729. An“ ——————— 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 2 von. 8 Eduard Oktmann in Gießen, 3) Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ieſebedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von A jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4 den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſe wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— hucher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ — 1„„ Ir— 8 1)— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verpflichtet.. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ⸗----—— 1 „ 4 8 ——— Ddie Anſiedler am Strande. Eine Erzählung meine jungen Freunde von Franz Woftmann. 1 Motto: 4 4 Wer ſich mit ſeiner Arbeit nährt und läßt ihm genügen, der hat ein fein ruhiges Leben. Sir. 40, 13. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. rigen Irrthume, der gewiß weit weniger verbreitet ſein 2 1 Erſtes Kapitel. Eine arme Familier. Am Ufer eines der ſchönſten Alpenſeen wohnte zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine arme Familie, deren einfache Geſchichte ich euch erzählen will. Sie mag Manchem zum Beiſpiel dienen, und kann zugleich recht deutlich zeigen, wie viele Hülfsquellen die f leißige Armuth ſelbſt unter ungünſtigen Umſtänden zu finden vermag, wenn ſie nur einige Einſicht mit gutem Willen verbindet. Ein der Wahrheit ganz getreuer Bericht von dem Leben und den Anſtrengungen unſerer Familie wird, wie ich nicht bezweifle, in dieſen ſogenannten ſchlechten Zeiten nicht ganz ohne Nutzen geleſen werden, in dieſen ſchlechten Zeiten, ſage ich, wo man ſo häufig die Klage vernehmen muß, daß es beinahe unmöglich ſei, ſich ein erträgliches Schickſal auf der Erde zu ſchaf⸗ fen, und ein ſonniges Plätzchen zu finden, wo man ſeine Tage in ſtiller Zufriedenheit verbringen könnte. Alle ſolche Klagen beruhen auf einem recht trau⸗ Die Anſiedler. 2 würde, wenn man nur ſorgſam alle Hülfsquellen be⸗ nutzen wollte, welche die ſtets allgütige Vorſehung ſo⸗ gar den ärmſten, und ſcheinbar von allen Hulfsmitteln entblößten Menſchen freigebig darbietet. 5 Unſere einfache Erzählung wird einen Beweis davon geben. Frau Suſanne Bodry wurde Wittwe, nachdem ſie achtzehn Jahre verheirathet geweſen war. Die kleine Familie, welche ihr Mann ihr hinterlaſſen, beſtand aus vier Kindern. Das älteſte von ihnen hieß Karl, und hatte bei dem Tode des Vaters eben ſein ſiebzehntes Jahr zurückgelegt. Er war ein hübſcher, geſunder Knabe, und für ſein Alter ziemlich groß und ſtark. Seine in der Reihe ihm zunächſtfolgende Schweſter Iſabelle war dreizehn Jahr alt; und dann kamen Andreas und Julie, die elf Jahre zählten. Sie waren Zwil⸗ linge. hatte ſich nicht immer in ſchlechten Verhältniſſen befun⸗ den, denn ſeine Eltern hatten ihm nach ihrem Tode eine kleine Erbſchaft, die Frucht von vierzigjährigen Ar⸗ beiten und Erſparniſſen, hinterlaſſen. Leider verſtand es Bodry nicht, dieſen kleinen Reichthum zuſammen zu halten, und er ſollte ſehr ſchnell die bekannte Erfahrung machen, daß ſowohl ein geringes, wie ein großes Ver⸗ mögen durch Leichtſinn und ſchlechte Gewohnheiten ver⸗ ſchleudert und durchgebracht werden kann. Thomas Bodry galt mit Recht für einen ziemlich guten Arbei⸗ ter, ſo lange er nichts als ſeine geſunden, kräftigen Arme und ſeinen Fleiß beſaß. Aber, im Beſitze der kleinen Erbſchaft ſeiner Eltern, gab er ſich dem Laſter der Trunkenheit hin, und gerieth völlig in die Skla⸗ Thomas Bodry, der Vater unſerer armen Waiſen, verei dieſer ſchändlichen Angewöhnung. Mit der Ar⸗ beit war es nun vorbei. Er vergeudete ſeine Tage in Faulheit und Liederlichkeit, und als das baare Geld zu mangeln anfing, verkaufte er nach und nach Alles, was er beſaß, um nur ſeine ſchmachvollen und entehrenden Begierden befriedigen zu können. Vergeblich flehte ihn ſeine vortreffliche Frau an, die Bahn des Laſters zu verlaſſen, und auf den graden Weg der Rechtſchaffen⸗ heit zurückzukehren. Thomas verſchloß ihren Bitten wie ihren Warnungen und Vorſtellungen hartnäckig das Ohr, und die natürlichen Folgen davon konnten nicht ausbleiben. Der Unglückliche war im Beſitze eines hübſchen, kleinen Hauſes und mehrerer Morgen guten Ackers geweſen; als er aber ſtarb, blieb ſeiner be⸗ klagenswerthen Wittwe nichts übrig, als einige alte Kleidungsſtuͤcke und etwas ziemlich werthloſes Haus⸗ geräth. Unter ſo bewandten Umſtänden konnte der Tod eines ſo ſchlechten Haushalters beinahe als ein Glück für ſeine Familie betrachtet werden; gleichwohl wurde Thomas Bodry nicht ohne Thränen der Betrübniß zur Erde beſtattet, denn er hinterließ eine wahrhaft gute und fromme Frau, und eben ſo gute und fromme Kin⸗ der. Außerdem hatte er in ſeinen letzten Lebensſtunden eine tiefe und, allem Anſchein nach, aufrichtige Reue gezeigt, hatte ſeine Frau mit zerknirſchtem Herzen um Verzeihung gebeten, und ſeinen Kindern Troſt einzu⸗ ſprechen geſucht. Sein Gewiſſen war erwacht, und er ſchauderte vor ſich ſelbſt, indem er auf ſeine Vergan⸗ genheit zurückblickte, welche viele Dornen und Diſteln eigte, ohne eine einzige Frucht für Die hervorgebracht zu haben, welche jetzt weinend ſein Sterbelager umſtanden. 4 „Oh, meine Lieben,“ ſagte er voll Demuth und bitterer Reue, Ihr verliert nicht viel an mir, und wer⸗ det mich bald vergeſſen haben! Aber glaubt mir, wenn Gott in der Fülle ſeiner Gnade mir geſtattet hätte, länger unter Euch zu verweilen, ſo würde ich ein an⸗ 1 deres, beſſeres Leben begonnen haben! Doch es ſoll nicht ſein! So beklagt mich denn, und betet für mich um Barmherzigkeit!« Mit dieſen Worten ſtarb er, und alles Böſe, was er während ſeines Lebens gethan hatte, wurde ver⸗ geſſen. Seine Frau und Kinder erinnerten ſich nur an das Gute, das er hatte thun wollen, und Thränen be⸗ träufelten ſein Grab. Aber konnten dieſe Thränen ihn rein waſchen von ſeiner Sünde? Oh nein!— Ge⸗ wiß, der iſt ein unglücklicher Vater, der ſeine Pflichten erſt in den letzten Augenblicken ſeines Lebens erkennt, und der Nachſicht und der Verzeihung bedarf, um das Bedauern der Seinigen zu erlangen! Zweites Kapitel. Karl entwirft pläne. ꝭ— Einige Tage nach dem Begräbniſſe des Vaters ſuchte Karl ſeine Mutter auf, und ſchmiegte ſich zärt⸗ lich an ihre Seite. »Meine liebe, liebe Mutter,“ ſagte er,„ich habe in dieſen Tagen viel nachgedacht, und ich glaube, die 5 Zeit iſt gekommen, wo ich dir beweiſen muß, daß du nicht umſonſt alle deine Liebe und Sorgfalt an mir verſchwendet haſt!“ Die Mutter blickte ihn ein wenig erſtaunt an.„Was willſt du damit ſagen, Karl?« fragte ſie. »„Ich will damit ſagen,“ erwiederte er,„daß ich mich von Stund' an beeifern werde, deinen guten Lehren und deinem Beiſpiele zu folgen!— Ja gewiß,« fuhr er fort, indem er die Hand der Mutter drückte, und ſie liebevoll anblickte,—„gewiß, das will ich thun und muß es! Erinnere dich nur, Mutter, was Alles du mich gelehrt, und wie ſo manche eindringliche Er⸗ mahnung du an mich gerichtet haſt, wenn wir die lan⸗ gen Abende, nachdem die Kleinen zur Ruhe gegangen waren, ſtill beiſammen ſaßen und auf den Vater war⸗ teten, der immer und immer nicht heimkommen wollte. Dir wurde freilich wohl die Zeit ſehr lang, wie ich recht gut an deiner betrübten und ſchmerzlichen Miene ſah, eben weil du auf den Vater warten mußteſt,— aber ich, ich verließ dich immer mit Bedauern, wenn du darauf drangeſt, daß ich zu Bett gehen ſollte und zu mir ſagteſt:„Geh', Karl! Es iſt elf, es iſt zwoͤlf Uhr,— laß mich allein, der Schlaf iſt dir nothwen⸗ dig!« Ich zögerte immer, dir zu folgen, denn ich hörte ſo gern zu, wenn du mit mir ſpracheſt, oder mir die heiligen Geſchichten aus der Bibel vorlaſeſt und mir erklärteſt, oder mit mir über die Eitelkeit aller irdiſchen Dinge redeteſt! Oh, wie oft, wie oft habe ich in je⸗ nen Stunden an meinen ſeligen Großvater gedacht und ihn geſegnet, daß er dich ſo gut unterrichtet hat, Mut⸗ ter. Jedes Wort, das du an nich richteteſt, haſchte ich von deinen Lippen, und wenn ich dabei deine fleißigen Hände beobachtete, die nimmer ruheten und ſtetig beſchäftigt waren, zu ſtricken oder Hanf und Flachs zu ſpinnen, da ſagte ich immer zu mir ſelbſt: „Nur Geduld, eines Tages werde ich ihr helfen und ſie tröſten, eines Tages werde ich ihre Stütze ſein, und dann will ich, daß ſie mich mit ihrem Herzen ſegne, und ſich ſelber ſagen könne:„es gibt keine zäértlicher geliebte Mutter auf der Welt, als ich!« So dachte ich, und ſtehe, Mutter, die Zeit iſt gekommen!“ Die gute Frau Suſanne war tief gerührt; die hel⸗ len Thränen floſſen über ihre bleichen Wangen; Karl ſchloß ſie in ſeine Arme, und fühlte ſich ſelbſt ſo tief ergriffen, daß er ſeine Rede nicht ſogleich beendigen konnte. Erſt nach einer Weile fügte er hinzu: „Ruhig, Mütterchen, ruhig! Es iſt ja nichts Bö⸗ ſes, was ich dir mitzutheilen wunſche. Ich habe er⸗ fahren, daß eine reiche Familie in der Stadt einen Diener ſucht, der noch nicht in irgend einem Dienſte geweſen zu ſein braucht, wenn er nur gelehrig iſt und gute Sitten hat. Da möchte ich dich nun fragen, ob ich mich um die Stelle bewerben darf? Freilich ver⸗ laſſe ich dich nur mit Betrübniß und Bedauern, Müt⸗ terchen, aber mein Troſt iſt, daß ich dort zu deinem Lebensunterhalte beitragen, und ſpäter wohl auch mei⸗ nen Geſchwiſtern dienlich ſein, und ihnen gute Stellen verſchaffen kann!« Die arme Mutter ſchüttelt traurig den Kopf. »Es muß alſo geſchehen, dir ſollen von einander getrennt und zerſtreut werden!« ſagte ſie.„Dieß iſt ein trauriges Schickſal, obwohl ihm ſo manche arme Familie nicht entgehen kann. Sei es denn! Nicht ohne lebhaften Schmerz willige ich in unſere Trennung ein, 7 aber ich muß es thun, da ich nicht weiß, was wir Anderes beginnen ſollten. Unſere Miethe muß bezahlt werden, und dabei kann ich nicht ſagen, wo wir in der Zukunft ein Obdach finden ſollen. Bei allem Fleiße, und wenn ich mein Spinnrad auch fünfzehn Stunden jeden Tag drehen würde, kann ich nicht ſo viel erwer⸗ ben, um unſere nothwendigſten Bedürfniſſe zu beſtrei⸗ ten, und leider iſt meine Geſundheit ſo ſchwach, meine Kräfte ſind ſo gering, daß ich keinen anderen, beſſer lohnenden Erwerbszweig zu ergreifen vermag.„Geh' denn alſo, mein Kind! Obwohl mit ſchwerem Herzen nehme ich doch dein Anerbieten an, und ſegne dich für deinen guten Willen, den deine Geſchwiſter einſt noch beſſer, als ich, anerkennen werden.“ Nach einer herzlichen Umarmung trennten ſie ſich. Karl ſuchte ſeine beſten Kleider hervor, und begab ſich in die Stadt, um ſich nach dem Dienſte umzuſehen. Aber ſein guter Wille ſollte nicht von eben ſo gutem Erfolge gekrönt werden: die nachgeſuchte Stelle war bereits vergeben. Als er, in trübe Gedanken verloren, nach ſeiner Heimath zurückkehrte, ging er von der Landſtraße, die ſich immer am Ufer des See's entlang zieht, und an einigen Punkten ihm ganz nahe kommt, eine kurze Strecke weit ab, und näherte ſich einem kleinen Gehölz am Strande, in deſſen Schatten er eine Weile ruhen, und über ſeine ferneren Schritte nachdenken wollte. Es war im Frühlinge; das weite Thal mit ſeinem breiten, blauen Waſſerſpiegel ſtrahlte im herrlichſten Glanze. Karl betrachtete abwechſelnd den See, die ho⸗ hen, ſchroffen Hörner und Kuppen der Alpen, und die reizenden Landhäuſer, die hie und da, zum Theil in 8 friſcheſtes Grün verſteckt, am Ufer zerſtreut lagen. Tiefe Traurigkeit bemächtigte ſich Seiner inmitten dieſer un⸗ beſchreiblich ſchönen Umgebungen. Der ſchmerzliche Ge⸗ danke drängte ſich ihm auf, daß er eines Tages durch die Umſtände gezwungen ſein würde, ſein ſchönes Va⸗ terland zu verlaſſen und weit, weit in die Welt hinaus zu wandern, um in der Fremde ſein Brod zu verdie⸗ nen! Später würden auch ſeine Geſchwiſter folgen, Eines nach dem Anderen, und zuletzt müßte dann die arme Mutter ganz allein bleiben in dieſem reizenden Thale, das ihr, ohne die Kinder, gewiß ſehr traurig vorkommen, und allen Reiz verloren haben würde. Drittes Kapitel. Karl entwirft einen neuen Plan. Indem der Knabe ſich ſo traurigen Betrachtungen hingab, und ſeine Blicke ziemlich troſtlos umherſchweifen ließ, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Wie prächtig ſind dieſe Landhäuſer am Ufer! Wie ſehr gefallen ſie mir! Und wie reich mag ihr Inneres mit Glanz und Pracht ausgeſtattet ſein! Wie glücklich, wer ein ſolches Landhaus ſein Eigenthum nen⸗ nen kann! Und doch beneide ich dieſe Glücklichen nicht! Ach, ich, ich würde mit Geringerem, mit weit Geringe⸗ rem zufrieden ſein! Wenn wir nur ein kleines, kleines — r 9 Fleckchen Land beſäßen, mit einer kleinen Hütte darauf, ſo ſollten unſere fleißigen Arme ſchon dafür ſorgen, daß wir nicht am Nothwendigſten Mangel litten! Und dann, welches Glück! brauchten wir unſere Heimath nicht zu verlaſſen, wir brauchten uns nicht zu trennen, die Mutter und wir Alle blieben zuſammen unter dem⸗ ſelben Dache, ſetzten uns jeden Abend zuſammen um den traulichen Herd mit dem glänzenden, kleinen Feuer, an dem unſere Suppe kocht! Welch' eine liebliche, frohe und ſchöne Zukunft wäre dieß! Aber ach! Wo wäre das Land, das wir bebauen dürften?« Während Karl in dieſer Weiſe grübelte und Luft⸗ ſchlöſer baute, fielen ſeine Augen auf ein Feld dichtes Schilfrohr, welches an der Mündung eines kleinen Flüßchens deſſen beide Ufer bedeckte. Das Rohr ſchien ihn freundlich willkommen zu heißen, denn von einem ſanften Windhauche bewegt, ſchwankte es auf und nie⸗ der und neigte ſich vor ihm. Es ſtand noch vom vo⸗ rigen Jahre her da, denn Niemand hatte ſich die Mühe gegeben, das dürre Zeug abzuſchneiden, und ſchon wuch⸗ ſen wieder die neuen Sproſſen grün und luſtig zwiſchen den alten hervor, und machten denſelben den Platz ſtreitig. »Wenn ich Herr des Bodens hier wäre,“ murmelte Karl halblaut vor ſich hin, ſo wüßte ich wohl, was ich thäte. Ich würde das trockene Schilf, das keinem Menſchen gehört, abſchneiden und mir eine hübſche, kleine Hütte bauen, eine Huͤtte, wie die Wilden ſie be⸗ wohnen, von denen die Mutter mir erzählt hat. Wenn die Hütte fertig wäre, würde ich zur Mutter ſagen: „Komm, mein Mütterchen! Vorerſt haben wir ein Obdach, und mit der Zeit werden wir es uns auch 10 bequem und wohnlich einrichten können, ſo daß wir ganz zufrieden, und durch Zufriedenheit glücklich ſind.“« So würde ich ſprechen, und das Glück würde gewiß in unſere kleine Hutte mit einkehren, denn es hat wohl ſchon Mancher noch ſchlechter gewohnt, als unter einem niedrigen Schilfdache!« 1 Dieſer Gedanke beſchäftigte Karl, und je länger er ſich das Bild, das ihm vorſchwebte, ausmalte, deſto lebhafter klopfte ſein Herz. Er ſprang endlich auf, ging am Ufer hin und her, beſichtigte die angenehme Lage des Ortes, und faßte beſonders die nächſte Umgebung des Fluß⸗Ufers in's Auge. Hier bemerkte er, daß das Waſſer an mehreren Stellen die Erde mit fortgeriſſen hatte. »Wie ſchade!« rief er laut aus, indem er dieſe traurige Verwüſtung betrachtete.„Das ſollte doch nicht zugelaſſen werden!“ „Du haſt wohl recht, mein Sohn,« ſagte plötzlich eine fremde Stimme, und der weiße Kopf eines Grei⸗ ſes wurde durch ein Hollunder⸗Gebüſch ſichtbar.„Du haſt wohl recht,— aber was ſoll ich machen? Meh⸗ rere Jahre hindurch war ich abweſend, und meine Diener, während ſie der Ruhe pflegten, haben indeß den Fluß nach Gefallen und Laune arbeiten laſſen.“ Karl hatte ſich mittlerweile von der erſten Beſtür⸗ zung der Ueberraſchung erholt, und die wohlwol⸗ lende, freundliche Miene des alten Mannes flößte ihm Muth ein. .»Ach, lieber Herr,« ſagte er,—„die Erde, die man hier ſo leichtſinnig verloren gehen läßt, könnte, wenn ſie recht benutzt würde, das Glück einer ganzen Familie begründen!“ — 1 — — 11 „Und wenn dann der Fluß einmal über ſeine Ufer träte,“ erwiederte der Greis mit lächelndem Spotte, „ſo würde jenes ganze Familien⸗Glück in den See ge⸗ ſchwemmt werden!“ »Ei ja doch, mein Herr,“ antwortete Karl,„als wenn man nicht auf den Beiſtand des lieben Gottes bauen dürfte! Das haben Sie wohl vergeſſen.“ Der ſanfte Blick des Knaben, ſein ausdrucksvolles Geſicht, und ſeine treffende Erwiederung auf den nicht böſe gemeinten Spott ſchienen dem alten Herrn zu gefallen. »Nicht übel geſprochen,“ ſagte er, indem er Karl aufmerkſamer betrachtete.„Höre, mein Sohn, bedauer⸗ teſt du die fortgeriſſene Erde nur um ihrer ſelbſt wil⸗ len, oder hatteſt du dabei noch einen anderen Gedanken im Hintergrunde?“ »Ja, lieber Herr,“ entgegnete Karl aufrichtig.„Ich dachte dabei auch an meine Mutter und an meine Geſchwiſter.“ „Und? Sprich weiter!« »Nun, ich möchte ſie wohl hierher kommen laſſen, wenn ich die Erlanbniß dazu hätte.« »Und wo wollteſt du wohnen? Hier iſt kein Haus!« „»Aber Schilf genug, um eine kleine, warme Hütte zu bauen!« Der Greis lächelte. Der Gedanke des Knaben ſchien ihm durch ſeine Neuheit zu gefallen. Einen Augenblick ſann er nach; dann ſprach er: 1 »Nun denn, ſo baue dir die Hütte; ich gebe dir die Erlaubniß dazu, und will dir außerdem noch ge⸗ ſtatten, auf dieſer Stelle eine Anſtedelung zu begründen, 12 deren Beſitz dir Niemand ſtreitig machen ſoll. Du ſiehſt wohl, mein Sohn, daß dieſes Hollunder⸗Gebüſch die Gränze zwiſchen meinem Garten und der wüſten Stelle bildet, auf der du dich befindeſt. Reſpektire dieſe Gränze, und mache aus dem Uebrigen, was du willſt und kannſt!« »Sie erlauben mir das in vollem Ernſte, lieber Herr?“ rief Karl hoch erfreut aus. »„Ich erlaube es, und werde Sorge tragen, daß du von Niemandem geſtört wirſt!« erwiederte der Greis. Hierauf, dem Knaben noch einmal freundlich zunickend, verſchwand er ſo ſchnell hinter den nächſten Bäumen, daß Karl nicht einmal Zeit hatte, ihm ein paar Worte herzlichen Dankes zuzurufen. Gleichwohl fühlte er ſich ſehr glücklich über die erlangte Erlaubniß, die ſeine im Stillen gehegten Wünſche befriedigte. Er hörte nicht, wie der freundliche Greis im Fortgehen zu ſich ſelber ſagte:„Die armen Leute! Ein ſandiges Ufer und eine Schilfhütte! Wie ſehr zu bedauern ſind ſie!« War Karl wirklich zu bedauern? Niemand würde dieß behauptet haben, der in jenem Momente ſeine ſtrahlenden Augen, ſeinen lächelnden Mund und ſeine vor Freude glühenden Wangen geſehen hätte. 13 Viertes Kapitel. Ein Familienrath. Ohne weiteren Aufenthalt eilte Karl zu ſeiner Mut⸗ ter, und erzählte ihr mit haſtig und verwirrt hervor⸗ geſtoßenen Worten ſeine erlebten Abentheuer: daß der Dienſt, um den er ſich beworben, bereits vergeben ge⸗ weſen ſei, daß er aber auch recht froh darüber wäre; daß er gar nicht mehr daran denke; daß er einen lieb⸗ reichen, freigebigen Gönner gefunden, der ihm die Mit⸗ tel zur Erhaltung ſeiner Familie an die Hand gegeben; daß er ein ſonniges Stüͤckchen Erde am Ufer des See's entdeckt; daß er dort eine Hütte bauen wolle, und wie froh und zufrieden ſie Alle in Zukunft dort leben würden! Die Mutter wußte nicht recht, was ſie von alle⸗ dem denken ſollte. Erſt als ſich Karl von ſeiner an⸗ fänglichen Verwirrung erholte, und nun noch einmal beſonnener erzählte, was ihm begegnet war, begriff die Mutter, um was es ſich eigentlich handelte, und die Kinder jubelten laut heraus vor Entzücken. Wenn ihrem älteſten Bruder der Plan ſchon ſo lockend er⸗ ſchien, wie willkommen mußte er ihnen nicht ſein. Sie hüpften vor Freude. Hundert luſtige Bilder tauchten vor ihrer Phantaſie auf, und Jeder erſchien ſich ſchon wie eine Art von Robinſon, von welchem die Mutter ihnen ſo Manches erzählt hatte. Iſabelle, Julie und Andreas plauderten um die Wette. Der Eine wollte Dieß, der Andere Jenes thun, Alle wollten graben, hacken, ſäen, pflanzen, ärndten! Ihre lebendige Ein⸗ bildungskraft ſchuf im Nu eine Welt von Wundern, und ſie machten einen Lärm, einen Wirwarr, bei dem man ſich für's erſte gar nicht verſtändigen konnte. Die Mutter allein bewahrte ihre Ruhe. „Du ſiehſt wohl, Karl,“ ſagte ſie,„was für eine Aufregung du unter unſeren Kleinen hervorgebracht haſt! Aber obwohl ihnen dein Plan gefällt, ſo iſt er doch gewiß nicht ernſtlich gemeint! Du haſt nicht alle Schwierigkeiten erwogen, die ſeiner Ausführung entgegenſtehen.“ »Das iſt wohl möglich, Mütterchen,“ erwiederte Karl.„Dennoch bitte ich dich, entmuthige mich nicht! Die Kleinen machen ſich freilich eine übertriebene Vor⸗ ſtellung von meinem Unternehmen; aber bei alledem darfſt du nicht an ſeiner Ausführung zweifeln. Laß mich nur erſt unſere Hütte bauen, dann wirſt du ja ſehen, wie ſie dir gefällt. Wenn wir zunächſt nur ein Obdach haben, ſo ſehe ich im Geiſte ſchon noch viele andere Hülfsquellen ſich uns eröffnen, durch deren Be⸗ nutzung wir nach und nach unſere Lage verbeſſern werden!“ »Nun denn, mein Kind,“ ſagte die Mutter endlich nach einigem Ueberlegen,—„ich ſehe wohl, daß ich mich deinem Willen fügen muß, und ich geſtehe, daß ich es mit Vergnügen thue. Dein Vertrauen auf Gott rührt mich, und ich will dir gerade in dieſem Punkte nicht nachſtehen. Wenn ich anfänglich einen Augen⸗ blick zögerte ſo geſchah es, weil ich an die großen Mü⸗ hen und Sorgen dachte, welche die Ausführung deines Planes uns Allen aufbürdet. Aber ſie verſchwinden 15 gegen das Glück, uns nicht trennen zu müſſen, ſondern vereinigt bleiben zu können. Als du heute früh deine Wanderung antrateſt, mußte ich bitterlich weinen, denn ich ſah mich ſchon auf immer von dir getrennt. Jetzt aber kehrſt du zurück mit einem Plane, den der gütige Gott ſelbſt dir eingegeben zu haben ſcheint, indem er meine innigen Gebete erhörte! Sei es denn, folgen wir dir! Je nothwendiger uns der göttliche Beiſtand iſt, deſto feeen wird vielleicht unſer ſchwieriges Un⸗ ternehmen gelingen!« Der Ausſpruch der Mutter wurde mit allgemeiner Freude aufgenommen, und ohne Weiteres zum Beſchluſſe erhoben. Der Familienrath war zu Ende, und man konnte zum Werke ſchreiten. Fünftes Kapitel. Die hütt e. Karl hatte es ſehr eilig, um nur erſt an die Ar⸗ beit zu kommen, und ſo verlor er denn auch nicht einen Augenblick Zeit. Noch am nämlichen Tage ſuchte er alles Handwerksgeräth und alles Bau⸗Material zuſam⸗ men, das ſich in ſeinem Bereiche befand, in der Ab⸗ ſicht, am folgenden Morgen ſchon mit Tagesanbruch ſeine Arbeit zu beginnen. Die neue Beſitzung lag über eine Stunde Wegs von dem jetzigen Wohnorte der armen Familie entfernt, 16 und Karl ſagte daher ſeiner Mutter, daß er morgen am Abend nicht zurückkehren werde, um ſeine koſtbare Zeit nicht durch unnützes Hin⸗ und Herlaufen zu ver⸗ trödeln. Die Mutter war es zufrieden, und erlaubte auch, daß Andras ſeinen Bruder begleiten durfte. Sehr ſtolz darauf, bei den erſten Einrichtungen mit helfen zu kön⸗ nen, war Andreas ſchon in aller Frühe fertig, und ſtellte ſich hinter den kleinen Wagen mit den darauf ge⸗ er wie eine Schärpe um ſeine Schultern 4 gerüſtet zogen ſie noch vor Sonnen⸗ aufgang davoen. Die erſte Sorge unſerer jungen Anſiedler beſtand darin, ſo viel Schilf als möglich einzuſammeln. Zum Glück war ihnen dabei Niemand zuvorgekommen, und überhaupt dachte wohl kein Menſch daran, ihnen dieſe koſtbare Aerndte ſtreitig zu machen. Uebrigens wäre Karl trotzdem nicht ohne große Schwierigkeiten zu dem Rohre gelangt, wenn er nicht unter einer Gruppe Wei⸗ den einen alten Kahn entdeckt hätte, den man vermuth⸗ lich aus Unachtſamkeit an dieſem einſamen Orte ſtehen gelaſſen hatte. Karl beſſerte ihn ſo gut als möglich aus, ſchlug einige Nägel ein, und machte ihn auf dieſe Weiſe flott. Weit vom Ufer durfte er ſich auf einem ſo ſchlechten Fahrzeuge allerdings nicht wagen, aber um das Rohr zu erlangen, dazu reichte der kleine Nachen allenfalls ſchon aus. Es ſtand ganz in der Nähe am Ufer, und außerdem iſt Rohr nicht ſchwer, 17 ſo daß man alſo dem gebrechlichen Schiffchen keine große Laſt aufzubürden brauchte. Von einigen Weidenzweigen machte ſich Karl ein Ruder zurecht, und nun ging er, mit einer Sichel ver⸗ ſehen, eifrig an ſeine Arbeit. Andreas hätte ihm gern dabei geholfen und ſich auch ein wenig im Kahne ge⸗ ſchaukelt, aber er mußte wohl darauf verzichten, weil der Nachen nicht zu ſchwer beladen werden durfte. Uebrigens hatte er auch genug damit zu thun, das ab⸗ geſchnittene Schilf bis an den Ort zu tragen, welchen Karl zum Bauplatze des Hauſes beſtimmt hatte. Als der Abend herannahete, war die Arbeit der Knaben noch lange nicht beendigt. Mit der anbrechen⸗ den Dunkelheit richtete alſo Karl ein vorläufiges Ob⸗ dach ein, nämlich eine Art von Zelt als Schilf und Latten, unter welchem die beiden Brüder die Nacht zu⸗ brachten, nachdem ſie fröhlich und guter Dinge ein Stück trockenes Brod gegeſſen. Am nächſten Tage ſtanden ſie wieder vor Sonnen⸗ aufgang auf, und gingen, wie geſtern, an ihr Geſchäft. Als endlich Rohr genug abgeſchnitten und aufgehäuft ſchien, machte ſich Karl an eine Arbeit, die er in ſei⸗ ner Kindheit häufig ſpielend verrichtet hatte, nämlich an den Bau der Huͤtte. Früher war das freilich immer nur ganz im Kleinen geſchehen, und jetzt mußten durch⸗ aus andere Verhältniſſe berückſichtigt werden: aber nach einiger Ueberlegung hoffte Karl dennoch, daß der Bau gelingen werde; wenn er ſich vorläufig auf die noth⸗ wendigſte Räumlichkeit beſchränkte. In ſpäteren eit, wenn er mehr Muße dazu hatte, konnte er die H ee ja immer noch, je nach Bedürfniß, vergrößern. Alſo ging er muthig an's Werk. Er hatte Latten Die Anſiedler. 2 18 und Stangen mitgebracht, welche die Sparren und Balken der Hütte abgeben ſollten. Als er mit aller Muͤhe und ſo feſt er konnte die Stangen in die Erde eingerammt hatte, nagelte er Latten querüber, und be⸗ deckte ſie mit einer dichten, glatten Schilflage, die er mit geſchmeidigen Weidenruthen ſorgfältig durchflocht und an die Latten befeſtigte. Andreas half dabei fleißig mit, rannte von einem Orte zum anderen, um das nö⸗ thige Material herbeizuholen, und bewährte ſich als einen recht guten Handlanger, mit welchem Karl ſehr wohl zufrieden ſein konnte. Wenn es grade nichts Dringendes für ihn zu thun gab, ſo ſchickte ihn Karl auch wohl einmal zur Mutter hinuͤber, um ihr Nach⸗ richt zu geben, und wenn Andreas dann, mit allerlei Lebensmitteln beladen, wieder zurückkehrte, ſo verfehlte er nie, ſein Entzücken über den Bau auszuſprechen, der mittlerweile unter Karls fleißigen Händen immer wei⸗ ter vorgerückt war. In zehn Tagen hatte es Karl ſo weit gebracht, daß die Außenwände ſeines kleinen Palaſtes fertig da⸗ ſtanden. Aber das reichte noch lange nicht aus, um die Hütte warm und trocken genug zu machen. Rings um die Wände herum errichtete er alſo, in der Ent⸗ fernung von etwa einem Fuß, eine zweite Umzäunung, und füllte die Zwiſchenräume ſorgfältig mit Moos und trockenem Laube aus. Nachdem auch dieß geſchehen war, meinte er, daß die Hütte allenfalls für bewohn⸗ bar erklärt werden könne, und Andreas wurde mit der Botſchaft an die Mutter abgeſchickt, daß ſie mit den Kindern und allen ihren Habſeligkeiten den Umzug be⸗ ginnen möge. Allerdings bot die kleine Hütte immer noch nur eine armſelige Behauſung dar, und es war 19 noch gar Manches daran zu thun und zu beſſern; aber Karl ſehnte ſich nach ſo langer Einſamkeit, nach dem Wiederſehen ſeiner Mutter und ſeiner Geſchwiſter, und dieſe ſehr natürliche Sehnſucht diente ihm zu einer ge⸗ gründeten Entſchuldigung ſeines Verlangens. Sechstes Kapitel. Die erſte Einrichtung. Die Botſchaft Karls kam ganz gelegen, und man brauchte Frau Suſanne keineswegs zur Eile anzutrei⸗ ben, denn grade zur Zeit, als Andreas anlangte, war ihre Miethszeit abgelaufen, und ſie hätte ſo wie ſo ihre bisherige Wohnung räumen müſſen. Daher zö⸗ gerte ſie nicht, ihre wenigen, geringen Habſeligkeiten zuſammen zu packen, that ihre kleinen Vorräthe in einen Korb, und machte ſich mit ihren Kleinen auf den Weg nach dem Strande. Dieß war nämlich die Bezeichnung, welche man für die neue, kleine Anſiede⸗ lung gewählt hatte. Iſabelle und Julie ſprangen luſtig vor ihrer Mut⸗ ter her, und waren außer ſich vor Freude über den be⸗ vorſtehenden Wechſel. Die arme Mutter dagegen, als ſie von Weitem die kleine Hütte ihres Sohnes erblickte, fühlte ihren Muth ſinken, und ihr Herz zog ſich vor Mitleid und Traurigkeit zuſammen. Karl, der ihr ent⸗ 2* 20 gegen gegangen war, merkte dieß wohl, und um ſeine eigene Verlegenheit zu verbergen, ſagte er lachend: »„Siehe da unſeren Palaſt, Mütterchen! Freilich iſt er noch ein wenig leicht und luftig, aber zum Glück ſind die Nächte nicht mehr ſehr kalt, und wenn du nur ein wenig Geduld haſt, ſo wirſt du bald auch viel beſſer wohnen!«. Die Mutter ſeufzte leiſe, und ſuchte ihre Beſtuͤrzung zu verbergen. Das gelang ihr um ſo beſſer, als man, wenigſtens für eine kurze Zeit, mit dem Auszuge alle Hände voll zu thun hatte. Der kleine Wagen fuhr hin und her zwiſchen der alten und der neuen Woh⸗ nung, und man bedurfte ſeiner vier Mal, um die gan⸗ zen Habſeligkeiten der Armen herüber zu ſchaffen. In⸗ deß, ſo enge auch, ſo beſchränkt die beſcheidene, kleine Hütte war, dennoch fand das ganze geringe Beſitzthum der Familie Platz darin. „Jetzt ſind wir hier, wie Robinſon auf ſeiner wü⸗ ſten Inſel!“ rief Iſabella aus, als man das erſte, be⸗ ſcheidene Abendeſſen in der Hütte verzehrte. „Doch nicht ſo,« erwiederte Andreas.„Wir ſind viel glücklicher, als der arme Robinſon, denn er befand ſich allein in ſeiner Traurigkeit, während wir Alle hübſch beiſammen ſind!« »Und außerdem,“ fiel Julie ein,“ wohnen wir nicht auf einer wüſten Inſel, ſondern in unſerem Vaterlande, an den Ufern unſeres ſchönen, ſchönen Sees!« Ja, wo nicht das Geringſte unſer Eigenthum iſt, nicht einmal der Sand, auf den man uns erlaubt hat, dieſe Hütte zu bauen,“ ſagte die Mutter ernſt und traurig.„Indeſſen, das iſt nicht zu ändern, und wir müſſen vor Allem daran denken, etwas zu verdienen 21 und durch unſerer Hände Arbeit unſer Leben zu fri⸗ ſten. Ich für mein Theil, liebe Kinder, beſitze immer noch mein Spinnrad, und es wird ſich eben ſo flink unter einem Schilfdache wie unter einem Ziegeldache drehen! Da wird es mir ja, will's Gott, nicht an Arbeit fehlen. Was Euch anbetrifft, ſo kann Iſabelle unſere kleine Hauswirthſchaft führen, und Julie, ſo wie Andreas können ihr dabei nach Kräften zur Hand gehen, und ſich auch ſonſt noch nach Gelegenheit nütz⸗ lich zu machen ſuchen. Karl endlich,— nun, Er iſt unſere Stütze und unſer rechter Arm! Ihm liegt die Hauptſorge für unſere kleine Anſiedlung ob, und er wird graben, pflanzen und ſäen, was wir ihm ſpäter werden ärndten helfen. Armer Junge, du haſt dir da eine ſchwere Laſt aufgeladen!“« »Nicht ſo ſchwer, daß ich ſie mit Gottes Hülfe nicht zu tragen vermöchte!« erwiederte Karl muthig, und entwickelte dann in beredten, klaren Worten ſeine Abſichten und den Plan, den er bei der Anſiedlung zu verfolgen gedachte. Während ſeine fleißigen Hände an der Hütte ge⸗ baut hatten, war ſein junger Kopf nicht müßig geblie⸗ ben. Er ſah eine lange Reihe von Arbeiten und Un⸗ ternehmungen vor ſich, die ihn ſchon erfreuten, wenn er nur daran dachte. Mit Zuverſicht hoffte er, durch die Hülfe und den Rath ſeiner verſtändigen Mutter, durch den Beiſtand ſeines willigen Bruders und ſeiner gelehrigen Schweſtern, eine Niederlaſſung zu Stande zu bringen, deren Ertrag vollkommen zur Befriedigung ihrer einfachen Bedürfniſſe hinreichen würde. Auch machte er aus ſeinen Hoffnungen kein Hehl. Seine Augen blitzten, als er die Zukunft in lächelnden Bildern 22 ausmalte, und begierig hörten ſeine Geſchwiſter ihm zu. Nur die Mutter ließ ſich von ſeinen lockenden Schilderungen nicht blenden. »Mein armer Karl,“ ſagte ſie und ſtreichelte ſeuf⸗ zend mit ihrer Hand ſeine glänzenden Locken,—„das Alles wäre ſchön und gut, wenn nur wenigſtens der Boden unſer gehörte, den du ſo fleißig zu bearbeiten gedenkſt. Aber wir ſind nicht, wie Robinſon auf ſeiner Inſel, ſondern wir ſind, wie die Sperlinge unter dem Dache des Reichen! Will er ſie nicht dulden, ſo zer⸗ ſtört er ihr Neſt! Und wir, wenn dein Gönner uns nicht mehr mag, ſo kann er uns vertreiben, zu welcher Stunde es ihm gefällt!“ Auf dieſen Einwand wußte Karl nichts zu erwie⸗ dern, obgleich er zuverſichtlich hoffte, daß etwas der Art niemals vorkommen werde. Auch verlor er den Muth nicht, indem er unter allen Umſtänden auf den baute, der die jungen Raben nährt und die Lilien kleidet auf dem Felde. Siebentes Kapitel. EGroberungeglane. —d Karl hatte tauſend Dinge zu thun, und darum ſuchte er ſich vor allen Dingen klar zu machen, wa das Nächſte und Nothwendigſte wäre, um dann mit 4 23 allem jugendlichen Eifer und feſter Ausdauer daran gehen zu können. Er dachte ſehr richtig, daß man jedes Ding zur rechten Zeit angreifen müſſe, um möglichſt eines guten Erfolges ſicher zu ſein, und daß man es weder aufſchieben noch verlaſſen dürfe, um etwas Anderes zu beginnen, was vielleicht angenehmer aber keineswegs nothwendiger ſei. Sein Hauptplan beſtand darin, dem See und dem Fluſſe alles das Land wieder zu nehmen, was ſie ſeit Jahren von den Ufern hinweggeriſſen und verſchlungen hatten, und in ſolcher Weiſe ſein kleines Beſitzthum allmählig zu erweitern und zu vergrößern. Um dieſen ſeinen Hauptzweck zu erreichen, pflanzte er mit Erlaub⸗ niß ſeines Gönners eine Menge von Weidenruthen, welche bekanntlich in feuchtem Boden ſehr leicht Wur⸗ zel ſchlagen und gedeihen. Drei Reihen pflanzte er, indem er dadurch die Gränze bezeichnete, bis zu welcher er das Waſſer zurückdrängen, und ihm gleichſam be⸗ fehlen wollte:„Bis hierher und nicht weiter!“ Vor der Hand freilich ſchien das Waſſer noch kei⸗ neswegs aufgelegt, einem ſolchen Gebote zu gehorchen, ſondern die Wellen ſpielten ganz luſtig zwiſchen den Stecklingen herum. Aber Karl ſah weiter und rech⸗ nete auf die Zukunft. 24 Achtes Kapitel. Die Hütte wird wohnlicher. Nach dem Pflanzen der Weiden beſchäftigte ſich Karl vorzüglich mit der Hütte, die er nicht länger als einen einfachen Verſchlag ſehen wollte. Wenn das Wetter nicht während einiger Tage und Nächte ſchön geblieben wäre, ſo würden unſere Freunde gewiß ſehr viel Ungemach unter ihrem Schilfdache gelitten haben. Indeß, die Jahreszeit war für eine erſte Anſiedlung ſehr günſtig. Man kochte in freier Luft. Suſanne ſchlief mit ihren Töchtern in dem einzigen Bette, das die Familie beſaß. Ein kleiner Verſchlag bildete eine Kammer, in der das Bett ſtand. Man hing anſtatt der Vorhänge ein Stück Leinwand davor, das Suſanne ſelbſt geſponnen hatte; ſpäter konnte es für die Wäſche ihrer Familie verbraucht werden. Bis dahin aber lei⸗ ſtete es guten Schutz gegen den Wind und die Kälte der Nächte. Karl und Andreas, die ſich abhärten wollten, ſchlie⸗ fen ganz einfach auf trockenen Blättern, die in einem Winkel aufgehäuft wurden. Da ruhten ſie neben ei ander und meinten, wenn man auch be t könne, als ſie, ſo könnte man doch jeden icht beſ⸗ ſer ſchlafen.. 3 Trotzdem war das ſchlechte Wetter zu fürchten, und unſere Freunde konnten daher ſo lange nicht ohne Un⸗ ruhe an die Zukunft denken, als bis ſie beſſer geſchuͤtzt wohnen würden. 85 * 4 25 Karl beſchäftigte ſich alſo zunächſt mit dieſer wichtigen Angelegenheit. Der See hatte Schilf gegeben, im Fluſſe befanden ſich Binſen genug zum Gebrauche des jungen Baumeiſters. Er vollendete vollends, ſeinem Plane gemäß, die zweite Wand rings um die Hütte, und machte ſie dicht und feſt. Die meiſte Mühe hatte er mit der Einrichtung der Fenſter und Thüren. Aber auch hier half er ſich. Zwei Bretter, von drei Ouerſtangen zuſammengehalten, bil⸗ deten die Thür; zwei feſtgenagelte Streifen von dickem Leder gaben die Angeln. Ein Holzſchloß mußte die Stelle des Riegels und der Klinke verſehen. Einige übereinander genagelte Latten bildeten das Fenſtergeſtell, und ſechs Blätter geölten Papiers die Scheiben. Dieſe armen, ſo erbärmlich wohnenden Leute lach⸗ ten ſelbſt über ihre Dürftigkeit, fühlten ſich aber den⸗ noch glücklich, daß ſie jeden Tag wieder Fortſchritte machten. 3»Wenn wir zu beklagen ſind,« ſagte die Mutter eines Abends,„ſo ſind es Millionen von Menſchen noch viel mehr, denn es gibt ganze Völker, bei denen Niemand ſo gut oder gar beſſer wohnt, als wir. Und wir erfreuen uns noch außerdem eines milden Klima's. Gewiß, liebe Kinder, im Vergleiche zu den Negern Afrika's und den Lappen Schwedens ſind wir noch ſehr zu beneiden.“ Die Uebrigen ſtimmten bei, denn die Familie konnte nun doch vereint um den Tiſch herum ſitzen, ohne daß die Lampe bei jedem Luſtzuge flackerte. Als es zu regnen anfing, ſah Karl von Zeit zu Zeit nach dem Dache, und freute ſich, dem Regen ſo gut den Weg verſperrt zu haben. Plötzlich aber fiel Er brauchte nichts weiter, um einen Ofen zu bauen; 26 von oben herab ein Waſſertropfen auf den Docht, und die Lampe erloſch. Karl fing an zu lachen, und die ganze Familie lachte mit. »Das heiße ich mir eine gute Strafe für den Hoch⸗ muth,“ ſagte er. Am nächſten Tage verdoppelte er das Dach, be⸗ deckte das Schilf noch mit Stroh, und ſagte, als er mit ſeiner Arbeit fertig war:„Wir hatten bisher nur ein Hüttchen, jetzt aber beſitzen wir eine Hütte.“« Er hatte recht. Von jener Zeit an fanden unſere Freunde ſowohl vor dem Regen als vor dem Winde Schutz in ihrem kleinen Gebäude. Neuntes Kapitel. Ein O fen. Bis jetzt hatte man immer im Freien gekocht, aber eines Tages war das Wetter ſo ſchlecht, daß man ver⸗ ſuchte, das Feuer in der Mitte der Hüͤtte uzünden. Dieß geſchah nicht ohne Gefahr, und auf der Rauch ſeinen Ausgang nur ſchwierig du und Fenſter; es war kaum zum Aushalten. 4 Karl hatte dieſen Uebelſtand vorausgeſehen, hatte eine Menge glatte Steine, hauptſächlich am Seeufer, geſammelt, und dabei ein Lager von Thonerde entdeckt. aber wie ſollte er den Rauch aus der Hütte fortleiten? An den Ankauf eiſerner Röhren durfte er nicht denken; denn die wenigen Groſchen, die mit dem Spinnrade er⸗ worben wurden, mußten durchaus geſpart werden. Vor Allem bedurfte man Brod, und obgleich ſich unſere An⸗ ſtedler auf die einfachſte Nahrung beſchränkten, ſo be⸗ ſaßen ſie doch noch keineswegs Alles, was ſelbſt von vielen Armen für unentbehrlich gehalten wird. Karl frug ſich alſo wohl hundertmal: Wie mache ich den Schornſtein? Eines Tages ſah er in der Nachbarſchaft Leute, die an einem neuen Kanale zu einem Brunnen arbei⸗ teten. Der alte hatte aus Steingutröhren beſtanden, die durch bleierne Leitungsröhren erſetzt werden ſollten. Er bemerkte, daß man ſchon mehrere der alten Röhren zerbrochen hatte, welche man dann als unnütze Gegen⸗ ſtände auf die Landſtraße warf. Eben wollte einer der Arbeiter eine ſolche Röhre mit eben ſo wenig Scho⸗ nung behandeln, als Karl zu ihm ſagte:„Geben Sie ſie mir, ich kann ſie ganz gut verwenden.“ Man ge⸗ währte ſeine Bitte und erlaubte ihm, ſo viel Röhren zu nehmen, als er wollte. Sehr erfreut über dieſen Fund, trug er ſeinen Schatz davon, und machte ſich ſogleich an die Arbeit, einen zweckmäßigen Herd zu errichten. Sein Bau, man muß es geſtehen, erinnerte ſehr an die gröbſten Verſuche dieſer Art, aber er erfullte doch ſeinen Zweck. Der ziemlich breite Herd ſprang aus der Wand plump hervor; aber der Feuerraum be⸗ ſtand aus feſten, durch Thon mit einander verbunde⸗ nen Steinen. Karl machte mit Hülfe eines ſteinernen Meißels zwei Oeffnungen hinein; die eine entſprach der 28 Größe des Kochtopfes, die andere wurde nach der Weite der Röhre abgemeſſen. Die Stelle des Schorn⸗ ſteins mußte der Topf auf dem Dache vertreten. Um im Innern die Feuersgefahr zu vermindern, hatte Karl, ehe er den Ofen baute, bis zu einer gewiſſen Höhe die Schilfwand mit Steinen und Thonerde übermauert. Sobald die Arbeit fertig war, wurde ein Verſuch mit dem Herde gemacht, und er gelang wieder Erwar⸗ ten viel beſſer, als ſelbſt der Baumeiſter gehofft hatte. Mit unendlichem Vergnügen ſahen nun Alle die Flamme glänzen, und glücklich waren ſie, als ſie den Rauch durch die Röhre den rechten Weg nach außen nehmen ſahen. Die Kinder liefen hinaus, um zu beobachten, wie er ſich in Wolken über der Hütte erhob, und Andreas war ſo entzückt über dieſes Schauſpiel, daß er ſeinem Bruder um den Hals fiel, und voll Freude aus⸗ rief:„Das iſt reizend, Karl! Wie ſehr liebe ich dich für dieſes Kunſtwerk!« „Und ich, ich bin reichlich bezahlt für alle Mühe,“ ſagte der gute Karl, als auch ſeine Mutter und ſeine Schweſtern ihn in ihre Arme ſchloſſen. Von jenem Augenblicke an glaubte die Familie Bodry ausgezeichnet zu wohnen, denn ſie konnten ja jetzt die Freuden des häuslichen Herdes genießen. Karl hatte den Ofen gebaut, ſeine kleinen Ge⸗ ſchwiſter halfen ihm nun, das Holz dafür herbeizu⸗ ſchaffen. In der Nachbarſchaft lag mehr als ein Ge⸗ büſch, wo die armen Leute trockenes Holz ſuchen durf⸗ ten. Andreas und ſeine Schweſtern durchſtrichen ſie oft und ſammelten eiſich darin. Außerdem brachte auch der Fluß und der See manches ſchöne Stück Holz herbei geſchwemmt, das dem erſten Beſten gehöͤrte, der ⸗ 29 davon Gebrauch machen wollte, und unſere Freunde ſäumten nicht, es fleißig aus dem Waſſer zu fiſchen. Bald beſaßen ſie einen ziemlich großen Holzvorrath, den ſie hinter der Hütte zum gelegentlichen Gebrauche ſorgfältig aufſchichteten.— Zehntes Kapitel. Die Fiſchreuſen. Jetzt wandte Karl ſeine Eroberungspläne dem See zu. In der That konnte ihm das Waſſer beſſer als ſelbſt die Erde ſchnelle Hülfsquellen darbieten. Er hoffte, daß er ſpäter ſowohl das eine wie das andere Element ſich ordentlich nutzbar machen werde, indeſſen wollte er es vorläufig einmal mit dem Fiſchfange ver⸗ ſuchen. Für den Augenblick durfte er noch nicht an den Fiſchfang mit Netzen denken; dazu hätte er Pacht bezahlen und auch ein beſſeres Boot haben muͤſſen. Aber er hatte eine alte Reuſe im Schilfe gefunden, und fertigte nach dieſem Muſter noch einige andere an. Dieß gelang ihm leicht, denn er war geduldig und fleißig, und hatte ſich fruͤher zuweilen mit Korbmacherarbeit beſchäftigt. Bald beſaß er fünf Reuſen, die er an der Mündung des Fluſſes und an andern Stellen, die ihm günſtig ſchienen, aufſtellte. Dieſe Reuſen waren eben ſo viele Diener, welche während der Abweſenheit des e 8 30 Herrn fleißig für ihn arbeiteten. Jeden Morgen ſah Karl nach ihrem Inhalte, und oft lieferten ſie ihm Fiſche. Wenn ſie ſchön und ſelten waren, ſo verkaufte ſie ſeine Mutter, was eine neue Hülfsquelle für die Bedürftigkeit der Anſiedler eröffnete. Waren ſie aber zu klein, ſo wurden ſie von der Familie verſpeist. Ein Stück Brod und einige Gründlinge dazu, gaben häufig ein köſtliches Abendeſſen für unſere genügſamen Freunde ab. „ ‚Elftes Kapitel. Des Armen Aerndten. Andreas, Julie und Iſabelle waren gute Kinder, und ſchon früher immer darauf bedacht geweſen, ihrer Mutter ſich nützlich zu machen; aber ihr Eifer für die Arbeit wurde noch viel größer, als ſie ſahen, wie ihre Umſtände ſich täglich verbeſſerten. Sie trugen weſent. lich dazu bei, und man mußte ſich wundern, wenn man die vielen Dinge betrachtete, die ſie beiläufig ſammeln konnten, weil man ſie nach gewöhnlicher Sitte den Ar⸗ men überläßt. Alle Plätze und alle Jahreszeiten lie⸗ ferten unſeren kleinen Freunden ihren Tribut, und nicht lange, ſo verkauften entweder bald ſie, bald die Mutter den Ertrag ihrer Wanderungen, oder das Eingeſam⸗ melte wurde zum Beſten der Wirthſchaft verwendet. * 31 2 Im Frühlinge pflückten ſie am Rande der Wälder oder an den Wegen Veilchen, Primeln, Anemonen und andere Blumen, die auf dem Markte gern als Sträußchen gekauft werden. Desgleichen lernten ſie unter Leitung ihrer Mutter eine Menge heilkräftiger Pflanzen kennen, die ihnen ein gewiſſenhafter Apotheker zu ziemlich hohen Preiſen abkaufte. Beim Beginne der ſchönen Jahreszeit erlaubte man ferner den Frauen und Kindern gern, die Wegwarte auf den Wieſen zu pflücken: unſere kleinen Arbeiter waren darin unermüd⸗ lich, und fuͤllten große Koͤrbe mit dieſem Gemüſe an, das eben ſo geſund als wohlſchmeckend iſt. Vortreff⸗ liche Suppen wußte die gute Suſanne davon für die Familie zu kochen. Auf den Feldern fanden ſie außer⸗ dem noch andere Arten von Kräutern, deren Geſchmack ihnen zuſagte, und beſonders große Mengen Lattich, aus dem man einen ſo guten Salat bereiten kann. An den Ufern der Bäche pfluckten ſie Kreſſe, auf den Wie⸗ ſen den Sauerampfer, längs den Hecken die noch zar⸗ ten Stengel des Hopfens und ſogar die Spitzen der jungen Brenneſſeln. Das Buſchholz dagegen, und die leichten Stellen im Walde gaben ihnen Morcheln und Champignons. Wenn ein Kornfeld den Aehrenleſern geöffnet wurde, ſo befanden ſich Iſabelle und die beiden Zwillinge ge⸗ wiß immer als die erſten und letzten dort. Ihre Leſen waren mitunter ganz ordentliche Aerndten. Sie ſam⸗ melten auch noch andere Gewächſe, welche die Hand. des Menſchen nicht geſäet hat, und auf die ſie daher ein unbeſtrittenes Recht hatten, z. B. Wegebreite und Tüſchelkraut, was ein ſo gutes Futter für die Kana⸗ rienvögel iſt. Das Vergnügen, welches die Städte⸗ 4 32 bewohner darin finden, dieſe hübſchen Fremdlinge in Käfigen zu halten, brachte alſo nebenbei auch unſern Uferbewohnern einigen Verdienſt. Wer nur recht ſucht, findet ſelbſt mitten in bewohn⸗ ten Ländern ſeinen Obſtgarten in den Wäldern, auf den Bergen und an den Wegen, und der Arme pflückt hier Früchte, die ihm Geld einbringen. Die benachbar⸗ ten Berge boten den Kindern Suſannens Erdbeeren, Himbeeren und Heidelbeeren dar; ſie verſchmähten we⸗ der die Hagebuten, welche ihnen die Zuckerbäcker gerne abkauften, noch die Brombeeren, welche ſie in die Apo⸗ theken trugen. Manchmal ſtiegen ſie noch höher auf die Hügel, und ſuchten Wachholderbeeren, und auf den Bergen ſammelten ſie die Tannäpfel, und brachten ganze Säcke voll davon nach Hauſe. Karl konnte nicht angeln, denn er hatte Nothwen⸗ digeres zu thun; als aber Andreas gut ſchwimmen lernte, ſo ließ man ihn in freien Stunden, wo er keine Zeit weiter verlor, die Angel zur Hand nehmen. An ſolchen Tagen verſorgte er ſeine Mutter immer mit kleinen Fiſchen. Mit ſeinen Schweſtern zuſammen fing er auch Krebſe in dem nahen Fluſſe, und ſie übten ſo⸗ gar eine Art Jagd ohne Flinte und Hund aus. Nach dem Regen nämlich ſammelten ſie Körbe voll Schnecken, die ſie in der Stadt immer leicht verkauften, weil man eine heilkräftige Suppe davon bereitet. Sie plünderten die Ameiſenhaufen, und nahmen die Eier, um ſte den Liebhabern von Nachtigallen zu bringen, oder auch junge Rebhühner und Wachteln damit zu füttern. Andreas hätte gern auch die Vogelneſter bekriegt, aber ſeine Mutter, obwohl ſie ihm die Ameiſen, als Feinde des Ackerbaus, preisgab, nahm ihm dagegen das Verſprechen 8 33 ab, niemals dieſe unſchuldigen Thierchen zu ſtören, die uns durch ihren Geſang erfreuen, und die Pflanzen vor dem Ueberhandnehmen ſchädlicher Inſekten ſchützen. Andreas und ſeine Schweſtern thaten aber noch mehr, ſie begaben ſich in den Dienſt der Wiſſenſchaft. Von einem Naturforſcher geleitet, fingen ſie tauſenderlei Arten Inſekten, beſonders Schmetterlinge; ſie lernten ſelbſt die zarteſten ſchonen und aufbewahren, halfen mehr als eine Sammlung vervollkommnen, und be⸗ reicherten ſogar das Muſeum in der Stadt mit ihrer bunten Beute. Jeder ihrer Spaziergänge mußte der kleinen Kolonie nützlich ſein. Die Mutter freilich war nicht ganz mit dieſen Aus⸗ flügen zufrieden. Sie ſah ihre Kinder nie ohne Be⸗ ſorgniß gehen, beſonders wenn ſie in den Wald liefen, oder auf die Berge ſtiegen. Die Einbildungskraft ſpie⸗ gelte ihr alle möglichen Gefahren vor, in welche die Kinder gerathen könnten. Suſanne empfahl ihnen da⸗ her, immer hübſch beiſammen zu bleiben, Abgruͤnde und andere ſolche Orte zu vermeiden, und keine gefährlichen Thiere zu reizen; ſie gebot ihnen auch, niemals Pflan⸗ zungen, Früchte oder Hecken zu beſchädigen. »Mit Recht verachtet man kleine Marodeurs, und oft ſetzen ſie ſich rauhen Züchtigungen aus,“ ſagte ſie. »Wenn man Euch aber als rechtſchaffene Kinder kennt, ſo wird man Euch liebgewinnen, Euch beſchützen, und den Böſen wehren, die Euch ſchaden wollen.“ Die gute Frau glaubte feſt an den Gehorſam ihrer Kinder, aber dennoch folgte ſie ihnen traurig mit ihren Blicken, ſo oft ſie ſich von der Hütte entfernten, und empfahl ſie in ſtillem Gebete dem Herrn. Mit der Zeit aber wurden die Kinder größer, und Die Anſiedler. 3 34 die Angſt Suſannens geringer. Auch brauchte ſie nie⸗ mals zu bedauern, daß ſie ihre Kleinen dem alleinigen Schutze des Herrn anvertraut hatte. Der Vater im Himmel behütete ſie wohl, und beſchützte ſie auf allen ihren Wegen. Zwölftes Kapitel. Die Hütte verſchönert ſich. So oft ein Mitglied der Familie in ihre kleine Wohnung zurückkehrte, erfreute es ſich an dem freund⸗ lichen Anblicke der Hütte, deren Lage wirklich reizend und deren Bauart ganz beſonders für dieſe Lage ge⸗ macht zu ſein ſchien. Eine Sache an ihrem gehörigen Orte iſt immer von doppeltem Werthe: die Hütte ſchmückte das Ufer, wie das Ufer die Hütte. Die Rohr⸗ ſtengel, welche ihre äußere Wand bildeten, hatten eine bräunliche Färbung angenommen, und dieſe düſtere Färbung ſtach angenehm von dem Grün der Pflanzen ab, welche ſie von allen Seiten umgaben, bis zum Dach hinaufkletterten, und von dort in Feſtons zurück⸗ fielen. Da waren Winden, Bohnen, Hopfen und wil⸗ der Wein. Der Holzvorrath ſchirmte und ſtützte die Hinterſeite der Hütte; er wurde nur ſehr ſelten ange⸗ rührt, denn man wollte ihn nur allein zu den aller⸗ nöthigſten Bedürfniſſen verwenden. 35 Dreizehntes Kapitel. UNeue Bewohner. Gleich im erſten Jahre brachte ein glücklicher Zu⸗ fall eine andere, umherirrende Familie an den Zufluchts⸗ ort unſerer Freunde. Ein Bienenſchwarm ließ ſich auf einem Strauche am Ufer nieder, und ſchien Gaſtfreund⸗ ſchaft zu verlangen. Obgleich Karl keine Erfahrung in ſolchen Dingen beſaß, gelang es ihm doch, die Bie⸗ nen in eine Kiſte einzufangen, die er zu einem Bienen⸗ korbe umgewandelt hatte. So rettete er ein verlorenes Gut, deſſen Herrn er ungeachtet ſeiner Nachforſchungen, nicht entdecken konnte. Die Bienen entfernen ſich manch⸗ mal auf beträchtliche Strecken, und dieſe konnten ja überhaupt auch einem wilden Schwarme angehören. Wie dem auch ſein mochte, die neuen Ankömmlinge ge⸗ wöhnten ſich ſehr gut an die Häuslichkeit unſerer Freunde, und dieſe, von dem erſten Erfolge entzückt, ſahen ſchon an der Vorderſeite der Hütte eine ganze Reihe von Bienenkörben aufgeſtellt. »Ich will einige aus Stroh flechten,« ſagte Karl, ſie mit Deckeln verſehen, und dann werden wir Ho⸗ nig ſchneiden, der uns für alle Koſten und Sorgfalt entſchädigen wird.“ 1 Dieſe Hoffnung verwirklichte ſich nach und nach; dem erſten Bienenkorbe folgten mehrere andere, und es ſchien, daß die Hütte unter dem beſonderen Schutze des 36 Himmels ſtand. Die Colonie der Bienen gedieh nicht minder, wie die Colonie der armen Wittwe, und bot für die Folge eine koſtbare Hülfsquelle dar. Vierzehntes Kapitel. Das Ufer. Der Ort, an dem die kleine Hütte ſich erhob, zeigte eine anmuthige Miſchung wilder und lieblicher Punkte. Einige Felſen am oberen Ende bildeten dort eine na⸗ türliche Verſchanzung, und trennten das Ufer von dem Garten des Nachbars; der Boden war kieshaltig, außer am öſtlichen Ende, dem Fluß entlang. Das ganze Terrain bildete ein längliches Viereck, mit der größeren Ausdehnung in der Breite am Ufer des Sees hin. Der Abhang, zuerſt ein wenig ſteil, ſänftigte ſich nach und nach, und zuletzt bemerkte man ihn faſt gar nicht mehr.. Die geringe Tiefe des Sees an dieſer Stelle ver⸗ urſachte einen bedeutenden Unterſchied zwiſchen der Gränze der Gewäſſer im Winter, wo ſie niedrig ſind, und im Sommer, der Zeit ihrer größten Höhe. Als Karl in der ſpätern Jahreszeit das Waſſer fallen ſah, ſagte er:„Wenn ich ihm nur den Zugang zu verſper⸗ ren vermöchte, wie viel gewonnenes Erdreich würde ich dann fruchtbar machen koͤnnen!« 3— 37 Aber er ſah an dem ſchlechten Erfolge ſeiner Vor⸗ gänger, daß es ſehr ſchwer ſein müſſe, dauernde Fort⸗ ſchritte einem ſolchen Feinde gegenüber zu machen, und daß man nur langſam vorwärts ruücken könne, um das Erdreich Fuß um Fuß zu gewinnen. Vier alte Weiden deuteten die letzten Merkmale einer früheren Pflanzung an, die ohne Zweifel in derſelben Abſicht, die Karl verfolgte, verſucht worden war. Aber die Erde hatte vergeblich gegen das Waſſer gekämpft, und war von ihm beſiegt worden. Jene krummen, zerſpaltenen, mit allerlei Pflanzen überwucherten Bäume glichen nur noch Tropheen des ſiegreichen Sees. Ein einziges Gewitter noch, und ſie mußten unterliegen. Doch ſproßten bereits junge Schößlinge aus ihren Wurzeln, welche die Schlacht von Neuem beginnen konnten. Jeder Stamm zeigte ſchlanke Gerten, die, bei dem geringſten Windſtoße ſchwankend, dennoch das Auge des jungen Anſtedlers erfreuten. Fünfzehntes Kapitel. Karl kämpft gegen den Fluß. Eine breite Raſeneinfaſſung zog ſich längs des Fluſſes in fruchtbarer Erde hin, und man konnte leicht an verſchiedenen tiefen Furchen erkennen, daß dieſe Ein⸗ 38 faſſung einſt noch viel breiter geweſen war. Einige Erlengruppen, vom Ufer durch viele Höhlungen ge⸗ ſchieden, hatten augenſcheinlich früher dicht am Waſſer geſtanden, die Gewalt deſſelben hatte ſie aber davon getrennt, und die Verheerungen beſchränkten ſich ſchwer⸗ lich hierauf, wenn man ihnen müßig zuſah und nichts dagegen that. Karl beobachtete den Zuſtand der Dinge und fühlte ſich überzeugt, mit Ausdauer und Anſtrengung allen Schaden wiederherſtellen zu können. 3 Er wußte, wie geſagt, daß zu gewiſſen Zeiten der Waſſerſtand des Sees höher oder niedriger war; im Winter wich das Waſſer zurück, und entblößte ziemlich große Uferſtrecken, die man dann trockenen Fußes be⸗ treten konnte. Als der See anfing zu fallen, bemerkte er vor der Mündung des kleinen Fluſſes mit Vergnügen einen langen Damm der herrlichſten Erde, welche im Laufe vieler Jahre von den Waſſern dort hingetragen ſein mußte, und ſich daſelbſt Delta⸗artig niedergeſchlagen hatte. Dieſe Erde mußte er bekommen, und unver⸗ züglich traf er ſeine Anſtalten, um ſich in den Beſitz derſelben zu ſetzen, ehe der See wieder zu ſteigen an⸗ fing. Sein alter Kahn leiſtete ihm dabei die beſten Dienſte. Er machte ſich einen Graben bis in die Mitte des Dammes, ruderte ſeinen Kahn dahin, und belud ihn mit der fetten, lehmigen Erde, die er dann vorſich⸗ tig an das Ufer brachte. Hundert Mal fuhr er ſo hin und her, ſchüttete die gewonnene Erde an den geeig⸗ neien Stellen auf, und ruhete nicht, bis der Damm gänzlich verſchwunden war.— 39 Nun galt es noch, ſein neu erworbenes Eigenthum auch zu ſichern. Wenn er damit wartete und die nöthigen Vorſichts⸗ maßregeln verzögerte, ſo konnte es leicht geſchehen, daß ihm das Waſſer wieder einen böſen Streich ſpielte, und das ganze mühſam gewonnene Erdreich wieder hin⸗ wegſchwemmte. Ein ſtarker Regenguß, der das Flüß⸗ chen anſchwellte, konnte ein ſolches Unglück herbeifüh⸗ ren. Karl wußte dieß, und traf ſeine Maßregeln da⸗ gegen. Unermuͤdlich pflanzte er wieder Weiden, Pappeln und Erlen, lauter Bäume, die das Waſſer lieben, ſetzte ſie dicht neben einander, und flocht noch außerdem große Zweige dazwiſchen, ſo daß ſie ſchon jetzt eine Art von Hecke bildeten, und nach wenigen Jahren einen dichten, unzerſtörbaren Damm gegen die Angriffe des Fluſſes abgeben mußten. Dieſe Pflanzungen führte er an den wirklichen Gränzen des Flußbettes entlang, und ſchüttete hinter denſelben noch Erde auf, um ſie auf ſolche Weiſe immer mehr zu befeſtigen. Dadurch ge⸗ wann er nicht nur eine ziemlich anſehnliche Strecke gu⸗ ten Bodens, ſondern er erreichte außerdem noch das höchſt wichtige Reſultat, einer künftigen Ueberſchwem⸗ mung des Fluſſes einen tüchtigen Riegel vorgeſchoben zu haben. Alle dieſe Arbeiten waren natürlich nicht in ein paar Stunden gemacht, aber da er ihnen ſeine Zeit anhal⸗ tend und ohne Unterbrechung widmen konnte, ſo ſchrit⸗ ten ſie doch ziemlich ſchnell vorwärts. Die Mutter ließ mittlerweile fleißig ihr Spinnrad ſchnurren, und ſeine Geſchwiſter arbeiteten nach Kräf⸗ ten, um die laufenden, kleinen, häuslichen Geſchufte zu beſorgen. So konnte Karl ſeine Beſchäftigung mit 40 Fleiß und Stetigkeit fortſetzen, und es iſt ja bekannt, daß man eben durch Fleiß, Einſicht und Stetigkeit zu den großen Erfolgen gelangt. Sechzehntes Kapitel. Sorgen für die Bukunft. Es war wirklich eine Freude, zu ſehen, wie treu der wackere Karl ſeine Arbeit verrichtete, und dadurch ſein kleines, obwohl nur geliehenes Beſitzthum ver⸗ größerte. Während er Erde fuhr und Weiden pflanzte, hörte man ihn fortwährend ſingen und pfeifen, und ſelbſt ſeine Mutter konnte ihn nicht bewegen, ſich einige Ruhe zu vergönnen. Ein beinahe immer unſichtbarer Zeuge folgte ihm dabei mit großem Intereſſe, und wünſchte nicht weniger, als die Familie Bodry ſelbſt, das Gelingen ihrer Unternehmungen. Eines Tages bemerkte Karl zwiſchen den Zweigen der Hollunder⸗Hecke das freundliche Geſicht des ehr⸗ würdigen Herrn Meißner,— ſo hieß der Wohlthäter der Familie,— der ihn aufmerkſam beobachtete, aber, ſobald er ſich entdeckt ſah, lächelnd mit dem Kopfe nickte und verſchwand. Karl hatte ihn ehrfurchtsvoll begrüßt, und würde gern ein paar Worte mit ihm ge⸗ ſprochen haben, um ſich ſeiner wohlwollenden Abſichten zu verſichern. Irgend eine Aeußerung in Bezug hierauf 41 würde ihn ſehr beruhigt haben, denn im Grunde ge⸗ nommen wußte er nicht recht, ob er ſich fortdauernd auf die Güte des Herrn verlaſſen könne. Indeß trö⸗ ſtete er ſich bald. Wurde er denn nicht augenſcheinlich von dieſem Mann beſchützt? War ſein Stillſchweigen nicht eben ſo beredt, als das Geſchwätz gewöhnlicher Menſchen?—„Er iſt gerecht und gut,« ſagte Karl zu ſich ſelbſt,„und gewiß wird er mich ungeſtört die Fruͤchte meiner Arbeit genießen laſſen!“ Die gute Suſanne, ſeine Mutter, beſaß aber das lebhafte Vertrauen der Jugend nicht mehr, und war daher unruhiger als ihr Sohn. In den kurzen Erho⸗ lungs⸗Stunden, welche ſie ſich vergönnte, ſah ſie Karl mit ſeinem Wagen kommen und gehen, und konnte ſich des traurigen Gedankens nicht enthalten, daß er nicht für ſich, ſondern vielleicht nur für Andere arbeitete. Vorausgeſetzt, daß der Fluß ſeine Arbeiten verſchonte, ſo konnte doch die flüchtige Laune eines Mannes ihn aller ihrer Früchte berauben. Sie vermochte es über ſich, dieſe Befürchtung öfters ihrem Sohne mittzuthei⸗ len, und rieth ihm, ſeine Kraft und Thätigkeit lieber einem anderen Gegenſtande zuzuwenden. »Warum willſt du,“ ſagte ſie,„an dieſem Orte et⸗ was Anderes, als nur ein Zelt aufſchlagen? Man gründet nichts Beſtehendes auf fremdem Boden! Was ſind wir weiter, als Wandervögel? Die ſchlechten Tage werden kommen und uns zwingen, ein anderes Neſt zu ſuchen!« »Oh, liebe Mutter,“ antwortete Karl,„raube mir nicht den Muth, und zerſtöre mir nicht die freundlichen Vorausſetzungen, deren ich bedarf. Ich liebe das Ufer unſeres ſchönen Sees,— laß mich nicht fürchten, daß ich ihm einſt den Rücken kehren müßte. Warum ſollte man uns nicht erlauben, hier zu bleiben? Wir ſind nun ſchon eine geraume Zeit hier, und unſer Nachbar billigt ſtillſchweigend Alles, was ich beginne. Soll ich die Beſorgniß hegen, daß er mir die Früchte meiner Arbeit in dem Augenblicke nehmen werde, wo ich ſie abe? Oh, gewiß nicht! Er müßte ja der tteſte Menſch ſein, während er doch der freund⸗ lichſte und wohlthätigſte iſt. Uebrigens mache ich wohl jeden Tag Fortſchritte, aber noch kann ich nicht abſe⸗ hen, wann ich fertig ſein werde. Dieß kann Niemand vorausſagen, und ich ſelber weiß es nicht. Viele Jahre liegen noch zwiſchen heute, und dem Ende meiner Un⸗ ternehmungen. Bis dahin hat unſer Nachbar jedenfalls Vortheil von meinen Arbeiten, und wird mich ſchwer⸗ lich von einem Beſitzthume vertreiben, das ich mit je⸗ dem Tage verbeſſere. Und ſchon dieß iſt viel, Müt⸗ terchen, denn während dieſer ganzen Zeit bin ich eiie Stuͤtze für dich, und fühle mich glücklich dabei!“ „Aber vergißt du, daß man dich plötzlich fortjagen kann, nachdem du die ſchönſten Jugendjahre mit ermü⸗ denden Arbeiten hingebracht haſt?« „Nun ja, Mutter, das iſt die ſchlimmſte Voraus⸗ ſetzung,— aber eine andere dünkt mir weit wahrſchein⸗ licher. Was auch übrigens geſchehen möge, jedenfalls haben wir eine glückliche Zeit verlebt, wir konnten bei einander bleiben, und meine Geſchwiſter werden, wenn jener gefürchtete Zeitpunkt eintritt, erwachſen ſein. »Ich gebe zu,“ ſagte die Mutter,„daß gar manche Menſchen keine ſicherere Stellung als wir haben. Wie viele Familien leben von einer Anſtellung, die der Hausvater heute beſitzt, und die ihm morgen ſchon die 43 Laune eines Vorgeſetzten nehmen kann. Wenn ich nur an mich und deine Geſchwiſter dächte, mein lieber Karl, ſo würde ich mich des guten Lebens, das du uns be⸗ reiten willſt, nur freuen! Aber um deinetwillen bin ich unruhig, du opferſt dich auf, und weil du uneigen⸗ nützig dich ſelbſt vergißt, ſo müſſen Andere deiner Wohl⸗ that gedenken.“ »Oh, ich vergeſſe mich weniger, als du glaubſt, Mutter,“ entgegnete Karl.„Bei meinen Arbeiten lerne ich jeden Tag etwas Neues. Gezwungen, in mir ſelbſt alle Hülfsquellen zu ſuchen, werde ich geſchickt, erfin⸗ deriſch, unternehmend,— lauter koſtbare Eigenſchaften, die ich nicht zurücklaſſen werde, wenn ich ja einſt mein liebes Ufer verlaſſen muß. Und dann, habe ich auch, wie ich zugeſtehe, viel geſäet bis jetzt, ſo werden wir doch nun auch bald ärndten, wir werden einen hübſchen Garten anlegen, und dieß wird für mich ein neues Studium ſein. Deine Erfahrung und die Rathſchläge einiger guter Nachbarn werden mich dabei unterſtützen. Die Zeit nähert ſich, Mütterchen, die ſchöne Zeit, wo du täglich junges Gemüſe und wohlſchmeckende Früchte zu Markte tragen wirſt. Sieh' nur, wie fett und fruchtbar dieſe Schlamm⸗Erde iſt! An Waſſer fehlt es uns nicht, und es wird uns gute Dienſte leiſten, nach⸗ fün wir es verhindert haben, uns Schaden zuzu⸗ ügen.“ Die Mutter beruhigte ſich bei den Troſtgruͤnden ihres Sohnes, und Karl fuhr unermüdlich in ſeinen Arbeiten fort. Es gelang ihm, allmählig mehr und mehr Boden zu gewinnen, und das Flußbett immer ſicherer einzudämmen. Sein Grundſtück ſenkte ſich ſanft gegen das See⸗Ufer ab, und immer von Neuem gewann er hier Raum, indem er die Erde ſammelte, die der Fluß fortwährend in die See ſchlemmte, um von Neuem ſein Delta zu bilden. Aber auch dieſer Gewinn genügte unſerem fleißigen Arbeiter noch nicht. Er bemerkte, daß man die Grä⸗ ben der Landſtraße, welche nahe bei ſeiner Hütte vor⸗ über ging, von ihrem fetten Schlamme reinigte, und dieſen in Haufen am Rande des Weges auſcchichtete. Sofort bat er die Arbeiter, ihm dieſe Erde zu über⸗ laſſen, und man gab ſie ihm gern. Dieß ſchien ihm mit Recht ein werthvolles Geſchenk, und von Stund' an hörte er nicht auf, alle dieſe ihm geſchenkte Erde, einen Karren voll nach dem anderen, auf ſein Grund⸗ ſtück zu ſchaffen, das durch dieſen Zuwachs abermals eine neue weſentliche Vergrößerung erhielt. Siebenzehntes Kapitel. Die Forelle. Karl vertauſchte ſeine ſchweren Arbeiten auch zu⸗ weilen mit angenehmeren Beſchäftigungen. Von An⸗ fang an hatte er ſeinen Geſchwiſtern die Fertigkeit bei⸗ gebracht, Reuſen zum Fiſchfange zu legen, und mit⸗ unter machte er ſich das Vergnügen, nach dieſen Reu⸗ ſen zu ſehen. Es geſchah dieß noch häufiger, ſeitdem 45 er in einer freien Stunde den Kahn in beſſeren Zu⸗ ſtand gebracht hatte. An einem ſchoͤnen Herbſtmorgen nahm er ſeine drei Geſchwiſter mit in den Nachen. Die Kinder liebten dieſe kleinen Spazierfahrten ungemein, obgleich ſie, bei der ſchlechten Beſchaffenheit des alten Kahnes immer ſehr ſtill ſitzen mußten, und keinerlei lebhafte Bewegun⸗ gen machen durften. An dieſem Tage jedoch vergaßen ſie alle Vorſicht, denn als ſie eine prachtvolle Forelle in der Reuſe erblickten, ſo ſprangen ſie vor Freuden von ihrem Sitze auf, und ſchaukelten den Kahn der⸗ maßen, das Julie das Gleichgewicht verlor, und ohne die ſchnelle Hülfe ihres Bruders Karl in das Waſſer gefallen wäre. Der kleine Unfall war indeß bald ver⸗ geſſen, und im Triumphe kehrten Alle mit dem pracht⸗ vollen Fange zurück. „Was wollen wir mit dieſer herrlichen Forelle ma⸗ chen?« fragte die Mutter. »Wir werden ſie doch nicht verkaufen?« fragte Andreas beſtürzt. „»Nein, nicht verkaufen! Verſchenken wollen wir ſie!« „»Verſchenken? Und an wen?« »An unſeren guten Nachbar!« ſprach die Mutter. »öSehr ſchön! Ein herrlicher Einfall, Mutter!« ſagte Karl raſch.„Ich habe ſchon lange daran ge⸗ dacht, ihm irgend eine kleine Freude zu bereiten, und nun wollen wir Iſabelle und Julie hinſchicken, um ihm unſer Geſchenk zu überreichen.“ Geſagt, gethan! Man legte die Forelle auf ein reinliches, weißes Tuch in ein Weidenkoͤrbchen, welches Andreas geflochten hatte, und die beiden Schweſtern 46 kleideten ſich ſauber und nett an, und begaben ſich zu dem Greiſe. Sie wurden ſehr gut empfangen; der alte Herr bedankte ſich ſelbſt mit großer Freundlichkeit, und gab ihnen ſogar das Geleit zurück bis an die Hollunder⸗Hecke, wo er ſie auf die gütigſte Weiſe ver⸗ abſchiedete. Einige Tage ſpäter ſchickte er ſeinen Nach⸗ barn eine hübſche, einfache Wanduhr, deren Zifferblatt die Inſchrift trug:„Ich meſſe die Zeit für den, der ſie anzuwenden verſteht.“ Dieſes Geſe verurſachte große Freude in der Hütte unſerer nde, denn es half einem öfters ge⸗ fühlten wirklichen Mangel ab. Bisher hatten ſie die Zeit nach dem Stande der Sonne errathen müſſen, und man kann ſich daher denken, daß die Uhr ſehr gut auf⸗ genommen wurde. Einige Zeit nachher machte Herr Meißner unſerem Karl einen ſehr willkommenen Vorſchlag. Er hatte nämlich die Abſicht, neue Wege auf ſeinem Landgute anzulegen, und zu dieſem Ende einen genauen Plan entworfen. Er legte dieſen Plan vor, und fragte Karl, ob er die Arbeit übernehmen wolle, wozu dieſer natür⸗ lich ſehr gern bereit war.. „Wohlan,“ ſagte er,„ſo graben Sie die Erde in beliebiger Tiefe aus, erſetzen ſie durch Kies und Sand, und verwenden die Erde nach Ihrem Belieben. Auf dieſe Weiſe werden wir Beide gewinnen.“ Karl machte ſich ſogleich an die Arbeit. Er fand hier für lange Zeit Beſchäftigung, denn die Erde war beinahe überall bis auf die Tiefe von zwei bis drei Fuß vortrefflich, und er hatte nicht die Abſicht, etwas davon verloren gehen zu laſſen. Das ganze Geſchäft kam ſeiner kleinen Anſiedelung vortrefflich zu ſtatten, indem er durch die zweckmäßige Verwendung der aus⸗ gegrabenen Erde wiederum ſein Grundſtück vergrößerte und verbeſſerte. Karl konnte ſich den ganzen Winter hindurch in ſolcher Weiſe beſchäftigen, denn zum Glück war die Kälte nicht ſtreng, und überhaupt iſt es ſelten unter jenem ſchönen Himmel, daß die rauhe Jahres⸗ zeit ſo hart auftritt, um die gewöhnlichen Erdarbeiten zu unterbrechen. Achtzehntes Kapitel. Der erſte Anbau. 4 — Mi dem beginnenden Frühlinge hatten unſere An⸗ ſiedler in der beſten Lage am Ufer des Fluſſes einen Küchengarten hergerichtet, deſſen fetter Boden hoffen ließ, daß Kohl und anderes Gemüſe ausgezeichnet darin gedeihen müſſe. Dieſes ſchon ganz zur Kultur geeig⸗ nete Stück Land hatte eine Größe von ziemlich tauſend Quadratfuß. Außerdem waren noch etwa achtzehnhun⸗ dert Quadratfuß Land vorhanden, das etwas weiter oben lag, und ſpäter ebenfalls benutzt werden konnte. Vorläufig begnügte ſich Karl, etwa zwanzig Quadrat⸗ fuß felſigeren Bodens mit Weinreben zu bepflanzen, die er aus der Nachbarſchaft bekommen hatte. Es wa⸗ ren ſchöne, treffliche Sorten, rother und blauer Mus⸗ kateller, die baldigen Ertrag hoffen ließen, und jeden⸗ 48 falls die vortheilhafteſten ſind, wenn man, anſtatt den Wein zu keltern, die Trauben verkaufen will. Alles andere Land wurde fur's erſte mit Kartoffeln beſteckt und mit Gemüſen bepflanzt. Eine Wand von Schilf ſchützte den Garten vor dem Nordwinde. Andreas be⸗ ſorgte dieſe Arbeit unter der Leitung ſeines Bruders, welcher ſich ſelbſt die ſchwereren und mühevolleren Ge⸗ ſchäfte vorbehielt. Uebrigens griffen auch alle Uebrigen rüſtig mit zu. Selbſt Suſanne, als ſie ihre Kinder Alle ſo fröhlich um ſich beſchäftigt ſah, erlangte ihre Kräfte und ihre Geſundheit wieder. Anſtatt, daß bis⸗ her Jeder für ſich gearbeitet hatte, waren jetzt Alle zu dem gleichen Zwecke vereinigt, denn die ländlichen Ar⸗ beiten bieten den Vortheil, daß ſie ſelbſt ſchwachen Kindern irgend eine nützliche Beſchäftigung geſtatten. An Werkzeugen fehlte es nicht. Einiges hatte der Vater hinterlaſſen, und Anderes hatte Karl in den lan⸗ gen Winterabenden aus Holz angefertigt, ſo daß man alſo in dieſer Beziehung keinerlei Ausgaben zu machen brauchte. Wo Karl Eiſenwerk brauchte, da ſchmiedete er es aus alten Bruchſtuͤcken zuſammen, die er hie und da aufgeleſen und aufbewahrt hatte. Der Landmann, der eine Säge, ein Beil, einen Hobel, und Hammer und Zange beſitzt, kann ſich mit noch vielen anderen Werkzeugen verſehen, wenn er nur überhaupt den gu⸗ ten Willen, Geduld, und ein wenig Geſchick hat, Eigen⸗ ſchaften, welche dem wackeren Karl nicht ermangelten. Das Nothwendigſte beſaß er, das Uebrige ſchaffte er, zum Erſtaunen ſelbſt ſeiner Mutter, die ihn bewunderte. „Mein lieber Sohn,“ ſagte ſie nicht ohne Rührung, „außer dem Gedeihen, das Gott allein geben kann, ſehe ich bei uns überall nur die Früchte deiner Arbeit! 49 Du haſt unſeren Grund und Boden geſchaffen, du haſt unſere Hütte erhaut, du haſt ſelbſt unſere Werkzeuge verfertigt. Oh, mein Kind, was wären wir ohne dich!“ »Ach, ſprich nicht ſo, Mütterchen,“ entgegnete Karl lächelnd.„Für mich allein würde ich nichts erreicht haben, nur aus dem Vergnügen, für dich, für uns Alle zu arbeiten, ſchöpfe ich meine ganzen Hülfsquellen. Ich weiß nicht, wer von uns dem Anderen dankbar ſein muß, aber das weiß ich, daß Niemand ſich glücklicher fühlen kann, als ich. Du mußt mich nicht für etwas loben, Mütterchen, was ja nur zu meinem Vergnügen beiträgt.“ Als nun allmählig die erſten Samenkörner zu kei⸗ men begannen, und ſich das ſchwarze Erdreich mit ſproſſenden, grünen Blättern bedeckte, empfanden nicht nur die Kleinen, ſondern auch die Mutter und Karl eine wahrhaft kindliche Freude. Man beſuchte die fröh⸗ lich aufſchießenden Bohnen, Erbſen und Kohlrabi, die ſämmtlich prachtvoll gediehen, jeden Augenblick. Man beobachtete mit glänzenden Blicken das Hervorkommen der erſten Blätter an den Büſchen, man zählte ihre Blüthen. Wie viele geſchäftige Hände griffen zu, wenn es galt, einen ſchwachen Stengel gegen den Wind oder die allzu ſengende Sonne zu ſchützen! War die Erde trocken, wie viele kleine Gärtner waren geſchäftig, ſie zu begießen!— Allmählig wurde dieſe Freude wohl ruhiger, aber keineswegs wurde ſie geringer. Und dieß iſt eben eines der tiefen Geheimniſſe der Natur, die uns mit immer liebenderen Armen umfaßt, je mehr man ſich mit reiner Freude ihr hingibt. Karl, nach ſeiner Gewohnheit, nichts unbenndt zu Die Anſiedler. 50 laſſen, zog manchen Vortheil für ſeinen Küchengarten aus allerlei Dingen, die ſein reicher Nachbar nicht mehr achtete und brauchte. Die überflüſſigen Abgänge ſei⸗ nes reichen Gartens wurden von Karl fleißig geſam⸗ melt, und belohnten durch fröhliches Gedeihen gewöhn⸗ lich die Sorgfalt, die man ihnen zuwendete. Hatte man z. B. Erdbeer⸗Stauden über die Hecke geworfen, ſo wurden ſie gewiß von aufmerkſamen Händen auf⸗ geleſen, und der ſo gefundene Reichthum an den Strand in Sicherheit gebracht. In dieſer Weiſe wurden hier allmählig die beſten und feinſten Gemüſe und Kräuter, und ſogar Melonen und Gurken angebaut, und ſehr bald ſahen ſich unſere Anſiedler im Stande, mancherlei zu verkaufen, ohne einen Heller für Ankäufe ausgege⸗ ben zu haben. Der Gärtner Herrn Meißners hätte überhaupt, ohne ſeinem Herrn zu ſchaden, den fleißigen, armen Leuten manchen Vortheil zuwenden können, und etwas dieſer Art lag auch ohne Zweifel in den Abſichten des freund⸗ lichen Greiſes, aber der Gärtner zeigte ſich wenig ge⸗ neigt dazu. Dieſer Menſch hatte einen harten und mißgünſtigen Charakter, und war von Anfang an mit Karls Unternehmen ſo unzufrieden geweſen, daß er höhniſch prophezeihet hatte, es würde niemals etwas Neechtes daraus werden. Durch die Erfolge der jun⸗ gen Coloniſten in ſeiner Eigenliebe verwundet, erregte es nun ſeinen Unwillen, daß ein Fremder Vortheile aus dem zu ziehen wußte, was er ſelber vernachläſſigt hatte. Dieſer neidiſche Zorn ſtieg, als er ſehen mußte, daß der Wohlſtand der Familie Bodry ſich ſchnell ge⸗ nug befeſtigte, um vermuthen zu laſſen, daß ſie ſich zu⸗ letzt für immer auf den Grundſtücken feſtſetzen würden, 51 die ſeiner Aufſicht übergeben waren. Bisher hatten ſein Aerger und ſeine Mißgunſt ſich zwar nur in Spöt⸗ tereien und Grimaſſen kundgethan, bald aber trat er deutlicher mit ſeinen ſchlechten Abſichten hervor. Er ſuchte zu verhindern, daß den armen Leuten die Ab⸗ fälle ſeines Ueberfluſſes zu Theil würden. Suſanne bemerkte es wohl, und beunruhigte ſich darüber. Sie ſagte:„Ich höre den Donner von weitem grollen. Gebe Gott, daß wir vor Unglück bewahrt bleiben!« „Pah,“ erwiederte Karl ſorglos,—„was kümmert mich der Gärtner? Iſt doch ſein Herr für uns!«“ Neunzehntes Kapitel. Noch mehr Anſiedler. Der Stand der Coloniſten wurde nach und nach ein Zufluchtsort für manches arme, verlaſſene Ge⸗ ſchöpf, welches Lebensmittel und ein Obdach ſuchte. Eines Tages feſſelte ein kalter Regen und heftiger Sturm unſere Freunde in ihrer kleinen Hütte, als ſie plötzlich, während ſie ihre einfache Mahlzeit hielten, ein Stöhnen vor ihrer Thüre hörten. Iſabelle ſah nach, und öffnete die Thuͤr. Ein armer, halb verhungerter Pudel ſprang ſogleich mit einem Satze in die Stube, und ſchüttelte tüchtig ſeinen ganz vom Nehen einge⸗ 52 weichten Pelz. Dieſe kleine Freiheit, die er ſich her⸗ ausnahm, wurde ihm wegen der ſtürmiſchen Liebkoſun⸗ gen verziehen, mit denen er alle Anweſenden überhäufte. Seine ſehnſüchtigen Blicke verriethen ſeinen Hunger; mitleidig reichte man ihm den Reſt Suppe, der ſich noch im Topfe vorfand, und von Stund an gehörte der Pudel zu den Hausgenoſſe ſſen, und empfing den Na⸗ men Kantal, an den er ſehr bald gewöhnt wurde. Ein anderes Mal zog Andreas eine junge, weiße Katze aus dem Fluſſe, die von grauſamen Kindern in das Waſſer geworfen war, um ſich an ihrem Zappeln und Pruhſten zu beluſtigen. Andreas nahm ſich ihrer an, rettete ſie und brachte ſie nach Hauſe. Man nannte ſie Minette; ſie wurde die muthwillige Freundin des mehr ernſthaften und würdigen Kantal, und theilte mit ihm die Liebe ſeiner Herren. Genau betrachtet, waren eigentlich Beide unnütze und überflüſſige Mäuler, da man weder Mäuſe noch Diebe in der Hütte zu fürchten brauchte, indeß die neuen An⸗ kömmlinge bezahlten das ihnen gern gereichte Stückchen Brod mit dankbaren Liebkoſungen, und ſo wurden ſie freundlich geduldet. Wieder ein anderes Mal zog eine Heerde Merino⸗ Schafe, den Schäfer an ihrer Spitze, den Hund hinten drein, an der Hütte vorüber. Weder das Bellen des Hundes, noch das Locken des Schäfers konnten ein ar⸗ mes Schaf, das hinkend den einen Fuß nachſchleppte, und weit hinter den Uebrigen zurückblieb, bewegen, mit der Heerde gleichen Schritt zu halten. Karl bat um Mitleid für dieſes arme Thier. „»Aber was kann ich thun?« antwortete der Schä⸗ fer.„Das Thier kann nicht mehr weit gehen, inan 5³ ſteht es wohl, und jedenfalls wird es nimmermehr nach Deutſchland kommen, wohin ich die Heerde führen muß.“ „Nein, gewiß nicht!“ ſagte Karl.„Es kann nicht eine Meile mehr laufen, und dann wird es umfallen, um nicht wieder aufzuſtehen.“ „Nun denn, ſo nehmen Sie es, junger Freund,“ ſagte der Schäfer,„und wenn ich nach der Schweiz zu⸗ rückkomme, geben Sie mir es wieder. Für ihre Pflege ſollen Sie die Wolle des armen Thieres und ſeine Lämmer bekommen.“ „Einverſtanden!“« erwiederte Karl zufrieden. Man behielt das Schaf, behandelte es mit einiger Sorgfalt, und heilte ſeinen Schaden. Bald darauf warf es zwei Läͤmmer, welche die Stammeltern von mehreren Anderen wurden. Dieſe Vermehrung machte den Bau eines Stalles nothwendig, und Karl, der ſei⸗ ner Familie ein Obdach verſchafft hatte, war wegen der Schafe nicht ſonderlich verlegen. Bald glich der Strand einer kleinen Pachtung mit Haupt⸗ und Neben⸗ gebaͤuden, und die Kinder hatten wieder einen willkom⸗ menen Zeitvertreib gefunden. Sie trieben die Schafe aus, um ſie an den Hecken weiden, und das ſonſt un⸗ benutzte Gras am Wege aufſuchen zu laſſen. Bald gab es auch genug Abfälle aus dem Garten, um eine junge Ziege zu ernähren, welche von Suſanne gegen Schafwolle eingetauſcht, und ſo aus den Händen eines Bauers gerettet worden war, der ſie nach der Stadt zur Schlachtbank hatte führen wollen. »Wie viele Leben doch unſer Karl gerettet hat,“ ſagte Iſabelle eines Tages, indem ſie mit vergnügten Blicken Hund und Ziege, Katze und Lämmer betrachtete, 54 die fröhlich und munter den Strand bevölkerten. Wir Alle müſſen ihm dankbar dafuͤr ſein!« Nur Geflügel fehlte noch. Aber auch dafür ſorgte Karl. Zuerſt zähmte er ein Paar wilde Tauben. Dann ſorgte er für junge Hühner; den Hühnern wurden En⸗ teneier zum Ausbrüten untergelegt, und nicht lange, ſo wimmelte es von Vögeln, die ſich auf dem Strande vortrefflich befanden, da es weder an Waſſer, noch an Nahrung fehlte. Die kleinen Anſiedler hatten ihre Freude daran, ſie ſpekulirten weiter, und bald darauf ſchwammen auf dem See nicht nur Enten, ſondern auch ein halbes Dutzend junge Gänſe, die man ſich aus Eiern zu verſchaffen gewußt hatte. Zwanzigſtes Kapitel. Ein Schiffbruch. In ſolcher Weiſe verbeſſerten ſich die Umſtände dieſer fleißigen und tugendhaften Familie mehr und mehr. Der eine Gewinn führte zu einem anderen, der andere zum dritten und vierten. Vom Erlöſe der Ge⸗ müſe wurde Korn für den Geflügel⸗Hof gekauft, und für die Eier und jungen Hühner bekamen ſie Geld ge⸗ nug, um ſich ſelber zu erhalten. Bei aller Armuth un⸗ ſerer Anſiedler hatten ſie doch ſo viel, um niemals — 5⁵ auch nur einen Grashalm auf unrechtmäßige Weiſe ſich anzueignen. Da geſchah es eines Morgens, daß Karl nach einer ſtürmiſchen Gewitternacht, während ſeine kleineren Ge⸗ ſchwiſter, gewohnt an das Brauſen und Rauſchen der Wellen, noch feſt ſchliefen, den ganzen Strand mit Holzſtücken bedeckt ſah. Es war augenſcheinlich die La⸗ dung eines untergegangenen Schiffes. Wie ſich ſpäter herausſtellte, hatten die Schiffer nur einen kleinen Na⸗ chen, und mit ihm ihr Leben gerettet, waren aber vom Sturme weit verſchlagen worden. Karl wußte ſogleich, was hier zu thun ſei. Er rief die ganze Familie zu Hülfe, und Alle zeigten ſich ſo geſchäftig, daß in we⸗ nigen Stunden alles in ihrem Bereiche liegende Holz in Sicherheit gebracht war. Es war herrliches Buchen⸗ holz; unſere Freunde hätten lange davon brennen und ihre Hütte heizen können, aber ein ſolcher Gedanke lag ihnen fern; ſie wollten keinen Nutzen vom Strandrechte ziehen, oder ſich an dem Unglücke Anderer bereichern. Als einige Tage ſpäter die armen Fiſcher kamen, um die Ueberbleibſel ihrer Ladung aufzuſammeln, rief ſie Karl heran. „Da nehmt, Leute,“ ſagte er,„es iſt Alles, was wir in Sicherheit bringen konnten!« Ddie Leute, gerührt von dieſem Beweiſe der Recht⸗ ſchaffenheit, überhäuften Karl mit Dankſagungen, und wollten ihm wenigſtens einen Theil des Holzes zum Geſchenk für ſeine Mühe aufdringen. Aber Karl wies Alles zuruͤck, und die Mutter ſagte:„Was wollt Ihr? Wir haben nur unſere Schuldigkeit gethan. Nehmt Euer Holz, und fahrt mit Gott!« 56 „Oh, warum iſt nicht unſere ganze Ladung in Eure Hände gefallen!“ ſprachen die Leute, und zogen gerührt davon. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ein Gaſt. Als Karl eines Abends nach Hauſe ging, ſah er einen Mann von ziemlich ſchlechtem Ausſehen auf ſich zukommen; ſeine Kleider hingen ihm unordentlich am Leibe, und er zeigte Aufregung und Unruhe. Nach den Runzeln ſeines Geſichts und ſeinen grauen Haa⸗ ren zu ſchließen, konnte man ihn für etwa ſechzig Jahre alt halten. Indem er mit dem Finger auf den Kahn deutete, ſagte er:„Fahren Sie mich über, ich bitte darum, aus Barmherzigkeit.« „Unmöglich!“ erwiederte Karl.„Der Kahn iſt morſch und gebrechlich, und Sie ſehen ſelbſt, wie auf⸗ geregt der See iſt. Aber ſelbſt, wenn er ganz ruhig wäre, würde ich es nicht wagen, Sie in einer ſo elen⸗ den Barke überzuſetzen.“« „Aber, mein Himmel, wo werde ich dann die Nacht zubringen!“ ſagte der Unbekannte ängſtlich. »In meiner Hütte, wenn es Ihnen recht iſt,“ ant⸗ wortete Karl treuherzig.„Ich kann Ihnen eine ein⸗ fache Suppe und ein Strohlager anbieten.“ Der Fremde nahm dieſen Vorſchlag auf der Stelle an, und ſie begaben ſich nach der Hütte. 57 Die Mutter ſtutzte. Der Menſch gefiel ihr nicht, und ſie empfand ein gewiſſes Mißtrauen gegen ihn. Karl ſelbſt hatte kein rechtes Vertrauen auf ſeinen Cha⸗ rakter; indeß, der Mann war alt, und ſeine Verlegen⸗ heit hatte ihm Mitleiden eingeflößt. Nach dem kärglichen Abendeſſen unterhielten ſie ſich mit einander, und unſere Anſiedler bemerkten bald, daß, wie alt der Fremde auch ſein mochte, doch die Weisheit des Alters nicht unter ſeinen grauen Haaren wohnte. Der Unbekannte ſprach ſehr leidenſchaftlich und unüberlegt. „Sie haben eine recht elende Wohnung,“ ſagte er, indem er einen Blick des Mitleids um ſich her warf. „Möge Gott ſie uns erhalten!“ erwiederte die Mutter. „Welch' ein Unterſchied zwiſchen dieſer Huͤtte und den Schlöſſern in der Nachbarſchaft!“ »Ei nun, man hat faſt zu allen Zeiten Schlöſſer und Hütten geſehen.“ „Aber die Bewohner der Schlöſſer waren nie härter gegen die Armuth, als jetzt.« »„Das kann ich nicht glauben, mein Herr, denn wir beweiſen gerade das Gegentheil. Unſer gütiger Nach⸗ bar hat uns großmüthig ein Stück Land überlaſſen, ohne irgend eine Vergütung dafür zu fordern.“ „Ah, dieſer Grund und Boden gehört Ihnen?“ »Das nicht, aber...“ „Ei nun, der Mann wartet, bis die Birne reif iſt, und dann pflückt er ſie,“ ſagte der Fremde höhniſch. »Aber kennen Sie denn dieſen Mann?« fragte Karl aufgeregt und empört. »Pah, alle Reichen ſind einander gleich, junger Mann,— egoiſtiſch, hart und argliſtig!« 58 „Ich gebe zu,“ ſprach Suſanne,„daß man von allen Menſchen viel Böſes ſagen kann, da Gottes Sohn um der Menſchheit Sünden willen ſein Blut vergießen mußte. Aber Sie tadeln nur die Reichen! Die Armen beſitzen alſo Ihrer Meinung nach alle Tugenden?« „Die Armen ſind Feiglinge, ſonſt würden ſie nicht ertragen, was man ihnen auferlegt!“ „Sehr gut! Wir haben alſo auch unſer Unrecht! Um dieß gut zu machen, müßten wir demnach die Schlöſſer niederbrennen, und würden dann beſſer woh⸗ nen, nicht wahr?« „Nein, nicht ſo, gute Frau. Die Schlöſſer müßten geſchont, ihre Beſitzer aber vor die Thür geworfen wer⸗ den. Dann wären wir die Reichen und könnten Ver⸗ geltung üben!“ „Ei ſehen Sie doch, das iſt eine vortreffliche Mo⸗ ral! Wenn Ihnen mein Sohn Wein ſtatt Waſſer ein⸗ geſchenkt hätte, ſo würde ich glauben... Sie verſte⸗ hen... doch, entſchuldigen Sie meine Heftigkeit! Aber ich bin Mutter, und da meine Kinder Ihnen zu⸗ hören.. »Sie wollen alſo, daß Ihre Kinder in der Täu⸗ ſchung erzogen werden?« „Ich bin eine Chriſtin, und will Chriſten in ihnen. erziehen.“’ „Die erſten Chriſten hatten Alles mit einander ge⸗ mein.“ „öEinige, aber nicht Alle! Das Evangelium läßt Jedem die Freiheit.“ »„Ja, es empfiehlt Barmherzigkeit, und die Reichen ſpotten darüber.“ 59 »Einige, ja! Aber Sie thun jetzt daſſelbe, denn Barmherzigkeit iſt Liebe, und Sie predigen Haß!« »Sie ſprechen ſehr grade heraus, und ſchonen Ihren Gaſt nicht, gute Frau!« »Und Sie vergeſſen, ich wiederhole es Ihnen, meine Kinder!“ »Wie kann man an ſich halten, wenn man ſieht, daß die Hand der Bedränger noch geküßt wird!« Karl ergriff das Wort.„Ich leide nicht, man be⸗ drängt mich nicht, noch küſſe ich Jemandes Hand,“ ſagte er.„Ich bin wohl arm, aber die Reichen we⸗ nigſtens haben mir nichts genommen. Gott hat mir Kraft und Verſtand gegeben, ich benutze ſie, und meine Umſtände verbeſſern ſich. In ſolcher Weiſe werden ſich die meiſten Reichen ihr Vermögen erworben haben, nämlich durch Fleiß und Einſicht.“ „Aber die jetzigen Beſitzer?« »„Sie ſind die rechtmäßigen Erben Derer, die doch wohl mit ihrem rechtmäßigen Eigenthum machen konn⸗ ten, was ſie wollten!« »Das beſtreite ich!« »Alſo, wenn ich etwas verdient habe, ſteht mir nicht die Verfügung darüber zu?« „Nein!« 4 »Nun denn, leben wir luſtig!“« ſagte Karl ſpöttiſch. »Ich werde mir gute Tage machen! Kein Sparen mehr! Alle geſcheiten Menſchen müſſen in den Tag hinein leben, wie die Wilden, und wenn wir kein Korn ha⸗ ben, ſo freſſen wir uns unter einander auf, wie ſie!« Der Fremde wollte eine heftige Erwiederung geben, aber die Mutter ſiel ihm in's Wort.„Es iſt ſchon ſpät, mein Herr, und wir müſſen früh aufſte⸗ * 60 hen,« ſagte ſie raſch.„Das wird Sie nicht wundern, denn wir armen Leute leben von der Arbeit. Gute Nacht!«. Nach dieſen Worten entfernte ſie ſich mit den jün⸗ geren Kindern. Karl bereitete dem Fremden ein Stroh⸗ lager, und ſagte:„Ich möchte Ihnen etwas Beſſeres anbieten können,— indeſſen hoffe ich, daß Sie gute Ruhe finden werden; das Bett macht nicht den Schlaf.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Glück des Armen. Am nächſten Tage verließ der Fremde ſeine Wirthe ſehr zeitig, ohne ſeinen Namen zu nennen oder etwas von ſeinen nächſten Abſichten zu verrathen. Als er in's Freie kam, ſah er ſich mißtrauiſch um, wie Jemand, der verfolgt zu werden fürchtet; und eilte raſch davon. „Er geht ſehr unzufrieden von uns,“ ſagte Iſabelle, „weil er uns nicht einreden konnte, daß wir die unglück⸗ lichſten Menſchen von der Welt wären.“« Alllerdings war dies dem Menſchen mißlungen, denn unſere Freunde fühlten ſich in der That glücklich. Und mit Recht! Hatten ſie denn nicht Alles, was das wahre Glüͤck ausmacht? Ein reines Gewiſſen, Geſundheit, Arbeit, die Anweſenheit aller ihrer Lieben, und die herrlichſte Natur, deren ſchönſte Seiten vor ihnen auf⸗ geſchlagen lagen? Suſanne, von ihren Kindern umge⸗ 61 ben und von ihren Liebkoſungen überhäuft, ſagte man⸗ ches Mal: »„Ihr habt eingeſehen, daß die Reichen Euch Man⸗ ches überlaſſen haben, was zum Leben dienlich und nützlich iſt; Ihr habt geärndtet, wo viele vorübergin⸗ gen, ohne etwas für ſie Brauchbares zu ſehen. Und noch köſtlichere Vortheile ſind Euer. Der Ehrgeizige, der ſich in große Städte vergräbt, wo es ihm an Licht, Luft und Raum mangelt, verzichtet auf das ſchönſte: die Natur! Andere, die auf dem Lande wohnen, aber ihr Herz an den Mammon hängen und nur leben, um Gold aufzuhäufen, finden nie Zeit, ihre Augen zu er⸗ heben und den Urheber aller Dinge zu preiſen. Der blaue Himmel woͤlbt ſich über ihnen, und ſie denken nicht daran! Die grünen Felder, die Berge, der See mit ſeinen köſtlichen Ufern, die Euch ſchönere Bilder zeigen, als ein Künſtler ſie malen kann,— Alles iſt für die habſuͤchtigen Menſchen nicht da! Sie durchſchrei⸗ ten dieſe prachtvolle Natur, und ſehen nichts, als ihre Thaler, die ihnen nur Sorge machen. Laßt Anderen die Mühe, Gelder aufzuhäufen, zu verwalten und zu erhalten! Das tägliche Brod fehlt unſerem Tiſche nicht, und wir verdienen es redlich durch Arbeit, die zugleich unſere Freude iſt. Ich bin eine arme Wittwe und be⸗ ſitze nur unſere kleine Hütte! Aber dieſe Hütte verdanke ich der Liebe meines Sohnes, und ich ſchlafe in ihr unter ſeiner treuen Hut, während die reiche Mutter in ihrem prächtigen Palaſte vielleicht um ihren abwe⸗ ſenden Sohn weint, der bis an das Ende der Welt geht und tauſend Gefahren trotzt, nur um ſein großes Vermögen noch zu verdoppeln. Unſere Wohnung iſt klein, Kinder, ja!— aber iſt ſie Euch ſchon zu eng geworden bei Tiſche oder am heimiſchen Herde? Wenn wir Raum haben wollen, ſo brauchen wir ja nur in's Freie zu gehen unter die herrliche Kuppel, die des All⸗ mächtigen Hand über uns ausgeſpannt und mit unzäh⸗ ligen Sternen geſchmückt hat!— Unſere Zukunft, ſagt man freilich, iſt nicht geſichert! Aber Weſſen Zukunft wäre dies? Reich oder arm, Niemand vermag auf die nächſte Stunde zu zählen!'Sind die Reichen bei all' ihren Gütern ruhiger, als wir? Oh nein, ſie empfin⸗ den tauſend Mal mehr Unruhe, und oft genug recht⸗ fertigen die Ereigniſſe ihre Befürchtungen. Sie verlaſ⸗ ſen ſich auf ſich ſelbſt, und müſſen haͤufig erfahren, daß Menſchenweisheit nur eine ſchwache Stütze iſt. Der Arme dagegen verläßt ſich auf Gott den Herrn, und ſiehe, der Ewige beſchützt ihn wunderbar!« Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Schule am Strande. Eine ſo weiſe Mutter konnte natürlich nicht verſäu⸗ men, den Geiſt ihrer Kinder auszubilden. Die häus⸗ lichen Andachten wurden regelmäßig am häusliche Herde gehalten, und einige gute Erbauungsbücher er⸗ ſetzten den Mangel an gelehrteren Schriften. Wie ſchon erwähnt, war Suſanne nicht ohne Bil⸗ dung. Von ihrem Vater ſorgfältig erzogen, übertrug ſie auf ihre Kinder dieſe Erbſchaft der Weisheit. Die 63 Hütte war zugleich der Schulſaal, und an demſelben Tiſche, wo die Kinder ihre leibliche Nahrung erhielten, empfing auch ihr Geiſt die Speiſe, die ihm nothwen⸗ dig iſt. Die langen Winterabende waren beſonders dem Lernen gewidmet, und Karl hatte zu dieſem Zwecke ein großes Bret polirt und ſchwarz gefärbt, welches die ge⸗ wöhnliche Wand⸗Tafel in den Schulen erſetzen mußte. Es erfüllte auch ganz gut ſeine Beſtimmung. Wenn es auch jeden Tag abgewiſcht wurde, ließ es doch im Gedächtniſſe der Kinder die Lehren zurück, welche am Abend vorher auf der Tafel verzeichnet ſtanden. Wenn Frau Suſanne ihren Kindern auch nicht Vie⸗ les lehrte, ſo leitete ſie ſie wenigſtens an, einen richti⸗ gen Gebrauch von ihren Fähigkeiten zu machen, alle Dinge genau zu beobachten, geduldig zu ſuchen, was ſie zu finden hoffen durften, ohne Bedauern auf Alles zu verzichten, was ihnen unerreichbar lag, und— vor allen Dingen— gut zu ſein! Liebe Gott, liebe deinen Nächſten, aber liebe dich ſelbſt nicht zu ſehr,— das war der Grundkern aller ihrer Lehren. Wie oft wurde das Leben unſeres Heilandes in dieſer Hütte in Betrachtung gezogen,— und gewiß, nirgends konnte man dieſes Leben beſſer verſtehen. Die Kinder Suſannens ſahen um ſich den See Genezareth, die Berge von Judäa, der Stall von Bethlehem, ſeine Weiden, ſeine Heerden! Waren ſie denn nicht auch Schäfer, wie die erſten Anhänger Jeſu? Waren ſie nicht auch Fiſcher, wie ſeine Apoſtel?.. Einige Elementar⸗Bücher machten die Kinder ge⸗ nauer mit Geſchichte, Geographie, Rechnen und Gram⸗ matik bekannt, als wenn ſie in eine der damaligen Schulen gegangen wären, denn Alles wurde hundert 64 Mal wiederholt, und geſprächsweiſe theilten die Mutter und Karl den Uebrigen mit, was ſie ſelbſt wußten. Die Gelegenheiten, paſſend benutzt, thaten das Uebrige. Kleinere und größere Aufgaben im Rechnen u. ſ. w. wurden geſtellt und gelöst, wie es der Augenblick mit ſich brachte, und faſt ohne Anſtrengung machten die Kleinen anſehnliche Fortſchritte. Das Ufer des See's war zum Theil mit feinem Sande bedeckt. Man benutzte die Fläche bei Spazier⸗ gängen, um mit einem Stückchen Holz darauf zu ma⸗ len und zu ſchreiben. Karl ließ die Jüngeren ſich be⸗ luſtigen, Dreiecke, Vierecke und andere mathematiſche Figuren zu zeichnen, ließ ſie die Umriſſe verſchiedener Länder ziehen, und, wenn die Verſuche auch nicht im⸗ mer gelangen, dienten ſie doch dazu, allmählig Ge⸗ dächtniß und Augenmaß zu ſchärfen. Eines Tages, als Frau Suſanne allein am Strande entlang ging, las ſie die Worte im Sande:„Lieber Gott, erhalte uns unſere Mutter!“« Kleine Wellen ſpielten ganz nahe bis an die Inſchrift, aber ſie beruͤhrten ſie nicht. Dann und wann drohte wohl eine näher, aber immer zerrann ſie wieder an der äußer⸗ ſten Gränze. Die gerührte Mutter blieb einige Augen⸗ blicke ſtehen, um zu beobachten, was daraus werden würde. Nach und nach beruhigten ſich die Wellen, und das kleine Gebet blieb noch für einige Zeit erhalten. Nun konnte ſich die gute Suſanne ihrerſeits nicht ent⸗ halten, einige Worte der Bitte hinzuzufügen. Mit einem Stäbchen ſchrieb ſie:„Lieber Gott, erhalte mir meine Kinder!“ Es war dies Alles wohl nur eine Spielerei, aber ſie zeigte doch, wie herzlich die ganze Familie einander 6⁵ liebte, und ich wollte ſie deßhalb nicht unerwähnt laſſen. Oft las Karl laut vor, und zwar immer gute, ein⸗ fache Bücher, die auf die Vergänglichkeit des Irdiſchen hindeuteten, und alles Heil allein in der Erkenntniß Gottes finden lehrten. Es wurde in der Hütte zuweilen auch geſungen,— man ſang im Garten, am Strande, auf dem See. Unſere Freunde ſangen, wie die Vögel, kunſtlos und einfach, nur um ihrer immer heiteren Stimmung einen Ausdruck zu geben. Sie lernten dieſe Geſänge von ihrer Mutter, die ſie einſt auf den Knieen ihres Groß⸗ vaters geſungen hatte. Es waren Bilder aus dem ländlichen Leben, Gebete des Schäfers, des Fiſchers, des Matroſen. Die Melodien, eben ſo einfach wie die Worte, paßten für wenig gebildete, aber reine und ſichere Stimmen. Oft wohl frug ſich ſtill ein Wandersmann, der auf der Landſtraße Abends vorüberging, und die rührende Harmonie hörte, ohne die Sänger zu bemer⸗ ken, ob vielleicht Engel dieß Ufer bewohnten, und was für lieblich⸗fromme, von weltlichen Liedern ſo ganz ver⸗ ſchiedene Geſänge dieß wären? 66 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Neue pläne. Bwei Jahre verſtrichen ſo, von denen jeder Tag Zeugniß von neuen Fortſchritten gab. Die Ländereien hatten ſich fortwährend vergrößert, indem Karl immer beſſer lernte, den Fluß zu beherrſchen, und ſeine Er⸗ oberungen durch immer feſtere und höhere Dämme zu ſchützen. Er entnahm aus dem See ſelbſt Waffen gegen ihn, indem er große Granitblöcke aus dem Waſſer wälzte, um einen Wall daraus zu errichten, an welchem die grimmigſte Wuth der Wogen zerſchellen mußte. Zwei zufällige Umſtände waren unſeren Anſiedlern äußerſt günſtig. Man beſſerte die Landſtraße aus, was die Wegſchaffung vielen Erdreichs zur Folge hatte. Karl bot ſogleich ſeine Uferſtrecke zum Ablade⸗Platze an, der Ingenieur ging darauf ein, und nun brauchte er nur die Stellen zu bezeichnen, wo man die Erde hinbringen ſollte. Dieß war für ihn eine gradezu vom Himmel gefallene Wohlthat, wie der Regen eine ſolche für den Gärtner iſt. Einige Zeit nachher wurde in der Nachbarſchaft ein Haus gebaut, und Karl zog von dieſem Umſtande den gleichen Vortheil. Der benutzbare Strand erreichte all⸗ mählig einen Flächeninhalt von nahe an dreitauſend Quadratfuß, und, was die Hauptſache war, er lag ſicher üͤber dem höchſten Waſſerſtande. 67 Die Wohnung wurde ebenfalls vergrößert. Eine zweite Hütte wurde neben die erſte gebaut, und man gewann dadurch zwei Stuben mehr. Auch die innere Einrichtung vervollſtändigte ſich durch den unabläſſigen Fleiß Karls. Er wurde Tiſchler, wie er früher Zim⸗ mermann und Maurer geweſen war. Er bekleidete ferner die Außenſeite der Hütte mit dünnen Brettchen, die er wie Fiſch⸗Schuppen über einander nagelte. Dieſe Einrichtung bewährte ſich als ganz vortrefflich, denn von dieſer Zeit an ließ die Hütte nichts zu wünſchen übrig. Im Sommer hielt ſie ſich kühl, im Winter warm. Im Innern wurden die Stuben gegipst, und in dieſer Weiſe vor Feuersgefahr behütet, was Alle ſchon längſt gewünſcht hatten. Ein hellgelber Anſtrich verlieh außerdem der äußeren Hütte ſowohl wie den Stuben ein freundliches Ausſehen, ohne daß es die Augen blendete, ſondern eher ihnen wohlthat. Mittlerweile gediehen in der Umgebung des Hauſes die Anlagen auf erfreuliche Weiſe; die Bäume und der Wein trugen Früchte. Man ſah dort auf engem Raume Feld, Obſtgarten, Gemüſe⸗ und Weinbau, und ſogar noch ein kleines Gehölz am Ufer des Sees. Alles ſtand ein wenig gedrängt an einander, man hatte keinen Zoll breit Erde verloren, aber die vollkommenſte Ord⸗ nung nahm den Anpflanzungen das Anſehen von Ueber⸗ ladenheit⸗ und ihr fröhliches Gedeihen erfreute das uge. Wenn gleich die Bedürfniſſe der Familie mit dem Alter der Kinder zunahmen, ſo wuchſen doch auch zu⸗ gleich ihre Kräfte und ihre Klugheit, und die frühere Armuth machte allmählig einer gewiſſen Wohlhabenheit Platz. Andreas zeigte ſich als ein ſehr gelehriger und 5 25 68 eifriger Schüler ſeines Bruders; Iſabelle beſorgte die Wirthſchaft, und die gute Mutter konnte ihrem Spinn⸗ rade getreu bleiben. Julie herrſchte im Geflügel⸗Hofe, und machte ſich außerdem mit hunderterlei anderen klei⸗ nen Geſchäften zu ſchaffen. Der See ergänzte, was fürerſt die Erde an Hülfsquellen verſagte. Karl und Andreas hatten mit ihrem Boote eine beträchtliche La⸗ dung Wein gerettet, die ein Winzer vom anderen Ufer des Sees herüber brachte, und wurden von dieſem Manne gedrängt, einen Beweis ſeiner Dankbarkeit an⸗ zunehmen. „Gut denn,“ ſprach endlich Karl nach längerem Weigern,—„man ſagt, daß auf Ihrem Ufer drüben Bretter und Bauholz billiger, als auf unſerem ſeien! Verſchaffen Sie uns das Holz zu einem neuen Kahne, und beſtimmen Sie dann ſelber den Preis dafür.“ Der ehrliche Winzer ſagte zu, und acht Tage ſpäter brachte er eine reichliche Ladung Kernholz, ohne einen Pfennig dafür anzunehmen, weil er unſeren Freunden noch viel mehr zu ſchulden glaubte. Noch in demſelben Jahre bauten Karl und Andreas ein neues Boot, takelten es mit dem ſelbſtgewonnenen Hanf, welcher Stricke und Segel lieferte, auf, und von Stund an konnten ſie wöchentlich mehrmals Fiſche verkaufen, welche ſie in von der Mutter und ihren Schweſtern geſtrickten Netzen fingen. 69 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein erfüllter Wunſch. Obwohl man den Fluß und den See nahe genug hatte, wurde doch bedauert, daß man nicht einen or⸗ dentlichen Brunnen beſaß. Das Flußwaſſer trübte ſich bei jedem heftigen Regenguſſe und der See bei jedem ſtarken Winde. Karl, aufmerkſam auf Alles, was die Natur ihm darbot, hatte ſchon lange bemerkt, daß der untere Theil der Wieſe ſeines Nachbars augenſcheinlich die Anweſenheit einer verborgenen Quelle verrieth. Wie⸗ der ein vergrabener Schatz, den er heben zu dürfen bat. Man bewilligte mit Vergnügen ſeinen Wunſch, denn ſein Beſchützer zeigte ſich noch immer ſo wohl⸗ wollend, wie im Anfange der Bekanntſchaft. Sofort gingen die beiden jungen Leute an das Werk, und be⸗ gannen ihre Unterſuchungen. Sie bauten eine Waſſer⸗ leitung aus Steinen und Lehm, bedeckten ſie mit Moos und Zweigen, und leiteten das Waſſer der Quelle bis an ihre Hütte, vor deren Thür ſie den Brunnen aus⸗ gruben. Die Einweihung deſſelben war ein frohes Feſt. Iſabelle und Julie bekränzten den Brunnenrand mit friſchen Blumen; und als das Waſſer floß, tanzten ſie fröhlich im Kreiſe darum. »Fließe, hübſcher Brunnen,“ ſagte Iſabelle,„fließe noch lange für die Mutter, die Brüder, die Schweſtern, und ſei immer geſegnet!« 70 Das Waſſer war friſch und gut, und ſein Gemur⸗ mel tönte lieblich in das Ohr unſerer Anſiedler. Oft horchten ſie auf ſein ſanftes Rieſeln und Plätſchern, wenn der ſchlummernde See und die regungsloſen Blät⸗ ter blos deßhalb zu ſchweigen ſchienen, um ebenfalls dieſen Tönen zu lauſchen. * Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Eine ſchmerzliche Trennung. Es war im April, und Karl beſchäftigte ſich da⸗ mit, ſeine Pfirſich⸗ und Aprikoſenbäume zu beſchneiden, als Herr Meißner an der Ecke erſchien, und ihn zu ſich heran wickte.. „Mein Freund,“ ſagte der würdige Greis,—„ich bin im Begriff, zu verreiſen, und vielleicht auf lange Zeit. Aber beunruhigen Sie ſich deßh nicht. Ich habe Befehl gegeben, daß man Sie auf keine Weiſe beläſtigen ſoll. Fahren Sie alſo muthig und beharrlich, wie bisher, in Ihren Arbeiten fort, und ſein Sie ver⸗ ſſichert, daß Alles recht gut gehen wird! Adieu, mein Freund!“« Mit dieſen Worten drückte er herzlich Karls Hand, und entfernte ſich, nachdem er gütig einige Aeußerungen 5 Dankes und des Bedauerns von Karl angehört atte.. 71 Die Nachricht von der Abreiſe Hen Preſſnen ver⸗ urſachte große Aufregung in der Hütte. »Er geht,“ ſagte die Mutter,„und der Intendant hat nun völlig freie Macht üͤber uns. Wenn er ſeine böſen Abſichten nicht einmal während der Anweſenheit des Herrn verhehlt hat, was läßt ſich erwarten, wenn dieſer fern iſt? Wenn wir nur irgend einen Vertrag hätten! Ich möchte lieber Pächter unſeres Grundſtuͤckes ſein, und ſelbſt einen hohen Pacht bezahlen, als es ſo unentgeldlich aber auch ohne alles Recht beſitzen. Kennt Herr Meißner ſeinen Diener ſo wenig, um uns gänz⸗ lich ſeiner Gnade zu uͤberlaſſen? Ach, Karl, wenn du noch vor der Abreiſe zu Herrn Meißner gingeſt! Viel⸗ leicht gelänge es dir, ihn zu bewegen, unſere Lage ſicher zu ſtellen!“ Karl war ſogleich bereit, den Wunſch der Mutter zu befriedigen. Er ging; aber in demſelben Augen⸗ blicke, wo er ankam, fuhr der Wagen des Herrn fort. Der Greis bemerkte ihn zwar, und winkte ihm ein Lebewohl mit der Hand zu, aber der Wagen hielt nicht an, ſondern ſauste im Galopp davon. Dieſe Vereitelung ihrer Hoffnungen betrübte die Mutter tief. „Er hat uns verlaſſen,“ ſagte ſie,—„aber,“ fügte ſte muthiger hinzu,—„der Herr, unſer Gott, bleibt uns. Muth, meine Kinder! Wir wollen dem Inten⸗ danten alle mögliche Ehrerbietung zeigen, und vielleicht gelingt es uns dann, Schutz und Gerechtigkeit zu er⸗ langen.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Intendant. Nicht lange dauerte es, ſo mußten die armen Bodry's ſchon empfinden, daß ſich ihre Lage weſentlich verändert, und ſie durch die Abreiſe ihres Wohlthäters viel ver⸗ verloren hatten. Ungeachtet aller Vorſicht wurden ſie doch das Ziel der Verfolgungen von Seiten des In⸗ tendanten. Immer wußte er ihnen etwas vorzuwer⸗ fen; bald hatten die Hühner Rabatten zerkratzt, wo er koſtbaren Samen geſäet, und bald hatte der Hund während der Nacht gebellt, oder die Katze genaſcht. Eines Tages fand Karl den Intendanten am Ufer, wo er Alles mit der Miene eines Inſpektors beſich⸗ tigte, der ſeine amtliche Runde macht. Der junge Mann zeigte ſich übrigens nicht empfindlich darüber, ſondern grüßte höflich, und fragte nach Herrn Meißner. „Er hat mir keine Grüße an Sie aufgetragen,“ erwiederte der hochmüthige Menſch mit Härte. Karl entfernte ſich ſchweigend, ließ den Intendan⸗ ten ſeine Beſichtigung beendigen, und kehrte tief ge⸗ kränkt nach Hauſe zurück.— 1 „Geduld, mein Kind,“ ſagte Suſanne zu ihm. „Bis jetzt hat man uns wenigſtens nichts zu Leide ge⸗ than, und wir müſſen eben Alles ertragen, was irgend zu ertragen iſt.“ Während die Mutter dieſen vernünftigen Rath er⸗ theilte, gab es draußen ſchon einen Widerſpenſtigen, 73 und zwar den treuen Kantal, der von Anfang an über das dreiſte Eintreten des Intendanten geknurrt hatte, und ihn ſehr übler Laune mit den Blicken auf Schritt und Tritt folgte. Seine Geduld ging vollends zu Ende, als der Intendant nach der Entfernung Karls ſich dem Geflügelhofe näherte, und ſeine Hand auf den Holz⸗ riegel deſſelben legte. Er fing furchtbar an zu bellen, ſchnappte zu, und biß den Herrn Intendanten ſo derb in die Beine, daß er laut aufſchrie. „Verfluchtes Thier!“« rief er, und gab Kantal einen mörderlichen Fußtritt... Der arme Hund heulte jämmerlich, und Karl, wel⸗ cher ſchnell herbeieilte, durfte ihn nicht einmal rächen, um den boshaften Menſchen nicht noch ärger zu reizen. Er züchtigte den Pudel, legte ihn an die Kette, und ſuchte den Vorfall zu entſchuldigen. 1 »„Schon recht,« ſagte der Intendant.„Die Beſtie hat ihr Theil, und wird nicht wieder beißen.“ Kantal, welcher einen Fehler begangen zu haben glaubte, während er doch nur ſeine Pflicht erfüllt hatte, legte ſich von jener Zeit an ſtets vor ſeine Hütte, wenn der Intendant erſchien, ſah ihn jedoch immer nur von der Setre an und ſein Groll dauerte fort. Die Katze war Zeugin der eben erzählten Scene geweſen, und hatte ſich bei dem Spektakel auf die Dach⸗ firſte geflüchtet; und ſonderbar, ſo oft ſie ſpäter Kan⸗ tal den Rückzug nehmen ſah, ſprang ſie ſtets wieder auf das Dach, und beobachtete von da mit halb ge⸗ ſchloſſenen Augen ſeinen Feind, bis derſelbe ſich wieder entfernte. Unſere Anſiedler am Strande ſprachen viel über das Benehmen des Aufſehers, und über das Verhalten, 1 74 das man gegen ihn beobachten wollte, um ihn ſich zum Freunde zu machen. „Er ißt vielleicht gern etwas Gutes,“ ſagte eines Tages Iſabelle;„wir wollen das Beſte in unſerem Garten pflücken, und ihm ein Geſchenk damit machen.“ „Du haſt recht,“ ſagte Julie,—„vielleicht kann man ihn auf dieſe Weiſe beſänftigen, im Fall er zu den Leuten gehört, die ſich beſtechen laſſen, um kein Unheil zu ſtiften.“ „Wohlan, verſuchen wir es,« ſprach die Mutter. „Wir haben eben eine ſchöne, reife Melone, Andreas ſoll ſie ihm bringen.“ So ungern der Knabe dieſen Auftrag erfüllte, bot er doch höflich ſeine Gabe an. Aber mit Verachtung wies der Intendant das Geſchenk zurück und, Andreas höhniſch anblickend, ſagte er:„Was ſoll ich mit dem Bettel? Meine Melonen ſind weit ſchöner. Packe dich!« Zornig kam Andreas zurück, und die Mutter mußte wieder einmal ſehr zur Geduld ermahnen. „Ich glaube,“ ſagte Iſabelle kurze Zeit darauf, daß der Herr Intendant gern Fiſche ißt, denn er hat mir öfters welche abgekauft, auch wenn ſein Herr nicht zu Hauſe war.“ „Gut, verſuchen wir es auch damit,“ ſprach Frau Suſanne.. Einige Tage ſpäter fingen Karl und Andreas einen ausgezeichnet ſchönen Hecht, und übergaben ihn Iſabel⸗ len, um ihn dem Intendanten zu bringen. War nun dieſer heute in beſſerer Laune, oder ſchien ihm das Ge⸗ ſchenk werthvoller, als die Melone, genug, er nahm den Hecht an, und gönnte Iſabellen ſogar ein gnädiges ₰ 75⁵ Lächeln, als ſie ihm ſchüchtern ihre Verbeugung machte, und ſich ſehr erfreut entfernte. Andreas theilte indeß ihre Gefühle nicht. »Ich weiß nicht, was es da zu freuen gibt!« ſagte er.„Einem ſo ſchlechten Menſchen einen ſo ſchoͤnen Fiſch! Mich ärgert's!“ „Ruhig, Kind!« ermahnte die Mutter.„Es iſt beſſer, ein kleines Opfer zu bringen, als Alles zu ver⸗ lieren!« Von jenem Tage an empfing der Herr Intendant allwöchentlich den ſchönſten Fiſch, der in das Netz ging. 4 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Mißbrauch der Stärke. Dieß war ein ſehr läſtiger Tribut für die armen Leute, und dennoch würden ſie ganz zufrieden geweſen ſein, wenn ſie um dieſen Preis allen Bedrückungen ein Ende gemacht hätten, oder wenn der Intendant nur immer zufrieden geweſen wäre, und ihre Geſchenke dankbar angenommen hätte. Aber dieß war nicht der Fall. Im Gegentheil; nach einiger Zeit ſchon betrach⸗ tete er den Tribut als eine Pflicht der Armen, und wurde immer begehrlicher. Bald war ihm der Fiſch zu klein, bald war es nicht die rechte Art,— kurz, er hatte immer zu mäkeln. 76 Eines Tages rief er Karl, der fleißig im Garten arbeitete, über die Hecke zu:„Ich habe heute Freunde bei Tiſche, und muß ein gutes Gericht Fiſche haben! Hörſt du?« Karl fühlte ſich über dieſe Anmaßung ſehr gekränkt, legte jedoch den Spaten nieder, rief Andreas, und ging mit ihm auf den Fiſchfang aus. Leider fingen ſie nur Gründlinge, und nicht einmal ſonderlich große. Karl ſchickte ſie durch ſeine Schweſter hinüber, und ließ ſich entſchuldigen, daß er nichts Beſſeres gefangen habe. Am nächſten Tage empfing er heftige Vorwürfe. „Hätten Sie mir's früher geſagt, mein Herr, würde ich mich beſſer vorgeſehen haben,“ erwiederte Karl. 8„Nun denn,“ ſagte der Intendant,„dem muß ein Ende gemacht werden. Ich werde einen Fiſchkaſten be⸗ ſorgen, und Sie werden ihn mit Fiſchen verſehen, die ich nach meiner Bequemlichkeit herausnehmen kann.“ Der Fiſchkaſten wurde wirklich beſorgt, und die Fa⸗ milie Bodry war von Neuem dem Herrn Intendanten tributpflichtig. Da er den Fiſchkaſten fleißig benutzte, war die Lieferung der Fiſche wahrlich keine geringe Laſt. Wenn er unſeren Freunden nur wenigſtens die Freiheit gelaſſen hätte, zu thun, was ſie wollten! Aber nein! Der boshafte Menſch miſchte ſich in Alles, ta⸗ delte, was er ſah, und gab ſich ganz den Anſchein, als wenn er mit Untergebenen zu thun hätte. Wollte Karl Bäume ausputzen, deren zu dichte Zweige ſeinen Pflan⸗ zungen das Licht entzogen, ſo ſagte er:„Rühren Sie ſie nicht an!«— Wollte er einen neuen Damm zie⸗ hen, um ſich noch beſſer gegen den Fluß und den See zu ſchuͤtzen, ſo ſchalt der Intendant ſein Ungeſchick, 77 oder meinte, es ſei jetzt keine paſſende Zeit zu der⸗ gleichen, oder befahl ihm, ſich ſein Bau⸗Material wo anders her zu verſchaffen. Es half nichts, daß Karl ſich auf ſeinen Wohlthäter berief. Der Intendant wies ihn barſch zurück, indem er ſagte:„Herr Meißner ver⸗ ſteht das nicht! Ich aber bin da, um ſeinen Vortheil wahrzunehmen!“ 1 »Nun gut denn,“ ſprach Karl eines Tages, da ihm endlich die Geduld ausgegangen war,— p„ſagen Sie, was ich Ihnen jährlich bezahlen ſoll, und wir wollen einen Vertrag abſchließen. Nachher aber laſſen Sie mich gefälligſt ohne Tadel und Störung pflegen und erhalten, was ich ohne irgend welchen Beiſtand ge⸗ ſchaffen habe!“ »Oho, Bürſchchen!“ rief der Intendant.„In was für einem Tone ſagen Sie mir das? Nehmen Sie ſich in Acht! Sie werden hier nur geduldet, und ich rathe Ihnen daher, etwas höflicher zu ſein, Sie— Naſeweiß!« Karl mußte dieſe Beſchimpfung ſtillſchweigend hin⸗ nehmen. »Mutter,“ ſagte er ſeufzend, als er nach Hauſe kam,—„man will mir beweiſen, daß dein Mißtrauen nicht ohne Grund geweſen iſt. Aber wer hätte eine ſolche Bosheit für möglich gehalten?« 78 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der Undankbare. Aber wer war denn nun eigentlich dieſer Mann, der unſere armen Anſiedler verfolgte und bedrückte. Georg Krawell, in Dürftigkeit geboren, dankte Alles der Güte ſeines Gebieters, dem er ſo wenig ähnelte und ſo ſchlecht diente. Er vergaß, oder vielmehr, er hatte nie gefühlt, was man Gutes für ihn gethan hatte. Unſere armen Freunde haßte er, weil ſie ſich mit eigener Kraft durch Fleiß und Anſtrengung aus einer traurigen Lage empor gearbeitet hatten, und noch manches Mal ſollten ſie ſchwer dieſen Haß empfinden. Sei es nun, daß der Intendant plötzlich Geſchmack am Fiſchfange gefunden hatte, oder daß er Mißtrauen gegen ſeine Lieferanten hegte, genug, er ſah auf ein⸗ mal die Reuſen ſelber nach, indem er dabei ohne Um⸗ ſtände Karls Kahn in Beſchlag nahm. Indeß war er weder ſehr ſtark, noch auch ſehr geſchickt, und eines Tages, als er eine Reuſe aufhob, wurde er plötzlich von ihrem Gewichte niedergezogen, und fiel mit dem Kopfe voran in das Waſſer. Es war an dieſer Stelle tief, und der Herr Intendant konnte nicht ſchwimmen. Mühſam kämpfte er ſich wieder in die Höhe, als der wachſame Kantal zu bellen anfing. Karl lief herbei und kam grade hinzu, als der Intendant wieder unter⸗ ſank. Ohne ſich zu beſinnen, in ſeinen Kleidern, ſchweiß⸗ bedeckt, warf er ſich in das Waſſer, ſchwamm zur Stelle, erreichte den Verunglückten, faßte ihn bei den Haaren, und rettete ihn ſchwimmend an das Ufer, da der Kahn in Folge des empfangenen Stoßes nicht mehr zur Hand war. Der Intendant hatte die Beſinnung verloren, aber die ſorgfältigen Bemühungen der Mutter und Karls riefen ihn bald in’s Leben zurück. Wieder zu ſich ge⸗ kommen, ſtammelte er einige Worte des Dankes, und entfernte ſich ſehr verwirrt und beſtürzt. Wenn er wirklich einige Dankbarkeit empfunden hatte, ſo hielt dieß Gefühl nicht lange vor. Schon wenige Tage nachher ſchien er den ganzen Vorfall ver⸗ geſſen zu haben, und zeigte ſich noch härter und zank⸗ ſüchtiger als zuvor. „Er will dich deine Wohlthat gereuen machen!« ſagte Andreas zu Karl.. »Nun denn, das wird ihm nicht gelingen!« erwie⸗ derte dieſer. Nur einen einzigen Vortheil zogen unſere Freunde aus dem Ereigniſſe: der Herr Intendant rührte die Reuſen nicht wieder an. Ob dieſes aber aus Zart⸗ gefühl oder nur aus Furcht vor einem neuen Unfalle geſchah, nun, das wird dem freundlichen Leſer ſicher nicht zweifelhaft ſein. 80 Dreißigſtes Kapitel. UNeue Forderungen. Der Intendant zeigte ſich in der That jeden Tag ungerechter und unverſchämter. Er hatte einen Zehn⸗ ten auf den Fiſchfang gelegt, bald fing er an, auch die Anpflanzungen zu beſteuern, und es war klar genug, daß es nur geſchah, am ſeine Nachbarn zu ärgern, da er ja auf dem Beſitzthume ſeines Herrn Alles im Ueber⸗ fluſſe beſaß. Die Art und Weiſe, wie er dieſen Tri⸗ but erhob, den er das Herrenrecht nannte, war noch abſcheulicher, als die Sache ſelbſt. Er trat ohne Um⸗ ſtände in den Garten, ging darin ſpazieren, wie um unſere Anſiedler zu verſpotten, und pflückte, ohne ihnen ein Wort zu ſagen, die beſten Früchte und Gemüſe ab. Hatten die Armen etwas recht Auserleſenes gezogen, und glaubten ſie den Augenblick gekommen, der ihre Mühe belohnen ſollte, ſo ſchritt der Herr Intendant daher, und nahm ihnen ihr Eigenthum vor ihren Augen weg. Er glaubte ihnen eine Gnade zu erweiſen, wenn er ihnen nur irgend Etwas ließ. „Meine armen Fiſche!“ ſagte Karl. „Mein ſchöner Blumenkohl!“ rief Andreas zornig. Auch Iſabelle und Julie wurden nicht geſchont. Der Intendant nahm ſeinen Theil vom Geflügel und von den Eiern, wie ein gieriger Raubvogel. Da floſſen Thränen, und die Mädchen waren nicht minder betrübt, als ihre Brüder.. 81 Die arme Suſanne hatte genug zu thun, um Troſt einzuſprechen.„Obgleich uns dieſer Mann viel Böſes zufuͤgt, liebe Kinder,« ſagte ſie,—„obgleich er von der Hölle ſelber getrieben zu werden ſcheint, uns zu ſchaden und zu verderben, ſo dürft ihr euch doch nicht dem Zorne hingeben. Haſſet ihn nicht, fluchet ihm nicht! Denkt an unſeren Erlöſer, und erinnert euch, daß Er am Kreuze unendlich viel mehr gelitten hat, als wir!« So ermahnte die fromme Mutter ihre Kinder. Ein anderes Mal, nach einem Tage, den die Bosheit des Intendanten noch mehr als gewöhnlich verdüſtert hatte, ſprach ſie:„Unſer ſtilles Glück iſt geſtört, aber auch die Widerwärtigkeiten werden vorübergehen, wenn wir nur recht Geduld haben. Scheltet die Ruthe nicht, die euch züchtigt. Der Unglückliche, welchen Gott zu ſeiner Geißel wählt, iſt mehr zu beklagen, als der, den die Geißel trifft. Bitten wir Gott um Barmherzigkeit, und vergeſſen wir nicht, auch unſere Verfolger in unſer Ge⸗ bet einzuſchließen.“ Die Worte der Mutter goſſen Balſam in die ver⸗ wundeten Herzen, und gaben ihnen Kraft und Muth, neuen Widerwärtigkeiten entgegenzutreten. Wohl bedurften ſie deſſen, denn der Feind ſtellte ihnen unaufhörlich nach, bis Karl endlich ſagte:„Ich weiß, daß man Beleidigungen vor Allem Geduld ent⸗ gegenſetzen ſoll, aber, wenn es rechtmäßige Mittel zur Beſeitigung des Uebels gibt, ſo darf man ſich ihrer be⸗ dienen. Gott kann nicht wollen, daß ſeine ſchöne Erde den Böſen zum Raube gelaſſen werde. Dieſer Mann thut ſich ſelbſt, wie du ſagſt, Mutter, mehr Schaden, als uns,— nun denn, verſuchen wir, ihn daran zu Die Anſiedler. 6 82 hindern, indem wir uns an ſeinen Herrn wenden. Wenn unſer guter Nachbar wüßte, was wir erdulden müſſen, er würde ſehr unwillig darüber ſein. Wir wollen ihn aufklären, denn wir ſind ihm eben ſo wohl die größte Offenheit, wie Achtung und Liebe ſchuldig.“ „Aber wie willſt du ihn benachrichtigen?« „Ich werde ihm ſchreiben!“ „Sei nicht vorſchnell, Karl,“ warnte die Mutter. „Wenn es mißlingt, werden wir noch ſchlimmer daran ſein, als bisher, und der Intendant wird nichts mehr ſchonen, wenn er von Rachſucht erfüllt iſt!“ Man geduldete ſich noch eine Zeit lang; aber end⸗ lich wurden die Bedrückungen ſo arg, daß ſelbſt Su⸗ ſanne ihre Lage unerträglich fand. Der Intendant ver⸗ folgte ſeine Opfer bis in ihre Hütte, und gönnte ihnen keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht. Manch⸗ mal kam er am Abend, ſtörte unſere Freunde beim Abendbrod, ſelbſt beim Gebete, und unterbrach oft eine friedliche Unterhaltung, um launenhafte Befehle zu er⸗ theilen. Auf ſolche Weiſe begannen ſchon die Sorgen um den kommenden Tag, ehe nur die Laſten des gegen⸗ wärtigen vergeſſen waren. Die armen Leute kannten den ſüßen Frieden, der früher ihre Leiden erleichtert hatte, ſchon lange nicht mehr. Endlich ertheilte die Mutter ihre Erlaubniß zum Schreiben, und Karl ver⸗ faßte folgenden Brief, den er am Abend der verſam⸗ melten Familie vorlas. Hochgeehrter Wohlthäter! Entſchuldigen Sie meine Freiheit, Ihnen zu ſchrei⸗ ben, nachdem ich vier Jahre bei Ihnen gewohnt habe, ohne ein Wort der Bitte an Sie gewagt zu haben. Als Sie noch hier waren, bedurfte es deſſen nicht, 8³ denn Sie erriethen alle unſere Bedürfniſſe und Wünſche. Sie glauben ohne Zweifel, daß wir noch in denſelben Verhältniſſen leben wie damals, aber ach, unſere Lage hat ſich ſehr verändert. Ihre Gegenwart war für un⸗ ſer Glück nothwendig: unter Ihren Augen entſtand es, ohne Sie wird es untergehen. Sie ertheilten vor Ihrer Abreiſe Befehle, die unſere Zukunft ſichern ſollten, aber man hat dieſen Befehlen nicht gehorcht. Ich bedaure, Ihnen das ſagen zu müſſen, aber ich bin Ihnen vor Allem Wahrheit und Aufrichtigkeit ſchuldig. Der Herr Intendant hat uns viel Böſes zugefügt. Er geſtattet mir nicht mehr, den Strand nach Ihren Anſichten und meinen Wünſchen zu bebauen und zu verbeſſern. Und doch habe ich Ihre Abweſenheit keineswegs dazu be⸗ nutzt, um etwas gegen Ihren Vortheil zu thun, ſon⸗ dern ich wachte, wie ſonſt, über unſere kleine Beſitzung. Ihr Intendant widerſetzt ſich Allem, was ich beginne, und hindert mich unaufhörlich. Wir erkannten ſeine Abneigung gegen uns gleich nach Ihrer Abreiſe. Um ihn freundlicher zu ſtimmen, ſchenkten wir ihm einige Mal Fiſche. Bald darauf verlangte er dieß als eine Pflicht, und nachher hat er immer mehr und mehr ge⸗ fordert. Von Allem, was wir in unſeren Netzen fan⸗ gen, von Allem, was auf unſerer Pflanzung wächst, von Allem, was wir auf unſerem Hühnerhofe ziehen, gehört nichts mehr uns. Wir ſind in unſerer Hütte nicht mehr ſicher, denn der Intendant dringt ſogar zu ganz ungehörigen Stunden bei uns ein, um auf uns zu zanken, uns zu beleidigen, und uns launenhafte Be⸗ fehle zu ertheilen, ohne dabei je Vernunft und Gerech⸗ tigkeit zu Rathe zu ziehen. Mit einem Worte, lieber Herr, wir ünd eben ſo 84 bedrückt in ihrer Abweſenheit, als wir glücklich bei Ihrer Gegenwart waren, und wir bitten Gott, daß er Sie zu uns zurückführen, oder dem Herrn Intendanten Ihre Freundlichkeit und Güte einflößen möge. Ein ſolches Wunder iſt aber freilich nach allen vergeblichen Ver⸗ ſuchen, den Herrn Intendanten geneigter zu machen, nicht mehr zu hoffen, und ſo flehen wir denn demüthig, daß Sie kommen und uns helfen möchten. Wir beten zu Gott, daß er Sie Ihren Freunden, und beſonders auch uns unglücklichen Anſiedlern erhalten möge, die Ihres Beiſtandes ſo ſehr bedürftig ſind!“ Iſabelle fand dieſen Brief ſehr ſchön, und zweifelte nicht am herrlichſten Erfolge.„Nur die Adreſſe des Herrn fehlt noch,“ ſagte Suſanne.„Den Intendanten dürfen wir, da wir uns über ihn beklagen, natürlich nicht fragen, und auch ſonſt im Hauſe keine Erkundi⸗ gungen einziehen, weil er es ſogleich erfahren und Arg⸗ wohn ſchöpfen wuͤrde. Aber Karl mag auf die Poſt gehen, und dort hört er vielleicht, wo Herr Meißner ſich aufhält.“ Dieß geſchah, und in der That erhielt Karl die Adreſſe, ſo daß der Brief fortgeſchickt werden konnte. Man hätte glauben mögen, daß der Intendant eine Ahnung von dem baldigen Ende ſeiner Herrſchaft habe, denn er behandelte unſere Freunde ſchlechter als jemals. Ihrerſeits ertrugen ſie alle Beleidigungen mit immer gleicher Geduld, da ſie auf eine baldige Befreiung hoff⸗ ten. So gefühllos der Intendant auch war, mußte er ſich doch wundern, wie viel Unwürdiges ſeine armen wanhien hinnahmen, ohne ſich irgend dagegen aufzu⸗ ehnen Eines Abends trat er plötzlich in die Hütte, und 8⁵ ſagte mit einem grauſamen Lächeln zu Iſabelle:„Heda, kleine Schäferin, ich habe einige Freunde zu bewirthen, und bedarf eines Bratens, der mir Ehre macht und ihnen behagt. Du haſt ein Lamm; gib ihm noch ein⸗ mal tüchtig zu freſſen, denn es iſt ſeine Henkersmahl⸗ zeit; morgen hole ich das Thier ab.« Der Schlag traf hart; und der böſe Menſch freute ſich noch darüber, daß er den Armen für die nächſte Nacht den ruhigen Schlummer geſtohlen hatte. Die beiden Schweſtern brachen in Thränen aus, und Julie, alles Uebrige vergeſſend, warf ſich dem Tyrannen zu Füßen, und flehte ſein Mitleideu für das Lämmchen an, das ſo niedlich, ſo ſanft war, und erſt heute noch ein hübſches Halsband bekommen hatte. Andreas ſtand in einem Winkel, und ächzte vor Zorn; Karl blickte auf ſeine Mutter. Der Barbar aber blieb ungerührt. »Still da!« ſagte er.„Kann man denn nichts gut⸗ willig von Euch bekommen? Bezahlt Ihr etwa zu theuer, was man Euch hier ärndten läßt? Aber nur Geduld! Dieß iſt nur der erſte Tribut aus Eurem Schafſtalle, und es ſoll nicht der letzte ſein. Tröſte dich, mein Kind! Das Lamm wird gebraten werden, und ſo ſeine Beſtimmung erfüllen.“ Nach dieſen Worten ging der Intendant fort. Die Mutter verſuchte ihre Kinder zu beruhigen. Sie ſagte: „das Lamm iſt ſehr huͤbſch, man kann es nicht läugnen, und überdieß grade an Julie's Geburtstage geboren, weß⸗ halb es auch ihr gehören ſollte,— aber bei alledem dürfen wir eben jetzt nicht die Geduld verlieren, wo wir jeden Augenblick den Beiſtand unſeres Wohlthäters erwarten können. Die Gerechtigkeit, die er uns erzei⸗ gen wird, will verdient ſein!« 86 Dieß waren weiſe Worte, und die rührende Stimme der Mutter verlieh ihnen große Kraft, aber zum Un⸗ glück blökte grade das Lamm, und dieſes Blöken machte ſogleich Alles vergeſſen, was ſie geſagt hatte. Neue Thränen floſſen, und nach einigen Augenblicken ſtum⸗ men Schmerzes ſagte Karl: „Das Unglück, das wir heute ſchon beweinen, kann uns erſt morgen treffen, und wir wiſſen noch nicht ein⸗ mal, ob der Intendant ſein böſes Vorhaben auch aus⸗ führen wird. Morgen in aller Frühe werde ich nach der Stadt gehen und mich erkundigen, ob kein Brief eingelaufen iſt. Ehe der Intendant aufſteht, kann ich wieder zurück ſein, und vielleicht komme ich mit Nach⸗ richten, die noch im letzten Augenblicke das Opfer den Händen des Henkers entreißen. Alſo Muth!“ So ſchwach dieſe Hoffnung war, wurde ſie doch mit Begierde ergriffen, und man verbrachte die Nacht wider Erwarten ziemlich ruhig. Noch vor Anbruch des Tages ging Karl fort, und bald nachher ſtellten ſich die beiden Schweſtern auf dem Wege nach der Stadt auf, während Andreas den Fubßſteig beobach⸗ tete, auf welchem der Intendant zu kommen pflegte. „Da iſt er!«“ rief Julie nach einer Weile bangen Harrens. Sie erkannten Karl auf der Stelle, obgleich er noch ziemlich weit entfernt war. Einen Augenblick ſpäter rief auch Andreas:„Hier kommt er!“ und deutete auf den Intendanten, der hinter den Geſträuchern her⸗ vorkam. Andreas rannte nach der Landſtraße, und winkte ſeinem Bruder, ſich zu beeilen. „Er kommt! Er läuft!« rief er froͤhlich.»Und 87 gewiß bringt er gute Nachrichten, denn er ſchwenkt luſtig den Hut in der Luft!« Mittlerweile hatte ſich aber der Intendant ſchon ſo weit genähert, daß Gefahr vorhanden war, er würde das Lamm entführen, ehe Karl anlangte. Iſabelle ging ihm daher entgegen, und um ihn ein wenig aufzuhal⸗ ten, redete ſie ihn an. »Sie haben nur an den Braten gedacht, Herr In⸗ tendant,“ ſagte ſie,—„aber ſehen Sie her, hier ſind Pfirſichen, die Ihrer Tafel ebenfalls Ehre machen würden.“ „In der That, du haſt recht,« antwortete der Menſch, ganz erſtaunt über ihre Zuvorkommenheit. „Greifen wir zu!“ Und ohne Umſtände machte er ſich daran, die Pfir⸗ ſiche abzureißen. Mittlerweile eilte Karl herbei, hatte aber nicht Zeit, ſeinen Brief vorzuleſen, denn der Intendant näherte ſich mit vollen Taſchen, und ſagte barſch zu Iſabellen: „Geſchwind, laß das Lamm heraus!« »Nichts da!“ fiel Karl jetzt heftig ein.„Sie wer⸗ den es nicht bekommen!“ »Nicht? Das wollen wir doch ſehen!“ ſagte der Intendant brutal, und machte Miene, den Stall auf⸗ zubrechen. Aber Karl ſtellte ſich ihm in den Weg. „»Kennen Sie dieſe Handſchrift, Herr?« fragte er, und zeigte ihm die Adreſſe des empfangenen Briefes. Der Intendant erſchrak: er erkannte die Handſchrift ſeines Gebieters. „Nun denn,« fuhr Karl fort,—„hört es Alle, auch Sie, Herr, hören Sie: ich habe mich bei Herrn Meißner über Sie beklagt, und dieß iſt ſeine Antwort.“ 88 Er las: Mein lieber Nachbar! Ich würde mehr von Ihrem Briefe überraſcht geweſen ſein, wenn ich nicht ſchon von anderer Seite her Nachrichten empfangen hätte, welche alle Ihre Klagen beſtätigen. Es iſt faſt un⸗ glaublich, daß mein Intendant ſeine Pflichten und meine Befehle ſo weit vergeſſen konnte, und ich finde es unter dieſen Umſtänden ſehr ehrenwerth von Ihnen, daß Sie mir einen Umſtand verſchwiegen, welchen Herr Krawell mich nicht durch Andere hätte ſollen erfahren laſſen. Ich weiß, daß Sie ihm das Leben retteten, und dieſer Thatſache gegenüber iſt ſein Betragen um ſo empörender und undankbarer. Seine Beſtrafung be⸗ halte ich mir vor; er mag indeſſen ſein Unrecht gut zu machen ſuchen. Nächſten Monat hoffe ich Sie wieder⸗ zuſehen, und aus Ihrem Munde werde ich dann erfah⸗ ren, ob ein Brief an den Intendanten, welcher mit die⸗ ſem zugleich abgeht, ſeine Wirkung gethan hat.“ Man kann ſich denken, welchen Eindruck dieſes Schreiben auf alle Zuhörer hervorbrachte. „Hier iſt der Brief, den Herr Meißner erwähnt,“ ſagte Karl nach einer Minute tiefen Schweigens.„Ich habe ihn von der Poſt gleich mitgebracht.“ Der Intendant, bleich vor Zorn und Verwirrung, nahm ihn in Empfang, drehte der Familie den Rücken zu, und erbrach das Siegel. Als er ſich hierauf ent⸗ fernte, ſah man wohl an ſeinem Benehmen, daß ihm die empfangenen Nachrichten nichts weniger als ange⸗ nehm waren, und Iulie rief freudig aus:„Mein Lämmchen iſt gerettet.“ Einunddreißigſtes Kapitel. Wechſel des Schickſals. Noch am nämlichen Abende kam der Intendant in die Hütte, aber er zeigte ſich bei dieſem Beſuche eben ſo demüthig, als er früher ſtolz und hochmüthig ge⸗ lüeſen war. Er brachte einen mit Pfirſichen gefuͤllten orb. „Liebe Iſabelle,“ ſagte er mit erzwungenem Lächeln, —„zwölfe nahm ich Ihnen, hier ſind vierundzwanzig zurück. »Alſo um die Hälfte zu viel,“ erwiederte Karl kalt. »Die unſrigen will ich zurücknehmen, aber die anderen behalten Sie, denn ſie ſind Herrn Meißners Eigen⸗ thum, das Sie nicht zu verſchenken das Recht haben!« Welch einen Sturm hätten ſolche Worte am Abend vorher erregt. Heute nahm ſie der Intendant ruhig hin, und entfernte ſich mit den Pfirſichen, ohne ſeine Empfindlichkeit zu zeigen. Am nächſten Tage brachte Andreas die frohe Nach⸗ richt, daß der Intendant ſeinen Fiſchbehälter fortſchaffen laſſe, und wenige Minuten ſpäter kam er ſelbſt mit einem großen Gefäße von Fiſchen. 4 »Es iſt Ihr Eigenthum, Herr Karl!“ ſagte er. »Gut,“ antwortete dieſer.„Es iſt grade Markttag heute, mache dich alſo fertig, Iſabelle! Seit lange haſt du keine ſo ſchönen Forellen zu verkaufen gehabt. Aber 8 90 es iſt kein Wunder, der Här on hat für dich gefiſcht!« An dieſem leichten Spotte ließ Karl ſich genügen, und Iſabelle trug die Fiſche zu Markte, während der Intendant gedemüthigt davon ſchlich. Von dieſer Zeit an kam Alles wieder in's rechte Geleiſe, und die ungeſtörte Ruhe erſchien unſeren Freun⸗ den nach den Tagen der Trübſal doppelt erfreulich. Der Intendant zeigte ſich nicht mehr auf dem Strande. Wenn er vorüber ging, grüßte er immer ſchon von weitem. Man erwiederte ſeine Höfklichkeit in gleicher Weiſe, und hegte keinen Groll weiter gegen ihn. Aber man nahm auch nichts von ihm an, als er unter Anderem z. B. eine Entſchädigung für das Gemüſe anbot, was er aus dem Garten unſerer Freunde entnommen hatte. So lange ihr Verfolger durch Furcht im Zaume gehalten wurde, gedieh wieder Alles in der Familie auf das Beſte, und Jeder fühlte ſich glücklich, von einem ſchweren Drucke befreit zu, ſein. Das Ende des Monats und der verſprochene Beſuch wurden mit Un⸗ geduld erwartet. Da aber verbreitete ſich auf einmal das Gerücht, Herr Meißner ſei krank geworden. Dieß war eine allerdings ſehr gegründete Veran⸗ laſſung zu großem Kummer und vieler Unruhe für die Anſiedler am Strande. Sie zogen im Schloſſe oft Er⸗ kundigungen ein, empfingen aber nie ſicheren Beſcheid. Deſto ſicherer war, daß der Intendant auf einmal mit jedem Tage weniger höflicher wurde. „Unſer Wohlthäter muß wirklich ſehr krank ſein,“ ſagte Karl eines Tages,—„denn der Herr Intendant grüͤßt mich nicht mehr!« 91 Um dieſe Zeit gab es einſt eine ungewöhnliche Be⸗ wegung im Schloſſe; eine wichtige Perſon war einge⸗ troffen, welche Bodry's als den Neffen und Erben Herrn Meißners bezeichnen hörten. Am anderen Tage ſahen ſte ihn mit dem Intendanten ſpazieren gehen. Dieſer, den Hut in der Hand, folgte dem jungen Herrn mit kriechendem Weſen, und ſchien ihm Auskunft auf ſeine Fragen zu geben. So kamen ſie bis zu den Fel⸗ ſen am Strande, wo ſie ſtehen blieben und eifrig ſprachen. Andreas beobachtete ſie unbemerkt, und ſtat⸗ tete nachher folgenden Bericht ab. Der Neffe hat auf unſere Hütte gezeigt, und den Intendanten feſt angeſehen. Das ſollte heißen:„Was iſt das?— Der Intendant hat dann auf Karl gedeu⸗ det, der grade einen Apfelbaum beſchnitt. Das bedeu⸗ dete:„Hier iſt der Menſch, der die Hütte gebaut hat.“ — Darauf hat ſich der Neffe den ganzen Strand be⸗ trachtet, und eine Frage an den Intendanten gerichtet, worauf dieſer genickt hat, was heißen ſollte:„Ja, Alles hat er angelegt.“— Hierauf hat ſich der Neffe die Gränze vom Grundſtück ſeines Onkels bezeichnen laſſen, und endlich ſein Mißfallen ausgeſprochen, daß man die armen Anſiedler ſo lange geduldet habe. Kurz, — fügte Andreas hinzu— Alles deutete darauf hin, daß man nichts Gutes gegen uns im Sinne hatte, und ich fürchte ſehr, daß wir bald böſe Nachrichten aus dem Herrenhauſe empfangen werden.“ Niemand widerſprach ihm, denn Alle fühlten ſo ziemlich, wie er. Zwei Tage ſpäter reiste der Neffe wieder ab. Der Intendant, ſehr zufrieden über den empfangenen Beſuch, fing wieder an ſich zu zeigen. Noch hielt er an ſich, aber wie ein Jagdhund ſchien er 9² nur einen Wink zu erwarten, um ſich auf ſeine zitternde Beute zu ſtürzen. Während deſſen hörte man unter dem Strohdache nicht auf, fuͤr die Geneſung des kranken Greiſes zu beten. Man hoffte noch immer, ihn wiederkehren zu ſehen, aber dieſe Hoffnung ſchwand plötzlich dahin, als im Anfange des Winters die Nachricht von ſeinem Tode eintraf. Jedermann betrübte ſich darüber, nur der In⸗ tendant nicht, welcher ſogar eine heimliche Freude dar⸗ über zu empfinden ſchien. Auf der Stelle befahl er nun der Familie, binnen drei Tagen das Ufer zu räumen. Thränen, Bitten, Vorwürfe, Alles zeigte ſich vergeblich. Die ganze Nach⸗ barſchaft war erzürnt über dieſe Härte, denn die ar⸗ men Bodry's hatten ſich durch ihr gutes Betragen viele Freunde erworben, und Viele kamen, Ihnen Troſt, Rath und Hülfe anzubieten. Ein Rechtskundiger ſagte ſogar zu Karl, daß man nicht einmal das Recht habe, ihn ohne vorhergegangene Kündigung zu vertreiben; es beſtehe zwar kein geſchriebener Vertrag, aber dieſer ſei ſtillſchweigend vorauszuſetzen, da Herr Meißner ihn Jahre lang ungeſtört habe arbeiten und wirthſchaften laſſen. Karl ſolle bleiben, und wenigſtens nicht ſo plötzlich die Stelle verlaſſen. Karl aber wollte auf dieſen Vorſchlag nicht eingehen.„Es würde zu einem Prozeſſe kommen,“« ſagte er,„der mir nur Zeit koſten, und zuletzt doch nichts nützen würde. Der Winter iſt vor der Thür, und wir müſſen jede Stunde wahr⸗ nehmen!“ „Und überdieß,“ fügte Suſanne hinzu,„dürfen wir nicht vergeſſen, daß wir nicht in unſerem Hauſe ſind! Bei Fremden bleibt man nicht gegen ihren Willen. 9³ Wir haben zu viel Vertrauen zu den Menſchen gehabt, jetzt müſſen wir lernen, uns allein auf Gott zu ver⸗ laſſen.“— Es fehlte, wie geſagt, nicht an mitleidigen Menſchen, welche Suſanne und ihren Kindern Hülfe anboten. „Wie werdet Ihr den Winter zubringen?“ fragte man ſie.—„Ich werde Julie zu mir nehmen!« ſagte eine gute Frau.—„Andreas kommt zu mir!“ ſprach ein Anderer.— Ein würdiger Mann, der reichſte von Allen im Orte, fand es allzu traurig, ſie zu trennen, und wollte die ganze Familie bei ſich aufnehmen. »Von Herzen danke ich Euch, liebe Nachbarn,“ er⸗ wiederte Karl auf alle dieſe Anerbietungen,—„aber meine Mutter und meine Geſchwiſter ſollen Niemandem zur Laſt fallen. Ihr habt geſehen, daß wir unſeren Lebensunterhalt verdienen koͤnnen! Wir trauern um unſeren Strand, weil wir ihn lieben! Wir haben ihn dem Waſſer abgekämpft, ihn bebaut, verbeſſert, ver⸗ ſchönert,— aber was wir hier vermochten, können wir anderwärts wieder thun, und vielleicht mit geringerer Mühe und Arbeit. Ich werde hinüber an das andere Ufer gehen. Dort wohnt ein Winzer, der mir oft da- von erzählt hat. Das Land iſt dort weniger theuer, weil es weniger bevölkert iſt, und bei unſerem harten und mäßigen Leben wird es nicht allzu ſchwer ſein, dort unſer Brod zu erwerben. Niemand wollte glau⸗ ben, daß wir hier unſer Fortkommen finden würden, und dennoch iſt es uns gelungen. Mit Fleiß und Aus⸗ dauer kann man noch andere Wunder bewirken. Wir ſind Alle geſund und rüſtig, und der Gott, der uns bis hieher geholfen hat, wird ja auch weiter helfen. Mein Freund, der Winzer, kennt eine Gemeinde, die 94 brach liegende Grundſtücke beſitzt. Dorthin will ich ziehen, und nur die Eine Vorſicht gebrauchen, nichts ohne einen ſchriftlichen Vertrag zu unternehmen, damit meiner armen Familie ein zweiter Kummer, wie der jetzige, erſpart wird!“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Neue Einrichtungen. Jedermann bewunderte Karls Muth. Er tröſtete, er ermunterte ſeine jüngeren Schweſtern, er bändigte den Zorn ſeines Bruders, der in ſeinem Schmerze Alles herausreißen, verbrennen und zerſtören wollte, bevor er fortging. 4 „Nichts davon,“ ſagte Karl.„Was man auf frem⸗ dem Boden bauet, gehört dem Grundherrn, und übri⸗ gens möchte ich auch ohnedieß nicht das Geringſte ver⸗ derben. Dieſe jungen Bäume, unſere Hütten, unſere Anlagen kommen mir vor, wie Freunde, und ich konnte es nicht über's Herz bringen, ſie wie Feinde zu be⸗ handeln.“ Man erlaubte ihnen, wenigſtens den Stall und den Hühnerhof zu leeren. Die Nachbarn nahmen die Bie⸗ nenkörbe in Verwahrung, und liehen unſeren Freunden einige Käfige für das Geflügel. Gleichwohl mußte Vieles zuruckbleiben, was die Schweſtern ſchmerzlich bedauerten. Die Hütte, der Brunnen, die Spaliere, die letzten Blumen des Herbſtes, Alles ſchien ihnen zu⸗ zurufen: Wie? Ihr geht fort und verlaßt uns? Wer wird Sorge für uns tragen, wenn Ihr fern ſeid?« Mittlerweile rückte die Stunde der Abreiſe heran. Karl und Andreas fuhren über den See hinüber, und ſprachen mit ihrem Freunde, dem Winzer, über ihre Angelegenheiten. Der ehrliche Mann nahm ſie mit Herzlichkeit auf, verſprach ihnen jeden möglichen Bei⸗ ſtand, und gab ſein Wort, nach beſten Kräften ihre Pläne zu fördern. Er bot ihnen eine Winzerhütte für ſie ſelbſt, ſeine Scheuer für ihre Vorräthe, ſeinen Stall für die Schafe und Ziegen, ſeinen Hühnerhof für das Geflügel an, und Alles wurde mit Dankbarkeit ange⸗ nommen. Die Brüder ſchafften ſodann zunächſt ihre Vorräthe von Heu, Stroh und Laubſchütte, ihre Möbel und Handwerksgeräthe an Ort und Stelle, und trafen dann Anſtalten, auch die übrige Familie und das Ge⸗ flügel zu holen. Minette wurde dabei nicht vergeſſen, und Kantal, der Pudel, lief ſchon von ſelber mit. Die Zeit war ſo kurz gemeſſen, daß man am drit⸗ ten Tage erſt ziemlich ſpät Abends abreiſen konnte. Das Wetter war kalt, der Himmel von ſchweren Ne⸗ beln verdüſtert; kaum erleuchtete der Mond ein wenig die traurige Scene mit ſeinen bleichen Strahlen. Einige Freunde begleiteten die Abreiſenden bis an's Ufer. Thränen floſſen hier, wie im Kahne. Suſanne ſaß zwiſchen ihren Toͤchtern, und ſie hüteten die Schafe und Ziegen. Die kleine Heerde ſtieß jämmerliche Klagetöne aus, als der Kahn vom Ufer ſtieß. Bei dieſen Tönen verdoppelte ſich das Schluchzen. Iſabelle und Julie ſchmiegten ſich an ihre Mutter, die mit gefalteten Händen 96 und zum Himmel erhobenen Augen daſaß. Karl und Andreas ruderten mit Macht, als ob ſie nicht mehr ſehen wollten, was einſt ihnen gehört hatte. Kaum aber waren ſie eine Strecke vom Lande entfernt, ſo verſchwand der Nebel, der Himmel hellte ſich auf, der Mond leuchtete glänzender, und der See ebnete ſich, wie ein Spiegel. „»Der Herr richtet den Wind ein nach dem geſcho⸗ renen Lamm,“ ſagte die Mutter.— Als ſie die Mitte des Sees erreicht hatten, hielten ſie ein wenig inne, um eine karge Mahlzeit einzuneh⸗ men. Sie wurde ſtill verzehrt, bis endlich Iſabelle ſagte:„Ich möchte wohl wiſſen, was in dieſem Augen⸗ blicke der Intendant macht, und ob er in ſeinem Ge⸗ wiſſen ſo ruhig ſein kann, wie wir es ſind.“ „Welche Frage!“ antwortete die Mutter.„Weißt du nicht, daß der Böſe nie ruhig iſt? Wohl raubt uns der Intendant den Schlaf für dieſe Nacht, aber glaube nur, daß auch er keinen ruhigen Schlummer finden wird. Schlimme Gedanken ſtören den Seelen⸗ frieden!“ „Das iſt wohl wahr,“ fiel Andreas ein.„Ich habe es heute Abend an mir ſelber erfahren.“— „Ach, mein Kind, welcher ſchlechte Gedanke beun⸗ ruhigt dich?“ fragte die Mutter. „Ich dachte, wenn Karl damals den Intendanten im See gelaſſen hätte, würden wir uns heute nicht hier befinden!«. „Und möchteſt du Karls gute Handlung ungeſchehen machen?« „Oh nein, Mutter, nicht um Alles in der Welt! 97 rief Andreas lebhaft aus, und umarmte ſeine Mutter, die ihn auf die Stirn küßte. »Das dacht' ich mir wohl, mein Kind,« ſagte ſie, »Gott ſegne dich!« Die Barke glitt ſanft über den See hin, und bald fanden die Gemüther ſo viel Ruhe wieder, daß die Kinder ein frommes Lied, das Lied von Hagar und Ismael anſtimmen konnten, welches ſo gut für ihre Lage paßte. Während des Geſanges hatte ſich der Himmel wieder verfinſtert, und die plötzliche Dunkel⸗ heit ängſtigte und bedrückte die Herzen. »Haben wir einen Sturm zu fürchten?« fragte Julie bangend. „»Nein, Schweſter,“ erwiederte Karl,„Übrigens nä⸗ hern wir uns auch raſch dem Lande.“ Andreas bemerkte, daß man das verlaſſene, jenſei⸗ tige Ufer kaum ſehen könne, rief aber plötzlich aus: »Was iſt das fuͤr eine Flamme? Seht, ſie wird im⸗ mer größer!«“ „Ach,“ ſagte Iſabelle,„es ſcheint mir, als ob ſie grade auf unſerem Strande ſei! Am Ende macht ſich der Intendant das grauſame Vergnügen, unſere kleine Hütte zu verbrennen!« »Ja, ſo iſt es!« rief Andreas aus.„Noch in der Ferne hat er uns ſeinen Haß zeigen wollen!? »Aber Andreas,“ ſagte die Mutter,„du ſprichſt, als ob das Schlimmſte ſchon ganz gewiß ſei! Die chriſt⸗ liche Liebe vermuthet nichts Böſes.“ Dieſe Bemerkung gebot Schweigen. Gleichwohl vernichtete ſie keineswegs den Verdacht. Aller Blicke folgten dem Fortſchreiten der Flammen; ſie ſpiegelten ſich im Waſſer wieder, und dieß ließ vermuthen, daß Die Anſiedler. 7 das Feuer dicht am See ſein müſſe. Nach einigen Augenblicken verloſchte es aber ſo ſchnell, als es ent⸗ ſtanden war, und Andreas konnte ſich nicht enthalten, leiſe zu ſagen:»Nun ja freilich, Schilf und Binſen brennen nicht lange!“ Als ſie am Ufer ankamen, feſſelte ein anderer Ge⸗ genſtand ihre Aufmerkſamkeit. Sie bemerkten ein klei⸗ nes Licht, und bald darauf zwei Männer mit einer Laterne. Ein Ruf ertönte,— Karl beantwortete ihn. Es waren der Winzer und ſein Sohn, welche die Ver⸗ triebenen mit Aeußerungen lebhafter Freude empfingen. Sie halfen ihnen beim Ausladen, zogen den Kahn auf das Land, befeſtigten ihn ſorgfältig, verſteckten die Ru⸗ der unter Geſträuch, und führten dann die kleine Ge⸗ ſellſchaft nach der für ſie beſtimmten Hütte, die nur wenige Schritte vom See entfernt lag. Sie beſtand nur aus einer Stube und dem Bodenraume. Doch war ein Kamin darin, weil ſie zur Zeit der Weinleſe als Küche benutzt wurde. Rudolph zündete ein Feuer an, und es zeigte ſich, daß er auch eine Flaſche Wein und Lebensmittel mitgebracht hatte. Unſere Freunde genoſſen für den Augenblick nichts, aber das helle, leb⸗ hafte Feuer that ihnen wohl. Rudolph zog ſich bald mit ſeinem Sohne zurück, da er ſich wohl dachte, daß die Ermüdeten der Ruhe bedürften. Karl half ihnen die Schafe und das Geflügel in Sicherheit zu bringen. Die beiden Ziegen blieben zurück, weil man ihre Milch am nächſten Morgen bedurfte. Schon nach einer Vier⸗ telſtunde kam Karl wieder, da Rudolphs Haus nicht weit entfernt lag. Dann legten ſich Alle auf Matratzen und Stroh zum Schlummer nieder, und waren nach wenigen Minuten feſt eingeſchlafen. 1— Das Erwachen war traurig. Der anbrechende Tag zeigte ihnen nur Gegenſtände, die ſie an ihr Unglück erinnerten. Trotz der Nähe des Sees ſchienen ſie ſich in einer ganz neuen Welt zu befinden. Was ſie frü⸗ her nahe umgab, lag ihnen jetzt fern; die Berge, die ſie früher nur von Weitem geſehen, ſchienen ſie jetzt mit der Hand berühren zu können. Blattloſe Reben und kahle Mauern umgaben ſie von allen Seiten. Hier war kein Garten, kein Brunnen, kein Blumenbeet. An ihrem Strande hatten ſie wohl auch nur eine kleine Hütte gehabt, aber doch, welch ein Unterſchied! Dort Alles ſauber und an ſeinem Platze, hier ein ſchreck⸗ liches Durcheinander! Verwirrung erfüllte ihre Ge⸗ müther mit Angſt und Unruhe, und die Sorge um die Zukunft machte ihre peinliche Lage noch pein⸗ licher. Endlich ſagte die Mutter zu ihren muthloſen Kindern: „Wenn man ein Schwalbenneſt zerſtört, ſo um⸗ kreiſen es die Schwalben mit ſchmerzlichem Geſchrei einige Augenblicke, aber dann gehen ſie an's Werk, um ein neues Neſt zu bauen. Sollen wir weniger Muth als die Schwalben zeigen? Wenn ich auch hoffe, nur kurze Zeit hier zuzubringen, muß doch vor Allem dieſer Verwirrung ein Ende gemacht werden. Hurtig, meine Kinder, ſchaffen wir Ordnung!“ Dieſer Zuſpruch half; man griff ſogleich muthig zu. Das Heu und Stroh wurde auf den Boden getragen, wo Karl in Zukunft ſchlafen wollte, und die Möbel wurden untergebracht, ſo gut es eben gehen wollte. Zur Aufbewahrung der Werkzeuge benutzte man einen kleinen Schuppen neben der Hütte, wo auch die beiden Ziegen ein Obdach gefunden hatten, und bald war man mit allen dieſen Geſchäften im Reinen, und konnte etwas leichter und freier aufathmen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Ein Beſuch bei KRudolph. Als Rudolph ſpäter kam, fand er ſeine Freunde beruhigter, und lud ſie zum Mittagseſſen ein. Er war zugleich Winzer und Pächter eines kleinen Gutes. Die vertriebene Familie begab ſich mit ihm in ſeine beſchei⸗ dene, aber bequeme Wohnung. „Hier ſehen Sie mein ganzes Vermögen,“ ſagte er, indem er ihnen ſeine Vorräthe, ſeine Geräthe, ſeine fünf Kühe und ſein einfaches Mobiliar zeigte.„Ich beſitze keine Grundſtücke, aber ich vermiſſe ſie auch nicht, denn ich bezahle meinen Pacht und bin zufrieden. Das Landgut iſt ſchon mehrmals verkauft worden, aber ich habe meinen Platz nicht gewechſelt, und ſehe nur ſelten meine Grundherren, die wie Schatten kommen und verſchwinden. Uebrigens habe ich, wie man zu ſagen pflegt, mehr als eine Sehne an meinem Bogen: ich bin zugleich Winzer, Ackerbauer und Schäfer, und ſo weniger dem Zufalle unterworfen. Geräth der Wein nicht, ſo gewinne ich Heu von meinen Wieſen,— ver⸗ brennt das Gras, ſo bringt mir die Sonne goldene Reben!« 101 „Es freut mich, daß Sie ſo zufrieden ſind,“ ſagte Karl.„Ich ſelbſt habe mir nur ein Stückchen Land gewünſcht, und deßhalb ſo eifrig am Strande gearbei⸗ tet. Jetzt muß ich nun freilich von vorn anfangen, aber mit zwanzig Jahren verliert man den Muth nicht leicht. Ich werde brachliegende Felder anbauen, und in Jahr und Tag hoffe ich der freie Beſitzer eines kleinen Gütchens zu ſein.“ „Der Plan iſt gut,« antwortete Rudolph.»Glück läßt ſich unter allen Ständen finden, und zuweilen mangelt es auch, ſelbſt in einem ſo ſchönen Schloſſe, wie das meines Grundherrn.“ Die jungen Mädchen drückten den Wunſch aus, das Schloß zu ſehen, und da Rudolph im Beſitze der Schlüſſel war, begab man ſich dahin. Iſabelle und Julie, die noch nichts ſo Schönes geſehen hatten, be⸗ wunderten Alles, und erſtaunten nur, daß man ein ſo prächtiges Haus könne leer ſtehen laſſen. „Das kommt daher, weil der Beſitzer durch Amts⸗ geſchäfte an die Stadt gefeſſelt iſt, wo er ein noch ſchö⸗ neres Haus beſitzt,“ ſagte Rudolph.„Wenn er frei wäre, würde er wohl oͤfter kommen, denn immer klagt er über die Ketten, die ihn drücken, und mit Recht, denn er iſt in der That der Sklave ſeiner Würden. Goldene Feſſeln ſind auch Feſſeln, und oft ſchwerer, als eiſerne. Hier ſehen Sie ſchöne Betten mit ſeide⸗ nen Decken und weichen Kiſſen, und doch ſchläft mein Grundherr nicht gut darin, und ſeine Gemahlin leidet ewig an Migräne, Nervenübeln und an Gott weiß was noch. Fühlen ſie ſich einmal ein wenig beſſer, ſo peinigen ſie ſich mit ängſtlichen Gedanken um ihren Sohn Philipp, der Schiffskapitän iſt, und ſchon zweimal 10²2 Schiffbruch gelitten hat. Kurz, ſie klagen immer, und ich ſchließe daraus, daß Reichthum allein nicht glücklich macht. Wenn mein Herr herkommt, erzählt er mir ſeine Noth, und ich muß immer tröſten und beruhigen. Eben jetzt erwarte ich ihn wieder. Er hat mir ſeine Ankunft melden laſſen, was mich bei der vorgerückten Jahreszeit nicht wenig wundert.“ „Wird er die Gaſtfreundſchaft billigen, die Sie uns gewährt haben?« fragte Suſanne beſorgt. »Oh zweifeln Sie nicht daran,“ erwiederte Ru⸗ dolph.„Wenn er hier wäre, hätte er Sie gewiß in einem Garten⸗Pavillon untergebracht, ſo gut und leut⸗ ſelig iſt er. Oft ſpielt er mit meinem kleinen Julius, und läßt ihn zum Beiſpiel durch dieſes Inſtrument ſehen, das er ein Te.. Teles..« »Teleskop nennt,“ fiel Julius ein, indem er ſeinem Vater zu Huͤlfe kam. Vierunddreißigſtes Kapitel. Das Fernrohr. Karl hatte ſchon von ſolch einem Inſtrumente ge⸗ hört, und fragte, ob er nicht einmal hindurchblicken dürfe. „Oh, gewiß,“ ſagte der Winzer,„und wunderbare Dinge werden Sie ſehen.„Drüben am Ufer, wo Sie jetzt kaum die Sennhütten unterſcheiden, werden Sie nicht — 103 nur die Kühe erkennen, ſondern ſogar die ſchwarzen, bunten und braunen unterſcheiden. Verſuchen Sie es nur! Es iſt, als ob man dort wäre.“ 4 Julius, der ſchnell das Inſtrument aufſtellte, fragte, wohin er es richten ſolle? „Auf unſere Hütte!“ riefen alle Kinder. „Oh, das iſt ſehr leicht,“ ſagte Julius.„Ich habe ſie ſchon oft beobachtet. Aber wie ſeltſam,“ fügte er hinzu,— vich ſehe die Bäume und die Felſen, aber das Haus finde ich nicht.“ „Ich glaube es wohl,« rief Andreas.„Der In⸗ tendant hat es verbrannt!“ Mit kurzen Worten erzählte er, was man während der Ueberfahrt geſehen hatte. „Trotzdem beſchuldigt den Intendanten noch nicht,“ ſprach die Mutter,— auch ein Anderer kann das Feuer angelegt haben, oder es kann in Folge eines bloßen Zufalls ausgebrochen ſein. Wir dürfen das Schlechte erſt glauben, wenn wir durch Ueberzeugung dazu ge⸗ zwungen werden!“ Die Kinder betrachteten indeſſen eines nach dem an⸗ deren die liebe, alte Heimath, die ſie ſo ungern ver⸗ laſſen, und den ſchwarzen Brandfleck, wo die Flamme gewüthet hatte, und wunderten ſich, daß ſie ſelbſt das Kleinſte unterſcheiden konnten. Plötzlich rief Andreas aus:»Da iſt er!“ „»Wer?« „Der Intendant!« Iſabelle, Julie, die Mutter, Alle wollten ihn fehen, und Alle erkannten ihn auf der Stelle. Andreas be⸗ mächtigte ſich des Fernrohrs wieder, und verfolgte mit den Blicken alle Bewegungen des Menſchen. 104 »„Er geht,“ ſagte er,—„er hält an, er betrachtet den See,— er denkt gewiß an uns, der Böſewicht! Gewiß ahnt er nicht, daß ich ihn ſehe.. Er trägt einen Stock in der Hand. Da iſt er am Hühnerhofe.. er öffnet die Thür— er tritt ein— er geht wieder heraus— oh, das Ungeheuer! Er zerſchlägt Alles, Zerbricht Alles...« Andreas warf das Fernrohr weg, und ſchritt zor⸗ nig im Saale auf und nieder. Die Anderen beſtätigten indeſſen ſeine, Beobachtungen. »Er glaubt ſich allein,“ ſagte Suſanne.„Der Elende! Und doch ſind wir nicht einmal allein die Zeugen ſeiner Wuth, noch Ein Auge ſieht ihn, das Auge Gottes, das Alles ſieht!« »Nun, Mutter,“ fragte Andreas,„zweifelſt du⸗ auch jetzt noch, daß der Abſcheuliche unſere Hütte ver⸗ brannt hat?« Die Mutter zuckte die Achſeln!„Ich muß ihn nach dem, was ich geſehen habe, einer ſolchen That wohl für fähig halten, aber doch iſt dieß noch immer kein Beweis. Doch warte einen Augenblick, mein Kind,“ fügte ſie hinzu, indem ſie dem Rohre eine andere Rich⸗ tung gab,—„fieh' jetzt hindurch! Was erblickſt du?« „Ich ſehe das Kreuz unſerer Kirche!« ſagte Andreas gerührt.„Oh, Mutter, du bedarfſt keiner Worte, um dich verſtändlich zu machen. Du zeigſt mir das Sym⸗ bol der Gnade, um mir Verzeihung zu lehren!« Iſabelle und Julie hätten gern noch eine Weile durch das Fernrohr geſchaut, aber Karl machte ein Ende, indem er ſagte:„Genug! Wir haben der Ver⸗ gangenheit hinlänglich Zeit gewidmet, laßt uns jetzt an — ——, —— 1⁰⁵ die Zukunft denken. Die Zeit iſt koſtbar, und wir haben keine Stunde zu verſäumen.“ Als ſie aus dem Schloſſe traten, fuhr grade ein ſchöner Wagen in den Hof. Es war der Grundherr in Begleitung eines Fremden, der trotz ſeines Alters leicht aus dem Wagen ſprang, und ſich nach allen Sei⸗ ten umſah. Die Bodry's, die ihn im Vorbeigehen be⸗ trachtet hatten, blickten ſich ganz erſtaunt an, und frag⸗ ten einander, ob der Mann wirklich jener Flüchtling wäre, dem ſie einſt in ihrer Hütte ein Obdach gegeben, und der ſo uͤbel von den reichen Leuten geſprochen hatte. Es war in der That dieſer Mann. Nur hatte ſein Schickſal ſich ſehr geändert, und er erkannte ſeine Gaſt⸗ freunde nicht wieder, deren Anweſenheit er auch an dieſem Ufer kaum vermuthen konnte. Die Bodry's zogen ſich in ihre Hütte zurück, und ſahen den ganzen Tag über den Fremden mit dem Gutsherrn das Gut beſichtigen. Sie kamen und gin⸗ gen, und Rudolph folgte ihnen Schritt für Schritt. „Wenn mich nicht Alles trügt,“ ſagte Suſanne,„ſo haben wir einen Käufer da!« Wirklich machte ihnen am anderen Tage der Win⸗ zer die Anzeige, daß wieder einmal das Gut ſeinen Herrn gewechſelt habe, und bald darauf ſahen ſie den neuen Beſitzer mit wichtiger Miene, umringt von ſeinen Leuten, ſpazieren gehen. Endlich beſuchte er auch den Weinberg und die Hütte, und fragte, wer die Miether wären. Von Rudolph unterrichtet, fand er es ſehr unverſchämt, daß man in die Hütte ohne Erlaubniß Gaͤſte aufgenommen hatte, und befahl mit barſchem Tone, daß die Wittwe und die Kinder augenblicklich das Haus räumen ſollten. Er habe große Pläne, 106 ſagte er, er würde die Baracke niederreißen, den Wein mit der Wurzel ausrotten, und an ſeine Stelle allerlei Geſträuch pflanzen laſſen. Dabei wäre keine Minute zu verlieren. Karl begab ſich zu dem neuen Gebieter, und ſuchte einige Tage Aufſchub zu erlangen. Mit Härte wurde es verweigert. »Sie haben ſich alſo,“« ſagte Karl,„ſehr verändert, ſeit ich die Ehre hatte, Ihnen Gaſtfreundſchaft zu erweiſen?« „»Sie? Gaſtfreundſchaft? Mir?« »Ja, mein Herr, am jenſeitigen Strande, in einer Hütte, ſo elend wie dieſe!« Der Fremde machte eine Bewegung der Ueber⸗ raſchung, denn er erinnerte ſich. Gleichwohl ſprach er: „Ich verſtehe Sie nicht! Sie halten mich für einen Anderen.“ »Ja,“ erwiederte Karl,„Sie ſind in der That nicht mehr derſelbe, denn ſonſt würden Sie jetzt, wo ſie reich ſind, Ihre damaligen Lehren befolgen und menſchlicher ſein. Der Fremde drehte ihm den Rücken zu, und ſagte barſch zu den Arbeitern:„die Hütte muß heute noch niedergeriſſen werden!« „*—— ———— 107 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der letzte Bufluchtsort. Der Schmerz der armen Familie war tief und bit⸗ ter. Der ehrliche Rudolph eilte ſogleich herbei, und zeigte ſich nicht minder betrübt, als ſeine Freunde. Dieſe verloren ihr Aſyl, und er einen guten Herrn für einen ſchlimmen. Doch konnte man ihn eben nicht ſo ver⸗ treiben, wie die Bodry's, denn er war Pächter und hatte ſeinen Contrakt, und eben ſo wenig konnte man ihn verhindern, Gäſte nach Gefallen in ſein Haus auf⸗ zunehmen. „Kommt, meine Freunde,“ ſagte er,— vkommt, und bleibt bei mir, bis wir eine andere Zuflucht für Euch gefunden haben. Die Mutter reichte ihm die Hand, ſchüttelte aber den Kopf.„Das geht nicht,“ erwiederte ſte.„Es würde Ihren Gutsherrn aufbringen, und mit ihm dür⸗ fen Sie es nicht verderben. Unſere Anweſenheit miß⸗ fällt ihm. Wer ſich ſeiner Vergangenheit ſchämt, wird auch nicht gern von Anderen, die ſie kennen, daran er⸗ innert. Auch widerſtrebt es meinem Gefühl, ſelbſt nur eine Nacht unter dem Dache eines ſo undankbaren Menſchen zuzubringen.« „Aber wohin wollten Sie gehen?“ „Wohin Gott mich führt!« „Und ich, Mutter,“ ſagte Andreas,„ich weiß einen Ort, der ganz für Unglückliche, wie wir ſind, paßt— 108 bemerkte ich eine ziemlich tiefe Felſengrotte. Mit eini⸗ gen Veränderungen wird ſie uns gegen Froſt und Re⸗ gen ſchützen, und dort wenigſtens wird man uns ja wohl dulden.“ »„Gehen wir dahin!“« lautete der Beſchluß der un⸗ glücklichen Familie. Sie trugen ihre beſte Habe an das Ufer, packten das Nothwendigſte in den Kahn, und deckten ein Se⸗ geltuch darüber. Es war wohl ein trauriges Schau⸗ ſpiel, ſo die Armen gegen ein widriges Schickſal kämpfen zu ſehen, aber gewiß auch ein gutes Beiſpiel für Viele. Alle behaupteten einen gefaßten Muth, die Schweſtern nicht minder, wie die Brüder, und die Mutter leitete dieſen zweiten Umzug mit der größeſten Umſicht. Wäh⸗ rend Rudolph ihnen ſeufzend Beiſtand leiſtete, lief Ju⸗ lius plötzlich in großer Eile herzu, und rief ſchon von weitem:„Vater, es gibt etwas Neues bei uns!« „Und was?“« „»Polizeidiener ſind da?« „Was wollen Sie?« „Ich weiß es nicht!“ »Nun denn,« ſprach Rudolph,„ich muß Erkundi⸗ gungen einziehen, aber bald, meine Freunde, werde ich wieder bei Ihnen ſein.“ NRudolph, der ſich ſchnell entfernte, konnte nicht ſo ſchnell zurückkehren, als er wünſchte. Um dieß zu er⸗ klären, müſſen wir ein wenig in die Vergangenheit zu⸗ rückgehen und mittheilen, wer der Fremde eigentlich war und was ihm begegnete, als er damals vor län⸗ gerer Zeit die gaſtliche Hütte der Bodry's verlaſſen hatte. eine Heimath für Heimathloſe. Bei unſerer Landung ——,— 109 Er hieß Pierre Laſteck, und hatte ſich ſchon früh an dem Umſturze der franzöſiſchen Revolution bethei⸗ ligt, aber nur aus Stolz, Habſucht und überhaupt ſehr eigennützigen Beweggründen. Indem er ſich als ein Kämpfer für die Freiheit geberdete, dachte er ſtets nur an ſeinen eigenen Vortheil. Die ſogenannten Men⸗ ſchenrechte waren in ſeinen Augen nur die Rechte von Pierre Laſteck. Nach ſeinen Anſichten konnten die Rei⸗ chen nie genug gedemüthigt, in den Staub getreten und zermalmt werden, und er befand ſich immer an der Spitze der blutdürſtigen Schurken. Endlich ward er in eine Verſchwörung verwickelt, und in Folge von deren Entdeckung nebſt allen Mitſchuldigen verfolgt. Lange Zeit irrte er flüchtig umher, und kam bei ſeinen Verſuchen, der Gerechtigkeit zu entrinnen, auch in die Hütte unſerer Freunde. Später gelang es ihm, jede Spur von ſich zu verwiſchen, indem er ſeinen Namen wechſelte. Bei der Wiederkehr geſetzlicher Zuſtände un⸗ ter dem Conſul Napoleon wurde er Armee⸗Lieferant, verübte kühn die frechſten Betrügereien, und erwarb ſich dadurch ſchnell ein ziemlich bedeutendes Vermögen. Mit dieſem Vermögen wollte er ſich nun zurückziehen und, wie er ſich ausdrückte, ſein Alter noch genießen. Das Schloß von Rudolphs Grundherrn ſchien ihm für ſeine Zwecke geeignet, und er kaufte es, wie bereits oben erzählt wurde. Indeſſen hatten aber doch ſeine ſchlecht erworbenen Reichthümer die Augen der ſtrengen und gerechten Staats⸗Verwaltung auf ſich gezogen, und man ſuchte ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen, um eine Unterſuchung einzuleiten. Aber Pierre Laſteck mußte Wind davon bekommen haben, denn als die Polizei⸗ diener das Schloß umzingelten, war der Vogel bereits 110 heimlich ausgeflogen. Man glaubte, Rudolph habe ſeine Flucht begünſtigt, und in Folge deſſen nahm man ihn ſelbſt und ſeinen Sohn gefangen. Die armen Bodry's, unbekannt mit dieſen Vor⸗ gängen, fuhren mit den Arbeiten ihres Auszugs fort. Am Abend hatten ſie ſich nothdürftig in der Grotte ein⸗ gerichtet, aber die Kinder waren außer ſich, ihrer Mut⸗ ter kein beſſeres Obdach bieten zu können. „Wir führen ein wahres Zigeunerleben!“ ſagte Andreas unmuthig. „Aber ich fange bereits an, mich daran zu gewöh⸗ nen,“ erwiederte Suſanne lächelnd. Trotz dieſer Verſicherung thaten die beiden Brüder alles Mögliche, ihren Zufluchtsort einigermaßen wohn⸗ lich zu machen. Am Eingange häuften ſie Heu auf, und ließen nur einen engen Durchgang, den man ſpä⸗ ter leicht ſchließen konnte. Auf den Boden ſtreuten ſie Stroh aus. Zum Glück zeigte die Grotte keine Spur von Feuchtigkeit, was den Aufenthalt darin etwas er⸗ träglicher machte. „Am Ende iſt er eben ſo gut, als die Hütte, die wir verlaſſen mußten, ſagte die Mutter,—„und dieß⸗ mal iſt es Andreas, dem wir dafür zu danken haben. Wir gleichen eher den armen, frommen Einſiedlern der Vorzeit, als Zigeunern, wie Ihr behauptet. Darum tröſtet Euch, Kinder! Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er! Und wenn wir Seine Prüfung getroſt ertragen, ſo wird er uns auch wieder beiſtehen in un⸗ ſeren Nöthen. Denn man ſage, was man will: auch in dieſer Welt ſchon, behaupte ich, wird die Tugend belohnt und das Laſter beſtraft!“ Die Mutter machte dieſe tröſtlichen Bemerkungen H‿ 4 retten ein Opfer der Tyrannei!“ 111 beim Abendeſſen, welches natürlich, wie man leicht den⸗ ken kann, ſehr einfach war. 4 „Das mag Alles ſein,« antwortete Julie,—„wenn man uns nur endlich in Ruhe läßt!“ Dieſen Wunſch theilte die ganze Familie. Karl und Andreas wollten während der Nacht ab⸗ wechſelnd die Wache beim Boote übernehmen. Karl begab ſich zuerſt auf ſeinen Poſten, und ging eine Zeit⸗ lang am Ufer hin und her, als er plötzlich eine Ge⸗ ſtalt erblickte, die verſtohlen dem Ufer zuſchlich, bei dem Kahne ſtehen blieb, und den Schiffer mit den Augen zu ſuchen ſchien. Karl näherte ſich, und erkannte beim Mondlichte den neuen Gutsbeſitzer, der ihn ſo unbarm⸗ herzig ausgewieſen hatte. Laſteck erſchrak; das Zuſam⸗ mentreffen ſchien ihm keineswegs angenehm. »Dieſer Kahn gehört Ihnen?« fragte er lebhaft, und als Karl nickte, fuhr er fort.„Nun, ſo laden Sie ihn aus, und bringen Sie mich nach dem anderen Ufer, ich werde Sie reich dafür belohnen.“ „Ich bedaure,“ antwortete Karl,—„aber ich kann meine Familie in der Lage, die ſie Ihnen verdankt, jetzt nicht verlaſſen.“ „Pah, pah, das wollen wir ordnen, und ſchon Alles wieder gut machen,“ ſagte Laſteck.„Zugegriffen! Hier iſt eine volle Börſe, und nun ſetzen Sie mich über!« 1 „Ich werde Ihre Flucht nicht befördern,“ erwie⸗ derte Karl mit Feſtigkeit. 1 „Flucht? Was reden Sie da von Flucht?« rief Laſteck.„Politiſche Verhältniſſe zwingen mich, Sie „Nun, wohlan,“ ſagte Karl,„fragen wir meine Mutter. Ihrer Entſcheidung will ich folgen.. Laſteck gab nur mit dem äußerſten Widerwillen nach, begleitete aber dennoch Karl zu der Grotte. Kaum langten ſie an, ſo ſtürzte der Winzer von einer anderen Seite herbei, und rief ſchon von Weitem:„Kommt, meine Freunde! Zu mir! Jetzt iſt keine Gefahr mehr, denn dieſe Herren geben ihre Einwilligung!« Die erwähnten Herrn waren zwei Polizeidiener, denen Rudolph alle Vorfälle des Tages erzählt, und dadurch ihren Unwillen, wie auch zugleich ihr Mitleid erregt hatte. Sie geſtatteten ihm ſofort, die Bodry's zu ſich einzuladen, und begleiteten ihn zu der Höhle. Als Laſteck ſie bemerkte, ſuchte er zu entfliehen, aber die Polizeidiener hatten ihn bald eingeholt, und führten dihn als Gefangenen hinweg. Nun wiederholte Rudolph ſeine Einladung, und man kam überein, daß die Fa⸗ milie dem braven Winzer folgen, und nur Karl zu⸗ rückbleiben und die Wache bei ihren Habſeligkeiten bis Mitternacht uͤbernehmen ſolle, worauf er von Julius abgelöst werden würde. 113 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ueberraſchungen. a — Karl war keineswegs böſe darüber, daßver eine Zeitlang allein bleiben und ſeinen Gedanken nachhän⸗ gen konnte. Seine jetzige Lage erte ihn lebhaft an die Zeit, wo er am jenſei ide ſeine erſten Pläne entworfen hatte. Er agamt Eingange der Grotte auf einem Bündel Heu, und überblickte von hier aus den See, die Berge und das Ufer, das Alles von den ſilbernen Strahlen des Mondes überglänzt wurde. Seine Gedanken waren zugleich traurig und erhe⸗ bend. Er überdachte die fruchtloſen Mühen und Kämpfe der vergangenen Jahre, erhob aber zugleich ſeine Seele zum Höchſten und betete um Kraft, nach wie vor un⸗ verdroſſen für ſeine Familie arbeiten zu können. Unter ſolchen Gefühlen und Empfindungen beſchlich ihn der Schlaf, und er gab ſich ihm widerſtandslos hin, da er den Strand ganz leer ſah, und ſich im Uebrigen auf Gottes Schutz verließ. Zwiſchen Schlaf und Wachen gaukelten noch allerlei liebliche Phantaſteen um ihn her. Er ſah ſich in einem ſchönen, ſteinernen Hauſe, von einem hübſchen Garten und von Ställen umgeben, in denen es von Kühen, Schafen, Ziegen und Geflügel wimmelte. Das Haus lag druͤben am alten Strande — er ſah ſeine Nachbarn und ihre Kähne auf dem See— er hörte ihren Geſang— Alles war Freude und Lieblichkeit...! Armer Karl, welche ſüßen Träͤume! Die Anſiedler. 8 S dein Erwachen nicht nur um ſo ſchmerzlicher ein?—— Aber ſeltſam— die Worte des Geſanges ver⸗ nahm Karl ganz deutlich, und ſie erklangen immer ſtär⸗ ker und verſtändlicher. „Ich träume!« murmelte er; und grade jetzt hörte der. Geſang auf, und ein fröhliches Lachen folgte. Unwillkührlich lachte Karl noch halb im Schlafe mit, und flüſterte einige verwirrte Worte. Aber auch das Lachen verſtummte, man vernahm ein Durchein⸗ ander verſchiedener Stimmen, und plötzlich tönte durch die Stille der Nachtälder laute Ruf:„Karl, Karl! Wo biſt du? Halb erwacht, erhob der Schlummernde den Kopf. „Karl! Karl!« ſchallte es von Neuem, das Echo weckend. Man ruft mich, das iſt ſicher!“ ſagte Karl und ſprang auf. Seinen Augen nicht trauend, erblickte er auf dem See deutlich zwei, drei Kähne, die ſtet dem Ufer zu⸗ ſteuerten, erkannte ſogar eben ſo deutlich die Stimme ſeiner Nachbarn, und konnte ſich doch nicht von der Wirklichkeit ihrer Gegenwart überzeugen. „Gute Nachrichten, Karl! Gute Nachrichten vom Strande!“ erſchallte es wieder. „Aber ich träume noch!« murmelte Karl.„Wie traurig, daß ich ſelbſt in der Nacht keine Ruhe finden kann.“ Indeß näherte er ſich doch unwillkührlich dem Ufer, und nun endlich mußten bald alle ſeine Zweifel ver⸗ ſchwinden. Der Traum höͤrte auf, aber die Wirklich⸗ keit war nicht minder ſchön. Die Nachbarn legten an, 5 * 115 erkannten Karl, jauchzten ihm zu, ſprangen an's Land und drückten ihn in ihre Arme. „»Freue dich, Karl!“ riefen mehrere Stimmen.„Dein Beſchützer iſt nicht todt! Er lebt! Er iſt da! Die Anſiedlung am Strande iſt wieder Euer!“« Karl erlag faſt dem mächtigen Eindrucke dieſer freu⸗ digen Nachrichten. Doch wollte er nichts weiter hören. „Genug, genug, meine theuren Freunde!« rief er. »Meine Mutter muß dieß Alles zuerſt vernehmen. Folgt mir zu ihr!« Man jubelte ihm Beifall zu, und in frohem Triumphe zog man zu der Hütte Rudolphs. Bei ihrer Annähe⸗ rung bellten die Hunde, Rudolph öffnete das Fenſter, vernahm einen Theil der frohen Kunde und weckte raſch Suſanne, Iſabelle, Julie und Andreas, die in zitternder Haſt die Kleider überwarfen und herbei eil⸗ ten. Mit neuem Jubel wurden ſie empfangen, und es dauerte eine Weile, bis ſich endlich Alle ſo weit be⸗ ruhigten, um Vater Emanuel, den wackeren Mann, der die ganze Familie bei ſich hatte aufnehmen wollen, zu Worte kommen zu laſſen. »Meine lieben, guten Freunde,“ ſagte er, als end⸗ lich Stille eingetreten war,„Eure Anſiedlung iſt Euch zurückgegeben! Nicht unſer braver Nachbar iſt geſtor⸗ ben, wie die Zeitungen meldeten, ſondern ein ande⸗ rer Mann, welcher denſelben Namen führte. Daher die Verwechſelung. Euer Beſchützer iſt dieſen Mor⸗ gen angekommen, und ſein Erſtes war, daß er den Intendanten von ſeiner Schwelle jagte. Ihr werdet ihn nicht mehr ſehen,— aber leider auch Eure Hütte nicht, denn der Elende hat ſie am Abend Eurer Abreiſe verbrannt. Jedoch, tröſtet Euch! Herr Meißner, der 116 Euch den Strand wiedergibt, hat auch beſchloſſen, Euch ein Haus zu bauen. In ſeinem Namen und Auf⸗ trage ſpreche ich. Er ſchenkt Euch Eure Anſiedlung als freies Eigenthum, und morgen ſchon ſoll die Schen⸗ kung gerichtlich ausgefertigt werden!« Dieſe mit Wonnethränen vernommenen Worte hat⸗ ten Bodry's von dem Wichtigſten unterrichtet, aber nach der Rede fingen die Erklärungen von Neuem an. Bodry's erfuhren unter Anderem, daß der Beſuch des Neffen nur zum Zweck gehabt hatte, dem Intendanten genau auf die Finger zu ſehen, und daß ſchon damals, nach dem Berichte deſſelben, die Entlaſſung des Inten⸗ danten beſchloſſen worden war. „So hatte Andreas alſo doch nicht ganz recht,“« ſagte Suſanne, als er uns die aus ihren Geberden er⸗ rathene Unterredung zwiſchen dem Neffen des Herrn und dem Intendanten mittheilte.“ „Aber ich errieth beſſer,“ fiel Andreas ein,“ wer der Urheber der Feuersbrunſt war, die wir vom See gus beobachteten!“ „Genug, meine Freunde,“ unterbrach Emanuel die Unterhaltung;—„der See iſt ruhig, die Nacht iſt ſchön und wir müſſen ſie benutzen, da wir verſprochen haben, unſere Anſiedler am Strande ohne Aufſchub zurückzuführen!« „So iſt es alſo beſchloſſen,“ ſagte Rudolph betrübt, „daß ich ſie nicht ein einziges Mal beherbergen ſoll!« „Wir werden bald einmal wiederkehren, guter Ru⸗ dolph,“ antwortete Karl.„Der See trennt uns nicht, er iſt der ſchönſte von allen Wegen, auf denen man einen Freund beſuchen kann. Begleiten Sie uns jetzt! Es würde uns etwas fehlen, wenn Sie in dem Augen⸗ * 8 iſſ GaRannmmmmnnmn 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19 5 8 8 ͤöſöſſ