen Löffeln voll einer ſchnell bereiteten Kraftbrühe, hemmten endlich die Anwandlungen von Ohnmacht, die ihn auf dem Wege wiederholt befallen hatten.„Jetzt die letzte Wohl⸗ that!« erneuerte er ſeinen Wunſch.—„Bringt mich zu Eliſa!« — und es wäre grauſam geweſen, dieß Wiederſehen zu hin⸗ dern, wenn gleich der Arzt mir ſeine Beſorgniſſe wegen der Folgen zuflüſterte, die es mehr noch auf ſeine, als auf ihre Geneſung äußern möchte. Ich eilte voraus, Eliſen, wo möglich, Faſſung und Ruhe für dieſen Augenblick zu geben.—„O, endlich einmal gebt mir Entſcheidung!“— rief ſie mir traurig entgegen.—„Län⸗ ger ertrag' ich es nicht, dieß bange Schweben zwiſchen Leben und Tod! Warum ſcheut Ihr Euch, dieß Herz zu brechen, das dennoch nimmer wieder heilt!“ 1 »Iſt mein Auge denn ſo ſehr ein Lügner,“ ſiel ich ihr ein—„daß Sie ſein Freudefunkeln nicht zu deuten vermögen?« „O Gott— jetzt alſo werd' ich es hören!— Iſt ese.. Wär' es möglich? Er lebt? Er iſt entronnen?— Wo— o, wo iſt er?k..* »Eliſa war ſeine erſte Frage— und drei Zimmer weit von hier wartet er, und beſchwört dieß klopfende Herz, in lang⸗ ſamern Pulſen zu ſchlagen. Er iſt erſchöpft; wir müſſen jetzt ſtark ſein, ihn zu ſchonen. Sein Leben iſt außer Gefahr; allein die Unmäßigkeit unſrer Freude könnt' ihn noch in unſern Ar⸗ men tödten.“ »Ja, Sie haben Recht!« war ihre Antwort.—„Ich ſpreche Alles. Was verſpräche ich nicht, mir auch nur Hoffnung dieſes Augenblicks zu erkaufen!— Und es wahr? iſt wirklich?— Ja, ich höre kommen. Iſt er’s? — Er iſt's!— O ruhig, mein Herz, ungeſtümer Pocher!« Mehr auf unſern Armen, als von ſeinen ohnmächtigen Füßen getragen, ſchwankte Klipphoff wirklich dem Lager ſeines Weibes entgegen. Die ſchwache Röthe ihrer Wangen trat plötz⸗ lich zurück, da ſie die abgezehrte Jammergeſtalt erblickte. Das Entzücken der Freude verſchwand; ein unendlicher Schmerz er⸗ füllte ihre Seele. Schweigend ſuchten und begegneten ſich Bei⸗ der Augen; ſchweigend ſchloſſen ſich Beider Hände in einander. —„O Eliſa, ſo ſehen wir uns wieder!“—„O Gott! o Schickſal— ſo ſehen wir uns wieder!“ war Alles, was ſich aus dem gepreßten Buſen der Unglücklichen, die ſich wechſel⸗ ſeitig ſchonen wollten, loszuringen vermochte. „Nein, wir wollen nicht hadern mit dem Himmel!“ ſetzte mein Freund gefaßter hinzu.—„»Als Nacht und Entſetzen des Grabes mich umfiengen, hatte mein Herz kein andres Gebet, als die Gewährung dieſer Stunde, ehe mich's auf immer hinabzöge. Ich bin ja erhört— überſchwenglich erhört! Denn ich flehte nur um einen letzten Druck von dieſen treuen Hän⸗ den: und ich ſoll ſo ſelig werden, von d ihnen umfaßt und ge⸗ halten, ſanfter zu ſterben.“ „O du Theurer!« ſagte Eliſa mit perlenden Thränen— „wie namenlos haſt du gelitten! Woher werd' ich Liebe ge⸗ nug nehmen, dich's vergeſſen zu laſſen? Fühl' ich mich doch ſchon zu arm, deinem Befreier zu danken, wie ich möchte!“ „Ihm lohnt ſein Herz und unſer Glück!“« kam mir Klipp⸗ hoff, den ſeelenvollen Blick auf mich geheftet, zuvor, eh' ich noch dieſe Wendung des Geſprächs von mir abwehren konnte. Ich ſchloß ihn an meine Bruſt.„Nein!“ rief ich—„nur das glückliche Werkzeug war ich zu deiner Erlöſung. Der frühere Wille zur That, das Verdienſt der Erfindung und der Lohn 47 der Selbſtaufopferung gebühren einem edlern Herzen.— Sa⸗ heb allein, der Diener ohne Gleichen, iſt dein Retter geweſen! Seine Erfahrung zeigte mir den einzigen Weg, deinen Feind zu verderben; er, mit Preißgebung ſeines Lebens, brachte mir, glücklicher als deine arme Pſyche, dein zweites Blatt, das uns Kunde deines Lebens und Zuſtandes gab; er. „Ja,« rief Klipphoff mit Bewunderung—„das ſieht, ſeinem Herzen ähnlich— allein wo iſt er, der Redliche? Schof lange ſucht ihn mein Auge—« Saheb hatte ſich in der That bis dieſen Augenblick die Wonne verſagt, ſeinem Herrn zu Füßen zu ſtürzen; nur, da⸗ mit ſeine zerknickte Schmerzensgeſtalt ihm die erſten ſeligen Momente des neu begonnenen Lebens nicht trüben ſollte. Es lag ein Edelmuth in dieſer Entſagung, welchen nur der voll zu würdigen verſtand, der, wie ich, es wußte, wie viel dieſe Verläugnung ſeinem Herzen koſtete. Leiſe deutete ich auf ſein Mißgeſchick und ſeine zarte Sorge hin, und nunmehr durft ich's wagen, den Diener vor ſeinen Herrn zu ſtellen;— doch nein! „den Freund dem Freundes“ ſollt' ich lieber ſagen, denn nie haben zwei Herzen an einander geklopft, die ſich inniger ver⸗ ſtanden. Solcher Weiſe ſtimmte denn Alles zuſammen, dieſen Tag zu einem Feſte der ſtillen Wehmuth für uns vier vereinigte Menſchen zu machen. Der Schmerz hielt die Freude nieder, daß ſie die Flügel nicht zu ungeſtüm hob; die Freude aber er⸗ hielt einen gefühlteren Werth durch den ſcheuen Hinblick auf den Schmerz, womit wir ſie erkaufen mußten.— Doch gar bald verdrängte die Trauer das Entzücken, da wir allmählig immer deutlicher wahrnahmen, wie die Leiden unſers Freundes das Leben deſſelben tief in ſeine innerſten Wurzeln erſchüttert hatten; wie täglich eine Kraft nach der andern von dieſem zer⸗ 48 mürbten Leben losließ; wie die zerknickte Blume ſich dem Grabe immer gebeugter entgegenneigte. Alle Sorgfalt des verſtändi⸗ gen Arztes ſprach ſeiner Kunſt Hohn, und nach wenig Tagen geſtand er mir mit Schmerz, daß dieſes erſchöpfte Daſein nicht mehr zu ſtützen ſei. Nicht die unbefriedigt gebliebenen Forde⸗ rungen der Natur— der nagende Hunger in ſeinem Einge⸗ weide und der brennende Durſt auf ſeinen Lippen; nicht die geiſtigen Kämpfe mit der Angſt und der Verzweiflung hatten ihn ſo rettungslos gefährdet, ſondern der verpeſtete Aushauch der Anakonda, zuſammengedrängt und verſtärkt in dem engen Raume des ſchwülen Gemachs,— der war es, welcher wie ein giftiger Mehlthau auf den Armen niederfiel, und verderbend bis in's innerſte Mark ſeines Lebens nagte! Ich ſchweige von Eliſa's Jammer, ſo wie von dem mei⸗ nigen; denn Worte ſprechen ihn nicht aus! Nur er ſelbſt, unſer Freund, ſah dem Augenblick, vor welchem wir alle zitter⸗ ten, mit der heiterſten Ruhe entgegen.„Glaubt mir,“ wieder⸗ holte er uns—„nicht der Tod war's, was ich in meiner grau⸗ ſen Haft am meiſten fürchtete. Soll er mir jetzt wohl furcht⸗ barer ſein, da ich ihn in Euern Armen erwarte?“ Die Anſtrengung, womit er geſprochen hatte, war für das geringe Maß ſeiner Kräfte zu gewaltſam geweſen. Sichtbar erſchöpften ſie ſich von dieſem Augenblick an, und gleichwohl ahnete ich's wenig, daß bereits der nächſte Morgen mich— zu ſeiner erſtarrten Leiche rufen würde. Saheb, der trotz ſei⸗ ner eigenen Schwäche ſich zu dem Amte drängte, der Kranken⸗ wärter ſeines Herrn zu ſein, während wir Andern endlich den dringenden Mahnungen der Natur an Schlaf und Ruhe auf wenige Stunden Raum gaben— der treue Saheb drückte ihm die Augen zu. Vor dem Bette des Todten winſelnd in den Staub geſtreckt, fand ich ihn, und nur mit Mühe war er zu 49 trennen von den geliebten Reſten.„O, laßt mich nimmer wie⸗ der aufſtehen!« heulte er—„hier liegt das Licht und der Troſt meiner alten Tage: hier will ich enden!« Was konnt'— was ſollt' ich dem Redlichen zum Troſte ſagen, des Troſtes ſelbſt ſo hart bedürftig? Dennoch galt es hier, männlich mit meinem Schmerze zu kämpfen; denn durch mich mußte Eliſa erfahren, was uns verloren gegangen. Ich vernahm bereits ihren Fußtritt; ich eilte ihr entgegen. Zwar ſprechen konnten meine Lippen nicht; allein mein ſcheuer Blick, das Beben meiner Glieder, die Geberde, womit ich ihre Hand ergriff— Alles redete nur zu deutlich das ſchreckliche Wort aus, zu welchem meine Zunge ſich mir verſagte. Hatt' ich im Geiſte vor den ſtürmiſchen Ausbrüchen ihres Jammers gezittert, ſo zitterte ich nun weit mehr noch vor der unbewegten Stille, womit ſie meine Zeitung empfing.„Ruhe ſanft! Bald ruhen wir beiſammen!“ ſeufzte ſie dumpf, und, mit Ernſt mich von ſich winkend, ſchwankte ſie langſam in ihr einſames Gemach zurück. Ohne Zeugen aber ſah ſie in der nächſten Mitternacht den Leichnam des Gatten zum letzten Male. Nur Saheb hatte ſie bis an die Schwelle des Sterbezimmers geführt; nur Saheb begleitete von dort wieder ihren Rückweg; allein keinen Laut vernahm er aus ihrem Munde, keine Thräne war ihrem bren⸗ nenden Aug' entfallen. Nicht mehr dem Leben angehörend, war es, als hätte die Todte den Todten heimgeſucht, und Abrede ge⸗ nommen wegen des ewigen Wiederſehens. Was nur ein gefühlloſes Herz die letzte Pflicht gegen die Verſtorbenen hat nennen können— die Beiſetzung der ir⸗ diſchen Reſte unſers Freundes— blieb mir, dem Beſonnenſten unter den Troſtloſen, zur Veranſtaltung überlaſſen. Zu ſeinem Grabe wählt' ich die Stelle, die er vor allen geliebt, wo er Aus allen Welttheilen. 4 4 50⁰ Unnennbares gelitten— und zu ſeinem Denkmal zugleich, den Pavillon auf dem Palmenhügel. Saheb ſchleppte ſich mit mir, und half mir den Sarg in die ſchnell bereitete Gruft verſenken. Stumm, aber unter ſtürzenden Thränengüſſen, gaben wir den Staub des Theuren der Erde zurück. Mit ſtillem Grame wandelte indeß Eliſa unter uns um⸗ her, ohne mehr Theil an irdiſcher Sorge zu nehmen. Sie klagte nicht, ſie hatte keine Zähre; allein jeder Tag führte ſie ſichtbarlich dem Grabe näher. Wenige Wochen nachher ſtarb auch ſie, und wir begruben ihre irdiſche Hülle an der Seite ihres Gatten unter den Pal⸗ men. Saheb blieb zurück als der Hüter ihrer Gräber, während ich, tiefe Trauer im Herzen, nach der Heimath zurückkehrte.— Scenen aus dem mericaniſchen Leben. — 8.o Wenn nirgend in Merxico die Sonne einen reicheren Pflan⸗ zenwuchs hervorlockt als im Thale von Jalapa, ſo macht ſich auch der Einfluß eines feuchten Dunſtkreiſes nirgend bemerk⸗ licher. Vom Gipfel des Cofre de Perote zieht ſich faſt beſtän⸗ dig ein dichter, grauer Dunſtſchleier hin, ſo weit das Auge reicht. Feiner Regen ſtäubt aus dieſer naſſen Wölbung herab, die Nebel wälzen ſich über die Häuſer hin, die Straßen ſind öde und Jalapa muß für die Herrlichkeit ſeines ewigen Früh⸗ lings während des größten Theils des Jahres grauſam büßen; aber wenn die Sonne dieſen Wolkenſihlrier durchbricht und den 51 Himmel auf's Neue ſein klares Blau mit dem Grün der Hügel vermählt, wird es auch alsbald wieder in eine Zauberſtadt ver⸗ wandelt, wie ſie der Wanderer in einer Luftſpiegelung am fer⸗ nen Horizonte aufſteigen ſieht. Seine ſteilen Straßen, die ihr freundliches Ausſehen wieder angenommen haben, bieten bei jedem Schritt einen ſtets neuen Reiz dar; bald verweilt das Auge auf den weißen und rothen Häuſern, die zwiſchen reichen Baumgruppen aufſteigen, bald auf den Bergen, welche die Stadt umgeben, auf den Felſen, die unter einem Laubgewinde ver⸗ ſchwinden, auf den tauſend Waſſerfällen, die dazwiſchen nieder⸗ ſtürzen, und den Pfaden, welche ſich zwiſchen den Stechäpfeln, dem Geisblatt und Jasmin hinſchlingen. Wenn der Abend kömmt, liegt die Landſchaft im Schatten, der ſie gleich einem durchſichtigen Schleier umhüllt und die Um⸗ riſſe ſanfter macht, ohne ſie zu verwiſchen. Selbſt die Nacht ſteht dem Tage nicht an Schönheit nach, und jetzt erſt beginnt die Stadt aufzuleben. In den niedrigen Häuſern der warmen Länder iſt das Erdgeſchoß bei Einbruch der Nacht ein Sammel⸗ platz für die Familie. Zu Jalapa, wie in mehreren anderen Städten Mexico's, kann der Vorübergehende des Abends das häusliche Leben der Einwohner in ſeiner ganzen Liebenswürdig⸗ keit beobachten. Jedes offene Fenſter ſendet einen Lichtſtrom und fröhliches Geräuſch in die ſtille, dunkle Straße hinaus. In den blauen Nächten dieſes milden Himmelsſtriches kann auch der Fremde ſo ſeinen Antheil an den allabendlichen Feſten neh⸗ men; er kann die Jalapeſias ohne Ziererei ihre ganze Anmuth entfalten ſehen, von dem Augenblick an, wo dieſe Feſte begin⸗ nen, bis zu jenem, wo die Blumen ihres Kopfſchmuckes welken, wenn die Harfe zu tönen aufhört, und die Fenſter ſich hinter den Gittern der Balkone verſchließen. Sei es, daß man Jalapa verlaſſe und ſich durch die eiſigen 4*½ 52 Nebel der kalten Zone nach Mexico wende, oder unter dem Druck einer immer erſtickenderen Hitze Vera⸗Cruz erreiche, ſo wird man ſtets nur mit Mühe ſich von dieſem Thale losreißen. Ich hatte meine Abreiſe von Tag zu Tag hinausgeſchoben, und nahe an zwei Wochen waren mir wie ein Traum dahingeflogen. ich auf allen meinen Ausflügen und feuerte den Lauf meines Pferdes an, das nie ſo luſtig trabte, als wenn er um ihn herkreiste, oder ſich an ſeine dampfende Mähne hing. Bald lagen die fruchtbaren Hügel von Jalapa hinter uns mit ihren Orangenhainen, den Bananen und Balſambäumen, und es dauerte nicht lange, bis wir über Lencero hinaus waren. Dieſen Namen hinterließ ein Soldat des Cortez einem kleinen Orte, wo er eine Schenke errichtete, und wo noch einige der durchſichtigen Bambushütten ſtehen, die man„Jacales“ nennt. Unfern von Lencero kamen wir durch die Schluchten von Cerro⸗ Gordo, und ein dumpfes Brauſen, ähnlich dem Anſchlagen des Meeres an die Felſen, verkündete uns die Nähe des Stromes Antigua. Sieben kühne Bogen, von einer Seite des Abgrun⸗ des zur anderen geſprengt, in deſſen Tiefe der Fluß ſich hin⸗ wälzt, abgetragene Berge, ausgefuͤllte Schlünde verkünden noch heutzutage an dieſem„Puente Nacional“ genannten Orte die Größe der ehemaligen Herren von Merie⸗ Vera⸗Cruz liegt nur 48 Kilometer von dem Puente Na⸗ cional entfernt, und ſeit unſerer Abreiſe von Jalapa war die . Hitze gradweiſe geſtiegen. Mein Pferd ſog mit Luſt den glü⸗ henden Wind ein, der über die Gräſer ſtrich und ihn an den 4 Gluthhauch der Wuſte mahnte. Zum erſten Male ſeit fünf 4 53 ⸗ Jahren badete er ſich wieder in Sonnenſtrahlen, ähnlich denen ſeiner fernen Guerencia, und er äußerte ſeine Freude durch wildes Gewieher; Love dagegen mit hängender Zunge, keuchen⸗ den Seiten, ſuchte vergeblich nach einigen Thautropfen in dem welken Raſen. Von dem langen Ritte erſchöpft, hielt ich einen Augenblick an. Ich dachte meinen Weg bald wieder fortzuſetzen und ſelben Abend noch nach Vera⸗Cruz zu gelangen, wo Ceci⸗ lio mich den folgenden Tag einholen ſollte, wenn ſein Pferd dem meinigen nicht nachkommen konnte; aber das Schickſal wollte es anders. Cecilio, der zurückgeblieben, ſtieß zu mir, als ich aufbrechen wollte. Schweiß floß über ſeine gerötheten Wangen nieder; ungewöhnliche Unruhe war auf ſeinem Geſichte zu leſen, das ſonſt ſo unbeweglich war. Er kam an mein Pferd heran. Ich wurde doppelt überraſcht; es war zum erſten Mal, daß Cecilio ſich ſolchen Mangel an Reſpekt gegen mich erlaubte, und dann war ſein Pferd ſo eilig, wie ich es zuvor nie ge⸗ ſehen. »Mein gnädiger Herr,“ ſagte Cecilio,„wenn die Kund⸗ ſchaft, die ich unterweges eingezogen, mich nicht täuſcht, ſo ſind wir in das Gebiet des gelben Fiebers eingetreten; ich bin ſehr beſorgt, ich geſtehe es, für ein Leben, an dem ich mit Vorliebe hänge, und wenn es Euer Gnaden erlauben will, ſo gehe ich nicht mehr weiter.« »In der That,« ſagte ich,„das gelbe Fieber beginnt in dieſen Länderſtrecken und ergreift beſonders ſtarke Perſonen von deiner Art; mir gilt es gleich, und überdieß kennſt du den Weg von hier nach Merico, möge das Pferd, das ich dir zum Lohn deiner treuen Dienſte ſchenke, dich glücklich hinbringen.“ Zum Unglück gab es zwiſchen Herrn und Diener eine Abrechnung wegen rückſtändigen Soldes, den das abgeplagte, ausgemuſterte Thier nicht gerade zu Cecilio's Vortheil abmachte; dieſer Letztere 24 54 gab mir dieß auf höfliche Weiſe zu verſtehen, und wollte baare Bezahlung. Ich mußte zu einem Hülſsmittel ſchreiten, das ich für unfehlbar hielt.. »Du weißt, warum ich Jalapa verlaſſen habe; da ich nun in dieſer Einſamkeit kein Handelshaus finden kann, das mir einen Wechſel auf Vera⸗ECruz ausbezahlte, ſo denke ich, mußt du bis dorthin dein Unglück in Geduld ertragen.“ Cecilio antwortete nicht, aber ſeine Haltung bewies mir, daß er ſich nicht für überwunden anſah, und wirklich kehrte er nach einer halben Stunde ungefähr, die wir ſchweigend zurück⸗ gelegt hatten, zu demſelben Gegenſtande zurüͤck. »Wenn Eure Herrlichkeit mich nach Europa mitnehmen wollte,“ begann er wieder,„ſo würde mir das Verlangen, ſo anziehende Länder zu beſuchen, mindeſtens die Ausſicht auf das gelbe Fieber erträglich machen. Wer nichts wagt, gelangt nicht über das Meer, wie das Sprichwort ſagt.“ Ich ſtellte Cecilio vor, daß eine ſolche Reiſe ſehr koſtſpie⸗ lig ſei, und man unter den Fremden, welche nach Merico kä⸗ men, ſehr wenige Millionäre zähle, während die meiſten mit leeren Händen zurückkehrten, wie ſie gekommen waren.—„Ja, wer in Merxico noch für etwas Rechtes gehalten wird,“ ſetzte ich hinzu,„gilt im Vaterlande nur ſehr wenig.“ Cecilio ver⸗ ſtand mich und beſchied ſich auf's Neue; wir ſetzten unſeren Weg wieder fort, während er mir auf den Ferſen folgte. Plötz⸗ lich ſtieß er einen Freudenruf aus. »Was gibt's?« fragte ich. 8 »Ich habe ein treffliches Auskunftsmittel gefunden.“ „»Nun, laß ſehen!“ „Ich ſchlage Euer Gnaden vor,“ fuhr er ernſthaft fort, „Euer gutes Pferd Storm gegen den Lohn auf's Spiel zu ſetzen, den Ihr mir ſchuldig ſeid. Bei der Unmöglichkeit, ihn „ 5⁵ mir hier auszubezahlen, und bei meinem feſten Entſchluſſe, nicht weiter mit Euch zu ziehen, kann Eure Herrlichkeit mir einen ſo vermittelnden Vorſchlag nicht verſagen. Wenn Eure Gnaden gewinnt, ſo will ich nichts weiter, und begnüge mich mit der Ehre, Euch umſonſt gedient zu haben; wenn Eure Herrlichkeit verliert, ſo wird Euch der Falbe bleiben und Gottes Gnade.“ Ich war anfangs auf dem Punkte, einen ſo ſeltſamen Vorſchlag zurückzuweiſen, aber bald ſchien mir der Einfall ſo über alles Maß hinauszugehen, daß ich ihn annahm. Wir ſtiegen ab, und nach dem mexicaniſchen Gebrauche reiste Cecilio niemals, ohne mit einem Spiel Karten verſehen zu ſein; Herr und Diener ſetzten ſich einander gegenüber an den Straßenrand in den Schatten einer Baumgruppe. Love legte ſich keuchend auf den Sand, während Storm in ſeiner Ungeduld mit ſeinem eiſenbeſchlagenen Hufe den Boden aufſcharrte. Beim Anblick dieſes edlen Thieres, das vielleicht mir bald nicht mehr ange⸗ hörte, bereute ich einen Augenblick meine Kühnheit, aber es war nicht mehr Zeit. Cecilio reichte mir die Karten. „Eure Herrlichkeit wird mir die Ehre erweiſen auszugeben,“ ſagte er, ſeine höfliche Ernſthaftigkeit verdoppelnd. Ich zögerte im Gedanken an meinen gewohnten Unſtern, und griff mit un⸗ ſicherer Hand nach den Karten. Um einen ſo ſeltſamen Auf⸗ tritt nicht zu verlängern, ſetzte ich das Spiel auf drei Alburs (Partien) feſt; fünf Minuten ſollten alſo die Frage entſcheiden. Ich gab zwei Karten. Cecilio wählte eine davon, ich nahm die andere; dann nachdem ich ein halb Dutzend umgeſchlagen hatte, gewann ich den erſten Albur. Cecilio rührte ſich nicht, ich aber hoffte, daß der Zufall einmal in meinem Leben minde⸗ ſtens ſich zu meinen Gunſten täuſchen würde, aber ich verlor das zweite Spiel. Es blieb nun noch das dritte, die entſchei⸗ dende Partie. Vertieft wie wir waren, hatten wir nicht bemerkt, 5 * 56 daß zwei Reiter ſich uns nahten. Ich meinestheils ſah ſie erſt im Augenblick, als ſie neben uns waren; dann hob ich beim Geräuſch ihrer Stimmen den Kopf, und ein einziger Blick ge⸗ nügte mir, um in einem der Ankömmlinge das vollkommene Gepräge des Jarochos zu erkennen*). Er trug die dieſer Klaſſe eigene Kleidung: einen Strohhut mit breiter Krämpe, hinten aufgeſchlagen, ein roth und gelb gewürfeltes Tuch darunter, das gleich einem Netz herabhing und Hals und Schultern gegen die Sonne ſchützte, ein feines Hemd von Leinwand, mit einer Bat⸗ tiſtkrauſe ohne Weſte darüber; Beinkleider von blauem Baum⸗ wollſammt, an den Knieen aufgeſchlitzt und bis auf das halbe Bein herabgehend. Unter einer Schärpe von ſcharlachrothem chineſiſchen Krepp, welche ſich um die Hüften ſchlang, hing ein Machete(gerader Säbel) mit hörnernem Griff, ohne Scheide, deſſen bloße ſcharfe Klinge in der Sonne glänzte. Die unbe⸗ ſchuhten Füße ſetzten nur die Zehenſpitze auf den hölzernen Steigbügel. Den Kopf nachläſſig auf eine Achſel zugeneigt, hielt ſich der Jarocho auf ſeinem Pferde in der Stellung, welche ſeiner Kaſte eigenthümlich iſt, deren ungezwungene Haltung und ritterliches Weſen er hatte. Seine Hautfarbe hielt die Mitte zwiſchen der des Negers und des Indianers; ſein dichter Bart aber verrieth die morgenländiſche Abkunft ſeiner Raſſe. Es war ſchwerer, den Stand des anderen Reiters auszumitteln, der eine Zizjacke, weiße Beinkleider, Saffianſtiefel und einen großen Reisſtrohhut von Jipjapa trug*). Sein ziemlich bärtiges Ge⸗ ſicht konnte ebenſowohl einem Handelsmann als einem Roßtäuſcher, *) Jarochos nennt man die Dorfbewohner des Ufers und der Um⸗ gegend von Vera⸗Cruz. **) Dieſe Hüte, welche ihren Namen von dem Orte annehmen, wo ſie verfertigt werden, koſten oft 240— 320 Fr. 8 oder gar einem Straßenräuber angehören, und das Prachtpferd, das er ritt, dieſe dreifache Vorausſetzung nur beſtätigen. Zwei Spieler, an welchem Orte ſie auch ſein mögen, ſind ſtets ein angenehmer Anblick für die Mericaner jeglichen Stan⸗ des, und zu meinem großen Mißvergnügen machten die beiden Reiter Miene, bei uns anzuhalten. Ich blieb unbeweglich, meine Karten in der Hand, und etwas beſchämt bei einer Be⸗ ſchäftigung getroffen zu werden, die meinen Gewohnheiten ſo fremd iſt. Indeß da der Einſatz nicht ſichtbar war, ſchmeichelte ich mir, den Anſchein unſchuldigen Zeitvertreibes beizubehalten, aber ich hatte es in Beziehung auf menſchliche Schwäche mit erfahrenen Richtern zu thun. „Spielt Ihr vielleicht um dieſen ſchönen Goldbraunen,“« fragte mich grüßend der Reiter in der Zizjacke, indem er ſeinen Gruß mit einem durchdringenden Blicke begleitete. »Allerdings,“ antwortete ich. »In dieſem Falle ſpielt Ihr um etwas Großes, Herr,“ verſetzte der Cavalier,„und wenn, wie ich glaube, das Pferd Euch gehört, ſo wünſch' ich Euch gut Glück; aber wäre es un⸗ beſcheiden, Eurem Spiel anzuwohnen?«. »Ich ziehe vor, es zu beendigen, wie ich es begonnen habe denn ich habe ſtets bemerkt, daß ich mit mehr Glück ſpiele, wenn keine Zeugen anweſend ſind.“ Der Reiter fand meine Bedenklichkeiten als Spieler zu gegründet, um ſich nicht meinen Wünſchen zu fügen, und ſich an ſeinen Gefährten wendend, ſagte er:„Ueberdieß drängt uns die Zeit; wir müſſen hier uns trennen; zählt darauf, daß wenn ich Zeit habe, ich Euch Mor⸗ gen beim Fandango von Manantial treffen werde, obgleich, wenn nicht einige Anzeichen mich trügen, der Nordwind bald wehen wird.« »Auf morgen alſo, wenn es möglich iſt, erwiederte der 58 Jarocho, und die beiden Reiter trennten ſich, indem erſterer dem geraden Wege folgte, und der Reiter mit der Zizjacke den Pfad links einſchlug.. »Was mag denn zum Henker der Nordwind mit dem Fan⸗ dango eines kleinen Dorfes zu ſchaffen haben?« fragte ich Ce⸗ cilio maſchinenmäßig. »Der Reiter in der Zizjacke fürchtet vielleicht einen Schnu⸗ pfen,“ verſetzte Cecilio ſelbſtgefällig. Nach dieſer ſinnreichen Auslegung nahmen wir unſer Spiel wieder auf, das einen Augenblick unterbrochen worden war. Ich ſchlug auf's Neue zwei Karten um; die eine war Treffbub und wurde von Cecilio gewählt. Dießmal ließ ich mit zitternder Hand die Karten eine über die andere gleiten; mein Herz ſchlug: ſollte ich einen fünffährigen Gefährten verlieren! Cecilio wiſchte den Schweiß von ſeiner Stirne. Plötzlich ſtieß er einen Freudenruf aus, der bis in die Tiefe meiner Seele klang: ich ſah den Herz⸗ buben. »Ihr habt verloren, Herr!« rief er. Bei dieſen Worten, in gutem Franzöſiſch ausgeſprochen, ich Cecilio mit ſtummer Ueberraſchung an. Er aber nä⸗ kte ſich dem Pferd mit Stolz, und ſchickte ſich an, aufzu⸗ ſitzen. »Halt, Burſche!« rief ich ihn aufhaltend,„ich hab den Sattel nicht mit verſpielt, und befahl ihm, denſelben abzuneh⸗ men und auf den Falben zu legen. Cecilio gehorchte dem Be⸗ fehle, der der letzte ſein ſollte, den er von ſeinem ehemaligen Herrn erhielt, und ich ſchaute ſeinem Thun mit ſchmerzlichem Schweigen zu. Als das doppelte Geſchäft beendigt war, beſtieg Cecilio das Pferd, welches nicht mehr mir gehörte; ich ver⸗ wunſchte alsdann meine Thorheit, aber zu ſpät. Aus Stolz indeß ließ ich nichts von der nagenden Reue durchblicken, welche 59 ich empfand, und fragte Cecilio, meinen Verdruß zu verbergen, wie es komme, daß er franzöſiſch ſpreche, ohne daß ich es bis dahin erfahren hatte. »Ich ſtand nicht,« verſetzte er,„fünf Jahre hinter dem Stuhle von Euer Herrlichkeit, wenn Ihr mit Euern Lands⸗ leuten geſpeist habt, ohne Eure Sprache zu erlernen; aber hüͤtete mich wohl, es merken zu laſſen, denn alsdann würdet Ihr Manches vor mir verborgen haben.“ Cecilio gehörte augenſcheinlich dem Geſchlechte der liſtigen Bedienten an, welche eine ſo große Rolle in den Spitzbuben⸗ romanen der Spanier ſpielen. Mehr als einmal hatte er mich an den Ambroſio de Lamela aus Gil Blas erinnert; ſein Ge⸗ ſicht hatte mich nicht getäuſcht. Indeß ungeachtet der Unver⸗ ſchämtheit, welche er zum erſten Male kundgab, ſchien er im Augenblick, als er mich verlaſſen wollte, unter dem Einfluſſe einer ſchmerzlichen Bekümmerniß. Es war in der That natür⸗ lich, daß es ihm leid that, ſich ſo von einem Herrn zu trennen, der ihm ſtets nur Gutes erzeigt hatte. Von dieſem Gedanken gerührt, fand ich im Grunde meines Herzens einen Funken der Zuneigung, die ich ſonſt für ihn hatte. »Cecilio, Freund,“ ſagte ich,„dieſes Pferd, das du mirg abgewonnen haſt, hätte ich dir ohne Zweifel in einigen Tagen geſchenkt; thut es dir leid, es mir abzunehmen?“ Cecilio ſtieß einen tiefen Seufzer aus. »In der That, ſagte er,„es ſchmerzt mich, Euern ſchoͤnen Sattel auf einem ſo häßlichen Pferde zu ſehen, und ich ſchäme mich, jenes, das ich Euch abgewonnen, ſo übel ausgerüſtet zu ſehen. Deßhalb, weil Eure Herrlichkeit im Zuge iſt, wäre es Euch vielleicht gefällig, auch um den Sattel zu ſpielen?« Das war zu viel. Von dieſem letzten Undank auß's Aeußerſte getrieben, ſagte ich, indem ich mich anſchickte meine — 8 60 Piſtole zu laden:„nimm dich in Acht, daß ich dir nicht mit Gewalt ein Pferd abnehme, das ein Schlingel wie du gar nicht werth iſt zu reiten.“ Cecilio antwortete auf dieſe Drohung nur dadurch, daß er es anſpornte und dem Hunde lockte, der bis dahin unruhig dieſer plötzlichen Trennung von Herrn und Pferd zugeſehen hatte. Ich lockte ihn meinerſeits. So zwiſchen ſeinen beiden Neigungen ſchwankend, zögerte er; endlich rannte er Cecilio nach und kehrte bald mit feuchten flehenden Augen zu mir zu⸗ rück. Die krampfhaften Bewegungen ſeines Koͤrpers verriethen ſeine Angſt und den innern Kampf. Seine Glieder zitterten, dann ein ſchmerzliches Geheul ausſtoßend, verſchwand er ferne von mir in dem Staube, den der Galopp ſeines vielgeliebten Gefährten aufwühlte, und ich blieb allein. Mein Herz zwiſchen Wuth und Schmerz getheilt, war ich einen Augenblick geneigt, mich über mein Mißgeſchick an dem unglückſeligen Pferde zu rächen, welches das Schickſal mir übrig ließ, aber es war nur eine kurze Anwandlung von Schwäche. Ich hatte in den viel⸗ fachen Wechſelfällen eines abenteuernden Lebens die ſchwere Tugend des Entſagens gelernt. Miein Mißgeſchick hatte meinen Reiſeplan geändert; es ar mir nicht mehr möglich, jenen Tag Vera⸗Cruz zu erreichen; ich beſchloß deßhalb, die Nacht zu Manantial hinzubringen, einem kleinen Dorfe, das ich höchſtens eine Stunde entfernt glaubte. Ich hatte nun Zeit übrig, und konnte ſie nicht beſſer anwenden, als Sieſta zu halten im Schatten der Bäume, in der grünen Einſamkeit, worin ich mich befand. Es war einer der maleriſchſten Theile der Wälder, welche ſich von Puente Nacional bis Vergara ausdehnen. Mitten in dieſen dichten Forſten ziehen ſich verſchiedene ausgehauene Pfade unter einem undurchdringlichen Gewölbe nach allen Richtungen hin, neben 61 dieſen Pfaden hemmt allenthalben ein üppiger Pflanzenwuchs den Schritt des Menſchen, und läßt kaum für die wilden Thiere einen Durchgang. Lange Schlingpflanzen krümmen, winden und ranken ſich zwiſchen den naheſtehenden Baumſtämmen hin. Mit⸗ ten unter den Palmen, welche ihre rieſenhaften und glänzenden Schirmdächer bis auf die Erde neigen, wiegt der Cocos auf erhabenerem Schafte ſeine breiten Fächer und ſchüttelt ſeine grüne Fruchtkrone im Winde; am Seidenbaum hängen aus den geöffneten Kapſeln weiße Flocken nieder. Unter dem dichten Schatten dieſer Blättermaſſen breitet die Schlangenwurzel ihre ſchimmernden Kelche aus, und über und unter der Wölbung hängen die vielfarbigen Gewinde der Gobea mit ihren Glocken⸗ blüthen. Dieß iſt die Anſicht dieſer Wälder, die aber mit jeder Tageszeit ſich verſchieden geſtaltet. Zur Mittagsſtunde beugt ſich dieſe mächtige Vegetation unter der Sonnengluth, von dem Gipfel der ſtolzeſten Palme bis zum beſcheidenen Mooſe, das ihre Wurzeln überwuchert. Ein glänzender Hauch dringt durch das Dickicht und ſcheint alle Lebensregung aufzuhalten; die wilden Thiere, Vögel, Inſekten, Pflanzen, Alles ſchweigt und ſchläft unter dieſem flammenden Athem; aber wenn die Sonne nur noch die Spitze der Bäume vergoldet, wenn die Dünſte allmählig von dem Boden aufſteigen, um ſpäter als Thau nie⸗ derzufallen, kehrt wunderſames Leben in dieſe ſchweigenden Wälder zurück. Papagaien im Laubwerk verſteckt, laſſen ihr betäubendes Kreiſchen hören, die Vögel finden ihre Stimme wieder; Myriaden von Inſekten ſchwirren im Graſe, dumpfes Krachen dringt aus, der Tiefe, die bis dahin ſtumm geweſen; die Pflanzen ſcheinen ihren lähmenden Schlummer abzuſchütteln, und die Palmen ſenden ſpitzere Pfeile aus. Eine letzte Um⸗ wandlung des Waldes beginnt mit der Nacht: alle das Ge⸗ zwitſcher verſtummt, die Abſtufungen des Grüns fließen inein⸗ 62 ander, eine durchſichtige Färbung überzieht alle Gegenſtände. Das Schweigen, welches allmählig auf das betäubende Getön des Abends folgt, gleicht nicht mehr jenem der heißen Tages⸗ ſtunden. Die Nacht hat ihre geheimnißvollen Harmonien, wie die Dämmerung ihre hellen Stimmen. Der Abendwind zittert durch die Gehänge der Lianen, wie in Saiten einer Aeolsharfe; die dürren Blätter raſcheln unter dem Ringeln einer Schlange; der Cenzontle, dieſer König der Singvögel Amerika's, wieder⸗ holt alle Laute der Einnöde, und der Cuitlacoche(Spottvogel), der ſich auf einer Schlingpflanze über den Waſſerſtürzen wiegt, ſcheint ſich in ſeinem Geſange an dem Murmeln des Waſſers zu begeiſtern. Ich war, ohne ihm entgehen zu können, dem trervenden Einfluſſe der Hitze erlegen, und, unbekümmert um mein Pferd, eingeſchlafen. Es war eine Beute, die der elendeſte Dieb ver⸗ ſchmäht hätte, und ich muß zugleich bemerken, daß in jenen Länderſtrichen, wo ich mich befand, die Ehrlichkeit der Bewohner niemals in Frage geſtellt worden iſt. Als ich erwachte, war es noch heller Tag; dennoch begann der Abendwind ſchon die Gluth des Luftkreiſes zu dämpfen. Schon hatten auf den Bäu⸗ men, die mich ſchützten, Papagaienflüge ihr Gekreiſche begonnen, und dieſer Höllenlärm mußte auch die mindeſt empfindlichen Nerven erſchüttern. Ich wurde ungeduldig und beſtieg mein erbärmliches Pferd, das den trefflichen Storm erſetzte, indem ich dem Pfade folgte, der mich nach Manantial führen ſollte. Nach einem halbſtündigen, langſamen und müßhſeligen Marſche, ſtets von dem aufregenden Geſchrei der Papagaien verfolgt, ſah ich einen Reiter vor mir. Dieſer Reiter, gekleidet wie einer der Beiden, welche unſere Partie unterbrochen hatten, 4 ſchien eben ſo verdrießlich, als ich es ſelber war. Auf einer Seite ſeines Sattels hängend, nach Art der Jarochos, ritt er 6³3 langſam unter den ſchattigen Windungen der Straße hin, indem er die geballte Fauſt mit allen Anzeichen eines inneren Zornes gegen den Himmel erhob. Vergnügt, daß der Zufall mir einen Unglücksgefährten zuſandte, glaubte ich ihn tröſten zu müſſen, was mir auch über Erwarten gelang. Kaum hatte ich durch Spornſtreiche vermocht, mein Pferd neben das ſeinige zu treiben, als eine plötzliche Heiterkeit die Entrüſtung verſcheuchte, welche den Jarocho ganz einzunehmen ſchien. „»Lacht Ihr vielleicht über mich?« fragte ich etwas barſch, denn übel aufgelegt wie ich es war, ſchien mir dieſer Ausbruch von Luſtigkeit mehr als unſchicklich. »Ueber Euch, nein, Herr Cavalier,“ antwortete der Ja⸗ rocho;„aber Ihr werdet mich entſchudigen, wenn ich beim An⸗ blick Eures Pferdes meine höfliche Weiſe vergaß.“ »Uebrigens iſt mein Pferd nicht viel häßlicher als der An⸗ dante(landesüblicher Name für das Pferd), welches Ihr reitet,“ verſetzte ich ſehr entrüſtet über dieſe Antwort. »Es iſt möͤglich, aber dennoch iſt es garſtiger; es iſt dieß eine Genugthuung, die ich nie zu finden hoffte, und über die ich mich jetzt mit Eurer Erlaubniß freue.« Der Reiter fing auf's Neue an zu lachen, und ſo herzlich, daß auch ich einſtimmte. Von dieſem ungewohnten Lärm er⸗ ſchreckt, ſchwiegen die lauten Papagaien einen Augenblick oben Dauf den Bäumen. Nach dieſem erſten Ausbruch indeß ſetzten wir unſern Weg neben einander fort, ohne weiter ein Wort zu wechſeln. Die Papagaien ſchnatterten auf's Neue, und meine zerriſſenen Ohren wie auch meine verwundete Eigenliebe ließen mich wünſchen, die Unterhaltung wieder aufzunehmen, ſollte ſie ſelbſt in einen Wortwechſel ausarten. Ich beſchloß, mich vor⸗ erſt an den verwünſchten Vögeln zu rächen, deren Federſchmuck mit dem Grün der Bäume verſchmolz, und zielte mit einer 64 meiner Piſtolen nach den Zweien, die ſich über uns in einan⸗ der ſchlangen. Es ward mir das unverhoffte Vergnügen, einen der Papagaien zappelnd zu unſern Füßen niederſtürzen zu ſehen. Der Jarocho blickte mich mit unruhigem Staunen an. „Habt Ihr vielleicht nach ihm gezielt?« fragte er. »Ohne Zweifel,“ antwortete ich barſch,„und das mag Euch beweiſen, daß es bisweilen gefährlich iſt, über die Leute zu lachen, bevor man ſie kennt. Bei dieſen Worten hielt der Jarocho ſein Pferd an, und ſich ſtolz die Fauſt in die Hüfte ſtemmend, während er mit der andern Hand den Strohhut auf die Stirn drückte, rief er: „Oigajte, üor deconocio*)(Hört, unbekannter Herr), ich bin von einem Geſchlechte und aus einem Lande, wo die Rede kurz und die Hand ſchnell iſt. Ich hatte nicht die Abſicht, Euch zu beleidigen, aber wenn Ihr Händel bei mir ſuchet, ſo habt Ihr Euern Mann in mir gefunden: ungeachtet der Verſchieden⸗ heit unſerer Waffen, werde ich mein beſtes thun.“ Und treu der Gewohnheit ſeiner Landsleute, die ſtets ihre Tapferkeit mit dem Ausdruck der Poeſie begleiten, ſang er mit lauter Stimme folgende Strophe: A ese mi competidor Dile que llevo cortante Que si tiene jerro y valor 8 Que se me pare delante. (Wenn ich einen Gegner finde, weiß ich meinen Degen zu führen— wenn er eine Waffe oder Muth hat, ſo nehm er's mit mir auf.) Dann zog er ſeine ſpitze Waffe aus dem ledernen Ringe, die ihm ſtatt der Scheide diente und ging auf mich los. *) In gutem Spaniſch: oiga usted señor desconocido. 6⁵ Ein Zweikampf mitten in den amerikaniſchen Einöden, mit den Vögeln des Waldes als einzigen Zeugen, hatte ſicherlich etwas Romantiſches, aber unſere beiden Pferde ſtimmten durch ihre hagern Leiber und ihr friedfertiges Ausſehen ſo wenig zu unſerer Kampfesluſt, daß im Augenblick, als unſere Klingen ſich kreuzten, wir bei näherem Anſchauen unſern Ernſt nicht behaupten konnten. Das tolle Lachen, welches uns ſchon ein⸗ mal ergriffen hatte, begann wieder von neuem. Ich gewann zuerſt meinen Ernſt wieder und ſagte dem Jarocho, daß, da nach ſeiner Verſicherung er keinen Groll gegen mich habe, ein Zweikampf zwiſchen uns alles Grundes entbehre, und nur durch unſere kriegeriſche Luſt gerechtfertigt werde, die übrigens ſich wenig mit unſerer ärmlichen Ausrüſtung vertrage. Der Ja⸗ rocho reichte mir die Hand. »Ich bin ſehr froh, Euch befriedigt zu ſehen,« verſetzte er, „denn ich habe einen ganz andern Kampf abzumachen, und hätte mich gegen eine ernſte Pflicht verfehlt, wenn ich mich mit Euch geſchlagen haben würde, bevor der obſchwebende Streit beendigt iſt.“ Als wir uns Manantial näherten, war die Nacht einge⸗ brochen. Unter einem ſternenglänzenden Himmel, mitten unter dichten Baumgruppen, kündeten zerſtreute Feuer von weitem das Dorf an. Wir erreichten bald eine kleine Lichtung, auf der mehrere Bambushütten mit ihren Dächern von Palmblättern ſtanden; dieß war Manantial. Beim eintönigen Klingen einer Mandoline eröffneten Frauen in weißen Gewändern und Män⸗ ner in maleriſcher Kleidung durch Tanz die Beluſtigungen des folgenden Tages, und jugendliche Mütter ſchläferten ſingend ihre Kinder in den Hängematten von Aloefaſern ein. Wir traten in den Kreis, der die Tanzenden umſchloß. Laute Grüße lehrten mich bald den Namen meines neuen Wirthes kennen. Aus allen Welttheilen. 3 66 „Ah, ſieh da, Calro(Calros),“ riefen mehrere Stimmen, wie beim Anblick eines längſt Erwarteten. Einige Männer, welche keinen Antheil am Tanze nahmen, traten freundlich meinem Gefährten entgegen; aber der Jarocho ſchien dieſe gute Auf⸗ nahme nur gleichgültig zu erwiedern. Nach kurzem Verweilen ritt er weiter, und ich folgte ihm, um ihn um Gaſtfreundſchaft in ſeinem Hauſe zu bitten. Er verweigerte ſie nicht, aber er knüpfte eine Bedingung daran. „In unſerem Lande,“ ſagte er,„iſt der Fremde allenthalben zu Hauſe; aber die Gaſtfreundſchaft, welche ich Euch zukommen laſſe, wird nicht umſonſt ſein, denn Ihr könnt mir ſie vergel⸗ ten durch einen Dienſt oder guten Rath, deſſen ich bedürf⸗ tig bin.“ „Von Herzen gern,“ antwortete ich,„wenn es in meiner Macht ſteht.“« Wir wandten uns der Hütte des Jarocho zu, die am Ende des Dorfes lag. Es war ein Jacal, wie der größere Theil der Häuſer von Manantial. Eine kleine Umzäunung, in wel⸗ cher mehrere Ziegen umherliefen, ſtieß an die Wohnung; Ba⸗ nanen mit ihren wohlſchmeckenden Früchten beladen, breiteten über den beſcheidenen Garten ihre breiten Blätter aus, die der Abendwind bewegte. Die Hütte ſelber war durch Schilfmatten in drei Gemächer getheilt; in einem derſelben bereitete eine alte Frau das Abendbrod neben einem Kohlenbecken, deſſen röth⸗ licher Schein allein die Wohnung des Jarocho erhellte. Dieſe Frau war ſeine Mutter. Während wir unſere Pferde abzäum⸗ ten, hatte mein Gefährte ihr mit einigen Worten die Umſtände unſeres Zuſammentreffens erklärt, und ich war kaum als Gaſt eingeführt, als das Abendeſſen vor uns ſtand; es war aus Reis in Milch gekocht, geröſteten Bananen und den vothen Bohnen der Terra⸗Gaͤlieue te zuſammengeſett die in ganz Merico — 67 einer ſprichwörtlichen Berühmtheit genießen. Nach dem Mahle zog ſich die alte Mutter des Jarocho zurück, indem ſie mir gute Ruhe wünſchte. Calros und ich lagen nachläſſig ausgeſtreckt auf unſern Decken an der Thüre, die offen blieb, und wir lie⸗ ßen unſere Blicke über die ſchattigen Grasebenen hinirren, die ſich unabſehbar vor der Hütte ausdehnten. Man wacht in den heißen Ländern lange; die glühende Luft, welche nicht immer durch die Abendkühle gemildert wird, die Stiche der Muskitos, welche unaufhörlich ſummen, ver⸗ ſcheuchen den Schlaf. Neben uns bewegte der Abendwind allein die Gräſer der Savanne, deren Kniſtern ſich mit dem Gemurmel eines nahen Baches vermiſchte; aber weiterhin verkündeten die gellenden Töne der Vihuelas(kleine Guitarren) mit dem lau⸗ ten Lachen der Frauen vermengt, daß das Feſt noch fortdauerte. Der Jarocho ſchwieg und ich gab mich der müßigen Betrach⸗ tung hin, welche das Leben in den Tropenländern ausmacht. Die Stimme des Jarocho erinnerte mich endlich daran, daß der Augenblick gekommen ſei, ſeine Gaſtfreundſchaft zu vergelten. »Seht Ihr,“ ſagte er,„jenen weißen Nebel, der den Glanz der Sterne verdunkelt? dieſe Dünſte erheben ſich am Ende der heißeſten Tage aus den Seen, Bächen und Waſſerſtürzen. Glaubt Ihr, daß es möglich ſei, daß gewiſſe ſterbliche Ge⸗ ſchöpfe, wie wir, jenen ungreifbaren gleichförmigen Nebel, der ſich wie ein Schleier hindehnt, beſchwören können, daß er ſich verdichtet und uns das Abbild verſtorbener Freunde oder ermor⸗ deter Gegner zeigt?« »Ich zweifle daran,« ſagte ich erſtaunt über dieſe Einlei⸗ tung, denn ich hatte geglaubt, jene Geiſterſeherei gehöre nur unſern traurigen nordiſchen Ländern an. »Hier zu Lande,« fuhr Calros mit feierlichem Tone fort, „fürchten die Geſpenſter den Aufenthalt der Lebendigen nicht, 68 und wandeln gerne in den Wäldern und wiegen ſich auf den blühenden Lianen. Hört mich an. Vor etwa ſechs Monaten entſpann ſich bei einem Fandango, wo ich aus Zufall nicht an⸗ weſend war, ein Streit. Es wurde Einer getödtet; der Mör⸗ der ſpornte ſein Pferd an und entfloh. Der Getödtete war mein Verwandter; ich wurde nach dem Gebrauch erwählt, ſei⸗ nen Tod zu rächen, und übernahm die Verpflichtung, welche mir dieſer Ehrenpunkt auflegte. Hätte ich nur einfach mit dem Degen in der Hand Genugthuung für das vergoſſene Blut verlangen müſſen, ſo würde ich mich bald dieſer Pflicht ent⸗ ledigt haben, aber es galt die ſorgfältig verborgene Spur des Mörders aufzuſuchen, und deßhalb alle Dörfer des Uferlandes zu durchſtreifen. Mein Eifer erlahmte endlich. Der Verbli⸗ chene hatte aber eine alte Mutter, die täglich mich an das er⸗ innerte, was mir oblag. Es ſind nun acht Tage, daß ich ihr begegnete. Ich wollte ihr ausweichen, denn ſie gilt ein wenig für eine Hexre, aber ſie ging auf mich zu und ſagte: ‚die Tod⸗ ten haben ein beſſeres Gedächtniß als die Lebendigen!’ Ich fragte ſie, was das heißen wolle, obgleich ich es wohl wußte. „Ihr werdet es dieſen Abend erfahren,“ antwortete ſie. Des Abends in der That,« fuhr Calros mit bewegter Stimme fort, vwar ich wie heute, Herr Cavalier, auf der Schwelle dieſer Thüre; plötzlich ſchob ſich eine Wolke zwiſchen meine Augen und die Sterne; dieſe Wolke nahm eine menſchliche Geſtalt an, es war die des Verſtorbenen! Ich ſah ihn deutlich vor mir ſtehen; ich ſchloß die Augen, und als ich ſie wieder auf⸗ machte, war die Wolke verſchwunden. Ihr wißt nun, Herr Cavalier, warum ich Euch gefragt habe, denn in Eurer Eigen ſchaft als Europäer müßt Ihr ein Gelehrter ſein, ob menſch⸗ liche Creaturen die Todten heraufbeſchwören könnten?« Die abergläubiſchen Ideen finden wenig Raum in Me⸗ 69 rico; indeß ſcheint der Stamm der Jarochos ihnen beſonders anzuhängen. Herxenmeiſter, Geſpenſter, Talismane, Zauberei ſpielen eine große Rolle in ihren Volksſagen. Es war mir unmöglich, meinen Wirth zu überzeugen, daß in der Einſamkeit die glühende Einbildungskraft tauſend Truggeſtalten ſchafft, und nicht immer wahrhaften Luftbildern entgeht. Calros ſchüttelte ungläubig den Kopf. Meine Zweifel in die Beſchwörungs⸗ macht der Zauberer änderten an ſeiner Gläubigkeit wenig. »Ich will zugeben,“ ſagte er,„daß der Schatten meines Verwandten nicht durch menſchliche Gewalt beſchworen worden war; aber dann iſt es Gott ſelber, der ihn geſandt hat. Mein Entſchluß iſt nun gefaßt; ich bleibe nicht länger mehr zu Ma⸗ nantial.« »Gibt es kein Mittel, Eure traurige Pflicht zu um⸗ gehen?« »Es gäbe wohl eines, und das wäre, einen ergebenen Freund aufzufinden, dem ich die Sache übertragen könnte; ein Gaſt gehört zur Familie, und in dieſer Eigenſchaft, Herr Ca⸗ valier, könntet Ihr mich erſetzen und den Mörder aufſuchen, den ich verfolge, und der Euch Genugthuung nicht verſagen dürfte, die Ihr, die Waffen in der Hand, von ihm fordern würdet.« »„Es wäre in der That eine glorwürdige Aufgabe; aher ich würde ſehr fürchten, ihr nicht genügen zu koͤnnen,« ant⸗ wortete ich beſcheiden;»alles, was ich Euch verſprechen dürfte, wäre, Euch bei Euern Nachforſchungen zu begleiten und Euch im Nothfalle beizuſtehen.“ »Es iſt ein Anerbieten, das ich nicht zurückweiſe,« erwie⸗ derte Calros;„wir wollen alſo morgen in der Frühe auf⸗ brechen.“ Als dieſer Punkt einmal zu unſerer gegenſeitigen Zufrie⸗ 70 denheit feſtgeſetzt worden, waren wir darauf bedacht, die Nacht ſo bequem als möglich hinzubringen. Wir legten uns unter das Vordach am Eingang der Hütte. Ein kühler Wind be⸗ gann die Hitze des Tages zu erfriſchen, die Grillen im Graſe ſchwiegen, und in den Savannen athmeten die Heerden brüllend die Nachtluft ein. Von dem Säuſeln des Laubes eingewiegt, horchte ich eine Weile auf die nächtlichen Stimmen im Walde und ſchlief bald ein.. Von allen Stämmen des merxicaniſchen Volkes i*ſt vielleicht keiner ſo anziehend bei näherer Unterſuchung als der der Jarochos. Man weiß, daß mit dieſem Namen die Bauern im Uferlande von Vera⸗Cruz bezeichnet werden. Ihre Tracht gleicht in nichts derjenigen anderer Landbewohner, und hat einige Aehnlichkeit mit der andaluſiſchen. Es wird allgemein angenommen, daß ſte in gerader Linie von den Gitanos Andaluſiens abſtammen, und ihre Neigung zur Unabhängigkeit, ihre auffallende Vorliebe für Wälder und Einöden, ihr Aberglaube, ihre Grauſamkeit beſtätigen nach allen Theilen dieſe Vermuthung. Wie ihre Kleidung, iſt auch ihre Sprache ganz eigenthümlich: als ein ſeltſames Gemiſch der gewählteſten Ausdrücke im reinſten Ca⸗ ſtilianiſch und der gemeinſten Redensarten, die noch durch eine ſchlechte Ausſprache entſtellt werden, iſt dieſe Mundart ſelbſt für jene unverſtändlich, die Spaniſch gelernt haben. Durch ihren ſtreitſüchtigen Geiſt auf das Meer und in den Kriegsdienſt ge⸗ trieben, ſind die Jarochos allzu eiferſüchtig auf ihre Unabhän⸗ gigkeit, als daß ſie ſich freiwillig der Kriegszucht im Felde oder auf der See unterwerfen möchten. Es iſt auch dieſes unmäßige Unabhängigkeitsgefühl, das ſie die beſcheidene und ruhige Le⸗ bensweiſe des Feldarbeiters verſchmähen läßt. Das herumſtrei⸗ fende Leben des Hirten oder Roßtäuſchers iſt es, was ſie vor⸗ ziehen, und der Machete ſpielt eine Hauptrolle bei all' ihren 21 Vergnügungen. Der Jarocho würde eher des nöthigſten Klei⸗ dungsſtückes entbehren, als ſeinen geraden Säbel, den er glän⸗ zend geſchliffen, ſtets ohne Scheide an ſeinem Gürtel trägt, und für den er beſſer ſorgt, als für ſeinen eigenen Leib. Dieſe Waffe iſt übrigens weit öfter in der Hand des Jarocho, als an ſeiner Seite. Eine flüchtige Ehrenſache, die unbedeutendſte Wette, alles wird unter dieſen Zigeunern Mexico's Vorwand zu blutigen Spielen, welche bisweilen unverſöhnliche Kämpfe zur Folge haben, wenn, anſtatt ſich mit dem erſten Blutver⸗ . gießen zu begnügen, einer der beiden Gegner dem andern eine tödtliche Wunde beibringt. Einige gute Eigenſchaften erſetzen indeß die Fehler dieſer unbezaͤhmbaren Menſchen. Der Jarocho iſt mäßig, offen, ehrlich und gaſtfreundlich gegen„die Weißen,“ wie er die höheren Claſſen nennt; er hat einen Abſcheu vor dem Diebſtahl, liebt den Boden, auf dem er geboren iſt, und aller Habgier fremd, lebt er mit wenigem zufrieden, mitten in einem fruchtbaren Lande, wo alljährlich drei Ernten dem Bo⸗ den entſproſſen, den er anſäet, ohne ihn zu bearbeiten. Spiel, Muſik, Tanz, Poeſie— denn jeder Jarocho iſt ein Improvi⸗ ſaator— theilen zugleich beinahe alle Momente dieſes glückli⸗ chen und müheloſen Daſeins. Das Aeußere des Jarocho trägt überdieß einen Stempel von Vornehmheit, der mit ſolchen Nei⸗ gungen übereinſtimmt. Der Landbewohner von Vera⸗Cruz iſt gewöhnlich kräftig und wohl gewachſen. Er hat die nervöſe Magerkeit der auserwählten Volksſtämme, und die Natur hat ſeinem ganzen Körper einen Zauber von Anmuth verliehen, der im Einklang ſteht mit der ritterlichen Vorliebe, welche der Ja⸗ rocho ſeinem Pferde und ſeinem Degen weiht. — Sieben Jahre vor der Zeit meines Verweilens zu Ma⸗ anantial, und kurz nach meiner Ankunft in Merico war ich ſchon auf Augenblicke mit dieſer Klaſſe von Leuten in Berüh⸗ 72 rung gekommen; aber wenig vertraut mit der ſpaniſchen Sprache hatte ich durchaus nichts von dem wunderlichen Dialekte der Jarochos verſtehen können. Meine jetzige Reiſe hatte das Gute, daß ſie mich von Neuem unter dieſen abſonderlichen Volksſtamm führte, nachdem ein Aufenthalt in Merxico mich hinlänglich vorbereitet hatte, ihn zu ſtudiren. Am folgenden Morgen, als ich erwachte, im Augenblick, wo die Sonne eine unerträgliche Hitze zu verbreiten begann, war mein Wirth ſchon aufgeſtanden. Ich folgte ſeinem Bei⸗ ſpiele, wir frühſtückten, und machten uns bald darauf auf den Weg nach Vera⸗Cruz, von wo wir die Spur des Mörders, deſſen Tod Calros ſuchte, weiter zu verfolgen gedachten. Von einem Freunde, dem Lootſen Ventura, hatte Calros erfahren, daß Campos, ſo hieß ſein Gegner, ſich zu Buca del Rio an der Meeresküſte aufhalte, und hatte außerdem das Verſprechen von ſeinem Freunde erhalten, dort mit ihm zuſammen zu treffen. Die Stelle, welche Vera⸗Cruz heutzutage einnimmt, iſt nicht dieſelbe, die Cortez bei ſeiner Landung in Merico erwählte. Erſt zu Ende des ſechzehnten Jahrhunderts legte der Vicekönig, Graf Monterey, den Grund zu der gegenwärtigen Stadt. Be⸗ ſtimmt, der Schlüſſel von Neuſpanien zu werden, wurde Vera⸗ Cruz von den Eroberern mit aller Pracht erbaut, welche ſie an ihren Schöpfungen verſchwendeten. Seine großen Häuſer, eben ſo weitläufig als ſorgfältig gereiht, bildeten geradwinklichte Straßen, in welchen die Seeluft frei durchſtreichen und durch ihre Friſche die Gluth eines brennenden Himmels mildern konnte. Getreu ihrer Abneigung gegen die Nähe von Bäumen, die ein bezeichnender Zug für ihre Begriffe von Geſundheitsrückſichten iſt, wahlten die Spanier zur Anlage der erſten Seeſtadt in Merico eine weite ſandige Ebene, deren Dürre nicht von dem — ———— 73* geringſten Graswuchs oder von laufendem Gewäſſer belebt wurde. Selbſt vor den erſten Verwüſtungen des gelben Fiebers lieh eine ſolche Lage Vera⸗Cruz einen düſteren Anſtrich, den es bis auf den heutigen Tag bewahrte. Die kaum erbaute Stadt ereichte demungeachtet einen hohen Grad von Wohlſtand. Von ihrer übel geſchützten Rhede liefen dieſe koſtbaren Galionen aus, die eine Maſſe von metalliſchen Reichthümern über Europa ver⸗ breiteten, welche die ſo berühmten Schätze von Potoſt weit über⸗ ſtiegen. Gegenwärtig hat Vera⸗Cruz von ſeinem ehemaligen Glanze nur noch wenige Trümmer aufzuweiſen. Zu geräumig für die verminderte Bevölkerung ſucht die zur Zeit der Vicekönige ſo blühende Stadt nicht mehr gegen den Zerfall anzukämpfen, den dem Reiſenden ihre leeren Häuſer und ihre öden Straßen ver⸗ künden. Der Meeresſturm durchtobt ſie ungehindert, zerbröckelt die zerfallenden Mauern der Paläſte, und zerſetzt die Kanonen, welche mehr nur als Zierrathen an den Quais ſtehen. Zu Vera⸗Cruz erinnert übrigens alles an die morgenländiſchen Städte, von der reichen maleriſchen Tracht der Einwohner bis auf das Aeußere der Wohnhäuſer und der übrigen Bauwerke. Man erblickt nach allen Seiten hin nur vielfarbige Kuppeln, ſchlanke Kirchthürme, Balkone mit feſtem Gitterwerk verziert, und um gleichſam die Aehnlichkeit noch zu vermehren, zeigen ſich die Frauen der höhern Klaſſen faſt niemals auf den Straßen. Um ſie zu erblicken, muß man in's Innere der Häuſer dringen, oder nach Sonnenuntergang erſt ausgehen. Dann allein kündet ein Gewiſper geheimnißvoller Stimmen, das Rauſchen eines Fächers, einige blaſſe und weiße Geſichter, welche der Mond hinter den halboffenen Jalouſten beleuchtet, dem Fremden, den die Abendkühle und der balſamiſche Hauch der Meeresluft auf K 74 die Granittrottoirs gelockt haben, die Gegenwart der Vera⸗Cru⸗ zanas an. Auf einer Seite von dem Weltmeere gepeitſcht, das ſeinen prachtvollen Hafendamm zerſtört und Sandhügel anhäuft, die beſtändig entſtehen und verſchwinden, verſucht Vera⸗Cruz heut⸗ zutage weder gegen das Anwachſen der Dünen, noch gegen die Zerſtörungen des Wogenſchlags anzukämpfen. Der Nordweſt⸗ wind jagt dichte Sandwirbel in den Wüſten auf, durch die er hinweht, und bildet ſeit Jahrhunderten hinter der Stadt eine Einfaſſung von beweglichen Hügeln. Dieſe Dünen oder Me⸗ danos, welche beſtändig durch neue Anhäufungen Zuwachs er⸗ halten, wechſeln nach den Launen der Stürme ihre Stelle und Bildung; die einen ſind zuſammengedrängt wie Meereswogen, andere erheben ſich pyramidaliſch, während die Windſtöße ihre Gipfel beſtändig entführen. Dieſe Medanos, von denen manche ſich zu einer Höhe von vier bis zehn Meter erheben, bedrohen auf die Länge die Eriſtenz von Vera⸗Cruz; aber da die Ge⸗ fahr noch ferne liegt, und man in den heißen Ländern nur von einem Tage zum andern lebt, ſo überlaſſen die Einwohner die Sorge zu bauen, ihren Enkeln. Eine andere ernſtlichere Fähr⸗ lichkeit entſteht aus dem Hinderniß, welches die Medanos dem Ablaufen des Regenwaſſers entgegenſetzen. So bilden ſich La⸗ gunen am Fuße dieſer Sanddünen: das verbrannte Erdreich verwandelt ſich allmählig durch das Anſchwemmen in Sumpf⸗ boden, dem ſchädliche Dünſte entſteigen. Eine dichte Schlamm⸗ lage befeuchtet den Sand; alle giftigen Kräuter, welche niedrig gelegenen und feuchten Boden lieben, vervielfachen ſich in's Un⸗ endliche. Während der Regenzeit gewinnt dieſer unſaubere Pflanzenwuchs durch das Ueberſchwemmen der Lagunen neue Kraft und Ueppigkeit. Der Mangelbaum ſtreckt alsdann ſeine langen Schoſſe in den weichen Boden, die darin wurzeln und neue Stämme bilden, und ſich endlich zu undurchdringlichem Dickicht verwirren, worin zahlloſes Gewürme haust. Ein dicker Ueberzug von Gras deckt die Oberfläche des Waſſers. Die Gährung, welche bei der Wiederkehr der Hitze in dieſen ſchauer⸗ vollen Sümpfen entſteht, entwickelt unheilbringende Ausdünſtun⸗ gen und verbreitet weithin Wolken von ſummenden, hungrigen Moskitos. Nur während drei Monaten im Jahre fegen wü⸗ thende Nordwinde dieſe verpeſteten Dünſte hinweg, und reini⸗ gen für den Augenblick dieſe Herde der Verweſung. Man erinnert ſich, wie ich mit Calros auszog, um den Mörder außzuſuchen, den zu beſtrafen er geſchworen hatte; bei unſerm Aufbruch aus dem Dorfe verkündeten deutliche Anzei⸗ chen das Herannahen eines der Nordſtürme. Die Stille, welche dem Unwetter vorangeht, laſtete auf den Wäldern, die wir durchzogen. Ein ſeltſames Unbehagen ſchien über die ganze Natur verbreitet; eine erſtickende Hitze machte unſere Pferde keuchen, obgleich wir abſichtlich unſern Schritt mäßigten, und wir mühten uns vergebens, die belebende Morgenluft einzu⸗ athmen. Kaum hatten denr unter der Wölbung der Bäume einige Stunden zurückgelegt, als wir einen erhabenen Laut das Ge⸗ ſumme der Wälder übertönen hörten. Es war das Toſen des Meeres, dem wir uns nahten, ohne es noch unterſcheiden zu können. Einige Minuten ſpäter ſtanden wir an der Küſte, und ich betrachtete mit Entzücken dieſen Ocean, der auch Europa's Geſtade beſpült; dann in der Ferne Vera⸗Cruz mit ſeinen Thür⸗ men und Kuppeln, das Fort von San⸗Juan de Ulloa, das wie ein Felſen aus den Wellen ſteigt, und darüber hin die Maſten der Schiffe, die auf der Rhede lagen. Der Zuſtand des Meeres verkündete den Sturm, deſſen erſte Anzeichen wir ſchon im Walde erkannt hatten. Die Wo⸗ 3 76 gen erſtarben ſchlaff an dem Strande, ein herber Duft entſtieg daraus; die Fiſche ſprangen unruhig an die Oberfläche, und die Seevögel flatterten mit einem Angſtgeſchrei umher. Ueber der Stadt bedeckten Dunſtwolken den Horizont. Plötzlich riſſen dieſe Nebel entzwei, und die Berge von Villa⸗Rica, die Sierra von San⸗Martin von Turtla an bis zur Mündung des Goaza⸗ coalco, plötzlich ihres Schleiers beraubt, zeigten die bläulichen Zacken ihrer Gipfel an dem dunklern Azur des Himmels. „Wehe den Schiffen, welche in dem Golf ſind!« ſagte Calros,„denn der Nordſturm naht ſich ihnen mit dem Schwert in der Hand(con espada en mano), und die künftige Nacht wird ſchlimm werden; dieſen Abend können wir ſicher zu Boca⸗ del⸗Rio etwas davon erfahren. Ich erwiederte ihm nichts darauf; gänzlich in's Anſchauen des Meeres verſunken, war ich mit meinen Gedanken unter den widerſprechendſten Gefühlen halb in Merxico, halb in Frank⸗ reich. Zur langerſehnten Freude der Rückkehr geſellte ſich eine unbeſtimmte ſanfte Trauer. Das Land, das ich verlaſſen ſollte, hatte meinen Durſt nach Abenteuern in ſo hohem Grade be⸗ friedigt, daß ich mich beinahe darüber ärgerte, daß ich ſo be⸗ gierig nach einem ruhigern Leben anderwärts trachtete. Cal⸗ ros' Bemerkung erinnerte mich daran, daß ich noch nicht ſo ganz zu Ende war mit dieſer abenteuernden Exiſtenz, wie ich es vermeinte. Als ich nach einigen Augenblicken des Schwei⸗ gens dem Jarocho meinen Wunſch geſtand, mich auf dem erſten amerikaniſchen Fahrzeug, das abgehen wollte, einzuſchiffen, ſetzte mir Calros verdrießlich mein Verſprechen, ihm nach Boca⸗del⸗ Rio zu folgen, wie auch den bedrohlichen Zuſtand des Meeres entgegen. Vor vier Tagen wird kein Schiff die Anker lichten, ſetzte er hinzu, und dieſer letzte Beweggrund war der triftigſte. Ich unterhandelte daher mit Calros. Von dieſen vier Tagen 8 77 des Wartens wollte ich einen mit ihm zu Boca⸗del⸗Rio hin⸗ bringen, um ihm in ſeinen Nachforſchungen beizuſtehen. Boca⸗ del⸗Rio iſt nur vier Stunden von Vera⸗Cruz entfernt. Calros ſollte dieſe Stadt nur berühren, um ſich unverzüglich nach dem Dorfe zu begeben. Ich aber ſollte dort verweilen, um meine Abreiſe vorzubereiten, und ſelben Abend noch Calros zu Boca⸗ del⸗Rio einholen. Wenige Augenblicke hernach zogen wir zu Vera⸗Cruz ein. Auf dem ſandigen und glühenden Strande, der die Stadt umgibt, hatten die Maulthiertreiber ihre Zelte aufgeſchlagen, ungeduldig, der tödtlichen Küſte zu entfliehen, die bei jeglicher Reiſe einige dieſer Unglücklichen verſchlingt. Wei⸗ terhin balgten ſich ſchwarze Laſtträger, die, an den brennenden Himmel gewöhnt, ſich im Sande wälzten, ohne auf ihre feinen geſtickten Battiſthemden im geringſten zu achten. Ich lächelte unwillkürlich, indem ich dieſe geputzten Burſche mit unſeren be⸗ ſcheidenen Auvergnaten verglich, und nachdem ich Calros das Verſprechen erneut hatte, ihn bald einzuholen, wandte ich mich nach dem Hauſe meines Correſpondenten. Ich werde die unbedeutenden Vorkommenheiten mit Still⸗ ſchweigen übergehen, die meinen Tag bis zu dem Momente ausfüllten, wo ich daran denken mußte, die Stadt zu verlaſſen, um mich nach Boca⸗del⸗Rio zu begeben. Die Nacht war ſchon hereingebrochen, als ich mich auf den Weg machte, von ganzem Herzen die Mahnung des Jarocho verwünſchend, der mir nicht geſtattete, meinem Verſprechen untreu zu werden. Der Wind begann von Norden loszubrechen, als ich auf den Strand kam, nachdem ich die Stadtthore hinter mir hatte. Dicke, ſchwarze Wolken, die raſch dahinflogen, bedeckten den Himmel; eiſige Luftſtöße blieſen von Zeit zu Zeit. Das Meer wogte brüllend und jagte bis unter die Hufen meines Pferdes lange Streifen glänzenden Schaums. Je weiter ich vorwärts kam, deſto ge⸗ 78 waltiger wurde der Sturm, und die Finſterniß mehrte ſich. Bisweilen genöthigt, mich umzuwenden, um dem Sandregen zu entgehen, den der Wind aufwühlte, gewahrte ich weit hinter mir die Stadt, die ich bereute verlaſſen zu haben. In gleichen Zwiſchenräumen warf der Leuchtthurm von San⸗Juan das volle Licht ſeines drohenden Feuers bald auf Vera⸗Cruz, das im Schatten verſenkt lag, und bald auf die ſchaumbedeckte Rhede. Ich unterſchied alsdann während eines Augenblicks die Schiffe, welche vor Anker lagen und, gegen einander ſtoßend, ſich zu zerſchmettern drohten, worauf Alles in Finſterniß zurückſank. Das Wetter war, wie man ſich denken kann, einem nächtlichen Ausfluge wenig günſtig. Ich ritt demungeachtet weiter mit einer Reſignation, die nicht ohne Verdienſt war, und nahte mich ſchon dem Gehölze, an deſſen Ende die Häuſer von Boca⸗del⸗ Rio ſich erheben, als ich einen Reiter vor mir zu erblicken glaubte. Ich wandte mich alsbald gegen dieſen Mann, der, in einen weiten blauen Mantel gehüllt, von ferne einem Fran⸗ ziskaner glich. Das Sturmgeräuſch übertäubte ſo ſehr das Ge⸗ trappel meines Pferdes, daß ich mich ganz nahe hinter dem Reiter befand, ohne daß er mich gewahr wurde. Ich ſah bald, daß er kein Mönch, ſondern ein Landmann von der Küſte war, deſſen Bageta ich für eine Kutte gehalten hatte. Die Hand vor den Augen, um ſie vor der blendenden Gewalt der Blitze zu ſchützen, ſchaute der Reiter ſpähend in die Ferne, als wolle er den dunkeln Schleier durchdringen, der den Ocean deckte; aber in der Unendlichkeit zeigten ſich nur die weißen Kämme der Wogen, die ſich im Sturme bäumten. Ich rief vergebens dieſen Mann mit der ganzen Kraft meiner Lunge an, die Ge⸗ walt des Windes hinderte meine Worte, bis zu ihm zu gelan⸗ gen. Ich wollte dicht an ihn hinreiten, als ein ferner Schuß mir nicht Zeit dazu ließ. Bei dieſem Geräuſch, wie auf ein 79 4 ungeduldig erwartetes Zeichen, ſpornte der Reiter alsbald ſein Pferd an, das im Galopp in der Richtung des Waldes von Boca⸗del⸗Rio davon jagte. Die Bäume hatten ihn bald mei⸗ nem Auge entzogen, und ich war nun meinerſeits nur darauf bedacht, mitten in den Lianen und dem Geſtruͤpp den ſchmalen Pfad zu entdecken, der nach dem Dorfe führte. Wie ich es ge⸗ hofft hatte, konnte ich unter dem Schutze der Bäume, die den Wind aufhielten, leichter fortkommen. Je tiefer ich in den Wald kam, deſto mehr verminderte ſich das Geräuſch der Wo⸗ gen. Ich ritt ungefähr eine Stunde fort unter dieſem dichten Laubdach in vollkommener Finſterniß, und gewahrte faſt mit Bedauern in einer Lichtung von Neuem den Schaumſtreif, der das Meer ankündigte. Schon war ich ganz nahe bei Boca⸗ del⸗Rio, ſo genannt nach ſeiner Lage an der Mündung eines Fluſſes, als ich beim Hervorkommen aus dem Gehölze ein zu anziehendes Schauſpiel gewahrte, das mich am Strande erwar⸗ tete, als daß ich mich nicht alsbald zu einem kurzen Halt ent⸗ ſchloſſen hätte. Ungeachtet der Heftigkeit des Sturmes kam und ging die ganze Bevölkerung von Boca⸗del⸗Rio am Strande; alle Augen waren auf die ſchäumenden Wogen gerichtet, deren phosphores⸗ cirender Glanz gegen den dunkeln Himmel abſtach. Es war übrigens kein Fahrzeug zu erblicken; nur ein ferner Schuß hatte angezeigt, daß ein Schiff in Gefahr einen Lootſen verlangte. In einer ſolchen Nacht war es augenſcheinlich, daß nur durch ein Wunder ſelbes, ohne zu ſcheitern, ſich an der Küſte halten konnte; da indeß kein zweiter Schuß erfolgte, ſo hoffte man, daß es dem Fahrzeug gelungen ſei, ſich zu entfernen. Ueberdieß konnte ein Lootſe, der des Morgens abgefahren war, bevor der Nordwind zu wehen begann, an Bord gelangt ſein, und die vollendete Erfahrung dieſes Seemannes beruhigte die Gemüther. 8 3 80⁰ Nur eine kleine Anzahl der Zuſchauer hielt das Schiff für ver⸗ loren, wie die Geſpräche, welche die verſchiedenen Gruppen unter ſich wechſelten, mir bald kund thaten. Calros war mit unter den Neugierigen am Strande, und ich hatte ihn bald erkannt. Im Augenblick, als er mir einige Einzelheiten über den Gegenſtand der allgemeinen Theilnahme mitgetheilt hatte, gelangte ein zweiter Schuß, und dießmal deut⸗ licher, bis zu unſerem Ohre. Ein Blitz ging bald einem dritten voran, und nach einigen Sekunden konnte man die ſchwarze Maſſe des Schiffes unterſcheiden, das, ſeiner Seegel beraubt, ſich mit einer Schnelligkeit näherte, als ſegle es mit voller Kraft. Das Fahrzeug ſchien ſeinem Verderben nicht entgehen zu kön⸗ nen; indeß hörte ich um mich her ſagen, daß ihm noch eine Hoffnung auf Rettung bleibe, wenn es ihm gelinge, in einen nahen Kanal einzulaufen, um alsdann ſo ſachte als möglich auf dem Sande zu ſtranden, während es an den Felſen ganz ſicher ſcheitern mußte. Zum Unglück vermochte Niemand unter den Wogen, die gänzlich die Gränzen des Strandes verrückt hatten, mit Genauigkeit die enge Oeffnung des fraglichen Ka⸗ nals zu entdecken; man mußte deßhalb darauf verzichten, Feuer anzuzünden, welche das Schiff nur irre leiten konnten, und ſich auf fruchtloſe Wünſche beſchränken. Alle Bewegungen des Fahrzeuges ſchienen nur darauf be⸗ rechnet, den entſcheidenden Augenblick weiter hinauszuſchieben, wo es ſich in die Richtung des Kanals, den die Wellen ver⸗ bargen, wagen ſollte, wenn es nicht vorzog, einen augenſchein⸗ lich fruchtloſen Kampf weiter fortzuſetzen. Bald bot es den Wogen eine ſeiner Seiten dar, bald floh es vor dem Sturm gegen das Land. Plötzlich übertönte ein Freudenruf das Ge⸗ töſe des Sturmes; auf Kanonenſchußweite von dem Orte, wo die Zuſchauer verſammelt waren, glänzt ein Rettungsfeuer am 81 Strande. Hatte ein muthvoller Mann es gewagt, das Schiff in den Kanal zu führen? Die Bemannung des Schiffes ſchien es zu glauben, und deutete das Zeichen, wie wir es ſelber ge⸗ than; denn wir ſahen es mit entſetzlicher Schnelligkeit auf das Licht losſteuern, das ging und kam, aber ſtets in gerader Rich⸗ tung. Ein Fockſegel am Hauptmaſt war das einzige, welches das Fahrzeug ausſpannen konnte, um mit Hülfe des Steuers weiterzukommen. Nur ein Fall äußerſter Noth konnte dieß ge⸗ ſtatten. Indeß, wenn der Wind einen Augenblick nachließ, hielt es an, bis ein neuer Stoß es wieder in Bewegung ſetzte. Endlich ſah man es ſich bäumen, dann auf die linke Seite nei⸗ gen, dann auf die rechte, dann wieder auf die Seite, und end⸗ lich in ſich zuſammenſinken. Ein Nothſchrei drang bis zu uns mitten durch den Aufruhr des Windes und Meeres; im ſelben Augenblick erloſch das Feuer, ähnlich den Irrlichtern, welche des Nachts um die Torfmoore flackern und verſchwinden, wenn ſie den Wanderer in einen Abgrund gelockt haben. Nun war die Goelette verloren. Man konnte nur noch das Schiffsvolk retten. Während man über die Mittel berathſchlagte, zeigte ſich ein Mann auf dem geſcheiterten Fahrzeuge, und beim Scheine der Laterne, welche ſein Geſicht beleuchtete, erkannte man eine Ge⸗ ſtalt, die mir Calros als den Piloten Ventura, ſeinen Freund, bezeichnete. Einige Worte, die er durch ein Sprachrohr uns zurief, konnten wir nicht verſtehen, aber das Tau in ſeiner Hand ließ keinen Zweifel über den Sinn derſelben übrig. Ventura verlangte, daß ein Fahrzeug das Ende deſſelben faſſe. Das Unternehmen war unmöglich. Das Begehren des Lootſen blieb daher unerwiedert. Wir ſahen alsdann mitten unter den Schaum⸗ garben, welche das Vorderdeck der Goelette beſpülten, ein Boot niedergleiten und einige Männer hineinſteigen. Wir ſollten nun dem letzten und traurigſten Auftritte dieſes Seedrama's anwohnen; Aus allen Welttheilen. 3 8 6 8² nachdem das Boot ſo mühſam aussg tzt ſich einige Minuten über dem Waſſer erhalten, verſchwand e den Schaumwolken. Einem Einzigen der Schiffsmannſchaft auf dem Canot gelang es, ſchwimmend das Ufer zu erreichen, und dieſer, ganz triefend von Waſſer, faſt erſchöpft vor Müdigkeit und Kälte, war kein Anderer als der Lootſe Ventura. Ohne ſich um die Fragen zu kümmern, womit er von allen Seiten bedrängt wurde, rollte Ventura ein Tau auf, das er ſich um den Leib gebunden hatte, und gab den Befehl, deſſen Ende ſtark zu befeſtigen, um die Matroſen zu retten, die an Bord geblieben waren. Hundert Hände griffen ſogleich darnach und hielten es feſt. Als dieß geſchehen war, ſchöpfte der Pilot Athem, und ſeine erſten Worte erklärten mir den wichtigſten Umſtand und zugleich auch den geheimnißvollſte des Auftritts, dem ich angewohnt hatte; das geſcheiterte Fahezrug war durch ein falſches Signal untergegangen; das Rettungsfeuer, durch welches es nach einer Felsbank gelockt worden war, wurde durch die hinterliſtige Hand eines der Freibeuter angezündet, für die jeglicher Schiffbruch eine Gelegenheit zum Raube iſt. Während er dieſe Epiſode erzählte, worin er eine für ſeinen Muth ſo ehrenvolle Rolle ſpielte, blickte Ventura zornig umher; er ſchien jenen zu ſuchen, deſſen ſcheußliches Begehen den Untergang der Goelette veranlaßt hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, da⸗ bei an den Reiter zu denken, der vor mir geweſen, als ich mich Boca⸗del⸗Rio näherte, und der beim erſten Nothzeichen des Fahr⸗ zeuges ſein Pferd ſo plötzlich in der Richtung des Meeres in Galopp geſetzt hatte. »Fluch,« rief Ventura, indem er ſeine Erzählung beendigte, Fluch über dieſe Freibeuter, welche der Nordſturm nach der Küſte lockt, um Schiffbrüchige oder die Trümmer der Ladung zu be⸗ rauben. Der Teufel hole den Spitzbuben, der uns ſcheitern 8³ machte, um ſeine hölliſche und ungeſchickte Habgier zu be⸗ friedigen!«. Während er ſprach, verkündete eine Bewegung des Taues, das ſich unter einem heftigen Drucke wand, daß die Matroſen der Goelette ſich ſeiner bedienten, um an's Land zu gelangen. In der That ſäumte die Mannſchaft des Schiffes nicht, theils ſchwimmend, theils watend den Strand zu erreichen, zwar nicht ohne Mühe und Gefahr, denn zur Zeit der Fluth ſchwoll das Meer an und der Wind verdoppelte ſeine Heftigkeit. Das Fahr⸗ zeug war eine amerikaniſche Goelette und trug eine reiche La⸗ dung nach Alvarado, einem kleinen Hafen, ſechzehn Stunden von Vera⸗CEruz, die allem Anſchein nach eine Beute der Wellen oder der Küſtenbewohner werden ſollte; aber da ſie der ameri⸗ kaniſchen Vorſicht nach verſichert war mit einer Summe, die ihrem Werthe gleichkam, ſo dachte der Kapitän nur daran, um ein Obdach und ein Glas Grog zu bitten. Die Uferbewohner beeilten ſich, ihm wie dem Schiffsvolke eine habſüchtige Gaſt⸗ freundſchaft anzubieten, mit dem Gedanken im Hinterhalt, wäh⸗ rend der Nacht ohne Gewiſſensbiſſe das Strandgut ſich anzu⸗ eignen, welches das Meer ihnen zuſenden würde. Ich aber ließ mein Pferd durch einen der Dorfbewohner wegführen, nachdem ich vorſichtig die Piſtolen aus den Halftern in meinen Gürtel geſteckt hatte. Meine Abſicht war, am Strande zu bleiben, um keinen der ſeltſamen Auftritte zu verlieren, welche die orga⸗ niſtrte Plünderung des Schiffes herbeiführen mußte. Frauen und Kinder hatten ſich zurückgezogen, und man ſah nur noch eine kleine Anzahl von Männern am Strande, die nicht ohne Ungeduld den Augenblick erwarteten, wo das Meer einen Theil der Ladung zurückgeben ſollte, welche es ver⸗ ſchlungen hatte. Der Lootſe Ventura ließ die Feuer auslöſchen, und es wurde wieder dunkel am Strande, wenn auch nicht ſtill, 84 denn die Fluthen dröhnten ſo laut wie der Donner, und die Gebirge von Tuxtla gaben den Wiederhall zurück. Biswellen erleuchtete ein bleicher Mondſtrahl die Schaumdecke des Meeres und zeigte das geſcheiterte Schiff, das die Wogen auf den Fel⸗ ſen abdeckten. „Ueberall, wo es Leichen gibt,« ſagte der Pilot, mit dem Finger auf die Goelette weiſend,„laſſen die Zopilates(ſchwarze Geier) ſich nieder, oder verſammeln ſich die Hayfiſche, und wir werden bald jenen herbeikommen ſehen, der den Untergang die⸗ ſes Fahrzeuges veranlaßt hat. Es wäre eine Schmach, wenn Andere mit uns theilten, was das Meer an unſere Küſten ſendet.“ Alles blieb indeß ruhig, und während wir abwarteten, daß die Freibeuter erſcheinen ſollten, konnte ich nach Bequemlichkeit . die Lage des Ortes unterſuchen. Einige Schritte vor uns öff⸗ nete ſich eine weite Bay an der Küſte; es war die Mündung eines Fluſſes, der ſich unter dichten Bäumen verlor. Dieſſeits des Fluſſes lag das Dorf Boca⸗del⸗Rio. Eine Reihe Mangel⸗ bäume dehnte ſich zwiſchen uns und der Bay aus; dieſe Bäume verbargen uns, Dank der Dunkelheit, vollkommen, und wir wählten nach des Piloten Anweiſung dieſen Poſten, um die Freibeuter auszuſpähen. Wir durften nicht lange warten. Ein Trupp Männer zu Pferde näherte ſich bald längs des Waſſers und erſchien am Strande. In geringer Entfernung von den Mangelbäumen machte der Trupp Halt, wie um ſich zurecht zu finden, und ein Reiter kam allein und mit Vorſicht hervor. „Der Spitzbube hat Verſtärkung geholt,“ ſagte der Lootſe mit leiſer Stimme. „Und wahrſcheinlich auch Maulthiere, um die Beute fort⸗ Aubringen,“ verſetzte einer der Uferbewohner. In dem Reiter, 8⁵ der voran war, erkannte ich vollkommen den Mann, deſſen ver⸗ dächtiges Ausſehen mich auf dem Weg von Vera⸗Cruz nach Boca⸗del⸗Rio beunruhigt hatte. Ohne Zweifel erſtaunt, die Küſte ſo öde zu finden, nachdem er ſie ſo lärmend verlaſſen hatte, fuhr dieſer Mann, ſtets in ſeine weite blaue Bageta ge⸗ wickelt, fort, die Umgegend auszuſpähen und nahte ſich den Bäumen. Nach einigen Sekunden aufmerkſamen Lauſchens kehrte er zu ſeinen Gefährten zurück. Man unterſchied ſchon einige Trümmer der Goelette, welche die Fluth nach dem Strande trug. Es war ein ſicheres Anzeichen, daß noch koſtbarere Gü⸗ ter bald folgen würden. Nun konnten die Freibeuter ihre Un⸗ geduld nicht länger zügeln. Sie ſtellten ſich längs der Küſte auf, damit ihnen nichts entginge. Der Mann im blauen Man⸗ tel, welcher der Anführer dieſer Elenden zu ſein ſchien, hatte ſein Pferd bis in die Fluthen getrieben, um die Ankunft der Ballen beſſer überwachen zu können.— »Kann Jemand von Euch mir eine Büchſe leihen?« fragte der Pilot. Einer der Anweſenden reichte ihm ſeine Flinte hin; Ven⸗ tura ergriff ſie. In dieſem Augenblick hob ſich der dunkle Um⸗ riß des Freibeuters und ſeines Pferdes wie eine Reiterſtatue von den weißen Fluthen ab und bot einen trefflichen Zielpunkt dar. Der Schuß fiel, und wir ſahen den Reiter zuſammen⸗ ſinken und dann in den Wogen verſchwinden. Die andern Banditen ergriffen augenblicklich die Flucht, ohne einen zweiten Schuß abzuwarten. Einen Moment hernach kam ein Mann aus dem Waſſer und ſtürzte ſich auf den Strand; es war der Anführer der Freibeuter; die Kugel, welche ihm Ventura zu⸗ dachte, hatte nur ſein Pferd getroffen. Der Lootſe lief ihm entgegen, um ihm den Weg zu verſperren. Ein Kampf begann in der Finſterniß. Als wir herbeikamen, um die Ringenden 86 zu trennen, war er ſchon beendigt. Der Lootſe war von dem Freibeuter niedergeworfen, deſſen Dolch zum Glück an den Klei⸗ dern niederglitt. Es war nicht mehr möglich, dieſen Elenden einzuholen, der eilig davon lief, als er ſeinen Gegner durch einen Meſſerſtich getödtet glaubte. Ventura erhob ſich mit Mühe. »Ich konnte ihn nicht treffen,“ ſagte er, ſich befühlend, „aber das gilt gleich, ich habe Campos, dieſen Schurken, den⸗ noch erkannt! Uebrigens bin ich nicht verwundet, und es iſt ein Wunder, daß der Spitzbube mich mit ſeinem Meſſer nicht an den Sand geheftet hat. So weiß ich auch nicht, wem das Pferd gehört, deſſen er ſich ohne weiters bemächtigt hat, um deſto raſcher zu entfliehen.“ »Sagtet Ihr mir nicht, daß dieſer Mann ſich Campos nennt?« rief alsbald Calros, indem er die Hand des Lootſen drückte.„Tereſo Campos?“ „Ja, Tereſo Campos.“ »Es iſt derjenige, den ich ſuche,“ fuhr der Jarocho fort. »Ihr ſucht ihn,“ fragte der Pilot,„und warum?« „Um ihn zu tödten,“ verſetzte Calros mit heldenmüthiger Naivetät. »Wohlan! ſo will ich morgen Euch ihm entgegenführen, und wenn anders der Eigenthümer des Pferdes, deſſen er ſich bemächtigt hat, ſich uns anſchließen will, wie er thun ſollte, ſo mag der Schurke von Glück ſagen, wenn er uns entrinnt.“ »Ihr hört es, Herr Cavalier,“ ſagte Calros,„Ihr ſeid gleich mir dabei betheiligt, Euch an Campos zu rächen.§ „Und warum denn?“ 3 »Weil, wenn ich nicht irre, es Euer Pferd war, das er geſtohlen hat.« Ich entgegnete mit vollkommener Uneigennützigkeit, daß, . 87 mit Ausnahme eines Sattels von einigem Werthe, ich nicht im Geringſten den Verluſt des Renners bedauere, den man mir — geraubt hatte, daß im Gegentheil der Dieb mir beklagenswerth erſcheine, wenn das Pferd das meinige geweſen; aber dieſe Ausflüchte nützten mir wenig. Mein Pferd, das ich, wie man ſich erinnert, nach dem Dorfe geſchickt hatte, war durch ſeinen allzu ſorgloſen Führer zuvörderſt an einen Baum am Strande feſtgebunden worden, und Campos durfte ſich nur die Mühe nehmen, ſich in den Sattel zu ſchwingen. Ich wurde daher einſtimmig dazu verdammt, dieſen Diebſtahl als eine tödtliche Beleidigung anzuſehen, die ich nicht ungeſtraft laſſen könnte. Bevor wir uns aufmachten, um die Flüchtigen zu verfol⸗ gen, hatten wir noch ein ſehr kitzliches Werk zu vöollenden, ohne der Vorbereitungen zu erwähnen, welche ein Unternehmen er⸗ forderte, das nicht gefahrlos war. Dieſes Werk beſtand in der gleichmäßigen Vertheilung des Strandgutes, das die Fluth in großer Menge herbeiſchwemmte. Der ehrliche Ventura war gegen die Freibeuter nur deßhalb ſo aufgebracht, wie ich bald bemerkte, weil ſie ſeinem eigenen Gewerbe Eintrag thaten. Vor⸗ derhand hatte man einiges Takelwerk aufgefangen, dann Brannt⸗ wein⸗ oder Weintonnen, denen bald ſchwimmende Kiſten folgten. Sobald dieſe Güter aus dem Meere gezogen waren, ſchichtete man ſie an einem trockenen Orte auf, bis der Augenblick kam, wo man ſie theilen wollte. Ich muß geſtehen, daß Ventura bei dieſer Theilung mit großer Unparteilichkeit zu Werke ging: er eignete ſich als Be⸗ lohnung für die Gefahren, die er ausgeſtanden, nur eine gewiſſe Anzahl koſtbarer Ballen irländiſcher Leinwand zu. Als Alles zur Zufriedenheit der Uferbewohner geregelt war, trugen dieſe ihre Beute mit ſolcher Haſt davon, daß der Augenblick verödet war. and in einem 88 Wir konnten endlich, Ventura, Calros und ich, über die Verwendung der letzten Stunden dieſer Nacht verfügen, die ſchon beinahe halb verfloſſen war. Es wurde beſchloſſen, daß ſpäte⸗ ſtens in einer Stunde wir uns am Ufer des Fluſſes treffen ſollten, an einer Stelle, die der Lootſe bezeichnete, der uns nun verließ, um ſeine Beute in Sicherheit zu bringen. Calros und Iich ſchlugen raſchen Schrittes den Weg nach dem Dorfe ein. Der Nannh, o hatte mit verachtender Gleichgültigkeit der Plün⸗ derung zugeſehen, die der Lootſe ſo gewiſſenhaft überwachte. Bevor wir den Strand verließen, warf der Jarocho einen letzten Blick auf das Meer, das mit wachſender Wuth das leere Ge⸗ rippe der Goelette peitſchte, und dann auf die ſeltenen Trüm⸗ mer, welche die Fluth noch an die Küſte trieb. Einige Augenblicke reichten hin, um in's Dorf zu gelangen, und nach einem frugalen Mahle, das unumgänglich nöthig war, um uns von den erlittenen Mühſalen zu erholen, und uns für künftige zu ſtärken, begaben wir uns ſchweigend nach dem Orte, wo uns Ventura erwartete. In einer kleinen Bucht, die von großen Weiden beſchattet wurde, fanden wir den Lootſen beſchäftigt, die Ruder eines Bootes zu ordnen, das noch am Ufer befeſtigt war. Ich hatte die Ermüdung eines Eilmarſches durch die Wälder befürchtet, und ſah mit Vergnügen, daß es ſich ſtatt einer Fußwanderung um eine Fahrt im Boote handelte. Ich bezeugte dem Lootſen mein Vergnügen darüber. »Hier,“ verſetzte er,„können wir nur auf zweierlei Arten reiſen: zu Pferde oder auf dem Waſſer; wir überlaſſen es den neugelandeten Galiciern auf dem Fußpfad zu traben. Ihr ver⸗ ſteht ohne Zweifel zu rudern?“ ſagte er zu Calros. Dieſer machte ein bejahendes Zeichen, und wir nahmen Platz in dem Canot; in meiner Eigenſchaft als Paſſagier 89 — breitete ich meinen Mantel auf den Boden, um mich vor dem Winde zu ſchützen. Obgleich ſchon weit von ſeiner Mündung, war der Fluß breit und von der Fluth geſchwellt. Der Wind trieb kleine Wellen unter das Boot, und wir begannen bald mit Hülfe der beiden Ruderer raſch auf der dunkeln Waſſerfläche hinzugleiten. An den Ufern war abwechſelnd das erhabene Schweigen der amerikaniſchen Einöden, und das dumpfe Toſen des Sturmes, der durch die Bäume wehte. Die Ränder des Fluſſes waren ſehr ſteil. Bald verbreitete ſich ſein Bett, und die Barke zog ihre Spur mitten zwiſchen beiden Ufern; über unſeren Häuptern wälzte ſich das Gewölk wie Meereswogen hin. Bald drängte ſich die Waſſermaſſe rauſchend zwiſchen den ſteilen Anhöhen und dem dichten Laubgewölbe, welches Akazien mit knotigen Stämmen, Palmen und gebogene Cedern bildeten, von denen lange Gewinde von Schmarotzerpflanzen auf uns niederhingen. Der Seewind miſchte von Zeit zu Zeit ſeinen herben Hauch mit den Balſamdüften der Lorbeerroſen, welche den Fluß einfaßten. Ich gab mich dem Zauber einer Träumerei hin, die mich vollkommen das Ziel unſerer nächtlichen Fahrt vergeſſen ließ; eine Bemerkung des Lootſen weckte mich plötzlich daraus. »Jeder,“ ſagte der Lootſe,„hat in dieſer Welt ſeine Nei⸗ der und Feinde. Ich meinerſeits kenne mehr als einen, Cam⸗ pos mit eingeſchloſſen, die ſich ſehr erfreuen würden, wenn ſie wüßten, daß zu dieſer vorgerückten Nachtſtunde, mitten in dieſen Einöden, die niemals ein Alcade beſucht hat, ſie Sinforoſo Ven⸗ tura ohne Vertheidigung treffen könnten.« „Haben wir nicht Waffen?« erwiederte Calros.„Eure Büchſe, die Piſtolen meines Freundes hier, meinen Machete, 8 zählt Ihr ſie für nichts?« „Auf freiem Felde könnten dieſe Waffen unſtreitig von 90 Nutzen ſein; hier würden ſie uns nicht dienen. Ein Mann, im Wipfel dieſer Bäume verborgen, die auf uns niederhängen, könnte ganz bequem den von uns Dreien ſich auserſehen, wel⸗ chem er eine Kugel vor den Kopf ſchießen möchte, oder es könnte auch ein fauler Baumſtamm, in den Fluß geworfen, unſer Ca⸗ not umſchlagen, wenn es nicht gar zerſchmettert wird. Was haltet Ihr davon?“ „Einverſtanden,“ antwortete Calros,„zum Glück weiß man nicht, daß Ihr dieſe Nacht den Fluß herauffahret.“ „Wer weiß!“ ſagte der Pilot,„es gibt allenthalben Ver⸗ räther und Spione. Wenn irgendeiner der Freibeuter, die wir in die Flucht gejagt haben, unſer Vorhaben ahnte, ſo dürft Ihr ſicher ſein, daß ſeine Gefährten zeitig genug benachrichtigt wer⸗ den, um dieſe Nacht noch uns aufzulauern an einer Stelle, die ich kenne. Es ſind ſchon zwei Stunden, daß wir rudern,“ ſetzte er, den Kopf ſchüttelnd, hinzu,„dieſer Ort iſt nicht ferne. Ihr wißt nun, was wir zu befürchten haben; überlegen wir, ob es gerathen iſt, weiter zu fahren, oder an's Land zu gehen, bis es Tag wird.“ 3„Ich will ſo wenig Zeit verlieren als möglich,« antwor⸗ tete der Jarocho kalt.„Wenn wir gut rudern, ſo können wir in einer Stunde das Dorf erreichen, welches Campos be⸗ wohnt.« „Es ſei,“ erwiederte Ventura,„fahren wir weiter, und ſchütze uns Gott!« Ein dumpfes Schweigen herrſchte unter uns nach dieſem Ausruf des Lootſen. Ich aber, der nun die Gefahren kannte, welche uns bedrohten, ſetzte mich in's Vordertheil des Bootes, um wo möglich den Hinterhalt zu erſpähen, der auf uns lauerte; aber die Dunkelheit der Nacht machte alle Sehkraft zu Schan⸗ den, wenn ſie auch weiter reichte als die meinige. Die Bäume 91 warfen dichten Schatten auf das Strombett; bisweilen ſchüttelte ein Windſtoß gleich einem Funkenregen Schwärme von Leucht⸗ käfern von den Blättern. Kein Stern leuchtete durch dieſes Laubdach vom Himmel. Das Raſſeln des Schilfs, an welchem das Canot hinſtreifte, das Krachen der Lianen, in denen ſich das Ruder fing, das klagende Geheul der Coyotes(Schakals) unterbrachen allein von Zeit zu Zeit das Schweigen der Wäl⸗ der. Abermals war eine Stunde verfloſſen, ohne daß das Ge⸗ ringſte den Verdacht des Lootſen rechtfertigte, als der Jarocho das Ruder einen Augenblick weglegte, um Athem zu ſchöpfen; das Canot, durch die Gewalt der Strömung fortgeriſſen, drehte ſich im Fluſſe. »Haltet das Boot in gerader Richtung mit dem Strome,“ rief der Lootſe lebhaft;„wenn auch die Menſchen es nicht tha⸗ ten, ſo kann doch der Wind irgendeinen faulen Stamm ent⸗ wurzelt haben, der, von der Seite treffend, uns ſicher umſchla⸗ gen machte, während, wenn er an den Kiel ſtößt, wir dieſer Gefahr entgehen können, die um ſo größer iſt, da die Fluth das Salzwaſſer bis hieher treibt, worin nicht ſelten Hayfiſche vorhanden ſind.“ Dieſe Nachricht verkündete mir weitere Fährlichkeiten, de⸗ nen gegenüber ich mit noch mehr Bitterkeit an die Stunden der Ruhe oder des Farniente gedachte, die ich in meinem Gaſthaus zu Vera⸗Cruz hätte zubringen können. Calros ließ ſich das nicht zweimal ſagen, und griff mit neuem Eifer nach ſeinem Ruder. Wir waren an einen Ort gelangt, wo zwei ſteile Böſchungen das Flußbett verengten. Dichte Gehänge von Laub fielen von beiden Seiten bis in das Waſſer nieder und flatterten im Winde. Einige Schritte weiter wurde der Fluß ſo ſchmal, daß man die Ruder nicht mehr ge⸗ brauchen, und nur mit Hülfe eines eiſernen Hakens ſich geger 9² die Gewalt der Strömung ſtemmen konnte. Bald geſtattete ein weiterer Raum beim Ausgang dieſes engen Kanals ſich wieder des Ruders zu bedienen, aber die Ufer des Fluſſes, ſich erwei⸗ ternd, erhoben ſich auch im Verhältniſſe. Hohe Felſen, all⸗ mählig durch die Strömung ausgegraben, hingen über das Waſſer herein, wie der geſprengte Bogen einer Brücke. Unter dieſen tönenden Hallen weckte jeder Ruderſchlag einen lauten Wider⸗ ſchall. Wir fuhren auf Glück in der Dunkelheit weiter, ohne zu wiſſen, ob nicht jeglicher Anſtoß uns gegen die Felswände treibe.. „Hier ſollte man die Augen einer Tigerkatze haben, um den Weg zu unterſcheiden,“ rief der Pilot. „Geht es noch lange ſo fort?« fragte Calros. »Einige tüchtige Ruderſtöße werden uns hinausſchaffen,“ erwiederte Ventura;„aber das Mühſeligſte iſt, den Eingang des Kanals zu finden, der aus dieſem Becken führt; er iſt eben ſo enge als der, welchen wir verlaſſen haben. Nehmet die Schierſtange. Herr Cavalier, um zu ſehen, ob wir nicht an die Felſen ſtoßen.“ Ich that, wie man mir geheißen hatte. Das Boot war nicht aus der geraden Linie gewichen, und die Stange traf nach beiden Seiten das Leere. »Alles ſteht gut,“ ſagte ich,„und wir ſind mitten in der Strömung.« Die Ruderer machten ſich auf's Neue an's Werk, und das Fahrzeug flog über den Fluß hin. Plötzlich traf die Stange heftig gegen den Felſen und entfiel meiner Hand. Zu gleicher Zeit wurde ich von meinem Sitz herabgeworfen; ein Krachen zerbrochener Aeſte folgte, das Boot ſtand plötzlich ſtill. „Was gibt es hier?“ rief der Pilot, der nach dem Vor⸗ dertheil ſtürzte und mit ausgeſtreckten Händen das undurch⸗ 93³ dringliche Lianen⸗ und Zweigdickicht durchſuchte.„Demonio! die Schurken haben wirklich einen faulen Stamm in den Fluß gewälzt, den die Strömung bis hierher geführt hat, und der jetzt uns den Ausgang verſperrt. Wie ſollen wir herauskom⸗ men? Ein Felsblock, von den ſteilen Ufern herabgeworfen, wird uns zerſchmettern, bevor wir uns einen Weg gebahnt haben.“ Es war nur zu augenſcheinlich, und ich antwortete nichts darauf. Das Sicherſte war, in den Kanal zurückzufahren, wo⸗ her wir gekommen waren; aber das Canot, zwiſchen die Aeſte des entwurzelten Baumes gezwängt, widerſtand allen unſeren Anſtrengungen. Einige Augenblicke vergingen unter vergeblichen Mühen gegen das Hemmniß, das uns den Weg verſperrte. Plötzlich erſcholl eine donnernde Stimme über unſeren Häuptern. —»Wer da?“ rief man uns zu. »Gente de Paz,“ erwiederte ich auf Anweiſung des Lootſen. 48 »Das genügt nicht. Ihr ſeid Eurer drei, und ich will drei Stimmen hören.“ »Nun ja, Caramba!« rief der Jarocho,„ſaget dem Cam⸗ pos, daß ich es bin, ich, Calros Romero von Manantial.“ „Und fraget ihn auch,“ ſetzte der Lootſe ſtolz hinzu,„ob er den Namen des Sinforoſo Ventura aus Boca⸗del⸗Rio kennt!« Ein gellendes Pfeifen ſchrillte durch die Wälder; ein an⸗ derer Pfiff antwortete hinter uns und bewies uns, daß beide Ufer bewacht waren. Einige Sekunden vergingen mit der Länge von Jahrhunderten. Unbeſtimmte Geſtalten zeichneten ſich end⸗ lich auf den Felſen über unſeren Köpfen, drohendes Geſchrei ertönte, und ſchwankende Lichter ſchimmerten über den Fluthen. Der Lootſe wartete nicht lange, um auf die Banditen Feuer zu geben; aber dieſe waren im Vortheil gegen uns durch ihre — 94 weit furchtbarern Waffen. Ein Schuß antwortete zuerſt der Büchſe des Piloten; dann wurde ein ungeheurer Felsblock mit Mühe losgebrochen und in das Waſſer geſtürzt, das in Schaum⸗ garben auf die Barke ſprühte. Der Lootſe ſtieß einen Angſt⸗ ſchrei aus. Wir aber, geblendet und erſtickt von dem plötzlichen Beſpritzen, fühlten das Canot ſich bäumen wie auf dem Kamm einer Welle, und gewalſam aus den Aeſten geriſſen, die es feſthielten, raſch durch den Strom gleiten. Als ich wieder zum Bewußtſein kam, war der Lootſe nicht mehr unter uns. Ich rief ihn mehrere Male, aber nur Calros antwortete mir:„Es iſt um ihn geſchehen! Habt Ihr nicht ſeinen letzten Schrei gehört? Er iſt im Fluſſe. Gegenwärtig iſt an uns die Reihe.« Ein raſcher Rückzug war der einzige Weg zum Heile, der uns blieb. Der Jarocho hatte die Ruder wieder ergriffen und arbeitete gewaltig. Kein Geräuſch ließ ſich hören als das des Waſſers, welches die Ruderſchäge durchſchnitten. Hatten unſere Feinde unſere Spur verloren, oder erwarteten ſie uns an dem engen Kanale, aus dem wir gekommen, und den wir jetzt mit aller Anſtrengung wieder zu erreichen ſtrebten? Was auch uns bei dieſem letzten Ausweg erwarten mochte, ſo war es dennoch unmöglich, rückwärts zu gehen. Bald gelangten wir in den gefährlichen Engpaß. Der Stamm einer Ceder oder eines Guyakbaumes, der über das Waſſer hing, das Raſcheln des Windes in den Zweigen, ein Iguan(große Eidechſe), der aus ſeinem Lager von dürren Blättern entfloh, ein Eichhörnchen, das der Ruderſchlag erſchreckte, das geringſte Geräuſch, irgend eine verdächtige Geſtalt fand uns gerüſtet und die Hand an der Wehr. Unſere Fahrt wurde oftmals unterbrochen, aber wir ruderten mit großem Eifer. Endlich erreichten wir eine Stelle, wo der minder gedrängte Pflanzenwuchs eines der Ufer entblößte, und hier landeten wir. —è 95 Ein flüchtiges Durchſpähen zeigte uns, daß dieſe Lichtung keinen Hinterhalt barg. Nun beſchloſſen wir, eine Stunde auszuruhen und dann zu berathſchlagen, ob wir unſeren Weg zu Lande oder zu Waſſer fortſetzen wollten. In dieſem Augenblick dämmerte die erſte Tageshelle am Himmel. Wie groß war unſer Stau⸗ nen, als im Moment, da wir unſer beſcheidenes Lager aufſchla⸗ gen wollten, eine bekannte Stimme unſer Beider Namen rief: dieſe Stimme war keine andere als die unſeres Gefährten Ven⸗ tura. Wir glaubten geäfft zu werden, aber bald war es nicht mehr möglich, an der vollkommenen Auferſtehung des wackeren Lootſen zu zweifeln, der am anderen Ufer erſchien, indem er uns bat, ihn über das Waſſer zu fördern. Durch den Fluß zu ſetzen und ihn herüberzuholen, war für Calros das Werk eines Augenblicks.—„Und durch welches Wunder ſeid Ihr noch auf dieſer Erde?« fragte ich Ventura alsbald. Das Angſtgeſchrei, das Ihr ausgeſtoßen, gellt mir noch in den Ohren.“ »Dieſer Angſtruf hat Euch das Leben gerettet. Was das Wunder betrifft, ſo iſt es nur eines für jene, welche nie einen Mexicaner von guter Herkunft Angeſichts der Gefahr erblickt haben. Als ich einſah, daß wir ohne Gegenwehr zerſchmettert werden konnten, ſtürzte ich mich aus dem Canot in die Aeſte des Baumes, der unſeren Weg verſperrte, und indem ich das Felsſtück niederfallen ſah, das dieſe Elenden in den Fluß war⸗ fen, ſtieß ich den Angſtruf aus, den Ihr für meinen letzten Todesſchrei hieltet. Die Schurken wurden ebenſo dadurch ge⸗ täuſcht, wie Ihr, und ſind entflohen. Eine Stunde ſpäter ſtieg ich ganz gemächlich am entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes hin⸗ auf und folgte ſeinem Lauf, indem ich wohl wußte, daß ich Euch irgendwo treffen würde. Ich habe mich, wie Ihr ſeht, nicht getäuſcht, und wir wollen unſeren Weg fortſetzen. Was Euch betrifft, Herr Calros, ungeduldig wie Ihr es waret, Euch 8 8 3 96 an Campos zu rächen, vor dieſem neuen Unfall, ſo müßt Ihr nun noch größere Luſt dazu verſpüren. Ich habe Freunde in ſeinem Dorfe; wir wollen ihn dort aufſuchen, uns ihm gegen⸗ überſtellen, und in zwei Stunden werden Eure Wünſche er⸗ füllt ſein.« Die Ankunft des Piloten hatte Calros ſeine ganze glü⸗ hende Ungeduld zurückgegeben, die von der Müdigkeit einen Augenblick überwältigt worden war. Es konnte daher keine Rede mehr davon ſein, Halt zu machen. Eine kurze Berathung verbreitete ſich allein über die Frage, ob wir unſere unterbrochene Waſſerfahrt fortſetzen oder zu Fuß gehen ſollten. Ventura meinte, wir ſollten das Canot beſteigen,„denn es iſt gewiß,« ſagte er, „daß wir keine Feinde mehr treffen werden, und daß das Waſſer alle Hinderniſſe fortgeſchwemmt hat, welche die Freibeuter an einigen Stellen des Fluſſes anhäuften.« Wir traten endlich dieſer Meinung bei, und nahmen ohne Zeitverluſt unſere Plätze wieder ein, Calros und Ventura im Vordertheil und Hinter⸗ theil des Canots, ich zwiſchen den beiden Ruderern, glücklich, durch mein Ungeſchick entſchuldigt zu ſein, an der Arbeit Theil zu nehmen und mit gärzlicher Freiheit die herrliche Landſchaft betrachten zu können, die ſich, vom erſten Morgenlichte erhellt, vor uns entrollte. Der Fluß, ſo düſter zuvor, ſchien in ſeinem grünen Bette der aufgehenden Sonne entgegen zu lächeln. Leichte Dünſte erhoben ſich, von der glühenden Hitze geballt, die raſch der Nachtkühle folgte. Die wilden Jasminblüthen, der Suchil und die Lorbeerroſe vermiſchten ihre Düfte und ihre Farben mit den Gewinden blauer oder purpurner Lianen, welche ſich wie ein Netz längs der beiden Ufer über die Lotos und Pfeilwur⸗ eln hinſpannten. Einen Augenblick, durch den Lauf des Boo⸗ ees getrennt, ſchloſſen ſich dieſe grünen beweglichen Bogen bald 97 wieder hinter uns. Nichts in dieſer Einſamkeit bewahrte die Spur der Menſchen; kein Geräuſch ließ ſich hören, als das regelmäßige Picken des Spechtes an dem tönenden Stamme eines abgeſtandenen Baumes. Endlich gelangten wir an das Ziel unſerer Fahrt. Der verbreiterte Fluß lief zwiſchen zwei niedrigen Ufern hin, die ſich kaum über das Waſfer erhoben. Auf dem einen und dem an⸗ dern dehnten Zuckerfelder ihre grünen Wogen bis an eine Hü⸗ gelkette aus, die in kleiner Entfernung vom Geſtade aufſtieg. »Wir ſind an Ort und Stelle,« rief der Pilot;„hier müſſen wir landen, das Dorf iſt hinter dieſen Hügeln.“ Wir ſtiegen an's Land, der Lootſe band das Canot an das Ufer und ging vor uns her. Wir hatten bald das Dorf erreicht; Alles war ruhig. Unter den Eingängen der Hütten, welche meiſt von Palmen und Bananengruppen beſchattet waren, begrüßten einige Einwohner, nachläſſig in ihre Hängematten geſtreckt, von ferne den Lootſen wie einen alten Bekannten. Nachdem er die Fragen über die letzten Ereigniſſe an der Küſte in Kürze beantwortet hatte, beeilte ſich Ventura zu fragen, wo Campos ſei. Er ſetzte zugleich, auf Calros weiſend, den Be⸗ weggrund ſeines Kommens auseinander. Dieſe Kunde wurde von der müſſigen und händelſüchtigen Gruppe wie ein unſchätz⸗ barer Glürksfall aufgenommen; aber im Intereſſe der Sache ſelber mußte ſie insgeheim durchgeführt werden, und ein Jeder befliß ſich der Verſchwiegenheit. Man machte ſich in der Stille auf den Weg nach der Hütte, welche Campos bewohnte. Dieſer lag, wie man es erwartete, in ſeiner Hängematte. Ich konnte mich nicht enthalten, die Willenskraft zu bewundern, mit welcher dieſer Mann ſeine Verwirrung beim Anblick des Piloten ver⸗ barg, den er von dem Fluß verſchlungen wähnen mußte. Er erhob ſich ruhig, blickte uns Alle mit verächtlicher Neugier an, Aus allen Welttheilen. 7 98 und ſchien nur einige Bewegung zu fühlen, als er Calros ge⸗ wahr wurde. „Wer ſendet Euch auf meine Spur?« fragte er den Ja⸗ rocho. „Tia Joſepha,“ antwortete der Jarocho;„auf ihr Geheiß bin ich von Manantial hierher gekommen.“ „Ich habe Euch verſtanden,« verſetzte Campos;„es iſt gut, ich ſteh' Euch zu Gebot.“ Die Bedingungen des Zweikampfes wurden ſogleich be⸗ rathen, und mit einer Ruhe, einer Würde, die ich von den beiden Gegnern nicht erwartete. Weder der Lootſe, noch Calros würdigten ſich im mindeſten der Ereigniſſe der Nacht zu er⸗ wähnen. Es war ein Kampf um Leben und Tod, um den es ſich handelte, und in dieſem hehren Augenblick war jede Anklage überflüſſig. Als man über Ort und Zeit einig geworden war, entfernte ſich Campos, ſeine Zeugen aufzuſuchen, und wir be⸗ gaben uns an die bezeichnete Stelle. Ich folgte mit Calros, ſchweigend und düſter. Nach einer viertelſtündigen Wanderung ungefähr, in ent⸗ gegengeſetzter Richtung vom Fluſſe, gelangten wir an den Rand eines der Sumpfbaſſins, die in gewiſſen Theilen von Merico ſo häufig ſind. An einer Seite dieſes kleinen Sees zog ſich ein Baumgürtel hin; an der anderen erhoben ſich wie ein Ufer⸗ rand hohe Medanos von feinem beweglichen Sande, die, von einem Tage zum andern ſich überſtürzend, die Lagune ausfüllen konnten, die ſie umgaben. Hier erwarteten wir die Ankunft von Campos und ſeinen Zeugen. Calros ſchritt ungeduldig hin und wieder. Er war der Sohn eines wilden Stammes, deſſen Leiden und Freuden allein nur durch Blut erregt und geſtillt werden können. Geräuſch von Tritten und Stimmen verkündete bald die Ankunft desjenigen, den man erwartete. Die Vorbe⸗ 99— reitungen zum Kampfe dauerten nicht lange. Als der Kampf⸗ platz abgeſchritten und das Licht getheilt war, ſtellten ſich die Gegner einander gegenüber. Ich hörte das Zeichen, und mit beklommenem Herzen das Klirren des Stahles; ich hatte den Kopf abgewendet, aber bei einem Schrei, der ausgeſtoßen wurde, führte ein unwiderſtehliches Gefühl meine Blicke auf die Käm⸗ pfenden zurück. Ein Mann ſtürzte auf die Höhe der Dünen; er ſchwang den Stumpf eines Machete und das Blut rieſelte von ſeiner Stirn in den Sand; es war Campos. Seine Flucht war ſo raſch geweſen, daß ſein Gegner noch unbeweglich auf ſeinem Platze ſtand. Einer der Zeugen näherte ſich, um Cam⸗ pos eine Waffe zu leihen für die, welche in ſeiner Hand zer⸗ brochen war; aber er kam zu ſpät. Campos, von der An⸗ ſtrengung, welche er gemacht hatte, erſchöpft, ſchwankte und ſank dann auf dem Sande zuſammen. Einen Augenblick wollte er ſich an dem Abhang der Böſchung feſthalten; aber der be⸗ wegliche Boden rutſchte unter ſeinen geballten Händen nieder, und nach einigen Augenblicken ſchrecklichen Kampfes rollte der Unglückliche mitten unter einer Sandlawine in den See. Nun mußte nur noch Calros' Flucht gedeckt werden; wir verließen eiligſt den Kampfplatz und hatten Zeit, das Canot zu erreichen, bevor der Alcade des Dorfes irgend einen Alguazil auf unſere Spur geſendet hatte. Durch die raſche Strömung unter⸗ —— ſtützt, glitt das Fahrzeug gleich einem Pfeil mitten zwiſchen den Felſen, Wäldern und Hügeln des Ufers hin, die hinter uns zu fliehen ſchienen. Nach zwei Stunden hatten wir die Mündung des Fluſſes erreicht, und faßten Fuß unter den Weiden, welche die Hütte des Lootſen beſchatteten. Sein Geleite war uns für⸗ der entbehrlich, deßhalb verabſchiedeten wir uns von ihm. Bevor 8 er uns weiter ziehen ließ, verſuchte er Calros zu bereden bei ihm zu bleiben. 100 „Ich ſuchte,“ ſagte er zu dem Jarocho,„einen muthigen, entſchloſſenen Mann, um ihn zu meinem andern Selbſt zu machen. Ich hab' ihn in Euch gefunden. Das Merresufer iſt dem Walde vorzuziehen, und um diejenigen zu bereichern, welche es bewohnen, bläst der Nordwind drei Monate im Jahre. Bleibet bei mir: in einem Jahre ſeid Ihr ein reicher Mann.“ Jarocho ſchüttelte den Kopf zum Zeichen ſeiner Weigerung. „Es thut mir leid,“ ſagte der Pilot,„und ich werde ſtets einen Gefährten bedauern, der das Ruder eben ſo gut führt, wie den Machete. Wir Beide hätten einen Hauptſtreich in meinem Gewerbe ausüben können. So lebt denn wohl, und ein Jeder folge ſeinem Geſchick!« 8 Wir trennten uns, und ich begleitete Calros nach der Hutte, wo er ſein Pferd zurückgelaſſen hatte. Während unſerer Abweſenheit hatten Hohllenbtenner das meinige unweit im Walde aufgefangen. »Hier müſſen wir uns trennen,“ ſagte Calros,„und Ihr werdet bald Eure Heimath wiederſehen, und ich... muß mich verbergen, um den ſtrafenden Geſetzen und dem Alkade zu ent⸗ gehen.“ »Aber,“ verſetzte ich,„wenn Ihr Eurer Mutter und dem Dorfe, welches Ihr bewohnt, ein ewiges Lebewohl ſagen wollt, wmarum habt Ihr denn das Anerbieten des Lootſen ausgeſchla⸗ gen? Euer Leben gewänne dadurch, was ihm gegenwärtig fehlt, ein beſtimmtes Ziel.“ »Das kümmert mich wenig; der Jarocho iſt dazu geboren, frei und einſam zu leben. Eine Bambushütte, Wälder und ein Strom, eine Büchſe oder Netze, das iſt Alles, was ich bedarf, und was ich allenthalben finden werde. Lebt wohl! Herr Ca⸗ valier, ſagt Niemandem, wo und wie Ihr mich verlaſſen habt!«— 101 Und ſeinen Hut auf die Augen drückend, ſpornte Calros ſein Pferd an und verſchwand bald aus meinen Augen. Ich mußte dießmal zu Fuß nach Vera⸗Cruz zurückkehren, denn mein Pferd hatte von ſeinem Sattelzeug nur eine Leine behalten, die mir dazu diente, es hinter mir drein zu führen. Von Hitze und Durſt erſchöpft, hielt ich bald in einer Hütte an, deren Bewohner das arme Thier als Zahlung annahm für die be⸗ ſcheidene Erfriſchung, die er mir gereicht hatte. Zwei Tage ſpäter ging ich an Bord des Congreß nach den Vereinigten Staaten unter Segel. Nie habe ich wieder von Calros und dem Lootſen Ventura gehört. — Die Britten auf Cinian. Es gibt für den ſinnigen Beobachter kaum ein intereſſan⸗ teres Schauſpiel, als den Menſchen ſelbſt im Kampf mit widrigen Verhältniſſen, die ſeine volle Kraft zum Handeln oder zum Dulden in Anſpruch nehmen. Ein ſolches Schauſpiel bietet uns der Engländer Anſon, einer von den berühmteſten brittiſchen Seehelden, in den folgen⸗ den Scenen, welche mir einfach und ſchmucklos unſeren freund⸗ lichen Leſern mittheilen wollen. Die Spanier im trägen Beſitz ihrer Goldländer am Süd⸗ meer aufzuſchrecken, und ſie empfindlich am Herzen ihres poli⸗ tiſchen Lebens zu verwunden, war am 18. September 1740 der Kommodore Aunſon von ſeiner Regierung abgeſandt worden. 10² Der Entwurf zu dieſem Unternehmen vereinigte die beſonnenſte Kühnheit mit der glücklichſten Berechnung; und wahrſcheinlich wäre daſſelbe allein hinreichend geweſen, den eben entglommenen Krieg zwiſchen den beiden Kronen ſchnell zu endigen, wenn die Mittel der Ausführung den Ideen des erſten Urhebers, oder den fruchtlos wiederholten Forderungen des dazu erſehenen An⸗ führers entſprochen hätten. Der Seeheld ſchwamm aus den Häfen Britanniens mit einem Geſchwader, das ſo unbedeutend an Stärke und ſo nothdürftig bemannt mit brauchbaren Boots⸗ leuten und Soldaten war, daß er nur die unglückliche Wahl hatte, entweder durch Zurückgabe ſeines Kommando ſeinen Muth verdächtigt, oder durch eine mangelhafte Ausführung die ge⸗ ſpannten Erwartungen ſeiner Mitbürger, ſo wie die Wünſche ſeines eigenen patriotiſchen Herzens vereitelt zu ſehen. Allein eben dieſer Sinn voll glühender Liebe für die Ehre und das Wohl ſeines Mutterlandes entſchied ihn, den Kampf ſelbſt mit der Unmöglichkeit nicht von ſich zurückzuweiſen. Und ſogar dann noch verließ ihn ſeine Entſchloſſenheit nicht, als, eh' er noch den Schauplatz erreichte, wo ſeine Thaten ihn zur Geißel des Feindes machen ſollten, Stürme und Krankheiten die Zahl ſeiner Schiffe, wie ſeiner Mannſchaften, ſchon bis auf die Hälfte verringert hatten. Mit den Trümmern ſeiner Macht beunruhigte er beinahe ein Jahr lang die Küſten von Chili, Peru und Mexiko; lähmte den ganzen Seehandel und den wechſelſeitigen Verkehr dieſer Provinzen; trotzte jedem Verſuch des Widerſtandes; trug die zerſtörende Kriegsflamme in die Wohnungen von Payta, und zwang gleichwohl durch glänzende Proben ſeines Edelmuths und ſeiner Menſchlichkeit die erſtaun⸗ ten Spanier, ihn zu bewundern und Achtung gegen den britti⸗ ſcen Namen zu faſſen. — Dhue Ausſicht, den wahren Zweck ſeiner Sendung, der 103 K nicht, wie es verabredet worden, von mehreren Punkten aus unterſtützt wurde, in dieſen Meeren zu erfüllen, und mit neuen kühnen Entwürfen im Buſen entſchloß ſich Anſon endlich, die lange und gewagte Fahrt queer über das mit Unrecht ſo ge⸗ nannte ſtille Meer zu unternehmen; lang, weil die Küſten zweier Welttheile hier um das Drittel des ganzen Umfanges der Erde von einander fliehen;— gewagt für ihn, weil ſich mit der Unkunde ſeines Laufes der Mangel an den weſentlich⸗ ſten Bedürfniſſen des nunmehr auf zwei Schiffe herabgeſchmo zenen Geſchwaders vereinigte, ihm dieſen Weg zu erſchwere Widrige Winde dehnten die Fahrt, ohne einigen Zwiſchenpunkt von Ruhe, auf die nicht erwartete Dauer von drei Monden aus. Stürme und Meerſtröme verſchlugen zuletzt die Schiffe ſo weit von ihrem Wege, und richteten ſie zugleich ſo zu, daß die traurige Nothwendigkeit eintrat, den zum rettungsloſen Wrack gewordenen Gloceſter, ein Schiff von fünfzig Kanonen, mit ſeiner erbeuteten reichen Ladung mitten auf dem Weltmeere zu verbrennen, und die Mannſchaft in das größere Schiff, den Centurion, herüber zu nehmen. Dooch noch furchtbarer wüthete unter den kaum geborgenn Reſten dieſer nun vereinigten Mannſchaften ein Widerſacher, den ſie bereits aus einer früheren höchſt traurigen Erfahrung kannten. Es war der Skorbut, dieſer damals noch durch keine Maßregel der Vorſicht zu entfernende Begleiter jeder längeren Seereiſe. Kaum ließ er am Ende des dritten Monats noch ſoviel geſunde Hände übrig, als zur Regierung des Schiffes und zur Arbeit an den, wegen eines entſtandenen Lecks, nie feiernden Pumpen unumgänglich erfordert wurden. Bei jedem Schritt zwiſchen den Verdecken ſtieß man auf Kranke oder Ster⸗ bende; und es genügt, um ſich von dieſer troſtloſen Lage einen Begriff zu machen, an dem Zuſatze, daß von etwa dritthalb⸗ 104 hundert Menſchen— den tranrigenleberreſten einer Zahl von beinahe tauſend Köpfen, die England verließen!.— täglich acht, zehn und zuweilen gar zwölf Kranke an dieſer gräßlichen Seuche den Geiſt aufgaben. Nur eine einzige Hoffnung konnte die Unglücklichen in dieſem Gedränge der Noth vor Zaghaftigkeit und Verzweiflung ſchützen— die Hoffnung, bald einen freundlichen Hafen zu finden, wo ſie im Genuß der erquickenden Landluft und friſcher Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche das bewährte Mittel gegen den verheerenden Krankheitsſtoff gefunden haben würden. Dieſen Zufluchtsort konnten ihnen allein die Ladronen ge⸗ währen; und mit banger Sehnſucht ſteuerten ſie dieſer nahe geglaubten Inſelgruppe entgegen. Wirklich auch entdeckten ſie einige Küſten, oder vielmehr Klippen, die zur Zahl derſelben gehörten. Aber dieſe unwirthbaren, ja nicht einmal zugäng⸗ lichen Felſen zerſtörten durch ihre bloße Anſicht unbarmherzig den ſo lange gepflegten Traum von einer nahen Errettung. Gleichwohl mußten ſie dieſe hier finden, oder binnen wenig Tagen trieb der Centurion als ein von Menſchen ausgeſtorbe⸗ . Wrack zum Spiel des Windes und der Wogen im offenen Meere!. So war es denn in Wahrheit ein Glücksfall, auf den ſich um ſo weniger rechnen ließ, als den Unglücklichen dieſe Welt⸗ gegend zu den unbeſuchteſten und fremdeſten Winkeln der Erde gehörte, daß ein ſtürmiſcher Wind ſie bei Nacht aus dem Ge⸗ ſicht der entdeckten Felſen trieb, und drei größeren Eilanden entgegenführte, unter denen Tinian, die mittelſte, ihnen am nächſten lag, und nach welcher ſie unverzüglich die Segel rich⸗ teeten. Unter dieſer Bemühung entfaltete ſich allmählig die Küſte dieſer Inſel immer deutlicher vor ihren Augen. In ihrer hoff⸗ nungsloſen Lage würde jede rauhe Wildniß ihnen ein Paradies 105 gedünkt haben; um wieneMehr denn mußte der Anblick eines Landes ſie bezaubern, welches in allen ſeinen Theilen ein von Menſchenhand gepflegter Garten voll der lieblichſten Mannig⸗ faltigkeit ſchien, wo grasreiche Ebenen mit waldumkränzten Hö⸗ hen wechſelten, und zahlreiche Rinderheerden am Ufer weideten, während ein Kranz bläulicher Berge, der ſich ſtufenweiſe in der Ferne erhob, immer neue Reize und immer A in ſeinen Thälern aufzudecken verſprach. 8 Jedes Herz richtete ſich allgemach wieder zu LebensMuth und ⸗Hoffnung empor. Selbſt die durch ihre ſonderbare Spanier von ihren Beſitzungen auf der benachbarten Inſel Gua⸗ ham nur zuweilen dergleichen Fahrzeuge hieher ſendeten, um Jagd auf das Hornvieh zu machen, und Vorräthe ſolches Fleiſches zu bukaniren*). Verſchiedene Hütten ſtanden zu dieſem Geſchäft am Ufer aufgerichtet. Dieß erſparte der zuerſt an's Land geſchickten eng⸗ liſchen Mannſchaft die Mühe, Zelte für ihre Kranken aufzu⸗ ſchlagen. Die Menſchlichkeit forderte den Befehlshaber dringend auf, an dieſe Unglücklichen zuerſt zu denken und ihnen vor je⸗ dem anderen Geſchäft die äußerſte Sorgfalt zuzuwenden. Weit über hundert an der Zahl, waren ſie größtentheils ſo entkräftet, daß ihre Füße ſie nicht mehr in das für ſie eingerichtete Ho⸗ ſpital zu tragen vermochten. Aber raſch und ohne Bedenken ) Die bekannte und in Weſtindien zuerſt erfundene Weiſe, friſches Fleiſch, ohne die Zuthat des Salzes, durch bloßes Trocknen in de 3 Sonne, oder durch Röſten für einen längern Gebzauch aufzubewa 106 lud der Kommodore und luden—8 Offiziere die Schwächſten bhe Schultern, ſie mit edlem Wetteifer aus den Booten in die Krankenhütten zu führen. Neue Kraft des Lebens und des Geſundens wehte die armen, ausgemergelten Kranken mit dem erſten Athemzuge der elaſtiſchen und durchwürzten Landluft an, die ſie auf dieſem glücklichen Boden ſchöpften, und mit den mannigfaltigen Früch⸗ ten, er iind vonf jedey Aſt entgegenwinkten. Wie dem Grabe entſtkcgen, rafften ſie ſich in unglaublich kurzer Zeit aus ihrer Ohnmacht auf. In weniger als einer Woche gab es kaum Einen mehr unter Allen, der nicht, geneſen, ſeine Krücke von ſich geworfen hätte. Einundzwanzig Todte waren die beiden letzten Tage ihrer Seereiſe in die Sterbeliſten eingezeichnet wor⸗ den; nicht mehr als zehn der Erſchöpfteſten fanden während der beiden folgenden Monate auf Tinian das Grab, dem ſie bereits zu nahe ſtanden. Tinian, das Land der Geneſung für die Kranken, war aber nicht minder auch ein köſtlicher Aufenthalt für die wenigen Geſunden, die an ſeinen Ufern landeten, und mit jedem Fuß⸗ tritte auf neue landſchaftliche Reize ſtießen. Ein leichter Boden ſetzte an dieſem ſeligen Erdenfleck der üppigen Vegetation jener heißern Zone ſo gluͤckliche Schranken, daß nirgends die Ueber⸗ fülle der Schönheit den Genuß verhinderte und ſtörte. Weite natürliche Wieſen prangten mit dem friſchen ſammtnen Gras⸗ wuchs eines engliſchen Raſenplatzes. Mitten durch zogen ſich bald lichte, bald dunklere Haine hochwüchſiger Laubwipfel, durch kein Geſtruͤpp und keine Schlingpflaͤnzen dem Schritt des Wan⸗ Natur unverkennbar, und doch ein ſo täuſchender Anſchein Dächiiger Kunſt über ii keichen Seenen Apsfhranat 8 deerers unwegſam gemacht. Ueberall Frucht⸗ und Waldbäume P der lieblichſten Miſchung; überall die Hand der frei walten⸗ en Jede ———— 107, ſanfte Erhöhung des Bodens, jeder Vorſprung des Gehölzes überraſchte mit einer neuen idilliſchen Ausſicht. Man glaubte jeden Augenblick auf die glücklichen Bewohner dieſes Arkadiens ſtoßen zu müſſen, denn ſchwer ließ ſich's träumen, daß Men⸗ ſchen verſchmäht haben ſollten, ſich auf dieſen ſegensreichen Flu⸗ ren anzuſiedeln. Und in der That waren ſie nicht von jeher ſo öde, als unſere Weltumſegler ſie fanden. Noch vor weniger als einem Menſchenalter lebte ein harmloſes Völkchen, dreißigtauſend Koͤpfe ſtark, auf dieſem glücklichen Boden. Da lichtete eine verderb⸗ liche Seuche Tinian und ihre Schweſterinſeln, und drohte, ſie ſämmtlich zu entvölkern. Vor allen war Guaham, mit ihren ſpaniſchen Anpflanzungen, wie ausgeſtorben. Den trägen Ka⸗ ſtilianern gebrach es plötzlich an Sklaven, für ſie zu arbeiten, und ihren Tyrannenlaunen zum Ziel zu dienen. Sie halfen ſich, wie ihre grauſame Politik es von jeher gewohnt war,— Sie riſſen die ſparſamen Reſte der Eingebornen auf Tinian hinweg vom väterlichen Heerde, und ſchleppten ſie nach Guaham hin⸗ über. Dort zehrte der Gram und ſehnſuchtiges Heimweh ſo unabläſſig an den unglücklichen Verbannten, daß ſie in wenig Jahren dahinwelkten, und durch ihr allgemeines Ausſterben die Abſicht ihrer gefühlloſen Treiber vereitelten. Ihre abgeſchiede⸗ nen Geiſter geſellten ſich zu den Millionen Gemißhandelter, Gefolterter, Hingewürgter, die einſt den großen Vergelter tau⸗ ſendſtimmig aufrufen werden, die erlittenen grauſamen Qualen an den goldhungerigen Entdeckern der neuen Welt ſchrecklich zu rächen. Noch fand man Spuren von den einſtmaligen Bewohnern Tinians in den zerſtreuten Ruinen von verſchiedenen nicht ganz kunſtlos aufgeführten Gebäuden, deren urſprüngliche Beſtimmung u religiöſem Gebrauche nicht verkannt werden konnte. Noch ——ꝛÿ—·—— 1108 1 waren ihre zurückgebliebenen Rinderheerden bei einer ungeſtör⸗ ten Vermehrung nicht in dem Maße verwildert, daß es ſonder⸗ licher Mühe bedurft hätte, ſie einzufangen. Schneeweiß von Farbe, bis auf die dunkel gezeichneten Ohren, weideten ſie zu Tauſenden auf den grasreichen Fluren, und belebten durch ihren Anblick die ohnehin ſchon lebendige Landſchaft. Denn auch eine Menge eben ſo zahmen Geflügels irrte und ſchwärmte zu⸗ traulich durch die beſchatteten Wälder; und ihr Geſchrei unter⸗ hielt die liebliche Täuſchung, daß man ſich ſtets in der Nähe eines wohlbeſetzten Meierhofs glaubte. Nur die Schweine, de⸗ ren es in dem finſterſten Dickicht gab, trotzten durch ihre Scheu und grimmige Wildheit der Geſchicklichkeit und dem Muthe des Waidmanns. Aber auch hier fand er Hülfe, indem er ſich einiger Kuppeln ſtarker Hunde bedienen konnte, die den gefan⸗ genen Spaniern auf der Barke gehörten und ganz beſonders zu dieſer Jagd abgerichtet waren. Hier auch fanden die erſchöpften Seefahrer mit freudiger Ueberraſchung zum erſten Mal auf ihrem fernen Wege die hochgeprieſene Brodfrucht. Der Wohlgeſchmack derſelben machte ſie faſt ungerecht gegen die Kokospalme, den Palmetto⸗ Kohl, die Guaven, die Bananen und die ſäuerlich erfriſchenden Limonen, die ſich von allen Seiten ihnen zum Genuſſe darbo⸗ ten. Ungerecht waren ſie in der That gegen den Reichthum an Fiſchen, von welchen das Meer an dieſer Küſte wimmelte, ſeitdem der Genuß einiger Arten derſelben ihnen Unbequemlich⸗ keiten zugezogen hatte, welche wahrſcheinlich nur die Folgen ihrer Unmãßigkeit geweſen waren. Was endlich die Annehmlichkeit der Inſel beſonders er⸗ höhte, waren die beſtändigen kühlen Seewinde, abwechſelnd mit e leichten, erfriſchenden Regenſchauern, welche weſentlich dazu Kranken durch den Aufenthalt auf dem Lande wiederherzuſtel⸗ 109 beitrugen, die Hitze des tropiſchen Klima's zu mildern, die ſonſt vielleicht ſehr läſtig geweſen ſein würde. Doch, um nicht ausſchweifend im Lobe dieſes Eilands zu ſcheinen, verlangt die Billigkeit, auch die Unannehmlichkeiten nicht zu verſchweigen, welche jenen Reizen in den Augen des glücklichen Finders ſehr weſentlich die Wage halten. Nicht die Schwaͤrme von Moskiten und anderem ſtechenden Ungeziefer, die zu Zeiten den Spaziergänger beläſtigten; nicht der Mangel lebendiger fließender Quellen, welche dieſem Boden gänzlich ab⸗ gehen, ſo ſehr ſie auch ſeinen maleriſchen Gegenden erſt die höchſte Vollendung geben würden, und welche durch einige Brunnen und ein paar ſtehende Gewäſſer nur unvollkommen erſetzt werden, ſondern vorzugsweiſe die Unbequemlichkeit und Unſicherheit des einzigen Ankerplatzes am Geſtade dieſer Feen⸗ inſel iſt es, was den Ankömmling des Genuſſes ihrer Annehm⸗ lichkeiten nicht froh werden läßt, da er jeden Augenblick in Ge⸗ fahr ſchwebt, ſein Schiff ſcheitern oder hinwegtreiben zu ſehen. Allen Winden bloßgeſtellt, die hier oft mit plötzlichem Ungeſtüm losbrechen; bedroht von jedem Wechſel der Fluth, die ſich täg⸗ lich mit hohen und ſchnellen Wogen furchtbar heranwälzt— nagt noch an des Schiffes ausgeworfenen Ankertauen heimlich ein mit ſcharfgeſpitzten Korallen⸗Felſen bedeckter Meeresgrund; ſo daß hier Manches zuſammentrifft, was den Muth des See⸗ manns von einem längeren Verweilen zurückzuſchrecken vermag. Nur zu bald ſollte denn auch ver gnu von Anſons Mannſchaft auf eine grauſame Probe geſtellt werden! Denn noch vor dem Verlauf eines vollen Monats rückte die Herbſt⸗ nachtgleiche heran, welche in dieſem Meere von den furchtbar⸗ ſten Stürmen begleitet zu ſein pflegt. Der Kommodore hatte die Zwiſchenzeit mit dem glücklichſten Erfolge dazu benutzt, ſeine 110 len. Ein anderweitiger Verſuch, dem Leck des Schiffes beizu⸗ kommen und ihn zu verſtopfen„gelang zwar nicht völlig, doch ward derſelbe wenigſtens gemindert; die Kabeltaue wurden einer Schau unterworfen und neu verſichert; die Segelſtangen auf's Verdeck herniedergelaſſen, und überhaupt jede Vorſicht getroffen, um den gefürchteten Sturm vor Anker auszuhalten. Er blieb nicht aus! Doch nur dann erſt erhob er ſich, als, nach Verfluß der drohenden Periode, Niemand mehr auf ſein Erſcheinen rechnete. Die eingeſtellten Arbeiten des Waſ⸗ ſerfüllens am Lande hatten darum bereits auf's Neue begon⸗ nen, die hergeſtellten Kranken aber zum Theil ſich wieder an Bord begeben, um den täglichen Dienſt zu verrichten und die Geſunden abzulöſen, die ſich nun ihrerſeits auf dem Lande ein wenig zu erfriſchen hofften. Der Kommodore ſelbſt, der ſeine Anfälle vom Skorbut bisher nicht geachtet hatte, um ganz der Sorge für ſeine hülfsbedürftigen Gefährten zu leben, gab end⸗ lich der Nothwendigkeit nach, das Schiff auf einige Tage zu verlaſſen, um durch den ländlichen Aufenthalt den beunruhigen⸗ den Fortſchritten ſeines Uebels zu wehren. Unter dieſen Umſtänden machte ſich ein friſcher Wind aus Oſten auf, der ſich ſo ſchnell und überraſchend zum Sturm ver⸗ ſtärkte, daß die empörten Wogen bald jede Gemeinſchaft zwi⸗ ſchen dem Centurion und der am Ufer befindlichen Mannſchaft unterbrachen, denn jedes Boot, das ſich in die ſchäumende Brandung gewagt ſhätte, wäre rettungslos verloren geweſen. Vergebens ſann der Befehlshaber auf Mittel, ſein Schiff wie⸗ der zu beſteigen, welches er als den Poſten betrachtete, wo jede Gefahr ihn finden müßte. Vergebens wünſchte er, die Be⸗ ſatzung deſſelben durch den Kern der Bootsleute, die ſich mit ihm in gleicher Lage befanden, zu verſtärken, und dann ohne Zeitverluſt in See zu gehen. Es waren nicht weniger, als ſetzens dahin! Noch wüthete der Sturm, als der von neuem aufſtieg; und ſchnell flogen ihre A 111 hundert und dreizehn Menſchen am Lande, und nur hundert und acht, die unfähigere und kaum geneſene Hälfte der Mann⸗ ſchaft wurden am Borde gezählt. Gleichwohl hätte ein Schiff dieſes Ranges wenigſtens das Vierfache an Köpfen bedurft, um für völlig ausgerüſtet gelten zu können. Dieſe Trennung der Kräfte erlaubte dem Centurion keine andere Maßregel, als es auf die Gunſt des Schickſals ankom⸗ men zu laſſen, wie viel Widerſtand ſeine Kabeltaue dem Orkan entgegenſetzen würden, um nicht von der Ankerſtelle hinwegge⸗ trieben zu werden. Bald ſchien dieſe Frage entſchieden. Denn ehe noch die Sonne ſank, brach der kleinere Anker von den beiden, vor welchem das Schiff befeſtigt lag, in Stücken; und die Verlaſſenen am Ufer ſahen es mit ſtarrem Entſetzen ſich auf den beſten Buganker ſchwingen;— ſahen bei eintretender Fluth den Centurion, durch die unwiderſtehliche Gewalt derſel⸗ ben überwältigt, dem Sturm gerade entgegentreiben;— ſahen die ſtürzenden Wogen das lange Boot, welches hinter dem Schiffe befeſtigt ſchwamm, wie einen Ball auf das Hinterdeck deſſelben emporſchleudern und zertrümmern;— und mußten zu⸗ letzt dieſe herzzerreißenden Beobachtungen gezwungen aufgeben, da das zweifelhafte Tageslicht bald der ſchwärzeſten nächtlichen Finſterniß wich, welche die ganze furchtbare Scene in ihren Mantel hüllte. Immer aber noch verſtärkte ſich das Toſen der Winde mit jeder Minute. Ihr pfeifendes Heulen, das Rau⸗ ſchen der brandenden Wellen und das Rol ten des Donners be⸗ täubten jedes Ohr, während der Regen in Strömen niederſchoß, und kreuzende Wetterſtrahlen unaufhörlich über den nächtlichen Himmel hinzuckten.. Langſam ſchwand den Bekümmerten dieſe Nacht des Ent⸗ trübe Tag ſeewärts . 112 nach dem Horizont hinaus, und ſuchten den Centurion auf ſei⸗ ner alten Ankerſtelle. Er war fort! er war verſchwunden! Das weite Meer bot ihnen nichts, als den öden Anblick einer wild empörten Waſſerfläche dar. Die tiefſte Trauer und Niedergeſchlagenheit bemächtigte ſich jedes Herzens. Mit dem verlorenen Schiffe hatte Jeder ſeine Hoffnung auf die Rettung des Lebens verloren! Eine dumpfe Beſtürzung ſchloß ihrer Aller Mund; Jeder ſcheute ſich, die Beſtätigung ſeines Verderbens dem Andern abzufragen. Doch ſchmerzlicher, als ſie insgeſammt, war durch dieſe Kata⸗ ſteophe der wackere Befehlshaber gebeugt, dem dieſe Schreckens⸗ nacht mit dem Schiffe, das er, wie jeder Seemann das Sei⸗ nige, aus langer Gewohnheit mit Zärtlichkeit liebte— zugleich die ganze Frucht ſeiner erduldeten Gefahren, den Lohn ſeiner Thaten, und die Heimkehr in's theure Vaterland raubte! Auf ihn indeſſen waren in dieſer bedrängten Lage die Augen ſeiner Gefährten allein gerichtet. Von ihm erwarteten ſie, daß ſein an Hülfsmitteln unerſchöpflicher Geiſt zu ihrer Aller Rettung ſich bewähren ſollte; und ſobald ſie nach dem lähmenden Entſetzen wieder Worte fanden, beſtürmten ſie ihn mit Vorſtellungen, wie nur die muthloſeſte Verzweiflung ſie einzugeben vermag. Hier drang ein Theil, der den Untergang. des Schiffs für entſchieden hielt, in ihn, daß er das Boot rings um die Inſel ſchicken ſolle, um die geſcheiterten Trümmer auf⸗ zuſuchen. Dort wieder klagten Andere, die noch an eine Mög⸗ lichkeit ſeiner Erhaltung glaubten, daß es gleichwohl ohne einige Hoffnung der Wiederkehr von der Inſel abgetrieben ſein moͤchte, da es ſich unter der Windſeite derſelben befunden. Sie erin⸗ nerten ihn an die Schwäche der Beſatzung und an die Untüch⸗ ken Centurion ſelbſt, der, nachdem er ſchon ſo en die See gehalten, nun noch mit dieſen ſtürmi⸗ 113 ſchen Winden kämpfen ſollte. Beide Theile aber jammerten, daß— welches Schickſal ihn auch getroffen haben möchte— die Unmöglichkeit, dieſe Inſel jemals wieder zu verlaſſen, gleich ſehr entſchieden bliebe. In Wahrheit auch vereinigte ſich nur zu Vieles, um die⸗ ſem Zweifel das Wort zu reden. Wenigſtens ſechshundert Seemeilen war Makao, der nächſte freundſchaftliche Hafen, den ſie hätten erreichen müſſen, entlegen; und um dahin zu gelan⸗ gen, war kein Fahrzeug in ihren Händen, als jene kleine ſpa⸗ niſche Barke, die ſie gleich bei ihrer erſten Landung auf Tinian hinweggenommen hatten. Dieſe aber würde höchſtens den vier⸗ ten Mann aus ihrer Anzahl haben aufnehmen können, und was war alsdann das Loos der Zurückbleibenden auf dieſem entlegenen Eilande, wo vor dem Centurion vielleicht noch nie ein engliſches Schiff geankert hatte, und wo ſich auch in Jah⸗ ren vielleicht kein ähnlicher Glücksfall wieder erwarten ließ? Dieſe troſtloſe Ausſicht entkleidete die zauberiſche Inſel plötzlich aller ihrer bisherigen Reize. Auch in einem Paradieſe konn⸗ ten ſie nicht froh bleiben, ſobald es ihnen zum Kerker ward, der ſie ewig von Freunden, Verwandten und allen Freuden der vaterländiſchen Heimath trennte. Noch aber war dieſe lebenslängliche Verbannung nicht das muthmaßliche höchſte Ziel ihres Ungemachs. Guaham, die ſpaniſche Niederlaſſung, lag ihnen zu nahe, als daß ſie hätten hoffen dürfen, von dorther unangefochten zu bleiben. Sobald ihre Feinde erfuhren, in welcher mißlichen Lage ſie ſich befan⸗ den, war nichts gewiſſer, als daß der Befehlshaber dieſer Ko⸗ lonie eine hinreichende Macht herüberſenden würde, um ſie zu überwältigen, und auf Zeitlebens als Kriegsgefangene von der Inſel hinwegzuführen. 6 Willkür der Spanier in ſeſen fernen rdſtrichen war zu be⸗ Aus allen Welttheilen. 8 die ieſuh und grauſame 1* 114 kannt, als daß eine Auswechslung jemals ſich hätte hoffen laſſen. Ja, es ſtand ſogar zu fürchten, daß die Feinde aus den eben erwähnten Gründen geneigt ſein möchten, gegen ſie als Seeräuber zu verfahren. Und wie wollten ſie dieſe ent⸗ ſetzliche Gefährdung ihrer Ehre und ihres Lebens abwenden, da ihre ſämmtlichen Papiere am Borde des Centurion zurück⸗ geblieben waren? Mitten unter dieſen niederſchlagenden Betrachtungen ſtand Anſon, größer als ſein Schickſal, mit unerſchütterlicher Faſſung da. Vollwichtiger, als irgend einer aus der Zahl der muth⸗ los Jammernden, empfand er den Druck jener Gründe, allein ſie beugten die hohe Ruhe ſeines Gemüthes nicht, womit er unter den ſparſamen Mitteln wählte, ſich und die Seinen aus der traurigen Verlegenheit zu ziehen. Sobald er ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, verſammelte er die ganze Zahl ſeiner Un⸗ glücksgenoſſen um ſich, und verſuchte, ihnen denſelben Muth, dieſelbe Entſchloſſenheit einzuflößen, die ſein eigenes feſtes und tapferes Herz beſeelte. „Freunde!“ ſprach er.„Zum Erſtenmal ſeit zwei Jah⸗ ren, wo uns der Ruf des Vaterlandes und der Ehre vereinigte, laufe ich heute Gefahr, den Geiſt brittiſcher Männer in euch zu verkennen! Wie? Den Centurion haltet ihr für verloren? Hab' ich es denn etwa nicht mehr mit verſuchten alten See⸗ leuten zu thun, daß eine ſo kindiſche eitle Sorge euer Herz be⸗ engt? Oder habt ihr nicht erwogen, wie viel ein Schiff, wie das unſrige, zu ertragen vermag? Es hätte uns nicht bis hierher gebracht, wenn es ſo übel zuſammengefugt wäre, daß es dieſem Sturme n” trotzen könnte!— Der Centurion ge⸗ ſunken? er zertrümmert?— Fürchtet es nicht! Hofft getroſt mit eurem Führer, du wir in wenigen Tagen ſeine Segel wie⸗ der erblicken werden! 2 . 8 ſſ ———;— 115 »Doch ſei es auch, daß wir umſonſt nach ihm ausſehen! Das Schlimmſte, was ihm begegnet ſein könnte, wäre doch immer nur, daß die Gewalt des Windes ihn zu weit nach Weſten abgetrieben, als daß er ſich wieder zu uns heranarbei⸗ ten könnte. Dann hat er ohne Zweifel ſeinen Lauf nach der Küſte von China fortgeſetzt, und es liegt nur an uns, ihn in Makao wieder zu erreichen. Auf dieſes Aergſte laßt uns alſo als Männer gefaßt ſein. Nach Makao und unſerem Centurion hin laßt uns unſere Beſtrebungen richten! Sie werden nicht fruchtlos ſein; wir werden dieſe Inſel weit hinter uns laſſen, wenn ihr, wie ich hoffe, zu dem Anſchlag eure Hände bieten wollet, den ich mit reiflicher Ueberlegung erſonnen habe. »Wir beſitzen allerdings nur dieſe kleine Barke, um uns von hier zu entfernen, allein was hindert uns, ſie an's Land zu ziehen, ſie quer durch in ihrer Mitte aus einander zu ſägen, und Kiel und Borde um zwölf Fuß zu verlängern? Statt zwölf Tonnen Laſt wird ſie dann vierzig faſſen— wird fähig ſein, die hohe See zu halten, und geräumig genug, uns Alle bis auf den Letzten aufzunehmen. Dieſer Vorſchlag ſtützt ſich auf die einmüthige Verſicherung unſerer anweſenden Zimmer⸗ leute, welche ihn für leicht und ausführbar erklären. Allein er fordert auch unſern vereinigten Entſchluß zur That, und nimmt den angeſtrengteſten Fleiß jedes Einzelnen unter uns in Anſpruch. Freiwillig alſo und mit voller Kraft ſeiner Seele biete Jeder ſeinen Beiſtand zum gemeinſamen Werke dar; und ich ſelbſt, wie beſchwerlich die Arbeit ſein möge, werde willig und redlich mit Hand an ſie legen. „Iſt dieß auch euer Wille— wohlan! So laßt uns un⸗ geſäumt zur Ausführung ſchreiten! Unſere Lage und die gün⸗ ſtige Jahreszeit müſſen uns jeden Augenblick koſtbar machen; wir müſſen arbeiten, als ob die Hoffnung, den Centurion hier 116 wieder vor Anker zu ſehen, eine Unmöglichkeit wäre, damit wir, wenn er wirklich dennoch erſcheint, nichts, als die vergebliche Arbeit einiger wenigen Tage zu bereuen haben mögen.“ Anſons zuverſichtlicher Ton verfehlte ſeine Wirkung auf die verſammelten Zuhörer nicht;— er wirkte ſogar kräftiger als ſeine Abſicht war, da er die Hoffnung der Mannſchaft, den Centurion nächſtens wieder zu ſehen, bis zu einer ſolchen Le⸗ bendigkeit erhöhte, daß dieſe Hoffnung ſie zu der beſchloſſenen Arbeit läſſiger machte, als die Nothwendigkeit erheiſchte. Die vorgeſchlagene Vergrößerung des ſpaniſchen Fahrzeugs war allerdings ein Werk, das nur durch eine nicht gemeine An⸗ ſtrengung ausgeführt werden konnte; und je deutlicher die Leute dieß begriffen, um ſo geneigter wurden ſie, Alles lieber auf die Gunſt eines Zufalls ankommen zu laſſen, auf welchen der Kommodore bei ſich ſelbſt ungleich weniger zu rechnen wagte, als ſeine Verſicherungen anzudeuten ſchienen. Dieſer Ausflucht, welche der Arbeitsſcheu der trägen Ge⸗ müther nur zu erwünſcht kam, war es hauptſächlich beizumeſſen, wenn verſchiedene Tage hingingen, bevor die Hände der Menge ſo raſch und willig und mit ſo vollem Gemeinſinn an die Aus⸗ führung gingen, als doch nothwendig vorausgeſetzt werden mußte, wofern der beabſichtigte Zweck erreicht werden ſollte. Bald aber kehrten die Blicke, die ſo oft und ſo ſehnſüchtig den Rand des fernen Geſichtskreiſes muſterten, zu den nähern Ge⸗ genſtänden zurück, die zu ihren Füßen lagen, und ihrer Art oder ihrer Säge warteten. Je tiefer ihre zu leichtſinnige Hoff⸗ nung ſank, je allgemeiner kehrte der Geiſt der Emſigkeit und der Anſtrengung bei ihnen ein, und ermunterte ſie, nunmehr bloß ihren eigenen Kräften zu vertrauen. Die Frühſonne fand jeden Arbeiter bereits auf ſeinem angewieſenen Platze; und das 117 Abendroth überraſchte ſie bei ihren verſchiedenen Verrichtungen noch eben ſo wacker, als ſie begonnen hatten. Nur einen einzelnen Augenblick gab es ſeitdem noch, wo die alten Hoffnungen ſich wieder hervorwagten, um dann ſchnell deſto grauſamer getäuſcht zu werden. Es war wenig Tage— nach dem Sturme, der ſie an Tinian feſſelte, als plötzlich un⸗ ter den Arbeitern der fröhliche Ausruf laut ward:„Ein Schiff!« und Aller Blicke mit unwiderſtehlicher Kraft nach dem Seeufer hinzog. Ein trunkener Jubel tönte von jeder Lippe, denn Niemand zweifelte, daß es nicht ſein Schiff ſein ſollte. Während noch der Kommodore eilte, ſein Fernrohr herbeizuho⸗ len, riefen aber ſchon mehrere Stimmen, daß noch ein zweites Segel ſich erhebe. So war es denn freilich der Centurion nicht, auf den ſich die Menge gefreut; aber nur um ſo weni⸗ ger ließ ſich muthmaßen, was für eine Bewandtniß es mit die⸗ ſen Fahrzeugen haben könnte? Unter der Zeit hatte Anſon ſelbſt mit pochendem Herzen die beiden kaum erkennbaren Punkte durch ſeine Gläſer beob⸗ achtet. Auch er ſah keinen Centurion! Selbſt nicht einmal Schiffe ward er gewahr; wohl aber zwei Fahrzeuge, die er, ihrem Bau und der Form des Segels nach, nur für Boote halten konnte. Gütiger Gott! Wenn es nun die Boote ſei⸗ nes Schiffes waren, die mit dem geborgenen Volke wiederkehr⸗ ten, nachdem der Centurion ſeinen letzten unglücklichen Tag er⸗ lebt? Jetzt— jetzt, unter dieſem plötzlichen Gedanken, brachen Muth und Hoffnung in ſeiner ſtarken Seele zuſammen! Der Sturm ſeiner Empfindungen malte ſich in ſeinen Zügen. Stumm und ſeinem Schmerze hingegeben, begab er ſich in ſein Gezelt zurück, und es vergingen ihm mehrere Minuten in ſtil⸗ ler Verborgenheit, ehe der Unglückliche ſeinen maͤnnüchen Sinn 118 wiederfand, und neu entſchloſſen dem verfolgenden Schickſal die Stirne bieten konnte. Gottlob! Seine Ahnung war dießmal zu ſchwarz gewe⸗ ſen. Als er wieder hervortrat, und die Blicke von Neuem auf das Meer hinrichtete, überzeugte er ſich bald, daß, was er für Schiffsboote zu erkennen geglaubt, nur zwei indianiſche Proen) waren, die ſich dem Lande zu nähern ſchienen. Es konnte ihre Abſicht ſein, die Inſel und ihre neuen Bewohner auszukund⸗ ſchaften. Hurtig ließ er alſo jeden Gegenſtand aus dem Ge⸗ ſichte räumen, der ihren Argwohn erregen, oder die Anweſen⸗ heit fremder Gäſte hätte verrathen können. Zugleich aber ver⸗ ſteckte er verſchiedene Hinterhalte in das Dickicht zunächſt am Ufer, und jede Vorſicht war genommen, um ſich der Proen im Augenblick ihrer Landung zu bemächtigen, und ſo den feindlichen Anſchlag auf die Sicherheit der Mannſchaft zu vereiteln. Allein ſei es, daß dieſe Fahrzeuge dennoch Verdacht geſchöpft, oder daß ſie ihrem Auftrag aus der Ferne eine hinlängliche Genüge zu thun geglaubt, oder endlich, daß ſie einen ganz andern Zweck verfolgt, als den ihre Erſcheinung vorausſetzen ließ,— genug, ſie hielten in einigem Abſtand vom Ufer plötzlich an; lagen zwei Stunden lang unbeweglich ſtill, und gingen dann, ohne weitere Unternehmung, ſeitwärts unter Segel. Ungeſtört und mit wetteifernder Thätigkeit ließen ſeitdem die Leute des Centurion die Verlängerung ihrer Barke ſich an⸗ gelegen ſein, ohne der ſich täglich mehrenden Erſchwerniſſe zu achten. Freilich aber gehörte auch ein nicht geringerer Grad von Enthuſtasmus, als wirklich in ihnen lebte, dazu, um da⸗ **) Eine beſondere Art ſchnell ſegelnder Kanots, die in dieſen Ge⸗ genden, ſo wie auf den nächſten Inſelgruppen des ſtillen Meeres ge⸗ bräuchlich ſind. 119 durch nicht abgeſchreckt und derſelben durch immer neue Erfin⸗ dungen der Noth und des Zufalls Meiſter zu werden. Selbſt auf einem engliſchen Schiffswerft, und im Beſitz jeder Bequem⸗ lichkeit und jedes verlangten Werkzeugs, würde jene Verwand⸗ lung für ein Kunſtſtück gegolten haben, um wie viel mehr nicht an dieſem Platze, wo beinahe jedes Werkzeug erſt geſchaf⸗ fen werden mußte; wo bei jedem Schritte der Mangel irgend welchen Materials ſich offenbarte, und aller Scharfſinn unab⸗ läſſig aufgeboten werden mußte, dieſe Mängel durch ungewöhn⸗ liche Mittel und Handgriffe zu erſetzen. Gleichwohl war mit Beſiegung dieſer Hinderniſſe immer erſt der geringſte Theil derſelben überwunden. Auch wenn der Rumpf der erweiterten Barke fertig daſtand, blieb noch die Her⸗ beiſchaffung des dazu nöthigen Tauwerks und der Segel übrig. Ehe man dann in See zu gehen vermochte, fragte ſich's noch, woher eine hinreichende Menge von Lebensmitteln für mehr als hundert Köpfe bezogen werden ſollte? Und auch dieſer Sorge entledigt, galt es immer noch die Kunſt, ſich einen Weg von dreißig Graden der Länge durch ein Meer voller Inſeln, Klip⸗ pen und Gefahren hindurchzuwinden— einen Weg, den Nie⸗ mand aus der Geſellſchaft zuvor verſucht, und den zu treffen, es ihnen eben ſo wohl an Seekarten, als an aſtronomiſchen Werkzeugen fehlte. Fürwahr, wenn nicht Glück und Zufall— und wer durft' es wagen, ſich auf ſie zu verlaſſen?— dieſe Unmöglichkeiten wieder ausglichen, ſo hatte auch dießmal der Enthuſiasmus ſich verrechnet, und nur zur Verzweiflung konnte er aus ſeinen luftigen Träumen erwachen! Glück und Zufall hatten gleichwohl dafür geſorgt, daß die Zimmerleute, welche ſich unter den Zurückgebliebenen befanden, ihre Rüſt⸗ und Werkkaſten mit ſich an's Land genommen hat⸗ ten. Einen ähnlichen Bedacht hatte auch der Schmid getragen. * Seine Schmiede war aufgeſchlagen, nur fehlte es an den Bla⸗ ſebälgen, die ihrer Unbehülflichkeit wegen am Borde zurückge⸗ blieben waren. Seine Kunſt in Thätigkeit zu ſetzen, gehörte unter die weſentlichſten Bedingungen des entworfenen Rettungs⸗ planes.„Schafft mir meine Bälge!« rief er kleinlaut—„und ich will mit Freuden vor meiner Eſſe ſchwitzen!“ Sie wurden ihm geſchafft! An Häuten von den erlegten Rindern mangelte es nicht; und die Spanier in der Barke hatten zu eigenem Gebrauch einen Vorrath von Muſchelkalk bereitet. Schnell legte man eine Gerberei an, deren Produkte zwar die Naſe ein wenig beleidigten, übrigens aber doch gefüg⸗ ſam genug ausfielen, um zu ein Paar Blaſebälgen verbraucht zu werden, an denen ein Flintenlauf die Stelle der Röhre ver⸗ trat. Der erſtaunte Schmid ſchürte freudig ſeine Kohlen an, und ſeine Kunſt hielt Wort. Ein jedes Eiſengeräth, das die Noth erforderte, ging raſch und brauchbar aus ſeinen ſchöpfe⸗ riſchen Händen hervor. Zu gleicher Zeit war eine andere Abtheilung der Geſell⸗ ſchaft angeſtellt, Bauholz zu fällen, und Planken daraus zu ſchneiden. Dieſe Arbeit war allerdings die mühſamſte; bei ihr, vor Allen, mußte die Macht des Beiſpiels zur Ermunte⸗ rung wirken, und edel entſchloß ſich der Kommodore, ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Die Art erklang in ſeiner Hand, wie in der Fauſt des Geringſten; wer hätte ſich ferner weigern mögen, rüſtig mit anzugreifen? Die beabſichtigte Vergrößerung des Fahrzeugs erforderte, daß es an das Land auf den dazu vorbereiteten Stapel gezo⸗ gen würde. Man war einig geworden, daß dieß, in Erman⸗ gelung bequemerer Maſchinen, am füglichſten durch Anwendung untergelegter Walzen geſchehen könnte, wozu die glatten und cirkelrunden Stämme der Kokosbäume ſich ohne mühſame Zu⸗ 121 richtung benutzen ließen. Demnächſt verlangte die Zerſtückelung des Bootes eine beſondere Vorſicht, damit die zerſaͤgten Plan⸗ ken nicht in Riſſe ſplitterten; dieß Uebel wurde glücklich ver⸗ mieden. Noch bedenklicher war die Sorge, welche eine genauere Berechnung nunmehr ergab, ob nämlich, ſelbſt nach wirklich ausgeführter Erweiterung der Barke, ihre Geräumigkeit für die ſtarke Menſchenzahl und deren Bedürfniſſe nicht dennoch un⸗ zureichend ſein werde. Es ſtellte ſich heraus, daß nur die eine Hälfte der Geſellſchaft unter dem Verdecke Platz fand, während die andere den Einflüſſen der Witterung ſchutzlos ausgeſetzt blieb. Allein dieſe Ungemächlichkeit ließ ſich auf keine Weiſe vermeiden, da die beabſichtigte Verlängerung des Bootes bereits die äußerſte Gränze des Möglichen erreichte. Hiernächſt erwog man auch, daß das neue Gebäude, zur Abwehr des eindringenden Waſſers, in ſeinen Fugen kalfatert werden müſſe. Dazu fehlte es freilich an Theer, aber man hatte Talg und Kalk im Ueberfluß; und es war eine bekannte Erfahrung, daß ein Gemiſch von beiden die Stelle des Schiffs⸗ peches füglich erſetzen konnte. Endlich mußte man auch noch auf das nöthige Tau⸗ und Segelwerk ſinnen. Man hatte zwar einigen Vorrath auf der Barke ſelbſt gefunden, was jedoch noch ferner abging, mußte man aus der Leinwand von des Be⸗ fehlshabers Zelt und einigen vergeſſenen Tauen des Centurion zu ergänzen ſuchen. Um den täglichen Bedarf an friſchen Lebensmitteln herbei⸗ zuſchaffen, wechſelte eine beſtimmte Anzahl der Leute in ihrer Ordnung ab, und wurde angewieſen, Vieh zu erlegen und Früchte einzuſammeln. Allein man mußte eben ſo wohl auch auf einen hinlänglichen Reiſevorrath für länger als einen Monat bedacht ſein, und hier häufte ſich Verlegenheit auf Ver⸗ legenheit. Nicht ein Faß Mehl— nicht ein einziger Zwieback 122 war aufzubringen, denn man hatte keinen Vorrath davon auf's Land gebracht, da Jedermann, ſeit der erſten Landung, die wohlſchmeckendere Brodfrucht vorgezogen hatte, die aber, abge⸗ pflückt, nach wenig Tagen dem Verderben ausgeſetzt war, und darum für keine lange Seereiſe taugte. Der Mangel an Salz machte allen vorhandenen Ueberfluß von friſchem Fleiſche ziem⸗ lich unbrauchbar; abgeſehen noch von den Schwierigkeiten, die dem Geſchäft des Einpökelns in den heißen Himmelsſtrichen entgegen zu ſtehen pflegen. So beſchränkte ſich denn ihr ganzes Proviantmagazin auf die wenigen Stücke bukanirten Rindfleiſches, welche ſie von der Beſatzung der Barke erbeutet hatten, und auf die Ernte von Kokosnüſſen, welche ſie vor ihrer Abfahrt noch zu halten ge⸗ dachten. Dem Brodmangel aber ſollte durch einen Vorrath von Reis abgeholfen werden, welchen ſie ſich im Vorüberfah⸗ ren auf der nahe liegenden Inſel Rota mit bewaffneter Hand von den Spaniern zu ertrotzen hofften, die, nach den Berichten der Gefangenen, hier durch die Indianer weite Felder dieſes Getreides anbauen ließen. Zugleich gab dieſer Anſchlag die Veranlaſſung, ihre Streitkräfte und den Beſtand ihrer Mu⸗ nition näher zu Rathe zu ziehen. Leider wurden nicht mehr, als neunzig Ladungen Pulver zuſammengebracht! Nicht einmal⸗ aalſo jeder Kopf in der Geſellſchaft ſollte ſeine Flinte losdrücken können! Deſto mehr aber wurde auf eines Jeden perſönliche Tapferkeit gerechnet, um ſich den Spaniern dennoch furchtbar zu machen. 8. Wie entmuthigend jedoch dieſe Ausſichten im Ganzen ſein mochten, ſo ließ ſich gleichwohl hoffen, daß ſie durch Entſchloſ⸗ ſenheit, durch Selbſtverläugnung und ruhiges Dulden zu erhei⸗ tern ſein würden. Allein Bekümmerniſſe von ungleich ernſt⸗ licherer Art ſtahlen dem Kommodore den Schlaf ſeiner Nächte 1 2* 123 und den Frieden in ſeiner Bruſt. Während die geſammte Menge mit Vertrauen zu ihm, als ihrem Piloten durch dieſe unwirthlichen Meere, emporſah, und ihr ganzes Heil in ſeine Hände legte, rang er im Stillen mit der Unfähigkeit, dieſer Verpflichtung nach Würden zu entſprechen, wofern er, ohne Kompaß, ohne Quadranten und andere Handleiſtungen der Kunſt, die Regierung des Fahrzeugs nicht bloß auf ein glück⸗ liches Ohngefähr ſollte ankommen laſſen. Keines der genann⸗ ten Inſtrumente war auf der Inſel aufzufinden, ſo ſorgfältige Nachfrage auch insgeheim(denn laut durfte dieſer bange Zwei⸗ fel vor der Geſellſchaft nicht werden!) darnach geſchehen mochte; und acht ſchmerzliche Tage drückte jene Sorge gleich einem Alp auf ſeiner Seele, bis endlich der Zufall ſich auf eine wunder⸗ ähnliche Weiſe in's Mittel ſchlug, ihn davon zu befreien. Denn an ein Wunder gränzte es wahrlich, daß Jemand beim Durchſuchen einer Kiſte, die zu der ſpaniſchen Barke ge⸗ hört hatte, auf einen kleinen Taſchenkompaß ſtieß, der an ſich freilich nur als ein Nürnberger Spieltand, aber dennoch unter dieſen Umſtänden als ein unſchätzbares Kleinod zu betrachten war. Ein paar Tage ſpäter hob ein zweiter glücklicher Ent⸗ decker am Meeresufer einen hölzernen Quadranten auf, den die Wellen ausgeworfen hatten, und der vorlängſt, als Nachlaß eines Verſtorbenen, ſammt anderem unnützen Geräthe, über Bord gewandert ſein mochte. Wie nach einer Krone, griff Anſon nach dem dargereich⸗ ten Werkzeuge, das ſeinen heißeſten Wunſch erfüllte. Allein wie ſchnell ſank ſeine Freude, als er auf den zweiten Blick die dazu nöthigen Diopter vermißte, deren Mangel es für den Ge⸗ brauch ohne Nutzen machte! Jetzt mußte ein neues Wunder bald darauf die Neugier eines Dritten anreizen, daß er das Schubfach eines alten wurmſtichigen Tiſches herauszog, der 124 gleichfalls an's Land getrieben war, und dieſen Verſuch durch den Fund von— den vermißten Dioptern belohnte. Ob ſie zu dem Quadranten paſſen möchten, ward auf der Stelle ent⸗ ſchieden. Die Breite von Tinian war bekannt, und das Re⸗ ſultat des Inſtruments ſtimmte leidlich mit den früheren Beob⸗ achtungen überein.— So waren denn alſo die Wegweiſer durch Nacht und Wellen gefunden. Mit allen dieſen unerläßlichen Vorbereitungen war man endlich nach einem Zeitverluſt von vierzehn Tagen ſo weit ge⸗ diehen, daß die Zuſammenfügung der Barke wirklich begonnen werden konnte. Bei der regelmäßigen Vertheilung aller Arbei⸗ ten ließ ſich's ſogar mit Zuverſicht beſtimmen, wann das Werk vollendet daſtehen müßte; und das Ende der ſechsten Woche ſeit ihrem einſiedleriſchen Aufenthalte auf Tinian war unwiderruflich zur Abreiſe feſtgeſetzt. Man konnte dieß mit um ſo minderer Gefahr, ſich zu betrügen, da ein Sinn und ein Entſchluß die Arbeit belebte. Wahrſcheinlich hatte man dieſen Geiſt der Ordnung und Folgſamkeit dem gänzlichen Mangel an ſtarkem Getränk zu danken, denn der Saft der Kokosnüſſe, welcher ihnen die Stelle des Rums vertreten mußte, war zwar wohlſchmeckend, aber doch nicht geiſtig genug, den Trinker zu berauſchen. * Mitten aber in dieſer regen, wimmelnden Geſchäftigkeit— es war am neunzehnten Tage ſeit ihrem großen Unfall— wechſelte plötzlich die Scene durch eine Erſcheinung, welche nach ſo langer Zeit auch der kühnſte Glaube ſich nicht mehr hatte träumen laſſen. Ein Bootsmann, der auf die Jagd nach wildem Geflügel ausgeſchickt war, befand ſich am hellen Mittag auf einer der erhabenſten Anhöhen der Inſel, und blickte zu⸗ fällig in's hohe Meer hinaus. Klar und deutlich fiel ihm ein heranſegelndes Schiff in die Augen, und ſein klopfendes Herz weiſſagte ihm, es müſſe der wiederkehrende Centurion ſein. In wilder Haſt ſtürzte er die Berge herunter, bis einige ſeiner Kameraden ihm aufſtießen, denen er in hervorbrechender Fröh⸗ lichkeit ſchon aus der Ferne entgegenjubelte:„Das Schiff!— Freunde, das Schiff! Mit vollen Segeln ſteuert es gegen die Inſel!« Der Ausdruck ſeiner Freude war zu unverkennbar ächt, 4 als daß ſeine Zeitung hätte Mißtrauen erwecken können;— ſie war zu erfreulich, dieſe Zeitung, als daß der früheſte Bote der⸗ ſelben nicht auch den vollen Dank des Kommodore hätte ver⸗ dienen ſollen. Raſch alſo eilte der Leichtfüßigſte unter den ſtaunenden Hörern den Weg hinab, und es gelang ihm un⸗ ſchwer, dem athemloſen erſten Verkündiger zuvorzueilen.„Freude! Freude!“ ſchrie er, als er den Platz erreichte, wo Anſon mit ſeinen Arbeitern am Bau geſchäftig war.„Der Centurion kömmt wieder! Unſere Noth hat ein Ende!“ »„So liege da, und habe Feierabend!“ ſtammelte der Kom⸗ modore, und warf, vom ſeligſten Entzücken überwältigt, ſeine Art zu Boden. Dem Kummer und der ſchwarzen Sorge hatte er männlich Stand gehalten; doch gegen die Ueberraſchung der Freude war ſeine Seele minder gepanzert. Anſons Gefährten auf dem Zimmerplatze waren auch um nichts mäßiger in ihrem freudigen Enthuſtasmus. Sie fielen* einander in die Arme; ſie tanzten; ſie warfen die Hüte in die Luft; ſie taumelten vom Werft hinweg, und rannten, ihrer Ar⸗ beit vergeſſend, n ſßFinand hinab, um ihre ſchwimmenden Augen am Centurion, n einem wiedergefundenen Schatze zu erlaben; indeß Andere wieder den erhabeneren Hügel hinan⸗ eilten, um von dieſem Punkt der erſten Entdeckung aus des lieblichen Anblicks deſto gewiſſer froh zu werden. Gegen den Abend war das Schiff, der gemeinſame Gegen⸗ 126 ſtand des Verlangens, ſo nahe herangeſchwommen, daß Nie⸗ mand mehr den Centurion in demſelben verkennen konnte. An⸗ ſon ſchickte den Wiederkehrenden ein Boot mit achtzehn Mann zu ihrer Verſtärkung und einen Vorrath von friſchen Lebens⸗ mitteln zur Erquickung entgegen. Dennoch gelang es ihnen, des ſchwachen Windes wegen, erſt am folgenden Tage ſich an der alten Stelle vor Anker zu legen. Im gleichen Augenblick trat auch der Kommodore an Bord und mitten unter ſie. Sie empfingen ihn mit einem unverabredeten Freudengeſchrei, wie Freunde, die ſich einander auf immer entriſſen geglaubt, ſich gegenſeitig in die Arme fliegen. Auch ihm aber brannte ein unnennbar ſeliges Gefühl durch alle Pulſe. Er fühlte ja wieder den Boden unter ſei⸗ nen Füßen, den er ſein nennen durfte! Seine Hoffnungen, ſeine tief berechneten Entwürfe zu Sieg und Ehre waren ihm wiedergegeben! Als glücklicher Weltumſegler, als Ueberwinder des ſpaniſchen Stolzes ſollt' er nun bald ſeinen Wimpel im Angeſicht der vaterländiſchen Dunen wieder können wehen laſſen! Jetzt, nun alle Schrecken, alle Plagen, alle Anſtrengun⸗ gen der letzten drei Wochen nichts als ein ſchwerer Traum ge⸗ weſen zu ſein ſchienen, hatte man denn endlich auch die ruhige Muße, einander den Bericht von dieſem Allen an das theilneh⸗ mende Herz zu legen. Hatten die Zurückgelaſſenen auf Tinian angſtvolle Tage durchlebt, ſo war anderxerſeits auch das Loos der Davongeführten um nichts beneidenszzerther geweſen. Als jene unſelige Nacht ſie und ihre Drangſale dem Blick der troſtloſen Gefährten am Ufer entzog, und das Raſen des Sturms mit jeder Minute ſich verſtärkte, war bald ihr zweiter Anker eben ſo unvermögend, als der ſchon gebrochene, ſie län⸗ ger zu halten. Das Kabeltau brach, und zagend kappten ſie 127 die Seile, die ihren letzten Nothanker am Borde hielten. Zwar faßten ſeine Arme den Grund, allein ſie ſchwebten bereits ſo nahe am Rande der Sandbank, daß der erſte erneuerte Wind⸗ ſtoß ihn wieder löſen, und das Schiff vollends in die hohe See treiben mußte. Der erſte Schiffslieutenant, dem jetzt das Kommando auf demſelben heimfiel, ließ in dieſer bedenklichen Lage angezündete Laternen ausſtecken, und von Zeit zu Zeit einige Kanonen ab⸗ feuern, um dadurch ſeine Noth zu erkennen zu geben. Von beidem aber vernahmen Anſon und ſeine Gefährten am Lande nicht das Mindeſte. Der Donner des Himmels und der Wo⸗ gen übertäubte des Geſchützes Donner; und die durch einander fahrenden Wetterſtrahlen verdunkelten den ſchwachen Schein der Leuchten und ſelbſt den Blitz der abgebrannten Stücke. Um Mitternacht endlich brach der gefürchtete Augenblick ein. Der Pflichtanker wühlte ſich aus dem Seegrunde hervor, und ein Ball der Wellen, flog das Schiff, vom Sturme gepeitſcht, über die Abgründe dahin. Allles, was eine ſolche Lage Troſtloſes haben kann, ſchien nunmehr wider die Unglücklichen zu ihrem Verderben mit ein⸗ ander im Bunde. In einem lecken Schiffe; zwei Anker ver⸗ loren, und den einzigen noch übrigen mehr als hundert Klaftern im Grunde ſchleppend; keine einzige Kanone gehörig befeſtigt, keine Luke geſchloſſen; das Tauwerk in Verwirrung, und mit Mühe nur Meiſter eines einzigen Segels— ſollte eine außer allem Verhältniß getinge Bemannung dem Sturme Trotz bie⸗ ten, ohne zugleich ein einzige Minute von den Pumpen zu weichen. Ihren Muth noch mehr zu lähmen, ſtanden ſie in der ſchrecklichen Vermuthung, gerade gegen die Felſenriffe der benachbarten Inſel Aguigan getrieben zu werden. Was für übermenſchliche Anſtrengungen ſie immerhin anwenden mochten, 8 128 dieſer Gefahr des Untergangs durch Beiſetzung der Segel zu entweichen,— es war umſonſt! Vom Erſten bis zum Letzten, ohne Unterſchied des Ranges, keuchten ſie an der harten Arbeit. — Sie erbeuteten damit nichts, als die traurige Einſicht ihres Unvermögens, das Schiff zu wenden! Nur erſt der folgende Morgen befreite ſie von dieſer entſetzlichen Angſt. Sie ſahen die drohenden Felſen weit hinter ſich ſchäumen. Ein ſtarker Meerſtrom hatte ſie ſeitwärts abgetrieben und ohne ihr Wiſſen gerettet.. Allein dieſe Meerſtröme waren es auch, welche nachge⸗ hends, da der Sturm endlich ſchwieg, eben ſo unerwartet ihre Rechnung täuſchten, die Höhe von Tinian in wenig Tagen wieder zu erreichen. Erſt am neunzehnten Tage fanden ſie das Ziel ihrer Mühen, wie ihrer Trennung, da Tinian, die Er⸗ ſehnte, ihnen die blauen Bergſpitzen in Oſten entgegenhob. Die harte Prüfung war beſtanden; und beide, die Verlaſſenen wie I die Verlaſſenden, fühlten inniger das Band, das zum gemein⸗ ſamen Heile ſich durch ſie Alle ſchlang, und ſanken mit ver⸗ ſtärkter Liebe einander in die Arme. Bald darauf, nach minder wichtigen Erlebniſſen, verließen ſie das romantiſche Eiland, um unter ihrem heldenmüthigen Führer neuen Gefahren und kühnen Thaten entgegen zu ſchwimmen. e 4☛ George Anſon ſegelte nach Makao, wo er den kühnen Plan faßte, die Galeone von Acapulco wegzunehmen. Er ver⸗ breitete das Gerücht von ſeiner Rü nach Europa, während er ſeinen Lauf nach den Philippinen richtete und bei dem Vor⸗ 8 gebirge Spiritu Santo kreuzte. Endlich erſchien die erwartete Galeone, die im Vertrauen auf ihre Ueberlegenheit das Ge⸗ fecht begann. Die Engländer ſiegten, und die Galeone, deren 129 Werth ſich auf 400,000 Pfd. Sterling belief, ward genommen. Mit dieſer und der früheren, an 600,000 Pfd. St. betragen⸗ den Beute kam Anſon nach Makao zurück, verkaufte ſeine Priſe, und behauptete mit Kraft gegen die chineſiſche Regierung zu Canton die Rechte ſeiner Flagge. Von hier ſegelte er unent⸗ deckt durch die franzöſiſche Flotte im Kanal, und langte zu Spithead am 15. Juni 1744, nach einer Abweſenheit von drei Jahren und neun Monaten an. Zur Belohnung ſeiner großen Verdienſte ward Anſon Contre⸗Admiral der blauen, und bald darauf der weißen Flagge. Erwähnen wir noch kurz ſeine ſpäteren Lebensſchickſale. Im Jahre 1747 beſiegte er bei Cap Finisterre den franzöſi⸗ ſchen Admiral Jonquière, in Folge deſſen er zum Baron von Soberton, und vier Jahre ſpäter zum erſten Lord der Admi⸗ ralität erhoben wurde. Er befehligte 1758 die Flotte vor Breſt, unterſtützte die Landung der Engländer bei St. Malo und Cherbourg, und nahm die zurückgeſchlagenen Truppen in ſeine Schiffe auf. Im Jahre 1762 erlangte er die höchſte Würde eines Admirals und Ober⸗Befehlshabers der Flotte, und ſtarb bald darauf am 6. Juni auf ſeinem Landſitze Moor⸗Park. Geboren war er 1697 zu Schuckboroug in Stafford⸗ ſhire. „ Aus allen Welttheilen. 9 Einem Löwen gegenüber. Uor einigen Jahren, während meines Aufenthalts in der Kapſtadt— erzählt ein Reiſender in Tait's Edinburgh Maga- zine— hatte ich Gelegenheit zu freundlichem Verkehr mit je⸗ nen kühnen Handelsleuten, die einen einträglichen aber gefahr⸗ vollen Tauſchhandel im Norden des Orangefluſſes treiben. Ihre * Abweſenheit dauert oft zwei Jahre und darüber; ſie wandern von Horde zu Horde mit ihren Karren und Dienern, bis all' ihre Waare verkauft iſt. Sie kehren dann nach Grahamstown oder der Kapſtadt heim, treiben das erworbene Vieh vor ſich her und bringen Straußfedern, Häute, Elfenbein und andere. koſtbare Stoffe mit, die ihnen einen Gewinn von 400 und 500 für 100 abwerfen. Unter dieſen lernte ich beſonders einen ge⸗ bornen Engländer, Namens Hutton, kennen, der außer der Tüchtigkeit in ſeinem Berufsfache auch ein tapferer Jäger und einer der unterrichtetſten Kundſchafter des ſüdlichen Afrika's war. Aus ſeinem Munde habe ich folgendes Jagdabenteuer: „Ich hatte mit zwei Karren und etwa zwölf Dienern nach dem Lande Dammara die Reiſe angetreten. Zwei waren Schwarze von der Mozambik⸗Küſte, die anderen Hottentotten und Nama⸗ kas, die ich vor meiner Abreiſe in Dienſt genommen. Die Ne⸗ ger verſtanden den Dienſt ziemlich gut, da ſie am Kap einige 8 un erlangt hatten. Die Anderen taugten höchſtens zur Führung der Karren; zuweilen gebrauchte ich ſie, die Wildſpur 2 u verfolgen. Ueberdieß waren ſie mit der Oertlichkeit bekannn, und mir darin ſehr nützlich; allein ſte mußten fortwährend über⸗ wacht werden. Von Natur außerordentlich feig, konnten ſie, 8* ſcchen den umgebenden Felſen weiden. In mir erwachte indeß 131 obgleich mit der Handhabung der Feuerwaffe vertraut, niemals dahin gebracht werden, einem Büffel oder einem Rhinoceros mit einigem Muth zu ſtehen; mit einem Löwen anzubinden, daran war gar nicht zu denken. Ich ſchoß zwei oder drei Rhinoceros, ohne den geringſten Beiſtand meiner Leute; nur Apollo*) blieb mir unter allen Umſtänden wacker zur Seite, obgleich ihm die Zähne klapperten und die Augen von Angſtthränen überſtröm⸗ ten, wenn wir uns dem Feinde naheten. »„Eines Nachmittags ſpannte ich in der Nähe eines Teiches aus, wohin allerlei Thiere des Nachts trinken kamen. Wir konnten ihre Fußſtapfen längs dem Fluſſe ſehen. Da die Na⸗ maken den Ort kannten, baten ſie mich, in einer gewiſſen Ent⸗ fernung zu lagern, weil die Löwen in dieſer Gegend ſehr böſe wären, und wir würden, nahe am Waſſer, wahrſcheinlich einige unſerer Ochſen verlieren oder ſelbſt angegriffen werden. Selt⸗ ſam! wenn ein Löwe einmal Menſchenfleiſch gekoſtet hat, ſcheint er es jeder anderen Nahrung vorzuziehen, und läßt jede andere Beute im Stich, wenn er einen Menſchen haben kann. Ich wollte Menſch und Vieh nicht der Gefahr ausſetzen, zog daher, nachdem ich reichlich getränkt hatte, zwei Meilen weiter und ſpannte in einem kleinen Thal aus, von wo der Teich un⸗ möglich zu ſehen war. Wir zündeten zur Verſcheuchung der wilden Thiere ein großes Feuer an und ließen die Ochſen zwi⸗ der lebhafteſte Wunſch, einem Löwen eine Kugel zuzuſenden, da ich ſeit drei Jahren mindeſtens keinen erlegt hatte. Ich war *) Ein Namaka, den Hutton krank und verlaſſen von der Straße aufgeleſen und gepflegt hatte, und der ſeitdem mit wahrer Hundetreue an ihm hing. Den mythologiſchen Namen hatte ihm Hutton ſtatt d barbariſchen„Tkuetki“ gegeben. 4 2 ſich aus Furcht faſt in das Feuer hinein, das ſie vor dem An⸗ 132 bei einigen Jagdpartieen im Fernſchuß nicht glücklich geweſen, und fürchtete daher, dieſem Zweig der Waidluſt, der feſte Ner⸗ ven und große Uebung verlangt, nicht gewachſen zu ſein. Ich ſondirte vier oder fünf meiner Leute mit Inbegriff Apollo's, ob ſie ſich wohl entſchließen würden, mit mir zu gehen, und während der Nacht, die eben hereinbrach, den Löwen auf dem Anſtand zu lauern. Nur Drei zeigten ſich bereit; wir ließen die Anderen bei den Wagen und empfahlen ihnen, das Feuer zu unterhalten und die Ochſen zu überwachen, daß ſie ſich nicht verlaufen. Wir erreichten mit Sonnenuntergang die Trinkſtelle, und mit Karſt und Spaten verſehen, fingen wir etwa hundert Schritte vom Teiche an, eine Grube von drei Fuß Tiefe in den Sand zu höhlen. Wir erhöhten den Rand durch die aufge⸗ worfene Erde, um uns beſſer zu verbergen. Nach einer Stunde war das Werk vollbracht, und wir poſtirten uns, die Löwen erwartend, mit geladenem Gewehr in dem Graben. „Umſonſt lauerten wir die ganze Nacht. Zahlreich kamen ddie wilden Thiere, ihren Durſt zu löſchen; ihr König war nicht 3 darunter. An die Springböcke, Gemſen, Zebras, Kuaggas mochte ich mein Pulver nicht verlieren, da wir kein Fleiſch brauchten; ein Schuß hätte übrigens die Löwen verſcheuchen können. Wir gewannen aber nichts bei dieſem ruhigen Verhalten. Mit Ta⸗ gesanbruch verließen wir unſeren Hinterhalt ſtockſteif, übelge⸗ launt und ſchläfrig zum Umſinken. Brüllen hatten wir ſie in der Ferne hören, aber keinen Schatten von Löwen geſehen. Unſere Wagen und Ochſen hatten ſie angezogen, denn wir er⸗ fuhren ſpäter, daß ſie dort herumgeſchlichen waren. Die Leute waren in der furchtbarſten Angſt, hatten aber Geiſtesgegenwart genug, die Flamme fortwährend zu nähren, und das Vieh drängte griff des Lhwen ſchützte. 133 „Ich mußte mir ſchon das Gelüſt vergehen laſſen, eines dieſer prächtigen Thiere zu erlegen, wollte aber, um uns füt das lange Warten zu entſchädigen, doch nicht ohne alle Beute zurückkehren. Wir hatten kaum einige Klafterlängen zurückge⸗ legt, als ein kleiner Trupp Springböcke quer durch die Dorn⸗ 3 gebüſche uns über den Weg ſtürzte; ſie rannten, ſprangen, wie vom Schrecken getrieben, und ich, ohne abzuwarten, um den Grund ihres Schreckens zu erfahren, feuerte mitten in den Ru⸗ del hinein und traf einen der ſtärkſten. „Meine Begleiter folgten meinem Beiſpiele, thaten aber lauter Fehlſchüſſe. Kaum war jedoch mein Flintenkolben von der Schulter, als ein ungeheurer Löwe aus dem Gebüſche trat und langſamen Schrittes auf uns zu kam; er war etwa hun⸗ dert Schritte von uns entfernt, ſo daß wir nicht mehr Zeit hatten, unſere Gewehre zu laden. Ich war ſo überraſcht, daß ich einige Sekunden völlig regungslos und ungewiß blieb, was 4 ich zu thun habe. Bald aber ſah ich, daß nur ein Mittel uns aus der verdrießlichen Lage befreien könnte. Wenn die Einge⸗ bornen mit ihren Spießen und Meſſern truppweiſe auf die Lö⸗ wenjagd gehen, ſo ſetzen ſie ſich, wenn der Feind naht, in einer Reihe hin. Iſt nun das Thier in einer anfallluſtigen Stim⸗ mung, ſo erſieht es ſich Einen aus der Geſellſchaft und ſtürzt auf dieſe Beute. Der Unglückliche ſtirbt zuweilen unter dem erſten Krallenſtreich und dem erſten Biß; meiſtens jedoch kömmt er mit ziemlich ſchweren Wunden weg. Die Anderen fallen zugleich über ihn her; der Eine hebt ihn am Schwanze in die Höhe, ſo daß er ſich nicht wenden kann, und die Uebrigen ſtoßen ihm ihre Sagagen in den Leib und hauen mit ihren Meſſern auf ihn ein. Bisweilen gelingt es ihnen, ihn zu toͤdten, ohn einen Mann zu verlieren; bisweilen aber auch iſt der Sieger, er reißt Zwei oder Drei in Stücke, und die Anderen 134 nehmen die Flucht. Es ſchien mir gerathen, dieſelbe Kriegsliſt anzuwenden; wenn wir uns Alle niederſetzten und ihm ein un⸗ erſchrockenes Ausſehen zeigten, würden wir ihn vielleicht ein⸗ ſchüchtern und ihn abhalten, uns anzugreifen, bis ich Zeit hätte, mein Gewehr wieder zu laden.„Niedergeſetzt! Niedergeſetzt!« ſchrie ich aus Leibeskräften, während ich mich auf ein Knie niederlies und mich zum Wiederladen anſchickte. Allein ein raſcher Blick um mich her belehrte mich, daß meine Leute, kaum des Löwen anſichtig, Reißaus genommen und bereits die Hälfte des Hügels, der uns von den Wagen trennte, im Rücken hatten. Apollo hatte ſich den Fliehenden angeſchloſſen, in der Meinung, wie er mir ſpäter ſagte, daß ich mitliefe. Da er es nicht wagte, hinter ſich zu ſehen, ſo bemerkte der arme Teufel ſeinen Irr⸗ thum nicht eher, bis er die Wagen erreichte. „So war ich denn mit meinem Löwen allein. An's Fort⸗ laufen war nicht zu denken; er hätte mich gepackt, ehe ich die Strecke von fünfundzwanzig Klafterlängen zurückgelegt. Nicht nur war meine Flinte entladen, ich hatte noch obendrein, wäh⸗ rend wir die Grube höhlten, mein Jagdmeſſer, weil es mich ſtörte, an Apollo abgegeben. Ich war denn völlig wehrlos. Ich gab mich verloren.„»Mein Gott, erbarme dich meines Weibes, meiner Kinder!“ jammerte ich, und angſtvoll erwartete ich den Todesſprung des Löwen. „Aber er ſchien gar nicht eilig; er näherte ſich in ruhiger Haltung: mäßigte immer mehr ſeinen Schritt; endlich, als er etwa zwölf Fuß von mir entfernt war, machte er Halt und kauerte, mich feſt anſtierend, wie eine Katze nieder. Auch ich ſetzte mich und faßte ihn mit aller Energie, die ich auftreiben konnte, in's Auge. Ich hatte in der Schule geleſen, daß die Thiere den ſtarren Blick eines Menſchen nicht ertragen können. bgleich ich die Richtigkeit dieſer Meinung aus eigener Er⸗ —— 135 fahrung nicht beſtätigen konnte, ſo galt es doch einen Verſuch. Zum Unglück blieb er ohne Erfolg. Von Zeit zu Zeit ſchloß der Löwe die Augen, ſah dann bald rechts, bald links; aber das war Alles. Endlich ſtreckte er ſich hin, mit untergezogenen Krallen, das Kinn auf den Boden gedrückt, ganz wie eine Katze, die auf eine Maus lauert. Hin und wieder beleckte er die Lip⸗ pen. Ohne Zweifel hatte er eben eine Mahlzeit gehalten, und ich errieth ſeine Abſicht. Wahrſcheinlich noch ſatt von einem verſpeisten Springbock, wollte er— da die Löwen das Fleiſch gern friſch eſſen— mich aufſparen, bis ſeine Eßluſt wieder wach ward. War das nicht eine angenehme Lage für einen Chriſten?— In dem Reiſebericht eines Miſſionärs hatte ich von einem Hottentotten geleſen, der auf dieſe Weiſe einen gan⸗ zen Tag von einem Löwen bewacht wurde und am Abend vor Erſchöpfung einſchlief. Als er erwachte, war der Löwe ver⸗ ſchwunden. „Nach ſeiner ganzen Organiſation und nach ſeinen Ge⸗ wohnheiten iſt der Löwe in Wirklichkeit nichts als eine große Katze. Gewiſſe Leute reden von ſeiner Großmuth, von ſeinen edlen Empfindungen; reines Gewäſch! Wenn ein Löwe keinen Hunger hat und auf eine Beute ſtößt, geht er oft vorüber, ohne darauf zu achten. Selten tödtet er zum Vergnügen und aus Mordgier; ganz wie die Katze, die, wenn ſie ſatt iſt, mit der Maus ſpielt; nicht aus Grauſamkeit, wie irrig geglaubt wird, ſondern weil ſie dieſe für die nächſte Mahlzeit aufbewahren will. Gerade ſo macht es der Löwe, hauptſächlich wenn er ſchon „Menſchenfleiſch gekoſtet hat. So verſichern es wenigſtens die Einheimiſchen. Sie behaupten noch, daß er unter dieſen Um⸗ ſtänden wartet, bis der Menſch eingeſchlafen, um ihn bei der erſten Bewegung, wenn dieſer erwacht, zu zerfleiſchen. Daſſe be Schickſal harrte meiner, ich zweifelte nicht. Du wirſt ſo lange 136 leben, ſagte ich zu mir, als du die Augen offen hältſt; ſinken ſte vor Ermüdung zu, dann wirſt du zwiſchen den Kinnbacken des Löwen erwachen. »Noch erſchöpft von der Anſtrengung der vorigen Nacht, fühlte ich großen Hunger und eine unwiderſtehliche Neigung zum Schlaf. Die Sonne ging, wie gewöhnlich in dieſen Wüſten, in ihrem vollen Glanze auf, und von ihren Flammenſtrömen erglühte der Sand um mich her; die Haut brannte mir auf dem Leibe. Wohl ſchützte mir mein breitkrämpiger Filzhut den Kopf, aber noch nie zuvor war mir die Sonnenhitze ſo drückend erſchienen; vielleicht kam es daher, daß ich weder gegeſſen, noch geſchlafen hatte. Indeß behielt ich meine Geiſtesgegenwart und ſuchte eine Gelegenheit zu erſpähen, wie ich von meinem Wäch⸗ ter loskomme. Meine Leute hätten mich befreien können, wenn ſie in Maſſe angerückt wären; leider kannte ich die Haſenherzen zu gut, und wußte, ſie würden es nicht wagen, ſich innerhalb einer Viertelmeile zu nähern, und dann war es unbezweifelt, daß der Löwe bei ihrer Ankunft auf mich losgeſprungen wäre und meiner Ungewißheit eine Ende gemacht hätte. »Ich machte einen Verſuch, meine Flinte wieder zu laden; allein bei der erſten Bewegung erhob der alte Schelm den Kopf und fing an zu knurren, als wollte er ſagen:„Nichts da, mein Burſche, oder, wenn du dich rührſt—« Hätte ich mich an ſeinen Einſpruch nicht gekehrt, ſo war er mir an der Kehle, bevor ich nur Zeit gehabt hätte, das Pulver auf die Pfanne zu ſchütten. Es war ein ungeheures Thier, das größte ſeiner Art, das ich je geſehen, mit langer, grauender Mähne und einem Paar verſchmitzten Augen. Die Schlauheit der alten Löwen iſt kaum glaublich. Meiner wußte ſehr gut, daß die Flinte irgend eine Waffe ſei; er wußte auch, kein Zweifel, daß meine Leute in der Nachbarſchaft ſeien, denn hin und wieder ſchoß er einen — * 137 forſchenden Blick in die Gegend des Wagenſtandes. Da fühlte ich mein Herz heftig gegen die Rippen ſchlagen, und der Schweiß rann mir in Strömen von der Stirn. „Er blieb keine Minute in Ruhe; und ſeine fortwährende Bewegung erhielt auch mich in ſteter Angſt. Ein Trupp Ze⸗ bras kam an uns vorbei, als ſie den Löwen erblickten, machten ſie raſch Kehrt und ſtürzten wie raſend in einer anderen Rich⸗ tung davon. Der Löwe erhob ſich auf ſeinen Pfoten, machte eine halbe Wendung und ſah den Fliehenden lebhaft nach. Die Löwen lieben das Zebrafleiſch leidenſchaftlich; ich hoffte alſo, meiner würde von mir ablaſſen und ſich an die leckere Beute machen. Allein es ſchien ihm offenbar gerathener, das Gewiſſe für das Ungewiſſe zu nehmen; er drehte ſich alſo um, ſtreckte ſich wieder hin, knurrte entſetzlich, und ſein Blick, den er leb⸗ hafter, denn je zuvor, auf mich richtete, ſchien mir zu ſagen: „Du ſiehſt, guter Freund, daß ich um dich ein Zebra verlor, du ſollſt mich dafür ſchadlos halten.“ Sie können denken, daß ich den alten Schurken in meinem Herzen tauſendmal verfluchte; ich nahm mich aber freilich in Acht, einen Laut auszuſtoßen, er hätte mir übel bekommen können. „»Neuer Schreck! Ich ſah, wie der Löwe aufmerkſam den Blick in die Gegend richtete, wo meine Wagen ſtanden; dann erhob er ſich auf ſeinen Füßen, brüllte zornig, faltete die Lip⸗ pen, leckte das Gebiß, als wenn er etwas Unangenehmes be⸗ merkte. Ich erfuhr ſpäter, daß meine Leute, von Apollo ange⸗ trieben, ſich bis an die Zähne gerüſtet hatten, und bis zur Hü⸗ gelſpitze vorgerückt waren; von hieraus hatte ihr ſcharfes Auge meine Lage entdeckt. Sobald ſich aber der Löwe erhoben und ihnen das Geſicht zugewandt hatte, hatten ſie das Haſenpanier ohne Trommel und Trompete ergriffen, waren nach den Wagen gerannt und halbwahnſinnig vor Entſetzen hineingeſprungen 138 1* Nach einer kleinen Weile lagerte ſich der Löwe wieder mir ge⸗ genüber, ſtreckte ſeine Pfoten aus, gähnte, blinzelte und ſchien des Wachhaltens müde. Allein er war augenſcheinlich ent⸗ ſchloſſen, bis zur Nacht auszuhalten. V„Gegen Abend hörte ich in der Ferne ein dumpfes Brüllen, das meinem Löwen gar nicht recht ſchien. An dem Klang der Stimme glaubte ich eine Löwin zu erkennen, die ihren Gatten ſuchen mochte. Er ſtand auf, legte ſich wieder, ging dann wild hin und her, ſchnopperte an dem Boden, kurz, ſah unentſchloſſen 3 und verſtört aus, ſchwieg aber, und das Geſchrei der Löwin verlor ſich allmählig. Das war der bangſte Augenblick dieſes Tages, denn hätte der Löwe ſeiner Gefährtin geantwortet, hätte er ſie gerufen, ſie würde, hungrig wie ſie wahrſcheinlich war, ſich ſofort auf den leckeren Biſſen geworfen haben, den ſich der 5 Gemahl ſo lange aufgeſpart. Allem Anſchein nach hatte der 6 alte Schalk denſelben Gedanken, und hielt es für klug, ſich nicht* zu verrathen. „Endlich war die Nacht hereingehrochen⸗ Die Sterne ſchimmerten hell, aber der Mond kam nicht herauf. Selbſt in kurzer Entfernung ſah ich die Gegenſtände nur undeutlich, und unterſchied im Oſten nur die Umriſſe der Hügel. Der Löwe ſchwebte mir als wüſte Maſſe vor den Augen. Ich war ge⸗ wiß, daß er nicht ſchlief, und jede meiner Bewegungen beob⸗ achtete. Hin und wieder leuchteten ſeine auf mich gerichteten Sterne wie glühende Kohlen. Ich hatte nur eine einzige Hoff⸗ 3 nung des Heils: wenn ich mich regungslos und ſtill verhielte,— dürfte ich ihn vielleicht ermüden oder ihn mindeſtens abhalten, 4*½ 8 mich zu faſſen; inzwiſchen könnte ihn ein Zufall, ein plötzlicher 3 Umſtand anderswohin locken und mich von ihm befreien. Um aber dieſe letzte Rettungsausſicht nicht zu verlieren, mußte i maß Ulesen; ein höchſt ſchwieriges Ding. Meine Kräͤfte „ohne dieſes außerſte Mittel zu verſuchen. Hoffnung 139 aufgerieben, ich wollte vor Schlaf umſinken, da ich ſechsund⸗ dreißig Stunden nicht geſchlafen, vierundzwanzig Stunden nichts gegeſſen hatte, und dieſe grauſame Gemüthsqual! Die friſche Kühle der Luft nach einem ſo heißen Tage, die tiefe Stille ringsumher, Alles lud ſo freundlich zur Ruhe ein, und ich mußte „mit aller Macht die Augenlider offen erhalten. Von Zeit zu Zeit fühlte ich, wie mein Kopf auf die Bruſt ſank, und dann ſchrak ich ſchaudernd auf bei dem Gedanken, daß der Löwe ſich vielleicht zum Sprung rüſte. Es war entſetzlich! Noch jetzt denke ich nicht gern daran. So muß einem zum Tode Verur⸗ theilten zu Muthe ſein, wenn er in ſeiner letzten Nacht aus ſchwerem Alpdruck aufſchaudert und das drohende Bild des Schaffots vor ihm ſteht. Die Nacht durch hätte ich dieſe gräß⸗ liche Lage ſchwerlich ausgehalten, das überſteigt menſchliche Kräfte... „Zwei oder drei Stunden, nachdem die Schatten Himmel und Erde verhüllt, hörte ich die Thiere an den Waſſerplatz ge⸗ hen. Einige ſtreiften in geringer Entfernung an mir vorbei, aber ich ſah ſie nicht. Der Löwe, der ſie ganz gut bemerkte, wendete höchſtens den Kopf ein wenig, als ſie an ihm vorbei⸗ kamen. Die Hoffnung, daß er von mir ablaſſen und ſich auf ſie werfen werde, verſchwand bald. Plötzlich hob er den Kopf, ſah mich an und begann zu brüllen:„Der Augenblick iſt da!« dachte ich. Er richtete ſich auf ſeinen Pfoten auf und, mich unabläſſig anſtierend, brüllte er noch ſtärker. Ich ſchickte mich zur Gegenwehr an, faßte meine Flinte mit der Linken und mein Sacktuch in die Rechte. Meine Abſicht war, ihn mit dem Kol⸗ ben zu knebeln, ihm das Sacktuch tief in den offenen Rachen zu ſtoßen und ihn ſo zu erſticken. Das Unterfangen war nicht leicht, aber es war mein letzter Trumpf, ich wollte nicht ſterb 5* 140 freilich nicht, mein einziger Wunſch war nur, gegen dieſen Lö⸗ wen zu kämpfen, der mir vom frühen Morgen auf dem Nacken ſaß, den ich von Grund des Herzens verabſcheute und dem ich gern möglich viel Böſes zufügen wollte. Es war wieder ein eitler Schreck. Nach einigen Minuten beruhigte ſich das Un⸗ gethüm wieder. Er legte ſich nicht wie früher, ſondern ſtreckts.,„ 1 den Kopf lang aus, wie eine Katze, die irgend einen Gegen. 2 ſtand aufmerkſam betrachtet. Endlich dehnte er ſich auf dem⸗ Boden hin, als wäre er über alle Zweifel, die ihn beumrgghig⸗. ten, im Klaren. Nach zehn Minuten aber erhoh er ſich plötz⸗ lich wieder und brüllte auf eine ſo furchtbare Weiſe, wie nie zuvor. Der Gedanke überkam mich, daß ein anderer Löwe hinter mir vorſichtig herbeigeſchlichen war, und daß mein Löwe ſich der Theilung der Beute widerſetzte. Mein Loos ſchien ſich bald entſcheiden zu vvolle ⸗Den Gedrgken, meine Leute wür⸗ den einen Verſuch zu meiner Retkung unter dem Schutze der 8* Dunkelheit unternehmen, gab ich bald auf; wo ſollten ſie den Muth dazu hexnehmen? Daß mir alle Schlafluſt verging, können Sie denken. Der Löwe knurrte fortwährend und ging hin und her, wie ungewiß über das, was er thun ſollte. End⸗ 1 lich ſchien ſein Entſchluß gefaßt, und ich ſah, wie er den An⸗ ſatz zum Sprung nahm: meine Stunde hatte geſchlagen. „In dieſem Moment erſcholl plötzlich ein Geheul hinter mir, und eine helle Flamme erleuchtete die Gegenſtände rings umher. Das Heulen dauerte eine oder zwei Minuten, und ein Individuum, deſſen Kopf und Schultern in Feuer zu ſtehen ſchienen, ſtürzte zwiſchen mich und den Löwen. Das Thier ſtieß ein ſchreckliches Gebrüll aus, mehr vor Entſetzen als vor Wuth, und wie der Blitz entfuhr er in die Dunkelheit. Und e innte ich meinen Apollo, der ſo rechtzeitig zur Stelle Die Flamme, die ihn anfangs gleich einer Glorie umgab, * 1 entfernt, ohne daß der Löwe ſeine Annaherung wit 141 war jetzt erloſchen; er ſchwang aber noch immer einige brennende Reiſer um das Haupt, ſprang, ſchrie, wirbelte einher wie be⸗ ſeſſen; er ſah wie ein Dämon aus, obgleich er mir ein retten⸗ der Engel war. Der arme Teufel empfand eine ſolche Furcht, daß er kaum ſprechen konnte, und verſtand kein Wort von dem, was ich ſagte.„Laden Sie! Laden Sie!“ ſchrie er unaufhör⸗ lich,„das große Thier wird wiederkommen; laden Sie!“ „Der Rath war gut, und ich befolgte ihn, ſo ſchnell es ging. Als ich mich erhob, fühlte ich mich anfangs ſo ſteif wie gelähmt. Aber bald fing mein Blut wieder ſeinen Kreislauf an, und als ich meine Flinte geladen, eilten wir unſeren Wa⸗ gen zu. Apollo, vor Furcht bebend, lief vor mir her, eine Bratpfanne auf dem Kopf, eine Fackel in der Rechten, ſprang, ſchrie wie verrückt, um die Beſtien zu verſcheuchen. Wir er⸗ reichten endlich unſere Wagen, und nachdem ich meinen Hunger geſtillt, fragte ich meinen Retter, was ſich in meiner Abweſen⸗ heit zugetragen, und wie er es angefangen, mich aus der Klemme zu ziehen. Der arme Schelm hatte den ganzen Tag meine Leute zu beſtimmen geſucht, gemeinſchaftlich mit ihm an meine Befreiung zu gehen. Sie hatten, wie ich ſchon geſagt, am Morgen einen Anlauf genommen, aber der Muth war ihnen bald ausgegangen. Am Abend entſchloß ſich endlich Apollo, allein meine Rettung zu bewirken, und er wandte dazu ein ſinn⸗ reiches Mittel an. Er nahm eine der größten Pfannen, be⸗ ſtrich den Boden mit einer Schicht angefeuchteten Pulvers, da⸗ mit es langſam brenne; legte Stroh darüber, ſchüttete trockenes Pulver darauf und krönte das Ganze mit einem Bündel Reiſtg. So ausgerüſtet, machte er ſich mit einbrechender Nacht auf den Weg. Als er die Hälfte deſſelben zurückgelegt, duckte er ſich, kroch langſam und vorſichtig bis auf hundert Schritt von 8 142 erſt hatte ſich das wilde Thier aufgerichtet und zu brüllen an⸗ gefangen.»Vor dieſen furchtbaren Tönen,“ ſagte der arme Menſch,„gefror mir das Herzblut, und ich war nahe daran, ohnmächtig hinzuſinken.“ Er verhielt ſich unbeweglich, bis ſich der Löwe wieder beruhigt hatte, und kroch dann, Zoll für Zoll, immer näher, dazwiſchen immer eine Minute pauſirend. End⸗ lich, als er ſich nahe genug glaubte, zündete er mit einem Schwefelhölzchen das Stroh an, das ſofort hell aufloderte. Während der Vorbereitung dieſer Operation war es, wo der Wüſtenkönig in eine ſo raſende Wuth gerieth. Allein Apollo ließ ihm keine Zeit, ſich zu beſinnen, er ſtürzte mit der flam⸗ menden Pfanne auf dem Kopfe, mit dem brennenden Reiſigbund in der Hand zwiſchen uns und trieb den Feind in die Flucht. Der gute Burſche hatte mehr Geiſt und Muth zu meiner Ret⸗ tung entwickelt, als er vielleicht kaum entwickelt hätte, um ſein eigenes Leben zu retten. »„Aber nun war noch mit dem Schelm, der mich eine ſo ſchauderhafte Marter hatte erdulden laſſen, eine Rechnung ab⸗ zumachen. Da es überdieß augenſcheinlich ein Menſchenfreſſer war, ſo durfte man ihn, wenn man es hindern konnte, nicht frei umherſchweifen laſſen. Ich war ſicher, daß er ſich vom Waſſſer nicht entfernen würde, ſo lange meine Rinder in der Nachbarſchaft blieben. Ich wartete denn die Ankunft Johnſons und Lerouxr' ab, die mir, wie ich wußte, in etwa zwei Tage⸗ reiſen Abſtand auf dem Fuße folgten. Dann ſtellten wir ge⸗ meinſchaftlich mit unſeren Leuten ein Treibjagen an. Zwei Tage neckten wir den alten Kannibalen und konnten ihn nicht aus ſeiner Höhle bringen, die in Felſen und Gebüſchen verſteckt lag. Als er endlich hervortrat, ſank er, von Johnſons Kugel getroffen, todt zu Boden. Es war ein Meiſterſchuß; die Kugel war hinter die rechte Schulter eingedrungen und unter der linken 143 Seite herausgekommen. Ich gab dem Sieger fünf Pfund Ster⸗ ling für die Haut, um ſie auszuſtopfen und ſie zu bewahren als Erinnerung an den Tag, den ich Angeſicht zu Angeſicht mit dem ſchrecklichen Thiere verbrachte, und an den folgenden Tag, der mich von ihm befreite; jenen betrachtete ich als den grau⸗ ſamſten, dieſen als den glücklichſten meines Lebens.“ Ein Abenteuer an der Küſte von Afrika. Ein amerikaniſcher Schooner, Colonel Crocket, ſegelte von New⸗York nach dem Weſten von Afrika mit geſalzenen Auer⸗ ochſen, um dafür Elfenbein einzunehmen, das auf den Markt von St. Helena gebracht werden ſollte. Sie legten eines Abends in der Nähe von Delagoa⸗Bay an; als ſie jedoch am an⸗ dern Morgen ausſegeln wollten, war die Widerſee ſo ſtark, daß ſie das Schiff nicht in die offene See bringen konnten. In dieſer peinlichen Lage beſchloß der Kapitän und der zweite Steuer⸗ mann, ſich nach Delagoa⸗Bay auf dem Landwege zu begeben, um neue Mannſchaft zu gewinnen, da die Matroſen bis auf drei ſämmtlich vom Fieber ergriffen waren. Das Unternehmen war immerhin ein ſehr gewagtes, wenn man die Gefahr, dem Fieber zur Beute zu werden oder die Verrätherei der Eingebo⸗ renen ſich vor Augen ſtellte. Sie nahmen keine Waffen mit, da ſie es für unnütz und beſchwerlich hielten, ſolche zu tragen; ein Weg von zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen wurde glück⸗ lich und ohne Ungelegenheit zurückgelegt. Endlich aber ſchloſſen 4 144 ſich ihnen drei Eingeborene an, von welchen ſich Einer nach Kurzem wieder entfernte, unter dem Vorwande, Waſſer zu ho⸗ len, während die beiden Anderen ein Feuer anzündeten und einiges Korn zu röſten begannen, von welchem ſie den beiden Amerikanern anboten. Inzwiſchen war auch der Eingeborene, welcher ſich entfernt hatte, mit ſieben Anderen zurückgekehrt. Der Kapitän, mit ſeiner Zeit ſehr haushälteriſch, beſchloß ſeinen Marſch fortzuſetzen, obgleich ſich der Tag ſchon neigte. Um ſich jedoch der Laſt der Kleiderbündel zu entledigen, die ſie mit ſich trugen, vertrauten ſie ſie den Eingeborenen an, welche Fnen folgten. Als ſie an dem Fuße eines ſteilen Hügels an⸗ kamen, der die Ausſicht in ein maleriſches Thal bot, machten ſie Halt fuͤr die Nacht und zündeten ein großes Feuer an. Wie man ſich denken konnte, vermochte die Neugierde der Ein⸗ geboren, wir wollen nicht geradezu ſagen, ihre verrätheriſche Geſinnung, der Verſuchung nicht widerſtehen, einen Blick in die Bündel zu werfen, um den Inhalt zu erforſchen. Der Kapitän wollte es nicht dulden, und veranlaßte durch ſeine Heftigkeit ein Handgemenge, zu welchem die Eingeborenen längſt eine Veran⸗ laſſung geſucht hatten. Ihre Abſicht war leicht zu ahnen geweſen, als der Eine von den Dreien vorgab, Waſſer zu holen, und ſtatt deſſen mit Hülfstruppen kam. Obwohl eine gewiſſe natürliche Scheu vor den Weißen ſie bisher abgehalten, einen offenen Angriff zu wagen, und ſie nur auf den Einbruch der Nacht warteten, er⸗ wachten plötzlich, als der Kampf einmal begonnen, all' ihre wilden Leidenſchaften, die das Blut kochen machten. Sie er⸗ hoben ſich nun wie ein Mann, ſchaarten ſich zuſammen und ſchleuderten ihre Speere nach den beiden unglücklichen Weißen. Der Kapitän trat ihnen muthig entgegen. Bald jedoch, an mehreren Stellen verwundet, ſah er ſich gezwungen, ſein Heil in der Flucht zit ſuchen. Dieſer, durch den ſtarken Blutverluſt ſehr geſchwächt, war bald überholt und zu Boden geſtreckt— hoffentlich todt, obwohl auch dieß nicht gewiß iſt. Der Steuermann, der ſich bei dem erſten Speerwurfe auf die Seite gebeugt hatte, wurde von zwei Geſchoſſen in den rechten Arm und die Nähe des rechten Auges getroffen. Raſch hatte er jedoch einen Speer im Fluge aufgefangen, und ſchleu⸗ derte dieſen mit furchtbarer Gewalt auf die Nächſtſtehenden, von welchen ſogleich zwei todt zu Boden ſtürzten. Die größte Zahl behielt natürlich die Oberhand über den Muth der Verzweiflung, und er wurde endlich von einem Keulenhieb über den Kopf niedergeſchmettert. Da er völlig bewußtlos und ohne Bewe⸗ gung dalag, hielten ſie ihn für todt. Sie ſchleppten ihn an das Feuer, wie er ſpäter fand, und ſchindeten ihn am ganzen Körper. Als er wieder zu ſich kam, ſah er, daß ſie ihn aller Kleider beraubt hatten, denn er lag nackt auf dem Sande und ſo erſchöpft, daß er weder ſprechen, noch ſich bewegen konnte. Nach und nach zum Bewußtſein ſeiner Lage gekommen, ſah er ſich von Zeit zu Zeit unbemerkt um; endlich gewahrte er zu ſeinem Schrecken den Körper ſeines ungluͤcklichen Kapitäns, der neben dem Feuer lag, während einige Eingeborene beſchäftigt waren, lange Stücke aus den fleiſchigen heui des Körpers zu ſchneiden, welche die Anderen an dem Feuer röſteten,— Alle aber trugen den Ausdruck gierigen Verlangens im Ge⸗ ſichte! Läßt ſich eine ſchrecklichere Lage denken, als die des un⸗ glücklichen Verwundeten? Gab er ein Zeichen von Leben, ſo konnte er gewiß ſein, von ſchweren Keulen niedergeſchmettert zu werden; blieb er ruhig, ſcheinbar leblos, ſo lag die Wahr⸗ ſcheinlichkeit nahe, daß ſie, ſobald ihr Hunger an dem Fleiſche * ſeines Leidensgenoſſen geſtillt war, ihre Metzelei an ihm ver⸗ Aus allen Welttheilen. 10 146 ſuchen würden. Wer vermag ſich ohne Schrecken die qualvollen Augenblicke vorzuſtellen, die kein Ende nehmen zu wollen ſchie⸗ nen! Da lag der arme Menſch in ſprachloſem Kampfe, der unglückliche Zeuge der empörendſten Grauſamkeit. Nachdem ſie ſich endlich mit dieſem ſchrecklichen Mahle und in jener Weiſe geſättigt, die der, der den hungrigen Wil⸗ den beim Eſſen geſehen, nie vergeſſen kann, ſchliefen ſie unter dem Drucke der Ueberſättigung ein. Der arme Steuermann machte, als er dieß bemerkte, den verzweifelten Verſuch, ſich aus ſeinem todtenähnlichen Traumzuſtande aufzuraffen und ſeinem unausbleiblichen Schickſah durch die Flucht zu entziehen; nur wußte er nicht, wie und wohin. Er konnte nicht ſtehen, er konnte nicht gehen, und ſank beim erſten Verſuche wieder zu⸗ ſammen; er kroch deßhalb auf Händen und Knieen zu dem be⸗ nachbarten Gebüſche und ſuchte ſich dort zu verbergen. Höülflos verſteckt lag er bis zum andern Morgen da; das ruheloſe Auge der mißtrauiſchen Wilden hatte ihn jedoch bald entdeckt. Er bat durch Zeichen um Waſſer; aber nicht nur wurde ihm dieß verweigert, ſondern man gab ihm auch deutlich zu verſtehen, daß man ſich auf das Vergnügen freue, ihn mit beſonderem Appetite zum Abendbrode zu verſpeiſen; man zeigte ihm eine Art roher Tafel, auf welcher ſie ihn nach ihrer er⸗ probten Manit abſchlachten wollten. Dann ließen ſie ihn allein in ſeinem Elend liegen. Später, als er wieder nach einem Schlucke Waſſers jammerte, gaben ſie ihm ſtatt deſſen zu eſſen, und zwangen ihn, als er ſich weigerte, das Dargebotene zu verſchlucken; es war, wie man ſich denken kann, nichts Anderes, als ein Stück ſeines gemordeten Leidensgefährten, von welchem ſie ſich am Abend zuvor regalirt hatten. Als die Nacht einbrach, machte der Steuermann, der ſich indeſſen von ſeinen Wunden etwas erholt hatte, einen zweiten * —— 2 — 147 verzweifelten Fluchtverſuch. Er konnte jetzt gehen, und lang⸗ ſam und vorſichtig verfolgte er ſeinen Weg mit einer Sicher⸗ heit, die nur der Muth der Verzweiflung verleiht. Die Dun⸗ kelheit der Nacht begünſtigte ihn, und bald im Gebüſche des Waldes unterduckend, bald in der tiefſten Dunkelheit ausruhend, um neue Kräfte zu ſammeln und dann wieder keck ſeinen Weg verfolgend, wenn er am offenen Geſtade des Meeres hinſchritt, entging er endlich all' ſeinen Verfolgern. Sie waren ihm einige Zeit vergeblich gefolgt. Am folgenden Tage erreichte er den Schooner, den er zurückgelaſſen, vollkommen erſchöpft und dem Tode nahe. Das Fieber hatte indeſſen auf dem Boote ſchrecklich ge⸗ wüthet; der erſte Steuermann ſchiffte ſich nun mit zwei Män⸗ nern ein und fuhr längs der Küſte nach Delagoa⸗Bay. Die kleine Erpedition ward vom glücklichſten Erfolge gekrönt. Sie kehrte mit einem portugieſiſchen Schiffe zurück, mit dem ſie je⸗ doch erſt nach vierzehn Tagen in die See ſtechen konnten, da die Brandung ſo heftig wurde, daß ſie bei jedem Verſuche zu⸗ rückgeſchleudert zu werden befürchten mußten.— Die Erzählung dieſes wahren Abenteuers verdanken wir dem Steuermanne Samuel Reid, der ſpäter an Bord des eng⸗ lichen Schiffes the Nemesis ein Unterkommen fand und die Reiſe um die Welt mitmachte. 148 Ein Buſchbrand in Auſtralien. Am Donnerſtage, dem 6. Februar 1551, lernte ich eine der kleinen Eigenthümlichkeiten des auſtraliſchen Lebens, einen Buſchbrand kennen. Wir hatten ungewöhnlich trockene Zeit gehabt, und das Gras war ſo dürr, daß der kleinſte Funke es in Feuer ſetzen mußte. Schon mehrere Tage lang hatten wir den Rauch verſchiedener Feuer rings um uns geſehen, aber keins war nahe genug, um uns ernſtlich zu beunruhigen. Der Don⸗ nerſtag⸗Morgen war drückend heiß; ein glühender Wind, ein ordentlicher Scirocco wehte. Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, wie hoch hier die Hitze zuweilen ſteigt. Ich ſah eines Tages in Melbourne den Thermometer auf 1450 F.(50 ½° R.) in der Sonne und 105⁰ F.(32 ½°R.) im Schatten ſtehen. Um ein Uhr an beſagtem Donnerſtage ſchickte ein dritthalb Meilen von uns lebender Landwirth, Namens Rawlings, einen Mann, und ließ um Beiſtand bitten, da ein am See Golar, fünfundzwanzig Meilen von da, entſtandenes Feuer ſich raſch ſeinem Hauſe nähere. Dent, unſer nächſter Nachbar, und zwei Männer, die nahebei eine Hütte aufrichteten, brachen auf, um die mögliche Hülfe zu gewähren. Da wir vor dem Feuer auf Rawlings Gut ankamen, gingen wir auf Recognition aus. Nachdem wir eine halbe Meile gegangen waren, ſahen wir es in einer rothen Linie durch das Gras herankommen, ſo raſch ein Mann laufen konnte. Nach der Richtung des Windes zu urtheilen, war weder unſer, noch Rawlinds Beſitzthum bedroht, und ſo nahmen wir uns Zeit, es zu beobachten, wie es parallel mit dem Wege, den wir gekommen waren, dahinlief. Plötzlich * ſ 41 4 149 iſprang der Wind um, und das Feuer kam ſauſend nach der Stelle zu, wo wir ſtanden. Die Flammen ſtiegen von dem kangen Graſe mehr als acht Fuß hoch und bildeten eine meilen⸗ lange Linie. Jetzt gaben wir natürlich Ferſengeld und liefen bis zu dem Felde, wo Rawlings Weizen in Hocken ſtand. Daſſelbe war mit einem Zaun von gefällten Bäumen umgeben, und die Oeff⸗ nungen waren mit kleinen Aeſten ausgefüllt. Das Feuer faßte das Feld an einer Ecke und lief wie der Blitz an den beiden Seiten hin, brauſend, wie wenn eine ganze Straße in Flammen ſteht. Der Rauch war ſo dick, daß wir kaum die drei Schritte entfernten Hocken ſehen konnten. Flammende Blätter fſogen um uns her wie ein feuriger Regen. Keine Minute war zu ver⸗ lieren; wir mußten noch einmal vor dem unerſättlichen Feinde die Flucht ergreifen. Denn wäre das Feuer duch an den an⸗ deren Seiten des Feldes hinaufgelaufen, ehe wir über den Zaun kommen konnten, ſo wären wir umringt geweſen und hätten er⸗ ſticken oder verbrennen müſſen. Wir erreichten den Zaun noch zur rechten Zeit und waren dem Feuer etwas voraus. So kamen wir an die Straße, welche an Herrn Dent's Beſitzung hinläuft. Dieſelbe iſt mit einem ähnlichen Zaun umgeben, wie Rawlings Gut. Hier machten wir Halt und verſuchten das Feuer zu dämpfen, da das Gras längs der Straße kurz war. Auch erhielten wir Verſtärkung, da mein Partner kam und noch einen Mann mitbrachte. Um ein Buſchfeuer zu dämpfen, wenn es durch kurzes Gras hinläuft, nimmt man grüne Zweige und ſchlägt damit die Flammen aus, ſo wie ſie an den Tag kommen. Es ſchien mir eine faſt unmögliche Aufgabe, eine ſo furchtbare Feuerlinie mit bloßen Baumzweigen auszulöſchen; jedoch ich machte mich mit den Anderen an die Arbeit, und es gelang uns, das Feuer eine * 150 Viertelſtunde längs des Weges aufzuhalten. Wir wünſchten uns Glück zu unſerem Siege, als ein Funke aus halberloſchenem Graſe in Dents Zaun flog und ihn entzündete. Wir mußten unſere Arbeit mit zehnmal groͤßerer Anſtrengung von Neuem beginnen, und auch dießmal waren wir glücklich; denn da der Wind ſich etwas gelegt hatte, konnten wir die Ausbreitung des Feuers hindern, indem wir den Zaun auf beiden Seiten nieder⸗ riſſen. Wir glaubten uns nun endlich ſicher, als zu unſerem Schrecken eine andere Flammenmaſſe auf der anderen Seite von Dents Beſitzung gerade auf den Zaun loskam. Wir eilten dahin, um den neuen Angriff abzuwehren, und blieben nach hartem Kampfe auch hier Sieger. Nun hielten wir die Gefahr für gänzlich beſeitigt. Es fing an zu dunkeln, wir gingen nach Hauſe, tranken Thee und machten dann einen Gang über un⸗ ſere Beſitzung, um zu ſehen, wie weit ſich der Brand erſtreckt hatte. Wir fanden, daß die beiden Feuerlinien ſich unterhalb unſeres Grundſtücks vereinigt hatten, ſo daß es mit dem des Herrn Dent eine Inſel mitten in dem Feuermeere bildete. Die ganze Nacht brannte das Feuer ringsum hell genug, daß man dabei leſen konnte. Nach allen Seiten hin ſtanden hoch empor⸗ flammende Bäume wie Schildwachen des feurigen Heeres, mit welchem wir den Nachmittag über gekämpft hatten. Gegen Morgen fiel Regen, welcher jede fernere Gefahr beſeitigte. Am nächſten Tage erfuhren wir, daß das ganze Land von unſerer Stelle bis nach Geelong, zwölf Meilen weit, verbrannt worden war, ſammt den Häuſern, den Schobern, Hocken u. ſ. w. Doch glücklicher Weiſe hatten ur wenig Menſchen ihr Leben verloren. Ein ſo ausgedehntes Feuer hatte ſeit der Gründung der Kolonie nicht ſtattgefunden. — — 151 Dick Doppelfauſt, der Heerdenknecht. 1 In der Regenzeit im Buſche reiſend, kehrte ich für die Nacht in einer kleinen Herberge ein, welche am mittleren Ab⸗ hange einer Bergreihe lag. Mehrere Buſchknechte hatten dort ebenfalls Zuflucht vor den ſtrömenden Regengüſſen geſucht. Ich hatte einen langen und ermüdenden Ritt über ſchlimmen Boden gemacht. Darum zog ich mich nach dem Abendeſſen in die fernſte Ecke des einzigen Gemaches zurück und wickelte mich, das unſaubere Bett des Wirths verſchmähend, in meine Decke. Mit halbgeſchloſſenen Augen dampfte ich ſchweigend meine Pfeife, und horchte nur mit halbem Ohre auf das wirre Geplauder der Buſchknechte.. Zum Glück für meine Ruhe war des Wirthes Rumvorrath ſchon ſeit einiger Zeit erſchöpft, und da ich der letzte Ankömm⸗ ling war, hatte auch das Braten und Röſten aufgehört. Aber eine Schaar hatte ſich um's Feuer geſetzt, augenſcheinlich um ſich einander ihre Heldenthaten zu erzählen. Zuerſt haftete die Unterhaltung auf den gewöhnlichen Gegenſtänden, den in der alten Welt verübten Bubenſtücken und den Gefahren des Buſch⸗ lebens, bis endlich ein Stoff kam, der ein überwiegendes Inter⸗ eſſe für Alle zu haben ſchien, die Herzhaftigkeit Dicks mit der doppelten Fauſt, des Heerdenknechtes. 3Ja, ja,“ ſagte Einer, vich will euch ſagen, wie es iſt, Jungen! Bei dem verwünſchten Leſen und Schreiben können ſchlichte Kerle, wie wir, nicht auffommen. Kommt es darauf an, ſich auf Leben und Tod zu ſchlagen, ſo mag es meinet⸗ wegen auf eine halbe Minute und nach Londoner Regeln, auf 152 die Fauſt oder auf Knittel, Schwerter, Bayonnette oder Toma⸗ hawks gehen. Ich bin des Henkers, wenn nicht ihr und ich und Dick Doppelfauſt den ganzen Rath mit Gouverneur und Richtern faſſen; Einer nach dem Andern ſoll herauskommen. Freilich, Dick könnte Zwei von uns abprügeln.« Ich war zu müde und ſchlummerte ein; doch hörte ich dann und wann ſchreien:„Bravo, Dick!«»Das iſt ſeine Art!«„Hurrah, Dick!« Wahrſcheinlich waren dieſe Aus⸗ rufungen durch Erzählungen von den verzweifelten Thaten dieſes Menſchen veranlaßt. Monate nachher konnte ich den Gedanken an Dick Doppel⸗ fauſt nicht los werden; doch über der mit der Errichtung einer neuen Station verbundenen Unruhe vergaß ich ihn endlich. Etwa ein Jahr ſpäter trat. ich eine dreitägige Reiſe an, um eine Stiege feinwolliger Widder zu kaufen. Der Weg führte mich durch eine mir völlig neue Gegend. Den erſten Tag legte ich bequem fünfundvierzig Meilen zurück. Gegen Abend des zweiten traf ich einen übel ausſehenden Kerl mit zerbrochener Muskete, den Arm in der Binde. Er ſchien tückiſch zu ſein, und ich ließ, ſo lange ich mit ihm ſprach, die Hand nicht von meinem doppelläufigen Piſtol. Er bat um etwas Thee und Zucker, den ich nicht entbehren konnte; aber ich warf ihm ein Stück Tabak zu. Auf meine Fragen in Betreff ſeines Armes erzählte er mit einer Reihe von Flüchen, daß ihn in einem Mimoſengrunde, eine Tagereiſe weiter, ein Stier ange⸗ griffen, ihn in einen Waſſerpfuhl geſtoßen, ihm den Arm ge⸗ brochen und zugleich den Verluſt ſeines Thee⸗ und Zuckerbeutels veranlaßt hätte. Die Stiere ſind in Auſtralien in der Regel friedlich; aber es fiel mir ein, daß ein Theil des von der Auſtraliſchen Compagnie aus den Hochlanden eingeführten ſchwar⸗ zen Nindviehs, nachdem es von Viehdieben weggetrieben worden, —.—— — in die Berge geflohen und ganz verwildert war. Aus dieſer Heerde, von einer dem Lande gar nicht angemeſſenen Raſſe, ging wohl ein von einem ſtärkeren Thiere ſeiner Art vertriebe⸗ ner Stier in die Mimoſenniederungen hinab und machte, ein⸗ ſam und grimmig umherſchweifend, die ganze Gegend unſicher. Wie ich hinwegritt, ſchien mir es ganz gut, daß meines guten Freundes Arm und Gewehr unbrauchbar war; denn er ſah nicht aus wie Einer, dem man mitten im dichten Gebüſch gern begegnen möͤchte, beſonders dann nicht, wenn er eine Nei⸗ gung zu dem Pferde gefaßt haben follte, das man reitet. So ritt ich in munterm Trabe davon, mit dem einen Auge über die Schulter zurückſchielend, mit dem anderen vorausſpähend, ob etwa noch mehr ſolcher Wanderer im Winde ſeien. Später brachte ich heraus, daß mein Freund Jerry Jonſon war, wel⸗ cher ein Jahr nachher gehangen wurde, weil er einen Ochſen⸗ „treiber erſchoſſen hatte. Miit Sonnenuntergang erreichte ich die Hütte, wo ich zu ſchlafen gedachte, fand ſie aber verlaſſen und ſo voll von Flö⸗ hen, daß ich es vorzog, im Freien zu campiren. Darum feſſelte ich meinen Grauen, und zwar auf dem beſten Grasfleck, den ich finden konnte, der aber dennoch ſehr mager war. Als ich am nächſten Morgen nach meinem Pferde ſehen wollte, war es nirgend zu finden. Ich nahm den Sattel auf den Kopf und folgte der Spur ſtundenlang; das arme Thier war augenſcheinlich davongegangen, um Gras zu ſuchen. Ich ging, bis meine Füße eine Blaſenmaſſe waren. Ich hatte auf ſteinigem Grunde die Spur verloren und war ſchon im Begriffe, das Suchen aufzugeben; da kam ich auf moraſtigen Boden und fand ganz friſche Hufabdrücke; einige hundert Schritte weiter wälzte ſich der Graue ganz behaglich in dem Schlamme eines faſt trockenen Waſſerpfuhls. Ich legte den Sattel nieder und 8 E 154 rief ihm, als ich plötzlich in dem Buſchwerk hinter mir ein lautes Brüllen und Krachen hörte, und herausſtürzte in furcht⸗ barem Lauf ein ſchwarzer Hochlandsſtier, gerade auf mich zu. Ich hatte eben noch Zeit, mich ſeitwärts platt auf die Erde zu werfen, als er an mir vorüberſchoß. Raſch kroch ich dann nach einem kleinen Haufen von Bäumen, unter denen ein großer war; die übrigen waren nur junge Bäumchen. Der Stier, als er ſein Ziel verfehlt hatte, wendete um und ließ ſeine Wuth zuerſt an meinem Sattel aus, den er in die Luft warf, bis er glücklicherweiſe zwiſchen die Büſche fiel. Dann, nachdem er mich ausgewittert hatte, begann er, ſtampfend, ſcharrend und brüllend, um die Bäume herumzugehen. Seine rothen Augen, ſeine langen, ſpitzen Hörner gaben ihm das An⸗ ſehen eines Ddämons. Ich war ganz ohne Waffen, da ich mein Meſſer Tags zuvor zerbrochen hatte; meine Piſtolen ſteckten in den Halftern, und ich war müde auf den Tod. Ich konnte nichts weiter thun, als, zwiſchen den Bäumen hin- und her⸗ ſpringend, ihm auszuweichen, bis er des Spiels überdrüſſig ſein würde. Tief bedauerte ich, daß ich meine treuen Hunde zu Hauſe gelaſſen hatte. Der Stier ſtürzte immer auf's Neue heran, indem er zu⸗ weilen mit ſolcher Kraft gegen den großen Baum fuhr, daß er auf die Kniee niederfiel; zuweilen bog er die jungen Bäume, hinter denen ich ſtand, ſo, daß ſeine Hörner mich faſt erreichten. Kein Zweig war da, den ich hätte faſſen können, um hinauf⸗ zuklettern. Wie lange dieſes fürchterliche Spiel dauerte, weiß ich nicht; mir ſchienen es Stunden. Nachdem die erſte Auf⸗ regung vorüber war, überkam mich wieder das Gefühl der Er⸗ ſchöpfung, und nur der Trieb der Selbſterhaltung konnte mich auf den Beinen halten. Manchmal verließ mich der Stier auf einige Sekunden, indem er plötzlich, unzufrieden brüllend, hin⸗ 2 155 wegtrabte; aber ehe ich eine beſſere Stellung gewinnen konnte, kam er allemal in vollem Laufe zurück. Die Zunge klebte mir am Gaumen, die Augen wurden heiß und umflort, und die Kniee zitterten unter mirz ich fühlte, daß ich es unmöglich bis Dunkelwerden aushalten konnte. Zuletzt faßte ich den verzwei⸗ felten Entſchluß, ſobald ſich der Stier wieder nach dem Waſſer⸗ pfuhl wendete, einen Lauf nach dem gegenüberliegenden Dickicht zu verſuchen. Ich fühlte, daß ich verloren war, und ergab mich ſtumpfſinnig in mein⸗Schickſal. Der Stier ſchien zu wiſſen, daß ich erſchöpft war; ſeine Angriffe wurden wilder und folgten Aſich raſcher. Aber gerade als ich im Begriff war, mich unter dem großen Baum niederzuſetzen und ihn gewähren zu laſſen, hörte ich in den Felſen oben Pferdegetrappel und einen Ruf, der wie die Stimme eines Engels klang. Dann tönte Hunde⸗ gebell und der laute Knall einer Peitſche; aber der Stier hef⸗ tete ſeine teufliſchen Augen feſt auf mich und wich nicht von der Stelle.— In vollem Laufe ſprengte ein Reiter heran; ſeine Peitſche traf das Fell des Bullen, und das Blut ſpritzte in langen Streifen heraus. Der Stier wendete ſich wüthend und griff den Reiter an. Das Pferd ſchwenkte nur ſo weit, um dem Stoß auszuweichen, und wieder fiel die Peitſche, wie ein langes, biegſames Raſirmeſſer einſchneidend; jedoch der raſende Stier war mit einer Peitſche nicht abzutreiben. Er griff immer wie⸗ der an; aber er hatte ſeinen Meiſter gefunden. Rechts und links, wie es nöthig war, wendete das Roß und drehte ſich bald auf den Hinter⸗, bald auf den Vorderbeinen. Der Mann rief Etwas, ſprang vom Pferde, und mit einem offenen Meſſer zwiſchen den Zähnen auf den Stier zu. Wie die Beſtie den Kopf zum Stoß ſenkte, ſchien er ſie bei den Hörnern zu packen. Ein Kampf erfolgte, eine Staubwolke „ Als ich wieds Denkzettel ſchuldig, weil er Ich wußte es nicht, als ich 156 i rieſen⸗ n; ich konnte nicht deutlich nach lag der Stier auf dem ſeiner Kehle, und ſeine Glieder erhob ſich und ein Stampfen erſcholl, wie wenn zwe ſtarke Männer mit einander ringe ſehen. Aber einen Augenblick dar Rücken, das Blut wallte von zuckten in Todesſchauern. Der Fremde, mit Schmutz und Staub bedeckt, kam auf mich zu und ſagte ſo gleichgültig, als wenn er ein Kalb im Schlachthauſe getödtet hätte:„Der i*ſt todt, junger Mann; der thut Keinem mehr etwas.« Ich that zwei oder drei Schritte nach dem todten Thiere; meine Sinne ſchwanden, ich wurde ohnmächtig. r zu mir kam, ſtand mein Pferd geſattelt und gezäumt und an einen Baum gebunden. Mein Retter wa beſchäftigt, dem Stier das Fell abzuziehen. Als ich ihn fragend anſchaute, bemerkte er: »Ich moͤchte ein Paar Stiefeln von dem alten Teufel haben, ehe die Dingoes und die Geier ſein Fell durchfreſſen.« Wir ritten aus der Niederung einen ſanften Abhang hin⸗ auf, als die, Nacht hereinbrach. Ich warnnicht zum Plaudern aufgelegt und ſagte bloß:»Ihr habt mir das Leben gerettet.« »Ja, ich denke, das habe ich,« entgegnete er halblaut und wie für ſich hin.»Es iſt nicht das erſte, was ich gerettet, oder auch genommen habe, was das betrifft.« Ich konnte nicht viel danken; ich zog eine ſilberne Jagd⸗ uhr hervor und gab ſte ihm in die Hand. Er aber ſtieß ſte, faſt barſch, zurück, indem er ſagte:„Nein, Herr, ich nehme weder Geld noch Geldeswerth dafür, obgleich ich ſpäterhin wohl einmal eine Bitte an Sie haben könnte. Uebrigens hat es nichts zu bedeuten. Ich war dem ſchwarzen Satan einen 3 mir ein Vollblutfüllen ruinirt hat. zuerſt herankam und dem Vieh zu 157 Leibe ging—; aber ich denke faſt, Sie ſind der junge Herr, der bei Nacht durch den Buſch herbeieilte, als die Schwarzen Mancheſter Dan's Hütte angriffen, und trotz des Gouverneurs Proklamation den einäugigen Jacky erſchoß.“« „Sie ſcheinen mich zu kennen,“ antwortete ich.„Darf ich fragen, wer Sie ſind? Ich erinnere mich nicht, Sie je geſehen zu haben.“ „Ei, ſie nennen mich hier zu Lande Dick Doppelfauſt.“ Die Scene in der Herberge am Wege trat wieder lebhaft vor meine Seele. Doch bevor ich etwas ſagen konnte, brachte eine ſcharfe Wendung um die Ecke der Felſenkette uns das Feuer einer Schäferhütte zu Geſicht. Die Hunde ſtürzten bellend heraus. Wir riefen und klatſchten mit den Peitſchen, und der Inſaſſe kam uns mit einem brennenden Span in der Hand entgegen. „Gott ſegne und ſchütze mich! Dick, biſt du endlich da? Ich dachte ſchon, du kämeſt gar nicht wieder!“ rief der Hütten⸗ bewohner, ein kleiner Mann, der, auf ſeinen Krückſtock geſtützt, raſch vorwärts hinkte.„He, Miſſis, Mriſſs Hier iſt Dick Doppelfauſt!“ Dieſe Worte wurden mit gelendemn, krankhaftem Tone ausgeſtoßen. Miſſis kam in höchſter Eile heraus und umarmte Dick, wie er vom Pferde ſtieg; ihre Arme reichten eben um ſeinen Leib. Sie lachte und weinte durcheinander, während ihr Gatte des Heerdenknechts Hand hielt und murmelte:„Gott, Dick, was freu' ich mich, dich zu ſehen!“« Dazu machten die bellenden Hunde und die eben eingepferchten blöckenden Lämmer einen betäubenden Lärm. Ich fühlte mich überflüſſig, entſchlüͤpfte und führte die beiden Pferde nach der andern Seite der Hütte, 8 wo mir ein Schäfer für die Klepper ein i Gensgehag zeigte. Ich fragte ihn, was dieſe Scene zwiſchen ſe dem großen Heerdenknecht bedeute. „W fauſt, und mein Genoß iſt der kleine Jemmy, den er rettete, und den Charley Anvils mit, als die Schwarzen den Reſt der Schaar, faſt ein Dutzend Menſchen, todtſchlugen.« Als ich zurückkam, dampfte das Abendeſſen auf dem Tiſche, und wir hielten eine ordentliche Buſchmahlzeit. Der Heerden⸗ knecht erzählte dann mein Abenteuer, und als ſie ihre Neuig⸗ keiten ausgetauſcht hatten, wurde es mir nicht ſchwer, den Hüttenbewohner auf den Punkt zu bringen, wo ich ihn haben wollte. Die Schwierlgkeit war nur, Mann und Frau abzu⸗ halten, daß ſie nicht zugleich erzählten. Ich brachte glücklich die folgende Erzählung von„Dicks Kampf und Ritt« heraus. »Dick war, als ich ihn zuerſt traf, zweiter Heerdenknecht bei Herrn Ronalds, und ich war dort Schäfer. Es war mein zweiter Platz im Lande, denn ich verließ das alte Land, als es mit dem Weben dort ſchlecht ging, und gehörte zur erſten Schaar freier Auswanderer, die weggingen; die Anderen waren mei⸗ ſtens Irländer. Ich fand die Schafhut paſſend für mich, und meine Hausfrau beſorgte das Hausweſen in der Hütte. Gut, Dick und ich wurden Freunde. Ich ſchrieb die Briefe für ihn, las Abends vor u. ſ. w.— Nun, wenn ich auch Schäfer war, konnte ich doch mit der Art umgehen. Dick ſetzte mir in den Kopf, daß ich mehr Geld verdienen könne, wenn ich Zäune machte. Ich machte manches Stück Arbeit und galt für ge⸗ ſchickt. Gut, während der großen Dürre vor fünf Jahren be⸗ ſchloß Herr Ronalds, eine Anzahl Vieh nach dem Norden zu ſchicken, wo genug Waſſer und Gras vorhanden ſein ſollte, und dort eine Station zu errichten. Dick wurde als Heerdenknecht ausgewählt, und ein junger Herr, ein Verwandter des Herrn inem Genoſſen und as das bedeutet, Fremder? Nun, das iſt Dick Doppel⸗ — 159 Ronalds, ging als Aufſeher mit, ein alberner, eingebildeter junger Mann, der das Buſchleben nicht kannte und ſich nicht belehren laſſen wollte. Dann waren außer Charley Anvils, dem Schmied, und zwei Ochſentreibern, noch acht Holzſpalter und Zaunſetzer dabei. „Ich bekam Erlaubniß mißzugehen, weil ich das Land ſehen wollte und Dick es wünſchte. Meine Frau war heftig dagegen. Ich ſollte die Vorräthe beaufſichtigen, Feldarbeit thun und was ſonſt nöthig war. „Wir hatten zwei Karren bei uns und waren gut bewaff⸗ net. Wir waren vierzehn Tage unterweges, ehe wir das neue Land erreichten, und dann zogen wir noch fünf Tage lang vor⸗ wärts. Manchmal blieben wir vierundzwanzig Stunden ohne Waſſer, und manchmal mußten wir die Karren zwei⸗ oder drei⸗ mal den Tag abladen, wenn uns ein Fluß in den Weg kam. Den fünften Tag fanden wir ſchönes Land; das Gras ging den Pferden bis an den Hals, und das Flußbett bildete eine Reihe von Löchern, ganz voll von kryſtallhellem Waſſer. Die Känguruhs hüpften umher, wie Kaninchen in einem Gehäge, und das Gras zeigte die Gänge der Emu's nach dem Waſſer hinunter. „Wir hatten ſchon ſeit fünf Tagen Anzeichen der Schwar⸗ zen bemerkt, aber ſie ſelbſt nicht zu Geſicht bekommen, wenn wir auch beim Einbruch der Nacht ihren wilden Ruf deutlich vernehmen konnten. Darum hielten wir ordentliche Wacht, in⸗ dem wir anfangs vier Schildwachen ausſtellten, und Jeder ſchlief mit dem Gewehr im Arm. »Da Dick dem Vieh folgen mußte, das fünfhundert Stück zählte, ſo rieth ich ihm, an ſeiner Büchſe den Lauf abſägen zu laſſen, damit er ſie bequemer zu Pferde gebrauchen könne. Er nahm meinen Rath an, und Charley Anvils führte ihn aus, ——jjyhhhnſſſſ— 160 ſo daß er ſie zu Pferde, wenn ſie ihm an einer Schnur um den Hals hing, bequem unter den Arm bringen und mit einer Hand abfeuern konnte. Das war ein Glück, wie ſich nachher auswies. »Endlich wählte der Aufſeher einen Platz für die Station aus. Er war vortrefflich hinſichtlich des Waſſers und des 1 Graſes, und hatte, wie der Aufſeher ſagte, eine ſchöne Ausſicht; aber was die Sicherheit betraf, ſo lag er zu nahe an einem Dickicht, wo die Wilden ſich in Hinterhalt legen konnten. Die alten Buſchknechte wollten einen Landfleck haben, der faſt ganz von Waſſer umgeben war, und den eine Palliſadenreihe ganz geeſichert haben würde. »Gut, wir gingen an die Arbeit und hatten bald eine An⸗ zahl großer Bäume nieder. Charley ſtellte ſeine Schmiede auf und den Schleifſtein, um die Aexte ſcharf zu halten, und ich blieb bei ihm. Dick ging hinter dem Vieh, und der Aufſeher ſaß auf einem Klotz und ſchaute zu. Am zweiten Tage kam ein Haufen Schwarzer an das gegenüberliegende Ufer des Fluſſes herunter. Sie waren ganz wild, aber einige unſerer Leute gingen mit grünen Zweigen und machten Frieden mit ihnen. Unſer Brod und Zucker ſchmeckte ihnen, und bald leiſtete eein Theil von ihnen uns allerlei Dienſte, fiſchten für uns, brachten wilden Honig, Känguruhs, Feuerholz, und bekamen dafür allerlei Nahrung. So wurden wir allmählig ſorgloſer. Wir gaben ihnen eiſerne Tomahawks, und ſie kamen bald da⸗ hinter, daß ſte damit ein Opoſſum in einer Höhlung in einer halben Stunde heraushauen konnten, was mit ihren ſteinernen einen Tag erforderte. Die Häuptlinge putzten ſich mit dem Tand und dem Zeug, das wir ihnen gaben, jagten, fiſchten und beſpiegelten ſich im Waſſer. Und ſo ging die Zeit ganz angenehm hin.« 161 „Dick traute ihnen niemals, hielt ſich zu ſeinem Vieh und warnte uns; aber der Auſſeher ſchalt ihn einen blutdürſtigen, mordgierigen Taugenichts.“ „Eines Tages— wir waren Alle bei der Arbeit, hieben Deckbretter für die Hütte zu und ſetzten ſie ein; die Schwarzen halfen uns, wie gewöhnlich. Ich drehte den Wetzſtein für Charley Anvils, und Dick war auf dem Wege zu uns, um Thee zu holen, aber ein Hügelrücken war noch zwiſchen ihm und uns. Die Gewehre waren alle in einer Ecke aufgeſtellt. Da hörte ich ein Geheul und darnach ein Geſchrei,— das ganze Lager war voll von bewaffneten Schwarzen. Als ich den Kopf aufhob, ſah ich den Häuptling— Capitän Jack nannten wir ihn— mit einer breiten Art in der Hand, und im nächſten Augenblick hatte er dem Aufſeher den Kopf rein abgehauen. In zwei Minuten nene h Kameraden am Boden. Drei oder Vier kaanen im Lauf auf uns los, Einer warf den Spieß nach⸗mir, den ich halb abwehrte; aber er fuhr doch tief ehs on und ein Stück davon, glaub' ich, ſteckt noch darffn. Charley Anvils hatte eine Art in der hag die erſten Beiden, die herankamen, nieder, aber er war im Nu mit zwanzig Wunden bedeckt. Sie waren ſo erpicht mich zu tödten, daß Einer den in meiner Hüfte ſteckenden ſich vor ein paar Tagen den Tomahawk ſcharfgemacht hatth, hieb mich über den Kopf. Ich ſtürzte nieder, und nichts hätſte uns retten können; aber die anderen Schwarzen hatten daſs Wagentuch abgenommen und ſchrieen vor Vergnügen, als ſief die Karren plünderten. Das rief meine Feinde hinweg. Jußſt da kam Dick in Sicht. Er ſah, was vorging, aber ob⸗ gleiuch hundert ſchwarze Teufel da waren, bewaffnet, bemalt, Aus allen Welttheilen.— 11. — 16² blutig und heulend, zögerte er keinen Augenblick, ritt mitten durch das Lager, ſchoß unter ſie und tödtete Zwei, und einem Dritten ſchlug er den Schädel ein. Als er an einem Pfahl vorbeikam, in den ein Beil gehauen war, ergriff er dieß. Er fand die Leute im Lager todt; die Hauptkrieger hatten ſich auf ſie geſtürzt, und Jeder war von mehreren Speeren durchbohrt oder von hinten mit Aexten niedergehauen. Wir, die wir et⸗ was entfernter geſtanden hatten, waren nur von den Jüngeren angegriffen worden. Dick wendete ſich nach uns und rief mei⸗ nen Namen. Ich konnte nicht antworten, aber ich richtete mich einen Augenblick auf. Da kam er heran, bog ſich herunter, packte mich beim Wamms und zog mich wie einen Klotz vor ſich. Gerade da rief Charley, der unter den Wetzſtein gekro⸗ chen war:„Oh Dick, verlaß mich nicht!« Da eilte eine Schaar im Laufe herbei, denn ſie ſahen ein, daß ihre Arbeit erſt halb gethan war. Als Dick ſüh gegen ſie wendete, wichen ſie und ſchleuderten ihre Speere, aber es gelang ihnen nicht, ihn zu verwunden. Sie kamen zwiſchen uns und Charley. Dick ritt in einem Umkreiſe zurück und legte mich unter die Büſche auf dem Hügel, von wo ich Alles ſehen konnte. Viermal ſprengte er durch den ganzen Haufen, die Art in der einelt“ das kurze Gewehr in der andern Hand. Er ſchlug ſie rechts⸗ und links nieder, als wenn er gemäht hätte. Er ſcheuchte dirm Wichte zurück, obgleich die alten Frauen ſchrieen und ſie antrereben, die immer. So gelang es ihm mittelſt des Bügelriem n6, harley hinter ſich auf's Pferd zu bringen. Er hätte es n icht ausführen können, aber ſeine Mähre ſchlug und biß und dre hte ſich, wie er es ihr hieß; ſo warf er ihr den Zügel aufid et Nacken und konnte nun auch ſeinen furchtbaren linken Arm e⸗ brauchen. Gut, er kam wieder den Hügel herauf, hob raich W wir auf, und fort ging's drei oder vier Meilen weit. Aber 8 8 führte das Pferd, und wir legten ſiebenzig Meilen zurück, ohne 163 wußten, das Pferd konnte es nicht lange aushalten; darum ſtieg Dick ab und ging zu Fuß.“« »Als die Schwarzen die Karren geplündert hatten, mach⸗ ten ſie ſich auf, um uns zu verfolgen; doch Dick verlor keinen Augenblick den Muth.« „Doch, Kamerad, einmal doch!« unterbrach ihn Dick.„Ich werde es nie vergeſſen. Als ich meine letzte Kugel laden wollte, fand ich, daß ſie zu dick war.“ „»Heiliger Gott!«“ rief ich aus;„was thatet Ihr da?« »Nun, ich nahm ſie in den Mund und kaute und kaute und drohte inzwiſchen den Schwarzen, bis ſie klein genug war. Dann lud ich ſie in die Büchſe, legte mich auf's Knie und ließ ſie auf zwanzig Schritt herankommen, und dnhe ich den Capitän Jack weg, den ſchlimmſten Schuft von Allen.“ 4 Dick, der warm geworden war, ſetzte nun die Erzählung fort:„Wir durften nicht Halt machen; wir mußten den Abend und die ganze Nacht vorwärts, und da die beiden armen Men⸗ ſchen faſt die ganze Nacht nach Waſſer ſchrieen, füllte ich, ſo oft es anging, meine Stiefeln und gav ihnen zu trinken. Ich mehr als dann und wann auf ein paar Minuten Halt zu machen. Zuletzt waren ſie ſo hülflos wie müde Schafe; ich mußte ſie feſtbinden. Das Pferd war endlich daran zuſammen⸗ zubrechen, und dann hätten wir Alle wegen Waſſermangel um⸗ kommen müſſen; da trafen wir glücklicher Weiſe eine Schaar Reiſender. Charley Anvils hatte achtzehn Wunden; aber er i*ſt, den Verluſt von zwei Fingern ausgenommen, wieder ſo ge⸗ ſund, wie vorher. Der arme Jemmy dort taugt zu nichts wei⸗ ter mehr, als zum Hüttenaufſeher. Ich habe ein paar unbe: deutende Schrammen bekommen, und die alte Mähre verlor iee 164 Ohr. Nachher ging ich mit der Polizei wieder hin und brachte meine Rechnung mit den Schwarzen in Ordnung.“ „Und ſo ſehen Sie, Herr, die Alte dort denkt, ich habe ihres Mannes Leben gerettet, obgleich ich daſſelbe für jeden Anderen gethan haben würde. Ich glaube, es gibt Herren in Sidney, die denken, ich müßte für das, was ich gethan habe, gehängt werden. Sei es, wie es will: ſeit jenem Gefecht im Buſche nennen ſie mich nicht anders, als Dick mit der doppelten Fauſt.“ —QQ N. 3 Ein Saladero in Südamerika. Vom La Plata aus werden alljährlich gewaltige Maſſen von Ochſenhäuten, Talg und Knochen und Millionen von Hör⸗ nern nach allen Gegenden der Welt verſchifft. Das getrocknete und geſalzene Fleiſch, welches die Hauptnahrung der zahlreichen Sklaven von Braſilien und Cuba bildet, wird eben daher bezo⸗ gen. Es ſtammt von den zahlloſen Rinderheerden, welche theils im zahmen, theils im wilden Zuſtande die Pampas bedecken. Daß hier die Schlächterei nach einem großartigen Maßſtabe betrieben werden muß, kann der Leſer ſich leicht ſelbſt denken. Wir wollen ſie im Folgenden näher beſchreiben. Ein Saladero(vom Spaniſchen sal, Salz, alſo eigentlich ein Platz, wo eingeſalzen wird) iſt eine Anſtalt, wo die Rin⸗ der getödtet, abgehäutet, zerlegt und zur Ausfuhr zugerichtet werden. Die Haupt⸗Ctabliſſements dieſer Art liegen an bei⸗ den Ufern des La Plata in der Nähe der beiden Hauptſtädte 165 Buenos Ayres und Montevideo. Doch die lange Belagerung der letzteren hat ſeit 1843 Handel und Verkehr aus ihrer Um⸗ gebung vertrieben, und jede andere Art friedlichen Gewerbes hat ſich von da nach Rio Grande do Sul, der ſüdlichſten Pro⸗ vinz Braſiliens, gezogen. Die Saladeros von Buenos Ayres dagegen, durch Krieg nicht geſtört, ſind in regelmäßiger und beſtändiger Thätigkeit geblieben. Es ſind etwa vierundzwanzig an der Zahl. Die meiſten liegen zu beiden Seiten eines klei⸗ nen Fluſſes, des Riachuelo de Barracas, ungefähr drei Meilen von der Stadt Buenos Ayres. Um ſie hat ſich eine kleine Stadt gebildet, welcher das wachſende Geſchäft der Schlacht⸗ häuſer täglich neue Einwohner zuführt. Die Anſtalt, welche ich beſuchte, gehörte dem ſpaniſchen 4 Hauſe Santamaria, Llambi und Cambaceres. Sie liegt auf einem Grundſtück, das ungefähr vierhundert Schritte lang und 4 zweihundert und fünfzig Schritte breit iſt. Sie bildet ein 1 Rechteck und iſt mit der längeren Seite dem Fluſſe zugekehrt. Die drei anderen Seiten ſind von Gräben eingeſchloſſen, welche das Blut der getödteten Thiere dem Fluſſe zuführen. Mitten laauf dem Paatze ſteht ein weißes Haus mit plattem Dache, mit einem kleinen Garten und eignem Hofplatz. Es enthält die Wohnung des Verwalters(Mayordomo) und die Comptoire. Der Beſucher tritt von der ſüdlichen Straße her durch einen Thorweg in einen weiten Hof, der auf drei Seiten von 3 Gebäuden umgeben iſt. An der vierten iſt der Corral, ein weites rechteckiges Gehäge mit einem beſonderen Thor nach der btraße, durch welches das Vieh hereingetrieben wird. In dem Corral iſt ein kleinerer, vreté genannt, ganz rund und mit Holz gepflaſtert. Die Gehäge ſind gebildet durch eine Befrie⸗ digung von dichtgeſetzten Pappelſtämmen. Von April bis No⸗ vember iſt der große Corral beſtändig voll von brüllendem fet⸗ “ 166 ten Vieh, das mit großer Mühe und oft mit großem Verluſt durch Leute, Acarreadores oder Reſeros genannt, von den Eſtan⸗ cias im Innern herbeigetrieben wird. Sie führen das Vieh entweder auf eigene Rechnung oder auf Rechnung des Hauſes Santamaria und Comp. herbei und legen mit demſelben täglich zwiſchen neun und fünfzehn Meilen zurück. Die angekommene Heerde wird in den großen Corral ge⸗ trieben. Von dort führt ein enger Weg, von zwei Reihen un⸗ geheurer Pfähle(ganzer, in den Boden getriebener Baum⸗ ſtämme) eingefaßt, in den Vrete oder kleinen Corral. Das Thor des Hauptcorrals wird geſchloſſen. Die Reſeros treiben und ſtacheln und ſchreien aus allen Kräften, bis die Thiere dicht zuſammengedrängt ſtehen. Das Thor des Vrete iſt eine Art Fallgatter, welches aufgezogen wird, ſobald die errichmn gen drinnen beginnen ſollen. Die Schlachtopfer ſtürzen dann 2 hinein, die vorderen von den hinteren gedrängt. Kaum ſind ſie drinnen, ſo verräth ihnen der Anblick und der Geruch, welches Schickſal ihrer wartet. Erſchreckt wollen ſie zurück; aber das Fallgatter iſt niedergelaſſen, als der letzte Schwanz paſſirt war, und die unglücklichen Ochſen ſind gefangen, wie Ratten in der Falle. Es iſt drei Uhr am Morgen eines ſüdamerikaniſchen Som⸗ mertages; eine Glocke hat bereits die Arbeiter zu ihren verſchie⸗ denen Verrichtungen gerufen. Sie erſcheinen mit fröhlichem Geſicht, ſcherzend und lachend; jeder ſchmaucht ſeine Papier⸗ Cigarre. Aber ſo heiter ſie auch ſind, es ſind mörderiſch aus⸗ ſehende Burſche. Ihre Calicohemden, ihre weiten Pumphoſen (canzoncillas), ihre Schürze(chiripa), die Binde um den Leib, welche alles dieſes zuſammenhält, das dicht um den Kopf ge⸗ ſchlungene Tuch, Alles iſt mit Blut befleckt. In der Leibbinde ſtecken an der einen Seite ein paar lange Meſſer, an der an⸗ . 9 2 12 4 —ê—Mℳ8——— r— 4 — h emame ceeeee 4 — —— 167 deren hängt ein Wetzſtahl herunter. Das ſind die Abhäuter (desolladores). Sie begeben ſich alle nach einer weiten, mit Holz gepflaſterten Flur, über welcher ſich auf gewaltigen Holz⸗ pfeilern ein Dach erhebt. Dieß iſt das Schlächterhaus(playa oder galpon). An der einen Seite iſt es durch eine Art Thor⸗ weg mit dem Vrete verbunden. Der Thorweg iſt geſchloſſen durch eine Art Querbaum, welcher zwiſchen zwei Pfoſten be⸗ feſtigt iſt. Auf dem Querbaum iſt ein kleines Rad angebracht, über welches ein ſtarker und langer lederner Strick läuft. An dem Ende des Stricks nach dem Vrete zu iſt eine laufende Schlinge; an dem andern Ende ſind ein paar Pferde vorge⸗ ſpannt. Unter dem Querbaum iſt ein niedriges Fuhrwerk, in welches das getödtete Thier fällt, um in's Innere des Galpon ggezogen zu werden. Die Henker ſchärfen ihre Meſſer, ſetzen ihre Werkzeuge in Stand und ſind bereit, die blutige Arbeit zu beginnen. Inzwiſchen galoppirt der über die Corrals geſetzte Capa⸗ taz mit einem halben Dutzend Jungen im großen Corral um⸗ her. Sie ſchreien und lärmen, bis ſie achtzig oder hundert Stück Vieh in die kleinere Umhägung hineingetrieben haben. Dann wird das Fallgatter herabgelaſſen und mit dem Schlach⸗ ten auf folgende ſinnreiche Weiſe begonnen. Nahe beim Quer⸗ baum und dem Rade ſteht auf einer eingefriedigten Erhöhung der Enlazador oder Schlingenwerfer, welcher mit nie fehlender Hand die Wurfſchlinge über die Hörner des nächſten Thieres wirft. Dann ruft er den Pferden, welche an die andere Seite des Stricks geſpannt ſind, zu: dele!(vorwärts!) Sie ziehen raſch an; der Strick läuft über das Rad, bis der Kopf des Ochſen ſo dicht gegen daſſelbe gepreßt iſt, daß er ſeine Kraft nicht mehr gebrauchen kann. Damit iſt er zugleich in die dem Schlächter bequemſte Stellung gebracht. Alsdann zieht der 168 Enlazador ſein Meſſer aus dem Gürtel und ſtößt es dem Thier in's Genick, zwiſchen dem Schädel und dem Rückgrat. Der Tod erfolgt augenblicklich. Ein konvulſiviſches Zittern befällt es, und es ſtürzt nieder, wie vom Blitz getroffen. Sogleich wird, nachdem der Querbaum geöffnet iſt, der vierräderige platte Wagen, welcher den Körper aufnimmt, auf einer Schie⸗ nenbahn in's Innere gezogen, und der Leichnam wird den Ab⸗ häutern übergeben. Dann kehrt der Wagen nach der verhäng⸗ nißvollen Stelle zurück, um ein anderes Opfer zu holen. So geht es den ganzen Tag bis drei oder vier Uhr Nachmittags fort, und nur eine halbſtündige Ruhe wird gewährt. So ge⸗ ſchickt und raſch verfahren dieſe Schlächter, daß in einem ein⸗ zigen Tage oft vier⸗ bis fünfhundert Rinder abgethan werden. Wenn der Abhäuter den todten Körper empfangen hat, ſo geht er an die Zerlegung. Der Kopf iſt im Nu abgeſchnit⸗ ten; die Haut wird mit raſchen und gleichmäßigen Schnitten gelöst und dann abgezogen. Dann geht es an's Fleiſch, aber nur ſechs Stücke, die beiden Schulterſtücke, die beiden Bruſt⸗ ſtücke und die beiden Rückenſtücke, werden weiterer Zubereitung würdig erachtet. Dieſe ſchneidet der Zerleger heraus; das Uebrige wird beſeitigt, um Raum für ein anderes Whier zu ge⸗ winnen, mit welchem eben ſo verfahren wird. Nachdem das Fleiſch gewaſchen, getrocknet und von den Knochen befreit iſt, wird es nach dem Salzhauſe, dem Sala⸗ 3 „ dero in engerem Sinne, gebracht. Es wird in Stücke zerſchnit⸗ ten, und dieſe werden in viereckige Haufen auf einander gelegt. Jede Lage wird mit Salz bedeckt. Späterhin wird es noch einmal getrocknet und iſt dann fertig zur Ausfuhr. Wenn die 4 Nachfrage nach Fleiſch groß iſt, ſo geſchieht das Trocknen auf „ künſtliche Weiſe in drei oder vier Tagen. Am beſten aber iſt 169 es, wenn das Fleiſch vor dem Trocknen einige Wochen lang im Salze liegen bleiben kann. Während das Fleiſch geſalzen und aufgeſchichtet wird, bringt man die Knochen, das Fett und die Eingeweide nach einem anderen Theile des Hofplatzes, wo, wie zwei große Schoörnſteine anzeigen, die Fabrica oder das Schmelzhaus iſt. Es liegt dem Galpon gerade gegenüber und nimmt die eine Seeite des Hofes ein. Wir ſchreiten über den Hof und treten ein. Es iſt das einzige Gebäude, das Mauern hat. Drinnen bemerken wir zwei Herde und über jedem einen gewaltigen Keſſel. Von jedem dieſer Keſſel gehen vier kupferne Röhren in die Höhe; durch jede derſelben wird mittelſt einer Maſchine ein mächtiger Strom von Dampf in den Boden einer vierzehn bis achtzehn Fuß hohen Kufe getrieben, welche aus ſtarken Fichten⸗ dauben gemacht und mit Reifen umgeben iſt. Jede Dampf⸗ röhre geht zu einer beſonderen Kufe, deren acht ſind, und jede Kufe kann hundert bis hundert und fünfzig Ochſenleiber und Köpfe faſſen. Daher dauert es einige Stunden, ehe eine Kufe gefüllt iſt. Iſt das geſchehen, ſo wird der Dampf zugelaſſen und muß achtundvierzig bis zweiundſiebenzig Stunden unaus⸗ geſetzt auf die darin enthaltene Maſſe wirken. Nach Verlauf dieſer Zeit werden die Knochen, gereinigt und gebleicht, heraus⸗ genommen, der Talg abgelaſſen, in flachen Gefäßen geklärt und zur Verſchiffung in Fäſſer gethan. Die zurückbleibende Maſſe iſt ſo vollſtändig zu trockner Faſer geworden, daß ſie vortreff⸗ liches Feuermaterial gibt und angewendet wird, die Keſſel zu heizen, um ſpätere Füllungen abzudämpfen. Das iſt in einer holzarmen Gegend, wo die Kohle ganz fehlt, ein großer Vor⸗ theil. Dieſe Feuerung wird carne cocida(abgekochtes Fleiſch) genannt und nicht bloß zum Heizen verwendet. Es iſt in den Kufen in ſolcher Menge vorhanden, daß, obgleich noch große 170 Quantitäten nach Buenos Ayres verkauft werden, doch noch ganze Maſſen übrig bleiben. Dieſe werden in Haufen aufge⸗ ſchüttet und zu Aſche verbrannt. Die ſo gewonnene Aſche ſchüttet man auf die Wege; denn Steine ſind an dieſer Seite des Fluſſes ſo ſparſam als Holz. Die über einander geſchütte⸗ ten Lagen dieſer Aſche haben das Ufer des Fluſſes ſo er⸗ höht, daß dadurch die Saladeros vor Ueberſchwemmung ge⸗ ſichert ſind. Der werthoollſte Theil des Ochſen iſt ſein Fell. Die Felle werden auf doppelte Weiſe für die Ausfuhr zubereitet, entweder geſalzen oder getrocknet. Während das Fleiſch von der Playa nach dem Salzhauſe und der übrige Körper nach der Fabrica gebracht wird, kommt die Haut zu den Descarna⸗ dores(Säuberer). Sie legen ſie auf die Fläche der linken Hand und ſchaben mit einem Meſſer in der rechten alles Fleiſch und Fett, das etwa noch darin ſitzt, hinweg, ſtutzen die Säume zurecht und ſpannen dann die Haut auf Pfählen aus, wenn ſie getrocknet werden ſoll. Sollen die Felle geſalzen werden, ſo werden ſie in Haufen auf einander gelegt und zwiſchen jede eine Schicht Salz. Das Trocknen erfordert mehr Zeit und Geſchicklichkeit, als das Salzen. Getrocknete Häute werden zur Ausfuhr in Bündel zuſammengebunden, geſalzene in Fäſſer gepackt. Noch andere Theile des Ochſen kommen in den Handel und bringen Gewinn. Ehe die Köpfe nach der Fabrica kom⸗ men, ſchneiden Knaben die Zungen heraus. Dieſe werden ein⸗ geſalzen, und dabei muß Acht gegeben werden, daß der dicke Theil eben ſo gut, als die Spitze, vom Salz durchdrungen wird. Damit er das Salz beſſer annimmt, wird er vorher auf einem Steine geſchlagen.— Dann müſſen die Hörner herunter, und zwar mit den Stirnknochen, an welchen ſie feſtſitzen. Setzt * —— 171 man, beſonders bei feuchtem Wetter, den Schädel einige Tage der freien Luft aus, ſo laſſen ſie ſich faſt ohne Mühe ablöſen. Millionen werden jährlich ausgeführt. Selbſt die Schwänze werden, gehörig getrocknet, in Ballen gepackt und in den Han⸗ del gebracht. Aus den Klauen zieht man in einer beſonderen Abtheilung des Saladero ein Oel, das gut bezahlt wird. Die Arbeiter bekommen einen Lohn, welcher Europäer in Erſtaunen ſetzen muß. Selbſt Knaben erwerben vier bis fünf Schilling täglich, während die geſchickteren Arbeiter ſechs bis ſteben Pfund Sterling die Woche verdienen können. Die Aufſicht und Leitung dieſer großen Anſtalten wird einem Obmann oder Mayordomo anvertraut, welcher darin wohnen muß. Unter ihm ſtehen die Aufſeher(capataces) der einzelnen Geſchäftszweige, meiſtens Ausländer von guten Fami⸗ lien. Ausländer, beſonders Basken und Iren, ſind hier über⸗ haupt in allen Lebensverhältniſſen zahlreich zu finden, und täg⸗ lich nimmt ihre Zahl noch zu. Die eingebor ten Arbeiter haben viel von ihnen gelernt und arbeiten mit ihnen zuſammen in guter Eintracht. Sonſt freilich iſt der Charakter der Eingebo⸗ renen ſtürmiſch und unruhig. Faſt alle Länder jenes Welttheils ſtürzen ſich von Zeit zu Zeit in wilde und verderbliche Kriege, welche die Civiliſation hemmen und Handel und Wandel un⸗ ſicher machen. Man darf hoffen, daß der zunehmende Verkehr mit Europa die Südamerikaner mehr und mehr von den Vor⸗ theilen des friedlichen und ungeſtörten Verkehrs überzeugt, wel⸗ cher in ſeinem Gefolge ſittliche und induſtrielle Fortſchritte bringt, die der Krieg fernhält.. 172 Eine Neger-Jagd auf Portoriko. (Nach dem Franzöſiſchen.) 4 3 Ich wohnte in Guyana bei einem meiner guten Freunde, als ſich plötzlich die Nachricht verbreitete, es ſeien zwei Pflan⸗ er ermordet worden. Alle zwei waren an Gift geſtorben, und doch konnte man bei der ſorgfältigſten Leichenbeſchauung keine Spur auffinden. Die raffinirte Bosheit, die dabei obwaltete, war zu gefährlich, als daß man ſie hätte dürfen in einem Lande bekannt werden laſſen, wo die Sklaven ſo gierig nach vollkom⸗ meneren Mitteln, ſich zu rächen, haſchen.* Nach vielen Unterſuchungen hatten die Aerzte entdeckt, daß die zwei Pflanzer in Folge des Einbohrens einer langen, dün⸗ nen Nadel in den innern Winkel des Auges geſtorben waren. Der Richtung des beinigen Theiles der Augenhöhle folgend, war die Nadel bis in das Hirn gedrungen. Es gehörte die ſcharfſinnige Hartnäckigkeit eines Anatomen dazu, um endlich dieſer furchtbaren Erfindung auf die Spur zu kommen. Der wahre Urheber des Mordes blieb nicht lange unbe⸗ kannt. Es war ein Marron⸗Neger, der ſeit geraumer Zeit die Pflanzung in Folge eines Mordverſuches, den er an ſeinem Herrn verübt, verlaſſen hatte. Bis dahin war er allen Nach⸗ forſchungen entgangen, die man angeſtellt hatte, um ſeiner hab⸗ haft zu werden. Der Aberglaube hatte ihm Genoſſen unter den andern Negern der Pflanzung gewonnen; der Aberglaube war es auch, der als Angeber unter denſelben Negern gegen ihn aufſtand. Einem von der Behörde abgeſchickten Prieſter wurde der Name des Schuldigen mitgetheilt. Man wußte, daß 8 — 173 er die Umgegend nicht verließ, wo ihm Berge und undurchdrte liche Wälder als Zuflucht dienten. 4 Bald war man entſchloſſen, in den Bergen und Wäldern der Spitze von Santa Morena ein allgemeines Treibjagen an⸗ zuſtellen. Man verſammelte alle Neger, auf deren Ergebenheit ihre Herren zählen konnten, um den Wald zu umſtellen, und die Jagd wurde auf einen Montag angeſagt, wie man in an⸗ dern Ländern eine Wolfsjagd anſagt. Man hätte ſich an dieſem Tage zu einer prachtvollen Jagdpartie eines Grafen von Alt⸗England verſetzt glauben können. Die Sklaven, vermiſcht mit den Hunden, die daran gewöhnt waren, auf ſolches Wild zu jagen, bildeten zahlreiche Meuten, wie die ſchönſten Meuten von Leiceſter, Devonſhire oder Cumberland. Man verſammelte ſich in dem Gehölz der Carolina, einer Pflanzung von Guyana, und von da ſetzte ſich die Maſſe der halbnackten Menſchen in Marſch; voraus führte man Horden von Leithunden, meiſtens Miſchlinge von ſpaniſchen Jagd⸗ und Fanghunden; Thiere von mittlerem Wuchſe, dunkelgelbem Fell, langhaarig, Doppelnaſe. Vor dem Abkuppeln hielt man den Hunden einige Fetzen vor die Naſe, die dem Neger als Kleidung gedient hatten, und ließ ſie aus einer Art Taſſe von Kokusnußholz ſaufen, deren er ſich früher zu bedienen pflegte. Trotz dieſer Maßregeln durchſtreiffe man den Wald einen ganzen Tag durch ohne Er⸗ folg. Am andern Morgen aber führte bei Sonnenaufgang ein ſanft wehender Oſtwind den Hunden die feinen Ausdünſtungen von dem Körper des Negers zu, dem ſie nachſpürten; nun ſtanden ſie, ſtreckten ihre Schnauzen in die Höhe, ließen dann ein wüthendes Bellen vernehmen, und liefen jählings in das Gehötz, gefolgt von den Nagern und Weißen, welche ſie mit 174 in„oh! oh! oh! Vorwärts!« antrieben. Ein furchtbares eſchrei hallte in den Bergen. Plötzlich hielten die Hunde im Laufen an, bildeten einen Kreis und verdoppelten ihr Gebell; ſie ſtanden an dem ſteilen Nande eines Abhanges, der das Meer beherrſchte. »Er iſt da!« riefen die Weißen,„da unten am Ab⸗ grunde!“ einem Abgrunde, wo das Auge mit Schrecken mehr als fünfhundert Fuß Tiefe maß. Die Wendung der ſchroff abgeſchnittenen Meerufer bot an verſchiedenen Stellen breite Felsvorſprünge und Bäume, deren Wurzeln gerade aus dem Boden hervorſchoſſen; Büſche, unter denen man klare, durchſichtige Quellen hervorſpringen ſah, zeigten ſich da und dort. Unter den ſchwarzen oder grünlichen Felſen ſtürzten an mehreren Punkten ſchmale, langen weißen Würmern ähnliche Waſſerſtrahlen hervor, und liefen nach dem Meere hinab, das tief unten mit ſeinen Wellen den Grund des Geſtades peitſchte. »Er iſt da!« wiederholten die Neger;„aber wer wird ſich wählt; ſte machten das Zeichen des Kreuzes, und begannen auf einem beinahe unbemerkbaren Fußpfade, Einer nach dem Andern, mit jenem aufmerkſamen Eifer und der dem Neger angebornen Behendigkeit hinabzuſteigen; nur mit Schaudern konnte man dieſe menſchlichen Körper bald mit reißender Schnel⸗ ligkeit über die glatten Felſen hinabgleiten, bald über dem Schlunde an einem dünnen Zweige oder an einem winzigen Felſenvorſprung aufgehängt ſehen. Einen Augenblick verſchwan⸗ den ſie hinter einem ungeheuren Granitblocke, aber man ver⸗ befohlen, beim Hinabſteigen zu ſingen und zu ſchreien. Plötz⸗ ä entſchließen hinabzuſteigen? Gewiß wird es kein Weißer ſein.“. Man zog das Loos unter den Sklaven. Sechs wurden ge⸗ nahm fortwährend ihre Stimmen; denn die Herren hatten ihnen — — lich erhob ſich ein langer Schrei von unten und wiederholte ſich in den zahlreichen Krümmungen des Abſturzes; es war ein Schrei, ähnlich dem langen Anrufen von einem Schiffe. Dann hörte man die Geſänge der ſpähenden Neger wieder ſtärker als zuvor. Jetzt vernahm man den Knall von Feuergewehren, in viel⸗ fachem Echo ſich wiederholend. Die Hunde ſchwiegen, die Herren und die Neger, welche oben geblieben waren, horchten mit verdoppelter Aufmerkſamkeit. Dann Nichts mehr, weder Geſchrei noch Geſänge; überall Todesſtille. Als ſie ſich neu⸗ gierig über den Abgrund hinausbeugten, ſahen ſie Leichname hinabrollen und in den Waſſern des Oceans verſinken. Man glaubte, gegen die Mitte des Abgrundes ſei eine weite Höhlung, eine Grube für Fledermäuſe, Teufelsvögel und Marron⸗Neger. Jeder Verſuch, ſie von da herauszutreiben, wäre vergeblich geweſen; ein Neger gab den Rath, ſie auszu⸗ hungern. Dieſer Rath war der einzige, den man befolgen konnte; er erhielt die allgemeine Zuſtimmung, und alsbald war die Blokade der Feſtung beſchloſſen. Man ſtellte eine zahlreiche Wache an dem Rande und in der Umgegend des Abſturzes auf. Die Befehle waren ſtreng; die größte Achtſamkeit wurde geboten; die Hunde irrten frei im Walde und durchſtöberten Alles. Bei der geringſten Bewegung, oft beim Vorübergehen eines Agouti, oder beim Fluge eines Raubvogels liefen unru⸗ hige„Wer da!« von Wache zu Wache, wie man ſie in der Nacht auf den Bollwerken einer Citadelle hört. Beim Eintreten der Dunkelheit zündete man ringsumher mit Zweigen von harzigen Fichten oder Gummibäumen Feuer an, welche eine glänzende Helle von ſich gaben und die Wa⸗ chen vor der Wirkung des ſcharfen Thaus dieſes Klima's und der beißenden Muskito's ſchützten. Welch' ſeltſame Vermuthun⸗ 176 gen mußten die, die Nächte hindurch auf dem abſchüſſigen Ge⸗ ſtade flackernden Feuer bei den Seeleuten veranlaſſen, welche in den Gewäſſern der öſtlichen Küſte von Portoriko ſchifften. Jeden Morgen rotteten ſich die Hunde zuſammen, und heulten und bellten, ihre Schnauzen über den Abgrund hinaus⸗ haltend. Am zwanzigſten Tage näherten ſie ſich und ſtreckten den Hals lange Bnd aus. Anfangs befürchtete man, die Neger möchten einen andern Ausweg gefunden haben oder ſich in der Verzweiflung in die See geſtürzt haben; aber der Lei⸗ chengeruch, ein ekelhafter Verweſungsgeſtank erklärten die Ent⸗ wickelung des Drama's. Der Anblick unzähliger Raubvögel, welche das Jägerrecht in Anſpruch nahmen, ſetzten die Wahr⸗ heit der Vermuthung außer Zweifel. Man war gewiß, daß Alles zu Ende gebracht, und daß der Neger und ſeine Kame⸗ raden Hungers geſtorben ſeien. Die Wachen wurden einge⸗ zogen, die Feuer ausgelöſcht und die Jagd aufgehoben. Nur brachte man das Wild nicht mit, als man nach den Pflanzun⸗ gen zurückkehrte; die Jäger kamen mit leeren Händen heimz denn erſt ſechs Monate ſpäter wagte man es, in die öde Höhle hinabzuſteigen; man fand einundzwanzig vertrocknete, auf dem Felſen ausgeſtreckte Skelette. 1 ange flohen die Pflanzer, welche hier vorüber mußten, den Rand des Abgrundes; die Neger behaupten, ein Geiſt ſpucke in der ganzen Gegend umher. Jetzt noch, wenn man die maleriſchen Küſten von Portoriko beſucht, fürchtet man, von der Nacht überraſcht zu werden, denn man hat Furcht vor den Marron⸗Negern, und die Düne an dieſem Geſtade iſt ein ſehr gefährlicher Boden. 177 Die Peſt an Bord der Brigg Eſpirito Santo. Es ſind nun drei Jahre; mein Vertrag mit der Oſtindi⸗ ſchen Compagnie war erloſchen; ich brannte vor Begierde, mein Vaterland wiederzuſehen, und ſchiffte mich in Bombay auf einem arabiſchen Schiffe nach Suez ein. Unſere Ueberfahrt war, die Langſamkeit abgerechnet, glücklich. Von Suez wandte ich mich nach Kahira, wo ich einige Freunde fand, darunter einen jungen Arzt, den ich in Indien kennen gelernt hatte; er begab ſich, gleich mir, nach Europa. Es war gerade im März des Jahres 1833, die Peſt richtete ſchreckliche Verhee⸗ rungen in Alexandrien an. Da wir nicht in dieſe Stadt woll⸗ ten, ſo beſchloſſen wir, uns nach dem Hafen von Roſette zu begeben, um zur See nach Alexandrien zu gehen, wo wir, ohne das Land zu betreten, ein Schiff zu miethen und nach Mar⸗ ſeille zu fahren beabſichtigten. Der Zufall begünſtigte uns; am erſten Tage unſerer Ankunft in Roſette fanden wir ein Schiff, den Eſpirito Santo, eine ſchöne Brigg von 165 Ton⸗ nen, die nach Livorno unter Segel ging.. Es war ſehr ſchönes Wetter, der Himmel ſo klar, daß ſich der duͤſterſte Menſch nicht eines lebhaft freudigen Gefühles hätte erwehren können. Der Eſpirito Santo war ein treff⸗ liches Schiff, was mit leichtem Winde die Wellen durchſchnitt, und über die See hinlief, wie die ſchönſte Fregatte von Ports⸗ mouth. Die Equipage beſtand aus Leuten, die im Mandvri⸗ ren geübt waren. Alles weiſſagte uns eine glückliche Fahrt, als ſich am Morgen des ſechsten Tages der Horizont, der bis Aus allen Welttheilen. 4 12 *⁴ 178 dahin klar geblieben war, plötzlich mit ſchwarzen Wolken be⸗ deckte, die ſich bald am ganzen Himmelsgewölbe ausbreiteten; furchtbare Windſtöße ſtürzten aus den Wolken und zwangen uns, die großen Segel einzubinden; die Nacht kam, ohne daß ſich der Sturm legte, und wir waren genöthigt, unſere großen Segel ganz nahe gegen den Wind zu richten. Aber das war nur ein Vorſpiel der Unglücksfälle, die unſerer harrten; die Peſt, der wir zu entfliehen wähnten, die Peſt war an Bord. Es war eben Nacht, unſere kleine Mann⸗ ſchaft ſuchte durch tauſend Zerſtreuungen die Stunden der Wache abzukürzen; da kam der Koch auf das Verdeck und zeigte uns an, ein Mann, der am Morgen leicht unpäßlich ge⸗ weſen war, ſei ſo eben geſtorben. Dieſer plötzliche Tod erregte natürlich einige Furcht; indeſſen ſuchten wir uns derſelben zu bemeiſtern, als der Doktor, der auf die Bitte des Kapitäns die Leichenbeſchauung vorgenommen hatte, uns mittheilte, er habe an dem Körper des Matroſen kleine Beulen bemerkt, theils am Unterleibe, theils am Halſe; auch habe er auf der Bruſt ſchwarze, bleifarbige und violette Flecken entdeckt. Ich bin nicht im Stande, den Eindruck zu ſchildern, den dieſe Worte auf uns hervorbrachten; ſo ſollten wir an einer gräßlichen Krank⸗ heit ſterben, in einem Augenblicke, da wir ihr zu entkommen glaubten; denn es unterlag keinem Zweifel, die Peſt war an Bord. Obgleich ich eine ſtoiſche Feſtigkeit und die Ruhe eines Kindes des Propheten heuchelte, ſo fühlte ich doch tauſend Dolche mein Herz durchbohren, und verwünſchte den Augen⸗ blick, da ich den Fuß an Bord des Eſpirito Santo geſetzt hatte. Indeß gingen mehrere Tage ohne einen weitern Unfall vorüber; Niemand beklagte ſich, und ſchon belebte ſich wieder 4 die Hoffnung in unſerem Gemüthe, als am Morgen des drit⸗ ten Tages wiederum zwei von unſern Matroſen plötzlich er⸗ .* krankten. Es zeigten ſich dieſeldenhmpeome, wWie die, welche der Doktor an dem erſten Kranken bemerkt hatte; heftige Kopf⸗ ſchmerzen, Schwindel, Fieber, kleine Geſchwülſte am Unter⸗ leibe; die Bruſt war mit bleifarbigen Flecken bedeckt. Unter dieſen Umſtänden mußte man nothwendig die erforderlichen Maßregeln nehmen, um das Umſichgreifen des Uebels zu ver⸗ hindern. Zu dieſem Ende forderte ich den Kapitän auf, die Schaluppe, die auf dem Verdecke war, auszuſetzen, im Hinter⸗ theile des Schiffes anzubinden, und die Kranken, deren nun drei waren, hineinzubringen. Mein Rath wurde befolgt; aber kaum waren die Kranken in die Schaluppe gelegt, als zwei von den Matroſen ſtarben; es blieb noch der dritte, der bis jetzt ſeine vom Schmerze zuſammengeſchnürten Glieder nicht hatte rühren können. Als er allein war, hob er den Kopf in die Höhe und zeigte uns Augen voll Bangigkeit. Der Un⸗ glückliche! Vergebens ſuchte er uns ſeine Bedürfniſſe, ſeinen Schmerz mitzutheilen; die Worte drangen wie ein Geheul über ſeine Lippen hervor; er konnte die Sylben nicht mehr artikuli⸗ ren. Bald bemächtigte ſich ſeiner das Delirium; dann ergriff er mit aller Heftigkeit das Tau, an das die Schaluppe ange⸗ bunden war, näherte ſich dem Bord und ſuchte auf das Ver⸗ deck zu klettern; aber hier wurde ihm von Seiten der geſunden Matroſen ein lebhafter Widerſtand entgegengeſetzt, und unſer Schiff wurde zum Schauplatz einer furchtbaren Scene. Drei Matroſen, mit Flinten und Bajonnetten bewaffnet, hatten ſich neben einander aufgeſtellt und hielten ihre Waffen gegen die Bruſt des Peſtkranken; dieſe Barriere ſchreckte ihn nicht zurück. Wüthend, die Augen voll Blut und Feuer, mit ſchäumendem Munde, die Bruſt mit Haaren, Koth und Blut bedeckt, ſuchte er ſeine Gegner niederzukämpfen. Flüche, Drohungen, Aus⸗ brüche der Verzweiflung erſtarben auf ſeinen Lippen, in einer r dann eines der Bajonnette mit der Hand, ſchwingt ſich auf das Verdeck, bewaffnet ſich mit einem Stücke von einem Hebebaum und flüchtet ſich nach dem Hintertheil. Der Unglückliche ſollte, wie es ſchien, unter dem Feuer der Matroſen fallen, denn ſchon hatten zwei auf ihn an⸗ geſchlagen, als ein dritter geſchickt eine Schlinge über ihn warf, die ſeine Glieder ſo erfaßte, daß jeder Widerſtand unmöglich wurde.„In's Waſſer! in's Waſſer!« riefen alsbald die Ma⸗ troſen. Ich ging auf ſie zu und ſtellte ihnen vor, wie abſcheu⸗ lich eine ſolche Handlung ſein würde.„In's Waſſer! in's Waſſer!“ wiederholten ſte.„Wir ſind dieſem Unglücklichen,« rief ich, die Stimme erhebend,„Beiſtand ſchuldig— beſonders jetzt, da wir ſeiner Meiſter geworden, und er uns kein Uebel mehr zufügen kann.“—„Gnade! Gnade!“ rief ſeinerſeits der Matroſe, der nun ſeine Lage zu begreifen ſchien; und dieſe Bitten begleitete er mit dem Namen jedes einzelnen Matroſen, er nannte den Kapitän, weinte heiße Thränen, und murmelte ganz leiſe den Namen ſeiner Mutter. Aber vergebens, ſeinen und meinen Bitten wurde kein Gehör gegeben.„Wenn wir ihn an Bord behalten,“ rief der Lieutenant des Schiffes,„ſo opfern wir uns ſelbſt auf!« Dieſe grauſamen Worte waren des Armen Todesurtheil. Eine zweite Schlinge wurde ihm um den Hals geworfen; man zog den Strick durch einen Klo⸗ ben, zwei Männer halten an und hißten den Matroſen ſogleich an das Ende der großen Segelſtange auf, wo er einige Minu⸗ ten aufgehängt blieb; dann ſtieg ein dritter auf die Segelſtange und ſchnitt den Strick ab, und der Körper des Matroſen, der ſchon eine Leiche war, durchſchnitt die Luft und verſank, um nie wieder zu erſcheinen, in den Abgrund des Meeres. Dieſe traurige Scene hatte uns dergeſtalt beſchäftigt, daß Keiner von uns ein Fahrzeug bemerkt hatte, das uns den Weg 181 abzuſchneiden ſuchte. Dieſes Schiff, das kaum noch drei(eug⸗ liſche) Meilen von unſerer Brigg entfernt war, zeichnete ſich durch ſeine ſonderbaren Formen aus. Es führte zwölf Ruder neben einander, und ſeine zwei Maſten, beide um etwa drei Grade gegen das Vordertheil gebeugt, hatten zwei lateiniſche Segel mit ihrer großen Seite an eine Segelſtange befeſtigt, die viel länger war, als der Maſt. Auf dem Vordertheil ſah man zwei Kanonen, und rings um das Schiff vierundzwanzig, von eiſernen Gabeln gehaltene, im Plattbord aufgeſtellte Steinſtücke; auf dem Verdecke waren überdieß zwölf kleine Luken an jedem Bord angebracht, welche jedem der zwölf Ruder entſprachen, und die Ruderer, deren Köpfe mit der griechiſchen Mütze wir unterſchieden, ſaßen nicht, wie auf den meiſten Ruderſchiffen, auf Bänken, ſondern auf den Querhölzern der Luken; ihre Füße ruhten auf andern Querhölzern, die zu dieſem Zwecke ange⸗ bracht waren. Aus dem verdächtigen Manövre des Schiffes, das wir für eine griechiſche Felucke erkannten, und beſonders aus dem Eifer, mit dem ſich ſeine Leute über die Ruder beugten, um die Schnelligkeit ſeines Laufes zu vermehren, konnte man leicht die Abſicht derer errathen, die darauf fuhren. Zu allem Un⸗ ſtern hatte uns das ſchlechte Wetter ſeit dem erſten Tage, da wir davon heimgeſucht worden waren, nicht verlaſſen; die See war ſtürmiſch, wir ſteuerten beſtändig ganz nahe an dem Wind, was dem Laufe unſeres Schiffes durchaus nicht günſtig war. Wir änderten nun, ſpannten unſer großes Segel aus, und ſe⸗ gelten vor dem Wetter, in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe demn neuen Feinde, der uns bedrängte, zu entkommen. Aber tro der Schnelligkeit, mit der dieſes Manövre ausgeführt war, trotz der Leichtigkeit unſerer Brigg, erkannten wir bald, daß wir nicht mehr daran denken dürften, unſer Heil in der Flucht * ——— 182 zu ſuchen. Wir konnten uns für zweierlei entſcheiden: für den Widerſtand, oder dafür, uns ohne einen Schuß zu ergeben. Beides bot große Gefahr. Wir hatten nichts von dieſen Leu⸗ ten zu hoffen, denen Alles daran liegen mußte, keine Spur ihrer Räubereien zurückzulaſſen. Ueberdieß beſtand unſere Ar⸗ . tillerie aus zwei Steinſtücken an Bord, und um dieſe zu be⸗ dienen, hatten wir eine von der Peſt decimirte Mannſchaft. Deſſenungeachtet wollte ich, der Kapitän ſollte das„Hänge⸗ matte herab“ befehlen, und jeder Matroſe, mit Meſſern, Sä⸗ beln und Piſtolen bewaffnet, ſich bereit halten; auch dießmal fand mein Rath keinen Anklang, und man beſchloß, alle Segel beizuſetzen und ſich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben, wenn wir nicht durch die Flucht entkommen könnten. Die Hoffnung, die wir noch nährten, wurde uns bald genommen. Die Felucke kam dem Eſpirito Santo immer nä⸗ 3 her; ſie war nur noch eine Meile von uns entfernt. Als ſie uns bis auf einen Piſtolenſchuß nahe gekommen war, ließ der Kapitän ſeine große Flagge aufhiſſen, ergriff das Sprachrohr, rief den Freibeuter an und fragte, was er wollte. Keine Ant⸗ wort. Ich rief ebenfalls mit ſtarker Stimme:„Ohe! ohe! Ihr an Bord der Felucke, was wollt Ihr von uns?« Kaum hatte ich zu ſprechen aufgehört, als eine Rauchwolke die Seite der Felucke erfuͤllte, und dann eine ganze Ladung, begleitet von einem furchtbaren Geſchrei, wie ein einziger Blitz losfuhr und in die Seiten unſerer unglücklichen Brigg ſchlug. Der gefürch⸗ tete Augenblick war gekommen. Wir ſahen die Felucke gewal⸗ tig rudern und manövriren, um uns an der Hüfte zu faſſen; dann folgte eine zweite Ladung, und hundert Mann ſtürzten zugleich auf das Verdeck. Der erſte, der den Fuß an Bord der Brigg ſetzte, war der Anführer; er ging gerade auf unſern Kapitän zu, der ſich ihm in der Hoffnung genähert hatte, ſein 183 und ſeiner Mannſchaft Leben zu retten, wenn er ſich unter⸗ würfig zeige; aber er hatte noch nicht geſprochen, als ihm der Räuber einen Dolch in das Herz bohrte und wieder blutig herauszog; dann, als wollte er uns zu verſtehen geben, daſſelbe Loos ſei uns vorbehalten, wenn wir nicht ſeinen Befehlen ge⸗ horchten, zog er eine Piſtole aus ſeinem Gürtel, zielte nach der Wetterfahne des großen Maſtes und ſchoß ſie ab. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, von kaum mittlerem Wuchſe mit krauſen, pechſchwarzen Haaren, breiter Stirn und ſcharfem Blicke. Aus ſeinen Augen ſprachen Habgier und Wuth; ſeine Lippen waren dünn, ſeine Geſichtsfarbe dunkel, und ſein Bart fiel bis auf die Bruſt herab. Sein äußerſt reiches Koſtüm beſtand aus einer rothen Mütze, an der oben eine blaue, golddurchwirkte Troddel angebracht war; aus einer reich mit Gold geſtickten Sammetweſte, einer Tunika von Lein⸗ wand, die bis zum Knie reichte, und unter der man ein Bein⸗ kleid von rothem Sammet, wie die Weſte ſah; dann rothe Sandalen und in ſeinem Gürtel einen prächtigen Natagan und mit Gold eingelegte Piſtolen. Alle dieſe Einzelheiten haben vielleicht kein großes Inter⸗ eſſe; aber damals brachten ſie einen ſo ſtarken Eindruck auf mich hervor, daß ich mich derſelben erinnere, als hätte ich die⸗ ſen grauſamen Menſchen noch vor Augen. Er nannte ſich Demetrius Condrova; dieß war wenigſtens der Name, den ihm die Leute gaben, welchen er das Schiff zu durchſuchen befahl, während uns die andern, um ſich unſerer Perſonen zu ver⸗ ſichern, in den unterſten Raum ſteigen ließen und die Luke über uns verſchloſſen. Mein Geiſt war vom Vorgefühle deſſen, was geſchehen ſollte, durchdrungen. Ich dachte, um ſich die Mühe zu erſparen, uns ſelbſt zu tödten, werden die Räuber, nachdem ſie uns geplündert hätten, eiligſt Feuer an unſer Schiff legen, 8 8 184 um ihr Verbrechen in den Abgründen des Meeres zu begra⸗ ben. Wirklich erfuͤllte nach einer Stunde, und nachdem wir ſeit zwanzig Minuten kein Geräuſch mehr über unſern Köpfen gehört hatten, ein Geruch von Schwefel und Theer den Raum, in dem wir uns befanden. Den Muth der Matroſen an⸗ feuernd, die ſeit dem Tode ihres unglücklichen Kapitäns mich als den einzigen Menſchen an Bord betrachteten, der fähig wäre, ſie zu retten, forderte ich ſie auf, zu dieſem Ende thätig zu ſein. Aber da die Luke durch eine doppelte eiſerne Stange verſchloſſen war, ſo konnten wir nicht auf das Verdeck gelan- gen. Wir hielten uns für verloren, und ſchon überließen ſich die Furchtſamſten der Verzweiflung, als einer der Matroſen, Beaumwollenballen umwerfend, die ſich in dieſem Theile des Schiffs befanden, eine eiſerne Zange entdeckte. Ich ergriff ſogleich dieſes Werkzeug, ſchlug damit an die Luke, und ließ es ſo gut ſpielen, daß die Bretter bald in Stücke zerfielen. Aber welches Schauſpiel bot ſich nun unſern Blicken dar! Das Feuer verzehrte unſer Takelwerk; die Flamme ſchlug in glühenden Wogen empor; ein dicker, vom Winde ge⸗ triebener Rauch bedeckte das ganze Hintertheil; noch einige Minuten, und das ganze Schiff bildete eine ungeheure Feuer⸗ maſſe. Ich hieß meine Leute Aexte nehmen und ergriff ſelbſt eine, die ich auf dem Verdecke fand. In einigen Sekunden war das Schiff abgeräumt. Dieſes Manövre rettete uns, denn wir konnten nun leicht vollends das Feuer bewältigen, da es die übrigen Theile des Schiffes nur ſchwach beſchädigt hatte. Wir dachten nun darauf, uns zu orientiren. Es waren zwei kleine Maſten an Bord, die ich an die Stelle der Maſten ſetzte, die wir abgehauen hatten, und bald ſegelten wir wieder weiter. Der Himmel ſchien jetzt Mitleid mit uns zu bekommen; ö 185 das Wetter war wieder ſchön, und obgleich wir unſere Maſten verloren hatten, ſo legten wir doch in ein paar Stunden acht Knoten zurück. Damit meine Leute ihre Kräfte wieder gewin⸗ nen möchten, ließ ich die Hälfte der Mannſchaft ruhen, und warf mich ſelbſt in meine Hängematte, nachdem ich die Auf⸗ ſicht über das Schiff dem Lieutenant übergeben hatte. Bei meinem Erwachen war mir der Kopf ſehr ſchwer; eiſige Kälte durchlief meine Glieder; ich wollte mich erheben, aber meine Beine wankten, und es war mir, als ob ſie unter mir brechen ſollten. Ich hatte indeſſen noch die Kraft, auf das Verdeck zu gehen, wo ich den Lieutenant antraf, der, die Ellenbogen auf das Plattbord geſtützt und den Kopf in ſeinen beiden Händen verborgen, von den heftigſten Schmerzen befallen ſchien. Ich fragte ihn, was während meiner Abweſenheit vorgegangen ſei; er ſchüttelte den Kopf und hob die Augen zum Himmel em⸗ por, als wollte er ſagen: Alle unſere Hoffnung iſt da oben! Unſer Aufenthalt im untern Schiffsraum, mitten unter ange⸗ ſteckten Baumwollenballen, hatte den Keim der Krankheit ent⸗ wickelt; Mehrere von uns waren von der Peſt ergriffen. Trotz der Kälte, die mein Blut erſtarrte, trotz der außer⸗ ordentlichen Schwäche meiner Beine, ſuchte ich unſere Furcht zu bewältigen. Ich gewann ſogar einige Ruhe, als mir ein paar Gläſer Sherry, die ich von Bombay mitgenommen hatte, und die der Raubgier der Piraten entgangen waren, die Kopf⸗ ſchmerzen vertrieben. Dieſe augenblickliche Ruhe benutzend, be⸗ fahl ich dem Lieutenant, das Vordertheil des Schiffes nach der Inſel Rhodus zu richten, von der wir nur etwa ſechzig Mei⸗ len entfernt ſein konnten. An demſelben Tage nahm das Uebel einen ernſtern Charakter an; zwei von unſern Leuten wurden über Bord geworfen, zwei in die Schaluppe gelegt; aber durch das Mittel, das ich den ganzen Tag hindurch in zahlreichen 186 Libationen anwandte, erhielt ich meine Kräfte; und ſchon glaubte ich wieder zu geneſen, als ſich zur Stunde des Abendbrodes, und im Augenblicke, da ich mich zu Tiſche ſetzen wollte, eine Art Schläfrigkeit meiner bemeiſterte, und mir der Anblick des Fleiſches völlig übel machte; ich ſtand auf, ohne Jemand et⸗ was davon zu ſagen, aus Furcht, den Lärmen zu vermehren, ging in meine Kajüte und warf mich in meine Hängematte, wo mich der Froſt abermals ſchüttelte, aber bald wieder ver⸗ ließ, um einem hitzigen Fieber Platz zu machen. Der Doktor, der meine Bläſſe bemerkt, und als ich den Tiſch verließ, das Geheimniß errathen hatte, das ich verbergen wollte, näherte ſich einen Augenblick meiner Hängematte und tröſtete mich, indem er ſagte, der Wind wehe ſtark und wir würden ohne Zweifel des folgenden Tages nach Rhodus kommen. Er nahm dann aus meiner Rocktaſche ein Portefeuille, in das ich meine Bank⸗ noten geſteckt hatte, legte es unter mein Kopfkiſſen, befeuchtete meine Lippen mit Eſſig und Waſſer, und verließ mich, nach⸗ dem er mir Hoffnung gegeben hatte, es werde am andern Tage beſſer mit mir ſtehen. Meine Kräfte waren gelähmt; ein lethargiſcher Schlaf überfiel mich, und ein abſcheulicher Traum, der mich an Alles, was ich geſehen, an alle Gefahren, die ich durchgemacht, er⸗ innerte, durchwühlte mein Inneres. Ich erwachte endlich, und ſah den Doktor und den Lieutenant an meiner Seite, die mich, nachdem ſie ſich vergebens, mich aus dem Schlafe aufzuwecken, bemüht hatten, für todt hielten. Der Schmerz hatte an Inten⸗ ſität zugenommen, die Gegenſtände ſtellten ſich verworrener vor meine Sinne, und ein brennender Durſt verzehrte mich. Ueber⸗ dieß hatte ich eine dicke Beule unter der Achſel, aus der viel ſchwarze, zähe Flüſſigkeit hervorquoll; bald bemeiſterte ſich ein glühendes Fieber meiner Glieder, und ich fühlte eine brennende — ℳꝑ— 187 Gluth in meinen Adern kreiſen; aber dann machte die Hitze, die an der Stirne und dem Geſichte wüthete, einem ſchmerz⸗ haften Krampfe Platz, der mir die Glieder zuſammenſchnürte, und mich des Gebrauchs meiner Sinne beraubte. Ich weiß nicht, wie lange dieſer Zuſtand dauerte; aber als ich erwachte, hörte ich ein Geräuſch von Ketten, die über das Verdeck rollten. Bei der Unbeweglichkeit des Schiffes glaubte ich, wir ſeien in Rhodus angelangt und haben nun ſo eben vor Anker gelegt. Aber das Geräuſch hörte plötzlich auf, und ſtatt deſſen vernahm ich Seufzer und Klagetöne. Erſtaunt darüber, ſammelte ich alle Kräfte, die mir noch geblieben wa⸗ ren, öffnete die Thüre meiner Kajüte, und kroch auf meinen Händen und Knieen bis mitten auf's Verdeck, ohne Jemand zu gewahren. Nur Seufzer machten ſich in langen Zwiſchen⸗ räumen am Fuße des kleinen Maſtes hörbar, den ich auf dem Vordertheile hatte aufpflanzen laſſen; ich näherte mich, und ſah den Koch und drei andere in ihre Bettdecken eingewickelte Ma⸗ troſen, die ſich der Verzweiflung überließen und an die Bruſt ſchlugen. Ich erfuhr von ihnen, daß der Lieutenant und die⸗ jenigen von den Matroſen, welche geſund waren, ſich des Kahns bemächtigt, ihn in die See geſetzt, und ſich in das kleine Fahr⸗ zeug geworfen hätten, um das Land zu erreichen; ich ſtrengte mich an, mich auf die Kniee zu erheben, und ſah den Kahn, der ſich von uns entfernte; aber der Doktor war nicht dabei. Ich erkundigte mich bei meinen Unglücksgefährten nach ihm, und erfuhr von ihnen, der arme Doktor ſei in wenigen Minu⸗ ten ein Opfer der Krankeit geworden. Als ich endlich meine Blicke nach der Schaluppe richtete, die nun neben der Brigg fuhr, ſah ich darin zwei Leichname, zwiſchen denen ein italieni⸗ ſcher Paſſagier lag, der ſeit drei Tagen dieſen traurigen Ort wohnte, und ſchauerliche Klagetöne ausſtieß. —— 188 4 Wir waren hundert und fünfzig Yards von der Küſte entfernt, welche an dieſer Stelle überall winklige, abſchüſſige Spitzen bot. Unſere Lage war verzweiflungsvoll, denn trotz des Leidens, das uns verzehrte, wagten wir den Verſuch nicht, auf der Schaluppe nach dem Lande zu fahren, in der ſich, wie geſagt, zwei Leichname und ein unglücklicher Paſſagier befan⸗ den, während wir, wenn wir unſere Kabeltaue lüfteten, und uns von der Strömung nach dem Ufer bringen ließen, Gefahr liefen, uns an den Felſen zu zerſchellen. Doch ergriffen wir dieſes letzte Mittel. Zum Glücke war die Stelle, an der wir uns befanden, ſo tief, daß, als das Schiff mit dem Kiel den Boden zu berühren begann, wir nur noch zwanzig Faden vom Lande entfernt waren. Einer von unſern Unglücksgefährten, der nur erſt einen Fieberanfall gehabt, und dem das Bewußt⸗ ſein der Gefahr, in der wir ſchwebten, wie mir, einen Theil ſeiner Kräfte wiedergegeben hatte, beſchloß einen Verſuch zu machen, uns zu retten. Er nahm zu dieſem Ende zwei Taue, von denen er je das eine von den Enden an den kleinen Maſt anband, und dann, die beiden andern faſſend, ſich in das Waſſer⸗warf und das Land erreichte, wo er ſte befeſtigte. Nun war zwiſchen dem Lande und dem Schiffe eine Verbindung hergeſtellt; aber wir hatten noch die Kranken an's Land zu bringen. Dazu ſpannten wir ein Netz auf zwei Tonnen aus, das wir an eine Schlinge anbanden; dieſes Netz glitt über das Seil und brachte den Kranken bis zum Ufer; der erſte, der dieſes Verbindungs⸗ mittel verſuchte, war der Koch, welcher auch unverſehrt an's Land gelangte. Dann kam die Reihe an mich; die Furcht, allein und ohne Hülfe zu ſterben, hatte eine mächtige Reaktion in mir bewirkt. Ich beſaß jetzt die Fähigkeit, mich zu bew gen; ich ſetzte mich auf das ſonderbare Transportmittel, lie⸗ —— 4* 3 7 189 mit dem Seile hinabgleiten und fuhr langſam dem Ufer zu; aber im Augenblicke, da ich die Küſte berührte, fühlte ich, wie mir übel wurde; es trat eine außerordentliche Schwäche ein; ich ließ das Tau los und fiel in das Waſſer. Die Kälte gab mir einigermaßen meine Kräfte wieder, ich zappelte, und wie⸗ der an die Oberfläche kommend, ergriff ich das Ende einer Stange, die mir der Matroſe bot, welchem ich das Leben zu verdanken hatte; er zog mich an das Land, wo ich zum zwei⸗ ten Male das Bewußtſein verlor. Als ich meine Sinne wieder erhielt, ſah ich meinen Un⸗ glücksgefährten neben mir; er bot mir ein Glas friſches Waſſer, und ſagte mir, der Koch befinde ſich ſchlimmer, und allen An⸗ zeichen nach, werde er bald ſterben. Er theilte mir noch mit, was vorgegangen war ſeit dem Augenblicke, da wir uns vor Anker gelegt hatten, bis zu der Zeit, da der Lieutenant und ein Theil der Mannſchaft ſich des Kahns bemächtigt hatten, und für diejenigen, welche glauben, die Dankbarkeit und Erin⸗ nerung an eine Wohlthat erlöſchen im Herzen des Menſchen, ſobald ſie geleiſtet iſt, muß ich beifügen, daß mein Gefährte mir im Augenblick der Abfahrt des Kahnes einen großen Dienſt leiſtete. Dieſer Menſch, den ich fortan meinen Freund nennen werde, hatte ſich, ſeinen Schmerz ber eiſternd, meiner Kajüte genähert, um mich von der Gefahr die ich lief, zu benachrich⸗ tigen; aber im Augenblicke, da er in meine Kajüte eintrat, hatte ihm der Lieutenant, der eben herauskam und mich für todt hielt, geſagt, er ſollte ſih mir nicht nähern. Der Matroſe nahm keine Rückſicht auf ieſen Rath, öffnete die Thüre und ſuchte mich aus der Sch afrigkeit aufzurütteln, die meine Glie⸗ der zuſammengeſchnürt lielt, aber dieſer Ungehorſam zog ihm eine ſchwere Ahndung zu, denn der übrige Theil der Mann⸗ 190 ſchaft fürchtete, durch die Berührung angeſteckt zu werden, und verweigerte ihm die Aufnahme im Kahne. Man begreift, wie ich meinem Retter dankte. Indeſſen war meine Lage immer noch ſehr gefahrvoll, allein, verlaſſen auf dieſer Küſte, kaum fähig, uns zu bewegen, ſuchten unſere Augen vergebens Spuren menſchlicher Wohnungen. Auf der Landſeite zeigte ſich uns eine dürre, ausgetrock⸗ nete Ebene, auf der nur einzelne verkümmerte Bäume ſtanden, und am Horizont eine unermeßliche See, die ſich mit dem Him⸗ mel vermiſchte. Achtzehn bis zwanzig Faden von uns befand ſich der Eſpirito Santo, den das Meer ſchaukelte; auf die Fel⸗ ſen geſtellt, ſtieß das unſelige Schiff alle Augenblicke auf den Boden, während die See immer an ſeine Seite ſchlug; aber bald gingen die Wellen ſtürmiſch und hoben es hoch empor; dann ſenkten ſich die Wogen wieder und bildeten eine tiefe Höhlung, in der es gewaltig auf die Felſen ſchlagend ver⸗ ſchwand. Die Stöͤße, die ſich ohne Unterlaß wiederholten, machten das Takelwerk vom Rumpfe des Schiffes los. Die Brigg drehte ſich noch eine Stunde hin und her, dann öffnete ſie ſich, das Waſſer drang überall in ſeine Seiten ein, und, die Schaluppe nach ſich ziehend, in der der unglückliche Ita⸗ liener lag, verſchwand der Eſpirito Santo vor unſern Augen. Dieſes Schauſpie!, das unſerem Geiſte wieder die Erin⸗ nerung an die Leiden, die wir ausgeſtanden, vorſpiegelte, hatte uns für das, was um uns her vorging, unempfindlich gemacht; unbeweglich an unſerem Platze verharrend, dachten wir nur an die Brigg, als der Schall von Tiitten zu unſerem Ohr drang. Fünfzig oder ſechzig Schritte von uns ſahen wir zwei Männer in türkiſcher Kleidung; ich ſprach ſie engliſch an, aber ſie ver⸗ ſtanden es nicht. Nun wandte ſich mein Unglücksgefährte, der die türkiſche Sprache verſtand, an ſie, und bald erfuhren wir, 191 daß der Ort, wo wir uns befanden, nicht die Inſel Rhodus, ſondern die Küſte von Karamanien in der Nähe des Schloſſes Roſſa, ſiebzig Meilen von der Küſte von Rhodus entfernt, war; es gab keine Wohnung in unſerer Nähe; das nächſte Dorf war drei Meilen entfernt. Was thun? Ich fühlte mich äußerſt ſchwach; meine vom Salzwaſſer durchnäßten Kleider klebten an meine Haut an, ich litt an fürchterlichen Kopfſchmerzen, und die Geſchwulſt, die ich unter der Achſel hatte, verurſachte mir unerhörte Qualen. Ich glaubte mich außer Stande, mehr als zehn Schritte 3üt, machen. Indeſſen ſammelte ich meine Kräfte, und als uns die Türken ihnen folgen hießen, ſtand ich auf, ſtützte mich auf einen Stock, den mir einer von ihnen gegeben hatte, und machte mich fertig, abzugehen. Der Koch ahmte meinem Beiſpiele nach, obgleich er mehr litt, als ich; aber die Furcht, allein zu bleiben, und die Gewißheit, ſterben zu müſſen, wenn er einmal verlaſſen waͤre, fachten ſeinen Muth an und hemmten einen Augenblick den Fortſchritt des Uebels, das ihn verzehrte; er erhob ſich, nahm ſeinen Stock und marſchirte mit uns. Der Weg war felſig und unbequem; der Koch und ich, die wir die Nachhut bildeten, gingen gegen den Wind, und der Matooſe, der uns gerettet hatte, vertrat das Centrum, während uns die zwei Türken als Vorhut dienten; ſo marſchirte unſer kleiner Zug langſam auf dem dürren Boden hin; je weiter wir aber vorrückten, deſto ſchöner wurde das Land, und da und dort enthüllten ſich friſche, reizende Gegenden, deren Anblick meine Kräfte wieder belebte. Bei Sonnenuntergang gelangten wir in das Dorf, von dem die Türken geſprochen hatten, und wir fan⸗ den daſelbſt einen Agenten des ruſſiſchen Conſulats; aber man nöthigte uns, am Eingange des Dorfes zu bleiben und hier des Reſultats der Schritte des Matroſen zu harren. Dieſem ) 192 entging es nicht, daß man uns zurückweiſen würde, ſobald er verlauten ließe, wir ſeien von der Peſt befallen. Er bat deß⸗ halb den Agenten bloß um Unterſtützung und um einen Zu⸗ fluchtsort, bis es uns gelingen würde, den engliſchen Konſul auf Rhodus von unſerer Lage zu unterrichten; aber der Agent, als er erfuhr, daß wir aus Egypten kamen, ſchloß vielleicht aus dem blaſſen, matten Geſichte unſeres Dollmetſchers, wir könnten von der Peſt befallen ſein, und verſchaffte uns ein Haus außerhalb des Dorfes, wohin wir uns mühſam ſchleppten.. Dieſes Haus beſtand aus zwei Kammern; die eine wurde für den Matroſen beſtimmt, die andere fiel mir und dem Koch in der Theilung zu. Obgleich ſelbſt noch peſtkrank, fürchtete ich doch die Berührung; überdieß hatten die Anſtrengung der Reiſe und die freie Luft mein Blut erfriſcht; mein Kopf war nicht mehr ſo ſchwer, mein Blut hatte einen freieren Umlauf in den Adern; ich wollte daher mit dem Koche, der im Begriff war, zu ſterben, nicht gemeinſchaftlich ein Zimmer bewohnen; andererſeits konnte ich mich nicht mit dem Matroſen einquar⸗ tiren, ohne das Leben meines Retters zu gefährden; ich bat nun einen Türken, der uns zu unſerer neuen Wohnung beglei⸗ tet hatte, und deſſen Haus unfern von unſerem lag, um die Erlaubniß, in ſeinem Stalle wohnen zu dürfen, was er fuͤr zwei Pfund Sterling, die ich ihm anbot, erlaubte. Ich kaufte gleichfalls von meinem Wirthe eine ſchlechte, wollene Decke, und nachdem ich einen großen Stein genommen hatte, der mir als Kopfkiſſen dienen ſollte, legte ich mich, in meine Decke ein⸗ gewickelt, unter eine dicke Miſtlage. Bald ſchüttelte mich das Fieber wieder’, und zwei Stun⸗ den, nachdem ich mich niedergelegt hatte, verfiel ich in zein furchtbares Delirium, das vor meinen verrſtörten Geiſt tauſend — 193 alberne und phantaſtiſche Erſcheinungen führte. In dieſen Träumen erblickte ich bald den unglücklichen Matroſen, den die Mannſchaft der Brigg in das Meer geworfen hatte, bald war es der Kapitän, der ermordet zu den Füßen des wilden Deme⸗ trius Condrova rollte, bald den armen Italiener, den wir in der Schaluppe gelaſſen hatten. Der Brand, der Schiffbruch erſchienen mir auch in allen ihren Schrecken. Dieſen Viſionen folgten dann lachende Bilder; es war mein Vaterland, mein alter Vater, der mich umarmte, meine Schweſter, die ich jung zurückgelaſſen hatte, und die ich jetzt als glückliche Mutter in ihrem Familienkreiſe wiederfand. Aber bald verſchwanden dieſe Erſcheinungen und machten einem neuen Schauſpiele Platz. Neben mir, und um den Miſthaufen her, auf dem ich ausge⸗ ſtreckt lag, befanden ſich Türken mit Säbeln, Fackeln und Flin⸗ ten in den Fäuſten. Ihre Blicke waren von Wuth und Rache entbrannt.„Die Peſt!“ riefen ſie in einer Sprache, die ich jetzt verſtehen konnte,„die Peſt! Tödten wir den Chriſtenhund, der unſere Inſel angeſteckt hat!« Und mit dieſen Worten ſchwangen ſie die Säbel, um mich zu tödten. Von Furcht be⸗ wegt, entfloh ich eilig; aber ſie liefen ſchneller als ich, und ſchon ſah ich den Augenblick, da ich von tauſend Dolchen durch⸗ bohrt zu ihren Füßen ſtürzen würde, als mich die ſtarke Auf⸗ regung, die die Gefahr in mir hervorbrachte, erweckte. Man denke ſich meine Empfindung; die gräßliche Viſion, die ſich meinem Geiſte im Traume vorgeſtellt hatte, ſtellte ſich jetzt in ihrer ganzen Wirklichkeit vor meinen Blick. Ich fand um mich her dieſelben Menſchen, dieſelben Geſichter, hörte dieſelbe Sprache, und ſchon waren mehrere Arme erhoben, mich nieder⸗ zuſtoßen, als ich mitten unter ihnen einen Türken von ehr⸗ würdigem Anſehen ſah, der eifrig mit ihnen ſprach. Obgleich ich ſeine Worte nicht verſtand, ſo errieth ich doch ihren Sinn⸗ Aus allen Welttheilen. 13 194 als ich die mitleidige Miene ſah, mit der er mich betrachtete. Sein Antlitz war voll Adel und glich jenen herrlichen Patriar⸗ chen⸗Bildern, die uns die Kunſt trefflicher Maler geſchenkt hat; ſeine breite Stirne trug den Stempel ſeiner Seelengröße, und Alles ließ an ihm einen Mann von hohem Range erkennen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde war es ihm gelungen, ſeine Landsleute zu beſchwichtigen; dann näherte er ſich mir und fragte mich italieniſch, ob ich etwas bedürfe; ich bat ihn um Waſſer, denn ich war von einem grauſamen Durſte geplagt. Hierauf erkundigte ich mich nach dem, was vorgegangen war. Ich erfuhr ſofort, daß unſer unglücklicher Koch geſtorben ſei, und daß er im letzten Augenblicke, ehe er den Geiſt aufgegeben, das Haus angezündet habe, in welchem ich ihn am Abend mit dem Matroſen zurückgelaſſen hatte. Einige Augenblicke hierauf trat mein letzter Leidensgefährte, der Matroſe, dem ich das Leben verdankte, in den Stall, be⸗ gleitet von mehr als zwanzig Matroſen, die ſich in einiger Entfernung hielten. Der Unglückliche! wir ſollten ein Loos haben; er ſollte bei mir bleiben; ſo heiſchten es die Türken, welche befürchteten, mein Unglücksgefährte ſei angeſteckt, und nun das Uebel auf einem Herde concentriren wollten. Ich ſah auch den Türken, der mich vor der Wuth ſeiner Landsleute geſchützt hatte; er brachte mir ein Getränk, das er mich neh⸗ men ließ, und führte auch einen Arzt herbei, der, nachdem er einen ſtarken Aderlaß vorgenommen, mich den Körper mit einer öligen Subſtanz beſtreichen hieß, die er mir darnach reichte. Ich gehorchte ſeiner Vorſchrift und ſank bald in einen tiefen Schlaf. Ich weiß nicht, was vorging, aber als ich erwachte, lag ich auf einem guten Sopha, den Kopf und den Leib in Decken eingehüllt. Ein ſtarker Schweiß floß von neinem Körper, un 195 der Schmerz, den ich an der Achſel fühlte, war nicht mehr ſo ſtark. Um mich ſchauend, erblickte ich mit Ueberraſchung, daß das Zimmer, in dem ich mich befand, in keiner Beziehung dem Stalle glich, nach welchem mich traurige Erinnerungen zurück⸗ führten. Doppelte Helle drang durch die Sommerläden; das Bogenfenſter war mit einem rothen Vorhange verziert; ein gu⸗ ter Sopha, weiche Teppiche bildeten das Ameublement; neben dem Sopha ſtand ein alter Mann, derſelbe, den ich im Stalle geſehen hatte. Als er bemerkte, wie ich die Augen aufſchlug, belebten ſich ſeine Blicke, und ein Strahl der Freude glänzte aus ſeinen Augen. Povero! ſprach er, indem er mich bewegt anſchaute; und als er ſah, daß ich reden wollte, legte er mir den Finger auf den Mund und nahm mir das Verſprechen ab, ſtill zu ſein. Ich machte ihm ein Zeichen der Zuſage, aber die Gedanken folgten ſich zu ſchnell in meinem Geiſte, als daß ich dem Verſprechen lange hätte getreu bleiben können. Was war aus meinem Unglücksgefährten geworden? Ich fragte nach ſei⸗ nem Looſe, und erfuhr, daß der Unglückliche jetzt ſelbſt von der Peſt befallen war. Die gute Behandlung und das Wohlwollen meines Wirthes hatte ich einer der Fügungen zu verdanken, die der Himmel auf die Erde ſendet, um die Menſchen zu erleuch⸗ ten und ihnen zu zeigen, daß Gottes Güte ſie bei allen ihren Prüfungen begleitet. In dem Kriege, der wenige Jahre frü⸗ her im Archipel wüthete, und bei Navarino durch die Zuſam⸗ menkunft der engliſchen, franzöſiſchen und ruſſiſchen Flotten en⸗ digte, wurde einer der Söhne meines Wirthes durch einen jungen Engländer in dem Augenblicke, da ihn die Griechen niederſtoßen wollten, gerettet; und dieſe edle Handlungsweiſe, ohne welche die letzte Hoffnung ſeines Lebens untergegangen wäre, hatte in ſeinem Herzen ein tiefes Gefühl der Dankbar⸗ keit gegen die engliſche Nation zurückgelaſſen. Durch ſeine 13* 196 Sorgfalt ſchritt ich raſch in der Beſſerung fort. An demſelben Tage kam der Arzt zu mir, unterſuchte ſorgfältig die Ge⸗ ſchwulſt, verordnete noch eine Einreibung und gab mir gute Hoffnung, als er mich verließ. Später kam er wieder und ließ mich ein Bad nehmen.. Unter allen angenehmen Dingen, die man im Orient fin⸗ det, erſchien mir immer das Bad als das Beſte. Es war mir, als nehme mein Körper unter der mit einem Filze verſe⸗ henen Hand des Baders eine neue Dehnbarkeit an; denn ſo bald ich auf dem Wege der Beſſerung war, fürchtete man ſich nicht mehr, mich zu berühren. Meine Glieder kamen mir ge⸗ ſchmeidiger und kräftiger vor, als der Filz einige Minuten über die Haut hin und her geſtreift war; ich fühlte nichts mehr von der Mattigkeit, welche der ſtarke Schweiß veranlaßt hatte, dem ich einige Tage unterworfen war; es ſchien mir, als ob ſich ein neues Leben in meinen Gliedern und meinem Blute regte. Dieſe Beſſerung wollte ich benutzen, um meinen Unglücksgefähr⸗ ten zu beſuchen. Ich fand ihn in einem abgeſonderten Pavil⸗ lon, einen jungen Türken an ſeiner Seite. Er lag auf einem Teppiche; aber bei dem Geräuſch der Thüre hob er den Kopf in die Höhe, erkannte mich und blickte mich mit einem Lächeln an, als wollte er mir zur Wiederkehr meiner Geſundheit Glück wünſchen; dann wandte er ſeine Blicke nach ſeiner Bruſt, die mit ſchwarzen Flecken bedeckt war, und zeigte mir an ſeinem Halſe eine enorme Beule, aus der Eiter floß; traurig ſchüttelte er das Haupt und murmelte einige unverſtändliche Worte. Ich wollte ihn tröſten und ſeinen Muth wiederbeleben, aber er ſchüttelte fortwährend mit dem Kopfe und ſagte mit bewegter Stimme:„Ich habe nur noch einige Stunden zu leben.“ Ach! dieſe Worte waren nur zu wahr; bald ſollte ich ihn verlieren; das Uebel machte ſo reißende Fortſchritte, daß bereits 197 der Glanz in ſeinen Augen erloſch. Am Abend trat übrigens eine ſchnelle Beſſerung ein, ſeine düſtern Augen leuchteten in einem übernatürlichen Glanze; ſeine Stimme wurde ſtärker, und eine lebhafte Röthe färbte ſein Antlitz.„Es iſt ſonderbar,“ ſprach er,„ich fühle mich beſſer, meine Glieder ſind frei, ich empfinde den Druck nicht mehr.“ Ich theilte ſeine Hoffnung, und hielt ihn einen Augenblick für gerettet, aber dem Lichte ähnlich, das vor ſeinem Erlöſchen noch einen ſtarken Schimmer verbreitet, verſprühte das Leben dieſes braven Mannes ſeine letzten Funken. Die anſcheinende Beſſerung war nur der Vor⸗ läufer des Todes; er wollte ein Glas Wein trinken, ich gab es ihm; aber kaum hatte er das Glas an ſeine Lippen geſetzt, als ſich eine plötzliche Ohnmacht ſeiner bemächtigte. Einen Augenblick ſpäter ſtammelte er einige unzuſammenhängende Worte, ſprach mehrmals den Namen Marie aus und gab nach einem zweiſtündigen Delirium ſeinen Geiſt auf.* Ich vermag den Schmerz nicht zu ſchildern, den mir der Verluſt dieſes Freundes verurſachte. Was noch meinen Kum⸗ mer vermehrte, war, daß ich in meiner Lage die Aufopferung des Armen nicht vergelten konnte, wie ich wollte. Indeſſen gab ich meinem Wirthe eine kleine Summe Geldes, um ihm ein Grab bauen zu laſſen. Dann beſchäftigte mich allein meine Abreiſe; ich war wieder hergeſtellt, der Gebrauch der Bäder, die ſchweißtreibenden Mittel hatten das Uebel bis auf die letz⸗ ten Spuren gehoben. Meine Abſicht war, mich nach Rhodus zu begeben, wo ich leicht ein Schiff zu finden hoffte, um nach Malta und von da nach England zu gehen. Ich theilte mein Vorhaben meinem Wirthe mit, und ſchickte einen Brief an den Gouverneur des Ortes, damit er die Quarantaine aufheben möchte, der ich, wie alle Perſonen des Hauſes unterworfen waren, welches ich bewohnte. Acht Tage lang wartete ich auf 198 die Antwort des Gouverneurs, wonach ich einen Brief erhielt, worin er mir anzeigte, es liege ein Schiff nach der Inſel Rho⸗ dus ſegelfertig, und ich könne dieſe Gelegenheit am andern Tage benutzen. Alsbald nahm ich von meinem alten Türken Ab⸗ ſchied, der mich bis zum Hafen begleitete, und nachdem ich ſo freigebig, als ich konnte, ſeine Dienſte und ſeine Gaſtwirth⸗ ſchaft belohnt hatte, miethete ich eine Gondel, die mich nach dem Schiffe führte, das mich nach Rhodus bringen ſollte, und auf offener See mich erwartete. Ich gehe ſogleich auf Malta über, wo ich wohlbehalten, nachdem ich in Rhodus eine Quarantaine von zwanzig Tagen gemacht hatte, anlangte, und ein Abenteuer erlebte, das als Kettenglied zu denen dienen ſollte, die meine Reiſe von Roſette nach Rhodus bezeichnet hatten. Sie kennen Malta und das Spiel ſeiner Glocken, die ſtolze Kathedrale, deren Thürme bis über die Wolken emporragen, die auf dem Boden der Kirche knieenden Weiber, die Gebeine ſeiner vier Ritter und die Schä⸗ del des heiligen Franziskus und des heiligen Hyronimus mit den von prächtigen Diamanten erglänzenden Augen. Eines Abends ging ich am Hafen unter den Kaffeekrämern, Eiswaſ⸗ ſerhändlern und mit Lumpen bedeckten Bettlern ſpazieren, von denen dieſer Ort wimmelt, als meine Augen auf einem Men⸗ ſchen hafteten, den ich wieder zu erkennen glaubte, obgleich ich mich des Ortes nicht erinnern konnte, wo ich ihn geſehen hatte. Der Menſch, welcher meine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte, trug malteſiſche Kleidung, eine Weſte mit drei oder vier Reihen Knöpfen in Form von Glocken, einen rothen Gürtel um den Leib, und auf dem Kopfe eine Mütze von derſelben Farbe. Sein Geſicht war zurückſtoßend, und ſeine Augen glänzten von Verwegenheit und Bosheit; er bemerkte die Auf⸗ merkſamkeit, deren Gegenſtand er war, ſchien überraſcht, mich zu ſehen, wandte ſich ſchnell ab, entfernte ſich eilig und verlor ſich in der Menge. Ich wußte nicht, was ich von dieſem Zu⸗ ſammentreffen denken ſollte, und ſuchte meine Erinnerungen zu ordnen, als einer der Hauſirer, die ſich am Hafen befanden, zu mir kam und mir einen reichen Dolch zum Kaufe anbot, den ich aus Indien gebracht hatte, und der mir an Bord des Eſpirito Santo genommen worden war. Ein Lichtſtrahl durch⸗ drang meinen Geiſt; ich vermuthete alsbald, der Menſch, deſ⸗ ſen Geſicht mir ſo ſonderbar aufgefallen war, könnte einer von den Leuten ſein, die unſer Schiff geplündert hatten. Ich be⸗ fragte den Kaufmann um die Art, wie er den Dolch erhalten hatte, und überzeugte mich, daß mein Verdacht nur zu gegrün⸗ det war; ſogleich machte ich bei der Polizeibehörde Anzeige, welche bei dieſer Gelegenheit ſo großen Eifer an den Tag legte, daß der Menſch alsbald verhaftet wurde. Allerdings gehörte er zu denen, die den Eſpirito Santo geplündert hatten; duns geſchickte Fragen in die Enge getrieben, geſtand er ſein Ver⸗ brechen, und auf das Verſprechen der Inſtruktionsrichter, daß man ihm das Leben ſchenken werde, half er uns die Mitſchul⸗ digen entdecken, und ſagte uns, die Räuber haben ihren Schlupf⸗ winkel im Golf von Aegina auf der Küſte von Argolis, unge⸗ fähr fünfundzwanzig Meilen von der Inſel Paras. Dieſe Aus⸗ ſage wurde ſogleich dem Gouverneur überbracht, welcher unge⸗ ſäumt eine Kriegsgoelette bewaffnen ließ, deren Kommando er mir anvertraute. Nach einer glücklichen Ueberfahrt lief die Goelette, welche eine Schnellſeglerin war, in den Hafen ein und ankerte vor der Inſel Paras. Um keinen Verdacht zu erregen, verließ ich hier das Schiff, warf mich mit fünfundzwanzig wohlbewaffne⸗ ten Männern in die Schaluppe und ſteuerte gegen die Küſte von Argolis, die ich nach fünf Stunden erreichte. Ich ſtieg 200 mit dem Menſchen, den ich ſo wunderſam auf Malta angetrof⸗ fen hatte, an das Land, und wir begaben uns nach der Woh⸗ nung des Banditen. Den Kopf noch voll von den Gräuel⸗ ſcenen, welche die Räuber an Bord des Eſpirito Santo began⸗ gen hatten, erwartete ich eine rauhe, wilde Küſte, eine öde und beinahe unzugängliche Gegend; ſtatt deſſen ſah ich eine herr⸗ liche Landſchaft mit freundlichem Grün, und an den Abhängen des Geſtades und der Hügel Cypreſſen und breite Platanen. Die Wohnung der Räuber lag am Fuße eines Hügels inmit⸗ ten eines Wäldchens von Maulbeer⸗, Oliven⸗ und Citronen⸗ bäumen. Ich ſtellte meine Leute ſo auf, daß jedes Entkommen unmöglich wurde; dann marſchirte ich mit fünf Mann vor⸗ wärts, trat in den Vorhof ein und ging auf das Thor zu, das ich ohne den geringſten Widerſtand öffnete. Das erſte Zimmer, in das wir eintraten, war in jeder Hinſicht der Elen⸗ den würdig, denen es als Aſyl diente. Am Herde ſaßen zwei Menſchen, mit wilden, finſtern Mienen. Mitten im Zimmer ſtanden leere Kannen, und an der Wand ſah man als Haus⸗ geräthe Yatagans aufgehängt; ferner gewahrte man einen lan⸗ gen, durchlöcherten Windſchirm, und auf dem Boden einige Fetzen von Teppichen; übrigens weder Stühle noch Tiſche. Ich bemächtigte mich der zwei Menſchen, die anfangs von unſerem Beſuche überraſcht ſchienen, bald aber den Grund da⸗ von erriethen, als ſie ihren Kameraden in unſerer Geſellſchaft ſahen. Nachdem man ihnen Hände und Füße gebunden hatte, übergab ich ſie einem der Unſrigen zur Bewachung, den ich be⸗ auftragte, ſie niederzuſchießen, ſobald ſie den geringſten Verſuch machen würden, zu entfliehen. Dann ſtiegen wir in den erſten Sctock hinauf; hier änderte ſich das Gemälde, es war die Her⸗ renwohnung. Der Kontraſt zwiſchen dieſem Orte und dem, welchen wir ſo eben verlaſſen hatten, bot allerdings etwas ſo 1 201 Außerordentliches, daß ich einen Augenblick zu träumen glaubte; Gold und Silber, ciſelirte Vaſen, kryſtallene Gefäße, in wel⸗ chen Fiſche von glänzenden Farben ſchwammen, ſchimmerten auf allen Seiten; unter unſern Füßen lagen perſiſche Teppiche, an der Wand hingen Flinten und Piſtolen mit reichen Verzierun⸗ gen; Bernſteinpfeifen und andere Koſtbarkeiten waren in Menge vorhanden. Offenbar war es die Wohnung des Anführers der Freibeuter; ihn ſelbſt aber konnte ich nirgends entdecken. Wir öffneten mehrere Thüren, die nach andern Zimmern führten, und fanden dieſe ebenfalls leer; endlich, nachdem wir vergebens verſchiedene Gemächer durchſucht hatten, und bereits die Beute, nach der wir fahndeten, zu treffen verzweifelten, entdeckten wir in einem der entfernteſten Zimmer des Hauſes eine alte Frau. Es war die Gattin des Piraten. Sie ſchien weniger erſchreckt als überraſcht von unſerem Beſuche; auf meine Fragen antwortete ſie mit offner Miene: „Mein Mann iſt abweſend.“« Wir erfuhren in der That von den zwei Menſchen, die wir geknebelt und unter der Bewachung unſerer Leute zurückgelaſſen hatten, daß der Seeräuber ſeit eini⸗ gen Tagen auf eine neue Erpedition ausgegangen ſei. Dieß ſtörte alle unſere Pläne, denn trotz der Vorſichtsmaßregeln, die ich getroffen, war zu befürchten, unſere Anweſenheit könne dem Piraten zu Ohren kommen. Deſſen ungeachtet ließ ich alle meine Leute in das Haus eintreten, und nachdem wir uns da⸗ ſelbſt befeſtigt hatten, um jeden Ueberfall zu verhüten, warte⸗ 1 ten wir bis zur Nacht. Da meldete mir einer von den Leu⸗ 4 ten, die ich als Wachen ausgeſtellt hatte, daß ſich ein dumpfes, fernes Geräuſch hören laſſe, welches von der Küſte herzukom⸗ men, und in der Richtung, in der wir waren, ſich zu nähern ſcheine. Ich ließ die Lichter auslöſchen, ſtellte die Hälfte mei⸗ ner Mannſchaft hinaus unter eine Laube, ein paar Schritte 20²2 vor unſerem Hauſe, und harrte, die übrigen bei mir behaltend, auf die Ankunft der Räuber. Bald erſchienen ſie, ſechs an der Zahl; ſie hatten kein Mißtrauen und trugen ſchwere Ballen auf ihren Schultern. Ich befahl Feuer zu geben, und drei von ihnen, wovon der Anführer, ſtuͤrzten todt nieder. Bei die⸗ ſem unerwarteten Angriffe warfen die andern drei ihre Ballen nieder und ſuchten zu entfliehen; aber kaum waren ſie vor dem Thore, als eine zweite Ladung ſie ebenfalls niederſtreckte. Wir wandten uns nun gegen die Küſte, wo wir noch zeitig genug ankamen, um drei andere Banditen zu Gefangenen zu machen. Alles wandte ſich zu unſerem Vortheile; die Felucke der Corſaren wurde von den Flammen verzehrt, und ihre Wohnung von Grund aus zerſtört. Nach dieſer ſo raſchen und glücklichen Expedition kehrte ich mit unſern Gefangenen zur Goelette zurück, und wir ſegelten gluͤcklich nach Malta, wo wir die Elenden, die wir an Bord hatten, den Gerichten über⸗ gaben. Zwei von ihnen wurden aufgehängt; ein dritter ſprach ſich ſelber ſein Urtheil, indem er ſich in dem Gefängniſſe den Hals abſchnitt, und drei andere wurden nach Neu⸗Süd⸗Wales gebracht. Ich reiste nun ungeſäumt nach England ab, wo ich ohne einen weitern bemerkenswerthen Vorfall anlangte. Der Sklaven-Handel in Afrika. Am den Negerhandel vortheilhaft zu betreiben, um eine paſſende Auswahl zu haben, um die Krankheiten oder Fehler 8 G — 203 der Schwarzen zu beurtheilen, ſchlug der Sklavenhändler, da⸗ mals als dieſer Handel noch geduldet wurde, ſein Lager ent⸗ weder an der Küſte von Afrika oder auf der Inſel Madagas⸗ kar auf; er verweilte hier ſechs Monate des Jahres, von Mai bis zu Ende Oktober, um welche Zeit die Krankheiten des Landes ihre furchtbaren Verheerungen beginnen. Hier quartirte ſich der Sklavenhändler in eine Hütte ein, legte ſeine Waare aus, die in Leinwand, Spiegeln, Schießpulver, Flintenſtei⸗ nen, Waffen, vergoldeten Armbändern und Glasperlen beſtan⸗ den, und wartete auf Menſchen zum Austauſch gegen ſeine Waaren. Wenn er ſich ſo eingerichtet hatte, machte ſich der Mar⸗ mite des Sklavenhändlers(daſſelbe, was in Indien der Sar⸗ karde, und in Frankreich der Mäkler oder commis voyageur iſt) mit Muſtern auf den Weg, und kehrte nach zwei oder drei Tagen mit Eingebornen zurück, welche Gefangene oder zum Tode Verurtheilte mit ſich ſchleppten; denn der Krieg und die Cabaren(die Gerichte der Eingebornen von Madagaskar) waren die Hauptnahrung des Sklavenhandels. Doch geſchah es auch zuweilen, daß ein Sklavenbeſitzer, der an der Hütte des Sklavenhändlers vorüberzog, von der Waare, die er aus⸗ geſtellt ſah, geblendet wurde, und an demſelben oder am fol⸗ genden Tage kam, und mit Sklaven das, was ihm bei dem Sklavenhändler in die Augen geſtochen hatte, bezahlte. Bei den Verkäufen war ich zuweilen Zeuge von Scenen der Aufopferung und der Freundſchaft, die mich lebhaft rühr⸗ ten. Es geſchah, daß Sklavenbeſitzer Sklaven, die ſie mehrere Jahre lang in ihren Dienſten hatten, trotz ihres guten Betra⸗ gens und ihrer Sorge für das Intereſſe ihres Herrn gegen Waffen und Gegenſtände, die ihrer augenblicklichen Laune ge⸗ fielen, austauſchten. Ich habe geſehen, wie ſich ſolche Skioden * 204 in dem Augenblicke, als der Handel geſchloſſen war, auf die Erde warfen, ſich das Geſicht zerſchlugen und in furchtbare Verzweiflungsrufe ausbrachen. Freundſchaft, Anhänglichkeit, alte Dienſte, Weiber, Kinder— Alles wurde der Willkür und Laune des Herrn geopfert. Nach und nach verſchaffte ſich der Sklavenhändler die An⸗ zahl von Sklaven, die er einzukaufen geſonnen war. Dieſe erweiterten alsdann die Hütte ihres neuen Herrn, indem ſie Jaus Kokosblättern einen Anbau an dieſelbe machten. Hier brachten ſie die kurze Zeit, die ſie noch in ihrem Lande zu blei⸗ ben hatten, zu, und dachten an das, was ihnen noch vor kur⸗ zer Zeit ſo theuer geweſen war. Jeder Sklavenhändler hatte ſeine Chiffre, die aus den An⸗ fangsbuchſtaben ſeines Namens und ſeiner Vornamen, oder aus irgend einem eigenthümlichen Zeichen beſtand. Dieſe Chiffre machte man glühend, und nachdem man den Körpertheil des Sklaven, welchem man das Zeichen einbrennen wollte(faſt im⸗ mer die Schulter oder den Oberarm), mit einem feinen Oele beſtrichen hatte, brachte man das Eiſen leicht auf die Ober⸗ haut, auf welcher ſich ſogleich eine Blaſe bildete, die, wenn ſie nach acht Tagen geheilt war, den blendend weißen Abdruck der Chiffre auf der Haut zurückließ. Dieſe ſchmerzliche Vorſichtsmaßregel war inzwiſchen noth⸗ wendig; wie ſollte man die Schwarzen ſonſt als Sklaven er⸗ kennen, ſei es in ihrem Lande, wenn ſie entlaufen, ſei es an Bord, um für ſie zu ſorgen, ſei es bei der Ausſchiffung, um ſie zu theilen oder zu verkaufen? Jede andere Aushülfe wäre 1 unzureichend geweſen, um Menſchen zu erkennen, die keine Klei⸗ dung, kein beſonderes Zeichen an ſich dulden. Der ſchwarze Sklave, der die Hütte des Sklavenhändlers ohne Erlaubniß verlaſſen hatte, und nach Verfluß von vierund⸗ 205 zwanzig Stunden nicht zurückgekehrt war, wurde dem Könige des Orts als entlaufen angezeigt, der für vier Piaſter, die man ihm einhändigte, die Sorge übernahm, den Skllaven feſt⸗ nehmen zu laſſen. Gelang ihm dieß nicht, ſo war er verbun⸗ den, einen andern Sklaven nach dem Geſchmacke des Sklaven⸗ händlers zu liefern. Wenn die Zeit herannahte, in welcher die inkäufe ge⸗ ſchloſſen werden ſollten, ankerte ein eigens dazu gemiethetes und zuvor paſſend abgetheiltes Schiff in der Nähe des Orts, und rüſtete ſich, ſeine Ladung aufzunehmen. Die Sklaven wurden nun in das Boot geführt und geſchleppt, das ſie an Bord bringen ſollte, und bald entſchwand unter Thränen und Weh⸗ klagen das Land hinter ihnen in der Ferne. Im untern Schiffs⸗ raum befand ſich eine ungeheure eiſerne Stange, die ſich von einem Ende bis zum andern durch die ganze Länge des Schiffs hindurch erſtreckte. An dieſer Eiſenſtange wurden nun die ar⸗ men Neger, den Fuß in einem Ringe und einander gegenüber ſitzend, ſo angebracht, daß ſich ihre Kniee gegenſeitig in einan⸗ der verſchlangen. Die Negerinnen wurden nicht an die Stange gebracht, ſie hielten ſich im Vorderſchiffe auf, entweder auf dem Verdecke, oder in einem ihnen eingeräumten Zimmer. Zur Stunde des Eſſens ließ man große Näpfe geſottenen Reis in den untern Schiffsraum hinab, eine Nahrung, die den Schwar⸗ zen aus angeborner Neigung und aus Gewohnheit ſehr ange⸗ nehm iſt. Tag und Nacht halten zwei Matroſen, welche die ſtrengſten Befehle haben, auf dem Verdecke Wache. Der Geſtank im Schiffsraum, die wenige Luft, welche durch die Oeffnungen eindringen kann, und die beſtändige Be⸗ rührung der ſchwitzenden Körper trugen nicht wenig dazu bei, Krankheiten unter den Sklaven hervorzubringen; namentlich die Krätze, die Tempane(eine Art Flechten, welche ſich uͤber den 8 206 ganzen Körper verbreitet), und alle Hautübel gewinnen hier eine ſchreckliche Stärke. Die Seekrankheit, gegen welche das einzige Hülfsmittel die Luft iſt, wirkte ebenfalls furchtbar auf dieſe Unglücklichen, deren Reihen nach einer Fahrt von wenigen Tagen durch den Tod grauſam gelichtet waren. Einige derſel⸗ ben wieſen ihre Nahrung zurück und ſtarben Hungers, ohne eine einzige Klage auszuſtoßen, aus Furcht, man möchte ſie zwingen, einige Nahrung einzunehmen. Wenn das Schiff unglücklicherweiſe von einem Sturme überfallen wurde, ſo war die Zahl der Todten beträchtlich; da durch die geſchloſſenen Oeffnungen keine Luft eindringen konnte, ſo befanden ſich die Unglücklichen in einer vergifteten Luft und einem ſo engen Raum, daß ſie erſtickten, ohne daß man ihnen das einzige Gegenmittel, friſche Luft, gewähren konnte! Wenn der Sturm ſich legte und das Meer ruhig wurde, bot ſich den Blicken des Sklavenhändlers ein furchtbares Ge⸗ mälde dar, ein Gemälde, das keinen Maler finden, das man lung. Wen ſollten ſie jetzt angehören! Was wollte man mit nicht einmal vorſtellen kann. In dem ſtinkenden Grabe unter Sterbenden und Abgezehrten lagen Todte und Lebendige unter einander; der Bruder trat den Leichnam ſeines Bruders mit Füßen; der Sohn hatte den Todeskampf ſeines Vaters gehört und hatte ihm keine Hülfe bringen können; er rief nach dem Tode, der grauſam genug war, ihn zu verſchonen! Eine Stunde ſpäter gab es Luft und Raum— das Meer hatte die Opfer empfangen, die Haifiſche ſtritten ſich um ihre Glieder. Nach zwanzig oder dreißig Tagen grauſamer Leiden hörten— dieje⸗ nigen, welche dem Tode entgangen waren, den Matroſen auf dem Maſtkorbe„Land“ rufen; dieſer Ruf, den die Negerinnen auf dem Verdecke wiederholten, weit entfernt, ihren Herzen einigen Troſt zu geben, verbreitete nur Trauer und Verzweif⸗ 207 ihnen machen! Sandte man ſie zum Tode? Alle dieſe Fragen drängten ſich in ihrem Munde mit herzzerreißender Angſt. Gegen Abend ankerte das Schiff ſo nahe wie möglich an der Küſte; zwei Matroſen ruderten den Kapitän an's Land, wo er ſich ſogleich der zu ſeiner Landung nöthigen Menſchen und Boote verſicherte. Der Preis dafür iſt ſchon längſt auf fünf Piaſter für jeden Sklaven feſtgeſetzt. Ich habe mehrere Einwohner gekannt, die bloß durch die Landung von Schwar⸗ zen reich geworden ſind. Die Landung eines Sklavenſchiffes bot einen ſchauderhaf⸗ ten Anblick dar. Die unglücklichen Schwarzen wurden ihrer Feſſeln entledigt, aber ſie konnten ſich nicht mehr aufrecht hal⸗ ten. Die Stellung, die ſie während der Ueberfahrt am Bord hatten einnehmen müſſen, hatte ihnen den Gebrauch ihrer Beine geraubt; ſie erhoben ſich und fielen ſogleich mit dem ganzen Gewichte ihrer Körper zurück; es waren keine Menſchen mehr, ſondern Skelete, die nur noch ein Hauch von Leben beſeelte. An eine Segelſtange gebunden, brachte man den unglücklichen Neger, der nicht mehr gehen konnte, in das Boot, das ihn an's Land führen ſollte. Wenn die Schwarzen an's Land geſetzt waren— und man brauchte eine ganze Nacht, um ein Schiff mit 300 Skla⸗ ven auszuladen— begann eine neue Marter für ſie. In der⸗ ſelben unnatürlichen Lage, die ſie an Bord eingenommen hat⸗ ten, am Ufer ſitzend, mußten ſie aufſtehen, gehen und eine Wohnung erreichen, wo man die Ladung in Sicherheit bringen konnte; aber es war ihnen beinahe unmöglich, zu gehen!— Nun kamen von allen Seiten Flüche, Läſterungen, Ausrufun⸗ gen, Drohungen und wiederholte Schläge, die, nach dem Aus⸗ drucke der Sklavenhändler, ſie aus ihrer Erſtarrung weck⸗ ten. Man beeilte ſich, denn der Tagſorohte das Gemäͤlde zu 208 beleuchten; und da man die Sache, im Falle einer ſchlimmen Begegnung, vermummen mußte, ſo mußte jeder dieſer Unglück⸗ lichen einen Ballen Reis von 70— 80 Pfund auf dem Kopfe tragen. Dieſe Vorſichtsmaßregel war auch nothwendig, weil man nicht immer in einer Wohnung genug Reis antraf, um eine Ladung Sklaven mehrere Tage lang zu ernähren. Die erſte Sorge des Einwohners, zu dem die Schwarzen geführt wurden, war die, daß er nach dem Arzte des Orts ſchickte und die angeordnete ärztliche Behandlung vornahm. Sie haben alle die Krätze, den Skorbut oder heftige Gliederſchmerzen. Sorg⸗ fältig eingegebene Arzneien, eine geſunde und geregelte Nah⸗ rung, ein wenig Wein und einiges Mitgefühl für ihre Leiden (ein mächtiger Balſam für ſo viele phyſiſche und geiſtige Wun⸗ den) führten ihre Geneſung herbei./ n3 Jetzt beginnt das Gemälde der Habſucht ſich zu entfalte es iſt vielleicht noch grauſenhafter, als die übrigen Bilder. Nach Verfluß von vierzehn bis zwanzig Tagen befanden ſich die Schwarzen beſſer; ſie gingen aus, ſchöpften friſche Luft, aßen einige Früchte und ſchienen einen Theil ihrer Leiden zu vergeſſen. Jetzt machte ſich der Sklavenhändler auf den Weg, um die Ankunft ſeiner Waare zu verkünden, der er den Na⸗ men„Karſtenſtiel« gab(die Neger auf den Kolonien ſchaufeln die Erde um und benutzen dazu die Karſte). Die Einwohner, davon benachrichtigt, begaben ſich an den Ort, wo die Sklaven ſich befanden, und hier entſpann ſich folgende Unterredung. Der Sklavenhändler, indem er einen Einwohner eintreten ſieht(mit wahrer Stentor⸗Stimme):„Sangane!« Laufgerichterh und der ganze Sklavenzug ſteht auf. Der Einwohner wirft einen Blick auf ſie:„Sie ſn ſehr mager, ſie haben viel leiden müſſen.“ „ 209 Der Sklavenhändler:„Leiden? Nicht im Geringſten.— Wir haben keinen einzigen verloren.“ Der Einwohner:„Dieſer da iſt nicht übel; aber er ſcheint ſehr niedergeſchlagen, und die Krankheit des Landes kann oft—& Der Sklavenhändler(lachend):„Niedergeſchlagen! Er iſt la der Fröhlichſte vom ganzen Zuge; während der ganzen Ueber⸗ fahrt hat er nur geſungen und getanzt.“ Der Einwohner:„Er iſt ganz faul von Krätze.“ Der Sklavenhändler:„Gott bewahre! Das iſt Erhitzung — ein Ausſchlag. Es iſt einer von denen, welche die Krätze 3 gar nicht hatten!“ 3 Der Einwohner geht zu einem andern:„Dieß iſt ein kleiner Schwarzer von ſehr artiger Geſtalt, aber er hat einen aufgeſchwollnen Leib.“ Der Sklavenhändler:„Seht recht hin, es iſt Wohlge⸗ ißt ſo viel(ſchlägt ihn auf den Bauch), Sarrabé, Lump!« Der kleine Schwarze:„Sarrabé vazaé ces geht gut, Herr).“— Und dabei zittert er an allen Gliedern. Der Einwohner:„Wie theuer haltet Ihr dieſes Stück?« Der Sklavenhändler:„Es iſt etwas Feines, aber es kommt mich theuer zu ſtehen, und ich kann es nicht unter 240 Piaſter erlaſſen.“ Der Einwohner:„Viel zu viel Geld; es kann am erſten Tage krepiren und—« Der Sklavenhändler:„Krepiren! Das hat keine Gefahr; die Seele dieſes Spitzbuben iſt feſtgenagelt in ſeinem Koͤrper; — im Gegentheil, er wird Euch einen kräftigen kleinen Die⸗ ner abgeben!“ Aus A Welttheilen. K 14 8* nährtheit. Er iſt ſo dick wie ein Dieb, der er auch iſt. Er 1* p . 1 210 Der Einwohner:„Ich möchte eine junge Negerin zu einem Geſchenke für meine Frau.“ Der Sklavenhändler:„Kommt, kommt! Sie ſind alle herr⸗ lich und ſo dick wie die Fiſche!“ Man begab ſich nach dem Orte, wo ſich die Negerinnen aufhielten, die man ſich bemüht hatte, zu waſchen und zu kämmen. Der Sklavenhändler(die Hände reibend):„Seht, ſeht hier! Das iſt hoffentlich ſchöne Waare.“ Der Einwohner:„Wie geſagt, ich möchte eine artige Ne⸗ gerin von 13— 14 Jahren für meine Frau— und wenn man ein Geſchenk macht—« Der Sklavenhändler:„Ich habe, was Ihr wünſcht; ſie i*ſt ganz jung, noch nicht dreizehn Jahre alt. Sadou, avia-t-oui!« — und das junge Mädchen tritt herzu. Der Einwohner:„Sie iſt nicht übel, aber ſie ſcheint zu leiden.“ Der Sklavenhändler:„Leiden! Seht zu: Den Arm empor! Den andern! Kehre dich um! Geh'’ voran! Komm' zurück! Sehet, betrachtet das, ich bürge dafür; ſie koſtet 300 Piaſter. Für Eure Frau, wie Ihr geſagt habt.« Der Einwohner:„Zu theuer. Um 250 Piaſter gehört ſie mir.“ Der Sklavenhändler:„Da habt Ihr ſie halb geſchenkt! Aber ſagt Niemand den Preis, um den ich ſie Euch verkauft habe.“ Nun zog der Einwohner ſeine lederne Börſe, zählte ſein Gold hin und führte das arme Mädchen mit ſich fort. Es vergoß reichliche Thränen, als es ſeine Gefährtinnen verließ die noch das Einzige waren, was ſie an ihr Vaterland er⸗ innerte.* 8 211 In der Wohnung ihres neuen Herrn fanden die ſo ge⸗ kauften Schwarzen alsbald Erleichterung für ihre Leiden; der Arzt des Hauſes beſuchte ſie alle Tage, die Frau vom Hauſe zeigte ſich ſehr beſorgt für ſie; ſie aßen von ihrem Tiſche, wur⸗ den gekleidet und gingen in der Pflanzung umher, ohne daß man die mindeſte Arbeit von ihnen forderte, bis ſie vollkommen hergeſtellt waren. Der Verkauf einer Sklavenladung ging ſehr eifrig von Statten, wenn die Schwarzen ſchön waren; aber es blieb im⸗ mer ein Schwanz zurück, das heißt die Neger, welche abgezehrt, mit dem Skorbut, der Ruhr behaftet, oder im Zuſtande voll⸗ kommener Schwindſucht waren. Man verkaufte ſie zu geringen Preiſen, oft in Maſſen, aber es gelang ſelten, Einige davon zu bringen. Ich kann der Begierde nicht widerſtehen, hier eine Bege⸗ benheit zu erzählen, die zwar ſehr traurig iſt, aber den Kapi⸗ tän und die Mannſchaft der franzöſiſchen Brigg le Victor, die für den Sklavenhandel in die öſtlichen Inſeln nach St. Malo beſtimmt war, vom unvermeidlichen Tode rettete. Dieſes Schiff, das etwa 280 Tonnen trug, war an die Küſte von Malakka geſegelt, da es, außer einer kleinen Ladung, die es auf der Inſel Bourbon verkaufen ſollte, hundert Kiſten mit dem Heilmittel le Roi*) enthielt, die nach Batavia be⸗ ſtimmt waren. Die Brigg kam glücklich in Bourbon an, wo ſie ihre Schiff ig verkaufte, ſpaniſche Piaſter einnahm und hierauf ihre Reiſe Fhriſezr. In der Sundſtraße angekommen, im An⸗ **) Ein faſt giftiges Heilmittel, das in den Kolonien 1eoc ſehr häufig gebraucht wird. geſicht der kleinen Inſel, die man die Fürſteninſel nennt, ent⸗ Ser⸗ 212 ſchloß ſte ſich, nach Batavia zu ſegeln, als ein heftiger Wind⸗ ſtoß ſie von der Küſte von Java entfernte und ſie ſüdlich von der Inſel Sumatra hintrieb, wo ſie ſpäter eine Sklavenladung aufnehmen ſollte, welche der Hauptzweck ihrer Reiſe geweſen war. Nach Batavia zurückzukehren, um dort einige unbedeu⸗ tende Kiſten abzuſetzen, wäre verlorene Zeit geweſen; denn die günſtige Jahreszeit ging vorüber, und man mußte ſie zur Rück⸗ kehr benutzen. Die Küſte war voll von malayiſchen Schwarzen; in acht Tagen war die Sklavenladung eingekauft, und am neunten Tage legte man ſie auf die oben geſchilderte Art in den Schiffs⸗ raum. Die Malayen ſind von Natur zornig, rachſüchtig, leiden⸗ ſchaftlich, unternehmend und lieben ſtarke Getränke. Man mußte eine Menge Vorſichtsmaßregeln treffen, große Wachſam⸗ keit beobachten und viele Strenge entwickeln, um eine Sklaven⸗ ladung von Malayen in Ordnung zu erhalten. Mehrere dieſer Mittel wurden ohne Zweifel auf dem Victor verabſäumt, denn einige Tage nach der Abreiſe hörte man bei Einbruch der Nacht einen furchtbaren Laͤrmen im Schiffsraum. Die Schwar⸗ zen hatten ihre Ketten zerbrochen und ſtürzten ſich durch die Oeffnung des Mitteldecks gegen das Zimmer des Kapitäns, der, durch die erſten Rufe aufmerkſam gemacht, das Verdeck in Begleitung eines Offtziers erreichte, der in ſeiner Kajüte geſchlafen hatte; der ganze Reſt der Mannſchaft war guß dem Verdecke beim Abendeſſen. Die Gefahr drängte; die Schwarzen waren im Beſitz der Waffen, die ſich im Zimmer des Kapitäns befanden, und die Waffen auf dem Verdecke waren bei weitem unzureichend. Der Kapitän verlor den Kopf nicht; er befahl ſogleich, die große Oeffnung und alle Löcher zu ſchließen und ein Schloß 21³ vorzulegen; dadurch concentrirte er den Aufſtand auf den un⸗ tern Schiffsraum und auf das Mitteldeck. Die Wüthenden ſtürzten ſich jetzt in Maſſe in das große Zimmer, den einzigen Ort für ſie, der durch die Fenſter des Kranzes einiges Licht empfing. Hier zerbrachen ſie Alles: Spiegel, mathematiſche Inſtrumente, Möbel, Verſchläge. Nichts entging ihrer Wuth. Unter dieſe Scene von Verwüſtung miſchten ſich Rache⸗ und Todesrufe, und furchtbare Verwünſchungen. Mitten in dieſem Tumulte ſtießen ſie die Thür der Pulverkammer ein, wo ſich die Schiffsvorräthe und die Kiſten nach Batavia befanden, die ihnen wenige Stunden ſpäter ſo ſchädlich werden ſollten. Die Unglücklichen ſtürzten ſich in ihrer Wuth auf die Vorräthe; Alles, faſt Alles ging darauf; das Brod für die Woche, der Zwieback, der rohe Schinken, der Käſe, das Waſſer, der Wein, der Branntwein. Nichts wurde verſchont, Vieles ſogar in's Meer geworfen. Mit dieſer Orgie nimmt der Lärm zu, das Geſchrei wird ſtärker, ihr Geheul flößt Schauder ein, und die zwölf Menſchen auf dem Verdeck ahnen auf dieſe ſchrecklichen Ausſchweifungen einen baldigen Tod. Nach und nach legt ſich indeß der Lärm; es iſt eilf Uhr, die Nacht iſt düſter, ruhig, und man hört nichts mehr. Nur einige erſtickte Redelaute tönen aus der Tiefe auf das Verdeck. — Was iſt vorgegangen? Iſt dieß ein erheuchelter Schmerz, Oeffnung der Luftlöcher zu bewirken? das Verdeck uszuführen? Die Furcht iſt Welch' ſchreckliche Nacht für einige Seufzer und Todesröcheln. Jetzt erräth man Alles! Alsbald öffnet man die übrigen Luftlöcher und Klappen. Man 8 214 ſtürzt ſich in das Mitteldeck, das man mit Leichnamen und Sterbenden mitten unter den zertrümmerten Kiſten, die ihr Un⸗ glück waren, wie beſät findet. Die Unglücklichen hatten das Heilmittel für einen Tafeltrunk gehalten, und in ihrer Orgie haben ſie mehr, als 160 Flaſchen verſchlungen, wobei auf Je⸗ den beinah eine halbe Flaſche kam. Man denke ſich, welche Wirkung ein ſolcher Trunk auf Menſchen machen mußte, die ſo eben Alles, was ihnen unter die Hände gekommen war, gierig verſchlungen hatten. Zweihundert und vierzig Leichname wurden in's Meer ge⸗ worfen; und trotz der Sorge, die man den noch Lebenden ſpen⸗ den konnte, erlagen an dieſem und dem folgenden Tage noch Mehrere. Da das Schiff nicht mehr Lebensmittel genug hatte, um ſeine Reiſe fortzuſetzen, ließ der Kapitän umkehren, und ſegelte nach Sumatra zurück, welches am wenigſten weit entfernt war. Der Reſt der Aufrührer wurde ſogleich ausgeſchifft und vor Gericht geſtellt; zwoͤlf wurden gehenkt, trotz aller Bemühungen des Kapitäns, ſie dem Tode zu entziehen, und die übrigen kehrten an Bord zurück, um ſich neue Feſſeln anlegen zu laſſen. Vor 1828 wurden die Sklavenhändler, die auf offener That ertappt wurden, zu zeitweiliger Deportation verurtheilt. Mehrere trotzten dieſem Geſetze und verachteten es, ſo viel Macht hatte der Reiz des Goldes über die Menſchen, die ihre Sklaven ab⸗ ſetzen zu können überzeugt waren; aber als das Geſetz von 1828 erſchien, das den Sklavenhändler, den Koloniſten, der Sklaven kauft, und Alle, die dem Sklavenhandel wiſſentlich Vorſchub lei⸗ ſten, zu fünfjähriger Zwangsarbeit verurtheilt, hörte dieſer Han⸗ del allmälig zum Ruhme der Menſchheit auf. 215 8 Ein Beſuch bei dem Rajah-Curg. Ohne ein ferneres Abenteuer langten wir in der Haupt⸗ ſtadt des Rajah an, der uns einen glänzenden, gaſtfreundlichen, eines freigebigen, aufgeklärten Fürſten würdigen Empfang be⸗ reitete. Wir hatten einen bequemen, etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernten Ort gewählt, um unſere Zelte auf⸗ zuſchlagen. Schon am andern Morgen erhielten wir den Be⸗ ſuch eines Offiziers des Rajah, der uns auf das Artigſte im Namen ſeines Herrn für den nächſten Tag in den Palaſt ein⸗ lud. Wir fanden uns pünktlich ein. Der Fürſt empfing uns im großen Audienzſaale, wo er gewöhnlich ſeine Levers hielt, und wo auch alle Regierungsangelegenheiten verhandelt wurden. Rings in der Halle waren die Porträts von Engländern auf⸗ gehängt, die ſich in Indien ausgezeichnet hatten, unter andern die von Lord Clive und Obriſt Wellesley, dem ſpätern Herzoge von Wellington. Die Zimmergeräthe beſtanden aus den ele⸗ ganteſten, hier in verſchwenderiſcher Pracht zuſammengeſtellten Produkten europäiſcher Induſtrie. Engliſche Flinten und Pi⸗ ſtolen lagen in ihren Käſtchen an verſchiedenen Stellen des Saales. Die Käſtchen waren geöffnet, damit die Beſuchenden den Urſprung ihres Inhalts erkennen möchten. Der Rajah war ein ſchöner Mann in der Blüthe der Jahre. Er hatte einen lebhaften, durchdringenden Blick, den er zuweilen mit ſolcher Gewalt auf ſeine Leute heften konnte, daß ſie dadurch außer Faſſung gebracht wurden. Er ſtand im Rufe eines guten Fürſten, und ſchien mir in ſeiner Perſon die ſchlechtes; ſie hat keine Geweihe und zeigt große Aehnlichkeit 216 richtige Vergleichung eines ſeiner Landsleute zu beſtätigen: „Das Herz eines trefflichen Menſchen gleicht einer Kokosnuß, die, wenn auch rauh an der Außenſeite, doch einen erfriſchen⸗ den, köſtlich ſchmeckenden Saft enthält.« Mit beſonderem Eifer entwickelte er uns ſeine Vorliebe für engliſche Kunſttiſchlerei. In ungeheuchelter Freude nahm er unſere Komplimente über ſeine gute Auswahl auf, und er kannte in der That auch noch viel beſſer, als wir, die Namen der berühmten europäiſchen Künſtler, deren Werke er um ſich ſammelte, weil er beſondern Geſchmack daran fand. Er beſaß prächtige Spiegel und fünf oder ſechs Pianos von Clementi, deren Eigenſchaften er aus einander ſetzte, als hätte der große Meiſter ſeinen Hof beſucht und ihm alle Geheimniſſe der har⸗ moniſchen Wiſſenſchaft enthüllt. Beſonders ſtolz war er auf ſeine Flinten, neben denen er nichts deſtoweniger inländiſche, ſehr ſorgfältig gearbeitete Büchſen hatte aufſtellen laſſen, gleich⸗ ſam um das Geſchick und das Talent der Arbeiter des Landes in Verzierung der Waffen zu zeigen, obgleich er ſie in Bezie⸗ hung auf Conſtruktion für minder geſchickt erklärte. Der Rajah unterhielt ſich einige Zeit mit uns, und ent⸗ ließ uns ſodann mit der Einladung, den Beſuch zu wiederho⸗ len, ſo oft es uns gefallen würde. Am andern Morgen mach⸗ ten wir einen Spaziergang in eine Art von Park, wo er viele ſeltene und intereſſante Thiere hielt, worunter wir zwei Stücke Damwild von der kleinen Orylaneſer Gattung, die ſchönſten Thiere, die ich je geſehen, bemerkten. Dieſe Damhirſch de waren nicht größer, als die Füchſe; ihr Fell war röthlich braun und mit hellern Flecken beſät. Die Thierchen verdienten durch ihr edles Weſen wohl eines Königs Unterhaltung auszumachen. Dieſe Gattung von Damwild iſt die kleinſte des Hirſchge⸗ 217 mit dem cervus guineensis des Linné. In Zeylon trifft man ſte in großer Anzahl. Ihre Formen ſind unbeſchreiblich zart; ihre feinen, zierlichen Beine ſind nicht dicker, als die Finger an einer Frauenhand. Das Fleiſch gilt für ſehr geſund und wird als ein köſtlicher Leckerbiſſen betrachtet. Im Innern des Lan⸗ des fängt man ſie in großer Anzahl in Fallen und bringt ſie täglich nach Kolombo und in die andern Städte, wo ſie als Gegenſtände der Luſt zu zwei Schillingen das Stück verkauft werden. Auf der Halbinſel werden ſie als eine Seltenheit betrachtet, und mehr wegen ihrer ſchönen Formen, als wegen des ſchmackhaften Fleiſches gekauft, obgleich dieſes den Vorzug vor allen andern Damhirſcharten hat. Der Rajah beſaß meh⸗ rere, von denen er viel Aufhebens machte. Eine beſondere Lieb⸗ haberei für die Thiere ſprach ſich deutlich bei ihm aus. Die ſo eben berührten, welche man uns zeigie, waren ſo zahm, daß man ſich ihnen, ohne ſie im geringſten ſcheu zu machen, gans wohl bis auf einige Schritte nähern konnte. Nicht minder ſtolz war der Raͤjah anf eine Sammlung wilder Thiere in ſeiner Menagerie. Es waren Löwen und Ti⸗ ger in Käfigen eingeſchloſſen, von denen iun nige bis zu einem Grade gezähmt hat, daß er ſie gen kanch, wie man mir verſicherte, vor ſeinen Gäſten ſelbſt ohne Wachter erſcheinen ließ. Dieſer Fürſt hatte eine große Leidenſchaft für Thierge⸗ fechte. Er ließ es nicht an ſolchen Schauſpielen fehlen; wir erfuhren, daß er, begierig die Geſchicklichkeit ſeiner Leute im Kampfe mit ſo furchtbaren Gegnern zu zeigen, uns in einigen Tagen mit einer ſolchen Scene zu überraſchen beabſichtigte. Es erſchien auch bereits am andern Morgen ein Bote, um uns den Tag des Schauſpiels anzuzeigen und im Namen ſeines königlichen Herrn dazu einzuladen. Dergleichen Kämpfe kom⸗ mmen im ganzen Staate von Myſore bei dem Feſte vor, welches 218 man Duſſerah nennt. Die orientaliſchen Athleten, die mit dem Streithandſchuh fechten, gehören, ſo viel ich weiß, aus⸗ ſchließlich dieſem Diſtrikte an. Man nennt ſie Jetties. Ihre Kraftſtücke überraſchen ſowohl durch die Mannigfaltigkeit, als durch die Weiſe, auf welche hierbei die Geſchmeidigkeit der Muskeln des menſchlichen Körpers erſichtlich wird. Nichts gleicht der Regelmäßigkeit ihrer Verhältniſſe, der männlichen Schönheit ihrer Formen, und nirgends bleibt die Behendigkeit hinter der Kraft zurück. Am beſtimmten Tage begaben wir uns in den Palaſt. Nach einem üppigen Mahle, wobei mehrere Gerichte auf euro⸗ päiſche Weiſe bereitet waren, und Porto⸗, Madeira⸗ und Bor⸗ deaurweine gereicht wurden, gingen wir auf die Galerie einer weiten Arena von wenigſtens hundert Fuß im Quadrate. So⸗ bald der Rajah erſchienen war, begannen die Spiele. Zuerſt führte man einen, obwohl niedrig gewachſenen, doch ſehr kräf⸗ tigen Stier in den Bezirk. Auf ſeiner Stirne war ein ſtäh⸗ lerner Sporn befeſtigt, ähnlich denen, mit welchen man die Füße der Kampfhähne bewaffnet. Dieſes Inſtrument war vier Zoll lang, an der Baſis einen Finger dick, und am Ende ſehr ſcharf zugeſpitzt. Es nahm gerade die Mitte zwiſchen den zwei Hörnern ein; dieſe waren abgeſchnitten, um dem künſtlichen Inſtrumente mehr Spielraum zu laſſen. Das Thier durchlief⸗ die Arena mit feſtem, ſicherem Schritte, als wüßte es, daß es den Beherrſcher des Landes zuun Zeugen ſeines Heldenmu⸗ thes habe. Als Alles zubereitet war, öffnete man einen großen Käfig, unnd ein wilder Eber trat hervor, der durch ein heftiges Grun⸗ zen zu verſtehen gab, wie viel bequemer es ihm geweſen wäre, die Freiheit wieder zu erhalten, als ſeine Tapferkeit vor dem Volke zu entwickeln. Man jagte ihn ſogleich nach der Seite 219 hin, wo der Stier ſich befand. Dieſer empfing ihn, indem er ſich auf die Hinterfüße ſtellte, die bewaffnete Stirn vorſtreckte, und einen Schritt, ſei es aus Furcht, ſei es durch eine Finte, um den Feind in eine zum Angriffe günſtigere Stellung zu locken, zurückwich. Der Keiler blieb ſeinerſeits unbeweglich, ſchlug nur mit raſchem Geklapper die Kinnladen gegen einan⸗ der, und bedeckte ſo ſeine Fangzähne mit einer Schaummaſſe, die von Zeit zu Zeit in Flocken zur Erde niederfiel. Als der Stier ſich umwandte, führte ihn einer von den Dienern dem Keiler gegenüber, der indeſſen, ohne von der Stelle zu weichen, fortwährend ſeinen Schaum kaute und mit ſeinen kleinen fun⸗ kelnden Augen ſcharfe Blicke auf den armen Stier warf. Der letztere endlich, aufgebracht über die Unbeweglichkeit ſeines Geg⸗ ners, richtete einen Stoß nach dieſem. Der Keiler parirte, in⸗ dem er ſich auf die Seite warf, und der Sporn drang in ſeine Schulter; zu gleicher Zeit aber ſtieß er dem Stiere die Hauer in die Seite, brachte ihm eine tiefe Wunde bei und machte ihn zum weitern Kampfe unfähig. Man ließ einen zweiten Stier kommen, der bald das Schickſal des erſten theilte. Dann erſchien ein dritter von hö⸗nen herem Wuchſe. Nun war die Partie nicht mehr gleich auf 4 beiden Seiten; denn der Eber hatte durch Anſtrengung und den Schmerz der Wunde viel von ſeiner Kraft verloren. Bis jetzt hatte er aber mit ſo viel Feuer und Lebhaftigkeit geſtritten, daß ich hoffte, er werde auch das dritte Mal Sieger bleiben. Der Stier ſchritt ſtolz auf ſeinen Feind zu, empfing und pa⸗ rirte die erſten Stöße und kam mit einer leichten Schramme an der linken Hüfte davon. Jetzt, als reizte ihn die Verwundung zum Zorne, wandte er ſich wüthend gegen den Keiler und ſtieß ihm den ganzen Sporn in die Weiche. Der Cber ſiel auf die Seite, erhielt einen zweiten tödtlichen Stoß, und der Stier 220 wurde, von ſeinen Wächtern mit einer Guirlande gekrönt, im Triumphe abgefhrt. Nun folgte ein impoſanteres Schauſpiel. Ein Mann trat in die Arena, nur mit einem Curga's⸗Meſſer bewaffnet und mit einem einfachen, die Hälfte des Beines bedeckenden Pan⸗ talon bekleidet. Mit der rechten Hand ſchwang er ſeine Waffe, eine dicke, dem Pflugeiſen ähnliche, ungefähr zwei Fuß lange und drei Zoll breite Klinge, die abnehmend gegen das Heft lief, in welches ſie ſchräge befeſtigt war. Die Curga's laſſen dieſe Meſſer drehen, ehe ſie geſchmiedet werden, und wiſſen ſich 8 derſelben dann ſo geſchickt zu bedienen, daß ihre mächtigen Hiebe den Feind niederſchmettern müſſen. Dieſer Mann, der gegen einen Tiger kämpfen ſollte, war groß und ſchlank; er hatte eine breite Bruſt und lange, ner⸗ vige Arme. Trotz der Dünnheit ſeines Beines traten doch die Bewegungen der Muskeln ſtark hervor. Seine ganze Perſon verrieth eben ſo viele Behendigkeit, als Stärke. Mit ſtolzer Miene gab er ein Zeichen, den Tiger loszulaſſen; dabei prägte ſich auf ſeinem Geſichte die ganze Energie feſter Entſchloſſen⸗ peit aus. Um den kräftigen Gliedern mehr Gaaſtizität zu ge⸗ ben, hatte man den ganzen Körper mit Oel eingerieben. Auf ſein Signal, welches darin beſtand, daß er den Arm über den Kopf hob, öffnete man das Gitter eines weiten Käfigs, und ein mächtiger Königstiger trat hervor, der vor dem Curga auf der Stelle anhielt, ſeinen borſtigen Schweif leicht bewegte und ein dumpfes Brummen vernehmen ließ. Abwechſelnd ſchaute er ſeinen Gegner und die Galerie an, auf der der Rajah mit ſeinem Hofe ſaß; die Neuheit des Schauſpiels ſchien ihn ein⸗ zuſchüchtern, denn plötzlich kehrte er mit einem Satze in ſeinen Käfig zurück, aus welchem ihn die Wächter vergebens heraus⸗ zutreiben ſuchten. Man ließ das Gitter wieder fallen, und da 221 ſein Schweif zwiſchen zwei Stangen hervortrat, ſo band man mehrere Petarden daran. Dem Curga gab man einen Zun⸗ der, öffnete das Gitter wieder, und legte Feuer an die Petar⸗ den. Dann ſetzte der Tiger mit ſchrecklichem Geheule in die Arena, und je mehr Petarden losbrannten, deſto mehr ſprang, drehte und wandte er ſich, als ſei er von Hirnwuth befallen. Endlich duckte er ſich in einen Winkel und kroch und murrte wie ein erſchreckter Kater. Nun ſchloß man den Käfig und ſchnitt ihm ſo den Rückzug ab. Der Curga, der ihn während der Exploſton feſten Fußes erwartet hatte, ging jetzt langſam, aber entſchloſſen auf das Thier los. Der Tiger ſtand auf und wich zurück. Die Haare ſträubten ſich ſowohl auf dem Rücken, als am Schweife, der dadurch um die Hälfte dicker wurde. Er ſchien durchaus nicht geneigt, die Feindſeligkeiten zu eröffnen; aber er hatte es mit einem entſchloſſenen Manne zu thun, dem er nicht entgehen konnte. Dieſer ſchritt behutſam vorwärts, die Augen auf den Tiger geheftet, welcher, ſeinen Feind fort⸗ während anſchauend, zurückwich. Plötzlich hielt der Curga inne und machte ſeinerſeits einen Schritt rückwärts. Der Tiger rich⸗ tete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf, krümmte den Rücken und ſchlug mit dem Schweife; man ſieht, daß er auf den Angriff ſinnt und im Begriffe ſteht vorzuſpringen. Der Mann weicht ſtets zurück, und ſobald er zu einer Entfernung gelangt iſt, wo die Intenſität ſeines Blickes dem Feinde entgehen muß, macht dieſer einen Satz vorwärts und ſtößt ein kurzes, ſchrilles Ge⸗ heul aus. Der Curga, ſtets auf ſeiner Hut, ſpringt auf die Seite, ſchwingt im Augenblicke, da das Thier den Boden be⸗ rührt, ſein ſcharfes Meſſer und ſchneidet ihm das Gelenke des Hinterbeines ab. Der Tiger, nun außer Stande zu ſpringen, kehrt ſich um, marſchirt auf drei Pfoten vorwärts und geht gerade auf ſeinen Feind zu, der einige Schritte zurückgewichen 222 war und ihn feſten Fußes mit erhobenem Meſſer erwartet. So⸗ bald er nahe genug gekommen iſt, läßt der Feind das ſchwere Werkzeug auf des Thieres Haupt niederfallen, bohrt damit in den Schädel und ſtreckt den Königstiger todt zu ſeinen Füßen nieder. Dann wiſcht er kaltblütig ſein Meſſer an dem Felle des Thieres ab, macht dem Rajah einen majeſtätiſchen Salem und zieht ſich unter lärmendem Beifallsgeſchrei der Zuſchauer zurück. Der Rajah erzählte uns, derſelbe Mann habe ſchon meh⸗ rere Tiger auf dieſelbe Weiſe getödtet, und ſei bei ſolchen Kämpfen ſtets ohne Wunden, zwei oder drei Schrammen aus⸗ genommen, weggekommen. Es iſt überdieß bekannt, daß die Curga's den Tiger mit ihrem Meſſer nie ohne glücklichen Er⸗ folg im Walde angreifen. Bei dem ſo eben erwähnten Kampfe bewies unſer muthige Indianer ungemeine Kaltblütigkeit und eine unvergleichliche Schärfe und Klugheit des Blickes. Um einigen Wechſel in die Unterhaltung zu bringen, führte man einige mit Stöcken bewaffnete Männer in die Arena; die Stöcke waren ſechsundzwanzig bis dreißig Zoll lang, ſo dick wie eines Kindes Fäuſtchen, ſichelförmig gebogen, an einem Ende ſpitzig und mit Eiſen beſchlagen. Die Leute, welche dieſe Inſtrumente gebrauchen, ſind außerordentlich geſchickt in der Handhabung derſelben. Ein Rahmen von zwei Quadratfuß, vier Zoll tief mit Thonerde gefüllt, von glatter Oberfläche wurde das Ziel. In der Mitte war eine runde eiſerne Scheibe ungefähr vom Durchmeſſer eines kleinen Tellers befeſtigt. Der erſte Spieler, welcher hervortrat, war ein muskeliger Hindu von mehr gedrängtem, als verhältnißmäßigem Wuchſe. Das Auge nach dem Ziele gerichtet, das linke Bein vorwärts, den Körper leicht gebogen, drehete er ſein Holz geſchwinde um und ſchleuderte es. Pfeifend durchſchnitt das Inſtrument die Luft, 223 ſchlug an die eiſerne Platte und riß ſie quer durch die Thon⸗ lage auf mehrere Schritte mit ſich fort. Stolz auf ſeine Hel⸗ denthat, machte der Sieger ſeinen Gruß und überließ den Platz einem ſeiner Rivalen. Mit nicht minder wunderbarer Geſchi lichkeit ſchleuderte dieſer ſein Holz durch die Oeffnung des Rah. mens, wo es an eine hintenſtehende Mauer ſo gewaltig an⸗ ſchlug, daß wir uns überzeugten, eine ſolche Waffe würde in der Schlacht ſo viel Verheerung anrichten, als Büchſe und Muskete. Vier andere Spieler verſuchten ihre Gewandtheit mit verſchiedenem Erfolge. Alle vier berührten und durchſchlu⸗ gen die Rahme; aber keinem gelang es, die mittlere Oeffnung zu treffen. Ein fünfter kam ſehr nahe. Sie ſchienen indeſſen dennoch überzeugt, daß die Einen wie die Andern auf gleichen Beifall Anſpruch zu machen hätten, und der Ungeſchickteſte zeigte ſich ſehr unzufrieden über den geringen Enthuſiasmus, den er erregte. Nachdem ſich dieſe Leute entfernt hatten, ſahen wir einen Menſchen eintreten, der mit einem runden, ſechs Fuß langen, Daumen dicken, an beiden Enden mit wollenem Wulſte verſe⸗ henem Stocke bewaffnet war. Ihm folgten drei Hindu's von nicht ſehr ſtarkem Bau, von denen ebenfalls jeder einen zwei bis drei Fuß langen Stock trug. Alsbald begannen ſie ihr Spiel. Der Mann mit dem großen Stocke vertheidigte ſich ge⸗ gen die Angriffe der drei andern mit außerordentlicher Behen⸗ digkeit. Seine Evolutionen gingen ſo ſchnell vor ſich, daß er zu gleicher Zeit jedem ſeiner Gegner Fronte zu bieten ſchien. Dabei machte er zur Vertheidigung ſeines Kopfes den Mühl⸗ flügel ſo raſch, daß er ohne Mühe den Hieben entging, die man ihm beibringen wollte; durch dieſe heftige Bewegung war ſein Körper in wenigen Augenblicken mit Schaum bedeckt. Einige Zeit hielt er ſich vertheidigend; als er aber ſeine An⸗ “ 18 224 greifer unbeſchützt glaubte, ſchlug er einen von ihnen blitzge⸗ ſchwinde mit dem gepolſterten Ende ſeines Stockes auf den Kopf: dann führte er den Stock mit derſelben Schnelligkeit zu⸗ rück, traf damit ſeinen zweiten Kämpfer an den Schlaf und ſtreckte ihn wie ſeinen Kameraden zu Boden. Der dritte ent⸗ ging ihm durch einen Seitenſprung und führte einen Schlag nach ſeinen Rippen, der auf dem ganzen Kampfplatze wieder⸗ tönte. Der behende Lanzenbrecher trat einen Schritt zurück und ſchwang ſeinen Stock mit unglaublicher Schnelligkeit. Sein Gegner wich anfangs durch Niederbücken aus, aber er ſtand nicht ſobald aufrecht, als er einen Schlag auf die Stirne er⸗ hielt, und wie von einer Kugel getroffen niederſtürzte. Nach dieſem dreifachen Beweiſe von Muth und Gewandtheit empfing der Sieger vom Rajah ein Zeichen des Lobes und zog ſich dann mit den drei, durch den Ausgang des Kampfes ſehr ge⸗ demüthigten Kämpfern zurück. Dieſer Streit der Geſchicklich⸗ keit iſt das Staunenswertheſte, was ich in dieſer Art vehrha habe. Ich vermag die wunderbare Behendigkeit des Manne nicht zu ſchildern, der mit ſeinem langen Stocke nur zu ſpielen ſchien. Das Schauſpiel hatte überdieß den Vortheil, daß dabei kein Blut vergoſſen wurde, und man ſich folglich nicht peinlich berührt fühlte. Zwei Kämpfer bewarben ſich nun um ein beifälliges Lä⸗ cheln des Fürſten, welches für ſie eben ſo viel Werth hatte, als die Mauerkrone für die alten Römer. Der eine war groß und ſchlank, ein vollkommenes Modell eines indiſchen Apoll. Er war gerade und wie gedrechſelt gebaut, und hatte ſeine Bruſt nicht verhüllt; ſein Gang war zugleich feſt und voll Grazie. Er hatte lange Arme und kleine Hände, wie eine Frau. Sein Gegner mochte drei Zoll kleiner ſein und ſah nicht minder robuſt aus; ſeine Beine aber waren ſchlecht 225 gebaut, kurz, gebogen und ohne anſcheinende Muskeln; musku⸗ löſer dagegen erſchienen ſeine langen, wie die Bruſt mit Haa⸗ ren bedeckten Arme, und verſprachen durch untrügliche Zeichen von Kraft einen furchtbaren Kämpfer. Der Ausdruck ſeiner Phyſiognomie war ſanft, aber entſchloſſen. Seinen anmuthigen Gegner blickte er mit einem Lächeln an, in dem zugleich ein Geſtändniß ſeiner perſönlichen Vortheile und eine Proteſtation gegen die Uebermacht ſeiner Kräfte lag. In dem Blicke des ſchönen Ringers zeigte ſich eine Unſte⸗ tigkeit, die in den Augen der Zuſchauer als ein Beweis dienen mochte, daß er ſeinen Mitteln mißtraue. Deſſenungeachtet ließ er durchaus keine Schwäche bemerkbar werden, und trat mit feſtem Tritte und unerſchrockener Miene in die Arena. Die Köpfe der beiden Kämpfer waren glatt geſchoren, ein Büſchel Haäaare ausgenommen, welches ziemlich anmuthig auf das linke Ohr herabfiel. Ihre ganze Bekleidung beſtand in einem ſchma⸗ len, um die Lenden gebundenem Stücke Zeug. Eine Zeitlang hielten ſie ſich von einander entfernt und machten allerlei Sprünge und ſonderbare Verdrehungen, als wollten ſie die wunderbare Geſchmeidigkeit und Leichtigkeit ihrer Körper zeigen, mit der ſie Stellungen anzunehmen wußten, die mit der Natur in vollkommenem Widerſpruche ſtanden. Man konnte wohl ſehen, daß dieſe Vorübungen gegenſeitig die Auf⸗ merkſamkeit ablenken und einen unbewachten Moment herbei⸗ führen ſollten. Zuerſt packten ſich die Ringer mit den Fäuſten, preßten Stirne an Stirne und fingen an zu drücken, als wollte der Eine die Kräfte des Andern verſuchen. Bis jetzt ſchien der Größere, der auf ſeinen Gegner hinunter drängte, um ſo mehr allen Vortheil für ſich zu haben, als er ihn mittelſt ſeiner lan⸗ gen Arme fern halten konnte und ihn ſo verhinderte, von ſei⸗ ner Geſchicklichkeit Gebrauch zu machen. Als es dieſem endlich Aus allen Welttheilen. 15 .. 4 226 gelang, näher zu rücken, ſchlang er ihm den Herkulesarm um ſeinen Hals und hielt ihn feſt gepreßt. Nun bot der Kampf ein belebteres Schauſpiel. Die Ringer drückten und durch⸗ ſchlangen ſich Arme und Beine, ohne daß auf der einen oder andern Seite ein Uebergewicht ſichtbor wurde. Der Kleine ſchien indeſſen der Stärkere zu ſein; plötzlich faßte er ſeinen Gegner mit dem Arme um die Hüfte, gab ihm mit der Ferſe einen Stoß in den Kniebug und warf ihn ſo heftig nieder. Um dem zu entgehen, was in Indien wie in England ein Zei⸗ chen der Niederlage iſt, das heißt einem vollkommenen Falle auf den Rücken, machte der ſchone Apollo eine Körperbewegung, die ihm auf ſeine Schultern zu fallen geſtattete. Trotz des ge⸗ waltigen Schlages war er im nächſten Augenblicke wieder auf den Beinen, packte ſeinen Gegner, den der ſo eben errungene Vortheil etwas unachtſam machte, und machte ihn im nächſten Augenblicke mit Blitzes⸗Geſchwindigkeit über ſeinen Kopf flie⸗ gen. Aber der kleine Mann fiel wieder auf die Beine, wie eine Katze.— Nun ging es energiſcher beim Kampfe zu, als je, aber zum augenſcheinlichen Vortheile des kleineren Streiters. Dem Großen ſchien es an Athem zu mangeln; bald ſah man ihn ſtraucheln, und je mehr ſeine Kräfte abnahmen, deſto verzwei⸗ felter wurden ſeine Anſtrengungen. Bei dem letzten Verſuche, wozu er all' ſeine Kraft zuſammennahm, verlor er das Gleich⸗ gewicht; da dieſes der Andere bemerkte, ließ er ſeine linke Hand unter ſeines Gegners Schenkel durchgehen, ſtützte die rechte Hand auf ſeine Bruſt und ſtreckte ihn mit ſolcher Gewalt auf den Rücken zu Boden, daß der ganze Körper durch und durch erſchüttert ſchien. Dennoch erhob ſich der Beſiegte ſogleich, machte dem Ra⸗ jah, einigermaßen außer Faſſung gebracht, ſeinen Salem, und 7 227 verließ die Arena, mit der Schnelligkeit einer Antilope ſprin⸗ gend, als wollte er beweiſen, daß ſeine Kräfte, trotz der Nieder⸗ lage, durchaus nicht erſchöpft ſeien. Der Sieger erwartete einen neuen Gegner. Einige Mi⸗ nuten ſpäter erſchien auch eine Art Rieſe von mehr als ſechs Fuß Höhe und athletiſchem Gliederbau, deſſen vorſpringende Muskeln jedoch nicht jenes gedrängte Gewebe und jene feſte Spannung zeigten, aus denen ſich untrüglich auf Kraft und Biegſamkeit ſchließen läßt. Dieſer Menſch hatte das mittlere Alter überſchritten und erfreute ſich nicht mehr der Jugend⸗ blüthe phyſiſcher Kräfte. Er ſchien aber ſchon durch ſeine ſchwere Maſſe alle Chancen gegen einen durch einen langen, mühſamen Kampf geſchwächten Gegner von niedrigem Wuchſe für ſich zu haben. Mit mürriſcher, alle Welt gegen ſeine Per⸗ ſon einnehmender Miene ſchritt er vorwärts, und der Kampf begann mit ziemlich linkiſchen Uebungen von ſeiner Seite, welche ſein Gegner durch überraſchende Behendigkeitsſtücke erwiederte. Endlich wurden ſie handgemein, und der kleine Ringer klam⸗ merte ſich ſo feſt an den Koloſſen an, daß dieſer nicht im Stande war, ihn zu Boden zu werfen. Der Rieſe ermüdete ſich in fruchtloſen Verſuchen; ſeine Herkulesſtärke erlag an der Geſchwindigkeit des Andern. Er wurde roth vor Zorn, denn in ſeinen ſchönen Tagen war er ein glücklicher Kämpe gewe⸗ ſen, und es koſtete ihn viel, Jüngern die Palmen zu über⸗ laſſen, die er ſonſt errungen hatte. Seine Glieder ſpannten ſich und zeigten, daß er ſeine Siege einſt nicht allein der Kor⸗ pulenz zu danken gehabt habe. Indeſſen gelang es ihm, durch eine glückliche Wendung des Beines ſeinen Rivalen zu erſchüte tern und zum Falle mit dem Geſicht gegen die Erde zu brin⸗ gen; aber dieſer ſtreckte Arme und Beine wie die Speichen an einem Rade aus, ſpannte die Glieder mit voller Kraft und „ 1 * 228 — n vereitelte alle Verſuche des Andern, der ihn auf den Rücken legen wollte. Dann richtete er ſich wieder auf die Beine und begann den Kampf Leib an Leib mit erneuertem Eifer. Die Zeit, die er auf der Erde zugebracht, hatte hingereicht, um den Athem wieder zu gewinnen, während der Andere den ſeinigen durch die Anſtrengung erſchöpfte. Von nun an war der Ausgang nicht mehr zweifelhaft. 1 Plötzlich ſahen wir zu unſerm großen Erſtaunen, wie die gigantiſche Geſtalt des Indiers vom Boden gehoben über ſei⸗ nen Gegner flog, den Kopf nach unten niederfiel und auf dem Rücken bewegungslos liegen blieb. Das Blut drang aus Oh⸗ ren und Naſe, und einen Augenblick lang hielt ich ihn für todt. Aber bald erhob er ſich wieder, grüßte die Verfammlung mit betrübter Miene und entfernte ſich ſofort. Den Sieger belohnte ein Läͤcheln des Rajah, worauf er ſich nach anmuthiger Er⸗ wiederung zurückzog. Hier endigten die Spiele des erſten Tages. Frühe am andern Morgen kehrten wir zum Palaſte zu⸗ rück. Der Rajah hatte uns bereits erwartet. Nach einem leichten Mahle nahmen wir unſere Plätze auf der Galerie wie⸗ der ein, um den Spielen des zweiten Tages beizuwohnen; man hatte uns ein außerordentliches Schauſpiel verſprochen; ein Löwe und ein afrikaniſcher Büffel ſollten mit einander kämpfen; der letztere, der erſt einige Monate früher vom Rajah erkauft worden war, hatte noch ſeine ganze Wildheit behalten. Der afrikaniſche Büffel iſt viel größer und ſtärker, als der indiſche. Oft ſoll er den Löwen beſiegen, wenn ſie in den Wäldern ihres Vaterlandes zuſammentreffen; indeſſen unterliegt der Büffel doch öfter; zuweilen endigt der Kampf auch mit dem Tode von allen beiden. Der indianiſche Büffel iſt übrigens 229 auch zu fürchten. Wird er von ſeiner Heerde fortgejagt, was häufig geſchieht, ohne daß man die Urſache zu entdecken im Stande iſt, ſo verfolgt er wüthend Alles, was er trifft, bis er ſelbſt als Opfer ſeiner Wuth oder der Ueberlegenheit eines andern Thieres fällt. Eines Tages ſah ich ein ſolches von ſeines Gleichen verbanntes Thier mit geſenktem Kopfe ſich ge⸗ gen einen Elephanten ſtuͤrzen, auf welchem einer meiner Freunde ritt. Ohne ſich von der Stelle zu rühren, ſtreckte ihm der Elephant ſeine Zähne hin, und der Büffel in ſeiner Wuth ſpießte ſich daran. Der Elephant ſchüttelte den röchelnden Leich⸗ nam ab, ſetzte den Fuß darauf, um die Zähne herauszuziehen, und ging dann ruhig ſeines Weges. Kaum hatten wir uns auf der Galerie niedergelaſſen, als man den erwähnten Büffel auf den Kampfplatz trieb. Sobald er ſich frei ſah, durchlief er den Raum brüllend mit geſenktem Kopfe und warf mit den Hinterfüßen den Sand zwölf Fuß in die Höhe. Einige Augenblicke ſpäter hob man das Gitter des Käfigs, welcher den Löwen eingeſchloſſen hatte, und das könig⸗ liche Thier mit ſeiner prachtvollen Mähne ſetzte auf die Arena. Ein indiſcher Weiſer ſagt:„Der Elephant, der Löwe und der vernünftige Menſch ſuchen ihr Heil in der Flucht; der Rabe, der Damhirſch und der feige Menſch ſterben auf ihrem Lager.“ Der Löwe, von dem hier die Rede iſt, hat dieſen Lehrſpruch, wie wir ſehen werden, Lügen geſtraft. Mit ſtolzer, edler Miene trat er zuerſt einige Schritte vor⸗ wärts; aber ſobald er den Büffel gewahrte, rutſchte er, den Boden mit dem Schweife ſchlagend, auf dem platten Bauche fort. Dann machte er ohne weitere Umſchweife zwei oder drei Sprünge, ſtürzte ſich auf ſeinen Rivalen und hing ſich mittelſt ſeiner Zähne und mächtigen Klauen feſt an ihn an. Dieſer unerwartete Angriff ſtürzte den Büffel auf die Knie det 230 derbeine nieder; aber er erhob ſich ſogleich wieder, warf den Kopf ſo gewaltig zurück, daß der Löwe loslaſſen mußte, ſtieß ihn mit ungeheurer Heftigkeit gegen die Pfähle der Einfaſſung und brachte ihm mit einem Stoße des Hornes eine tiefe Wunde in die Seite bei. Der Löwe blieb einen Augenblick betäubt; doch ehe der Feind ſeinen Vortheil benutzen konnte, richtete er ſich wieder auf, ſprang ihm zum zweiten Male an den Hals und zerfleiſchte ihn mit ſeinen ſcharfen Zähnen. Ein gräßlicher Kampf entſpann ſich; aber der Büffel wiederholte ſein erſtes Manoͤvre, entledigte ſich nochmals ſeines Todfeindes und ſchleu⸗ derte ihn abermals, aber noch ſtärker und wüthender an die Einfaſſung. Von Wunden bedeckt, war der Löwe bald unfähig zum weitern Kampfe. Den Büffel hatte ſeine Anſtrengung ſo ſehr erſchöpft, daß er ſelbſt neben dem Beſiegten niederfiel. Die Wächter brach⸗ ten ihn mit einiger Mühe wieder auf die Beine und führten ihn weg. Ebenfalls nicht ohne Schwierigkeit ſchleppte man den Löwen in ſeinen Käfig. Nach einigen Tagen war er ganz hergeſtellt; der Büffel dagegen ſtarb am andern Morgen. Aller⸗ dings war er am Halſe ſo fürchterlich zerfleiſcht, daß der Schmerz ihn ſo wüthend machte, daß man ſich nicht nähern konnte, um ihm Heilmittel beizubringen. Dieſem Kampfe folg⸗ ten andere zwiſchen Thieren von geringerer Kraft. Sie boten nichts beſonders Intereſſantes. 8 Dann erſchienen zwei Borer vom Myſore, um uns ihre Fertigkeit in einer Kunſt zu zeigen, die man in Europa ſeit mehr als zweitauſend Jahren und in Aſien ſeit einer noch grö⸗ ßern Anzahl von Jahrhunderten treiben ſoll; dieſe Boxer nennt man Jetties wegen der beſondern Art von Streithandſchuhen, die ſie an der rechten Hand tragen. Dieſer Streithandſchuh iſt von llhorn und mit fünf ſehr ſpitzigen Vorſprüngen beſetzt, 9 231 von denen der fünfte, nahe am kleinen Finger, ſtärker iſt, als die übrigen. Dieſe Vorſprünge machen das Inſtrument äußerſt gefährlich, und ein einziger, von kräftiger Hand geführter Schlag würde hinreichen, einem Menſchen den Schädel zu zertrümmern, wenn ſeine ſchlimme Lage zwiſchen den Fingergelenken die Wir⸗ kung nicht ſchwächte. Der Schlagende läuft in der That Ge⸗ fahr, ſich die Hand zu verrenken. Die Jetties führen ihre Schläge von oben herunter gerade auf das Haupt und nie auf die untern Theile des Körpers. Selten geſchieht es, daß dieſe Schläge nicht das Fleiſch bis auf die Knochen aufreißen. Ihre Hauptübung beſteht indeſſen im Ringen, und der Fechthand⸗ ſchuh kommt nur nebenbei in Anwendung; aber dieſes Neben⸗ ding iſt furchtbar, denn meiſtens ziehen die Kämpfenden ſehr entſtellt ab. 8 Unglaubliche Geſchicklichkeit wird bei dieſen Kämpfen ent⸗ wickelt. Die Streiter fechten lange, ehe es ihnen gelingt, ſich gegenſeitig Schläge beizubringen. Mit außerordentlicher Ge⸗ wandtheit decken ſie ihre Köpfe gegen den Angriff. In der Regel ſind es ſchöne, vollkommen geformte Leute, von einer den gewoͤhnlichen Wuchs der Indier überragenden Größe. Sie bil⸗ den eine beſondere Klaſſe, und der Urſprung ihres Gewerbes ſteigt zu den früheſten Epochen der Geſchichte von Myſore zu⸗ rück. Alle Jahre verſammeln ſich ihre geſchickteſten Kämpfer während des Duſſerah⸗Feſtes, um in Paaren vor dem Fürſten zu fechten. Trotz ihrer ſanften Sitten ſind ſie von ihren Kan⸗ tons⸗Nachbarn gefürchtet; die körperlichen Kräfte, die ihnen zu Gebote ſtehen, um ohne langen Prozeß die geringſte Beleidi⸗ gung zu ſtrafen, erwirbt ihnen eine gewiſſe äußere Achtung, hinter der ſich eine tiefe Verachtung für ihr Gewerbe birgt. Zu allen Zeiten haben die eingebornen Fürſten dieſe Art von Induſtrie ermuthigt, und wenn auch die Belohnung der Sieger 232 weit nicht für die Unannehmlichkeit des Kampfes entſchädigt, ſo iſt doch der Wetteifer, den bei dieſen Menſchen ein Blick des Herrſchers erzeugt, ſo gewaltig, daß ſie dafür den gefähr⸗ lichſten Schlägen die Stirne bieten und die Bezahlung mit ein paar Rupien gar nicht rechnen. Die zwei Jetties, welche zuerſt kämpften, waren wohlge⸗ baute junge Männer von mittlerer Größe. Ihre Körper ſchie⸗ nen weder ſehr ſtark, noch ſehr muskelig, zeichneten ſich dage⸗ gen durch das Kompakte und das Ebenmaß in allen ihren Theilen aus. Schon ihre prächtigen, impoſanten Stellungen voll natürlicher Grazie gaben dieſen Leuten den Vorrang vor den Leuten, welche in Europa daſſelbe Gewerbe treiben. Sie ſtellten ſich einander gegenüber, hoben und kreuzten ihre linken Arme und nahmen den gehörigen Standpunkt ein, um den Kampf zu beginnen. Nach einer Reihe von Evolutionen, von Streichen, welche mit gleicher Lebhaftigkeit von beiden Seiten verſucht und parirt wurden, wobei von Zeit zu Zeit ein Schlag ihrer flachen rechten Buund an dem linken Arm erſcholl, gelang es endlich einem der Streiter, ſeinen Gegner an den Backen zu treffen, und mit einem Streiche ſeines Fechthandſchuhes zerriß er ihm das Fleiſch bis auf den Knochen. Der Verwundete beugte ſich und hob den Angreifer in die Höhe; dieſer aber brachte ihm einen zweiten Schlag oben auf den Kopf bei, daß ihm das Blut bis auf das Genick und die Schultern ſpritzte. Er konnte ſich indeſſen nicht vor dem Falle retten und empfing auch ſeinerſeits eine Wunde, welche ihn umſtürzte. Mit über⸗ raſchender Behendigkeit ſprang er wieder auf. Dann faßten ſich die beiden Kämpfer Leib an Leib und verſetzten ſich ſo furchtbare Streiche, daß beide in wenigen Augenblicken ganz entſtellt waren. Bei dieſem Anblicke war uns äußerſt peinlich zu Muthe, und als Einer vom Gefolge des Rajah für die „ . 233 Unglücklichen Fürſprache einlegte, unterſtützten wir das Geſuch auf das Lebhafteſte, und der Rajah gab den Streitenden ein Zeichen, ſich zu trennen. Er ließ ſie zu gleicher Zeit reichlich für ihre Anſtrengung entſchädigen, und Beide entfernten ſich äußerſt zufrieden und bereit, wie ſie ſagten, eine für ſie ſo ein⸗ trägliche Uebung alle Tage von Neuem zu beginnen. Mit Vergnügen bemerkten wir, daß der Kampf das gute Einver⸗ ſtändniß zwiſchen dieſen zwei Leuten nicht geſtört hatte. Sie blieben innerhalb der Einfaſſung auf der Erde liegen, um bei den Spielen zuzuſchauen, und plauderten mit einander, als ob nichts geſchehen wäre. Man ſagte mir, das ſei ſo gebräuch⸗ lich; ſie pflegen die Schläge zu vergeſſen, ſobald der Kamdf geendet ſei. Nach den Ringern erſchienen Gaukler, deren⸗Spiele für mich, redlich geſtanden, den intereſſanteſten T heil der Uebungen bildeten. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen gegen den Ra⸗ jah und uns Europäer, die wir bei ihm zum Beſuche waren, begannen die Gaukler ihr Spiel, welches Anfangs nur in ge⸗ wöhnlichen Stücken beſtand, wie man ſie auf jedem Jahrmarkte in unſern Dörfern ſieht. Dann nahm Einer ein großes irde⸗ nes Gefäß mit weitem Halſe, füllte es mit Waſſer und kehrte es um. Das Waſſer lief natürlich heraus, aber ſobald er das Gefäß wieder umgekehrt hatte, füllte es ſich von Neuem. Er leerte es ſodann nochmals aus, und ließ es von Allen unter⸗ ſuchen; hierauf bat er Einen von uns, es zu füllen; als das geſchehen war, kehrte er es um und Nichts lief heraus, und dennoch war das Gefäß zu unſerem großen Erſtaunen leer, nachdem er es abermals umgekehrt hatte. Ich prüfte das Ge⸗ fäß ſorgfältig, fand aber nichts Außerordentliches daran. Man erlaubte mir, es zu behalten und ſelbſt zu füllen; es war im⸗ mer leer, wenn man es wieder aufrichtete, und der Boden blieb 4 234 dennoch trocken. Das Gefäß war grob gearbeitet und beſtand aus gewöhnlicher Erde. Um uns zu überzeugen, daß in ſeiner Konſtruktion nichts Beſonderes ſei, zerbrach es der Gaukler und vertheilte die Scherben unter die Geſellſchaft. Das zweite Stück war noch außerordentlicher. Man brachte einen großen Korb, unter den man eine magere, aus⸗ gehungerte Pariahündin ſetzte, und als man den Korb nach Verlauf einer Minute wegnahm, ſah man die Hündin von ſie⸗ ben kleinen Hunden umgeben. Der Korb wurde wieder an ſeine Stelle geſetzt, und als man ihn aufhob, fand man ſtatt der Hunde eine Ziege; dann ein lebendiges Schwein; dann daſſelbe Schwein mit abgeſchnittenem Halſe; dann dieſes Thier wieder belebt. Merkwürdig war dabei, daß Niemand dem Gaukler zur Seite ſtand, während er den Korb ſetzte und auf⸗ hob. Das letzte Mal war gar nichts mehr unten, und wir vermochten nicht zu errathen, was aus den Thieren gewor⸗ den ſei.* Einer von dieſen Gauklern nahm hierauf einen Sack mit fünfunddreißig kupfernen Kugeln, die er eine nach der andern in die Luft warf, ohne daß eine einzige zurückzufallen ſchien; nachdem er die letzte geſchleudert hatte, machte er wenigſtens eine Minute lang verſchiedene Geberden mit den Händen, wo⸗ bei er einen barbariſchen Geſang, eine Art von Grunzen, ver⸗ nehmen ließ. Dann fingen alle Kugeln an einzeln zu fallen und wurden wieder in den Sack gebracht. Während der Gauk⸗ ler dieſes Stück machte, durfte ihm Niemand nahen. Nun erſchien ein bis zum Gürtel nackter Burſche, ergriff einen Bambus von zwanzig Fuß Höhe, ſtellte ihn ſenkrecht auf einen platten Stein und kletterte dann mit bewunderungswür⸗ diger Behendigkeit bis oben hinauf. Sofort ſtellte er ſich auf die Spitze des Bambus, den er im Gleichgewichte hielt. Um — 235 die Lende hatte er einen Gürtel, an welchen ein Stück hohles Eiſen befeſtigt war. Nun ſprang er aus ſeiner aufrechten Stel lung und warf ſich mit ſolcher Genauigkeit vorwärts, daß das obere Ende des Bambus in die Höhlung des Eiſens eindrang; und in dieſer Lage machte er den Windmühlenflügel mit ſolcher Schnelligkeit, daß der Anblick Schwindel erregte. Während dieſer Zeit ſchien der Bambus durch übernatürliche Kraft auf⸗ recht erhalten. Der Gaukler zog die Beine zurück, bis ihre⸗ Ferſen die Schultern berührten, nahm die Knöchel in die Hand und fuhr fort, ſich ſo reißend ſchnell zu drehen, daß man die Umriſſe ſeines Körpers nicht mehr deutlich unterſcheiden konnte; dann ließ er ſich längs dem Bambus zur Erde gleiten, ſetzte dieſen auf ſeinem Kinn und dann auf ſeiner Naſe in's Gleich⸗ gewicht und ſchleuderte ihn endlich, ohne ſich der Hände zu be⸗ dienen, ziemlich weit von ſich. Beim folgenden Stücke breitete man ein großes Tuch auf dem Boden aus. Nach einigen Augenblicken ſchien es ſich nach und nach von ſelbſt zu heben, und als man es wegnahm, ſah man drei große Ananas, die eben aus der Erde kamen; ſie wurden zerſchnitten und den Zuſchauern gereicht. Ein Mann von hohem Wuchſe und athletiſchen Formen trat hervor und warf ſich zu Boden, nachdem er der Verſamm⸗ lung ſeinen Salem gemacht. Dann erhob eer ſich langſam, den Kopf unten und die Füße in der Luft, kreuzte die Arme über die Bruſt und verharrte in dieſer Stellung im Gleichgewichte. Man gab ihm hierauf eine Schale mit ſechzehn kupfernen Ku⸗ geln in die Hände; er nahm die Kugeln heraus, warf ſie in die Luft, hielt ſte in fortwährender Bewegung, und beſchrieb damit alle möglichen Figuren, ohne daß je eine die Erde be⸗ rührte. Nach einiger Zeit näherte ſich ein kleiner, magerer Menſch, kletterte behende am Körper des erſten hinan, und „ 5 236 ſtellte ſich aufrecht auf die umgekehrten Füße ſeines Kameraden, der auf dem Kopfe ſtehen blieb. Dieſem gab man eine zweite Schale, ebenfalls mit ſechzehn Kugeln; er warf ſie in die Luft, und ſo waren nun zweiunddreißig Kugeln in ſteter Bewegung, und da die Sonne eben auf die geglättete Oberfläche fiel, ſo hätte man meinen ſollen, die Gaukler ſtänden mitten in einem Goldregen. Die Wirkung war außerordentlich, und die Men⸗ ſchen legten dabei eine wunderbare Geſchicklichkeit an den Tag. Nachdem der obere alle ſeine Kugeln wieder aufgefangen hatte, ſprang er auf den Boden, und der andere war im ſelben Augenblicke wieder auf den Beinen. Nach kurzer Unterbrechung ſtellte der, welcher Anfangs auf dem Kopfe geſtanden hatte, ſeine Füße dicht zuſammen, ſein Kamerad kletterte wie das erſte Mal ſeinen Körper hinan, ſtreckte die Beine in die Luft und ſtützte den Kopf auf den ſeines Kameraden, ſo daß ihre Stel⸗ lung gerade die umgekehrte von der vorigen war. Sie hielten ſich bei der Hand, bis ſie ſich des Gleichgewichts verſichert hatten, dann ließen ſie ſich los, und der Obere breitete die Arme aus, um zu zeigen, wie feſt er ſich halte. Seine Beine trennten ſich zuweilen, aber der Körper bewegte ſich nicht. Nach einiger Zeit gab man ihnen die Schalen mit den Kugeln wie⸗ der, ſie warfen ſie in die Luft, fingen ſie auf, ohne daß je eine von den zweiunddreißig Kugeln auf eine andere geſtoßen wäre. Als ſie ihr Kugelſpiel beendigt hatten, nahm der Obere eine gewiſſe Anzahl kleiner ſtählerner, zwei Zoll langer Cylin⸗ der. Mehrere davon ſetzte er ſo Ende an Ende auf ſeine Naſe, daß ſie eine Stange von mehr, als einem Fuß Länge bildeten. Quer oben über dieſe Stange legte er eine platte, vier Zoll lange und eine halb Zoll breite Kupferſtange; auf dieſe ſtellte er einen ſeiner kleinen Cylinder und oben auf den Cylinder eine * 8 237 — Lanze. Nachdem er dieſes ganze Gebäude einige Zeit aufrecht erhalten, hob er ein Stück nach dem andern ab, und warf es auf den Boden. Dann nahm er ſeinen Kameraden bei der Hand, ſprang zur Erde, machte ſeinen Salem und entfernte ſich. Da die Spiele nun beendet waren, grüßten auch wir den Rajah zum Abſchiede und zogen uns zurück. Haifiſchfang. 4 Der Haifiſch iſt der Feind des Matroſen, der ihm die Feindſchaft ehrlich zurückbezahlt, und wahrlich, er hat Urſache dazu. Wenn der Schiffsjunge das Fleiſch oder den Stockfiſch, welche das tägliche Mahl der Mannſchaft ausmachen, in das Netz thut, um es in's fließende Waſſer zu ſenken, damit die Salztheile daraus entfernt werden, zieht ein hungriger Haifiſch vorbei und bringt den Jungen in Verzweiflung; ſein graues Auge heftet ſich auf das Netz, ſein breites Maul verſchluckt es ganz, und das Tau hängt ſchlaff in's Waſſer. Der Schiffs⸗ junge zieht es traurig empor, es iſt glatt abgeſchnitten, und das Mittagsbrod der Mannſchaft ſchwimmt bereits in andern Gewäſſern. Wenn ein reinlicher Matroſe ſich den Schlaf abbricht, um zum morgenden Sonntag ſeine Leinwandhoſe und ſein rothes Hemde zu waſchen, befeſtigt er es mit einem ſoliden Knoten an ein Tau und ſenkt es in die Wellen, deren weißer Schaum es durchdringt; dann legt er ſich in ſeine Hängematte, um ein — 5 238 paar Stunden zu ſchlafen, und denkt beim Erwachen ſeine Klei⸗ dungsſtücke rein zu finden. Aber Meiſter Haifiſch? Der Ma⸗ troſe ſchläft, der Haifiſch ſchwimmt vorüber; keine Hoſe mehr, kein Hemd, Alles war bereits gewaſchen, es war eine ſehr rein⸗ liche Mahlzeit. Und wer zweifelt nun noch, daß der Haifiſch der Todfeind des Matroſen ſei? Außer dieſen Thatſachen, die für den armen Teufel von Matroſen dadurch noch bedeutender werden, daß ſie ihn des Mahles und der Kleider berauben, ſind noch am Bord eines jeden Schiffes traurige Ueberlieferungen im Schwunge von Freunden und Verwandten, die Glied für Glied in dem ſchrecklichen Rachen des Thieres ihren Tod gefunden haben. Und wenn er nun ſelbſt, der arme Matroſe, bleich und leidend vor Krankheit, an einem ſchönen Tage auf das Verdeck geht, um friſche Luft zu ſchöpfen, und ſich über die Bruſtwehr lehnt, um in das ſchöne blaue Waſſer zu blicken, wird er nicht den gräßlichen Haifiſch wahrnehmen, deſſen gräuliche Maſſe von der Dichtigkeit des Waſſers Colorit empfängt, wie er ſich um das Schiff bewegt und die Oberfläche mit ſeinen Floſſen ſchlägt, als freute er ſich, daß ihm der Tod bald einen Körper hinabwer⸗ fen werde? Er verläßt nicht mehr das Schiff, er folgt ihm mehrere Tage. Der arme Teufel, deſſen Koͤrper mit der Krank⸗ heit kämpft, kann ſich in ſeiner Hängematte des Gedankens nicht erwehren, der Haifiſch iſt da, er iſt da. Und wer zwei⸗ felte nun noch, daß er ihm alle möglichen Martern angedeihen laſſen wird, wenn er durch Liſt Meiſter dieſes furchtbaren Fein⸗ des wird, dieſes Feindes, der den armen Matroſen nicht nur beraubt, ſondern ihn ſogar zu verſchlingen droht. Das iſt ein Haß, von Geburt an, der ſich auf Generationen forterbt, das iſt ein Blutmandat, das Einer von Beiden früher oder ſpäter vollziehen muß, das iſt die ewige Blutrache. 239 Haifiſch fängt, ſtets glänzend und ſcharf unterhalten, um auf den erſten Wink bereit zu ſein. Der Bootsmann trägt Sorge dafür, und ſein Eifer iſt nicht zu beſchreiben, wenn man ihn verlangt. Ess iſt ein Feſt auf dem Schiffe, wenn Meiſter Haifiſch es ſich einfallen läßt, in den Gewäſſern eines Schiffes zu ſtrei⸗ fen. Der Matroſe, der ihn zuerſt erblickt, benachrichtigt davon ſogleich ſeine Kameraden.„Ein Haifiſch, ein Haifiſch!« er⸗ ſchallt's auf allen Seiten des Schiffes, als wär's ein Freuden⸗ ruf. Der Bootsmann verſchwindet auf einen Augenblick, um gleich wieder mit einem großen Eiſenhaken zu erſcheinen, woran eine mehrere Fuß lange Kette hängt. Der arme Offizier, der von der tropiſchen Sonne ermattet auf einen Augenblick Ruhe in ſeiner Hängematte ſuchte, kann kein Auge ſchließen und muß ſich den Andern zugeſellen; die Paſſagiere verlaſſen ihre ewige Damenpartie, und die Matroſen ſtürzen alle nach dem Hinter⸗ theil des Schiffes; es iſt ein wahrer Aufſtand im Kleinen. Aber mitten in dieſem Getümmel hört man nach Speck ſchreien, und der Koch iſt auch ſchon in die Vorrathskammer hinabge⸗ ſtiegen, um mit aufgeſchürztem Aermel in dem Pökelfaſſe nach einem Biſſen zu wühlen, der im Stande wäre, den Appetit des Ungeheuers zu wecken. Endlich hat er es gefunden, der Speck wird an einen furchtbaren Haken befeſtigt; ein Tau, deſſen Stärke von Allen unterſucht wurde, wird an die kleine Kette geknüpft, und der Köder dann mit möglichſtem Lärm in's Meer geworfen, damit die Aufmerkſamkeit des Haifiſches erregt werde. Und wirklich nähert er ſich, indem er das Waſſer mit ſeiner ſpitzigen Floße ſchlägt. Der Haifiſch ſchwimmt geſchwind, und die Matroſen zittern vor Ungeduld. Auch wird der ſtarke Haken, womit man gewöhnlich den Alles iſt auf dem Hackbord gruppirt; Offiziere, Paſſagiere 240 und Matroſen richten ihre Blicke auf das heranſchwimmende Thier. Der Speck wird mehrmals aus dem Waſſer gezogen und mit Geräuſch wieder hineingeworfen; das Thier ſteuert darauf hin, und die Erwartung iſt auf das Höchſte geſpannt. Noch iſt er einige Fuß davon, er umſchwimmt den Köder, er taucht unter, als wollte er ihn von unten beſichtigen, er ſchwimmt noch einmal näher und ſcheint ihn zu beriechen.— „Das iſt vortrefflicher Speck, ſieh nur zu!« ſchreit ihm der Koch zu;„beiß' an, beiß' an!«—„Der Zahnſtocher ſitzt feſt daran!“ ſetzt ein Matroſe hinzu, der mit dem Bootsmann das Tau hält, um den nöthigen Ruck zu geben, wenn das Thier anbeißen ſollte. Der Haifiſch reibt das äußerſte Ende ſeines Kopfes an dem Speck, dann ſchwimmt er ein wenig zurück, kehrt langſam um, und halb auf dem Rücken liegend, öffnet er einen Rachen, vor deſſen Anblick die Schiffsjungen und Matro⸗ ſen erbleichen: Speck, Haken, ein Fuß von der Kette verſchwin⸗ den zwiſchen den Kiefern des Haifiſches; die Matroſen geben dem Taue einen mächtigen Ruck, damit die Spitze der Rieſen⸗ angel in den Gaumen des Ungeheuers tiefer eindringe; das Tau wird ſtraff, und das Thier fängt an ſich heftiger zu be⸗ wegen. Nun bricht die Freude los und macht ſich Luft durch Sie⸗ gesgeſchrei, ſpöttiſche Epigramme und ſchmähliche Beleidigungen gegen den Haifiſch; das Meer ſchäumt rings umher, und die Heſtigkeit ſeiner Bewegung treibt das Inſtrument immer tiefer in ſeine Kinnladen. Der Haifiſch macht ungeheure Sätze und beſchreibt Kreiſe, denen nur die Kürze des Taues Schranken ſetzt; plötzlich taucht er unter; aber das ſichere Tau hält ihn auf und verwundet ihn ſtärker; er ſteigt wieder in die Höhe und kämpft beſtändig; es ſcheint, als wolle er die Feſtigkeit der Bande erproben, die ihn an den Tod ketten. Nun aber 241 werden die Zuckungen immer heftiger, doch nicht lange; bald vermindern ſie ſich wieder; er bleibt länger an der Oberfläche und rollt ſein ſterbendes Auge, das ein blutrother Schimmer nur auf einige Augenblicke noch belebt. Die freudigen Matro⸗ ſen betrachten, weit über Bord liegend, das Nachlaſſen der Kräfte ihres Feindes; die Matroſenſpäße fehlen nicht dabei. Welche Beſchimpfung für einen Haifiſch von zehn Fuß Länge. Dieß iſt aber nur der erſte Akt des Drama's; das Thier hat noch nicht alle Leiden ertragen, die man ihm aufſpart; zuerſt ziehen zehn Schiffsleute das Tau aus dem Waſſer em⸗ por; wenn er dieſes ſpürt, ſo fangen ſeine Sprünge von Neuem an; er will ſich an das Meer anklammern; ſein Schweif ſchlägt das Waſſer, und der Schaum ſpritzt bis nach den Neugierigen hin. Vergebene Mühe! Bald hat er ſeinen Stützpunkt ver⸗ loren; ſeine Zuckungen hören auf, ſein Körper dehnt ſich aus. Manchmal noch ergreift ihn ein Krampf, ſein Schweif ſchlägt die Luft, ein Schauer bewegt ſeine Kinnlade, die feſt am Ha⸗ ken hängt; aber er wird ruhiger, die letzten Konvulſionen ſetzen aus. Einige Matroſen werden wieder zu ihrer Arbeit geſchickt; der Haifiſch ſoll einige Zeit hängen bleiben. Einer ſeiner ge⸗ borenen Feinde gießt ihm nun einen Eimer Waſſer in den Ra⸗ chen; das Thier bewegt ſich ein wenig und wirft einen drohen⸗ den Blick nach dem erblaſſenden Matroſen; allein dieß iſt nur eine Großſprecherei des Haifiſches, die nun keine Folgen mehr haben kann. Eine Stunde iſt verfloſſen; er bewegt ſich nicht mehr, und man hat ihm Schlingen um den Körper geworfen. Mit unſäglicher Mühe und Vorſicht wird der Haffiſch jetzt an Bord gezogen. Aber glaubt Ihr wohl, daß er todt ſei? So⸗ bald er auf dem Verdecke liegt, fängt er wieder an ſich zu winden; ſein Schweif ſchlägt das Verdeck mit einer Heftigkeit, die Alles zertrümmern würde, was ihr erreichbar wäre; man Aus allen Welttheilen. 4 16 242 zieht ihn beim Kopfe nach der Mitte des Schiffes; auf dem Wege ergießt er einen Streifen ſchwarzes Blut, den ſein nach⸗ ziehender Schweif rings umher ſpritzt; Alle halten ſich entfernt; ein einziger Schlag mit dieſem Schweife würde noch jetzt ein Glied zerbrechen. Beim Kopfe iſt die Gefahr minder groß; die Zähne haken ſich in ein Tauende, welches im Wege lag, und zermalmen es zu Werg. Kühne Matroſen klettern auf das Dahlbord, die Paſſagiere poſtiren ſich in die Schaluppe, welche das Verdeck beherrſcht. Aber der Schiffszimmermann hat indeß ſein Beil geſchliffen und nähert ſich der Gruppe, die nach und nach wieder das Thier umgibt; dieſe wichtige Perſon wirft einige verachtende Scherze nach dem Haifiſche hin, hebt das Beil und— der Schweif iſt vom Rumpfe getrennt. Jetzt iſt keine Gefahr mehr für die Beine der Neugierigen; die Paſſa⸗ giere ſteigen aus der Schaluppe, und wagen ſich auf den blut⸗ befleckten Schauplatz des Gerichtes. Spaßvögel nähern ſich dem Kopfe und ſtecken von Weitem einige Stücke Holz in den Rachen; eine Bewegung der Kinnlade verjagt ſie. Ein alter Matroſe, der ſich darauf verſteht, ſetzt ſich rittlings auf den Hai, ſtößt ihm ſein langes Meſſer in den Bauch und ſchlitzt ihn von unten bis oben auf. Jeder Theil der innern Anato⸗ mie des Hai's wird nun von dem Opferprieſter herausgenom⸗ men und den Matroſen gezeigt. Die Offiziere mögen die Müſſigen wegjagen, ſo viel ſie wollen, ſie kommen immer von der andern Seite wieder. Hat man einen Hai gefangen, ſo will der Matroſe vor Allem wiſſen, was das Thier verſchlun⸗ gen hat. Derjenige, der mit nackten Armen und auseinander geſpreizten Beinen die Eingeweide des Thieres unterſucht, bringt auch Alles zum Vorſchein, womit es ſich ſeit vierundzwanzig Stunden genährt hatte. Gewöhnlich ſind es Ueberbleibſel klei⸗ ner Fiſche, Stücke alter Leinwand und Tauenden, welche über 243 Bord geworfen waren. Wir fanden auf der Reiſe nach In⸗ dien in einem von uns gefangenen Haifiſche die Ottermütze unſeres alten Doktors, welche ein Tau ihm vom Kopf in's Meer geworfen hatte. Sie war gar nicht beſchädigt, das Thier hatte ſie nicht verdauen können, und der Doktor trägt ſie mahr⸗ ſcheinlich noch heute.— Straußenjagd bei den Arabern. (Nach General Daumas.) Man jagt in der Wüſte den Strauß auf zweierlei Art: Jagd zu Pferde. Jagd auf dem Anſtand. Eine dritte Art iſt nur eine Abart der zweiten, man todtet den She wenn er an eine Quelle kommt, um ſeinen Durſt zu 15 en Ddie wahre Jagd iſt zu Pferde. Die Jagd anf Anſtand, die wir in Frankreich Courre à Larrèt nennen, iſt das Ver⸗ gnügen des Edelmanns und der Könige, ſagte man früher, und icht das Geſchäft des Wilddiebes oder Jägers zu Fuß.— Man begnügt ſich auch nicht damit zu tödten, man hetzt. Die dem arabiſchen Pferde gewöhnlich gegebene Abrich⸗ tung genügt für die Jagd nicht vollſtändig. Es iſt dazu noch eine beſondere Vorbereitung nöthig, wie bei unſerem Renn⸗ pferde, man muß daſſelbe nämlich einige T age vor der Jagd trainiren. 244 Die Art der bei den Pferden der Sahara üblichen Vor⸗ bereitung iſt folgende: Sieben bis acht Tage vor dem Ritt gibt man kein Stroh oder Gras zu freſſen, ſondern nur Gerſte, tränkt nur einmal am Tage beim Sonnenuntergang, wo das Waſſer anfängt fri⸗ ſcher zu werden, und badet das Pferd. Man bewegt es täg⸗ lich längere Zeit, wobei man mit Schritt und Galopp wechſelt, und ſich zugleich davon überzeugt, daß Nichts an der zur Straußjagd gehoͤrigen Zäumung fehle, von der ich noch reden werde. Nach dieſen ſechs bis ſieben Tagen, ſagt der Araber, verliert das Pferd den dicken Leib, während Hals, Bruſt und Kruppe in demſelben Stande bleiben, und dann iſt daſſelbe fä⸗ hig, Anſtrengungen zu ertragen. Dieſe Vorbereitung des Pfer⸗ des nennt man Techaha. Außerdem wird auch die Pferdebekleidung etwas abgeän⸗ dert, nämlich leichter gemacht. Die Bügel müſſen weniger ſchwer ſein, der Sattelbaum ſehr leicht, die Pauſchen niedriger, der Sattel ohne Stara. Der Bruſtriemen bleibt fort und von den gewöhnlichen ſieben Filzdecken werden nur zwei aufgelegt. Ebenſo erfährt der Zaum zahlreiche Abänderungen, die Backenſtücke und Scheuklappen bleiben fort, das Gebiß wird einfach an einen Kameelſtrick gebunden, der feſt genug iſt, es hat keine Kehlriemen, ſondern wird nur durch eine Art Stirn⸗ riemen, der ebenſo aus einem Kameelſtrick beſteht, feſtgehalten, die Zügel ſind ſehr leicht aber dauerhaft. Die Pferde werden auf allen vier Füßen beſchlagen. Die günſtigſte Zeit für die Jagd iſt die der großen Som⸗ merhitze; je heißer es iſt, deſto weniger Kraft hat der Strauß zum Widerſtande. Die Araber beſtimmen dieſe Zeit ganz ge⸗ nau, indem ſie ſagen, es iſt die, wo der Schatten des auf⸗ 1 245 recht ſtehenden Menſchen nicht länger iſt, als die Sohle eines Schuhes. Es iſt ein wahrer Ausflug, der ſieben bis acht Tage währt. Er erfordert Vorbereitungen, welche von einem Dutzend Reiter, die ſich wie bei einer Razzia vereinigen, verabredet werden. Jeder Reiter iſt von einem Diener begleitet, der bei die⸗ ſer Gelegenheit Zemmal genannt wird und auf einem Kameel reitet, das vier Bockſchläuche mit Waſſer, Gerſte für das Pferd, Weizenmehl(deguig), eine andere Art geröſteten Mehls (rouina), Datteln, einen Topf(mordjem) zum Kochen der Lebensmittel, Riemen, eine Nadel, Hufeiſen und Hufnägel trägt.—. Der Reiter darf nur ein wollenes oder baumwollenes Hemde und eine wollene Hoſe tragen, Kopf und Ohren hüllt er in ein Stück leichten Zeuges, das in der Wüſte Haouli heißt und durch einen Kameelſtrick feſtgehalten wird, an den Füßen trägt er mittelſt Schnüren befeſtigte Schuhe und leichte Kamaſchen(trabag), er führt weder Gewehre noch Piſtole und Pulver mit ſich, ſeine einzige Waffe iſt ein wilder Oliven⸗ oder Tamarindenſtock von fünf bis ſechs Fuß Länge mit einem ſchweren Knopf am Ende. Man bricht nicht eher auf, als bis man durch Reiſende, Karawanen oder zu dieſem Behuf ausgeſchickte Leute erfahren hat, daß an einem beſtimmten Orte ſich eine große Anzahl von Straußen aufhalte. 1— Man findet ſie gewöhnlich an Orten, wo viel Kraut wächst und vor Kurzem Regen gefallen iſt. Die Araber be⸗ haupten, daß, ſobald der Strauß Blitze leuchten und ſich ein Unwetter erheben ſieht, er ſogleich nach jener Gegend hinlaufe, wenn es auch weit entfernt ſei; zehn Tage Laufs ſind für ihn 8 2 246 in ſolchen Faͤllen Nichts. In der Wüſte ſagt man von einem Menſchen, der gewandt für die Heerden ſorgt und ihnen gute Weideplätze ausſucht:„Er iſt, wie der Strauß, er kommt an, wo er den Blitz leuchten ſieht.« Man bricht des Morgens auf. Nach einem oder zwei Marſchtagen, wenn man in der Nähe des Ortes angelangt iſtſt, wo die Strauße geſehen worden ſind, und wenn man ihre Spuren ſieht, macht man Halt und lagert ſich. Am anderen Morgen werden von Neuem zwei gewandte, ganz nackte, nur mit einem Schnupftuch in Stelle von Hoſen bekleidete Diener auf Kundſchaft geſchickt. Dieſelben hängen ein Bockfell(chi⸗ bouta) um, nehmen etwas Brod mit ſich und gehen vorwärts, is ſie die Strauße ſehen, welche, wie die Araber erzählen, ſich 3 ſtets auf hoch gelegenen Stellen aufhalten. So wie ſie dieſl.⸗ ben bemerken, legen ſie ſich nieder und beobachten jene; Einer bleibt dort, der Andere kehrt zur Benachrichtigung des Goum* zurück. Er hat oft 30, 40, ja 60 Strauße geſehen, denn es gibt, wie behauptet wird, Heerden(Djeliba) von dieſer Stärke, ſonſt aber trifft man in der Regel nur drei bis vier Paare beiſammen. Die von den Dienern benachrichtigten Reiter brechen lang⸗ 8 F ſam nach der Gegend, wo die Strauße ſind, auf. Wenn ſie dem Hügel näher kommen, auf welchem die Strauße geſehen worden ſind, ſteigen ſie von den Pferden. Zwei Späher über⸗ 5 zeugen ſich vorkriechend nochmals, daß die Strauße ſich noch an chneten Stelle ufhalten; haben ſie ſich davon über⸗— ſo werden die Pferde, aber mäßig, von dem auf den mitgenommenen Waſſer getränkt, da me i ſelten eiie — Auf dem Halteplatze bleibt alles Gepäck ohne Wache zurück; jeder Reiter nimmt eine Chibouta mit ſich. Die Diener folgen mit den Kameelen dem Hufſchlag der Herre, . 4 †. ,— — —— 247 die Kameele tragen nunmehr nur noch das Abendfutter für die Pferde, das eigene Freſſen, und Waſſer für Menſchen und Thiere. Iſt das Lager der Strauße genugſam recognoscirt, ſo ver⸗ abredet man ſich; die zehn Reiter trennen ſich und bilden einen Kreis, durch den die Beute umzingelt wird, aber in ſehr gro⸗ ßer Entfernung, um nicht bemerkt zu werden, da der Strauß ein ſehr ſcharfes Geſicht hat. Die Diener warten am Tren⸗ nungspunkte, und rücken erſt geradezu vor, wenn ſie jene Alle auf ihren Poſten ſehen. Die erſchreckten Strauße fliehen, ſto⸗ ßen aber auf die Reiter, welche für jetzt nur darnach trachten, ſie wieder in den Kreis zurückzujagen. So erſchöpft der Strauß ſeine Kräfte durch das fortwährende ſchnelle Hin⸗ und Herlau⸗ fen, denn ſobald er überraſcht wird,„ſchont er ſeinen Athem nicht«, er wiederholt noch öfter ſeinen Anlauf, um aus dem Kreis zu entkommen, kehrt aber immer wieder, durch die Rei⸗ ter in Schrecken geſetzt, um. Bei den erſten Zeichen der Er⸗ müdung eilen die Reiter gerade auf die Heerde los, welche auseinanderſtäubt, man ſieht die abgematteten Strauße die Flü⸗ gel heben. Letzteres iſt ein Zeichen der äußerſten Erſchöpfung, die Reiter, des Fanges ſicher, laſſen ihre Pferde ruhiger gehen. Jeder Reiter ſucht ſich nun einen Strauß aus, jagt auf ihn zu, erreicht ihn und zerſchmettert von hinten oder von der Seite durch einen Schlag mit meh wahnen Stocke den Kopf. Der Kopf iſt nämlich kahl und ſehr empfindlich, die übrigen Theile des Körpers würden einen größeren Widerſtand bieten.— Der heftig getroffene Strauß ſtürzt und der Reiter ſteigt ſchnell ab, um ihn abzuſchlachten, wobei er daraͤuf achtet, den Hals möglichſt vom Körper fern zu halten, um die Fluge nicht blutig zu adheß 248 Der männliche Strauß(Delim) ſtößt, wenn er getödtet wird, namentlich wenn ſeine Jungen in der Nähe ſind, kläg⸗ liche Töne aus, das Weibchen(Reumda) gibt keinen Laut von ſich. Wenn der Strauß vom Reiter erreicht wird, iſt er ſo matt, daß, wenn dieſer ihn nicht tödten will, er ihn leicht füh⸗ ren kann, wohin er will, indem er ihn mit dem Stocke leitet, denn er kann kaum noch laufen. Gleich nach dem Abſchlachten wird der Strauß ſorgfältig abgebalgt, damit die Federn nicht beſchmutzt werden, dann brei⸗ tet man den Balg auf einem Baum oder über das Pferd aus. Kommen die Kameele an, ſo wird die innere Seite des Balgs ſtark mit Salz beſtreut. Die Diener zünden ein Feuer an, ſetzen die Kochtöpfe an daſſelbe und laſſen bei ſtarker Hitze alles Fett des Thieres kochen. Iſt es recht flüſſig geworden, ſo gießt man es in eine Art von Schlauch, der aus der Haut der Straußſchenkel mit ſeinem Fuße beſteht. Bei einem guten Strauß muß das Fett ſeine beiden Beine füllen; überall ſonſt würde es verderben. Während der Brütezeit iſt der Strauß ſehr mager, und ſein Fett füllt dann bei Weitem nicht ſeine beiden Beine an; man jagt ihn um dieſe Zeit auch nur wegen ſeiner Federn. Das Fleiſch bereiten ſich die Jäger zum Abendeſſen, indem ſie es mit Pfeffer und kochen. Die Diener trät die Pferde und geben ihnen Gerſte; hat Alles ſich etwas geſtärkt, ſo begibt man ſich, wie groß auch die Anſtrengung der Jagd geweſen ſein möge, nach der Stelle zurück, wo man das Gepäck zurückgelaſſen hatte. Man lagert dort achtundvierzig Stunden, um die Pferde ausruhen zu laſſen, die während dieſes Aufenthaltes ein Gegenſtand der größten Fürſorge ſind, dann kehrt man zu ſeinen Zelten zurück. Manch⸗ — —— F—y —y ☛ —,————— — 249 mal wird die Beute der Jagd auch nach dem Douar geſchickt, die Diener bringen neuen Proviant mit, und nach neu einge⸗ zogenen Erkundigungen wird die Jagd von Neuem begonnen. In der Wüſte heißt der männliche Strauß Delim, das Weibchen Reumda, das einjährige Junge Ral, das zweijährige Ouled gleub, das dreijährige Ouled bou gleubtin, das ältere Garah. Von dieſem Alter an iſt der Strauß völlig ausge⸗ wachſen. Das Fett des Straußes wird zur Zubereitung von Spei⸗ ſen, z. B. des Kouskouſſou benutzt, auch ißt man es auf Brod. Außerdem benutzen es die Araber als Heilmittel bei vielen Krankheiten. Fieberkranke erhalten einen aus d dieſem Fett und Brodkrume bereiteten Teig zu eſſen, und dürfen an dem Tage, an welchem ſie dieß Mittel einnehmen, Nichts eſſen. Bei Nieren⸗ und rheumatiſchen Leiden reibt man damit die leidenden Theile ein, bis das Fett eingedrungen iſt, dann legt ſich der Kranke mit ſorgfältig bedecktem Kopfe in den hei— ßen Sand; es erfolgt eine heftige Transpiration und die Hei⸗ lung iſt vollſtändig. Bei Gallenkrankheiten wird das Fett etwas gewärmt, bis es ſo flüſſig iſt, wie Oel, dann ein wenig geſalzen und als Getränk gereicht. Es bewirkt einenbeträchtliche Magerkeit. »Der Kranke,“ ſagt der Araber,„en⸗ t ſich alles in ſeinem Körper enthaltenen Krankheitsſtoffes, erhält eine eiſerne Ge⸗ ſundheit und(was merkwürdig iſt) ein ausgezeichnetes Sehver⸗ mögen.“ Das Fett wird auf den Märkten verkauft, und die Wohl⸗ habenden halten ſich auch einen Vorrath davon, um es den Armen bei Krankheiten als Heilmittel zu geben. letrige iſt 250 es nicht ſehr theuer, denn man kann einen Topf davon für nur drei Töpfe mit Butter im Tauſch erhalten. Die Federn werden zu Tougourt, Leghrouat, und bei den Beni⸗Mzab in den Kſours verkauft, letztere bringen auch beim Getreide⸗Einkauf die Bälge mit an die Küſte. Die Oulad⸗Sidi⸗Chikh verkaufen den Balg des männlichen Straußes für 4— 5 Douro, den des Weibchen für 10— 15 Francs.— In der Sahara benutzte man vor der Eroberung Algiers durch die Franzoſen die ſchönen Federn nur zur Ver⸗ zierung der Zeltſpitzen oder ſteckte ſie auf Strohhuͤte. Die Fuß⸗ ſohle des Straußes benutzen die Araber, um ihr Schuhwerk haltbar zu machen, ſie legen ein Stück davon unter die Schuh⸗ ſpitze, ein anderes unter den Hacken und erhalten dadurch eine ſehr gute Sohle. Aus den Sehnen macht man Riemen zum Nähen der Sättel und zum Inſtandſetzen der verſchiedenen, aus Leder gefertigten Gegenſtände. Die Straußjagd hat für den Araber den doppelten Reiz des Gewinns und des Vergnügens, ſie iſt für den Reiter der Sahara eine Beſchäftigung, an der er Geſchmack findet, aber auch ein gewinnbringendes Unternehmen, da der Preis des Balgs und des Fettes die Koſten bei Weitem uͤberſteigt. Trotz des zahlreichen, zugleich auch unentbehrlichen Zube⸗ hörs für dieſe Jagd, wird ſie doch nicht allein von den Wohl⸗ habenden betrieben. Iee der ſicher gute Erfolge zu er⸗ ringen glaubt, ſchließt ſich den Jägern an; er ſucht einen rei⸗ chen Araber auf, der ihm Kameel, Pferd, Zäumung leiht, und zwei Drittheile von der nöthigen Gerſte, den Schläuchen und dem Mundvorrath hergibt, das letzte Drittel legt er ſelbſt hin⸗ zu, und die Beute wird in demſelben Verhältniß getheilt. Dem Diener, der während der Jagd das Kameel führt, gibt er zwei ——r — —— —y 251. Boudjou, wenn er ein Männchen und ein Boudjou, wenn er ein Weibchen tödtet, außerdem muß er ihn auch beköſtigen. Bei der Straußjagd auf dem Anſtand jagt man, wenn der Strauß die Eier gelegt hat, alſo um die Mitte des November. Fünf bis ſechs Reiter nebſt zwei Kameelen, die Lebensmittel für mindeſtens einen Monat tragen, machen ſich auf und ſuchen eine Gegend, wo vor Kurzem Regen gefallen iſt, oder wo Waſſerpfühle ſind. Sie finden dort ſicher Gras in Menge, das eine große Zahl von Straußen dahingezogen hat.— Um unnützes Umherziehen zu vermeiden, erkundigen ſie ſich bei allen Leuten und den Karavanen, denen ſie begegnen, außerdem ken⸗ nen ſie ſelbſt die Stellen ziemlich genau. Dießmal bewaffnen ſie ſich nicht mit dem Stocke, ſondern mit einem Gewehr und einem hinreichenden Vorrath von Pul⸗ ver und Kugeln. Treffen ſie auf Straußſpuren, ſo beobachten ſie dieſe ſorg⸗ fältig; finden ſie ſtellenweiſe abgefreſſene Grasplätze, ſo iſt dieß ein Zeichen, daß der Strauß dahin gekommen iſt, um Nahrung zu ſuchen; kreuzen ſich aber die Spuren nach allen Richtungen, iſt das Gras niedergetreten, aber nicht abgefreſſen, ſo iſt es ſicher, daß der Strauß ſein Neſt in der Nähe hat. Die Jäger ſuchen eifrig den Ort auf, wo er ſeine Eier legt, und nähern ſich demſelben mit Vorſicht. 2 Wenn der Strauß ſein Neſt ausgräht, hört man den gan⸗ zen Tag über ſchmachtende und klagende Töne; hat er ſeine Eier gelegt, ſo läßt er wieder ſein gewöhnliches Geſchrei nur gegen drei Uhr des Nachmittags hören. Das Weibchen brütet vom Morgen bis zum Mittag, wäh⸗ . rend das Männchen auf die Waide geht; gegen Mittag kommt dieſes zurück, nun geht das Weibchen fort, um Nahrung zu ſuchen; wenn es zurückkommt, legt es ſich 4— 5 Schritte vom ——— 4 25² Neſt, mit dem Kopfe dem Männchen zugekehrt, nieder, welches letztere die ganze Nacht über brütet, die Eier bewacht und ſie gegen ſeine Feinde vertheidigt. Der Schakal liegt unter Ande⸗ ren oft in der Umgegend auf der Lauer, und Jäger haben manchmal in der Nähe der Straußneſter todte Schakals ge⸗ funden, die nur das Männchen getödtet haben kann, da das Weibchen ſehr furchtſam und von ihm durchaus Nichts zu be⸗ ſorgen iſt. Des Morgens, wenn das Weibchen brütet, nähern ſich die Jäger von allen Seiten dem Neſte auf etwa zwanzig „Schritte und graben ſich zwei Löcher, die groß genug ſind, einen Menſchen zu verbergen. Man bedeckt dieſes Loch mit einem langen, in der Wüſte überall wachſenden Kraute, ſo daß noch der Gewehrlauf hindurch kann; in die Löcher legen ſich die beiden beſten Schützen. Das Weibchen, welches dieß ſieht, verläßt erſchreckt das Neſt und eilt zum Männchen, welches es aber mit den Flügeln ſchlägt und zwingt, zum Neſte zurückzukehren.— Wollte man die Vorbereitungen treffen, während das Männchen brütet, ſo würde dieſes das Neſt verlaſſen, das Weibchen aufſuchen und Keines von Beiden würde zurückkommen. Das zum Neſt zurückgekehrte Weibchen wird durchaus nicht geſtört, denn es iſt die Regel, zuerſt das Männchen zu tödten, deſſen Rückkehr vom Waideplatz man abwartet; dieſe erfolgt um Mittag, und der Jäger hält ſich bereit. Der Strauß breitet beim Brüten die Flügel aus, um alle Eier bedecken zu können; in dieſer Lage ſtehen die Schenkel weit nach hinten hervor, da er ſich auf die Kniee legt. Dieſer Umſtand iſt dem Schützen ſehr günſtig; er ſucht ſtets dem Thiere einen Fuß zu zerſchießen, weil es dann nicht davonlaufen kann, während es anderswo getroffen, noch entkommen könnte. 8 — yÿy—— ——— . 253 8——— Iſt der Strauß ſo getroffen, ſo eilt man auf ihn zu und ſchlachtet ihn ab; die Schützen kommen dazu aus den Löchern hervor, und die auf den Knall herbeigeeilten Geſellen unter⸗ ſtützen ſie dabei. Die Blutflecken werden mit Sand beſchüttet und das Thier ſorgfältig verborgen. Beim Sonnenuntergang kommt das Weibchen zurück, um die Nacht beim Neſte zuzubringen; die Abweſenheit des Männ⸗ chens beunruhigt es nicht, es glaubt daſſelbe auf der Waide und ſetzt ſich zum Brüten nieder. Es wird nun wie das Männchen vom zweiten Schützen, der ſein Gewehr noch nicht abgeſchoſſen hat, getödtet. Wer das Männchen getödtet hat, erhält außer dem ge⸗ meinſamen Antheil noch einen Douro, hat aber ſein Schuß, was durch Zufall, aber ſehr ſelten vorkommt, gefehlt, ſo be⸗ zahlt er ſeinen Gefährten den Preis des Thieres.„Wir haben dich gewählt,“ ſagen ſie zu ihm,„als den beſten Schützen, wir haben dir einen guten Platz bereitet, damit du uns Gutes er⸗ weiſen ſollſt, und du bereiteſt uns einen ſolchen Schaden; du mußt ihn bezahlen.“ Wer das Weibchen tödtet, erhält nur ein Ei über den gemeinſamen Antheil; hat er gefehlt, ſo verliert er jeden An⸗ theil an dem getödteten Männchen und den Ciern. Wer auf das Männchen feuern ſoll, wird vorher be⸗ ſtimmt. Das Neſt eines einzelnen Paares hat 25— 30 Eier, aber oft vereinigen ſich mehrere Paare und legen ihre Eier zuſam⸗ men. Sie bilden dann einen großen Kreis, und das älteſte Paar legt ſeine Eier in die Mitte, die übrigen rings herum in regelmäßiger Ordnung. So z. B. wenn vier Paare ſind, legen dieſelben ihre Eier in die Winkel eines Quadrats. Sind die Eier gelegt, ſo werden ſie nach der Mitte hin zuſammengeſcho⸗ 254 ben, aber nicht unter einander, und wenn das älteſte Männ⸗ chen brütet, legen ſich die anderen, auch die Weibchen, auf den Stellen nieder, wo ihre Eier gelegen haben. Dieſe Geſellſchaf⸗ ten beſtehen ſtets aus Kindern derſelben Familie, es ſind die Jungen des alten Paares, und ſie legen auch nicht ſo viele Eier, wie dieſe. Einjährige Strauße legen z. B. nur 4— 5 Eier, die auch kleiner ſind. Solche Vereinigungen von Paaren findet man aber nur an ſehr grasreichen Orten. Die Araber haben eine ganz beſondere Eigenthümlichkeit bemerkt: die Eier jedes Paares in einem ſolchen größeren Neſte liegen nämlich in Haufen, und in jedem dieſer Haufen liegt ein Ei höher als die übrigen, nämlich das zuerſt gelegte, welches eine höhere Be⸗ ſtimmung hat. Merkt nämlich das Männchen, daß der Augen⸗ blick des Auskriechens gekommen iſt, ſo zerbricht es mit ſeinem Schnabel das Ei, welches es für das am Weiteſten vorgerückte hält, und macht zugleich mit ſeinem Schnabel in das höher ge⸗ legene Ei eine kleine Oeffnung; es ſoll dieſes Ei nämlich den ausgekrochenen Jungen als erſte Mahlzeit dienen, und es hält ſich auch, obſchon es offen iſt, lange Zeit, ohne zu verderben. Dieß iſt auch nöthig, denn das Männchen bricht nicht alle Cier an demſelben Tage auf, ſondern nur 3— 4, wenn es die Kleinen ſich bewegen hört. Das Ei, mit dem die Küchlein ſich nähren, bleibt immer flüſſig, ſei es eine Vorſicht der Na⸗ tur oder weil Männchen und Weibchen es inſtinktmäßig ſchlecht bebrütet haben. Sobald die Küchlein ihre erſte Nahrung zu ſich genommen haben und in wenigen Augenblicken an der Sonne getrocknet ſind, fangen ſie ſogleich an, umherzulaufen, nach wenigen Ta⸗ gen ſchon folgen ſie dem Vater oder der Mutter auf die Waide; im Neſte legen ſie ſich unter deren Flügel. Das Neſt iſt kreisförmig in ſandigem Boden gebaut, und — 255 — zwar ſtellt es der Strauß mitaden Füßen her, indem er den Sand von der Mitte nach dem Umkreis hinauswirft, man ſteht ſchon auf große Entfernungen den Staub, den ſeine Arb hervorbringt. Das Brüten währt neunzig Nächte. Die Jäger eſſen die Eier, wenn ſie friſch und es noch lange vor der Zeit des Auskriechens iſt, die Schalen werfen ſie fort oder nehmen ſie als Geſchenk für ihre Freunde mit oder legen ſie auch in den Goubba nieder. Seit einiger Zeit indeſſen wiſſen die Araber, daß man ſie an der Küſte kauft, und treiben damit Handel. Die Jagd auf dem Anſtand iſt ſehr einträglich; man kann auf ihr mehrere Strauße tödten und die Eier nehmen; in der Jahreszeit, in welcher ſie ſtattfindet, iſt zwar der Strauß ſehr mager, aber anderſeits ſind während derſelben die Federn beſſer und haltbarer. In den Fällen, wo mehrere Paare ſich im Neſte befinden, tödtet man nur das älteſte; wollte man ſo viele Löcher machen, als Strauße da ſind, ſo würde man bald entdeckt werden, und die ganze Geſellſchaft würde davonlaufen. »Der Strauß,« ſagen die Araber,„tödtet die Viper mit dem Schnabel und verzehrt ſie, ebenſo frißt er Schlangen, In⸗ ſekten, Heuſchrecken, Skorpione, Eidechſen, eine Art großer, in der Wüſte vielfach vorhandener und Hadj genannter Früchte, die ſich an einer auf dem Boden hinkriechenden Pflanze befin⸗ den, welche ſo bitter iſt, wie der Terpentinbaum, und Blätter hat, wie die Waſſermelone; endlich verdaut er ſelbſt Steine. Die Gefräßigkeit dieſes Thieres iſt ſo groß, daß er an Orten, wo man ihn als Gefangenen hält, Alles verſchlingt, was er findet, Meſſer, Frauenſchmuck, Eiſenſtücke. Der Ara⸗ ber, welcher mir dieſe einzelnen Umſtände mittheilte, erzählte auch, daß ein Strauß einer Frau ein Korallenhalsband fortge⸗ — — 256 nommen und verſchluckt habe, und ein Offizier der afrikaniſchen Armee verſicherte, daß ein ſolches Thier ihm einmal einen Rock⸗ nopf abgeriſſen und verſchlungen habe. Der Strauß iſt dabei auch ſehr gewandt, er nimmt einem Menſchen eine Dattel aus dem Munde, ohne ihn zu verletzen. Wenn es blitzt und ein Gewitter im Anzug iſt, weſß er ſich vor Freude gar nicht zu laſſen, er ſpringt umher und läuft eiligſt deem Regen zu, denn er hat das Waſſer ſehr gern, ob⸗ gleich er lange Zeit durſten kann. Die väterliche Liebe iſt beim Strauß ſehr groß, er verläßt ſeine Jungen nie, ſcheut keine Gefahr, wie groß ſie auch ſein möge, mag er es mit dem Hunde, der Hyäne, dem Menſchen ſelbſt zu thun haben; das Weibchen iſt dagegen ſehr ängſtlich und läßt in ſeiner Furcht Alles im Stich. So vergleicht man auch einen Mann, der ſein Zelt tapfer vertheidigt, mit dem Delim, dagegen einen ſchwachen mit der Reumda. Man ſieht die Strauße gewöhnlich paarweiſe oder in Heerden von 4—5 Paaren ziehen, aber wo Regen gefallen iſt, findet man ſicher 200— 300 dieſer Thiere, und hält ſie von fern für Kameelheerden. Nur um zu trinken, nähert ſich der Strauß bewohnten Orten, eilt aber gleich wieder davon. Die Araber jagen auch die Jungen des Straußes. Das Verfahren iſt ſehr einfach. Sind ſie auf der Spur und in der Nähe derſelben, ſo erheben ſie ein lautes Geſchrei, die erſchreck⸗ ten Jungen fliehen zu den Eltern, die ihrethalben langſamer davoneilen, aber die Jungen können nicht ſo ſchnell fortkommen, und die Jäger fangen ſie zum größten Schrecken des Männchens unter deſſen Augen fort. Der Delim iſt in ſolchen Fällen furchtbar erregt und zeigt den größten Schmerz. Man benutzt zu dieſer Zeit der Jagd auch Windhunde, gegen welche ſich die 257 alten Strauße zur Wehr ſetzen; während des Kampfes man die Jungen, die in den Zelten aufgezogen werden. Dieſe jungen Strauße werden ſehr bald zahm, ſie ſpiele mit den Kindern und ſchlafen im Zelte, bei den Veränderunge der Wohnplätze folgen ſie den Kameelen, und es gibt kein Bei⸗ ſpiel, daß ein ſo aufgezogener Strauß wieder davongelaufen wäre. Sie ſind ſehr luſtig und treiben ihre Poſſen mit den Reitern und Hunden. Kommt ein Haaſe in die Nähe der Zelte, ſo eilen alle Männer zu ſeiner Verfolgung, auch der Strauß ſetzt ſich in Bewegung, läuft dahin, wohin die Verfol⸗ gung geht, und nimmt ſo an der Jagd Theil. Trifft er im Douar ein Kind, welches etwas zu Eſſen in der Hand hat, ſo ſetzt er es ſanft zu Boden und ſucht ihm das Eſſen fortzuneh⸗ men. Aber er iſt auch ſehr diebiſch, oder vielmehr, wie ich ſchon erzählt habe, er will Alles, was er ſieht, freſſen, deßhalb trauen ihm auch die Araber nicht, wenn ſie Geld zählen, denn er würde in aller Geſchwindigkeit zwei bis drei Douro ver⸗ ſchluckt haben. Nicht ſelten ſieht man in einiger Entfernung vom Douar ein müde gewordenes Kind auf dem Rücken des Straußes ſitzen, der mit ſeiner Bürde gerade auf das Zelt hinläuft, wäh⸗ rend das Kind ſich an ſeinen Flügelſpitzen feſthält. Aber eine ſchwerere Laſt mag er nicht tragen, einen Erwachſenen z. B. würde er mit einem Flügelſchlage wieder auf die Erde werfen. Wenn man ihn auf den Märkten abhalten will, immer bald nach rechts, bald nach links zu laufen, ſo ſchlingt man einen Strick um ſeine Kniee und hält ihn an einem zweiten, an je⸗ nen gebundenen Strick feſt.. In der Wüſte hat der Strauß nur einen Feind zu fürch⸗ ten, nämlich den Menſchen, er leiſtet dem Hunde, dem Scha⸗ Aus allen Welttheilen. 17 258 der Hyäne, dem Adler Widerſtand, nur der Menſch ſtegt ihn. Ich ſprach noch von einer dritten Art, den Strauß zu jagen, wenn er ſaufen geht. Die Araber graben einfach in der Nähe des Waſſers ein Loch, verſtecken ſich in demſelben und ſchießen ihn nieder, wenn er naht, um ſeinen Durſt zu löſchen. Die Straußjagd bildet in der Sahara viele und ausge⸗ zeichnete Schützen aus. Sie üben ſich, nur den Kopf zu tref⸗ fen, damit das Blut die Federn nicht befleckt. Ein als tüchti⸗ ger Schütze bekannter Araber trägt ſtets eine kleine Schnur Talisman's hinter der Batterie ſeines Gewehres und ſein Name iſt im Tribus geehrt. Der Strauß ſäuft alle fünf Tage, wenn er Waſſer findet, ſonſt kann er den Durſt ſehr lange ertragen. Die Straußjagd gilt für ſehr einträglich. Die Araber ſa⸗ gen von Einem, der ein gutes Geſchäft gemacht hat:„Das iſt ein ausgezeichnetes Geſchäft, es iſt gerade wie die Straußjagd.“ Der Araber, von dem ich dieſe Mittheilungen habe, iſt ein Ouled⸗Sidi⸗Chikh und heißt Abd⸗el⸗Kader⸗Mohammed⸗ben⸗ Kaddour, er iſt ſeiner Beſchäftigung nach ein Jäger. Nach ſeinen Angaben iſt die Heimath der Strauße in dem Landſtrich, der von Süden nach Norden von Inſalah nach Fignig, von Oſten nach Weſten von Fignig nach Sidi⸗Okba und von Nor⸗ den nach Süden durch die Linie von Sidi⸗Okba nach Ouargla begrenzt wird. 3 Jagd der Gazelle bei den Arabern. Die Gazellenjagd iſt nicht, wie die Straußjagd, ein zu⸗ gleich einträgliches und mühſames Unternehmen, ſie iſt eine bloße Uebung, ein Vergnügen. Eine Gazelle iſt nur 1— 1 ½ Francs werth, und um eines ſo geringfügigen Fanges halber wird der Araber ſein Pferd nicht ſo vorbereiten, trainiren und anſtrengen, und ſich ſelbſt dem Unglücke ausſetzen, es zu ver⸗ lieren, was häufig bei der Straußjagd vorkommt.. Ueberdieß haben bei dieſer Jagd weder Mann noch Pferd die Hauptaufgabe, für ſie iſt es, ſo zu ſagen, nur ein Spazier⸗ ritt, ſondern der Windhund, dieſer zweite Gefährte des Edelen der Wüſte, von dem ich noch ſprechen werde. Endlich iſt die Gazelle, außerdem daß ſie einen geringen Werth hat, auch nicht einmal ſelten. Ueberall, namentlich in Serſou, findet man den Sine, die kleine Gazelle, im Teull und in den Bergen die größere Art, el Ademi, in der Sahara die mittlere, el Remi; letztere erkennt man an dem weißen Leib, an den weißen Schenkeln und an den langen Hörnern. Sie ziehen ſtets in Heerden von 4, 5, 10, 20, 30 und 100, man findet ſie manchmal, ſogar öfters, zu 2004 300 bei⸗ ſammen. Von Weitem glaubt man die Heerden eines wan⸗ dernden Tribus zu ſehen. Eine Heerde Gazellen nennt man Djelliba. Die Jagd der Gazelle iſt nicht bloß ein ausſchließlices Vergnügen der Reiter. Bei den in der Wüſte täglich vorkom⸗ menden Wanderungen der Tribus ziehen, wenn das Bivouak i in 17* 1.. 260 8 ähe einer Quelle oder eines Fluſſes aufgeſchlagen iſt, die i großer Zahl aus, halten ſich über Wind, da die Ga⸗ einen ſehr feinen Geruch hat, und ſich, ſobald ihr der Wind die Ausdünſtung des Menſchen zuweht, ſofort auf die Flucht begibt. Der Jäger ſchleicht von Strauch zu Strauch und ahmt von Zeit zu Zeit das Geſchrei der Gazelle nach. Die Gazelle bleibt ſtehen, ſieht ſich nach allen Seiten um und ſucht den verirrten Gefährten; ſo kommt der Jäger dicht heran, er kann ſelbſt von dem Thiere geſehen werden, ohne daß es davonliefe. In ihm zuſagender Entfernung feuert er und fehlt ſelten, ves müßte denn ein böſer, über ſein Gewehr ausgeſpro⸗ chener Zauber bewirken, daß es vorbrennt oder den ganzen Tag verſagt.“. Sobald der Schuß fällt, entflieht die ganze Heerde 1— 1 ½ Lieues weit, dann iſt ihre Beſorgniß geſchwunden, die Erinne⸗ rung an das, was ſie in die Flucht gejagt hat, vorüber, und ſſtie bleiben und weiden weiter, wie zuvor. Der wahre Jäger iſt ein kräftiger, unermüdlicher Fuß⸗ gänger, ſeine ihn niemals trügende Erfahrung läßt ihn ſtets den Ort entdecken, wo die Heerde wieder anhalten wird, er geht dorthin, verbirgt ſich von Neuem und wiederholt die Jagd. So kann er an einem Tage drei bis vier Gazellen tödten, die ſeine Diener abholen und im Triumph nach dem Lager tragen.* 1— Im Frühjahr, wenn die jungen Diedi, von der Milch der Mutter gefüttert, in der Alfa ſchlafen, fangt man manchmal zwölf bis fünfzehn an einem Morgen. Meiſt verräth ſie die Mutter ſelbſt.. Die eben beſchriebene Jagd iſt aber nicht das Vergnügen * des Angeſehenen, des Reiters; die Jagd, welche dieſe unter⸗ nehmen, iſt die Hetze. — 261 Zwölf bis fünfzehn Reiter brechen auf, nehmen Diener, Zelte, Lebensmittel und ſieben bis acht Windhunde mit ſich und ſchlagen die Richtung nach der Gegend ein, wo ſich die Ga⸗ zellen gewöhnlich aufhalten. Erblickt man in der Ferne eine ſolche Heerde, ſo reitet man, möglichſt gedeckt durch Bäume und das Terrain, auf ſie zu; auf ungefähr ½¼ Lieue herangekommen, ſteigen die Diener, welche die Hunde an Koppelriemen leiten, denen auch die Schnauzen zugebunden ſind, um ihr durch die Begierde hervor⸗ gerufenes Heulen zu verhindern, von den Pferden und laſſen die Hunde los. Kaum losgelaſſen, ſtürzen ſie wie der Pfeil vorwärts, und die Araber treiben ſie durch Schreien und aufmunternden Zu⸗ ruf noch mehr an:„»Mein Bruder! Mein Herr! Mein Freund! Sie ſind da!« Die Reiter folgen, ohne ſich zu übereilen, im kurzen Ga⸗ lopp, ſo daß ſie die Fährte nicht verlieren; das Gepäck folgt langſam nach. Die beſten Hunde erreichen die Heerde erſt nach einem Laufe von zwei bis drei Lieues, die anderen müſſen eine Strecke von fünf, ſelbſt ſechs Lieues zurücklegen. Jetzt erſt fängt das Schauſpiel an, intereſſant zu werden. Der Racehund ſucht ſich das ſchönſte Thier der Heerde aus und ſtürzt ſich auf daſſelbe. Der Kampf beginnt, ein Kampf der Schnelligkeit und Gewandtheit. Die Gazelle lenkt von der angenommenen Richtung ab, ſchlägt Haken rechts und links, ſtürzt jetzt vorwärts, dann zurück, ſpringt ſelbſt mitten unter die Hunde, ſucht bald die Fährte unkenntlich zu machen, bald den Hund mit den Hörnern zu ſtoßen; aber das Alles kann ſie nicht retten; unermüdlich, voller Feuer bedrängt ſie der Geg ner. In dem Augenblick, wo ſie erreicht wird, ſchreit ſie un 8* 4 262 ſtößt Klagetöne aus, es iſt ihr Schwanengeſang, das Sieges⸗ lied des Hundes, der ſie packt und ihr mit einem Biß hinter den Kopf das Wirbelbein bricht.— Die Gazelle ſtürzt zu⸗ ſammen und liegt bewegungslos unter den Augen des Siegers, bis die Jäger herankommen, die das noch lebende Thier ab⸗ ſtechen. Der Jäger, wie jeder wahre Gläubige, ſich ſtreng nach den Geboten richtend, da es manchmal ſogar erſt nach einer Stunde gelingt, die Gazelle zu erreichen, vergißt nie nach dem Loslaſſen der Hunde zu ſagen: Biessem Allah Khbeur!(Im Namen des ſehr großen Gottes!), denn der Prophet hat ge⸗ ſagt:„Wenn du deinen Hund auf das Wild jagſt, und du den Namen angerufen haſt, und dir der Hund das Wild, wel⸗ ches er dir gefangen, aufbewahrt hat, ſo ſchneide dieſem die Kehle durch, um es rein zu machen, und iſt es ſchon todt, wenn du hinzu kommſt, und dein Hund hat Nichts davon ge⸗ freſſen, ſo iß es.“ Iſt die Anrufung aus Verſehen unterblieben, ſo darf das Wild dennoch gegeſſen werden, aber niemals, wenn ſie abſicht⸗ lich unterlaſſen wurde. Die gut berittenen Reiter und die Herren der beſten Hunde nehmen die Jagd wieder auf, und erſt zum Abend denken Die Jäger verzehren die Gazelle entweder am Lagerplatz oder am anderen Tage, wenn ſie nach dem Douar zurückge⸗ kommen ſind; ſie überſenden von der Beute den Verwandten und Freunden, und es gibt Gelegenheit zu Feſten, bei denen Man zieht die Gazellen auch bei den Zelten auf, ſie gehen 6 aauf Maͤrſchen bei den Schafen, laufen aber ſchließlich ſtets davon. 263 Der Winter iſt die beſte Zeit zur Gazellen⸗ und Antilo⸗ penjagd; der durch heftige Regengüſſe aufgeweichte Boden hin⸗ dert ſie am Laufen, und dann finden auch Hunde und Pferde überall Waſſer. Wenn zur Schneezeit ein Haufen Araber eine Gazellen⸗ heerde antrifft, ſo richtet er unter dieſer ein wahres Blutbad an, indem ſie dann nicht laufen können, durch Hunger abge⸗ mattet und leicht einzuholen ſind. Ein einzelner Mann tödtet dann manchmal zehn bis fünfzehn. Zur Gazellenjagd legen die Araber drei Bernouß, Stiefel und Kamaſchen an, und nehmen auch die Pferdedecke auf dem Sattel mit. Die dünner gemachten und in Silber gefaßten Hörner der Gazelle dienen als Stäbe, um die Augenwimpern mit Koheul zu beſtreichen, und das ſorgfältig gegerbte und zu Mezoueud's (Kiſſen) verarbeitete Fell wird von den Frauen zur Aufbewah⸗ rung ihrer Koſtbarkeiten benutzt. Audubon in der Wildniß. „Ich erinnere mich,“ erzählte ein Anſiedler am Miſſiſippi ſeinen Freunden,„eines Abenteuers, welches mir von einem 9 der außerordentlichſten Männer, die mir je begegneten, mitge⸗ theilt wurde. Sein Name war Audubon. Ich traf ihn zu⸗ fällig in einer Hütte am Ohio in der Nähe des Wabaſh, wo wir Beide die Nach blieben, und hier erzaͤhlir er mir, wie . *† 264 durch einen großen Theil des weſtlichen Landes gereist ſei, nur um die verſchiedenen Vögel kennen zu lernen, denn er war ein ſehr eifriger Naturforſcher, der ſeither in der ganzen Welt be⸗ rühmt geworden iſt. »In Wahrheit ſchien er eine lebhaftere und mächtigere Liebe zur Natur zu empfinden, als irgend ein Mann, der mir je vorgekommen. Er trug die gewöhnliche Jägerkleidung und war ein ſchöner, edel ausſehender Mann. Sein Hund und ſeine Flinte waren die einzigen Begleiter auf ſeiner Reiſe. Herr Audubon erzählte mir, er ſei auf dem Rückwege von dem obe⸗ ren Miſſiſippi geweſen und habe ſich genöthigt geſehen, über eine beträchtlich große Prairie zu gehen.— »Das Wetter war ſchön— Alles um ihn her friſch und blühend, als wäre es eben aus dem Schoße der Natur her⸗ voorgegangen. Sein Torniſter, ſeine Flinte und ſein Hund wa⸗ ren alles Gepäck und alle Geſellſchaft, die er bei ſich hatte. Aber, obgleich wohl beſchuht, ging er langſam einher, angezo⸗ gen von dem Glanze der Blumen und dem Springen der Reh⸗ kälber um ihre Mütter, eben ſo unbekümmert um die Gefahr, wie er ſelber. »Sein Marſch war von langer Dauer. Er ſah die Sonne untergehen, ehe er einen Wald entdecken konnte, und kein Menſch war ihm an dieſem Tage begegnet. Die Spur, welcher er folgte, war nur eine alte Dunkelheit die Prairie überſchattete, wenigſtens ein Gebüſch zu erreichen, derlegen konnte. Die Nachtfalken flo ſchwirrenden Flügeln der Käfer ange bilden, und das ferne Geheul der Wölfe gewährte ihm die Hoffnung, daß er bald zu einer Waldgegend gelangen werde. Dieß geſchah auch, und faſt in demſelben Augenblicke empfand er den Wunſch, wo er ſich zur Ruhe nie⸗ gen um ihn her, von den zogen, die ihre Nahrung 1 Indianerſpur, und als de 265 bemerkte er ein Feuer, auf welches er zuging, da er glaubte, daß es in dem Lager wandernder Indianer brenne. Er irrte. Bei dem Scheine deſſelben erkannte er, daß es von dem Herde einer kleinen hölzernen Hütte herſtrahlte, und daß eine große Geſtalt, mit allerlei häuslichen Obliegenheiten beſchäftigt, vor demſelben hin⸗ und hergehe. 6»Er erreichte den Ort, zeigte ſich vor deſhür und fragte die große Geſtalt, welche er jetzt als ein Weib erkannte, ob er die Nacht Aufnahme unter ihrem Dache finden könne. Ihre Stimme war rauh und ihr Anzug nachläſſig. Sie antwortete bejahend. Er trat ein, nahm einen hölzernen Stuhl und ſetzte ſich ruhig am Feuer nieder. Der nächſte Gegenſtand, der ſeine Aufmerkſamkeit erregte, war ein ſchön gebildeter junger In⸗ dianer, der ſeine Ellenbogen auf ſeine Knie ſtützte und ſeinen Kopf zwiſchen den Händen ruhen ließ. Ein langer Bogen lehnte in ſeiner Nähe an der Wand, während eine Anzahl Pfeile und zwei oder drei Waſchbärenfelle zu ſeinen Füßen la⸗ gen. Er bewegte ſich nicht und ſchien nicht zu athmen. Audu⸗ bon, der die Gewohnheiten der Indianer kannte, und wußte, daß ſie wenig auf die Ankunft civiliſirter Fremden achten, redete ihn franzöſiſch an, welche Sprache die Leute in jener Gegend nicht ſelten einigermaßen verſtehen. Der Indianer erhob ſeinen Kopf, deutete mit dem Finger auf ſein eines Auge, und gab dem Naturforſcher einen bedeutungsvollen Wink mit dem an⸗ dern. Sein Geſicht war mit Blut bedeckt. Er hatte nämlich vor einer Stunde einen Pfeil auf einen Waſchbären, der auf einem Baume geſeſſen, abſchießen wollen. Der Pfeil war aber beim Abſchießen zerſplittert und mit ſolcher Heftigkeit und ſo unglücklich zurückgeſprungen, daß des armen Indlaners rechtes Auge duf immer vernichtet war. 266 zu eſſen haben könne. Ein Bett war nicht zu ſehen, aber viele große ungegerbte Bären⸗ und Büffelfelle lagen in einem Win⸗ kel aufgehäuft. Er zog eine ſchöne Uhr aus der Taſche und ſagte der Frau, es ſei ſpät und er ermüdet. Sie hatte ſeine Uhr geſehen, und die Koſtbarkeit derſelben ſchien plötzlich die böſeſten Begierden in ihr aufzuregen. Sie ſagte ihm, es ſei Wildpret und eingeſalzenes Büffelfleiſch genug da, und wenn er die Aſche vom Herde wegnehmen wolle, würde er auch einen Kuchen finden. Aber ſeine Uhr gefiel ihr ſo ſehr, daß er ſich bald genöthigt ſah, ſie ihr zu zeigen, um ihre Neugierde zu befriedigen. Er nahm alſo die goldene Kette ab, die ſie um ſeinen Hals befeſtigte, und reichte ſte ihr hin. Sie war ganz Entzücken, ſprach von ihrer Schönheit, fragte nach dem Werthe, legte die Kette um ihren braunen Hals und äußerte, wie glück⸗ lich ſie der Beſitz einer ſolchen Uhr machen würde. Gedanken⸗ los und ſich an dieſem abgelegenen Orte ſicher glaubend, ach⸗ tete Audubon nur wenig auf ihr Geſpräch und ihre Bewegun⸗ gen. Er verſchaffte ſeinem Hunde ein gutes Abendeſſen von Wildpret, und es währte nicht lange, bis er auch die Anforde⸗ rungen ſeines eigenen Appetits befriedigt hatte. „Plötzlich ſtand der Indianer, als ob er heftigen Schmerz empfände, von ſeinem Sitze auf, ging mehrmals an Audubon vorüber, und ſtieß ihn einmal ſo heftig in die Seite, daß der Schmerz ihm faſt einen Ausruf des Zornes entriß. Audubon ſah ihn an, ihre Augen begegneten einander, aber der Blick des Indianers war ſo wild und abſtoßend, daß Audubon einen Schauder des Abſcheus empfand. Der Indianer ſetzte ſich wie⸗ der nieder, zog ſein Schlachtmeſſer aus der fettigen Scheide, unterſuchte die Schneide, wie ein Nafirmeſſer, welches man für ſtumpf hält, ſteckte es wieder ein, nahm ſein Tomahawk vom Rücken, füllte die Pfeife mit Tabak, und parf nun Audubon, chen, erwähnte Audubon's Uhr, führte die Burſche in⸗ Winkel, und hielt eine Unterredung mit ihnen, deren Inhalt Audubon leicht errathen konnte. Er ſtreichelte leiſe ſeinen Hund. Der Hund bewegte ſeinen Schweif, und mit unausſprechlie Vergnügen ſah Audubon, wie er ſeine ſchönen Augen abr 267 ₰ ſobald ihre Wirthin ihnen einmal den Rücken wendete, einen ſo ſprechenden, ausdrucksvollen Blick zu, daß dieſer endlich mit einem Male die Gefahr erkannte, von welcher er bedroht wurde. Audubon erwiederte den Blick ſeines Gefährten und hielt ſich für überzeugt, daß, welche Feinde er auch haben möge, der In⸗ dianer wenigſtens nicht dazu gehöre. „Audubon verlangte ſeine Uhr von der 4 zurück, zog ſie auf, und unter dem Vorwande, nach dem Wetter zu ſehen, nahm er ſeine Flinte und verließ die Hütte. Er that eine Kugel in jeden Lauf, ſchärfte die Feuerſteine, ſchuͤttete friſches Pulver auf die Pfannen, und kehrte dann, anſcheinend gleich⸗ gültig, in die Hütte zurück. Hier nahm er einige Bärenfelle, machte ein Lager davon zurecht, rief ſeinen getreuen Hund an ſeine Seite, legte ſeine Flinte in den Bereich ſeiner Hand, warf ſich nieder, und war in wenigen Minuten allem Anſcheine nach feſt eingeſchlafen.“ „Nach kurzer Zeit hörte er Stimmen reden, öffnete ſeine Augen ein wenig und ſah zwei kräftige junge Männer eintreten, die einen todten Hirſch, an einen Pfahl gehängt, trugen. Sie legten ihre Laſt nieder, verlangten Whisky und tranken reichlich davon. Als ſie Audubon und den verwundeten Indianer be⸗ merkten, fragten ſie, wer Audubon ſei und was jener Kerl im Hauſe zu thun habe. Damit meinten ſie den Indianer, denn ſie wußten, daß er kein Wort Engliſch verſtand. Ihre Mutter — denn dieß war das Weib— bat ſie, nicht ſo laut zu ſpre⸗ 268 — ſelnd auf ihn und auf die Drei im Winkel richtete. Der In⸗ dianer wechſelte noch einen letzten Blick mit Audubon. »Die jungen Männer hatten ſo viel gegeſſen und getrun⸗ ken, daß Audubon, ſie für unfähig zum Kampfe erachtete, und da die Alte die Whiskyflaſche häufig an ihren Mund ſetzte, ſo hoffte er, daß, 9 ſie bald in einen ähnlichen Zuſtand würde verſetzt werdenn Wie groß war aber ſein Erſtaunen, als er dieſen enchen Teufel plötzlich ein großes Meſſer nehmen und auf dem Schleifſteine wetzen ſah, indem ſie Waſſer auf denſelben goß und ihn umdrehte. Er erſchrak heftig, und un⸗ * geachtet ſeiner Tapferkeit und ſeines Entſchluſſes, ſich bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen, bedeckte ſich ſeine Stirn mit kaltem Schweiße. Als die Megäre ihre Aufgabe vollendet hatte, ging ſie zu ihren taumelnden Söhnen und ſagte:„So, damit wollen wir ihn bald auf die Seite ſchaffen! Tödtet ihn, Junge- und dann did Uhr!«* 8»Audubon wendete ſich um, ſpannte leiſe beide Flinten⸗ ſchlöſſer, berührte ſeinen getreuen Gefährten, um ihn wachſam zu erhalten, und machte ſich bereit aufzuſpringen, und den Erſten niederzuſchießen, der einen Angriff auf ſein Leben wagen würde. 3 Der Augenblick war ſchrecklich, und vielleicht wäre dieſe Nacht ſeine letzte auf dieſer Welt geweſen, hätte nicht der Himmel 4 über ihn gewacht und Vorbereitungen zu ſeiner Rettung ge⸗ troffen. Alles war ſchon bereit. Die teufliſche Alte näherte ſich langſam, wahrſcheinlich um zu ſehen, wie man das Opfer 4 am beſten tödten könne, während ihre Söhne mit dem Indianer 1 ten. Audubon war im Begriff aufzuſtehen und ſi nied 2* eßen; ſein Finger berührte ſchon den Drücker ſeiner ein einziger Augenblick, und ein ohne Zweifel furchtbe plötzlich die ovon Jeder ei u ——— — — ——— d*— lungen indianiſchen Krieger, und gingen auf die Anſiedelungen 269 Büchſe auf der Schulter trug. Audubon ſprang auf, begrüßte ſie mit Entzücken, und ſagte offen, wie gut es für ihn wäre, daß ſie gerade in dem Augenblicke gekommen ſeien. Die Ge⸗ 4 ſchichte war in einer Minute erzählt. Die trunkenen Söhne wurden in Sicherheit gebracht, und die Alte theilte ungeachtet ihres Schreiens und ihres Widerſtandes daſſelbe Schickſal. Der Indianer tanzte vor Freuden und gab zu verſtehen, er wolle, da er vor Schmerz nicht ſchlafen könne, bei den Gefangenen wachen. Man kann leicht denken, daß die Sieger mehr ſprachen als ſchliefen, bis der Tag heiter und roſig anbrach und mit emſelben die Beſtrafung der Gefangenen kam. Dieſe waren „ganz nüchtern. Ihre Füße wurden losgebunden, aber ihre. Arme blieben gefeſſelt. Audubon und ſeine Freunde führten ſie in den Wald von der Straße ab, und nachdem ſie hier tüchtig durchgepeitſcht waren, ließ man ſie laufen. Hierauf zündeten ſie die Hütte an, ſchenkten alle Felle uud Hausgeräthe dem zu, ſehr zufrieden, daß das Abenteuer keinen ſchlimmeren Aus⸗ gang genommen hatte.“ h„.* —,— Der Schatz des Piraten. Wir waren zu Lima, nahmen den Thee bei dem Hafen⸗ kapitän Young und ſprachen, was man eben in heiterer Geſell⸗ ſchaft zu ſprechen pflegt, von tauſend Dingen. Beſonders gab der letzte Krieg mit Spanien, der erſt vor kurzem beendigt war, viel Stoff zur Unterhaltung, und wir ver⸗ weilten noch bei dieſem Thema, als zwiſchen elf Uhr und Mitter⸗ nacht ein Marine⸗Offizier eintrat, der ſich mit an unſeren Tiſch ſetzte. Der Mann machte einen unangenehmen Eindruck auf mich. Doch ſprach er wenig und ſchien überhaupt ziemlich theil⸗ nahmlos, bis ſich das Geſpräch auf andere Gegenſtände wen⸗ dete, und man ſich von den auf der Rhede befindlichen Schiffen, von der Handelsbewegung u. ſ. w. unterhielt. »Eines wundert mich,“ ſagte plötzlich Hr. Young,„näm⸗ lich die ungemeine Unklugheit einiger Schiffsrheder. Kaum ſind wir aus einem Seekrieg; überall häufen ſich in Folge der durch den Frieden herbeigeführten Reformen die brodloſen Matroſen, die dienſtloſen Offiziere an; die Häfen wimmeln von muthvollen Müſſiggängern, die keine andere Nahrungsquelle haben als den Seeraub— und doch, trotz all dieſem, ſieht man wie in den ruhigſten Zeiten völlig unbewaffnete Schiffe ankommen, mit Gold befrachtet wie eine ſpaniſche Gallione... dieſen Morgen erſt der„Peruvian«, eine engliſche Handelsbrigg... mit zwei Millionen Piaſtern an Bord und zwölf Mann Beſatzung... es iſt eine namenloſe Unbeſonnenheit, wie ich's dem Kapitän bei ſeiner heutigen Abfahrt nach Lima ſagte.“ Dieß waren die Worte Hrn. Youngs, an die ich mich jetzt gewiß nicht 4. 4 271 wieder erinnern wüͤrde, wenn nicht am Morgen des folgenden Tages im Hahnencircus eine Nachricht die Runde gemacht hätte, welche ihnen ein gewiſſes Intereſſe verlieh. Ein Dutzend Schurken hatte nämlich in derſelben Nacht den Peruvian geen⸗ tert und weggenommen, den zweiten Befehlshaber ermordet und die Mannſchaft in Feſſeln gelegt; das Schiff hatte mit vollen Segeln den Hafen verlaſſen. Als Urheber dieſes kühnen Streichs nannte man laut den Commandanten Robertſon, den Marine⸗ Offizier, deſſen Ausſehen einen ſo übeln Eindruck auf mich ge⸗ macht hatte. Natürlich intereſſirte ich mich einigermaßen für dieſen Seeräuber. Man ſtiehlt nicht 10 Millionen Franes mit Einem Schlage, ohne die Aufmerkſamkeit der ehrlichſten Leute auf ſich zu ziehen. Ich hatte das Porträt Robertſons, ſeine rothen Haare, ſeine kupferige Hautfarbe, ſeinen wilden Blick feſt erfaßt, und bald erfuhr ich auch ſeine Lebensgeſchichte ſo vollſtändig als möglich. Mehr als einen Monat ſprach man zu Lima von nichts Anderm. Er war Schotte und hatte in der engliſchen Kriegsmarine ſeine Laufbahn begonnen. Später ſchiffte er ſich als Offizier an Bord der Brigg Galvarino ein, unter dem Befehl des Kapitäns Guiſe, der nach der erſten Kunde von dem Aufſtande Chili's herbeigeeilt war, um der Sache der Unabhängigkeit ſeine Dienſte anzubieten. Robertſon trat in die chileniſche Marine und ging dann aus dieſer in die peruaniſche über. In kurzer Zeit hatte er ſeinen Ruf begündet. Unter andern Thaten hatte er die von Benavides, der damals die Provinz Concepcion verheerte, befehligte Bande zu Arauco überfallen, 70 Räuber(Benavides und der Unterbefehlshaber Martelin waren entwiſcht) gefangen genommen und gehenkt. Dieſe fürchterliche Hinrichtung ſoll ihm großes Vergnügen ge⸗ macht haben. Als er ſpäter die Marine verließ, ſiedelte er ſich auf der unbewohnten Inſel La Mocha, 30 Stunden ſüdlich ——ͤJ er ſich frei, ſo ſchrieb er an Martelin, ihr erſtes Zuſammen⸗ treffen werde den Tod eines von ihnen zur Folge haben. Bald ſtanden ſie in dem kleinen Hafen Guilca einander wieder gegene 272 von Concepcion, mit einem einzigen Diener an, um hier, wie er ſagte, als Robinſon zu leben, deſſen Namen er ſcherzweiſe annahm. Größere Wahrſcheinlichkeit hat jedoch die Behaup⸗ tung, er habe aus la Mocha eine Art Inſel la Tortu, eine Zufluchtsſtätte für Freibeuter, machen wollen. Sein Plan ſchlug fehl, und zwar aus folgenden Gründen. Benavides' Lieutenant, der obenerwähnte Martelin, fand Mittel, ſich die Stelle eines Zeugmeiſters auf einer guayaquil'ſchen Goelette, dem Eigenthum Herrn Lazarraga's, zu verſchaffen. Er gewann Leute ſeines Gelichters als Matroſen, ſetzte dann eines Morgens ſeinen Kapitän und die treuen Matroſen unterhalb des Fluſſes Guagya⸗ quil an's Land, und machte ſich davon nach den Inſeln Chiloe, welche der Obriſtlieutenant Quintanilla noch für Spanien be⸗ hauptete. Dieſe ſchöne That verdiente eine Belohnung. Die Goelette erhielt den Namen Quintanilla, Martelin ward zum Fregattenkapitän im Dienſte Sr. katholiſchen Majeſtät ernannt und kreuzte nun an den Küſten Chili's und Peru's gegen den Handel der Independenten. Er hatte jetzt eine ſchöne Gelegen⸗ heit ſich an Robertſon zu rächen: er überfiel ihn auf ſeinem öden Inſelchen, warf ihn in den unterſten Schiffsraum, und wollte ihn, wie dieſer den Genoſſen des Benavides gethan, hängen laſſen, als ein heftiger Orkan ihn rettete. Martelin war der Schiffsleitung unkundig; ſeine Mannſchaft, bloßgeſtellt, ſah nur Rettung in der Geſchicklichkeit Robertſons, brachte den Gefangenen daher auf das Verdeck und übergab ihm die Lei⸗ tung des Schiffes. Deſſen ungeachtet ward er erſt dadurch gerettet, daß es ihm, Angeſichts der peruaniſchen Küſte, gelang, an Bord eines engliſchen Fahrzeugs zu kommen. Kaum ſah - * 273 über: Robertſon an Bord des Congreß, und Martelin als Be⸗ fehlshaber der Quintanilla; allein die Anweſenheit der fran⸗ zöſiſchen Fregatte Diligente, Kapitän Billard, verhinderte das Weitere, ſonſt wäre Robertſon verloren geweſen. Martelin hatte die Unverſchämtheit, auf die Diligente feuern zu laſſen; man machte auf ihn Jagd, er ward gefangen und dem Admiral Roſamel übergeben, der damals die Maria Thereſta befehligte. Nach Lima zurückgekehrt, erhielt Robertſon ſeinen Grad in der peruaniſchen Marine wieder und zeichnete ſich in allen Angriffen auf die von dem General Rodil vertheidigte Veſte von Callao aus. Man war daher, als die Beſatzung ſich er⸗ gab, ziemlich erſtaunt, Robertſon auf Befehl Bolivars in Feſſeln gelegt und in die Caſematten geworfen zu ſehen. Irgend eine noch unbekannte Gräuelthat war ohne Zweifel der Grund dieſer Verhaftung, die mit einem politiſchen Vorwand beſchönigt wurde. Sei dem wie ihm wolle: Robertſon blieb nicht lange Gefange⸗ ner— eine kühne Entweichung gab ihm ſeine Freiheit wieder. Kurze Zeit darauf brach in Lima unter der Leitung Buſta⸗ mante's eine Revolution aus, und Robertſon ſah ſich von Neuem mit dem Commando einer Fregatte betraut. Wir haben geſehen, was die Folge davon war. Es iſt ohne Zweifel angenehm, mit einem eigenen Schiffe zu xeiſen, mit ſchönem und guten Gold befrachtet, wie es der Peruvian war. Allein noch hatte Robertſon ſeinen Zweck nicht erreicht. Er wollte ſeine zehn Millionen haben, ſie in irgend einer Bank anlegen, und zur Zerſtreuung die lärmenden Freuden der europäiſchen großen Städte genießen. Zuvor aber mußte er ſich mit einem Dutzend Geſellen abfinden, die freiwillig nicht auf ihren Beutetheil ver⸗ 4⁴ 8 zichten wollten. Darauf ſann er nun, verbarg ſo viel als mög⸗* n ſeine ſelbſtſüchtigen Entwurfe, und ſuchte neue Mitſchuldige, m der erſtern los zu werden. Dieſe waren großtentheils ziemlich* Aus aſten Welttheilen.— 18 ———— 274 dumme Verbrecher. Sie dachten nur daran, wie ſie ſich auf einigen der Marianen anſiedeln wollten, um dort nach Patriar⸗ chenweiſe im Kreiſe arbeitſamer Sklaven ihr Leben zu verbrin⸗ gen. Dieſe idylliſchen Träume hatte ihnen Robertſon in den Kopf geſetzt, und predigte ihnen von Morgen bis Abend von den Freuden des Hirtenlebens. Unglücklicherweiſe waren unter dieſen Mitſchuldigen und Mitwiſſenden zwei Irländer— William und Georges— die minder gerührt ſchienen als die andern von dieſen Hirtenge⸗ ſängen. Robertſon ward darüber endlich beunruhigt und wollte, unter dem Vorwande, die Fahrt könne von langer Dauer ſein, einen von ihnen an die Küſte ſenden, um Waſſer zu holen. Der Bezeichnete ſchlug aber dieſen verdächtigen Auftrag auf's Beſtimmteſte aus, und der Commandant zog daher dieſe Beiden in's Geheimniß. Man verſtändigte ſich: eine Theilung unter Drei war leichter und vortheilhafter als unter Zwölf, und es 1 bedurfte nur einer guten Gelegenheit, um ſich der Geiſtes⸗ ſchwachen zu entledigen. Robertſon ſchlug vor, auf Taheiti an⸗ zulegen, und unterſtützte dieſen Rath zur Freude der Mannſchaft mit einer Spende von Piaſtern. Man landete alſo und über⸗ ließ ſich dem Vergnügen. Nach zwei oder drei verbrausten 3 Tagen befanden ſich die Matroſen, drei oder vier zur Leitung 4 des Schiffes unumgänglich nöthige ausgenommen, in einem Zu⸗ ſtande der Schlafſucht, der ſie wehrlos ihrem ehrvergeſſenen Kapitän überlieferte. Dieſen Augenblick wählte er zur Abfahrt. 4 Man bringt die Trunkenen faſt bewußtlos in die hinter dem Schiff befeſtigte Schaluppe. Auf hohem Meer findet ſich das Tau zufälligerweiſe abgeſchnitten, und die beklagenswerthen armen Teufel müſſen eine oder zwei Stunden ſpäter auf hoher See erwachen, ohne Waſſer, ohne Nahrungsmittel, ohne Segel, in der Hand Gottes! Die Brigg ſegelte nordöſtlich nach den h * 275 Marianen⸗Inſeln. In ziemlich gutem Einverſtändniß kam man daſelbſt an; hier aber begannen einige Mißhelligkeiten. Die vier oder fünf Matroſen, welche Robertſon behalten mußte, wollten ſich ſofort eine bleibende Stätte gründen. Der Com⸗ mandant und ſeine beiden Mitſchuldigen wollten dieß nicht. Faſt wäre es zu Mord und Todtſchlag gekommen, allein die Geſchicklichkeit und Thatkraft Robertſons gewannen die Ober⸗ hand. Die Piraten beſuchten nacheinander mehrere Inſeln des Archipels, hielten endlich auf einer derſelben an und vergruben daſelbſt ihren Schatz. Geheimnißvolle Zeichen auf den Felſen, in gewiſſer Ordnung gefällte Bäume bezeichneten vollkommen genau den Ort, wo er hinterlegt war. Hierauf fuhren ſie nach den Sandwich⸗Inſeln ab, wo ſie alle für die künftige Kolonie nothwendigen Vorräthe kaufen wollten. Zwanzigtauſend Piaſter in Gold, die man an Bord der Brigg in der Kajüte des Ka⸗ pitäns gefunden, ſollten für dieſe Ankäufe vollſtändig ausreichen. Robertſons Plan gelang. Als das Schiff im Angeſicht der Inſel Wahu war, veranſtalteten die Seeräuber, durch die Ueber⸗ fahrt beſchwichtigt, ein Luſtgelag. Die drei Verſchworenen ſchienen daran Theil zu nehmen, mäßigten ſich aber, und als ihnen ihre Gefährten, vom Getränke der Sinne beraubt, keinen Widerſtand mehr leiſten konnten, hatten ſie keine große Mühe, dieſelben ſtark geknebelt in den Schiffsraum zu bringen und die Thüre zu vernageln. Hierauf ſchiffte ſich Robertſon mit ſeinen beiden Leuten auf dem Boote ein und erreichte ohne Unfall die Inſel Wahu. Er erklärte ſeine Ankunft damit, daß er ſagte, er ſei auf einem Handelsſchiff geſcheitert. Man ließ dieſe ziem⸗ lich wahrſcheinlich lautende Erklärung gelten. Ein Walfiſch⸗ fahrer nahm die vorgeblichen Schiffbrüchigen an Bord, um ſie nach Europa zurückzuführen. Indeſſen hielten ſie, nach gemein⸗ 48* ſchaftlicher Uebereinkunft, zu Rio de Janeiro an, wo ſie zwei 276 Monate verweilten und ein ſehr zurückgezogenes Leben führten. Das einzige Vergnügen, das ſie ſich geſtatteten, war manchmal ein Spaziergang in die Umgegend. Eines ſchönen Tages gin⸗ gen ſie zu Dreien fort und kamen zu Zwei zurück. Georges war auf immer verſchwunden. William und Robert gaben zu verſtehen, er habe ſie heimlich verlaſſen, und da dieſe Abenteurer kein beſonderes Intereſſe erregten, ſo beachtete Niemand Vorfall. Um eben dieſe Zeit kam ein mit Deportiric Neuholland beſtimmtes Schiff nach Rio Janeiro. Die beiden Schuldgenoſſen machten auf demſelben die Ueberfahrt nach Sid⸗ ney. Hier machten ſie einige Verſuche zur Wegnahme ver⸗ ſchiedener kleiner Küſtenfahrzeuge, deren ſie ſich zur Rückkehr nach den Marianen hätten bedienen können. Allein dieſe Ver⸗ ſuche ſcheiterten, und ſo fuhren ſie, in Erwartung einer günſti⸗ gen Gelegenheit, nach Hobart⸗Town ab, der Hauptſtadt von Vandiemensland. Brauchen wir zu ſagen, wie ſie lebten? in welcher be⸗ ſtändigen gegenſeitigen Beaufſichtigung? in welcher entſetzlichen Angſt? Beſtändig bewaffnet, unabläſſig ſich belauernd, nie allein ſchlafend, und deſſen umgeachtet doch nicht geneigt ſich zu trennen: man erräth warum. In Hobart⸗ Town machte Ro⸗ bertſon die Bekanntſchaft eines alten engliſchen Kapitäns, Eigen⸗ thümers einer kleinen Goelette, die zum Robbenfang diente. Tomſon— ſo hieß dieſer Mann— führte ein ſehr kümmer⸗ liches Leben, da dieſe Fiſcherei keinen großen Gewinn abwirft. Robertſon und William ſuchten ihn mit der Erzählung ihrer Abenteuer zu kirren, hüteten ſich aber wohl, die Geſchichte ihrer Mitſchuldigen und den Namen der Inſel zu erwähnen, wo der Schatz vergraben lag, und ſo glaubte denn Tomſon, ſein Glück ſei gemacht. Der Miethvertrag des Schiffes ward abgeſchloſſen, er nahm zwei Matroſen in Dienſt, und die Fünf ſegelten auf 277 der Goelette, einem ſchlechten, beſchädigten Fahrzeug, das ſeine letzte Fahrt machen ſollte, ab. Die Fahrt war lang und ſchwie⸗ rig. Aus Mangel an Lebensmitteln und Waſſer mußte man jeden Augenblick bei Inſeln anlegen, deren Eingeborene zu den Waffen griffen, ſo oft ſie einen Europäer erblicken. Sie hatten Angriffe zu beſtehen und wurden von indianiſchen Piroguen vex⸗ folgt. Kurz, ihre Lage war eine höchſt klägliche: umringt von Gefahren aller Art, bedrängt von eben ſo vielen Leiden und Be⸗ fürchtungen, verloren ſie unter dem Gefühl ihrer Lage manch⸗ mal den Zweck ihrer traurigen Reiſe ganz aus dem Auge. Robertſon allein blieb ſich ſtets gleich. Als ſie eines Tages vor Hunger und Durſt halb dem Tode nahe waren, begegne⸗ ten ſie einem Kauffahrer, dem ſie ſich als Perlen⸗ und Tripang⸗ fiſcher ausgaben. Ihre Papiere waren in Ordnung. Schreck⸗ liche Entbehrungen las man auf ihren abgemagerten Zügen. Der Kauffahrer gab ihnen einige Lebensmittel und zwei Gal⸗ lonen Branntwein. Man muß den Werth kennen, welchen die Matroſen auf dieſes„Lebenswaſſer“ ſetzen, um ihre Freude zu begreifen über eine Herzſtärkung, welche ſie ſeit mehreren Wo⸗ chen nicht über die Lippen gebracht hatten. Die Goelette war klein, die Luft erſtickend heiß. Sie brachten die Nacht, da ſie es in der Kajüte nicht aushalten konnten, auf dem Verdeck zu und hielten hier ihr Schmausgelag, Robertſon wie die Andern, und mehr als die andern. Er verſchlang in Einem Zug ſo viel Branntwein, daß er wie todt auf den Rücken fiel; William ſtieß ihn mit dem Fuße lachend zur Seite und nahm ſeinen Platz ein. Tomſon hielt ihm als wahrer Seewolf den Kopf. Sie tranken ſich munter zu und ſchliefen brüderlich ne⸗ beneinander. Plötzlich ward der alte Kapitän durch ein wildes Geſchrei erweckt. Die Nacht war düſter, das Meer unruhig. Kaum aufgeſtanden, und ehe er ſich Rechenſchaft von dem Vor⸗ . — gegangenen geben konnte, hörte er einen zweiten ſehr deutlichen Schrei: vein Mann im Meere!« Es war die Stimme Ro⸗ bertſons, der auf das Verdeck lief und ein Seil verlangte. Die erſtaunten Matroſen ſahen ſeine That. Tomſon begriff ſogleich, wovon es ſich handelte.„Wir haben kein Boot,“ ſagte er zu Robertſon...„laſſen wir William, wo er iſt... aber ich weiß Alles, Kamerad,“ fügte er leiſer mit grinſendem Hohnlachen hinzu. Robertſon ſtellte ſich, als habe er nichts gehört. 1 Nach zahlloſen Widerwärtigkeiten im Archipel der Maria⸗ nen angekommen, begannen die Ausflüchte Robertſons von neuem. Er wußte ſich in der Nähe ſeines Schatzes, allein gleichzeitig fing er an Mißtrauen in den Kapitän zu ſetzen. Vielmals hatte er während der Fahrt zwiſchen dieſem und Wil⸗ liam Blicke des Einverſtändniſſes wahrzunehmen geglaubt; ſie hatten mehrmals insgeheim miteinander geſprochen; Tomſons ich weiß Alles“ konnte daher mehr ſein als eine eitle Groß⸗ ſprecherei. In der That hatte William, ſtets irgend eine Treu⸗ loſigkeit befürchtend, für gut gehalten, den alten Engländer in's Vertrauen zu ziehen; da er aber nur ein ſehr unwiſſender Ma⸗ troſe war, ſo konnte er weder Breite⸗ noch Längegrad, ja nicht einmal den Namen der Inſel angeben, wo der koſtbare Schatz verborgen lag: er erinnerte ſich bloß, daß es nördlich von Ti⸗ nian und Seypan war— eine ſehr ungenügende Angabe. Bei Tinian, wohin ſie gegangen waren, um Waſſer ein⸗ zunehmen, wurden ſie von dem Kapitän eines ſpaniſchen Schiffes beſucht, dem ſie ihre gewöhnliche Geſchichte vorſagten und ſich für Tripangfiſcher ausgaben, die durch eine Reihe heftiger Stürme einigermaßen von ihrem Wege abgekommen ſeien. Im Augen⸗ blick, wo ſie den Ankerplatz verließen, ergriff Robertſon, der ſeit einigen Tagen ſeine verzehrende Uageduld kaum bezähmte, die 1 “ Gelegenheit eines ſchlecht ausgeführten Manövers zu Händeln mit Tomſon. Sie ſtanden am einen Ende des Schiffes, die beiden Matroſen am andern, kaum den Grund des Streites begreifend, der ſich zwiſchen dem Kapitän und ſeinem Mieths⸗ mann erhob. Plötzlich ſtürzte ſich dieſer auf den alten Offtzier, faßte ihn am Kragen und warf ihn mit ſolcher Schnelligkeit in's Meer, daß ſie keine Zeit hatten zu ſchreien. Bis jetzt hatte ihnen Robertſon wüthend geſchienen, allein plötzlich wandte er ſich zu ihnen und befahl in ſo ruhigem und zugleich ſo ent⸗ ſchloſſenem Tone das Manöver, daß dieſe durch die Furcht im Zaume gehaltenen Menſchen keine Bewegung machen konnten, um ihrem Kapitän zu Hülfe zu eilen, der aber als ein guter Schwimmer ſich zu retten wußte. Unbemerkt erreichte er die Küſte und fand ſogleich das ſpaniſche Schiff wieder, das Abends zuvor ſie beſucht hatte. Kapitän Pacheco, der es befehligte, hörte den Bericht Tomſons mit lebhaftem Intereſſe. Ein Bis⸗ cayer von Geburt und ungemein brutal, wahrte er alsbald ſein Anrecht auf den Schatz, machte Jagd auf die Goelette und traf ſie Tags darauf verſteckt in einem kleinen Hafen von Seypan. Beim Anblick des ſpaniſchen Schiffes fluchtet Robertſon auf das Geſtade, verſchwindet in den Bergen, wird aber meiſterhaft umſtellt, kann ſich auf die Goelette, die man im Namen des Gouverneurs der Marianen⸗Inſeln mit Beſchlag belegt, nicht mehr zurückziehen, und muß ſich gefangen geben. Man ſperrt ihn gefeſſelt in die Kajüte, ruft den Offiziersrath zuſammen und verhört ihn. Tomſon war ſehr genau in ſeinen Belaſtungs⸗ angaben. Robertſon antwortete im weſentlichen, Tomſon ſei ein alter Narr, der ſich eigens zu dem Zweck in's Waſſer ge⸗ ſtürzt, um ſeinem Miethsmann dieſes Verbrechen Schuld geben zu können. 5 »Meine Geſchäfte in dieſen Gewäſſern betreffend, ſo geht dieß nur mich an,“ ſagte er,„und ich bin Euch in dieſer Hin⸗ ſicht keine Rechenſchaft ſchuldig. Euer Schiff iſt kein Kriegs⸗ ſchiff, und die Polizei in dieſen Meeren geht Euch nichts an. Ihr maßet Euch richterliche Gewalten über mich an, die Ihr nicht habt.“ Pacheco lachte über dieſe Abweiſung ſeiner Ge⸗ richtsbarkeit, und bedrohte den kühnen Piraten mit ſehr ſumma⸗ riſcher Juſtiz, wenn er den Ort nicht angebe, wo er den Schatz, die Frucht eines Diebſtahls, verborgen habe:„Ihr habt zwei Stunden Bedenkzeit; ſind dieſe vorüber, ſo geht's zum Tode.« —„Es ſei,“ ſagte Robertſon. »„Ihr werdet eines ehrloſen Todes ſterben,“ fuhr Pacheco fort,„den Peitſchentod.“—„Die Peitſche mir, einem Schiffs⸗ kapitän!«—„Ihr ſeid nicht Schiffskapitän; ich bin Spanier, und die aufſtändiſchen Amerikaner ſind für mich nur Seeräu⸗ ber.“—„Der Krieg iſt geregelt... ich bin engliſcher Unter⸗ than, und England hat die Unabhängigkeit anerkannt.“— „England, das iſt möglich, nicht aber Spanien. Ich habe übrigens eine Miſſion von Seite des Statthalters der Marianen und die Befugniß zu handeln, wie geſchieht.« Der Gefangene war mit ſeiner Logik zu Ende; er ant⸗ wortete nichts mehr, und ward gefeſſelt wieder in ſeine Kajüte abgeführt, um dort unter Aufſicht gehalten zu werden. Indeſſen ſuchte man nach den Angaben Tomſons auf die Inſel zu kom⸗ men, wo der Schatz verborgen ſein könne. Dieſe ſehr ſchwan⸗ kenden Angaben ſchienen vorzugsweiſe auf die Inſel Agrigan anwendbar, man ankerte daher in der beſten Bucht derſelben, die man auffinden konnte. Die Reiſe dauerte zwei Tag, wäh⸗ rend deren Robertſon keine Sylbe ſprach, welche Mittel man auch anwandte, um ihn dazu zu vermögen. Im Begriff zu landen, machten Pacheco und Tomſon, mehr und mehr in ihren Muthmaßungen beſtärkt, einen abermaligen Verſuch. Ohne 281 Zweifel hatte Robertſon ſeine Inſel erkannt, denn er ſchien ſich zu ergeben, verlangte, daß man ihm ſeine Feſſeln abnehme, und verſprach, die Nachforſchungen ſelber zu leiten. Unter dieſer Bedingung ward ſeine Forderung bewilligt. Man brachte ihn in ein Boot, jedoch mit gebundenen Händen. Am Lande hatte er neue Ausflüchte, behauptete, er kenne die Oertlichkeiten nicht, und ſchlug vor, die Anker zu lichten und weiter zu fahren. Während man hierüber berieth, brach er plötzlich ſeine Bande und floh in die Gebüſche. Allein Pacheco war nicht der Mann, der ihm dieſe Ausſicht auf Rettung übrig bließ. Behend wie die Bergbewohner ſeines Landes, eilte er ihm nach und erreichte ihn in wenig Augenblicken. Der Pirat, erbittert, heulte und fluchte: man hätte ihn einen Tiger nennen können, den man zum erſten Mal in Ketten ſchlägt. Wie der Tiger vertheidigte er ſich, in Ermangelung anderer Waffen, mit Nägeln und Zäh⸗ nen. Und dennoch war die Partie nicht gleich— er wurde noch einmal geknebelt. Nun begann eine neue Scene. Robert⸗ ſon, voll Trotz gegen Pacheco, ſchien ſich zu gefallen in dem Geſtändniß ſeiner Verbrechen, die er aufzählte, und deren Ein⸗ zelnheiten er mit einer Art ironiſcher Freude auseinanderſetzte, ſo daß ſelbſt die Entſchloſſenſten erbleichten; aber vom Schatze kein Wort. Hierüber allein blieb er ſtumm. Darauf hatte Pacheco nicht gerechnet, deſſen Drohungen um ſo heftiger wurden, je höhnender der Trotz des Piraten ſich äußerte. Endlich mit Tagesanbruch ward Robertſon, der wäh⸗ rend der Nacht noch einen Verſuch gemacht hatte, ſeine Wäch⸗ ter zu beſtechen, und, da er fruchtlos blieb, ſich zu ermorden, auf's Neue vor Pacheco geführt. Kaum hatte er Rede und Antwort verweigert, ſo ward er ſeiner Kleider beraubt, an eine Hanone gebunden und von zwei Matroſen mit in Eſſig ge⸗ tauchten Stricken kräftig geprügelt. Ohne einen Laut zu aͤußern, 282 ertrug er die erſten 25 Hiebe. Als er aber nach einer Pauſe ſah, wie ſeine Henker ihre Hemdeärmel zurückſtreiften zu einer neuen Tracht, da überlief ihn ein Schauer von Kopf bis zu Fuß. Er verlangte Gnade und verſprach dießmal volles Ge⸗ ſtäͤndniß. Augenblicklich ward ein Boot gerüſtet; doch hielt man es nicht für nothwendig, einen zur Flucht ſo geneigten Mann zu entfeſſeln. Das einzige, was man ihm auf ſeine Bitte bewilligte, war ein Glas Rum und einige Augenblicke Ruhe. Nachdem er getrunken, legte er ſich auf den Boden, verhüllte den Kopf und ſchien zu ſchlafen. Wer ihn in dieſem entſcheidenden Moment mit Aufmerkſamkeit betrachtete, ſah ihn von Zeit zu Zeit zittern, wie von heftigen Schmerzen gepeinigt. Ohne Zweifel dachte er an ſein verlorenes Leben, an ſeine un⸗ nützen Verbrechen, an jenen ſo langen, ſo ausdauernden und durch einen ſo ſchmählichen Tod beſiegelten Kampf. Nach einer Stunde erhob er ſich von ſelbſt; ſeine Züge waren krampfhaft zuſammengezogen und ſchwarzblau. „Ich bin bereit,“ ſagte er. Das Boot war bewaffnet und wartete. Pacheco und Tomſon faßten nun Hoffnungen. Dennoch verfiel Robertſon beim Betreten dieſes Fahrzeugs in einen neuen Anfall von Wuth. Mit einem heftigen Fußſchlag ſtieß er das Boot zurück und verſchwand einen Augenblick unter den Wellen. Ein Ma⸗ troſe, trefflicher Taucher, ſtürzte ihm nach; von dem ſchrecklichen Piraten aber, deſſen Kräfte die Wuth verhundertfachte, am Halſe gepackt, vermochte er nur mit großer Mühe ſich dieſes tödtlichen Druckes zu erwehren. Als er allein wieder an der Oberfläche erſchien, drang ein gepreßter Schrei aus jeder Bruſt. Das Drama war geendigt, das Geheimniß liegt auf ewig im Ocean begraben. Der Gouverneur der Marianen, damals Medinilla, wollte den Kapitän Pacheco aburtheilen laſſen, ſo ſchuldig fand er ihn der Ungeſchicklichkeit und der Brutalität. Er ſelbſt wollte auf die Inſel Agrigan ein ganzes Heer von Arbeitern geleiten, welche ſie in allen Richtungen durchwühlen ſollten. Allein die treue Erde bewahvte den verborgenen Schatz in ihrem Buſen und die Piaſter des Peruvian harren noch eines glücklichern Finders. Die Inſel Agrigan liegt unter dem 19⁰ N. B. und unter dem 143⁰° O. L. von Paris. Die Salzbergwerke von Wielicza. (Aus Kohls Reiſen). Hegen ſieben Uhr Abends trabten unſere Pferde ſchon über den Köpfen der ſalzſprengenden Bergleute von Wieliczka, die weit um das Städtchen herum den Boden unterminirt haben. Das freie Bergſtädtchen Wieliczka ſäumte nicht, unſerm raſchen Dreigeſpann ſchnell entgegenzukommen mit ſeinen Thürmen, mit ſeinem alten Schloſſe, mit ſeinen unregelmäßigen Gaſſen, mit denen es ſich in einen Thalkeſſel der vordern Karpathen einge⸗ niſtet hat, und mit ſeiner deutſchen Kolonie, oder, wie die Leute hier ſagen, mit ſeinem„Schwaben⸗Dörfle«, das mit netten, freundlichen Häuſern ſich der alten Polenſtadt zur Seite gelegt hat. Wir mußten uns geſtehen, daß wir außer den Fabeln, welche man ſich von dieſen berühmten Salzbergwerken erzählt, wenig Solides von ihnen kannten, und eilten daher, uns bei den Salzbeamten, die wir im„goldenen Engel“« in großer An⸗ zahl verſammelt fanden, in die Schule zu begeben, um am 284 folgenden Tage nicht ganz unvorbereitet in die Gruben hinab⸗ zuſteigen. Wir fanden ein paar gutwillige Lehrmeiſter unter ihnen, die uns am Abende bei einem Gläschen Punſch ſoviel Neues über die Sache vortrugen, als wir früher von keinem Katheder vernommen hatten. Vor allen Dingen wünſchten wir zuerſt etwas Näheres über die Ausdehnung der ungeheuren, hier am Fuße der Kar⸗ pathen von den Naturmächten niedergelegten Salzvorräthe zu wiſſen. Doch führte uns gleich dieſe Vorfrage in ein Laby⸗ rinth von Vermuthungen und Vorausſetzungen, die uns erkennen ließen, wie viel auch hier bei Allem, was man bereits weiß, noch dunkel und unbekannt bleibt. Soviel iſt gewiß, daß auf der ganzen nördlichen Seite der Karpathen viele Salzquellen— man zählt jetzt nicht weniger als hundert dem Kaiſer von Oeſterreich zollende Salzcocturen— von großen unterirdiſchen Salzvorräthen zeugen. Dieſe Vorräthe ſelbſt ſind bis jetzt an mehreren Punkten entdeckt worden, in Bochnia und Wieliczka im Norden, bei einigen Ortſchaften der Moldau und Sieben⸗ bürgens im Süden, und endlich bei Sambor und Halitſch in der Mitte der Karpathenkette*). Nicht nur zeigt das Salz dieſer Orte ganz und gar eine und dieſelbe Structur und die⸗ ſelben Eigenſchaften, ſondern auch die Aufeinanderfolge der *) Die Entdeckungen bei Sambor und Halitſch hat man nicht weiter verfolgt. In der Moldau aber wird ſeit alten Zeiten Steinſalz gewonnen und als ein längſt bekannter Handelsartikel weit umher in alle Landſchaften verfahren. In ganz Süd⸗ und Kleinrußland und in der ganzen Ukraine bis in das Dongebiet hinein findet man auf allen Märkten die grünlichen moldauiſchen Bergſalze in dicken, dichten Maſſen, die von den Einwohnern in vielen Fällen dem Salze der Steppenſeen vorgezogen werden. Ebenſo geht auf der andern Seite das ſiebenbürgiſche Bergſalz weit durch Ungarn hin. 285 Stein⸗ und Erdlagen ſcheint, ſo weit man ſie kennt, überall im Ganzen die nämliche zu ſein. Welches Heer von Räthſeln und Fragen wird von dieſen einfachen und ausgemachten Daten zur Qual des Geiſtes, dem weder Chemie, noch Phyſik, weder Geognoſie, noch Geologie eine Antwort darauf geben, aufgeregt! Man moͤchte gern an⸗ nehmen, es hätte früher ein Meer über ganz Rußland und Polen hin bis an den Fuß der Karpathen gereicht, und hier, an ſeiner Küſte verdampfend, ſeinen Salzinhalt niedergeſchlagen. Anndere Fluthen wären darnach gekommen und hätten ſpäter andere Niederſchläge und Stoffe darüber gehäuft. Allein nun erſcheinen ſelbſt auf der Südſeite der Karpathen Salzquellen, und es ragen auch in Siebenbürgen und Ungarn Aeſte jenes galiziſchen Salzſtocks hinein. Es ſcheint demnach wieder, als ginge die ungeheure Kryſtallſcholle unter der Baſis der Karpa⸗ then weg, und als ſäße dieſe ganze Gebirgsreihe, als eine ſpä⸗ tere Bildung, auf ihr auf, wie dieß allerdings auch einige Ge⸗ lehrten annehmen. Fielen in dieſem Falle die Karpathen als ein Niederſchlag auf die Scholle hinab, oder durchbrachen ſte, von unten emporſteigend, die Salzkruſte? Iſt der erſte Fall überhaupt denkbar und möglich? Und wo ſind im letzteren Falle die Bruchſtücke und Trümmer des Salzes? Geſchahen die Salzniederſchläge plötzlich? oder ſind ſie das Produkt langſamer und allmählig wirkender Prozeſſe? Wie erklärt es ſich im letz⸗ teren Falle, daß man ungeheure Salzſtöcke findet, in denen das Salz ſo rein daliegt, wie Goldkönig, ohne daß auch nur ein fremdartiges Stäubchen ſich beigemengt hätte? Wie weit reichen dieſe großen karpathiſchen Salzlager, und wie würde ſich eine Zeichnung ihres Verbreitungslagers darſtellen? Liegt die ganze Oberflächenrinde des Königreichs Galizien mit allen ihren Flüſſen, Hügeln, Städten und Provinzen in ſeiner ganzen Ausdehnung auf einer zuſammenhängenden Salzbaſis? oder niſten die Kry⸗ ſtalle nur hier und da, in einzelnen Partieen und Gruppen zer⸗ ſtückelt, in gewiſſen Thälern und Gegenden? Wie weit ſind dieſe Gruppen verbreitet? oder wie weit ragen die Maſſen und Aeſte jenes großen Gebietes nach Polen und Rußland hinein? Wie tief ſteigen ſie in die Eingeweide der Erde hinab? Wie grenzen und miſchen ſie ſich mit den Erdarten? Wo liegen ſie am tiefſten und wo kommen ſie nahe an die Oberfläche? Viel⸗ leicht lagern ſie noch an vielen Orten dicht unter dem Raſen, und nur ein Zufall hinderte ihre Entdeckung? Es ſind dieß größtentheils lauter Dinge, die uns verborgener ſind als der unterſte Boden des Meeres, und die wir noch ſchwerer dereinſt zu enthüllen Ausſicht haben, da das Sondiren in der ſtarren Erdſchicht noch ſchwieriger iſt als in dem flüſſigen Kryſtall der Meereswellen. Wie Mäuſe an einem Pfannkuchenberge, naſchen die Menſchen nur hier und da an einer Salzmaſſe, und blicken nicht viel weiter, als der Schein ihres Grubenlichtes reicht. Die Sarmaten des Herodot, Lugier, Anten, Geten, Da⸗ ken, Gothen, Gothinen und andere Völker wanderten über dieſe vorkarpathiſchen Landſchaften Jahrhunderte lang hin und her, ohne in ihrem barbariſchen Sinne zu ahnen, welche Schätze ſie mit Füßen traten. Sie holten, Gott weiß, von welchem entfernten Strande, in ſpärlichen Portionen, was ſie kaum 100 Fuß unter ſich in ſo reichlichen Quantitäten hätten haben können. Erſt vor 600 Jahren, im Jahre 1251, entdeckte man die Salzſtöcke von Bochnia und Wieliezka und fing an, ſie zum Wohle der Menſch⸗ heit auszubeuten. Es ſoll die heilige Kunigunde, die Gemah⸗ lin des Herzogs Botislaus V., geweſen ſein, die dieſe Ent⸗ deckung machte. Die Art der Gewinnung mochte anfangs ſehr einfach ſein, ſo lange man noch an dem oberſten Kopfe des hier 287 hinaufragenden Salzhügels arbeitete. Später holte man Berg⸗ leute aus Ungarn und Deutſchland, und betrieb die Sache kunſtgerechter. Die Nachrichten von der regelmäßigen Betreibung des Bergbaues ſteigen nicht über das Jahr 1442 hinauf. Doch waren ſelbſt in den Zeiten nach dieſem Jahre während der ganzen Polenherrſchaft alle Arbeiten und Anſtalten noch ſehr unvollkommen. Die Bergwerke waren gewöhnlich an Juden verpachtet, die mit unwiſſenden Polen oft nur in den Tag hinein, oder, wie der Kunſtausdruck dafür lautet,„auf Raub“ arbeite⸗ ten. Sie ſuchten ſoviel Salz als möglich an's Tageslicht zu ſchaffen, unbekümmert darum, ob ihren Nachfolgern aus der unklugen Anbauung der Schachte Nachtheil erwachſe oder nicht. Erſt mit dem Jahre 1772, wo die Bergwerke kaiſerlich öſter⸗ reichiſch wurden, begann eine geregelte und rationelle Wirth⸗ ſchaft nach den neuern und beſſern Methoden. Auch ſeit dieſem Jahre erſt hat man ein ordentliches Archiv begründet, mit deſſen Hülfe man nun klar die Geſchichte der Ausbeutung vor Augen hat, d. h. das öſterreichiſche Gouvernement, denn gegen Fremde iſt man ſo geheimnißvoll, daß dieſe nie etwas Zuverläſſiges von der Zu⸗ und Abnahme des Gewinnes, von der Veränderung des Salzpreiſes, von der allmähligen Ausdehnung der Werke, von der Verbeſſerung der Methoden und anderen ſolchen inter⸗ eſſanten Gegenſtänden erfahren. Ueber die Zeiten vor 1772 gibt es keine zuſammenhängende Geſchichte des Bergwerks, ſondern nur einzelne Documente und unbedeutende Bruchſtücke. Die ſämmtlichen höheren Beamten des Werkes ſind jetzt gebildete Deutſche, und es werden alle Hülfsmittel, welche die Wiſſenſchaften und Künſte an die Hand geben, in Anwendung gebracht, um theils die Fehler in der Anlage der alten Arbeiten möglich unſchädlich zu machen, theils die neueren Ausbeutungen — 288 gleich von vorn herein vernünftiger anzulegen. Auf dieſe Weiſe gewinnt man jetzt, in Bochnia und Wieliczka zuſammengenom⸗ men, 900,000 Centner. Daß man mehr gewinnen könnte, iſt keine Frage. Doch richtet man ſich mit der Steigerung oder Minderung der Ausbeute nach dem Bedarfe. Von jenen 900,000 Centnern werden den Verträgen des Jahres 1772 zufolge 200,000 Centner an Preußen, und 150,000 Centner an Rußland zu Preiſen überlaſſen, in denen nur die öſterreichi⸗ ſchen Arbeitskoſten berechnet ſind. Die übrigen 550,000 Cent. werden von der öſterreichiſchen Regierung zu willkürlich von ihr beſtimmten Preiſen verkauft. Sie gehen zum Theil auf der Weichſel nach Polen, zum Theil per Are nach Schleſien, Mähren und in die Karpathenthäler. Der Beamten und Arbeiter zuſammengenommen, gibt es un⸗ gefähr 900, wovon 86 Beamte ſind. Dieſe Beamten, an deren Spitze ein Gouverneur mit mehreren Bergräthen ſteht, theilen ſich in„montaniſtiſche“ und „obertägige“, oder, wie man ſich bei anderen Bergwerken aus⸗ drückt, in„Herren vom Leder“ und„Herren von der Feder.“ Die Obertägigen, Räthe, Sekretäre, Protokolliſten und Schrei⸗ ber, ſind blos für's Adminiſtrativfach beſtimmt, die Montaniſti⸗ ſchen für die Inſpicirung der Arbeiter und für die Leitung der neuen Bauten. Jene bilden die„Oberſchichtmeiſter“,„Unter⸗ ſchichtmeiſter« und„Steiger“, dieſe die„Ober⸗ und Unter⸗ markſcheider“ oder, wie ſie auch genannt werden, die„Inge⸗ nieure.“ Die Beamten ſind gut beſoldet, und wir hatten Ge⸗ legenheit, an den Vorbereitungen zu einem Balle, den die ſämmtlichen Salzmänner bei unſerer Anweſenheit in Wieliczka zu geben im Begriffe waren, die Sorgloſigkeit und Fülle ihres Lebens zu bemerken. Die hohe Akademie für die Bildung dieſer Beamten iſt — 289 vorzugsweiſe Schemnitz in Ungarn. Die Arbeiter theilen ſich in ſolche, welche ein⸗ für allemal beſoldet ſind, und in ſolche, welche nur auf Contract arbeiten. Die Zahl der Letzteren mehrt oder mindert ſich je nach der Begehrtheit des Salzes. Der vom Salzwerke penſionirten Arbeitern und Beamten gibt es nicht weniger als 800, von denen die meiſten 40 bis 45 Jahre in den Gruben gearbeitet haben. Für das gewonnene Salz gibt es vier Hauptniederlags⸗ orte, nämlich Wieliczka, Niepolemize, Podgorze u. ſ. w. Hier wird es in großen Magazinen aufgehäuft, aus denen man es an die Kaufleute verabfolgt. Andere Nebenmagazine hat man in Brünn, Teſchen und Bllitz für Schleſien und Mähren an⸗ gelegt. Die Salzwerke haben jetzt eine Ausdehnung in die Breite von 35,000 Quadratklaftern gewonnen. Die Länge aller Stollen und Gänge des Bergwerkes zuſammengenommen würde einen Gang von 7 ½ Meilen betragen. Zehn Tagesſchachte ſetzen dieſes unterirdiſche Labyrinth mit der Oberfläche der Erde in Verbindung. Der eine von dieſen zehn Schachten,„Wodna Goca“«(Waſſerberg) genannt, dient zur Herausſchaffung des Waſſers, zwei benutzt man zum Einfahren der Menſchen, und die übrigen, um das Salz emporzufördern, oder um Holz, Stroh, Pferde und anderes Material in die Grube zu bringen. Das ganze Werk zerfällt nach den verſchiedenen Perioden des Baues in drei große Abtheilungen oder, wie der Kunſt⸗ ausdruck lautet, in drei„Felder“, das„alte Feld«, das„Ja⸗ ninafeld“ und das„neue Feld“. Das alte Feld greift von der Stadt aus nach Süden in's Gebirge hinein, das neue nach Oſten, und das Janinafeld nach Weſten. Das erſtere beſteht aus den älteſten unregelmäßigen Anlagen. Das Janinafeld, ſo genannt vom König Johann, iſt nach einem verbeſſerten Aus allen Welttheilen. 19 ooöoöſöſſͤſͤſͤſͤſſͤͤͤ Plane angebaut. Das neue Feld ſtammt aus der öſterreichi⸗ ſchen Zeit, und bei ſeiner Anlage ſind die neueſten Erfindungen und alle wiſſenſchaftlichen Entdeckungen benutzt worden. Uebri⸗ gens wird auch noch jetzt aus den älteren Feldern Salz zu Tage gefördert. Jedes dieſer Felder beſteht aus fünf über einander liegen⸗ den Stockwerken oder, wie man ſich hier ausdrückt,„Contigna⸗ tionen“, und jede dieſer„Contignationen“ iſt aus vielen, durch Stollen und andere wagerechte Gänge mit einander verbundenen Höhlen oder„Kammern“ zuſammengeſetzt. Die verſchiedenen Contignationen ſind dann wieder durch ſenkrechte oder ſchief ab⸗ wärts gerichtete Schachte und Treppengänge mit einander ver⸗ bunden. Bis zur erſten Contignation ſteigt man durch die verſchiedenen tauben Erdſchichten 34 Klafter tief hinab. Zwi⸗ ſchen den verſchiedenen Contignationen hat man natürlich wie⸗ der angemeſſene Zwiſchenräume von 10 bis 15 Klaftern gelaſ⸗ ſen. Die durch Stufen oder Treppen völlig bequem gangbare Tiefe beträgt 125 Klaftern und die Tiefe des Ganzen 145 Klaftern. Da Wieliczka ſelbſt 150 Fuß über der Weichſel bei Krakau und 699 Fuß über dem Meere erhaben iſt, ſo ſteigt demnach das Bergwerk noch 580 Fuß tiefer unter das Weich⸗ ſelbett und 300 Fuß unter die Oberfläche des Meeres hinab. Das Salz, welches in Wieliczka gewonnen wird, hat ſo⸗ wohl nach ſeiner verſchiedenen Beſchaffenheit, als nach den ver⸗ ſchiedenen Formen, welche es erhält, verſchiedene Nämen, die zum Theil poloniſirte deutſche, zum Theil germaniſirte polniſche Wörter ſind. Mit den Verſchiedenheiten ſeiner Beſchaffenheit verhält es ſich ſo: das beſte Salz iſt das Kryſtallſalz,„Ljodowata“ ge⸗ nannt, vom polniſchen Worte„Ljod“, Eis. Dieſes Eisſalz iſt völlig weiß und durchſichtig wie Glas. Es kommt in den 291 übrigen Salzmaſſen in kleinen Adern, Neſtern und Drüſen vor, und iſt überall in kleinen Maſſen von einem oder einigen Ku⸗ bikfuß Größe eingeſprengt. Die Polen nennen es auch„Ocz⸗ kowata“,„geäugeltes Salz«, von dem Worte Oczko,„Auge“«, und machen zuweilen noch einen Unterſchied zwiſchen dem „Oczkowata“ und„Ljodowata«. In der Wiſſenſchaft heißt es »Sal gemmae«,„Cdelſteinſalz«. Früher wurde dieſes„Augen⸗, Eis⸗, Edelſtein⸗ oder Kryſtallſalz“ an den König von Polen abgeliefert, der mit kleinen Portionen deſſelben Geſchenke an ſeine Magnaten machte und auch allerlei Kunſtſachen zur Aus⸗ ſchmückung ſeiner Paläſte daraus verfertigen ließ. Auch wurde es benachbarten Fürſten zum Präſent geſchickt. Noch jetzt be⸗ kommt der König von Preußen jährlich zwei Centner ſolchen feinen Salzes, der Kaiſer von Rußland als ſolcher 2 ½ Cent⸗ ner, als König von Polen zwei Centner, und der Kaiſer von Oeſterreich als ſolcher drei Centner und als König von Un⸗ garn einen Centner. Die Bildſäule des Königs Johann Si⸗ gismund, welche jetzt im Salzwerke aufgeſtellt iſt und früher in Warſchau ſtand, iſt aus dem größten Blocke des feinſten Kryſtallſalzes gemacht, den man bisher im Bergwerke fand. Für die Fremden drechſeln die Arbeiter aus dieſem Salze viele zierliche Kleinigkeiten, Nadelbüchſen, Crucifire, Perlen, Billard⸗ kugeln, Roſenkränze, Tintenfäſſer, Salzbüchſen, Meſſer u. ſ. w., die ſie zu theuern Preiſen verkaufen, und mit denen jedes Wirthshaus in und um Wieliczka wohl aſſortirt iſt. Unſer Wirth erzählte uns, daß ein engliſcher Lord einmal hier drei Centner ſolcher niedlicher Lappalien aufgekauft habe. Man findet Scheiben, die ſo vollkommen klar und völlig fehlerlos wie Spiegelglas ſind. Auch hat man ſogar verſucht, Spiegel dar⸗ aus zu verfertigen. Außer dieſem, wie geſagt, nur in kleinen Quantitäten hier . 19 ⁸ 292 und da vorkommenden Salze kann man alles übrige Salz in „Blotnik“(Kothſalz),„Grünſalz“ und„Schibiker Salz“ ab⸗ theilen. Das Kothſalz liegt in den oberen Schichten des Werks und heißt ſo, weil es mit vielen Thon⸗ und Lehmtheilen durch⸗ zogen iſt. Man geht auf ſeine Gewinnung nicht aus. Muß man es aber, um zu beſſerem Salze zu gelangen, brechen, ſo verbraucht man es entweder als Baumaterial zu Errichtung von Pfeilern und Gewölben im Bergwerke ſelbſt, oder man ſchafft es zu Tage und verkauft es für's Vieh. Das„Grünſalz“,„Zielona“(vom polniſchen Worte„zie⸗ lony«,„grün“) liegt in ungeheuren dichten Maſſen unter dem Kothſalze, und es iſt daſſelbe der hauptſächlichſte Gegenſtand des Betriebes. Es beſteht aus vielen kleinen Salzkryſtallen, die innig und feſt in einander verwachſen ſind. Es iſt faſt ſo hart wie Glas und hat die grüne Farbe und denſelben Grad von Durchſichtigkeit wie das gewöhnliche Bouteillenglas. Der Unterarten des Grünſalzes hat man eine Menge unterſchieden, je nachdem die Salzkryſtalle, aus denen es ſich bildete, lockerer oder feſter zuſammengeſetzt wurden, und je nachdem ſie kleiner oder größer waren. Das beſte und berühmteſte Grünſalz iſt das„Spiza“ oder „Metallſalz“. Der polniſche Name„Spiza“ ſoll vom deutſchen Worte„Speiſe“(Glockenſpeiſe) herrühren. Dieß poloniſtrte deutſche Wort haben dann die Deutſchen wieder aufgenommen und es wieder etwas auf deutſche Weiſe gemodelt, und nennen nun ſo dieß Salz„Spießerſalz“. Die Karpathenbewohner ſol⸗ len dieß Spiza vorzugsweiſe gern nehmen und es das„reine“ oder„reife Salz“ nennen. Andere kleinkörnige Grünſalze ſind das„Perlenſalz“(Jarka, vom polniſchen Worte„Jarka“, Buch⸗ 293 weizen), das„Hanfſamenſalz“(Siemlarka) und das„Mohn⸗ ſalz“(Makowka). Je mehr man nach unten hinabſteigt, deſto reiner und ſchöner werden die Salzflötze, und ſo liegt das feſteſte und reinſte Salz— d. h. natürlich, wenn man von dem ſchon oben erwähnten klarſten, weißen Salzkryſtalle abſieht— das ſoge⸗ nannte„Szybikowa“ oder„Schibiker Salz“, das Scheibenſalz, zu allerunterſt. Es iſt weniger dunkel gefärbt und noch dichter als das gemeine Grünſalz. Dem Blotnick oder Kothſalze gibt man, da es, wie geſagt, nicht in den Handel kommt, gar keine Form und verkauft es an die Umwohnerſchaft des Orts in ſolchen Stücken, in denen es zufällig bricht. Die verſchiedenen Arten des Grünſalzes (Siemlarka, Makowka, Jarka u. ſ. w.) werden nur von dem Bergmanne unterſchieden, dem der Unterſchied der Struktur auf⸗ fällt. Da die letztere aber gar keinen Unterſchied im Weſen und Gebrauch des Salzes begründet, ſo werden ſie im Handel nicht weiter berückſichtigt, und für dieſen bleiben daher nur die Unterſchiede 1) des Kryſtallſalzes, 2) des Grünſalzes, und 3) des Schibiker Salzes wichtig. Das Kryſtallſalz fördert man in ſo großen Stücken als möglich zu Tage, und gibt ihm dann oben auf der Drech⸗ ſelbank oder mit dem Meißel die Formen, deren wir ſchon oben erwähnten. Es bleiben daher nur die Formen des Grün⸗ und Schibiker⸗Salzes übrig. Seit uralten Zeiten gab man dem Salze in Wieliczka abſichtlich zweierlei Formen, die Cylinder⸗ und Parallelepipeden⸗ Form, jene„Balwanen“, dieſe„Formalſtücke“ genannt, und 294 unterſchied dann noch zwei zufällig entſtandene Formen, die „Naturalſtücke“ und das„Minutienſalz.“ Die cylindriſche Form der Balwanen iſt die gewöhnlichſte; „Balwan“ heißt im Polniſchen ein„Klotz.“ Uns erzählte man, Balwan wäre auch ein altes Götzenbild der Sarmaten geweſen, von dem man die Form entlehnt hätte. Völlig cylin⸗ driſch ſind die Balwanen eigentlich nicht, ſondern wie Wein⸗ tonnen nach den Seiten hin ein wenig zugeſpitzt. Die Salz⸗ kryſtalle werden ſchon unten im Bergwerke ſelbſt von einer eignen Klaſſe von Arbeitern, den ſogenannten„Band⸗ oder Streckenhauern« zu Balwanen zugerichtet. Die Form zweckt offenbar dahin ab, den Transport der Maſſen zu erleichtern. Die Seiten ſpitzte man tonnenförmig ab, um die Kanten beim Rollen nicht zu ſehr zu erponiren. Im Bergwerke ſelbſt wer⸗ den die Balwanen nichtsdeſtoweniger nicht gerollt, ſondern auf kleinen Schiebkarren oder Hunden von einzelnen Arbeitern fort⸗ geſchafft. Man ſagte uns, ſie würden nie kleiner als zu zwei Centnern und nie größer als zu dreien gemacht. Die„Formalſtücke“ ſind Parallelepipeden von zwei bis drei Centnern. Sie werden für den Flußhandel, insbeſondere den auf der Weichſel, geformt. Auch hängen ſich ſonſt noch manche Handelsgewohnheiten an dieſe alte hergebrachte Form. Die bei dem Losarbeiten der Salzblöcke abgeſprengten Stücke, die nicht Größe genug haben, um ein Balwan⸗ oder ein Formalſtück abzugeben, aber doch noch nicht ganz unbedeu⸗ tend ſind, nennt man„Naturalſtücke«. Sie werden auch ein⸗ zeln und nach dem Gewichte verkauft. Ddie beim Bearbeiten der Balwanen und Formalſtücke ent⸗ ſtehenden kleinen Abfallſtücke und Splitter nennt man„Minu⸗ tienſalz“. Dieß Minutienſalz wird gleich unten im Bergwerke ſelbſt in Fäſſern zu drei bis fünf Centnern verkeilt und ſodann 295 faßweiſe verkauft. Jede dieſer Formen, wie jede jener obenge⸗ nannten Salzarten, hat ihre eigenen Liebhaber, und geht ihre eigenen Handelswege. So bleiben die Naturalſtücke mehr in der Nachbarſchaft von Wieliczka. Die Balwanen ſind mehr für den Verkehr pr. Achſe beſtimmt, die Formalſtücke werden mehr verſchifft. Das Minutienſalz nimmt der Bauer lieber. Ueber die Schichtung und Lagerung des Salzes und der daſſelbe durchſetzenden oder deckenden Erd⸗ und Steinlagen läßt ſich Folgendes bemerken: Wenn man von oben nach unten hinabſteigt, ſo folgen zunächſt nach der oberſten Kruſte der Dammerde mehr Thon⸗, Mergel⸗ und Sandablagerungen. In einer Tiefe von etwa fünfzehn Klaftern erſcheinen in einer Thonſchicht die erſten Spuren von Salz, welches in mehr oder weniger kleinen Kryſtallen, Neſtern und Würfeln in den Thon eingeſchloſſen iſt. Hier und da durchſetzt es den Thon auch in kleinen dünnen Adern, oder es erſcheint derſelbe auch nur mit vielen feinen Salztheilen vermiſcht, ähnlich wie in Hallein und andern Salzwerken, wo man das Salz durch eingeleitetes Waſſer aus dem Gebirge aufſaugen läßt. In Wieliczka be⸗ rückſichtigt man bei den großen, weiter unten angeſammelten Schätzen dieſe kleinen Vorräthe gar nicht. Wenn die Erzäh⸗ lung, daß ein Hirt Namens„Wielicz“ die Salzvorräthe ent⸗ deckt habe, wahr wäre, ſo müßten doch wohl noch in höheren Gegenden Salztheile vorkommen. Denn ſchwerlich möchte ir⸗ gend ein Hirt mit einem Brunnen oder ſonſt einer Grube zu einer Tiefe von fünfzehn Klaftern hinabgeſtiegen ſein. Je tiefer man in den ſalzhaltigen Thon hinabſteigt, deſto größer werden die mit ihm vermengten Salzſtücke. Anfangs halten ſie 5, 10 bis 15 Fuß im Durchmeſſer, ſpäter 50 bis 100 Fuß. Man nennt dieſe einzelnen, dem Thone eingemeng⸗ ten Salzmaſſen oder Trümmer„Stockwerke“. In den oberſten 296 Stockwerken iſt das Salz ſchmutzig und mit Erde gemengt, ſo⸗ genanntes Kothſalz. In den untern Stockwerken aber iſt es reines, feſtes Grünſalz, welches man der Ausbeutung würdig hält. Dieſe großen Salzſchollen oder Salzwürfel liegen in allerlei Richtungen und Stellungen aufgebäumt, umgeſtülpt, ſchief, ſenkrecht u. ſ. w., und es hat ganz das Anſehen, als ob ſie früher zu mächtigen Flößen zuſammengehangen hätten und nachher durch vulkaniſche oder andere Naturgewalten zertrum⸗ mert und zerſtreut worden wären. Je weiter man nach unten kommt, deſto größer werden die Maſſen und deſto reiner und feſter wird das Salz, und ſo gelangt man etwa 500 Fuß unter Tage zu den mächtigen Salzflötzen des Schibiker Salzes. Dieſer Flötze oder breiten Schichten gibt es wieder mehrere über einander, die durch Thon⸗ ſchichten von einander getrennt ſind. Sie liegen nicht wage⸗ recht, ſondern meiſtens unter einem Winkel von 35 Graden gegen Süden hin, alſo nach den Karpathen zu abſteigend. Ja mehrere ſtehen ſogar ſenkrecht auf dem Kopfe wie Mauern. Hier und da ſind die Schichten nur 20 bis 30 Fuß dick. Stellenweiſe aber haben ſie auch 70 bis 100 Fuß. 3 Es ſcheint aus dieſer Lagerungsweiſe des Salzes hervor⸗ zugehen, daß die ſalzniederſchlagenden Kräfte anfänglich mit großer Ruhe arbeiteten, ſpäter aber mit immer mehr und mehr ſteigender Unruhe und zugleich mit zunehmender Armuth an Salzvorrath.. Die verſchiedene Anhäufungsweiſe des Salzes in den Wieliczkaer Bergen mußte natürlich auch ſchon von ſelbſt eine verſchiedene Art von Ausbeutung herbeiführen. Da, wo Salz⸗ adern vorkamen, ſchlug man ſie mit ſpitzen Hämmern in klei⸗ nen Stücken aus, und indem man den Adern folgte, ſo ent⸗ ſtanden mehr oder weniger ſchmale Gänge und Corridore. Da, 297 wo das Salz in mächtigen, zuſammenhängenden Maſſen ſich zeigte, löste man es in großen Stücken. Waren die Maſſen Stockwerke, ſo entſtanden durch die Wegräumung des Sal mehr oder weniger große Höhlen, Säle oder Kammern. ren es Flötze, ſo bildeten ſich oft weit verbreitete niedrige Räume, oder, wo die Flötze mächtiger waren, ebenfalls Kam⸗ mern oder Höhlen. In der alten Zeit hieb man das Salz weg, wo man es fand, und ſchaffte ſo raubend ſo viel heraus, als man konnte, ohne vorſichtige Rückſicht darauf zu nehmen, ob die benachbar⸗ ten Erdſchichten feſt genug wären, um zuverläſſige Gewölbe der entſtehenden Höhlungen zu bilden, welche die Oberlagen tragen könnten. Baute man auch hier und da aus, ſo baute man doch ſchlecht und unſolid. Dazu war man ſehr geizig bei der Anlage von Stollen und Schachten, die keinen unmittel⸗ baren Nutzen gaben und bloß zur Verbindung, zur Waſeerför⸗ derung, Luftreinigung oder ſonſt zu einem Zwecke dienen ſoll⸗ ten. Man machte ſie zum Theil ſo eng und unbequem, daß man in einigen Theilen des alten Feldes ſeine Noth hat, durch⸗ zukommen, und oft geradezu kriechen muß. Außer mancher Un⸗ bequemlichkeit entſtanden aus dieſem planloſen Verfahren auch nicht wenig Unglücksfälle, Einbrüche von Gewölben und Kam⸗ mern, Verſchüttungen von Arbeitern und ſogar, wenn auch die oberſte Erdkruſte den untern Einſenkungen folgte, Vergrabungen ganzer Häuſerpartien der Stadt Wieliczka. Man hat in neue⸗ rer Zeit genug Mühe und Koſten aufwenden müſſen, um dieſe in alten Zeiten begangenen Fehler zu verbeſſern. Man hat die Stollen erweitert und ausgemauert und hier und da an einigen Gewölben Pfeiler errichtet, welche größtentheils die großen Wälder von Niepolemize lieferten. Ein großer Theil dieſer Wälder ſteckt jetzt als Pfeiler unter der Erde. Man 298 ſieht oft ungeheure Holzpfeiler aufgeführt, 20 Fuß lang und breit und 40 Fuß hoch, aufgethürmt aus lauter wagrecht über einander gelegten Baumſtämmen. Der entſtehende Holzmangel hat ſpäter auf anderes Baumaterial geführt. In den neuern und neueſten Feldern iſt Alles in vortreff⸗ licher Ordnung. Die Gänge und Treppen ſind ſo breit und bequem, daß man ſo gemächlich wie auf Prachttreppen und Corridors hinſpaziert. Die Schachte und Stollen ſind da, wo ſie durch lockeres Erdreich ſtreichen, ausgemauert. Im feſten Salze iſt keine Ausmauerung nöthig. Als Material zum Aus⸗ mauern bedient man ſich jetzt ſelten des Holzes, gewöhnlich des nicht vollgültigen Salzes ſelbſt. Man baut damit ganz auf dieſelbe Weiſe, wie die Eskimo's nach Kapitän Parry mit dem Eiſe verfahren, d. h. man legt die Salzblöcke einfach über ein⸗ ander und begießt ſie fleißig mit Waſſer. Das Waſſer verbin⸗ det ſich mit Salztheilen, die es verdampfend in die Zwiſchen⸗ räume führt, und die hier dann als Kitt dienen, indem ſie dem ganzen Gemäuer eine unglaubliche Feſtigkeit geben. Man ſieht auf dieſe Weiſe große Pfeiler und hohe Gewölbe aus ſolchen Salzbauſteinen aufgeführt. Bei den ausgebeuteten Flötzen läßt man in gewiſſen Entfernungen dicke Salzpfeiler zum Tragen der Decke ſtehen. Dieſe Pfeiler bekommen ungefähr die Form der in der gothiſchen Baukunſt üblichen, und man geht daher oft unter weiten Strecken von Salzgewölben hin. Zuweilen füllt man auch die entſtehenden Kammern, wenn man keinen weiteren Nutzen von ihnen zu ziehen weiß, und wenn man nicht völlig ſicher über die zuverläſſige Haltbarkeit ihrer Wände iſt, mit Kothſalz aus. Viele Kammern aber bleiben unausgefüllt, entweder weil durchaus keine Urſache vorhanden iſt, ihren Ein⸗ ſturz zu fürchten, oder weil man ſie zur Communication, oder 8 als Vorrathskammern zur Deponirung von Salz oder Geräth⸗ ſchaften, oder zur Stallung der Pferde nöthig hat. Die Zahl aller Kammern und Gewölbe iſt nicht zu be⸗ ſtimmen. Nahe an hundert unter ihnen zeichnen ſich durch ihre Größe aus und haben alle beſondere Namen. Das Labyrinth der Kammern, Gewölbe, Treppen, Gänge, Schachte, Stollen, Strecken, Felder, Contignationen und Stockwerke iſt in dieſem menſchlichen Rieſenbaue im Verlaufe der ſechs Jahrhunderte ſo ungeheuer groß geworden, daß es jetzt keinen Beamten in Wie⸗ liczka gibt, der in allen Theilen deſſelben vollkommen orientirt wäre. Jeder kennt nur immer einzelne Partien des Ganzen, und wagt er ſich in ihm unbekannte Regionen, ſo bedarf er wie der Fremde eines Führers, um ſich nicht zu verirren. Ja es gibt ſogar Partien des Bergwerks, die ſeit langen Jahren kein Menſchenfuß betreten hat, weil ſie als unnütz oder un⸗ zweckmäßig verlaſſen und ganz vermauert wurden.— Man wird dieß begreiflich finden, wenn man bedenkt, daß dieß ganze in der Erde verborgene Baugerüſt, wollte man es an's Tageslicht hervorziehen, ein Gebäude von der dreifachen 1 Höhe des Wiener Stephansthurms und von einer doppelt ſo großen Flächenausdehnung, als die Altſtadt von Wien einnimmt, darſtellen wuͤrde. Endlich am andern Morgen tauchten wir nun ſelbſt in jenen Berggarten hinab, ausgerüſtet mit den obigen Kenntniſſen und überdieß mit einem Erlaubnißſcheine der oberſten Behörden und mit einem weißen Leinwandkittel zum Schutze unſerer Klei⸗ der verſehen. Sehr leid that es uns, daß wir nicht als ein⸗ zelne Beere in der hübſchen Perſonentraube, wie ſie andere Reiſende beſchreiben, aufgehängt wurden. Es wurde nämlich für gut befunden, daß wir gemächlich wie Menſchen auf be⸗ quemen Treppen hinabſtiegen, während man ſonſt die Reiſen⸗ 300 den wie Mehlſäcke partienweiſe zu vier und ſechs an einem langen Stricke über einander hing und ſo wie die Beeren einer Traube verbunden in die Tiefe hinabließ. Die Treppen, die zum Theil aus in Salz gehauenen Stufen beſtehen, zum Theil aus Baumſtämmen gebaut ſind, wurden meiſtens zur Bequem⸗ lichkeit hoher Häupter errichtet; ſo eine Prachttreppe für Auguſt II., eine Kaiſertreppe für den vorigen Kaiſer oder die Mitglieder ſeiner Familie. Die gewöhnlichen Reiſenden gehen Nebentreppen, deren Bequemlichkeit übrigens auch durchaus nichts vermiſſen läßt. Vielmehr könnte man zu Zeiten etwas mehr Ueberwindung von Schwierigkeiten wünſchen, um den Ge⸗ nuß des Errungenen zu erhöhen. Allein man ſchlendert jetzt in Wieliczka eben ſo nachläſſig auf und ab, wie in den ge⸗ bahnten Thälern und Felſen der ſächſiſchen Schweiz, wo man auch unbehindert von Gipfel zu Gipfel ſteigt. Die Oeſterreicher ſind ſehr geheimnißvoll mit ihrem Salz⸗ werke. Man läßt daher Fremde nicht gern längere Zeit in demſelben verweilen, läßt ſie auch nur gewiſſe vorgeſchriebene Touren darin machen, und gibt ihnen ſchwer die Erlaubniß zur Wiederholung des Beſuches. Das Salzbergwerk von Wieliczka iſt außerdem, daß es eines der großartigſten und wundervollſten Bergwerke iſt, auch eines der appetitlichſten. Nirgends macht man ſich ſchmutzig und kothig, vielmehr blinkt in allen Gewölben Alles, wie in Spiegelſalons. Quellen und Waſſer gibt es im ganzen Berg⸗ werke nicht. Nur hier und da ſind in kleinen Kammern und Neſtern kleine Waſſerpartien eingeſchloſſen, die man, wenn ſte entdeckt ſind, ruhig abfließen läßt. Erſt unter dem tiefſten Bo⸗ den der Salzflötze kommen Bergquellen vor, weßhalb man ſich hütet, tiefer zu gehen, um ſie nicht hervorbrechen zu laſſen. Ein Gouverneur von Wieliczka, der in noch größerer Tiefe dem — 301 Salze nachſpüren wollte, brachte das ganze Werk in Gefahr, indem er die Behälter jener unterirdiſch gefangenen Gewäſſer öffnete. Auch von oben tröpfelt nur hier und da weniges Waſſer ein, welches man auf dem unterſten Boden ſich anſam⸗ meln läßt und dann zum Wodna⸗Gora⸗Schachte hinauspumpt. Um die Menſchen und Pferde zu tränken und zu andern Zwecken iſt man genöthigt, von oben ſüßes Waſſer in Röh⸗ ren herabfließen zu laſſen, die durch alle Gänge des Werkes laufen. Dem Geſagten zufolge iſt die Luft in dem ganzen Berg⸗ werke ſehr trocken. Einen Beweis davon geben die ſeit meh⸗ reren Jahrhunderten an einigen Orten darin aufgeſtellten Salz⸗ bildſäulen, die bei feuchter Luft längſt weggeſchmolzen ſein würden. Eben ſo gut wie die Salzſäulen erhalten ſich hier die Menſchen, die recht geſund ausſehen und ziemlich alt werden müſſen, wie unſere obige Nachricht von den 800 Penſionirten des Salzwerkes, von denen hier die meiſten 40 bis 45 Jahre beſchäftigt waren, beweist. Die Pferde, welche unten arbeiten, vertragen die Luft ſo gut, daß ſie gewöhnlich, wie man uns ſagte, wenn ſie oben mager waren, hier recht dick und fett werden. Durch alle Gänge ſtreicht ein mit Fleiß unterhalte⸗ ner, hier und da ſehr heftiger Wind, der an einigen Ecken aus unbekannten Urſachen ein völliger Sturm wird. Bei mehreren Stollen wurde dieſer Sturm ſo ſtark, daß man genöͤthigt war, ſie ganz zu vermauern, um den Luftzug zu unterbrechen. Der merkwürdigſte Wirbelwind fand in dieſen unterirdiſchen Regio⸗ nen im Jahre 1745 ſtatt, wo eine große innere Höhle zuſam⸗ menſank. Die außerordentlich zuſammengepreßte Luft ſchoß durch alle in die Höhlen mündenden Gänge hinaus, warf die Arbeiter und Geräthſchaſten um, riß Thüren und Pfoſten ein, brauste die Schachte ſenkrecht empor und war ſelbſt oben noch 30² ſo gewaltig, daß ſie das ganze den Schacht deckende Gebäude wegriß. Schädliche Gasarten und ſonſtige böſe Berggeiſter, Gnomen und Kobolde ſpuken daher in dieſem Salzwerke wenig oder gar nicht, wie wohl ſonſt in Kohlen⸗, Silber⸗ und Kupfer⸗ bergwerken. Die Salzmaſſen haben ſich in der Regel ſo dicht zuſammengeballt, daß für die Entwickelung ſolcher Lüfte kein Raum mehr blieb. Nur ſelten erſcheint ein brennbares Waſſer⸗ ſtoffgas, das die Polen„Saleter« nennen, und das, in der Regel auf der atmoſphäriſchen Luft aufſchwimmend, ohne alle Erploſion allmälig abbrennt. Aus allen dieſen Urſachen iſt die Arbeit in dieſem Bergwerke nicht halb ſo ſchwer, gefährlich und anſtrengend wie in andern Bergwerken, und die mancher⸗ lei Unglücksfälle, wie ſie namentlich in Kohlenwerken vorkom⸗ men, ſind daher hier weit ſeltener. Nur ſollen die Menſchen daſelbſt leicht lungenfüchtig werden. Doch leben ſie ſehr lange dabei. Auch ſtellt ſich dieſe Krankheit bei ihnen mehr in Folge des vielen Salzſtaubes, den ſie einathmen, als in Folge der Luft ein. Dieſe iſt ſo weit von allen ſchädlichen Einfluſſen rein, daß ſie vielmehr Lebendiges wie Todtes conſervirt. Auf die todten, verwesbaren Stoffe wirkt das Bergwerk wie ein großer Eiskeller. Das eingebrachte Fleiſch erhält ſich ſehr lange in dieſer Salzluft, die es gleichſam einpökelt. Früher hat man wohl die unten geſtorbenen Pferde an geheime Orte gebracht, da man ſich nicht die Mühe geben wollte, ſie hinauf zu win⸗ den. Lange Jahre nachher fand man dann noch Haut und Fleiſch wohl conſervirt. Auch ſonſt alles zufällig lebendig Ver⸗ ſchüttete wurde ſo erhalten, wie das Fleiſch des in dem Eiſe der Lena eingeſchloſſenen Mammuths. Schnell ſprangen wir die obern Treppen hinab, welche durch die tauben und gehaltloſen Erdſchichten führten, nämlich drei Klaftern durch Mergel, ſechzehn Ellen durch Thon und 303³ dreißig Fuß tief durch Sand. Weil wir zu den Salzkryſtallen hinabſchwebten, ſo beachteten wir dieſe Dinge wenig, obgleich auch ſie an gehaltreicherem und gediegenerem Stoffe zu Betrach⸗ tungen nicht taub ſein mochten. Welche eigenthümlichen Ge⸗ fühle erweckt z. B. ein einziges dieſer zahlloſen Salzkörner, wenn man bedenkt, wie ruhelos es früher Jahrhunderte lang in den Urweltfluthen umher gewirbelt ſein mag, bis es hier niedergelegt wurde, um für Jahrtauſende, vielleicht bis zur Zer⸗ trümmerung des Erdballs feſt zu liegen. Der Sand iſt unge⸗ mein gleichartig, und das eine Körnchen ſo groß wie das an⸗ dere. Es ſoll dieſe Sandſchicht auf dieſe Weiſe durch ganz Galizien wegſtreichen. Welche unbegreifliche Naturgewalt formte alle dieſe Trillionen mal Trillionen Körner, in derſelben Mulde über denſelben Leiſten. Jedes Körnchen ein Wunder in ſeiner Struktur, und dieſes Wunder in Millionen mal Millionen Exemplaren wiederholt, und dieſe ſämmtlichen Unſummen von Wundern begraben in ewige Nacht und Verborgenheit! Weiterhin kamen wir in die oberen Salzſtockwerke, und es wurden uns Salzkryſtalle und Salzadern an den Wänden der Gänge gezeigt. Auch erkannten wir leicht an den Schat⸗ tirungen in den Wänden die Uebergänge aus einer Gebirgsart in die andere. Mächtig ergreift der Anblick dieſer Linien und ihrer auf⸗ und abſteigenden Winkel, der Wellen, die ſie ſchla⸗ gen, und der Halbbogen und Cirkel, die ſie beſchreiben. Es iſt, als ſähe man Titanen orbeilen, als habe man ſie friſch auf der That ertappt. Die erſte Kammer, in welche man uns führte, war die „Ober⸗Urſula⸗Kammer“, alsdann kamen die„Unter⸗Urſula⸗ Kammer“, die Michailowitſch⸗«, die„Drosdowitſch⸗«, die„Kai⸗ ſer Franzens⸗“, die„Roſette⸗«, die„Marie⸗«, die„Piſchtek⸗ Kammer“ u. ſ. w. Dieſe Kammern haben ihre Namen 304 gewöhnlich entweder von ausgezeichneten Beamten, die für ihre Anlegung beſonders thätig waren, bekommen, oder von katho⸗ liſchen Heiligen, oder endlich von polniſchen Königen oder öſter⸗ reichiſchen Kaiſern, wie es denn überhaupt faſt keinen polniſchen König und keinen neuern öſterreichiſchen Kaiſer gibt, deſſen Name nicht durch irgend Etwas in dieſem an Erinnerungen ſo reichen Bergwerke verewigt wäre. Entweder heften ſie ſich an eine Kammer, oder an eine Kapelle, oder an eine Treppe, einen Stollen, einen Schacht u. ſ. w. Im Durchſchnitte ſind jene Kammern 100 bis 150 Fuß hoch und 80 bis 100 Fuß lang und breit. In einigen wird noch gearbeitet, dieſe heißen„Arbeitskammern“. In andern waren große Vorräthe von Salztonnen aufgeſchichtet. Sie ga⸗ ben den Anblick großer unterirdiſcher Kirchengewölbe von go⸗ thiſcher Bauart. Hölzerne Treppen, die von Balcon zu Bal⸗ con führen, ſind an ihren ſteilen Wänden befeſtigÄt. Man ließ auf verſchiedenen Balcons Arbeiter mit Lichtern und Fackeln ſtehen, die uns die dunkeln Wände erleuchteten. Der höchſtge⸗ ſtellte warf dann einen angezündeten großen Haufen Werg von der Höhe hinab, der hell aufflammend und funkenſprühend über die Salzfelſen hinwegpolterte, die glitzernden Räume bis in die höchſten Spitzen erleuchtete und, bei uns vorbeirollend, oft noch ungeahnte Abgründe aus der Tiefe hervorblicken ließ. In dem alten Baue ſind dieſe Höhlen beſonders maleriſch, zumal wenn, wie das früher oft geſchah, die Wände und Gewölbe einſturz⸗ ten, welche die Höhlen trennten, und ſich ſo dem unerwarteten Blicke Ausſichten in ſchauerliche Tiefen und Klüfte eröffneten, als wenn ein finſteres Thurmverließ unter das andere hinab⸗ ſtiege. Die Beamten, welche uns begleiteten, diktirten uns ge⸗ wiſſenhaft bei jeder Höhle eine kurze Geſchichte derſelben, nebſt ihren Größenverhältniſſen in die Feder. Die neuern Höhlen —— 305 mit ordentlich bearbeiteten Pfeilern, niedrigen Gewölben und regelmäßigem Mauerwerke ſehen viel proſaiſcher aus. In eini⸗ gen Höhlen hat man immenſe Kronleuchter aufgehängt, welche aus vielen regelmäßig geſchnitzten Salzkryſtallen zuſammengeſetzt ſind. In einer Kammer, die große„Halle“ genannt, hing ein ſolcher Leuchter, der fünfunddreißig Fuß Länge und ſechzig Fuß Umfang hatte. In einer andern, die„Lentow⸗Kammer“ ge⸗ nannt, ſahen wir ſogar ſechs ſolcher Kronleuchter. Ich möchte wiſſen, mit welchen Gedanken und Gefühlen ein höhlenbewohnender Mönch der griechiſchen Kirche alle dieſe Wunder anſchaut. Gewiß würde er wünſchen, aus jeder Höhle eine Kirche und aus jeder Kammer eine Klauſe zu machen. Man könnte hier alle Eremiten der Weltgeſchichte mit Zellen verſehen. Aus einigen dieſer Salzhöhlen hat man auch in der That Kapellen und Kirchen gemacht, andere benutzt man zu Pferdeſtallungen. Die größte Kapelle iſt die des heiligen An⸗ tonius von Padua. Sie iſt 1698 gebaut worden, und es wurde hier ſonſt jeden Morgen für alle zu Berg Fahrenden eine Meſſe geleſen, was Joſeph II. leider abſchaffen ließ. Jetzt iſt alle Jahre nur noch am 3. Juli Gottesdienſt, der mit einem großen Feſte verbunden wird. Alle Beamten und Arbeiter er⸗ ſcheinen dabei in Galla, und es wird an langen Tafeln in mehreren der Salzhallen dinirt. In jenen Kapellen iſt Alles aus Salz gehauen, der Altar wie das Gewölbe, die Eingangs⸗ thüren, das davor ſtehende Krucifir, die Niſchen der Kapelle, ſo wie die in ihnen ſtehenden oder am Altare knieenden Bild⸗ ſäulen des Antonius, Petrus, Paulus, Dominicus, Franziscus, der Maria, Kunigunde, der Biſchöfe Stanislaus und Kaſimir. Sogar auch die heiligen Lampen ſind alle aus halbdurchſichti⸗ gem Eisſalze gearbeitet. Ein Licht, das man hinter dieſe Säu⸗ len hielt, ſieht man ſelbſt durch den dickſten Leib dieſer Statuen Aus allen Welttheilen. 20 306 durchſchimmern. Zu bewundern iſt es, daß die Säulen jetzt über ein Jahrhundert hier ſtehen und doch ihre Figur und Zeichnung ſo wenig gelitten hat. Nur die ſcharfen Linien ihrer Geſichtszüge und Kleiderfalten ſind etwas verwiſcht. Ein alter fünfzigjähriger Salzarbeiter war bei unſerer Anweſenheit eben damit beſchäftigt, mit Meißel und Hammer den Zügen etwas nachzuhelfen. Da er natürlich die abgeſchliffenen Naſen nur heben konnte, indem er die Wangen austiefte, und die Lippen, indem er das Kinn verkleinerte, ſo verfehlte er nicht, aus jeder Statue eine recht häßliche Fratze herauszubringen. Hundertmal beſſer hätte man gethan, die alten Bilder unange⸗ taſtet in ihrem Zuſtande zu laſſen. Spielereien dieſer Art ſind noch viele in der Grube, z. B. Salzobelisken zum Andenken an den Beſuch dieſes oder jenes Fürſten, Monumente und Trophäen zur Erinnerung an dieſes oder jenes Feſt. Außer jener Antonius⸗Kapelle findet man auch noch eine Corporis⸗Chriſti⸗Kapelle, in der man alle Jahre am 3. September einen Gottesdienſt zum Andenken an den Beſuch des verſtorbenen Kaiſers Franz feiert. Das älteſte Salzbild iſt das der alten polniſchen Königin Kunigunde, der Stifterin des Seegwerks. Auch vor ihm ſind uralte Oellampen aus Salzkryſtall aufgehängt. Die intereſſanteſte Trophäe iſt die im„alten Tanzſaale“ aufgeſtellte, ein mächtiger öſterreichiſcher Adler, von allen im Bergwerke gebrauchten Geräthſchaften und Inſtrumenten, aus Salz nachgebildet, umgeben. In eben die⸗ ſem prachtvollen Saale, deſſen Wände von tauſend Brillanten widerſtrahlen, werden die unterirdiſchen Feſte und Diners bei einer Illumination, die an Glanz alle unſere Redoutenſäle hin⸗ ter ſich läßt, gegeben. Der Saal muß dann einem Feenſchloſſe gleichen, und der originelle Suvarow fühlte ſich ſo von dieſen unterirdiſchen Wundern angeſprochen, daß er bei ſeiner Anwe⸗ 307 ſenheit in Wieliczka während dreier Tage in dieſem Saale ſein Hauptquartier und ſeine Kanzlei aufſchlug, in denen er hier wie Pluto in der Unterwelt ſchaltete und waltete. Seine Se⸗ cretäre arbeiteten an Salzbureau's, und ſeine Adjutanten fuh⸗ ren in den dunklen Schachten ein und aus, ſeine Befehle für die Bewegung der Truppen aus der Tiefe zu holen und die Rapporte von der Oberwelt zu bringen. Auch die Stallungen und ſogar die Krippen und Tröge für die hier unten eingeſtallten Pferde ſind aus Salz gemeißelt. Es ſind gewöhnlich ſechzehn bis zwanzig Paare hier. Sie ſind die einzigen Weſen, die, wenn ſie einmal hier unten einquartirt ſind, dann auf ewig den überirdiſchen Sonnen⸗ und Gras⸗ plätzen Lebewohl geſagt haben und bis an ihr Lebensende in der Tiefe verweilen. Auffallend iſt es, daß ihnen eine ſo un⸗ natürliche Lebensweiſe, bei der ſie alles Lichtes, alles friſchen Morgenwindes, aller bethauten Wieſen entbehren, ſo wohl be⸗ kommt. Sie werden nicht nur dick und fett, ſondern auch recht alt in ihren ſalzigen Gefängniſſen. Man verwendet ſie zum Verfahren großer Salzmaſſen, und zum Bewegen von Göpeln, Waſſerrädern und andern Maſchinen. Ihre Aufſeher, die Stall⸗ knechte, ſind die einzigen Menſchen, welche oft mehrere Wochen lang nicht an's Tageslicht gelangen. Alle übrigen Arbeiter ſteigen wie in den andern Bergwerken nach acht Stunden Ar⸗ beit wieder zur Sonne hinauf. Will man Pferde hinablaſſen, ſo werden ſie ſitzend in ein eigenes dazu verfertigtes Geſtell geſpannt, das man an einen Strick bindet. Sie ſollen ſich Annffangs ſehr gegen dieſes Experiment ſträuben, nachher aber, wenn ſie erſt über dem dunkeln Abgrunde ſchweben, auch nicht ein Glied rühren. Das Wunderbarſte unter allen Wundern dieſer Gruben ſind die unterirdiſchen Teiche oder Seen. Es ſoll deren nahe 20 ⁵ 308 an zwanzig geben, von denen mehrere mit kleinen Nachen be⸗ fahren werden. Wir fuhren über zwei von ihnen, die durch einen niedrig überwölbten Kanal verbunden waren. Jeder war mehrere hundert Fuß lang und 18 bis 24 Fuß tief. Ueber ihnen wölbten ſich in hohen Bogen die ungeheuren Salzgebirge. Nie trübte ein Lufthauch die Spiegelfläche dieſer ſtygiſchen Ge⸗ wäſſer. Keine Schwalbe ſchwirrte je an ihren Ufern, und keine Lilie trank das Naß ihrer Wogen. Von unſichtbarer Hand bewegt, wie Charons Nachen, ſchwebte das Schiffchen mit uns über die glatte Bahn hin. Man glaubt, in eine andere Welt zu kommen, denn ſelbſt die Töne klingen in dieſen Hallen an⸗ ders als dort oben. Man hatte kleine Salzſtückchen mitgenom⸗ men und ließ ſie uns mitten auf dem Waſſer in die Fluth werfen. Es klang, als hätte Einer eine Baßſaite angegriffen, und noch mehrere Sekunden lang tönte der Schall nach, nicht aber ſo, als hallte es vom Gewölbe zurück, ſondern ſo, als murmelte es aus der Tiefe des Waſſers herauf. Sehr willkommen für den wißbegierigen Reiſenden iſt ein kleines Muſeum, das man in einer der unterirdiſchen Kammern angelegt und in dem man alle Salzvarietäten und alle minera⸗ liſchen Bildungen des Bergwerkes geſammelt hat. Man ſieht da verſchiedene Muſcheln, die ſich in der Salzmaſſe eingeſchloſſen fanden— es ſchlug alſo das Salz aus einem bereits lebenden Meere nieder— Holzkohlen und eingeſalzene Baumäſte in Menge— die angrenzende Erde war alſo ſchon belaubt— Steine, die in dichte Salzmaſſe übergingen, wie einzelne kleinere Salzkugeln und Würfel in die oberen Erdmaſſen— Salzröhren, Salzzapfen und Tropfſalzbildungen in den verſchiedenen Formen, die bei dem Durchſickern der oberen Gewäſſer entſtanden. Auch für den Geruch gibt es Mancherlei, bei dieſem Salzſtücke Trüffelgeruch, bei jenem Phosphor, bei einem dritten 309 Schwefelwaſſerſtoffgas. Lauter Dinge, die lange zu denken geben und die Phantaſie vielfach anregen. Das Löſen der Salzmaſſen vom Berge geſchieht, ſo viel wir darüber in's Reine kamen, auf dreierlei Weiſe: Da, wo das reine Salz in kleinen Maſſen, in Adern ac. vorkommt, wird es mit ſpitzen Hauen in kleinen Stücken her⸗ ausgehämmert, und hier gibt es dann Minutienſalz. Das unreine Salz und Kothſalz wird mittels eingebohrter Schußlöcher losgeſchoſſen, und hier gibt es dann mehr oder minder große Naturalſtücke. Das reine in großen Maſſen liegende Grün⸗ und Schi⸗ biker Salz aber wird— und dieß iſt der gewöhnlichſte Fall— in großen, langen Parallelepipeden von den Wänden abgelöst. Man verfährt dabei folgendermaßen: Zunächſt decken die Bergleute in der Arbeitskammer eine flache, ſenkrechte Wand mittels Meiſel und Hauen auf und ebnen ſie meiſtens in einer Höhe von 20 Fuß. Dieſe flache Wand heißt der„Spiegel“. Dieſelbe wird nun durch viele ſenkrechte Rillen und Fugen, die man mit dem Meiſel einhaut, in mehrere längliche Streifen zerſchnitten. Die Fugen ſind 20 bis 30 Zoll tief und ſtehen 3 Fuß auseinander. Mittels einer langen Reihe kleiner Eiſenkeile, die man zur Seite der Fugen einſetzt und die man alle zu gleicher Zeit anzieht, löst man dann einen ſolchen gewaltigen Salzſtreifen vom Spiegel los. Gewöhnlich ſteht die Säule, ſelbſt ſo losgelöst, noch aufrecht an der Wand, und eingeſetzte Hebe⸗ oder Wuchtbäume müſſen ſie erſt völlig zu Boden werfen. Die Säule zertrümmert na⸗ türlich auf dem Boden in viele kleine und große Stücke, die dann je nach ihrer Größe entweder zu Balwanen und Formal⸗ ſtücken bearbeitet oder zu Natural⸗ und Minutienſtücken ſortirt werden. Für Reiſende hält man immer eine ſolche abgetrennte 310 und losgekeilte Salzſäule bis zum Umſtürzen fertig, um ſie dieſes Schauſpiel genießen zu laſſen, und es hat allerdings etwas ſehr Wunderbares, dieſe hier ſeit Jahrhunderten ſo feſt verkeilten Maſſen auf einmal nach ſo langer Zeit ſich plötzlich regen und bewegen und auf dem Boden in lauter kleine Bröckel auseinandertanzen zu ſehen.. Die Ausmeiſelung von 400 Kubikklaftern Bergmaterial gibt 100,000 Centner Salz. Da nun jährlich durchſchnittlich 700,000 Centner gewonnen werden, ſo erweitern ſich die Räume im Werke jedes Jahr um 2800 Kubikklaftern oder um eine leere Kammer von circa 80 Fuß Länge, Höhe und Breite. Man könnte mit Hülfe dieſer Kenntniß einigermaßen berechnen, wieviel Salz demnach innerhalb der 400 Jahre, während wel⸗ cher das Werk bergmänniſch betrieben wird, aus der Erde her⸗ vorgeſchafft wurde, und zwar auf folgende Weiſe. Die hundert großen Kammern, welche das Bergwerk enthält, lieferten von jeher die Hauptmaſſen des Salzes. Man kann jede im Durch⸗ ſchnitt zu einer Größe von wenigſtens 2000 Kubikklaftern an⸗ nehmen. Ihr Inhalt war meiſtens reines Salz, und ſie gaben demnach zuſammen wenigſtens 200,000 Kubikklaftern oder 50 Millionen Centner Salz. Hierbei iſt dann nicht gerechnet, was man in den Gängen, Stollen und Schachten gewann. Schlägt man dieß auf eben ſo viel an, ſo erhält man 100 Millionen Centner Salz, welche Summe vielleicht von der Wahrheit nicht ſehr fern iſt. Denn es würden darnach durchſchnittlich in je⸗ dem Jahre circa 250,000 Centner ausgebeutet worden ſein, was auch in der That der Fall geweſen ſein mag. Rechnet man durchſchnittlich auf den Menſchen jährlich 10 Pfund Salz), 4 8 ⸗) Nach dem Maße, welches den Einwohnern von Wieliczka zuge⸗ theilt wird. 4 ſo hätte Wieliczka demnach innerhalb des halben Jahrtauſends ſeines Beſtandes circa 300 Millionen Menſchen verſehen, oder, durchſchnittlich das Lebensalter der Menſchen zu 30 Jahren angenommen, jedes Jahr circa 20 Millionen. Allerdings mö⸗ gen wohl in dem großen Verbreitungsbezirke ſeines Salzes durchſchnittlich ſo viele Menſchen gelebt haben. Gibt man im Durchſchnitt dem Centner einen Preis zu 3 Gulden nach dem heutigen Werthe des Geldes*), ſo zeigt es ſich, daß die Salz⸗ werke von Wieliczka während ihres Beſtehens im Ganzen ein Minimum⸗Kapital von 300 Millionen Gulden in Umſchwung ſetzten, und man ſieht, welche bedeutende Rolle ſie demnach von jeher in der Geſchichte der umwohnenden Völkerſchaften ſpielten. — Die Panther und die Ueberſchwemmung. „ Eines Morgens, zur Stunde, wo unter den Wendekreiſen wir die Hitze des Tages plötzlich die Kühle der Nächte folgt,* Exein Reiter einſam über die endloſen Ebenen, welche von den Grenzen des Staates Veracruz nach Pajaca führen. Das Pferd, auf welchem er ritt, war ſchlecht und ermüdet, ſo daß es ſich kaum noch weiter ſchleppen konnte. Endloſe Ebenen eſrectden ſich vor ihm; ein kalkartiger, mit Aloes und dornigem 3„ Ss gab freilich Zeiten, wo der Centner Salz nur 16 Groſchen in Wieliezka koſtete. Allein dieß erklärt ſich wohl mehr aus de rößfnen Werthe des Geldes als aus z dem geringeren des Salzes — 312 rigſten Anblick. Von Strecke zu Strecke erhoben ſich leichte Wirbel eines weißlichen Staubes und ſanken wieder herab. Hie und da zerſtreute Hütten waren leer und verlaſſen, und die Gluth der Sonne, der Mangel an Waſſer, die gänzliche Ein⸗ ſamkeit dieſer ſtaubigen Steppen erfüllten die Seele des noch jungen Reiters mit Entmuthigung und mit Furcht. Obgleich er ſein Pferd ſo ſtark als möglich anſpornte, ſo änderte das ermüdete Thier ſeinen Schritt doch nur, um wäh⸗ rend ein bis zwei Minuten einen kurzen unangenehmen Trab anzunehmen, der ſein feurigſter Gang zu ſein ſchien. Die Be⸗ mühungen des Reiters führten nur dazu, ſeine Stirne mit dem Schweiße der Erſchöpfung und der Angſt zu bedecken, den er. jeden Augenblick genöthigt war, mit ſeinem Taſchentuche abzu⸗. trocknen. „»Verwünſchtes Thier!“ rief er zuweilen voll Wuth aus. Aber das Pferd blieb gefühllos gegen die Beleidigungen ſeines Herrn, wie gegen die unaufhörlichen Aufforderungen ſeiner Sporen. Der junge Reiter ritt langſam bis zu dem Augenblicke fort, wo die faſt ſenkrecht gewordene Sonne die Mittagsſtunde andeutete. Die Hitze nahm zu, je höher die Sonne aufſtieg, und um das Unglück voll zu machen, hatte ſogar auch der bis⸗ her wehende Luftzug aufgehört. Die vertrockneten Halme des Graſes blieben gänzlich regungslos, und das erſchöpfte Pferd drohte regungslos wie ſie zu werden. Von Durſt verzehrt, durch die Ermüdung überwältigt, ſtieg der Reiter ab, und ſchritt auf ein Gebüſch indiſcher Fei⸗ gen zu, in der Hoffnung, darin einige Früchte zu finden, i ſeinen Durſt zu ſtillen. Der Zufall wollte, daß ſeine H. Geſtruͤpp bedeckter Boden bot den einförmigſten und den trau⸗ vertrockneten Mund erfriſchte, beſtieg der Reiter ſein Pferd wie⸗ der und ſetzte ſeinen unterbrochenen Weg fort. Es war beinahe drei Uhr, als der einſame Reiſende end⸗ lich ein kleines Dorf erreichte. Aber wie in allen denen, die Her ſeit einem Tage angetroffen hatte, waren die Hütten deſſelben öde und verlaſſen; ohne den Grund dieſer allgemeinen Aus⸗ wanderung erfahren zu können, ſetzte der Reiſende ſeinen Weg fort. Wie ſonderbar! fern von jedem Fluſſe oder von jedem Bache fand er von Zeit zu Zeit und zu ſeinem großen Erſtau⸗ nen Nachen und Piroguen auf den Gipfel der Bäume gezogen oder an ihren dicken Zweigen aufgehängt, aber Niemand war da, um ihm dieſe Wunderlichkeit zu erklären. Endlich unterbrach zu ſeiner großen Freude plötzlich der Hufſchlag eines Pferdes das grauſige Schweigen dieſer Einöden. Der ausgetrocknete Boden erſchallte hinter ihm; das war ein Zeichen, daß ein durch die Krümmungen des Weges noch ver⸗ borgener Reiſender ihn bald einholen würde. Nach Verlauf einiger Augenblicke zeigte ſich in der That ein Reiter, der bald dicht an ſeiner Seite trabte. „Santos Dias!“ ſagte der Ankommende, indem er die Hand an ſeinen Hut legte. „Santos Dias!“ antwortete höflich der Zweite, indem er den ſeinigen gleichfalls lüftete. Das Begegnen zweier Reiſender auf einer gänzlichen Ein⸗ öde iſt immer ein Ereigniß, und ſie blickten ſich mit gegenſei⸗ ſtiger Neugierde an. Der Neiter war ebenfalls ein junger Mann, der höchſtens vier⸗ bis fünfundzwanzig Jahre alt zu ſein ſchien. Seine Ge⸗ ſtalt war groß und kräftig, und er ritt ein rüihlichbraunss Feigen gepflückt hatte, deren fades aber ſaftiges Fleiſch ſeiden 314 Pferd, deſſen ſchlanke und kräftige Formen orientaliſchen Ur⸗ ſprung verriethen. „Haben Sie noch eine lange Strecke zurückzulegen?« fragte er, indem er einen Seitenblick auf das armſelige Thier des Reiſenden warf, den er eingeholt hatte. „Nein, Gott ſei Dank!“ antwortete dieſer,„denn, wenn ich mich nicht irre, ſo kann ich nur noch ſechs Meilen weit von der Hacienda San⸗Salvador ſein, welche das Ziel meiner Reiſe iſt.« „Iſt ſie nicht eine Nachbarin der von Las Palmas.« „Sie iſt nur zwei Meilen weit davon entfernt.“ „Dann haben wir denſelben Weg,“ begann der Neuange⸗ kommene wieder;„nur fürchte ich ſehr, daß wir ihn in einiger Entfernung von einander verfolgen, denn Ihr Pferd ſcheint ſich nicht ſehr zu beeilen, um anzukommen,“ fügte er lächelnd hinzu. „»Das iſt wahr,“ antwortete der junge Mann gleichfalls lächelnd,„und während der Reiſe habe ich mehr als ein Mal die Sparſamkeit verwünſcht, mit welcher mein Vater es für angemeſſen gehalten hat, mich mit einem den Hörnern der Stiere des Circus von Valladolid entronnenen Pferde zu ver⸗ ſehen. „Und Sie kommen auf dieſem elenden Thiere von Vallo⸗ dolid?« „In gerader Linie, Herr Cavalier, aber ich bin zwei Monate unterwegs.“ „Eine Artigkeit iſt der andern werth,“ begann der Neug gekommene wieder!„Sie ſind ſo gefällig geweſen, mir z gen, daß Sie von Valladolid kämen, ich will Ihnen irnſchs ſagen, daß ich von Mexiko komme, und daß mein Name Don 315 Rafaél Tres⸗Villas iſt, Kapitän bei den Dragonern der Kö⸗ nigin.« „Und der meinige iſt Cornelio Lantejas, Student der Uni⸗ verſität Valladolid.“ »Nun denn! Don Cornelio, könnten Sie mir ein Räthſel löſen, um das ich Niemand habe fragen können, weil ich ſeit zwei Tagen keine lebendige Seele in dieſem verwünſchten Lande angetroffen habe? Wie erklären Sie dieſe gänzliche Einſam⸗ keit, dieſe Doͤrfer ohne Bewohner und dieſe an den Zweigen der Bäume aufgehängten Nachen in einer Gegend, in der man zehn Meilen zurücklegen kann, ohne einen Tropfen Waſſer zu finden?« „Ich weiß Nichts zu erklären, Don Rafaöl, und ich be⸗ gnüge mich damit, eine gräßliche Furcht vor dieſer unerklärlichen Sonderbarkeit zu haben,“ antwortete der Student ernſt. »Furcht!« rief der Dragoner aus,„und vor was?« „Ich habe die ſchlechte Gewohnheit, wenn es möäglich iſt, noch mehr über die Gefahren erſchreckt zu ſein, die ich nicht kenne, als über die, welche ich kenne.“ Der Offizier lachte, und Beide ſetzten gemeinſchaftlich ihre Reiſe fort, bis der Abend heranrückte. Die Sonne fing an, ſich am Horizonte nach Weſten zu neigen, und ſchon verlänger⸗ ten ſich die Schatten der Reiter auf der ſtaubigen Straße, während auf dem Gipfel der Palmen die Dickſchnäbel mit ſchar⸗ lachrothem Gefieder und die grünen Papageien anfingen, ihre Abendlieder zu pfeifen. Der Durſt mit noch ſchmerzlicheren Qualen, als die des Hungers, verdoppelte die Unbehaglichkeit der beiden Reiſenden; 4 voon Zeit zu Zeit warf der Dragoner einen Blick der Ungeduld auf das Pferd des Studenten, und bei jedem Male bemerkte 316 er, daß das arme, durch den Mangel an Waſſer erſchöpfte Thier immer langſamer ging. Endlich konnte er ſeine Ungeduld nicht länger zügeln, ſon⸗ dern gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte davon, indem er Lantejas zurief, daß er ihn auf der Hacienda Las Palmas wieder zu treffen hoffe, und ihm jedenfalls Unterſtützung ent⸗ gegen ſenden wolle. So gern ihm, trotz dieſes Verſprechens, der Student ge⸗ folgt wäre, erlaubte es doch die Müdigkeit ſeines Pferdes nicht, und er ſetzte alſo einſam ſeinen Weg fort, bis er bei dem Scheiden des Tages an eine Gruppe von zwei oder drei Hütten gelangte, die verlaſſen wie alle Hütten waren, die er bis dahin angetroffen hatte. Vor Ermüdung erſchöpft, beſchloß der Rei⸗ ſende an dieſem Orte anzuhalten. Eine weite Hängematte von Aloefäden ſchien ganz aus⸗ drücklich für ihn ſieben bis acht Fuß hoch über dem Boden zwiſchen zwei hohen Tamarinden aufgehängt. Da die Hitze noch erſtickend war, ſo ſattelte Lantejas, ſtatt ſich in eine der Hütten einzuſchließen, ſein Pferd ab, damit es frei weiden könnte; hierauf kletterte er mit Hülfe des einen Stammes in die Hängematte hinauf, in welcher er ſich, ſo gut als er ver⸗ mochte, einrichtete. Die Nacht war inzwiſchen herbeigekommen, und da ſein Magen vom Hunger geplagt ward, horchte der Student auf⸗ merkſam auf das Geräuſch, welches ihm das Herannahen der Hülfe melden konnte, auf die er hoffte. Anfangs herrſchte tiefes Schweigen, denn die Natur ſchlief um ihn herum ein; aber ſtatt durch den Hufſchlag von Pferden, den er zu hötken wünſchte, wurde das feierliche Schweigen des Abends bald durch das ſeltſamſte Getöͤſe geſtört. CEs war ein immerwährendes Rollen, dumpf wie ein noch ferner Donner; anderes Getöſe miſchte ſich darein, gleich dem Getöſe des Meeres in einem Sturme. Zuweilen glaubte der Reiſende auch, obgleich die Luft ruhig war, entfeſſelte Winde brüllen und heiſeres Geheul ſich mit dieſen ſeltſamen Concerten vereinigen zu hören. Von einem namenloſen Schrecken be⸗ fallen, horchte er auf dieſes Pfeifen des Windes, dieſe grauſigen Stimmen und dieſes Getöſe des Gewitters. Aber endlich trug die Ermüdung den Sieg über die Beſorgniß davon, und er verſank in einen tiefen Schlaf. Zu derſelben Stunde, wo ſich der Student entſchloß, in dem Hamak anzuhalten, in welchem wir ihn gelaſſen haben, das heißt eine Stunde vor Sonnenuntergang, waren zwei Män⸗ ner an dem Ufer eines kleinen Fluſſes erſchienen. Dieß geſchah auf halbem Wege zwiſchen dem Orte, wo der Dragoner Abſchied von dem Studenten genommen hatte, und der Hacienda Las Palmas, wohin er ging. In Mitte eines engen Thales rollte dieſer Fluß, von Eſchen und Weiden eingefaßt, an deren Zweige ſich Büſchel von blühenden Lianen hinaufſchlängelten, ſein klares Gewäſſer auf feinem Sande und in der Höhe des Raſens ſeiner Ufer. In geringer Entfernung von dem Orte, wo ſich die beiden Männer aufhielten, ſchien der Fluß nur ein ruhiger Spiegel, ge⸗ ſchaffen, um das klare Blau des Himmels oder irgend eine Ecke von dem geſtirnten Mantel der Nacht zurückzuwerfen; aber weiterhin nahm er zwiſchen zwei hohen und von einer üppigen Vegetation bedeckten Ufern ein wildes Anſehen an. Von dem Raſenufer aus, wohin dieſe beiden Männer ge⸗ langt waren, ließ ſich das impoſante Getöͤſe eines Waſſerfalles deutlich wie die Brandung des Meeres hören. Die Farbe der Haut und das Koſtüm des einen Mannes verrieth deutlich, daß er ein Indianer war. Er trug auf Piner. 318 Schulter eine plumpe Büchſe mit kurzem und verroſteten Laufe, zwei dichte Flechten ſchwarzer Haare hingen von ſeinem Kopfe auf eine Art von Tunica von grauer Wolle mit ſchwarzen Streifen und kurzen Aermeln herab, die ſeine kräftigen und kupferfarbigen Arme ſehen ließen; dieſe bis auf den halben Schenkel herabfallende Tunica war über den Hüften mit einem ledernen Gürtel zuſammengehalten. Die nackten Beine des Indianers ſtanden aus einer kurzen Hoſe von Hirſchleder her⸗ vor, ſeine Füße waren mit einer Art lederner Halbſtiefel be⸗ kleidet, und ein Hut von geflochtenen Binſen bedeckte ſeinen Kopf. Der Indianer war für einen Mann ſeines Stammes von hoher Geſtalt, und ſeine feinen und lebhaften Züge hatten Nichts von dem den unterworfenen Indianern(Manſos) gemein⸗ ſamen Ausdrucke der Knechtſchaft. Ein ziemlich dicker Schnurr⸗ bart, und ein Büſchel Bart, der ſein Kinn beſchattete, verliehen ſeinem Geſichte ſogar ein Anſehen von wilder Auszeichnung. Sein Begleiter war ein Neger in Lumpen, der für den Augenblick nichts Bemerkenswerthes hatte, als etwa die Miene alberner Leichtgläubigkeit, mit der er die Reden des Indianers anhörte. Von Zeit zu Zeit verrieth der Ausdruck ſeiner Züge auch einen ſchlecht unterdrückten Schrecken. In dem Augenblicke, wo wir in dieſer Erzählung den In⸗ dianer und den Neger vorſtellen, neigte ſich der erſtere, indem er vorſichtig ging, über einen von Gras entblößten Ort des Ufers, den eine Lage Thonerde bedeckte. „»Was ſagte ich Euch,“ rief er aus,„daß ich keine halbe Stunde nöthig haben würde, um ihre Spur zu finden; hatte ich Recht? Da, ſeht!“ Indem er dieſe Worte mit einer Miene des Triumphes ausſprach, den ſein Begleiter nicht zu theilen ſchien, zeigte der — 319 Indianer dieſem auf dem feuchten Boden ganz friſche Spuren von wilden Thieren. Es waren breite Tapfen, bei denen jede Zehe ihre Spur ſtark auf dem thonigen Boden ausgedrückt zeigte. Man zählte deren ungefähr zwanzig von verſchiedener Größe. Was dieſe Entdeckung vollends beſonders ſchrecklich machte, war der Um⸗ ſtand, daß das Waſſer eines kleinen Sumpfes in der Nachbar⸗ ſchaft des Fluſſes noch gelblich erſchien, indem es nicht Zeit ge⸗ habt hatte, ſeine frühere Klarheit wieder anzunehmen. „Es kann keine halbe Stunde her ſein, daß ſie hier ge⸗ trunken haben, fuhr der Indianer fort, denn das Waſſer iſt trüb, wie Ihr es ſelbſt ſehen könnt. Verſucht zu erkennen, wie viel deren hier waren.“. „Ich ginge lieber fort,“ erwiederte der Schwarze, deſſen Geſicht ein Nebel verdunkelte, und der vergebens dem Indianer zu gehorchen verſuchte, indem er die Spuren zählte;»Jeſus Marial eine ganze Prozeſſion von Tigern!“ „Ihr übertreibt. Nun denn! zählen wir. Eins, zwei, drei, vier; das Männchen, das Weibchen und zwei Cachorros (Junge). Es gibt nur das und nicht mehr. Ah! das iſt ein angenehmer Anblick für einen Tigrero!« „Ihr findet?“ ſagte der Neger in einem kläglichen Tone. „Ja, gewiß! Aber ſetzt Euch! Wir brauchen Nichts zu übereilen. Setzen wir uns hierher.“ Indem er die Handlung mit den Worten vereinigte, nahm der Indianer einige Schritte weit von dem Orte, wo dieſes Geſpräch ſtattgefunden hatte, Platz, und der Schwarze war gern oder ungern genöthigt, es wie er zu machen. Er ſchien in⸗ deſſen nur eine ſehr zerſtreute Aufmerkſamkeit zu verſprechen; ſeine Augen irrten mit einer ſo ſichtlichen Angſt nach allen 6 8 320 Punkten des Horizontes herum, daß der Tigrero glaubte, ihn von Neuem beruhigen zu müſſen. „Ihr habt Nichts zu fürchten, ich verſichere es Euch,“ wiederholte der Indianer dem Neger.„Da der Tiger, die Ti⸗ gerin und ihre beiden Cachorros den ganzen Lauf des Fluſſes haben, um ihren Durſt zu ſtillen, ſo werden ſie es ſich nicht einfallen laſſen, hierher zu kommen, um bei uns zu trinken, und noch weniger Händel mit uns zu ſuchen. Außerdem— haben ſie nicht ſo eben getrunken?« „Ich habe ſagen hören, daß ſie ſehr lecker nach dem Fleiſche der Schwarzen wären,“ erwiederte der wunderlicherweiſe mit dem weiblichen Namen Klara genannte Neger. »Das iſt ein Vorzug, deſſen Ihr Euch vergeblich ſchmeichelt.« „Sagt vielmehr, vor dem ich eine gräßliche Furcht habe.“ »Nun denn! ſeid unbeſorgt, es gibt in dem ganzen Staate nicht einen Jaguar, der einfältig genug iſt, eine ſchwarze und harte Haut wie die Eurige, dem Fleiſche der jungen Kühe oder der Füllen vorzuziehen, die er ſich nach Gefallen und ohne irgend eine Art von Gefahr verſchaffen kann. Die Jaguars, welche hier in der Nähe ſind, würden ſchön lachen, wenn ſie Euch hörten.“ „Sie würden vielmehr über Euch lachen,« erwiederte der Neger, der die Leidenſchaften des Indianers reizen, und den wilden Thieren, die ihn erſchreckten, einen ſchlimmen Streich ſpielen zu wollen ſchien. „»Und warum das, wenn es gefällig iſt? Wißt, daß we⸗ der Menſchen noch Tiger ungeſtraft über Coſtal lachen würden.“ „»Warum? Ei, bei Gott! weil ſie es ſehr närriſch finden würden, daß Ihr, der Ihr Eurem Gewerbe nach Tigrero und von Don Mariano Silva bezahlt ſeid, um Jagd auf die Ja⸗ guars zu machen und auszurotten, Euch nicht auf die Verfol⸗ 321 gung dieſes Paares begebt, deſſen Spuren Ihr mir an dem Ufer dieſes Fluſſes gezeigt habt.“ »Seid überzeugt, daß ſie Nichts dabei verlieren werden, ein wenig zu warten, ich werde ihre Spuren wieder zu finden wiſſen, und ein Jaguar, deſſen Schlupfwinkel ich kenne, iſt ein todter Jaguar. Ihr wollt nur, daß ich die Jaguare verfolge, damit Ihr nach der Hacienda entwiſchen könnt. Aber horch! Was iſt das?« Ein anhaltendes, anfangs ſchneidendes, dann mit einem hohlen Brüllen endigendes Miauen, das aus den fernſten Dickichten am Ufer des Fluſſes zu kommen ſchien, drang zu den Ohren der beiden Gefährten und jagte dem Neger den hef⸗ tigſten Schrecken ein. Der Indianer änderte ſeine Stellung nicht, machte nicht eine Geberde, während der Neger aufſprang, indem er ausrief: »Jeſus Maria! der Jaguar!« »Nun denn! was?“ ſagte Coſtal ganz ruhig. »Der Jaguar!« wiederholte Klara. »„Der Jaguar!« Ihr irrt Euch. »Wollte es Gott!“« rief der Neger aus, indem er kaum zu hoffen wagte, daß er ſich geirrt hätte. »„Ihr irrt Euch in der Zahl; es ſind deren vier, die bei⸗ dden Cachorros inbegriffen. In dieſem Sinne von ſeinem Irrthume überzeugt, wollte Klara mit vor Schrecken entſetzten Augen nach der Hacienda entfliehen. »Nehmt Euch in Acht!“ ſagte Coſtal, der ſich über die Angſt ſeines Gefährten zu beluſtigen ſchien,„man ſagt, daß die Tiger ſehr lüſtern nach ſchwarzem Fleiſche ſind.“ »„Ihr habt mir eben das Gegentheil geſagt.“ »Vielleicht habe ich falſche Auskünfte über die Gehekuche Aus allen Welttheilen. 21 3 322 dieſer Thiere gehabt; aber ſo viel weiß ich beſtimmt, weil ich hundert Male die Erfahrung davon gemacht, daß, wenn das Männchen und das Weibchen bei einander ſind, es ſehr ſelten iſt, daß ſte ſo in der Nähe des Menſchen heulen; es iſt Aus⸗ ſicht vorhanden, daß dieſe hier getrennt ſind. Ihr würdet ris⸗ kiren, Euch zwiſchen zwei Feuern zu befinden, es ſei denn, daß Ihr ihnen das Vergnügen verſchaffen wolltet, Jagd auf Euch zu machen.“ „Gott bewahre mich davor!“ —„Dann iſt das Beſte, was Ihr thun könnt, bei einem Manne zu bleiben, der keine Furcht vor ihnen hat.« Der Neger zögerte noch, als ein zweites, nicht weniger hohles Geheul, als das erſte, ſich in einer entgegengeſetzten Richtung hören ließ, und die Behauptung des Tigrero be⸗ ſtätigte.—— „Ihr ſeht, daß ſie auf Raub aus ſind, daß ſie ſich in den Boden getheilt haben, und daß ſie ſich zurufen, um ſich zu be⸗ 4 nachrichtigen. Wenn Ihr jetzt Luſt dazu habt,« fügte Coſta hinzu, indem er dem Neger einen Wink mit der Hand gab, daß er entfliehen könnte,„ſo ſteht es Euch frei. Feſt überzeugt, daß die Gefahr vor und hinter ihm drohe, 6 näherte ſich Klara, bleich nach der Weiſe der Neger, das heißt, ſein ſonſt ſchwarzes Geſicht dunkelgrau gefärbt, ganz zitternd 4. ſeinem unerſchütterlichen Gefährten, deſſen Hand nicht einmal eine Bewegung nach der neben ihm auf dem Graſe liegenden Büchſe gemacht hatte. „Dieſer Gefährte ſcheint mir eben nicht tapfer,“ ſagte ſich der Indianer;„aber ich werde mich mit ihm begnügen, bis daß ich einen Unerſchrockeneren finde.“« Plöͤtzlich ließ ſich ein drittes, weit lauteres, weit anhalten⸗ deres Miauen, als das erſte in derſelben Richtung, nämlich ſtromaufwärts von dem Fluſſe beiden Gefährten floß.. Bei den ſchrecklichen Tönen, welche in ſeinen Ohren gleich einer Herausforderung erſchallten, erweiterten ſich die Augen des Indianers, und der unwiderſtehliche Eifer der Jagd leuch⸗ tete aus ſeinen Blicken. »Bei der Seele der Caziken von Tehuantepec!« rief er aus,„das heißt die menſchliche Geduld zu ſehr in Verſuchung führen, und ich will dieſen beiden Schwätzern lehren, in Zu⸗ kunft nicht mehr ſo laut von ihren Angelegenheiten zu plau⸗ dern. Kommt, Klara, Ihr ſollt lernen, was ein in der Nähe geſehener Jaguar iſt.« „Aber ich habe keine Waffen,“ rief der Schwarze aus, vielleicht noch mehr darüber erſchreckt, Jagd auf die Tiger zu machen, als ſich von ihnen jagen zu laſſen.„Als ich Euch aufforderte, das Gebiet der Hacienda von dieſen beiden Teu⸗ feln zu ſäubern, ſo verſtand ich darunter nicht, Euch zu beglei⸗ ten; ich ſchwöre es bei allen Heiligen des Paradieſes.“ „Hört, Klara, das Thier, welches ſich zuerſt hat hören laſſen, iſt das Männchen, welches ſein Weibchen ruft. Es muß ziemlich fern von hier, ſtromaufwärts von dem Fluſſe ſein, und da es auf dem ganzen Umfange der Hacienda keinen klei⸗ nen Fluß gibt, auf dem ich nicht für das Bedürfniß meines Gewerbes entweder eine Pirogue oder einen Nachen habe...« „Ihr habt hier einen?“ unterbrach ihn Klara. „»Gerade; wir werden uns ſeiner bedienen, um den Fluß hinaufzufahren. Ich habe meine Idee in dieſer Beziehung, Ihr werdet ſehen; inzwiſchen lauft Ihr auf dieſe Weiſe keine Gefahr.“« „Man behauptet, daß die Jaguars wie Seekälber ſchwim⸗ men,« murmelte der Neger. hören, der zu den Füßen der 324 „Ich kann es nicht läugnen. Aber gleichviel, kommt ge⸗ ſchwind.“ Indem er dieſe Worte ſagte, war der Tigrero nach dem Orte am Ufer geeilt, wo ſein kleines Fahrzeug angebunden war, und Klara, indem er die Gefahr, den Jäger zu beglei⸗ ten, der vorzog, allein zu bleiben, folgte ihm im kleinen Trabe, indem er von Grund der Seele aus die Unvorſichtigkeit ver⸗ wünſchte, die er begangen hatte, indem er Coſtal aufforderte, ſich auf die Jagd zu begeben. Einige Augenblicke nachher löste der Indianer die Schlei⸗ fen des Strickes auf, der ſeine Pirogue an den Wurzeln einer Weide zurückhielt. Es war eine aus einem Baumſtamme aus⸗ gehöhlte Pirogue, die aber breit genug war, um im Nothfalle zwei Perſonen zu tragen. Zwei kurze Ruder dienten dazu, ſie in dem breiteſten wie in dem engſten Fahrwaſſer zu leiten. Ein kleiner, mit einer Matte von Schilf verſehener Maſt lag auf dem Boden des kleinen Fahrzeuges. Coſtal warf ihn, als bei dieſer Veran⸗ laſſung unnöthig, auf das Ufer zurück, ſetzte ſich in das Vor⸗ dertheil des Nachens, während der Neger im Hintertheile Platz nahm, und indem er die Pirogue mit kräftiger Bewegung fort⸗ ruderte, was ſie mitten in den Fluß gleiten ließ, fing er an, ſtromaufwäͤrts hinaufzufahren. Die Weiden und die Eſchen warfen bereits lange Schat⸗ ten auf das Waſſer, das die Sonne bald mit ihren letzten Strahlen erleuchten ſollte. Das Schilf des Ufers rauſchte un⸗ ter dem Abendwinde der Einöde, der wie der Seewind weht und einen berauſchenden Duft mit ſich zu führen ſcheint. Indianer und Jäger, ſog ihn Coſtal mit allen Poren ein. . Was Klara anbelangt, ſo ſchauderte er wie das Schilf der Ufer; die Furcht hatte daran mehr Antheil, als das Ent⸗ — 8* zücken, und ſeine von Schrecken entſtellten Züge bildeten einen eben ſo großen Gegenſatz zu der ruhigen Haltung des Tigrero, als die ſchwarzen Schatten der Bäume zu den Purpurwolken, welche der Fluß in ſeinen Wellen wiederſpiegelte. Das kleine Fahrzeug folgte anfangs den Krümmungen der Ufer, welche die Ausſicht der beiden Schiffer begrenzten. Zuweilen beugten geſenkte Bäume ihre Stämme auf das Waſ⸗ ſer, und auf jedem von ihnen erwartete der Schwarze die Augen eines wilden Thieres leuchten zu ſehen, das bereit war, über die Pirogue herzufallen. „Por Dios!“ ſagte der Schwarze ſchaudernd jedes Mal, wo das kleine Fahrzeug in der Nähe dieſer über das Waſſer geneigten Bäume hinglitt,„fahrt nicht ſo nahe vorüber, wer weiß, ob der Feind nicht hinter dieſem Laube verborgen iſt?« „Ich habe meine Idee,“ antwortete Coſtal. Und der Indianer fuhr fort, ſein Boot mit kräftigem Arme zu rudern, ohne daß er ſich um die Gefahren zu bekümmern ſchien, welche das Dickicht der Weiden verbergen könnte. „Worin beſteht Eure Idee?“ fragte endlich Klara. „Eine ſehr einfache Idee, die Ihr billigen werdet.« „Laßt hören!« „Es gibt zwei Jaguars; ich ſpreche nicht von den klei⸗ nen; da Ihr keine Waffen habt, ſo gehen dieſe Euch an; Ihr werdet davon jeden mit einer Hand bei dem Felle des Halſes packen, dann werdet Ihr allen beiden den Schädel zerſchmet⸗ tern, indem Ihr ſie lüchi gegeneinander ſchlagt. Nichts iſt einfacher. 4 „Das ſcheint mir im Gegentheile ſehr verwickelt, und wie würde ich außerdem ſchnell genug laufen können, um ſie zu er⸗ wiſchen?« 5Sie werden Euch dieſe Mühe erſparen, indem ſie dbe— Euch herfallen, denn binnen hier und einer Viertelſtunde wer⸗ den wir ſie ohne Zweifel alle vier auf dem Halſe haben.“ „Alle vier!« rief der Neger aus, indem er ſo gewaltig erbebte, daß er dem ſchwachen Fahrzeuge eine ſchwankende Be⸗ wegung verurſachte, die ſtark genug war, um es umſchlagen zu laſſen. „Ohne Zweifel,“ erwiederte Coſtal, indem er ſich raſch neigte, um das Gegengewicht zu bilden.„Das iſt meine Idee, als die einzige Art, die Jagd abzukürzen. Dem iſt ſo; wenn die Zeit drängt, ſo macht man es ſo gut als man kann. Alſo es gibt, wie ich Euch ſagte, als Ihr mich unterbrochen habt, zwei Jaguars, den einen zur Linken, den andern zur Rechten. Da nun aber dieſe Thiere ſich durchaus vereinigen wollen, wie ihre Stimme es andeutet, ſo iſt es augenſcheinlich, daß, wenn wir uns zwiſchen ſie ſtellen, ſie zugleich über uns herfallen werden. Es wird Euch unmöglich ſein, mir das Gegentheil zu beweiſen.“ Um die Wahrheit zu ſagen, Klara dachte nicht daran. Eine innige Ueberzeugung von der Unfehlbarkeit der Prophe⸗ zeihung Coſtals ließ ihn ein gänzliches Schweigen beobachten. „Achtung! Klara,“ ſagte der Letztere,„wir werden um 4 dieſe Spitze herumfahren, deren Bäume uns die Ausſicht der Ebene verbergen; Ihr werdet mir ſagen, ob Ihr das Thier ſeht, das wir ſuchen.“ 4 Da Coſtal ruderte, ſo konnte er nicht ſehen, was hinter ihm vorging. Doch kümmerte ihn dieß nicht viel, denn das Geſicht des Negers war für ihn wie ein Spiegel, der ihm ge⸗ treulich das meldete, was ihn zu wiſſen intereſſirte. Bis jetzt hatten die Augen des Negers nur einen unbe⸗ 1 ſtimmten Schrecken ohne beſtimmte Urſache ausgedrückt, in dem Augenblicke aber, wo das Boot die letzte Krümmung des Fluſſes zogen und den Rücken in einer zugleich 327 zurückgelegt hatte, zeigte ſich eine unendliche und plötzliche Angſt in allen ſeinen Zügen. Der Indianer wandte raſch den Kopf um. Eine uner⸗ meßliche Ebene, inmitten welcher der Fluß zwiſchen zwei von Bäumen entblößten Ufern floß, erſtreckte ſich zur Rechten und zur Linken, ohne daß irgend ein Gegenſtand das Auge hinderte, einen unbegrenzten Horizont zu üͤberſehen. Sehr weit von den Jägern entfernt, bog ſich der Fluß faſt um ſich ſelbſt zurück, indem er ein grünes Delta bildete, an deſſen Spitze der Weg vorüberging, der nach der Hacienda Las Palmas führte. Die Strahlen der untergehenden Sonne erfüllten die ganze Landſchaft mit einem goldigen Nebel; das Waſſer des Fluſſes war mit Purpur und Gold gefärbt, und ungefähr auf zwei Büchſenſchußweite, mitten in dieſem lichtvollen Nebel, auf die⸗ ſem ſtrahlenden Waſſer, erſchien den entzückten Augen Coſtals ein ſeltſamer Gegenſtand. „Seht Ihr, Klara,« ſagte er, indem er die Ruder den Händen des Schwarzen übergab, während er, ſeine Büchſe in der Hand, auf dem Boden der Pirogue niederkniete, haben Eure Augen jemals ein erhabeneres Schauſpiel betrachtet?« Klara nahm maſchinenmäßig die Ruder und antwortete Nichts; die Augen weit aufgeſperrt, den Mund halb geöffnet, war er ſtumm bei dem Anblicke des Bildes, das ſeine Blicke überraſchte; er ſchien wie ein Vogel durch eine Klapperſchlange bezaubert.. Auf die ſchwimmende Leiche eines Büffels geklammert, den er verzehrte, ließ ſich einer der Jaguars, der, deſſen Stimme ſein Weibchen benachrichtigt hatte, ſanft von dem Strome des Waſſers forttragen. Den Kopf vorgeſtreckt, auf die Vorder⸗ pfoten geſtützt, die Hinterfüße unter ſeinen Bauch zuſammenge⸗ mächtigen und geſchmei⸗ 328 digen wellenförmigen Bogenlinie gekrümmt, ließ das Thier, der König der Ebenen Amerika's, in den letzten Strahlen der Sonne ſein feurig gelbes Fell mit ſchwarzen Flecken leuchten. Es war eine der ſchönſten wilden Scenerien, welche die Savannen täglich vor den Augen des Jägers und des India⸗ ners entfalten; eine prachtvolle Epiſode des ewigen Geni hles, das die Einöde vor ihren Ohren ſingt. Ein tiefes Röcheln, das allmälig zu einem— Gebrülle gleich den mächtigſten Tönen einer Poſaune anſchwoll drang aus der Bruſt des Jaguars und hallte über die O er⸗ fläche des Waſſers bis zu den beiden Schiffern. Er hatte ſeine Feinde erblickt und forderte ſie heraus. Coſtal antwortete dar⸗ auf durch eine andere Herausforderung, wie der Spürhund, der das Jagdhorn ſein Geſchmetter den Echo's der Wälder hat zu⸗ werfen hören. „Das iſt das Männchen,“ ſagte er mit vor Eifer beben⸗ der Stimme. „So ſchießt es doch!« rief der Neger aus, indem er aus lauter Angſt die Sprache wiederfand. „Es ſchießen!“ antwortete Coſtal,„meine Büchſe reicht nicht ſo weit, und ich bin nur in der Nähe meiner Kugel ge⸗ wiß. Ueberdem würde das Weibchen durch den Schuß gewarnt ſein und ſich fern halten, während Ihr es, wenn wir nur eine Minute warten, von ihren beiden Cachorros begleitet, nach un⸗ ſerer Seite ſpringen ſehen werdet.“ »Dios me ampare*)!“ murmelte der über den Plan Co⸗ ſtals erſchreckte Neger, der übrigens bald in Erfüllung gehen ſollte. Ein fernes Geheul ertönte, und ging der Erſcheinung des andern Jaguars auf dem äußerſten Ende der Savanne *) Möge Gott mich beſchützen! * Möge G übeſchüs 329 voraus. Einige von dem Weibchen mit ſtolzer Leichtigkeit ge⸗ machte Sprünge verſetzten ſie auf zweihundert Schritte weit von dem Ufer und der Pirogue. Dort blieb ſie ſtehen, die Naſe in den Wind geſtreckt, die Luft einathmend, die Kniekehlen bebend, wie ein Pfeil, der noch ſchaudert, nachdem er das Ziel getroffen hat, während ihre bei⸗ den Jungen ſich an ihre Seite ſtellten. Inzwiſchen trieb das nicht weiter geruderte Boot langſam in bem Strome, und fing an ſich zu drehen, indem es auf dieſe Weiſe immer dieſelbe Entfernung von dem auf der Leiche des Büffels niedergekauerten Tiger beibehielt. 8 „Bei allen Teufeln!« rief der ungeduldig gewordene In⸗ dianer aus,„erhaltet doch die Pirogue in dem Strome des Fluſſes, ſonſt iſt es keine Möglichkeit, daß dieſer Jaguar und ich uns jemals erreichen. So... es iſt gut, ſo laſſe ich es mir gefallen; die Hand feſt, Ihr dürft die meinige nicht be⸗ mühen. Es iſt durchaus nöthig, daß ich das Thier auf den erſten Schuß toͤdte, ſonſt iſt Einer von uns verloren, denn wir würden gegen das verwundete Männchen und das Weibchen in ſeiner vollen Kraft zu kämpfen haben.« Der Jaguar kam auf ſeiner ſchwimmenden Beute ruhig den Strom des Waſſers hinab, und die Entfernung zwiſchen ihm und der Pirogue verringerte ſich allmählig. Schon konnte man deutlich ſeine in ihren Höhlen rollenden Feueraugen und die Windungen ſeines Schwanzes unterſcheiden, den er wie eine Schlange bewegte. Der Indianer zielte auf den Rachen des Thieres, und ſtand eben im Begriffe, ſeine Büchſe abzu-⸗ feuern, als die Pirogue plötzlich anfing, ſich ſo ſeltſam zu be⸗ wegen, als ob ſie von einer hochgehenden Welle erhoben würde. 330 „Was der Teufel macht Ihr denn, Klara?« rief der In⸗ dianer zornig aus;„auf dieſe Weiſe wäre es mir unmöglich, eine ganze Heerde von Tigern zu treffen.“ Aber, ſei es nun, daß Klara es abſichtlich that, oder daß der Schrecken ſeine Sinne trübte, die Schwankungen wurden unter ſeinem krampfhaft gepackten Ruder immer heftiger. „Hole Euch der Henker!“ rief der Indianer von Neuem voller Wuth aus;„ich hatte ihn ſchon ſo ſcharf auf dem Korne, daß ich ihm ſicher den Schädel zerſchmettert haben würde!“ . Und indem er ſeine Büchſe niederlegte, entriß er den Hän⸗ den Klaras die Ruder. Indeſſen verfloß eine lange Minute, ehe er die Ungeſchick⸗ lichkeit ſeines Gefährten wieder gut machen konnte, und als er nun im Begriff ſtand, ſeine Büchſe wieder zu ergreifen, ſtieß der Jaguar plötzlich ein furchtbares Brüllen aus, riß dann, indem er ſeine ſcharfen Zähne in das Fleiſch des Büffels drückte, einen blutigen Fetzen davon ab, wagte einen ſchrecklichen Sprung, und während die ſchwimmende Leiche des Büffels wirbelnd in dem Waſſer unterging, um zehn Schritte weiterhin wieder zu erſcheinen, hatte der Tiger mit einem Satze das von dem Weib⸗ chen beſetzte Ufer erreicht, und befand ſich in Sicherheit. Vergebens ſtieß der Indianer eine heidniſche Verwünſchung aus; der glückliche Augenblick war vorüber, einige andere Sprünge vereinigten den Tiger mit ſeiner Gefährtin, und beide waren nun außerhalb der Schußweite ſeiner Büchſe. Das grimmige Paar ſchien einen Augenblick lang un⸗ ſchlüſſig zu ſein; endlich aber, indem es ein doppeltes Brüllen der Drohung ausſtieß, mit welchem ſich das der beiden Ca⸗ chorros vereinigte, eilten alle vier ſpringend den Grenzen des Horizontes zu. „Geht! geht! Schurken! Ich werde euch wiederfinden e getäuſchten Hoffnung, dieſen Bewohnern der Einöde mit den 1. der Savanne zü berühren ſchienen. „Aber in der That,“ begann der Indianer wieder, deſſen Augen vor Aerger funkelten,„Ihr könnt Euch ſchmeicheln, mich ein ſchönes Paar Jaguars haben fehlen zu laſſen.“ Und Coſtal ruderte tüchtig, um den Ort des Ufers wieder zu erreichen, wo er ſich eingeſchifft hatte. 3 Der Fluß führte noch die Leiche des Büffels in ſeinen finſterer gewordenen Gewäſſern fort; die beiden Jaguars aber waren ſchon lange in dem rothen Nebel der Ebene ver⸗ ſchwunden. Ein Reſt von Furcht miſchte ſich indeſſen noch immer in aber nach welcher Seite hin? Er brach zuerſt das Schweigen, um dieſe Frage an Coſtal zu richten. »Ihr wollt wiſſen, welche Richtung ſie eingeſchlagen ha⸗ ben,“ antwortete der Indianer;„ein einfacher Schluß wird es Euch ſagen. Einen todten Büffel findet man nicht alle Tage, und ſeid überzeugt davon, daß der Tiger ſeine Beute nur mit Bedauern losgelaſſen hat; er weiß aus Inſtinkt, nach welcher Seite der Fluß die Leiche fortführt, und er wird ſie ſtromab⸗ wärts, unterhalb des Waſſeerfalles, erlparen, den Ihr von hier aus donnern hört.“ 3 Waſſers wurde in der That in dem Maße deutlicher, als die Pirogue weiter kam. ⸗Ich ſage indeſſen nicht,“ begann der Indianer wieder, »daß der Waſßferfall ſie ihm ganz wiedergeben wird; ich habe rief Coſtal, indem er ſich nicht enthalten konnte, trotz ſeiner. Augen zu folgen, die in ihrem raſchen Laufe kaum das Gras die Zufriedenheit Klaras; die Jaguars waren freilich entflohen, Das impoſante, bereits von Klara gehörte Brauſen des 332 Baumſtämme geſehen, die in Stücken zerbrachen, indem ſie von oben nach unten rollten.“ Dieſe beſtimmte Antwort befriedigte Klara nur halb; da indeſſen die Pirogue im ſelben Augenblicke landete, ſo ließ er 1 ſich Nichts davon merken. Die beiden Gefährten ſtiegen an das Land, und einige Augenblicke reichten hin, um die Pirogue von Neuem an die Wurzeln der Weide anzubinden, von der ſie abgebunden wor⸗ den war. „Demnach alſo Marüt Ihr,“ begann der Neger wieder, „ daß die Jaguars. 4„Ich bin ſo iemlich deſſen gewiß, was ich Euch ſage, und vielleicht wird keine halbe Stunde vergehen, ſo hört Ihr von Neuem ihre Stimme auf dem Grunde der Schlucht, wo wir ſogleich zu thun haben werden.“ Nach einer kurzen Wanderung erreichten Coſtal und Klara, der ſeinen Gefährten aus Furcht vor den Panthern auch jetzt noch nicht zu verlaſſen wagte, den Waſſerfall, und ſtellten ſich unterhalb in einer Schlucht deſſelben auf. Aber lange warte⸗ ten ſie vergebens auf das Erſcheinen der Thiere, was den N⸗ ger ſehr erfreute, Coſtal aber ärgerlich und unzufrieden machte. Plötzlich ſchlug er ſich heftig vor die Stirn. „Vergeßlicher, der ich bin!« ſagte er mit beunruhigter Miene.„Die Panther wiſſen, warum ſie nicht herkommen, und auch wir werden wohl thun, dieſe Schlünde auf das. Schnellſte zu verlaſſen.“— »Und warum das? 2 fragte der Schwarze haſtig, durch die Beſorgniß erſchreckt, welche der Ton Coſtals verrieth, der ſonſ doch Nichts zu fürchten ſchien. „Es iſt heute Neumond, und ich hatte vergeſſen, daß in dirſer Jahreszet dieß immer die Periode it. wo die Flüſſe an. 8 —— 33³ ſchwellen, ſich vereinigen und unſere Felder überſchwemmen. Ihr wißt, daß die Ueberſchwemmung wie der Blitz kommt. Hört Ihr nicht bereits in der Ferne ihr dumpfes Brauſen?“ „Gott ſei Dank, ich höre bis jetzt nur das des Waſſer⸗ falles, der uns nöthigt, alle Beide zu ſchreien, um uns zu ver⸗ ſtehen; aber eilen wir uns.“« „Oh!“ fuhr Coſtal fort,„ſo bald wir einmal aus dieſer Schlucht heraus ſind, ſo haben wir nicht viel zu fürchten; der Gipfel eines Baumes würde uns zur Zufluchtsſtätte dienen, wenn die Ueberſchwemmung uns überraſchen ſollte.« „Einverſtanden; aber hier?« „Hier wäre es um uns geſchehen.“ Die beiden Abenteurer erſtiegen den ſteilen Abhang ſchwei⸗ gend und mit einer durch die Furcht vor einer Geihr verdop⸗ pelten Schnelligkeit. Oben angelangt, trafen ſie zu ihrem Erſtaunen einen Frem⸗ den, welcher kein Anderer war, als der Dragoner⸗Offizier Don Rafael Tres⸗Villas. Er hatte ſich verirrt, ſeit er Don Lan⸗ tejas verlaſſen hatte, und war erfreut, am Waſſerfalle Menſchen zu treffen, die ihn wahrſcheinlich zurecht weiſen konnten. „Heda!« rief er.„Ich will nach der Hacienda Las Palmas! Bin ich weit davon entfernt?« „Das kommt auf den Weg an, den Sie einſchlagen wer⸗ den,“ erwiederte Coſtal. „Ich will den kürzeſten, ich habe Eile.“ „Der Weg, der Sie am ſicherſten dorthin führen würde, das heißt ohne Furcht ſich zu verirren, iſt der, den Sie finden werden, wenn Sie den Strom dieſes Fluſſes wieder hinauf⸗ X gehen,“ ſagte Coſtal.„Dieſer Weg ſchneidet eine der Krüm⸗ mungen des Fluſſes ab; wenn Sie aber einen noch nn haben wollen... — * —— 334 „Sprechen Sie, mein Freund,“ ſagte Don Rafael, als Coſtal zögerte.„Ich höre Sie und ich danke Ihnen im Voraus.“ „Zuvörderſt,“ fuhr Coſtal fort,„um von hier aus die Hacienda Las Palmas zu erreichen, ohne ſich zu verirren, be⸗ ſonders ohne ſich damit zu beluſtigen, Umwege zu machen, tragen Sie Sorge, immer den Mond zu Ihrer Linken zu haben, ſo daß Ihr Schatten zu Ihrer Rechten, ein we⸗ nig ſchräg, gerade ſo fällt, wie Sie ſich in dieſem Augenblicke befinden. Jetzt halten Sie um Nichts auf der Welt an, bevor Sie in dem Hauſe Don Mariano Silvas ſind; wenn Sie auf eine Schlucht, einen Graben, einen Bach, oder einen Hügel ſtoßen, ſo gehen Sie in gerader Linie darüber, ohne daß ſie dieſelben zu umgehen ſuchen. Es iſt Gefahr im Verzuge!“ Es lag ſo viel Feierlichkeit und Beſtimmtheit in der Stimme und den Anempfehlungen des Indianers, daß der Dragoner dadurch überraſcht ward. „Welches iſt denn die entſetzliche Gefahr, die mich be⸗ droht?« fragte er. „Eine Gefahr, gegen welche die aller Tiger, die in dieſen Sapvannen heulen oder brüllen können, nur ein Kinderſpiel iſt. Die Ueberſchwemmung, welche vielleicht vor Ablauf einer Stunde ſte mit brüllenden Wellen bedecken wird, wird aus dieſen Ebe⸗ nen ein raſendes Meer machen, in welchem bunt durcheinander die Tiger ſelbſt trotz ihrer Leichtigkeit rollen werden, es ſei denn, daß ein Baum ſie retten könnte; der Arriero und ſeine Maulthiere, wie der Hirt und ſeine Heerden, werden gleicher Weeiſe verſchlungen werden, wenn ſie kein Obdach in der Ha⸗ cienda gefunden haben, wohin Sie ſich begeben.“ 4 „Ich werde Ihre Anempfehlungen ſtreng befolgen,“ ſagte 2 der Offizier, der ſich des zwei Meilen weit von da verlaſſenen 335 Studenten erinnerte. Er erzählte dem Indianer mit wenig Worten ſeine Geſchichte. „Seien Sie unbeſorgt, wir werden ihn morgen früh nach der Hacienda führen, wenn er noch lebt; denken Sie daher nur an ſich allein und an die, welche Ihren Tod beweinen könn⸗ ten; was die Jaguars anbelangt, denen Sie vielleicht begeg⸗ nen, ſo bekümmern Sie ſich darum nicht; wenn Ihr Pferd er⸗ ſchräke und ſich weigerte, bei ihrem Anblicke in gerader Linie voranzugehen, ſo laſſen Sie Ihre Stimme hören; wenn Sie zu nahe von ihnen gedrängt ſein ſollten, ſo reden Sie ſie gleich⸗ falls an; die menſchliche Stimme iſt geeignet, um Achtung bei allen Thieren, ſelbſt den grauſamſten, hervorzubringen. Die Weißen wiſſen das nicht, weil es ihr Gewerbe nicht iſt, ſie zu bekämpfen, wie das des rothen oder des ſchwarzen n und ich könnte Ihnen eines meiner Abentheuer in mit einem Jaguar erzählen... Ah! bah! da iſt er fort.« Der Indianer unterbrach ſich, denn Tres⸗Villas hörte ihn in der That nicht mehr; nur mit der Sorge beſchäftigt, der Ueberſchwemmung zu entgehen, ſprengte er bereits über die von dem Monde gebleichte Savanne in der Richtung der Hacienda und fern von Coſtal dahin. „Er ſcheint tapfer und freimüthig,“ ſagte dieſer, ves wäre Schade geweſen, wenn ihm ein Unglück zugeſtoßen wäre.“ „Und jener junge Mann, den uns der Reiſende anempfoh⸗ len hat?« fragte der Neger. „Wir werden nach ſeiner Seite gehen,“ erwiederte Coſtal; „einſtweilen wollen wir in einem Nu die Pirogue auf den Gipfel des Cerro de la Meſa tragen, auf welcher wir vor den Tigern und den Ueberſchwemmungen geſchützt, ruhig die Nacht zubringen werden.“ Dus wäre ein großes Glück,“ WWr ich habe den Sa — 5 336 ſehr nöthig,“ ſagte der Schwarze, durch die Ausſicht auf Nacht⸗ ruhe wieder erheitert. Während dieſer Zeit galoppirte Don Rafael in der Rich⸗ tung der Hacienda Las Palmas. Während der erſten halben Stunde ſeines Weges lag die Savanne friedlich da im Scheine des Mondes; die Palmen ſchaukelten ſich nachläſſig unter einem von Sternen funkelnden Himmel, während die Nachtluft die ſcharfen Wohlgerüche des indiſchen Birnbaumes herbeiführte, und der Kapitän begann zu glauben, daß der Indianer ſich über ſeine Leichtgläubigkeit hatte luſtig machen wollen. Nun mäßigte er den Schritt ſeines Pferdes faſt unwillkürlich,“ indem er ſich jenen Träumereien hingab, welche der Reiz der ſchönen Nächte in den Wendekrei⸗ legt, wo man ſich glücklich fühlt zu leben, indem man ie nächtlichen Harmonien horcht, die ſich der Himmel und die Erde wie eine Hymne zuſenden. Der Reiſende erinnerte ſich indeſſen der längs des Weges verlaſſenen Hütten, der kleinen, auf den Gipfel der Bäume wie ein letztes Rettungsmittel für die, welche die Ueberſchwemmung unverſehens überraſchen könnte, gezogenen Fahrzeuge. Nun ſchwand ſein Entzücken plötzlich, und er beſchleunigte von Neuem den Gang ſeines Pferdes. Dann verfloß eine zweite halbe Stunde, und, wie durch einen Zauber hörten die Heuſchrecken und Grillen auf, unter dem Graſe zu zirpen, die ganze Savanne ſchien zu ſchweigen, und auf die wohlriechende Nachtluft folgte ein anderer Wind voll moraſtiger Dünſte, wie ein Hauch des Schreckens. Dieſes beunruhigende Schweigen war von kurzer Dauer, bald glaubte der Reiſende vor ſeinen Ohren noch das ferne und dumpfe Getöͤſe des Waſſerfalles, den er verlaſſen hatte, rauſen zu hören. Nur ſchien dieſes Rollen auf einer andern 337 Stelle zu ſein, es erſchallte nicht mehr hinter ihm, ſondern nach dem Horizonte zu, den er zu erreichen ſuchte. Er glaubte, ſich in der Richtung geirrt zu haben, aber der Mond zu ſeiner Linken, ſein Schatten und der ſeines Pfer⸗ des zu ſeiner Rechten, bewieſen ihm, daß er noch auf dem rich⸗ tigen Wege wäre. Nun klopfte ſein Herz raſcher, weil, wenn er dem Indianer glauben durfte, eine Gefahr heranrückte, ge⸗ gen welche weder ſeine Büchſe, noch ſein Degen von feinem Stahl, noch das unerſchrockenſte Herz ihm von irgend einem Nutzen ſein konnten. Das kräftige Bein ſeines Pferdes war ſeine einzige Vertheidigung, ſein einziges Rettungsmittel. Glücklicherweiſe hatte eine lange Reiſe die Kräfte des Thieres nicht erſchöpft, das gleichfalls die Ohren ſpitzte und mit ſeinen weit geöffneten Nüſtern den feuchten Wind einſog, 8 den die Gewäſſer ihnen wie einen Vorboten entgegenſandten. Es mußte ein Wettkampf zwiſchen dem Reiter und der 3 Ueberſchwemmung ſtattfinden, wer von Beiden zuerſt die Ha⸗ cienda Las Palmas erreichen würde. Der Offizier ließ den Zügel ſchießen, die klingenden Rä⸗ der ſeiner eiſernen Sporen preßten gegen die Weichen ſeines Pferdes, der Kampf der Schrnelligkeit hatte begonnen. Die Savanne ſchien wie ein reißender Fluß unter den Beinen des Dragoners zu fließen. Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken hätte man geglaubt, die Gebüſche und die Palmen des Wal⸗ des fliehen zu ſehen. Die Ueberſchwemmung eilte von Oſten nach Weſten her⸗ bei; der Reiter ſprengte von Weſten nach Oſten, und die Schnelligkeit ihres Laufes mußte ſie alſo raſch ſich einander er⸗ reichen laſſen,— aber an welchem Orte?“ Die Entfernung zwiſchen ihnen. nahm von Sekunde zu Sekunde ab. Das zuerſt dumpfe und unbeſtimmte Getöſe Aus allen Welttheilen. 8— 22 —x — 8. 8 338 näherte ſich immer mehr und glich dem des Donners, welcher, anfangs fern, ſein Rollen nun über unſeren Häuptern hören läßt. Die Savanne und die Palmen flohen immer noch unter dem Galopp des Reiters, ohne daß der Glockenthurm der Ha⸗ cienda ſich auf der geraden Linie zeigte, welche ſeine Ausſicht beſchränkte. Die drohende Maſſe der Gewäſſer erſchien indeſ⸗ ſen noch nicht. Das Pferd mäßigte ſeinen Lauf nicht, aber ſeine Weichen ſchwollen an, es war ganz athemlos, und die Luft, welche es ſo raſch ſpaltete, drang nur noch mit Mühe in ſeine Nüſtern. Einige Sekunden mehr, und dieſe ſelbe Luft ſollte ſeinen Lun⸗ gen fehlen. Der Dragoner hielt einen Augenblick lang an; das Athemholen ſeines Pferdes ſchien gehindert, und das hei⸗ Geräuſch ſeines Athems begleitete in den Ohren des Offi⸗ auf eine traurige Weiſe die immer ſchrecklichere Stimme der heranrückenden Gewäſſer. Don Rafael hörte dieſe traurige Harmonie, indem er faſt an ſeiner Rettung verzweifelte, als es ihm ſchien, den eiligen Klang einer fernen Glocke zu hören. Das war ohne Zweifel die der Hacienda, welche in der Gegend die letzte Warnung der Gefahr verbreitete, indem ſie als Sturmglocke ertönte. Der Reiſende, entzückt und neu ermuthigt von dieſen Tönen, ent⸗ ſchloß ſich, eine letzte Anſtrengung zu machen, um dem ihm drohenden Verderben zu entgehen. Indeſſen, um es mit mehr Ausſicht des Gelingens zu ver⸗ ſuchen, hatte ſein Pferd noch einige Sekunden der Ruhe nöthig, und trotz der Gefahr, welche er lief, hatte der Offizier zu viel Kaltblütigkeit behalten, um dieſe dringende Nothwendigkeit zu verkennen. Er ſtieg ab und ſchnallte den Gurt des Sattels i enig lockerer, um den Lungen ſeines keuchenden Pferdes eihen zu liſei. Der Reiſende zählte voll Bangigkeit die Minuten, welche verfloſſen, als plötzlich das Echo ihm den Hufſchlag eines an⸗ deren Reiters zutrug, der dieſelbe Straße befolgte und dieſelbe Gefahr lief, wie er. Er wandte ſich um; ein Mann ſprengte auf einem kräftigen Brandfuchſe herbei, der den Raum vor ſich zu verſchlingen ſchien. In einem Nu hatte ihn der Reiter eingeholt, und indem er plötzlich die Eile ſeines Pferdes hemmte, rief er aus: »Was machen Sie? Hören Sie nicht die Alarmglocke? Wiſſen Sie nicht, daß die Gewäſſer die Ebene überſchwemmen werden?“ »„Ich weiß es,“ antwortete der Offizier;„aber der Athem fehlt meinem Pferde, und ich warte...« Der Unbekannte warf einen flüchtigen Blick auf de braune Pferd Don Rafaels, und ſprang auf den Boden „Halten Sie mein Pferd,“ ſagte er zu dem Offizier, in⸗ dem er ihm ſeinen Zügel zuwarf; indem er ſich hierauf dem des Dragoners näherte, lüftete er den Sattel und drückte die Hand auf die Seiten des Thieres, um das Klopfen ſeiner Lun⸗ gen zu fühlen.„Gut!“ fügte er hierauf wie ein Arzt hinzu, der mit dem Pulſe ſeines Kranken zufrieden iſt. Nun raffte er einen Kieſel von der Größe einer Fauſt auf, und begann kräftig und abwechſelnd die Bruſt und die dampfen⸗ den Beine von Don Rafaels Pferde zu reiben. Währenb dieſer Zeit betrachtete dieſer neugierig den Un⸗ bekannten, der, mit ſo vieler Großmuth und Sorgfalt angehal⸗ ten, um das Pferd eines Reiſenden zu verpflegen, ihm gänzlich fremd war. Der Neuangekommene trug das Koſtüm der Maul⸗ thiertreiber: einen Hut von dem gröbſten Filz, eine Art von Kittel von grauer Wolle mit ſchwarzen Streifen, über den ein kurzer Schurz von dickem Leder gebunden war, weite Calzoneras 22 340 von Leinwand und Halbſtiefel von Ziegenfell an ſeinen bloßen Füßen. Er war klein von Geſtalt, und trotz der ſchrecklichen Feierlichkeit des Augenblickes leuchtete eine große Ruhe auf ſei⸗ ner Stirn.. Don Rafael ſah ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, aber mit einem Gefühle unendlicher Dankbarkeit. Als der Maul⸗ thiertreiber glaubte, das Pferd genug gerieben zu haben, um ihm eine augenblickliche Elaſticität wiederzugeben, ſagte er: »Das Thier hat Kraft, und es iſt noch nicht verfangen, denn es läßt ſich kein Pulsſchlag oben an dem Halſe fühlen, obgleich die Nüſtern und die Weichen eine gleichzeitige Bewe⸗ g aben. Es handelt ſich alſo nur darum, ſeinem Athem⸗ er weiteren Weg zu öffnen. Kommen Sie, mir bei zelfen, was ich Ihnen ſagen werde, und eilen wir uns, denn Unglück verkündendes Getöſe grollt dort in der Ferne, und die Sturmglocke läutet mit verdoppelten Schlägen.“ 3 Das war nur zu wahr, und der Abendwind überbrachte mit ſeltſamem Getöſe das eilige Läuten der fernen Glocke, Vor⸗ boten des Trauergeläutes, um allen denen zu ſagen, welche in 6 der Gegend herumirrten, ſich zu eilen, während dem es noch 1 Zeit dazu wäre. »Verbinden Sie die Augen des Pferdes mit Ihrem Ta⸗ ſchentuche,“ fuhr der Maulthiertreiber fort. 3 Und während der Dragoner ſich zu gehorchen beeilte, zog er aus der Taſche ſeines ledernen Schurzes eine Schnur, mit der er die Naſe des Thieres gerade unter den Nüſtern feſt um⸗ wickelte. „»Halten Sie dieſ Schnur aus allen Ihren Kräften,“ 2 der Scheide, deſſen Klinge er in die durchſichtige Wand des Innern der Nüſtern des Pferdes ſtieß. Das Blut ſpritzte; trotz der Anſtrengungen ſeines Herrn, es zu halten, bäumte ſich das Thier, indem es das in der Wunde gebliebene Meſſer mit in die Luft nahm, und ſank wie⸗ der auf ſeine Füße zurück. Kaum berührten ſeine Vorderhufe den Boden, als der Maulthiertreiber, indem er die blutige Spitze des Meſſers ergriff, es mit Gewalt bei der Klinge zog, und den Stiel nachzog. Die Luft ſchien in die Nüſtern des Pferdes durch die gähnende Oeffnung zu dringen, welche darin gemacht worden war. 4»Jetzt,“ ſagte er,„wird Ihr Pferd wenigſtens eine halbe Stunde noch aushalten! Wenn Sie überhaupt gerettet werden können, ſo werden Sie es ſein.“ „Ihren Namen?“« rief Don Rafael aus, indem er dem Maulthiertreiber die Hand reichte,„Ihren Namen, damit ich ihn niemals vergeſſe!“ »Valerio Trujano, ein armer Arriero, der große Mühe hat, ſeinen Geſchäften Ehre zu machen, aber der ſich damit tröſtet, ſeine Pflicht zu erfüllen und ſich für das Uebrige auf Gott verläßt. Meine Pflicht war, Sie hier nicht aus Man⸗ gel eines Rathes oder eines Beiſtandes umkommen zu laſſen,“ fügte er einfach hinzu.„Jetzt möge der Wille des Allerhöch⸗ ſten geprieſen ſein, unſer Leben ſteht in ſeinen Händen; beten wir jeden Falles, daß er von ſeinen Dienern die ſchrecklichſte Defahr entfernt, die ſte jemals gelaufen ſind.“ Indem er dieſe letzten Worte mit einer entſetzlichen Feier⸗ lichkeit ſagte, kniete Trujano auf dem Sande nieder, nahm ſei⸗ nen Hut ab, der einen Wald von kräftig gelockten ſchwarzen Haaren ſehen ließ; hierauf, indem er die Augen gen Himmel erhob, ſprach er mit einer Stimme, deren männliche Töne bis 34² auf dem Grunde von dem Herzen des Offiziers wiederhallten, die folgenden Worte aus: „De profundis clamavi ad te, Domine! Domine, exaudi vocem meam!“ Als er den zweiten Vers des Trauerpſalmes beendigt hatte, während der Dragoner den Gurt ſeines Pferdes wiedrr feſt ſchnallte, um es zu einem letzten Laufe aufzufordertr, ſchwang ſich der Maulthiertreiber auf den Sattel, Don Rafael machte es eben ſo, und über die wallende Mähne ihrer Pferde geneigt, ſprengten ſie mit einander über die Savanne hin. Der feuchte Wind, den die übergetretenen Gewäſſer zurückſandten, pfiff in ihren Haaren, und von dem grauſigen Tone der Glocke begleitet, näherte ſich das Unglück verheißende Getöſe der Waſ⸗ ſermaſſe von Minute zu Minute. Auf der Hacienda waren mittlerweile alle Vorkehrungen getroffen worden, die Flüchtlinge aufzunehmen, welche die Ueber⸗ ſchwemmung aus ihren Hütten vertrieben hatte, und an den Fenſtern der am höchſten gelegenen Gebäude, namentlich im Herrenhauſe, befanden ſich die Bewohner, welche mit beſorgten Blicken umherſchauten, um irgend welche Unglückliche zu ent⸗ decken und ihnen, wo möglich, im Nothfalle Hülfe zu ſenden. Es wurde dunkel; nur der Mond verbreitete noch ſein helles Licht über die Landſchaft, welche mehr und mehr von den aus⸗ getretenen brauſenden Gewäſſern überſchwemmt wurde, als plo lich der Ruf erſcholl:„Zwei Reiter! Und das Waſſer iſt ſchon ganz nahe an der Hacienda!« Dieſer Ruf lockte zwei junge Mädchen, die Töchter des Hausherrn, welcher draußen auf der Matte beſchäftigt war, an das Fenſter, welches ſie bereits verlaſſen hatten, und ſogleich 6 feſſelte der Anblick der Reiter, welche wie auf den Flügeln des Windes einherjagten, ihre ganze Theilnahme und Aufmerk⸗ ſamkeit. „Dieſe beiden Reiter haben wie die Nacht ſchwarze Pferde,“ ſagte Marianita;„der eine ſitzt feſt auf dem Sattel wie ein Centaur, aber er iſt klein... ah! es iſt ein Maul⸗ thiertreiber!“ —„Der Andere! Unterſcheideſt du den Andern?« ſagte Ger⸗ trudis. 1G „Der Andere,“ antwortete ſie,„iſt einen Kopf größer, als der Erſte, er iſt auf den Hals ſeines Pferdes geneigt; ich ſehe ſeine Züge nicht. Ah! er erhebt den Kopf, er ſitzt eben V ſo feſt auf dem Sattel, als der Erſte. Die Gefahr ſchüchtert ihn nicht ein! Ah! er i*ſt ein edler Reiter!“. „Gewiß, das iſt er!« ſagte Gertrudis.„Möchte Gott Beiden beiſtehen!“ „Jeſus!“ begann Marianita wieder,„noch einen Sprung ihrer Pferde, und ſie ſind gerettet! Ach! es iſt nicht mehr Zeit!« füͤgte ſie voll Angſt hinzu;„da ſind die Gewäſſer! Jungfrau des Paradieſes! was ſie entſetzlich mit ihrem rothen Schaume und ihrem Brüllen ſind! Da peitſchen ſie jetzt die Mauer! Mutter Gottes! beſchütze dieſe beiden kühnen Männer! Sie halten ſich bei der Hand... ſte drücken den Sporn in die Weichen ihrer Pferde... ſie blicken dem Tode in's Antlitz... ſie fallen mit ſtolzer Stirn wie Ritter, welche den Feind an⸗ greifen, über die Gewäſſer her... Horſt du, Gertrudis, der Eine von ihnen, der Kleinere, ſingt einen Lobgeſang, wie die erſten Chriſten vor den Löwen des römiſchen Circus. Die beiden Schweſtern hörten in der That eine männliche Stimme, welche das Getöſe der Gewäſſer überſchallte, indem ſie ſang: „In manus tuas„ Domine„ commendo animam meam.“ »Ich ſehe ſie nicht mehr,« begann Marianita athemlos wieder,„die Wellen haben die Pferde und die Reiter bedeckt.“« Es entſtand ein Moment entſetzlichen Schweigens in dem Zimmer, das die Gewäſſer mit ihrem Gebrüll erfüllten. »Ahl ich ſehe ſie nochmals,« begann Marianita wieder, „da erſcheinen ſte wieder. Jeſus mein Gott! nur Einer befin⸗ det ſich noch auf dem Sattel, es iſt der Größere. Gott des Himmels! welchen kräftigen Arm du ihm gegeben haſt! Er neigt ſich auf ſeinen Sattel, er hält den Kleineren bei ſeinen Kleidern... er hebt ihn wie ein Kind auf... er wirft ihn über ſein Pferd... welcher ſonderbare Hauch aus den Nüſtern des Thieres dringt! aber es ſcheint eben ſo kräftig, als ſein Herr... die doppelte Laſt, welche es trägt, verhindert es nicht, die Gewäſſer zu ſpalten... Gertrudis! Gertrudis! die Ge⸗ wäſſer, welche die Bäume des Waldes entwurzeln, werden durch dieſen Mann beſiegt werden... Heilige Jungfrau! wirſt mkommen laſſen? Wehe! Wehe! ein ungeheurer Baum rückt wirbelnd gegen ſie heran, er wird das Pferd und die Reiter treffen...« »Erzengel, beſchütze ihn!« ſagte Gertrudis. Maria, ſtille den Zorn der Gewäſſer!« Wie als ob dieſe Bitte erhört worden wäre, fuhr Maria⸗ nita nach einer kurzen Pauſe jubelnd fort: „Gott ſei geprieſen! Gertrudis, geprieſen ſei der, der ein Werkzeug des Verderbens in ein Werkzeug des Heiles zu ver⸗ wandeln weiß! Zehn Lazzos haben zugleich die Wurzeln und die Zweige des Baumes umſchlungen; die Wuth der Gewäſſer hat keine Gewalt mehr über ihn, er iſt ein ſchwimmendes Floß. Der Reiter könnte ſich auf ſeinen Stamm ſchwingen, aber er will weder das edle Thier verlaſſen, deſſen Kraft ihn „»Jungfrau gerettet hat, noch den Mann, den er in ſeinen Armen hält. Der Strom brüllt um ihn herum, ſeine Wellen bedecken ſei⸗ nen Kopf... er läßt nicht los... Ah, ſie ſind gerettet... 4 höre das Triumphgeſchrei! Sie ziehen die Reiter und das Pferd hinauf. Ein Jubel der Freude, von dem die Hacienda erſchallte, brach zugleich auf den Terraſſen und längs der Ringmauer aus, und beſtätigte die Worte Marianita's. 2* Die Geretteten waren der Kapitän Tres⸗Villas und jener Maulthiertreiber, welcher durch ſein raſches Handeln dem Pferde 4 des tapferen Kriegers neuen Athem gegeben hatte. — m— o Ohngefähr eine Viertelmeile weit von dem Waſſerfalle, von dem oben die Rede geweſen iſt, erhob ſich ein kleiner Hü⸗ 6 gel, deſſen Gipfel eben und gleich gemacht worden war. 8 — 1 Dieſer Hügel hieß der Cerro de la Meſa, der Hügel des Tiſches. 4 Auf ihm finden wir am folgenden Morgen in der Frühe Coſtal, den Indianer, und den Neger Klara wieder. 4 Sie hatten ſo eben ohne viel Mühe die leichte Pirogue Coſtals auf die Höhe des Hügels gebracht, und ſie, den Kiel oben, aufgeſtellt. »Ah!« ſagte der Schwarze, indem er ſich auf das kleine 1 Fahrzeug ſetzte,„das geht gut. Jetzt wird der arme Student bald gerettet ſein, wenn er noch am Leben iſt.« „Ja, wenn er noch lebt. Hört Ihr, mit welcher Wuth die Gewäſſer dort brüllen? Wer weiß,— indeß, ſehen wir! Vorwärts, Klara! Wenn wir ihn retten wollen, dürfen wir keine Zeit verlieren!« Das Boot wurde abgeſtoßen, und fuhr uͤber die Gewäſſer Mit einem Male rend, die Glieder durch ſich in ſeiner Hängemat r Hängematte ſchla ſo gelegener Zeit erwachte er aus d eine plötzliche Friſche erſt te über ein fend verlaſſen, hatte anttreffen em Schlafe auffah⸗ arrt, und ſah em tobenden Meer halben Fuß weit b Der Student wie aus dem n und ſchn warf erſchreckte Blicke u zu reichen vermochten lichen See mit ſchäumenden Wellen. cht der Bewohner de r Fel Das Brumme Cornelio ſeine Blicke klärt, die Flu äumen au Nachen. hatte, 5 der und über den alle zwiſchen denen er au Die bereits ent von ſeine m ſich, „ ſah er nur Getöſe, das er gehört jener jährlichen Ueber⸗ . erſtreckte, amarinden hervorragten, ö ₰₰—— Gewäſſer ein Getöſe zu hören glaubte, das er dieſes Mal ſich nicht zu erklären wußte. Es tönte laut, wie der Klang einer Kriegstrompete, oder tief, wie das Brüllen, das zuweilen die beiden furchtbaren Nachbarn des Studenten hören ließen. Coſtal ſtieß in eine Seemuſchel, um Lantejas auf die nahende Hülfe aufmerkſam zu machen. Bald erkannte der Student in der Ferne und auf den Wellen tanzend das kleine Fahrzeug mit den Verbündeten. Von Zeit zu Zeit ließ der Indianer, an dieſe gefährliche Schifffahrt gewöhnt, ſeine Ruder los, um das Inſtrument an ſeinen Mund zu ſetzen, deſſen unerklärliche Harmonie Lantejas hörte. Ganz in ihre ſonderbare Beſchäftigung vertieft, hatten weder Coſtal noch die Anderen Don Cornelio bemerkt, der in ſeiner Hängematte lag, in welcher er keine Bewegung zu ma⸗ chen wagte. Indeſſen traf der erſtickte Schrei einer menſchlichen Stimme ihre Ohren.. „Habt Ihr gehört, Coſtal?« rief der Schwarze aus. „Ja, Etwas wie einen Schrei; es iſt ohne Zweifel der arme Teufel von Student, der uns ruft. Aber wo iſt er denn? Ich ſehe nur eine zwiſchen jenen beiden Tamarinden aufgehängte Hängematte, dort... ei! bei Gott! er iſt darin.“ Coſtal ließ ein furchtbares Gelächter hören, das der Stu⸗ dent wie eine Muſik des Himmels aufnahm. Man hatte ihn ohne Zweifel geſehen, und er ſtattete Gott inbrünſtigen Dank ab. Klara theilte die Luſtigkeit des Indianers, als eine Muſik von ganz verſchiedener Art das Gelächter auf ſeinen Lippen erſtarrte. »Nochmals!« rief er voll Entſetzen aus, als er über der Oberfläche der Gewäſſer ein Concert brüllen hörte, das die vier über dem Kopfe des Studenten befindlichen Jaguars ausführten. 349 Der von ihm ausgeſtoßene Schrei hatte das Brüllen der Tiger erregt, in welches ſich auch das Ziſchen der an die Zweige der Bäume geſchlungenen Schlangen miſchte. „Das iſt ſonderbar!“ ſagte der Indianer,„dieſes Gebrüll erſchallt von derſelben Seite, als die Stimme dieſes Menſchen! He! Herr Student!“ rief er Lantejas zu,„ſind Sie allein, Ihre Sieſta in dem Schatten der Tamarinden zu halten?“ Aber der Student antwortete Coſtal nur durch einen un⸗ verſtändlichen Schrei; er war nicht im Stande, ein einziges Wort auszuſprechen, ſo ſehr lähmte der unendliche Schrecken, den er empfand, ſeine Zunge. Sein zitternder Arm erhob ſich allein über die Hänge⸗ matte, um dem Indianer die ſchrecklichen Gäſte in den beiden Tamarinden anzudeuten. Indeſſen die Dicke des Laubes machte, indem ſie dem Auge Coſtals die Jaguars verbarg, die Geberde des Studenten eben ſo wenig verſtändlich, als ſein Schrei. „Langſam, um Gottes Willen!“ rief Klara aus, den die Furcht vorſichtiger als Coſtal machte.„Die Tiger haben ſich vielleicht auf dieſe Tamarinden geflüchtet!“ „Ein Grund mehr, um hinzugehen und nachzuſehen. Duͤr⸗ fen wir dieſen jungen Mann ſich in der Hängematte erkälten laſſen, bis daß die Gewäſſer verlaufen ſind?“ Indem er dieſe Worte ſagte, nahm Coſtal ſeine Ruder wieder und ſteuerte nach dem Stubenten zu, während Klara in einem jammernden Tone wiederholte: „Wenn das unſere Tiger von geſtern ſind, wie ich es an dem Miauen der Jungen zu erkennen glaube, ſo bedenkt, wie ſehr dieſe Thiere gegen uns erbittert ſein müſſen.. „öGlaubt Ihr denn, daß ich es nicht gegen ſie bin?« er⸗ wiederte Coſtal, indem er fortfuhr zu ruder. Einige Ruderſchläge verſetzten ihn in eine Nähe des —-— .“ ſeine dient 1 und uü 8 4 zwiſchen Dis Seu oder, um. ten in d aber ———,——“ 350 Studenten, die hinlänglich war, daß er ſich Rechenſchaft über die mißliche Lage ablegen konnte, in welcher er ſich befand. Es war ohngefähr ſieben Uhr Morgens, und der Unglück⸗ liche hatte mehr als acht tödtliche Stunden in dieſer Hänge⸗ matte gezählt, in welcher er ſorglos wie ein Satrap unter die⸗ ſem Thronhimmel von Tigern und von Klapperſchlangen zu liegen ſchien. Durch die Maſchen des Netzes folgte der Student mit trübem Auge den Manövern des Indianers. Er ſah ihn ſei⸗ nen Begleiter mit dem Finger das ſeltſame Bild zeigen, das die Tamarinden boten. Dann, während der Schwarze es mit einem gerechterweiſe erſchreckten Blicke betrachtete, hörte Don Coxnelio den Indianer, der unfähig war, die Ausbrüche ſeiner Heiterkeit zu mäßigen, ſich unzeitigem Gelächter hingeben. Der Student dachte indeſſen nicht daran, es übel zu neh⸗ men, obgleich er eben nicht recht einſah, daß ein hinlänglicher Grund vorhanden wäre, über ſeine Lage und das entſetzliche Studium der Tiger zu lachen, dem er ſich ſo unfreiwillig ſeit dem Anbruche des Tages hingab. »Wenn wir uns entfernten, um Rath zu halten?« ſtam⸗ melte der Neger mit nicht recht feſter Stimme. »Uns entfernen, um Rath zu halten!« rief der Indianer aus, indem er endlich ſeinen Ernſt wieder annahm;„es kann dabei keine zwei Entſchlüſſe zu faſſen geben.“ 3 yes iſt wahr,“ erwiederte Klara;„wir haben uns nur davon zu machen, und das wird das Werk eines Augen⸗ blickes ſein.« Nun legte der Indianer mit eben ſo vieler Kaltblütigkeit, als er ſeit einigen Augenblicken deren wenig gezeigt hatte, ſeine Ruder auf den Boden der Pirogue und ergriff ſeine Büchſe⸗ 4 deren Zündkraut er raſch erneuerte.. „Was wollt Ihr thun?“ rief der Neger aus. „Auf einen von ihnen zielen, bei Gott!« antwortete Co⸗ ſtal,„Ihr werdet ſehen.“ Und indem er ſeine beiden Ruder wieder ergriff, ſteuerte er gerade unter einen der beiden Jaguars. 1 „Halten Sie ſich ruhig, Herr Student,“ ſagte er zu Lan⸗ tejas, der immer eben ſo regungslos, als ſtumm und er⸗ ſchreckt war. Der eine der Jaguars ſtieß ein Brüllen aus, von dem alle Echo's wiederhallten, und das alle Muskeln Klara's vor Schrecken erbeben ließ; indem er hierauf mit ſeinen ſcharfen Krallen die Borke der Tamarinde zerriß, heftete das Thier mit gähnendem Rachen und die Lippen über ſeine gewaltigen Zähne zurückgezogen, ſeine Augen auf den Menſchen. Ein ſchrecklicher Blick ſprühte aus ſeinen erweiterten Augenſternen, aber der Jä⸗ ger ſchien dem Zauber von dem Auge des Tigers nicht zu un⸗ terliegen. Er zielte ruhig auf die Weiche der Schulter und gab Feuer. Das grimmige Thier fiel ſchwerfällig in das Waſ⸗ ſer, deſſen Strom es forttrug. Das war das Männchen. „Geſchwind, Klara,“ rief Coſtal aus,„einen Ruderſchlag, um uns zu entfernen.“ Zu gleicher Zeit zog er einen ſcharfen Dolch, um ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Aber wie ſehr ſich Klara auch beeilen wollte, es war nicht mehr Zeit. Wüthend über den Tod ſeines Gefährten und voller Sorge für ſeine Jungen, ſtieß das Weibchen nur ein kurzes und gräß⸗ liches Brüllen aus, und, indem es ſeinen Schrecken vergaß, ſetzte es mit einem Sprunge über den Kopf des Studenten hin⸗ weg, und fiel wie der Blitz über den Nachen her. Das Fahrzeug ſchlug um. Der Jäger, der Neger und der Jaguar verſchwanden einen Augenblick lang unter dem Waſſer. Nach Verlauf einer Secunde erſchienen alle drei wieder auf der Oberfläche, Klara außer ſich vor Schrecken, und indem er mit der ganzen Energie der Verzweiflung ſchwamm. Zum Glück für ihn, ſpaltete Coſtal das Waſſer wie ein Hamfiſch, und befand ſich mit ſeinem Dolche zwiſchen den Zähnen in einem Nu zwiſchen dem Tiger und ihm. Die beiden Feinde maßen ſich mit den Augen; der Menſch ruhig und entſchloſſen, das Thier vor Wuth brüllend. Plötzlich tauchte der Jäger unter, und der über das Ver⸗ ſchwinden ſeines Feindes erſtaunte Tiger ſchwamm in der Rich⸗ tung des Baumes, auf dem er ſeine Jungen gelaſſen hatte, als man ihn plötzlich ſich abkämpfen ſah, als ob irgend ein Wirbel ihn angezogen hätte, hierauf ging er halb unter und erſchien wieder leblos ſchwimmend und mit aufgeſchlitztem Bauche, während ein blutiger Strom um ſeine Leiche herum ſich mit der ſchlammigen Farbe der Gewäſſer vereinigte. Der Jäger erſchien gleichfalls wieder, warf einen Blick um ſich und ſchwamm nach ſeinem Boote, das der Strom be⸗ reits fortgeführt hatte; er erreichte es, und einige Minuten nachher befand er ſich in ſeiner wieder flott gemachten Barke, und fuhr nach dem Studenten. Lantejas war noch nicht von der Ueberraſchung und der Bewunderuug wieder zu ſich ge⸗ kommen, welche ihm die Kühnheit und die Kaltblütigkeit die⸗ ſes Unbekannten verurſacht hatten, als der Indianer mit dem⸗ ſelben Meſſer, mit dem er dem Tiger den Leib aufgeſchlitzt hatte, den Boden der Hängematte aufſchnitt, um dem Studen⸗ ten einen leichteren Zugang in ſein Boot zu verſchaffen. „Und die Felle der Jaguars, die Ihr entkommen laßt!“ ————ͤſſͤͤ 353 rief Klara aus.„Das ſind wenigſtens zwanzig Piaſter, die der Strom fortführt!« »Nun denn! lauft ihnen nach,« antwortete der Indianer, indem er Lantejas mehr todt, als lebendig aus ſeinem Netze von Stricken zog. »„Dios me libre*)!« rief der Neger aus.„Wenn nur noch Leben in ihnen wäre? Moͤgen ſie zum Henker gehen! Und Ihr, Coſtal, erzeigt mir den Gefallen, zu mir zu rudern, ich habe keine Luſt, unter dieſen Gewinden von Klapperſchlan⸗ gen wieder in das Boot zu ſteigen.« »Da ſieht man das alte Weib,“ ſagte der Indianer, in⸗ dem er die Pirogue nach Klara ſteuerte, der nur mit großer Gefahr, ſie ſcheitern zu laſſen, wieder Fuß darin faſſen konnte. »Jeſus mein Gott!« ſeufzte Don Cornelio, der endlich die Sprache wiederfand, aber mit noch verwirrten Sinnen ſich nicht ohne einige Furcht zwiſchen dieſen beiden Unbekannten ſah, von denen der eine roth, der andere ſchwarz war, die Beide von Waſſer trieften, und deren Haare von einem gelben Schlamme bedeckt waren. 1 »Ei! Herr Student,“ begann Klara in einem Tone gu⸗ ter Laune wieder,„das iſt Alles, was Sie Coſtal ſagen, um ihm für den Dienſt zu danken, den er Ihnen erwieſen hat?« »Entſchuldigen Sie mich. Ich hatte ſo große Furcht!« antwortete Lantejas, welcher, ſobald er ſeine Gemüthsruhe wie⸗ der erlangt hatte, damit anfing, dem Tigrero mit exemplariſcher Inbrunſt zu danken, und damit endigte, ihm Komplimente über das Glück zu machen, den ihn bedrohenden Gefahren entgan⸗ gen zu ſein. *9 Gott behüte mich davor. Aus allen Welttheilen. 354 »Es iſt meiner Treue wahr,“ erwiederte der Indianer. »Ich war ganz in Schweiß, und dieſes Waſſer, das aus den Gebirgen kommt, iſt ſo eiſig, daß ich ſehr leicht eine Bruſtent— zündung hätte davontragen können.“ 3 Der Student blickte voll treuherzigem Erſtaunen den Mann an, der unerſchrocken genug war, um zu meinen, daß die einzige Gefahr, welche ihn während ſeines Kampfes in dem Waſſer mit einem wüthenden Thiere bedrohte, eine Bruſtent⸗ zündung wäre.* 4 »Wer ſind Sie denn?« rief er aus. »Der Tigrero des Don Mariano Silva. Aber wo iſt Ihr Pferd?« »Die Gewäſſer werden es fortgeführt haben; aber ich habe gute Gründe, es nicht zu bedauern.“ »„Ich ſage nicht daſſelbe von meiner Büchſe, einer vor⸗ trefflichen Waffe. Sie werden begreifen, daß man ſie nicht ſo auf dem Grunde des Waſſers laſſen kann, und mit Ihrer Erlaubniß, Her⸗ Student, jetzt, wo ich nicht mehr im Schweiß bin. Indem er dieſe Worte ſagte, legte der Tigrero ſeine Kleider ab, und als er das letzte davon abgelegt hatte, er⸗ forſchte er voll Aufmerkſamkeit den Ort, wo die Pirogue ge⸗ ſcheitert war, und bat den Neger, bis dorthin zu rudern. Als Klara einige Ruderſchläge in der angemeſſenen Richtung gege⸗ ben hatte, ſprang der Indianer mit dem Kopfe voran, und ver⸗ ſchwand von Neuem unter dem Waſſer. Ein Zeitraum, den die beiden Zuſchauer ungeheuer lang fanden, verfloß, bevor der Indianer ſich wieder zeigte. Das Sprudeln des Waſſers über ihm bewies allein, daß er ſich einer thätigen Aufſuchung ſeiner umvergleiehlichen Büchſe hin⸗ der Pirogue, während die andere 8 des Sees auf, und er ſchwamm der einen Hand nach b Waffe hielt, welcher der Zapoteque eine ſo prunkvolle und ſo gerecht verdiente Lobrede hielt. 1 Alles das hatte nicht unterle 8 Zeit wegzunehmen, und die Sonne war bereits glüh nd, als der Neger, der Student und der Indianer in ihrem ſchwachen Fahrzeuge wie⸗ der den Weg oder vielmehe die Richtung der Hacienda Las Palmas einſchlugen, die ſie un weiteren Unfall glücklich er⸗ reichten, und wo der wuh antejas, ſo wie der Kapitän der Dragoner Gelegenheit fanden, ſich gegenſeitig Glück zu wünſchen, den Panthern und der Ueberſchwemmung entgan⸗ gen zu ſein. 8 — 2 S 8