ALBUM. Bibliothek deutſcher Originalromane. —,— Herausgegeben von Herm. Markgraf. Neunzehnter Jahrgang. Sechszehnter Band. „ Tolleneck. III. Wien. Herm. Markgraf. 1864. —„— — —„— Tolleuech. Eine Erzählung aus der Napoleoniſchen Zeit von Edmund Hoefer. III. Theil. ——8 5— Wien. Herm. Markgraf. 1864, y-õmõ—-ny—-— Kercy in Prag M Heinr, 2 = 8 * — D +‿ Inhalt. Seite I. Capitel. Alles wiederholt ſich nur im Leben... 1 II. Capitel. Herzen, die ſich finden........ 22 III. Capitel. Häusliches und Politiſches...... 44 IV. Capitel. Alte Freundſchaft roſtet nicht..... 65 V. Capitel. Sie iſt wahrhaftig wieder da..... 87 VI. Capitel. Es braut um den Waſſerkopf..... 106 VII. Capitel. Ein Unfall der Generalin...... 130 VIII. Capitel. Gehäufte Wolken......... 150 IX. Capitel. Fritz Buchhagens große Stunde.... 171 X. Capitel. Alt⸗Tollenecker Weiſe......... 192 XI. Capitel. Ein Blick in den Abgrund...... 212 XII. Capitel. Es zieht ſich Alles zurecht...... 237 Tolleneck. Erſtes Capitel. Alles wiederholt ſich nur im Jeben. Es war ſtill auf Tolleneck, ſo ſtill, wie noch nie, behauptete Hartwig Aare gegen Buchhagen, der bekräfti⸗ gend den dicken Kopf dazu neigte. Früher waren häufig genug gleichfalls nicht mehr Menſchen dageweſen als jetzt, aber ſie waren jünger, heiterer, fröhlicher, oder wilder, die Familien⸗Tollheit ſpukte in ihnen und ließ ſie— auch wieder ein Ausdruck Hartwigs— nicht zu Schlafmützen werden. Das war zum Bei piel noch vor einigen Jahren ſo, als Gerhard Soldat und Hildegard im Kloſter; da machten die Alten in ihrer Weiſe Lärm genug. Und nun gar ſeit faſt einem Jahre, wo man Hausgenoſſen gehabt, die man zwar nicht mochte, ja im Gegentheil beargwöhnte und deren Weſen und Treiben man controlirte, und an deren Daſein, an deren Unterhaltung, an deren Beargwöh⸗ Edmund Hoefer; Tolleneck. III, 1 2 nung ſogar man ſich gewöhnt hatte! Denn der Menſch iſt ſo geartet, daß er ſich beinah in keinen Zuſtand, und wär' es auch ein noch ſo beſchwerlicher, hineinleben kann, ohne ihn, wenn er einmal endet, ernſtlich zu vermiſſen.— Und dieſe Hausgenoſſen, der„langweilige“ Neffe, die„flanki⸗ rende“ Nichte, der„‚Aff' von Kammerjunker, ſie waren fort, todt oder abgereiſt. Während der alte Wirthſchafter an jenem Abend noch an der Leiche des ſchönen ungebärdigen Knaben ge⸗ ſtanden, hatte Vincenz ſich herbeigefunden und nach einem flüchtigen, finſteren Blick auf die armen Reſte gemeint, man müſſe das Unglück der Dame am Ende wohl ſchonend mit⸗ theilen, obgleich ſie in der letzten Zeit nur Verdruß von dem Schützling gehabt zu haben ſcheine.„Und im Ganzen gratulire ich ihr und uns,“ fügte der Jäger hinzu.„Es war mit dem Burſchen nichts mehr anzufangen.“ Buchhagen warf dem Sprecher einen mißtrauiſchen Blick zu.„Hm,“ machte er,„die Naturen ſind verſchieden. Ich habe den Affen in meinem Leben nicht leiden können und hätte ihm am liebſten, wo er vorüberſtrich, einen Fuß⸗ tritt auf den Weg gegeben. Jetzt aber dauert mich das Kind und ich gäbe, ich weiß nicht was darum, könnt' ich: mich wieder über den Lebenden ärgern. Bei Dir,“ und er zuckte die breiten Schultern,„iſt's anders. Du haſt's mit dem Lebenden gehalten und gibſt dem Todten einen Fuß⸗ tritt— Geſchmacksſache!“ „Ich meine nur, daß er die Frau Gräfin moleſtirte,“ ſagte der Jäger verſtimmt,„jetzt noch mehr als früher, Herr Buchhagen—“ „So? Ja es iſt möglich, obgleich ich von den „Moleſten’ nichts erfahren habe,“ fiel der Alte phlegma⸗ tiſch ein. 4 „Ach was— wir verſtehen uns nicht mehr,“ ſprach Vincenz, ſich finſter abwendend. „Mein's auch,“ entgegnete der Wirthſchafter kalt und ügte dann im anordnenden Tone hinzu:„Die Leiche bleibt hier liegen. Schicke den Zimmermann aus dem Dorf herauf, daß er Maß zum Sarge nimmt. Die Mittheilung in die Madame iſt meine Sache.“ Deer Alte war dann in der That, und ohne von der zornigen Miene des Jägers Notiz zu nehmen, treppauf geſtiegen und hatte ſich bei Lucien mit ſeiner traurigen Botſchaft eingeführt. Er hatte die Geſchwiſter zuſammen⸗ gefunden, erſichtlich erhitzt von einer Unterhaltung, die, wie die Leſer wiſſen, nach der am Morgen vorgefallenen Scene ſchwerlich eine gleichmüthige geweſen ſein konnte. Das Erſtaunen über Buchhagens Erſcheinen in dieſen Räumen, die er noch niemals ſeither betreten, überwand dann freilich augenblicklich die Verſtimmung der Beiden und erleichterte ihm ſelbſt ſeine Mittheilung, die er jetzt weniger ſchonungsvoll, als er es im Sinne gehabt, ja als es ſeiner Gutmüthigkeit entſprach, herausſagte. 1* . 4 Fritz Buchhagen war ein ſcharfer Beobachter, wie wir wiſſen. Er war um des Effects ſeiner Botſchaft willen hinaufgeſtiegen und fand ſich belohnt. Ihm entging nicht der blitzgleiche Blick, der aus Hippolyt's kalten und matten Aug' zur Schweſter hinüberflog; er verlor nicht das ebenſo jäh auftauchende und verſchwindende düſtere Lächeln der Befriedigung im Angeſicht der Letzteren; er begriff Hip⸗ polyt's ziemlich gleichmüthiges Wort:„Nun, das iſt ein trauriger und unerwarteter, aber zu überwindender Ver⸗ luſt. Der Burſche verſtand's neuerdings, ſich unbeliebt zu machen!“ Und er ließ ſich nicht täuſchen durch Luciens jetzt hervorbrechenden Schmerz, der ſich wunderbarer Weiſe zuerſt in den ganz vortrefflich ausgeſprochenen deutſchen Worten offenbarte:„Felix— armes Kind, iſt es möglich?“ denen dann freilich die franzöſiſchen augenblicklich folgten. „Hm,“ hatte Buchhagen gemurmelt, da er das Zimmer verlaſſen und zögernd den Corridor entlang gegangen,„hm, war der Sturz vielleicht kein ſo ganz zu⸗ fälliger? Donnerwetter, daß man heut' Morgen auch ſo viele andere Dummheiten zu ſehen hatte!— Und deutſch?“ fügte der Alte ganz ergrimmt hinzu,„na, wer das geahnt hätte!— Warte Canaille! Aber nur Geduld, da wird noch zu helfen ſein, und ſollte ich ſelber heran. Ich will dies wiſſen!“ Und er ſtieg vollends hinab und beobachtete mit kalter Aufmerkſamkeit Luciens Benehmen vor der Leiche, 5 die ſie mit Hippolyt zu ſehen gekommen war. Hier aber täuſchte er ſich, ſie zeigte nichts, was er für eine Blöße halten konnte, ſondern nur die Trauer, wie ſie an ihr über den von ihr halb und halb erzogenen und, früher wenig⸗ ſtens, ſo bevorzugten Unglücklichen nur natürlich erſchien. „Ach, Herr Buchhagen,“ ſagte ſie jetzt von Neuem auf deutſch, aber man merkte es, daß es ihr ſchwer wurde, denn ſie mußte mehrmals nach den Wörtern ſuchen,„der arme Knabe war zuletzt verändert, man mußte unwillig werden und zanken mit ihm. Und mit Unwillen hab' ich ihn heut' Morgen von mir geſchickt. Das wird mir lange nachgehen! — Ah, ihn ſo wieder zu ſehen! Und gerade jetzt— jetzt, wo ich bei meiner Reiſe auf ihn ſo ſehr rechnete!“ Den Teufel auch, dachte der Wirthſchafter, reiſen? Jetzt, da der Alte—?— Hm, war der Franzoſe der Lockvogel oder der Deutſche? Muß ich zu dieſem Entſchluß werwünſcht!“ ſagen oder ‚Gottlob!’ Madame? Na, gleichviel! Halte deine Augen offen, Fritz Buchhagen! Sie war in der That am nächſten Tage ſchon auf⸗ gebrochen, noch vor dem Begräbniß des Dieners, ja ohne ihn zum zweitenmal wiederzuſehen.„Ich muß nun noch früher fort, als ich bisher gerechnet,“ hatte ſie zu Hildegard geſagt,„das Unglück hat mich zu ſehr ergriffen— der Tod athmet mir hier entgegen. Ich muß mich zerſtreuen, mich faſſen, mein theures Kind!“— Selbſt dem jungen Mäd⸗ chen, das dieſe Worte Buchhagen wieder erzählte, waren 6 ſie faſt zu viel geweſen, niemand hatte bisher an der Dame eine ſolche Theilnahme, eine ſolche Zugänglichkeit für den Schmerz jemals bemerkt. Und der Wirthſchafter hatte, da Hilda ſich ihrer Verwunderung wegen gegen ihn gewiſſer⸗ maßen entſchuldigte: es ſei ja gut, daß die Gräfin ſo fühle, ſie hätt' es nur gar nicht ſo erwartet— kaltblütig geſagt:„Na, na, Hildchen, laſſen Sie das nur gut ſein. Ich denke, wir verſtehen uns und wiſſen es: laß Dich nicht vom Satan blenden!“ Der Alte war trotz ſeiner bewahrten Kaltblütigkeit innerlich ſehr verſtimmt. Es war im Schloſſe, Gott mochte wiſſen was, vorgegangen, und es ging noch etwas vor, ohne daß er davon etwas Beſtimmtes zu erfahren vermochte. Er wußte nur, daß Lucie vor ihrer Abreiſe eine lange Un⸗ terredung mit ihrem Vater gehabt, während ſie den alten Herrn ſonſt nur auf Augenblicke heimzuſuchen gepflegt; und nun mußte er, damit das Maß ſeines Erſtaunens und Verdruſſes voll werde, drei oder vier Tage nach ihrer Ab⸗ reiſe, eine ähnlich lange und ungewöhnliche Conferenz zwi⸗ ſchen dem Vater und dem Sohn erfahren und unmittelbar darauf den Letzteren einen Wagen beſtellen hören, der ihn nach L. fahren könne. „Ich muß in Heidelberg einen alten Freund treffen, der mir dort ein Rendezvous anbietet,“ erklärte ſich Hip⸗ polyt gegen Buchhagen über dieſe Fahrt,„und mag im⸗ merhin einige Wochen ausbleiben. Ich habe ſchon meinem 7 Vater davon geſagt, aber ich bitte auch Sie, meinem On⸗ kel, wenn er heimkehrt, meine Grüße zu ſagen und daß ich in einiger Zeit ſeine Gaſtfreiheit wieder in Anſpruch nehmen werde.“ Der Wirthſchafter nickte— er war nicht gewohnt viel Complimente mit dem jungen Mann zu machen, der bisher eine nichts weniger als bedeutende Rolle in Tollen⸗ eck geſpielt— und ſchüttelte ſo zu ſagen innerlich den Kopf. Was zog nun den hinaus? Woher hatte er, um nur daran zu denken, die Mittel? Hatte er ſeine Pläne hier aufge⸗ geben, nachdem ſie auch ihm endlich als unausführbar er⸗ ſchienen— dieſe Pläne auf Hildegard, an die Buchhagen nun einmal glaubte, die ihm ſo dumm wie möglich vorka⸗ men und ihn dennoch als eine unerträgliche Anmaßung erbitterten? Oder— war es denn möglich, daß der Menſch gar einen Schritt ſeinem Ziele entgegengethan?— Hilde⸗ gard war ſo ſeltſam in dieſen Tagen, ſo zerſtreut, ſo er⸗ regt, ſo— wäre Buchhagen ein gebildeterer Menſch gewe⸗ ſen als er war, ſo würde er geſagt haben: mit ſich in Zwie⸗ ſpalt. Und Hippolyt dagegen hatte ſich noch nie ſo lebhaft und munter, ſo ſpöttiſch ſicher, ſo unbefangen, ſo durchaus, als ſei er auf Tolleneck völlig und rechtmäßig daheim, ge⸗ zeigt, wie in dieſen Tagen ſeit Felix' Tode und der Ab⸗ reiſe ſeiner Schweſter. War das Wahrheit oder— was ſonſt?— Es kam Alles zu einander, um Buchhagen ſo zu ſa⸗ 8 gen, völlig aus dem Concept zu bringen und täglich mehr zu verſtimmen. Er hatte nun ſo lange auf Tolleneck ge⸗ lebt und zu dem alten Baron nicht nur, ſondern auch zu der ganzen Familie eine Stellung eingenommen, daß er ſich ſchier ganz und gar zu derſelben rechnete, ſich ohne ſie gar nicht denken konnte. Und nun fand er ſich dennoch mit einemmal von ihr getrennt, obgleich ihm die vollſte Einig⸗ keit niemals erwünſchter, niemals nöthiger erſchienen als jetzt. Der Baron— denn das war und blieb die Haupt⸗ ſache— hatte ihm nicht bloß ſein Vertrauen entzogen, ſon⸗ dern gab es obendrein zu, daß er ihm in zum mindeſten geſagt getrübtem Licht erſcheinen mußte, und war augen⸗ blicklich auf einem Ausfluge entfernt, der länger währte, als Buchhagen mit der ihm wohlbekannten Veranlaſſung zu vereinigen wußte. Denn er war zu dem Krankenbett ei⸗ nes alten, nicht gar entfernt wohnenden Cameraden geru⸗ fen und nun ſchon volle acht Tage fort!— War denn Tod oder Leben noch nicht entſchieden? Und Bernhard war nicht zu finden, und Gerhard— obendrein in Buchhagens Augen wenig mehr als ein Knabe, vollkommen unzugänglich, finſter, verbiſſen, gepeinigt, mochte Gott wiſſen, wovon hauptſächlich!— Hildegard endlich gab ſich, wie ſchon bemerkt, gleichfalls zerſtreut, theilnahms⸗ und vertrauenslos, unnahbar, und was ſonſt noch auf dem Schloſſe lebte, kam gar nicht in Rechnung. Kurz Buchha⸗ gen hatte ſich nie ſo iſolirt gefühlt und nie ſo ſehr das Be⸗ 9 dürfniß empfunden, ſich anzuſchließen an einen Freund und ſich mit ihm gemeinſam zur Abwehr eines bevorſtehenden Unheils zu rüſten. Denn an ein ſolches glaubte er mit vollſter Ueberzeugung und vermochte dieſen Gedanken nie⸗ mals mehr los zu werden.— Und nun war am Morgen nach Hippolyt's Abreiſe auch Gerhard verſchwunden.„Grüße den Großvater, Fritz,“ ſtand auf dem hinterlaſſenen Zettel, dem einzigen Abſchied, „und ſag' ihm, ich hätt' es nicht länger ertragen. Ich muß fort, wenn ich mich noch ſelbſt achten ſoll. Verzeiht mir und behaltet mich lieb.“ Es war wie ein Troſt, beſonders nach dieſem, für den alten treuen Diener nicht geringen Schrecken, als er Nach⸗ mittags zu dem eben heimgekehrten Hartwig gerufen wurde. „Der Alte iſt da— Gottlob!“ murmelte er.— Und doch packte ihn auf dem Wege zum Gebieter eine Art von Angſt — würde er ihn wiederfinden, wie er ihn vor acht Tagen ſcheiden geſehen, gleich vertrauenslos oder gleich— ver⸗ blendet?— Der Schritt des Wirthſchafters wurde immer zögernder, und der Blick, mit dem er dem Herrn entgegen⸗ trat, war finſter von Trauer, Sorge und Zürnen. Deſto entſchiedener contraſtirte damit Hartwigs We⸗ ſen, das ihn in ſeiner Jovialität an die beſten und mun⸗ terſten Tage ihrer Vergangenheit erinnerte.„Na Fritz,“ rief ihm der Herr zu, der ihm zugleich die Hand hinſtreckte, „der Oberſt iſt wieder wohl auf, haben ihn gründlich aus⸗ 10 kurirt, und hier— habe mich ſchon erkundigt,— iſt ja auch einmal wieder freies Feld. All die verfluchten Intri⸗ guen— aber wie kommſt Du mir denn eigentlich vor, Fritz Buchhagen, alter Sünder?“ unterbrach er ſich, als bemerke er erſt jetzt die halb grämliche, halb kummervolle Miene des Alten.„Haſt Du Mänſe gebiſſen oder eine andere Sünde auf Deinem Gewiſſen? Gottes Blitz, Dein Rock iſt Dir ja ordentlich zu weit geworden!“ „Ja, ja, es geht bergab,“ entgegnete der Wirth⸗ ſchafter mit einer Art Murren.„Aber wie wär's auch anders möglich bei—“ 4 „Ah!“ Der Baron ſtieß beinah einen Schrei aus, ſo überraſcht war er, oder ſo entzückt und ergötzt—„Fritz, Satan von einem Menſchen, haſt Du noch immer die Grapſen im Kopf, an die ich gar nicht mehr dachte, die Dich aber neulich ſo ganz unleidlich machten? Biſt Du denn ganz und gar kindiſch, Du grauer Dickkopf, der Du biſt?— Vierzig Jahre, Fritz, vierzig Jahre kennen wir uns und darüber, und Du ſchämſt Dich nicht zu glauben, daß ich, ich, der Tolle von Aare, mit mir ſpielen laſſe, wie ein unmündiger Bube, anſtatt ſelber das Spiel in der Hand zu behalten? Blos weil ich allerhand Grimaſſen und Faxen mache und nicht Luſt zum Plaudern habe, biſt Du voll Argwohn, Grimm, und der Teufel weiß, was noch ſonſt? Fritz, Fritz!“ Und der alte Herr deutete mit 11 einer höchſt energiſchen, bezeichnenden Bewegung ein paar⸗ mal heftig auf ſeine breite Stirn. Fritz Buchhagens gewaltige Natur und Statur wurde von dieſer derben Standrede höchſt wohlthätig erſchüttert, beſonders die letzte Bewegung ſeines Gebieters ſchien es in ſeinem Kopf wirklich wieder heller zu machen, und er ſagte in einem Ton und mit einer Miene, als ob er mit einer gewiſſen Genugthuung aus ſeinem Verdruſſe und ſeiner Sorge aufathme:„Na ja, Herr Baron, Ihr habt einmal wieder Recht. Ich bin ein alter mecklen⸗ burgiſcher Ochs, daß ich ſo dickköpfig drauf los rannte und mir nichts Kluges mehr vorſtellen konnte; und Ihr, mit Permiß, habt mich einmal wieder geritten, wie der tolle Aare—s iſt fadengrade, und könnt immerhin zu⸗ geſtehen, daß das Ding ein wenig weiter ging als nöthig. Hättet Ihr ſo vor vierzehn Tagen zu mir geredet, ſo wäre uns Beiden mancher Verdruß erſpart worden. Denn kurz und gut, Ihr habt Euch auch geärgert.“ „Na, ich mein's,“ entgegnete der Baron lachend, „über Dich und über mich, gründlich. Aber helfen konnt' ich nicht, denn gerade Dein Verdruß paßte mir in meinen Kram. Jetzt aber, Fritz, wo wir freie Bahn haben— na, wir ſind uns doch ſo zu ſagen angetraut, und wie ein altes Ehepaar, das zuweilen mit einander zankt und dem doch hüben und drüben beinah' das Herz bricht, bis man wieder d'Accord mit einander iſt. Hätte ich nun 12 nicht drüben beim Oberſten das Ding vergeſſen und jetzt endlich wieder Ordnung gemacht— „Ja,“ ſagte Fritz Buchhagen in einer faſt noch immer etwas nachdenklichen Weiſe,„es ward Zeit, denn es war ein ganz nichtswürdiges Gefühl, zum Davonlaufen, Herr Baron.“ „Na na, Alter, wollteſt Du etwa auch davon?“ „Wer weiß, Herr Baron! Es wird ja auf Tolleneck Mode, wie es ſcheint. Einer geht nach dem Andern.“ Der Wirthſchafter hat es niemals erfahren, ob die Ueberraſchung ſeines Gebieters, da er ihn ſo verdrießlich und ſorgenvoll wiederfand, und die nachfolgende Ver⸗ ſöhnung eine wirklich zufällige, nur aus dem Herzen kommende war, oder ob Hartwig ihm dabei eine vorher höchſt ernſtlich überlegte und wohl einſtudirte Scene vor⸗ geſpielt hatte. Es war ihm jedoch auch ziemlich gleich⸗ gültig, da das Reſultat— die Verſöhnung mit dem Herrn und das wieder hergeſtellte Vertrauen— ſo oder ſo das gleiche blieb. Nun konnte er dem Baron ſein Herz ausſchütten und that's und fühlte ſich nicht mehr ver⸗ ſtimmt oder gar mißtrauiſch, wenn er bei ihm noch immer auf einen gewiſſen Rückhalt ſtieß und in Bezug auf jenes Verhältniß zu der Nichte keinerlei Aufklärung erhielt.„Es wäre mir ein ganz verwünſchter Strich durch meine Rechnung, wenn ſie Lunte gerochen hätte und nicht wieder käme,“ ſagte Hartwig einmal. Das war Alles. 13 Der alte Herr hörte überhaupt zwar ſehr aufmerkſam auf Alles, was Buchhagen ihm von ſeinen Beobachtungen während der vergangenen anderthalb Wochen erzählte, allein er machte nicht viel daraus, wenigſtens hielt er ſein Urtheil darüber zurück. Nur zu der Nachricht von Gerhards Abreiſe und ſeinen zurückgelaſſenen Worten ſchüttelte er den Kopf, meinte endlich jedoch auch hier: „Na, im Grunde verdenk' ich's ihm nicht. Wie die Sachen ſtehen, hätte er ſich den Kaſſeler Forderungen doch nicht viel länger ohne einen völligen Bruch entziehen können, und ſo iſt's beſſer, daß er von vornherein ein Ende gemacht hat, zumal in meiner Abweſenheit. Hebe ſeinen Zettel auf, Fritz. Ich habe meine Gründe, im Nothfall den Canaillen gegenüber gedeckt zu ſein.“ Damit war auch dieſe Sache abgethan und es ſchien wirklich, als ob der Baron nicht weiter daran dächte und ſich wohl oder übel im täglichen, freilich unendlich einförmigen Leben weiter treiben ließ. Nur Hildegard ſchien ihm Sorge zu machen, wenigſtens kam er von Neuem auf ſie zu ſprechen und hatte es ſtets wieder zu beklagen, daß ſie auch ihm gegenüber unnahbar bliebe, gleichviel ob er ſich ernſt oder ſcherzend, ob als ſtrenges Familienhaupt oder als zärtlicher Großvater ihr nahe.„Quäle mich doch nicht, Großpapa! Ich habe nichts zu ſagen!“ Das war Alles, was aus ihr herauszubringen. Von Bernhard, von Kindelsheim wurde nur wenig, 14 dann aber freilich auch nur Gutes vernehmbar. Die Dame hatte ſtill und eingezogen fortgelebt in dieſen Wochen, in denen ſie vor dem Jahre frei geworden. Sie hatte es dringend gewünſcht, ſo ſtill wie möglich und ohne alles Aufſehen dasjenige zu beenden, was ihrer Verbindung mit dem lange und dem treu geliebten Manne vorausgehen mußte. Es gab in den ſie be⸗ treffenden Stellen des Teſtaments von dem verſtorbenen Gatten mancherlei, was eine verſchiedene Auslegung erlaubte und zum Streite Veranlaſſung geben konnte, zumal mit den Verwandten und Vormündern ihres Knaben, die ſich ohnehin nicht allzufreundlich gegen ſie geeſonnen zeigten. Von Geld und Gut war freilich bei den Aare's keine Rede—„ich fürchte nicht, daß Du, wenn Du einmal zu dieſer Heirath entſchloſſen biſt und die Frau wirklich lieb haſt, nach ſolchem Bettel fragſt,“ ſagte der alte Baron zu Bernhard, der ihn von dieſen Dingen und einer vorausſichtlich nothwendig werdenden Reiſe Blanka's zu den Verwandten unterrichtete, mit ungewöhnlicher Entſchiedenheit und zugleich großer Wärme. „Du haſt genug für ſie und Dich und ein halb Dutzend Kinder, und wirſt noch mehr haben. Ohne Mitgift iſt mir die Wittwe recht— ſie iſt und bleibt, ſo zu ſagen, ſie ſelbſt. Das Geld und Gut, das von dem alten Burſchen, dem Waldern ſtammt, brächte Dir ja auch den mit zu— pfui Teufel!“ 15 Bernhard lachte über den Eifer des Vaters.„Nun, Papa,“ ſprach er,„Du wirſt ſelber nicht wollen, daß ſie ihr Recht aufgeben ſoll, zumal den Leuten gegenüber, die erſichtlich nur Chikanen machen; allein davon iſt allerdings nur nebenbei die Rede. Man möchte ihr aber auch Alfred ſtreitig machen, und den will und ſoll ſie nicht aufgeben.“ „Reiſe mit ihr,“ meinte der alte Herr.„Du haſt ja Deiner Zeit wohl auch juriſtiſche Collegia gehört und biſt eine Art von Rechtsverdreher.“ „Nun ja, Papa,“ ſprach der Sohn,„es ſoll zwar noch ein Geheimniß bleiben, aber hoffentlich nicht vor Dir. Es wird ſo werden, wie Du eben rietheſt. Ich werde mich auch hinübermachen, mich als den Verlobten Blanka's vor⸗ ſtellen, ihre Angelegenheiten betreiben und ihre Rechte ver⸗ treten, und endlich ſie als Frau nach Wintersbach zurück⸗ führen. Du glaubſt nicht,“ fügte er lächelnd hinzu,„was uns das für Schwierigkeiten gemacht hat!“ „Na kann es mir lebhaft vorſtellen,“ bemerkte der alte Herr befriedigt ſchmunzelnd.„Sie kommt mir wie eine Taube vor, die nicht aus dem Schlage will. Iſt ſie doch noch nicht einmal zu uns herübergekommen!“ „Du mußt das nicht ſo ernſt nehmen, Vater,“ ſagte Bernhard herzlich.„Du biſt in ihre Vergangenheit an der Seite jenes alten Mannes nicht eingeweiht wie Bend⸗ ler und ich. Sie iſt durch all die Miſere und Quälerei der vergangenen Jahre ſo herabgeſtimmt, ſo verſchüchtert, 16 daß ſie ſich noch nicht wieder getraut auf eigene Hand glücklich zu ſein, nach ihrem Herzen zu leben. Sie hat ſo lange ſtill und faſt vergeſſen leben müſſen, daß ihr jetzt ſchon der Gedanke Angſt einflößt, wieder von ſich reden zu machen. Geben wir ihr nach, Papa; ſie erſetzt uns dieſe Nachſicht, glaub' es mir!“ Und nun waren ſie wirklich abgereiſ't und, obgleich man ſelbſt ſeit jenem Gewittertage nur gar wenig mit ein⸗ ander verkehrt hatte, wurde das Leben auf Tolleneck da⸗ durch doch noch einförmiger, denn ſchon das Gefühl der Nähe von bekannten und geliebten Perſonen vermag ihm eine gewiſſe Abwechslung zu verleihen. Und auch von Au⸗ ßen kam jetzt keinerlei Störung, von den Geſchwiſtern, von Gerhard hörte man gar nichts, und was endlich die Politik betraf, die öffentlichen Zuſtände, die Hoffnungen und Befürchtungen der Patrioten, ſo war es hier gerade ſtiller als je. Die große Armee war tief in Rußland und man erfuhr von dort ſo gut wie nichts, nur daß die ſpar⸗ ſamen Bulletins natürlich von einem ſteten, ſiegreichen Fort⸗ ſchreiten berichteten. Und wenn man an die ungeheueren Maſſen dachte, die hineingezogen waren, und jetzt die Re⸗ ſerven ſtetig nachrücken ſah; wenn man erfuhr, wie furcht⸗ bar Norddeutſchland von den zahlloſen Schwärmen aus⸗ geſogen worden, ſo mußten auch die Gläubigſten wohl ver⸗ zagen und konnten eine Erhebung kaum noch für möglich 17 halten. Nie bisher ſchien Alles ſo völlig zu Ende zu ſein wie jetzt.— Es war noch nicht ſo ſpät im Sommer, wie damals, als der Baron mit ſeinem Wirthſchafter vor dem Jahre vom Vorhofe aus den nahenden Gäſten entgegenſah, aber es war faſt um die gleiche Stunde, daß die beiden alten Geſellen wieder auf demſelben Fleck neben einer der Lin⸗ den ſtanden und ſich ausruhend in Näh' und Ferne um⸗ ſchauten. Ein Gewitter war über die dürſtenden Fluren hingezogen, jetzt aber war die Sonne ſchon wieder aus den ſchweren Wolken aufgetaucht und ihre Strahlen umglänz⸗ ten drüben das Herzheimer Schloß und blitzten aus ſeinen blanken Fenſtern zurück. Augenblicklich aber ſchauten die beiden Alten nicht dort hinüber, ſondern der Baron ſah dem Reitknecht nach, der ein Pferd mit dem Damenſattel den Ställen zuführte, und Buchhagens Augen ruhten nach⸗ denklich auf der Schloßthür und verfolgte durch die Oeff⸗ nung Hildegard, die langſam die breite Treppe im Hinter⸗ grunde des großen Flurs hinaufſtieg. „'s iſt doch nicht recht, daß die Kleine ſo allein her⸗ umflankirt,“ ſagte er jetzt kopfſchüttelnd.„Dabei kommt nichts Kluges heraus, Herr Baron, ſondern bei Gelegen⸗ heit einmal etwas recht Dummes oder Schlimmes. Daß ſie heut mit den naſſen Kleidern davon gekommen—“ „Na, wenn ihr der Regen die Dummheiten aus dem Kopfe ſchwemmen könnte, dürft' es immerhin noch ein Biſ⸗ Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 2 18 ſel mehr ſein,“ fiel Hartwig, augenſcheinlich verſtimmt ein und ſtrich mit einer gewiſſen Heftigkeit den langen weißen Bart auseinander.„So in der Weiſe geht es freilich nicht fort,— ich kann mein fideles wildes Mädel nicht vor mei⸗ nen ſehenden Augen zu Grunde gehen ſehen und muß ihr die Grimaſſen verleiden und die Grapſen und Grillen aus dem Kopfe jagen. Aber wie, aber wie, Fritz? Da ſitzt der Haken! Faſſe ich ſie einmal an und meine ſie feſt genug zwiſchen den Fingern zu haben, ſo packt mich die ſchlaue Hexe auch ihrerſeits bei meiner kindiſchen Liebe zu ihr und — ich bin ſchließlich ſtets der Geſchlagene und ſo klug wie vorher.'s iſt, um geradezu des Teufels zu werden! Wenn ich nur überhaupt erſt wüßte, wo ich ſie anfaſſen müßte, um den rechten Fleck zu treffen, dann wollte ich ſie auch ſchon halten!“ „Na Herr Baron, haltet Euch an den Morgen, wo es hier ſo unruhig zuging,“ meinte Buchhagen nachdenk⸗ lich.„Da habt Ihr das Rechte.“ „Das haſt Du ſchon oft geſagt, Fritz—“ „Und ſage es immer wieder von Neuem. Ihr habt das nicht geſehen, wie leichenblaß der Herr von Platen war, als er von ihr herunterkam und in ſeinen Wagen ſtieg; Ihr habt die Bewegung nicht geſehen, mit der er den Herrn Hippolyt, der mit dem Franzoſen — ich vergeſſe dieſen dummen Namen immer wieder! — gerade herunter kam und ſich an ihn wandte, zu⸗ 19 rückwies. Ihr habt nicht geſehen, wie zufrieden und ſtolz Herr Hippolyt d'reinſchaute, als er den Franzoſen ab⸗ ſolvirt hatte und den beiden Abreiſenden nachguckte, und dann nach oben ſtieg, in den weißen Saal, wo die Kleine noch war— ich weiß das! Und ich wette darauf, es hat dort zwiſchen ihnen etwas gegeben, wie vorher mit dem Platen, denn von dem Tage an war ſie ſo kalt, ſtolz und königlich und der Herr Couſin ſo keck und un⸗ ternehmend—“ „Und was folgt aus dem Allen?“ fragte der Ba⸗ ron ſiter dazwiſchen. „Daß hier der Fleck iſt, wo ſie Euch beichten muß, Herr,“ verſetzte Buchhagen beſtimmt. „Nun, und ſie antwortet, wie ſie es gethan: A lles, was Du willſt, Großpapa, aber über den Couſin kein Wort. Ich werde ſchon allein mit ihm fertig werden!— Was dann, Schatz?— Ach,“ brach er ab,„als ich vor'm Jahre ſolche Angſt vor dieſem Beſuch hatte— war's nicht ganz recht? Denkſt Du noch daran, Fritz, da wir hier ſtanden und redeten, von Herzheim und ſeinem— Herrn, vom Teufel und ſeiner Großmutter, was weiß ich?— und dann jagteſt Du mir den Schreck ein und Leſthens kamen— an dieſem Baum hier, zu dieſer Stunde—“ „Alles, Herr Baron, Alles!“ ſprach Buchhagen kopfſchüttelnd,„und damit es völlig gleich werde,“ fügte 2* — 20 er hinzu und deutete gegen die zum Dorfe führende Allee hinab,—„die Extrapoſt da hat uns juſt ſo überrumpelt—“ „Hol' mich der Teufel,'s iſt richtig!“ rief Hart⸗ wig mit einer ganz unnöthigen Bekräftigung, denn nicht nur das Horn klang ganz nahe, ſondern der Wagen rollte auch ſchon gegen das Thor heran. Die Beiden hatten die Equipage im Eifer ihres Geſprächs wirklich bisher überſehen. Es war ein ſchwerer Reiſewagen, mit dem die vier Pferde tüchtig zu ſchaffen hatten, auf dem Bock ein ältlicher, ſolider Diener in blauer Livrée mit rothem Kragen— das Alles kam immer näher— „Wär' es denn menſchenmöglich, daß Leſthen käme?“ ſchrie der Baron Aare in einer Art von Ekſtaſe hinaus. „Ja ja— der Johann—“ ſagte Buchhagen eifrig.— Und aus dem Fenſter beugte ſich der Kopf eines alten Mannes und eine ſonore, feſte Stimme rief: „Heda, toller Aare— da ſind wir wieder!“ Der Baron war ſchon am Wagen und ſprang beinah' neben dem noch rollenden her, und da er end⸗ lich hielt, reichte er beide Hände hinein.„Ludwig,— Frau Gevatterin, ſeid Ihr da, wirklich da? Nun ſo ſegne unſer Herrgott mit all ſeinen Heerſchaaren Euren Eingang!“ 21 „Charlott', er iſt fromm geworden!“ rief der Ge⸗ neral lachend, indem er aus dem Wagen ſtieg. „Na, ich müßte faſt,“ meinte Hartwig, der nun auch die Dame heraushob, mit bewegter Stimme.„Denn einen heißeren und lieberen Wunſch, als daß Ihr kämet, hab' ich im ganzen Leben nicht gehabt, und wagt' es doch nicht, davon an Euch zu ſchreiben! Wie konnt' ich denken, daß Ihr ihn erfüllen würdet!“ Die Dame ſah ihn eine Weile mit dem ſtillen und zugleich liebevollen Blick ihrer noch immer ſchönen Au⸗ gen an, bevor ſie gedämpft ſagte:„Nun Gott ſegne auch Sie, Hartwig! Ihr Empfang macht mir das Herz warm. Es iſt, als ob Einen jetzt Alles verläßt, aber Sie bleiben treu.“ Zweites Capitel. Herzen, die ſich finden. Es war wunderbar genug, wie ſich jetzt Alles ſo ganz anders, ſo viel leichter und ſchneller machte, als im vorigen Herbſt. Die ſechs, acht Wochen, die Le⸗ ſthens damals auf Tolleneck verweilten, hatten, wie wir uns noch erinnern, die Generalin und Hildegard trotz⸗ dem einander wenig oder gar nicht nahe gebracht. Die Dame ſtammte aus einer jener norddeutſchen und zwar ſpecifiſch preußiſchen Familien, in denen man neben ei⸗ nem Schatz von altehrwürdiger Sitte und Würde, von gerechtfertigtem Selbſtgefühl und makelloſer Ehrenhaf⸗ tigkeit häufig auch eine Menge von Vorurtheilen, eine Abhängigkeit von Standes⸗, ja von Glaubensrückſichten eine Strenge gegen anders Denkende und eine Abge⸗ ſchloſſenheit gegen andere, beſonders nicht einheimiſche 23 Kreiſe findet, welche nie oder nur nach harten Kämpfen zu beſiegen ſind, und ſelbſt von den Hoch⸗ und Frei⸗ ſinnigſten kaum jemals abgeſtreift, zum mindeſten, wenn ſie aus der Welt in die Familien⸗ und Heimathsſtille zurückkehren oder auch nur zurückblicken, von ihnen un⸗ vermeidlich wieder aufgenommen und auf das ſtrengſte in Geltung erhalten zu werden pflegen. So erging es der Generalin, obgleich dieſelbe nun ſchon ſeit manchen Jahren aus ihrem von jeher weiten Umgangskreiſe zu dem des Hofes übergegangen war und in demſelben vermöge ihrer gediegenen und anmuthi⸗ gen Perſönlichkeit eine hervorragende Stellung einge⸗ nommen hatte, welche ſie zu einem immer weiteren, freie⸗ ren und unbefangeneren Ueberblick veranlaßte und be⸗ fähigte. Allein ſie kam aus ihren Jugendanſichten und — ſagen wir einmal: Vorurtheilen, obgleich das Wort für das zu Bezeichnende eigentlich viel zu ſtreng iſt,— trotzdem nicht heraus, und zwar um ſo weniger, da das hohe Paar, dem ihr Gatte und ſie ſelbſt beſonders treu verbunden waren, nicht allein von jeher, mit ſchlichtem, einfachem Sinn einer ernſteren Richtung zugewendet war, ſondern in derſelben gleich dem ganzen königlichen Hauſe, ja faſt gleich dem ganzen Lande durch die trüben Er⸗ fahrungen der Jahre 1806 und 1807 noch mehr be⸗ ſtärkt wurde. Und es war damit noch nicht genug. Der alt⸗ 24 preußiſche Adel, um gegenwärtig von dieſem allein zu reden, ſtand von jeher dem im ſogenannten„Reich“ in einer Art von Abgeſchloſſenheit gegenüber, welche kaum eine wirkliche Annäherung möglich werden ließ. Man war hier ebenſo ſpecifiſch proteſtantiſch oder vielmehr lutheriſch, wie ealthen im Reich zum größten Theil ka⸗ tholiſch, und man hing noch von den großen Religions⸗ kriegen her an ſeinem Glauben mit der ſtarrſten Strenge. Wußte man hier auch noch weniger von dem Geſammt⸗ vaterlande, dem armen Deutſchland, als die dort drau⸗ ßen, ſo hatte man dafür wenigſtens ein zwar engeres, aber doch eines erhalten, das ſeit den Tagen des gro⸗ ßen Kurfürſten immer feſter zuſammengewachſen, immer mehr erſtarkt war und bis auf die neueſten unglücklichen Zeiten in der ganzen Welt, wenn auch hie und da mit Neid und Haß, doch mit vollem Reſpect genannt wurde, deſſen man ſich immerhin rühmen durfte. Der preußiſche Adel, der demjenigen im„Reich“ nicht nur meſtens an Vermögen und Anſehen, ſondern häufig auch, als zum Theil aus wendiſchen Geſchlechtern ſtammend, an Alter und Reinheit nachſtehen ſollte, hatte dafür ſeit mehr als hundert Jahren ſchier ausnahmslos eine Vergangenheit, wie ſie kaum einem anderen deutſchen Adelsgeſchlecht ſo voll von Ehre und Ruhm zu Theil geworden, und die Rangliſten bewieſen es auch dem Zweifelſüchtigſten, daß wer im Reich nach Ruhm und Ehre 2⁵5 lüſtern war, in den meiſten Fällen ſich der Armee zu⸗ wandte, welche freilich neuerdings unglücklich und verhöhnt, ſo lange Zeit für die erſte der Welt gegolten hatte. Man durfte dieſen Männern, ja dieſen Familien daher wohl das Selbſtgefühl zu gute halten, mit dem ſie dem Hochmuth, der ihnen draußen hie und da begegnete, gegenüberſtanden, und man konnte ihnen die Abgeſchloſſen⸗ heit nicht verdenken, da ſie im Reich auf eine gleiche ſtießen. Und nun war zu dieſem Allen, was ſchon von jeher gewirkt, das Unglück gekommen, das ſchon an und für ſich iſolirt, der furchtbare Sturz von der eingebildeten Höhe in die Tiefe der Schmach, die Beſchämung und Verbitterung, deren ſich auch diejenigen nicht zu erwehren vermochten, welche doch ſchuldlos waren an dem Elend. Denn es muß einmal gerade herausgeſagt werden: das Unglück der preußiſchen Armee wuide nicht durch eine untüchtigkeit der Truppen, nicht durch die Renommage und den Uebermuth der Officiere herbeigeführt, ſondern dadurch, daß man theils mit kindiſchem Hochmuth, theils mit falſcher Pietät an den alten und veralteten Formen, an den ebenſo alten geiſtes⸗ und körperlahmen Führern hing und weder die Einen noch die Anderen den Anfor⸗ derungen der neuen, gänzlich veränderten Zeit gemäß abzuändern und aufzugeben vermochte. Wo die Führer noch voll Ehre und Energie waren, war auch der Erfolg, 4. 26 obſchon durch die Vereinzelung für das Ganze faſt werth⸗ los, doch ein kräftiger und ehrenvoller, ſtanden die Soldaten und ſchlugen die übermüthigen Officiere ſich voll Ruhm und Ehre. Und es ſcheint uns kaum noch einer Anführung zu bedürfen, daß anno Dreizehn von all dieſen geſchmähten Officieren ſicherlich nur die In⸗ validen zurückblieben, und die Uebrigen zu hunderten an der Spitze der von ihnen zum Siege geführten Truppen fielen und ihre Schuld gegen das Vaterland, wenn ſie eine ſolche hatten, durch den Tod ſühnten. Inzwiſchen aber waren ſie voll Scham und Zorn über das Geſchehene und voll Verzweiflung über die endloſen Demüthigungen, über das dumpfe Harren und Warten auf eine immer noch nicht ſichtbar wer⸗ dende Wendung zum Beſſeren. Und man würde die damalige Zeit und vor Allem das damalige Preußen gänzlich mißverſtehen, wollte man dieſe Empfindungen nur bei den Männern ſuchen. Im Gegentheil lebten ſie in den Frauen nicht nur nicht minder tief und weniger qualvoll, ſondern man dürfte ſich kaum irren, wenn man gerade bei ihnen das tiefſte Gefühl der Schmach, den glühendſten Patriotismus vorausſetzt. Bei der Generalin Leſthen wirkte, wie angedeutet, dies Alles im vollſten Maße, ließ ſie ihren preußiſchen Standpunct feſter als je aufrecht halten und ſie vor der Fremde ſich ſcheuer oder ſpröder als irgend ſonſt zurück⸗ 27 ziehen. Frau von Aare war, wie wir wiſfen, nicht nur ihre Jugendfreundin geweſen, ſondern auch durch ihre Ver⸗ mittelung mit dem Cameraden ihres Gatten und dem Freunde ihrer jungen Familie vereint worden. Sie hatte mit treuer Liebe an derſelben gehangen und zu ihrer Tochter ſich faſt wie eine zweite Mutter gefühlt; deſſenungeachtet war dieſer Bund nicht ſo feſt und innig geblieben, wie er geweſen ſein möchte, wenn beide Freundinnen auch ferner dem gleichen Lande angehört hätten und in den ziemlich gleichen Zuſtänden und Verhältniſſen alt ge⸗ worden wären. Die Fremde und ihre andere Weiſe hatten wenig⸗ ſtens im Gefühl der Generalin eine Scheidewand zwiſchen der Freundin und ihr gezogen, die mit der Zeit wuchs, ſo wenig ſie auch die gegenſeitige Herzlichkeit aufzuheben vermochte. Das trat gegenüber von der Tochter noch mehr hervor— Frau von Leſthen fand ſich mit der⸗ ſelben nicht mehr in vollem Verſtändniß, und das zeigte ſich nun, da ſie im vorigen Herbſt Hildegard, die Enkelin, kennen lernte, wie wir wiſſen, im vollſten Maß. Das junge Mädchen war und blieb ihr fremd, und wenn ſie in jenen Wochen nach und nach auch manches, was ſie im Anfang völlig zurückgeſtoßen, mit milderem Blick an⸗ zuſehen lernte, ſich den Wünſchen und Anſichten ihres Gatten nicht mehr entſchieden widerſetzte, ja zuweilen, wie in der Abſchiedsſtunde, von der Lieblichkeit des Mäd⸗ 28 chens hingeriſſen wurde, ſo hatte ſie doch innerlich nie⸗ mals ihren Widerſtand völlig aufgeben, niemals der tiefen Ueberzeugung entſagen können, daß das Kind in der Mark kaum jemals daheim werden, kaum jemals ſich ſelbſt und den Seinen zum Glücke leben dürfte. Sie fand an Hildegard ſo zu ſagen nichts von dem, was ſie an ſich und den Ihren kannte, verlangte und für allein richtig hielt, und die Erziehung unter den Augen und der Leitung des Großvaters, der Auf⸗ enthalt im Kloſter und das erneuerte ungebundene Leben in Tolleneck ließen ſie bei dem fröhlichen, durch nichts beſchränkten, übermüthigen jungen Weſen nicht das allein tadeln, was ihr offen entgegentrat, ſondern erfüllten ſie auch mit der Sorge, daß dieſe Natur noch tauſenderlei Anderes in ſich bergen dürfte, was erſt durch eine gün⸗ ſtige Gelegenheit hervorgelockt, noch viel mehr gegen ihre und ihres Kreiſes Anſichten verſtoßen möchte. In Folge dieſer Stellung, die ſie im Grunde unverändert bis zu ihrer Abreiſe behauptet hatte, war auch Hildegard trotz aller wachſenden Zuneigung natür⸗ licherweiſe ihr ferner und fremder gehalten worden, als es bei irgend einem Entgegenkommen die lebhafte an⸗ ſchmiegende Natur derſelben erlaubt haben würde, ſo fern und fremd, daß es das junge Mädchen damals ſchon in der Gegenwart, und noch mehr ſpäter bei der Erinnerung mit einer Art wehmüthiger Sehnſucht er⸗ 29 füllte. Hildegard hatte ihre Vereinſamung nie früher wirklich empfunden; ſie war in das Tollenecker Leben von Jugend auf hineingewachſen und hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ſich über dasſelbe hinauszuträumen, denn gegen den ſtillen Kloſteraufenthalt war es noch ein reiches und inhaltsvolles zu nennen, und was ihm hie und da ſelbſt in ihren Augen abgehen mochte, wurde ihr reichlich durch die Liebe erſetzt, mit der ſie von allen Seiten gehegt und gepflegt wurde. Erſt jetzt, da ihr die Generalin, da ihr Lucie ent⸗ gegentrat, die Eine eine wirkliche Verwandte, die Andere durch die Liebe zur Großmutter und Mutter, durch die Freundſchaft mit dem Großvater, durch Alles, was dieſer, was Anne Margarethe, ja was Buchhagen von der auf Tolleneck im beſten Andenken ſtehenden Dame zu erzählen gehabt, ihr wo möglich noch näher gerückt; Beide, wenn auch auf verſchiedene Weiſe, in Welt und Geſellſchaft eine hervorragende Stellung behauptend— die Eine ſchön, graziös und kokett, die Andere in anmuthigſter Würde, Beide durchaus neu für Augen und Herz des einſamen Kindes— erſt jetzt ahnte ſie ihre bisherige Vereinſamung und fühlte ſich fortgedrängt zum Anſchließen und Anſchmiegen, und zwar um ſo mehr, da die gleich⸗ zeitige Anweſenheit der jungen Männer in ihrem Herzen und Kopfe ſelbſtverſtändlich mancherlei anregte, was bisher dort, ohne daß ſie's ſelber wußte, geſchlummert. 30 Mit einem Wort— Hildegard wurde in jenen Wochen erſt ſtreng genommen vom ahnungsloſen ſpielenden Kinde zur ahnungsvollen und träumenden Jungfrau. Die ſchöne, üppige, wenig Rückſichten nehmende Couſine trat ihr freilich gleich wieder fern. Hildegard ſchaute begreiflicherweiſe in dies Leben und ſein Auf⸗ und Abfluten nicht hinein; ſie fühlte ſich mit dem In⸗ ſtinct eines reinen und keuſchen Herzens vielmehr bald genug von demſelben unheimlich berührt und zurückge⸗ ſchreckt, und Lucie that zumal zu jener Zeit nichts, um einen beſſeren Eindruck auf ſie zu machen und ſie an ſich zu ziehen. Hildegards Weſen war für die ſchöne leicht⸗ ſinnige Frau halb langweilig, halb unverſtändlich und flößte ihr doch einen gewiſſen ſcheuen Reſpect ein, der ſie von jeder Annäherung zurückhielt. Mit der Generalin Leſthen war es aber, um das zu wiederholen, ganz etwas Anderes, ja gerade entgegen⸗ geſetzt. Hildegard fühlte ſich innerlich täglich mehr zu der Dame hingezogen und empfand es, wie geſagt, mit Wehmuth, daß ſie ihr ſtets fern blieb. Sie vermochte das begreiflicherweiſe nicht daher abzuleiten, von wo es in Wirklichkeit ausging, ſondern ſuchte den Grund allein in ſich und ihrem Weſen, und ihre dadurch hervorgeru⸗ fene Befangenheit und Schüchternheit ließ ſie auch die Gelegenheiten verlieren, wo die Dame, wie ſchon ange⸗ führt, von dem Liebreiz und der Anmuth des Kindes 31 1 hingeriſſen und voll lebhafter Theilnahme für die in ihren Augen halb gefährliche, halb peinliche Stellung desſelben, nur ein herzliches Anſchmiegen zu erwarten ſchien, um ſie für immer und ganz in ihr Herz aufzunehmen. Wir können hier nicht Alles verfolgen, was damals, was im Laufe der folgenden ſtillen Monate in Hilde⸗ gards erwachtem Herzen vorging— wer vermöchte das überhaupt dem Herzen des Weibes gegenüber?— ſondern müſſen vielmehr erwarten, ob es bei Gelegenheit ſich von ſelbſt in ſeinem Entſtehen, ſeinen Folgen einmal vor uns offenbaren dürfte. Aber das müſſen wir wohl anführen, daß jene Sehnſucht, ſich der Matrone anzuſchließen und an ihr einen Halt zu gewinnen, und die Trauer darüber, daß es niemals dazu gekommen, nicht der geringſte Druck war, der das einſame Mädchen während dieſer Zeit niedergehalten hatte. Ja dieſe erſte trübe Erfahrung ihres jungen Lebens hielt ſie auch von Blanka fern und ließ ſie Bernhards herzlicher Mahnung:„Komm,, Hilda, komm oft! Sie liebt Dich von Herzen und wird Dir wohl thun!“ nicht Folge geben. Sie war mißtrauiſch geworden gegen ſich ſelbſt und gegen Andere— konnte ſie denn Jemand noch etwas ſein? fragte ſie ſich ſelbſtquäleriſch, wie man es ſo leicht in ſolchen Jahren und nach einer ſolchen Erfahrung wird. Denn ſo unbedeutend das Alles dem Aelteren und Gereifteren erſcheinen mag,— für ein 32 junges Herz, das bisher überall nur Entgegenkommen, Liebe und Zärtlichkeit fand, iſt die Erfahrung, daß es einem geliebten und verehrten Menſchen nun mit einem⸗ mal vergebens entgegenſchlägt, eine der bitterſten und lähmendſten von allen. Als ſie nun der Großvater rufen ließ, um die an⸗ gelangten Gäſte zu begrüßen, hatte ſie ſich kaum zu dem Gange zu entſchließen vermocht. Es iſt begreiflich, daß Hildegard gegenwärtig, wo die vergangenen Monate ſie ſo ſehr verändert und gereift hatten, nicht mehr allein die Sehnſucht und Trauer in ſich barg, ſondern ſich auch zu einem gewiſſen Selbſtgefühl und damit zu einer leiſen Bitterkeit erhoben hatte, welche ihrer Haltung, da ſie dem Beſuche nun entgegentrat, noch mehr Kaltes und Stolzes verliehen, als die Ihren, wie wir wiſſen, ſchon neuerdings an ihr beobachtet. Sie wagte keine neue Annäherung mehr zu verſuchen, aber ſie wollte es auch nicht. Und dennoch— es mag wohl ſeltſam ſein, allein es iſt bei Naturen, wie die der Frau von Leſthen war, nicht eben ſelten— mußte es gerade dieſe veränderte Haltung, dieſe Gemeſſenheit, dieſer ruhige Ernſt Hilde⸗ gards ſein, welche im Vereine mit dem, was der Groß⸗ vater den Freunden über ſie mittheilte, die Generalin plötzlich für ſie gewann, die ganze Liebenswürdigkeit, die wärmſte Theilnahme der Matrone ihr zuwandte. A 33 Mit einem Male fand ſie die Arme, fand ſie das Herz ſich nicht nur geöffnet, ſondern ſie fand ſich auch in ihnen— überraſcht, faſt betäubt, ſelbſt nicht wiſſend, wie es gekommen, und doch glückſelig bis in's Herz hinein, dankbar, wie nie in ihrem jungen Leben, wie gegen keinen Menſchen, und voll von einem Vertrauen, das keine Geänzen kannte. Braucht es noch erſt geſagt zu werden, daß die Matrone nun auch ihrerſeits ſich völliger, wärmer hingab, als ſie es je gethan, als ſie ſich die Fähigkeit dazu überhaupt nur zugetraut? So etwas, eine ſolche plötzlich erwachte Innigkeit, iſt immer ein Gegenſeitiges, eines durch das Andere ſich Steigerndes. Hildegard war wie betäubt, wiederholen wir, wie berauſcht, glückſelig und doch kaum glaubend an ihr Glück, und als ſie heute nun an der Seite der verehrten Frau durch das ganze Schloß bis in den allerhöchſten Bau geſtiegen war und in das kleine Gärtchen hinaustrat, das dort auf der äußerſten kleinen Fläche des Schloß⸗ berges von Alters her angelegt war und erhalten wurde, als ſie dort nun die Dame auf der Steinbank Platz nehmen ſah und ſich an ſie ſchmiegte, ihre Hand küßte, in die tiefen und klaren, durch die jetzige Innigkeit noch verſchönten blauen Augen blickte, da war es ihr zu Muth, als träume ſie nur all dies Glück— vor acht Tagen noch, wie war es ihr ſo himmel⸗, himmelfern gewe⸗ ſen, ſo unerreichbar wie die Sterne!— ſie war keines Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 3 34 Wortes mächtig und die geliebte Hand in der ihren feſt⸗ haltend, ſtützte ſie den kleinen Kopf und ſchaute träu⸗ meriſch hinaus in die weit ausgebreiteten friedlichen, von der Abendſonne überleuchteten Fluren. Die Generalin ſtörte das junge Mädchen nicht. Ihr Auge hing an ihm mit liebevollem, theilnehmendem und man hätte ſagen mögen: erwartungsvollem Blick. Sie hatte auf eine ſolche Stunde des vollſten Vertrauens gehofft, denn der eine Punkt, welcher der Matrone am meiſten am Herzen lag, war bisher noch unerörtert, ja faſt unberührt geblieben. Hildegard war bei dem lei⸗ ſeſten Hindeuten noch immer mit einer Art Schreck zu⸗ rückgewichen. War die Stunde jetzt gekommen?— „Sehen Sie, Mama,“ ſagte Hildegard nach einer langen Pauſe und deutete ſich aufrichtend mit der Hand auf einige Felstrümmer, die am Rande des kleinen Pla⸗ teau's wie Palliſaden emporragend, eine Art Bruſtwehr gegen den furchtbar jähen Abſturz des Berges bildeten, —„da iſt der arme Menſch, der Felix, hinabgeſtürzt; er iſt dort, wie Buchhagen geſehen hat, öfters umher⸗ geklettert. Ach Mama,“ fügte ſie hinzu und erbebte dabei,„ſolch ein Sturz iſt furchtbar! Wie oft habe ich ſelbſt als Kind und auch noch als erwachſen auf derſelben Stelle gehockt, ohne Ahnung einer Gefahr! Und nun der arme Menſch—“ 3⁵ „Haſt Du ihn denn gekannt, um ihn ſo zu be⸗ dauern, Hilda?“ fragte Frau von Leſthen ernſt dazwiſchen. „Nein, Mama, gewiß nicht, und noch weniger ge⸗ fiel er mir,“ entgegnete das Mädchen offen.„Aber meine Theilnahme kann ich ihm nicht verſagen. J habe ſelbſt zu oft dort auf der Unglücksſtelle gehockt, ſagt' ich ſchon, und— wie der Menſch auch ſein mochte, Mama,— ein ſolches Ende hat er nicht verdient, ſchon um deſſentwillen nicht,“ ſetzte ſie hinzu und aus den glänzenden, graublauen großen Augen tauchte ein fin⸗ ſterer Blick und ihre Wange röthete ſich,„weil er ſicher⸗ lich nicht von Natur ſo wild und leidenſchaftlich, ſo un⸗ gezogen und frech geweſen iſt— ich habe ihn im Win⸗ ter, wo er hier allein mit dem Couſin war, mehr als einmal höflich, artig, dienſtwillig und fröhlich geſehen. Glauben Sie nur, Mama, den hat ſie gleichfalls auf dem Gewiſſen,— ſie!— Oh, wie ich dieſe Frau haſſe!“ „Hildegard!“ mahnte die alte Dame halb bittend, halb aber auch mit wirklichem Tadel; das Mädchen hatte gar zu lebhaft, gar zu energiſch dieſen Haß bekannt. „Verzeihung, Mama, Verzeihung!“ bat Hildegard, den Kopf an die Schulter der neuen Freundin ſchmiegend. „Ich fühle es ſelber, dieſe Empfindung iſt nicht recht,“ fuhr ſie leiſe, bebenden Tones fort,„allein ich vermag mich ihrer nicht zu erwehren. Wir heißen ja die„Tol⸗ 3* len“ von Aare, wir lieben ſtark und wir haſſen ſtark. Und jene Frau, Mama, jene Frau hat—“ „Laſſen wir dieſe Dame,“ ſagte Frau von Leſthen jetzt ernſt und ſtrich mit der Rechten leicht über den glänzenden, dunklen Scheitel.„Ich ſage es Dir offen, mein liebes Kind, ſie iſt für mich niemals ein auch nur geſellſchaftlicher Unterhaltungsſtoff geweſen, und jetzt wi⸗ derſteht ſie mir geradezu. Mir liegt etwas Anderes am Herzen, das Du der alten Frau und Großmutter nicht verdenken kannſt— mein Hugo— „Ich bitte Sie, Mama—!“— fiel Hildegard ge⸗ preßt ein und erhob das plötzlich heiß erglühende Ge⸗ ſicht und wandte es ſo, daß die Begleiterin es nicht zu ſehen vermochte. Aber die Matrone ließ ſich durch dieſen Widerſtand nicht mehr aufhalten. Sie behielt nicht allein des Mäd⸗ chens Hand in der ihren, ſondern ſie legte auch die an⸗ dere unter das kleine roſige Kinn und drehte das Ge⸗ ſichtchen ſich wieder zu, und nach einem langen Blick auf die glühenden Wangen, auf die tiefgeſenkten Augen, ſprach ſie ſanft:„Nein, mein Kind, wir wollen das nicht länger umgehen, was ſich noch immer zwiſchen Dir und mir als ein Trennendes und Störendes geltend macht. Laſſe uns offen reden— gegen mich, Hilda, kann Dir das Vertrauen doch nicht ſchwer werden?— Alſo, offen, Hilda— Du liebſt Hugo?“ 37 Hildegard antwortete nicht. Sie regte ſich auch nicht, nur daß nach und nach unter den geſenkten dunk⸗ len Wimpern, zwiſchen den feſtgeſchloſſenen Lidern her⸗ vor ein paar helle, große Thränen drangen und lang⸗ ſam ſich gegen die jetzt erbleichten Wangen hinabſenkten. Aber ſie fühlte wohl am Druck der Hand, daß die Ma⸗ trone ſie nicht losließ, ſie fühlte auch, wie uns ein ſol⸗ ches— wir müſſen wohl ſagen: inneres Schauen ja von Zeit zu Zeit gegeben iſt, daß die Augen der Nach⸗ barin feſt auf ihr hafteten; und während ſie das Köpf⸗ chen tief auf die Bruſt ſinken ließ, flüſterte ſie von Neuem erröthend:„Ich hab' ihn, glaub' ich, ſehr geliebt.“ Frau von Leſthen beobachtete das junge Mädchen eine Weile lang ſchweigend und mit faſt trüber Auf⸗ merkſamkeit, bevor ſie gleichfalls gedämpft fragte:„Und hat er das gewußt, Hilda?“ Die thränenvollen Augen erhoben ſich zu einem ſchüchternen, wehmüthigen Blick, der ſich aber ſogleich nur um deſto tiefer unter die Wimpern zurückzog, und ſie ſagte faſt noch leiſer als vorhin:„Ich glaube es wohl, Mama!“ „Ou glaubſt es nur, Hilda? So habt Ihr nie mit einander davon geredet?“ Jetzt ſchaute ſie auf und die Matrone treuherzig und ehrlich an.„Ueber unſere Liebe? Niemals, Mama,“ ſprach ſie mit dem vollſten Ausdruck der Wahrheit. 38 „Und doch, mein Kind, als Ihr in jener Abſchieds⸗ ſtunde zuſammen die Treppen hinunterſtiegt,“ redete die alte Dame ernſt und ohne ihren Blick von Hildegards Geſicht zu verwenden.„Auch damals nicht, Hilda?“ Es ſtieg eine neue Thräne in des Mädchens Augen, welche ihre Wimpern zucken machte, allein dem Blicke der Generalin wich ſie darum nicht aus, ſondern ver⸗ ſetzte, wenn auch mit bebender Stimme, alsbald:„Nein, Mama, auch damals nicht, obgleich was er da zu mir ſprach, mich unſäglich glücklich gemacht hat und hernach noch unſagbarer traurig, als ich einſehen mußte, wie falſch ich ſeine Worte verſtanden, daß ich mich beglückt gefühlt— durch nichts und um nichts.“ Der bittere Klang in dieſen letzten Worten entging der Generalin nicht und ließ ſie leiſe das graue Haupt wiegen. Doch vermied ſie jede dahin zielende Bemer⸗ kung und ſagte nach einer kleinen Pauſe nur:„Und was hat er zu Dir geredet, Hilda?“ Das junge Mädchen antwortete nicht ſogleich. Ihr Auge haftete mit einem ſo träumeriſchen, abweſenden Blick auf ihrer Begleiterin, daß es fürs Erſte wenig⸗ ſtens völlig unentſchieden blieb, ob ſie die Frage der⸗ ſelben überhaupt vernommen habe. Und nun lehnte ſie ſich, den Blick von jener ab⸗ und dem Flußthale drunten zuwendend, leicht an den Felſen, aus dem die Bank gehauen war, zurück und kreuzte die Arme über 39 der Bruſt, ein anmuthiges und zugleich die vollſte Theil⸗ nahme erweckendes Bild des ſchwermuthsvollen Sinnens. Es ſtörte ſie nichts darin, denn Frau von Leſthen begriff gut genug, was das arme Kind mit ſich ſelbſt zu reden haben und wie ſchwer es ihm werden mochte, die wieder erweckte Vergangenheit nun auch vor einem fremden Herzen zu enthüllen. Endlich erhob Hildegard wieder den Kopf, und nach einem langen, ſchwermüthigen Blick auf die alte Dame ſprach ſie leiſe:„Mama, Sie fragten mich, was er geredet? Davon, ich flehe Sie an, laſſen ſie mich nichts ſagen, ich vermag es nicht; die Worte haben ein⸗ mal einen zu glücklichen, und hernach einen zu traurigen Klang für mich gehabt. Ich ſchloß daraus, daß er wiſſe, was ſich in mir regte, daß es ihn beglücke, ja daß es ihn und mich, wenn das Vaterland es wieder dem Ein⸗ zelnen erlaubte, an ſich ſelbſt zu denken, auch zum Glücke führen werde. Das war Alles, liebſte Mama, aber ich habe mich ſelbſt darin bitter getäuſcht.“ „Und wodurch iſt Dir das klar geworden?“ fragte die Matrone ernſt. Hildegard ſchaute nicht auf, als ſie nach einer Pauſe ſtockend erwiederte:„Ich habe es hören müſſen, daß er während des Winters nicht allein ſeinen Abſchied ge⸗ nommen, ſondern auch mit jener— jener— mit der Couſine—“ 40 „Du biſt alſo eiferſüchtig, Hilda?“ ſagte Frau von Leſthen mit einem leiſen Lächeln. „Mama, ich weiß nicht, was man ſo heißt. Aber,“ und ihr Auge erhob ſich offen mit ſen ſtolzen, faſt ſtrengen Blick zu ihrer Nachbarin,—„ich weiß, daß Hildegard von Waldſtätten, die Enkelin des tollen Aare, niemals, nicht einen Augenblick, mit der Gräfin Barrois rivaliſiren, niemals die gleiche Neigung einflößen kann.“ Die Generalin wandte den immer ernſter und ſin⸗ nender gewordenen Blick langſam von dem Mädchen fort, der Ausſicht zu und blieb eine ganze Zeitlang ſtumm, als müſſe ſie ihre nächſten Worte auf das Ernſt⸗ lichſte überlegen, die, wie ſie wohl begriff, vielleicht für die ganze Zukunft zweier Menſchen entſcheidend werden konnten. „Mein Herzenskind,“ ſprach ſie endlich mit der ganzen Herzlichkeit ihres Weſens, die ſich in dieſer Tiefe dem Mädchen noch niemals offenbart hatte, und ergriff Hildegards Hand,— pich will nicht fragen, ob man gut daran gethan, Dich in Dinge und Verhältniſſe hinein⸗ blicken zu laſſen, welche nicht nur Dir völlig fremd bleiben ſollten, ſondern vermuthlich auch dem Berichterſtatter ſelbſt nichts weniger als klar geworden ſind; das ſchließe ich aus der Erwähnung von Hugo's Austritt aus dem Dienſt. Hugo iſt ſelbſtſtändig und wird vertreten, was er thut, hier aber hat er auch die volle Zuſtimmung 41 der Seinen gefunden. Er hat ſeinen Abſchied genommen, weil er unter den jetzigen Verhältniſſen nicht fortdienen wollte und konnte, und er iſt nicht in auswärtige Dienſte gegangen, weil er wie Viele hofft, daß auch daheim ſeine Zeit kommen müſſe, und daß er bis dahin als einfacher Bürger dem Vaterlande mehr werde nützen können. „Was jetzt das Andere betrifft, mein Kind,“ fuhr die Matrone zu der trübe lauſchenden Hildegard fort, „ſo— ich will ganz offen ſein!— hat es auch uns anfänglich erſtaunt, ihn in Beziehungen zu jener Frau und jenem Kreiſe zu erblicken, die uns Allen und auch ihm bisher ſo fremd wie irgend möglich; aber Mißtrauen oder gar Zweifel hat er in uns dadurch keinen Augenblick erregt. Ich weiß nicht, was er bezweckt hat; er iſt ein verſchloſſener Charakter, allein ſelbſt ich als Großmutter darf es ihm nachrühmen, daß er ein Mann von Energie und Kraft, von tadelloſem, ſtrengem Ehrgefühl, deſſen Wort wie ein Eid, der, wo er ſich eines guten Zweckes bewußt iſt, viel⸗ leicht eine Zeitlang duldet, daß ferner Stehende ihn ver⸗ kennen oder gar ihm mißtrauen, in Wirklichkeit aber und für alle Vertraute nie auch nur einen Schritt vom Pfade der Tugend und Ehre abweicht. Ich wiederhole es, er hat uns nicht eingeweiht in die Motive ſeines Handelns und jetzt haben wir ihn ſeit Monaten nicht geſehen, ja kaum von ihm erfahren, da er eine Reiſe ins ſüdliche Deutſch⸗ 42 land angetreten hat; allein an ſeine Ehre, ſeine Tugend, ſeine Treue glaube ich ſo feſt, wie an mich ſelbſt, und wenn er Dir, mein Herzenskind,“ ſchloß Frau v. Leſthen und zog beide Hände Hildegards an ſich,„dieſe Treue geweiht hat, — dann hat er ſie Dir auch gewahrt und iſt Deiner würdig geblieben und läßt nicht von Dir, als wenn Du ſelbſt ihn aufgibſt.—“ „Mama!“ murmelte Hildegard. Sie hatte den Kopf geſenkt, die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen. „Ja ja, Hilda, ja ja!“ ſagte die alte Dame er⸗ regt,„ſo iſt es, ſo glaube ich es, ſo wahr mir Gott helfe!— Du biſt mir in dieſen Tagen erſt bekannt, vertraut und ſehr, ſehr lieb geworden!“ ſprach ſie im gleichen Tone weiter;„ich verſtehe jetzt, weshalb Du der Liebling der Deinen biſt,— nicht, wie ſie vielleicht glauben, weil Du ſo eine kleine„Tolle“ von Aare biſt, ſondern weil ſie inſtinctmäßig das echt Weibliche und Schöne in Dir lieben und ehren, das wie ich wohl merke, von jeher Dir ſelber unbewußt in Dir geſchlummert, und das ich jetzt ſo ſchön zum Durchbruch gekommen ſehe. Ich ſag's Dir offen: Als Dein Großvater, als mein Gatte mir im vorigen Herbſt von ihren Wünſchen in Betreff Deiner und Hugo's redeten, habe ich mich nicht damit zu befreunden vermocht. Das iſt erſt—“ „Aha— da ſind ſie ja! Sapperment, ſeid Ihr hoch aufgeflogen!“ rief in dieſem Augenblick die fröh⸗ 43 liche Stimme des Generals, der mit Hartwig Aare aus, der nahen Schloßpforte trat, und der letztere fügte nicht minder gutgelaunt hinzu: „Sehen ſie nicht gerade aus wie Verſchwörerinnen Ludwig?“ Hildegard hatte ſich bei dem erſten Worte des Ge⸗ nerals erhoben und als wolle ſie ihre tiefe, thränenvolle Erſchütterung verbergen, dem Ausblick in das Flußthal zugewandt.„Ich bitte Sie, Mama,“ flüſterte ſie nun auch angſthaft zurück,„laſſen Sie mich jetzt allein blei⸗ ben! O Mama, Mama, ich kann jetzt Niemand ſehen!“ Frau von Leſthen mochte dergleichen erwartet ha⸗ ben, denn ſie hatte ſich faſt zugleich mit Hilda erhoben und wie zum Schutz vor das Mädchen geſtellt. Nun drückte ſie die Hand desſelben, wandte ſich und ging den beiden Männern entgegen. „Wir haben uns in der That hoch verſtiegen, zu hoch,“ ſagte ſie,„und darüber, wie es ſcheint, d'runten allerlei Gutes verſäumt, denn Ihr ſeid ja Beide ausneh⸗ mend guter Laune. Aber kommt mit hinab, uns Alten wird es hier oben gar zu luftig.“ Drittes Capitel. Häusliches und Bolitiſches. „Und nun ſagen Sie mir, Gevatterin, was um des Himmelswillen hattet Ihr Beide dort oben zu thun, und was für Staatsgeheimniſſe waren es, die Euch ſo animirt haben— die Hilda ſogar bis zu Thränen, ich hab' es wohl geſehen!“ ſagte der alte Schloßherr, als ſie wieder in die Gebäude getreten waren und langſam durch die hallenden Gänge ſchritten, welche in dieſen äl⸗ teſten Theilen des großen Schloſſes die eigentlich be⸗ wohnbaren Räume verdrängt hatten.„Ich hab' es wohl geſehen,“ fügte er kopfſchüttelnd hinzu, und bin ganz conſternirt worden, denn das kleine Ding iſt hart wie Stahl und Eiſen, und Sie müſſen ſie teufelmäßig ange⸗ faßt haben, Gevatterin?“ Frau von Leſthen hatte ſich zu ſehr in der Gewalt, 45 um irgend Jemand leicht etwas von dem merken zu laſſen, was ſie im Inneren bewegte und erſchütterte. Es hatte noch Niemand etwas aus ihr herausgebracht, was ſie aus dieſem oder jenem Grunde für ſich allein behalten wollte. Aber ſie verſtand es im entgegengeſetzten Falle auch ganz vortrefflich, offenen Fragen mit noch offeneren Antworten zu begegnen und den Krieg auf das Gebiet des Geg⸗ ners zu ſpielen. So verſetzte ſie denn auch hier, in⸗ dem ſie auf der kleinen deſeäte ſtehen blieb, welche zwei Theile des Gebäudes trennte und einen neuen ſehr rei⸗ chen Blick auf die Umgegend darbot, mit ruhiger Würde: „Ja ja, Hartwig, gerade von dem Stahl und Eiſen iſt die Rede. Ich hab' es Ihnen vor dem Jahre gewünſcht, daß Sie keine böſe Erfahrungen an Ihrer Enkelin zu machen haben möchten, die mir durch Ihre Erziehungs⸗ weiſe faſt unvermeidlich geworden zu ſein ſchienen. Sie erinnern ſich wohl, wie weit Sie meine Befürchtungen wegwarfen. Und nun—“ „Und nun, Gevatterin? Wo ſind die böſen Er⸗ fahrungen?“ fragte er lebhaft. „Sie würden noch viel ſchlimmer da ſein, wäre Hilda's Natur nicht im Grunde eine ſo echt weibliche, reine und treue, bei der die böſen Eingrücke, die ſie hier von allen Seiten empfangen zu haben ſcheint, nicht von nachhaltiger Wirkung ſein können, ſich wenigſtens jetzt noch, wenn ſie in die rechten Hände kommt, hoffentlich 46 ausgleichen laſſen. Allein hier bleiben, in dieſer Umge⸗ bung, mit dieſen Menſchen, darf ſie nicht. Es muß end⸗ lich einmal offen herausgeſagt werden.“ „Sie verſtehen das Anfaſſen, Gevatterin, ich ſagt's ja!“ bemerkte der Baron gutgelaunt. „Nehmen Sie es ernſt, Hartwig!“ ſprach ſie lebhaft. „Trab— zur Attake!“ ſchob der General neckend dazwiſchen. „Ernſt? Ja, was Teufel!“ ſagte der Schloßherr mit einem leichten Zuſammenziehen der Brauen, ohne von der Einmiſchung des Freundes Notiz zu nehmen. „Glaubt Ihr denn, daß das Mädel mir keine Sorge gemacht— denn darauf läuft's doch hinaus, daß ich mich nicht genug um ſie bekümmert—“ „Auf Hildegards ganze Erziehung, auf ihre Stel⸗ lung in dieſen Verhältniſſen, zwiſchen dieſen Menſchen läuft es hinaus,“ unterbrach ihn die Matrone mit glei⸗ cher Lebhaftigkeit.„Seien Sie ehrlich, Hartwig— iſt das eine Geſellſchaft für ein junges Mädchen von Hil⸗ degards Natur, Charakter, Jugend, wie ſie hier ſeit dem vorigen Herbſte ihr geboten wurde— dieſe Ihre Nichte — ich bin offen, Hartwig!— welche dem Kinde eine Art Widerwillen vor dem Leben in der großen Welt ein⸗ flößt, das ſie nach jener abmißt; dieſer Ihr Neffe, der ihr gleichfalls als Muſter aus jenen Kreiſen halb zum Spott, halb zum Mißtrauen und Widerwillen Veranlaſſung gibt, 47 und dem ſie dennoch in der Ekſtaſe ihres Trotzes, oder ſa⸗ gen Sie: ihrer Verzweiflung, um ein Haar in die Arme getrieben wäre!“— „Ah bah!“ ſagte Hartwig Aare verdrießlich lachend. „Das iſt leicht geſagt,“ entgegnete ſie erregt. „Wiſſen Sie, was bei jener Begegnung, von der Sie durch Ihren alten Buchhagen erfahren, vorgefallen? Iſt, daß ſie nichts von ihm wiſſen will, ein Beweis dafür, daß ſie für immer mit ihm fertig, oder nur dafür, daß er diesmal zur unrechten Stunde gekommen und augenblicklich in ihr noch etwas wie ihr Gefühl verletzt hat? Wenn er wiederkehrt, wenn er ihren Trotz, ihr Zürnen in Gang zu erhalten, ihren armen kleinen Kopf mit Vorſtellungen zu füllen und endlich an die⸗ ſelben zu gewöhnen verſteht— Vorſtellungen, die ihr lange, lange noch, wo nicht immer hätten ferne bleiben müſſen!— wenn er den richtigen Moment erfaßt— in der That, Hartwig,“ fügte ſie mit ungewöhnlicher Auf⸗ regung hinzu—„ich miſche mich nicht leicht in fremde Verhältniſſe, hier aber iſt es etwas Anderes, Hildegard ſteht mir nahe, ich habe von Alters her ein Recht auf ſie und ihr Glück, und es wäre mir ein ſchrecklicher Gedanke, wenn ich ſie dieſem— dieſem Herrn zu eigen ſehen ſollte, der mir ſtets den Eindruck macht, als—“ „Sei er eben kein Herr und kein Mann,“ ſagte hier der General, der dem bisherigen Gange des Ge⸗ * 48 ſprächs als aufmerkſamer Zuhörer gefolgt war, ſarkaſtiſch. „Na', Charlott', das ſehen am Ende auch noch Andere, und die kleine Tolle nicht am wenigſten. Du quälſt Dich und uns mit unnöthigen Grillen, mein' ich, und das Ganze läuft darauf hinaus, daß Du jetzt dahin ge⸗ kommen, wo der Tolle hier und ich, als ehrliche Kerle ſchon im vorigen Herbſt waren, zu dem Wunſch: die Freundſchaft der Großeltern bei den Enkeln—“ „Ludwig!“ fiel ſie zürnend ein. „Keine Flauſen, Charlott', es iſt ſo!“ ſprach er aber unbekümmert weiter.„Anſtand und Würde haben Dich auf allerlei gewundenen Wegen zu dem gleichen Ziele geführt, zu dem wir auf dem geraden gingen. Die Kleine iſt Dir lieb geworden—“ „Das iſt ſie, Gott weiß, das iſt ſie!“ ſagte Frau von Leſthen lebhaft.„Aber Du— oder vielmehr Ihr mit Eurer Derbheit trefft doch nicht das Richtige. Ob mit Hugo, ob ohne Hugo— gleichviel! Vor Allem iſt ſie mir durch ſich ſelbſt und um ihrer ſelbſt willen lieb geworden. Wenn das, was in ihr iſt, richtig gepflegt und gehütet und mit Liebe zur Entwickelung gebracht wird, iſt ſie ein Weſen, wie ich es dem beſten Manne zur Gefährtin wünſche, und es doch keinem Manne gönne—“ „Da haben wir's, Toller!“ unterbrach Leſthen ſie lachend und ſchlug luſtig Hartwig auf die Schulter; 49 „die Männer taugen alle nichts außer dem einen Mal, wo man ſie nimmt! Wäre der Hugo nur hier—“ „Wenn ich nur wüßte, was Ihr Beide habt, daß Ihr in ſo beſonders jovialer Laune ſeid,“ bemerkte die Matrone, von ihrem Gatten auf Hartwig blickend, der nach dem augenblicklichen Ernſt, der ihn während der vorigen Erörterungen erfaßt, jetzt ſchon ſeit Leſthens Einmiſchung in die anfängliche, muntere Stimmung zurückgekehrt war. Und da ſie nur ein ſchalkhaftes Lächeln zur Antwort erhielt, fügte ſie in bekümmertem Tone hinzu:„Ja, Hugo— wäre er hier! Ihr ſtörtet uns gerade bei dem Geſpräch über ihn. Ich hatt' es verſucht, ihr den lieben Jungen im richtigen Licht zu zeigen; denn wie es auch ſein— wohin es auch führen mag: ich habe ihn zu lieb, um es ertragen zu können, daß man an ſeiner Bravheit und Ehrlichkeit zweifelt!“ „Und Hilda?“ fragte der Schloßherr lebhaft. „Sie war erſchüttert, Baron, aber beſiegt— leider ſchwerlich. Dazu haben dieſe Zweifel zu lange in ihr gehauft, ſind von mehr als einer Seite zu abſichtlich, oder auch nur zu unvorſichtig genährt worden. Wie konnten Sie's dulden, Hartwig, daß Gerhard ſein Miß⸗ trauen, ſeine Zweifel dem armen Kinde mittheilte?“ „Gerhard? Sie irren ſich, Gevatterin!“ entgeg⸗ nete er beſtimmt.„Wie entrüſtet der Knabe ſich auch geberdete— er hat nicht nur ſelber Alles, was er beob⸗ Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 4 50 achtet zu haben meinte, vor Hilda verborgen, ſondern auch Buchhagen und mir auf die Seele gebunden, dar⸗ über zu ſchweigen. Und ich muß Euch ſagen,“ fuhr er ernſter fort,„wir Beide hatten gleichfalls nicht die ge⸗ ringſte Luſt, viel Worte über die Sache zu verlieren. Was wir erfahren hatten, ſchien allerdings ganz und gar dagegen zu ſprechen, daß der Junge hieher mit Ernſt zurückdächte. Ja, gerade heraus, Gevatterin, es war auch in meinen Augen wenig Hoffnung mehr, obgleich ich ſelber anders von dem Jungen denke und mich an den Schein nicht kehre, und obſchon mir Ludwig allerlei neue Lichter angezündet hat—“ „Ueber Hugo? Was ſind das für Lichter?“ fiel ſie raſch ein. „Nichts da,“ rief Leſthen, da er den Freund die Lippen zu einer Antwort öffnen ſah.„Was ich Dir geſagt, bleibt unter uns. Du, Charlott', und ich, wir kämpfen Jeder mit den Waffen, die Dir Hilda, und mir dem Tollen gegenüber nöthig ſind— Du mit dem Gefühl und der Ueberzeugung der vergötternden Großmutter, ich mit dem nüchternen Verſtande und ein paar hand⸗ greiflichen Beweiſen. Und wenn Du es wiſſen willſt, Charlott', was uns vorhin in ſo ganz beſonders gute Laune brachte,“ fügte er lachend hinzu—„ſieh, als wir droben Euch anriefen, hatten wir Euch ſchon einen Augenblick beobachtet und der Tolle hatte mich mit der 51 Bemerkung zum Lachen gebracht, daß zwiſchen Euch das⸗ ſelbe verhandelt zu werden ſcheine, was ſoeben auch wir abſolvirt—“ Sie ſchüttelte, da er innehielt, den Kopf.„Was Du nicht Alles redeſt!“ ſagte ſie.„Und das wäre das Einzige geweſen? „Nicht doch, nicht doch! Es kam nur Eines zum Anderen,“ verſetzte er munter.„Es drängten ſich die beſten Neuigkeiten, unter denen auch dieſe und jene, die für Dich von Intereſſe. Ich habe einen Brief von Hugo erhalten—“ „Von Hugo? Wo iſt er?“ fragte ſie überraſcht. „Davon iſt einſtweilen nicht zu reden, denn ich glaube, Du ahnſt es wenigſtens, daß er nicht zum Ver⸗ gnügen in der Welt umherſtreift,“ entgegnete Leſthen ruhig;„ob er dabei Privatzwecke verfolgt, wie ich faſt annehmen möchte, geht uns einſtweilen nichts an. Genug, was meinſt Du zu der Beſtätigung der Nachricht, die Aare heut' auch ſeinerſeits erhalten,— daß der Jerome aus Rußland heimgekehrt iſt und— es ſcheint dort allerlei Zank und böſe Scenen gegeben zu haben— ſich auf das Bedenklichſte über den Zuſtand der großen Armee und ihre bisherigen Erfolge geäußert, ja ſich im Zorn dahin hat verlauten laſſen, daß er dem ganzen Zuge ein ſchlimmes Ende und noch böſere Folgen prophezeie, als er ſie dem Kaiſer ſchon vor Monaten in einem Briefe in Ausſſicht 4 52 geſtellt haben will. Sage ſelber, ob das Alles uns alte Burſche nicht aufheitern ſoll. Wer hätte nach all der rabenſchwarzen Finſterniß ein ſo jähes, ſo helles Licht erwartet!“ „Gott gebe, daß wir uns nicht auf's Neue täuſchen,“ ſprach die Matrone, mehr ergriffen von dem Vernom⸗ menen, als es der Leſer der Jetztzeit für möglich halten dürfte. Sie hatte nicht allein das Herz voll ſeiner eigenen Liebe und Treue zu ihrem unglücklichen Vaterlande, wie die meiſten edlen Frauen jener hoffnungsloſen Zeit, ſondern ſie war auch durch den Gatten, der im Mittelpunkte alles Schaffens und Ringens gegen das Verderben ſtand, und durch ihre Stellung am Hofe, der vaterländiſchen Sache noch inniger, noch völliger ergeben, noch tiefer in den Jam⸗ mer ſo gut wie in die Hoffnungen eingeweiht worden, als es Hunderten ihrer Mitſchweſtern geboten ward. „Lieber Gott,“ ſagte ſie nun nach einer Weile von Neuem,„das ſind in der That Nachrichten, vor denen unſer bischen häusliches Sorgen und Grämen zurückſtehen muß. Haſt Du Nachrichten von Berlin, Leſthen?“ Er ſchüttelte den weißen Kopf.„Das nicht,“ ent⸗ gegnete er,„aber wozu auch? Ich kann mir etwa vor⸗ ſtellen, wie es dort ausſieht, denn erfahren haben ſie es ſicher ebenſo ſchnell, wo nicht ſchneller als wir. Ich möchte darauf wetten, daß man gegen meine Rückkehr augen⸗ blicklich wenig, oder doch nur auf das allerbeſcheidenſte 53 remonſtriren würde, aber auch darauf, daß jetzt— es iſt ſataniſch, daß man ſo ſagen muß!— auf unſerer Seite mit der Verlegenheit, ſich ſolchen Unfällen gegen⸗ über zu benehmen, nicht der Muth, ſondern allein die Angſt und die Rückſichten wachſen werden! Der Teufel hole ſie, ſage ich! Aber wir wollen uns nicht darüber ärgern. Es ſind doch auch Privatnachrichten da, die Dich intereſſiren werden. Beruhard—“ „Halt, das iſt meine Sache!“ unterbrach ihn Aare munter.„Alſo, Gevatterin, mein keuſcher Joſeph ſchreibt mir, daß drüben Alles im Ganzen zur gegenſeitigen Zu⸗ friedenheit abgemacht ſei und er in acht bis zehn Tagen mit ſeiner Frau— denken Sie, mit ſeiner Frau!— wieder in Wintersbach eintreffen werde.“ Sie gab ihm die Hand.„Da gratulir' ich Ihnen, Euch Allen, Hartwig, von ganzem Herzen!“ ſagte ſie innig. „Wenn die Dame wirklich ſo iſt, wie Sie und Hilda ſie mir geſchildert haben—“ „Beſſer, Gevatterin, viel beſſer und charmanter!“ fiel er im vorigen Tone ein.„Etwas zu zatt ſcheint ſie mir, wie ja auch die ganze Geſchichte, allein was will man machen! Der Bernhard iſt ſelber ein zarter Menſch, und die Dame hat bei dem alten Verſtorbenen nicht all⸗ zuviel Luſtigkeit und Courage übrig behalten. Da muß man dann ſchon zufrieden ſein und auf die Zukunft hoffen, die ſie vermuthlich nicht allzuviel träumen laſſen wird.“ 54 „Was haben denn eigentlich der Neffe und die Nichte zu dieſer Verbindung geſagt?“ fragte der General leicht⸗ hin, während ſie nach der langen Ruhepauſe auf der kleinen Terraſſe jetzt aufbrachen und wieder treppabgingen. „Der Hippolyt und die Lucie?“ gab Aare zurück; uhm, ich weiß gar nicht, ob ſie überhaupt davon erfuhren, denn die Sache wurde ja wie das bedenklichſte Geheimniß behandelt, Hilda und ich ſind nur zufällig hinein und dann mit der Dame nur noch ein oder zweimal zuſammen⸗ getroffen, wogegen ſie bisher mit keinem Fuß mein Haus betreten und auch Bernhard— nun Ihr wißt ja, er iſt für gewöhnlich kein häufiger Gaſt auf Tolleneck; den Hippolyt, glaub' ich, hat er überhaupt niemals angeſehen, und madame la soeur, ſo viel ich mich erinnere, in dieſen letzten Wochen gar nicht geſprochen;'s iſt mir eigentlich lieb,“ fügte der alte Herr in einem Tone hinzu, der ſeine beiden Begleiter mit einer Art von nicht an⸗ genehmer Ueberraſchung zuerſt ihn, dann einander an⸗ blicken ließ;„die Lucie hätte ihm gefährlich werden können, und er mag das auch wohl gemerkt haben und darum—“ „Hartwig!“ ſagte Frau von Leſthen höchlich ver⸗ wundert.„s iſt nicht anders, Gevatterin!“ verſetzte er jedoch, ohne ſich ſtören zu laſſen, und ſchüttelte dazu den Kopf,„s iſt ein wunderbares Stück von einem Weibe, ein Frauenzimmer, bei dem ich mich ſchon oft gefragt 5⁵ habe, ob Himmel oder Hölle mehr Theil an ihr, und vor Allem, wie meine ſchwerfällige Schweſter zu dieſem Sprößling gekommen. Der Hippolyt,— das iſt ſo ihre Art— leidenſchaftlich und langweilig neben einander— aber was den Teufel,“ unterbrach er ſich und machte in dem Corridor, hart vor den Zimmern der beſprochenen Geſchwiſter, bis wohin ſie gelangt waren, Halt,„iſt das nicht Freund Buchhagen, der dort herauf ſchnauft wie ein herzſchlägiger Gaul?“ Der alte Wirthſchafter keuchte in der That ziemlich ſchwer, denn die Treppen waren zahlreich, wie wir wiſſen, und für ſeine Körperfülle jedesmal eine Art von Marty⸗ rium, weshalb er ſich denn auch in die Regionen ober⸗ halb des weißen Saales nicht leicht mehr zu verſteigen pflegte. Es mußte ſchon etwas Ungewöhnliches ſein, was ihn ſo weit hinauf brachte, wie damals die Nachricht von Felix Todesſturz, die er ſelber den Geſchwiſtern mit⸗ theilte,— und auch das war auffällig, daß er ſeinem Herrn nachſtieg, der doch in einiger Zeit ſicher wieder unten mit ihm zuſammentreffen mußte. „Na, Fritz, brennt Tolleneck, daß Du ſolche Eile haſt?“ rief der Baron daher auch nach jenen erſten Worten des Erkennens mit einer Beſorgniß, die ſich durch den Spott nicht ganz verhehlen ließ. Buchhagen ſtand und holte tief Luft.„Na, Herr Baron,“ entgegnete er dann mit einem Anfluge von 56 Grämlichkeit und ohne ſich für den Augenblick um das Ehepaar neben ſeinem Gebieter zu kümmern,„neue Moden ſind nur für die jungen Leute, und dies Herumklettern in dem alten Neſt iſt nichts mehr für meine Gliedmaßen. Ihr fragt, ob Tolleneck brennt,“ fügte er dann hinzu,— „nun ich weiß nicht, ob das, was ich erfahren habe, wenn's wahr iſt, notabene, viel angenehmer ſein dürfte. Aber—“ und ſein Blick ſtreifte flüchtig die Generalin,— „ich ſehe ſelber ein, daß das Ding gerade nicht ſolche Eile hat. Contrair, ich ſollt' es mir noch ein wenig überlegen.“ Dieſer Abſprung war zu ungeſchickt oder gar zu derb, um von der kleinen Geſellſchaft mißverſtanden zu werden. Frau von Leſthen lächelte und meinte, ſie wolle die Mit⸗ theilungen nicht ſtören, zumal ſie ohnehin noch ein paar Briefe zu ſchreiben habe, welche ſie einige Stunden be⸗ ſchäftigen dürften. Hernach habe ſie für die Abendkühle einen langen Spaziergang mit Hildegard verabredet.„Und ſo habt Ihr Zeit genug zu allen möglichen Conferenzen,“ ſchloß ſie mit einem neuen Lächeln.„Ich will auch gar nicht beſorgt werden, obgleich es mich wohl beſtürzen könnte, daß mein alter Freund Buchhagen mich zurückweiſt. Weiß ich doch, daß er zu treu und klug iſt, um nicht ein drohendes Unheil, wenn er ſich einmal hineingemiſcht, alsbald ab⸗ zuwenden oder unſchädlich zu machen.“ Buchhagen murmelte etwas vor ſich hin, das man 57 für einen Dank für ſolche vertrauensvolle Worte gelten laſſen konnte, und ſtieg dann mit den Uebrigen hinab, da er ſich droben zu keinen Mittheilungen herbeilaſſen wollte.„Es iſt hier zu viel gehorcht und erhorcht worden,“ ſagte er, auf Luciens Zimmerthür deutend,„ich bin hier oben mißtrauiſch gegen die Wände.“ Und da Hartwig kopfſchüttelnd auf die Abweſenheit aller unbequemen Hor⸗ cher hinwies, fügte Herr Fritz mit einer Art von Ueber⸗ legenheit, welche ſeine beiden Begleiter trotz des darin enthaltenen Ernſtes zu lachen machte, hinzu:„na, Herr Baron, wißt Ihr das? Ich hab' Euch ſchon vordem ein⸗ mal geſagt: der Kukuk mag wiſſen, wer gegenwärtig alles in Tolleneck iſt und nicht iſt.“ Erſt im Zimmer Hartwig's, wo ſie allerdings ſicher waren, kam er mit ſeinen Mittheilungen heraus, und zwar überreichte er zuerſt ſeinem Herrn mit einer gewiſſen ceremoniöſen Würde ein großes amtliches Schreiben, deſſen Ueberbringer auf eine Antwort noch im Schloſſe warte, wie er hinzufügte. Der Baron riß es ohne viele Umſtände auf, durch⸗ flog es und warf es mit einem zornigen Lachen auf den Tiſch.„Nun beim Teufel,“ rief er,„wenn das die be⸗ haglichſte Deiner Nachrichten iſt, Fritz, ſo brauchen wir Courage für die folgenden.“ Und zu Leſthen ſich wendend, fügte er hinzu:„Der Herr Kriegsminiſter zeigt mir den Willen Seiner Majeſtät an, daß Herr Gerhard von Wald⸗ 58 ſtätten als Lieutenant in die Garde du Corps Aller⸗ höchſtdeſſelben einzutreten und ſich Angeſichts dieſes nach Kaſſel zu verfügen habe, widrigenfalls— widrigenfalls und ſo weiter! Da ſoll ein ſiediges Donnerwetter darein⸗ ſchlagen!“ Er ſetzte ſich an den Schreibtiſch und warf ein paar Zeilen auf einen großen Bogen, falzte, couvertirte, ſie⸗ gelte und überſchrieb, Alles mit ungewohnter Eile. Und wieder aufſpringend und das Schreiben an Buchhagen reichend, ſagte er:„Vorwärts, Fritz, fertige den Courier oder was es ſonſt iſt, ab. Er ſoll zum Teufel oder ſeinem Herrn gehen, mir Eins! Hier ſei etwas Vorläufiges, das Nähere werde folgen.“ „Und was haſt Du geſchrieben?“ fragte der General, der trotz aller geiſtigen Freiheit in dienſtlichen Sachen, mochten ſie ihn ſelber angehen oder nicht, dem alten Stand⸗ punkt der verlangten und gewährten Subordination nie⸗ mals ganz zu entſagen vermochte und ſich ihr gegenüber ohne eigenen Willen fand. Hartwig Aare lachte von Neuem, aber es war nicht mehr zornig, ſondern voll des leicht bei ihm hervorge⸗ rufenen ſcharfen Spott's.„Einfach genug,“ erwiederte er, „daß Herr Gerhard von Waldſtätten vor drei Wochen zu einer Reiſe aufgebrochen ſei und ſich, ſobald er zurück⸗ gekehrt, ſicherlich voll Demuth in den Allerhöchſten Willen fügen werde. Laß ſie warten, bis ſie ſchwarz werden, und 59 kommen ſie endlich zu beſtimmteren Fragen, nun gut, kom⸗ men ſie, da wird dann auch noch Rath werden. Es ließe ſich vielleicht beweiſen, daß der Gerhard gar kein Weſt⸗ phale, ſondern ein Preuße. Ich habe mich niemals um die Zukunft geſchoren!“ Das Vertrauen und die Sorgloſigkeit des Barons, der ſeiner Schule als alter preußiſcher Huſar, wie man ſieht, noch alle Ehre machte, war auch jetzt wieder ein⸗ mal anſteckend. Leſthen lachte, und wäre es auch nur über die cavaliere Weiſe geweſen, wie er hier ein Geſchäft be⸗ endigt ſah, das hundert Anderen ‚graue Haare!“ gemacht haben würde, und auch Buchhagen, da er nun zurück und zum Berichten kam, war ſichtbar durch die Raſchheit und den guten Muth des Gebieters angeſteckt und hatte Sorge und Verdruß überwunden. 1 Der Burgemeiſter Junghans hatte ihm die Mit⸗ theilung zukommen laſſen, daß jener alte Franzoſe, der in dem Städtchen in den kümmerlichſten Umſtänden lebte und, ſeit er im vergangenen Herbſt von Lucien aufgeſucht und ſo zu ſagen in ſeinem Stolz gezähmt worden, mit Tolleneck in eine Art von Verbindung gekommen, ja endlich die auf das Herzlichſte angebotene Unterſtützung angenom⸗ men hatte, am letzten Morgen in aller Frühe bei ihm erſchienen ſei, und ihm Nachricht von einer Zuſammen⸗ kunft der Gräfin Barrois und des Vicomte Vernay ge⸗ bracht habe, die in ſeiner Wohnung ſtattgefunden. Der 60 „penſionirte Tanzmeiſter,“ wie Buchhagen ihn hieß, hatte vor allen Dingen kein Geheimniß daraus gemacht, daß nicht ſowohl die Zuneigung zu den Tolleneckern, als vielmehr der Verdruß über die im feindlichen Lager le⸗ bende Couſine und den gleichfalls ‚ſeiner Ehre vergeſ⸗ ſenden,“ für den ‚Uſurpator“ arbeitenden, ſogenannten Vicomte ihn zu Eröffnungen vermögen könne, die er im anderen Fall wie einen Vertrauensbruch und Verrath an⸗ geſehen haben würde. Er hatte ſich dann auch durchaus als alter Diplomat, mit Zurückhaltung geäußert, allein Junghans war dennoch verſtändlich geworden, daß man etwas gegen den in Tolleneck befindlichen Gaſt vorzu⸗ haben ſcheine und die Sache offener und entſchiedener anfaſſen wolle, als im vorigen Herbſt bei jenem verun⸗ glückten Verſuch bei Leſthens Abreiſe. Man mochte jetzt nicht mehr wie damals Veran⸗ laſſung haben, den Baron Aare zu ſchonen, ja es ſchien im Gegentheil, als wolle man bei Gelegenheit des An⸗ griffs auf den General nebenher und wie zufällig auch ihn mit ſeinen geargwöhnten Verbindungen und Geheim⸗ niſſen zu faſſen ſuchen. Das Wie? hatte Junghans nicht zu erfahren vermocht, vielleicht weil es der Alte ſelbſt nicht in Erfahrung gebracht; auch ſchienen beide Verhan⸗ delnde darüber keinenfalls einig geweſen zu ſein. Und da der alte Herr ſie darauf aufmerkſam gemacht hatte, daß ſein Häuschen und die kleine Stadt kein gut gewählter 61 Platz für fernere Zuſammenkünfte ſein dürften, da die häufigere Anweſenheit Fremder ſicherlich auffallen müſſe, ſo war ein neues Rendezvous in dem alten Jagd⸗ oder Waldſchloſſe beliebt worden, zu dem Lucie noch von früherher durch Hyneck eine Art Paßwort erhalten zu haben ſchien, welches ihr nicht nur die Thüren desſelben öffnete, ſondern auch den Verwalter von Herzheim an⸗ wies, e in Allem zu unterſtützen. Einſtweilen war der Vicomte zu einer ſeiner häufigen Rundreiſen durch das Land, und die Dame nach Kaſſel aufgebrochen— um ſich neue Inſtructionen zu holen? ‚Die Tollenecker ſollen ſich in Acht nehmen,“ hatte der Emigrant ſchließlich aus ſeiner bisherigen Rolle fallend hinzugefügt; ‚ſie iſt eine Schlange, die wir am Buſen genährt haben.“ „Der Junghans hat dies Alles ſchon vor drei Tagen, am Montag erfahren, wo die Herrſchaften bereits abge⸗ reiſ't waren,“ ſagte Fritz Buchhagen zum Schluß ſeines Berichtes.„Er hat dann gleich ſchreiben, dann heraus⸗ kommen und wieder ſchreiben wollen, iſt aber ſtets ſo oder ſo verhindert worden, bis zu ſeinem heutigen Briefe. Wir haben alſo keine Zeit zu verlieren, um den Herrſchaften auf die Sprünge zu kommen, ja es kann ſchneller gehen, als wir rechnen, ich habe ſchon meine Anzeichen gehabt—“ „Zum Exempel?“ fragte Hartwig Aare plötzlich, der alles Bisherige mit Aufmerkſamkeit zwar, aber auch mit ſo ſichtbarer Genugthuung, muß man wohl ſagen, ja faſt 62 mit einer Art ſtillen Vergnügens aufgenommen hatte, daß es den beiden Anderen wohl hatte auffällig werden müſſen, obgleich ſie bisher ihrem Erſtaunen keine Worte geliehen. Daß Buchhagen zum mindeſten aber auch ſehr wenig erbaut war von dieſer ihm unverſtändlichen Weiſe, zeigte ſich jetzt in ſeiner Antwort, da er gewiſſermaßen barſch meinte:„Na Herr Baron, ich dächte, wir haben hier im⸗ mer einer des Anderen kleine Geheimniſſe reſpectirt. Dies muß eben noch meines bleiben. Genug, daß ich ſchon ſo viel wie möglich für den Herrn General und uns ſorgen werde— dafür bürg' ich, wenn der Junghans nicht zu lange gezögert hat.“ Hartwig Aare lachte.„Nur das Eine, alter Stö⸗ ßer,“ ſprach er,—„haſt Du unter den Geſpenſtern im Waldſchloß Bekanntſchaften?“ Das kleine Auge des Wirthſchafters warf dem Ge⸗ bieter einen ſchlauen, ja ſaſt luſtigen Blick zu, allein ſeine Entgegnung wurde durch die Einmiſchung Leſthen's ver⸗ hindert.„Das iſt Alles ſchön und gut,“ ſagte der Gene⸗ ral mit ruhiger Entſchiedenheit,„aber wenn Ihr bei Euren Maßnahmen mich im Auge habt, ſo iſt das umſonſt. Ich räume das Feld, und damit hollah. Als man mir in Ber⸗ lin die höfliche Frage ſtellte, ob es meiner Geſundheit nicht zuträglich ſein dürfte, wenn ich wieder ein wenig auf Reiſen und aus Preußen herausginge, kam ich zu Dir trotz des Streiches vom vorigen Herbſt, weil ich meinte, daß ich Dei⸗ 63 nem Ruf nicht gerade ſchaden könne, Toller, und überdies annehmen mußte, daß die Controle, unter welche ich mich durch dieſen Schritt ſelbſt ſtellte, den Herren genügen und uns vor weiteren Quälereien am erſten ſichern würde. Es iſt ja zuweilen probat, den Kopf dem Löwen ins Maul zu legen. Will die Beſtie aber— nicht zubeißen, ſondern nur hinterliſtig mit den Pfoten kratzen, ſo wäre ich ein Narr, wollte ich noch länger ſtill halten und auch Dich einem Hiebe ausſetzen.— Ich will mit meiner Frau reden; wir werden, denk' ich, am beſten wieder nach Böhmen gehen. 's iſt am Ende in Deutſchland noch die einzige Freiſtatt.“ Bis hieher hatte Baron Hartwig geſchwiegen, war ſogar in einer gewiſſen Zerſtreutheit auf und abgegangen und, wie der raſch wechſelnde Ausdruck ſeines Geſichts be⸗ wies, mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt geweſen. Nun aber blieb er plötzlich vor dem alten Freunde ſtehen, und beide Hände auf deſſen Schultern legend ſagte er mit einem unendlich launigen und faſt komiſchen Lächeln:„Lud⸗ wig, willſt Du nun in Deinem Alter vor einem einzigen Unterrock Chamade ſchlagen, nachdem wir in unſerer Ju⸗ gend vor dreien Stand halten und mit ihnen fertig wer⸗ den mußten? Soll mich der Teufel holen, wenn ich Dich jetzt reiſen laſſe! Ich ſchwör's Dir, Du ſetzeſt Dich keiner offenen Gefahr aus—“ „Aber Dich!“ unterbrach ihn Leſthen halb ergötzt über dieſe Weiſe des Freundes, halb mit überlegendem Ernſt. 64 „ „Mich? Dummes Zeug!“ rief Aare lachend.„Ha⸗ ben ſie ſich bisher nicht an mich gewagt, jetzt thun ſie es gar nicht, verlaß Dich darauf! Sie kennen mich in Kaſſel und wiſſen es mit vollſter Gewißheit, daß ein Angriff auf mich das Signal zu einem Ausbruch werden könnte, den ſie jetzt war wieder dämpfen würden, den ſie aber wie das Feuer fürchten, weil ſie ſehr gut verſtehen, daß ganz Deutſch⸗ land wie eine geladene Mine iſt und daß der Funke, den ſie hier ausdrücken, anderwärts dann ſchon längſt gezündet hat. Glaube mir das, Alter! Offen thun ſie nichts, auf den Minenkrieg aber bin ich durch meine Gegenminen ge⸗ rüſtet, und ich verſichere Dich,“ fügte er luſtig hinzu,„ich bin einmal wieder der ganze Tolle und unmenſchlich neu⸗ gierig, wie unſere Maſchinerien auf einander platzen wer⸗ den! Du darfſt mir die Freude nicht verderben.“ Der General ſchüttelte den Kopf.„Was redeſt Du Alles, ich verſtehe keine Silbe davon!“ ſagte er. „Das iſt in Tolleneck nicht anders, wie ſchon Fritz Dir vorhin geſagt,“ entgegnete der Baron munter,„wir haben und reſpectiren hier gegenſeitig unſere Geheimniſſe. Meins hat den alten Burſchen,“ und er ſchlug Buchhagen auf die Schulter,„ſechs Wochen ſchmollen laſſen wie ein echtes Weibsbild. Du, Alter, wirſt hoffentlich vernünfti⸗ ger ſein, denn ich denke, Du weißt's: der Aare iſt in ſei⸗ nem Leben bisher weder im Krieg noch im Frieden jemals ſtecken geblieben.“ Viertes Capitel. Alte— Rreundſchaft roſtet nicht. Es iſt eine jener kleinen, ſtillen und ſauberen, ſon⸗ nigen und von dem Duft der nahen Waldberge er⸗ quickend durchzogenen Reſidenzen des mittleren Deutſch⸗ lands, in welche wir die Leſer uns auf eine kurze Zeit von der Tollenecker Einſamkeit heruͤber zu folgen bit⸗ ten. Abgeſehen davon, daß ſie aus der freien Gegend in Straßen und zwiſchen Häuſer treten, iſt der Unterſchied ſehr gering, denn wie ſchon angedeutet, iſt das Leben in dem Städtlein ſo geräuſchlos wie irgend denkbar, und ſelbſt wenn die fürſtliche Familie vom Herbſt bis zum Frühling in dem großen Schloſſe reſidirt, wird in dieſen weder langen noch breiten, dafür aber hellen und luftigen Straßen wenig Bewegung ſichtbar. Der Frühling lockt in ihnen das Gras hervor, daß 3 liebe⸗ Edmund Hoefer; Tolleneck, III. 66 voll die Schäden des ſeit langer Zeit nicht mehr er⸗ neuerten Pflaſters verdecke, und die Froſtnächte des Herbſtes bereiten ihm ſein naturgemäßes Ende. Wagen⸗ räder und Pferdehufe, anderwärts ſeine furchtbarſten Feinde, ſind in den meiſten Quartieren der Stadt faſt unbekannte Lärmmacher, und die Erſcheinung eines Ge⸗ fährts lockt hier möglicher Weiſe die ſämmtlichen Be⸗ wohner an die Fenſter oder in die Thüren. Selbſt die hoffähige Geſellſchaft braucht ihre Equipagen nur zu Reiſen oder weiteren Ausflügen und geht zum Schloß und den Hoffeſtlichkeiten, da es lächerlich ſein würde für die kleine Entfernung anſpannen zu laſſen, und die Straßen bei ihrer Sonnigkeit und Luftigkeit auch faſt immer trocken genug ſind, um ſelbſt dem zarteſten Da⸗ menſchuh ihr Paſſiren möglich zu machen. In der gegenwärtigen Jahreszeit war die kleine Stadt ſtiller als je. Der Hof war noch nicht von ſei⸗ nem Sommerſitze zurückgekehrt; die Familien, welche ſo oder ſo mit ihm zuſammenhingen, weilten auf ihren Beſitzungen oder in den Bädern, und da die Reſidenz auch nicht an einer der damaligen Hauptſtraßen gelegen war und nichts Merkwürdiges oder Sehenswerthes auf⸗ zuweiſen hatte, ſo wurden ſie von Reiſenden nur ſelten berührt. Es war daher faſt ein Ereigniß zu nennen, als heut' gegen Abend, da die meiſten Straßen und der 67 Platz vor dem Schloſſe ſchon im Schatten lagen, zwei hochbepackte Reiſewagen durch das zinnenreiche alte Thor in die Hauptſtraße einfuhren und am Schloßplatz vor dem Gaſthof zum Ein horn anhielten. Aus dem zuerſt und einige Minuten vor dem zweiten anlangenden ſtiegen eine Kammerfrau und ein ältlicher Diener, welcher Letztere dann einen hübſchen, etwa achtjährigen Knaben heraushob, und für die nachfolgende Herrſchaft bei dem reſpectvoll aufhorchenden Wirth die Zimmer beſtellte, ſo daß die Dame und der Herr, welche mit Hülfe eines zweiten jüngern, aber doch auch bereits gar würdig dareinſchauen⸗ den Dieners den auf dem Schlage mit einem großen Wappen verſehenen Hauptwagen verließen, ſogleich in das Haus treten und die Treppe erſteigen konnten. Die Dame ſchien nach der Reiſe durch den glühend heißen Tag der Ruhe zu bedürfen; ſie ſtützte ſich ſicht⸗ bar ſchwer auf den Arm ihres Begleiters. Der Knabe, dem ſie, aus dem Wagen ſteigend, einen zärtlichen Kuß auf die Stirn gedrückt, wich ihr beim Erſteigen der Treppe nicht von der Seite. Es hatten ſich mehrere Leute zum Zuſeheu verſam⸗ melt, ja es waren auch ganz achtungswerthe Bürger, die auf einem Spaziergange gerade in die Nähe gekommen, ſtehen geblieben. Nun, da die Herrſchaften verſchwunden und die Diener mit Hülfe des Hausknechts faſt ſchon mit dem Gepäck fertig geworden waren, verzogen ſich 5* 68 die Neugierigen allgemach wieder, bis auf einen Beobach⸗ ter, welcher aus einem Fenſter des Nachbarhauſes noch immer mit ſtillem, nachdenklichem Blick auf die Wagen und die ab⸗ und zugehenden Diener hinunterſchaute. Er hatte dort ſchon gelehnt, als die Reiſenden anlang⸗ ten, und durch die müden und bleichen Züge ſeines Ge⸗ ſichts war beim Erblicken des von dem Bock des Haupt⸗ wagens abſpringenden Dieners etwas wie Erſtaunen und Ueberraſchung geglitten, die ſich, da er den Herrn er⸗ blickte, noch ſteigerten. Er hatte ſich ſogar für einen Augenblick raſch vom Fenſter zurückgezogen und war erſt wieder hervorgetreten, nachdem die Fremden im Hauſe verſchwunden. Jetzt jedoch ſchien er ſich von ſei⸗ nem Platze nicht trennen zu können, und ſein dunkles Auge kehrte ſtets von Neuem zu den Wagen zurück, die nun abgepackt und einſam vor dem großen Hausthore ſtanden und von Zeit zu Zeit immer wieder die Auf⸗ merkſamkeit eines Vorbeiwandelnden erregten. Es war mittlerweile ſpät geworden. Auf dem Platze dämmerte es, die Umriſſe der großen Schloßmaſſe drü⸗ ben begannen ſchon zu verſchwimmen und die Bäume des anſtoßenden Gartens und Parks wurden immer un⸗ deutlicher; in den Häuſern rings wurden hie und da Lichter ſichtbar und auf dem matten Blau des Him⸗ mels erſchienen die erſten Sterne. Da erſt entfernte der Mann ſich vom Fenſter droben, um gleich darauf un⸗ 69 ten aus der Thür zu treten und mit wenigen raſchen Schritten in das„Einhorn“ zu gehen. Trotz der Nachbarſchaft war er hier kein häufiger Gaſt. Der Wirth, der ihm in der großen Wirthsſtube entgegentrat, machte ein ſehr erſtauntes Geſicht und ließ ein von einem tiefen Bückling begleitetes:„Dieſe Ehre, gnädiger Herr—!“ laut werden. Der Herr machte eine ablehnende kurze Handbe⸗ wegung.„Keine Umſtände, Keppler,“ ſagte er freund⸗ lich.„Ich komme mit einer Frage zu Euch— Ihr habt Gäſte erhalten und ich meinte den einen Diener und das Wappen zu erkennen. Doch hat mich die weib⸗ liche Begleitung irre gemacht. Ich dachte, es wäre ein Jugendfreund, ein Freiherr von Aare—“ „Der iſt es auch, Herr Baron,“ ſiel der Wirth reſpectvoll ein.„Freiherr von Aare mit Gemahlin hat der Herr Kammerdiener ſie genannt.“ „Mit Gemahlin— das iſt es eben!“ ſagte der Herr kopfſchüttelnd.„Ich habe nicht gehört, daß mein Freund verlobt, geſchweige denn, daß er verheirathet, und kann das, nach Allem, was ich von ihm weiß, auch kaum für möglich halten. Kann ich nicht den alten Die⸗ ner ſehen, Keppler? Denn in dem, deſſen bin ich ſicher, habe ich mich allerdings nicht getäuſcht.“ „Hier kommen der Herr Kammerdiener gerade,“ 70 ſprach der Wirth, mit einem neuen Bückling auf einen Eintretenden deutend. „Herr von Hyneck!“ rief dieſer zugleich ſehr über⸗ raſcht aus.„Sie hier?“ „Wie Du ſiehſt, Thomas,“ entgegnete Arthur Hy⸗ neck, denn er war es wirklich, und trat näher und bot dem Diener die Hand.„Und bei mir iſt das am Ende natürlich, da ich hier ja halb und halb zu Hauſe, allein, bei Euch— denn war es wirklich Bernhard? „Freilich, Herr Baron, freilich!“ „Und die Dame, Thomas? Keppler hier nannte ſie— 7 „Unſere gnädige Frau— ganz richtig, Herr Ba⸗ ron,— unſere goldene gnädige Frau!“ ſagte Thomas luſtig und ſich die Hände vor Vergnügen reibend. „Aber wie iſt das ſo ſchnell gekommen?“ fragte Hyneck nachdenklich.„Als ich im Frühling ein paar Tage daheim war, wußte man mir doch nichts Anderes zu erzählen, als daß Bernhard wieder heiter und geſund erſcheine, im Uebrigen aber ſtiller lebe als je.“ „Ja ja, Herr Baron“, ſprach der Diener, der in⸗ zwiſchen die unpaſſende Luſtigkeit überwunden, wieder in vollendeter Haltung,„es iſt vom gnädigen Herrn Alles unter der Hand zu Ende gebracht worden, und bis wir mit der gnädigen Frau im D. ſchen zuſammentrafen, habe ſelbſt ich nur ſo allerlei Ahnungen gehabt. Im 71 Uebrigen aber iſt es eine ganz alte und lange Ge⸗ ſchichte, wie ein Roman.“ Arthur ging ein paarmal ſchweigend in dem gro⸗ ßen Zimmer auf und ab, während der Diener mit dem Wirthe Allerlei zu bereden hatte, und als er wieder vor Thomas ſtehen blieb, ſagte er in einem zögernden Tone, welcher ſeiner nachdenklichen Miene entſprach:„Da wird es freilich wohl umſonſt ſein, was ich mir vorgenom⸗ men— Bernhard wird keinen Beſuch annehmen?“— Auch Thomas zögerte eine Weile und ſein gut⸗ müthiges graues Auge haftete mit einem ſo zu ſagen erwägenden Blick auf dem Geſichte des Fragers, bevor er gedämpft antwortete:„Nun, Herr Baron, was das anbelangt, ſo weiß ich es wirklich nicht voraus zu ſagen. Die gnädige Frau iſt von der heutigen Fahrt ſehr er⸗ müdet worden und hat ſich ſchon zur Ruhe gelegt— die Fahrt war nichtswürdig und in den letzten Tagen hatten es die Herrſchaften ſehr unruhig— und der Herr iſt allein in ſeinem Zimmer; aber—“ Und er zuckte die Achſeln. Hyneck ging von Neuem ein paarmal auf und ab. „Geh' und melde mich,“ ſagte er endlich ruhig und nahm, da der Diener mit einer Verbeugung das Ge⸗ mach verließ, den Gang wieder auf. Es war ſtill in dem weiten Raume und dämmerig. Die einzige Kerze, mit der Keppler vorhin bei Arthurs Eintritt das Zim⸗ 72 mer hatte verlaſſen wollen, brannte auf dem Buffet und der Wirth hielt ſich ſtill daneben, um den allmäch⸗ tigen Günſtling ſeines Fürſten nicht in ſeinem Nach⸗ denken zu ſtören, zumal der Baron in Stadt und Land neuerdings keineswegs mehr in dem Rufe großer Duld⸗ ſamkeit und Höflichkeit ſtand, die ihm, dem ‚Ausländer“, früher alle Herzen des abgeſchloſſenen Ländchens gewonnen hatten. Es kam dazu, daß er den Leuten durch einen häufigen Aufenthalt in der Ferne einigermaßen fremd geworden, während er zugleich bei denjenigen, welche hierzulande ſich überhaupt mit Politik beſchäftigten, eine Zeit lang wenigſtens den Verdacht erregt hatte, als be⸗ nutze er ſeinen großen Einfluß auf den Fürſten auf eine Weiſe, welche die treuen Unterhanen, die bisher auf die deutſche Geſinnung ihres Herrn ſtolz geweſen, halb mit Trauer, halb mit heißem Grimm erfüllte. Aber auch hier ſollte ganz ſeit Kurzem eine neue Wendung eingetreten ſein,— nur ſchade, daß Niemand hierin klar zu ſehen vermochte, denn die Unterthanen machten in jenen, von unſeren jetzigen Miniſtern geſegneten Zei⸗ ten noch keine Politik, geſchweige denn, daß man von oben herab ihrem„beſchränkten Verſtand“ eine ſolche Einmiſchung geſtattet oder gar zugemuthet hätte. Es waren nur ein paar Minuten vergangen, als Thomas mit munterer Miene zurückkehrte.„Der Herr zankt, daß ich den Herrn Baron nicht gleich hinaufge⸗ 73 führt habe,“ ſagte er zu dem ſtehen bleibenden Arthur, und da dieſer mit einem freundlichen Nicken gegen den Wirth ihm folgte, brachte er ihn raſch die Treppe hin⸗ aij und öffnete mit reſpectvoller Verbeugung die nächſte hür. Diie Iungendfreunde ſtanden einander gegenüber und muſterten Beide ſchweigend die Erſcheinung des An⸗ dern— mit Recht, mußte man ſagen, denn es war nicht Bernhard allein, der ſich, ſeitdem ſie zuletzt einan⸗ der begegneten, faſt bis zur Unkenntlichkeit verändert und aus dem blaſſen, kränklichen, ſchwermüthigen Träumer zu einem geſunden und heiteren Mann geworden war, dem der Lebensmuth aus den lebensvollen, früher ſo ſtillen und man hätte ſagen mögen: blaſſen Augen blitze. Auch Hyneck ſchaute anders darein als im vori⸗ gen Herbſt, als während jener Stunden, wo wir ihn im Waldſchloß an Luciens Seite ſahen. Es ließ ſich nichts mehr an ihm von jener Zerſtreutheit bemerken, die, wenn ſie in die Gegenwart zurückkehrte, nur von einer gewiſſen nervöſen Haſt, von einer fieberiſchen Er⸗ regung abgelöſt wurde, und es war auch der aus Träu⸗ merei und Ekſtaſe gemiſchte Ausdruck verſchwunden, den ſeine ganze Erſcheinung in Gegenwart der verführeri⸗ ſchen ſchönen Frau angenommen hatte. Was er dem Leben geopfert, ſah man auch jetzt noch in den Zügen des vor der Zeit gealterten Geſichts, aber es war doch 74 eine gewiſſe Ruhe in dieſelben zurückgekehrt, etwas wie ein männliches Bewußtſein und männliche Entſchiedenheit und auch ſeine Haltung, ſeine Bewegungen waren wie⸗ der feſter und entſchloſſener geworden. „Wir haben uns lange— lange nicht geſehen, Arthur,“ ſagte Bernhard, der des Freundes Hand ge⸗ faßt hatte, endlich mit bewegter Stimme, mir iſt zu Muth, als wären es viele Jahre.“ „Und viele Jahre ſind es auch,“ verſetzte Hyneck mit einer ebenſo wenig verhehlten Bewegung.„Denn da wir uns im Herbſte ſahen— ſage ſelbſt, waren wir es, Bernhard? Ich zum mindeſten bekenne de⸗ müthig, daß ich mich niemals mehr verloren hatte als damals!“ Bernhard nickte ſtill vor ſich hin.„Gottlob, daß wir Beide jene ſchwere Zeit wirklich vergangen heißen können,“ meinte er dann,„nun laß ſie aber auch vergan⸗ gen ſein und uns der beſſeren Gegenwart gedenken. Du ſiehſt wohl, Du ſiehſt friſch aus, Arthur! Komm, ſetz! Dich her und ſage mir, wie ſich das ſo glücklich fügte, daß wir uns hier begegnen konnten. Ich habe Dich gar nicht daheim geglaubt.“ „Es iſt auch ein reiner Glücksfall für mich, und Gottes Segen über Dich, daß Du gleichfalls es als einen ſolchen anſehen willſt,“ verſetzte Hyneck mit ſicht⸗ bar großer Bewegung über das Entgegenkommen des 75 Freundes, das er bei Weitem nicht ſo vollkommen herz⸗ lich gehofft haben mochte.„Ich bin erſt ſeit einigen Tagen zurück— aus England, darf ich Dir wohl ſa⸗ gen—“ „Ich hörte durch meinen Vater davon, der aber nicht daran glaubte; Du darfſt ihm das nicht übel neh⸗ men,“ bemerkte Bernhard nachdenklich,„Du biſt alſo wirklich drüben geweſen?“ „Ja, doch davon ein andermal, es war ein Buß⸗ gang für mich,“ ſagte Hyneck, jetzt neben dem Freunde Platz nehmend. Und indem ſich die flüchtig gefaltete Stirn wieder glättete, redete er weiter:„Alſo ich bin ſeit einigen Tagen zurück, habe den Herzog in Hofſtädt geſprochen, fand ihn jedoch in ſolchem Troubel mit Vettern, Gäſten, Jägern, daß ich mich geſtern davon⸗ machte und hereinritt, um meine eigenen Affairen zu ord⸗ nen. So ſah ich Dich anlangen und nahm's für ein Glück, denn— ich ſehnte mich nach einem Ausſprechen gerade mit Dir, und hatte keinen kleinen Schreck, als ich Deine Begleitung ſah, da ich ſie wohl für ein Hinderniß neh⸗ men mußte. Ich ſchwankte, bis es faſt zu ſpät ge⸗ worden—“ „Iſt Deine Zeit denn ſo knapp gemeſſen, Arthur?“ „Ja, ich muß heut' Abend noch nach Friedrichs⸗ durg, der Herzog kommt endlich zurück und will mich natürlich ſprechen. Du begreifſt daher auch meine Sorge, 76 daß Du mich nicht ſehen könnteſt. Ich mußte zu Dir reden, auf die Gefahr hin, zum erſtenmal in meinem Leben mit Recht für einen Egoiſten gehalten zu werden. Was ich erlebt, was ich durchlebt habe—“ Bernhard legte ſeine Hand gleichſam beſchwichti⸗ gend auf des Andern Arm.„Wenn ich Dich recht ver⸗ ſtehe, Alter,“ ſprach er mit herzlichem Blick und Ton, —„weshalb, wenn es vorüber iſt, willſt Du es nicht vorüber ſein laſſen? Was haſt Du davon, alte Schmer⸗ zen zu wecken? Ich, das weißt Du wohl, glaube Dir auf Dein einfaches Wort und bedarf keiner Erläute⸗ rungen.“ „Aber ich bin ſie Dir, ich bin ſie mir ſelber ſchul⸗ dig, möcht' ich ſagen,“ entgegnete Hyneck mit finſter gefalteter Stirn.„Es iſt etwas in dieſer Epiſode mei⸗ nes Lebens, was mich dahin bringen könnte, mich ſelber zu verachten, und ich vermag dies ſchreckliche Ge⸗ fühl nur dadurch zu beſiegen, daß ich mich gerade vor Dir und den Deinen offen zu meiner Schwäche be⸗ kenne. Nur dann kann ich hoffen, daß Ihr auch an die Ehrlichkeit und Wirklichkeit des Umſchlages in mir und meinem Handeln glaubt. Aber es iſt damit nicht genug. Ich bin Dir eine Erklärung auch um Euretwillen ſchul⸗ dig. Ihr unterſchätzt dieſe Frau, die ſich in Euren Kreis gedrängt—“ Bernhard ſchüttelte den Kopf, aber er ſagte nichts. 77 „Du willſt mich das Gegentheil glauben laſſen? ſprach Arthur lebhaft weiter, jedoch ohne daß ſeine Stirn ſich entfaltete.„Aber ich beſchwöre Dich, täuſche Dich nicht ſelbſt, laſſe wenigſtens Deinen Vater ſich nicht länger in ſeinem gefährlichen Selbſtvertrauen wiegen, als wäre er klug genug, jeden Plan gegen ihn und die Seinen zu durchſchauen und unſchädlich zu machen. Glaube mir, daß dieſe Frau nicht bloß als Verwandte zu Euch gekommen oder weil ſie, wie ich Dummkopf meinte, von Tolleneck aus bequemer und vertraulicher mit mir verkehren konnte, oder meinetwegen, weil ſie — es iſt hart, daß dergleichen von deiner Couſine ge⸗ ſagt werden muß, aber es iſt wahr, fürchte ich!— mit den Franzoſen in einer Verbindung ſteht, die— Du verſtehſt mich ohne ein weiteres Wort,“ brach er ab. „Nur ſo viel noch: daß Dein Vater nicht vorſichtig iſt, trotz ſeiner gerühmten Vorſicht, und daß er es nur ſei⸗ ner ganz ausnahmsweiſen Stellung verdankt, wenn man bisher immer Umſtände mit ihm gemacht, weißt Du ſicherlich beſſer als ich. Allein das Alles iſt, wie ich wiederhole, nicht genug. Lucie verfolgt noch einen oder mehrere andere perſönliche Zwecke bei Euch,— ich weiß nicht, welche, aber ich weiß, daß ſie es thut. Hütet Euch, ſage ich. Es iſt ein furchtbares Weib! „Ich habe ſie zuerſt vor mehr als zwei Jahren in Wiesbaden kennen lernen,“ ſprach er düſter weiter, 78 „ich machte damals mit dem Herzog eine Reiſe an den Khein. Daß ich ſie als halbes Kind oder als Braut vor fünfzehn, ſechszehn Jahren ein paarmal in Tol⸗ leneck geſehen, kann ich nicht in Rechnung bringen. Sie war mir ganz neu und machte, obgleich wir uns nur in der Geſellſchaft im Vorübergehen begegneten, einen tiefen Eindruck auf mich. Sie war— nun Bernhard, ſie war, wie ſie eben iſt; Du wirſt ſie immerhin oft genug ge⸗ ſehen haben, um zu verſtehen, was ich meine.— Wir begegneten uns dann im Winter in Berlin wieder, ich trat ihr näher, nahe. Ich beobachtete noch, aber der Zauber begann bereits zu wirken, er lähmte alsbald meine Beobachtung, und als ich ſie nach einer kurzen Abweſenheit im Frühling von Neuem wiederfand, war es um meine Vernunft geſchehen. „Ich habe ſie unmenſchlich geliebt, mein Freund. Ich hatte mir eingebildet, die Welt und die Frauen zu kennen, ich war kalt und gleichgültig hier, ich war miß⸗ trauiſch und zweifelhaft da; ich meinte gefeit zu ſein gegen jede verſuchte Reizung oder doch, wenn ich ihr einmal noch aus Langeweile nachgab, das Verhältniß und den Menſchen ſelbſt vollkommen in der Hand be⸗ halten zu können. Sie hat mich von dieſem über⸗ müthigen Selbſtvertrauen glänzend kurirt. Sie hat meine Kälte beſiegt und mein Mißtrauen, ſie hat mich blind gemacht gegen Alles, was ich an ihr ſelbſt, in 79 ihrem Leben, ihrer Umgebung nicht ſehen durfte, wenn ich nicht enttäuſcht werden ſollte. Sie hat mich endlich faſt zum Verräther an der Sache des Vaterlandes, an Ueberzeugung, Pflicht und Ehre gemacht,— auf ein Haar,“ fügte er knirſchend hinzu und ſeine ſchmalen Finger zogen ſich ſchier krampfhaft zuſammen.— „Deun der Brief an den Herzog war bereits ge⸗ ſchrieben, in dem ich ihm das genaueſte Anſchließen an Frankreich empfahl,“ redete er nach einer Pauſe noch einmal weiter.„Du weißt es vielleicht nicht, wie lange man nach ihm geangelt, was für Verheißungen für einen nicht bloß formellen, ſondern auch thatſächlichen Uebertritt ihm gemacht worden, wie man ſeinen Ehr⸗ geiz zu wecken ſuchte, und Du wirſt es mir nicht als Prahlerei auslegen, wenn ich offen ſage, daß es mehr als einmal nur meinem Einfluſſe auf ihn gelang, ihn von einem endlichen Nachgeben und Eingehen auf die wirklich großen und vortheilhaften Anerbietungen zurück⸗ zuhalten. Wich ich, ſo wich auch er— das iſt ſicher. „Lucie hatte, um ihr Werk zu vollenden, ſich mit mir allein auf das alte Jagdſchlößchen zurückgezogen— ſie wollte es ſo, ohne daß ich bis heute ahne, was ſie nach dieſem mindeſtens unſicheren Orte zog. Ich hatte in dem Taumel meiner Sinne jenen Brief geſchrieben und ihr vorgeleſen, ich wollte ihn in's Reine ſchreiben und abſenden. Da, als ich von ihr gehe, faßt mich 80 Pierre, mein Kammerdiener, am Arm und deutet gegen eine Niſche, von der aus man, ohne bemerkt zu werden, ihr Schlafzimmer überſchauen konnte. Es ſind derar⸗ tige Künſteleien mehr in dem alten Gebäude.— Ich weiß nicht, was mich bewog, ihm zu folgen. Aber als ich hineinſchaute, erblickte ich ſie und den Burſchen, den Felix, in einer Situation, die, wenn auch nicht bis zu den Gränzen der Vertraulichkeit gehend, mir es im Ver⸗ ein mit der dabei geführten Unterhaltung ſehr klar machte, welchen und einen wie begünſtigten Nebenbuhler ich hatte,— in demſelben Augenblick faſt, Bernhard, da ich dies Weik zuerſt für das meine gehalten, da ich an ihre Liebe geglaubt und ſie in meinen Armen glücklich gewähnt!— Wie furchtbar verächtlich ſie, ich ſelbſt mir in dem Moment erſchien— ſoll ich das noch ſagen?— Ich verſtehe die Hingebung der Dirne— ſie friſtet ſo ihr elendes Leben. Ich verſtehe die Hingebung einer leichtſinnigen Frau— ihre Sinne reißen ſie hin und ihre Liebe, wäre es auch nur die Liebe eines kurzen Moments. Aber dieſes Hinopfern der Perſon aus rei⸗ ner, kalter Berechnung, in fremdem Intereſſe,— das, Bernhard—“ „Laß es gehen, laß es gehen!“ bat ihn der er⸗ ſchütterte Freund.„Ueberlaſſe es Gott, Dich zu rächen, denn freilich—“ Hyneck lachte bitter auf.„Erlaube, daß ich dem 81 Herrgott ein wenig vorzugreifen verſuche,“ ſagte er dann. „Ich bin es gewohnt, meine Schulden mit Zinſen zu bezahlen. Bisher mußte ich ſie freilich ihrem Geſchick überlaſſen, denn als ich, an jenem Abend noch abreiſend, hier anlangte, fand ich den Herrn durch die Brutalität eines franzöſiſchen Generals auf's Aeußerſte gereizt und zu den extremſten Schritten entſchloſſen, ſo daß ich nicht zu reizen, ſondern zurückzuhalten hatte. Dann mußte ich nach England. Jetzt aber bin ich in kurzer Zeit hier fertig und für's Erſte frei. Dann ſollt Ihr mich in Herzheim ſehen oder wo immer es mir nöthig er⸗ ſcheinen wird. Sorge Du dafür, daß Dein Vater mich ohne Mißtrauen aufnimmt. Denn Du gehſt doch heim?“ Ueber Bernhards ſtilles Geſicht flog das erſte frohe Lächeln.„Ja, jetzt geht's heim,“ verſetzte er faſt innig. „Und nicht mehr allein, Bernhard? Ich wollte meinen Augen nicht trauen, da ich's ſah, meinen Ohren nicht, obgleich Thomas ſelbſt mir davon ſagte. Wie hat ſich das ſo ſchnell gemacht, Du keuſcher Joſeph,— wie Dich der Alte doch einmal heißt?“ Es ſtand dem finſteren Manne doch gut, dies Heraustreten aus dem uns bisher an ihm bekannt gewordenen, faſt immer nur zwiſchen Schwermuth und Leidenſchaft ſchwankenden Weſen, dieſer Uebergang zu der zwiſchen jüngeren Män⸗ nern üblichen und doch auch wohl erlaubten, munteren Frivolität. Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 6 82² Bernhard lachte auch ganz heiter.„Gottlob, daß man wieder ſcherzen kann und einen Scherz ertragen mag,“ ſagte er.„Ja ja, Arthur, es hat ſich ſchnell gemacht, und doch auch wieder, wenn Du ſo willſt, ſehr langſam, denn—“ und es zog ein flüchtiger Schat⸗ ten durch ſein Geſicht,—„es ſind nun neun Jahre her, ſeit dieſe Liebe mein Herz erfüllte und— ich ſehe das jetzt ſelber ein!— alle Manneskraft, allen Muth, alle Lebensmöglichkeit, möcht' ich's heißen, in mir lähmte, mich an Leben und Glück verzagen ließ. Doch davon wollen wir nicht reden,“ fügte er abbrechend hinzu. „Die Gegenwart iſt Gottlob ſo ſchön, daß von der Vergangenheit kein einziger Schatten mehr übrig bleibt.“ Arthur Hyneck drückte ihm warm die Hand.„Deine jetzige Frau war bereits verheirathet, ſchließe ich aus Deinen Worten,“ bemerkte er in fragendem Tone. „Das war ſie, als ich ſie kennen und lieben lernte, als ich erfuhr, daß auch ſie mir ihre Neigung zuge⸗ wandt, und daß uns nur eine Hoffnung für die Zu⸗ kunft blieb, welche ich, wie ich nun einmal denke, kaum hegen durfte. Allein darin lag meine Trauer nicht. Doch wie ſchon geſagt, die Gegenwart iſt ſo ſchön, daß die Vergangenheit davor verſchwindet. Du kommſt nach Herzheim, da wirſt Du Blanka kennen lernen. Heut; hat ſie ſich ſchon zurückgezogen.“ „Aber woher ſtammt ſie? Wie hieß ihr früherer 83 Gatte?“ fragte Hyneck nach einer Pauſe mit freundli⸗ chem Blick.„Laß mich nun, da wir uns wieder fan⸗ den, auch ganz in die alten Rechte als Dein erſter und beſter Vertrauter treten und mich an Allem Theil nehmen.“ „Sie war die Gattin des alten Barons Waldern, der des Grafen Lingenheim Güter und Namen erbte,“ verſetzte Bernhard. „Waldern— Waldern? Der vordem Reichstags⸗ geſandter für H.— geweſen?“ Hyneck fragte das zögernd, als ſinne er zugleich nach. Bernhard bemerkte das wohl, entgegnete jedoch, ohne weiter darnach zu fragen, nur einfach:„Allerdings. Du kannteſt ihn?“ „Nur dem Namen nach, und weil es ein wunder⸗ licher Kauz geweſen,“ lautete die Antwort.„So er⸗ innerte man ſich ſeiner. Seine Gattin war, wenn ich nicht irre, eine geborene Comteſſe Frohberg?“ „Ihre Mutter war das. Aber Du biſt ſeltſam— kennſt Du ſie denn? Worauf willſt Du hinaus?“ fragte Bernhard, überraſcht von dem Weſen des Freundes. Hyneck ſchüttelte den Kopf.„Hm,“ ſagte er,„es kam mir nur in den Kopf, daß Lucie mehr als ein⸗ mal von der Dame und ihrer Heirath geſprochen. Sie ſoll von— ich erinnere mich jetzt:. die Gräfin Froh⸗ berg war ihre Tante!— ſie ſoll von dieſer Tante an den alten Waldern verkauft worden ſein oder dergleichen. 6 84 Aber— und das iſt mir auffällig, Lucie ſprach von ihr und Waldern wie von Geſtorbenen, ſie ſeien von einem norddeutſchen Seebade aus zu Schiff gegangen und mit demſelben verunglückt.“ „Das iſt das gleiche Gerücht, welches damals auch zu mir drang und mich acht Jahre lang an ihren Tod glauben ließ,“ verſetzte Beruhard verdüſtert von dieſer trüben Erinnerung.„In jenem Seebade hatte ich ſie kennen gelernt. Und was meine Couſine Lucie angeht, ſo zog ſie— auch gerade damals— wie eine Art Meteor an uns vorüber, unter anderem Namen freilich und ohne daß ich in ihr die Verwandte entdeckt hätte. Allein da ich ſie im vorigen Herbſt wiederſah, erkannte ich ſie alsbald. Daß ſie Blanka und ihren Gatten be⸗ merkt hat, iſt begreiflich; ſie waren damals mit Aus⸗ nahme von ihrer eigenen Geſellſchaft und mir faſt die einzigen Fremden. Allein daß ſie ihren rechten Namen gewußt— ſie wohnten dort gleichfalls im tiefſten In⸗ cognito und ich habe die Identität jener Landow's mit den Waldern erſt in dieſem Winter erfahren— das iſt mir auffällig. Blanka kennt Lucie nicht und erinnert ſich auch jener Fremden nicht, das iſt gewiß. Wenn ich Lucie wiederfinde, ſo muß ich—“ „Sie nicht ohne Weiteres fragen,“ fiel Hyneck leb⸗ haft ein.„Verlaſſe Dich darauf, es gibt hier irgend ein 85⁵ Geheimniß, das wir auf andere Weiſe aufklären müſſen. Lucie liebte jene Frau von Waldern nicht und verrieth eine Art Befriedigung über ihren Tod, deſſen entſinne ich mich ſehr wohl. Ich habe niemals weiter mit ihr darüber geredet, da mich die Sache nicht intereſſirte. Jetzt aber, bitte ich Dich, überlaſſe dies mir. Es wird ſich daheim ſchon Gelegenheit finden.“ Sie ſprachen darüber noch eine Weile hin und her, und da Hyneck ſich endlich zum Scheiden erhob, um den jungen Gatten nicht länger ſeiner Frau zu ent⸗ ziehen, gab Bernhard lachend dies nicht zu: er ſehe Blanka heut' nicht mehr und laſſe den Freund vor der wirklichen Scheideſtunde nicht von ſich. Und da Hyneck zum erſten Mal ſeit Jahren, hätte man ſagen mögen, wieder freier aufathmete und einem Freunde mit vollem Vertrauen, mit voller Theilnahme in die Augen ſchaute, ſo gab er bereitwillig nach. Sie waren ſo eng ver⸗ bunden geweſen und einander ſo fremd geworden, daß ſie nun in der wiedergewonnenen Einigkeit nicht ſo leicht, zum Ende des Austauſches von Allem dem kamen was ſie ſeit Jahren erlebt und erfahren. Und zu Allem, was durch ihr eigenes Daſein gezogen, traten nun auch die Hoffnungen, die Leiden, das Ringen des Vaterlandes. Als Hyneck endlich ſeinen Abſchied nicht länger ver⸗ zögern durfte, faßte er noch einmal warm die Hand des Freundes und ſagte bewegt:„Du haſt mir den 86 erſten frohen, freien Abend gegeben, Bernhard, ſeit langer Zeit. Gott lohne Dir Deine Aufnahme. Ich fange an wieder an mich ſelbſt zu glauben, mir ſelbſt zu vertrauen. Gottes Segen auf Deinen Weg und— ich beſchwöre Dich!— Vorſicht und Mißtrauen gegen die Dame, die Du leider Deine Verwandte heißen mußt. Rede mit Deinem Vater, mit Buchhagen davon. Ich will wünſchen, daß ich, wenn ich nach Herzheim und zu Euch komme, nichts Schlimmes zu erfahren habe.“ Bernhard ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Sie iſt, ſo viel ich weiß, gar nicht einmal da, Du Geſpenſter⸗ ſeher,“ entgegnete er.„Als ich fortging, war es leer auf Tolleneck und man wußte nichts von ihr oder ihrer Rückkehr, alter Schatz.“ „Verlaß Dich darauf— ſie iſt da oder ſie kommt,“ ſprach Hyneck beſtimmt.„Ich weiß nicht, was ſie be⸗ treibt, aber ich glaube an irgend einen und zwar ge⸗ fährlichen Zweck, wie an meine Seligkeit. Mein Ver⸗ walter ſchreibt mir, daß ſie ſich vor Kurzem im Wald⸗ ſchlößchen ein Rendezvous gegeben mit einem Fremden, der nach ſeiner Beſchreibung nur jener Vernay geweſen ſein kann. Fritz Buchhagen ſcheint indeſſen gleichfalls davon gewußt zu haben. Das darf uns allerdings eini⸗ germaßen beruhigen, denn Fritz iſt ein ſchlimmer Feind und haßt ſie, glaub' ich, gründlich. Aber immerhin— ſei vorſichtig, mein Freund!“ Fünftes Capitel. öie iſt wahrhaftig wieder da. Und ſie war in der That ſchon wieder da. Sie war, wie wir wiſſen, nicht unerwartet gekom⸗ men, da Buchhagen jene ſeinem Gebieter und dem Ge⸗ neral mitgetheilten Nachrichten erhalten hatte von dem nach allen Umſtänden mehr als auffälligen geheimniß⸗ vollen Beſuch in der Stadt und dem noch auffälligeren Rendezvous mit Vernay in dem kleinen Jagdſchloſſe. „Es iſt mir räthſelhaft,“ hatte Leſthen, da ſie ein⸗ mal wieder darauf zu reden kamen, kopfſchüttelnd be⸗ merkt,„was dies Alles bedeutet, wie man es mit ein⸗ ander vereinigen ſoll. Hat ſie wirklich eine Intrigue vor und will das Geheimniß bewahren, ſo begreife ich wahrhaftig nicht, wie man ſo unvorſichtig oder ſo un⸗ geſchickt operiren kann, daß Euch die Kunde faſt zukom⸗ 88 men muß. Wie vereint Ihr das mit dem Charakter, den nicht nur Ihr im Uebrigen bei ihr vorausſetzet, ſon⸗ dern den auch Andere annahmen,— das heißt mit Geiſt, Vorſicht, Schlauheit, Gewandtheit und all den Gaben, die einem— Diplomaten gebühren?“ „Das begreife ich ſehr gut,“ verſetzte Baron Hart⸗ wig lachend,„und zwar aus zwei Nebenzügen dieſer Köpfe, von denen der eine all' dieſen verehrten Herr⸗ ſchaften gemein iſt, während der andere meine liebens⸗ würdige Nichte allein ziert. Dieſe Leute taxiren uns hier zu Lande außerordentlich gering, Bruder Ludwig, und halten es nicht im Traum für möglich, daß einer von uns Allen auch nur ein Minimum von dem im Kopfe haben könne, was dieſe Sorte da für Geiſt und Verſtand hält, geſchweige denn, daß es bei uns hie und da doch auch Spürnaſen gibt, wie ſie zum Exempel hier der alte Mecklenburger hat, der nicht nur ſie, ſon⸗ dern auch uns Alle beſchämt. Das iſt das Generelle, Alter. Das Specielle iſt die Natur meiner verehrungs⸗ würdigen Nichte, ihre mütterliche Hinterlaſſenſchaft, das Vergnügen und die Freude an dem ſchön Menſchlichen, die ſie zu allerhand Tollheiten und Dummheiten fort⸗ reißen, weiter, als ſie es, wenn das Blut wieder kalt geworden, vor ſich ſelber verantworten kann. Ich bin überzeugt, ſie hat ſich urſprünglich vorgenommen, hier bei uns ſo geſetzt wie möglich aufzutreten und dadurch 89 alle böſen Gerüchte, die uns von auswärts zu Ohren gedrungen ſein könnten, ſiegreich zu widerlegen. Der Teufel aber iſt eben, daß das nicht ganz gehen wollte — die mütterliche Natur gewann's immer wieder, und dann kam wieder jener generelle Zug zur Geltung: die Menſchenkinder ſind zu dumm, um dergleichen zu be⸗ merken und zu verſtehen, zumal ſie noch obendrein viel zu ſehr von mir bezaubert ſind!— Da haſt Du die⸗ ſen Charakter, wie er leibt und lebt.“ Der General ſchüttelte den Kopf.„Du zeichneſt ein ſeltſames Bild und kein richtiges, mein' ich. Dieſe Bezau⸗ berung, ſcheint mir, fehlt gar zu ſichtbar—“ „Wo, Schatz?“ fiel der Baron luſtig ein.„Bei den Damen? Will ſie von denen etwas? Contrair! Ihrer Anſicht nach ſchlägt ſie ſie gerade durch den Gegenſatz, in welchem ſie jene und ſich ſelbſt vor uns erſcheinen läßt! Gerhard? Ah bah! Ein Knabe!— Sonſt aber— ſieh Dich um! Leugne es, daß ſie eine tolle Hexe, die ſelbſt unſer Einem noch das Blut warm machen würde, wenn ſie es wollte!“ Das war nun wieder eines jener Worte, die vordem Buchhagen den Kopf warm gemacht und auch nun noch ihn ſo gut, wie den General von Zeit zu Zeit überraſchten und nicht gerade angenehm erſtaunen ließen, während der alte Herr ſich auch jetzt niemals zu einer Erklärung und Beſchwichtigung herbeiließ. Er lachte höchſtens nur, wenn 90 er die verblüfften oder mißtrauiſchen Mienen ſah, neckte Hildegard, zankte und verſöhnte ſich mit der Generalin, fluchte ein wenig über Bernhards langes Ausbleiben, von dem ſelbſt Pfarrer Bendler neuerdings nicht mehr erfahren, und empfing den eines ſchönen Abends anlangenden Hip⸗ polyt mit der eifrigen Frage:„Na Herr Sturmvogel, wann kommt die madame soeur? Denn Du biſt doch nur ihr Vorläufer!“ Trotz des jungen Mannes Proteſtiren gegen dieſe Vorausſetzung, wurde dieſelbe doch ſchon am folgenden Tage anſcheinend beſtätigt, an welchem Lucie endlich ſo friſch und anmuthig wie je, und heiterer und kecker, als man ſie bisher geſehen, im Schloſſe anlangte. Hartwig nahm ſie in der munterſten Weiſe auf, ja wer irgend argwöhniſch war und von ſchlimmen Vorausſetzungen ausging, konnte aus ſeinem Weſen die vollſtändigſte Befriedigung heraus⸗ leſen, als ſei es ihm erſt jetzt wieder wohl in dem Strahle der ſchmachtenden oder herausfordernden blauen Augen, bei ihrem Plaudern, Umherfahren und Kokettiren.„'s iſt Aare'ſches Blut,“ ſagte er,„eine echte und gerechte Tolle, die nicht ausartet!“ Trotzdem aber konnte auch er nicht leugnen, daß die Dame anders auftrat als früher. Hatte es nur an Felix gelegen, deſſen Ungeſtüm und Ungeberdigkeit ſie compro⸗ mittirt und ſie gegen ihren Willen zu manchem fortgeriſſen, was ihr von einigen der Schloßbewohner wenigſtens auf das 91 Böſeſte ausgelegt wurde; oder war ſie ſelber zur Beſin⸗ nung und Ueberlegung gekommen, daß trotz Hartwigs ſichtbarer Protection ihre Stellung allen Uebrigen gegen⸗ über immer unhaltbarer werde; oder hatten endlich andere Einwirkungen ſtattgefunden, die man hier nicht kannte — genug, ſie verſtand es, ihr Weſen in einer Weiſe er⸗ ſcheinen zu laſſen und ihr Auftreten und ihre Haltung der⸗ artig zu regeln, daß die alte Tante Chriſtine wohl einmal mit ihrer„richtigen Taxirung“ dieſes Charakters ein wenig prahlen durfte, daß ſogar Frau von Leſthen kopfſchüttelnd und wenn auch voll unverminderter Kälte zugeſtand, die Gräfin Barrois möge wo nicht ein beliebtes, doch ein geduldetes Mitglied der erſten Geſellſchaft ſein können, ſo lange es ihr beliebe, die einmal angenommenen Formen zu reſpectiren. Sie konnte ſogar nicht umhin zu bekennen, daß die Liebenswürdigkeit dieſer Natur groß genug ſei, um ſelbſt den Strengſten zeitweiſe zu beſtechen, und ſie wies wenigſtens nicht mehr die Möglichkeit von ſich ab, daß das Gerücht der Dame hie und da zu viel gethan. „Gebeſſert wird dadurch freilich wenig,“ ſagte ſie trotzdem einmal zu Hartwig.„In meinem und Gottlob auch noch in vieler Anderer Sinne hat eine Frau den Schein eines Fehlers nicht weniger zu fliehen als den Fehler ſelbſt. Und Ihrer Nichte mache ich überdies noch den Doppelvor⸗ wurf, daß ſie ſich bei ihrer Geburt als Deutſche und ihrem Stande als Frau und Wittwe des Grafen Barrois nicht 4 92 allein auf Seiken derjenigen hält, welche Frankreichs Thron uſurpirten und Frankreichs Adel vernichteten, ſondern ſich auch in dieſen Kreiſen, wie es ſcheint, mit vollem Genügen bewegt, ja in ihrem Intereſſe lebt und handelt. Das, mein Freund, verſtehe ich nicht, und das verzeihen wir minde⸗ ſtens niemals.“ Am fernſten und ſcheueſten blieb Hildegard, die, wie ſie nun einmal bisher gelebt hatte, ſich nicht in jener Heuchelei zu bewegen verſtand, welche man in der guten Geſellſchaft nicht ſowohl entſchuldigt, als vielmehr durchaus, wie einen unumgänglich nothwendigen Theil der geſ ellſchaftlichen Bildung verlangt. Sie haßte die heitere und gewandte, leichtlebige ſchöne Frau, wie wir wiſſen, ſo ernſt, wie es ihrer energiſchen, heftigen Natur irgend möglich war, hatte ſie dieſelbe doch anſcheinend ſchonungs⸗ und rückſichtslos zer⸗ ſtörend in den erſten, ſüßeſten Traum treten ſehen, der ihr junges Herz mit ahnungsvollem Entzücken umfangen. Hil⸗ degard dachte dabei nicht an eine Abſicht auf Luciens Seite; ſie fand vielmehr in dem Spiel, welches ihr den Glauben an Hugo's Werth und ihr eigenes Glück geraubt, inſtinct⸗ artig nur jene geſellſchaftliche Nichtachtung, die wir nicht ſelten beobachten können— die Erfahreneren und bereits feſt Stehenden ſchreiten über die Neulinge fort, als wären ſie gar nicht vorhanden. Und das war in Hildegards Sinn etwas, das ſie weder dulden wollte noch konnte. Das jungfräuliche Mädchen hatte dennoch ein Ahnen in ſich, das 93 ihr ſagte, wie weit ſie in Wahrheit und in den Augen aller Edlen dieſer Frau überlegen ſein müſſe. Und dennoch war Hildegard nicht verblendet genug, um die wunderbare Begabung, die beſtrickenden Reize der ſchönen Verwandten zu verkennen, um den Einfluß, den dieſelbe mehr oder weniger auf Alle ausübte, abzu⸗ leugnen oder zu verwerfen. Es war wie eine Art Weh⸗ muth, die ſie beim Anblick dieſer tändelnden und ſpielenden Liebenswürdigkeit erfaßte— wer konnte ihr widerſtehen, wenn ſie es einmal auf ein Gewinnen anlegte und ſich, glänzend und ſtrahlend, nur von dem Einfall und der Laune des Augenblicks leiten, weiter tragen oder zurück⸗ halten ließ, vor dem eigenen üppigen Genügen kein fremdes Recht achtend! Es war faſt, als ſolle dieſem Gedankengange, dieſen Beobachtungen gelingen, was Frau von Leſthen mit allen Erklärungen nicht völlig zu erreichen vermocht hatte: Hil⸗ degard glaubte zwar noch nicht wieder an Hugo, aber ſie fing an ihn zu entſchuldigen. Lucie war in dieſen Wochen wirklich von einer Liebens⸗ würdigkeit, die, wie ſchon geſagt, Alle in gewiſſer Weiſe be⸗ ſtach; ſie verſtand es herauszufinden, was jedem Einzelnen am meiſten zuſagen, ſeinem Weſen und ſeiner Natur am entſprechendſten ſein mußte. Sie wußte nicht nur das Intereſſe zu erregen, ſondern auch ſelbſt und zwar zu Zeiten und bei Gelegenheiten es zu zeigen, wo man es am wenig⸗ 94 ſten von der ſchönen Frau erwarten konnte und es daher mit Ueberraſchung, ja mit einer Art Genugthuung und Bewunderung aufnahm. Sie erzählte von ihren Reiſen. Sie war in Paris geweſen, um, wie ſie angab, dem noch einmal und von Neuem auftauchenden Gerücht, daß ihr Gatte dennoch am Leben, nachzuforſchen und noch einmal Alles zu verſuchen, um endlich Gewißheit zu erhalten. Sie hatte eine Zeit⸗ lang am Rhein, in Kaſſel gelebt, überall in den erſten Kreiſen ſich bewegend, von Allem erfahrend, in Alles hinein⸗ blickend, was für die meiſten Anderen ein ſtetes, ſorgfältig gehütetes Geheimniß blieb. Man vernahm jetzt in Tollen⸗ eck auch hier von einem keineswegs erfreulichen Fortgange des ruſſiſchen Feldzuges; man empfing eine neue Beſtäti⸗ gung jener früher ſchon erwähnten Nachrichten von der tiefen Verſtimmung, in welcher Jerome die große Armee verlaſſen, ja von jenem wunderbaren Briefe, in welchem er den Kaiſer vor dieſer ganzen Expedition gewarnt. Allein es war damit nicht einmal genug. Durch Lucie erhielt man nun auch Kunde von der großen Nieder⸗ geſchlagenheit und Unzufriedenheit, welche in Paris herrſchte, wie widerwillig die Generale in den Krieg gegangen waren, der ſie von Neuem und immer von Neuem ans der wohl⸗ verdienten und doch ſo karg zugemeſſenen Muße, aus dem Genuß der mit ihrer beſten Lebenskraft errungenen Stellung aufjagte; wie man körperlich und geiſtig eine —— 95⁵ Veränderung an dem Kaiſer wahrzunehmen beginne, welche ſeine Getreuen mit Schrecken erfülle, während ſie den Muth ſeiner Feinde erhebe. Beide Theile wußten nur zu gut, wie nicht nur das Kaiſerreich, ſondern auch Frankreichs ganze unnatürlich aufgeſchraubte Stellung, ſeine bis auf eine ſchwindelnde Spitze getriebene Oberherrſchaft allein von der Perſon des Kaiſers, ja noch mehr nur von ſeinen fortgeſetzten Siegen abhängig ſei. Lucie ſprach mit einer Offenheit über dieſe Zuſtände und Stimmungen, welche um ſo mehr auffallen mußte, je enthuſiaſtiſcher ſie ſich früher ſtets über Napoleons Perſon und Politik geäußert. Und ſelbſt der Mißtrauiſchſte und Uebelwollendſte konnte hierin keinen gewöhnlichen Polizei⸗ oder Spionenkniff argwöhnen, da die Dame am Ende doch nicht leichtfiniigg genug war, um es für denkbar zu halten, daß irgend Jemand von den gegenwärtig in Tolleneck Le⸗ benden auf ſolche Weiſe dazu gebracht werden könne, ſich ernſtlich zu compromittiren. Ja ſie konnte nicht einmal verkennen, daß ſelbſt die ſchlimmſte Compromittirung augenblicklich in Deutſchland für den Betreffenden ſchwerlich mehr gefährliche Folgen haben dürfte. Die Zeiten hatten ſich immerhin ſehr geändert, und wo man ſelbſt vor Jahr und Tag noch mit unerbittlicher blutiger Strenge vorge⸗ gangen wäre, drückte man jetzt wo irgend möglich ein Auge zu. Man wußte auf Seiten der Franzoſen ſehr gut, daß ſie mitſammt ihrer Herrſchaft in Deutſchland auf einer 96 geladenen Mine ſtanden und das es nur eines Funkens bedürfe, um Alles in Frage zu ſtellen, während ſie zugleich nicht im Entfernteſten ahnten, wann, wo und wie dieſer Funke entſtehen möchte. Man lebte jetzt auf Tolleneck ganz ſtill, wie wir wiſſen. aber das ſchien der Dame gerade recht zu ſein. Sie habe ſo viel Leben und Bewegung gehabt, ſagte ſie oft, daß es ihr nun in der Ruhe wohl werden würde. Und ſo viel die alte Anne Margarethe droben und Buchhagen drunten auch Acht gaben, es ließ ſich nichts entdecken, was ihrer Angabe widerſprochen hätte. Sie ſchien weder im Hauſe, noch außer demſelben Verbindungen zu haben, welche nicht Jedermann ſichtbar waren, gegen die, wenn man von all den früheren Beobachtungen und Erfahrungen abſtrahirte, Niemand etwas einwenden konnte. Sie ſchloß ſich augen⸗ blicklich mehr als je an den einſamen Vater an— zum höchſten Vortheil für den alten Hypochonder, wie Baron Hartwig, zur höchſten Plage für denſelben, wie Fritz Buch⸗ hagen behauptete. Am einigſten lebte ſie aber, abgeſehen von dem Bruder, der ſeit ſeiner Rückkehr gleichfalls aus ſeiner ſchläfrigen Gleichgültigkeit mehr und mehr hervor⸗ tretend, in der Geſellſchaft ſichtbar Terrain zu gewinnen ſuchte, mit dem Baron Hartwig— Beide ſchienen einander täglich mehr zuzuſagen und Berührungspuncte zu finden, zu harmoniren in einer Weiſe, welche ihre Umgebung theils bedenklich, theils verdrießlich machte. 97 Der Baron ſchien ſich niemals behaglicher gefühlt zu haben, und niemals war ſein Alter, wenn man ſo ſagen will, weniger ſichtbar geworden, als in dieſer Zeit. Geiſtig und körperlich ſo friſch wie ein Mann in den kräftigſten Jahren, war er raſtlos in Bewegung, Alle animirend und antreibend und ſelbſt der Munterſte von Allen. Es kam in dieſen Tagen auf Tolleneck zu Unternehmungen, muß man es wohl heißen, welche bisher unerhört geweſen. Man machte zuſammen einen Ausflug in ein nicht gar ent⸗ fernt gelegenes kleines Bad, man ſuchte die wundervolle Gegend jenſeits des Fluſſes heim und verbrachte bei den Ruinen des Kloſters Hohenkreuz und an dem großen See einen Tag, deſſen Heiterkeit auch diejenigen erfaßte, welche ſich derartigen Vergnügungen ſonſt im Grunde fremd fühlten. Man beſuchte berühmte Ausſichtspuncte im Ge⸗ birge und erprobte Meiſters Wentzels wunderbare Vor⸗ räthe an Getränken und ſeltenen, ſtreng verpönten Waaren. Ja einige Male vereinte eine größere ſolenne Jagd auf Tolleneck ſogar Alles, was bis auf eine ziemliche Entfer⸗ nung hinaus irgend nur eingeladen werden konnte. „Ich habe gar nicht geahnt, daß Sie an ſolchem Leben Vergnügen fänden, ja daß es überhaupt nur möglich ſei in dieſer Einſamkeit,“ ſagte Lucie einmal zu Aare, als ſie von einem Ausfluge zurückkehrend, den Uebrigen vorausritten. „Ja ja,“ verſetzte er munter.„Du kennſt den 1 Edmund Hoefer: Tolleneck. III 7 98 ttollen Aare noch lange nicht, Schatz. Es ſteckt viel in mir, was ich bisher faſt ſelber vergeſſen und das mich, da es nun wieder aufbrauſt, ſelber erſtaunt. Du biſt eben eine Hexe, Frau Nichte, die aus dem Menſchen mehr hervorlockt, als er ſelbſt von ſich weiß.“ Sie lachte kokett.„Möchten Sie mir nicht ein⸗ bilden, daß ich es wäre, die Sie zu einem neuen hei⸗ teren Leben erwecken könnte!“ ſprach ſie.„Nehmen Sie ſich in Acht, Onkel, Ihre Complimente ſind von der Art, daß ſie im Verein mit dem Mann, der ſie ſagt, für eine Frau gefährlich werden könnten!“ „Gerade, wie ich's wünſche,“ entgegnete er mit einem faſt ſchalkhaften Blick.„Sieh, Kindchen, ſo alt ich auch bin, hab' ich doch Gottlob noch luſtiges Blut und lieb⸗ es auch an Anderen, um ſo mehr, da ich ſo lange Zeit verzweifelt wenig davon zu ſehen gekriegt und ſelbſt beinah' einroſtete. Da verfällt man denn auf, wie es mir jetzt erſcheint, allerlei Dummheiten, aus purer, heller Langeweile. Der Teufel hol's! Ich fange erſt jetzt wieder an zu leben, da ich mich nur um die Meinen und mich ſelber kümmere. Ei, ich fühle mich Manns genug, noch ein luſtig Stück Leben zu beſtehen!“ „Ja, Onkel,“ meinte ſie, und in dem Blick, der ihn traf, war etwas wie eine bewundernde Zärtlichkeit,„Sie ſind ein Mann, wie ich noch gar keinen kennen lernte— wie ein Rieſe ſtehen ſie unter den Pygmäen der Jetztzeit. 99 Es iſt ein Glück, bei Ihnen, auf Tolleneck weilen zu können, wie ich's früher gar niemals kennen gelernt. Oh, wie wundervoll müßte dies Leben ſein, wenn—“ „Wenn?“ fragte er lebhaft, da ſie inne hielt. Sie ließ ihr Pferd ſich dem ſeinen nähern.„Mein Onkel,“ ſprach ſie gedämpft, und Blick und Stimme deu⸗ tete eine gewiſſe Befangenheit an,„mißverſtehen Sie mich nicht, wenn ich Sie auf die Gefahr aufmerkſam mache, welche Ihrem ruhigen, heiteren Leben durch Ihre jetzige Umgebung drohen dürfte. Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, man ſieht von Kaſſel häufiger und aufmerkſamer nach Tolleneck hinüber, als Sie glauben möchten.“ Aare zuckte die Achſeln.„Laß ſie, Kind, laß ſie,“ gab er munter zur Antwort,„ich kann's ihnen nicht ver⸗ wehren, obgleich ich ihnen vorausſagen darf, daß ſie ver⸗ zweifelt wenig finden werden, was für ſie gerade von In⸗ terreſſe. Ihre und meine Bahnen gehen weit auseinander, wenn auch in anderem Sinne, als ſie es meinen. Die braven Leute wittern vielleicht allerhand politiſche Intri⸗ guen und dergleichen beim alten Aare und täuſchen ſich, wie ich es ihnen auch ſelber deutſch herausgeſagt, grimmig. Du könnteſt mir das zur Noth ſo gut bezeugen, wie irgend ein Anderer. Kann man offener und luſtiger leben, als wir?“ „Und doch, Onkell“ meinte ſie, leiſe den Kopf ſchüttelnd.„Ich muß es wiederholen— Ihre Umgebung—“ 7* aaͤſͤſqqqqoeeeeeeeeeneneneeeee 100 „Leſthen's, meinſt Du? Ah bah, wir ſind nur alte Freunde, die ſich in Allem eher begegnen, als in politiſchen Fragen, vorausgeſetzt, daß dieſelben überhaupt für mich die Wichtigkeit hätten, welche man zu argwöhnen beliebt. Lieber Gott, Kind, laſſe Dir nichts in den Kopf ſetzen und ſetze Dir nicht ſelbſt etwas hinein! Seit die Freiherren von Aare keine freien Herren mehr ſind— was kann mir daran gelegen ſein, ob ich weſtphäliſcher oder hannöverſcher oder preußiſcher, oder braunſchweigiſcher oder der Teufel weiß, was ſonſt für ein Unterthan bin? Könnt ich ein Deutſcher ſein— à la bonheur, das wäre etwas Anderes! Aber wo und wann wäre davon jemals die Rede?— Und ob⸗ ſchon ich nicht weiß, was der Leſthen drüben in Preußen treibt— hier ruht er ſich aus, Schatz, und iſt ebenſo⸗ wenig wie ich der Narr ſich mit politiſchem Unſinn herum⸗ zuplagen. Daher ſei Du nicht ebenſo dumm, wie die Ueber⸗ klugen in Kaſſel, argwöhne nicht hinter einem Mann, der ſich frei und ſelbſtſtändig hält, nun auch gleich einen Staatsverräther und dergleichen, und laſſe Dir das Glück * auf Tolleneck, von dem du vorhin redeteſt, nicht trüben. „Genieß' es, da Du jetzt frei biſt, wie Du ſagſt,“ fügte der alte Herr mit einem Blick hinzu, deſſen vorſich⸗ tiges Forſchen der Dame, wenn ſie es bemerkt hätte, ſicherlich aufgefallen wäre; allein ſie ſah gedankenvoll und mit leicht zuſammengezogenen Brauen vor ſich hin, in die Gegend hinaus.„Ich gratulire Dir dazu,“ ſchloß er dann. — f 101 „All die Bagage, die Du mit Dir umherſchleppteſt, der Hyneck, der Vernay, der Felix— ſie war zum mindeſten langweilig und that Dir obendrein in manchen Augen Schaden. Es denken nicht Alle ſo freiſinnig, noch ſind Alle ſo von Dir eingenommen, wie ich, Frau Nichte.“ Um die feinen Lippen ſchmiegte ſich ein leiſes, faſt ſchwermüthiges Lächeln, und die Augen erhoben ſich mit einem ſchmachtenden, zärtlichen Blick zu dem alten Herrn, um ſich alsbald wieder deſto tiefer hinter die Wimpern zurückzuziehen, während ihr Buſen ſich von einem zittern⸗ den Athemzuge hob. Sie war verführeriſch ſchön, um ſo verführeriſcher, je ſeltener dieſer Ausdruck an ihr ſichtbar ward, je ſchärfer er mit ihrem gewöhnlichen lebensvollen, munteren, übermüthigen Weſen contraſtirte. Sie ſah es wieder nicht, daß ein ſchlaues Lächeln die hellen Augen des Barons umſpielte, und die Frage, die er demſelben folgen ließ, traf ſie daher auch deſto unvor⸗ bereiteter.„Du haſt von dem Grafen Barrois geſagt,“ ſprach er—„haſt Du jetzt die Gewißheit ſeines Todes oder nicht? Ich verſtand das neulich nicht recht.“ War es die Frage ſelbſt, oder nur ihre Plötzlichkeit, oder der Ton, in dem er ſie gethan, und der allerdings ſein Beſonderes hatte— ſie zuckte heftig zuſammen und ſah zu ihm mit einem ſcheuen, faſt erſchrockenen Blick empor. Aber ſie bemerkte nichts in ſeinem Geſicht als eine Theilnahme, die ſie ſich wohl als ſchmeichelhaft aus⸗ legen mußte, denn im nächſten Moment ſchon klärten ſich ihre Züge auf und ſie verſetzte, wenn auch noch etwas ge⸗ preßt, doch mit einem zufriedenen Lächeln:„Ja Gottlob, Onkel— ich bin endlich wirklich frei. In Mainz erhielt ich die volle Beſtätigung. Wundern Sie ſich nicht über meine Zufriedenheit,“ fügte ſie hinzu.„Hätte ich über⸗ haupt Veranlaſſung gehabt, ihn wahrhaft zu betrauern, ſo müßte dieſe Trauer doch in all der qualvollen Ungewiß⸗ heit nachgerade erſtickt ſen. So oder ſo— nach ſolcher Qual athmet man auf und ſegnet ſeine Freiheit, zumal wenn es eine ſo beglückende iſt, wie ſie mir hier erſcheint.“ Die Antwort Hartwigs, zu der er bereits den Mund öffnete, wurde durch das Herankommen des Generals ver⸗ hindert, welcher ſich bisher neben dem Wagen gehalten hatte, in dem die Generalin nebſt Hildegard ſaß. Der Baron ſchien über die Annäherung des Freundes indeſſen nicht unzufrieden zu ſein; er empfing ihn mit einem Scherz und zog ihn in das Geſpräch, das ſich zwiſchen den Dreien immer munterer entfaltete, denn Leſthen war niemals ein Spielverderber und hatte ſich von der ſchönen Frau, die zwiſchen ihm und dem Freunde ritt, obendrein in dieſer letzten Zeit zu häufig anziehen und in die beſte Laune verſetzen laſſen, um jetzt vor ihr zurückzuweichen. Sie ließ ſich gerade in ihrer bezauberndſten Weiſe gehen— was Frau von Leſthen und wer ähnlich ſtreng dachte, vielleicht als gar zu offen und übermüthig erſchienen wäre, ſagte den 103 beiden alten Geſellen eben zu. Man lachte, ſcherzte und neckte, und Lucie durfte aufs Neue mit dem Eindruck zu⸗ frieden ſein, den ſie machte. Sie merkte es ſehr gut, daß ihre Begleiter ſich mehr als einen Blick zuwarfen, den ſie, an Bewunderung und Beifall in ihrem Kreiſe gewöhnt, keine Secunde lang mißdeuten konnte. Aber es nimmt Alles ein Ende, und zwar oft ſchneller, als es uns willkommen iſt. Da ſie in Tolleneck auf den Hof ritten, kam Buchhagen ihnen entgegen mit einer nichts weniger als behaglichen Miene. „Ich habe Euch ſchon lange erwartet, Herr Baron, und würde Euch nachgeſchickt haben,“ ſprach er ſich an ſei⸗ nen Gebieter drängend, mit gedämpfter Stimme,„hätte ich nur geahnt, wo ich Euch ſuchen laſſen müßte.“ Hartwig Aare ſah ihn, vom Pferde ſpringend, prü⸗ fend an. Dann begann er zu lachen und meinte:„Na Fritz, Du ſiehſt ja ganz teufelmäßig ernſthaft aus! Heraus damit— was gibt's?“ „Drinnen!“ ſagte aber Herr Buchhagen mit einem ſchiefen Blick auf Lucie, welche eben mit Hülfe des Gene⸗ rals abſtieg.„Der Augenſchein iſt beſſer als alle Redens⸗ arten. Und ſo munter Ihr auch dareinſchaut, Herr Baron,“ fügte er mit einer gewiſſen Bitterkeit hinzu,„wollen ſehen, ob Ihr auch hier die Contenance bewahrt.“ Durch das wetterbraune Geſicht des alten Herrn und durch die klugen, ſcharfen Augen zuckte etwas— war es 104 Ueberraſchung, Erwartung oder— Befriedigung— Buch⸗ hagen wußte es um ſo weniger zu entſcheiden, da der Gebieter kein erklärendes Wort hinzufügte, ſondern ſich im nächſten Augenblick ab⸗ und dem eben anlangenden Wagen zuwandte, der Generalin die Hand zum Ausſteigen bot, mit ihr und Hildegard ein paar Worte wechſelte und ſich beim Eintritt in das Haus erſt von ihnen und Lucien munter verabſchiedete. Darauf trat er mit Leſthen in ſein Zimmer und dann erſt wandte er ſich wieder dem folgenden Wirthſchafter zu und ſagte ganz munter:„Nun Fritz, heraus! Oder fürchteſt Du den hier auch?“ fügte er hinzu, die Hand auf des Ge⸗ nerals Schulter legend. „Da!“ ſprach Fritz Buchhagen kaltblütig und ge⸗ wichtig zugleich und deutete mit dem ausgeſtreckten Vorfin⸗ ger ſeiner gewaltigen Fauſt auf die entgegengeſetzte Wand des Zimmers, wo ein Schränkchen halb geöffnet ſtand, das man, wenn es geſchloſſen war, bei der kunſtreich in das Täfelwerk eingefügten Thür ſchwerlich bemerken mochte. Der Baron fuhr auf.„Der Blechkaſten?“ fragte er mit eigenthümlicher Betonung. „Gerade der, Herr,“ verſetzte Buchhagen verdüſtert. „Ich kam herauf, um mir das Einnahmebuch von Anno Vier zu holen, wegen der Holzverkäufe. Da war der Schrank auf, der Kaſten fort und—“ — 10⁵ „Sonſt noch etwas?“ rief der alte Herr jetzt wirklich und ernſtlich überraſcht. „Ja, Herr Baron, jenes kleine Buch, in dem wir die geſammten Einnahmen und Ausgaben der ganzen Herr⸗ ſchaft ſpecialiſirten und zuſammentrugen, als wir— ſiſch geworden waren— das ‚Herrſchaftsbuch, mein' ich.“ Der Baron ſtarrte ihn eine Weile ungläubig an. Dann zog ſich ſeine Stirn in ſchwer drohende Falten und die dicken weißen Brauen rückten faſt an einander.„Don⸗ nerwetter!“ ſagte er und war mit zwei Schritten beim Schrank, ſah hinein und warf die Thüre heftig zu.„Du haſt Recht, Fritz— das iſt, um die Contenance zu verlie⸗ ren, obgleich ich's teufelmäßig gut verſtehe. Das Andere“ — und er lachte ſchon wieder munter,—„es ſollte ei⸗ gentlich mein Geheimniß ſein, nun mögt ihr Beide aber immerhin davon hören: es war mein Wunſch ſo, Kinder, und die Mäuſe ſind an den Speck gegangen! Sieh nicht ſo verwundert drein, Ludwig— ſiefinden dort eine Samm⸗ lung von Documenten zu Begründung meiner Loyalität, daß ſie Augen und Mund aufreißen ſollen, zumal— aber dies iſt zu arg!“ brach er ab„Ich muß wiſſen, ob das ein Privatgelüſt oder auch in höherem Auftrage geſchah! Allein es muß fein angefangen werden, ſo daß ſie ſich ſicher fühlen! Keine Miene verzogen, Kinder, als bis ich Euch das Signal gebe!“ Sechstes Capitel. As braut um den Waſſerkopf. „Ich möchte einzig nur wiſſen,“ ſagte der Gene⸗ ral Abends zu Buchhagen, mit dem er nach dem Nacht⸗ eſſen unter dem wundervollen Sternhimmel auf dem Hofe auf und ab ging, während Hartwig bei der unter den Linden ſitzenden Generalin weilte und die beiden Ge⸗ ſchwiſter einige Schritte weiter mit Hildegard eine mun⸗ tere Gruppe bildeten— das junge Mädchen duldete freilich nur dieſe Unterhaltung, wie es ſchien, war je⸗ doch zu lebhaft, um ſich nicht hie und da wenigſtens zur wirklichen Theilnahme fortlocken zu laſſen—„ich möchte einzig nur wiſſen, alter Freund, ob der Alte uns heut⸗ Nachmittag keine Komödie vorgeſpielt und auch im In⸗ nern ſo gefaßt geweſen, wie er es uns zeigte. Ich muß geſtehen, ich habe überhaupt nicht viel mit ſolchen In⸗ —yp— 107 triguen im Sinn, allein mit dieſen am allerwenigſten, da ich ſie, deutſch geſprochen, nicht capire.“ Buchhagen zuckte die Achſeln.„Das geht uns Al⸗ len ſo,“ verſetzte er,„und ich habe mich genug geär⸗ gert, bis ich mich endlich reſolvirte, das Ding gehen und den Alten für ſich ſelber und uns Alle ſorgen zu laſſen. Wie er einmal iſt, Herr General— was kann man anders thun?“— „Ich muß Euch ſagen, Buchhagen,“ ſprach Leſthen nach einer Weile,„dies Alles gefällt mir ganz und gar nicht, denn es zieht auch uns gewiſſermaßen in Zuſtände und Verhältniſſe hinein, die uns um ſo unbehaglicher ſein müſſen, je weniger wir ſie verſtehen. Meine Frau iſt verſtimmt und ich kann es ihr nicht verdenken. Was ſoll dies Herumgeziehe und Schonen der Menſchen, die er ſelbſt nach ſeiner früheren Angabe auf das gründ⸗ lichſte verachtet? Er kann ſich doch nicht— zumal nicht gegen die Dame— verblenden. Es ſpricht ja von allen Seiten her Alles gegen ſie, und ihre neuen Grimaſſen in Betreff der politiſchen Zuſtände— täuſchen ſie Jemand? Ich hab' ihm den Gefallen gethan, zu⸗ vorkommend gegen ſie zu ſein und— wahr muß wahr bleiben— eine verführeriſche Hexe iſt ſie! Allein da⸗ durch wird nichts gebeſſert. Und nun gar, wo er ſie und den langweiligen Laffen direct als Diebe—“ „Na, darin thut er dem Herrn Neveu, glaub' ich, 108 Unrecht,“ warf Buchhagen gedämpft ein.„Nur das Buch macht mich irre, ſonſt—!“— Er brach mit ei⸗ nem leichten Kopfſchütteln ab. „Was meint Ihr, Buchhagen? Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte der General mit hörbarer Spannung. „Laßt es noch gehen, Herr General,“ lautete die Antwort;„ich bin meiner Sache noch nicht gewiß, und bis dahin—“ „Aber er war ja doch heut' Nachmittag zu Hauſe geblieben!“ bemerkte Leſthen nachdenklich. „Thut nichts, Herr General!“ entgegnete der Wirth⸗ ſchafter lebhaft.„Sie wiſſen, ich vertheidige ihn gewiß nicht, allein hier iſt er, fürcht' ich, unbetheiligt— ja, Herr General, ich fürchte es. Aber wie ſchon geſagt, ich ſpreche noch nicht gern darüber,“ fuhr er abbrechend fort.„Sie redeten vorhin aber auch davon, daß Sie ſeine Schonung nicht verſtänden,— da kann ich ſchon einen Fingerzeig geben. Der Alte hat es ſich nie ver⸗ ziehen, daß er ſeine Schweſter damals dem Herrn von Meding gab— er glaubt wenigſtens, daß nachher Al⸗ les ſo über Eck gegangen, nur weil der Herr gar zu ſchwach und die Dame durchaus nicht zu nehmen ver⸗ ſtand. Und auch was nachher geſchehen, rechnet er zum Theil ſeiner eigenen Härte zu, daß er die Schweſter gleich ſo ganz aufgegeben, niemals es mit Strenge und brü⸗ derlicher Ermahnung gegen ſie verſucht, und dann noch obendrein die Kinder ganz außer Acht gelaſſen. Sehen Sie, Herr General, ſo iſt's denn gekommen, daß er, als die Frau Schweſter ſtarb und Herr von Meding keine Stelle mehr behielt ſein Haupt hinzulegen, den alten Mann zu ſich nahm und obendrein den beiden Kindern, denen es ja auch nicht zum Beſten ging, eine Freiſtelle auf Tolleneck anbot— er zog ſich auch ihr Weſen zu. Sie haben's nicht benützen wollen und er war damit wohl zufrieden, denn er hatte ſchier Angſt vor dieſem Beſuch und empfing ſie, wie Sie ja ſelber erlebten, barſch genug. Allein— ‚ſiehſt Du, Fritz,“ hat er damals mehr als einmal zu mir geſagt, ‚daß ich ſie nicht wieder los werde, das iſt der Teufel! Ich hab' mir ſelber mein Wort gegeben, Alles zu dulden, und ſo muß ich's halten, und kann ihnen mein Haus nicht verſchließen, ſie müßten denn gegen mich direct auf⸗ treten und ſo zu ſagen ſich ſelber hinauswerfen. Und davor werden ſie ſich hüten.— Sehen Sie, Herr Ge⸗ neral, ſo iſt's, und da liegt die Erklärung.“ Der General hatte ſchweigend zugehört, nur zu⸗ weilen durch ein Zeichen der Zuſtimmung oder Mißbil⸗ ligung ſeine Theilnahme verrathend.„Ja, ja,“ ſprach er jetzt nach einer kleinen Pauſe,„daran erkenn' ich den tollen Aare. Es ſteckt mehr Phantaſterei in ihm, als man denken ſollte. Leicht möglich, Buchhagen, daß Ihr völlig Recht habt! Und nun, meint Ihr—“ 110 „Will er ſie ſich ſelber hinauswerfen laſſen,“ ſagte Buchhagen ſehr leiſe und mit einem Ton, dem man ein unterdrücktes Lachen anhörte. „Sie ſollen ſich compromittiren— 2— „Ja, unverbeſſerlich!“— „Und dazu läßt er ſich Papiere ſtehlen, die ihm ſo oder ſo mit Sicherheit allerlei Scheerereien zuzie⸗ hen müſſen, während man ſchon ohnehin ein Auge auf ihn hat, Gerhards wegen, vielleicht auch weil ich hier bin? Und während wir wiſſen, daß man auch ſonſt ihm zu Kleide—“ Eine Art grollenden Murrens von dem alten Wirth⸗ ſchafter ließ ihn innehalten.„Herr General,“ ſagte dann Fritz Buüchhagen,„thun Sie mir den einzigen Gefallen und erinnern Sie mich nicht daran. Ich habe mich über die Waldſchloß⸗Hiſtorie und den ſtörrigen Eſel, den Hofer, ſchon genug geärgert und möchte der Beſtie am liebſten den Hals umdrehen. Nun nützt das aber Alles nichts mehr und man muß ſich eben allein zu helfen ſuchen. Es iſt viel⸗ leicht auch ſo am Beſten. Das mit dem Gerhard muß Sie nicht kümmern. Der Alte kann und wird es nicht an⸗ zubringen vergeſſen, daß der Vater ſeiner Enkel preußi⸗ ſcher Staatsbürger wurde— weshalb er damit nicht gleich hervorgerückt, weiß ich nicht. Und was die Papiere betrifft — nun, ich verſteh' es zwar auch nicht recht, allein, wie ———2 111 ich ſchon vorhin ſagte: Wie der Alte iſt— was will man machen?“ 8 „Ihr Beide complottirt da wohl, Ihr Flüſterer?“ rief in dieſem Augenblick Hartwigs Stimme zu ihnen hinüber, und zugleich kam auch der alte Herr ein paar Schritte ge⸗ gen ſie heran. „Ihr ſolltet Euch was ſchämen, da ſo ungalant um⸗ herzulaufen,“ ſagte er lannig;„ich kenn Euch Beide, Ihr plagt Euch nur mit unnöthigen Grillen, wenn Ihr zuſam⸗ menſteckt. Kommt nur heran und laßt uns ein wenig mit einander plaudern— Du auch, Fritz! Meine Gevatterin möchte Dich nach etwas fragen.“ Die beiden Männer gaben ſeinem Wunſche nach, auch Hildegard kam heran, und nur die beiden Geſchwiſter gingen noch eine Weile allein auf und ab, anſcheinend in luſtiger Unterhaltung, da man ſie mehr als einmal lachen hörte. Allein es wurde nicht bemerkbar, daß Jemand von den Anderen auf ſie achtete, am wenigſten der alte Baron, dem es unter den gegenwärtigen Umſtänden doch, wie wir denken ſollten, am meiſten um Vorſicht ſo gut wie um Aufmerkſamkeit auf alles ſich Ereignende zu thun ſein mußte. Er wußte freilich, daß Buchhagen ihn nicht im Stiche ließ und ſicher erkundete und benützte, was zu erkun⸗ den und benützen war. Buchhagen hatte in der That den Kopf voll genug. Die Nachrichten ſeines Gevatters Junghans, die er ſeinem 112 Gebieter vor einiger Zeit mitgetheilt hatte, wirkten tiefer in ihm nach, als er es merken ließ. Sie hatten ihm den nie von ihm aufgegebenen, freilich aber auch ſehr nahe liegenden Argwohn auf's Neue beſtätigt, daß man ſich in Kaſſel nicht nur, ſondern auch überhaupt auf Seiten der fremden Gebieter mit Tolleneck und ſeinen Bewohnern mehr beſchäftigte, als man fürs Erſte zu zeigen für gut befand. Es kam ihm in den Sinn, was Hyneck ihm damals, als er mit ihm vor dem Jahre bei Herrn Wentzels Mühle zuſammentraf, über Aare's Stellung, über Leſthens Anweſenheit geſagt hatte. Er vereinigte damit den gegen den Letzteren geführten, freilich mißlungenen Streich und was er neuerdings in Betreff ſeiner Entfernung von Berlin erfahren. 4 Man hatte nämlich, wie das damals nicht gerade ſelten auf das Allerungenirteſte executirt zu werden pflegte, den Wunſch ausgeſprochen, daß der Herr General ſich fürs Erſte von allen Geſchäften ausruhen und einen andern Aufenthalt wählen möge, das heißt, weder auf ſeinen Gütern— noch was Leſthen freilich ſelber gar nicht er⸗ fahren hatte— in dem damals gern gewählten Zufluchts⸗ lande Böhmen— Beides außerordentlich verſtändlich: man wünſchte ihm Gelegenheit zu geben, ſich ſtärker zu compro⸗ mittiren und wollte ihn daneben auf einer Stelle haben, wo man ſeiner ohne viel Aufſehen habhaft werden konnte, wenn dies an der Zeit ſchien. Man weiß leider gut genug, 113 8 daß es damals in Deutſchland außer Oeſterreich kein wirk⸗ liches Aſyl gab und daß die Franzoſen auf dem Gebiet der meiſten Rheinbundſtaaten ohne Umſtände ihre Zwecke ver⸗ folgten. Daß Leſthen bei ſolchem Stande der Dinge gerade zu ſeinem alten Freund Aare ging, bei dem er, was man damals nicht von allen ſogenannten Freunden ſagen konnte, einer freundlichen Aufnahme gewiß und den er, wenn von dergleichen überhaupt einmal die Rede ſein ſollte, durch ſeine Anweſenheit nicht mehr compromittiren konnte, als er es ſchon ohnehin war— ſchien faſt das Beſte und Sicherſte zu ſein. Er bot ſeinen Gegnern die Stirn und ſtellte ſich ihnen ſo zu ſagen zur Dispoſition, etwas, das in ähnlichen Fällen nicht ſelten den erwünſchten Erfolg hat— man ſchont der Beute, deren man ſicher zu ſein meint, länger und gleichgültiger, auch unvorſichtiger, als in jedem anderen Falle. Und endlich kam hier auch des Gaſtfreundes Stel⸗ lung in Betracht, die man, wie die Leſer erfuhren, wenig⸗ ſtens für eine exceptionelle und verhältnißmäßig ge⸗ ſicherte hielt. Hier war aber der Punkt, wo Buchhagen, wenn er ſich dies Alles überlegte, zu dem Anfange ſeiner Sorgen und Befürchtungen zurückkehrte. War die Stellung ſeines Gebieters wirklich eine ſolche, oder vielmehr— wenn ſie es bisher geweſen, würde ſie auch in Zukunft eine ſolche Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 8 114 4 bleiben? Und darin traf Buchhagen mehr das Rechte, als er ſelber es fürchtete. Aare's Anweſenheit und Auftreten in Kaſſel hatte in den dortigen maßgebenden Kreiſen Niemand getäuſcht, viel⸗ mehr nur die augenblicklich von anderen Seiten her in Anſpruch genommene Aufmerkſamkeit ihm wieder mehr zu⸗ gewendet und noch mehr hinter der Maske des ein wenig wilden Landjunkers argwöhnen laſſen, als man bisher ſchon gethan. Vernay's Anſicht von des alten Barons Charakter und Thätigkeit für die Sache der Patrioten, von ſeinen Verbindungen mit den in England weilenden Flücht⸗ lingen, gewann ſich immer mehr Anhänger und es gab bald mehr als Einen in dem betreffenden Kreiſe, der mit Vernay zu einem entſchiedenem Auftreten drängte. Es war des Barons Aare Glück, daß man damals gerade mehr zu thun hatte, als ſich um einen einzelnen Mißvergnügten oder gar Verſchwörer zu bekümmern, wäh⸗ rend zugleich freilich auch die Deutſchen, welche am Kaſſeler Hofe Geltung gefunden, ſich ſtets von Neuem und auf das Entſchiedenſte jedem gewaltſamen Einſchreiten widerſetzten. Sie deuteten nicht nur auf die öffentlichen Verhältniſſe und die täglich deutlich hervortretende feind⸗ ſelige Stimmung ganz Deutſchlands und zumal Weſtpha⸗ lens hin, ſondern ſie brachten auch die Zuſtände in An⸗ ſchlag, welche im Waldgau herrſchten und denen gemäß der Baron dort, wie wir wiſſen, eine faſt ſouveräne Stellung 8 115⁵5 behauptete. Ihr Einfluß auf den König war damals gerade, wo derſelbe ſich mit ſeinem kaiſerlichen Bruder beinah' in offenem Zerwürfniß befand, ein überwiegender, und ſie ſetzten noch einmal durch, daß man jeden directen und offenen Angriff auf den alten Tollenecker unterließ. Dagegen konnten und durften ſie freilich nicht verhindern, daß Vernay wenigſtens unter der Hand fortarbeitete. Das wußte man in Tolleneck durch die Mittheilung. von Junghans, und Buchhagen hatte gehofft, bei dem Rendezvous, das auf dem Waldſchlößchen ſtattfinden ſollte, einen vollſtändigen Einblick in die Pläne des Fein⸗ des erlangen zu können. Wir erfuhren aber bereits, daß ihm dies nicht vollſtändig gelang. Hofer, der Wirth⸗ ſchafter Hyneck's, durch deſſen Vermittelung eine geheime Beobachtung des Paares überhaupt möglich wurde, hatte die rechtzeitige Mittheilung— Buchhagen wußte nicht, ob abſichtlich oder nur nachläſſig— verſäumt und die Tollen⸗ ecker hatten kaum etwas Anderes erfahren, als daß einer⸗ ſeits das Rendezvous überhaupt auf Veranlaſſung Luciens und ſehr gegen den Willen Vernay's ſtattgefunden, und daß andererſeits der Letztere ſeinen eigenen Plänen nachzu⸗ gehen entſchloſſen ſchien, von denen er viel zu klug war etwas verlauten zu laſſen, während er zugleich unverhohlen ſein Mißtrauen gegen den von Lucien geſuchten Erfolg ausſprach. Was Lucie wollte, war wenigſtens einiger⸗ maßen deutlich geworden: ſie ſchien ſich überhaupt nur 8* ungern zu einem Schritt gegen den Onkel verſtanden zu haben und zwar deswegen, weil ſie ſeiner bedürfen mochte, um das ihr entzogene Vertrauen der Franzoſen wieder zu gewinnen. Jedenfalls ſollte dieſer Schritt aber ge⸗ ſchehen, ohne daß ſie ſelber dabei thätig erſchien oder gar in Verdacht kam— dieſer ſollte vielmehr auf einen Anderen— ihren Bruder etwa?— hingelenkt werden. Und da ſie, wie ſie einmal in Tolleneck ſtand, kaum etwas Anderes im Auge haben konnte, als Papiere und Correſpondenzen des Barons, ſo war mit der Kunde von dieſem Angriff auch ſchon die Möglichkeit gewährt, ihm zu begegnen oder ihm auszuweichen. Hartwig konnte ſich gut genug dagegen ſichern. Das kümmerte Buchhagen alſo nicht mehr; obgleich er die Motive ſeines Gebieters nicht verſtand, vertraute er deſſen Vorſicht und Schlauheit doch genug, um von dieſer Seite her eine wirkliche Gefahr nicht für möglich zu halten. Dagegen erfüllten ihn die Pläne Vernay's mit nicht geringer Sorge. Offen vorgehen wollte der Franzoſe nicht, aber welche Wege er nur im Geheimen einſchlagen möchte, ließ ſich gar nicht abſehen. Und hier kam für Buchhagen die unbehaglichſte Erwägung von allen: hatte der Franzoſe, der Lucien entſchieden mißtraute, einen anderen Helfer auf Tolleneck für ſeine eigenen Pläne— Hippolyt etwa? War ſogar der Diebſtahl, wenn man es ſo heißen will, von dieſem veranlaßt, ohne ſeiner Schweſter Mitwirkung? Buch⸗ r 117 hagen vergaß es nicht, daß die Geſchwiſter nichts weniger als gut mit einander ſtanden, wie ſehr ſie ſich auch den Anſchein der vollſten Einigkeit geben mochten. Er wußte, daß Lucie, wie wir hörten, ſich überhaupt nur ungern zu irgend einem Unternehmen gegen den Onkel verſtanden und bei ihrem Aufenthalt in Tolleneck noch andere, Privatzwecke verfolgte. Er ſah ſie ſich unleugbar vorſichtiger und ge⸗ ſetzter halten als vordem. Sie hatte, wie wir auch das ſchon erfuhren, anſcheinend nicht eine Verbindung im Schloß, die man ihr hätte übel deuten können. Betrog ſie am Ende jetzt den Franzoſen und ließ ihn und den Bruder ſich allein bloßſtellen, um ſelbſt deſto feſter zu ſtehen? Alle dieſe Gedanken erfüllten des treuen Mannes Kopf und ließen ihn während der folgenden Nacht, was ihm ſonſt ſo gut wie nie paſſirte, wenig oder gar keine Ruhe finden. Er machte ſich endlich in ſeiner Verzweif⸗ lung eine gute Stunde früher aus dem Bett, als er es gewohnt war, ging in den Stall und ſattelte ſein Pferd, um bei einem Ritt durch den thaufriſchen Morgen Ruhe und Klarheit zu ſuchen. Das war ſein altes Mittel, und als er nun langſam dahinritt und ſich bald die Felder anſah und bald dem Rauch ſeiner Pfeife nachblickte, fühlte er ſich auch alsbald wieder behaglicher und fing an, die Dinge mit ſeiner alten Kaltblütigkeit zu betrachten. Er hatte, vom Schloßberge herabkommend, unwill⸗ 118 ürlich den Weg eingeſchlagen, der von Tolleneck gegen den Engpaß hin führte, durch welchen man auf die uns ſchon be⸗ kannte Gebirgsſtraße gelangte, und war bereits in die Schlucht hineingeritten, als er einen anderen Reiter ſich ent⸗ gegenkommen hörte. Denn zu ſehen war hier nirgends weit, da der Weg ſich vielfach zwiſchen den nahe herantretenden und hoch aufſteigenden Felſen hin⸗ und herwand. Buchhagen hielt ſein Pferd an und harrte des Entge⸗ genkommenden mit einer Art von Neugier. Wer konnte jetzt, da kaum die Sonne über den Horizont getreten war, ſo thöricht ſein wie er ſelbſt, fragte er ſich, und in ſolcher Frühe das Bett verlaſſen und obendrein ſchon durch das Gebirge kommen, wo es neuerdings weniger geheuer war als je?— Und während er noch ſo dachte, wurde der Reiter dort vor ihm neben dem Felsvorſprung ſichtbar und ein nicht wenig verwundertes:„Ei, was Tauſend, was führt Ihn denn hieher, Meiſter?“ entrang ſich Buchhagens dicken Lippen. „Ja was, Herr Inſpector, ſind Sie's wirklich?“ ſchallte es zurück und Herr Wentzel der Müller und Wirth vom Waſſerkopf, ritt auf einer Fuchsſtute, die ſo dick und glatt war, wie er ſelber, gemächlich zu Bnchhagen heran. „Na, Herr Inſpector,“ fügte er dann die Kappe von ſeinem dicken, faſt noch ſchwarzen Haar lüftend, hinzu, „heiß ich das Glück oder Unglück, daß ich Ihnen hier be⸗ gegne? Ich wollte gerade zu Ihnen—“ ———— ———— 119 „Zu mir? fragte der Wirthſchafter überraſcht. Wentzel war ſeit den Geſchäͤften bei der Ablöſung ſeines Beſitzes nicht auf Tolleneck geweſen und zog es vor, wenn es irgend etwas abzumachen gab, auf den ziemlich häufig an der Mühle vorbeire itenden Buchhagen zu warten oder mit demſelben durch Boten zu verkehren. Ueberhaupt entfernte er ſich von ſeinem Eigenthum nur ſelten und ſtets ungern. „Ja, ja, zu Ihnen,“ ſagte er nun, ſich ein wenig am Kopf kratzend und die klugen Augen gingen dabei raſtlos nach allen Richtungen.„Es hat da Jemand mir ein ganz nettes Fruchtgeſchäft angeboten, zu dem ich auch wohl Luſt hätte, wenn ich nur die Mittel dazu im Hauſe hätte oder aufzutreiben wüßte. Allein, was da iſt, reicht nicht, und das Andere iſt nicht flüſſig. Und da—“ „Da kommt Er zu uns?“ fiel Buchhagen noch ver⸗ wunderter ein. Dies Geſuch war noch auffälliger als der Beſuch ſelber, denn der Müller war nicht allein ſehr wohl⸗ habend, ſondern hatte auch vermöge ſeiner von uns früher angedeuteten Stellung Credit in unbeſchränktem Maße auf Stellen, die keinem Anderen als ihm bekannt und zu⸗ gänglich waren. „Na ja,“ verſetzte er jetzt vollkommen unbefangen, aber er ſah ſich dabei von Neuem um und ſprach auch lauter, als es ſonſt ſeine Gewohnheit;„weshalb ſollte ich's denn nicht? Der Baron iſt ja ein guter Herr und hat 120 ſeinen Unterthanen, zu denen ja auch ich gehörte, ſtets unter die Arme gegriffen. Sie könnten da wohl ein Wort für mich einlegen, ſicher bin ich. Da aber der Herr In⸗ ſpector gerade unterwegs ſind, fürcht' ich—⸗ „Na, das hat nichts auf ſich,“ meinte der Wirth⸗ b ſchafter.„Ich reite da nur, ſo zu ſagen, plaiſirshalber. Aber preſſirt es denn ſo arg?“ „Ja, ich muß das Geld bis heut' Nachmittag zahlen—“ „Ach was, dummes Zeug, da kann Er ſich ſelber I ſagen, daß nichts zu machen iſt.“ „Ei, Herr Inſpector, eine kleine Schrift vom Herrn Baron thut es ja auch,“ ſprach der Müller,„und wenn Sie es verſuchen wollten—“ Es mußte in dem Blick, den Meiſter Wentzel bei dieſen durchaus nur zweckentſprechenden Worten auf Buch⸗ hagen richtete, doch wohl etwas Beſonderes liegen, denn der Letztere ſchaute plötzlich mit ſehr verändertem Ausdruck auf ſeinen Begleiter und meinte dann auch ſein Pferd her⸗ umlenkend: „Nun gut, Meiſter, ein Unmenſch bin ich, wie Er weiß nicht, und einen Verſuch kann man ſchon machen. Komm’ Er hier heran und ſetz' Er mir das Geſchäft ein⸗ mal ordentlich auseinander.“ Meiſter Wentzel trieb mit ſehr vergnügten Geſicht ſei⸗ nen dicken Fuchs vorwärts und begann mit großer Sach⸗ — ——— 121 kenntniß und einer ebenſo großen Ueberredungsgabe ſeine Auseinanderſetzung, während der Wirthſchafter gleichfalls als Mann vom Fach zuhörte und bald durch Geberden, bald durch wirkliche Einwürfe bewies, daß er dem ſchlauen Burſchen gegenüber, der ſelbſt vom beſten Freund gele⸗ gentlich einen kleinen Profit zu erlangen ſuchte, ſeine fünf Sinne bei einander hatte und hübſch auf ſeiner Hut war. Sie ritten dabei gemächlich weiter, ebenſo, wie ſie ſich auch im Sprechen nicht übereilten, und hatten ſchon einen guten Theil ihres Thema's abſolvirt, als ſie die Schlucht und den daran ſtoßenden kleinen Buſch paſſirt hatten und nun durch die prachtvollen Wieſen dahin zogen, welche hier die Straße zu beiden Seiten begränzten. Da zügelte Buchhagen ſein Pferd, langte Stahl und Stein hervor, um ſich die neu gefüllte Pfeife anzuzünden, und als dies Geſchäft zu ſeiner Zufriedenheit beendet und er den Gaul von Neuem angetrieben hatte, wandte er den Kopf zu ſeinem Begleiter und ſagte mit einem ſchlauen Lächeln:„Na Meiſter, jetzt möcht' ich aber wiſſen, ob das Alles nur Flauſen ſind, oder ob Er wirklich Geld haben will?“ „Ha nun, das nehm' ich immer,“ entgegnete Wentzel grinſend,„allein die Wahrheit zu ſagen— die Hauptſache iſt's nicht. Sie haben ganz Recht. Aber es half nicht, ich mußte damit heraus, denn hätt' uns Einer belauſcht— und der Teufel hol' mich,“ fügte er energiſch, und mit 122 außerordentlichem Ernſt hinzu,„ich glaube das!— ſo ging's mir an den Kragen!“ „Ho ho, Meiſter! Bange machen gilt nicht!“ ſagte Fritz Buchhagen lachend; dieſe Beſorgniß des Wirths war ihm an dem pfiffigen und zugleich ſtandfeſten Mann etwas gänzlich Neues. „Wie ich ſage, Herr Inſpector,“ verſetzte Wentzel jedoch unverändert,„'s iſt eine Geſchichte zum Halsbrechen, und wäre nicht auf der einen Seite der Herr Baron, mein alter Herr, den ich juſt ſo lieb habe, wie das ganze Land umher, und auf den wir Alle ſehen; und wären's nicht auf der anderen Seite dieſe Lumpenhunde von Franzoſen, die Knauſer und Geſchäftsverderber nnd Leuteplager, und Großmäuler, die mir wie Galle im Halſe ſtecken, ſo würd' ich kein Narr ſein, mein lieber Herr Inſpector; das iſt ein Fact.“ „Na alſo?“ fragte Buchhagen, der trotz ſeiner ernſtli⸗ chen Ueberraſchung und großen Neugier jetzt, wo er plötz⸗ lich aus all ſeinen Zweifeln und Sorgen heraus und zu einer wenn auch unliebſamen Gewißheit gelangen zu können ſchien, ſein volles Phlegma wieder gefunden hatte, und da er das Kommende noch nicht wußte, vor allen Dingen nach keiner Seite hin ſich eine Blöße geben wollte. „Na alſo,“ entgegnete Wentzel und trotz ihrer offenen Umgebung ſah er ſich vorſichtig um und redete leiſe„man will dem Herrn zu Kleide—“ 123 „Dem Baron? Und wie?“ fragte der Wirthſchafter doch haſtig. „Ja, wie! Das iſt eben noch der Haken!“ meinte Wentzel ſich am Kopf kratzend.„Sehen Sie, der Bären⸗ bauer—“ „Der von damals, Meiſter, oder der rechte?“ „Der von damals, Herr,“ ſagte Wentzel grinſend. „der hat wieder ſein Weſen bei uns, bald ſelber, bald auch durch allerlei Boten und Geſandte. Es wimmelt von aller⸗ hand Burſchen, welche nicht zu uns gehören; es ſind auch Gensdarmen da und Douaniers und— ich möchte darauf ſchwören!— verkappte Soldaten und daneben noch echte in der Montur, meiſtens unter dem Vorwand, daß man den Paſchern und Strolchen zu Leibe und ihrem Treiben ein für alle Mal ein Ende machen wolle. Sie werden wohl davon gehört haben?“ „Ungefähr,“ meinte Buchhagen,„doch nicht, daß es etwas Beſonderes gäbe.“ „Doch, es iſt beſonders. Der— Bärenbauer ſteckt ſelber dazwiſchen, ſagt' ich ſchon. Er iſt ein paarmal bei mir in der Mühle geweſen, im kleinen Cabinet, möchte faſt meinen, um eine Parole auszugeben und Meldungen zu hören. Habe Geſichter geſehen, die mir noch im Leben nicht begegneten—“ „Nun ja, ja, das Alles iſt ſeltſam genug,“ fiel Buch⸗ hagen ein wenig ungeduldig ein,„aber woher weiß Er, daß das auch gegen uns geht?“ „We iß es, Herr Inſpector. Ein biſſel Horchen iſt keine Sünde für Unſereinen, aber es iſt damit nicht ein⸗ mal genug, ſondern gerade heraus davon die Rede geweſen. Der ſchwarze Baſtian— Sie kennen ihn wohl'; es iſt ein wilder Gaſt, aber das Herz hat er doch auf dem rechten Fleck und die Franzoſen haßt er!— hat eine Anfrage erhalten, ob der auf Tolleneck gut Beſcheid wiſſe oder es verſtehen würde, ſich von Allem und Jedem gute Kundſchaft zu verſchaffen. Er iſt ſo klug geweſen nicht Nein zu ſagen, ſondern mit mir davon zu reden, und ich hab' ihm gerathen, die Sache in keines Anderen Hände kommen zu laſſen, damit wir immer Beſcheid wiſſen und zur rechten Zeit einen Pfahl vorſchlagen können.“ Buchhagen entgegnete, da der Müller innehielt, nichts, ſondern ritt ſchweigend weiter, der bereits nahen Allee zu, welche zum Tollenecker Schloßhofe hinauf⸗ führte.—„Er denkt alſo,“ ſagte er endlich,„ſie möchten das Stücklein vom vorigen Herbſt wiederholen und uns droben im Schloß unter der Maske von Strol⸗ chen und Räubern überfallen! Aber wozu, Meiſter? Was wollen ſie?“ Wentzel zuckte die Achſeln.„Ha nun, Herr In⸗ ſpector,“ entgegnete er,„ich denke mir etwa, ſie wollen hinter die Geheimniſſe der Herrſchaften kommen, um ———2* — 125 dieſe dann mit Fug und Schick im Sack zu haben was ſie jetzt nicht riskiren, da, wie ich mir habe ſagen laſſen, unſer Baron bei dem Jerome und auch ſonſt in Kaſſel noch gut angeſchrieben iſt, während Andere und zumal die Franzoſen ihm nur zu gern zu Kleide möchten.“ Buchhagen nickte leiſe vor ſich hin. Das war eine Beſtätigung ſeiner eigenſten und geheimſten Gedanken, wie er ſie ſich nicht beſſer wünſchen konnte. Des Mül⸗ lers Verbindungen erſtreckten ſich weit über das Land und, wäre es auch nur durch die Dienerſchaft geweſen, bis in die erſten Kreiſe und vornehmſten Häuſer der Reſidenz. „Sie ſind ſchon dabei geweſen,“ redete Wentzel ſchneller weiter.„Ich muß es Ihnen raſch ſagen, Herr Inſpector, denn droben im Schloß ſprech' ich nicht gern davon, da ich nicht weiß, ob's nicht zu unrechten Ohren kommt. Nehmen Sie ſich in Acht, Sie haben den Feind ſchon im Hauſe. Der blaſſe, leibarme Geſell iſt ſeit Kurzem zweimal in meinem Hauſe geweſen mit dem— Bären— na der Teufel hol's, mit dem feinen Fran⸗ zoſen zuſammen,— ſie nennen ihn unter ſich Meiſter Jean, aber es ſoll ja der Vernay ſelber ſein!“— „Der Hippolyt— wirklich?“ fragte Buchhagen ge⸗ dämpft— er war ſehr überraſcht, faſt beſtürzt. „Ja, der,“ ſagte der Müller,„und ich hab' es gehört, die luſtige Dame, ſeine Schweſter, ſoll von die⸗ ſem Verkehr nichts wiſſen, was mir noch curioſer vor⸗ kommt, da ſie doch ſelber mit dem Franzoſen zu thun hat.“ „Kommt ſie auch zu Ihm, Wentzel?“ fragte Buch⸗ hagen von Neuem, im gleichen Tone wie vorhin. Der Müller ſchmunzelte.„Na, wo denken Sie hin, Herr!“ ſprach er;„die hat ſich einen Boten aus⸗ geſucht und zwar auch wieder einen curioſen— den Vincenz—“ „Den Vincenz? Alſo doch?“ murmelte Buchhagen. „So, Sie wiſſen ſchon davon?“ meinte der Mül⸗ ler,„na, das iſt gut, denn als ich dahinter gekommen bin, hab' ich keinen kleinen Schreck gekriegt, da der Burſche ja im vollen Vertrauen des Herrn Barons war. Und ich ſag's offen,“ fuhr er kopfſchüttelnd fort,„als mir der Hans— Sie kennen ja den Buben— heut' Morgen davon erzählte, daß er auch heut' Nacht da geweſen mit einem Packet von der Dame an den Meiſter Jean—“ Buchhagen pfiff leiſe vor ſich hin. „Wiſſen Sie das auch ſchon?“ fragte Wentzel über⸗ raſcht. „Nein, aber ich capir' etwas!“ lautete die mun⸗ tere Antwort des Wirthſchafters, der auch wunderſam heiter darein ſchaute.„Fahr’ Er fort, Meiſter! Alſo 127 ein Packet an den Herrn Jean, der vermuthlich ſeinen Verbindungspoſten in Seinem Hauſe hat?“ „Ja, der Teufel hol's, es iſt immer Jemand da, dem ich am liebſten die Thür zeigte, bald Dieſer, bald Jener!“ „Und dauert die Verbindung, die mit dem Vin⸗ cenz, mein' ich, ſchon lange?“ fragte Buchhagen wieder ernſter. Meiſter Wentzel ſchüttelte ein wenig den dicken Kopf.„Das ſolltet Ihr auf Tolleneck doch heſſer wiſ⸗ ſen als ich,“ meinte er,„denn mir deucht, in ſeinem eigenen Hauſe muß der Menſch merken, was vorgeht und weß Geiſtes Kinder die Leute ſind, mit denen er verkehrt. Und der Vincenz iſt ja längſt nicht mehr der Kerl, wie vordem, man ſieht's ihm an den Augen an, daß es nicht richtig mit ihm, und muß ihm mißtrauen, auch wenn man nicht gerade ſo viel von ihm weiß und geſehen hat, wie ich dazumal an jenem ungeſegneten Morgen.“ „Was meint Er damit?“ fragte Buchhagen, da er eine Weile vergeblich auf eine Fortſetzung der Mit⸗ theilung gewartet, mit ſichtbarer Spannung. Der Müller ſah ihn mit einem ſcheuen Blick an, bevor er zögernd ſagte:„Na, Herr Inſpector, davon wollte ich eigentlich nicht reden, denn es geht mich nichts an und iſt obendrein ein halsbrechend Ding. Ich habe ſo ſchon Feinde genug in der Welt und brauche nicht einen neuen mehr, zumal wenn's der Vincenz Tolle wäre. Aber, da ich einmal A geſagt, muß ich auch wohl an's B. Ich meinte nur, das ich es zufällig von drüben, bei der Fähre her mit angeſehen habe, wie der Vincenz den armen Teufel— ſie hießen ihn ja wohl Felix?— den donnermäßigen Sprung droben vom Fels herab machen ließ—“ „Der hat den Jungen heruntergeſtoßen? Meiſter, das iſt nicht wahr!“ ſprach Buchhagen mit tiefer, lei⸗ ſer, bebender Stimme. „Das iſt ſo wahr, wie ich hier ſtehe,“ entgegnete Wentzel kaltblütig.„Es war zwar ein Biſſel weit, aber meine Augen ſind gut, und den Vincenz kenn' ich auf eine Meile, Herr Inſpector?“ „Kann Er das beſchwören, Wentzel?“ fragte Buchha⸗ gen in demſelben Tone wie vorhin. „Beſchwören? Vor Gericht? Gott behüte mich, Herr Inſpector,“ verſetzte der Müller mit ſichtbarem Schreck.„Damit hab' ich nie und unter keinen Um⸗ ſtänden etwas zu thun.“ Sie waren inzwiſchen die Allee entlang geritten und bis zum Hofthor gelangt.„Nun gut,“ ſprach Buch⸗ hagen nach einer Weile,„das will noch weiter beredet ſein. Einſtweilen komm' Er mit mir hinein, daß wir wegen Seiner Sache gleich mit dem Baron reden, denn — 129 es ſcheint mir jetzt freilich auch nothwendig, daß wir uns mit all dieſem vorſehen. Wenn's ſo mit dem Vin⸗ cenz ſteht, wiſſen es auch die Anderen bald genug, daß Er da iſt und die ſollen nicht argwöhniſch werden. Sieht Er— wenn man nur Glück hat!— Da iſt der Baron ſelbſt!“ ſchloß er, auf die beiden alten Freunde deutend, welche gerade aus dem Schloſſe traten. Edmund Hoefer; Tolleneck. III. 9 Siebentes Capitel. Sin Anfall der Generalin. Ob das Geldgeſchäft des Müllers zu ſeiner Zu⸗ friedenheit abgemacht wurde, wiſſen wir nicht. Jeden⸗ falls iſt es gewiß, daß der Mann ein paar Stunden ſpäter, von ſeiner Aufnahme im Schloß und bei dem Herrn ſichtlich überaus erbaut, ſeinen dicken Fuchs wie⸗ der beſtieg und den Schl oßberg hinabritt. Den Baron hatte er freilich nur gleich Anfangs und zuletzt ein paar Augenblicke geſprochen; da dieſer ſich jedoch niemals ſelbſt auf Geſchäfte und Verhandlungen mit derartigen Leuten einließ, ſie vielmehr ein⸗ für allemal an ſeinen „allmächtigen Miniſter“ verwies, wie er Buchhagen wohl zu heißen pflegte, ſo war darin nichts Auffälliges noch irgend etwas, was den Bittſteller ſelbſt hätte verdrießen können. Im Gegentheil verdankte Hartwig Aare dieſer 131 von jeher feſtgehaltenen Weiſe, ſo unglaublich das auch manchem Volksmanne der Jetztzeit erſcheinen mag, einen großen Theil der Popularität, der Achtung und Liebe, die ihm hier zu Lande gewidmet wurden. Durchaus wohl⸗ wollend und freundlich, und des Tones, der ſolchen Menſchen der liebſte iſt, vollkommen mächtig, wich er allen Einzelheiten aus und behielt ſich nur das Ganze, den Abſchluß vor. Der Beſuch Wentzels, ſein Verkehr mit Buchhagen und ſeine kurzen Audienzen beim Baron, wie Hippolyt es lachend hieß, waren nicht von dieſem allein beobachtet worden. Der junge Herr war beim erſten„Empfange“ ſogar perſönlich zugegen geweſen, da er neuerdings von ungewöhnlicher Rührigkeit, ſchon zeitig im Gange war und gleich nach den beiden alten Freunden das Schloß verlaſſen hatte. Er hatte daher auch geſehen, wie vollkommen un⸗ befangen des Müllers Annäherung und Buchhagens kurze Mittheilung über das Begehren des Mannes, wie launig und munter des Onkels Erwiederung geweſen, welcher lachend meinte:„Geld, Wentzel? Ei, ich möchte lieber zu Ihm kommen! Aber geh' Er nur mit Fritz und ſag' Er mir hernach, was Er mit dem abgemacht.“ „CTreiben Sie mit dem Geſchäfte? fragte Hippolyt, als der Müller ſich mit Buchhagen entfernt hatte, im Tone unverhehlten Erſtaunens. „Geſchäfte? Was verſteht der Herr Neveu darunter?“ 9* 132 entgegnete Hartwig in der halb ſpöttiſchen, halb eiskalten Weiſe, die er gegen den Neffen eigentlich ſtets beobachtet. „Will der Mann ein Anlehen machen, wie ich zu verſtehen meinte, und ich kann ihm helfen,— weshalb nicht?— Beiläufig, was weiß der Herr Neveu von ihm, wenn man fragen darf?“ „Nun, Onkel, man lebt nicht beinah ein Jahr auf Tolleneck, ohne von dem Schmuggler⸗ und Räuberwirth Wentzel zu hören und bei Gelegenheit einmal auch ſeine Spelunke kennen gelernt zu haben,“ lautete Hippolyt's lächelnd gegebene Antwort.„Man muß ja dort ſogar an⸗ halten— bekommt man Vorſpann oder läßt man ihn dort zurück? Ich habe nicht darauf geachtet.“ „Hm, alſo laß den Mann gehen. Du verſtehſt der⸗ gleichen Dinge nicht,“ brach der Baron das Geſpräch ab. Beim Mittagseſſen kam jedoch auch Lucie auf den Müller zu reden.„Ich war ganz erſchrocken, als ich ihn auf dem Hofe erblickte,“ ſagte ſie,„denn der Mann hat mir die zwei oder drei Male, wo ich ihn abreiſend oder anlangend ein paar Minuten geſehen habe, einen unheimlichen, abſtoßenden Eindruck gemacht. Auch hat mir damals Herr von Vernay von ihm wie von einem Original, aber auch einem der verdächtigſten und gefähr⸗ lichſten Charaktere in dieſem ganzen Landtheile erzählt, — er ſoll die Douanen, die Gensdarmen, die Behörden an der Naſe herumführen, ſo daß noch Niemand hinter 133 ſein Treiben zu kommen vermochte, obgleich man faſt ſicher weiß, wie verbrecheriſch dies Treiben iſt. Ich würde ihn, wenn ich auf Tolleneck etwas zu ſagen hätte, mit Hunden—“ „„s iſt nicht Mode bei uns, Kind!“ fiel Baron Hartwig trocken ein, fuhr dann jedoch in launigerem Tone fort:„übrigens muß ſich der Meiſter ja ſchier bedanken für den Ruf, in den er ſogar über den Wald⸗ gau hinaus gekommen! Verdächtiger und gefährlicher Charakter— Teufel auch! Hab' ich doch in meinem Leben noch nicht gewußt, daß es unter unſeren hieſigen Dickköpfen auch Charaktere geben möchte! Was ſo ein Vicomte nicht Alles aus den armen Menſchenkindern herausfindet!“ „Ah, Vernay meinte ja ganz etwas Anderes, Onkel,“ bemerkte Lucie lachend.„Er— „Scheint ungemein viel Zeit zu haben zum Stu⸗ diren ſolcher Charaktere, das verſteh' ich,“ unterbrach Hartwig ſie von Neuem ziemlich trocken.„Mag er, das iſt ſeine Sache, und ob die Herren Franzoſen den Müller endlich laufen laſſen oder inhaftiren und inquiriren und meinetwegen aufhängen— was geht das uns an? Ein Mann für Damen iſt der dicke Wentzel in der That nicht, und von den Männern paſſen auch nicht viele zu ihm. Wenn er mich aber um einen Vorſchuß angeht, wie heut, und mir und Buchhagen Sicherheit gewährt 134 — das iſt etwas Anderes! Wir taxiren die hieſigen Charaktere nach anderem Maßſtabe als die Herren Vicomtes.“— Lucie tauſchte mit Hippolyt einen Blick aus, der ſo flüchtig und vorſichtig er war, dennoch von Hildegard zufällig aufgefangen wurde und das junge Mädchen ſehr nachdenklich machte; denn trotz allem natürlichen, gelegentlichen Verkehr der Geſchwiſter war gerade in der letzten Zeit von einem wirklichen Einverſtändniß der⸗ ſelben ſo wenig ſichtbar geworden, wie irgend denkbar. Und es war dem Mädchen, ohne daß es ſich klar zu machen verſtand, weshalb, wie eine Art Troſt erſchienen, daß die Beiden bisher, dem Anſcheine nach, jeder einzeln ihren Weg machten, ja daß Hippolyt ſich erſichtlich um nichts bekümmerte, als wie er ſeinen Tag am ſchnellſten und behaglichſten hinbringe, während ſeine Schweſter freilich ſich ſicherlich mit Plänen trug und Zwecke ver⸗ folgte, welche, wie wir wiſſen, allen Tolleneckern mit Ausnahme des alten Barons täglich mehr zu ſorgen gaben. Der Blick war vorüber; das Geſpräch wurde um ſo weniger fortgeſetzt, da es augenſcheinlich dem Baron nicht angenehm, abgeſehen davon, daß der alte Herr überhaupt in einer verdrießlichen Stimmung war, welche ſich, zumal wie er ihr eben gegen die Nichte Raum ge⸗ 135⁵ geben, Allen als höchſt ungewöhnlich bemerkbar machen mußte. Man ſtand von Tiſche auf, man ging früher aus einander, als man es ſonſt gewohnt war, und es fiel Hildegard von Neuem auf, daß die Geſchwiſter zuſammen die Treppe hinaufſtiegen, ſo viel ſie ſehen konnte, freilich ohne ein beſonders angelegentliches Geſpräch mit ein⸗ ander zu führen. Im Gegentheil drangen zu ihr, die ihnen in einiger Entfernung folgte, einzelne Wörter, welche auf die gleichgültigſte Unterhaltung hinzudeuten ſchienen. Allein ſchon daß ſie zuſammengingen und daß Hippolyt gar nicht daran dachte, nach ihr, Hilde⸗ gard, zu ſehen und ſeine Begleitung ihr aufzunöthigen — etwas das ſie zu jeder anderen Stunde nur befrie⸗ digt haben könnte— mußte ihr Nachdenken immer mehr erregen. Waren denn die da wirklich Allirrte, und gab es in dem„hohlen langweiligen“ Kopf, den das junge Mädchen reſpectwidrig genug dem Vetter zu⸗ traute, überhaupt etwas wie Gedanken?— Hildegard ging heute nicht, wie ſonſt um dieſe Zeit, zu Anne Marga⸗ rethe. Sie blieb mit ihren Gedanken allein. Ging es etwa auch den Anderen ſo, oder war es Hartwigs Mißſtimmung, welche einen gewiſſermaßen läh⸗ menden Eindruck machte,— man fand ſich heut' Nach⸗ mittag überhaupt nicht recht zuſammen. Erſt gegen Abend, da die große Hitze des Tag's ſich zu verlieren anfing, ſuchte Hildegard, wie ſie es inzwiſchen gewohnt geworden, die Generalin auf, um mit dieſer den herkömmlichen Spaziergang zu machen. Die Damen verließen das Schloß, ohne von den Uebrigen Jemand zu erblicken, und wand⸗ ten ihre Schritte der Allee und dem Dorfe zu. Es war wie geſagt ein ſehr heißer Tag geweſen, und als die Spaziergängerinnen von der Höhe immer weiter hinab zu Thal kamen, empfanden ſie die Schwüle noch auf's drückendſte, ſo daß ſie unſchlüſſig zwiſchen Fortſetzung ihres Ganges und Rückkehr in's Schloß hin und her ſchwankten.„Wäre Euer Berg nur nicht!“ meinte die Generalin lächelnd;„meine alten Füße er⸗ freuen ſich ſeiner ganz und gar nicht.“ „So laſſen Sie ſich einmal von mir führen, Mama,“ meinte Hildegard,„und kommen Sie zum Fluß. Dort iſt's immer kühl und unſer alter Schiffmann verſteht das Boot prächtig zu regieren, ſo daß Ihnen eine kleine Fahrt Freude machen wird. Es iſt wunderlich genug, daß wir in der ganzen Zeit noch gar nicht auf's Waſſer ge⸗ kommen ſind,“ fügte das Mädchen hinzu, den kleinen dunklen Kopf ſchüttelnd. „Wunderlich?“ wiederholte Frau von Leſthen in einem gewiſſen nachdenklichen Tone.„Im Gegentheil, natürlich, mein' ich. Denn wann ſind wir in dieſen letzten Wochen ſo allein draußen geweſen, wie heut'? Und wie man auch über Deine Verwandten und meinen alten lieben 137 Mann urtheilen mag,— ein Naturfreund, wie man es ſein muß, wenn man gerade an ſolcher Fahrt Vergnügen finden ſoll, iſt nicht zwiſchen ihnen.“ „Ja, Gott weiß, Mama, daß man uns unſer Bei⸗ einanderſein ſeither ſehr verkümmert hat,“ ſagte Hilde⸗ gard nach einer Pauſe, als habe ſie von der Antwort der Matrone nur dieſe eine Bemerkung aufgefaßt, und ſchmiegte ſich innig an den Arm der mütterlichen Freundin. „Mir iſt, als käm' ich gar nicht mehr zum rechten Aus⸗ ſprechen gegen Sie, und das iſt mir doch ein ſo liebes Bedürfuiß,“ fügte ſie zärtlich hinzu. Frau von Leſthen lächelte innig.„Und doch benützeſt Du unſere Einſamkeit ſo wenig,“ erwiederte ſie ſcherzend. „Ich glaube, Du haſt von Tolleneck herab bis hieher keine zehn Worte frei herausgeſprochen, und ich fürchtete ſchon, das Köpfchen hier fange an, Geheimniſſe vor mir zu haben. He, Kleine?“ „Oh, Mama, das glauben Sie gewiß nicht,“ ſprach Hilda eifrig.„Aber Recht haben Sie doch— ich bin oder war auch nicht frei, ſondern habe mich ſeit dem Mittagseſſen mit recht widerwärtigen Gedanken geplagt, von denen ich nicht einmal weiß, ob ich Ihnen damit kommen ſollte.“ „Ich ſagt' es wohi, Hilda,“ meinte die Generalin von Neuem lächelnd,„es iſt nicht richtig in Deinem kleinen Kopf. Wie kämeſt Du ſonſt zu ſolchen Zweifeln?“ „Und doch, Mama!“ ſagte Hildegard, ernſt zu ihr aufblickend.„Ich fühle es gut genug, wie wenig Intereſſe für Sie manches haben muß, was uns hier in Spannung erhält und quält, ja, wie widerwärtig es Ihnen zum Theil ſein mag. Aber Sie ſind ſo ſehr gütig, und ich bin ſo allein—“ „In der That, es muß noch ſchlimmer mit Dir ſtehen, als ich gefürchtet habe,“ bemerkte die Dame gleichfalls ernſter.„Solche Gedanken ſind geradezu thöricht. Hier aber iſt ja etwas, wie ein kleiner Hafen und ein hübſches Boot,“ brach ſie ab.„Wollen wir noch fahren?“ „Ja, Mama, wenn es Ihnen recht iſt. Wir ſind nirgends einſamer als auf dem Waſſer, denn der alte Römer, der Schiffsmann, iſt harthörig,“ ſagte Hilda und eilte in das Häuschen neben der Bootsſtelle, um den Genannten abzurufen. Zehn Minuten darauf ſtießen ſie in dem zierlichen Boote ab und ließen ſich langſam ſtrom⸗ aufwärts, der wohlig friſchen, aus dem Gebirge herüber⸗ ſtreichenden Abendluft entgegenrudern. Da ſprach Hildegard nicht nur von dem, was ihr Mittags aufgefallen war, ſondern überhaupt auch über die Geſchwiſter und ihre Stellung zu den Bewohnern von Tolleneck ſo offen, wie es bisher noch nie geſchehen war, da Frau von Leſthen begreiflicherweiſe gerade vor Hildegard dies Thema am allerwenigſten berührt, und die Letztere gleichfalls eine ſehr natürliche Scheu davor 139 gefühlt hatte. Die Matrone hatte auch hier wieder zu er⸗ ſtaunen über die Schärfe der Auffaſſung, welche ſie bei dem früher ſo lebhaften und wilden und jetzt verhältniß⸗ mäßig ſo ſtillen Kinde, das ſie ſo gut wie die anderen ihm Naheſtehenden nur in ſeinen eigenen Empfindungen und Träumen befangen geglaubt, gar nicht vermuthet hatte, und ſie fühlte ſich zugleich zu einer neuen ſtillen An⸗ klage Hartwigs gedrängt, deſſen Erziehungsweiſe es mög⸗ lich gemacht, daß Hilda von Dingen erfuhr und einen Einblick in Verhältniſſe that, die im Sinn der Generalin einem ſo jungen Mädchenkopf ſtets hätten fremd bleiben ſollen. Es war ihr peinlich zu hören und noch peinlicher faſt über das Gehörte zu reden. Sie begnügte ſich auch mit dem Verſuch, die Kleine ſo viel wie möglich zu be⸗ ſchwichtigen und ſie von den mißtrauiſchen Gedanken und Befürchtungen abzuziehen.„Du mußt es nicht vergeſſen, mein Kind,“ ſagte ſie zuletzt,„es ſind Deine Verwandten und obendrein Gäſte Deines Großvaters, und wenn ſie Dir auch nicht lieb ſind, ſo müſſen ſie Dir doch recht ſein, ſo lange es Deinem Großvater genehm iſt, während Du von dieſem ſicherlich vorausſetzen darfſt, daß er Dir nichts und niemand zu nahe treten läßt— Du biſt nur gar zu ſehr ſein Liebling und Verzug!— und daß er ſelber Herr in ſeinem Hauſe bleibt. Ich kenne Deinen Großvater jetzt ſchon ſehr, ſehr lange, und wenn es mir trotzdem zuweilen begegnet, daß ich ihn und ſein Handeln nicht ganz verſtehe, ſo halte ich doch die Ueberzeugung feſt, daß er im Recht iſt und dies uns auch demnächſt beweiſen wird. Denn ob er auch der„Tolle von Aare“ heißt,— er iſt furchtlos, treu und voll Ehre, wie einer der alten Ritter; und hat er zuweilen ein wenig gar zu viele Luſt an Intrignen und— Späßen, ſo beſitzt er daneben auch den klarſten Blick und eine mächtige Energie, mit der er das Netz im Falle der Noth unwiderſtehlich zerreißt. Daran halte feſt.“ Da ſie ſo ſprach, war das Boot, längſt gewendet und jetzt vor luſtig geſchwelltem Segel, der Landeſtelle in dem Dorfe Tolleneck bereits wieder nahe, ſo daß die Erwiede⸗ rung Hildegards dadurch abgeſchnitten wurde. An dem kleinen Hafen, wie man den engen Platz wohl heißen mußte, erſchienen eben Hartwig und der General und riefen den Damen halb neckend, halb zankend über das Wageſtück entgegen. Denn der Wind hatte ſich in den letzten Augen⸗ blicken ganz zur Ruhe gegeben, und von dem Gebirge her kam eines jener Gewitter, deren Schnelle wir ſchon einmal im Laufe unſerer Erzählung kennen lernten. „Raſch!“ ſchrie der Baron dem alten Schiffer zu, der wie zum Zeichen ſeines Gehorſams an der Kappe rückte und das Segel fallen ließ, ſo daß das Boot durch die Strö⸗ mung allein dem Landeplatze zugeführt wurde. Hier hatte ſich inzwiſchen aber ein kürzlich angelangter Fiſcherkahn vorgeſchoben, und wenn die herbeieilenden Beſitzer ihn 141 jetzt auch ſchnell auf die Seite brachten, ſo gab es doch einen kleinen Aufenthalt, einen Stoß, den der entgegenge⸗ ſtemmte Bootshaken Römers nicht ganz abzuwenden ver⸗ mochte; die Damen waren aufgeſtanden, das Boot ſchwankte, und im nächſten Moment und ohne daß Jemand zu ſagen vermocht hätte, wie es gekommen, fiel die Generalin und ſtürzte über Bord, während Hildegard gleichfalls zurückſin⸗ kend, ſich an den entgegengeſetzten Rand klammerte und nur dadurch das leichte Fahrzeug vor völligem Umſturz bewahrte. Der Fluß war gerade hier, um den Kähnen das An⸗ legen zu erleichtern, künſtlich vertieft worden, die Strö⸗ mung ging ſehr raſch und die Gefahr für die Verunglückte war keine geringe. Doch war auch die Hülfe ſchon da, denn faſt noch während der Sturz erfolgte, hatte ſich Vin⸗ cenz Tolle, der aus dem Dorfe kommend, vorübergehen wollte, wie er ging und ſtand ins Waſſer geworfen und hob ein paar Secunden ſpäter den ſchweren, bereits leblo⸗ ſen Körper der Matrone ihrem Gatten und dem Baron entgegen. Das Haus des alten Bootsmanns war keine zwanzig Schritte weit entlegen; dahin ſchaffte man ſie und ließ die auf den Tod erſchrockene, aber gewaltſam ſich auf⸗ raffende Hildegard mit einigen herbeigeeilten Nachbars⸗ frauen ſo gut wie möglich für ſie ſorgen, während der Jä⸗ ger, ſchon wieder aus dem Waſſer, aus dem nächſten Stall bereits ein Pferd herausriß, ihm einen Zaum über den Kopf warf und den Schloßberg hinaufjagte, um Hülfe und Beförderungsmittel herbeizuſchaffen. Das Alles war beinah raſcher einander gefolgt, als wir es zu ſchildern vermögen. Der Schreck war gekom⸗ men und verſchwunden wie der Blitz, der droben am Him⸗ mel hinzuckte, verdrängt von der bereits erfolgten Rettung, und noch mehr gemildert durch die aus dem Fenſter des Häuschens nun erfolgende frohe Mittheilung, daß die Ma⸗ trone ſchon wieder zum Leben und Bewußtſein znrückzu⸗ kehren beginne. Die beiden alten Herren traten beruhigt auf den klei⸗ nen Flur, um ſich vor dem beginnenden Regen zu ſchützen; die Geſichtsfarbe des Generals zeigte ſich von Neuem in ihrer geſunden Röthe, und der Baron verſtieg ſich zu einem halb komiſchen, halb grimmigen Fluch über die„Thorheit der Frauenzimmer, denen das Land nicht groß genug ſei für ihre Gelüſte und Geheimniſſe.“ Und dann kam auch ſchon der Wagen vom Schloß mit friſcher Kleidung und Betten, Lucie mit der Jungfer, die ſie von ihrer letzten Reiſe mit⸗ gebracht, darin, Vincenz unermüdlich treibend auf dem Bock. Man konnte die Kranke einhüllen und einpacken und lang⸗ ſam bergan fahren. Die alte Dame war, wenn auch tief erſchüttert, doch die heiterſte und gefaßteſte von Allen; da man ſie hinaustrug, umfaßte ſie den Hals ihres Gatten mit einer Innigkeit, als ſei ſie ſelber noch jung, wie ihr Herz und ihre Liebe; den Baron lächelte ſie an.„Aergern 143 Sie ſich nicht, Hartwig,“ ſagte ſie:„Es iſt doch gut, daß wir noch eine Weile mit einander zu leben haben!“— Hildegard's Hand ließ ſie nicht los, das Mädchen mußte ſie aufs Schloß begleiten. Die Uebrigen, mit Ausnahme des Generals, der Vin⸗ cenz Platz auf dem Bocke einnahm, blieben zurück und harrten der Wiederkehr des Wagens, da der Regen in Strömen niederſchoß, obſchon das Gewitter wie häufig auch diesmal jenſeits des Fluſſes entlang gezogen und ver⸗ ſchwunden war. Der Baron war in der beſten Laune, und da Vin⸗ cenz in ſeiner Nähe ſtand, gab und ſchüttelte er ihm die Hand und ſagte freundlich, während freilich ſein Blick ſich auf das männlich ſchöne, aber ein wenig finſtere Geſicht des Jägers mit auffälliger Schärfe richtete:„Das war einmal wieder brav, mein Junge, und hat Dir bei mir ei⸗ nen neuen Stein im Brett gegeben. Hatteſt es aber auch nöthig, Menſchenkind. Wareſt ja ſeither wie ein rechter Duckmäuſer und haſt mir gar nicht gefallen. Weißt wohl, mag ſolch' verſtecktes Weſen gar nicht. Biſt Du krank?“ Der junge Mann, deſſen Geſicht ſo gut wie ſeine ganze Erſcheinung eine ſolche Frage zu einer gerechtfer⸗ tigten machte, war bei den letzten Worten ſeines Gebieters dunkelroth geworden. Er murmelte etwas von„allerdings nicht ganz, wie es ſein ſollte“— vor ſich hin, worauf Hartwig ihm auf die Schulter klopfte und ein:„Nun, ſo 144 thu' etwas für Dich und beſſere Dich!“ entgegnete. Dann wandte der alte Herr ſich zu des Jägers ſichtlicher Erleich⸗ terung von ihm ab und zu Lucien, welche dieſen kleinen Auftritt mit einem Intereſſe beobachtet hatte, das freilich von Hartwig in dieſem Augenblick ſchwerlich bemerkt wor⸗ den war. Er deutete wenigſtens, obgleich dies durchaus in ſeinem Charakter und zumal in ſeiner heutigen, ein we⸗ nig verdrießlichen Stimmung gelegen haben würde, nichts Derartiges an, ſondern plauderte in der harmloſeſten und munterſten Weiſe mit der Nichte über den Unfall und über ihre Theilnahme und thätige Hülfe.„Hätt's Dir gar nicht zugetraut,“ meinte er.„Meine Gevatterin und Du ſeid nicht gerade d'Accord mit einander, wie mir deucht.“ „Sie nennen uns in richtiger Reihenfolge,“ verſetzte die Dame achſelzuckend.„In der That liegt die Schuld nicht an mir, ohne daß ich freilich behaupten möchte, Frau von Leſthen trage ſie. Wir harmoniren nicht, das iſt Alles. Aber apropos, Onkel,“ fügte ſie mit jenem halb zärtlichen, halb ſchmachtenden Blick hinzu, der ihr Auge in ſeiner vol⸗ len Schönheit zeigte,„ich bin glücklich, daß Sie wieder heiter! Was hatten Sie heute nur, daß Sie ſo ſehr ver⸗ ſtimmt? Ich fürchtete ſchon, Ihnen ohne mein Wiſſen dazu Veranlaſſung—“ „O Redensarten!“ fiel er lachend ein.„Sei nicht dumm, Kind! Unſer eins hat auch ſeinen Pack zu tra⸗ gen, ohne dabei gefragt zu werden, ob's ihm plaſſirlich 145 oder nicht. Und überdies hatte mir der Herr Neveu den Kopf warm gemacht mit ſeinen Fragen und Ver⸗ dächtigungen. Allzugeſcheut iſt er überhaupt nicht,“ ſetzte der Baron derb hinzu;„wenn er ſich aber vollends auf Dinge einläßt, von denen er weniger weiß, als wir Anderen vom Mond, da könnt' er einen Heiligen zum Fluchen bringen.“ Der Wagen kam zurück und man fuhr hinauf, aber ein anderes Gefährt, das ihnen entgegen und ohne anzuhalten hinabraſſelte, ſagte ihnen ſchon unter⸗ wegs, daß der Unfall der Matrone nicht ohne betrübende Folgen geblieben. Buchhagen, der ſie empfing, beſtätigte das mit dem Hinzufügen, daß er in die Stadt zum Arzt geſchickt, und der General, der nur für einen Au⸗ genblick ſichtbar wurde, redete von einer Ohnmacht und folgenden heftigen Fieberſchauern. Der ſtarke Mann war felber in einer Aufregung, die nahezu krankhaft ſchien. Er war in ſeinem Leben nicht krank geweſen und hatte die Gattin nur vordem während ihrer Wochenbetten für eine kurze Zeit nicht in gleicher Geſundheit geſehen. Und hierbei hatte der alte Freund am wenigſten Troſt für ihn, da auch er nichts von Krankheit wußte und ſie in ſeiner Umgebung gleichfalls ſeit manchen Jahren nicht mehr kennen ge⸗ lernt und ſich dagegen geſtählt hatte. Gattin und Tochter, bei denen er Oerartiges erlebt, waren in ihrer Krank⸗ Edmund Hoefer; Tolleneck. III. 10 146 heit geſtorben, und es hatte ſich ſeitdem, wie wir es gerade bei Männern von ähnlichen Erfahrungen und in einem ähnlichen Fall, wie er jetzt vorlag, gar nicht ſelten finden, bei ihm der Gedanke feſtgeſetzt, daß eine rechte Krankheit auch nur zu einem ſolchen Ende führen könne. Im Folge davon verachtete und haßte er Alles, was Arzt hieß, inſofern es nicht die Heilung eines äu⸗ ßerlichen Schadens galt, auf das allergrimmigſte und hatte auch hier wieder den General zum Bundesge⸗ noſſen. Kurz die beiden alten Herren— denn Leſthen flüchtete ſpäter aus dem Krankenzimmer zum Freunde— verbrachten den Abend und ſogar auch die Nacht in einer Weiſe, wie ſie es vermuthlich noch niemals ſo troſtlos erlebt. 8 Auch der anlangende Arzt, ein noch junger Mann, brachte ihnen trotz ſeines beſtimmten Ausſpruches, daß bei vernünftiger Behandlung an keine Gefahr zu denken, keine rechte Beruhigung, etwas, das uns nach dem oben Angeführten nicht wohl verwundern darf. Erſt als er, durch die ſichtbare Verzweiflung der beiden Alten au⸗ genſcheinlich nicht zur Theilnahme bewegt, mit kaum verhehltem Lachen vor ſeiner Abfahrt am Morgen er⸗ klärte, die Krankheit ſei ſchon ſo gut wie vorüber, und die Generalin bedürfe nur noch der Ruhe und Erho⸗ lung, machte dies auf Hartwig wenigſtens den gewünſchten Eindruck.„Was, lacht der Burſch, der Naſeweis, 147 uns aus, Ludwig?“ ſagte der alte Herr halb verdrieß⸗ lich, halb ſchmunzelnd,„ſoll mich der Teufel holen, wenn ich ihm das nicht einmal heimgebe! Aber wenn er Recht hat und wir uns blamirt haben— na, Pro⸗ ſtemahlzeit, Alter! Das wäre eine ſaubere Geſchichte, zum In⸗die⸗Erde⸗Verkriechen! Donnerwetter, Ludwig, ich mag gar nicht daran denken!— Aber nun geh' hin und ſieh Dir die Frau an,“ ſchloß er.„Ich will mir den Fritz aufſuchen und mir endlich ordentlich von dem er⸗ zählen laſſen, was er mit dem Burſchen dem Wentzel gehabt.“ Der Zuſtand der Kranken konnte in der That nur noch ſo Aengſtlichen und zugleich Unerfahrenen, wie die beiden alten Herren waren, Beſorgniß einflößen. Denn obgleich ſich im Laufe des Tags, wie der Arzt es auch den Pflegerinnen vorhergeſagt, noch einige leichte Fiebererſchei⸗ nungen bemerklich machten, lachte doch Frau von Leſthen ſelber den Gatten aus und ſchickte durch ihn an Hartwig tröſtende Grüße und ließ ihm ſagen, wenn ſein in Ausſicht geſtelltes Feſt nur noch einige Tage aufgeſchoben bliebe, ſo werde ſie ſicherlich an demſelben theilnehmen können. Der Baron hatte ihr nämlich an jenem Abend unter den Linden von ſeiner Abſicht geſprochen, Bernhard und ſeine junge Frau, wenn ſie nun endlich ankämen, nach der alten Tollenecker Sitte auf dem Schloß mit einem ſolennen Feſtin zu empfangen, während er ihr zugleich erklärte, daß 10* 148 er die Sache ſo lange wie möglich geheim zu halten wünſche, um die Ueberraſchung zu vermehren. Die Generalin hatte das, ſo ſeltſam es ihr auch erſchien, ohne eine Einwendung hingenommen. Es war ihr neben allem Erſtaunen denn doch wieder lieb, den alten Herrn einmal mit einer Art von Theilnahme ſeines Sohnes erwähnen zu hören, von dem ſonſt ſeit Wochen faſt ſo wenig die Rede geweſen, als ob er gar nicht mehr in der Welt exiſtire. Hartwig wurde durch dieſe Botſchaft der Gevatterin erfreut und für Augenblicke wenigſtens aus der ernſten Stimmung erweckt, welche ihm die Unterredung mit Buch⸗ hagen hinterlaſſen hatte. Er gab ſich keine Mühe dieſelbe zu verbergen, zeigte ſie vielmehr im Laufe des Tags ſo unumwunden, daß Lucie, die ihn ſichtbar unausgeſetzt und aufs Aufmerkſamſte im Auge behielt, endlich von Neuem nach der Veranlaſſung fragte. Und da antwortete er mit einem Blick, den ſie noch nie ſo düſter an ihm bemerkt:„Mein Kind, es iſt mir auch etwas Tolles paſſirt. Aus dem geheimen Wandſchränk⸗ chen, das ich Dir einmal zeigte, iſt nicht allein ein Kaſten mit Papieren verſchwunden, die nicht für fremde Augen ge⸗ macht ſind, ſondern auch eine Aufnahme— ich möchte faſt ſagen eine Art Kataſter meines geſammten Eigen⸗ thums—“ Bei ſeinen erſten Worten war ein leichtes Zucken durch ihre Augenwinkel gegangen, jetzt aber zeigte ſie ſich ſo — 149 ſichtbar erſchrocken, daß es ihm nicht entgehen konnte. Er hielt inne und meinte verwundert:„Ei, Du haſt ja wirk⸗ lich ein theilnehmend Herz!“ „Nun bei Gott, Onkel,“ ſagte ſie mit raſcher Offen⸗ heit,„Härteres haben Sie noch nie zu mir geſprochen. Sie erzählen mir etwas ganz Unerhörtes, einen Diebſtahl in Ihrem eigenen Zimmer, der Sie nicht nur gefährliche Papiere koſtet, ſondern auch nach Dingen greift—“ und ohne ihren Satz zu vollenden, fügte ſie hinzu:„das be⸗ greife ich nicht. Wer kann ein Intereſſe an ſolchen Dingen haben?“ „Nun nun, das ſage doch nicht,“ entgegnete er kopf⸗ ſchüttelnd.„Doch Du kannſt da nichts ändern, und ſo genug davon und zu keinem Menſchen ein Wort!“— Und von ihr weggehend fügte er in Gedanken hinzu:„Davon weiß ſie nichts. Fritz thut ihr Unrecht. Waren's zwei Diebe oder ſtahl der Eine für ſie und auch für ſich?“ Achtes Capitel. Gehäufte Wolken. Es waren ein paar recht ernſte Tage, die auf Tol⸗ leneck folgten, und im Schloſſe ſchien alles Leben er⸗ ſtorben. Die Krankheit der Generalin war dennoch nicht ſo leicht gehoben, wie der Arzt es vorausgeſagt, und noch immer nicht völlig vorüber; denn die Erſchütterung, welche Körper und Geiſt der Dame getroffen, war in ihren Folgen nicht überwunden und zeigte ſich beſonders in der großen Ermattung hier und in dem von qualvollen Träu⸗ men geſtörten Schlafe da, und zugleich fand ſich auch während des Tags noch immer eine Schreckhaftigkeit und daneben eine Fülle von trüben Vorſtellungen und Bildern, wovon die geſunde, kräftige Frau bisher nie eine Ahnung gehabt. 3 S 151 „Die gnädige Frau ſind nervös,“ ſagte der Arzt beruhigend und einen Ausdruck wählend, der damals ge⸗ rade anfing Mode zu werden und ein bequemes Hülfs⸗ mittel in Fällen zu bieten, die dem Heilkünſtler ſelber nicht ganz klar oder die er den Patienten nicht näher er⸗ klären wollte oder konnte. Frau von Leſthen ſchüttelte leiſe lächelnd den Kopf. „Ich habe das Wort neuerdings oft gehört, aber nie recht verſtanden,“ erwiderte ſie,„glaubte wenigſtens, daß es allein ein Krankheitszuſtand der Jüngeren ſei, von dem wir Alten nichts mehr zu fürchten hätten. So muß ich wohl durch meinen Fall in's Waſſer jung geworden ſein, Doctor, aber eine ſchöne Jugend iſt das nicht.“ „Sie dürfen dieſe Niedergeſchlagenheit nicht dulden, mein gnädiges Fräulein,“ ſprach der Arzt im Hinaus⸗ gehen zu Hildegard, und man ſah's und hört' es ihm an, daß er nicht gerade beſorgt, aber verſtimmt über dieſen Fall war, der ſein in Tolleneck überhaupt auf ſchwachen Füßen ſtehendes Renommee unheilbar zerſtören zu wollen ſchien.„Sie müſſen verſuchen, die gnädige Frau nicht nur, ſondern auch den Herrn General ein wenig zu en⸗ eouragiren und aufzuheitern. Herr von Leſthen mit ſeiner finſteren Trauermiene und ſeinen ewigen Fragen nach ihrem Befinden macht die Dame wahrhaftig noch wirklich wieder krank. Sie ſind ja kräftig und beſonnen und lieben die alte Frau. Inſtalliren Sie ſich bei ihr, auch Nachts. 152 Laſſen Sie ſie am Tage nicht zum Grübeln und zu trau⸗ rigen Vorſtellungen und Nachts nicht zu den wilden Träu⸗ men kommen. Halten Sie darauf, daß ſie meine Mittel anwendet, und wecken Sie ſie ungenirt, wenn Sie merken, daß es noth thut. Bringen Sie ſie wo möglich in die Luft es iſt ja prachtvoll draußen. Gut wär's,“ fügte er hinzu,„der Herr General ginge auf einige Tage ganz fort, und noch beſſer, obgleich es halb und halb Sünde iſt, einem Menſchen dergleichen zu wünſchen,— es käme über die Dame etwas wie eine rechte Noth, daß ſie ſich auf⸗ raffen, daß ſie alle Kräfte anſpannen müßte.“ Hildegard würdigte dieſe Vorſtellungen vollkommen; nicht allein, daß ſie wohl bemerkte, einen wie durchaus ſchädlichen und ſtörenden Einfluß das ſorgenvolle, ihn ſelbſt und ſeine Umgebung in ſteter Aufregung erhaltende Weſen des Generals auf die Gattin hatte, ſondern ſie ſah und fühlte auch, wie wohlthätig ihr eigenes Weſen, ihr ſtilles Walten und heiteres Plaudern der Leidenden werde. Sie redete vor allen Dingen mit der letzteren ſelbſt, ſagte ihr von den Wünſchen des Arztes und fand ſie wider Er⸗ warten bereit darauf einzugehen.„Es iſt wahr, ich quäle mich mehr um Leſthen als um mich,“ ſagte die Dame lächelnd,„und eigentlich iſt er auch kränker als ich. Siehſt Du, Kind, die Erkenntniß, wie durchaus Eins er mit ſeiner alten Frau, und der Gedanke, was aus ihm werden follte, wenn der Himmel mich von ihm nähme— das iſt 153 das Schlimmſte. Und wenn ich ihn ſo gränzenlos un⸗ glücklich ſehe und er mich ſo oft fragt und ſchwermüthig ſeinen lieben weißen Kopf ſchüttelt, da werde auch ich un⸗ glücklich und beſorgt, obgleich ich ja ſehr wohl begreife, daß ich nur noch eine Art Schwäche zu überwinden habe, und wirklich ſo denke, wie ich vorgeſtern Deinem Großvater ſagen ließ.— Fort geht Leſthen nicht, aber er ſoll mich mehr allein laſſen und Du mußt Nachts hier ſchlafen. Sprich mit dem Großvater, daß auch er zu uns ſteht und meinen Mann nicht noch in ſeinen Sorgen beſtärkt.“ War der Baron durch Anderes— und es war un⸗ zweifelhaft manches da, was ihn beſchäftigte, ſo wenig er es auch merken ließ und ſo gut er die zur Schau ge⸗ tragene Verſtimmung über den Diebſtahl jetzt überwunden zu haben ſchien— von ſeiner Sorge abgezogen oder hatte er ſich ihrer im größeren Vertrauen zu der geſunden Natur ſeiner Gevatterin und im Hinblick auf Leſthens Ueber⸗ treibung mehr entſchlagen,— kurz, es bedurfte nur Hilde⸗ gards erſten Worts, um ihn ganz auf ihre Seite treten zu laſſen. „Na, alter Camerad,“ ſprach er zum General, der verzweiflungsvoller und zugleich grimmiger als je den Arzt heut' hatte abfahren ſehen,„Courage, was Teufel, Courage! Laß Dich doch von dem Burſchen nicht auslachen! Die Hilda hat ganz Recht, Du peinigſt ja die Charlott, daß ſie erſt wirklich krank wird. Du biſt jetzt in meiner 154 Terminei und Gerichtsbarkeit und parirſt Ordre. Der Feld⸗ ſcheer will Ruhe haben und ich auch.“ „Ja, wär' es noch ein richtiger Feldſcheer!“ ſeufzte der General.„Aber dieſer Kräuterkocher mit ſeiner Brille — Du ſiehſt ja, Toller, ein wie ſchlechter Prophet er ge⸗ weſen!“ „Weil Du ſelber die Prophezeiung zu Schanden machſt und die Charlott' krank ſorgſt und quälſt,“ meinte Hartwig lachend.„Am Beſten wär's, Du gingeſt auf ein paar Tage fort—“ „Den Teufel geh' ich!“ fiel Leſthen barſch ein. „Na, ſo gehſt Du mit mir jetzt auf die Jagd, nach⸗ her wird ſich ein ander Amuſement finden,“ ſagte der Baron halb launig, halb beſtimmt.„Du ſollſt nun ein⸗ mal nicht fortwährend an ihrer Seite hocken und wie ein Bräutigam ihre Augen begucken. Auch ſchlafen wirſt Du bei mir— hei, alter Camerad,'s ſind an die fünfzig Jahr, daß wir nicht mehr auf Bivouak oder im Cantonnement zuſammengelegen. Die Hilda bleibt bei der Charlott', ge⸗ gen die wirſt Du nichts einzuwenden haben. Ich will und muß die Gevatterin wieder geſund ſehen, denn ich kann mein Feſtin nicht aufgeben.“ „Du machſt mich noch verrückt mit dieſem verwünſch⸗ ten Feſtin!“ fiel Leſthen von Neuem barſch ein.„Wenn ich bloß wüßte, was Du von dieſen tollen Grapſen haſt!“ Hartwig fing an zu lachen.„Das iſt recht, Schatz, —. —. 155 ärgere Dich tüchtig, worüber Du willſt, auch über mich, nur recht tüchtig, ſage ich. So ein ordentlicher Aerger und ein handfeſter Fluch kuriren Einen von aller Hypochondrie. Und nun allons, nimm Dir Flinte und Taſche. Der Vin⸗ cenz iſt ſchon ſeit einer Stunde mit den Burſchen und den Hunden fort und die Pferde ſtampfen ſich nachgerade in den Erdboden hinein vor Ungeduld. Unterwegs will ich Dir dann allerhand Hiſtorien erzählen, die Du bisher nicht haſt hören wollen.“. Was wollte der General viel machen! Er murrte und brummte, aber fügte ſich, denn wen Hartwig Aare einmal, nach Leſthens Ausdruck, in ſeine Finger nahm, der kam nicht wieder los, ohne Ordre parirt oder Haare gelaſſen zu haben. Und im Uebrigen war auch das vom Baron gerühmte Heilmittel, der Aerger, von wirklich wohl⸗ thätiger Wirkung. „Siehſt Du,“ ſagte der alte Herr nach einer neuen Empfehlung deſſelben luſtig zum Freunde,„wie bin ich jetzt wieder fidel und habe mich da ein paar Tage doch ebenſo verdroſſen und biſſig herumgetrieben wie Du. Das kommt bloß, weil auch ich mich ärgere— wo ſteckt dieſer Burſch, der Bernhard, der ſich anmeldet und nicht kommt? Hat er ſeine Taube oder hat er ſie nicht, oder lebt er mit ihr taubenzart in romantiſcher Einſamkeit? Siehſt Du, das ärgert mich— ich brauche ihn! Und es iſt damit nicht einmal genug— es bleibt mir noch Einer 156 aus, auf den ich gerechnet.'s iſt ganz verflucht, ſag' ich, aber es bekommt mir gut! ich bin ſo mobil und fidel, wie ein Wieſel!“ Es war faſt, als ſeien dieſe Worte eine Art Be⸗ ſchwörung geweſen. Denn als die beiden alten Herren von dem Jagdgange zurückgekehrt waren und in des Baron Zimmern ihr verſpätetes Mittagseſſen eingenommen hat⸗ ten, ritt Bernhard wirklich auf den Hof. „Wir ſind vor ein paar Stunden angekommen,“ ſagte er nach einer herzlichen Begrüßung des Vaters und ſeines Gaſtes,„und haben gleich von dem Unfall der theu⸗ ren Frau gehört. Da hab' ich mich denn ſchnell aufge⸗ macht, um meine Sorge loszuwerden und Beſſeres zu hören—“ „Na, nun fängt der auch mit der Sorge an!“ rief der Baron luſtig dazwiſchen.„Nichts da, Junge, ſetze dem Alten hier nicht neue Mäuſe in den Kopf! Es ſteht Alles gut und am nächſten Sonntag— länger ſchieb' ich's nicht auf!— tanze ich mit der Gevatterin auf Deinem Ehrenfeſt das ſchönſte Menuet, das Ihr in Eurem Leben geſehen habt. Denn,“ fügte er mit einem ſchalkhaften Blick hinzu, „Du ſagſt wir— alſo biſt Du unter der Haube?“ Bernhard nickte, zum erſtenmale lächelnd.„Meine Frau wäre mitgekommen, wen ſie nicht gar zu müde gewe⸗ ſen,“ ſprach er.„Dieſe Reiſen auf dieſen Straßen ſind wirklich zum Teufelholen—“ 157 „Hei, Ludwig, er flucht!“ brach Hartwig Aare luſtig aus.„Mein Compliment, Junge, Du machſt Dich!— Und— ‚meine Frau—— hei, wie er das ſo natür⸗ lich und ſo zärtlich ſagt! Jetzt nur noch ein fideleres Ge⸗ ſicht, und es iſt Alles recht!“ Bernhard hatte in der That kein frohes Geſicht mit nach Tolleneck gebracht, und auf die eben angeführten Worte des Vaters zogen ſeine Brauen ſich noch ernſter zuſam⸗ men und er verſetzte:„Nun, offen geſtanden, iſt mir auch gerade nicht leicht und vertrauensvoll zu Muth, und zwar nicht allein Ihrer verehrten Frau wegen, Herr General, ſondern weil ich auch ſonſt den Kopf voll Sorgen habe. Blanka blieb daheim, weil ſie müde war und ich nicht zu⸗ redete. Ich muß mit Euch Beiden hier reden, Papa, denn ich bin vor acht Tagen mit Arthur zuſammengetroffen, der mir ſeltſame Dinge erzählte, und überdies habe ich in mei⸗ nem letzten Nachtquartier und ſelbſt in Wintersbach von Bendler mancherlei zu hören bekommen, was mir ſehr ver⸗ dächtig ſcheint. Es bereitet ſich etwas gegen Dich vor, Papa, vielleicht auch gegen Sie, Herr General, vielleicht gegen uns Alle—“ „Na, es iſt zum Theil ſchon da,“ fiel der Vater kaltblütig ein.„Wir wollen einmal ein wenig tauſchen mit unſeren Neuigkeiten.“ „Sei es ſo,“ ſprach Bernhard noch ernſter und ſtand auf und ſah aus der Thür, ob keine Horcher im Vorzim⸗ 158 mer, und kehrte dann zu den beiden Anderen zurück. Es war eine lange und leiſe Unterredung, von der, ſelbſt wenn Jemand den Verſuch gemacht hätte ſie zu belau⸗ ſchen, ſchwerlich etwas zu ſeinem Ohre gedrungen wäre, ſo gedämpft ſprachen Alle. Und es mußte mehr als ernſt geweſen ſein, was ſie beſprachen, denn da ſie endlich mit Bernhard, der aufbrechen wollte, aus dem Zimmer traten, ſchaute ſelbſt Hartwig Aare ſo düſter darein, wie ihn lange nicht mehr Jemand erblickt, und Leſthen hatte für den Augenblick wenigſtens ſeiner Frau vollkommen ver⸗ eſſen. 3 Bernhard wollte Niemand weiter im Schloſſe ſehen. „Das hat Zeit,“ ſagte er, auf dem Flur Abſchied nehmend. „Grüßt Hilda vielmal von uns Beiden, und vergeßt nicht, wie wir's abgemacht.“ Damit ſtieg er die Treppe hinab und trat aus der Schloßthür, wo der Reitknecht ſein Pferd parat hielt, während Buchhagen, von einem Ausritt nach Hauſe kommend und durch das wohlbekannte Thier von Bernhards Anweſenheit unterrichtet, ihm munter und mit herzlichem Gruß entgegenkam.„Gottlob!“ ſagte er, „daß Du wieder da biſt! Ich hoffe nicht nur auf Deine Anweſenheit, ſondern auch auf Deine Hülfe. Der Alte hat Dir wohl geſagt—“ „Ja, und ich ihm noch mehr,“ unterbrach ihn der ernſte Mann mit kräftigem Händedruck:„Ich muß jetzt 159 fort. Geh hinauf und laß Dich unterrichten, denn Du mußt freilich ganz au fait ſein. Thu' Augen und Ohren auf, Fritz! Es ſpukt!— Nur Eines noch,“ fügte er flüſternd hinzu;„Arthur wird heut' oder morgen kom⸗ men. Die Alten wiſſen Beſcheid. Aber auch Du nimm ihn anſcheinend mit Zurückhaltung auf, während Du ihm, wo Du mit ihm allein biſt, völlig vertrauſt. Ver⸗ ſtehſt Du?“. Buchhagen zuckte die Achſeln.„Muß wohl!“ ent⸗ gegnete er.„Alſo Gott befohlen, Bernhard, und laſſe uns nicht im Stich.“— Der Abſchied des Hausſohnes von den beiden alten Herren war nicht ohne Zeugen geweſen. Lucie hatte ſie, die Treppen herunterkommend, aus des Barons Zimmer treten ſehen, und ſich, da ſie zu ihrem Erſtaunen Bern⸗ hard erkannte und ſeine Weigerung hörte, die übrigen Verwandten zu begrüßen, hinter einer Biegung des ſchweren Treppengeländers ſtille gehalten. Sie vernahm deutlich geuug, was er ſagte, ohne es jedoch zu verſte⸗ hen, etwas, das zu ihren bisherigen Sorgen eine neue hinzufügte. Denn ſie hatte nicht umſonſt ſtets in Intriguen gelebt, Pläne erdacht und ausgeführt, ohne dergleichen auch bei Anderen vorauszuſetzen, und ſie hatte augen⸗ blicklich in Tolleneck ſo viel auf einen Wurf geſetzt, daß ſie nur mit Schrecken daran denken konnte, derſelbe möge ihr mißlingen. 160 Es war ſchlimm genug, daß ihr ein ſolcher Ge⸗ danke kam, der ihr früher, zur Zeit ihres Glücks, wie ſie es jetzt ſelber hieß, ſeit Vernay ſie ziemlich unbarm⸗ herzig auf ihr Herunterſteigen von ihrer früheren Höhe aufmerkſam gemacht, ſtets fern geblieben, ſie niemals irre gemacht. Allein er mußte wohl kommen, denn ſie war, obgleich iſolirter als ſonſt, nicht verblendet genug, um zu verkennen, daß ihre Stellung in Tolleneck ſich eher verſchlimmert als verbeſſert hatte und daß ihr Niemand mehr mit der früheren Abneigung, ſondern, wenn auch im Geheim, mit vollem Mißtrauen nahte. Ja ſelbſt der Onkel war ihr in den letzten Tagen verdächtig ge⸗ worden, ſie fing an, ſein zur Schau getragenes We⸗ ſen nicht mehr für ein natürliches zu halten und immer mehr von dem übermüthigen Glauben zurückzukommen, daß der wilde Landjunker, dem man bisher nach ihrer Meinung viel zu viel Ehre angethan, wenn man ihn für einen wirklich gefährlichen Menſchen hielt,— in ihrer gewandten und ſchmeichleriſchen Hand ein willens⸗ loſes Spielzeug ſein werde. Es ging etwas vor in Tolleneck,— ſie wußte nicht was, aber ſie argwöhnte darum um ſo eher das Bedenklichſte. Es war immer Eines zum Anderen ge⸗ kommen und immer mehr geworden, das ſie beſorgt machte, und vor Allem hatte ſie die Mittheilung Hart⸗ wigs von dem Verſchwinden jenes Buchs in Wahrheit 161 mehr als erſchreckt, ja ihren tiefen Zorn erregt. Denn, um das zu verrathen, ſie ſelbſt wußte hiervon nichts, ſondern erfuhr dieſen Diebſtahl zuerſt aus des Onkels Munde. Wer aber hatte es denn genommen, was hatte ihn dazu vermocht, was ließ es ihn leugnen? Es war nicht die geringſte ihrer Sorgen, daß das Verhältniß mit Hippolyt ſeit jener Morgenſcene mit Vernay nie⸗ mals wieder das alte geworden, daß der Bruder ſeit⸗ dem ſtets zurückhaltend geblieben und überhaupt in einer Weiſe aufgetreten war, die es nur zu klar machte, daß er ſich nicht nur unbegreiflich ſchnell und keck aufgerafft, ſondern auch einen Halt gewonnen haben müſſe, von dem ſie wieder nichts wußte. Und nun endlich Bernhard wieder da, von dem ſie ſeit Monaten kaum etwas gehört, als daß er in den letzten Wochen entfernt geweſen. Sie hatte ſich frü⸗ her, nachdem ſie ihn vergeblich aus ſeiner Einſamkeit hervorzuziehen verſucht, ſo an die faſt gänzliche Nicht⸗ beachtung ſeiner Perſon und ſeines Daſeins gewöhnt, die ſie in Tolleneck gefunden, daß ihr das Schweigen über ihn nicht aufgefallen war, das ihr jetzt plötzlich wie ein abſichtliches erſchien. War es ein neuer Fehler, daß ſie ihn ſo ganz aus den Augen gelaſſen, und konnte derſelbe denn noch wieder gut gemacht werden? Die Sorgen der ſchönen Frau ſollten hiermit aber noch nicht ihr Ende erreicht haben. Am nächſten Tage Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 11 3 162 trat ihr unerwartet der eben angelangte Hyneck entge⸗ gen, auch wieder, ohne daß ſie bei ſeiner Ankunft in Tolleneck zugegen geweſen. Auch ſah ſie ihn nicht mit den Uebrigen, er ſuchte ſie vielmehr bei ſich daheim auf, ganz Unbefangenheit, ganz Artigkeit und— Freund⸗ ſchaft. Allein wenn ſie es ſeit ihrer damaligen Trennung von ihm im Waldſchloß etwa beabſichtigt hatte, ſich bei der nächſten Gelegenheit mit ihm— ſa⸗ gen wir einmal: auseinanderzuſetzen, das heißt nicht nur einen Einblick zu gewinnen in ihre gegenſeitige perſönliche Stellung, ſondern auch den Stand jener Angelegenheiten zu erfahren, die in ſeinen Händen la⸗ gen, derentwegen ſie ihm mehr Aufmerkſamkeit gegönnt und mehr Opfer gebracht, als irgend einem Anderen; wenn ſie das beabſichtigt hatte, wiederholen wir, ſo ge⸗ lang ihr das heut' wenigſtens nicht im Allerentfernteſten. Hippolyt war bei dieſer Begegnung von Anfang bis zu Ende zugegen— ob zufällig, ob abſichtlich, ſie wußte es nicht. Und Arthur Hyneck hielt ſich, was er in Ge⸗ genwart eines Dritten freilich immer und auch zur Zeit ſeiner größten Leidenſchaft vermocht, wie geſagt, durchaus in den Gränzen der Artigkeit und Freund⸗ ſchaft. Da er wieder ging, war ſie nicht klüger als zuvor. Sie wußte nicht, war er der Verräther an ihrer Sache, als den Vernay ihn bezeichnet, oder war der Umſchlag 4 163 in der Stimmung ſeines Fürſten nur durch die franzöſiſche Rückſichtsloſigkeit hervorgerufen, von der wir erfuhren? Sie wußte nicht, hatte er die alten Feſſeln gänzlich abge⸗ ſtreift oder ſehnte er ſich, ſie wieder feſter zu knüpfen? Sie fühlte, da er ihre Hand zum Abſchied nahm und küßte, einen ihr wohlbekannten, bezeichnenden Druck, allein, da ſie am Abend und nächſten Morgen nach Herzheim hinüberſchaute, bemerkte ſie keines von den al⸗ ten Zeichen, die früher ihren Verkehr vermittelt hatten. Dagegen erfuhr ſie, daß Arthur in Tolleneck mit Buch⸗ hagen gleichfalls zuſammengetroffen, ja zuletzt von ihm den Schloßberg hinab begleitet worden— der alte Mecklenburger ſei indeſſen verzweifelt kühl und kurz ge⸗ weſen— und daß er zuvor auch von dem Baron nicht nur willig angenommen, ſondern auch mit demſelben und dem General eine geraume Zeit lang allein geblieben. Ihr Gewährsmann ſetzte freilich hinzu, daß Arthurs Ver⸗ mögensverhältniſſe außerordentlich im Argen liegen ſollten, ſo daß er ernſtlich Anſtalt machen müſſe ſie zu ordnen und vor dem gänzlichen Ruin zu bewahren. Und Baron Hart⸗ wig war ſein Vormund geweſen, und Fritz Buchhagen war als Landwirth, Geſchäftsmann und Finanzier vielleicht die erſte Autorität in der ganzen Umgegend. Da wir der beiden alten Herren zuſammen erwähnten — man bekam freilich ſelten den Einen ohne den Anderen zu ſehen— ſo müſſen wir berichten, daß Leſthen ſich, wenn 11* 164 auch grollend, ſeufzend und ein wenig unglücklich in die Entfernung von ſeiner leidenden Frau gefunden hatte. Hartwig ließ ihn nur auf Augenblicke frei, und da in dieſen Momenten die Generalin ſich bemühte ihn munter aufzunehmen und er ſelbſt ſich auch nicht länger ihre wirklich fortſchreitende Geneſung verbergen konnte, ſo begann er ſich wieder zu beruhigen und in ſeine gewohnte gleich⸗ müthige, behagliche Weiſe zurückzufinden. Er fing ſchon wieder an die ganze Sache und ſich ſelbſt von der komiſchen Seite zu betrachten und es für ein wahres Glück zu er⸗ klären, daß ihn kein Fremder in ſeiner Sorge und Angſt kennen gelernt.„Wär' ich noch activ,“ ſagte er wohl lachend,„und die Cameraden erführen das, ſie lachten mich aus dem Dienſt. Ich möchte mich beinah ſchämen und kann es doch nicht. Die Charlott' iſt und bleibt der Haupttheil meiner Exiſtenz, es geht nicht ohne ſie.“ Die Leidende erholte ſich wirklich zuſehens; der Genuß der friſchen Herbſtluft beſonders, dem ſie mit Hildegard ſich bald auf einer der kleinen Terraſſen hin⸗ gab, welche, wie wir wiſſen, hie und da ſich zwiſchen den einzelnen Theilen des buntgeſtalteten Schloßbaues vor⸗ fanden, oder den ſie bei einer Fahrt im bequemen Wagen aufſuchte, war augenſcheinlich von der wohlthä⸗ tigſten Wirkung, und ſie verſicherte zum Aerger ihres Gatten dem alten Gevatter mehr als einmal lächelnd, daß ſie ſeinem Feſte Ehre machen werde. — —,— 2 165 Es war nur betrübt, daß die Witterung dieſen Aus⸗ fluͤgen ſich bald nicht mehr günſtig zeigte. Die Gewitter, welche auf der Scheide zwiſchen Sommer und Herbſt faſt ſo häufig wie im Frühling zu erſcheinen pflegen— das Volk ſagt dann von ihnen, daß ſie„heimziehen“ — rauſchten in dieſem Jahre in ungewöhnlicher Zahl über den Waldgau hin und brachten jetzt in ihrem Ge⸗ folge die trübſten Regentage. Man lebte in dieſer Woche auf Tolleneck noch iſo⸗ lirter als ſonſt, der kleine Kreis der Hausbewohner fand ſich nur ſelten anders als beim Mittagseſſen vereint, und ſelbſt bei dieſem fehlte Hildegard meiſtens, welche Frau von Leſthen kaum noch verließ. Es war anſchei⸗ nend ſtill im Hauſe und es kam auch nichts von Außen, was dieſe Stille geſtört hätte. Hyneck ſah täglich ein, aber Lucie hatte niemals Gelegenheit, allein mit ihm zuſammenzutreffen; Bernhard kam gleichfalls, allein die Couſine erfuhr auch von ihm nichts Neues, als die ſie freilich ſehr überraſchende Kunde von ſeiner Heirath mit der verwittweten Gräfin Lingenheim— wir wiſſen, daß dieſe Verbindung bisher auf das geheimſte betrieben worden und ſelbſt in Wintersbach erſt bekannt wurde, als der Herr die Gattin in ſein Haus führte. „Und Sie führen Ihrem Vater und uns Ihre Frau nicht zu, Couſin?“ fragte ſie ſehr erſtaunt und mit durchdringenden Blick. War hier auch ein Geheimniß? 166 „Mein Vater hält an der alten Sitte feſt, daß die Gattinnen der Söhne des Hauſes in Tolleneck mit einem großen Feſt bewillkommnet worden,“ erwiederte Bernhard achſelzuckend.„Er wartet auf die völlige Geneſung der Frau von Leſthen.“ Lucie fühlte ſich auch hier abgewieſen. Auch Hartwig ließ ſich zu keinen Erklärungen herbei; Tante Chriſtine wußte ſelber nichts, und Hippolyt blieb diesmal ſo gut in ſeiner halb langweiligen, halb unartigen Indifferenz, wie ſeither immer. Für ſie war die Welt ringsum wie ver⸗ ſchloſſen, ſelbſt von Vernay drang nicht ein Laut mehr zu ihren Ohren. Es wurde ihr unheimlicher von Tag zu Tage, und ſie mußte ſich ihren Zweck und was für ſie von ihrem feſten Verfolgen ihrer Pläne abhing, ſtets von Neuem ver⸗ gegenwärtigen, um nicht in die Welt hinauszufliehen, wo ihre Triumphe ſtets ſo ſicher und gefahrlos geweſen. Sie kannte und wollte das Spiel nicht aufgeben, in welches ſie ſich halb und halb aus Trotz geſtürzt. Sie hätte dadurch ja Vernay's herben Ausſpruch:„Sie haben kein Glück mehr, Madame!“ beſtätigt.— Die Woche war herum bis zum Samſtag. Im Schloſſe war es ſtiller als je, denn die Feſtvorbereitungen, die jetzt wirklich ernſtlich betrieben wurden, da Hartwig lachend erklärt hatte, von dem beſtimmten Sonntag nicht abgehen zu wollen, wurden dem Familienkreiſe nicht leicht ſichtbar, wenn nicht Jemand ausdrücklich darnach ausging. 2 167 Der Tag war voll Regen und Wind, die hier auf der Höhe noch fühlbarer und wilder hauſten, als drunten im Dorf und auf der Ebene, und die Bewohner ſich dankbar im Schutz der alten ſtarken Mauern halten ließen. Trotzdem war aber auch heut' wieder von keiner Geſelligkeit die Rede, und Lucie hatte ſeit dem Mittagseſſen Niemand mehr geſehen als Tante Chriſtine und ihren Vater, mit denen ſie eine Stunde verplaudert. Am Abendtiſch traf ſie freilich mit den beiden alten Herren und Hippolyt zuſammen, allein man trennte ſich auch jetzt wieder bald.„Wir wollen unſere Bétes abſpielen,“ ſagte Baron Hartwig gähnend, „und dann ins Bett. An ſolchen verwünſchten Tagen kann man nur L'hombre ſpielen und ſchlafen. Gute Nacht, Kinder.“ Tante Chriſtine ging ihrer Wege, Hippolyt zog ſich auch zurück, die ſchöne Frau war wieder allein. Sie hörte den Bruder noch einmal das Zimmer verlaſſen— ſie hatte erfahren, daß er auch am Nachmittag das Schloß gelang⸗ weilt durchſtrichen; aber wohin wollte er jetzt, da es neun Uhr vorüber und der Vater ſicher ſchon zur Ruhe war, die alten Herren mit Buchhagen ihre Partie beendeten, Nie⸗ mand mehr ihm Unterhaltung bieten konnte? Er kehrte indeſſen auch bald zurück, und dann wurde, trotz der frühen Stunde, Alles ruhig und todesſtill. Nur der Regen ſchlug gegen die Fenſter und der Wind heulte um all die Ecken und Winkel des alten Gebändes. Es liegt in ſolchem 168 Rauſchen und Brauſen draußen, in der Stille drinnen etwas, was uns mit einem gewiſſen Behagen zu erfüllen vermag und uns die Glieder noch wohlgefälliger in die weichen, warmen Kiſſen des Lagers ſchmiegen läßt. Das empfand Lucie gleichfalls, und heitere Bilder verdrängten ihre Befürchtungen und Zweifel.. Drunten, wo die Generalin und Hildegard wohnten, herrſchten Ruhe und Frieden in noch höherem Grade. Hier waren keine Sorgen zu vergeſſen, wie ſie die ſchöne üppige Frau dort oben umfangen hatten, und keine Mah⸗ nungen des Gewiſſens zu betäuben, wie ſie jenem heißen Herzen nicht erſpart blieben. Die Matrone hatte ſich bereits zur Ruhe begeben und Hildegard mit der freund⸗ lichen Weiſung entlaſſen, ſie möge ſich von ihrer Pflege ausruhen und eine Stunde ſich ſelbſt leben. 8 „Ob ich ſchon ſchlafen werde, weiß ich nicht,“ hatte* fie lächelnd geſprochen,„allein ich bedarf nichts und vor Allem ſollſt du nicht immer hier am Bett ſitzen oder durch das ſtete Zuſammenſein in Spannung erhalten werden. Sei nicht thöricht, Herzenskind,“ fügte ſie des Mädchens Einwendungen ablehnend hinzu,„ich weiß es beſſer als Du, daß uns ſelbſt der liebſte Menſch zuweilen zu viel wird und wir des Alleinſeins bedürfen. Du ſollſt ja auch nicht fort von mir; ich will Dich abrufen können, aber Du ſollſt allein ſein.“ ſ So ſaß denn Hildegard im Wohnzimmer bei ihrem 169 Licht und las, freilich ohne viel Aufmerkſamkeit, denn ſie horchte bald nach dem Schlafzimmer hinüber und bald in die unruhige Nacht hinaus, oder ſie lauſchte ihren eigenen, in der Stille leiſe, leiſe emporſteigenden Träumen. Die hielten den wirklichen Traum ihr ferne. Sie hatte nicht gehört, daß ſich Jemand dem Zimmer nahete, und ſah erſt ein wenig erſchrocken auf, als ſeine Thür vorſichtig geöffnet wurde und der General ſeinen Kopf hineinſteckte. „Biſt Du noch wach, Kleine?“ fragte der alte Herr gedämpft und ohne hereinzutreten.„Schläft meine Alte ſchon?“ „ Ich glaube kaum— ich hörte ſie noch eben ſich re⸗ gen, ſie hat mich fortgeſchickt. Haben Sie noch etwas, Papa?“ verſetzte das junge Mädchen lebhaft. Der Be⸗ ſuch überraſchte ſie nicht, Leſthen ſah gewöhnlich um dieſe Stunde noch einmal nach der Gattin; aber ſie meinte in ſeinem Geſicht etwas Beſonderes zu leſen und auch ſeine Haltung in der Thür fiel ihr auf. Da trat er herein.„Ich muß ſchon noch zu ihr,“ ſagte er,„denn hier iſt Jemand, der ſie abſolut ſehen will und der ihr Freude machen wird. Komm herein, Hugo, ſtelle Dich der jungen Dame vor und bitte ſie wegen Deines Erſcheinens zu dieſer Stunde um Ent⸗ ſchuldigung. Ich muß nur die Alte vorbereiten und rufe Dich ſogleich ab.“ Er ging in das Schlafzimmer. 170 Die beiden jungen Leute ſtanden einander einen Augenblick wortlos gegenüber, beide bis in die Stirn erröthet, Hildegard die Augen niedergeſchlagen. „Mein Fräulein,“ ſagte Hugo endlich leiſe und ſeine Züge begannen wieder jenen Ausdruck von ernſter Höflichkeit anzunehmen, mit der er damals von Hilde⸗ gard gegangen,„Ihr Herr Großvater hat mich nach Tolleneck gerufen— bald nachdem ich im Frühling hier geweſen, aus einem Grunde, den er noch nicht offen⸗ bart zu haben wünſcht. Und jetzt hat mich mein Groß⸗ vater hieher geführt, ohne mich ahnen zu laſſen—“ Er hielt inne vor ihrem langſam, aber voll zu ihm aufgeſchlagenen Auge.„Herr von Platen,“ ſprach ſie bebend,„wollen Sie mich jene traurige Stunde noch bitterer bereuen laſſen, als ich es ſchon ohnehin gethan? Muß ich nun auch Sie desſelben Unrechts anklagen, deſſen ich mich zeihe— Jemand zu verdammen, ohne ihn ſich vertheidigen zu laſſen?“ „Das lohne Ihnen Gott, Hildegard,“ ſagte Hugo tief bewegt und zog ihre Hand an ſeine Lippen. ———— —— Neuntes Capitel. Fritz Buchhagens große Stunde. Es iſt um eine L'hombrepartie am regnichten, ſtür⸗ miſchen Abend und zwiſchen guten Freunden, die Ver⸗ gnügen an dem edlen Spiele finden und es nicht wie „Sonntags⸗Spieler“ abſpielen, ein eigen Ding. Sie läßt nicht ſo leicht los, wie man meint, und die Bôtes nehmen um ſo weniger ſchnell ein Ende, je feſter man darauf gerechnet. So ſchien es auch in Tolleneck ergangen zu ſein, wenigſtens ſaßen die drei alten Geſellen noch immer am Spieltiſch, obgleich es jetzt ſchon tief in der Nacht war, und Hugo's Ankunft hatte, wie man glauben konnte, nur eine jener Pauſen veranlaßt, wie ſie ſelbſt die eifrig⸗ ſten Spieler von Zeit zu Zeit gern eintreten ſehen, um die Glieder ein wenig auszuſtrecken, einen beſonders intereſſanten, oder gar ſtreitigen Fall zu beſprechen, ein Glas Wein zu trinken, ſich eine neue Pfeife anzuzünden. Denn dieſe und das Glas Wein gehören zu einer Partie, wie ſie hier im Gange war, unumgänglich, und das kleine Tiſchchen neben dem Baron, auf welchem Tabak und Flaſchen ſtanden und die gefüllten Gläſer neben jedem Spieler, ſo wie ihre einen ganz hübſchen Dampf verbreitenden Pfeifen zeigten genügend an, daß ſie dieſe Genüſſe ſogar ſehr gut mit dem Spiele zu vereinigen verſtanden. Kurz, das Zimmer hatte in dieſer Stunde etwas, das an eine Wachtſtube erinnerte, und nicht allein durch den Duft des Weins und den Rauch, durch die dunkel brennenden beiden Lichter und das hell praſſelnde Feuer im Ofen, ſondern auch durch den Schläfer, der im Hin⸗ tergrunde in der Sophaecke ruhte, und am allermeiſten durch die Waffen, welche ſeltfamerweiſe auf der gro⸗ ßen Platte des Schreibtiſches neben einander lagen, ſo daß die Spieler nur die Hand auszuſtrecken brauchten, um ſich in ihren Beſitz zu ſetzen. Ja, in der Ecke da⸗ neben und faſt ebenſo handgerecht, lehnten ſogar mehre Flinten, und ein großer Cavallerieſäbel hing an der Thür zum Schlafzimmer. „Ein Uhr!“ ſagte Baron Hartwig, der gerade am Geben war, und ſah innehaltend nach der hohen Stand⸗ uhr, welche allerdings in dieſem Augenblick die erſte — — ——.,.—- 173 Stunde verkündet hatte.„Die Geſpenſterſtunde iſt vor⸗ über, Fritz, und man hat uns zum Narren gehabt.“ „So brech' ich dem Müller das Genick,“ verſetzte der Wirthſchafter ruhig und leerte mit ſichtbarem Wohl⸗ behagen ſein Glas.„Aber— es wird nicht nöthig ſein. Wentzel iſt zu klug, um ſich zu irren, und zu treu, um uns im Stich zu laſſen oder Dummheiten zu machen.“ „Auch mir ſcheint's faſt ein wenig zu ſpät zu wer⸗ den,“ bemerkte der General, ſeine Karten aufnehmend. „Die Nacht iſt bald herum.“ Buchhagen ſchüttelte den Kopf.„Na,“ ſprach er, „es ſind noch vier Stunden und zwar die rechten, denk ich, wo Alles ſchläft, zumal jetzt, wo die Frau Genera⸗ lin wieder wohl auf und Niemand ihretwegen zu wa⸗ chen braucht. Vier Stunden! Da kann man zwei alte Neſter auf den Kopf ſtellen, wie Tolleneck eines iſt, heißt das, wenn man die Mannſchaften dazu hat und die im Neſt Sitzenden ſtill halten.“ „Sehr anſchaulich, Fritz,“ ſagte Baron Hartwig, ſeine Karten ordnend,„doch glaub' ich noch immer nicht recht daran. Es wäre zu frech!— Alſo— grand forcé— da, die Ponte— alſo fünf Matadors und — tout.“ Er deckte die Karten auf den Tiſch. „Donnerwetter!“ rief Leſthen überraſcht. „Richtig, Herr General, nichts zu machen!“ be⸗ merkte Fritz Buchhagen nach einem muſternden Blick auf 174 die bunten Blätter und warf ſein Spiel auf den Tiſch. Dann ſtand er auf und ſchaute zum Fenſter tretend und einen Schieber im Laden öffnend vorſichtig hinaus.„Es ſind Sterne am Himmel,“ ſagte er zurückkehrend„Jetzt, mein' ich, wird's nicht mehr—“ Ein wüthendes Hundegebell, das vom Hofe her⸗ aufſchallte, ließ ihn jählings inne halten. Im nächſten Augenblick aber ſchwieg das Bellen ſchon wieder, und der Wirthſchafter fügte ſeinen Worten kaltblütig hinzu: „Na wie ich's mir dachte, der iſt hin. Habe drum auch den alten Caro in der Hütte anketten laſſen, an dem iſt doch nichts mehr verloren.“ Die beiden Herren waren aufgeſprungen und hat⸗ ten nach den Piſtolen gegriffen; der allgemeine Aufſtand hatte auch den Schläfer erweckt, welcher jetzt— wie die Leſer es nicht anders vermuthet haben, war es Hugo — raſch zu den Uebrigen trat.„Was um Gotteswil⸗ len gibt es aber?“ fragte er lebhaft.„Sie haben mir vorhin nichts Näheres ſagen wollen—“ „Alles zu ſeiner Zeit!“ unterbrach ihn Hartwig faſt luſtig. „Was es gibt? Da der Diebſtahl nichts half und ſie zu feig zum offenen Vorgehen ſind, wollen es Herr Vernay und, ich glaube faſt, Herr Hippolyt in der Nacht verſuchen, und wir ſollen ſo gütig ſein anzunehmen, daß uns nur das Geſindel aus dem Gebirge einen Be⸗ 175 ſuch macht— iſt's nicht fein, mein Junge? Aber war⸗ tet— der tolle Aare lebt noch und freut ſich wie ein Cornet, daß es noch einmal zum Dreinſchlagen geht!“ „Na, vergeßt auch mich nicht, Herr Baron,“ ſagte Fritz Buchhagen, ſich die Hände reibend.„Ja, Gott⸗ lob, nun geht's einmal los und ich kann mich wieder in meinem Eſſe fühlen. Ich bin ſeit Jahr und Tag gar kein Menſch mehr geweſen,“ fügte er hinzu und zog den Rock aus.„All dieſe verwünſchten Intriguen und Winkelzüge, in denen kein Menſch klar ſehen konnte—“ „Ihr ſeid mir Beide gar zu ſicher,“ bemerkte Le⸗ ſthen kopfſchüttelnd.„Wenn ſie Euch nun doch zu ſtark wären?— Aber freilich— es bleibt ſtill— vielleicht—“ „Zu ſtark? Uns?“ unterbrach ihn Buchhagen im Tone der höchſten Verwunderung.„Na, Herr Gene⸗ ral! Na! Und was die Stille betrifft, ſo mußten ſie nach dem Bellen des Hundes— Pardauz! Da geht's los!“ fügte er hinzu, während ein furchtbarer Stoß ge⸗ gen die Schloßthür das ganze Gebäude erſchütterte. „Mir nach— und dann wie verabredet!“ Und er ſtürzte aus dem Gemach und hinüber in ſein Zimmer, das im unterſten Bau zunächſt der Thür lag, gegen die jetzt ſchon ein zweiter Stoß donnerte. Er riß, hemdär⸗ melig wie er war, das Fenſter auf und ſah durch die ſtarken eiſernen Gitter, die es ſchützten, hinab auf den Hof, wo ein ganzer Haufen dunkler Geſtalten mit ei⸗ 176 nem Balken gegen die Schloßthür arbeitete, und rief im zornigen Tone hinab:„Na, Geſindel, was ſoll das? Sind Euch Eure Köpfe ſo wenig lieb? Zurück, oder ich ſchieß!“ Ein wildes Geſchrei, in dem ſich hörbar deutſche und franzöſiſche Laute vermiſchten, antwortete ihm. An⸗ ſtatt aber zurückzuweichen, drängte die Schaar nur ra⸗ ſcher gegen die Thür, welche vorausſichtlich den ſchweren Stößen nicht mehr lange Widerſtand leiſten konnte, zu⸗ mal ſie, wie dieſer ganze unterſte Bau aus einer Zeit ſtammte, in welcher man der alten maſſiven Solidität bereits Valet gegeben hatte. Dazu trieb eine Stimme, deren Beſitzer Buchhagen bei der herrſchenden Dunkel⸗ heit nicht unterſcheiden konnte, bald auf deutſch, bald auf franzöſiſch zum heftigern Angriff, die Stöße folgten ra⸗ ſcher, das Geſchrei immer drohender und wilder, und jetzt— das Alles war das Werk weniger Seecunden, — erhob ſich ein Flintenlauf gegen Buchhagens Fenſter— Der Wirthſchafter warf ſich mit einer Gewandt⸗ heit ſeitwärts, die Niemand dieſem ſchweren und beque⸗ men Körper zugetraut haben würde.„Ja Proſtmahl⸗ zeit!“ murmelte er, da die Kugel an ihm vorbei in die Decke fuhr.„Wie gütig Ihr ſeid! Gebt ſelber das Signal und ſpart mir einen Schuß!“ Was dieſe Worte zu bedeuten hatten, wurde be⸗ reits im nächſten Augenblick klar, da ſich plötzlich ein 8 — 8 177 neues Geſchrei, der kräftige Ruf:„Tolleneck hoch!“ ein raſendes Bellen und Heulen der losgelaſſenen Meute mit dem früheren Lärm vermiſchten. „Die Thür bricht!“ ſchrie der Baron, der mit ſei⸗ nen beiden Begleitern auf dem kleinen unteren Flur harrte, dem heraneilenden Buchhagen entgegen. „Sie iſt von jeher ein miſerabel Stück Holz gewe⸗ ſen!“ rief Buchhagen luſtig zurück.„Beſſer, wir machen ſie ſelber auf— hat der Lärm ein Ende!“ Und indem er hinzuſprang, brach die Thür wirklich und die Gewalt des Stoßes war ſo groß, daß der Wirthſchafter trotz ſeiner Standfeſtigkeit davon umgeriſſen wurde und zu Boden taumelte. Ueber ihn hin brachen zugleich ein halb Dutzend Männer herein, mit geſchwärzten Geſichtern, mit gewalti⸗ gen Knitteln in den Händen, und warfen ſich auf die drei noch übrigen Gegner. Der General hatte dennoch vorhin Recht gehabt, als er Buchhagens und des Barons— man muß wohl ſagen: Siegesgewißheit mißbilligte. Der Haufe war bei weitem zahlreicher, als der Wirthſchafter nach des Müllers Mit⸗ theilungen vermuthet. Er leiſtete jetzt nicht nur, trotz der Ueberraſchung, den Dienern, Reitknechten und Jägern Wi⸗ derſtand, die von Buchhagen avertirt in einem Stallge⸗ bäude gewacht und des Signals— des erſten Schuſſes — gewartet hatten, ſondern es waren auch noch der Burſche genug, die in das Schloß einbrachen und nahe daran wa⸗ Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 12 178 ren, durch den heftigen Anſturz ihre Gegner zu über⸗ wältigen. „Was? Schießen will dieſer Herr Baron?“ ſchrie eine grimmige Stimme, da Hartwig ſein Piſtol, wie es aber ſchien, unſchädlich gegen den Haufen entladen hatte; „das koſtet Dir Dein Leben, Hund!“ Und ein baumlan⸗ ger, wild ausſehender Geſell ſtürmte mit geſchwungenem Knittel gegen den alten Herrn vor, während auch der Ge⸗ neral und Hugo bereits ernſtlich bedrängt wurden. Von der Thür her klang ein ermuthigendes:„Vorwärts, Kin⸗ der! Schlagt ſie nieder und bindet ſie!“ in den Wirrwarr. Es ſtand ſo bedenklich wie möglich, denn Buchhagen hatte — ſo ſchnell folgte hier Alles einander blitzgleich und ohne Pauſe— noch nicht einmal ſich wieder aufraffen können, 4 und es war augenſcheinlich, daß Baron Hartwig ſeinem Gegner unterliegen mußte, deſſen keulenartiger Knittel ſei⸗. nen Säbel zerſchmettert und auch den linken, zum Schutz erhobenen Arm faſt untüchtig gemacht hatte. Jetzt ſprang der Burſche auf den alten Herrn ein und ſuchte ihn in die Arme zu faſſen. Es war die höchſte Zeit, daß Hülfe kam, aber ſie war auch bereits da. Denn rückwärts, auf der Treppe, wohin bisher Niemand Zeit gewonnen, zu ſchauen, blitzte es hell auf, und Hartwigs Angreifer ſtürzte durch den Kopf getroffen zuſammen. 4 „Au!“ rief Buchhagen in dieſem Augenblick, da er eben ſich vollends aufrichtend einen ſchweren Schlag auf 179 die Schulter erhalten, der aber freilich ſeinen Knochen we⸗ nig Schaden thun konnte.„Nun denn, in's Teufelsnamen — wenn Ihr abfolut Schläge haben wollt—!“ Und faſt zugleich hatte er, grimmig werdend, die beiden nächſten Burſche rechts und links im Nacken gepackt und ſtieß ihre Köpfe gegeneinander, daß der Eine, von ihm losgelaſſen lautlos zu Boden ſtürzte. Den Anderen aber hielt er nicht nur feſt, ſondern ſchwang ihn mit der Rieſenkraft, die wir ſchon vordem an ihm kennen gelernt, wie einen Rohrhalm in die Höh', als woll' er den lebloſen Körper zur Waffe gegen die anderen Feinde gebrauchen. Ein Schlag ſeiner Fauſt ſtreckte zugleich den Gegner des Generals zu Boden. Er ſchritt vor mit einer Art unwiderſtehlicher Wucht. Wer noch von den Feinden im Hauſe war, wich unwillkürlich wie entſetzt gegen die Thür zurück. „Hollah Vincenz,“ rief der gewaltige Mann, da er den Jäger, der ſeinem rettenden Schuſſe nach von der Treppe in das Gewühl geſprungen war, jetzt gleichfalls bei der Arbeit ſah,„haſt Du ausgeſchlafen? Biſt Du noch Tol⸗ leneckiſch? Vorwärts! Hinaus!— Hinaus, Herrſchaf⸗ ten! Hetzt ſie mit den Hunden vom Hofe!“ Die Uebrigen gehorchten und eilten ihm nach, Baron Hartwig und Leſthen mit ſchier jugendlicher Kraft und Luſt, denn es war etwas wild Aufregendes in dieſen letz⸗ ten Momenten des raſch errungenen Sieges, und etwas Hinreißendes in der Rieſenkraft des Wührers, 28 jetzt 180 draußen ſchon wieder mitten im Haufen arbeitete und nun endlich den noch immer emporgehaltenen Körper des armen Teufels mit mächtiger Wucht zwiſchen die Zurückweichenden warf. Denn auch hier ſah es für die Angreifer mißlich genug aus und es war leicht zu erkennen, daß ſie ſich bisher nur noch gehalten, um den im Schloſſe befindlichen Cameraden den Rücken zu decken. Ja es war hier draußen kaum zu einem rechten Handgemenge gekommen in den paar Mi⸗ nuten, die ſeit dem Herandringen der Leute aus den Stäl⸗ len und dem Einſturz der Thür verfloſſen waren. Die Feinde hatten Mühe genug gehabt, ſich der Hunde zu er⸗ wehren, und die Vertheidiger hatten vor den raſenden Thieren kaum herankommen können. „Hetz— hetz!“ ſchrie der Baron mit der ganzen Gewalt ſeiner Stimme.„Drauf, was gut Tolleneckiſch iſt!“— Und er ſelber ſtürmte mit den Anderen dem im⸗ mer raſcher zurückweichenden Haufen nach, über den Hof, dem Thore zu. „Heidi, der Bärenbauer!“ rief da Buchhagen mit einer Stimme aus, die wunderbar jauchzend durch den mörderlichen Lärm vernehmbar wurde.„Dich will ich!“ fügte er mit wirklichem Lachen hinzu und machte einen Satz vorwärts zwiſchen die Feinde und ergriff einen Mann am Kragen und riß ihn rückwärts und wie ein Kind in ſeine gewaltigen Arme, daß er vergeblich, hülflos darin rang. 181 „Zappele nicht, Männchen!“ ſagte Herr Fritz ganz gutmüthig dazu und trat ſeitwärts, als ginge ihn alles Weitere nichts mehr an.„Dich hab' ich geſucht, Männ⸗ chen, die Anderen mögen laufen ſo gut ſie können!— Hollah, Herr Baron, Herr General, hierher!“ fügte er dann wieder lauter hinzu,„laßt die armen Teufel doch laufen, die kommen im Leben nicht wieder bei Nacht auf Tolleneck! Hierher, ſag' ich!“ Die Angerufenen, welche das Ueberflüſſige einer wei⸗ teren Verfolgung ihrerſeits einſahen, denn die wilde Jagd brauſte ſchon den Berg hinab und ſchien nach allen Rich⸗ tungen hin zu zerſtäuben, folgten in der That Buchhagens fröhlicher Stimme und traten zu ihm hin, der noch immer ſeinen Gefangenen im Arm hatte. „Das iſt wider die Abrede, Fritz,“ meinte Leſthen lachend über den Anblick und wiſchte den Schweiß von der Stirn.„Was zum Kukuk wollen wir mit Gefangenen machen, alter Freund!“ „Na, der hier iſt eine Ausnahme, er wird den Her⸗ ren Freude machen, denk' ich,“ ſagte der Wirthſchafter ganz vergnügt und ſo behaglich, als ſei gar nichts Be⸗ ſonderes vorgefallen.„Aber wir wollen hineingehen, denn hier iſt es zur Vorſtellung zu dunkel!— Aber Männchen— ſo ſitz' doch ſtill, Narr!“ unterbrach er ſich, den heftig ſich ſträubenden Gefangenen feſter faſ⸗ ſend,„ich muß Dir ſonſt bei Gott einen kleinen Rip⸗ 182 pendruck geben!— Allons, gehen wir! Ihr ſollt Euer blaues Wunder ſehen, Herr Baron!“ Und ſo ging er mit ſtarken Schritten dem Hauſe zu, von den Anderen gefolgt. Denn wenn auch ein an die Dunkelheit ge⸗ wöhntes Auge alle bisherigen Vorgänge hier draußen genügend hatte unterſcheiden können— der Himmel war, wie wir wiſſen, inzwiſchen nicht nur faſt ganz klar geworden, ſondern auch die Mondſichel leuchtete mit ihrem ſilbernen Licht— die Geſichtszüge eines fremden Men⸗ ſchen ließen ſich dennoch nicht erkennen. Auf dem Flure ſah es öde und doch wild aus; die zerſchmetterte Thür, die beiden todten Körper, der, den Vincenz' Schuß gefällt, und der Andere, deſſen Kopf Buchhagen durch den Stoß gegen den ſeines Camera⸗ den zerſchmettert; ein paar zerbrochene Knittel, der Lauf eines Piſtols, die zerbrochene Klinge von des Barons Säbel, waren ebenſo viele Zeugniſſe von der Heftigkeit des kurzen Kampfes. Allein etwas Lebendes regte ſich nirgends und von den Schloßbewohnern ließ ſich Nie⸗ mand blicken. Die drei alten Herren ſtiegen die kleine Treppe zu dem Zimmer des Barons hinauf, ſchweigend und ergrif⸗ fen, und erſt als ſie im Gemach mit ſeiner verhältniß⸗ mäßig hellen Erleuchtung angelangt waren, wurde des jovialen Mecklenburgers Stimme wieder mit munterem Klange laut. Er ſetzte ſeinen Gefangenen auf den Bo⸗ 183 den, zog ihm die entſtellende Mütze und mit ihr zugleich eine rothe Perrücke vom glänzend ſchwarzen Haar und ſprach mit einer komiſchen Verbeugung:„bon soir, monsieur le vicomte!“— „Iſt es möglich?“ ſchrie Baron Hartwig, den Ge⸗ fangenen an der Schulter packend und zum Licht drehend. „Beim Teufel— ja, er iſt's! Aber Fritz, wie haſt Du ihn— ℳ „Erkannt, Herr Baron?“ fiel Buchhagen luſtig ein. „Na, ich ſah das ſaubere Geſicht zwiſchen den Anderen an der Thür, und dann— ei, ich vergeſſe nie eine Stimme, die ich einmal gehört habe.'s iſt ein netter Fang, hm, Männchen? Das habt Ihr auch nicht gedacht, daß wir über Nacht ſo freundſchaftlich bei einander ſein würden?“ Herr von Vernay, denn er war es wirklich, und man mußte daraus wohl merken, wie viel ihm an dieſem Streich gelegen geweſen, daß er ſich bei demſelben perſönlich ein⸗ gefunden und ſich einer ſolchen Gefahr ausgeſetzt,— Herr von Vernay hatte bisher die lebhafteſten Anſtrengungen gemacht, ſich Buchhagens Eiſenarmen zu entziehen oder zum mindeſten unerkannt zu bleiben. Seine Hoffnung dar⸗ auf war nicht ungerechtfertigt, denn ſeine Verkleidung war ſorgfältig gewählt, und der alte Baron hatte ihn hier und in Kaſſel zu ſelten geſehen, als daß er an ein Wiederer⸗ kennen ſeiner Geſichtszüge hätte glauben mögen. An den 184 plumpen alten Mecklenburger hatte er gar nicht gedacht, ebenſo wenig wie an den General Leſthen. Jetzt, da Alles anders gekommen und jede Verſtel⸗ lung umſonſt, trat er frei und muthig aus ſeiner bisheri⸗ gen Rolle hervor.„Ein bewunderungswürdiges Talent, mein Herr,“ ſprach er in ganz erträglichem Deutſch zu Buchhagen gewendet.„An der Stimme erkennen— bei Gott, ich möchte ſolch' ein Talent auf unſerer Seite kennen!— Ja, mein Herr Baron,“ fuhr er dann fran⸗ zöſiſch fort,„ich bin es. Das Glück hat ſich für Sie und gegen mich ausgeſprochen. Nicht nur iſt mein Ver⸗ ſuch fehlgeſchlagen, ſondern ich bin obendrein auch in Ihrer Gewalt— der einzige Gefangene, wie ich be⸗ merke. Und nun— was beſchließen Sie über mich?“ Baron Hartwig ſtand ſeit jenen raſchen Worten des Erſtaunens, mit denen er Buchhagens Entdeckung auf⸗ genommen, in ſeiner ſtarrſten und ſtrammſten Haltung, die Arme über die breite Bruſt gekreuzt, vor dem männ⸗ lich ſchönen Franzoſen und ſchaute ihn finſteren Blickes, nachdenkend an. Hartwig Aare war, wie wir längſt wiſſen, neben all ſeiner Wildheit und ſeinem aufbrau⸗ ſenden Weſen voll einer großen Gutmüthigkeit und ver⸗ ſtand nichts weniger als nachtragen. Er hatte ſich nie an einem geſchlagenen Feind gerächt, und doch regte ſich in dieſem Augenblick in ihm ein gewiſſer Kitzel— wie wir es wohl heißen müſſen, den Franzoſen, der ſich ver⸗ 185⁵ muthlich noch weit mehr als er ſelbſt bisher wußte, in ſeine Angelegenheiten und Verhältniſſe gedrängt hatte, die Folgen ſeiner Feindſeligkeit ein wenig empfinden zu laſſen. Es zuckte um ſeinen Mund, wie es an den Haa⸗ ren des aufwärts geſtrichenen Bartes ſichtbar wurde, und es drohte in den hellblauen Augen, als er jetzt nach ei⸗ ner Pauſe ſarkaſtiſch aber gedämpft ſprach:„Was wür⸗ den der Herr Vicomte dazu meinen, wenn ich ihn auf⸗ packen und an den Präfecten oder auch an die Herren Collegen in Kaſſel ſpediren ließe oder ihn gar Seiner Majeſtät als das ſchönſte Räuberexemplar zum Präſent machte?“ „Das würde ich in dieſem Falle durchaus gerecht⸗ fertigt, zugleich aber auch ſehr unklug finden, mein Herr Baron,“ entgegnete der Franzoſe mit einer leichten Ver⸗ beugung.„Sie ſind Menſchenkenner genug, um zu wiſ⸗ ſen, daß ich fortan ebenſowenig zu Ihren Freunden zäh⸗ len würde wie bisher, und daß man in Kaſſel gleichfalls ſicherlich nicht freundlicher gegen Sie geſonnen werden dürfte. Iſt Ihnen das durchaus gleichgültig—“ „Ah bah!“ unterbrach ihn Aare gereizt,„was frage ich nach Kaſſel und der ganzen—“ Aber auch der Schloßherr gelangte in ſeiner heftigen Rede nicht weiter, da Buchhagen ſo gut wie der General ſchon ſeit dem Beginn dieſer Scene aus Blick und Haltung 186 des alten Freundes mit ſteigender Beſorgniß ſeine wach⸗ ſende Gereiztheit und die Nähe eines zum mindeſtens un⸗ beſonnenen Ausbruchs erkannten. Der Wirthſchafter ver⸗ wünſchte in dieſem Augenblick faſt, daß er Vernay auf⸗ gegriffen, und er bat jetzt, haſtig dem Gebieter ins Wort fallend:„Herr Baron— wollt Ihr mir nicht ein paar Worte unter vier Augen erlauben?“— während faſt zu⸗ gleich auch Leſthen freilich in ruhigerem Tone ſagte: „Nun, Toller, ich möchte gleichfalls erſt ein wenig mit Dir reden. Dein ſouveraines Urtheil hat noch Zeit, denke ich, und ſollte billig ein Bischen überlegt werden.“ Baron Aare ſah den Einen, dann den Anderen mit ziemlich verdrießlichem Blicke an. Dann aber tauchte das alte joviale Lächeln ſchon wieder auf und er meinte: „Donnerwetter, beide Flanken zugleich attakirt— das iſt bitter! Nun ja, Ludwig— ſei es ſo, ich komme. Dich Fritz, kann ich hier nicht entbehren,“ fügte er hinzu,„es müßte dann ſein, daß der Herr Vernay uns ſein Ehren⸗ wort geben möchte, dies Zimmer nicht zu verlaſſen ohne meine Erlaubniß?“ „Ich gebe es, Herr Baron,“ ſprach der Franzoſe ruhig.— „Gut mein Herr!“ lautete Hartwigs Rede.„Und Du, Fritz, ſtehſt mir dafür ein, daß der Herr hier in⸗ zwiſchen keine überflüſſigen Beſuche bekommt?“ Und auf Buchhagens beſtimmtes ‚Ja’ fuhr er fort:„Nun gut, 187 dann komm' auch Du, zum Kriegsrath.— Mache es ſich der Herr bequem, hier iſt Wein, und Brod und Fleiſch ſteht von Hugo's Nachteſſen auch noch da.“— Er nahm ein Licht und verließ mit den beiden Anderen das Gemach. Als ſie nach einer verhältnißmäßig kurzen Zeit zurück⸗ kehrten, hatte des Barons Geſicht ſich völlig aufgeklärt. Er trat auf ſeinen Gefangenen zu und bot ihm die Hand. „Mein Herr,“ redete er in munterem Ton,„wir ſind, um Alles kurz zu machen, übereingekommen, Sie ungefährdet zu entlaſſen. Daß ich vorhin ein wenig gereizt war, glaube ich ſelbſt mir verzeihen zu dürfen. Es ſteht Ihnen, voraus⸗ geſetzt, daß Sie unſere Bedingungen erfüllen, ein Pferd zu Dienſten, und Ihre Anweſenheit wird von unſerer Seite verſchwiegen bleiben.“ Und da Vernay ſich einfach zur Antwort verbeugte, fuhr der Baron fort:„Zuerſt alſo, Sie verſprechen, dieſe Angriffe, zumal die heimlichen, gegen meine Gäſte und mich aufzugeben. Sie haben über⸗ dies ja meine Papiere, die man mir geſtohlen, ſicher ein⸗ geſehen und müſſen ſich überzeugt haben, daß man mir Unrecht thut, wenn man in mir einen Verſchwörer wittert.“ Der Franzoſe verbeugte ſich von Neuem.„Zugeſtan⸗ den, Herr Baron,“ erwiderte er;„wenn mich nicht ein Befehl Seiner Majeſtät oder meiner Vorgeſetzten zu einem offenen Einſchreiten verpflichtet, werde ich mich um Tollen⸗ 188 eck und ſeine Bewohner ferner nicht bekümmern. Was jedoch die Papiere betrifft,“ fügte er mit feinem Lächeln hinzu,„ſo erlauben Sie mir anderer Anſicht zu ſein. Bei⸗ läufig— ſie wurden uns auch gar nicht zum Zweck einer Anklage, ſondern nur als Beweis Ihrer vollen Un⸗ ſchuld geliefert.“ „Sieh da!“ rief der Baron,„das iſt mehr als ich gehofft! Aber— das Buch, in welchem der Stand meiner Beſitzungen und meines Vermögens angegeben, ich hatt' es ‚Herrſchaftsbuch betitelt?“ fügte er lebhaft hinzu. Vernay ſchaute ihn mit unverhehltem Erſtaunen eine Weile an, bevor er ſagte:„Mein Wort darauf, Herr Ba⸗ ron, davon wiſſen wir nichts. Es iſt Alles durch meine Hände gegangen— aber ein ſolches Buch war nicht dabei. Das muß eine Privatſache ſein, die ich überdies nicht ein⸗ mal verſtehe.“ „Nun, nun,“ meinte Baron Hartwig lachend,„ich verſtehe es, und das genügt. Meine Bedingungen ſind aber ſchon zu Ende,“ redete er weiter,„und ich habe jetzt nur noch eine Frage zu ſtellen. Sie ſagten, daß jene Papiere Ihnen nicht zum Zweck einer Anklage geliefert wurden. Die Lieferantin war doch meine Nichte. Stehen Sie und Ihre Landsleute nicht mehr mit ihr in freundſchaftlicher Allianz? Eine ſolche haben Sie in Tolleneck, das ſteht feſt, und wer könnte ſonſt der Verbündete ſein?“ In Vernay's klugem und geiſtvollem Geſicht prägte 189 ſich eine ſichtbare Verlegenheit aus.„Mein Herr Baron,“ ſprach er dann,„es iſt mir unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden wenig mehr an dem Geheimniß gelegen, das ich nicht länger gegen Sie verwerthen kann, und auf der an⸗ deren Seite darf ich wohl an Ihre Schonung gegen Ihre Verwandten glauben. Allein, es bleibt Ihre Nichte—“ „Oh— geniren Sie ſich ganz und gar nicht,“ fiel ihm Hartwig ſarkaſtiſch ins Wort.„Ich täuſche mich über Lucie nicht im Allerentfernteſten.“— „Nun denn,“ ſprach Vernay nach einer Pauſe achſel⸗ zuckend,„ſo täuſchen Sie ſich über unſere und beſonders meine Stellung zu Ihrer Frau Nichte. Die Dame hat eine Zeitlang durch ihre Schönheit dem Gouvernement große Dienſte geleiſtet und einige überraſchende Erfolge erzielt. Neuerdings aber hat ſie bei allen Miſſionen, die man ihr anvertraute und bei denen es auf den Geiſt ankam, ent⸗ ſchiedenes Unglück gehabt. Sie dachte zu viel an ſich, Herr Baron, und ließ ſich durch— durch ihre Natur zu Unbe⸗ ſonnenheiten fortreißen, compromittirte ſich und das Gou⸗ vernement, ſo daß man ſich genöthigt ſah die Verbindung mir ihr nur ſo weit aufrecht zu erhalten, wie es die Vor⸗ ſicht gebot. Ihr Geſchäft in Tolleneck, Herr Baron, war übrigens von Anfang an faſt nur Privatſache, über die ich keine Erklärung zu geben habe, und man gab im vori⸗ gen Herbſt ihrem Willen nach, nur weil ihre Stellung in 190 Berlin ſo gut wie auch in Kaſſel durch ſie ſelbſt zu einer kaum noch möglichen geworden.“ Erſt nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte der Ba⸗ ron in nachdenklichem Ton:„und ſo hätt' ich Ihren Verbündeten in Tolleneck wirklich in einem Anderen zu ſuchen?“ Auch Vernay ſchwieg einen Augenblick wie überle⸗ gend, bevor er verſetzte:„ich möchte Sie allerdings bitten, Ihren Neffen nicht nach ſeinem gewöhnlichen Weſen und nicht zu gering anzuſchlagen. Es ſteckt hinter ihm mehr Talent, als man ſelbſt bei uns vorausgeſetzt hat, ja ich fange eben an zu glauben, noch mehr, als wir auch in der letzten Zeit erfuhren. Mißverſtehen wir uns nicht, Herr Baron,“ fügte er, einen Schatten in des alten Herrn Auge erblickend, lebhaft hinzu;„wir haben die uns an⸗ gebotenen Dienſte benützt, ohne ihrer gerade zu bedürfen— deshalb gebe ich ſie jetzt ohne Weiteres auf— vor Allem aber, ohne den, der ſie uns leiſtete, zu achten. Sie wiſſen: man liebt den Verrath, aber—“ „Vollkommen einverſtanden, mein Herr Vicomte,“ unterbrach ihn Hartwig Aare mit einer Art leiſe verächt⸗ lichen Lächelns.„Ich bin Gottlob Mannes genug, in meiner Familie, wenn es Noth thut, Ordnung zu ſchaffen und den gar zu Kecken auf die Finger zu klopfen.— Wohlan, mein Herr, ich bin fertig,“ ſchloß er dann mit einem höflichen Neigen des Hauptes.„Ich gebe morgen— nein heut', 191 ein Feſt zur Vermählung meines Sohnes. Sie ſollen mir ein willkommener Gaſt ſein— es dürfte dabei einiges Intereſſante für ſie geben.“ Vernay verbeugte ſich.„Sie ſind ſehr gütig, mein Herr Baron,“ ſprach er,„allein, wenn Sie es erlauben, möchte ich mich doch lieber entfernt halten. Meine Anweſen⸗ heit iſt anderwärts nothwendig.“ Baron Aare reichte ihm die Hand.„So leben Sie wohl, Vicomte,“ ſagte er in ſeiner offenſten und faſt herz⸗ lichen Weiſe.„Ich hoffe, wir ſcheiden trotz Allem, was vorgefallen, eher in verminderter als vermehrter Feindſchaft. Fritz, beſorge, daß der Herr ein Pferd erhält, auch ſeine Kappe und die Perrücke,“ fügte er lachend hinzu,„denn ich halte es für unnöthig, daß Jemand außer uns von der An⸗ weſenheit des Herrn Vicomte von Vernay erfährt.“ Zehntes Capitel. Alt-Tollenecker Weiſe. „Und das Feſt wird dennoch gehalten,“ ſagte der alte Baron, als der Vicomte geſchieden und der General mit Kopfſchütteln auf die hieher zielende Aeußerung des Schloßherrn zurückkommend, ſeinen Zweifel ausgeſprochen hatte, ob die Damen, ob ſie, die Männer, ſelber nach ſolchen Ereigniſſen noch„Luſt am Tanzen und Springen“ finden dürften.„Das Feſt wird doch gehalten,“ wieder⸗ holte Hartwig mit luſtiger Entſchloſſenheit.„Das Paar ſoll endlich nach Tolleneck und darf doch nicht vor einem ſolchen ſolennen Empfang. Ich bin gewiß kein ſchwach⸗ herziger und grillenhafter Menſch, allein an ſolchen Sitten meiner Vorfahren und des alten Neſtes hänge ich. Es ſind Alle ſo empfangen worden, ſelbſt die Margarethe ihrer Zeit, und Bernhard ſoll nicht darum betrogen werden. 193 Und wär' es das nicht, ſo ſollte Fritz Buchhagen für ſeine heutigen Gut⸗ und Heldenthaten gefeiert werden— Fritz, Du biſt ein großer Mann,“ fügte Hartwig hinzu, und wie er dabei dem alten faſt ſchalkhaft lachenden Burſchen ſchal⸗ lend auf die Schulter ſchlug, zuckte durch ſein Geſicht etwas wie Rührung und auch die Stimme ſprach von ſeiner inneren Bewegung,„ein ganzer— ein grauſam gewaltiger Mann, Fritz, mehr als der Rieſe Goliath, der Teufel hol' mich! Haſt Du's geſehen, Bruder General, als er den Burſchen die Köpfe zuſammenſtieß und dann den Einen als Spazierſtock behielt?“ „Ja ja,“ ſagte Leſthen, dem Wirthſchafter gleichfalls die Hand ſchüttelnd,„und ſich den Vicomte zum Wickel⸗ kind ausſuchte!—“ „Na, Herrſchaften, macht keinen Unſinn,“ meinte Fritz Buchhagen, der bei dem Lobe ein wenig verlegen wurde und ſich hin und her zu drehen begann.„Was iſt da viel zu rühmen, daß ich mich umſtoßen ließ, wie ein Ochs— „Durch einen Balken, Fritz!“ fiel der Baron la⸗ chend ein. .„Gleichviel,“ meinte der Wirthſchafter ärgerlich.„Um⸗ geſtoßen— na bei Gott!— Und wenn nicht des Vincenz Schuß gekommen wäre—“ „Schon gut, Fritz, ſchon gut,“ unterbrach Hartwig ihn von Neuem und gab ihm einen zweiten Schlag auf Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 13 194 die Schulter.„So oder ſo haſt Du das Beſte gethan und uns gerettet. Wäreſt Du ein Anderer oder Jüngerer, ſo würd' ich Dich reich machen oder Dich meinetwegen ſogar adoptiren,“ fügte der Sprecher lachend hinzu.„Solchen Sohn könnte man ſich gefallen laſſen! Aber wir Beide bleiben auch ſo bei einander und was mein iſt, iſt auch Dein. Das Feſt ſoll jedoch gefeiert werden— Du ſollſt dabei auch Deine Ehre haben.“ „Wenn Ihr derartigen Unſinn vorhabt, Herr Baron, kriegt Ihr mich heut' Abend mit keinem Blick droben im Saale zu ſehen,“ unterbrach ihn Buchhagen höchſt energiſch. „Das wird ſich Alles finden, alter Mecklenburger,“ verſetzte Hartwig munter.„Mein dritter Grund iſt das Menuet mit meiner Gevatterin, der vierte endlich— meine Revanche für ein Jahr Geduld und Heuchelei. Ich habe es zwar hier unſerm Herrn Hugo verſprechen müſſen,“ ſchloß er mit leicht ſich runzelnder Stirn und nickte dem Genannten, der mit verſchränkten Armen am Tiſch lehnte, ernſt zu,„ſeine Nachrichten nicht bei dem Feſte zu ver⸗ werthen, allein meine Revanche will ich dennoch haben.“ „Was redeſt Du da von Hugo's Nachrichten? Was haſt Du erkundet und mitgebracht, Junge?“ fragte Leſt⸗ hen von dem Einen zum Anderen blickend mit einer Art Ueberraſchung. „Staatsgeheimniß, Ludwig! Reſpect!“ ſagte aber 195⁵ der Baron wieder munter.„Und nun kommt und laßt uns noch ein wenig ruhen und dann heiter ſein. Es iſt bei Gott Alles gut gegangen, und ſelbſt unſere Damen brauchen ihre Feſtfreude nicht fortzulamentiren, wenn ſie von dem Spectakel erfahren.“ Darin hatte Baron Hartwig freilich Recht. Daß von dem unbändigen Lärm und Geſchrei des Handge⸗ menges, zumal von dem furchtbaren Gepolter der einge⸗ ſtoßenen Thür und den Schüſſen auch in den höheren Theilen des Schloſſes das meiſte vernehmbar geworden und die dort hauſenden Bewohner aufgeſchreckt und ge⸗ ängſtigt, verſteht ſich von ſelbſt. Allein die Generalin und Hildegard waren noch am Abend von Leſthen dar⸗ auf vorbereitet worden, daß ſie ſich um die etwaige Un⸗ ruhe der Nacht nicht kümmern noch quälen möchten. Buch⸗ hagen und der Baron behaupteten Alles ſo gut vorbe⸗ reitet zu haben, daß der Lärm nur Lärm und das Ganze ein Spiel bleiben würde, welches ihnen nur ein paar Stunden Schlafs koſten könnte. So hatten Beide ſich ruhig ver⸗ halten, obgleich was ſie vernahmen, ihnen allerdings über ein„Spiel“ hinauszugehen ſchien. Das alte Verwandtenpaar, die Tante Chriſtine und der ewige Kranke, der Herr von Meding, bargen ſich vermuthlich nur tiefer in die Kiſſen, und was endlich die Geſchwiſter und alle Uebrigen anging, welche noch in dem weitläufigen Baue hauſ'ten, ſo waren ſie, ſelbſt 13 wenn ſie Luſt empfunden hätten, nach der Urſache des furchtbaren Lärms zu forſchen, gewiſſermaßen zur Ruhe und einſtweiligen Beſchwichtigung ihrer Neugier gezwun⸗ gen worden. Buchhagen hatte, nachdem das Schloß ſtill geworden und auch Hippolyt von ſeinem wohl bemerk⸗ ten letzten Streifzuge zurückgekehrt war, droben ein paar vertraute Leute hingeſtellt mit der Ordre, Niemand über den weißen Saal hinaus gelangen zu laſſen. Nur Vin⸗ cenz war, von oben herabſtürmend, durchgebrochen, aber auch nicht ernſtlich aufgehalten worden, da die angeſtell⸗ ten Burſche nichts von dem Mißtrauen wußten, das man gegen ihn hegte.— Als der Lärm ſich, nachdem die Angreifer aus dem Schloſſe geworfen, immer weiter entfernt hatte, war auch Hippolyt erſchienen, mit verſtörter Miene und haſtig, als komme er eben aus dem Schlaf, halb angekleidet, ein paar Piſtolen in den Händen, heftig nach unten drängend und die beiden Wächter antreibend ihm zu folgen. Sie hatten ihn nicht gerade höflich zurückge⸗ wieſen. Wer d'runten was zu thun habe, ſei ſchon dort, hatten ſie gemeint, und der Herr habe ſie gerade hieher geſchickt, daß man droben im Schloß nicht be⸗ unruhigt werde, und erfahre, wie Alles vorüber.— Der junge Herr hatte ſich mit einem ſichtbar verlegenen Lä⸗ cheln abgewendet und zurückgezogen.„Wie rückſichts⸗ voll!“ hatte er gemurmelt. 197 Aber auch ſonſt war kein Grund zur Klage und Trauer vorhanden. Am Morgen, da man aufgeräumt, zeugten drunten nur noch die Trümmer der zerſprengten Thür von den Vorgängen der Nacht. Die Angreifer waren verſchwunden, wie ſie gekommen waren. Die bei⸗ den Todten hatte man auf die Seite geſchafft und re⸗ dete nicht von ihnen; Gefangene waren nicht da, und auch Verwundungen gab es auf Seiten der Schloßleute weder viele noch ernſtliche. Das Geſindel war faſt nur mit Knitteln bewaffnet geweſen oder doch nicht zum Gebrauch anderer Waffen gelangt, weil es genug zu thun gehabt, die raſenden Hunde abzuwehren, deren An⸗ ſturz nach Buchhagens und des Barons Vorausberech⸗ nung einen wunderbaren Effect gemacht. Von dem ein⸗ zigen Schuß, der gleich zu Anfang auf den Wirthſchaf⸗ ter abgefeuert worden, hatte Vernay ſelber erklärt, daß er gegen ſeinen ausdrücklichen Befehl gefallen. Da man einmal unter der Maske jener Räuber und Strolche er⸗ ſcheinen wollte, die im Gebirge einſame Höfe überfie⸗ len, ſo durfte man ebenſo wenig ſchießen, wie ſie, ab⸗ geſehen davon, daß es dem Vicomte durchaus nicht um ein blutiges Ende der Unternehmung zu thun war und er jeden Lärm ſchon um deſſentwillen möglichſt vermei⸗ den mußte, weil er ſich nicht die erweckten Bewohner des Dorfes Tolleneck auf den Hals ziehen wollte. Ja Vernay hatte, um alle unwillkommenen Zwiſchenfälle zu vermeiden, ſich nicht nur ſelbſt ſeiner Schaar ange⸗ ſchloſſen, ſondern auch die Zahl ſeiner Begleiter ſo viel wie möglich beſchränkt, um ſie beſſer im Zaum hal⸗ ten zu können. Und er hatte ſelber zugegeben, was auch Buchhagen ſchon angedeutet, daß der Unfall und die Krankheit der Generalin den Ueberfall verzögert. Das Feſt am nächſten Tage war jetzt freilich nicht in Anſchlag gebracht, leicht möglich, weil Hippolyt kaum an dasſelbe glaubte. Sah er doch ſo gut wie keine Vor⸗ bereitungen dazu.* Man traf ſich beim Frühſtück, bei dem heut' zum erſtenmale auch die Generalin wieder erſchien, in ſehr verſchiedener Stimmung. Hartwig und Leſthen waren ſo munter und jovial wie je, und Hugo's Anweſenheit genügte, die Großmutter, deren Liebling er von jeher geweſen, alles Uebrige vergeſſen und ſich der vollen Freude über ihn und ſeine Erſcheinung hingeben zu laſſen. Und auch bei Hildegard brach, ſo befangen, ſo träumeriſch ſie im Ganzen ſich zeigte, doch von Zeit zu Zeit eine ju⸗ gendliche Heiterkeit, eine liebliche und anmuthige Schel⸗ merei ſich Bahn, die man ſeit langem nicht mehr an dem jungen Mädchen zu bemerken gehabt und die bei jeder Aeußerung nun den alten Baron und Leſthen Blicke austauſchen ließen, welche mehr als einmal das mißbilligende Kopfſchütteln der Generalin hervorriefen. Tante Chriſtine hatte ſich als noch zu angegriffen von 199 den Schrecken der Nacht entſchuldigen laſſen, und an⸗ gegriffen erſchienen auch die Geſchwiſter, welche Beide die heitere Stimmung der Uebrigen nicht begriffen, ob⸗ gleich der Schloßherr ihnen den ganzen Vorfall lachend als eine Kleinigkeit darzuſtellen ſuchte, die Niemand be⸗ ſonders erſchreckt und nur ihn perſönlich verdroſſen, weil es eine Unverſchämtheit ſei, Schloß Tolleneck für ein Bauernhaus zu halten, das ein paar freche Kerle über⸗ rumpeln und ausräumen könnten. *„Die dummen Kerle haben nicht daran gedacht, daß wir im Hauſe und den Ställen noch immer unfre zwanzig bis fünfundzwanzig Menſchen ſind, von denen Jeder ſeinen Mann ſteht, während Herr Fritz allein ſeine zehn auf ſich nimmt,“ fügte der Baron launig hinzu. „Und wollten die Narren uns wirklich überrumpeln, ſo mußten ſie ſich eine andere Nacht als die vor meinem Feſte ausſuchen, wo ſelbſtverſtändlich mehr als Einer im Hauſe nicht ins Bett kommen konnte. Aber genng davon. Du haſt ganz recht gethan, in Deinem warmen Bett zu bleiben, Frau Nichte, und der Monſieur Hip⸗ polyt, ſich mit ſeiner Hülfe nicht zu heeilen. Ihr wä⸗ ret Beide nur von Ueberfluß geweſen.“ Daß Beide nicht an die Worte und die Weiſe des Onkels glaubten, verſteht ſich von ſelbſt, und zwar thaten ſie dies um ſo weniger, da die Eine ahnte und der Andere wußte, was im Werke geweſen. War denn Vernay's Plan 200 ſo gänzlich mißlungen und weshalb? War man im Schloſſe wirklich völlig unvorbereitet überfallen und den⸗ noch Sieger geblieben? Oder war man vorbereitet ge⸗ weſen— wie hatte man etwas von der Sache entdeckt, wie und weshalb hatte man die Rüſtungen vor Hippolyt verborgen? Und endlich— wußte oder ahnte der alte Baron, wer der Anſtifter des Ueberfalls geweſen, oder glaubte er, wie er jetzt andeutete, daß der Angriff wirklich nur von jenen Strolchen an der Gränze im Gebirg ausgegangen? Das Alles waren Fragen, welche die Geſchwiſter, jedes für ſich, auf das Ernſtlichſte und Unbehaglichſte beſchäf⸗ tigten. 3 Auch an Hugo's Erſcheinung ſchloß ſich mehr als eine, gleich ernſte und wenig angenehme Frage. Wann war er gekommen und was hatte ihn mit dem Baron, mit Hildegard ſo ſchnell wieder in das ſichtbar beſte Einver⸗ nehmen gebracht? Was ließ ihn Lucien ſo gefliſſentlich ausweichen, daß die ſchöne Frau nicht allein nachdenklich, ſondern über ſolche ungewohnte Mißachtung auch em⸗ pfindlich werden mußte? Und was brachte ihn dazu, Hip⸗ polyt mit einer ſolchen Kälte zu begegnen, welche den Herrn trotz aller Blaſirtheit doch mehr als einmal zu einer ganz ungewöhnlichen Lebhaftigkeit, ja Gereiztheit aufſtachelte? Es war nur Schade, daß Hugo durch ein ſolches Entgegentreten gar nicht berührt zu werden, gar nicht darauf zu achten ſchien. Und nun endlich das Feſt, mit dem es alſo wirklich Ernſt wurde, heute, nach ſolcher Nacht, zu dem jetzt durch das ganze Haus die Vorbereitungen ſichtbar wurden! Und der Onkel that ſo geheimnißvoll damit— hatte er denn noch eine beſondere Ueberraſchung vor— und war ſo ganz auffällig kurz in ſeinen Antworten! „Sagen Sie um Himmelswillen doch nur, was wird, was Sie vorhaben!“ ſagte Lucie endlich geradezu. „Man hat doch auch ſeine Vorbereitungen zu treffen— auf viele oder auf wenige Gäſte— von denen ich bei⸗ läufig geſagt, noch überhaupt nur Einen ſehe,“ fügte ſie mit einem Lächeln auf Hugo blickend, munter hinzu.„Ein Feſt— das iſt ein weiter Begriff!“ „Bereite Dich auf den weiteſten vor,“ entgegnete der Baron launig.„Suche alle Ingredienzen in Deinem Kopfe zuſammen, die ein halb häusliches, halb ländliches Fami⸗ lienfeſt haben kann, und traue ſie dreiſt dem heutigen zu. Wenn der Erbherr und ſeine Gattin auf Tolleneck em⸗ pfangen werden, laſſen die Aare ſich nicht lumpen.“ „Und wann erſcheint der Herr Erbherr und ſeine Dame, die bisher wie eine verwünſchte Prinzeſſin vor uns Allen, nur vor ihm nicht, verborgen?“ fragte Lucie heiter. „Wenn ſie nur nicht wieder verſchwindet! Ich bin ſo neu⸗ gierig!“ „So iſt's ganz in der Ordnung,“ entgegnete er. „Mußt es aber ſchon bis heut' Abend bleiben, denn das Paar darf nur als das Letzte erſcheinen und muß bei Fackellicht einziehen.“ „Und die anderen Gäſte?“ fragte ſie nochmals und fügte munter lachend hinzu:„ich geſteh's, das Alles iſt, wie ich's noch gar nicht kenne! Ein Prachtfeſt—“ „Voll Ueberraſchungen,“ ſchob er behaglich ein. „Voll Ueberraſchungen, von denen man keine Spur einer Ahnung hat, mit Gäſten, von denen man bis auf den letzten Augenblick nicht einmal ahnt, woher ſie in dieſer Einſamkeit auch nur kommen ſollen—“ „Ah bah, ah bah!“ unterbrach er ſie lachend,„küm⸗ mere Dich um Deine Toilette, Frau Nichte, und nicht um die Gäſte, welche kommen, wann es Zeit iſt, und nicht um Ueberraſchungen, die ja keine Ueberraſchungen mehr wären, wenn man eine Ahnung von ihnen hätte.— Komm' Leſthen, wir wollen uns einen Wein ausſuchen für uns Alte. Das überlaſſe ich keinem Anderen, und wenn es ſelbſt Buchhagen wäre.“ Woher die Gäſte kommen ſollten, fragte indeſſen nicht Lucie allein, denn wie wir wiſſen, war es um die Nachbarſchaft Tolleneck's übel beſtellt. Die wenigen Fa⸗ milien, welche vordem hier noch anſäßig geweſen, waren entweder ausgeſtorben oder fortgezogen, oder auch neuer⸗ dings, was in Aare's und der Seinen Augen das Aller⸗ ſchlimmſte, zu der franzöſiſchen Partei über⸗ und an den Hof gegangen. Allein man hatte ſchon bei den oben er⸗ wähnten Jagden erfahren, daß dennoch hie und da und zumal jenſeits des Fluſſes noch mancher lebte, der mit dem alten Hartwig Aare wohl bekannt geblieben, und überdies war es gerade die Zeit, wo die meiſten begüterten, aber am Hofe lebenden Familien, aus den Bädern und von Sommerreiſen zurückgekehrt, einige Zeit auf ihren Be⸗ ſitzungen zuzubringen pflegten. Mit Tolleneck waren dieſe freilich meiſtens längſt außer Verkehr gekommen, ſie wußten in dem alten Baron ihren Gegner oder glaubten wenigſtens ihn dafür halten zu müſſen. Man ſpöttelte in dieſen Kreiſen über den„König vom Waldgau,“ wie über eine deutſche Auflage des fran⸗ zöſiſchen Königs von Yvetot, man erzählte ſich die wilden Stücklein aus ſeinen früheren Jahren und ſchüttelte den Kopf über ſeinen jetzigen ungebärdigen Trotz, über ſeine Verbindungen mit den Feinden des neuen Königreichs, über die Langmuth des Königs, der ihn noch immer ſchonte, und endlich über die Geſellſchaft, die gegenwärtig in Tolleneck ihr Weſen treiben ſollte. Und trotzdem blickte man, wenn man die alten Thürme in der Ferne auf ihrer Höhe ſo unverändert ragen ſah, mit Neugierde, Verlangen und einer Art Neid zu ihnen hinüber und gedachte der früher dort genoſſenen glänzenden Gaſtfreiheit, des ein wenig wilden, aber auch luſtigen Lebens und Treibens, der wunderlichen und doch unterhaltenden und anſpre⸗ 204 chenden Perſönlichkeiten, die dem Gaſte dort begegnet waren. Das war freilich lange her; nur die Eltern hatten es noch erlebt, daß Tolleneck voll Geſelligkeit und Luſt geweſen, aber ſie hatten ihren Kindern davon erzählt und ſie neugierig gemacht, und die Enkelin des Alten mußte jetzt erwachſen ſein und war eine der erſten Partien im ganzen Lande, wo nicht die allererſte; und die Gräfin Barrois war eine etwas bedenkliche, aber höchſt intereſ⸗ ſante Perſönlichkeit, die man gern auch einmal im engen häuslichen Cirkel beobachtet hätte,— was trieb die Dame in dem einſamen Tolleneck? War etwas daran, daß ſie den alten„Tollen“ heirathen wollte? Und nun endlich die preußiſchen Gäſte, deren ſich die Aelteren gleichfalls noch von früher her erinnerten— und zum Schluß der Kopf⸗ hänger und Eremit Bernhard, der plötzlich geheirathet! Was waren ſonſt für Feſte bei ſolchen Vermählungen der Kinder des Hauſes auf Tolleneck gefeiert worden! Aber das war nun Alles vorbei. Es war doch Schade, daß man mit dem tollen Aare ſo ganz und gar keinen Ver⸗ kehr mehr haben ſollte! Und da waren nun plötzlich die Einladungsbriefe des alten Herrn angelangt, bei Feind und Freund, in Nähe und Ferne, ja bis zur Reſidenz hinüber:„zur Feier der Ver⸗ mählung ſeines einzigen Sohnes und zur Einholung des⸗ ſelben auf Tolleneck. Man werde das Paar um acht Uhr 205 Abends einholen und der Fackeltanz werde ſich unmittelbar daran ſchließen.“— Und es hatten nur diejenigen abgeſagt, welche die Einladung der Entfernung wegen zu ſpät erhielten, um ſich noch auf einige Tage von ihren Geſchäften, aus ihrer dienſtlichen Stellung frei zu machen, oder die durch Krank⸗ heit verhindert wurden. Sonſt kamen Alle, und von Mit⸗ tag an rollten die prächtigen Equipagen in großer Zahl den Schloßberg hinauf, und der Hof füllte ſich mit einer Wagenburg und die Ställe genügten kaum für all die wundervollen Poſtzüge, den Stolz dieſes Adels und dieſes Landes, und in den lange nicht geöffneten Geſellſchafts⸗ räumen drängte ſich eine immer wachſende Menge in den goldgeſtickten Hofkleidern und Uniformen, in den glän⸗ zendſten und modernſten Toiletten. Wie waren ſie innerlich erſtaunt, ſich hier wiederzu⸗ finden, Alle, die ſeit Jahren ſich kaum geſehen oder ſich ſogar ausgewichen, und wie waren ſie entzückt ſich wieder begrüßen zu können! Wie cordial ſchüttelte man dem ntollen“ Aare die Hand und wünſchte ihm Glück zu der Heirath des Sohns und zu der Rettung aus dem räuberiſchen Ueberfall der vergangenen Nacht, von dem man hie und da unterwegs erfahren! Wie bereitwillig ſtimmte man ihm bei, für heut alle politiſchen Differenzen zu vergeſſen und ſich nur an das Feſt zu halten— ein Familienfeſt, da es wenige Familien in all dieſen Gegenden gab, die nicht ſo oder ſo mit den Aare verwandt, in denen ſie, mochten ſie auch im Uebrigen denken, wie ſie wollten, nun doch einmal das erſte Geſchlecht des ganzen diesſeitigen Landestheils achten und gelten laſſen mußten. Und wie freuten ſich die Alten die Bekanntſchaft mit dieſen Räumen voll ſolider Pracht, voll fürſtlichen, echten Glanzes zu erneuern, und wie ſtaunten die Jungen dar⸗ über, die daheim meiſt nur die Nüchternheit der neuen Mode oder gar den kaum noch vor der Welt verborgenen Ruin kennen gelernt hatten. Denn es gab derzeit in dieſen Landen wenig Familien, welche noch im Stande waren, mit dem alten Glanze das Anſehen ihres Geſchlechtes und Namens zu erhalten. Die wahnſinnige Verſchwendungs⸗ ſucht des vorigen Jahrhunderts hatte die meiſten Vermögen ruinirt, und das jetzige koſtſpielige Leben am Hofe zu Kaſſel war nicht geeignet, ſie wieder wachſen und ſich be⸗ feſtigen zu laſſen. Aber auch die Einheimiſchen ſtaunten über die blitz⸗ gleiche Entfaltung dieſes Glanzes und dieſer Pracht, von der ſie am Morgen noch kaum etwas bemerken vermocht, wie die Hallen und Treppen ſich in Laubengänge verwandel⸗ ten, in denen ſich die zur Beleuchtung am Abendbeſtimmten farbigen Lampen hinzogen; wie die Säle ſich öffneten, von deren Daſein man bisher kaum erfahren, und ſich würdig geſchmückt zeigten, wie Alles zum Empfang der zahlreichen Gäſte bereit war und nun dieſe Gäſte auch anlangten— 207 „Wie haben Sie es möglich gemacht, Onkel?“ fragte Lucie ganz verwundert.„Ich habe nirgends eine ſo märchen⸗ hafte Verwandlung geſehen!“ „Das iſt Alt⸗Tollenecker Weiſe, Kind,“ verſetzte der Baron gemüthlich.„Der Empfang eines neuen Kindes iſt bei uns Aare ein großes Feſt, und der meines aufge⸗ lebten Bernhards noch ein ganz beſonderes. Ich liebe die Feſte, aber ich haſſe die Vorbereitungen und will mich den Teufel mit ihnen abplagen und mir mein ganzes häus⸗ liches Behagen verderben laſſen. Draußen mögen ſie ſchaffen und vorbereiten, was nöthig iſt, drinnen aber— na, wozu hat man denn hier oben und unten im Dorf und ſonſt Hände genug? Laſſe ſie ſich rühren! Und Fritz Buch⸗ hagen iſt Alles, was er ſein will, ſelbſt Architekt und De⸗ corateur.“— „Was hat der Hartwig vor, Leſthen?“ fragte die Ge⸗ neralin ihren über die Begegnung mit mehr als einem alten Freunde und Cameraden— denn von den Aelteren hatten vordem manche im Heere Friedrichs gedient— hocherfreuten, heiteren Gatten.„Es iſt noch etwas An⸗ deres da als der Empfang Bernhards, und mir wird un⸗ heimlich bei der Sache. Ich will nicht fürchten—“ „Weiß nicht, frage Hugo, Charlott', das iſt der Ver⸗ traute,“ erwiderte der General vorüberſtreichend. Und der Enkel ſprach, da ſie ihn ernſtlich fragte: „Liebe Großmutter, ich habe darüber nicht zu reden. Nur ſo viel: ich kam ſchon im Winter zufällig in Betreff der Gräfin Barrois auf eine Spur, die ich verfolgte und von der ich den Baron, da ich mit ihm Anfangs Sommers zu⸗ ſammentraf, ſagte. Jetzt konnte ich ihm beſtimmte Nach⸗ richten bringen— das iſt der Grund meines Kommens — die er heut' Abend allerdings verwerthen zu wollen ſchien. Das habe ich jedoch abgelehnt, um meinetwillen und um Euretwillen. Ich weiß, daß Dir ein ſolcher Eclat verhaßt ſein würde.“ „Biſt Du ganz ſicher, daß er unterbleibt?“ fragte die Matrone ernſt.„Andernfalls würde ich mich augenblicklich zurückziehen.“ „Ich bin ſicher,“ verſetzte er ebenſo ernſt.„Der Baron gab mir ſein Wort— ungern, aber er that's, und das genügt, denn ich habe nie gehört, daß der Aare ein Verſprechen nicht gehalten. Morgen freilich—!“ Er brach achſelzuckend ab. Der Gegenſtand dieſes Geſprächs, die Gräfin Lucie, ſchien indeſſen für heut' ihrer Unbehaglichkeit und ihrer Sorgen vergeſſen zu haben. Sie hatte ſo manchen ge⸗ funden, den ſie hie und da, in Kaſſel, in Paris, in der Geſellſchaft kennen gelernt, und der, ſei es durch ihre Reize beſtochen, ſei es, weil er ihre Stellung kannte und ihren Einfluß vielleicht überſchätzte, ſich hier dem Kreiſe von Bewunderern und Verehrern anſchloß, den ſie alsbald um ſich zu verſammeln wußte. In der That 209 lernte man auf Tolleneck erſt heut' die Verwandte wirk⸗ lich kennen und die Geltung und Herrſchaft verſtehen und würdigen, die ſie in der Geſellſchaft zu finden und auszuüben gewußt. Auch hier zeigte ſie ſich als Herr⸗ ſcherin in ihrem Kreiſe und erſchien durch Anmuth und Grazie, durch Geiſt und Heiterkeit dieſer Stellung würdig. Der Nachmittag verging in ungetrübter Munter⸗ keit und Luſt, und der Abend kam heran, die Säle glänzten und ſtrahlten in der prachtvollen Beleuchtung, und die farbigen Lampen erfüllten das alte Haus mit einem märchenhaften Licht, während der weite Hof von den Flammen der großen Pechpfannen wie mit Tages⸗ helle übergoſſen wurde. Und die Witterung begünſtigte Alles auf das vollkommenſte, denn dem vorigen ſtürmi⸗ ſchen Regentage war ein Tag von ſolcher Klarheit und Schönheit gefolgt, wie ihn nur der Herbſt uns zu brin⸗ gen pflegt. Da ſchlug es acht Uhr; ein paar Böllerſchüſſe, die von der Gränze des Tollenecker Gebiets herüberſchallten, zeigten die Annäherung des jungen Paares an, und zu⸗ gleich ſtieg der Baron mit dem General, der den Braut⸗ vater zu repräſentiren hatte, mit Hugo und Hyneck und einigen Vettern der Familie zu Pferde, um den Kom⸗ menden entgegenzureiten. Sie hatten die blanken De⸗ gen in der Rechten, zur Abwehr jedes räuberiſchen An⸗ falls, wie es ſeit einem ſolchen unglücklichen Begegniß Edmund Hoefer; Tolleneck III. 14 bei den Aare Herkommen war. Diener mit Fackeln be⸗ gleiteten den Zug, und zwei reich gezäumte Pferde, von denen das eine einen Damenſattel trug, wurden ihm nachgeführt. Die Generalin, als Repräſentantin der Hausfrau, erwartete die Ankommenden in Hildegards Be⸗ gleitung in der Nähe des zu einem Laubportale umge⸗ wandelten Schloßeingangs. Die andere Geſellſchaft ord⸗ nete ſich droben in den Nebenſälen und hielt die Wachs⸗ fackeln bereit, mit denen man an dem jungen Paar vor⸗ überziehen ſollte. Da kam nun die Cavalcade zurück, von Böller⸗ ſchüſſen und gewaltigen Lebehochrufen begrüßt, Bernhard und Blanka zwiſchen dem Baron und Leſthen reitend. Sie ſtiegen ab und traten ins Schloß, von der Gene⸗ ralin und Hildegard begrüßt und begleitet, die Treppen hinauf, in den großen Ahnenſaal, wo ein erhöhter thron⸗ artiger Sitz für das, von der feierlichen Würde des gan⸗ zen Hergangs ergriffene Paar bereitet war. Und nun gingen die Thüren zu den Nebenſälen auf, und Hart⸗ wig mit der Generalin voran, der General mit Hilde⸗ gard folgend, zog die Geſellſchaft nach den Klängen ei⸗ nes Muſikcorps im polonaiſenartigen Tacte heran, die Fackeln neigend vor den Gefeierten. Blanka zuckte zuſammen.„Wer iſt denn das?“ fragte ſie hörbar bebend ihren Gatten, indem ſie auf - 211 die vierte Dame des Zugs deutete, welche ſich eben mit ihrem Herrn näherte. „Das iſt unſere Couſine Lucie, die Gräfin Bar⸗ rois,“ verſetzte Bernhard überraſcht durch den Ton und Blick der Geliebten. „Lucie? Die Gräfin Barrois? Eure Couſine?“ wiederholte die Dame wie betäubt und kaum die Worte hervorbringend, und die ſanften blauen Augen ruhten mit peinvoller Starrheit auf der Genannten.„Es iſt ja Roſa— Roſa— Im Zuge gab es eine plötzliche Verwirrung und einen kleinen Aufenthalt. Lucie war ohnmächtig in die Arme ihres Herrn geſunken. Man mußte ſie fortſchaffen. 14* Elftes Capitel. Ain Blick in den Abgrund. Der Vorfall hatte weniger Störung verurſacht und eine geringere Aufmerkſamkeit erregt, als man hätte er⸗ warten ſollen. Es war in der letzten halben Stunde, ſeit man die Fackeln angezündet, in den Nebenſälen ſo drückend heiß geworden, während die Luft im großen Saale den Eintretenden faſt kalt entgegenſtrömte, daß man ſich über ein ſo plötzliches Unwohlſein einer Dame kaum verwundern konnte. Man hatte ſie dann ſo ſchnell fort und nach oben geſchafft, daß manche von den vor⸗ deren und hinteren Paaren erſt ſpäter, da ſie ihre Ab⸗ weſenheit merkten und ſich erkundigten, von der Sache erfuhren. Für den Augenblick waren Alle durch den ſtattlichen Zug vollauf in Anſpruch genommen, der ſei⸗ nen Fortgang nahm, bis man den Saal umkreiſ't, und — — 4 — — — 4 — 213 Hartwig, wieder vor dem jungen Paare ſtehend, das⸗ ſelbe nun erſt als Herr und Vater begrüßte und die Schwiegertochter willkommen hieß in der alten Familie der Tollen von Aare. „Du haſt lange geſäumt, mein Sohn Bernhard,“ ſchloß der alte Herr, bewegter als ihn jemals irgend wer geſehen,„bis Du Dich daran erinnert, daß nur ein Vater und ein Sohn noch vom Hauſe Aare übrig. Die Tollen von Aare ſind vom Herrgott immer mit ſchönen, ausglichen durch ihre Anmuth, Würde und Milde. Dir iſt es nicht minder gut ergangen, denn ich ſehe eine Dame an Deiner Seite, die an Holdſeligkeit und Adel keiner unſerer Ahnfrauen nachſteht. Und ſomit heiß' ich Dich, Blanka, Freifrau von Aare, Erbherrin auf Tol⸗ leneck, willkommen in meinem Hauſe, und will Dich als meine liebſte Tochter ehren.“ Die holdſelige Frau, denn das war Blanka heut' Abend im vollſtem Sinne des Worts, ergriff die Hände des alten Herrn, um ſie an ihre Lippen zu führen. Aber das duldete er nicht, ſondern zog ſie in ſeine Arme, ſie auf die Stirn küſſend. Und als ſie ſich dann wieder aufrichtete, ſprach er, jetzt freilich mit Lächeln:„Nun aber genug mit dieſem alten Hokuspokus, ſo werth er mir ſonſt auch iſt. Wir haben Dich lange auf Tollen⸗ 21⁵ ſich aber bisher abſeits gehalten hatte, nun jedoch ſeinem Herrn ſich zu nähern ſuchte und ihm einen nur dieſem be⸗ merkbaren Wink mit den Augen gab. „Was haſt Du Fritz? Ein neuer Ueberfall?“ fragte der Baron jovial. Der Wirthſchafter ſchüttelte den Kopf.„'s iſt kein Spaß,“ flüſterte er.„Habt Ihr das vorhin geſehen?“ „Was denn, Fritz?“ fragte Hartwig überraſcht; der alte treue Geſell ſah in der That ſorgenvoll aus. „Nun, daß die Frau Nichte ohnmächtig gewor⸗ den—“ „Ah bah, Fritz, ich hab' davon gehört. Aber es war kanibaliſch heiß da nebenan, es kam uns wie aus einem Backofen entgegen! Da ſind denn die Nerven— heißen die verwünſchten Dinger nicht ſo?—“ Buchhagen ſchüttelte ſeinen dicken Kopf zum zwei⸗ tenmal. „So iſt es nicht, Herr Baron,“ ſprach er nicht minder gedämpft als vorhin.„Die junge Gnädige erkannte die Frau Nichte und flüſterte mit Bernhard, und dann ſah die Frau Gräfin die junge Dame mit Augen an, wie ich ſie in meinem Leben nicht bei einem Menſchenkinde voll ſolchen Entſetzens geſehen, und dann ſank ſie dem langen Kam⸗ merherrn an ihrer Seite in die Arme— verlaßt Euch darauf, da hat es eine Erkennungsſcene gegeben—“ Der Baron ergriff und drückte des Alten Fauſt, daß ſelbſt dieſer die Gewalt ſpürte.„Hör' Fritz,“ ſagte er dann leiſe und ihn noch ein wenig weiter auf die Seite führend,„ich darf heut' noch nicht davon reden, der Monſieur Hugo hat's mir zur Pflicht gemacht— allein zu Dir iſt es damit etwas Anderes. Hugo be⸗ ſchwört und beweiſt, wie er behauptet, ſo bald ich will, daß ſie gar nicht meine Nichte, gar nicht die Lucie iſt, ſondern eine Abenteurerin, die erſt ſeit etwa vier Jahren den Namen Barrois angenommen.“ Herr Fritz ſah ſeinen Herrn ganz betäubt an.„Aber—“ murmelte er endlich. Hartwig drückte von Neuem ſeine Hand.„Ich weiß, was Du fragen willſt, was dagegen zu ſprechen ſcheint. Wir haben jetzt keine Zeit. Genug— Hugo will Alles beweiſen, morgen, übermorgen. Wenn Du wirklich richtig geſehen, und meine Schwiegertochter ſie auch erkannt hätte— das wäre noch ein Beweis mehr, und mir der liebſte, weil er ſo zu ſagen vom Himmel herabfällt!“ „Verlaßt Euch darauf, es ſpukt!“ ſagte der Wirth⸗ ſchafter nach einer Pauſe.„Der Herr Hippolyt muß auch Lunte gerochen haben—er iſt fort, hinauf. Aus brüderlicher Liebe gewiß nicht, Herr Baron!“ „Das iſt's eben, das iſt's eben!“ murmelte der alte Herr gedankenvoll.„Wir wiſſen es nicht, ob der ſaubere Burſch im Geheimniß, oder ob ſie auch den 217 getäuſcht. Das wäre nicht unmöglich, Fritz. Aehnlich iſt ſie der rechten Lucie, ſehr, das iſt ſicher, hat ſie doch ſelbſt den Vater getäuſcht— mein Schwager iſt zu dumm und zu ehrenwerth, um auch im Complot zu ſein. Und mit Hippolyt iſt ſie nachweisbar erſt vor etwa drei Jahren zuſammengetroffen, während derſelbe ſeine wahre Schweſter ſeit ihrer Verheirathung nicht mehr geſehen hat— er war damals noch ein kleiner Junge. Aber was nun, Fritz?“ fügte er in zweifelndem Tone hinzu.„Wir müſſen wohl ſorgen, daß ſie uns nicht echappiren?“ „Dafür komme ich ſchon noch auf,“ ſagte der alte Wirthſchafter, wandte ſich ohne ein weiteres Wort der Thür zu und verſchwand. Während dieſer Zeit war Hippolyt, der das Er⸗ eigniß allerdings beſſer beobachtet als irgend einer— er war in dem Zuge der Schweſter unmittelbar gefolgt— und die erſte Gelegenheit ergriffen hatte, ſich von ſeiner Dame zu trennen, wirklich nach oben geeilt, um ſich Aufklärung über das ihm ſehr wohl ſichtbar gewordene Entſetzen Luciens und über ihre Schwäche zu verſchaffen. Er kannte die Dame lange und gut genug, um zu wiſſen, daß es nur etwas Furchtbares ſein konnte, was ſie der⸗ artig zu erſchüttern vermocht, und ſein Gewiſſen mahnte ihn, daß das zwiſchen ihnen beſtehende Geheimniß nicht gefährdet werden durfte, ohne hier wenigſtens auch ſeiner Stellung für immer ein Ende zu machen. Was er ſah, was er hörte, da er in Luciens Zimmer trat, war noch mehr als er gefürchtet. Sie war allein und ging mit ihrem raſcheſten, ungleichmäßigen, ſchwan⸗ kenden Schritt raſtlos umher, dem Bruder nur einen einzigen, abweſenden Blick zuwerfend, das Haupt bald aufwerfend, bald deſto tiefer ſenkend, das feine Spitzentaſchentuch zuſammenwirbelnd und ausziehend, unſtät, raſtlos, das Bild der höchſten, an Wahnſinn gränzenden Verzweiflung. Und was dieſe ganze Er⸗ ſcheinung noch ſchrecklicher machte, war die reiche Feſt⸗ kleidung, welche den bebenden, zuckenden Körper um⸗ flatterte, der Schmuck um Hals und Arme, die Blumen und Edelſteine in dem blonden Haar, das halb aufge⸗ löſ't das todtenblaſſe, verzerrte Geſicht umgab. „Was in des Himmels Namen gibt es?“ fragte er, vorſichtig ſich umſchauend.„Du biſt wie wahn⸗ ſinnig—“ Sie warf ihm wieder einen jener halb abweſenden, faſt irren Blicke zu.„Ich bin's!“ murmelte ſie, haſtig, ohne ihren Schritt zu mäßigen.„Die Todten ſtehen auf— es iſt Blanka— die— Blanka Kyburg— die Waldern, Hippolyt, die Waldern, die mit ihrem Gat⸗ ten damals ertrunken ſein ſollte— die Waldern, Menſch! Verſtehſt Du's?“ :219 „Dieſe da, Bernhards Frau, die Lingenheim?“ er⸗ wiederte er, bis in die Lippen erbleichend.„Du biſt wahnſinnig, Lucie, ſag' ich! Eine Aehnlichkeit— „Bah! Ich kenne ſie— ſie kennt mich!— Es iſt vorbei!— Die Todten ſtehen auf. Die Lebenden müſſen Platz machen für ſie. Wär' ich todt!“— Er war leichenblaß, der Schlag war zu unver⸗ muthet, zu furchtbar gefallen. Allein es mußte in dieſem Menſchen dennoch etwas von dem Eiſen übrig geblieben ſein, das in dem Blut der Aare, der Familie ſeiner Mutter, ſich barg und ſie dem Leben ſtets die Stirne bieten ließ. Der forſchende, prüfende Blick, mit dem er der Unglücklichen folgte, welche wieder händeringend und ohne auf ihn zu achten, durch das große Zimmer dahinſchritt, zeugte davon, daß ſein Geiſt nicht ge⸗ brochen ſei, ſondern ſich bereits zu irgend einem Plane, einem Rettungsverſuch aufgerafft habe. Er ſah ſie noch einmal an und öffnete die Lippen wie zu einem neuen Wort, allein als fühle er, daß es bei ihrem Zuſtande ein vergebliches ſein werde, ſchloß er ſie wieder, wandte ſich auf dem Abſatz um und verließ das Gemach. Lucie ſchien nichts davon zu merken. Sie ſetzte raſt⸗ los ihren Gang fort.— Und d'runten in dem blauen Thurmgemach fand eben eine dritte Erörterung zwiſchen den jungen Gatten Statt. Bernhard hatte vorhin im Saale, während nach Luciens Zuſammenbrechen die anderen Paare des Zugs an ihnen vorübergingen, ſich umſonſt mit den leiſen Wor⸗ ten zu Blanka gewendet:„Um Gotteswillen, mein Herz, was haſt Du? Wer iſt dieſe Roſa?“— Sie hatte wie beſchwichtigend die Hand auf die ſeine gelegt und geflüſtert: „Nein, Lieber, nein! Ich muß mich geirrt haben— es iſt ja nicht möglich!“ Allein Bernhard hatte es wohl bemerkt, wie tief ſie erſchüttert oder erſchrocken ſein müſſe, wie ſie nur mit halber Aufmerkſamkeit dem wei⸗ teren Verlauf des feſtlichen Empfanges folgte, ſelbſt von Hartwigs herzlichen, ergreifenden Worten nicht gänzlich von den düſteren Gedanken abgezogen wurde, die ihren Kopf erfüllten; wie ſie aufathmete endlich, da ſie mit ihm den Saal verlaſſen konnte.— Sie ſchlang die Arme um ſeinen Hals und lehnte das ſchöne bleiche Haupt an ſeine Schultern und ruhte einige Secunden lang wie zerbrochen, bevor ſie flüſterte: „Das war furchtbar, Lieber!“— Und plötzlich den Kopf erhebend, fügte ſie faſt ohne Pauſe lebhaft hinzu:„Aber es iſt ja nicht möglich! Ich muß mich getäuſcht haben, wenn auch die Aehnlichkeit—“ „So ſage nur endlich um Gotteswillen Alles her⸗ aus!“ bat er zärtlich.„Du kennſt dieſe unſere Ver⸗ wandte? Du biſt ihr unter anderem Namen begegnet? Mein Herz, das iſt ſehr wohl möglich, denn wir trafen ſie ja Beide damals in D.— erinnerſt Du Dich nicht 221 jener Franzöſin, die ſo viel von ſich reden machte?— Das war ſie gleichfalls, obgleich ſie damals ſich Madame de St. Amand heißen ließ. Ich habe das ſchon im vorigen Herbſt gewußt.“ Sie ſah ihn groß an.„Nein,“ ſprach ſie dann leiſe,„daran erinnere ich mich nicht, ich habe ſie ſchwerlich geſehen— Du weißt ja, Lieber! Und ich denke auch an etwas ganz Anderes. Meine Tante Frohberg hatte, als ich aus dem Kloͤſter zurückkehrte, ein Kammermäd⸗ chen, eine Franzöſin von Geburt, aber zum Theil in Deutſchland aufgewachſen, wenig Jahre älter als ich, ein ſehr hübſches, munteres und gewandtes, aber auch ſehr keckes und intriguantes Weſen. Sie hieß Roſa. In einem der wenigen Briefe, die ich nach meiner Verhei⸗ rathung noch von meiner Tante erhielt— Du weißt, ſie ſtarb ſchon im nächſten Jahre— ſchrieb ſie davon, daß das Mädchen mit einem Franzoſen abgereiſ't ſei.“ „Nun, Blanka?“ fragte der Gatte, bleich vor innerlicher Erregung, da ſie inne hielt.„Und dieſe Roſa—“ „Ja, ich glaubte ſie zu erkennen,“ verſetzte ſie ge⸗ preßt und die Augen ſenkend.„Die Aehnlichkeit iſt überwältigend und riß mich hin. Aber ich wiederhole es— es iſt ja gar nicht möglich!“ „Es iſt, glaub' ich, leider wahr genug! Mein Gott — erinnere Dich! Auch Arthurs Bemerkung, von der ich Dir ſagte, klärt ſich jetzt auf!“ ſprach er, indem ſeine Bläſſe ſich in eine jäh aufflammende Röthe ver⸗ wandelte und ſein ſonſt ſo ſtilles Auge zornig aufblitzte. „Wie kannſt Du noch zweifeln, nach dem, was wir ge⸗ ſehen, nach dem furchtbaren Schreck, der die Betrügerin bei Deinem Anblick erfaßte und niederwarf!— Wir ſind nicht nur von Intriguen umgeben geweſen, ſondern auch von einem Betruge bedroht worden, wie ich ihn frecher noch niemals erzählen hörte!— Und dieſer Nichts⸗ würdige, dieſer Hippolyt— denn der iſt echt!— Ah bei Gott!— Ich bitte Dich,“ fügte er abbrechend und jäh ſich faſſend hinzu,„beeile Deine Toilette ſo viel wie möglich, daß wir zum Vater kommen. Hier muß jede Schonung aufhören! Gott gebe es, daß er nicht ganz unvorbereitet iſt. Er ließ mich wenigſtens ein Ge⸗ heimniß ahnen, deſſen Aufdeckung beiden Geſchwiſtern das Handwerk legen würde— wär' es möglich, daß auch er ſchon von dieſem Betruge etwas erfahren?“ „Um ſo weniger haſt Du ja zu ſorgen— zu fürchten,“ ſagte ſie bittend und mit dem weichſten, faſt flehenden Blick der blauen Augen, denn die Aufregung des Gatten, den ſie noch nie ſo geſehen, erſchreckte die zarte Frau und ließ den ſchlanken Körper wie im Fie⸗ ber beben. Er drückte ſie feſt an ſich.„Verzeih' mir, wenn ich Dich erſchreckt,“ entgegnete er innig, aber ohne daß 223 ſein dunkler Blick und die gefaltete Stirn ſich erhellten. „Mein Vater hat mir früher wenig Gefühl und Ge⸗ danken zugetraut,“ redete er bitter weiter,„allein was die Bewahrung der Ehre unſeres Hauſes und unſerer Familie betrifft, weiche ich Keinem, ſelbſt ihm nicht! Und ich habe es mit Schmerz geſehen, daß er mit dieſer Ehre jene frechen Eindringlinge in einer Weiſe ſpielen ließ, die ich nie verſtanden, der aber nun ein Ende ge⸗ macht werden muß!“ Wir erinnern uns der flüchtigen Andeutung, welche Baron Hartwig vorhin ſeinem alten Factotum in Be⸗ treff Luciens machen zu müſſen glaubte, und begreifen daher, daß ihn der eine Theil von Bernhards Mit⸗ theilung nicht mehr zu überraſchen vermochte. Allein auch die Wirkung des zweiten Theils, wie wir es wohl heißen dürfen— der Nachricht von Blanka's vermeint⸗ licher Entdeckung, zeigte ſich nicht in der Stärke, wie Bernhard es vorausgeſetzt haben mochte. Der alte Herr war ebenſo wie ſein Sohn keinen Augenblick darüber in Zweifel, daß ſeine Schwiegertochter richtig geſehen, zumal ſich dieſe Angabe merkwürdig genau an Hugo's und des Barons eigene Erkundigungen anſchloß, und die Abenteurerin in immer größerer Durchſichtigkeit hervortreten ließ. Aber er ließ ſich trotzdem zu keinem weiteren Schritte drängen.— „Morgen, morgen!“ ſagte er zu dem Sohne. 224 „Heut' habe ich an mich zu halten verſprochen, und gleich⸗ viel, ob ich's gern oder ungern that— ich ſehe ein, daß es ſo vernünftiger iſt, und mein Wort halt ich unter allen Umſtänden. Es thut mir gewiß nicht minder leid als Dir, mein Junge, daß dergleichen in unſerer Familie paſſiren konnte und gerade Deiner Frau bei ihrem erſten Eintritt begegnen mußte. Allein das iſt nun nicht mehr zu ändern. Ich denke, ſie werden Beide uns mit ihrer Gegenwart verſchonen und Niemanden von uns incommodiren, bis wir ſie uns holen laſſen.“ „Bis ſie ſich davon machen,“ meinte Bernhard grol⸗ lend.„Die Dirne— immerhin, aber dieſer Schuft von Hippolyt— 4 Der Baron ſchaute den Sohn kopfſchüttelnd an. „Ich mein' es umgekehrt,“ ſagte er jedoch trocken und jede andere Erwiderung, die ihm auf den Lippen ge⸗ ſchwebt haben mochte, zurückdrängend.„Jetzt laß uns heiter ſein. Morgen iſt Zeit genug zum Ernſt.“ Es geſchah nach ſeinem Willen. Das Feſt nahm ſeinen Fortgang, und das alte Schloß hallte bis gegen den Morgen hin wieder von ſeinem Jubel. Daß Hip⸗ polyt und Lucie wirklich nicht wieder zum Vorſchein ka⸗ men, mochte nur im Kreiſe der Familie bemerkt werden. Von dem blaſirten Herrn wollte überhaupt Niemand et⸗ was, und es waren in der Geſellſchaft überdies Leute genug, die ihm hie und da vordem in der großen Welt 225 begegnet waren und ihn als einen zu zweideutigen Cha⸗ rakter kennen gelernt hatten, um nach einer Erneuerung der Bekanntſchaft zu verlangen. Mit Lucien freilich war es, wie erzählt, anders. Es gab auch hier mehr als Einen, der ſich bereits zu den Verehrern der ſchönen Frau ge⸗ zählt oder große Luſt hatte, ſich dem Kreiſe derſelben anzuſchließen. Allein auch dieſe fanden heut' Abend Er⸗ ſatz und Unterhaltung genug und vergaßen ihrer leicht. Einen Freund hatte ſie ſich niemals zu verſchaffen gewußt. Am folgenden Mittage, als auch die letzten der Gäſte geſchieden und es von Neuem ſtill auf Tolleneck geworden, ſtieg der Baron mit Bernhard die Treppen aufwärts, um nach den beiden Menſchen zu ſehen, deren Laufbahn ſich ſo plötzlich dem Ende zugewandt hatte. Man hatte bisher von Beiden weder etwas gehört noch geſehen und ſie, obſchon dies von Hippolyt, der damit von vornherein ſeine Sache gänzlich verloren gab, den alten Herrn und die übrigen Eingeweihten verwunderte, doch ruhig gewähren laſſen. Man traf jedoch Hippo⸗ lyts Zimmer leer und von ihm ſelber keine Spur. Wei⸗ tere Nachforſchungen ergaben nichts als die Wahrſchein⸗ lichkeit, daß er ſich in der Verkleidung eines Dieners ge⸗ flüchtet haben müſſe, was ihm bei der großen Menge ſolcher Leute, die mit ihren Herrſchaften gekommen, nicht allzuſchwer hatte werden können, ſelbſt wenn Buchha⸗ Edmund Hoefer: Tolleneck. III, 15 226 gens Anſtalten zur Ueberwachung die allerſorgfältigſten geweſen wären.. Darüber hatte Hartwig aber ſeine beſonderen Ge⸗ danken. Der alte Wirthſchafter hatte, wie wir wiſſen, ſei⸗ nen eigenen Kopf, er war ſo lange mit dem Baron ver⸗ bunden und den Intereſſen der Familie ſo treu ergeben, daß man es ihm wohl nachſehen mußte, wenn er zu⸗ weilen etwas eigenmächtig in den Gang ihrer Angele⸗ genheiten eingriff. Man war dabei noch niemals zu kurz gekommen, und auch jetzt machte der alte Baron kein Geheimniß daraus, daß er zum mindeſten mit die⸗ ſer Flucht mehr als zufrieden war.„Wollten wir ihn mit den Steigriemen vom Hofe und aus der Familie peit⸗ ſchen?“ fragte er achſelzuckend.„Laß ihn ſich und ſeine Schande verbergen, wo er's kann. Wir ſind ihn los.“ „Aber die Aufklärung, die er uns geben ſollte!“ bemerkte Bernhard düſter. „Ich denke, die holen wir uns beſſer von ihr,“ verſetzte Hartwig kaltblütig.„Sie iſt nicht fort, und ſie werden wir breitſchlagen können. Bei dem Burſchen würd' es damit mißlich ausgeſehen haben, mein Junge. Ich habe mich nicht viel um ihn bekümmert, aber ſo viel weiß ich doch, daß er zäh und ein hart geſottener Sünder iſt.“ Bei der Dame tiaf man es aber faſt noch ſchlim⸗ mer, als bei dem, der bisher für ihren Bruder gegolten. — 227 Sie war in einem Zuſtande, der alle Fragen fürs Erſte wenigſtens vergeblich erſcheinen und es überhaupt zwei⸗ felhaft ließ, ob ſie jemals wieder vermögen würde, ſie zu verſtehen und beantworten. Die Jungfer, die am Feſtabend von ihr fortgeſchickt worden und erſt am Mor⸗ gen wieder in das Gemach gekommen, hatte ſie in Krämpfen auf dem Boden liegend gefunden und ſie ins Bett ge⸗ bracht, zugleich dafür ſorgend, daß nach dem Arzt ge⸗ ſchickt werde. Der Familie war davon bei dem Trou⸗ bel, welchen die Abfahrt der Gäſte verurſachte, nichts zu Ohren gekommen, zumal Buchhagen, der davon unter⸗ richtet worden, die Sache nicht für ſo ernſt gehalten hatte, wie ſie ſich nun zeigte. Denn der Arzt, welcher eben anlangend, faſt unmittelbar nach Hartwig und Bern⸗ hard in das Gemach trat und die beiden Herren noch beim Ausfragen des Mädchens fand, erklärte nach ge⸗ nauer Unterſuchung, daß hier zweifellos eine Vergiftung ſtattgefunden, welche die Rettung durchaus unwahr⸗ ſcheinlich erſcheinen laſſe. Doch verordnete er, was dien⸗ lich ſchien, und hoffte wenigſtens, daß es möglich werden dürfte, nicht allein die ſichtbar großen Leiden zu mildern, ſondern auch die Kranke, wenn gleich nur auf kurze Zeit, aus der Betäubung wieder zum Bewußtſein erwachen zu laſſen. Er blieb bei der Leidenden. Die beiden Anderen kehrten zu den Ihren zurück, und was ſie berichteten, er⸗ 4 15* 228 weckte in den Zuhörern eine Theilnahme, deren ſich kei⸗ ner mehr für die Unglückliche fähig geglaubt. Was mußte das für eine Nacht, was mußten das für Qua⸗ len geweſen ſein, welche die ſchöne, leichtſinnige, mit allem Denken und Fühlen dem Leben und ſeinem Genuß er⸗ gebene Frau endlich zu ſolcher That vermocht. Denn es war nach dem Ausſpruche des Arztes zweifellos, daß ſie das zerſtörende Mittel erſt in den Morgenſtunden genommen. Das Ende hätte im anderen Fall ſchon näher ſein müſſen. Einer aus dem kleinen Kreiſe ſtand nach Hartwigs Mittheilung auf und entfernte ſich ſchweigend, um am Sterbebett ſeine Pflicht zu erfüllen. Das war Pfarrer Bendler. Er hatte ſich durch Hartwigs dringende Ein⸗ ladung und die Bitten Bernhards und Blanka's bewe⸗ gen laſſen, jetzt am Morgen nach dem Feſt nach Tol⸗ leneck hinüber zu kommen, um mit der Familie einen ruhigen Tag zu verbringen und ſich des Glücks derjeni⸗ gen zu erfreuen, deren Vereinigung ja im Grunde ſein Werk geweſen. Auch mochte Hartwig im Geheimen ge⸗ wünſcht haben, bei dem, was er für dieſen Tag vorhatte, einen Mann von Bendlers Charakter und Stellung in ſeiner Nähe zu behalten. Wir wiſſen, wie hoch er den Pfarrer achtete, wenn er ſich bisher mit ihm auch nicht hatte vertragen können. „Ich habe mir das Alles anders gedacht,“ ſprach der — — 229 Baron jetzt zu dem kleinen Kreiſe, der nach Bendlers Scheiden zurückgeblieben war.„Ich habe, um das offen und nicht gerade zu meinem Ruhme zu bekennen, an all dieſen Dummheiten ein ſolches Vergnügen und ſolchen Spaß gehabt, daß ich mich deshalb um all das Schlechte und Miſerable, was mit unterlief, einſtweilen wenig küm⸗ merte. War ich doch meiner endlichen Revanche ziemlich ſicher, und— ich wollte mich nicht intriguiren laſſen, ohne den Intriguanten zu beweiſen, daß der tolle Aare ihnen ſelbſt auf ihrem Felde ein wenig überlegen. Ich hatte Luſt, die ganze Sache mit einem Eclat enden zu laſſen— aller⸗ dings!— allein wie ihr mich kennt, traut Ihr mir wohl zu, daß es kein grimmiger geworden, ſondern einer, der das ſaubere Pärchen nur mit Spott von unſerer, mit Scham von ſeiner Seite von Tolleneck abziehen ließ. Nun iſt es anders gekommen— ich weiß nicht, ob beſſer. Einſt⸗ weilen aber will ich Euch von dem Thatbeſtande ſagen, was ich von Hugo und ſonſt erfahren.“ Und darauf erzählte er, was wir hier zuſammenge⸗ faßt folgen laſſen. Baron Hartwig hatte während ſeiner Anweſenheit in Kafſel von einem ſeiner alten Freunde nicht nur allerlei Andeutungen über die Stellung und Wirkſamkeit der an⸗ geblichen Nichte erhalten, ſondern auch von einer ihrer unvorſichtigen Aeußerungen erfahren, daß ſie ſich Tol⸗ leneck zum Ruheſitz erkoren. Sie hatte in der aufge⸗ 230 regten Stimmung des Moments, wo davon die Rede ge⸗ weſen, ſogar übermüthig darauf gewettet, daß ſie auch den alten Herrn der prachtvollen Beſitzung zu ihrem Eigenthum machen wolle, ſich ſo zugleich für die Kälte und den Arg⸗ wohn rächend, denen ſie früher in der Familie begegnet. — Hartwig hatte zu dieſem Berichte zuerſt ungläubig ge⸗ lacht, war dann, da er nicht länger zweifeln konnte, heftig aufgebrauſt und endlich in einer ſeiner übermüthigen Lau⸗ nen auf den Plan gerathen, das Spiel aufzunehmen und die„Thörin,“ wie er ſie noch hieß, ſich gründlich bloßſtellen und blamiren zu laſſen. Es war das im erſten Augenblick freilich nicht allein der übermüthige Kitzel, ſondern er über⸗ legte daneben auch, daß er die Dame auf ſolche Weiſe am leichteſten von Plänen abziehen möchte, die er bei ihr, und wie wir wiſſen, nicht ohne Grund, gegen Bernhard ſo gut wie gegen Hildegard vorausſetzte und zugleich faſt fürch⸗ tete; denn er unterſchätzte ihre Talente nicht. So war jene Zeit gekommen und jenes Spiel ge⸗ ſpielt worden, das mehr als Einen an dem alten Herrn irre gemacht und zumal Fritz Buchhagen die verdrießlich⸗ ſten Stunden bereitet. Hartwig ließ ſich nicht in die Kar⸗ ten ſchauen— er hatte ſich in den„tollen Einfall,“ wie er es jetzt ſelber hieß, ſo verbiſſen, daß er ſich durch nichts ſtören ließ und fürs Erſte wenigſtens Alles ignorirte, was er von Berlin, von Kaſſel, vom Waldſchlößchen ſelbſt über das leichtfertige Leben der Verwandten vernahm. 231 Da war ihm am Krankenbett des alten Cameraden, zu dem er im Frühling, wie die Leſer ſich erinnern werden, geeilt war, der von Tolleneck in ernſter Trauer geſchiedene Hugo begegnet und hatte dem Baron nun die Mittheilung gemacht, derentwegen er ihn vergeblich auf dem Schloſſe geſucht. Der junge Mann war im Winter zufällig mit Demjenigen zuſammengetroffen, der den ſterbenden Grafen Barrois in ſeinen letzten Augenblicken gepflegt und von demſelben erfahren hatte, daß er keinen Angehörigen hin⸗ terlaſſe. Seine Frau ſei kurz vor dem Ausbruch des Krie⸗ ges, von ihm getrennt, geſtorben. Als Hugo dieſer An⸗ gabe die in Berlin lebende Gräfin entgegenſtellte, ahnte der Berichterſtatter in derſelben ſogleich eine Betrügerin, da es in der That nicht abzuſehen war, was den ſterben⸗ den Gatten zu einer ſolchen falſchen Ausſage vermocht ha⸗ ben ſollte. Hugo, der für die mit ſeinen Großeltern ſo vertraute und auch ihm perſönlich immer theurer gewordene Fa⸗ milie Aare Intereſſe genug hatte, um wo mäglich jede Gefährdung ihrer Ruhe und ihrer Ehre von ihr fern zu halten, näherte ſich in Folge deſſen der ihm verdächtig gewordenen Dame, weil er es nicht für unmöglich hielt, mit der gehörigen Vorſicht die gewünſchte Auskunft von ihr ſelber zu erhalten. Denn das Vernommene ſchien ihm zu unglaublich, als daß er zu einem offenen Angriff hätte ſchreiten dürfen. Er entdeckte freilich nichts, als was Lucie 232 ſich auch gar nicht die Mühe gab, zu verbergen: daß ſie von ihrem Gatten zuletzt getrennt gelebt und zur Zeit ſeines Abmarſches nach Deutſchland lebensgefährlich er⸗ krankt geweſen. Der junge Mann mußte ſich einſtweilen hiemit begnügen, und da ſeine Zweifel an jener Nachricht ſich dadurch eher vermehrten, als verminderten, freute er ſich um ſo mehr, daß er bisher darüber gegen alle Welt, ſogar gegen Gerhard und ſeine Großeltern geſchwiegen. Im Frühling verließ er Berlin mit einer Miſſion zur Erkundung der Volksſtimmung in dem außerpreußiſchen Deutſchland und zur Wiederanknüpfung und Befeſtigung der Verbindung mit den patriotiſchen Männern, welche überall mit banger Hoffnung dem endlichen Anbruch einer beſſeren Zeit entgegenharrten. Und bei dieſen Streifereien erfuhr er von einem plauderluſtigen und ein wenig ange⸗ trunkenen franzöſiſchen Employé, mit dem er einen Tag zuſammengereiſt, daß die„Gräfin Barrois“ dieſen Namen ihres alten Geliebten vermuthlich erſt ſeitdem man ſie in Deutſchland verwendet, angenommen haben werde. — Da hielt es der junge Mann für geboten, die beiden ſo ſeltſam zuſammentreffenden Angaben Herrn von Aare mitzutheilen, zumal Tolleneck nicht weit außer ſeinem Wege lag. Baron Hartwig gab die Möglichkeit zu, daß irgend eine Abenteurerin, begünſtigt durch ihre Aehnlichkeit mit einer Verwandten, darauf ausgehen könne, ſich als dieſe 233 Verwandte in ſeiner Familie einzuniſten, aber er ver⸗ langte, bevor er daran glaube oder gar einſchreite, wei⸗ tere Beweiſe. Wir wiſſen, was ihn an die Kinder ſeiner Schweſter feſſelte und ihnen mehr nachſehen ließ, als irgend einem Anderen. Solche Beweiſe mußten, wenn überhaupt, in Mainz und am Rhein zu finden ſein, wo das Geſchwiſterpaar, wie man auf Tolleneck wußte, ſich mehrfach aufgehalten. Und mit dieſen wirk⸗ lich gefundenen Beweiſen kehrte Hugo jetzt zurück. Er hatte nicht einmal mit Mühe erkundet, daß eine Frau von St. Amand vor etwa drei Jahren in Wiesbaden von Hippolyt als Schweſter erkannt worden, mit der er ſeit ſeiner Jugend nicht mehr zuſammengetroffen. Und es war ſogar mehr als Einer da geweſen, welcher behauptete, jene Dame und die gegenwärtig als Gräfin Barrois auftretende ſchöne Frau ſeien eine und dieſelbe Perſon. Der kleine Widerſpruch zwiſchen dieſer Angabe und der Ausſage jenes weinſeligen Franzoſen war bei der Uebereinſtimmung alles Uebrigen kaum in Anſchlag zu bringen. Ueberdies hatte Baron Hartwig ſelber von einem alten Correſpondenten in Mainz auf ſeine An⸗ frage eine Antwort erhalten, welche mit Hugo's Nach⸗ richten völlig übereinſtimmte. Der Briefſchreiber wußte nicht, ob die Gräfin Barrois dieſen Namen mit Recht oder Unrecht führe, aber er wußte, daß ſie vordem un⸗ 234 ter dem Namen St. Amand vom franzöſiſchen Mini⸗ ſterium mehrfach als eine brauchbare Agentin verwendet worden war. Hier traten Bernhards Erinnerungen zu dem Uebri⸗ gen, und um das ganze Leben der Abenteurerin bloß zu legen, mußte Blanka in ihr die entwichene Roſa er⸗ kennen. Es blieb kaum mehr als die Frage übrig, ob Hippolyt gleichfalls durch die Aehnlichkeit getäuſcht wor⸗ den, welche auf Tolleneck Alle und ſelbſt den Vater irregeführt hatte. Aber auch dieſe Frage war durch ſeine Flucht im Grunde bereits zu ſeinen Ungunſten entſchieden.. Eine vollſtändige Aufklärung über dieſen Punkt erhielt man nicht. Nach dem, was Bendler von der Sterbenden in den wenigen und flüchtigen Augenblicken des zurückgekehrten Bewußtſeins hatte erfahren können, ſchien Hippolyt durch ſein Erſtaunen über ihre Aehnlich⸗ keit mit ſeiner Schweſter ſie erſt auf den Gedanken ge⸗ bracht zu haben, in Deutſchland, wohin ſie damals ging, unter dieſem Namen aufzutreten, ein Wunſch, dem man von oben herab bereitwillig nachgab, da der Name St. Amand verbraucht geweſen, und der neue ſo gut wie jeder andere ſchien. Sie war dann mit Hippolyt in Verbindung geblieben— zu welchem Zweck, ward nicht klar und ebenſo wenig, ob Beide ſchon damals oder erſt neuerdings auf den Gedanken gekommen, ſich * — 8 Ge 23⁵ in Tolleneck einzuniſten. Hippolyt hatte ihr mehr als einmal mit der Entdeckung des Geheimniſſes gedroht und überhaupt in der letzten Zeit mehr für ſich operirt. Die Sterbende hatte es ausdrücklich betont, daß jenes verlorene Buch von ihm an dem gleichen Tage entwendet ſein müßte, da ſie durch Vincenz, der längſt in ihren Banden, die Papiere ſich verſchaffen ließ. Bei ihren Abſichten auf den alten Baron mußte es ihr darum zu thun ſein, ihn in Kaſſel als vollkommen un⸗ verdächtig erſcheinen zu laſſen, und ſie hoffte, wie wir wiſſen, dies durch die Auslieferung jener Papiere zu er⸗ reichen, welche ſie als nicht gravirend kannte. Sie hatte noch im Sterben gelächelt, da ſie andeutete, daß ſie Hartwigs Mißtrauen und ſeinen Verſuch ihr und den Franzoſen durch die ihr gezeigten und von ihm vorbe⸗ reiteten Papiere eine Falle zu legen, keinen Augenblick verkannt habe. Und auch das hatte ſie ausdrücklich angegeben, daß ſie Blanka in jenem Seebade geſehen und erkannt und ſich deshalb ſo ſchnell wieder von dort entfernt, auch ſicher nicht nach Deutſchland zurückgekehrt wäre, hätte ſie nicht bald darauf die auch Bernhard täuſchende Nach⸗ richt von dem Untergange des Schiff's und dem Tode der Gefürchteten erhalten— eine Täuſchung, die Wal⸗ dern ſelbſt durch die Annahme des eben ererbten Na⸗ mens Lingenheim, wie wir wiſſen, aufrecht erhalten.— 236 Als die frühere Kammerjungfer Roſa erkannt zu wer⸗ den, war für die Abenteurerin der ſchlimmſte aller Ge⸗ danken, da durch eine ſolche Entdeckung jede fernere Thätigkeit an den deutſchen Höfen unmöglich gemacht werden mußte. Sie ſtarb gegen Abend, nachdem das Bewußtſein ſchon ſeit Stunden wieder faſt ganz verloren gegangen, und ohne daß der Arzt und Bendler es einem Mit⸗ gliede der Familie erlauben wollten, noch einmal nach ihr zu ſehen.— Nur Hyneck hat bis zum Ende bei ihr geweilt, die er vordem zu ſehr geliebt, um ihr jetzt nicht zu verzeihen. Wer es vorauszuſagen wüßte, wann und wie dem Men⸗ ſchen ſein Ende kommt,— wie viel Gläubige würde er finden? Um dieſe Zeit erfuhr man durch den Müller Wentzel, daß um Mitternacht ein Menſch in Dienerlivrée auf einem Pferde des Barons am Waſſerkopf vorübergerit⸗ ten ſei. Das mußte Hippolyt geweſen ſein, und der Müller erbot ſich, ſeine Spur verfolgen zu laſſen. Ba⸗ ron Hartwig lehnte das ab.„Geh' er zum Teufel,“ ſagte er finſter.„Ich weiß nicht, was er mit meinem Herrſchaftsbuche gewollt,— ob er wirklich gehofft, mich als Verſchwörer und Verräther verurtheilt ſehen und ein wenig beerben zu können. Aber gleichviel, das iſt nun vorbei. Sie werden in Kaſſel mich noch eine Weile zufrieden laſſen, denke ich.“ 2 ne „.—— Zwölftes Capitel. s zieht ſtch Alles zurecht. Dem Baron Hartwig ließ die Sache, ſo ſehr ihm Einige auch abredeten, nicht ganz unbenützt vorüber. Er hatte in Kaſſel ſo gut wie im ganzen Lande noch Freunde und Anhänger genug, welche das ihm geſchehene Unrecht auf der gehörigen Stelle und zur gehörigen Stunde ans Licht zu ziehen verſtanden, und wo man in den höheren Ständen überhaupt davon erfuhr, hatte der alte Herr alle Stimmen auch derjenigen für ſich, welche im Uebrigen dem franzöſiſchen Gouvernement durch Dick und Dünn folgten. Wohin ſollte es füh⸗ ren, fragte man unumwunden genug, wenn es dem Aben⸗ teurer⸗, Agenten⸗ und Spionen⸗Geſindel, das ſich von Paris aus über Deutſchland verbreitet hatte, gelegentlich ohne Weiteres geſtattet werde, Namen anzunehmen, durch welche es ſich den edelſten Geſchlechtern verwandt er⸗ kläre, oder ſich unter dem Vorwande dieſer Verwandtſchaft ſogar in die Familien ſelber einzudrängen ſuche?— Die Geſchichte machte ſehr viel böſes Blut und koſtete, obgleich ſie ſo viel wie möglich, unterdrückt wurde, den Franzoſen mehr als einen ihrer getreueſten und einfluß⸗ reichſten Anhänger. Ja ſie trug nicht am wenigſten dazu bei, die zwiſchen Kaſſel und Paris herrſchende Empfind⸗ lichkeit immer mehr zu ſteigern. Man konnte es nicht ver⸗ zeihen, daß die Pariſer Behörde es nicht für nöthig ge⸗ halten, die Kaſſeler von dem richtigen Stande der Dinge zu unterrichten. Es gab in Kaſſel nur ſehr Wenige, welche die Antecedentien der Dame ungefähr kannten. Die meiſten und unter ihnen auch Vernay, hatten ſie wirklich für diejenige gehalten, für welche ſie ſich ausgab. Es exiſtirten damals Damen genug, welche durch die Revo⸗ lution um Alles gekommen, in der Wahl der Mittel, ſich eine angenehme oder doch glanzvolle Exiſtenz zu ſchaffen, nicht ſpröder waren, als Roſa⸗Lucie. Man ließ auf Tolleneck von höchſter Seite her ſein Bedauern und eine Art Entſchuldigung ausſprechen, und wenn das auch nur unter der Hand geſchah, ſo hatte es doch im Verein mit den früheren Vorgängen das Gute, daß man den alten Herrn für's Erſte anſcheinend durchaus in Ruhe ließ, ja ihm mehr entgegenkam, als es bisher trotz aller ſchönen Redensarten in Wirklichkeit der Fall geweſen. Es 239 fand plötzlich keinen Widerſpruch mehr, daß er für ſeinen Enkel Gerhard das preußiſche Bürgerrecht geltend machte, welches deſſen Vater wirklich kurz vor der Geburt des Sohnes erworben hatte; Se. Majeſtät von Weſtphalen verzichteten großmüthig auf die Dienſte des jungen Herrn von Waldſtätten und hatten nichts dagegen einzuwenden, daß er ſeine Reiſe durch allerlei bekannte und unbekannte Länder fortſetzte; ſie ſprachen ſogar den Wunſch aus, daß der Baron Hartwig Aare allerhöchſt Ihren Hof häufiger mit ſeiner Gegenwart vergnügen möge, und was dergleichen mehr war. Und eines ſchönen Tags hatte ſich plötzlich, was man ſelbſt auf Tolleneck nicht recht begriff, jene geſtohlene Caſſette mit ihrem ge⸗ ſammten Inhalt wieder in Hartwigs Zimmern einge⸗ funden. Wie geſagt, die Sache wurde nicht recht klar, zu⸗ mal man auf Tolleneck von Niemand mehr wußte, der noch mit den Fremden in Verbindung zu bleiben ge⸗ wagt. Buchhagen hatte freilich an dem Tage ſeinen Gevattersleuten in der kleinen Stadt und auf dem Heimwege dem Cometenwein des Müllers einen kleinen Beſuch abgeſtattet, und ſchmunzelte, da der Baron Abends von der Entdeckung des zurückerſtatteten Guts erzählte, ausnehmend zufrieden, ſo daß man wohl auf den Gedanken kommen durfte, er möge auch diesmal, wie häufig, den Vermittler gemacht haben. Aber es 240 war nichts aus ihm heraus zu bringen und ſo beru⸗ higte man ſich, ſeinem launigen Vorſchlage gemäß, bei dem zufriedenſtellenden Factum. Da wir aber ſagten, daß man auf Tolleneck von Niemand mehr wußte, der noch mit den fremden Be⸗ herrſchern in Verbindung geblieben, ſo müſſen wir gleich hier erwähnen, daß auch Vincenz Tolle in dieſen Tagen von dem Schloſſe geſchieden war. „Ich dank' es Dir, mein Junge,“ hatte der alte Baron zu dem erſchütterten und mit geſenktem Haupt vor ihm ſtehenden jungen Mann in Buchhagens Gegen⸗ wart geſagt,„daß Du mir in jenem Augenblick bei⸗ ſprangſt, wo mein Leben vermuthlich an einem ſeidenen Faden hing. Ich thu's nicht, weil Du es überhaupt gethan— es war Deine Pflicht und Schuldigkeit gegen Deinen Herrn, und ich meine faſt noch etwas mehr. Son⸗ dern ich thu's, weil Du Dich trotz alledem und alledem, was wir nicht weiter zu beſprechen brauchen, aus den Netzen und Fallſtricken aufgerafft und Dich zur Ver⸗ nunft gezwungen. Wir wollen darüber nicht mehr reden, Junge,“ fuhr er fort, da er des Jägers Geſicht mit dunkler ſchamvoller Röthe übergoſſen und zwiſchen ſeinen Wimpern eine zerdrückte Thräne zittern ſah.„Du ſiehſt es ein, daß Du an uns, an mir, an Dir ſelbſt wie ein Thor und ſchlechter Kerl gehandelt. Aber das Eine und ſelbſt das Andere mag einem Menſchen zu⸗ 241 weilen paſſiren, wenn er ſich von einem ſchlauen Weibs⸗ bilde am Leitſeil nehmen ließ, und wenn er, wie Du, ſich endlich nur beſinnt und losmacht, ſo kann man's ihm, ſo kann er es ſich ſelber verzeihen und wieder gut machen.— Was Du ſonſt noch in Dir haſt, mache mit Deinem Herrgott und Deinem Gewiſſen ab,“ ſchloß der alte Herr und ſeine jetzt ſtreugen Augen bohrten ſich ſo zu ſagen in den ſtillen hane„ich mag nichts davon wiſſen. Packe Deine Siebenſachen zuſammen. Du haſt vordem gewünſcht, den Schwarzwald und das baieriſche Oberland kennen zu lernen. Buchhagen wird Dir Geld und Briefe an Bekannte von mir geben, welche Dir den Aufenthalt dort erleichtern werden. Wenn es mir Zeit ſcheint, werd' ich Dich zurückrufen. Bis dahin Gott be⸗ fohlen, mein Junge.“ So wurde der Kreis unſerer Bekannten auf dem alten Schloſſe immer kleiner, aber es trat zwiſchen denen, welche jetzt noch dort zurückblieben, eine Ruhe, ein Friede, eine herzliche und ſchöne Harmonie ein, wie wir ſie zwiſchen dieſen Menſchen noch nicht kennen gelernt. All' das Heimliche, was dieſen und jenen bewegt, was Alle ſtets von Neuem wieder und trotz der anſcheinenden äußerlichen Uebereinſtimmung innerlich auseinander ge⸗ trieben, wich der herzlichen, frohen Offenheit, all' das Kalte und Fremde einer innigen und rückhaltsloſen, hin⸗ gebenden Wärme; all' das Raſtloſe und Unſtäte endlich Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 16 242 dem freudigen Empfinden und Genießen des von keiner Seite mehr verkümmerten, glücklichen und zufriedenen Daſeins. Sie hatten dabei einen, wenn auch nur gelegentlichen Theilnehmer gefunden, auf den ſie am allerwenigſten gerechnet. Der alte Herr, der da droben in ſeiner Klauſe ſaß, nur beſchäftigt mit ſeinen genealogiſchen Studien und ſeinen eingebildeten Krankheiten, der Vater Hippolyt's und, wie man bisher auf Tolleneck gemeint, auch jener Unſeligen, welche jetzt auf dem alten Friedhofe zu Hohenkreuz jenſeits des Fluſſes, wo das Erbbegräb⸗ niß der Aare war, ihre einſame Ruheſtelle gefunden, — er hatte ſich, von den Ereiguiſſen tiefer erſchüttert, als es irgend Jemand erwartet, plötzlich zu ſeinem Schwager hinabbegeben, um ihm ſeinen Zorn und ſeine Trauer auszuſprechen, und erſchien fortan auch zuweilen bei den Uebrigen, als fühle er ſich droben plötzlich un⸗ heimlich in ſeiner Vereinſamung, die freilich jetzt nicht mehr allein ſeinen Körper, ſondern auch ſein Herz be⸗ traf. Der alte Mann hatte niemals viel nach ſeinen Kindern gefragt und noch weniger jemals von ihnen gehabt. Aber die Erkenntniß, ſie jetzt äußerlich verloren zu haben und ſie auch im Herzen aufgeben zu müſſen, erweckte in ihm Alles, was er irgend an menſchlichem und väterlichem Gefühl beſeſſen, und ließ ihn Theil⸗ nahme und Zerſtreuung ſuchen. Das iſt das größte *½ 243 Unglück, das den Menſchen treffen kann, allein ſein zu müſſen im Leben, in ſeinem Glück und ſeinem Leid, und das wenigſtens blieb dem Greiſe erſpart. Es war ſonſt von den unglücklichen Ereigniſſen in Tolleneck wenig oder gar nicht mehr die Rede. Das, was Hippolyt aus dem Schloſſe und Roſa⸗Lucie aus dem Leben hatte fliehen laſſen, wurde überhaupt kaum über den Kreis der Familie hinaus bekannt, denn auch die Wenigen, welche in Kaſſel die näheren Umſtände er⸗ fuhren, hatten, wie wir wohl ſchließen dürfen, allen Grund, die Sache geheim zu halten. Mehr wurde dagegen von dem Ueberfall geredet, den die„Räuber“ in der Nacht vor dem Feſte gegen Colleneck frecherweiſe verſucht hätten. Man ſprach davon landauf und ab als von dem frechſten Stück, das ſelbſt zu jener Zeit, wo die Banden am Rhein und tief in Deutſchland hinein noch oft genug von ſich und ihren Thaten zu reden gaben, jemals erhört worden, und es ſteigerte ſich auch von dieſer Seite die Erbitterung gegen die Fremdherr⸗ ſchaft, welche die Unterjochten nur auszuſaugen und zu decimiren, aber nicht einmal in ihrem verkümmerten Eigenthum und Leben zu ſchützen vermöge. Wer war noch ſicher, wenn ſelbſt ein Haus und eine Familie, wie die der Tollen von Aare“ heimgeſucht werden konnten! Man erhob den Kampf, der in Tolleneck ſtattgefunden, die Thaten Buchhagens, von denen man Gott weiß 1 16 A 244 wie Kunde erhalten, die Kaltblütigkeit des alten Barons, der am Tage darauf ſein Feſt gefeiert, als hätten nur Mücken verſucht, ihn zu ſtechen, bis in den Himmel. Und das Ganze hatte wenigſtens den einen guten Er⸗ folg, daß man von franzöſiſcher Seite dem Geſindel, das in dieſem Falle freilich ſehr unſchuldig geweſen, immer nachdrücklicher zu Leibe ging und dem Ünweſen wirklich ein Ende zu machen ſuchte. Man war in Tolleneck ſehr wohl damit zufrieden, daß man auf ſolche Weiſe die Verfolgung der Ange⸗ legenheit ſich aus den Händen genommen ſah und ſie ruhig Anderen überlaſſen durfte. Man mochte ſich da⸗ durch den Frieden und das Behagen nicht ſtören laſſen, zu dem man, wie wir oben erzählt, mit ganzem Herzen zurückgekehrt war, und man hatte für Auge und Herz und Gemüth daheim ſo viel des Guten, daß man keinen Blick nach Außen thun mochte. Bernhard hatte mit ſeiner Gattin wohl im Schloſſe bleiben müſſen, da der Vater mit einer Liebenswür⸗ digkeit und Innigkeit ſie dazu einlud, der nicht zu wider⸗ ſtehen war. „Was haben wir davon, wenn Ihr drüben in Wintersbach, und wir hier in Tolleneck hocken und meinetwegen auch oft zu einander kommen, mit dem ſteten Gedanken an den bevorſtehenden Aufbruch? Ihr Beide, mein' ich, ſeid lange genug Eremiten geweſen, 245 der Eine hier, die Andere da. Habt ihr Euch nun nur zuſammengethan, um das trübſelige Geſchäft à deux fortzuſetzen? Bleibt da, Kinder, bleibt da und laßt das alte Tolleneck und mich wieder einmal ein junges, fideles Paar ſehen. Morgens, Mittags und Abends, gründlich, wie es dem Aug' und dem Herzen wohl thut! Es iſt eine lange Zeit her, das es mir ſo gut nicht geworden, daß ich von meiner Vater⸗ und nun gar Schwieger⸗ vaterſchaft nichts mehr gehabt, daß ich nichts zu thun hatte, als Kinder aufziehen,“ fügte er mit luſtigem Blick auf Hildegard hinzu,„und mich von Fritz tyranniſiren laſſen! Du ſiehſt mir ſo glücklich aus, Junge, ſo friſch und geſund, Du wirſt trotz Deiner grauen Haare doch noch ein rechter Aare, wett' ich! Und Du, Blanka, biſt ein ſo herzig Geſchöpf, an dem ſich meine alten Augen laben! Und wenn Ihr wieder nach dem langwei⸗ ligen kalten Wintersbach wollt, ſo lauft,“ ſchloß der alte Herr,„aber ich ſchwör's dann, daß der Burſch, der Bernhard es bloß ſo will, weil er eiferſüchtig auf ſeinen eigenen Vater iſt. Und dann, Junge, dann verlaß Dich darauf, daß ich alle Stränge an⸗ ſpanne, um Dir wirklichen Grund zur Eiferſucht zu geben, ſo wahr ich der„tolle Aare“ bin! Gelt, Frau Tochter, der muntere Alte iſt am Ende doch noch beſſer, als der ſchwermüthige Junge?“ Was wollte man darauf erwidern, dagegen ein⸗ 246 wenden? Man mußte wohl bleiben, und man blieb auch gern; das Glück, die Zufriedenheit und Herzlich⸗ keit des alten Herrn, die ſo unverſtellt aus den hellen Augen ſprachen und über das junge Paar und den ganzen kleinen Kreis ſtrahlten, waren für Beide ein Magnet, von dem ſie gar nicht loszukommen ſtrebten. Bernhard hatte den Vater niemals ſo kennen gelernt, und auch Blanka war, wie wir wiſſen, zum erſtenmal in ihrem Leben in einem Kreiſe, wo ſie Glück empfing und gab, wo ſie des Lebens froh werden durfte. Sie hatte vordem, in jener ſchweren Stunde des Vertrau⸗ ens, zu Bendler geſagt, daß ſie einmal trotz allem Lebensernſte, den ihr das Daſein geboten, doch heiter geblieben, doch voll Neugier und träumeriſcher Sehn⸗ ſucht in die Zukunft hinausgeſchaut. Und dann war dieſe Zukunft angebrochen und die Jahre waren gekom⸗ men und gegangen, ohne die Sehnſucht zu ſtillen, ohne die Träume wahr zu machen. Das war geweſen wie bei einem Quell, der fröhlich, friſch und rein hervor⸗ bricht, aber plötzlich umdämmt wird und überwölbt und verſchüttet, zurückgebannt in den ſtillen, dunklen, freud⸗ loſen Bergesſchooß. Aber was ein rechter Quell iſt, und ein rechtes Herz, die laſſen ſich wohl zurückdrängen und ſtill machen, allein auf immer gelingt das Niemand. Sie harren ihrer Zeit, und wenn ſie kommt, wenn Licht und Luft einmal wieder auch noch ſo leiſe zuſtrömt, 1 247 und das Glück noch einmal lächelt, da bricht es hell und glänzend hervor aus der langen Nacht, da ſchlägt es kräftig und voll Jubel auf nach der langen, trüben Stille. So war es mit Blanka. Sie entfaltete ſich von Tag zu Tag in immer freierer und reinerer Anmuth, zur bezau⸗ berndſten Holdſeligkeit, und es war faſt, als erblühe auch ihr Aeußeres zu einer neuen ſchönen Jugend, zu dem voll⸗ ſten Liebreiz einer jungen und glücklichen, ſchüchternen und doch heiteren Frau. So bezauberte nicht allein die Güte und Innigkeit, die Reinheit und Klarheit dieſer Natur, ſondern auch ihre äußere Erſcheinung feſſelte die frohen Blicke ihrer Umgebung und ließ ſie als die Krone des klei⸗ nen Kreiſes erſcheinen. In dieſem Wiederaufleben und Erwachen zu neuer Jugend ſtand freilich Bernhard nicht zurück. Er war ne⸗ ben der Geliebten zum kraftvollen, geſunden, heiteren Mann geworden, und vor dem frohen Leben, das aus ſeinen Augen ſprach, ſah man nicht mehr nach den grauen Streifen, welche ſich als einzige Erinnerung an die ver⸗ trauerten und verträumten Jahre durch ſein dunkles Haar zogen. Glücksbewußter und glücksſicherer mag ſelten ein Paar der Zukunft entgegengegangen ſein, und was ihnen die Gegenwart und ihr Glück täglich neu, täglich rricher 248 und ſchöner erſcheinen ließ, war, daß ſich in dem kleinen Kreiſe eben vor ihren Augen noch ein Paar zum innigſten Bunde zuſammenfand. Hugo und Hildegard hatten ſeit jener flüchtigen Begegnung im Vorzimmer der Großmutter innerlich nicht mehr von einander gelaſſen. Das junge Mädchen folgte, nachdem ſie die erſte Schüchternheit über⸗ wunden, der Stimme ihres Herzens, die in dem Hugo's, wie ſie längſt wußte und glückſelig jetzt auch glaubte, den treueſten Wiederklang fand, mit der ganzen reichen Friſche und Herzlichkeit ihrer Natur. Und ſie folgte dieſer Stimme um ſo freudiger und unbefangener, je tiefer ſie das Un⸗ recht empfand, das ſie dem Geliebten gethan, und je mehr ſie ſich ſehnte, ihm und ſich die Leiden zu vergü⸗ ten, welche wie ein tiefer Schatten durch Beider Leben gezogen waren. Hildegard lebte in dieſen Tagen gleich⸗ falls wieder zu der roſigen Friſche, zu der fröhlichen Unbefangenheit, zu der ſeligen Fröhlichkeit auf, welche ſie von jeher zum Liebling der Ihren gemacht und nur die Generalin zuweilen hatte den Kopf ſchütteln laſſen. Jetzt war auch von dieſer Letzteren Mißbilligung nicht mehr die Rede. Die Matrone hatte, wie wir wiſſen, inzwiſchen den tief⸗inneren tüchtigen und edlen Kern des jungen Weſens kennen gelernt, und als ſie Hildegard nun vollends in dieſen Tagen an Hugo's Seite ſah— ihre Heiterkeit und ihren Ernſt, ihre Unbefangenheit und Reinheit,— und den Enkel daneben ſo voll von Glück, * —— ,— 249 von Liebe, von täglich wachſender, dankbarer Erkenntniß des ihm beſcherten Segens, da war ſie ganz beſiegt. Der Bund der jungen Leute war ſo offen geſchloſ⸗ ſen und von Allen, welche ſie umgaben, für ſo ſelbſtver⸗ ſtändlich gehalten worden, daß Hartwig, da ſie nun eines ſchönen Tages vor ihn traten, Hildegard mit ihrem al⸗ ten, liebreizenden Ungeſtüm ihm um den Hals fiel und Hugo ſtatt aller wohlgeſetzter Reden nur ſeine Hand faßte, wohl ein Recht hatte, lachend zu ſagen:„Na, was wollt Ihr, Kinder? Meinen Segen? Habt Ihr den nicht längſt aus meinen und Leſthen's Augen gele⸗ ſen? Da, geht zu meiner Gevatterin,“ fügte er mit einem ſchelmiſchen Seitenblick auf die Generalin hinzu, „und laßt Euch von der zuſammen geben. Früher war ſie obſtinat, aber— wer kann Dir widerſtehen, Du Wetterhexe!“ Ihre Verbindung blieb jedoch noch aufgeſchoben. Am politiſchen Horizont wetterleuchtete es und die Sa⸗ chen ſtanden bereits ſo, daß man von franzöſiſcher Seite der Rückkehr Leſthens nach Berlin und in ſeine alte Stellung ſchwerlich noch in den Weg zu treten verſu⸗ chen konnte. Hildegard ſollte das alte Paar begleiten und unter dem Schutz der Generalin ſich in den Krei⸗ ſen bewegen lernen, wo vorausſichtlich ihr ſpäteres Le⸗ ben verfließen mußte. Und Hugo hatte ſich noch vor der Braut dem Vaterlande verpflichtet und ſah, wie Edmund Hoefer: Tolleneck. III. 17 alle Uebrigen, eine Zeit heranbrechen, welche ſeine ganze Manneskraft, alle ſeine Gefühle und Gedanken in An⸗ ſpruch nahm und ihm ſo wenig wie einem Anderen Zeit ließ, an das eigene Glück zu denken. Die Kunde von Moskau's Brand zuckte gerade in dieſen Tagen elektriſch durch alle treuen Herzen. Freudiger wurde die endliche wirkliche Erhebung gegen das Joch kaum irgendwo begrüßt, als in dem uns bekannten Kreiſe, und Bernhard war einer der Er⸗ ſten, die Alles im Stich ließen für das Vaterland. Der Baron Hartwig mußte freilich daheim bleiben, denn für die Strapazen der kommenden Feldzüge war er denn doch zu alt. Allein ſo ſehr er auch über dieſe erzwungene Ruhe fluchte und knirſchte, er konnte ſich doch nicht ver⸗ bergen, daß es auch daheim genug für ihn zu thun gab, was dem Ganzen nicht verloren ging. Er equipirte und ſpedirte über die Gränze, was er an Mannſchaften in der Stille aufbringen konnte; er lieferte, was er zu liefern vermochte. Er hatte daneben Tag für Tag Kämpfe mit dem Mißtrauen und der Habgier des weſtphäliſchen Gouvernements zu beſtehen, welches nur zu lüſtern auf die erſte Gelegenheit wartete, ſich auch ſeiner Beſitzun⸗ gen zu bemächtigen und dieſelben auszuſaugen, wie es mit denen Bernhards und Hyneck's geſchah. Und end⸗ lich hatte er nicht nur Hildegard, ſondern auch die von — L——— — ——— — —;, Wintersbach vertriebene Blanka im Hauſe und mußte den Hüter, Schützer und Tröſter machen. Es war eine ſchwere, böſe Zeit, die der alte Herr grimmig genug durchlebte und durchfluchte. Aber auch ſie ging zu Ende, der Herbſt brachte die Erlöſung von den Feinden, der nächſte Frühling führte im Anfang Mai die drei Kämpfer, deren Herz in Tolleneck daheim, und den ihnen jetzt eng verbundenen Hyneck, friſch, fröhlich und geſund zu dem alten Schloſſe zurück. Da durfte man wohl aller Noth und Sorge, alles Grimms und Aergers vergeſſen, und als der alte Baron nach dem erſten Empfange nun die Seinen alle im weißen Saal verſammelt ſah, da hob er den derben Jungen Bernhard's, der an dem gleichen Tage geboren war, wo das weſtphäliſche Theaterreich zuſammenbrach, hoch in die Höhe und ſprach mit ſeiner vollen Jovialität:„Ja, Ihr da draußen habt ſchon was Rechtes vor Euch ge⸗ bracht und ſollt Ruhm und Ehre haben, aber wir haben uns hier auch nicht lumpen laſſen, gelt Blanka, mein Kind? Hier, mein junger Tollenecker, das iſt unſer Or⸗ den, den uns der Herrgott ſelber gegeben! Segnet mir dies holdſelige Weib hier, dem wir das danken! Ich werde wirklich noch fromm, Kinder,“ fügte er hinzu, ſeine Bewegung hinter einem munteren Lachen ſo gut es gehen wollte, verſteckend.„Und fluchen will ich nie wieder!“ Daß er dies Verſprechen gehalten, wagen wir freilich 17 nicht zu behaupten. Buchhagen wenigſtens, wenn man ihn als den competenteſten Richter darum befragte, pflegte mit furchtbarem Achſelzucken und einer nicht minder furchtba⸗ ren Grimaſſe nur zu ſagen:„Na, was wollt Ihr! Kein Menſch thut mehr als er kann.“ —— — 2 —