Se Geſ „„ 35 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von.. Ednard Ottmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———Beher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 1 1 5 Vr. 1—„ 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Stellt euch in die Mitte des Bildes und ſeht euch auf⸗ merkſam um. Es iſt ſchon einiger Blicke werth, was ihr um und vor euch habt, und ihr habt obendarein den Vortheil davon, daß ihr, wenn ihr ſpäter wieder einmal hierher ge⸗ langt, euch nicht von neuem zu orientiren braucht. Vor euch, denn damit müßt ihr ſchon anfangen, weil es überall, wo es euch begegnet, euer Auge feſſelt und euer Herz und euren Geiſt mit unwiderſtehlicher Gewalt ſich un⸗ terthan macht— vor euch liegt die See, auf der ihr, wenn ihr nicht anders wollt, in ununterbrochener Fahrt, links oder rechts, oder gradeaus, bis an die Grenzen des Erdballs ge⸗ langen könnt. Was ihr unmittelbar und zunächſt vor euch habt, iſt freilich nur ein Meerbuſen, der ſich wunderbar regelmäßig, faſt wie ein reiner Halbbogen in das Land hineindrängt. Allein, wenn euer Auge das Leuchten und Glänzen, das Blitzen und Blenden zu überwinden vermag, Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 1 2 Erſtes Kapitel. das aus all' den tauſend Wellen und Wellchen bricht, und weiter in die Ferne dringt, ſo findet es dort nirgends mehr ein Ziel und ein Ende, es müßte dafür denn jenen zarten, vom Himmel droben und von den Waſſern drunten kaum zu unterſcheidenden Streifen halten, den wir als Horizont bezeichnen. Nach rechts könnt ihr den Strand weit hinaus ver⸗ folgen: hinter dem öden, aber auch nur ſchmalen, weißen, grauen oder gelblichen Gürtel zeigen ſich die lebhafter ge⸗ färbten Streifen der Felder oder Wieſen vom dichten und dunklen Walde begrenzt. Von Menſchenwohnungen findet ſich dort nicht eine Spur, und wenn es ſolche gibt, müſſen ſie hinter den Waldungen liegen. Erſt an der äußerſten Spitze ſchimmert es weiß zwiſchen den Bäumen hervor, wie ein großes Gebäude. Allein zu erkennen vermögt ihr's nicht, denn obgleich keine Wolke am Himmel und die Luft von wunderbarer Reinheit iſt und auch nicht ein einziger Gegen⸗ ſtand euer Schauen hindert, iſt es doch von eurem jetzigen Standpunkt meilenweit entfernt, und ihr ſeht es überhaupt nur, weil die Sonne hell darauf ſcheint und aus der dunklen Umgebung es hervortreten läßt. Links dagegen bricht der Strandbogen um vieles früher ab. Das Dorf oder der Flecken auf ſeiner äußerſten Kante zeigt ſich euch in voller Klarheit mit hellen Ziegel⸗ und dunkeln Strohdächern, in ſeiner Maſſe um eine nicht kleine Kirche mit ſtumpfem Thurm zuſammengedrängt, in einzelnen Häuſern nach rechts und links ſich fortſetzende Von Grün — Auf dem alten Damm. und Bäumen iſt dort nicht viel zu ſehen: die Oſt⸗ und Nordwinde müſſen den Platz mit verderlicher Schärfe treffen. Statt deſſen aber zeichnen ſich in der klaren Luft die Spieren und Raaen von einem halben Dutzend oder mehr Schiffen ab, ja mit guten Augen ſeht ihr ſelbſt das Taugewirre, und ein wenig vom Lande entfernt erblickt ihr ein großes Schiff, das bereits auf die Rhede hinausgelegt hat und nur noch auf das letzte Boot vom Lande zu warten ſcheint, um die ſchon gelockerten Segel vollends auszuſchütten und ſeine Reiſe zu beginnen. Weiter rückwärts und näher bei euch wird die Einför⸗ migkeit des Strandes noch von einem andern Dorf unter⸗ brochen. Ein Complex von großen Gebäuden, der aber durch zahlreiche, gewaltige Bäume zum Theil maskirt wird, erhebt ſich hart an der See. Niedrige Häuschen liegen in ächter dorflicher Unregelmäßigkeit vereinzelt hie und da, eine gute Strecke in's Land hinein. Nur ein ſchmaler Zwiſchenraum trennt die äußerſten von dem hier wiederum beginnenden hohen Walde. In dieſem Zwiſchenraum aber öffnet ſich vor euch eine weite Ausſicht, und ihr ſeht ganz fern die ſchlanken Thürme einer größeren Stadt. Der Wald, deſſen wir eben gedachten, ſetzt ſich von der Linken gegen die Rechte fort und ſchließt dieſe Strandgegend in eurem Rücken, vielleicht in der Entfernung einer kleinen Viertelſtunde, mit ſeinen dunkeln Maſſen vollſtändig ab. Es zeigt ſich nicht eine einzige Lücke, die Kronen drängen ſich feſt an einander, und nichts verräth, wie breit der lebendige Erſtes Kapitel. Gürtel ſein mag und wie weit er euch von dem dahinter liegenden offenen Lande ſcheidet. Zwiſchen ihm und euch ziehen ſich Ackerſtücke und Wieſen hin, nicht groß, aber augenſcheinlich in der beſten Cultur, und ſie erſtrecken ſich, ſo weit ihr das zu ſehen vermöget, bis der Wald ſich rechts in der Entfernung von etwa einer kleinen Stunde nach vorn ſchwenkt und zwiſchen ſeinem Rande und dem Meerbuſen wiederum Platz für ein Dorf läßt, deſſen vordere Häuſer euch, bei der außerordentlichen Durchſichtigkeit der Luft, zum Theil kaum weniger deutlich ſichtbar werden als diejenigen des erwähnten, links gelegenen, viel näheren Orts. 8 So habt ihr denn das ganze Terrain in feſter Begren⸗ zung vor und um euch: die See vorn, der Wald hinten, die Dörfer rechts und links vereinzeln den ſchmalen, langen Streifen ganz merkwürdig. Zwiſchen der See und eurem Standpunkt zieht ſich der ſchmale Strand entlang mit ſeinen Maſſen von Sand, von Kieſeln und Muſcheln und ganzen Haufen von Seegras in den verſchiedenſten Graden der Trockenheit. Augenblicklich gilt dies freilich nur von der Oberfläche, denn drunten am Boden iſt alles völlig naß. Es weht ein ſcharfer, kalter Nordoſt, der Einem den warmen Sonnenſchein ſehr will⸗ kommen ſein läßt, und jagt die Wellen in ſolcher Haſt und ſolchem Gedränge durch den Meerbuſen gegen das Land, daß ſie mit ſchäumenden Kämmen ſich erheben und überſtürzen, mit brauſender Gewalt die mächtigen Steinbrocken, welche im ſeichten Waſſer liegen, überſchütten und ſchäumend zwiſchen — — Auf dem alten Damm. ihnen hervor und auf den Strand ſchlagen, wo ein ſchnee⸗ weißer Gürtel hart zu euren Füßen die Böſchung des„alten 6 Dammes“ bedeckt und die Grenze ihrer Macht bezeichnet. Rückte die Briſe noch um einen oder zwei Striche weiter gegen Oſten und verſchärfte ſich noch ein wenig, ſo würde 4 der„alte Damm“ freilich auch nicht mehr ausreichenden Schutz gewähren, ſondern die Wellen über ihn hinaus auf die Wieſen und Aecker ſchlagen. Das müſſen aber wohl ſeltene Fälle ſein, denn der Raſen, welcher die Böſchung bedeckt, zeigt ſich nirgends ernſtlich verletzt, und was ihr auf dem„alten Damm“ ſelber wahrnehmt, läßt ſich auch, ja leichter, durch die Einwirkung anderer Gewalten erklären. Der„alte Damm“ iſt die Landſtraße zwiſchen den bei⸗ 3 den euch geſchilderten Dörfern und genießt im ganzen Lande ℳ des allerſchlechteſten Rufs. Man hat vordem dieſe Straße, wie wir ſie denn am Ende wohl heißen müſſen, obgleich ſie gegenwärtig der reine Hohn auf ſolch ein Menſchenwerk iſt, vom äußerſten Rande der Feldmark abgeſchnitten und gegen dieſe durch einen tiefen Graben begrenzt. Der außerordent⸗ lich ſchwere Boden dieſes Landſtrichs wird durch, hier oben⸗ darein ſehr häufiges Regenwetter in einer Weiſe erweicht, daß man, wo es Verkehrszwecke gilt, mit allem möglichen — Ernſt auf ſeine Befeſtigung zu denken hat. Hier hat man 5 dazu das Material benützt, das am Strande in unverſieg⸗ licher Fülle parat liegt: die halbe Breite der Straße verblieb 3 im Urzuſtande, die andere wurde mit den von den Wellen ausgeworfenen Kieſeln gepflaſtert,— immerhin ein Werk, Erſtes Kapitel. das ſeinen Meiſter lobte und den Reiſenden viele Vortheile bot. Der ungepflaſterte Weg war zur trockenen Zeit ganz erträglich, der„Damm“ zur naſſen ſehr willkommen, und da obendarein zu beiden Seiten Weidenbäume gepflanzt wa⸗ ren, ſo fand man, wenn ſie nicht zufälliger Weiſe gerade gekröpft worden waren, ſogar Schutz gegen Wind, Regen und Sonnenſchein. Das war aber vordem. Jetzt hat ſich das Ding ver⸗ zweiflungsvoll anders geſtaltet, und der„alte Damm“ wird in allen Tonarten verwünſcht und bietet Gelegenheit und Veranlaſſung zu zahlloſen Flüchen. Wer es irgend vermag, benützt ihn gar nicht mehr, ſondern fährt auf die Gefahr der Pfändung droben durch die Aecker oder drunten über die Kieſel und Seegrashaufen des Strandes. Der„Damm“ iſt, um einen Volksausdruck zu gebrauchen, der reine Mord⸗ weg. Die Pflaſterſteine liegen nicht mehr neben⸗, ſondern über⸗ und untereinander, und da ſich der ungepflaſterte Nebenweg allmälig immer mehr vertieft hat, ſo gelangt man von ihm auf den Damm oder umgekehrt niemals anders als mit der Gefahr eines Achſenbruchs, und hat obendarein noch die, kaum erfreulichere Ausſicht, durch die Gewalt des Anzugs hüben oder drüben, ſei es in den Graben, ſei es über die Böſchung hinab zu ſtürzen. Der Damm mag freilich das beſte Recht von der Welt haben, ſich uns in ſolchem Zuſtande des Verfalls zu präſen⸗ tiren. Von Pflege iſt ihm ſchwerlich jemals etwas zu Theil geworden, und der Jahre ſind viele über ihn hingegangen. — EMee 8 Auf dem alten Damm. 7 Das ſieht man auch an den noch erhaltenen Weiden: es ſind ausnahmslos ehrwürdige Geſellen, grau, kropfig, zer⸗ riſſen und die eine wie die andere hohl von den Wurzeln bis zu den Zweigen. Nur mit einer von ihnen ſteht es beſſer und iſt dieſelbe ſozuſagen zu ihrem Baumesrecht ge⸗ kommen, ohne daß man recht zu erkennen vermöchte, was ſie ſo ungewöhnlich begünſtigt hat. Die Menſchen haben augen⸗ ſcheinlich nie Hand an ſie gelegt, der Sturm hat ihr Ge⸗ zweige nicht geſchädigt und der Froſt zerriß ihre Rinde nicht. So wurde ſie, was man hierzulande eine„Sturmweide“ heißt, ein ganz gewaltiger Baum, den drei Männer kaum umklaftern und deſſen hochragender Wipfel meilenweit in die See hinaus den Schiffern zur Marke dient.— Wir haben den Leſern ſchon geſagt, daß es ein wunder⸗ bar heller und klarer Tag war. Am Himmel war überall die eine, ein wenig ſcharfe Bläue und nichts von Wolken zu ſehen, und auf Erden fand ſich weder nah noch fern auch nur eine Spur von Duft oder Dunſt. Alles lag in einer Flut des goldenſten Lichts, und das Funkeln und Blitzen in den Wellen blendete dermaßen, daß kein Menſchenauge den Blick darauf lange auszuhalten vermocht hätte. Der Wind kam friſch über die See daher, er trieb die Wellen immer raſcher vor ſich her, er raſchelte in den Haufen des dürren Seegraſes, er rauſchte durch die Weidenbäume, und jenſeits des„alten Dammes“ ließ er die ſchlanken Gräſer ſich tief neigen und die noch grünen Aehren der Gerſte und des Roggens blinkend dahinwogen. Für die Einheimiſchen war Erſtes Kapitel. es trotzdem ein„wunderſchöner“ Tag und reguläres Strand⸗ wetter, das Wort im beſten Sinne genommen. Das„bischen“ Wind und die verhältnißmäßig kühle Luft waren gerade recht: . ſie trockneten die Näſſe, welche die letzte Regenwoche hinter⸗ laſſen hatte, und verhießen obendrein anhaltend ſchönes Wetter. So mochte auch der Mann denken, der es ſich unter der alten Sturmweide auf der Dammböſchung kommode ge⸗ macht hatte; die Jacke und die Kappe, ſowie ein, in ein rothes Sacktuch geknüpftes kleines Bündel lagen neben ihm, der Wind blähte die weiten Hemdärmel auf und trieb ihm die blonden Haare aus der gebräunten Stirn. Aber er fragte danach nicht. Für ihn war's eine angenehme Kühlung, denn er war augenſcheinlich erhitzt; aber noch behaglicher ſchien ihm die Ruhe zu ſein, denn man merkt' es an dem Staub auf ſeiner Kleidung, daß er lange unterwegs geweſen und tüchtig müde geworden ſein mochte. Dafür ſprach auch die Achtloſigkeit, mit der er ſeine Füße faſt bis in den Schaum⸗ gürtel hinabhängen ließ, den die Wellen zurückgelaſſen hatten — wenn's die Beine nur bequem hatten, auf das bischen Näſſe kam's weiter nicht an!— und dafür zeugte endlich ſelbſt die Ruhe zu dieſer frühen Stunde: bei den Leuten dieſes Schlags gibt es zwiſchen Frühſtück und Mittagsbrod nur ausnahmsweiſe eine Raſt, mag ihre Beſchäftigung auch ſein, welche ſie wolle. Er hatte den Kopf in die Hand geſtützt und die hellen blauen Augen blickten mit einem Ausdruck von Gleichgültig⸗ Auf dem alten Damm. keit in die Ferne, über die blitzende See weg, gegen den kleinen Hafen hin, deſſen wir oben erwähnten. Etwas, das ſein beſonderes Intereſſe hätte erregen können, ließ ſich frei⸗ lich auch nirgends bemerken. Die Wellen kamen unaufhör⸗ lich in gedrängtem Zuge, die Möven trieben über und auf ihnen ihr luſtiges Spiel. Am fernen Horizont tauchte viel⸗ leicht einmal ein weißer Punkt auf und glitt langſam vor⸗ über, oder es zeigte ſich eben dort eine dunkle Rauchlinie, die ſich trotz des Windes eine lange Zeit in der Luft be⸗ merkbar machte und den Gang des Dampfers anzeigte. Hier vorn aber war alles ſtill und einſam, und von Menſchen— es war ein Sonntagmorgen— ließ ſich ebenſo wenig eine Spur wahrnehmen, als, die Vögel abgerechnet, von anderen lebendigen Creaturen. Endlich trat eine leichte Veränderung ein. Ein ſehr gutes Auge hätte vielleicht trotz der außerordentlichen Ent⸗ fernung dort drüben, wo das Schiff auf der Rhede lag, ein dunkles Atom bemerkt, das durch die blinkende See hintrieb. Es hätte vielleicht alsbald ein paar weitere, ähnliche Punkte in dem Taugewirre des Schiffes erſcheinen ſehen und gleich darauf eine gewiſſe Bewegung an den Segeln beobachtet, die ſich erſichtlich zuerſt langſam, dann raſcher und raſcher aus⸗ breiteten und füllten und den Rumpf leiſe, leiſe von ſeiner bisherigen Stelle weiterrücken ließen. Und jetzt wirbelte vom Bord ein leichter Rauch auf, dem nach einigen Sekunden der Hall eines Böllerſchuſſes folgte. Dann kam auch vom Lande ſolch' ein Schuß und wieder einer vom Schiff, und nochmals 10 Erſtes Kapitel. und nochmals, und dann war das Letztere wirklich in voller Fahrt und legte ſtattlich in den Wind hinaus und zog emſig ſeine Bahn. Bisher war das Auge des Wandersmanns dieſen Vor⸗ gängen mit dem unverändert gleichgültigen, um nicht zu ſagen, ſchläfrigen Blicke gefolgt, den wir von Anfang an bemerkten. Es bewegte ſich an dem Burſchen nichts, der Kopf ſtützte ſich feſt auf die Hand, und der Rauch— er hielt die Spitze einer kurzen Pfeife zwiſchen den Lippen— entquoll in leichten, langſam und regelmäßig einander fol⸗ genden Stößen ſeinem Munde. Mit einem Male aber zuckte es durch das Auge und der Kopf machte eine ganz leiſe, flüchtige Bewegung ſeitwärts, und dann ruhte ein eigenthüm⸗ licher, zugleich ſcharfer und ſuchender Blick auf einer Stelle der Dammböſchung, welche kaum zwanzig bis dreißig Schritte von ſeinem Lagerplatz entfernt war. Dort ſpannte ſich eine, dem Zuſtande des Dammes entſprechende, ziemlich baufällige Brücke über einen der ſeltenen Bäche des Landes, welcher in einem für dieſe Gegenden merkwürdig tiefen Einſchnitt die Felder und den Dammkörper durchbrach und mit ſeiner, für den Augen⸗ blick freilich nur geringen Waſſermaſſe luſtig der See zuſtrebte. Hatte der Wanderer dort irgend etwas wahrgenommen, ſo mußte es, ſeinem Blicke nach, nicht nur ſehr überraſchend, ſondern auch ſehr plötzlich und flüchtig geweſen ſein: jetzt, wo ſeine Beobachtung augenſcheinlich eine ernſte und auf⸗ merkſame war, ließ ſich daſelbſt nichts mehr bemerken, was dieſelbe zu rechtfertigen vermochte. Auf dem alten Damm. Eine Minute ſpäter machte ſich an dem Manne eine neue, dieſes Mal aber allerdings dauernde Bewegung be⸗ merkbar. Die Hand ſank, wie zufällig, vom Haupt herab und ihre Finger faßten mit einem Griff die Jacke, die Kappe, das Bündel und den derben Eichenſtock, die wie ge⸗ ſagt neben ihm auf der Böſchung lagen. Zugleich begann der Körper eine eigenthümliche, kaum zu beſchreibende Be⸗ wegung: ohne daß der Kopf ſeine Haltung und das Auge die Richtung auch nur um ein haarbreit verändert, ohne daß ſich eigentlich ein einzig Glied geregt hätte, wich der ganze Menſch leiſe und unhörbar zurück, immer weiter an dem hier ziemlich glatten Böſchungsrande entlang, am gewaltigen Stamm der großen Weide vorüber. Die Hand mit den Kleidungsſtücken folgte in gleicher Weiſe, und nach einer kleinen Weile lag der Burſche auf der anderen Seite des Stammes, zog die Beine an ſich und war für jemand, der ihn auf der vorigen Stelle von der Brücke aus bemerkt hatte, ſpurlos verſchwunden. Er legte den Kopf an die Rinde des Stammes ſo weit wie möglich nach vorwärts, und ſein Blick glitt nur ſo eben an ihr vorüber, der Oeffnung unter der Brücke zu. Aber es zeigte ſich dort nichts Auffälliges. Nach einigen Augenblicken zuckte der Kopf zurück und die Augen flogen nach der rechten Seite herum, wo der Damm eine ziemliche Strecke weit gerade fortführte und ſich daher bis zur gleichen Entfernung gut überſchauen ließ. Es war in der Bewegung des Burſchen und ſelbſt in ſeinem Auge ein Etwas, das darauf hinzudeuten ſchien, wie er nur Erſtes Kapitel. widerwillig ſeine Aufmerkſamkeit von der früheren Stelle ab⸗ wandte und für die neue Ueberwachung am liebſten nur den einzigen Blick aufgewendet hätte. Was er jetzt jedoch wahr⸗ nahm, machte erſichtlich einen ernſtlichen Eindruck auf ihn, und nachdem er noch einmal blitzleich um den Stamm zur Brücke geſchaut und dort auch nun alles ſtill gefunden hatte, ſank er wieder in merkwürdig langſamer und vorſichtiger Weiſe zurück, ſtützte den Kopf in die Hand und nahm die Pfeifenſpitze zwiſchen die Lippen. Auf dem ungepflaſterten, aber augenblicklich trockenen und daher gleichfalls harten Nebenwege kam im ſcharfen Trabe ein Reiter daher und das Klappern der Hufe und das Klirren des Pallaſch am Steigbügel waren die Laute geweſen, die um ſo früher zum Ohr des Wanderers gedrungen waren, als der Wind ſich inzwiſchen wirklich um ein paar Striche weiter gegen Oſten gewandt hatte und nicht mehr gerade und voll in den Meerbuſen hinein wehte, ſondern über die rechts gelegene Landſpitze daher kam. Es war ein Gensdarm, und der Beobachter erkannte jetzt ſchon die Uni⸗ form und den glänzenden Helm. Ob ihm der Anblick angenehm oder unangenehm war, ließ ſich nicht erkennen. Seine Miene blieb die ruhigſte von der Welt und ſein Auge ſchaute ſo gleichgiltig wie je auf die See hinaus. Jetzt richtete er ſich ein wenig auf, langte aus der Taſche Stahl, Stein und Schwamm heraus und begann ſich Feuer für die erloſchene Pfeife zu ſchlagen. Daß er dem Reiter Auf dem alten Damm. 13 hätte verborgen bleiben ſollen, daran wäre auch ohne das jetzige Geräuſch nicht zu denken geweſen, und ſo verrichtete er ſein Geſchäft denn mit der denkbarſten Bequemlichkeit und erhob die Augen erſt, nachdem der Schwamm den Tabak entzündet hatte, und als der Reiter ſchon ganz in der Nähe das Pferd ſcharf anhielt und mit mißtrauiſchem Blick den Raſtenden muſterte. „Hollah da! Wer iſt das?“ fragte er dabei.. Der Wanderer erhob kaum den Kopf, nahm auch die Pfeife nicht aus dem Munde. Nur die Augen erhoben ſich, wie geſagt, zu einem gleichmüthigen Blick, und dazu verſetzte er ſeelenruhig:„Guten Tag, Herr Knauſt! So früh und ſcharf ſchon im Geſchäft?“ Zu der letzteren Bezeichnung hatte er allerdings ein Recht, denn der Gaul war ſo naß, daß ſeine braune Farbe faſt zur ſchwarzen geworden war und weiße Schaumflecken auf der Bruſt lagen. „Hoho— was zum Kukuk— Caspar Peers? Wo kommen Sie denn ſchon her?“ ſagte der Gensdarm.— Die Leſer dürfen nicht vergeſſen, daß das Geſpräch von beiden Seiten natürlicher Weiſe in dem an der Seeküſte heimiſchen, plattdeutſchen Idiom geführt wurde, in welchem alle Anrede⸗ wörter, ſelbſt das harte„Er“ und das vornehme„Sie“ und „Ihnen“, bei weitem milder und vertraulicher klingen als im Hochdeutſchen.„Und ſo kommode am frühen Morgen?“ Das traf auch wieder zu, denn dem Stande der Sonne nach konnte es kaum acht Uhr ſein. „Na,“ meinte der Andere mit der früheren Gleich⸗ 14 Erſtes Kapitel. müthigkeit,„wenn Sie marſchirt wären wie ich, auf den eigenen Spazierhölzern und nicht auf Pferdebeinen, ſo wür⸗ den Sie ſich's auch ſchon kommode machen. Ich bin geſtern Abend von G. fort, daß ich bei guter Zeit heut daheim ſei, aber— von Gelegenheit war keine Rede, es iſt mir kein Wagen als die Poſt begegnet, und der Wagen war auch nicht leer. Die Kinder, Herr Knauſt— Sie wiſſen es auch wohl!— nehmen uns Alten den Biſſen vom Munde, und es iſt in G. theures Pflaſter. Da marſchirt es ſich verflucht ſchlecht auf ſo hartem Wege, und hier— ging es eben nicht weiter.“ Der Gensdarm hatte dieſe Worte mit erſichtlicher Zer⸗ ſtreutheit aufgenommen.„Alſo von G. her in der Nacht— das iſt freilich ein Gewaltsmarſch!“ ſagte er ſo hin, fügte aber nach einer kleinen Pauſe lebhafter hinzu:„wann ſind Sie wohl durch die Stadt gekommen, Peers?“ „Hm, es mag ſo gegen fünfe geweſen ſein.“ „Und wie lange liegen Sie ſchon hier?“ „Vielleicht eine halbe Stunde oder etwas mehr. Ich war hundemüde. Nun will ich aber auch fort. Bis Mittag muß ich bei den Alten ſein.“ „Sind Sie nirgends Einem begegnet, der's eilig hatte und ſich nicht gern ſehen ließ?“ Der Wanderer ſchüttelte nach einem flüchtigen, fragen⸗ den Blick mit der früheren Gleichmüthigkeit den Kopf. „Unterwegs hab' ich keine Katze geſehen, geſchweige denn ein Menſchenkind,“ ſagte er ruhig und fügte mit einem ——— —— Auf dem alten Damm. neuen Blick in gleichem Tone bei:„iſt was los, Herr Knauſt?“ „Ja, es iſt Einer heut Nacht aus der Cuſtodie gebro⸗ chen,“ entgegnete der Gensdarme, deſſen Blicke unabläſſig ſpähend über den Strand und die Felder glitten, mit miß⸗ muthigem Achſelzucken.„Um vier Uhr haben ſie es gemerkt und ſeitdem ſind wir auf der Suche. In der Vorſtadt meint man ihn geſehen zu haben, dann aber iſt's alle. Und ſo habe ich meinen Kameraden in Kolitz inſtruirt, daß er den Strand und den Kronwald abſtreifen läßt, und jetzt will ich nach Wilzen hinüber, um auch dort Lärm zu machen— es müßte ja mit dem Teufel zugehen, wenn er uns davon käme! Geben Sie ein bischen Acht, Peers, es könnte am Ende ſchon ſein—“ und plötzlich abbrechend ſchloß er:„ich habe nämlich ſo meine Gedanken über die Rich⸗ tung!“— „Na, das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſprach der Wanderer mit einem zugleich ruhigen und ehrlichen Ausdruck.„Wo ich was merke, meld' ich's.“ „Recht ſo, Peers! Grüßen Sie die Alten und kommen morgen gut nach Hauſe.“ „Gleichfalls, Herr Knauſt.“ Als der Gaul an⸗ und mit erhöhter Eile weitertrabte, folgte ihm und ſeinem Reiter ein Blick, den man in des Wanderers Auge am wenigſten geſucht haben möchte— ſo neugierig war er, ſo nachdenklich und voll ſolcher durch⸗ dringenden Verſtandesſchärfe. Dabei ſank jedoch der Kopf Erſtes Kapitel. mit dem Ausdruck der vollſten Gleichgültigkeit in die unter⸗ geſtützte Hand und blieb dort ruhen, bis die Hufe nicht mehr auf der Brücke klapperten. Dann erhob ſich der Kopf, die Augen ſpähten über den einſamen Strand, und darauf rückte der ganze Körper plötzlich ſo weit zurück, daß der Blick auf der anderen Seite der alten Weide über den Damm, die Brücke und die Felder gleiten konnte. Der Gensdarm war gleich jenſeits der Brücke von der Straße abgebogen und ritt in ſcharfem Trabe zwiſchen dem wogenden Getreide gegen den Wald zu, in ſchräger Richtung, ſo daß er noch ziemlich lange ſichtbar blieb. Das beobachtete der Lauſcher, und erſt als Pferd und Reiter unter den Büſchen verſchwanden, rutſchte er wieder nach vorn und ſpähte mit auffälliger Vorſicht um den gewaltigen Stamm über den Strand und gegen die Brückenöffnung hin. Alles zeigte ſich noch in der gleichen Einſamkeit und in dem gleichen Naturfrieden wie bisher. Die Wellen ſchlugen ſpritzend an und zwiſchen den Steinen empor; die Möven gaukelten und ſchoſſen über den Wogen umher; der Wind rauſchte durch die Weidenzweige und über die Getreideflächen, und der einzige von einem lebenden Weſen ſtammende Laut kam, ſei es von den Möven über der See, ſei es von einem Buſſard, der mit ſeinem Weibchen in der Nähe des Waldes nach irgend einem Wilde jagte. Ein anderer Laut wurde auch jetzt nicht vernehmbar. Mit einem Male aber zeigte ſich in der Brückenöffnung etwas wie der Kopf eines Menſchen, und Caspar Peers 4 8 * Auf dem alten Damm. hatte allen Grund, ſich raſch noch weiter zurückzuziehen, denn aus dieſem Kopf ſchoß ein Blick links und rechts über den Strand hin, dem ſicherlich nichts entging. Er mußte indeſſen nichts Bedenkliches gefunden haben, denn jetzt folgte dem Kopf die ganze Geſtalt eines Mannes, der, zuerſt noch gebückt, mitten in dem freilich ſeichten Bache ſtand, erſichtlich angeſtrengt lauſchte und mit einem neuen ſcharfen Blick ſeine Umgebung unterſuchte. Und nun richtete er ſich allmälig auf und erhob den Kopf über den Brückenrand. Da ſuchte er Alles umher noch viel genauer mit den Augen ab, auch die alte Weide, und erſt als er gar nichts fand, trat er auf den Strand und ſchritt vorwärts, dem Baume zu. Caspar Peers hatte ſchon längſt die Beine ſo hart an ſich gezogen, daß er dem ſich Nähernden völlig verborgen bleiben mußte. Jetzt erhob er ſich mit einer von ſeinen gelenkigen Bewegungen auf die Kniee, und als der Fremde in ſeinen Geſichtskreis trat, ſtand er mit einem Ruck auf den Füßen und die Rechte umfaßte feſt den Eichenſtab. Dieſe Vorſichtsmaßregeln waren nicht umſonſt geweſen. Der Fremdling war ein großer und hagerer Geſell, aber von breiten Schultern und gewölbter Bruſt, und nach dem erſten Zuſammenzucken warf er ſich mit einer Entſchloſſenheit gegen die Böſchung, war mit einem einzigen Satz droben und vor dem einen Schritt zurückweichenden Caspar, welche ſeinen Angriff von vorn herein zu einem gefährlichen machten. „Hund!“ grollte es dabei aus ihm hervor,„möchteſt du Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 18 Erſtes Kapitel. mich verrathen? Wahre dich!“ Die Fauſt erhob ſich zum Schlage. Durch Caspar's Geſicht zuckte ein höchſt beſonderer Ausdruck— war es Ueberraſchung, war es Zweifel, war es ein ſicheres und dennoch beſtürztes Erkennen?— Von Furcht zeigte ſich auch anfangs keine Spur, und da ſie nun neben einander ſtanden, ſah man's wohl, daß Caspar dazu auch keinen Grund hatte: dem Gegner war er gewachſen!— Und indem er die niederſchmetternde Fauſt mit der Linken auffing, ſprach er mit einem ſeltſamen, vibrirenden Tone: „Iſt's denn in der Menſchenwelt möglich, Detlef— du biſt's und packſt mich hier an wie ein Straßenräuber?“ Der Fremde fuhr zurück. Seine Hand freilich brachte er nicht frei, denn was Caspar's Finger umfaßten, das hielten ſie feſt. Sein Auge muſterte den Gegner mit finſterem Er⸗ ſtaunen, und endlich ſagte er:„Wahrhaftig, Caspar, biſt du's wirklich? Das hätt' ich mir nicht träumen laſſen!“ Caspar's Augen forſchten noch immer in des Anderen Zügen.„Na, daß ich im Lande, wenn auch juſt nicht hier, das mußt du doch wiſſen,“ verſetzte er,„allein daß du zurück⸗ biſt— hierher!— und in's Loch geſteckt wirſt und aus⸗ brichſt— na!— Jetzt capir' ich's freilich gut genug, weß⸗ halb Knauſt dich gerade hier ſuchte und dich mir ſo zärtlich an's Herz legte! Und wenn du wirklich nach Kolitz willſt—“ „Nach Kolitz— bah!“ „Ja, was dann? Ich bin nicht mehr hier, ſondern wohne in G. und gehe heut nur einmal zu meinen Alten. — Auf dem alten Damm. 19 Und vor uns iſt Alles alarmirt. Im Kronenwald ſtreifen ſie, und Knauſt iſt Wilzen zu—“ „Laß es gehen, ich finde ſchon ein Loch!“ „Ja, ſo eins wie das, aus dem du über Nacht aus⸗ brachſt!“ „Bah! Sage mir lieber— hollah, was iſt das?“ Dieſer plötzliche Abbruch des unſeren Leſern vielleicht ſeltſam erſcheinenden Geſprächs wurde durch den Anblick ge⸗ rechtfertigt, der ſich beiden Männern mit einem Male darbot. Wir theilten bereits mit, daß auch rechts hart am Meerbuſen ein Dorf lag und bei der außerordentlichen Durchſichtigkeit der Luft trotz der nicht geringen Entfernung ſo zu ſagen häuſerweiſe erkannt werden konnte. Es kam dazu, daß der Strand ſich vom Standpunkte der beiden Männer aus, wo der Meerbuſen etwa am tiefſten in das Land einſchnitt, all⸗ mälig wieder nach vorn krümmte. So glitt der Blick auf das Dorf zum größten Theil über die Waſſerfläche und ſtieß auf noch weniger Hinderniſſe als im, übrigens faſt ganz ebenen Lande. In Folge deſſen ſchaute man, wiederholentlich geſagt, grade zwiſchen die Häuschen hinein, die in tiefſter Ruhe in dem Grün ihrer Gärten und unter dem Schutz ihrer Bäume lagen, ſchlicht und niedrig, nach alter Landesart, und ſo weit man ſehen konnte, ausnahmslos mit dunklen Strohdächern. Die Kirche, von der man freilich nur den Thurm zwiſchen den Bäumen ſah, war vermuthlich das ein⸗ zige Gebäude, das ſich eines Ziegeldaches zu rühmen hatte. Bisher war dort Alles ſtill geweſen und nichts hatte 20 Erſtes Kapitel. ſich gezeigt, was den Frieden der Sonntagsfrühe geſtört hätte: zu dieſer Jahreszeit ſind die Feldgeſchäfte noch nicht. ſo drängend, daß die Landleute auch am Sonntag zur Arbeit gehen. Vor Kurzem hatte der Wind die erſten Töne des Glockenläutens herübergetragen und damit den Beginn einer wo möglich noch tieferen Ruhe angezeigt. In dem Augen⸗ blicke aber, wo der Flüchtling plötzlich die Aufmerkſamkeit des Anderen anrief und zu dem Dorfe hinüberlenkte, erhob ſich, nicht vornean, ſondern tiefer in den Ort hinein, mit einem Male eine dunkle Rauchwolke in den leuchtenden Him⸗ mel, verdichtete und vergrößerte ſich mit unheimlicher Schnelle und breitete ſich raſch über das Dorf hin. Von Zweifeln in Anſehung des Urſprungs und der Bedeutung dieſer Erſchei⸗ nung konnte leider keine Rede ſein. Denn Detlef's Worte waren kaum ausgeſprochen, als bereits ein fahler Schein innerhalb des dunkeln Gewölks die Flamme verrieth, deren vollen Glanz der helle Sonnenſchein dämpfte. Feuer an einem ſolchen Ort, bei ſolcher Bauart und endlich bei dem lebhaften Winde, der durch das Dorf und über daſſelbe hin ſicherlich kaum weniger ſcharf entlang fuhr als hier am Strande, iſt aber nicht blos für die Einwohner ſelber etwas außerordentlich Trauriges und Verderbliches, ſondern muß auch in der Ferne den kälteſten Zuſchauer er⸗ ſchrecken und bis in's Herz ergreifen. „Na, da ſchlage Gott den Teufel todt—'s iſt richtig!“ rief Caspar, und wenn die Worte auch in unſerem Sinne kaum eine rechte Theilnahme beweiſen möchten, ſo zeugte der — Auf dem alten Damm. 21 Ausdruck des Geſichts deſto entſchiedener für die allerernſt⸗ lichſte. Die Gleichmüthigkeit und Seelenruhe, die wir zuerſt an ihm wahrnahmen und die nur dem alten Freunde gegen⸗ über von ihm aufgegeben wurde, war jetzt völlig entwichen. Es regte ſich und zuckte Alles an dem Mann und trieb ihn vorwärts. Die Kappe hatte er ſchon auf dem Kopf, die Jacke auf dem Arm. „Da geht bei Gott auch das zweite auf!“ ſprach Detlef, in deſſen rauhen Zügen ſich gleichfalls etwas wie ein wirk⸗ liches Mitgefühl abſpiegelte, da jetzt das fahle Leuchten und Zucken bereits auf einer zweiten Stelle durch den dunkleren und dunkleren Rauch brach. „Salvir' dich, Kamerad!“ rief der Andere eifrig.„Horch, in Guſtow läuten ſie die Hofglocke und— da, bei Gott! Guck hin, da kommen ſchon die Horn'ſchen Boote! In zehn Minuten haſt du die Guſtow'ſchen auf dem Halſe. Mach'! Im Kronwald ſtreifen ſie jetzt nicht. Ich muß fort. Wo hört man von dir?“ „Muß eben ſehen. Will's auf dem Liebencamp pro⸗ biren. Iſt dort noch—“ „Alles wie ſonſt. Adjes! Ich erfahre ſchon von dir. Nimm dich in Acht!“ Und ohne ſich länger aufzuhalten, eilte Caspar, deſſen Auge bei dem flüchtigen Geſpräch ſtets die raſenden Fortſchritte des Feuers beobachtet hatte, beinahe im Laufe davon. Einen Augenblick ſchaute der Flüchtling ihm noch nach. Dann warf er den letzten Blick auf das Feuer, ging über 1 Erſtes Kapitel. den Damm, ſtieg in den Grenzgraben hinab und ſchritt in dieſem raſch fort, bis ſich ein anderer in's Feld und gegen den Wald zu abzweigte und er dieſem folgte. Zu früh war ſein Aufbruch nicht geſchehen. Als er jetzt mehr im Freien war, ſah er wirklich aus dem rückwärts gelegenen, Guſtow geheißenen Dorf nach Caspar's Vorausſage bereits Reiter und Fuhrwerk hervorkommen. Er bückte ſich hinter das Getreide, das den Grabenrand weit überhöhte. Und ſo lief er weiter, dem Walde zu, und verſchwand in dieſem etwa in demſelben Augenblick, als bei der Sturmweide auf dem alten Damm die erſten Reiter vorüberjagten. II. AUnter Teuer und Flammen. Als Caspar Peers bei dem unglücklichen Dorfe mit einem der Guſtow'ſchen Wagen anlangte, der ihn auf der letzten Strecke überholt und den Athemloſen mitgenommen hatte, mochte ſeit Detlef's erſtem Ausruf vielleicht eine kleine Stunde vergangen ſein,— und dennoch völlig genügend, ein Drittheil des Dorfes zu vernichten. Die Fortſchritte des Feuers waren grauenhafte geweſen. Von ſeinem Urſprungs⸗ ort herwärts gegen die Liſidre zu ſtand keines von den be⸗ ſcheidenen, aber freundlichen Häuſern mehr, welche vor kurzem noch ſo weithin in's Land hinein gegrüßt hatten, die Ställe und Nebengebäude hatte das gleiche Geſchick ereilt, und die ſtattlichen Bäume ſtanden mit angekohlten Stämmen und verſengten Kronen. Und dennoch war auch bei dieſem Un⸗ glück wieder ein Glück: da das Feuer nicht tief im Dorfe aufgegangen und gegen ſeinen Rand vom Winde fortgetrie⸗ ben war, fand es hier verhältnißmäßig bald die Grenze ſeiner 24 Zweites Kapitel. Gewalt und brannten die äußerſten Gebäude ſozuſagen un⸗ ſchädlich in ſich zuſammen. Wieviel furchtbarer hätte das Unheil ſein müſſen, wäre das Element tiefer im Ort zur Herrſchaft gelangt oder der Wind aus einer anderen Rich⸗ tung gekommen! Wäre erſt einer von den großen B Bauerhöfen mit den viel geräumigeren zuſammengedrängten Gebäuden angegangen oder die maſſive Kirche überwältigt worden— von Kolitz, dem reichen, ſtolzen Dorfe, würden zu dieſer Stunde nur noch rauchende Trümmer übrig geweſen ſein. Hier, wo die Helfenden anlangten, ſah es furchtbar aus, Alles im wilden und wüſten qualmenden Graus, aus welchem der Wind von Zeit zu Zeit noch ganze Funkengarben über das Feld hinjagte, während der ekelhafte Geruch verbrannten Fleiſches nur allzu deutlich bewies, daß in den Ställen mehr als ein armes Geſchöpf der Kopfloſigkeit der Beſitzer oder ſeinem eigenen ſtörrigen Entſetzen zum Opfer gefallen war. Man muß freilich wiſſen und ſelbſt geſehen haben, mit wel⸗ cher vernichtenden Eile und Gewalt das Verderben über ſolche Gebäude hereinbricht, um die Menſchen zu entſchuldigen, welche an nichts als die eigene, nackte Rettung denken. Links, gegen den Strand zu und einigermaßen außer der Richtung des Windes, hatte ſich das vorderſte Büdnerhaus noch er⸗ halten. Die Leute— es wohnten zwei Familien darin— flüchteten trotzdem ihre beſte Habe hinaus und auf dem nach Kräften durchnäßten Strohdache ſaßen Männer mit den ge⸗ füllten Feuereimern zur Abwehrung fliegender Funken. Aber es war alles umſonſt. Von der nächſten Brandſtelle kam es Unter Feuer und Flammen. herüber— Gott mochte wiſſen wie!— und traf eine trockene Stelle, ohne daß die Männer es auch nur merkten. Eine Sekunde lang rauchte es und dann glühte es bereits auf, und im nächſten Augenblick lief die Glut, zur Flamme an⸗ gefacht, wie ein lebendig Weſen auf dem Firſt entlang, und wieder eine Sekunde ſpäter ſchlugen die Flammen über das Dach hin, und die Männer rutſchten hinab, denn die Leiter brannte ſchon, und das Häuschen war verloren. Die jungen Störche im Neſt auf der Giebelſpitze ſchrieen und reckten die Hälſe über den Rand und lüfteten die Flügelſtumpen. Und die Alten kreiſten verzweiflungsvoll darüber, bis die Glut ſie dennoch ſengend traf und zuerſt der eine, bald auch der an⸗ dere kopfüber hinabſtürzte in das flammende Neſt. Sah es hier draußen ſchon ſchrecklich genug aus, drin⸗ nen an der Straße, auf⸗der man vor all dem Getrümmer, dem Rauch und Qualm und der Hitze kaum in's Dorf ge⸗ langen konnte, blickte es die Helfer noch viel grauſiger an; die Häuſer und Häuschen waren alle herunter, wo noch etwas ſtand, ſtürzte es nun gleichfalls zuſammen, und hie und da brannte nur noch geretteter Hausrath in den Gärten und auf der Straße, wohin derſelbe in der erſten Angſt geflüchtet worden. An Leuten fehlte es nicht zur Hülfe. Andere Ort⸗ ſchaften lagen dem Unglücksort näher als das ferne Guſtow, und hatten Mannſchaft und Löſchgeräthe ſo ſchnell wie mög⸗ lich herbeigeſendet, und von allen Seiten trafen noch immer neue athemloſe Trupps ein. Dazu bot die ganz nahe See das Waſſer in unverſieglicher Fülle. Aber es war eben alles 26 Zweites Kapitel. umſonſt geweſen. Das iſt wie Zunder, das glimmt an vom leiſeſten Funken, das flammt auf und dampft aus— da iſt nichts zu machen. Mit dem Brande des Büdnerhauſes, bei dem wir eben noch zugegen, war es zu Ende und man durfte ſich nun, der Angſt und Sorge enthoben, ganz und gar dem Löſchen der Reſte widmen. Dazu waren Menſchen im Ueberfluß vorhanden, und nachdem Caspar mit ſeinen Begleitern noch hie und da auf das eifrigſte geholfen und zugegriffen, fand er ſich frei und drängte ſich an den Trümmern und den klagenden, beredenden und durcheinander ſchreienden Gruppen und Haufen vorbei, weiter in das noch erhaltene Dorf hinein. Wir hörten ihn ja ſeine Abſicht ungewöhnlich ernſt betonen, daß er zur rechten Zeit daheim ſein wolle. Und nun war's beinahe Mittag geworden und er war noch fern und hatte obendarein Anderes im Kopf, als Heimatsgedan⸗ ken, hätte man glauben mögen. Der ſeelenruhige und gleich⸗ müthige Ausdruck vom Morgen war noch immer nicht in ſeine Züge zurückgekehrt. Im Gegentheil ſchaute er ſchier finſter aus— eine ſeltene Erſcheinung in ſolchem Geſicht. Denn ein Mann, wie Caspar Peers einer zu ſein ſchien, mag zu Zeiten einmal mürriſch darein ſehen oder verdroſſen, grimmig oder zornig; allein mit den Gedanken und Erwägungen, welche im Aug' und der Miene die„Finſterkeit“ hervortreten laſſen, pflegt er ſich nicht aufzuhalten. Ja er weiß meiſtens gar nichts von ihnen. „Caspar, biſt du's? Kommſt du einmal heim und triffſt —dp—Qʒ—C—BZ——- * Unter Feuer und Flammen. 27 es ſo?“ rief ihn die Müllerin an, die mit einem Kinde auf dem Arme vor der Thür des Müllerhauſes ſtand, ſchier die erſte menſchliche Seele, der er im geretteten Theil des Dorfes begegnete.„Ja, Caspar, das iſt ein Unglück geweſen! Wär' es beim Chriſtian Gering ausgekommen und nicht bei ſeinem 6 Bruder, dem Johann,— da wär's jetzt mit uns allen vor⸗ 8 über! Wie ſieht's aus? Hat's noch Gefahr? Ich habe von Mann und Knechten nichts mehr geſehen, und ſitz' da allein zu Hauſ' in der Angſt, und getraue mir nicht fortzugehen. Ginge der Wind um—“ „Sei ruhig, es iſt vorbei,“ fiel er ein, und ſtand, ſich auf den Stock lehnend.„Und der Müller wird bald kom⸗ men, es iſt da kaum noch was zu thun. Darum bin ich fort, ich muß heim. Aber gib mir einen Schluck und einen Biſſen, Chriſtine. Habe ſeit geſtern Abend nichts zu beißen gehabt und bin wie eine hohle Nuß.“ Sie ging ihm freundlich nickend voran in das ſtattliche Haus und die ſaubere Stube, wo der Tiſch für die hung⸗ rigen Heimkehrenden ſchon gerüſtet ſtand, wie es ein ſo ſchrecklicher Morgen ihr erlaubt hatte. Sie ſchob ihm einen Stuhl hin, denn daß er nun wirklich müde war, ſah man gut; Geſicht und Hände und Kleidung, alles verrieth, daß er tüchtig bei der Arbeit geweſen war und ſeine Kräfte nicht geſchont hatte. Sie bot ihm Wurſt und Brod und füllte ihm ein Glas. Das leerte er, aber den Stuhl nahm er icht und vom Brode ſchnitt er ſich nur eine derbe Scheibe 1 und aß haſtig, wie ein Mann, der der Speiſe bedarf, aber 28 Zweites Kapitel. keine Zeit übrig hat. Und er hatte nur einſilbige Antworten auf ihre Fragen, und ſein Geſicht erheiterte ſich nicht. Das mußte ihr wohl auffallen.„Was gibt's mit dir?“ fragte ſie.„Du biſt ja ganz kurios, Caspar.“ „Was wird's geben?“ ſagte er ſo hin, leerte noch ein⸗ mal das Glas und brach ſich ein neues Stück Brod ab. „Da hab' ich mir wirklich ein paar Tage frei gemacht und freue mich auf die Alten— ˙s iſt Jahr und Tag, daß ich ſie nicht geſehen. Und da fall' ich hier juſt in den Jammer hinein und ſehe das Elend. Da vergeht Einem die Luſtig⸗ keit. Und nun“— er bot ihr die Hand—„großen Dank, Chriſtine, und grüße den Mann; hab' ihn draußen nicht geſehen. Ich muß weiter. Denn am Dienſtag früh muß ich wieder in G. ſein.“ „Nun denn, adjes, Caspar,“ ſprach ſie, ihn hinausbe⸗ gleitend.„Grüße die Alten und Frau und Kind. Aber,“ fügte ſie, das Geſicht zum Lachen verziehend, hinzu,„haſt du den Weg vergeſſen? Links geht's nach Kalitz!“ „Laß nur!“ verſetzte er mit einem Anklang des früheren Gleichmuths.„Ich gehe durch den Wald kommoder und auch nicht länger.“ Und damit wanderte er rüſtig weiter, allerdings nicht der Straße nach, welche ſich von hier ver⸗ hältnißmäßig offen und gerade bis zum Ausgang des Dorfes fortſetzte, ſondern um das gegenüberliegende Haus und ſeinen Garten herum, wo ſich nahe vor ihm die alte Kirche in ihrem ſchattigen Friedhofe erhob und nicht weit hinter derſelben die dunkeln Waldmaſſen ſich hinzogen. —õ——QO.—ÿ—ʒ—ʒ˖H˖H˖— Unter Feuer und Flammen. 29 Rechts von der Kirche begann die große Brandſtelle, da mochte das Feuer ausgebrochen ſein und weitergeraſt haben; die Trümmer lagen hier ſchwarz und ſtill und kein Rauch entſtieg ihnen mehr. Von den Bewohnern der Häuſer waren ein paar ſchon mit Aufräumen beſchäftigt, ob ſich dem Schutt nicht noch irgend etwas Brauchbares entziehen laſſen möchte. Caspar aber kam dahin nicht, ſondern ging links an der Friedhofmauer enklang und dem Hauſe zu, das hier, unter prachtvollen, alten Bäumen liegend, ſich durch ſeine Umgebung und ſein ganzes Aeußere, trotz aller Schlichtheit, auch einem völlig Fremden augenblicklich als die Wohnung des Pfarrers verrathen haben würde. Auf dem, von Stall und Scheune begrenzten Hofe vor dem Hauſe war alles ſtill und auch in der Thür und an den Fenſtern des Letzteren zeigte ſich keine Menſchenſeele. Der Wanderer beobachtete dies alles mit einem einzigen Blick, der nichts weniger als heiter, oder auch nur gleichmüthig, ſondern wieder einmal voll finſteren Nachdenkens war. Ja es prägte ſich in ſeinen Zügen etwas wie eine flüchtige Un⸗ entſchloſſenheit aus, und ſein Schritt wurde wirklich für einen Moment langſamer, faſt als wolle er ſich dem Hauſe zuwen⸗ den. Im nächſten Augenblick aber war das Bedenlen über⸗ wunden. Caspar ſchüttelte leicht den Kopf— es war nichts mit ſeinem Einfall!— und der Fuß hob ſich zum rüſtigen 4 * Weiterſchreiten. Indeſſen ſchien er ſo leicht nicht fortkommen zu ſollen. 4 Denn er war am Hofe noch nicht vorüber, als in der Haus⸗ 30 Zweites Kapitel. thür plötzlich ſich eine Matrone in zierlicher Haube und ſchwar⸗ zem Seidenkleide zeigte und ein„Sie da, Freund, wie ſteht's beim Brande?“ zu ihm hinüberrief. Und da er Halt machte, um ihr— es war augenſcheinlich die Pfarrerin ſelber— zu antworten, kamen um die Kirchhofsecke vor ihm zwei Herren herum und gegen ihn heran. Die Pfarrerin hatte ſie auch erblickt, ſie eilte über den Hof mit einer Raſchheit ihnen entgegen, die man ihr kaum zugetraut haben dürfte, denn man ſah's ihr an, daß ſie nicht mehr jung war.„Endlich, endlich!“ rief ſie den Kommenden zu.„Ach ihr Lieben, in welcher Angſt und Sorge laßt ihr uns daheim! Iſt's denn noch immer nicht vorüber? Sind die armen Röſe's—“ In dieſem Augenblick war ſie von ihrer Seite, wie die Herren von der anderen ganz in Caspars Nähe gekommen, der die Mütze in der Hand, nach beiden Seiten grüßte. Da ihr Auge auf ihn fiel und ihn jetzt beſſer erkannte, brach ſie die Frage ab und fügte lebhaft hinzu:„mein Gott, Caspar, iſt's möglich, biſt du's?“ Und faſt zugleich ſagte einer von den Herren, ein be⸗ jahrter und grauköpfiger, aber noch rüſtiger Mann im langen ſchwarzen Rock und altmodiſchen Hut, ſo daß man ihn wohl für den Pfarrer halten mußte:„Ja wahrhaftig, mein Sohn, auch ich traute meinen Augen kaum! Du unterwegs in der ſtrengſten Arbeitszeit! Und kommſt zu einer ſo ſchweren Stunde und hält'ſt Probe! Ich ſeh's,“ ſetzte er, mit freundlichem Blick die Erſcheinung des Wanderers meſſend, hinzu:„Noch immer 5 .— Unter Feuer und Flammen. der wackere Junge und treue Nachbar! Du willſt zu deinen Eltern? Das iſt brav von dir, ich hört' es, daß es den alten Leuten nicht zum Beſten geht.“ „Ja, Herr Magiſter, das iſt's eben, das hört' ich auch,“ verſetzte unſer Bekannter, und es war merkwürdig genug, wie verändert der Mann, der uns zuerſt nur als ein gemüths⸗ ruhiges und zugleich ſchlaues Kind des Volks erſchien, ſich jetzt in der Gegenwart der von ihm erſichtlich verehrten alten Bekannten zeigte. Sein Aug', ſeine Miene waren voll— man möchte faſt ſagen: lebhafter Intelligenz; ſeine Haltung, ſeine Sprache ſogar verriethen etwas wie eine Bildung, die in ihm niemand geſucht haben würde.„Und ſo dacht' ich, ich dürfe ſchon einmal zwei Tage für ſie übrig haben. Wer weiß, ob ich ſie noch einmal wiederſehe! Aber das Marſchiren hat mich müde gemacht,— es kommt nicht mehr alle Tage; — und ſo hielt ich Raſt bei der großen Weide und— da ſah ich den Jammer und lief, daß ich herkam.“ „Ja, es iſt ein großes Unglück,“ ſprach der Pfarrer ſeufzend.„Und dennoch müſſen wir unſerem Herrgott dan⸗ ken, daß es nur die eine Seite des Dorfes traf, ſo finden die Aermſten doch noch bei den eigenen Nachbarn Hülfe und Unterkunft. Du kannſt übrigens ruhig ſein, Thereſe,“ wandte er ſich an die Frau,„Röſe's Haus war das letzte— jetzt iſt die Gefahr vorüber.“ Der andere Herr trat jetzt gleichfalls heran; er war auch ſchon in den Jahren, aber nicht weniger rüſtig, als der Pfarrer. Sein Haar war noch dunkel, und der grüne Reit⸗ 32 Zweites Kapitel. frack und die Stulpenſtiefel ließen ihn als einen Landwirth erkennen. Er bot Caspar ſeine Hand.„Dir ſchlägt Ehe⸗ ſtand und Vaterſchaft gut an,“ ſagte er mit launigem Ton und freundlichem Blick.„So mag ich's leiden! Wie iſt’s mit dem Kinderſegen, Caspar?“ Der Mann lächelte.„Na, es macht ſich, gnädiger Herr,“ verſetzte er.„Drei ſind da und eines unterwegs.“ „Komme ein wenig mit hinein,“ redete die Pfarrerin, „und erzähle uns. Man ſehnt ſich ordentlich, eine Minute in Frieden zu ruhen und einen Augenblick nicht an das Elend zu denken.“ „Um Vergebung, Frau Magiſterin, ich muß fort. Auch durch den Buſch iſt's noch eine gute Stunde, und morgen Abend muß ich wieder retour,“ entgegnete Caspar, und redete nach einem kurzen Stocken, den Blick zum Pfarrer wendend, weiter:„Heut' Morgen bei der Weide begegnete mir der Knauſt, Herr Magiſter. Es iſt einer in der Stadt ausge⸗ brochen— ich hörte ſchon davon, als ich in der Frühe dort durchkam. Den Namen wußten ſie freilich nicht—“ „Was gibt's? Was haſt du?“ unterbrach ihn der Pfarrer, vom Weſen des Mannes überraſcht.„Ich hörte davon, daß der Gensdarme dageweſen und den Kronwald abzuſtreifen befohlen habe. Es kam nicht dazu. Weißt du etwas von dem Menſchen?“ „Ja, Herr Magiſter,“ antwortete Caspar hörbar be⸗ fangen.„Als Knauſt weiter war, kam er unter der Brücke hervor und—“ ſeine Stimme ſank noch mehr und ſein Auge Unter Feuer und Flammen. ſchaute zu Boden—„wiſſen Sie's denn, daß— er wieder da iſt und in dem Cuſtodie ſaß?“ „Er, welcher Er? Caspar, was haſt du? Wen meinſt du?“ rief der Pfarrer. „Herr Magiſter— Frau Magiſterin, es thut mir ganz grauſam leid— aber es iſt der Detlef.“ Die Pfarrerin ſchlug die Hände vor das Geſicht. Sie ſchwankte hin und her und ihrer Bruſt entrang ſich ein dumpfes Stöhnen. Und da der von uns als Landwirth bezeichnete Herr raſch den Arm um ſie legte, ſo legte ſie den Kopf an deſſen Bruſt, dem Stöhnen folgte ein unter⸗ drücktes Schluchzen und die Thränen begannen, da ſie die Hände ſinken ließ, unter den geſchloſſenen Wimpern hervor⸗ zuquellen. „Arme Schweſter! Arme Schweſter!“ ſagte der Herr. Der Pfarrer war durch Caspar's Angabe erſichtlich gleichfalls auf das ſchwerſte überraſcht und betroffen worden. Er ſtand und ſtarrte bald den jungen Mann, bald ſeine Gattin oder den— wie wir ihn doch wohl bezeichnen dürfen — Schwager an, als ob er ſeinen Ohren nicht traue. Und ſo ſagte er jetzt auch hörbar gepreßt:„Thereſe, faſſe dich! Es iſt ja bald gar nicht möglich. Caspar muß ſich geirrt haben.“ Der Wanderer ſchüttelte den Kopf.„Wollte Gott, Herr Magiſter, daß Sie Recht hätten und ich Unrecht,“ entgeg⸗ nete er, und auch nun verriethen die Worte, der Ton, der ganze Ausdruck eine Theilnahme, die gewiſſermaßen weit Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 3 34 Zweites Kapitel. über ſeinen Stand hinausging.„Aber da iſt leider kein Irrthum. Er ſtand nahe vor mir, wie Sie nun; er erkannte mich, wie ich ihn, und wir redeten mit einander.“ „Nun denn, ſo müſſen wir uns unter Gottes Willen beugen und dies neue Unheil auf uns nehmen— zu dem alten,“ ſprach der Pfarrer mit einem Ausdruck der ſchwer⸗ müthigſten Reſignation. Und ſich zu Caspar wendend, redete er weiter:„Und was hat den Unſeligen zurückgebracht? Führte ihn nur das Alte ſogleich wieder in die Hände der Juſtiz, oder gibt es ſchon wieder Neues? Wo verbirgt er ſich? Sage uns mehr, ſag' uns alles, mein Sohn! Das Verbergen und Verſchweigen kann nichts nützen; wir müſſen dem Un⸗ glück in's Geſicht ſehen und ihm Stand halten und uns— auf das Aeußerſte rüſten.“ „Ich kann Ihnen leider keine Auskunft geben, Herr Magiſter,“ entgegnete Caspar achſelzuckend.„Da wir uns eben einander erkannt hatten und zu ſprechen begannen, ſahen wir das Feuer aufgehen und wurde es zu Guſtow ſchon lebendig. Da gab es für ihn kein Zögern mehr, und wir mußten auseinander, ohne daß ich mehr erfahren hätte.“ „Auch nicht, was er im Sinne hat, wo er bleiben will?“ „Er ſagte vom Liebenkamp, Herr Magiſter—“ Der Pfarrer ſchüttelte den Kopf.„Bleibe noch. Ich muß einmal hinein, komme aber ſogleich wieder,“ ſagte er kurz und ging raſch dem Hauſe zu. Die Pfarrerin richtete ſich auf. Ihre Augen ſtanden voll Thränen und ſie ſah ſehr angegriffen aus.„Caspar, ——————— Unter Feuer und Flammen. hat er gar nichts von mir geredet, ſeiner unglücklichen Mut⸗ ter? Hat er nicht zu mir verlangt?“ fragte ſie beinahe ſchluchzend.. „Nein, Frau Magiſterin, nach Kolitz wollte er nicht.“ „Und ſeine neue Sünde, Caspar? Weißt du nichts davon?“ Caspar Peers ſchaute die traurige Frau und ihren Bruder mit einem langen, nachdenklichen und gewiſſermaßen zögernden Blicke an, bevor er achſelzuckend erwiderte:„Nein, davon weiß ich auch nichts. Aber ich glaub' auch nicht, daß was Neues nöthig iſt. Da er einmal zurückkam— weßhalb, mag der Herrgott wiſſen!— hielten ſie ihn natürlich feſt und fingen da wieder an, wo ſie damals, als er entfloh, aufhören mußten. Das, denk' ich ſo, iſt ja fadengrade. Aber, ſehen Sie, das mußt' er grade ſo gut wiſſen wie wir, und kam doch zurück. Ich capir' es nicht. Und auch ſonſt,“ fuhr er mit neuem Kopfſchütteln fort,„es iſt alles ſo kurios! Er wird gefaßt und Niemand erfährt davon, Sie nicht, die Sie doch die Erſten ſein ſollten, in der Stadt nicht. Hier hat ihn der Knauſt dem Schulzen nicht genannt, und mir ſagt' er den Namen auch nicht, obſchon er ſo gut wie Jeder wiſſen muß, wie's zwiſchen uns Beiden ſtand. Könnt' ich nur einen Tag länger bleiben und ihn vielleicht noch einmal treffen! Denn hier darf ich's ja ſagen,“ ſchloß er gedämpft, „ich gönn' es ihm, daß er ſich ſalvirt. Die alte Geſchichte iſt doch, weiß Gott, nicht ſo ſchlimm, daß man ſie nicht lieber vergeſſen ſollte. Und daß er dennoch grade darum—“ 36 Zweites Kapitel. Der Landwirth war dieſer Auseinanderſetzung mit großer, und wie man wohl bemerken konnte, ernſter Aufmerkſamkeit gefolgt, ja, ſein Auge und die Falte auf der Stirn verrieth ein beinahe finſteres Nachdenken. Jetzt aber blickte er plötz⸗ lich freundlich auf, ergriff Caspar's Hand und ſagte:„Ganz mir aus dem Herzen geſprochen, mein Junge!“ Und wäh⸗ rend vom Hauſe her eben der Pfarrer zurückkehrte, redete er weiter:„Als man dich vordem über deinen Stand hinaus⸗ ſchraubte, gefiel es mir nicht, und als du nach G. zogſt, gab ich dich beinahe auf: dein Schlag geht an den Städten zu Grunde. Aber ich habe mich geirrt, du haſt das Herz noch auf dem rechten Fleck. Deinen Eltern biſt du ein braver Sohn geblieben, deinen Wohlthätern hier bewahrteſt du red⸗ lich deine Treue, und nun hältſt du auch dem armen Teufel gegenüber Probe—“ „Der's am wenigſten verdient,“ warf der Pfarrer faſt heftig dazwiſchen. Er erſchien überhaupt aufgeregt. Die Brauen des Anderen zuckten flüchtig.„Gegen Ihre perſönlichen Gründe habe ich nichts, Schwager,“ ſprach er. „Im Uebrigen aber— über ſolch ein Verdienen oder nicht Verdienen gibt es ſtets verſchiedene Anſichten.“ Die vier Menſchen ſtanden, wie die Leſer ſich erinnern werden, auf der ſogenannten Straße und am Thore des Stackets, welches den Hof von jener trennte. Rechts von ihnen lag ein ziemlich langes Gebäude, welches durch den hohen und breiten Zugang von der Straße aus als Scheune gekennzeichnet wurde; links zeigte ſich ein ähnliches, das durch Unter Feuer und Flammen. mehrere Thüren und eine Dungſtätte als der Stall bezeich⸗ net wurde, wo der nicht unbedeutende Viehſtand Platz fand. Im Hintergrunde ſtand das Haus im Schatten der hohen Bäume. Dieſe ſämmtlichen Gebäude hatten ſelbſtverſtändlich eben ſo gut Strohdächer, wie mit Ausnahme der Kirche und allenfalls der Schmiede, alle übrigen Dorfhäuſer, und auch hier zeigten ſich auf den Wirthſchaftsbauten Storchneſter. In Folge der vielen feuchten Wieſen und vor allem der außerordentlichen, faſt religiöſen Schonung wimmelte es hier⸗ zulande von dieſen Vögeln. Nach dieſer Seite hin war der Pfarrhof das letzte Bau⸗ werk des Dorfes. Sein Garten wurde nur durch einen ſchmalen Feldſtreifen vom Walde geſchieden, nach vorne hin wurde er durch die Kirche mit dem ummauerten Friedhof vom übrigen Dorfe getrennt, und allein ſeitwärts, etwa fünf Minuten entfernt, zeigte ſich hart am Waldesrande noch ein einzelnes, ſauberes und ſogar mit Ziegeln gedecktes Häus⸗ chen, unzweifelhaft die Wohnung eines Forſtwärters. Bisher war es auf dem Hofe ganz ſtill geblieben. In der Hausthür zeigte ſich ein paar Mal eine Geſtalt, welche nach der Gruppe der Redenden hinüberſchaute und wieder verſchwand. Die Hühner trieben ſich umher; die Tauben kamen vom Felde zu ihrem Schlage oder flogen hinaus; Enten und Gänſe tummelten ſich auf dem kleinen Teich, der hier gleichfalls nicht fehlte, oder putzten ſich auf dem ſchon mit Federn überſäeten Raſenufer deſſelben. Laut war es zu dieſer Mittagsſtunde nirgends, und nur vom Stalle herüber Zweites Kapitel. vernahm man von Zeit zu Zeit ein kurzes, ungeduldiges Wiehern. Denn das Pferd des Verwandten war augenblick⸗ lich der einzige Inſaſſe und mochte ſich allerdings höchſt ein⸗ ſam und ungemüthlich finden. Des Pfarrers Pferde waren natürlich zur Hülfe auf der Brandſtelle und alle übrigen Thiere, die Kühe und Kälber, die Schafe und Schweine, hatte man beim Ausbruch des Feuers vorſichtigerweiſe mit ihrem Hüter auf die Waide hinausgeſchickt. Mit einemmal, und gerade da der Landwirth ſein letztes Wort ſprach, änderte ſich alles auf das erſchreckendſte. Aus den beiden Storchenneſtern ſchwangen ſich die Alten, welche daheim waren, mit einer Haſt auf, welche einen jähen Schrecken der Thiere verrieth, kreiſten nahe über den Dächern hin und kehrten zu den die Köpfe hervorſtreckenden Jungen zurück. Ein paar Tauben ſchoſſen wild vom Pfarrhauſe herüber, und indem erhob ſich über das Dach deſſelben ein plötzlicher, raſch ſich verdichtender Rauch. In der Thüre er⸗ ſchien die Geſtalt eines jungen Mädchens.„Mutter,— Mutter!— Feuer— Feuer!“ gellte ihr entſetzter Ruf über den Hof, und indem brach ſchon an der rechten Giebelſeite, grade unter den Zweigen der alten Linde, eine fahle Flamme hervor und die Glut lief— wir müſſen unſer früheres Bild wiederholen!— wie ein lebendiges Thier auf der Firſt ent⸗ lang und ſchlug bereits im nächſten Moment über das ganze Dach hin. Einen Augenblick ſtanden die Menſchen wie betäubt und gelähmt; im nächſten waren ſie aber auch ſchon wieder gefaßt —— 1 „ 39 Unter Feuer und Flammen. und ſtürzten gegen das Haus, wo der Qualm dicht aus den Dachfenſtern, ja ſelbſt aus der Thür hervorquoll. „Das iſt Brandſtiftung!“ rief der Landwirth, mit jähem Blick zu dem Pfarrer hinüberſtreifend, zornig aus. „Caspar, über den Kirchhof, hol' Hülfe!“— Der treue Mann flog ſchon fort. „Retten Sie Ihr Pferd, Schwager!“ mahnte der Pfarrer, blaß, aber gefaßt, und fügte, gegen die Gattin gewendet, hinzu:„Ich ſah vorhin die Kirchenbücher nicht auf ihrem Platze. Sind ſie noch draußen?“ „Ja, Gottlob— Gottlob! Bücher, Papiere, Leinwand, Betten und Silber— Alles liegt nach deinem Befehl hinten im Garten. Ich wagte es noch nicht, es zurückbringen zu laſſen! O, Du mein Gott und Herr, was für ein furchtbares Unglück!“ ſtammelte die Pfarrerin, leichenblaß und zitternd, ſo daß ſie ſich kaum auf den Füßen halten zu können ſchien. Allein an der Beſinnung fehlte es ihr dennoch nicht, und eine Sekunde ſpäter fand ſie auch ihre Kraft wieder. Sie war ſchon vor den Männern am Hauſe, und nun eilte ſie hinein und ihre Stimme klang hell über den von Rauch er⸗ füllten Flur:„Wilhelmine, Marie!— Dirnen, wo ſeid ihr? — Herbei, herbei! Alle in des Herrn Zimmer! Nichts ange⸗ faßt, als was ich euch befehle!“ Die beiden Herren folgten; durch die Treppenöffnung fielen ſchon Funken herab, das Dach war durchgebrannt. Aber auch Caspar kam bereits mit anderen Helfern zurück: das neue Unglück war, da draußen der erlöſchende Brand 40 Zweites Kapitel. nicht mehr alle Aufmerkſamkeit feſſelte, durch den gewaltigen Rauch in dieſer abgelegenen Gegend, ſchnell genug verrathen worden und Caspar fand die Leute ſchon unterwegs. Es ſtand beim Pfarrhauſe nur leider entſchieden ſchlimmer als anderwärts, denn das Seewaſſer ließ ſich in ausreichendem Maße nicht ſchnell herbeiſchaffen, und der kleine Teich auf dem Hofe und die paar Brunnen in der Nachbarſchaft er⸗ ſchöpften ſich bald. Dazu mochte das Haus im Ganzen freilich etwas ſolider gebaut ſein als die übrigen Dorfge⸗ bäude, allein von einem großen Widerſtande gegen die Ge⸗ walt des Elements war dennoch keine Rede, und die Retten⸗ den mußten alsbald die durchflammten Räume verlaſſen, ohne viel geleiſtet zu haben. Es war ein wahres Glück, daß die vorſichtige Pfarrfrau den werthvollſten Theil der Habe ſchon beim erſten Ausbruch des Dorfbrandes auf einen ſicheren Platz im Garten geſchafft und, wie wir erfuhren, bisher noch nicht wieder eingeräumt hatte. Und das Glück war um ſo größer, als ſich zwiſchen den Helfenden, an denen bald kein Mangel war, viele fanden, welche von den bisherigen An⸗ ſtrengungen ſo ermüdet waren, daß ſie nicht viel mehr zu leiſten vermochten. Ja, die Einheimiſchen waren noch läſſiger als die Fremden: ein Mißtrauiſcher hätte beinah' auf den Verdacht kommen können, es fehle ihnen mehr noch der Wille als die Kraft zur Thätigkeit.— Die Kirche rettete man, wenn auch mit Mühe. Ueber die Entſtehung des Feuers konnte eigentlich gar kein Zweifel ſein, und die„Brandſtiftung“, wie der Bruder — 5 Unter Feuer und Flammen. der Pfarrfrau es im erſten Augenblick geheißen hatte, ſtellte ſich als nur allzu ſicher heraus. Die Entfernung und der Zuſtand der übrigen Brandſtellen, ſowie die Richtung des Windes ſchloſſen den Gedanken an Flugfeuer um ſo mehr aus, als von einem Verhehlen des verderblichen Funkens und langſamem Weiterſchwelen bei dem Strohdach gar keine Rede ſein konnte. Ebenſowenig durfte man an Verwahrloſung im Hauſe denken. Seit dem Beginn des Brandes im Dorf war ſelbſt das Herdfeuer erloſchen— an die Bereitung des Mittag⸗ eſſens war noch gar nicht gedacht worden, wer wirklich nach einem ſolchen verlangte, nahm heut mit kalter Küche vorlieb, wie Caspar ſich vorhin auch in der Mühle damit begnügt hatte. Zur Beſeitigung jedes Zweifels hatte aber auch das Mädchen, welches in der hinterſten Gartenecke mit der Be⸗ wachung des im Voraus geretteten Hausraths beauftragt war, zufällig die Entſtehung des Brandes bemerkt. Das Haus ſelber konnte ſie von ihrem Platze aus vor den da⸗ zwiſchen befindlichen Bäumen und Büſchen nicht ſehen, aber einen Theil des Dachs und zwar die Kante deſſelben, welche dem Walde zugewandt war. Hier war, da ſie zufällig hin⸗ über blickte, plötzlich ein Rauch aufgewirbelt und gleich darauf die weiterfreſſende Glut erſchienen. Das Dach reichte hier über einen kleinen Anbau ſo tief herab, daß es von einem groß gewach⸗ ſenen Menſchen allenfalls mit der Hand erreicht werden konnte. Und einen ſolchen Menſchen ſah die Frau des Forſt⸗ wärters, die an einem Fenſter ihres Häuschens ſtand, gerade, da der erſte Rauch ſichtbar wurde, querfeldein gegen den 42 Zweites Kapitel. Wald zu laufen— der Richtung nach mußte er vom Pfarr⸗ hauſe oder doch vom Garten deſſelben kommen. Es war ein großer und anſcheinend junger Mann geweſen, in grauer Jacke, ſchien's, und hellen Beinkleidern. Der Kopf war nicht bedeckt. Die Frau meinte dunkles Haar bemerkt zu haben. Da der Pfarrer dieſe Ausſage vernahm, wandte ſich ſein Auge mit jähem, fragendem Blick zu dem neben ihm ſtehen⸗ den Caspar. Der Mann zuckte wie erſchrocken zurück,— man merkte es, daß er den Blick des Geiſtlichen nur allzu⸗ wohl verſtand. In der nächſten Sekunde aber ſagte er ernſt: „nein, Herr Magiſter! Auf Seel und Seligkeit,— die Ge⸗ danken treffen nicht zu!“— —— III. Anverjährbar. „Es iſt ein häßlicher, es iſt ein trauriger, es iſt ein unnatürlicher Verdacht!“ ſagte am nächſten Morgen der Oberamtmann Kruſe auf Roſenhof, bei dem der Pfarrer, der ſeine Gemeinde nicht verlaſſen wollte, ganz in der Nähe einſtweilen Unterkunft gefunden hatte. „Und trotz der Häßlichkeit und Unnatur iſt's dennoch leider Gottes ein ſehr nahe liegender, faſt— natürlicher,“ verſetzte der Geiſtliche im Zimmer auf und abgehend, mit einem gewiſſermaßen matten Lächeln.„Was mein Gefühl, was meine Vernunft dagegen zu ſagen weiß, hält nicht Stich und beſchwichtigt ihn und mich nicht. Etwas Anderes iſt es mit der Einwendung von Caspar Peers. Wenn der etwas auf Seele und Seligkeit behauptet, wie er's hier that, ſo ſind das keine Flauſen und iſt kein Spaß. Es iſt ein Menſch von Charakter und Herz, von Gewiſſen und Ehre.“ „Das freut mich, freut mich!“ ſprach der Erſtere wieder. 44 Drittes Kapitel. „Noch einmal: es iſt in dieſem Verdacht für mich etwas ſo Unnatürliches, ſo Unmögliches, daß es mir wehe thut, daß ich nicht im Stande bin, daran zu glauben. Und dennoch ſteht auf der anderen Seite dein— ich ſage nicht: Glaube, aber dein Verdacht. Und da ich dich als einen Menſchen von Vernunft, von Billigkeit und Nachſicht, von Erfahrung und Klugheit kenne, ſo muß ich wohl zugeſtehen, daß du Gründe haben wirſt, die ihre Berechtigung haben werden.— Es iſt eigentlich ſeltſam, Siemann, daß du über den Detlef und alle dieſe Verhältniſſe niemals dich gegen mich geäußert haſt, weder ſchriftlich vordem, noch mündlich jetzt, ſeit wir wieder bei einander geweſen ſind. Wie kam das?“ „Wie kommt dergleichen?“ verſetzte der Pfarrer achſel⸗ zuckend.„Neuerdings— das erklärt ſich leicht. Du haſt nicht darnach gefragt, und wir— ſeine Mutter und ich, haben keinen Grund, uns an dieſe Dinge, an ihn ſelber gern zu erinnern. Mit dem Vergeſſen hat es keine Noth, darnach war es und war er nicht angethan. Aber der Erinnerung und noch mehr dem offenen Wort geht man aus dem Wege.“ „Und ſo iſt es dir denn wirklich zuwider, mir davon zu erzählen?“ fragte der Erſte in jenem Tone eines höflichen Zurückweichens, den uns die„Geſellſchaft“ anzunehmen zwingt, auch wo wir innerlich etwas ganz Anderes empfinden und wünſchen. Der Pfarrer blieb ſtehen.„So arg iſt es nicht,“ ver⸗ ſetzte er.„Im Gegentheil, es iſt vielleicht für mich— gerade unter den jetzigen Umſtänden— ganz recht und gut, daß ich Unverjährbar. das alles einmal wieder recapitulire. Und für dich iſt es intereſſant, nicht blos, weil du Theil an uns nimmſt, ſondern auch, weil dabei allerhand zur Sprache und in Frage kam und kommt, was dem Menſchenliebhaber von Werth ſein muß. Ein ſolcher biſt du ja,“ fügte er wieder mit jenem matten Lächeln hinzu.„Nur will ich dir von vornherein einige Geduld empfehlen. Ich muß, anſcheinend ſehr weit, ausholen, wenn du wirklich Einſicht in dieſe Zuſtände und Hiſtorien gewinnen willſt.“ Er ließ ſich neben dem Freunde auf dem zweiten Platz in der Fenſterniſche nieder und begann nach einem kurzen, nachdenklichen Stillſchweigen ſeinen Bericht. „Meine Frau iſt, wie du weißt, ein Fräulein von Beſt⸗ feld, und mein Schwager Wilhelm, ihr einziger noch lebender Bruder, beſitzt, wie dir gleichfalls bekannt, noch heutigen Tags das alte ſchöne Familiengut Leſthin, und lebt mit uns in den freundſchaftlichſten Verhältniſſen. Meine Schwieger⸗ eltern habe ich nicht mehr gekannt. Sie ſind beide ſchon früh, ſo um das Jahr 1815, bald nach einander geſtorben, am Typhus, der damals aus dem mittleren Deutſchland auch hierher gedrungen war und furchtbare Erndte hielt. „In der Stadt lebte damals, ich meine zu Anfang un⸗ ſeres Jahrhunderts, noch der letzte Sprößling einer von den alten Patricierfamilien, welche ſich mit mehr Glück und Ge⸗ ſchick als die übrigen, unverändert in Anſehen und bei Ver⸗ mögen erhalten hatte. Wenn du die alten Chronik⸗Namen in der jetzigen Einwohnerſchaft aufſuchſt, wirſt du ſie ſo 46 Drittes Kapitel. ziemlich noch alle finden; allein die früheren Rathsgeſchlechter ſind gegenwärtig zu Handwerkern und Arbeitern herabgeſun⸗ ken, und meiſtens in den beſcheidenſten, ja dürftigſten Ver⸗ hältniſſen. Mit den Horſt war es, wie geſagt, anders. Es war, wie vor dreihundert Jahren, noch immer das erſte Handelshaus der Stadt, und es gingen und kamen wenig Schiffe, an deren Frachten daſſelbe nicht betheiligt geweſen wäre. Der letzte Chef ſoll, da er das Geſchäft ſchon ſehr jung übernahm, ein ganz außerordentliches Vermögen vorge⸗ funden und, ſo weit ich davon erfuhr, mit überraſchender Vernunft und Klugheit umgetrieben haben, vor allem aber mit einem ganz beſonderen Glück, denn mit den erſteren beiden Eigenſchaften reichte man in ſolchen Verhältniſſen dazumal bekanntlich nicht aus. Ueberdies war er, was wir heutzutage einen Lebemann heißen, während man es damals ſeltſamer Weiſe„Hofmann“ nannte, obgleich man ſolche hierzulande gar nicht einmal kannte.— Das heißt, er war fein und galant, gewandt und vergnügungsluſtig, und liebte ein großes, reiches, munteres Leben. „Wie er Thereſe Beſtfeld ſo genau kennen gelernt hat, daß er an eine Verbindung mit ihr dachte, darnach habe ich aus verſtändlichen Gründen niemals gefragt. Einen rechten Verkehr zwiſchen den Land⸗ und Stadtfamilien gab es zu jener Zeit hierzulande kaum, und obgleich der einheimiſche Adel damals ſo wenig wie jetzt für beſonders ſtolz und excluſiv galt, war doch eine Vermiſchung mit Bürgerlichen etwas beinahe Unerhörtes. Genug aber, Paul Horſt lernte — Unverjährbar. 47 das Fräulein kennen und lieben, machte ſeinen Antrag und erhielt von den Eltern einen Korb. Doch ließ er nicht nach, und da Thereſe ihn lieb gewonnen hatte, erlangten Beide endlich die Einwilligung und heiratheten im Jahre 1811. Ein herzliches Verhältniß mit den Angehörigen wurde dadurch jedoch nicht erreicht. Die alten Herrſchaften und auch mein jetziger Schwager ſtanden Horſt fremd gegenüber und kamen auch ſeiner Frau nicht mehr recht nahe, ohne daß übrigens von einer wirklichen Feindſchaft, einem ernſten Zerwürfniß die Rede geweſen wäre. Darüber habe ich nichts weiter zu ſagen, als daß das Paar in guter Eintracht und glücklich weiter lebte, zumal ſeit 1814 ein Knabe geboren wurde und am Leben blieb— Detlef. Den Namen empfing er nach ſeinem Großvater und du kannſt auch hieraus ſchließen, daß es zwiſchen den Verwandten nicht gerade allzu ſchlecht ſtand. Als die Eltern dann, wie ich ſchon ſagte, bald hintereinan⸗ der geſtorben waren, benahm ſich Horſt bei der Erbtheilung in einer ſo anſtändigen und generöſen Weiſe, daß ihm der Schwager ſich ernſtlich verbunden fühlen mußte. Er erkennt das auch heute noch an. „Jene Jahre waren bekanntlich für alle Welt, beſonders aber für den Landwirth und den Kaufmann faſt noch ſchwe⸗ rer und verderblicher, als die vorausgehende Zeit der Kriegs⸗ ſtürme und des Mißwachſes. Grund und Boden waren theils vollſtändig entwerthet, theils ebenſo vollſtändig ruinirt, nie⸗ mand beſaß und niemand gewährte die Mittel zur Wieder⸗ herſtellung. Die Vertrauensloſigkeit war eine allgemeine, die 48 Drittes Kapitel. Producte repräſentirten einen kaum nennenswerthen Werth und fanden keinen Abſatz, und der auswärtige Markt war während der Jahre, wo der hieſige Handel gezwungen feiern mußte, von anderen Mächten und Kräften in Beſchlag ge⸗ nommen, mit denen man unſererſeits nicht zu concurriren vermochte. „Das hatte auch Horſt zu empfinden. Das alte ſolide Geſchäft begann gerade in den Friedenszeiten zu ſinken, Ver⸗ luſte häuften ſich auf Verluſte, und da der Chef ſich, wie man annehmen darf, gewiſſermaßen mit Gewalt ſeinen alten Rang zu ſichern verſuchte und ſich auf die gewagteſten Spe⸗ kulationen einließ, gedieh die Sache raſch zum Schluß. Im Sommer 1822 ſtürzte Horſt, der ſeit einiger Zeit an Schwindel⸗ anfällen litt, aus dem Fenſter eines hohen Speichers ſo un⸗ glücklich auf das Pflaſter des Hofes hinab, daß er ſchon nach einer Stunde ſtarb. Drei Wochen ſpäter brach das Geſchäft zuſammen und das Land erlebte den größten Banke⸗ rott, von dem hier jemals die Rede geweſen war. Unter ſolchen Umſtänden lag der Verdacht leider nur allzu nahe, daß der Sturz aus dem Fenſter kein zufälliger, ſondern ein abſichtlicher geweſen ſei. Wer Horſt kannte, wußte auch, daß er den Ruin ſeines Geſchäftes und— leider, daß ich es ſagen muß— auch ſeiner Ehre nicht überlebt haben würde. An eine Tilgung der Schulden war, obgleich die Gattin faſt ihr ganzes eigenes Vermögen opferte, nicht zu denken. Wie es daher in manchen Kreiſen mit dem Nachruf des Mannes ſtand, brauche ich dir nicht zu ſagen. Ebenſo⸗ Unverjährbar. 49 wenig bedarf es einer Erklärung, daß die Stellung der Wittwe eine ſehr trübſelige war und ihr den Aufenthalt in der Stadt verleidete. Sie zog mit dem geringen Reſt ihrer Mittel nach dem kleinen Hafenort Horn hinüber und lebte dort mit ihrem Kinde in den denkbar beſcheidenſten Verhält⸗ niſſen, größtentheils vom Ertrag ihres Gartens. Beim Bruder wollte ſie nicht wohnen und nahm von ihm überhaupt nur die allernothwendigſte Unterſtützung an; er konnte damals auch keine große gewähren. „Zu jener Zeit hatte ich noch nicht lange meine erſte Stelle angetreten, zu Röden, das jenſeits des Buſens liegt und unter anderen Filialen auch Horn umfaßt, keine reiche und überdies eine beſchwerliche Pfarre. Ich hatte ſie aber voll guten Muths und mit den beſten Vorſätzen übernom⸗ men, und gab mir beſonders zu Horn, wo die unerquicklich⸗ ſten, ja wahrhaft unheimlichen Zuſtände— noch von der Zeit des Schmuggels gegen die Douanen her— herrſchten, die größte Mühe. In die Stadt kam ich ſelten und die Familie Horſt war mir völlig unbekannt geblieben. Nun lernt' ich alsbald die Frau kennen. Sie war mir nicht freundlich geſchildert worden. Man hatte, wie das am Ende begreiflich, auch ihr Schuld an dem Unglück beigemeſſen, und daß von den Schulden des Mannes ein großer Theil unge⸗ tilgt blieb, rechnete man ihr auch an. Doch gab es auch Verſtändigere und Billigere, und meine perſönlichen Beobach⸗ tungen ließen mir die Arme bald in einem beſſeren Licht erſcheinen. Sie zeigte mir großes Vertrauen, ſie nahm mei⸗ Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 4 50 Drittes Kapitel. nen Troſt, meinen Rath dankbar auf, ſie überließ mir ihren damals acht⸗ bis neunjährigen Detlef zum Unterricht; ſie wurde allmälig die Buſenfreundin meiner Frau, welche lange das Mißtrauen gegen ſie nicht hatte beſiegen können; und Niemand trauerte herzlicher und tiefer mit mir, als Emilie zwei Jahre darauf im Wochenbette ſtarb.— Im Jahre 1826, als ich auf meine jetzige Stelle nach Kolitz überſiedelte, ent⸗ ſchloß ſie ſich, mir als mein Weib zu folgen. Ich habe bis auf den heutigen Tag dieſe Wahl als eine glückliche zu ſeg⸗ nen, und ich darf es ruhig ausſprechen, auch Thereſe hat ihren Entſchluß nicht zu bereuen gehabt. In Anſehung un⸗ ſerer ſelbſt haben wir nicht eine einzige trübe und ſchwere Stunde zu ertragen gehabt, und auch unſere Kinder haben uns keine gemacht. Der Herrgott iſt ſehr gnädig gegen uns geweſen. Mit ihrem Detlef haben wir es freilich nicht ſo gut getroffen. „Der Knabe iſt von Anfang an und ſchon, ſeit er mit neun Jahren mein Hausgenoſſe und Pflegebefohlener wurde, ein ſehr eigenartig Menſchenkind geweſen, befähigt und be⸗ gabt in einem Maße, wie ich es kaum jemals an einem zweiten jungen Menſchen beobachtet habe, mit einer Faſſungs⸗ gabe, einer Urtheilskraft, die ihm alle Arbeit, alles Lernen zum Spiel machten und weit über ſein Alter hinausgingen. Aber ſolchen Vorzügen ſtanden leider auch manche, ſehr ernſte und gefährliche Fehler gegenüber. Es ſteckten in ihm nicht nur eine ganz unglaubliche Flüchtigkeit und ein unbeſieglicher Leichtſinn, ſondern auch ein grenzenloſer Hochmuth auf ſeine Unverjährbar. 51 Abſtammung, ſeine Familie, ſein Vermögen— ſchüttle nicht zweifelnd den Kopf!— auf ſich ſelbſt, auf der Himmel weiß was alles!— und ein nicht minder ſchrankenloſer Trotz ge⸗ gen jede beſſere Einſicht, gegen alles vernünftige Zu⸗ und Ueberreden, gegen jede, endlich dennoch einmal nicht länger zu vermeidende Strafe. Er hatte ſich in den Kopf geſetzt, daß ſein Vater nicht durch eigene Schuld in's Unglück ge⸗ kommen, ſondern von— Gott weiß wem, betrogen und ruinirt worden ſei, daß ſich dies ſchon einmal aufklären, daß das Vermögen wieder gewonnen werde— ich weiß nicht, was alles. Die furchtbaren Schläge, unter denen das Glück ſeiner Eltern zuſammenbrach, hatten ihn— ich weiß es nicht anders zu nennen!— bis in's Herz hinein verbittert, ja ihn ſo zu ſagen trotzig und hochmüthig, ſchier finſter werden laſſen. Und wie wir auch an ihm arbeiteten, mit Liebe, mit Vernunft, mit Ernſt und Strenge, vor allem endlich mit dem ruhigen und friedlichen Leben in einer frohen, aber ganz einfachen und feſt geordneten Häuslichkeit— es gingen Jahre hin, bis wir beſſere Reſultate erzielten, und es kamen, felbſt in der hellſten Kinderfröhlichkeit, noch immer Momente, wo all das mühſam Errungene plötlich verloren ging, häufig ohne jede denkbare Veranlaſſung, und die alte Natur, die Fehler alle wieder ihre Herrſchaft über ihn gewannen. „Ich kann wohl ſagen, daß ich unendlich viel Liebe, Nachſicht und Aufmerkſamkeit an den Knaben gewandt habe, ſo viel Theilnahme flößten mir ſeine Begabung und ſeine guten und liebenswürdigen Eigenſchaften ein, und ſo inter⸗ — ——— 52 Drittes Kapitel. eſſirten mich ſelbſt die bedenklichen Züge und Seiten dieſer außerordentlichen und zugleich räthſelhaften Natur. Und das änderte ſich nicht, als er durch meine Verheirathung mit ſeiner Mutter nun mein eigenes Kind wurde. Meine Liebe, meine Theilnahme, meine Aufmerkſamkeit wuchſen im Gegen⸗ theil und fanden— ich muß das anerkennen, auch einen ſehr erfreulichen Lohn: er hatte mich lieb und Vertrauen zu mir, und ich war der Einzige, der ſeines Trotzes und ſeiner Unbändigkeit doch meiſtens Herr zu werden und ihn zur Ver⸗ nunft zu bringen vermochte. „Als wir nach Kolitz zogen, wohnte in dem Forſtwärter⸗ hauſe— damals war es noch ein altes, ſehr ärmliches— der Forſtwärter Johann Peers mit ſeiner Frau und einem ganzen Haufen Kinder, von denen ein paar ſchon hie und da im Dienſt waren, denn es ging bei den Leuten knapp her. Es waren oder ſind vielmehr, denn ſie leben noch, brave Menſchen, das ſah man ſchon beim Eintritt in das baufällige Neſt, das ſah man an den ſauber gehaltenen, artigen und freundlichen Kindern, und merkt' es an ihnen ſelber, die den Ihren überall mit gutem Beiſpiel vorangingen. Kurz, ſie waren uns von Anfang an die beſten und hülf⸗ reichſten Nachbarn und blieben dies, bis der Mann ſieben bis acht Jahre ſpäter endlich den längſt verdienten Förſterpoſten in Kalitz erhielt. „Unter den Kindern war das vierte oder fünfte ein Knabe im Alter unſeres Detlef, ein Junge, wie er dem landläufigen Ausdruck nach im Buche ſteht, ein fideler, freundlicher, ge⸗ Unverjährbar. 53 ſunder, kräftiger Burſch, voll ungewöhnlicher geiſtiger Be⸗ gabung und trotz all ſeiner friſchen Jungenhaftigkeit von regem Wiſſensdurſt und ſteter Lernbegier. Detlef und er fanden ſich ſchon am erſten Tage zuſammen und hingen bald an einander wie Kletten, und da Caspar, wie er hieß, auch meiner Frau und zumal mir gefiel, ſo begünſtigten wir dieſe Freundſchaft in jeder Weiſe. Ich unterrichtete ihn zuerſt eine Weile allein, bald aber mit Detlef zuſammen in den für ſeinen Lebensgang brauchbaren und erwünſchten Fächern, und hatte, wie wir Alle, die helle Freude an ihm und widmete ihm ſehr bald eine wahre Dankbarkeit. Denn ſein Umgang, ſein Beiſpiel, ſeine Lehre, an der es im Scherz und Ernſt niemals fehlte, übten den allergünſtigſten Einfluß auf Detlef und ließen ihn ſchier von Tag zu Tag ſich fröhlicher und erfreulicher zu einem ganz anderen Menſchen entwickeln. Es war wirklich die ſchönſte und glücklichſte Zeit unſeres ganzen Lebens. Doch iſt am Ende nichts davon zu erzählen. „Nach drei Jahren wurden die Knaben confirmirt und äußerlich nun auch mehr getrennt: Detlef kam auf das Gym⸗ naſium in der Stadt und Caspar zu einem Schiffszimmer⸗ meiſter in Horn. Wenn ſie ſich ſehen wollten, bedurften ſie einen tüchtigen Marſch am Feierabend oder mußten ſich bis zur freien Zeit gedulden, die dem Handwerker obendarein ſehr knapp und ſelten zugleich mit dem Gymnaſiaſten zu Theil wurde. Aber die Freundſchaft hielt von beiden Seiten, zumal von der Detlef's— Caspar nahm das Ding von Anfang an äußerlich wenigſtens kaltblütiger— Probe: die ——— 54 Drittes Kapitel drrſe wurden ähnen nicht zu beſchwerlich, und wenn ſie auf länger zuſammentrafen, war die Freude groß und ſie wieder von früh bis ſpät beieinander. Und das ging nun wieder ſo fort, bis der Eine einige Jahre ſpäter die Uni⸗ verſität bezog und der Andere als Geſelle gleichfalls davon wanderte. „Als der Erſtere nach Beendigung ſeiner Studien zu⸗ rückkehrte, erkannten wir von Neuem und beſſer als je den guten Einfluß des Freundes, das heißt, mein Alter, weil derſelbe ihm ſo lange gefehlt hatte. Es kam nicht der gute und friſche Geſell zurück, an dem wir in den letzten Knaben⸗ und erſten Jünglingsjahren kaum noch einen Fehler zu be⸗ klagen gehabt hatten, ſondern ein Menſch, der etwa der Nach⸗ folger des trotzigen und unbändigen, hochmüthigen und— wie ſage ich nur?— mißtrauiſchen Knaben war. Daß er ſeine Studienzeit gut benützt, kann ich nicht ſagen, aber ebenſo wenig, daß er ſich in einem beſonders leichtſinnigen Leben gefallen habe. Im Gegentheil, an der Kraft und Friſche fehlte es weder körperlich noch geiſtig, aber er war unzufrie⸗ den mit ſeinem Beruf, mit ſeiner Stellung, ſein Studium machte ihm keine Freude, und wie er ſich gegen ſeine Mutter und mich, ja ſelbſt gegen ſeine kleinen Geſchwiſter ſtellte, das kann ich nur unfreundlich und unartig, takt⸗ und rück⸗ ſichtslos heißen, bis endlich—,“ der Erzähler machte eine Pauſe, bevor er mit zuſammengezogenen Brauen weiter redete —„noch viel Schlimmeres hervortrat. Ich kann nicht aus⸗ führlich darüber berichten, denn es iſt noch heute für mich Unverjährbar. ſchier unertragbar. Du mußt dich mit der Andeutung be⸗ gnügen, daß zu ſeinem Verdacht in Anſehung ſeines Vaters und des Vermögens, nun ein anderer in ihm hauſte gegen ſeine Mutter und mich, und daß der Menſch— ich kann es nicht anders heißen!— nichtswürdig genug war, demſelben gegen ſeine Mutter Worte zu leihen. Ich brauche dir nicht zu ſagen, was das für eine Wirkung auf die arme Frau, auf mich machte. Ich habe ihm das Stärkſte geſagt, was ein Mann dem anderen ſagen kann, und ihm dann mein Haus verboten. „Daß ſeine Mutter dies Verbot nicht aufrecht erhielt, kannſt du dir denken; ihre Liebe zu ihm war eine unendliche und unbeſiegliche. Er lenkte auch einigermaßen ein, als ſei er durch mein Auftreten zur Beſinnung gekommen; er bat ſie gewiſſermaßen um Verzeihung, er ſuchte ſich ſogar mit mir wieder auf einen freundlicheren Fuß zu ſtellen. Es wurde, um es kurz zu ſagen, äußerlich auch wieder ganz erträglich zwiſchen uns, nur daß ich kein Vertrauen mehr zu ihm hatte. Ich ließ ihn gehen, ohne mich auch nur mit einem Rath in ſein Treiben zu miſchen. Und ich überzeugte mich bald, daß ich in meiner Vertrauensloſigkeit ſo gut wie in meiner Zu⸗ rückhaltung das Richtige gewählt hatte. „Er gab ſeine Studien auf und ging in die Stadt, wo er als Volontair in ein Handelshaus eintrat. Lange gefiel ihm das aber nicht. Nach kurzer Zeit kam er wieder heraus und fand bei dem damaligen Beſitzer von Wilzen eine Unter⸗ kunft— gleichfalls als Volontair—, um Landwirth zu 56 Drittes Kapitel. werden. Womit er den nöthigen Aufwand— und er be⸗ ggnügte ſich nicht mit einem ſolchen, ſondern lebte als großer Herr— beſtritt, das begriffen wir damals nicht. Von uns bekam er ſehr geringe Zuſchüſſe und nahm dieſelben in einer Weiſe an, als ob ihm ſehr wenig darum zu thun ſei. Und wir begriffen es auch da nicht, als er ein halbes Jahr ſpäter die Stelle wiederum aufgab, nun unſere Vermittlung in An⸗ ſpruch nahm und dadurch Unterkunft bei dem Herrn von Roſen fand— hier alſo, auf dieſem, deinem jetzigen Gut, das iſt ja beinahe unter unſeren Augen. Was Roſen, der mit uns ſehr befreundet war, was wir ſelber beobachteten, war nichts Böſes. Er machte bei Gelegenheit große Aus⸗ gaben und warf das Geld um ſich mit vollen Händen aus, von einem diſſoluten Lebenswandel war aber keine Rede. Im Gegentheil war er im Allgemeinen tüchtig bei ſeinen Ge⸗ ſchäften und verdiente ſich alles Lob, wie ihm dies denn auch in den früheren Stellen nicht gefehlt hatte, und man eigent⸗ lich nicht recht verſtand, weßhalb er wechſelte. Caspar, der zu dieſer Zeit von ſeiner Wanderſchaft heimkehrte und in der Stadt arbeitete, war mit ihm freilich gleich wieder in der alten Freundſchaft, gewann auch einen nicht geringen Einfluß auf ihn, brachte aber gleichfalls nichts weder von ſeinem Leben und Treiben, noch von ſeinen Plänen für die Zukunft heraus. „Da mit einemmale verſchwand er von hier, ohne daß man Anfangs erfuhr, was aus ihm geworden, und in den nächſten Tagen brach das Unheil aus. Es meldete ſich bei 3 — Unverjährbar. uns ein Geſchäftsmann aus der Stadt mit einer ganz enormen Forderung, begründet auf die Vorſchüſſe, welche er Detlef auf ſein, angeblich noch vorhandenes, von ſeiner Mutter— ¹ begreifſt du das?— gerettetes und verhehltes Vermögen ge⸗ leiſtet haben wollte. Den Ausgang der Sache brauche ich dir nicht auszumalen. Die Abfindungs⸗ oder Beſchwich⸗ tigungsſumme, welche meine Frau bieten wollte und konnte, wurde nicht acceptirt. Es begann ein Proceß wider uns, der, obgleich ſchnell genug zu unſeren Gunſten entſchieden, der Aermſten beinahe das Herz brach. Und nicht genug, daß ſich alsbald klar herausſtellte, wie des Menſchen vorhin erwähntes Inſichgehen nichts als Heuchelei geweſen und er ſeine Mutter und mich nach wie vor und auf mehr als einer Stelle auf das Schmählichſte verleumdet habe, ſo fanden ſich auch andere, an den nackten Betrug gemahnende Züge. Es war daher kaum anders zu erwarten, als daß er, der plötzlich in der Stadt wieder auftauchte, zu einer ſchimpf⸗ lichen Freiheitsſtrafe verurtheilt wurde. „Als er dieſelbe beſtanden hatte, erſchien er bei uns, und es ſpielte noch einmal eine Scene, wie jene, deren ich vorhin gedacht, nur daß ſich jetzt zu den Anſchuldigungen auch Drohungen und grimmige Racheſchwüre geſellten und der Menſch ſich uns überhaupt in einer Weiſe offenbarte, daß wir ihn nur für wahnſinnig oder für einen vollendeten, zu Allem fähigen Verbrecher halten konnten. Es blieb uns nichts Anderes übrig, als daß wir uns auf das Feierlichſte von ihm losſagten— diesmal ſtand ſelbſt ſeine Mutter 58 Drittes Kapitel. völlig auf meiner Seite und verſchloß ihm für immer ihr Herz und ihr Haus. Er ſchied mit Hohnlachen und erneuten Drohungen. „Er blieb in der Stadt und hat ſich dort, ich weiß nicht wie, ſeinen Lebensunterhalt gewonnen. Er war, wie wir ſpäter erfuhren, in Verbindung mit einem jungen Mäd⸗ chen, der verwaiſten Tochter eines Schiffers— ein braves Kind, wie wir wohl hörten, dem er ſchon ſeit ſeiner Rückkehr von der Univerſität, aber vergeblich nachgeſtellt haben ſollte. Erſt jetzt ſollte ſie erlegen ſein. „Nicht lange darauf— dies Alles ſpielt zwiſchen ſeinem zweiundzwanzigſten und vierundzwanzigſten Jahre— entſtand in einer von den Hafenſchenken zwiſchen ihm und einem jungen Steuermann ein heftiger Streit, der damit endete, daß Detlef ſeinen Gegner todt zu ſeinen Füßen niederſtreckte. Ich muß redlicher Weiſe hinzufügen, daß die Zeugen den Unglücklichen ausnahmslos in Schutz nahmen und alle Schuld dem Ge⸗ tödteten beimaßen, ſo daß kaum an eine ſchwere, langjährige Strafe zu denken war. Detlef entzog ſich derſelben aber— wie, hat man meines Wiſſens niemals erfahren. Er war verſchwunden und blieb's, bis er jetzt mit einemmale wieder aufgetaucht iſt, um, wie es ſich, wenn er erkannt wurde, ſo ziemlich von ſelbſt verſtand, augenblicklich in Haft genommen zu werden. Wo er bisher geweſen, wann er zurückgekehrt, wie lange er verhaftet war, ob er nur unter der alten oder auch noch unter neuer Anklage ſteht,— von dem Allem haben wir nichts vernommen. Das iſt begreiflich genug. Die alten Unverjährbar. 59 traurigen und ſchlimmen Geſchichten ſind dem Gericht nur allzu gut bekannt, und man widmete meiner armen Frau und mir ſtets ſo viel Mitleid und Theilnahme, daß man uns eine obendrein völlig nutzloſe Erneuerung der alten Schmerzen freundlicher Weiſe erſpart. „Damit weißt du jetzt Alles,“ ſchloß der Pfarrer in dem ſtets gleichen, gefaßten und leidenſchaftsloſen Ton.„Und nun nimm hinzu, daß er die erwähnten Drohungen in der Stadt, vor Fremden, mehr als einmal wiederholt hat. Und nun ſage, ob ein Charakter, wie ich ihn dir nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen ſchilderte, hier zur beſſeren Einſicht, dort zum Ver⸗ geſſen gelangt iſt, ganz abgeſehen davon, daß ſein inzwiſchen vergangenes Leben ſchwerlich zu einer Beſſerung führte. Ge⸗ nug, mein Verdacht iſt da und in meinen Augen ein gerecht⸗ fertigter, und das Einzige, was ihn noch nicht zum Glauben werden läßt, iſt, wie ich ſagte, Caspar's Unglauben.“ Es war eine Weile ſtill im Zimmer. Dann aber ſprach der Gaſtfreund mit leichtem Kopfſchütteln:„Nimm es mir nicht übel, Siemann, aber ich kann dir nicht beipflichten; du müßteſt mir denn etwas verſchwiegen haben.“ „Das that und thue ich keineswegs,“ verſicherte der Pfarrer lebhaft. „Dann bin ich nicht überzeugt und beſtreite dir ſogar das Recht zu dieſem ungeheuerlichen Verdacht. Dein Stiefſohn ſcheint nach deiner Schilderung zu mancher Ausſchreitung fähig geweſen zu ſein, wo es die Ertrotzung ſeines vermeint⸗ lichen Rechtes galt, oder der Jähzorn ihn fortriß. Daß er 60 Drittes Kapitel. aber nach ſieben Jahren, wo ihr völlig getrennt waret, zurückkommt und dir das Haus über dem Kopf anzündet, dafür fehlt jede Erklärung, ja jede Vermittelung. Er müßte wahnſinnig ſein, und das iſt er nach Caspar's Bericht auch wieder nicht.“ „Wenn ich mich getäuſcht habe— Niemand wird dem Herrn dankbarer ſein als ich,“ ſagte Siemann ſchwermüthig. „Was iſt aus dem armen Mädchen geworden?“ fragte 3 der Gaſtfreund nach einer Pauſe. 9„Da fragſt du mich mehr, als ich weiß, lieber Kruſe,“ entgegnete Siemann, erſichtlich nicht angenehm berührt.„Als ich mich einmal erkundigte, war ſie aus der Stadt fortge⸗ 6 zogen. Wir hatten am Ende keinen Grund, uns um die 1 Perſon weiter zu bekümmern.— Aber ich will mich einmal draußen umſehen,“ fügte er hinzu.„Es ſieht ja beinah' aus, als wollt' es ein Seegewitter geben.“ 4 1 4. IV. Alte Liebe roſtet nicht. Wir haben in dem vorigen Kapitel dem Gange unſerer Geſchichte aber vorgegriffen und kehren nun zum Sonntag⸗ morgen und in die Gegend zurück, welche die Leſer zuerſt kennen lernten. Diesmal geht es aber nicht an den Strand, ſondern in den Wald. Es iſt eine eigenthümliche Anlage, die man im Lande mit dem Namen Liebenkamp bezeichnet. Mitten im tiefſten Walde— und derſelbe breitet ſich in dieſer Gegend, in bald geſchloſſeneren, bald lockereren Maſſen meilenweit aus— liegt fernab von allen Dörfern und Weilern, von allen Straßen und von allem Verkehr ein kleines Gehöft, wie wir's zum Unterſchied von einem wirklichen Hof heißen müſſen, ganz einſam und verſteckt. Hunderte und aber Hunderte wohnen im Lande, die hörten niemals von ſeinem Daſein, denn es beſitzt nichts, daß man darüber reden ſollte. Hundert Andere vernahmen vielleicht einmal von ihm, aber wenn ſie ſeinen 62 Viertes Kapitel. Namen nicht auf einer Specialkarte ſuchten und dadurch ſeine Lage kennen lernten, ſo ſind ſie über die letztere ſicherlich nicht im Klaren und würden ſich bei einem Spaziergange ſchwerlich zu ihm hinfinden. Und ſelbſt die Wenigen, welche den Platz kennen und aus dem einen oder anderen Grunde einmal zu ihm gelangen, erreichen ihn nicht immer, ohne ſich gelegentlich tüchtig zu verirren. Es führt nur ein einziger, wirklich als ſolcher zu bezeichnender Weg vom Liebenkamp zum nächſten Dorf, das iſt Wilzen, jenſeits des Waldes, und von dem Gehöft faſt eine Meile entfernt. Im Uebrigen iſt man auf Steige angewieſen, die einander nicht nur be⸗ denklich gleichen, ſondern auch außerordentlich willkürlich in den Waldgrund eingetreten ſind, und es exiſtiren außer den Bewohnern des Gehöfts und einigen Forſtleuten rings um⸗ her nur Einzelne, welche dieſen Pfaden völlig ſicher zu folgen vermögen. In der„Stadt“, wie wir ſie ſchon ein paarmal bezeich⸗ nen hörten, weiß man noch am meiſten vom Liebenkamp. An einem ſchönen Sommermorgen zieht zuweilen unter der Führung eines Wegkundigen eine fröhliche Geſellſchaft hin⸗ aus, um ſich in den ſtillen grünen Revieren einen luſtigen Tag zu machen. Sie tragen tüchtige Stöcke und ſelbſt die Damen haben feſte Stiefelchen an, denn der Waldgrund iſt uneben und an feuchten Stellen iſt auch in der trockenſten Zeit kein Mangel. Und ſie tragen auch ſchwere Ranzen und Kober, oder haben ſich dazu einen beſonderen Träger ge⸗ miethet; denn von dem, was über des Leibes Nothdurft Alte Liebe roſtet nicht. hinaus reicht, finden ſie auf dem Liebenkamp nichts. Aber munter ſind dennoch alle und ziehen ſingend und jubelnd dahin in den ſchattigen Waldſteigen, über die üppig grünen⸗ den Wieſen, die ſo unendlich ſtill und einſam ſich hie und da vor ihnen aufthun, unter dem prächtigen Laubdach, zu dem die Bäume alle, alt und jung, licht und dunkel, ihre Zweige zuſammenſchieben. Der Sang der Vögel ſchallt tauſend⸗ ſtimmig zu ihnen herunter, die Eichhörnchen huſchen zu Dutzen⸗ den an den Stämmen hinauf und gucken neugierig und ſpöttiſch herab. Ein Rudel Rehe ſteht am Wieſenrand und läßt die Wanderer nahe herankommen, bis das Mißtrauen mächtiger wird als die Neugier und ſie ſich wenden und flüchtig durch die rauſchenden Büſche brechen. Und dann endlich wird's hell. Ein ſchlichtes Haus liegt am Waldrand, ein noch ſchlichteres Stallgebäude daneben. Ein nicht großer Gemüſegarten ſchließt ſich daran, und den übrigen Raum der kleinen Lichtung füllt ein ſchmales Kar⸗ toffelfeld. Jenſeits aber und links und rechts, überall, breitet ſich der Wald ſo dicht und ſchattig aus wie rückwärts. Ein Hof, wiederholen wir, iſt's nicht, ſondern nur ein Gehöft, deſſen Pächter auch kein Bauer iſt, ſondern nur ein Häusler. Ein paar Aecker hat er in einiger Entfernung, Wilzen zu, die Wieſen liegen hie und da im Walde und liefern ihm Futter und Heu. Alles iſt klein und dennoch geht's weit aus einander. Der Arbeit gibt's viel, wenn ſie den Mann und die Seinen nähren ſoll. Und einſam iſt's ſehr, ſehr, ſchier wie eine Inſel in der See. Das iſt der Liebenkamp. 64 Viertes Kapitel. Für die Einheimiſchen war der Sonntag, zu welchem wir jetzt zurückkehren müſſen, mit dem ſcharfen, raſchen Winde und der kühlen Luft, wie wir vernahmen, ein„wunderſchöner“ Tag— ſie ſind in dieſer Beziehung dort zu Lande nicht verwöhnt und ſchon außerordentlich dankbar, wenn ſie nur Sonnenſchein und blauen Himmel über ſich und ein wenig Grün um ſich herum haben. Der Pächter Häsler und ſeine Frau waren daher auf dem Liebenkamp in der ſicheren Erwartung, daß ſie heute Gäſte aus der Stadt erhalten würden, und zwar um ſo ge⸗ wiſſer, als der Wald noch im friſcheſten Grün und Duft ſtand, und die vergangenen Wochen in Jedermann die Sehn⸗ ſucht erweckt hatten, endlich einmal des Frühlings froh zu werden. Die Frau betrieb rüſtig ihre Vorbereitungen, ſie ſäuberte die Teller und Taſſen und Beſtecke auf das Sorg⸗ ſamſte, von denen es in ihrem Hauſe, wegen der Anziehungs⸗ kraft des Platzes, bei weitem mehr gab, als in anderen ähn⸗ lich beſcheidenen Wirthſchaften. Die Kinder trugen ihr Holz in die Küche, das der Mann hinter dem Hauſe ſpaltete— von Knecht und Magd iſt ſelbſtverſtändlich in ſolchem Haus⸗ ſtande keine Rede—, und als man hier ſo ziemlich in Ord⸗ nung war, ging Häsler in den Wald, um ſich nach dem Platze umzuſehen, wo die Geſellſchaften ſich meiſtens nieder⸗ zulaſſen beliebten: faſt ein regelmäßiges Rund, von pracht⸗ vollen alten Bäumen umſtanden, deren Zweige ſich droben zuſammenwölbten, während ihre Wurzeln drunten Sitze und Lehnen bildeten, auf und zwiſchen denen man ſich's bequem Alte Liebe roſtet nicht. machen konnte. Nach der einen Seite hin blickte man in den tiefen, ſtillen, dämmerigen Forſt hinein, auf der anderen lag, nur theilweiſe von einigen Gebüſchgruppen maskirt, eine der üppigſten Wieſen, mit Farrnkräutern am Rande, mit zierlichen ſchlanken Gräſern und zahlloſen Wald⸗ und Wieſen⸗ blumen, wie man ſie nur zu einem Strauße wünſchen kann, und an ihren trockenſten Stellen ein prächtiger Spielplatz für die fröhliche Jugend. Und zu allem Anderen war der Platz dem Hauſe ſo nahe und doch auch wieder von demſelben ſo fern, daß man nirgends genirt und die Bedienung, deren man bedurfte, eine leichte und prompte war. Dahin ging Häsler, um zu ſäubern und aufzuräumen. Die heute vermutheten Gäſte waren die erſten des Jahres und es lag noch vom vergangenen Herbſt und Winter aller⸗ hand umher, an deſſen Fortſchaffung die drängende Arbeit bisher nicht hatte denken laſſen. Er trug die abgebrochenen Zweige und Papierſtücke und dergleichen auf der alten Feuer⸗ ſtelle zuſammen, wo man Nachmittags ſelber den Kaffee zu kochen pflegte. Er kehrte das dürre Laub zuſammen und war eifrig. Denn wenn eine Geſellſchaft kam, ſo geſchah das bald. Jetzt ließ er die Harke ruhen und hob den Kopf und lauſchte— war da nicht, aus dem tiefen Walde herüber, links fort hinter dem Hauſe, ein langes, fröhliches Jauchzen erklungen?— Aber es war nichts. Er ſchüttelte den Kopf und begann ſein Geſchäft von neuem, und ließ mit einem⸗ male wieder die Arme ruhen und ſchaute ſcharf um ſich her Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 5 66 Viertes Kapitel. und horchte noch angeſtrengter— diesmal hatte er etwas gehört, einen Laut, einen Ruf, ein Wort, er wußte ſelber nicht recht, was. Und er hatte ſich nicht geirrt. Da kam es nochmals, vom Wieſenrand und hinter einem von den dichten Büſchen hervor, und diesmal verſtand er's. Es rief dort Jemand gedämpft ſeinen Namen:„Jakob!— Jakob Häsler!“ Der Mann nahm die Harke vom Boden und ſchritt auf den Buſch zu, nicht gerade eilig. Denn damit halten dieſe Menſchen es weniger, als mit der Feſtheit und Tüchtigkeit; wo ſie hintreten, giebt's eine Spur, und wo ſie anfaſſen, iſt's ein Druck, den man fühlt. Von irgend etwas wie Neu⸗ gier zeigte ſich auch nichts in ſeinem Geſicht, eher eine ge⸗ wiſſe verdrießliche Ungeduld; zu Spaß und ſonſtigen Allotrien war der Mann nicht aufgelegt. So kam er heran und trat um den Buſch—„na, was iſt das für eine Narrethei?“ ſprach er dabei— und ſtand und ſtarrte verblüfft den großen, hagern Mann an, den er vor ſich ſah. „Jakob Häsler, kennſt Du mich nicht mehr?“ „Du mein Gott und Herr,“ rief der Mann,„das iſt ja Detlef— der Herr Detlef Horſt—“ „Still, mache keinen ſolchen Lärm! Schämſt du dich nicht, den alten Spielkameraden Herr zu heißen, oder gar Sie? Habt Ihr Gäſte, Jakob?“ „Nein, noch nicht, aber vielleicht zu Mittag! Aber um Gotteswillen, wo kommen Sie— na, nichts für ungut! Wenn's einmal ſo ſein ſoll— wo kommſt du her und wie Alte Liebe roſtet nicht. 67 ſiehſt du aus? Gar nicht wie ein Herr und Studirter!“ Er hatte die Hand des Ankömmlings in die ſeine genommen und muſterte ihn, wie mit einem beſtürzten und zugleich mitleidigen Ausdruck. Denn nach gutem Leben ſah der da vor ihm freilich nicht aus, geſchweige denn nach einem vor⸗ nehmen. Im Gegentheil, es ſprach eine harte, vielleicht wilde Zeit aus dieſen ſcharfen, von Wind und Wetter gebeizten Zügen. In dem ungepflegten und ſtruppigen, dichten und dunkeln Bart fanden ſich ebenſogut ſchon graue und ſogar weiße Fäden, wie in dem wirren Haupthaar, das unter der formloſen Mütze mit dem zerknitterten Schirm hervordrang. Die Jacke zeigte ſich abgetragen und die Wäſche, ſo viel davon auf der Bruſt und am Halſe unter dem blauwolle⸗ nen Oberhemde ſichtbar wurde, war augenſcheinlich lange im Gebrauch. Durch das Geſicht zog auf des Mannes theilnehmenden Ausruf ein herbes, bitteres Lächeln.„Laſſe das alles gut ſein,“ ſagte er.„Weiche Tage habe ich nicht gehabt, allein deren bedarf ich auch nicht. Ich kam vor acht Tagen zurück — es ging eben nicht anders,— und da haben ſie mich alsbald feſt gehabt. Wie ſie mich eigentlich entdeckten, weiß ich nicht. Aber es thut nichts. Ich ſaß im Loch, bis heut Nacht, ohne daß ich einmal recht verhört worden wäre oder erfahren hätte, was ſie mit mir wollten— es iſt die alte ſchmähliche Geſchichte! Und gehätſchelt und geſtreichelt oder tractirt haben ſie mich nicht. Genug, heut' Nacht bin ich davon—“ Viertes Kapitel. „Ausgebrochen?“ „Ausgebrochen, ja, wie dazumal. Nur nicht ſo glücklich. Denn ich konnte nicht nach Horn hinüber—“ Der Mann ſcheuerte ſich hinter dem Ohr.„Das iſt eine blitzdumme Geſchichte, Detlef! Sie ſind natürlich ſchon hinter dir her und bringen Alles in Allarm—“ „Das thaten ſie ſchon. Ich traf bei der Weidenbrücke mit Caspar Peers zuſammen, der zu ſeinem Alten wollte. Er hatte vorher mit dem Gensdarm geredet und von dem Ausbruch erfahren— meinen Namen hatte man ihm nicht genannt!— und daß man ſtreifen wolle—“ „Sag' ich's nicht?“ „Ja, aber heut wird nichts d'raus. Kolitz brennt.“ Der Mann fuhr zuſammen.„Herr Gott, Kolitz brennt? Da muß ich fort!“ Detlef zuckte die Achſeln.„Spar' deine Beine, du kommſt zu ſpät. Es muß in der Mitte aufgegangen ſein und, wie der Wind ſteht, raſch an den Rand kommen. Da iſt nichts mehr zu machen. Caspar iſt mit den Guſtow'ſchen hinüber, und ich komme zu dir. Denn ich kenne dich, Ja⸗ kob,“ fügte er hinzu,„du läſſeſt den alten Kameraden nicht im Stich. Ich will nichts von dir als ein Stück Brod und einen ſichern Platz bis morgen, ſpäteſtens übermorgen Abend, daß ſie unſicher werden. Dann komme ich ſchon weiter.“ Jakob Häsler ſtand auf die Harke gelehnt, und in den hellen blauen Augen und den feſten Zügen des nicht un⸗ ſchönen Geſichts prägte ſich ein tiefes Nachdenken aus.„Das Alte Liebe roſtet nicht. 69 iſt denn ſchon recht und gut,“ ſprach er endlich.„Verrathen thu“ ich dich nicht, Detlef, und im Stich laß ich dich auch nicht. Was kann mir denn viel paſſiren? Mir hat Niemand von dir und deinen Hiſtorien was geſagt, und was du treibſt, geht mich nichts an. Und geſehen wird dich auf dem Aage hierher Niemand haben, mein' ich—“ „Nur Caspar Peers. Dem ſagt' ich, daß ich hierher wollte.“ „Das iſt einerlei. Caspar iſt ein guter Kerl, der ver⸗ räth dich nicht.“ „Und doch iſt's mir fatal,“ ſagte Detlef finſter ſinnend. „Denn da er nun nach Kolitz iſt und dort ſicherlich mit den — Menſchen zuſammentrifft, ſo wird er wohl reden und dann—“ Er ſchüttelte den Kopf in einer Weiſe, die man nur verachtungsvoll heißen konnte. „Detlef— Menſch—!“— Weiter kam Jakob nicht, denn in dieſem Augenblick rief vom Hauſe herüber eine helle Knabenſtimme:„Vater, Vater, wo biſt du? Sie ſind gleich da!“— Und zugleich drang wirklich aus der Ferne ein luſti⸗ ges Jauchzen und Lachen vieler Stimmen herüber. „Na ja, nun iſt's richtig!“ ſprach Jakob haſtig.„Schlage dich in den Buſch und nimm dich in Acht. Zuerſt ſtreifen ſie noch allerwärts herum, zumal die Kinder. Und im ver⸗ gangenen Herbſt ſind ein paarmal Herren vom Gericht mit dabei geweſen. Komme hinten herum und an den Stall, da auf dem Heuboden mußt du campiren. Meine Frau ſoll dir was bringen, werde ihr Beſcheid ſagen. Und die Kinder will Viertes Kapitel. ich aus dem Wege ſchicken. Halte dich nicht auf. Hierher kommen ſie ſicher.“— Und er war ſchon um das Gebüſch und eilte dem Lagerplatz und weiter, dem Hauſe zu. Der Flüchtling blieb noch auf der Stelle zurück, da er für den Augenblick keine Entdeckung zu befürchten hatte. Denn jetzt hatten die Ankömmlinge mit der Hausfrau— ſagen wir einmal vornehm: das Menu und Programm feſtzuſtellen, und Kinder ſchienen heut nicht von der Partie zu ſein: Detlef konnte ſie gut ſehen, wie ſie dort vor dem kleinen Hauſe ſich luſtig umhertrieben und verhandelten. Und erſt als ſie dem Lagerplatz zuzuziehen begannen— lieber Gott, er kannte das Programm des ſchlichten, ländlichen Feſtes, wenn man's ſo heißen will, gut genug aus der Zeit, wo er ſelber mehr als einmal ein munterer Theilnehmer geweſen war!— erſt da zog er ſich langſam zurück und ſchritt hinter den Büſchen am Wieſenrande entlang, dem dichteren Walde zu. Jakob's Treue und Freundſchaft beſtand die Probe. Hinter dem Stalle war alles einſam und ſtill und auch die Frau ließ ſich nicht blicken. Allein es ſtand dort ein Deckel⸗ korb und lieferte dem Flüchtling derbe, aber ausreichende Nahrung, wie er ihrer nach den beſtandenen Strapazen be⸗ durfte. Es glitt durch das finſtere Geſicht wirklich etwas wie ein dankbares Lächeln. Und als er ſich verſorgt hatte und davon ging, einen ſichern Platz zu ſuchen,— gegen den faſt dunkeln und dumpfen Heuboden, ſträubte ſich an dem ſonnigen Tage und im duftig grünen Walde ſein Ge⸗ fühl—, und als er ihn nicht fern gefunden hatte und ſich Alte Liebe roſtet nicht. nun hinſtreckte und ſich einer wohlthätigen Ruhe überließ:— auch da prägte ſich nicht nur in ſeinen Zügen, ſondern auch in ſeinem ganzen Weſen eine Zufriedenheit, ja eine Art von Behagen aus, von welchem bisher an dem verfolgten Manne keine Spur zu entdecken geweſen war.— Es iſt doch was Schönes um einen treuen alten Freund!— Der Tag verging unendlich ſtill und einſam, nichts ſtörte den Flüchtling und nichts beunruhigte ihn. Nur Jakob kam Nachmittags, da die Geſellſchaft nach ihrem Diner die Sieſta hielt, für ein paar Augenblicke herbeigeſchlichen, mit neuer beſſerer Koſt, wie die Speiſereſte der Fremden ſie boten, ja ſogar mit einer Cigarre, die er ſelber geſchenkt erhalten hatte. Er hatte keine Noth, den Freund zu finden, der, wenn nicht im Stall, nur hier weilen konnte. Der Platz war ſicher genug, zwiſchen dem dichten Unterholz, tief verſteckt, nicht fern vom Hauſe und dennoch von dort aus nicht zu überſehen. Be⸗ ſucher lockte gerade dieſe Gegend am wenigſten an, denn die Büſche und Stauden machten ſie unwegſam, und feuchte Stellen gab es im Ueberfluß. Ein ſchmaler Fußpfad kam freilich, aus dem tiefſten Walde hervor, ganz nahe vorbei; aber auch ihn konnte man von Detlef's Ruheplatz aus über⸗ ſehen, ohne große Gefahr, ſelber entdeckt zu werden. Und jedenfalls, ſelbſt wenn eine ſolche drohte, fand man grade hier noch am erſten Zeit und Gelegenheit, ſich zu flüchten. Jakob hatte allerhand zu berichten. Es waren bei der Geſellſchaft wirklich auch„Gerichtsherren“, und man hatte von Detlef's, wie man das hieß, über die Maßen frechem 72 Viertes Kapitel. Ausbruch geredet. Es war auch von der Vergangenheit ge⸗ ſprochen worden, von ſeinem Leben und Treiben, von der unglücklichen That, die ihn vor ſieben Jahren zu einer Flucht vermocht hatte, an deren Gelingen man noch heute wie an ein Wunder ſich erinnerte. Und nun hatte man ihn dennoch gefaßt und auf Löſung der Räthſel gehofft; denn was gerade einen ſolchen Menſchen ſo kopflos gemacht und in die Hände der Gerechtigkeit zurückgeführt haben könne, das begriff man nicht. Und man hoffte auch Aufſchluß über jene Flucht zu erhalten und über das bisherige Leben des Flüchtlings. Da ſollten noch ganz ſchlimme Dinge verborgen ſein, habe einer von den Herren gemeint. Jakob hatte das alles leicht erlauſcht, als er bei den Zurüſtungen zum Mittageſſen längere Zeit im Kreiſe der Geſellſchaft verweilen mußte. Denn die Frau hatte in der Küche vollauf zu thun und die Kinder waren noch zu klein, um wirklich dem Vater helfen zu können— bis auf ſeinen Aelteſten, dem aber augenblicklich ein ander Geſchäft übertra⸗ gen war. Als die Gäſte von dem Brande zu Kolitz erfuh⸗ ren, ließen ſie nicht nach, von ihrem Wirthe genauere Kunde zu verlangen, bis er ihnen genügte und den Knaben hinüber⸗ ſchickte; auf den Waldſteigen ließ ſich, wenn man ſie kannte und richtig benützte, das unglückliche Dorf kaum weniger ſchnell erreichen, als draußen auf dem„alten Damme“, von der Sturmweide aus. Und der kleine Bote war denn auch vor Kurzem zurückgekommen und hatte gemeldet, was wir ſelber ſchon an Ort und Stelle erlebten. Das Pfarrhaus Alte Liebe roſtet nicht. ſei grade in Flammen geſtanden und das Geſchrei durch's Dorf gegangen, daß es angezündet worden; man wolle den Thäter erblickt haben, und der Gensdarm Mohrenberg ſei ihm nach, dem Nachbardorf Kalitz zu. Es zuckte ein finſteres Lächeln durch das Geſicht des Flüchtlings.„Wer weiß,“ ſprach er dann in bitterem Tone, „den dürfte man vielleicht näher finden können!“ Jakob ſah ihn beſtürzt an.„Sie werden doch nicht ihrem eigenen Pfarrer das Haus über dem Kopf anzünden!“ rief er. 4 Detlef zuckte die Achſeln.„Ich ſage ja auch nur: wer weiß!“ verſetzte er mit dem gleichen finſtern Lächeln. Detlef war wieder allein und lag ſtill unter der alten Buche und lauſchte träumend hinaus in den Wald und ſein Leben. Denn ſolche Stunden ſind's, wo die Vergangenheit am liebſten emporſteigt und an uns vorüberzieht, wo die Gegenwatt ſich an ſie anſchließt und aus der Ferne auch die Zukunft ſchon herüberdämmert, für den Einen ſo gut und freundlich, für den Anderen voll ſo viel Schmerz und Trauer, voll Qual und Noth, voll Haß und Zorn!— Und der Tag rückte weiter vor und nun wurde er endlich wirklich ſchön. Der letzte Hauch erſtarb, der Himmel blickte wunderbar blau zwiſchen den regungsloſen Laubmaſſen da droben herab, und der Sonnenſchein erfüllte und durchdrang die Kronen mit ſeinem glänzenden Licht. Die Mücken ſpielten unter dem Gezweig, die Vögel ſangen und lockten allerwärts, und von der Wieſe klangen die Stimmen der fröhlichen Geſellſchaft Viertes Kapitel. herüber, vereint zu einem von den ſchönen alten Volksliedern, voll Lieb' und Leid, voll Trauer und Jubel. 3 Der Flüchtling lag und träumte und lauſchte auf das ausklingende Lied und auf den Sang der Vögel. Aber nun mit einemmal hob er den Kopf und horchte, und ſeine Augen flogen mißtrauiſch gegen das Haus hinaus und durch den Wald hin, und ſtreiften zu dem Pfade hinüber, der, wie wir ſagten, ſeitwärts nahe vorbeiführte: es war ein leiſes Ge⸗ räuſch zu ſeinen ſcharfen Ohren gedrungen, das nicht zu den anderen Tönen gehörte, und er hatte es um ſo deutlicher vernommen, da der Geſang dort drüben, wie geſagt, geendet hatte. Und ſiehe da, als er auf den Pfad blickte, kam dort richtig ein Menſchenkind hergewandert, ein Mädchen oder eine junge Frau, eine große, ſchlanke Geſtalt in ganz ſchlichter, aber durch ihre Sauberkeit faſt zierlicher Kleidung. In der Hand trug ſie ein Bündel, und den Kopf bedeckte einer von jenen im Lande gefertigten Strohhüten, die ihn feſt umſchlie⸗ ßen und ſelbſt das Geſicht knapp genug einrahmen. Und da ſie den Kopf obendrein geſenkt hielt, war vom letzteren nichts zu erblicken. Da fingen ſie drüben wieder an zu ſingen:„In einem kühlen Grunde— Da geht ein Mühlenrad—“ und da machte die Wandernde jählings Halt und ſtand und erhob den Kopf und ſchaute den Tönen entgegen; in den Augen, in der Miene zeigte ſich eine ſichtbar peinliche Ueberraſchung — war ſie denn ſo tief in Gedanken geweſen, daß ſie vom vorigen Liede auch nicht einen Hauch vernommen hatte, oder Alte Liebe roſtet nicht. wich der Pfad tiefer drinnen im Walde ſo weit ab, daß die Töne nicht mehr hinübergedrungen? Und man ſah es wohl, ſie zögerte und ſchwankte und wußte nicht, ſollte ſie weiter gehen, ſollte ſie umkehren. Detlef ſchaute das alles mit an, wie erſtarrt. Er ſah nun das Geſicht, eine blaſſe Wange, an welche ſich ein dün⸗ ner, blonder Haarſtreifen ſchmiegte; große Augen, denen ſelbſt die Ueberraſchung nicht die Müdigkeit zu nehmen vermochte, und einen kleinen Mund, um den viel Sorgen oder viel Trauer— wer kann das ſagen?— ihre unvergänglichen Spuren eingedrückt hatten. Und es machte einen Eindruck auf den Mann, deſſen ihn Niemand, der ihn bisher beobachtet und belauſcht, für fähig gehalten haben dürfte. Denn als die Erſtarrung nachließ, zuckte es krampfartig durch die ſcharfen Züge, um die trotzigen Augen, ſo wunderbar, ſo zitternd, als müßten ſchon in der nächſten Sekunde die heißen Thränen aufquellen; und die Bruſt hob, und die Lippen öffneten und ſchloſſen ſich, als drängte ſich ein Wort, dn ſat hervor, die ſie dennoch nicht zu entlaſſen vermochten. Und plötzlich hob er die Hände und ſchlug ſie vor die Augen, und da er ſie wieder ſinken ließ, ſchimmerte es wahrhaftig feucht an den Wimpern. Und nun— das alles aber war das Werk einer einzigen Sekunde— entquoll den Lippen wirklich ein leiſes eigenthümlich modulirtes, melodiſches Pfeifen— Das Mädchen— denn daß ſie ein ſolches war, verrieth, wenn man ſie näher anſchaute, wohl ein gewiſſes unnenn⸗ bares Etwas in ihrem Geſicht nicht nur, ſondern auch in Viertes Kapitel. ihrer ganzen Erſcheinung— fuhr zuſammen und warf den Kopf auf, und in ihren Zügen, ihren Augen erſchien ein Ausdruck der maßloſeſten Beſtürzung, als ob ſie ihren Sin⸗ nen nicht traue, als ob ihr etwas begegnet ſei, das doch außer dem Bereich der Möglichkeit liege.— Und da die Cadenz jetzt noch einmal ebenſo leiſe zu ihr hinüberklang, wurde ſie plötzlich leichenblaß, ihre Augen drangen mit aller Kraft ihres Schauens zwiſchen die Büſche; und da ſie nun wirklich auf den Mann trafen, der ſich erhoben hatte und dort ſtand, die Fingerſpitzen beider Hände auf die Lippen gepreßt— wollt' er den eignen Ruf zurückdrängen oder nur ſie zum Schweigen mahnen?—, da wurde der Blick ſtarr und wie erſterbend, und die Lippen öffneten ſich— Er war ſchon neben ihr, man faßt' es nicht, wie das ſo ſchnell möglich war, und hielt ihre Geſtalt in ſeinen Ar⸗ men und preßte ihren Kopf gegen ſeine Bruſt; er hob ſie auf und trug die Zitternde, Zuckende durch die Büſche, an den alten, ſicheren Platz. Da ließ er ſie niedergleiten, aber ohne ſeine Arme zu löſen, ohne ihren Kopf von ſeiner Bruſt zu laſſen— mußt' er ſie doch ſtützen und halten, daß ſie nicht zu Boden ſank! Mußt' er doch ihr krampfhaftes Schluch⸗ zen erſticken, daß es nicht verrätheriſch in die Ferne klang! Mußt' er ſich doch auch ſelber halten an ihr und durch ſie, denn man ſah es wohl, daß ſeine Kraft und Stärke erſchüttert war bis in ihre tiefſte Tiefe, ſeine Geſtalt bebte, und an ſeinen Wimpern hingen jetzt wirklich ſchwere Thränen. Alte Liebe roſtet nicht. 77 „Chriſtine!“ Es war ein dumpfer Laut, als ränge er ſich kaum los aus ſeinem Herzen, von ſeinen Lippen. Sie zuckte zuſammen und ihr Kopf preßte ſich noch feſter an ſeine Bruſt. Aber nur ein tiefer, zitternder Athemzug antwortete ihm. „Chriſtine!“— Und da erhob ſich ihr Kopf und ihre Augen ſchauten ihn an, wenn anders der Blick wirklich durch einen ſo dichten Thränenſchleier zu dringen vermag. Und dann plötzlich ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals, nein, ſie klammerte ſie mit einer ſolchen Gewalt, als wollte ſie ſich nie mehr von ihm löſen laſſen. Und im nächſten Augenblick hefteten ſeine Lip⸗ pen ſich unerſättlich auf ihre Augen, ihren Mund, auf ihre Stirn und ihre Wangen, und ſie erwiderte ſie, und endlich, endlich, zwiſchen den heißen Küſſen hervor, klang es ihn an: „Detlef! Detlef!“ Wie lang es währte, bis der Sturm ſich legte und ſie zu einiger Faſſung gelangten; bis ſie ihre Arme voneinander löſten und unter der alten Buche ſaßen, Hand in Hand und Aug in Aug— das wußten ſie ſelber am wenigſten. Denn ſie wußten nichts von der Zeit und auch nichts von ihrer Umgebung, ſondern nur von ſich ſelbſt. Und nun ſaßen ſie da, die Hände feſt verſchlungen, und ihr Blick war noch ungläubig, und auch ihre Worte klangen ſo, da ſie ſagte: „Detlef, wie iſt's denn nur menſchenmöglich? Sieben Jahre lang warſt du fort, und die ganze Welt war zwiſchen uns, und Keiner wußte vom Andern. Und nun führt uns der — 78 Viertes Kapitel. liebe Gott hier zuſammen— du einziger Menſch, ſag' mir, 3 wie iſt es denn nur möglich?“ Seine Hand faßte die ihre noch feſter, und auch er ſprach:„Ja, Chriſtine, wie iſt es möglich, daß ich dich grade hier finde? Habe dich geſucht in der Stadt und in Horn, 3 nach dir geforſcht und gefragt, und Keiner wußte von dir. Fort ſeieſt du ſchon lange, und Niemand habe dich mehr ge⸗ 4 ſehen, mögeſt ja auch wohl todt ſein. Um deinetwillen konnt' ich draußen nicht länger leben, ſondern mußt' einmal heim, — um deinetwillen, Chriſtine!— Und die Andern fand ich alle, aber dich nicht! Denk' einmal, wie mir das geweſen iſt, und als ſie ſtatt deſſen mich fanden—“ Ihr Auge ſtarrte ihn entſetzt an.„Dich fanden, Detlef? D „Kind, beſinne dich!“ unterbrach er ſie finſter.„Wenn ſie mich fanden, griffen ſie mich, das verſteht ſich von ſelbſt, denke ich. Aber du ſiehſt ja, daß ſie mich nicht halten konnten — ich brach durch, und bin nun hier und habe dich— alles, wie ich's nur gewollt und erſehnt! Der Jakob Häsler iſt ein guter und ſicherer Menſch, jetzt find' ich ſchon weiter. Aber nun ſage du mir,“ fuhr er fort, und die Düſterheit wich in ſeinen Zuͤgen einem unendlich innigen Ausdruck,„wie kommſt du grade hierher und grade heute? Wo haſt du bisher gelebt und wie bringſt du dich durch?“ Das war, wir wiederholen es, ſo innig geweſen, und er hatte auch mit ſolcher Liebe ſeinen Arm um ſie gelegt, daß ſie alle Sorgen und Aengſte für den Augenblick vergaß Naut⸗ Liebe roſtet nicht. und ſeine Theilnahme und Treue bis in's Herz hinein empfand. Sie lehnte den Kopf an ſeine Bruſt— ach Gott, wie war das Lager ſo gut, ſo weich, ſo ſicher!— und verſetzte:„Um mich brauchſt du nicht zu ſorgen, Detlef, mein Lieber. Es iſt mir nicht ſchlecht gegangen. Ich bin ſchon ſeit faſt ſechs Jahren beim Oberförſter Bensheim auf Jägersruh, als Jungfer der Frau und auch für die Kinder. Es iſt eine gute Herrſchaft. Sie ſind alle freundlich zu mir und haben alles Vertrauen.“ „Ich entſinne mich, man ſprach mit viel Achtung von den Leuten,“ bemerkte er, wieder düſter vor ſich hinſtarrend; „gekannt hab' ich ſie freilich nicht. Sie haben ihren Ver⸗ kehr wohl mehr drüben, über die Grenze und in's M.ſche hinüber?“ 3 „Ja, das iſt ſo,“ entgegnete ſie.„Von hier ſehen und erfahren wir wenig. Und ſo war's denn reiner Zufall, daß ich vorgeſtern von einem Fiſchfahrer hörte, der alte Leplow, meiner Mutter Bruder, ſei zu Horn geſtorben. Da mußt' ich denn wohl hinüber und zum Rechten ſehen, ſie möchten mich gern ganz auf die Seite ſchieben. Die Herrſchaft gab mir Urlaub bis heute Abend—“ Sie hielt plötzlich, wie erſchreckend, inne, erhob den Kopf und ſchaute ſich um.„Ach Gott, Detlef, wie ſoll's werden? Die Sonne iſt gleich unter, und es ſind noch zwei Stunden! Von dir kann ich nicht, ich weiß ja noch von nichts! Und zu meiner Herrſchaft muß ich, ſie vertraut mir und meint es gut mit mir! Der Herr kann uns vielleicht helfen, Detlef!“ ————— Viertes Kapitel. Wir haben es ſchon geſagt, daß die Beiden auf nichts geſehen und geachtet hatten als auf einander. So war es denn wirklich, ohne daß ſie's gemerkt hatten, ſpät geworden. Nur wenn man über das Haus hin, auf die fernen Bäume drüben blickte, ſah man in den höchſten Wipfeln noch einen Sonnen⸗ ſtrahl; im Walde fing es überall an dämmerig zu werden, und ſelbſt auf der Lichtung herrſchte ſchon ein abendliches Licht. Nun, da ſie hinausſchauten, bemerkten ſie's, daß die Geſellſchaft der Städter im Aufbruch begriffen war. Man trieb ſich beim Hauſe umher, man packte zuſammen und rüſtete ſich zum Marſch, man rechnete mit den Wirthsleuten ab, und ein paar zogen auch ſchon in den Wald hinein und ſtimmten ein fröhlich Wanderlied an. „Nach Hauſe mußt du,“ ſagte er, als er das alles an⸗ geſchaut hatte, mit bemerkbarer Düſterheit,„nicht blos um der Leute willen, ſondern auch ſonſt. Ich kann dir hier ja keine Heimath und keinen Schutz bieten. Aber ich denke Tag und Nacht daran, Chriſtine. Das wollen wir bereden, ich begleite dich, ſo weit es möglich iſt. Nur Eines mußt du mir gleich ſagen,“ fügte er hinzu, und es war etwas Schweres und zugleich Scheues in ſeinem Ton und Blick,„du haſt keine Silbe von unſerem Jungen geredet. Haben wir ihn denn nicht mehr?“ Sie ſchlang von neuem die Arme um ſeinen Nacken und preßte das Geſicht an ſeine Bruſt.„Der liebe Gott hat es nicht gewollt,“ murmelte ihre Stimme. Er riß ſie plötzlich mit ſich zurück, hinter den dichteſten Alte Liebe roſtet nicht. Buſch. Denn ohne daß man's geſehen hätte, woher er ge⸗ kommen, hielt draußen, ganz nahe vor ihnen, ein Gensdarm. Und während ſein Auge den ganzen Platz überflog, rief er barſch:„Jakob Häsler, hierher! Niemand von den Leuten dort geht fort!“ Wer von der Geſellſchaft noch beim Hauſe war, ſtand überraſcht, der Pächter aber kam mit einem Herrn raſch her⸗ bei, und als ſie nahe waren, fragte der letztere hörbar ver⸗ drießlich:„Nun, mit uns werden Sie hoffentlich nichts vor⸗ haben, Wehrenberg?“ Der Gensdarm ſalutirte.„Herr Secretair,“ ſagte er, und es war ſo nahe, daß die Verborgenen jedes Wort ver⸗ nahmen,„der Detlef Horſt iſt heut Nacht ausgebrochen, ſoll das Pfarrhaus in Kolitz angezündet haben und ſich hier ver⸗ bergen. Jakob Häsler—“ „Komm!“ flüſterte Detlef knirſchend.„Und wenn alle zu Schelmen an mir werden, Jakob iſt treu! Er ſoll um mich nicht unglücklich werden! Komm', wir finden uns jetzt noch durch!“ Und er zog ſie mit ſich fort, am Gebüſch ent⸗ lang ſchleichend, in den dämmernden Wald hinein. Edmund Hoefer, Treue ſiegt. V. Freundesſtimmen. „Darf ich dich ſtören, lieber Mann!“ fragte die Frau des Oberförſters Bensheim und trat ein wenig zögernd in das Zimmer des Gatten, der, wenn er zu dieſer Tagesſtunde daheim war, gewöhnlich tief in der Arbeit ſteckte und ſich nur ungern von derſelben abrufen ließ. Heute traf ſie es aber günſtig. Sie ſah die Papiere auf dem Schreibtiſch zuſammengeſchoben, und der Gatte zündete ſich eben bei dem kleinen Tiſch, der mit verſchiedenen Rauchutenſilien in der Zimmerecke ſtand, ſeine kurze Jagd⸗ pfeife an, ein Zeichen, daß er für den Augenblick nichts zu ſchreiben habe, vielmehr, ſei es in den Garten, ſei es in den Wald gehen wolle. Apoll, der alte Lieblingshund, hatte das auch ſchon bemerkt; er ſaß erwartungsvoll neben der Thür und ſchaute, der Eintretenden nur einen flüchtigen Blick und ein kurzes Schwanzwedeln gönnend, ſchnell wieder zum Ge⸗ bieter zurück. Freundesſtimmen. Bensheim nickte der Gattin freundlich zu.„Komm nur,“ verſetzte er, herantretend und ihr die Hand bietend.„Heute bin ich einmal ein freier Mann, und wenn ihr— das Wetter iſt prächtig!— etwas vorhabt, ſo findeſt du mich zu allem bereit.“ 1 Sie ſchüttelte ernſt den Kopf.„Nichts von Vergnügen, Albert!“ ſagte ſie.„Im Gegentheil, mir iſt recht trübe zu Muth. Unſere Chriſtine hat mir eben erzählt, weßhalb ſie geſtern Abend ſo ſpät heimgekommen iſt und ſo aufgeregt war. Das arme Mädchen hat Außerordentliches erlebt. Du weißt ja, daß ſie vordem mit jenem Detlef Horſt in Ver⸗ bindung geweſen iſt, bis er nach der unglückſeligen That da⸗ mals entfloh. Sie hat nie wieder Nächricht von ihm erhal⸗ ten und ihm dennoch— wir wiſſen es ja— die unwandel⸗ bare Treue bewahrt. Nun denke dir, da ſie geſtern durch den Liebenkamp geht, findet ſie ihn plötzlich. Sieh', es rührt mich bis zu Thränen— der wilde Menſch iſt blos um ihret⸗ willen heimgekommen— er hab' es nicht länger aushalten können, hat er ihr geſagt. In der Stadt haben ſie ihn ſo⸗ gleich entdeckt und feſt gehalten, wegen der alten Geſchichte, bis er in der vorigen Nacht ausgebrochen iſt und ſich bei Jakob Häsler verborgen hat, um gelegentlich nach Horn hinüber und wieder fort zu kommen. Und nun iſt geſtern Abend der Gensdarm Wehrenberg nach dem Liebenkamp ge⸗ kommen und hat nach ihm geſucht— er ſoll Mittags das Pfarrhaus zu Kolitz angezündet haben, obgleich er darauf ſchwört, daß er von Morgens zehn Uhr an beim Jakob ge⸗ 84 Fünftes Kapitel. weſen, und dieſer das bezeugen muß! Er hat ſich mit Chri⸗ ſtinen geflüchtet und ſie beinahe herbegleitet. Dann iſt er wieder zurück— er hat ſich geweigert, zu uns zu kommen. Er meint im Walde ſicherer zu ſein. Und das arme Ge⸗ ſchöpf iſt nun in Verzweiflung— kann man's ihr verdenken, Albert? Und ſo hab' ich ihr gerathen, mit dir zu reden, wenn ich dir das Nöthigſte geſagt haben würde. Sie iſt vor der Thür. Albert, mein lieber Freund, laß uns etwas für ſie verſuchen! Es iſt ein ſo braves, gutes, redliches Geſchöpf, und dies iſt gar zu traurig— zu ſchrecklich!“ Der Oberförſter hatte dieſe lange Rede der Gattin mit keiner Silbe unterbrochen, ja wenn man ein leichtes Zuſammen⸗ ziehen ausnimmt, das ſich ein paarmal in ſeinem offenen und, trotz der Jahre noch friſchen Geſicht bemerklich machte, ſo hatte auch ſeine Miene nichts von einer tieferen Bewegung und Theilnahme ſeines Inneren verrathen. Er hörte zu mit rruhigem und, wie man wohl glauben durfte, nachdenklichem Ernſt; ebenſo ſah er ſeine Frau, als ſie geendet hatte, noch ein paar Sekunden lang ſchweigend an, und mit dem gleichen Ausdruck wandte er ſich endlich ab und ging durch's Gemach. Er ſchüttelte einigemale den Kopf, wie ein Menſch, der's mit allerhand, nicht gerade angenehmen Gedanken zu thun hat, aber er ſagte auch jetzt kein Wort. Sie ließ das eine Weile hingehen, ohne ſeine Gedanken zu unterbrechen. Endlich jedoch ſprach ſie bittend:„Verſuche etwas, Albert. Du haſt vordem ſelbſt mehr als einmal ge⸗ ſagt, daß der Herr Detlef Horſt alle Theilnahme—“ Freundesſtimmen. 8⁵ „Gewiß, gewiß!“ unerbrach er ſie in einem gedanken⸗ vollen Tone.„Er war ein Menſch, dem ſeine Natur, das Geſchick und andere Menſchen übel mitſpielten. Aber— doch laſſe das Mädchen hereinkommen, obſchon ich nicht weiß, wie ich den Beiden helfen können ſollte.“— Chriſtine kam herein; das Geſicht erſchien noch ein wenig hagerer, die gramvollen Züge um den Mund hatten ſich, wie man glauben konnte, ſeit geſtern vertieft, und den armen Augen ſah man es nur allzu deutlich an, wie viel ſie geweint hatten. Glänzten doch auch jetzt noch ſchwere Thränen in ihnen, als ſie ſie zu einem zugleich bangen und flehenden Blick auf ihren Herrn erhob. Bensheim hatte die Pfeife auf den Tiſch gelegt. Er ſtand vor dem Mädchen, die Hände auf dem Rücken, und muſterte ernſten, aber auch wohlwollenden Blichs ihre Er⸗ ſcheinung.„Das iſt eine betrübte Geſchichte, mein Kind,“ redete er ſie in hörbar freundlichem, dennoch aber auch ge⸗ wiſſermaßen geſchäftsmäßigem Tone an, wie er einem Beam⸗ ten allmälig zur Gewohnheit wird,„aber wie ich dir helfen ſoll, ahne ich nicht. Daß der Herr Horſt unvorſichtig ge⸗ weſen iſt, als er hieher zurückkam, wo ihn die Strafe er⸗ wartete, brauche ich dir nicht zu ſagen—“ „Ach Gott, Herr Oberförſter, er that's ja nur um meinet⸗ willen!“ ſtammelte das Mädchen.„Er hat ein paarmal an mich geſchrieben, aber keine Antwort erhalten— ich kriegte ja keinen Brief von ihm!—, und da nun ſein Schiff zu S. liegt, iſt er ſelber herüber, um nach mir zu ſehen. Wenn er Fünftes Kapitel. mich fänd', wollt' er mich bereden, zu ihm nach Amerika hinüberkommen.—“ „Schiff in S.? Nach Amerika hinüber? Wie iſt das, was iſt und treibt Horſt?“ fragte der Oberförſter lebhaft, ja mit augenſcheinlichem Mißtrauen dazwiſchen. Und das Mädchen verſetzte befangen und faſt demüthig: „Ich glaube, er iſt Steuermann auf einer großen ameri⸗ kaniſchen Bark. Er will aber gern an’'s Land zurück und dort ſein Glück verſuchen, denn er hat ſich etwas erſpart, ſagt er, und da ſoll ich bei ihm ſein und ihm helfen—“ Bensheim ſchüttelte, da ſie inne hielt, leicht den Kopf: was er vernahm, mochte ihm nicht allzuklar erſcheinen, noch ihm großes Vertrauen einflößen. Allein er war zu gutmüthig, um das hervorzuheben und meinte nur:„weißt du nicht, ob er amerikaniſcher Bürger iſt?“ Und als ſie keine Kunde da⸗ von zu haben erklärte, redete er weiter:„nun gut, ich will in die Stadt hinüber und mit dem Gerichtsdirektor ſprechen, es iſt ein freundlicher und einſichtiger Mann, dem man die Dinge im rechten Lichte zeigen muß— er kennt die hieſigen Zuſtände und Menſchen noch nicht. Und ich will auch über den Liebenkamp reiten: vielleicht erfahre ich durch Jakob Häs⸗ ler Näheres und was ich ſonſt thun kann—“ „Wenn er nur nach Horn hinüber kommen könnte— ſagte Chriſtine in zögerndem Tone.„Da gibt es noch mehr als Einen, der ihn nicht im Stich läßt—“ Nach einem kurzen Nachdenken ſprach Bensheim:„ja, mein Kind, darin kann ich dir nicht helfen, und ſelber gehen 11 Freundesſtimmen. kannſt du natürlich auch nicht. Haſt du aber jemand hier im Hauſe, oder in der Nähe, der dir den Dienſt leiſten und hinüber will, ſo habe ich nichts dagegen und gebe ihm Urlaub. Und nun,“ ſchloß er freundlich und legte leicht ſeine Hand auf ihre Schulter,„ſei nicht gar zu betrübt, ſondern habe Vertrauen und Geduld. Wenn man ihn auch wirklich wieder⸗ finge— liegt nichts Anderes vor, als jene alte Geſchichte, ſo kann die Strafe nicht allzuſchwer werden. Sage dem Johann, daß er mir Alice ſattelt.“ Als das Mädchen mit dankbarem Blick das Gemach verlaſſen hatte, nahm Bensheim die Pfeife vom Tiſch, zün⸗ dete ſie an und ſchritt, erſichtlich in ernſten Gedanken, gegen das Fenſter, von dem aus man über den ſaubern Hof zum Stall hinüberſah, während ſich nach vorn hinaus auch hier der Wald dicht und grün entlang zog. Das Mädchen eilte gerade mit dem Auftrage des Herrn dem Stalle zu. „Gott lohn' es dir!“ ſagte die Dame, welche auf dem Stuhle in der Fenſterniſche ſitzend, dem Geſpräche ſchweigend zugehört hatte, und nahm die Hand des Gatten in die ihre. „Chriſtine verdient wirklich alle Theilnahme, ſie wird mir immer lieber— durch jeden neuen Zug. Es iſt mir aber aufgefallen,“ fügte ſie, da er nicht antwortete, hinzu,„daß du gar nicht dieſer neuen Anklage, des Anzündens, gedacht haſt— es iſt freilich abſcheulich—“ „Mein liebes Kind,“ unterbrach er ſie, unmuthig die Brauen zuſammenziehend,„für mich ſind ganz andere Be⸗ denken da, als dieſe Albernheit oder— was vielleicht rich⸗ —õõ—ᷓõÿõÿy³——— ———— ——õÿy—————õ Fünftes Kapitel. tiger ſein dürfte: Nichtswürdigkeit. Du weißt, ich liebe die Kolitzer Pfarrfamilie nicht und habe meine guten Gründe dazu. Aber ich will wiſſentlich niemand Unrecht thun. Für mich handelt es ſich vielmehr um die Frage, ob Horſt der Theilnahme, nicht nur des armen Mädchens, ſondern auch Anderer, wirklich noch ſo würdig iſt, wie er es vordem— zum wenigſten in den Augen aller Billigen, wirklich war. Rede du inzwiſchen in demſelben Sinne auch mit dem Mäd⸗ chen. Sie iſt verſtändig und kein Kind mehr und muß es ſich ſelber ſagen, daß ſieben Jahre viel in einem Menſchen verſchütten und verändern können, zumal in einem ſolchen, der, mochte er im Uebrigen ſein, wie er wollte, doch wenig Anlage verrieth, ſich zu einem wirklichen Charakter durchzu⸗ arbeiten.— Aber da bringt Johann das Pferd,“ brach er ab und trat vom Fenſter zurück.„Ich will koiue Minute verlieren. Wenn es mir gelingt, Link in ſeindt⸗ Kuffaſſung des Falls zu meiner Anſchauung zu bekehren, ſo habe ich gerade keine Sorge für Horſt. Aber freilich, raſch muß es geſchehen, und vor allem muß man zu verhüten ſuchen, daß nicht irgend ein unglückliches Zuſammentreffen oder ſein Jäh⸗ zorn ihn in neue Fatalitäten verwickelt.“— Als der Oberförſter von ſeinem Hofe ritt, war es für einen Städter noch eine ſehr frühe Stunde, während man hier draußen ſchon einen guten Theil der Tagesgeſchäfte hinter ſich hatte. Der Tag war wieder wunderſchön, wie der vergangene Abend, der Wind hatte ſich gelegt, während die Luft ebenſo rein blieb, und im Walde, in den jungen Freundesſtimmen. Schonungen, wie zwiſchen den hohen alten Stämmen blitzte und funkelte alles in leuchtender Pracht, denn es hatte über Nacht ſtark gethaut und die Sonne hatte noch keine Zeit ge⸗ habt, die blanken Tröpfchen von all den Gräſern und Blu⸗ men, vom Laube und aus dem Mooſe fortzuküſſen. Man ſah es ordentlich, wie wohlig und üppig ſich das alles ſtreckte und hob, ſich ſonnte und duftete; und wie gut es die Vögel und alle anderen Creaturen hatten, hörte man deutlich ge⸗ nug, denn es klang und ſang, es rief und pfiff, ſchnarrte und zwitſcherte, ſummte und ſchwirrte von allen Ecken und Enden, ein ſchier betäubendes, endloſes Concert voll über⸗ müthiger Luſt, wo Jeder hörbar ſein Beſtes that, um ſich gleichfalls vernehmbar zu machen. Dem Oberförſter war's auch wohl, wie es denn einem Jeden ſo werden muß, der an ſolchem Morgen, durch ſolchen Glanz und Jubel zieht. Man ſabh's ſeiner Miene an, wie froh und zufrieden der Herr ſich hier in ſeinen Revieren fühlte, und den Augen, die voll Genugthuung und Freude hier hinüberſtreiften und dort, und mehr als einen Platz und mehr als einen alten ſtolzen Baum mit faſt herzlichem Blick grüßten. 3 An einen längeren Aufenthalt dachte er trotzdem nicht, ſondern ritt eilig vorwärts auf den Waldſteigen, die, wenn auch willkürlich ſich fortwindend, den Verkehr dennoch viel beſſer vermittelten als die, obendrein ſeltenen, wirklichen, aber durch die ſchweren Holzfuhren ruinirten Wege. Es veran⸗ laßte ihn aber auch nichts zum Zögern, denn Menſchen be⸗ Fünftes Kapitel. gegnete er, mit Ausnahme einiger Arbeiter, welche die Ab⸗ zugsgräben aufräumten, nirgends. An ihnen ritt er, wenn auch unter ſcharf muſterndem Blick, mit dem landesüblichen Gruß„helf' Gott!“ vorüber, und die Grüße, die ihm wur⸗ den, und die Blicke, welche ihm folgten, bewieſen deutlich ge⸗ nug, in welcher herzlichen Achtung er bei den Leuten ſtand. Gleich hinter dieſem Punkte paſſirte er die Grenze ſeines Bezirks, da der Liebenkamp mit den ihn umgebenden Forſten nicht königliches, ſondern ſtädtiſches Eigenthum war, wo man beiläufig geſagt, wie dergleichen ja zuweilen paſſirt, die Be⸗ amten des Staats nichts weniger als gern ſich umtreiben ſah. Für Bensheim ſelber galt das freilich nicht, man hatte ihn überall gern, und ſo grüßte ihn denn auch die Frau, welche vor dem einſamen Hauſe am Brunnen die Milchkübel reinigte, auf das aller reſpectvollſte, ja mit einer Freundlich⸗ keit, die ſonſt wenig in der Art dieſes kühlen und wortkargen, verſchloſſenen Volksſtammes liegt. Er ſollte alsbald aber den Beweis erhalten, daß es in ihr noch etwas viel Beſſeres für ihn gab, als den bloßen Reſpect. Denn als er von ihr, die bei ſeinem Anhalten ſichtbar verlegen wurde, auf ſeine Frage erfuhr, daß ihr Mann nicht daheim ſei, ſondern wohl auf dem Acker ſein werde, und weder ſein Erſtaunen über dieſe unbeſtimmte Angabe, noch ſeinen Verdruß über das Verhehlen verbarg, faßte ſie ſich plötzlich ein Herz und ſagte mit einem tiefen, faſt ſeuf⸗ zenden Athemzuge:„Ja, Herr Oberförſter, ich muß nur die Wahrheit ſagen und Gottes Klage klagen— Jakob hat was ihm Freundesſtimmen. Anderes vor als den Acker. Der alte dumme Menſch hat ſich da geſtern einen fremden Geſellen auf den Hals geladen, ich glaube, es iſt der Sohn der Paſtorin zu Kolitz, von ihrem erſten Mann, kennen thu' ich ihn nicht und geſehen hab' ich ihn auch nicht, ſondern nur Eſſen für ihn hinſtellen müſſen: er iſt im Buſch geblieben. Und denken Sie nur, geſtern Abend war der Wehrenberg hier und ſuchte nach ihm: er ſoll in der Stadt aus der Cuſtodie gebrochen ſein, und daß er geſtern das Pfarrhaus zu Kolitz angezündet habe, ſagen ſie auch. Glauben thu' ich das nicht, denn um zehn Uhr iſt er ſchon hier geweſen, und daß er bis zum Abend dablieb, weiß Jakob und ich auch. Aber es muß denn doch ein ganz ſchlimmer Kumpan ſein, und nun denken der Herr Oberförſter nur blos einmal, wenn ſie's beim Gericht heraus⸗ bringen, daß der Jakob, der alte dumme Menſch, ihn ver⸗ ſteckt und ihm forthelfen will, wie um Jeſu willen ſoll es werden?“ redete ſie immer haſtiger und immer weinerlicher weiter.„Er denkt nicht daran, daß er ſich und uns in's Elend bringt für den fremden Nichtsnutz! Wiſſen ſoll ich's nicht, aber ich weiß es doch, unſeren Jungen hat er heut Morgen vor Thau und Tage ſchon nach Horn Boten geſchickt: da mag wohl einer mit dem Boot zu unſerem Strand her⸗ überkommen und den Menſchen abholen ſollen. Und wenn ſie nun dabei attrapirt werden— der Wehrenberg hat hart gedroht, und ſie wollten ſchon geſtern das ganze Revier ab⸗ ſtreifen! Und der dumme Menſch ſteckt ſicherlich wieder bei Fünftes Kapitel. . „Kann Sie's mir ſagen, wo?“ fiel Bensheim endlich ein— es iſt ſeltſam genug, daß ſich in dieſen Gegenden und in dieſem Idiom die Anrede in der dritten Perſon nur dem weiblichen Geſchlecht gegenüber bis auf den heutigen Tag hartnäckig erhalten hat, während das„Er“ faſt voll⸗ ſtändig außer Gebrauch kam. „Ach du lieber Gott, Herr Oberförſter, wenn Sie das thun wollten!“ brach ſie nun wirklich ſchluchzend aus.„Bei den jungen Eichen werden ſie ſchon ſtecken, es iſt der ſicherſte Platz! Und wenn Sie's thäten und vorbeiritten und den Jakob nur ſo recht richtig zum Menſchen machten, was für ein Sünder er iſt an Frau und Kind, und den anderen fort⸗ jagten— mein Lebenlang—“ „Ich werde ſehen, was ſich thun läßt,“ fiel er von Neuem ein und nahm die Zügel auf.„Vor Allem aber ſage ich Ihr,“ fuhr er mit ſtrengem Ton und Ausdruck fort, „daß Sie nicht ſo deſpectirlich von Ihrem Manne reden muß und auch kein ſolcher Haſenfuß ſein ſoll. Der Jakob iſt ein vernünftiger und braver Menſch, und wenn man einem armen Teufel helfen will, ſo iſt das keine Dummheit, ſondern ein Chriſtenwerk. Es iſt ſchon mancher im Loch geſeſſen, weiß Sie wohl auch, der darum noch kein Verbrecher und böſer Menſch war, und die Anzündegeſchichte, ſagt Sie ja ſelber, iſt nicht wahr. Alſo wahre Sie Ihren Mund. Und wenn's Nachforſchungen gibt, verrathe Sie Ihren Mann und den Anderen nicht. Das wäre für Sie eine Sünde.“ Er nickte der Beſtürzten kurz zu und ritt raſch über die Freundesſtimmen. 93 Lichtung der Oeffnung des nächſten Waldſteiges entgegen, im Stillen gewiſſermaßen ſelber über die Theilnahme verwundert, welche ihn, den ernſten, beſonnenen Mann für einen, im Grunde faſt völlig Fremden auf ſo— ſagen wir: ungewöhn⸗ liche, ja bedenkliche Wege hinauslockte. Er war indeſſen noch nicht weiter gekommen als etwa bis zu der Wieſe, die am vergangenen Tage der Geſellſchaft zum Spielplatz gedient hatte, da gab es ſchon einen neuen Aufenthalt. Auf dem Fußſteige, der durch das üppige Gras vom jenſeitigen Waldrande herüberführte, kam ein großer, ſchlanker Mann daher gewandert. Er war„in kurzem Zeuge“, das heißt, er hatte die Jacke ausgezogen und ſie leicht auf die Schulter gehängt, denn es fing an, hier im Walde ſehr warm zu werden; aber bei der Eile, mit der er augenſchein⸗ lich ſeinen Weg zurücklegte, war es ganz natürlich, daß ihm trotzdem tüchtig heiß geworden war. Er fuhr alle Augen⸗ blick mit einem rothgeblümten Sacktuch über das Geſicht und bis unter die Mütze zur Stirn hinauf, allein es nützte ihm nichts, denn der Schweiß war ſchneller und hartnäckiger als er, und dem abtrocknenden Tuche folgten ſogleich wieder die glänzenden Tropfen und rollten von den Schläfen über die gebräunten Wangen herab. Als er den Reiter bemerkte, ſtutzte er ſichtbar. Allein es war nur ein ſekundenlanges Zögern, dann ſetzte er den Fuß ſchon wieder in dem gleichen Tempo vorwärts, einen Ausdruck der ruhigſten Gleichgültigkeit im Geſicht, und nach einer weiteren halben Minute wollte er grüßend, wie das in 94 Fünftes Kapitel. dieſen Gegenden noch bis auf den heutigen Tag eine freund⸗ liche Gewohnheit des Volkes iſt, an dem Anderen vorüber⸗ gehen. Aber der Oberförſter ließ das nicht zu.„Das iſt ja wahr⸗ haftig der Caspar Peers!“ rief er wie überraſcht aus.„Haben Sie ſich nach Ihren Eltern umgeſehen? Das iſt brav, Cas⸗ par! Ich habe den alten Vater vorgeſtern recht ſchwach ge⸗ funden, und er hatte ein großes Verlangen, Sie noch ein⸗ mal zu ſehen.“ Der Wanderer hatte Halt gemacht und, wie ſich dies einem ſolchen„Herrn“ und obendarein einem Vorgeſetzten des Vaters gegenüber von ſelbſt verſtand, den Worten deſſelben trotz all ſeiner bisherigen Eile mit Geduld und Reſpect zugehört. Der Ausdruck in ſeinen Zügen veränderte ſich in⸗ deſſen nicht, es zeigte ſich keine Spur von irgend einer inneren, wärmeren Bewegung, und ebenſo klang auch ſeine Stimme völlig gleichgültig, als er, indem er ſich zugleich die Stirne abtrocknete, ſo hinſagte:„Ei ja, Herr Oberförſter, es iſt mir freilich hart abgegangen, aber was konnt's helfen? Wenn ich den Alten noch einmal ſehen wollte, mußt' ich wohl dazu thun, denn ich hört' es und ſah es nun auch ſelber, daß es vielleicht bald zu Ende geht. Und mit der Mutter iſt's leider Gottes nicht anders. Sie haben eben Beide das Alter.“ Bensheim's Augen ruhten forſchend auf dem Sprecher. „Es ſind treue Menſchen,“ meinte er endlich, aber nur voll ruhiger Theilnahme,„gegen ihre Kinder und gegen ſich ſelber. Sie laſſen nicht von einander. Und nun ſind Sie ſchon Freundesſtimmen. 95 wieder auf dem Heimwege, Caspar? Das war ein kurzer Beſuch!“ Caspar Peers zuckte die Achſeln.„Das iſt nun einmal nicht anders,“ verſetzte er gleichmüthig.„Das Geſchäft geht ſtreng und braucht mich. Und Frau und Kinder wollen mich auch lieber daheim haben. Alſo, wenn der Herr Oberförſter nichts mehr zu befehlen haben—“ Bensheim ſchaute ihn noch einmal forſchend an, bevor er leiſe lächelnd ſagte:„Ich denke, Caspar, wir wollen Beide das Komödienſpielen laſſen. Wenn man Eile hat, geht man von Kolitz nach G. nicht über den Liebenkamp, das weiß ich ſo gut wie Sie. Und da ich noch allerhand Anderes weiß, denke ich mir, daß Sie ungefähr aus dem gleichen Grunde hieher kommen, wie ich— ſollten Sie geſtern unterwegs oder zu Kolitz nichts von dem unglücklichen Menſchen gehört haben, der in der Stadt ausbrach und ſich hier auf dem Liebenkamp verſteckte?“ Und da er in Caspar's Aug' und Miene durch alle hartnäckig bewahrte Gleichgültigkeit dennoch etwas wie ein unbeſiegliches, ſei es Erſtaunen, ſei es Miß⸗ trauen hinzucken ſah, ſo fügte er ernſt hinzu:„ich weiß das von Chriſtine Röhl—“ Caspar ſchaute wie mit finſterem Erſtaunen auf und die gebräunte Wange wurde roth; es war gar nicht mehr das gleiche Geſicht.„Chriſtine Röhl,“ wiederholte er.„Bei Ihnen?“ „Ja. Sie dient bei uns, und ſogar ſchon ſeit ſechs Jahren— wußten Sie's nicht? Sie kam geſtern hier durch Fünftes Kapitel. und traf mit Horſt zuſammen, kurz bevor der Gensdarm Wehrenberg nach ihm ſuchte—“ Es ſchlug wie eine Flamme über Caspar's Geſicht. „Wehrenberg? Geſtern Abend ſchon?“ rief er mit einer Art von Knirſchen.„Und er hat ihn gefaßt?“ „Nein, das nicht. Aber ich dachte, Sie wüßten das und kämen—“ „Nein, das wußt' ich nicht! Ich fürchtete es nur für heute, und darum lief ich herüber!“ knirſchte er von Neuem. „Wiſſen Sie denn auch nicht, daß Horſt im Verdacht ſteht, geſtern das Kolitzer Pfarrhaus angezündet zu haben?“ Wir ſahen bisher in Caspar's Geſicht nur entweder den Ausdruck der gleichgültigſten, ſchier ein wenig apathiſchen Ruhe, oder denjenigen einer bemerkenswerthen Intelligenz und der wärmſten Theilnahme, und wir durften glauben, daß der letztere der natürlichere ſei, während der erſtere mehr blos gelegentlich und aus einem ganz beſonderen Grund als Maske vorgenommen wurde. Jetzt aber war wie mit einem Schlage ein dritter da, und es war nicht der wilde, alle Schranken überſtürzende Grimm des rauhen Mannes aus dem Volk, ſondern ein finſterer, drohender Zorn und zugleich eine tiefe Verachtung, welche aus jedem Zuge, aus jedem Blick hervor⸗ brach— eine Indignation, wie nur derjenige ſie zeigt, der das ihm ſelber oder einem Anderen geſchehene Unrecht auch in ſeinem vollen Umfange verſteht und würdigt. „Hat das der Wehrenberg auch geſagt? War's das, weßhalb er ihm nach iſt?“ ſprach er nicht laut, aber deſto Freundesſtimmen. 97 drohender und ſeine Hände ballten ſich.„O Herrgott, es iſt ſchändlich, es iſt ſchandmäßig! Von ihm wiſſen ſie, daß es nicht wahr iſt, und mich machen ſie vor Detlef zum Ver⸗ räther und Verleumder! Das laſſ' ich nicht auf mir ſitzen, und ſollt' es mich das Leben koſten!“ Er wandte ſich, als ob er dem Hauſe zu wollte. „Umgedreht, umgedreht, Caspar!“ ſagte Bensheim leiſe. „Hier durch die Wieſe und mir nach. Horſt iſt nicht hier, wie es ſcheint, und auch Jakob iſt nicht daheim. Ich weiß indeſſen, wo wir wenigſtens den Letzteren finden werden. Unter⸗ wegs können wir weiter reden.“ Der Mann folgte der Weiſung und ſchritt dem in Be⸗ wegung geſetzten Pferde nach, den Weg zurück, gegen den Waldrand zu, die finſteren Augen geſenkt und drohende Worte vor ſich hinmurmelnd,— bis der Oberförſter, da ſie ſchon zwiſchen den Bäumen waren, plötzlich ſagte:„hier links!“ und zugleich ſein Pferd in einen Steig lenkte, der durch die vorgeſchobenen dichten Büſche vollſtändig verborgen war. Da ſchaute Caspar auf und forſchend umher.„Hoho?“ ſagte er dann,„geht's denn zu den jungen Eichen? Dies muß der Weg ſein! Für die Nacht iſt's ſchon recht, oder wenn er über die See davon will. Sonſt aber— „Das werden wir erfahren— bei den. Eichen ſoll ich Jakob treffen, hat mir die Frau geſagt,“ fiel Bensheim ein. „Jetzt aber, Caspar, ſagen Sie mir mehr und vor allem, was Sie in ſolcher Weiſe erzürnt— ich ſah Sie noch nie ſo grimmig, Mann!“ 4 Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 7 Fünftes Kapitel. „Das kann Sie nicht wundern, Herr, wenn Sie hören, wie es zuſammenhängt!“ verſetzte Caspar Peers grollend, während ſie raſch weiter zogen.„Sehen Sie, ich begegnete Detlef auf dem„alten Damm“, grade wie zu Kolitz das Feuer aufging. Das trieb uns denn gleich wieder ausein⸗ ander, denn die Guſtow'ſchen kamen ſchon heran, und Knauſt, der Gensdarme, hatte mich auf dem Wege geſehen und würde, da er gerade hinter Detlef her war, ſich allerhand Gedanken gemacht haben, hätt' ich beim Feuer gefehlt. So hört' ich nur von Detlef, daß er ſich auf dem Liebenkamp verbergen wolle, bis er weiter könne, und als ich gegen Mittag zu Kolitz auf den Pfarrhof kam, erzählt' ich davon. Sie dürfen mir das nicht ſo hoch anrechnen, Herr Oberförſter,“ redete der finſtere Mann weiter.„Sie wiſſen vielleicht, daß man dort an mir vor Zeiten wirklich Gutes gethan hat. Es mag Manches nicht ſo geweſen ſein, wie es ſein ſoll, allein gegen mich geſchah's nicht, und es wäre undankbar, wollte ich die Herrſchaft im Stich laſſen, wo es auf ihren Schaden oder Vortheil ankommt. Wie es vordem mit dem Detlef war und mit ihnen— nun, davon will ich nicht weiter reden. Sie iſt ſeine leibliche Mutter, und ich hab' es erlebt, daß ihr ſchier das Herz brach, als damals das Unheil zu Platz kam. Und daß über den Herrn Magiſter allerhand Reden im Gange ſind—“ „Was geht uns das an?“ unterbrach ihn Bensheim ab⸗ lehnend. „Ich meinte auch nur, ich ſei's ihnen ſchuldig zu ſagen, Freundesſtimmen. 99 daß Detlef im Lande und wo er zu finden. Es konnte ja noch alles wieder gut werden. Er war ja ſo lange fort, da ſollte der alte Verdruß ſchon vergeſſen worden ſein! Und ich ſah auch, daß es der Mutter tief zu Herzen ging, und nicht anders war es mit Herrn von Beſtfeld, der dabei ſtand. Daß der Magiſter hart blieb— dazu kann ich nichts ſagen. Aber— es iſt ſchandmäßig, ſag' ich!“ brach er ab. Trotz des lebhaften Sprechens zogen ſie immer raſch vorwärts durch die dichteſten Beſtände des Waldes. Das Gezweig von oben und die Büſche von hüben und drüben drängten ſich dermaßen zuſammen, daß der Reiter nicht ſelten den Kopf ſenken mußte, um durchzudringen, und ſein Be⸗ gleiter kaum neben dem Pferde Platz fand. Man ſah nirgends weit in den Wald hinein, alles war dicht bewachſen und voll Schatten. Aber die Dämmerung, die hier herrſchte, war keine natürliche mehr. Es mußte droben am Himmel irgend etwas vorgehen und ſich Gewölk ſammeln, wie man daſſelbe an dem prachtvollen Morgen und zu ſo früher Stunde gar nicht hätte erwarten ſollen. Und dazu kam noch eine, wiederum für dieſe Stunde auffällige Stille in der Natur: es regte ſich kein Blatt, und die Vögel waren alle wie verſchollen. Ganz konnte dieſe Veränderung den Männern nicht ent⸗ gehen. Bensheim warf einen bedenklichen Blick in die Runde und erhob das Auge, wenn auch vergebens, nach oben. Eine Bemerkung machte er nicht. Da ſein Begleiter aber noch immer ſchwieg, fragte er endlich:„was heißt das, Caspar? Sie ſind doch noch nicht fertig!“ Fünftes Kapitel. „Nein, Herr,“ verſetzte der Mann und blieb ſtehen und ſchaute mit düſterem Blick zu dem Anderen auf.„Wenn ich an das alles denke und es mir klar mache, dreht ſich mir ſchier das Herz um. Es iſt ſchandmäßig, muß ich immer wieder ſagen!— Als der Magiſter, der einen Augenblick im Hauſe geweſen war, wieder heraus und zu uns Anderen kam, ging hinten mit einem Male das Feuer auf. Daß es an⸗ gelegt, verſteht ſich freilich, aber zu capiren iſt's dennoch kaum. Der Magiſter war im Hauſe, ſag' ich, und nach hinten, die beiden Fräulein und ein paar Mädchen waren auch dort, keines hat einen Fremden in der Nähe geſehen, als die Frau Mens, die einen Mann gegen den Buſch laufen ſah. Na, Herr, es iſt ja möglich, daß es der gethan, aber daß der Herr Magiſter, als er es hörte, glauben konnte, es ſei viel⸗ leicht der Detlef geweſen— das geht über meinen Verſtand. Als er mich ſo darauf anblickte, erſchrack ich zuerſt und ſchämte mich ſchier für ihn. Allein ich meinte doch, es ſei nur ſo ein dummer Einfall, wie er ſchon einmal durch den Kopf ſchießt, wenn derſelbe ohnehin confuſ' iſt. Und ſo ſagt' ich ihm nur ernſthaft, daß er ſich irre, und dann dacht' ich nicht mehr daran. Heut Morgen ſagte mir unſer Nachbar, daß Detlef da ſei und im Liebenkamp ſtecke— Wehrenberg habe davon geſtern geredet und wolle es vom Magiſter er⸗ fahren haben. Das war denn freilich ſtark, und wie ich jetzt vom Magiſter dachte, brauch' ich Ihnen nicht zu ſagen. Ich machte mich auf den Weg, um den armen Teufel zu warnen. Und nun ſagen Sie mir,“ ſchloß er von neuem knirſchend, Freundesſtimmen. 101 „daß er ihn nicht blos verrathen, ſondern auch noch verläſtert hat— ſchandvoll! Aber leiden thu' ich das nicht! Der Detlef muß erfahren, daß nicht ich an ihm zum Schuft ge⸗ worden, und mit dem Herrn Magiſter werd' ich dann auch ein Wort zu reden haben, das er nicht vergißt.“ „Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern,“ ſprach Bens⸗ heim, da ſein Begleiter grollend neben ihm herſchritt,„allein man kann ihnen noch immer eine gute Seite abgewinnen. Und ſo mein' ich, ſollte Horſt nicht davon zu kommen ſuchen, ſondern ſich grade freiwillig ſtellen und die Unterſuchung ver⸗ langen. Nach allem, was ich erfuhr, kann ſie nicht zu ſeinem Schaden ausſchlagen. Und wenn er die Sache richtig anfaßt, würde ſich auch von früherher noch Manches zur Sprache bringen laſſen, das—“ Caspar blickte zu ſeinem Begleiter plötzlich mit einem Ausdruck auf, als ob ihm dieſe Theilnahme des Herrn für einen ihm, wie er glaubte, völlig unbekannten und nicht allzu gut beleumundeten Menſchen, denn doch ernſtlich auffalle und ihn ſogar mit einem gewiſſen Mißtrauen erfülle. Bensheim begriff dieſe Regung augenſcheinlich ſogleich. Ohne den begonnenen Satz zu vollenden, ſagte er freundlich: „ich kann es Ihnen nicht verdenken, Caspar, wenn meine Theilnahme in dieſer Sache Sie befremdet. Sie dürfen ſie aber für ehrlich halten, obſchon ich ſie Ihnen nur zum Theil erklären kann. Sehen Sie, mit dem Magiſter Siemann habe ich gar keine Verbindung, er weiß vermuthlich kaum von mir. Bei mir ſteht das in Anſehung ſeiner allerdings anders— 102 Fünftes Kapitel. ohne daß ich mich jemals um eine ſolche Kenntniß bemüht hätte. Es kam ſtets durch Zufall an mich, darf ich ſagen, von damals her, wo der Herr Horſt in der Stadt Bankerott machte und ſtarb— ich diente dort gerade beim Bataillon als Freiwilliger!— und als die Wittwe nach Horn zog, darauf den Magiſter heirathete, mit ihm nach Kolitz kam— immer fort bis in die neueſte Zeit. Kurz, ich habe Gelegen⸗ heit gehabt, mir ein ſehr beſtimmtes Urtheil, beſonders über ihn, zu bilden, und Ihnen darf ich ſchon ſagen, daß es kein günſtiges iſt. Er und ſein Handeln geht mich zwar nichts an, allein ich denke, wo ich Jemand auf das Verderben eines Anderen ausgehen ſehe, iſt es nicht bloß mein Recht, ſondern auch meine Pflicht, ihm nach Kräften entgegen zu treten. Mit Detlef Horſt und mir ſteht es ähnlich und dennoch an⸗ ders. Mit ihm traf ich— ich ſage Ihnen das im tiefſten Vertrauen!— in einer ſehr ernſten Stunde und in einer ſehr delicaten Angelegenheit zuſammen und lernte den viel geſcholtenen jungen Mann von einer Seite kennen, die nicht nur meine Achtung, ſondern auch eine warme Theilnahme für ihn erweckte. Bald darauf hatte er jenen unglücklichen Zank mit dem Steuermann Heldt und entfloh. Was er ſeit⸗ her getrieben und was aus ihm geworden, weiß ich freilich nicht und bin daher auch nicht ohne Mißtrauen. Aber eine im Grunde ſo tüchtige Natur kann, wie ich glaube, wenigſtens nicht ganz unterliegen. Schon daß er ſo ſehr an dem Mäd⸗ chen hängt und hauptſächlich um deſſenwillen zurückkommt, ſpricht bei mir wieder für ihn. Und da ich ihn nun, wie es Freundesſtimmen. 103 ſcheint unverdient, im Unglück ſehe, will ich wenigſtens ver⸗ ſuchen, ob ich ihm nicht in irgend einer Weiſe helfen kann, wenn— aber genug geredet!“ brach er ab und ſchaute ſich forſchend um.„Sie werden mir nicht mehr mißtrauen, und das genügt. Die jungen Eichen ſind da. Wo ſtecken nun aber die Menſchen?“ Sie waren eben aus dem bisher verfolgten engen Pfade heraus und auf eine kleine Lichtung gekommen. Ihr weiterer Weg wurde durch dieſelbe freilich nicht erleichtert. Wenn man ganz genau zuſah, fand man allerdings die verwachſenen Geleiſe des Weges, auf dem vor Zeiten das geſchlagene Holz abgefahren war, ſich quer über den Platz hinziehen. Allein er war, um dies zu wiederholen, von Gras und Kraut völlig überwachſen, hie und da waren ſogar ganze Büſche auf ihm emporgeſchlagen, und der Epheu, deſſen Ranken in üppigſter Fülle ſich hin⸗ und herſchlangen, machte die Paſſage noch ſchwieriger. Rings umher ſtand es nicht beſſer. Alles war voll junger Schößlinge aus den alten Wurzeln, Heidelbeer⸗ büſche und Farren drängten ſich dazwiſchen, und mitten in dieſem Gewirre lag halbvermodertes Gezweig und ragten die Stammenden der geſchlagenen Bäume ſcharfkantig hervor. Der Fußgänger brauchte hier bei jedem Schritt ſeine Augen, und ein Reiter ſtieg am beſten ab und führte ſein Pferd. Nach rechts und auch vorn hinaus erhob ſich noch der alte hohe Wald, wie Jahrhunderte ihn zu ſolcher Kraft hat⸗ ten gelangen laſſen. Links aber zeigte ſich der Schlag junger Eichen, nach denen man die Gegend bezeichnete. Sie ſtanden —.— ———ÿꝑÿy— 104 Fünftes Kapitel. noch ſo gedrängt, daß man nicht wohl begriff, wie ein ſtärkeres Wild, geſchweige denn ein Menſch, ſich zwiſchen die Stämme einzuſchieben vermögen ſolle. Auf dem Platz lag jetzt wieder der Sonnenſchein, aber es war nicht mehr der volle Glanz, der vor einer halben Stunde noch den Liebenkamp umfloſſen hatte. Der Himmel droben erſchien vielmehr dunſtig, ein paar Wolkenflocken, welche vorüber trieben, waren grau ſchattirt, und auch wo man zwiſchen den Stämmen des vorderen, nicht breiten Wald⸗ gürtels in die freie Weite blickte, zeigte ſich nirgends mehr das freundliche Blau. Auch hier war alles todtenſtill, das Laub regte ſich nicht und von den Vögeln ließ ſich keiner ſehen noch hören, es müßte denn zuweilen von fern her der grelle Schrei einer Möve leiſe herüber gedrungen ſein. Die beiden Männer achteten einſtweilen freilich auf dieſe Anzeichen eines Witterungswechſels nicht, ſondern ſpähten und lauſchten auf das angeſtrengteſte nach denen, welche ſie hier finden ſollten. „Das ſieht bös für uns aus,“ ſagte der Oberförſter endlich kopfſchüttelnd. „Laſſen Sie mich.'mal einen alten Spaß probiren, den wir Jungen uns vordem oft genug machten,“ ſprach Caspar. „Detlef wird, wenn er's hört, ſchon merken, daß es ihm gilt.“ Und plötzlich Klang von ſeinen Lippen in höchſter Vollkommen⸗ heit jenes melodiſche Flöten, welches zur Kirſchenzeit der Pirol durch den Wald ſchallen läßt. Bei der rings herrſchenden Stille mußten die Töne weithin vernehmbar ſein. Allein, Freundesſtimmen. 105 wie ſie auch aufhorchten, es regte ſich nichts, was für eine Antwort hätte gelten oder auch nur die Nähe eines Dritten bemerklich machen können. Der Verſuch wurde wiederholt und endlich, von einer einigermaßen veränderten Stelle, zum dritten Male gemacht, ohne daß er einen Erfolg gehabt hätte. Caspar ſchüttelte den Kopf.„Sie ſind entweder gar nicht hier, oder Detlef mißtraut mir,“ meinte er, die Brauen zuſammenziehend.„Kann ich's ihm verdenken bei ſo viel Nichtswürdigkeit der Anderen?— Kommen Sie, Herr,“ fügte er nach einem nochmaligen Umherſchauen hinzu,„wir wollen in's Feld hinaus. Vielleicht ſteckt er dort und vigilirt auf ein Horn'ſches Boot. Jedenfalls können wir beſſer um uns ſehen.“ Nachdem er ſich gleichfalls noch einmal umgeſchaut und jede Stelle geprüft hatte, welche ein Verſteck darbieten zu können ſchien, ſtieg Bensheim ab und folgte, das Pferd am Zügel führend, dem voranſchreitenden Caspar, an den Eichen entlang, wo der Boden verhältnißmäßig freier war, und in den Waldgürtel hinein. Wie wir bereits andeuteten, war derſelbe hier nicht breit, und nach zwei bis dreihundert Schrit⸗ ten ſchon langten die Männer bei den dichten Gebüſchen an, welche, wie überall, hier am Waldrande, wo ſie mehr Licht und Luft hatten, in üppigſter Fülle aufgeſchlagen waren und kaum einen Durchgang gewähren zu wollen ſchienen. Trotz⸗ dem war derſelbe ſchnell erzwungen. Caspar drängte ſich durch, Bensheim folgte ihm, nachdem er die Zügel des Pfer⸗ 106 Fünftes Kapitel. des um einen jungen Stamm geſchlungen hatte, und Beide ſtanden nun an dem tiefen Graben, der den Wald von den Aeckern ſchied, auf einer Stelle obendarein, welche, ziemlich weit vortretend, ihnen nicht nur nach vorn, ſondern auch nach rechts und links, einen guten Ueberblick geſtattete. Die Ausſicht, welche die Beiden hatten, glich derjenigen, deren Caspar am vergangenen Morgen von der Sturmweide aus genoß, bis auf den einzigen Unterſchied, daß die Acker⸗ und Wieſenflächen, welche er geſtern im Rücken gehabt hatte, nunmehr vor ihm lagen, und der Strand nicht dreißig, ſon⸗ dern vielleicht tauſend Schritte entfernt war; links zog ſich der tiefe Einſchnitt entlang, den der zur Brücke ziehende Bach bildete. Der große Abzugsgraben, in welchem geſtern Detlef gegen den Wald zu floh, war grade vor ihnen, ſo daß man ihn eine Strecke weit überſehen konnte. Den„alten Damm“ konnte man bis an ſeine beiden Endpunkte verfolgen, die Brücke ſah man deutlich, die Sturmweide vermochte man erſt von hier aus in ihrer koloſſalen Größe zu würdigen, und den Meer⸗ buſen hatte man in ſeiner ganzen Ausdehnung innerhalb ſeiner ausgeſchweiften Küſten vor ſich. Ja, man ſah das alles ſchier deutlicher, als man es geſtern, tauſend Schritte weiter vorwärts, erblickte; alles zeigte ſich in, man hätte ſagen mögen, unheimlicher Weiſe nahe gerückt: die See ſchien keine hundert Schritte entfernt zu ſein, und die Häuſer und Bäume von Horn und die Spieren der Schiffe im Hafen und auf der Rhede waren ſo nahe, daß man meinte, man könne ſie mit einem Steinwurf erreichen. — ——— Freundesſtimmen. 107 Dieſe eigenthümliche Erſcheinung rechtfertigt nicht nur, daß wir die Gegend von neuem ſchilderten, ſondern auch, daß Bensheim und Caspar beim Heraustreten aus den Büſchen zuerſt nicht nach dem Flüchtling, ſondern auf die Landſchaft ſchauten und ihre Augen mit beſorgtem Ausdruck zu derſelben zurückkehren ließen, ſobald ſie ſich verſichert hatten, daß auch hier von dem Flüchtling und ſeinem vermutheten Begleiter keine Spur zu entdecken war. Alles deutete auf einen von den jähen Witterungswechſeln hin, welche dieſe Küſtengegenden nicht ſelten heimſuchen: jetzt der reinſte und glänzendſte, ſchönſte Morgen oder Tag, und eine Stunde darauf alles im tiefſten Dämmer, voll Blitz und Donner, voll fliegendem Sturm und peitſchendem Regen. Ja, der Wechſel war ſchon da. Hier am Walde und auf den Feldern regte ſich noch kein Hauch, auch die Weiden am alten Damm ſtanden anſcheinend noch unberührt; draußen über die See hin mußten aber bereits einzelne Vorſtöße glei⸗ ten, denn man ſah es deutlich genug, wie ſchnell und immer ſchneller die Wellen ſich drängten, ſich hoben, wie die Möven, welche noch draußen ausgehalten hatten, gegen den Strand weniger flogen als geweht wurden, und mit welcher furcht⸗ baren Eile einzelne ſchwere Wolken herauf⸗ und vorüber⸗ jagten. Der weißliche Dunſt, der den ganzen Himmel bedeckte, wurde raſch ſo dicht und grau, daß die Sonne ihn nicht mehr zu durchleuchten vermochte. Und ganz in der Ferne, faſt hinter Horn und am Rande des nördlichen Horizonts, zeigte ſich eine noch nicht hohe, aber faſt ſchwarze Wolkenbank. 108 Fünftes Kapitel. „Sehen Sie— ſehen Sie!“ ſagte Caspar gepreßt und beinahe leiſe und hob die Hand und deutete auf die See hinaus— es zeigte ſich dort das braunrothe Segel eines Boots, das mit raſender Eile, man hätte glauben können, von Horn, herüberkam. Bei der erſchreckenden Durchſichtig⸗ keit der unteren Luftſchichten ſah man deutlich, wie das Segel voll zum Zerreißen war und wie hart das Backbord des kleinen Fahrzeuges auf dem Waſſer lag.— Für den Landbewohner ein erſchreckender, für den Seemann ein ent⸗ zückender Anblick: denn das wackere Boot kam heran, als ſei von keiner Gefahr die Rede, und warf die Wellen auf die Seite, daß ſie ſtäubten. Und jetzt— es mußte ein harter Stoß herüberfahren, aber der am Bord trotzte ihm!— flog das Segel herum und das Boot legte ſich auf Steuerbord und ſchoß vorwärts, als ſei nichts geſchehen. „Staatsmäßig!“ ſagte Caspar, tief athmend, während ein donnerndes Brauſen durch die Weiden am Damm fuhr, über die Felder flog und jetzt ſchon die Bäume und Büſche über und neben den Männern durchraste.„Zehn Minuten, und er iſt unter Land und ſicher! Aber hat er ſie noch?“ Und der Zweifel war allerdings ein ſehr berechtigter. Es flog eben ſchon der zweite Stoß herüber, die ſchwarze Bank war in den wenigen Augenblicken faſt bis zum Zenith aufgequollen und hatte ſich drunten vom Horizont abgehoben, die Blitze flammten grell an ihr entlang und der Donner rollte grollend über die hoch ſich aufbäumenden Wogen. Und es war kein Vortheil, daß, abgeſehen von den Staubwolken Frruundesſtimmen. 109 über dem„alten Damm“, die Luft durchſichtig blieb, die fernen Ufer noch näher rückten, der Regen nicht kommen wollte: die trockenen Gewitter ſind ſtets die ſchwerſten. Das Wetter entwickelte ſich mit raſender Eile zu ſeiner vollen Stärke, die Windſtöße wurden zum Sturm, Blitz und Donner folgten einander faſt ohne Pauſe. Allein dem Boot wurde dies alles nicht mehr gefährlich, denn ſelbſt Caspar, der an der See lebte und durch ſeinen Beruf mit ihr in ſteter Verbindung erhalten wurde, hatte ſich über die Ent⸗ fernung wie über den Seegang getäuſcht, und es war ver⸗ muthlich noch nicht die Hälfte der von ihm genannten Zeit verſtrichen, als das kleine Fahrzeug bereits unter Land ſchoß und, bei ſeinem geringen Tiefgang, in der, durch den Bach in den Strand geſchnittenen Rinne einen erträglich ſicheren Platz fand. Man ſah von ihm nichts mehr als den Maſt, der über das Brückengeländer aufragte. Die beiden Männer athmeten dennoch tief auf, der An⸗ blick war gar zu aufregend geweſen.„Wenn das wirklich dem Detlef gilt,“ meinte Bensheim,„ſo wär' es ja recht. Aber bei dem Sturm kommt er niemals hinaus!“ Caspar erwiderte nichts. Er prüfte flüchtig das Aus⸗ ſehen des Himmels, wandte aber die Augen alsbald der Erde zu und ſondirte ſo zu ſagen mit peinlicher Aufmerk⸗ ſamkeit den Waldrand, das Feld, das Bett des Baches und die Gräben— vergebens. Denn es zeigte ſich nichts Lebendes. Statt ſeiner übernahm aber eben das Wetter ſelber die 110. Fünftes Kapitel. Antwort auf des Oberförſters Bemerkung. Ebenſo ſchnell, wie es heraufgekommen war, jagte es auch vorüber. Der Sturm ſank plötzlich zu einem freilich noch ſcharfen Winde herab, der jetzt voll aus dem Norden blaſend, den Strand und Meerbuſen weniger traf. Die Gewittermaſſe ſtand ſchon über dem Walde und hatte augenſcheinlich ihre Kraft draußen erſchöpft, es kamen nur einzelne harte Donnerſchläge und nun begannen auch endlich große Regentropfen zu fallen. „Es geht, es geht wahrhaftig dennoch!“ ſagte Bensheim wieder mit einem Blick dies Alles überfliegend.„Aber— eilen ſollten ſie!“ „Das weiß Gott!“ verſetzte Caspar, deſſen Auge auf der ſchwarzen Wolkenmaſſe ruhte, welche ſchon wieder über der See ſtand und mit grell aufflammenden Blitzen herauf⸗ quoll.„Es wird noch ſchwerer, fürcht'— ſehen Sie, ſehen Sie, Herr!“ Bei der Brücke drüben regte ſich etwas. Ein paar Sekunden ſpäter erkannten ſie bereits einen kleinen Jungen, der ſo ſchnell er laufen konnte, auf dem Bachufer heraneilte. Als er etwa die Hälfte ſeines Weges erreicht hatte, lief plötz⸗ lich vom Walde her ein Mann ihm entgegen. „Detlef!“ ſchrie Caspar— es verklang ungehört in dem erſten Stoß des neuen Sturms. Von Kolitz her ſah man auf dem„alten Damm“ einen Reiter heranjagen, bis er mit einemmale, als habe ihn der eben vorüberzuckende Blitz getroffen, mit dem Pferde zuſam⸗ menſtürzte. Freundesſtimmen. 111 Der Flüchtling war verſchwunden,— war er in's Bach⸗ bett geſprungen? Jetzt aber ſah man das Segel am Maſt, und es rückte vom Lande fort. Auf der See lag ein Dunſt, als reichten die Wolken bis auf die Wellen. Und nun ſtürzte zwiſchen Blitz und Donner der Regen nieder und ſchnitt jede Ausſicht ab. VI. Aeberraſchungen. Am Abend dieſes Tages war Bensheim wieder daheim, zum großen Troſt für ſeine Frau. Denn obſchon die Ge⸗ witter längſt vorüber waren, ja dieſe Gegend kaum geſtreift hatten, war es ihr doch in dem einſamen Waldhauſe unheim⸗ lich geworden und hatte ſie überdies an den Gatten mit tauſend Sorgen denken müſſen, den ſie mitten im tollſten Aufruhr der Elemente wußte. Dazu kamen die erſten ge⸗ nauen Nachrichten über den geſtrigen Brand in dem unglück⸗ lichen Kolitz, und dergleichen iſt ganz dazu geeignet, grade auf dem Lande, in einem ſo abgelegenen Gehöft und zumal, wenn auch hier eben etwas Aehnliches aus den ſchweren Wol⸗ ken herabdroht, den allertiefſten Eindruck zu machen. Nun aber war der Gatte alſo wieder da, heil und ge⸗ ſund, wenn auch nicht heiter, noch mit ſeinem Tage zufrieden. In der Stadt war er nicht geweſen, das erfuhr ſie wohl von ihm; im Uebrigen waren ſeine Mittheilungen ſo wort⸗ Ueberraſchungen. 113 karg, wie möglich, und beſchränkten ſich beinahe auf die An⸗ deutung, daß er den Flüchtling nicht gefunden habe. Der⸗ ſelbe ſcheine vielmehr auf einem Boot ſeewärts entflohen zu ſein— wohin, das wiſſe er nicht, und wie es mit ihm wer⸗ den möge, darüber habe er gleichfalls keine Ahnung. Frau Bensheim, die ſich für den Verfolgten, wie wir wiſſen, auf das Herzlichſte intereſſirte, ſchüttelte den Kopf dazu. Die Nachrichten beruhigten ſie für ihren Schützling, Chriſtine, nicht und die Weiſe und das Weſen des Gatten machten die Sache nicht beſſer. Allein wie er nun einmal war, ließ ſich hier nichts ändern und mußte ſie ſich in Ge⸗ duld fügen. Der Oberförſter fühlte ſich wirklich durch die Erlebniſſe des heutigen Tages mehr ergriffen und niedergedrückt, als dem kräftigen, friſchen Mann ſonſt zu paſſiren pflegte, ja als er im Grunde durch die Erlebniſſe ſelber recht zu er⸗ klären wußte. Ging es ihm doch mit ſeiner Theilnahme für Detlef kaum anders— die Gründe, welche er Caspar Peers angegeben, und die weiteren, die er für ſich behalten hatte, reichten keineswegs aus, und er mußte ſchon neben und über ihnen noch irgend eine von jenen Regungen annehmen, die uns zuweilen erfaſſen und zum Handeln treiben, nicht wider unſern Willen grade, aber ohne, daß wir ſie recht verſtehen. Der Regen, der den beiden Männern den Anblick des entfliehenden Boots entzogen, hatte ſie nicht von ihrer Pflicht abgehalten, nach dem geſtürzten Reiter zu ſehen. Wie der Zuſtand des„alten Dammes“ von uns vordem beſchrieben Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 8 114 Sechstes Kapitel. wurde, war ein ſolcher Sturz, zumal bei beſonderer Eile des Reitenden oder Fahrenden, grade nichts Ungewöhnliches, mußte aber unter allen Umſtänden für Menſchen und Thiere ein harter, ja nicht ſelten ein lebensgefährlicher ſein. Bens⸗ heim und Caspar hielten ſich daher auch keine Minute und zwar um ſo weniger auf, als ſie auf der Unglücksſtelle keiner⸗ lei Bewegung ſahen. Als ſie indeſſen herankamen, zeigte ſich die Sache nicht ganz ſo bedenklich, wie ſie beinahe ſchon ge⸗ fürchtet hatten. Der Gaul raffte ſich auf, er war tüchtig zerſchlagen und lahmte. Der Reiter— es war der uns von vergangenem Morgen her bekannte Gensdarme Knauſt — lag noch betäubt, aber auch ihn brachte jetzt der furcht⸗ bare Regenguß zur Beſinnung, und da er ſich mit Hülfe der Beiden erhob und„ſeine Gliedmaßen zuſammenſuchte“, fand auch er ſich bis auf ein paar Quetſchungen und eine leichte Kopfwunde unverletzt. Vor allem hatte der arme„alte Damm“ einige gewaltige Flüche hinzunehmen, die ihm be⸗ kanntlich bei ſolchen und ähnlichen Gelegenheiten regelmäßig zu Theil wurden. Dann flogen ein paar andere in die See hinaus und dem verſchwundenen Boote nach, und darauf endlich betrachtete Knauſt ſeine Helfer— den Oberförſter mit Dankbarkeit, da deſſen Anweſenheit auf dieſer Stelle keine verdächtige war, weil verſchiedene Reviere des Herrn ganz in der Nähe lagen; Caspar Peers jedoch mit einem kaum verhehlten Mißtrauen, welchem indeſſen von Caspar's Seite jene außerordentliche und gewiſſermaßen behagliche Seelen⸗ ruhe begegnete, die wir gleichfalls ſchon geſtern kennen lernten. Ueberraſchungen. Sie zeigte ſich noch überraſchender, als ſie ſelbſt Knauſt's Angaben gegenüber Stand hielt: der Gensdarm— ſie hatten, den Gaul mitgerechnet, zu Vieren den Schutz der Sturmweide aufgeſucht— ſagte jetzt offen, daß auch er auf Detlef's Ver⸗ folgung ſei; die Indicien in Betreff des Pfarrhausbrandes ſeien überwältigend; daß er im Liebenkamp geſteckt, ſei icher genug— ein Wort ſprach er nicht⸗ s, aber der Blick auf Caspar ſagte deutlich:„du mußt das beſſer wiſſen, als irgend ein Anderer!“— Man werde den„ſauberen Herrn“ aber ſchon bekommen, trotz dieſes tollen Bootsausflugs— was gehängt werden ſolle, ertrinke nicht, fügte Herr Knauſt halb grimmig, halb ſarkaſtiſch hinzu. Avertirt ſei man allerwärts, zu Horn drüben, wie zu Leſthin hüben, und ſo werde man den„Geſellen“ dann ſchon irgendwo ſanft in den Arm neh⸗ men und ihm das Handwerk legen. Der Gensdarm brachte dies alles mit einer gewiſſen grauſamen Luſt vor, die ſonſt wenig im Charakter des, wie wir wiſſen, keineswegs durch Strenge und Härte berufenen Mannes lag. Hatte ihn der Sturz und die durch dieſen erleichterte Flucht des Verfolgten in ſolchem Grade geärgert, oder wollte er ſich an Caspar rächen, deſſen Begegnung oder erneuerte Verbindung mit Detlef ihm aller Vermuthung nach kein Geheimniß mehr war?— Wer kann das ſagen! Er ſtieg nun wieder auf und ritt mit erneuten Flüchen über den„alten Damm“, ſo ſchnell der lahme Gaul vermochte, Guſtow und Horn zu.„Ich weiß ſchon,“ war ſein letztes Wort geweſen,„der Herr—“ man ſieht, Knauſt liebte und 116 Sechstes Kapitel. übte in ſeinen Bezeichnungen die Abwechslung!—„hat hier noch allenthalben gute Freunde. Aber helfen ſoll ihm das nicht. Wir holen uns ihn und, wenn's noth thut, auch die Anderen!“ Das ganze Geſpräch der Drei hatte ſchwerlich länger als eine Viertelſtunde gedauert— wir ſind bei unſeren Schilde⸗ rungen und Darſtellungen mit der Zeitberechnung meiſtens außerordentlich verſchwenderiſch,— man ließ eben nur den gewaltigſten Regenguß vorüber. Jetzt war bei der ſtürmi⸗ ſchen Eile des Wetters der Hauptausbruch ſchon vorüber, das Gewitter tobte bereits wieder über dem Walde, dem Sturm folgte ein ſcharfes Wehen, und über der See fing es an heller zu werden und einen weiteren Ausblick zu ge⸗ ſtatten. Vom Boot war jedoch keine Spur zu entdecken. Zu thun war hier für den Augenblick gar nichts, und ſo brachen die Beiden auf, Bensheim, um nach ſeinem armen Pferde zu ſehen und heimzukehren— in ſeinem jetzigen Zu⸗ ſtande konnte er an keinen Beſuch in der Stadt denken!— und Caspar, um, wie er ſagte, nach Leſthin hinüberzueilen und dort nach Detlef zu forſchen. Nach Horn, meinte er, ſei das Boot unmöglich zurück; dem widerſpreche nicht nur der Wind, ſondern auch die Vernunft der Menſchen: wie die Sachen jetzt ſtehen, müſſe Detlef dort augenblicklich aufge⸗ fangen werden. Dagegen ſtehe es in der Leſthiner Gegend anders; Bekannte und, wie der Gensdarm es heiße, Freunde finde er auch dort und, hatte Caspar mit einem eigenthüm⸗ lichen Ausdruck hinzugefügt, ſelbſt Herr von Beſtfeld ſei —— Ueberraſchungen. 117 ſicherlich kein unerbittlicher Gegner. Genug, er wolle hin⸗ über, ſeine Heimreiſe müſſe ſchon noch aufgeſchoben werden. Denn er wolle und müſſe Detlef ſehen oder von ihm erfahren — der Unglückliche dürfe nicht glauben, daß er, der älteſte Freund, ihn verrathen habe, ihn des neuen Verbrechens für ſchuldig halte. Die Leſer darf dies Motiv nicht Wunder nehmen. Der Kaſten⸗ und Standesgeiſt der höheren Stände nahm in ſeiner Selbſtüberhebung und Selbſtverblendung freilich damals ſo gut, wie auch noch heute, alles, was man als Ehrgefühl be⸗ zeichnet, für ſich allein in Anſpruch und Beſchlag. Aber man braucht nur einmal einem rechten Mann des Volks in's Herz zu ſehen und auf ſein Thun und Treiben zu achten, um ſich alle Tage auf's neue von der Hinfälligkeit beſagter Anſprüche zu überzeugen. An ein Unglück, das dem Boot begegnet ſein könne, ſchien Caspar gar nicht zu denken. Er kannte eben die— ſagen wir einmal: Natur dieſer Muſterfahrzeuge und ihrer Muſterführer viel zu gut, um ſich mit ſolchen Vorſtellungen zu plagen. Bei Bensheim war es damit aber anders und er ging, während ſein Gefährte Kolitz zueilte, mit ſchweren Sorgen zum Walde zurück, beſtieg das Pferd und ritt durch den triefenden Buſch wieder dem Liebenkamp zu. In ſolcher Stimmung iſt uns alles willkommen, was uns einigermaßen von derſelben abzieht, und dies empfand auch der Ober⸗ förſter, da er die Verzweiflung der Frau ſah, deren Mann und Knabe noch immer nicht zurückgekehrt waren, und ſie 118 Sechstes Kapitel. zum mindeſten über den letzteren beruhigen konnte. Im Walde konnte den Beiden ja kaum etwas Schlimmes begeg⸗ net ſein, ſelbſt die Gewitter hatten die„jungen Eichen“ ſeit⸗ wärts gelaſſen, ebenſo wie den Liebenkamp ſelber. So ritt er endlich, wirklich ein wenig zufriedener weiter: Caspar hatte Nachricht verſprochen, und daß Chriſtine ſeine Erlaubniß, nach Horn zu ſchicken, benützt haben würde, konnte er vorausſetzen. Hatte es irgend ein Unglück gegeben, ſo mußte man auch von dort etwas erfahren. Daheim wurde es allerdings wieder anders. Es liefen von mehr als einer Seite bereits Berichte über den ſchweren Schaden ein, den Gewitter und Sturm in einzelnen Theilen ſeiner Forſten angerichtet hatten, und brachten ihm ſozuſagen die furchtbare Gewalt des Unwetters auf der offenen See von neuem zur Anſchauung. Von Caspar blieb jede Kunde aus— ſie war freilich auch noch nicht zu erwarten; aber Chriſtinen's Bote, der Abends ſpät zurückkehrte, brachte die Nachricht, daß ein alter Bootsmann, der morgens ausge⸗ fahren ſei, vermißt werde. Man ſei ſelbſt in den Fiſcher⸗ kreiſen zu Horn unruhig über ihn geweſen. Das Wetter ſei gar zu plötzlich und gar zu ſchwer hereingebrochen. Wie wir ſagten: Bensheim vermochte ſich ſelber keine volle Aufklärung über ſeine hochgeſteigerte Theilnahme und ſeine ſchwermüthigen Vorſtellungen zu geben, aber er litt darum nicht weniger unter ihnen. Die ſtumme Trauer des Mädchens, die er wohl bemerken mußte, machte nichts beſſer, und ſelbſt die Mittheilung ſeiner Gattin, daß in ſeiner Ab⸗ Ueberraſchungen. weſenheit der Gerichtsdirektor Link, derſelbe, den er in der Stadt hatte aufſuchen wollen, ſich und ſeine Familie für morgen zu einem Beſuch haben anmelden laſſen, erheiterte ihn kaum, obgleich die Menſchen ihm lieb waren und das lange Beieinanderſein Beſprechungen der eingehendſten Art erlauben mußte. Bedurfte es ſolcher noch oder war es am Ende nicht beſſer, alles ruhen zu laſſen, wie— der Unglück⸗ liche vielleicht ſelber ruhte?— Der folgende Morgen war ſo ſchön und klar, wie der vergangene, und da die Gewitter in dieſen Gegenden nicht häufig ſind, konnte man einen Tag erwarten, wie man ihn für die angemeldeten Gäſte und ſich ſelber nur wünſchen durfte. Sie kamen vorausſichtlich früh, und Bensheim machte ſich auf, ihnen entgegenzugehen. Die ſeltſame, ihm ſelber kaum verſtändliche, niedergedrückte Stimmung des vorigen Abends hatte einer leichteren und natürlicheren Platz gemacht, er ſah das Geſchehene mit klaren Augen an, und da er, durch den Garten zum Walde ſchreitend, der trauernden Chriſtine begegnete, hatte er ein tröſtendes Wort für ſie. „Laß nur den Kopf nicht ſo hängen,“ ſagte er,„es wird ſchon noch gut werden. Hätt' es ein Unglück gegeben, Kind, ſo würden wir ſchon davon erfahren haben.“ Er glaubte ſelber an dieſe Worte. In dem kleinen Lande, wo alles in Verbindung mit einander und bekannt war, erfuhr man ſtets ſchnell von jedem beſonderen Ereigniß. Auf der durch den Wald führenden Straße kam ihm ein Gensdarm entgegen. Draußen am Strande ſah man 120 Sechstes Kapitel. dieſe Leute derzeit ſelten und nur dann häufiger, wenn irgend ein ungewöhnlicher Vorfall, wie gegenwärtig Detlef's Flucht, ſie in Bewegung brachte. Hier dagegen ſchwärmten ſie auf allen Wegen und Stegen. Die Grenze war nicht fern, und es gab Herumtreiber im Ueberfluß, die eine Ueberwachung nöthig und erklärlich machten. „Kommen Sie aus der Stadt? Haben Sie etwas von Ihrem Collegen Knauſt gehört?“ fragte Bensheim, als der Mann ihn reſpektvoll begrüßt hatte— der Oberförſter war in dieſen Gegenden ſelbſtverſtändlich eine ſehr bekannte und obendrein hochgeachtete Perſönlichkeit.„Er machte geſtern einen böſen Sturz auf dem alten Damm und war tüchtig zerſchlagen.“ „Ich hörte davon,“ lautete die Antwort.„Es iſt auch eine Schandſtraße, Herr Oberförſter, apart zum Arm⸗ und Beinbrechen eingerichtet. Und wenn man da raſch vorwärts ſoll, muß es ſchier ein Malheur geben.“ „Und da müſſen die Herren Verbrecher euch denn eben durch die Lappen gehen,“ meinte Bensheim mit einem Ver⸗ ſuch zu ſcherzen. „Leider, leider, Herr Oberförſter! Diesmal freilich hat ſich's doch noch gemacht, hör' ich.“ „Wie ſo?“ fragte der Herr— er mußte ſich zuſammen⸗ nehmen, um ſeine Frage nicht gar zu lebhaft klingen zu laſſen. „Na, es iſt ja neulich in der Stadt einer ausgebrochen, ein Herr Horſt, jetzt aber ſoll es der rechte Vagabund ſein. —,— Ueberraſchungen. Der iſt mit einem Horn'ſchen Boot über die See— mitten im Gewitter, Herr! Tollmannswerk! Aber beim Leſthiner Ort ſind ſie angetrieben, hör' ich, und da hat man ſie warm in den Arm genommen.“ „So ſo!“ ſagte Bensheim ſich bezwingend. Er ſah eben den Wagen, der ſeine Gäſte brachte, am äußerſten Ende der Waldſtraße erſcheinen.„Alſo da hat man auch auf ihn gepaßt? Da iſt man ja wetterſcharf hinter her geweſen.“ Der Gensdarm ſchüttelte den Kopf.„Es mag eine kurioſe Geſchichte ſein,“ bemerkte er,„und der Menſch iſt wohl ein toller Chriſt und treibt es arg. Hat doch ſein eigener Stiefvater, der Magiſter zu Kolitz, wie ich höre, ſo unter der Hand ein richtig Fanggeld ausgeſetzt, wenn man ihn einbrächte, und Leute beſtellt, die nach ihm ſuchen ſollen. Wenn man uns ſo immer zu Hülfe käme, Herr Oberförſter, da wär' es kein ſchwerer Dienſt!“ Bensheim hörte dieſer Mittheilung ſchweigend zu. War ſie richtig, ſo mußte ſie, bei ſeiner Auffaſſung der Sache, von ernſtlicher Bedeutung für ihn und ſeinen Schützling ſein, denn ſie illuſtrirte ſozuſagen den Charakter des Pfarrers in einer Weiſe, die auch dem Vertrauensvollſten die Augen öff⸗ nen mußte, während derſelbe bisher nur wenigen tiefer Schauen⸗ den ſichtbar geworden war. Aber die Freunde kamen raſch näher, und er verabſchiedete den Gensdarmen mit einem kurzen: „nun adieu, da ſind meine Gäſte! Wenn Sie auf den Paß kommen, grüßen Sie den Controleur von mir.“ 122 Sechstes Kapitel. Der Reiter wandte ſich grüßend und zog ſeines Weges weiter, der Wagen kam heran. Eine joviale Stimme rief luſtig herüber:„was zum Kukuk, iſt das wirllich unſer Ober⸗ förſter?“— Und da das Gefährt anhielt und Bensheim die ihm entgegengereichten Hände von Jung und Alt ſchüt⸗ telte, ſprach der Director wiederum ſcherzend:„ei ei, Freund, was haben Sie denn ſo eifrig mit Gensdarmen zu verhan⸗ deln? Da ich zuerſt euch beide zuſammen ſah, hielt ich Sie beinah für einen Arreſtanten, vielleicht gar für den famoſen Herrn Horſt mit ſeiner Wald⸗ und See⸗Romantik!“ Bensheim mußte ſich von neuem zuſammennehmen, um ſeine Ueberraſchung nicht zu verrathen.„Was reden Sie?“ fragte er.„Ich denke, den haben Sie feſt, ſo erzählte mir eben der Gensdarme; was mich, beiläufig geſagt, intereſſirte, da ich geſtern die Flucht des unglücklichen Menſchen durch Zufall mit angeſehen habe.“ „Hoho! Haben wir da noch einen weiteren Complicen?“ ſcherzte der Director, der inzwiſchen gleich ſeiner Familie vom Wagen geſtiegen war, um den Reſt des Weges mit dem Freunde zu Fuß zurückzulegen.„Nehmen Sie ſich in Acht, Bensheim! Die Geſchichte faß' ich ſcharf an, es iſt doch, wie ich ſchon ſagte, ein ordentlich Stück Romantik darin! Wenn wir den Burſchen nur erſt in Nummer Sicher hätten— die Nachrichten Ihres Gensdarm's ſind leider Flauſen. Bisher treibt das Boot noch auf dem Occean, und ſeine Spur iſt verloren.“— „Wie du nur ſo ſcherzen magſt!“ meinte ſeine Gattin, Ueberraſchungen. 122 leicht den Kopf ſchüttelnd.„Mir thut das Herz weh, wenn ich an ihn zurückdenke, wie er vordem war— ein ſo fröh⸗ licher, ſchöner, ſtolzer Knabe! Und nun ein Verbrecher und gejagt wie ein Wild! Und die ſo furchtbare Flucht in den Gewitterſturm hinein—!“— Sie wandte ſich zu den Kin⸗ dern, welche ungeduldig vom Wege fort, in den Wald hineinſtrebten. Der Wagen fuhr voraus. Die Geſellſchaft folgte lang⸗ ſam.„Wir finden heut ſchon noch einen Augenblick, weiter über die Sache und den Detlef Horſt zu reden,“ ſagte Bens⸗ heim gedämpft zu dem Director, der neben ihm ging.„Der Mann intereſſirt mich und ich war, ehrlich geſtanden, geſtern auf dem Wege zu Ihnen, ſeinetwegen, als das Gewitter und die Flucht mich davon abbrachten. Aber bis ſpäter.“—— Zu dem eben gewünſchten Geſpräch fand ſich indeſſen für's erſte noch keine Gelegenheit. Man verlebte ſehr heitere Stunden in allgemeiner Geſelligkeit, welche es keinem Ein⸗ zelnen erlaubte, ſich lange zurückzuziehen oder einem Anderen allein zu widmen. Und dazu kam nicht lange nach den ſtädtiſchen Gäſten ein neuer Wagen auf den Hof gefahren und brachte den Oberamtmann Kruſe von Roſenhof, der mit dem Oberförſter wegen eines größeren Holzgeſchäftes zu ver⸗ handeln wünſchte, welches ſeit mancher Zeit im Gange, neuer⸗ dings, wie es wohl zu geſchehen pflegt, in's Stocken ge⸗ kommen war und viele Schreibereien in Anſpruch nahm— etwas, das Männer dieſes Schlags bekanntlich am wenigſten lieben. 124 Sechstes Kapitel. Der Herr wohnte erſt ſeit wenigen Jahren im Ländchen und auf ſeiner neuen Beſitzung. Er war dem Oberförſter ſo gut, wie dem Director nur oberflächlich bekannt, da man, wie wir ſchon erfuhren, auf Jägersruh nur wenig Verkehr mit der, jenſeits der Waldungen liegenden, an die See gren⸗ zenden Gegend hatte, und die Beamten⸗ und Landkreiſe gleichfalls nur ausnahmsweiſe mit einander in Berührung kamen. Trotzdem wußte man von ihm genug, um ihn als wackeren Mann zu achten und ſein Erſcheinen am heutigen Tage ganz willkommen zu heißen. Man war ſehr gaſtfrei in dieſen Gegenden, und es verſtand ſich ſozuſagen von ſelber, daß der Beſuch nach raſcher Beendigung des Geſchäftes nicht alsbald wieder ſcheiden durfte, ſondern auf das Freundlichſte zum Bleiben eingeladen wurde. Der Oberamtmann ließ ſich nach einigen Einwendungen überreden, und man blieb in beſter Harmonie zuſammen und gefiel einander. Mit dem freilich, was ihm beſonders am Herzen lag, hielt Bensheim, wie ſchon geſagt, dem Fremden gegenüber und zwar um ſo vorſichtiger zurück, als er in demſelben einen Bekannten des Pfarrers Siemann wußte und obendarein erfahren hatte, daß der Letztere auf Roſenhof einſtweilen Unterkunft gefun⸗ den habe. Nach Tiſch, als die Damen ſich zurückgezogen hatten, die Kinder umherſtreiften, und die drei Herren es ſich in des Oberförſters Zimmer bei ihren Cigarren und einem Extra⸗ glaſe Wein bequem gemacht hatten, kam man dennoch endlich auch auf den Kolitzer Brand zu reden, und es konnte nicht Ueberraſchungen. ausbleiben, daß auch des, wider das Pfarrhaus verübten Verbrechens und damit des muthmaßlichen Thäters gedacht wurde. „Es iſt ſeltſam genug,“ ſagte Kruſe, ernſt das Haupt wiegend,„daß gerade die beiden Menſchen, welche jenen Detlef Horſt am beſten gekannt haben, ſich in ihrer Anſicht conträr entgegenſtehen. Der Schiffszimmermann, Caspar Peers, der ihm auf ſeiner Flucht begegnete, und darauf ein wackerer Mithelfer beim Rettungswerk zu Kolitz war, der Jugendfreund des Unglücklichen, eine Art von Pflegeſohn des Pfarrhauſes und ein von allen Seiten, beſonders auch von meinem Freund Siemann, als braver Menſch und ehren⸗ hafter Charakter ernſtlich geachteter und geſchätzter Mann, verſchwört Seele und Seligkeit auf die Unſchuld des Horſt. Mein Freund Siemann dagegen, der Erzieher und Stief⸗ vater, ein Mann, dem ſchwerlich Jemand etwas Uebles nach⸗ ſagen kann, vermag ſich, wie er mir geſtand, durch dies Zeugniß, trotz aller Achtung vor dem Peers, nicht überzeu⸗ gen zu laſſen und glaubt beinahe an die Schuld. Zu ſeiner Vertheidigung erzählte er mir ausführlicher von dem früheren Lebensgang des Unglücklichen— dafür halte ich den Men⸗ ſchen grade ſeit dieſer Erzählung mehr, als für einen ordi⸗ nären Verbrecher, und Siemann hat nun ſeinerſeits mich durch ſeine Gründe—“ In dieſem Augenblick wurde leiſe die Thür geöffnet, und Chriſtine ſtand in der Oeffnung.„Entſchuldigen der Herr Oberförſter,“ ſagte ſie mit auffälliger Befangenheit, ja 8 126 Sechstes Kapitel. mit hörbar zitternder Stimme,—„ob Sie nicht einen Augen⸗ blick heraus kommen möchten—“ Sie wich zurück und ſchloß die Thür, ohne die Antwort abzuwarten. Die drei Herren waren betroffen.„Es wird doch kein Unglück gegeben haben?“ ſagte der Oberamtmann. „Die Kinder—“ rief der Director, aufſpringend. „Bleiben die Herren ruhig,“ ſprach Bensheim beſchwich⸗ tigend.„Das Mädchen war allerdings ſeltſam, das arme Ding hat gerade ein paar böſe Tage zu erleben gehabt! Ich werde ja aber hören und, wenn's nöthig, ſogleich rappor⸗ tiren. Bitte um Entſchuldigung!“ Und er ging raſch aus der Thür. Chriſtine ſtand noch ganz in der Nähe, als habe ſie auf ihn gewartet, den Kopf geſenkt, die Hände gefaltet. Sie war leichenblaß und zitterte am ganzen Leibe. „Was um Gotteswillen gibts? Was haſt du Kind?“ fragte Bensheim, durch dieſe Zeichen ernſtlich beunruhigt, denn mit Ausnahme des vergangenen Tags hatte er in all den verfloſſenen Jahren und bei allen, ſei es unangenehmen, ſei es bedenklichen Vorkommenheiten, wie ſie in einer heran⸗ wachſenden Familie nicht ausbleiben können, ſtets die ruhige Haltung und Faſſung des Mädchens zu loben gefunden. Nun erhob ſie die Augen zu ihm, ſie ſtanden voll ſchwe⸗ rer Thränen. Und nun flüſterte ſie, kaum verſtändlich:„O du lieber Gott, Herr Oberförſter— er iſt da!“ „Was redeſt du? Wen meinſt du? Wer iſt da? Kind, ſo faſſe dich doch!“ ſprach er, immer unruhiger. Ueberraſchungen. 127 Und da murmelte ſie:„Er— Detlef— Herr Horſt!“ „Horſt— hier? Du träumſt!“ rief er ganz beſtürzt und ungläubig. „Da ich mit der Kleinen eben im Garten war und beim Backofen im Schatten ſaß, ſprang er aus den Tannen und über den Zaun. Und er will zu Ihnen, und daß der Herr Director da, iſt ihm recht. O Jeſus, Gottesſohn, Herr Oberförſter, haben Sie Erbarmen mit ihm—“ „Wo iſt er?“ fragte Bensheim ernſt, aber ruhig. „In's Gartenzimmer hab' ich ihn gebracht, da kann er am leichteſten wieder hinaus. Draußen ſind die jungen Herr⸗ ſchaften allenthalben.“ „Geh' und ſag' ihm, ich komme ſogleich.“ Und ſich ab⸗ wendend, öffnete er die Thür und ſprach mit aller ihm mög⸗ lichen Unbefangenheit zu ſeinen Gäſten:„nochmals Entſchul⸗ digung, es iſt draußen im Forſt etwas paſſirt, nichts für Sie und auch nichts Schlimmes. Aber ich muß danach ſehen. In einer Viertelſtunde bin ich wieder bei Ihnen.“— Er eilte mit ungewöhnlicher Raſchheit fort und gegen die Rück⸗ ſeite des Hauſes, wo Chriſtine eine Thür bei ihrem Ver⸗ ſchwinden offen gelaſſen hatte. Durch das erſte Zimmer, mit ſeinem Ausgang in's Freie, ging er hindurch und trat in's zweite. Da ſtand der Flücht⸗ ling in der Nähe eines Fenſters, das gegen überflüſſige Blicke von draußen durch ein Gebüſch von Schneeballen und Gold⸗ regen geſichert, von ihm geöffnet worden war— um deſto leichter vor unvermutheter Gefahr entfliehen zu können! Es 128 Sechstes Kapitel. traf Bensheim wie ein Stich in's Herz, wenn er zurückdachte, wie der Detlef Horſt da vor ihm geboren und erzogen war, in welchen Verhältniſſen, mit welchen Anſprüchen, mit welchen Hoffnungen, ein Sprößling des uralten ehrenwerthen Geſchlechts, ein Sohn des reichſten Mannes im Lande! Und nun ein Flüchtling, ein Heimathloſer, im Verdacht der ſchlimmſten Thaten, wenn auch nicht ihrer ſchuldig— danach fragt die Geſellſchaft bekanntlich wenig, und auch das Geſetz und ſeine Hüter kümmern ſich darum erſt in zweiter Linie. Der Ver⸗ dacht iſt's ja, der ſo einem armen Teufel meiſtens den Hals ebenſo rettungslos bricht, wie im ſchlimmſten Falle das Richt⸗ ſchwert, wenn auch nicht ſo blutig! Der Flüchtling mochte voll tiefer Gedanken in's Freie hinaus geſehen haben, darauf deutete die haſtige Bewegung, mit der er ſich auf das Oeffnen der Thür umdrehte. Bens⸗ heim fühlte ſich durch das, was er vor ſich ſah, halb über⸗ raſcht, halb mit einer Art von wohlthuender Genugthuung erfüllt: wie Chriſtine von Detlef geredet und was Caspar Peers angedeutet hatte, das alles ließ ihn einen Menſchen erwarten, der weder Zeit noch Luſt gehabt, an ſeine äußere Erſcheinung zu denken, und die Flucht und Verfolgung der letzten Tage konnten einer Veränderung zum beſſeren nicht günſtig geweſen ſein. Wir, die wir den Mann mehrmals geſehen und beobachtet haben, wiſſen, daß der Oberförſter ſich in ſeiner Annahme nicht täuſchte, und für uns würde daher auch die Ueberraſchung bei weitem größer geweſen ſein, wenn wir ihn jetzt von neuem und ſo vollſtändig verändert Ueberraſchungen. 129 vor uns geſehen hätten. Denn nicht nur der ſchlechte, ab⸗ genützte und ärmliche Anzug war verſchwunden, ſondern auch von der Vernachläſſigung und— leider, daß wir's ſagen müſſen!— Unſauberkeit der früheren Erſcheinung ließ ſich gegenwärtig nichts mehr bemerken. Im Gegentheil, der Mann erſchien, wie einer von jenen Leuten, denen wir nur am Bord großer Schiffe begegnen, praktiſch und derb bis in die gering⸗ ſten Einzelheiten, und dennoch adrett und vor allem von einer Sauberkeit, die weniger den Eindruck der Peinlichkeit als einer gewiſſen— die Leſer dürfen nicht lachen!— Ko⸗ ketterie macht. Seinen Kopf hatte er freilich nicht verändern können, und die grauen oder weißen Haare zeigten ſich heut wie neu⸗ lich im Bart und an den Schläfen. Aber der erſtere wie das Haupthaar zeigten ſich geſtutzt und geordnet, und aus den tiefen, vom Leben eingeprägten, in Wind und Wetter gehärteten und gefärbten Zügen ſprach bei weitem weniger Wildheit, Verbitterung und Grimm des Menſchen, der über⸗ all auf Feinde ſtieß, als vielmehr die finſtere Entſchloſſenheit und das trotzige Selbſtbewußtſein des Mannes, der ſchon manchen Kampf beſtand und dem neuen feſt entgegentritt, ohne Zagen und Zögern, wenn auch ohne Hoffen. Komme, was komme, es findet ihn gerüſtet. Er trat Bensheim entgegen, ruhig und feſt, durfte man's heißen. Die Augen trafen forſchend in einander.„Kennen Sie mich noch, Herr Oberförſter?“ „Ob ich den Menſchen wieder erkannt hätte, das weiß Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 9 8 130 Sechstes Kapitel. ich nicht; Sie haben ſich ſehr verändert,“ verſetzte Bensheim ernſt.„Aber den Detlef Horſt, mit dem ich vordem zuſam⸗ mentraf, den habe ich nicht vergeſſen. Allein davon iſt keine Rede,“ fuhr er gedämpft, aber raſch ſprechend fort.„Jetzt handelt's ſich um Sie ſelbſt und Ihre Ausſichten. Mußten Sie denn Ihre Flucht unterbrechen und hierher zurück⸗ kommen?“ Es glitt ein beinahe ſpöttiſches Lächeln durch Detlef's Züge. „Eine Komödie, Herr Oberförſter, um mir vierundzwanzig Stunden Ruhe für den Körper und Muße zur Ueberlegung und zum Entſchluß zu verſchaffen, nichts Anderes!“ „Das Boot, Herr Horſt— ich ſah es von den jungen Eichen aus kommen und abfahren—“ „Ohne mich! Es brachte mir neue Kleider. Im Ge⸗ fängniß hatte man mich in einen Vagabundenanzug geſteckt, wohl um eine neue Flucht zu verhindern. Ich kriegte auch meine Papiere, die ich zuerſt nicht bei mir gehabt. Ich will ehrlich ſein,“ redete er mit erneutem finſterem Ausdruck weiter. „Da ich in der Sonnabend Nacht ausbrach, hatte ich aller⸗ dings im Sinn, mich ſo ſchnell wie möglich aus dieſem—“ er lächelte—„ungaſtlichen Lande zurückzuziehen. Allein die Begegnung mit— einem Mädchen, das mir das liebſte Ge⸗ ſchöpf auf der Erde iſt, auf das alle meine Hoffnungen ſich gründen, und das ich dennoch, wie es ſchien, verloren geben mußte, die änderte alles. Ich will ohne ſie nicht frei ſein, ohne ſie nicht fort— kehrt' ich doch nur um ihretwillen Ueberraſchungen. 131 zurück!“ Und indem er plötzlich dem Oberförſter die Hand hinbot, fügte er mit bewegter Stimme hinzu:„nehmen Sie meinen vollen warmen Dank für den Schutz und die Freund⸗ lichkeit, die das arme Kind hier in Ihrem Hauſe genoſſen hat.“ Die Hände drückten ſich feſt zuſammen. Nach einer Pauſe erſt ſagte Bensheim:„und nun, Herr Horſt?“ „Nun kommt noch dieſe neue nichtswürdige Beſchuldigung dazu, die ich nicht auf mir ſitzen laſſen kann. Die hält mich hier zurück und zwingt mich, mich freiwillig zu ſtellen. Die Unterſuchung fürcht' ich nicht— wehe vielmehr Denen, die ſie über mich heraufbeſchworen! Mögen ſie die Folgen ihres ſinnloſen Haſſes auf ſich nehmen und darunter zuſammen⸗ brechen! Aber ich will nicht als der ordinäre Verbrecher er⸗ griffen und, ſei es auch nur auf Tage— die Wahrheit muß an's Licht kommen!— mißhandelt werden, wie ich's in der vergangenen Woche beinahe erlebt habe. Deswegen komme ich zu Ihnen, Herr Oberförſter. Als ich von Ihrem Wohl⸗ wollen gegen Chriſtine, das unglückliche Mädchen, erfuhr, er⸗ innerte ich mich, daß Sie mir in einem Augenblick Achtung und Theilnahme erwieſen, wo alle Welt mich verkannte und verließ. Ich—“ ſein Auge blickte feſt in das des Anderen —„bin derſelben nicht unwürdig geworden, mag hier und da der Anſchein auch noch ſo ſehr wider mich ſprechen. Ich bitte nur, daß Sie mich in der Stadt abliefern, mit der An⸗ gabe des wirklichen Sachverhalts. Ihr Name hat einen guten Klang im Lande und ſichert mir einen erträglichen 132 Sechstes Kapitel. Empfang. Vor allem komme ich aus der bisherigen— Privatunterſuchung heraus,“ ſetzte er bitter lächelnd hinzu. „Mehr bitte ich nicht. Das Uebrige findet ſich.“ Wieder nach einer Pauſe des Nachdenkens ſprach Bens⸗ heim:„Erfuhren Sie's, daß der Director des Gerichts heute mein Gaſt iſt?“ „Chriſtine ſagte es und ich— heiße es kein Unglück. Im Gegentheil! Es iſt ſo zu ſagen ein weiterer Zeuge meines freien Entſchluſſes.“ „Wollen Sie ihm das ſelber mittheilen? Kennen werden Sie ihn nicht, er iſt erſt ſeit einigen Jahren hier bei uns ange⸗ ſtellt, aber, ich bürge Ihnen für ſeine Billigkeit. Sie treffen außerdem noch einen Oberamtmann Kruſe, der gleichfalls ſeit kurzer Zeit, Beſitzer von Roſenhof und ein Freund Ihres Stiefvaters iſt— im Uebrigen auch ein achtungswerther, billiger Mann.“ „Gleichviel,“ entgegnete Detlef düſter.„Ich bin es nicht, der den Paſtor von Kolitz zu ſcheuen hat.“ „Dann kommen Sie,“ ſagte Bensheim entſchloſſen.„Wir wollen die Sache ſogleich in Ordnung bringen.“ VI. Streiflichter. Das war ein Fall, wie man ſich eines ähnlichen hier zu Lande weder im Volk und der Geſellſchaft, noch in den juriſtiſchen Kreiſen erinnerte. Am Abend des Tages fuhren zwei Wagen durch das Thor der Stadt, hart hinter einander. Der eine führte die Familie des Directors Link von ihrem Landausfluge zurück, eine ſehr muntere und fidele Geſellſchaft, die Hüte und Mützen mit Epheuguirlanden geſchmückt, große Sträuße von Feldblumen in den Händen, und die Stimmen vereinend zu luſtigen Geſängen, welche kaum am Thor einem ſittſamen Schweigen Platz machen mochten. Der Director ſelber ſchien freilich, wie ein paar begegnende Bekannte zu erkennen glaub⸗ ten, an dieſer Luſt der Seinen nicht recht Theil zu nehmen. Er ſchaute ziemlich ernſt darein und erwiderte die Grüße nur mit einem gewiſſen zerſtreuten Ausdruck.— Auf dem anderen Gefährt, welches man bald als das 134 Siebentes Kapitel. Eigenthum des Oberförſters Bensheim zu Jägersruh erkannte, ſaß außer dem Kutſcher vorn, hinten nur ein einzelner— Herr, ein Seemann ſchien's, ſeiner Kleidung nach. Er lehnte ſtumm in ſeiner Bankecke, und Blicke erhielt er genug, darunter mehr als einen zweifelnden oder auch erſtaunten, aber gegrüßt wurde er von Niemand. In der Stadt trennten ſich die Wagen. Der erſte fuhr dem Hauſe des Directors zu; der andere wandte ſich durch die erſte Querſtraße vom geraden Wege ab und gelangte hinter dem Markt herum, durch allerhand enge Gaſſen in jene Gegend der Stadt, wo die Erſcheinung eines ſolchen Fuhrwerks etwas geradezu Unerhörtes war. Es wohnten nur arme Leute hier, und das einzige Gebäude von Bedeutung war das jetzt vornehm titulirte Kreisgefängniß, vom Volk beharrlich„die Cuſtodie“ geheißen, ein langes, verräuchertes, altes Haus, dem die Baufälligkeit aus Mauern, Fenſtern und Dach blickte und auch ſonſt noch allerhand abzuſehen war, was ſeinen Inſaſſen nicht gerade bequeme Tage und Nächte verhieß. Vor dieſem Gebäude hielt der Wagen an, und der Mann auf dem Rückſitz erhob ſich und ſtieg ab. Der Gefangenwärter— einen anderen Titel führte dieſe würdige Perſönlichkeit hier damals nicht— genoß des ſchönen Abends wie alle Welt, lag im Fenſter ſeiner Parterrewohnung und rauchte die lange Pfeife ſelbſtzufrieden auf die Straße hinaus. Da der Wagen herankam, ſah er ſehr erſtaunt aus, und da derſelbe hielt und ſein Inſaſſe ſich erkennen ließ, Streiflichter. 135 fuhr er auf, daß er den Kopf an's Fenſterkreuz ſtieß und beinahe die weiße Schlafmütze verloren hätte, welche ſchon an die Stelle der ſauberen Perrücke getreten war.„Soll mich der Deutſcher holen, wenn das nicht der Brandſtifter iſt!“ rief er dabei aus, und fuhr in's Zimmer zurück, um gleich darauf an der geöffneten Thür zu erſcheinen. „Na, ja, ſo kommt der Monſieur daher geprunkt— wollen ihn ſchon etwas brauchen für den Hochmuth!“ rief er den Ankömmling in der brutalen Weiſe an, wie ſolche Leute ſich derſelben zu befleißigen pflegten, und griff mit ſeiner Hand nach dem Arm Detlef's.„Herein mit ihm!“ Und ſich zum Kutſcher wendend, fügte er in gleichem Tone hinzu:„Er muß warten bis ich den da ſicher gemacht. Dann kann Er mir das Weitere ſagen.“ „Dazu habe ich keine Zeit,“ entgegnete der Kutſcher mit dem Ton und Blick der unverhehlteſten Mißachtung, welche dieſe Leute damals noch für das geſammte Gefängnißperſonal hatten— es klebte denſelben in ihren Augen und ihrem Gefühl beinahe etwas Unehrliches an!„Hier, den Brief ſoll ich Ihm geben, und im Uebrigen iſt mein Herr der Ober⸗ förſter Bensheim, und ich füttere vor dem Heimfahren eine Stunde bei der Wittwe Gottſchall. Da bin ich zu finden.“ Er trieb die Pferde zum Umwenden und fuhr davon. Des Gefangenwärters Laune war durch dieſe Worte nicht verbeſſert. Er warf das Thor zu. und drehte den Schlüſſel mit einer Heftigkeit, aus der man ſeinen Aerger erkennen konnte. Dann rief er in's Haus hinein:„He, 136 Siebentes Kapitel. Chriſtian, Fritz! Wo ſteckt die faule Bande?“ Und als darauf einer von den Gerufenen— den ſogenannten„Schließern“ — erſchien, fuhr er ihn an:„kann Er nicht hören? Nehm' Er hier den ſauberen Vogel, die Kledagen herunter und gut viſitirt, und dann in Nummer Sieben! Wollen ihm ſchon was brauchen für's Ausbrechen!“ Die Leſer dürfen nicht vergeſſen, daß die geſchilderten Scenen nicht in der Jetztzeit, ſondern vor dreißig Jahren ſpielen. Als der„Schließer“ den Arreſtanten anfaſſen wollte— dieſe und die übrigen Einzelnheiten drangen durch die Er⸗ zählungen eben dieſes Schließers in die Oeffentlichkeit— ent⸗ zog ſich derſelbe mit einer trotzigen Wendung dem Griff, ſein Auge blickte die beiden Männer finſter an, und dazu redete er:„wie ihr ſeht, ſtelle ich mich freiwillig—“ „Flauſen! Kennen das!“ rief der Gefangenwärter da⸗ zwiſchen. „— und verlange eine anſtändige Behandlung. Sie ſcheinen ganz zu vergeſſen, Herr Lüders,“ fügte er hinzu, „daß Sie einen mich betreffenden Brief in der Hand haben.“ „Der Wiſch hat Zeit!“ ſagte Lüders verächtlich. „Verſuchen Sie es lieber nicht. So viel ich gehört habe, liebt der Director Link keine Verzögerung ſeiner Be⸗ fehle.“ Herr Lüders machte ein Geſicht und eine Geberde, als hätte er am liebſten ſagen mögen: ach was! Als ob der Director nach ſolch' Einem fragen würde!— ging aber den⸗ Streiflichter. 137 noch mit dem Briefe zum Fenſter, öffnete ihn und las die wenigen Zeilen augenſcheinlich mehrmals, bevor er ihren In⸗ halt begriff, ſchaute darauf vollſtändig verdummt vor ſich hin, trat zum Arreſtanten, murmelte etwas von„wollen der Herr Horſt Platz nehmen!“ und befahl endlich dem Schließer, Nummer Eins zu öffnen und nach dem Bett zu ſehen. Die Frau und ein paar Kinder, welche vom Nebenzimmer aus dieſen Vorgängen neugierig zugeſchaut hatten, wies er grob fort und ſchloß ihnen die Thüre vor der Naſe, wie man das zu heißen pflegt. Nach einer Viertelſtunde kam der Arreſtant in die ge⸗ nannte Nummer, ein wirklich ziemlich erträgliches Gemach, wurde ſogar nach ſeinen Abendbrodwünſchen gefragt und dann allein gelaſſen, bis nach kurzer Zeit der Director Link ſich plötzlich einſtellte und ſich in die Zelle führen ließ. Lange verweilte er dort nicht, deſto länger aber im Zimmer des Gefangenwärters, und was dort zur Sprache gekommen war, mußte ziemlich empfindlicher Natur geweſen ſein, denn Herr Lüders glich von dieſem Augenblick an dem, was man eine„geknickte Menſchenblüthe“ heißt, ſoweit es ihm irgend möglich war; die Gefangenen hatten es, ganz abgeſehen von „Nummer Eins“, ungewöhnlich gut, und wenn mit dem wür⸗ digen Manne gelegentlich einmal die alte Grobheit durchging, lenkte er jedesmal in einer Weiſe um und ein, als ob er vor irgend etwas Entſetzlichem erſchräke.„Herrn Horſt“, wie er den Arreſtanten jetzt vor ihm ſelber, wie vor Anderen un⸗ ausbleiblich titulirte, begegnete er mit ausgeſuchter, ſchier 138 Siebentes Kapitel. demüthiger Höflichkeit, ja zeigte ſich niemals in der Zelle ohne ſeinen Rock und ſeine Perrücke. Daß er, wie die Schließer beobachteten, beim Heraustreten in den Corridor dann zuweilen eine Grimaſſe machte, als ob er ſich ver⸗ giftet fühle oder einen anderen vergiften möge, kam wenig in Betracht. Hierauf beſchränkte ſich aber das Wunderbare und Un⸗ erhörte keineswegs. Von dieſen kleinen Zügen erfuhr man in der„Geſellſchaft“ doch nur das Allgemeine, während es gerade in dieſer einen ganz anderen, beinahe conſternirenden Eindruck machte, daß die Unterſuchung gegen Horſt gegen⸗ wärtig einem anderen Rath des Gerichtshofes übertragen war, als demjenigen, der ſie während der erſten Hafttage des Gefangenen geführt oder, wie man ſich zuflüſterte, vielmehr nicht geführt haben ſollte, einem Herrn, der ſeit langer Zeit hier angeſtellt, auch vordem ſchon, vor ſieben und mehr Jahren, bei verſchiedenen Gelegenheiten mit Detlef zu thun gehabt und ſich über denſelben ſtets mit außerordentlicher Strenge geäußert hatte. Man wollte ſogar von Privat⸗ geſprächen des Directors mit ſeinen Räthen wiſſen, bei denen ſehr ernſte Dinge zur Sprache gekommen ſein ſollten. Und daß er die Aeußerung gethan: daß ein Richter ſein Urtheil durch perſönliche Empfindungen beeinfluſſen laſſen könne, ver⸗ ſtehe er nicht; jedenfalls müſſe und werde er das Gericht und die Angeklagten gegen ſolche Pflicht⸗ und Ehrverletzung auf das ernſtlichſte zu ſichern wiſſen— das ſtand feſt. Auf den vorliegenden Fall ſchien ſich das freilich nicht Streiflichter. 139 zu beziehen, wurde jedoch unter der Hand faſt allgemein mit demſelben in Verbindung gebracht. Denn man erinnerte ſich, daß der Rath nicht nur, um dies zu wiederholen, gegen Detlef ſtets eingenommen geweſen, ſondern auch von jeher mit der Kolitzer Pfarrfamilie im freundſchaftlichſten Verkehr geſtanden hatte. Von nicht geringerem Eindruck war das Reſultat der beiden erſten, raſch einander folgenden Verhöre, das merk⸗ würdiger Weiſe nicht nur durch den Director, ſondern auch durch den neuen Unterſuchungsrichter ſelber hie und da un⸗ befangen, ja es ſchien beinah' mit einer gewiſſen Genug⸗ thuung bekannt gemacht wurde: die Schuld an dem Brande des Pfarrhauſes wurde durch das unwiderleglichſte Alibi von Detlef beſtimmt abgenommen. Und Director Link ſagte bei dieſer Gelegenheit mit gerunzelter Stirn, er habe hier von neuem den Beweis erhalten, mit welchem verdammens⸗ werthen Leichtſinn— er wolle kein anderes Wort wählen! — derartige Gerüchte ausgebracht, verbreitet und geglaubt würden, geradeswegs— wiederum, um nur dieſen Ausdruck zu gebrauchen— in's leere Blaue hinein. Die Gelegenheit ſei aber ganz dazu angethan, der Sache einige, für jeden Ehrenmann wünſchenswerthe Folgen zu geben. „Sie ſcheinen ſich für Herrn Horſt lebhaft zu intereſ⸗ ſiren, Director,“ bemerkte ein Bekannter, der dieſe Aeußerung mit angehört hatte, in einem gewiſſen vorſichtigen Ton. „Das leugne ich nicht,“ entgegnete Link ernſt.„Wie ich den Mann aus den alten Acten und ſonſt kennen gelernt 140 Siebentes Kapitel. habe, kann ich ihm freilich den Vorwurf der Maßloſigkeit und des Leichtſinns nicht erſparen, muß indeſſen auch zuge⸗ ſtehen, daß ihm ganz verzweifelt wenig Vernunft und Wohl⸗ wollen auf ſeinem Lebenswege begegnet zu ſein ſcheint.“ Und da ſagte der Frager gedämpft:„das iſt nicht ge⸗ nug, Director. Er iſt geradezu mißhandelt worden. Seinen Leichtſinn beſtreite auch ich nicht. Ohne denſelben dürften ſeine und anderer Leute Angelegenheiten anders ſtehen, als gegenwärtig.“ „Das iſt eine eigenthümliche Offenbarung, mein Lieber!“ meinte Link, hörbar erſtaunt. „Ei, man hat eben ſeine Erinnerungen!“ „Und warum haben Sie dieſelben nicht früher ver⸗ werthet? Bei dem damaligen häßlichen Prozeß ſcheinen manche Dinge ſehr vorſchnell beſeitigt worden zu ſein—“ „Gehen Sie mir fort, Director! Als ob unſer einer davon bei eurem Verfahren etwas erführe oder die Erlaub⸗ niß erhielte, ſich auch ohne beſondere Aufforderung einzu⸗ miſchen!“ Link ſchüttelte den Kopf, erwiderte aber nichts. Abge⸗ ſehen von der Wahrheit, welche die Antwort enthielt, war der Hauptgrund des bewahrten Schweigens doch bei dieſem Sprecher der gleiche wie bei jedem Anderen: es hatte Nie⸗ mand gern mit den Richtern und Gerichten zu thun, ſondern ging ihnen nach Kräften aus dem Wege. Es war überhaupt merkwürdig, daß ſich die Stimmung gegen Horſt gegenwärtig überall in einer Weiſe verändert Streiflichter. 141 zeigte oder— was nicht minder merkwürdig erſcheinen mußte — ſich jetzt nur lauter und offener als vordem vernehmen ließ, wie man es in manchen Kreiſen gar nicht erwartet hatte und hie und da anſcheinend dadurch ganz beſtürzt wurde. Man vernahm über das frühere Leben des Mannes bei weitem mehr lobende Stimmen, und wenn man recht genau aufpaßte, war ſelbſt in der„Geſellſchaft“ kaum von anderen Vorwürfen die Rede, als daß er ſich eben mit allzu plebejen Neigungen getragen, und die plebejen Kreiſe den excluſiven vorgezogen habe,— was denn freilich Grund genug war, einem ſolchen Menſchen einen ſchlechten Charakter und auch ſonſt alles mög⸗ liche Böſe zuzutrauen. Das durfte er ſich aber ſchon ge⸗ fallen laſſen, denn der freundlichen und nachſichtigen Stim⸗ men war ein ſolcher Ueberſchuß da, daß man die anderen kaum vernahm. Man ging überhaupt in die Vergangenheit hinein und holte Erinnerungen hervor, welche von ernſter Bedeutung er⸗ ſchienen. Man erinnerte ſich des Vaters, des großen Handels⸗ herrn, und ließ es zuweilen achſelzuckend laut werden, daß es mit dem damaligen gewaltigen Bankerott wohl ſeine eigene Bewandtniß gehabt haben möge. Jedenfalls haben dazu nicht bloß ſchlimme Conjuncturen und tollkühne Spekulationen oder das ſogenannte unabwendbare und undefinirbare„Un⸗ glück“ geführt, noch ſei das„große Leben“ im Hauſe Horſt's, zum mindeſten ſein eigenes, von bedenklichem Einfluß geweſen. Es ſeien vielmehr ſicherlich noch andere Factoren wirkſam geweſen, wenn dieſelben auch ganz merkwürdig ungeſtört und 142 Siebentes Kapitel. hinter den Couliſſen geblieben ſeien. Es ſei wiederum merk⸗ würdig, daß die Activa ſo ganz außerordentlich gering ge⸗ weſen, und— das ſagte man noch ein wenig leiſer!— was die Verwendung des Vermögens der Frau zur Schulden⸗ deckung angehe, ſo— habe es damit gute Wege. Alle dieſe Dinge ſeien bei dem Prozeß, den ſpäter Pfarrer Siemann und ſeine Gattin gegen einen jetzt verſtorbenen Advokaten oder richtiger gegen den Sohn geführt, zur Sprache gekom⸗ men, allein ohne Weiteres, theils als nichtsbedeutend, theils als nichtswürdig auf die Seite geſchoben oder der Gegenpartei geradezu als Verleumdung ausgelegt und ſo an derſelben geſtraft worden. Im Publikum hatte man das alles wohl gewußt, allein mit der herkömmlichen Indifferenz, Stumpfheit oder Scheu — man könnt' es auch Feigheit heißen!— dazu geſchwiegen. Man hatte allzu wenig Intereſſe für die auftretenden Per⸗ ſonen; ja jener Advokat, wenn er auch in dieſem Falle Recht haben mochte, ſtand im Uebrigen nicht gerade in beſonderer Achtung, und daß Detlef ſich von ihm hatte verführen laſſen, zu allerhand Anſprüchen hier, zu allerlei Ausſchreitungen da — das rechnete man auch dieſem Letzteren nicht zur Ehre an. Aber was hier Detlef allenfalls zum Vorwurf gereichte, wurde durch andere Erinnerungen wieder ausgeglichen. Was wir den Oberförſter Bensheim andeuten hörten: man hatte ſich dazumal allerhand zu erzählen gewußt über die Frau Thereſe Horſt, und das höchſt beſondere Verhältniß zwiſchen ihr und der jungen Pfarrfamilie zu Röden. Die Leſer wer⸗ Streiflichter. 143 den überraſcht ſein zu erfahren, daß die Bekanntſchaft des Magiſters Siemann mit Frau Thereſe in Wirklichkeit nicht erſt in Horn, ſondern ſchon ziemlich viel früher, in der Stadt, begonnen hatte, und daß die Wittwe den Wohnortswechſel wo nicht auf, doch auch nicht ohne den Rath des befreunde⸗ ten Geiſtlichen vornahm. Was darüber geredet wurde, war nicht gerade ſtreng und ernſt, ſondern mehr nur launig und ſchalkhaft, und als das Paar einige Jahre darauf ſich wirk⸗ lich verband, hatte man überhaupt nichts mehr darüber zu ſprechen. Daß Detlef von ſeiner Mutter dem Magiſter ſchon früher zur Erziehung übergeben worden, war an und für ſich nichts Beſonderes. Weiche Tage hatte der Knabe weder damals, noch ſpäter gehabt. Siemann war ein ſtrenger Lehrer und Erzieher; allein die Wildheit und Unabhängigkeit, der Trotz und der Leichtſinn des Zöglings ſollten das gerecht⸗ fertigt haben. Es war nun überraſchend, daß dem Knaben und Jüngling im Uebrigen eine ganz außerordentliche Frei⸗ heit gewährt wurde, z. B. in Betreff ſeines Umgangs und Verkehrs, ſeines Lebens und Treibens. Man ließ ihn ſich auf der See, wie auf dem Lande Gefahren ausſetzen, vor denen alle anderen Eltern ihr Kind auf das Sorglichſte zu hüten ſuchen. Man bekümmerte ſich, wie es beinahe den An⸗ ſchein hatte, kaum recht um ſeinen Eintritt in Kreiſe, welche ſeinem Stande, ſeiner Bildung, ſeinen Ausſichten entſprochen hätten, ſondern ließ ihn ſich Regionen zuwenden, wo es noth⸗ wendig allerhand Gefahren für ihn geben mußte— Caspar 144 Siebentes Kapitel. Peers und Jakob Häsler waren die ſchlimmſten Kameraden nicht, die er ſich zugeſellte. Da war eben nichts zu machen und alle Zucht vergebens, behauptete Siemann achſelzuckend und verſicherte die Mutter klagend. Und wiederum war es überraſchend für jemand, der dieſe Zuſtände beobachten und verfolgen mochte, daß man in Detlef's Kreiſen und bei ſeinen Kameraden faſt gar nichts von all den ſchlimmen Eigen⸗ ſchaften wiſſen wollte, welche die Eltern an ihm beklagten, ſondern ihm mit ganz ungewöhnlicher Anhänglichkeit zuge⸗ than war und ihm eine Treue bewahrte, die, wie wir erfuhren, über viele Jahre hinaus Probe und Stand hielt. Für die eigentlichen Kreiſe ſeiner Eltern nützte ihm das allerdings nichts, hier ſah man auf ihn, ſein Weſen und Treiben mit ihren Augen. Und dieſe Kreiſe waren nicht klein. Was man auch vordem geredet und geflüſtert haben mochte, das war alles vergeſſen und vergeben, und das Paar ſtand in weitem Umkreiſe in großer Achtung, ja war wirklich beliebt. Die Pfarrerin war eine ſo fein gebildete, gütige, lie⸗ benswerthe Frau, die ihr Hauskreuz und ihre Kränklichkeit mit ſo viel Ergebung und Sanftmuth, ohne eine Spur von Verbitterung trug, eine treffliche Gattin, eine zärtliche Mutter, gleich ausgezeichnet in der Repräſentation wie in der Wirth⸗ ſchaft. Und der Magiſter war ein Mann von Geiſt, voll großer Kenntniſſe und reicher Erfahrungen, ein würdiger Geiſtlicher, ein trefflicher Redner, zu deſſen Predigten ſich nicht ſelten Gäſte aus der Stadt einſtellten, ein gewandter und intereſſanter Geſellſchafter. Mit einem Wort, man konnte Streiflichter. 145 dieſem Paare und zumal dem Manne nicht widerſtehen. Es hatte zahlreiche Bekannte und Freunde in Stadt und Land, und wenn in dieſen Kreiſen dergleichen überhaupt jemals zur Sprache kam, war die Frage, ob das größere Recht auf Sei⸗ ten der„armen“ Eltern oder des„irreparablen“ Sohnes ſei, von vornherein entſchieden. Man bedauerte die Einen auf das theilnehmendſte, man verdammte den Andern auf das ſtrengſte. Man ſuchte den Erſteren dieſe„traurigen“ Zuſtände nach Kräften zu erleichtern, alle Unannehmlichkeiten und Pein⸗ lichkeiten zu erſparen, und die Herren vom Gericht, von denen mehrere gerade Bekannte des Pfarrers waren, zeigten ſich dabei— ſelbſtverſtändlich in allen Ehren!— nicht als die Letzten. Das war früher ſo geweſen und jetzt ſo geblieben. Als Detlef bei ſeiner unvermutheten Rückkehr erkannt und ver⸗ haftet wurde, ſchritt man ſogleich mit äußerſter Strenge ein, um ihn„unſchädlich“ zu machen, und ließ die„armen“ El⸗ tern nichts von ſeiner Anweſenheit erfahren, um ihr Gefühl zu ſchonen. 4 Und nun war das alles umſonſt geweſen! Er war aus⸗ gebrochen und hatte ſich umhergetrieben, wie ein„ächter Strolch“, hatte den furchtbarſten Verdacht auf ſich geladen, war von, der Himmel mochte wiſſen, wem alles, unterſtützt, verſteckt, gefördert worden—„auf das Geſetzwidrigſte!“— hatte den Behörden Naſen gedreht, beinahe den Tod eines Gensdarmen veranlaßt, endlich ſich ſelbſt ausgeliefert, um auf unerhörte Weiſe und gerade von dem ſtrengen Director Link Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 10 146 Siebentes Kapitel. ſelber„protegirt“ zu werden! Aber weßhalb denn? Was war denn vorgefallen, was verändert? Weßhalb denn ſo viel Nachſicht für ihn und ſo wenig Schonung gegen die „armen“ Eltern? War denn das alles wirklich nur, weil er ſich als„amerikaniſcher Bürger“ entpuppt haben ſollte und man vor einem ſolchen mit dem bekannten demüthigen deutſchen Reſpect zurückwich? Aber dies Letztere fand leider eine Art von Wiederlegung durch die Thatſache, daß die Zu⸗ ſtände in der„Cuſtodie“ nicht blos zu Detlef's Gunſten eine Wandlung erfahren hatten, ſondern daß dieſelbe auch den übrigen Gefangenen nach Umſtänden zu Gute kam. Und endlich mußte man wohl oder übel zugeſtehen, daß gerade das unabhängige Publikum ſich, wie wir ſchon anführten, für Detlef und gegen die bisher ſo hoch angeſehenen Eltern ausſprach. Als der Oberamtmann Kruſe bei ſeiner Rückkehr von Jägersruh im Familienkreiſe, wo ja auch der Pfarrer mit den Seinen zugegen war, von den neuen Bekannten und überhaupt vom Tage erzählte, wie freundlich er aufgenommen worden, wie gut man ſich unterhalten habe und was der⸗ gleichen mehr iſt, hatten Siemann und ſeine Gattin viel an⸗ erkennende Worte über die„Leute“, die des beſten Rufes genöſſen, und bedauerten es, daß ſie ſelber niemals mit ihnen in Verbindung gekommen ſeien. Als dann auch der Göſte, des Directors mit Frau und Kindern gedacht wurde, hielt das Pfarrpaar ſich mehr zurück; Frau Thereſe meinte, ihnen niemals begegnet zu ſein, und der Magiſter ſagte trocken Streiflichter. 147 und achſelzuckend, er wiſſe nicht, ob Gericht und Geſellſchaft an dem Herrn eine gute Acquiſition gemacht habe,— man wiſſe nicht recht, wie man mit ihm daran ſei, und ſein Vor⸗ gänger werde, ſoweit er, Siemann, dergleichen verſtehe, in keiner Richtung durch ihn erſetzt. Nach Tiſch gingen die Herren noch ein wenig mit ihren Pfeifen vor der Hausthür auf und ab— es war bekanntlich ein ſchöner Abend—, und da ſagte Kruſe, den wir bereits als einen ruhigen, keine überflüſſigen Worte verlierenden Mann kennen lernten, in kühlſter Weiſe:„Bei Tiſch hab' ich nicht davon reden mögen, deiner Frau wegen— dein Stiefſohn hat ſich durch Bensheim dem Gericht überliefert.“ Und da der Magiſter ſtehen blieb und den Freund anſtarrte, als ob er ſeinen Ohren nicht traue, fügte Kruſe unverändert hinzu:„Den Zuſammenhang kenne ich nicht. Der Ober⸗ förſter brachte Herrn Horſt zu uns und ſtellte ihn dem Di⸗ rector vor, und es wurde abgemacht, daß er ihn heut Abend mit ſeinem Wagen in die Stadt ſchickt.“ Der Ausdruck, der plötzlich durch das erſtarrte Geſicht Siemann's glitt, ließ ſeinen Begleiter ſtutzen; im nächſten Augenblick jedoch vernahm der Letztere einen Laut, der ihn augenſcheinlich noch ernſtlicher beſtürzte, denn es war ein zwar nur gemurmeltes, aber nicht zu verkennendes ſchweres Fluchwort. Er nahm ſich indeſſen zuſammen und ſagte kühl wie vorhin:„Ich dachte, dieſe Nachricht oder dieſer Ausgang, wie du willſt, könne dir nur angenehm ſein.“ 148 Siebentes Kapitel. Der Magiſter hatte ſich gleichfalls beſonnen. Er ver⸗ ſetzte mit ſeinem gewöhnlichen gefaßten und milden Ausdruck: „Das würde allerdings der Fall ſein, ſtänden uns in Folge dieſer neuen Verhaftung nur nicht neue, qualvolle Unannehm⸗ lichkeiten in Ausſicht. Auszumalen brauche ich das nicht— ein Sohn unter ſolchen Anklagen, in der Ausſicht auf ſolche Strafe— es ſpricht für ſich ſelbſt! Und es wird auch ſonſt noch dabei Manches für ſeine arme Mutter— von mir rede ich nicht!— abfallen; ich kenne den unbarmherzigen Menſchen! Schon daß er ſich ausgeliefert, er, der im Ausbrechen und Fliehen ſo gewandt iſt und überall— Gott weiß wie!— Helfer und Hülfe ſindet, ſagt mir, daß wir uns auf neue Angriffe gefaßt zu machen haben.“ „Wenn er in Haft iſt?“ fragte Kruſe in einem nicht näher zu bezeichnenden Tone. „Es wird an Anfeindungen nicht fehlen. Es iſt ein Glück, daß Delitz ihn ſo gut kennt, wie wir, und ſich nicht täuſchen laſſen wird. Gott gebe, daß zum Mindeſten das Verbrechen gegen unſer Haus und uns—“ Er brach kopf⸗ ſchüttelnd und mit einem Seufzer ab. „Darüber wirſt du wohl ruhig ſein können,“ ſagte Kruſe kalt.„Gerade dieſes unwürdigen Verdachts wegen ſtellt er ſich, wie er uns angab, um denſelben nicht möglicherweiſe mit ſich in die Ferne zu tragen, einem Anderen zum Vortheil. Und der Nachweis, daß er anderwärts geweilt, ſei ein leichter und unwiderleglicher.“ „Gott gebe es!“ ſprach Siemann mit einem Seußzer, Streiflichter. 149 und fügte, nachdem er mit der Hand leicht über die Stirn geſtrichen, milde hinzu:„Du kannſt es mir nicht verdenken, lieber Kruſe, wenn mich dieſe unglückſelige Geſchichte peinigt und verwirrt. Ich habe in Betreff des unbändigen Menſchen meine eigenen Erfahrungen und meine eigenen Befürchtungen, und es iſt, glaub' ich, nur vernünftig, wenn ich zuerſt an uns denke und unſer Recht ihm gegenüber und uns ſelbſt zu ſchützen ſuche. Daß ich ihm nicht übel will, kannſt du mir glauben; und kann er ſich, um es kurz zu ſagen, rehabili⸗ tiren, ſo wird es Niemand lieber ſein, als mir, ſchon um meiner Frau willen. Ich will ſogar morgen in die Stadt fahren und ſehen, ob ich nicht etwas für ihn und den guten Menſchen, den Caspar Peers, thun kann, der ſich weiter in dieſe Dinge eingelaſſen zu haben ſcheint, als man ihm beim Gericht verzeihen möchte. Delitz hatte ſtets viel Rückſichten für uns.“ Am folgenden Tage wurde aus dieſer verheißenen Fahrt indeſſen noch nichts, und ſie kam auch am nächſten nicht zu Stande. In Kolitz ſtellten ſich die ſogenannte Brandcommiſſion und die Gerichtsbeamten ein, um die nothwendigen Erhebungen und Vernehmungen anzuſtellen, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Magiſter dabei nicht fehlen durfte. Der Schaden zeigte ſich größer als man gefürchtet; es gab Mehrere, die nahezu Alles verloren hatten, denn wie anderwärts gleichfalls waren die Leute auch hier nur ſchwer zu einer Verſicherung ihrer Habe zu vermögen geweſen, es gab nicht Wenige, welche dieſelben ganz unterlaſſen hatten, und ſelbſt Pfarrer Siemann 150 Siebentes Kapitel. war mit einer ſo geringen Summe betheiligt, daß ſein Ver⸗ luſt durch dieſelbe weitaus nicht gedeckt werden konnte. Zur Ueberraſchung der Stadtherren nicht nur, ſondern auch der übrigen Anweſenden ſtellte ſich aber heraus, daß Siemann's Einbuße eine noch um Vieles größere geweſen war, als man bisher vermuthet hatte. Eine Kaſſette mit Papieren, welche faſt das geſammte Vermögen ſeiner Frau repräſentirten, war, in ſeinem Schreibtiſch verſchloſſen, von der Pfarrerin bei dem erſten vorſichtigen Ausräumen vergeſſen worden, und als Siemann bei dem wirklichen Brand nach ihr fragte, nicht mehr zu retten geweſen. Man mußte die Faſſung und den Gleichmuth des Mannes bewundern, der dieſen ſchweren Verluſt in ſolcher Weiſe auf⸗ genommen und ertragen hatte, daß ſelbſt Kruſe erſt jetzt den vollen Umfang erfuhr, die meiſten Nachbarn und Bekannten aber gar nichts davon wußten. „Wozu ſollte ich viel davon reden und die ohnehin qual⸗ vollen Selbſtvorwürfe meiner guten Frau noch durch nutzloſe Klagen verſchärfen?“ ſagte der Pfarrer, da man ihm ſeine Theilnahme und ſein Erſtaunen über eine ſolche ſchweigende Faſſung äußerte.„Meine eigene Schuld iſt kaum eine ge⸗ ringere als die ihre. Ich hätte daran ebenſo gut denken ſollen. Nun iſt es geſchehen und muß ertragen werden. Wir werden einige Annehmlichkeiten zu entbehren haben und unſere Kinder werden ein wenig mehr für ſich ſelber ſorgen und arbeiten müſſen. Was mir bei weitem mehr leid thut,“ fügte er zu den nächſten Zuhörern gewendet ſeufzend hinzu,„iſt, — 2* Streiflichter. daß mir von Dieſem und Dem ſeine kleinen Erſparniſſe an⸗ vertraut ſind und daß ich den Erſatz erſt allmälig werde leiſten können.“ Es war auffällig, daß in ſeiner eigentlichen Gemeinde, das heißt unter den Dörflern, die Theilnahme für ihren Seelenhirten auch hier eine ſehr geringe war. Der Schulze ſagte einem der Commiſſionsmitglieder im Geſpräch darüber geradezu:„Na, der Herr Magiſter verſteht's, ſeinen Schaden herzurechnen. Es wird ſo arg nicht ſein.“ Mit der Entſtehung des Brandes war man bald im Reinen. Eine ſchwere und dennoch ſehr gewöhnliche Fahr⸗ läſſigkeit hatte ihn veranlaßt, und die Strohdächer und der ſcharfe Wind erklärten und begründeten ſeine Ausdehnung. Bei dem Pfarrhauſe ſtand die Sache, wie wir wiſſen, anders und konnte über das geſchehene Verbrechen kein Zweifel ſein. Der Thäter aber fehlte. Jener von der Forſtwärterfrau erblickte Mann war bisher nicht aufzufinden geweſen, und das mit den Hausgenoſſen und übrigen Anweſenden angeſtellte Ver⸗ hör ergab keine neuen Anhaltspunkte. Man mußte eben auf ein günſtigeres Ergebniß der fortgeſetzten Unterſuchung hoffen. Am Morgen nach dieſen beiden geſchäftsvollen und un⸗ ruhigen Tagen kam der Magiſter endlich dazu, in die Stadt zu fahren. Es gehörte zu den erwähnten Beſonderheiten des ganzen Falles, daß das Erſcheinen des wohlbekannten und häufig ſich zeigenden Geiſtlichen diesmal, wie man bald be⸗ merken konnte, eine eigenthümliche Aufmerkſamkeit erregt hatte, 152 Siebentes Kapitel. und er ſelbſt und ſeine Gänge von mehr als einer Seite einer Controle unterworfen worden waren, welche nichts außer Acht gelaſſen zu haben ſchien. Er war im Gefängniß ge⸗ weſen und hatte daſſelbe nach kurzer Zeit mit unbefriedigter Miene verlaſſen. Seinen Stieſſohn habe er nicht geſehen, verſicherte der Schließer Chriſtian, und ſein Geſpräch mit dem, beiläufig geſagt, überaus mürriſchen Herrn Lüders ſei ein nichts weniger als geiſtlich ſanftes und friedliches geweſen. Bei dem Rath Delitz, der, wie wir erfuhren, die Unterſuchung wider Detlef an einen ſeiner Collegen abgegeben hatte, ver⸗ weilte Siemann freilich länger. Aber auch hier ſchien es kein befriedigendes Geſpräch geweſen zu ſein. Er ſah, da er ſich wieder auf der Straße zeigte, ſo ſorgenvoll, ja finſter aus, wie man es in dieſen halb behaglichen, halb milden, vom ruhigſten inneren Gleichgewicht zeugenden Zügen noch nie⸗ mals beobachtet zu haben meinte. Sein dritter Beſuch galt dem Director Link, und als man ihn nach einer halben Stunde wieder erblickte, war ſeine Miene noch finſterer geworden. Er kehrte, ohne ſich nach ſeinen übrigen Bekannten umzuſehen, in den Gaſthof zurück, aß zwar, wie gewöhnlich, an der Table d'hote, war aber ſehr ſchweigſam und ernſt, ließ gleich nach Beendigung der Mahlzeit anſpannen und fuhr heim.— „Da haben Sie denn ja heut Mittag den Herrn Ma⸗ giſter perſönlich kennen lernen, wie ich höre,“ ſagte Abends jener Bekannte, den wir ſchon einmal im Geſpräch über den Fall mit Link fanden, zu dieſem.„Ehrlich geſtanden, dieſe Streiflichter. Theilnahme für Horſt— denn die war es doch wohl?— hat mich und Andere überraſcht. Man hat bisher niemals etwas davon geſpürt.“ „Laſſen wir das gut ſein,“ verſetzte Link in einem ge⸗ wiſſen ablehnenden Tone.„Ich halte zum wenigſten nicht viel von dieſer Theilnahme. Der Herr hat mir überhaupt keinen angenehmen Eindruck gemacht— er ſcheint mir nicht wahr zu ſein. Ja, ich habe den Beweis davon. Er hat behauptet, daß er von Horſt's Rückkehr und Verhaftung erſt am Morgen des Brandes etwas erfahren habe. Das iſt unwahr. Delitz hat ihm im Gegentheil ſogleich Nachricht gegeben. Das kann uns Anderen allerdings ſehr gleichgültig ſein. Allein wozu ein ſolches— Verheimlichen?“ „Er ſah verzweifelt ernſt aus, da er abfuhr,“ ſagte der Andere ſo hin. „Abfuhr?“ wiederholte Link überraſcht.„Groſſe ſagte mir, daß er ihn heute noch um eine Unterredung bitten würde. Da wird er ſich bald zu einer zweiten Fahrt ent⸗ ſchließen müſſen.“ VIII. Ein plötzlicher Umſchlag. Der Wagen fuhr aus Guſtow hinaus auf den„alten Damm“. Der Trab der Pferde wurde ein gemäßigter, und der Kutſcher, der bisher die Getreidefelder und Wieſen ſeiner Beobachtung und Beurtheilung unterworfen und im Dorfe auch wohl hie und da einen Bekannten gegrüßt hatte, fing an, ſeine Aufmerkſamkeit der Straße zuzuwenden und den Zuſtand derſelben, ſoweit er's vermochte, mit den Augen im Voraus zu ſondiren. Das Unwetter, das wir vor einigen Tagen gerade über dieſe Gegend mit ſeinem ganzen Un⸗ geſtüm hinbrauſen ſahen, hatte Spuren hinterlaſſen, welche Wind und Sonne nicht auszulöſchen vermochten: der ſchwere Regen hatte noch mehr Steine losgewaſchen und hin und wieder ſtand das trübe Waſſer noch in ganzen Lachen oder in den Geleiſen entlang und machte die Fahrt unſicher. „“s iſt doch ein ſackerment'ſcher Weg,“ ſagte der Kutſcher, da der Wagen grade an der alten Sturmweide vorüberfuhr, Ein plötzlicher Umſchlag. 155 und trotz aller Vorſicht einen tüchtigen Stoß erhielt, weil die Räder der rechten Seite über ein paar heruntergerutſchte Steine rollten.„Da ſoll der Knauſt neulich geſtürzt ſein, hör' ich, und es iſt kein Wunder. Soll ſich freuen, daß er ſich nicht Arm und Beine kaput geſchlagen bei ſeinem Jagen.“ „Haſt du ihn in der Stadt geſehen?“ fragte der Ma⸗ giſter, der bisher ſchweigend in ſeiner Ecke gelehnt hatte, und die Augen mit einem zerſtreuten Blick über die, heut Nach⸗ mittag wunderbar friedliche, blaue See hinſtreifen ließ, bis der erwähnte Stoß ihn in die Höhe warf und zu einem Laut veranlaßte, der ſeinen Freund, den Oberamtmann, von neuem überraſcht haben würde. Beim Kutſcher war das nicht der Fall, derſelbe kannte ſeinen Herrn beſſer, und ſtatt ſich zu verwundern, begann er vorſichtigerweiſe das Geſpräch, um allen etwaigen Vorwürfen auszuweichen. 3 „Ja wohl,“ verſetzte er auch jetzt mit einer gewiſſen Angelegentlichkeit.„Er hat unſern Wagen vor dem Hauſe ſtehen ſehen, und da kam er herein und redete ein wenig mit mir. Er hinkt noch, Herr Magiſter, und iſt fuchsteufel⸗ wild—“ „Weßhalb reitet er auch ſo unſinnig!“ „Ja, er hat wohl gemußt, Herr. Er ſieht das Boot herankommen und anlegen— wozu, das war ja fadengrade. So iſt er darauf losgeritten auf Tod und Leben, er hat zuletzt ſchon Einen von den jungen Eichen herüberlaufen ſehen. Da iſt er aber geſtürzt, daß ihm die Sinne ver⸗ gangen ſind, und als er ſie wieder bei einander hatte, war 156 Achtes Kapitel. das Boot fort, und ich ſoll Ihnen ſagen, Herr, ſeine Schuld ſei's nicht, daß er nichts habe thun können.“ Durch das Geſicht des Pfarrers glitt ein Zug der un⸗ angenehmſten Ueberraſchung.„Was ſoll das dumme Ge⸗ ſchwätz?“ fragte er barſch.„Was geht das mich an?“ Der Kutſcher beachtete wiederum vorſichtiger Weiſe dieſe Unterbrechung nicht.„Und Sie möchten ſich nur vor dem Caspar Peers in Acht nehmen,“ fuhr er in ſeinem Bericht fort,„der ſei all' die Freundlichkeit nicht werth, ſondern—“ „Wie kam er denn auf Caspar?“ fiel Siemann hörbar intereſſirt ein. „Ei, der iſt ihm ja nach dem Sturz zu Hülfe gekom⸗ men, und der Herr Oberförſter von Jägersruh auch. Und es iſt ihm kurios genug geweſen, daß die Beiden gerade ſo ganz in der Nähe geſteckt ſind. Er hat auch die Anzeige gemacht, aber nichts mehr davon gehört, als daß richtig der Herr Oberförſter es geweſen iſt, der den— Mann mit ſei⸗ nem Wagen in die Stadt geſchickt hat. Und er hat gemeint, wenn die Menſchheit ſo den Vagabunden und Verbrechern zu Hülfe kommen dürfe, da ſolle der Teufel ſeinen Dienſt holen, und wenn das durchgehe, da höre alles auf. Dem Caspar Peers woll' er es aber ſchon einmal anſtreichen—“ „Alſo Caspar und der Herr Oberförſter!“ murmelte der Magiſter in einem Tone, der bewies, daß die Worte nicht für den Kutſcher berechnet, ſondern nur, ſei es der Anfang, ſei es ein Glied einer ganzen Reihe von Gedanken und Vor⸗ ſtellungen waren, welche durch das Mitgetheilte im Geiſt⸗ Ein plötzlicher Umſchlag. 157 lichen erweckt wurden. Daß dieſelben keine gleichgültigen, noch ſchnell abgethan waren, erkannte man gut genug aus den Schatten auf des Geiſtlichen Stirne und aus der Stille, in der er verharrte. Erſt nach einer langen Pauſe ſagte er, noch immer in gedankenvollem Tone:„wo denn eigentlich wohl der Caspar ſteckt? Iſt er nach G. zurück? Ich habe gar nichts mehr von ihm gehört, und doch muß er bei dieſer Sache befragt werden.“ „Ja, Herr Magiſter, der Knauſt wunderte ſich auch darüber,“ entgegnete der Kutſcher, indem er die Pferde, welche ſeither vom Trabe zum langſamen Schritt übergegangen waren, vor einer großen Waſſerlache rechts auf den, gerade an dieſer Stelle viel höheren Damm hinauflenkte. War die Steigung und Biegung aber allzu ſtark, oder wurde der Wagen nicht mit der nothwendigen Gewandtheit geleitet— als das Vor⸗ derrad ſich eben über die Steine erhoben hatte, gab es plötz⸗ lich einen harten und zugleich ſcharfen Klang, und die Seite, auf welcher der Pfarrer lehnte, ſenkte ſich ſo jäh, daß der Herr beinahe über den Rand der Bank hinausgeſchoſſen wäre. „Verwünſchter Kerl, was machſt du?“ rief der Magiſter noch grimmiger, als erſchrocken aus. Der Wagen ſtand, der Kutſcher war ſchon vom Vorder⸗ ſitz und unterſuchte den Schaden.„Die Achſe iſt kaput, morſch entzwei, wie Glas!“ rapportirte er, und fügte in der nächſten Sekunde, ohne ſich um ſeine Stellung als Kutſcher eines Geiſtlichen zu kümmern, einen Fluch hinzu, wie ihn der 158 Achtes Kapitel. „alte Damm“ ſchwerlich jemals grimmiger hervorgerufen und vernommen hatte. Der Magiſter löſte die Sitzdecke und warf ſie zurück. Er ſtieg ab und unterſuchte nun auch ſeinerſeits das ge⸗ ſchehene Unglück. Und als er ſich wieder aufrichtete, ſprach er kaum weniger grimmig:„jetzt ſchaffe Rath, du ungeſchickter Teufel! Eine Stunde bis nach Hauſe, und der Bettel hält keine hundert Schritte mehr zuſammen! Aber verlaß dich darauf, dein Lohn wird's empfinden!“ „Das mag der Herr Magiſter ſchon probiren, aber ich werde mich verdammt ſträuben,“ ſagte der Kutſcher, jetzt auch ſeinerſeits grob und mit grimmigem Blick auf ſeinen Herrn. „Auf ſolchem Mordweg ſoll mir einer was von ungeſchicktem Teufel ſagen! Und wir wollen ſchon ſehen, wer Recht behält.“ Siemann ſchien ein zorniges Wort auf den Lippen zu haben. Daſſelbe wurde aber vernünftiger Weiſe zurückge⸗ halten, denn daß er ſich mit dem Menſchen hier nicht auf einen Streit einlaſſen dürfe, begriff er am Ende noch, trotz aller Gereiztheit.„Alſo ſieh zu, was du anſtellſt,“ redete er um vieles gemäßigter, ja bereits wieder mit einer ge⸗ wiſſen Würde.„Daß ich nicht nach Hauſe gehen kann, iſt ſicher genug, und daß ich dir bei der Reparatur nicht helfen kann, ebenfalls. Mein alter Schaden macht's mir unmöglich.“ Der Kutſcher murmelte etwas, das nicht übermäßig reſpektvoll klang, machte ſich jedoch, nachdem er ſich ſuchend umgeſehen, daran, einen am Grabenufer vorgefundenen Zaun⸗ Ein plöͤtzlicher Umſchlag. 159 pfahl mit ſeinem Meſſer zu bearbeiten, ein in Anſehung des Inſtruments langwieriges und obendrein vorausſichtlich ziem⸗ lich unfruchtbares Geſchäft, denn ſehr tragfähig war das Holz nicht mehr. Er ſchaute bei der Arbeit immer nach einem Helfer aus, allein das ſollte, wie es ſchien, vergeblich bleiben. Denn am ganzen Strande entlang zeigte ſich keine Menſchenſeele— es gab freilich trotz der Ebenheit der Gegend grade am„alten Damm“ Oinderniſſe genug, welche eine rechte Rundſchau erſchwerten,— und die Fiſcherboote, welche hie und da im Meerbuſen ſichtbar wurden, waren unter ſolchen Umſtänden wie nicht vorhanden. Ihre Inſaſſen kamen ſchwerlich hierher an's Land oder auch nur ſo nahe, daß man ſie hätte errufen können. Indeſſen ſchien das Unglück ſich erſchöpft zu haben. Von Kolitz her, welches man, wie wir wiſſen, von dieſer Stelle aus, obgleich die erſten Häuſer verſchwunden waren, gut genug erblicken konnte, kam in raſchem Tempo ein Wagen, der in weniger als einer halben Stunde heran ſein mußte, und nicht genug damit, ſah der Magiſter, als er zufällig nach rückwärts ſchaute, auch hier einen Reiter herantraben, der ſchon bedeutend näher war. Es war, wie ſich in wenigen Minuten zeigte, ein Gerichts⸗ bote, vom Unterſuchungsrichter Groſſe dem Magiſter nach⸗ geſendet, um ihn, mit dem Ausdruck des Bedauerns über ſeine ſchnelle Abfahrt, in der höflichſten Weiſe zu einer un⸗ umgänglich nöthigen Vernehmung einzuladen. Da es nicht zu verlangen ſei, daß er heut noch zurückkehre, hieß es, ſo 160 Achtes Kapitel. habe der Rath ihn zu bitten, daß er ſich am nächſten Morgen um 11 Uhr bei ihm einfinde. Er würde, ſchloß der Brief, zu ihm, dem Magiſter hinausgekommen ſein, wenn ſeine Ge⸗ ſchäfte es erlaubten. Siemann hatte dies aus dem raſch eröffneten Schreiben, wie man unſchwer merkte, mit ſteigender Ueberraſchung, ja mit deutlich hervortretendem Mißtrauen geleſen. Er wandte ſich nun an den Boten, der inzwiſchen abgeſtiegen war, und ſchon dem verdrießlichen Kutſcher Beiſtand leiſtete, mit der Frage, was denn vorgefallen ſein könne, das dieſe Vor⸗ ladung erkläre, und er that das in einer ſo vertraulichen Weiſe, daß man wohl bemerkte, wie ihm auch dieſer Mann ſchon ſeit länger her bekannt ſein mußte: wir erhielten ja bereits mehrfache Andeutungen, daß der Magiſter mit allem, was zum Gericht gehörte, in nahen Beziehungen ſtand. Der Mann bonnte begreiflicherweiſe keine Aufklärung geben. Er hatte nur erfahren, daß der Rath einen Anderen in des Magiſters Gaſthof mit der mündlichen Bitte um einen Beſuch geſchickt, und da er erfuhr, daß der Geſuchte bereits abgefahren ſei, alsbald ihn expedirt, und ihm die größte Eile anempfohlen habe. Treffe er den Geiſtlichen noch dies⸗ ſeits Guſtow, ſo möge er ihn auffordern, umzukehren und ſogleich beim Rath vorzufahren. Der Magiſter ſchüttelte immer bedenklicher den Kopf. „Und Sie wollen mir einbilden, Wüſt,“ ſagte er,„daß Sie gar nicht ahnen, was dieſe Citation und zumal dieſe Dring⸗ Ein plötzlicher Umſchlag. 161 lichkeit zu bedeuten hat? Gehen Sie mir fort. So etwas ſpricht ſich ſtets zwiſchen euch herum.“ 1 Der Bote zuckte die Achſeln.„Weiß es wahrhaftig nicht, Herr Magiſter,“ verſetzte er in einer Weiſe, die anzudeuten ſchien, daß es ihm wirklich leid that, Siemann's Wunſch nicht erfüllen zu können.„Das iſt nicht mehr, wie bei dem Herrn Rath Delitz— es iſt nicht Einer von uns, der in dieſen letzten Tagen mehr als ſeinen Auftrag erfahren hat. Der Herr Rath reden mit keinem Menſchen, als mit dem Herrn Direktor, bei den Verhören iſt keiner von uns an⸗ weſend geweſen, und mit dem Lüders iſt nichts anzufangen, er iſt wie auf's Maul geſchlagen. Doch denk' ich, mit dem Herrn Horſt wird die Vernehmung des Herrn Magiſters nichts zu thun haben. Mit den ſcheint ja alles in Ordnung zu ſein, bis auf die alte Schlägerei⸗Geſchichte mit Heldt. Und das kann den Herrn Magiſter doch nichts angehen.“ Siemann ſchaute ernſt und gedankenvoll darein, erwiderte aber nichts und fand um ſo weniger Gelegenheit zu weiteren Fragen, als mittlerweile auch der vorhin erblickte Wagen herankam und eine neue Ueberraſchung für ihn brachte. Denn als einziger Inſaſſe neben dem Kutſcher zeigte ſich auf dem eleganten Gefährt— es war gleich dem des Geiſtlichen ein leich⸗ ter, ſogenannter Jagdwagen— unſer alter Bekannter, Caspar Peers, der ſeit dem Gewittermorgen nicht blos aus unſeren Augen verſchwunden war. Der Wagen hielt und nicht nur Caspar, ſondern auch der Kutſcher waren ſchnell herunter, um den Verunglückten Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 11 162 Achtes Kapitel. gleichfalls Beiſtand zu leiſten, wie es in ſolchen, bei den ver⸗ hältnißmäßig überall ſchlechten Straßen, nicht ſeltenen Fällen ſtets zu geſchehen pflegte: jedermann half einander, weil jedermann demnächſt von einem ähnlichen Unfall betroffen werden konnte, und nicht im Stich gelaſſen werden wollte. Hier war die Hülfe noch natürlicher, weil abgeſehen von Caspar's Stellung zu dem Magiſter, das Fuhrwerk jenem Herrn von Beſtfeld gehörte, den wir als Schwager des Geiſt⸗ lichen kennen gelernt haben. „Was, du biſt's, Caspar, und auf meines Schwagers Fuhrwerk?“ rief Siemann ganz verwundert aus, da er die Anlangenden erkannte.„Ich habe dich längſt in G. gewähnt, mein Sohn— du hatteſt ja ſolche Eile, wieder nach Hauſe zu kommen,“ fügte er wohlwollend, ja nunmehr mit einem milden Lächeln hinzu.„Und jetzt biſt du doch noch hier! Wo ſteckſt und was treibſt du denn, Vagabunde, der du biſt?“ Es fehlte viel, daß ſich in Caspar's Zügen und Weſen die Theilnahme und Hochachtung ausgeprägt hätte, die wir bei der erſten Begegnung mit dem Geiſtlichen darin wahr⸗ nahmen. Der Mann ſchaute im Gegentheil, nach dem erſten Zucken der Ueberraſchung über dies Zuſammentreffen, ſo nüch⸗ tern und kühl aus, wie an jenem Morgen unter der Sturm⸗ weide. Und genau ebenſo klang auch ſeine Antwort, zu der er ſich obendarein kaum recht Zeit ließ:„das iſt eben, wie es iſt, Herr Magiſter. Ich kriegte Geſchäfte in der Leſthiner Gegend und bin bis heut aufgehalten worden, wo Ein plötzlicher Umſchlag. 163 mich Herr von Beſtfeld ſehr freundlich in die Stadt fah⸗ ren läßt.“ Dem Pfarrer entging die veränderte Weiſe des vertrau⸗ ten Mannes, der ſich bei ſeinem letzten Wort bereits zu den 5 Anderen geſellte, welche die gebrochene Achſe nothdürftig zu unterſtützen ſuchten, keineswegs, ja ſie ſchien ihn ernſtlich zu verdrießen und zu reizen. Denn ſeine Worte klangen ſcharf, ja faſt ein wenig wegwerfend, da er verſetzte, ohne ſich um die übrigen Zuhörer zu kümmern:„nun, mein Sohn, du brauchſt mir gegenüber keine Winkelzüge zu machen. Ich weiß ſchon, was dich hier gefeſſelt hat, und ich glaube, Andere wiſſen es auch.“ Caspar richtete ſich von der Achſe auf und begegnete 3 dem Auge Siemann's mit kaltem, feſtem Blick:„Ich leugn' es auch nicht,“ ſprach er,„daß ich nach Detlef ausgeſchaut habe. Ich ſah ihn neulich im Gewitterſturm abſegeln und hatte Angſt um ihn. Aber die Hauptſache war, daß ich ihm ſagte, wie nicht ich das Gerücht von der Brandſtiftung aus⸗ gebracht, ſondern ihn von Anfang an in Schutz genommen habe, und wiederum, wie ich auch nicht die Gensdarmen auf ſeine Spur brachte. Er ſoll mich nicht für einen ſchlechten Menſchen und Kameraden halten—“ „Caspar Peers!“ fiel Siemann lebhaft ein. „Es hilft nicht, Herr Magiſter, es muß ſchon geſagt wer⸗ „Ich leid's nicht, daß er ohne meine Schuld ſchlecht von mir denkt. Und da Herr von Beſtfeld mir heut ſagte, daß er den,“ ſprach Caspar unbeirrt und gleich kalt und beſtimmt. Achtes Kapitel. ſich geſtellt hat und in der Cuſtodie iſt, ſo will ich hin und mich zum Zeugen melden.“ Er beugte ſich wieder zu ſeiner Arbeit. „Na, da kann er ſich gratuliren— das iſt doch noch Freundſchaft!“ ſagte der Magiſter mit einem Hohn, der nur ſchlecht ſeine Gereiztheit verbarg. Caspar Peers erwiderte nichts. So weit ſich die Achſe repariren ließ, war das jetzt bald geſchehen, da vier kräftige Männer thätig waren. Allein es war augenſcheinlich genug, daß der Wagen, bei dem Mangel jedes rechten Materials, das Gewicht mehrerer Inſaſſen ſchwer⸗ lich auf die Dauer ertragen würde und obendarein nur auf das langſamſte und ſehr ſpät bis Kolitz und zur Schmiede gelangen könnte. „Unter dieſen Umſtänden muß ich ſchon mein Vorrecht auf meines Schwagers Wagen wahren,“ ſagte der Magiſter in einer, man hätte denken mögen, hochmüthigen Weiſe,„und Herr Caspar Peers wird ſich bis zur Stadt wohl auf ſeine Füße verlaſſen. Müßte ich nicht nach Hauſe, ſo würde ich den Wunſch des Herrn Rath's ſogleich erfüllen und ebenfalls hineinfahren,“ fügte er zum Boten gewendet hinzu.„Schrift⸗ liches kann ich Ihnen nicht mitgeben, lieber Mann; ſo machen Sie meinen Empfehl und melden, daß ich morgen, wo irgend möglich, pünktlich erſcheinen würde.“ Und nachdem er Beſt⸗ feld's Gefährt hatte umwenden laſſen, gab er dem eigenen Kutſcher noch einige Anweiſungen, ſtieg auf und fuhr— es war an dem feinen und milden Manne ſchier unerhört!— ohne einen Gruß von dannen. — — Ein plötzlicher Umſchlag. 165 „Mit dem und dir, Caspar, iſt's aus und vorbei,“ be⸗ merkte der Kutſcher Siemann's grinſend. „Das merk' ich,“ verſetzte der Genannte mit aller mög⸗ lichen Kaltblütigkeit.„Muß denn eben ſehen, wie ich's aus⸗ halte.“ Und Bündel und Stock zur Hand nehmend, fügte er gegen den Boten, der eben aufſaß, ſich wendend hinzu: „wenn's nicht allzu ſehr preſſirt, Herr Wüſt, bleiben wir bei einander. Habe gern unterwegs Geſellſchaft.“— Daß Magiſter Siemann innerlich nicht ebenſo kalt war, wie er ſich vor ſeiner Abfahrt gezeigt hatte, verriethen nicht nur ſeine ungewöhnliche Schweigſamkeit, die ihn während der Fahrt nicht ein einziges Wort an ſeinen neuen Führer richten ließ, ſondern auch die beinah an einander ſtoßenden Brauen und die tiefen Falten der ſonſt ſo glatten Stirn. Und auch da⸗ heim wurde ſeine Stimmung keine leichtere. Im Gegentheil gab er ſich kaum Mühe, ſeine Verdrießlichkeit oder was es ſonſt war, auch nur vor dem Oberamtmann und deſſen Fa⸗ milie zu verbergen. Als Grund gab er, auf die beſorgte Frage ſeiner Gattin, ziemlich offen einerſeits die ihm unver⸗ ſtändliche Citation an.„Falls es noch Stil wäre,“ meinte er mit herbem Spott,„würde ich trotz unſerer Armuth, ein beſonderes Weihgeſchenk darbringen, wenn dieſe ewige Sche⸗ rerei endlich einmal ihr Ende erreicht hätte! Es gibt Men⸗ ſchen, die verbreiten um ſich nichts als Fluch und Unheil! Das muß ich gründlich erfahren!“ „Wilhelm, Wilhelm, verſündige dich nicht!“ mahnte die Pfarrfrau.„Du darfſt nie vergeſſen—“ 166 Achtes Kapitel. „Was?“ unterbrach er ſie heftig.„Ich erinnere mich leider nur zu gut all' der Nachſicht und Geduld, die wir umſonſt aufgewendet haben. Und wenn von einer Sünde die Rede ſein ſoll, ſo heiß' ich deine unvernünftige Liebe ſo. Mit einem Wort, ich habe dies ſatt— gründlich ſatt!“ Andererſeits führte er als Grund ſeiner Verſtimmung die Erfahrung an, die er an Caspar zu machen gehabt hatte. Der undankbare Menſch hatte ſich, nach ſeiner gereizten Er⸗ klärung, in einer Weiſe benommen, die gar nicht gröber und ungezogener gedacht werden könne.„Sage mir doch auch hier, daß ich— ich weiß freilich nicht, was!— nicht ver⸗ geſſen ſoll!“ rief er bitter ſeiner Frau zu.„Niemandes Dankbarkeit und Liebe haben wir mehr verdient, auf niemand habe ich mehr gebaut. Darum iſt mir die Enttäuſchung auch ſo empfindlich. Es iſt ein ſchauderhaftes Volk, das unſrige! Und ich könnte ſchier wünſchen, daß den Freund Delitz in die Hand genommen hätte! Er würde ſchon zur Einſicht ge⸗ kommen ſein!“ Kruſe, der bei dieſem Geſpräch zugegen war, unterbrach daſſelbe mit keiner Silbe. Aber er ſchüttelte mehr als ein⸗ mal den Kopf, als ob er den alten Freund immer weniger zu verſtehen vermöge. Am nächſten Morgen jedoch, bevor Siemann von Neuem in die Stadt fuhr, ſagte er zu ihm in ſeiner ruhigen klaren Weiſe:„laſſe mich dir einen Rath geben, Alter, und ſchieb' ihn nicht ganz auf die Seite. Ich habe dich dieſe letzten Tage merkwürdig gereizt gefunden, ſo, wie ich dich bisher noch niemals kennen lernte— ſelbſt, als du Ein plötzlicher Umſchlag. mir am erſten Morgen von deinem Stiefſohn erzählteſt, wareſt du ruhiger und gerechter. Nimm dich mehr zuſammen, Freund, und laſſe dich von deinem Zorn, oder wie du es ſonſt heißen willſt, nicht über alles Maß hinaus reißen. Es macht einen allzu ungünſtigen Eindruck, und es kommt mir beinahe ſo vor, als wenn es dir ſchon um einen beſſeren zu thun ſein dürfte.“ „Wie meinſt du das?“ fragte der Pfarrer, den Kopf erhebend, und auch jetzt wieder in empfindlichem Tone. „Ich meine nur, daß es grade für den Geiſtlichen rich⸗ tiger iſt, mit Nachſicht und Geduld zu verfahren und zum Guten zu reden, als nachſichtslos und unverſöhnlich ſelbſt da zu urtheilen und zu handeln, wo ihm— neuerdings wenigſtens— gar keine Veranlaſſung zu ſolcher Strenge ge⸗ boten wurde.“ „Ach, Herr Link und Herr Bensheim ſcheinen ſchlimm von mir zu denken!“ ſagte Siemann ſarkaſtiſch. Und da verſetzte Kruſe, dem alten Freunde mit auf⸗ fälligem Ernſt in's Auge blickend:„gegen mich haben ſie da⸗ von nichts geäußert, Siemann. Aber frage einmal in deiner Gemeinde nach—“ „Bei der nichtsnutzigen Bande?“ rief der Pfarrer, halb hohnvoll, halb zornig dazwiſchen. „Genug,“ endete Kruſe kalt das Geſpräch.„Ich will wünſchen, daß du aus der Stadt eine beſſere und einſichtigere Laune zurückbringſt. Ich muß in die Wirthſchaft. Laſſe anſpannen, wenn es dir Zeit ſcheint. Kutſcher und Pferde ſind bereit.“ Achtes Kapitel. Die Stirne des Pfarrers war, um ein altes Bild zu gebrauchen, ſchwer und finſter wie ein Gewitterhimmel, und ſie entwölkte ſich auch nicht, als er bald nach der Unterredung durch den leuchtend ſchönen Morgen hinfuhr. Im Gegen⸗ theil, als der Weg durch Kolitz führte, wurden die Falten noch tiefer— die letzten Worte des Freundes erhielten eine gar zu empfindliche Beſtätigung, denn die Begegnenden ver⸗ riethen in der Weiſe ihres Grußes alles eher, als die Ach⸗ tung und Liebe, welche grade die Gemeindemitglieder ſonſt am erſten und natürlichſten dem unter und mit ihnen leben⸗ den Seelſorger zu widmen pflegen. Und wenn der Wagen vorüber war, blieben wohl ein paar ſtehen und ſchauten ihm mit Blicken nach und wechſelten Worte mit einander, über deren Bedeutung der verſtimmte Herr kaum in Zweifel ſein konnte. Erſt als ſie nah und näher zur Stadt kamen, wurde die Stirne wieder freier und nahm das Geſicht mehr und mehr den gewohnten Ausdruck der Ruhe und Bonhommie an, den auch wir gerade in jenen ſchlimmen Stunden des Brandmorgens noch in demſelben fanden. Und ſo trat er in ſeinem Gaſthofe ab und beſtellte ſich ſein Mittageſſen, ſo ſchritt er durch die Straßen und grüßte und wechſelte ein paar Worte mit einem begegnenden Bekannten, ſo ging er in's Gerichtsgebäude und hatte auch hier wieder freundliche, leicht ſcherzhafte Worte für dieſen und den Beamten— er ſchien ſie alle zu kennen— und ſo betrat er endlich das Ge⸗ mach, wo der Rath Groſſe ihn bereits erwartete. 4 „ Ein plötlicher Umſchlag. 169 „Es thut mir leid, mein Herr Magiſter, daß ich Sie habe incommodiren müſſen,“ ſprach der Rath in zwar höf⸗ licher, vor allem aber doch geſchäftsmäßiger Weiſe und ohne auch nur bei der Begrüßung den Ausdruck der— wir müſſen ſagen: Trockenheit zu verlieren, der nicht nur ſeiner Miene, ſondern auch ſeiner Stimme aufgeprägt war.„Allein da mir die Unterſuchung wider Ihren Herrn Stiefſohn über⸗ tragen iſt und ich mich vor allem über die Ergebniſſe des erſten, durch ſeine Flucht ſiſtirten Verfahrens zu inſtruiren hatte, haben ſich einige Punkte gefunden, über welche ich nothwendig Aufklärung erhalten muß— man ſcheint damals merkwürdig leicht über Dinge hingegangen zu ſein, welche in meinem Sinne wenigſtens, der ganzen unglücklichen Angelegen⸗ heit eine beſſere Wendung hätten geben können und Horſt und Ihnen manche ſchwere Stunde erſpart haben würden. Ich ſpreche nicht allein von dem letzten Fall, der ihn in die Flucht jagte, ſondern auch von jenem früheren Prozeß wider ihn und den Advokaten Braun. Für den Augen⸗ blick müſſen wir dies jedoch ruhen laſſen, denn wir bedür⸗ fen dazu jener Documente und anderen Papiere, welche da⸗ mals—“* „Das iſt böſ', Herr Rath, das iſt ſehr böſ'!“ fiel Sie⸗ mann mit einer Bewegung ein, als ſei er auf das Peinlichſte überraſcht.„Dieſe Papiere und gerade das Hauptdocument, in welchem Herr Horſt ſeiner damaligen Gattin— jetzt mei⸗ ner Frau— eine gewiſſe Summe zu ihrem alleinigen Eigen⸗ thum verſchrieb— die exiſtiren ſeit dem Sonntag Mittag 170 Achtes Kapitel. nicht mehr. Sie ſind mit allen übrigen, das Vermögen mei⸗ ner Frau betreffenden Papiere in meinem Schreibtiſche ver⸗ brannt! Gott erbarme ſich—“ Rath Groſſe unterbrach Siemann mit unveränderter Trockenheit. „Das kann, wenn Herr Horſt auf dieſe Angelegenheit zurückkommen möchte, für Sie ſehr unangenehm werden,“ ſagte er.„Da ich aber danach mehr nur zu meiner eigenen Inſtruction fragte, ſo laſſen wir dies und kommen zu einem anderen Punkt. Der Steuermann Heldt war, wie ich er⸗ fahren, Ihr Mündel. Sie werden mir daher die beſte Aus⸗ kunft über ſeinen Charakter und ſeine Lebensweiſe geben kön⸗ nen, Herr Magiſter?“ Siemann zuckte die Achſeln.„Kaum, Herr Rath!“ entgegnete er.„Bis zu ſeiner Confirmation und auch noch ein paar Jahre weiter war er ein braver, wenn auch wilder Junge. Hernach kam er mir mehr und mehr aus den Au⸗ gen. Die ſeltenen Gelegenheiten, wo er in Betreff ſeines Erbes mit mir verkehrte, ſind kaum zu rechnen, und zwar um ſo weniger, da dergleichen, weil er ſelten daheim war, meiſtens brieflich abgemacht wurde, ſogar als ſeine Majo⸗ rennität meine Verwaltung beendigte. Er ſcheint aber aller⸗ dings ein wilder, meiſterloſer Geſell geworden zu ſein— unſere Seeleute werden das leider nur allzu leicht! Dafür ſpricht ja ſelbſt jener letzte unglückſelige Handel mit meinem Stiefſohn, wo meines Wiſſens die meiſten Zeugen zu Detlef's Gunſten ſprachen.“ —— —=ͤͤͤͤͤͤſ—— * Ein plötzlicher Umſchlag. 171 „Da ich Sie ſo ſprechen höre,“ ſagte der Rath, zum erſtenmale in einem gewiſſen wärmeren Tone,„kann ich Ihnen noch einen anderen Beweis dieſer— heißen wir's Verkommenheit, liefern. Wiſſen Sie, daß der Burſche ſich bei ſeinen Invectiven auf Ihren Stiefſohn ziemlich deutlich auf Sie berief, als hätten Sie ihm den Auftrag—“ „Aber, mein Herr Rath!“ rief der Magiſter, deſſen Ge⸗ ſicht ſich dunkel röthete,„eine ſolche Infamie—“ „Ich heiße es nicht anders. Und mein Vorgänger Delitz hat die Sache entſchieden ebenſo angeſehen, da er Ihnen gar nichts davon mittheilte. Beiläufig,“ fügte Groſſe hinzu,„der Heldt wollte am letzten Tage bei Ihnen in Kolitz geweſen ſein— entſinnen Sie ſich deſſen, Herr Magiſter?“ 4 Siemann ſchaute zürnend auf.„Daß er in jener Zeit einmal zu mir gekommen, iſt möglich, obgleich ich es nicht verſichern kann. Daß es aber am letzten Tage ge⸗ ſchehen ſei, iſt eine Lüge, obſchon ich nicht ahne, zu welchem Zweck!“ „Nun, laſſen wir auch dies,“ ſagte Groſſe wieder,„es ſcheint ein nichtsnutziger Patron geweſen zu ſein, der ſich ſo zu ſagen ein wahres Geſchäft aus Lügen, Verläumdungen und Hetzen machte, vor allem aber Ihren Herrn Stieſſohn mit einer Feindſchaft verfolgt und gereizt hat, die bei deſſen Heftigkeit, und zumal in ſeinen damaligen Verhältniſſen, faſt unausbleiblich zu ſchlimmen Folgen führen mußte. Leider ſcheint mancherlei von dieſen Verleumdungen und ſo weiter 172 Achtes Kapitel.* dennoch hie und da gehaftet zu haben, ich habe einige merk⸗ würdig liebloſe und obendrein durch nichts begründete Urtheile über Horſt gehört, und ſelbſt Ihr Verdacht in Anſehung der Brandſtiftung—“ 1 Da er kopfſchüttelnd inne hielt, ſagte der Magiſter, finſter vor ſich hinblickend:„Habe ich mich getäuſcht, Herr Rath, wem kann das lieber ſein als mir? Aber Sie wiſſen nicht, wie Horſt ſich von jeher zu ſeiner Mutter und mir ſtellte. Da kann man viel— alles fürchten!“ „Nun, hier ward das Gottlob nicht gerechtfertigt,“ meinte der Rath, der mehr und mehr zum Tone einer bequemen Unterhaltung überging.„In dieſem Punkte iſt Ihr Stief⸗ ſohn völlig frei von jedem Verdacht— Sie haben wohl ſchon davon gehört, und ich kann es beſtätigen. Aber ich muß Sie in Anſehung dieſes Brandes wirklich fragen— nicht als Richter, mein lieber Herr Magiſter, ſondern ganz als Privatmann!“ fuhr er fort;„ſind Sie denn völlig über⸗ zeugt von einem Verbrechen und halten eine unſelige Nach⸗ läſſigkeit oder Verwahrloſung von Feuer und Licht für ganz unmöglich? Kennen— ahnen Sie denn irgend einen Men⸗ ſchen, der ſolch ein Rachewerk— denn was könnte es anders ſein?— gegen Sie verſuchen ſollte?“ „Ich ahnte eben einen— mit Unrecht!“ ſagte Siemann gedämpft. Man ſah's, das Geſpräch war ihm peinlich.. „Nicht wahr, das Feuer brach am Hinterdach des Hau⸗ ſes aus?“ — — Ein plötzlicher Umſchlag. 173 „Ja wohl. Es war dort ein kleiner Anbau, ein gewiſſes Gemach. Das Dach deſſelben reichte weit herab, ſo daß man's mit der Hand erreichen konnte. Dort oder darüber im Haupt⸗ dach muß es begonnen haben.“ „War das kleine Dach von der Straße aus zu erreichen, Herr Magiſter?“ „Kaum, Herr Rath!“ „Es iſt wirklich ein räthſelhafter Fall!“ ſagte Groſſe, im Gemache auf⸗ und abgehend.„Sie ſind fünf Minuten vor dem Ausbruch gerade in den Zimmern dieſer Seite, ja ſogar in dem kleinen Anbau—“ Siemann zuckte zuſammen und fuhr auf.„Ich? In dem Anbau?“ rief er ganz beſtürzt.„Wer ſagt das? Mit keinem Schritte—!—“ „Ich dachte, Sie hätten das angegeben, und meinte nur, daß Sie ſelbſt da doch wohl keinen Rauch be⸗ merkt—* Man konnte es dem Magiſter nicht wohl übel nehmen, daß er, trotz des bequemen Tons, durch alles, was er ver⸗ nahm, allmälig immer ernſtlicher überraſcht, oder auch beſtürzt wurde. Vom Rath zu einer Unterredung, oder— darauf kam ja nichts an— einem Verhör in die Stadt citirt und durch eine Art von wohlſtudirter Vorrede auf allerhand hin⸗ gewieſen, das leider Gottes für ihn vom ſchwerſten Intereſſe war, während Groſſe's Weiſe und Worte zugleich das trockenſte und conciſeſte Verfahren in Ausſicht ſtellten:— fand er von all' dieſen Erwartungen und Vorausſetzungen ſo gut wie Achtes Kapitel. nichts erfüllt. Wenn der Rath einen Punkt berührt hatte, ohne recht zu erklären, zu welchem Zwecke, ließ er denſelben ſchon wieder fallen und wandte ſich einem anderen zu, und einem dritten, wiederum ohne daß Siemann ſeine Ab⸗ ſicht begriffen hätte. Und endlich kam er— er ſagte ja ſelber, aus reiner Neugier!— noch einmal auf etwas Neues, das mit der Hauptſache in ſo gut wie gar keiner Verbin⸗ dung ſtand, und ſetzte ſich hier ſo zu ſagen feſt und ſchlug Töne an— Es ließ ſich ſchwer ſagen, ob der Ausdruck in Siemann's Zügen bei⸗Groſſe's letzter Bemerkung von mehr Ueberraſchung und Erſtaunen, oder von mehr Beſtürzung und wirklichem Schrecken zeugte. Als dieſe erſte Regung jedoch ſehr raſch überwunden war, blieb erſichtlich nur jener Grimm zurück, den wir ſchon ein paarmal hervorbrechen ſahen, und wenn er diesmal auch einigermaßen gezügelt wurde, ſo war die Heftigkeit dennoch bezeichnend genug, mit der Siemann bei⸗ nah' knirſchend hervorſtieß:„Ich habe nichts angegeben! Ich konnte nichts angeben! Ich war nur im erſten und im an⸗ ſtoßenden Zimmer, wo wir ſchliefen!“. Und als ob ihm erſt jetzt einfiele, daß ſeine Heftigkeit auf den Rath möglicherweiſe einen ziemlich ungünſtigen Eindruck machen könnte, brach er plötzlich ab und kehrte faſt zu ſeinem gewöhnlichen milden Tone zurück, indem er hinzufügte:„Aber wie kann ich mich ſo erzürnen, mein beſter Herr Rath! Alle dieſe unglücklichen Geſchichten haben, wie es ſcheint, mein Nervenſyſtem tüchtig angegriffen— ich habe es in dieſen Tagen ſchon ein paarmal Ein plötzlicher Umſchlag. 175 geſpürt! Alſo mit aller Beſtimmtheit, mein beſter Herr Rath, ich war nur in den beiden Vorderzimmern und habe dort eben ſo wenig etwas vom Rauch gemerkt, als meine beiden Kinder und die Mägde, die ja alle gleichfalls hier und da im Hauſe waren.“ Der Rath hatte bei des Magiſters entſchuldigenden Wor⸗ ten ſeine höfliche Verbeugung gemacht und mit ruhiger Auf⸗ merkſamkeit die weitere Rede angehört. Als dieſelbe zu Ende war, ſagte er, vor dem Geiſtlichen ſtehend und die Hände auf dem Rücken in einander gelegt, mit bemerkbarer Trocken⸗ heit:„Meine Täuſchung iſt eine verzeihliche. Ohne Ihre Anweſenheit in jenem Anbau wird der Fall noch räthſel⸗ hafter.“ Und die Augen feſt auf Siemann richtend, fuhr er langſam und deutlich fort:„Es liegt eine Zeugenausſage vor, daß zu jener Zeit irgend Jemand in dem Anbau geweſen iſt. Es iſt auch ein leichter Rauch bemerkt worden, als ob dieſer Jemand etwa ſeine Pfeife anzünde. Sie rauchten, Herr Pfarrer?“ Es war etwas Todtes in des Magiſters Augen, und auf der Stirn erſchien etwas wie ein feuchter Anhauch. Trotz⸗ dem antwortete er ziemlich feſt:„Nein, Herr Rath! Ich kam eben mit meinem Schwager Beſtfeld von der Brandſtelle des Röſe'ſchen Hauſes.“ „War das Dach in jenem Anbau auch von drin⸗ nen zu erreichen, Herr Magiſter?“ fragte Groſſe unver⸗ ändert. Und Siemann entgegnete, obſchon der feuchte Hauch jetzt 176 Achtes Kapitel. zu wirklichen Schweißtropfen geworden war, hörbar freier: „Sie ſehen meine Beſtürzung, Herr Rath! Ja, das Dach war ſogar leicht zu erreichen! Der Anbau war ganz leicht und unterhalb des Deckſtrohes keinerlei Verſchalung. Wenn Ihr Zeuge daher richtig geſehen hat, ſo muß jener Unbe⸗ kannte, den man über Feld laufen ſah, oder ein anderer Fremder, ſein Werk drinnen vollbracht haben! Denn,“ und er ſchaute mit milder Würde auf,„an einen meiner Haus⸗ genoſſen zu denken, das wäre mehr als Sünde! Es ſind nur meine beiden Töchter— halbe Kinder!— und zwei Mädchen. Das dritte ſaß als Wächterin hinten im Garten bei dem zu Anfang des Brandes im Dorf auch von uns ausgeräumten Hausrath.“ Groſſe's Auge behielt ſtets den gleichen, feſten, man möchte ſagen: bannenden Blick; ſeine Stimme blieb unver⸗ ändert ruhig und deutlich, als er nach einer Pauſe ver⸗ ſetzte:„Sie haben Recht, Herr Magiſter,— ein weibliches Weſen wurde nicht geſehen, ſondern ein Mann. Aber es war nicht derjenige, welcher über Feld lief. Den kennen wir— „Den kennen Sie?“ rief Siemann auffahrend.„Aber—“ „Allerdings, den kennen wir ſeit geſtern, und gerade ſeine Ausſage iſt von ſo ernſter Bedeutung. Und er will keinen Menſchen aus dem Volke geſehen haben, ſondern — er ſah nur einen Theil der Geſtalt durch das kleine Fenſter in der Seitenwand!— ſondern einen ſchwarzen Anzug—“ Ein plötzlicher Umſchlag.- 177 Die Haltung Siemann's blieb unverändert; er ſaß auf⸗ gerichtet, den Kopf erhoben. Von der Stirne war der Schweiß fort, das Auge zeigte wieder Leben und Aufmerk⸗ ſamkeit, ja, durch die Miene glitt bei des Rathes Worten etwas wie ein leiſes, gutmüthig ſpöttiſches Lächeln.„Da muß ich denn am Ende ſelber der Brandſtifter geweſen ſein, oder, ohne mein Wiſſen, einen geſpenſtigen Doppelgänger haben!“ ſprach er im launigen Tone.„Einen ſchwarzen Rock beſitzt in meiner Gemeinde außer mir Niemand als der Küſter, und daß der— nämlich der Küſter Lebrecht, nebſt ſeinem Habit, unſchuldig an dieſer That iſt— das kann ich vor Gott und Menſchen beſchwören. Alſo ich, mein Herr Rath?“ Das Lächeln zog von neuem leiſe vorüber. „Auch uns ſcheint leider nur dieſe Annahme übrig zu bleiben, mein Herr Magiſter,“ ſagte der Rath in unverän⸗ dertem Tone. Siemann zuckte zuſammen, wie vom Schlage getroffen, allein ſeine Bewegung ſchien weniger eine erſchrockene, als ernſtlich zürnende zu ſein. Er erhob ſich mit einem Ausdruck von finſterer Würde, wie wir denſelben noch nicht an ihm zu beobachten hatten, und in dem entſprechenden Tone ſprach er:„Ein Mann meines Alters und meiner Stellung muß es denn ſchon wagen, mein Herr Nath, Ihnen bemerklich zu machen, daß ein ſolcher Scherz, wofür allein ich Ihre Worte—“ „Ich bitte den Herrn Magiſter um Verzeihung,“ unter⸗ Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 178 Achtes Kapitel. brach Groſſe ihn ernſt. Meine Worte ſind nichts weniger als ſcherzhaft, ſondern—“ Siemann machte eine ablehnende Bewegung.„Das ge⸗ nügt vollkommen,“ verſetzte er mit der gleichen Würde.„Ich habe nichts weiter zu ſagen und muß das Kommende er⸗ warten. Ich bin zu Ihrer Verfügung, Herr Rath.“ IX. Magiſter Siemann. Es war wahrhaftig ein Fall, wie man ihn hierzulande noch niemals ſo„ſchrecklich und haarſträubend“, ſo„entwür⸗ digend für die Menſchheit“, ſo„ſehr— ſehr intereſſant“ er⸗ lebt zu haben meinte! Ein Mann der gebildeten Stände, ein geiſtvoller Menſch, ein beliebter Geſellſchafter, ein Geiſtlicher ſogar, und nun mit einemmal ein Verbrecher, und zwar nicht durch den un⸗ erklärbaren, unwiderſtehlichen Antrieb eines unglücklichen Au⸗ genblicks, nicht durch Zufall, nicht durch Nothwehr, ſondern wie man ſchon glauben durfte, mit vollſter Ueberlegung und Berechnung, ſei es— denn hier ſah man noch nicht klar!— um ſich ſelber einem drohenden Verderben zu entziehen; ſei es, um einen anderen, bitter, räthſelhaft Gehaßten in's Un⸗ glück zu bringen! Wir dürfen es hier ſogleich ausſprechen: von Zugeſtänd⸗ niſſen und Bekenntniſſen, von Erklärungen des Magiſters Neuntes Kapitel. Siemann vor ſeinem Richter war nirgends und niemals die Rede; er verharrte, ſei es im Leugnen, ſei es im Schweigen und ſtets in ſeiner— jetzt durch nichts mehr zu erſchüttern⸗ den Faſſung und Würde, und die gravirendſten und unwider⸗ leglichſten Zeugniſſe vermochten ihm nichts als ein verächtliches oder leidendes Lächeln zu entlocken. Das ganze Verfahren wider ihn mußte ſich auf die Zeugen ſtützen, und an denen fehlte es nicht. Es war nicht gerade etwas Ungewöhnliches, aber auffällig war es doch, wie nun, wo Ruf und Anſehen des Herrn zu Fall gekommen waren, von allen Seiten Stim⸗ men laut wurden, die bewieſen, daß dieſer Ruf und dieſes Anſehen ſchon längſt hinfällig, ja zum Theil völlig verloren geweſen und nur in einem ſehr kleinen Kreiſe noch aufrecht erhalten worden ſeien. Hier freilich ſchien es Siemann ernſtlich um Erhaltung der Achtung und Beliebtheit zu thun geweſen zu ſein, und hatte er es nirgends an aller nöthigen Klugheit und Vorſicht fehlen laſſen. Und da zu dieſem Kreiſe faſt nur angeſehene, tonangebende, ja wirklich einflußreiche Leute gehörten, ſo ließ es ſich ſchon erklären, daß ihr Urtheil über den Geiſtlichen lange Zeit das gültige und entſcheidende blieb und ein an⸗ deres, weniger günſtiges, entweder gar nicht laut, oder nicht beachtet wurde. Anderwärts hatte der Pfarrer ſich dagegen das Ding bei weitem leichter gemacht, und erſichtlich außer⸗ ordentlich, ja räthſelhaft wenig ſich um den Eindruck beküm⸗ mert, den ſein Handeln hie und da hervorrief. Jetzt freilich nützte ihm der excluſive Kreis gleichfalls Magiſter Siemann. 181 nichts mehr. Derſelbe ließ ihn mit moraliſchem und phy⸗ ſiſchem Schauder fallen, und erklärte ihn ſchon um deſſent⸗ willen für zeitlich und ewig verdammenswerth, weil er es gewagt und vermocht hatte, ihn ſo lange und gründlich zu täuſchen! Mit der„Verdammung“ oder, wenn man lieber will, Verurtheilung des Verbrechers ſah es jedoch mißlich aus. Der Indicien⸗ und Zeugenbeweis, die Ueberzeugung der Rich⸗ ter und des geſammten Publikums genügten zu jener Zeit bekanntlich keineswegs zur Verurtheilung des Angeklagten, der nicht auf„handhafter That“ ergriffen, noch zu einem Bekenntniß zu vermögen war. Beides traf bei Siemann, um dies zu wiederholen, nicht zu. Am gleichen Morgen, wo der Magiſter in der Stadt erſchien, um für ſeinen Stiefſohn und Caspar Peers„ein gutes Wort“ einzulegen, hatte ſich beim Director Link ein Mann eingefunden, der ſich durch ein Billet des Oberförſters Bensheim legitimirte und ſich als den Menſchen vorſtellte, den die Frau des Waldwärters Mens während des Pfarr⸗ hausbrandes über Feld und gegen den Wald laufen ſah. Link hatte ihn nach einer kurzen Unterhaltung ſogleich an den Unterſuchungsrichter Groſſe gewieſen, und dieſer fand die Ausſage von ſolcher Bedeutung, daß aus den vorläufigen Fragen alsbald ein vollſtändiges und ernſtes Verhör wurde und er ſich veranlaßt ſah, den Pfarrer Siemann„um ſeinen Beſuch“ zu bitten. Dieſer Letztere war, wie wir wiſſen, ſchon wieder abgereist und konnte erſt am folgenden Tage erſchei⸗ Neuntes Kapitel. nen, um, der Brandſtiftung angeklagt, verhaftet und ſeinem alten Bekannten, Herrn Lüders, zur Aufbewahrung anver⸗ traut zu werden. Der Zeuge, wie wir ihn denn wohl heißen müſſen, war einer von Bensheim's Waldarbeitern, die ſich aus der ganzen Umgegend rekrutirten, und erhielt vom Oberförſter und, wie ſich ſpäter herausſtellte, auch von allen Uebrigen das beſte Zeugniß als nüchterner, ehrlicher und fleißiger Menſch. Er war— die gewöhnliche Carridre ſolcher Leute— vor eini⸗ gen Jahren erſt vom Militär zurückgekehrt, hatte geheirathet und ſich, da er nicht ganz mittellos, als Häusler niederge⸗ laſſen und arbeitete und ſorgte nach Kräften für ſeinen jungen Hausſtand. Am Morgen des Kolitzer Brandes war er im Walde geweſen, um, trotz des Sonntagmorgens, ein verſäumtes Geſchäft nachzuholen. Als der Brand aufging, lief er, wie ſich von ſelbſt verſtand, zu Hülfe und war thätig, bis das letzte Haus herunter war, wo er ſich denn um ſo ſchneller auf den Heimweg machte, als derſelbe nicht kurz und ſeine Frau, die obendarein Kindbetterin, daheim nur ſchon allzu⸗ lange allein geblieben war. Er eilte auf dem kürzeſten Wege, über den Kirchhof, am Pfarrhauſe und dem Garten deſſelben entlang, gegen den Wald zu, wo er tüchtig abſchneiden konnte. Vor dem Pfarr⸗ hofe ſah er ein paar Leute ſtehen, die er jedoch nicht erkannte; die Waldwärters⸗Frau in der Thür ihres Hauſes erblickte er gleifalls im Vorüberlaufen. Er hielt erſt unter den Wald⸗ bäumen an, als Geſchrei in ſeinem Rücken ihm eine neue „— — Magiſter Siemann. Kataſtrophe meldete— das Dach brannte, und einen Augen⸗ blick ſchwankte er, ob er wieder umkehren ſolle. Dann aber trieb ihn der Gedanke an die einſame und hülfloſe Frau weiter— hier waren auch ohne ihn Helfer genug. Natürlich war in den nächſten Tagen zwiſchen ihm und ſeinen Kameraden vom Brande des Dorfes und Pfarrhauſes die Rede. Von Brandſtiftung wußten ſie jedoch nichts— es ſtammte zufällig keiner von ihnen aus jener Gegend— und erſt am dritten oder vierten Morgen brachte Einer die Nachricht von dem über's Feld laufenden Manne und dem Verdacht gegen denſelben mit. Der Häusler ſchloß mit allem Recht, daß vermuthlich nur er dieſer Verdächtige geweſen ſein könne. Und ſo meldete er ſich, um allen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, bei Bensheim perſönlich und ſtellte ſich auf deſſen Rath in der Stadt beim Gericht. „Als Sie ſich zuerſt vom Waldrande umſchauten— wo ſahen Sie es brennen?“ fragte Groſſe nach dieſer vollſtän⸗ digen Ausſage. Und als der Mann angab, die größte Gluth ſei auf dem rechten Flügel des Hauſes geweſen, die Flamme aber ſchon über das ganze Dach hingeſchlagen,— da fuhr er fort:„alſo auf der Seite, an der Sie vorbeigelaufen ſein müſſen. Haben Sie— es kann doch kaum eine Viertel⸗ ſtunde vergangen geweſen ſein— gar nichts Verdächtiges bemerkt, keinen fremden Menſchen, keinen Rauch?“ Und der Häusler erwiderte:„Nein, Herr Rath, ich ſah nichts von dergleichen. Denn was ich ſah, kann doch mit dem Brande nichts zu thun haben. Es war hinten am Hauſe Neuntes Kapitel. ein niedriger Ausbau mit einem kleinen Fenſter nach dem Wege hin, auf dem ich vorüberlief. Das Fenſter ſtand auf, und ich ſah's, daß irgend Jemand in dem Raum war— wer, weiß ich nicht, ich ſah nichts als ein Stück von einem ſchwarzen Habit, das ſich bewegte, als ob der Menſch die Arme aufhöbe. Dann kam auch ein kleiner Rauch aus dem Fenſter, ſo, als wenn man ſich mit einem paar Schwefel⸗ hölzern die Pfeife anzündet. So hab' ich's mir auch ge⸗ dacht und gemeint, daß es der Herr Magiſter ſelber geweſen. Draußen war keine Menſchenſeele und zeigte und regte ſich nichts. Nach dem Dache habe ich freilich nicht hinaufgeſehen, ob dort bereits etwas geglimmt— ich habe gar nicht an ſo was gedacht. Aber Rauch hätte ich doch ſchon gemerkt, wäre er da geweſen.“ „Können Sie Ihre Ausſage beſchwören vor Gott und Ihrem Richter?“ fragte Groſſe, der der Mittheilung mit großer Ueberraſchung und ſteigendem Intereſſe gefolgt war. Und der Mann verſetzte:„Ja, Herr Rath, das kann ich. Was ich geſagt habe, iſt wahr und habe ich geſehen. Mehr aber nicht, und mehr kann ich auch nicht ſagen.“ „Kennen Sie den Herrn Magiſter Siemann oder waren jemals in Verbindung mit ihm?“ fragte der Rath. „Von Anſehen iſt er mir wohl bekannt, er iſt ſchon einmal beim Spazierengehen an unſerem Arbeitsplatz vor⸗ übergekommen,“ lautete die offene Antwort.„Anders kenn' ich ihn nicht, er iſt nicht unſer Pfarrer.“ Was den Rath bei dieſer Ausſage am betroffenſten Magiſter Siemann. machte, war einerſeits, daß Siemann vor der Commiſſion mit einer Beſtimmtheit, für die man keinen Grund wußte und die daher gewiſſermaßen auffiel, angegeben hatte, daß er bei ſeiner Anweſenheit im Hauſe nur die beiden Vorder⸗ zimmer betreten habe und daher nicht wiſſen könne, ob und was am Hinterhauſe zu dieſer Zeit vorgegangen ſei. Und andererſeits lag außer der mitgetheilten Bemerkung des Schulzen noch die Aeußerung eines Kolitzer Bauers vor, der gleichfalls gemeint hatte, daß es mit dem Schaden des Ma⸗ giſters nicht ſo weit her ſein werde. Er habe ja alles Werth⸗ volle außer dem Hauſe gehabt, und ihm paſſire überhaupt immer nur das, was ihm paſſe. Sonſt würde er ſchon Lärm gemacht haben, wie er's gut verſtehe. Groſſe hatte beide Aeußerungen von ſeinem Collegen nur geſprächsweiſe und als Zeichen der Abneigung wider Siemann vernommen, die man zu Kolitz bemerkt und von der man bisher, zum mindeſten in dieſer Schärfe gar keine Ahnung gehabt hatte. Jetzt gewannen ſie eine bei weitem andere, möglicherweiſe ſehr ernſte Bedeutung. Hier freilich gelangte man ebenſowenig zu einem Reſul⸗ tat, wie bei der Confrontation des Pfarrers mit dem Wald⸗ arbeiter. Der Erſtere ſchien den Anderen in Wirklichkeit gar nicht zu kennen, und dieſer Letztere hatte ja die That nicht geſehen und überhaupt auch ſo wenig erblickt, daß er nicht einmal auf die Perſönlichkeit ſchwören konnte. Und Siemann befand ſich ſchon hier in jener Haltung, deren wir oben gedachten: er ließ ſich zu keinem Zugeſtändniß bewegen, 186 Neuntes Kapitel. er ließ ſich auf keinem Widerſpruch betreffen. Mit den Ko⸗ litzern ſtand die Sache inſofern noch ausſichtsloſer, als ſie auf ihren Pfarrer zwar ſo ſchlecht wie möglich zu ſprechen waren und allerhand an's Licht brachten, was für den Herrn und ſeinen Ruf ſchlimm genug ſein mußte, in Anſehung der Hauptanklage aber vor jeder directen Beſchuldigung zurück⸗ wichen. Sie waren, wie die rechten Bauersleute allerwärts, viel zu vorſichtig und klug und, wenn man's ſo heißen will, auch zu feige, als daß ſie ſich auf Dinge eingelaſſen hätten, wo ſie für ſich mögliche Unannehmlichkeiten und Unbequem⸗ lichkeiten witterten. Daß ſie die That ihm zutrauten, weil ſie ihn aus allerhand Verlegenheiten befreien konnte, oder nur, um— es war kennzeichnend!— um Anderen oder aller Welt„einen rechten Schabernack“ anzuthun— das war ſicher genug. Einen Beweis hatten und wußten ſie hier gleich⸗ falls nicht gegen ihn. Es war Niemand in der Nähe ge⸗ weſen, als die Hausgenoſſen, und ſelbſt dieſe hatten den Herrn, ſeit er in die Zimmer der rechten Seite getreten war, aus den Augen verloren. Seine Tochter, die ihm beim Ein⸗ tritt in's Haus begegnet war, hatte er nach dem Mittageſſen gefragt und darauf, ſei es verdrießlich, ſei es barſch, in die Küche gewieſen, was für ſie und die Mägde beſſer ſei als das nutzloſe Umherflankiren im Hauſe. Hatte er alle Be⸗ obachtung unmöglich machen wollen? So ſtanden die Dinge und ſie hätten das Verfahren gegen ihn vielleicht kaum gerechtfertigt, wären nicht andere Indicien dazu gekommen, welche ſeine Schuld immer zweifel⸗ 4 83 Magiſter Siemann. loſer erſcheinen ließen. Er war auf einen„üUnglücksfall“, wie den jetzt eingetretenen, erſichtlich ſeit mancher Zeit vor⸗ bereitet geweſen, und zwar nicht blos geiſtig, indem er gegen Bekannte häufig einer ſolchen Möglichkeit gedacht, und mit dem Rath Delitz, wie dieſer zugeſtehen mußte, den Fall aus⸗ drücklich und ausführlich beſprochen hatte; ſondern auch ſozu⸗ ſagen materiell, da er wiederum ſeit Jahr und Tag und wiederum bei Delitz, Dokumente, Werthpapiere, Schmuck⸗ gegenſtände, mit einem Wort allerlei hinterlegt hatte, was man in der Gefahr zuerſt zu retten ſucht, von dem man ſich aber nicht leicht, ohne eine ſolche, zu trennen pflegt. Hierher gehörte ſelbſt die außerordentliche Vorſicht, mit welcher er, als im Dorfe der Brand aufging, das Haus ausräumen ließ, obgleich nach der Richtung des Windes und der ver⸗ einzelten Lage des Pfarrhofes, die Gefahr für dieſen eine ſehr unwahrſcheinliche war. Und hierher gehörte weiter, daß er jene Kaſſette mit den wichtigſten Papieren im Hauſe be⸗ halten und dennoch vergeſſen, obgleich er bei dem Ausräu⸗ mungsbefehl nichts ſonſt überſehen hatte. Es fehlten faſt alle Papiere, welche ſeine eigenen Schul⸗ den betrafen, deren eine überraſchende Menge zu Tage kam — nicht ſelten Darlehen von Freunden, über die man, des vertrauten Verhältniſſes wegen, häufig gar keinen Schuld⸗ ſchein ausſtellt. Und wie er es damit zu halten dachte, konnte man daraus ſchließen, daß er in einigen Fällen, wo dergleichen bereits angemeldet wurden, ſie voll Entrüſtung für längſt berichtigt erklärte und beſchwor, während Ruf und Neuntes Kapitel. Stellung der Anmelder keineswegs den Verdacht einer be⸗ trügeriſchen Forderung rechtfertigte. Es fehlten freilich auch andere Dokumente, welche ſeine und ſeiner Frau eigene Aus⸗ ſtände und Forderungen begründen ſollten— es war über⸗ haupt eine räthſelhafte Verwirrung in ſeinen Vermögensver⸗ hältniſſen—, allein es war auffällig, daß einige von denen, die er angab, gleich Anfangs von den Betreffenden auf das entſchiedenſte abgeleugnet wurden. That dies doch ſein eigener Schwager in Anſehung eines angeblich für ſeine Schweſter auf Leſthin beſtätigten Capitals. Und endlich fehlten alle jene Papiere, welche bei dem mehrfach erwähnten alten Pro⸗ ceß wider den Advokaten Braun und Detlef Horſt von dieſen Gegnern, freilich vergeblich, beſtritten, ja— man erſah das jetzt erſt aus den Acten!— für gefälſcht erklärt worden waren. Man durfte ſchon fragen: und eine ſolche Verwirrung und ſolche Widerſprüche ſollten ſich in den Vermögensverhält⸗ niſſen des Mannes vorfinden, der im Uebrigen, je weiter man in ſein Leben eindrang, immer deutlicher als der peni⸗ belſte und ſtrengſte Haushalter und Verwalter erſchien, der unter der Hand ſein Vermögen in raſtloſem Umtrieb erhielt — es kamen Dinge zu Platz, welche genau wie Wucher⸗ geſchäfte ausſahen!— und gegen ſeine Schuldner mit nachſichts⸗ loſer Härte auftrat, mit einem Wort, überall und immer auf ſeinen Vortheil— er hieß das: auf ſein Recht!— bedacht war? Eine wirkliche, ausreichende Antwort erhielt man nicht. Hier blieben Räthſel und Geheimniſſe, die niemals erklärt und aufgedeckt wurden. Hier, das mußte man ſchon zuge⸗ Magiſter Siemann. ſtehen, hatte Siemann im Allgemeinen mit einer Vorſicht operirt und alle Spuren, die ihm hätten gefährlich werden können, mit einer Sorgfalt und Schlauheit verborgen, die von ſeinem Standpunkt aus aller Achtung werth waren. Ob hin und wieder dennoch einzelne kleine bedenkliche Züge ſicht⸗ bar wurden, ſchier ihn nicht groß angefochten zu haben. Wenn er ſeine Zwecke erreichte und dabei im Sinne des Ge⸗ ſetzes nicht ſtraffällig wurde, durfte ſein Ruf und Charakter ſchon ein wenig leiden. Das ſtellte ſich wohl wieder her. Bei weitem anders ſtand es in allem, was ſein Ver⸗ hältniß zu ſeinem Stiefſohn, Detlef Horſt, und ſein Ver⸗ fahren gegen dieſen anging. Je weiter man jetzt in dieſe Zuſtände eindrang, deſto weniger fand man von der erwähn⸗ ten unleugbaren Vorſicht, Schlauheit und Sorgfalt; im Gegen⸗ theil ſah man deutlich und immer deutlicher, daß der Ma⸗ giſter ſeiner ſo zu ſagen nicht mehr Herr geblieben, vielmehr durch Habſucht und Eigennutz, durch Ungeduld und Erbit⸗ terung oder Haß, oder was es ſonſt für Regungen ähnlicher Art geweſen ſein mochten, von einem bedenklichen Schritt zum anderen fortgetrieben war. Wir dürfen wohl wieder⸗ holen, daß hier vieles hatte zuſammenwirken müſſen, um über die beiden Menſchen nicht alsbald zu einem bei weitem anderen, für Siemann höchſt ungünſtigen Urtheile zu ge⸗ langen: das Vorurtheil und die Protection, die der Geiſt⸗ liche ſich gerade in den maßgebenden Kreiſen zu ſichern verſtanden, die Gleichgültigkeit, die Detlef ſich gerade dieſen Kreiſen entfremden oder gar gegenüberſtellen ließ; 190 Neuntes Kapitel. ſein Leichtſinn und ſeine Ausſchreitungen, die man nicht leug⸗ nen konnte; ſeine Verbindung mit jenein Advokaten, welche ſeine Sache in juriſtiſchen Kreiſen, wo der Mann als Rabu⸗ liſt, Intrigant und Händelmacher halb gefürchtet, halb gehaßt wurde, von vornherein zu einer verlorenen machte; die Gleich⸗ gültigkeit oder Scheu des großen Publikums gegen alles, was nicht die perſönlichen Intereſſen berührt; endlich die Flucht und lange Abweſenheit des Einen, die ihn jeder Beobachtung und gewiſſermaßen auch jeder Theilnahme entzog, und die Anweſenheit des Anderen, der grude dieſe Zeit vortrefflich benützte, ſich in ſeinen Kreiſen noch feſter zu ſetzen. Es ſtand ziemlich feſt, daß Siemann, wie wir ſchon anführten, mit Detlef's Mutter in der Stadt und vielleicht ſogar vor ihres erſten Mannes Tod, bekannt geweſen war und einen großen Einfluß auf die— ſagen wir nur: ſchwache Frau gewonnen hatte. Es ſtand weiter feſt, daß das Ver⸗ mögen der Dame durch den Bankerott viel weniger berührt wurde, als der Magiſter gelegentlich anzugeben pflegte, ja daß aus den vorhandenen Activen noch gewiſſe Summen für ſie gerettet wurden— es gab hier allerhand Geheimniſſe, deren Aufdeckung für uns aber ohne Intereſſe iſt. Genug, die Wittwe Horſt beſaß, um nur von Geld und Gut zu reden, ſo viel, daß dadurch die Habſucht des Magiſters ge⸗ reizt wurde und er ſchon damals begann, nach dieſer Beute zu ſtreben. Einer von jenen großen Verbrechern, die rück⸗ ſichtslos ihrem Ziele entgegengehen, war er nicht; überdies ſchien er nicht blos nach dem Vermögen der Wittwe, ſondern Magiſter Siemann. 191 4 auch nach ihrer Perſon Verlangen getragen zu haben; er operirte daher nicht gegen, ſondern für ſie, wenn man dies ſo heißen will. Die beiden Anderen, welche ihm im Wege ſtanden, ſeine eigene junge Frau und den Knaben der Frau⸗ Horſt, ſchaffte er nicht durch einen Gewaltſtreich aus dem Wegoe, ſondern verſuchte dies in einer langſameren und vor⸗ ſichtigeren, aber, wie er hoffen mochte, ebenſo ſicheren Weiſe. Bei der Frau gelang ihm ſein Plan: die Ehe ſchien, trotz ſtrenger„Bewahrung aller Dehors“, in Wirllichkeit eine ſo unglückliche geworden zu ſein, daß die zarte und kränkliche Natur der armen jungen Frau nicht lange aushielt. Die Pfarrerin ſtarb, wie wir erfuhren, im Wochenbett— zur rechten Zeit. Denn es gab Leute, die da behaupteten, die Dinge zwiſchen Frau Horſt und dem Magiſter ſeien damals ſo weit vorgeſchritten geweſen, daß ein Eclat demnächſt ſchon unvermeidlich geworden ſein dürfte. Die ſehr bald erfolgende Heirath ſchien dafür zu ſprechen. Mit Detlef wurde es anders. Da der Knabe von An⸗ fang an dem Freunde ſeiner Mutter ein unüberwindliches Mißtrauen und eine unbeſiegliche Abneigung widmete und der Härte und Strenge, ja Grauſamkeit der Erziehung den ſtarrſten Trotz entgegenſetzte, ſo ſchlug Siemann einen an⸗ deren Weg ein. Man hat in der Geſchichte bekanntlich mehr als ein Beiſpiel, daß Mitglieder fürſtlicher Häuſer, deren Ausſichten und zukünftige Stellung für Andere gefährlich zu werden drohten, mit allem Geſchick und aller Methode von Jugend auf allmälig zu Grunde gerichtet wurden. Etwas 192 Neuntes Kapitel. Aehnliches ſchien, natürlich den Verhältniſſen angemeſſen, der Stiefvater verſucht zu haben. Der Knabe und Jüngling hatte, wie wir wiederholen müſſen, leiblich und geiſtig einer Freiheit genoſſen, die, nach menſchlichen Begriffen, faſt unver⸗ meidlich zur Zügelloſigkeit werden mußte. Er war, man hätte glauben mögen abſichtlich, Gefahren ausgeſetzt worden, die, wiederum nach jeder vernünftigen Vorausſetzung, faſt ebenſo nothwendig einmal zu ſeinem, ſei es leiblichen, ſei es ſittlichen oder geiſtigen Ruin führen mußten. Und wenn das Eine wie das Andere nicht geſchah und Detlef, obſchon nicht ſelten an dem Rande des Abgrunds, dennoch niemals in denſelben hineintaumelte, ſondern ſich ſtets wieder aufraffte, ſo mußte man das wohl als ein Zeugniß für die innere Tüchtigkeit und Geſundheit ſeiner Natur gelten laſſen, wel⸗ ches durch alle ſeine unleugbaren Ausſchreitungen nicht ent⸗ kräftet werden konnte. Nur Eines wurde erreicht: der Mutter wurde der Sohn faſt vollſtändig entfremdet und in ihren Augen zu einem Verlorenen geſtempelt, deſſen Enterbung ſelbſtverſtändlich war. Der Theil des Publikums, welcher nur nach dem äußeren Anſchein zu urtheilen pflegt, ſtimmte damit überein, und das gleiche Vorurtheil herrſchte natürlich in des Magiſters eigenem Kreiſe, das heißt, bei dem da⸗ maligen Director und einigen Räthen des Gerichts. Nur ſo ließ ſich die ganz außerordentliche Oberflächlichkeit hier und Strenge da erklären, unter der Detlef bei den beiden, gegen ihn geführten Unterſuchungen zu leiden gehabt hatte. Wie der Magiſter operirt und wie wenig Vorſicht er Magiſter Siemann. 193 für nöthig gehalten hatte, das zeigte ſich beſonders deutlich bei dem unglücklichen Raufhandel, der Detlef vor ſieben Jahren aus dem Lande getrieben. Ganz abgeſehen davon, daß ſelbſt damals ſchon auch Detlef's Gegner die größere Schuld auf Seiten des Steuermanns Heldt hatten finden müſſen, erhielt man jetzt die unwiderleglichen Zeugniſſe, daß der Erſchlagene zu ſeinem brutalen Angriff von Siemann ausdrücklich angeſtiftet worden war. Es fand ſich ein Brief des Letzteren— faſt das einzige für ihn gefährliche Schrift⸗ ſtück— mit den bedenklichen Zeilen:„Du haſt noch immer nicht Deinen Vorſatz in Betreff der Dirne und ſeiner aus⸗ geführt, obgleich ſie's immer frecher treiben und Dich überall verläſtern. Wenn Du zu mir kommſt, kann ich Dir ſchlimme Dinge erzählen.“ Und der Brief war dem Datum nach nur ein paar Tage vor dem Todestage Heldt's geſchrieben, und am Morgen dieſes letzteren war er, wie wir hörten, zu Kolitz bei dem Pfarrer geweſen. 3 Detleſ's Flucht hatte entſchieden einen böſen Strich durch die Rechnung des Pfarrers gemacht. Er hatte, wie man wohl glauben durfte, gehofft, daß eine ſchwere, vielleicht viel⸗ jährige Strafe den Gehaßten entfernen, und daß der endlich entlaſſene„Sträfling“, nach der beliebten unbarmherzigen Weiſe des Publikums um alle Achtung, alles Vertrauen ge⸗ bracht und völlig unſchädlich ſein würde. Statt deſſen mußte er erfahren, daß ſchon die„That“ nicht recht den gewünſchten Eindruck machte und die„Flucht“ eine dadurch noch geſtei⸗ gerte Theilnahme erweckte. Obendrein war Detlef's Rückkehr Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 13 194 Neuntes Kapitel. durchaus nicht ausgeſchloſſen und in dieſem Falle mußte Siemann, wie er nun einmal des Stiefſohns Charakter zu kennen glaubte und wie es ihm obendrein auch ſein eigenes Gewiſſen vorhalten mochte, auf einen ernſten Angriff von Seiten des Mißhandelten gefaßt ſein. Die Gefahr nahm mit den Jahren nicht ab. Im Gegentheil erwuchs ihm ein Gegner im eigenen Hauſe: in der Pfarrerin regte ſich all⸗ mälig nicht nur die Mutterliebe wieder, ſondern auch das Gefühl ihres Unrechts, und es war gar nicht abzuſehen, was hieraus entſtehen könnte, wenn Detlef bei ſeiner endlichen Rückkehr ſich dieſen Vortheil mit mehr Klugheit als früher zu Nutzen machte. Daß Siemann auf Alles gefaßt war und durch die Verzögerung der Rückkehr nicht in Sicherheit gewiegt wurde, ließ ſich aus der Thatſache ſchließen, daß die Anzeige, welche Detlef's Entdeckung und Verhaftung zur Folge hatte, nach⸗ weisbar durch ihn vermittelt wurde. Und wie groß ſein Haß oder ſeine Furcht, bewies die andere, daß er für die Einbringung des von neuem Entflohenen, wie wir erfuhren, unter der Hand ein Fanggeld ausſetzte. Wer vermag zu ſagen, ob nicht endlich ſogar die Brandſtiftung hiermit in Verbindung ſtand? Daß dieſelbe ſchon länger beabſichtigt war, erſchien bekanntlich glaublich; daß ſie bisher verſchoben worden, mochte mancherlei Gründe haben. Aber es war im⸗ merhin bemerkenswerth, daß das anſcheinend kaum nöthige, ungewöhnlich vorſichtige Ausräumen des Hauſes angeordnet wurde, nachdem Siemann am Morgen durch den Gensdar⸗ Magiſter Siemann. 195 men die Privatanzeige von Detlef's Ausbruch erhalten hatte, und daß das Haus in Brand gerieth, als er von Caspar Peers eben erfahren, Detlef habe ſich nach dem Liebenkamp gewandt, ſei alſo in der Nähe. Fand der auf den Letzteren gelenkte Verdacht einigen Glauben und wurde nicht gründlich widerlegt, ſo— ſchlug der Magiſter, um einen Volksaus⸗ druck zu gebrauchen, begreiflicherweiſe zwei Fliegen mit einer Klappe. Hierüber erhielt man ebenſo wenig Gewißheit, wie in den meiſten anderen Punkten, und die Unterſuchung blieb in gewiſſem Sinne eine reſultatloſe. Was ihm zu beweiſen war, mochte ihn vor Gott und Menſchen verdammen,— das Geſetz hatte dafür entweder gar keine oder eine kaum nen⸗ nenswerthe Strafe. Er hätte daher in der Hauptſache frei geſprochen werden müſſen. Da man dies jedoch trotz alledem nicht verantworten zu können meinte, ſo half man ſich mit der„Entbindung von der Inſtanz“ und behielt ihn in Haft, bis ihn, gleich anderen Seinesgleichen, das Jahr 1848 frei machte. Das furchtbare Unrecht, das trotz aller möglichen Ver⸗ ſchuldung in ſolchem Verfahren lag, konnte, wie es ſchien, den mangelhaften Geſetzen und Inſtitutionen gegenüber, auch vom gewiſſenhafteſten Richter damals nicht immer vermieden werden. X. An der See. Es iſt inzwiſchen Herbſt geworden, zwar nicht dem Ka⸗ lender nach, denn in dieſem werden bekanntlich zwei Drittel des September noch zum Sommer gerechnet, aber wie ſich das Volk die Jahreszeiten eintheilt. Das hat andere Marken und Grenzen und dieſelben beſtehen, wie wir denken, ebenſo gut zu Recht. Es rechnet den Anfang des Frühlings und Herbſtes ſich zum Beiſpiel nach der Ankunft und dem Ab⸗ ſchied der Wandervögel aus, und da, in dieſen Gegenden wenigſtens, der Storch der vertrauteſte und geliebteſte, ins⸗ beſondere aber prompteſte Vogel iſt, ſo hält man ſich vor allem an ihn: Mariä Verkündigung— hier heißt man den Tag Pflug⸗Marien— ſieht ihn ſicherlich eintreffen, trotz Schnee und Eis, trotz Regen und Sturm, und St. Bartholo⸗ mäus— das iſt bekanntlich der 24. Auguſt— ſieht ihn ebenſo unweigerlich und trotz des ſchönſten Sommerwetters, ſich mit Seinesgleichen zur Reiſe zuſammenſchaaren. In den —— An der See. 197 nächſten Tagen iſt er verſchwunden, und der Sommer iſt mit ihm davon. 6 Der September iſt freilich hier, wie überall in Deutſch⸗ 2 land immer der ſchönſte und, auch in den Küſtenſtrichen 4 5 ſicherſte Monat des Jahres. Der Himmel iſt faſt immer blau, die Luft iſt wunderbar rein, die Sonne glänzt und wärmt Tag für Tag, und wenn der Wind weht, ſo iſt es kein ſcharfer und wilder. Aber Sommer iſt's doch nicht mehr. Die Sonne hat nicht mehr die volle Kraft, ſie ſcheucht uns nicht mehr in den Schatten; am Abend wie am Mor⸗ gen liegt alles in zartem Duft, ja zuweilen breitet ſich ſchon 8 der Nebel aus; das Feld glitzert von den Sommerfäden, 4 und von den Zweigen der Bäume und Geſträuche wehen 4. ſie, oder ziehen leiſe durch die kaum bewegte Luft; auf den 1 abgeernteten Feldern beginnen die Pflüger von neuem ihre Arbeit, in den Dorfgärten blühen die Aſtern aus, und auf den Wieſen zeigt ſich die Zeitloſe, und das Kraut wird welk und das Laub färbt ſich bunt und bunter. Schön iſt es draußen freilich, voll wunderbarer Rein⸗ heit und Klarheit, voll wonnevoller Milde, voll zauberhaften 4 Friedens, aber es zieht ſich durch alles etwas wie eine leiſe, leiſe Schwermuth— es iſt die letzte Stunde vor dem Abſchied. 1 Es iſt wiederum das gleiche Bild vor uns wie damals, als wir uns zuerſt in dieſer Gegend umſchauten, und wir können es ſchier noch beſſer überblicken, da die Felder, wie geſagt, jetzt abgeerntet ſind und jeder Bodeneinſchnitt deutlich 8 Zehntes Kapitel. hervortritt. Die Dörfer links und rechts— von Kolitz ſchimmern bereits ein paar rothe Ziegeldächer herüber— der Meerbuſen mit ſeinen weitausgeſchweiften Umgebungen, dort das Herrenhaus von Leſthin, hier die Häuſer von Horn und die, jetzt ſchon viel zahlreicheren Maſtſpitzen der im Hafen ankernden Schiffe; ein wenig entfernter auf der Rhede auch heute wieder ein gewaltiges Fahrzeug mit einſtweilen noch beſchlagenen Segeln, und endlich die See ſelber, wie„Milch“, mit ihren ſeltſam wechſelnden weißen und blauen Streifen, immer blauer aber und blauer in die Ferne hinein, bis ſie mit dem Horizont verſchmilzt. Daß der„alte Damm“ in ſeiner vollen„Fluchwürdigkeit“ und die Sturmweide in ihrer koloſſalen Größe gleichfalls da ſind, brauchen wir kaum zu erwähnen. An denen zauſen ja hundert Jahre nur äußerlich ein wenig herum, und ſo ein paar Sommermonate gleiten ſpurlos vorüber. Am Waldrand, ein wenig ſeitwärts von dem großen Abzugsgraben und wenig mehr als hundert Schritt von der Stelle, von der aus am Gewittermorgen der Oberförſter und Caspar Peers nach dem Flüchtling ausſchauten und die An⸗ näherung des Boots beobachteten, ſaß auf dem Grabenrande auch heut wieder ein Paar und ſchaute in die Gegend hin⸗ aus, die an dieſem Morgen freilich nicht jenen unheimlichen Anblick wie damals darbot. Alles lag in ſeiner richtigen Entfernung, nur daß es, wegen der Durehſichtigkeit der Luft und zumal für ſolche Augen, wie die hier hinaus blickenden, bis in die fernſte Weite dennoch erkennbar blieb. Wenn man — An der See. daher nicht ausdrücklich die Schönheit und die Reize des Bildes ſtudiren, ſondern einen einzelnen Gegenſtand beobach⸗ ten wollte, ſo genügten auch einzelne, gelegentliche Blicke vollkommen, um jede etwaige Veränderung ſogleich wahrzu⸗ nehmen. Und das war ſehr gut, denn allzu viel Zeit und Aufmerkſamkeit hatten die Augen der beiden Menſchen nicht für ihre Umgebung übrig. Sie ſchauten immer von neuem wieder in einander, tief und lange. Und die beiden Men⸗ ſchen waren Detlef und Chriſtine. Die günſtige Veränderung, welche wir an dem viel ver⸗ folgten Manne bereits in jener Stunde wahrnahmen, da er ſich auf Jägersruh dem Oberförſter vorſtellte und bald darauf die Grobheit des Herrn Lüders bändigte, hatte in der ver⸗ gangenen Zeit auße rordentliche Fortſchritte gemacht. Jetzt ſah Detlef nicht nur wie ein anſtändiger Menſch darein, ſondern entſchieden wie ein Mann der gebildeten Klaſſen, und zugleich wie jemand, der im Leben ſeinen guten und berechtigten Platz hat, und ihn zu behaupten gewillt iſt und mit Ruhe und Vertrauen der Zukunft entgegenſchaut. Die Hagerkeit und Schärfe hatte ſich faſt ganz aus ſeinen Zügen verloren, und wenn die Stirne auch zum wenigſten die Spu⸗ ren der tiefen Falten zeigte und aus den dunkeln Augen noch immer ein ungewöhnlich feſter und entſchloſſener Blick hervorbrach, ſo machte dies dennoch keinen finſteren und trotzi⸗ gen Eindruck mehr. So hatte die freundliche und menſch⸗ liche Behandlung gewirkt, ſo die Erkenntniß, daß die ſteten Gefahren, der ſtete Kampf zu Ende, und endlich und vor 200 Zehntes Kapitel. allem die andere, daß Vorurtheil und Parteinahme einer wohlwollenderen und gerechteren Anſchauung und Beurtheilung Platz gemacht hatten. Die erneute Unterſuchung hatte, wie wir bereits ange⸗ deutet fanden, zu Ergebniſſen geführt, welche für Detlef durchaus günſtig waren und ſeine Schuld als eine ſehr ge⸗ ringe erſcheinen, ja endlich faſt ganz zuſammenſchwinden ließen. Die Aufreizung war eine ſo zugleich raffinirte und maßloſe geweſen, und ihr folgte, auf Detlef's erſten, freilich ſehr heftigen Ausbruch, von Heldt's Seite ein ſo brutaler Angriff, daß das traurige Ende des Streites als eine faſt nothwendige Folge angeſehen werden mußte. Faſt alle noch vorhandenen Zeugen ſahen in Detlef's Handeln kaum etwas Anderes als einen Act der Nothwehr— wer läßt ſich eine Mißhandlung gefallen, wie Heldt ſie ihm drohte, ja zum Theil ſchon zur Ausführung brachte?— und daß die Wir⸗ kung des Schlages, der den Angreifer traf und darnieder⸗ warf, eine ſo verderbliche war, hatte nicht einer der Anweſen⸗ den, geſchweige denn der außer ſich gerathene Detlef, befürch⸗ ten können. Selbſt der damalige Richter hatte dies alles anerkannt, ſoweit es ihm ſein Vorurtheil gegen den Sohn des befreun⸗ deten Hauſes erlaubte; freilich die Verbindung Heldt's mit dem Magiſter hatte er nicht begriffen oder ignorirte ſie, und Detlef's Strafe würde daher, abgeſehen von der langwierigen und alles Mögliche heranziehenden Unterſuchung, voraus⸗ ſichtlich noch immer eine ſtrenge geweſen ſein. Jetzt ſchwand An der See. dieſe Strafe auf ein Minimum zuſammen, ja beſchränkte ſich beinahe auf die Monate der Unterſuchungshaft, die ihm voll angerechnet wurden. Und nun war alles überwunden und er war frei, triumphirend, wenn man es ſo heißen will, über ſeine Feinde, umgeben und unterſtützt von einer Theilnahme, die deſto höher ſtieg und deſto wärmer wurde, je mehr es mit dem Magiſter bergab ging und je tiefer man dem un⸗ heimlichen Mann in die ſchmutzigen Karten ſchaute. Nicht am wenigſten regte ſich dieſe Theilnahme grade unter denen, welche Detlef erſt neuerdings näher getreten waren, das war außer dem Oberförſter und dem Director Link, ſogar jener alte Freund Siemann's, der Oberamtmann Kruſe. Was ihm damals in der Erzählung von der Ver⸗ gangenheit der Pfarrfamilie unklar geblieben war, hatte er jetzt längſt verſtanden. Der Magiſter hatte es in Anſehung dieſer Verhältniſſe mit ihm genau ebenſo verſucht, wie er es in ſeinem ganzen Kreiſe zu halten gepflegt: er hatte die Wahrheit überall und auf das Keckſte zu ſeinen Gunſten entſtellt, in der Vorausſetzung, daß der oder die Zuhörer theils durch ſeine Perſönlichkeit allzuſehr beſtochen würden, theils dennoch ein allzu geringes Intereſſe für das Nähere der mitgetheilten Umſtände haben dürften, als daß ſie der Sache hätten weiter nachforſchen ſollen. Das hatte Kruſe, wie geſagt, jetzt längſt erfahren, ja zum Theil durch die Pfarrerin ſelber. Es iſt nicht genug, zu ſagen, daß das Gewiſſen der Frau erwacht war und ſie zu größerer Gerech⸗ tigkeit gegen den lange verkannten Sohn zwang. Nein, auch Zehntes Kapitel. ihr offenbarte ſich jetzt das verderbliche Spiel des Gatten: er hatte der Armen den Sohn im wörtlichſten Sinne des Wortes vom Herzen fortgelogen und fortbetrogen, wie er denn auch in ihren übrigen Angelegenheiten die Gattin faſt überall mit Lug und Trug umgeben und über die Wahrheit ge⸗ täuſcht hatte. Detlef hatte das bis auf einen gewiſſen Grad begriffen und mehr als einmal verſucht, die Mutter aus dieſen Netzen zu befreien— er hatte ihr trotz allem, was vorgegangen war, mehr kindliches Gefühl bewahrt, als die Meiſten ihm zugetraut haben mochten. Das hatte auch der Oberförſter Bensheim erfahren, denn hierher gehörte das, was ihn, wie wir wiſſen, vordem ſo ernſtlich für Detlef intereſſirt und ein⸗ genommen hatte, daß er demſelben bis auf den heutigen Tag eine Theilnahme widmete, die weit über das geſellſchaftliche Maß hinaus ging. Es war in einem Herrenzirkel über die frühere Frau Horſt und ihre Verbindung mit dem Magiſter in frivolſter Weiſe geſpottet worden. Als Detlef davon er⸗ fuhr, hatte er den Hauptſprecher zur Rede geſtellt, Widerruf und Genugthuung verlangt, war aber mit ſeiner Forderung verächtlich zurückgewieſen worden, weil er, wie man es be⸗ tonte, durch ſein Leben, ja durch ſeine Stellung zu den Sei⸗ nen das Recht auf Satisfaction verloren habe. Er benahm ſich bei dieſer Verhandlung, die zufällig in des Oberförſters Gegenwart ſtattfand, mit ſo viel Entſchloſſenheit, Tact und Würde, daß Bensheim mit voller Theilnahme auf ſeiner Seite ſtand. Und man durfte Detlef ſein Verhalten immer⸗ 6 1. 4 4 An der See. hin und um ſo höher anrechnen, als er innerlich von der Wahrheit der Anſchuldigungen nur allzu feſt überzeugt war. Denn gleich nach dem Austrag der Angelegenheit hatte draußen im Pfarrhauſe jene zweite Scene zwiſchen dem Sohn und den Eltern ſtattgefunden, deren wir Siemann gedenken hörten und die, nach ſeiner Darſtellung, die vollſtändige Trennung der Verwandten zur Folge haben mußte. Für Detlef's kindliches Gefühl ſprach aber auch ſein Verlangen, ſich jetzt mit der Mutter zu verſtändigen und zu verſöhnen, und die zugleich liebevolle und taktvoll einfache Weiſe, in der dies ausgeführt wurde. Alsbald, nachdem er frei geworden, ging er nach Roſenhof hinüber, wo Kruſe der unglücklichen Familie auch jetzt noch eine Freiſtatt gewährte, und hatte eine lange Unterredung mit Frau Thereſe und ihrem gerade anweſenden Bruder, welche das beſte Ende nahm. Beſtfeld ſo gut wie die Pfarrerin ſelbſt äußerten ſich ſpäter gegen den Oberamtmann mit wärmſter Anerkennung und vollſter Dankbarkeit über Detlef's redliche, ernſte und zugleich ſchonende Weiſe, und die Mutter beklagte mit tau⸗ ſend Thränen die alte böſe Zeit mit ihren Sünden, ihrer Verblendung und der, allem Recht und aller Billigkeit, ja aller Menſchlichkeit hohnſprechenden Mißhandlung ihres Kin⸗ des. Wie ſie Detlef jetzt vor ſich fand und kennen lernte, mußte ſie wohl zu der traurigen Frage kommen, was aus ihm für die Welt, für die Seinen, für ſich ſelbſt hätte wer⸗ den müſſen, hätte ihn nicht der Haß, ſondern die Liebe durch's Leben geleitet! Zehntes Kapitel. Trotz dieſer Verſöhnung gingen ſie von einander— nach menſchlicher Vorausſicht, auf Nimmerwiederſehen; denn die Pfarrerin war durch alles, was die letzte Zeit über ſie verhängt hatte, in ihrer Kraft gebrochen, und der Sohn wollte nicht im Lande bleiben, ſondern, wie er es auch zuvor ſchon im Sinne gehabt, dahin zurückkehren, wo er ſchon in den vergangenen Jahren hart, aber mit Erfolg für ſein Fort⸗ kommen gearbeitet hatte. Daß er das bisher als Seemann gethan, darf uns bei einer ſolchen, nach Thätigkeit und Uebung der körperlichen Kraft verlangenden Natur um ſo weniger auffallen, als er obendarein an der See geboren, von Jugend auf mit ihr ſozuſagen in Verbindung geblieben und gleich all' ihren Anwohnern mit der vollen Vorliebe für ſie und die Thätigkeit auf ihr erfüllt war. Jetzt freilich, da er das Mädchen mit ſich führen wollte, dem er in allen Wirrniſſen und Gefahren ſeine Liebe und Treue bewahrt, und da er überdies von der Mutter ein verhältnißmäßig be⸗ deutendes, ihm längſt zuſtehendes Capital ausgeliefert erhalten hatte, jetzt wurde drüben ſein Lebensweg ein anderer und leichterer. Und auch hier trat wieder ein Zug hervor, der die Theilnehmenden erfreute und ſie mit ſteigendem Vertrauen erfüllte. Er nahm Chriſtine nicht ſogleich mit, ſondern ging allein voraus, um für ſie und ſich die Heimath zu gründen. Ueber's Jahr ſollte ſie ihm folgen, oder wollte er ſie holen. Inzwiſchen wußte er ſie bei Bensheim geſichert. Und heut war der Morgen der Abfahrt da. Das Schiff, An der See. das ihn nach England führte, lag bereits auf der Rhede, und jeden Augenblick war das Boot zu erwarten, das ihn vom „alten Damm“ nach Horn hinüber tragen ſollte. Denn ſo hatte er's gewünſcht. Von Jägersruh, wo er die letzte Nacht zugebracht hatte, ging er mit Chriſtinen durch den Wald zum Strande— der Verkehr des Paars war in der Oberförſterei trotz der, ihm von allen Seiten begegnenden Rückſicht und Freundlichkeit, dennoch nothwendig ein beſchränkter geblieben, und die Beiden hatten einander noch ſo viel zu ſagen! Und wenn es zum wirklichen Abſchied ging, wollten ſie nicht da drüben zu Horn unter all' den Menſchen ſtehen, die bei ſol⸗ cher Gelegenheit ſich zuſammenfinden und die Gehenden und Kommenden neugierig muſtern, und wenn dieſelben ihnen be⸗ kannt ſind, ſich heran und dazwiſchen drängen. Sie wollten nur ſich allein und Niemand ſonſt. Sie ſaßen auf dem Grabenufer, Hand in Hand, und die Augen ſuchten einander immer von neuem und trugen all' die Liebe, die Treue und das Vertrauen, die Wehmuth und die Sehnſucht des einen Herzens zum andern, aber die Lippen blieben geſchloſſen, denn was den Menſchen am tief⸗ ſten bewegt und bis in's Innerſte erfüllt, dafür reichen die Worte nicht aus. Aber wenn Zwei ſich recht verſtehen, ſo wiſſen und vernehmen ſie es auch ohne dieſelben. Es ſtörte ſie nichts; der Wald hinter ihnen war ſo einſam und ſtill, wie das Feld und die See im Vordergrunde. Die Luft ging ſo leiſe, daß ſich ſelbſt an den Haſeln, die ſich hier am Waldrand dicht zuſammendrängten und über dem Paar wie 206 Zehntes Kapitel. eine Laube wölbten, kein Blatt bewegte. Eine Weihe kreiſte noch droben, man ſah ſie kaum und hörte nichts von ihr. Aus den Stoppeln ſchnurrte eine Kette Feldhühner auf, ihre blanken Federn glitzerten bräunlich in der Sonne, und dann waren ſie ſchon wieder auf einer andern Stelle eingefallen und verſchwunden. Aus den Haſeltrauben droben fiel eine reife Nuß herab und auf Chriſtinen's Schooß. Detlef nahm ſie auf und ſagte:„Sieh', Chriſtine, das iſt hübſch! Das ſchenkt uns die Heimath zur Mahnung, daß wir ſie auch in der Ferne nicht vergeſſen ſollen! Ich will die Nuß treulich aufheben, und wo wir drüben unſer Haus bauen, da pflanz' ich ſie, daß ſie zum luſtigen Strauch aufwächſt. Und wenn wir unter ihm ſitzen, da denken wir an die alte Heimath und die alte Zeit, wie beide uns ſo viel Böſes und Trauriges geboten, und wie alles ſo dunkel war, als ſollt' es nie mehr hell werden, und wie zuletzt doch alles gut und ſchön wurde, und ich dich wiederfand, mein gutes, liebes Herz, daß ich dich fortan pflegen und hegen kann und dir alles vergüten und erſetzen, was du Arme um mich gelitten und verloren!“ Sie lehnte ihren Kopf an ſeine Schulter, ihre Hand ſpielte mit ſeinen Fingern.„So was mußt du nicht reden,“ ſprach ſie nach einer Pauſe;„was hab' ich gelitten und verloren, was nun nicht alles wieder gut iſt? Wäreſt du nur da geweſen, hätt' ich nur einmal von dir gehört!“ „Laß es gut ſein,“ ſagte er, es glitt ein Schatten über ſeine Stirn.„Ich weiß ſchon, wie es war. Wären ———— -—— An der See. Bensheim's nicht geweſen, hätt' ich dich noch wiederge⸗ funden?“ Und er hatte wohl ein Recht, ſo zu ſprechen, denn un⸗ barmherzig, wie die Menſchen ſind, hatten ſie das arme Kind damals, als man von ſeiner Verbindung mit Detlef erfahren, und hernach, als des Letzteren Flucht es ſich ſelbſt über⸗ laſſen, mit ihrer vollen Grauſamkeit mißachtet und von ſich gewieſen. Daß ſo ein armes Herz auch Liebe und Treue zu hegen vermag und dadurch in den Augen und im Urtheil jedes Billigen alles reichlich wieder gut macht, was es viel⸗ leicht gegen die Regel der Geſellſchaft fehlte, das glaubt ihm Keiner und Niemand rechnet es ihm an. Es war eine ſchlimme Zeit geweſen, die Chriſtine damals zu durchleben und überſtehen gehabt hatte, ſie ſah ſich von aller Welt ver⸗ laſſen und verſtoßen, und zwar am entſchiedenſten von ihrer Familie und ihren Standesgenoſſen, die alle gerade einen ſolchen Fehltritt am wenigſten verzeihen, und ſie hätte völlig zu Grunde gehen müſſen, wäre ſie nicht durch reinen Zufall einmal in die Nähe der Frau Bensheim gekommen und von der edlen Dame richtig erkannt, gewürdigt und feſtgehalten worden. Aber ſelbſt dann waren die Jahre nicht leicht und wurden es nicht, denn ſie erfuhr nichts von Detlef und hielt ihm dennoch die Treue, ohne zu wiſſen, ob er ſie nur auch noch wollte!— Und jetzt, wo endlich alles überwunden zu ſein ſchien, ſollte ſie ſich wieder von ihm trennen! Sie zuckte auf, ihr Auge richtete ſich feſt auf die Ferne — dort hinten, noch ganz in der Nähe von Horn, zeigte ſich 208 3 Zehntes Kapitel. über der blauen See ein dunkler Punkt, in welchem die Au⸗ gen dieſer beiden Zuſchauer trotz ſeiner Kleinheit und der großen Entfernung dennoch allſogleich das braunrothe Segel eines Boots erkannten, welches, vom leichten Lufthauch nur halb gefüllt, das kleine Fahrzeug kaum weiterzubewegen vermochte. „Er kommt, Detlef, er kommt!“ rief Chriſtine erſchrocken aus. Sie hatte ihre Hände von den ſeinen fortgezogen, ja ſie ſprang auf, um beſſer zu ſehen.„O, Detlef, muß es denn ſein?“ „Quäle mich nicht und mache mir das Herz nicht noch ſchwerer!“ ſagte er und erhob ſich gleichfalls.„Weshalb es ſo ſein muß, Chriſtine—“ „Hollah, da ſind ſie ja!“ unterbrach ihn in dieſem Augenblick eine ſo laute und gar nicht ferne Stimme, daß Beide ſich raſch umwandten und wirklich ganz in der Nähe, gleich jenſeits des Abzugsgrabens den Rufer erblickten und erkannten, den Oberförſter Bensheim, der eben aus den Ge⸗ büſchen hervorgetreten war. Er kam jetzt ſchnell heran, er kletterte durch den Graben und nun ſtand er ſchon neben ihnen und redete, ſich umſchauend, freundlich:„Hier iſt alſo das Neſt, nach dem wir damals ſo vergeblich geſucht? Wahr⸗ haftig, es iſt ein ſicheres! Ich ſtand dort ſchon fünf Minuten und guckte mir die Augen aus, allein es war umſonſt! Und wäret ihr nicht aufgeſprungen, es wäre gekommen wie da⸗ mals, und ich hätte das Nachſehen gehabt!“ Und er hatte ein Recht ſo zu ſprechen, denn der Platz lag ein wenig zurück, von Hagedornen und wilden Roſen die hier emporgewuchert waren, vollſtändig maskirt, und von An der See. 209 den Haſeln ſo dicht umgeben und überwölbt, daß, wer ihn nicht ſchon kannte, ihn höchſtens nur durch Zufall entdeckt haben könnte. Und wenn, wie damals im Frühling, über das Feld nach vorn die Aehren wogten, ſaß man hier ge⸗ ſichert gegen alle gefährlichen Blicke, während man ſelber einen ungehinderten Ausblick auf den Strand und die See hatte. „Das Boot kommt, ſeh' ich!“ ſagte Bensheim, nach einem flüchtigen Blick auf die See, auf Detlef zurückſchauend, in munterem Tone:„Und eigentlich iſt es ein romantiſcher Einfall, Horſt, gerade von hier abzufahren! Von Horn aus wär' es bequemer geweſen—“ „Sie vergeſſen die Gaffer und das andere Gelichter, Herr Oberförſter,“ unterbrach ihn Detlef, die Brauen leicht zuſammenziehend.„Es giebt dort freilich ein paar treue Geſellen für mich, aber noch mehr ſchlechte Kerle, die mich für ein paar Silberlinge verhandelt haben— Sie wiſſen es wohl!— Und an dem armen Kinde hier ſind ſie alle zu Schelmen geworden,“ fügte er finſter hinzu.„Sie haben ſie verhöhnt und mißachtet und von ſich geſtoßen—“ „Detlef!“ ſagte das Mädchen bittend dazwiſchen. „Laß es gut ſein, Herz!“ ſprach er mit einer faſt un⸗ geduldigen Bewegung.„Es iſt vieles in mir anders gewor⸗ den. Ich kann vergeben und vergeſſen, aber begegnen will ich den ſchlechten Menſchen nicht. Der alte Zorn möchte noch einmal über mich kommen!“ Bensheim hatte ihm ſchweigend zugehört. Der Ernſt war auf ſeine Stirn getreten und ſchaute aus ſeinem Aug'. Edmund Hoefer, Treue ſiegt. 14 210 Zehntes Kapitel. „Ich kann Sie nicht tadeln, Horſt,“ redete er endlich.„Man hat an Chriſtinen und Ihnen geſündigt, ich weiß es wohl. Allein ihr dürft es nicht vergeſſen, daß ihr ſelber es waret, die ihr das einmal beſtehende Vorurtheil ſich gegen euch wenden ließet. Es iſt ein hartes und nicht ſelten grauſames, allein es beſteht dennoch zu Recht. Denn nicht alle führen ihre Sache ſo gut zu Ende, wie ihr es thut, noch ſühnen ſie ihre Schuld und ihr Unrecht wie ihr. Und Sie dürfen nicht ungerecht werden und auf den Schein hin verurtheilen,“ fügte er noch ernſter hinzu.„Es ſteht hier einer im Buſch und getraut ſich nicht heraus— es frißt ihm ſchier das Herz ab, daß Sie ihn verkennen und von ſich ſtoßen, der doch unermüdlich und am treu'ſten—“ „Das iſt, wie es iſt, und wird nicht anders,“ fiel Detlef ein. Auf ſeiner Stirn war wieder einmal die ganze alte Düſterheit.„Er ſoll davon bleiben.“ „Schäme dich, Detlef, ſchäme dich!“ rief Chriſtine. „Nein, das ſoll er nicht!“ ſprach der Oberförſter ſtreng. Und„nein, das thut er auch nicht!“ ſagte zugleich mit den beiden anderen eine dritte Stimme, und zwiſchen den zur Seite gedrängten Haſeln hervor trat unſer alter Be⸗ kannter, Caspar Peers, und mit dem nächſten Schritt vor Detlef hin.„Eine ſolche Herzenshärtigkeit hab' ich nicht um dich verdient,“ redete der wackere Mann weiter.„Du ſollſt mich nicht ſehen wollen, aber ich will dich ſehen. Du ſollſt mir in's Auge ſchauen und mir aufſagen, wenn du das Herz haſt! Habe ich dir damals durch mein unkluges Ver⸗ An der See. 211 trauen auf— den da zu Kolitz geſchadet, ſo hab' ich mir hernach ſchier die Beine für dich abgelaufen und gezeugt für dich, wie ich's vermochte und wußte,— der Herr Oberförſter kann's mir bezeugen—“ „Und das, glaubſt du, ſei's, was dich von mir reißt?“ rief Detlef bitter dazwiſchen.„Schau' auf die da, Menſch, und denke an das, was du ihr geſagt und gethan, da ſie in Gram und Jammer ſaß mit dem kranken Kinde, nach meiner Flucht, und keinen Freund ſah—“ „Das iſt wahr,“ ſagte Caspar mit einer Art von fin⸗ ſterer Reſignation.„Sünde iſt Sünde, und wer ſie thut, muß ſie büßen; und wie du an der gehandelt, ſchien mir das Schlimmſte, das ich von dir wußte. Daß es nun doch alles anders gekommen,“ fügte er mit dem gleichen Ausdruck hinzu,„das hab' ich nicht ihr, nicht dir zugetraut. Ich muß ſagen wie du: das iſt, wie es iſt, ich kann nicht anders. Und ſo laß uns denn in Gottesnamen von einander gehn.“ Da ſtand Chriſtine vor ihm, ihre Wangen glühten, die Schüchternheit, welche das Mädchen in der Gegenwart ſeines Herrn ſonſt verſtummen ließ, war von ihr gewichen. Sie ſtand feſt und ſicher, möchte man's heißen, und ſo klang es auch von ihren Lippen:„Das darf nie geſchehen! Nimm ſeine Hand, Detlef, und halte ſie feſt, ſie iſt treu! Sieh's ein, Detlef! Was er mir geſagt und wie er ſich von mir gewendet, ich habe mir's damals alles ebenſo geſagt! Und wenn ich beſſer von dir dachte, ſo war's, weil ich dich eben lieber hatte und dich beſſer kannte als alle die Anderen!“ 212 Zehntes Kapitel. Und ſie nahm die Hände der beiden Männer, die durch ihre*. Worte und ihre Weiſe ſichtbar ergriffen waren, und drückte D ſie zuſammen und umſchlang ſie mit ihren Fingern.„So⸗ ſoll es ſein und nicht anders! Ihr ſollt Freunde bleiben! So ſtanden ſie, und man ſah's wohl, daß die Hände X△ der Männer warm wurden und ineinander faßten. „So iſt's recht,“ ſagte Bensheim ergriffen.„Chriſtine,„ du biſt ein braves, gutes Kind, und Horſt kann dir's nie ge⸗ nug danken, was du an ihm gethan, ſelbſt nicht dies freundliche Werk der Abſchiedsſtunde. Haltet zuſammen, Kinder! Nebe. und Freundſchaft bleiben das beſte, was die Menſchen haben.“ Die Augen der beiden alten Kameraden ruhten feſt X ineinander, immer milder, immer freundlicher. Und plötzlich S Ld löſten ſie die Hände und erhoben die Arme und umfaßten— einander— der alte Bund war feſter geſchloſſen als je. 5 Das Boot war inzwiſchen ganz nahe gekommen, man X ſah die Ruder ſich heben und ſenken, mit denen der Führer ½ die Fahrt beſchleunigte, und das Waſſer rieſelte blitzend von ihnen herab. Und nun klang ein Ruf herüber, gedämpft durch die Entfernung und doch verſtändlich—„hoiho!“ N „So laßt uns gehen,“ ſprach Detlef,„der Alte wartet nicht gern.“ Und indem er den Arm um Chriſtine legte und ſie küßte, fügte er, tief aus dem Herzen, hinzu:„Gott ſegne dich, Chriſtine, und lohne dir, was du an mir gethan. Was gut in mir war und wurdoe, ich dank' es alles dir allein.“ Sie gingen ſchweigend zum Strande hinab. —— ——y——— — “ 3 8 4 3 ₰ —— 13 14 15 16 17 18 19 . o