. 1 Fräulein Scudery. 1 Von . T. W. Mokkmann. ———— Ausgabe letzter Hand. ———y ùúò Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1831. —-—-———————y Das Fräulein von Scuderi. Erzaͤhlung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten. (Schluß.) Die hellen Strahlen des Morgens brachen durch die Fenſter. Desgrais klopfte leiſe an die Thüre des Gemachs, und erinnerte, daß es Zeit ſey, Oli⸗ vier Brußon fortzuſchaffen, da ohne Aufſehen zu erregen das ſpäter nicht geſchehen könne. Die Lie⸗ benden mußten ſich trennen.— Die dunklen Ahnungen, von denen der Scuderi Gemüth befangen ſeit Brußons erſtem Eintritt in ihr Haus, hatten ſich nun zum Leben geſtaltet auf furchtbare Weiſe. Den Sohn ihrer geliebten Anne ſah ſie ſchuldlos verſtrickt auf eine Art, daß ihn vom ſchmachvollen Tod zu retten, kaum denkbar ſchien. Sie ehrte des Jünglings Heldenſinn, der lieber ſchuldbeladen ſterben, als ein Geheimniß ver⸗ rathen wollte, das ſeiner Madelon den Tod bringen mußte. Im ganzen Reiche der Möglichkeit fand ſie kein Mittel den Aermſten dem grauſamen Ge⸗ 1* richtshofe zu entreiſſen. Und doch ſtand es feſt in ihrer Seele, daß ſie kein Opfer ſcheuen müſſe, das himmelſchreiende Unrecht abzuwenden, das man zu begehen im Begriffe war.— Sie quälte ſich ab mit allerlei Entwürfen und Plänen, die bis an das Abentheuerliche ſtreiften, und die ſie eben ſo ſchnell verwarf als auffaßte. Immer mehr verſchwand je⸗ der Hoffnungsſchimmer, ſo daß ſie verzweifeln wollte. Aber Madelons unbedingtes, frommes, kindliches Vertrauen, die Berklärung, mit der ſie vom Ge⸗ liebten ſprach, der nun bald, freigeſprochen von je⸗ der Schuld, ſie als Gattin umarmen werde, richtete die Senderi in eben dem Grad wieder auf, als ſie davon bis tief ins Herz gerührt wurde. Um nun endlich etwas zu thun, ſchrieb die Scu⸗ deri an la Reanie einen langen Brief, worin ſie ihm ſagte, daß Olivier Brußon ihr auf die glaubwür⸗ digſte Weiſe ſeine völlige Unſchuld an Cardillacs Tode dargethan habe, und daß nur der heldenmü⸗ thige Entſchluß, ein Geheimniß in das Grab zu nehmen, deſſen Enthüllung die Unſchuld und Tugend ſelbſt verderben würde, ihn zurückhalte, dem Gericht ein Geſtaͤndniß abzulegen, das ihn von dem ent⸗ ſetzlichen Verdacht nicht allein, daß er Cardillac erwordet, ſondern daß er auch zur Bande verruch⸗ ter Mörder gehöre, befreien müſſe. Alles was glü⸗ hender Eifer, was geiſtvolle Beredſamkeit vermag, hatte die Scuderi aufgeboten, la Regnies hartes Herz zu erweichen. Nach wenigen Stunden ant⸗ wortete la Regnie, wie es ihn herzlich freue, wenn Olivier Brußon ſich bei ſeiner hohen würdigen Gön⸗ nerin gänzlich gerechtfertigt habe. Was Oliviers heldenmüthigen Entſchluß betreffe, ein Geheimniß, das ſich auf die That beziehe, mit ins Grab nehmen zu wollen, ſo thue es ihm leid, daß die Chambre ardente dergleichen Heldenmuth nicht ehren könne, denſelben vielmehr durch die kräftigſten Mittel zu brechen fuchen müſſe. Nach drei Tagen hoffe er in dem Beſitz des ſeltſamen Geheimniſſes zu ſeyn, das wahrſcheinlich geſchehene Wunder an den Tag brin⸗ gen werde. 4 Nur zu gut wußte die Seuderi, was der fürch⸗ terliche ka Regnie mit jenen Mitteln, die Brußons Heldenmuth brechen follen, meinte. Nun war es gewiß, daß die Tortur über den Unglücklichen ver⸗ hängt war. In der Todesangſt ſiel der Scuderi endlich ein, daß, um nur Aufſchub zu erlangen, der Rath eines Rechtsverſtändigen dienlich ſeyn könne. Pierre Arnand d'Antilly war damals der berühm⸗ teſte Advokat in Paris. Seiner tiefen Wiſſenſchaft, feinem umfaſſenden Verſtande war ſeine Rechtſchaf⸗ fenheit, ſeine Tugend gleich. Zu dem begab ſich die Scuderi und ſagte ihm Alles, ſo weit es möglich war, ohne Brußons Geheimniß zu verletzen. Sie glaubte, daß d'Antilly mit Eifer ſich des Unſchul⸗ digen annehmen werde, ihre Hoffnung wurde aber 8 auf das bitterſte getäuſcht. DAndilly hatte ruhig alles angehört und erwiederte dann lächelnd mit Boileaus Worten:„Le vrai peut quelque fois m'etre pas vraisemblable.“— Er bewies der Scu⸗ deri, daß die auffallendſten Verdachtsgründe wider Brußon ſprächen, daß la Regnies Verfahren kei⸗ neswegs grauſam und übereilt zu nennen, vielmehr ganz geſetzlich ſey, ja daß er nicht anders handeln könne, ohne die Pflichten des Richters zu verletzen. Er, d' Andilly, ſelbſt getraue ſich nicht durch die geſchickteſte Vertheidigung Brußon von der Tortur zu retten. Nur Brußon ſelbſt könne das, eatweder durch aufrichtiges Geſtändniß, oder wenigſtens durch die genaueſte Erzählung der Umſtände bei dem Mor⸗ de Cardillacs, die dann vielleicht erſt zu neuen Aus⸗ mittelungen Anlaß geben würden.„So werfe ich mich dem Könige zu Füßen und flehe um Gnade,“ ſprach die Scuderi ganz außer ſich mit von Thrä⸗ nen halberſtickter Stimme.„Thut das,“ rief d'An⸗ dilly,„um des Himmelswillen nicht, mein Fräu⸗ lein!— Spart Euch dieſes letzte Hülfsmittel auf, das, ſchlug es einmal fehl, Euch für immer verloren iſt. Der König wird nimmer einen Verbrecher der Art begnadigen, der bitterſte Vorwurf des gefähr⸗ deten Volks würde ihn treffen. Möglich iſt es, daß Brußon durch Entdeckung ſeines Geheimniſſes oder ſonſt Mittel findet, den wider ihn ſtreitenden Ver⸗ dacht aufzuheben. Dann iſt es Zeit, des Königs 9 Gnade zu erflehen, der nicht darnach fragen, was vor Gericht bewieſen iſt, oder nicht, ſondern ſeine innere Ueberzeugung zu Rathe ziehen wird.“— Die Seuderi mußte dem tief erfahrnen d'Andilly nothgedrungen beipflichten. In tiefen Kummer ver⸗ ſenkt, ſinnend und ſinnend, was um der Jungfrau und aller Heiligen willen ſie nun anfangen ſolle, um den unglücklichen Brußon zu retten, ſaß ſie am ſpäten Abend in ihrem Gemach, als die Martiniere eintrat und den Grafen von Mioſſens, Obriſten von der Garde des Königs, meldete, der dringend wün⸗ ſche, das Fräulein zu ſprechen. „Verzeiht, mein Fräulein,“ ſprach Mioſſens, in⸗ dem er ſich mit ſoldatiſchem Anſtande verbeugte, „wenn ich Euch ſo ſpät, ſo zu ungelegener Zeit überlaufe. Wir Soldaten machen es nicht anders und zu dem bin ich mit zwei Worten entſchuldigt. — Olivier Brußon führt mich zu Euch.“ Die Scuderi, hochgeſpannt, was ſie jetzt wieder erfah⸗ ren werde, rief laut:„Olivier Brußon! Der Un⸗ glücklichſte aller Menſchen!— was habt Ihr mit dem?⸗—„Dacht' ich's doch,“ ſprach Mioſſens lä⸗ chelnd weiter,„daß Eures Schützlings Namen hin⸗ reichen würde, mir bei Euch ein geneigtes Ohr zu verſchaffen. Die ganze Welt iſt von Brußons Schuld überzeugt. Ich weiß, daß Ihr eine andere Meinung hegt, die ſich freilich nur auf die Betheuerungen des Angeklagten ſtützen ſoll, wie man geſagt hat. 10 Mit mir iſt es anders. Niemand als ich kann beſſer überzeugt ſeyn von Brußons Unſchuld an dem Tode Eardillacs.“„Redet, o redet,“ rief die Scu⸗ deri, indem ihr die Augen glänzten vor Entzücken. „Ich war es ſelbſt,“ ſprach Mioffens mit Nachdruck, der den alten Goldſchmidt niederſtieß in der Straße St. Houorée, unfern Eurem Hauſe.“„Um aller Heiligen willen, Ihr— Ihr!« rief die Secuderi. „Uud ich ſchwöre es Ench, mein Fräulein,“ fuhr Mioſſens fort,„daß ich ſtolz bin auf meine That. Wiſſet, daß Cardillac der verruchteſte, heuchleriſchte Böſewicht, daß er es war, der in der Nacht heim— tückiſch mordete und raubte, und ſo lange allen Schlingen entging. Ich weiß ſelbſt nicht, wie es kam, daß ein innerer Verdacht ſich in mir gegen den alten Böſewicht regte, als er voll ſichtlicher Unruhe den Schmuck brachte, den ich beſtellt, als er ſich genau erkundigte, für wen ich den Schmuck beſtimmt, und als er auf recht liſtige Art meinen Kammerdiener ausgefragt hatte, weun ich eine ge⸗ wiſſe Dame zu beſuchen pflegte.— Längſt war es mir aufgefallen, daß die unglücklichen Schlachtopfer der abſcheulichſten Raubgier alle dieſelbe Todes⸗ wunde trugen. Es war mir gewiß, daß der Mör⸗ der auf den Stoß, der augenblicklich tödten mußte, eingeübt war und darauf rechnete. Schlug der fehl, ſo galt es den gleichen Kampf. Dies ließ mich eine Vorſichtsmaßregel brauchen, die ſo einfach iſt, daß 11 ich nicht begreife, wie andere nicht längſt darauf fielen und ſich retteten von dem bedrohlichen Mord⸗ weſen. Ich trug einen leichten Bruſtharniſch unter der Weſte. Cardillac fiel mich von hinten an. Er umfaßte mich mit Rieſenkraft, aber der ſicher ge⸗ führte Stoß glitt ab an dem Eiſen. In demſelben Angenblick entwand ich mich ihm, und ſtieß ihm den Dolch, den ich in Bereitſchaft hatte, in die Bruſt.“„Und Ihr ſchwiegt,“ fragte die Scuderi, „Ihr zeigtet den Gerichten nicht an, was geſche⸗ hen?“„Erlaubt, mein Fräulein,“ ſprach Mioſſens weiter,„zu bemerken, daß eine ſolche Anzeige mich, wo nicht geradezu ins Verderben, doch in den ab⸗ ſcheulichſten Prozeß verwickeln konnte. Hätte la Regnie, überall Verbrechen witternd, mir's denn geradehin geglaubt, wenn ich den rechtſchaffenen Cardillac, das Muſter aller Frömmigkeit und Tu⸗ gend, des verſuchten Mordes angeklagt? Wie wenn das Schwerdt der Gerechtigkeit ſeine Spitze wider mich ſelbſt gewandt?“„Das war nicht möglich,“ rief die Scuderi,„Eure Geburt— Euer Stand“— „O,“ fuhr Mioſſens fort,„denkt doch an den Marſchall von Luxemburg, den der Einfall, ſich von le Sage das Horoſkop ſtellen zu laſſen, in den Ver⸗ dacht des Giftmordes und in die Baſtille brachte. Nein, beim St. Dionys, nicht eine Stunde Frei⸗ heit, nicht meinen Ohrzipfel geb' ich Preis dem raſenden la Regnie, der ſein Meſſer gern an unſerer 12 aller Kehlen ſetzte.“„Aber ſo bringt Ihr ja den unſchuldigen Brußon auf's Schaffott?“ fiel ihm die Seuderi ins Wort.„Unſchuldig, mein Fräulein„ erwiederte Mioſſens,„nennt Ihr des verruchten Cardillacs Spießgeſellen!— der ihm beiſtand in ſeinen Thaten, der den Tod hundertmal verdient hat?— Nein, in der That, der blutet mit Recht, und daß ich Euch, mein hochverehrtes Fräulein, den wahren Zuſammenhang der Sache entdeckte, ge⸗ ſchah in der Vorausſetzung, daß Ihr, ohne mich in die Hände der Chambre ardente zu liefern, doch mein Geheimniß auf irgend eine Weiſe für Euren Schützling zu nützen verſtehen würdet. Die Scuderi, im Innerſten entzückt, ihre Ueber⸗ zeugung von Brußons Unſchuld auf ſolch entſchei⸗ dende Weiſe beſtätigt zu ſehen, nahm gar keinen Anſtand, dem Grafen, der Cardillacs Verbrechen ja ſchon kannte, alles zu entdecken, und ihn aufzufor⸗ dern, ſich mit ihr zu d'Andilly zu begeben. Dem ſollte unter dem Siegel der Verſchwiegenheit Alles entdeckt werden, der ſolle dann Rath ertheilen, was nun zu beginnen. D' Andilly, nachdem die Scuderi ihm Alles auf. das genaueſte erzählt hatte, erkundigte ſich noch⸗ mals nach den geringfügigſten Umſtänden. Insbe⸗ ſondere fragte er den Grafen Mioſſens, ob er auch die feſte Ueberzeugung habe, daß er von Cardillac angefallen, und ob er Olivier Brußon als denjeni⸗ 13 gen würde wieder erkennen koͤnnen, der den Leich⸗ nam forkgetragen.„Außerdem,“ erwiederte Mioſ⸗ ſens,„daß ich in der mondhellen Nacht den Gold⸗ ſchmidt recht gut erkannte, habe ich auch bei la Regnie ſelbſt den Dolch geſehen, mit dem Eardillac niedergeſtoßen wurde. Es iſt der meinige, ausge⸗ zeichnet durch die zierliche Arbeit des Griffs. Nur einen Schritt von ihm ſtehend gewahrte ich alle Züge des Jünglings, dem der Hut vom Kopf gefallen, und würde ihn allerdings wieder erkennen können.“ D'Andilly ſah ſchweigend einige Augenblicke vor ſich nieder, dann ſprach er:„Auf gewöhnlichem Wege iſt Brußon aus den Händen der Juſtiz nun ganz und gar nicht zu retten. Er will Madelons halber Cardillac nicht als Mordräuber nennen. Das mag ersthun, denn ſelbſt, wenn es ihm gelingen müßte, durch Entdeckung des heimlichen Ausgangs, des zuſammengeraubten Schatzes dies nachzuweiſen, würde ihn doch als Mitverbundenen der Tod treffen, Daſſelbe Verhältniß bleibt ſtehen, wenn der Graf Mioſſens die Begebenheit mit dem Goldſchmidt, wie ſie wirklich ſich zutrug, den Richtern entdecken ſollte. Aufſchub iſt das Einzige, wornach ge⸗ trachtet werden muß. Graf Mioſſens begiebt ſich nach der Conciergerie, läßt ſich Olivier Brußon vorſtellen und erkennt ihn für den, der den Leichnam Cardillacs fortſchaffte. Er eilt zu la Regnie und ſagt: In der Straße St. Honorée ſah ich einen XI. 2 14 Menſchen niederſtoßen, und ſtand dicht neben dem Leichnam, als ein Anderer hinzuſprang, ſich zum Leichnam niederbückte, ihn, da er noch Leben ſpürte, auf die Schultern lud und forttrug. In Olivier Brußon habe ich dieſen Menſchen erkannt. Dieſe Ausſage veranlaßt Brußons nochmalige Verneh⸗ mung, Zuſammenſtellung mit dem Grafen Mioſſens. Genug, die Tortur unterbleibt und man forſcht weiter nach. Dann iſt es Zeit, ſich an den König ſelbſt zu wenden. Euerm Scharfſinn, mein Fräu⸗ lein! bleibt es überlaſſen, dies auf die geſchickteſte Weiſe zu thun. Nach meinem Dafürhalten würd' es gut ſeyn, dem Könige das ganze Geheimniß zu entdecken. Durch dieſe Ausſage des Grafen Mioſ⸗ ſens werden Brußons Geſtändniſſe unterſtützt. Daſ⸗ ſelbe geſchieht vielleicht durch geheime Nachfor⸗ ſchungen in Cardillacs Hauſe. Keinen Rechtsſpruch, aber des Königs Entſcheidung, auf inneres Ge⸗ fühl, das da, wo der Richter ſtrafen muß, Gnade ausſpricht, geſtützt, kann das alles begründen.“— Graf Mioſſens befolgte genau, was d'Andilly ge⸗ rathen, und es geſchah wirklich, was dieſer vor⸗ hergeſehen. Nun kam es darauf an, den König anzugehen, und dies war der ſchwierigſte Punkt, da er gegen Brußon, den er allein für den entſetzlichen Raub⸗ mörder hielt, welcher ſo lange Zeit hindurch ganz Paris in Angſt und Schrecken geſetzt hatte, ſol⸗ 2. 15 chen Abſcheu hegte, daß er, nur leiſe erinnert an den berüchtigten Prozeß, in den heftigſten Zorn ge⸗ rieth. Die Maintenon, ihrem Grundſatz, dem Könige nie von unangenehmen Dingen zu reden, getreu, verwarf jede Vermittlung, und ſo war Brußons Schickſal ganz in die Hand der Seuderi gelegt. Nach langem Sinnen faßte ſie einen Ent⸗ ſchluß eben ſo ſchnell als ſie ihn ausführte. Sie kleidete ſich in eine ſchwarze Robe von ſchwerem Seidenzeug, ſchmückte ſich mit Cardillacs köſtlichem Geſchmeide, hing einen langen, ſchwarzen Schleier über, und erſchien ſo in den Gemächern der Main⸗ tenon zur Stunde, da eben der König zugegen. Die edle Geſtallt des ehrwürdigen Fräuleins in dieſem feierlichen Anzuge hatte eine Majeſtät, die tiefe Ehrfurcht erwecken mußte, ſelbſt bei dem lo⸗ ſen Volk, das gewohnt iſt, in den Vorzimmern ſein leichtſinnig nichts beachtendes Weſen zu trei⸗ ben. Alles wich ſcheu zur Seite, und als ſie nun eintrat, ſtand ſelbſt der König ganz verwundert auf und kam ihr entgegen. Da blitzten ihm die köſtlichen Diamanten des Halsbands, der Armbän⸗ der ins Auge und er rief:„Beim Himmel das iſt Cardillac's Geſchmeide!“ Und dann ſich zur Main⸗ tenon wendend, fügt er mit anmuthigem Lächeln hinzu:„Seht Frau Marquiſe, wie unſere ſchöne Braut um ihren Bräutigam trauert!“„Ei, gnä⸗ diger Herr,“ fiel die Scuderi, wie den Scherz 16 fortſetzend ein,„wie würd' es ziemen einer Schmerz⸗ erfüllten Braut, ſich ſo glanzvoll zu ſchmücken? Nein, ich habe mich ganz losgeſagt von dieſem Goldſchmidt, und dächte nicht mehr an ihn, träte mir nicht manchmal das abſcheuliche Bild, wie er ermordet dicht bei mir vorübergetragen wurde, vor Augen.“„Wie!“ fragte der König,„Ihr habt ihn geſehen, den Armen Teufel?« Die Scu⸗ deri erzählte nun mit kurzen Worten, wie ſie der Zufall(noch erwähnte ſie nicht der Einmiſchung Brußons) vor Cardillaes Haus gebracht, als eben der Mord entdeckt worden. Sie ſchilderte Made⸗ lons wilden Schmerz, den tiefen Eindruck, den das Himmelskind auf ſie gemacht, die Art, wie ſie die Arme unter Zujauchzen des Volks aus Des⸗ grais Händen gerettet. Mit immer ſteigendem und ſteigendem Intreſſe begannen nun die Szenen mit la Regnie— mit Desgrais— mit Olivier Brußon ſelbſt. Der König, hingeriſſen von der Gewalt des lebendigſten Lebens, das in der Scu⸗ deri Rede glühte, gewahrte nicht, daß von dem gehäßigen Prozeß des ihm abſcheulichen Brußon die Rede war, vermochte nicht ein Wort hervorzu⸗ bringen, konnte nur dann und wann mit einem Ausruf Luft machen der innern Bewegung. Ehe er ſichs verſah, ganz auſſer ſich über das Unerhörte, was er erfahren, und noch nicht vermögend alles zu ordnen, lag die Seuderi ſchon zu ſeinen Füßen und 17 flehte um Gnade fur Olivier Brußon.„Was thut Ihr,« brach der König los, indem er ſie bei bei⸗ den Händen faßte und in den Seſſel nöthigte, „nein Fräulein!— Ihr überraſcht mich auf ſelt⸗ ſame Weiſe!— Das iſt ja eine entſetzliche Ge⸗ ſchichte!— Wer bürgt für die Wahrheit der abentheuerlichen Erzählung Brußons?“ Darauf die Scuderi:„Mioſſens Ausſage— die Unterſuchung in Cardillaes Hauſe— innere Ueberzeugung— ach! Madelons tugendhaftes Herz, das gleiche Tugend in dem unglücklichen Brußon erkannte!“ — Der König, im Begriff etwas zu erwiedern, wandte ſich auf ein Geräuſch um, das an der Thüre entſtand. Louvois, der eben im andern Ge⸗ mach arbeitete, ſah hinein mit ſorglicher Miene. Der König ſtand auf und verließ, Louvois folgend, das Zimmer. Beide die Scuderi, die Maitenon hielten dieſe Unterbrechung für gefährlich, denn ein⸗ mal überraſcht, mochte der König ſich hüten, in die geſtellte Falle zum zweitenmal zu geben. Doch nach einigen Minuten trat der König wieder hin⸗ ein, ſchritt raſch ein paarmal im Zimmer auf und ab, ſtellte ſich dann, die Hände über den Rücken geſchlagen, dicht vor der Seuderi hin und ſprach, ohne ſie anzublicken, halb leiſe:„Wohl möcht' ich Eure Madelon ſehen!“— Darauf die Seuderi: „O mein gnädiger Herr, welches hohen— hohen Glücks würdigt Ihr das arme, unglückliche Kind 18 — ach, nur Eures Winks bedurft' es ja, die Kleine zu Euren Füßen zu ſehen.“ Und trippelte dann, ſo ſchnell ſie es in den ſchweren Kleidern vermochte nach der Thür und rief hinaus, der König wolle Madelon Cardillac vor ſich laſſen, und kam zurück und weinte und ſchluchzte vor Entzücken und Rührung. Die Scuderi hatte ſolche Gunſt geah⸗ net, und daher Madelon mitgenommen, die bei der Marquiſe Kammerfrau wartete mit einer kurzen Bittſchrift in den Händen, die ihr d'Andilly auf⸗ geſetzt. In wenig Augenblicken lag ſie ſprachlos dem Könige zu Füßen. Angſt— Beſtürzung— ſcheue Erfurcht— Liebe und Schmerz— trieben der Armen raſcher und raſcher das ſiedende Blut durch alle Adern. Ihre Wangen glühten in ho⸗ hem Purpur— die Augen glänzten von hellen Thränenperlen, die dann und wann binabfielen durch die ſeidenen Wimpern auf den ſchönen Lilien⸗ buſen. Der König ſchien betroffen über die wun⸗ derbare Schönheit des Engelskindes. Er hob das Mädchen ſanft auf, dann machte er eine Bewe⸗ gung, als wolle er ihre Hand, die er gefaßt, küſ⸗ ſen. Er ließ ſie wieder und ſchaute das holde Kind an mit thränenfeuchtem Blick, der von der tiefſten innern Rührung zeugte. Leiſe lispelte die Maintenon der Scuderi zu:„Sieht ſie nicht der la Valliere ähnlich auf ein Haar, das kleine Ding? — Der König ſchwelgt in den ſüßeſten Erinne⸗ —— 19 rungen. Euer Spiel iſt gewonnen.“— So leiſe dies auch die Maintenon ſprach, doch ſchien es der König vernommen zu haben. Eine Röthe über⸗ flog ſein Geſicht, ſein Blick ſtreifte bei der Main⸗ tenon vorüber, er las die Supplick, die Madelon ihm überreicht, und ſprach dann mild und gütig! „Ich will's wohl glauben, daß Du, mein liebes Kind, von Deines Geliebten Unſchuld überzeugt biſt, aber hören wir, was die Chambre ardente dazu ſagt!“— Eine ſanfte Bewegung mit der Hand verabſchiedete die Kleine, die in Thränen verſchwimmen wollte.— Die Scuderi gewahrte zu ihrem Schreck, daß die Erinnerung an die Valliere, ſo erſprießlich ſie anfangs erſchienen, des Königs Sinn geändert hatte, ſo wie die Main⸗ tenon den Namen genannt. Mocht' es ſeyn, daß der König ſich auf unzarte Weiſe daran erinnert fühlte, daß er im Begriff ſtehe, das ſtrenge Recht der Schönheit aufzuopfern, oder vielleicht ging es dem Könige wie dem Träumer, dem, hart an⸗ gerufen, die ſchönen Zauberbilder, die er zu um⸗ faſſen gedachte, ſchnell verſchwinden. Vielleicht ſah er nun nicht mehr ſeine Valliere vor ſich, ſondern dachte nur an die Soeur Louise de la misericorde(der Valliere Kloſterame bei den Carmeliternonnen), die ihn peinigte mit ihrer Froͤmmigkeit und Buße.— Was war jetzt an⸗ 20 ders zu thun, als des Königs Beſchlüſſe ruhig ab⸗ zuwarten. Des Grafen Mioſſens Ausſage vor der Chambre ardente war indeſſen bekannt geworden, und wie es zu geſchehen pflegt, daß das Volk leicht getrie⸗ ben wird von einem Extrem zum andern, ſo wurde derſelbe, den man erſt als den verruchteſten Mör⸗ der verfluchte und den man zu zerreiſſen drohte, noch ehe er die Blutbühne beſtiegen, als unſchul⸗ diges Opfer einer barbariſchen Juſtiz beklagt. Nun erſt erinnerten ſich die Nachbarsleute ſeines tugendhaften Wandels, der großen Liebe zu Ma⸗ delon, der Treue, der Ergebenheit mit Leib und Seele, die er zu dem alten Goldſchmidt gehegt. — Ganze Züge des Volks erſchienen oft auf be⸗ drohliche Weiſe vor la Regnies Pallaſt und ſchrien: „»Gieb uns Olivier Brußon heraus, er iſt un⸗ ſchuldig!“ und warfen wohl gar Steine nach den Fenſtern, ſo daß la Regnie genöthigt war, bei der Marechauſſee Schutz zu ſuchen vor dem er⸗ zürnten Pöbel. Mehrere Tage vergingen, ohne daß der Scu⸗ deri von Olivier Brußons Prozeß nur das min⸗ deſte bekannt wurde. Ganz troſtlos begab ſie ſich zur Maintenon, die aber verſicherte, daß der König über die Sache ſchweige, und es gar nicht gerathen ſcheine, ihn daran zu erinnern. Fragte ſie nun noch mit ſonderbarem Lächeln, was denn — — 21 die bleine Valliere mache? ſo überzeugte ſich die Scuderi, daß tief im Innern der ſtolzen Frau ſich ein Verdruß über eine Angelegenheit regte, die den reizbaren König in ein Gebiet locken konnte, auf deſſen Zauber ſie ſich nicht verſtand. Von der Maintenon konnte ſie daher gar nichts hoffen. Endlich mit d'Andilly's Hülfe gelang es der Scuderi, auszukundſchaften, daß der König eine lange geheime Unterredung mit dem Grafen Mi⸗ oſſens gehabt. Ferner, daß Bontems, des Königs vertrauteſter Kammerdiener und Geſchäftsträger in der Conciergerie geweſen, und mit Brußvu geſprochen, daß endlich in einer Nacht eben der⸗ ſelbe Bontems mit mehreren Leuten in Cardillacs Hauſe geweſen und ſich lange darin aufgehalten. Claude Patru, der Bewohner des untern Stocks, verſicherte, die ganze Nacht habe es über ſeinem Kopfe gepoltert, und gewiß ſey Olivier dabei geweſen, denn er habe ſeine Stimme genau er⸗ kannt. So viel war alſo gewiß, daß der König ſelbſt dem wahren Zuſammenhange der Sache nachforſchen ließ, unbegreiflich blieb aber die lange Verzögerung des Beſchluſſes. La Regnie mochte alles aufbieten, das Opfer, das ihm entriſſen werden ſollte, zwiſchen den Zähnen feſt zu hal⸗ ten. Das verdarb jede Hoffnung im Aufkeimen. Beinahe ein Monat war vergangen, da ließ 22 die Maintenon der Scuderi ſagen, der König wünſche ſie hente Abend in ihren, der Main⸗ tenon Gemächern zu ſehen. Das Herz ſchlug der Seuderi hochauf, ſie wußte, daß Brußons Sache ſich nun entſcheiden würde. Sie ſagte es der armen Madelon, die zur Jung⸗ frau, zu allen Heiligen inbrünſtig betete, daß ſie doch nur in dem König die Ueberzeugung von Brußons Unſchuld erwecken möchten. Und doch ſchien es, als habe der König die ganze Sache vergeſſen, denn wie ſonſt, weilend in anmuthigen Geſprächen mit der Maintenon und der Scuderi, gedachte er nicht mit einer Sylbe des armen Brußon. Endlich erſchien Bontems, nährte ſich dem Könige und ſprach einige Worte ſo leiſe, daß beide Damen nichts davon verſtanden.— Die Seuderi erbebte im Innern. Da ſtand der König auf, ſchritt auf die Seuderi zu und ſprach mit leuchtenden Blicken: „Ich wünſche Euch Glück, mein Fräulein!— Euer Schützling, Olivier Brußon iſt frei!«— Die Scuderi der die Thränen aus den Augen ſtürzten, keines Wortes mächtig, wollte ſich dem Koͤnige zu Füßen werfen. Der hinderte ſie daran, ſpre⸗ chend:„Geht, geht! Fräulein, Ihr ſolltet Par⸗ lamentsadvokat ſein und meine Rechtshändel aus⸗ fechten, denn beim heiligen Dionys, Eurer Be⸗ redſamkeit wiederſteht Niemand auf Erden.— V 2³ Doch,“ fügt er ernſter hinzu,„wen die Tugend ſelbſt in Schutz nimmt, mag der nicht ſicher ſeyn vor jeder böſen Anklage, vor der Chambre ardente und allen Gerichtshöfen in der Welt!— Die Seuderi fand nun Worte, die ſich in den glühendſten Dank ergoſſen. Der König unterbrach ſie, ihr ankündigend, daß in ihrem Hauſe ſie ſelbſt viel feurigerer Dank erwarte, als er von ihr fordern könne, denn wahrſcheinlich umarme in dieſem Augenbiick der glückliche Olivier ſchon ſeine Madelon.„Bontems ſoll Euch tauſend Lonis auszahlen,“ ſo ſchloß der König,„die gebt in meinem Namen der Kleinen als Brautſchatz. Mag ſie ihren Brußon, der ſolch ein Glück gar nicht verdient, heirathen, aber dann ſollen Beide fort aus Paris. Das iſt mein Wille.“ Die Martiniere kam der Senderi entgegen mit raſchen Schritten, hinter ihr her Baptiſte, Beide mit vor Freude glänzenden Geſichtern, Beide jauchzend, ſchreiend:„Er iſt hier, er iſt frei!— o die lieben jungen Leute!“ Das ſeelige Paar ſtürzte der Seuderi zu Füßen.„O ich habe es ja geahnt, daß Ihr, Ihr allein mir den Gatten ret⸗ ten würdet,“ rief Madelon.„Ach der Glaube an Euch, meine Mutter, ſtand ja feſt in meiner Seele,“ rief Olivier, und Beide küßten der würdigen Dame die Hände und vergoſſen tauſend heiße Thranen. Und dann umarmten ſie ſich wieder und betheuer⸗ 24 ten, daß die überirdiſche Seligkeit dieſes Augen⸗ blicks alle namenloſe Leiden der vergangenen Tage aufwiege; und ſchworen, nicht von einander zu laſſen bis in den Tod. Nach wenigen Tagen wurden ſie verbunden durch den Segen des Prieſters. Wäre es auch nicht des Königs Wille geweſen, Brußon hätte doch nicht in Paris bleiben können, wo ihn alles an jene entſetzliche Zeit der Unthaten Cardillacs erinnerte, wo irgend ein Zufall das böſe Geheimniß, nun noch mehreren Perſonen bekannt worden, feindſelig enthülten und ſein friedliches Leben auf immer verſtören konnte. Gleich nach der Hochzeit zog er, von den Segnungen der Senderi begleitet, mit ſeinem jungen Weibe nach Genf. Reich ausgeſtat⸗ tet durch Madelons Brautſchatz, begabt mit ſelt⸗ ner Geſchicklichkeit in ſeinem Handwerk, mit je⸗ der bürgerlichen Tugend, ward ihm dort ein glück liches, ſorgenfreies Leben. Ihm wurden die Hoff⸗ nungen erfüllt, die den Vater getäuſcht hatten bis in das Grab hinein. Ein Jahr war vergangen ſeit der Abreiſe Bru⸗ ßons, als eine öffentliche Bekanntmachung erſchien, gezeichnet von Harloy de Chauvalon, Erzbiſchof von Paris, und von dem Parlaments⸗Advokaten Pierre Arnaud d'Andilly, des Inhalts, daß ein reuiger Sünder unter dem Siegel der Beichte, der Kirche einen reichen geraubten Schatz an Juwele 25 und Geſchmeide übergeben. Jeder, dem etwa bis zum Ende des Jahres 1680 vorzüglich durch mör⸗ deriſchen Anfall auf öffentlicher Straße ein Schmuck geraubt worden, ſolle ſich bei d'Andilly melden; er werde, treffe die Beſchreibung des ihm ge⸗ raubten Schmucks mit irgend einem vorgefun⸗ denen Kleinod genau überein, und finde ſonſt kein Zweifel gegen die Rechtmäßigkeit des Anſpruchs ſtatt, den Schmuck wieder erhalten.— Viele, die in Cardillacs Liſte als nicht ermordet, ſondern bloß durch einen Fauſtſchlag betäubt aufgeführt waren, fanden ſich nach und nach bei dem Par⸗ lamentsadvokaten ein, und erhielten zu ihrem nicht geringen Erſtaunen das ihnen geraubte Geſchmeide zurück. Das Uebrige ſiel dem Schatz der Kirche zu St Euſtache anheim. XI. 3 Abenteuer dreier Freunde. 29 4 * . Abenteuer dreier Freunde. Am zweiten Pfingſttag war das ſogenannte Weberſche Zelt, ein öffentlicher Ort im Berliner Thiergarten, von Menſchen allerlei Art und Gat⸗ tung, ſo überfüllt, daß Alexander nur durch un⸗ abläſſiges Rufen und Verfolgen dem verdrießlichen, durch die Menge hin⸗ und hergedrängten Kellner einen kleinen Tiſch abzutrotzen vermochte, den er unter die ſchönen Bäume hinten herans auf den Platz am Waſſer ſtellen ließ, und woran er mit ſeinen beiden Freunden Severin und Marzell, die unterdeſſen, nicht ohne ſtrategiſche Künſte, Stühle erbeutet, in der gemüthlichſten Stimmung von der Welt ſich hin ſetzte. Erſt ſeit wenigen Tagen hatte jeder ſich in Berlin eingefunden, Alexander aus einer entfernten Provinz, um die Erbſchaft einer alten Tante, die unverheirathet geſtorben, 5 † in Empfang zu nehmen, Marzell und Severin, um die Civilverhältniſſe wieder anzuknüpfen, die ſie, den eben beendigten Feldzug mitmachend, ſo lange aufgegeben. Heute wollten ſie ſich des Wiederſehens und Wiederfindens recht erfreuen, und, wie es zu geſchehen pflegt, nicht der ereig⸗ nißreichen Vergangenheit, nein! des nächſten Au⸗ genblicks, des eben beſtehenden Thuns und Trei⸗ bens im Leben wurde zuerſt gedacht.“„Wahr⸗ haftig,“ ſprach Alexander, indem er die dampfen⸗ de Kaffeekanne ergriff und den Freunden einſchenkte, „wahrhaftig, wenn Ihr mich ſehen ſolltet, in der abgelegenen Wohnung der verſtorbenen Tante, wie ich Morgens in finſterm Schweigen pathetiſch die hohen, mit düſtern Tapeten behängten Zimmer durchwandle, wie dann Jungfer Anne, die Haus⸗ hälterin der Seligen, ein kleines geſpenſtiſches Weſen, hineinkeucht und hüſtelt, die zinnernen Priſentirteller mit dem Frühſtück in den zittern⸗ den Armen tragend, das ſie mit einem ſeltſamen, rückwärts ausgleitenden Knix auf den Tiſch ſtellt, und dann, ohne ein Wort zu reden, ſeufzend und auf zu weiten Pantoffeln ſchlarrend, wie das Bet⸗ telweib von Lokarno, ſich weg begiebt; wie Kater und Mops, mich mit ungewiſſen Blicken von der Seite anſchielend, ihr folgen, wie ich dann allein von einem melancholiſchen Papagey angeſchnurrt, von nickenden Pagoden dumm angelächelt, eine Taſſe 34 nach der andern einſchlürfe, und kaum wage, das jungfräuliche Gemach, in dem ſonſt nur Bernſtein⸗ und Maſtix⸗Opfer galten, durch ſchnöden Tabacks⸗ qualm zu entweihen— ja wenn Ihr mich ſo ſe⸗ hen ſolltet, Ihr müßtet mich durchaus was we⸗ niges für verhext für eine Art Merlin halten. Ich kann Euch ſagen, daß nur die leidige Bequem⸗ lichkeit, die Ihr ſchon ſo oft mir vorwarfet, daran Schuld iſt, daß ich gleich, ohne mich nach einer andern Wohnung umzuſehen, in das öde Haus der Tante zog, das die pedantiſche Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit des Teſtamentsvollziehers zu einem reecht unheimlichen Aufenthalt gemacht hat. So wie die wunderliche Perſon, die ich kaum gekannt, es verordnete, blieb alles bis zu meiner Ankunft in unverändertem Zuſtande. Neben dem, in ſchnee⸗ weißen Linnen und meergrüner Seide prangenden Bette, ſteht noch das kleine Tabouret, auf dem wie ſonſt, das ehrbare Nachtkleid mit der ſtattli⸗ chen vielbebänderten Haube liegt, unten ſtehen die grandioſen geſtickten Pantoffeln und eine ſilberne hellpolirte Sirene, als Henkel irgend eines unent⸗ behrlichen Geſchirrs funkelt unter der, mit weißen und bunten Blumen beſtreuten Bettdecke hervor. Im Wohnzimmer liegt die unvollendete Nätherei, die die Selige kurz vor ihrem Hinſcheiden unter⸗ nahm, Arndts wahres Chriſtenthum aufgeſchlagen daneben; was aber lfür mich wenigſtens das Un⸗ * 32 heimliche und Grauliche vollendet, iſt, daß in eben demſelben Zimmer das lebensgroße Bild der Tante hängt, wie ſie ſich vor fünf und dreißig bis vierzig Jahren in vollem Brautſchmuck malen ließ, und daß, wie mir die Jungfer Anne unter vielen Thrä⸗ nen erzählt hat, ſie in eben dieſem vollſtändigen Brautſchmuck begraben worden iſt.“„Welch eine eigne Idee,“ ſprach Marzell,„die aber ſehr nahe liegt,“ fiel ihm Severin ins Wort,„da verſtorbene Jungfrauen Chriſtusbräute ſind, und ich hoffe, daß niemand ſo ruchlos ſeyn wird, dieſen auch der be⸗ jahrten Jungfrau geziemenden frommen Glauben zu belächeln, wiewohl ich nicht verſtehe, warum ſich die Tante früher gerade als Braut malen ließ.“ „So wie mir erzählt worden,“ nahm Alexander das Wort,„war die Tante einmal wirklich ver⸗ ſprochen, ja, der Hochzeittag war da, und ſie er⸗ wartete in vollem Brautſchmuck den Bräutigam, der aber ausblieb, weil er für gut befunden hatte, mit einem Mädchen, das er früher geliebt, an dem⸗ ſelben Tage die Stadt zu verlaſſen. Die Tante zog ſich das ſehr zu Gemüthe, und ohne im minde⸗ ſten verwirrten Verſtandes zu ſeyn, feierte ſie von Stund an den Tag des verfehlten Eheſtandes auf eigne Weiſe. Sie legte nämlich früh Morgens den vollſtändigen Brautſtaat an, ließ, wie es damals geſchehen, in dem ſorgfältig gereinigten Putzzimmer ein kleines, mit vergoldetem Schnitzwerk verziertes 239 Nußbaum⸗Tiſchchen ſtellen, darauf Chokolade, Wein und Gebackenes für zwei Perſonen ſerviren und harrte, indem ſie ſeufzend und leiſe klagend im Zim⸗ mer auf⸗ und abging, bis zehn Uhr Abends des Bräutigams. Dann betete ſie eifrig, ließ ſich ent⸗ kleiden und ging ſtill in ſich gekehrt zu Bette.“ „Das kann nun,“ ſprach Marzell,„mich bis in das Innerſte rühren. Weh' dem Treuloſen, der der Armen dieſen nie zu verwindenden Schmerz berei⸗ tete.“„Die Sache,“ erwiederte Alexander,„hat eine Kehrſeite. Den Mann, den Du treulos ſchiltſt und der es bleibt, mochte er auch Gründe dazu haben wie er wollte, warnte doch wohl zuletzt ein guter Genius, oder wenn Du willſt, ein beſſerer Sinn wurde Meiſter über ihn. Er hatte nur nach der Tante ſchnödem Mammon getrachtet, denn er wußte, daß ſie herrſchſüchtig, zänkiſch, geizig, kurz ein arger Quälgeiſt war.“ „Mag das ſeyn,“ ſprach Severin, indem er die Pfeife auf den Tiſch legte, und mit über einander geſchränkten Armen ſehr ernſt und nachdenklich vor ſich hinſchaute, vaber konnte denn die ſtille rüh⸗ rende Todtenfeier, die reſignirte, nur ins Innere hineintönende Klage um den Treuloſen anders, als aus einem tiefen, zarten Gemüthe kommen, dem jene irdiſchen Gebrechen, wie Du ſie der armen Tante vorwirfſt, fremd ſeyn müſſen? Ach! wohl oft mag jene Verbitterung, der wir, hart im Le⸗ 34 ben angegriffen, kaum zu widerſtehen vermögen, wohl oft mag ſie mißgeſtaltet hervorgetreten ſeyn, daß es, auf alles, was die Alte umgab, ſo verſtö⸗ rend wirkte; aber ein Jahr voll Plage hätte jener wiederkehrende fromme Tag für mich wenigſtens gut gemacht.“„Ich gebe Dir Recht, Severin,“ ſprach Marzell;“ die alte Tante, der der Herr eine fröhliche Urſtänd geben möge, kann nicht ſo böſe geweſen ſeyn, wie Alexander, doch nur von Hören⸗ ſagen, behauptet. Mit im Leben und durch das Leben verbitterten Perſonen mag ich indeſſen auch nicht viel zu thun haben; und es iſt beſſer, daß Freund Alerander ſich an der Geſchichte von der Hochzeits⸗Todtenfeier der Alten erbaut und die ge⸗ füllten Kiſten und Kaſten durchſtöbert, oder das reiche Inventarium beäugelt, als daß er die ver⸗ laſſene Braut lebendig im Brautſchmuck des Ge⸗ liebten harrend, um ihren Chokoladentiſch wandeln ſieht. Heftig ſetzte Alexander die Taſſe Kaffe, die er an den Mund gebracht, ohne zu trinken wieder auf den Tiſch, und rief, indem er die Hände zuſammen⸗ ſchlug:„Herr des Himmels! bleibe mir weg mit ſolchen Gedanken und Bildern, es iſt mir wahr⸗ haftig hier im lieben hellen Sonnenſchein ſo zu Muthe, als werde mitten aus jener Gruppe von jungen Mädchen dort die alte Tante im Braut⸗ ſchmuck recht geſpenſtiſch hervorgucken.“„Dieſes 35 grauliche Gefühl,« ſprach Severin leiſe lächelnd, und die kleinen blauen Wölkchen aus der Pfeife, die er wieder genommen, ſchnell weghauchend,„die⸗ ſes grauliche Gefühl iſt die gerechte Strafe Deines Frevels, da Du von der Seligen, die Dir im Tode Gutes erzeigt, ſchlecht geſprochen.“„Wißt Ihr wohl, Leute,“ fing Alexander wiederum an,„daß es mir ſcheint, als wäre die Luft in meiner Woh⸗ nung ſo von dem Geiſt und Weſen der alten Jung⸗ fer imprägnirt, daß man nur ein paarmal vier und zwanzig Stunden drinnen geweſen ſeyn darf, um ſelbſt etwas davon wegzubekommen?“ Marzell und Severin ſchoben in dem Augenblick ihre leere Taſ⸗ ſen Alexandern hin, der mit Geſchicklichkeit und Umſicht den Zucker in gehörigem Verhältniß ver⸗ theilte, eben ſo mit Kaffee und Milch perfuhr, und alſo weiter ſprach:„Schon, daß mir das, meiner Art und Weiſe ganz fremde Talent des Kaffee⸗ Einſchenkens mit einem Mal zugekommenz daß ich, als gält' es der Uebung meines Berufs, gleich die Kanne ergriff, daß ich des geheimen Verhältniſſes der Süße und der Bitterkeit mächtig bin, daß ich kein Tröpfchen vergieße, ſchon das muß Euch, Ihr Leute! beſonders und geheimnißvoll vorkommen, aber Ihr werdet noch mehr erſtaunen, wenn ich Euch⸗ ſage, daß ſich bei mir ein beſonderes Wohlgefallen, an blankgeſcheuertem Zinn und Kupfer, an Linnen, an ſilberner Geräthſchaft, an Porzellain und Glä⸗ 36 ſern, kurz au einer eingerichteten Wirthſchaft, wie ſie im Nachlaß der Tante vorhanden, eingefunden hat. Ich ſchaue das alles mit einer gewiſſen Be⸗ haglichkeit an, und mir iſt es plötzlich ſo, als ſey es hübſch, mehr zu beſitzen, als ein Bett, einen Tiſch, einen Schemel, einen Leuchter und ein Tin⸗ tenfaß!— Mein Herr Teſtamentsvollzieher lächelt— und meint, ich dürfe nun nach gerade heirathen, ohne mich um etwas anders zu betſimmern, als um die Braut und um den Prediger. Im Herzen meint er denn nun wohl weiter, daß die Braut nicht weit zu ſuchen ſeyn dürfte. Er hat nemlich ſelbſt ein Töchterlein, ein ganz kleines putziges Ding mit großen Augen, das noch kindlich und kindiſch thut, wie Gurli mit naiven Redensarten um ſich wirft und herumhüpft, wie eine Bachſtelze. Das mag nun vor ſechszehn Jahren ihr, vermöge der kleinen Elfenfigur, recht gut geſtanden haben, aber jetzt im zwei und dreißigſten Jahre wird einem ganz bange und unheimlich dabei.“„Ach,“ rief Severin,„und doch iſt dieſe verderbliche eigene Myſtifikation ſo natürlich!— Wo iſt der Punkt zu finden, in dem ein Mädchen, das ſich durch irgend eine Eigen⸗ thümlichkeit im Leben feſtgeſtellt hat, plötzlich ſich ſelbſt ſagen ſoll:„ich bin nicht mehr das, was ich war; die Farben, in die ich mich ſonſt putzte, ſind friſch und jugendlich geblieben, aber mein Autlitz iſt verbleicht: Darum— man dulde!— man er⸗ 37 trage!“ Mir flößt ein ſolches, doch nur in harm⸗ loſer Verirrung befangenes Mädchen, Gefühle der tiefſten Wehmuth ein, und ſchon deshalb könnte ich mich tröſtend ihr anſchmiegen.„Du merkſt, Alepander,“ ſprach Marzell,„daß Freund Severin heute in ſeiner duldſamen Stimmung iſt. Erſt hat er ſich der alten Tante angenommen, jetzt flößt ihm Deines Teſtamentsvollziehers— es iſt ja doch wohl der Kriegsrath Falter?— ja, jetzt flößt ihm Fal⸗ ters zwei und dreißigjähriges Alräunchen, die ich recht gut keune, wehmüthige Gefühle ein, und er wird Dir gleich rathen, ſte zur Frau zu nehmen, um ſie nur der unheimlichen Naioität zu entreißen, denn der wird ſie, wenigſteus Hinſichts Deiner, gleich nach dem Jawort entſagen. Aber thu' es nicht, denn die Erfahrung lehrt, daß kleine naive Perſonen der Art bisweilen oder vielmehr gar oft etwas kätzlicher Natur ſind, und aus dem Sammt⸗ pfötchen, womit ſie Dich vor dem Prieſterſegen ſtreichelten, bald nachher bei ſchicklicher Gelegenheit gar nicht unebene Krallen hervorſpringen laſſen. „Herr des Himmels!« unterbrach Alexander den Freund,„welch' Geſchwätz! Weder Falters naives zwei und dreißigjähriges Alräunchen, noch ſonſt ein Gegenſtand, ſey er zehnmal ſo hübſch und jung und reizend als ſie, kann mich verlocken, die goldenen Jahre jugendlicher Freiheit, die ich nun erſt, da mir Geld und Gur zugefallen, recht nutzen will, Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XI. Bd. 4 38 mir ſelbſt muthwillig zu verderben. In der That, die alte bräutliche Tante wirkt ſo ſpukhaft auf mich ein, daß ich unwillkürlich mit dem Worte Braut ein unheimliches, grauliches freudeſtörendes Weſen verbinde.“„Ich bedaure Dich,« ſprach Marzell, „was mich betrifft, ſo fühle ich, denke ich mir ein bräutlich geſchmücktes Mädchen, ſüße heimliche Schauer mich durchbeben, und ſehe ich ſolch' ein Weſen dann wirklich, ſo iſt es mir, als müſſe mein Geiſt ſie mit einer höhern Liebe, die nichts gemein hat mit dem Irdiſchen, umfaſſen.“„O ich weiß es ſchon,« erwiederte Alexander,„Du verliebſt Dich in der Regel in alle Bräute, und oft ſteht in dem Sanktuario, das Du phantaſtiſcher Weiſe in Dei⸗ nem Innern angelegt, wohl auch ſchon die Geliebte eines Andern.“„Er liebt mit den Liebenden,“ ſprach Severin,„und darum liebe ich ihn ſo herz⸗ lich!«—„Ich werde ihm,« rief Alexander lachend, „die alte Tante über den Hals ſchicken, und ſo mich von einem Spuck befreien, der mir läſtig iſt.— Ihr ſchaut mich mit fragenden Blicken an?— Nun ja doch!— die alte Jungfern⸗Natur läßt ſich in mir auch dadurch verſpüren, daß ich an einer ganz un⸗ erträglichen Geſpenſterfurcht leide, und mich gebehr⸗ de wie ein kleiner Bube, den die Wartfrau mit irgend einem Mummel ängſtigt. Es paſſirt mir nehmlich nichts Geringeres, als daß ich oft am hellen Tage, vorzüglich in der Mittagsſtunde, wenn — 39 ich in die großen Kiſten und Kaſten ſchaue, dicht neben mir der alten Tante ſpitze Naſe erblicke und ihre langen dürren Finger, wie ſie hineinfahren in die Wäſche, in die Kleider und darin wühlen.— Nehme ich wohlgefällig ein Keſſelchen herab oder eine Kaſſerolle, ſo ſchütteln ſich die übrigen, und ich denke, nun wird die geſpenſtiſche Hand mir gleich ein anderes Keſſelchen oder Kaſſerollchen prä⸗ ſentiren. Da werfe ich alles bei Seite, und renne, ohne mich umzuſchauen, nach dem Zimmer zurück und ſinge oder pfeife durch's geöffnete Fenſter auf die Straße heraus, worüber ſich Jungfer Anne ſichtlich ärgert. Daß nun aber die Tante in der That jede Nacht punkt zwölf Uhr umherwandelt, ſteht feſt.“ Marzell lachte laut auf, Severin blieb ernſt und rief:„Erzähle nur; am Ende läufts auf eine Abgeſchmacktheit hinaus, denn wie ſollteſt Du bei Deiner entſetzlichen Aufklärung zum Geiſterſeher werden.“„Nun Severin,“ fuhr Alexander fort, „und Du Marzell, Ihr wißt beide, daß niemand ſich mehr geſträubt hat gegen allen Geſpenſterglau⸗ ben, als ich. Niemals in meinem Leben, bis jetzt, iſt mir das mindeſte Außerordentliche begegnet, und ſelbſt die ſonderbare, Sinn und Geiſt in körperli⸗ chem Schmerz lähmende Angſt, die die Nähe des fremden geiſtigen Prinzips aus einer andern Welt verurſachen ſoll, blieb mir fremd. Hört aber nur, was mir geſchah in der erſten Nacht, als ich ein⸗ 40 getroffen.“„Erzähle leiſe,“ ſprach Marzell,“ denn mich dünkt, hier unſere Nachbarſchaft müht ſich zu⸗ zuhören und zu verſtehen.“„Das ſoll ſie,“ erwie⸗ derte Alexander,„um ſo weniger, als ich eigentlich auch Euch meine Geſpenſtergeſchichte verſchweigen wollte, doch— ich will nun einmal erzählen! Al⸗ ſo!— Jungfer Anne empfing mich ganz in Schmerz und Trauer aufgelöſt. Den ſilbernen Armleuchter in der zitternden Hand ächzte und keuchte ſie vor mir her durch die öden Zimmer bis ins Schlafge⸗ mach. Hier mußte der Poſtknecht meinen Koffer abſetzen. Der Kerl, indem er das reichliche Trink⸗ geld mit einem: Schön Dank, ſehr weitläufig, den breiten Rock zurückſchlagend, in die Hoſentaſche hineinſchob, ſah ſich mit lachendem Geſicht im Zim⸗ mer um, bis ſein Blick auf das hoch aufgethürmte Bett mit den meergrünen Gardinen fiel, von dem ich ſchon vorhin ſprach.„Tauſend— tauſend!“ rief er nun,„da wird der Herr ſchön ruhen, beſ⸗ ſer wie im Poſtwagen, und da liegt ja auch ſchon Schlafrock und Mützchen!“— Der Ruchloſe meinte der Tante ehrbares Nachtkleid. Jungfer Anne ließ, wie zuſammenſinkend, beinahe den ſilbernen Leuchter fallen, ich ergriff ihn ſchnell und leuchtete dem Poſtknecht hinaus, der ſich mit einem ſchelmiſchen Blick auf die Alte entfernte. Als ich zurückkam, zitterte und bebte Jungfer Anne, ſie glaubte, nun würde das Entſetzliche geſchehen, nehmlich ich würde — 41 ſie fortſchicken, und ohne Umſtände das jungfräuliche Bett einnehmen. Sie lebte auf, als ich höflich und beſcheiden erklärte, daß ich nicht gewohnt ſey, in ſolchen weichen Betten zu ſchlafen, und daß ſie mir, ſo gut es ginge, ein ſchlichtes Lager im Wohnzim⸗ mer bereiten möge. Das Entſetzliche unterblieb auf dieſe Weiſe, doch das Unerhörte geſchah, nehmlich Jungfer Anna's gramverſchrumpftes Geſicht heiterte ſich auf, wie ſeitdem nicht mehr, zum holdſeligen Lächeln; ſie tauchte herab zur Erde mit ihren lan⸗ gen knochendürren Armen, fingerte geſchickt die nie⸗ dergetretenen Hintertheile der Pantoffeln herauf an die ſpitzen Fußhacken, und trippelte mit einem leiſen, halb furchtſamen, halb freudigen:„Sehr wohl, mein geehrter junger Herr!« zur Thür hinaus.„Da ich gedenke einen langen Schlaf zu thun, bitt' ich um Kaffee erſt zur neunten Stunde.“ So, beinahe mit Wallenſteins Worten entließ ich die Alte. Tod⸗ müde, wie ich war, glaubt' ich vom Schlaf gleich überwältigt zu werden, doch ihm widerſtanden die mannigfaltigen Ideen und Gedanken, die ſich in mir zu kreuzen begannen. Erſt jetzt trat mich der ſchnelle Wechſel meiner Lage recht lebendig an. Erſt jetzt, das neue Beſitzthum wirklich beſitzend und in ihm verweilend, wurde es mir klar, daß, aus drückender Bedürftigkeit herausgeriſſen, das Leben ſich mir in wohlthuender Behaglichkeit er⸗ ſchließe. Des Nachtwächters widrige Pfeife quäckte 4* — eilf— zwölf— ich war ſo munter, daß ich das Picken meiner Taſchenuhr, daß ich das leiſe Zirpen eines Heimchens vernahm, das ſich irgendwo einge⸗ niſtet haben mußte. Aber mit dem letzten Schlage zwölf einer aus der Ferne dumpf tönenden Thurmuhr fing es an, in dem Zimmer mit leiſen abgemeſſenen Trit⸗ ten auf⸗ und abzuwandeln, und bei jedem Tritt ließ ſich ein ängſtliches Seufzen und Stöhnen hö⸗ ren, das ſteigend und ſteigend den herzzerſchneiden⸗ den Lauten eines von der Todesnoth bedrängten Weſen zu gleichen begann. Dabei ſchnüffelte und kratzte es an der Thür des Nebenzimmers, und ein Hund winſelte und jammerte, wie in menſchlichen Tönen, Ich hatte den alten Mops, der Tante Lieb⸗ ling, ſchon Abends vorher bemerkt, ſeine Klage ver⸗ nahm ich jetzt unſtreitig. Ich fuhr auf von mei⸗ nem Lager; ich blickte mit offenen ſtarren Augen in das vom Nachtſchimmer matt erleuchtete Gemach hinein; Alles, was darin ſtand, ſah ich deutlich, nur keine auf⸗ und abwallende Geſtalt, und doch vernahm ich die Tritte, und doch ſeufzte und ſtöhnte es, wie zuvor, dicht vor meinem Lager vorbei. Da ergriff mich plötzlich jene Angſt der Geiſternähe, die ich nie gekannt, ich fühlte, wie kalter Schweiß auf der Stirn tropfte und wie in ſeinem Eiſe gefroren mein Haar ſich emporſprießte. Nicht vermögend ein Glied zu rühren, den Mund zum Schrei des 4³ Entſetzens zu öffnen, ſtrömte das Blut vaſcher in den hüpfenden Pulſen, und erhielt den inneren Sinn wach, der nur nicht über die äußeren, wie im To⸗ deskampf erſtarrten Organe zu gebieten vermochte. Plötllich ſchwiegen die Tritte ſo wie das Stöhnen; dagegen hüſtelte es dumpf, die Thüre eines Schran⸗ kes knarrte auf, es klapperte wie mit ſilbernen Löffeln; dann war es, als würde eine Flaſche geöff⸗ net und in den Schrank geſtellt, wie wenn jemand etwas verſchluckt— ein ſeltſames widriges Räus⸗ pern— ein lang gedehnter Seufzer.— In dem Augenblick wankte eine lange weiße Geſtalt aus der Wand hervor; ich ging unter in dem Eisſtrom des tiefſten Entſetzens, mir ſchwanden die Sinne.— Ich erwachte mit dem Ruck des aus der Höhe⸗ ſtürzens; dieſe gewöhnliche Traumerſcheinung kennt Ihr alle, aber das eigene Gefühl, das mich nun erfaßte, vermag ich kaum Euch zu beſchreiben. Ich mußte mich erſt darauf beſinnen, wo ich mich be⸗ fand, dann war es mir, als ſey etwas Entſetzliches mit mir vorgegangen, deſſen Erinnerung ein langer tiefer Todesſchlaf weggelöſcht hätte. Endlich kam mir alles nach und nach in den Sinn, indeſſen hielt ich es für einen ſpuckhaften Traum, der mich ge⸗ neckt. Als ich nun aufſtand, fiel mir zuerſt das Bild der bräutlich geſchmückten Jungfrau, ein le⸗ bensgroßes Knieſtück ins Auge, und kalter Schauer fröſtelte mir den Rücken herab, denn es war mir, 44 2 als ſey dieſe Geſtalt mit lebhaften kennbaren Zügen in der Nacht auf⸗ und abgeſchritten; doch der Um⸗ ſtand, daß ſich in dem ganzen Zimmer kein einzi⸗ ger Schrank befand, beſtätigte es mir auf's Neue, daß ich nur geträumt habe. Jungfer Anna brachte den Kaffee, ſie blickte mir länger und länger ins Geſicht und ſprach dann:„Ei du lieber Gott, wie ſehen Sie doch ſo krank und blaß aus, es iſt Ihnen doch nichts paſſirt?«— Weit entfernt, der Alten nur das mindeſte von meinem Spuk merken zu laſ⸗ ſen, gab ich vor, daß ein heftiges Bruſtdrücken mich nicht habe ſchlafen laſſen.„Ei,“ lispelte die Alte,„das iſt der Magen, das iſt der Magen, ei, ei, dafür wiſſen wir Rath!«— Und damit ſchlarrte die Alte auf die Wand zu, öffnete eine von mir nicht bemerkte Tapetenthür, und ich ſah in einen Schrank, in welchem ſich Gläſer, kleine Flaſchen und ein paar ſilberne Löffel befanden. Nun nahm die Alte klappernd und klirrend einen Löffel heraus, dann öffnete ſie eine Flaſche, tröpfelte etwas von dem darin enthaltenen Saft in den Löffel, ſetzte ſie wieder in den Schrank und wankte auf mich zu. Ich ſchrie auf vor Entſetzen, denn der vorigen Nacht ſpukhafte Erſcheinungen traten ins Leben.„Nun, nun, ſchnarrte die Alte mit ſeltſam ſchmunzelndem Geſicht,„lieber junger Herr! es iſt ja nur eine küchtige Medizin; die ſelige Mamſell litt auch am Magen und nahm dergleichen öfters!“ Ich ermannte 45 mich und ſchluckte das kräftig brennende Magen⸗ elixir hinunter. Mein Blick war ſtarr auf das Bild der Braut gerichtet, das gerade über dem Wandſchrank hing. Wen ſtellt das Bild dort vor, fragte ich die Alte.„Ei du mein lieber Gott, das iſt ja die ſelige Mamſell Tante!“ erwiederte die Alte, indem ihr die Thränen aus den Augen ſtürz⸗ ten. Der Mops fing an zu winſeln, wie in der Nacht, und mit Mühe das innere Erbeben beherr⸗ ſchend, mit Mühe Faſſung erringend ſprach ich: Jungfer Anna, ich glaube, die ſelige Tante war in voriger Nacht um zwölf Uhr an dem Wandſchrank dort und nahm Tropfen? Die Alte ſchien gar nicht verwundert, ſondern ſprach leiſe, indem eine ſeltſa⸗ me Todtenbleiche den letzten Lebensfunken aus dem verſchrumpften Geſicht weglöſchte:„Haben wir denn heute wieder Kreuzesfindungstag? Der dritte Mai iſt ja längſt vorüber!“— Es war mir nicht mög⸗ lich weiter zu fragen; die Alte entfernte ſich, ich zog mich ſchnell an, ließ das Frühſtück unberührt ſtehen und rannte hinaus in das Freie, um nur den grauenhaften träumeriſchen Zuſtand, der ſich mei⸗ ner auf's neue bemächtigen wollte, los zu werden. Ohne daß ich es befohlen, hatte die Alte am Abend mein Bett in ein freundliches Kabinett nach der Straße heraus getragen. Ich habe kein Wort weiter über den Spuk mit der Alten geſprochen, noch vielweniger dem Kriegsrath etwas davon erzählt, 46 thut mir den Gefallen und ſchweigt auch darüber, ſonſt gäb' es nur ein ärgerliches Geſchwätz, ein Er⸗ kundigen und Fragen ohn’ Ende und Ziel, und wohl gar läſtige Nachforſchungen geiſterkundiger Dilet⸗ tanten. Selbſt in meinem Kabinett glaub' ich jede Nacht Punkt zwölf Uhr die Tritte und das Stöh⸗ nen zu hören, doch will ich noch einige Tage dem Grauen widerſtehen und dann zuſehen, wie ich ohne vielen Rumor das Haus verlaſſen und eine andere Wohnung finden kann.“— Alexander ſchwieg, und erſt nach einigen Sekun⸗ den hob Marzell an:„Das mit der alten ſpukhaf⸗ ten Tante iſt wunderbar und graulich genug, aber ſo ſehr ich daran glaube, daß ein fremdes geiſtiges Prinzip ſich uns auf dieſe oder jene Weiſe kund thun kann, ſo läuft mir doch Deine Geſchichte zu ſehr ins Gemeinmaterielle; die Tritte, das Seufzen und Stöhnen, alles das laſſe ich gelten, aber daß die Selige, wie im Leben, Magentropfen zu ſich nimmt, das gemahnt mich an jene nach dem Tode wiederkehrende Frau, die, wie ein Kätzchen, am verſchloſſenen Fenſter herumklirrte.“„Das iſt nun,“ ſprach Severin,„wieder eine uns ganz eigene My⸗ ſtifikation, daß wir, nachdem wir die mögliche Kundmachung des fremden geiſtigen Prinzips durch wenigſtens ſcheinbares Einwirken auf unſere äuße⸗ ren Sinne feſtgeſtellt, nun auch gleich dieſem Prin⸗ zip eine gehörige Education geben und es darüber 47 belehren wollen, was ihm anſtändig ſey oder nicht. Rach Deiner Theorie, lieber Marzell! darf ein Geiſt mit Pantoffeln einhergehen, ſeufzen, ſtöhnen, nur keine Flaſche öffnen oder gar ein Schlückchen nehmen. Hier iſt nun zu bemerken, daß unſer Geiſt im Traum an das höhere, nur in Ahnungen ſich geſtaltende Seyn oft Gemeinplätze des befangenen Lebens hängt, dieſes aber dadurch auf bittere Weiſe zu ironiſiren weiß. Kann dieſe Jronie, die tief in der, ihrer Entartung ſich bewußten Natur liegt, nicht auch der entpuppten, der Traumwelt entzogenen Pſyche eigen ſeyn, wenn ihr Rückblicke in den verlaſſenen Körper vergönnt ſind? So würde das lebhafte Wol⸗ len und Einwirken des fremden geiſtigen Prinzips, welches den Wachenden im Wachen in die Traum⸗ welt führt, jede Erſcheinung bedingen, die er mit äußeren Sinnen wahrzunehmen glaubt, nud es wäre doch komiſch, wenn wir dieſen Erſcheinungen irgend eine ſittliche Norm nach unſerer Art geben wollten. Merkwürdig iſt es, daß Nachtwandler, aktive Träu⸗ mer, oft in den gemeinſten Funktionen des Lebens befangen ſind; denkt nur an jenen, der in jeder Vollmondsnacht ſein Pferd aus dem Stalle zog, es ſattelte, wieder abſattelte, in den Stall zurück⸗ führte, und dann das verlaſſene Bett ſuchte.— Allein, was ich ſage, ſind nur membra disjecta, ich meine aber nur“—„Du glaubſt alſo doch an die alte Tante?“ unterbrach der ziemlich erblaßte 48 Alexander den Freund.„Was wird er nicht glau⸗ ben,“ rief Marzell;„bin ich denn nicht auch ein Gläubiger, wie wohl kein ſo ausgemachter entſchie⸗ dener Viſionair, wie unſer Severin? Nun will ich's euch aber länger nicht verhehlen, daß mich in meiner Wohnung ein beinahe noch ärgerer Spuk, als wie ihn Freund Alerxander erfuhr, bis auf den Tod erſchreckt hat.«„Iſt es mir denn beſſer ge⸗ gangen?“ murmelte Severin.—„Gleich, nachdem ich angekommen,“ fuhr Marzell fort,„miethete ich in der Friedrichsſtraße ein nettes meublirtes Zim⸗ mer; wie Alexander warf ich mich todtmüde auf's Lager; doch kaum mochte ich wohl eine Stunde ge⸗ ſchlafen haben, als es mir wie ein heller Schein auf die geſchloſſenen Augenlieder brannte. Ich öffne die Augen und— denkt Euch mein Entſetzen! dicht vor meinem Bette ſteht eine lange hagre Figur, mit todtbleichem, graulich verzogenem Geſicht, und ſtarrt mich an mit hohlen geſpenſtiſchen Augen, Ein weißes Hemde hängt der Geſtalt um die Schul⸗ tern, ſo daß die Bruſt ganz entblößt iſt, die mir blutig ſcheint; in der linken Hand trägt ſie einen Armleuchter mit zwei angezündeten Kerzen, in der rechten ein großes mit Waſſer gefülltes Glas. Sprachlos ſtarrte ich das geſpeuſtiſche Unweſen an, das Leuchter und Glas mit ſchauerlich winſelnden Tönen in großen Kreiſen zu ſchwingen begann. Wie es Alexander beſchrieben, ſo packte auch mich die 49 Geſpenſterfurcht.— Langſamer und langſamer ſchwang das Geſpenſt Leuchter und Glas, bis bei⸗ des ſtill ſtand. Nun war es mir, als flüſtere ein leiſer Geſang durch das Zimmer, da entfernte ſich die Geſtalt mit ſeltſam grinſendem Lächeln langſamen Schrittes durch die Thüre. Lange dauerte es, bis ich mich ermannte, ſchnell aufſprang und die Thüre, die ich, wie ich nun bemerkte, vor dem Schlafenge⸗ hen zu verſchließen vergeſſen, abriegelte. Wie oft war es mir im Felde geſchehen, daß unvermuthet ein fremder Menſch vor meinem Bette ſtand, wenn ich die Augen aufſchloß; nie hatte mich das er⸗ ſchreckt; daß hier alſo etwas Außerordentliches, und zwar Geſpenſtiſches vorwalten müſſe, davon war ich feſt überzeugt. Am andern Morgen wollte ich zu meiner Wirthin herab, um ihr zu erzählen, welch' eine granliche Erſcheinung mir den Schlaf verſtört habe. Indem ich zur Stube heraus in den Fiur trat, öffnete ſich die Thür mir gegenüber, und eine hagre große Geſtalt, in einen weiten Schlaf⸗ rock gewickelt, kam mir entgegen. Im erſten Au⸗ genblicke erkannte ich das todtenbleiche Geſicht, und die hohlen düſtern Augen des Unholds von der vo⸗ rigen Nacht her, und unerachtet ich nun wohl wußte, daß das Geſpenſt bei ähnlicher Gelegenheit geprügelt oder herausgeworfen werden könne, ſo fühlte ich doch die Schauer der Nacht in mir nach⸗ beben, und ich wollte ſchnell die Treppe herabſchlü⸗ XI. 5 7 50 pfen. Der Mann vertrat mir aber den Weg, faßte mich ſanft bei der Hand und fragte, indem ein gutmüthiges Lächeln ſein Geſicht überflog, mit leiſem freundlichen Ton:„O mein ſehr werther Herr Nachbar! wie haben Sie doch dieſe Nacht in der neuen Wohnung zu ruhen beliebt?“— Ich ſtand gar nicht an, ihm mein Abentheuer ausführ⸗ lich zu erzählen und hinzuzufügen, daß ich glaube, er ſelbſt ſey die Geſtalt geweſen, und daß ich mich unn freue, ihn nicht, im Wahn eines Ueberfalls in feindlicher Stadt, woran ich leicht denken können vom Feldzuge her, auf empfindliche Weiſe verjagt zu haben. In der Zukunft vermöge ich nicht dafür zu ſtehen. Während meiner Erzählung ſchüttelte der Mann lächelnd mit dem Kopf und ſprach, als ich geendet, ſehr ſanft:„O mein wertheſter Herr Nachbar, nehmen Sie es doch ja nur nicht übel!— Ei, ei!— ja ich dachte gleich, daß es ſo kommen müßte, und ich wußte ja auch ſchon heute Morgen, daß es ſo gekommen war, denn ich befand mich ſo wohl, ſo im Innerſten beruhigt.— Ich bin ein etwas ängſtlicher Mann, wie ſollte das aber auch anders ſeyn!— Auch ſagt man, daß übermorgen— mit dieſer Wendung ging er über zu gewöhnlichen Stadtneuigkeiten, denen andere Notizen folgten, die für den Fremden oder Angekommenen von Werth ſeyn mußten, und die er lebendig und oft nicht ohne Würze feiner Ironie vorzutragen wußte. 51 Ich kam, da mich nun der Mann recht zu intereſ⸗ firen anfing, jedoch wieder zurück auf die Begeben⸗ heit der Nacht und bat ihn, mir nur ohne weitere Umſtände zu ſagen, was ihn vermocht haben könne, auf ſo ſeltſame unheimliche Weiſe meinen Schlaf zu verſtören.„Ach nehmen Sie es doch nur ja nicht übel, wertheſter Herr Nachbar,“ ſo fing er auf's neue an,„daß ich mich, ohne es einmal recht zu wiſſen, erdreiſtet.— Es war nur, um von Dero Geſinnungen gegen mich unterrichtet zu ſeyn⸗ ich bin ein ängſtlicher Mann; eine neue Nachbar⸗ ſchaft kann mir hart zuſetzen, ehe ich weiß, wie ich daran bin mit ihr.“— Ich verſicherte dem ſonder⸗ baren Menſchen, daß ich bis jetzt kein Wort von Allem verſtehe; da nahm er mich bei der Hand und führte mich in ſein Zimmer.„Warum ſoll ich es Ihnen verhehlen, lieber Herr Nachbar,“ ſprach er, indem er mit mir in das Fenſter trat,„warum es ableugnen, welch' eine ſonderbare Gabe mir inwohnt. Gott iſt mächtig in den Schwachen, und ſo wurde mir armen, jedem Pfeil der Widerſacher bloßgeſtell⸗ ten Mann, zum Schutz und Trutz, die wunderbare Kraft verliehen, unter gewiſſen Bedingungen in das Innerſte der Menſchen zu ſchauen und ihre geheim⸗ ſten Gedanken zu errathen. Ich ergreife nehmlich dies reine ſonnenhelle, mit deſtillirtem Waſſer ge⸗ füllte Glas,(er nahm einen Pokal von der Fen⸗ ſterbank herab, es war derſelbe, den er vorige Nacht in der Hand trug) richte Sinn und Gedanken auf die Perſon, deren Inneres ich zu erratheu ſtrebe, und bewege das Glas in beſtimmten, mir nur be⸗ wußten Schwingungen hin und her. Alsbald ſtei⸗ gen kleine Bläschen im Glaſe auf und nieder, die ſich wie die Folie eines Spiegels formen, und bald iſt es, als wenn, indem ich hineinſchaue, mein eige⸗ ner innerer Geiſt ſich vernehmbar und leſerlich darin abſpiegle, wiewohl ein höheres Bewußtſeyn, Bild und Abſpiegelung für jenes fremde Weſen, auf das der Sinn gerichtet war, anerkennt. Oft, wenn mich die Annäherung eines fremden, noch un⸗ erforſchten Weſens zu ſehr ängſtigt, kommt es, daß ich zur Nachtzeit operire, und dies iſt wohl in vo⸗ riger Nacht der Fall geweſen; denn geſtehen muß ich offenherzig, daß Sie mir geſtern Abend nicht wenig Unruhe verurſachten.“ Plötzlich ſchloß mich der wunderliche Mann in ſeine Arme, indem er wie begeiſtert ausrief:„Aber welche Freude, daß ich ſobald ihre gütigen Geſinnungen für mich er⸗ kannte. O mein beſter, wertheſter Herr Nachbar, ſollte ich mich denn irren— nicht wahr? wir ver⸗ lebten ſchon glückliche vergnügte Tage auf Ceylon; es kann kaum zweihundert Jahre her ſeyn?“— Nun verwickelte ſich der Mann in die wunderlich⸗ ſten Kombinationen, ich wußte zur Gnüge, wen ich vor mir hatte, und war froh, als ich, nicht ohne Mühe, mich von ihm losgewunden. Auf nähere 29 Nachfrage bei der Wirthin erfuhr ich dann, daß mein Nachbar, ſo lange als vielſeitig ausgebildeter Gelehrter und tüchtiger Geſchäftsmann geſchätzt, vor kurzer Zeit in tiefe Melancholie verfiel, in der er wähnte, daß Jeder feindliche Abſichten gegen ihn in ſich trage, und ihn auf dieſe oder jene Weiſe zu verderben ſuche, bis er mit einem Male das Mittel gefunden zu haben glaubte, ſeine Feinde zu erkennen und ſich gegen ſie ſicher zu ſtellen, worauf er in den jetzigen heitern beruhigten Zuſtand des fixen Wahnſinns überging. Er ſitzt beinahe den ganzen Tag am Fenſter und experimentirt mit dem Glaſe; ſein urſprünglich guter harmloſer Charakter offenbart ſich darin, daß er beinahe jedesmal gute Geſinnungen zu erkennen glaubt, und daß er, er⸗ ſcheint ihm irgend ein Charakter zweifelhaft oder bedenklich, nicht zornig wird, ſondern nur in ſanfte Traurigkeit geräth. Daher iſt ſein Wahnſinn auch ganz unſchädlich, und ſein älterer Bruder, der ihn bevormundet, mag ihn ruhig ohne genauere Aufſicht, für ſich wohnen laſſen, wo es ihm ge⸗ fällt. „Deine Erſcheinung,“ ſprach Severin,„gehört alſo recht eigentlich in Wagners Geſpenſterbuch, da die Erklärung, wie alles natürlich zugegangen, und wie Deine Phantaſie das Beſte dabei gethan hat, ſich eben ſo wie in den gemeinen Geſchichten jenes nüchternſten aller Bücher, langweilig nachſchleppt.“ 2 5 F „Willſt Du,“ erwiederte Marzel,„durchaus nur Geſpenſter, ſo haſt Du Recht, übrigens iſt aber mein Wahnſinniger, mit dem ich jetzt auf dem be⸗ ſten Fuß von der Welt ſtehe, eine höchſt intereſſante Erſcheinung, und nur das Einzige gefällt mir nicht, daß er anfängt auch andern fixen Ideen Raum zu geben, z. B. daß der König auf Amboi⸗ na geweſen, in Gefangenſchaft gerathen, und funfzig Jahre hindurch als Paradiesvogel für Geld gezeigt worden iſt. So was kann zur Tollheit führen. Ich erinnere mich eines Menſchen, der im ruhigen friedlichen Wahnſinn jede Nacht als Mond ſchien, ſofort aber in Tollheit gerieth, als er auch des Tages als Sonne aufgehen wollte.“ »Aber Ihr Leute,“ rief Alexander,„was ſind das heute für Geſpräche hier mitten unter tauſend ge⸗ putzten Feiertagsgäſten im hellen Sonnenſchein? — Nun fehlt es noch, daß Severin, der mir auch zu dürſter und nachdenkend ausſieht, noch viel Graulicheres, als wir, in dieſen Tagen erlebt hätte, und es uns auftiſchte.“ In der That,“ fing Severin an, Geſpenſter habe ich nicht geſehen, aber wohl iſt mir die unbekannte, unheimliche Macht ſo nahe getreten, daß ich ſchmerzlich die Bande gefühlt habe, womit ſie mich und uns alle um⸗ ſtrickt hält.“„Hab ich's nicht gleich gedacht,“ ſprach Alexander zu Marzell,„daß Severins ei⸗ gene Stimmung in irgend etwas Beſonderem ihren 5⁵ Grund finden müſſe?“—„Wir werden ſogleich viel Fabelhaftes hören,“ erwiederte Marzell la⸗ chend, worauf Severin bemerkte:„Hat Alexanders ſelige Tante Magentropfen eingenommen, hat der geheime Secreair Nettelmann, denn das iſt der Wahnſinnige, den ich längſt kenne, Marzells gute Geſinnungen in einem Glaſe Waſſer erblickt, ſo wird es mir doch erlaubt ſeyn, einer ſeltſamen Ahnung zu erwähnen, die geheimnißvoller Weiſe, als Blumenduft geſtaltet, mir ins Leben trat.— Ihr wißt, daß ich in dem entfernteren Theil des Thiergartens dem Hofjäger nahe wohne. Gleich den erſten Tag, als ich angekommen“——— In dem Augenblick wurde Severin durch einen alten, ſehr wohlgekleideten Mann unterbrochen, der höf⸗ lich bat, ihm doch durch weniges Vorrücken des Stuhls freien Durchgang zu verſchaffen. Severin ſtand auf und der Alte führte freundlich grüßend eine ältliche Dame, die ſeine Frau ſchien, vorüber; ihnen folgte ein ungefähr zwölfjähriger Knabe. Se⸗ verin wollte ſich eben hinſetzen, als Alexander leiſe rief:„Halt, das Mädchen dort ſcheint noch zur Familie zu gehören!“ Die Freunde erblickten eine wunderherrliche Geſtalt, die mit zögernden unge⸗ wiſſen Schritten, mit rückwärts gewandtem Kopf ſich nährte. Augenſcheinlich ſuchte ſie jemand wie⸗ der zu finden, den ſie vielleicht vorübergehend be⸗ merkt hatte. Gleich darauf ſchlüpfte auch ein junger Mann durch die Menge dicht an ſie heran und drückte ein Zettelchen ihr in die Hand, das ſie ſchnell im Buſen verbarg. Der Alte hatte unter⸗ deſſen nicht weit von den Freunden einen ſo eben verlaſſenen Tiſch in Beſchlag genommen, und dem⸗ monſtrirte dem flüchtigen Kellner, den er bei der Jacke feſthielt, ſehr weitläufig, was er alles her⸗ beibringen ſolle; die Frau klopfte ſorglich den Staub von den Stühlen, und ſo gewahrten ſie die Zöge⸗ rung der Tochter nicht, die ohne Severins Artig⸗ keit, der noch immer mit zurückgeſchobenem Stuhl ſtehen geblieben, im mindeſten zu beobachten jetzt ſchnell ſich zu ihnen geſellte. Sie ſetzte ſich ſo, daß die Freunde, ihr, trotz des tiefen Strohhuts, gerade in das wunderliebliche Geſicht, in die dun⸗ kel⸗ſehnfüchtigen Augen blicken konnten. In ih⸗ rem ganzen Weſen, in jeder Bewegung lag etwas unendlich Anmuthiges Reizendes; ſie war nach der letzten Mode ſehr geſchmackvoll, für den Spa⸗ ziergang beinahe zu elegant gekleidet, und doch war an irgend eine Ziererei, wie ſie ſonſt ſehr geputz⸗ ten Mädchen wohl eigen, gar nicht zu denken. Die Mutter grüßte eine entfernt ſitzende Dame, und beide ſtanden auf, ſich annähernd zum Ge⸗ ſpräch; der Alte trat unterdeſſen an die Laterne und zündete ſich die Pfeife an. Dieſen Augen⸗ blick benutzte das Mädchen, das Papierchen aus dem Buſen zu ziehen, und den Inhalt ſchnell zu leſen. Da ſahen die Freunde, wie das Blnt der Armen in das Geſicht ſtieg, wie große Thränen in den ſchönen Augen perlten, wie der Buſen vor innerer Beklemmung ſich hob und ſenkte. Sie zerriß das kleine Papier in hundert kleine Stücke und gab eins nach dem andern langſam, als ſey jedes eine ſchöne, ſchwer aufzugebende Hoffnung, dem Winde preis. Die Alten kehrten wieder. Der Vater ſah dem Mädchen ſcharf in die ver⸗ weinten Augen und ſchien zu fragen: was haſt Du denn? Das Mädchen ſprach einige ſanft kla⸗ gende Worte, die die Freunde freilich nicht ver⸗ ſtehen konnten, da ſie aber gleich ein Tuch her⸗ vorzog und an die Backe hielt, ſo mußte ſie wohl Zahnſchmerzen vorſchützen. Eben deshalb kam es aber den Freunden beſonders vor, daß der Alte, der überhaupt ein etwas karrikirt ironiſches Ge⸗ ſicht hatte, poſſirliche Mienen ſchnitt und ſo laut lachte. Keiner, weder Alexander noch Marzell noch Severin hatte bis jetzt ein Wort geſprochen, ſon⸗ dern unverwandt das holde Kind, das irgend einen großen Schmerz erfahren, angeſchaut. Der Knabe nahm jetzt auch Platz und die Schweſter wechſelte den Sitz ſo, daß ſie jetzt den Freunden den Rücken zukehrte. Nun war der Zauber gelöſt und Ale⸗ rander fing an, indem er aufſtand und Severin leiſe auf die Schultern klopfte: Ei, Freund Se⸗ verin, wo iſt die Geſchichte von der, in Blumen⸗ 58 duft ſich geſtaltenden Ahnung? wo iſt der geheime Secretair Nettelmann— die felige Tante, wo ſind unſere tiefen Geſpräche geblieben?—„Ey, was iſt uns denn jetzt allen erſchienen, das uns die Zunge bindet und unſere Augen ſo verſtarrt 2« —„Ich fage ſo viel,é ſprach Marzell mit einem dumpfen Seufzer,„daß das arme Mädchen dort das holdeſte, wunderherrlichſte Engelskind iſt, das ich jemals fah.„Ach!“« fiel Severin noch tiefer und ſchmerzlicher ſeufzend ein,„und dieſes Him⸗ melsweſen in irdiſchem Leiden befangen und dul⸗ dend!—„Vielleicht,s ſprach Marzell,„in die⸗ ſem Augenblick unzart von roher Fauſt berührt!« —„Das meine ich auch,“ verfetzte Alexander, „und ſehr würde es mich erluſtigen und befriedigen, wenn ich jenen großen haſenfüßigen Lümmel prügeln könnte, der ihr den fatalen Zettel gab. Unſtreitig war es nehmlich, der erſehnte Geliebte, der ihr ſtatt der ungezwungenen Annährung an die Familie irgend einer abgeſchmackten Eiferſüchtelei, oder ſonſtiger dummer Liebesfehde halber, ſchnöde Worte brieflich einhändigte.“„Aber, Alexander,“ fiel Marzell ihm ungeduldig ins Wort,„wie kannſt Du nur ſo ohne alle Menſchenkenntniß, ſo ganz ecbärmlich beobachten? Deine Prügel würden den ſeiner Breite halber freilich einladenden Rücken eines höchſt unſchuldigen harmloſen Briefträgers treffen. Laſeſt Du es den nicht in dem dümmlich 8* 59 lächelnden Geſicht, ſahſt Du es den nicht an der ganzen Manier, ja ſelbſt am Gange, daß der junge Menſch nur Ueberbringer, nicht Briefſteller war?— Man mag es nun anfangen, wie man will, giebt man eigene Worte im eigenen Namen ab, ſo ſteht der Inhalt leſerlich auf dem Geſicht! — Wenigſtens iſt das Geſicht allemal die kurze Inhalts Anzeige, die den officiellen Berichten vor⸗ geſetzt wird, und die immer ſagen muß, worauf es ankommt. Und es müßte dann die heilloſeſte, auch leicht zu erkennende Ironie ſeyn, wie wollte man ſonſt der Geliebten in ſolch gebückter Boden⸗ ſtellung ein Briefchen überreichen, wie der junge Menſch es that. Es ſcheint gewiß, daß das Mäd⸗ chen den heimlichen Geliebten, den ſie nicht ſehen darf oder kann, hier anzutreffen hoffte. Er wurde unabwendbar verhindert, oder auch wie Alexander meint, irgend eine dumme Liebesfehde hielt ihn zurück. Er ſchickte den Freund mit dem Briefchen ab. Mag es nun aber ſeyn, was es will, mir hat die Szene das Herz zerſchnitten.“„Ach, Freund Mar⸗ zell,“ nahm Severin das Wort,„und doch giebſt Du dieſem tief in die Bruſt ſchneidenden Schmerz, wie ihn die Arme litt, ſolche gemeine Urſache?— Nein!— ſie liebt heimlich— vielleicht wider den Willen des Vaters, alle Hoffnung war auf ein Ereigniß geſtellt, das heute— heute den Aus⸗ ſchlag geben ſollte. Es iſt fehlgeſchlagen!— Alles vorbei— untergegangen der Hoffnungsſtern— begraben alles Glück des Lebens! Saht Ihr wohl, mit welchem in das Innerſte dringenden Blick der b hoffnungsloſeſten Wehmuth das Mädchen den un⸗ glückſeligen Brief, wie Ophelia die Strohblumen, wie Emilia Galotti die Roſe, in hundert Stückchen zerflückte und in die Luft verſtreute?— Ach ich hätte blutige Thränen weinen mögen, als, wie im entſetzlich höhnenden Spott, der Wind die To⸗ desworte in luftigen Wellen fortkraͤnſelte! Iſt denn kein Troſt auf Erden für das holde ſüße Himmels⸗ kind?“—„Nun Severin, rief Alexander,„Du biſt wieder gut im Zuge, Das Trauerſpiel iſt fertig! Nein! nein! wir wollen der Holden alle Hoffnungen, alles Lebensglück laſſen, und ich glaube, ſie zweifelt ſelbſt noch nicht daran, da ſie mir jetzt ſehr gefaßt zu ſeyn ſcheint. Seht nur, wie ſorglich ſie die neuen weißen Handſchuhe auf das weiße Tuch bettet, und mit wie vieler Be⸗ haglichkeit ſie den Kuchen in die Theetaſſe einſtippt — wie ſie dem Alten freundlich zunickt, der ihr einigen Rum in die Taſſe tröpfelt— der Junge beißt recht bengelhaft in das große Butterbrod hinein!— Pump! da liegt es im Thee, der ihm ins Geſicht ſprützt— die Alten lachen— ſeht, ſeht, wie ſich das Mädchen vor Lachen ſchüttelt.“— „Ach,“ unterbrach Severin den Beobachter,„das iſt ja eben das Entſetzliche, daß die Arme den tie⸗ 61 fen zerſtörenden Schmerz im Innern, mit des Le⸗ bens gemeiner Außenſeite verhüllenmuß. Und dann! — iſt es, im Innern verſtört, nicht leichter zu lachen, als gleichgültig zu ſcheinen?«—„Ich bitte Dich, Severin,“ ſprach Marzell,„ſchweige, denn pir regen unſere Gefühle, laſſen wir das Mädchen nicht aus den Augen, nur auf eine uns verderbliche Weiſe, auf.“ Alexander ſtimmte der Aeußerung Marzells ganz bei, und nun mühten ſich die Freunde ein heiteres, von Gegenſtand auf Gegenſtand lau⸗ nigt ſpringendes Geſpräch zu beginnen. Dies ge⸗ lang ihnen auch in ſo fern, als mit vielem Ge⸗ räuſch die unbedeutendſten Dinge auf's Tapet ge⸗ bracht, und unendlich intereſſant gefunden wurden. Alles, was jeder ſprach, hatte aber wirklich ſolch beſondere Farbe, ſolch beſondern Ton, der nie⸗ mals zur Sache paßte, ſo daß die Worte, nur ganz was anders bedeutende Chiffern ſchienen. Sie be⸗ ſchloſſen den herrlichen Tag des Wiederſehens mit einem kalten Punſch zu feiern, und fielen ſchon bei dem dritten Glaſe einander weinend in die Arme. Das Mädchen ſtand auf, ging an die Bar⸗ riere des Waſſers und ſchaute hinübergelehnt mit recht wehmüthigen Blicken den fliehenden Wolken nach.„Eilende Wolken, Segler der Lüfte 1— ſing Marzell mit ſüßtich klagender Stimme an, aber Seyerin ſtürzte das Glas hinunter und, es hart auf den Tiſch niederſtoßend, erzählte er von XI. 6 62 einem Schlachtfelde, das er im hellen Mondſchein durchwandelt, und wie ihn die bleichen Todten mit lebendig funkelnden Augen angeſtarrt hätten.„Gott behüte und bewahre,“ ſchrie Alexander,„was ſicht Dich an, Bruder!«— Das Mädchen ſehte ſich eben wieder an den Tiſch, mit einem Ruck ſpran⸗ gen die drei Freunde auf und hielten eine Art Wettlauf bis an die Barriere; durch einen gewag⸗ ten Sprung über zwei Stühle kam aber Alexan⸗ der den Freunden zuvor und lehnte ſich auch richtig gerade an derſelben Stelle an, wo das Mädchen ge⸗ ſtanden, behauptete auch dieſen Platz hartnäckig, unerachtet Marzell von der einen, Severin von der andern Seite, unter dem Vorwande freund⸗ ſchaftlicher Umarmungen, ihn wegzuziehen ſtreb⸗ ten. Severin ſprach nun ſehr feierlich und myſtiſch über die Wolken und ihren Zug, erklärte auch lauter, als gerade nöthig, die Bilder, die ſich formten; Marzell, ohne auf ihn zu hören, ver⸗ glich Bellevue mit einer römiſchen Villa, und fand, unerachtet er durch die Schweiz und durch Franken zurückgekommen, die öde Gegend mit den gleich Kniegalgen hervorragenden Blitzablei⸗ tern an den Pulverhäuſern, die er funkelnde Sterne tragende Maſten nannte, üppig reich und ro⸗ mantiſch. Alexander begnügte ſich damit, den ſchönen Abend und den reizenden Aufenthalt im Weberſchen Zelt zu loben. Die Familie ſchien 6³ aufbrechen zu wollen, denn der Alte klopfte die Pfeife aus, die Frauenzimmer packten die Strick⸗ zeuge ein, und der Knabe ſuchte und rief nach ſeiner Mütze, die ihm endlich der muntere Haus⸗ pudel, der ſo lange damit geſpielt, dienſtfertig ap⸗ portirte. Die Freunde wurden kleinlauter, die Familie grüßte freundlich, da fuhren ſie, ſich ſchnell und heftiger, als nöthig, bückend, mit den Kö⸗ pfen zuſammen, daß es merklich krachte. Indem ſie ſich darüber wundern wollten, war die Familie auf und davon. Nun ſchlichen ſie in mürriſchem Schweigen zurück zum kalten Punſch, den ſie mi⸗ ſerabel fanden. Die bilderreichen Wolken verhauch⸗ ten im geſtaltloſen dunkeln Nebel, Bellevue wurde wieder Bellevue, jeder Blitzableiter ein Blitzableiter, und das Weberſche Zelt eine ordi⸗ naire Kneipe. Da überdem beinahe kein Menſch mehr da war, eine unangenehme Kühle eintrat, und ſogar die Pfeifen nicht mehr recht brennen wollten, ſchlichen die Freunde in einem Geſpräch, das wie ein abgebranntes Licht nur hin und wie⸗ der einmal noch aufloderte, fort. Severin trenn⸗ te ſich ſchon im Thiergarten von ihnen, um ſeine Wohnung zu ſuchen, und Marzell ließ auch, in die Friedrichsſtraße einbiegend, den Freund allein nach ſeinem weit entlegenen Hauſe zur ſeli⸗ gen Tante wandeln. Eben dieſer Entlegenheit ihrer Wohnungen halber hatten die Freunde ei⸗ 64 nen öffentlichen Ort in der Stadt gewählt, wo ſie ſich an beſtimmten Tagen und Stunden ſehen wollten. Es geſchah auch ſo; ſie kamen aber mehr um das ſich gegebene Wort zu halten, als aus innerm Antriebe. Vergebens blieb alles Mi⸗ hen, den gemüthlichen traulichen Ton, der ſonſt unter ihnen herrſchte, wieder zu finden. Es war, als trage jeder etwas im Innern, das alle Luſt, alle Freiheit verſtöre, und das er, wie ein düſte⸗ res verderbliches Geheimniß bewahren müſſe. Nach weniger Zeit war Severin plötzlich aus Berlin verſchwunden. Alexander klagte kurz darauf mit einer Art von Verzweiflung, daß er vergebens um Verläugerung ſeines Urlaubs gebeten; daß er, ohne mit der Regulirung der Erbſchaft zu Stande ge⸗ kommen zu ſeyn, fortreiſen und ſeine herrliche be⸗ queme Wohnung verlaſſen müſſe.„Aber,“ fragte Marzell,„mich dünkt, Du fandeſt ja Deine Wohnung ſo unheimlich, iſt es Dir nicht lieb, wieder ins Freie zu kommen, und wie iſt es mit dem alten Spuk der ſeligen Taute?„Ach,“ rief Alexander verdrießlich,„die ſpukt längſt nicht mehr.— Ich kann Dich verſichern, daß ich mich recht nach häuslicher Ruhe ſehne, und wahrſchein⸗ lich nehme ich bald meinen Abſchied, um der Kunſt und Literatur ungeſtört nachhängen zu kön⸗ nen,“ Alexander mußte auch in der That in weni⸗ gen Tagen fort. Bald darauf brach der Krieg 65 auf's neue aus, und plötzlich war Marzell, der, ſtatt den frühern Plan zu verfolgen, wieder Kriegs⸗ dienſte genommen, fort zur Armee. So trenn ten ſich die drei Freunde auf's neue, ehe ſie ſich noch im eigentlichen Siune des Worts wiederge⸗ funden hatten. Zwei Jahre waren vergangen, als gerade am zweiten Pfüngſtfeiertage Marzell, der abermals den Kriegsdienſt verlaſſen hatte und nach Berlin zurück⸗ gekehrt war, im Weberſchen Zelt über die Bar⸗ riere gelehnt, mancherlei Gedanken nachhängend, d ne She hinabſah. Es klopfte ihm jemand leiſe auf die Schulter, und als er um ſich blickte, ſtanden Alexander und Severin vor ihm.„So muß man die Freunde ſuchen und finden„ rief Alexan⸗ der, indem er Marzell voll inniger Freude um⸗ armte.„Mir, nichts weniger träumend,“ fuhr Alerander fort,„als einen von Euch gerade heute wieder zu ſehen, wandelte ich eines Geſchäfts hal⸗ ber durch die Linden, dicht vor mir geht eine Ge⸗ ſtalt— ich traue meinen Augen nicht— ja es iſt Severin!— Ich rufe, er dreht ſich um, der mei⸗ nigen gleich iſt ſeine Freude, ich lade ihn ein in meine Wohnung, er ſchlägt es mir rund ab, weil ihn ein nnwiderſtehlicher Trieb fortjagt nach dem 6* 66 Weberſchen Zelt. Was kann ich anders thun, als mein Geſchäft aufgeben und gleich mit ihm gehen. Seine Ahnung hat ihn nicht betrogen, er wußte im Geiſt, daß Du hier ſeyn würdeſt.“ In der That,“ fiel Severin ein,„es war mir in der Seele ganz deutlich, daß ich Alexander ſowohl, als Dich hier treffen müſſe, und nicht erwarten konnte ich das freudige Wiederſehen.“ Die Freunde umarm⸗ ten ſich aufs neue.„Findeſt Du nicht, Alexander,“ ſprach Marzell,„daß Severins kränkliche Bläſſe ganz verſchwunden iſt; er ſieht wunderbar friſch und geſund aus, und die fatalen finſtern Wolken⸗ „Daſſelbe,“ erwiederte Severin,„möchte ich von Dir behaupten, mein lieber Marzellus. Denn ſt Du gleich nicht krank aus, wie ich, der ich es wirk⸗ lich war an Leib und Gemüth, ſo beherrſchte die eigene Verſtimmung im Innern Dich doch ſo ganz und gar, daß ſie Dein jugendliches munteres Ge⸗ ſicht ſchier in das eines grämlichen Alten verwan⸗ delte. Ich glaube, wir ſind beide durchs Fegfeuer gegangen, und am Ende auch wohl Alexander. Hatte der nicht auch zuletzt all' ſeine Heiterkeit verloren und machte ſolch ein verdammtes Arznei⸗ geſicht, auf dem man hätte leſen mögen: Alle Stun⸗ den einen Eßlöffel voll? Mag ihn nun die ſelige Tante ſo geängſtet, oder, wie ich beinahe glaube, etwas anderes geplagt haben, aber ſo wie wir, iſt ſchatten liegen gar nicht mehr auf der freien Iiren . 1 — 67 er erſtanden.“„Du haſt Recht,“ ſiel Marzell ein, „aber je mehr ich den Burſchen anſehe, deſto kla⸗ rer wird es mir, was Geld und Gut vermag auf dieſer Erde. Hat der Menſch jemals ſolch rothe Backen, ſolch rundliches Kinn gehabt? Sprechen nicht dieſe ſüß gezogenen Lippen: der Roſtbeef war delikat und der Burgunder von der feinſten Sorte!“ Severin lachte.„Bemerke,“ fuhr Marzell weiter fort, indem er Alexandern bei beiden Armen er⸗ faßte und ſanft herumdrehte,„bemerke gefälligſt dies ſuberfeine Tuch des modernen Fracks, dieſe blendend weiße, ſauber gefältelte Wäſche, dieſe reiche Uhrkette mit ſiebenhundert goldene Pettſchaften! — Nein ſage, Junge! wie biſt Du zu dieſer enor⸗ men, Dir ganz fremden Eleganz gekommen?— Gott weiß, ich glaube gar, der üppige Menſch, von dem wir ſonſt, wie Falſtaff vom Friedensrichter Schaal, ſagten, daß er füglich in eine Aalhaut ge⸗ packt werden könne, fängt an, ſich ganz rundlich zu formen.— Sage, was iſt mit Dir vorgegan⸗ gen?«„Ey,« erwiederte Alexander, indem eine leiſe Röthe ſein Geſicht überflog,„was iſt an mei⸗ ner Geſtalt weiter Verwunderliches. Seit einem Jahre habe ich dem königlichen Dienſt entſagt, und lebe froh und heiter.“„Eigentlich,“ fing Severin, der nicht viel auf Marzell gehört, ſondern nach⸗ denklich geſtanden, jetzt wie erwachend an:„Ei⸗ gentlich verließen wir uns recht unfreundlich, gar 68 nicht wie es alten Freunden ziemt.“„Du vorzüg⸗ lich,“ ſprach Alexander,„denn Du liefſt davon ohne einem Menſchen etwas zu ſagen.“„Ach,“ erwie⸗ derte Severin,„ich war damals in großer Narr⸗ heit befangen, ſo wie Du und Marzell, denn“— er ſtockte plötzlich, und die Freunde ſahen ſich mit funkelndem Blick an, wie Leute, die derſelbe Ge⸗ danke gleich einem elektriſchen Schlage durchblitzt. Sie waren nämlich unter Severins Worten Arm in Arm vorgeſchritten und ſtanden gerade an dem Tiſch, wo vor zwei Jahren am Pfingſtfeiertage das ſchöne holde Himmelskind ſaß, das allen die Köpfe verrückte. Hier— hier ſaß ſie, ſprach es jedem aus den Augen, es war ſo, als wenn ſie an dem⸗ ſelben Tiſch Platz nehmen wollten; Marzell rückte ſchon die Stühle ab, doch gingen ſie ſchweigend weiter, und Alexander ließ einen Tiſch gerade an die Stelle ſetzen, wo ſie vor zwei Jahren ſaßen. Schon war der beſtellte Kaffee da und noch ſprach keiner ein Wort: Alexander ſchien der beklommen⸗ ſte von Allen. Der Kellner Zahlung erwartend, blieb ſtehen, er blickte bald den einen, bald den andern der ſtummen Gäſte verwundernd an, er rieb ſich die Hände, er hüſtelte, endlich frug er mit gedämpfter Stimme:„Befehlen Sie vielleicht Rum, meine Herren?“ Da ſchauten ſich die Freunde an, und brachen dann plötzlich in ein unmäßiges Gelächter aus.„Ach du meine Güte, mit denen 69 iſt es nicht recht!“ rief der Kellner beſtürzt zwei Schritte rückwärts ſpringend. Alexander beſchwich⸗ tigte den Erſchrockenen durch Zahlung, und nach⸗ dem er ſich wieder hingeſetzt, fing Severin au, „das, was ich erſt weiter ausführen wollte, haben wir alle drei mimiſch dargeſtellt, und der beruhi⸗ gende Schluß nebſt Nutzanwendung lag in unſerm recht aus dem Innern herausſtrömenden Lachen! — Heute vor zwei Jahren fingen wir uns in gro⸗ ßer Narrheit, wir ſchämen uns ihrer und ſind da⸗ von totaliter geheilt.“„In der That⸗“ ſprach Marzell,„das freilich wunderhübſche Mädchen hatte. uns allen die Köpfe ſattſam verrückt.“„Wunder⸗ hübſch, ja wunderhübſch“ lächelte Alexander behag⸗ lich.„Aber,“ fuhr er mit etwas ängſtlich beklom⸗ menem Tone fort,„Du behaupteſt Severin, daß wir alle von der Narrheit, das heißt, von dem tollen Verliebtſeyn in jenes, uns unbekannt geblie⸗ bene Mädchen geheilt ſind, aber ich ſetze den Fall, daß ſie eben ſo ſchön, eben ſo anmuthig im ganzen Weſen in dieſem Augenblick wieder hier erſchiene und ſich dort an jenen Platz ſetzte, würden wir nicht aufs neue in die alte Thorheit verfallen?« „Für mich,“ nahm Severin das Wort,„kanu ich wenigſtens einſtehen, denn ich bin auf eine ſehr empfindliche Weiſe geheilt worden.“„Mir,“ ſprach Marzell,„iſt es nicht beſſer gegangen, denn toller kann niemand in der Welt myſtificirt werden, als 70 ich es wurde bei näherer Bekanntſchaft mit der un⸗ vergleichlichen Dame.“„Unvergleichliche Dame, nähere Bekanntſchaft!— fiel Alexander ihm hef⸗ tig ins Wort.„Nun ja, leugnen mag ich es nicht, fuhr Marzell fort,„daß jenem Abentheuer hier— beinahe mag ich's ſo nennen— ein kleiner Roman in einem Bande, eine Poſſe in einem Akt folgte.& „Iſt es mir denn beſſer gegangen, ſprach Seve⸗ rin,„hatte aber, o Marzellus! Dein Roman einen Band, Deine Poſſe einen Akt, ſo ſpielte ich nur ein Duodezbändchen, nur eine Szene durch!« Ale⸗ xander war blutroth im Geſicht geworden, Schweiß⸗ tropfen ſtanden ihm auf der Stirne, er holte kurz Athem, wühlte in dem wohlgekräuſelten Toupee, kurz alle Merkmale der heftigſten innern Erregung konnte er, ſichtlichen Anſtrengens unerachtet, ſo wenig Herr werden, daß Marzell fragte:„Aber ſage mir nur, Bruder, was haſt Du? was geht in Dir vor?«„Was wird es anders ſeyn,“ ſprach Severin lachend,„als daß er in die Dame, der wir entſagt, noch bis über die Ohren verliebt iſt, und uns nicht traut, oder wohl gar Wunder denkt, wie unſere Romane beſchaffen waren und plötzlich eifer⸗ ſüchtig wird, ohne im mindeſten Urſache dazu zu haben, denn wenigſtens ich bin garſtig gemißhan⸗ delt worden.“„Ich auf gewiſſe Weiſe ebenfalls,“ ſprach Marzell,„und ich ſchwöre Dir zu, Alexan⸗ der, daß der Funke, der damals in meine Seele 71 fiel, völlig zum Niewiederaufglimmen verlöſcht iſt, Du kannſt alſo getroſt die Dame lieben, ſo viel Du willſt.“„Meinetwegen auch,“ ſetzte Severin hin⸗ zu. Alexander, völlig aufgeheitert, lachte nun ſehr, indem er ſprach:„In gewiſſer Art habt Ihr mich richtig beurtheilt, aber dann ſeyd Ihr auch wieder auf ganz falſchem Wege. Hört alſo: Läugnen mag ich es gar nicht, daß, gedenkend des verhängnißvol⸗ len Nachmittags, jenes holde Mädchen in all ih⸗ rem wunderbaren Liebreiz mir ſo lebendig vor Au⸗ gen ſtand; daß ich ihre anmuthige Stimme zu hö⸗ ren, ihre weiße, zarte, nach mir ausgeſtreckte Hand erfaſſen zu können glaubte. Da war es, als könne ich nur Sie mit der ganzen Gewalt der höchſten, im Innern brennenden Leidenſchaft lieben, als könne ich nur in ihrem Beſitz glücklich ſeyn— und das wäre denn doch ein großes Unglück.“„Wie ſo?— warum?“ riefen Marzell und Severin hef⸗ tig.„Weil,“ erwiederte Alexander gelaſſen,„ich ſeit einem Jahre verheirathet bin!“—„Du? ver⸗ heirathet? ſeit einem Jahre?“— ſo ſchrieen die Freunde, indem ſie die Hände zuſammenſchlugen und dann hell auflachten.„Wer iſt Deine Ehe⸗ hälfte?— iſt ſie ſchön?— reich?— arm?— jung?— alt?— wie?— wo?— wann?— was?—« „Ich bitte Euch,« fuhr Alexander kleinlaut fort, indem er, die linke Hand auf den Tiſch geſtützt, mit der rechten an deren kleinem Finger neben ei⸗ 72 nem Chryſopras der Trauring blitzte, den Löffel er⸗ griff und den Kaffer, tief in die Taſſe gukend, um⸗ rährte.—„Ich bitte Ench, verſchont mich mit al⸗ len Fragen, und wollt Ihr mir obendrein einen recht herzlichen Gefallen erzeigen, ſo erzählt mir hübſch, was Euch nach jenem Abeutheuer mit der Dame geſchah.“„Ey, ey, Bruder,“ ſprach Mar⸗ zell,„mir ſcheint, als ob Du übel angekommen ſeyſt. Sollte der Teufel Dich geplagt haben, gar Falters goldgelbes Alräunchen!“—„Haſt Du mich lieb,“ ſiel ihm Alexander ins Wort, ſo quäle mich nicht mit Fragen, ſondern erzähle mir Deinen Ro⸗ man.“„Da haben wir den Spuk,“« rief Severin ganz verdrießlich,„zu ſeinen Tellern und Schüſſeln, Keſſeln und Kaſſerollen hat er eine Frau, gleichviel welche, ſtellen zu müſſen geglaubt, blindlings zuge⸗ griffen, und nun ſitzt er da, Reue und verbotene Liebe im Herzen— wozu nun freilich ſein glaues Ausſehen nicht recht paſſen will. Was ſagt denn die ſelige Tante mit ihren Magentropfen dazu? „Die iſt ſehr zufrieden mit mir,“ ſprach Alexander ſehr ernſthaft,„aber,« fuhr er fort,„wollt Ihr mir die Stunde des Wiederſehens nicht auf immer verbittern, wollt Ihr mich nicht mit Gewalt von Euch forttreiben, ſo hört auf mit Fragen und er⸗ zählt.“ Aleranders Betragen kam den Freunden ganz wunderlich vor, doch merkten ſie wohl, daß ſie den 7³ tief Verwundeten nicht mehr reizen dürften, Mar⸗ zell fing daher den gewünſchten Roman ohne wei⸗ teres in folgender Art an. „Es ſteht feſt, daß heute vor zwei Jahren ein hübſches Mädchen anf den erſten Blick uns allen dreien die Köpfe verrückte, daß wir uns wie junge verliebte Haſenfüße betrugen und den Wahnſinn, der uns befangen, nicht loswerden konnten. Nach und Tag, wo ich ging und ſtand, verfolgte mich des Mädchens Geſtalt, ſie ſchritt mit mir zum Kriegsminiſter, ſie trat mir aus dem Schreibpult des Präſidenten entgegen und verwirrte darch ih⸗ ren holden Liebesblick meine wohlſtudirten Reden, ſo daß man mitleidig fragte, ob ich noch an mei⸗ ner Kopfwunde litte. Sie wieder zu ſehen, war all' mein Ziel und raſtloſes Streben. Ich lief wie ein Briefträger, vom Morgen bis zum Abend durch die Straßen, ſchaute nach den Fenſtern hübſcher Leute, aber umſonſt— umſonſt.— Jeden Nachmittag war ich im Thiergarten hier im Weber'ſchen Zelt“— „Ich auch! ich auch!“ riefen Severin und Alexan⸗ der.„Ich habe Euch wohl geſehen, aber ſorglich vermieden,“ ſprach Marzell.„Gerade ſo ha⸗ ben wir es auch gemacht,“ riefen die Freunde und alle drei zuſammen im Tutti:„o wir Eſel!«— „Alles, alles war vergebens,“ fuhr Marzell fort, „aber ich hatte keine Raſt, keine Ruhe. Gerade die Ueberzeugung, daß die Unbekannte ſchon liebe, daß Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XI. Bd. 7 ich in hoffnungsloſem Schmerz vergehen werde, wenn ich ihr näher gekommen, mein Unglück recht mit leiblichen Augen ſchauen würde, nämlich ihren troſtloſen Jammer um den Verloruen, ihre Sehn⸗ ſucht, ihre Treue, gerade das fachte das Feuer in mir erſt recht an. Severins tragiſche Deutung jenes Moments hier im Thiergarten kam mir in den Sinn, und indem ich alles nur mögliche Lie⸗ besunglück auf das Mädchen häufte, war ich ſelbſt immer der noch Unglücklichere. In den ſchlafloſen Nächten, ja ſelbſt auf einſamen Spaziergängen ſpann ich die ſeltſamſten verwickeltſten Romane aus, in denen natürlicher Weiſe die Unbekannte, der Geliebte und ich, die Hauptrollen ſpielten. Welche Szenen waren zu abentheuerlich, um ſie nicht in meinen Roman zu bringen?— Ich gefiel mir er⸗ ſtaunlich als Heros in reſignirter Liebesnoth!— Wie geſagt, ich durchſtrich unſinniger Weiſe ganz Berlin um ſie, die meine Gedanken, mein ganzes Ich beherrſchte, wieder zu finden. So bin ich auch eines Vormittags, es mochte ſchon 12 Uhr ſeyn, in die neue Grünſtraße gerathen, die ich in mir ver⸗ tieft durchwandle, da tritt mir ein junger ſauber gekleideter Mann in den Weg und frägt mich höf⸗ lich den Hut rückend, ob ich nicht wiſſe, wo hier der Geheime Rath Asling wohne. Ich verneine es, doch der Name Asling fällt mir auf. Asling — Asling! Da fällt es mir mit einem Male ſchwer 75 aufs Herz, daß ich, befangen von meiner ro⸗ manesken Liebe, eines Briefs an den Geheimen Rath Asling ganz vergeſſen habe, den mir ſein, im Hos⸗ pital zu Deuz wundliegender Neffe mitgab, mich aufs dringendſte bittend, ihn ſelbſt zu beſorgen. Ich beſchließe den unverzeihlich verſchobenen Auf⸗ trag zur Stelle auszurichten, ſehe, daß der junge Mann von einem Diener aus dem nahen Laden zu⸗ recht gewieſen, in das anſehnliche Haus dicht vor mir hineingeht und folge ihm. Der Bediente führt mich ins Vorzimmer, und bittet mich einen Au⸗ genblick zu warten, da der Herr Geheimerath ſo eben mit einem fremden Herrn ſpreche. Er läßt mich allein, ich betrachte gedankenlos die großen Kupferſtiche an den Wänden, da öffnet ſich die Thür hinter mir, ich drehe mich um und erblicke — ſie!— ſie ſelbſt! das holde Himmelskind aus dem Thiergarten. Ich mag Euch nun gar nicht beſchreiben, wie mir zu Muthe wurde, aber ſo viel iſt gewiß, daß mir aller Lebensathem verging— daß ich keines Wortes mächtig war, daß ich glaubte, nun werde ich gleich leblos der Holden zu Füßen ſinken.“„Ey, ey,“ rief Alexander etwas betreten, „da warſt Du ja wohl in der That gar arg ver⸗ liebt, Bruder!“„Wenigſtens,“ fuhr Marzell fort, „konnte in dieſem Augenblick das Gefühl der wahn⸗ ſinnigſten Liebe nicht heftiger wirken. Meine Er⸗ ſtarrung muß deutlich auf meinem Geſicht, in mei⸗ ner ganzen Stellung kennbar geweſen ſeyn, denn Pauline ſchaute mich betroffen an, und da ich nun keine Sylbe hervorbrachte und ſie mein Betragen für Dummheit oder Tölpelei halten mußte, fragte ſie endlich, indem ein leiſes ironiſches Lächeln ihr Geſicht überflog;„Sie warten gewiß auf meinen Vater?“ Mit der tiefen Schaam, die ich nun über mich ſelbſt empfand, kam mir volles Bewußt⸗ ſeyn wieder. Ich raffte mich mit aller Kraft zu⸗ ſammen, mit höflicher Verbeugung nannte ich mei⸗ nen Namen und erwähnte des Auftrags, deu ich an den Geheimenrath auszurichten hatte. Da rief Pauline laut und freudig:„O mein Gott— mein Gott, Nachrichten vom Vetter!— Sie waren bei ihm, Sie ſprachen ihn?— Ich traue ſeinen Brie⸗ fen nicht, immer ſchreibt er von völliger Herſtel⸗ lung!— ſagen Sie nur gleich das Schmerzhafteſte heraus! Nicht wahr, er bleibt verkrüppelt, der Arme?« Ich verſicherte dagegen, wie ich es mit Recht thun konnte, daß die Schutßwunde, da bei⸗ nahe die Knieſcheibe zerſchmettert, allerdings ge⸗ fährlich geweſen ſey, und man mit Amputation gedroht habe, alle Gefahr ſey indeſſen nicht allein vorüber, ſondern auch Hoffnung da, daß der junge vollkräftige Mann in einiger Zeit die Krücke würde wegwerfen können, die er jetzt wohl mehrere Mo⸗ nate hindurch werde brauchen müſſen. An Pauli⸗ nens Anblick, an den Zauber ihrer Nähe gewöhnt, 77 durch das Erzählen jener Thatſachen ermuthigt, gelang es mir dem Bericht von dem Zuſtande des wunden Neffen, die Erzählung des Gefechts, das ich mit ihm in einem Bataillon dienend beſtand, und in welchem er die Wunde erhielt, zuzufügen. Ihr wißt es wohl, daß in ſolcher Exaltation man der lebensvollſten, farbenreichſten Darſtellung mäch⸗ tig iſt, ja wohl ſelbſt mehr als nöthig in jenen emphatiſchen Styl geräth, der ſeine volle Wirkung auf junge Mädchen niemals verfehlt. Eben ſo wer⸗ det Ihr wohl glauben, daß ich nicht gerade von der Stellung der Truppen, von dem kunſtreichen Plan des Manövers, von maskirten Angriffen— verſteckten Hinterhalten von Batterien— vom De⸗ bouchiren und Entwickeln der Kavalleriemaſſen u. ſ. w. ſprach, ſondern vielmehr all die kleinen, Herz und Gemüth erfaſſenden Einzelnheiten, die im Felde ſo häufig ſich darbieten, heraushob. Geſtehen muß ich, daß manches Ereigniß, das ich kaum beachtet, ſich jetzt in der Erzählung als höchſt wunderbar und rührend geſtaltete, und ſo geſchah es, daß Pau⸗ line bald vor Schauer und Schreck verblaßte, bald mild und fromm durch die Thränen, die ihr in den Augen ſtanden, lächelte.„Ach,“ ſprach ſie endlich, als ich einen Augenblick ſchwieg,„ſie ſtan⸗ den ſo regungslos, ſo in Gedanken vertieft da, als ich eintrat, gewiß weckte jenes Schlachtſtück dort irgend eine ſehr ſchmerzhafte Erinnerung!“— Wie 7* 28 ein glühender Pfeil durchfuhr es mein Inneres, ich muß blutroth geworden ſeyn bei dieſen Worten Paulinens. Ich gedachte, ſprach ich mit einem wahrſcheinlich recht kläglichen Seufzer, eines Au⸗ genblicks, der der ſeligſte meines Lebens war, un⸗ erachtet ich auf den Tod verwundet wurde.„Aber doch wieder ganz geheilt,“ fragte Pauline, mit in⸗ niger Theilnahme,„gewiß traf ſie eine böſe Kugel im Augenblick, als der glorreichſte Sieg entſchie⸗ den?“ Mir wurde etwas albern zu Muthe, doch unterdrückte ich dies Gefühl, und ohne aufzublicken, ſondern zur Erde ſchauend, wie ein geſcholteuer Bube, ſprach ich ſehr leiſe und dumpf:„Ich hatte ſchon das Glück, Sie zu ſehen, mein Fräulein!“ Nun ging das Geſpräch auf erbauliche Weiſe wei⸗ ter, indem Pauline aufing:„Ich wüßte doch in der That nicht.— Nur wenige Tage ſind es her— der herrlichſte Frühlingshauch ging über die Erde hin und erquickte Geiſt und Gemüth, ich feierte mit zweien meiner, mir im Innerſten verwandten Freunde das Feſt des Wiederſehens nach langer Trennung!«—„Das muß recht hübſch geweſen ſeyn!— Ich ſah Sie, mein Fräulein!“«—„In der That?— ach! das war gewiß im Thiergar⸗ ten!“—„Am zweiten Pfingſtfeiertage im Weber⸗ ſchen Zelt!“—„Ja, ja, ganz Recht, ich war da mit Vater und Mutter! Es gab viel Leute, ich 79 amüſirte mich recht gut, aber Sie habe ich gar nicht geſehen!“— Die vorige Albernheit kam wieder mit aller Stärke, ihr gemäß war ich im Begriff, etwas ſehr abgeſchmacktes zu ſagen, als der Geheime⸗ rath hereintrat, dem Pauline in voller Freude gleich verkündete, daß ich Briefe brächte. Der Alte ſchrie jubelnd auf:„Was! Briefe von Leo⸗ pold!— lebt er!— wie geht's mit der Wunde? — wann kann er reiſen?“— Und damit packte er mich bei der Rockklappe, und zog mich in ſein Zimmer. Pauline folgte, er rief nach Frühſtück, er hörte nicht auf mit Fragen. Kurz! zwei volle Stunden mußte ich bleiben, und als ich endlich in ſteigender Beklommenheit, da Pauline ſich dicht neben mir geſetzt und mir fortwährend mit kind⸗ licher Unbefangenheit in die Augen ſchaute, mich losriß, lud mich der Alte mit herzlicher Umarm⸗ ung ein, nur ſo oft hinzukommen— vorzüglich zur Theeſtunde— als ich wollte. Nun war ich alſo, wie es oft in der Feldſchlacht zu ergehen pflegt, unverſehens mitten im Feuer. Woll't ich Euch nun meine Qualen ſchildern, wie ich oft von unwiderſtehlichem Zauber befangen nach dem Hauſe, das mir ſo verderblich ſchien, hineilte, wie ich die Klinke, die ich ſchon in der Hand hatte, wieder fahren ließ und nach Hauſe lief, wieder zurück⸗ kehrte, das Haus umkreiſte, und dann in einer . 1 7** Art von Verzweifiung hineinſtürzte, dem Som⸗ mervogel gleich, der nicht laſſen kann von der Licht⸗ flamme, die ihm zuletzt den freiwilligen Tod giebt— wahrhaftig, Ihr würdet lachen, da Ihr wohl das Geſtändniß erwartet, daß ich mich da⸗ mals auf die ärgſte Weiſe ſelbſt myſtificirte. Bei⸗ nahe jeden Abend, wenn ich den Geheimenrath beſuchte, fand ich mehrere Geſellſchaft da, und ich muß geſtehen, daß ich mich nirgends behagli⸗ cher gefühlt, als dort, unerachtet ich, mein eigener Dämon, mir geiſtige Rippenſtöße gab und in die Ohren ſchrie: Du biſt ja ein verlorner Menſch! — Jedesmal kam ich verliebter und unglücklicher nach Hauſe. Aus Paulinens frohem unbefangenem Betragen merkt' ich bald, daß von einem Liebes⸗ unglück nicht die Rede ſeyn könne, und manche An⸗ ſpielungen der Gäſte deuteten offenbar dahin, daß ſie verſprochen ſey und bald heirathen werde. Ueberhaupt herrſchte in des Geheimenraths Zirkel eine gar herrliche gemüthliche Luſtigkeit, die er ſelbſt, ein lebenskräftiger jovialer Mann, auf die ungezwungenſte Weiſe zu entzünden wußte. Oft ſchienen größer angelegte Späße Stoff zum Lachen zu geben, die nur, da ſie vielleicht auf Perſönlich⸗ keiten ſich beziehend, mich als Fremden nicht au⸗ ſprechen konnten, verſchwiegen wurden. So er⸗ innerte ich mich, daß ich einſt, als ich nach lan⸗ gem Kampfe ſehr ſpät Abends eintrat, den Alten 841 und Paulinen von jungen Mädchen umgeben in der Ecke ſtehend erblickte. Der Alte las etwas vor, und ein ſchallendes Gelächter folgte, als er ge⸗ endet. Zu meiner Verwunderung hatte er eine große weiße, mit einem ungeheuern Nelkenſtrauß geſchmückte Schlafmütze in der Hand, die ſetzte er, nachdem er noch einige Worte geſprochen, auf, und nickte ſeltſam mit dem Kopfe hin und her, worauf alle auf's neue in ein unmäßiges Gelächter ausbrachen.“„Teufel!— Teufel!“ rief hier Se⸗ verin, indem er ſich heftig vor die Stirne ſchlug. „Was haſt Du?— was haſt Du, Herr Bruder,“ riefen die Freunde beſorgt.„Nichts, nichts— nicht das mindeſte, fahr nur fort, lieber Bruder! — nachher, nachher!— jetzt nur weiter.“ Dies erwiederte Severin nicht ohne bitter in ſich hin⸗ ein zu lachen, Marzell erzählte weiter.„Sey es nun, daß die Kammeradſchaft mit dem Neffen, oder daß die aus meiner beſtändigen Exaltation ſich erzeugende beſondere Art meines ganzen Weſens, meiner Unterhaltung, mir ſelbſt ein beſonderes Intereſſe gab, kurz, der Alte gewann mich in kur⸗ zer Zeit ſehr lieb, vorzüglich müßte ich aber ganz verblendet geweſen ſeyn, hätte ich nicht merken ſollen, daß Pauline mich vor allen andern jungen Männern, die ſie umgaben, ganz beſonders aus⸗ zeichnete.“„Wirklich, wirklich?“ fragte Alexander mit betrübtem Ton.„In der That war es ſo!« 7**ε 8² fuhr Marzell fort,„und ihr mußte ich ja ſchon deshalb näher getreten ſeyn, weil ſie, wie jedes nur irgend ſinnige Mädchen, mit einem feinen Takt aus Allem, was ich ſprach, was ich that, den vollſtimmigen Hymnus ihres wunderbaren Liebreizes heraushören, die tiefſte Adoration ihres ganzen, mit glühender Liebe erfaßten Weſen her⸗ ausfühlen mußte.— Unbeachtet ließ ſie oft ihre Hand minutenlang in der meinigen ruhen, ſie er⸗ wiederte ihren leiſen Druck, ja als einmal in fröhlichem Uebermuthe nach den Tönen eines alten Flügel ſich die Mädchen zu drehen anfingen, flog ſie in meinen Arm, und ich fühlte ihren Buſen glutvoll beben und ihren ſüßen Liebeshauch an mei⸗ nen Wangen.— Ich war außer mir!— Feuer brannte auf meinen Lippen— ich hatte ſie geküßt“ —„Donnerwetter!“ ſchrie hier Alexander, wie beſeſſen aufſpringend und ſich mit beiden Fäuſten in die Haare fahrend.„Schäme Dich, ſchäme Dich, Ehemann,“ ſprach Severin, indem er ihn auf den Stuhl niederdrückte:„Du biſt, hol' mich der Teufel, noch in Paulinen verliebt, ſchäme Dich, ſchäme Dich, Ehemann— armer, ins Joch gebeugter Ehemann!“«„So fahre nur fort,« ſprach Alexander wie troſtlos,„es werden noch ſchöne Dinge kommen, merk' ich ſchon.“„Ihr könnt Euch, nach dieſem Allen,“ ſprach Marzell weiter, „meine Stimmung wohl denken. Ich wurde, ſo 85 glaubt ich, von tanſend Qualen zerriſſen, ich ſtei⸗ gerte mich herauf zum höchſten Hervismus, ich wollte mit einem Zuge den vollen verderblichen Giftbecher leeren, und dann fern von der Gelieb⸗ ten mein Leben aushauchen. Das heißt mit au⸗ dern Worten, ich wollte ihr meine Liebe geſtehen und dann ſie meiden— wenigſtens bis zum Hoch⸗ zeitstage, da konnt ich denn, wie es geſchrieben ſteht in vielen Büchern, halb verſteckt hinter einem Kirchenpfeiler die Trauung mit anſehen und nach dem unglücklichen Ja! mit vielem Geräuſch der Länge lang ohnmächtig zu Boden ſinken, von mit⸗ leidigen Bürgersleuten herausgetragen u. ſ. w. Von dieſen Ideen ganz erfüllt, ganz wahnſinnig lief ich eines Tages früher, als gewöhnlich zum Geheimenrath.— Ich treffe Paulinen allein im Zimmer— noch ehe ſie recht erſchrecken kann über mein verſtörtes Weſen, ſtürze ich ihr zu Füßen, ergreife ihre Hände, drücke ſie an meine Bruſt — geſtehe ihr, daß ich ſie bis zur hellen Raſerei liebe, und nenne mich, indem ich einen Strom von Thränen vergieße, den unglücklichſten, dem bitterſten Tode geweihten Menſchen, da ſie nicht mein werden könne, da ſie Herz und Hand dem glücklichen Nebenbuhler früher geſchenkt. Pauline ließ mich austoben, hob mich dann auf, nöthigte mich mit holdem Lächeln neben ſich auf's Sopha, und fragte mit rührender ſanfter Stimme:„Was 3 84 ficht Sie an? lieber— lieber Marzell! beruhigen Sie ſich doch nur, Sie ſind in einer Stimmung, die mich ängſtet!“— Ich wiederholte, wiewohl beſonnener, Alles was ich geſagt; da ſprach Pau⸗ line:„Aber wie kommt es Ihnen denn in den Sinn, daß ich ſchon liebe, ja daß ich ſchon ver⸗ ſprochene Braut ſeyn ſoll?— Es iſt nicht das mindeſte davon wahr, ich kann es verſichern.“ Als ich dagegen behauptete, daß ich ſchon ſeit dem er⸗ ſten Augenblick, als ich ſie ſah, auf das klarſte überzeugt worden ſey, daß ſie liebe, und ſie im⸗ mer mehr in mich drang, doch mich nur deutli⸗ cher zu erklären, ſo erzaͤhlte ich ihr ganz treuher⸗ zig unſere ganze famöſe Geſchichte vom Pfingſtfeier⸗ tage im Weberſchen Zelt. Kaum habe ich geendet, da ſpringt Pauline auf und hüpft mit lautem Ge⸗ lächter in der Stube umher und ruft:„Nein, das iſt zu arg!— nein, ſolche Träume— ſolche Einbildungen— nein, das iſt zu arg!“— Ich bleibe ganz verdutzt ſitzen; Pauline kehrte zu mir zurück, faßte meine beiden Hände und ſchüttelte ſie, wie wenn man jemanden aus tiefem Traum wecken will.„Nun horchen Sie wohl auf,« fängt ſie, kaum vermögend das Lachen zu unterdrücken, an: „der junge Menſch, den Sie für den Liebesboten hielten, war ein Diener aus dem Bramigkſchen La⸗ den, das Billetchen, das er mir brachte, von Herrn Bramigk ſelbſt. Er, der gefälligſte, ar⸗ 85 tigſte Mann von der Welt, hatte mir verſprochen, ein allerliebſtes Pariſer Hütchen, deſſen Model ich geſehen, zu verſchreiben, und mir Nachricht zu ge⸗ ben, wenn es angekommen. Ich wollte es gerade den andern Tag, als Sie mich bei Weber ſahen, zu einem Singethee— Sie wiſſen, daß hier ſo eine Abendgeſellſchaft heißt, bei der man Thee trinkt, um zu ſingen, und ſingt um Thee zu trin⸗ ken— alſo da wollt ich ihn aufſetzen. Der Hut war wirklich angekommen, aber durch die Schuld des Verſenders ſo übel zugerichtet, daß er ohne gänzliches Umarbeiten nicht getragen werden konn te. Das war die fatale Nachricht, die mir Thränen auspreßte. Ich mocht's dem Vater gar nicht merken laſſen, aber er wußte den Grund meines tiefen Kummers bald auszuforſchen, und lachte mich derb aus. Daß ich die Gewohnheit habe, in derlei Fällen mein Tuch an die Backe zu bringen, bemerkten Sie längſt.“— Pauline lachte aufs neue, aber mir fröſtelte es eiskalt durch Mark und Glieder, ein Glutſtrom folgte, und es war, als riefe es im Innern: Alberne thörichte, widrige Putznärrin!“—, Hoho, das iſt zu grob und unwahr!“ unterbrach Alexander den Erzähler ganz erzürnt,„doch nur weiter,“ ſetzte er gelaſſener hinzu.„Richt beſchreiben,“ fuhr Marzell fort,„kann ich Euch mein Gefühl. Ich war aus dem Traum erwacht, in dem mich ein 86 büſer Geiſt geneckt, ich wußte es, daß niemals ich Paulinen liebte, und daß nur eine unbeſchreibliche narrenhafte Täuſchung der Spuk war, der mich ſo toll umhergetrieben. Kaum vermochte ich ein Wort zu ſprechen, vor innerm Verdruß zitterte ich am ganzen Leibe, und als Panline erſchrocken fragte, was mir wäre, ſchützte ich eine plötzliche Kränklichkeit vor, die ich nicht zum Ausbruch kom⸗ men laſſen dürfte, und rannte wie ein gehetztes „Wild von dannen. Als ich über den Gendarmes⸗ platz kam, ſtellte ſich gerade ein Trupp Freiwilli⸗ ger zum Abmarſch, da ſtand es klar vor meiner Seele, was ich thun müſſe, mich ſelbſt zu beſchwich⸗ tigen und die ärgerliche Geſchichte zu vergeſſen. Statt nach Hauſe zu gehen, lief ich augenblicklich zu der Behörde, die meine Wiedereinſtellung be⸗ wirkte. In zwei Stunden war alles abgemacht, nun lief ich nach Hauſe, zog meine Uniform an, packte meinen Torniſter, nahm mein Seitengewehr und meine Büchſe und ging zur Wirthin, um ihr meinen Koffer in Verwahrung zu geben. In⸗ dem ich mit ihr ſprach, ließ ſich ein Geräuſch auf der Treppe hören.„Ach jetzt werden ſie ihn brin⸗ gen,“ ſprach die Wirthin und öffnete die Thüre. Da ſah ich zwiſchen zwei Männern den wahnſini⸗ gen Nettelmann herabkommen. Er hatte eine hohe Krone von Goldpapier aufgeſetzt und trug ein langes Lineal, auf das er einen vergoldeten 87 Apfel geſpießt, als Szepter in der Hand.„Er iſt nun wieder König von Amboina geworden,“ flü⸗ ſterte die Wirthin,“ und machte in der letzten Zeit ſolche tolle Streiche, daß ihn der Bruder nach der Charitè bringen laſſen muß.“ Im Vorüberge⸗ hen erkannte mich Nettelmann, lächelte mit gnä⸗ digem Stolz auf mich herab und ſprach:„Jetzt, nachdem die Bulgaren durch meinen Feldherrn, den vormaligen Hauptmann Tellheim, geſchlagen, kehre ich zurück in meine beruhigten Staaten.“ Ohne daß ich Miene machte zu ſprechen ſetzte er mit der Hand abwehrend hinzu:„Schon gut— ſchon gut — ich weiß, was Er ſagen will, mein Lieber:— Nichts weiter, ich war mit Ihm zufrieden, ich habe es gern gethan!— Rehm er die Wenigkeit, als ein Zeichen meiner Gnade und Affektion!“— Mit dieſen Worten drückte er mir ein paar Ge⸗ würzuelken, die er aus der Weſtentaſche hervorge⸗ ſucht, in die Hand. Nun hoben ihn die Männer in den Wagen, der unterdeſſen vorgefahren. Als er fort rollte, traten mir die Thränen in die Au⸗ gen. Kommen Sie geſund, freudig und ſiegreich in unſere Stadt zurück,“ rief die Wirthin, mir treuherzig die Hand ſchüttelnd. Mit mannigfachen ſchmerzlichen Gefühlen in der aufgeregten Bruſt rannte ich fort in die Nacht hinein, und erreichte in weniger Zeit den Trupp der, luſtige Krieglieder ſingenden Kameraden.„Alſo biſt Du überzeugt, 88 Bruder,“ fragte Alexander,„daß Deine Liebe zu Paulinen nur Selbſttäuſchung war?—„Wie von meinem Leben,“ erwiederte Marzell,„und wenn Du nur ein bischen Menſchenkenntniß zu Rathe ziehſt, wirſt Du auch finden, daß die plöt⸗ liche Sinnesänderung, als ich erfuhr, daß ich kei⸗ nen Nebenbuhler hatte, ſonſt nicht möglich war. — Uebrigens liebe ich jetzt ernſtlich, und unerach⸗ tet ich über Deinen Eheſtand ſo gelacht, Alexander, weil Du mir, nimm's nicht übel, als Pater fami- lias gar zu ſchnakiſch vorkommſt, ſo hoffe ich doch bald in einer ſchönern Gegend als die unſrige ein holdes Mädchen als Braut heimführen zu können.“ „In der That,“ rief Alexander ganz erfreut,„o Du lieber charmanter Bruder!“ Er umarmte den Marzell mit Heftigkeit.„Nun ſeht doch,“ ſprach Severin,„wie er ſich freut, daß ein anderer ihm ſeine tollen Streiche nachmacht. Nein, was mich betrifft, ſo umfängt mich der Gedanke an den Ehe⸗ ſtand mit unheimlichem Grauen. Doch nun will ich Euch meine Geſchichte mit Fräulein Paulinen auftiſchen zu Eurer Ergötzlichkeit.„Was haſt Du denn mit Paulinen vorgehabt?“ fragte Alexander verdrießlich.„Nicht viel,“ erwiederte Severin, „gegen Marzells ausführliche, mit pſychologiſcher Ein⸗ und Anſicht vorgetragene Geſchichte iſt die meinige nur ein dürftiger magerer Schwank.— Ihr wißt, daß ich mich vor zwei Jahren in einer ganz beſonderen Stimmung befand. Wohl mochte es meine phyſiſche Kränklichkeit ſeyn, die mich ganz und gar zum empfindelnden Geiſterſeher um⸗ ſchuf. Ich ſchwamm in einem bodenloſen Meer von Ahnungen und Träumen. Ich glaubte, wie ein perſiſcher Magier, den Geſang der Vögel zu verſtehen, ich hörte in dem Rauſchen des Waldes bald tröſtende, bald warnende Stimmen, ich ſah mich ſelbſt in den Wolken wandeln. So geſchah es, daß ich einſt in einer abgelegenen wilden Par⸗ thie des Thiergartens, auf einer Moosbank ſitzend, in einen Zuſtand gerieth, den ich nur dem wunder⸗ baren Deliriren, das dem Einſchlafen vorherzuge⸗ hen pflegt, vergleichen kann. Mir war es, als würde ich plötzlich von ſüßem Roſenduft umwallt, indeſſen erkannte ich bald, daß der Roſenduft ein holdes Weſen ſey, das ich ſchon längſt bewußtlos mit glühender inbrünſtiger Liebe umfangen. Ich wollte ſie mit leiblichen Augen erſchauen, aber da legte es ſich wie eine große dunkelrothe Nelke über meine Stirn, und ihr Duft, wie mit brennenden Strahlen den Hauch der Roſe wegſengend, betäubte meine Sinne, ſo daß ein bitter ſchmerzliches Ge⸗ fühl mich durchdrang, welches laut werden wollte in tief klagenden Accenten. Wie wenn der Abend⸗ wind mit leiſem Fittig die Aeolsharfe anſchlägt und den Zauber löst, von dem beſtrickt ihre Töne im Innern ſchliefen, ſo klang es durch den Wald, 90 aber nicht meine Klage war das, ſondern die Stimme jenes Weſens, das, wie ich, von der Nelke zum Sterben berührt worden.— Erlaßt es mir, mein Traumgeſicht zum indiſchen Mythos zu formen und zu runden, genug, Roſ' und Nelke wurden mir Le⸗ ben und Tod, und all' meine Tollheit, die ich heut vor zwei Jahren ausließ, kam hauptſächlich davon her, daß ich in dem Himmelskinde, das dort drü⸗ ben ſaß, und das ſich leiblicher Weiſe jetzt als Fräu⸗ lein Pauline Asling geſtaltet hat, das, ätheriſchem Roſenduft entkeimte Weſen zu erkennen glaubte, deſſen Liebesglut ſich mir erſchloſſen. Ihr erinnert Euch, daß ich gleich im Thiergarten Euch verließ, um nach meiner Wohnung zu eilen, aber eine ganz deutliche beſtimmte Ahnung ſagte mir, daß, wenn ich mit Anſtrengung fort⸗ und hineinliefe durch das Leipziger Thor und dann nach den Linden, ich die ſehr langſam davon ſchreitende Familie am Aus⸗ gang derſelben oder in der Nähe des Schloſſes an⸗ treffen würde. Nun rannte ich fort und zwar nicht da, wo ich glaubte, wohl aber in der breiten Straße in die ich unwillkührlich hineingefahren, ſah ich die Familie, ſah ich das wunderbare Bild vor mir her⸗ wandeln. Ich folgte von weitem und erfuhr auf dieſe Weiſe noch denſelben Abend die Wohnung der Geliebten. Ihr werdet wahrſcheinlich ſehr lachen, daß ich in der Grünſtraße— ich ſage in der Grün⸗ ſtraße einen geheimnißvollen Nelken⸗ und Roſen⸗ 91 duft zu verſpüren glaubte.— Ja! ſo weit ging mein Wahnſinn! Uebrigens gebehrdete ich mich jetzt ganz, wie ein verliebter Knabe, der wider die Forſt⸗ orduung die ſchönſten Bäume mit dem Einſchneiden verſchlungener Namenzüge ruinirt, ein verdorrtes Blumenblatt, das der Geliebten entfiel, in ſiebeu Papiere gewickelt auf dem Herzen trägt u. ſ. w. Das heißt, ich ſing, wie es jener allemal thut, da⸗ mit an, des Tages zwölf⸗, fünfzehn⸗, zwanzigmal vorbeizulaufen, und, ſtand ſie am Fenſter, ohne zu grüßen mit Blicken hinaufzuſtarren, die ſeltſam ge⸗ nug geweſen ſeyn müſſen. Sie bemerkte mich, und der Himmel mag wiſſen wie ich dazu kam, mir ein⸗ zubilden, daß ſie mich verſtehe, ja daß ſie ſich ih⸗ res pſychiſchen Einwirkens auf mich in jener Blu⸗ menviſion bewußt ſey, und nun in mir den erkenne, über den die feindſelige Nelke dunkle Schleier warf, als er ſie, die ihm tief im Innern als Liebesſtern auf⸗ gegangen, voll inbrünſtiger Sehnſucht erfaſſen wollte. Selbigen Tages ſetzte ich mich hin und ſchrieb an ſie. Ich erzählte ihr meine Viſton, wie ich ſie dann im Weberſchen Zelt geſehen und als das Traumbild erkannt habe, wie ich wiſſe, daß ſie ſchon zu lieben vermeine, daß aber in dieſer Hin⸗ ſicht irgend etwas Bedrohliches in ihr Leben ge⸗ treten ſey. Es könne, ſagte ich ferner, kein Wahn ſeyn, daß auch ſie in gleichem Traumesahnen un⸗ ſere pſychiſche Verwandtſchaft, unſere Liebe erkannt, Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XI. Bd. 8 92 doch vielleicht habe ihr nun erſt meine Viſion deut⸗ lich erſchloſſen, was tief in ihrem eigenen Innern geruht. Aber damit das froh und freudig ins Le⸗ ben trete, damit ich mit freier Bruſt mich ihr nahen könne, flehe ich ſie an, künftigen Tages in der zwölften Stunde am Fenſter zu erſcheinen, und als deutliches Wahrzeichen unſers Liebesglücks friſch blühende Roſen an der Bruſt zu tragen. Sey ſie aber in feindlicher Täuſchung von einem andern Weſen unwiederſtehlich verlockt, wäre mein Sehnen hoffnungslos, verwerfe ſie mich ganz und gar, ſo ſollte ſie zur ſelbigen Stunde, ſtatt der Roſen, Nelken an die Bruſt ſtecken.— Der Brief mag ein tolles, unſinniges Stück Arbeit ge⸗ weſen ſeyn, das kann ich mir jetzt wohl denken. Ich ſchickte ihn mit ſolch' ſicherer Botſchaft ab, daß ich überzeugt ſeyn konnte, er werde in die rechten Hände gelangen.— Voll innerer Angſt und Beklemmung gehe ich den andern Tag nach der Grünſtraße— ich nähere mich dem Hauſe des Geheimenraths— ich ſehe eine weiße Geſtalt am Fenſter— das Herz ſchlägt mir, als wolle es die Bruſt zerſprengen— ich ſtehe dicht vor dem Hauſe — da öffnet der Alte— er war die weiße Ge⸗ ſtalt— das Fenſter— er hat eine hohe, weiße Nachtmütze auf, einen ungeheuren Nelkenſtrauß daran befeſtigt— er nickt ſehr freundlich heraus, ſo daß die Blumen ſeltſam ſchwanken und zittern b — er wirft mir mit ſüßlich lächelnder Miene Kußhändchen zu.— In dem Augenblick werde ich auch Paulinen gewahr, wie ſie verſtohlen hin⸗ ter der Gardine hervorſteht.— Sie lacht— ſie lacht!— wie verzaubert war ich bewegungslos ſtehen geblieben, aber nun rannte ich fort— fort wie toll!— Nun! Ihr könnt denken!— zweifelt Ihr wohl daran, daß ich durch dieſen hämiſchen Spott gänzlich geheilt war 2— Doch die Schaam ließ mich nicht raſten. Wie Marzell es ſpäter that, ging ich ſchon damals zur Armee, und nur ein böſes Verhängniß hat es gewollt, daß wir niemals zuſammentrafen.“ Alexander lachte unmäßig über den humoriſtiſchen Alten.„Alſo dieſe Geſchichte war es,“ ſprach Mar⸗ zell,„welche der Geheimerath damals vortrug, und wahrſcheinlich war das, was er vorlas, Dein excentriſcher Brief.“„Darau iſt gar nicht zu zwei⸗ feln,“ erwiederte Severin,„und unerachtet ich jetzt das Lächerliche meines Betragens ſehr wohl einſehe, unerachtet ich dem Alten Recht gebe und ihm für die angewandte ſchneidende Arznei danken muß, ſo erfüllt mich mein Abentheuer doch noch immer mit tiefem Verdruß, und ich mag bis jetzt deshalb keine delken leiden.“ „Nun,“ ſprach Marzell,„wir haben beide hin⸗ länglich für unſere Thorheit gebüßt. Alexander, der, wie es ſcheint, nun erſt, da wir's uͤberſtanden, 94 in Panlinen verliebt iſt, war der Vernünftigſte von uns allen, und daher blieb er frei von weiterer Narrheit und hat nichts davon aufzutiſchen.“„Da⸗ für,« rief Severin,„kann er uns erzählen, wie er zur Frau kam.“„Ach, lieber Bruder,“ nahm Alexander das Wort,„was kann ich viel mehr von meiner Heirathsgeſchichte ſagen, als, ich ſah ſie, verliebte mich und ſie wurde meine Braut, meine Fran. Doch das Einzige mag vielleicht einiger⸗ maſſen intereſſiren, wie die ſelige Tante ſich dabei benahm.“„Nun? nun?“— fragten die Freunde voll Neugierde.„Ihr werdet Euch erinnern,“ fuhr Alexander fort,„daß ich damals mit dem größten Widerwillen Berlin, und vorzüglich auch das, durch den graulichen Spuk mir unheimlich gewordene Haus verließ. Das hing ſo zuſammen. Einſt an einem hellen Morgen, nachdem ich die Nacht wieder durch das Hin⸗ und Hertappen, welches diesmal bis in mein Kabinett hineindringen zu wollen ſchien, recht arg verſtoͤrt worden, lieg ich abgemattet und verdrießlich im Fenſter, ich ſehe gedankenlos die Straße herab, da wird ſchräg über in dem großen Hauſe ein Fenſter geöffnet und ein wunderhübſches Mädchen in einem zierlichen Morgenkleide ſchaut heraus. So ſehr mir Pauline gefallen, ſo fand ich doch dies Geſichtchen unendlich viel anziehender. Mein Blick blieb ſtarr auf ſie geheftet, ſie ſah end⸗ lich herüber, ſie mußte mich bemerken, ich grüßte 9⁵ und ſie daukte mit unbeſchreiblicher Anmuth. Durch Jungfer Anna erfuhr ich gleich, wer drüben wohne, und mein Entſchluß ſtand feſt, auf irgend eine Weiſe die Bekanntſchaft der Familie zu machen, und ſo dem holden lieblichen Weſen, das meinen ganzen Sinn gefangen hatte, näher zu treten. Es war eigen, daß, da ich nun all' meine Gedanken auf das Mädchen gerichtet hatte, da ich mich in ſüßen Träumen des ſchönſten Liebesglücks verlor, der un⸗ heimliche Spuk der Tante ausblieb.— Jungfer Anna, der ich ſo liebreich begegnet, als es nur in meinen Kräften ſtand, und die alle Scheu abgelegt hatte, erzählte mir oft viel von der Seligen, ſie war untröſtlich, daß die Verſtorbene, die doch ein ſolch gottſeliges frommes Leben geführt, keine Ruhe im Grabe habe, und ſchob alle Schuld auf den ruchloſen Bräutigam und den unverwindlichen Schmerz jenes unglücklichen Hochzeittages, an dem der Bräutigam ausblieb. Nun verkündete ich ihr mit vieler Freude, daß ich nichts mehr höre.„Ach du lieber Gott,“ rief ſie weinerlich,„wenn nur erſt Kreuzes⸗Erfindung vorüber wäre.“„Was iſt das mit dem Kreuzes⸗Erfindungstage,“ fragte ich ſchnell. „Ach du lieber Gott,“ ſprach Jungfer Anna weiter, „das iſt ja eben der unglückliche Hochzeittag. Sie wiſſen, lieber Herr, daß die ſelige Mamſell gerade am dritten April dahin ſchied. Acht Tage darauf wurde ſie begraben. Die Stuben wurden bis auf 8*† 96 das große Zimmer und das daran ſtoßende Kabinett verſiegelt. So mußte ich dann in dieſen Gemä⸗ chern hauſen, unerachtet mir, ſelbſt wußt' ich nicht warum, dies ängſtlich und graulich war. Kaum brach nun am Kreuzes⸗Erfindungstage der Morgen an, als mir eine eiskalte Hand über das Geſicht fuhr und ich ganz deutlich der Seligen Stimme vernahm, welche ſprach:„Steh' auf, ſteh' auf, Anna! es iſt Zeit, daß Du mich ſchmückeſt, der Bräutigam kommt!“ Voller Schreck ſprang ich aus dem Bette und zog mich raſch an. Es war alles ſtill und nur eine ſchneidende Zugluft blies durch den Kamin. Mimi winſelte und jammerte unauf⸗ hörlich, und ſelbſt Hans, wie es ſonſt gar nicht Katzennatur iſt, ächzte vernehmlich und drückte ſich ſcheu in die Ecken. Nun war es, als würden Kom⸗ moden und Schränke geöffnet, als rauſchte es mit ſeidenen Kleidern, und dabei ſang es ein Morgen⸗ lied. Ach, lieber Herr!— alles hörte ich deutlich und doch ſah ich niemanden, die Angſt wollte mich ganz übermannen, aber ich kniete in die Ecke des Zimmers und betete eifrig. Nun war es, als wür⸗ de ein Tiſchchen gerückt, als würden Gläſer und Taſſen darauf geſetzt— und es ging im Zimmer auf und ab!— Ich konnte kein Glied rühren, und — was ſoll ich denn nun noch weiter ſagen— wie jedesmal an jenem Unglückstage, hörte ich die ſelige Mamſell herumgehen und ſtöhnen und ſeufzen und 97 beten, bis die Uhr zehn ſchlug, da vernahm ich wieder ganz deutlich die Worte:„Geh' nur zu Bette, Anna! es iſt aus!“— Aber da ſiel ich auch bewußtlos zur Erde nieder, und ſo fanden mich am andern Morgen die Leute im Hauſe, welche, da ich mich gar nicht blicken laſſen, glaubten, mir ſey etwas zugeſtoßen und die verſchloſſene Thüre auf⸗ brechen ließen. Niemanden als Ihnen, lieber Herr, habe ich indeſſen erzählt, was mir an jenem Tage geſchehen.“ Nach dem, was ich erfahren, durfte ich gar nicht daran zweifeln, daß Alles ſich ſo, wie Jungfer Anna erzählte, zugetragen, und ich war froh, daßt ich nicht früher angekommen und ſo den argen graulichen Spuk mit zu beſtehen gehabt hatte.— Gerade jetzt, als ich den Spuk verbannt glaubte, als in der Nachbarſchaft mir ſüße Hoffnungen auf⸗ gingen, mußte ich fort, und daher kam die Ver⸗ ſtimmung, die ihr an mir bemerktet,— Nicht ſechs Monate waren verfloſſen, als ich meinen Abſchied erhalten hatte und wiederkehrte. Es gelang mir ſehr bald, die Bekanntſchaft jener nachbarlichen Fa⸗ milie zu machen, und ich fand das Mädchen, die mir auf den erſten Blick ſo reizend, ſo anmuthig erſchien, bei näherer Bekanntſchaft immer anziehen⸗ der in allem ihren Weſen und Thun, ſo daß nur in der innigſten Verbindung mit ihr mein Lebens⸗ glück blühen konnte. Ich weiß nicht, wie es kam, 98 daß ich durchaus glaubte, ſie liebe ſchon einen An⸗ dern, und dieſe Meinung wurde beſtätigt, als einſt von einem jungen Manne die Rede war, bei deſſen Erwähnung das Mädchen, helle Thränen in den Augen, ſchnell aufſtand und ſich entfernte.— Dem⸗ unerachtet that ich mir gar keinen Zwang an, ſon⸗ dern ließ ihr, ohne gerade zu ſprechen, in vollem Maaß die innige Zuneigung merken, die mich an ſie feſſelte. Es ſchien, als würde ſie mir mit jedem Tage gewogener, mit recht lieblicher Behaglichkeit nahm ſie die Huldigungen auf, die ſich in tauſend kleinen, ihr wohlgefälligen Galanterien ausſprachen. „Niemals,“ fiel hier Marzell dem erzählenden Ale⸗ rander in die Rede,„niemals hätt' ich das alles dem ungeſchickten Menſchen zugetraut; er iſt Gei⸗ ſterſeher und eleganter Liebhaber zugleich, aber in⸗ dem er es erzählt, glaube ich daran, und ſehe ihn, wie er alle Laden durchläuft, um irgend eine ge⸗ wünſchte Putzwaare zu erbeuten, wie er athemlos bei Bouché ankommt, um den ſchönſten Roſen⸗ oder Nelkenſtock«—„Fort mit den unſeligen Blumen,“ ſchrie Severin, und Alexander erzählte alſo weiter, „Glaubt nicht, daß ich ungeſchickter Weiſe mit koſt⸗ baren Geſchenken anrückte; daß dies in dem Hauſe nicht angebracht ſey, ſagte mir bald mein inneres richtiges Gefühl, dagegen knüpfte ich gering ſchei⸗ nende Aufmerkſamkeiten an meine Perſon und er⸗ ſchien niemals ohne ein gewünſchtes Stickmuſter, V V 99 ein neues Lied, ein noch nicht geleſenes Taſchenbuch u. ſ. w. in der Taſche zu tragen. Kam ich nicht jeden Vormittag auf ein halbes Stündchen herüber, ſo wurde ich vermißt.— Kurz, was will ich Euch denn mit ſolcher Umſtändlichkeit ermüden— mein Verhältniß mit dem Mädchen ging in jene behag⸗ liche Vertraulichkeit über, die zum offnen Geſtänd⸗ niß der Liebe und zur Heirath führt.— Ich wollte mir den letzten Wolkenſchatten vertreiben, ſprach daher einſt in einer gemüthlichen Stunde geradezu von der vorgefaßten Meinung, daß ſie ſchon liebe oder wenigſtens geliebt habe, und erwähnte aller Umſtände, die dieſe Meinung genährt hatten, vor⸗ züglich aber dachte ich jenes jungen Mannes, deſſen Andenken ihr Thränen auspreßte.„Geſtehen will ichs Ihnen,“ ſprach das Mädchen,„daß das längere Zuſammenſein mit jenem Manne, der plötzlich als Fremder in unſer Haus eintrat, meiner Ruhe hätte gefährlich werden können, ja daß ich eine heftige Neigung für ihn in mir aufkeimen ſpürte, und des⸗ halb kann ich noch jetzt nicht ohne tiefes Mitleid, das mir Thränen entlockt, des Unglücks, das ihn auf ewig von mir ſchied, gedenken.“ Des Unglücks, das ihn verbannte? fragte ich neugierig.„Ja!“ erzählte das Mädchen weiter:„nie kannte ich einen Mann, der ſo wie er durch ſein ganzes Weſen, durch ſein Geſpräch, Sinn und Gemüth zu beherrſchen wußte, aber nicht läugnen konnte ich, daß er, wie Charité gebracht worden. Er müſſe über das Lot⸗ 100 mein Vater fortwährend behauptete, ſich beſtändig in einem beſonders exaltirten Zuſtande befand. Dies ſchrieb ich dem, durch, uns unbekannte Urſachen— vielleicht durch den Krieg, den er mitgemacht, tief erregten Innern, der Vater dagegen dem Genuß geiſtiger Getränke zu. Ich hatte Recht, das lehrte der Erfolg. Er überraſchte mich einſt allein und offenbarte eine Stimmung, die ich erſt für den Aus⸗ bruch der leidenſchaftlichſten Liebe, dann aber, als er wie von Froſt geſchüttelt, an allen Gliedern zitternd, unter unverſtändlich ausgeſtoßenen Lauten davon rannte, für Wahnſinn halten mußte. Es war ſo. Zufällig hatte er einmal Straße und Nummer ſeiner Wohnung genannt, die ich im Ge⸗ dächtniß behalten. Als er mehrere Wochen ausge⸗ blieben, ſchickte der Vater hin; die Wirthin oder vielmehr der Hausknecht, der die dort meublirte Zimmer Bewohnenden zu bedienen pflegte, und den unſer Diener gerade antraf, ließ aber auf die Er⸗ kundigung ſagen, der ſey längſt toll und nach der terieſpiel verrückt geworden, denn er habe geglaubt, König von der Ambe zu ſeyn.“„Gott im Himmel,“ ſchrie Marzell erſchreckt,„das war Nettelmann— Ambe— Amboina.“—„Es kann,“ ſprach Sexerin ſehr leiſe und dumpf,„auch eine beſondere Ver⸗ wechslung ſtatt gefunden haben— mir gehn Lichter auf!— Doch nur weiter!“— Alexander blickte 10¹ den Severin wehmüthig lächelnd an, und fuhr dann fort:„Ich war beruhigt, und bald kam es denn dahin, daß das holde Mädchen meine Braut und der Hochzeittag anberaumt wurde. Ich wollte das Haus, in dem der Spuk ſich dann und wann wieder vernehmen ließ, verkaufen, der Schwiegervater rieth mir's ab, und ſo kam es, daß ich ihm die ganze Geſchichte von dem graulichen Umgehn der alten Tante erzählte.— Er wurde, ſonſt ein gar lebens⸗ kräftiger jovialer Mann, ſehr nachdenklich, und wie ich es gar nicht erwartet hatte, ſprach er: „In alter Zeit hatten wir einen frommen ſchlichten Glauben, wir erkannten das Jenſeits, aber auch die Blödigkeit unſerer Sinne, dann kam die Auf⸗ klärung, die Alles ſo klar machte, daß man vor lauter Klarheit nichts ſah, und ſich am nächſten Baume im Walde die Naſe ſtieß, jetzt ſoll das Jen⸗ ſeits erfaßt werden, mit hinübergeſtreckten Armen von Fleiſch und Bein.— Behalten Sie das Haus und laſſen Sie mich machen!“— Ich erſtaunte, als der Alte die Haustrauung in dem großen Zimmer meiner Wohnung am Kreuz⸗Erfindungstage, ich er⸗ ſtaunte noch mehr, als er Alles in dem Zimmer ſo anordnete, wie es die ſelige Tante gethan. Jung⸗ fer Anna ſchlich mit vor Angſt zerſtörtem Geſicht leiſe betend umher. Die geſchmückte Braut— der Geiſtliche kam, nichts Befremdendes ließ ſich hören oder blicken. Als aber der Segen geſprochen, da ging es wie ein leiſer ſanfttönender Hauch durchs 102 Zimmer, und ich, meine Braut, der Geiſtliche, alle Anweſende hatten nach einſtimmiger Ausſage in demſelben Augenblick ein unbeſchreibliches Wohlſeyn gefühlt, das uns mit elektriſcher Wärme durchdrang, — Seit der Zeit habe ich keinen Spuk verſpürt, außer heute, da das lebhafte Andenken an die holde Pauline in meine Ehe einen neuen Spuk gebracht.“ Dies ſprach Alexander ſeltſam lächelnd und ſich um⸗ ſchauend.„O du großer Thor!“ rief Marzell. „Ich wollte nicht, daß ſie heute wieder hier erſchiene, wer weiß, was mir geſchähe.“— Es waren unter⸗ deſſen viele Spaziergänger angelangt und hatten Tiſche und Stühle eingenommen, nur den Platz nicht, wo vor zwei Jahren die Aslingſche Familie ſaß.„Eine recht ſeltſame Ahnung,“ fing Severin an,„geht durch mein Inneres, indem ich jenen ver⸗ hängnißvollen Platz dort anſchaue, es iſt mir als ob— In dem Augenblick ſchritt der Geheime⸗Rath Asling, ſeine Frau am Arme, vorüber, Pauline folgte, anmuthig und wunderherrlich anzuſchauen, wie vor zwei Jahren. So wie damals ſchien ſie mit rückwärts gewandtem Kopf jemanden ausſpähen zu wollen. Da ſiel ihr Alexander ins Auge, der aufgeſtanden war.„Ach da biſt Du ja ſchon!“ rief ſie freudig, indem ſie auf ihn zuſprang. Er faßte ſie bei der Hand und ſprach zu den Freunden:„Das iſt, Herzensbrüder, mein liebes Weiblein Pauline!“