4 06 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Oltmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. K 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 5 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 8 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ) 8 8————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 2„—„ 3— 5. Auswärtige Abonnenten h 1—„„—„ haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Spät um Mitternacht— es mochte im Herbſte des Jahrs 1680 ſeyn— wurde an dieſes Haus hart und heftig angeſchlagen, daß es im ganzen Flur laut wiederhallte— Baptiſte, der in des Fräuleins kleinem Haushalt Koch, Bedienter und Thürſteher zugleich vorſtellte, war mit Erlaubniß ſeiner Herrſchaft über Land gegangen zur Hochzeit ſeiner Schweſter, und ſo kam es, daß die Marti⸗ niere, des Fräuleins Kammerfrau, allein im Hauſe noch wachte. Sie hörte die wiederholten Schläge, es fiel ihr ein, daß Baptiſte fortgegangen, und ſie mit dem Fräulein ohne weitern Schutz im Hauſe geblieben ſey; aller Frevel von Einbruch, Diebſtahl und Mord, wie er jemals in Paris verübt worden, . 1 5 kam ihr in den Sinn, es wurde ihr gewiß, daß irgend ein Haufen Meuter, von der Einſamkeit des Hauſes unterrichtet, da draußen tobe und eingelaſſen ein böſes Vorhaben gegen die Herrſchaft ausführen wolle, und ſo blieb ſie in ihrem Zimmer zitternd und zagend, und den Baptiſte verwünſchend ſammt ſeiner Schweſter Hochzeit. Unterdeſſen don⸗ nerten die Schläge immer fort, und es war ihr, als rufe eine Stimme dazwiſchen:„So macht doch nur auf um Chriſtuswillen, ſo macht doch nur auf.“ Endlich in ſteigender Angſt ergriff die Martiniere ſchnell den Leuchter mit der brennenden Kerze, und rannte hinaus auf den Flur; da vernahm ſie ganz deutlich die Stimme des Anpochenden:„Um Chri⸗ ſtuswillen, ſo macht doch nur auf!«„In der That,“ vachte Martiniere,„ſo ſpricht doch wohl kein Räu⸗ ber; wer weiß, ob nicht gar ein Verfolgter Zu⸗ flucht ſucht bei meiner Herrſchaft, die ja geneigt iſt zu jeder Wohlthat. Aber laßt uns vorſichtig ſeyn!“— Sie öffnete ein Fenſter und rief hinab, wer denn da unten in ſpäter Nacht ſo an der Hausthür tobe, und alles aus dem Schlafe wecke, indem ſie ihrer tiefen Stimme ſo viel Männliches zu geben ſich bemühte, als nur möglich. In dem Schimmer der Mondesſtrahlen, die eben durch die finſtern Wolken brachen, gewahrte ſie eine lange, in einen hellgrauen Mantel gewickelte Geſtalt, die den breitem Hut tief in die Augen gedrückt hatte. — Sie ruft nun mit lauter Stimme, ſo daß es der, unten vernehmen konnte!„Baptiſte, Claude, Pierre, ſteht auf, und ſeht einmal zu, welcher Taugenichts uns das Haus einſchlagen will!“ Da ſprach es aber mit ſanfter, beinahe klagender Stimme von nnten herauf:„Ach! la Martiniere, ich weiß ja, daß Ihr es ſeyd, liebe Frau, ſo ſehr Ihr Euere Stimme zu verſtellen trachtet, ich weiß ja, daß Baptiſte über Land gegangen iſt, und Ihr mit Eurer Herrſchaft allein im Hauſe ſeyd, macht mir nur getroſt auf, befürchtet nichts. Ich muß durch⸗ aus mit Eurem Fränulein ſprechen, noch in dieſer Minute.“„Wo denkt Ihr hin,“ erwiederte die Martiniere,„mein Fräulein wollt Ihr ſprechen mitten in der Nacht? Wißt Ihr denn nicht, daß ſie längſt ſchläft, und daß ich ſie um keinen Preis wecken werde aus dem erſten ſüßeſten Schlummer, deſſen ſie in ihren Jahren wohl bedarf.“„Ich weiß,“ ſprach der Untenſtehende,„daß Euer Fräu⸗ lein ſo eben das Manuſe ript ihres Romans, Clelia geheißen, an dem ſie raſtlos arbeitet, bei Seite gelegt hat, und jetzt noch einige Verſe aufſchreibt, die ſie morgen bei der Marquiſe de Maintenon vor⸗ zuleſen gedenkt. Ich beſchwöre Euch, Frau Mar⸗ tiniere, habt die Barmherzigkeit, und öffnet mir die Thüre. Wißt, daß es darauf ankommt, einen Unglücklichen vom Verderben zu retten, wißt, daß Ehre, Freiheit, ja das Leben eines Menſchen ab⸗ hängt von dieſem Augenblick, in dem ich Euer Fräulein ſprechen muß. Bedenkt, daß Eurer Ge⸗ bieterin Zorn ewig auf Euch laſten würde, wenn ſie erführe, daß Ihr es waret, die den Unglücklichen, welcher kam, ihre Hülfe zu erflehen, hartherzig von der Thür wieſet.“„Aber warum ſprecht Ihr denn meines Fräuleins Mitleid an in dieſer un⸗ gewöhnlichen Stunde, kommt morgen zu guter Zeit wieder,“ ſo ſprach die Martiniere herab; da er⸗ wiederte der unten:„Kehrt ſich denn das Schick⸗ ſal, weun es verderbend wie der tödtende Blitz einſchlägt, an Zeit und Stunde? Darf, wenn nur einen Augenblick Rettung noch möglich iſt, die Hülfe aufgeſchoben werden? Oeffnet mir die Thür, fürchtet doch nur nichts von einem Elenden, der ſchutzlos, verlaſſen von aller Welt, verfolgt, be⸗ drängt von einem ungeheuern Geſchick, Euer Fräu⸗ lein um Rettung anflehen will aus drohender Gefahr! Die Martiniere vernahm, wie der Untenſte⸗ hende bei dieſen Worten vor tiefem Schmerz ſtöhnte und ſchluchzte; dabei war der Ton von ſeiner Stimme der eines Jünglings, ſanft und eindringend tief in die Bruſt. Sie fühlte ſich im Innerſten bewegt, ohne ſich weiter lange zu beſin⸗ nen, holte ſie die Schlüſſel herbei. So wie ſie die Thüre kaum geöffnet, drängt ſich ungeſtüm die im Mantel gehüllte Geſtalt hin⸗ ein und rief, der Martiniere vorbeiſchreitend in den Flur, mit wilder Stimme:„Führt mich zu Eurem Fräulein!“ Erſchrocken hob die Martiniere den Leuchter in die Höhe, und der Kerzenſchimmer ſiel in ein todtbleiches, furchtbar entſtelltes Jüng⸗ lingsantlitz. Vor Schrecken hätte die Martiniere zu Boden ſinken mögen, als nun der Menſch den Mantel auseinanderſchlug, und der blauke Griff eines Stilets aus dem Bruſtlatz hervorragte. Es blitzte der Menſch ſie an mit funkelnden Augen und rief noch wilder als zuvor:„Führt mich zu Euerm Fräulein, ſage ich Euch!“ Nun ſah die Martiniere ihr Fräulein in der dringendſten Gefahr, alle Liebe zu der theuren Herrſchaft, in der ſie zugleich die fromme, treue Mutter ehrte, flammte ſtärker auf im Innern, und erzeugte einen Muth, deſſen ſie wohl ſelbſt ſich nicht fähig geglaubt hatte. Sie warf die Thüre ihres Gemachs, die ſie offen gelaſ⸗ ſen, ſchnell zu, trat vor dieſelbe und ſprach ſtark und feſt:„In der That, Euer tolles Betragen hier im Hauſe paßt ſchlecht zu Euern kläglichen Worten da draußen, die, wie ich nun wohl merke, mein Mitleid ſehr zu unrechter Zeit erweckt haben. Mein Fräulein ſollt und werdet Ihr jetzt nicht ſprechen. Habt Ihr nichts böſes im Sinn, dürft Ihr den Tag nicht ſcheuen, kommt morgen wieder und bringt Eure Sache an!— jetzt ſchert Euch aus dem Hauſe!« Der Menſch ſtieß einen dumpfen Seufzer aus, blickte die Martiniere ſtarr an mit 10 entſetzlichem Blick, und griff nach dem Stilet. Die 6 Martiniere befahl im Stillen ihre Seele dem Herrn, h doch blieb ſie ſtandhaft, und ſah dem Menſchen keck ins Auge, indem ſie ſich feſter an die Thüre des 1 Gemachs drückte, durch welches der Menſch gehen mußte, um zu dem Fräulein zu gelangen.„Laßt — mich zu Euerm Fräulein, ſage ich Euch,“ rief der Menſch nochmals.„Thut was Ihr wollt,“ erwie⸗ 1 derte die Martiniere,„ich weiche nicht von dieſem Plat, vollendet nur die böſe That, die Ihr begon⸗ ſ nen, auch Ihr werdet den ſchmachvollen Tod finden 6 auf dem Greveplatz, wie Eure verruchten Spieß⸗ e geſellen.“„Ha,“ ſchrie der Menſch auf;„Ihr 4 habt recht, la Martiniere! ich ſehe aus, ich bin f bewaffnet wie ein verruchter Räuber und Mörder, 1 aber meine Spießgeſellen ſind nicht gerichtet, ſind d aicht gerichtet!«— Und damit zog er, giftige Blicke 1 ſchießend, auf die zum Tode geängſtete Frau, das Sttilet heraus.„Jeſus!“ rief ſie, den Todesſtoß hj erwartend, aber in dem Augenblick ließ ſich auf ſi der Straße das Geklirr von Waffen, der Huftritt ſ hören.„Die Marechauſſee— die Marechauſſee. e Hülfe, Hülfe!« ſchrie die Martiniere.„Entſetz⸗ 2 liches Weib, Du willſt mein Verderben— nun iſt u Alles aus, Alles ausz nimm!— nimm; gieb das dem Fränulein heute noch— morgen wenn Du willſt“ 1— dieß leiſe murmelnd hatte der Menſch der Mar⸗ e tiniere den Leuchter weggeriſſen die Kerzen ver⸗ 11 köſcht und ihr ein Käſtchen in die Hände gedrückt. „Um Deiner Seligkeit, willen gieb das Käſtchen dem Fräulein;“ rief der Menſch und ſprang zum Hauſe hinaus. Die Martiniere war zu Boden ge⸗ ſunken, mit Mühe ſtand ſie auf, und tappte ſich in der Finſterniß zurück in ihr Gemach; wo ſie ganz erſchöpft, keines Lautes mächtig, in den Lehnſtuhl ſank. Nun hörte ſie die Schlüſſel klirren, die ſie im Schloß der Hausthür hatte ſtecken laſſen. Das Haus wurde zugeſchloſſen und leiſe unſichere Tritte nahten ſich dem Gemach. Feſt gebannt, ohne Kraft ſich zu regen, erwartete ſie das Gräßliche; doch wie geſchah ihr, als die Thüre aufging, und ſie bei dem Scheine der Nachtlampe auf den erſten Blick den ehrlichen Baptiſte erkannte; der ſah leichenblaß aus und ganz verſtört.„Um aller Heili⸗ gen willen,“ fing er an,„ſagt, mir Frau Marti⸗ niere, was iſt geſchehen? Ach die Angſt! die Angſt! — Ich weiß nicht was es war, aber fortgetrieben hat es mich von der Hochzeit geſtern Abend mit Gewalt!— Und nun komme ich in die Straße. Frau Martiniere, denk ich, hat einen leiſen Schlaf, die wird's wohl hören, wenn ich leiſe und ſäuber⸗ lich anpoche an die Hausthüre, und mich hineinlaſſen. Da kommt mir eine ſtarke Partrouille entgegen, Reuter, Fußvolk bis an die Zäyne bewaffnet, und hält mich an und will mich nicht fortlaſſen. Aber zum Glück iſt Desgrais dabei, der Marechauſſee⸗ 7—“-e—õ——y= — — nͤe 12 Lientnant, der mich recht gut kennt; der ſpricht, als ſie mir die Laterne unter die Naſe halten: Ei Bap⸗ tiſte, wo kommſt Du her des Wegs in der Nacht? Du mußt fein im Hauſe bleiben und es hüten. Hier iſt es nicht gehener, wir denken noch in die⸗ ſer Nacht einen guten Fang zu machen. Ihr glaubt gar nicht, Frau Martiniere, wie mir dieſe Worte aufs Herz fielen. Und nun trete ich auf die Schwelle, und da ſtürzte ein verhüllter Menſch aus dem Hauſe, das blanke Stilet in der Fauſt, und rennt mich um und um— das Haus iſt offen, die Schlüſſel ſtecken im Schloſſe— ſagt, was hat das Alles zu bedeuten?“ Die Martiniere, von ihrer Todesangſt befreit, erzaͤhlte wie ſich Alles begeben. Beide, ſie und Baptiſte gingen in den Hausflur, ſie fanden den Leuchter auf dem Boden, wo der fremde Menſch ihn im Entfliehen hinweggeworfen. „Es iſt nur zu gewiß,“ ſprach Baptiſte,„daß unſer Fräulein beraubt und wohl gar ermordet werden ſollte. Der Menſch wußte, wie Ihr erzählt, daß Ihr allein wart mit dem Fräulein, ja ſogar ſie noch wachte bei ihren Schriften; gew 3 es einer von den verfluchten Gaunern und Spitz⸗ buben, die bis ins Innere der Häuſer dringen, alles liſtig auskundſchaftend, was ihnen zur Aus⸗ führung ihrer teufliſchen Anſchläge dienlich. Und das kleine Käſtchen, Frau Martiniere, das, dent ich, werfen wir in die Seine, wo ſie am tiefſten 13 iſt. Wer ſteht uns dafür, daß nicht irgend ein verruchter Unhold unſerm guten Fräulein nach dem Leben trachtet, daß ſie, das Käſtchen öffnend, nicht todt niederſinkt, wie der alte Marquis von Tournay als er den Brief aufmachte, den er von unbekannter Hand erhalten!«— Lange rathſchlagend, beſchloſſen die Getreuen endlich, dem Fräulein am andern Morgen Alles zu erzählen und ihr auch das ge⸗ heimnißvolle Käſtchen einzuhändigen, das ja mit gehöriger Vorſicht geöffnet werden könne. Beide, erwägten ſie genau jeden Umſtand der Erſcheinung des verdächtigen Fremden, meinten, daß wohl ein beſonderes Geheimniß im Spiel ſeyn könne, über das ſie eigenmächtig nicht ſchalten dürften, ſon⸗ dern die Enthüllung ihrer Herrſchaft überlaſſen müßten.— Baptiſte's Beſorgniſſe hatten ihren guten Grund. Gerade zu der Zeit war Paris der Schauplatz der verruchteſten Gräuelthaten, gerade zu der Zeit bot die Frufliſchſte Erfindung der Hölle die leichteſten Mittel dazu dar. Glaſer, ein deutſcher Apotheker, der beſte Che⸗ miker ſeiner Zeit, beſchäftigte ſich, wie es bei Leuten von ſeiner Wiſſenſchaft wohl zu geſchehen pflegte, mit alchymiſtiſchen Verſuchen. Er hatte es darauf abgeſehen, den Stein der Weiſen zu finden. Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. X. Bd. 2 Ihm geſellte ſich ein Italiener zu, Namens Exili. Dieſem diente aber die Goldmacherkunſt nur zum Vorwande. Nur das Miſchen, Kochen, Sublimiren der Giftſtoffe, in denen Glaſer ſein Heil zu finden hoffte, wollt' er erlernen, und es gelang ihm end⸗ lich, jenes feine Gift zu bereiten, das ohne Geruch, ohne Geſchmack, entweder auf der Stelle vder langſam tödtend, durchaus keine Spur im menſch⸗ lichen Körper zurückläßt, und alle Kunſt, alle Wiſſenſchaft der Aerzte täuſcht, die den Gift⸗ mord nicht ahnend, den Tod einer natürlichen Urſache zuſchreiben müſſen. So vorſichtig Exili auch zu Werke ging, ſo kam er doch in den Ver⸗ racht des Giftverkaufs, und wurde nach der Baſtille gebracht. In daſſelbe Zimmer ſperrte man bald darauf den Hauptmann Godie de Sainte Croix ein. Dieſer hatte mit der Marquiſe de Brinvillier lange Zeit in einem Verhältniſſe gelebt, welches Schande irber die ganze Familie brachte, und endlich, da der Marauis unempfindlich blieb für die Verbrechen ſeiner Gemahlin, ihren Vater, Dreux d'Aubray, Eivit⸗Lieutnant zu Paris, nöthigte, das verbreche⸗ riſche Paar durch einen Verhaftungsbefehl zu tren⸗ nen, den er wider den Hauptmann auswirkte. Lei⸗ denſchaftlich, ohne Charakter, Frömmigkeit heu⸗ chelnd und zu Laſtern aller Art geneigt von Ingend aut, eiferſüchtig⸗ rachſüchtig bis zur Wuth, konnte dem Hauptmaun nichts willkommner ſeyn als Exi⸗ 45 lis keufliſches Geheimniß, das ihm die Macht gab, alle ſeine Feinde zu vernichten. Er wurde Exilis eifriger Schüler, und that es bald ſeinem Meiſter gleich, ſo daß er, aus der Baſtille entlaſſen, allein fortzuarbeiten im Stande war. Die Brinvillier war ein entartetes Weib, durch Sainte Croix wurde ſie zum Ungeheuer. Er ver⸗ mochte ſie nach und nach, erſt ihren eignen Vater, bei dem ſie ſich befand, ihn mit verruchter Heuche⸗ lei im Alter pflegend, dann ihre beiden Brüder, und endlich ihre Schweſter zu vergiften; den Vater aus Rache, die andern der reichen Erbſchaft wegen⸗ Die Geſchichte mehrerer Giftmörder giebt das ent⸗ ſetzliche Beiſpiel, daß Verbrechen der Art zur un⸗ widerſtehlichen Leidenſchaft werden. Ohne weitern Zweck, aus reiner Luſt daran, wie der Chemiker Experimente macht zu ſeinem Vergnügen, haben oft Giftmörder Perſonen gemordet, deren Leben oder Tod ihnen völlig gleich ſeyn konnte. Das plötzliche Hinſterben mehrerer Armen im Hotel Dien erregte ſpäter den Verdacht, daß die Brode, welche die Brinvillier dort wöchentlich auszutheilen pflegte, um als Muſter der Frömmigkeit und des Woh⸗ thuns zu gelten, vergiftet waren. Gewiß iſt es aber, daß ſie Taubenpaſteten vergiftete, und ſie den Gäſten, die ſie geladen, vorſetzte. Der Chevalier du Guet und mehrere andere Perſouen fielen als Opfer dieſer hölliſchen Mahlzeiten. Sainte Groix, ſein Gehülſe la Chauſee, die Brinvillier wußten lange Zeit hindurch ihre gräßlichen Unthaten in un⸗ durchdringliche Schleier zu hüllen; doch welche ver⸗ ruchte Liſt verworfener Menſchen vermag zu beſte⸗ hen, hat die ewige Macht des Himmels beſchloſſen, ſchon hier auf Erden die Frevler zu richten!— Die Gifte, welche Sainte Croix bereitete, waren ſo fein, daß, lag das Pulver(pondre de succes- sion nannten es die Pariſer) bei der Bereitung offen, ein einziger Athemzug hinreichte, ſich augen⸗ blicklich den Tod zu geben. Sainte Croix trug deß⸗ halb bei ſeinen Operationen eine Maske von feinem Glaſe. Dieſe fiel eines Tages, als er eben ein fer⸗ tiges Giftpulver in eine Phiole ſchütten wollte, herab, und er ſank, den feinen Staub des Giftes einathmend, augenblicklich todt nieder. Da er ohne Erben verſtorben, eilten die Gerichte herbei, um den Nachlaß unter Siegel zu nehmen. Da fand ſich in einer Kiſte verſchloſſen das ganze hölliſche Arſe⸗ nal des Giftmords, das dem verruchten Sainte Eroix zu Gebote geſtanden, aber auch die Briefe der Brinvillier wurden aufgefunden, die über ihre Unthaten keinen Zweifel ließen. Sie floh nach Lüt⸗ tich in ein Kloſter. Desgrais, ein Beamter der Marechauſſee, wurde ihr nach geſendet. Als Geiſt⸗ licher verkleidet, erſchien er in dem Kloſter, wo ſie ſich verborgen. Es gelang ihm, mit dem entſetzli⸗ chen Weibe einen Liebeshandel anzuknüpfen, und ſie 17 zu einer heimlichen Zuſammenkunft in einem einſa⸗ men Garten vor der Stadt zu verlocken. Kaum dort angekommen, wurde ſie aber von Desgrais Häſchern umringt, der geiſtliche Liebhaber verwan⸗ delte ſich plötzlich in den Beamten der Marechauſ⸗ ſee, und nöthigte ſie in den Wagen zu ſteigen, der vor dem Garten bereit ſtand, und von den Häſchern umringt, gerades Wegs nach Paris abfuhr. La Chauſſee war ſchon früher enthauptet worden, die Brinvillier litt denſelben Tod, ihr Körper wurde nach der Hinrichtung verbrannt, und die Aſche in die Lüfte geſtreut. Die Pariſer athmeten auf, als das Ungeheuer von der Welt war, das die heimliche mörderiſche Waffe ungeſtraft richten konnte gegen Feind und Freund. Doch bald that es ſich kund, daß des ver⸗ ruchten La Croix entſetzliche Kunſt ſich fort vererbt hatte. Wie ein unſichtbares tückiſches Geſpenſt ſchlich der Mord ſich ein in die engſten Kreiſe, wie ſie Verwandtſchaft— Liebe— Freundſchaft nur bilden können, und erfaßte ſicher und ſchnell die unglücklichen Opfer. Der, den man heute in blü⸗ hender Geſundheit geſehen, wankte morgen krank und ſiech umher, und keine Kunſt der Aerzte konnte ihn vor dem Tode retten. Reichthum— ein ein⸗ trägliches Amt— ein ſchönes, vielleicht zu jugend⸗ liches Weib— das genügte zur Verfolgung auf den Tod. Das grauſamſte Mißtranuen trennte die 9* 2 heiligſten Bande. Der Gatte zitterte vor der Gat⸗ tin— der Vater vor dem Sohn— die Schweſter vor dem Bruder.— Unberührt blieben die Spei⸗ ſen, blieb der Wein bei dem Mahl, das der Freund den Freunden gab, und wo ſonſt Luſt und Scherz gewaltet, ſpähten verwilderte Blicke nach dem ver⸗ kappten Mörder. Man ſah Familienväter ängſt⸗ lich in entfernten Gegenden Lebensmittel einkaufen, und in dieſer, jener ſchmutzigen Garküche ſelbſt be⸗ reiten, in ihrem eigenen Hauſe teufliſchen Verrath fürchtend. Und doch war manchmal die größte be⸗ dachteſte Vorſicht vergebens. Der König, dem Unweſen, das immer mehr über⸗ hand nahm, zu ſteuern, ernannte einen eigenen Ge⸗ richtshof, dem er ausſchließlich die Unterſuchung und Beſtrafung dieſer heimlichen Verbrechen über⸗ trug. Das war die ſogenannte Chambre ardente die ihre Sitzungen unfern der Baſtille hielt, und welcher la Regnie als Präſident vorſtand. Meh⸗ rere Zeit hindurch blieben Regnies Bemühungen, ſo eifrig ſie auch ſeyn mochten, fruchtlos, dem ver⸗ ſchlagenen Desgrais war es vorbehalten, den ge⸗ heimſten Schlupfwinkel des Verbrechens zu entdek⸗ ken.— In der Vorſtadt Saint Germain wohnte ein al⸗ tes Weib, la Voiſin geheißen, die ſich mit Wahr⸗ ſagen und Geiſterbeſchwören abgab, und mit Hülfe ihrer Spießgeſellen, le Sage und le Bigoureux, 19 auch ſelbſt Perſonen, die eben nicht ſchwach und leichtgläubig zu nennen, in Furcht und Erſtaunen zu ſetzen wußte. Aber ſie that mehr als dieſes. Exilis Schülerin wie la Croix, bereitete ſie wie dieſer, das feine, ſpurloſe Gift, und half auf dieſe Weiſe ruchloſen Söhnen zur frühen Erbſchaft, ent⸗ arteten Weibern zum andern jüngern Gemahl. Desgrais drang in ihr Geheimniß ein, ſie geſtand alles, die Chambre ardente verurtheilte ſie zum Feuertode, den ſie auf dem Greveplatze erlitt. Man fand bei ihr eine Liſte aller Perſonen, die ſich ihrer Hülfe bedient hatten; und ſo kam es, daß nicht allein Hinrichtung auf Hinrichtung folgte, ſondern auch ſchwerer Verdacht ſelbſt auf Perſonen von ho⸗ hem Anſehen laſtete. So glaubte man, daß der Cardinal Bonzy bei der la Voiſin das Mittel ge⸗ funden, alle Perſonen, denen er als Erzbiſchof von Narbonne Penſionen bezahlen mußte, in kurzer Zeit hinſterben zu laſſen. So wurden die Herzogin von Bouillon, die Gräfin von Soißons, deren Namen man auf der Liſte gefunden, der Verbindung mit dem teufliſchen Weibe angeklagt, und ſelbſt Fran⸗ cois Henri de Montmorenci, Boudebelle, Herzog von Luxemburg, Pair und Marſchall des Reichs, blieb nicht verſchont. Auch ihn verfolgte die furcht⸗ bare Chambre ardente. Er ſtellte ſich ſelbſt zum Gefängniß in der Baſtille, wo ihn Louvois und la Regnies Haß in ein ſechs Fuß langes Loch einſper⸗ 20 ren ließ. Monate vergingen, ehe es ſich vollkom⸗ men ausmittelte, daß des Herzogs Verbrechen keine Rüge verdienen konnte. Er hatte ſich einmal von le Su das Horoskop ſtellen laſſen. Gewiß iſt es, daß blinder Eifer den Präſidenten la Regnie zu Gewaltſtreichen und Grauſamkeiten verleitete. Das Tribunal nahm ganz den Charak⸗ ter der Inquiſition an, der geringfügigſte Verdacht reichte hin zu ſtrenger Einkerkerung, und oft war es dem Zufall überlaſſen, die Unſchuld des auf den Tod Angeklagten darzuthun. Dabei war Regnie von garſtigem Anſehen und heimtückiſchem Weſen, ſo daß er bald den Haß derer auf ſich lud, deren Rächer oder Schützer zu ſeyn er berufen wurde. Die Herzogin von Bouillon, von ihm im Verhöre gefragt, ob ſie den Teufel geſehen? erwiederte: „mich dünkt ich ſehe ihn in dieſem Augenblick!« Während nun auf dem Greveplatz das Blut Schuldiger und Verdächtiger in Strömen floß, und endlich der heimliche Giftmord ſeltner und ſeltner wurde, zeigte ſich ein Unheil andrer Art, welches neue Beſtürzung verbreitete. Eine Gaunerbande ſchien es darauf angelegt zu haben, alle Juwelen in ihren Beſitz zu bringen. Der reiche Schmuck, kaum gekauft, verſchwand auf unbegreifliche Weiſe, mochte er verwahrt ſeyn wie er wollte. Noch viel ärger war es aber, daß Jeder, der es wagte, zur Abendzeit Juwelen bei ſich zu tragen, auf offener * 21 Straße oder in finſtern Gängen der Hänſer be⸗ raubt, ja wohl gar ermordet wurde. Die mit dem Leben davon gekommen, ſagten aus, ein Fauſtſchlag auf den Kopf habe ſie wie ein Wetterſchlag nie⸗ dergeſtürzt, und aus der Betäubung erwacht, hät⸗ ten ſie ſich beraubt, und an ganz anderem Orte, als da, wo ſie der Schlag getroffen, wieder gefun⸗ den. Die Ermordeten, wie ſie beinahe jeden Mor⸗ gen auf der Straße oder in den Häuſern lagen, hatten alle dieſelbe tödtliche Wunde. Einen Dolch⸗ ſtich ins Herz, nach dem Urtheil der Aerzte ſo ſchnell und ſicher tödtend, daß der Verwundete keines Lau⸗ tes mächtig zu Boden ſinken mußte. Wer war an dem üppigen Hofe Ludwig XIV., der nicht in einen geheimen Liebeshandel verſtrickt, ſpät zur Geliebten ſchlich, und manchmal ein reiches Geſchenk bei ſich trug?— Als ſtünden die Gauner mit Gei⸗ ſtern im Bunde, wußten ſie genau, wenn ſich ſo etwas zutragen ſollte. Oft erreichte der Unglück⸗ liche nicht das Haus, wo er Liebesglück zu genießen dachte, oft ſiel er auf der Schwelle, ja vor dem Zimmer der Geliebten„ die mit Entſetzen den bluti⸗ gen Leichman fand. Vergebens ließ Argenſon, der Polizeyminiſter, Alles aufgreifen in Paris, was von dem Volk nur irgend verdächtig ſchien, vergebens wüthete la Reg⸗ nie, und ſuchte Geſtändniſſe zu erpreſſen, ver⸗ gebens wurden Wachen, Patrouillen verſtärkt, die — 22 Spur der Thäter war nicht zu finden. Nur die Vorſicht, ſich bis an die Zähne zu bewaffnen, und ſich eine Leuchte vortragen zu laſſen, half eini⸗ germaßen, und doch fanden ſich Beiſpiele, daß der Diener mit Steinwürfen geängſtet, und der Herr in demſelben Augenblick ermordet und beraubt wurde. Merkwürdig war es, daß aller Nachforſchungen auf allen Plätzen, wo Juwelenhandel nur möglich war, unerachtet nicht das mindeſte von den ge⸗ raubten Kleinodien zum Vorſchein kam, und alſo auch hier keine Spur ſich zeigte, die hätte ver⸗ folgt werden können. Desgrais ſchäumte vor Wuth, daß ſelbſt ſeiner Liſt die Spitzbuben zu entgehen wußten. Das Vier⸗ tel der Stadt, in dem er ſich gerade befand, blieb verſchont, während in dem andern, wo Keiner Böſes geahnt, der Raubmord ſeine reichen Opfer erſpaͤhte. Desgrais beſann ſich auf das Kunſtſtück, meh⸗ rere Desgrais zu ſchaffen, ſich untereinander ſo ähnlich an Gang, Stellung, Sprache, Figur Ge⸗ ſicht, daß ſelbſt die Häſcher nicht wußten, wo der rechte Desgrais ſtecke. Unterdeſſen lanſchte er, ſein Leben wagend, allein in den geheimſten Schlupf⸗ winkeln, und folgte von weitem dieſem oder jenem, der auf ſeinen Anlaß einen reichen Schmuck bei ſich trug. Der blieb unangefochten; alſo auch 23 von die ſer Maaßregel waren die Gauner unter⸗ richtet. Desgrais gerieth in Verzweiflung. Eines Morgens kommt Desgrais zu dem Präſi⸗ denten la Regnie, blaß, entſtellt, außer ſich.— Was habt Ihr, was für Nachrichten?— Fandet Ihr die Spur?« ruft ihm der Präſident entgegen. „Ha— gnädiger Herr,“ fängt Desgrais an, vor Wuth ſtammelnd,„ha, gnädiger Herr— geſtern in der Nacht— unfern des Louvres iſt der Mar⸗ guis de la Fare angefallen worden in meiner Gegenwart.“„Himmel und Erde,“ jauchzt la Regnie auf vor Freude—„wir haben ſie!“— „O hört nur erſt,« fällt Desgrais mit bitterm Lächeln ein,„wie ſich alles begeben.— Am Louvre ſtehe ich alſo, und paſſe, die ganze Hoͤlle in der Bruſt, auf die Teufel, die meiner ſpotten. Da kommt mit unſicherm Schritt immer hinter ſich ſchauend eine Geſtalt dicht bei mir vorüber, ohne mich zu ſehen. Im Mondesſchimmer erkenne ich den Marquis de la Fare. Ich konnt' ihn da erwar⸗ ten, ich wußte wo er hinſchlich. Kaum iſt er zehn— zwölf Schritte bei mir vorüber, da ſpringt wie aus der Erde herauf eine Figur, ſchmettert ihn nieder und fällt über ihn her. Unbeſonnen, überraſcht von dem Augenblick, der den Mörder in meine Hand liefern konnte, ſchrie ich laut auf, und will mit einem gewaltigen Sprunge aus mei⸗ nem Schlupfwinkel heraus auf ihn zu ſetzen; da 24 verwickle ich mich in den Mantel und falle hin. Ich ſehe den Menſchen wie auf den Flügeln des Windes forteilen, ich rapple mich auf, ich renne ihm nach— laufend ſtoße ich in mein Horn— aus der Ferne antworten die Pfeifen der Häſcher— es wird lebendig— Waffengeklirr, Pferdegetrap⸗ pel von allen Seiten.— Hierher— hierher— Desgrais— Desgrais! ſchreie ich, daß es durch die Straßen hallt.— Immer ſehe ich den Men⸗ ſchen vor mir im hellen Mondſchein, wie er, mich zu täuſchen, da— dort— einbiegt; wir kommen in die Straße Nicaiſe, da ſcheinen ſeine Kräfte zu ſinken, ich ſtrenge die meinigen doppelt an— noch funfzehn Schritte höchſtens hat er Vorſprung.“— „Ihr holt ihn ein— Ihr packt ihn, die Häſcher kommen,“ ruft la Regnie mit blitzenden Augen, indem er Desgrais beim Arm ergreift, als ſey der der fliehende Mörder ſelbſt.—„Funfzehn Schritte,“ fährt Desgrais mit dumpfer Stimme und mühſam athmend fort,„vor mir ſpringt der Menſch auf die Seite in den Schatten und ver⸗ ſchwindet durch die Mauer.“„Verſchwindet?— durch die Mauer!— Seyd Ihr raſend,“ ruft la Regnie, indem er zwei Schritte zurück tritt und die Hände zuſammenſchlägt.„Nennt mich,“ fährt Desgrais fort, ſich die Stirne reibend, wie einer, den böſe Gedanken plagen,„gnädiger Herr, im⸗ merhin einen Raſenden, einen thörichten Geiſter⸗ 25 ſeher, aber es iſt nicht anders, als wie ich es Euch erzähle. Erſtarrt ſtehe ich vor der Mauer, als mehrere Häſcher athemlos herbeigekommen; mit ihnen der Marquis de la Fare, der ſich aufgerafft, den bloßen Degen in der Hand. Wir zünden die Fackeln an, wir tappen an der Mauer hin und her; keine Spur einer Thüre, eines Fenſters, einer Oeffnung. Es iſt eine ſtarke ſteinerne Hofmauer, die ſich an ein Haus lehnt, in dem Leute wohnen, gegen die auch nicht der leiſeſte Verdacht aufkommt. Noch heute habe ich Alles in genauen Augenſchein genommen.— Der Teufel ſelbſt iſt es, der uns foppt.“ Desgrais Geſchichte wurde in Paris be⸗ kannt. Die Köpfe waren erfüllt von den Zaube⸗ reien, Geiſterbeſchwörungen, Teufelsbündniſſen der Voiſin, des Vigoureux, des berüchtigten Prieſters le Sage; und wie es denn nun in unſerer ewigen Natur liegt, daß der Hang zum Uebernatürlichen, zum Wunderbaren alle Vernunft überbietet, ſo glaubte man bald nichts Geringeres, als daß, wie Desgrais nur im Unmuth geſagt, wirklich der Teufel ſelbſt die Verruchten ſchütze, die ihm ihre Seelen verkauft. Man kann es ſich denken, daß Desgrais Geſchichte mancherlei tollen Schmuck er⸗ hielt. Die Erzählung davon, mit einem Holz⸗ ſchnitt darüber, eine gräßliche Teufelsgeſtalt vor⸗ ſtellend, die vor dem erſchrockenen Desgrais in die Erde verſinkt, wurde gedruckt und an allen Ecken X. 3 verkauft. Genug, das Volk einzuſchüchtern, und ſelbſt den Häſchern allen Muth zu nehmen, die nun zur Nachtzeit mit Zittern und Zagen die Straßen durchirrten, mit Amuletten behängt, und eingeweiht, in Weihwaſſer. Argenſon ſah die Bemühungen der Chambre ar- dente ſcheitern, und ging den König an, für das neue Verbrechen einen Gerichtshof zu ernennen, der mit noch ausgedehnterer Macht den Thätern nach⸗ ſpüre und ſte ſtrafe. Der König, überzeugt; ſchon der Chambre ardente zu viel Gewalt gegeben zu haben, erſchüttert von dem Gräuel unzähliger Hin⸗ richtungen, die der blutgierige la Regnie veranlaßt, wies den Vorſchlag gänzlich von der Hand. Man wählte ein anderes Mittel, den König für die Sache zu beleben. In den Zimmern der Maintenon, wo ſich der König Nachmittags aufzuhalten, und wohl auch mit ſeinen Miniſtern bis in die ſpäte Nacht hinein zu arbeiten pflegte, wurde ihm ein Gedicht überreicht im Namen der gefährdeten Liebhaber, welche klagten, daß, gebiete ihnen die Galanterie, der Geliebten ein reiches Geſchenk zu bringen, ſle alle⸗ mal ihr Leben daran ſetzen müßten. Ehre und Luſt ſey es, im ritterlichen Kampf ſein Blut für die Geliebte zu verſpritzen; anders verhalte es ſich aber mit dem heimtückiſchen Anfall des Mörders, wi⸗ der den man ſich nicht wappen könne. Ludwig, der leuchtende Polarſtern aller Liebe und Galan⸗ terie, möge hellaufſtrahlend die finſtere Nacht zerſtreuen, und ſo das ſchwarze Geheimniß, das darin verborgen, enthüllen. Der göttliche Held, der ſeine Feinde niedergeſchmettert, werde nun auch ſein ſiegreich funkelndes Schwerdt zucken, und wie Herkules die Lernäiſche Schlange, wie Theſeus den Minotaur, das bedrohliche Ungeheuer bekämpfen, das alle Liebesluſt wegzehre, und alle Freude ver⸗ düſtre in tiefes Leid in troſtloſe Trauer. So ernſt die Sache auch war, ſo fehlte es dieſem Gedicht doch nicht, vorzüglich in der Schilderung, wie die Liebhaber auf dem heimlichen Schleichwege zur Geliebten ſich ängſtigen müßten, wie die Angſt ſchon alle Liebesluſt, jedes ſchöne Abentheuer der Galanterie im Aufkeimen tödte, an geiſtreichwitzi⸗ gen Wendungen. Kam nun noch hinzu, daß beim Schluß Alles in einen hochtrabenden Panegyrikus auf Ludwig XIV. ausging ſo konnte es nicht fehlen, daß der König das Gedicht mit ſichtlichem Wohl⸗ gefallen durchlas. Damit zu Stande gekommen, drehte er ſich, die Augen nicht wegwendend von dem Papier, raſch um zur Maintenon, las das Gedicht noch einmal mit lauter Stimme ab, und fragte dann anmuthig lächelnd, was ſie von den Wünſchen der gefährdeten Liebhaber halte? Die Maintenon, ihrem ernſten Sinne treu und immer in der Farbe einer gewiſſen Frömmigkeit, erwie⸗ 28 derte, daß geheime verbotene Wege eben keines be⸗ ſondern Schutzes würdig, die entſetzlichen Verbrecher aber wohl beſonderer Maaßregeln zu ihrer Vertil⸗ gung werth wären. Der König, mit dieſer ſchwanken⸗ den Antwort unzufrieden, ſchlug das Papier zu⸗ fammen, und wollte zurück zu dem Staatsſekretär, der in dem andern Zimmer arbeitete, als ihm bei einem Blick, den er ſeitwärts warf, die Senderi ins Auge fiel, die zugegen war, und eben unfern der Maintenon auf einem kleinen Lehnſeſſel Platz genommen hatte. Auf dieſe ſchritt er nun los; das anmuthige Lächeln, das erſt um Mund und Wangen ſpielte, und das verſchwunden, gewann wieder Oberhand, und dicht vor dem Fräulein ſtehend, und das Gedicht wieder auseinanderfaltend, ſprach er ſanft:„Die Marquiſe mag nun einmal von den Galanterien unſerer verliebten Herren nichts wiſſen, und weicht mir aus auf Wegen, die nichts weniger als verboten ſind. Aber Ihr, mein Fräulein, was haltet Ihr von dieſer dichteriſchen Supplik 2— Die Seuderi ſtand ehrerbietig auf von ihrem Lehnſeſſel, ein flüchtiges Roth überflog wie Abendpurpur die blaſen Wangen der alten würdigen Dame, ſie ſprach; ſich leiſe verneigend, mit niedergeſchlagenen Augen: Un amant qui craint les voleurs mest point digne d'amour. 29 Der König, ganz erſtaunt über den ritterlichen Geiſt dieſer wenigen Worte, die das ganze Gedicht, mit ſeinen ellenlangen Tiraden zu Boden ſchlugen, rief mit blitzenden Augen:„Beim heiligen Dionys, Ihr habt Recht, Fräulein! Keine blinde Maaß⸗ regel, die den Uuſchuldigen trifft mit dem Schuldi⸗ gen, ſoll die Feigheit ſchützen; mögen Argenſon und la Regnie das Ihrige thun!“— Alle die Gräuel der Zeit ſchilderte nun die Mar⸗ tiniere mit den lebhafteſten Farben, als ſie am andern Morgen ihrem Fräulein erzählte, was ſich in voriger Nacht zugetragen, und übergab ihr zit⸗ ternd und zagend das geheimnißvolle Käſtchen. Sowohl ſie als Baptiſte, der ganz verblaßt in der Ecke ſtand, und vor Angſt und Beklommenheit die Nachtmütze in den Händen knetend, kaum ſprechen konnte, bat das Fräulein auf das wehmüthigſte um aller Heiligen willen, doch nur mit möglichſter Behutſamkeit das Käſtchen zu öffnen. Die Seuderi, das verſchloſſene Geheimniß in der Hand wiegend und prüfend, ſprach lächelnd:„Ihr ſeht Beide Geſpenſter.— Daß ich nicht reich bin, daß bei mir keine Schätze, eines Mordes werth, zu holen ſind, das wiſſen die verruchten Meuchelmörder da drau⸗ ſen, die, wie Ihr ſelbſt ſagt, das Innerſte der Häuſer erſpähen, wohl eben ſo gut als ich und Ihr. 5 30 Auf mein Leben ſoll es abgeſehen ſeyn? Wem kann was an dem Tode liegen, einer Perſon von drei und ſiebenzig Jahren, die niemals andere ver⸗ folgte als die Böſewichter und Friedenſtörer in den Romanen; die ſie ſelbſt ſchuf, die mittelmäßige Verſe macht, welche niemandes Neid erregen kön⸗ nen, die nichts hinterlaſſen, wird, als den Staat des alten Fräuleins, das bisweilen an den Hof ging, und ein paar Dutzend gut eingebundener Bücher mit vergoldetem Schnitt! Und Du, Mar⸗ tiniere, Du magſt nun die Erſcheinung des fremden Menſchen ſo ſchreckhaft beſchreiben wie Du willſt, dooch kann ich nicht glauben, daß er Böſes im Sinne getragen.“ „Alſo!“— Die Martiniere prallte drei Schritte zurück, Bap⸗ tiſte ſank mit einem dumpfen Ach! halb in die Knie, als das Fräulein nun an einen hervorragen⸗ den ſtählernen Kopf drückte, und der Deckel des Käſtchens mit Geräuſch aufſprang. Wie erſtaunte das Fräulein, als ihr aus dem Käſtchen ein Paar goldne, reich mit Juwelen be⸗ ſetzte Armbänder, und eben ein ſolcher Halsſchmuck entgegen funkelten. Sie nahm das Geſchmeide her⸗ aus, und indem ſie die wundervolle Arbeit des Halsſchmucks lobte, beäugelte die Martiniere die reichen Armbänder, und rief einmal über das an⸗ dere, daß ja ſelbſt die eitle Montespan nicht ſolchen 51 Schmuck beſitze.„Aber wasſoll das, was hat das zu bedeuten,“ ſprach die Scuderi. In dem Augen⸗ blick gewahrte ſie auf dem Boden des Käſtchens einenkleinen zuſammengefalteten Zettel. Mit Recht hoffte ſie den Aufſchluß des Geheimnißes darin zu finden. Der Zettel, kaum hatte ſie, was er ent⸗ hielt, geleſen, entfiel ihren zitternden Händen. Sie warf einen ſprechenden Blick zum Himmel, und ſank dann wie halb ohnmächtig in den Lehn⸗ ſeſſel zurück. Erſchrocken ſprang die Martiniere, ſprang Baptiſte ihr bei.„O!“ rief ſie nun mit von Thränen halb erſtickter Stimme,„o der Krän⸗ kung, o der tiefen Beſchämung! Muß mir das noch geſchehen im hohen Alter! Hab ich denn im thörichten Leichtſinn gefrevelt, wie ein junges unbeſonnenes Ding?— O Gott, ſind Worte, halb im Scherz hingeworfen, ſolcher gräßlichen Deutung fähig!— Darf dann mich, die ich der Tugend getreu und der Frömmigkeit, tadellos blieb von Kindheit an, darf dann mich das Verbrechen des teufliſchen Bünd⸗ niſſes zeihen?“ Das Fräulein hielt das Schnupftuch vor die Augen und weinte und ſchluchzte heftig, ſo daß die Martiniere und Baptiſte ganz verwirrt und beklom⸗ men nicht wußten, wie ihrer guten Herrſchaft bei⸗ ſtehen in ihrem großen Schmerz. Die Martiniere hatte den verhängnißvollen Zet⸗ tel von der Erde aufgehoben. Auf demſelben ſtand: Un amant qui craint les voleurs n'est point digne d'amour. „Euer ſcharfſinniger Geiſt, hochgeehrte Dame, hat uns, die wir an der Schwäche und Feigheit das Recht des Stärkern üben, und uns Schätze zu- eignen, die auf unwürdige Weife vergendet wer⸗ den ſollten, von großer Verfolgung errettet. Als einen Beweis unſerer Dankbarkeit nehmet gütig dieſen Schmuck an. Es iſt das Koſtbarſte, was wir ſeit langer Zeit haben auftreiben können, wie⸗ wohl Euch, würdige Dame! viel ſchöneres Ge⸗ ſchmeide zieren ſollte, als dieſes nun eben iſt. Wir bitten, daß Ihr uns Eure Freundſchaft und Euer huldvolles Andenken nicht entziehen möget. 5 Die Unſichtbaren. »Iſt es möglich,“ rief die Scuderi, als ſie ſich einigermaßen erholt hatte,„daß man die ſchamloſe Frechheit, den verruchten Hohn ſo weit treiben kann?26— Die Sonne ſchien hell durch die Fen⸗ ſtergardinen von hochrother Seide, und ſo kam es, daß die Brillanten, welche auf dem Tiſche neben dem offenen Käſtchen lagen, in röthlichem Schim⸗ mer aufblitzten. Hinblickend verhüllte die Scuderi voll Entſetzen das Geſicht, und befahl der Mar⸗ tiniere, das fürchterliche Geſchmeide, an dem das Blut der Ermordeten klebt, augenblicklich fortzu⸗ fchaffen. Die Martiniere, nachdem ſie Halsſchmuck und Armbänder ſogleich in das Käſtchen verſchloſſen, meinte, daß es wohl am gerathenſten ſeyn würde, die Juwelen dem Polizeiminiſter zu übergeben, und ihm zu vertrauen, wie ſich alles mit der be⸗ ängſtigenden Erſcheinung des jungen Menſchen und der Einhändigung des Käſtchens zugetragen. Die Scuderi ſtand auf und ſchritt ſchweigend langſam im Zimmer auf und nieder, als ſinne ſie erſt nach, was nun zu thun ſey. Dann befahl ſie dem Baptiſte, einen Tragſeſſel zu holen, der Mar⸗ tiniere aber, ſie anzukleiden, weil ſie auf der Stelle hin wolle zur Marquiſe de Maintenon. Sie ließ ſich hintragen zur Marquiſe, gerade zu der Stunde, wenn dieſe, wie die Scuderi wußte, ſich allein in ihren Gemächern befand. Das Käſtchen mit den Juwelen nahm ſie mit ſich. Wohl mußte die Marquiſe ſich hochverwundern, als ſie das Fräulein, ſonſt die Würde, ja trotz ihrer hohen Jahre, die Liebenswürdigkeit, die An⸗ muth ſelbſt, eintreten ſah, blaß, entſtellt, mit wankenden Schritten.„Was um aller Heiligen willen iſt Euch widerfahren?“ rief ſie der armen, beängſteten Dame entgegen, die, ganz auſſer ſich ſelbſt, kaum im Stande, ſich aufrecht zu erhalten, nur ſchnell den Lehuſeſſel zu erreichen ſuchte, den ihr die Marquiſe hinſchob. Endlich des Wortes wieder mächtig, erzählte das Fräulein, welche tiefe, nicht zu verſchmerzende Kränkung ihr jener unbedachtſame Scherz, mit dem ſie die Supplik der — — 34 gefährdeten Liebhaber beantwortet, zugezogen habe. Die Marquiſe, nachdem ſie Alles von Moment zu Moment erfahren, urtheilte, daß die Senderi ſich das ſonderbare Ereigniß viel zu ſehr zu Herzen nehme, daß der Hohn verruchten Geſindels nie ein frommes, edles Gemüth treffen könne, und ver⸗ langte zuletzt den Schmuck zu ſehen. Die Scuderi gab ihr das geöffnete Käſtchen, und die Marquiſe konnte ſich als ſie das köſtliche Ge⸗ ſchmeide erblickte, des lauten Ausrufs der Ver⸗ wunderung nicht erwehren. Sie nahm den Hals⸗ ſchmuck, die Armbänder heraus und trat damit an das Fenſter, wo ſie bald die Juwelen an der Sonne ſpielen ließ, bald die zierliche Goldarbeit ganz nahe vor die Augen hielt, um nur recht zu erſchauen, mit welcher wundervollen Kunſt jedes kleine Häkchen der verſchlungenen Ketten gearbeitet war. Auf einmal wandte ſich die Marquiſe raſch um nach dem Fräulein und rief:„Wißt Ihr wohl, Fräulein! daß dieſe Armbänder, dieſen Halsſchmuck niemand anders gearbeitet haben kann, als Renè Cardillac?«— Renè Cardillac war damals der geſchickteſte Goldarbeiter in Paris, einer der kunſt⸗ reichſten und zugleich ſonderbarſten Menſchen ſeiner Zeit. Eher klein als groß, aber breitſchultrig und von ſtarkem, muskuloͤſem Körperbau hatte Car⸗ dillac, hoch in die funfziger Jahre vorgerückt, noch 55 die Kraft, die Beweglichkeit des Jünglings. Von dieſer Kraft, die ungewöhnlich zu nennen, zeugten auch das dicke, krauſe, röthliche Haupthaar und das gedrungene, gleißende Antlitz. Wäre Cardillac nicht in ganz Paris als der rechtlichſte Ehrenmann, uneigennützig, offen, ohne Hinterhalt, ſtets zu helfen bereit, bekannt geweſen, kein ganz be⸗ ſonderer Blick aus kleinen, tiefliegenden, grün funkeln⸗ den Augen hätten ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen können. Wie geſagt, Cardillac war in ſeiner Kunſt der geſchickteſte, nicht ſowohl in Paris, als vielleicht überhaupt ſeiner Zeit. Innig vertraut mit der Natur der Edelſteine, wußte er ſie auf eine Art zu behandeln und zu faſſen, daß der Schmuck, der erſt für unſcheinbar gegolten, aus Cardillacs Werkſtatt hervorging in glänzender Pracht. Jeden Auftrag übernahm er mit brennender Begierde und machte einen Preis, der, ſo geringe er war, mit der Arbeit in keinem Verhältniß zu ſtehen ſchien. Dann ließ ihm das Werk keine Ruhe, Tag und Nacht hörte man ihn in ſeiner Werkſtatt hämmern, und oft, war die Arbeit beinahe vollendet, mißfiel ihm plötzlich die Form, er zweifelte an der Zierlichkeit irgend einer Faſſung der Juwelen, irgend eines kleinen Häckchens— Anlaß genug, die ganze Arbeit wie⸗ der in den Schmelztiegel zu werfen und von neuem anzufangen. So wurde jede Arbeit ein reines, 33 unübertreffliches Meiſterwerk, das den Beſteller in Erſtaunen ſetzte. Aber nun war es kaum möglich, die fertige Arbeit von ihm zu erhalten. Unter tauſend Vorwänden hielt er den Beſteller hin von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Ver⸗ gebens bot man ihm das Doppelte für die Arbeit, nicht einen Louis mehr als den bedungenen Preis wollte er nehmen. Mußte er dann endlich dem Andringen des Beſtellers weichen, und den Schmuck herausgeben, ſo konnte er ſich aller Zeichen des tiefſten Verdruſſes, ja einer innern Wuth, die in ihm kochte, nicht erwehren. Hatte er ein bedeuten⸗ deres, vorzüglich reiches Werk, vielleicht viele Tau⸗ ſende an Werth, bei der Koſtbarkeit der Juwelen, bei der überzierlichen Goldarbeit abliefern müſſen, ſo war er im Stande, wie unſinnig umherzulaufen, ſich, ſeine Arbeit, Alles um ſich her verwünſchend. Aber ſo wie einer hinter ihm herrannte und laut ſchrie:„Renè Cardillac, möchtet Ihr nicht einen ſchönen Halsſchmuck machen für meine Braut— Armbänder für mein Mädchen u. ſ. w.,“ dann ſtand er plötzlich ſtill, blitzte den an mit ſeinen kleinen Augen und fragte, die Hände reibend: „Was habt Ihr denn?“ Der zieht nun ein Schaͤch⸗ telchen hervor und ſpricht:„Hier ſind Juwelen, viel Sonderliches iſt es nicht, gemeines Zeug, doch unter Euern Händen— Cardillac läßt ihn nicht aunsreden, reißt ihm das Schächtelchen 57 aus den Händen, nimmt die Inwelen heraus, die wirklich nicht viel werth ſind, hält ſie gegen das Licht und ruft voll Entzücken:„Ho ho— gemeines Zeug?— mit nichten!— herrliche Steine, laßt mich nur machen!— und wenn es Euch auf eine Handvoll Louis nicht ankommt, ſo will ich noch ein paar Steinchen hineinbringen, die Euch in die Augen funkeln ſollen wie die liebe Sonne ſelbſt.“— Der ſpricht:„Ich überlaſſe Euch Alles, Meiſter Renè, und zahle, was Ihr wollt.“ Ohne Unter⸗ ſchied, mag er nun ein reicher Bürgersmann oder ein vornehmer Herr vom Hofe ſeyn, wirft ſich Car⸗ dillac ungeſtüm an ſeinen Hals, und drückt und küßt ihn und ſpricht, nun ſey er wieder ganz glück⸗ lich und in acht Tagen werde die Arbeit fertig ſeyn. Er rennt über Hals und Kopf nach Hauſe, hinein in die Werkſtatt, und hämmert darauf los, und in acht Tagen iſt ein Meiſterwerk zu Stande gebracht. Aber ſo wie der, der es beſtellte, kommt, mit Freuden die geforderte geringe Summe bezahlen, und den fertigen Schmuck mitnehmen will, wird Cardillac verdrüßlich, grob, trotzig.—„Aber Meiſter Cardillac, bedenkt, morgen iſt meine Hoch⸗ zeit.“„Was ſchert mich Eure Hochzeit, fragt in vierzehn Tagen wieder nach.“—„Der Schmuck iſt fertig, hier liegt das Geld, ich muß ihn haben.“ —„und ich ſage Euch, daß ich noch manches an dem Schmuck ändern muß, und ihn heute nicht her⸗ X. 4 58 aus geben werde.“—„Und ich ſage Euch, daß wenn Ihr mir den Schmuck, den ich Euch allen⸗ falls doppelt bezahlen will, nicht herausgebt im Guten, Ihr mich gleich mit Argenſons dienſtbaren Trabanten anrücken ſehen ſollt.“„Nun ſo quäle Euch der Satan mit hundert glühenden Kneip⸗ zangen, und hänge drei Centner an den Hals⸗ ſchmuck, damit er Eure Braut erdroßle!“— Und damit ſteckt Cardillae dem Bräutigam den Schmuck in die Buſentaſche, ergreift ihn beim Arm, wirft ihn zur Stubenthür hinaus, daß er die ganze Treppe hinabpoltert, und lacht wie der Teufel zum Fenſter hinaus, wenn er ſieht, wie der arme Menſch, das Schnupftuch vor der blutigen Naſe, aus dem Hauſe hinaus hinkt.— Gar nicht zu erklären war es auch, daß Cardillac oft, wenn er mit Enthuſiasmus eine Arbeit übernahm, plötzlich den Beſteller mit allen Zeichen des im Innerſten auf⸗ geregten Gemüths, mit den erſchütterndſten Be⸗ theuerungen, ja unter Schluchzen und Thränen, bei der Jungfrau und allen Heiligen beſchwor, ihm das unternommene Werk zu erlaſſen. Manche der von dem Könige, von dem Volke hochgeachtetſten Perſonen hatten vergebens große Summen geboten, um nur das kleinſte Werk von Cardillae zu erhal⸗ ten. Er warf ſich dem Könige zu Füßen und flehte um die Huld, nichts für ihn arbeiten zu dür⸗ fen. Eben ſo verweigerte er der Maintenon jede 39 Beſtellung, ja mit dem Ausdruck des Abſcheues und Entſetzens verwarf er den Antrag derſelben, einen kleinen, mit den Enblemen der Kunſt ver⸗ zierten Ring zu fertigen, den Racine von ihr er⸗ halten ſollte. „Ich wette„ ſprach daher die Maintenon,„daß Cardillac, ſchicke ich auch hin zu ihm, um wenig⸗ ſtens zu erfahren, für wen er dieſen Schmuck fertige, ſich weigert, herzukommen, weil er vielleicht eine Beſtellung fürchtet und doch durchaus nichts für mich arbeiten will. Wiewohl er ſeit einiger Zeit abzulaſſen ſcheint von ſeinem ſtarren Eigenſinn, denn wie ich höre, arbeitet er jetzt fleißiger als je, und liefert ſeine Arbeit ab auf der Stelle, je⸗ doch noch immer mit tiefem Verdruß und weggewand⸗ tem Geſicht.“ Die Scuderi, der auch viel daran gelegen, daß, ſey es noch möglich, der Schmuck bald in die Hände des rechtmäßigen Eigenthümers komme, meinte, daß man dem Meiſter Sonder⸗ ling ja gleich ſagen laſſen könne, wie man keine Arbeit, ſondern nur ſein Urtheil über Juwelen ver⸗ lange. Das billigte die Marquiſe. Es wurde nach Cardillac geſchickt, und, da er ſchon auf dem Wege geweſen, trat er nach Verlauf einiger Zeit in das Zimmer. Er ſchien, als er die Senderi erblickte, betreten und wie einer, der von dem Unerwarteten plöglich getroffen, die Anſprüche des Schicklichen, wie ſie 40 der Augenblick darbietet, vergißt, neigte er ſich zu⸗ erſt tief und ehrfurchtsvoll vor dieſer ehrwürdigen Dame, und wandte ſich dann erſt zur Marquiſe. Die frug ihn haſtig, indem ſie auf das Geſchmeide wies, das auf dem dunkelgrün behängten Tiſch fun⸗ kelte, ob das ſeine Arbeit ſey? Cardillac warf kaum einen Blick darauf und packte, der Marquiſe ins Geſicht ſtarrend, Armbänder und Halsſchmuck ſchnell ein in das Käſtchen, das daneben ſtand, und das er mit Heftigkeit von ſich weg ſchob. Nun ſprach er, indem ein häßliches Lächeln auf ſeinem rothen Antlitz gleißte:„In der That, Frau Marquiſe, man muß Renè Cardillac's Arbeit ſchlecht kennen, um nur einen Augenblick zu glauben, daß irgend ein anderer Goldſchmidt in der Welt ſolchen Schmuck faſſen könne. Freilich iſt das meine Arbeit.“„So ſagt denn,“ fuhr die Marquiſe fort,„für wen Ihr dieſen Schmuck gefertigt habt.“„Für mich ganz allein,“ erwiederte Cardillac,„ja Ihr möget,“ fuhr er fort, als beide, die Maintenon und die Seuderi ihn ganz verwundert anblickten, jene voll Miß⸗ trauen, dieſe voll banger Erwartung, wie ſich nun die Sache wenden würde,„das nun ſeltſam finden, Frau Marquiſe, aber es iſt dem ſo. Bloß der ſchönen Arbeit willen ſuchte ich meine beſten Steine zuſammen, und arbeitete aus Freude daran fleißiger und ſorgfältiger als jemals. Vor einiger Zeit ver⸗ ſchwand der Schmuck aus meiner Werkſtatt auf 44 unbegreifliche Weiſe.“„Dem Himmel ſey es ge⸗ dankt,“ rief die Scuderi, indem ihr die Augen vor Freude funkelten, und ſie raſch und behende wie ein junges Mädchen von ihrem Lehnſeſſel aufſprang, auf den Cardillac losſchritt, und beide Hände auf ſeine Schultern legte,„empfangt,“ ſprach ſie dann, „Meiſter Renè, das Eigenthum, das Euch ver⸗ ruchte Spitzbuben raubten, wieder zurück.“ Nun erzählte ſie ausführlich, wie ſie zu dem Schmuck gekommen. Cardillac hörte alles ſchweigend mit niedergeſchlagenen Augen an. Nur mitunter ſtieß er ein kaum vernehmliches Hm!— So!— Ey!— Hoho!— aus und warf bald die Hände auf den Rücken, bald ſtreichelte er leiſe Kinn und Wange. Als nun die Scuderi geendet, war es, als kämpfe Eardillac mit ganz beſondern Gedanken, die wäh⸗ rend deſſen ihm gekommen, und als wolle irgend ein Entſchluß ſich nicht fügen und fördern. Er rieb ſich die Stirne, er ſeufzte, er fuhr mit der Hand über die Augen, wohl gar um hervorbrechenden Thränen zu ſteuern. Endlich ergriff er das Käſt⸗ chen, das ihm die Scuderi darbot, ließ ſich auf ein Kuie langſam nieder und ſprach:„Euch, edles, würdiges Fräulein! hat das Verhängniß dieſen Schmuck beſtimmt. Ja nun weiß ich es erſt, daß ich während der Arbeit an Euch dachte, ja für Euch arbeitete. Verſchmäht es nicht, dieſen Schmuck als das Beſte, was ich wohl ſeit langer Zeit ge⸗ 42 macht, von mir anzunehmen und zu tragen.“ „Ei, ei,“ erwiederte die Seuderi anmuthig ſcher⸗ zend,„wo denkt Ihr hin, Meiſter Renèm ſteht es mir denn an, in meinen Jahren mich noch ſo herauszu⸗ putzen mit blanken Steinen?— Und wie kommt Ihr denn dazu, mich ſo überreich zu beſchenken? Geht, geht, Meiſter Renèé, wär' ich ſchön wie die Marquiſe de Fontange und reich, in der That, ich ließe den Schmuck nicht aus den Händen, aber was ſoll dieſen welken Armen die eitle Pracht, was ſoll dieſen verhüllten Hals der glänzende Putz?2« Cardillac hatte ſich indeſſen erhoben und ſprach, wie außer ſich mit verwildertem Blick, indem er fortwährend das Käſtchen der Scuderi hinhielt: „Thut mir die Barmherzigkeit, Fräulein, und nehmt den Schmuck. Ihr glaubt es nicht, welche tiefe Verehrung ich für Eure Tugend, für Eure hohen Verdienſte im Herzen trage! Nehmt doch mein geringes Geſchenk nur für das Beſtreben an, Euch recht meine innerſte Geſinnung zu beweiſen.“ — Als nun die Scuderi immer noch zögerte, nahm die Maintenon das Käſtchen aus Cardillac's Händen, ſprechend:„Nun beim Himmel, Fräulein, immer redet Ihr von Eueren hohen Jahren, was haben wir, ich und Ihr mit den Jahren zu ſchaffen und ihrer Laſt!— Und thut Ihr denn nicht eben wie ein junges verſchämtes Ding, das gern zu⸗ langen möchte nach der dargebotnen ſüßen Frucht, 45 könnte das nur geſchehen ohne Hand und ohne Fin⸗ ger.— Schlagt dem wackern Meiſter Renè nicht ab, das freiwillig als Geſchenk zu empfangen, was tauſend Andere nicht erhalten können, alles Gol⸗ des, alles Bittens und Flehens unerachtet.“— Die Maintenon hatte der Scuderi das Käſtchen während deſſen aufgedrungen, und nun ſtürzte Cardillac nieder auf die Knie, küßte der Scuderi den Rock— die Hände— ſtöhnte— ſeufzte— weinte— ſchluchzte— ſprang auf— rannte wie unſinnig, Seſſel— Tiſche umſtürzend, daß Porzel⸗ lain, Gläſer zuſammenklirrten, in toller Haſt von dannen.— Ganz erſchrocken rief die Seuderi:„Um aller Heiligen willen, was wiederfährt dem Menſchen!“ Doch die Marquiſe, in beſonderer heiterer Laune bis zu ſonſt ihr ganz fremden Muthwillen, ſchlug eine helle Lache auf und ſprach:„Da haben wir's Fräulein, Meiſter Renè iſt in Euch ſterblich ver⸗ liebt, und beginnt nach richtigem Brauch und bewährter Sitte ächter Galanterie Euer Herz zu beſtürmen mit reichen Geſchenken.“ Die Maintenon führte dieſen Scherz weiter aus, indem ſie die Seuderi ermahnte, nicht ſo grauſam zu ſeyn gegen den verzweifelten Liebhaber, und dieſe wurde, Raum gebend angeborner Laune, hingeriſſen in den ſpru⸗ delnden Strom tauſend luſtiger Einfälle. Sie meinte daß ſie, ſtünden die Sachen nun einmal ſo, endlich 44. beſiegt, wohl nicht werde umhin können, der Welt das unerhörte Beiſpiel einer drei und ſiebenzig. jährigen Goldſchmidts⸗Braut von untadelichem Adel aufzuſtellen. Die Maintenon erbot ſich, die Braut⸗ krone zu flechten und ſie über die Pflichten einer guten Hausfrau zu belehren, wovon freilich ſo ein kleiner Kick in die Welt von Mädchen nicht viel wiſſen könne. Da nun endlich die Scuderi aufſtand, um die Marguiſe zu verlaſſen, wurde ſie alles lachenden Scherzes wegen ungeachtet doch wieder ſehr ernſt, als ihr das Schmuckkäſtchen zur Hand kam. Sie ſprach:„Doch, Frau Marquiſe! werde ich mich dieſes Schmuckes niemals bedienen können. Er iſt, mag es ſich nun zugetragen haben wie es will, ein⸗ mal in den Händen jener hölliſchen Geſellen gewe⸗ ſen, die mit der Frechheit des Teufels, ja wohl gar in verdammtem Bündniß mit ihm, rauben und morden. Mir graußt vor dem Blute, das an dem funkelnden Geſchmeide zu kleben ſcheint.— Und nun hat ſelbſt Cardillac's Betragen, ich muß es geſtehen, für mich etwas ſonderbar Aengſtliches und Unheimliches. Nicht erwehren kann ich mich einer dunklen Ahnung, daß hinter dieſem allem irgend ein grauenvolles, entſetzliches Geheimniß verborgen, und bringe ich mir die ganze Sache recht deutlich vor Augen mit jedem Umſtande, ſo kann ich doch wieder gar nicht auch nur ahnen, worin das Ge⸗ 45 heimniß beſtehe, und wie überhaupt der ehrliche, wackere Meiſter René, das Vorbild eines guten, frommen Bürgers, mit irgend etwas Böſem, Ver⸗ dammlichem zu thun haben ſoll. So viel iſt aber gewiß, daß ich mich niemals unterſtehen werde, den Schmuck anzulegen.“ Die Marguiſe meinte, dies hieße die Scrupel zu weit treiben; als nun aber die Seuderi ſie auf ihr Gewiſſen fragte, was ſie in ihrer, der Seuderi Lage, wohl thun würde, antwortete ſie ernſt und feſt:„weit eher den Schmuck in die Seine werfen, als ihn jemals tragen.“ Den Auftritt mit dem Meiſter René brachte die Scuderi in gar anmuthige Verſe, die ſie den fol⸗ genden Abend in den Gemächern der Maintenon dem Könige vorlas. Wohl mag es ſeyn, daß ſie auf Koſten Meiſter René's, alle Schauer unhemm⸗ licher Ahnung beſiegend, das ergötzliche Bild der drei und ſiebzigjährigen Goldſchmidts⸗Braut von uraltem Adel mit lebendigen Farben darzuſtellen ge⸗ wußt. Genug, der König lachte bis ins Innerſte hinein, und ſchwur, daß Boileau Despreaux ſeinen Meiſter gefunden, weshalb der Seuderi Gedicht für das Witzigſte galt, das jemals geſchrieben. Mehrere Monate waren vergangen, als der Zu⸗ fall es wollte, daß die Scuderi in der Glaskutſche der Herzogin v. Montanſier über den Pontneuf fuhr. Noch war die Erfindung der zierlichen Glaskutſchen Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. X. Bd. 5 46 ſo neu, daß das neugierige Volk ſich zudrängte, wenn ein Fuhrwerk der Art auf den Straßen er⸗ ſchien. So kam es denn auch, daß der gaffende Pöbel auf dem Pontneuf die Kutſche der Montan⸗ ſier umringte, beinahe den Schritt der Pferde hem⸗ mend. Da vernahm die Seuderi plötzlich ein Ge⸗ ſchimpfe und Gefluche, und gewahrte, wie ein Menſch mit Fauſtſchlägen und Rippenſtößen ſich Platz machte durch die dickſte Maſſe. Und wie er näher kam, trafen ſie die durchbohrenden Blicke eines todtblei⸗ chen, gramverſtörten Jünglings⸗Antlitzes. Unver⸗ wandt ſchante der junge Menſch ſie an, während er mit Ellbogen und Fäuſten rüſtig vor ſich weg⸗ arbeitete, bis er an den Schlag des Wagens kam, den er mit ſtürmender Haſtigkeit aufriß, der Scu⸗ deri einen Zettel in den Schoß warf, und Stöße, Fauſtſchläge austheilend und empfangend, verſchwand wie er gekommen. Mit einem Schrei des Entſe⸗ tzens war, ſo wie der Menſch am Kutſchenſchlage erſchien, die Martiniere, die ſich bei der Scuderi befand, entſeelt in die Wagenkiſſen zurück geſunken. Vergebens riß die Scuderi an der Schnur, rief dem Kutſcher zu, der, wie vom böſen Geiſte getrieben, peitſchte auf die Pferde los, die den Schaum von den Mäulern wegſpritzend, um ſich ſchlugen, ſich bäumten, endlich in ſcharfem Trab fortdonnerten über die Brücke. Die Scuderi goß ihr Riechſläſch⸗ chen über die ohnmächtige Frau aus, die endlich 47 die Augen aufſchlug und zitternd und bebend, ſich krampfhaft feſtklammernd an die Herrſchaft, Angſt und Entſetzen im bleichen Antlitz, mühſam ſtöhnte: „Um der heiligen Jungfrau willen! was wollte der fürchterliche Menſch?— Ach! er war es ja, er war es, derſelbe, der Euch in jener ſchauervollen Nacht das Käſtchen brachte!“— Die Scuderi beruhigte die Arme, indem ſie ihr vorſtellte, daß ja durchaus nichts Böſes geſchehen, und daß es nur darauf an⸗ komme, zu wiſſen, was der Zettel enthalte. Sie ſchlug das Blättchen auseinander und fand die Worte: „Ein böſes Verhängniß, das Ihr abwenden konn⸗ tet, ſtößt mich in den Abgrund!— Ich beſchwöre Euch, wie der Sohn die Mutter, von der er nicht laſſen kann, in der vollſten Gluth kindlicher Liebe, den Halsſchmuck und die Armbänder, die Ihr durch mich erhieltet, unter irgend einem Vorwand— um irgend etwas daran beſſern— ändern zu laſſen, zum Meiſter René Cardilla⸗ zu ſchaffen; Euer Wohl, Euer Leben hängt da⸗ von ab. Thut Ihr es nicht bis übermorgen, ſo dringe ich in Eure Wohnung und ermorde mich vor Euern Augen!“ „Nun iſt es gewiß,“ ſprach die Scuderi, als ſie dies geleſen,„daß, mag der geheimnißvolle Menſch auch wirklich zu der Bande verruchter Diebe und Mörder gehören, er doch gegen mich nichts Böſes im Schilde führt. Wäre es ihm gelungen, mich in 48 jener Nacht zu ſprechen, wer weiß, welches ſonder⸗ bare Ereigniß, welch' dunkles Verhältniß der Dinge mir klar worden, von dem ich jetzt nur die leiſeſte Ahnung vergebens in meiner Seele ſuche. Mag aber auch die Sache ſich verhalten, wie ſie will, das was mir in dieſem Blatt geboten wird, werde ich thun, und geſchähe es auch nur um den unſeligen Schmuck los zu werden, der mir ein hölliſcher Talisman des Böſen ſelbſt dünkt. Cardillac wird ihn doch wohl nun, ſeiner alten Sitte getreu, nicht ſo leicht wieder aus den Händen geben wollen.“ Schon andern Tages gedachte die Scuderi, ſich mit dem Schmuck zu dem Goldſchmidt zu begeben. Doch war es, als hätten alle ſchönen Geiſter von ganz Paris ſich verabredet, gerade an dem Morgen das Fräulein mit Verſen, Schauſpielen, Anekdoten zu beſtürmen. Kaum hatte la Chapelle die Szene eines Trauerſpiels geendet, und ſchlan yerſichert, daß er nun wohl Racine zu ſchlagen gedenke, als dieſer ſelbſt eintrat, und ihn mit irgend eines Kö⸗ nigs pathetiſcher Rede zu Boden ſchlug, bis Boileau ſeine Leuchtkugeln in den ſchwarzen tragiſchen Him⸗ mel ſteigen ließ, um nur nicht ewig von der Co⸗ lonnade des Loupre ſchwatzen zu hören, in die ihn der architektiſche Doctor Perrault hineingeengt. Hoher Mittag war geworden, die Seuderi mußte zur Herzogin Montanſier, und ſo blieb der Beſuch bei Meiſter René Cardillac bis zum andern Mor⸗ gen verſchoben. 8 49 Die Scuderi fühlte ſich von einer beſondern Un⸗ ruhe gepeinigt. Beſtändig vor Augen ſtand ihr der Jüngling, und aus dem tiefſten Innern wollte ſich eine dunkle Erinnerung aufregen, als habe ſie dies Antlitz, dieſe Züge fchon geſehen. Den leiſeſten Schlummer ſtörten ängſtliche Träume, es war ihr, als habe ſie leichtſinnig, ja ſtrafwürdig verſäumt, die Hand hülfreich zu erfaſſen, die der Unglückliche, in den Abgrund verſinkend, nach ihr emporgeſtreckt, ja als ſey es an ihr geweſen, irgend einem ver⸗ derblichen Ereigniß, einem heilloſen Verbrechen zu ſteuern!— So wie es nur hoher Morgen, ließ ſie ſich ankleiden, und fuhr, mit dem Schmuckkäſtchen verſehen, zu dem Goldſchmidt hin. Nach der Straße Nicaiſe, dorthin, wo Cardillac wohnte, ſtrömte das Volk, ſammelte ſich vor der Hausthüre— ſchrie, lärmte, tobte— wollte ſtür⸗ mend hinein, mit Mühe abgehalten von der Mare⸗ chauſſee, die das Haus umſtellt. Im wilden, ver⸗ wirrten Getöſe riefen zornige Stimmen:„Zexreißt, zermalmt den verfluchten Mörder!“— Endlich er⸗ ſcheint Desgrais mit zahlreicher Mannſchaft, die bildet durch den dickſten Haufen eine Gaſſe. Die Hausthüre ſpringt auf, ein Menſch mit Ketten be⸗ laſtet, wird hinausgebracht und unter den greulich⸗ ſten Verwünſchungen des wüthenden Pöbels fortge⸗ ſchleppt.— In dem Augenblick, als die Seuderi halb entſeelt vor Schreck und furchtbarer Ahnung 50 dies gewahrt, dringt ein gellendes Jammergeſchrei ihr in die Ohren.„Vor!— weiter vor!“ ruft ſie ganz außer ſich dem Kutſcher zu, der mit einer ge⸗ ſchickten, raſchen Wendung den dicken Haufen aus⸗ einanderſtäubt und dicht vor Cardillacs Hausthüre hält. Da ſieht die Scuderi Desgrais und zu ſeinen Füßen ein junges Mädchen, ſchön wie der Tag, mit aufgelöſten Haaren, halb entkleidet, wilde Angſt, troſtloſe Verzweiflung im Antlitz, die hält ſeine Knie umſchlungen und ruft mit dem Ton des ent⸗ ſetzlichſten, ſchneidendſten Todesſchmerzes:„Er iſt ja unſchuldig!— er iſt unſchuldig!“ vergebens ſind Desgrais, vergebens ſeiner Leute Bemühungen, ſie loszureiſſen, ſie vom Boden aufzurichten. Ein ſtar⸗ ker, ungeſchlachter Kerl ergreift endlich mit plum⸗ pen Fäuſten die Arme, zerrt ſie mit Gewalt weg von Desgrais, ſtrauchelt ungeſchickt, läßt das Mäd⸗ chen fahren, die hinabſchlägt die ſteinernen Stufen, und lautlos— todt auf der Straße liegen bleibt. Länger kann die Scuderi ſich nicht halten.„In Chriſtus Namen, was iſt geſchehen, was geht hier vor?“ ruft ſie, öffnet raſch den Schlag, ſteigt aus. — Ehrerbietig weicht das Volk der würdigen Da⸗ me, die, als ſie ſieht, wie ein paar mitleidige Wei⸗ ber das Mädchen aufgehoben, auf die Stufen geſetzt haben, ihr die Stirne mit ſtarkem Waſſer reiben, ſich dem Desgrais nähert, und mit Heftigkeit ihre Frage wiederholt.„Es iſt das Entſetzliche geſche⸗ 51 hen,“ ſpricht Desgrais,„René Cardillac wurde heute Morgen durch einen Dolchſtich ermordet ge⸗ ſunden. Sein Geſelle Olivier Brußon iſt der Mör⸗ der. Eben wurde er fortgeführt ins Gefänguiß.“, „Und das Mädchen?“ ruft die Scuderi,„iſt Ma⸗ delon,“ fällt Desgrais ein,„Cardillacs Tochter. Der verruchte Menſch war ihr Geliebter. Nun weint und heult ſie und ſchreit einmal übers andere, daß Olivier unſchuldig ſey, ganz unſchuldig. Am Ende weiß ſie von der That, und ich muß ſie auch nach der Conciergerie bringen laſſen.“ Desgrais warf, als er dies ſprach, einen tückiſchen, ſchaden⸗ frohen Blick auf das Mädchen, vor dem die Scuderi erbebte. Eben begann das Mädchen leiſe zu athmen, doch keines Lauts, keiner Bewegung mächtig, mit geſchloſſenen Augen lag ſie da, und man wußte nicht, was zu thun, ſie ins Haus bringen, oder ihr noch länger beiſtehen bis zum Erwachen. Tief bewegt, Thränen in den Augen, blickte die Scuderi den unſchuldsvollen Engel an, ihr graute vor Des⸗ grais und ſeinen Geſellen. Da polterte es dumpf die Treppe herab, man brachte Cardillacs Leichnam. Schnell entſchloſſen rief die Scuderi laut:„Ich nehme das Mädchen mit mir, ihr möget für das Uebrige ſorgen, Desgrais!“ Ein dumpfes Murmeln des Beifalls lief durch das Volk. Die Weiber ho⸗ ben das Mädchen in die Höhe, alles drängte ſich hinzu, hundert Hände mühten ſich ihnen beizuſehen, 52 und wie in den Lüften ſchwebend wurde das Mäd⸗ chen in die Kutſche getragen, indem Segnungen der würdigen Dame, die die Unſchuld dem Blutge⸗ richt entriſſen, von allen Lippen ſtrömten. Serons, des berühmteſten Arztes in Paris, Be⸗ mühungen gelang es endlich, Madelon, die ſtunden⸗ lang in ſtarrer Bewußtloſigkeit gelegen, wieder zu ſich ſelbſt zu bringen. Die Seuderi vollendete, was der Arzt begonnen, indem ſie manchen milden Hoff⸗ nungsſtrahl leuchten ließ in des Mädchens Seele, bis ein heftiger Thränenſtrom, der ihr aus den Augen ſtürzte, ihr Luft machte. Sie vermochte, indem nur dann und wann die Uebermacht des durch⸗ bohrendſten Schmerzes die Worte in tiefem Schluch⸗ zen erſtickte, zu erzählen, wie ſich alles begeben. Um Mitternacht war ſie durch leifes Klopfen an ihrer Stubenthüre geweckt worden, und hatte Oli⸗ viers Stimme vernommen, der ſie beſchworen, doch nur gleich aufzuſtehen, weil der Vater im Sterben liege. Entſetzt ſey ſie aufgeſprungen und habe die Thür geöffnet. Olivier, bleich und entſtellt, von Schweiß triefend, ſey, das Licht in der Hand, mit wankenden Schritten nach der Werkſtatt gegangen, ſie ihm gefolgt. Da habe der Vater gelegen mit ſtarren Augen und geröchelt im Todeskampfe. Jam⸗ mernd habe ſie ſich auf ihn geſtürzt, und nun erſt ſein blutiges Hemde bemerkt. Olivier habe ſie ſanft weggezogen und ſich dann bemüht, eine Wunde auf 35 der linken Bruſt des Vaters mit Wundbalſam zu waſchen und zu verbinden. Während deſſen ſey des Vaters Beſinnung zurückgekehrt, er habe zu röcheln aufgehört, und ſie, dann aber Olivier mit ſeelen⸗ vollem Blick angeſchaut, ihre Hand ergriffen, ſie in Oliviers Hand gelegt und beide heftig gedrückt. Beide, Olivier und ſie, wären bei dem Lager des Vaters auf die Knie gefallen, er habe ſich mit einem ſchneidenden Laut in die Höhe gerichtet, ſey aber gleich wieder zurückgeſunken und mit einem tiefen Seufzer verſchieden. Nun hätten ſie Beide laut gejammert und geklagt. Olivier habe erzählt, wie der Meiſter auf einem Gange, den er mit ihm auf ſein Geheiß in der Nacht habe machen müſſen, in ſeiner Gegenwart ermordet worden, und wie er mit der größten Anſtrengung den ſchweren Mann, den er nicht auf den Tod verwundet gehalten, nach Hauſe getragen. So wie der Morgen angebrochen, wären die Hausleute, denen das Gepolter, das laute Weinen und Jammern in der Nacht aufgefallen, heraufgekommen, und hätten ſie noch ganz troſtlos bei der Leiche des Vaters knieend gefunden. Nun ſey Lärm entſtanden; die Marechauſſee eingedrungen⸗ und Olivier ſey als Mörder ſeines Meiſters ins Ge⸗ fängniß geſchleppt worden. Madelon fügte nun die rührendſte Schilderung von der Tugend, der Fröm⸗ migkeit, der Treue ihres geliebten Oliviers hinzu. Wie er den Meiſter, als ſey er ſein eigner Vater, 54 hoch in Ehren gehalten, wie dieſer ſeine Liebe in vollem Maaß erwiedert, wie er ihn trotz ſeiner Armuth zum Eidam erkohren, weil ſeine Geſchick⸗ lichkeit ſeiner Treue, ſeinem edlen Gemüth gleich⸗ gekommen. Das Alles erzählte Madelon aus dem innerſten Herzen heraus und ſchloß damit, daß, wenn Olivier in ihrem Beiſeyn dem Vater den Dolch in die Bruſt geſtoßen hätte, ſie dies eher für ein Blendwerk des Satans halten, als daran glau⸗ ben würde, daß Olivier eines ſolchen entſetzlichen, grauenvollen Verbrechens fähig ſeyn könne. Die Seuderi, von Madelons namenloſen Leiden auf das tiefſte gerührt, und ganz geneigt, den ar⸗ men Olivier für unſchuldig zu halten, zog Erkun⸗ digung ein, und fand Alles beſtätigt, was Madelon über das häusliche Verhältniß des Meiſters mit ſeinem Geſellen erzählt hatte. Die Hausleute, die Nachbaren rühmten einſtimmig den Olivier als das Muſter eines ſittigen, frommen, treuen, fleißigen Betragens, niemand wußte Böſes von ihm, und doch, war von der gräßlichen That die Rede, zuckte jeder die Achſeln und meinte, darin liege etwas Unbegreifliches. Olivier, vor die Chambre ardente geſtellt, läug⸗ nete, wie die Scuderi vernahm, mit der größten Standhaftigkeit, mit dem hellſten Freimuth die ihm angeſchuldigte That, und behauptete, daß ſein Mei⸗ ſter in ſeiner Gegenwart auf der Straße angefallen 5⁵ und niedergeſtoßen worden, daß er ihn aber noch lebendig nach Hauſe geſchleppt, wo er ſehr bald verſchieden ſey. Auch dies ſtimmte alſo mit Made⸗ lons Erzählung überein. Immer und immer wieder ließ ſich die Scuderi die kleinſten Umſtände des ſchrecklichen Ereigniſſes wiederholen. Sie forſchte genau, ob jemals ein Streit zwiſchen Meiſter und Geſellen vorgefallen, ob vielleicht Olivier nicht ganz frei von jenem Jäh⸗ zorn ſey, der oft wie ein blinder Wahnſinn die gutmüthigſten Menſchen überfällt und zu Thaten verleitet, die alle Willkühr des Handelns auszu⸗ ſchließen ſcheinen. Doch je begeiſterter Madelon von dem ruhigen häuslichen Glück ſprach, in dem die drei Menſchen in innigſter Liebe verbunden leb⸗ ten, deſto mehr verſchwand jeder Schatten des Verdachts wider den auf den Tod angeklagten Oli⸗ vier. Genau alles prüfend, davon ausgehend, daß Olivier unerachtet alles deſſen, was laut für ſeine Unſchuld ſpräche, dennoch Cardillaes Mörder gewe⸗ ſen, fand die Seuderi im Reich der Möglichkeit keinen Beweggrund zu der entſetzlichen That, die in jedem Fall Oliviers Glück zerſtören mußte.— Er iſt arm, aber geſchickt.— Es gelingt ihm, die Zuneigung des berühmteſten Meiſters zu gewinnen, er liebt die Tochter, der Meiſter begünſtigt ſeine Liebe, Glück, Wohlſtand für ſein ganzes Leben wird ihm erſchloſſen!— Sey es aber nun, daß, Gott 56 weiß, auf welche Weiſe gereizt, Olivier vom Zorn übermannt, ſeinen Wohlthäter, ſeinen Vater mör⸗ deriſch anfiel, welche teufliſche Heuchelei gehört da⸗ zu, nach der That ſich ſo zu betragen, als es wirk⸗ lich geſchah!— Mit der feſten Ueberzeugung von Oliviers Unſchuld faßte die Seuderi den Entſchluß, den unſchuldigen Jüngling zu retten, koſte es, was es wolle. Es ſchien ihr, ehe ſie die Huld des Königs ſelbſt vielleicht anrufe, am gerathenſten, ſich an den Prä⸗ ſidenten la Regnie zu wenden, ihn auf alle Umſtän⸗ de, die für Oliviers Unſchuld ſprechen mußten, auf⸗ merkſam zu machen, und ſo vielleicht in des Prä⸗ ſidenten Seele eine innere, dem Angeklagten gün⸗ ſtige Ueberzeugung zu erwecken, die ſich wohlthätig den Richtern mittheilen ſollte. La Regnie empfing die Seuderi mit der hohen Achtung, auf die die würdige Dame, von dem Kö⸗ nige ſelbſt hoch geehrt, gerechten Anſpruch machen konnte. Er hörte ruhig alles an, was ſie über die entſetzliche That, über Oliviers Verhältniſſe, über ſeinen Charakter vorbrachte. Ein feines, beinahe hämiſches Lächeln war indeſſen Alles, womit er be⸗ wies, daß die Betheurungen, die von häufigen Thrä⸗ nen begleiteten Ermahnungen, wie jeder Richter nicht der Feind des Angeklagten ſeyn, ſondern auch auf Alles achten müſſe, was zu ſeinen Gunſten ſpräche, nicht an gänzlich tanben Ohren vorüber — 57 glitten. Als das Fräulein nun endlich ganz er⸗ ſchöpft, die Thränen von den Augen wegtrocknend, ſchwieg, fing Regnie an:„Es iſt ganz Eures vor⸗ trefflichen Herzens würdig, mein Fräulein, daß Ihr, gerührt von den Thränen eines jungen, verliebten Mädchens, alles glaubt, was ſie vorbringt, ja daß Ihr nicht fähig ſeyd, den Gedanken einer entſetzli⸗ chen Unthat zu faſſen, aber anders iſt es mit dem Richter, der gewohnt iſt, frecher Heuchelei die Larve abzureißen. Wohl mag es nicht meines Amts ſeyn, jedem, der mich frägt, den Gang eines Eriminal⸗ prozeſſes zu entwickeln, Fräulein! ich thue meine Pflicht, wenig kümmert mich das Urtheil der Welt. Zittern ſollen die Böſewichter vor der Chambre ardente, die keine Strafe kennt als Blut und Feuer. Aber von Euch, mein würdiges Fräu⸗ lein, möcht' ich nicht für ein Ungeheuer gehalten werden an Härte und Grauſamkeit, darum ver⸗ gönnt mir, daß ich Euch mit wenigen Worten die Blutſchuld des jungen Böſewichts, der, dem Him⸗ mel ſey es gedankt! der Rache verfallen iſt, klar vor Augen lege. Euer ſcharfſinniger Geiſt wird dann ſelbſt die Gutmüthigkeit verſchmähen, die Euch Ehre macht, mir aber gar nicht anſtehen würde.— Alſo!— Am Morgen wird René Cardillac durch einen Dolchſtoß ermordet gefunden. Niemand iſt bei ihm, als ſein Geſelle Olivier Brußon und die Tochter. In Oliviers Kammer, unter andern, fin⸗ 6 58 det man einen Dolch von friſchem Blute gefärbt, der genan in die Wunde paßt. Cardillac iſt, ſpricht Olivier, in der Nacht vor meinen Augen niederge⸗ ſtoßen worden.— Man wollte ihn berauben? Das weiß ich nicht!— Du gingſt mit ihm, und es war Dir nicht möglich, dem Mörder zu wehren?— ihn feſt zu halten? um Hülfe zu rufen? Fünfzehn, wohl zwanzig Schritte vor mir ging der Meiſter, ich folgte ihm. Warum in aller Welt ſo entfernt?— Der Meiſter wollt' es ſo. Was hatte überhaupt Meiſter Cardillac ſo ſpät auf der Straße zu thun? — Das kann ich nicht ſagen. Sonſt iſt er aber doch niemals nach neun Uhr Abends aus dem Hauſe gekommen?— Hier ſtockt Olivier, er iſt beſtürzt, er ſeufzt, er vergießt Thränen, er betheuert bei allem was heilig, daß Cardillac wirklich in jener Nacht ausgegangen ſey, und ſeinen Tod gefunden habe. Nun merkt aber wohl auf, mein Fränulein. Erwieſen iſt es bis zur vollkommenſten Gewißheit, daß Cardillac in jener Nacht das Haus nicht ver⸗ ließ, mithin iſt Oliviers Behauptung, er ſey mit ihm wirklich ausgegangen, eine freche Lüge. Die Hausthüre iſt mit einem ſchweren Schloß verſehen, welches bei dem Auf⸗ und Zuſchließen ein durchdrin⸗ gendes Geräuſch macht, dann aber bewegt ſich der Thürflügel widrig knarrend und heulend in den An⸗ geln, ſo daß, wie es angeſtellte Verſuche bewährt haben, ſelbſt im oberſten Stock des Hauſes das 59 Getöſe wiederhallt. Nun wohnt in dem unterſten Stock, alſo dicht neben der Hausthüre, der alte Meiſter Claude Patru mit ſeiner Aufwärterin, ei⸗ ner Perſon von beinahe achtzig Jahren, aber noch munter und rührig. Dieſe beiden Perſonen hörten, wie Cardillac nach ſeiner gewöhnlichen Weiſe an jenem Abend Punkt neun Uhr die Treppe hinab kam, die Thüre mit vielem Geräuſch verſchloß und verram⸗ melte, dann wieder hinauf ſtieg, den Abendſegen laut las, und dann, wie man es an dem Zuſchlagen der Thüre vernehmen konnte, in ſein Schlafzimmer ging. Meiſter Claude leidet an Schlafloſigkeit, wie es alten Leuten wohl zu gehen pflegt. Auch in jener Nacht konnte er kein Auge zuthun. Die Auf⸗ wärterin ſchlug daher, es mochte halb zehn Uhr ſeyn, in der Küche, in die ſie über den Hausflur gehend gelangt, Licht an und ſetzte ſich zum Mei⸗ ſter Claude an den Tiſch mit einer alten Chronik, in der ſie las, während der Alte ſeinen Gedanken nachhängend, bald ſich in den Lehnſtuhl ſetzte, bald wieder aufſtand, und um Müdigkeit und Schlaf zu gewinnen, im Zimmer leiſe und langſam auf und ab ſchritt. Es blieb alles ſtill und ruhig bis nach Mitternacht. Da hörte ſie über ſich ſcharfe Tritte, einen harten Fall, als ſtürze eine ſchwere Laſt zu Boden, und gleich darauf ein dumpfes Stöhnen. In Beide kam eine ſeltſame Angſt und Beklommen⸗ heit. Die Schauer der entſetzlichen That, die eben 60 begangen, gingen bei ihnen vorüber.— Mit dem hellen Morgen trat dann ans Licht, was in der Finſterniß begonnen.“—„Aber,“ fiel die Seuderi ein,„um aller Heiligen willen, könnt Ihr bei allen Umſtänden, die ich erſt weitläufig erzählte, Euch denn irgend einen Anlaß zu dieſer That der Hölle denken?“—„Hm,“ erwiederte la Regnie, „Cardillac war nicht arm— im Beſitz vortreffli⸗ cher Steine.“„Bekam,“ fuhr die Secuderi fort, „denn nicht alles die Tochter?— Ihr vergeßt, daß Olivier Cardillaes Schwiegerſohn werden ſollte.“ „Er mußte vielleicht theilen, oder gar nur für An⸗ dere morden, ſprach la Regnie.„Theilen, für Andere morden?“ fragte die Scuderi in vollem Er⸗ ſtaunen.„Wißt, mein Fräulein!“ fuhr der Präſi⸗ dent fort,„daß Olivier ſchon längſt geblutet hätte auf dem Greveplatz, ſtünde ſeine That nicht in Be⸗ ziehung mit dem dicht verſchleierten Geheimniß, das bisher ſo bedrohlich über ganz Paris waltete, Oli⸗ vier gehört offenbar zu jener verruchten Bande, die alle Aufmerkſamkeit, alle Mühe, alles Forſchen der Gerichtshöfe verſpottend, ihre Streiche ſicher und ungeſtraft zu führen wußte. Durch ihn wird— muß Alles klar werden. Die Wunde Cardillacs iſt denen ganz ähnlich, die alle auf der Straße, in den Häuſern Ermordete und Beraubte trugen. Dann aber das Entſcheidendſte, ſeit der Zeit, daß Olivier Brußon verhaftet iſt, haben alle Mordtha⸗ 61 ten, alle Beraubungen aufgehört. Sicher ſind die Straßen zur Nachtzeit wie am Tage. Beweis ge⸗ nug, daß Olivier vielleicht an der Spitze jener Mordbande ſtand. Noch will er nicht bekennen, aber es giebt Mittel, ihn ſprechen zu machen wider ſeinen Willen.“„Und Madelon,“ rief die Scuderi, „die treue, unſchuldige Taube.“—„Ei, wer ſteht mir dafür,“ ſprach la Regnie mit einem giftigen Lächeln,„daß ſie nicht mit im Complott iſt. Was iſt ihr an dem Vater gelegen, nur dem Mordbuben gelten ihre Thränen.“„Was ſagt Ihr,“ ſchrie die Scuderi,„es iſt nicht möglich; den Vater! dieſes Mädchen!“—„O!“ fuhr la Regnie fort,„denkt doch nur an die Brinvillier! Ihr möget es mir ver⸗ zeihen, wenn ich mich vielleicht bald genöthigt ſehe, Euch Euern Schützling zu entreiſſen und in die Conciergerie werfen zu laſſen.“— Der Scuderi ging ein Grauſen an bei dieſem entſetzlichen Ver⸗ dacht. Es war ihr, als könne vor dieſem ſchreckli⸗ chen Manne keine Treue, keine Tugend beſtehen, als ſpähe er in den tiefſten, geheimſten Gedanken Mord und Blutſchuld. Sie ſtand auf.„Seyd menſchlich,“ das war Alles, was ſie beklommen, mühſam athmend hervorbringen konnte. Schon im Begriff die Treppe hinabzuſteigen, bis zu der der Präſident ſie mit zeremoniöſer Artigkeit begleitet hatte, kam ihr, ſelbſt wußte ſie nicht wie, ein ſelt⸗ ſamer Gedauke.„Würd' es mir wohl erlaubt ſeyn, 6* 62 den unglücklichen Olivier Brußon zu ſehen?“ So fragte ſie den Präſidenten ſich raſch umwendend. Dieſer ſchaute ſie mit bedenklicher Miene an, dann verzog ſich ſein Geſicht in jenes widrige Lächeln, das ihm eigen.„Gewiß wollt Ihr nun,“ ſprach er,„mein würdiges Fräulein, Euerm Gefühl, der innern Stimme mehr vertrauend als dem, was vor unſern Augen geſchehen, ſelbſt Oliviers Schuld oder Unſchuld prüfen. Scheut Ihr nicht den düſtern Aufenthalt des Verbrechens, iſt es Euch nicht ge⸗ häſſig, die Bilder der Verworfenheit in allen Ab⸗ ſtufungen zu ſehen, ſo ſollen für Euch in zwei Stunden die Thore der Conciergie offen ſeyn. Man wird Euch dieſen Olivier, deſſen Schickſal Eure Theilnahme erregt, vorſtellen.“ In der That konnte ſich die Scuderi von der Schuld des jungen Menſchen nicht überzeugen. Alles ſprach wider ihn, ja kein Richter in der Welt hätte anders gehandelt, wie la Regnie, bei ſolch' entſchei⸗ denden Thatſachen. Aber das Bild häuslichen Glücks, wie es Madelon mit den lebendigſten Zügen der Scuderi vor Augen geſtellt, überſtrahlte jeden Ver⸗ dacht, und ſo mochte ſie lieber ein unerklärliches Ge⸗ heimniß annehmen, als daran glauben, wogegen ihr ganzes Inneres ſich empörte. Sie gedachte ſich von Olivier noch einmal Alles, wie es ſich in jener verhängnißvollen Nacht begeben, erzählen zu laſſen, und ſo viel möglich in ein Ge⸗ 63 heimniß zu dringen, das vielleicht den Richtern ver⸗ ſchloſſen geblieben, weil es werthlos ſchien, ſich wei⸗ ter darum zu bekümmern. In der Conciergerie angekommen, führte man die Scuderi in ein großes, helles Gemach. Nicht lange darauf vernahm ſie Kettengeraſſel. Olivier Brußon wurde gebracht. Doch ſo wie er in die Thüre trat ſank auch die Scuderi ohnmächtig nie⸗ der. Als ſie ſich erholt hatte, war Olivier ver⸗ ſchwunden. Sie verlangte mit Heftigkeit, daß man ſie nach dem Wagen bringe, fort, augenblicklich fort wollte ſie aus den Gemächern der frevelnden Ver⸗ ruchtheit. Ach!— auf den erſten Blick hatte ſie in Olivier Brußon den jungen Menſchen erkannt, der auf dem Pontneuf jenes Blatt ihr in den Wa⸗ gen geworfen, der ihr das Käſtchen mit den Juwe⸗ len gebracht hatte.— Nun war ja jeder Zweifel gehoben, la Regniers ſchreckliche Vermuthung ganz beſtätigt. Olivier Brußon gehört zu der fürchterli⸗ chen Mordbande, gewiß ermordete er auch den Meiſter!— Und Madelon?— So bitter noch nie vom innern Gefühl getäuſcht, auf den Tod ange⸗ packt von der hölliſchen Macht auf Erden, an deren Daſeyn ſie nicht geglaubt, verzweifelte die Seuderi an aller Wahrheit. Sie gab Raum dem entſetzlli⸗ chen Verdacht, daß Madelon mit verſchworen ſeyn und Theil haben könne an der gräßlichen Blutſchuld. Wie es denn geſchieht, daß der menſchliche Geiſt, 64 iſt ihm ein Bild aufgegangen, ämſig Farben ſucht und findet, es greller und greller auszumalen, ſo fand auch die Scuderi, jeden Umſtand der That, Madelons Betragen in den kleinſten Zügen erwä⸗ gend, gar Vieles, jenen Verdacht zu nähren. So wurde Manches, was ihr bisher als Beweis der Unſchuld und Reinheit gegolten, ſicheres Merkmal frevelicher Bosheit, ſtudirter Heuchelei. Jener herzzerreißende Jammer, die blutigen Thränen konn⸗ ten wohl erpreßt ſeyn von der Todesangſt, nicht den Geliebten bluten zu ſehen, nein— ſelbſt zu fallen unter der Hand des Henkers. Gleich ſich die Schlange, die ſie im Buſen nähre, vom Halſe zu ſchaffen; mit dieſem Entſchluß ſtieg die Scuderi aus dem Wagen. In ihr Gemach eingetreten warf Madelon ſich ihr zu Füßen. Die Himmelsangen, ein Engel Gottes hat ſie nicht treuer, zu ihr em⸗ porgerichtet, die Hände vor der wallenden Bruſt zuſammengefaltet, jammerte und flehte ſie laut um Hülfe und Troſt. Die Scuderi ſich mühſam zuſam⸗ menfaſſend, ſprach, indem ſie dem Ton ihrer Stim⸗ me ſo viel Ernſt und Ruhe zu geben ſuchte, als ihr möglich:„Geh'— geh'— tröſte Dich nur über thaten erwartet.— Die heilige Jungfrau möge verhüten, daß nicht auf dir ſelbſt eine Blutſchuld ſchwer laſte.“„Ach, nun iſt alles verloren!“— Mit dieſem gellenden Ausruf ſtürzte Madelon ohn⸗ den Mörder, den die gerechte Strafe ſeiner Schand⸗ ———————— 65 mächtig zu Boden. Die Seuderi überließ die Sorge um das Maͤdchen der Martiniere und entfernte ſich in ein anderes Gemach. Ganz zerriſſen im Innern, entzweit mit allem Irrdiſchen wünſchte die Seuderi, nicht mehr in einer Welt voll hölliſchen Truges zu leben. Sie klagte das Verhängniß an, das in bitterem Hohn ihr fo viele Jahre vergönnt, ihren Glauben an Tugend und Treue zu ſtärken, und nun in ihrem Alter das ſchöne Bild vernichte, welches ihr im Leben geleuchtet. Sie vernahm, wie die Martiniere Madelon fort⸗ brachte, die leiſe ſeufzte und jammerte:„Ach!— auch ſie— auch ſie haben die Grauſamen be⸗ thört.— Ich Elende— armer unglücklicher Oli⸗ vier!— Die Töne drangen der Seuderi ins Herz, und aufs neue regte ſich aus dem tiefſten Innern heraus die Ahnung eines Geheimniſſes, der Glaube an Oliviers Unſchuld. Bedrängt von den widerſprechendſten Gefühlen, ganz außer ſich, rief die Scuderi:„Welcher Geiſt der Hölle hat mich in die entſetzliche Geſchichte verwickelt, die mir das Leben koſten wird!“— In dem Augenblick trat Baptiſte hinein, bleich und erſchrocken, mit der Nachricht, das Desgrais draußen ſey. Seit dem abſcheulichen Prozeß der la Voiſin war Desgrais Erſcheinung in einem Hauſe der gewiſſe Vorbote irgend einer peinlichen Anklage, daher kam Bap⸗ 66 tiſte's Schreck, deshalb fragte ihn das Fräulein mit mildem Lächeln:„Was iſt Dir, Baptiſte?— Nicht wahr!— der Name Secuderi befand ſich auf der Liſte der la Voiſin?“«„Ach um Chriſtus wil⸗ len,“ erwiederte Baptiſte, am ganzen Leibe zit⸗ ternd,„wie möget Ihr nur ſo etwas ausſprechen, aber Desgrais— der entſetliche Desgrais, thut ſo geheimnißvoll, ſo dringend, er ſcheint es gar nicht erwarten zu können. Euch zu ſehen!«— „Nun Baptiſte,“ ſprach die Senderi,„ſo führt ihn nur gleich herein den Menſchen, der Euch ſo fürchterlich iſt, und der mir wenigſtens keine Beſorgniß erregen kann.“—„Der Präſident la Regnie ſchickt mich zu Euch,“ ſprach Desgrais, als er ins Gemach getreten,„mein Fräulein, mit einer Bitte, auf deren Erfüllung er gar nicht hoffen würde, kennt er nicht Eure Tugend, Euern Muth, läge nicht das letzte Mittel, eine böſe Blut⸗ ſchuld an den Tag zu bringen, in Euern Händen, hättet Ihr nicht ſelbſt ſchon Theil genommen au dem böſen Prozeß, der die Chambre ardente, uns alle, in Athem hält. Olivier Brußon, ſeitdem er Euch geſehen hat, iſt halb raſend. So ſehr er ſchon zum Bekenntniß ſich zu neigen ſchien, ſo ſchwört er doch jetzt aufs neue bei Chriſtus und allen Heili⸗ gen, daß er an dem Morde Cardillacs ganz un⸗ ſchuldig ſey, wiewohl er den Tod gern leiden wolle, den er verdieut habe. Bemerkt, mein Fräulein, 67 daß der letzte Zuſatz offenbar auf andere Verbrechen deutet, die auf ihm laſten. Doch vergebens iſt alle Mühe, nur ein Wort weiter herauszubringen, ſelbſt die Drohung mit der Tortur hat nichts ge⸗ fruchtet. Er fleht, er beſchwört uns, ihm eine Un⸗ terrednung mit Euch zu verſchaffen. Euch nur, Euch allein will er alles geſtehen. Laßt Euch herab, mein Fräulein, Brußons Bekenntniß zu hören.“„Wie!“ rief die Scuderi ganz entrüſtet, „ſoll ich dem Blutgericht zum Organ dienen, ſoll ich das Vertrauen des unglücklichen Menſchen mißbrauchen, ihn aufs Blutgerüſt zu bringen?— Nein, Desgrais! mag Brußon auch ein verruchter Mörder ſeyn, nie wär' es mir doch möglich, ihn ſo ſpitzbübiſch zu hintergehen. Nichts mag ich von ſeinen Geheimniſſen erfahren, die wie eine hei⸗ lige Beichte in meiner Bruſt verſchloſſen bleiben würden.“„Villeicht, mein Fräulein,“ verſetzte Desgrais mit einem feinen Lächeln,„ändert ſich Eure Geſinnung, wenn Ihr Brußon gehört habt. Batet Ihr den Präſident nicht ſelbſt, er ſollte menſchlich ſeyn? Er thut es, indem er dem thörig⸗ ten Verlangen Brußons nachgiebt, und ſo das letzte Mittel verſucht, ehe er die Tortur verhängt, zu der Brußon längſt reif iſt.“ Die Seuderi ſchrack unwillkührlich zuſammen.„Seht,“ fuhr Desgrais fort,„würdige Dame, man wird Euch keines⸗ wegs zumuthen, noch einmal in jene finſtern Ge⸗ micher zu treten, die Euch mit Grauſen und Ab⸗ ſcheu erfüllen. In der Stille der Nacht, ohne alles Aufſehen, brint man Olivier Brußon wie einen freien Menſchen zu Euch in Euer Haus. Nicht einmal belauſcht, doch wohl bewacht, mag er Euch dann zwaͤnglos Alles bekennen. Daß Ihr für Euch ſelbſt nichts von dem Elenden zu fürchten habt, dafür ſtehe ich Euch mit meinem Leben ein. Er ſpricht von Euch mit inbrünſtiger Verehrung. Er ſchwört, daß nur das düſtre Verhängniß, welches ihm verwehrt habe, Euch früher zu ſehen, ihn in den Tod geſtürzt. Und dann ſteht es ja bei Euch, von dem, was Euch Brußon entdeckt, ſo viel zu ſagen, als Euch beliebt. Kann man Euch zu mehrerem zwingen?“ Die Scuderi ſah tief ſinnend vor ſich nieder⸗ Es war ihr, als müſſe ſie der höhern Macht ge⸗ horchen, die den Aufſchluß irgend eines entſetzli⸗ chen Geheimniſſes von ihr verlange, als könne ſie ſich nicht mehr den wunderbaren Verſchlingungen entziehen, in die ſie willenlos gerathen. Plöglich entſchloſſen, ſprach ſie mit Würde:„Gott wird mir Faſſung und Standhaftigkeit geben; führt den Brußon her, ich will ihn ſprechen.“ So wie damals, als Brußon das Käſtchen brachte, wurde um Mitternacht an die Hausthüre der Scuderi gepocht. Baptiſte, von dem nächtlichen Beſuch unterrichtet, öffnete. Eiskalter Schauer 87 69 überlief die Seuderi, als ſie an den leiſen Tritten, an dem dumpfen Gemurmrl wahrnahm, daß die Wächter, die den Brußon gebracht, ſich in den Gängen des Hauſes vertheilten. 3 Endlich ging leiſe die Thüre des Gemachs auf. Desgrais trat herein, hinter ihm Olivier Brußon, feſſelfrei, in anſtändigen Kleidern.„Hier iſt Bru⸗ ßon,“ ſprach Desgrais, ſich ehrerbietig verneigend, „mein würdiges Fräulein!“ und verließ das Zim⸗ mer. Brußon ſank vor der Scuderi nieder auf beide Knie, flehend erhob er die gefalteten Hände, in⸗ dem häufige Thränen ihm aus den Augen rannen. Die Scuderi ſchaute erblaßt, keines Wortes mächtig, auf ihn herab. Selbſt bei den entſtellten, ja durch Gram, durch grimmen Schmerz verzerr⸗ ten Zügen ſtrahlte der reine Ausdruck des treuſten Gemüths aus dem Jünglingsantlitz. Je länger die Scuderi ihre Augen auf Brußons Geſicht ru⸗ hen ließ, deſto lebhafter trat die Erinnerung an irgend eine geliebte Perſon hervor, auf die ſie ſich nur nicht deutlich zu erinnern vermochte. Alle Schauer wichen von ihr, ſie vergaß, daß Cardillacs Mörder vor ihr knie; ſie ſprach mit dem aumuthi⸗ gen Tone des ruhigen Wohlwollens, der ihr eigen; Nun Brußon, was habt Ihr mir zu ſagen?“ Die⸗ ſer, noch immer kniend, ſeufzte auf vor tiefer, inbrünſtiger Wehmuth und ſprach dann:„O mein X.. 7 würdiges, mein hochverehrtes Fräulein, iſt denn jede Spur der Erinnerung an mich verflogen?“ Die Scuderi, ihn noch aufmerkſam betrachtend, erwiederte, daß ſie allerdings in ſeinen Zügen die Aehnlichkeit mit einer von ihr geliebten Perſon ge⸗ funden, und daß er nur dieſer Aehnlichkeit es ver⸗ danke, wenn ſie den tiefen Abſcheun vor dem Mör⸗ der überwinde und ihn ruhig anhöre. Brußon, ſchwer verletzt durch dieſe Worte, erhob ſich ſchnell und trat, den finſtern Blick zu Boden geſenkt, einen Schritt zurück. Dann ſprach er mit dumpfer Stimme:„Habt Ihr denn Anne Guiot ganz ver⸗ geſſen?— ihr Sohn Olivier— der Knabe, den Ihr oft auf Euern Knien ſchaukeltet, iſt es, der vor Euch ſteht.“„O um aller Heiligen, Willen!“ rief die Scuderi, indem ſie mit beiden Händen das Geſicht bedeckend, in die Polſter zurückſank. Das Fränulein hatte wohl Urſache genug, ſich auf dieſe Weiſe zu entſetzen. Anne Guiot, die Tochter eines verarmten Bürgers, war von klein auf bei der Scuderi, die ſie, wie die Mutter das liebe Kind, erzog mit aller Treue und Sorgfalt. Als ſie nun herangewachſen, fand ſich ein hübſcher ſit⸗ tiger Jüngling, Claude Brußon geheißen, ein, der um das Mädchen warb. Da er nun ein grundge⸗ ſchickter Uhrmacher war, der ſein reichliches Brod in Paris finden mußte, Anne ihn auch herzlich lieb gewonnen hatte, ſo trug die Seuderi gar kein Be⸗ 7¹ denken, in die Heirath ihrer Pflegetochter zu willigen. Die jungen Leute richteten ſich ein, leb⸗ ten in ſtiller, glücklicher Häuslichkeit, und was den Liebesbund noch feſter knüpfte, war die Geburt eines wunderſchönen Knaben, der holden Mutter treues Ebenbild. 4 Einen Abgott machte die Scuderi aus dem klei⸗ nen Olivier, den ſie Stunden, Tage lang der Mut⸗ ter entriß, um ihn zu liebkoſen, zu hätſcheln. Da⸗ her kam es, daß der Junge ſich ganz an ſie ge⸗ wöhnte, und eben ſo gern bei ihr war, als bei der Mutter. Drei Jahre waren vorüber, als der Brod⸗ neid der Kunſtgenoſſen Brußons es dahin brachte, daß ſeine Arbeit mit jedem Tage abnahm, ſo daß er zuletzt kaum ſich kümmerlich ernähren konnte. Dazu kam die Sehnſucht nach ſeinem ſchönen hei⸗ mathlichen Genf, und ſo geſchah es, daß die kleine Familie dorthin zog, des Wiederſtrebens der Scu⸗ deri, die alle nur mögliche Unterſtützung verſprach, unerachtet. Noch ein paarmal ſchrieb Anne an ihre Pflegemutter, dann ſchwieg ſie, und dieſe mußte glauben, daß das glückliche Leben in Bru⸗ ßons Heimath das Andenken an die früher ver⸗ lebten Tage nicht mehr aufkommen laſſe. Es waren jetzt gerade drei und zwanzig Jahre her, als Brußon mit ſeinem Weibe und Kinde Paris verlaſſen und nach Genf gezogen. „O entſetzlich,“ rief die Scuderi, als ſie ſich 72 einigermaßen wieder erholt hatte,„Olivier biſt Du? — der Sohn meiner Anne!— Und jetzt!“ „Wohl,“ verſetzte Olivier ruhig und gefaßt,„mein würdiges Fraulein, hättet Ihr nimmermehr ah⸗ nen können, daß der Knabe, den Ihr wie die zärtliche Mutter hätſcheltet, dem Ihr, auf Euerm Schooß ihn ſchaukelnd, Näſcherei auf Näſcherei in den Mund ſtecktet, dem Ihr die ſüßeſten Namen gabt, zum Jünglinge gereift dereinſt vor Euch ſtehen würde, gräßlicher Blutſchuld angeklagt!— Ich bin nicht vorwurfsfrei, die Chambre ardente kann mich mit Recht eines Verbrechens zeihen; aber, ſo wahr ich ſelig zu ſterben hoffe, ſey es auch durch des Henkers Hand, rein bin ich von je⸗ der Blutſchuld, nicht durch mich, nicht durch mein Verſchulden fiel der unglückliche Cardillae!“— Olivier gerieth bei dieſen Worten in ein Zittern und Schwanken. Stillſchweigend wies die Scuderi auf einen kleinen Seſſel, der Olivier zur Seite ſtand. Er ließ ſich langſam nieder. „Ich hatte Zeit genug,“ fing er an, mich auf die Unterredung mit Euch, die ich als die letzte Gunſt des verſöhnten Himmels betrachte, vorzube⸗ reiten, und ſo viel Ruhe und Faſſung zu gewin⸗ nen als nöthig, Euch die Geſchichte meines ent⸗ ſetzlichen, unerhörten Mißgeſchicks zu erzählen. Erzeigt mir die Barmherzigkeit, mich ruhig anzu⸗ hören, ſo ſehr Euch auch die Entdeckung eines Ge⸗ 73 heimniſſes, das Ihr gewiß nicht geahnet, überra⸗ ſchen, ja mit Grauſen erfüllen mag.— Hätte mein armer Vater Paris doch niemals verlaſſen! — So weit meine Erinnerung an Genf reicht, finde ich mich wieder, von den troſtloſen Eltern mit Thränen benetzt, von ihren Klagen, die ich nicht verſtand, ſelbſt zu Thränen gebracht. Später kam mir das deutliche Gefühl, das volle Bewußt⸗ ſeyn des drückendſten Mangels, des tiefen Elends, in dem meine Eltern lebten. Mein Vater fand ſich in allen ſeinen Hoffnungen getäuſcht. Von tiefem Gram niedergebeugt, erdrückt, ſtarb er in dem Augenblick, als es ihm gelungen war, mich bei einem Goldſchmidt als Lehrjunge unterzubringen. Meine Mutter ſprach viel von Ench, ſie wollte Euch alles klagen, aber dann überfiel ſie die Muth⸗ loſigkeit, welche vom Elend erzeugt wird. Das und auch wohl falſche Scham, die oft an dem todt⸗ wunden Gemüthe nagt, hielt ſie von ihrem Ent⸗ ſchluß zurück. Wenige Monden nach dem Tode meines Vaters folgte ihm meine Mutter ins Grab.“ „Arme Anne! arme Anne!“ rief die Scuderi von Schmerz überwältigt.„Dank und Preis der ewi⸗ gen Macht des Himmels, daß ſie hinüber iſt, und nicht fallen ſieht den geliebten Sohn unter der Hand des Henkers, mit Schande gebrandmarkt.“ So ſchrie Olivier laut auf, indem er einen wilden, entſetzlichen Blick in die Höhe warf. Es wurde 7* draußen unruhig, man ging hin und her.„Ho ho,« ſprach Olivier mit einem bittern Lächeln,“ „Desgrais weckte ſeine Spießgeſellen, als ob ich hier entfliehen könnte.— Doch weiter:— Ich wurde von meinem Meiſter hart gehalten, unerachtet ich bald am beſten arbeitete, ja wohl endlich den Meiſter weit übertraf. Es begab ſich, daß einſt ein Fremder in unſere Werkſtatt kam, um einiges Geſchmeide zu kaufen. Als der nun einen ſchönen Halsſchmuck ſah, den ich gearbeitet, klopfte er mir mit freundlicher Miene auf die Schultern, indem er, den Schmuck beäugelnd, ſprach: Ei, ei! mein junger Freund, das iſt ja ganz vortreffliche Arbeit. Ich wüßte in der That nicht, wer Euch noch anders übertreffen ſollte, als Renèé Cardillac, der freilich der erſte Goldſchmidt iſt, den es auf der Welt giebt. Zu dem ſolltet Ihr hingehen; mit Freuden nimmt er Euch in ſeine Werkſtatt, denn nur Ihr könnt ihm beiſtehen in ſeiner kunſt⸗ vollen Arbeit, und nur von ihm allein könnt Ihr dagegen noch lernen. Die Worte des Fremden waren tief in meine Seele gefallen. Ich hatte keine Ruhe mehr in Genf, mich zog es fort mit Gewalt. Endlich gelang es mir, mich von meinem Meiſter los zu machen. Ich kam nach Paris. Reué Cardillac empfing mich kalt und barſch. Ich ließ nicht nach, er mußte mir Arbeit geben, ſo gerigfügig ſie auch ſeyn mochte. Ich ſollte einen 75 kleinen Ring fertigen. Als ich ihm die Arbeit brachte, ſah er mich ſtarr an mit ſeinen funkelnden Augen, als wollt' er hineinſchauen in mein Inner⸗ ſtes. Dann ſprach er: Du biſt ein tüchtiger, wacke⸗ rer Geſelle, Du kannſt zu mir ziehen und mir helfen in der Werkſtatt. Ich zahle Dir gut, Du wirſt mit mir zufrieden ſeyn. Cardillac hielt Wort. Schon mehrere Wochen war ich bei ihm, ohne Madelon geſehen zu haben, die, irr' ich nicht, auf dem Lande bei irgend einer Muhme Cardillacs damals ſich aufhielt. Endlich kam ſie. O du ewige Macht des Himmels, wie geſchah mir, als ich das Engelsbild ſah!— Hat je ein Menſch ſo geliebt als ich! Und nun!— O Madelon!“ Olivier konnte vor Wehmuth nicht weiter ſpre⸗ chen. Er hielt beide Hände vors Geſicht und ſchluchzte heftig. Endlich mit Gewalt den wilden Schmerz, der ihn erfaßt, niederkämpfend ſprach er weiter. „Madelon blickte mich an mit freundlichen Au⸗ gen. Sie kam öfter und öfter in die Werkſtatt. Mit Entzücken gewahrte ich ihre Liebe. So ſtreng der Vater uns bewachte, mancher verſtohlne Hände⸗ druck galt als Zeichen des geſchloſſenen Bundes, Cardillac ſchien nichts zu merken. Ich gedachte, hätte ich erſt ſeine Gunſt gewonnen, und konnte ich die Meiſterſchaft erlangen, um Madelon zu werben. Eines Morgens, als ich meine Arbeit be⸗ 76 ginnen wollte, trat Cardillac vor mich hin, Zorn und Verachtung im finſtern Blick. Ich bedarf dei⸗ ner Arbeit nicht mehr, fing er an, fort aus dem Hauſe, noch in dieſer Stunde, und laß Dich nie mehr vor meinen Augen ſehen. Warum ich Dich hier nicht mehr dulden kann, brauche ich Dir nicht zu ſagen. Für Dich armen Schlucker hängt die ſüße Frucht zu hoch, nach der Du trachteſt! Ich wollte reden, Zer packte mich aber mit ſtarker Fauſt und warf mich zur Thüre hinaus, daß ich nieder⸗ ſtürzte und mich hart verwundete an Kopf und Arm.— Empört, zerriſſen vom grimmen Schmerz verließ ich das Haus, und fand endlich am äußer⸗ ſten Ende der Vorſtadt St. Martin einen gutmürä thigen Bekannten, der mich aufnahm in ſeine Bo⸗ denkammer. Ich hatte keine Ruhe, keine Raſt. Zur Nachtzeit umſchlich ich Cardillaes Haus, wäh⸗ nend, daß Madelon meine Seufzer, meine Klage vernehmen, daß es ihr vielleicht gelingen werde, mich vom Fenſter herab unbelauſcht zu ſprechen. Allerlei verwogene Pläne kreuzten in meinem Ge⸗ hirn, zu deren Ausführung ich ſie zu bereden hoffte. An Cardillacs Haus in der Straße Nicngiſe ſchließt ſich eine hohe Mauer mit Blenden und alten, halb zerſtückelten Steinbildern darin. Dicht bei einem ſolchen Steinbilde ſtehe ich in einer Nacht und ſehe hinauf nach den Fenſtern des Hauſes, die in den Hof gehen, den die Mauer einſchließt. Da gewahre 77 ich plötzlich Licht in Cardillacs Werkſtatt. Es iſt Mitternacht, nie war ſonſt Cardillac zu dieſer Stunde wach, er pflegte ſich auf den Schlag neun Uhr zur Ruhe zu begeben. Mir pocht das Herz vor banger Ahnung, ich denke an irgend ein Ereig⸗ niß, das mir vielleicht den Eingang bahnt. Doch gleich verſchwindet das Licht wieder. Ich drücke mich an das Steinbild, in die Blende hinein, doch entſetzt pralle ich zurück) als ich einen Gegendruck fühle, als ſey das Bild lebendig worden. In dem dämmernden Schimmer der Nacht gewahre ich nun, daß der Stein ſich langſam dreht, und hinter dem⸗ ſelben eine finſtere Geſtalt hervorſchlüpft, die leiſen Trittes die Straße hinabgeht. Ich ſpringe an das Steinbild hinan, es ſteht wie zuvor dicht an der Mauer. Unwillkührlich, wie von einer innern Macht getrieben, ſchleiche ich hinter der Geſtalt her. Ge⸗ rade bei einem Marienbilde ſchaut die Geſtalt ſich um, der volle Schein der hellen Lampe, die vor dem Bilde brennt, fällt ihr ins Antlitz. Es iſt Cardillac! Eine unbegreifliche Angſt, ein unheimli⸗ ches Grauen überfällt mich. Wie durch Zauber feſt gebannt, muß ich fort— nach— dem geſpen⸗ ſtiſchen Nachtwanderer. Dafür halte ich den Mei⸗ ſter, unerachtet nicht die Zeit des Vollmonds iſt, in der ſolcher Spuk die Schlafenden bethört. End⸗ lich verſchwindet Cardillac ſeitwärts in den tiefen Schatten. An einem kleinen, wiewohl bekannten 78 Räuspern gewahre ich indeſſen, daß er in die Ein⸗ fahrt eines Hauſes getreten iſt. Was bedeutet das, was wird er beginnen?— So frage ich mich ſelbſt voll Erſtaunen, und drücke mich dicht an die Häuſer. Nicht lange dauerts, ſo kommt ſingend und trillerirend ein Mann daher mit leuchtendem Federbuſch und klirrenden Sporen. Wie ein Tiger auf ſeinen Raub, ſtürzt ſich Eardillac aus ſeinem Schlupfwinkel auf den Mann, der in demſelben Au⸗ genblick röchelnd zu Boden ſinkt. Mit einem Schrei des Entſetzens ſpringe ich heran, Cardillac iſt über den Mann, der zu Boden liegt, her. Meiſter Car⸗ dillac, was thut Ihr, rufe ich laut. Vermaledei⸗ ter! brüllt Cardillac, rennt mit Blitesſchnelle bei mir vorbei und verſchwindet. Ganz außer mir, kaum der Schritte mächtig, nähere ich mich dem Niedergeworfenen. Ich knie bei ihm nieder, viel⸗ leicht, denk' ich, iſt er noch zu retten, aber keine Spur des Lebens iſt mehr in ihm. In weiner Todesangſt gewahre ich kaum, daß mich die Mare⸗ chauſſee umringt hat. Schon wieder einer von den Teufeln niedergeſtreckt— he he— junger Menſch, was machſt Du da— biſt einer von der Bande? — fort mit Dir! So ſchrien ſie durcheinander und packen mich an. Kaum vermag ich zu ſtammeln, daß ich ſolche gräßliche Unthat ja gar nicht hätte begehen können, und daß ſie mich im Frieden zie⸗ hen laſſen möchten. Da leuchtet mir einer ins Geſlcht und ruft lachend: Das iſt Olivier Brußon, der Goldſchmidtsgeſelle, der bei unſerm ehrlichen, braven Meiſter René Cardillac arbeitet!— ja — der wird die Leute auf der Straße morden!— ſieht mir recht dazu aus— iſt recht nach der Art der Mordbuben, daß ſie beim Leichnam lamentiren und ſich fangen laſſen werden.— Wie war's Junge? — erzähle dreiſt. Dicht vor mir, ſprach ich, ſprang ein Menſch auf den dort los, ſtieß ihn nieder und rannte blitzesſchnell davon, als ich laut aufſchrie. Ich wollt' doch ſehen, ob der Niedergeworfene noch zu retten wäre. Nein, mein Sohn, ruft einer von denen, die den Leichnam aufgehoben, der iſt hin, durchs Herz, wie gewöhnlich, geht der Dolchſtich. Teufel, ſpricht ein anderer, kamen wir doch wieder zu ſpät wie vorgeſtern; damit entfernen ſie ſich mit dem Leichnam. Wie mir zu Muthe war, kann ich gar nicht ſa⸗ gen; ich fühlte mich an, ob nicht ein böſer Traum mich necke, es war mir, als müßt ich nun gleich er⸗ wachen und mich wundern über das tolle Trugbild. — Cardillac— der Vater meiner Madelon ein verruchter Mörder!— Ich war kraftlos auf die ſteinernen Stufen eines Hauſes geſunken. Immer mehr und mehr dämmerte der Morgen herauf, ein Offizierhut, reich mit Federn geſchmückt, lag vor mir auf dem Pflaſter. Cardillacs blntige That, auf der Stelle begangen, wo ich ſaß, ging vor mir hell auf. Entſetzt rannte ich von dannen. Ganz verwirrt, beinahe beſinnungslos ſitze ich in meiner Dachkammer, da geht die Thür auf und René Cardillac tritt herein. Um Chriſtus willen! was wollt Ihr? ſchrie ich ihm entgegen. Er, das gar nicht achtend, kommt auf mich zu und lächelt mich an mit einer Ruhe und Leutſeligkeit, die mei⸗ nen innern Abſcheu vermehrt. Er rückt einen al⸗ ten, gebrechlichen Schemel heran und ſetzt ſich zu mir, der ich nicht vermag, mich von dem Strohla⸗ ger zu erheben, auf das ich mich geworfen. Nun Olivier, fängt er an, wie geht es Dir, armer Junge? Ich habe mich in der That garſtig über⸗ eilt, als ich Dich aus dem Hauſe ſtieß, Du fehlſt mir an allen Ecken und Enden. Eben jetzt habe ich ein Werk vor, das ich ohne Deine Hülfe gar nicht vollenden kann. Wie wär's, wenn Du wie⸗ der in meiner Werkſtatt arbeiteteſt?— Du ſchweigſt? Ja ich weiß, ich habe Dich beleidigt. Nicht ver⸗ hehlen wollt' ichs Dir, daß ich auf Dich zornig war, wegen der Liebelei mit meiner Madelon. Doch recht überlegt habe ich mir das Ding nachher, und gefunden, daß bei Deiner Geſchicklichkeit, Deinem Fleiß, Deiner Treue ich mir keinen beſſern Eidam wünſchen kann als eben Dich. Komm alſo mit mir und ſiehe zu, wie Du Madelon zur Frau ge⸗ winnen magſt. 81 Cardillaes Worte durchſchnitten mir das Herz, ich erbebte vor ſeiner Bosheit, ich konnte kein Wort hervorbringen. Du zauderſt, fuhr er nun fort mit ſcharfem Ton, indem ſeine funkelnden Augen mich durchbohrten, Du kannſt vielleicht heute nicht mit mir kommen, Du haſt andere Dinge vor;— Du willſt vielleicht Desgrais beſuchen, oder Dich gar einführen laſſen bei d'Argenſon oder la Regnie. Nimm Dich in Acht, Burſche, daß die Krallen, die Du hervorlocken willſt zu anderer Leute Ver⸗ derben, Dich nicht ſelbſt faſſen und zerreiſſen. Da macht ſich mein tief empörtes Gemüth plötz⸗ lich Luft. Mögen die, rufe ich, die ſich gräßlicher Unthat bewußt ſind, jene Namen fürchten, die Ihr eben nanntet, ich darf das nicht— ich habe nichts mit ihnen zu ſchaffen. Eigentlich, ſpricht Car⸗ dillac weiter, Olivier, macht es Dir Ehre, wenn Du bei mir arbeiteſt, bei mir, dem berühm⸗ teſten Meiſter ſeiner Zeit, überall hoch geachtet wegen ſeiner Treue und Rechtſchaffenheit, ſo daß jede böſe Verlaͤumdunag ſchwer zurückfallen würde auf das Hanpt des Verläumders.— Was nun Madelon betrifft, ſo muß ich Dir nur geſtehen, daß Du meine Nachgiebigkeit ihr allein verdankeſt. Sie liebt Dich mit einer Heftigkeit, die ich dem zarten Kinde gar nicht zutrauen konnte. Gleich als Du fort warſt, ſiel ſie mir zu Füßen, um⸗ ſchlang meine Kuie und geſtand unter tauſend Hoffmann'’s erzäͤhl. Schriften. X. Bd. 8 82 Thränen, daß ſie ohne Dich nicht leben könne. Ich dachte, ſie bilde ſich das nur ein, wie es denn bei jungen verliebten Dingern zu ge⸗ ſchehen pflegt, daß ſie gleich ſterben wollen, wenn das erſte Milchgeſicht ſie freundlich anblickt. Aber in der That, meine Madelon wurde ſiech und krank, und wie ich ihr denn das tolle Zeug ausreden wollte, rief ſie hundertmal Deinen Namen. Was konnt' ich endlich thun, wollt' ich ſie nicht ver⸗ zweifeln laſſen. Geſtern Abend ſagt' ich ihr, ich willige in Alles und werde Dich heute holen. Da iſt ſie über Nacht aufgeblüht wie eine Roſe, und harrt nun auf Dich ganz außer ſich vor Liebesſehn⸗ ſucht.— Mag es mir die ewige Macht des Him⸗ mels verzeihen, aber ſelbſt weiß ich nicht, wie es geſchah, daß ich plötzlich in Cardillacs Hauſe ſtand, daß Madelon laut aufjauchzend: Olivier!— mein Olivier!— mein Geliebter— mein Gatte! auf mich zuſtürzt, mich mit beiden Armen um⸗ ſchlaug, mich feſt an ihre Bruſt drückte, daß ich im Uebermaaß des höchſten Entzückens bei der Jung⸗ frau und allen Heiligen ſchwor, ſie nimmer, nim⸗ mer zu verlaſſen!“ Erſchüttert von dem Andenken an dieſen ent⸗ ſcheidenden Augenblick mußte Olivier inne halten. Die Scuderi, von Grauſen erfüllt über die Un⸗ that eines Mannes, den ſie für die Tugend, die Nechtſchaffenheit ſelbſt gehalten, rief:„Entſetzlich! — Rens Cardillac gehört zu der Mardbande, die unſere gute Stadt ſo lange zur Räuberhöhle machte?“ „Was ſagt Ihr, mein Fräulein,“ ſprach Olivier, „zur Bande? Nie hat es eine ſolche Bande ge⸗ geben. Cardillac allein war es, der mit verruch⸗ ter Thätigkeit in der ganzen Stadt ſeine Schlacht⸗ opfer ſuchte und fand. Daß er es allein war, darin liegt die Sicherheit, womit er ſeine Streiche führte, die unüberwundene Schwierigkeit, dem Mörder auf die Spur zu kommen.— Doch laßt mich fortfahren, der Verfolg wird Euch die Ge⸗ heimniſſe des verruchteſten und zugleich unglücklich⸗ ſten aller Menſchen aufklären.— Die Lage, in der ich mich nun bei dem Meiſter befand, jeder mag die ſich leicht denken. Der Schritt war ge⸗ ſchehen, ich konnte nicht mehr zurück. Zuweilen war es mir, als ſey ich ſelbſt Cardillars Mordge⸗ hülfe geworden, nur in Madelons Liebe vergaß ich die innere Pein, die mich quälte, nur bei ihr konnt' es mir gelingen, jede äußere Spur namen⸗ loſen Grams weg zu tilgen. Arbeitete ich mit dem Alten in der Werkſtatt, nicht ins Antlitz ver⸗ mochte ich ihm zu ſchauen, kaum ein Wort zu re⸗ den vor dem Grauſen, das mich durchbebte in der Nähe des entſetzlichen Menſchen, der alle Tugen⸗ den des treuen, zärtlichen Baters, des guten Bürgers erfüllte, während die Nacht ſeine Untha⸗ ten verſchleierte. Madelon, das fromme, engels⸗ 84 reine Kind, ving an ihm mit abasottiſcher Liebe. Das Her; durchbohrt' es mir, wenn ich daran dachte, daß, träfe einmal die Rache den verlarvten Böſe⸗ wicht, ſie ja, mit aller hölliſchen Liſt des Satans getäuſcht, der gräßlichſten Verzweiflung unterliegen müſſe. Schon das verſchloß mir den Mund, und hätt' ich den Tod des Verbrechers darnm dulden müſſen. Unerachtet ich aus den Reden der Mare⸗ chauſſee genug entnehmen konnte, waren mir Car⸗ dillaes Unthaten, ihr Motiv, die Art, ſie auszu⸗ führen, ein Räthſel: die Aufklärung blieb nicht lange aus. Eines Tages war Cardillae, der ſonſt meinen Ab⸗ ſcheu erregend, bei der Arbeit in der heiterſten Lanne, ſcherzte und lachte, ſehr ernſt und in ſich gekehrt. Plötzlich warf er das Geſchmeide, woran er eben arbeitete, bei Seite, daß Stein und Perlen auseinander rollten, ſtand heftig auf und ſprach: Olivier!— es kann zwiſchen uns Beiden nicht ſo bleiben, dies Verhältniß iſt mir unerträglich.— Was der feinſten Schlauigkeit Desgrais und ſeiner Spießgeſellen nicht gelang zu entdecken, das ſpielte Dir der Zufall in die Hände. Du haſt mich ge⸗ ſchaut in der nächtlichen Arbeit, zu der mich mein böſer Stern treibt, kein Widerſtand iſt möglich.— Auch Dein böſer Stern war es, der Dich mir fol⸗ gen ließ, der Dich in undurchdringliche Schleier hüllte, der Deinem Fußtritt die Leichtigkeit gab, ——— — 85 daß Du unhörbar wandelteſt wie das kleinſte Thier, ſo daß ich, der ich in der tiefſten Nacht klar ſchaue, wie der Tiger, der ich Straßen weit das kleinſte Geräuſch, das Sumſen der Mücke vernehme, Dich nicht bemerkte. Dein böſer Stern hat Dich, mei⸗ nen Gefährten, mir zugeführt. An Verrath iſt, ſo wie Du jetzt ſtehſt, nicht mehr zu denken. Darum magſt Du Alles wiſſen.— Nimmermehr werd' ich Dein Gefährte ſeyn, heuchleriſcher Böſewicht. So wollt' ich aufſchreien, aber das innere Entſetzen, das mich bei Cardillacs Worten erfaßt, ſchnürte mir die Kehle zu. Statt der Worte vermochte ich nur einen unverſtändigen Laut auszuſtoßen. Car⸗ dillac ſetzte ſich wieder in ſeinen Arbeitsſtuhl. Er trocknete ſich den Schweiß von der Stirne. Er ſchien, von der Erinnerung des Vergangenen hart berührt, ſich mühſam zu faſſen. Endlich fing er an: Weiſe Männer ſprechen viel von den ſeltſamen Eindrücken, denen Frauen in guter Hoffnung fähig ſind, von dem wunderbaren Einfluß ſolch lebhaften, willenloſen Eindrucks von auſſen her auf das Kind. Von meiner Mutter erzählte man mir eine wun⸗ derbare Geſchichte. Als die mit mir im erſten Monat ſchwanger ging, ſchaute ſie mit andern Wei⸗ bern einem glänzenden Hoffeſt zu, das in Trianon gegeben wurde. Da fiel ihr Blick auf einen Cava⸗ lier in ſpaniſcher Kleidung mit einer blitzenden Ju⸗ welenkette um den Hals, von der ſie die Augen * 86 gar nicht mehr abwenden konnte. Ihr ganzes We⸗ ſen war Begierde nach den funkelnden Steinen, die ihr ein überirdiſches Gut dünkten. Derſelbe Cava⸗ lier hatte vor mehreren Jahren, als meine Mutter noch nicht verheirathet, ihrer Tugend nachgeſtellt, war aber mit Abſcheu zurückgewieſen worden. Mei⸗ ne Mutter erkannte ihn wieder, aber jetzt war es ihr, als ſey er im Glanz der ſtrahlenden Diaman⸗ ten ein Weſen höherer Art, der Inbegriff aller Schönheit. Der Cavalier bemerkte die ſehnſuchts⸗ vollen, feurigen Blicke meiner Mutter. Er glaubte jetzt glücklicher zu ſeyn als vormals. Er wußte ſich ihr zu nähern, noch mehr, ſie von ihren Bekannten fort an einen einſamen Ort zu locken. Dort ſchloß er ſie brünſtig in ſeine Arme, meine Mutter faßte nach der ſchönen Kette, aber in demſelben Augen⸗ blick ſank er nieder und riß meine Mutter mit ſich zu Boden. Sey es, daß ihn der Schlag plötzlich getroffen, oder aus einer andern Urfache; genug, er war todt. Vergebens war das Mühen meiner Mutter, ſich den im Todeskrampf erſtarrten Armen des Leichnams zu entwinden. Die hohlen Augen, deren Sehkraft erloſchen, auf ſie gerichtet, wälzte der Todte ſich mit ihr auf dem Boden. Ihr gel⸗ lendes Hiufsgeſchrei drang endlich bis zu den in der Ferne Vorübergehenden, die herbeieilten und ſie retteten aus den Armen des grauſigen Liebhabers. Das Entſetzen warf meine Mutter auf ein ſchweres * 87 Krankenlager. Man gab ſie, mich verloren, doch ſie geſundete und die Entbindung war glücklicher, als man je hatte hoffen können. Aber die Schre⸗ cken jenes fürchterlichen Augenblicks hatten mich getroffen. Mein böſer Stern war aufgegangen und hatte den Funken hinabgeſchoſſen, der mir eine der ſeltſamſten und verderblichſten Leidenſchaften ent⸗ zündet. Schon in der früheſten Kindheit gingen mir glänzende Diamanten, goldenes Geſchmeide über Alles. Man hielt das für gewöhnliche kindiſche Neigung. Aber es zeigte ſich anders, denn als Kuabe ſtahl ich Gold und Juwelen, wo ich ſie hab⸗ haft werden konnte. Wie der geübteſte Kenner un⸗ terſchied ich aus Inſtinkt unächtes Geſchmeide von ächtem. Nur dieſes lockte mich, unächtes ſo wie geprägtes Gold ließ ich unbeachtet liegen. Den grauſamſten Züchtigungen des Vaters mußte die angeborne Begierde weichen. Um nur mit Gold und edlen Steinen handthieren zu können, wandte ich mich zur Goldſchmidts⸗Profeſſion. Ich arbeitete mit Leidenſchaft und wurde bald der erſte Meiſter dieſer Art. Nun begann eine Periode, in der der angeborne Trieb, ſo lange niedergedrückt, mit Gewalt empordrang und mit Macht wuchs, Alles um ſich her wegzehrend. So wie ich ein Geſchmeide gefer⸗ tigt und abgeliefert fiel ich in eine Unruhe, in eine Troſtloſigkeit, die mir Schlaf, Geſundheit— Le⸗ bensmuth raubte.— Wie ein Geſpenſt ſtand Tag 3** 88 und Nacht die Perſon, für die ich gearbeitet, mir vor Augen, geſchmückt mit meinem Geſchmeide, und eine Stimme raunte mir in die Ohren: Es iſt ja dein— es iſt ja dein— nimm es doch— was ſollen die Diamanten dem Todten!— Da legt' ich mich endlich auf Diebeskünſte. Ich hatte Zutritt in den Häuſern der Großen, ich nützte ſchnell jede Gelegenheit, kein Schloß widerſtand meinem Ge⸗ ſchick, und bald war der Schmuck, den ich gearbei⸗ tet, wieder in meinen Händen.— Aber nun vertrieb ſelbſt das nicht meine Unruhe. Jene unheimlute Stimme ließ ſich dennoch vernehmen und hüumte mich und rief: Hoho dein Geſchmeide trägt Todter!— Selbſt wußte ich nicht, wie es kam. daß ich einen unausſprechlichen Haß auf die warf, denen ich Schmuck gefertigt. Ja! im tiefſten In⸗ nern regte ſich eine Mordluſt gegen ſie, vor der ich ſelbſt erbebte.— In dieſer Zeit kaufte ich die⸗ ſes Haus. Ich war mit dem Beſitzer Handels einig geworden, hier in dieſem Gemach ſaßen wir erfreut über das geſchloſſene Geſchäft beiſammen, und tran⸗ ken eine Flaſche Wein. Es war Nacht worden, ich wollte aufbrechen, da ſprach mein Verkäufer: Hört, Meiſter René, ehe ihr fortgeht muß ich Euch mit einem Geheimniß dieſes Hauſes bekannt machen. Darauf ſchloß er jenen in die Mauer eingefügten Schrank auf, ſchob die Hinterwand fort, trat in ein kleines Gemach, bückte ſich nieder, hob eine 1 89 Fallthür auf. Eine ſteile, ſchmale Treppe ſtiegen wir hinab, kamen au ein ſchmales Pförtchen, das er aufſchloß, traten hinaus in den freien Hof. Nun ſchritt der alte Herr, mein Verkäufer, hinan an die Mauer, ſchob an einem nur wenig hervorragen⸗ den Eiſen, und alsbald drehte ſich ein Stück Mauer los, ſo daß ein Menſch bequem durch die Oeffunng ſchlüpfen und auf die Straße gelangen konnte. Du magſt einmal das Kunſtſtück ſehen, Olivier, das wahrſcheinlich ſchlaue Mönche des Kloſters, welches dhemals hier lag, fertigen ließen, um heimlich aus⸗ un einſchlüpfen zu können. Es iſt ein Stück Holz, mmur von außen gemörtelt und getüncht, in das von naußen her eine Bildſäule, auch nur von Holz, doch ganz wie Stein, eingefügt iſt, welches ſich mit ſammt der Bildſäule auf verborgenen Angeln dreht. — Dunkle Gedanken ſtiegen in mir auf, als ich dieſe Einrichtung ſah, es war mir, als ſey vorgearbeitet ſolchen Thaten, die mir ſelbſt noch Geheimniß blie⸗ ben. Eben hatt' ich einem Herrn vom Hofe einen reichen Schmuck abgeliefert, der, ich weiß es, einer Operntänzerin beſtimmt war. Die Todesfolter blieb nicht aus— das Geſpenſt hing ſich an meine Schritte der lispelnde Satan an mein Ohr!— Ich zog ein in das Haus. In blutigem Angſtſchweiß gebadet, wälzte ich mich ſchlaflos auf dem Lager! Ich ſeh' im Geiſte den Menſchen zu der Tänzerin ſchleichen mit meinem Schmuck. Voller Wuth ſpringe ich 8** 90 auf— werfe den Mantel um— ſteige herab die geheime Treppe— fort durch die Mauer nach der Straße Nicaiſe.— Er kommt, ich falle über ihn her, er ſchreit auf, doch von hinten feſtgepackt ſtoße ich ihm den Dolch ins Herz— der Schmuck iſt mein!— Dies gethan, fühlte ich eine Ruhe, eine Zufriedenheit in meiner Seele, wie ſonſt niemals. Das Geſpenſt war verſchwunden, die Stimme des Satans ſchwieg. Nun wußte ich was mein böſer Stern wollte, ich mußt' ihm nachgeben oder unter⸗ gehen!— Du begreifſt jetzt mein ganzes Thun und Treiben, Olivier!— Glaube nicht, daß ich darum, weil ich thun muß, was ich nicht laſſen kann, jenem Gefühl des Mitleids, des Erbarmens, was in der Natur des Menſchen bedingt ſeyn ſoll, rein entſagt habe. Du weißt, wie ſchwer es mir wird, einen Schmuck abzuliefern; wie ich für manche, deren Tod ich nicht will, gar nicht arbeite, ja wie ich ſo⸗ gar, weiß ich, daß am morgenden Tage Blut mein Geſpenſt verbannen wird, heute es bei einem tüch⸗ tigen Fauſtſchlage bewenden laſſe, der den Beſitzer meines Kleinods zu Boden ſtreckt, und mir dieſes in die Hand liefert.— Dies alles geſprochen, führte mich Cardillac in das geheime Gewölbe und gönnte mir den Anblick ſeines Juwelen⸗Kabinets. Der König beſitzt es nicht reicher. Bei jedem Schmuck war auf einem kleinen daran gehängten Zettel ge⸗ nau bemerkt, für wen es gearbeitet, wann es durch 91 Diebſtahl, Raub oder Mord genommen worden. An deinem Hochzeitstage, ſprach Cardillac dumpf und feierlich, Olivier, wirſt Du mir, die Hand ge⸗ legt auf des gekreuzigten Chriſtus Bild, einen hei⸗ ligen Eid ſchwören, ſo wie ich geſtorben, alle dieſe Reichthümer in Staub zu vernichten, durch Mittel, die ich Dir dann bekannt machen werde, ich will nicht, daß irgend ein menſchlich Weſen, und am wenigſten Madelon und Du, in den Beſitz des mit Blut erkauften Horts komme. Gefangen in dieſem Labyrinth des Verbrechens, zer⸗ riſſen von Liebe und Abſchen, von Wonne und Entſe⸗ teu, war ich dem Berdammten zu vergleichen, dem ein holder Engel mild lächelnd hinaufwinkt, aber mit glühenden Krallen feſtgepackt hält ihn der Satan, und des frommen Engels Liebeslächeln, in dem ſich alle Seligkeit des hohen Himmels abſpiegelt, wird ihm zur grimmigſten ſeiner Qualen.— Ich dachte an Flucht— ja an Selbſtmord— aber Madelon!— Tadelt mich, mein würdiges Fräulein, daß ich zu ſchwach war, mit Gewalt eine Leidenſchaft nieder⸗ zukämpfen, die mich an das Verbrechen feſſelte; aber büße ich nicht dafür mit ſchmachvollem Tode? — Eines Tages kam Cardillac nach Hauſe unge⸗ wöhnlich heiter. Er liebkoste Madelon, warf mir die freundlichſten Blicke zu, trank bei Tiſche eine Flaſche edlen Weins, wie er es nur an hohen Feſt⸗ und Feiertagen zu thun pflegte, ſang und jubilirte. 92 Madelon hatte uns verlaſſen, ich wollte in die Werkſtatt: Bleib ſitzen, Junge, rief Cardillac, heut keine Arbeit mehr, laß uns eins trinken auf das Wohl der allerwürdigſten, vortrefflichſten Dame in Paris. Nachdem ich mit ihm angeſtoßen und er ein volles Glas geleert hatte, ſprach er: Sag' an, Olivier, wie gefallen Dir die Verſe: Un amant qui craint le voleurs n'est point digne d'amour! Er erzählte nun, was ſich in den Gemächern der Maintenon mit Euch und dem Könige begeben und fügte hinzu, daß er Euch von jeher verehrt habe, wie ſonſt kein menſchliches Weſen, und daß Ihr, mit ſolch hoher Tugend begabt, vor der der böſe Stern kraftlos erbleiche, ſelbſt den ſchönſten von ihm gefertigten Schmuck tragend, niemals ein bö⸗ ſes Geſpenſt, Mordgedanken in ihm erregen würdet. Höre, Olivier, ſprach er, wozu ich entſchloſſen. Vor langer Zeit ſollt' ich Halsſchmuck und Armbänder fertigen für Henriette von England und ſelbſt die Steine dazu liefern. Die Arbeit gelang mir wie keine andere, aber es zerriß mir die Bruſt, wenn ich daran dachte, mich von dem Schmuck, der mein Herzenskleinod geworden, trennen zu müſſen. Du weißt der Prinzeſſin unglücklichen Tod durch Meu⸗ chelmord. Ich behielt den Schmuck und will ihn nun als ein Zeichen meiner Ehrfurcht, meiner Dank⸗ barkeit dem Fräulein von Scuderi ſenden im Na⸗ 95 men der verfolgten Bande.— Außerdem, daß die Scuderi das ſprechende Zeichen ihres Triumphs er⸗ hält, verhöhne ich auch Desgrais und ſeine Geſellen, wie ſie es verdienen.— Du ſollſt ihr den Schmuck hintragen. So wie Cardillac Euern Namen naunte, Fräulein, war es, als würden ſchwarze Schleier weggezogen, und das ſchöne, lichte Bild meiner glücklichen frühen Kinderzeit ginge wieder auf in bunten, glänzenden Farben. Es kam ein wunder⸗ barer Troſt in meine Seele, ein Hoffnungsſtrahl, vor dem die finſtern Geiſter ſchwanden. Cardillac mochte den Eindruck, den ſeine Worte auf mich gemacht, wahrnehmen und nach ſeiner Art deuten. Dir ſcheint, ſprach er, mein Vorhaben zu behagen. Ge⸗ ſtehen kann ich wohl, daß eine tief' innere Stimme, ſehr verſchieden von der, welche Blutopfer verlangt wie ein gefräßiges Raubthier, mir befohlen hat, daß ich ſolches thue.— Manchmal wird mir wun⸗ derlich im Gemüthe— eine innere Angſt, die Furcht vor irgend etwas Entſetzlichem, deſſen Schauer aus einem fernen Jenſeits herüber wehen in die Zeir, ergreift mich gewaltſam. Es iſt mir dann ſogar, als ob das, was der böſe Stern begonnen durch mich, meiner unſterblichen Seele, die daran keinen Theil hat, zugerechnet werden könne. In ſolcher Stimmung beſchloß ich, für die heilige Jungfrau in der Kirche St. Eunſtache eine ſchöne Diamanten⸗ Krone zu ſertigen. Aber jene unbegreifliche Angſt 94 überfiel mich ſtärker, ſo oft ich die Arbeit beginnen wollte, da unterließ ich's ganz. Jetzt iſt es mir, als wenn ich der Tugend und Frömmigkeit ſelbſt demuthsvoll ein Opfer bringe und wirkſame Für⸗ ſprache erflehe, indem ich der Scuderi den ſchönſten Schmuck ſende, den ich jemals gearbeitet.— Car⸗ dillac, mit Eurer ganzen Lebensweiſe, mein Fräu⸗ lein, auf das genaueſte bekannt, gab mir nun Art und Weiſe ſo wie die Stunde an, wie und wann ich den Schmuck, den er in ein ſauberes Käſtchen ſchloß, abliefern ſolle. Mein ganzes Weſen war Entzücken, denn der Himmel ſelbſt zeigte mir durch den frevelichen Cardillac den Weg, mich zu retten aus der Hölle, in der ich, ein verſtoßener Sünder, ſchmachtete. So dacht' ich. Ganz gegen Cardillacs Willen wollt' ich bis zu Euch dringen. Als Anne Brußons Sohn, als Euer Pflegling gedacht ich, mich Euch zu Füßen zu werfen und Euch Alles— Alles zu entdecken. Ihr hättet, gerührt von dem namenloſen Elend, das der armen, unſchuldigen Madelon drohte bei der Entdeckung, das Geheimniß beachtet, aber Euer hoher, ſcharfſinniger Geiſt fand gewiß ſichre Mittel, ohne jene Entdeckung, der ver⸗ ruchten Bosheit Cardillacs zu ſteuern. Fragt mich nicht, worin dieſe Mittel hätten beſtehen ſollen, ich weiß es nicht— aber daß Ihr Madelon und mich retten würdet, davon lag die Ueberzeugung feſt in meiner Seele, wie der Glaube au die troſt⸗ 95 reiche Hülfe der heiligen Jungfrau.— Ihr wißt, Fräulein, daß meine Abſicht in jener Nacht fehl⸗ ſchlug. Ich verlor nicht die Hoffnung, ein andermal glücklicher zu ſeyn. Da geſchah es, daß Cardillac plötzlich alle Munterkeit verlvr. Er ſchlich trübe umher, ſtarrte vor ſich hin, murmelte unverſtänd⸗ liche Worte, focht mit den Händen, Feindliches von ſich abwehrend, ſein Geiſt ſchien gequält von böſen Gedanken. So hatte er es einen ganzen Morgen getrieben. Endlich ſetzte er ſich an den Werktiſch, ſprang unmuthig wieder auf, ſchaute durch's Fen⸗ ſter, ſprach ernſt und düſter: Ich wollte doch, Hen⸗ riette von England hätte meinen Schmuck getra⸗ gen!— Die Worte erfüllten mich mit Entſetzen. Nun wußt' ich, daß ſein irrer Geiſt wieder erfaßt war, von dem abſcheulichen Mordgeſpenſt, daß des Satans Stimme wieder laut worden vor ſeinen Ohren. Ich ſah Euer Leben bedroht von dem ver⸗ ruchten Mordteufel. Hatte Cardillac ſeinen Schmuck nur wieder in Händen, ſo war't Ihr gerettet. Mit jedem Augenblick wuchs die Gefahr. Da be⸗ gegnete ich Euch auf dem Pontneuf, drängte mich an Eure Kutſche, warf Euch jenen Zettel zu, der Euch beſchwor, doch nur gleich den erhaltenen Schmuck in Cardillaces Hände zu bringen. Ihr kamt nicht. Meine Angſt ſtieg bis zur Verzweiflung, als andern Tages Eardillac von nichts anderm ſprach, als von dem köſtlichen Schmuck, der ihm in der 96 Nacht vor Augen gekommen. Ich konnte das nur auf Euern Schmuck deuten, und es wurde mir ge⸗ wiß, daß er über irgend einen Mordanſchlag brüte, den er gewiß ſchon in der Nacht auszuführen ſich vorgenommen. Euch retten mußt' ich, und ſoll es Cardillacs Leben koſten. So wie Cardillac nach dem Abendgebet ſich wie gewöhnlich eingeſchloſſen, ſtieg ich durch ein Fenſter in den Hof, ſchlüpfte durch die Oeffnung in der Mauer und ſtellte mich unnin in den tiefen Schatten. Nicht lange dauerte „ſo kam Cardillac heraus und ſchlich leiſe durch ie⸗ Straße fort. Ich hinter ihm her. Es ging nach der Straße St. Honorée, mir bebte das Herz. Cardillac war mit einemmal mir entſchwunden. Ich beſchloß, mich an Eure Hausthüre zu ſtellen. Da kommt ſingend und trillernd, wie damals, als der Zufall mich zum Zuſchauer von Cardillacs Mord⸗ that machte, ein Offizier bei mir vorüber, ohne mich zu gewahren. Aber in demſelben Augenblick ſpringt eine ſchwarze Geſtalt hervor und fällt über ihn her. Es iſt Cardillac. Dieſen Mord will ich hindern, mit einem lauten Schrei bin ich in zwei— drei Sätzen zur Stelle.— Nicht der Offizier— Eardillac ſinkt zum Tode getroffen röchelnd zu Bo⸗ den. Der Offizier läßt den Dolch fallen, reißt den Degen aus der Scheide, ſtellt ſich, wähnend, ich ſey des Mörders Geſelle, kampffertig mir entgegen, eilt aber ſchnell davon, als er gewahrt, daß ich, 97 ohne mich um ihn zu kümmern, nur den Leichnam unterſuche. Cardillac lebte noch. Ich lud ihn, nachdem ich den Dolch, den der Offizier hatte fal⸗ len laſſen, zu mir geſteckt, auf die Schultern und ſchleppte ihn mühſam fort nach Hauſe, und durch den geheimen Gang hinauf in die Werkſtatt.— Das Uebrige iſt Euch bekannt. Ihr ſeht, mein würdiges Fräulein, daß mein einziges Verbrechen nur darin beſtehr, daß ich Madelons Vater nicht den Gerichten verrieth und ſo ſeinen Unthaten ein Ende machte. Rein bin ich von jeder Blutſchuld. — Keine Marter wird mir das Geheimniß von Cardillaes Unthaten abzwingen. Ich will nicht, daß der ewigen Macht, die der tugendhaften Tochter des Vaters gräßliche Blutſchuld verſchleierte, zum Trotz, das gange Elend der Vergangenheit, ihres ganzen Seyns noch jetzt tödtend auf ſie einbreche, daß noch jetzt die weltliche Rache den Leichnam aufwühle aus der Erde, die ihn deckt, daß noch jetzt der Henker die vermoderten Gebeine mit Schan⸗ de brandmarke.— Nein!— mich wird die Geliebte meiner Seele benzeinen als den unſchuldig Gefalle⸗ nen, die Zeit wird ihren Schmerz lindern, aber unüberwindlich würde der Jammer ſeyn über des geliebten Vaters entſetztiche Thaten der Hölle!“— Olivier ſchwieg, aber nun ſtürzte ploͤtzlich ein Thränenſtrom aus ſeinen Augen, er warf ſich der Seuderi zu Füßen uind flehte:„Ihr ſeyd von meiner Unſchuld überzeugt— gewiß Ihr ſeyd es!— Habt Erbarmen mit mir, ſagt, wie ſteht es um Made⸗ lon?“— Die Senderi rief der Martiniere, und nach wenigen Augenblicken flog Madelon an Oliviers Hals.„Nun iſt alles gut, da Du hier biſt— ich wußt' es ja, daß die edelmüthigſte Dame Dich ret⸗ ten werde!“ So rief Madelon einmal über das an⸗ dere, und Olivier vergaß ſein Schickſal, alles was ihm drohte, er war frei und ſelig. Auf das rüh⸗ rendſte klagten Beide ſich, was ſie um einander ge⸗ litten, und umarmten ſich dann aufs nene und wein⸗ ten vor Enkzücken, daß ſie ſich wieder gefunden. Wäre die Seuderi nicht von Oliviers Unſchuld ſchon überzengt geweſen, der Glaube daran müßte ihr jetzt gekommen ſeyn, da ſie die Beiden betrach⸗ tete, die in der Seligkeit des innigſten Liebesbünd⸗ niſſes die Welt vergaßen und ihr Elend und ihr namenloſes Leiden.„Nein,“ rief ſte,„ſolch ſeliger Vergeſſenheit iſt nur ein reines Herz fähig.“ * (Der Schluß folgt im eilften Bändchen.)